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Full text of "Germania; Vierteljahrsschrift für deutsche alterthumskunde .."

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GERMANIA. 

VIERTELJAHRSSCHRIFT 

FÜR 

DEUTSCHE ALTERTHÜMSKUNDE. 

BEGRÜNDET VON FRANZ PFEIFFER. 
UNTER MITHILFE VON JOSEPH STROBL 



HKRAUSOBGEBRN 



KARL BARTSCH. 



VIERZEHNTER JAHRGANG. 
NEUE REIHE ZWEITER JAHRÖANG. 



WIEN. 

VERLAG VON CARL GEROLD'S SOHN. 
1869. 



PilU. ^^5j 






Buchdraekerti T«n C«ri Gerold' ■ Sohn ta Wt«n. 



INHALT. 



Sötte 

Straßennamen von Gewerben. Von Ernst Förstemann . 1 

Ein Paftquill des XV. Jahrhunderts. Von Johann Lambel 26 

Über die Einziehung der norwegischen Odelsgüter durch K. Harald hirfagri. Von 

Konrad Maurer 27 

Zu den deutschen Versen in der notkerischen Rhetorik. Von Oskar Schade • . 40 

Zii der notkerischen Rhetorik. Von Engen Plew 47 

Zwei althochdeutsche Bruchstücke. Von Joseph Haupt 66 

Blanschandin. Bruchstücke eines mhd. Gedichtes. Von Demselben 68 

Zum Annoliede. Von O. Carnuth 74 

Zu Gesta Romanorum. Von H. Oesterley 82 

Beide. Von Carl Schröder 83 

Vlämische M&rchen und Volkslieder. Von Felix Liebrecht 84 

O Die nordische Parzivalsaga und ihre Quelle. Von Eugen jKö lbing 129^ 

Zum Redentiner Spiel. Von Carl Schröder ' 181 

Zur Laut-, Wort- und Namenforschung. Von Albert Hcefer. 

I. Nibel. Str. 628 und Das Gürtel 197 

U. Zu Nibel. str. 1280 zuo den wenden, Lachm 199 

HL Die ungebatten 201 

IV. Ungesühte und die Partikel un 201 

V. Endig, Unende 205 

VI. Praepositionale Adverbien auf -er 208 

VIL Ein Stücker acht 209 

Vlll. Swommen, Swummen 211 

IX. Estrich und seine Formen 212 

X. In proquellis leben 214 

XI. Ein X für ein U machen 215 

XII. Namenbildung ans Namendeutung und Moneke de junge Martena- 

pens sone 216 

XIII. Volzo von Alzci, ein Zeugnis fUr die deutsche Heldensage 220 

XIV. Gotische« HV und TH 222 

XV. Gotisch saizlep 224 

Zur Litteraturgeschichte des Wolfdietrich. Von Felix Liebrecht 226^ — 

Zu Hartmanns Gregor. Von Karl Bartsch 239 

Zum Spruch vom König Ezel. Von Reinhold Köhler 243 

Zu Tristan. Von demselben 246 

Über Lachmanns Kritik der Sage von den Nibelungen. Von Wilhelm Müller. . 267 
Zu von der Hagens Gesammtabenteuer Nr. LXIII. Von Reinhold Köhler. . . . 269 
Fragmente einer neuen Handschrift von Wolframs Willehalm. Von Heinrich Rück er t 271 

Drei Sagen aus dem vierzehnten Jahrhundert Von Oskar Schade 275 

Die Wielandssage. Von Karl Meyer 283-- 

Zur Legende vom h. Albanus. Von Reinhold Köhler 300 

Beiträge zur Kritik der Eddalieder. Von Ludwig EttmüUer 305 



Seite 

Das Fortleben der Kudrunsage. Von Karl Bartsch und Karl Julius 8 ehr ö er . 323 

Der urdeutsche SprachschatZ| Von Ernst Förstemann 337 

Zu Germ. 14, 211. Von Albert Hoefer 372 

Zur Zünmerischen Chronik. Von FeUx Liebrecht 385 

Zwei Travestieen. Von I. V. Zingerle 405 

Mittelniederdeutsche Sprachproben. Von Karl Schiller. HI 408 

Heinrich Steinhoewel. Von E. L. Rochholz 411 

Jakob Funkelin. Von Demselben 412 

Zur Erklärung mittelhochdeutscher Dichter. Von A. Hoefer. 

I. Zu Walther 46, 30 ed. Lachmann 416 

n. Gebesten 417 

m.. Zu Gregorius v. 916-919. 420 

IV. Weiteres zum Gregorius 421 

Zu Hartmanns Gregor. Von Karl Bartsch 427 

Wortformen auf-eze, Nachtrag zu Germania 10, 395-398. Von Fedor Bech. . . 431 

Zur Dietrichssage. Von Karl Meyer 432 

Ein Bruchstück des Bomans der Lorreinen. Von G. K. Frommann 434 

Bruchstücise einer ahd. Übersetzung der vier Evangelien. Von Joseph Haupt . . 440 

LITTERATUK. 

Recensionen: 
P.* T. Willatzen, Altisländische Volksballaden und Heldenlieder der Färinger. Von 

konrad Maurer 97 

J6n ))orkelsson, iEfisaga Gizurar ))orvaldssonar. Von Demselben 114 

J. A. Schmeller, Bayerisches Wörterbuch. Bearbeitet von G. K. Frommann. Von 

Johann Lambel 114 

H. Haeser und A. Middeldorpf, Buch der Bündth-Ertznei. Von Joseph Strobl. . 116 
Das Brot im Spiegel schweizerdeutseher Volkssprache und Sitte. Von Demselben 117 
J. A. Schmeller, . Bayerisches Wörterbuch. Bearbeitet von G. K. Frommann. Von 

K. J. Schröer 247 

W. A. Angerstein, Volkstänze im deutschen Mittelalter. Von Carl Schröder . . 255 

Adolf Lasson, Meister Eckhart, der Mystiker. Von Wilhelm P reg er 373 

Rudolph Westphal , Philosophisch - historische Grammatik der deutschen Sprache. 

Von Ludwig Tobler 380 

J. M. Wagner, Hof&nann Von Fallersleben, Fünfzig Jahre dichterischen und gelehrten 

Wickensi. Von Joseph Strobl 383 

Bibliographie: 
Bibliographische Übersicht der Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen 

Philologie im Jahre 1868. Von K. Bartsch 467 

MISCELLEN. 

Bericht über die Sitzungen der germanistischen Section der XXVI. Philologen- 
versammlung zu Würzburg. Von Ludwig Boßler 118 

Germanistische Preisfrage, ausgeschrieben von der k. Akademie der Wissenschaften 

in Wien 383 

Manuscripte • . . . 384 

Einladung zur Philologenvereammlung 384 



STRASSENNAMEN VON GEWERBEN. 

VON 

E. FÖRSTEMANN. 



Bekanntlich weisen unsere deutschen Städte eine große Anzahl 
von Straßennamen auf, deren erster Theil irgend eine Klasse Gewerb- 
treibender bezeichnet, welche in dieser Straße einst ihr Handwerk aus- 
übten. Denn hier ist fast nur von vergangenen Zeiten die Rede, heu-' 
tiges Tages passt der Name nur noch selten. Aber auch diese Namen 
selbst verschwinden zusehends. Unsere Zeit ist mit zunehmender Ge- 
werbefreiheit und mit dem Aufkommen ganz anderer Interessen dieser 
Art von Namengebung entfremdet; neue Straßen werden wohl nie mehr 
in dieser Weise benannt und die älteren nehmen massenhaft andere 
Benennungen an. Es handelt sich hier um ein Stück untergehendes 
Alterthum, denn die meisten jener Namen stammen, wie sich oft ur- 
kundlich nachweisen lässt, aus dem Mittelalter, zum Theil nicht einmal 
aus den letzten Jahrhunderten desselben. Grund genug, um fiir diese 
Erscheinung , die uns jetzt noch alltäglich ist und in der wir mitten 
inne stehen, einmal eine besondere Sammlung anzulegen; wir bedauern, 
daß unsere Vorfahren uns von Vielem, was ihnen eben so alltäglich 
war, uns aber äußerst wichtig ist, keine Kunde hinterlassen haben; 
machen wir es daher besser und umsichtiger als sie. 

In der That hat aber dieser Gegenstand sowohl von antiquarisch- 
realistischer , als auch von sprachlicher Seite manigfaches Interesse, 
das um so größer werden muß, jemehr die dafür angestellte Sammlung 
sich der Vollständigkeit nähert. Unsere Gewerbealterthümer bieten ein 
nicht zu unterschätzendes Stück unseres geistigen Lebens dar und die 
sprachlichen Bezeichnungen fiir die einzelnen, in ihrer Specialisierung 
oft längst ausgestorbenen Gewerbe sind außerhalb jener Namen in der 
Sprache häufig untergegangen, häufig von Alters her nur an gewisse 
geographische Gebiete geheftet gewesen. 

Durch solche Erwägungen ließ ich mich bestimmen, in meinem 
1863 erschienenen Buche „Die deutschen Ortsnamen** auf Seite 167 bis 
169 ein alphabetisches Verzeichniss solcher gewerblichen Straßennamen 

asUMANJA. Nene Beihe II. (XIV.) Jahr«. 1 



2 E. PÖRSTEMANK' 

mitzuthellen , und was ich hier liefere , ist zunächst eine zweite sehr 
vervielfachte Auflage jener zwei Druckseiten. Es ist mir nicht bekannt 
geworden , daß in diesen flinf Jahren jemand die von mir angeregte 
Sache weiter geführt habe^ und da gegenwärtig von allen denjenigen, 
die zu solchen Studien aufgelegt und berufen sind, gewiß niemand das 
hier ganz eigenthümliche Quellenmaterial in so reichem Umfange und 
zu so freier Benutzung vor sich liegen hat als ich, so lag darin fiir 
mich eine Aufforderung, mich der Sache weiter anzunehmen. 

Anfänglich dachte ich daran, nur seltenere und interessantere Ge- 
werbebezeichnungen in dieses Verzeichniss einzutragen; indessen ich 
erwog bald, daß ja jeder Lexikograph das ganz Gewöhnliche und 
scheinbar ganz Werthlose gleichfalls in seinem Wörterbuche verzeichnet, 
schon deshalb, um an der Häufigkeit des Häufigen die Seltenheit des 
Seltenen ermessen zu können und um bei Synonymen die geographische, 
historische oder begriffliche Sphäre der einzelnen Ausdrücke zu be- 
stimmen. Auch ist es mit der Seltenheit und Häufigkeit in unserem 
Falle ein ganz eigenes Ding; während man gewiß nur noch in einem 
kleinen Theile Deutschlands von einem Bader, überall von einem 
Schneider spricht, sind die Badergassen der häufigste aller Straßen- 
namen, während eine Schneidergasse von mir noch nicht entdeckt ist. 

Auf zwei BQippen muß ich hier noch aufinerksam machen , die 
man bei diesem Gegenstande suchen muß nach Möglichkeit zu ver- 
meiden. Erstens nämlich können solche Straßennamen sich unter Um- 
ständen nicht auf die betreffenden Gewerbtreibenden, sondern auf den 
Familiennamen eines Mannes beziehen; eine Fleischergasse z. B. kann 
leicht von einem gewissen (oder berühmten) Herrn Fleischer benannt 
sein. Denn mit der Befolgung der genauen sprachlichen Regel, daß im 
letzteren Falle Fleischersgasse geschrieben werden müßte, hat man sich 
selten befasst, imd meines Wissens hat es noch niemand getadelt, daß 
die zahlreichen seit 1859 entstandenen Schillerstraßen nicht richtiger 
Schillersstraßen geschrieben werden. — An der zweiten Klippe bin ich 
selbst einmal gescheitert. Ich hatte nämlich in dem oben erwähnten 
Verzeichnisse auch die Lauferstraße in Nürnberg erwähnt, des guten 
Glaubens, daß sie von irgend welchen cursores, Trabanten oder der- 
gleichen den Namen habe ; da belehrte 'mich ein anonym mir zuge- 
sandter Brief aus Nümberg'^unter andern werthvollen und wohlwollen- 
den Mittheilungen, daß jene Lauferstraße nach der Stadt Lauf hinaus- 
fiihre , die gleichwie Nürnberg an der Pegnitz liegt. Kann nicht eben 
so irgend eioe Gerbergasse diejenige sein, durch die man nach dem 
Dorfe Gerbe oder Gerber (beide Orte kommen in Würtemberg vor) 



STHASS^NNAMEN tON GEWERBEK. 3 

hinausgeht? vgl. Plattnergasse und den gar nicht seltenen Ortsnamen 
Platten u. s. w. Das sind, wie gesagt, zwei Klippen, doch sind beide 
bei einiger Vorsicht nicht so gefiüirlich , als es auf den ersten Blick 
scheint. 

Noch habe ich zu erwähnen , daß , wo ich den Namen nur aus 
älterer Zeit kenne , ich entweder die Zeit seines Vorkommens oder 
wenigstens ein in Parenthese geschlossenes „früher" beiftige; in man- 
chen dieser Fälle ist es mir unbekannt, ob der Name noch gegenwärtig 
existiert. 

Nun zunächst das kleine Glossar selbst, in welches ich auch einige 
niedere Beamtenklassen auftiehme, die dem Gewerbebetrieb nahe stehen. 

Altbüßergasse Breslau. Altbü t e r s tra ß e Stettin. Unter 
Altbüßern könnten zwar alle diejenigen begriffen werden, welche alte 
Gegenstände ausbessern, doch hat der Sprachgebrauch das Wort auf 
die Schuhmacher beschränkt, nur selten auf die Schneider ausgedehnt. 
Jacobssons technologisches Wb. fiihrt als Synonyma an : Altflicker, 
Altreiß (so), Altputzer, AltJapper, Altmacher. Das mhd. Wb. kennt 
schon altbüezer und schuohhüezer] bei Grimm erscheinen Altbüszer, 
Schuhbüszer und das mnd. Oltböter, eben so auch Altflicker, Altlapper 
u. s. w. Der letzte Theil des Wortes begegnet auch in Kettelböter 
(s. unten). 

Amidammachergang Hamburg (a. 1787, s. Hess Beschreibung 
von Hamb. I, 273; doch auch noch jetzt vorhanden). Das dänische 
amdam, besonders in Jütland und Schleswig, bedeutet Stärke, Kraft- 
mehl, daraus ist es in mehrere deutsche MundartQA übergegangen; so 
hat das Bremisch - Niedersächs. Wb. I, 15 Amedam, Frisch schreibt 
Amelmeel. Die zuweilen begegnende Schreibung Amidon fuhrt auf das 
Etymon, griech. aiivXov, lat. amylum. Das mhd, Wb. kennt das Wort 
nicht, aber Grimm hat Amelmehl. 

Ankerschmiedegasse Danzig. Außer dem Deutschen hat auch 
das Nnl. das Compositum ankersmid gebildet; s. Grimm. 

Apothekergasse Görlitz, Heidelberg. Apothekerstraße 
Duderstadt. Offenbar erst eine jüngere Wortbildung ; denn während 
apoteke uns schon im Mhd. begegnet, kann Grimm das Wort Apothe- 
ker erst aus Canitz belegen. Noch jetzt ist Apotheke nicht in allen 
deutschen Mundarten seinem Begriffe nach specialisiert , so daß man 
noch in Königsberg von einer Medicinapotheke spricht. Uns thäte eine 
Art von Wörterbüchern Noth, die sich nur die einzige Aufgabe stell- 
ten, von jedem Worte nach Möglichkeit die ältesten Belege herbej- 

X* 



4 t:. rÖRSTEMANjr 

zuschaflfen; von solchem Materiale aus ließen sich anziehende Blicke 
in die Werkstatt der Bildung und der Entlehnung von Ausdrücken thun. 

Aschgeberstraße Stettin ; irgendwo habe ich diese Straße auch 
Aschweberstraße genannt gefunden. Die Wörterbücher so wie die tech- 
nologischen Quellen lassen mich hier völlig im Stich; ich weiß nicht 
einmal, ob hier an Asch = Topf oder an Asche cinis zu denken ist; 
zunächst möchte man die Potasche herbeiziehen. 

Bäckergasse Breslau, CöUeda, Döbeln in Sachsen (a. 1727), 
Freiberg, Halle, Sontra in Hessen. Bäckerstraße Düsseldorf, Ham- 
burg (urkundlich platea pistorum), Hannover, Wien. Das Wort begegnet 
im Ahd. und Mhd. sehr selten (offenbar weil das Backen vorherrschend 
eine häusliche, keine gewerbliche Thätigkeit war). Daß Graff HI, 24 
den Ort Chuchelebaccharo marca ganz mit Unrecht hieher zieht, ist 
aus meinem Namenbuche zu ersehen. 

Badergasse Arnstadt , Aschersleben , Bingen , Bischofswerda 
(früher, jetzt Bahnhofstraße), Breslau, Brieg, Calbe an der Saale (a. 1720, 
s. Hävecker Chronik v. Calbe), Colditz in Sachsen, Dresden, Eilenburg, 
Elbing, Frankfurt a. O., Gartz a. O., Jüterbogk, Königsberg in der Neu- 
mark (a. 1715), Leisnig in Sachsen, Lengenfeld im Voigtlande, Meerane 
in Sachsen, Mügeln in Sachsen, Mtthlhausen in Thüringen, Oschatz, 
Reichenstein in Schlesien, Thom, Zwickau. Badergässchen Breslau, 
Eisenach, Salzburg (hierin noch a. 1794 das Seelen- oder Armeleutebad). 
Baderstraße Thom. Baderberg Meissen. Badgasse Altdorf bei 
Nürnberg. Badestraße Uelsen (a. 1735). Dieses Gewerbe mit seinem 
Baden, Haarschneiden, Aderlassen und Schröpfen ist theils ganz in das 
der Barbiere (welche an vielen Orten neben den Badern bestanden)über- 
gegangen, theils durch die neueren Badeanstalten überflüßig geworden. 

Badstüberstraße Cöslin a. 1765 (Haken Gesch. v. Cöslin); 
vgl. Badstubenstraße in Wolgast. Das schwerßlllige und unnütze Bad- 
stüber fiir das einfache Bader ist nur niederdeutsch, weder Grimm 
noch die hochdeutschen Dialectwörterbücher kennen es, dagegen findet 
sich Badstäwer im Bremisch - Niedersächs. Wb., die Statuten der Bad- 
stover zu Lübeck aus der Mitte des 14. Jhd. werden von Wehrmann 
Die Lübeckischen Zunftrollen (Lübeck 1864) mitgetheilt. 

Bandschneidergasse Königsberg. Zwar kommt Bandweber ftir 
Bortenwürker oder Posamentier vor (s. Jacobsson techn. Wb.), doch ist 
mir Bandschneider sonst nicht begegnet ; vielleicht steckt darin nur ein 
missverstandenes Wandschneider. 

Becherergasse Worms (Becherergaze a. 1315; vgl. Baur Hess. 
Urkunden Bd. II, Nr. 710). Becherergässchen Köln (Beggirgasse 



STRASSENNAMEN VON GEWERBEN. 5 

a. 1280, Beggergasse a. 1286; vgl. Ennen Quellen zur Gesch. v. Köln 
III 164, 241). Bechergässlein Speier. Becherer oder Bechler sind 
zwar in einigen technologischen Werken als eine besondere Art der 
Böttcher, die sogenannten Kleinbinder erwähnt; doch möchte ich bei 
diesen Becherergassen lieber an die Verfertiger zinnerner Becher 
denken. 

Beckenwerperstraße Braunschweig; eine ganz moderne Ver- 
drehung des Wortes, noch 1806 finde ich diese Straße richtiger Becken- 
werkerstr. geschrieben. Das Neutr. Beckenwerk fdhrt Grimm aus Hans 
Sachs an. Es sind hier wohl wieder zinnerne Becken gemeint, obwohl 
bei diesem so wie dem folgenden und vorhergehenden Worte hölzerne 
Geräthe nicht ganz abzuweisen sind. 

Beckmacherstraße Hamburg (auch Armesünderstraße genannt, 
urkundlich platea cratificum). Hess Beschr. von Hamburg (1787) I, 179 
fragt an: „= Bechermacher (craterifices) ? oder = Fassbinder, Böttcher?" 
In den oben erwähnten Lübeckischen Zunftrollen kommt auch eine der 
Bekemaker von 1591 vor, wo ganz sicher Eieinbinder gemeint sind. 

Beckschlagergasse Nürnberg (j etzt verdreht Bettschlagergasse 
gesprochen). Hier sind sicher eine Art von Klempnern gemeint, die 
das Blech erst nach dem Erkalten schmieden. Beckenschläger kommt 
bei Grimm vor, doch ohne Erklärung und Citat. 

Beutlergasse Danzig, Beutlerstraße Stettin. Das Wort 
BeuÜer, mhd. noch nicht nachweisbar, ist jetzt durch das Verschwinden 
der ledernen Beutel im Untergehen begriflfen; Grimm hat es ohne Citat. 
In den Lübeckischen Zunftrollen begegnet a. 1459 das zusammenge 
setzte Büdelmaker. 

Bind.ergasse Nürnberg. Bendergasse Frankfurt a. M. (sie 
heißt sec. 14 doliatorum vicus ; s. Baldemar v. Peterweil Beschr. von 
Frankf., herausgeg. von Euler). Es sind also hier Fassbinder, Böttcher 
gemeint, nicht Besen-, Bürsten-, Buchbinder. 

Bleicherstraße Hamburg (früher Bleichergang). Bleicher- 
gasse Altena (a. 1747; s. Schmid Beschr. von Altena). Vgl. Grimm Wb. 

Bognergasse Wien. Die einzige Erinnerung an das unterge- 
gangene Gewerbe der Bogner oder Armbruster; vgl. Grimm Wb. 

Bootsmannsgasse Danzig. 

Böttchergasse Leipzig. Böttcherstraße Cöslin. 

Bräuergasse Dresden. Brauerhof Altona (a. 1747, s. Schmid 
Beschr. v. Altona). Brauerstraße Hamburg. Vgl. auch Bräugasse 
Altdorf bei Nürnberg, Passau, Braug äs sehen Plauen im Voigtlande. 



6 E, FÖBSTEMANN 

Das mhd, Wb. weist schon hriuwer und hrouwer nach ; (Jraff hat das 
Wort noch nicht. 

Brauerknechtgraben Hamburg ( a. 1787; schon urkundlich 
fossa famulorum cerevisiam coquentium). 

Brennergasse Hamburg. Das Wort hat sich fast in allen Mimd- 
arten auf den Begriff von Branntweinbrennern specialisiert ; Beispiele 
allgemeiner Bedeutung gibt noch sowohl das mhd. Wb. als Grimm. 

Brückenschmiedgasse Schleusingen. Da ein besonderes Ge- 
werbe der Brückenschmiede mir nirgend begegnet, ich mir auch nichts 
darunter zu denken vermag, so ist vielleicht hier ein an einer Brücke 
wohnender Schmid anzunehmen und das Wort hier fortzulassen. 

. Büttelgasse Mainz (früher). Büttelstraße Elbing (früher). 
Bei Grimm ist hinzuzufügen, daß das alte und weit verbreitete Wort 
im Aussterben begriffen ist. 

Büttnerstraße Breslau, Görlitz. Böttnergasse Eisenach 
(früher, jetzt Quergasse). So verbreitet auch Bütte flir ein hölzernes 
Gefilß ist, so hat doch Büttner für Böttcher im nördlichen Deutschland 
wohl nie allgemeine Geltung gehabt. 

Caffa mach er reihe Hamburg (a. 1787, s. Hess I, 273). Nach 
Jacobsson ist Caffas de Bois ein grobes wollenes aus Ryssel bezogenes 
Zeug. Im vorliegenden Falle ist wohl an einen anderen Stoff zu denken; 
Richey im Idioticon Hamburgense erwähnt Kaff-Haarmaker =: Sammet- 
weber und spricht weitläufiger davon. Siehe auch Schütze Holsteinisches 
Idioticon. 

Corduanarios, inter — , Köln (a. 1238, s. Ennen Quellen zur 
Gesch. der Stadt Köln II, 187). So gewiß auch der Name zu dem ur- 
sprünglich aus Cordova bezogenen Leder gehört, so kann er doch zwie- 
fach gedeutet werden: 1. als eine Art von Gerbern, die sonst auch 
Corduanmacher genannt werden , 2. als eine Art von Schuhmachern, 
die Corduanschuhe verfertigen ; so fasst das Wort auf Duntze Gesch. 
der Stadt Bremen I, 511. Letzterer Sinn liegt auch im franz. cordon- 
nieTy so wie im mhd. kurdtwcener. 

Dienergasse Danzig, Elbing. Dienerreihe Hamburg. Es sind 
wohl überall Jlathsdiener gemeint, fiir die wir in den Straßennamen 
mehrere Synonyma finden. 

Drahtziehergasse Hirschberg. Es ist dabei zunächst an Eisen- 
draht, weniger an solchen aus Gold, Silber, Messing u. s. w. zu denken; 
das Compositum Drahtzieher ist mhd. noch nicht nachweisbar. 

Drehergasse Danzig. Tornatorum vicus Frankfurt a. M. 
(sec. 14 , später Drehergasse). In der Jlegel sind Dreher = Drechsler 



STRASSENTNAME.V VON aEWERBEN. 7 

und als solche haben sie z. B. in Lübec]^ eine Zunftrolle von 1507, 
die Danziger Drehergasse hat aber mit voller Bestimmtheit speciell von 
den Bemsteindrehem den Namen; bei Grimm fehlt dieses Compositum, 
das gar nicht selten ist. 

Eimermacherhof Danzig. Ist «sonst noch irgendwo ein Gewerbe 
der Eimermacher oder auch nur das Wort nachzuweisen? 

Ekemäkerstraße Hildesheim, = Essigmacherstr. Ein merkwür- 
diges Beispiel von der noch nicht umgestellten Buchstabenfolge des lat. 
OA^um, goth. dkeit, schweizerisch echia u. s. w. 

Erzgießereistraße München, wahrscheinlich eine sehr neue 
Namenbildung. 

Färbergasse Freiberg, Kalau, Meerane in Sachsen. Färber- 
gässchen Colditz in Sachsen. Färberstraße Chemnitz, Stuttgart. 
Schon mhd. verwcere. 

Filterstraße Hamburg (urkundlich platea fullonum, pilleonum, 
filtricum nach Hess Beschr. von Hamburg 1787). Vilzirgrauin, Vil- 
cirgrauin, Vilzergrauen Köln (a. 1214, 1239; s. Ennen H, 55, 197, 199). 
Die letztere Straße ist auch wohl gemeint mit inter pileatores (a. 1285 ; 
s. Ennen HI, 220). Die Filzer sind namentlich Hutwalker, s, auch 
unten Hutfilter. Mhd. ist noch kein vilzcere nachgewiesen. 

Fischerg asse Altena (a. 1747; s. Schmid Beschr. von Altena), 
Bautzen , Breslau , Danzig , Freiberg , Heidelberg , Jena , Meiningen 
(a. 1676)', Meissen, Passau (fiüher unter den Vischem)^ Seligenstadt. 
Fischerstraße Berlin (a. 1737; vgl, Müller u. Küster Altes imd neues 
Berlin), Bremen, Demmin, Elbing, Gartz an der Oder, Hannover, Ra- 
thenow, Stettin, Tangermünde. Fischerfeld und -gasse Frankfurt 
a. M. (sec. 14 piscatorum vicus). Fischerthor Danzig, Elbing, Speier 
(früher), Wien. Fischerufer Magdeburg. Fischerplan Halle. Fi- 
schertwiete Hamburg (urkundlich angiportus piscatorum). Vgl. Fisch- 
gasse Bamberg. Das Wort hat durch kein Synonymum seit der ahd. 
Zeit bis jetzt irgend einen Abbruch erlitten ; ganz entgegengesetzt der 
uns bei dem nun folgenden Ausdruck begegnenden Erscheinung.« 

Fleischergasse Bautzen, Brieg (früher), Cöslin, Danzig, Frei- 
berg, Halle, Iglau (sec. 15 platea camificum), Leipzig, Meissen. Flei- 
scherstraße Elbing. Fleischerplatz Leipzig, Zwickau. Auch hier 
oft das Product statt des Producenten: Fleischgasse Bamberg, 
Eisenach, Gotha, Mühlhausen in Thüringen. Im Mhd. scheint das Wort 
noch sehr selten zu sein, über die zahlreichen Synonymen s. unten. 

Fleischhackergasse Nürnberg (früher, jetzt Stemgasse), Vgl, 
Grimm Wb. 



8 E. FÖRSTEMANN 

Fleischhauerstraße Aschersleben. Fleischhauer begegnet auch 
im Bremisch-Niedersächs. Wb., eben so bei Grimm. 
Fuhrmannsgasse Meissen, Wien. 

Gärtnergasse Hannover, Wien. Gärtnerstraße Altena (schon 
1747, s. Schmid Beschr. von Altena). 

Gerbergasse Bautzen, Breslau, Brieg (früher Fleischergasse 
genannt) , Danzig , Giengen an der Brenz , Halle, Meissen, Plauen im 
Voigtlande, Weimar. Gerberstraße Hamburg (urkundlich platea cer- 
donum), Leipzig, Stuttgart, Thorn. Das Wort ist schon mhd. , noch 
nicht ahd. nachgewiesen. 

Gewandschneider, unter — . So verdeutscht Ennen die in Köln 
von a. 1223 an sehr oft begegnende Straßenbezeichnung interpannici- 
das, inter pannorum incisores und inter pannorum venditores 
(die einzelnen Citate s. im Register zu dem Werke von Ennen). In Leipzig 
erscheint auch ein Gewandgässchen und an die in verschiedenen 
Städten begegnenden Gewandhäuser (z. B. in Dresden und Leipzig) 
mag beiläufig erinnert werden. Die Gewandschneider stehen in der Mitte 
zwischen Tuchmachern und Tuchhändlem und daß das Abschneiden 
nach der Elle als das Charakteristische ihrer Thätigkeit galt, zeigt auch 
unser heutiger Ausdruck Schnitthandlung. 

Glockengießer. Bei Ennen begegnet a. 1238 in Köln eine 
Clocnergazze, a. 1295 Klockenergasse geschrieben, jetzt fillsch- 
lich Glockengasse genannt. Es ist wohl an Glockengießer, nicht an 
Glöckner zudenken; mit dem Glockenthore in Danzig mag es die- 
selbe Bewandniss haben, obgleich mhd. glockencere schon mit Glöckner 
übersetzt wird. 

Goldschmiedegasse Danzig, Eisenach. Goldschmiede- 
brücke Magdeburg. Unter Goldschmidt Köln (a. 1239 inter auri- 
fabros, s. Ennen H, 199). Goldsmit ist schon mhd. nicht selten. 

Gräbschn er gas se Breslau. Ein schlimmes Wort, das ich weder 
in Dialeki^örterbtichem , noch in technologischen Hilfsmitteln finde. 
Bis besseres beigebracht wird, erinnere ich an polnisch grzebieniarz 
Kammacher. 

Grapengießerstraße Stettin. Gropengeterstraße früher 
in Hannover, später hieß sie Kupferschlägerstraße (also nicht von einem 
Bürger Gropengeter, wie Patje in seinem Buche „Wie war Hannover" 
1817, s. 91 meint), jetzt ein Theil der Osterstraße. Grapen sind bekannt- 
lich in Niederdeutschland eiserne Töpfe mit Füßen (s. z. B. das Bre- 
misch-Nieders. Wb., Schambach u. s. w.). Die Gropengeter zu Lübeck 
haben eine Zunftrolle von 1439. 



STRASSENNAMEN VON GEWERBEN. 9 

Gräupnergasse Breslau. Man möchte zunächst an Graupen- 
müller oder Graupenhändler denken; vielleicht aber passt besser her 
Schmeller II, 116: „Gröppner, ein Mann zum Aufladen der Kauftnanns- 
guter". 

Gröpergasse Halberstadt. Man kann schwanken, an welchen 
der beiden letztgenannten Straßennamen man lieber dabei denken will; 
einerseits köimen Grapengießer gemeint sein (bei Frisch wird auch 
die Form Grope neben Grape angefilhrt), anderseits erwähnt schon 
Fulda (Versuch einer allgem. deutschen Idiotikensammlung) gröpen, 
gröpnen rollen, gröpner Auslader der Kaufmannsgüter. 

Grütznergässchen Radeberg bei Dresden. Grüttemacher- 
Straße in Hannover (früher, jetzt Röselerstraße). Letztere Straße leitet 
Patje (a. a. O. S. 91) wohl falsch von einem Bürger Grüttemacher ab. 
Die ZimftroUe der Lübecker Gortemaker datiert von 1481. 

Häckergasse, Häckerthor Danzig (schon a. 1687, s. Curicke 
Beschr. von Danzig), Höker sind Verkäufer von Lebensmitteln im 
Kleinen, das Bremisch-Nieders. Wb. schreibt Häker und das Verbum 
häkem^ die Lübecker Zunftrolle von 1507 Hoher. In den sechs Bänden 
. von Frommanns Zeitschrift scheint der Ausdruck nicht vorzukommen. 
Hafnergasse Wien. Hafnerberg Augsburg, Häfnergasse 
Schleusingen. Nach Norddeutschland scheint das mhd. havencere Töpfer 
(s. auch bei Schmeller II, 154) sich nie verbreitet zu haben. 

Häscherbrücke Halle (sonst auch schwarze Brücke genannt). 
Hebammengässchen Rathenow (a. 1803). Ein heveamme fiihrt 
doch auch schon das mhd. Wb. an. 

Heide reutergasse Berlin (schon a. 1737 nach Müller u. Kü- 
ster Altes imd neues Berlin). 

Henfergazze Mainz (a. 1292; vgl. Baur Hess. Urkund. Bd. II, 
Nr. 485). Henfer sind Seiler, Verfertiger von Hanfstricken. In den Lü- 
beckischen Zunftrollen erscheinen a. 1387 die Hennepspinner als Ge- 
hilfen der Repsleger (diese s. imten). 

Hirtengasse Bautzen , Halle , Hirschberg , Ilmenau. Hirten- 
gang Hannover. 

Hosennähergasse Danzig. Diese Hosen werden in ihrer Hei- 
math fär Schifferstrümpfe erklärt, und zwar mit Recht, denn in dem 
ahd. koscc herrscht die Bedeutung Strumpf noch entschieden vor und 
ist im mhd. hose an manchen Stellen nicht zu verkennen. In den neueren 
Mundarten halten manche den alten Sinn noch fest; vgl. über Helgo- 
land Die deutschen Mundarten III, 33, über Westfalen ebds. IH, 263 
u. 561, über Tirol ebds. VI, 154, über den Westerwald Schmidt Wester- 



10 E. FÖRSTEMANN 

wäldißches Idioticon. In Westfalen gilt auch Hosenstricker für Strumpf- 
wirker. 

Hutfilzerstraße Bremen. Hutfiltern Braunschweig. Im Bre- 
misch-Nieders. Wb. begegnet Hoodfilt = Hutfilz. Vgl. oben Filterstraße, 

Hutmachergasse Altena (a. 1747; s. Schmid Beschr. v, Altena). 

Huts tepp er gas sei Wien. Diese Hutstepper wurden auch vor- 
nehmer Hutstaffierer genannt. 

Irrergasse Nürnberg (ebendaselbst gab es früher auch ein Irrer- 
thörlein, jetzt Hallerthörlein). Irchergazz München (a. 1473, Mon. 
boica XXI, 209, jetzt übersetzt Lederergasse). Vielleicht gehört dazu 
Ichirgasze Worms (a. 1321, s. Baur Hess. Urk. Bd. II, sec. 860). Ircher 
sind Weißgerber, vgl. das mhd. Wb, I, 753; dsgl. Höfer Wb. der in 
Oberdeutschland üblichen Mundart. Irich albicoreum in einem Voca- 
bular von 1445 nach Schmeller I, 97. Das Wort scheint nicht nach 
Norddeutschland hinübergedrungen. 

Kannengießergasse Frankfurt a. M. Kannengießerstraße 
Braunschweig. Kannengießerort Hamburg (a. 1787). Die Kannen- 
gießer, jetzt Zinngießer, wurden so nach ihrem vorzüglichsten Fa- 
bricat genannt ; vgl. Grimm Wb. Die Kannengetere von Lübeck 
haben eine Zunftrolle von 1508; mhd. ist das Wort wohl nur zufällig 
noch nicht belegt. 

Karrenführerstraße Braunschweig. 

Kettelböterstraß e Magdeburg (früher, jetzt Kesselbeissergasse). 
Jacobsson techn. Wb. ftihrt als synonym an Kesselflicker, Kesselbüßer, 
Kessellapper, Kesselbesserer. Vgl. Grimm Wb. , s. auch oben Altbüßer. 

Kindeschoen als Straßenname in Köln fuhrt Ennen II, '401 aus 
dem Jahre 1258 an. Sind irgendwo sonst noch specielle Kinderschuh- 
verkäufer aufzufinden? 

Kleinschmiedegasse Magdeburg (früher, jetzt Dreibretzel- 
gasse). Kleinschmieden (die — ) Halle. Der Kleinschmied ist im 
Ganzen so viel als Schlosser , aber ob das mittellat. parvifaber nach 
dem deutschen Worte oder dieses nach jenem gebildet ist, darf nicht 
vorschnell entschieden werden. Vgl. Grimm Wb. 

Klampfe rergässchen Salzburg (in dieser Gasse wird 1794 
noch eine „Klampferer- oder Spangierwerkstätte" erwähnt). Klamperer, 
Klampferer = Klempner bei Schmeller II, 356 ; ebds. auch besondere 
Pfannenklamperer. 

Klempnergasse Breslau (früher, jetzt ein Theil der Messergasse). 

Klingergasse Passau, so genannt von den Klingenschmieden, 
die durch die Passauer Wolfsklingen sehr berühmt wurden. 



8TBASSENNAMBN VON GEWERBEN. U 

Klopp ergasse Alsfeld in Hessen. Aber was haben diese Klopper 
geklopft? Bei Frisch ist Klopper eine Art Hutmacher und auch San- 
ders erklärt den Klopfer als denjenigen, der die Wolle zum Hutmachen 
durch Hopfen reinigt. 

Knochenhauerstraße Braunschweig , Hamburg (urkundlich 
platea camificum), Hannover. Knochenhauerufer Magdeburg. Kno- 
chenhauerfeld Hannover. K noch enhau er w ache Nordhausen 
(sec. 15). Auch das Brem.-Nieders. Wb. kennt Knakenhauer fttr Flei- 
scher; die Knokenhowere von Lübeck erhalten schon 1385 eine er- 
neuerte Zunftrolle. Aus den Beispielen bei Grimm ist die Existenz 
des Wortes zu Zerbst und zu Stettin ersichtlieh. 

Kochgasse Wien. Kochstraße Berlin, Wernigerode. Vielleicht 
nicht in jedem Falle hieher gehörig, sondern zuweilen von einem Fa- 
miliennamen benannt. 

Korbmachertwiete Hamburg. 

Korkenmachergasse Danzig. Korken sind Pantoffeln, so ge- 
nannt von dem zu diesen Schuhen gebrauchten Korkholz (das auch 
polnisch korck heißt). Das in Danzig noch ganz lebendige Wort scheint 
geographisch nur einen sehr beschränkten Umfang zuhaben; in From- 
manns deutschen Mundarten finde ich es nicht, auch nicht im Brem.- 
Nieders. Wb., eben so wenig in Richeys Idiot. Hamburg. In den Lü- 
becker Zunftrollen heißen diese Leute Glotzenmakere. 

Korn trag ergang Hamburg (a. 1787). Das sind die in Danzig 
so genannten Sackträger, welche die Getreidesäcke aus den Speichern 
auf die Schiffe oder umgekehrt schaffen. 

Körperstraße Elbing. Nach Fuchs Beschr. von Elbing Bd. II 
(1821) S. 310 heißt die Straße so, weil durch sie die Leichen nach den 
Kirchhöfen getragen wurden. Das wäre eine ganz unerhörte Art von 
Namengebung, an die ich nicht glauben mag; zunächst denke ich an 
Korbflechter; inJacobssons Technolog. Wb. begegnen in der That Körber 
fiir Korbmacher, und der häufige Familienname Körber weist auch 
darauf hin. 

Krämergasse Danzig, Frankfurt a. M. (sec. 14 institorum vicus), 
Heidelberg, Jena. Kramerstraße Hannover. Kr am er str aß e Düssel- 
dorf. Krämerbrücke Erfurt, Königsberg. Krämern (imK-, derK-) 
Nordhausen. Das Wort verschwindet vor dem vornehmeren Kaufmann 
oder gar Materialist; daß man in Elberfeld noch Winkelierer sagt, ist 
ein merkwürdiges Eindringen holländischen Sprachgebrauchs {winkelier, 
icinkelhouder). 



12 E. FÖR8TEMANN 

Küfergasse Mainz (früher), Saarbrücken (sec. 17). Küferstraße 
Göttingen. Küfer sind Böttcher für größere Gefkße, auch Küfner, Groß- 
binder oder Schwarzbinder genannt. 

Kupferschlägerstraße Hannover (früher, s. Gropengeterstr.). 

Kupferschmiedstraße Breslau. 

Kürschnerstraße Elbing. Schon mhd. kilrsencere. 

Kutscherstraße Magdeburg; sehr modern. 

Lakemacherstraße Magdeburg (früher). Laken = Tuch im 
Brem. - Nieders. Wb. Die Lübecker Zunftrolle von 1553 kennt Laken- 
makere = Tuchmacher und die von 1546 Lakenberedere ^^ Zurichter 
des Tuches. In neueren Mundarten dagegen hat sich Laken von den 
wollenen auf linnene Stoffe zurückgezogen. 

Lauchergasse Eisenach; hier wohnten früher die Seifensieder. 
Das Wort ist etwas auffallend; ist dabei an die Seifensiederlauge zu 
denken? 

Lederergasse München,' Passau, Salzburg (früher, noch 1794), 
Wasserburg am Inn. Lederg asse Duderstadt, Nürnberg. Lederer 
sind Rothgerber; s. Schmeller II, 436. Schon mhd. ledercere. 

Ledersnidere Köln(a. 1258,Ennenn, 401). Dieselbe Straße wird 
genannt Lersnidere (a. 1285, ebds. HE, 222), incisores coreorum 
(a. 1237, ebds. II, 1J2), inter corecidas (a. 1285, ebds. III, 223), 
inter corricidas (a. 1275, ebds. HI, 89). Man könnte zunächst an 
Riemenschneider denken, doch sind eher, den Gewandschneidem analog, 
Lederhändler anzunehmen. Vgl. Schmeller 11, 438; auch Jacobsson 
Technol. Wb. erklärt Lederschneider durch Lederhändler. 

Leinwebergasse Meissen. Schon mhd. Unweher, 

Lodergasse Nürnberg. Loderstraße Passau (1322, später 
Reitgasse, jetzt Theresienstraße). Über Loden und Loderer s. Schmeller 
II, 440, welcher Loderer in München, Erding und Nördlingen nach- 
weist. Loden ist nach Jacobsson eine Gattung geringes wollenes Zeug, 
Lodweberei in Augsburg das Weben von Fußdecken. Vgl. auch hdo 
und lodweber im mhd. Wb. Danach sind also Loder oder Lodenweber 
eine Art von Tuchmachern. 

Löhergasse Sachsenhausen bei Frankfurt a. M. (sec. 14 cer- 
donum vicus). Löhergraben Aachen (daselbst sind Lohgerbereien). 
Loher = Lohgerber erwähnt aus Würzburg Schmeller II, 462. In der 
Lübecker Zunftrolle von 1454 heißen sie Lorer. Mhd. ist das Wort 
noch nicht nachgewiesen. 

Malergasse Breislau. Malertwete Braunschweig. Schon ahd. 
mäläri. 



STRASSENNAMEN VON GEWERBElrf. 13 

Mälzefgäöse Danzig. Mhd. rmikcBre Brauer, vom Verwandeln 
des Getreides in Malz (vermalzen) ; vgl. Sehmeller II, 574. 

Mäntlergasse Breslau. Diese Mäntl er = Verfertiger von Män- 
teln, erscheinen als ein Handwerk in Regensburg bei Sehmeller 11, 603. 

Messerschmidgasse Eisenach. 

Metzgergasse Alsfeld in Hessen, Frankfurt a. M. (sec. 14 
carnificum vicus), Heilbronn, Reutlingen, Seligenstadt, Wiesbaden. Vgl. 
Metzger bei Sehmeller H, 661; mhd. mezzicere. 

Mezzelergazze Mainz (a. 1273; s. Baur Hess. Urk. Bd. II, 
Nr. 271). Das Wort^ dem vorigen an Begriff gleich, etymologisch aber 
wohl gar nicht verwandt, ist das lat. macellaritts , ahd. meziläriy mhd.' 
metzeler lanio. Gar nicht hieher gehört wohl die Bemerkung von Ja- 
cobsson Technol. Wb.: „Metzler nennt man diejenigen Höken, die mit 
Salz, Mehl u. dgl. handeln, so mit der Motze ausgemessen wird.** 

Müllerstraße Hannover, München. Ahd. und mhd. herrschen 
noch die Formen mulinäri, mülncere vor. 

Munzergazza Mainz (a. 776, codex Lauresham.). Das Product 
statt des Producenten in Münzstraße Magdeburg und an andern 
Orten. Könnte man jenen Angaben im Anfange des cod. Laur. unbe- 
denklich trauen, so enthielten sie den bei weitem ältesten der hieher 
gehörigen Straßennamen. Lat. monetariusy ahd. munizärt. 

Mützenwebergasse Köln (jetzt wohl nicht mehr gebräuchlich, 
a. 1276 prope vicum mitras consuentium, s. Ennen HI, 99). 

Nachrichtergässchen Frankfurt a. M.; schon mhd. nächrihter. 

Nadlergasse Breslau, Weringerode. Näthlergasse Danzig. 
Nadlerstraße Stuttgart. Neidergasse Köln (a. 1247; s. Ennen II, 
271; in dieser Gasse liegt ein Haus „ad acum"). Die „Neteler*^ zu 
Lübeck haben ihre Statuten vom Jahre 1356, das mhd. Wörterbuch 
kennt das Gewerbe noch nicht. 

Nagelschmidgässchen Wasserburg am Inn. Naglergasse 
Grätz, Wien. Beide Ausdrücke sind erst aus nhd. Zeit belegt. 

Ölschläger (im Ölschlägem) Braunschweig. Bis jetzt fehlt uns 
noch jede Angabe, seit wann dieses Gewerbe von dem Schlagen des 
Öles aus Lein* oder Rübsamen benannt sei^ und doch kennt es die 
neue Zeit kaum mehr. 

Pelzerstraße Bremen, Stettin» Pilz er- .oder Pelfiseretraße 
Hamburg (a. 1787^ urkundlich platea pellicatorum, pellificum). Die 
Pelzer in Lübeck kommen schon um 1400 vor. 

Permentergasse Nürnberg (früher). In Nürnberg waren die 
Permenter schon 1433 zünftig, in Lübeck haben sie sogar 1330 eine 



14 E. FÖRSTEMAlW 

und zwar lateinische Zunftrolle, worin sie pergamentarii genannt werden. 
Doch kommen sie im mhd. Wb. noch nicht vor, wogegen sie bei 
Schmeller I, 294 erwähnt werden. 

Platnergasse Nürnberg (fiiiher), Prag. Plattnerstraße Gör- 
litz. Mhd. blatencere = Verfertiger von Hamischplatten. Dieses Ge- 
werbe, ftlr das man auch die Wörter Haubenschmiede oder Hamisch- 
macher brauchte, hört in Nürnberg sec. 17 auf. In Lübeck erhielten 
die platensleghere ein Statut um 1 370, während in einem anderen von 
1433 zwischen platenslegeren und hamschmakem unterschieden wird. In 
der Mitte des 17. Jahrhunderts hat das Gewerk dort nicht mehr be- 
standen, doch besoldete nach Wehrmann der Rath noch bis zu Ende 
des vorigen Jahrhunderts einen Harnischmacher und Plattenschläger, 
der die im Zeughause befindlichen Harnische in Ordnung zu halten 
hatte, außerdem jedoch befugt war, verschiedene Schmiedearbeiten zu 
verfertigen. Übrigens begegnet das Wort hamaschcere auch schon im 
mhd. Wb. 

Posamentiergässchen Eisenach. Weder Posamentier noch 
das damit synonyme Bortenwürker findet sich, bis jetzt wenigstens, 
im Mhd. 

Rademachergang Hamburg (a. 1787). Radmacherstraße 
Ülsen (a. 1735). Das Statut der lübeckischen Rademakere datirt von 1508; 
sonst kann ich weder die Rademacher noch die Stellmacher, mit denen 
sich erstere später meistens vereinigten, aus alter Zeit nachweisen. 
Rathsdienergasse Wernigerode. 

Reiferbahn Königsberg (Nr. 17). Reeperbahn Hamburg. 
Röpergasse Danzig. ReepschlägerbahnElbing. Reiferschläger- 
Btraße Stettin. Es sind hier Seiler gemeint, besonders solche, die 
Schiffstauwerk verfertigen. Das Wort ist sch^n alt; vgl. ahd. reifdri 
tortor. Iiji Bremisch - Nieders. Wb. begegnet Repelbahn und Reep- 
släger, bei Richey im Idiot. Hamburg. Reeperbahn und Reepsläger, in 
den Lübecker Zunftrollen schon um 1390 Reper und Repsleger. 

Rothgerberbach Köln. Die Rothgerber machen das Leder mit 
Lohe gar, wodurch es zunächst röthlich wird, während die unten er- 
wähnten Weißgerber die feineren Arten mit Alaun bearbeiten. Nur das 
letztere Wort kommt im mhd. Wb. vor. 

Rothschmidgasse Nürnberg. Die Röthschmiede gießen in Me- 
tall und wandeln auch das Kupfer zu Messing um ; sie waren in Nürn- 
berg einst 300 Personen stark. Mhd. sind sie noch nicht nachgewiesen, 
Wol aber hwpfersmit 

ßackpfeifergasse MainÄ (früher). Sackpfeilen werden ver- 



ÖTRASSKNNAMEN VON GEWERBEN. 15 

schiedenartige Instrumente genannt, von denen eins der Dudelsack ist. 
Schon im Narrenschiff begegnet sacphife, 

Säger platz Hamburg (a. 1758; dort sind damals Brettsägereien). 

Salzsendergasse Wasserburg am Inn. Nicht etwa verderbt 
für Salzsieder, sondern die Salzlader oder Salzsender sind die Spedi- 
teure fiir Salz; Näheres darüber Schmeller III, 240. 

Saumergazze Worms (a. 1209; vgl. Baur Hess. Urk. Bd. H, 
Nr. 583). Dieselbe Straße wird geschrieben Seimer gazze (a. 1283; 
ebds. Nr. 369) und Seymirgasze (a. 1321, ebds. Nr. 860). Soumcßre sind 
nach dem mhd. Wb. Personen, welche Lastpferde zur Fracht unterhalten ; 
Schmeller HI, 247 erwähnt die SsJte^äumer bei Traunstein, welche das 
Sab im Oberland herumführen. 

Schäfergasse Frankfurt a. M. Schäferdamm Hannover. 
Schäferei ist ein nicht seltener Straßenname. 

Schäffnergasse Regensburg. Ein keineswegs sicherer Ausdruck. 
Erstens kann man Entartung aus Schäftner (Verfertiger von Speer- 
schäften?) annehmen, zweitens an Schäffler = Böttcher denken, welches 
Schmeller HI, 327 anfiihrt. Lautlich besser passt mhd. schaffmcere 
Schaffiier, doch ist das Wort fiir einen Straßennamen vielleicht weniger 
natürlich. 

Scharfrichtergasse Thom. 

Schorlachirgazze Köln (a. 1214, s. Ennen II, 55), heißt a. 
1234 Schorlachergazze (ebds. II, 147). Mir ist das Wort noch nirgends 
begegnet; es wird wohl dabei an Scharlachfärber zu denken sein. 

Scharmachergasse Danzig. Ist dabei an Verfertiger von Pflug- 
scharen zu denken? oder von Schirmen? schwerlich an die Scharwache. 

Schauflergasse Wien. Das müssen Verfertiger von Schaufeln 
»ein; das Wort fehlt bei Loritza Idioticon Viennense. 

Scher ergasse Nürnberg (früher, das jetzige Eathhausgässlein, in 
diesem Falle entschieden von den Tuchscherem benannt), Regensburg. 
Mhd. kommt schon schercere fiir Barbier vor. 

Schergengässchen Salzburg (a. 1794, darin lag damals noch 
die Wohnung der Gerichtsdiener). Ahd. scario mhd. acherje, 

Schifferstraße Frankfurt a. M. Schifferbrücke Halle. 

Schildergasse Köln. Diese Straße heißt a. 1231 Schildirgazze 
(s. Ennen II, 131), in demselben Jahre platea clippeatorum (ebds. 11, 
130), a. 1293 clipeorum platea (ebds. HI, 375). Schildergazze 
Frankfiirt a. M. (sec. 14). Schilderstraße Magdeburg. Schilder- 
schlippe Magdeburg (früher). Ahä. sciUäri , mhd. schiUcere bezeichnet 
den Verfertiger von Schildern^ letzteres auch schon in abgeleiteter bV 



16 E. FÖRSTEMANN 

deutung den Wappenmaler. Eine ganz andere nicht hieher treffende 
Erklärung von Schilderer s. bei Schmeller III, 353. 

Schindergasse Reichenhall (früher), Seligenstadt (früher, ur- 
kundlich platea camificum). 

Schlächtergasse Hamburg (urkundlich platea lanionum). 
Schlachtergasse Altona (a. 1747, s. Schmid Beschr. von Altona), 
Schlachterstraße Glückstadt. Schon ahd. slahtäri, mhd. slahtcere. 

Schlägerstraße Hannover. Sind das Goldschläger? Ölschläger? 
Bei Sanders begegnet auch Blechschläger fiir Klempner. 

Schlei fergässchen Augsburg. Die Scherenschleifer und Schwert- 
schleifer bildeten dasselbe Handwerk. 

Schlossergasse Meißen. Schlos sergässchen Salzburg (darin 
werden noch a. 1794 Schlosserwerkstätten erwähnt). 

Schlot fegergasse Nürnberg. Schlotfeger aus Würzburg er- 
wähnt Schmeller HI, 461. Im Mhd. scheint die Zusammensetzung noch 
nicht vorzukommen. 

Schmelzergasse Eisenach; hier wohnten finiher die Schmelzer, 
die das Schmalz ausschmelzten und verkauften ; Schmälzer = Schmalz- 
händler bei Schmeller HI, 471. Aus älterer Zeit ist das Wort nicht 
bekannt. 

Schmiedegasse, Schmidgasse Altona (a. 1747, s. Schmid Beschr^ 
v. Altona), Augsburg, Baireuth, Bingen, Danzig, Frankfurt a. O., Frei- 
berg, Jena, Lößnitz im Erzgebirge (früher), Passau, Wien. Schmiede- 
straße Bremen, Elbing, Hamburg (urkundlich platea fabrorum), Han- 
nover, Ülsen (a. 1735), Wolgast. Schmiedebrücke Breslau, Königs- 
berg. Hierher gehört auch vielleicht durch ein merkwürdiges Missver- 
ständniss Fabrorum seu Fargazze Frankfurt a. M. (sec. 14, jetzt 
Fahrgasse). 

Schneiderberg Hannover. Ich glaube nicht, daß der Name 
hierher gehört, sondern da'ß im ersten Theile viel eher ein Gen. Sing, 
als Plur. liegt, zumal da sich die Ortlichkeit ganz außerhalb der Stadt, 
rechts vom Wege nach Herrenhausen, noch hinter Montbrillant befindet. 

Schornsteinfe'gergasse Celle. 

Schreiberbrücke Hamburg (früher, urkundlich pons scriptorum). 

Schrötergässchen Leipzig. Schroter, Schröter sind zunächst 
Schneider (so z. B. bei Schmeller III, 521, Zuschroter ebds. III, 522, 
Schröder im Brem, - Nieders. Wb., Zunftrolle der Scrodere zu Lübeck 
um 1370, mhd. 8chrdt(jRre). Doch gibt es auch in älterer Zeit Münz- 
schröter, welche die Bleche zu Münzen schneiden, und Frisch erwähnt 
3chalenschröter, welche Messerschalen verfertigen. Ferner ab von dem 



STRASSENNAMEN VON GEWERBEN. 17 

alten Sinne secare liegt ein anderer von volvere und dazu gehören die 
Wein- und Bierschröter; es gehört nicht hieher zu untersuchen, ob 
wirklich, wie man anzunehmen pflegt, beide Bedeutungen sich vermit- 
teln lassen oder ganz verschiedene Verba vorliegen. 

Schuhmachergasse Elbing (früher), Leipzig. Schustergasse 
Passau, Plauen im Voigtlande, Speier (früher daselbst auch ein Schuster- 
thurm). Schusterstraße Berlin (a. 1737, s. Mtüler und Küster Altes 
und neues Berlin), Thom, Wolgast. Schustermauer Wernigerode. 
Inter calciatores Köln (a. 1285; s. Ennen 111,222). Schuhgasse 
Braunschweig, Nordhausen u. s. w. Schuhstraße Celle, Gartz an 
der Oder, Hannover, Ülsen (a. 1735). Schuhbrücke Breslau, 
Magdeburg. 

Schwertfegerstraße Magdeburg. Schwertfegergäs.schen 
Frankfurt a. M. Inter gladiatores Köln (a. 1232; s. Ennen H, 136). 
Ihre Zunftrolle zu Lübeck datirt von 1473, doch sollen sie schon an- 
derswo um 1285 eine Zunft bilden. Im mhd. Wb. schon swertvegcere. 

Seilergasse Mainz. Seilerstraße Frankftirt a. M., Hannover. 
Seilerstätte Passau, Wien. Mhd. setkere, 

Selbingerstraße Hildesheim. Wird in localen Hildesheimer 
Quellen durch Seilbinderstraße erklärt, was sich dadurch bestätigt, daß 
auch in Hannover eine Seilwinderstraße vorkommt. 

Siebmachergässchen Frankftirt a. M. Siebergasse Bautzen. 

Speermacher, unter — . So verdeutscht Ennen die zu Köln 
a. 1234, 1262 und 1276 begegnende Bezeichnung inter hastarios 
(Ennen U, 156, 446; III, 109). Ob die Spiesergasse in Köln die- 
selbe Straße ist, weiß ich nicht. Wie mögen die hastarii sec. 13 ge- 
lautet haben? das mhd. Wb. kennt noch keinen Ausdruck daftlr. 

Spenglergasse Mainz (filiher), Wien. Spenglergässchön 
Augsburg. Spengler sind Klempner, s. SchmeUer IH, 572. Auch daa 
mhd. Wb. verzeichnet spengekere. 

Spieglergasse Nürnberg (früher). Spiegeloere s. im mKd. Wb. 

Sporergasse Dresden, Oschatz (geschrieben finde ich Spohr- 
gasse). Sporergässchen Leipzig. Spurergasze Worms (a. 1323; 
vgl. Baur Hess. Urk. Bd. H, Nr. 891). Spornergasse Prag. Sporn- 
machergasse Frankftirt a. 0. Mhd. sporcere. 

Stadtknechtsgässchen Nürnberg. 

Stadtpfeif ergässchen Leipzig, ßadeberg bei Dresden. 

Stallschreib'^ergasse Berlin. 

Stechergasse Braunschweig. Sind damit Kupferstecher ge* 

QBRUANIA. Nene Reihe Tl. (XIV.)JabrK. 2 



18 E. FÖRSTEMANN 

meint? oder Petschaftstecher? Stecher bleibt auch bei Schmeller III, 
608 dunkel, eben so wenig bietet das mhd. stecJicere Auskunft. 

Stempfergasse Grätz. In den technologischen Quellen finde 
ich Stempfer nur als solche erwähnt, die Papier planieren. Ist daran 
hier zu denken? Mhd. atempfe ist mit unserm stempeln synonym. 

Sterczirgasze Worms (a. 1321; Baur Hess. ürk. Bd. 11, Nr.867). 
Sterzergasse Iglau (soll schon sac. 15 vorkommen, s. Elvert Gesch. 
T. Iglau S. 452). Das mhd. Wb. hat sterzcere ^der müßig umhergeht, 
Vagabund". Bekannt ist auch das Scheltwort Landstörzer. Ist bei jenen 
Straßennamen etwa an Arbeitsleute,*Eckensteher, Dienstmänner u. dgl. 
zu denken? 

Strohschnitter gas sehen Frankftirt a. M. Was diese Stroh- 
schnitter eigentlich wirken oder bezwecken, darüber ließe »ich Ver- 
schiedenes muthmaßen. 

(Stuhlmacher?) Ennen II, 115 ftüirt aus dem Jahre 1227 eine 
Kölner Straße inter sellatores an, die Hds. liest aber Solatores. 
Stuhlmacher heißen sonst sellarii. Vielleicht sind Sattler gemeint, 
vgl. mhd. scUler sellator. 

Tagnetergasse Danzig. Tagneter aus Danzig ftlhrt auch Klein 
Deutsches Provinzialwörterbuch an; bei Bernd, Die deutsche Sprache 
in Posen, fehlt das Wort Wir haben hier das polnische fandet , tan- 
deta Trödelmarkt, tandeciarz, tandetnik Trödler, 

Taschnergässlein Nürnberg (fiüher). Der Taschner, synonym 
mit Riemer und Sattler, macht Koffer, Ledertaschen u. s. w. Aus mhd. 
Zeit ist das Wort noch unbekannt. 

Tischlergasse Danzig. Tischlerbrücke Magdeburg. Die 
ältere Sprache kennt nur das organischere tücher. 

T d tengräb er thurm Speier (früher). Wie alt mag das Wort sein?> 

Töpfergasse Bautzen, Breslau, Colditz in Sachsen, Danzig 
Dresden, Eilenburg, Elbing, Jüterbock, Kalau, Leisnig in Sachsen, 
Zwickau. Töpferstraße Neustrelitz. Töpfermarkt Mtihlhausen in 
Thüringen. Töpferpforte Gartz an der Oder. Töpferthor, im 
Töpfern Nordhausen (a. 1310 valva lutifigulorum). Dem letzten Bei- 
spiele nach scheint der Ausdruck schon alt zu sein, obgleich ihn das 
mhd. Wb. noch nicht kennt. 

Trabanten gas se Dresden. 

Trägerstraße Demmin. Mhd. tragcere. 

Tuchmach er gas se Bautzen, Königsberg ^sec. 17), Thom. 

Tuchmacherstraße Calbe an der Saale (a. 1720, s. Hävecker 
Chronik v. Üalbe), Frankfurt a. O. Mhd. gilt hieftlr das jetzt verschol- 
lene tüecTiler, 



STRASSENNAMEN VOM (mWWSBESL 19 

ülre^iÄc und -gazsseKöln (a. 1230, 1283; s. Ennen H 125; 
m, 205 £)- Ulfeporze, ülerportze Köln (a- 1276, 1296 Ennen 
nij 118, 411). Schon ahd- tUa Topf, lat oUa. Sowohl Graflf I, 234 
als auch Fulda Teutsche Idiotikensammlung führen, aber ohne Angabe 
der Stadty «lue Ulengasse s= Töpfergai»se, Httfhergasse an, die von den 
Ulnem benannt sei. 

Wächterstraße Demmin* 

Wagnergasse Arnstadt, Brieg, Jena, Weimar. Wagnerstrafie 
Stuttgart Schon mhd. ioagener. 

Wämstlergässchen Augsburg. Man sollte zunächst an mhd. 
wambüer Verfertiger von Wämmsen denken, kommt aber auf andere 
Gedanken, wenn man b<si Bitlinger, Schwab.- Augsburgisches Wb. li^st: 
^Wämstl^ oder Kuttler, die das Eingeweide des geschlachteten Viehes 
reinigen oder verkaufen. In der Augsburger Metzgerordnung von 1549: 
item ein Schafmagen oder Wambst.' 

Wandbereiterbrook Hamburg (a. 1787, früher in Urkunden 
palus praeparatomm pannorum). Gewiß vom Krumpen, Krumpfen des 
Tudies benannt. 

Waytmengere et Wayisnidere (inter W- et W-) Köln 
a. 1255 (s. Ennen 11, 354). Zwei durch ihre Dunkelheit anziehende. 
Ausdrücke. An den später durch den Indigo verdrängten Waid der 
Färber darf man nicht denken; ich finde unter den Manipulationen, 
die damit vorgenommen werden, weder ein Mengen noch ein Schneiden., 
Sollte statt Wayd- Wand- zu lesen sein *) , dann hätten wir in dem 
zweiten Worte die bekannten Gewandschneider ; was aber das erste 
anbetrifft;, so liegt hier gewiß das mhd. man^cere Händler vory welches 
man mit mehreren Zusammensetzungen im Wb. nachsehe. Ich fb^e dazu 
noch die iu Lübeck erwähnten Stalmenger, die in Gera und Greiz einst 
vorhandenen Fischmenger, das engl, ironmonger, fishmonger; vgl. Wehr^ 
mann Lttbeckische Zunftrollen S. 520 ; dsgl. Kuhn Zeitschs. 18, 159. 

Webergasse Chemnitz, Heiligenstadt, tglau (schon sec. 15 pla- 
fea textorum), Meissen, Mühlhausen in Thüringen, Oschatz (diese Straße 
ist 1346 angelegt), Speier, Werdau in Sachsen, Zwickau. Weuirgazze 
Köln (a. 1214; s. Ennen H, 55; sie heißt uin 1260 platea textorum, 
ebds. II, 404). Textorum vicus Frankfurt a. M. (sec. 14, kommt 
später als Webergasse vor). Weberstraße Braunschweig, Köln, Han 



'*) Ist wohl nicht nOthig. In der Kölner Mundart hat äj = k nichts auffälliges und 
das erste Wort ist dann u)dl. Watmanger aber kennt bereits Schmeller u. z. eben- 
fyJia als Straßennamen (Bair. Wb. U, ö99). S trobl. 

2* 



20 E. FÖRSTEMANN 

no ver (firtther Neuegasse) , Nordhausen. Weberbrücke Mitweida in 
Sachsen. Manche dieser Straßen mögen bei dem viel&ltigen Einwandern 
niederländischer Wollen- und Leinweber benannt worden sein, in Sachsen 
namentlich sec. 14. 

Weinmeister Straße Berlin (schon a. 1737, s. Müller n. Küster 
Altes und neues Berlin). 

Wei ß ge rb er gasse Breslau, Mainz. Wissgerwergazz e Frank- 
furt a. M. (sec. 14). Weissgerberstraße Magdeburg, Nürnberg. 
Weissgerbereckgasse Köln. Weißgerberhauptstraße Wien. 
Mhd. schon tcüzgeitver» 

Wollwebergasse Danzig, Hildesheim, Salzwedel, Stettin. Woll- 
weberstraße Demmin, Elbing, Friedland in Mecklenburg, Gartz an 
der Oder. In Lübeck, dem Schauplatze von Jürgen Wullenwovem Thä- 
tigkeit, haben die Wullenwever eine Zunftrolle von 1477. Vgl. mhd. 
woUenslaher lanifex. 

Zeltnergasse Prag. Hier kann man zweifeln, ob an Leute zu 
denken ist, welche Zelte herrichteten. Eher möchte ich das flache Back- 
werk herbeiziehen, welches schon im Ahd. und Mhd. als zelio, zelte und 
in Süddeutschland noch bis auf den heutigen Tag bekannt ist (s. z. B. 
Schmeller IV, 257). In jener Straße werden also Lebzeltner oder Leb- 
küchner gewohnt haben ^ die vielleicht schon im Mittelalter ld)zeltenp 
phatizelten oder phefferzeUen (s. mhd. Wb.), später auch ölzelten, Huzel- 
zelten, Leinsatzelten verkauften. 

Zirkelschmiedsgasse Nürnberg. 

Bevor ich das hier gesammelte Material noch einmal rasch über-, 
blicke , will ich noch eine sprachliche Bemerkung einschieben. Wir 
sehen, namentlich aus den alten lateinischen Straßennamen, daß neben 
den gewöhnlichen Zusammensetzungen mit -gasse, -Straße u. s. w. eine 
gewiß früher viel gebräuchlichere Bezeichrcungsweise üblich gewesen ist, 
nach welcher die Straßen mit dem Plural der Gewerbtreibenden und 
vorgesetzter Präposition benannt wurden. Die dazu verwandten Präpo- 
sifionen sind in und unter (auch hat man zuweilen hinter gebraucht; 
der nicht in diesen Aufsatz gehörige Name hinter den Predigern ist gar 
nicht selten). Das unter kann ich bis jetzt nur aus Köln nachweisen, 
dort aber muß diese Bildung, den lateinischen Namen nach zu schließen, 
sehr beliebt gewesen sein. Nun ist aber das Merkwürdige, daß die 
heutigen Stadtpläne so wie sonstige Documente diese Namen in der 
^ Form „imter Gewandschneider, unter Goldschmid, unter Speermacher** 
darbieten, was wenigstens zeigt, daß die Pluralqualität dieser Bil- 
diiiigeii aus dem Volksbewusstsein geschwunden ist; ich wei 'S nicht 



STRASSENNAMEN VON GEWERBEN. 21 

genauer anzugeben , wie das Kölner Volk jetzt , damit syntaktisch 
verfährt — Ein noch auffallenderes und an die versteinerten Dative 
Pluralis in den bekannten Ländernamen erinnerndes Verschieben der 
Bedeutung hat bei den Namen mit in stattgefunden. In Nordhausen 
sagte man jedenfalls ursprünglich in den Krämern , in den Töpfern, 
Erstens nun sprach die Thüringer Mundart hiefUr tVn, zweitens über- 
setzte die schriftgerechte Sprache dieses in'n in ein im (weil um- 
gekehrt schriftdeutsches im wohl um den ganzen Harz herum beim 
Volke in lautet) und endlich sah man dieses im ganz falsch als 
einen Dat Sing, eines Masc. an; so sagt man in Nordhausen jetzt im 
T&jpfern, m Krämern und nennt die Straße der Töpfern, der Krämern. 
Wohl eben so wird es^ obwohl ich hier nicht als Ohrenzeuge urtheilen 
kann, mit den braunschweigischen Namen tm Öhchlägem, HutfiUem 
sich verhalten. Wenn in Halle eine Straße die Kleinschmieden heißt; so 
geht offenbar ein älteres in den Kleinschmieden in parvifabris vorher; 
das Volk aber sieht den Dat. Plur. der Gewerbtreibenden falsch für 
den Nom. Plur. ihrer Werkstätte an; das sind alles Beweise vom zu- 
nehmenden Mangel an Formenbewusstsein. 

Es folge jetzt eine kurze Übersicht sämmtlicher in den oben ge- 
nannten Namen vertretener Gewerbe nach ihren Kategorien, damit man 
die neben einander vorkommenden Synonymen, ferner aber auch das 
in den Namen bis jetzt noch gänzlich Fehlende , jedenfalls also sehr 
Seltene erkenne. 

Die Nahrungsgewerbe mögen beginnen, geordnet nach Thier-, 
Pflanzen- und Mineralreich. Hirten und Schäfer bilden gewissermaßen 
die Einleitung zur ersten Gruppe ; dann folgen wie es scheint ohne 
Unterschied der Bedeutung die Fleischer, Fleischhacker, Fleischhauer, 
Enochenhauer , Schlächter, Metzeier, Metzger. Reichere Sammlungen 
werden hier den Gebrauch im Einzelnen noch näher begrenzen; Flei- 
scher erscheint auch in den Straßennamen als das allgemeinste Wort, 
Fleischhacker# und Fleischhauer sehr selten, Knochenhauer häufig in 
Niedersachsen, doch auch bis Thüringen reichend, Schlächter bis jet«t 
nur in drei holsteinischen Städten (obwohl man das Wort sonst in viel 
weiteren Landstrichen kennt), Metzeier und Metzger nur im weltlichen 
Deutschland. Daran schließen sich . die seltenen, wohl nur süddeutschen 
WämsÜer und die eben so seltenen Schmelzer. Von Geflügel keine 
Spur, dagegen sind die Fischer sehr reichlich in Nord und Süd ver- 
treten, während jetzt das Fischessen bekanntlich sehr in den Hinter- 
grund tritt. Bei den vegetabilischen Nahrungsmitteln ist für den eigent- 
lichen Ackersmann in den Straßennamen kein Platz, wohl aber fUr 



22 E- FÖRSTEMANN 

den allgemein deutschen, in den Städten aber nicht häufigen Gärtner, 
der sich zur folgenden Gruppe verhält wie der Hirt zur vorigen. Es 
folgt der Müller (selten in Straßennamen), der Grttttemacher oder Grütz* 
ner, der Bäcker imd endlich als Vorläufer der jetzigen Oonditoren der 
Zeltner, Das Getränk ist vertreten durch Brauer, Brauerknecht und 
das seltene Mälzer; ohne das ehemals übliche häusliche Brauen würde 
diese Erlasse reicher sein. Dann folgt der Brenner (merkwürdig selten) 
imd endlich der Ekemäker. Von mineralischer Nahrung sehen wir nur 
eine Spur in den Salzsendem, die eben so gut imten bei den Schiffern 
erwähnt werden könnten. Verkäufer von Nahrungsmitteln erscheinen 
in den nur norddeutschen Häkem und in den wohl gemeindeutschen 
Krämern ; mit den Köchen schließt diese Klasse. 

Nun zu den Bekleidungsgewerben. Voran stelle ich die Ver- 
fertiger von linnenen oder wollenen Stoffen^ die überaus häufigen Weber 
(Spinner gibt es nicht in den Namen) nebst ihren Unterarten, den Leine* 
Webern, den echt norddeutschen Wollenwebem und den Mützenwebern, 
die norddeutschen Caffamacher und Lakemacher, die süddeutschen Loder 
und die verbreiteteren Tuchmacher nebst den Wandbereitem und Sehe- 
rem, femer die Gewandschneider, wozu vielleicht auch die Bandschneider 
gehören; noch zweifelhafter sind die Waytmenger und Waytsnider. 
Aus ihren Händen kommen die Stoffe zu den Färbern (die imsere Sprache 
streng von den Malern scheidet), als deren Unterabtheilung die Schar- 
lacher aufisutreten scheinen. Aus dem Stoffe wird dann das Kleidungs- 
stück angefertigt durch Schneider, sicherer in den Namen begegnen die 
Schröter, neben ihnen selten Hosennäher und MänÜer. Filzhüte erschei- 
nen als Erzeu^ss der Filzer oder Hutfilzer, mit denen auch wohl die 
Klopper in naher Beziehung «tehen. Auch die Posamentiere treten auf 
ftkr Schmuck manigfacher Art Die Lederbereitung sei hier erwähnt, 
obgleich sie auch unten zur Anfügung von G^rätiien hingehört Sie 
ist ganz überraschend reich vertreten durch die Gerber, Lederer, die 
Süd- und westdeutschen Löher, Rothgerber, Weißgerb^ und die süd- 
deutschen Ircher; daran schließen sich die seltenen Corduaner und die 
schon halb zu den Kaufleuten gehörenden Lederschneider. Das alles 
arbeitet in die Hände der unendlich oft zu belegenden Schuhmacher 
oder Schuster, unter denen die Altbüßer, die ganz vereinzelt voi4:om- 
menden Korkenmacher, vielleicht auch besondere Verfertiger v<m Kin- 
derschuhen stehen ; endlich sind hier die Beutler anzuftüuren. < Nickt 
allzuhäufig seheinen Pelzer und Kürschner zusammengewohnt zu haben, 
deren Straßen bis jetzt nur in Norddeutschland nachgewiesen werden 
können. An das Waschen der Kleidung erinnern nur ganz seltene Na- 



STRA88ENNAMEN VON GEWERBEN. 2^ 

«len, zunächst die Bleicher^ dann die Amidammacher in Hamburgs di« 
Laucher in Eisenach uifd möglicherweise die unsidieren Asehgebt»r' in 
Stettin. 

Was znr Wohnung gehört, ist auffallend dürftig vertreten. Die 
wichtigsten Baugewerbe y die der Maurer und Zimmerleute , so alt sie 
audi sind, lassen doch keine Spur zurück in den Straßennamen ; sie 
müssen stets mehr in vereinzelten Wohnungen sich angesiedelt haben. 
Ich erwähne hier die Säger, welche die Bretter für den Zimmermann 
vorrichteten, allenfalls auch die Maler, beide sehr selten. Die Schlosser 
fähre ich imten an, Glasergassen gibt es gar nicht. In der fertigen 
Wohnung walten die Schornsteinfeger und Schlotfeger (weder Essen- 
kehrer noch die Dresdnischen Feueirüpel) ; filr die Beleuchtung sorgen 
schließlich die Ölschläger. 

Die Verfertiger verschiedener Qeräthe bilden eine sehr große 
Klasse. Hier möchte man an die Spitze das ehrwürdigste aller deutschen 
Gewerbe stellen, das noch lange nicht stolz genug auf seinen mythischen 
Ursprung ist, das der Schmiede. Sie haben ihre Spuren sehr häufig in 
den Straßennamen zurückgelassen, daneben kommen vor die zusammen- 
gesetzten Rothsdmiiede, Kupferschmiede, Ankerschmiede, Nagelschmiede 
und Messerschmiede (Brüokenschmiede hat es wohl nicht gegeben); 
femer die vornehmeren Goldschmiede und die tiefer stehenden Kettel- 
böter; zweifelhaft ist, ob sich hieran die Scharmacher anschließen. Mit 
dem Gusse von Metallgeräth beschäftigen sich Erzgießer, Kannengießer, 
Grapengießer, auch Glockner ; die feinste Metallarbeit liefern Nadler 
und Drathzieher. Den Schmieden jiahe stehen die Beckenwerker, Beck- 
macher oder Beckschlager, deren geographische Verbreitungssphäre im 
Einzelnen noch nicht mit Bestimmtheit angegeben werden kann; end- 
lich schließen sich hieran höchst wahrscheinlich die bis jetzt nur in 
westdeutschen Straßen nachgewiesenen Becherer. Kleinschmiede oder 
Schlosser sind Bezeichnungen desselben Gewerbes, jene mehr nord- 
deutsch, diese wohl mehr im Süden vertreten. Klampferer, Klempner 
und Spengler (letztere wohl nur süddeutsch) stehen eben so neben 
einander, femer die Siebmacher, die Schleifer, endlich die Schläger, 
wenn darunter Blechschläger zu verstehen sind. 

Vom Metallgeräth gehen wir zum hölzemen über. Tischler konunen 
in diesen Namen nur selten vor, ganz zweifelhaft sind die Stuhlmacher. 
Wagener und Rademacher finden sich, Stellmacher noch nicht. Neben 
einander stehen Binder , Böttger , Büttner und Küfer , jeder Ausdruck 
wohl in gewissen Landstrichen üblich, die aber noch nicht bestimmbar 
sind, i^ermacher, Korbmacher und Körb.:* liefern andere Gefkße, 



24 E* FÖRSTEMANN 

die Strohschnitter vielleieht Stroh zu ähnlichem Flechtwerk. An ganz 
specielles Greräth erinnern die Schaufler, während die Dreher in der 
Bedeutung zwischen Drechslern von Holzgefaßen und den Bemstein- 
drehem schwanken (letztere werden auch Patemostermaker genannt, 
kommen aber in dieser Bildung nicht in den Straßennamen vor). Mit 
Seilen und Tauen haben zu thun die Seilbinder, die Seiler, die süd- 
deutschen Henfer und die entschieden norddeutschen Reeper oder Reep^ 
Schläger. Irdenes Geräth liefern wohl durch ganz Deutschland die häu- 
figen Töpfer, während der Ausdruck Hafner mehr dem Süden ange- 
hört, eine Ulergasse aber speciell kölnisch zu sein scheint. Die Taschner 
mögen mehr süddeutsch sein ; sie stehen den oben erwähnten Beutiem 
nahe. An Schmuck erinnern die Spiegier, vielleicht auch di« wie es 
scheint undeutsehen Gräbschner» Am Schluße des Greräths mögen die 
Münzer ihre Stelle finden, desgleichen als Händler mit allerhand Geräth 
(auch mit Kleidern)* die polnischen Tagneter. 

Auch die Verfertiger von Waffen treten uns recht mittelalterlich 
entgegen in den Speennachem, den Schwertfegem und Klingem so wie 
den Bognem, femer in den Platnem und in den Schilderem, die gar 
nicht selten vorkommen ; auch die Sporer mögen sich hier anschließen. 
Selbst in das Gebiet der Kunst spielen diese Straßennamen hinüber 
durch die Schreiber, die Permenter und vielleicht die Stempfer. An die 
zeichnenden Künste erinnern die Zirkelschmiede, vielleicht auch die 
Stecher, an die Musik nur Stadtpfeifer und Sackpfeifer. 

Die Classe von Leuten, welche zwischen dem Handwerk und der 
ärztlichen Wissenschaft mitten inne stehen, finden wir wieder in den 
überaus häufigen Badern, wofiir in Norddeutschland zuweilen Badstüber 
gilt, in den Hebammen und Apothekern. 

Zur Beförderung der Waaren dient der Fuhrmann, Kutscher, 
Karrenführer und Säumer, letzterer nur aus dem Süden nachweisbar, 
femer der Träger und Kornträger, minder sicher der Schaffner, Gröper, 
Gräupner und Stertzen 

Schiffer und Bootsmann fUhren uns zum Seewesen hinüber. 

Unter den niederen Beamten, deren Spuren ich mit verfolgt habe^ 
sind ganz vereinzelt der Todtengräber, der Heidereuter, Stallschrciber 
und Weinmeister, letztere drei nur aus Berlin nachzuweisen, dann aber 
vor allem die Wächter der öffentlichen Ordnung, die Diener und Ratha- 
diener, die Stadtknechte, die Wächter und Trabanten, die Büttel, Hä- 
scher und Schergen. Ihnen reihen sich als würdiger Schluß die Schinder, 
Scharfrichter und Nachrichter an. Ich erinnere hiebei daran, daß es in 



STRASSENNAMEN VON GEWERBEN. 25 

Görlitz eine oben nicht erwähnte Armesündergasse und eine Verräther- 
gasse gibt. 

So reich auch dieser Überblick das gesammelte Material erscheinen 
lässt, so findet sich darin doch gewiß noch lange nicht die Hälfte der 
in deutscher Sprache vorhanden gewesenen Handwerksbezeichnungen. 
Aus den öfters pben erwähnten Lübeckischen Zunftrollen ftlhre ich hier 
nur diejenigen Bezeichnui^en an, welche wir in den obigen Straßen- 
namen bis jetzt nicht vertreten fanden: Apengeter, Armborsterer, Bar- 
berer, Büdelmaker, Buntmaker, Decker, Prybecker, Garbrader, Glase- 
werter, Glotzenmaker, Harmaker, Hamschmaker, Hennepspinner, Holt- 
dreier, Holtenluchtenmaker , Hudekoper, Isemluchtenmaker, Kannen- 
maker, Kerssengeter, Estenmaker, Koelmeyster, Kimtormaker, Küter, 
Lakenbereder, Lantveringe, Louwentkoper, Luchtenmaker, Mestbereder, 
Missingsleger, Murlude, Oltlaper, Panelenmaker, Patemostermaker, Pla- 
tensleger, Remensleger, Remensnider, Rothloscher, Russverwer, Sadel- 
maker, Sallupenmaker, Schachtsnider, Schepestimmerlude, Schniddecker, 
Semer, Senckler, Stalmenger, Stockvischweker, Tymmerlude, Want- 
farwer. Welcher Blick in das reiche Leben einer einzigen Stadt thut 
sich da auf! Ein Realwörterbüch unserer deutschen Handwerksbezeich- 
nungen müßte einen gewaltigen Sprachreichthum enthüllen. 

Aber auch ftLr die betreffenden Straßennamen selbst ist meine 
Sammlung noch nicht im entferntesten vollständig, namentlich nicht ftlr 
Süddeutschland; aus der Schweiz bringe ich vollends gar nichts bei, 
eben so wenig aus den baltischen Ländern Russlands. Viele Chroniken 
und Städtebeschreibungen habe ich aufgeschlagen, die keinen einzigen 
Straßennamen lieferten, höchstens die Namen der Hauptsraßen. Geradezu 
betrübend war es mir, daß ich trotz einer Reihe schöner Werke über 
Straßburg und trotz mehrerer Grundrisse der Stadt nichts von dorther 
mftiliren honnte; was helfen die französischen Straßeonamen, die oft 
die genauesten und feinsten mundartlichen Ausdrücke verwischen! Genug, 
es thun mir noch viele Nachträge Noth, und ich ersuche diejenigen, 
welche solche liefern können und wollen, recht herzlich, sie entweder 
mir oder unmittelbar dieser Zeitschrift einzusenden , damit sich alles 
Zusammengehörige auch zusammenfinde. 

Den ersten solcher Nachträge kann gleich mein Freund Bartsch 
liefern, den ich mit diesem Aufsatze freudig als den Herausgeber dieser 
Blätter begrüße. Unter den Städten nämlich, aus denen ich kein Ma- 
terial beibringe, ist auch Rostock. Und doch wurde ich gerade auf diese 
Stadt besonders neugierig, ^s ich bei Petr. Lindeberg ehronicon Ro- 
stochiense (1596. 4*) Seite 141 folgende leider nur lateinische Straßen- 



26 J* LABIBEL, EIN PASQUILL DES XV. JAHRHUNDERTS. 

namen las: platea piscatonun^ fusorum, aeramentariorumy balneatorum^ 
fabronim major et minor ^ institorum, lanificum; camificum antrqoa et 
nova^ capsariorom, doliariorum, pileonam^ reBtionum^ cerdonum, popi- 
nariomm^ bajaloram^ pistorum major et minor^ molitorum etc. 
DRESDEN. . 



eyt 



EIN PASQUILL DES XV. JAHRHUNDERTS. 

Benedicite Benedicite 

De la jeanesse de nostre ftreire de Bany vnse» bniden jonck 

de la saigesse de duc de Calabre des von Calabre m& 
de haultrecudance de Bourbon For des von Borbons mütwil 

de Torgeul de cellaj de Biytaigne des von Brytaigne hohrondicb *) 

de puissauce de conte de Charloys des von Charlays mechtich 

Et de l'orribilit^ de conte d'Armyniack des von Armeniack gräßlich 
Libera nos domine. Libera nos Domine. 

Vorsteb^ndes kleine Denkmal^ auf das mich Herr Jos. Haupt auf- 
merksam machte, entnehme ich der Hs. 4763 der Wiener Hofbibliothek^ 
wo dasselbe auf dem ersten Vorsetzblatt vs. von einer Hand des 15. Jahr- 
himdert, eingetragen ist. (s. Denis L Sp. 2881 — ^2886, wo der franzö- 
sische Text auch abgedruckt ist.) Der Hauptinhalt der Handschrift, der 
'Thesaurus pontificum' des Johannes Calderini, ist nach einer Notiz auf 
Bl. 135** im Jahre 1464 geschrieben. Die in unserem Pasquill ^nannten 
Personen sind die Häupter der gegen Ludwig den XI. geschlossenen Ligue 
für das Staatswohl: Ludwigs Bruder Karl Herzog von Berri, Johann 
Herzog von Calabrien^ Sohn Ren^'s von. AnjoU; Johann H. von Bourbon^ 
Franz H. Herzog von Bretagne, Karl Graf von Charolais, der bekannte 
nachmalige burgundische Herzog Karl der Ktthnc; und Johann V. Graf 
von Armagnac. Da Ludwigs Bruder noch von Berri genannt wird, so dürfte 
unser Pasquill in der Zeit zwischen der Entstehung der Ligue und den 
Verträgen in Folge des Vordringens der Verbündeten vor Paris, durch 
die Eiu*l Herzog von der Normandie wurde, also 1466 und zwar nodb vor 
October entstanden sein**). Dem Deutschen weisen schon Formen wie 
jonckeyt, hohmudicheyt seine Heimath am unteren Rhein an und dazu 
stimmt eine Notiz an der Innenseite des vorderen Deckels der Hand- 
schrift: 'no de panno Colon. Delpsch alte koere Coli Daniel ap'. s. Antho\ 
WIEK, 24. Januar 18G9. J. LAMBFJ^ 



*) hohnmudich Hs. 
**) Wenn meine historische Deutung das Richtige trifft, so habe ich Herrn Prof. 
Th. Sickel zu danken für freundlich ertibeilte belehrende Winke. 



27 



ÜBER DIE EINZIEHUNG DER NORWEGISCHEN 
ODELSGÜTER DURCH K. HARALD HARFAGRI. 



Jedermann wciß^ daß K. Haraldr hirfagri gegen Ende des 9. Jhd. 
eine tief in die Freiheit des norwegischen Grundbesitzes einschneidende 
Verfiigang erließ^ und daß diese erst im vierten Jahrzehnte des 10. Jhd. 
wat&r allgemeinem Jubel durch K. Htfkon g6di wieder rückgängig ge- 
macht wurde. Aber wenn zwar diese beiden Hiatsachen allerdings 
durdii unanfechtbare Zeugnisse sichergestellt sind^ so unterliegt doch 
die Deutung der auf sie bezü^ichen Berichte hinreichenden Schwierig- 
keiten , um einer großen Verschiedenheit der Meinungen über die Be- 
deutung jener Maßregeln Raum zu lassen, und wirklich gehen die An- 
siditen der competentesten Autoritäten in dieser Beziehung weit aus- 
einander. Da nun aber die richtige Würdigung jener Vorgänge fUr die 
Auffassung des gesammten Wirkens des K. Haralds vom erheblichsten 
Einfluße ist, mag der Versuch immerhin gewagt werden^ ob sich nicht 
durch eine nochmalige PrtUung der einschlägigen Quellenmittheilungen 
im Zusammenhalte mit dem, was wir sonst über EL Haralds Zeit wissen, 
ein endgültiges Ergebniss filr die Geschichtsforschung gewinnen lasse. 
Ich stelle zur Erieichterung des Überblickes diese Quellenzeugnisse 
ninädist in drei Qruppen getheilt hier zusammen. 

1. DieHeimskringla (ed. Unger) erzählt in ihrer Haralds s. 
hirfagra, cap. 6, S. 51. 52: ^Haraldr konungr setti ]>ann r6tt alt )>ar 
er hann vann riki undir sik^ at hann eignadist 6dul öH, ok l^t alla beendr 
gjalda sir landskyldir^ b»di rika ok drika. Hann setti jarl i hvejrju fylki, 
^ann er dcema skyldi log ok landsr^ ok heimta sakeyri ok landskyldir, 
ok skyldi jari hafa ])ridjung skatta ok skylda til bords s^r ok kost- 
nadar. larl hverr skyldi hafa undir s6r 4 hersa eda fleiri, ok skyldi 
hverr )>eirra ha& 20 marka veizlu. Jarl hverr skyldi £& konungi i her 
60 hermanna af sinum eignum kostnadi^ en hersir hverr 20 menn. En 
svi mikit hafdi Haraldr konungr aukit älög ok landskyldir^ at jarlar 
hans höfäu meira riki en konungar höfdu fyrrum. En er ]>etta spurd- 
ist um ]>rAndheim9 )>A s6ttu til Haralds konungs margir rikismenn ok 
gerdust hans menn.^ Femer in ihrer Häkonar s. göda^ cap. 1, S. 83: 
^Hikon hafdi ]>at upphaf sins mäls^ at hann beiddi b<Bndr vidtöku 
ok gefa s^r konungsnafn^ ok ])at med, at veita s^r fylgd ok styrk til 



28 K. MAURER 

at halda konungdöminum. En }>ar i m6t bauet hann }>eim at gera alla 
boendr ödalborna, ok gefa J)eim ödul sin er ä bjoggu. At }>essu erendi 
yard r6mr svä mikill, at aUr bondamügrinn oBpti ok kalladi, at }>eir vildu 
hann til konungs taka, ok var svd gert, at })r(Bndir toku Häkon til 
konimgs um alt landit; J)d var hann 15 vetra. Tök hann ser ])& hird, 
ok for yfir land. J^au tidindi spurdust ä Upplönd, at })roendir höfdu 
ser konung tekit slikan at öUu sem Haraldr hinn härfagri var, nema 
}>at skildi, at Haraldr hafdi allan 1yd i landi }>rselkat ok ä})jät, en ]>essi 
Häkon vildi hverjum manni gott ok baud aptr at gefa böndum 6dul 
sin, }>au er Haraldr konungr hafdi af Jieim tekit. En vid J)au tidindi 
urdu allir gladir,** u. s. w. — Mit der ersteren Stelle stimmt aber fast 
wörtlich überein, was die Flateyjarbök in ihrem Haralds ])Ättr 
härfagra, cap. 460, S. 569. 70 bringt, und was nach ihr unter der 
Überschrift: üpphaf rikis Haralds härfagra, cap. 4, schon früher in 
den FMS. X, S. 182 — 3, zu lesen gewesen war. 

2. Die geschichtliche Olafs s. hins helga (ed. ünger) sagt 
in ihrem cap. 1, S. 3: „Jarll setti hann i hverio fylki til lanzstiomar 
oc laug at döma," und in cap. 1, S. 4: „J)i er Haralldr konungr her- 
iadi land oc atti orrostur ])a eignadiz hann sva vendiliga allt land oc oll 
ödol. bedi bygdir oc setr oc uteyiar eignadiz hann sva markir allar 
oc alla avdn lanzens. voro allir buendr hans leigumenn oc landbuar;" 
endlich in cap. 8, S. 8 erzählt sie fast wörtlich wie die Heimskringla 
den Vorgang mit Häkon g6di. — Mit der Darstellung dieser Quelle aber 
stimmt hinwiederum nicht nur die Bearbeitung der Olafs s. ens 
helga in den FMS., IV, cap. 1, S. 6 u. 8 , dann cap. 7, S. 15— 16 
fast wortwörtlich überein, sondern dasselbe gilt auch in Bezug auf die 
Bearbeitungen der Olafs s. Tryggvasonar in den FMS. Ij cap. 1, 
S. 1, cap. 2, S. 5, und cap. 13, S. 20 — 21, dann in der Flateyjar- 
bök, I, cap. 1, S. 39, cap. 3, S. 41, cap. 14, S. 49- 

3. Die Eigla, cap. 4, S. 6—7 (Reykjavik, 1856) berichtet femer: 
„Haraldr konungr eignadist i hverju fylki ödul öU ok allt land, byggt 
ok übyggt, ok ja&vel sjöinn ok vötnin. Skyldu allir büendr vera hans 
leiglendingar, svä Ipeir, er mörkina ortu, ok saltkarlamir ok allir veidi- 
menn, bsedi ä sj6 ok landi, J)ä väru allir J)eir honum lydskyldir. En 
af |)essi äjijän flydu margir menn af landi ä brott," u. s. w. Pemer 
cap. 62, S. 140: „Vard Häkon miklu i^ölmennri, ok oUi J)at ])vi, at hann 
setti }>au log i landi, at hverr madr skyldi eignäst 6dul sin, }>ar er ädr 
hafdi Haraldr konungr hvem mann ä})jäd, b«edi rika ok ürika.** — 
Diesen Bericht hat hinwiederum die jüngere Recension derGisla 
s. Siirssonar, S. 83 — 4 (ed. Konräd Gislason) sehr verwässert wieder- 



ÜBER DES EINZIEHUNG DER NORWEGISCHEN ODELSGÜTER. 29 

gegeben, nicht ohne bezüglich H. H&ons zugleich die Darstellung der 
Heimskringla oder einer der ihr folgenden Sagen zu benütsen. 

Dies unsere Quellen. Es mag sein, daß es einer eingehenderen 
Prüfung gelingen könnte, alle drei Ghruppen derselben auf eine letzte, 
ihnen allen gleichmäßig zu Grunde liegende Urquelle zurückzufahren. 
Wir haben allen Grund anzunehmen, daß die Heimskringla sowohl als 
die selbstständig umlaufenden Bearbeitungen der beiden Olafssagen in 
gleicher Weise auf des Snorri Sturluson Schriften über das Leben 
beider Könige beruhen, und es wäre demnach recht wohl möglich, daß 
dessen Bericht auch an den hier einschlägigen Stellen nur hier und 
dort in etwas abweichender Weifte benützt worden wäre ; auch wäre 
keineswegs undenkbar, daß zwischen der Darstellung der Eigla und 
eben jenem Berichte Snorri's irgend welche engere Beziehungen obge- 
waltet haben könnten, wie denn zumal zwischen jener ersteren und der 
Wortfassung der Quellen meiner zweiten Gruppe unverkennbar gewisse 
Anklänge bestehen. Da indessen unsere sämmtlichen Quellenberichte 
ihrem Inhalte nach in keiner Weise wesentlich von einander abweichen, 
ist deren genetisches Verhältniss zu einander ftbr meine Aufgabe ohne 
entscheidende Bedeutung, imd kann ich demnach diese schwer zu er- 
ledigende Frage hier ganz bei Seite liegen lassen. Betrachtet man sich 
aber den Inhalt der obigen Stellen, so wird man sofort zweierlei un- 
verkennbar in denselben ausgesprochen finden, nämlich einmal die Be- 
schlagnahme alles Grundbesitzes in Norwegen durch K. Harald, und 
zweitens einen besonderen Zusammenhang dieser Maßregel mit einer 
früher nicht hergebrachten Besteuerung des Landes. Je liachdem sie 
den einen oder den andern dieser beiden Gesichtspimkte mehr oder 
minder betonten, sind denn auch die bisherigen Ausleger £u sehr ver- 
schiedenen Auffassungen der Verftlgung des Königs gelangt. Die älteren 
Geschichtsforscher haben sich vorwiegend an die fiscalische Bedeutung 
derselben gehalten. Schon ])orm6dr Torfason sprach sich ziemlich 
deutUch in diesem Sinne aus (1711) '); bestimmter noch erklärt sich 
Gerhard Schö.ning dahin, daß es sich nur um eine Besteuerung der 
Odelsgüter durch den König, nicht um die Einziehung des Eigenthums 
an denselben gehandelt haben könne (1773) *) ; mit nicht geringerer 
Bestimmtheit hat sich femer auch TygeRothe im gleichen Sinne 
geäußert (1781)*), anderer minder gewichtiger oder minder deutlich 



') Historia Noiregiae, II, S. 7. 

') Norges Riige» Historie. 11, S. 494—5. 

') Nordens Statsforfatning för Lehnsticken, I, S. 39—40. 



30 K. MAURER 

sich aussprechender Autoritäten ganz zu geschweigen. Umgekehrt legen 
die neuesten Qeschichtschreiber Norwegens^ P, A. Munch nfimlich 
(1852) *) und R. Key ser (1867) •), das entscheidende Gewicht auf die 
Einziehung der Gilter. Sie fassen K. Haralds Neuerung geradezu dbr 
eine Beschlagnahme alles echten Eigens im Lande auf , welche dann 
durch K. Hikon wieder aufgehoben worden sei, und wollen dieselbe mit 
jenem durchgreifenden Gegensatze in Verbindimg bringen, weldier ihrer. 
Ansicht zufolge zwischen einer älteren Oddsrerfassung und einerneueren 
Feudalverfassung bestanden habeii soll; kraft seines Eroberungsrechtes/ 
nehmen sie an, habe E. Hmrald das Obereigenthum an dem gesammten 
Gb*undbesitze seines Ruches an sich gerissen, und nur als Lehen dessen 
einzelne Stücke seinen einzelnen Unterthanen theils belassen, theils auch 
neu eingeräumt , wogegen dann E. H^on den Standpunkt des Er- 
oberers aufgegeben und das frühere imgetheilte Eigenthum der einzelnen 
Odelsbesitzer' wieder hergestellt habe. Ganz eigenthttmlich aber ist die 
Auffassung Dahlmanns (1841)'). In einer besonderen Anmerkung 
kehrt er sich gegen Kolderup-Rosenvinge, welcher bereits vor den bei- 
den neunorwegischen Historikern eine der ihrigen verwandte Meinimg 
ausgesprochen hatte ; aber andererseits will er K. Haralds Verfiigung 
doch auch nicht auf die Bedeutung der bloßen Einführung einer Grund- 
steuer reduciert sehen, vielmehr die Stammgutsqualität der Odelsgüter 
durch diesen König beseitigt und durch dessen Sohn wieder hergestellt 
wissen. 

Gilt es nun, unter diesen sich schnurstracks entgegenstehenden 
Ansichten eine Wahl zu treffen, so ist zunächst so viel klar, daß all- 
gemein geschichtliche Erwägungen sieh den neueren Auffassungen durch- 
aus ungünstig und weit eher mit der älteren Meinung verträglich zeigen. 
Betrachten wir uns einmal den Zustand Norwegens zu der Zeit, da 
K. Harald denselben umzugestalten unternahm. Jedes der 20 — 30 kleinen 
Gebiete (fylki; seltener riki, land, mdrk), in welche das Land sich 
theilte, bildete der Regel nach einen Staat &Xr sich und nur ausnahms- 
weise waren hie und da mehrere Volklande durch Eroberung, Erbgang 
oder Heirath zu einem ausgedehnterexL Reiche verbunden; weit seltener 
noch machten sich in einzelnen Gegenden die ersten Anfilnge umfas- 
senderer und zugleich dauerhafterer Völkerbündnisse geltend. Der Regel 
nach hatten dabei die einzelnen Volklande oder doch wenigstens die 



») Det norske Folks Historie, I, 1, S. 466—68 u. S. 714—16. 
3) Norges Stats- og Retsforfatning i Middelalderen, S. 30—32. 
^) Geschichte von Dannemark, II, S. 85—86 und S. 299;^ 



ÜBER DIE EINZIEHUNG DER NORWEGISCHEN ODELSGÜTER. 31 

einzelnen Hundertschaften (h^r öd), aus welchen dieselben sich zusammen- 
setzten, kleine Könige an ihrer Spitze (fylkiskonüngar, h^radskondngar), 
oder wenn die ErbUchkeit der Würde noch nicht völlig ausgeprägt war, 
wenigstens Häuptlinge, welche nur aus einigen wenigen hervorragenden 
Geschlechtem des Bezirkes genommen werden konnten (fylkar, hersar; 
seltener jarlar). Wenn mm K. Harald, die Bestrebungen seiner nächsten 
Vorgänger fortsetzend , die Alleinherrschaft in Norwegen aufzurichten 
unternahm, so mußte dieses sein Bestreben zunächst gegen die bisher 
regierenden Häuser sich kehren, welche durch den Alleinherrscher, 
wenn dessen Unternehmen überhaupt gelingen sollte, nothwendig voll- 
ständig imterdrückt, oder doch zum Allerwenigsten mediatisiert werden 
mussten ; das Verhältniss des Königthumes zu dem geringeren Volke 
konnte dagegen bei dem damit gesetzten Wechsel in der Person seines 
Trägers einstweilen noch völlig unberührt bleiben, und daß es von dem- 
selben unberührt bleibe, lag im augenscheinlichsten Interesse des kö- 
niglichen Revolutionäres selber. Es war vollkommen folgerichtig, wenn 
Harald die ganze Regierungsgewalt der früheren Häuptlinge an sich riss, 
um sie foilian durch von ihm selbst eingesetzte Beamte in seinem eigenen 
Namen ausüben zu lassen; vollkommen folgerichtig also, daß er Jarle 
und Hersen an die Spitze der einzelnen fylki und hiröd setzte, und 
deren Verpflichtungen gegen seine Person sowohl als gegen die ihrer 
Leitung untergebenen Bezirke des Näheren feststellte. Aber was in aller 
Welt sollte ihn bestimmt haben, sofort auch die ganze übrige Basis 
der hergebrachten Verfassung aufzugeben, und durch den Versuch, 
alles Grundeigenthum im Lande an sich zu reissen und die gesammte 
Bauerschaft durch die Verwandlung ihres Eigens in Lehen in seinen 
persönlichen Dienstverband zu ziehen, sich neben der Aristokratie auch 
noch die Demokratie seines zukünftigen Reiches als Gegner auf den Hals 
zu laden? In den odelgeborenen Bauern hatte der König nicht nur den 
eigentlichen Kern des norwegischen Volkes zu respectieren , sondern 
auch seine natürlichen Bundesgenossen gegen deren bisherige nächste 
Oberen, die alten Fürstengeschlechter, zu suchen; wie sollte ^r^es da 
gewagt haben, durch eine so durchgreifende Maßregel wie die Einzie- 
hung aller Odelsgüter dem bittersten Hasse dieser ganzen einflußreichen 
Classe sich auszusetzen, deren ganze Stellung im Staate gerade auf den 
Besitz dieser Güter begründet war, — wie sollte er vollends vermocht 
haben, neben dem Widerstände der ihm ohnehin feindlichen Fürstenhäuser 
auch noch den von ihm selbst hervorgerufenen Widerstand des ganzen 
Bauernstandes zu überwältigen? Dahlmajms Annahme, daß es dem Könige 
um die Beseitigung des Stammgüterrechtes zu thun gewesen sei, „um 



32 K. MAURER 

die starre Isolirung der Fylken zu brechen,** erweist sich solchen Er- 
wägungen gegentlber als völlig haltlos, zumal da eine derartige Ten- 
denz der Anschauungsweise der älteren Zeit durchaus fremd und über- 
dies mit der Begründung der neuen Amterhierarchie auf die Eintheilung 
des Landes in hferöd und fylki geradezu unvereinbar war; aber auch 
Munchs imd Keysers Annahme einer allgemeinen Confiscation alles 
G^mdbesitzes im Reiche wird kaimi den obigen Bedenken gegenüber 
sich halten lassen. Man beruft sich freiUch darauf, daß nach allgemeiner 
altgermanischer Auffassung der Übergang des Obereigenthumes an allem 
eroberten Lande auf den erobernden König sich von selbst verstanden 
habe; aber dem gegenüber darf denn doch als feststehendes Ergebniss 
aller neuerer Forschungen bezeichnet werden, daß der Grundsatz: 
„nulle terre sans seigneur", wie ihn das spätere französische und eng- 
lische Recht allerdings aufstellt, dem älteren germanischen Rechte durch- 
aus fremd war, daß das Lehenswesen sogar im fränkischen imd angel- 
sächsischen Reich erst sehr allmälig von ziemlich bescheidenen Anfängen 
aus zu seiner späteren politischen Bedeutung emporwuchs, und selbst 
in diesen seinen Anfängen mit der Eroberung Galliens oder Britanniens 
in gar keinem unmittelbaren Zusammenhange stand; daß femer von 
entsprechenden feudalistischen Anschauungen in Skandinavien sich vol- 
lends auf Jahrhunderte hinaus keine anderweitigen Spuren nachweisen 
lassen. Ist hiemach in keiner Weise abzusehen, wie K. Harald, dessen 
Unternehmung sich ohnehin nur durch die Größe ihres Zieles und ihres 
Erfolges von denen seiner nächsten Vorgänger imterschied, zu jener 
monarchischen Theorie gelangt sein sollte, welche man ihm neuerdings 
wohl zu- imputieren sucht, so ist auch nicht zu übersehen , daß deren 
Consequenzen sich doch jedenfalls nur auf die von ihm eroberten, nicht 
auch auf die von ihm ererbten Lande beziehen konnten, während doch 
unsere sämmtlichen Quellen von einer Einziehung und Besteuerung 
alles Grundbesitzes im ganzen Reiche sprechen,^ und hinterher ganz 
beson<ters den günstigen Eindruck der Rückgabe der Odelsgüter in den 
Hochl^lien hervorheben, in einer Landschaft also, die von K. Harald 
gutentheils ererbt, nicht erobert war, — nicht zu übersehen femer, daß 
am Anfange wenigstens das Vorgehen dieses Königs ganz deutlich nur 
gegen das Kleinkönigthum als solches gerichtet war. Nur unter dieser 
Voraussetzung begreift sich nämlich die geringe Theilnahme, welche 
dessen Untergang bei dem ganzen übrigen Volke fand. Man betrachtete 
den Kampf um dessen Fortbestand offenbar nur als eine Angelegenheit, 
welche die Angehörigen der verschiedenen regierenden Häuser unter 
sich auszufechten hätten, und bei welcher die kleineren Leute höchstens 



ÜBER DIE EINZIEHUNG DER NORWEGISCHEN ODELSGÜTER. 33 

vermöge ihrer persönlichen Sympathieen oder Antipathieen ftlr oder gegen 
diesen oder jenen einzelnen Fürsten betheiligt seien. Aber auch im spä- 
teren Verlaufe seines Vorschreitens kann der König im Großen und 
Ganzen keine andere Linie eingehalten haben. Zwei unserer ältesten 
und zuverlässigsten Quellen sagen ausdrücklich von ihm in Bezug auf 
seine spätere Begierungszeit: ^gladdisc hann af })egnum sinom oc })egnar 
af honum, en rikit af hvaurotveggia ^) ;^ ein Nachruhm dieser Art aber 
mochte zwar allerdings einem gewaltigen Könige, der durch hartnäckige 
Kämpfe die Einheit seines Reiches gegründet hatte ^ auch dann noch 
zu Theil werden, wenn er sich drückender Zwangsmaßregeln zur Durch- 
führung dieses seines Zweckes schuldig gemacht hatte, indessen doch 
immer nur unter der Voraussetzung, daß der geübte Druck die große 
Masse seiner Unterthanen unberührt gelassen, oder doch wenigstens 
nicht allzutief verletzend berührt hatte, — unmöglich aber konnte der- 
selbe einem Despoten gespendet werden, welcher den privatrechtKch 
wie politisch werthvollsten Theil des Vermögens seiner sämmtlichen 
Unterthanen ohne jegHchen Rechtsgrund confisciert und bis an sein Ende 
widerrechtlich in der eigenen Hand behalten hatte. — Auf dasselbe 
ErgebnisB föhrt endlich auch noch eine weitere Erwägung hinaus. Weder 
der Mönch Theodorich, noch das Agrip af Noregskonünga 
sögum, noch das mit beiden zusammenhängende Breve chronicon 
Norvegiae weiß irgend etwas von der Einziehung des Ghrundeigen- 
thums durch K. Harald, noch von dessen Zurückgabe durch K. Häkon; 
die Fagrskinna aber schweigt von der letzteren ebenfalls ganz, wäh- 
rend sie bezüglich der ersteren sich nur auf die kurze Notiz beschränkt, 
^J)ar eptir sidadisk landit , guldusk skattar hit efra sun hit ytra" *). 
Es ist kaum begreiflich, daß alle diese Quellen von einer so weittra- 
genden Gewaltsmaßregel, wie die Einziehimg aller Odelsgüter gewesen 
sein mußte, gar keine Kenntniss gehabt, oder daß sie, falls sie solche 
Kenntniss hatten, derselben Erwähnung zu thun unterlassen haben sollten, 
während sich ganz wohl begreift, daß die bloße Auflegung einer Steuer 
von ihnen nur im Vorbeigehen erwähnt oder selbst ganz Übergangen 
werden konnte, und es stimmt hiezu recht wohl, daß auch die oben 
ausgeschriebenen Stellen sammt und sonders die Belastung des Grund- 
eigenihumes durch Abgaben ganz besonders hervorheben, und daß die 



>) Agrip, cap 4, S. 380 (FMS. X) ; Heimskringla, Haralds s. hirfagra 
cap. 25, Seite 67. 

•) §. U, S. 9; vgl dazu Flateyjarb6k, I, S. 575: „hereftir ruddiz landit. 
ok sidadizst. Haralldr konungr skattade landit hit efira setn hit ytra.** 
6ERM4N1A. N«a« Rtibe II. (XIV.) Jatbrg. 3 



34 K. MAURER 

Heimskrin^Ia wenigstens die ganze Neuerung mit dem Bestreben Ha* 
ralds in Zusammenhang bringt, durch möglichste Hebung der Einkünfte 
des Königthumes die Dotation seiner Jarle und Hersen zu steigern^ 
um dadurch den Eintritt in den Königsdienst auch ftLr die vornehmsten 
Männer lohnend und lockend zu machen. 

Aber freilich lässt sich gegen alle diese Erörterungen ein Einwand 
erheben, der sie vollständig zu Boden zu schlagen geeignet scheinen 
möchte, der Einwand nämlich, daß ihnen der tibereinstimmende Wort- 
laut der sämmtlichen Quellen, welche überhaupt K. Haralds und K. 
Häkons Verfügungen besprechen, in bestimmtester Weise widerspricht. 
Sammt und sonders sprechen diese Quellen in unzweideutigster Weise 
von einer Aneignung des Grundbesitzes Seitens des Königs, und 
hierin liegt die unbestreitbare Schwäche der von Torfaeus, Schöning, 
Tyge Rothe verfochtenen Ansicht; fragt sich indessen, ob der kate- 
gorische Widerspruch, der hier zwischen den klarsten Ergebnissen der 
Quellenauslegung und den zwingendsten Erwägungen der geschicht- 
lichen Construction zu bestehen scheint, nicht etwa durch die Heran- 
ziehung anderweitiger geschichtlicher Thatsachen sich lösen lasse. Es 
ist längst bekannt, daß noch in zwei anderen Fällen von einem Über- 
gange aller Odelsgüter einer bestinunten Landschaft in die Hand ihres 
Fürsten berichtet wird; diese geschichtlichen Parallelen aber zur Be- 
wältigung der vorliegenden Schwierigkeiten heranzuziehen hat wunder- 
licher Weise noch Niemand versucht, obwohl zumal Muncb auf die Ana- 
logie der drei Vorkommnisse wiederholt hingewiesen hat '). Ich will 
nun diesen Versuch hier anstellen. — Der eine der hiehergehörigen 
Fälle hängt mit der Unterwerfung der Insel Man durch K. Gudrödir 
Crovan zusammen, welche etwa in den Jahren 1070 — 1080 vor sich ge- 
gangen zu sein scheint, und wird in der einzigen darüber berichtenden 
Quelle, der Chronica regum Manniae et Insularum, S. 4 (ed. 
Munch) folgendermaßen erzählt: „Godredus sequenti die optionem 
exercitui suo dedit, vel si mallent Manniam inter se dividere et in ea 
habitare, vel cunctam substantiam terrae accipere, et ad propria remeare. 
Ulis autem magis placuit totam insulam vastare et de bonis illius di- 
tari, et sie ad propria reverti. Godredus autem paucis qui secum reman- 
serant de insulanis australem partem insulae, et reliquiis Mannensium 
aquilonarem tau pacto concessit, ut nemo eorum aliquando änderet jure 
haereditario sibi aliquam partem terrae usurpare. Unde accidit ut usque 
in hodiemum diem tota insula solius regis sit, et omnes redditus ejus 



*) Vgl. z. B. Det norske Folks Historie, I, 1, S. 516; Chronica Manniae, S. 63. 64. 



ÜBER DIE EINZIEHUNG DER NORWEGISCHEN ODELSGÜTER 35 . 

ad ipsum pertineant." In diesem Falle liegt nun, falls unsere Übeiv 
lieferung anders glaubwürdig ist, eine wirkliche Einziehung alles Grrund- 
eigenthumes unzweifelhaft vor, und in diesem Falle stützt sich dieselbe 
unzweifelhaft wirklich auf das Recht der Eroberung; nach beiden Sei- 
ten hin also lässt dieser Fall sich fllr die Munch-Keyser'sche Ansicht 
geltend machen. Aber es darf doch nicht übersehen werden, daß der 
Bericht unserer Chronik einen ziemlich sagenmäßigen Anstrich hat, und 
wie Munch selber zugibt, recht wohl hinterher entstanden sein kann, 
um die eigenthümlichen Besitzverhältnisse auf der Insel zu erklären, 
nachdem deren wirkliche Entstehung bereits dem Gedächtnisse ent- 
schwimden war. Zu berücksichtigen ist femer, daß der Vorgang, wenn 
derselbe wirklich geschichtlich begründet sein sollte, jedenfalls um etwa 
zwei Jahrhunderte von K. Haralds Lebenszeit abliegt, und nicht Nor- 
wegen selbst, sondern den Inseln des Westens angehört, auf denen das 
wildeste Vikingerieben von jeher seinen Sitz hatte; daß femer aus der 
Möglichkeit einer Einziehung alles Grundbesitzes auf einer nicht einmal 
20 nM. großen Insel nicht wohl auf die Durchftlhrbarkeit einer glei- 
chen Gewaltmaßregel in einem Reiche wie Norwegen geschloss^i wer- 
den kann. Endlich ist auch nicht unbeachtet zu lassen, daß die Folge 
der Einziehung nach der Chronik selbst die war, daß ftb* die Zukunft 
auf der Insel jedes Erbrecht an Grund und Boden fttr die Unterthanen 
völlig ausgeschlossen, und deren Besitzrecht somit im vollsten Sinne 
des Wortes auf das Recht eines bloßen Pächters, sei es nun auf Zeit 
oder auf Herrengunst, herabgedrückf war, während doch ftb* Norwegen 
eine gleich radicale Durchftkhrung des ausschließlichen Herrenrechtes 
kaum Jemand wird behaupten wollen, und z. B. aus der Eigla, cap. 57 
S. 124 klar ersichtlich ist, daß ein Erbrecht an liegenden Gütern eben 
so gut wie an der Fahrhabe daselbst auch unter K. Eirikr bl6döx, also 
zu einer Zeit anerkannt war, welche zwischen der Einziehung der Güter 
durch K. Harald und deren Rückgabe durch K. Hikon in der Mitte 
lag. Aus dieser Parallele also glaube ich ftlr die Erklärung der von 
K. Harald getroffenen Verftlgung Nichts entnehmen zu dürfen. — Der 
zweite der hier zu besprechenden Fälle dagegen gehört dem Schlüsse 
des 9. Jhds. an, also der Regierangszeit K. Haralds selbst, und bezieht 
sich auf die Orkneys. Zwei Söhne eben dieses Königs hatten den Rögn- 
vald Maerajaxl erschlagen. Ein Sohn des Getödteten, Torf-Einarr, der 
Beherrscher der Orkneys,, hatte sodann einen der Schuldigen in Übung 
der Blutrache grausam ums Leben gebracht und war daftlr von dem 
Könige seinerseits mit Krieg überzogen worden. Endlich wurde ein 
Vergleich geschlossen, zwischen dem Könige einerseits und dem Jarle 

3* 



36 K. MAURER 

sammt seinen Unterthanen andererseitß^ da aueli diese von Harald fiir 
die That ihres Häuptlinges haftbar gemacht wurden. Da erzählt nun 
die Flateyjarbök in ihrer Orkneyinga s., Bd. I, cap. 183, S. 224 
Folgendes : „Haralldr konungr lagde gialld a eyiamar ok bad J)a giallda 
60. marka gullz. ^inarr jall baudz til at hallda seinn upp gialdinu 
ok seignaz odul }>eirra öll. en bsendr tiilldu }>at ])mat hinir audgu hugd- 
uzst leysa mundu odul sin en hinir snaudu höfdu ekki fe til. ^inarr 
greidde upp gialldit ok uar J)at leinge sidan at jallar attu odul oll adr 
Sigurdr jall gaf upp Orknneyingum odul sin." In cap. 186, S. 226 — 
227 wird dann hinterher noch berichtet, wie Sigurdr jarl digri am Ende 
des 10. Jhdts. von den Schotten bedrängt, „gaf Orknneyingum odul sin 
til lidufleitzslu^" und wie nach erkämpftem Siege „fengu J)a Orknney^ 
ingar odul sin;** wenigstens jene erstere Erzählung findet sich aber 
nahezu gleichlautend auch in der Heimskringla, Haralds s. här- 
fagra, cap. 32, S. 71 — 72, wogegen ein kürzerer Bericht über die 
Geschichte der Inseln, welche in deren Olafs s. ens helga, cap. 99, 
S. 322, in die späteren Bearbeitungen dieser letzteren Sage 
(cap. 81, S. 91, ed. Unger, sowie cap. 91, S. 212 in den EMS., IV), 
endlich in die Orkneyinga s., S. 2 der Ausgabe Jon Jönsson's ein- 
gestellt ist, zwar in Etwas abweicht, aber doch in keiner flir unsere Frage 
irgendwie erheblichen Richtung, und überdies wohl nur in Folge einer 
Ungenauigkeit in der Wiedergabe seiner Vorlage. Nach jener Erzäh- 
limg nun ist es ganz und gar nicht irgend welche Eroberung, durch 
welche die Abtretung der Odelsgüter auf den Inseln bedingt ist, son- 
dern lediglich ein auf einem Vertrage beruhendes Privatgeschäft; der 
Jarl legt flir seine Bauern eine bestimmte Summe Geldes aus, und 
dafllr treten ihm diese sofort ihre Güter ab, ohne daß dabei von der 
einen oder von der anderen Seite her irgend welche feudalistisch-monar- 
chische Theorie in Mitleidenschaft gezogen würde. Insoweit ist da» 
Geschäft juristisch unzweifelhaft als ein Kaufgeschäft zu construieren, 
bei welchem nur in Folge eines mit ihm combinierten Zahlauftrages die 
Erläge des Kaufyreises nicht an die Verkäufer, sondern statt ihrer an 
einen von ihnen bezeichneten Dritten zu geschehen hatte; aber die 
eigenthümliche Natur des Handels ist mit dieser Construction allerdings 
m alle Weite noch nicht vollständig erschöpft. Einmal nämlich blieb 
doch wohl auch hier, ähnlich wie in Norwegen, der Besitz der abge- 
tretenen GKlter nach wie vor bei den abtretenden Bauern, obwohl unsere 
Quellen allerdings über diesen Punkt vollkommen schweigen; eine Land- 
leihe muß demnach doch wohl auch hier an den Landkauf in der Art 
sich angeschlossen haben, dass der Käufer jedes einzelnen Besitzthumes 



ÜBER DIE ANZIEHUNG DER NORWEGISCHEN ODELSGÜTER. g7 

feugleich dessen Verieiher^ der Verkäufer aber dessen Leiher war, und 
Wenn die lehnrechtliehe Terminologie analog angewendet werden darf, 
stellt sich somit der ganze Vorgang als ein kaufsweise vermittelter 
Lehnsauftrag dar. Zweitens aber wird uns ausdrücklich gesagt, daß 
die Bauern nur darum auf den Vorschlag ihres Jarles eingegangen seien, 
^weil die Vermöglichen meinten ihre Odelsgllter einlösen zu können, 
die Armen aber kein Geld hatten tun zu bezahlen;^ der Verkauf also, 
welcher von den Ärmeren eingegangen werden mußte, weil ihnen über- 
haupt kein anderer Ausweg blieb, wurde von den Reicheren nur darum 
angenommen, weil er ihnen ihre Qüter nicht auf alle Zukunft entziehen, 
vielmehr wie bei jedem anderen Verkaufe von Odelland so auch hier 
die Wiedereinlöstmg des Verkauften stets vorbehalten bleiben sollte. 
Man sieht, wenn das Geschäft zwar formell sich durchaus als ein Güter- 
verkauf mit selbstverständlicheib Vorbehalte der Wiedereinlösung zu 
Gunsten der sämmtlichen stammgutsberechtigten Verwandtschaft des 
Verkäufers darstellte, so war dabei doch materiell im Grunde nur die 
Contrahierung einer Pfandschuld beabsichtigt, bei welcher der Verpfilnder 
den Besitjs imd Genuß des Pfandobjectes behalten, aber daftLr ein Pacht- 
geld entrichten sollte, welches gewissermaßen die Stelle einer Verzin- 
sung des Capitalbetrages der Schuld zu vertreten bestimmt war. Die 
Zurückgabe aber der Odelsgttter durch Sigurd jarl Hlödvesson fällt bei 
solcher Betrachtung materiell lediglich imter den Gesichtspunkt des Er- 
lasses einer Pfandschuld, während dieselbe formell allerdings als eine 
schenkungsweise Rückgabe des Eigenthumes an den betreffenden Gütern 
aufzufassen ist. 

Ich wüßte nicht, was uns hindern sollte, diese zuletzt besprochene 
Parallele ftbr die Erklärung der von K. Harald getroffenen Verftlgung 
zu benützen. Der Vorgang, um den es sich handelt, ist quellenmäßig 
vollkommen genügend bezeugt; er gehört überdies derselben Zeit an, 
in welcher K. Harald herrschte, und hat auch in seinem weiteren Ver- 
laufe, bezüglich der Rückgabe nämlich des Odels durch Sigurd jarl, 
mit dem was in Norwegen geschah, die überraschendste Ähnlichkeit. 
Benütze ich aber die dargebotene Parallele, so ergibt sich sofort die 
dringendste Wahrscheinlichkeit, daß auch in Norwegen die Wieder- 
einlösung dier vom Könige eingezogenen Odelsgüter durch die odels- 
berechtigten Geschlechter von Anfang an ins Auge gefasst war, und daß 
somit gerade die Stammgutsqualität dieser Güter, in deren Beseitigung 
Dahlmann den Schwerpunkt der Maßregel Haralds finden zu sollen 
glaubte, von dieser vollkommen unberührt bUeb. Man wende nicht ein 
daß unsere Quellen des vorbehaltenen Einlösungsrecbtes mit keinem 



38 K. MAURER 

Worte Erwähnung thun. Dieses verstand sich nach dem geltenden 
Rechte wie bei jedem anderen Besitzerwechsel, so auch bei diesem von 
selbst, und brauchte eben darum nicht erwähnt zu werden; umgekehrt 
aber wäre der Process, welchen Egill Skallagrimsson um das Jahr 933 
herum über den Nachlass seines Schwiegervaters am Gula))inge fthrte, 
rein undenkbar , wenn nicht das Erbrecht in die fiüheren Odelsgtlter 
trotz ihrer Einsiehung fortbestanden hätte , und mit diesem Erbrechte 
hieng denn doch andererseits auch das Einlösungsrecht wieder auf das 
Engste zusammen. Die jederzeit offengelassene Möglichkeit der Wieder- 
einlösung der vom König eingezogenen Güter schließt aber auch von 
Vornherein jeden Gedanken an einen Zusammenhang zwischen der 
GtLterbeschlagnahme und einer angeblichen neuen staatsrechtlichen Ober- 
eigenthumstheorie aus. Wollte das Recht des Monarcfhen auf den Satz 
des späteren Feudalrechtes basiert weisen, daß dieser Obereigenthümer 
seines ganzen Landes sei, so konnte durch keine Einlösung auch nur 
der kleinste Theil des Reichsgebietes wieder in Alod verwandelt wer- 
den; umgekehrt aber erklärt sich, wenn wir den Zusammenhang der 
Gutseinziehung mit dem angeblichen Eroberungsrechte fallen lassen, 
vollkommen befriedigend, warum auch die von Harald ererbten Reichs- 
theile jener verfallen konnten. Bestand femer das Erb- imd Einlösungs- 
recht der betreffenden Geschlechter an ihren früheren Odelsgütem trotz 
der Einziehimg dieser letzteren fort, so blieb damit nicht etwa bloß die 
volle Wiederherstellung der früheren Rechtszustände fortwährend fiir 
die Zukimfr in Aussicht, sondern war auch fiir die Gegenwart nicht 
in Frage gestellt, was sich an Ansehen imd Standesvorrechten fiir das 
einzelne Haus an den Besitz von Odel knüpflie ; nach wie vor konnten 
ja die odelgeborenen Geschlechter von den nicht odelgeborenen imter- 
schieden werden, und daß sie wirklich von ihnen unterschieden wurden, 
daß es also nur ein ungeschickter Ausdmck ist, wenn die Heimskringla 
sammt den ihr folgenden Quellen erst durch K. Hikon die Bauern 
wieder odelgeboren werden lässt, zeigt wiederum die oben in Bezug 
genonunene Episode in der Eigla. Nur der Vermögenswerth also, welcher 
in den Odelsgütem steckte, und allenfalls deren Steuerfreiheit erlitt 
durch K. Haralds Verfligung eine Einbuße, und die von ihm erzwungene 
Gutsabtretung stellt sich, materiell betrachtet, im Grunde nur als eine 
kolossale Brandschatzung dar, deren Entrichtung durch die Abtretung 
der betreffenden Güter wie durch eine Verpfitndung gesichert, und 
deren Capitalbetrag überdies bis zu seiner wirklichen Ausbezahlung in 
Gestalt der Pachtgelder verzinst wurde, welche bis zu d^r erfolgten 
Wiedereinlösung fiir den Besitz und Genuss der Güter zu entrichten 



ÜBEB DIE EINZIEHUNG DER NORWEGISCHEN 0DEL8GÜTER. 39 

waren. Anders als auf den Orkneys ist freilich in Norwegen der Be- 
trag der Sunune; um welche die Wiedereinlösung der Güter statthaft 
sein sollte^ so viel sich aus unseren Quellen ersehen läast^ nicht von 
Anfang an bestimmt gewesen; indessen ließ sich zu einer Zeit, in welcher 
die Pachtzinse in einem ziemlich gleichmäßigen Verhältnisse zimi Guts- 
werthe zu stehen pflegten, aus ihrem Betrage leicht der Werth jedes 
einzelnen Gutes berechnen, und überdies mochte ja nöthigenfalls hier 
eine Schätzung ganz ebensogut in Mitte treten, wie dies in anderen 
Fällen der Odelslösung noch nach unseren Rechtsbüchem wirklich 
vorkam. Die sogenannte Zurückgabe aber der Odelsgüter durch K. 
H^on trägt materiell auch hier wieder lediglich den Charakter eines 
Erlasses einer noch ausständigen Capitalsumme, durch welchen natür- 
lich deren Verzinsung sowohl als die zu ihren Ghmsten bestehende 
Verpfifcndung sofort eo ipso beseitigt wird ; formell freilich erscheint sie 
auch hier wieder als schenkungsweise Rückgabe des Grundeigenthumes 
selbst Eben darum aber, weil weder die Stammgutsqualität des Odels 
noch dessen politische Bedeutung durch K. Harald angegriffen, imd auch 
in den staatsrechtlichen Beziehungen des Königs zu der großen Masse 
seiner ünterthanen von ihm Nichts geändert worden war, war die 
Wiederherstellung der früheren Zustände durch K. Häkon so ungemein 
einfach zu bewerkstelligen; wäre wirklich die Verbindung der einzelnen 
Güter mit der betreffenden Familie völlig gelöst, die Sonderung der 
Stände, so weit sie auf dem Besitze oder Nichtbesitze von Odel be- 
ruhte, völlig getilgt, das Recht des Königs endlich seinen Bauern gegen- 
über auf eine privatrechtliche Dienstpflicht statt auf den staatsrecht- 
lichen Unterthanenverband begründet gewesen, so wäre die Rllckkehr 
zu der früheren Verfassung nach Ablauf eines halben Jahrhunderts viel- 
leicht überhaupt nicht mehr, jedenfalls aber nicht mehr ohne neuerliche 
sehr tief gehende Erschütterungen der inzwischen entstandenen Rechts- 
verhältnisse durchzuführen gewesen. Bedenkt man, wie viel dem K. 
Harald daran gelegen sein mußte, die Unterwerfung unter seine Ober- 
herrschaft auch den angesehensten Häuptlingen plausibel tu machen^ 
so begreift sich, wie er auf jene Gewaltmaßregeln verfallen mochte; 
da der überkommene Besitz der Krone nicht genügen wollte, um den} 
gesteigerten Bedarf an Mitteln zu begegnen, mußten neue Einnahms- 
queUen eröffnet werden, und da nahm eben der König ohne Scrupel 
das Geld, wo er es zu finden wusste. Berücksichtigt man ferner, daß 
Brandschatzungen und Besteuerungen auch schon vor K. Harald oft 
genug in Norwegen vorgekommen waren, so erklärt sich auch, daß 
das Volk dessen Gewaltstreich immerhin noch mit einer gewissen Ge- 



4D OSKAR SCHADE 

lassenheit über sich ergehen lassen konnte. Schwer genug mag freilich 
der Druck der neuen Besteuerung empibnden worden sein, und tiefe 
Erbitterung scheint dieselbe vielfach wirklich erzeugt zu haben; aber 
da denn doch der Verlust immerhin nur ein pecuniärer war, und die 
Wiederherstellung der alten Steuerfreiheit überdies für die Zukunft 
immerhin noch möglich gemacht war, mochte das Volk sich dennoch 
in Anbetracht der übrigen guten Früchte der Alleinherrschaft und aus 
Achtung vor der überwältigenden PersönUchkeit des Alleinherrschers 
mit dem erlittenen Zwange rasch aussöhnen, und die G-eschichtschreiber 
mochten auch ihrerseits jene G-ewaltmaflregel als etwas vergleichsweise 
Untergeordnetes ganz unerwähnt lassen, oder doch ausschließlich oder 
sehr vorwiegend nur im Lichte einer fiscalischen Maßregel darstellen. 
Jedenfalls aber darf jetzt als vollkommen befriedigend aufgeklärt gelten, 
warum die vorwiegende Betonung ihrer fiscaUschen Seite mit der eben 
80 bestimmten Hervorhebung des Charakters einer Eigenihumsberaubung 
Hand in Hand gehen konnte; die materielle Bedeutung der Maßregel 
war wirklich eine völlig andere als diejenige, welche die formelle Ein- 
kleidimg derselben erwarten lassen sollte« 

BiÜNCHEN, den 7. November 1868. K. MAURER. 



ZU DEN DEUTSCHEN VERSEN IN DER 
NOTKERISCHEN RHETORIK. 



Der letzte Herausgeber des bekannten Stücks der notkerischen 
Bhetorik, das die deutschen Verse* enthält — in den Denkmälern deutscher 
Poesie und Prosa aus dem 8.— 12. Jhd. Berlin 1864 Nr. XXVI — hätte 
wissen können oder nicht verschweigen sollen, daß außer den S. 318 
namhaft gemachten, von Wackemagel und Hattemer gedruckten beiden 
Handschriften der Rhetorik noch eine dritte vorhanden, auf die schon 
im Jahre 1835 in den Göttingischen gelehrten Anzeigen Bd. 2 S. 911 
Jacob Grimm hingewiesen und daraus ebds. S. 911 — 913 den wichtigen 
Brief Notkers an den Bischof von Sitten mitgetheilt hatte. Da es wohl 
dem einen oder andern von Interesse sein dürfte zu erfahren, wie diese 
dritte Handschrift die besagte Stelle gibt, will ich sie wörtlich genau 
mittheilen. Es ist dieselbe Handschr^ der burgundischen Bibliothek 
zu Brüssel (in der auch die Ecbasis cujusdam captivi steht, die Jacob 
Grimm in seinen und Schmellers lateinischen Gedichten des 10. und 
11. Jhd. (Göttingen 1838) herausgegeben hat, von ihm daselbst S. 286 



zu DEN DEUTSCHEN VERSEN IN DER NOTKER. RHETORIK. 41 

als A bez^ichnet)^ eine Misehhandschrift in Folio versehiedenen Inhalts 
(ihr Inhalt ist von allen^ die sie bis jetzt beschrieben; nur ungenau und 
mangelhaft verzeichnet, von Hänel in Bichters Jahrbüchern ftLr Rechts- 
wissenschaft 1837 S. 760 ff., von Pertz im Archiv fUr ältere deutsche 
Geschichtskunde 1839 S. 1004 ff., von Reiffenberg im Bullet, de l'acad. 
royale des sciences des Bruxelles 1841 Bd. 2 S. 247 ff.), 231 Pergament- 
blätter stark, auf dem neuen Einbände den Titel fUhrend Homiliae 
Salmani L. Fr&ntini Hygeni Varia opuscula et earmina XII sec. Ein 
großer Theil ihres reichen Inhalts mag aber noch im 11. Jhd., wenig- 
stens auf der Grenze des 11. und 12. geschrieben sein : letzteres gilt 
entschieden von der Rhetorik, die auf der Vorderseite von Bl. 58 im- 
mittelbar im Anschlüsse an jenen von Jacob Grimm mitgetheilten Brief 
Notkers an den Bischof von Sitten beginnt Auf der Rückseite von 
BL 59 Spalte 1 unten und Sp. 2 oben steht unsere Stelle. Alles in ihr 
ist fordaufend ohne Absatz geschrieben, in einer außerordentlich kleinen 
und zierlichen Schrift mit den Abkürzungen, die in lateinischen Hand- 
8chrift;en jener Zeit üblich sind. Ich habe diese im folgenden Abdrucke 
natürlich aufgelöst und der besseren Übersicht wegen die lateinischen 
und deutschen Verse abgesetzt, lasse aber die Scheidezeichen genau 
wie die Handschrift sie gibt. Die Accente über den Vocalen der deut- 
schen Wörter, ihre Betonung und Quantität auszudrücken, sind (wie 
denn der Schreiber überhaupt mit dem Deutschen nicht recht fertig 
werden zu können scheint) theils falsch theils ungenau gesetzt, sie ste- 
hen mitunter auch über den Consonanten, man kann überhaupt manch- 
mal gar nicht entscheiden, wo sie hin sollen: eine Schwierigkeit ftlr 
den Abdruck, der, so genau es sich thun lässt, dem Augenscheine folgt. 

Hoc ad elocutionem pertinet. Ergo omnis locucio simplex vel figu- 
rata siue in sententiis siue in singulis dictionibus idonea fieri potest ad 
inuentionem. Simplex intelligentiam rei administrat proprietate uerborum 
figurata commendat se etiam uenustate compositionis artificiose aut sig- 
nificationis aliene. Vt apud uirgiUum. 

Marsa manus peligna choors festina uirum uis. 
Ma et na . gna et sa . ors . et ars . uis et ui similem . sillabe dissimli- 
bus distincte . gratam quodammodo concinnitudinem et concordem uarie- 
tatem dant et sint \mit anderer Tinte ein Punkt unier dem n] per indu- 
striam talis compositio in omni lingua causa delectationis sicut et illud 
steutonicum [Punkt von anderer Tinte unter dem anlautenden s], 

S6 s^ sn^l sn^llemd p^gag&net andermo 

so uuirt file siliumo fersniden scilriemo et item 



42 OSKAR SCHADE 

Der ebfer gat in litun er teget sper in situn . 
stn bald ell^n nelaz^t in uiiellSn 
He figure lexeos grece dicuntur . i • dictionis in qnibus sola placet com- 
positio uerborum Alie sunt diano eos . i • sententiarum ubi aliud dicitur 
et aliud intelligitur ut est illud 

Porcus pertaurum sequitur uestigia ferri 
Nam sineedochice de opere sutoris dicitur tintum dicitur et pars intel- 
ligitur Uel 3T[)erbolice ut uirgilius dixit de caribdi 

atque imo baratri ter gurgite uastos . • 
Sorbet in abruptum fluctus rursusque sub auras 
egerit altemos et sidera uerberat unda 
Nam plus dicitur et minus intellegitur Sicut et theutonice de apro . 
I'mo sfnt fu^ze fudermäze 
i*mo sfnt purste eb^nhöh forste 
ünde z^ne sine zvelifelnige 
Hec aliena sed propinqua sunt item per contrarium intellegitur sententie 
ut in consuetudine latinorum interrogantibus quesiuit no1s aliquis respon- 
detur bona fortuna . i • h^il ünde saldä et intellegitur nemo . quod 
durum esset . i • unmise [unterHrtehen\ ünmin'nesam ze sprecchene 
Similiter theutonice postulantibus obsonia promittimus sie alles libes 
cn*uge et*) intelligitur per contrarium propter grauitatem uocis . 

Ein paar Bemerkungen mögen die Mittheilimg beschließen. 

Wenn in dem Verse nelazet in uvsUen das uueUen nicht blos ver- 
schrieben^ sondern ernstlich gemeint ist, kann es nur sein weUen, weUan 
(wühl wal toullun gawoUan) Graff 1, 789, mhd. Wb. 3, 672^ mein Wb. 
704', das volvere wälzen rollen bedeutet, gemeiniglich transitiv, aber 
auch intransitiv wie unser rollen, vgl. Gramm. 4, 51 ff. Die Stelle hieße 
dann: trotzdem der Eber angeschossen ist und das Geschoss ihm in 
der Wunde steckt, schreitet er doch in seiner Kühnheit am Bergabhange 
weiter, ohne (stürzend hinab) zu rollen. 

Es ist nicht imbedingt nothwendig, was Denkm. S. 318 Anm. zu 
Z. 10 geschieht, in dem Verse adse snel snellemo die beiden letzten Silben 
von sneUemo als verschleifte zu nehmen; es kann auch der Tiefton in 
diesem Worte auf die letzte fallen, indem das o, obschon kurz, dem 
färb- und bedeutungsloseren e den Ton raubt: aose snel mSUemh, ganz 
wie dasselbe unzweifelhaft im Ludwigsliede 8 mit dem metrisch ge- 



*) Die Hs. gibt das gewöhnliche Zeichen fUr et und unmittelbar daneben, wie 
wenn es ein und dasselbe Wort sein sollte , ein durchstrichenes l , der Abkürzung 
fOr uel sehr ähnlich. 



zu DEN DEUTSCHEN VERSEN IN DER NOTKER. RHETORIK. 43 

nommen gleichen teinjemo geschieht hriwdh* sitiemb (jnnimo wäre hier un- 
möglich, da im Ludwigsliede keine Silbenverschleifung Statt hat: Lach* 
mann über ahd. Betonung und Verskunst S. 258), denn daß dieser Vers 
hrdoder tfinhnb zu betonen sei, wie Denkm. S. 284 von Müllenhoff be- 
hauptet wird, ist ein grober Irrthum. Die Betonung hrüodir bei fol- 
gendem consonantisch anlautendem, die Hebung auf der ersten Silbe 
tragendem Worte ist hier so wenig auffällig, wie die von ßngär, SdiUs 
bei gleichem Falle in den otfridischen Versen 1, 2, 3 fingar thtnan, 
1, 5, 7 zedileafrouüny 4, 35, 1 thS quam ein edilea man, die man indess 
hier nicht einmal herbeizuziehen braucht, da das Ludwigslied selber 
den Beweis der Möglichkeit dieser Betonung in ihm liefert im Verse 20 
was erbölgän Krüt: Hebung auf kurzer Silbe, die mit einem Conso- 
nanten schließt, ohne folgende Senkung, bei consonantischem Anlaute 
des nächsten Wortes, das in der Hebung steht, wobei die Lautfarbe 
des Vocals jener ktirzen Silbe (a oder e) ganz gleichgiltig ist, ebenso 
wie die Qualität des diesem Vocale folgenden Consonanten (n oder r). *) 
In der bereits angeführten Anm. S. 318 heißt es, Otfrid erlaube sich 
die Betonung dndr^mb] es werden drei Stellen aus ihm citiert und dann 
wird Ähnliches wegen auf de carm. Wessofont. p. 13 verwiesen. Be- 
trachten wir uns die Sache genauer, es wird sich zeigen, daß alles 
eitel Phantasie ist Zuerst die drei Stellen. Sie lauten nach der Wiener Hs. : 
4, 11, 50 thaz ein dndremo fdazi uuaage gemo 

4, 12, 13 Sah ein zi dnd/remo in hSrzen uuas in dngo 

5, 10, 23 Sah ein zi dndremo ioh förahJbun in aliumo. 

In der ersten Stelle hat der Palatinus auch über dem ein ein Beto- 
nungszeichen, was man sich merke ; in allen dreien schreibt der Frisin- 
gensis anderenu> , wie Kelle angibt, und die Collation dieser Hs. von 
Lachmann , die ich besitze , mir bestätigt : auf F ist aber hier wie in 
vielen andern Dingen nichts zu geben, Otfrid hat gewiss anäflremo ge- 
schrieben. Es sind übrigens die einzigen Stellen des ganzen Evangelien- 
buchs, in denen er den masculinisch-neutralen Dativ Sing, der Adjec- 
tiva auf etm in den Reim setzt. Wie sind nun diese Verse zu lesen? 
Das, sollte man meinen, wäre sehr einfach. Zunächst fallen zwei He- 
bungen auf andrenu) , ein Hoch- und ein Tiefkon , und man kann nur 
zweifelhaft sein, ob dndrimo (die beiden letzten verschleift) oder drvd/remb 



*) ÜbrigeoB kann ich snir Beruhigong des Entdeckers jener absonderlichen Be- 
tonung noch anführen, daß Lachmann im Winter 1847 anf 48, als ich die Geschichte 
der altdeutschen Poesie bei ihm hörte und er dabei auch das Ludwigslied interpre- 
tierte, diesen Vers gelesen hat wie ich oben gesagt, durchaus nicht wie Mttllenhoff will. 



44 OSKAR SCHADE 

(wie im Ludwigsliede nnemb) zu betonen : ich filr meinen Theil glaube 
das letztere, Otfrid Hebt diese Art der Betonung sehr, und dabei sind 
dann auch die Reime (die übrigens nicht den Ausschlag geben können) 
in Ordnung. Wohin fallen nun die beiden ersten Hebungen? Selbst- 
verständlich auf die beiden andern ersten Worte (zwei sind es nur, 
dann zi wird in seinem vocalischen Bestandtheile elidiert, wie stets bei 
Otfrid vor Vocalen, ohne daß es einer ausdrücklichen Bezeichnung be- 
darf : zandremo). Daß von diesen beiden Hebimgen die eine auf ein 
fallen müße, verlangt der Sinn imd P deutet es auch im ersten Verse, 
wie wir schon bemerkten, ausdrücklich an; daß ^e andere in den 
beiden letzten Versen auf «oA falle, hat nicht nur nichts Befremdendes, 
sondern ist im Gegentheil ganz in der Ordnung > sah ist hier doch 
wichtig genug; und indem die drei Hebungen unmittelbar auf einander 
folgen, sich gleichsam drängen, die Senkimgen unterdrückt sind, wird 
dadurch das Befremden, das unterdrückte Bangen malerisch geschildert. 
Daß aber im ersten Verse die erste Hebung auf thcuz falle, ohne daß 
eine Senkung folgt, ist zwar nicht besonders schiin, indess auch nicht 
ungewöhnlich : ich will ein andermal (hier würde es jetzt zu weit fahren) 
Beispiele genug flir solche Betonung beibringen. Ich lese daher diese Verse 

thdz ein ändremh 
sah ein zdndremb, 

wobei dann auch die Reime rein und ganz in Ordnung sind. Weiter. 
Es ist, wie schon erwähnt, auf de carm. Wessof. p. 13 verwiesen, um 
Falsches zu stützen auf Falsches. Es steht da etwas höchst Komisches. 
Es soll an drei Versen des 7. Capitels von Otfrids 1. Buche, des Can- 
tbum Mariae, eine von Lachmann über ahd. Betonung p. 266 ange- 
deutete Ausnahme von der legitimen Betonung gezeigt werden, an den 
Versen 4. 18. 24: die seien nämlich zu betonen 

4 mit lidin tichämhi (: diur^) 
18 ßrliaz er ttäU (: dM) 
24 mit dU^ säMSn (: selidSn), 

während doch jeder, der altdeutsche Metrik gelernt hat, weiß, daß die 
ursprünglich zweisilbige Präposition mit fehig ist, zur Hebung ohne 
folgende Senkung, vom mit g^'rii scdl des Hildebrandsliedes a^i bis zum 
durch dich mit im des mhd. Epos, weiß, daß die einsilbigen Formen 
des Artikels wie des persönlich geschlechtigen Pronomens der 3. Person 
(wie unzählige Beispiele belegen) derselben Betonung fähig sind und 
daher diese drei Verse ohne Anstoß lesen wird, wie sie hi der That 
nicht anders gelesen werden können 



zu DEN DEUTSCHEN VERSEN IN DER NOTJCER. RHETORIK. 45 

4 mit lidin l^chämen 
18 ßrliaz Sr ttale 
24 mü dlWn sctlidS'n 
oder den letzten auch mü dUSn sä'Udon. 

lichämen : diurin ist in der That nicht anders als göte : himiU 1, 5^ 3/ 
dUe : ttal^ nicht anders als uutsi : m «t' ad Hartm. 10^ und sälidSn : 
sMidd'n bedarf eben so wenig der Rechtfertigung, denn auch ohne Haupts 
Bemerkung in den Monatsber. der Berl. Acad. 1856 S. 576 war es fUr 
jeden ^ der sich um altdeutsche Metrik bemüht und daflir Sinn hatte, 
der sich im ahd. Sprachschatze die Formen angesehen und mit dem 
Mhd. verglichen hatte, handgreiflich , daß auch der Form nach mehr 
hervortretende Flexionssilben den Tiefton auf sich ziehen, den der 
strengen Regel nach die vorhergehende Bildungssilbe haben sollte, daß 
im Musp. engilä (: mdrhä) zu lesen sei und nicht SngÜä (verschleift); 
daß die Betonung w&ntaron, hüngorbgon für uoüntd/rdn, hüngbrogon ganz 
in der Ordnung sei. Wie kann ein gesunder Mensch, der methodisch 
zu Werke geht, auf solche Gedanken kommen wie Herr Müllenhoff 
mit jenen Betonungsversuchen, jenen kindlichen Scandierungsversuchen, 
jetzt wo wir an den Denkmälern der Übergangszeit mehr zu lernen 
Gelegenheit gehabt, wer nur lernen will, einer falschen früheren Ansicht 
des Meisters zu Liebe, die er im J. 1832 ausgesprochen oder nur an- 
gedeutet, die er später sicher selber hat fallen lassen. Aber allerdings 
man muß verstehen wollen und verstehen lernen : sehr richtig sagt das 
Herr Müllenhoff a. a. O. S. 254 und das passt auf ihn, und noch meh* 
reres Andere, was er dort sagt, passt auch auf ihn. 

Weil wir einmal bei der 13. Seite der Abhandlung de carm. Wess. 
sind, die übrigens auch auf andern Seiten des Curiosen genug enthält, 
wovon wir ein andermal reden wollen, will ich ftlr jetzt nur noch eine 
Bemerkung machen, die mit dem eben Besprochenen im Zusammen- 
hange steht. Da ist nämlich der Vers des Evangelienbuchs 1, 17, 45 
betont bt thes sterrhi fdrt, besser aber ist zu betonen K' thSs sÜrren 
fdrt : abgesehen von der Möglichkeit dieser Betonung gewinnt sie an 
Wahrscheinlichkeit dadurch , daß the9 hier mehr in demonstrativem 
Sinne steht. Femer kann man 1, 5, 5 flöug er sünnän päd ebenso gut 
lesen ßdug er sünwdn päd, man muß nur das er nicht zu sehr hervor- 
heben, ganz wie im Ludwigsliede hüzait her Hiüdwtg. 

Doch kehren wir zurück zu den Versen in der Rhetorik. 

Zußiodermäze mit seinen vier Hebungen, deren es legitimer Weise 
nur drei haben sollte, hätte die gleiche Betonung von tstarliutd Hild. 59 
angeführt werden sollen: im Hochdeutschen und Mitteldeutschen die 



46 OSKAR SCHADE, ZU DEN DEUTSCHEN VERSEN etc. 

einzigen mir bekannten Stellen ^ wo in derartig zusammengesetzten 
Wörtern der Tiefton gehalten ist Im Niederdeutschen kommt das, wie 
es scheint, ungleich häufiger vor. 

Man bemerke femer noch die Alliteration neben dem Endreime 
in drei Versen sKumo ifersniden (ungenau, wenn man seiUriemo hinzu- 
zieht), fitoze ifiwdermäze, zene : ztoelif einige. 

Daß die Verse Stttcke eines volksmäßigen' Gedichtes sind , ist 
mir nie zweifelhaft gewesen ; schon Lachmann hat sie entschieden daftlr 
erklärt. Und alles was Müllenhoff S. 320 über das Gedicht sagt, über 
den Gebrauch des Präsens, daß es Theile einer Botschaft seien, über 
die ungleichen Strophen in den zusammengehörigen Stücken, ist nicht 
von ihm, sondern nur etwas breitere Ausftihrung, Umschreibung und 
theilweise speciellere Fassung von dem, was Lachmann in seinen Vor- 
lesungen über die Verse längst gesagt hatte, den er nur nicht zu citferen 
beliebt Zum Beweise setze ich aus meinem Collegienheftie wörtlich 
genau die Äußerungen Lachmanns hieher, wie ich sie vor nunmehr 
schon 20 Jahren nachgeschrieben. 

„Die Rhetorik ist fast ganz lateinisch geschrieben, es sind aber 
gewöhnlich die Beispiele deutsch. 'So wie ein Schneller einem andern 
Schnellen begegnet, so wird sogleich zerschnitten der Schildriemen.' 
Das wird im Präsens gesagt, also aus einer Rede, sprichwörtlich. 'Der 
Eber geht auf dem Abhang, trägt das Speer in der Seite ; seine tapfere 
Kühnheit lässt ihn nicht fallen.' Da auch Präsens. Es kann nicht aus 
einer Erzählung sein. Wackemagel im letzten Hefte der Haupt'schen 
Zeitschrift bezieht es auf den kalydonischen Eber. Ich finde dazu keinen 
Grund. Ich halte es nicht flir Klosterpoesie, sondern ftlr echte Volks- 
poesie. Aber Wackemagel hat aufs Präsens auch nicht gemerkt. Das 
folgende sind aber nicht vier Zeilen, sondern sechs. Ist das Gedicht 
ein Leich gewesen, oder ists nur hier durch die Darstellung so geworden? 
'Ihm sind Füße ftidergroß , ihm sind Borsten ebenhoch den Forsten, 
und seine Zähne zwölf Ellen lang.' Wahrscheinlich gehört dies noch 
zum Vorigen." 

Es hat also keineswegs Müllenhoff diese Bemerkungen zuerst ge- 
macht, wie seine Darstellung a. a. O. glauben machen wiU, die keinen 
Gewährsmann erwähnt, und wie W. Scherer wirklich behauptet in sei- 
nem Leben Willirams (Wien 1866) S. 211, wo übrigens eine eigenthüm- 
liche Ansicht über die Bedeutung der Verse vom Eber vorgebracht ist. 

Meine Ansicht über die Verse ist die: Daß die beiden letzten 
Gruppen Der eher gät etc. und Imo sint ßwze etc. Theile eines und 
desselben Stückes sind; ist nicht zweifelhaft ; daß sie, wie sie überliefert, 



EUGEN PLEW, ZU DER N0TKERI8CHEN RHETORIK. 47 

ungleichstrophig sind; ist ebenso zweifellos; ob an der ersten der beiden 
Gruppen vom oder hinten eine Langzeile fehle, lässt sich nicht ent- 
scheiden, ist aber wenig glaublich. Daß die Verse Theile eines epischen 
Liedes gewesen , will mir nicht zu Sinne : sie wären dann , wenn in 
Strophen, gewiss nicht in ungleichen. Sie werden wohl aus einem volks- 
mäßigen Stücke anderer Gattung sein, möglich aus einem Räthsel : dazu 
würde das Präsens recht wohl stimmen, und dann könnten beide Stellen 
wohl auch immittelbar an einander gehören imd eine strophische Ein- 
heit von fiinf Langzeilen bilden. Oder es sind Stellen aus einem Lügen- 
märchen: Air diese Gattung sind die ungleichen Strophen im Modus 
florum bezeugt. 

KÖNIGSBERG i. Pr., Hat 1868. OSKAR SCHADE. 



ZU DER NOTKERISCHEN RHETORIK. 



Der im vorhergehenden Aufsatze besprochene Miscellancodex der 
burgundischen Bibliothek zu Brüssel aus dem 11./12. Jhd. (Pergament, 
klein Folio) *) enthält imter Nr. 10662 ff. eine merkwürdige Handschrift 
rhetorischen Inhalts, wohl aus dem Ende des 11. Jhd. Auf sie machte 
zuerst aufinerksam J. Grimm in den Gott. G. A. 1835, S, 911, wo er 
zugleich darauf hinweist, daß in derselben Hs. auch die (damals noch 
nicht ganz gedruckte) Rhetorik Notkers enthalten sei. Diese Notiz Grimms 
ist von Niemand weiter berücksichtigt worden, weder von Wackemagel, 
der 1844 in Haupts Zeitschr. IV S. 463 ff. die Rhetorik aus einer aus 
St Gallen stanunenden Züricher Hs. (Z) herausgab, noch von Hattemer 
Denkmale 3, 560 ff. — Nach dem erwähnten Briefe folgt in der Hs. 
nnter der Überschrift: Excerptum Ehetoricae Notkeri 7nag(i8tri) auf 
Bl. 58 — 60** die Rhetorik. Aus dieser Überschrift könnte man vermuthen, 
nur einen Auszug aus der Rhetorik zu erhalten ; vergleicht man aber 
unsere Hs. (B) mit der bei Hattemer gedruckten, aus Benediktbeuem 
stammenden Münchener (M), so ist der Umfang beider genau derselbe ; 
in B fehlt nur das Stück Hattemer 3, 561', 26—562' Ende : omnis res 
afrgumeniand^ confirnvaJtur — esse uidentur. Diese Partie ist aber an der 
Stelle, wo sie in M steht, ganz ungehörig, und steht auch in Z als ein 
eigenes Stück anscheinend nach der Notkerischen Rhetorik (Hattemer 
S. 531). Wir haben hier also in B nicht einen Mangel, sondern die ur- 



*) Zuletzt ist er besprochen von £. Grosse, Programm des Friedrichscollegs zu 
Königsberg i. Pr. 1867 , Sedali Scoti carmina inedita enthaltend. 



48 EUGEN PLEW 

sprüngliche richtige Form^ die in M durch jene Interpolation getrübt ist« 
Da mm, soviel wir sehen, B vollständig ist, könnte man vermuthen, 
daß Excerptum rhetoricae als Titel gedacht wäre, etwa so viel wieEx- 
cerpt, Collegienheft (Wackemagel) über Rhetorik. Die Eintheilmig der 
Rhetorik tritt nach Entfernung jenes Stückes klar hervor: es ist die 
am Ende der Einleitung Hatt. 561% 24 angegebene in mcUeria, ars, oratio. 
In diese drei Hauptabschnitte zerfällt die Abhandlung, freilich mehr 
formell als innerlich, denn materia und ars , die augenscheinlich von 
einander gesondert sein sollen, gehen vielfach in einander über. Zur 
Erkenntniss der Ghederung verhelfen namentlich auch die allein in B 
vollständig erhaltenen Überschriften, die in M fast ganz fehlen (Hatt. 
582'), in Z auch ungenügend sind. Daß jene von Notker selbst her- 
rühren, ist mir sehr wahrscheinlich, vgl. z. B. 569** oben, wo die Über- 
schrift in der weitem Auseinandersetzung vorausgesetzt zu werden scheint. 
Allerdings stellen die Überschriften in B vielfach über- und untergeord- 
nete Partien auf gleiche Linie ; allein derselbe Übelstand zeigt sich in 
den viel spärlichem Überschriften in Z : vgl. bei Hatt. Cap. 6 mit 7, 
8, 9, 10. — Der Text von B stimmt im Wesentlichen ganz zu dem 
von M, während Z viele Abweichungen hat. Da aber Z schon durch 
seine starke Verkürzung am Anfange willkürliche Veränderung von 
Seiten des Schreibers zu verrathen scheint, dürfte der Gruppe BM 
meistens vor Z der Vorzug zu geben sein. Allein während M sehr nach- 
lässig geschrieben scheint, ist B im lateinischen Texte bis auf Kleinig- 
keiten ganz correct. Die deutschen Stellen leiden in B an vielfachen 
Verschreibungen : wahrscheinlich ist der Schreiber von B an das Schrei- 
ben von Deutschem nicht gewohnt gewesen. Wesentliche Eigenthüm- 
lichkeiten zeigen sich in der Schreibart nicht, die vorhandenen sind 
durchweg alemannisch (vgl. unten), sei es, daß sie vom Schreiber her- 
rühren, oder aus dessen Vorlage stammen. — Auf die Notkersche Rhe- 
torik folgen in der Handschrift von derselben Hand rhetorisch gram- 
matische Schriften des Boöthius , Commentar zu des Porphyrius isagogae 
zu Aristot. peri hermeneias U.A., — Stücke, die augenscheinlich die 
Quellen zu den Notkerischen Arbeiten über Arist. Kateg. u. Hermen.? 
de partibus logicae und de syllogismis waren. Ihre Zusammenstellung 
in unserer Hs. verräth den Einfluß der St. Galler Schule. 

Im Folgenden will ich versuchen, fiir die beiden ersten Theile 
der Rhetorik, die besonders durch B gewinnen, auf Grund von B einen 
lesbaren Text zu liefern ; flir das Übrige werde ich die Varianten von 
B gegenüber dem von Hattemer constituierten Texte angeben. 



zu DER NOTKERISCHEN RHETORIK. 49 

Ezcerptnm Rhetorioas Notkeri Magistri. 
Olim dispamit , cujus Facies depingenda est *) , et quae nostram 
excedit memoriam^ eam qualis erat formare, difHcile est^ quia multi 
dies sunty ex quo desivit esse. Oporteret eam immortalem esse^ cujus 
amore ita languent homineS; ut abstractam tamdiu et mundo mortuam 
resurgere velint. Ubi Cato, ubi Cicero, domestici ejus ? nam si Uli re- 
dirent ab inferis , haec illis ad usum sermonis famularetur , sine qua 
nihil -eis certum constabat , quod ventilandum esset pro rostris. Quid 
autem est, quod in suam non redigatur originem? Naturalis eloquentia 
viguit, quousque ei per doctrinam filia successit artificialis, quae deinde 
riietorica dicta est Haec postquam antiquitate temporis exstincta est, 
illa iterum revixit Unde hodieque plurimos cernimus, qui in causis solo 
naturali instinctu ita sermone calltot, ut quae velint quibuslibet facile 
suadeant nee tarnen regulam doctrinae ullam requirant. Similes isti 
simt bis •) , qui ab initio plurimum potuerunt eloquio, quos deinde alii 
admirati et aemtdari conantes, dum observant eos loquentes, tempta- 
verunt quendam hujus rationis modum rapere et scripto legare, qui sibi 
et posteris pro roagisterio reservaretur. Ergo omnis ars imitatio est na- 
turae : verbi gratia quis nesciat ad aliquem nuntius directus , saluta- 
tionem praemittere, qua se suamque legationem commendetur? Hoc 
prius in consuetudine valuit, deinde inter rhetorica praecepta traditum 
ars dici coeperat. Ut ergo Augustinus dicit: antiquorum sapientiam 
quasi ducem comitata est eloquentia, ideo sapientiae non potuit deesse 
eloquentia ex eodem fönte manans naturae. Tu autem lector tria ob- 
servando rhetor eris. Haec autem sunt, de quibus vicissim dicetur: 
praecedens materia, et quae hanc hauserit ars, et hinc effusa oratio. 

De materia artis rhetorica e. 

Quid est materia ? taz man haben sal *) ze uuerche« Ut causa est, 
quam exigit rhetorica^ sine qua ipsa nihil operis habet Res et negotia, 
de quibus fiunt*) controversiae, causae dicuntur, i. machunga distrides*). 
Verbi gratia Orestes de quo legitur in trojana historia matrem suam 
occidit Clytaemnestram eo quod ipsa occidit patrem suum Agamemno- 
nem. Hoc factum causa dicitur, i. effectio: cujus? utique controversiae; 
quomodo ? quia ipse et defensores sui jure factum dicunt. Adversarii 
autem dicunt, non jure factum. Ecce causa quae propterea dicitur strit, 
quia effectrix illius est. 

Quot **) sint genera causarum. 

Est autem triplex : judicialis , i. tiu dindicha , quae considerat, 
quid aequum quid iniquum quid justum quid injustum ; versatur autem 

GEKSIA.NU. Neue Reihe H. (XIV.) Jahrg. 4 



50 EUGEN PLEW 

tota in accusando et dpfendendo , in petendo veniam aut poenam , ut 
illa est in Orestem. Deliberativa , i. tiu spaclicha ') , quae deliberat, 
i. pimeinit vel gechiusit vel ahtot®) quid faeiendum quid non faciendum^ 
sit. Haec considerat, quid utile quid inutile, et versatur tota in sua- 
dendo et dissuadendo ; ut in Bethulia presbyteri deliberant j tradere 
civitatem Holofemi : suadet ergo multitudo^ Judit autem sola dissuadet. 
Demonstrativa , i. tiu zeigonta unde diu chiesenta^ subauditur^ quis 
dignus Bit imperio vel episcopatu; haec quid honestum in eo sit vel 
turpe^ considerat et versatur tota in laudando cum vel vituperando. 

Quae sit harum trium divisio. 
Item quaelibet harum trium dividitur in Status legales et ratio- 
nales. Legales sunt, qui oriuntur de verbis in lege scriptis, dum ea 
diversi diverse Student interpretari. Rationales sunt, dum ratiionem facti 
vel consilii aliis approbantibus alii reprobant. 

Quid sint legales. 
Legales quinque sunt: Scriptum et sententia, scrift unde uuillo, 
subauditur legis latoris. Ambiguae leges. Contrariae leges. DifSnitio, 
rechtsaga®) uuaz iz ®) si, subauditur, de quo controversia est; ut apud 
Ciceronem quid sit navim relinquere vel in navi remanere opus est 
difBnire sie: in navi saucium se facere, hoc est navim relinquere; 
egredi et de scafa navim gubemare, hoc est in navi remanere. Ratio- 
cinatio , L einis dinges irrateni föne fonanderme "**) , i. quod non sit 
scriptum de eo, quod scriptum est. 

Quid sint rationales. 
Item Status vel constitutiones rationales sunt quatuor : Conjectura, 
i. ratisca, subauditur feceritne ; ut de Susanna Daniel conjectatus est; 
hinc liber et miles certamine, servus autem ignito ferro probatur. Dif- 
finitio vel finis, des namen forderunga vel scafunga vel endunga, sub- 
auditur nominis facti ; ut aliquando contenditur, factum ejus, qui equum 
sustülit furtum aut rapina dicendum sit : gravius namque punitur rapina 
quam furtum. Qualitas, subauditur facti, bonum an malum sit, justum 
aut injustum sit. Translatio, uuehsal ^'), subauditur personae vel loci 
vel temporis vel criminis vel poenae ; ut olim erat contentio, quia opor- 
tuit baptizari, utrum apud Arrianos vel apud Catholicos. 

De partibus qualitatis subalternis. 
Qualitas dividitur in juridiciale, i. strit umbe daz *^) tiet reht et 
negociale, i. strit umbe daz quoneheide. Item juridiciale partes habet : 
assumptivum, i. taz antseigidiga ^% et absolutum, i. taz para. Est enim 
assumptivum quod assumit defensionem , i. antseigida , et est absolutum 
quod non assumit defe&sionem. Assumptivum quatuor partes habet, 



zu DER NOTKERISCHEN RHETORIK. 51 

quae sunt: Confessio, i. keucht^ s. facti. Remotio, i. abenemiiuga, nou 
facti sed criminis a se in alterum. Relatio, i. uuideruuerfunga, non facti 
sed criminis a se laedente in cum qui prior provocavit. Comparatio 
criminis minoris ad majus. Item de concessione fit purgatio, i. uncul- 
digunga ^*) , et deprecatio , i. gnadonfleg^a **) ; de purgationQ impru- 
dentia, casus^ necessitas^ unuui'zenheit ^^)^ ungeuuandiu, geschit not ^^). 

Quid sint Status et constitutiones et unde constent. 
Status et constitutiones^ i. stata unde gestelleda, ipsa bella sunt 
eorum, quorum causa est sedente jam^'^) judice et auditoribus ceteris, 
in hunc modum: non jure, Orestes, occidisti matrem tuam. Haec est 
intentio, i. malize. At ille: jure occidi. Haec est depulsio, i. uueri sci- 
licet dis imrehtis, i. intentionis. Et subjungit : illa enim occidit patrem 
meum. Haec est ratio , i. antseigida , sc. sui facti. Item adversarius : 
non ergo oportuit te ulcisci patrem tuum in sanguine matris. Haec est 
infirmatio, i. luzeda, sc. rationis ejus. Respondit ille : mihi quoque mor- 
tem meditata est et universae familiae nostrae , i. gemagedo ; parva 
sunt haec : majus scelus ausa est , ita ut in ipsum senatum extendere 
manus et rempublicam delere conata sit. Hoc est firmamentum, i. festi- 
nunga, suae rationis. Haec sunt partes unius cujusque constitutionis et 
Status. In conjectura tantum sunt intentio et depulsio ; in ceteris additur 
ratio et iniirmatio praeter deprecationem : in ea namque confessio est 
cum penitentia, quia deest ratio facti ; in quibusdam et firmamentum est. 
Status autem et constitutiones dicuntur, quia verbis decertantes contra 
se invicem statuuntur et constituuntur. Solemus autem Status et con- 
stitutiones strit interpretari, sicut et causam. Deinde vertitur disceptatio 
constitutionis ab his, quorum causa est, ab Oreste scilicet et ejus ad- 
versariis, ad ceteros qui in judicio adsunt ; et dum contendunt, jurene 
fecerit occidendo matrem suam in ultione patris et defensione suae vitae 
totiusque senatus et reipublicae, haec controversia quaestio dicitur. Est 
autem quaestio *•) ex diversa opinione nata dissimilis sententia. Haec 
quoque strit dicitur. Materia talis est. 

Quid sit ipsa rhetorica. 

Sequitur, ut oratores, quos sibi paraverunt ex utraque parte Ore- 
stes et adversarii ejus, finem faciant hujus dissensionis, suadendo ceteris 
et majdme judicibus, utrum poenam vel impunitatem Orestes meruerit. 
Illam artem autem et illam scientiam, qua haec fieri rationabiliter pos- 
sunt, rhetoricam dicimus, Haec in anima oratoris sedet; materia vero 
artis non in ipso sed exterius posita est, in disceptatione scilicet Orestis 

4* 



52 EUGEN PLEW 

cum adyersariis suis. Primum semper materia datur^ deinde artificium 
expectatur. 

ünde sit sumenda oratio. 
Ecce orator parat se, ut in oratione sua defendat Orestem. Habist 
materiam orationis suae causam objecti criminis : ostendat artificium 
defensionis. Quantum ipse oratione est validus; tantum ille apparebit 
innoxius. 

De exordio narrationis. 
Et mox in exordiendo tres ipsius exordii debet ostendere virtutes, 
ut judices faciat benevolos, taz si ^*) in g&demo sin *^), attentos, i. zuo 
zimo *®) losende, dociles, i. femumftige. Quomodo haec fiant, a Cicerone 
in rhetoricis discendum est. 

De partitione et narratione. 
Sequitur partitio, deinde narratio. Istae tres partes orationis ab 
oratoribus acceptae etiam apud historiographos inveniuntur: prologus^ 
capitula, textus. Prologus lectores attentos et dociles facit. Benevolen- 
tiam comparare non opus habemus in historiis et in commentariis, sed 
in causis rhetoricis. Capitula sequentis libri distinctionem faciunt, textus 
vero ipsam rem expedit. Textus sive narratio in causis oratoriis et in 
libris historicis tres virtutes habet sicut exordium, ut brevis sit, i. spue- 
dich •*), lucida, i. offin, probabilis, i. kelouplich. Pro his quoque vade 
ad Ciceronem. 

De conclusione et confirmatione. 
Post narrationem si Orestis adversarii eam reprehenderint, oportet 
ejus defensores argumentis instare et narrationem suam confirmare; si 
convicerit eos, et si j am judices post se inclinavit, concludat breviter, 
vel indignando super improbitate eorum vel movendo auditores super 
innocentia Orestis; sicque peroratum est. 
De judicatione. 
Judicatio ergo sua et aliorum sibi consentiens impunitum cum et 
immunem a crimine facit. Quae forte talis est: Orestem, qm scelera- 
tissimae suae matris nece non suam sed commimem generis humani 
calamitatem exstinxit, non parricidam, sed patriae liberatorem et prae- 
mio dignum abjudicamus. Hoc exemplum relativae constitutionis est. 
De convictura {lies conjectura) **). 
De ceteris quoque constitutionibus vel statibus sicut et apud Cice- 
ronem exemplum tradendum est. Nam in conjectura de intentione et 
depulsione facti constitutio dinoscitur; ut ante regem Salamonem me- 
retrices contendunt : dormiens inquit altera oppressit filium suum ; et 
contrario illa dicebat: mentiris. 



zu DER NOTKERISCHEN RHETORIK. • 53 

Diffinitio. 
In diffinitione autem non factum negatur, sed nomen facti; ut in 
exemplo Ciceronis qui sacra vasa de domo privati subtraxit sacrilegii 
arguitor, confessus furtum sacrilegium negat 

Translatio. 
Li translatione autem minime certatur de facto , aut de nomine 
facti : non oportere tarnen dicitur fieri ubi factum est, ut in platea mis- 
sas celebrare; aut quando factum est, ut archiepiscopum pallio vestiri 
die non solemni ; aut a quibus factum est, ut ab hereticis baptizari ; 
aut quo crimine, ut si scismaticus est, hereticus scribatur; aut qua poena 
factum est, ut morte affici, qui VQrberibus castigandus sit. 

Qualitas. 
In qualitate, i. in generali constitutione, quaeritur hoc quod factum 
est bonum sit an male , utile aut inutile , aequum aut iniquum, justum 
aut injustum, ut in partibus ejus declaratur; sunt autem negotiale et 
juridiciale. 

De negotiali. 
Negotiale dinoscitur, dum involuta est quaestio, et ex utraque parte 
veri simile videtur, quod dicitur, nee facile pars altera alteri concedit. üt 
quidam uxorem in quadragesima duxit, quae ex eo filium genuit patre 
jam mortuo et germani fratres ejus hereditatem conantur subripere, 
dicentes : non potest heres fieri, qui de tali matre natus est, quae tem- 
pore ducta non legitime facta est ipsa non legitima. Defensores ejus 
dicunt: quomodo quae patri ejus licita erant, non legitima quoque essent? 
et si licita matrimonia illicite pater contraxerat et inique, filius non 
portabit hanc iniquitatem. De quibus verbis hinc et inde *') oriuntur 
plurima, quae in jure civili implicitas generant quaestiones. Ergo Cice- 
ronis de hac constitutione exemplum aliquantum abhorret a nostra 
consuetudine. 

Juridiciale. 
Juridiciale autem planius est, quia in eo quid aequum vel quid 
iniquum sit, secimdum jura naturae requiritur, non secundum consue- 
tudinem juris civilis ; et ideo juridiciale vocatur ista constitutio , quia 
in ea de jure dicitur, s. naturali. 

Assumptivum et absolutum. 
Habet ergo partes : assumptivum, s. defensionis extrinsecus, et ab- 
solutum, s. a defensione, i. mit antsegido unde ane antsegidä. Ut qui 
servum distraxit, objurgatus ab äliquo nil defensionis aliunde requirit; 
licere sibi hoc, tantum dicit. Hoc absolutum est. Assumptivo sunt qüa- 
tuor partes: comparatio^ relatio, remotio, concessio. 



64 ' EUGEN PLEW 

Comparatio. 
AgnoBcitur autem comparatio, dum ille, qui arguitur de aliqua re, 
ea se dicit majus damnum vitasse, ita ut ejus consideratione laudandum 
sit quod ipse fecit. Ergo quidam piscator, sociiim lapsum de navi dum 
cemeret mergi, retraxit eum unco ferreo, quem habuit ad piscandum, 
ocvlo ejus infixo. Qui postea ductus in Judicium pro laesione ejus oculi 
defendit se comparatione majoris periculi, quod non aliter evaderet 
mortem. 

Remotio. 
Remotio aütem talis est, ut defendat se quis negligentiae dicens: 
non ad me pertinuit, ut hoc facerem ; aut si arguitur facti, alterius jussu 
ad quem hoc pertinet se fecisse dicit. Ut minister, qui panem obtulit, 
objurgatus cur et potum non dederit, removet a Sß culpam et pincemam 
hoc officii habere dicit. Aut si arguitur sumptuose agere, non se, sed 
dominum sibi jubentera hoc agere ostendit. 
De relatione. 
Belatio.est, quando culpa retorquetur in provocantem, ut de Oreste 
dictum est. 

De concessione. 
Concessio criminis duplex est in purgatione et deprecatione. 

De deprecatione. 
Deprecationem cotidiana **) exempla döcent, quando delinquentes 
in judicio veniam postulant et nil defensionis aliunde parant Sicut et 
David confessus est peccata sua dicens : peccavi domino ; et Nathan 
propheta indulgentiam promisit atque respondit : dominus transtuUt pec- 
catum tuum, o David. 
De purgatione. 
Purgatio sequitur triplex: imprudentia, casus, necessitas. 

De imprudentia. 
Imprudentia purgat se, qui patrem vel fratrem in tumultu non 
agnoyit et occidit. Paulus quoque confessus est imprudentiam dicens: 
nescivi eum esse principem sacerdotum; scriptum est ergo, principem 
populi tui non maledices. Et item blasphemus et persecutor eram, sed 
veniam consecutus sum, quia ignorans feci. 
De casu. 
Casus defendit eum, cui aliquid injungitur et praeventus morbp 
aut vulnere aut hostili gladio aut subita inundatione fluvii aut aliqua re 
gravi et inopinata non potest obedire. Non sicut ille qui ait: uxprem 
duxi, et ideo non possum venire; potuit enim, sed noluit. 



zu DER NOTKERISCHEN RHETORIIC 55 

De necessitate. 

Necessitatem docet, quod saepe audivimus/ vi obpressam mulierem 
et innoxiam judicari. 

De statibus legalibus. Scriptum et sententia. 

Status legales sunt controversiae de legibus ortae. Ut pro equo 
injuste ablato quidam reddere voluit XII solides secundum legem Ala- 
xnannorum. Repetitor hos recusavit suscipere dicens, vile sibi pretium 
offerre pro equo pretiosissimo. At ille sifitis fecisse se ait secundum ju^ 
stitiam legis, nee eum posse statutum legis recusare, nisi velit ipsam 
legem dissolvere. De lege^ inquit^ nihil umquam incommodi venit, nee 
ad hoc data est, ut noceat, sed omnium utilitatibus consulat; et dum 
evangelium, cui nulla lex christiana contradioit, si quid aliquem defrau- 
davi reddo quadruplum dicat, quomodo tu fraudem fecisti, nee tantum 
pro eo quod fraudasti restituere cogitas ? Eme talem tanto , si potes. 
Ea sola ratio est, quae mihi suadeat, quod offers, suscipiendum^') esse, 
et tarn carum estimare. Eo pacto qui legem dedit credendus est *^) scri- 
bere de solutione damni et aliquem modum de restituendo equo pooere 
vel bove vel asino, quo eum non deberet quisquam carius emere. Iste 
Status vocatur scriptum et sententia, quia alius legis latoris scripto ni- 
titur , alius scriptum interpretando de sententia, i. voluntate scriptoris 
scripto contradicit Cicero hujus Status nobile dedit exemplum de graeca 
historia, quomodo Epaminondas, dux Thebanorum, dum annuam pote- 
etatem haberet, suecessori suo Statute tempore exercitum secundum 
scriptum legis non reddidit, sed pro utilitate rei publicae diutius ali- 
quanto secum retinuit, seque contra scriptum sententia scriptoris rationa- 
biliter defendit. 

De ambiguis legibus. 

Ambiguae leges sunt, ut est Ciceronis exemplum : meretrix coronam 
auream ne habeto; si habuerit, publica esto. Potest dubitari, meretrix 
an Corona publicetur. Apud nos autem Paulus leg^m statuit dicens: 
unus quisque habeat suam uxorem propter fomicationem ; melius est 
enim nubere quam uri. Ambiguum enim videtur, an de laicis vel etiam 
de clericis dixerit *''). 

De contrariis legibus. 

Contrariae videntur quae hujusmodi sunt : Ne respondeas stulto se- 
cundum stulticiam suam, ne efficiaris ei similis. Et item: responde stulto 
secundum stultiliam suam ne sibi sapiens videatur. Sed utraque per 
discretionem suscipienda sunt. De romanis legibus exemplum est : qui 
lyrannum occiderit, rem quam velit a senatu pro praemio accipiat. 
Item altera lex est: tyranno occiso ejus quinque proximos cognatione 



56 EUGEN PLEW 

magistratus necato. Contigit Alexandrum tyraimum ab uxore interfici: 
haec filium suum quem ex tyranno habebat, sibi in praemii loco de- 
poposcit ; sunt qui consentiant, sunt qui puerum occidi ex lege dicant. 
De diflfinitione, 

Diffinitio communis status est, quia sicut rationalis ita et legalis 
est in hune modum. Divina lex est: diliges proximum tuum sicut te 
ipsum; fit quaestio: quis est meus proximus? fiat diffinitio: qui facit 
misericordiam. Cicero de navi exemplum legale dedit ita: etc.*) 
De ratiocinatione. 

Sequitur status qui ratiocinatio dicitur et tale est: etc.**). Tale est et 
illud: famis tempore a quodam auditum est, qui humanis camibus ves*- 
cebatur; et eo ducto in Judicium non est inventum qua paenitentia vel 
qua poena dignus sit. — Haec exempla de judiciali tantum causa data 
simt; in ceteris generibus faciliora sunt quia praeter conjecturam raro 
invenies aliam constitutionam in eis. — Ergo causae de legibus ortae 
Status legales dicuntur. Ceterae vero, quae aliunde oriuntur, constitu- 
tiones vel status rationales dicuntur, quia in eis ratio facti exquiritur, 
ut de Oreste, cur occiderit matrem suam. 

Unde dicatur status et constitutio. Quot modis quaestio 
dicatur, 

Discendum est et illud, quia proprio dicitur quaestio ut est: fece* 
ritne, — et communit^r causae, omnesque partes earum, i. constitutiones 
et Status, et eorum partes'*), i. intentio, depulsio, ratio et infirmatio 
et judicatio quaestiones dicuntur. Et hae sunt quae civiles dicuntur, 
quia inter cives agitantur; sunt enim cives purchliute, civiles i. purch- 
lic'^e strite; cives dici possunt etiam qui in agris habitant^ i. in demo 
geuue. Aliae sunt philosophicae. Ut ergo discemantür, philosophicae 
quaestiones sunt controversiae in dicendo positae sine ceterarum perso- 
narum interpositione; ut: coelum rotundum est, coelum non est rotun- 
dum. Hae ad oratorem non pertinent. Civiles autem quaestiones sunt 
controversiae in dicendo positae cum ceterarum personarum interposi- 
tione, i. daz sint die strite die einliche quisse menniscin anagant Ut 

*) Fol^ eine Stelle, die meistens wörtlich aus Cic. d. invent. 11 61 entnommen ist. 
Abweichungen in der Lesart sind wenige : unsere Hs. hat durchweg navim und navt, wäh- 
rend bei Cicero die bessern Hss. navem und nave haben ; für inde funiculo (Cic. ed. 
Orelli et Baiter I^ p. 166, 38) inde a funiculo; fUr Ate (p. 166, 35) hine; f^r pervehitur 
(p. 166, 37) devehitur; p. 166, 36 auch die Vulgata in gladium ibidem in navi. 

**) Folgt eine Stelle wörtlich aus Cic. d. inv. II 60 (p. 165, 16—29 Orelli). Va- 
rianten sind folgende: unsere Hs. hat für indutae (p. 165, lS):inditcte; stellt 20 hinter 
eulew gleich e&mpararetur] hat 22 richtig ipsis libet; hat 25: testamenü faciendi pote^ 
$tatem adimut hia; für hujuamodi p. 165, 27 ejtumodi. 



zu DER NOTKEMSCHEN RHETORIK. 57 

est: feceritne, s. Susanna*') concubitum cum juvene; — vel: jurene 
fecerit, s. Orestes occidendo matrem suam. 

Item plus de generibus quaestionum. ^ 

Ergo philosophicas quaestiones thesin dicunt, i. propositum, quasi 
a longe et in absentiam positum, quia philosophi non requinint eorum 
aspectum de quibus disputant Ut puta de naturalibus rebus hujus mun- 
danae molis, aut de deo, aut de moribus, in hune modum : verine sint 
sensus^ quae mundi sit forma, quae sit solis magnitudo, quid sit bonum 
praeter honestatem, an philosophandum sit, an casu cuncta constent 
vel divina Providentia regantur. Civiles autem quaestiones hypothesin 
dieunt, hQC est subpositum, ut persona subposita est oeulis illa de qua 
quaestio movetur. Considerant enim illi de bis quae proponuntur, quid 
verum quid falsum sit, isti autem in bis quae facta sunt vel quae fa- 
cienda simt, quid bonum quid malum^ aequum aut iniquimi, justum aut 
injustum, utile, honestum aut turpe, possibile aut impossibile, necQSsa- 
rium aut non necessarium sit ; illi, ut sciant, quid afSrmandum sit, quid 
negandum, isti ut sciant, quid suadendum, quid dissuadendum sit; illi 
in disputando, isti autem in dicendo; illi fugientes frequentiam honii- 
num, isti sine coetu et sine multitudine hominum nihil facientes. Ergo 
dissimilis est quaestio et causa , thesis et hypothesis, quod philosophi- 
cum est et quod civile. Et causa quidem, i. civilis quaestio, materia 
est artis rhetoricae, i. ipsi oratori ad ostendendam suam scientiam judi- 
cando et inveniendo in judiciali genere, quid aequum, quid justum sit, 
in deliberativo, i. in consiliis et consultis rei publicae, suadendo, quod 
utile est, in demonstrative, i. comprobandis et creandis ordinandisve 
magistratibus, ostendendo, quid in singulis honestum et laudabile sit et 
dignum honore, et quid contrarium. Quaestio vero, quae thesis est, simi- 
liter est ***) materia philosopho ad exercitandum suum Ingenium in dis- 
cemendo verum a falso. 
Ratio repetitionis. 

De constitutionibns et statibus secundo dicere, ut exemplis cla- 
rescerent, opus fuit, quia materia, quae semper danda est ante artificium, 
obscura non debet esse, nee aliunde potest ipse orator dinoscere, qualis 
esse debeat ^ *) sua quae materiam secutura est oratio , nisi ex ipsius 
introductione materiae. Hinc exordium orationis sumitur, hiüc narratio 
et partitio, i. distinctio narrationis, et confirmatio, reprehensio quoque 
assertionis contrariae et epilogus quomodo disponi debeant consideran- 
tur ; huic congruere hoc est commodas facere omnes has quas nunc 
partes orationis diximus, parvum ab ea dissentire vitiosissimum est. De 
quibus praecepta tam plura data sunt in libris rhetoricorum, ut ea bre- 



58 EUGEN PLEW 

viter nemo comprehendere valeat; propterea magisterio Ciceronis dis- 
cenda sunt. Ad hoc humanuni ingenium novas sibi cotidie paiit rationes 
suadendi at({ue dissuadendi. 

Quot genera sint oratorum. 

In quibus rationibus alii sunt graviores ut Romani, alii acutiores 
ut Graeci, alii omatiores ut Attici^ alii copiosiores ut Asini. 
De gravi. 

Documentum est ad gravitatem aliquando magnifice loqui et ita 
narrare quamlibet rem quatenus salva veritate nil paene possit de ea 
majus aestimari. Ut: Medo prandente epota sunt flumina , eo transe- 
unte constrata sunt maria, navigati sunt montes, excitae simt gentes, 
commotus est orbis. Revera flumina non sufficiebant ad potandum exer- 
citui ejus, et Bosporum ^'^) mare, ex navibus ponte construeto, copiis 
meabile fecit; Athen Thessaliae montem a continente abscindens et mare 
adducens navigabile praebuit, Sed haeo de homine paene incredibilia 
aueta sunt quoque arte loquendi. Cicero ad Herennium de gravi locu- 
tione exemplum juditiale protulit his verbis : etc. *). Quid his verbis Cice- 
ronis gravius, uuio machter iz heuigor choson? Et ille hoc in causis. 
Ambrosius noster in invitatorio Christi non est tenuior dicens : Veni 
geminae gigas substantiae camis tropheo cingere etcetera. Plus miranda 
simt Pauli tonitrua, qui fiigiens sapientiam verbi excellentia tamen et 
gravitate sermonis supergressus est cunctos, non arte sed spiritu sancto. 
Quid sit acute loqui. 

Item acute loqui est argumentis rem declarare hoc modo : Rufum 
ne fidelem dicas; vel sie: tu avarum dicito, et ego fidelem intellego. 
Quid sit omate loqui. 

Item omatus causa circuitione vel similitudine vel aliquo scemate 
verborum aut sententiarum utimur, ut vino madens pro ebrius, et ex- 
trema pati pro mori, vel asinum sapit pro stultus est, vel sicut Virgi- 
lius: magnarum virium est davam Herculis vi extorquere de manibus 
ejus, hoc est difficile est, Homerum imitari. Sed et haec gravitatis sunt, 
sunt enim eis communia praecepta, quia et decet et gravius est, genus 
et speciem pro individuo, totum pro parte, superlativum pro positive, 
pluralem numerum pro singulari ponere. Sed post de elocutione **) dic- 
turi, quae ad omatum proprio pertinent, docebimus. 



*) Folgt wörtlich Rhet. ed Herennium IV 8, 12. Varianten sind: für üs (Cic. ed. 
Orelli I' p. 54, 41) Ai«; für a/^ue p. 55, 3 atqui] p. 55, 7 qui id, , . posaunt \ für viderint 
p. 55, 13 vendiderint'^ für vester 15 verum\ für voluerit 18 W)luU\ 16 stellt unsere Ha. 
qui voluevU omnium fortunas prodere» 



Zu DER NOTKERISCHEN RHETORIK. 59 

Quid copiosum sit. 
At copiosum est, propositionem rhetöricam multis rationibus affir- 
mare ad hunc modum : Propositio est : Melius aecurantur quae consilio 
geruntur quam quae sine consilio administrantur. Approbatio est: Do- 
mus ea, quae ratione regitur, omnibus est instructior rebus et apparatior 
quam ea quae temere et nullo consilio administratur. Similiter exercitus 
is cui praepositus est sapiens et callidus imperator, omnibus partibus 
commodius regitur, quam is, qui stultitia et temeritate alicujus admi- 
nistratur. Non enim facile discuntur haec genera orandi, quia proprii 
et magni operis sunt singula, et quia scemata, i. figurae orationum, 
argumenta quoque et ratiocinationes et diffinitiones et praecepta gra- 
vitatis et omnia praecepta non solum rhetoricae artis, sed et quaedam 
grammaticae et dialecticae artis ad haec genera et ad has partes öra- 
tionis aptantur^ et auctores artium in bis tota studia consummabant 

Quid sit opus orationis. 

Agit ergo omnis orator, ut adversario frangat, judices et audito- 
res attrahat, et, ut Cicero dicit, persuadeat dictione. Quid persuadeat? 
utique hoc factum quod ipse defendit justum, bonum et honestum esse 
vel utile aut necessarium esse; vel econtra quod impugnat, noxium esse, 
turpe et pudendum et ab omni religione et justitia alienum. 
Unde sumatur oratio. 

Ergo prima est materia, i. causa, de qua diximus, deinde oratio, 
quam nunc dicimus , quae ostendit causam qualis sit. Ipsa oratio ex 
oratoris procedit scientia, quam rhetöricam vocitamus, ut bene intelle- 
gator, eam extrinsecus haurire de materia, quid ipsa de intus propinet 
in oratione; eadem ergo quid sit, difiSniatur. 
Quid sit rhetorica. 

Rhetorica est bene dicendi scientia. (Diffinitio interpretatur gnot- 
meziinga '*) , i. nihil plus , nihil minus ; potest et aliter dici ut ante 
ostendi.) Quid est bene dicere? apposite, i. apte vel congrue aliquid 
dicere ad persuadendum vel ad dissuadendum **). Unde quis haec potest? 
natura administrat ea, doctrina vero nutrit et äuget. 
Quae sint partes ejus. 

Partes ejus sunt quinque: inventio, dispositio, memoria, elocutio, 
pronuntiatio. Non solum orator, sed et praedicator et qui nuntium fert 
et quicunque vult viva voce enarrare •**), his partibus indiget. Scriptores 
autem librorum etsi non quinque quatuor tamen partibus fretos esse 
oportet. Et cum sex partes supradicta« orationis illius sint, qua orator 
utitur in causis, exordium, partitio, narratio, cbnfirmatio, reprehensio, 



60 EUGEN PLEW 

conelusio, earum nulla nisi his quinque poterit partibus expediri. Enim- 
vero quidquid in omni locutirme reprehenditur vel laudatur, ad harum 
quaelibet partium pertinet. 

De vitiis harum quinque partium *). 
Item de inventione. 
Est autem inventio etc. **). 
, De dispositione, 

Dispositio est rerum inventarura et sententiarum in ordinem distri- 
butio. Taz chit scaphunga ^'') unde ordenunga des kechoses. Bona dis- 
positio est rem eo ordine quo gesta est narrare etc. ***). 
Quid sit memoria. 
Memoria est firma animi rerum et verborum ad inventionera per- 
ceptio; daz chit kehugeda des tu getahdost*®) ze sprechenne. Suffieit 
de memoria dicere, si non sit naturalis^ artificiosam parere, quod solet 
fieri vigiliis et assiduis meditationibus etc. f ). 
Quid sit elocutio. 
Elocutio est idoneorum verborum ad inventionem accomodatio. 
Elocutio daz chit recht gesprache vel recht kecose; idoneorum verbo- 
rum accomodatio ad inventionem : dero sculdigon uuorto legida ze dinen 
kedanchin, ze demo, so du sprechen uuellest. Quodsi hoc non feceris, 
achirologiam ff) paris. Item elocutio est perfecta locutio : sicut enim ebibe 
est totum bibe, ita est eloqui ad integrum loqui. Idoneorum verborum 
accomodatio ad inventionem id est propriorum et convenientium verborum 
adjunctio ad excogitationem. Ergo elocutio pars eloquentiae, quia elo- 
cutio et ceterae quatuor partes pariunt eloquentiam. 
Quid bipartita sit elocutio. 
Elocutionis duplex ratio est etc. ff f). 



*) Hierfür verweise ich auf Hattemer S. öTS", 12 — 573b, 22, wobei nur Folgendes 
zu bemerken ist: 14 und 15 hat B richtig quid und nee: Z. 20 B richtig idonea\ 
Z. 24/25 fehlt in B richtig acribit vel 

**) Vgl. Hattemer 573^ 23~574^ 7; nur Z. 25 hat B suhatAcUtur; 27, 28, 29 fehlt 
in B genere catiaae'^ 574", 1 B == M mater] 8 B =» Mprino\ 25 B aalvare noa poterit iste?; 
28 B = M ratumeni ; 29 B auam catbaam, M cauaam auam, Z causa auam. Mit 674^, 8 Pe- 
trus u. s. w. beginnt ein neuer Absatz ohne Überschrift bis 575*, 2; nur 21 lies tu ne; 
22 B richtig intellegei'etur ; 24 B richtig «ee{; 28 B richtig remortV; 29 ist in B zwischen 
facti und Item richtig eingeschoben der Abschnitt, der bei Hattemer aus ZM S. 575*^, 
17—23 steht, worin B Z. 21 richtig contigerant hat. 
•**) Bis Hattemer 575«, 16. 
t) Bis Hattemer 575^ 12. 
tt) Vgl. Hattemer 579^, 13. 
ttt) Vgl. Hattemer 576% 4— 579% 16. Zu bemerken ist hierin Folgendes: 576*, 20 



zu DER NOTKKRISCHEN RHETORIK. 61 

De vitÜB singularum dictionum. 

Dicendum est quoque de vitiis elocutionis^ quae cavenda sunt in 
singnlis et compositis dictionibus y et quae non sunt idonea ad inven- 
tionem: In singulis ut sunt barbara^ corrupta, impropria^ antiquata, 
turpia, differentia, longe repetita, insolenter prolata. Barbara^ endriskiu 
aide fremidiu, qualia Donatus dieit: mastruga, cateia^ magalia; et le- 
gibus Alamannorum plurima leguntur, ut nast^ai '^) et fredum et uuere- 
geldunu Corrupta, i. samerartiu ut est cirographum pro chirographum, 
perfodiri, ut qtddam legunt in evangelio pro perfodi, et pejurus pro 
perjurus, intelligere pro intellegere, et omnes barbarismi. Impropria sunt, 
i. tiu unsculdegen, quas grammatici achirologias graece dicunt, et inter- 
pretari possumus immanuales dictiones etc. *). Antiquata, i. fimiu vel 
feruuorfeniu, ut alucinari, cerritum, caperatum *"), quae antiquis in usu 
fiiisse Martianus testatur. Hujusmodi apud Plautum sunt plurima jam 
obsoleta. Intellegitur etc.**). Turpia sunt, i. unchiuskiu, ut etc.***). 
Differentia sunt aliena, i. ungehaftiu, quae secundum Martianum etc. f). 
Longe repetita sunt, i. ze uerro genominiu, ut si vastam Charibdjm 
luxuriosam dicamus. Insolenter prolata sunt, i. uuider geuuoneheide, 
quae per derivationem aut interpretationem novantur, i. nova inve- 
niuntur, et potuissent quidem dici regulariter, sed non solent, ut a ca- 
pite capitatus, manu manuatus, ala alatus, remo remitus; a quibus tem- 
perandum est propter insolentiam, i. seltsani aide ungeuuoneheide. Sic 
Ciceroni etc. ff)* 

De vitiis conjunctorum verborum. 

In conjunctis autem verbis etc. fft)- Assiduitas cujusque literae 
in odium repetitae est unlustsamo geaberter puochstab, ut casus etc. fttt)» 



setzen HB richtig aliena hinzu; 676^ 18 Z ougen dU reba, M ottgen de raeba^ B ougen reba ; 
20 ZB äcoidu ehom\ 31 ZB intendendum, M intueTidum', 677'', 7 ZB tagaltlichen, M iaga- 
lichm-^ bll\ 1 ZM habeant, B haheat richtig; für das Stück Hattemer 577", 14-578'', 
28 Tgl. die Mittheilung aus der Briissler Hs. durch Herrn Professor Schade oben S. 41. 
578*, 29 ZB continua est, M etmÜnua ut durch Besserung; 678*", 14 Z districta, MB 
ditOncta*^ 18 ZM ülud, B illa. 
♦) Bis 579»», 21. 
**) BU 580*, 2 eapri. 
*^) Bis 680% 11. 
t) Bis 680*, 17. 
tt) Bis 680^ 2. 
ttt) Bis 581*, 24, worin zu bemerken, daß 680^ B richtig Omoeopro/erony 581% 3 
dipro/eron hat, 4 pede pedem stellt, 9 hinter Collüae : sunt einschiebt 
ttft) Bis Ö81S 9. 



62 EUGEN PLEW 

De bonis clausulis. 

Monosyllabae dictiones etc. *)• 
Item de vitiosis. 

In monosyllabis etc. **). 
De elocutionis dignitate. 

Post inventionem etc. ***). 
De pronuntiatione. 

Pronuntiatio est ex rerum et verborum dignitate vocis et corporis 
moderatio. Possumus haec verba sie interpretari : pronuntiatio daz ist 
tiu gerertida dero stimme joh tis lichamin nach dero geriste dero uuorto * *) 
unde dero dingo**). Item quid est pronuntiatio? kerertida, kebarda^ 
kehaba, keuuiftigi *'), kezami, sintsami **) , zuchtigi. Item pronuntiare 
dicimus ferrenan sagen, i. praevenire verba gestu corporis et qualitate 
vocis. Quid est gestus? antpara, tatuuichunga **), anterunga, uuerbida. 
Et quid est moderatio? scaphunga, mezunga, metensgaft ***). Hinc ap- 
paret, bene illum pronuntiare, qui etc. f). Vultus quoque pro sententiae 
dignitate mutandi sunt, sed non ita ut histrionibus mos est, i. anterarin, 
qui ora torquendo, i. pirechen*'') machondo, ridiculos motus, i.sileliche**) 
gebarda spectantibus praestant. In hac parte oculorum magna est mo- 
deratio, i. mezhaftigi, qui tum hilaritate, tum intentione, i. anasehuugo, 
tum minaci moventur aspectu. Nee nimium gravioribus superciliis pre- 
mendi aut petentibus frontem nudandi simt oculi, i. uf unde nider ganten 
din brauuon nist ze uinstrinne noh ze uuit sehonne; quod in Pisone 
Tullius amare vituperat, i. handego sciltit. Nee molliter agendi sunt 
gestus, i. noh ze liso nerure *®) sich, nee muliebriter deducenda sunt 
latera, i. noh uuibelicho **^) neuuanchoie *^) mitten siton, nee jactanda 
deformiter cervix, i. nohne halsuuerfoie **) ze ungezamero uuis, ne in 
illas Hortensii deducatur illecebras, i. unzuchte, quibus etsi venuste tamen 
non videbatur uti viriliter, i. tie er teta zero **) ni doch komelicho. Ad 
summam gestus non is oratori tenendus est, quo scenae placere di- 
cuntur actores , i. recitatores s. fabularum comicarura vel tragicarum : 
manus in contentionibus fusa porrectius, i. ze uerro hina gerachder arm 
stritendo; in sermocinatione vel narratione contracta, i. unde aber uui- 
dere gezuhter, sagende. Praecipue in hac parte praestandum est , ut 



*) Bis 582*, 20, worin zu bemerken ist, daß 581'\ 28 B richtig Fit qvidem, 682", 
11 B richtig mare fltbcttiantibtis^ Htm ejectia hat. 

**) Bis 583% 3. Zu bemerken ist, daß 582 *, 26 B richtig lata re$ mea est hat und 
582 *», 23/S4 der Satz, der in M fehlt, wie in Z so in B steht. 

***) Bis 583*», 21. Zu bemerken ist, daß 683*, 9 in B seripni fehlt. 
t) Bis584*>, 7, worin nur zu bemerken ist, daß 584", 23/24 inB rhetariee dUgesta fehlt 



zu DER NOTKERISCHEN RHETORIK. 63 

deceant cnncta, quod magis prudentia quam ulla praeceptionis hujus 
arte servatur **)• 

Has quinque partes rhetoricae qui tenet, ipsam tenet, quum ipsa 
nihil aliud sit, quam quod partes ejus. Latet autem etc. *). 



ANMERKUNGEN. 

1. eH fehlt in B; aus M ergänzt, da der Sinn es verlangt. 

2. hußis B; aus M in his geändert, aus demselben Grunde. 

3. Über die richtig alemannische Form sal vgl. Weinhold AI. Gr. 
S. 156. 

4. Statt ^ten^ hat B eine Lücke; aus M ergänzt. 

5. distrides ist verschrieben fllr du strides. Zu die vgl. Weinhold 
a. a. 0. S. 460. Das irrationale i statt des tonlosen e (vgl. Weinhold 
a. a. 0. S. 25), das in M sehr überwiegend ist, erscheint in B auch, 
aber seltener. Sehr häufig ist in B die Erweichung des organischen t 
zu (2 im Inlaut, sowohl namentlich zwischen zwei Vocalen, als auch 
nach h, ch und n: vgl. Weinhold S. 143. 144. 

6. Qtbot nothwendige Änderung filr Quod der Handschrift. 

7. spadicha dürfte Verschreibimg sein ftlr spracUcha] das c kann 
richtig sein : „zahlreich weisen alemannische Handschriften im In- und 
Auslaut k (c) an der Stelle von ch auf" Weinhold S. 177 (aus Wacker- 
nagel, Predigten wird angefiihrt aprac), 

8. (xt''tot B. Gemeint könnte sein dhttot (vgl. Weinhold S. 136). 

9. rectsaga B. Gemeint ist wohl recthsaga: über th ftlr ht auch in 
alemannischen Quellen vgl. Weinhold S. 137. — iz: B hat nur diese 
Form: vgl. Weinhold S. 454. 

10. föne fonanderme Dittographie ftlr /one anderme. Der letzte Buch- 
stab von anderme könnte auch ein o sein; sonst erscheinen in B im 
Dativ die vollen Formen auf mo. 

11. uuehsah ^ altes a in den Sproßsilben war in dieser Zeit längst 
dem unbestimmten e gewichen. Aber die Mundart suchte diesen Laut 
in den Endungen heller und bestimmter zu sprechen, was die Schreiber 
häufig durch a andeuteten". Weinhold S. 15. 

12. B hat immer die vollen Formen daz oder taz, nicht dez\ vgl. 
Weinhold S. 460. 

13. antseigidiga y daneben noch einigemale antseigida*, später da- 
gegen ein paarmal antsegida. Über dies unorganische ei für e vgl. Wein- 
hold S. 55 (87. 103). 



*) Bis zu Ende ; zu bemerken ist, daß Z. 19 B wie Z rhetorum^ M dagegen rJietoru 
eorum hat: letzteres ist vielleicht vorzuziehen. 



64 EUGEN PLEW 

14. unctddigunga B; wohl reiner Schreibfehler ftlr unsciddigunga. 

15. gnadonfleg^a B; gemeint ist vielleicht —flegha: vgl. Weinhold 
S. 180, wo indeß das gh im Inlaut nur vor oder nach i erscheint. 
Wahrscheinlich soll h an die Stelle von g treten. 

16. unuufzenheit B. Über die Schreibung 252 vgl. Weinhold S. 150. 
geschitnot braucht nicht aus geschihtnot verschrieben zu sein: Beispiele 
für den Ausfall des h vor t Weinhold S. 196. 

17. jam fehlt in B; dem Zusammenhange nach aus M ergänzt. 

18. dicitur — quaeatio fehlt in B, aus M ergänzt. 

19. Über si vgl. Weinhold S. 456 f. in guodemo sin = in Gutem, 
bei guter Gesinnung sein. 

20. Über die Verschmelzung ztmo vgl. Weinhold S. 23. 

21. Über das ue in spuedich Weinhold S. 69. d hier auch fiir t. 

22. convictura B; Verschreibimg fiir conjectura. 

23. hinc et inde aus M hereingesetzt. B hat et hinc, was keinen 
Sinn gibt. 

24. cotidiana: dem Sinne nach nothwendige Änderung fiir coti- 
dianam, was B hat. 

25. suscipiendum esse gibt keinen rechten Sinn; vielleicht ist non 
vor siiscipiendum ausgefallen? 

2^, est fehlt in B; aus M ergänzt. 
27. dixerit fehlt auch in B und ist aus M ergänzt. 
. 28. u constitutiones — partes fehlt in B; aus M ergänzt 

29. SiLsanna, das auch M hat, ist von Hattemer S. 569 ganz falsch 
in Stisannae geändert. 

30. similiter est fehlt in B; aus M ergänzt. 

31. nee — debecU aus M ergänzt. 

32. bosforum B. 

33. declamatione B, sicher verschrieben aus de elocutione. 
84. geotmezunga B. 

35. ad persuadendum dicere B. Aus M das Richtige hergestellt. 

36. quicunque uul uitui enarrare B; hergestellt nach M. 

37. Die Schreibart scaphunga erscheint in B neben scafunga. Vgl. 
Weinhold S. 123. 

38. gethadost B ; wahrscheinlich verschrieben fiir getahdost^ mit 
Verhärtung des d zu t, Erweichung des t zu d: s. oben Anm. 5. Sollte 
indeß gethadost festzuhalten sein, so wäre das th dann eine („in den 
ältesten alemannischen Schriften sehr häufige** Weinhold S. 134) Schreib- 
art für dy die freilich sonst in B nicht begegnet; über den Ausfall 
von h vor t oder d vgl. Anm. 16. 



zu DER NOTKEMSCHEN RHETORIK. 65 

39. nasÜ'ai B entspricht dem nasthai in M. Über das Wort vgl. 
Wackemagel z. d. Stelle in Haupt Zeitschr. IV und Weinhold S. 14. 

40. capratum B. Die richtige Schreibung ist capercUum. 

41. dero uuoto unde dero uurto B: gemeint ist darnach wohl unde 
dero uuorto. 

42. digngo B; wohl nur Verschreibung fiir dingo* 

43. keuuifiigi B. keuuirfiigi M. Die Form in B kann eine Ver- 
Schreibung sein, doch wäre ein solcher Ausfall des r nicht unerhört; 
Weinhold S. 166 (Beispiele eines Ausfalls vor / finden sich hier freilich 
nicht abgegeben). 

44. eintsami BMZ. Bei dieser Einstimmigkeit der Überlieferung 
dürfte eine Änderung, wie sie Wackemagel vorschlägt (in sitisami) 
nicht möglich sein. Es könnte immer eine Ableitung von sint = rich- 
tiger, gehöriger Weg sein in dem Sinne von „richtiges Benehmen". 
Vgl. sinnesam, 

45. tatuuichunga B Z; uiuchunga M. Ersteres ist sicher richtig und 
auch nicht mit Wackemagel in tcUuurchunga zu ändem; vgl. Graff 
I, 708. 

46. Zu der Schreibart metensgaß vgl. Weinhold S. 158. 

47. pirechen B, wohl verschrieben aus priechm\ prieken M. Vgl. 
Schmeller I, 251 : „briecken, brieggen** mit verzerrtem Gesicht weinen. 
Schweizerisch dasselbe, und „die Brieke" weinerliches Gesicht, Stalder 
I, 225. Also prieka oder priechay schw. f. 1. Gehört das Wort vielleicht 
zu priohan {preohariy st V. abl. 6, krümmen, Schade W. B S. 459)? 

48. südiche B verschrieben ftlr spildiche. 

49. rure B; viele Beispiele gerade aus Notker des ü ftlr uo gibt 
Weinhold S. 48. 

50. uuiheUcho\ der Bindevocal e (hier för «) vor lieh kommt auch 
sonst in alemannischen Quellen vor: Weinhold S. 251. 

51. uuanchmey nachher uuerfoie, B und M (der einmal g statt i 
schreibt) haben diese erweiterte Form des Conjunctivs, Z. nicht. Vgl. 
Weinhold S. 368. 369. 

52. zero, d. h. z^o\ über ^ ftlr fe im Alemannischen Weinhold 
S. 38. 

53. servitur (eturf) B; servcUtir erfordert der Sinn. 

KÖNIGSBERG i. Pr. im Mäi 1868. EUGEN PLEW. 



GERMANIA. Ken« Reihe II. (XIV.) Jabrg. 



66 JOSEPH HAUPT 



ZWEI ALTHOCHDEUTSCHE BRUCHSTÜCKE. 



Die beiden folgenden Stücke wurden von den Deckeln der Hs. 
2727 der k. k. Hofbibliothek abgelöst. Die Hs. stammt aus Monsee 
und führte deshalb auch früher die Bezeichnung Lunaelacensis f. 182. 
Sie gehören, mit Sicherheit das erste und größere A, zur Übersetzung 
des Tractates Isidors von Sevilla De nativitate domini; beide gehören 
auch zu derselben Hs., aus der Endlicher, Hoffinann und Maßmann die 
Fragmenta theodisca herausgegeben haben. 

Unsere Langstreifen werden jetzt mit den anaem derselben Hs. 
unter Nummer 3093* aufbewahrt. Die Stellen zu bestimmen, wohin 
sie im beregten Tractate gehören, überlasse ich Anderen, die in 
dieser Arbeit mehr Glück haben werden. Übrigens sind hier diese 
.Überreste Zeile fllr Zeile abgedruckt, und an den einzelnen Formen 
und Lesarten kann um so weniger ein Zweifel sein, als beide Stücke 
wohl erhalten sind und die Schrift so klar, deutlich und fest ist, auch 
theilweise noch in der alten Schwärze dasteht, wie es selbst bei jün- 
geren Hss. nicht oft der Fall ist. 

WIEN, im December 1868. JOSEPH HAUPT. 

A. 

sih sid auar az aue siun . . 

a deru selbun sentidu ist . a 

s. auh offener den selbun 

. gafestinota duo er qu 
5 denti uuidar leon sinem 

i dea selbun iudeo liuti d 

chuad auh der forasago . ae 

ar . enti aer . denne iru bi qu 

man chunt . So selbe der for 
10 . aer danne du magad x 

ar simu in sineru gotnissu 

ra magadi ziit biquami za 

ano einigere ziteo bigin . 

forasago dar after Huue 
15 ti odo huuer gasah eo desiu 

hhef eo neo uuiht mit mann 



ZWEI ALTHOCHDEUTSCHE BRUCHSTÜCKE. &ffr, 

diu eo uuiht kalihhes . ent 

Inugaih an ehre gaborane 

e quad trohtin. Enti ih an 
20 bu . za beranne . sculi ih uuesa 

dem deseru urchundi ist za 

a laubit . daz imo zueio . che 

u za galaubenne odo lucche 

Bagun . dea diz bifora chu 
25 Bi daz quidit heaB Hu 

R FRUMISCAFTI UN.AR.S 

ARd KABORAN FONA FAT 

An gesint sohhenti • in huuelihh 

kaboran uusti enti er . ist eo 
30 m bi inan gascriban ist • Sinue o 

B. 

zuifiomes 
tant 



5 sun . ga 

auuisBo quad • 

sinemo • 

Bohhet • 

eotot . y 
10 ran gotes 

t galesan 

denne 

a demo selbe 

ndita . quad 
15 nti dih 

dem steti 

mo 

u inan 

sun tot 
20 nne 

altida 



68 .JOSEPH HAUPT 



25 



truhtin 
llen 

selbo 



BLANSCHANDIN. 

BRUCHSTÜCKE EINES MHD. GEDICHTES. 



Die folgenden Bruchstücke wurden von der Hs. 3742 der k. k. 
Hofbibliothek abgelöst, an der sie als Rückenbänder aufgeklebt waren. 
Diese Hs. ist eine Monseer (Lunaelacensis f. ] 96), die wie die meisten 
ihrer Schwestern in dem uralten oberösterreichischen Stifte selbst und 
zwar in der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhundert ihren Einband 
erhielt, wobei diese Bruchstücke die gemeldete Verwendung fanden« 
Hieraus folgt, daß man damals in Monsee diese Hs., zu der die Bruch- 
stücke gehörten, besaß und zwar in bereits sehr mangelhaftem Zu- 
stande, da sie sonst schwerlich zum Einbinden wäre verbraucht worden. 

Bis jetzt sind sieben Langstreifen aufgefunden, deren drei das 
hier als I bezeichnete Blatt bilden, während Blatt H und III aus je 
zweien solcher Streifen bestehen. Alle drei Blätter sind an den Seiten 
rechts und links beschnitten, am stärksten natürlich II und HI. Die Hs. 
war in zwei Spalten auf der Seite zu je 32 Versen zwischen Linien 
mit schönen Zügen um die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts ge- 
schrieben. Der Abkürzungen sind nur wenige, nämlich die in deutschen 
Hss. auch sonst üblichen, die ich alle aufgelöst habe außer v7i. Wo 
durch große und verzierte Buchstaben Abschnitte bezeichnet werden, 
habe ich im folgenden Drucke unter dem Text angegeben. Alles 
cursiv gedruckte sind Ergänzungen von mir, und ich hoflfe nicht zu 
oft geirrt zu haben. Eben so bin ich ftlr die Interpunction verantwort- 
lich, die Hs. kennt nur hie und da Puncte hinter den Reimen und ein- 
mal I, 13 ein Fragezeichen. 

Diese Bruchstücke belehren uns, daß der französische roman d'a- 
vantures, den Michelant unter dem Titel: Blancandin et Orgueilleuse 
d^Amour zum ersten Male Paris 1867, 8° herausgegeben hat, gleich- 
zeitig auch deutsch war bearbeitet worden, wovon aber der Heraus- 
geber nichts wissen konnte. 



BLANSCHANDIN. 69 

Mk Hilfe dieser fi^anzösischen Quelle lass^ sich die Stellen des 
Oedichtes bestimmen , die unsere Bruchsttlcke einnahmen. Blatt I ent- 
spricht T. 70—155; Blatt II v. 290—340; Blatt III v. 385-440. 

Schon aus den deutschen Bruchstücken geht deutlich hervor, daß 
wir es wieder mit einem jungen tumben zu thun habeny der gewitzigt 
werden soll. Ein König nämlich sucht seinen Sohn vor den Gefahren 
dieser Welt dadurch zu bewahren, daß er ihm zwar einen Lehrer gibt, 
demselben aber verbietet, dem Zögling zu erklären was Ritterschaft sei. 
Auf einem Vorhange vor dem Gemache der Königin sieht der Junge 
aber Rosse und Ritter, Helme und Halsberge, Schwerter und Speere, 
Wehr und Waffen abgebildet und fragt seinen Lehrer darüber. Als ihm 
endlich die gewünschte Auskunft geworden ist, entreitet er heimlich 
seinen Altern, weil er gehört hatte, ein gekrönter König oder ein zur 
Krone gebomer Prinz dürfe sich nur gegen seines Gleichen im ritter- 
lichen Kampfe versuchen. Wer nun die Verszahlen des deutschen und 
französischen Gedichtes vergleicht, sieht, wie viel ausführlicher der 
deutsche Bearbeiter war ; alle die Stellen, in denen der Dichter spricht, 
sind nicht im Französischen zu finden. Wenn derselbe das ganze Werk 
auf diese Weise bearbeitet hat, so muß er die 6136 Reime seines Ori- 
ginals auf mindestens die doppelte Zahl gebracht haben, was «ich auch 
daraus schließen lässt, daß Blatt HI unten am Rande als I', also als 
letztes Blatt der ersten Lage bezeichnet wird, und daneben stehen die 
Worte : ^Daz ich die f{uy(t) vch lere , was also der erste Vers der 
zweiten Lage war. 

Unser Dichter scheint den mitteldeutschen Gegenden angehört 
zu haben, wie aus den Reimen riten : venmden IH, 88 : 89 enpfän : stän 
n, 29 : 30 sich erweist. Dahin gehört auch die Hs., die zwischen tenuis 
und media schwankt, z. B. im Anlaute: dotet = testet HI, 2; droum = 
troum in, 29; oder im Inlaute: gebiedet =: gebietet I, 12; aide: ride = 
aüe : rite I, 41 : 42; geride : side := gerite : site I, 57 : 58; t^den : btden = 
fiten : biten HI, 125 : 126 u. s. w. Man möchte glauben, ein hochdeutscher 
Schreiber habe dies aus seiner Vorlage herüber genommen, aber da- 
gegen sprechen die Formen: engelten : ich scheuen (Infinitiv) UI, 5:6; 
die prisen ich I, 28, ebenso die SXr diu I, 89, 108; wunderliche dinc I, 32 
statt wunderlichiu dinc, femer ü=iie I, 43 : 44, 96^ ü = iu I, 99, ^ : ab 
öfter und was dergleichen mehr ist, worüber sich mit Sicherheit erst 
urtheilen ließe, wenn das ganze Gedicht oder doch ein großer Theil 
desselben vorläge. 

Zunächst ftlr die höfischen Kreise war das Werk bestimmt, wie 
nattlrlich, und so kann es kaum überraschen, wenn der Dichter da 



70 



JOSEPH HiLtJPT 



Fechten Blansehandins mit dem des Feirefiz und Parziral vergleicht 
n, 59. 60, aber wohl daß er so unhöfische Worte gebraucht, wie wäre 
n, 16, oder den Helden mit dem hauenden ehergunn 11, 81 vergleicht. 
Für einen besonders guten Witz muß er gehalten haben, daß ihm ein 
Bing von der Frau, die er meint, lieber wäre, als tausend Mark von einem 
kargen Juden III, 105—112, 

WIEN. JOSEPH HAUPT. 



Sp. a * ier vmbe vil getrahtet 
tslichez sunder beahtet 
und enkan ez niht zende komen. 
tchn han snlchez niht yemomen/ 
5 Der meister sprach: *daz si getan. 
Ich wil uch gerne lan verstan 
«tt daz irz wizzen rächet 
tmd euch an mich suchet. 
«0 wizzet ez ist ritterschaft.^ 

10 ^Hai ritterschaft al sulche kraft, 
fiebe meister so saget ir.^ 
*ob ir gebiedet Yollen mir' 
^tras ist daz sie tragent an?* 
^daz sint halsberge sunder wan 

15 von ringen wol gecleinet, 
dsLZ ist daz ir da meinet.' 
'u^az ist daz sin den handen haut 
dsi mide sie slahende so gant?' 
%ch wils Ych sagen sit irz gert 

20 ez sint yn heizent scharpfe 8wert\ 
'fneister, sost mir ange 
toaz wesen muge daz lange?' 
*ez sint sper mit orten scharf 
der iegelicher wol bedarf. 

25 90 sint daz breide schilde, 
die hant ein wit gevilde 
5euangen vmb vnd vmbe sich.' 
*die ritterschaf die prisen ich. 
ti^az ist daz yf dem houbte tra- 
gent?* 

30 'ez sint helme so si sagent.* 
Vn nomine* sprach der inngelinc 
diz sint wunderliche dinc. 
b 'Meister, daz lach got gesogen, 
Mac ein islich kunec pflegen 



35 Bitterschaf vnd ob er wil?* 
'Ja . ez enist ime niht ze vil, 
£ wan die crone ime werde gesät 
yffe sin houbet an ir stat. 
Wirt abr er gekronet 

40 So wurden gar gehonet 
Alle kunecliche side. 
Ez enwere dan daz im wider ride 
Ein kunec der crone trüge, 
So duht ez mich gefnge; 

45 Anders sol ez niht sin.* 

*So nem ihz vf die triuwe min* 
Sprach der iunge sundef hart 
'Daz kunec vnde kuneclicher art 
Ist missewart an eren. 

50 Ich wil daz gar uerkeren. 
Ist imen kunec worden 
Pfliget der niht ritters orden, 
Zware ddst niht endelich. 
Inen wolde niht sin ein kunec 
rieh, 

55 Daz ich ritterschaf verspreche 
vn niemer sper zerbreche 
Joch niemer hohez ors geride. 
Es ist ein wunderlicher side 
Der mir missehaget gar. 

60 lehn erwinde niemer ich envar 
Da ich ritterschaf geleme. 
Ich künde sie so gerne 
Daz da min herze swiUit nach. 
Mir ist ze ritterschaf so gach 
c 65 Inervinde danne waz ez si, 

Sone wert ich niemer sorgen vri. 
Ich ensi an kreften nie so kranc, 
Mir entumiere min gedanc. 



L 5 D warrojh und groß, jetzt smd nur noch die* äußersten Uvrisse da. 



BLANSCHANDIN. 



71 



Nach ritten chefte wil ich streben. 

70 Liez mich nu got den tac geleben 
Daz mir gewapent wurde der lip 
Durch ere vn durch die werden wip 
So wolt ich mich muntieren. 
Striteii ynde tumieren 

75 Daz gölte man allez an mir han.' 
Dise rede muster lazen stan, 
Als ich die mere han yemomen. 
Der kunec was von messe kernen 
Ynd ouch die kunegin sin wip, 

80 Sie hate minnedichen lip. 
Daz ezzen vunden si bereit. 
Den kemereren wart geseit 
Daz sie sich arbeiten 
Ynd die tauelen bereiten, 

85 Der kunec der wolde ezzen gan. 
Diz wart alzehant getan. 
Der kunec nider ze tische saz, 
Bit gantzen yreuden er az, 
Beide er vnd die kunegin. 

90 NusazderiungeBlanschandin 
▼nde mohte uil lutzel ezzen, 
Er enkunde niht vergezzen 
Der ritterschefte die er sach. 
Herze vnde müt ime des veriach : 

95 Em künde niemer werden vro, 
Sin dinc gefugte sich also 
d Daz er kerne in fremede laut, 
Da ime ieman wurde erkant 



Der vrluges pflege 

100 Ynde sich niht verlege 
Der were arm oder riche, 
Dar wolt er sicherliche. 
Dise rede begunder abr lan. 
Der tac begunde hine gan. 

105 Des abendes do^ez naht wart 
Do gedahte abr an sine uart 
Deriunge suezeBlanschandin. 
Der kunec vnd die kunegin 
Bit banden sie sich viengen, 

110 An ir bette sie giengen 
Da ir ruwe niht verdarb, 
^u horent wie der iunge warb. 
Eime knehte rief er dar, 
Er sprach : 'geselle min nim war. 

115 Bi dime libe gebiut ich dir, 
Ga hin vil balde vn satele mir 
Mins vader ors daz wize, 
Daz tu bit gutem vlize. 
Ich han dich iemer drumbe wert. 

120 Daz zu brinc mir sin vil g&t swert 
Daz bit den scharpfen orten 
Hin vor die grozen porten. 
Ich gedienez vffe minen eit.' 
Daz ors daz wart zehant bereit, 

125 Darzu daz swert . er brahtez dare. 
Er saz dar vf . got in beware! 
Des bedarf er inneclichen wol, 
Wand er enweiz niht war er sol. 



n. 



Des sistu suezer got gelobet! 
Nach strite mir daz herze tobe^.' 
Nu wart innen Blanschandtn, 
Daz er daz iunge frouwelin 
5 SeUB sluc mit grimme. 
Bit «iner hohen stimme 
kief er: 'Bitter laset stan. 
£z ist vil vbele getan, 
Daz ir mordet die frouwen. 
10 Ywer dumpheit mac man 

schouu^en ! 
Ir sult zu disen ziten 



Die frouwen lazen riten. 
Pfi, pfif daz ir sit geschaut! 
Daz ie wart an vch gewant 

15 Ritters orden alse starc. 
Ir sit ein vbeler warc.^ 
Der ritter daz vor übel nam. 
Er sprach :' juncherre saget an 
Waz went ir diz geniezen? 

20 Ez mac sie wol verdriezen 
Swaz so nochdant uch geschehe 
'Deme suezen gode ich hie 
verieAe 



I. 87 Große« rothes D mit grüner Yerziemng. 
mit rother Veimerung. 



I. 103. U. 17 Großes grünes P 



72 



JOSEPH HAUPT 



Ir rehter böser ribalt 




e bringen 


Bit siegen wil ich machen slU 




unden 


25 Juwem vnreinen 


Hp. 


70 


unden 


Vor Ych behalt ich wol das wip/ 




n nam 


*Die solt ich henken ob ich mV 




ander gram 


*Vwert clafens isi 


i ze viL 




che 


Nu lazet iuwer clafen stan, 




riebe 


30 Oder ir muzet von mir enpfan 


75 


n spil 


Daz voh iemer smerzen mac. 




lengen wü 


Ich slah vch nith 


wan einen s^ao 




e beiden 


b Der voh lihtet 






eiden 


Daz irs verwin 






zome 


35 Der iunger 




80 


me 


Daz du 






eberswin 


Vnde mich so 






edec sin 


Dir Wirt din 






aft 


Wond min hera 






nde kraft 


40 Des wirstu h 




85 


r vn dar 


Anders mac e 






wol gewar 


So sprach der 


* 




uden 


Die frouwen n 






rnmden 


Bitter, weit ir 






e here 


45 So Sit bereit 




90 


sere 


Ir sit ein vn 


" 




generte 


Vol bitter m 






te 


Wil mir daz 






ozen slao 


Ich sol Ych 






wao 


50 Daz kein ma 




95 


eben m&t 


Pfi ir gone 






st so gut 


Ir muzet si 




d 


Du ftelfe ie deme rehten 


Vch si von m 






Bit rehte sig ervehten 


Vf vch min 






Den wngen an dem alten. 


55 Nv was der 




100 WiUu sin eine walten 


als mir 






So mac er harte wol genesen. 


Sie baten g 






Geruch im herre genedic wesen 


Hie wart ei 






Durch diner martel ere« 


Daz ferefiz 






Noc^dant bit ich dich mere. 


60 Vndeparze 




105 Durch dine hohe trmitat 


Nie so scho 






Daz du ime helfe vnde rat 


Da sie bit e 






Otehest zu sime strite, 


Die sper sie 






Vnd tu daz herre inzite. 


So daz sie 






"Edaz er sinen iungen Hp 


c 65 


cke 


110 yerlieee durch mich armez wip. 




icke 




Wände solt er hie verderben, 




elingen 




Ich wolde e vor in sterben.* 



n. 36 Großes ro'thes D mit rother Yerzienmg« 
Verzierung. 



55 Grofies grünes N mit rother 



BLANSCHANDIN. 



73 



Die «prach sie heize weinende 
vud bit herzen meinende, 

115 Dax 8chone erhörte got ir bete. 
Daran er godeliehen tete. 
Er ^estate daz der iunge man 
Den sige gewan dem alten an, 
Der vor des manigen hate er- 
slagen ; 

120 De« muster nu die buze tragen. 



Blanschandin daz an ime 

sach 
Da ime sin kraft niht helfe eniach 
Wand er vil vor ime da hin. 
ZeAant do lief er über in 
125 Ynde sluo ime abe daz houbet. 
Er wart also betoubet 
Da« er nicmer wort gesprach. 
Die frouwe daz vil gerne sach. 



III. 



a . herze nnde sinne notet 
fn frouden dicke dotet 
de8 zihen ich die minne 
ich fände in minem sinne 
5 und mac ez wol engelten 
daz tch sie lange schelten, 
memen ane minne wesen sol, 
die ist maniger seiden vol. 
swer mit triuwen minnen gert 
10 toirt des von ir gewert, 
er manige miasetat 
det durch der minnen rat 
n dem sie wirt gehaz. 
ndnne ist maniger tagende vaz. 
15 ich nvrÜL sie niemer strafen. 
ich wil schrien wafen 
über alle die ir sprechen leit. 
mtnne al der werlde selikeit, 
6e«elige mich du weist wol wo 
20 vnde mache mir daz herze vro. 
diae rede wil ich hie begeben 
vn Grifen an daz erste leben 
vnd rihten daz nach rehte 
hii deme iungen knehte. 
25 do Blanschandin der gute 
irsach 
dis henseleit diz vngemaeh» 
de» wandert in vil sere, 
erenwiste waz iz were, 
und dahte rehte ez were ein 
droum. 
30 d€us ors bant er an einen boum, 



und entwapeute sich vil schire, 
daz hamasch nam der fiere 
b Vn leite iz bi den toden man. 
Sine cleider det er wieder an 

35 Vn daz kuneclich gewant. 
Vf sin ors saz er zehant. 
Daz was starc snel vii gut, 
Daz gab dem iungen hohen müt. 
Nu für er hinne . got hiite sin ! 

40 Des wünsch ich in dem herzen min, 
Wand er mit grozer angest reit 
Als vns die aventiure seit. 
.Er gedahte ime solten tragen haz 
Des ritters vriunt die er entsaz 

45 Den er durch rehte not ersluc. 
Em ruhte war in sin wec gedruc. 
Wand er hate gar irgeben 
Beide lip vnde leben 
In die waren godes pflege, 

50 Des gelanc im alle wege. 
Nu reit der wol getane 
Niuwan nach wane. 
Er kam in ein gebirge groz, 
Da ein swindez wazzer vloz 

55 Vn daz was vnfurtic gar. 
Ez was abent, daz ist war, 
Du er an daz wazzer kam. 
Daz ors mit sporn er do nam 
Vii wolde niht langer biten, 

60 Er wolde vber riten. 

Daz enwer im niht gut gewesen 
Wand er were vil vngenesen. 



n. 116 D» (ze tr) one? III. 61 Großes roihes N mit grüner Ventierung. 



74 



O. CAKNUTH 



c 6ö 



7Ö 



Nv wolte sin got walden. 
er sach ginhalb halden 
Ein ritter, was nach gewonheit 
Innedichen wol bereit. 
Er was gewapent harte wol, 
AU von rehte ein riter sol, 
Mit «per vnde mit schilte. 
Yil liitzel in beuilde 
Em bete swaz er «ölte han. 
Er was eltlich getan: 
Sin hart gra yü wol gezogen. 
Er hienc ime vffe den satelbogen. 
Er hate ritterlichen müt. 
Der selbe ritter was durh gut 
Zu den ziten dar gesant. 
Sin dinc daz was also gewant 
Daz er wisen solte 
Die fürt, swer vber wolte 
Ze dinste siner frouwen komen, 
Als ich die mere han yernomen. 
Nu daz der ritter daz irsach 
Lute rief er vn sprach : 
86 ^Juncherre haltet stille, 
Daz ist wol min wille. 
Im solt niht vurbaz riten, 
Durch mich sult irs Termiten. 
Daz mac vch lihte werden gut. 
Ich wene daz ir rehte tut. 
Folget minem rate. 
£z ist nu me zu spate, 
Ich bin wiser dan ir : 
Ratich vch wol so volget mir. 
Daz ist ein wise sache : 
Faret zu gemache 



75 



80 



90 



95 



1 £z ist herbergens zit. 

Dort vnder ginem berge lit 

Ein wunneclichez burgelin. 
100 Dar vart durch den willen mtn, 

Da nimt man iuwer vil gut Yvar,* 

Sin vingerHn warf er im dar. 

Daz solt ein warzeichen wesen. 

Daz steinelin was uzerlesen, 
105 Ouch was ez fin von golde. 

Gebe mir ein wip ze solde 

Ein simelichez, die ich weiz; 

Mir enwart nach gute nie so heizl 

vn dete siez mit triuwen, 
110 Solt ez mich iemer riuwen 

Ich nemez e dan tusent marc 

Die mir gebe ein iude karc. 

Ez mohte ouch mich erfrou . . 

Swer rehte minnet dem ist . . 
115 Yii der niht geminnet ist 

Noch trostes hatdekeinen (tvrist) 

Nn lazen wir dise rede sin. 

Blanschandin nam daz yin- 
gerlin 

Yü wolte dünnen sin gevam. 
120 Der ritter sprach: 'ir sult bewam 

Daz ir fru her wider komet: 

Daz schat vch niht, ich wenz 
fromet. 

Ich will uch geben guten rat. 

Swar nach uwer wille stat, 
125 Ir sult niht über riden. 

Ir sult min hie biden. 

Ob ir kumet e dan ich. 

Doch kum ich e des pinnich' 



ZUM ANNOLIEDE. 



Daß der Dichter des Annoliedes nur das Wenigste von seinem 
Stoffe selber geschaffen, vielmehr lediglich aus fremden, theils deutschen, 
theils lateinischen Quellen geschöpft und compiliert habe, ist bekannt 
Bezzenberger hat in den Anmerkungen zu seiner Ausgabe einen großen 



m. 57 Großes grünes D. 63 Großes rothes N. 83 Großes rothes N. 117 Großes 
grünes N mit rother Verzierung. 



ZUM ANNOLIEDE. 75 

Theil derselben verzeichnet^ nachdem bereits vorher Opitz die meisten 
von ihnen nachgewiesen' hatte. Was Schilter und Scherz im Thesaurus 
in den Anmerkungen zum Annoliede an Quellen geben, ist einfach 
aus Opitz hertlber genommen. Dagegen hat Bodmer in der Ausgabe von 
Opitzens Gedichten noch einiges hinzugefügt Aber nicht nur die That^ 
Sachen y auch Schilderungen, Bilder und Gleichnisse hat der Dichter 
wörtlich entlehnt und zur Ausschmtlckung der dargestellten Ereignisse 
verwandt Es war ein Irrthum Bodmers, der ebenso wie Herder dem 
Dichter des Guten nicht genug nachrühmen kann, die schönen Gleich- 
nisse des Gedichts als ne^e lobend hervorzuheben: sie sind meist nicht 
Eigenthimi des Dichters. Auf diesen Umstand ist meines Wissens noch 
nicht ausdrücklich hingewiesen worden, oder es hat doch an einer Zu- 
sammensteUung von genügenden Zeugnissen daftir gefehlt 

Bei Besprechung des Gedichtes durch Herrn Prof. Schade in sei- 
nen Vorlesungen über die Geschichte der altdeutschen Poesie im ver- 
flossenen Winter wurde ich darauf aufmerksam, daß das Bild, welches 
der Dichter bei der Schilderung der Parteikämpfe in Deutschland unter 
Heinrich IV gebraucht: 

ddz fiche aUiz hekSrte An gewSfine in An eigin inädere (Bezz. 685) 
wörtlich zu Justin HI, 2 stimmt: Interea Qraecia omnis ducibus Lace- 
daemoniis et Atheniensibus in duas divisa partes ab extemis bellis 
velut in viscera sua arma convertit Eine ganz ähnliche Stelle 
ist Justin Xni, 6: Sic Macedonia in duas partes discurrentibus ducibus 
in sua viscera armatur ferrumque ab hostili hello in civilem san- 
gninem vertit, exemplo furentium manus ac membra sua ipsa caesura. 
Justin spricht hier von den Bürgerkriegen, die sich nach Alexanders 
Tode zwischen Antigonus und Perdiccas erhoben hatten. Sicher lagen 
unserem Dichter diese Stellen vor, er nahm sie einfach herüber, um 
sie bei seiner Schilderung deutscher Bürgerkriege zu verwenden. Daß 
er den Justin gekannt habe, beweisen die Abschnitte 117 — 152 Bezz., 
die aus Justin I, 1 u. 2 geschöpft sind. Auch Lucans Pharsalia I, 2 
bietet eine Parallelstelle: 

(canimus) populumque potentem 
in sua victrici conversum viscera dextra. 
Hier stimmt noch das victrici dextra mit v. 687: mit dginunftUöher 
eesewe. Da auch Lucan dem Dichter des Annoliedes nicht unbekannt 
war, wie sich weiter unten zeigen wird, so muß unentschieden bleiben, 
aus welchem der beiden alten Autoren er sein Bild entnommen habe. 

Eine andercf Stelle, die dem Justin nachgebildet zu sein scheint, 
ist V. 690: daz di gidairftin tichamin idtoorfin lägin unMgravin ci äse den 



76 O. CARNUTH 

bellindin den gräwin waUhundin. Justin spricht II, 13 von der Pest, die 
nach der Schlacht bei Salamis auf dem Rückzuge des Mardonius nach 
Böotien im persischen Heere wüthete: Tanta foeditas morientium fuit, 
ut viae cadaveribus implerentur alitesque et bestiae escae illecebris 
BoUicitatae exercitum sequerentur. 

Wieder bietet hier Lucan Phars. VII, 825 etwas Ahnliches. Er 
schildert, wie Caesar die Leichname der gefallenen Pompejaner unver- 
brannt liegen ließ und fkhrt dann fort: 

Non solum Haemonii, funesta ad pabula belli 
Bistonii venere lupi, tabemque cruentae 
Caedis odorati Pholoen liquere leones, 
Tunc ursi latebras, obscoeni tecta domosque 
Deseruere canes. 
Bezzenberger p. 120 hat Homer D. A, 4 avrovg 8h iXcipia wtJjr« 
xvvsööLV olmvotöl ts n&öi vergleichen woUen. Doch es ist schwer zu 
glauben, daß unser Dichter noch Griechisch verstanden habe. Von 
Notker, der doch sicher 60 — 70 Jahre vorher starb (f 1022), wissen wir, 
daß er es nicht mehr übersetzen konnte. 

Bei der Schilderung der Schlacht von Pharsalus beruft sich der 
Dichter des Annoliedes ausdrücklich auf ein Buch. 
443. du wart diz h^rüti volcmg — 
a&ö diz buch qutt — 
daa in disemo mei'igaHen 
ie gevrumit wurde. 
Dieses Buch ist sicher Lucans Pharsalia*), der Dichter hatte VII, 632 
im Auge: 

Non istas habuit pugnae Pharsalia partes 
Quas aliae clades. 
638. Maius ab hac acie, quam quod sua saecula ferrent, 
Vulnus habent populi, plus est quam vita salusque 
Quod perit, in totum mundi prostemimur aevum: 
Vincitur his gladiis omnis quae sendet aetas. 
Bei der Schilderung der Schlacht selber ist der Dichter wieder Lucän 
genau gefolgt. Vgl. 447—460 Bezz. und Pharsal. VlI, 474: 
O praeceps rabies, quum Caesar tela teneret, 
Inventa est prior ulla manus! Tunc stridulus aer 
Elisus lituis conceptaque classica comu: 



*) Auf diese Quelle hat bereits Holtzmann : Der Dichter des Annoliedes, im 2. Jahr- 
gange dieser Zeitschrift S. 28 hingewiesen. 



ZUM ANNOLIEDE. 77 

Tunc ausae dare signa tubae, tunc aethera tendit^ 
Extremique fragor conrexa irrupit Olympi, 
Unde procul nubes, quo nulla tonitrua durant. 
Pindus agit fremitus^ Pangaeaqne saxa resultaut 
Oetaeaeque gemunt rupes. 
565. obit latis proiecta cadavera campis. 

Vidnera multorum^ totum fusura cruorem. 
790. cemit propulsa cruore 

Flumina et excelsos cumulis aequantia coUes 
Corpora, depressos in tabem spectat acervos. 
Bezzenbergers Änderung glumäe t^gliunte 452 erhält durch Lucans 
resultare und gemere eine beachtenswerthe Stütze. 
Zu dem Bilde v. 420: 

cds ein vlüt vülrin 8* in daz lant 
vgl. Phars. VI, 272: 

Armaque late 
Spargit, et effuso laxat tentoria campo 
Mutandaeque iuvat permissa licentia terrae. 
Sic pleno Padus ore tumens super aggere tutas 
Excurrit ripas et totos concutit agros. 
Die Erzählung von der Öffnung des Schatzhauses durch Caesar 
(Bezz. 473) ist vielleicht aus Lucan III, 134 geflossen. Die Flucht des 
Senats, des Cato und Pompejus beim Herannahen Caesars (427 Bezz.) 
erwähnt Lucan I, 486, 522. II, 319. Caesars Macht wird I, 392 «. 
geschildert, die barbara turba Rheni auf seiner Seite 11^ 309 genannt. 
III, 169 werden die Hilfstruppen des Pompejus aufgezählt. Reich nennt 
der Dichter den Pompejus wol nach VII, 740 (Bezz. 459). Das Gleich- 
niss Bezz. 445: 

alsi der hagil verit van den wolkin 
hat auch Vergil dreimal, vgl. Aeneis X, 803: 

Ac velut e£Eusa si quando grandine nimbi 
praecipitant. 
V, 458 und IX, 669. 

Eine andere Quelle, die der Dichter des Anncliedes mehrfach 
benützt und nachgeahmt hat, ist Boethius de consolatione philosophiae- 
Der Gedanke, daß die Schöpfung der übrigen Natur ihre Reinheit be- 
wahrt habe, nur der Mensch gefallen sei (Bezz. 35) , ist auch bei Boeth. 
I, 5 (Ausg. V. Obbarius, Jena 1843) ausgesprochen: 
Nihil antiqua lege solutum 
Linquit propriae stattonis opus, 



78 O. CARNUTH 

Omnia certo fine gubernans 

Hominum solos respuis actus etc. 
Der reizenden Schilderung Bezz. 39 — 50 scheint Boeth. IV, 6 ^n Grunde 
zu liegen: 

Si vis celsi iura tonantis 

Pura soUers cemere mente, 

Adspice summi culmina caeli. 

lUic iusto foedere rerum 

Veterem servant sidera pacem: 

Non sei rutilo concitus igne 

Gelidum Phoebeö' inpedit axem, 

Nee quae summo vertice mundi 

Flectit rapides Ursa meatus, 

Numquam occiduo Iota profimdo 

Cetera cemens sidera mergi, 

Cupit Oceano tingere fiammas. 

Haec concordia temperat aequis 

Elementa modis, ut pugnantia 

Vicibus cedant humida siccis 

Jungantque fidem fngora flammis, 

Pendulus ignis surgat in altum, 

Terraeque graves pondere sidant. 

His de caussis vere tepente 

Spirat florifer annus odores. 
Zu vergleichen ist noch Bezz. 47 und Boeth. I, 2: 

Ut terram roseis floribus omet 
Bezz, 48 und*) Boeth. 11, 3: 

Nemus flatu Zephyri tepentis 

Vemis inrubuit rosis. 
Bezz. 44—46 und ffiob 28, 25. Baruch 6, 59 ff. 

Die Erzählung vom Cyclopen Polyphem und Ulixes (Bezz. 361 
bis 364) steht bei Boeth. IV, 7: 

Flevit amissos Ithacus sodales, 

Quos ferus vasto recubans in antro 

Mersit immani Polyphemus alvo: 

Sed tarnen caeco furibundus ore 

Graudium maestis lacrimis rependit. 



*) Ovid. MeUm. I, 44: 

Jnssit I fronde tegi silras. 



ZUM ANNOLIEDE. 79 

Zu Beza. 355 vgl. Boeth. IV, 7: 

BeUa bis quinis operatus annis. 

Im Liede v. 152 wird erzählt , daß die Giganten die Ziegel ge- 
brannt hätten^ aus denen der babylonisehe Thurm gebaut worden sei. 
Notker (Hattemer p. 154) spricht bei der Übersetzung von Boeth. III, 12: 
— Accepisti in fabulis lacessentes caelum Gigantes — über diese und 
erzählt dabei die den Alten geläufige Sage. Dann fiigt er aber hinzu: 
h wären aber die wMuifiOy die poet diluvium turrem rnnberÜUm wider 
gotey unde eie vmrten diviaae per lingucu. Man könnte dadurch fast auf 
den Gedanken kommen, daß der Dichter die Übersetzung des Notker 
gekannt habe. Doch findet sich die Ansicht Notkers, gegründet auf 
Genesis 6, auch in anderen Quellen des Mittelalters so oft, daß unser 
Dichter sie eben so gut anderswoher haben konnte. 

Das Gleichniss 647 fg. ist ein biblisches: vgl. Lib. Sap. 3, 6 
tanquam aurum in fomace probavit illos et quasi holocausti hostiam 
accepit illos; Proverb. 17, 13 sicut igne probatur argentum et aurum 
Camino, ita corda probat dominus; und Jes. Sirach 2, 5. Der Dichter 
hat dies dann nodi weiter ausgeführt. Ähnlich sagt Lambert, Pertz 
Script Vn, 237, 36: Longa aegrotatio, qua Dominus vas electionis 
suae in Camino tribulationis purius auro purgatius mundo obrizo deco- 
xerat, und ebendaselbst 239, 36: Sed pius Dominus, qui quos amat 
argnit et castigat, hanc quoque dilectam sibi animam ante diem voca- 
tionis suae multis temptari permisit incommodis, ut scilicet ab eo omnem 
scoriam tefrenae conversationis excoqueret caminus transitoriae tribu- 
lationis. Ebenso scheint das Bild Bezz. 773 ff. aus der Bibel entnommen 
zu sein, vgl. 5 Mos. 32, 11: Sicut aquila provocans ad volandum pul- 
los suos et super eos volitans expandit alas suas, et assumpsit eum 
atque portavit in humeris suis. Zu Bezz. 145 vgl. Jonas 3, 3: Ninive 
erat civitas magna itinere triimi dierum. 

Zum Schlüsse gebe ich eine übersichtliche Zusammenstellung aller 
nachgewiesenen Quellen imd Parallelstellen zum Annoliede, in die ich 
auch die von Bezzenberger verzeichneten mit aufgenommen habe. Die 
von Opitz gefundenen Quellen habe ich mit Op. bezeichnet, die von 
Bodmer nachgewiesenen mit Bod., die von Bezzenberger mit Bezz. 
Bezz. 10. Lambert, Pertz Script. — 44—46. Hieb 28, 25. 

vn, 257, 30. 241, 17. Bezz. — 47. Boeth. I, 2. 

— 20. Genes. 1. Ev. Johannis — 48. Boeth. II, 3. Ovid Metam. 
I, 1. Bod. I, 44. 

— 39—50. Boeth. IV, 6. Op. — 51—55. Boeth. I, 5. 
Baruch VI, 59. — 107. Lambert 215, 18. Bezz, 



80 



O. CARNUTH 



Bezz. 121—134. \ r ^ i ■, n, 

— 135-142. 1 *^°'*''' ^' ^' ^• 

— 145. Jonas III, 3. 

— 148. Josephiis IX, 11. Op. 

— 150—152. Justin I, 2. Bezz. 
Notker p. 154. 

— 153— 161. Genesis 11, 3, Bezz. 

— 175—182. Daniel VH, 2 u. 3. 

— 185—186. — VII, 17. 

— 187—192. — VII, 4. 

— 193-202. — Vn,5. 

— 203-204. — VII, 6. 

— 208. Plinius h. n. VI, 16. Op. 

— 210 — 234. vgl. das aus Pseu- 
do-CaUisthenes Geflossene bei 
Bezz. S. 103. Op. 

— 235—246. Daniel VII, 7. 

— 247—248. — Vn,24. 

— 249—254. — Vn, 8. 

Apokalypse 17, 8—12. 

— 263. Sallust Cat. VI, 6. 

Eutrop I, 1. Bod. 

— 267. Sallust VI, 7. Bod. 

— 269. Lamb. Annal. p. 5. 
Julius Caesar annis 5. Hie primus 

qionarchiam tenuit, et ab hoc 
caesares appeUati sunt Bezz. 
— 279. Tacit. Genn. 38. 

Caesar beU. GaU. IV, 1—3. 
Bezz. 

— 301. Horat. Od. 1, 16, 9. 
Ep. 17, 71. Op. 



Bezz. 312. Isidor Orig. XIV, 8. Op. 

— 324. Widuchind, Pertz Script. 
V, 418. Op. 

— 342. Widuchind 1, 7. Op. 

— 346. Bezzenb. 108—109*), 

— 355. Boethius IV, 7. 

— 361—364. Boethius IV, 7. 

— 365—368. Verg. Aeneis Ht, 
677. Op. 

— 371—378. — — m, 
294. Bezz. 

— 379—382. — — 1,242. 

LiviuB 1, 1. Op. 

— 383— 386. Verg. Aen. 111,390. 
Op. Vin, 43. Bezz. 

— 390—392. Verg. Aen. HI, 
349^50. Bod. 

— 397. Caesar b. civ. 1, 1 u. 7. 

Bezz. 

— 415. Lucan I, 392. 

— 420. — VI, 272. Op. 

— 427—430. Lucan 1, 486. 522. 

— n, 319. 

— 435. — m, 169. 

— 440. Verg. Aen. X, 803. V, 
458. IX, 666. 

— 444. Lucan VH, 632. 638. 

— 447-460. Lucan VH, 474. 
565. 790. 

— 459. Lucan VH, 740. 

— 473. — ni, 134. 

— 482. GermaniaTac.41.Bezz. 



*) Lncan I, 427 erzMtlt ebenso Ton den Arvernera, daß sie sich Ton Troja her- 
leiteten : 

Arrerniqne ansi Latios se fingere fratres, 

Sangnine ab Iliaco popnii. 
Sollte diese Sage zusammenh&ngen mit der Ton den fabelhaften Wanderungen der Franken, 
die Eumenius paneg. Constantio Caesari recepta Britannia d. cap. 18 «rwfthnt? (cf. Bezz. 
p. 108). Vgl. Über die Arremer und ihre Bertthmng mit den MasMliensem LiTins V, 34. 
Plinius HN. IV, 19 nennt sie liberi ArTemi. [Vgl. «brigens diese Zeitschr. I, 34 ff.] 



ZUM ANNOUEDE. 



81 



Bezz. 486. Dion LIV, 11. Bezz. 

— 487. Tac. Annal. XH, 27. 

Hist IV, 28. Bezz. 

— 505. Lambert 204, 21. Bezz. 

— 509 — 514. Gesta Trevirorum 
I, 40. Bezz. 

— 523—528. Mart. Polonus lib. 
IV. Op. 

— 540 — ^568. Hagens Reimchro- 
Bik V. 44 — 151. 

Cronica van Coellen Bl. 55^. 



- 579. Lambert 237, 36. Op. 

- 589. — 237, 45. Bezz. 

- 590. . — 237, 48. Bezz. 

- 593. — 238, 1. Bezz. 

- 595—612. Vita Ann. I, 8. 

- 598. Lambert 237, 39. Bezz. 
-606. — 238, 16. Bezz. 

- 613— 628. Vita Ami. 1, 9.0p. 

- 629—632. _ — I, 7, 

- 639. Lambert 238, 11. Bezz. 

- 640--644. Vita Ami.1, 15.0p. 

- 642. Lambert 238, 19. Bezz. 

- 645—656. Lambert 237, 26. 
Bezz. 

— 239, 86. 

Jesus Sirach 2, 5. 
Weisheit Salom. 3, 6. 
Sprüche Salom. 17, 3. 

KÖNIGSBERG i. Fr. im Mai 1868. 



Bezz. 657—672. Vita Ann. II, 21. 

— 662. Lambert 240, 6. Bezz. 

— 663. — 211, 42. Bezz. 

— 672—694. Vita Ann. H, 23. 

— 685. Justin HI, 2. Xm, 6. 

Lucan I, 2. 

— 690. Justin 11,13. Lucan VII, 
825. 

— 694. Lambert 239, 22. Bezz. 

— 695—710. Vita Ann. H, 24. 
Op. 

— 711—732. — _ n, 25. 
Op. 

— Lambert 240, 20. Bezz. 

— 733-756. Vita Ann. H, 25. 

— 757—770. — — m, 5 
u. 15. Bezz. 

— 759. Lambert ebendaselbst. 

— 774. 5 Mos. 32, 11. 

— 787—850. Vita Ann. IH, 24, 
Op. 

— 851— 865. 2 Mos. 14,21-22. 

— 3, 8. 

— 17. 6. 

— 16, 4. 14 ff. 
Baruch 45, 2, 

— 866. 4 Mos. 12, 10. Bezz. 



O. CAKNUTH. 



QBR1IA.NIA. Nene Reihe tt. (X1T.)J«hri. 



82 H. OESTERLEY, ZU GESTA ROMANOKUM. 

ZU GESTA ROMANORUM. 



Cap. LXVni der lateinischen Gbsta Romanorum lautet nacli dem 
Vulgärtexte:. Gordianus regnavit, in cujus imperio erat quidam miles 
generosuB qui pulchram uxorem habebat^ que sub viro sepius erat adul- 
terata. Accidit semel quod maritus ad peregrinandum perrexit Dia vero 
in continenti vocavit amasium suum. Doniina illa quandam ancillam 
habebat qu6 castus avium intellexit. Cum yero amasius yeniret^ erant 
tunc temporis tres galli in curia. Media nocte cum amasios juxta do- 
minam jacuisset, primus gallus cantare cepit. Domina^ cum hoc audisset^ 
ait ancille: Die mihi^ chariesima^ quid dicit. gallus in cantu? lUa re- 
spondit: Gallus dicit in cantu suO; quod tu facis injuriam dotnino tuo. 
Ait domina: Occidatur gallus iste^ et sie factum est Tempore debito 
post hec secundus gallus cantavit. Ait domina ancille: Quid dicit gallus 
in cantu suo? Ait ancilla: Socius mens mortuus est proveritate et ego 
paratus dum mori pro ejus yeritate. Ait domina: Occidatur gallus , et 
sie factum est. Post hec tercius gaUus cantavit. Domina, cum audisset, 
dixit ancille: Quid dicit gallus in cantu suo? Illa respondit: Audi; vide, 
tace^ si tu vis vivere in pace. Ait domina: Non occidatur gallus iste. 

Dienen) T^xte, ich habe nur den Gesang der drei Hähne im Auge^ 
schließen sich die meisten der mir bekannt gewordenen Handschriften 
der Gesta än^ während einige den. einen oder anderen Gesang mit 
Worten einleiten, wie angelice (Cod. Guelferbyt Helmstad. 693, Quart^ 
Nr. 42), cgÄtu atJgelico (Cod. Guelferbyt 495, 4 Th. Fol. Nr* 41), oder 
angelicffif yerbis (Qod. Guelf» August. 14, 5, Quart, Nr. 12). Das sonst un- 
verständliche angelice etc. stammt nun daher, daß der Hahnengesang 
ursprünglich in englischer Sprache geschrieben war, die englischen 
Sätze aber als unverstanden oder unverständlich ausgemerzt wurden 
und das anglice u. s. w. der Einleitungsworte in angelice u. s. w. sich 
verwandielte. Ich habe bis jetzt in deutschen Bibliotheken ftinf auB 
deutschen Klöstern herstammende und unzweifelhaft von deutschen Or- 
densleuten geschriebene Handschriftien geftinden^ welche den ursprüng- 
lich englischen, aber freilich vielfach verdorbenen Text enthalten, ein- 
geleitet durch das richtige anglice o. ä. In dem Cod. Marburg. D. 20 
Fol. (XV. Jahrh.) lautet er (Cap. 22): 

1. Ye ket seyt in yr sang yat you doyst yr ysban vnraut 

2. My fallau farys spzesau hait ylors lyf an lyt fullau. 

3. Yr an sie ando leye stille kyff you woylt as ye pescau al ym wil. 



CARL SCHRÖDER, BEIDE. 83 

Fast genau so in dem unzweifelhaft dem XV. Jahrh. angehörenden 
Colmaier Cod. Issenh. 10 Fol. Nr. 52. 

Im Cod. Monac, lat. 4691, Nr. 182 (XV. Jahrh.), mit dem Cod. 7759 
und 7841 ziemlich übereinstimmen, ist vor dem ersten Verse angelicis 
gesehrieben, das e aber ausradiert; die Sprüche lauten hier: 

1. Ye koc seyt inir sang yac you doyst yr vsban wrang. 

2. My fallaw for ys sore sau hayt yloris lif anlyt ful lau. 

3. Yr anse andolye stille chyffiou woilt as hi pese au ale ys wil. 

Dieselben Verse kommen auch in den von englischen Händen ge- 
schriebenen Redactionen vor, namentlich in dem sog. anglo-lateinischen 
Texte, Cod. Harl. 2270, Cap. 53. 

In einer altenglischen Bearbeitung der Gesta Romanorum (Cod. 
Harl. 7333, Nr. 45) heißen die Verse: 

1. The cock seithe in his songe, that thow dost thin husbonde 
wränge. 

2. My felowe for his sothe sawe hathe loste hys lyf , ande lithe 
flu lawe. 

3. Here ande see and sey nowte, thenne ihou maiste have alle 
thi wille. 

Fast gleichlautend ist Cod. Harl. 5259. 

Es ist damit erwiesen, daß die deutschen Schreiber hä^ufig aus 
englischen Händen stammende Vorlagen gehabt haben. 

GÖTTINÖEN. H. OESTBRLEY. 

BEIDE, 

Zu den von J. Grimm (Gr. 4, 954; theilweise wiederholt Wb. 
1, 1364) und im mhd. Wb. 1, 98**, sodann von Zingerle in dieser Zeit- 
schrift 6, 224 f. beigebrachten Beispielen dafiir, daß in der älteren 
Sprache der BegriflF beide nicht selten auf drei erstreckt wird, kann 
ich noch einige weitere Belege aus dem Gebiet des Niederrheinischen 
anfahren. Es heißt bei Gotfiied Hagen (ed. Groote) v. 2924: beyde lijff 
ind guyt ini ere. ibd. v. 4710: heide an live an goede an erven. ibid. 
V. 5158 f. : beide interven ind intUven ind lesterlich us Coelne dryven, 
Reinke de Vos (ed. Lübben) v. 2591 : beide stn gtU t^n Uf unde lede. 

Auch auf vier erstreckt findet sich beide bei Gotfr. Hagen 
V. 2436: beide rieh arm grois ind cleine. Doch trifft hier wohl trotz des 
vereinfachten Beispiels und obwohl zwischen rieh und arm das ind fehlt, 
was Grimm Gr. 4, 955 bemerkt, daß beide lieber auf die zwei Paare, 
rieh arm und grois ind clein zu beziehen ist. 

ERLANGEN. CARL SCHRÖDER. 

6* 



84 FELIX LIEBRECHT 



VLAMISCHE MÄRCHEN UND VOLKSLIEDER. 



Ein unlängst erschienenes Büchlein (Oude Kindervertelsels in den 
Brugschen Tongval verzameld en uitgegeven door Adolf Lootens, met 
spraakkundige aanmerkingen over het brugsche taaleigen door M. E. F. 
Brüssel 1868) enthält im Ganzen neun Märchen, die ich hier auszugs- 
weise mittheilen will, da sie mancherlei Eigenthümliches darbieten 
wenn auch meist in dürftiger Fassung; doch sind sie ganz vortrefflich 
erzählt und treffen den echten Volkston. Dies so wie die Bezeichnung 
„alte Kindermärchen*^ erklärt sich durch folgende Stelle des Vorworts: 
„Wir haben diese- Märchen so drucken lassen, wie eine genaue Über. . 
lieferung sie in verschiedenen Familien bewahrt hat, ohne auch nur 
ein Wort abzuändern, ohne auch nur einen Buchstaben hinzuzufügen 
oder wegzulassen. Sie wurden uns durch hochbejahrte Personen von 
ausgezeichnet gutem iGedächtniss erzählt und wir können demgemäß 
versichern, daß sie seit ungefähr hundertundfanfzig Jahren nicht die 
mindeste Veränderung erlitten haben." 

I. Tischchen deck dich (Platteboontje d. i. die Saubohne). 

Ein armes Ehepaar mit vielen Kindern leidet große Noth; da 
steckt der Mknn eines Tages eine noch übrige Saubohne in die Erde 
und findet sie den folgenden Morgen bis an die von St. Peter bewachte 
Himmelspforte emporgewachsen. Er klettert an dem Stengel hinauf und 
erhält auf seine Bitte um Almosen von dem heiligen Pförtner ein Schäf- 
chen, das bei den Worten »Schäfchen schüttle dich" allerlei Arten Geld 
von sich schüttelt ^). Dieses Schäfchen jedoch wird ihm auf dem Rückwege 
da er die Nacht in emer Herberge zubringt, von den Wirthsleuten, 
denen er die wimderbare Eigenschaft des Thierchens mitgetheilt, gegen 
ein anderes vertauscht, so daß er zu Hause anlangend die gehegte Er- 
wartung getäuscht sieht. Er klimmt wieder zu St. Peter empor und 
erhält von ihm ein Tischchen deck dich (Tafeüje, dek wal)y um das er 
ebenso kommt wie um das Schäfchen und erlangt beide erst wieder 
durch das dritte Geschenk des Heiligen, einen Sack mit Eiiüppeln, 



^) Sehudden, Zeer waanchijnlijk staat hier en overal in dit vertelsel schadden 
Toor »ekijten'f men begrijpt genoegzam 4e reden waarom de verbaler dit laatste woord 
reranderd heeft. Anm. des Heransg. 



VLÄMI8CHE MÄRCHEN UND VOLKSLIEDER. 85 

worauf er ein reicher Mann wird und sich eine Hofstelle kauft. Alle 
aber, die später auf dieser Hofstelle wohnten, wurden gleichfalls reich. 
— Das nun folgende Märchen wird gewöhnlich unmittelbar nach dem 
vorhergehenden erzählt. Da es nur kurz ist, so theile ich es in der 
Sprache des Originals, um zugleich eine Probe desselben zu geben, 
vollständig mit und ftige eine wörtliche Übersetzung hinzu^ um es ge- 
nauer verständlich zu machen. 

n, Fleeres. 

„Der was e gheel groot peerd up die hofsteS*) en 't heette Fleeres. 
En 't de^ oltijd zen hamasseure gheel öUeen an, en 't gink gön ploe- 
gen gheel blleene, en 't kreeg ölle dage en gheelen eemer malk. En 
ze wieren bllemölle rijkke die up die hofste^ giäge^ weunen. Zo 
der kwaem d6r e keer en gheelen gieregen beer up die hofeteS 
weunen, en je zei: „Ja, da kost öl veel te veel gald dat da peerd 
olle dage en gheelen eemer m^ malk moet h^n[; 'k zbl ik bl gauw g6n 
maken dat 't geen malk meer en mag." Zo je de^ look in da pewd 
zen malk, omdat 't nie meer en zoe gemeugen hen. Mb lik of da peerd 
begost an die malk te lekken, 't en mögt het nie, en 't zei : „ Wat hfe 
je me dor gegeven?" — „Zoete malk m6 look!** — „Fleeres gbot deure, 
en 't geluk ook." — En ze zijn sedert dien öl öorme geworden die 
dör geweund hSn." 

Übersetzung. 

Da war ein ganz großes Pferd auf jener Hofstelle, das hieß Fleeres. 
Und es that immer sein Geschirr ganz allein an und es gieng ganz allein 
pflügen *) und es bekam alle Tage einen ganzen Eimer Milch. Und sie 
wurden allesammt reich, die auf der Hofstelle wohnten. So kam da einmal 
ein ganz geiziger Bauer auf die Hofstelle zu wohnen und er sagte : „Ja, 
das kostet all viel zu viel Geld, daß das Pferd alle Tage einen ganzen 
Eimer mit Milch haben muß; ich werde bald machen, daß es keine 
Milch mehr mag.^ So that er Lauch in des Pferdes seine Milch, damit 
es keine mehr sollte haben wollen ^), Aber sobald das Pferd an die 



*) ei und 06 bezeichnet eine Yerschmelzang beider Vocale, — h, h dumpfes o 
und e, — n sprich aus fde. IHese Angaben entnehme ich dem Anhang Si>raakkundige 
Aanmerkmgen u. s. w. , einer sehr lehrreichen Übersicht der Eigenthümlichkeiten des 
Brflggischen Dialekts, welcher der Sprache Maerlants noch sehr nahe steht, und daher 
ihr den. Sprachforscher nicht ohne Interesse ist. 

*) Eig. »gieng pflügen gehen**. Das Zeitwort gehen wird oft ganz überflüssig 
eingeschoben. 

*) Eig. „gemocht haben''. 



86 FELIX LIEBRECHT 

Milch zu lecken begann, so mochte es sie nicht und sagte: „Was habt 
ihr mir da gegeben?*^ — „Süße Milch mit' Lauch," — „Fleeres geht 
fort^) und das Glück auch." — Und sie sind seit der Zeit alle arm 
geworden, die da gewohnt haben. 

m. Der Herr Mond {Menheere de Mbne). 

Ein verabschiedeter Soldat wird einmal eine Wintemacht über 
von einer alten Frau, die in einer Höhle wohnt, freundlich beherbergt 
und bewirthet Während er nun in einem Buche, das sie ihm gegeben, 
liest, erscheint ein Männchen, das ihm auf sein Begehren alsbald einen 
Beutel mit Geld bringt Am n&chsten Morgen, als er von der alten 
Frau Abschied nimmt, um, wie er auf Befragen sagt, wohl noch hun- 
derttausend Meilen weit zu reisen, meint sie, er werde auf seinem 
langen Wiege wohl ihre Brüder, den Morgenstern, den Mond und die 
Sonne antreffen; er solle sie also von ihrer Schwester, die in der Höhle 
wohne, bestens grüßen; es gienge ihr immer noch gut Der Soldat ver- 
spricht dies auszurichten und mit noch einem Beutel Geld von ihr be- 
schenkt, setzt er seinen Weg fort Des Abends langt er in einer schönen 
Stadt an, wo er nach längerem Umherwandeln endlich an eine himmel- 
blaue Pforte kommt, auf die ein silberner Stern gemalt war; darüber 
aber stand zu lesen: „Hier wohnt der Herr Morgen&tem." Der Soldat 
klingelt, eine Magd öfihet ihm und eintretend richtet er dem Hauswirth 
die Aufträge der Schwester desselben aus* Dieser wundert sich einiger- 
maßen, wieder einmal nach hunderttausend Jahren von der Höhlen- 
bewohnerin etwas zu hören und beherbergt dann den Soldaten die 
Nacht über. Die Bewirthung freilich ist sehr miniaturmäßig. „Die Magd 
brachte einen Tisch so groß wie ein Puppentischchen, die Teller waren 
wie die Untertässchen, die Brote wie die Makronen, die Gläser wie die 
Fingerhüte und man konnte wohl drei Stücke Fleisch zugleich in den 
Mund stecken. Der Soldat und die Magd hatten gar großen Hunger 
und steckten immer ganze Brote in den Mund.^ Am andern Morgen 
geht es wieder wie den vorigen Tag: dieselbe Frage nach der Länge 
seiner Reise und dieselben Aufträge an Mond und Sonne von Seiten 
ihres Bruders, des Morgensternes, nebst einem Beutel voll Geld. Des 
Abends in dner großen imd schönen Stadt angelangt, findet er dort 
gleichfedls eine himmelblaue Pforte, aber mit einem goldenen Monde 
und darüber die Worte: „EKer wohnt der Herr Mond." Bei diesem 
geht es dem Soldaten genau ebenso wie bei dem Morgenstern, Äur hat 



*) Eig. „(zur) Thtir (hinaiis)'* fwaa. 



VLÄMISCHE MÄRCHEN UND VOLKSLIEDER. 87 

er doppelte Grüße auszurichten, von letzterem sowohl wie von der 
Schwester in der Höhle, welche beide auch schon seit hunderttausend 
Jahren nichts haben von sich hören lassen. Die Bewirthung jedoch 
unterscheidet sich auf sehr vortheilhafte Weise von der des vorher- 
gehenden Abends. ^Die Glftser waren so groß wie die Eimer; da kam 
ein ganzes Kalb auf den Tisch, die Brote waren so groß wie die Wa« 
genräder, die Kannen mit Bier so groß wie die Fässer und es wurde 
dem Soldaten schwer, auch nur ein halbes Butterbrot aufzuessen.'^ 
Nach geendigter Malzeit fragt der Wirth den Soldaten, ob er heute 
Nacht mit ihm scheinen wolle, wogegen letzterer nichts einzuwenden 
hat; da aber die Magd meldet, der Himmel sei tiberwölkt, so vertreiben 
sie sich inzischen die Zeit mit Kartenspielen, wobei der Soldat seinem 
Wirth alles Geld abgewinnt Endlich verktlndet die Magd klares Wetter, 
Wirth und Gast kriechen jeder in ein Feldbett, und es schielten in 
jener Nacht zwei Monde. Am andern Morgen als es zu tagen beginnt 
und der Soldat die ganze Welt mit allen Städten, Wäldern, Kirchen 
und Schlössern gesehen hat, sinken die Betten nach und nach vom 
Himmel herab und fahren endlich zu des Mondes Hausthür hinein. 
Wiederum erhält beim Abschied der Soldat einen Beutel mit Geld nebst 
Grüßen des Mondes an seinen Bruder Sonne, letztere jedoch mit dem 
Zusatz, daß, wenn dieser es sich Aoch einmal einfallen lasse, eine Fin- 
stemiss •) zu machen, der Mond ihn die Schwere seines eisernen Hand- 
schuhs ftlhlen lassen würde; der Soldat solle ihm dann bei seiner Rück- 
kehr zu wissen thun, was sein Bruder gesagt. Gegen Abend kommt 
nun der Soldat in eine so schöne Stadt, wie er noch nie gesehen, und 
in dieser nach langem Suchen zu einer goldenen Pforte mit diaman- 
tener Sonne und der Inschrift: „Hier wohnt der Herr Soime." Ehe er 
vor letzterem erscheint, heißt ihn die Magd, die ihn eingelassen, sein 
Taschentuch vor die Augen halten, um durch den Glanz ihres Herrn 
nicht zu erblinden. Er richtet alsdann die Grüße der Schwester und 
der Brüder aus, so wie daß es allen noch immer recht gut gienge; 
auch vergisst er den Zusatz zu dem CompUment des Mondes nicht, 
worauf der Bescheid lautet, daß Bruder Sonne durchaus keine Furcht 
habe xmA auf den eisernen Handschuh mit seinem eisernen Hebebaum 
antworten werde. Den andeni Morgen begibt der Soldat sich auf die 
Bückreise, von der Sonne mit einem neuen Beutel Geld versehen. Bei 
dem Monde richtet er dann die Antwort der letzteren aus, die aber 
gleichfalls keine Furcht erweckt, vielmehr thun Wirth und Gast sich 



* Iklip», EklifMe. 



g8 FELIX LEBBRECHT 

an dem Abend sehr gütlich, worauf sie wiedef) so lange Karten spielen, 
bis der anfangs bedeckte Himmel sich geklärt hat; alsdann steigt jeder 
von ihnen wie das vorige Mal in ein besonderes Bett, wohin der Soldat 
air das Seinige mitnimmt, und in jener Nacht scheinen wiederum zwei 
Monde. Diese wandeln über die ganze Welt hin, bis sie endlich zu der 
Stadt gelangen, wo der Soldat wohnt. Dort lässt ihn der Mond gerade 
auf die Außentreppe des Hauses nieder und der Soldat, der seine Sa- 
chen aus dem Bette herausgenommen und sich vom Monde verab- 
schiedet hat, wartet geduldig auf der Schwelle den Anbruch des Tages 
ab, wo ihn dann der Vater findet und voll Freude empfkngt. Da lebten 
sie denn noch lange und glücklich als die Reichsten der Stadt. 

IV. Aus Einem Körnchen drei {Van een grhofnJtji Arie). 

Ein Junge sollte einmal eine Quantität Getreide in die Mühle 
tragen und dazu sagen, der Müller möchte aus einem jeden Kömchen 
drei machen. Auf dem ganzen Wege wiederholt er immer diese Worte, 
irrt sich aber schließlich und sagt: „Aus drei Körnern Eins." Indem 
er nun so bei einigen Säemännem vorüber geht, belehren ihn diese, 
er solle lieber sagen: „Ich wollte, daß da tausend daraus würden!** 
Ein Schäfer, der eben seine Heerde vor einem Wolfe vertheidigen muß, 
heißt ihn dagegen fortan sagen: „Ich wollte, er wäre in der Hölle!" 
An einem Orte, wo man gerade ein Pferd abdeckt, hört er, er müsse 
lieber sprechen: „Du hässliches Aas, wie du stinkst!" In einer festlich 
geschmückten Stadt, wo die Vermählung einer Prinzessin gefeiert werden 
soll und er letztere Worte wiederholt, lehrt man ihn daftlr ausrufen: 
„Ei wie prächtig, ei wie schön!" Vor einem brennenden Hause heißt 
man ihn daftlr lieber sagen: „Ich wollte, es brennte nimmer!" durch 
welche Worte er vor einer Schmiede, wo Husaren eben ihre Pferde 
beschlagen lassen, diese so erbittert, daß sie ihm nachlaufen, imi ihn 
todtzuschlagen, weshalb er über Hals und Kopf nach Hause eilt 

V. Der gescheidte Peter {Pier mi ze zwijrC). 

Peter und seine Mutter haben eine Woche lang fleißig gesponnen 
imd für den Verdienst hat Peter in der Stadt ein Schwein gekauft; 
da er aber auf dem Heimwege ein Schlückchen trinken will, so be- 
zeichnet er dem Schwein den Weg nach Hause und lässt es laufen. 
Später selbst bei seiner Mutter anlangend, erfährt er, daß kein Schwein, 
angekommen ist und daß er nicht recht gehandelt, vielmehr hätte er 
das Thier an einen Strick bind^ und hei, hei rufen, wenn es aber nicht 



N 



VLÄMISCHE MÄRCHEN UND VOLKSLIEDER. 89 

vorwärts wollte, es hinter sich her schleppen sollen. So verfilhrt er 
dann auch am nächsten Markttage mit einem großen Stück Fleisch, 
so daß dies von Hunden gefressen wird und bloß die mit Koth besu- 
delten Knochen übrig bleiben. Die Mutter belehrt ihn auch nun wieder 
eines Bessern; er hätte das Fleisch in einem Sack auf dem Rücken 
nach Hause bringen sollen. Am nächsten Sonntag geht die Mutter in 
die Kirche, nachdem sie deif Waffelteig eingerührt hat, so daß Peter, 
der die Pfanne bald darauf überlaufen sieht, sie in einen Sack schiebt 
und mit diesem auf dem Kopfe nach der Kirchthür eilt, wo ihn nach 
Beendigung der Messe die Mutter über und über mit Teig bedeckt 
findet und ihm sagt, er hätte im Waffeleisen Waffeln backen müssen. 
Den darauffolgenden Sonntag geht die Mutter wiederum zur Kirche, 
«*&* jedoch vorher dem Peter, er solle, sobald der von ihr angemachte 
Kuchenteig zu steigen anfange, die Kucheneisen übers Feuer setzen 
und auf jedes zwei Kuchen legen, diese auch umdrehen, sobald sie 
auf einer Seite genug gebacken wären. Peter thut, wie ihm geheißen, 
aber als er die Küchen umkehren will, da fällt in jeden ein halbes 
Schwein, das er dann mitten in die Küche wirft. Bei den nächsten 
zwei Kuchen fällt ihm beim Umdrehen in jeden eine halbe Kuh , die 
er gleichfalls mitten in die Küche wirft und dann bäckt er fort, bis 
die Mutter kommt, welche mit allem ganz zufrieden ist und die zu- 
sanunengewachsene Kuh in den Kuhstall, das Schwein in den Schwein- 
stall bringt. Mutter und Sohn leben fortan glücklich und zufrieden. 

Und es ist aus. 

Und die Kat^e ist die Braut, 

Und der Hund wird morgen heirathen ; 

Und wer wird der Spielmann sein? 

Die Katze mit ihren vier Krallen. 

(En 't is uit, — En de katt* is de bruid, — En den hoend gb morgen 
trouwen, — En wie göt er de speelman zijn? — De katte met heur 
vier klauwen,) 

VT. Peterchen und Häuschen (Pietji en Jantß). 

Peterchen und Häuschen sind zwei Brüder, von denen Häuschen 
nimmer zur Schule will, wenn er nicht getragen wird. Da widersetzt 
sich einmal Peterchen und sie kommen endlich bis zu einem Stock, 
der aber trotz der Aufforderung Peterchens, Hänschen nicht schlagen 
will. Und so geht es immer weiter wie in allen Märchen dieser Klasse ; 
dann zuletzt trifft Peterchen eine Katze, die sich bereit erklärt, die 



r^ 



90 FELIX LIEBRECHT 

Ratte zu fangen; sie läuft ihr nach^ ebenso wie die Ratte dem Strick, 
der Strick dem Stier, der Stier dem Wasser, das Wasser dem Feuer, 
das Feuer dem Apfel''), der Apfel dem Stock, der Stock dem Häus- 
chen und Häuschen lief in die Schule und brauchte nie mehr getragen 
zu werden. 

Vn. Der Meisterdieb {Mßester Gauwdief), 

Mit seinen unter einer Diebesbande zusammengestohlenen Reich- 
thümem zur Mutter zurückkehrend und von dieser bei dem Landvogt 
angegeben, erhält Jan, der Meisterdieb, von letzterem Verzeihung filr 
das Geschehene angeboten, wenn er die drei verlangten Proben seiner 
Kunst ablege, die er dann auch richtig ausfuhrt. Erstens stiehlt er da» 
Laken aus dem Bette, worin der Landvogt mit seiner Frau schläft, 
indem er einen Strohmann zum Fenster emporhält, so daß jener aus 
dem Bette springt imd in den Hof läuft, um die vermeintlichen Diebe 
zu verjagen, während welcher Zeit Jan sich ins Haus schleicht und 
sich für den rückkehrenden Landvogt ausgebend, die Frau im Bette 
immer weiter zurückrücken lässt, so daß er das Laken unbemerkt zu* 
sammenrollen und damit wegkommen kann, um, wie er sagt, noch ein- 
mal nach dem von ihm getödteten Diebe zu sehen, — Da« beste Pferd 
des Vogts stiehlt er, indem er sich als alte Frau verkleidet, bei dem 
im Stall wohnenden Knecht einschleicht und ihn durch einen in Brannt- 
wein enthaltenen Schlaftrunk einschläfert — Endlich lässt er sich des 
Abends in die Kirche einschließen, findet dann in der Sakristei die 
Kleidung eines Engels, steckt alle Lichter an und beginnt zu läuten, 
worauf er sich auf den Hochaltar stellt. Dem herbeikommenden Pfarrer 
und Küster macht er weiß, er sei ein Engel und von Gott gesandt, 
ihnen zu verkünden, daß sie am nächsten Tage ein großes Fest feiern 
imd dazu die Kirche mit allen Schmuck auszieren sollten. Dies ge- 
schieht; Jan aber, nachdem jene beiden nach Hause gekehrt sind, raffl; 
Paramente, Silbergeftlße und Juwelen zusammen, löscht die Lichter 
aus imd macht sich davon, — Da also Jan die drei Proben bestanden, 
verzeiht ihm der Landvogt gegen das Versprechen, künftig seine Die- 
bereien zu lassen und er lebt dann glücklich und zufrieden mit seiner 
Mutter. „Und da sprang ein Frosch und das Märchen ist aus." 



'') Appd. So heißt es stets in diesem Märchen; der Herausgebet meint aber, 
das Richtige wäre wohl happe, Beil. 



VLÄMSCHE MÄRCHEN UND VOLKSLIEDER. 91 

VJll. Aschenputtel {VuHtje-vciegt'' den -Oven <L i. Schmutzfink, 

feg' den Ofen). 

Die jüngste von drei Königstöchtern, die auf Befragen ihren Vater 
so lieb zu haben erklärt wie Salz, das sie sehr gern in der Suppe ißt, 
während die Schwestern ihn den Augapfel und das eigene Leben nennen, 
wird von ihm fortgejagt und verbirgt die mitgegebenen Kleider in einem 
hohlen Baum, während sie die, so sie am Leibe hat, mit denen einer 
armen Bäuerin vertauscht, worauf sie bei einer Schlossdame in Dienst 
tritt und dort den niedrigsten Verrichtimgen obliegt. Drei Sonntage 
hinter einander eilt sie zum Baimie, kleidet sich da jedesmal prächtiger 
und geht so in die Kirche, wo sie dem Sohn ihrer Herrin sehr wohl 
gefällt, ihm aber beim Herausgehen mit Zurftcklassung eines Pantoffels, 
dann eines Handschuhs und endlich eines Rings entspringt, welche sie 
sämmtlich in der Eile verliert. Er bringt nun zwar immer diese Gegen- 
stände nach Haus und lässt sie von Allerwelt anpassen, jedoch nur 
der schmutzigen Magd, die inzwischen wieder nach Hause gekommen 
ist, sitzen sie auf gehörige Weise. Am dritten Sonntage eilt sie denn 
jiocii ein zweites Mal nach dem Baume, schmückt sich noch herrlicher 
und kommt in einer Kutsche ins Schloss gefahren, wo sie sich als Kö- 
nigstochter zu erkennen gibt und den Sohn der Schlossdame heirathet 
Darauf kehrt sie mit ihm zu ihrem Vater zurück und er wird nach 
dessen Tode König an seiner Statt 

IX. Vom Fischer und seiner Frau (Van'tviatchertjininderoozee), 

Auch in dieser Version dieses bekannten Märchens ist der gefan- 
gene und wieder frei gelassene Fisch ein verwünschter Prinz. Was die 
Wünsche der Frau betrifft, so geht der erste auf ein schönes Haus, 
wobei das Zwiegespräch zwischen dem Fischer und dem Fisch so lautet: 
„Vischtji, visch^in in de ro6®) zee." 
yj — Wa blief je'), menheere van Tintelntee?" 
„ — Me vrouwtjin is zo en ouk*®) kaddulletji^*) 
„En 't hge zo geem ze willetji »^)." 
„ — En wat is je vrouwtjis wille^i?" 
55— T zou geem e schoon huis hSn om in te weunen ^^).^ 



•) Eoth. 

•) Waa belieben Sie. 
*•) d. L ouii, alt. 
*■) Verdorbenes Kind. 
*') Und es hfttte so gern seinen Willen. 
'*) Wohnen. 



92 FELIX LBEBRECHT 

Dann werden nach einander schönes Hausgeräth, Kleider und Wäsche, 
zwei Dienstmägde, endlich eine Kutsche mit zwei Pferden nebst eben- 
soviel Bedienten verlangt, und zuletzt noch, daß die Fischerin höher 
als unsere Liebe Frau, ihr Mann aber höher als unser Herrgott sei. 
Da antwortet denn das Fischlein: 

„Ah, gij leelike zot, 

^Kruip we^r oender jen mostörpot." 
Und da war Alles verschwunden und sie wohnten wieder unter dem 
Mostrichpott, statt welches letzteren auch ein püpotje oder eine Kanin- 
chenhütte genannt wird. 

Dies ist das letzte der in dem oben genannten Büchlein enthal- 
tenen Märchen und dünkt es mir überflüssig, die anderwärts vorkom- 
menden Parallelen dazu anzuführen, da sie sich Jedermann von selbst 
darbieten. Nur zu Nr. EU „Der Herr Mond" sind mir dergleichen nicht 
bekannt, so wie überhaupt dieses Märchen ohne Zweifel das interes- 
santeste der ganzen Sammlung ist. Was Nr. H „Fleeres" betriflFt, so 
handelt es sich offenbar in demselben von einem dienstbaren Hausgeist 
in Bossgestalt; vgl. über letztere Bochholz, Aarg. Sag. 1, 367. 368 f. 
Ebendas. S. 353 f. ist von Hausgeistern die Bede, die wie Fleeres täg- 
lich eine Bation Milch erhalten. Daß der Bauer letztem durch Lauch 
vertreibt, beruht auf dem Glaubet, daß derselbe den Eiben zuwider sei ; 
s. Perger, Deutsche Pflanzensagen S. 82, so wie es endlich auch ein 
bekannter Zug ist, daß mit dem Hausgeist zugleich auch das Glück 
und Wohlergehen der Familie entweicht. Grimm DM. 452 f. Eigen- 
thümlich sind femer einzelne Züge der vorliegenden Märchen, wie z. B. 
der Schluß von Nr. V „Der gescheidte Peter", wo die Kuh und das 
Schwein ganz unerwartet hereinkommen und ihre Wiederbelebung auf 
eine uralte mythologische Vorstellung hindeuten dürfte; vgl. meine Be- 
merkung in Eberts Jahrb. flir roman. u. engl. Litt. 3, 157. Der eiserne 
Hebelbaum, womit in Nr. HI die Sonne den Mond bedroht, erinnert an 
die eisernen Stangen und Kolben, welche in den altdeutschen Dich- 
tungen als Biesenwaffen erscheinen und auch sonst vorkommen; s. Grimm 
DM. 500; vgl. meine Bemerkungen in den Gott. Gel. Anz. 1668 S. 1657 f. 
Der Bohnenstengel und St. Peter in Nr. I gehören nicht zu diesem 
Märchen und sind ebenso erst später hinzugetreten wie zuNr. 16 „Jan 
im Himmel* in J. W. Wolfs Deutsche Märchen u. Sagen. In Betreff 
des englischen Märchens „Hans und der Bohnenstengel" vgl. Tylor, 
Forschungen über die Urgeschichte der Menschheit u. s. w. Aus dem 
Engl, von Müller S. 440. Von Nr. VH „Der Meisterdieb" findet sich bei 
Wolf a. a. O. Nr. V „Jan der Dieb" eine vollere vlämische Fassung. 



VLÄMISCHE MÄRCHEN UND VOLKSLIEDER. 93 

Ehe ich diese Mittheilung schließe^ will ich noch darauf aufmerk- 
sam machen^ daß der Herausgeber der vorliegenden Märchen auch seit 
längerer Zeit eine Sammlung Volkslieder im Brttgger Dialekt vorbe- 
reitet, welche nicht nur abweichende Fassungen von schon bekannten 
Liedern, sondern auch viele bisher noch nicht herausgegebene enthalten 
wird. Zu letzteren gehört z. B. das folgende: 

De Zavelboom. 

1. 
Er zou eene maegd om bloemkljes gaea 
Om een wandeling tö doene; 
Wat vond zy onder haer wege staen? 
't was een zavelboom^e groene. 

2. 

Wel zavelboom, zei zy, zavelboom, 
Waervan zyt gy zoo groene? 
Wel maegdeki, zei de zavelboom, 
Waervan zyt gy zoo schoone? 

3. 
Waervan dat ik zoo schoone zyn, 
Dat zal ik u gaen zeggen; 
Ik ete gebraeden en drinke den wyn, 
En ik slapen op een pluime bedde. 

4. 
Eet gy gebraeden en drinkt gy den wyn, 
En zyt gy daervan zoo schoone. 
Den hemelschen dauw die valt er op my, 
En daervan zyn ik zoo groene. 

6. 

Valt er den hemelschen dauw op u, 
En zyt gy daervan zoo groene, 
Naer den zomer komt de winter zuer en spyt, 
Uwe bladeren zullen verdroogen, 

6. 
Geraek ik in den winter myn' bladren kwyt. 
In den zomer kryg ik ze weder; 
Maer een teere maegd die hare eer is kwyt, 
Die krygt ze nimmer meere. 



94 FELIX LIEBRECHT 

7. 

Wel, zavelboom, zei zy, ^avelbooni; 

Ik dank u voor u welleeren; 

Ik was te wege naer'myn zoetelief, 

Maer nu gae ik wederom keeren. 
8- 

Ja, keert gy weder zoo doet gy wel, 

Trekt boven op uw slaepkamer; 

AI waert gy vier hondert mylen ervan, 

Als 't öod belieft, gy zult wel verzaemea. 
Deutsch ist vorstehendes Volkslied in mehrfachen Versionen vorhan- 
den, B. Mittler Nr. 620 — 624 und dazu die Anmerkungen in der zweiten 
Ausgabe. In Nr. 624 erscheint statt der sonst vorkommenden Hasel ein 
Sahen- oder Sebenbaum, wie in dem vlämischen Liede. Letzteres hat den 
großen Vorzug, daß Strophe 5 und 6 darin nicht in eine zusammengezogen 
sind, wie seltsamerweise in allen deutschen Fassungen der Fall ist, 
wodurch der Gedankengang unvollständig wird. Was dagegen die letzte 
Strophe betriffl;, so hat auch sie vielleicht eine Abänderung erlitten; 
der Sinn ist jedenfalls, daß, wenn das Mädchen auch vierhundert Mei- 
len weit von ihrem Geliebten **) entfernt wäre, sie mit demselben, wenn 
es anders Gott so gefalle, dennoch Mrieder zusammentreffen würde. 

Ein anderes höchst interessantes Lied bezieht sich auf Philipp 
des Schönen Fahrt nach Spanien und auf die Sage, daß seine Gemalin 
Johanna ihn vergiftet haben sollte. Es ist gleichfalls ein Ineditum, 
scheint aber sehr verstümmelt. 

1. 

't Was op een zondag naere den noen 

Dat den koning zoude vertrekken; 

Hy zoude vertrekken na Spanjen, 

Hy zoude vertrekken met al zyn volk. 

2. 

Als zy al verre gevaren (Var. kwamen, waren) 
Stiermannen, zei hy, stiermannen van my, 
Klimt eens op uw mastje, 
En steckt uw hoofd geheel diep in zee, 
En kykt als m'haesj; in Spanje re^n ^^). 

**) Ervan dayon, d. i. von ihm ; in diesem Worte scheint eben eine Verderbniss 
des ursprünglichen Textes zu liegen. 

>*) ÄU me rein, d. i. rijden, ob wir fahren. 



> 
VLÄMISCHE MÄRCHEN UND VOLKSLIEDER. 95 

3. 
Hy klom eens op zyn mastje, 
Hy stak zyn hoofd zeer diep in zee, 
Hy keek als m'haest in Spanje re^n, 
Hy voelde een windetje waeijen, 
En hy hoorde een haentje kraeijen^ 
't was teeken dat m'haest in Spanje waren. 

4. 
Als me toe Spanje binnen kamen, 
Jouffrouw Tsanne schonk ons den koelen wyn, 
üit een kroes van goude fyn, 
Uit een kroes van goude; 
Maer op den grond 't was al fenyn. 

5. 
Jouflfrouw Tsanne, zei hy, Jouffrouw Tsanne van myn, 
'k voel 't aen myn hertje, 
Dat je me vergeven hebt met vuil fenyn. 

6. 
Joufirouw Tsanne, zei hy, Jouflfrouw Tsanne van myn, 
Draeg zorg voor aJ myn kinderen fyn 
Dat ze tot Roome in schoole zyn, 
Dat ze te Roome schoole gaen, 
Want by vier en twintig uren zal ik al in baere staen. 

7. 
's navens ^•j de beeren waren gezeten 
Z' hoorden wel zoo een groot gedruis, 
Der waren twee sneuwwitte duivekens in huis. 
Die onder den konings bedde kreesschen, 
Om zyn zieltje was 't aldermeeste, 
Ze vlogen met den konings zieltje te vensteren uit. 

8. 
Hollands beeren en Brabands, 
't zal Bmgge nog wel rouwen, 
Viaenderen nog al veel meer. 
Van als den koning laetst in Spanje re^. 

Auch das folgende Lied ist bis jetzt noch nicht herausgegeben, 
aber leider unvollständig. 



'*) Dm Abends. 



96 FELIX LIEBRECHT, VLÄMISCHE MÄRCHEN etc. 

1. 
De keizer van Zweden had brieven geschreveii; 
Na 't moei meiBJe van Parys, 
De brieven en waren niet wel geschreven, 
De keizer van Zweden moest zelve gaen. 

2. 
Hy passeerde voorby een weerdinneken haef deur. 
De weerd was binnen^ dfe weerdinne was veur. >"') 

— „Weerdinne, tapt my een kanne bier!" — 
Hy wierd van een moei meisje gediend. 

3. 

— „Weerdinne is dat uw dochterken niet?*^ — 

— „'t en is voorwaer mjni dochterken niet, 
„Maer 't heeft er wel zeven jaer by my gediend, 
^Zeven jaren en eenen dag.** — 

— „Weerdinne, logeert my van dezen nacht.^ — 

4. 
Mb 1^) 't snavens 't moei meisje moest slapen gaen, 
't moest er wel 60 trappen opgaen. 
Van ieder trap dat zy opging. 
De tränen liepen over haer aensehyn. 
Der Kaiser fragt sie, warum sie weine und sie antwortet: 
„'t en is voor vader, 't en is voor moeder, 
„'t en is voor zuster, maer 't is voor broeder, 
„De keizer van Zweden is myn beer broeder»** 
« 4r « « 

Trotz dem fragmentarischen Zustande dieses Liedes erkennt man 
alsbald in demselben ein Seitenstück zu dem deutschend „Die wieder- 
geftmdene Königstochter" bei Uhland Nr. 273 (Simrock Nr. 20, Mittler 
Nr. 120). Auf die andern Parallelen gehe ich hier nicht ein, sondern 
verweise zunächst auf Les Vieux Auteurs Castillans par le Comte 
Th. de Puymaigre. Metz et Paris 1862 vol. 11 Nr. 857 flF. und dessen 
Chants popul. recueillis dans le pays Messin; ebend4 1865 p. 58. 

Die vorstehenden Proben lassen voraussehen, daß die Sammlung, 
der sie entnommen sind, des Interessanten mancherlei enthalte, und 
hoffen wir, daß das Erscheinen derselben nicht zu lange zögern werde. 
LÜTTICH. FELIX LIEBRECHT. 



*') Vor (der Thür). 
") D, h. Maer. 



97 

LITTERATÜR. 



Alt-islSndisclie Volksballaden und Heldenlieder der Färinger. Zum ersten 
Male übersetzt von P. T. Willatz en. Bremen, Verlag von A. D. Geisler, 

1865; VIu. 364 SS. 8'. 

ScLon vor mehreren Jahren hat JönSigurdsson in Verbiaduag mit 
SvendGrnndtvig angefangen, eine Sammlung älterer isländischer Lieder heraus- 
zugeben;, drei Hefte dieser „tslenzk fomkveedi'' sind, die Nummern 19, 24 u. 26 
der „Nordiske Oldskrifter, udgivne af det nordiske Literatnr-Samfund'' bildend, in 
den Jahren 1854, 1858, 1659 erschienen, das in Aussicht gestellte vierte Heft ist 
dagegen noch bis auf den heutigen Tag ansständig. Andererseits hat sich, nachdem 
schon vorher der dänische Pfarrer und Botaniker Hans Christian Lyngbye 
(t 1837) die „FaerÖiske qvseder om Sigurd Fofnisbane og hans sst*' herausgegeben 
hatte (Randers, 1822), um die färöischen Volkslieder der treffliche Pfarrer 
Wenzel Ulrich Hammershaimb angenommen; einer aus Deutschböhmen 
stammenden, aber schon seit mehreren Generationen auf den Färöem sesshaften 
Familie entsprossen, hat dieser, theilweise auf die handschriftlichen Sammlungen 
Svaboe's (f 1824) und Schröters (f 1851) gestützt, zunächst in der „Antiquarisk 
Tidsskrift" für 1846—48 und für 1849—51 eine Reihe sehr schätzbarer Mitthei- 
lungen über Lieder und Räthsel, Sprichwörter und Redewendungen, Sitten, Sagen 
und Spiele gemacht, sodann aber, als Heft 12 und 20 eben jener Oldskriffcer jene 
„Sjurdar kvaedi" neuerdings herausgegeben und eine Reihe weiterer „Faeröiske 
kv»der** folgen lassen (1851 und 1855), wogegen ein versprochenes drittes Heft 
gleichfalls noch auf sich warten lässt. Auf diese beiden Sammlungen hat nun Hr. 
Willatzen seine Übersetzung gebaut, doch so, daß von der isländischen nur wenig 
mehr als die Hälfte, und von der färöischen nur ein noch geringerer Theil durch 
ihn bearbeitet wurde. Für uns kommt bei seinem, Emanuel Geibel gewidmeten 
Buche Dreierlei in Betracht: die Übersetzung selbst, der ihr beigegebene Com- 
mentar, endlich die ihr vorangeschickte Einleitung. Bdginnen wir mit der Ein* 
leitung, welche nach ein paar Bemerkungen über das Volkslied im Allgemeinen 
und das nordische Volkslied insbesondere, von den äußeren Lebensbedingungen 
auf Island und den Färöei*n, von dem Volkscharakter der Isländer und zumal ihrer 
Poesie, endlich von den Volksliedersammlungen des Nordens und der Art handelt, 
wie bei der Übertragung der hier mitgetheilten Stücke verfahren wurde. 

Von wärmster Begeisterung für seinen Gegenstand erfüllt, weiß unser Verf. 
gewiss auch seinen Leser zu lebhafter Theilnahme an demselben anzuregen, und 
damit mag wohl Alles erreicht sein, was er überhaupt mit seiner Einleitung zu er* 
reichen beabsichtigte; strengeren gelehrten Anforderungen zu genügen, lag wohl 
von Vornherein nicht in seinem Plane, und es wäre unbillig, an sein Werk einen 
Maßstab anlegen zu wollen, welcher demselben nach seiner ganzen Anlage fremd 
bleiben sollte. Aber doch dürfte es gerathen sein, so manche irrige Angabe und 
80 manche schiefe Auffassung, welche bei dem Verf. mit unterläuft, zu berichtigen, 
damit nicht durch ihn neue Irrthümer eingeführt, oder doch bereits mehr oder 
minder verbreitete in weiteren Kreisen befestigt werden, und es kann dies um so 
mehr neben aller Anerkennung seiner Leistungen geschehen, als auch da wo der 
Verf. meines Erachtens irre geht, doch immerhin ein offenes Auge und ein ernst- 

QBRUANIA. Neu« Reihe II. (XIV.) JahrK. 7 



98 LITTERATÜR. 

liches Bemühen bei demselben nicht zu verkennen ist. — In ziemlich düsterer Weise 
schildert der Verf. zunächst die Rauhheit des isländischen Landes mit 
seinen ungeheuren Lava wüsten und Eisfeldern ; nur durch die Pracht der Abend- 
und Morgenröthe sollen diese zu einer ans Wunderbare grenzenden Schönheit er- 
leuchtet werden können, während sonst nur den fischreichen Gewässern entlang 
der kurze Sommer einen freundlichen Wiesenteppich ergrünen lasse, die früher so 
ausgedehnten Waldungen aber mit geringen Ausnahmen dem Einflüsse des immer 
strenger werdenden Klimans erlegen seien. Theils dieser Verschlimmerung der Tem- 
peraturverhältnisse, welche selbst wiederum durch die Bildung eines breiten Eis- 
gürtels an der Ostküste Grönlands bedingt sein soll, theils den wiederholten Erd-. 
beben und vulcanischen Ausbrüchen, theils endlich der öfteren Wiederkehr von 
Hungersnoth und schweren Epidemien will es denn auch zugeschrieben werden, 
wenn das Land und die Zahl seiner Bewohner seit dessen Vereinigung mit Norwegen 
und vollends mit Dänemark immer mehr herabgekommen sei. Ich kann mich mit 
diesen Sätzen in keiner Weise einverstanden erklären. Die Thatsache selbst, daß 
die Insel unter norwegischer und mehr noch unter dänischer Herrschaft entschieden 
zurückgegangen ist, fällt mir natürlich nicht ein zu leugnen. Es ist unmöglich, 
ans den dürftigen statistischen Notizen, welche wir etwa aus den Jahren 1100, 
1205, 1311, 1366, und dann wieder aus den Jahi:en 1670 — 80, 1703, 1769, 
1801 u. s. w. haben, völlig bestimmte Resultate über die Bewegung der Bevöl- 
kerungszahl im Laufe der Jahrhunderte zu gewinnen, immerhin aber lässt sich aus 
denselben mit höchster Wahrscheinlichkeit auf eine sehr beträchtliche Minderung 
derselben schließen *) ; wenn es femer noch ungleich schwieriger sein muß, über 
den ökonomischen Verfall des Landes zu bestimmten, ziffermäßigen Ergebnissen 
zu gelangen, so lässt sich doch aus den Nachrichten der älteren Quellen über die 
Lebensweise der Isländer, ihren Ackerbau und ihre Viehzucht, den Betrieb des 
Handels auf eigenen und fremden Schiffen, endlich über die wichtigem Ein- und 
Ausfuhrwaaren sammt deren officielle Tarifierung, im Zusammenhalte mit dem was 
aus den Urkunden des späteren Mittelalters, den neueren legalen Handelstaxen und 
den mehrfach zusammengestellten ökonomischen und Handelstabellen, dann aus der 
Betrachtung der derzeitigen wirthschaftlichen Zustände der Insel zu entnehmen ist, 
mit vollster Sicherheit ersehen, daß auch deren Wohlstand in sehr erheblichem 
Umfange sich vermindert hat. Vollkommen verkehrt aber ist es, die Schuld an 
diesem Rückgange des Landes und Volkes der Natur aufbürden zu wollen. Die 
Vorstellung, als ob vordem die Temperatur eine höhere gewesen, und als ob sie 
erst durch eine spätere Vereisung Grönlands gesunken sei, ist, wenn wir anders 
von der historischen Zeit reden wollen, eine völlig unbegründete (vgl. Sartorius 
von Waltershausen, Physisch-geographische Skizze von Island, S. 42), und wohl 
gutentheils durch frühere Irrthümer über die Lage der alten grönländischen Colonie 
veranlasst; weil die alten Quellen eine Ejstri-bygd und Vestri-bygd daselbst unter- 
scheiden; hatte man geglaubt, die erstere auf der Ostküste Grönlands suchen, und. 
weil diese nunmehr unzugänglich ist, deren nachträgliche Vereisung annehmen zu 
müssen — eine Annahme, welche durch Captain Graahs Erforschungsreise (1828 



*) Amljötur Ölafsson nimmt in den Skyrslur um landshagi, I, S. 319—26, fEir die 
Jahre 1100, 1311, 1366, dann 1670-80 eine Volkszahl von 104.763, — 96.083, — 90.187, 
dann wenig über 50,000 Seelen an, während eine Zusammenstellung der Ergebnisse der 
Zählungen von 1703, 1769, 1801, 1835, 1850 ebenda, S. 2, die Ziffern 60.444,— 46.201^ 
— 47.240. — 66.0.35, — 59.157 ausweist. 



LITTERATUR. 99 

bis 31) längst widerlegt ist. So haben wir denn auch, wie hierauf schon früher 
gelegentlich in dieser Zeitschrift hingewiesen wurde (VII, S. 245 — 64), nicht 
den mindesten Grund anzunehmen, daß der Waldwuchs oder die Vorbedin- 
gungen für den Betrieb des Ackerbaues früher auf Island besser gewesen seien als 
jetzt, außer etwa insofeme, als einige Verschlimmerung in einzelnen Gegenden 
durch locale Unglücksfälle oder schlechte Wirthschaft allerdings eingetreten sein 
mag. Richtig ist ferner allerdings, daß schwere vulcanische Verheerungen wieder- 
holt über die Insel ergangen sind, und daß diese, zum Theil im Gefolge derartiger 
Verwüstungen, von drückender Hungersnoth sowohl als von gefährlichen Seuchen 
oft genug heimgesucht wurde; aber wenn man auch nur einen flüchtigen Blick auf 
das Eruptionsverzeichniss bei Preyer und Zirkel (Reise nach Island, S. 440 — 74), 
das Verzeichniss der Epidemien bei Schleissner (Island, undersögt fra et kegevi- 
denskabeligt Synspunkt, S. 55 — 68) oder des Bischofs Dr. Hannes Finnsson, Ab- 
handlung über die Abnahme der Bevölkerung auf Island in Folge von Missjahren 
wirft (in den älteren F^agsrit, Bd. IV; in dänischer Bearbeitung im Jahre 18S1 
von Hald6rr Einarsson wieder herausgegeben), so zeigt sich sofort, daß die Schrecken 
der Natur auf der Insel zu allen Zeiten sich wesentlich gleichblieben, daß also nicht 
in ihnen der Grund liegen kann des fortwährenden Rückganges, welcher in Bezug 
auf Land und Leute sich bemerklich macht, und in der That sind zumal die durch 
ungewöhnliche Naturereignisse eingetretenen Verluste an Menschen auf Island wie 
anderwärts nachweisbar durch um so rascheren Zuwachs der Bevölkerung in den 
nächstfolgenden Jahren stets wieder ausgeglichen worden. Auch ist die Unwirth- 
lichkeit der Insel keineswegs so groß, als man sich dieselbe vielfach vorstellt, Wohl 
ist das Land rauh und der Sommer kurz ; aber durch Beides ist eben doch nur ein 
wirthschaftlicher Betrieb ähnlich demjenigen bedingt, wie er sich in unseren eigenen 
Hochalpen gestaltet, während die reiche See (audigur sem Njördur, sagte man be- 
reits im Heidenthume!) dem Isländer, anders als unseren Älplern, noch eine weitere 
sehr ausgiebige Beisteuer zu seinem Unterhalte liefert. Wie erklärt sich dann aber 
einerseits die ungeheure Verwüstung, welche vorübergehende Unglücksfälle bereits 
wiederholt auf der Insel angerichtet haben, und andererseits jenes stetige Herab- 
sinken des Volkes, welches unabhängig von den durch sie bedingten Schwankungen 
sich vollzieht? Schon im Jahre 1786 hat Chr. ülr. Detl. Eggers in seiner anonym 
erschienenen „Philosophischen Schilderung der gegenwärtigen Verfassung von Is- 
land ** ausgesprochen, daß Nothstande wie die in den Jahren 1783 — 84 eingetre- 
tenen „in diesem von der Natur so reichlich mit Esswaaren versehenen Lande ein- 
zig und allein eine Folge verkehrter bürgerlicher Einrichtungen^ seien, und daß es 
nur solchen zugeschrieben werden müsse, wenn die Leute „bei Tausenden todthun- 
gem, in einem Lande, das Fische und Fleisch im Überfluss hat** (S. 4 und 152); 
in demselben Werke ist aber auch nicht minder bereits offen ausgesprochen (S. 209 
n. folg.) , daß es die durchaus verkehrte Handelspolitik der dänischen Könige war, 
welche den allmalich fortschreitenden Ruin des Landes verschuldet habe, und es ist 
nur eine Wiederholung desselben Gedankens, wenn wenige Jahrzehnte später ein 
einheimischer Dichter singt: 

frfhöndlun oss drepur Dana, 

dreingja engum litzt k hana (Ljödmaeli Sigurdar Pöturssonar, I, S. 253). 
Wirklich bedarf das Herabkommen des Landes kaum noch einer weiteren Erklä- 
rung, wenn man beachtet, daß bereits um die Mitte des 14. Jhd. der isländische 
Huidol von den Königen von Norwegen für regal erklärt, in Bergen concentriert, 

7* 



100 LITTERATUR. 

an besondere ConteBsion geknüpft und mit schweren Abgaben belastet wurde, dal^ 
dann, nachdem im 15. Jhd. zumal die Engländer, im 16. aber zumal die Hanseaten 
denselben an sich gerissen hatten, seit dem Anfange des 17. Jhd. derselbe bald an 
geschlossene Compagnien, bald an einzelne Eaüfleute in Dänemark um schweres 
Geld verpachtet, oder auch auf königliche Regie betrieben wurde, bis endlich vom 
1. Januar 1788 eine sogenannte Freierklarung des Handels eintrat, welche indessen 
von Vornherein nur zu Gunsten der Unterthanen des Königs in Dänemark, Nor- 
wegen und den deutschen Herzogthüniern galt und selbst innerhalb dieser Schran- 
ken noch an manigfache, sehr hemmende Voraussetzungen gebunden war, und erst 
im Jahre 1816 in letzterer Beziehung etwas erleichtert wurde, — wenn man femer 
bedenkt, daß seit dem Jahre 1619 bis zum Jahre 1787 der Handel nach einer 
von der Regierung festgestellten Taxe betrieben werden mußte, bei deren Aufstel- 
lung im Interesse der dänischen Kaufleute alle Importartikel übertrieben hoch, 
aUe Exportartikel aber unverantwortlich nieder angesetzt worden waren, während 
sugleich barbarische Strafen denjenigen bedrohten, welcher sich beigehen ließ, bei 
einem unberechtigten oder auch nur in einem anderen Theile der Insel berechtigten 
Handeismanne einzukaufen oder an einen solchen zu verkaufen. Aus einer interes- 
santen Waarentaxe, welche dem Anfange des 15. Jhd. angehört, hat man berechnet^ 
daß die englischen Handelsleute dazumal den isländischen Stockfisch sechsmal 
so theuer bezahlten, als er in den dänischen Taxen von 1619 — 1776 angesetzt 
war, während umgekehrt die Engländer Tuch fast um die Hälfte billiger gaben, 
als die Taxe von 1619, und viermal billiger als die Taxen von 1684 und 1702, 
u. dgl. m. (vgl. Finnur Magnüsson, Gm de Engelskes Handel og Fserd paa Island i 
det 15. de Aarhundrede, in der Nordisk Tidsskrift for Gldkyndighed, H, S. 146 
u. folg.). Seitdem nach langer und heftiger Agitation endlich im Jahre 1855 die 
vollständige Freigebung des isländischen Handels durchgesetzt wurde, sind sofort 
die Preise der isländischen Exportwaaren beträchtlich gestiegen, neue Exportartikel 
ausfindig gemacht und die alten mit größerer Sorgsamkeit cultiviert worden, ganz 
wie bereits vorher die beschräsiktere Handelsfreiheit seit dem Jahre 1788 in der 
gleichen Richtung günstige Wirkungen geäußert hatte, und ein Blick auf die Be- 
völkerungszifi^em zeigt denn auch, daß mit dem J^hre 1735, mit welchem die fort- 
laufende Zusammenstellung (in den Skyrslurum landshagi, I, S. 397 — 9) beginnt, 
bis zum Jahre 1783 die Volkszahl durch unbedeutende Schwankungen hindurch 
von 43.571 nur bis auf 48.884 Seelen sich hob, daß sie dann aber durch ein paar 
schwere Unglücksjahre bis zur ZiiFer von 38.363 herabgedrückt (1786), unter der 
Herrschaft des beschränkten Freihandels bereits so rasch stieg, daß sie im Jahre 
1816 schön die Ziffer von 47.691 und im Jahr 1855 die Ziffer von 64.603 Seelen 
erreichte. Die Volkszählung im Jahre 1860, die letzte, welche stattgefunden hat, 
ergab eine Seelenzahl von 66.987 (Skyrslur, III. S. 47), und es nahm somit die 
Bevölkerung in den 48 Jahren des Monopolhandels (1735 — 83) um durchschnitt- 
lich HO Seelen im Jahre zu, wobei die schweren Jahre von 1783 — 6 noch nicht 
einmal gerechnet sind, in den 30 Jahren des beschränktesten Freihandels (1787 
bis 1 81 6) um 310, und in den 39 Jahren des minder beengten Handels (181 7 — 55) 
rm 433, endlich in den fünf Jahren der vollen Handelsfreiheit (1855 — 60) um 
volle 476 Köpfe im Jahre zu. Kann es einen schlagenderen Beweis geben für die 
Schuld des Menschen und die Unschuld der Natur an der jahrhundertelangen Ver- 
wahrlosung von Land und Leuten? — So ist denn auch das Leben auf der 
Insel keineswegs so freudlos, der Volkscharakter des Isländers keineswegs 



LITTERATUR. 101 

80 trüb, als uuser Verf. beide darstellt. Allerdings folgt er in seiner Darstellung 
lediglich den Berichten so mancher Reisender ; aber die Sache ist eben die, daß die 
Schattenseiten des isländischen Volkslebens mehr auf dem materiellen, dessen Licht- 
seiten mehr auf dem geistigen Gebiete liegen und schon darum weniger in die Augen 
fallen als jene; daß femer die Reisenden, welche Island besuchen, zumeist der 
Landessprache sowohl als der geschichtlichen Entwicklung des Volkes völlig un- 
kundig und somit ganz außer Stand sind , den Nationalcharakter des letzteren und 
die minder auf der Oberfläche liegenden Seiten seines Treibens richtig zu erfassen. 
Wahr ist es, daß die Wohnungen der Isländer gar sehr ärmlicher Beschaffenheit 
sind. Es fehlt der Insel gänzlich an Bauholz, nicht minder an Lehm, aus welchem 
Ziegeln geformt werden könnten, und sogar an Kalk, um die etwa zu hauenden 
Bruchsteine zusammenzufügen ; aus Norwegen müssen die Bretter und Balken, aus* 
England oder aus Dänemark der Kalk und die Backsteine eingeführt werden, und 
so mul^ denn die große Masse der Einwohner mit den landesüblichen Gebäudea aus 
wechselnden Lagen von Rollsteinen und Rasenstreifen sich begnügen, und seibat 
der Vermöglichere die Anwendung jener theureren Materialien auf ein Minimum 
redncieren. Wahr ist auch, daß es mit der Heizung übel bestellt ist im Lande. 
Wie an Bauholz, so fehlt es auch an Brennholz so gut wie gänzlich, und wollen 
die wenig zahlreichen und noch weniger ergiebigen Waldungen kaum genügen, 
um die nöthigen Schmiedekohlen zu liefern ; Torf tritt zwar massenhaft auf, 
aber doch nur in gewissen Gegenden, während andere seiner völlig entbehren, 
und vielfach muß man sich darum, soweit man nicht etwa aus der Fremde ein« 
geführte Steinkohlen zu erschwingen vermag, selbst für die Küche mit getrock- 
netem Schafmiste behelfen , welcher doch selber wieder der Landwirthschaft 
abgestohlen werden muß. Endlich ist auch richtig, daß das Land, wesentlich 
auf den Betrieb der Viehzucht und der Fischerei beschränkt, Getreide, Hülsen- 
früchte und so mancherlei andere Nahrungsmittel so gut wie gar nicht produciert, 
und somit auch in Bezug auf diese lediglich auf die Einfuhr aus der Fremde 
angewiesen ist, und wir dürfen sogar noch hinzufügen, daß das Gleiche auch 
von einer langen Reihe sonstiger, sehr erheblicher Lebensbedürfnisse gilt, wie 
z. B. von Eisen, Kupfer und Blei, von Tuch-, Linnen- und Baumwollwaaren, 
Leder, Colonialwaaren, Salz u. dgl. m. Aber aus allen Dem folgt denn doch nur, 
daß der auswärtige Handel für die Insel eine ungleich höhere Bedeutung hat, 
als für die meisten andern Länder, sofern dieselbe von der Natur sehr augen- 
fällig darauf angewiesen ist, die Einförmigkeit ihrer eigenen Producte durch die 
Einfuhr von fremden zu ergänzen ; dagegen ist damit noch keineswegs festgestellt, 
daß jene Mangelhaftigkeit der inländischen Production bei einigermaßen vernünf- 
tiger Regelung der Handelsverhältnisse nicht durch deren Massenhaftigkeit voll- 
ständig ausgeglichen werden könne, oder daß auch nur deren Einseitigkeit groß 
genug sei, um das Land absolut abhängig zu machen von der Fremde. Wie 
man sich bezüglich der Wohnungen und des Brennmateriales zur Noth zu be- 
helfen vermag, wurde bereits erwähnt ; es erzeugt aber die Insel auch an Fleisch, 
Milch und Butter, an Eiern und an trefflichen Fischen eine Fülle der ausgiebig- 
sten Nahrungsmittel,' und ersetzen zumal die letzteren in gedörrtem Zustande 
vollständig das Brod ; aus einheimischer Schafwolle werden im Lande selbst grobe 
Tücher, Strümpfe, Handschuhe gestrickt und gewebt und mit einheimischen Farb- 
stoffen gefärbt, so daß auch bezüglich der Kleidung der Isländer äußersten Falles 
Tom fremden Importe absehen kann, — aus einheimischen Fellen werden Schuhe 



102 LITTERATUR. 

bereitet, mit einbeimischen Federn die Betten gefüllt, und aucb die Salzbereitnng 
ans Seewasser ist bereits niebt obne Glück versucht worden, u. dgl. m. Kann bier- 
nacb die isländiscbe Wirtbsebaft, was für Notbjabre von sebr erbeblicber Bedeutung 
ist, für den scblimmsten Fall aucb obne fremde Zufubr bestehen, so wirft umge- 
kehrt in guten oder aucb nur mittelmäßigen Jahren die Viehzucht sammt der Jagd 
und dem Fedemsammeln, dann die Fischerei sammt dem Seehundsfange hinrei- 
chende ÜberschüsBe ab, um diese recht wohl decken zu können, und da das Land 
der Fischerei und des Fischexportes wegen von französischen und spanischen so- 
wohl als von dänischen und norwegischen, englischen und deutschen SchifiPen be- 
sucht wird, überdies aber auch keine Einfuhrzölle kennt, kommen ihm sogar manche 
Luzuswaaren, wie z. B. Colonialwaaren, Weine u. dgl. in guter Qualität zu ver- 
gleichweise sehr billigen Preisen zu. So hängt demnach der Grad materieller Be- 
haglichkeit, dessen der isländische Bauer sich erfreut, wesentlich nur von seiner 
eigenen Thätigkeit, Geschicklichkeit und Umsicht ab. Legt er, wie dies alierdSoB^i 
oft genug zu geschehen pflegt, alles Gewicht darauf, mi%fiid»t atxsgedebnten Grund- 
besitz und möglichst zahlreiche Schafbeerdmi zu erhalten, stellt er sich daneben vom 
reichen Ertrage der Fischerei abhängig und vergeudet er, was er in guten Jahren 
einnimmt, sofort auf Tabak und Branntwein, CafiPee und unnöthigen Flitter, so wird 
freilich seine tbÖrichte Wirthschaft von scheinbar glänzendem Bestände herab durch 
ein einziges Missjahr in den äußersten Ruin gestürzt werden ; wählt er* dagegen 
sein Besitzthum nicht größer, als er es völlig zu übersehen und durch fleißige Ar- 
beit möglichst zu meliorieren vermag, hält er keinen starkem Yiebstand, als er 
selbst im härtesten Winter noch reichlich zu ernähren im Stande ist und sieht er 
darauf, mindestens für ein volles Jahr stets im Voraus Vorrath an Futter zu haben, 
wendet er neben den Schafen auch dem ungünstigen Zufällen weniger ausgesetzten 
Kuhvieh die gebührende Sorgfalt zu und entzieht er nicht dem Landbau die nöthigen 
Arbeitskräfte durch unzeitige oder übermäßige Speculation auf die Fischerei, ver- 
steht er es endlich, aucb in den besten Jahren hauszuhalten und einen Sparpfennig 
auf üble Zeiten zurückzulegen, so wird seine Ökonomie aucb über die schlimmsten 
Jahre sich ganz leidlich hinweghelfen können, wenn nur etwa noch vorübergebend 
einige weitere Einschränkungen im Consume von Luxuswaaren hinzukommen. Man 
darf sich auch, beiläuflg bemerkt, nicht wie dies nach so manchen Andern aucb 
unserem Verf. begegnet ist, durch die niederen Ziffern der älteren isländischen 
Pfarrmatrikeln in der Beurtheilung der ökonomischen Zustände des Landes beirren 
lassen. Wenn man z. B. liest, daß der berühmte Dichter J6n })orl4ksson (f 1819) 
noch als 75jähriger Greis auf ein Einkommen von 30 Thalem (nicht 15, wie der 
Verf. älteren irrthümlichen Angaben nachschreibt) aus seiner Pfarrei beschränkt war, 
80 glaubt man wohl daraus auf ganz unsäglich miserable Lebensverhältnisse des 
Clerus, und damit des ganzen Volkes schließen zu dürfen ; allein es darf dabei 
denn doch nicht übersehen werden, daß jene Fassion bereits dem Jahre 1737 an- 
gehört, einer Zeit also, da der Geldwertb ein ganz anderer als der jetzige war, 
und daß bei deren Anfertigung der Ertrag des Grundbesitzes des Pfarrers, also der 
Hauptposten, gar nicht mit veranschlagt worden war, und nicht minder muß be- 
achtet werden, daß die Pfarrei zu BaegisÄ im Jahre 1854 auf einen Ertrag von 
215 Thalem geschätzt, nur eine der geringeren im Lande ist, auf welcher sSra J6n, 
welcher bei aller Begabung doch aucb seine sehr ungeistlichen Eigenschaften besaß, 
wohl nur aus ähnlichen Gründen sitzen bleiben mußte wie die, wegen deren ihm 
schon aweimal die geistliche Würde völlig aberkannt hatte werden müssen. — Aber 



LITTERATUR. 108 

die Materiellen Beschwerden des Lebens auf der Insel zugegeben, laßt sich immer- 
hin diesem noch eine andere eigenthümlich anziehende Seite abgewinnen. Vor Al- 
lem kommt in Betracht, daß das höchste Maß individueller Freiheit, dessen man 
überhaupt genießen kann, auf Island zu finden ist. Ein Stiftiamtmann und zwei 
Amtleute, drei Mitglieder des Oberlandesgerichtes, 18 Sjsselmänner und ein Land- 
YOgt, welcher zugleich auch Stadtvogt über Reykjavik ist, bilden die ganze poli- 
tische Beamtenhierarchte für das über 1850 Quadratmeilen große Land; jede Mög- 
lichkeit einer den Einzelnen beengenden Vielregiererei nach unserem Zuschnitte 
fällt damit weg, zumal da, von den beiden Polizeidienem in Reykjavik abgesehen, 
den Behörden auch keine executive Macht zu Gebote steht, wenn es gilt, ihren 
Verfügungen den gehörigen Nachdruck zu geben, tm Übrigen sind es die, der 
RegeLnach frei gewählten Gemeindevorsteher, welche je ihre Gemeindebezirke re- 
gieren und zugleich den Staatsbehörden als Vollzugsorgane dienen ; aber auch ihre 
Autorität beruht thatsächlich lediglich auf ihrem persönlichen Einflüsse und dem 
guten Willen ihrer Gemeindeangehörigen und ist selbst rechtlich von den Beschlüssen 
der Gemeindeversammlungen vielfach abhängig gestellt, so daß im Ganzen Jeder 
so ziemlich thun und lassen kann was er. will, wenn er nur keines Andern Recht 
verletzt, seine (wenig beträohtlichen) Steuern zahlt, und an die Regierung seiner- 
seits keine Anforderungen zu stellen sich beigehen lässt. Freilich hindert dieser 
regiemngslose Zustand vielfach die Hebung des Landes im Ganzen; aber bei der 
großen Gutmüthigkeit und dem ernsten Wesen des Volkes, dann der Zersti'eutheit 
seiner Wohnsitze wird doch die ö£Pentliche Sicherheit durch denselben nicht ge- 
fährdet, und in der Selbstherrlichkeit, welche derselbe jedem Einzelnen gewährt, 
liegt jedenfalls fUr diesen ein großer Reiz ufld eine reichliche Entschädigung für 
das geringe Maß politischen Einflusses, welches die Staatsverfassung annoch dem 
Volke im Ganzen auf die Regelung seiner Gesammtangelegenheiten verstattet. Dazu 
kommt, daß der wirthschaftliche Betrieb des isländischen Bauern ein sehr abwech- 
selnder und nur zeitweise besonders beschwerlicher ist. Die Heuarbeit freilich, welche 
in die zweite Hälfte des Juli und die erste Hälfte des August zu fallen pflegt, ist 
eine überaus mühsame, zumal wo der Boden nass oder nicht gut geebnet ist, oder 
wo die Wiesen weit abliegen und somit ein langer Transport des Heues auf Pferdes- 
rücken erforderlich wird; höchst beschwerlich und zugleich gefährlich ist femer 
der Betrieb der Fischerei in den Zeiten, da die großen Fischzüge an der Süd- und 
Westküste ankommen (vetrarvertfd und vorvertfd, etwa vom Anfange Februar bis 
Anfangs Juni reichend) ; endlich ist auch der Dienst des Schafhirten (smalamadur) 
das ganze Jahr hindurch ein harter, da er gerade im schlimmsten Unwetter im 
Winter wie im Sommer seinen Thieren am meisten nachzugehen hat. Im Übrigen 
aber ist der Kreislauf der ökonomischen Geschäfte ein ziemlich behäbiger. Da man 
nur wenig Feld- und Gartenbau treibt, hat man mit dem Bestellen des Landes, 
dem Säen und Pflanzen im Frühjahre und mit dem Ernten im Nachsommer nur 
wenig zu thun. Etwas mehr Zeit und Mühe fordert das Reinigen und Ebnen, dann 
das Düngen des Grasgartens (tun) und der Wiesen, wenn man anders diesen letz- 
teren die gleiche Sorgfalt zuwenden kann und mag, die Herstellung eines gehörigen 
Zaunes um den Grasgarten, und die Anlage der nöthigen Bewässerungs- und Ent- 
wässerungsgräben, endlich auch die Herstellung oder Aufbesserung der Baulich- 
keiten des Gehöftes. Den Winter über muß alles Vieh, und den Sommer über we- 
nigstens alles Melkvieh vom Hofe aus ausgehütet, theilweise auch im Stalle ge- 
füttert werden, wogegen das Galtvieh im Sommer auf die Hochweiden getrieben 



104 LITTERATÜR. 

und hier sich selber überlassen wird ; das Scheren der Schafe , die Melkerei, 
dann Butter* und Käsebereitung, das Schlachten endlich im Herbste geben weitere 
Beschäftigung. Die Pferde lässt man zwar Winter wie Sommer auf der Weide, 
nur daß man in der härtesten Zeit mit Futter nachhilft und für die Nacht ihnen 
ein Obdach gewährt; aber das Zureiten der Tbiere gibt wenigstens zu thun, 
das Scheren ihrer Mähnen im Frühjahre, die Instandhaltung ihres Beschlages, 
von Sattel und Zäumung, Packsätteln u. dgl. Wiederum hat man mit dem See« 
hundbfange zu thun, und wenn ein Walfisch an den Strand treibt, mit dessen 
Bergung und Auftheilung; der Fischfang wird auch außerhalb der großen Fisch- 
zeiten je nach Gelegenheit und Bedarf betrieben, in süßem wie in salzigem Wasser; 
die Kauffahrt nach den oft viele Tagreisen weit entlegenen Handelsplätzen nimmt 
nicht wenige Zeit in Anspruch; die Herrichtung der Brutplätze der Eidervögel» 
das Sammeln ihrer Eier und Dunen, so wie der Federn und Eier, dann auch 
der Jungen anderer Vögel macht in anderen Zeiten zu thun ; dann gilt es, HoU 
für die Schmiede zu sammeln, Treibholz aufzufischen, oder im günstigsten Falle 
ein antreibendes Wrack zu bergen , das oft auf lange hinaus der Wirthschaft 
eu Gute kommen kann ; im Sommer geht man Wurzeln graben und wilde ELräuter 
sammeln, zumal hvönn (Angelica) und Qallagrös (Isländisch Moos) , und gilt dafür 
der. Ausdruck „ad fara 4 grasa^all** , oder man hat Heidelbeeren und andere 
Beeren zu sammeln, „adfara iberjamö*', oder Seetang einzuheimsen (sölvatekja) ; 
einmal gilt es Schneehühner zu schießen, die bereits einen nicht ganz unbedeu- 
tenden Exportartikel bilden, oder Schwäne, deren Bälge nicht ohne Werth sind, 
anderemale Füchse zu erlegen, die den Schafen vielfach gefährlich werden, oder 
selbst auf Eisbären* Jagd zu macheft , welche das Treibeis aus Grönland oder 
Spitzbergen herübergebracht hat u. dgl. m. Dabei ist zu beachten, daß die Be- 
wohner des Landes so zu sagen beidlebig sind; auch der Oberländer Bauer pflegt 
zu den großen Fangzeiten seine Leute an die See hinabzuschicken, um an dem 
Ertrage der Fischereien sich zu betheiligen, und umgekehrt ist auch der See- 
bauer, darauf angewiesen , neben seiner Fischerei einige Viehwirthsohaft zu be- 
treiben: von früher Jugend auf werden darum hier wie dort die Leute gleichmäßig 
gewöhnt, die Ruder zu führen und ihres Viehes zu warten. Aber noch mehr. 
Sieht man von den Städtchen Reykjavik und ALkurejri ab, die ohnehin keinen 
Maßstab für das nationale Leben der Isländer geben, so kennt man auf der Insel 
nur zerstreute Einzelhöfe, deren jeder, oft Meilen weit von den Nachbarn ent- 
fernt, ein für sich bestehendes «Ganzes bildet. Jeder einzelne Bauer muß dem- 
nach, und das Gleiche gilt auch vom Pfarrer, Sysselmanne, Arzte, nicht nur ein 
tüchtiger Landwirth sein, wenn er mit Ehren bestehen will, sondern auch in allen 
anderen Beziehungen mit Hilfe seiner Familie und seiner Dienstboten den eigepen 
Bedürfnissen zu genügen wissen, also auch sein eigener Zimmermann und Tischler, 
Schmied und Sattler, Arzt, Schullehrer und theilweise, sogar Pfarrer sein, wenn 
nämlich tiefer Schneefall oder üble Stürme, Eisgang oder Hochwasser den Weg 
zur Kirche hemmen. Der Winter zumal ist die Zeit der Hausandachten (hüslestur) 
und des Jugendunterrichtes nicht nur, sondern auch der sonstigen häuslichen Arbei- 
ten, des Strickens z. B. und Webens, des Gerbens und Färbens, des Schnitzens, 
Schmiedens , Schreinems und der Fertigung von Lederarbeiten wie von Fass- 
geschirren ; aber je nach Umständen muß auch im Sommer mancherlei derartige 
Arbeit vorgenommen werden, wenn das Bedürfniss drängt oder das Wetter ander* 
weitige Beschäftigung nieht gestattet. Es begreift sich, dtfi dieser stete Wechsel 



LITTERATUR. 105 

der Bescbäftigüng, diese stete Nothwendigkeit, in allen Beziehungen sieh selber 
zu helfen« wo überhaupt Hilfe Noth thut, zwar eine höhere Vollkommenheit in 
irgend einem einzelnen Berufe zu erreichen sehr schwer macht, aber auch um 
so entschiedener eine gewisse Allseitigkeit der Bildung und eine Anschlägigkeit, 
Nachdenklichkeit und Beweglichkeit des Geistes erzeugt, welche bei uns der ge- 
meine Mann und sogar der höher Gebildete nur sehr ausnahmsweise erreichen 
kann ; die Abstumpfung vollends und die tödtliche Ermüdung, welche die Einseitig- 
keit des Berufslebens bei uns so vielfach zur Folge hat, bleibt dem Isländer erspart, 
und in dem Bewusstsein des ausschließlichen Rechnens auf sich selber findet 
überdies dessen Freiheits- und Selbstgefühl eine weitere, sehr berechtigte Befrie- 
digung. Auch ist es keineswegs richtig, daß dem Isländer so alle und jede Ver- 
gnügungen abgehen, und nichts kann verkehrter sein als die Meinung, daß „das 
Lesen der alten Erzählungen^ und ;,der Genuß des Branntweins^ für dieselben 
.die einzige Unterhaltung*^ bilde. Schon die Wiederkehr so mancher wirthschaft- 
lichen Hauptgeschäfte bringt mancherlei Festlichkeit in das Leben des Volkes 
herein. Wir haben oben bereits der großen Fischzeiten gedacht , zu welchen 
ganze Schaaren Junger Leute aus den höher gelegenen Gegenden an bestimmte 
Punkte 3er Küste herabwandem ; unter den vielen Hunderten von Burschen, die 
zu solchem Behufs auf mehrere Wochen auf sonst wenig bewohnten Küsten- 
strichen zusammenströmen, entfaltet sich sofort das regste Leben, und mit man- 
cherlei munteren Spielen wird die Zeit verbracht, während deren etwa Wind und 
Wetter das Ausrudem verwehren. In ähnlicher Weise gibt der Auszug in die 
Berge, um Kräuter und Flechten zu sammeln, zu heiterem Treiben Veranlassung, 
denn auch zu solchen Ausflügen thun sich gerne Gesellschaften zusammen, wenn 
auch geringeren Umfanges; ganz besonders aber gilt das Begehen der Hoch- 
weiden, um zu Ende Sommers das Galtvieh zu sammeln und in die Niederungen 
zurückzutreiben (die FjallgÖngnr) als ein lustiges festliches Geschäft. Unter der 
Leitung des Gemeindevorstehers oder auch eines eigens zu solchem Behufe ge- 
wählten Bergkönigs zieht die jugendliche Mannschaft ganzer großer Bezirke, 
jeder Mann von einem tüchtigen Schafhunde begleitet, nach dem Sammelplatze. 
Hier wird Musterung gehalten, und je nach Bedarf theilt der Bergkönig seine 
Leute in kleinere Haufen, denen er eigene Führer vorsetzt ; jedem Haufen wird 
sein Ausgangspunkt, die Richtung des Ganges und der Ort, wo fär die Nacht 
das Zelt aufzuschlagen ist, bezeichnet. Nun beginnt, sei es zu Fuß oder 
zu Pferde, ein Art von Kesseltrieb, indem man von obenher die Thüre zu um- 
stellen und nun durch allmäliges Schließen des Kreises abwärts in die Thäler 
zu treiben sucht; an einem bestimmten Punkte werden sie dann gesammelt und 
von denen, die an der Bergbegehung selbst keinen Antheil nahmen, in Empfang 
und Hut genommen, um dann nach Ausweis ihrer Marken unter die einzelnen 
Eigenthümer vertheilt zu werden. An diesem Sammelplatze nun pflegt wiederum 
ein fröhliches Fest gefeiert zu werden, das sich wohl mehrere Tage lang hin- 
ziehen kann , wenn die Menge des Viehes die Auseinandersetzung nicht rasoh 
beendigen lässt Andere Festlichkeiten knüpfen sich an die Heuernte. Wenn „der 
Hof aus dem Grase gelöst", d. h. alles Gras rings um denselben gemäht ist, 
dann wieder wenn das gesammte Heu von dem Grasplatze innerhalb des Zaunes 
eingebracht ist, endlich wenn .die gesammte Heuernte beendigt ist, muß jedesmal 
den Mähern neben ihrer ordentlichen Kost noch ein besonderes Extragericht von 
bestimmter hergebraebter Beschaffenheit gegeben werden» Ähnliche Belohnungen 



106 LITTERATÜB. 

knüpfen sich an den Hiriendienst. An der sommerlicben ]>orläk8me88a (d. h. jetzt 
20. Juli), einem seit der Beformation beseitigten Kirchenfeste , wurde vordem, 
mid wird noch in einzelnen Gregenden des Südamtes die „smalabüsreid** gehalten. 
Per Hirt, welcher bis zum genannten Tage seiner Schafe glücklich und getreulich 
gewartet hat, galt an ihin, ähnlich wie der römische Sklave an den Satumalien, 
als Herr seines Herrn und bekam überdies die volle Milch von der besten Kuh 
auf dem Hofe; aus ihr wurde Käse, Brei oder Suppe bereitet, und das nannte 
man smalabü , d. h. Hirtenwirthschaft : zu ganzen Haufen gesammelt ritten dann 
die Bursche mit diesen ihren Leckereien in der Gegend herum, um Andere davon 
frei zu halten und umgekehrt auch selber von den Bauern sich zu Gast laden 
zu lassen. In Ostland gibt man statt dessen auch wohl die volle Milch aller Schafe 
am Michaelistage, und lässt die Hirten damit anfangen was sie mögen; wieder 
anderwärts gibt man ihnen in der Schlachtzeit ein Gericht eigenthümlicher Art, 
das aus dem besten Fleische und Fette der geschlachteten Thier bereitet wird. 
Wo die Weberei und Spinnerei stark betrieben wird, erhalten auch diejenigen 
Dienstboten, welche das anstrengende Geschäft des Walkens besorgen, ihren be- 
sonderen „Walkerbissen ", und die Weber ihren „Weberbissen** für jedes Stück 
Tuch, das sie fertig bringen; die Leute, welche den Mist aus den Scflafställen 
ausstechen und als Dünger auf den Grasgarten bringen, bekommen dafür ihren 
„Hausbissen''. Vielfach gibt man auch neu in den Dienst einstehenden Dienst- 
boten einen „ Dienstbissen ^ , und in manchen Gegenden gibt man dem ganzen 
Gesinde an einem beliebigen Abende zu Anfang der Adventszeit ein „ Abend- 
frühstück ^' (kvöldskattur), aus den ausgesuchtesten Speisen bestehend, welche die 
Yorrathskammer aufzuweisen vermag; geräuchertes Schaffleisch (h4ngikjöt), Hai* 
fischschnitze, Walfischschwanz, kurz alle Leckerbissen der isländischen Küche 
figurieren bei diesem Male, umgekehrt kommt es aber auch vor, daß die Dienst- 
boten ihrerseits, je mehrere zusammen, den übrigen Hausbewohnern eine ähnliche 
Gasterei zurichten, wobei dann ein Theil den andern zu übertreffen bestrebt ist. 
So geben auch die jungen Leute, die zu den großen Fischzeiten auf den Fang 
ausgeschickt werden, von den Speisevorräthen , die ihnen mit auf den oft viele 
Tagreisen weiten Weg gegeben werden, ihren Hausgenossen einen „ Abschieds- 
bissen ** u. dgl. m. Ein häusliches Centralfest ist femer das Weihnachtsfest (j61) ; 
in den Häusern wie in den Kirchen zündet man in der Christnacht möglichst 
viele Kerzen an und hält auch wohl mit solchen Umgang im Hause, oder schenkt 
jedem Hausgenossen eine Weihnachtskerze: Lj6sh4tid, Lichtfest, wird darum das 
Fest auch wohl genannt. Man schlachtet wohl einen eigenen Julhammel und gibt 
den Leuten im Hause überhaupt eine besonders reichliche Julkost (Jölarefur) 
man schenkt ihnen auch gerne irgend welche neue Kleidungsstücke , denn wer 
keinen neuen Fetzen am Leibe hat, über den kommt die ^^Julkatze**. Neben dieser 
gehen in den 12 Nächten die 13 Julbursche (jölasveinar) um, sammt ihren Altem, 
der Kinderfresserin Gr^la und dem Leppa-Lüdi mit seinem großen Sacke ; Alles 
Popanze , mit denen die Kinder zu schrecken man schon gegen die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts für gut fand gesetzlich zu verbieten. In der Silvesternacht 
gibt es wieder eine Neujahrskerze, und mancherlei Aberglauben knüpft sich an 
sie wie an die Christnacht, oder wieder die Johannisnacht im Sommer; vordem 
aber war es zumal die Dreikönigsnacht gewesen, die als eine besonders wunder- 
kräftige gegolten hatte. Auch der Fastnachtsdinstag wird festlich begangen, zumal 
durch tüchtiges Fleischessen (daher der Name: spreingikvöld) ; dagegen darf bei 



LITTERATUB. 107 

mancherlei scherzhaften Strafen die ganze Fastenzeit über nicht einmal der Name 
des Fleisches genannt werden ; „Huflacfas^ sagt man dafür. Am Aschermittwoche 
suchen die jungen Barsche den Mädchen Sacke mit kleinen Steinen, die Mädchen 
aber den Burschen Säcke mit Asche unversehens anzuhängen; der Gründonners- 
tag und Ostertag dagegen werden wieder durch Schmausereien gefeiert. Ein ganz 
specifisch isländisches Fest ist endlich der erste Sommertag. Der isländische 
Calender kennt bekanntlich nur zwei Jahreszeiten, Winter und Sommer, und fällt 
der Anfang des letzteren immer in die zweite Hälfte des Aprils. Die kirch- 
liche Feier dieses Tages ist freilich gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts 
abgestellt worden; aber der Gebrauch hat sich nicht abstellen lassen, daß die 
Bauern aus dem Besten, was der Winter übrig gelassen hat, ihrem Gesinde einen 
Schmaus bereitan, ^aad -dM wim il*i>»,"" mmnki. sis ünm ffindffm auch noch son- 
■ iift ' g f S pmmeiga 'ben schenken, ja daß sogar die Dienstboten unter sit^ undikcer 
Herrschaft gegenüber ein Gleiches thun. Gutentheils handelt es sich nun freilich, 
das kann nicht geleugnet werden, bei allen diesen Festlichkeiten wie bei anderen, 
mehr zufällig einfallenden um bloße Schmausereien, bei welchen denn auch, denn 
auch das ist nicht zu bestreiten, in einfacheren Häusern der Branntwein, in ver- 
möglicheren der Wein, Punsch oder Grog seine Bolle spielt ; aber daneben kommen 
denn doch auch Unterhaltungen ganz anderer Art in Betracht, und manche Unter- 
haltungen sind überdies noch anzuführen, welche ganz außerhalb jener häuslichen 
oder Gemeindefeste stehen. Der Tanz freilich und die vikivökur, welche noch um 
die Mitte des vorigen Jahrhunderts Eggert Olafsson kennt und schildert, sind dem 
gerade damals von Dänemark aus importierten und gesetzlich geschützen Pietis- 
mus erlegen, und auch von den mancherlei Mummereien, von welchen derselbe 
Gewährsmann zu erzählen weiß, ist wohl kaum noch eine Spur übrig (vgL Ny f6- 
lagsrit, 2. Jahrg. S. 65, Anm.); aber der Ringkampf (gUma) wird noch eifrig 
betrieben und kunstgerecht gelernt , nicht nur auf der Schule , wo der ver- 
storbene Dr. Hallgrimur Scheving einer seiner treuesten Beschützer war, son- 
dern auch an den Fischereiplätzen, gelegentlich der Bergbegehungen, oder wo 
sonst größere Schaaren junger Leute sich sammeln, und ist zumal die bsBndaglima 
beliebt, d. h. ein Massenringkampf zweier Parteien unter selbstgewählten Führern. 
Von anderen Leibesübungen wird nur das Beiten mit rechter Lust betrieben, 
während das Schneeschuhlaufen fast nur noch im Nordlande und hier nur geschäfts- 
weise geübt wird. Aber ein Reitervolk sind in der That die Isländer, wie es die 
Puszten Ungarns und die Steppen Polens oder Russlands nicht tüchtiger ziehen 
könnten. Keinen Schritt thut der Bauer aus dem Hause anders als zu Pferde, 
und die größte Ehre, die er einem Gaste anzuthun weiß, besteht darin, daß er 
ihm sein bestes Pferd zum Reiten leiht; tüchtige Bereiter, wenn auch je nach 
eigenem Systeme, findet man allwärts, unter den Bauern nicht nur, sondern auch 
unter den Pfarrern, Ärzten und politischen Beamten; das Spazierenreiten gilt 
als ein Vergnügen für sich, und auch das Wettreiten (kappreid) ist noch immer 
an der Tagesordnung, wobei nicht übersehen werden darf, daß in einem Berg- 
lande ohne Straßen und durch Wässer ohne Brücken das Reiten einen ganz an- 
dern Reiz als in unseren cultivierten Gegenden für Jeden hat, dem der Sinn noch 
einigermaßen nach Abenteuern steht. Wiederum gibt es, wenn ich von den aus 
dem Auslande importierten Karten- und Bretspielen absehen will, auch manch« 
Bpedfisch isländische , deren manche sogar durch ihre Namen schon auf die ältere 
Zeit zurückdeuten. Ich nenne von letzteren „godatafl^, welches mit zwei Würfeln 



108 LITTERATÜR. 

und 32 Steinen gespielt, und wozu folgende Weise, je eine Zeile zu jedem Wurfe, 
gesungen wird: 

Heima rsed eg goda minn 

bsedi vel og lengi; 

ek skal gefa p^r sürt sm^r og rengi, 

ef })ü unir hj4 mer lengi; 

ok kasta eg svo fyrir J)ig; 

er })ad satt! 

femer „tafl Olafs konüngs helga", welches mit 30 Steinen, 15 schwarzen und 
15 weißen, gespielt wird, und wozu folgende Weise zu sprechen ist: 

Fjörir eru gödir, fimm eru verri, 

fridir tveir hj4 einum stridum, 

^renning msBt og praelinn Ijöti, 

))arfur einn og tveir i starfi; 

tel eg enn tvo og ])rj4 sem ])rffila, 

])4 er hann einn, og tveir i n4mi 

hj4 nytum tveimur nii skal sitja 

nauda dÖkkur, og s4 skal sökkva. 

Das letztere mag man allenfalls mehr ein Kunststück als ein Spiel nennen; da- 
gegen wird das Schachspiel noch hin und wieder, und zwar nach eigenthümlichen, 
höchst complicierten Regeln Ibetrieben u. dgl. m. Eine Reihe von Spielen lassen 
sieh femer als Tumspiele bezeichnen, indem es bei denselben auf bestimmt vor- 
geschriebene Leibesbewegungen ankommt , deren Verrichtung ein gewisses Maß 
von Kraft und Geschicklichkeit fordert; ich rechne dahin die Spiele, für welche 
die Ausdrücke gelten: „ad fara i gegnum sik, ad ük kött (Beides eine Art Reck- 
schwung), ad rifa reifilur svelli** u. dgl. m. Zuweilen sind bei solchen Spielen 
Mehrere betheiligt, auf deren richtigem Zusammenwirken das Gelingen bemht; 
dahin z. B. das „fara f strök" , wobei zwei sich gegenseitig die Arme auf die 
Schultern legen, ein Dritter aber sich darauf setzt, und dann von da aus einen auf ' 
dem Boden liegenden Hut aufzuheben hat. Auch an Kinderspielen fehlt es nicht, 
und kehren unter diesen gar manche Deutsche wieder, z. B. ist der skollaleikur 
unsere Blindekuh, der briiarleikur unser ,,über die goldene Brücke fahren '' u. dgl. m. 
Endlich ist, und dies führt uns näher zu unserem Hauptgegenstande heran, neben 
dem Lesen der alten Sagen und dem Erzählen alter Mährchen und Geschichten, 
welches begreiflich vorzugsweise der ruhigeren Winterzeit angehört, auch der Ge- 
sang keineswegs unvertreten, nur daß derselbe vielfach unter einer sehr eigen- 
thümlichen Gestalt auftritt. Der Isländer unterscheidet nämlich zwischen dem Singen 
(syngja) eines Liedes (kvaedi) und dem Recitieren (kveda) von Reimen (n'mur), 
und wenn zwar der Gesang vergleichsweise selten, außer etwa bei Trinkgelagen, 
zu hören ist, und da Jeder auf eigene Faust und ohne auf die Übrigen zu achten, 
fortsingt (s.yngr hvör med sinu nefi, gilt sogar als Sprichwort!), auch nichts 
weniger als melodisch klingt, wenn femer, außer etwa dem aus Norwegen ein- 
geführten „Langspiele" alle musikalische Begleitung demselben fehlt, so hört man 
jenes, in eigenthümlich weichen Tönen sich wiegende Recitieren um so häufiger, 
und stundenlang kann ein mit gutem Gedächtnisse begabter Isländer die Ülfars- 
rfmur, Andrarfmur oder andere beliebte endlpse Reime vor sich hin summen. 
Überhaupt besitzt das Volk, wenn zwar ganz und gar keine musikalischen, so 



LITTEliATlJK. 1()9 

doch um 80 entacbiedener ausgeprägte poetische Anlagen, und in neuerer wie 
älterer Zeit gab e« auf der Insel stets eine Anzahl von Dichtem, die jeder Lit- 
teratur Ehre machen würden; unser Verf. selbst fuhrt, S. 24, eine Reihe von 
solchen an, wozu ich nur bemerke, daß irrthümlich ein J6n statt Jonas Hall- 
grimsson aufgeführt, einer der ausgezeichnetsten, ja man kann wohl sagen der 
ausgezeichnetste und zugleich nationalste unter allen, aber völlig übergangen ist, 
nämlich der treflFliche Vicelögmann Eggert Ölafsson (f 1768). Selbst heutigen Tages 
noch fehlt es nicht an einzelnen tüchtigen Dichtem (skäld), so daß das Volk 
keineswegs, wie unser Verf. S. 8 meint, auf das beschränkt ist, was ihm an Ge- 
dichten aus früheren Jahrhunderten übrig geblieben ist, und häufiger finden sich 
noch sogenannte „hagmseltir menn^, d. h. Leute, welche, ohne sich ernsthafter 
mit der Dichtung zu befassen, und zumal ohne sich zu dichterischen Schöpfungen 
höheren Fluges zu erheben, doch das Geschick haben, im Momente treffende Verse 
zu improvisieren, wie sie eben die Gelegenheit zu fordern scheint. Ganz wie in 
der alten Zeit sprechen solche Leute auch heutzutage noch aus dem Stegreife 
ihre lausavfsur; viele unter ihnen sind Hass- oder Spottverse (hädvfsur, nidvisur), 
und tritt zu diesen, die oft des beißendsten Witzes voll sind, nicht selten eine 
Mehrheit von Dichtern zusammen, — andere sind Pferdeweisen (hestavfsur) , oder 
besingen das Wetter, — andere sind Wettverse, indem etwa ein Dichter eine 
schwierig angelegte Strophe dem andern zur Vollendung hinwirft, — wieder andere 
endlich sind durch irgend welche zufällige Begebenheit oder Stimmung veranlasst 
0. dgl. m. Als ein hübscher Beleg für Stegreifdichtungen der letzteren Art mag 
etwa die Instruction dienen, welche der berühmte Lögmann P&ll VfdaUn (f 1727) 
seinem Burschen mit auf den Weg gab, der ihm wichtige Documente herholen 
sollte zum Gebrauche in einer der Entscheidung nahen Rechtssache: 

p6 sljsist j6r en slitni gjörd, 

slettunnm ekki kviddu; 

hugsadu hvorki um himin n^ jörd, 

en haltu ))^r fast og riddu! 
oder eine andere, welche der jüngst verstorbene Zimmermann ölafur Briem sprach, 
als er mit dem Pferde stürzte und das Schlüsselbein brach: 

Blaut ad stauta blauta braut, 

bikkjan skrikkjött nokkud g^kk; 

])aut og naut eg braut i laut, 

hnik med hrygg i skrokkin fekk. 
Als ein guter Beleg für Wettverse mag die Halbstrophe erwähnt werden, welche 
der bereits genannte P411 Vidalin dem Sysselmann J6n Sigurdsson hinwarf: 

Hani, krummi, hundur, svin, 

hestur, müs, titUngur, 
worauf dieser dann die Weise schloss: 

gälar, krünkar, geltir, hrin, 

gneggjar, tjstir, syngur. 
Als ein Beispiel einer Spottweise mag die angeführt werden, die auf einen zum 
Gemeindevorsteher ernannten Winkelarzt gedichtet wurde, wobei nur zu bemerken 
ist, daß die Vorsteher nach der früheren Praxis körperlie)^ Züchtigungen selbst 
zu vollziehen hatten: 

Fyrrum hkm skj6ma og skjöUd 

skatnar s^r 4 hendi^ 



110 LITTEEATÜE. 

jen vor göfug ^rvöld 

eru prydd med vendi. 

Hreppstjöronnm heidur berr, 

h^da Jjeir svo blaedir; , 

)>eirra mestur einn })6 er, 

ad hann slser og grsedir; 
oder eine andere, welche von zwei jungen Leuten auf einen Pfarrberm gedichtet 
wurde, der in blauem Bock und elendem Aufzuge ins Südland geritten war, um 
sich ordinieren zu lassen: 

H^dan sudur h^lt hann bl4r, 

heim kom aptur svartur; 

mun s4 herrans hiidarkl4r 

4 himnum verda bjartur! 
Man sieht, in solchen Versen, und das Gleiche gilt von so manchen Yolkssagen 
und Schwänken, spricht sich ein gesunder Sinn und Äscher Humor aus, daneben 
auch eine nicht geringe Gewandtheit in der Handhabung dichterischer Formen, 
alles Eigenschaften, die mit dem dumpfen Hinbrüten, welches so manche Beisende 
dem Volke Schuld geben, sich schlechterdings nicht vereinigen lassen; daß der 
Sinn für Musik den Leuten abgeht, hat freilich zur Folge , daß der Fremde, wenn 
er ihrer Sprache unkundig ist, von ihrer ganzen poetischen Begabung nur wenig 
verspüren kann, und daher die verkehrten Berichte, die, weil lärmendere Vergnü- 
gungen dem Volke fremd sind, diesem alle Vergnügungen abzusprechen sich be- 
rechtigt hielten. 

Aber wie steht es denn nun mit den isländischen Volksliedern? Ich habe 
nicht vor, dem Verfasser in seinen litteraturgeschichtlichen Bemerkungen zu folgen, 
so mancherlei sich auch an diesen aussetzen ließe; ich will z. B. nur ganz im Vor- 
beigehen bemerken, daß die Gedichte, aus welchen Snorri Sturluson für seine 
norwegischen Königssagen schöpfte, nicht unter die Kategorie der Volkslieder, 
sondern der Kunstdichtung gehörten, und daß neben ihnen dieses Werk nicht etwa 
aus alten Runeninschriften und Pergamentfetzen zusammengetragen, und eben so 
wenig blos dem Volksmunde abgelauscht ist (vgl. S. 23 u. 27), vielmehr auf ganz 
stattliche ältere Vorarbeiten gebaut ist, deren Verfasser wir zum Theil mit vollster 
Bestimmtheit nachzuweisen vermögen. Der Verf. scheint die Heimskringla überhaupt 
aus eigener Anschauung nicht zu kennen, da er sie in sieben Folianten erschienen 
sein lässt, während doch die Ausgabe, welche er im Sinne hat, nur sechs Bände 
zählt, von welchen überdies nur die drei ersten dem genannten Werk gewidmet sind. 
Aber auf einen Punkt kann ich mir nicht versagen, wenigstens andeutungsweise noch 
einzugehen, auf die Frage nämlich nach der Ursprünglichheit und Volksthümlich- 
keit der hier in Frage stehenden isländischen Liieder. Unser Verf. hat sich die Sache 
ziemlich leicht gemacht. Er erwähnt zwar, S. 31 — 32, daß man zwischen original- 
isländischen und aus der Feme eingewanderten Liedern unterscheiden könne, und 
meint zu den letzteren neben skandinavischen auch deutsche und englische, schot- 
tische und bretonidche Lieder rechnen zu dürfen; er verfolgt aber diese Scheidung 
nicht weiter, betrachtet vielmehr Alles was er als fomkvaedi gedruckt findet ohne Wei- 
ters als eine gleichartige und ebenmäßig volksthümliche Gattung. Mir scheint dieses 
Verfahren bedenklich, und bei den vorliegenden Liedern ebenso gut wie bei so 
mancher anderen Isländischen Überlieferung absolut nothwendi^ zwischen einhei- 
mbchem Wachsthum und fremder Einfahr streng zu unterscheiden. Form und Inhalt 



LITTERATUR. IH 

ist dabei gleichmäßig za berücksichtigen. Es ist für Island wenigstens nicht richtig, 
wenn unser Verf., S. 5, bemerkt, im Yolksliede der Nordländer suche man ver- 
gebens nach der bei den Dichtungen der Skalden einst mit so großer Vorliebe an- 
gewendeten Alliteration ; vielmehr halten an dieser nicht nur die ältesten isländischen 
Volkslieder fest, von denen wir überhaupt Kenntniss haben, wie z. B, das in der 
Stnrlünga, IV, Cap. 26, angeführte Grflukvssdi: 

H6r fer Grfla 

i gard ofan. 

ok hefir 4 sör 

hala fimt4n, 
sondern auch in den späteren kehrt dieselbe bis auf den heutigen Tag herab oft 
genug wieder, und mag es genügen zum Belege dessen auf ein altes Ehrenlied auf 
unsem Kaiser Friedrich den Rothbart zu verweisen, welches noch gegenwärtig hin 
und wieder auf der Insel gesungen wird und mit folgender Strophe beginnt: 

Keisari nokkur, msetiir mann, 

mjÖg sem sögur hrösa, 

stadnum T^ro st^rdi bann, 

stiUir Uka Sidon vann; 

frsegur nefiidist Fridrek Barbar6ssa. 
Der Endreim spielt allerdings daneben schon in der älteren Zeit auch seine Bolle, 
aber doch nur neben der Alliteration und nur in gewissen Versarten; wo er die 
Alliteration verdrängt hat, da kann man sicher sein, fremden Einflüssen zu be- 
gegnen. Man darf auch nicht, wo etwa derselbe Stoff in isländischen und däni- 
schen u. dgl. Liedern behandelt wird, ohne Weiters aus der knappem Form der 
erstem mit dem Verf., S. 26, auf die größere Ursprünglichkeit derselben schließen ; 
es kann sein, daß in einzelnen Fällen der Schluß wirklich zutrifft, aber andere 
Male kann auch wohl die größere Prägnanz der isländischen Sprache dabei im Spiele 
sein, wie denn z. B. die isländische Bearbeitung des verlornen Paradieses von Milton 
oder der Messiade von Rlopstock durch J6n ])orlÄks8on nicht selten gekürzter aus- 
gefallen ist als das Original, und überdies muß selbst da, wo wirklich die islän- 
dische Fassung eines Liedes älter ist als dessen uns vorliegende dänische oder nor- 
wegische Gestalt, immerhin noch die andere Frage als unerledigt gelten, ob nicht 
vielmehr jener dennoch irgend welche ältere ausländische Recension zu Grrunde 
gelegen habe, welche nur für uns verloren ist. Betrachte ich aber den Gegenstand 
dieser isländischen fornkvsedi, so finde ich unter ihnen kein einziges, welches un- 
zweifelhaft einheimischen Ursprunges wäre, und nur wenige, welche einheimischen 
Ursprunges auch nur sein könnten. Darauf freilich, daß keine mit der vulkanischen 
Natur Islands zusammenhängende Stoffe behandelt sind, lege ich kein Gewicht; 
in den Gedichten haben solche Erinnerungen nichts zu suchen, und in den Sagen, 
wohin sie gehören, sind sie denn auch, was der Verf., S. 32, mit Unrecht bezwei- 
felt, wirklich zu finden: schon die Landn4ma, U, cap. 5, hat z. B. eine hieher 
gehörige Sage über die Entstehung des Borgarhraun, und andere sind in der von 
J6n Amson herausgegebenen Sagensammlung mehrfältig zu lesen (z. B. I, S. 487, 
über die Hekla; I, S. 184—85, über die Kötlugj4; II, S. 100 — 101, über ver- 
schiedene Feuerberge u. dgl. m.) Aber nicht übersehen darf werden, worauf bereits 
Svend Grundtvig in seinem ausgezeichneten Werke über die dänischen Volkslieder 
aufioterksam gemacht hat (HI , S. XIEE — IV) , daß eine Reihe auf geschichtliche 
Vorgänge in Dänemark bezüglicher Lieder nach Island übergegangen ist, und zwar 



112 LrrTKKATUK. 

lauter Lieder über Vorgänge im 12. Jahrhunderte; nicht minder muß man beachten^ 
daß auch die übrigen, bloße Abenteuer ohne allen geschichtlichen Hintergrund be- 
handelnden Lieder fast sammt und sonders der Ritterpoesie angehören, und somit 
auf Island gar nicht von Haus aus bodenständig gewesen sein können. Ganz ebenso 
wie das heutige Kirchenlied der Isländer, was unser Verf. S. 80 — 81 ebenfalls 
übersieht, seinen Melodien nach völlig von Deutschland sich abhängig zeigt, wie 
dies neuerdings durch P^ter Gudjonsson in seiner „Islenzk s41ma8aungS'Og messu- 
bök med n6tum" (1861) schlagend dargethan worden ist, ganz ebenso wie das 
isländische Mährchen, wie ich dies früher schon ausgeführt habe, sehr vorzugs- 
weise ausländische Stoffe in sich aufgenommen hat> oder wie die Jurisprudenz des 
Landes in der Wolle dänisch gefärbt worden ist, ganz in derselben Weise sind 
auch diese fornkvaedi, wenn auch in Island entstanden und mehr oder minder volks- 
thümlich geworden, doch aus ausländischem Stoffe und nach ausländischen Vor* 
lagen gedichtet^ und insoweit als ein national-isländisches Product keineswegs 
zu betrachten. Auffällig ist dabei freilich, daß die färöischen Volkslieder sich so 
ungleich nationaler gehalten, und daß dieselben hin und wieder sogar isländische 
Stoffe, wie z. B. im Ejartansliede, treu bewahrt habeU) welche in Island selber 
fallen gelassen wurden ; indessen scheint sich doch auch diese eigenthümliche Er- 
scheinung befriedigend erklären zu lassen. Auf den Färöern hat sich niemals ein 
selbständiges Geistesleben, niemals eine nationale Litteratur ausgebildet. Die Ge- 
bildeten wandten sich seit lauger Zeit dem herrschenden Volke zu, und sprachen 
und schrieben Dänisch, wie sie dieses noch thun ; die faringische Sprache ihrer- 
seits ist in Folge davon, ganz wie dies mit der einheimischen Sprache in Norwegen 
geschah, zu einem bloßen Volksdialecte herabgesunken und als solcher verwahrlost. 
Dagegen haben sich die höheren Klassen auf Island , und hat sich zumal der islän- 
dische Priesterstand im Großen und Ganzen stets national gehalten ; die einheimische 
Sprache ist hier stets Gemeingut des gesammten Volkes geblieben, wenn auch der 
Staatsbeamte, der Kaufmann und sogar der Pfarrer nebenbei das Dänische ver- 
stehen und zum Theil auch schreiben mußte. Es begreift sich, daß unter solchen 
Umständen fremde Einflüsse, wie solche zunächst auf die höheren Stände einwirk- 
ten, auf Island durch deren Vermittlung auch das übrige. Volk treffen mußten, 
welches von ihnen durch keine schroffe Kluft sich getrennt sah, während umgekehrt 
auf den Färöern die nationalen Überlieferungen bei den geringeren Leuten um so 
ungetrübter sich erhalten mochten, je unnationaler die höheren Classen in ihrer 
gesammten Bildung geworden waren. Zeigen ja doch auch die Volkssagen Nor- 
wegens in gar mancher Beziehung noch aiterthümlichere Züge , als sie die islän- 
dischen aufzuweisen vermögen, aus denen zumal die directen Erinnerungen an die 
Göttersage fast spurlos verschwunden sind ; weit entfernt davon, ein bloßes Kepo- 
sitorium von Antiquitäten zu sein, wofür man es so vielfach hat halten wollen, steht 
hiernach Island auf vielen Punkten an Stätigkeit der Tradition anderen nordischen 
Gegenden sogar nach, und zwar aus dem sehr rühmlichen Grunde, weil dasselbe 
verstanden hat, eine zugleich gemeinsame und selbständige Nationalsprache und 
Nationallitteratur sich zu bilden nicht nur, sondern auch zu bewahren! 

Je ausführlicher ich mich über die Einleitung der Verfassers vei breitet habe, 
desto kürzer kann ich mich über seine Übertragung der alten Lieder selbst, 
und über den ihr beigegebenen Commentar fassen. Die Übersetzung, die wohl 
kaum durchaus an der Hand des Originales selbst entstanden ist, und darum auch 
nicht immer getreu genug dessen Sinn folgt, ist doch im Ganzen gelungen und 



LlTfERAtÜR. 113 

wolil lesbar; die mit unterlaufenden Ungenauigkeiten, welche den kundigen Leser 
stören, dürften für das größere Publicum ohne viele Bedeutung sein, für welches 
das Wer^ denn doch allein bestimmt sein kann. Ich rechne dahin z. B. in dem 
bekannten Liede von Olaf Lilienrose die Übersetzung von Str. 7 und 8: 

„Ich treibe nicht mit Elfen Tand, 

Gott bleibe fromm ich zugewandt;" 

„Du kannst, willst Du mit Elfen dich freuen, 

doch dienen deinem Gott in Treuen,^' 
wo das Original hat: 

„Eg vil ei med 41fum büa, 

heldur vil eg k gud minn trda;'' 

„p6 })ü vilir med &lfum biia, 

samt mättü 4 gud })inn trüa;'' 
hier also wird 7on der Annahme ausgegangen, daß die Eiben bleibend den Olaf 
für sich zu gewinnen suchen, was, wie er weiß, nicht ohne Verlust seines Glau- 
bens ablaufen kann; dort dagegen handelt es sich nur um eine vorübergehende 
Betheiligung am Spiele der Eiben, von welcher nicht abzusehen ist, wie sie den 
Christenglauben gefährden könne. Oder in dem Liede von den Brüdern Str. 4: 

„Das ist der junge Sigrljotr, 

gar lieblich von Gestalt, 

der freiet Fräulein Sesselju, 

die Braut Herrn Jons, alsbald." 
Ganz abgesehen davon, ob es richtig gethan sei, den Namen Csecilia hier in 
einer isländischen Form und noch dazu mit einer isländischen Accusativendung 
zu setzen, ist hier der Ausdruck „freien'' kaum am Platze; im Originale 
steht: „festi hann früna Sesselju, ** er verlobte sich mit der Frau Cäcilie ; es 
ist somit mehr als eine bloße Werbung und nicht so viel als eine Heirat erfolgt, 
und dies stimmt auch allein mit dem scharfen Einschreiten des Bruders einer- 
seits oder der fortdauernden Bewerbung um das Fräulein anderseits. U. dgl. m. 
Derartiger Ausstellungen ließe sich nun freilich eine Unzahl machen , und nicht 
minder ließe sich über gar manchen Punkt der Anmerkungen rechten, welche 
den einzelnen Liedern beigegeben sind, sowohl in Bezug auf das was der Verf. 
in denselben sagt, als in Bezug auf das, was er ungesagt lässt; doch scheint es 
bei der ganzen Anlage des Werkes weder nothwendig noch zweckmäßig, auf 
eine Berichtigung solcher Einzelheiten sich einzulassen, und erwähne ich darum 
nur ganz im Vorbeigehen eines einzelnen Punktes, aus dem Grunde, weil eine 
einschlägige Bemerkung des Verfassers, S. ?5, sich auf eine Angabe, sei es nun 
von J6n Sigurdsson oder Svend Grundtvig, in den Fornkvaedi, I, S. 66, stützt. 
In dem Sigmundar kvaedi wird erzählt, wie Sigmundur Liebesrunen schneidet 
und seiner Geliebten in den Becher wirft; diese aber schüttet den Trunk einer 
Sau vor, die dann auch sich gehorsamst aufmacht, und dem zauberkundigen 
Liebhaber einen sehr unerwünschten Besuch im Bette macht. Die Herausgeber 
meinen nun, und mit ihnen unser Verf., daß diese Übertragung des Zaubers auf 
ein Thier in keiner andern Sage eine Parallele finde; mit Unrecht: jene Über- 
tragung liegt ganz in der Natur der Zaubermittel, die auf Jeden wirken müssen, 
der ihrer Einwirkung ausgesetzt wird, und liegt in der That eine schlagende 
Parallele z. B. in der Sage von Tristan und Isolde vor, welche beide durch den 
Genuß des nicht für sie bestimmten Liebestrankes bezaubert werden, an welchen) 

QSBIIANIA* Neue Reibe II. (XIV.) Jahrg. Q 



114 tlTTERAtüft. 

Zauber sogar der Hund Hodain Antheil nimmt, weil er den nur balbgeleerten 
Becher vollends ausleckt. Endlich möchte ich zum Schlüsse noch mein Bedauern 
darüber aussprechen, daß es dem Verf. nicht gefallen hat, von den färöischen 
Liedern mehr zu übersetzen als er gethan hat. Bei ihrem entschieden alterthüm- 
lichen Charakter hätten sie <lies mehr verdient als so manches isländische Ritter- 
gedicht , und zumal das Lied von Geyti Aslaksson , bei Hammershaimb , 11, 
S. 145 — 63, würde bei seiner engen Verwandtschaft mit der vielbesprochenen 
Teil- Sage gewiß auch für das größere Publicum hohes Interesse gehabt haben. 
MÜNCHEN. KONRAD MAURER, 



Jon ])orkelsson, iEfisaga Gijurar })orvalds8onar. Reykjavik, 1868; VIII u. 
143 SS. 8°. 

Eine Lebensbeschreibung jenes Gijurrjarl, welcher Island unter die Bot- 
mäßigkeit der Könige von Norwegen brachte, ist selbstverständlich ein fortlaufen- 
der Commentar zu dem größeren Theile der Sturlünga, und zu gar manchen Capi- 
teln der Häkonar saga gamhi. Für die Güte der Arbeit bürgt der Name des Ver- 
fassers, eines der tüchtigsten unter den heutigen isländischen Philologen. Reichen 
Ertrag wirft aber seine Schrift zumal ab für die Genealogie und Chronologie, auch 
wohl Topographie ; weniger hat tich dagegen der Verfasser mit der juristischen 
und politischen Seite seines Gegenstandes befasst, mit der Frage also nach den 
Mängeln der Verfassung des isländischen Freistaates, welche dessen so schmählichen 
Untergang veranlassten , und nach den Anhaltspunkten, welche das norwegische ♦ 
Dienstraannenrecht, dem sich Snorri Sturluson sowohl als so mancher andere islän- 
dische Häuptling durch den Eintritt in des Königs Dienstverband unterworfen hatte, 
dem K. Häkon für die Ansprüche gab, welche er diesen Häuptlingen gegenüber 
nicht ohne Erfolg zu erheben wusste. In dieser, aber auch nur in dieser Beziehung 
dürfte die Schrift noch einer Ergänzung bedürfen. 

MÜNCHEN. KONRAD MAURER. 



Bayerisclies Wörterbuch von J. Andreas Scluneller. Zweite mit des Ver- 
fassers Nachträgen vermehrte Ausgabe im Auftrage der historischen C«m- 
mission bei der königl. Akademie der Wissenschaften bearbeitet von G. 
Karl Frommann. Erste Lieferung. München. Literarisch-artistische Anstalt 
der J. G. Cotta'schen Buchhandlung. 1869. 240 Sp. 4^ 
Zehn Jahre nahezu sind verflossen, seit Jac. Grimm in gerechter Würdigung 
des Schmellerschen Musterwerks den Vorschlag machte, die reichen Zusätze, die 
der Verf. dazu gesammelt, unverändert zum Druck zu übergeben. Damals stellten 
sich der Ausführung Schwierigkeiten in den Weg, und als Wilh. Wackernagel, 
Grimms Sitz in der historischen Commission der bair. Akademie einnehmend, an 
das Vermächtniss seines gi'oßen Vorgängers erinnerte, stellte sich bald die Nolh- 
wendigkeit einer neuen Auflage des Wörterbuches überhaupt heraus, bei der die 
Nachträge dem Ganzen einverleibt werden konnten. So haben wir durch die Ver- 
zögerung wenigstens insofern gewonnen, daß die Vollendetere Arbeit*, wie sie der 
Verf. selbst beabsichtigt und Jac. Grimm erst für die Zukunft in Aussicht genommen 
hatte, sogleich hergestellt werden konnte. 



LlttERAfÜa 116 

Die historische Commission hat sich damit ein neues und eines der schönsten 
Verdienste erworben. Das vorliegende erste Heft, das die Vocalabtheilung voll- 
ständig und noch einen Theil derBa-etc. abtheilung (entsprechend den ersten 174 Sei- 
ten der 1. Aufl.) enthält, zeigt uns, daß die Erwartungen von Schmellers Nachlass 
uicflt zu hochgespannt waren. Eine Eeihe von Artikeln ist ganz neu hinzugekommen 
und die alten sind beträchtlich bereichert worden. Eine gute Zahl neuer Belege 
setzt Wortbedeutungen, die bereits die erste Auflage kannte, nun in noch helleres 
Licht und hier hat die ältere Litteratur, auf die gerade der erste Band der alten 
Auflage verhältnissmäßig weniger zurückgrifi^, vollends die ihr in einem Dialect- 
lexicon gebührende Berücksichtigung gefunden. So finden wir Nachträge aus derDiu- 
tisca, dem Graven Rudolf, Freidank, dem zwöl^'ährige Mönchlein, dem sog. Helbling, 
dem Renner, der Kindheit Jesu u. A. ; die Handschriften der Münchner Bibliothek 
sind noch weiter, namentlich nach rechtshistorischer und medicinischer Seite be- 
nützt, aber auch in neuere Zeit herauf haben Dialectdichter wie Stelzhammer, Seidl 
wiederholte Berücksichtigung gefunden. Aber nicht selten bietet die neue Auflage 
auch Wortbedeutungen, die die erste gar nicht kannte und die sich dem Verf. erst 
durch fortwährendes liebevolles Versenken in die Quellen neu ergeben haben. 
Überall, hier wie dort, können wir auch in den Nachträgen die mit Recht bewun- 
derte Kunst des Verf. 's, die 'nach allen Seite hin strömende Sacherläuterung', wie 
es Jac. Grimm schön bezeichnete, vor allem den feinen Sinn für culturhistorisch 
Merkwürdiges wiedererkennen. 

Alle diese Zusätze galt es nun an richtiger Stelle dem älteren Werke einzu- 
fügen und so mit demselben zu verarbeiten, daß das Ganze wie aus ^inem Gusse 
hervorgegangen sich darstellt , denn eine bloß äußerliche Nebeneinanderstellung 
wäre sowohl für den Gebrauch unbequem, als auch überhaupt der Aufgabe der 
Vollendeteren Arbeit' nach wissenschaftlicher wie künstlerischer Seite nicht ent- 
sprechend gewesen. Der Herausgeber, der um mundartliche Forschung selbst hoch- 
verdiente G. K. Frommann, hat diese, wie jeder Kenner weiß, mühevolle Aufgabe 
mit so viel Treue und Sorgfalt gelöst, als man nur immer von ihm erwarten durfte. 
Ein einzigesmal finde ich in den von mir geprüften Artikeln Gelegenheit, ein Ver- 
sehen des verehrten Herausgebers zu berichtigen. Bei dem Worte "^die dhentiur ist 
unter andern interessanten Bereicherungen auch eine in der ersten Ausgabe nicht 
berücksichtigte Bedeutung unter 2. namhaft gemacht: ^Zauber, Gaukelei, List' 
und mit einer Stelle aus Jos. Pauli belegt : Jiieher aber und nicht zu '3. das Un- 
thier' gehört das daselbst beigebrachte Citat aus H. Sachs , worin das Wort gerade 
in der letzten der drei unter 2. angegebenen Bedeutungen Xist' gebraucht ist. 
Die Formulierung dieser Bedeutung rührt vom Herausgeber her, Schmeller hatte 
nur die Citate beigeschrieben und auf solche und ähnliche Fälle, wo der Verf. dazu 
geradezu nöthigt, hat Frommann seine dann jedesmal möglichst knapp gehaltenen 
aber trefi^enden Zusätze beschränkt und bezeichnet. Gewiß hätte gerade der Heraus- 
geber noch mehr zu geben vermocht; in dem Umstände, daß er es nicht geben 
durfte, liegt eine Aufopferung, die sein Verdienst in unsern Augen nur um so höher 
stellt. Hoffentlich aber wird Frommann, sobald ihm wieder die nöthige Muße wird, 
für solche Selbstverleugnung sich entschädigen und uns nicht vorenthalten, was 
er zu bemerken findet. Auch Ausstattung und Format (das Ganze soll 2 Bände 
in 4*^ umfassen) ist entsprechend, letzteres speciell nach meiner Ansicht für ein 
Lexicon passender als das der ersten Auflage. Und so könnte ich meine Anzeige, 
die vorläufig das Erscheinen des lang erwarteten Werkes nur freudig begrüßen soll 

8* 



— eine eingehendere Würdigung muß auf später verspart bleiben — scblieiSen 
und hätte nur ^inen Wunsch, daß das Erscheinen des Buches nach Kräiften be- 
schleunigt werden möge : vier Jahre, von denen der Prospectus spricht, will unserer 
Ungeduld etwas zu lang erscheinen. 

WIEN, im Februar 1869. JOHANN LAMBEU 

Bucll der Bündth-Ertznei. Von Heinrich von Pfolsprundt, Brüder des deutschen 
Ordens. 1460. Herausgegeben von H. Haeser und A. Middeldorpf, Pro- 
fessoren zu Breslau. Berlin. Reimer. 1868. XLIV u. 179 Seiten. 8". 
Ein für die Geschichte der Medicin, wie für die Grammatik der mitteldeut- 
schen Mundart gleich wichtiges Denkmahl, durch dessen Herausgabe uns die bei- 
den Gelehrten, deren einer bereits im vorigen Jahre vor Vollendung des Druckes 
starb, zu lebhaftem Danke verpflichtet haben. Wenn gerade die sprachliche Seite 
des Buches, welche uns hier besonders angeht, die schwächste ist,* so trifft der 
Vorwurf weniger die Herausgeber, als vielmehr Andere. Als Nichtphilologen hatten 
sich jene, wie sie uns mittheilen (S- X), an bewährte Sachverständige gewandt, 
um die Grundsätze festzustellen, nach denen beim Abdrucke zu verfahren sei. Die- 
sen nun haben wir es zu danken, daß wir die ganze liebenswürdige Orthographie 
eines Schreibers aus dem 16. Jahrhundert, mit wahrhaft rührender Pietät bewahrt, 
zu lesen bekommen. Formen wie pffheillf außtzwtzien, tzworstellen^ schwe ( - schüwe), 
tzwo {=zuo), Saiden u. a. erscheinen da und nur wo die Handschrift sich 'den Lu- 
xus von drei gleichlautenden Consonanten gestattet ( — assäen, meiaaaeln — )\ bleibt 
uns ^iner erspart. Und warum? *Es sei unmöglich,* meinen die ^Sachverständigen*, 
'die Grundsätze anzugeben , nach denen bei einer etwaigen Verbesserung (der Or- 
thographie) zu verfahren sein müßte, da weder im Jahre 1460 (zur Zeit Pfolsprundts) 
noch 1519 (zur Zeit Hentzes, des Schreibers der Handschrift) irgend eine feste 
Regel in Betreff deutscher Rechtschreibung Statt gefunden habe.* So platte, schiefe 
Bemerkungen sollte man heutzutage nicht mehr machen, nachdem durch eine Reihe 
classischer Beispiele gezeigt ist, wie solche Dinge zu behandeln seien. Den Schaden 
davon trägt nur das Buch, denn welcher für die Geschichte seiner Wissenschaft 
noch so eifrig bestrebter Mediciner wird sich durch diesen Wust von überflüssigen 
Buchstaben hindurchwinden ? Ja welcher wird überhaupt nur ^ine Seite lesen und 
verstehen können? Die 'Sachverständigen* haben durch ein solches Verfahren er- 
reicht, was gewiß nicht in ihrer und der Herausgeber Absicht lag, daß das Buch 
ungelesen bleibt bis auf wenige Germanisten , welche ein sprachliches Interesse an 
dasselbe fesselt. Auf gleich niederer Stufe steht, was S. XHI als für die thürin- 
gische Heimat des von Pholsprundt^ die wir übrigens vor der Hand nicht läugnen 
wollen, beweisend angegeben wird. Außerdem noch einige Bemerkungen. In der 
Einleitung sprechen die Herausgeber Seite VIII von Hans Gersdorf in einer Weise, 
welche vermuthen lässt, daß ihnen der Mann bis dahin unbekannt war. Näheres 
über ihn steht jedoch bereits in Jöchers Gelehrtenlexicon 2, 961 und Wellerbringt 
in seinem Repertorium unter Nr. 1053 und 3794 zwei Ausgaben seines Werkes 
Feldthuch der Wundartznei, Die erste ist s. 1. e. a., die zweite im Jahre 1526 zu 
Straßburg gedruckt und nennt sich hier der Verfasser: Hans von Gerßdorf genant 
Schylhana burger und Wundarzt zu Straßburg. Sonst trage ich nach, daß S. 1 Zeile 7 
nach hmat der Beistrich zu tilgen ist und Seite 122 Zeile 15 geberth nicht Schreib- 
fehler für geerbeitf sondern das part. praet. von bem ist, über welches Verb in der 
J^ier zutreffenden Bedeutung von kneten zu vergleichen Ist Grimm Wb. 1, 150^, 



LITTERATUß. , 117 

Die erquicklichste und schönste Partie des Buches bleibt jedoch die Einlei- 
tung, soweit sie die Stellung des von Pholsprundt in der Geschichte der Medicin 
erörtert. Hier haben die Verfasser für das Verständniss der Schrift Rühmliches ge- 
leistet und ich wiederhole es daher, daß die oben ausgesprochenen Vorwürfe kei- 
neswegs sie treffen können. Hätten die Germanisten in gleicher Weise ihre Auf- 
gabe verstanden und durch Keinigung der Orthographie, eine Einleitung über die 
Mundart und ein kurzes Wortverzeichniss ihre Pflicht gethan, so müßten wir unbe- 
dingt diese Ausgabe den besten ihrer Art gleichstellen. So aber hat sich die Ver- 
lagshandlung durch sorgfaltige Ausstattung, schönes Papier und reinen Druck 
ein größeres Verdienst um die Publication erworben als die 'Sachverständigen*. 
WIEN, im Februar 1869. JOSEPH STROBL. 

Das Biot im Spiegel schweiierdeutsoher Volkssprache und Sitte. Lese schwei- 
zerischer Gebäckenamen. Aus din Papieren des schweizerdeutschen Idiotikons. 
Leipzig, S. Hirzel, 1868. VHI u. 186 SS. 8\ 

Wir begrüßen in diesem Buche, als dessen Verfasser sich am Schlüsse der 
Vorrede Herr Fritz Staub nennt, die erste Frucht der in der Schweiz gemachten 
Vorarbeiten zu einem schweizerdeutschen Idiotikon. Die Form der Behandlung 
wurde einerseits bedingt durch die noch vorhandenen Lücken im Materiale, ander- 
seits durch die Rücksicht auf die ^Mehrzahl' der Mitarbeiter und Freunde des Unter- 
nehmens, unter denen *nur wenige Sprachkenner, noch weniger Sprachforscher und 
Grammatiker'. (IV.) Diese Form ist eben die durch die Aufsätze von Rochholz auch 
den Lesern dieser Zeitschrift bekannte. Man wird leicht einsehen, daß bei dem 
wesentlichen Unterschiede zwischen dieser durch äußere Umstände abgenÖthigten 
Behandlung und der künftigen lexikalischen Ausführung es schwer fällt, von jener 
auf diese zu schließen ; es ist eben zweierlei im engen Rahmen eines Wortes, die 
Greschichte desselben zu erschöpfen und unter einem weitem Gesichtspunkte eine 
Reihe von Vorstellungen und Begriffen zusammenzufassen. Die vorhandenen Mängel 
des Buches können ebensogut bloß auf Rechnung der gewählten Behandlung kom- 
men, wie eine andere Ausführung neue hier nicht erscheinende Mängel zeigen kann. 
Das scheint auch der Verfasser gefühlt zu haben, denn nur so verstehe ich die 
Worte am Schlüsse seiner Vorrede (S. VIII) : 'Mögen uns recht viele Recensenten 
zu Theil werden, denen die Förderung der Sache am Herzen liegt und möchte die 
Oberflächlichkeit, welche zwar — wir fühlen es selber — an mancher Stelle von 
der durch Streben nach Kürze verschuldeten Schwerfälligkeit unseres Stiles zum 
Mitsprechen und da sie unsere Worte nicht genugsam urgieren wird, zum Miss- 
verständniss verlockt ist, diesmal lieber das Gold als das Silber wählen. In diesem (?) 
Sinne bitten wir sogar um die Kritik und eine rückhaltslose, so wahr als uns die 
Ehre des Vaterlandes, in deren Dienst wir uns und unsere Arbeit gestellt haben, 
höher steht als persönlicher Schein.' 

Jedesfalls erscheint es uns als ein Fortschritt, wenn Seite IV bemerkt ist, 
daß auch ältere Quellen zur Sammlung beigezogen werden sollen. Ich erwähne das, 
weil auf der Philologenversammlung zu Würzburg im Jahre 1862 W. Wacker- 
nagel (wenn ich den Bericht, Germania VIII, 225 recht verstehe) das Gegentheil 
befürwortete. Es lässt sich auch davon, wie weit in dieser Beziehung gegangen 
wurde, kein recht klares Bild aus dem Büchlein entnehmen, wiewohl solche Quellen 
allerdings zur Erklärung beigezogen wurden. Nach der Anmerkung auf Seite 164 
zu schließen, wird die Schmellerische Anordnung beibehalten, was natürlich unbe- 



118 ^ MISCELLEN. 

dingt zu billigen ist. Des letztern Vorbild zeigt sich auch bei der Betonung des 
culturhistorischen Momentes der Wörter, das auch K. Hildebrand auf seinem Ge- 
biete mit so vielem Erfolg durchführt. 

Zur Arbeit, wie sie vorliegt, haben wir nur weniges zu bemerken. Die Rich- 
tigkeit der einzelnen Etymologien kann sich erst prüfen lassen, wenn der Sprach- 
schatz vorliegt; der dadurch gewonnene reichere Überblick wird wohl manches, 
gegen das wir heute Bedenken haben, stützen. Ein bei einer derartigen Behandlung 
leicht eintretender Fehler ist der Versuch, zu viel unter gleichartige Gesichtspunkte 
zu zwängen. Das scheint uns auch hier nicht ganz vermieden. So wird S. 38 die 
Bedeutung der Verbums abkratzen als sterben in Verbindung gebracht mit dem 
Scharren des Backtroges, Velches die letzte eigentliche Hantierung bei der Berei- 
tung des Brotes ist, bevor dasselbe der Einwirkung der Elemente, wie etwa der 
Leichnam dem Schöße der Erde anvertraut wird ; entsprechend hat (beim Kuchen- 
backen) der Rest des Teiges den Namen Tod.' Mundartlich verwendet sich jedoch 
abkratzen auch für sich fortscheren , wie abschaben und hier scheint uns der An- 
knüpfungspunkt zu sein. Ebenso behält gegenüber der Erklärung von Käswoche 
in unserm Buche Seite 9 die Schmellers, welche auch Hildebrand angenommen und 
weiter begründet, ihr Recht. Die Birlingers ist uns zu — pikant. Seite 174 spricht 
sich der Verfasser mit Unrecht, wie es scheint, gegen die Erklärung von Ämbeiler 
als aus An und beiler zusammengesetzt aus. Wie man abbeilen kann, kann man 
auch ambeüe/n, d. h. die Beile anlegen. 

Bei diesen Bemerkungen lassen wir es vor der Hand bewenden und erinnern 
ausdrücklich noch einmal daran, daß erst der vorliegende Wortschatz eine frucht- 
bare Discussion eröffnen kann. Bei der Wichtigkeit des Idiotikons wollen wir den 
Wunsch aussprechen, daß die Bearbeiter lebhaft von Seiten ihrer Landsgenossen 
unterstützt würden, wozu gerade dieses Büchlein weiter beitragen mag. Daß spe- 
ciell auch der Canton Solothurn noch unter den Beitragenden fehlt ( — wogegen 
der verehrte Mitarbeiter dieser Zeitschrift A. Lütolf in Solothurn seiner Antheilnahme 
wegen gerühmt wird — ), darf, glauben wir, gerade an diesem Orte bedauert 
werden. Er sollte schon um seines einstigen Heimatsgenossen willen nicht länger 
unvertreten bleiben. 

WIEN. JOSEPH STROBL. 



MI8CELLEN. 

Bericht über die Sitzungen der germanistischen Section der XX7I. Philo- 
logenversammlung zn Würzbnrg, 1. bis 3. Oetober 1868. 

In das Album der Section hatten sich folgende 33 Mitglieder eingetragen: 
Barack, K. A. Dr., Hofbibiiothekar, aus Donaueschingen. 
Behringer, Prof., aus Würzburg. 
Bindewald, Dr., ans Gießen. 
Boß 1er, Ludwig, Gymnasiallehrer aus Gera. 
Brinkmann, H., aus Segnitz. 
Buchmann, Dr., aus Marburg. 
Bülau, Dr., aus Hamburg. 



MISCELLEN. 119 

Creizenach, Th., aus Frankfurt am Main. 
Dahn, Felix, Prof. Dr., aus Würzburg. 
Dietz, Ph., aus Marburg. 
Erkelenz, Prof. Dr., aus Nürnberg. 
Foß, Prof. Dr., aus Berlin. 
Flügel, F. Dr., aus Leipzig. 
Grein, C. W. Dr., Archivar aus Cassel. 
Heremans, Dr., aus G-ent. 
Hildebrand, Dr., aus Leipzig. 
Holland, Prof. Dr., aus Tübingen. 
Jünklein, A., aus Bamberg. 

Kaufmann, Alexander, Dr. Archivrath aus Wertheim. 
Keinz, Friedrich, Bibliotheksassistent aus München. 
Koch, Fr. Prof. Dr., aus Eisenach. 
Köhler, A. Dr., aus Dresden. 
Köhler, R. Dr., Bibliothekar aus Weimar. 
Lexer, Prof. Dr., aus Würzburg. 
Maßmann, H. F. Prof. Dr., aus Berlin. 
Mündler, Prof., aus Nürnberg. 
Schmidt, Studienlehrer, aus Frankfurt. 
Vial, Dr., aus Hersfeld. 
De Vries, Prof., aus Leiden. 
^ Wülker, E. Dr., aus Frankfurt am Main. 
Wülker, R., aus Frankfurt am Main. 
Zillober, Prof., aus Augsburg. 
Zschech, Dr., aus Magdeburg. 

Die erste Sitzung, Donnerstag den 1. October, Vormittags 9 Uhr, er- 
öffnete der mit den Präsidialgeschäften provisorisch betraute Prof. Dahn aus Würz- 
burg, indem er die Versammlung herzlich willkommen hieß und Dr. Hildebrand 
aus Leipzig zum Vorsitzenden vorschlug. Da dieser ablehnte, wurde Prof. Creizenach 
aus Frankfurt a. M. zum Präsidenten ernannt, auf dessen Vorschlag G3rmna8ial- 
lehrer Dr. A. Köhler aus Dresden und der unterzeichnete Berichterstatter das Amt 
der Schriftführer übernahmen. 

Der Vorsitzende leitete alsdann die Verhandlungen ein durch einen Nachruf 
an Franz Pfeiffer, und betonte hauptsächlich dessen Verdienste um Einführung 
der germanistischen Wissenschaften in Schule und Leben. Daran knüpfte er die 
Mahnung zur Versöhnung zwischen den streitenden Parteien , die Pfeiffer nicht 
mehr vergönnt war zu sehen. Im Anschluß daran erinnerte Hildebrand an die ver- 
söhnliche Gesinnung, die Zacher nach Pfeiffers Tode gezeigt habe, so daß also die 
Versöhnung in der That über dem Grabe zu Stande gekommen sei. 

Prof. Maßmanu aus Berlin, der hieran noch einige persönliche Erinnerungen 
an den Verstorbenen knüpfte, berichtete dann über die Ergebnisse seiner letzten 
Heise nach Italien und die von ihm zu Mailand eingesehene Handschrift des Vulfila. 
Eine Mittheilung von Pfeiffer, die Entdeckung einer gothischen Handschrift in 
Mailand durch Beifferscheid betreffend , veranlasste Maßmann zu einer Reise nach 
Italien imd zu einem sechswöchentlichen Aufenthalte daselbst. Aus der Überein- 
stimmung der Turiner Handschrift mit der eingesehenen Mailänder aus dem Kloster 



120 MISCELLEN. 

Bobbio stammenden geht hervor, daß jene früher einen Theil der Mailänder Hand- 
Bchrift bildete, namentlich da die vier Blätter der Turiner Handschrift, Bruchstücke 
aus dem Brief an die Galater und dem Brief an die Colosser enthaltend, in der 
Mailänder Handschrift fehlen, aus welcher sie, wie sich aus einem alten Bibliotheks- 
katalog ergibt, nach dem Jahre 1461 herausgerissen worden sind. Maßmann hob 
dann die schädliche Einwirkung der seither in Anwendung gebrachten chemischen 
Reagentien auf die Handschriften hervor ; namentlich gelte dies von den gothischen 
Handschriften, die durch die an den Rändern der Buchstaben immer weiter fres- 
senden Chemikalien in Kürze ruiniert und unlesbar sein würden, denn schon jetzt 
sei manches, was im Jahr 1833 noch lesbar gewesen, nicht mehr zu erkennen. 
Hieran knüpfte Maßmann noch die interessante Mittheilung, daß während Casti- 
glione keine schädliche Reagentien angewendet habe, der Cardinal Angelo Mai die 
gothischen Handschriften absichtlich verderbt haben soll, damit sie von den Deut- 
schen nicht mehr gelesen werden könnten. 

Der Vorsitzende theilte dann aus einer Notiz Zachers zum Sectionsprotokoll 
der 25. Philologenversammlung zu Halle mit, wonach dieser die Resolution wegen 
Unterstützung des Grimmischen Wörterbuches aus Staatsmitteln .zur Ausführung 
gebracht habe, indem er sich an den Bundeskanzler gewendet. Wie man aus den 
Zeitungen ersehen konnte, ist diesem Wunsche bei dem ReichstagCv des norddeut- 
schen Bundes entsprochen worden. 

Hierauf machte derselbe auf das Bedürfniss aufmerksam, daß für die Erklä- 
rung derjenigen älteren deutschen Wörter, die nicht im Kreise der bekannten so 
verdienstvollen Wörterbücher liegen, ein Anhaltspunkt in einem wissenschaftlich 
hergestellten Glossarium geboten werde. Für solche Wörter, wie sie in Urkunden, 
Urbarien, Inventarien und ähnlichen Schriftstücken vorkommen, sei der Leser oft 
allein auf seine eigenen Vermuthungen angewiesen. Prof. Dahn unterstützte diesen 
Gedanken wegen der großen Wichtigkeit eines solchen Unternehmens nicht allein 
für die Cultur- und Sprachgeschichte , sondern auch für die deutsche Rechts- 
geschichte, und da nach den Mittheilungen mehrerer Anwesenden Prof. Lexer den 
Plan zu einem solchen Sprachschatz, den man etwa ein archivalisches Glossarium 
nennen könnte, bereits ausgebildet hat, von der Ausführung aber durch andere 
Arbeiten noch zurückgehalten ist, so wird die Erklärung darüber, ob man zu einem 
derartigen Unternehmen ermuntern und direct dazu anregen wolle, auf die nächste 
Sitzung verschoben, zu welcher Prof. Lexer erwartet ist. 

Dann sprach Hildebrand über den Gebrauch des Nominativs statt des Accu- 
sativs im alemannischen Dialekte, der schon von Hebel in der Vorrede zu seinen 
Gedichten erwähnt wird („Der Accusativ des Singulars ist auch bei den Masculinis 
dem Nominativ gleich, z. B. der Tag, der und den Tag") und auch in den Ge- 
dichten selbst sich nicht selten findet; so in 'Eine Frage* „hebt sie b'herzt c?er Fin- 
ger uf", *im Statthalter von Schopfheim' „und leng mer der Farreschwanz abe", im 
'Wächterruf' „und wer im Friede der Tag erlebt." Weinhold hat diesen Gebrauch 
in seinem verdienstvollen Werke unerwähnt gelassen. Da Dr. Barack aus Donau- 
eschingeu diesen Gebrauch für das ganze Gebiet des Alemannischen bis zum Neckar 
bei Rottweil und Obemdorf bestätigte, Prof, Holland aus Tübingen ihn für das 
Schwäbische entschieden in Abrede stellte, so erkannte Hildebrand darin einen 
nichtigen Unterschied der beiden Dialekte und bemerkte weiter, daß der nämliche 
Gebrauch sich auch am Niederrhein finde. Prof. de Vries aus Leiden erwähnte dann, 
daß er auch im eigentlichen Holland voikomme, indess könne der holländische Ge- 



MISCELLEN. 121 

brauch nicht zur Erklärung des deutschen dienen. Nachdem Prof. Koch aus Eisen- 
ach als wahrscheinlichen Grund des Gleichlautens von Nominativ und Accusativ 
eine gewisse Verhärtung und Erstarrung angegeben hatte, entnahm Hildebrand 
ans einem Briefe von Rieger in Darmstadt, daß der Gebrauch des Nominativs an- 
statt des Accusativs nicht allein am Ober- und Niederrhein, sondern auch am Mittel- 
rh^n (Rieger will ihn bei Leuten aus dem Odenwalde und der Bergstraße, sowie bei 
solchen aus Oberhessen beobachtet haben) zu Hause sei. Da dies noch außerdem 
von mehreren Anwesenden bestätigt wurde, so glaubte Hildebrand in dem Ge- 
brauche des Nominativs statt des Accusativs eine dem ganzen Rheinlande gemein- 
same Erscheinung finden zu dürfen, zusammenhängend mit dem lebendigen Ver- 
kehr auf dem Strome , sowie ja auch Sitte und Denkweise im ganzen Rheinlande 
übereinstimmen, so verschieden auch die Volksstoffe sein mögen, welche dasselbe 
erfüllen. Was das Alter dieses merkwürdigen Gebrauchs betrifft, so findet er sich 
schon in der Pariser Handschrift Walthers von der Vogelweide. Dort heißt es im 
Liede von den zwei Flüchen : 

Mure milezm's beide easel und der gouch gehceren [Lachm. 73, 31 Pf. 34, 9], 
an welcher Stelle Lachmann irrthümlich einen Vocativ angenommen hat, Pfeiffer 
und Rieger der in den umgeändert haben. Allein die Form ist jedenfalls für jenen 
rheinischen Nominativ, wie man ihn vielleicht bezeichnen könnte, zu halten* Die 
Erscheinung ist jedoch älter , denn schon in einer von Joseph Haupt herausgege- 
benen Erklärung des hohen Liedes aus dem 12. Jahrhundert findet sich ein Bei- 
spiel dafür. Französische Entlehnung kann dabei nicht angenommen werden, da 
sich dieser Gebrauch auch bei Stämmen findet, welche gar nicht mit Frankreich 
in Berührung kamen. Beachtenswerth für die Erklärung ist die mittelhochdeutsche 
Bezeichnung ' umb den Bin für das eigentliche Deutschland , da sie sogar ein im 
heiligen Lande abwesender Minnesänger gebraucht , der nicht Rheinländer ist. 
Hierauf erinnerte noch Dahn an die Gleichheit der Bestimmungen über das ehe- 
liche Güterrecht den ganzen Rhein abwärts, und de Vries erklärte, daß gerade der 
auf dem Rheinstrome stattfindende Völkerverkehr für die Ursache jener Schwächung 
zu halten sei. 

Mit Rücksicht auf die bereits um 10 Uhr begonnene allgemeine Sitzung 
wurde alsdann (11 Uhr) die Sectionssitzung geschlossen. 

Die zweite Sitzung, Freitag den 2. October, Vormittags V29 Uhr, 
wurde mit der Verlesung des Protokolls durch den unterzeichneten Schriftführer 
und mit Erledigung einiger geschäftlichen Angelegenheiten eröffiiet. Insbesondere sah 
sich die Versammlung in Betreff einer Zuschrift des Obergerichtsraths Grisebach in 
Hameln wegen Fortsetzung des Werkes „Bilder deutscher Kaiser und Könige" 
nicht in der Lage, buchhändlerische Unternehmungen dieser Art zu unterstützen, 
und wurde deshalb das beti*effende Schreiben an das Gesammtpräsidium zurück- 
gesendet. 

Hierauf theilte Studienlehrer Schmidt aus Schweinfiirt einige Proben aus 
Handschriften mit, die sich zum Theil früher in der Klosterbibliothek zu Mem- 
mingen befanden, zum Theil in Tambach und in Stuttgart sind, theilweise auch 
in seinen Besitz übergegangen sind. Auch machte derselbe auf eine Handschrift 
in Gotha aufmerksam, die wichtige Notizen über fränkische Adelsgeschlechter 
enthält. 

Dann sprach Dr. Grein aus Cassel über die Arbeiten , welche ihn jetzt be- 
schäftigen. 



122 MISCELLEN. 

Zuerst theilte er im Anschluß an die Schrift von Dr. Windisch über die 
Quellen des Heliand mit, daß von ihm über denselben G-egenstand in Kürze 
eine Gegenschrift erscheinen werde. Windisch sei bei seiner sonst vortrefflichen 
Schrift dadurch zu einem falschen Resultate gehmgt, daß er, beirrt durch eine vor- 
gefasste Meinung, gleich von der Voraussetzung ausgieng, der Dichter des Heliand 
müsste in gleicher Weise, wie dies Kelle für Otfrid gezeigt, ^ußer dem Tatian unter 
den Evangeliencommentaren zum Matthäus den Rhaban, zum Johannes den Alkuin 
uhd bloß zu Markus und Lukas den Beda benutzt haben, und daß er lediglich dies 
zu beweisen gesucht habe, ohne auch die Commentare des Beda zum Matthäus und 
Johannes zu vergleichen. In seiner Arbeit habe nun G-rein den Beweis geführt, daß 
der Dichter fast Alles, was er aus Rbaban und Alkuin hätte schöpfen können (und 
es sei dies noch weit mehr als Windisch angibt) , ebensogut auch in den vier Com- 
mentaren des Beda habe finden können: nur einiges wenige, was Beda nicht habe, 
sei unmittelbar aus Augustin, Hieronymus und Gregor dem Großen geschöpft; ja 
der Dichter habe sogar einiges aus Beda geschöpft, was sich in den entsprechenden 
Commentaren des Rhaban und Alkuin nicht finde. Daher entbehre auch der Schluß, 
der Heliand habe nicht vor 825 entstehen können, weil des Rhabanus Commentar 
erst 821 — 822 geschrieben sei, jedes sicheren Grundes: vielmehr sei die Abfas- 
sxmg des Heliand aus andern Gründen in die Jahre 815 — 820 zu setzen. Zugleich 
führte der Redner an, daß er mit seiner Schrift auch einen Abdruck des Tatian 
mit Bezeichnung der vom Dichter benützten Stellen nach dem aus dem 9. Jahr- 
hundert stammenden Casseler Codex gebe, der wegen eines weder in den Evange- 
lien, noch in den bisherigen Ausgaben des Tatian stehenden Zusatzes zu Joh. 20. 16 
(„et occurrebat ut tangeret eum") offenbar in einer näheren Beziehung zum Heliand 
stehe, als die übrigen edierten Codices. 

Sodann theilte Grein mit, daß er im Begriffe stehe, im Anschluß an seine 
Bibliothek der angelsächsischen Poesie auch eine solche angelsächsischer Prosa 
heraus zu geben und mit Älfriks Grammatik, Glossar und Colloquium zu beginnen, 
mit deren Bearbeitung er jetzt beschäftigt sei. Als besonders interessant und für 
die deutsche Mythologie nicht ohne Bedeutung hob er eine Entdeckung in Alftiks 
Grammatik hervor; dort stehe unter den Beispielen zur dritten Declination „turbo 
poden*^, für welches Lye noch zwei weitere Belege biete. Dies thoden widerstrebe 
j eder Deutung, und bei der großen Ähnlichkeit der angelsächsischen Zeichen für th 
und V sei ohne Zweifel voÜen zu schreiben: wir hätten somit den Wotan selbst als 
Bezeichnung des Wirbelwindes; freilich sei dies bis jetzt nur Conjectur. 

Endlich führte Grein an, daß ihm der Auftrag geworden sei, nicht bloß eine 
neue Ausgabe der mancher Änderungen bedürfenden Vilmar'schen Laut- und Ple- 
xionslehre zu besorgen, sondern auch aus Vilmars Nachlaß die deutsche Metrik 
und die Wortbildungslehre herauszugeben. Die Aufzeichnungen Vilmars über die 
Wortbildungslehre (vor 30 Jahren niedergeschrieben) seien jedoch nur ein kurzer 
Auszug aus Grimms Grammatik und dem heutigen Stande der Sprachforschung 
nicht mehr entsprechend (auch fehle der Abschnitt über die Zusammensetzungen 
ganz), so daß der Herausgeber diesen Theil völlig neu ausarbeiten müsse. Anders 
stehe die Sache mit der Metrik, von d^r einzelne Abschnitte fast vollständig vor- 
lägen. 

Zu. dem ersten der von Grein besprochenen Gegenstände bemerkte G-ymna- 
sialprofessor Behringer aus Würzburg Folgendes : Im Allgemeinen werde als Haupt- 



MISCELLEN. 123 

quelle für den Heliand die unter dem Namen des Tatian bekannte, von dem Bischof 
Victor von Capua um das Jahr 546 bearbeitete Evangelienharmonie angenommen. 
Bedeutende Bedenken gegen diese Annahme errege ein Vergleich des Gedichtes 
mit dem genannten Werke und zwar aus folgenden Gründen: 

1. schienen besonders drei Stellen 9, 8 10, 17 142, 5 (nach der Schmel- 
1er sehen Ausgabe) eine Abweichung von der christlichen Glaubensweise zur Zeit 
der Entstehung des Heliand, nach der Richtung der im 4. Jahrhunderte sich ver- 
breitenden gnostisch marzionitischen Secte zu enthalten, welche das alte Testament 
von dem neuen durchaus trennte; 

2. werde die Stammtafel des göttlichen Heilandes mit keinem Worte von 
dem sonst so treuen Verfolger seiner Quelle erwähnt; 

3. würden in höchst auffallender Weise die in cap. H, HI, IX und X in der 
vermeintlichen Quelle vorkommenden Prophetenworte und cap. XVDI die Erwäh- 
nung des Buches Jesaia übergangen. 

Deshalb stellte Behringer die Hypothese auf, daß nicht die jetzt allgemein 
angenommene Evangelienharmonie die eigentliche Quelle des Heliand sei, sondern 
jene Schrift, welche Tatian selbst verfasste, und die erst von Bischof Victor über- 
arbeitet wurde — und zwar aus folgenden, sich an die obigen Bedenken anreihen- 
den Gründen: 

1. Tatian sei wirklich nach dem Tode seines Lehrers, des heiligen Justinus, 
zur Irrlehre der Marzioniten übergegangen; 

2. die Worte des Bischofs Victor in seiner Vorrede zur vermeintlichen Quelle 
des Heliand lauteten unter anderem : „sogar wenn Tatian schon als Häretiker dieses 
Werk verfasst hat, so gehe ich doch gerne, weil ich die Worte meines Herrn er- 
kenne, an seine Erklärung: wenn es sein eigenstes Werk wäre, wiese ich es weit 
von mir." Dann fahre er mit den allerdings etwas schwer zu erklärenden Worten 
weiter: „Nos tamen in eo sumus labore versati, quo opera solet novella praesumi 
— ut, absque scrupulo, studiosi mens secura hoc uti possit volumine. ^ Eine ein- 
gehende Erörterung dieser Hypothese hat Behringer in dem Programme des Würz- 
burger Gymnasiums 1863 gegeben unter dem Titel „Zur Würdigung des Heliand". 

Hierauf legte Staatshibliotheksassistent Keinz aus München auf mehrfach 
geäußertes Verlangen eine Karte von Oberbaiem im 8. Jahrhundert vor, die er 
sich für seine größere Arbeit über die mittelalterliche Topographie Baiems ange- 
fertigt hatte. Die Zeit, während welcher dieselbe von den Anwesenden mit Auf- 
merksamkeit betrachtet wurde, verwendete er zu einem Vortrag über einzelne Grup- 
pen der auf derselben eingetragenen Namen (es kommen solche in Altbai ern aus 
dem genannten Jahrhundert etwa 500 urkundlich vor). 

Nach einer vorausgeschickten allgemeinen Klassiücation derselben : einfache 
Worte, Patronymica, Zusammensetzungen der verschiedensten Art, verweilte er be- 
sonders bei der Klasse der von den Baiern vorgefundenen keltischen und römischen 
Ortsnamen. Hiebei von den bekannten Hauptstationen, wie Regina castra, Batava 
castra u. A. absehend, machte er darauf aufmerksam, daß sich besonders gegen 
das Gebirg und das obere Innthal zu, an der Hauptstraße aus Italien nach Noricum 
die alte Bevölkerung lange erhalten habe und nur allmälig von der Kraft des bai- 
rischen Yolksstammes germanisiert worden sei; Zeuge dessen seien einerseits die 
zahlreichen Ortsnamen vorbairischen Ursprungs, die sich um Salzburg und das 
obere Innthal entlang zum Theil bis auf unsere Tage erhalten haben und in den 
Salzburger Urkunden, besonders dem sogenannten Congestum Arnonis und den 



124 MISCELLEN. 

Breves Notitiae (die Redner ebeu zu neuer Ausgabe vorbereite) in mehr oder minder 
echter Form zahlreich erscheinen, wie Juvavo (Salzburg), Monticulus (Muntigl), 
Marciago (Morzg), MarcioUae (Marzoll), Mona (Gmain), Nana (Non), Vicus Ro- 
maniscus = Walaho uuis (nicht Walahovius, jetzt Wals), Cucullae (Kuchl), Pon- 
tena (Pfungen), Orianus mons (Erl) , Episas (Ebbs), Quantalae (Rundl) U.A.; 
andererseits die ebendort in den Schenkungen unfreier Leute an Salzburg häufic; 
vorkommende Bezeichnung Romani, oder deutsch Walha ; die an der Traun woh- 
nenden heißen einmal ausdrücklich Trunwalha. Freilich müße man sich darunter 
nicht gerade Römer reinsten Blutes denken, sondern eben die Nachkommen der 
keltischen, von den Römern romanisierten und mit denselben gemischten Urbevöl- 
kerung. Die das Land besetzenden Baiem hätten in ihnen einfach Angehörige des 
ihnen durch Sagen längst bekannten römischen Weltreiches gesehen und sie danach 
auch benannt. Auf die Kämpfe mit diesen wären auch wohl jene aventinischen 
Römerschlachten zu beziehen, die man sich gewöhnt hat, als bloße Fabel an- 
zusehen. 

Hieran reihte Keinz noch eine etymologische Namenserklärung über das im 
Gebiet der bairischen und alemannischen Mundart so häufige, immer den ersten 
Bestandtheil zusammengesetzter Ortsnamen bildende Wort Tegem. Bekanntlich 
habe man bisher zwei verschiedene Behauptungen für die Erklärung desselben vor- 
gebracht. Nach der einen wäre jenes Tegarin ein keltisches Adjectiv, das ^groß* 
bedeute, nach der anderen der Genetiv eines angenommenen Mannsnamens Tegaro. 
Beide Aufstellungen scheinen dem Redner aller Wahrscheinlichkeit zu entbehren. 
Bei dem ungemein häufigen Vorkommen dieses Wortes in Ortsnamen (eine ober- 
flächliche Zählung in dem genannten Gebiete hätte deren mehr als 30 ergeben, 
eine genauere könnte vielleicht noch weit mehr finden) könne man füglich an kein 
Fremdwort denken, das noch dazu immer in Verbindung mit deutschen Wörtern 
auftreten würde; und was den Personnennamen betreffe, so sei es durchaus nicht 
anzunehmen, daß ein solcher, der in Ortnamen so zahlreich erschiene, sich bei der 
Reichhaltigkeit, welche die bairischen Urkunden von frühester Zeit an gerade 
hierin zeigten , als wirklicher isolierter Mannsname nicht ein einziges Mal zeigen 
sollte. Es müsse also hier eine andere Erklärung gesucht werden. Bei näherer Be- 
trachtung der erwähnten Namen, wie sie z. B. bei Förstemann 11. 1361 fg. zahl- 
reich verzeichnet sind, ergebe sich, daß die Mehrzahl im zweiten Bestandtheil ein 
Wort zeige, das auf das Wasser oder den Boden hinweise : «eo, pah, wac, mos, atca, 
diese häufig, einzeln auch velt, aacaht, slaht, außerdem heim und dorf, bei welch 
letzterem secundäre Zusammensetzung (z. B. darf an einem tegembach) angenommen 
werden könnte, aber nicht müßte. Es könnte also damit eine Eigenschaft des Was- 
sers oder des Grundes bezeichnet sein. Nun gebe es in bairischer Mundart ein Wort 
„Tegel" bei Schmeller L 437 Thon, Lehm, in der Heimat des Redners nur der 
bläuliche Thon, Mergel, und es könnte also jene Bezeichnung entweder die Farbe 
des Wassers oder den hauptsächlichsten Bestandtheil des Bodens angeben. Als 
Probe für diese Verrauthung habe der Redner die Untersuchung des Ortsnamens 
Degerschlacht (in Würtemberg, Oberamt Tübingen) angesehen. Wenn nämlich 
wie in bairischer so auch in alemannischer Mundart das Wort schlichten — mit 
klebriger Masse überziehen — gebräuchlich wäre, und in der Gegend jenes Ortes 
sich Lehm fände, so würde er seine Vermuthung als gesichert betrachten. Ersteres 
wurde ihm nun von Angehörigen des alemannischen Stammes bestätigt, letzteres 
durch den vor kurzer Zeit erschienenea 49. Band der amtlichen Beschreibung von 



MI8CELLEN. ' 125 

Winiembergy wo S, 350 fg. ausdrücklich gesagt ist, daß der Boden jener Gegend 
„aus einem leichten, nicht tiefgründigen Lehm besteht '*. Dieses Degerschlacht= 
Lehmkoth sei dann auch der einzige Name, der das Wort in substantivischer Com- 
Position zeige, in allen übrigen erscheine es als Adjectiv tegarin. In diesen Namen 
habe sich also die ursprüngliche Form des Wortes mit dem r erhalten, während in 
der gewöhnlichen Sprache das r in 2 übergegangen sei. Bei der Verwandtschaft 
und dem häufigen Wechsel beider Laute könne das nicht auffallen ; sie zeige sich 
z. B. innerhalb des Mittelhochdeutschen, das kadel und hader, ' körpel und klirper 
biete; ebenso z, B. auch in dörper, das zu Tölpel, in mörter (lat. mortarium 
Schmeiler II. 622), das zu Mörtel wurde. Wenn das passende der Bezeichnung 
sich au mehreren Orten wie oben nachweisen lasse, so würde damit jeder Zweifel 
an der Richtigkeit der neuen Ableitung fallen , was wohl durch weitere Forschung 
leicht sicher zu stellen wäre. 

Der Vorsitzende kam nun auf das in der ersten Sitzung von ihm angeregte 
Urkundenwörterbuch zurück, und da der am vorigen Tage in Würzburg eingetrof- 
fene Prof. Lexer sich bereit erklärte, nach Beendigung des mittelhochdeutschen 
Handwörterbuches für den Hirzerschen Verlag seine begonnene Arbeit für die in 
Urkunden vorkommenden Wörter fortzusetzen: so sprach die Versammlung den 
Wunsch aus, es möge demselben bald die Muße werden , zur Abfassung zurück- 
zukehren und dadurch ein Hilfsmittel zu schaffen, dessen die deutschen Studien 
namentlich im Gebiete der Cultur- und der Rechtsgeschichte kaum mehr entbehren 
können. Die Mitglieder der germanistischen Section erklärten sich zugleich erbötig, 
den Herausgeber in seiner übrigens durchaus selbstständigen Arbeit durch Collec- 
taneen, Nachweisungen und Förderung jeder Art zu unterstützen. 

Prof. Lexer äußerte hierauf den Wunsch, daß man die Fortsetzung der 
Weinhold'schen Grammatik der deutschen Mundarten unterstützen und dazu auf- 
muntern solle. Nachdem Creizenach und Hildebrand sich in demselben Sinne aus- 
gesprochen^ und namentlich letzterer die Wichtigkeit der nun zu bearbeitenden 
rheinischen, fränkischen und mitteldeutschen Grammatik hervorgehoben hatte, 
wurde der Antrag in folgender Form von der Versammlung angenommen : 

„Die germanistische Section der 26. Versammlung deutscher Philologen und 
Schulmänner spricht ihre Freude aus über Weinholds treffliche Leistungen auf 
dem Gebiete der deutschen Mundarten und den Wunsch, daß er in seiner schwie- 
rigen Arbeit rüstig fortschreiten möge, wobei ihm die germanistische Section ihre 
Unterstützung zusichert. ** 

Dann sprach Hildebrand über die Sitte des Hutabnehmens beim Grüßen und 
suchte zu beweisen, daß dieselbe aus dem Lehenswesen herstamme. Die meisten 
unserer Höflichkeitsformen , für welche oft gar kein innerer Grund vorliege , seien 
schon in älterer Zeit entstanden. So lasse sich das Ablegen des Degens der Offi- 
eiere beim Eintritt in ein Zimmer schon im Nibelungenliede finden, wo es von 
Eckewart heißt, als er nach Bechelaren kommt, um Rüdigem die Ankunft der 
Burgunden zu melden, 
dcuf swert er abe gurte und leitez von der hant, [Lachm. 1583, 2. Holzm. 1683, 2.] 

Zur Erklärung des Hutabnehmens beim Gruße könne eine Stelle des sächsi- 
schen Lehensrechtes dienen, worin dem Lehensmann geboten wird, bei seinem 
Eintritt beim Lehensherm Alles abzulegen, was er von Eisenzeug an sich trägt, 
namentlich aber den huot und das huoteliny d. h. den Helm und die demselben 
untergelegte wollene Kappe. Er soll also vollkommen wehrlos dastehen. Mit dieser 



126 MISCELLEI^. 

Abstaöimiiüg aus dem Lehenswesen, wonach also das Hutabnelimen ursprünglich 
ein Zeichen der Wehrlosmachung der eigenen Person, ein Zeichen der vollkom- 
menen Ergebung und Ergebenheit wäre, stimmen denn* auch die Bezeichnungen 
^^mein Herr'^ und „Ihr Diener". Daraus wird auch klar, warum die Frauen den 
Hut nicht abnehmen. Volle Bestätigung aber findet diese Auffassung in einer Ge- 
schichte aus den Bauernkriegen. Dort werden zwei Ritter in ihrer Burg von den 
Bauern hart bedrängt, und da sie keine Rettung mehr sehen, hängt der eine seinen 
Helm an das Fenster. Als auch dies nichts nützt, wirft der andere den Helm unter 
die untenstehenden Bauern — sicherlich als Zeichen der Ergebung. Als Maßmann 
hierauf das acapürwiken erwähnte, erinnerte Hildebrand an ein Bild der Hundeshagener 
Handschrift, wo bei der Begrüßung der beiden Königinnen Brünhild zum Gruße 
die Hand an die Krone legt, und betonte, daß bei der Veröffentlichung und Erklä- 
rung die Bilder in den Handschriften mehr zu berücksichtigen seien. 

De Vries berichtete, daß das Hutabnehmen beim Gruße sich schon in den 
niederländischen Quellen aus dem 14. Jahrhundert finde ; schon bei den Römern 
sei der Hut das Zeichen der Herrschaft gewesen, dabei erinnerte er an den Hut 
des Geßler in der Schweiz. 

Hildebrand entgegnete, daß beim Hutabnehmen kein römischer Einfluß an- 
zunehmen sei, das einmal bei Seneca vorkommende Entblössen des Hauptes beim 
Gruß sei ganz gegen römische Sitte, für die Erklärung unseres Hutabnehmens sei 
jedenfalls der Zusammenhang mit dem Eisenhute festzuhalten. 

Dahn hält es für unzweifelhaft, daß unsere Höflichkeitsformen aus der Höfisch- 
keit, der curia feudalis entstanden sind, also dem Lehenswesen ihren Ursprung 
verdanken, Geßlers Hut sei das Zeichen der Gerichtsbarkeit des Hauses Ostreich, 
bei den Römern sei allerdings der Hut ein Symbol der Freiheit , aber nur bei der 
Freilassung. 

Hieran schlössen sich noch weitere Bemerkungen über ältere deutsche Sitten, 
und nachdem der Vorsitzende noch auf das Bedenkliche mancher neueren For- 
schungen und auf die dadurch hervorgerufene Unsicherheit beim praktischen Unter- 
richte hingewiesen hatte, wurde die Sitzung um 11 Uhr geschlossen. 

Zu Beginn der dritten Sitzung, 3. October Vormittags 8 Uhr, theilte 
Gjrmnasialdirector Piderit aus Hanau über Vilmars Nachlass mit, daß sich darin 
eine kritische Bearbeitung von Fischarts Bienenkorb finde, für welche es sich nur 
um einen passenden Verleger handele. Femer befinde sich in Vilmars Nachlasse 
ein kleines Weihnachtsspiel aus dem 15. Jahrhundert, das früher im Besitze des 
Oberconsistorialrathes Justi in Marburg gewesen und wahrscheinlicher Weise noch 
nicht im Druck erschienen sei. Außerdem würde sich vielleicht auch noch eines 
oder das andere der kleineren Fischartiana, wie sie zum Theil bearbeitet in Vil- 
mars Papieren vorlägen, zum Drucke eignen. 

Der Vorsitzende war der Ansicht, es könne nicht an einem Verleger für 
Fischartiana fehlen, namentlich da Vilmars Kenntnisse auf diesem Gebiete allge- 
mein anerkannt und gerade der Bienenkorb ein Werk von so großem zeit- und 
culturgeschichtlichem Werthe sei. In Betreff des Weihnachtsspieles erklärte sich 
Hildebrand schon darum für den Druck, weil bis jetzt kein so altes Weihnachts- 
spiel bekannt sei. 

Nach, Verlesung des Protokolles der gestrigen Sitzung durch den Unterzeich- 
neten erfolgten geschäftliche Mittheilungen des Vorsitzenden in Betreff des nächsten 
Versammlungsortes, und da Hildebrand einen wirklichen Sectionsbeschluß über das 



MISCELLEK. 127 

Präsidiain bei der nächsten Versammlung für nicht üblich und unnöthig erklärte, 
so wurden die betreffenden Unterhandlungen dem diesjährigen Vorsitzenden über- 
lassen. Dieser bezeichnete darauf die Professoren Weinhold und Möbius als muth- 
maßliche Präsidenten der germanistischen Section bei der nächsten Philologenver- 
Sammlung in Kiel. 

Nachdem noch Candidat Wülker aus Frankfurt a. M. und Hildebrand einiges 
zu den in der zweiten Sitzung besprochenen Höflichkeitsformen nachgeholt hatten, 
besprach Prof. Creizenach diejenigen Persönlichkeiten des mittelhochdeutschen 
Dichterkreises, die zu Würzburg in näherer Beziehung stehen. Auf Walther gehe 
er nicht näher ein um der Vielseitigkeit und Fülle des Stoffes willen ; nur weil seine 
erneute Grabschrift uns aus einem Winkel der Stiftskirche begrüße, wolle er ihn 
nicht unerwähnt lassen, damit die versammelten Pfleger der deutschen Sprache 
nicht der bekannte Bann des <;*irlichen Hugo von Trimberg treffe. Auch über 
Konrad wolle er nicht weiter sprechen, da demselben der Bezug auf Würzburg, 
wenigstens das Heimatrecht mit gewichtigen Gründen abgesprochen werden soll, 
wenn ihn auch das Trauergedicht Frauenlobs als den Helden von Wirceburc be- 
zeichne. Dagegen widmete er eine eingehende Besprechung dem jüdischen Minne- 
sänger Süßkind von Trimberg und konnte die Ansicht von Bartsch und Anderen, 
welche ihn nicht als Juden gelten lassen wollen , durchaus nicht für begründet er- 
kennen. Es scheine ihm nicht hinlänglich beachtet worden zu sein, mit wie leb- 
haftem Antheil die Juden vom 13. bis zum 15. Jahrhundert sich der deutschen 
Dichtung, der ritterlichen wie der volksthümlichen Heldensage zuwandten. Ein- 
zelne Namen und Redensarten bezeugen dies noch jetzt, wie wenn die Juden von 
einer glänzenden Festlichkeit berichten, es sei dabei „zugegangen wie in König 
Artus Hof**. Schon der Name deute auf jüdische Sitte. Der Redner entwickelte 
hier, wie die Juden des Mittelalters viererlei Namen geführt: 1. patriarchalische 
aus dem alten Testamente; es seien diese fast sämmtlich in Gebrauch gewesen, 
mit Ausnahme von Adam, Abel und wenigen Anderen ; 2. griechische wie Phöbos 
(Feibisch), Kleonjmos (Kaiman) und Andere ; 3. romanische, besonders bei Frauen, 
wie Bellafiore, Sprinz (Esperanza); 4. deutsche, und zwar entweder gute alt- 
deutsche Heldennamen, wie Gerhard, Günther, Gumprecht, oder neu gebildete 
sogenannte sprechende Namen mit etwas geziertem Beigeschmack ; unter letzteren 
aber waren Süßkind und Liebermann die verbreite tsten. — In der Pariser Hand- 
schrift findet sich das Bild unseres Dichters : er trägt jenen trichterförmigen, oben 
mit einer Kugel versehenen Hut, welcher allgemein in der kirchlichen Archäologie 
als Bezeichnung der Juden gilt. Die Urkunde, nach welcher im Jahre 1218 ein 
Meister Süßkind von Trimberg mit dem Sanct Dietrichsstift zu Würzburg, wo er 
Arzt am Leprosenspitale war , einen Vertrag zur Anlegung eines Canals abschloß, 
findet sich nach ihrem Wortlaut in Längs bayrischen Regesten. Aber auch aus 
seinen Liedern selbst kann man ohne Zwang die Stellung, die er im Leben ein- 
nahm, herauserkennen, so in der eigenthümlichen Entschuldigung des Wolfes und 
in dem schwungvollen Preis der Gedankenfreiheit. In der Denkweise ist Süßkind ein 
Zögling Walthers ; mit welchem inneren Antheil mußte ein Jude jener Zeit etwa den 
Spruch lesen : „im dienent Kristen, Juden unde heiden, der elliu lebendiu wunder nert/^ 
Daß aber weit mehr Juden, als inan anzunehmen pflegt, unsere Dichter lasen und sich 
mit den Anschauungen der mittelalterlichen Dichtung vertraut machten, wird noch 
durch weitere Forschungen in überraschender Weise bezeugt werden ; obwohl es 
an sich weniger auffallen sollte, wenn man bedenkt, wie die jüdische Poesie iu 



138 1 MiÖCJßLLEK. 

Spanien auch das weltliche Lied berührte and wie Immanuel , der jüdische Maka- 
mendichter, seinen Zeitgenossen Dante zu würdigen verstand. 

Nach einer mehrseitig gewünschten Pause wurde die Sitzung um ^,11 Uhr 
wieder fortgesetzt : Dr. Hildebrand sprach alsdann über die jüdisch-deutsche schöne 
Litteratur und machte namentlich interessante Mittheilungön in Betreff eines im 
Besitze des Herrn Dr. Hermann Lotze in Leipzig befindlichen, zu Basel im Anfange 
des 16. Jahrhunderts mit hebräischen Lettern gedruckten Buches, welches eine 
poetische Bearbeitung der Bücher Samuelis enthält. Proben daraus lassen es als 
ein episches Gedicht des 14. Jahrhunderts in der Nibelungenstrophe erkennen mit 
dem vollen Nachklange der alten Volksdichtung. Die hebräischen Lettern beweisen 
aufs deutlichste, daß es eine für die Juden bestimmte Dichtung eines Juden ist, 
denn von anderen konnte dieser die Eenntniss jener Schriftzeichen wohl nicht vor- 
aussetzen. Wir haben also hier auch einen Juden als epischen Dichter, und es 
entspringt daraus für die deutsche Litteraturgeschichte ein doppelter Gewinn, nicht 
allein ein litterarischer, sondern auch ein nationaler*). Wie Hildebrand von 
Dr. Lotze erfahren hat, gibt es eine sehr ausgedehnte Litteratur von solchen mit 
hebräischen Lettern gedruckten deutschen Büchern, die sich aus dem Mittelalter 
bis in die neue Zeit verfolgen lässt, und alle diese Dichtungen sind von echt deut- 
schem Geiste, von alterthümlichem Deutschthum durchdrungen und durchweht. 

Da Hildebrand bei dieser Gelegenheit auch auf die altdeutsche Sitte des 
Botenbrodes zu sprechen gekommen war, so gründete er auf mehrere mitgetheilte 
Beobachtungen die Behauptung, daß die Juden im Mittelalter recht eigentlich die 
Träger der deutschen Cultur nach Osten gewesen, wohin sie aus Deutschland ein- 
gewandert seien. Beweis dafür seien die deutschredenden Juden in Polen und in 
anderen östlichen Ländern; aber auch aus einer Quelle am Ende des 15. Jahr- 
hunderts ergebe sich dafür ein merkwürdiger, aber sicherer Beleg: Arnold von Harf 
warnt nämlich in seiner Beisebeschreibung nach Jerusalem seine Landsleute vor 
den dortigen Juden, weil die alle deutsch könnten. 

Aus all diesem werde es nun auch sehr erklärlich, daß im 13. Jahrhundert 
ein Jude Minnesäuger gewesen, ja auch das gerade wegen seiner hebräischen 
Schriflzeichen angefochtene Schlummerlied trete dadurch in ein anderes Licht. 

Weil die Philologenversammlung ihrem Schlüsse nahe war und in der allge- 
meinen Sitzung noch über die Thätigkeit der germanistischen Section Bericht er- 
stattet werden sollte, so schloß der Vorsitzende nach einigen geschäftlichen Mit- 
theilungen die diesjährigen Verhandlungen, indem er das Zusammenhalten und die 
Ausdauer der Theilnehmer hervorhob, mit dem Wunsche auf Wohlergehen, auf 
Zusammenstehen, auf Wiedersehen, und man trennte sich kurz nach 1 1 Uhr, nach- 
dem Hildebrand noch dem Präsidium und dem Secretariate den Dank der Ver- 
sammlung ausgesprochen hatte. 

GERA, im December 1868. LUDWIG BOSSLER. 



*) Ausführlicheres über dieses Gedicht soll demnächst veröffentlicht werden. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA 
UND IHRE QUELLE. 

VON 

EUGEN KÖLBING. 



I. Die Überlieferung der Parzivalsaga. 

Die Parzivalsaga ist uns in vier Handschriften tiberliefert , über 
die einige Notizen zusammengestellt sind , zuerst in dem Mabinogion 
der Lady Guest I p. 412, wo sich auch Facsimiles von den drei Papier - 
handschriften finden^ dann in „Samlingar utgifha af Svenska fomskrift- 
sällskapet. Andra delen. Haft 2—4. Herr Ivan Lejon-Riddaren. Stock- 
holm 1849, pag. LXVni f. u. CXXIX, jedoch mit Hauptberticksich- 
tigung der Iventssaga und ohne das Verhältniss der Handschriften zu 
einander zu erörtern, was nun hier geschehen soll. 

Unter den vier erwähnten Handschriften befindet sich eine Per- 
gamenthandschrift, die drei übrigen sind Papierhandschriften. 

A, auf der königl. Bibliothek in Stockholm, bez. Cod. Holm. perg. 6, 
beschrieben von A. J. Arvidsson: Förteckning öfver Kongl. Bibliothe- 
kets i Stockholm isländska Handskrifter. Stockh. 1848, u. a. o. a. O. 
Sie enthält folgende Saga's : 1. Amicus ok AemiUussaga El. 1—%. Der 
Anfang scheint verloren und die erste Seite ist unlesbar. Die Saga ist 
ohne Kapiteleintheilung. — 2. Bevussaga okfru Josvene, 4'/2 Blatt (3 — 6). 
Umfasst den Anfang und den ersten Theil der Saga, worauf sie ab- 
bricht, weil, wie es scheint^ ein Blatt fehlt. Den übrigen Theil der Saga 
enthält Blatt 7 — 23. — 3. Iventssaga Artiiskappa. Titel Bl. 23 ; nur ein- 
zelne Fragmente, a) Anfang BL 24 — 26, worauf wahrscheinlich ein Blatt 
fehlt b) Bl. 27—35, wo wieder etwas fehlt, c) Bl. 36—39, Schluß. -- 
4. Percivalsagaj in zwei Fragmenten: a) Anfang Bl. 39 — 45. b) 46 — 56, 
wo die Saga schließt. — 5. Valverspattr , beginnt Bl. 56 und schließt 
Bl. 61. Auf der folgenden Seite hat man ein Schifi^ gezeichnet und ein 
Kastell mit der Jahrzahl 1660. — 6. MirmarUssagaf beginnt Bl. 56 und 

GBRMANIA. Neae Reihe H. (XlV.)Jahrg. 9 



130 EUGEN KÖLBING 

setzt sich ununterbrochen fort bis BL 69, wo der Schluß fehlt. — 
7. Floventssaga Frakka konungs, beginnt BL 70 und setzt sich fort 
bis BL 77, wo ein Stück der Saga verloren gegangen ist. Hierauf 
setzt sie sich in einer Folge fort BL 78 — 85. — 8. Elissaga, in drei 
Fragmenten: d) BL 86 — 93, Anfang der Saga; h) BL 94 — 104, wo ein 
Blatt fehlt, c) BL 105—106. Hierauf fehlt das Blatt, welches den Schluß 
der Saga enthält. — 9. Konradssaga keysarasonar, BL 107 — 119. Voll- 
ständig. — 10. Jonssaga Svipdagssonar ok Eireks hins forvttna. BL 119 
bis 126, wo sie abbricht. Der Schluß fehlt. — 11. Mötulssaga. Ein Frag- 
ment auf drei Seiten BL 127 — 128. — 12. Clarussaga keysara^cmar. Un- 
vollständig. Das erste Fragment, BL 128—132, das andere BL 133—136. 
Von BL 137 ist nur noch ein Stück übrig, welches den Schluß der 
Saga enthält. 

Der Band wird gebildet durch zwei eichene Holztafeln, die im 
Rücken mit Lederriemen befestigt sind. Nach Arvidssons Ansicht stammt 
die Handschrift aus dem 14. oder dem Anfang des 15. Jahrh. Abschrift 
der Parzivalsaga nach dieser Handschrift habe ich genommen im Sommer 
1868. Ich benutze diese Gelegenheit, um den Oberbibliothekaren Herren 
Dr. Klemming in Stockholm und Dr. Sturson in Kopenhagen für die außer- 
ordentHche Liberalität, mit der die genannten Gelehrten mir, dem Aus- 
länder, die betreffenden Handschriften zur Verfugung stellten, meinen 
wärmsten Dank auszusprechen. 

Von den drei Papierhandschriften liegen zwei auf der Universitäts- 
bibliothek in Kopenhagen, die dritte im britischen Museum, a) Auf 
der Universitätsbibliothek zu Kopenhagen Cod. AM 179, in groß Folio, 
in der Mitte des 17. Jahrhunderts geschrieben von einem Geistlichen, 
John Erlendson, der angestellt war, flir Brynjulf Sveinsson, Bischof 
von Island, Handschriften zu copieren. Dies Manuscript besteht aus 
193 Blsfttem. Der Inhalt ist folgender : Saga af Eriki Viäforla, Con- 
radssaga keysarasonar , Bew^saga, Iventspattr, Saga af Perceval riddara, 
Valverspattr , Mirmantssaga , af Claras keysara,syni (defect), af Joni 
Svipdagssyni^ Floventssaga^ EUssaga^ Mötulssaga. Ein Facsim. bei Lady 
Guest I , Schluß, b) Die andere in Kopenhagen befindliche Papier- 
handschrift, bez. AM 181 A, in Folio, enthält folgende Saga's: Ivents- 
saga, Percevalsaga und Valverssaga, Sie ist in doppelten Columnen ge- 
schrieben. Die Percevalsaga beginnt auf der zweiten Columne von 
pag. 520. 

Schon aus diesen Inhaltsangaben lässt sich schließen, daß diese 
Handschriften direct oder indirect von der Pergamenthandschrift ab- 
stammen. Diese Vermuthung wird bestätigt erstens dadurch, daß z. B. 



DIE NORDISCHE PAlRZIVALSAGA UND IHRE QUELLE, 131 

die Lücke in der Mitte der Percivalsaga , die ein Blatt umfasst, sich 
in beiden Papierhandschriften wiederfindet, indem in AM 181 A, 
pag. 523** an der betreffenden Stelle der Saga leer gelassen ist, wäh- 
rend ebendaselbst in AM 179 der Abschreiber selbst am Rande be- 
merkt hat, nach seiner Ansicht fehle hier ein Blatt in der Saga, d. h. 
in seiner Vorlage. Dazu kommt, daß an den Stellen, die ich mir in 
meiner Abschrift als in der Stockholmer Hs. unleserlich angemerkt hatte, 
wenigstens der Schreiber von AM 179 hie und da ebenfalls kleine 
Lücken gelassen hat^ während der Schreiber von 181 A Manches aus 
eigener Machtvollkommenheit ergänzt, indem sich allerdings hier mit 
Ausnahme der frei gelassenen Seite nirgends eine Lücke findet. 

Was das Verhältniss dieser beiden Handschriften unter einander 
betrifft, so ist zu bemerken, daß die im Allgemeinen etwas kühn mit 
dem Texte umgehende b an einer ganzen Reihe von Stellen mit der 
Lesart des Cod. Holm, stimmt, wo a abweicht, während letztere von 
den meisten Varianten der ersteren nichts weiß , woraus mir deutlich 
hervorzugehen scheint, daß nicht etwa cod. b, der Schreibweise nach 
wohl imzweifelhaft die spätere Handschrift, eine Abschrift von a ist, 
sondern beide selbständig die Stockholmer Pergamenthandschrift zu ihrer 
Quelle haben. Man vergleiche: Cap. I A und b: gvctra manna. a: gvcfra 
riddara ok manna. A und a: med htnum heztum riddarum, b: med Mnum 
mestum kappum, Cap. H A und a: pvi noMt kom kann at landtialdi, 
b : Percival kom at landtialdi, Cap. HI A .und b : pa skaut hcmom med 
foeti sinum af reidi i midjan eldinn] a: pa skaut kann honom. med foeti 
sinum i midjan eldinn af reidi. Cap. V: spiot ok skiöld ok styra etc. in 
A und b. Dagegen a: »piot sitt ok m^rki, skiöld ok styra etc. Cap. VI 
A und a: Sidan hinn dyrligi madr sverdit etc. b ergänzt tok\ also : 8i- 
dan tok hinn dyrligi m/idr sverdit. A u. b : Nu skaltu muna pat er ek 
boda per. sl schreibt boda in den Text, doch findet sich von der- 
selben Hand überschrieben das richtige baud. Cap. VH , A u. b : En 
hin kurteisa maer er hann herberged. a fehlt : er hann herbergdi. A u. a : 
ok pessi skal min vera hin sidasta nott. b : ok pessi skal vera min 
hin sidasta nott. 

c) Die dritte Papierhandschrift befindet sich im britischen Museum ; 
bez MS. 4859. Auch dies ist wahrscheinlich eine — der Schreibart 
nach zu urtheilen, ziemlich späte — Abschrift des Stockholmer Codex; 
ich lasse hier eine Abschrift des Anfangs dieser Handschrift folgen, 
wie sich derselbe auf dem Facsimile in dem ersten Bande des Mabi- 
nogion findet, vergHchen mit der entsprechenden Stelle in A: 

9* 



132 EUGEN KÖLBING 

A: c: 

Sva byriar pesaa, sögu ath karl bio So byrjar sögu })es8a ad karl bio ok 

ok atti ser kerlingu. ]3aa attu son ath ein- atte sier kellingu. })aa attu son at ain- 

berni er het Parceval. })essi karl var beme er biet Perceval. J^essi karl var 

bondi ath nafnbot enn riddare ath tignn. bonde nefiidur, en riddare at tygn. Han 

Hann hafdi verit allra kappa mestr, hann hafde vered allra kappa mestur , han 

hafdi tekit konungs dottur ath herfangi hafde teked kongs dottur ad herfange ok 

ok settiz sidann i pa. bygd })vi at hann settest sjdan })ui han |)orde ei millum 

pordi ekki millum annaramanna ath vera. annara manna at vera. 

Die erwähnten Angaben der Lady Guest über unsere Hand- 
schriften sind sehr flüchtig. Sie hat noch gar keine Kenntniss von der 
Existenz der Stockholmer Pergamenthandschrift und versetzt statt dessen 
die Amae-Magnaeanischen Handschriften nach Stockholm. Noch schlim- 
mer steht es freilich um die Notiz Potvins (Bibliographie de Chrestiens 
de Troyes. Comparaison des manuscrits de Perceval le Gallois, p. 16) 
über diese nordischen Handschriften. Sie lautet: XVH" siecle. Traduction 
en islandais. Deux manuscrits^ un a Stockholm et un a Londres. Voir 
le Mabinoghion. Nicht nur, daß Potvin übersieht, daß die Lady Guest 
zwei Stockholmer Handschriften erwähnt, daß ihm gar nicht auffällig 
ist, daß AM Manuscripte in Stockholm liegen sollen, der schlimmste 
Schnitzer ist der, daß, weil die Verfasserin der Mabinogion die erste 
der Papierhandschriften in das 17. Jahrhundert setzt, Potvin sich nicht 
geniert, deshalb — denn einen andern Grund kann er nicht gehabt 
haben, weil ihm die Saga selbst unbekannt ist — die isländische Über- 
tragung unter den „traductions et imitations", als im 17. Jahrhundert 
verfasst, zuletzt anzugeben. Übrigens ist auch Möbius (Catalogus p. 79) 
die Stockholmer Pergamenthandschrift nicht bekannt, indem er nur 
die drei oben erwähnten Papierhandschriften anführt. 

II. Der Inhalt der Parzivalsaga. 

Cap. I. Die Saga beginnt mit Parzivals Vater, der, obwohl er 
eigentlich nur Bonde ist, ofifenbar seiner Tapferkeit wegen, und — was 
mehrmals hervorgehoben wird — weil er aus vornehmem Geschlechte 
stammt, des Königs Tochter zur Frau bekommen hat. Er zieht sich 
dann mit Frau und Kind in eine Einöde zurück, weil, wie es heißt, 
er nicht wagte, im Kreise der anderen Männer sich aufzuhalten. Im 
Verlaufe des Capitels erfahren wir, daß er, durch zu weit gehende 
Ausübung der Gastfreundschaft um seinen Reichthum gekommen, dahin 
geflohen ist, wo dann Parzival seine Jugend verlebt, d. h. in eine Wüste, 
deren Name jedoch in der Saga nicht genannt wird. Von seinem Vater 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 133 

im Speerwerfen unterrichtet, pflegt Parzival nach dessen Tode im Walde 
Thiere imd Vögel zu schießen. Als er 12 Jahr alt ist, sieht er eines 
Tages im Walde fiinf Bitter, deren einer ihn fragt, ob er drei Ritter 
und mit ihnen zwei Frauen gesehen habe vorbeireiten. Parzival fragt 
ihn, ob er „Gott" sei, weil, wie er sagt, er von seiner Mutter gehört 
hat, es gebe nichts so Schönes als Gott. Der Ritter verneint das und 
verweist bei der Frage Parzivals nach seinen Waffen denselben auf 
den König Artus, der solche Waffen austheile. Zu seiner Mutter zurück- 
gekehrt, besteht Parzival darauf, zum König Artus zu ziehen, und 
nachdem dieselbe vergeblich verbucht hat, ihm diese Idee auszureden 
macht sie ihm Kleider, „wie es dem Sohne eines Kohlenbrenners ge- 
ziemte zu tragen". Nochmals darauf aufmerksam gemacht, daß er nichts 
von dem verstehe, was einem Ritter zu wissen nöthig sei, verweist er 
auf seine edle Herkunft und auf die zu erwartende Unterweisung von 
Seiten Anderer. Darauf geht seine Mutter ein und gibt ihm nur noch 
einige gute Lehren mit auf den Weg: er solle gottesftlrchtig sein, sei- 
nem Herrn treu dienen, sich der Räuberei enthalten, wenn ihm eine 
Frau gefiele, nicht mehr mit Gewalt von ihr nehmen als einen Kuss, 
wenn er Jemanden im Zweikampf besiege, ihn nicht tödten, solle in 
der Gesellschaft braver Männer nicht zu viel sprechen und lieber ohne 
Gesellschaft als in schlechter Gesellschaft reisen. Der Jüngling ver- 
spricht, diese Rathschläge zu befolgen und trennt sich bei einer Brücke 
von seiner Mutter. „Und als er zurück sah, sah er seine Mutter in Ohn- 
macht liegen. Aber er achtete nicht darauf.** 

Cap. 2. Parzival kommt dann zu einem Zelte, wo er eine schöne 
Frau allein trifft, deren Geliebter auf die Jagd gegangen war, und sie, 
auf die Erlaubniss seiner Mutter sich berufend, gegen ihren Willen 
ktisst und außerdem sich Speise und Trank nimmt, die er im Zelte 
findet. Als dann nach Parzivals Entfernung jener von der Jagd zmück- 
kehrt und von der Frau das Geschehene hört, auch nicht nur sein 
Essen, sondern auch ihren Fingerring vermisst, den Parzival schließ- 
lich noch mitgenommen hat, schenkt er ihrer Darstellung keinen 
Glauben, hält sie filr untreu und verspricht zur Strafe ihr das Leben 
so schwer als möglich zu machen. 

Parzival reitet nun weiter imd fragt einen Bauer nach dem Schlosse 
des Königs Artus. Dieser zeigt ihm den Weg und fügt hinzu, er werde 
den König heiter und traurig treffen, heiter wegen eines erfochtenen 
Sieges, traurig weil seine Ritter in verschiedene Schlösser versprengt 
seien. In der Nähe des Schlosses trifft er einen Ritter in rother Rüstung, 
die ihm so gut gefällt, daß er beschließt, sich dieselbe vom König Artus 



134 EUGEN KÖLBING 

zu erbitten. Außerdem trägt jener einen Goldbecher in der Hand. Als 
auf sein Befragen Parzival ihm gesagt, was • er beim König wolle, trägt 
jener ihm noch auf, dem König zu sagen, wenn er sein Reich gegen 
ihn schützen wollte, so möchte er einen seiner Ritter heraus schicken, 
um mit ihm zu kämpfen. Parzival weist ihn ab und reitet in die Halle 
des Schlosses, wo er Artus, den dessen Page Jonet ihm zeigt, grüßt, 
aber von dem in Betrübniss versunkenen König nicht beachtet wird, 
bis er sich endlich etwas derb bemerklich macht; der König begrüßt 
ihn nun freundlich , gibt als Ursache seiner Betrübniss die Frechheit 
des rothen Ritters an, der nicht nur sein Reich beanspruche, sondern 
es sogar gewagt habe, einen goldenen Becher von seinem Tisch weg- 
zunehmen und die Königin mit dem Weine zu begießen, und verspricht 
Parzival , ihn seiner Bitte gemäß zum Ritter zu machen. Seine Bitte 
um die rothen Waffen beantwortet Ksei, der Rathgeber des Königs, 
durch eine höhnische Bewilligung derselben, die ihm einen derben Ver- 
weis von Seiten des Königs zuzieht, der den Muth des Jünglings lobt. 

Cap. 3. Mitten in der Halle trifft Parzival dann ein schönes und 
höfisches junges Mädchen, das ihn mit freundlichem Lächeln grüßt und 
ihm seine künftige Berühmtheit als tapferer Ritter prophezeit. Kaei 
schlägt sie dafür im Zorn so, daß sie sogleich hinsinkt und wirft auf 
dem Rückweg den Narren des Königs, der sich ähnlich ausgesprochen 
hat , mitten in das Feuer. Parzival aber entfernt sich eilig , um den 
rothen Ritter aufzusuchen. Nach einigem Wortwechsel mit demselben 
tödtet ihn zum Schluß Parzival mit seinem Speer durch einen Schuß ins 
Auge. Bei der Entwaffnung des Todten, dessen Leichnam er schon 
glaubt verbrennen zu müssen, hilft ihm dann Jonet, der aus Neugierde 
aus einiger Entfernung zugesehen hat, ihn jedoch nicht dazu be- 
wegen kann, die von seiner Mutter gemachten Kleider auszuziehen. 
Er zieht die des rothen Ritters darüber, gibt Jonet sein Pferd und den 
entwendeten goldenen Becher, den er dem König überbringen soll, 
während er der Maid , die Kaei geschlagen hatte , das Versprechen 
sendet, sie zu rächen. 

Cap. 4. In die Halle des Königs zurückgekehrt, richtet Jonet das 
ihm Aufgetragene aus und erzählt die That Parzivals, in Folge dessen 
Ksei vom König wegen seines vorigen Auftretens gegen den Jüngling 
noch einmal hart getadelt wird. Der Narr des Königs prophezeit ihm, 
er werde zur Strafe für seine Gewaltthätigkeiten gegen das Mädchen 
und ihn den rechten Arm brechen. Der König wirft Kaei besonders 
das vor, daß er den tapfem aber unerfahmen Jüngling durch seinen 
Spott fortgetrieben habe. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 135 

Cap. 5. Weiter reitend kommt nun Parzival zu einem gut ver- 
schanzten Schlosse, aus dem ein kostbar gekleideter Mann heraustritt, 
der ihn sowohl über seine Reise als über den Gebrauch der Waffen 
ausfragt, während Parzival ihn um ein Nachtquartier in seinem Schlosse 
bittet. Es zeigt ihm dieser dann die ritterlichen Übungen; der auf- 
merksame Jüngling fasst dieselben sehr schnell auf und zeigt darin 
sogleich eine große Geschicklichkeit, spricht auch mehrmals den Wunsch 
aus, noch mehr in ritterlichen Künsten zu lernen. 

Cap. 6. Nach einigen anderen Übungen mit Schwert und Lanze 
gehen sie in das Haus , wo Parzival erfilhrt , daß sein Wirth Gor- 
manz heißt, aus Groholi. Doch versucht dieser vergebens, Parzival 
zu längerem Verbleiben bei sich zu vermögen, weil dieser wieder seine 
Mutter aufsuchen will. Am nächsten Morgen überredet ihn sein Wirth 
mit Mühe, seine von seiner Mutter gemachten Kleider gegen neue, 
kostbare einzutauschen, und gibt ihm überdies einige Lehren mit auf 
den Weg; er solle, wenn er einen Ritter besiegt habe und dieser um 
Frieden bitte, ihn nicht erschlagen; solle Hilflose unterstützen, gottes- 
furchtig sein und die Kirche besuchen und nicht sich zu geschwätzig 
zeigen. Schließlich fordert er ihn auf, nicht mehr bei allem, was er thue, 
sich auf die von seiner Mutter ihm gegebenen Vorschriften zu berufen, 
sondern auf die seinigen, der ihn erst zum Ritter gemacht habe. 
Parzival bedankt sich und eilt fort, und kommt nach einiger Zeit 
wieder zu einem starken Schloss , wo er eine schöne Jungfrau am 
Fenster sieht. Drei Ritter öffnen ihm und die Jungfrau führt ihn in eine 
schöne Halle, wo, da er Gormanz Rath noch im Gedächtniss hat, nicht 
zu viel zu reden, er gänzlich schweigt, bis ihn die Jungfrau durch 
Fragen zum Reden nöthigt. Sie erzählt ihm, die Burg werde belagert 
und den Insassen derselben fehle es gänzlich an Lebensmitteln. Später 
geleitet man ihn^ zu seinem Bett, wo er sogleich in Schlaf sinkt. 

Cap. 7. Die Jungfrau aber kann vor Sorgen nicht schlafen; sie 
steht auf, geht in das Schlafgemach ihres Gastes, setzt sich vor sein 
Bett und weint so sehr, daß sie sein Gesicht ganz in ihren Thränen 
badet. Er erwacht, redet sie freundlich an, und sie erzählt ihm die 
Ursache ihres Kummers, die Belagerung ihrer Burg, den Verlust des 
größten Theils ihrer Ritter und die schlimme Aussicht, bald die Burg 
und sich den Feinden übergeben zu müssen. Parzival beruhigt sie und 
vertröstet sie auf den nächsten Tag. 

Cap. 8. Auf sein Zureden bleibt dann die Jungfrau den übrigen 
Theil der Nacht bei ihm an aOa synd und geht 'erst gegen Morgen 
in ihr Schlafgemach zurück. Am Morgen verspricht ihr Parzival, ihr 



136 EUGEN KÖLBING 

Reich von ihren Feinden zu befreien und erbittet sich dafür, als Lohn 
ihre Liebe, was sie ihm nach einigem Zögern zugesteht. — Es folgt 
die Lücke , in der wahrscheinlich die Besiegung Gingvars , des Rath- 
gebers des Königs Klamadis , erzählt wurde ; Parzival schickt diesen 
dann zu König Artus, da er den um Frieden Bittenden nicht erschlagen 
will. Die Jungfrau empfangt ihn hocherfreut 

Cap. 9. Der König Klamadis empfängt die Nachricht von der Be- 
siegung seines Rathgebers ; der Bote räth von der Burg abzuziehen. 
Ein anderer Rathgeb^r des Königs schlägt einen neuen Angriff vor, 
bei dem nur wenige Ritter offen gegen die Burg geschickt werden 
sollen, das übrige Heer aber in den Hinterhalt gelegt werden soll, da- 
mit der neu angekommene Ritter so herausgelockt und gefangen ge- 
nommen werden könne, besonders da die muthlose und ausgehungerte 
Besatzung der Burg nicht im Stande sein werde, ihm zu Hilfe zu 
kommen. Da dieser Plan dem König gefällt, so wird er ausgeführt, 
glückt aber in Folge der Tapferkeit und Umsicht Parzivals und der 
Burggenossen so wenig, daß Klamadis mit großem Verluste wieder 
abziehen muß. Der Rathgeber des Königs weiß diesen jedoch zu be- 
reden, die Burg in Erwartung baldiger Übergabe derselben noch ener- 
gischer als bisher zu belagern. Als jedoch in Folge eines Sturmes ein 
Proviantschiff in den Hafen getrieben, und die Besatzung dadurch 
auf lange mit Lebensmitteln versorgt wird, da fordert der König die 
Ritter der Besatzimg zum Zweikampf heraus und Parzival nimmt zur 
großen Betrübniss der Blankiflur die Forderung an. 

Cap. 10. Der Zweikampf geht vor sich, erst zu Pferde, dann zu 
Fuß , bis endlich der König ermüdet und Parzival um Frieden bittet. 
Dieser schickt ihn zum König Artus und zu der Jungfrau, die K«i 
schlug, damit er dort alles erzähle, wie es sich zugetragen habe. Zu- 
gleich muß er versprechen, die Gefangenen alle frei zu geben und nie 
wieder gegen Blankiflur feindlich aufzutreten. Es folgt der sehr ausführ- 
lich geschilderte Empfang des Königs Klamidis (Klamadis) an Artus Hof, 
wo Gingvars sich bereits aufhält. Klamidis erzählt von dem Kampfe und 
richtet einen Gruß aus an die Jungfrau^ die Ksei schlug, mit dem 
Versprechen der Rache. Niemand freut sich darüber mehr als der Narr 
des Königs, der Ksei aufs Neue vorhersagt, daß er zur Strafe den Arm 
brechen werde; auch der König tadelt ihn wieder um sein früheres 
Benehmen. Klamidis aber bleibt als hoch geachteter Ritter im Gefolge 
des Königs Artus. — Parzival wird vergebens Blankiflurs Hand und 
die Regierung ihres Reiches angeboten. Er schlägt Beides einstweilen 



DIE NOEDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 137 

aus, verspricht aber wiederzukehren, nachdem er sich über das Schick- 
sal seiner Mutter vergewissert habe. 

Cap. 11. Nachdem er hier Abschied genommen hat und den ganzen 
Tag geritten ist, kommt er Abends an einen großen Fluß, auf dem er 
ein Fahrzeug mit mehreren Männern sieht, deren einer sich mit Fischen 
beschäftigt. Der vom im Boote sagt dem um eine Nachtherberge ver- 
legenen Parzival den Weg zu seinem Schlosse, das dieser erst nicht 
findet und sich darum betrogen glaubt^ dann aber doch noch ausfindig 
macht. Von Jünglingen bedient, gelangt er in eine prächtig ausgestattete 
Halle, wo er einen ehrwürdigen Greis sitzen sieht, der sich entschuldigt, 
daß er in Folge seiner Krankheit dem Gaste nicht entgegen gegangen. 
Ein dem Greise von einer Verwandten geschicktes Schwert macht dieser 
Parzival zum Geschenk. Sodann erscheint» ein Jüngling, der einen blu- 
tenden Spieß trägt, nach dessen Bedeutung Parzival, der Warnung des 
Gormanz eingedenk, nicht zu fragen wagt. Dann kommen zwei schöne 
Jünglinge herein, die in ihren Händen Leuchter von lauterem Golde 
tragen, und ihnen folgt eine schöne Jungfrau, die etwas in den Händen 
trägt, pvi likast sem texttts vceri, auf nordisch gangandi greidi genannt, 
wovon ein so glänzendes Licht scheint, daß es alles Andere überstrahlt. 
Ihr folgt noch eine andere Jungfrau. Auch da wagt Parzival nicht 
nach der Bedeutung zu fragen. Nach der Abendmalzeit schlägt man 
ihm ein Bett auf und er schläft bis zum Tag, wo er sich mit Erstaunen 
allein findet. Nachdem er eine Strecke geritten, trifilt er eine klagende 
Frau, die ihren todten Gatten im Arm hält. 

Cap. 12. Parzival fragt sie nach dem Mörder ihres Mannes und 
erzählt seinerseits von seiner Nachtherberge. Sie erzählt ihm, der könig- 
liche Fischer sei im Kampfe unheilbar in beide Schenkel geschossen und 
die Fischerei sei seine einzige Unterhaltung. Darüber daß er nicht nach 
der Bedeutung dessen gefragt, was er gesehen, beklagt sie ihn mehr als 
daß sie ihn tadelt, weil der königliche Fischer dadurch gesund und froh 
geworden wäre. Dann erzählt sie ihm vom Tode seiner Mutter, die sie 
selber mit zu Grabe geleitet hat, als deren und Parzivals Verwandte. 
Das Anerbieten mit ihm zu ziehen schlägt sie aus und warnt ihn schließ- 
lich noch vor dem ihm geschenkten Schwert, das in der Gefahr zer- 
springen werde. 

Cap. 13. Beim Weiterreiten trifft Parzival ein mageres Ross und 
eine in Lumpen gekleidete Frau darauf, die ihn als den wieder erkennt, 
der sie ins Unglück gestürzt. Auf sein Verlangen erzählt sie ihm ihre 
Geschichte. Darüber kehrt ihr Gatte heim, droht Parzival im Kampfe 
zu tödten, erzählt ihm aber erst noch von dem Kuss-, Ring- und Speise- 



138 EUGEN KÖLBING 

Täuber, und spricht sich dahin aus, daß wer soviel bekomme, auch mehr 
sich zu verschaflfen wisse. Parzival gibt sich selbst als den Thäter an 
und vertheidigt die Unschuld der Frau, erst mit Worten und dann, 
angegriffen, auch thatsächlich mit dem Schwert. Er besiegt den Ritter, 
nimmt ihm das Versprechen ab, die Frau von nun an gut zu behandeln 
und mit ihr zu Artus Hof zu ziehen und gibt ihm dieselbe Botschaft 
mit wie früher Klamadis, mit dem Zusatz, er werde nicht eher wieder 
in Artus Gefolge eintreten, bis er die Jungfrau gerächt habe, die Keei 
geschlagen. Der Ritter zieht zu Artus und richtet die Botschaft aus, 
die Kaei wieder Drohungen vom Narren und Vorwürfe vom König 
einträgt. Dieser beschließt, am nächsten Morgen mit seinem Gefolge 
auszuziehen, um Parzival aufzusuchen. Er fährt dies auch aus und 
lagert sich auf einem Feld,* auf das den Tag über viel Schnee fällt. 
Parzival kommt auch dorthin und einige von einer verwundeten Ente 
auf dem Schnee verursachte Blutstropfen erinnern ihn an Blankiäur, 
deren Gesicht ebenso weiß und roth gewesen war und er versinkt in 
tiefes Nachdenken. 

Cap. 14. Den Ritter Sigimor, der ihn zu Artus fiihren soll, wirft 
er im Kampfe vom Rosse; ebenso geht es dem prahlerischen Ksei, der 
noch außerdem beim Falle den Arm bricht; endlich Valver bringt ihn 
mit Güte dazu, ihm zum König Artus zu folgen, wo es sich herausstellt, 
daß es der gesuchte Parzival ist. Er begrüßt dann auch die Königin 
und die Jungfrau, deren Schmach er nun glänzend an Ksei gerächt 
hat. — Im Laufe des folgenden Tages kommt eine hässliche Jungfrau 
zu Artus Gefolge, welche die Ritter zu verschiedenen ruhmvollen Waflfen- 
thaten anregt, und nur Parzival wegen seines Nicht-Fragens mit Ver- 
achtung behandelt. 

Cap. 15. Einige der Ritter entschließen sich nun auch zu diesen 
Unternehmungen, Parzival will nicht eher zurückkommen, als bis er weiß, 
was der gangandi greidi ist, Valver aber muß, weil er einen vornehmen 
Ritter erschlagen, zum König von Kapalon ziehen, um mit diesem einen 
Zweikampf auszufechten. Unterwegs kommt er gerade zurecht zu einem 
Gefecht, das zwischen den Rittern des Meliander und denen des Saibas 
stattfinden soll, veranlasst durch Saibas Tochter, die Meliander nicht 
eher ihre Gunst zuwenden wollte, bis er sich als Ritter ausgezeichnet 
habe. Valver reitet näher und wird von der höchsten Schießscharte 
des Thurmes aus von Saibas Töchtern gesehen, von denen die jüngere 
ihn für einen tapfem Ritter hält und seine Partei nimmt, während die 
ältere nur ftir ihren Liebhaber Meliander schwärmt. Der Streit geht 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 139 

SO weit, daß zuletzt die Altere im Zorn die Jüngere schlägt. Am Abend 
hört der Kampf ohne Endentscheidung auf. 

Cap. 16. Der Rathgeber des Saibas, Garius, gewährt Valver bei 
sich Herberge und besänftigt auch den König, der, durch seine ältere 
Tochter veranlasst, ihn wie einen Dieb bestrafen lassen will. Der jün- 
geren Tochter des Königs verspricht er, am nächsten Morgen, um ihre 
Ehre zu retten, am Gefechte theilzunehmen ; dieselbe gibt ihm auch, 
von ihrem Vater veranlasst, am Morgen ihre gullstuka*) zum Erinne- 
rungszeichen, während die ältere Tochter vom Vater einen scharfen 
Verweis bekommt. — Bald nach Beginn des Kampfes besiegt Valver 
den Meliander und wirft ihn zu Boden, und nach ihm noch eine An- 
zahl anderer Ritter, so daß man ihm von beiden Seiten aus den Preis 
der Tapferkeit zuerkennt. 

Cap. 17. Vergebens zu einem längeren ' Verweilen aufgefordert, 
reitet er weiter und begegnet einem Zuge von Rittern, deren einer ihn zu 
seinem Schlosse, wo seine Schwester wohnt, geleiten lässt. Diese nimmt 
ihn gastfrei auf und sie konunen sehr bald bis zum Austausch von 
Zärtlichkeiten, die aber durch einen thörichten Ka*ieger unterbro- 
chen werden, der sie belehrt, es sei der Mörder ihres Vaters, gegen 
den sie sich so freundlich bezeige, und darauf gegen sie Beide Alles 
in Waffen ruft. Man belagert die Burg, bis endlich der König, durch 
Gandilbrasit herbeigerufen, dem Volke diese Gewaltthätigkeiten verbietet. 
Valver muß nur geloben, sich zum Zweikampf in 12 Monaten zu stellen 
und wo möglich den, Spieß mitzubringen, der aus der Spitze blutet, 
wenn er ihn erlangen könne. 

Cap. 18. Inzwischen ist Parzival fünf Jahre als Ritter umherge- 
schweift, ohne sich um Gott und Kirche zu kümmern. Da begegnet er 
an einem Charfreitag drei Rittern in Wollkleidern und barftiß, die eben 
von einem Priester kommen, wo sie ihre Sünden bekannt haben. Par- 
zival fallt, als er dies hört, seine Gottlosigkeit schwer aufs Herz, er 
zieht ebenfalls zu dem Priester und bekennt ihm, wie er gelebt habe 
und wie es ihm ergangen sei: die Trennung von seiner Mutter gegen 
ihren WiUen, die Unterlassung der Frage dem königlichen Fischer 
gegenüber und sein jetziges planloses Umherschweifen. Der Priester 
gibt ihm noch einige Aufschlüsse über die Erlebnisse auf der räthsel- 
haften Burg , empfiehlt ihm Gottesfurcht , fleißigen Kirchenbesuch 
und andere Tugenden fiir sein ferneres Leben und entlässt ihn nach 



*) Stuka wohl stüehe. 



140 EUGEN KÖLBING 

zwei Tagen. Er reitet nun wieder zu Blankiflurs Burg, heirathet sie, 
übernimmt die Regierung über ihr Reich und zeichnet sich in Waffen- 
thaten vor allen Rittern seiner Zeit aus. 

ni. Die Quelle der Parzivalsaga. 

1. Die erste Frage, die sich uns bei der Untersuchung über die 
Quelle der nordischen Parzivalsaga aufdrängt, ist die, ob eine Bearbei- 
tung aus dem Französischen oder aus dem Deutschen vorliegt. Als 
richtige Fingerzeige bieten sich uns gleich zwei Momente, einmal daß 
Parzivals Gattin nicht, wie bei Wolfram Kondwiramur, sondern, oflfenbar 
nach dem Französischen, Blankiflur heißt; femer eine Stelle, Bl. 49*, 
wo es vom Gral heißt : pvi naest gekk in ein fogr mcer ok har i höndum 
8er pvi Ukctstj sem textus vceri; en p eir i völsku malt kalla graal, en vefr 
rmgum kalla ganganda greida (Chrestiens: un graal antre ses dos mains une 
demoiseU tenoit etc.). Dieses und Ahnliches weist auf eine französische 
Quelle hin, und die Frage ist nur, ob wir uns an den französischen 
Prosaroman oder an das bekannte Werk Chrestiens, Perceval le Gallois, 
zu halten, oder etwa an eine andere französische Bearbeitung, als die 
beiden uns erhaltenen, zu denken haben. Wie sehr abweichend der 
Inhalt des Prosaromans von dem der nordischen Saga ist , ergibt sich 
schon, wenn man ein Stück des Sommaire, das Potvin seiner Ausgabe 
(Perceval le Gallois ou le conte du graal. Publik d'apres les manuscrits 
originaux par Ch. Potvin. Premiere partie : Le roman en prose) bei- 
gefiigt hat, mit dem oben angegebenen Inhalt unserer Saga vergleicht. 
Ich lasse daher ein Stück dieses Sommaire hier folgen : Ohjet du Uwe, 
autoritSy btd, page 1. — Lignage de Perceval, 2. — Decadence du rot 
ÄHhur, sa resolution de se relever. II pari et tue le Noir Hermite^ 4 — 17. — 
Histoire de' la jeunesse de Pei'ceval, 17 — 20. — Prophetie au roi, 22. — 
F^ ä la c(mr. Uecu de Joseph d'Arimathie y est envoye par le roi Pecheur, 
il est destine au Bon Chevalier y 23. — Gauvain se met ä la recherche 
du Graal, il bat un chevaliei' du Noir Hermite, 28 — 32. — Ctaifnados 
eher che P. pmir venger son pere, 35—39. — G. secourt la mere de Per- 
ceval et lui read son chdteau, 40 — 45. — Histoire de Marin le jaUmx qui 
tue safemme, 45 — 54. — Histoire de P Orgueilleuse, G. lui echappe, 55—58. 
— 6r. adopte lefils du jalmXj Meliot de Logres, 59. — P. malade aprds 
un echec au Graal, 62. — G. n'est pa^ regu au chdteau du Graal parce qy!il 
n*a pas Vepee de saint Jean, H la cherche, 63 — 69. — E refuse Vamour des 
demoiselles des Tentes, et la mauvaise coutume, 69 — 70. II verye Gorgalan, 
qui lui donne Vepee de saint Jean et sefait ehret ten, 70 — 76. — 6r. retoume 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 141 

au chäteau du Graal; diverses aventures VarrStent, il y arrive, 11—1^, — 
G, vcnt deux fcis le Graaly il se tait et echoue, 79 — 91. 

Schon dieser kurze Abschnitt des Inhaltsverzeichnisses zeigt, daß 
die Verschiedenheiten in beiden Bearbeitungen — der nordischen und 
der französischen Prosa — viel größer sind als die Übereinstimmungen 
und wir können daher, auch ohne eine Einzelvergleichung beider Texte 
anzustellen, die Vermuthung, daß der eine dem andern zur Vorlage 
gedient habe, als unmöglich zurückweisen. 

Werfen wir nun einen allgemeinen Blick auf das Werk Chrestiens. 
Wir wissen, daß in einem Theil der Handschriften Chrestiens Werk 
nur soweit existiert, als Wolfram (nach Rochats Untersuchungen, 
Germ. III p. 81 ss, IV p. 414 ss) demselben in den Abschnitten 118 
bis 650 mehr oder minder genau gefolgt ist (die Hss. werden bezeichnet 
als Percheval le vieil) und daß schon von anderer Seite wahrscheinlich 
gemacht worden ist, daß die nur in ^inem Manuscript enthaltene Vor- 
geschichte später von einem Anderen hinzugedichtet sei. Halten wir 
nun dazu, daß in unserer Saga ebenfalls die Vorgeschichte fehlt, daß 
die Saga unge&hr bei Wolframs 503. Abschnitt schließt, d. h. da, wo 
Gawans Abenteuer wieder in den Vordergrund treten, und daß, worauf 
ich am Schlüsse zurtlckkommen werde, in der Stockholmer Handschrift 
gleich auf die Parzivalsaga ein Valvers})attr folgt, der höchst jvahr- 
scheinlich die noch übrigen Abenteuer Gawans (in der Saga Valver 
genannt) enthält, so wird aus allem diesem schon mehr als wahrschein- 
lich, daß der Verfasser der Saga direct nach Chrestiens Werk arbeitete, 
und zwar muß er noch dies allein, ohne die Arbeiten seiner Nachdichter, 
vor sich gehabt haben. Die jetzt nach der erst kürzlich erschienenen 
Ausgabe des französischen Textes (Chrestien de Troyes, Perceval le 
Gallois public d^apr^s le manuscrit de Mons par Ch. Potvin, Mons 1865) 
mit Hinzunahme der oben angefahrten Aufsätze von Rochat anzustel- 
lende Einzelvergleichung wird diese Vermuthung bestätigen und zur 
Gewissheit erheben. 

2. Am selbständigsten ist der Autor der Saga sicherlich am An- 
fang verfahren, wo er sich die an zwei Stellen der Saga verschieden 
erzählte Vorgeschichte selbst erdenkt, wie ich es oben in der Inhalts- 
angabe bemerkte. Im Ganzen ist der Eingang noch viel knapper und 
kürzer gehalten als bei Chrestiens. 

Genau stimmen folgende Stellen: 



142 



EUGEN KÖLBING 



Chrestiens. 
V. 98 (1314):*) 
tant qu'il oit ^ parmi lo * gaut 
venir 5 Chevaliers armes 



Die Saga. 

Ok einn dag sa hann rida fimm rid- 
dara. 

Ich will hier besonderes Gewicht legen auf die Zahl 5, da bei Wolfram 
es nur 4 Ritter sind, die nicht einmal zusammen erscheinen. Abwei- 
chend von beiden Versionen zieht sich in der Saga der Knabe skam- 
fulligr in den Wald zurück und muß erst von einem der Ritter auf- 
gesucht werden, während er dort vor den Rittern auf die Knie fiQlt. 

V. 168 (1386): 
estes ^ vos * dex ? nenil ^ par foi. 
qui estes vos^? Chevaliers sui. 



V. 252 ff. (1470): 
Et li valles lo tenoit pris 
au pan do ' haubert, si lo * tire, 
et 11 valles conmance a dire : 
qu*est ce ® que vos aves vestu ? 

V. 282 ff. (1500): 
n'a pas ^^ encor cinq iors antiers ' \ 
que tot ** ce *' hamois me dona 
li rois Artus qui m'adoba**. 

Die Scene mit den Bauern fehlt in der Saga. 

V. 338 f. (1558): 
et li valles ne s*est pas fainz '^ 
de repairier ^® a son menoir ^'^. 

V. 367 f. (1587): 
qu'il ^® sont plus bei, si con ie cuit^**, 
que dex'-*** ne que'^^ si** äuge tuit. 

V. 464 ff. (1692): 
et si li aparoillier vient*' 
de chenevaz ** grosse chemise ^^ 
et braies faites a la guise 



En honom vard ekki annat a munni en 
spyrja riddarann ef hann vaeri gud. 

Riddarinn svaradi : Ek er eigi gud. 

]3a tekr sveininn a skildi hans ok fretti 
hvat pat vaeri. 



Riddarinn sagdi honom at |)etta varu allt 
vopn J)au er Artus konungr gaf honom. 



Sveininn kom til modur hans ok maelti : 



Ek hygg at ek hefi set gud i dag er })u 
kvedr öllu vera fegra. 

. . . . {)a giordi hon honom klsßdi eptir 
bonda sid sva sem kolkarls barni byijadi 
at hafa. Fekk hann drumbu nya, stak ok 



1 M. Ol. 2 le. 3 n'iestes. 4 vous. 6 naie. 6 dont. 7 del. 8 le. 1472 or me 
dltes, fait il, biaus sire. 9 que c'est. 10 mie. 11 entiers. 12 tout. 13 cest. 14 adouba. 
i5 fains. 16 retomer. 17 manoir. 18 il. 19 si com jou quic. 20 dieu. 21 et ke. 
22 li. 23 et si Paparelle et atoure. 24 kanevas. 25 cemise. 

*) Wenn in der Anfahrung der Verse zwei Zahlen angemerkt sind, so bezieht 
sich die erste auf die Bemer Hs., die Rochat benützte, die zweite auf die Monser. Die 
angegebenen Varianten gehören der letzteren an. Findet sich nur eine Zahl> so ist 
die ganze Stelle aus der Monser Hs. angeführt. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 



143 



de Gualois ^ o * Ten fait * ensanble * 
braies et chauces ^, ce me sanble ^ ; 
et si ot cote et chaperon '''. 

V. 568 8. (1796): 
a la maniere et a la guise 
de Gualois® fu apparoillids*; 
uns revelins ot an ses pies ^^, 

V. 512 88. (1740): 
De pucele a moult, qui la ** baise, 
se lo baifiier vos en consent; 
lo soreplus vos en deffant, 
se ** laissier lo volez '^ por moi. 

V. 529 (1757) 
biaux '* fils 
et conpaignie lor tenez ; 
prodome *® ne forconsoille ** mie 
ces qui tienent ^^ sa conpaignie. 

V. 580 88. (1808): 
plorant lo * ' baise au departir, 
la mere, qui moult chier ^^ Tavoit. 

V. 588 (1816): 
si se retome *^ et voit chaue *^^ 
sa mere au chief ** do ^* pont ariere, 
et git ^"^ pasmee en tel meniere 
con ^^ s'ele fust chaoite *^ morte. 



hetu ofan ifra yindinga ok a foetr hrif- 
linga*). 



'^ a ^® prodomes parlez 



17 



Ok ])o :it pik Ijsti til nökurar konu, pa 
tak eigi meira af thenni naudigri en 
einn koss. 



Fa per annathvort godan felaga eclr 
öngvan. 



Hon leiddi hann or gardi med lirygju 
hiarta ok harmsfuUum trega ok skildust 
p&u vid eina bru. Ok er hann leit aptr, 
pa sa hann modur sina Hggja i uviti. En 
hann gaf ekki gaum at pvL 



Wenn wir auf kleine Umstände achten wollen, so ist hier zu bemerken, 
daß Wolfram von einem Abschied an einer Brücke nichts weiß. Die 
entsprechende Stelle bei ihm heißt 128, 16: 

[frou] Herzeloyde in kuste und lief im nach. 

der werlde riwe ald^ geschach. 

do si ir sun niht langer sach, 

(der reit enwec: wemst deste baz?) 

do viel diu frouwe valsches laz 

üf die erde, aldä si jämer sneit, 

so daz se ein sterben niht vermeit. 



1 Gales. 2 t. 3 fet. 4 ensamble. 5 cauces. 6 samble. 7 caperon. 8 Ga- 
lois. 9 apparelli^s 10 avoit es pi^s. 11 ki le. 12 ce. 13 le vol^s. 14 biaus. 
15 fius. 16 as. 17 parl^s. v. 1758: avoec les preudomes al^s. 18 preudom. 19 for- 
conselle. 20 celui ki tient. 21 le. 22 cier. 23 se retome et si. 24 ch^ue. 25 cief. 
26 del. 27 giut. 28 com. 29 k4ue. 

*) hriflinga mhd. ribbalin. Im mhd. Wörterbuch wird die Notiz Wackemagels 
angeführt, der das französische mban, das englische ribban vergleicht. Daran ist gar 
nicht zu denken, denn im Altfranzösischen steht an dieser Stelle revelins, woraus un- 
mittelbar ribbalin gemacht ist. Über den Ursprung von revelins gibt auch Diez keine 
befriedigende Auskunft. 



144 



EUGEN KÖLBING 



Es läßt sich nicht leugnen, daß schon hier die Saga viel genauer mit 
der französischen Vorlage stimmt, als Wolfram. 

Die Dame im Zelte. „Die Namen Jeschute und Oriliis begegnen 
bei Chrestiens nicht. Erst später erfahren wir, daß der Ritter U orgueil- 
leus heißt.'' So Rochat a. a. 0. Ebenso steht es in unserer Saga, und 
dem Ausdruck li argueilleus entspricht, ebenfalls an einer späteren Stelle, 
hinn drarnblati, 

V. 604 (1832): 
il vit un tref tendu. 

V. 631 ff. (1862): 
a mi ' lo ^ tref un lit covert ^. 
d'une coute * de paile i voit ^ 
^1 lit une dame gisoit 
qui estoit iqui endonnie. 

V. 653 (1881): 
la pucele ** de paor tranble '^, 
por le vallet qui fol ^ li sanble ®, 
valles '**, fait-ele, tien ta ** voie, 
fui, que '^ mes amis ne te voie. 

V. 657 (1887): 
ains vos baiserai par mon chief '^, 
fait li valles '*, cui que '* soit grief, 
que *** ma mere lo *' m'enseigna ^* . 
li valles avoit les bras fors, 
si l'enbraca '^ moult nicement, 
qu'il *® ne lo *^ sot faire autrement. 
el iut sor le lit estandue^ 
et cele s'est bien ** deffandue ", 



))vi naest kom hann at landtialdi einu, 
ok fann par ekki nema eina kona fagra^ 
})vi at unnasti hennar var eigi heima. 
Var hann farinn a veiäar. Hann taladi 
vid hana blidum ordum. En hon bad 
hann brott dragast sem skiotast, sagdi 
at honom mjndi eigi duga ef unnasti 
hennar kasmi heim. 



En beiddi koss af henni, en hon neitadi. 
Hann kysti hana pa at naudgu ok mselti : 
Eigi beidumst ek meira, pvi at modir 
min fyrirbaud mer at taka konn naudga. 



et gandilla quant qu'ele * pot, 
mais deffance '"** mestier ni *® ot, 
que li valles tot de randon *' 
la baisa, vosist ele, o non . . . 

V. 698 (1928): 
li valles** a son euer ne met 
rien ^^ nule de ce que il ot, 
mais de ce'° que geune'^ ot 
moroit de faim ** a male fin. 
un bocel ^^ trove ^* plein de vin, 



Matar beidist hann, en hon sagdi öng* 
van Vera. Hann ransakadi })a ok fann 
))ria leifa ok par med vin ok ok hann |>at. 



1 emmi. 2 le. 3 couvert. 4 kioute. ö avoit. v. 1864 s. : El lit, toute seule^ 
gisoit une damoisi^le endormie. 6 puciele. 7 tramble. 8 fcs. 9 samble. 10 vallet. 
11 ta. 12 ke. 13 cief. 14 varUs. lö qui qu'il. 16 car. 17 le. 18 m'ensegna. 
19 Tembraca. 20 car il. 21 nel. v. 1893: mis Ta sor lui toute estendue. 22 moult. 
23 deffendue. 24 kank'ele. 26 deffense. 26 n'i. 27 en un randon. 28 vaUes. 29 rien.s. 
V. 1929 : riens nule de quanque il ot. 30 cou. 31 jeun^. 32 fain. 33 boucel. 
34 trueve. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELJ.E. 



145 



et un enap * d^arg(3nt selonc, 
et voit sur ^ un trossel ' de ionc 
une toaille^ blanche nneve^; 
et * la ' soulieve ® et si trueve ' 
trois bons pastes d'un chevroil free, • . 
un des pastes devant lui froisse '^, 
si maniue ' * par grant talent, 
et verse ** en la cope ^® d'argent 
do ^* vin qui '^ n'estoit mie laiz **, 
si ^'' en boit sovent et ** grans trais. 

(v. 1904): 
tant c'un anel en son doit vit 
a une esmeraude moult clere ^^. 

(v. 1913): 
li valles *" par lo poing '^^ la ** prent 
a force lo doi * • li estant ** etc. 

V. 727 (1956): 
et pris** congie tot** maintenant, 
et*'''' conmanda*® a deu** celi 
cui scs ^® Salus point^^ n'abeli ". 
dex vos ^^ saut, fait il, bele amie. 

V. 746 (1974): 
puls n'ala gaires demorant 
que ses amis do bois revint. 

V. 760 (1978): 
et sa mie '* plorant trova. 

V. 755 (1983): 
mais un vallet Grualois ^* i ot 
enieus '* et vilain et sot 
qui de vostre vin a beu 
tant con li '"^ plot et bon li fu . • . 

(v, 1992:) 
mes agnes ^® est en la querele ", 
qui lo m'a tolu, si l'enporte. 

V. 785 (2014): 
ne ia*® ne mangera d'avaine 
vostre chevaux**, ne n'iert ferrez*^ 



Kann tok af henni eitt fingrgull, 



ok ))0 het hann at ömbuna henni. En 
hon bad troll hafa hann allan ok sva 
hans ömbun. Sidan reid hann i brott, 



en unnasti hennar kom heim ok fretti 
hvat vildi hennar ugledi. 



En hon sagdi at ))ar kom einn garungr 
ok kysti hana naudga ok tok af henni 
fingrguU ok at ok drakk p&t er hann 
vildi. 



Hestr ))inn skal hafa ekki fodr ok )>u 
illt fostr ok litinn mat, sva ]30 at })u me- 



1 hanap. 2 sor. 3 torsiel. 4 toualle. 5 blance et nueve. 6 il. 7 le, 8 sous- 
lieve. 9 et desos trueve. v. 1937 : III pastes frois de kevrius fais. 10 maintenant froisce. 
11 etmangug. 12 vierse. 18 coupe. 14 del. 15 ki. 16 lais. 17 et. 18 ä. v. 1904: 
I analet en sen doit vit 19 cl6re. 20 varl6s. 21 le doit. 22 le. 23 le doit. 24 estent. 
25 prist. 26 de. 27 si. 28 coumanda. 29 Dieu. 30 li.' 31 pas. 32 n'abi^li. 33 vous. 
V. 1975 : ses amis ki del bos revint. 34 s'amie. 35 galois. 36 anieus. v. 1985 : qui a 
de vostre vin b6u. 37 com lui. 38 aniaus. 39 queri^le. v. 1993: qu'il m'a tolut et 
81 l'emporte. 40 que ja. 41 cevaux. 42 ne n'ert sainiös. 

GERMANIA. Neue Reihe Tl. (XIV.) Jahrg. 10 



146 



EUGEN KÖLBING 



tant que eil estera tuez 

si ^ muert, vos me siurez ' a pie '. 



V. 788 (2020): 
ne Jamals ne seront cangie ^ 
li drap dont vos estes vestue, 



gir Ufa yict til ])ess er ek veit at sönnu 
af ])er« En ef hestr pinn deyr, p& sk^lt 
pu a foeti hlaupa. 



ains me siurez * a pie ® et nue. 



Aldri skalt ])u önnur klaedi hafa en 
pesBi ok nokkut skalt ))u ganga allt til 
pess er ek hefi hefnd pesa er ])ik svivirdi. 

Chrestiens lässt nicht den Ritter Parzival verfolgen, wie Wolfram. Die 
Saga auch nicht. 

Parzival begegnet bei Wolfram der um den todten Schionatulander 
trauernden Sigune. Chrestiens erwähnt beide nicht, sondern lässt, gleich 
nach 788, Percheval auf einen Kohlenbrenner treffen, der ihm den Weg 
nach Arthurs Hof weist ; bei Wolfram ist es ein Fischer , in dessen 
Hütte Parzival die Nacht zubringt. Von Nantes ist bei Chrestiens die 
Rede nicht. Was diese Abweichungen beider Versionen betrifft, so ist 
auch hier nur zu bemerken, daß unsere Saga sich treu an Chrestiens hält. 

Der Anfang der Erzählung von dem rothen Ritter stimmt im Fran- 
zösischen und Nordischen fast wörtlich: 
V. 827 (2057): 



ok sa hann rida einn riddara or hlidi 
kastalans ok helt med vinstri hendi spiot 
ok skiöld ok beizl, en i hoegri hendi bar 
hann eitt gullker med loki ok soemdi ho- 
nom einkar vel klsedin, er hann bar. ])au 
vopn varu öll med raudum lit ok öU hans 
hameskia. 



et vit ^ issir par mi la porte 
un Chevalier qui armes porte , 
une cope ® d*or en sa main ; 
sa lance tenoit et son frain 
et son escu a^ la senestre, 
et la cope ^" d'or an ^^ la destre; 
et ses armes bien li seoient *^ 
qui totes vermoilles ^^ estoient. 

Es folgt die Ankunft an Artus Hof. Greifen wir einige Partieen heraus, 
in denen die Übereinstimmung am Auffallendsten ist: 

til pGSB er Jonet skutilsveinn konungs 
gekk til hans berandi knif i hendi J)vi 
at hann skar mat fyrir konunginn: „pu 
madr, er knifinn hefir, seg mer hvar 
konungrinn er." En Jonet var hinn kur- 
teisasti madr ok sagdi honom med bli- 
dum ordum hvar konungrinn sat. En 
hann jafnskiott skundadi ])annig ok heil- 
sadi konunginum. 



V. 877 (2107): 
Tant qu'Yvones ** contre lui vint 
qui un costel ^* en sa main tint. 
Valles *®, fait-ily tu qui 9a viens, 



qui lo costel cn ta main tiens, 
mostre moi liques '^ est li rois. 
Yvones *', qui moult fu cortois, 
lidist: „amis, vees**^ le Ik." 
et eil tantost vers lui ala, 
sei* salue *^, si con ^^ il sot. 



V. 2016 : tant que je m?en sarai vengies. 1 s'il. 2 sivrds. 3 k pi6. 4 cangi^. 
5 sivr^s. 6 k pi6. 7 voit. v. 20ö8: I Chevalier, et voit que porte. 8 coupe. 9 en. 
10 coupe, 11 en. 12 seoient. 13 vermelles. 14 tant c'uns seijans. 15 coutiel. 
16 varlet. 17 le coutiel. 18 liques. 19 li varles. 20 vees. 21 salua. 22 com. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA XIND IHRE QUELLE. 



147 



V. 2116: (nachM.) 
Li rois pensa, ains ne dist mot; 
et eil autre fois Taraisoime, 
et li roi pense, et mot ne sonne, 
par foi, fait li varlds adoneques, 
eis rois ne fist Chevalier onques; 
quant on n'en puet parole traire, 
coment poroit Chevalier faire? 

Atant dou retorner s'atome, 
le Chief de son cachdor tome, 
mais si prös del roi Ta menet, 
a guise d'ome mal senet, 
que devant le roi, sor la table, 
li abati, sans nule fable, 
Del cief son capel de bounet. 

Li rois torne vers le vallet 

son Chief que il avoit baissi^ ; 

si a tout son pensd laissi^^ 

et dist: Biaus frere, bien vigni^s 

et proi vous c'ä mal ne taingni^s 

cou que vostre salu n'ooie; 

d'ire respondre ne pooie, 

que li pire anemis que j'ai, 

qui plus me het, dont plus m'esmai, 

m'a ci ma tiere contredite, 

et tant ensoing que toute quite 

dist qu'il l'aura, u voelle u non; 

li Vermaus Chevaliers a nom 

de la foriest de Kinkerloi. 

et la ro'ine devant moi 

estoit chi venue söoir, 

pour conforter et por v^oir 

les Chevaliers qui sont bleci^. 

ne m'^ust gaires coureci^ 

li Chevaliers de kank' il dist, 

mais devant moi ma coupe prist 

et si folement Tenleva 

que sour la rome viersa 

tous li vins dont ele estoit plaine; 

ci ot oevre laide et vilaine. 



En konungr sat ahyggjufullr ok svaradi 
öngu. Sveinninn orti orda a hann i an- 
nat sinn ok pagdi hann. pa, maelti svein- 
ninn : ]>at veit tru min, at ])essi konungr 
giorir aldri riddara, er eingi madr fser 
ord af honom. 



Ok jafhskiott byz sveinn i brott at fara 
ök sneri hesti sinum til hallar duranna. 
En hann hafdi sva nser ridit konunginum, 
sem hann vissi ekki gott. Ok i pri er 
hann sneri hesti sinum, pB, feldi hann 
hat konungsins af höfdi honom ok a 
bordit fyrir hann. 

En konungr hepti pa. ahyggju sina ok 
snerist at sveininum ok maelti: pn godr 
madr ert vel kominn, ek bid at {)u fyrir- 
kunnir mik eigi, po at ek })egdi f)vi at 
ek matta eigi svara })er fyrir ahyggju ok 
reidi. Hinn mesti uvin min klandar mik 
med ofund ok kallar til rikis mins ok se- 
gir at hann skal pat hafa hvart sem ek 
vil edr eigi, ok heitir hann hinn raudi 
riddari. Hann byr i mörk jjeirri er heitir 
Kvinkvarie. En drottning var er her ko- 
min at hugga riddara vara er sarir eru. 
Ok hefdi mik pat litt angrat, er ridda- 
rinn maelti, nema hann giordi })at a ofan 
mer til svivirdingar at hann tok brott 
bordker mitt ok slo vininu öllu i fang 
drottninginni. 



Die meist wörtliche Übereinstimmung in diesem Abschnitte ist augen- 
fällig. Für die folgende Partie genüge die Versicherung, daß es damit 
eben so steht« 



10* 



148 



EUGEN KÖLBING 



Ed sau hann po yera basal fridan ok 
vaskligan. 

ok a midju hallar golfinni msstti hann 
einni fagri ok kurteisi mey ok heilsadi 
henni ok hon honoin ok mselti til hans 
blidum ordum: Sveinn, sagdi hon, ef 
ek lifi nokkura stund, pa. veit ek at sönnu 
sem mer segir hugr, at i öUum heiminum 
fsBz eigi vaskari riddari en ))u mant 
verda. Hon var betr en XII vetra gömuL 



V. 939 (2169): 
Mais'tuit eil qui lo regardoient, 
por bei ^ et por gent lo tenoient. 

V. 994 (2226): 
Et li valles * qui ^ s*an aloit, 
a une pucele veue *, 
bele * et gente, si la salue 
et cele " lui, et si li rist 
et an rient itant li dist: 
Valles se tu vis ' per aaige * 
ie paus ® et cuit *® en mon coraige ** 
qu*en trestot " le ** monde n*aura 
n'il n'i est, ne Ten n'i saura 
nul Chevalier meillor de toi, 
ensin ** lo paus '*, et cuit et croi *®. 
et la pucele *'' n'avoit ris 
ans avoit passes plus de dis. 

V. 1008 (2240): 

et Key *® saut 

cui la parole enuia ^* moult, 

si li done un *® cop si estout 

de sa paume en la face tendre ^ ^ 

que il ** la *' fist a terre ^* estendre. 

Man vergleiche hier den bedeutend abweichenden Text Wolframs 151, 
21 ff.: 

Do nam Keye scheneschlant 

froun Cunnewaren de Lalant 

mit ir reiden häre; 

ir lange zöpfe kläre 

die want er umbe sine haut; 

er spancte se äne türbant. 

ir rücke wart kein eit gestabt: 

doch wart ein stap so dran gehabt, 

unz daz sin siusen gar verswanc, 

durch die wät unt durch ir vel ez dranc. 

Wie überhaupt, so ist auch hier Chrestiens in der Namennennung we- 
niger freigebig als Wolfram, und der Sagaverfasser ist ihm darin gefolgt. 
Der verewigen Antanor Wolframs heißt bei Chrestiens hier nur un sot, 
bei unserem Autor konungs fol (über Garflet und Guifles vgl. meine 



))a hliop Kaßi rsedismadr at henni ok 
laust hana sva mikit högg med lofa si- 
num i reidi a kinn hennar, at hon la 
pegSLT fallin. 



y. 2169: Mais trestout sU kl \k estoient. 1 biel. 2 varl^s. 3 ki. 4 v6ue. 
6 bi^le. 6 celle. v. 2230: Et trestout en riant li dist. 7 ^us. 8 parage. 9 pense. 
10 croi. 11 corage. 12 trestout. 13 ce. v. 1003 fehlt in M. v. 223ö: il mellours Che- 
valiers de toi. 14 ensi. 15 le pans. 16 ensi le croi. 17 puci^e. v. 2238 : passet avolt 
ans plus de X. 18 Kex. 19 anuia. 20 un fehlt. 21 tenre. 22 qu'il. 23 le. 24 ä la ti^re. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 



149 



spätere Erörterung), frou Cunneware bei Chrestiens wm pucele, in der 
Saga ein moer, später mcer er Kod laust. 

Es folgt der Kampf mit dem rothen Ritter, dessen Heimat bei 
Chrestiens la foret de Guingulron *, bei Wolfram Gaheviez ist, und von 
dem es in der Saga heißt hann byr i mark peirri er heitir Kvinkvarie, 
was offenbar dem französischen Namen vollkommen entspricht. Es folgen 
einzelne Stellen: 

V. 1063 (2295): 
la lance a en * 2 poings * levee, 
et si Ten done grant colee 
par les espaules * en travers 
par Ik * on n'estoit pas 11 fers ®. 
qu*il lo fist enbronchier k val 
jusque ^ sor lo ® eol do ^ cheyal '®. 

Bei Wolfram heißt es abweichend am Schluß 154, 28: 

daz er und sin pfärdelin muosen vallende üf die bluomen sin. 

V. 1069 (2301): 
Et 11 valles ^ ^ s'est correcies ^^, 
quant 11 senti q^e ^^ fu blecies 



})a reiddist riddarinn ok tok spiot sitt 
badum hÖndum ok slo sveinninn sva at 
hann seig eptir höggvinu a hals he- 
stinum. * 



de la colee quil ot prise. 

a l'oil ^*, au mielz ^^ que puet '® l'avise 

et laisse ** aler lo javelot **; 

eil qui n'entent, ne voit, ne ot (?) 

lo fiert tres par mi lo cervel, 

si que li fet ou haterel 

saignier '^, et la cervele *** espant. 

de la dolor li cuers li mant 

si verse*^ et chiet** tos*' estandus**. 

V. 1083 (2315): 
mais** il ne set'® venir a chief^^ 
dp ^® hiaume qu'il ot^* sor le chief ^®, 
qu'il ne set conmant'* il lo '* preigne " 
et l'espee'* qu'il li deseeigne'* 
maintenant ^®, mes '^ il no ^^ set faire 
ne do desarmer a chief traire. 



))a reiddist sveinn ok rettist upp ok risti 
gaflak sitt ok fleygdi at riddarinum med 
ÖUu afli ok skaut hann in augat sva at 
heillinn fylgdi ut um hnakkann, en rid- 
darinn feil jafnskiott daudr til jardar. 



})a st^ sveinninn nidr ok tok spiot hans 
ok sverd; en eigi kunni hann at leysa 
hjalm hans af höfdi honom* Giama vildi 
hann ok leysa sverd hans af honom ok 
vissi eigi med hverju haetti hann matti 
]3at giora ; tok hann ))a sverdit med skil- 
dinum ok kipti ok dro. 



1 KinkerloL 2 i. 3 mains. v. 2296: Si Ten a donn6 tel col^e. 4 espaulles. 
5 de li. 6 fiers. v. 2299: Qu'il l'a tout embronci^ aval. 7 jusques. 8 le. 9 del. 
10 ceval. 11 varl^s. 12 coureci^s. 13 qu'il. 14 en 1' uel. 16 mius. 16 qu'il pot. 
17 let. 18 son gaverlot. v. 2306 AT.: Si qu'il n'entent ne voit ne ot, Sei fiert parmi l'uel 
el cervel Et d'autre part le hatereL 19 le sanc. 20 cervelle. 21 vierse. 22 ciet. 
23 tous. 24 estendus. 25 mSs. 26 sait. 27 k cief. 28 del. 29 a. 30 son cief. 
31 coment. 32 le. 33 pragne. 34 et s'a talent. 35 des^agne. 36 l'espee. 37 m^s. 
38 nel. v. 2320: Ne del fiiere ne le puet traire. 



150 



EUGEN KÖLBING 



. i« 



V. 1108 (2344): 
Mais li valles ' ea vesteure * 
ne vost ^ laissier, ne * ne preist 
por rien que * Yvones ® deist 
une cote bien' aaisiee' 
de dras de soie gambisie 
que desus ^ son haubere vestoit 
li Chevaliers, quant vis estoit. 

V. 1149 (2385): 
encois *" que Yvanes *^ s'en aille ' 
dist li valles ^^: „ami prenes ** 
mon chaeeor **, si Tenmenes ^® 
qu'il est moult bons et jel vos doing, 
pour 90U que*jou n'en ai besoing. 
et portes la ^^ cope ^^ lo '* roi; 
si lo *® salues de par moi, 
et tant dites a la pucele, 
que Key** feri sos** la maisele^^ 
que se** ie vif**, ains que ie muire, 
li cuit ie mentre moult bien nuire 



£n sveinn vildi at öngum kosti skipta 
kiaßdum sijDUm ok klasdum hans fyrir sa- 
kir alls pess er Jonet kunni honom telja. 
BiddariDu var klasdr hinum bezta silki- 
kyrtli ok af agsetum gudvef undir brynn- 
junni. 



pa, mselti sveinninn actr peir skildu : 
„Vin^^ sagdi hann, ,,tak best minn ok 
veit at sönnu at ek befi reynt hann at 
godum hesti ok skalt pn piggja hann af 
mer. parf ek hann eigi lengr. Tak ok 
bordkerit ok fser konungi ok seg honom 
guäs kvedju af minni halfu. pvL skalt ok 
seggja mina kvectju mejju ])eirri er Kaei 
laust at hallar golfi ok seg sva öUum at 
ek skal sva mikit at giora adr ek dey, 
at hun skal segja sik vel hefnda a ])eim 
er hana laust« 



que por vangiee '* se tenra. 

Bei Chrestiens endet die Episode dadurch, daß Artus den Kex bitter 

über sein Benehmen tadelt. Ebenso in der Saga. 

Wir kommen nun zu Parzivals Aufenthalt bei Ghimemans de Gra- 
harz, wie er bei Wolfram heißt^ der von Chrestiens zuerst K|>rodom6*', 
dann Gomemans de Groort^^j in unserer Saga zuerst Jiinn godi madr, 
dann Gormanz or Groholi genannt wird, 
v. 1275 (2513): 



sur** une'® röche '^ en un pendant 

qui vers ^^ mer aloit descendant, 

ot un castel et bei®® et fort; 

si con ®* Teve aloit au regort 

toma li valles" a senestre 

et vit les tors®* do*'' castel nestre, 

avis ®* li fii qu'elles '® nessoient*®. 

V. 2529 M: 
Avoit IUI basses touriöles, 
qui moult estoient fors et biMes. 



ok er hann kom at ani, fann 

hann at hann var miök djup ok rann 
yfir miklum straumi ok reid hann ofan 
med ani ok ))a sa hann upp koma eitt 
mikil tre (?) ödrum megin arinnar ok 
p&r a fiora tuma starkliga ok hagliga 
giorva etc. 



1 varlds. 2 viest^ure. 3 vot. 4 que. 6 quank*. 6 Yones. Nach Yones steht li. 
7 mout. 8 aaisie. 9 desous. 10 an^ois. 11 Yon^s. 12 alle. 13 varl^s. 14 prend^s. 
16 cac6our, 16 se vos volez. 17 sa. 18 conpe. 19 Ie. 20 Ie. 21 Kex. 22 sor. 
23 massele. 24 se. 25 pnis. v. 2394: Li quic-jou si bien metre cnire. 26 vengie. 
27 li preudom. 28 Gonemans de Gelbort. 29 sor. 30 cele. 31 roce. 32 viers. 33 moult 
rice. 34 com. 35 varl^s. 36 tours. 37 du. 38 k'avis. 39 k'eles. 40 naissoient. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. I5l 

Es ist interessant zu beobachten ^ wie hier ein Ausdruck in allen drei 
Sprachen seinen Vertreter hat; es entspricht sich ne«tre, upp koma und 
tvüehse {wie der tUme toilehse mere). 

V. 1354: 
sire, aventure m'ensaigna Herra, kvact hann, pat kendi modir 

et ma mere, qua ie alasse min mer, at ek skyldi 8axn))ykkjast go- 

aus prodomes et me conseillasse. dum mönnum ok hafa ))eirra rad ok 

ef ek fjlgdi godra manna radum ok hu- 
gannm, myndi mer hamingja af stauda. 

Noch genauer stimmt zum nordischen Texte dieselbe Stelle in M: 

Sire, ma möre m'ensengna J>a maelti hinn godi madr: „Vel se mo- 

que vers les preudomes alasse, dur pinni er hon kendi per heilt rad ok 

en qiiel liu qua je les trovasse, hoUt. Eda viltu nökkut fleira msela? 

si creisca 90U qne diroient; 

qua preu i ont eil kl las croiant. 

et li preudom respont: Biaus fr^re^ 

bdndoite seit vostra m6re, 

qui le Tous ensegna moult bian. 

mais vol^-vous plus dira rien? 

V. 1610 (2840): 
et gardez * que vos ^ ne seiaz ^ Vardu eigi giama ofoialugr eda for- 

trop parlans *, ne trop noveliers. vitinn. 

V. 1637 (2867): 
or ne dites iamais, biaus frere, Husbondinn sagdi: Haf eg ekki petta 

que ce vos aprist vostre mere, ordtak lengr at geta modur ])inar vid 

ne qu'ele vos ait enseignie framfardar ))inar, pvi at per verdr Jjat 

que * se vos plus lo diseiez *, virt til folsku. 

a folie vos "^ tanroit ® an ', 

porce ^® vos pri, gardez vos an ^*. 

Die einzelnen Scenen sind übrigens in beiden Bearbeitungen ganz ent- 
sprechend, nur im Nordischen etwas kürzer gehalten. 

So wenig wie bei Chrestiens geschieht in der Saga Erwähnung der 
Liaze, so wenig wie Gormanz seinem Gaste Aufschluß über seine Fa- 
milienverhältnisse gibt, wie dies bei Wolfram (177, 9-179, 12) der 
Fall ist. 

Aufenthalt Parzivals bei Blankiflur (Blancheflor bei Chrestiens, 
Conduiramurs bei Wolfram) in ihrem Schlosse (Bel-repaire bei Chre- 
stiens, fögr barg bei dem Sagaschreiber) : 



1 gardes. 2 vous. 3 soiÄs. 4 parliers. v. 2868 f.: Fait li preudom, que 
vostre m&re Vos ait avis ne ensigniS. 5 et. 6 disii^s. 7 le. 8 tenroit. 9 Ten. 
10 por ^on. 11 en. 



152 



EUGEN KÖLBING 



V. 1684 (2914): 
tant a hurte ^. 



en * el lo ^ pas 



. . . . ok bardi a portinu er laest var, ok 
sa fagra juDgfru i einum glug ok ])egar 
hon sa hann, bad hann upplata fyrir 
honom. 



une pucele tainte et pale 

et dit ® : qui est qui ' 9a ® apele ® ? 

Die specielle Beschreibung der Zustände in der Burg, wie sie Chrestiens 

V. 2930 ff. gibt, fehlt in der Saga. 

V. 1819 (3049): 

porce '" de parier se tenoit, Sveinninn sat ok ]3agdi ok mintist a rad 

que do ** chasti '* li sovenoit husbonda sins at hann skyldi eigigiorast 

que li prodom '^ li avoit fait. ofmalugr. 

V. 1844 (3074): 

et dit moult debonah*emeut : pa, maßlti hon blidliga til hans: 

sire dont venistes vos hui? Hvadan er ydr koma hingat, herra? 

In etwas ausftihrlicherer Vergleichung mag nun die bekannte Nacht- 
scene folgen. 

V. 3149 (nachM): 
Ains se porpense qu'ele ira 
A son oste, se 11 dira 
De son affaire une pai*tie. 
Lors s'est de son lit d^partie 
Et issue fors de sa cambre; 
S*a tel paor que tuit li mambre 
Li trambloient, li cors li sue. 
Plorant est de la cambre issue 
Et vint au lit ü eis se dort, 
Et pleure et sospire moult fort ; 
Si s'acline, si s'agenolle, 
Et pleure si qu'ele li moUe 
De ses larmes tote la face; 
N'a hardement que plus en face. 
Tant a plord que eil s'esvelle; 
Si s'esbahist moult k mervelle 
De sa face qu*il a mouillie ; 
Et voit cell ajenoullie 
Devant son lit, qui le tenoit 
Par le col embraciet estroit; 
Et de 90U cortoisie fist 
Que entre ses n bras le prist 
Maintenant et vers lui le traist. 
Si li dist: ,,Bele, que vous piaist? 
Por coi estes venue chi?** 
Ha, gentius Chevaliers, merci 



... ok ]3a ihugar hon at ganga tilgests 
sins })angat sem hann var ok ksera fyrir 
honom a launungu sitt vandraedi, okgekk 
hon i pB.t svefnhus sem riddarinn svaf i, 
1)0 med mikilli hraezlu ok skialfta ok la- 
gum grati ok kom sva til riddarans at 
hann svaf ok settist a kne fyrir saeng 
hans ok laut yfir andlit hans sva miök 
gratandi , at hon vaßti andlit hans allt i 
sinum tarum. Nu sem hon hafdi pax 
lengi gratit, jja vaknadi riddarinn ok 
})otti honom miök undrlikt er andlit hans 
var vatt ok leit hann })a meyna a kniam 
sitja fjnrir hvilunni ok tok J)egar til hen- 
nar ok helt henni i fadmi sinum ok mselti 
kurteisliga til hennar: „Hvi, frida maer", 
sagdi hann, „komu J)er her edr hvat er 
vili ydarr fyrir guds sakir? seg mer, 
hviertu svaharmsfuU, öngrudokuglöd?" 
„Dyrligr riddari, sagdi hon, fjnrirkunn 
mik eigi ok vird mer eigi til svivirdingar, 
at ek er her komin. Mer kom aldri i hug 
synd ne svivirding, po at ek koemi her 
naliga nÖkt. 



1 i feri. 2 k'en. 3 es le. 4 vit. 5 as. 6 dist. 7 ki est ki. 8 la. 9 apiele 
10 par 90U. 11 del. 12 casti. 13 preudom. v. 3074: Lors li dist d^bounairement. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 



153 



£n ek er sannarliga sa kvennmadr er 
sorgfallastr lifir i heiminum ok er nu 
pB. ekki er mik megi huga ok peBBi skal 
min vera hin sidasta nott })e88a heimis, 
])yi at pegar dagr kemr, skal ek sialf 
drepa mik etc. 



Por Dieu vos proi et por son fil, 
Que vous ne me ten^s por vil 
De ce que je sui ei venue, 
Par ce que je sui presque uue. 
Je n'i pensai onques folie, 
Ne mavesti^ ne velounie ; 

V. 3181: 
Qu*il n'a el monde riens qui vive 
Tant dolante ne tant caitive 
Que jou ne soie plus dolente« 
Riens que j'aie ne m'atalente, 

V. 3187: 
Ne je ne vivrai jamais nuit 
Que seulement cele d'anuit, 
Ne jour que celui de demain ; 
AiuQois m'ociroie de main. 

Gleiche Übereinstimmung geht durch die ganze Episode fort. — Es 
folgt der Kampf gegen Gingvars, (Aguingueron * bei Chrestiens, Kin- 
grun bei Wolfram) und Klamadis (Clamadex bei Chrestiens und Cla- 
mide bei Wolfram). Die Schilderung des ersten dieser beiden Kämpfe 
ist uns durch die öfter erwähnte Lücke in der Pergamenthandschrift 
verloren gegangen ; doch sehen wir aus der Stelle nach der Lücke so- 
gleich, daß auch nach der Darstellung der Saga Parzival den besiegten 
Gingvars zur Königin Blankiflur und zum Gormanz schicken will, dieser 
aber furchtet die Rache der Burginsassen; denn, sagt er, ek drap haus 
systurson er penna kastala vardi fyrir mer; pvi bid ek at pu d/repir mik 
heldr en pu sendir mik i penna stad. Parzival schickt ihn daher an 
Artus Hof: 



V. 2256 (3489): 
et eil li dist: donc iras tu 
en la prison lo '^ roi Artu 
et me salueras lo ^ roi, 
et si li diras de par moi« 
quil ^ te face mostrer cell 
que Key * li senechaus * feri 
porce * que ele ^ m'avoit ^ ris ; 
et ä celi te rendras pris, 
et si li diras, se toi piaist, 
que ia dex* morir ne me laist, 
tant qu'en aie vengence prise. 



])a maelti Percival : ]3a skaltu fara at vald 
Artus konungs ok seghonom kvedju mina 
ok hid hann syna J)er J)a mey er Kaei 
laust fyrir minar sakir ok seg henni at 
ek hefi l)ik vapnsottan i hennar vald sent 
ok ek skal hennar hefha at JDeim er hana 
laust saklausa fyrir minar sakar. 



1 In M: Enguigerans. 2 le. 3 qu'il. 4 Kex. 6 senescaus. 6 por 90U. 7 eile 
8 en avoit. 9 diex. v. 3499: Tant que yenjance en aurai prise. 



154 EUGEN KÖLBING 

In allen drei Erzählungen meldet ein Knappe {un volles — einn ma^ 
Jdaupandi) dem Clamadis, daß Gingvars von einem im SchloHse ein- 
getroffenen fremden Ritter in rother Rüstung besiegt worden sei. Cla- 
madis belagert trotzdem die Burg der Blankiflur , bis das Schiff mit 
Lebensmitteln ankommt: 
V. 2467 (3700): 

cel ior meisme ^ un grans vens J)ann sama dag giordist mikill 

ot par mer * chacie une bärge stormr ok rak})aDgat i fiördinn eitt mikit 

qui de froment® porte une charge, hafskip füllt med vin ok vistum allsko- 

et d'autre vitaille * estoit plaine. nar sem guds mli var HL 

si con De plot, entiere et saine 
est devant lo ^ chastel venue. 

Man vergleiche mit den beiden cursiv gedruckten Redensarten die ganz 
entsprechende deutsche an dieser Stelle 200, 16 daz ftiogte got de?' 
tmse* In Folge dieser Nachricht entschließt Clamadis sich sogleich zu 
einem Zweikampf mit Parzival^ da er sieht, daß bei dieser Fülle von 
Proviant die Burg sich noch sehr lang halten könnte. Er wird besiegt 
und in Folge seiner Weigerung, sich der Blankiflur oder dem Gormanz *) 
zu übergeben, ebenfalls an Artus Hof geschickt, und ihm derselbe Auf- 
trag an pa mey, er Kad laust gegeben, wie seinem Vorgänger. 

V. 2693 (3924): 
Mais ® Aguinguerons '^ totes voies ' En Klamidis for leid sina sva sem fyrir 

s'en va, et Clamadex apres hafdi farit Gingvars hans raedismadr 

siuit ® trois nuis tot pres a pres ok letti sinni ferd eigi fyrr en hann kom 

as otex ^® ^^ eil *^ ot geu, til Artus konungs {)ar er hann sat med 

bien l'a ^* par les esclos seu, djnrligri hird sinni. 

iusqua ^* Dinasdaron ^^ en Guales ^® 
ou li rois Artus en ses sales 
cort ^'^ moult eflfbrcie tenoit. 

Nach dieser Stelle tritt wieder eine Diflferenz zwischen Chrestiens und 
Wolfram zu Tage, wobei unsere Saga genau Chrestiens Darstellung folgt. 
Es folgt nämlich zuerst eine Erkennungsscene zwischen Gingvars und 
Clamadis, dann Erscheinung des letzteren vor dem König, und erst 
nachher wird Clamadis durch Valver und Garflet (bei Chrestiens Ywains 



1 m6ismes. 2 nuit. 3 forment. 4 vitalle. v. 3704 : Si come Dex le guie et maine* 
Man sieht deutlich, daß das Nordische der obigen Lesart folgt. 6 le. 6 Et. 7 Engui- 
geron. 8 toute voie. 9 Et giut. 10 El castiel. 11 ü. 12 il. 13 Tot. 14 jusqu'^ 
15 Dinaderon. 16 Gales. 17 court. 

*) Bemerkenswerth ist hier, daß der Ausdruck „für alle Herrlichkeit Roms" wolle 
er nicht zu Gormanz gehen, in beiden Texten sich wörtlich wiederfindet; franz. v. 3865: 
ne por taut Vempire de Rome\ nordisch: eigi heldr fyrir allem Romahorgar rikdom. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 155 

und Ghiifles) der Jungfrau (bei W. Cuimevare) vorgestellt, während bei 
Wolfram die Wiedererkennungsscene erst nun folgt. Der Sagaverfasser 
sowohl wie die beiden anderen Dichter kehren dann zu Parzival zurück, 
der Blankiflur wieder verlässt: 

V. 2861 (4095): 

mais d'uDe rien mult plus li tient, En hugr haus stoct eigi til sliks, pvi at 

que de sa mere li sovient honom kom i hug hversu hörmuliga mo- 

qne il vit ^ pasmee cheoir ^ . . . • äir hans let pa, er hon skildi vid hann 

V. 2898 (4134): ok hon feil af harmi ok la sem daud 

ne cuides pas ^ que ce soit biens, vaeri 

SB * ma mere reveoir ^ vois, ok bad p& unnustu sina leyfis til brott- 

qui aviatt mi meint en ce bois, ferdar. 
qui la gaste foret * a non ? 
je revenrai voille ele o non'. 

Es folgt nun Parzivals Besuch auf der Gralsburg, aus welcher Partie 
wir ebenfalls die Hauptpartien hervorheben wollen, und zwar ausftihr- 
licher als im Vorigen, da diese Scene flir den ganzen Conte del Qraal 
wichtig ist. Zu Grunde gelegt ist der Text in Bartsch's Chrestomathie 
137 ff. Die Varianten stammen auch hier aus der Monser Hs. 

V. 2930 (4166): 

Te^e ® roide et parfonde esgaxde psx var eitt vatn ok rennandi a med my- 

et ^ ne s'ose metre dedanz ^^ klum straumi ok )) ottist hann hvergi me- 

et dist: ha, sire dex puissanz ^\ ga a rida p\i at hvergi sa hann grunn. 

qui *^ ceste eve*^ passee '* avroit*^, Hann maelti Jja: Drottinn gud, ef vili 

de la ** ma mere troveroit *' })inn er til at ek megi komast yfir })etta 

mien esciantre '^ saine et vive ^^« vatn, ps. myndi ek finna modur mina, ef 

ensi 8*an va selonc la rive hon er lifs Hann reid nu med 

tant que ^" a une röche aproiche^^ endilangri ani, allt p&r til er hann sa 

et que Teve a la röche toiche, einn mikinn hamar ok rann am hia ham- 

que il ne pot aler avant. rinum sva nalaBg at hann matti hvergi a 

ana rida etc. 

Wir finden also in diesem Stück fast wörtliche Übereinstimmung. Bei 
Wolfram entspricht den aufgefiihrten Sätzen keine Zeile. 

v. 2940 (4176): 

et il ^^ vit par ^^ Teve avalant ^* . . . . ))a sa hann bat mikinn fara ofan 

une nef qui d' amont venoit : eptir ani ok varu Jjar a tveir menn ok na 

dos homes an ^^ la nef avoit. hann pax stadr (?) ok beid ])eirra pvi at 



V. 409Ö f. : Mais d'une autre plus li sovint, Qne de sa m^re au euer li tint. 1 Qu'il 
le vit. 2 cair. 3 quidi^s-vous. 4 que je. 6 veoir. v. 4136: Qui seule manoit en cel 
bois. 6 Forest. 7 u voelle u non. 8 Teuve. 9 si. 10 dedens. 11 puissens. 12 si. 
13 ewe. 14 passer. 15 pooie. 16 delä. 17 troveroie. 18 ensiant. 19 se ele est vive. 
20 ke. 21 aproce. v. 4174 f. : U li euwe atouce k la roce, si que ne pot avant aler, 
22 atant. 23 parmi. 24 aler. 25 en. v. 2944 u. 45 fehlt, v. 2946: Et si anrieste et si atant. 



156 EUGEN KÖLBING 

li uns des dos homes naioit, hann hugdi at ])eir myndi ])ar lenda. Nu 

li altre a resine9on peschoit. kastudu ])eir akkeri i midri ani ok er 

il s'areste, si les atant, ])eir höfdu festan bat sinn, let annar siga 

et cuide ^ qu'il alassent tant öngul sinn ok dro t)egar mikinn fisk. 

que il venissent jusqu'a lui. 
et 11 s'arestent ^ amedui ^ 

V. 2956 (4185): 
et eil * qui devant fu peschoit * 
a Tesme^on et si saichoit 
son amecon ^ d'un poissonet 
petit graignor "^ d'un veironet. 

eil qui ® ne set que fere ® puisse En hinn, er at landi var, vissi eigi hvat 

ne an *® quel leu ** passage truisse, hann skyldi at hafast })vi at hann kemr (?) 

les salue et demande lor^^: hvergi ser yfir ana. Hann kalladi a p& 

„anseigniez^® moi," fetil^*, „seignor"^* ok bad })a segja serfyrir guds skyld er 
s'an ^^ ceste eve *' a ne gu^ ne ^® pont? nokkur bru vaeri a ani. pB. sagdi sa ho- 
et eil qui peche ^* li respont: nom, er fram var i: „Yfir pessu a er 

„nenil, biau frere, a moie foi, eingi bru ok ekki meira skip en })etta er 

nen i^® a nef, de ce me^* croi, ver höfum ok ber })at eigi meira enfimm 

graignor ^^ de cesti^^ ou^* nos somes, menn. 
qui ne porteroit pas eine homes, 
vint liues a mont ne a val. 

Alles dies ist bei Wolfram bedeutend kürzer gefasst. Bei ihm ^agt 
Parzival gar nicht erst, wie er über den Fluß kommen könne, sondern 
es heißt gleich: 

den selben vischsere 

begunder vrägen msere, 

daz er im riete durch got 

und durch siner zühte gebot, 

wa er herberge möhte hän, 

während andere Einzelheiten von Wolfram wieder mehr hervorgehoben 
werden. Der Fischer bietet Parzival dann Herberge in seinem Schlosse 
an, wie bei Chrestiens und Wolfram und ich übergehe darum diese 
Stelle, um den Zug hervorzuheben, daß bei Chrestiens und in der Saga 
Parzival sich betrogen glaubt, weil er zuerst nichts von dem Schlosse 
entdecken kann: 

V. 2984 (4213): 
Main tenant eil s'an ^^ va ** amont ; ok sem honom hafdi ])etta mselt, reid 

et quant ^'^ il vint ^® an son le mont, hann up a hamrinn ok sa ekki hus ok 



1 qu'il quidoit. 2 s'arrestent. 3 ambedui. 4 cius. 6 pes^oit. v. 4186 : Ä la lingne, 
et si assachoit. 6 amen^on. 7 plus grant. 8 ki. 9 faire. 10 en. 11 liu. 12 lour. 
13 ensagni6s. 14 iait-il. 15 signor. 16 se en. 17 euwe. 18 a nesun. 19 pesce. 
V. 419Ö : Nenil, fr^re, en la moie foi. 20 n'il n'i. 21 si com je. 22 plus grant. 23 que 
ceste. 24 ü. 25 s'en. 26 monte. 27 tant que. 28 fu. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 



157 



maelti: Sa hefir miök spottat mik er hin- 
gat visadi mer ok gud gefi })eiin skada 
er laug at mer. 



et quant il vint ^ an son le pui, 
si garda ^ avant deyant lai ^, 
si ne vit * mes que * ciel et terre, 
et dit: ,,que sui ge venuz querre 
la musardie et la bricoigne ^. 
dex li ' doint ® hui male vergoigne * 
celui qui 9a m'a anvoi^ ^^ 

V. 2999 (4228): 
lors vit deyant ^* lui an ^* un val 
le Chief ^* d*une tor qui parut. 
Tan ne trovast jusqu'a Barut 
si bele ^* ne si bien asise ^^. 

V. 3005 ff. (4234): 
la sale fu devant la tor 
et les loges devant la sale. 
li vaslez *® cele part avale 
et dit *'' que ^® bien Ta avoi^ *• 
eil qui la Tavoit anvoi^. 
ensi vers la porte s^an va : 
devant la porte un pont trova 
tomeiz ^® qui ^^ fu avalez ^^. 
par sor ^^ le pont s'an est alez ^* ; 
et vaslet ^* corent ^* contre lui 
quatre, sei desarment li dui, 
et li tierz ^' son cheval ^® anmoine ^' 
si li done fuerre^® et avoine^^ 
li carz ^^ li afuble ®^ un mantel, 
d'escarlate fres et novel ; 
et ^* Ten menerent jusqu'as loges. 

Es erhellt aus den verglichenen Stellen, daß überall die Saga fast 
wörtlich mit der Erzählung Chrestiens stimmt. Die entsprechende Stelle 
im deutschen Texte weiß von der augenblicklichen Enttäuschung Par- 
zivals nichts, während seine Aufnahme durch die Knappen des Fischer- 
königs ausflihrlicher geschildert ist (226, 23 S.) ebenso wie die Pracht 
und Ausstattung des Saales und was damit zusammen hängt, wie denn 
überhaupt in Schilderungen unsere Saga meist sehr sparsam ist und 
nur das Nothwendigste andeutet. 



pvi nsest leit hann ofan i dalinn ok sa 
p&r upp koma einn hafan turn fagran 
ok sterkan. 



Hia tuminum var ein frid höll ok stefndi 
pangat a ok lofadi nu fiskimanni er fyrir 
hafdi hann lastat ok kom hann nu at 
gards lidinu ok sa hann ]>a bru eina er 
upp matti vinda. Ok er hann var yfir 
kominn bruna, pSL komu IV ungir menn 
fridir ok fagnudn honom ok toku vid 
hestt hans. en einn ]3eirra faerdi honom 
skarlatskikkjn ok gekk hann pa. med 
})eim. 



1 fu. 2 s^esgarde. 3 moult lonc devant lui. 4 et ne voit. 5 rien fors. v. 4218 : Et 
que sui-je ci venus querre. 6 br^oingne. 7 lui. 8 dainst. 9 besoingne. 10 envoi^. 
11 pr^s de. 12 en. 13 cief. v. 4230: Ne trovast-on jusqu'ä, Barut, 14 bl^le. 
16 assise. 16 varles. 17 dist. 18 ke. 19 avoi^ Pa. v. 4238 : eil kl avoiet Tavoit 1^. 
20 tom^is. 81 ki. 22 avales. 23 sus. 24 est eus entr^s. 25 varlet. 26 vienent. 
27 tiers. 28 ceval. 29 enmaine. 30 fuere. 31 avaine. 32 quars. 33 affuble, 
34 puls. 



158 EUGEN KÖLBING 

Man vergleiche femer: 

V. 3044 (4283): 

Quant li sires le vit ^ venant Sem sa hinn riki madr leit riddaran , ])a 

si le salua ^ maintenant heilsadi hann honom med blidum orduni : 

et dist: amis, ne vos soit grief, »yVin, sagdi hann, fyrirkunn mik eigi, 

se ^ ancontre vos ne me lief er ek stod eigi upp i moti ydr, pvi at ek 

que je n'an sui pas aeisiez. er eigi tri })ess fjrir sakir krankleika li- 

V. 3053 (4291): kama mins." 

li prodom ^ taut por lui se grieve, ok })a settist sa fridi madr upp ok mselti : 

que taut con ^ il puet ® se sorlieve ^, )>Vin, sagdi hann, stig upp i saengina ok 

et dist: amis, 9a vos ® traiez ^ sitt hia mer." Ok hann giordi sva. })vi 

pres ^^ de moi, ne vos esmaiez ^\ naest mselti hinn riki madr til hans: „Hva- 

si vos seez seuremant dan komt pu eda hvat er nafn J^itt?*^ 

lez moi, jel vos lo bonemant. Hann svarar : „£k kom or peim kastala er 

li vaslez ^^ est ^^ lez ^^ lui asis ^^ menn nefna fagra kastala. 
et li prodom ^* li dist: amis, 
de quel part venistes vos hui ? 
sire, fet il ^^, hui matin mui 
de Biaurepaire, ensi a non ^^. 

Die Saga setzt hinzu: ok sva er hann at sönnu pvi at par fekk ek godan 
fagnady eine Bemerkung, die sieh im Französischen nicht findet. Bei 
Wolfram fragt „der wirt" ihn überhaupt nicht, wo er herkomme. 

V. 3065 (4302): 
„si m*ait dex," fet ^^ li prodon ^", „})at veit tru min,*' sagdi hann, {)u hefir 

„vos avez grant jornee faite." farit ofmikla dagleid. 

Über die genauere Zeit von Parzivals Weggang von der Burg ist im 
Gegensatz zu Chrestiens in der Saga nicht die Rede. 

V. 3070 (4308): 

que que il parloient ensi ^^, i f)essu kom f>ar einn fagr sveinn ok fridr 

uns vaslez ^^ antre ^^ par la porte. ok fserdi J^essum hinum rika manni eitt 

a son col une espee aporte, sverd. Ok hann bra sverdinu til halfs ok 

si l'a au riebe ^* home randue, syndist vera hit besta. 

et il Ta bien demie treite ^^ 

et avoec ce ^® ancore ^"^ vit 
qu*ele estoit de si bon aeier 

Auf die Eigenschaften des Schwertes und auf den Verfertiger wird bei 
Chrestiens noch näher eingegangen, in der Saga nicht. 



1 voit. 2 salue. 3 que j\ v. 3049 fehlt in M. 4 preudom. 6 com. 6 pot. 
7 sousli^ve. 8 vous. 9 trai^s. 10 et. 11 esmai6s. v. 4295 : Si s66s chi, k nostre mant. 
v. 4296 : L^s moi, ke jou le vos comanc. 12 varUs. 13 s'est. . 14 lös. 16 assis. 16 preu* 
dorn. 17 fait-il. 18 nom. 19 fait. 20 preudom. v. 4303 : Trop grant jomee av^s hui 
fete. 21 issi. 22 varl^s. 23 entre. v. 4310 f.: De la maison et si aporte Une esp^e 
ii son col pendue. 24 rice. 26 traite. 26 90U. 27 encore. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 



159 



})a msßlti sveinn er })angat bar sveräit : 
„Herra, petta. sverd sendir ydr ein frid 
ma&r, fraendkona ydr. 



V. 3084 (4322): 
li vaslez ^ qui ^ Tot aportee 
dist: sire, la sore pucele, 
vofitre niece, qui tant est bele, 
vos anvoie ei cest present. 

Bei Chrestiens wird dann noch hinzugefügt, der, welcher dies Schwert 
verfertigt habe, habe nur drei von dieser Sorte gemacht und sei dann 
gestorben, so daß seinesgleichen nie wieder gefertigt werden könne. 
Diese Notiz fehlt in der Saga, ebenso wie die genaue Beschreibung 
des Schwertes, das dann Parzival zum Geschenk erhält. Bei Wolfram 
erhält, wie Rochat richtig bemerkt, Parzival ebenfalls ein Schwert, das 
aber erst 239, 18 — 240, 1 erwähnt wird. 

Es folgt nun die bekannte Scene mit der blutigen Lanze: 
V. 3181 (4368): 



que qu*il parloient^ d'un et d'el, 

uns vaslez ^ d'une chambre vint, 

qui une blanche ^ lance tint 

anpoigniee **, par le mi "^ leu. 

si passe ^ par delez ^ le feu 

de ees qui leanz se seoient, 

et tuit ^^ eil de leanz veoient 

la lance blanche et le fer blanc. 

s'issoit ^^ une gote ^^ de sanc 

del fer de la lance an ^^ somet, 

et jusqu'a la main au vaslet ^^ 

coloit ** cele gote *® vermoille *^. 

li vaslez *® vit cele mervoille ^^, 

qui leanz est la nuit venuz. 

si s'est de ^® demander tenuz ^^ 

comant ^^ cele chose avenoit ; 

que del chasti ^^ li sovenoit ^* 

celui qui ^^ Chevalier le fist , 

qui ^^ li anseigna ^* et aprist 

que de trop parier se gardast. 

si ^'^ crient que 8*il ^® li ^^ demandast, 

qu'an li tomast a vilenie; 

et por ce^® n'an^^ demande^^ mie. 



. . ok sem })eir töludu ser skemtan, p& 
kom einn fridr sveinn in gangandi ok bar 
i hendi ser spiot eitt ok sneri nidr aur- 
falnum ok gekk milli })eirra er i rekk- 
junni satu ok eldsins sva at öU hirdin sa 
spiotitj ok undan jaminu rann einn blot- 

dropi ofan eptir skaptinu af nefi 

Sem Percival sa ]3etta pB. undradist med 
hverjumhaetti petta mattivera, en })0 dirf- 
dist bann eigi at spyrja med hverjum hsetti 
pB.t giordist, })vi at hann mintist hvat sa 
hinn dyrligi madr hafdi kent honom, er 
hann giordi riddara, at hann skyldi eigi 
vera ofmalugr ef hann kaemi i okunnan 
stad ok fyrir })vi hraeddist hann at spyrja 
ok vildi eigi angra Jsa er honom veittu 
beina. 



1 varles. 2 ki. v. 4325: Vos a envoi^s cest pr^sant. 3 paralent 4 varl^s. 
5 blance. 6 enpoingnie. 7 emmi. 8 passa. 9 entre. v. 4373 : Et eil ki sor le lit 
s^oient. 10 tout. v. 4374 f. : Et tout eil ki laiens estoient, Virent la lance et le fer blanc. 
11 s'en ist. 12 goute. 13 el. 14 varlet. 15 couloit. 16 goute. 17 vermelle. 18 varl6s. 
19 mervelle. v. 4381 : Qui laiens ert noviaus venus. 20 del. 21 tenus. 22 coment. 
23 casti. 24 souvenoit 25 ki. 26 enseugna. 27 et. 28 que fehlt, si iL 29 le. v. 4389; 
Ton le tenist k vilounie. 30 et fehlt, pour 90U. 31 ne le. 22 demanda. 



160 



EUGEN KÖLBING 



Von dem Weinen und Schreien im Pallaste beim Anblick der blutigen 
Lanze findet sich weder bei Chrestiens eine Spur, wie schon Rochat 
bemerkt, noch in der Saga. Es folgen nun die Jünglinge mit den Kerzen, 
deren Stelle bei W olfr sun juncfrouwen dar vertreten, v. 4391M: 
E lors * dui autre vaslet vindrent 



qui chandeliers^ an^ lor mains tindrent*, 
de fin or, ovrez * a neel *. 
li vaslet '^ estoient moult bei ^ 
eil qui les chandeliers portoient. 
an® chascun ^® chandelier *^ ardoient 
dos chandoiles ^^ a tot ^^ le mains. 
un graal antre ^^ ses dos mains 
une damoisele ^^ tenoit 

et ^® avoec les vaslez *' venoit, 

quant ele fu leanz ^® antree ^®, 
a tot ^® le graal qu'ele tint, 
une si granz ^* clartez ^^ an^^ vint, 
qu'ausi perdoient les chandoiles 
lor clart^ come ^* les estoiles 
qant^^ li solauz ^* lieve et ^"^ la lune. 

Ich übergehe nun die nächste Stelle und vergleiche nur noch eine Stelle, 
die auch Rochat aufführt: 



J)vi naest komu in Jsveir sveinir ungir ok 
friair ok beru i höndum kertistikur af 
brendu gulli ok 11 kerti a hvarri med 
skinandilogu semmest gatu daudligaugu 
sett. pvi naest gekk in ein fögr mssr ok 
bar i höndum ser pyi likast sem textus 
vaeri ; en peir i völsku malt kcUla graall, 
en ver megum kalla ganganda greida. Af 
pvi skein sva mikit Ijos at })egar hvarf 
birti allra ()eirra loga er i varu höllinni 
sem stioma birti fyrir solar liosi. 



V. 3233 (4421): 
et li vaslez les vit passer 
et n'osa mie demander 
del graal, cui Tan an ^® servoit, 
que il toz jorz el euer avoit 
la parole au prodome ^® sage, 
se criem ^" que il n*i ait domage ^^ 
que j'ai oi sovant retraire 
que ausi se puet an trop taire 



Sem Percival sa J)etta, dirfdist bann eigi 
at spTTJa ])yi at hann hraedist, at bonom 
myndi menn afstanda. en sva sem madtr 
ma Vera ofmalugr ser til meina, sva ma 
hann ok vera ofJ)ögull ser til skada, J)vi 
at hvartveggja ma mein giora ofmaelgi 
ok of|>Ögli. £n hversu sem honom kunni 
falla ps. spyrdi hann einskis pess er 
hann sa. 



con^^ trop parier a la foiee. 
Es folgt Parzivals Entfernung von der Gralsburg, die in den Haupt- 
sachen ebenfalls in beiden Versionen stimmt. Von der Unterhaltung mit 
dem unsichtbaren Blnappen, der nach Wolframs Darstellung die Brücke 
aufgezogen hat, weiß weder Chrestiens noch die Saga etwas, während 
im übrigen Chrestiens bedeutend ausführlicher ist als die Saga. 



1 atant. v. 4391 : Atant dui vaslet k lui vinrent. 2 candelers. 3 en. 4 tinrent. 
6 ouvret. 6 chisiel. 7 varlet. 8 biel. v. 4396: Qui les candelers aportoient. 9 en. 
10 cascun. 11 candeller. 12 candoiles. 13 tout. 14 entre. 15 damoisi^le. 16 qui. 
17 varl^s. 18 laiens. 19 entr^e. 20 atout. 21 grans. 22 clart^s. 23 i. v. 4405: Que 
si pierdirent les candoiles. 24 com fönt. 25 quant 26 solaus. 27 ou. 28 qui on an. 
v. 4424: Que tous jors en sen euer avoit. 29 preudome. 30 si crient. 31 damage. 
V. 4427 f. : Pour 90U qu'il a oi retaire, C'ausi bien se puet on trop taire, 32 com. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 161 

Die nun nächste Seene ist die Begegnung Parzivals und der bei 
Wolfram Sigune genannten Jungfrau, die bei Chrestiens nur une pucele^ 
beim Autor der Saga mcer heißt. 

V. 3362 (4600): 
ensin ^ vers ^ la foret^ s'aquiaut^ Hann reid nu brott af stadnum ok ut i 

si entre an un sentier ....(?) skoginn: ]3a sa hann manna farveg nyli- 

ou il ot une estroite voie gan ok p&r reid hann eptir etc. 

de chevaus que ale estoient^. 

V. 3370 (4608). 
tant que il vit® par aventure })a sa hann mej eina undir einni eik. 

une pucelle '' sos ^ une chaisne ^ ; Hon septi ok kserdi sik sarliga 

et ^® crie et plore *^ et si ^^ blasme ^^ 
come chaitive ** dolereuse ^* . . 

V. 3393 (4631): 
ensin ^® son doel de ce menoit ok hafdi i fadmi ser sinn bonda daudan. 

d'un *'' Chevalier qu*ele tenoit 
qui avoit tranchiee *® la teste ^^. 

Man vergleiche übrigens mit der Stelle der Saga, die dem französischen 
Text von v. 3370 an fast wörtlich entspricht, die entsprechenden, aber 
ziemlich abweichenden Verse Wolframs, 249, 11 ff. 

do erhörte der degen ellens rieh 

einer frouwen stimme jsemerlich. 

ez was dennoch von touwe naz. 

vor im üf einer linden saz 

ein magt, der fuogte ir triwe not. 

ein gebalsemt ritter tot« 

lent ir zwischenn armen. 

Was im Folgenden Rochat über Chrestiens Darstellung im Verhältniss 
zu Wolfram sagt, gilt nicht weniger von unserer Saga und kann daher 
hier wiederholt werden. „Parzival erzählt seine Reise und wie er im 
Schlosse übernachtete. Chrestiens lässt aber keineswegs die Gralsburg 
unsichtbar sein, auch ist in seiner Erzählung keine Rede von Montsal- 
vaige, Titurel und Frimutel; überhaupt ist bei ihm das Ganze etwas 
kürzer gefasst." Interessant ist es, folgende hierher gehörige Stelle, für 
die sich eine entsprechende bei Wolfram nicht findet, mit der corre- 
spondierenden in der Saga zu vergleichen. Es handelt sich darum, daß 
Parzival hier seinen Namen bekommt; die pticele fragt: 



1 Et il. 2 viers. 3 foriest 4 s'akieut. v. 4601 f.: Si entre en I sentier et trueve 
Qu'il i ot une trace nueve. 6 que fait i avoient. 6 voit. 7 puci^le. 8 sous. 9 kaisne. 
10 qui. 11 pleure. 12. se. 13 deraisne. 14 caitive. 16 dolereuse. 16 issi. v. 4631 
Issi Celle son duel menoit. 17 dou. 18 trencie. 19 tieste, 
GBRMA.NIA. Nene Reihe II. (XIV.) Jahrg. H 



162 



EUGEN KÖLBING 



V. 3512 (4748): 
conmant^ aves vos non^ amis? 

Darauf heißt es: 
et eil qui ^ son non * ne savoit 
devine et dit* que il avoit 
Perchevaus ^ li Gualois * a non ', 
ne ne set s'il dit ® voir, o ^ non ; 
mais il dist voir, et si no ^® sot. 

V. 4754 (nachM): 
Et quant la damoisiMe Tot, 
Si fi'est encontre lui dr^eie 
Et a dist come courecie: 
Tes noms t*est cangi^.s, biaus amis, 
Coment Percevaus li kaitis ; 
Ha, Piercheval, biaus amis dous. 
Com i^s ore mal^urous, 
Quant tu tout 90U n*as demand^. 

Bei Wolfram erinnern uns folgende Zeilen an diese Stelle: 251, 28 f. 
K der stimme erkante si den man. Do sprach si: du bist Parzivdl, Also 
ganz abweichend, während das Französische und Nordische wenigstens 
einigermaßen zusammenstimmen. 



Eda hvat heitir })u vin? En hinn er 
eigi vissi nafn sitt, nema bann gat til 
\)&t , sßtta ek , sagdi bann, at ek beiti 
Paricuvaleis. En eigi vissi bann hvart 
bann sagdi satt ella eigi. Ok })egar sem 
msBrin skildi nafn bans, })a stod bon upp 
i moti bonom ok mselti sva sem reid: 
Vin, kvad bon, pu befir nu skipt nafni 
})inu illu; er })er nu farit, })uyeilli Per- 
cival, er pu spurdir eigi um spiotit etc. 



En bvadan var p&t sverd tekit er l>u ert 
vinstru megin gyrdr med, er aldri var i 
J),urftum reynt. Haf eigi traust a J)e8su 
sverdi ok veit bvadan p&t kom ok ek 
kann })ann er smidadi. 



V. 3594 (4830): 
Mais ou ** fu cele espee prise 
qui vos ** pant *^ au senestre flaue, 
qui onques d'bome ^* ne traist sanc, 
onques ne fu a besoin traite? 
ie sai bien ou ele fu faite 
et si sai bien qui ^^ la ^® foija . . 
In dem weiteren Gespräch über das Schwert weichen die französische 
und die nordische Quelle etwas von einander ab, theils in den Namen, 
theils im Gang des Gespräches. — In Chrestiens Texte sowohl als in 
der Saga erfahrt Parzival hier von seiner Verwandten den Tod seiner 
Mutter, während Wolfram dies erst bei Parzivals Aufenthalt bei Tre- 
vrezent erwähnt. 

Wir kommen nun zu der Begegnung Parzivals und der Jeschute, 
wie Wolfram sie nennt, während Chrestiens sie la damoiselle^ die Saga 
sie nur mcer nennt: 

V. 3631 (4865): 
eil tote sa sante s'en va, Nu ferr Percival eptir peirn miklu götu 

toz les esclos, que il trova miök akafliga allt til J)ess er bann sa einn 

1 coment. 2 nom. 3 ki. 4 dist. 6 Percevaus. 6 Galois. 7 nom. 8 dist 9 u. 

10 nel. 11 A. 12 vous. 13 pent. 14 d'ome. v. 4833: N'onques k besoing ne 

fu traite? 15 kl. 16 le, v, 4865 f.: Et eil tout I sentier s'en va Tout I esclos, tant 
qu'il trova. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. ' 163 

un palefroi et maigre * et las riddaraheat miök magran ok sva vesalan 

qui devant lui aloit lo * pas. sem uvin hefdi um hann velt. 

do ^ pale&oi estoit avis, 
tant estoit maigres ^ et chaitis ^, 
quil ® fast en males mains chaus '^. 

Es folgt nun im Französischen eine ausführliche Schilderung dieses er- 
bärmlichen Pferdes, die in der, wie schon oben bemerkt, langen 
Schilderungen abholden Saga fehlt. Nach der Schilderung der Frau, 
die auf dem Pferde sitzt, kommt der Punkt in Betracht, daß Parzival 
sie bei Chrestiens und in der Saga im Gegensatz zu Wolfram nicht 
erkennt, denn er sagt: 

V. 4961 (nachM): 
Por Dieu, bele amie, por coi? pn hin frida mser, eigi minnir mik at ek 

Ciertes, je ne pens ne ne croi hafi fyrr sett })ik ok per eigi vitandi ne 

Que jou onques mais vos v^isce viljandi mein giort. 

Ne riens nule vos maffesisce. 

V. 3747 (4981): 
ha sire, fait ele ®, merci ^, Hai , herra , sagdi hon , miskunna pu 

taisiez'® vos^^ en, faiez de ci^^, J3er ok fly undan at eigi fair pu van- 

si mi ^^ laissiez ** en pais ^^ ester. draedi af mer. 

Darauf erscheint hinn d/ramhlati riddari (Orguilleux bei Chrestiens, 
Orilus bei Wolfram genannt), d«r, erzürnt, einen fremden Ritter bei 
seiner unnasta zu finden , Parzival zuerst zwar Rechenschaft davon gibt, 
warum er die Frau so hart behandle, als dieser sich aber als der an jener 
Verkennung Schuldige zu erkennen gibt, ihn zum Zweikampf heraus- 
fordert*); besiegt versöhnt er sich mit seiner Gattin. Man vergleiche noch: 

V. 3781 (5019): 
oen en bois ales estoie, Ek var farinn a veidar i sumar ok let ek 

et ceste damoisele avoie pessa mey eptir i landtialdi etc. 

laissiee ^* en un paveillon ^'^ etc. 

y. 3873 (5315): 
si dist : „Chevaliers, par ma foi, Riddari , kvad hann , ]3at veit tru min 

ie ^^ n'aurai ia merci de toi at einga miskunn skal ek giora })er nema 

iusque tu l'aies de t'amie ; J)u miskunnir unnustu pinni, pvi at aldri 

que lo *® mal n*avoit ele mie pionadi hon til JDviliks erfidis sem nu he- 

deservi, ce pues tu iurer ^®. fir hon af J)vi hlotit. 

que tu li as fait andurer^*. 



1 magre. 21e. 3 del. 4 magres. 5 caities. 6 qu'il. 7k6as. Sfait-elle. 9 merchi. 10 tai- 
sies, 11 vous. 12 et faiös decL 13 me. 14 laissi6s. 16 emp6s. v.6019: Voirs ertk'aMs elbois 
estoie, lölaissie. 17 en un mien pavellon. 18 jou. 19 qu'ele. 20 ce te puis jurer. 21 endurer. 

*) Davon, daß das Schwert Parzivals bei dem Kampfe zerbricht und der Fischer- 
könig einen Boten ausschickt, um die Stücke ihm zurttckzubringen, weiß weder die Saga 
noch Wolfram etwas. Diese Episode findet sich ausführlich nur inM, v. 6101 — 6306, kurz 
angedeutet in der Handschrift, diePotvin mit 12676 bezeichnet. (Vgl, Ausg. I p. 171.) 

11* 



164 ' EUGEN KÖLBING 

Zu bemerken ist, daß bei Wolfram, wie Rochat schon andeutet, die 
Reihenfolge der Ereignisse die umgekehrte ist, indem gleich nach dem 
Zusammentreflfen Parzivals mit Orilus der Zweikampf beginnt, ohne 
daß dieser jenem vorher Nachricht von der Untreue der Frau gegeben 
hat. — Gemeinsam haben alle drei Darstellungen den Umstand, daß 
Parzival dem besiegten Ritter dieselbe Botschaft mitgibt an pa mey, 
er Kcei lavM, als den früheren. Von Tervrezent sagt an dieser Stelle 
weder Chrestiens noch die Saga ein Wort. 

Hinn draTriblati riddari begibt sich nun an Artus Hof. Chrestiens 
erzählt das Ganze etwas kürzer als Wolfram; daß Orilus der Bruder 
Cunnewarens ist, erwähnt er nicht. Die Namen Plimizoel, Jofreit fiz 
Idoel, Kamant, Kanedic etc. finden sich im französischen Text ebenso 
wenig , als Clamide und Kingrun , deren Wolfram gedenkt , und 
eben so steht es in der nordischen Bearbeitung der Sage. Es ist 
nur hinzuzufügen, daß die einzelnen Partieen der Handlung ebenfalls 
ganz übereinstimmend sind, nur daß die Saga sich kürzer fasst, z. B. 
auf die Frage Valvers, wer der tapfere Ritter sei, heißt es im Nordi- 
schen nur: Ok sagoti pa konungr herra Valver, hversu kann kom tilhdna 
ok hversu Kcei hafdi gdbbat kann, En kann hefir mer jafnan sidan fagr- 
liga pionat etc., wo Chrestiens eine lange Rede des Königs wörtlich 
anfuhrt. Artus verlässt nun den Ort, wo er sich mit seinem Gefolge 
aufgehalten hat, um Parzival aufzusuchen. Er schlägt sein Zelt auf 
einem oflfenen Felde auf, wohin Parzival dann zuftlllig auch geräth. 
Man vergleiche die folgende Stelle in beiden Bearbeitungen: 

V. 4098 (5540) : 

au matin ot ^ mult bien negie, I daginn feil mikill snior ok giordi kalt; 

qijB froid ^ estoit la matinee^; Jaann dag hafdi Percival arla upp verit 

et Perchevaus par la mornee * ok reid hann ut at leita atburda i her- 

fu leves, si con ^ il soloit, klaedum sinum ok peirra riddara er nök- 

que querre et encontrer voloit kut vildu vid hann eiga. f>a reid hann 

avanture^ et chevalerie; at J)eim snoinum (?) vöUum er her ko- 

et vint droit vers "^ la praerie nungsins var a. En J)eir varu allir Jjaktir 

qui fu gel^e et andgi^e ®. med snio. Ok er hann kom fram a völ- 

0^ los ^® lo ^* roi estoit logi^e ^^, lunum pa sa hann hvar flaug mikill fjöldi 

mais ains que il venist as gentes ^^, anda ok eptir einn val ok hafdi lostit 

voloit une rote ** de gentes ^^, eina önd sva at hon feil a jörd. Percival 

que la nois les a esboies ^®; reid })angat er hon nidr feil ok vildi taka 

veues les a et oies hana. Valrinn hraedist hann ok flaug 



1 fu. 2 froide. 3 moult la contr^e. 4 la matin^e. 5 com. 6 aventare. 7 en. 
8 enn^gie. 9 ü. 10 l'os. 11 le. 12 logie. 13 tantes. 14 route. 16 gantes. 
16 avoit esbleuies. 



DIE NORDISCHE PABZIVALSAGA UND IHEE QUELLE. 



165 



queles ^ s'en aloient bniiant 

por ^ un fau^on qui ^ va '^ volant 

apres ^ eles de grant randon, 

i ® vint ataignant abandon ' 

une fors des autres sevree 

si la® ferne et matee^ 

que contre terre ^" Tabati, 

mais trop par fu nois, si perdi, 

que ^^ ne si vost *^ Her ^^ ne ioindre. 

et Percevaus conmence a poindre ^^ 

la u il ot veu lo ^^ vol : 

la gente *® fu navree el col, 

si saigna ^^ trois goutes de sanc 

qui espandirent sor lo blanC; 

si sanbla ^® naturel color 

quant Percevaus vit defolee ^^ 
la noif sor coi la gente ^® iut ^®, 
et lo^^ sanc qui^^ entor parut, 
si sapoia ^^ desus ** sa lance 
por esgarder cele sanblance ^^ : 
et li Sans et la nois ensanble 
la fresce color li resanble ^* 
qui est ^'^ en la face sa mie ; 
et^® panse^® tant que tos^® s^oblie. 

V. 4207 (5652): 
et Kex qui onques ne se pot 
tenir de vilenie^* dire, 
s'en guabe^^ et dit''^ au roi; biax®* 

sire, 
veez ^^ con Sagremors ^^ revient : 
lo ^"^ Chevalier par lo^'^ frein^® tient, 
si Ten amoine^^ mal gre*® suen. 



skiott ok sva öndin pvi at hon var litt sar. 
En })o hafdi henni bloedt i snioinn. Ok 
sem hann sa peasa. hluti, nyfallinn snio 
ok hitt raudasta blöd, pa, kom honom i 
hug at slikr litr var i andliti Blankiflur 
unnustu hans ok var ]3a nu sva miök hug- 
sandi at hann var öllu Ödru gleymandi. 
Hann gadi einskis annars en sia her a. 
Sva var hann petta, miök ihugandi ok 
sva tok hann \>sl miök at unna at ekki 
matti hann ps. annat kunna* 



En Ksei raedismadr er aldri gat haldit 
ser fyrir heimsku ok hegoma ok mselti : 
Herra, sagdi hann, nu megi per sia til 
Sigamors hversu hann gengr a foeti ok 
leidir hestinn ; en annari leidir hann rid- 
darann naudgan ok yfirkomnan ok hefir 
unnit fagran sigr. 

Vergleichen wir beispielsweise hiermit wieder einmal den entsprechen- 
den deutschen Text, dem dieser Zug der Ironie hier ganz abgeht: 
290, 2 : Keye der küene man brähtz mcere für den künec sdn, Sagremors 
wcere gestochen abe^ unt dort üze hielt ein strenger knale, der gerte tjoste 
reht als e. 



1 qu'eles. 2 pour. 3 ki. 4 vint. 5 devant. 6 s'en. 7 k banden, v. 5557 : Une, 
fors de route asevree. 8 si l'a si. 9 tap^e. 10 ti^re. v. 5560: mais trop fu mas, si 
s'enparti. 11 qu'il. 12 vot. 13 loier. 14 goindre. 15 le. 16 gante. 17 sanna. 
18 Sambia. 19 d6foulee. 20 giut. 21 le. 22 ki. 23 s'apoia. 24 desor. 25 sem- 
blance. v. 5577: Du sanc et de la noif ensamble. 26 resamble. 27 ert. 28 si. 
29 pensa. 30 il. 31 f^lonnie. 32 se gäbe. 33 dist. 34 biaus. 35 ve^s. 36 Saigre- 
mors. 37 le. 38 frain. 39 amaine. 40 maugr^. 



166 



EUGEN KÖLBING 



V. 4227 (5672): 
et eil li cria ^ moult de loing: 



Sem EsbI kom fram ridandi at Percival, 
maelti hann : Enapi , sagdi hann , far 
til konuDgs ok })at veit tru min, pu skalt 
fara hvart er ]3U vilt eda eigi. 



En Percival festi spiotit sva at Kaei kom 
mdr fiaerri hestinum ok vid J)at brast i 
sundr armlegr hans ]iyi at hann })ar kom 
nidr sem berg var undir. 



V08 ^ i venrez * ia, par ma foi, 

ou ^ vos ^ lo comparrez "^ moult fort. 

V. 4240 (5685): 
et Percevaus pas ne se faint, 
desus ® la face Ta ataint, 
si Tabati ^ sor une reiche ^® 
que la chanole^^ li estoiche** 
et qa*antre lo code et Taissele 
ensin *^ con ** une seiche ** estele ^® 
Tos do *'' W*as ^® destre li brisa. 

Wir sehen aus dieser Stelle, daß der Verfasser der Saga sich, wenn 
auch oft, doch nicht immer, ängstlich an seine Vorlage gehalten hat. 
Denn hier stimmt einmal Wolfram genauer mit Chrestiens als die Saga. 
Die nächste Stelle lehrt uns dasselbe: 

V. 4365 (5810): 



Ok })vi naßst herklaeddist herra Valver 
ok reid ))angat sem riddarinn var ok 
msßlti etc. 

Ek er kalladr Valver. 



et mes sire^® Gawains^® setait^*, 
vers^^ lui tot soavet^^ enblant** 
sans faire nul felon sanblant^^ 

V. 4417 (5862): 
ßire sachiez ^* veraiement ^'^ 
que ie ai *® non ^® en baptestire ^® 
Gawains ^®. 

Im Folgenden wird nun Parzival von Valver dem König Artus vor- 
gestellt, der ihn beschwört, nicht wieder von ihm wegzuziehen. 

Cwndrie la sgrciere erscheint an Artus Hofe ; doch ist gleich zu 
bemerken, daß weder Chrestiens noch die Saga diesen Namen kennen. 
Sie wird nur bezeichnet als ein mcer liot ok leidinlig sva at aldri fcedr 
dist fiandligra kvikendi, während bei Chrestiens zu der Schilderung 
ihrer Hässlichkeit 17 Verse (4553 — 70) verwendet werden. 

V. 4626 (6074) 



por ce ^^ vos en di la novele ^^ 
que la ne faut nus qui ^^ i aille ^* 
qu'il^^ ne truisse^® ioste ou^^ bataille^®; 
qui viaut ^* faire chevalerie 
se lä la *® quiert, n'i faura mie. 



Nu seg ek ydr J^essi tidindi at hver sa 
er ))ar vil reyna riddaraskap sinn, ma 
par finna röskva felaga ok giama vilja 
]:>eir rejna utan if. 



1 crie. 2 vassal. 3 vous. 4 venr^s. 5 ü. 6 vous. 7 comperrez. 8 dessous 
v. 5686: Desous la bocle en haut l'ataint. 9 si Tabat si. 10 roce. 11 canole. 12 des- 
roce. V. 5689: Que, entre le keuste et TesiSle. 13 ausi. 14 com. 15 s^ce. 16 astiSle. 
17 del. 18 brac. 19 mesire. 20 Gauwains. 21 trait. 22 viers. 23 suef vait. 24 amblant. 
25 samblant. 26 saci^s. 27 certainement. 28 j^ai. 29 k nom. 30 batestire. 31 por 90U. 
32 les noveles. 33 ki. 34 alle. 35 qui \k. 36 truist« 37 u. 38 batalle. 39 viout. 40 le. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 167 

Die Dame meldet noch dazu, daß wer den höchsten Preis der Ritter- 
schaft erkämpfen wolle, auf einen Berg sich begeben müsse, au pai ki 
est 8or Montesclaire A une damoüüle assise; MouU grant honor aroit con- 
quise, Qui le si^e en povoit oster Et la pucUle delivrer. Man halte dazu 
die entsprechende Stelle der Saga: „En sa er eignast vill hö/udfrcegd i öl- 
lum heiminumy pa kann ek segja honom hvert kann mcetti scekja hina fridvMu 
aUra Tneyhama i veröldu, efnökkurr pyrdi til at rida brott at hvindapeirri 
mikilli umsat er um hana sitr i einu miklufialli. Nachdem das hässliche 
Frauenzimmer sich entfernt hat, melden sich einzelne Ritter zu den von 
ihr vorgeschlagenen Thaten. Das Stück lautet in beiden Bearbeitungen so : 

V. 6093 (nachM): 
La damoisele atant s'en part Nu sem moerin hafdi lokit roedu sinni, 

De ce que vot ot dit grant part, })a reid hon i brott , en herra Valver 

Si 8*en parti sans dire plus. sagdi at hann skyldi ))angat fara. En 

Et mesire Gawains saut sus Garflet sor at hann skyldi fara til pruda 

Et dist que son pooir fera kastalans.EnEindrinkveztl^angatskjldu 

De li secoiTe, et si ira; fara sem moerin sat 1 fiallinu. 

Et Gifles, li fius Do, redist 
Qu*il ira, se Dex li ait, 
Devant le Castel Orguelous. 
Et je sor le mont dolerous. 
Feit Cahadins, ne finerai 
Jusques Ik tantost monterai. 

Bleiben wir hier einen Augenblick stehen. Das pangatj Zeile 3, geht 
offenbar auf den Berg, wo die Jungfrau zu befreien ist. Eben dahin 
will Kindrin ziehen, der dem Cahadins des Chrestiens entspricht. Ebenso 
entsprechen sich augenscheinlich Garflet und Gifles, um so mehr als 
in dem Prosaroman, der eben eine andere Handschrift des Conte del 
Graal zur Vorlage gehabt hat, derselbe Name Girflot heißt. Wer ist 
nun dieser Gifles oder Girflot? Rochat, der diesen Namen in seinem 
ersten Aufsatz (Germ. III p. 101) bespricht, weiß gar nichts mit ihm 
anzufangen. Aber es ist doch bemerkenswerth , was Rochat hier 
gar nicht erwähnt, daß es schon ein Gyfles ist, der zusammen mit 
Yvains den an Artus Hof gekommenen Clamadis der Königin und der 
paede vorstellt (vgl. Conte de Graal ed. Potvin, v. 4060 ss.). Kommt 
mm dazu, daß in unserer Saga kurz vorher, ehe einem Garflet der 
erwähnte Auftrag wird, ein Garflet, konungs fol angeführt wird, so ist 
es doch ftürs Erste kaum zweifelhaft, daß diese beiden identisch sind. 
War nun ein fol, so darf man weiter folgern , nach damaligen Be- 
griffen nicht zu niedrig gestellt, daß ihm die hohe Mission zu Theil 
werden konnte, einen Ritter zu hochgestellten Damen zu geleiten, was 
in diesen Zeiten der vollendeten Hofetiquette schon viel sagen wollte. 



168 EUGEN KÖLBING 

so sieht man nicht ein, warum derselbe nicht auch einmal wie die andern 
Artusritter auf Abenteuer ausziehen konnte. Ist dies aber möglich, so 
sind doch wohl der hier und früher erwähnte Gifles, in der Saga Garflet, 
nicht nur unter einander identisch, sondern auch dieselbe Person mit 
dem 8oty dem fol konungs. Aus dem Ußiis Do weiß ich allerdings auch 
nichts zu machen, denn an eine Textverderbniss ist bei der Überein- 
stimmung der Handschriften schwerlich zu denken. — Kindrin (Caha- 
dins) wird außer an dieser Stelle nirgends erwähnt. 

Von Parzival ist dann in beiden Bearbeitungen erzählt, daß er 
sich verpflichtet, nicht zu ruhen, bis er weiß, was der Graal ist: En 
Percwal sor at kann skyldi eigi fyHr aptr koma en kann vissi^ hvat gan- 
gandi greidi var. Endlich: 

V. 6119 (nach M) : 
Et bien ensi jusqu'k -L« Ok J)a hlupu upp L riddara ok sam- 

S'en sont lev^; cascuns crdante bundust at J>eir skyldu })at vita hvar sa 

Li uns ä Tautre et dist et jure kastali vaeri. 

Que novi^le ne aventure 
Ne sauront qu'il ne lallent querre 
Tant soit en felenesce terre. 

Es ist dies offenbar dasselbe pradi kastalij zu dem auch Garflet ziehen 
will. — So bekommen wir zwei Gruppen , deren jede ihr besonderes 
Abenteuer aufsucht: Valver und Kindrin wollen das gefangene Fräulein 
auf dem Berge befreien, Garflet und eine Anzahl der übrigen Ritter 
dem prudi kastali einen Besuch abstatten. 

An Artus Hofe erscheint nun ein Ritter, bei Chrestiens Guingue- 
bresil *, in unserer Saga Gandilbrasit, bei Wolfram Kingrimursel genannt, 
der Valver zum Kampf auffordert, weil er seinen Herrn getödtet habe. 
Man vergleiche: 

V. 4685 (6133): 
Guiuguebresils * lo ^ roi conut, ... . ok heilsadi konungi ok mselti til 

lo ^ ealua, si com il dut, herra Valver : Einga kvedju ber ek per, 

mais Gawain ^ ne salue ^ mie, J^vi at pu drapt minn herra med sva mi- 

ains Tapele® de felenie'^, klum nidingskap at pn bauzthonom eigi 

et dit®: Gawains*, tu oceis^ til einvigis. 

mon seignor *®, et si lo feis ^* 
ensin *^ conques *^ noF ^* deffias ; 
honte et reproche *^ et blame ^® i as, 
si t*en apel ^^ de tra'ison. 



1 Guigambresil. 2 le. 3 sei. 4 Gauwain. 5 saloa. 6 Taparla. 7 f^lonie. 
8 dist. 9 ocesis. 10 signor. 11 le f6ris, 12 ensi. 13 c'onques. 14 nel 15 reproce. 
16 blasme. 17 apiel. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 169 

V. 4718 (6166): 
et eil dit*, que lo^ provera^ f)a svaradi Valver: pa er })u vilt, skal 

de traisson * laide et vilaine ek pesai svikrsßdi synja er pu kennirmer. 

iusqu^au chief de la quarantaine pa. svaradi honom at hann skyldi svik a 

deyant le roi de Assalon ^. hann sanua ok skal jsessi bardagi vera 

fyrir konunginum i Kapalon. 

Von einem Agrewains , wie bei Chrestiens , oder Beacurs , wie bei 
Wolfram, der fiir Valver (Gawains), als Verwandter desselben, Bürg- 
schaft geleistet habe, ist in unserer Saga nicht die Rede. Cap. 325—35 
in Wolframs Werk, die bei Chrestiens fehlen, finden sich natürlich auch 
in der Saga nicht. Valvers Abschied von Artus Hofe ist weit kürzer 
geschildert als im Französischen; es heißt nur: En Valver Most pegar 
ok hafdi pa VII skialdsveinna med ser ok hadu allir hannfara i gudsfridi. 
Übrigens ist Rochats Bemerkung (a. a. O.), daß im französischen Text 
Gawains sich mit einem Begleiter begnüge, falsch. Dem Nordischen 
ganz entsprechend heißt es v. 6182: VlI escuiers maine avoec hiL Hat 
der Verfertiger von Rochats Abschrift etwa VIT für Vn gelesen? Cap. 
336—337, 30 gehören wieder Wolfram allein an. 

Hier beginnen Valvers Abenteuer, die aber im Nordischen nicht, 
wie in den beiden anderen Bearbeitungen, durch eine besondere Be- 
merkung eingeleitet werden. Besonders ausfiihrlich in unserer Saga be- 
handelt findet sich Valvers erstes Abenteuer, ein Turnier vor dem Schlosse 
eines Königs, den Chrestiens Thibaut de Tintagueil, der Sagaschreiber 
Saibas, Wolfram Lyppaut nennt. Die beiden Töcht-^^r desselben sind 
weder bei Chrestiens noch in der Saga mit Namen genannt, wie bei 
Wolfram, Obilo£ heißt bei Chrestiens la petite^ in der Saga hin yngri 
dottir SaibaSy Obie bei Chrestiens la grandcj in der Saga dottir Saibas 
hin ellri. Meliauz de Lis heißt in der Saga Meliander. Die Stelle des 
hurcgräven von der stat, der bei Wolfram Scherules heißt, bei Chrestiens 
Gavain lifils Bertain genannt wird, vertritt in der Saga radgiafi Saibas. 
Von dem Namen von Gawans Pferd, Gringuliet, findet sich in der Saga 
so wenig eine Spur, als bei Chrestiens. — Ich hebe nun einzelne Stellen der 
Erzählung zur Vergleichung heraus und zwar die französischen aus M: 

V. 6201: 
Eseuier, di-moi qui eist sont Hverir eru pessir riddarar er her rida ? 

Qui ei trespassent. Cil respont: Hann svarar: pessi er Meliander, einn 

Sire, c'est Mdlians de Lis, rikr riddari. Ertu med honom? sagdi 

Uns Chevaliers preus et hardis. Valver. Nei, herra, Grediens heitir minn 

Es-tu k lui ? Sire, je non. herra. Hann kann ek gerla, sagdi Val- 

Teudav^s mes sires a nom, ver, seg mer, hvar hann er. Hann for 



1 dißt. 2 qu'il le. 3 prouvera. 4 tradson v, 6168: Ains le Qief d'une quaren- 
taine. 6 Cavalon (man vgl. Kapalon im Nord.). 



170 



EUGEN KÖLBING 



Hversu mä psi vera, sagdi Valver, 
})vi at Meliander var i gardi Saibas 
ok er bann fostrson bans. Herra , kvad 
bonom, sva er at sönnu, pYi at fadir 
baDs var mikill vin Saibas , ok bann 
var med bonom p&r til er bann var va- 
xinn, en pa. beiddist bann astar dottur 
bans, er bann unni med allri ast. En 
bon sagdi at bann skyldi fyrr riddari 
vera. 



Qui ne vaut mie mains de lui. til riddara atreidar, er })eir bafa malt 

Gauwains li respont sans anui : sin i milli Meliander ok Saibas. 

Teudavös jk connois-je bien. 

Ü va-il? ne me c^le rien. 

Sire, k I tomoiement va, 

Que Mdlians de Lis pris a 

Contre Tiebaut de Tingaguel, 

Et vous mdismes, ja mon voel, 

£1 castiel contre ceus de fors. 

V. 6216: 
Dex, fait mesire Gauwains lors, 
Dont ne fa M^lians de Lis 
En la maison Tiebaut noris? 
Oil, sire, se Dex me saut. 
Ses p^res ama moult Tidbaut 
Come son bome et moult le crut, 
Qu'el lit mortel lä üi il jut 
Son petit fil li comanda, 
Et eil le nourri et garda 
Au plus ci^rement que il pot, 
Tant c'une siue fille sot 
Proier et requerre d'amor, 
Et Celle dist que k nul jor 
S'amor ne li otrieroit 
Tant que il cbevaliers seroit. 

In der folgenden Scene ist zu bemerken, 

Chrestiens nicht, wie bei Wolfram 352, 7 

mit ir Schemen tohtem zwein, sondern die 

allein bis zur höchsten Schießscharte hinaufgestiegen sind, 

das Gespräch über Valver folgt. 

V. 6334: 
Et les dames et les puceles 
Vont par les plus baus lius s^oir 
Por le tomoiement vdoir 

Das Nächste ist in der Saga viel kürzer gefasst. 

V. 6387: 
Et sa suer ki l^s li s^oit 
Li dist que plus bei i avoit ; 
Et cele en fu moult corecie, 
Si s*est por li förir dr^cie ; 
Mais les dames arrier le traient etc. 

V. 6395: 
Et li tomoiemens comence, 
(j ot brisie mainte lance 
Et maint cop d*espde fem, 
Et maint cbevalier abatu; 



daß in der Saga und bei 
diu wirtin selbe komen was 
letzteren mit ihren Frauen 
wo dann 



En doetr Saibas gengu upp i bitt bsesta 
vigskard ok med J)eim allr berrinn, at 
sia samkomu riddaranna. 



]>a msBlti bin yngri : „Ek se annan rid- 
dara fridara ok mä vera at bann se 
braustari. Hin reidist miök ok vildi liosta 
bana. En meyjar er vid varu bannudu 
benni ))at. En med riddaranum vard 
bin mesta atreid ok binn bardasti bar- 
dagi ok steyptist })ar margr til jardar; 
en af öllum peim er })ar varu stozt eingi 
Meliandri, pwi at bann steypti bveijum 
er bann moetti ok sem spiot bans brast. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 171 

Mais sacids que moult cier li coste, bra hann sverdi sinu ok hio a badar 

Qui a M^lian de Lis joste, hendr sva at eingi pordi at bida hans. 

Que devant sa lance ne dure Ok unnasta hans vard fegin ok gat eigi 

Nus qu'il ne porte ä ti^re dure, })agat. Siaid nu, sagdi hon, eingi stendr 

Et, se sa lance li pechoie, honom af öUum riddamm ok eingi mun 

Grrand cop de s'espde i emploie. i heiminum. 

Sei fait mius que tuit eil ne fönt, 
Qui d*une part et d*autre sont. 
S*en a si grant joie s*amie, 
Qu*ele ne 8*en puet tenir mie 
Et dist: Dames, v^ös mervelles, 
Ains ne v^istes ses parelles etc. 

V. 6416: 
Et la puciMe dist: Jou voi Gud veit, kvad hin yngri systir hen- 

Plus bei et mellor, se devint. nar, her er fridari riddari en hann er. 

Hierauf schlägt dann die Ältere ihre Schwester im Zorn. Dieser um- 
stand fehlt bei Wolfram und um dieser Scene auszuweichen, hat er 
vielleicht den jugendlichen Töchtern die Frau Mutter zur Aufsicht mit- 
gegeben, deren Gegenwart eine solche Auslassung verhindern musste, 
wie denn überhaupt Wolfram die Obie so viel als möglich zu entschul- 
digen sucht, vielleicht um nicht wieder bei den Frauen anzustoßen; 
man vgl. Cap. 365, 20 — 366, 1. — Die zwei Versuche Obiens, Valver 
zu schaden, dann sein Zusammentreffen mit Garins, der ihm Herberge 
anbietet, endlich mit dem König, der, statt ihn nach dem Wunsche 
seiner älteren Tochter als piofr zu bestrafen, ihn so freundschaftlich als 
möglich behandelt, alle diese Züge haben das Französische und das 
Nordische mit einander gemeinsam. Nur daß auch an diesen Stellen 
in der Saga die Erzählung viel knapper gefasst ist als im Französischen. 
Es folgt dann die Bitte der jüngeren Tochter des Königs an herra Valver, 
er möchte, um sie zu retten, am Kampfe Theil nehmen, was dieser 
auch zusagt. Den scharfen Tadel, den der König bei Chrestiens 
und in der Saga gegen seine ältere Tochter, ihres Benehmens gegen 
die Jüngere wegen, ausspricht, finde ich bei Wolfram nicht, wohl 
auch aus dem oben angeführten Grunde. Am nächsten Morgen gibt 
hin yngri konungs dottwr dem Valver die gullstuka, die er ihr zu Ehren 
tragen soll. Es folgt der Kampf. Man vergleiche: 

V. 6874: 
Apr^s 90U ne targiferent mie })vi naBst herklaßddist allt lidit ok reid 

Li Chevalier qu'il ne s'armascent; ut af borginni. En allir menn ok konur 

Armet, fors de la ville amascent; gengu i vigskard borgarinnar. Ok Me- 

Et les damoseles resont üander reid ekki fiarri halfa milu fram 

Montdes sor les murs amont a völlinn fra lidinu. 

Et les dames del castel totes 
I virent assambler les rotes 



172 



EUGEN KÖLBING 



De Chevaliers fors et hardis; 
Devant tous M^lians de Lis 
S'en vint as rens, tous eslaissids, 
Et ot ses compagnons laissids, 
Bien lonc 11 arpens et demi. 

Den Kampf selbst schildert Wolfram, seinem Geschmack entsprechend, 
sehr ausführlich, viel kürzer dagegen Chrestiens und die Saga. Von 
der Theilnahme des rothen Ritters (Parzival) am Kampfe weiß die Saga 
nichts, so wenig wie Chrestiens. Auch der versöhnende Abschluß und 
die Vermählung zwischen Melianz und Obie, wodurch diese noch einmal 
in ein freundliches Licht gesetzt wird, scheint Wolframs Erfindung zu sein, 
während in der Saga und bei Chrestiens kurz vor dem Schlüsse des 
Auftrittes noch eine ziemlich unerquickliche Auseinandersetzimg zwischen 
den beiden Schwestern in Scene gesetzt wird, die fast wieder zu Thät- 
lichkeiten fUhrt: 



En hon vard miök reid ok vildi liosta 
hana; en mejrjamar stodu fyrir, er hia 
varu. 



V. 6936: 
Lors 11 ^ust don^ I flat 
L'autre, 8*on li vosist sofrir ; 
Mais ne li laissi^rent ferir 
Les dames qui entor estoient. 

Nachdem Valver sich hier verabschiedet, folgt sein zweites Abenteuer. 
Den bei Wolfram Vergulaht genannten König nennt Chrestiens uns 
ioveaciaXj sor tos les autres liplus bictx*^ die Saga drückt sich ähnlich aus; 
En sidan ridu pveir menn ok var annar ungr ok friSfr, indem sie natür- 
lich unter dem letzteren den König meint. Schloß und Stadt haben 
weder bei Chrestiens noch in der Saga bestimmte Namen; doch stellt 
Rochat p. 103 a. a. O. ganz mit Recht die Behauptung auf, es sei die 
Hauptstadt des Königs von Ascalon — hier Kapalon — gemeint, denn 
der Gandilbrasit der Saga beklagt sich gegen den König in allen drei 
Bearbeitungen über die üble Behandlung, die Valver — Gawains — 
(bei Rochat steht Parzival^ was natürlich nur ein Versehen ist) von 
den aufgebrachten Bürgern der Stadt zu erfahren hat. Der von Rochat 
im Folgenden besprochene Rath, den der vavassor, in der Saga hmungs 
radgiafiy bei Wolfram Liddamus genannt, dem König in Betreff Valvers 
gibt, ist, um es kurz zu sagen, in der Saga ganz der nämliche und 
entbehrt ebenso sehr der näheren Begründung, im Gegensatz zu Wolframs 
Darstellung. Davon, daß Ehkunat, und nicht Gawan, den Kingrisin 
getödtet, sagt die Saga so wenig etwas als Chrestiens. Man vergleiche 
nun folgende einzelne Stellen: 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 



173 



V. 5643 (7095): 
Et eil ceus ^ mon seignor Gawain ^ 
Salua ^ et prist ** par lo frain * 
Etdit®: „Sire, io ' vos retaing ® 
Ale» V08® en ^® \k dont ie vaing^^, 
Si descendes^^ en mes maisons; 
H ^^ est liuimais tans et saisons ^^ 
De esbergier^^ 8*or ^* ne vos poise. 
J'ai ^'^ xine seror moult cortoise 
Qui de vos ^® grant ioie fera etc. 

V. 5758 (7210): 
Uns yavasors ^® endemantiers ^® 
Entra laians^^, qui moult lor nut, 
Qui mon seignor ^ Gawain conut. 
Si les trova entrebaisant 
Et grant ioie entredemenant ; 
Et des ^^ que il vit tele ^^ ioie 
Ne pot tenir sa boche ^* coie, • 
Ains s'ecria a grant vertu: 
Farne ^^, honie ^* soies tu 
Et Deux ^'^ te destruie ^® et confonde, 
Que Tome de trestot ^® lo ^® monde 
Que tu devroies plus ha'ir 
Te laisses ensin^^ conioir. 

Von dem Schachspiel, mit dem die Belagerten sich dann vertheidigen, 
findet sich in der Saga nichts. Die ganze Schilderung des Kampfes ist 
in der Saga sehr kurz, im Gegensatz zu Chrestiens. 
V. 6132 (7580): 



Hann heilsadi herra Valver ok tok i hönd 
bans ok mselti til bans : Ek byd ydr 
at per farid til kastala vars i vart her- 
bergi Jjvi at nu er dagr miök lidinn ok 
timi at bvilast ok ek a |)ar systur ok mun 
bon ydr vel fagna. 



En bon jatadi pvi blictliga ok kystust 
^au mect soetum balsföngum. J^etta sa 
einn beimskr ribbaldi ok kendi })egar 
Valver ok aepti bari roedu : Gud gefi per 
svi vir ding kona er pn elskar J)ann er 
pVL aßttir mest at bata pvi at bann drap 
foedur })inn. 



pA sendi bann beim skialdsveina sina 
medbestum sinum nemaGvingvilloteinn. 



Et a trestos ** ses valles ^^ dist, 
Que en sa terre ^* s'en alassent 
Et ses ebevax ^^ en remenassent ^* 
Trestos ^^, fors sol son^® guingalet^^ 

Man muß zugestehen, daß es sowohl im französischen, wie im nordi- 
schen Text zweifelhaft genug ist, ob Guingalet oder Gvingvillot der 
Name eines Knappen oder der eines Pferdes ist und wir können es 
daher Wolfram nicht so übel nehmen, wenn er das Letztere annimmt, 
obwohl das Erstere wohl die Meinung ist. Eine Menge anderer Namen, 



1 sor. 2 monseigneur. 3 s^en va. 4 et le prist. 6 la main. 6 dist. 7 je. 

8 retieng. 9 vons. 10 ent. 11 vieng. 12 bien descendr^s. 13 bien 14 raisons. 
15 berberger. 16 s^or. 17 g^ai. 18 vous. 19 vavasours. 20 endemantiers. 21 laiens. 

V. 7214: Et moult trSs grant joie faisant. 22 puls. 23 cele. 24 bouke. 25 femme. 

26 bonnie. 27 dex. 28 destraisse. 29 trestout 30 le. 31 ensi« 32 trestout. 

33 varUs. 34 lor tiöre. 35 cevaus. 36 remenascent. 37 trestous. 38 fors que le, 
89 Gringalet. 



174 EUGEN KÖLBING 

die sich bei Wolfram finden, hat weder Chrestiens noch die Saga auf- 
zuweisen. 

Nach dieser Erzählung von Valvers Abenteuern kehren alle drei 
Texte zu Parzival zurück. En nu er at segja fra Percival heißt es in 
der Saga, De monsignor Gauwain se tatst Ici li contes ä estal Si comence de 
Perceval bei Chrestiens. Das Cap. 433 — 446 bei Wolfram Erzählte, nämlich 
Parzivals Zusammentreffen mit der nun als Klausnerin lebenden Sigune, 
findet sich weder bei Chrestiens noch in der nordischen Bearbeitung; 
eine Abweichung, die Rochat so gut als möglich zu erklären sucht. 

Nachdem Parzival nun flinf Jahre umhergezogen ist , ohne zu 
einem Kreuz oder zu einer Kirche zu kommen und nur Auszeichnung 
in ritterlichen Leistungen gesucht hat, da trifft er an einem Charfreitag 
auf einen Zug von Büßenden, bei Chrestiens und in der Saga bestehend 
aus drei Rittern und zehn Damen, die ihn zu eines Einsiedlers Klause 
weisen. Man vergleiche: • 

V. 6179 (7627): 
Et li uns des trois Chevaliers ])eir sögctu: Veizt })U eigi, at nu er sa 

L*areste^ et dit^: „biaux^ sire chiers^, dagr er kristr ])oldi dauda til lausnar 
Dont ne crees vos ^ Jeshu Christ * öUu mankyni. Ok er Jjat eigi riddara 

Qui la novele loi escrist, sidr at rida pB. a })eim degi. 

Si la'' dona® as chrestiens?^ 
Certes, ce ^® n*est raisons ne biens 
D'armes porter, ains est grans tors ^ ^ 
Au ior que Jeshu Crist ^^ fti mors. 

Die Auseinandersetzung der Ritter über des Tages Bedeutung ist in 
der Saga nicht so ausführlich als bei Chrestiens und Wolfram. Fast 
wörtliche Übereinstimmung beginnt wieder von v. 6227 des französischen 
Textes an: 

V. 6227 (7675): 

Dont^* venes vos ^* ores ensi? Hvadan komi per nu? sagcti hann: He- 

Fait Perchevaus ^^. Sire, de ci ^*, dan or mörkinni fra einum agsetum guds 
D'un bott home ^'', d'un saint ermile ^®, })ionostu manni. 
Qui en ceste forest ^^ habite .... 

V. 7681 (nachM): 

Por Dieu, signor, 1& que feistes ? Hvat giordu per Jjar ? kvad Percival. 

Que demandastes, que quesistes? })at sem allir kristnir menn eru skyldir 

Coi? sire, fait une des dames, at giora; jatning synda sinna, ok tokum 

De nos pdci^s li demandames hjalpraedi til yfirbota. Sem Percival var 



1 Tarrieste. 2 dist. 3 biaus. 4 ciers. 5 cr^Ss-vos. 6 Jhesucrist. 7 et le. 
8 donna. 9 crestiiens. 10 il. 11 tors. 12 Jhdsucris. 13 et dont. 14 vous. 15 Per- 
cevaus. 16 chi. 17 preudome. 18 hermite. 19 foriest. 



DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA UND IHRE QUELLE. 



175 



slikt skiljandi, pB. komst hann vid miök 
i hjarta sinu ok kom honom i hug hversu 
ferliga hann hafdi lifat ok mselti hann })a 
tilriddaranna: Mer likratfara til J^essa 
einsetumanns ef ek ma finna hann ok 
})eir ])e^ar yisudu honom a pami veg 
sem ))eir foru fra hans. 



Consel, et confesse en prdismes. 

La plus grant besoingne i fdismes, 

Que nus crestiens puisse faire, 

Qui Yoelle a Damledieu retraire. 

Cou que Percevaus o'i ot 

Le fist plorer, et se li plot 

Que au saint home alast parier: 

La vorrai-jou, fait il, aler; 

Aler i Yoel, se jou savoie 

Tenir le sentier et la voie. 

Bei Wolfram dagegen rathen die Ritter selbst dem Parzival, er solle 

zu dem Einsiedler gehen und sich bei ihm Rath und Vergebung seiner 

Sünden holen. Vgl. Cap. 448, 21 ff. 

Die letzte ausführliche Schilderung, die die Saga uns bietet, spielt 
in der Klause des Einsiedlers. Die Bitte der mit den Rittern reisenden 
Damen an Parzival, bei der Gesellschaft zu bleiben und sich zu er- 
holen, scheint Wolframs Erfindung, dessen germanischem Gastfreund- 
schaftsgefühl ein einfaches Atant ä Dieu 8*entrecomandent , Riens nule 
plus ne se demandent nicht genügen konnte. 

Was den Aufenthalt bei dem Klausner betrifft, so ist zuerst zu 
bemerken, daß Chrestiens und die Saga seinen Namen nicht kennen, 
indem der erstere ihn li preadom, die Saga ihn Kinn godi maSr nennt. 
Daß er Parzivals Onkel ist, sagt er in beiden Bearbeitungen und über- 
haupt ist die Darstellung übereinstimmend, wie sich gleich daran zeigt, 
daß das Geständniss, er habe innerhalb fünf Jahren weder um Kirche 
noch Kreuz sich bekümmert, nicht Parzival selbst, wie bei Wolfram, 
in den Mund gelegt, sondern vorausgeschickt wird. 
V. 6147 (7595): 



Ce Bont cinq ans trestuit ^ entier, 
Ains que il entra ^ en mostier, 
Ne Deu^, ne sa crois aora*. 
Tot ^ ensin * V ans demora "^ ; 
Porce ne relaissoit il mie 
A requerre chevalerie, 
Que les estranges aventures, 
Les felenesses et les dures 

V. 7602 (nachM): 
Aloit querant, et s'en trova 
Tant que moult bien s'i esprova ; 

V. 7610 (nach M): 
Ensi les V ans esploita 
C'onques de Dieu ne li sovint. 



En nu er at segja fra Percival, at hann 
lifir sva fimm vetr at hann kom hvarki 
til kross ne kirkju, sva var honom mikill 
hugr a at fremjast at riddaraskap ok lei- 
tadi allra hinna hördustu riddara, ok 
fann öngvan sva röskvan at hann sigra- 
dist eigi a honom ok for sva ut })essa 
fimm vetr at honom kom aldri gud i hug. 



1 trestot, 2 entrast. 8 Di6ü. 4 n*aoüra. 6 toült. 6 ensi. 7 esploita. r 7699: 
li pour 90U ne laissa il mie« 



176 EUGEN KÖLBING 

Er bekennt dann dem Einsiedler seine Sünden: 

V. 7738 (nachM): 
Sire, fait-il, bien a V ans Herra, kvad Percival, nu eru lidnir fimm 

Que jou ne soi \i ge me fiii, vetr sidan ek bact guct mer miskunnar 

Ne Dieu n'amai ne Diu ne crui ; ok einga tru hafda ek til bans ; ek hefi 

N^onques puis ne fis se mal non. p&t eitt giort a J^essum fimm vetrum er 

ült er. 

Er bekennt dann, daß er den Graal und die blutige Lanze gesehen 
und nicht danach gefragt habe und erhält eine kurze Auskunft über 
Beides. Dein erstes Vergehen, sagt der Einsiedler, war, daß du gegen 
den Willen deiner Mutter dich von ihr trenntest; dein zweites, daß du 
auf der Gralsburg nicht fragtest, und du wärest längst verloren, wenn 
nicht deine Mutter bei Gott Fürbitte für dich eingelegt hätte. — Was 
ihm sein Onkel besonders empfiehlt, ist, die Kirche zu besuchen, Messe 
zu hören und barmherzig gegen alle Dürftigen zu sein. Parzival ver- 
weilt nun zwei Tage bei dem Klausner. 

Hier kehren nun Chrestiens und Wolfram zu den Erlebnissen 
Gawans zurück, während der Verfasser der Saga einen selbständigen 
Schluß zu seiner Darstellung bietet, der, so kurz er ist, der poetischen 
Gerechtigkeit doch einigermaßen Rechnung trägt. Ich lasse ihn hier 
folgen: 

Harin reid nu brott ok htti eigi fyrr en kann kom tu fögru horgar^ 
ok varä Blankiflur, unnusta hans, honom hardla fegin ok alUr adrir peir 
smi varu par fyrr* Fekk Percival pa Blankiflur ok gioräist agcetr höf- 
ctingi yfir öllu riki hennar sva agcetr ok sigrscell at ald/ri atti kann sva 
vapaaskipti vid riddara at ekki sigradist kann. Ok mcettt kann öllum 
hinum marpastum riddarum er varu um hans daga, Ok lykr her sögu 
Percival riddara. 

3. So weit die Saga und soweit die von mir anzustellende Einzel- 
vergleichung des nordischen Textes mit dem französischen des Chre- 
stiens. Das meiner Überzeugung nach vollständig feststehende Resultat 
derselben lässt sich kurz dahin zusammenfassen, daß der Verfasser der 
Parzivalsaga nicht nur die französische Bearbeitung desselben StoflFes, 
wie sie uns im Conte del Graal des Chrestiens de Troyes vorliegt, zur 
Vorlage und zum Vorbilde gehabt hat, sondern sich mit wenigen Aus- 
nahmen viel enger an dies sein Vorbild angeschlossen hat, als der 
deutsche, wenigstens zum Theil nach demselben Vorbilde arbeitende 
Dichter Wolfram von Eschenbach. 

Wir müssen aber noch einen Schritt weiter gehen. Ein Blick auf 
die Saga lehrt, daß ihr Inhalt in sich keinen Abschluß hat. Um nur 



DIE NORDISCHE PAraiVALÖAGA UND IHKE QUELLE. 177 

eins anzuftihren, so fehlt dem Besuch auf der Gralsburg alle Pointe, 
wenn nicht Parzival später Gelegenheit gegeben wird, dahin zurück- 
zukehren, um die verhängnissvolle Frage zu ihun und das Gralskönig- 
thum zu erlangen. Diee^. und Anderes weist darauf hin, daß der vom 
Sagaschreiber improvisierte Schluß ein gewaltsamer ist, will sagen, daß 
seine Vorlage nur ein Bruchstück eines unvollendeten Gedichtes ge- 
wesen ist. Und so steht es auch. Es ist erwiesen, daß Chrestiens Ge- 
dicht nur etwa bis Caps M5 des Wolframschen Gedichtes gereicht hat, 
von wo an dann die Arbeit der Fortsetzer zu rechnen ist. Wir müssen 
also das Resultat dahin formulieren, daß der Sagaschreiber nur die 
Arbeit Chrestiens, nicht die seiner Fortsetzer zur Vorlage gehabt hat 
Aber noch zwei Punkte, die vielleicht Bedenken erregen könnten, sind 
hierbei zu besprechen. 

1. Chrestiens Werk hat eine Vorgeschichte, die in der Saga fehlt. 
Das ist wahr; aber halten wir dagegen, daß einmal diese Vorgeschichte 
sich nur in dem Manuscripte von Mons findet, daß sie femer offenbar 
auch Wolfram nicht vorgelegen hat, und endlich, daß es nicht unwahr- 
scheinlich ist, daß diese Vorgeschichte, wie wir sie bei Potvin abge- 
druckt finden, nicht das Werk Chrestiens, sondern eines seiner Nach- 
dichter ist, so sehen wir deutlich, daß dieser Punkt gar keine Schwie- 
rigkeit macht und daß sich höchstens das daraus schließen lässt, daß 
dem nordischen Bearbeiter das Manuscript von Mons nicht vorgelegen 
hat, ein Resultat, das sich ebenso sicher schon aus den Abweichungen 
in den Namen und aus dem Fehlen des Inhaltes der eingeschobenen 
200 Verse in der Saga ergibt. Der Verfasser der Saga hat eine Hand- 
schrift aus der Gruppe, die Perceval le vieil überschrieben ist, vor sich 
gehabt. 

2. Wenn aber Chrestiens Werk dem Verfasser der Saga, soweit 
es vollendet war, vorgelegen hat, so ist es, besonders wenn wir dazu 
nehmen , wie genau der letztere sich an seine Vorlage hält , von 
vom herein wahrscheinlich, daß seine Bearbeitung im Stoffe ebenso 
weit reichte als seine Vorlage. Dem ist aber thatsächlich nicht so. 
Reicht Chrestiens Werk in Wolframs Bearbeitung etwa bis Cap. 645, 
80 schließt die Saga etwa an der Stelle, die Cap. 503 bei Wolfram 
entspricht. Daß uns nicht etwa der Schluß verloren gegangen ist, wie 
man wohl meinen könnte, sehen wir an den Schlußworten: Ok lykr her 
8ögu Percival riddara, deutlich genug. Diese Schwierigkeit löst sich 
wohl dadurch, daß in allen drei früher besprochenen Handschriften, 
die unter anderm auch die Parzivalsaga enthalten, gleich auf diese ein 

GEUMANIA. NeueHeihe II. (XIV.) -f^hrg. 12 



178 EUGEN KÖLBING 

Valvei*s paUr folgt, also ein Bruchstück einer Valverssaga, von dem 
mir leider jetzt nur Anfang und Ende vorliegt Der Anfang lautet: 
(vgl. Samlingar utgifha af Svenska Fornskrifl-Sällskapet. Andra delen. 
Haft 2-4. Herr Ivan Lejon-riddaren. Stockholm 1849 p. CXXXIV.) 

Nu hefr her upp öd/ro sinnt ok seger af storvirkium herra Valver oh 
hrnis ferdum, Sem kann reid af kastali peim er kann hafdi i verit, Geck 
folkit ath miUi da>guerdar mals ok nons ok hado Kann huergi fara, pa 
kam kann ath eik einni miküU saa hann par liggia einn riddara helld/r 
lagt ok miok saran ok eina mey halfdavda ok miok syrgiandi etc. 

Mit den letzten Zeilen vergleiche man folgende Stelle im franzö- 
sischen Text : V. 7898 f. : Et vit •/• kaisne haut et grant, Trop hien fuellu 
por omhre rendre. v. 7914 ff.: Atant desous U kesne esgarde. Et vit seoir 

une puciele Qui mouÜ li samblast estre bele v. 7920: Si s'esforgoit 

moult de duel faire j Po7* •/• chevalier du£l faisoit Que eile moult souvent 
haisoit Es ex, el front et en li bonce, Quant mesire Gauwains Vaprouce, 
Si voit le chevalir blece^ Qui le vis avoit depecie, Et ot une plaie mouU 
grief D'une espee p'ri^mi le cief etc. 

Die Identität beider Scenen ist wohl einleuchtend. Der Schluß 
des Bruchstücks ist folgender: 

Lillo sidar stod herra Valver upp ok geck til scetis sins, enn alltfollk 
er i var stadnum var honom til pionosto ok kollodo hann herra sin ok 
lavard, pa var ok füll öll hallin af folkL hann so/a einn ungan ok hceversk- 
lighan mann. Hann kaUadi hann til sin ok mcelti leynilegha til hans, 
Af pui ath ek hafer valit pik einn af ollum er her ero inni til tranadar 
mans pa bid ek pik ath pu rider mz mino eyrindi til mins herra AHus 
konungs. 

Man vergleiche folgende Stellen im französischen Text: v. 10441 : 
Et mesire Guutoains a tant Parlet ä sa seror la bidle Que il se lidve et 
si apide Un varlet que il voit ä destre, Celui qui phis li sambloit estre 
Vistes et preus et servitcibles Et plus sa^ges et plus resnahles De tosi ^ 
varles de la sale ; En une cambre s'en avale Et li varles seus avoec lui; 
Quant il furent ensambU andui, Se le dist : Varlet, jou te quit MouU preu, 
moult sage et mouÜ bien duit; Sejou 'I' mien consel te di, Del celer mouU 
bim te casti, Pour ^ou que tu i aies preu etc. v. 10464 f.: Amis, fait ü, 
dont iras tu A mon oncle le roi AHu. 

Daß auch diese Stelle in beiden Bearbeitungen übereinstimmt, 
bedarf wohl keines besondem Nachweises, So entspricht also die An- 
fangs- und die Schlußpartie des Bruchstücks der Erzählung, wie sie 
sich an den betreffenden Stellen im Französischen findet, und es scheint 
mir keine sehr gewagte Annahme, wenn wir daraus schließen, daß das 
von diesem Anfang und Ende eingeschlossene Bruchstück die entspre- 



DIE NORDISCHE PARZIVALÖAGA UND IHRE QUELLE. 179 

chende Partie des französischen Gedichtes (v* 7893 — 10465) zur Vorlage 
gehabt hat*). Von v. 10465 bis zum Schluß des Perceval le viel sind 
noch etwas über 100 Verse, die der Sagaschreiber aus irgend einem 
uns unbekannten Grunde in seiner Bearbeitung nicht berücksichtigt hat. 
— Das Resultat dieser Erörterung ist also, daß Parzivalsaga und Val- 
vers|)attr zusammen dem Inhalt von Chrestiens Perceval le vieil ent- 
sprechen imd eine Handschrift des letzteren Gedichtes zur Vorlage 
gehabt haben. Warum aber die Trennung zwischen den beiden ur- 
sprünglich zusammengehörigen Stoffen? Ich meine, der Verfasser der 
Parzivalsaga hat — und dies mit einem sehr richtigen Instincte — ' 
wohl gef&hlt, daß jetzt, wo bei ihm der Hauptheld der Saga glücklich 
in den Hafen eingelaufen war, die Nebenrolle, in der Valver in der 
weiteren Erzählung noch auftreten sollte, nur einen sehr matten und 
kläglichen Eindruck machen würde, und aus diesem Grunde dem noch 
übrigen Theil seiner Vorlage eine gesonderte Existenz gegeben, aller- 
dings das dabei aus dem Auge lassend, daß dadurch der in die Par- 
zivalsaga enger verflochtene Theil der Valverssaga ebenfalls seine Pointe 
einbüße, was freilich nicht zu vermeiden war, da dem französischen 
Buch das Ende fehlte, 

IV. Abfassungszeit und Verfasser der Saga. 

Ohne, etwa aus Styl odet Inhalt imserer Saga, auf einen be- 
stimmten Verfasser schließen zu können oder zu wollen, möchte ich 
nur einige allgemeinere Notizen unter dieser Rubrik zusammenstellen. 

Für die Zeit der Abfassung sind uns folgende Momente gegeben. 
"Der Tod Chrestiens de Troyes föllt spätestens in den Anfang des 
13. Jhd. Die Pergamenthandschrift, welche die Saga enthält, ßdlt nach 
Arvidsson etwa in das Ende des 14. Jhd. Nun wissen wir, daß Euphe- 
mia, die Gemahlin des Hakon Magnussen (f 1312), patrona litterarum 
genannt, mehrfache Bearbeitungen fremder Stoffe in nordischer Prosa 
veranlasst hat; so den Iwein 1302. Ihrer Anregung verdanken wir 
daher wahrscheinlich auch die Abfassung der Parzivalsaga. 

Was die eigenen Leistungen des Verfassers betrifft, so ist vor 
allem zu rühmen die schmucklose, einfache, aber gerade in dieser Ein- 
fachheit ansprechende Sprache, die der Saga trotz des Fehlens einer 
ganz selbständigen Behandlung des Stoffes unter den verschiedenen 



*) Durch Herrn Prof. Zarnckes gütige Vermittlung habe ich nachträglich eine 
Inhaltsangabe des Valvers J)attr von dem bekannten dänischen Sprachforscher Herrn 
Dr. Ludwig Wimmer in Kopenhagen erhalten , welche meine oben ausgesprochene 
Vermuthung bestätigt. Nächstens mehr darüber. 

12* 



180 EUGEN KÖLBING, DIE NORDISCHE PARZIVALSAGA etc. 

Bearbeitungen der Parzivalssaga nicht den untersten Platz anweist. 
Und sollen wir den Autor deshalb tadeln, weil er sich in seiner Dar- 
stellung genau an seine Vorlage hielt? Sicher nicht. Wolfram — 
das sehen wir aus seinem Werke deutlich — wollte von Anfang au 
mehr als bloß eine verständliche Übersetzung des französischen Ge- 
dichtes in deutscher Sprache geben ; er wollte in der Art , wie er es 
wiedergab , dem romantischen Stoff ein deutsches Gepräge verleihen, 
und wir müssen sagen, daß ihm dies vorzüglich gelungen ist; der 
Pichter der englischen Romanze hat zwar 'wahrscheinlich auch Chre- 
stiens vor sich gehabt, hat aber mit poetischer Licenz manches Neue 
hinzugefiigt, manche Züge verändert. Unser nordischer Bearbeiter hat, 
wie mir scheinen will, einfach den Zweck vor Augen gehabt, seinen 
gebildeten Landsleuten den fremdartigen, aber eben dadurch anziehen- 
den Stoff des französischen Gedichtes in schlichter, leicht verständlicher 
Fassung vorzuführen imd diesem Zweck diente die Art der Schilderung, 
wie wir sie in der Saga vor uns sehen, vortrefflich. 

Femer hat unser Autor Anfang und Schluß der Saga als sein 
Eigenthum zu beanspruchen. Der Eingang ist, wie schon bemerkt, kein 
großes Meisterstück, der Schluß einfach .und durch die Verhältnisse 
gegeben. Über das ohne Fortsetzung in der Mitte stehende Stück, das 
uns die Abenteuer Valvers erzählt, wurde schon gesprochen. Endlich 
sind Zuthaten des Nordländers die meist absichtlich mit Reimklang 
versehenen Sprichwörter, die er mit Vorliebe zuweilen in die Erzählung 
einwebt und von denen ich hier schließlich einige Proben mittheilen will. 

Cap. 4. Sa er illa fallinn at berjast er eigi kann vopnum v er ja st, 
Sa er vita vil sinn drevigakaparleik, J^^^ drengakop ok vaskleik. 

Cap. 5. Gott kemr aldin qf godum vidi, Sva er ok godr madr 
med godum sidL 

Cap. 6. Ahyggja hitr sart sem hildir ok roenir margan stnni hvild* 

Cap. 7. Sendi gud ydr gott til handa, hvat sem kann vil giara 
af vorum vanda. 

Cap. 8. Ast er öUum hlutum kasrari hverjum peim er tryggr erelskaru< 

Cap. 11. Ulik var a>st manna fordum, sem hon syndi i sinum or- 
dum. pa var trygdpa er nu er hrygd. pa var blittpa er rm er stritt. 

Cap. 12. Efn hon sai par eptir er eigi vildi sküja vid daudan un- 
nasta, su er sanna a^st heßr a manni po at hon karhnann aldri kanni, 

Cap. 13. Sva var hann petta miök ihtigandi ok sva tok hann pa 
miök at unna aJt ekhi matti hann pa annat kunna. 

Cap. 14. Nu mattupeir afpessu giora pat er hokin mun i Ijos hera. 

Namentlich gern stehen diese gereimten Zeilen am Schlüsse von 
Kapiteln, wo sie einen ähnlichen Eindruck machen, wie die gereimten 



CARL SCHRÖDER, ZUM REDENTINER SPIEL. 181 

Zeilen am Schlüsse einer größeren , ungereimten Einzelrede in einem 
Schiller'schen Drama, und einem ähnlichen Zwecke dienten sie bei dem 
nordischen Dichter wahrscheinlich auch. 

Schließlich will ich noch die Bemerkung anfdgen, daß, wenn nicht 
besondere Hindemisse in den Weg treten, ich zu Anfang des Jahres 
1870 den Freunden imserer Wissenschaft eine von mir mit Zugrund- 
legung des Cod. Holmianüs besorgte editio princeps aller altnordischen 
romantischen Saga's vorlegen zu können hoffe , die , wie ich auf den 
vorigen Seiten an der Parzivalsaga, als einer der wichtigsten von ihnen, 
gezeigt zu haben glaube , ftlr die Gesammtbeurtheilung dieser Sagen- 
kreise von nicht geringem Interesse sind. 



ZUM REDENTINEB SPIEL. 



Die verhältnissmäßig große Unselbständigkeit der mittelnieder- 
deutschen poetischen Litteratur gibt leicht Veranlasstmg, bei den Er- 
zeugnissen derselben ihren Quellen nachzuspüren. Diese Veranlassung 
mag um so dringender erscheinen einem Werke gegenüber, welches 
nicht bloß die freilich nicht allzu hochwerthigen niederdeutschen Dich- 
timgen öo bedeutend überragt, sondern überhaupt in der dramatischen 
Litteratur des Mittelalters einen so ausgezeichneten Platz einnimmt,/ 
wie es das Redentiner Spiel thut. Es wird hi§r keine eingehende Wür- 
digung 4^8 genannten Spieles beabsichtigt: eine solche hat Mono in 
seiner Ausgabe (Schauspiele des Mittelalters 11, S. 2 ff.) gegeben. Aber 
die ebendaselbst besprochene Frage nach der Quelle des Stückes möge 
hier noch einmal ihre Erörterung finden. 

Vorausgeschickt seien einige Worte • über den Schauplatz des Stückes, 
der zugleich seine Heimat ist. FinitiLS est iste rycmus awm domini 1464 
sequerdi die Elizabethae in Rederdyn *) , sagt der Schreiber am Schluß 
seiner Abschrift. Es ist dies der noch heute so genannte Hof Redentin, 
eine halbe Meile nordwärts von Wismar im Kirchspiel Neuburg be- 
legen. Dort ist das Stück geschrieben, dort wurde es wenn überhaupt 
auch aufgeführt. Denn warum auf einmal die Scene nach Wismar ver- 



*) Weshalb Mone a. a. O. p. 2 und 106 und nach ihm Ettmüller in seiner Ausgabe 
p. VII Redentym schreiben, ist schwer zu ersehen. Die Hs. hat redenty und die älteste 
urkundliche Form des Wamens v. J. 1192 (Mecklenb. Urkundenbuch Nr. 152) ist 
Radentin, 



182 OABL SCHRÖDER 

legt sein soll, wie Mone p. 9 will, ist nicht recht ersichtlich Daß auch 
auf Dörfern Osterspiele aufgefilhrt wurden, wissen wir ja zur Genüge 
aus der famosen 13. H. in Mumers Ulenspiegel. j^Es ist ein gewcm- 
heit hie,^ spricht der Pfarrer, yjdas die batiem alhoegen zu den ostem in 
der nacht ein osterspil hohen wie unser h^r erästet usz dem grab.*^ {ed, 
Lappenberg p. 16.) Wenn das in gewöhnlichen Dörfern geschah, so 
konnte es um so mehr in Redentin der Fall sein. Eedentin wurde 1192 
von dem Fürsten Heinrich Borwin L dem Cistercienserkloster Doberan 
geschenkt (Meckl. Urkb. a. a. O.) imd von diesem bis zur Reformations- 
zeit durch einen Conversen bewirthschaftet, Redentin war der Hauptort 
der Klosterbesitzungen ^) ; was Wunder also, wenn dort zu den kirch- 
lichen Feierlichkeiten eben so große Anstalten getroflfen werden wie 
etwa in den Städten, und wenn sich Jemand findet, der ein Osterspiel 
verfertigt. 

Die Localisierung der Handlung in Redentin ist so vortrefflich 
gelimgen, daß kaum an eine einfache Substituierung der Namen an 
Stelle ursprünglich anderer gedacht werden kann. Zwar wenn der 
Wächter auf dem Thurme von Hiddensee und Mone (V. 206) spricht, 
so ist das eine gewaltige Aufschneiderei; beide Inseln, Hiddensöe und 
Mön, sind von Redentin aus — noch weniger natürlich von Wismar — 
nicht zu sehen. Aber es liegt durchaus im Charakter des Wächters, 
der die schlafenden Grabeshüter foppt, sie zu wecken bei einer Gefahr, 
die noch in weiter nebliger Feme schwebt, ja fast nicht sichtbar ist. 
Wohl aber liegt Pol den Redentinem so zu sagen vor der Thür; nur 
ein schmaler Meeresarm trennt die Insel von der Redentiner Feldmark, 
und so ist es durchaus im Sinne der Localität, wenn der Ritter sagt: 
yjSegghe mywen se sint hy Pole, so wil ih my to der loere stellen/^ (V. 212.) 

Man sieht, es liegt kein Grund vor, den Schauplatz des Stückes 
von Redentin weg zu verlegen. Auch der Grund ist nicht zwingend, 
den man ftlr eine Aufftlhrung in der Stadt geltend machen könnte: 
daß nämlich die dem Teufel in die Hände gefallenen und durch ihre 
eigene Beichte dem Gespötte des Publicums preisgegebenen armen 
Seelen größtentheils Handwerkern angehören. Einmal bot eine vor- 
wiegend bäuerliche Bevölkerung in ihrer Gleichförmigkeit, da sie sich 



*) Dies ergibt sich daraus, daß das betreffende großherz. Amt, welches jetzt seinen 
Sitz in Wismar hat, eben von Redentin den Namen träg^. Zu Redentin gehörte auch 
das angrenzende Farpen (s. Beiträge zur Statistik Mecklenburgs 1865 Bd. IV p. 124) ; 
dort steht noch heute ein altes großes Gebäude, jetzt Kornspeicher, welches die Tra- 
dition als ehemaliges Kloster bezeichnet. 



ZUM REDKNTINER SPIEL. 183 

nicht in gewerbliche Gruppen theilte, keine Handhabe ftlr diesen Zweck, 
und sodann waren doch Schneider und Schuster und Krämer und gar 
der Schenkwirth dem Landvolk so wichtige und bekannte Personen, 
übten vielleicht mit besonderer Vorliebe ihre Künste an dem für we- 
niger gerieben geltenden Bauern, daß man sie mit Erfolg einem länd- 
lichen Publicum vorführen konnte. 

Wie nun verhält es sich mit der Quelle des Stückes? Mona nimmt 
an, daß dem Schreiber der Handschrift — die beiläufig nicht Autograph 
des Verfassers ist — ein älteres Stück vorgelegen habe, welches er 
theils übersetzte, theils bearbeitete, und zwar wäre dies Original ein 
niederrheinisches (p. 7). Das glaubt Mone aus der Sprache des Stückes 
schließen zu sollen, welche nicht rein die mecklenburgische Mundart 
wiedergebe, sondern Formen zeige, die zunächst auf den Niederrhein 
weisen. Dieser Anschauung hat schon EttmüUer im Allgemeinen wider- 
sprochen (p. VQ); es sei erlaubt, hier eines Näheren darauf einzugehen. 

Das Hauptargument ist flir Mone ein starkes Schwanken nament- 
lich der Verbalformen, welches der Mundart zuwider sei. Hier aber 
scheint Mone manigfach irre geleitet zu sein durch die Autorität von 
Ritter (Gram, der mecklenb. Mundart 1832), der er seine Kenntniss 
der Mundart verdankt. Daß der sächsischen, speciell mecklenburgischen 
Mundart die 2. PI. Präs. und Prät. auf en nicht eigen sein soll, ist eine 
durchaus irrige Behauptung : vielmehr geht noch heute die Form auf 
en neben der auf t her, und zwar nicht bloß in der 2., sondern auch 
noch heute in der 1. wie auch in der 3. PI. Präs., wovon Mone (p. 6) 
Beispiele aufiUhrt. Ebenso bestimmt kann versichert werden, daß die 
von Mone der mecklenb. Mundart abgesprochene 2. PI. Präs. sint (p. 4) 
in der getrübten Aussprache sunt noch heute geläufig ist. [Vgl. Nerger 
S. 67. 167.] 

Daß Reime zwischen u und o, ü und 8 Beweise flir eine fremde 
Mundart seien (p. 5), ist gleichfalls irrig. Dies Schwanken zwischen o 
und w, das allerdings bei Gottfried Hagen zahlreich belegt ist, bindet 
sich keineswegs an den Niederrhein. Dies Schwanken ist recht ein Cha* 
rakteristicum des Niederdeutschen ; vom Rhein bis über die Elbe hinaus 
reimt noch bis ins 16. Jahrhundert u mit o, weil vielleicht beide Vo- 
cale, wie das noch heute in der Mundart geschieht, durch eine breite 
Aussprache vermittelt und einander nahe gerückt wurden. Nur diese 
auch heute noch nicht ganz bewältigte Unsicherheit der Aussprache, 
dieses Streben, einem zwischen zweien schwebenden breiten Vocal zu 
seinem graphischen Ausdruck zu verhelfen, ist es, was in die nieder- 
deutschen Handschriften die Schreibungen ü und o hineingebracht hat, 
die sonst keine Bedeutung haben. [Vgl. Nerger S. 34 fg. 134.] 



184 CARL SCHRÖDER 

Ganz ebenso verhält es sich mit dem von Mone beanstandeten ey. 
Wenn Hoffmann im Reineke Vos und Ettmüller in seinen Ausgaben 
niederdeutscher Dichtungen durchaus i schreiben, so ist dafe ungerecht- 
fertigt. Die heutige sehr breite Aussprache des e lässt ein i stark durch- 
klingen, eine Eigenthümlichkeit, die in dem Wechsel der Schreibung 
in den Handschriften und alten Drucken ihren berechtigten Ausdruck 
findet und nicht verwischt werden sollte. [VgL Nerger S. 32.] 

Ein anderer Stein des Anstoßes flir Mone ist die Varietät in den 
Formen des Personalpronomen 1. und 2. Person. Hier finden sich aller- 
ding&, selbst im beweisenden Reim, neben dem überwiegenden Grebrauch 
des über den größten Theil des niederdeutschen Sprachgebietes ver- 
breiteten 711% imd di abweichende Formen, z. B. aUeweldich : dach 343. 
alwddich : mich 677. sik : mik 939. tir : hir 734. Daneben mik dat. : 
926. 1421, 1793. mik acc. 1402. 1420. dik dat: 1533. 1604. 1605. 
1853. 1907. dich acc. 1730. In Bezug auf diese Formen muß zugegeben 
werden, daß sie der heutigen Mundart fremd sind. Da sie jedoch in 
linkselbischen Gegenden noch heute gebräuchlich sind, so ist anzu- 
nehmen, daß ihre Herrschaft sich einst weiter östlich erstreckte und 
allmählich zurückwich. Zum Beweise übrigens, daß das Redentiner Spiel 
mit diesen Abweichungen nicht allein steht, mögen hier noch einige 
andere Belege stehen^). 

mik (mek) dat.: Zeno 141. 379. 418. 609. 992. Baumg, 169. 
Theoph. 641. Fl. 66. 1011. 1136. N. u. V. 645. 833. Fastn. 1071, 4. 

mik (weÄ) acc: Kranesh. 42. Fl. 90. 1255. Fastn. 1065, 5. 

dik (dek) dat.: Baumg. 70. Dere rat 27. Brand. 626. 938. 
Theoph. 101. 456. 

dik (dek) acc: Zeno 141. 1367. Dere rat 58, Theoph. 351. Fl, 1385. 
N. u. V. 341. 

mir (: hir) 3 Kon. 50. 



') Von den hier und in der Folge viel gebrauchten Citaten stehen Zeno, Baum- 
garten (Baumg.), Lob der Frauen (Vruwenl.), Rathsveraammlung der Thiere (Dere rat), 
Marinus (Mar.), Brandan (Brand.), Flos und Blankflos (Fl.) und Theophilus (Theoph.) 
bei Bruns altplattd. Gedichte; Holsteinsche Reimchronik (Holst.) bei Staphorst Ham- 
burg. Kirchengesch. II 118 AT. ; Van der bort Christi (Bort Ch.) , Van dem holte des 
h. krutzes (Hdhk.) , Van eynem eddelen krutgarden (Krutg.) , kranszhals (Kranesh.), 
Unser leven frouwen rozenkrantz (Rosenkr.), Namelosz und Valentyn (N. u. V.) und 
Van dren konyngen (3 Kon.) bei Staphorst IV 175 AT. Cl. B. bedeutet Glaws Bur, 
Verl. S. den Verlornen Sohn, beide in der Ausg. von Höfer, R. V. den Reineke Vos 
ed. Lübben. Sündenfall , Marienklage und Osterspiel ed. Schönemann. De deif van 
Brugghe (Deif v. Br.) und Fuchs und Hahn (F. u. H.) stehen Zeitschr. V, 385 flF. Die 
Fastnachtspiele (Fastn.) sind citiert nach der Ausg. von Keller (Bibl. d. litt Vereins 
Bd. 28—30), Lauremberg (Laur.) nach der von Lappenberg (Bibl. des litt. Ver. Bd, 58). 



ZUM REDENTINER SPIEL. 185 

In allen den genannten Gedichten ist der Gebrauch der Formen 
mi und dt weit überwiegend ^ ebenso im Stkndenfall imd der Marien« 
klage ; obwohl in diesen beiden die Formen mik vaad dik ^xdhXlieaA 
zahlreich befegt sind. Hier finden sich aaeh samst auffallende Formen: 
tnyr Marienkl. 84; mich dat ibd. 100. me dat. ibd. 154; und zwar diese 
Formen ohne Niöthi^mg doreh defi Heim; im Reim> dagegen me acc. 
(: Twcffe) SüÄimf. 3361. me. dat. (: wS) ibd. 2363. (: de) ibd. 3793. (: sS) 
ibd. 3929. Über solche und ähnliche Schwankungen im Ni'cderrheini- 
sehen s. Schade, Geistl. Ged. vom Niederrhein p. 244, wo eine sehr 
wünschenswerthe ausfilhrlichere Abhandlung über diesen Gegenstand 
yerheissen ist. 

Hier sei gleich eine Bemerkung angeknüpft über die Frage, ob 
uns oder vs? Ettmüller hat bekanntlich, sich stützend auf den Reim 
üsiclus 712, letztere Form durchgeführt,, damit aber entschieden der 
Sprache Gewalt angethan. Auch kommen nicht etwa beide Formen 
gleich oft vor, wie Ettmüller p. X meint, sondern es stehen beiläufig 
98 uns, unser, unsem u. s. w. gegen 25 us u. s. w., wobei immer noch 
anzunehmen ist, daß der Schreiber, der vs schrieb, gar manches Strich- 
lein vergass. Einige Belege ftlr ws aus andern Dichtungen sind Vru- 
wenl. 65. Mar. 203. Brand. 117. 989. 1108 und durch den Reim us\ hus 
gesichert Bort Ch. 211. Besonders häufig, aber keineswegs ausschließ- 
lich finden sich us u. s. w. im Sündenfall, dessen linkselbische Heimat 
gesichert ist. Es wird auch hier wie oben angenommen werden müssen, 
daß tis durch uns, neben dem es lange bestand, allmählich über die 
Elbe zurückgedrängt wurde. Schon Lauremberg kennt es nicht mehr *) ; 
der heutigen Mundart ist es ganz fremd. 

Ein besonderes Gewicht legt Mono auf das gleichzeitige Vor-- 
kommen rein niederdeutscher imd, wie er meint, niederrheinischer Ver- 
balfprmen. Als Beispiel wird p. 4 sagen neben seggen angeftlhrt Mag 
mm sagen immerhin, auf welchem Wege imd zu welcher Zeit es wolle, 
aus dem Hochdeutschen ins Niederdeutsche herübergedrungen sein, 
jedenfalls war es im 14. imd 15. Jahrh. den Dichtem der verschiedenen 
niederdeutschen Landstriche so durchaus geläufig, daß aus dem gleich- 
zeitigen Vorkommen der aus scyen und seggen gebildeten Formen gar 
kein Schluß auf eine Übersetzung, sei es aus dem Hochdeutschen oder 



*) Bei seinem Zeitgenossen, dem Jeveraner Hermann Scheer, kommt es vor. 
S. im Anhang zu Lauremberg die Niederd. Satiren und Hochzeitsgedichte 1, 39. S. auch 
6r, 89 (in Buxtehude entstanden; s. p. 206 der Lappenbergschen Ausg.) 8, 28. 66. 107. 
11, 18. 22 (beide Gedichte dem Stift Bremen angehörig, s. p. 206). 



186 CARL SCHRÖDER 

dem Niederrheinischen, gezogen werden kann. Eine einfache Zusammen- 
stellung der vorkommenden Fonnen mit Belegen beweist das. Die nach- 
folgende Übersicht der verschiedenen Formen von seggen (sagen), der 
wir eine andere der noch manigfaltigeren Formen von hehben (hart) folgen 
lassen, wird darthun, wie häufig eine und dieselbe Dichtung zwei imd 
mehr Formen neben einander aufweist. Ausdrücklich bemerkt sei, daß 
wir ims in den Citaten wesentlich beschränken und namentlich aus 
jedem Gedichte flir eine einzelne Form nur ^ine Belegstelle anziehen. 

L Infin. seggen Red. Sp. 1200. Zeno 809. Bort Ch. 113. FL 500. 
Fastn. 965, 18. — sagen Red. Sp. 20. Zeno 1503. Bort Ch. 35. Fl. 190. 
Fastn. 962, 28. Brand. 829. Krutg. 177. 3 Kon. 279. Holst. 184. Deif 
V. Br. 25. 

1 Sg. Praes. segge Red. Sp. 110. Bort Ch. 84. — sage Red. Sp. 
26. Bort Ch. 810. Theoph. 158. Fl. 82. Deif v. Br. 90. 

2 Sg. Praes. sechst fast durchgehends. — sacht Fl. 206. secht 
Fl. 698. 

3 Sg. Praes. secht Bort Ch. 279. Kranesh. 190. Fl. 32. — saget 
Bort Ch. 870. Fl. 49. — segget Kranesh. 271. — sacht Fl. 174. '— 
seyt Deif v. Br. 15. 

2 PI. Praes. segget gewöhnlich. — zaget Red. Sp. 953. — sagen 
Fl. 508. 

3 PL Praes. seggen gewöhnlich. — sagen Brand. 378. — segt Nie- 
derd. Sat. u. Hochz. 2, 88. 

3 Sg. Praet. sede gewöhnlich. — sagede Zeno 1424. N. u. V. 489. 
— sachte N. u. V. 2212, 

2 Sg. Imperat. segge gewöhnlich. — sage Mar. 44. Brand. 328. 
FL 300. 

2 PL Imperat. segget gewöhnlich. — saget N. u. V. 894. 

Part. Praet. gesecht gewöhnlich. — secht Zeno 377, Kranesh. 134. 
R. V. 6081. — g^aget Theoph. 672. Bort Ch. 55. N. u. V. 450. — 
saget Zeno 1400. — gesacht Sündenf. 3674. R. V. 1624. — geseit 
Hdhk. 106. 

n. Infin. hehben Red. Sp. 660. Zeno 537. Brand. 404. Cl. B. 296. 
VerL S. 549. Bort Ch. 68. Hdhk. 282. Kranesh. 74. FL 78. N. u. V. 
405. Ostersp. 157. Deif v. Br. 261. — han Red. Sp. 186. Zeno 866. 
Brand. 177. Theoph. 124. CL B. Vorr. 3. Bort Ch. 474. Hdhk. 191. 
Kranesh. 193. 3 Kon. 134. Fl. 41. N. u. V. 168. Ostersp. 36. Fastn. 966, 
13. Deif v. Br. 588. VerL S. 1685. — haven Theoph. 407. Kranesh. 196. 
Marienkl. 122. 



ZUM KEDENTINER SPIEL. 187 

1 Sg. Praes. hebbe Zeno 535- Brand. 752. Theoph. 215. Bort Ch. 94. 
Krutg.84. Fl. 73. N. u.V. 232. Stindenf.27, Marienkl. 244. OsterBp. 162. 
— han Zeno 290. Vruwenl. 54 Brand. 751. Theoph. 140. Bort Ch. 744. 
Krutg. 6. Fl. 1032. N. u. V. 501. Sündenf. 357. Marienkl. 105. 
Ostersp. 52. Deif v. Br. 5. — Jiave Brand 1034. Theoph. 17. — hef 
Sündenf. 2056. — heb Laur. 1, 34. 

2 Sg. Praes. hefst Cl. B. 113. Bort Ch. 106. Hdhk. 225. N. u.V. 
186. Sündenf. 200. Verl. S. 352. — hest Dere rat 53. Theoph. 59. Fl. 864. 
Sündenf. 1240. Marienkl. 318. Verl. S. 269. -r\heß Theoph. 74. Bort 
Ch. 444. 3 Kon. 287. Fl. 1253. Sündenf. 1633. Deif v. Br. 720. — 
hast Theoph. 79. Sündenf 5. Marienkl. 131. Deif v. Br. 175. — hevest 
F. u. H. 124. 

3 Sg. Praes. heft Red. Sp. 659. Theoph. 43. Cl. B. 21. R. 313. 
N. u. V. 212. Sündenf. 190. Marienkl. 463. Laur. 1, 143. Niederd. 
Sat 2, 55. R. V. 4J. Fastn. 962, 6. Deif v. Br. 566. Veri. S. 71. — 
hat Red. S. 197. Zeno 1523. Theoph. 736. Vruwenl. 11. Brand. 322., 
C1.B.568. Fl. 466. N. u.V. 311. Sündenf 626. Marienkl. 75, R. V, 1325 
Fastn. 984, 33. Verl. S 1129. — het Zeno 1519. Vruwenl. 3. Brand. 923. 
Sündenf. 1211. Niederd. Sat. 2, 76. — hebbet Marienkl. 276. — hevet 
Deif V. Br. 372. — h^t Deif v. Br. 468. 

1 PL Praes. hebben überwiegend. — han Vruwenl. 26. Marienkl. 
259. Ostersp. 3. — hebbet Sündenf. 662. — hebt Laur. 4, 4. 

2 PI. Praes. hebben Baümg. 157. Cl. B. 28. Kranesh. 155. 3 Kon. 
141. Fl. 1397. N. u. V. 225. Sündenf. 324. R. V. 163. Fastn. 970, 34. 
Deif V. Br. 596. F. u. H. 69. — hebbet Cl. B. 52. 3 Kon. 206. Sündenf. 
2411. Laur. 2, 269. — haJt N. u. V. 322. — han N. u. V. 2114. 
Marienkl. 399. Deif v. Br. 173. 

3 PI. Praes. hebben überwiegend. — han Theoph. 482. Cl. B. 639. 
Bort Ch. 130. Krulg. 135. N. u. V. 2127. Fastn. 1066, 32. — hebbet 
Hdhk. 19. 3 Kon. 221. N. u. V. 555. Sündenf 1183. — hefi Bort Ch. 
623. Laur. Liholt 42. — hebt Laur. 2, 728. Niederd. Sat. 2, 51. — 
haven Cl. B. 220. 

2 PI. Imperat. hebbet gewöhnlieh. — havet Deif v. Br. 347. 

2 Sg. Praet ist neben durchgehendem hadde zu bemerken hande 
Sündenf 1450. 

Wir könnten die Reihe solcher Parallelformen noch vervollstän- 
digen; wir könnten noch d/ragen und dregen, ten (tein) und trecken, sin 
und wesen heranziehen; allein es genüge an dem Nachweis, daß der 
gleichzeitige Gebrauch verschiedener Formen Gemeineigenschaft der 
mnd. Litteratur ist. 



188 CARL SCHRÖDER 

Der Renn hm : scJi^ 1688 ist allerdings nicht rein, doch lernt 
ein Kenner des Niederdeutschen sich an noch schlechtere Reime ge- 
wöhnen, und speciell aus dem Niederrheinischen^ aus Gottfried Hagen 
und Schade's Geistl. Ged. ließe sich eine wunderbare Reimliste auf- 
stellen. An keines kunstliebenden Fürsten Hofe gepflegt, von keinem 
liedgewaltigen Sänger gefördert, hat es nun einmal das Niecterdeutsche 
in der Verskunst nicht weit gebracht. Wenn übrigens Mone ftlr hun 
ein hen setzt und so eine niederländische Form einschwärzt, die filr 
ihn sprechen könnte, so befitrdet er sich mindestens mit der Handschrift 
in entschiedenem Widerspruch. Auch vmsten : h'sten 1259 ist nicht ebön 
schwer zu ertragen. Über den Reim su : to löö? ist zu vergleichen, 
was oben über u : o gesagt wird. Niederrheinisch, wie Mone möchte, 
wird übrigens der Reim doch nicht, <Jenn die Niederrheiner, z. B. Gott- 
fried Hagen und Chriistianus Wierstraat, sagen eben nicht mt, sondern zo. 

Freilich bleibt immer noch Manches stehen,^ was nicht rein nieder- 
deutsch ist, was aber theils fiiglich als Schreibemachlässigkeit aufgefasöt 
wird, theils zu unbedeutend und nebensä'chlich ist, um irgend eine Hy- 
pothese darauf zu gründen. Dahin rechnen wir mehrfaches t f&r d, wo' 
meist die richtige Schreibung wenige Zeilen davon steht. Ebenso wird 
ahfert 765 durch slapen 220 und öfter corrigiert. Auch ijoafm ist Schrei- 
berflüchtigkeit, denn das Niederdeutsehe hat wcspen Fl. 987. Cl. B. 464. 
Für äffen 833 ist apen gewöhnlich ; der Reim äffen : ctaffen ist übrigens 
auffallender Weise noch mehrfach belegt Zeno"257. F. u. H. 7; cf. 11. 
Das mnd. klappen, welches dem heutigen Plattdeutschen wieder ver- 
loren ist, kann ich im Augenblick nicht belegen; doch vgl. ackterclap. 
Höfer zu Verl. S. 791 und klappertasche Niederd. Sat. 6, 58. Vgl. mnl. 
clap Hoffinann hör. belg. 6, 252. clappaert Antwerp. Liederb. 147, 4, 3. 
149, 6, 3 und oft. beclapm ibd. 198, 4, 1. 

Eine niederrheinische Quelle also anaunehmen, das leuchtet ein, 
liegt gar kein Grund vor. Überhaupt zwingt uns nichts, in dem Ver- 
fasser des Redentiner Spiels nur den Übersetzer einer älteren Vorlage 
zu sehen imd nun dieser nachzuspüren. Die Formen des geistlichen 
Schauspiels, in ihren Umrissen ohnehin durch die Kirche unwandelbar 
gegeben, waren im Lauf der Jahrhunderte längst stereotyp geworden. 
Für das Osterspiel lieferte die evangelische Geschichte die schlafendfen 
Wächter am Grabe, die Auferstehung, den Engel am Grabe und die 
Frauen; das apostolische Symbolum und das sehr populäre Evangelium 
Nicodemi ftlgten den descensus ad infferos hinzu und ein Theil der Reden 
war durch die Liturgie bedingt. So mussten denn nicht nur die Sce- 
narien, sondern auch die einzelnen Reden durch fortgesetzte Übung 



ZUM REDENTINER SPIEL. 189 

eine fest ausgeprägte Form bekommen, zur Tradition werden, von der 
erheblieh abzuweichen man um so mehr Bedenken trug, als sie in ihrem 
letzten Grunde doch auf etwas Heiligem, auf Schriftwort und Karcben- 
gebrauch, beruhte. So dürfen selbst bedeutendere Übereinstimmungen 
nicht befremden; sie berechtigen nicht, dem Einen einen directen Ein- 
fluß auf das Andere zuzuschreiben. Einige Beispiele derartiger stereo- 
typer Redewendungen, z. B. die Anrede an das Publicum: 
Swiget al ghsliks 
ieyde arm wnt rike, Bed« Sp. 1. 
Vomemet alle gliche 
beide arm und riehe. Auferstehimg 1 bei Mone Altd. 

Schausp. 109—144. 
Nu höret alle gleich 

beide arm und reich. Osterspiel bei Hofifmann Fundgr. II 

p. 313, 
So die Anrede des Engels an Christum: 

Sta up here gades kint. Red, Sp. 231. 
Stant uff lyber here gqU Auferstehung 158. 
Stant uf herre Jesu Chinst^ Ostersp. p. 302. 
Wie sollte nicht femer die Übertragung des ToUite partas principes 
vestraa übereinstimmend lauten: 

Ir hem eliszet uff dye tor, 

der konink der eren iat hie vor. Auferstehung 206. Vgl. 
Red. Sp. 511. Ostersp. p. 303, Alsfelder Passion 
p. 511 (Zeitschr. III). Passionsspiel 3869 (bei 
Mone n, p. 183 ff.), 
oder wie wäre der Einklang in der Anrede Christi an die zu erlösen- 
den Seelen zu vermeiden, da es sich ja nur um die Übersetzung des 
Venite benedicti patris mei, Matth. 25, 34, handelte und handeln durfte? 
Red. Sp. 585 ff. Auferstehung 226 ff. Ostersp. p. 305. Alsfelder Pass. 
p. 513. 

Was ist natürlicher als der Ausruf des erlösten Adam: 

Wol mich hüte und ymmermere. Auferstehung 230. Ostersp. p. 203, 
oder der erwachenden Grabeshüter: 
Ach czetar und waffen, 

hye ist czue lange geschlaffen, Auferstehung 192. Red. Sp. 

770. Ostersp. p. 303. Passionsspiel 4021. Pichler 

Drama des MA. in Tirol p. 147. 

Wenn sonach einzelne Reden wie ganze Scenen in fester Form 

überliefert und in aller Munde waren — wusste doch die Pfarrers- 



190 CARL SCHRÖDER 

köchin in Budensteten die Rolle des Engels am Grabe auswendig 
(s. Ulensp. a. a. 0,) — sollte nicht mit solchem reich überlieferten Ma- 
terial ein Geisdicher in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts 
(denn daß auch das Stück am besten ins Jahr 1464 gesetzt wird, hat 
Ettmüller p. IX glaubwürdig dargethan) ein Osterspiel zu schreiben 
im Stande gewesen sein? 

Sollte nun aber doch durchaus eine Vorlage fiir das Redentiner 
Spiel gefunden werden, so läge es am nächsten, diese in der mehrfach 
erwähnten Auferstehung zu sehen, und zwar gerade da, wo die evan- 
gelische Geschichte dem Dichter keinerlei Anhaltspunkte mehr bot: 
im Teufelspiel. Hier zeigen beide Stücke Ähnlichkeiten, auf die wir, 
ohne jedoch weitere Schlüsse daraus zu ziehen , doch aufmerksam zu 
machen nicht unterlassen wollen. 

Es ist ein gemeinsamer Zug mehrerer Stücke, daß beim Auszug 
der erlösten Seelen aus der Hölle die Teufel doch noch eine oder die 
andere mit List oder Gewalt zurückzuhalten suchen. Im Osterspiel 
p. 307 schleicht Satanas Jesu nach und packt eine Seele, die aber auf 
ihr Schreien von Michael befreit wird. Im Red. Spiel 616 ff. möchten 
Tutevillus und Satanas den Täufer Johannes festhalten, was ihnen natür- 
lich nicht gelingt. Im Alsfelder Passionssp. p. 517 erwischt Liseganck 
wirklich eine Seele, ebenso der diabolus in der Auferstehung*). Im 
letzteren Falle gehört diese Seele einem Bäcker an, der sich nun vor 
Lucifer zu verantworten hat, und damit ist der Übergang zum Teufel- 
spiel gemacht, welches freilich ungeschickt genug erst nach der Rede 
des Bäckers seine Einleitung hat. Diese ist in beiden Stücken sehr ver- 
schieden an Länge und Werth, verfolgt aber den gleichen Gedanken- 



*) AM. Paas. a. a. O. 23. 199 ff.: 

Owe owe und ummermere, 

lieher herre hiaa uns mit dir gehen, 

die thufd thun uns alaao we. 

Anferst. 43. 261 ff.: 

owe awe awe 

mir tJum die tufel alzo we^ 

Jhesfts lyher Äere, 

schal ich nicht mit dir van hynnen keref 

Alsf. Pass. 205 f.: 

du enferest alsso von hynnen niclUy 
du werest ein rechter boasewicht, 

Auferst. 259 f. 

neyn neyn due buszer wicht 

due kumest mitr von hynnen nicht. 



ZUM REDENTINER SPIEL. 191 

gang: an Stelle der entwichenen Seelen sollen neue gefangen werden, 
damit die Hölle wieder voll werde ®). Die Teufel werden ausgesandt, 
Alles zu greifen, dessen sie habhaft werden können ; ein langes Register 
schreibt ihnen vor, kein Alter, kein Geschlecht, keinen Stand zu ver- 
schonen, namentlich nicht den monnink mit einer cappen (Red. Sp. 1301. 
Anferst. 316). Bald kommt denn auch die neue Beute. Die Auferste- 
hung kennt hier nur Satan, der alle Seelen bringt, während das Red. Sp., 
wie auch das Vorspiel der Alsf. Passion, der Teufel eine Menge unter- 
scheidet, die nicht übel individualisiert sind und deren Jeder Beute 
bringt. Dort beginnen nun in trockener Aufeinanderfolge die einzelnen 
Seelen ihre Selbstanklage (366 — 401), während hier ein lebendiges voll- 
ständiges Gerichtsverfahren eröffiaet wird: Anklage, Geständniss, Urtheil 
(1312 — 1689). Somit wird also dort gewissermaßen das dürre ärmliche 
Gerüst geboten zu dem, was hier als vollendeter Bau vor uns steht. 
Im Einzelnen aber finden sich bemerkenswerthe Ähnlichkeiten. Zimächst 
sind dort wie hier die Ergriffenen Gewerbtreibende, und zwar auf bei- 
den Seiten ziemlich dieselben : der Bäcker eröffiaet den Reigen, dann 
folgen Schuster, Bierschenk, Schlächter und Schneider ; im Red. Sp. 
freilich auch noch der Weber, der Krämer und der Straßenräuber. 
Alle legen ihre Beichte ab und zwar nun in auffallender Übereinstim- 
mung der Gedanken nicht nur, sondern theilweise auch der Worte. 
So sagt der Bäcker Anferst. 267 ff. : 

wen der teyk waz cztie gruez, 

ich brach davon' eynen cloz 

und warf en in dy Migen, 

dez mva ich in dye helle gedyge. 
und Red. Sp. 1364 ff, 

wa^ de de dech ok gycht to grot 

80 brac ik daraf enen cht 

unt warp efoe wedder in den troch. 

des müt ik nu rupen o wi o wach. 
So klagt dann der Schuster, daß er schlechtes Leder und schlechte 
Sohlen zu seinen Schuhen verwandte; der Bierschenk gab zu kleines 
Maß, der Schneider stahl vom Zeuge und der Fleischer verkaufte 
schlechtes für gutes Fleisch: 

da ich eyne vynnechte swe vant, 

ich nam sye uff mynen r ticke, 

ich trug sye in dye fleyszer hfitte. 



^) Anferst. 294 ist natürlich helle zu lesen statt sele. 



192 CARL SCHRÖDER 

ich 8wer uff dye trwe myn > 

€z wer eyn reynes burgelin. Auferst. 387 ff. 
Daneben Red. Sp. 1552 ff: 

hadde ik wtxt veyh van ener su 
80 rep ik jo den luden to : 
kam her, kop van eneme junghen swine ! 
Den Schluß des Teufelspiels bildet dann in beiden Stdcken die Klage 
Lucifers über Hoffart und Hochmuth als Anbeginn aller Sünde. (Anf- 
erst. 406 ff. Red. Sp. 1945 ff.). 

Das sind gewiss bemerkenswerthe Übereinstinunung^i. Aber doch 
zeigt sich gerade bei dieser Vergleichung, wie unendlich hoch an ethi- 
schem und dichterischem Werth das Red. Spiel über andern derartigen 
Stücken steht Unter den von den Teufeln beigeschleppten Seelen findet 
sich in beiden Stücken der Pfaffe. In der Auferstehung beichtet er wie 
die Übrigen und fehrt zur Hölle; im Red. Spiel dagegen erscheint er 
als der Letzte und setzt mit seinen Beschwörungen und mit mächtiger 
Rede dem Lucifer so zu, daß diesem die Haare rersengt werden und 
er zu schreien beginnt und froh ist, wie er den Pfaffen los wird: 
ein eminenter Triumph der geistlichen Gewalt über die Mächte der 
Finstemiss. So wird denü auch das Teufelspiel zu einem würdigen Ende 
geführt. Wie uns zum Schluß des ersten Theiles der Dichter die 
obligate Prügelei der Grabeshüter (Auferst, 198 ff., Passionssp. 4032. 
Ostersp. p. 312. Pichler p. 148) erspart und eine Aussöhnung derselben 
mit dem Pilatus herbeifllhrt, so daß nun die Schande allein auf den 
Juden sitzen bleibt (Red. Sp. 1020), so ist hier der Teufel der Geprellte, 
der dumme Teufel der Volkssage. Die Juden und der Teufel, die Einen 
die Werkzeuge des Andern, „die Mächtigen der Erde imd die Mäch- 
tigen der Hölle zu Schanden geworden, durch die Auferstehung,** das 
ist der Kern des Stückes. 

Gestatte man uns mm, auf einige Einzelheiten des Stückes ein- 
zugehen. 

Die Namen der Teufel, in denen besonders französische Einwir- 
kungen zu Tage treten, hat Ettmüller p. XIX scharfsinnig zu erklären 
gesucht. Funkeldune aber ist gewiss nicht ^der auf der Düne Funkelnde, 
etwa das Irrlicht," sondern wie schon Drosihn (Progr. d. Gymn. zu 
Neustettin 1867 p. 22) richtig bemerkt hat, ist Funkeldmie eine verstär- 
kende Zusammensetzung des niederd. dün, besoffen^), etwa wie wir 



^) BUtu duen effte vulf Fastn. 874, 29. S. auch Dähnert Plattd. Wb. p; 96 
s. V. duun. 



ZUM REDENTINER SPIEL. 193 

noch sagen : stembesoffen. Man sehe nur die Rede dieses Gesellen 
V. 1652 fF., ob sich darin eine Spur von Funkelndem oder Irrlicht findet, 
und nicht vielmehr die ganze Schwerfillligkeit eines trunkenen Faul- 
lenzers. Der Name Likketappe ist nur unrichtige Lesung; die Hs. hat 
Ltkketuppe d. h. Leck es auf, wodurch übrigens die Bedeutung des 
Wortes als Schmarotzer, Speichellecker nicht alteriert wird. 

Die Zutheilung der Verse an die redenden Personen, wie sie Mone 
gibt, ist mehrfach einer Verbesserung föhig. Die Hs. gibt allemal zwei 
Verse in einer Zeile und setzt den Namen des Redenden, wenn sie ihn 
nicht etwa, was recht häufig der Fall ist, vergisst, an das Ende der 
Langzeile, mögen ihm nun beide Verse gebühren oder nur einer. Den 
V. 79 spricht passender der primus miles ; v. 428 gehört zweifellos dem 
Saianasy v. 733 nicht dem angelvs, sondern dem latro. Die Stelle v. 1350 flf. 
ist so abzutheilen: 

Noytor (ad Lucif.) 
Hir ts de sele de ik grep, 

Lucifer (ad Noyt,) 
Hehhe dai ey dar de Kenne myt deme pelse af lep. 

ad pistot^em, 
Di stuft de clighe üb der neaen etc. 

Femer v. 1387 «.: 

Ltidfer (ad TiäemUum). 
Des hehhe stank, myn leve kumpan. 

ad sutorem. 
Wilkame leve seile myn etc. 
Weiter v. 1426 «.: 

Lucifer (ad ÄMaroth), 
Werliken du hust en vramer man, 
du schol graten, stank han. 

ad sartorem. 
Hebbe ik de hreve rechte lesen etc. 

und V. 1466 fi".: 

Puk. 



und hevele se an dyne woU. 

Lucifer (ad Puk). 
So hehhe dai der su entvolt 

ad tahematorem, 
Ik segghe dai hy mynei* list etc. 

GBRUANIA. NeueRehie H. (XIV.)JahrK. 13 



194 CARL SCHRÖDER 

Vor y, 1508 ist zu aetzen ad textorem. Die vv. 1570 f. sind zum Belyal 
gesprochen ; vor v. 1572 ist zu setzen eid penesiicum^ 

Mai» erkennt leicht die Siructur der einzelnem Realen : der betreffende 
Teufel präsei^tiert die Seele und bekommt von Lucifer ein Wort des 
Dankes oder der Verheißung, ehe di^er sich zur Seele wendet. Dieser 
Dank, der kaum nach Jederm^ns Qeschmack seija dürfte, ninunt aich 
doch ipft Munde des Teufels meinen Gesellen gegenüber nicht all^u fremd 
aus: hßbbe dat ey dar de herme myt deme pelse af lep 1351; hebhe stank 
13B7 ; du 9chol groten stank han 1427 ; hehhe dat der au entvoU 1467 ; 
me schal dine murd myt swyneparlen belegghen 1571. Solchen uufläthigen 
Bedeusarten gegenüber, wie sie namentlich an Funkeldune verschwendet 
werden (1666 ff.)> bleiben auch die Teufel die Antwort nicht schuldig. 
Lucifer kere, de dy hejoßghe, redet Likketuppe seinen Herrn an (1596), 
und noch drastischer begrüßt ihn Belsebuc mit Tpru vort tpru (1502). 
An diesen Worten hat Ettmüller erfolglos gedeutelt. Meine Erklärung 
ist derb, recht derb, aber vielleicht nur desto besser. Ich fasse nämlich 
diese Worte gleichfalls als eine unfläthige Begrüßung und zwar eine 
thätliche, und halte die Worte tpm tpru nur ftlr den graphischen Aus- 
druck eilies crepitus ventris. Unterstützt wird diese Deutung dadurch, 
daß vort, ursprünglich nicht im Text steht, sondern, allerdings von der 
Hand des Schreibers, drübergeschrieben ist, vielleicht zum besseren 
Verständniss, denn niederd. vort ist hochd. Furz ®). Eine Metathesis 
der Buchstaben von tpru gibt das noch heute in derselben Bedeutung 
gebräuchliche puH^). Wer eine bessere Deutung weiß, der gebe sie. 

Zu einigen anderen Erklärungsversuchen übergehend, hane ich 
zunächst die Pflicht, dem Text des Stückes gegen seine bisherigen 
Herausgeber zu seinem Rechte zu verhelfen, indem ich zwei Verse ein- 
füge, die Mone übersehen hat und die eigenthümlicher Weise auch bei 
Ettmüller fehlen. Es ist dies die 14. Textzeile auf Bl. 3 und lauten die 
beiden fehlenden, dem Wächter gehörigen Verse nach v. 218 so: 

se schryen un bellen, 

sprek to dynen ghesellen. 
V. 173: in beseien, filr welches EttmüUer_&e«cÄefen beschälen setzt, 
finde ich das mhd. ser wund, sere verletze. Die mecklenb. Mundart 



•) Lauremb. 4, 277: 

de geven Mke staeltike resonam 
ah ein vort in einem kalverdanz. 
S. auch Dähnert p. 130 s. v. Fon-t. 

'•') Lauremb. 2, 365: de purtader em hursL S. auch Dähnert p. 3G4 s. v. Purten. 



ZUM REDENTINER SPIEL. 195 

sagt heute bescUevif verscUen in der Bedeutung von ^übel zurichten". 
Ebenso ist schwäb. versohlen = tüchtig durchprügehi. Schmid schwäb. 
Wb. p. 497. 

V. 545 haben Mone und EttmüUer das handschriMiche wol in we 
ändern zu müssen geglaubt. Ganz mit Unrecht. Wol ist mnd, Pron. 
interrog« u. relat. ; z. B. He kejß ntey gefrcigety wol in sin huis gewest war. 
Buler und Bulerin Act 4 Sc. 1 (Schauspiele des Herz. H, J. v. Braun- 
schweig ed. Holland p. 248), Wd lieht darf Wol is denn datf ibd. 4, 7. 
p. 256. Wol dat seckt de wiU de tcerit verkefren. Cl. B. 161. Wol kan dar tU 
wat godes lesen ? Verl. S. 504. Wol by gode is de hefft genoch, N. u. V. 2610. 
Wol hi em stund de mvst sin angsicht van em wenden, Lauremb. 2^ 368 u. oft. 
S. auch Dähnert p. 556. 

V. 653. ik hebbe jo dicke hört unt is ok recht 

dat de ehre' here bedwynget den ekenen knecht. 

Diese Abkürzung der Hs< glaubt Mone in elrere auflösen zu müssen 
und da dieü» keinen Sinn gibt, setzt er edelre. Ettmüller schreibt dann 
ganz kühn: d'edel here bedwinget den egenen knecht. Dadurch geht der 
ganze Sinn verlören. Die Abbreviatur ist vielmehr nach der Analogie 
von byn' = bynnene aufzulösen in elrene und somit der Sinn folgender: 
der HejT, wenn auch nur von Ellernholz, bezwinget doch den Knecht, 
wenn auch dieser von Eichenholz ist. Vgl. Gotfr. Hagen ed. Groote 
V. 2913: 

Men spricht^ it sy unreicht off reicht: 
linden here vervnni eygen kneicht, 

wo die Koelhoffsche Cronica van der hilliger stat van Coellen fol. 217 
(in welche die Paraphrase des Gotfr. Hagen ganz übergegangen ist) 
besser liest eychen. Der Sinn ist derselbe , nur ist charakteristischer 
Linden- fiir Ellernholz gesetzt. Vgl. Wander Sprichwörterlex. H S. 546 
s. Herr Nr. 251 ; Graf und Dietherr Rechtssprichwörter 32 Nr. 51: Ein 
hölzerner. Edelmann gilt mehr als zehn stählerne Knechte. Der Gedanke, 
daß auch eine schwache Obrigkeit dem starken Verbrechen leicht ob- 
siegt, ist häufig ausgedrückt. S. z. B. Helmbrecht (ed. Keinz) 1260 ff. 
1622 ff. 1641 ff 

Zu V. 663 latet jw allen und v. 904 lotet allen s. Kosegarten Wb. 
d. niederd. Spr. p. 220. 

V. 1138. haveman hat mit haf Meer nichts zu thun, wie Ettmüller, 
allerdings mit ?, meint. Auch Dähnert p. 179 erklärt es sicher un- 
richtig als Herr vom Hofe, Edelmann. In dieser Bedeutung braucht 

13* 



196 CARL SCHRÖDER, ZUM REDENTINER SPIEL. 

das Niederd. durchgehends eddelman. Vielmehr ist haveman wie mhd. 
hoveman der bäuerliche Hofbesitzer, colonus, s. Mhd. Wb. 2* p. 40 s.v. 
hoveman, 

V. 1232 seheint hinter ere nochmals ere zu fehlen. Die Auslassung- 
erklärt sich leicht durch die Gleichheit der Wörter. 

V. 1244 haben Mone und EttmüUer (v. 1237) das handschriftliche 
vro mit Unrecht in vere geändert, vro mhd. vrü ; alzo vro = sobald als. 

V. 1368 empfiehlt sich mdken einzuschieben: konde ik maken küken, 
da küken als Verb „Kuchen backen" nicht nachzuweisen ist. 

V. 1412 hat Mone hhoddem der Hs. in loboden geändert. Doch ist 
hoddem mhd. bodem richtige Form. Twar jedes handwerk wol ein'n hod- 
dem heft van golde. Lauremb. 1, 143. 

V. 1495. hos mede erklärt EttmüUer (v. 1486) als Schläge ans Knie 
oder Durchschneidung der Flechsen am Knie. Kaum richtig. Mede ist 
Miethe, Lohn. cf. v. 83. Für hds schlage ich vor hasty mnl. haest adv. 
schnell, hastig ; also : gebt dem Krüger schnell seinen Lohn. Zu hast 
cf. Lauremb. 2, 526 : so scholde ik mi ha>st möten vor lachen bekaken. 
3, 143: und stracks snart hast igten kum wedder to mi sa/i. cf. p. 229. 
S. auch Dähnert p. 178. 

Die Hs. ist nicht überall gut geschrieben und bietet zu vielen 

Zweifeln Anlaß ; eine verschiedene Lesung ist an manchen Stellen 

möglich. Ich gebe zum Schluß kurz ein Verzeichniss der Stellen, wo 

ich außer den bereits oben angeführten von Mones Lesung abweiche: 

V. 7 is, 18 jewelk, 82 en. 104 dat. 153 edder, 160 dynen synnen. 168 

dreghen. 226 scholde, 252 dene, 286 boke. 346 moghe, 354 dineme, 

516 woL 594 hest. 596 werlde, 618 desse, 622 schalt, 649 beschorenen, 

656 welk. 662 de (vorkommend flir Dat. cf. 707) ne werlde. 671 wa- 

rende {l wardende). 684 ute lesen. 698 werlde. 707 de lant 767 Tneghede. 

769 toime. 794 tvelkene. 814 bekunde. 828 scheldent. 911 selsene. 1012 vere. 

1015 vorgulden schulden. 1032 sulven. 1113 hynnen. 1128 den puler. 

1136 docke, 1159 kranke. 1258 wüsten. 1490 allene. 1492 henghet. 

1540 dime. 1559 nuwe)^lde. 1641 we. 1657 tome. 1679 pfy. 1730 dich 

alto hillik. 1776 loo, 1779 haddestu. 1785 leyder. 1926 vore. 1960 vore. 

1964 don. 1973 van. 1977 d?/we. 1994 uppe. 2010 nt*mme«. 2013 

14 wenme. 

ERLANGEN. CARL SCHRÖDER. 



lÖT 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 

VON 

ALBERT H(EFER 



Die folgenden Artikel, ein bantes nach verschiedenen Seiten der deutschen 
Sprachforschung gerichtetes Allerlei, das ich mit absichtlicher Bevorzugung des 
Niederdeutschen fortzusetzen gedenke, sind bis auf einzelne Nachträge oder 
Berichtigungen fast alle vor Jahren entstanden und niedergeschrieben worden. 
Sechs derselben waren schon von Franz Pfeiffer 1865 im Herbste für den 
10. Jahrg. der Germania S. 416 bis 424 unter anderer Überschrift gedruckt, wurden 
aber von mir selbst zurückgezogen, weil ein siebenter über Nibelungcn- 
str. 1280 A, hier no. II, stillschweigend und ohne Angabe von Gründen unter- 
drückt, auch sonst in Schreibweise und Orthographie Einiges eigenmächtig und 
willkürlich geändert worden war, 

I. Nibel. Str. 628 und Das Gürtel. 

In den Nibel. 628 A heißt es von Siegfried, nachdem er der Prün- 
bilde das güldene Fingerlein von der Hand gezogen, 'dar zuo nam er 
ir gürtel, — er gap in sinem wibe^, wäbrend B und C an Stelle des in 
bekanntlicb iz, ez bieten, wie denn auch Holtzmann 689 und Zarncke 
S. 103, 3 'er gab ez sime wtbe* lesen. Ebenso neuerdings K. Bartsch 
680, nur *iz sinem'. An sich ist ja jenes in grammatisch ganz richtig, 
sachlich wird indessen ez angemessener genannt werden dürfen : denn 
Str. 790, 2 ist Kriemhilt im Besitze des Ringes und es wird ausdrück- 
lich bezeugt, daß Siegjfried ihr wie den Gürtel so auch den Ring der 
Prünhilde gebracht habe ; ez wird sich also in C (imd B) auf beides 
vingertin 688 , 3 und gürtel 689 , 1 zusammen beziehen , wofür es der 
Beispiele kaum bedarf, doch vgL Nibel. str. 2268* 'tot und diu arbeit' 
ob ez', Gramm. 4, 283 und Simrocks Übersetzung 'er gab sie seinem 
Weibe'. Eine Änderung entweder des ez in in oder des in ia ez ist 
also vor sich gegangen, aber mich dünkt am natürlichsten, in werde 
mit Rücksicht auf die Str, 790. 792 zu ez verbessert sein. Was um- 
gekehrt die augenfällige Verschlechterung des ez zu in veranlaßt haben 
sollte, ist nicht recht abzusehen, — oder A müste jenes ez auf ein säch- 
liches 'daz gürtel' bezogen und darum seinerseits durch in berichtigt 
haben ? 

Dieser Fall ist freilich nicht sehr wahrscheinlich, aber undenkbar 
ist er nicht, — denn das Neutrum dieses Wortes ist in der 
Geschichte des Deutschen keineswegs unerhört. 



198 ALBERT HCEFER 

Aus dem Gotischen ist nur gairda, Fem. wie altn. giörd, bekannt, 
ags. gyrdel ist nur Masc. Das Althochd. bietet aber nach Graff 4, 255 
außer dem m. guHil, curtil schon das fem. gurdila imd das ntr. curtel- 
Im semicintia. Im Mhd. kommt das Masc. der gürtel vielleicht am häu- 
figsten, nicht selten aber auch das Fem. diu gürtel vor, vgl. außer 
Gramm. 3 , 449 und Ben. M. 1 , 593 , z. B. Ben. zu Wigal. S. 178, 
Neidh. 16, 24, Haupts Zeitschr. 4, 359, Pf. Germ. 3, 219 v. 349 und 
für die spätere Zeit O. Schade Pasq. 1, 108 und Schmeller 2, 71—72; 
das Neutr. ist meines Wissens nicht nachgewiesen. Für das Neuhoch- 
deutsche endlich scheint nur noch das Masc. zu gelten, ebenso 'der 
gurt', obgleich Luther ^die gurt' vorzieht*). 

Auch im Schwedischen, Holländischen, Altfriesischen finde ich 
nur männliches gördel, g(yrdel\ völlig anders steht die Sache aber in 
Betreff des eigentlich Niederdeutschen, obgleich die Wörter- 
bücher hier wie gewöhnlich im Stiche laßen, denn die einen führen 
das Wort gar nicht auf, die anderen geben kein Geschlecht an, oder 
sie kennen nur das männliche , so Schambach und Schütze ; Schütze 
2, 54 bringt ein Beispiel aus Neocorus 'den roden gördel' und aus 
Lauremberg 'baven den gördel', wofUr nun Lappenberg 2, 68 'baven 
dem gördel' liest, was NeutrutQ sein kömute. An Beispielen flir das Masc. 
fehlt es allerdings nicht, z. B. Neocorus 1, 95, 9 'bet up den gordel' ; 
allein das Neutrum ist ohne Frage weit üblicher gewesen, wie mehr 
als zwanzig beweise^vde Stellen dartun. 

Zunächst haben zwei Handschriften des Sachsenspiegels 1, 26 
(s. die Varianten in Homeyers 2. Ausg. S. 59—60) wirt m monik oder 
^ne dosier vraioe — — gecoren, m vfiogen si dat gurdel irer gewaU 
hebhen, zwei andere lesen den gwrdel\ sodann finde ich im Schäkspü 47** 
ene zekele tool gebicket schal in sin gordel wesen gestrickei und ebd. 65** 
uTvder sin gordel schal he scharten $nen büdd; demnächst heißt es bei 
HKorner Germ. 9, 270, 22, wie auch in der Hanuöv. Hs. «^n hard 
wart eme langh wppe da,t gordd, und ib. 281, 17 dai hadde ein gordel 
umme'^ wie bei Grautoff 2, 423 dat Ugordel steht; femer sagt Nie. 
Gentzkow ganz gewöhnlich dat gordel, z. B. a. 1564 in Zobers Chro- 
niken 3, 292 — 293 dat vorsettede gordel vnd noch ein gordel welckt he für 
SO fl. vorseüet'^ in der Stralsunder Kleiderordnung v. J. 1570, Baltische 
Studien 21 S. 161 vor die graten gordel aver ein schildengardel , wie sik 
dai sulvige mit oder äne vorhlede .... am besten schicken wil; in einer 



*) Das Fem. die gurt fehlt in Jttttings Bibl. Wb., doch s. Weigand s. v. und 
Frommann Revision von Luthers Bibelübers. 11, 32. 



' ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 199 

frilheren Hamburger Hochzeitordnung in Lappenbergs Hb. Reclitsalt. 1, 
160 6e med ome senden ein gordel und Snen büdel\ «ndlich scheint die 
Barter Bibel vom Jahre 1588 nur das Neutrum zu kennen, z. B. Mos. 
28, 39 ein gesticket gördel, ib. 89, 29 unde dat gestickede g&rdel van wiUer 
getwerwder Aden, Spr. Sal*m. 31, 24, Baruch 6, 43 da« er daf g'&rdel 
upgelcBset werde, 1 Maccab. 10, 89 und öfter. 

Steht somit für das Niederdeutsche da« Neutrum fest, so wird 
es vielleicht auch dem Mhd. nicht ganz fremd gewesen sein. Hoch- 
und Niederdeutsch zeigen freilich gerade in Betreff des Geschlechtes 
durchgreifende Unterschiede, aber ihre Abweichimgen berühren sich 
trotzdem nicht selten und wo das erstere schwankt, glaube ich oft Ein- 
fluß des letzteren wahrzunehmen. 

n. Zu Kibel. str. 1280 zuo den wenden, Lachm. 

Die berühmte Stelle der Nibel 1280 A, 1367 C, 1340 B ist nach 
einander von v. d. Hagen und Ziemann, Simrock und Lübben, Holtz- 
mann und Müllenhoff, Zamcke und W. Müller, Pfeiffer und Bartsch, 
C. Hofmann imd San-Marte, W. Scherer u. A., mithin so oft besprochen 
und übersetzt 9 daß sie allseitig erschöpft scheint Und dennoch bietet 
sie zu einigen vielleicht nicht tibet^lttßigen Bemerkungen Anlaß. Die 
Frage bleibt, ob *zuo den wenden , wenn richtig, dasselbe bedeute was 
*unz an die wende' und femer, ob wende selbst auf das Ende des 
Pfeiles oder die Grenze, den äußersten Rand des Bogens bezüg- 
lich sei. 

Daß das Subst. wende in diesem oftmals nachgewiesenen Sinne 
gemeint sei, nicht etwa zu wcmt oder dgl. gehöre, setze ich Voraus: 
das aus dem Brem. Wb. 5, 227 angeführte van md' td ivehd', odet enri', 
wenn', das mir von Jugend auf geläufig, hat mich hier wie bei dem 
'enteö üi wenteo' des W. Gebets stets den rechten Weg gewiesen und 
es lebt noch jetzt, synonym mit van ürt (ort) td enn' (W. Heyse Frische 
Kamiten 22, 2) oder mhd. von ende unz ende, ze ende, von dem orte unz 
an daz ende (bei Sommer zu Flore v. 7641) überall fort, vgl. Scham- 
bach 294', Lyra plattd. Briefe 78, 158, Lütje Strohöt 144 u. s. w. Dazu 
kommt nd. wenden, fast aufhören, z. B. Utlegg. gem. düd. sprikw. 90^, 
11: er war in seinem Leben nicht weiter gekommen 'alse sine grenze 
wendede', d. h. soweit als seine Grenze gieng , nicht über sie hinaus. 
So natürlich, nun der Singular des Wortes sein mag, so wenig scheint 
der Plural der durch den voraufgehenden Plural nur notdürftig gerecht- 
fertigt wird, hier am Orte und darum ist sehr beachtenswert, daß 'zuo 



200 ALBERT HCEFER 

den wenden, was A angeht, auf Lachmanns Correctur beruht, 
denn A hatte, wie Lachmann selbst bestimmt angibt, Vollmer aber ver- 
schweigt, zuo den wende und dies kann trotz BD sehr fiiglich zuo 
dem wende meinen , also ein sächliches wendi voraussetzen , das durch 
daz leidwendi bei GraiBF 1, 762 erwiesen und sonst schon vermutet ist, 
vgl. Ben. Müller 3, 687". Für das Nd. ist mir das Geschlecht des Wortes 
überall und auch als Neutrum nicht erweislich. 

Aber *zuo dem wende' und selbst *zuo den wenden würde vom 
Ende der Pfeile sicher so nicht gesagt sein; bei 'unz an die wende' 
C gebe ich die Möglichkeit eher zu, aber die Beziehung auf den Bo- 
gen ist. ungleich natürhcher : die Pfeile zu der Wende, oder zu den 
Wenden, oder bis an die Wende, oder bis an das Ende ziehen Jh heißt 
nach meiner Auffassung am einfachsten : die Pfeile soweit zurück ziehen, 
daß ihre Spitze den oberen Rand, die Wende des Bogens berührt, 
d. h. soweit als möglich, wenn sie nicht ihren Halt und Stützpunkt 
verlieren sollen , gewis ein Zeichen der Kraft, mit der die wilden Pesce- 
nsere die über die Höhe des Bogens weit hinaus reichenden Pfeile zu 
ziehen wüsten. Ich stütze michhiebei vornemlich auf nordische Sagen, 
in denen das Spannen des Bogens bis zur Pfeilspitze oder darüber 
mehrmals erwähnt wird *) imd erinnere an Ilias 4, 123 vavQtiv fisv (la^d^ 
jcikaesv^ To'Ico ÖS (SCSriQov die Sehne näherte er der Brust, dem Bogen 
das Eisen oder die metallene Spitze, vgl. Guhl und Koner Das Leben 
der Griechen 272 f. 

So hat denn auch Simrock nach manchem Schwanken die Stelle 
in der 14. Ausgabe S. 250 'mit Kräften sie die Pfeile bis an des Bo- 
gens Ende zogen übersetzt; ich sage lieber: die Pfeile zogen sie kräftig 
hart zu dem Rande, oder: an den Rand des Bogens. 

Ich brauche nicht erst zu gestehen, daß A in dieser Strophe, 
von allem anderen hier ganz abgesehen, das Ursprüngliche am besten 
überliefert zu haben scheint: zuo dem loende das deutlichen Anlaß zu 
allen Änderungen bot oder selbst der Plural mag bestimmter als C sein ; 



*) Ich verweise z. B. auf Olaf Tryggv. Saga cap. 126 bei Schöning 1, pag. 342 
Einarr tök bogan oc drö ))egar fyrir odd örvar innar „arreptum arcum Einarus longe 
ultra cuspidem (impositae) sagittae tetendit, Einar tog Buen, men drog den strax frem 
for Odden af Pilen", und so auch bei Mohnike S. 276 E. nahm den Bogen , spannte 
ihn alsbald so, daß er vor die Pfeilspitze kam. Der Druck verbindet örvarinnar, die 
Hss, C D lesen örina, aber sollte auch diese Stelle, was ich nicht nachzusehen ver- 
mag, anders zu lesen und zu verstehen sein, so fehlt es doch nicht an anderen mit ähn- 
licher Auffassung. Und Egilson übersetzt auch innar : et continuo cuspidem sagittae 
intra comu retraxit, wie es scheint, richtiger. 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 201 

in sere und vaate liegt keinerlei Tautologie, mindestens ist vil sere — 
mit krafl viel dürftiger; auch *zen vogelen die da flugen steht nach 
dem Geftlhle wol jedes Unbefangenen weit hinter 'da si fingen' zurück 
und endlich die Wendung 'da wart des vil getan ist geradezu uner- 
träglich: kurz ich trage kein Bedenken, die Gestalt unserer Strophe 
in C fast durchweg schlechter zu finden als die Überliefertmg in A, 
wozu B außer in da si flugen wesentlich stimmt. 

III. Die imgebatten 

bei Walther 23, 31 , wofür Lachmann 'die ungeberten vermutet , ist 
von Simrock 'die Ungestraften , von Pfeiffer S. 198 'die Nichtsnutzigen 
tibersetzt, indem der letztere auf das Verbum baten zurückgeht und 
das von J. Grimm DWb. 1, 1157 erwähnte unhate Unart, der unbatte 
homo nequam vergleicht. Aber die 'ungebatten sind hier vielmehr wört- 
lich die Ungeförderten, Ungebesserten, weil nicht gezüchtigten. Das ist 
was der Sinn verlangt und das liegt unmittelbar in dem Worte. Bei 
der Erziehung, welche Salomos Lehre misachtet, sind beide Teile be- 
trogen, die Eltern, die ihre Kinder versäumen, kommen dabei zu 
kurz und die Kinder selbst haben vollends keinen Nutzen davon, — 
sie bleiben ohne Zucht und folglich 'äne ^re*. Die ungebatten sind die 
versümeten im Gegensatz zu den ir kint versumenden. 

Das Verbum baten welches nebst batten im Hochdeutschen nie 
recht üblich gewesen zu sein scheint, ist doch, wie diu bäte, batelos u. a. 
zeigt, nichts als das im gesammten Niederländischen und Niederdeut- 
schen allgemein verbreitete, feststehende baten, von dem Grimm manche 
Beispiele auffuhrt, die sich, wenn es dessen bedürfte, leicht vermehren 
ließen. Die Übereinstimmung des t spricht flir Entlehnung da wo baten 
am wenigsten heimisch ist, statt dessen meint Grimm es nun als rein 
hochdeutsch gerechtfertigt und seine [nirgends behauptete] Herkunft 
aus baz abgewiesen zu haben. Natürlich ist nun der Sttndenbock wieder 
das Ndl. und Nd. und warum? Um von ahd. unpata lentus, alts. gibada 
u. a. abzusehen, auch deshalb, weil Herbort der zweimal im Reime 
t hat, einmal v. 2697 baden : bestaden gibt. Allein dergleichen vereinzelte 
d für t beweisen nichts, nd. baten zu bat steht unerschüttert fest und 
wer sich nicht überwinden kann, flir das Hochdeutsche Entlehnung oder 
Ausweichung einzuräumen, nun der sehe sich da wo es geboten, nicht 
aber flir nd. baten, nach einem anderen Stamme um. 

IV. Ungesühte und die Partikel un. 

Statt ungesühte bei Walther 20, 4 in der berühmten Stelle 'in den 
oren siech von ungesühte', wo Lachmann an vo7i ungesunde dachte, hat 



202 ALBERT HCEFEE 

Pfeiffer von ungeschikte G-ferm. 5, 36 umständlich zu rechtfertigen ge- 
sucht und daxin bekanntlich in seine Ausgabe S. 202 aufgenommen. 
Aber 'durch unglücklichen Zufall ohrensiech sein oder etwa 'wer das 
Malheur hat, an den Ohren krank zu sein' hat Walther sicherlich nicht 
sagen wollen und da sich außerdem gar nicht absehen lässt, wie un- 
gesühtey das nach Pfeiffers Ansicht überhaupt kein Wort und auf jeden 
Fall sehr wenig gebräuchlich war, an Stelle eines so geläufigen Wortes 
wie ungeschikt hätte kommen sollen, so darf diese nur durch die äußer- 
lich nahe Berührung beider Wörter sich empfehlende Conjectur schwer- 
lich als eine gelungene bezeichnet werden. 

Inzwischen ist aber das beanstandete Wort auch von Haupt zu 
Neidhart 170, 77 in einem dem letzteren beigelegten Liede der Wein- 
garter Hs. B, also derselben die allein unseren Waltherschen Spruch 
überliefert, für zu ungemach das c bietet, nachgewiesen worden, daraus 
erwächst ims also die Pflicht, das Wort , anstatt es einfach über Bord 
zu werfen, zu erklären und wo möglich zu rechtfertigen. 

Das Simplex gesiihte y gesuhte , gesüht y gew. st. fem, , bei Pfeiffer 
Zwei d. Arzneibücher 39, 23 und 40, 1 sächlich, heißt Krankheit, Siech- 
tum, auch Fieber ; in der Schweiz hat es nach Stalder 2, 418 die ein- 
geschränktere Bedeutung 'rheumatischer Schmerz, öliederweh* ; wieder 
etwas anders gilt im hiesigen Plattdeutsch der plur, de mchtmy noch 
bestimmter süchtich von dem der schlechte Säfte hat, ungesund ist, 'dat 
kint is Süchtich' heißt nicht : es ist krank , sondern : es ist ungesund, 
leidet an Ausschlag u. s. w. 

Was kann nun das mit un verbundene ungesiihte bedeuten? 
Pfeiffer sagt S. 37, ungesühte, sollte man meinen, bedeute das Gegenteil^ 
„denn die Partikel un ist, wenn auch nicht immer negativ, doch stets 
privativ, schwächend, vgl. Gramm, 2, 775." Allein diese Bestimmung 
reicht flir das schwierige un nicht im entferntesten aus und entspricht 
nicht einmal völlig dem was Grimm in seiner wenn auch keineswegs 
erschöpfenden, doch überaus lehrreichen Darstellung schon ermittelt hat, 
vgl. 1. 1. 776, 782, 1018 und öfter. Selbst das einfache von Pfeiffer be- 
nutzte ungescMJd Untat, Misgeschick, würde sich nach jener Regel dem 
Worte geschiht Begebenheit, Zufall etc. gegenüber nicht einmal völlig 
begreifen lassen, oder soll man Untat gegen Tat geschwächt nennen? 

Wie wenig un stets schwächt, wie entschieden es vielmehr ver- 
stärkt haben muß, sieht man am deutlichsten wol daraus, daß es noch 
heute in manchen Gegenden fiir sich allein als Adverbium sehr bedeutet, 
schwäbisch sogar: mich hat un gefroren, es regnet uny v. Schmid S. 524, 
woran sich dann nach Stalder 2, 423 das Adv. unigy onigy sehr^ schließt, 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 203 

das nach Tobler S. 433 nebst nunig filr ungeheuer, auch adjectivisch 
gebraucht wird, en uniga ma ein ungeheurer Mann, e n'untge bera eine 
außerordentlich große Birne. Wie das letztere eine neue Bildung von 
un scheint, so ist dieses sicherer aus der Zusammensetzung gleichsam 
abgezogen, d. h. aus Untier, Unmensch u. dgl. übrig geblieben und 
selbständig geworden. 

Soweit ich den Q-ebrauch des un übersehe, glaube ich folgende 
Fälle hauptsächlich unterscheiden zu dürfen: 1) un negirt schlechthin 
und zwar den ganzen Begriff; 2) es negirt nicht den vollen Inhalt 
eines Wortes, sondern einen damit verbundenen Nebenbegriff und zwar 
a) des Brauchbaren, Nützlichen, Guten oder b) des Gewöhnlichen, Her- 
kömmlichen, Natürlichen, Regelmäßigen *). Daher kommt es denn, daß 
es 3) verkleinert und verschlechtert und 4) verstärkt, steigert und über- 
treibt. Endlich 5) schwächt sich aber der durch un zugefiihrte Neben- 
begriff wieder ab oder verliert sich im Laufe der Zeit so völlig , daß 
die Composita mit un den einfachen ohne un ganz gleichstehen und 
6) trifft es sich nicht selten, daß ein und dasselbe Wort geradezu ent- 
gegengesetzte Bedeutungen hat, sofern es durch un teils als negirt, teils 
als verstärkt erscheint, sowie denn auch 3 und 4 nicht immer strenge 
zu sondern sind. 

Obwol die alte Sprache, wie undiet , un^etvilrme u. a. zeigt , Bei- 
spiele der 3. und annähernd auch der 4. Art besitzt, so ist doch die 
letztere vorzugsweise in der neueren Zeit und namentlich in den 
Dialekten entwickelt, die eine reiche Ausbeute gewähren. So finde 
ich denn ad 3 und 4 bei Stalder Unkuh, Unschaf, Unnase, Unmaul, 



*) Daß diese Erklärung richtig ist, zeigen Unmensch, ünweib (mhd. concnbina), 
Unstern, Untier, Unkraut u. a. schlagend, denn Unmensch, Unkraut bleibt Mensch 
imd Kraut, aber menschlich heißt uns schon was einem guten, rechten Menschen zu- 
kommt, Weih steht oft für *ein echtes, gutes Weib', Stern fär 'guter glücklicher Stern, 
und eben das ist es, was hier durch an aufgeh&ben, negirt wird. Ebenso bleibt die 
Unnase eine Nase, aber es ist nicht mehr die gew&haliobe, natürliche. Vgl. Namt^ n^ 
satusy eigentlich nur wer eineNase hat, wo aber in der Erwähnung des sonst selbst- 
verständlichen schon das ungewöhnliche, außerordentliche angedeutet liegt. So auritultUy 
in welches der Begriff lang erst auf gleiche Weise hineinkommt u v. a. Manche ganz 
ähnliche Beispiele bieten ältere deutsche Namen, so finde ich in Hannoverschen Ur- 
kunden a. 1369 Henning mit der neze (i. e. Nase), (anders in Uhlands Volksliedern 1, 
403, 10 Sivert mid der balven nesen), in Braamchweigfchen a. 1373 Heneke mit den 
düme», a. 1385 Henning mü dem hSne neben H. mit den tj&yken htynen (mit den dicken 
Beinen?) u. s. w. Wieder anders und doch ähnlich z. B. Adjectiva wie das von E. M. 
Arndt gebrauchte beinig im Sinne von 'auf den Beinen, flink, gesund', das auch hier 
noch ebenso gebräuchlich, vgl, meine Schrift über E. M. Arndt S. 97 und 140. 



204 ALBERT H(EFEK 

Untier großes Masttier ^ bei Tobler noch ohoind großer Hund, omenig 
üble Meinung, ohlätsch Unmenge, bei Schöpf Unkenner großer Kenner, 
bei Schmeller UnhJbh, Unverd/niss , bei v. Schmid UnUirm, bei Lexer 
Unochse u. s. w. 

Lehrreicher und vielleicht auch zahlreicher sind dann die Adje c- 
tiva derselben Art, obgleich Grimm 779 kein Beispiel anzuföhren hat. 
Wieder verzeichnen Schmeller imd Schöpf z. B. ungi^oss, urvreich, unlang, 
untief sehr tief (in Baden unschwer sehr schwer) , Lexer unhoch u. a., 
Vilmar unschlecht übel, unharharisch ungeheuer, das auch Kehrein Volks- 
sprache in Nassau S. 60. 416 und Schmidt Westerw. Idiotikon kennen. 
Kehrein S. 159 hat außerdem ungeneussig d. h. etwa genußsüchtig, ge- 
fräßig, wozu die hiesige, zumal nd. Volkssprache unbegerlich, unver- 
länglich bietet, unmäßig im Begehren, zu viel verlangend. Überhaupt 
ist das Nd. reich an solchen Bildungen, ich erwähne noch aus dem 
Brem. Wb. 5, 151 — 2 (außer unnask) bes. unströmig rasch, ungestüm, 
das mir dem von H. Rückert zu Ködiz v. S. S. 147 beigebrachten 
türing. unstormelich , überaus stürmisch , gleichzukommen scheint , aus 
Stuerenburg unmiss unrecht, unwanhandig ungeheuer, wie das simplex, 
worüber nächstens mehr, ein Gegenstück zu unbarbarisch. Daran reiht 
sich bei Schambach 244* unplump und unplümpsch plump, ungeschlacht, 
von allen leicht am weitesten verbreitet, denn ich finde es noch in 
Fr. Reuters L. u. Rimels S. 27 {unplümpsch ungeschlifien) und schon 
zu Anfange des 16. Jhd. wird ein Braunschweiger Dichter in eines 
Hildesheimers Antwort Her Umpenplump , Her Esels Ohr gescholten, 
s. hinter Lüntzels H. Stiftesfehde S. 204, 3, sicherlich nur aus umplump 
entstellt. Daneben begegnet, aber wol ganz verschieden, urplümplich 
in plötzlichem Sturze, v. Schmid S. 526. Ob auch nd. unmanech geringe, 
klein, kurz, dem unmenge, immäte, unwise u. a. entsprechend im Sinne 
von '^sehr viel' gebraucht werde^ ist zweifelhaft, doch dürfte dies nicht 
für Eike 572 'mit unmanegeme riddere' anzunehmen sein, vgl. ib. 584. 

Von Participien kenne ich nur das eine aber merkwürdige un- 
vergessen^ sehr vergeßlich, Schmeller 1, 73. 

Dienen diese Beispiele zum Teil schon für no. 5 , so beweist da- 
flir noch mehr der Fall, wo beide Wörter mit und ohne un als Va- 
rianten in gleichem Sinne stehen, z. B. unplozlich und plutzlich bei Ködiz 
von Salfeld 61, 25 vgl. S. 147. 

Als Beispiele endlich der 6. Art erinnere ich an Unkosten, nach 
Stieler idem quod kosten, Unmilhe ludus, facilitas, Untiefe seichte Stelle 
und nach Schmeller große Tiefe. Desgleichen gibt Stieler 2, 464 auch 
Umcind als Windstille, Stalder als gewaltiger Wind, Sturm, imd ebenso ge- 



ZUK LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 205 

braucht es Kantzow in Böhmers Ausgabe S. 41 : ein ummnt is erstegen 
und heft alle schepe umgestortet, Hieher gehört auch oben unbegerlich, 
bei Stieler detestandum. 

Hiemach ist nicht zweifelhaft, daß Walthers ungesilhte, welches 
an sich freilich 'Gesundheit' heißen könnte, wie ungesuekd nach Stueren- 
burg 298 'gesund, unangesteckt' heißt, in unserer Stelle weniger auf 
Gicht, Fieber oder dgl. als vielmehr auf allgemeines Siechtum gehe 
welches oft, wie ich höre, gerade Ohrenkrankheiten zu Folge hat. Ich 
übersetze also : wer von bösem Siechtum ohrenkrank ist , der meide 
den Hof zu Türingen , denn kommt er dahin , gewis er wird verrückt. 
Ein Wunder, daß da nicht alle taub sind. Also: da muß man starke 
Ohren liaben, sonst wird man taub, wer ohnehin schon schwache Ohren 
hat, wird verrückt. Der Gedanke scheint an sich richtig und hier ganz 
angemeßen, von Tautologie ist darin so wenig als wenn man sagte: 
in Folge einer Hautkrankheit augenkrank sein. Dennoch gebe ich zu, 
daß ungesühte ähnlich wie das schweizerische Wort auch eine beson- 
dere Bedeutung gehabt haben kann und überhaupt wahrscheinlich 
volkstümlich und dialektisch war. 

Vergleichen wir hiemit endlich die andere Stelle, Neidhart 170, 77, 
80 finden wir unser Wort mit der Variante ungemach in demselben Sinne, 
nur in anderer Verwendung wieder. Der Dichter des Liedes sieht in 
seiner Nähe eine Prügelei entstehen bei der er ratsam findet, sich eilig 
aus dem Staube zu machen, wan ich vorhte des, mir vMrde der umhe- 
snüen da d. h. wol : denn ich flirchtete, es würde dabei etwas ftlr mich 
absetzen , abfallen (Haupt : der Abfall der Schläge käme auf mich). 
Dann heißt es weiter: ich wetz wol, und het ich daz vei^mitten, ez wcer 
mir komen z' ungesuht, und später fftrchtet er, wenn er zu nahe käme, 
'daz mU/i^ Uhte mm unheiV, Der Zusammenhang ist also ganz klar, 
wörtlich : es wäre mir zu bösem Siechtum ausgeschlagen , ich wäre 
nicht gesund geblieben, nicht mit heiler Haut davon gekommen. Die 
Variante zu ungenuich sagt dasselbe mit einem gewöhnlicheren Aus- 
drucke, aber allgemeiner und farbloser. 

V. Endig, ünende. 

Die Geschichte des anscheinend so leichten Wortes Ende ist noch 
heute nicht abgeschloßen und lässt sich auch , ohne genauer in das 
Niederdeutsche einzugehen, welches in Bedeutung und Ableitung man- 
ches Besondere bietet, gar nicht völlig übersehen. Selbst ob dem Hoch- 
deutschen je ein Adjectivum endig zugekommen sei, ist ungewis : Graff 
und Ben. Müller verzeichnen nichts der Art , auch Grimm, hat es in 



206 ALBERT HCEFER 

seiner fleißigeu Sammlimg 2, 290 — 307 nicht erwähnt, das in Compo- 
aitis erhaltene ahd. cLud^^, ew^ ondElc vielmehr ausdrücklich zu andi frans 
nicht zu anti, entißnis gestellt, vgl. 2, 298 und 730 : „Grundlage sdieint 
mndi nicht €mti, enit^. Später im Wörterbuche macht er aber Qraff den 
Vorwurf, 1 , 363 andi, endi fehlerhaft von anti, ewti ib. 355 gesondert 
zu haben, — „die Begriffe avlpi fron» und andeUßnü müßen sich all- 
mälich geschieden haben, an&Ags aber geh(^ren sie zusammen^. 

Höchst wahrscheinlich richtig. Auch im Sanskrit heißt ania Ende 
und das daraus entstttadene pränta i. e. prchcmta Band, Ende, Spitze 
hat, wie mir scheint, in dem dazu gehörigen lat. frons (im Bemer Wb. 
uorhofi Diut 2, 215^) die Bedeutung von cmdi angenommen: anta und 
frons wären eines Stammes wie anti und andi*y S. Grimms Kl. Sehr. 
2, 37. Übrigens weiß ich, daß Pott Namen S. 107 u. A, die Entstehung 
des lat. fr aus pr leugnen und frons völlig verschieden zu erklären 
versucht haben« 

Eher als aus Zusammensetzungen wie (ichtendig, selbst vMefmdig 
wird man vielleicht aus dem Verbum endigen das Adjectivum zu er- 
schließen berechtigt sein: fiir eine große Anzahl von Verben auf igm 
laßen sich hier oder da die mitsprechenden Nomina in der Tat nach- 
weisen, wie Air händigen^ heheßiget^, heglauUgen, befßhiigm, bewäüigm, 
für viele andere ab^ wie beschönigen, beseitigen, huldigen, vereidigen, 
peinigen sind sie nicht erweislich und auch wol nicht immer vorauszu- 
setzen^ mithin werden einzelne wol nach Analogie der anderen ent- 
standen, Grimm 2', 307 sagt 'unorganisch' sein. Auch im DWb. 1^ 461 
spricht er bei enOgeok von 'unorganischer £än«chiebung' , indessen 
lehnt er mit Becht die Ansicht ab^ daß ahd. i, y (vgL entiön, en^an, 
ags. endigan) nachgewirkt habe, wogegen W. Waekemag^ in Haupts 
Zeitschr. 5, 323 auf die bekannte Verhärtung dieses j das nhd. ig zahl- 
reicher Factitive zurückfilhrt, unter ihnen auch unser endigen. Aber wo 
wäre das Woirt, welches nach Grimm kaijm vor der zweiten Hälflie 
des 17. Jhd. aufkommt, die vorigen Jahrhunderte über geblieben? 

Zu den wichtigsten Bildui^en von jßnäa gehört ohne Zweifel wn- 
ende und unendig» Daz unende, unenti n. ist als atiXnci, kein Ende, Un- 
endlichkeit, Ewigkeit bei Grimm 2, 776 und Graff 1, 357 nachgewiesen, 
dazu kommt Diut. 1, 499^ unenti mikiUi infinite magnitudinis ; sodann 
in Predigten des. 13. Jhd., Fundgruben 1, 77, 25: natem vnde slangen 



*) Beiläufig bemerke ich, daß skr. anta m. und n. ist wie anti, ende und wie auch 
nd. ende rielleicht öfter als Masc. denn als Neutrum begegnet, entsprechend dem got. 
masc. andeii. 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 207 

«m unende, eine Unendlichkeit, Uxusabl; in anderem Sinne^ der sieh doch 
aus dem ver&chledenen Gebrauche von emde selbst ergibt, b^egnet es 
dann im Nd., so Flo« u, BL bei Bruns 238, 196 ae 8prah dat were ^ 
unende, dat «?% JSlaa^J^ase »idgen ddt^ d. h. nidtt: das wIEre zwecklos, son- 
dern: schändlich, niditswürdig. Denn schon Stidier 1, 376 hat: Gnende, 
alias ünfog, iniquitas, iniuria^ Schmeller 1, 76 und Schöpf 105 geben 
daftlr viele Beispiele und kennen auch beide v^mndig, wnmdlick, nichtsr 
nutaig^ ausgeladen. In Betreff des letzteren, nd. unenddik, unende^ 
verweise ich aaif BWaldis 4, 19, 19 we vpor unemdtlieh und uatücJdig, 
F. Bech in Oerm. 6, 58, Fidicina Berliner Stadtbttch und Urk. 2, 102, 
wnendiff dagegen ist aus BWaldis 2, 10, 23 und 61,. 3 zu belegen, 
aber dort ist es 'böse, niederträchtig', während es hier von einem ein- 
fältigen Knechte 'unfertig, ungeschickt, träge' zu bedeuten scheint« 
Hiezu ein nd. Beispiel in den eben von Hänselmann herausgegebenen, 
von Dr. Schiller eAlärten Braunsehweiger Chroniken 1, 152^' a. 1396 
vord 88 was Mr ein unvs^ (Unsitte) de dem. räde unendech wesm. duchte^ 
wo ea nicht 'aiweckwidiig' sondern vielmehr stärker 'verderblich, ab- 
scheulich' sm bedeuten seheint. 

Von hier aus würde sich die Bedeutung eines einfachen endig, 
enddieh, endlieh leicht ergeben und in der Tat ist das letztere im Sinne 
von strebsam, fleißig, tüchtig bis in die neuere Zeit überaus häufig ge- 
braucht 8. Grimma Wb. 3, 458 u. 462, Stieler 1, 377 und s. B. Lappen- 
bergs Brem. Geschiehtsquellen 125, wo mdeUken nicht endlieh, zuletzt 
ist, sondern wol sehneä, rasch ^ vgL U.A. ReiBeke 5322 und auch 
Braunsehw. Chron. 375 dar en kan o» weh endelik antworde af tverden. 
Und ähnlich vevhält es. sieh denn auch mit mddff, welches, wenn auch 
im Hochdeutschen kaum nachweislich (bei Kurz im Register zu BWaldis 
steht es, doch ahne Stelle), im Niederdeuts eben um so üblicher ge- 
wesen sein muß. Dafiir spricht nicht blos im Laietadoctrinal S. 186 
endi^wit, nach SckeUer Nützlichkeit, Zweekmäß^eit, während es wol 
Tüchtigkeit' meint, sondern noch mehr das Adv. endigen rasch, schnell, 
von welchem als veraltet das. Brem. Wb» 1, 307 schon ein Beispiel hat: 
und rrntede sick gegen de Bremers sir endigen,, während es in der Barter 
Bibel hundertfkltig begegnet, z. B. Hiob 9, 12; Esther 3, 19;. Hist. v. 
Sus. 38; Tobias 11, 10, oft im Daniel UBbd wol überall. Aujeh in einer 
Wittenberger Ausgabe des Neuen Test* v. J. 1537 in der Vorrede zu 
Tbessal. 1 heißt es: vom dage wo de sulße h&men scheue endigen 
unde snel. 

Somit ist denn endig mm wol außer Zweifel gestellt und damit 
das Verbum endigen gerechtfertigt. 



208 ALBERT H(EFER 

Schließlich erwähne ich noch des von Grimm im Wb. 3, 458 er- 
klärten Adj. endd und seines von Graff flir das Ahd. imd nun auch 
flir das Mhd. und Nd. nachgewiesenen Superl. entilost, endelost, endeist, 
Tim dabei an endilmeri in Notk. ps. 71, 8 (gleich wendelmerij schon bei 
Frisch 2, 439*) und an Wackemagels sinnreiche Conjectur zu Walther 
S. 108, 22 (Lachm. 72, 21) zu erinnern, unendeldst, was dann Einl. p. 36 
vielleicht ohne Not gegen und e/ndddst aufgegeben ist. Denn wenn nicht 
un hier gar verstärkt, warum könnte es nicht 'imendlichst, grenzenlos' 
«ein? Sodann weise ich zu dem nd. endeist der Gosl. Bergges. p. 283 
auf die neuniederdeutschen, zum Teil auch von Fr. Reuter verwendeten 
Superlative binnelst oder bindeist, buetelst, hier auch innelst, ueteht hin, 
die ich später einmal* weiter behandeln werde. 

VI. Fräpositionale Adverbien auf -er. 

Wer das Niederdeutsche aus dem Leben kennt, wird gewis jenes 
den Adverbien mancher Präpositionen angefligte -er gehört haben wel- 
ches hie imd da fast eh, e lautet, daneben aber als ursprüngliches -er 
überall deutlich durchklingt. Dieses -er ist übrigens auf die mit her-, 
hier herr- oder hr-, r- beginnenden Formen beschränkt, man sagt also 
herraffer oder hraffer, raffer, hranner^ hrinner, hemacher, krümmer, hrupperj 
hrüter, niemals anner, inner, upper. Woher nun dieses er? Man ist be- 
kanntlich gewohnt, es mit derlei kleinen Absonderlichkeiten des Nieder- 
deutschen nicht allzu genau zu nehmen, das Niederdeutsche hat als das 
platte eben ein Privilegium auf allerhand Unorganisches, ob dergleichen 
etwa auch im Hochdeutschen vorkomme, wird nicht einmal immer ge- 
fragt, oder es wird hier mit dem Einfluß des Niederdeutschen entschul- 
digt , als 'Niederdeutsch' abgetan, während man dieses wirklich doch 
viel zu wenig kennt, um so wie täglich geschieht, damit umzuspringen. 
So ist denn auch imser -er nach altbeliebter Lehre von Anhängseln 
oder als euphonische ! Veränderung (s. Z. f. d. Mundarten 6, 230) be- 
urteilt, im günstigsten Falle als ungehörige Nachmacherei von herachter, 
herunter, allenfalls von herau^ser, was hd. gehört wird und ausser, üzer 
enthalten könnte. Jul. Wiggers' kleines Lehrbuch der plattdeutschen 
Sprache, das in verdienstlicher Weise echt Volkstümliches hervorhebt, 
übergeht unseren Fall, auch F. Wigger der bei dem Hochdeutschen 
das Plattdeutsche berücksichtigt, erwähnt ihn nicht, aber Müllenhoff 
Glossar zu Quickbom S. 313 sagt: ^Raffer herab, ebenso ropper, tUter, 
herummer nach falschen Analogien gebildete Adverbien, die im 
Sdtm. noch sehr fremdartig klingen". Schwerlich richtig, denn jenes 
-e?* ist vielmehr bestimmt nichts anderes als her, welches auch sonst 



ZUK LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 209 

verdoppelt vom und hinten hinzutrat, hier aber um so gerechtfertigter 
schien, je niehr das erste beginnende her verdunkelt war. Die Bestäti- 
gung bietet hd. herabher, hcMrssuohar^ ahher, üzher, förher, nachher, vgl. 
W. Wackemagel s. v. her und Ben. Müller 1 , 688**. Grimm , welcher 
die Sache etwas zu kurz abtut, fUhrt gleichwol 3, 212 aus Luther ahher 
und sonst attsaher an; ich begnüge mich, noch folgende Beispiele hi» 
zuzufligen: aus Mumers Schelmenzunft, Halle 1788, S. 27 kein schelm 
dasaelb herauzher sagt, S. 43 den dreck im sib herumbher achiltlenj 
aus Arch. ou corresp. in^dite de la maison d'Orange-Nassau, Utrecht 
1857, um d. Jahr 1580 hemacher und naher Portugal affaren, aus Bou- 
terwek zur Gesch. der Wiedert. S. 96 u. 98 nacher Munster schicken^ 
aus Uhlands Volksl. 1, 69 herumhhe/r, 2, 588 rummer gän, ib. 753 heimer 
(bei W.Wack. herheim£r), endlich aus den Deutschen Städtechron. 3, 361 
hetTinner reit, 

VII. Ein Stücker acht'^). 

Der vorstehende Aufsatz fiihrt mich auf ein anderes -er der deut- 
schen Volkssprache welches vorzugsweise vom Niederdeutschen Licht 
erhält, obgleich es nach manchen Deutungen und ohne Rücksicht auf 
jenes namentlich von Grimm im DWb. 3, 114 richtig erklärt ist. 
Die Überschrift deutet bereits an, daß ich Redensarten wie ein Pfunder 
neun, nd. Sn stiicker ßf im Sinne habe , in deren er man mitunter ein 
Zeichen des Genitivs zu erblicken glaubte. Die volle Ausdrucksweise 
da innerhalb einer gewissen Grenze die Zahl selbst unbestimmt bleiben 
sollte, verband gewöhnlich das Zahlwort ein und die äußerste wahr- 
scheinliche oder erlaubte Zahl durch oder, also z. B. ein oder acht im 
Sinne von 'etwa, an, gegen, höchstens acht'. Das Gezählte konnte da- 
bei nach der zweiten Zahl gestellt werden, als: en edder föfiein man, 
einen oder drei Gulden, Luther: etnen oder zween Tage'j gewöhnlich aber 
hatte es seinen Platz nach der ersten Zahl, so mhd. ein tac oder drt, 
nhd. ein gülden oder fanfzehen, HSachs: mit einem Gulden oder acht. 
Diese zweite Weise welche noch heute im Englischen herscht (doch 
sagt man auch four or five days), galt auch ftlr das Deutsche, zumal 



*) Ich laße aach diesen Artikel im WesenÜiolien unverändert, obgleich derselbe 
Gegenstand nenlich von Fr. Latendorf in der Germania 13, 202 eingehend, doch nach 
anderen Seiten und mit anderem Ergebnis wieder besprochen ist. Vgl. auch Kellers 
Anm. zu Ulenspiegel 36 in Germ. 12, 97. Zugleich erwähne ich, daß der Ausdruck 
ein Taler zehne vor einigen Jahren in Berlin Veranlaßung zu einem Processe geworden 
ist, indem darauf hin 10 Rthlr. statt 1 Rthlr. 10 Sgr. gefordert wurden. Das Gericht 
entschied fOr das letztere. 

GfiUMAMlA. Neue Reihe IL (XI V.) Jahrg. 14 



210 ALllERT HCEFER 

bei weiterem Abstände der Zahlen, als Regel und eben sie ist es, aus 
der „mit gekürztem und einverleibtem oder^ unser volkstümliches ein 
Tager drei) ein Guldener acht entstanden ist. 

Diese Erklärung liegt nun fUr das Niederdeutsche um so näher 
als hier neben oder auch edder und eder auftritt, letzteres aber auch 
selbständig mitunter zu eer, er wird, sowie oder zu oer, engl, or, vgl. 
z. B. Lüntzel 223, Brem. Wb. 1, 292. 3, 266. Die Schriftsprache be- 
hält inzwischen, wie sich von selbst versteht, in der Regel die vollen 
Formen. Als Beispiele mögen dienen aus J. Lindemanns Memorialbuche 
S. 6 einen artikel edder sosse (a. 1560) , aus N. Gentzkow .305, 5 1 last 
edder vier sins roggen (a. 1564), ib. 311 p. m. wolde aver einen dag ed- 
der 2 drup antworden, ib. 335, 6 dat costede mi wol 1 mark edder achte. 
Hiezu kommen, um nur noch einiges besondere hervorzuheben, 
manche einzelne Ausdrücke, indem statt ein eine andere Zahl steht 
oder die größere der kleineren vorangeht, so : zwair daumein lang oder 
dreir, bei Grimm ; umme ses ors oder sevene, in holst. Urk. ; M 4 edder 
5 stunden] mit twen edder einem streke langer horden, Zober 3, 436; 
miner meistei* vier oder d/ri^ Docen 2, 50; indem mehrere oder folgen: 
ndn (noch ein) dänsken V tw^ of d/r^, bei Lyra 186 ; ein tager drei oder 
vier Germania 12, 97; mit anscheinend fehlendem oder: ein hundert v^re 
edder vwe, irgendwo in den von Lisch herausgegebenen Mecklenburger 
Jahrbüchern, d. h. nämlich nicht 104 oder 105, sondern : etwa vier oder 
fünf hundert; ebenso in Z. f. Lüb. Gesch. 2, 317 ein hundert mark dre 
ofi ver ^ oder bei Waldis im Esop 1, 76, 5 ein stundt drei oder vier, 
den Zeitraum einer Stunde drei- oder viermal , also : drei oder vier 
Stunden, so daß oder welches meist wol stehen könnte, dem eigentli- 
chen Gedanken nach doch kaum vermist wird. Ein dabei stets als 
bloßen Artikel zu nehmen scheint nicht nötig. Hievon würden denn 
Ausdrücke wie : ein drei oder vier Jahr, es ist ein vier Jahr her u. dgl. 
kaum verschieden sein ; ein zwei Stunden fröhlich sein u. a. bleibt je- 
doch zweifelhafter, es kann anders sein als: ein acht Tage lang, eine 
Woche, alßo ein oder zwei Stunden meinen. Wieder anders ist bei Linde- 
mann (Zober 2, S» 10) ein schieff oder etzliche ausrüsten, ohne bestimmte 
Zahl. Wenn es dagegen in einem Ostern 1869 erschienenen Programm 
in einer nd. Übersetzung aus Homer en hunnerter dre un söstich heißt, 
so ist das nicht bloß ein unerhörter, sondern offenbar auch falscher 
Ausdruck, der wenn er richtig sein sollte, 6300 bedeuten müste, wäh- 
rend er 163 meint. 

Von einer bei Wiggers S. 33 erwähnten besonderen Form auf erne, 
^n (Inlerne tuinfich, kenne ich kein Beispiel ; docli finde ich bei Fr. Reuter 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 211 

oft 'n jdrener twe , 'n stiickener fößich, bei Vilmar Hess. Id. 289 ein 
Wochener vier, wo wol Beispiele wie guldener tw^ eingewirkt haben. 
J. Brinckmann hat 'n fotere drS ore vier, und hier in Pommern sagt man 
richtig 'n dach-er acht (neben dag-er) und 'n dMere tmntichj letzteres 
für daler-er, mit hie und da noch sicher gehörtem e, das aber meist 
schon aufgegeben ist, also: 'n ddler twintich, 

Vm. Swommen, Swummen. 

Daß Hoffmann die im Reineke v. 768 durch den Reim auf brummen 
gesicherte und dann auch in der Germania 9, 451 aus dem Brem. Wb. 
und durch zwei bekannte Stellen bei Bruns S. 135 und 356 etwas zag- 
haft bestätigte nd. Form 'swummen imerhört nennt, war mir entgangen, 
wenngleich ich sie zum Wörterbuche, wo sie fehlt, längst nachgetragen 
hatte. Mit demselben Unrechte mit dem Hoffmann sie in der Einleitung 
S. 7 verdächtigt und v. 773 u. 780 gegen die Drucke A und B sogar 
beseitigt hat, hat dann auch Ettmüller hinter den Sprüchen Witzlavs 
S. 64, 5 das von Bnms S. 135, 5 mitgeteilte summmet, ohne über die 
Nötigung oder Berechtigung dazu auch nur ein Wort zu verlieren, mit 
svnmmet vertauscht und so hat weiter auch Kosegarten in seiner Aus- 
gabe des Ludolf v. S. S. 41 , 6 an derselben Stelle swemm^n gedruckt 
wo A. Partz in seinen Mitteilungen aus des Ludolf Reisebuche in v.d.Ha- 
gens Germ. 6, 64 nach demselben Wolfenb. Cod. Blancob. swommen 
gegeben hatte. Dennoch war das nd. svxymmea schon zu BWaldis 558 
außer der letzten Stelle durch Fr. Wiggert 2, 37, 82, vn mJbten awommsn 
beide, belegt und mit vielen ähnlichen Bildungen verglichen worden. 
Ich habe das Wort seitdem stets im Auge behalten und fiige nun noch 
folgende Beispiele hinzu: Germ. 9, 277, 16 de edle swommeden td der 
brugghe , ebenso in der Hann. Hs. Körners, die neben swemmen auf 
fol. 107* noch fol. 173** he menede td swommende imd ibid. de perde de 
swommsden darbietet; ge$v)Ummet, swömmen, de gvden swömmers aus Ut- 
l^gg- gem. düd. sprikw. 24*, 89'', 90', 122''; Neocorus 2, 668 seschwamhden 
alsd Iwe, wo freilich eine Zeile vorher schvdmmeden aver den Bein steht, 
gleich Uhl. 629; sodann aus dem von K. Bartsch herausg. tür. Bittersp. 
V. 3665 schizin, swummin, stigin sal ein ritter wole lerne. Hiemit ist denn 
nicht bloß das Dasein jenes Verbums außer Zweifel gestellt, sondern auch 
seine schwache Flexion ist erwiesen die flir das nnd. swemmen nicht 
imgewöhnlich ist, vgl. Fr. Reuter 12, 251 ae swemmten aever all de annem 
weck etc. (In Diut. 2, 224 heißt natare smemmen, natator smemre.) 

Aber damit ist die Sache noch nicht abgetan, vielmehr bleibt 
Manches höchst zweifelhaft, besonders wenn man das Wort über das 

14* 



212 ALBERT HCßFER 

Niederdeutsche hinaus verfolgt. Denn schon im Althochdeutschen ist 
manche Form mit u nachweislich, aus Glossen und Notkerischen Über- 
setzungen, s. öraff 6, 877—79 und Weinholds Alemann. Gr. S. 31. 
Sodann kommt im Mhd. mehrmals swande, swamde vor, mit über und 
auch mit dem Accus, des Objects, s. Haupt 3, 274, Lanzelet v. 7520 
u. 7659, und dazu Schilling De usu die. übici de Z., Hai. 1866. Ist 
nun dieses swamde^ das wol zu swemmen gehört, eins mit jenem schwamb- 
den bei Neocorus, oder muß letzteres fllr eine andere Form von swamden 
gelten? Und femer, stehen ahd. stoummen und nd. swummen, swommen auf 
gleicher Stufe? Denn u kann verschieden entstanden sein, wie auch e in 
dem mhd. und in dem gewöhnlichen nd. swemmen. Auf die erste Frage 
weiß ich nicht zu entscheiden; es ist sogar der Fall denkbar und er- 
weislich, daß das alte starke swam unorganisch in ein schwaches Prä- 
teritum übergegangen wäre. Was die zweite angeht, so sehe ich ahd. 
summmen ebenso an wie got. svumfsl, svumsl, ahd. gasvmmß, d. h. ich 
führe das u auf altes a des Stammes swam zurück , von dem freilich 
ihrerseits auch svnmman und swemmen ausgehen. Und so kann es sich 
auch mit dem nd. u und o verhalten, so daß z. B. das Verhältnis von 
got. fram, framathis, fnima, ^hA. fram, fnim, fr(m^de neben fremde, fra- 
madi (noch jetzt fremd und frömd) zu vergleichen wäre. Indessen flit 
alle nd. Fälle mit wechselndem e, o gilt dies keineswegs, wie die zu 
BWaldis S. 150. 183 besprochenen Fälle dartun. 

Bei unseren nd. Formen aber an einen Lesefehler zu denken 
wird hoffentlich Niemandem mehr einfallen*). 

IX. Estrich imd seine Formen. 

Das hd. Estrich, Esterich, mhd. esteinch, dann Aestrich, Estreich, 
Estrech, Ostrich, m. und ntr., zeigt im Niederdeutschen, von der ordi- 
närsten Gestalt desselben abgesehen, drei oder wenn man will, sechs 
und mehr erheblich abweichende Formen, nämlich astrak, aJistrak, 
astark, astrik, estrek, äster nebst verb. ästem (vgl. ahd, esd/rih und esd/riy 
Diut. 2, 180), alstrak, ahlstrak, verb. olstracken, die hie und da im 
Brem. Wb. und bei Schütze, von Chytraeus und N.Kiel, neuerdings 



*) Ebensowenig wird auch , wie Germania 1. 1. angenommen worden , gudder 
statt 9edder bei Bnms 249, 682 verlesen sein. Obgleich ich sudder mit u nur aus die- 
ser einen Stelle Terzeichnet habe, so kommen dagegen sodder nnA aodder bekanntlich 
um so häufiger vor, z. B. bei Ludolf in Germ. 6, 64; in Merzdorfs B. der Könige S. 13; 
Brschw. Chron. 1.S4, 10 u. oft ; södder das schon von Dähnert angeführt ist, steht z. B. 
Werltspröke 33^. 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 213 

auch von L. Diefenbach und Kosegarten, Woeste, Schambach u. A. ein- 
zeln erw'iihnt, aber kaum je aus alten Quellen nachgewiesen, noch we- 
niger im Zusammenhange erforscht sind. An völlige Erschöpfung ist 
auch nicht zu denken und ich beschränke mich deshalb auf das 
Wichtigste. 

Die vier ersten Formen finden sich z. B. bei Eike 216, in Merz- 
dorfs B. der Kön. 134, Nie. öentzkow bei Zober 3, 144. 145. 427 u. ö. 
um 1560; Nr. 1 und 4 begegnen auch in der Lübecker Bibel von 1533 
wie in der Magdeburger von 1536, beide bieten auch das Verbum astracken; 
die oftgenannten 7 und 8, welche die J-Formen heißen mögen, alstrak, 
ahktrak, nebst dem Verbum ahUtraken weiß ich einstweilen nur aus un- 
serer herlichen Pommerschen Bibel zu belegen, z. B. Hesekiel 42, 3, 
Esther 1, 6, Hieb 19, 12. Die neunte und letzte, das Verbum olstrackt 
oder plastert, steht in den Meklb. Jahrb. 5, 251. Diese Stellen ließen 
sich zum TeU leicht vermehren, obgleich es dem Niederdeutschen an 
vielen auch deutschen Ausdrücken hier nicht fehlt, denn z. B. erin in 
den öloss. Lips. bei M. Heyne S. 45, no. 272 (bei öreith spicil. 36* 
airin, s. Grimm s. v. Ähre), plaster y paviment*), strdte, hüggeds strdte, 
van 8t^ geaetbet, stSnwech, gebander wech, fl&r, del, plasterea, stSnbrüggen, 
hruggen (de atinhrugger Mf an td bruggen) kommen mehr oder minder 
gleichbedeutend vor. 

Sind nun die ersteren längst ujid mit Recht neben altn. astrac, 
altdän. a^strag, ndl. estrik, ahd. astrih zu mlat. oxbra/tMm, astricua gestellt, 
so halte ich die anderen ebenso unbedenklich an entsprechende Z-Formen 
des Romanischen^ lastrOj lastra, laatrico, lastrica/re, vgl. lastrum u. a. bei 
Du Gange und laetrich im Polnischen: astrak verhält sich zu cwfracww 
wie alstrcüc zu lastrico. Der Parallelismus ist zu augenfällig, äußerlich 
wie innerlich, um beiderseitige Beziehungen zwischen aatracum und la- 
strico, oder lastrico und alstrak leugnen zu dürfen, aber ihr Zusammen- 
hang wird erst dann sicher zu übersehen sein, wenn der Ursprung der 
Wörter asi/i^ak, astracmn etc. klar vorliegt. 

Und hier erschweren die allerverschiedensten Ansichten die Ent- 
scheidung. Gewöhnlich hat man die Z-Formen ganz und gar außer 
Acht gelaßen und dann nicht ungeschickt an asser und mlat. asbrum, 
obre, oder an oötQaxoi/, ostra^Mrii gedacht, so Grimm und vor ihm auch 
Kosegarten dem j^alstrak ftir das ursprünglichere astrak steht", in jener 
Weise aber L.Diefenbach, dann Diez, welcher in der ersten Ausg. des 



*) In der Kölner Bibel um 1480 dat paviment geatricket van smaragden, Esther 
1, 6, gleich aUtrak van nwrmelatinen gemaket der Barter Bibel. 



214 ALBEKT HCEFEU 

et. Wtb. 30. 31 in laatrico noch den „zum Worte gezogenen Artikel" an- 
nehmen mochte. Nun dagegen l**, 317 flihrt er die ganze Sippe außer 
den d. 1-Formen ^nach abgestoßenem Anlaut" auf 'plastrum und läßt 
weiter umgekehrt „das fiir den Artikel gehaltene l^ abfallen, indem 
er an astricus plaatar im Voc. S. Galli erinnert. Ist diese scharfsinnige 
Deutung richtig, und die beste ist sie jedesfalls, so ist Estrich sammt 
dem was dazu gehört, auf gewaltigem Umwege entstanden, aber der 
Weg den sämmtliche Wörter gewandelt sind, läßt sich noch mit ziem- 
licher Sicherheit wiedererkennen und im einzelnen rechtfertigen. Neben 
ahd. phlastar, plastar finden wir schon frühe lalstar und llastaVy ersteres 
neben cementum, letzteres neben ehsdrhi, sowie esd/rih und esdH für 
pavimentum^ s. Diut. 2, 180. 181. Setzen wir demgemäß mit p oder h, 
mit Suffix aco oder ico mlat. pahfracum und pldstracum, so ist der 
Übergang zu alsl/rak und astrak sowie zu lastrum, lastricum leicht genug 
gemacht. Man vergleiche nur z. B. lat. lien mit öJiki^v und ^jrAayjijt/ot', 
skr. plihan fiir splaghan^ oder lat. Unter, lunter mit nlvvxr^Qj oder die 
Namenformen von Apolhniua, z. B. Poloniuis, Plönnies, Lönniea, um diese 
Erklärung, bei der estrich entweder fiir elstrich oder nach Diez für 
lestrich stehen würde, sehr wahrscheinlich zu finden. 

Wer ohne zu trennen was hier verbunden ist, anders erklären 
wollte, der müste etwa von einem, alles einzelne enthaltenden alasiracum 
ausgehen, Avofilr es dem gewandten Etymologen an — Vermutungen 
auch nicht fehlen würde. 

X. In proquellis leben 

oder in perquellis leben muß im 16. und 17. Jahrhunderte eine verbrei- 
tete volkstümliche Redensart gewesen sein im Sinne von 'verschwen- 
derisch, in Saus und Braus leben . In der zweiten Form und etwa ver- 
schioenden bedeutend ist es zuletzt in Fr.Zamckes Liter. Cblatte 1866 
no. 2 Spalte 46 aus Müllers Beiträgen über Gütergemeinschaft in Mek- 
lenburg, Strelitz 1852 S. 86, vom Jahre 1617 und öfter angefiihrt und 
dabei die Frage nach dem Ursprünge des Wortes aufgeworfen worden. 
Dem Fragesteller und Zamcke ist nicht bekannt gewesen , daß 
ich den Ausdruck in der ersten Form und mit gleicher Bedeutung 
schon 1851 aus BWaldis Parabel vom verlornen Sohn nachgewiesen 
hatte. Er steht in meiner Ausgabe v. 521, vgl. S. 181, und der Zu- 
sammenhang ist dieser. Der Spitzbube welcher von dem liederlichen 
Treiben des verlornen Sohns gehört, tröstet den verzagten Wirt mit 
der Aussicht auf lustiges Leben: wenn der Teufel ihm den reichen 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 215 

Wüstling zuführte, so würden sie in Saus und Braus leben oder, wie 
es im nd. Texte heißt, so tvolden wi in proquellw leven. 

Aber Waldis bedient sich desselben Wortes a,uch in seinem Eso- 
pus 4, 92, 14 mit dem Zusätze gar frölich vom Fressen imd Schlam- 
pampen der Bauern: 

Da wirdt viel Volkes schlahen zu*), 

Viel Bauren gar frölich in Proquellis leben, 

und wer in Fastnachtspielen und bei den Satirikern nachsuchen wollte, 
würde es gewis manchmal wiederfinden. 

Die Erklärung die ich schon in .meinen Anmerkungen S. 181 un- 
versucht ließ, will auch heute leider nicht sicher gelingen. Für sicl\pr 
halte ich nur daß ein unwillkürlich oder absichtlich entstelltes lat. oder 
roman. Wort zu Grunde liegt, wie man ähnlichen Entstellungen der Fremd- 
wörter noch täglich begegnet. Im Eulensp. prophei für privd. An in pro- 
cellis als eine Art Übersetzung unseres 'in Saus und Braus' darf man wol 
nicht denken, eher ließe sich auf porcellits raten, aber könnte in porcellis 
*^wie die Schweine' heißen, nach Art französischer Ausdrücke wie 'vivre 
en grand seigneur , vielleicht statt 'en pourceau' oder gar älter en 
porcel, porchel? Man wird dabei leicht an: un vrai pourceau, un pour- 
ceau d^Epicure, an Göthes fünfhundert Säue u. dgl. erinnert, — ja in 
proqueUis würde, von dem leisen Unterschiede der Bedeutung abge- 
sehen, fast zu einer Übersetzung imseres neueren 'en Schwein', für 
welches ein Beleg in H.Heines Harzreise begegnet, der neuesten Ham- 
burger Ausgabel, S. 98: 'er kam in allzu gutem Humor d. h. en Schwein 
vorbeigerannt'. 

Obgleich ich die Bedenken keineswegs verkenne welche dieser 
Vermutung entgegen stehen, mache ich doch noch darauf aufmerksam, 
daß auch sonst mitunter ähnUche volkstümliche und selbst scherzhafte 
Ausdrücke allgemein üblich geworden sind und sogar in die Sprache 
des Rechtes Eingang gefrmden haben. Worüber ein ander Mal mehr. 

XI. Ein X für ein ü machen. 

Die bekannte Deutung der Redensart 'ein x für ein u machen' 
aus dem Zahlenwerte des X imd des V, welche unlängst auch in der 
Germania 13, 270 waihrscheinlich gemacht ist, liegt in der Tat so nahe 
daß sie sich auch dem der sie nicht kennt leicht von selbst aufdrängt. 



*) d. h. zTisammenlaufen wie Servat. v. 936 ganz ähnlich : michd menege ztto sluoc. 
Merkwürdiger Weise steht auch im Verl, Sohn v. 519 wan nü de duevel td werde »fSriy 
dat he wolde mit mi htr her gän, doch hier deutlich in anderem Sinne. 



216 ALBERT HCEFKK 

Der eigentliche Sinn wäre also: einem 10 fllr 5 berechnen, ihn über- 
vorteilen, betriegen, oder überhaupt: etwas anders machen als es ist, 
falschen u. s. w. Obwol der Gebrauch diesem ziemlich genau entspricht, 
so gibt es doch noch eine andere Möglichkeit der Deutung die mir 
neulich bei dem Lesen altdeutscher Glossen wieder entgegen getreten 
ist und wol wert scheint kurz mitgeteilt zu werden. 

Unter den verschiedenen Geheimschriften deren unsere Vorfahren 
sich bedienten, war die gewöhnlichste und mindestens bis ins 15. Jahr- 
hundert fortdauernde Art bekanntlich die welche statt des Vocals den 
zunächst folgenden Consonanten setzte, also b statt a, f statt e, k statt i, 
p statt o und endlich x für u, v, sowie xx filr w. So bieten z. B. 
die Mainzer Glossen des 8. bis 9. Jahrh. in der Diut. II, 283 fl. npt- 
nxmftbrb violenti ftlr notnumftara; xbklp ftlr ubilo ; fxpr fllr fiior; 
sxlkh ftlr sulih u. s. w. und in einem Codex des 15. Jahrh. ward noch 
ftir *hunc libnun geschrieben hxnc Ikbrxm, vgl. Hoffmanns ahd. Gl. 
p. XVni no. 17 und Docens Mise. 1, S. 158 Anm. mit Diut. 1, Vorr. XI. 

Hier ward also wirklich ein x filr ein u gesetzt und da die Ab- 
sicht dieser Schreibweise, mag sie oftmals auch als Zeitvertreib und 
Spielerei geübt sein, ursprünglich nicht sowol auf ein Betriegen und 
Fälschen als auf ein Verbergen und Teuschen hinauslief, so scheint 
mir unsere in völlig gleichem Sinne gebrauchte Redensart recht eigent- 
lich auch hier ihren ersten Ursprung zu haben. Daß später dann auch 
die Bedeutung des x und u als X und V eingewirkt habe, soll nicht 
geleugnet werden, vielmehr mag die zwiefache Bestimmung beider vor- 
zugsweise Veranlaßung gewesen sein, daß grade 'ein x ftir ein u ma- 
chen* in seiner heutigen Bedeutung entstand und fortbestand. Denn 
freilich 'ein b ftir ein a' oder 'ein f ftir ein e machen' hätte sonst mit 
gleichem Rechte in gleichem Sinne gesagt werden können. 

Übrigens war ein x für ein u zu setzen schon im Altertum be- 
kannt, denn Sueton berichtet vom Augustus cp. 88 : quoti^is per notas 
scribit, B pro A, C pro B ac deinceps eadem ratione sequentis litteras 
ponit, wie Hr. Prof. Buecheler mich erinnert. Je älter aber der Gebrauch, 
desto wahrscheinlicher jene Erklärung. 

XII. Namenbildung aus Namendeutung 

und 
Moneke de junge Martenapens sone. 

Der Name den der junge Affe im Reineke 6161 ftlhrt, soll nach 
einer zwiefach versuchten, doch wenig einleuchtenden Deutung ALtlb- 
bens im Oldenb. Osterprogramm 1863 S. 50 — 52 'der schöne, liebliche' 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 217 

bedeuten, statt wie sonst wol angenommen worden 'Mönch, Mönchlein'. 
Allein die Form, heißt es, widerstrebe, Mönch sei nd. monnik, munk, 
monneky aber nicht moneke, „und wenn man auch die Formen gleich- 
setzen wollte, wie konink, kovmink, so wäre der Name doch nicht pas- 
send fllr einen der weder ein Mönch ist noch gewesen ist" u. s. w. 
Indem ich den sachlichen Teil dieses etwas überraschenden Beweises 
lieber übergehe, hoffe ich Hr. Lübben werde doch nicht meinen, mit 
jenen drei Formen die zahlreichen nd. Gestalten des Wortes Mönch 
erschöpft zu haben oder letztere auch nur alle zu kennen. Er kennt, 
wie er deutlich zeigt, nicht einmal die Formen mit einfachem w, 
die besten und ältesten aller, von denen ich außer den umgelauteten 
und monich, monech ihm nur den Reim monikenikanoniken, monike cappen, 
pl. de moneke und monekensträte, moningk entgegen halte, und was das 
auslautende e betrift, so verweise ich ihn dagegen auf Hoffmanns Brschw. 
Namenbüchlein S. 58 , wo zu dem' heutigen Namen Monecke als nd. 
moneke^ mönek^ mönk, der Mönch, angeführt sind. Ob Hoffmann freilich 
dieses an die Spitze gestellte nd. moneke erweisen könne, ist sehr zwei- 
felhaft: ich habe neben 17 Formen unter einer Fülle von Beispielen* 
nur ein einziges leidlich sicheres moneke als Sgl. verzeichnet und zwar 
aus einem Greifswalder Memorabilienbuche vom J. 1557 in Pyls Denk- 
mälern S. 201 : ad vele der (aegel u. brSve) , als de letzte moneke wech- 
getagen u. dat -ctöster vorläten, gefunden worden. 

Desgleichen steht aber als Namenform nehen Monike, Mönnecke, 
Mänike (Uhland 1, 401) und anderen schon um 1460 unser Moneke fest, 
s. z. B. Seibertz 3, 139 und 208 und sonst oft. 

Somit fragt sich denn ob beide Moneke der Affe und der Personen- 
name der auch jetzt noch vielfach erhalten ist, zusammengehören und 
in welchem Verhältnisse sie zu monek, mxmeke stehen. Über den Per- 
sonennamen weiß ich nichts Sicheres zu ermitteln, zu ahd. Muno und 
Genoßen bei Förstemann S. 938 scheint er ohne Beziehung, vielmehr 
sieht er völlig wie eine, doch vielleicht spätere Abkürzung gleich Lu- 
deke, Tiedeke, Kunike, Heineke, Reineke u. v. a. aus. Und nicht viel 
besser steht es um den Affennamen. Indessen spricht doch manches 
ftlr die Erklärung als Mänchlein, von dem man auch sonst mitunter 
und nicht ohne Grund den Affen benannt zu haben scheint. Denn von 
it. monna, moimono, monnina, frz. monnine abzusehen, deren erstes 
Diez 1, 281 sogar aus mcLdonna erklärt, halte ich das mit unserem 
Moneke fast zusammenfallende, von Engländern als mannikin, 
monikin d. h. homunculus gefaßte, von E. Müller 2, 102 zu monna ge- 
stellte engl, mmikey flir untrennbar von mxmk, sodann erinnere ich an 



218 ALBERT HCEFER 

den Kapuzineraffen, le singe capucin, den Kahlkopf, den Bartaffen und 
daß überhaupt eine Menge naturgeschichtlicher Namen wie Mönchente 
und Taube, mönnik das Streithuhn, die Begine, monachino der Dom- 
pfaffe, monk oder conus monachus von Mönchen und Pfaffen ent- 
lehnt sind. 

So nahe aber diese Erklärung sachlich und sprachlich liegen mag, 
so befriedigt sie doch keineswegs vollständig, vielmehr muß, trotz mon- 
hey, der Versuch gemacht werden, das als Affenname ganz vereinsamte 
Moneke mit dem üblicheren Personennamen zu verbinden und in dem 
Ursprünge dieses den Grund oder Anlaß , wenigstens die Möglichkeit 
seiner Verwendung beim Affen nachzuweisen. Das allein scheint der 
richtige Weg und eine Lösung des Rätsels ist diese. Ital. heißt der 
Affe sdmia, s. Diez Gr. 1, 231 und ed. 2. 1, 327, hoU. sim, simme, 
nach Nemnich 3, S. 1298 auch Ms, 'Abkürzung von Komelis', und alt 
Scheminkel Schemikely der Affe, fiihrt J.Grimm zu EF. CCXXVII aus 
dem Eselkönig an. Das ital. sc, d. h. seh, und dieses seh, das einige 
Male flir s auch unser hiesiges Niederdeutsch bietet , hindert nicht, wie 
hei simmid singe, auflat «mia zurückzugehen. Geschieht dies mittel- 
bar vielleicht sogar im Moneke des RV.? Der Personenname Moneke 
könnte aus Simon y Simoneke entstanden sein und des letzteren An- 
klang an Simia, sim, sym hätte veranlasst, so oder abgekürzt Moneke 
den jungen Affen zu heißen? So würde Moneke ein Verwandter des 
Seheminkely das nun selbst mit gleichem Anklang auf Simon zurück- 
gehen dürfte. Ob der Personenname so wie ich vermute entsprungen, 
wird weiter zu untersuchen sein ; die Art der Verkürzung ist ohne An- 
stoß und bedarf keiner Bei«piele; aber wichtig ist, was ich erst hin- 
terher bemerke, daß, freilich mit deutlicher Anspielung auf die Simonie, 
im RV. V. 4152 Märten den mächtigen Simon in Rom, der auch 
v. 6771 neben Gevert auftritt, seinen Ohm nennen kann. Mehr 
Beweises liegt aber in der ganzen oft erläuterten Art der Namen- 
bildung aus Namendeutung, s. Germania 2, 171; 4, 129; 7,235; 
9, 208, zu der ich hier noch einen kleinen Nachtrag älterer und neuer 
Beispiele gebe, deren einige wie gleich bekannt mit dem Scheine echter 
Namen aus üblichen Wörtern neu geschmiedet sind. 

Aderjän ist bekanntlich Name des Frosches, des Gefährten des 
Schradetjdn, der nagenden, schrotenden Maus, s. Simrocks Rätselbuch 
S. 11, Kosegartens Wtb. 126 und K.Schillers Zur Thierkunde 3, 8. 
Statt hiebei mit Woeste bei Kuhn 6, 79 auf adel Sumpf oder gar auf 
udder Euter zu raten, deute ich den Namen des quakers einfacher als 
der Ha der er. Vgl. qicackeler der Rabensohn. Adrian, Adderjdn ist näm- 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 219 

lieh nichts anderes als Hadrianus , Haderjdn, dies aber brancht schon 
Abr. a. S. Clara im Gegensätze zu Friederich: Mu bist öfter zu Pen- 
tzing als zu Friedberg, öfter ein Hadrian als ein Friederieh*y 
Schmeller 1, 182. 

BaHoÜ ist bei BWaldis der Bock, offenbar wegen des Bartes, 
denn er heißt auch Bartmann, Langbart, Bärtling, daher wol auch Ber- 
fridus, J. Grimm zu RF. S. 223 f. Im nouveau Renart heißt die Ziege 
barbae, anderes lasse ich unerwähnt. Zweifelhaft ist aber das aus RV. 
1777 bekannte BartoÜ de adebar , in welchem, da der Schnabel doch 
nicht wol als Bart aufgefasst sein wird, vielleicht ein ganz anderes 
Wort, vielleicht ahd. parta, nd. barde als nicht unpassende Bezeichnung 
des Schnabels stecken dürfte, wogegen schmutzbartel wol Schmutz- 
bart meint (vgl. dummer Bartel bei Schmidt Westerw, Id. S. 14 und 
Dummbart) und henneb. bartel die Mütze, bes. Pelzmütze, auf barett 
weisen mag, ib. S. 208, vielleicht mit Anklang an Bart. Dabei erwähne 
ich bergam, m., hier ein dicker, derber (bergender?) Winterrock, gewis 
zu barchemt, farcharU, hier parchem gehörig, s. Weigand 1, 105. Man 
sagt: date 'n gdden bergam, ik wil mtnen oUen bergam antin. 

Basehnan, Schmeichler, aus baise les mains, in der Schweiz nach 
V. Schmids Schwab. Wtb. S. 46 so wie baaseUang flir passe le temps. 
Dazu Lauremb. 4, 158 ene zierlike baselmanus maken, Kusshand. 

Bastian ftlr Sebastian hat in Volksreimen mehrfach Bezug auf 
baat^ in Simrocks Kinderbuch 132: flöten machen von Bastigän. 

Dem St. Brannaniua (fiir St. Brandanus f) ließen nach Fr. Wessel 
bei Zober S. 3 Schmiede, Bäcker u. a. zu Ehren Messen halten, dat 
desuhe wol tdm vüre sin scholde. 

'Sich zu St. FrumhoU geloben' ist im Esopus des BWaldis 4, 3, 55 
soviel als fromm werden wollen, vergl. die Anm. von Kurz 2, S. 17. 

Gebhart und NimhaH einer der gern gibt, besticht und der gern 
nimmt, vom Stamme Nim ist, nd. im^RV. 6771 Oeverty in no. 153, 63' 
der üdegginge geveker und nemeker. Dazu gehört: he is von Nemerow 
un nich van Oeverow, vgl. Germ. 9, 209. 

Lilmmely der junge Stier, Bulle, K. Schiller 2, 5, erinnert an lüyen, 
lüen, limmen, der brüllende, wütende. 

Marien der Affe scheint der martialische, grimmige, boshafte, 
nach Richey ist hambg. Märten clp Possenreisser und Märten einer 
der zornig auflihrt, sauer aussieht, doch vergleiche Lübben in dem 
obfen angeführten Oldenburger Programm S. 50. 

Nasion der langnasige, Teufel, neben Nazarus in anderer Hand- 
schrift, Wartburgkrieg ed. Simrock no. 107, 5 und S. 351. 



220 ALBERT HCEFER 

Panvpßli der Vielfraß , Vvh'omp , von pampfen stopfen , flillen, 
Schmeller 1, 285, dagegen nasaer vogel bei Wickram im Rollwagenb. 
einer der gern trinkt, Säufer, s. das Register bei Kurz, 

Dem Ueli riieffa, den Olrick anheen, sich erbrechen, bespeien, er- 
wähnt bei Tobler im Appenz. Spr. S. 429, verstehe ich nicht. 

Wänolf ist Triegolfs bruoder, Boner 80, 23, wähnen ist trttgerisch, 
Bitterolf Wüterich, Giemolf Tor u. dgl. ist öfter besprochen und hier 
zu übergehen , dagegen erwähne ich schließlich einiger fingirter oder 
gedeutelter Land- und Stadtnamen wie er ist von Anhalt, ein AnhaUiner 
er hält fest was er hat, ist zähe, das schon angeftlhrte Baselman, dann 
Irlender Vagabunde , Laplender und Rdlender , Bdlenner Zerlumpter, 
Herumstreicher, Rohleder, Germ. 2, 171 Note, Merker ein Pfiffiger, 
Aufpasser, in gleichem Sinne z. B. in H. Königs Marianne ly S6 sie ist 
am Merkshausen, anderswo wie in O. Ludwigs Türinger Naturen emen 
reckten merks haben y sodann Nassauer der Nasses liebt, gern trinkt, 
nasser Vogel, sonst bekanntlich vom Regen, Z. f. d. Mundarten 3, 485, 
Narbon, nd. Narrenban, neben Narragonien, Narroffun (s. Seb. Brant 
108, 6—8 und das. Zamcke S. 458), Quedelribörger hier, wie es scheint, 
als Quackeier, Flausenmacher, endlich he is van Rdm er ist ein Pral- 
hans, 'ruhmrätiger' Mensch der gern viel Rühmens von sich macht, 
(auch nd. noch rümrSdich) s. Brem. Wtb. 3, 523. 

Merkwürdig ist daß die Namen zuweilen selbst auf allgemein ver- 
breitete Annahmen und Gebräuche des Volkes Einfluß geübt haben, 
das Flötenmachen der Kinder findet vorzugsweise am 20. Januar, Fa- 
bian Sebastian, statt, dann soll der Saft in die Bäume gehen, an 
Blasius läßt man sich des Morgens in der Kirche durch unter das 
Kinn gehaltene K^zen vor Halsweh 'blaseln', s. Leoprechtings Aus 
dem Lechrain 158, 159 wo noch wie in gleichen volkstümlichen Schriften 
manches der Art zu finden ist. 

XIII. Volzo von Alzei, 

ein Zeugnis flir die deutsche Heldensage. 

Der von Hans Vok oder Fok um 1470 her bekannte Name der 
noch heute in vielen Gestalten, z. B. Vola, VöÜz, VöUzke, seltener mit F 
geschrieben , fortlebt , ist ftlr die alte Zeit nicht nachweislich. Wenig- 
stens hat Förstemann ihn nicht aufzufinden vermocht, mir selbst ist er 
vor 1200 nie begegnet, auch Fr. Stark, die Kosenamen S. 80, weiß 
erst um 1231 und 1289 ein Volzo und Fulzo aus Pertz Mon. und Böh- 
mers Urkundenbuche der Stadt Frkf. beizubringen. Allein ftlr diese 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 221 

und die spätere Zeit fließen die Beweise reichlieh genüge man darf 
eben nur einige Register, z. B. zu Lübecker und Hamburger Urkunden 
nachschlagen, um 1255, 1261 u. öfter die Namen Volceko, Vokike und 
andere Formen aufzufinden. Dazu bietet u. a. K. Karls Landbuch der 
M. Br. V. J. 1375 S. 205, 219 Tideke Voltzke, FoUze, in Grimms Weist. 
1, 771 begegnet Ardhenghans Vokmartina son. In den Braunschweiger 
Chroniken 1 , 222'' a. 1417 wird ein Herman Volczer erwähnt , d. h. 
nicht Volkzer sondern Volzer, cz (fir tz oder «2, also Vob mit der oft 
begegnenden Ableitungssilbe er die z. B. in Jacober, Hanser, Jörger, 
Pauler u. a. nachweislich ist und wahrscheinlich Abstammung bezeichnet, 
8. Fr. Becker Die d. Geschlechtsnamen S. 15. Ein wichtigeres und lehr- 
reicheres Zeugnis, der Anlaß zu diesem Aufsatz, ist in Lacomblets 
niederrh. Urk. 3, no. 170 vom Jahre 1318 erhalten. Hier ist als Zeuge 
einer Verhandlung zu Oppenheim, im Ablativ Vobono der ftLr Volzcme 
verdruckt sein wird, Volzo dictus de Alzeia de Oppinhem ver- 
zeichnet , d. h. Volzo von Oppenheim , genannt Volzo von Alzei. Die 
Stelle ist doppelt wichtig, denn sie beweist erstlich daß Volzo als Ab- 
kürzung von Volker galt und zweitens sie enthält ein Zeugnis fär 
Volker von Alzei je v. J. 1318, denn es ist klar daß der Oppenheimer 
Voko, weil er eigentlich Volker hieß, in Erinnerung an den berühmten 
Fiedler der Nibelungen den Beinamen de Alzeia empfieng. 

Und was den ersten Punkt anlangt, so ist an sich wahrscheinlich 
genug daß Voko, ähnlich wie Fuko, FoUo, sich an die von dem Stamme 
voU gebildeten zahlreichen und üblichen Namen wie Folcberaht , Ful- 
char, Folcmar, Fulcrad, Folcwin u. a. anlehne, denen meist, wenn auch 
nicht immer ganz sicher als zugehörig. Formen ohne e zur Seite stehen. 
Voko, Fuko würde also aus Voücizo, Fulkizo entstanden sein und daß 
dies 'bisweilen vielleicht' der Fall sein möge gibt auch Fr. Stark S. 80 
zu , während er sonst auf einen Stanmi fold, fiiU, ahd. fiiUar zurück- 
geht, dem er einige gleich dunkle und seltene Namen anschließt Andere 
wie Pott 128 haben auch an vol, ftU gedacht und wenn auch diese 
Möglichkeit nicht auszuschließen ist, so wird doch wer die Art und 
Weise der deutschen z-Formen genau kennt, der Ableitung von volc 
sicher den Vorzug geben. 

Den zweiten Punkt angehend genügt es unter Verweisung auf 
Ghrimms Kleinere Schriften, Band 2 S. 354 f., an ähnliche aus der 
Heldensage entlehnte Beinamen, Dieterich von Bern u. a. zu er- 
innern. Beruht es auf Verwechslung mit diesem, wenn im Jahre 1297 
urkundlich sogar ein Sewardus dictus de Berne auftritt? 



222 ALBERT HCEFER 

XIV. Gotisches HV und TH. 

Nachdem über Wert und Bedeutung des jedesfalls höchst eigen- 
tümlichen gotischen © lange hin und her gezweifelt und gestritten worden, 
hat wieder J. Grimm das Verdienst , nach Lye und Zahn *) in seiner 
Grammatik, zuletzt in der Germ. 1, 129 als seinen wahren Laut hv er- 
wiesen und fiir immer zur Geltung gebracht zu haben. Ahnlich wie hv 
muß der Laut mindestens geklungen haben und anders als durch hv 
wird er sicher auch nicht darzustellen sein, ohne Zweifel aber war er 
mehr einheitlich als die in Zusammensetzungen daneben bestehende 
Verbindung h-v und man täte deshalb gut, wie fttr alle anderen be- 
sonders Air diesen gotischen Laut sein heimisches Zeichen zu bewahren. 
Die eine Zeit lang geltende Bezeichnung durch w, deren Folgen man 
noch heute entgegenzuwirken hat, scheint wenig geeignet, über das 
Wesen des © richtige Vorstellungen zu verbreiten, besser verdeutlichen 
seine eigentliche Natur die Gleichungen hv : h = qu : k oder hv : qu = 
h : k, hv ist eben lautverschobenes qu. Aber qu braucht darum 
nicht plötzKch zu hv übergesprungen zu sein, hv braucht sich nicht 
mit dem ahd. hw das sein h aufgab und w übrig ließ, zu decken ; ehe 
hv fertig entwickelt dastand, giengen offenbar gewisse Mittellaute vor- 
aus, die niemand mehr zu bestimmen vermag, mit denen höchst wahr- 
scheinlich jedoch das bis heute unerklärte Zeichen zusammen hängt 
welches in der gotischen Schrift diesem besonderen Laute diente. Ob 
es von ülfila zuerst eingeflihrt, oder in der runischen, vielleicht schon 
vor ihm in einer gotischen Schrift vorhanden gewesen, läßt sich nicht 
entscheiden. Das aber steht wol imzweifelhaft fest, daß es keinesfalls 
willkürlich erfunden, am wenigsten dem griechischen ® entlehnt worden 
ist. Gegen Erfindung oder solche in Bäumleins Untersuchimgen S. 82. 95 
und der Altenburger Grammatik S. 16 behauptete Entlehnung des 
got. hv von griechischem th hat sich a. a. O. 131 — 2 auch Grimm er- 
klärt, nachdem er selbst früher *die Zuziehung runischer oder will- 
kürlicher Zeichen' eingeräumt hatte und in der Tat ist die Verwen- 
dung des ® fiir got. © so unglaublich wie die abenteuerliche Annahme 
daß got. ip dem gr. ^F entnommen sei. 

So bleibt nur übrig, einerseits^ da die Runen nichts vergleichbares 
bieten, sich an die griechisch-lateinischen Buchstaben zu wenden, an- 
dererseits, auf den Grund des Lautes selbst zurückzugreifen. 



*) Vgl. Grimm a. a. O. Nach v. d. Gabelentz und Loebe Gramm. 45 hätte Hickes 
es für cv oder hv^ Lye aber für quh gehalten. 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 223 

Kv, gleich qu, und hv sind schon im Sanskrit neben k, c' d. h; 
tseh entwickelt, wie gv anderswo neben g, g' oder dsch: wo der Gote 
qu sprach; hatte der alte Römer gv, v, gotisches hv entspricht lateini- 
schem qu: der Grund des got. hv ist entfernter k, näher qu, — ein 
Zeichen des letzteren könnte mithin für das ihm nahe ge- 
legene, ursprünglich und wer weiß wie lange mit ihm zu- 
sammenfallende hv verwendet sein. Nun ist es aber sehr be- 
achtenswert daß dem O selbst oder Zeichen aus denen es leicht ent- 
stehen konnte, gleiche Bedeutung wirklich nachzuweisen ist Denn fiir 
das griechische Koppa begegnen nicht bloß die Formen Q Q) Ö , son- 
dern auch 9, ja in dem mit der Schrift ULfilas in nächster Verwandt- 
schaft stehenden, von Bäumlein S. 60. 95 benutzten und meines Wis- 
sens nicht als unecht beanstandeten Fragment eines Sendschreibens 
des Kaisers Glycerius vom Jahre 473 kommt unser O selbst mit der 
Bedeutung q vor*). 

Die mehr scheinbare als wirkliche Schwierigkeit, daß q dessen 
Zeichen ohne Zweifel auch got. q^ d. h. u, entstammt, nun eigentlich 
doppelt im gotischen Alphabete enthalten ist, hebt sich einfach durch 
die Annahme verschiedener Zeiten ihrer Einführung vor Ulfila und 
durch ihn selbst. © ist gleichsam das ältere q, nachherige hv; u das 
spätere q das sich aus g, gv neu erzeugte als jenes ältere hv ward 
und abstarb. Jenes fand mit allmählich verändertem Laute ülfila wahr- 
scheinlich schon vor und benutzte es fttr sein hv, dieses entlehnte viel- 
leicht er selbst dem q dem es nun im Laute am nächsten kam. Ein u 
oder V hinzuzufligen unterließ er beide male, weil er für hv und ftlr qu 
nun in dem O und u besondere Zeichen hatte, wer das erste aber durch 
hv umschreibt, dürfte ebenmäßig auch das zweite durch qv wiedergeben. 

Gleich sicher doch leichter dünkt mich beiläufig die Erklärung 
des gotischen ip nebst seinen verschiedenen Formen und den Runen 
^ )) aus den älteren Zeichen des th; es sind eben nur andere Formen 
desselben, mag man nun semitische oder griechische Gestalten verglei- 
chen , nur halte man sich nicht an einzelne überlieferte Zeichen mit 
der Starrheit der Altenburger, deren Tabelle selbst den Bemerkungen 
auf S. 14 entgegen den rechten Weg weist. Das letzte Zeichen des 
cod. vindob. f welches deutlich genug oben geöflBaet ip und links ver- 
vereinfacht )) und ^ enthält, lehnt sich ähnlich wie das himjaritische lO 
gefallig an hebr. o an, dessen obere rechte nach unten geneigte Seite 



*) Vgl. auch Kühners Griech. Gramm, ed. 2. S. 41. 42 und die Tafeln hinter Bäum- 
leins Untersuchungen u. Kirchhoffs Studien. 



224 ALBEUT HCEFER 

dort eben nur verlängert ist. Die Buchstaben der 8ten und der 9ten 
bis Uten Reihe sind leicht verständliche Modificationen. Erheblicher 
weichen die griechischen ab und da sie ihre wesentlichste Abweichung, 
geschlossener Hauptteil und Querstrich, ursprünglich das Kreuz, mit 
dem Altphönicischen teilen, so scheinen sie die Grundlage zu bilden, 
von der die anderen durch mannigfache Entwickelung und Ausbildung, 
durch öfhung und Verlust der linken Hälfte, durch Aufgabe des hori- 
zontalen oder verticalen Zuges sowie durch weitere Vereinfachung 
stammen. Hebr. c und gr. O scheinen obgleich schon frühe und sehr 
verschiedenartig am weitesten ausgewichen; die gotischen Zeichen die 
nebst den runischen ein Vorbild auch in no. 8 des cod. Ambros. 3 
finden, müssen vor Ulfila entstanden sein. 

Ordnet man die überlieferten Zeichen in dieser Weise, zuerst 
phön. (g), dann gr. © © (g) H <g> und © «• ©, himj. lD, hebr. o, 
dann got. cf ^ 3> T? geöfiiet ^ und einseitig run. J) ^, so ergibt sich 
eine Entwickelung die weit und kühn fortgeschritten ist^ indes, in allen 
Punkten verständlich, auf allen Stufen ihres gleichen hat. Die AnnaJime, 
daß wegen, ihrer gleichgiltigen äußeren Berührung got. © dem gr. @, 
got. ^ dem gr. W entlehnt sein müße, ist überflüßig und widerspricht 
den Grundregeln der Palaeographie. 

XV. Gotisch saizldp, 

das ehrwürdige altgermanische Praeter, reduplicatum , mit unserem 
schlief, ahd. sliaf, in Einklang zu bringen hat bisher nicht recht ge- 
lingen wollen und da man letzteres als eine entsprechende reduplicirte 
Bildung doch nicht aufgeben mochte, wie Hr. Corssen imi fregi tat, 
weil er es aus fefrigi sowenig zu deuten vermochte wie sliaf aus saizlep, 
so befand man sich in der bedenklichen Lage, etwas zu behaupten 
was man nicht beweisen konnte. Gleichwol ist die Lösung des Rätsels 
sehr einfach und durch steti nehen. sigto, durch spopondi u. a. gleichsam 
an die Hand gegeben. Es gibt bekanntlich flir die mit Doppelconsonanz 
beginnenden Verba verschiedene, insbesondere 5 modi reduplicationis 
nach den Formeln ab ^- ab , a + ab, b -f ab, ab + a, ab -I- b die wol 
sämmtlich nachweisUch sind. Andere Arten sind nur denkbar, sofern 
an Stelle des einen oder des anderen der beiden Anlaute ein verwandter 
tritt, woftlr die Beispiele bekanntlich auch nicht fehlen. Ist nun gotisch 
saizl^ nach der 2ten Art gebildet , so gieng die offenbar hievon ab- 
weichende ahd. Sprache ihren eigenen Weg : die Vorformen beider 
mögen sich leicht berührt, etwa slaisläp gelautet haben, daraus erwuchs 



ZUR LAUT-, WORT- UND NAMENFORSCHUNG. 225 

dort saizlep, hier dagegen entweder nach ab + a aUisäf oder nach ab 4- b 
sleiläf. Ich entscheide hierüber natürlich nicht, doch spricht manches 
fllr die letzte Art (vgl. fregi aus frefigi mit spopondi und ahd. plervazm 
mit r flir ?), einiges für die andere; man könnte, wie neben ««zo2^ stiaz, 
Btieß, ein steroz nachweislich ist, auch flir sliaf sogar sUiraf oder ähn- 
liches voraussetzen. Obgleich diese seit Jahren manchmal vorgetragene 
oder angedeutete Erklärung von schlief wie von fregi in der Hauptsache 
sicher richtig ist, so werden die Mittelformen doch oft kaum zu be- 
stimmen sein; besonders die vocalischen Verhältnisse bleiben vielfach 
dunkel und zweifelhaft. Aber das ist dabei wol selbstverständlich, daß 
nach dem Ausfall der mittleren Consonanten, bei dem Zusammentreten 
der Stamm- und Reduplicationssilbe mannigfache Kürzungen und Ver- 
schleifungen der Vocale auftreten musten und femer steht wol fest, 
daß, wie heialt neben haihald zeigt, dem got. ai gegenüber ahd. ei der 
Vocal der Reduplicationssilbe war. Ob der einzige und ob auch im 
Gotischen z. B. fiir /ör urspr. fafar anzunehmen sei , untersuche ich 
hier nicht. Daß das got. ai dem gr. s entsprechend ai , nicht di ge- 
wesen sei, wird heutzutage oft genug gegen Grimm behauptet, aber 
durch nichts erwiesen, am wenigsten durch den Hinweis auf eine kurze 
Entscheidung in den Denkmälern S. 458 oder durch die neueren Unter- 
suchungen des Hm. Prof. W. Scherer Zur Geschichte u. s. w. S. 11 f., 
wo wir von haihait zu hiaz über hehz, Mz , heaz geftlhrt und bündig 
belehrt werden , im ags. leolc könne eo nur auf kurzem e beruhen *). 
Von leolc aus piheialt als Beweis flir got. di zu bestreiten und lieber 
in seltsamer Weise zu deuten^ scheint etwas zu kühn; dennoch ist in 
den Denkmälern a. a. O.'Z. 3 v. u. wörtlich zu lesen: jjpiheialt kann 



*) In dem zuletzt genannten Buche begegnet auch sonst manches den Bestre- 
bungen und Ansprüchen seines Verfassers gegenüber etwas auffällige , so z. B. das 
' hiatusfüllende r S. 12. Wenn der Vf. sodann S, 19 in der ihm eigenen Weise sagt, 
längst habe ihn 'gewundert, daß Niemand zur Aufhellung der alten ai und au die jun- 
gen aus i und ü entstandenen herbeizog*, bis er 'endlich diese Vergleichung zwischen 
den arischen und bai warischen ai und au in einer Anzeige vom J. 1863 gefunden, so 
erlaube ich mir darauf die Bemerkung, daß der Versuch, die skr. Diphthongen auf £ und ü 
zurückzuführen und durch Vergleichung des Verhältnisses von richf rüyn zu reicky räum 
u. dgl. zu erläutern schon gemacht worden, ehe Hr. Scherer über sprachliche 
Dinge dachte, ja wol überhaupt dachte. Daß man aber damit allem weiteren zugestimmt 
hätte, was auf S. 19 noch zu lesen steht, soll keineswegs behauptet werden, vielmehr 
bekenne ich für meine Person, daß ich mich zu diesen bahnbrechenden und reformi- 
renden Untersuchungen nur zu oft in Widerspruch befinde und keineswegs den Erfolg 
erwarte, den mit ihrem Verfasser manche zu hoffen scheinen. Und freilich des Impo- 
nirenden hat das Buch die Hülle und Fülle. 

GERMANIA. Neue Keilu- H. (XIV.) Jahrg. If) 



226 FELIX LIEBRECHT 

freilich auch aus einem Schwanken zwischen heaU und hialt, gewis 
aber nicht aus altem hdihald erklärt werden^ das vielmehr haihald ist^ 
da. ags. leolc kurzes e, also leläc voraussetzt." Aber leolc kann 
heldc voraussetzen wie Grimm Gesch. d. d. Spr. 867 mit besserem Rechte 
annahm^ denn heicdt ist erwiesen und setzt got, hdihald voraus, wogegen 
die andere Argumentation in Wahrheit von willkürlich gleich s gesetz- 
tem ai ausgeht und deshalb heiaü leugnet und leläc erschließt 

Anstatt jedoch dergleichen Fragen hier weiter zu verfolgen , be- 
gnüge ich mich das Wesentlichste meiner lange gelehrten und oft ge- 
gen Freunde ausgesprochenen Ansicht über das Verhältnis gotischer 
und deutscher Reduplicationen oben kur^ mitgeteilt zu haben^ wie denn 
auch Andere kürzlich auf ähnliche Gedanken gekommen sind. 

GBEIFSWALD im November 1868. 



ZUR LlTTERATURGESCmCHTE DES WOLF- 
DIETRICH;*) 



Uhland hat in seiner Geschichte der altdeutschen Poesie so wie 
in seiner Sagengeschichte der romanischen und germanischen Völker 
(Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage Bd. I und VII) auf 
die hervorragende Stelle, welche der in Rede stehende Theil der deut- 
schen Heldensage in derselben einnimmt , eingehend hingewiesen, und 
es ist ein sehr glückliches Zusammentrefifen, daß fast zu gleicher Zeit 
mit ersterer auch Holtzmanns Ausgabe des Wolfdietrich zum ersten Mai 
im Text der Handschriften herauskam, während er bis dahin nur „in 
der ungenießbaren Gestalt des alten Heldenbuchs" zugänglich war. Zwar 
erscheint leider auch so diese „älteste deutsche Geschichte, deren sich 
die Poesie erinnert**, bei weitem nicht in ihrer urspriLnglichen Gestalt 
und Schönheit, sondern hat durch spätere Umarbeitungen und Ein- 
schiebsel letztere vielmehr in hohem Grade verloren; jedoch ihr im- 
verwüstlicher Kern ist auch jetzt noch erkennbar getrieben, wia durch 
die genannten Forscher zur Genüge dargethan wird, so daß die vor- 
liegende Arbeit sich in der That darauf beschränken kann, einen Bei- 



*) Obigen Aufsatz habe ich bereits vor l&nger denn drei Jahren dem Herrn Prof. 
Gosche in Halle auf dessen Wunsch fttr den zweiten Band des von ihm herausgege- 
benen Jahrbuches tiberlassen; da jedoch derselbe bisher nicht erschienen, so glaube 
ich meine Arbeit mit einigen Abänderungen und Zusätzen endlich an dieser Stelle be- 
kannt machen zu dürfen. F. L. 



ZUR LITTERATURGESCHICHTE DES WOLFDIETRICH. 227 

trag zur Litteraturgeschichte derselben zu liefern, während einige wei- 
tere Nachweise über die Sage in ihrer jetzigen Gestalt, die am Schlüsse 
hinzugeftlgt sind, als eine nicht ganz ungehörige Beigabe betrachtet 
werden mögen. 

In jener Beziehung gehe ich von der Bemerkung aus , daß von 
dem Bekanntsein der speciell deutschen Heldensage unter den roma- 
nischen Völkern in älterer Zeit wohl nur wenige Spuren vorhanden sind, 
daß eö daher auch kein geringes Interesse bietet, wenn wir etwa im 
dritten Viertel dös sechzehnten Jahrhunderts die Wolfdietrichsage in 
Südfrankreich zu genealogischen Zwecken verwandt sehen und zwar 
auf Grund einer Handschrift, die bereits damals mehr als zweihundert 
Jahre alt war. Antoine du Pinet nämlich, gebürtig aus Be8an9on und 
durch verschiedene gelehrte Arbeiten, besonders durch seine Übersetzung 
der Naturgeschichte des Plinius bekannt, hat auch folgendes Werk 
herausgegeben : Plauts , pourt/raicts et descriptions de plvMeurs vittes et 
forteresses tant de l'Europe, Aste, Afrique, que des Indes et terres neufues, 
leurs fondations^ antiquitez et maniere de vivre. Avec phisieurs cartes ge- 
nercdes et particulieres s^^tvans ä la Cosmographte jointes ä lewrs dedara- 
ttons» Le tout mis par ordre regioh par region. A Lion po/t Jean dJOge- 
roUes ran 1564 fol. Das Werk beginnt mit einer Dedicace ä illustre et 
exeellent seigneur Messire Frangois d'AgouU conte de SavU, sa Val et apen- 
dences etc., Chevalier de Vord/re du Roy et Lieutenant dudit ßeignewr 
ä Lyon Antoine du Pinet S, Diese Widmung enthält nichts besonderes, 
demnächst aber folgt eine Description de la Seignewrie de Sa/vU et depen- 
dences d'iceüe. — De VOrigine des Contes et Seignewrs de SavÜ, et comme 
SavU a este erigS en Conte, Hier heißt es gleich zu Anfang so : „Die 
unläng&t [1561] zur Grafschaft erhobene Herrschaft Sault grenzt an die 
Provence, an die Grafschaft Venice, so wie an die Dauphin^ und ent- 
hält in ihrem Gebiete viele schöne Ortschaften, üämlioh nach Osten 
Mont-brun, Baret de Lüre u. s. w. u. s. w.** Genannt wird unter diesen 
auch GouU, „welches die alten Herren von Sault gründeten zum An- 
gedenken an die Stadt OoU-naw in Pommern, deren Herren sie einst 
warm.** D^nnächst heißt es femer: ^Beinah in der Mitte der geinannten 
Ortschaftien, jedoch mehr nach Osten zu, liegt die Stadt Sault, fünf 
Lieues von Carpentras und neun Lieues von Avignon. Diese Stadt ist 
fast von di*ei Seiten von Felsen umgeben ; auf der vierten hingegen, 
da wo sich nämlich das stattliche Schloß erhebt, befindet sich eine 
schöne Ebene. Das ganze GebicFt ist voll großer Wälder, aus denen 
die Grafen von Sault bedeutende Einkünfte beziehen. Daher auch hieß 
dieser District in alten Zeiten Saltus provinciae Narbonensis oder Sal- 

15* 



228 FELIX I.IEBRECIIT 

tuosa Provmcia, Und in der That trägt die Stadt SauM noch immer 
ihren alten Namen ; denn auch lateinisch heißt sie Saltus d. h. Groß- 
wald (Grandes forestz). Kurzum es ist die schönste Grafschaft der 
Provence, welche sogar Souveränitätsrechte besitzt, wie wir nachher 
zeigen werden, nachdem wir vorher den Ursprung des Hauses Sault 
kund gethan. Wir haben aber bereits oben erwähnt, daß die Herren 
von GoÜ-naw in Pommern den Ort GouU in dem Lande Sault, von 
welchem die Grafen von Sault heutzutage den Namen ftlhren, gegründet 
hatten. Es bleibt daher nachzuweisen, wer diese Herren von Golt-naw 
waren und wie sie sich in Frankreich ansässig gemacht; wobei ich 
jedpch nicht aus mir selbst reden werde, sondern nach einer sehr schönen 
Chronik des Hauses Trich (maison de TricK), die ein Bischof (Evesque) 
von Stettin in Sachsen in deutschen Reimen (en vers allemans) abge- 
fasst hat. Man hat mir dieselbe mitgetheilt, und ist die Handschrift älter 
als zweihundert Jahre (et est escrite k la main, y a passe deux cents 
ans). Da nun ein Erzbischof (Archevesque) von Stettin, der in jenem 
Lande hochangesehen (grand) ist, sich die Mühe gegeben, die frühere 
Geschichte (Pantiquit^ et les gestes) derer aus dem Hause Trich in 
Reimen zu beschreiben, so folgere ich daraus, daß dieses Haus hoch- 
angesehen (grand) war; und dies muß gewiß auch der Fall gewesen 
sein ; denn wie aus besagter Chronik erhellt, war es mit dem Kaiser 
Otto von Sachsen, dem ersten dieses Namens, so wie mit dem Kaiser 
von Griechenland verwandt (ally^e). Indem nämlich der Fürst Hug 
von Trich (prince Hugues de Trich) einer Prinzessin (infante), Tochter 
König Waldungs von Pommern, heimlich die Ehe verheißen und mit 
ihr sehr vertrauten Umgang gehabt hatte , wie ein Ehemann ihn mit 
seiner Frau zu haben pflegt, so fühlte sie sich schwanger. Darob sehr 
erzürnt, sperrte die Königin, ihre Mutter, sie in ein Schloß ; als jedoch 
die Zeit der Entbindung gekommen war, nahm ihre Hofmeisterin (gou- 
vernante) das Kind, und nachdem sie es gehörig eingewickelt und mit 
dem Nöthigen versehen, bot sie es einem Bauern dar^ indem sie es von 
den Fenstern des Zimmers der Prinzessin mit einem Stricke in den 
Graben hinabließ. Während nun aber das Kind auf der Erde lag, kam 
eine Wölfin, die trotz dem Bauern das Kind in ihre Höhle trug. Gott 
jedoch, der die Seinigen zu retten weiß, sowohl aus dem Wasser wie 
Moses, als aus dem Feuer wie Sidrach .... rettete auch den kleinen 
neugebomen Prinzen, so daß weder die Wölfin noch ihre Jungen ihm 
irgend ein Leid zuftlgten, was gewiß ein offenbares Zeichen war, daß 
Gott sich dieses jungen Fürsten bedienen wollte , wie er sich seiner 
auch wirklicli später gegen die Türken bediente. Als aber die Mutter 



ZUR LITTEKATUKGEÖC'HICHTE DES WOLFDIETRICH. 229 

dieses Unglück sah, so gedachte sie vor Schmerz zu sterben, weil sie 
den Zorn des Fürsten Hug de Trich ftlrchtete. Allein es schlug alles 
zum Besten aus ; denn als am folgenden Tage der König Waldung 
auf die Jagd gieng, entdeckte er jene Wölfin, und da alle Fürsten und 
Edelleute diesem Thiere gram sind, so ließ er ihr so eifrig nachjagen, 
daß man sie bis in ihre Höhle verfolgte und sie daselbst mit ihren 
Jungen tödtete. Unter diesen fand man denn auch den kleinen Prinzen, 
der in sehr reiche Stoffe gehüllt war, und brachte ihn dem Könige, 
welcher darob so große Freude empfand , daß er zum ewigen Ange- 
denken an diese Jagd an dem Orte , wo das Kind gefunden worden, 
ein Schloß erbaute. Das Kind selbst ließ er zu Selbenneckel feierlich 
taufen und gab ihm den Namen Wolf (Wolf c'est k dire Loup). Als 
nun die Prinzessin, seine Tochter, von all diesem berichtet worden, 
erzählte sie ihren königlichen Eltern alles, was sich zwischen ihr und 
dem Fürsten Hug von Trich zugetragen, worauf dann die eheliche Ver- 
bindung Beider stattfand. Allein die Prinzessin starb nicht lange danach, 
so daß Hug von Trich, der gegen die Griechen Krieg führte, sich mit 
der Tochter des Kaisers von Constantinopel in zweiter Ehe vermählte. 
An letzterem Orte auch sgirb er und hinterließ von dieser seiner Ge- 
malm mehrere Söhne. Was Wolf von Trich anbelangt, so nahm er zur 
ewigen Erinnerung an die Gnade, welche Gott ihm durch seine Be- 
freiung aus dem Rachen eines so grausamen Thieres, wie Wölfe es ge- 
wöhnlich sind, erwiesen hatte, den Wolf als Wappen an und gab da- 
gegen das pommersche auf. Dieser Fürst war seiner Zeit sehr tapfer 
und kampflustig und setzte die Kriege fort, welche sein Vater lange 
Zeit gegen das Haus Sachsen geftlhrt, so wie er auch die Türken heftig 
bekriegte. Er vermählte sich mit Sidrach, der Tochter des Königs von 
Reussen (Roy de Russie), von welcher er verschiedene Kinder hatte, 
und da man zwischen Golt-naw in Pommern und Stettin in Sachsen 
nur den Oderfluß (la riviere de Odera) zu passieren braucht, so schlössen 
mehrere von seinen Söhnen ein Bündniss (firent alliance) mit den Für- 
sten von Sachsen, namentlich einer, der den Namen seines Vaters trug.. 
Und ihre Freundschaft war so groß, daß, als der Fürst Berald von Sachsen, 
der Stammvater des Hauses Savoyen, in die Provence kam und in die 
Dienste des Königs von Arles trat, der Fürst Wolf von Trich, der Sohn 
des großen Wolf, ihn begleitete ; und ebenso wie der Fürst Berald sich 
in Morienne ansässig machte, so machte sich Fürst Wolf in der Herr- 
schaft Sault ansässig, indem er sie eroberte und mit voller Souveränität 
besaß , wie sie auch aUe seine Nachfolger besessen. Da jedoch das 
Kaiserthum von neuem der germanischen Nation anheimgefallen war, 



230 FELIX LIEBRECHT 

80 nahm er das besagte Land Sault im Jahre Eintausend und zwei- 
hundert von Kaiser Heinrich dem Zweiten zu Lehen und besaß es 
vom Reich mit voller Souveränität. Dies erhellt auch aus dem Lehen- 
brief (infeudation), worin der Name Trieb einigermaßen verdorben er- 
scheint (wie alles der Verderbniss anheimfällt); denn dort steht Lupus 
de Trawmtz. Dieser Fürst gründete und erbaute öoult in dem Lande 
Sault, und ganz so wie die Fürsten von Sachsen, die sich in Morienne 
niedergelassen, den Namen Sachsen aufgaben und dafilr den Namen 
Savoyen annahmen, so gaben auch diese Fürsten von Pommerland 
(princes de Pomerlandt) den Namen TricJi auf und nahmen dafdr den 
Namen öoult an, welches der erste von ihnen in der Provence erbaute 
Ort war , obwohl sie noch immer den Wolf im Wappen beibehielten, 
und diesen fähren die Herren von Sault auch noch heutzutage ebenso 
wie den Namen Goult. Da nun aber alle Dinge auf dieser Welt der 
Verändenmg imterworfen sind , so hatten die Herren von Sault und 
die Grafen von Provence jederzeit etwelche Zwistigkeiten, so daß daraus 
große Händel entstanden. Endlich jedoch traf Messire Isnard de An- 
trawnis, Herr von Sault, mit dem Könige von Sicilien und Jerusalem, 
Grafen von Provence, ein Abkommen und leistete ihm Huldigung flir 
die Herrschaft Sault und das Thal derselben, wobei er sich indess flir 
sich selbst und seine Nachkommen alle Souveränitätsrechte und Gerech- 
tigkeitspflege, vorbehielt .... nebst mehreren andern Capitulationen, 
welche in der im Jahre Eintausend zweihundert und neunzig darüber 
aufgenommenen Urkunde, die mir mitgetheilt worden, enthalten sind. 
Auf diese Weise also wurde die Herrschaft Sault mit der Provence 
verbimden.'^ 

So weit du Pinet, und es bedarf erst keiner nochmaligen beson- 
dem Hervorhebung, daß unter der von ihm angeftlhrten deutschen 
Keimchronik das Gedicht Wolfdietrich zu verstehen ist. Die Namen 
Hugdietrich und Wolfdietrich erscheinen ganz deutlich in Hug de Trich 
und Wolf de Trich *, König Waldung, in dessen Land die Stadt Selben- 
neckel liegt, ist der König Walgund von Salnecke des deutschen Ge- 
dichtes, imd so erkennen wir in der Prinzessin Sid/rach von ßeussen 
Sidrat, die Gemahlin Otnits, wieder. Indeß weicht du Pinets sehr kurze 
Übersicht der von ihm Chronik genannten Dichtung bedeutend von den 
uns bekannten Versionen derselben ab ; so z. B. ist Waldung nicht 
König von Salnecke, sondern von Pommern, und Hug von Trich scheint 
bloß als ein wenn auch mächtiger Vasall desselben, als ein pommer- 
scher Fürst aufgefasst, der vielleicht nur in Folge seiner Vermählung 
mit des Königs ungenannt bleibender Tochter auch das pommersche 



ZUR LITTERATURGESCHICHTE DES WOLFDIETRICH. 231 

Wappen fahrt (oder gar König wird?) und sich nach ihrem Tode mit 
einer griechischen Prinzessin verheirathet, wogegen Hugdietrich in dem 
deutschen Gedichte als gebomer König von Constantinopel (Cunste- 
nopel) auftritt, sich als solcher mit Walgunds von Salnecke Tochter 
vermählt und sie alsdann in sein Land fUhrt; von einer zweiten Frau 
Hugdietrichs weiß das Gedichts nichts. Femer heirathet Wolf von Trich 
Sidrach, die Tochter des Königs von Reussen, wogegen Wolfdietrich 
Kaiser Otnits von Garten Witwe, Sidrat, ehelicht und mit ihr nur eine 
Tochter, Namens Sidrat, und einen Sohn, Namens Hugdietrich, zeugt, 
während derjenige von Wolf de Trich's Söhnen , welcher namhaft ge- 
macht wird, gleichfalls Wolf heißt — Dies die Verschiedenheiten beider 
V^'sionen, abgesehen davon, daß, wie bereits bemerkt, du Pinet eigent- 
lich nur den Kern der Sage berührt und fast alle Episoden bei Seite 
gelassen hat. Hierbei entsteht nun zuvörderst die Frage : woher jene 
Verschiedenheiten? benützte du Pinet etwa eine von unserm Wolfdietrich 
abweichende Bearbeitimg der Sage? Ich glaube nicht, sondern halte 
eher daflir, daß er die Angaben des ihm vorliegenden Gedichts fiir 
seinen Zweck absichtlich umgestaltet hat ; dieser Zweck aber bestand 
in der Verherrlichimg des Hauses d'Agoult , Grafen von Sault , deren 
einem, Fran9ois, er, wie wir gesehen, sein Werk widmete. Du Pinet 
war, allem Anschein nach, mit Letzterem sehr befreundet, wozu ihn 
schon seine religiösen Ansichten führen mussten; denn er war ein eifriger 
Hugenot ebenso wie Frangois d'Agoult, der nebst seinem Bruder Jean 
im Jahre 1567 in der Schlacht bei St. Denys gegen die Katholiken fiel. 
Ich bin also ganz der Ansicht von Laboureur, der in seinen Additions 
aux M^moires de Castelnau Tom. H p. 511 in Betreff des FranQois 
d'Agoult bemerkt : „II estoit vaillant, genereux, magnifique et de grand 
esprit, il aimait les Lettres, et ce fiit en sa consideration, qu'Antoine 
du Pinet Seigneur de Noroy ramassa, dans son Traitö des Villes et 
Forteresses du Monde, des Traditions badines touchant Torigine de la 
Maison de Sault, pour en faire un Eoman plus incroyable que les Apo- 
logues et les entretiens des hommes avec les bestes .... et le tout fondä 
sur ce que les Armes d'Agoult sont, non pas une Louve comme elles 
auroient deu estre, mais un Loup avec les marques de sa Masculinitä, 
et sur ce que quelques-uns de cette Maison se sumommferent diverse- 
ment dans les Tiltres Latins de Agouto et de Tritts, ä cause de la Terre 
de Trez , ancien partage des Vicomtes de Marseille qui leur escheut 
par Mariage." Und in der That sieht es danach aus, als ob eben nur 
der Wolf im Wappen der Herren von Agoult oder Goult, so wie ihr 
Besitz des Ländchens Trete (was mit Trich einige Ähnlichkeit hat ; es 



232 l'KMX LIEBKIXHT 

liegt im Departement Bouches du Rhone in der Nähe von Aix) die 
einzigen Vermittelungspunkte gewesen wären, welche du Pinet die Idee 
eingaben,, das deutsche Gedicht so zu verwenden ; erst in Folge dessen 
brachte er Goult mit GoUnow in Verbindung. Indess suchte er zugleich 
noch einen andern Zweck zu erreichen und die zu seiner Zeit allem 
Anschein nach bestehenden freundschaftlichen Beziehungen zwischen 
den Häusern Agoult und Savoyen auf eine ältere Zeit zurückzuführen. 
Es mußte ihm aber bekannt sein , daß Berald , Sohn des Markgrafen 
Rothar von der Nordraark, ein Sachse, für den ersten Grafen von Mau- 
rienne (in Savoyen) gilt, den König Rudolph III. von Burgund zum 
Vicekönig von Arles und Kaiser Heinrich H. zum Reichsvicar ernannt 
haben sollten , und du Pinet ließ daher den Stammvater der Herren 
von Agoult als' treuen Freund Beralds zugleich mit demselben nach 
Arles kommen , zu welcher Treue und Freundschaft er übrigens im 
Wolfdietrich ein Vorbild in Berchtung von Meran fand , wobei zu be- 
denken ist, daß der Name letzteren Landes (lat. Mairania s. Holtz- 
mann S. LXXXVH) mit Maurienne fast gleich klingt, so wie auch 
Berchtung und Berald eine leichte Ähnlichkeit besitzen. Es kam du Pinet 
nur darauf an, seinen Angaben die gehörige Glaubwürdigkeit zu ver- 
leihen ; daher nennt er das deutsche Gedicht eine Reimchronik und 
macht zum Verfasser derselben einen angesehenen Bischof, den er bald 
darauf Erzbischof nennt ; den Sitz des letzteren verlegt er nach Sachsen, 
dem Stammland Beralds, welches er dann auch an Pommern, der Hei- 
mat Hugs und Wolfs von Trich, grenzen lässt. Daß er aber gerade 
letzteres Land ausersehen , um die Ahnen des Hauses Agoult daraus 
herstammen zu lassen, erkläre ich mir dadurch, daß die wirkliche oder 
sagenhafte Urgeschichte der meisten Fürstenhäuser zu seiner Zeit hin- 
länglich bekannt war, während dies bei den femabwohnenden Herzögen 
von Pommern weniger der Fall sein musste und so die Phantasie einen 
freiem Spielraum hatte. Deshalb auch dachte du Pinet z. B. nicht daran, 
die älteste Geschichte der Herzöge von Baiem fiir seine Zwecke zu 
benutzen und ihnen einen Wolf de Trich beizugesellen, sonst hätte ihn 
der Bischof von Eichstett (var. Einstetten, Ainstetten) in Beyern lant, der 
gleich zu Anfang des Wolfdietrich erwähnt wird, dazu veranlassen 
können ; indess scheint mir doch , daß der Name letzterer Stadt ihm 
wenigstens die Idee eingab, den Bischof nach Stettin zu versetzen und 
vielleicht auch überhaupt du Pinet auf Pommern brachte. Ob er Stettin 
aus Unkenntniss oder absichtlich nach Sachsen verlegt, lasse ich dahin- 
gestellt; jedenfalls lag diese Stadt seiner Angabe nach hart an der 
Grenze Pommerns, so daß man zwischen GoU-naw d. i. GoUnow und 



ZUR LITTERATURGESCHICHTE DES WOLFDIETRICH. 238 

Stettin nur die Oder zu passieren brauchte, was ganz richtig ist. Auf 
GoUnow aber kam du Pinet, wie wir gesehen, durch die Ortschaft öoult 
in der Grafschaft Sault; sonderbar genug, daß ihm jenes pommersche 
Städtchen bekannt war; indess, nachdem er einmal auf Pommern als 
ehemalige Heimat der Agoult verfallen, mochte er sich mit der Geo- 
graphie letztem Landes etwas genauer bekannt gemacht haben, so daß 
er sich auch, wie oben hervorgehoben, des Ausdruckes Pommet*land be- 
dient, und es scheint fast, als ob er bei dem für das Salnecke des Wolf- 
dietrich eingetretenen Selbenneckel an eine bestimmte Localität Pommerns 
gedacht haben müsse, ohne daß ich jedoch diese namhaft zu machen 
im Stande bin. Vielleicht aber ist dies eine seinem eigenen Gehirn ent- 
sprungene Umgestaltung des Namens Salnecke, welchem er eine deutsch 
klingen sollende Form geben wollte. Überhaupt nimmt es du Pinet mit 
den Namen nicht sehr genau; so haben wir gesehen, daß seiner An- 
gabe nach der in dem Lehenbriefe der Agoult über die Herrschaft 
Sault enthaltene Name Trawnitz (weiter unten Antrawnis genannt) aus 
Trich verdorben sein sollte. Unter Trawnitz ist aber wahrscheinlich die 
Stadt Trawnik in Bosnien zu verstehen, daher unter Selbenneckel^ wenn 
nicht Salnecke^ muthmaßlich Sehenico, das nicht weit von Trawnik entfernt 
ist; indem du Pinet Sebenico in eine deutsche Form zu bringen suchte 
und nach Pommern versetzte, dachte er vielleicht an das nicht weit 
von dessen Grenzen liegende Nakel, von dem er gehört haben mochte. 
Bosnier wanderten nämlich bei dem Vordringen der Türken wahrschein- 
lich ebenso aus wie die Albanesen ; zunächst nach Italien, woselbst 
noch jetzt slavische und albanesische Colonien sind (und die Bosnier 
hatten die slavische Sprache angenommen) ; die vornehmem und rei- 
chem mochten zum Theil weiter gehen, wie Lupus von Trawnik nach 
Südfrankreich, welcher Name Lupus wohl aus einem slavischen latini- 
siert ist. Auch Jahreszahlen respectiert du Pinet nicht sehr; so versetzt 
•er Kaiser Heinrich H. in das Jahr 1200, gewiß in einer bestimmten 
Absicht ; vielleicht tmg der genannte Lehenbrief diese Jahreszahl , so 
daß er also von Kaiser Philipp oder wahrscheinlicher von Kaiser Otto IV. 
ertheilt war ; da jedoch Berald unter Heinrich II. mit Savoyen belehnt, 
Wolf von Trich aber zugleich mit ihm in Burgund angelangt sein sollte, 
so ließ du Pinet muthmaßlich deswegen Heinrich H. im J. 1200- am* 
Reiche sein. Wunderlich scheint es nur, daß die Herren von Agoult 
den Inhalt dieser ftlr sie so wichtigen Urkunde nicht genauer gekannt 
und gewusst haben sollten, welcher Kaiser und welche Jahreszahl darin 
namhaft gemacht waren. Wenn übrigens du Pinet femer berichtet, daß 
das Haus Trich mit dem sächsischen Kaiser Otto dem Ersten verwandt 



234 FELIX LIEBRECHT 

war, 80 ist die« mchts anderes als eine willkürliche Verwandlung und 
Verwendung des Namens Otntt] eben so willkürlich wie die des Löwen 
im Wappen Wolfdietrichs in den Wolf, den er Wolf de Trich beilegt. 
Aus all dem bisher Angeflihrten geht also war Genüge hervor, 
daß du Pinet von unserm Wolfdietrich Kenntniss gehabt, und zwar, 
wenn meine obige Vermuthung richtig ist, daß er sein Stettin aus dem 
Etchstett des Gedichts hergeholt, so wird dies eine der Heidelb. Hss. 
373 (Holtzmanns A) entsprechende oder ihr zu Grunde liegende Re- 
cension gewesen sein, da die Lesart derselben Einstetten (auch C liest 
Ainstetten) der Form Stetbin noch näher steht als das Eickstett des 
Textes. Hieran knüpft sich femer die Frage, ob du Pinet das Gedicht 
selbst zu lesen vermochte oder sich dasselbe vorübersetzen ließ, d. h. 
also, ob er deutsch verstand oder nicht Wahrscheinlicher dünkt mir 
ersteres, da er ein sehr kenntnissreicher Mann war und namentlich auch 
die damaligen Hugenotten, besonders die gelehrtem unter ihnen, von 
den deutschen Schriften der Reformatoren in der Schweiz und Deutsch- 
land genaue Kenntniss nahmen. Endlich aber möchte man gern wissen, 
und dies ist bei weitem das wichtigste, wie wohl die Handschrift des 
Gedichts, welche ums J. 1560, wo ungefilhr du Pinet an seinem obge- 
nannten Werke schrieb, mehr als zweihundert Jahre alt war, also etwa 
aus der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts stammte, in seine Hände 
gekommen sein mochte. Hierbei ist nun Folgendes zu erwägen. Im 
Eckenlied 22 wird bekanntlich von Wolfdietrich erzählt, daß er zu 
Tischen in Burgund ins Kloster gegangen sei (Ze Tischen bruodert sich 
der degen — Ze Burgun in dem lande — Aldar gab er die brünne guot- 
Sin kloster macht er riebe etc.); im Wolfdietrich 2122 hingegen heißt 
das Kloster Titschcd (ez lit zu nehst an den beiden zu ende der Kri- 
stenheit — daz was Sant Jörgen orden, do brudert er sich in). Daß 
eins dieser Gedichte, wie sie uns in den spätem Bearbeitungen vor- 
liegen , aus dem andern geschöpft , ist nicht wahrscheinlich , da die* 
richtige Angabe des Eckenliedes in Bezug auf die Localität des Klosters 
nicht aus der unrichtigen des Wolfdietrich geflossen sein kann. Muth- 
maßlich also besaßen beide Dichtungen eine gemeinschaftliche ältere 
Vorlage oder Nachricht, die vielleicht auch den Ausdruck sich hrudem, 
jedenfalls aber die richtige Angabe Tischen in Burgund enthielt. Letz- 
tere jedoch dünkte dem Bearbeiter des Wolfdietrich zu schlicht und er 
verlegte deshalb das Kloster mit einer Namensabänderung, die ver- 
muthlich der Reim ihm eingab (mali Titschal) y an das Ende der Chri- 
stenheit, um so den Schlußkampf gegen die Heiden besser anknüpfen 
zu können, obwohl sonst in den Dichtungen des Mittelalters die Heiden 



ZUR LITTERATURGESCHICHTE DES WOLFDIETRICH. 235 

oder Sarazenen ohne Weiteres mitten in Europa erscheinen (vgl. Dun- 
lop-Liebrecht S. 472 Anm. 166). Oder sollten vielleicht unter den Heiden 
des Wolfdietrich Türken zu verstehen sein (v. 2135 „der heiden Soldan"), 
welche zur Zeit AmoradB I. um das J. 1370 bis nach Bosnien vor- 
drangen, wo sie 1387 eine große Niederlage erlitten? Auch du Pmet 
spricht von den heftigen Kämpfen Wolfdietrichs gegen die Türken, 
und in Bosnien liegt ein Ort Titscha^ (Talvj Volkslieder der Serben 
2, 360 zweite Aufl.) ; von diesem, missverstanden oder umgebildet aus 
Tischen, ließ sich allenfalls sagen, daß es „zunächst den Heiden zu Ende 
der Christenheit liege"; das Gerücht von der Niederlage der Türken 
war gewiß nach Deutschland gedrungen. Daß nun unter Tischen in 
Burgund die Stadt Dijon zu verstehen sei, fkllt in die Augen, und ein 
St. Georgenorden bestand zwar nicht in dieser Stadt selbst, aber doch 
in nicht großer Entfernung davon, nämlich zu Rougemont, wo im J. 1390 
Ritter Philibert von Miolans, dem dieser Ort theilweise gehörte, zu Ehren 
einiger aus Palästina mitgebrachten Reliquien jenes Heiligen nicht nur 
eine Kapelle, sondern auch den Orden von St Georg inBurgund 
zu gottesdienstlichen Zwecken und zur Beförderung der Frömmigkeit, 
brüderlicher Liebe und edlen Wandels stiftete. Der Orden hatte auch 
eigene Priester von Rougemont und Damen von Rougemont; 
alle Mitglieder aber mussten bei der Aufiiahme sechzehn reine Ahnen 
aufiveisen, und da die Versammlungen ursprünglich an jenem Orte 
gehalten wurden, so hieß er auch Orden von Rougemont; später 
indess fanden sie in der Carmeliterkirche zu BesauQon statt. Ein Mönchs- 
orden also war dies nicht, vielmehr hauptsächlich ein geistlicher Ritter- 
orden; weshalb auch wohl bei Wolfdietrich 2124 nicht nur ein apt, 
sondern auch ein kumtur erwähnt wird ; der eigentliche Titel des Vor- 
stehers dieser Bruderschaft (confr^rie) war aber hdt(mnier. Das in 
Rede stehende Rougemont nun ist ein kleiner Ort in der Nähe der Ar- 
manyon und des canal de Bourgogne im Arrond. S^mur, Dep. C6te d'Or, 
etwa 90 Kilometer (18 Meilen) von Dijon, also in keiner allzugroßen 
Entfernung davon, so daß in Deutschland ein vorhanden sein sollendes 
Kloster jenes St. Georgenordens leicht nach letzterer Stadt selbst ver- 
legt werden konnte. Die Kenntniss des Ordens überhaupt aber verdankte 
man möglicherweise direct oder indirect irgend einem deutschen Ritter, 
der bei seiner Stiflimg oder nicht lange nachher in denselben getreten 
sein mochte. In welcher Art, Gestalt und Fassung sie den spätem Be- 
arbeitern des Eckenliedes und des Wolfdietrich zukam, lässt sich freilich 
nicht sagen ; wie der des letztem sie verwandte , haben wir gesehen, 
und es entsteht hierbei die Frage, ob nicht auch erst bei dieser Gele- 



236 FELIX LIEBRECHT 

genheit der St. Jörge genannte Fürst in das Gedicht gekommen ist, 
wo er mit einer gewissen Vorliebe, namentlich als Wolfdietrichs Tauf- 
pathe, genannt wird (s. die ihn betreffenden Stellen bei Holtzmann im 
Namenverzeichnisse S. 345**). Diese Zuthaten also (Kloster zu Tischen, 
Kloster Titschal und Fürst St. Jörge) müssten, wenn meine Muthmaß- 
ungen gegründet sind, im Eckenliede wie im Wolfdietrich erst nach 
der Stiftung des Ordens, d. h. nach dem Jahre 1390 eingetreten sein. 
Man kann wohl dabei fragen, ob dies bei letzterm Gedichte vielleicht 
in Folge einer besondern Veranlassung oder gar Aufforderung geschah, 
die etwa von dem deutschen Ritter zu Rougemont ausgieng, dessen 
Angaben aber auch irgendwie dem Bearbeiter des Eckehliedes zu Ohren 
kamen und kürzer aber genauer benutzt wurden. Hatte jener Ritter 
vielleicht aus einem Grunde eine besondere Vorliebe ftir den Wolf- 
dietrich, von dem er etwa auch eine natürlich ältere imd dann wahr- 
scheinlich, wie wir gesehen, dem Text A zu Grunde liegende Recension 
besaß? Blieb diese als Geschenk oder Hinterlassenschaft in Rougemont 
zurück und kam so in späterer Zeit zur Kenntniss du Pinets? Die Ver- 
sammlungen des St. Georgenordens fanden, wie oben bemerkt, weiter- 
hin (ich weiß aber nicht zu sagen, von welcher Zeit an) in Besan9on 
statt und dorthin mag dann auch das etwaige Archiv und die Bibliothek 
des Ordens gekommen sein; du Pinet aber war aus Besan9on gebürtig. 
Doch kann er die Handschrift auch anderwärts angetroffen haben, etwa 
in Dijon, wo auch das Haus Sault theilweise heimisch gewesen zu sein 
scheint, falls nämlich die Herren von Saulx demselben angehörten, die 
jedoch eifrige Katholiken waren, wie z. B. der berüchtigte Gaspard de 
Tavannes, Marschall von Frankreich, welcher, im J. 1509 zu Dijon ge- 
boren, auch daselbst in der „La Sainte Chapelle" genannten Kirche 
seine Grabstätte hatte. 

Ich habe nun Muthmaßungen genug aufgestellt und will damit 
aufhören ; doch gab der sehr verwickelte und zugleich anziehende Ge- 
genstand hinlänglichen Anlaß dazu. Andere , die mit demselben ver- 
trauter sind als ich, und denen reichere Bibliotheken zu Gebot stehen 
(in erster Linie also Holtzmann), mögen ihn gründlicher zu erörtern 
imd sichere Ergebnisse zu erlangen suchen; ja es wäre vielleicht nicht 
unmöglich, die von du Pinet benutzte Handschrift des Wolfdietiich in 
einer oder der andern Bibliothek des südöstlichen Frankreich (Dijon, 
Besan9on u. s. w.) wieder zu entdecken. Mir indess genügt es zuvörderst 
auf den bemerkenswerthen Umstand hingewiesen zu haben , daß um 
die Mitte des 16. Jhd. unser Wolfdietrich nach einer viel älteren Quelle 
in der genannten Gegend bekannt war, und zwar ganz in der Nähe 



ZUR LITTERATURGESCHICHTE DES WOLFDIETRICH. 237 

des Ortes, wo der Held des Gredichtes sein Leben im Kloster beschlossen 
haben sollte. 

Bevor ich nun diesen Gegenstand verlasse, will ich, wie oben 
angekündigt, noch einige weitere Bemerkungen hinzufügen, die jedoch 
nicht mehr die litterarhistorische, sondern die stoffliche Seite desselben 
betreffen. Der kleine Wolfdietrich nämlich, welcher nach Holtzmanns 
Ansicht (S. XXI) gegen Ende des XV. Jhd. aus einer verkürzenden Ver- 
schmelzung des großen mit Wolfdietrich und Sabene entstanden ist, 
enthält eine Episode (vgl. Holtzm. S. XXIX. XCIV), worin ein unge- 
nannt bleibender Zwerg dem Wolfdietrich erzählt, daß ein anderer Zwerg, 
Namens Billung , ihn seines Landes beraubt habe ; er zeigt alsdann 
dem Helden die ihm noch gebliebenen Herrlichkeiten, nämlich eine Linde, 
die er mit einem Schlüssel aufschließt und aus welcher zwölf Jung- 
frauen mit silbernen Kleidern imd goldenen Haarbändern hervorkommen, 
so wie eine Zeder, aus der Wein fließt; ferner schenkt er dem Wolf- 
dietrich eine Büchse, aus welcher er hundert BewafBiete nehmen kann, 
und ein Hom, auf dessen Schall ihm der Zwerg jederzeit zu Hilfe 
kommen will. Letzterer bemerkt dabei, daß sein Vater Titan diese drei 
Wünsche, nämlich die Linde, die Büchse und das Hom, von Gott er- 
halten habe. — Es liegen hier nun mehrfach in Sage und Märchen 
erscheinende Züge vor; so erkennt man in dem wunderbaren Hwm 
alsbald das Hom Oberons wieder; dieser ist der deutsche Alberich 
(Eiberich, französ. Auberon), den Simrock mit Wodan und dessen Hom 
zusammenstellt, Myth. 468 vgl. 450. 233. 250 (2. Ausg.).' Oberons Ge- 
malin aber heißt in Shakespeares Sommernachtstraum Titania, und 
dieser Name erklärt sich durch den oben angeführten Zwergkönig Titan. 
— Die Wunschbüchse finden wir in dem Ranzen, aus welchem Soldaten 
geklopft werden ; s. Grimm KM. no. 54 und dazu die Anm. 3^, 90. — 
Die Jungfrav£n , die aus der Linde kommen , sind nichts anderes als 
Hamadryaden, vgl. Grimm Myth. 617 ffi, und was die weinspendendc 
Zeder betrifft, so dürfte sie ein weiteres Beispiel davon liefern, daß 
wunderbar scheinende Züge in Märchen und Sage nicht selten auf natur- 
geschichtlichen oder historischen Thatsachen beruhen, wie ich in den 
Gott. Gel. Anz. 1865 S. 1190 ff. und im Philologus 23, 682 ff. nach- 
gewiesen; die an ersterer Stelle beigebrachten Beispiele bezogen sich 
auf Indien , und so führe ich denn auch jene Wunderzeder des deut- 
schen Gedichtes auf die Weinpalme (borassus flabeUiformis) zurück, 
welche gleichfalls in Indien zu Hause ist und von der im Mittelalter 
wahrscheinlich eine Kunde nach Europa gedrungen war. 



238 FELIX LIEBRECHT, ZUR LITTERATURG. DES WOLFDIETRICH. 

Anderes übergehend möchte ich schließlich blofi noch auf die 
ziemlich genaue Übereinstimmung aufmerksam machen, welche zwischen 
dem altenglischen Gedichte Gruy of Warwiek und dem Wolfdietrich in 
mehrfachen Zügen herrscht. Heraud von Ardenne^ der treue Erzieher 
und Lehrer Guys , der diesen auch auf allen Kriegszügen begleitet 
(s. Ellis Specimens of Early English Metrical Romances^ London 1848 
p. 191 ff.), entspricht dem bei Wolfdietrich sich in gleichem Verhältnisse 
findenden Berchtung von Meran; — Guy (Ellis p. 206 ff.) und Wolf- 
dietrich haben beide heiße Kämpfe bei Constantinopel ; — so wie femer 
Wolfdietrich Ortnits Schwert in der Drachenhöhle findet (1661—2 
Holtzm.), so findet Guy ein solches gleichfalls in einer Drachenhöhle 
imd zwar im Leibe des todten Drachen selbst (Gesta Roman, c. 172 
p. 286, 18 ff. ed. Keller) ; — Guy steht einem Löwen im Kampfe gegen 
einen Drachen bei, welchen letztem er tödtet, worauf der Löwe sein 
treuer Begleiter wird (Ellis p. 211), und ganz gleiches erzählt ein dä- 
nisches, höchst wahrscheinlich einem deutschen entstammendes Volks- 
lied von Wolfdietrich (s. Svend Grundtvig Danmarks Gamle Polkeviser 
no. 9 ^konge Diederik og Löven**; vgl. Holtzm. S. XCIX no. 8 und 
Wolfd. 1618 ff.) ; — Guy kämpft lange Zeit mit dem Amiral von Äthio- 
pien, einem Riesen, und beide stärken sich während des Kampfes durch 
Wassertrünke, bis Guy den Riesen erschlägt (Ellis p. 221 f.), und unter 
gleichen Umständen tödtet Wolfdietrich den Riesen Belamunt (399 bis 
453); — Guy hört den Grafen Jonas an einem Brunnen klagen und 
durch Besiegung jenes Amirals befreit er den Grafen und seine ftlnf- 
zehn Söhne aus der Gefangenschaft (Ellis p. 220 — 2) ; ebenso vernimmt 
Wolfdietrich Berchtungs Klage vom Stadtgraben aus (1318—9) und 
befreit später dessen zehn Söhne; — schließlich, um den Rest seines 
Lebens in Buße zu enden, pilgert Guy nach dem heiligen Lande, rettet 
zurückgekehrt sein Vaterland von den Heiden, indem er deren Vor- 
kämpfer Colbrand erschlägt, und zieht sich sodann in eine Einsiedelei 
zurück (Ellis p. 230. 234) ; ganz so beschließt auch Wolfdietrich sein 
Leben im Booster, nachdem er dasselbe vorher noch einmal gegen die 
Heiden vertheidigt und diese besiegt hat. — Auf diese Ähnlichkeiten 
der beiden Dichtungen will ich hier bloß hinweisen, ohne weitere Be- 
trachtungen daran zu knüpfen; den ascetischen Schluß haben sie freilich 
mit andern Gedichten des Mittelalters gemein, und zerstreut finden sich 
auch die übrigen Züge anderwärts wieder, nichtsdestominder zeigt sich 
jene Übereinstimmung als auffallend genug. 

LÜTTICH. FELIX LDSBRECHT. 



239 



ZU HARTMANNS GREGOR. 



Die vatioanische Handschrift des Gregor ist seit Greiths Abdrucke 
im Spicilegium Vaticanum meines Wissens nicht neu verglichen worden, 
und doch lag bei der geringen Zuverlässigkeit jenes Abdrucks ein An- 
laß dazu gewiß vor. Da die Handschrift auch jetzt noch die Haupt- 
urkunde ftlr das Gedicht bildet, so glaube ich nichts ttberflüßiges zu 
thun, wenn ich alle Abweichungen von Greiths Texte, die durch meine 
Collation sich ergeben haben, mittheile. 

1 das anfangende D ist ein grö'ßerer Initialbuchstabe. 5 seUscenen. 
6 gutem. 9 Vh leä, wie die Erlauer Hs. ; die Ausgaben von Lachmann 
und Bech haben mit E daz M, 10 die Worte ein richer herre sind 
keineswegs sicher, namentlich ist ein zweifelhaft. Entweder ist des selben 
riehes heitere oder des selben landes herre die richtige Lesart. 13 mohien. 
14 t>fi, und so fast durchgängig. 31 möge. man. dienstman. 44 nü. 4S vn 
€mnechlichen. 58 hegwnden, 61 diu chint, 66 ia furhie ich. 77 ro^e hat 
wirklich die Hs. 82 den arm gut. 92 hniderliche. 110 Übe. 112 nach 
sage scheint ein Buchstabe ausradiert. 114 an in* 120 bisiten; siten ist 
vom Miniator hinzugefligt. 133 Do dise wnne vn den gemach, und so 
ist zu lesen. Lachmann mit EG Dd dise tminne und disen gemach, Bech 
mit Greith Dd die uMnne und den gemach. 153 Daz. 161 slaffen. 166 Daz 
er so grozen manegen spot; grozen manegen mit ümstellimgszeichen, mit- 
hin ist zu lesen daz er sd manegen grdzen spot, wie auch E hat. 169 nah. 
173 ir fehlt. 175 großer Anfangsbuchstabe, dagegen mit gewöhnlichem 
nu 181, und wieder großer bei Nu 183. 184 Du. 187 stvnt. 190 ober 
gewant. 193. 194 unz er dar under zu ir qvam 

vn si an sinen arm genam, 
welche beiden Verse Greith durch Striche ersetzt. 195 großes 0. 
dar vnder. 202 mimt. 217 briit, das andere Reimwort lute. 227 Dar nah. 
235 daz si. 238 swere. 247 nifid si (: bi) ; die Circumflexe bei Greith 
stehen nicht in der Hs. 250 versuchte. 251 hier hat Äe Hs. Unde. 
255 liebev. 257 gemomen. 259 ums. 260 begunde si. 261 süßen. 265 ge. 
trurens. 266 zwir. 267^ An dem Übe vn an der sele. 270 Wand' d. h. 
Wände, wie auch 140 u. ö. steht. 273 werlde. 278 zestmt. 280 iam^. 
291 stunt. 296 dih. 300- durch. 302 ovh. 308 Jcme. 317 wndm. 323 ot?Ä. 
331 Absatz. 333 Also ez ir da. 343 Absatz. 349 iwgdich. 365 fvze. 
373 sagt mir waz iu werre = D und Bech. 382 nah. 403 heiligem. 
405 sivem, aber weren. 407 pflegen. 410 ivch got geschunde. 415 muze. 



240 KARL BARTSCH 

425 Absatz. 429 Zewar, also zewäre zu lesen. 432 des landes (ohne Do) 
si iht entziehe, 436 grvzen. 437 gvte. 442 iemen, 446 mit den gvte, 
447 VohiAen. 450 ich ir. 451 dichte. 457 iV, nicht tren. 459 Dem altem. 
464 schneiden. 465 Zaide. 486 äv«. 487 ffvt. 488 hausefrawe hat wirklich A. 
496 tVer stand, ist aber in der gebessert, und so ist zu lesen (=E). 
504 zw. 505 wart dar. 508 Daz er ze dei\ 509 gemc&me. 514 schedelich. 
517 chunden. 524 in. 536 manegen. 554 meiste statt inerste bei Greith, 
und so ist mit B(E) zu lesen; die Ausgaben haben m^ste. 569 ztÄön. 
574 hehiUe. 579 «iä. 581 ^o^. 583 ze allen stund' hat wirklich A. 
587 werld' d. h. werlde. 589 TFr. 597 hezüzzm. 600 geschehe. 612 Absatz. 
618 herz leit 622 .Vw, Absatz. 628 wrawen, vgl. 415. 751. 633 Div div 
vrawe. 63,6 maneges. 640 sichtvm. "646 vf fehlt. 647 ergrze. 653 boesev. 
654 grozst. 656 brvder. 657 seneder. 658 von ir brvder. 660 «a aa Äan^^ 
nicht cia 2c Äan^. 663 eineinen. 677 der äo^ «i vwmfe vn genas \ funff 
hat auch E, die Ausgaben vieriu. 678 senede, 682 da vor. 702 zirte. 
703 minende. 705 hehagt. 7U8 /So «i es (flir de«) «to^ gewan. 719 vnsamße. 
720 wiif ^c6of. 724 machit. 744 ovä. 747 understan (=E), Greith don, 
die Ausgaben undervän» 751 wrawen. Ibb got ist zwischen geschrieben. 
765 in ein^. 769 am dem. 787 daz. 793 geschehin. 800 «ocä. 807 Er 
warte der viscMre (= Lachra.). 808 gelüchsj Greith gesüche, die Aus- 
gaben gesuoch\ es ist demnach gelücke die richtige Lesart. 810 aJ>bte. 
813 Absatz. 815 dm (nicht dem) hat A=E(C). 816 Vns. 817 wo*, 
aus wart (= CE) gebessert. 818 habn. 836 afcfete. 838 otAcA daz (= Bech). 
852 Do. 854 wnden. 855 t/ den samt. 861 Absatz. 863 nine. 864 svzem. 
865 ^cÄ< — abbte. 871 verswigen. 874 div ovgen. 895 cÄin*. 913 vfi man. 
915 cÄind. 916 im fehlt (= E). 917 dienstaflen. 921 arme. 924 ez. 
931 gwinne. 935 mitte7i;agc. 966 hceiles. 973 nt^. 975 i)aa. 983 /So ?'eÄte 
vKzic. 986 daz. 992 Ivzel. 996 dingcliches. 997 ze vnUen, 998 sceligez. 
999 Div cAin< div. 1004 sinnriche. 1005 da enlivge ich (= CE). 101 1 
Dar naÄ. 1012 gebezzert. 1019 Dar naA. 1031 dicÄe flir cÄwme. 1044 
gervwen* 1045 tcegelicher. 1055 Absatz. 1059 toar, aber iare. 1063 stce- 
tiijez. 1067 Äa<. 1069 vnredelichen. 1070 senftem {= C). 1072 dar vnder. 
1075 iere. 1077 Genendich (=Lachm. Conjectur, Zeitschrift 5, 44). 
1079 wider want. 1088 lip. 1096 chvnd' er, also chunde er. 1099 were. 
1100 ivngelinch. 1102 mohte. 1114 jEt grete^ dar der (r unsicher) cha. . . 
da von nie; das andere Reim wort lautet wie. von kann auch vor sein. 
1117 /Sv«. vor dan ist ausradiert Äeim. 1121 si. 1123 miÄ. 1126 SicÄ 
her. 1135 iÄ — dvUen. 1136 Fon ei?iem a/solhen man, die unzweifelhaft 
richtige Lesart. 1138 Daz dich getar gebliwen der, ebenso. 1139 ver- 
imnnen. 1142 dvltez. 1148 fi}r fhndere dvrfftgey Greith fvnde in, die Aus- 



zu HARTMANNS GREGOR. 241 

gaben fuinden. Es wird zu lesen sein fandene, 1158 almvsenaere» 1159 
mme. 1166 im, 1169 dvrcÄ. 1172 riwec. 1181 vnwiser. 1206. 1216 chneht 
1225 Absatz. 1242 -4& icÄ minem lieben chinde solj = F, «vne wie Gh-eith 
liest hat demnach keine Hs. 1247 vri waL 1255 genesen, 1256 nv, 
12ßl dvrch. 1265 vmsche — diniu. 1271 nah, 1285 vur, 1290 nt?. 1291 iVi;. 
1294 drie sacke (= EG), und so ist zu lesen.^ 1303 ^i; waz, 1305 mehtey 
statt m ehte, 1312 ieglickem 1316 Swer imz, 1320 Des ich des, 1328 ma- 
nsger, 1343 betrogen (=E), und so ist zu lesen. 1346 danne (= EG), nicht 
damit, wie auch Greith hat, dem Bech folgt. 1347 Vmbehendechlichen 
(= G), Lachmanns Conjectur bestätigend. 1354 gelemes vil, wie Lach- 
mann schrieb. 1367 gebt. 1368 missetat, die von Greith ausgelassene Zeile 
(1369) steht in der Hs. So gan ich ir wol eine andern man, 1384 beste, 
1385 So. 1388 ir, 1391 So troverte ie, 1402 gewan. 1406 scheuchet, 
1407 chunde. 1409 noh, 1412 mane. 1415 gnomen. 1418. 19 gelinpf: 
schinpf, 1423 wi* beiden henden. 1429 riterlichen. 1432 Absatz. 1433 
dutsch, 1435 TTwdem ww2 crecfe mtcA. 1436 ez. 1446 dvrcÄ. 1449 sidin, 
1451 bezzerre, 1460 AaZ. 1462 er mewe Äaf. 1464 dvr gut. 1467 gefuge, 
1469 waA. 1473 diA — schä. 1474 föcÄ. 1478 vordei' habe, 1488 Ttianegem. 
1489 Äafee. 1490 dvrcA. 1493 lüagr«. 1499 manegm, 1507 frumchdt, 
1509 mtV me (wie darübergeschrieben) versagen, Lachmanns Conjectur 
bestätigend. 1515 frum, 1521 «oZd' = solde. 1530 biderbe. 1532 hamasche. 
1545 wocÄ. 1547 Fi? «e^'e. 1550 sidiner, 1555 scäv/. 1565 wv. 1585 «üem- 
wewde. 1590 waÄ. 1592 svn. 1602 Ätm, Absatz. 1611 tv. 1612 «i;anne — 
aide. 1650 trarf darübergeschrieben. 1654 zv den. 1655 wanten. 1673 
reAte. 1682 Absatz. 1690 genam, 1692 6e««en. 1694 rwiÄ. 1699 Des waH 
er im vil loerder gast , die richtige Lesart. 1713 zvcht. 1737 vrawen. 
1744 vlizechlichen. 1746 getcete—wcete. 1747 Z^ocä «i. 1749 sidin. 1759. 
63 behagte, 1763 ie kann auch e sein, getaete, 1764 machten. 1767 in 
fiir er. 1770 Aerze. 1777 Riterschaft, 1779 /vze. 1780 Daz. 1786 ietteioaz. 
1800 ifee/. 1803 JVv. 1815 Dvrch—div, 1823 Ä«f. 1836 gefeite. 1847 vn- 
gelopter = 'E'^ und so ist zu lesen. 1849 dar nah, die richtige Lesart. 
1854 /vr. 1866 lemmer. 1885 ein. 1896 der gvte, 1910 Aar«. 1911 /yr. 
1928 ietewederre. 1929 ietwedei-re, 1936 dioed^rre, 1941 Z)en. 1946 gfe- 
<ocA%e. 1949 dewi. 1959 i;(W' des, 1992 tcegelich, 2000 Äat 2006 nrme. 
2007 ^ezem. 2008 gvt. 2009 w;es<en. 2010 c^wcä. 2011 verbor, 2014 t^ere. 
2029 Also vil fvr icart. 2031 sis, 2033 geschach. 2046-sfen. 2060 Er loas, 
2063 vmnechlichez. 2072. 76 dvrcÄ. 2093 erchande, 2096 vite. 2107 gemarhte, 
2110 riwecÄ. 2120 recA^e. 2128 «?. 2139 niwechlichen, Lachmanns Bes- 
serung bestätigend. 2140 vrolichm, 2158 mir ze schaden. 2167 ivch^ 
besser als ii?. 2168 zeware. 2194 brvsten, 2196 M« venie (=G), wie 

GERMANIA. Nene Selbe U. (XIY.) Jahrg. 16 



S42 KARL BARTSCH, ZU HARTMANNÖ GREGOR. 

Lachmann besserte. 2197 manegem, 2201 laides. 2202 Wan da enzwivel, 
wie Lachmann besserte. 2203 einen. 2205 Dazm 2232 fvrhte. 2251 rat 
ich. 2256 warAte. 2274 nah 2301 anderstünt. 2302 i£?ai^ (=r EG) ist zu 
lesen. 2310: die folgende Zeile (2336) fehlt nicht in der Hs. 2335 vTi 
icol gemnt (= EG) ist zu lesen. 2347 laide. 2356 gehaht ei\ 2374 Von 
wannen (=: EF) ist zu' lesen. 2378 Absatz. 2381 ivch^ besser als iv, 
2388 Vil endelichy die richtige Lesart. 2393 Der rede, 2401 : diese Zeile 
findet sich nicht in der Hs. und ist demnach von Greith, der keine 
Bemerkung dazu macht, hinzugedichtet. 2402 Absatz. 2414. 15 sind 
mit Umstellungszeichen versehen. 2434 absalon. 2442 chvnde, 2451 De- 
keiner. 2457 Ez. 2459 samet, 2470 es] ja. 2493 Wan mit. 2507 heimlicher. 
2517 rihtet. 2518 ez. 2537 De»\ 2544 Emamt. 2553 richera. 2569 Mit mar- 
wen lozen; manoen, die richtige Lesart, hat auch G. 2573 stigc. 2578 dvrh. 
2581 Daz. 2583 dvrch. 2593 nrnme. 2595 Äo tcÄ ÄzWe. 2596 ncemest. 2600 
50?Äew. 2601 vnnvtzen. 2603 &fi«enf. 2614 e^. 2620 Stoer. 2628 geschehn. 
2637 vischeres. 2642 dmßichliche. 2676 m. 2696 ^i-vncÄ. 2710 Divudz. 
2714 nocÄ von (E), und so ist zu lesen. 2716 schenchel. 2722 dinen schenchel 
2728 vnzeßyi^et. 2731 dme Aende. 2735 dmer. 2743 TFcbiz. 2744 Äaier. 2757 
Absatz. 2764 Vaste. 2791 eisenhaüen. 2796 i>ie. 2797 ^mt(;e<. 2798 undei^ 
(=iG) dmen dawcA, richtig. 2807 vischen. 2808 dwA. 2819 Rechte — tvnschen. 
2845 sin isenhaUen. 2861 oi?A. 2883 siner. 2900 unwol (=E) ein heilich 
man, die richtige Lesart. 2902 Absatz. 2904 huet 2908 i^vr. 2920 £ä. 
2927 gnadelose, 2944 cAvnde. 2947 loaH (= EG), richtig. 2948. 49 dvrch. 
2957 ^erv<] gv^. 2960 gebet. 2974 TToä. 2984 Daz er in* beiden. 2990 im. 
3031 hufslach. 3042 dwTÄ. 3048 Doä. 3050 maÄ«. 3056. 57 swaz. 
3064 ^Jj-n scÄi(fen m. 3067 dvrch. 3080 Fw. 3091 gir man. 3097 «Zvz^. 
3149 steht am Rande von 131% zum Theil weggeschnitten; übrig 
ist nur lie in in 

maneger not, 
so daß zweifelhaft bleibt, ob ich oder und den Vers begann. 3154 le- 
benden, besser als lebende. 3166 vil vrv. 3169 statt barke hat die Hs. 
bd'me. 3173 marterei^e. 3179 vn an der xoaete. 3181 gesteine. 3196 mohte. 
3218. 20 Etncaschen. 3231 frevnden. 3257 4fe. 3258 dvrch. 3266 Äa?f. 
3275 div ovgen begoz. 3288 Aöp#. 4290 inhtei^e. 3293 Aerzm. 3305 got. 
3318 von der gi^imme. 3323 heinliche. 3331 wcer. 3337 Denne ei'. 3349 selbe. 
3363 svndere. 3367 J)az ir vrivl an mir des tivels mvt, und so ist zu lesen; 
vHvt steht für vröut, wie V. 47 vrivde für vröude. 3370 sibenzehendem. 
3380 vorhtlichem. 3387 Z>a25 e?- «i do gelavbte baz. 3390 Z)ie tA w?^. 
3394 entsloz. 3395 nocA. 3407 geimmez. 3409 manegen. 3418 ietwize. 
3420 ^ro2:?. 3431 sZfeeZ. 3461 Do e?' von sinem. 3487 erscrihte. 3491 o6 



REINHOLD KÖHLER, ZUM SPRUCH VOM KÖNIG EZEL. 243 

wir ai mhten da 9t lit, richtig; sy hat auch E. 3504 vmhederle. 3538 Vor. 
3540 vberal 3543 chvnßich, 3545 heilcheit 3550 gotUchem, 3552 Wollin 
hat A. 3553 horte. 3560 emete. 3569 riktere. 3&76 Absatz. 3598 suchen 
3602 chneht 3624 gvtem, 3642 muter, 3646 vnder iic. 3649 willichlichem, 

do 

3651 herzenlichen, 3654 »ie. 3660 Absatz, sprach er ir zv. 3661 «agr« 
3665 ?6ar« «t. 3678 »ogr«. 3686 Mime. 3688 Niewan. 3695 ifeftem. 
3704 ^7lo< — ^treZi^ Lachmanns Besserung bestätigend. 3705 liehiv, 
3719 vreunden. 3729 AStoaz »i omcä iare sit hat vertrihen^ die richtige Les 
art wird sein swaz st ouchjäre sit vertriben, 3730 ensamt, die Hartraann 
gemäßere Form , 3738 d-erz ; z ist ausradiert. 3742 Erwrben, 

ROM. Febniar 1869. KARL BARTSCH. 



ZUM SPRUCH VOM KONIG EZEL. 



In dem 'Spruch von aim König mit Namen Ezel' (Erzählungen aus 
altdeutschen Handschriften gesammelt durch Adelbert von Keller S. 1 ff) 
wird erzählt, wie eines Tages eine wunderschöne Maid in Ezels Palast 
erscheint, als der König und seine Mannen bei Tische sitzen. Der Dichter 
sagt (S. 3): 

Welcher die fraw an sach, 

hört, was dem geschach, 

wie gar der seiner sinne vergaß 

und West nicht selber, wo er saß! 
Nachdem der Dichter darauf die Schönheit der Jungfrau geschildert hat, 
fährt er fort (S. 4): 

All, die da saßen, 

ir selber sie vergaßen. 

Der da sneiden scholt das prot, 

dem was ze sneiden al«o not, 

daß er sich dief sneid in sein hand, 

daß er dos licht nicht enphant. 

Der den wein scholt schenken, 

der goß in under die pank. 

Die da schölten trinken, 

die Heßens auch nider sinken^ 

maniger sich mit dem wein begoß. 

Von der mait schon wurden all witzlos, 

sie kündens niß vol schawen gar. 

16* 



244 REINHOLD KÖHLER 

Hiermit vei'gleiche man zuvörderst eine Stelle aus dem Roman 'Olivier 
de Castille et Artus d'Algarbe' *), die ich freilich nur nach der Mittheilung 
in den M^langes tir^s d'une grande bibliotheque E, 92 geben kann. Oli- 
vier von Castilien hatte bei der Prinzessin Helene von England das Amt 
eines 'premier ^cuyer tranchantf übernommen. Adonc un jour la belle et 
bonne Helene s'appergevant qu'il poussoit des soupirs d'amour, avoit les 
yeux sur eile, et que cependant eile n'avoit rien devant soi de tranch^ 
pour manger, pour ce lui dit-elle : Olivier, mon loyal ami, si mangerois-je 
bien si vous me donniez de quoi; et lui, tout honteux, commen9a a la 
servir: mais comme celui-ci n'avoit pas son entendement 
bien präsent, il se coupa le pouce presque tout jusqu'ä Tos. 
Helene fut d^plaisante quand a ce point le vit pour Tamour d'elle, le 
consola u. s. w. 

Derselbe Zug nun, jedoch von Frauen erzählt, die also in den An- 
blick einer männlichen Schönheit versunken statt in die ihnen vorliegen- 
den Speisen sich in ihre Finger schneiden, findet sich in der rabbi- 
nischen Sage von Joseph, die auch in die 12. Sure des Koran Eingang 
gefunden hat (s. Abr. Geiger Was hat Mohammed aus dem Judenthume 
aufgenommen? Bonn 1833, S. 141 ff.). In der hierher gehörenden Stelle 
des Koran lesen wir, nachdem erzählt worden ist, wie Joseph die Liebe 
der Frau des Potiphar verschmäht hat und ihre falsche Anklage Josephs 
von ihrem Gatten erkannt ist und die Frauen der Stadt darüber spotten 
(S. 191 der Übersetzung von L. üUmann) : 

Als sie [Potiphars Frau] diese spöttischen Reden [der Frauen] hörte, 
da schickte sie zu ihnen, um sie zu einem flir sie bereiteten Gastmahle 
einzuladen, und legte einer jeden ein Messer vor, und sagte dann zu Jo- 
seph : Komme und zeige dich ihnen! Als sie ihn nun sahen, da 
priesen sie ihn sehr, schnitten sich in ihre Hände und sagten: 
Bei Gott! das ist kein menschliches Wesen, sondern ein verehrungswür- 
diger Engel. Daraufsagte sie: Sehet, das ist derjenige, um dessentwillen 
ihr mich so getadelt u^ s. w. 

Im jüdischen Sepher Hajjaschar (Geiger a. a. O. S. 143) ist aus- 
drücklich gesagt, daß den Frauen Orangen vorgesetzt worden waren, 
statt deren sie ihre Finger zerschnitten. Arabische Erklärer des Koran 
haben in der obigen Stelle nach einer gewissen Lesart auch die Orangen 
gefunden, und so erklärt Elpherar (Geiger a. a. O.) die Stelle: 'Die 
Frauen schnitten mit dem Messer, welches sie hatten, in ihre Hände, in- 
dem sie die Orange zu schneiden glaubten, fühlten aber den Schmerz 
nicht, wegen der völligen Hingebung ihrer Aufmerksamkeit an Joseph.' 

*) Vgl. darüber Grässe Literärgeschiehte 11, 3, 350 f. 



ZUM SPRUCH VOM KÖNIG EZEL. v 245 

Die Geschichte Josephs und der Suleika — so heißt nach muhame- 
danischer Sage die Gemahlin Potiphars — wurde nach der Erzählung 
des Koran mehrfach von muhamedanischen Dichtern in eigenen Dichtun- 
gen behandelt. 

Auf einer solchen muhamedanischen Quelle beruht jedesfalls das 
altspanische Poema de Jos6 (Ticknor Geschichte der schönen Literatur 
in Spanien. Deutsch von N. H. Julius. 2, 571 ff.) , und auch in ihm 
findet sich die uns hier interessierende Scene. Es heißt dort von Zaleja 
(Suleika), welche die Frauen der Stadt zu sich eingeladen hatte 
(S. 578 f.) : 

Diolas sendas toronjas e caminetes en las manos, 
Tajantes e apuestos e mui bien temperados. 

E fuese Zaleja a do Jusuf estaba. 
De purpura e de seda mui bien lo aguisaba, 
E de piedras preciosas mui bien lo afeitaba, 
Berdugadero en sus manos a las duennas lo embiaba. 

Ellas de que lo bieron perdieron su cordura, 
Tanto era de apuesto e de buena figura; 
Pensaban que era tan angel e tomaban en locura, 
Cortabanse las manos e non se abian cura, 

Que por las toronjas la sangre iba andando. 
Zaleja quando lo bido toda se fiie alegrando. u. s. w. 
Ich zweifele nicht, daß die obigen Stellen des deutschen Gedichtes 
und des französischen Romans mittelbar auf diese Scene aus der rab- 
binischen Josephsage, welche dem Abendlande sehr leicht sowohl von 
jüdischer als von muhamedanischer Seite — besonders, wie das er- 
wähnte spanische Gedicht zeigt, durch die Mauren in Spanien*) — 
bekannt geworden sein konnte, zurückzufilhren sind. 

Ich erwähne noch, daß auch in einem kirgisischen Märchen (Vam- 
b^ry Skizzen aus Mittelasien, Leipzig 1868, S. 298) ein Chan seine 
Augen von der schönen Frau seines Wirthes nicht wegwenden kann 
und sich daher beim Essen in seinen Finger statt in das vorgesetzte 
Fleisch schneidet. Also auch hier, wie im deutschen Gedicht und im 
französischen Roman, ist auf einen Mann übertragen, was ursprünglich 
von Frauen erzählt ist. 

WEIMAR, Januar 1869. REINHOLD KÖHLER. 

*) In der 'Historia Joseph translata de arabico', über welche Mussafia in seiner 
Abhandlung * Über die Quelle des altfranzösischen Dolopathos', Wien 1865, S. 19 if. 
(Sonderabdruck aus dem November-Hefte des Jahrganges 1864 der Sitzungsberichte 
der phil.-hist. Classe der Wiener Akademie der Wissenschaften) berichtet hat, findet 
sich, wie mir Mussafia mittheilt, jene Scene nicht. • 



246 R- KÖHLER, ZU TRISTAN. 

ZU TRISTAN. 



Bekannt ist aus den Fortsetzungen des Gottfried^schen Tristan 
von Ulrich von Türheim (V. 391 ff.) und. von Heinrich von Freiberg 
(V. 3733 ff.) , aus dem Volksbuch von Tristan (Cap. 39) und aus dem 
enghschen Sir Tristrem (III, 52 ff.) die naive Stelle von Isolde Weiß- 
hand und dem Wasser, das kühner war als der kühne Tristan *). In 
der Überarbeitung des Eilhart'schen Tristan — der Grundlage des 
deutschen Volksbuches — lautet die Stelle nach der Dresdener Hand- 
schrift also: 

Mit deme edelin wygande [Tristan] 

was sie [Isolde] mer denne ein jar, 
5190 das horte ich sagin vorwar, 

das sie ny wart sin wip. 

das vortrug die vrauwe ane nyt. 

Isalde des ouch ny gesprach, 

wenn eines tagis do daz geschach, 
5195 das der koning und die koningin 

unde Tristrant unde daz wip sin 

unde Kehenis da mete 

uff eyme tyffen wege retin 

czu Karahes na bie der stad. 
5200 Isaldin pfert do trat 

in einen gereinetin pfui, 

daz ir das wassir uff vur 

bie dem kny undir daz hemmede. 

sie sprach: wassir, du bist vremmede. 
5205 das dir mtisze mysselingen. 

wie getorstestu y gespringen 

so rechte ho undir myn gewant, 

dar noch ny ritters haut 

torste komen noch en quam. 
5210 ir bruder die rede schiere vomam u. s. w. **) 



*) ich hän ersehen in kurzer frist, 

daz diz wazzer küener ist 
danne der küene Tristan. Ulrich V. 407. 
diz wazzer verre küener ist 
wan der küene Tristan. Heinrich V. 3788. 
**) Ich verdanke die Mittheilung dieser Stelle der Gefälligkeit des Hm. Dr. Artur 
Köhler in Dresden. 



LITTEKATUR. 247 

Ein ganz ähnlicher Zug findet sich in einem gaelischen Märchen (J. F. 
Campbell Populär Tales of the West Highlands, Vol. III, S. 56). Graidhne, 
die Tochter des Königs von Coig UUainn, wird von plötzlicher Liebe 
zu dem schönen Diarmaid ergriffen. „The warm soul would not be in 
her unless she should go with Diarmaid. Said Diarmaid, „That will 
not answer for me to go with thee." „O! we will go, or eise I will 
tear my clothes, and I will give thee up to Fionn." „I have no doubt 
of thee but that he will believe thee, because thou art his own beloved 
wife indeed." — They went away, and they travelled together days 
and three nights. They were crossing a river, and a little 
trout rose and Struck her, and she said — „Thou art boldor 
than Diarmaid. If thou couldst go on shore!". . . 

WEIMAR, Januar 1869. REINHOLD KÖHLER. 

LITTERATÜR. 



Bayerisches Wörterbuch von J. Andreas Schmeller. Zweite, mit des Ver- 
fassers Nachträgen vermehrte Ausgabe im Auftrage der histor. Commission 
bei der kön. Akademie der Wissenschaften bearbeitet von G. Karl From- 
mann. Erste Lieferung. München, üterar. artist. Anstalt der J. G. Cottaschen 
Buchhandlung 1869. 15 halbe Bogen. 240 Spalten bis: Bceumen*). 
Niemand wird es uns verdenken, wenn wir dem Erscheinen einer neuen Aus- 
gabe dieses Werkes mit den größten Erwartungen entgegengesehen. J. Grimm 
nannte es mit Recht „ein Meisterwerk, ausgezeichnet durch philologischen Scharf- 
sinn, wie durch reiche, nach allen Seiten hin strömende Sacherläuterung, ein Mu- 
ster für alle solche Arbeiten, von dem unwandelbaren Trieb seines emsigen, lie- 
benden Geistes durchdrungen und belebt. " 

Daß wir eine neue Ausgabe wünschen mussten und von derselben bestimmte 
Erwartungen hegen durften, dies war besonders deshalb der Fall, weil dem ersten 
und zweiten Theile die berufsmäßige Beschäftigung Schmellers mit den Handschrif- 
ten der München er Bibliothek, die erst 1829 begann, noch nicht zu Gute gekommen 
war, die im dritten und vierten Theil eine vielseitigere Berücksichtigung der älteren 
Sprache veranlasste und möglich machte. „Während das ,** so spricht Schmeller 
über diesen Punkt in der Vorrede zum dritten Theil S. IV, „was von solcher Aus- 
beute auf die bereits gedruckten Theile ü'af, seinesorts für einen derein- 
stigen Nachtrag niedergelegt wurde, durfte, was in die noch ungedruck- 
ten gehörte, ohne Zweifel sofort der Handschrift einverleibt werden.'^ 

Wenn Prof. W. Wackernagel in der histor. Commission der kÖnigl. bair. Aka- 
demie der Wissenschaften auf den Druck dieser Nachträge drang und auf From- 



*) ANMERKUNG. Diese Recension kam uns erst zu, nachdem die oben S. 114 
abgedruckte bereits im Satze vollendet war. Ihr reicher Inhalt, wie der theilweise gegen- 
sätzliche Standpunkt, welchen sie J. Lamhels Anzeige gegenüber einnimmt, veranlassten 
uns, auch diese hier mitzutheilen. DIE REDACTION. 



248 LITTERATUR. 

mann als den berufensten Herausgeber hinwies, so kann man natürlich nur ein- 
verstanden sein. Und wenn, wie der Prospectus sagt, indessen eine neue Auflage 
nöthig ward und die Commission, statt einer besonderen Veröffentlichung dieser 
Zusätze, beschloß, „eine vermehrte Ausgabe des ganzen Wörterbuchs, wie sie 
Schmeller selbst beabsichtigt und wie sie Grimm erst für die Zukunft als 
die vollendetere Arbeit in Aussicht genommen hatte, sogleich herzustellen," so kann 
man nur sagen: „um so besser!^ besonders da Frommann diese vermehrte Aus- 
gabe besorgen sollte. 

Durch Herausgabe seiner Zeitschrift ^Die deutschen Mundarten** 1854 bis 
1859 haben wir Frommann hinreichend kennen gelernt als den wahren Erben des 
frroßen Schmeller, der mit demselben Scharfblick und demselben wissenschaftlichen 
Ernst auf Grundlage der Sprachgeschichte die lebenden Mundarten zugleich mit 
dem liebevollsten Geiste zu erfassen und zu erklären verstand. 

Ich erinnere an Frommanns „zwei gute Wünsche", mit denen er die, anfangt 
von Pangkofer herausgegebene Zeitschr. f. Mundarten I, 93 begrüßte! An seine 
Zusätze, mit denen er bald als Herausgeber die Beiträge der Mitarbeiter schmückte, 
z. B. zu „abens geschmac" I, 141, „äfange" IH, 215; in Recensionen z. B. zu 
„ich hätt die brief vom Tanzen" V, 237 ; endlich seine „Erläuterungen von Aus- 
drücken in Koburger Mundart" II, 136, „Formelhafte Redensarten mit dem Worte 
Gott gebildet" IH, 345, „Hilpei-tsgriffe" II, 30 u. v. a. Wo man nur aufschlägt 
in der Zeitschrift, man findet überall die Spur der Meisterhand des Herausgebers, 
der jedem Beitrage die äußerste Sorgfalt zuwendete und jeden Anlaß benutzte 
zu gründlicher Erörterung und Belehrung. — Es ist ohne Zweifel ein unwieder- 
bringlicher Nachtheil für die Erforschung unserer Mundarten, daß man diese Zeit- 
schrift eingehen ließ und daß sich trotz zahlreicher Mahnrufe, z. B. auch J. Grimms, 
keine vaterländische Anstalt, keine gelehrte Genossenschaft fand, die ihren Fort- 
bestand, der ganz geringer Hilfe bedurft hätte, möglich machte ! Besonders auch 
um der unschätzbaren Kraft des Herausgebers willen, die seitdem in dieser frucht- 
baren Richtung feiern musste, muß man dies beklagen und eben deshalb war es 
doppelt geboten, eine Arbeit, wie die neue Ausgabe des bairischen Wörterbuchs, 
ihm und keinem Andern zu übertragen. 

Welche Instruction die historische Commission dabei Frommann erth eilte, 
ist mir nicht bekannt. Was der Prospectus sagt, „es ist bei derselben vor allem 
der Grundsatz befolgt, unverändert die Worte Schmellers wiederzu- 
geben," klingt allerdings wie eine solche und zwar wie eine sehr bedenkliche. 
Ein solch einfaches Abdrucken gelegentlich entstandener Notizen Schmellers ohne 
Berücksichtigung der seitherigen Forschungen auf diesem Gebiete kann nimmer- 
mehr eine neue Ausgabe werden, „wie sie Schmeller selbst beabsichtigt". 

Es wäre was anderes , wenn Schmeller bereits die letzte Hand daran gelegt 
hätte. Dies ist aber nicht im Entferntesten der Fall. Es sind angesammelte Mate- 
rialien vorhanden , die, wie dies bei lexikalischen Arbeiten in der Natur der Sache 
liegt, in dem Moment, wo sie eingetragen werden, nicht mit jener Kritik angereiht, 
beurtheilt und gewürdigt werden können, wie dies erst geschehen soll, wenn die 
Sammlung abgeschlossen ist und die Redaction beginnt. Was soll aber ein Abdruck 
ungeordneten Materials in einem solchen Falle? Und dazu braucht es eines From- 
mann als Herausgeber? — „Was er hie und da in möglichster Kürze hinzu- 
zufügen für gut fand , ist mit ^ ' bezeichnet." Es ist also Frommann nichts weiter 



LITTERATUR. 249 

gestattet gewesen, als durch Verweisungen etwa, wo möglich, das Fehlende und 
Irrthümliche gut zu machen, und die durch neuere Arbeiten zum Theil überflüssig 
gewordenen Materialien, von denen Schmeller gewiß selbst ganze Seiten gestrichen 
hätte, müssen abgedruckt werden! — Daß dem so ist, werde ich an einigen Bei- 
spielen zu zeigen suchen. 

Wir finden hier unter manchem Artikel eine Menge gelehrter Notizen, 
die nichts aufklären, indem gerade das Naheliegende, das von ent- 
scheidender Wichtigkeit wäre, fehlt, z. B.: 

Sp. 3. ^,Au in den Zusammensetzungen Audieh^ ÄtLschelm^ Auvogel, durch- 
triebener , arger Dieb , Schelm , Vogel ; [(wie Gau-Dieb , Land-Dieb , meint flerm. 
Müller, Lex salica 43). Äu-Schelm, Erzschelm, loser Vogel ; eigentlich -4wr-schelm, 
von aur, ur (empor, groß)", meint Seidl, Flinserln IV, 127. 133. Der Auwuckel, 
gewöhnlich Rauwucke-lj der Teufel (bayr. Wald). Äudefachs , s. Fachs. — Cf. goth. 
aviliud&n, danken ; ahd. auzoi^aht, auuizoraht (st. augazoraht)^ augenscheinlich, gl. 
a. 252. 322. 323; oga-uuts, Grimm II, 503. 707. GrafFV, 705. I, 136.]*) 
au'schieh, sehr häßlich, ist in seiner eigentlichen Bedeutung nicht klar." 

Hier haben wir nun gelegentlich eingetragene Ver\yeisungen und Citate, die 
weder gesichtet noch abgeschlossen sind, so daß wir daraus in der That nicht viel 
gewinnen. 

Der Äu-Vogel ist aber, nach Frommanns Zeitschr. VI, 24 und zwar in einer 
Mundart, die bairisch ist und manches höchst Alterthümliche bewahrt hat, die 
Eule und dies ist wohl die ursprüngliche Bedeutung. Die anderen Bedeutungen, 
wie: Aunachtigall , Seidl niederösterr. Gedichte S. 288, so wie die tropischen: 
Dieb, Schelm bei Schmeller, sind wohl erst später aufgekommen, indem Au-Schelmy 
Au'Dieh geradezu locale Beziehungen haben können, wie etwa in Wien Prater- 
scheiber, einer der im Prater kegeln gelernt oder zu kegeln pflegt ; also Schelme, 
Diebe, wie sie in den einer Stadt benachbarten Auen steh obdachlos aufhalten. Das 
nächste, an was wir bei Auvogel : Eule aber zu denken haben, ist : der auf bubo, 
die Eule, in der vorliegenden Ausgabe Schmellers Sp. 42 : 'bubo haizt ain auf 
oder in anderm däutsch ein haw^ Megenberg 173, 3. — 'der Hansl macht augn 
wie en auf!^ — 'Du böses auff!' Schöpf tiroL Wb. 22. So auch Lexer Kämt. 
Wb. 12. — Auvogel wäre demnach = aufvogel zu mhd. üve, hüwe, ahd. Äyo, hüwo, 
aber auch hüo Graff IV, 835 , daher nhd. auch hau m. Eule und mit Wegfall des 
h vielleicht auch au, denkbar ist, also auch hauvogel, vielleicht auch au - vogel. 
Dadurch wird aber auch auschieh wahrscheinlich =^ schiech wie ein au oder auf 
d. i. hässlich wie eine Eule. 

Ich denke, daß diese Analogien, wenn ich hierin ai^ch nicht Recht behalten 
sollte, doch näher liegen als gothisch aviliudön danken, ahd. augazoraht augen- 
scheinlich oder agawis publicus, die freilich noch zum Theile ungelöste Räthsel sind, 
vgl. über das erste Grimm in Schulzes goth. Glossar S. VII, unter anderem eine 
Stelle , die eben so unerläßlich zu aviliudön citiert werden musste , als zu 
agawis Gramm. II, 503. 707. 

Es lässt sich aber sogar nachweisen, daß gerade diejenigen Belehrungen, 
die hier vermisst werden, Frommann bereits an andern Orten gegeben hat, ja daß 
der alte Irrthum hier stehen blieb, den Frommann bereits zurückgewiesen, Schmel- 
ler bei einer neuen Ausgabe gewiß gestrichen hätte! — „Die Achvart, Reise gen 



*) Das zwischen eckigen Klammern Stehende ist Zusatz der neuen Auflage. 



250 LITTERATUR. 

Ach zur Sühne eines Todschlages." Dies culturhistorisch interessante Wort, das im 
mhd. Wörterbuche fehlt, hätte wohl Schmeller nun ausführlicher behandelt und 
auch Frommann, wenn es ihm gestattet gewesen wäre, hätte den Artikel nicht 
mit dem trockenen Hinweis auf den Anzeiger f. Kunde d. d. Vorzeit abgethan. 
Ich habe selbst einmal Gelegenheit gehabt, bei Besprechung dieses Wortes und 
Gebrauches Frommann zu danken für die Nachweise, die er mir dazu gegeben, 
s. meinen Nachtrag zum Wb. der deutschen Mundarten des ungr. Berglandes 
(1859) S.15 ; weiteres noch Darstellung der deutschen Mundarten etc. (1864) S. 54. 
Sp. 164 liest man noch immer zu osnt ungesäumt: „ich will den Einfall nicht 
unterdrücken, daß sich vielleicht in diesem Worte noch ein schwedisches, wie in 
heidipritsch ein englisches, kategorisches tuismtt könne erhalten haben." — Nun 
hat Frommann schon Zeitschr. V, 238 die Deutung von heidebritsch : geh fort! aus 
dem tschechischen, uns in Österreich wohlbekannten : gdi pryö (sprich jdi pritsch) l 
geh fort, gebilligt, sowie schon Aug. Stöber Frommann IV, 118, 10 dabei an 
rätzisch: heide, komm! und böhmisch: britschy schnell (priö bedeutet: fort!) er- 
innerte. Warum muß eine solche, dem Herausgeber wohlbekannte Erklärung hier 
unterdrückt und statt dessen die gewagte Annahme, daß es aus dem englischen 
hie thee, prithee zu erklären sei, als feststehende Wahrheit abgedruckt werden ? 
Es wird nun bei osnt: sogleich, auf ahd. also zehant und „der Wunderlichkeit wegen" 
auf schwedisch osent gewiesen. Darauf folgt tisef uese : sogleich etc., „vgl. olsig, 
osnt, ostn.^^ Wir müssen nun olsig aufsuchen, Sp. 69. Dies bedeutet wieder: so- 
gleich und wird verglichen mit mhd. alzoges: immer, allezan: soeben und agaleize: 
schnell. Also wieder verschiedene Conjecturen und keine entscheidend. Es bleibt 
noch ostn, ästig, ostnig Sp. 169, wo nur auf osnt und auf Frommanns Zeitschr. II, 
141 hingewiesen wird« An dieser Stelle wird aber die aufgestellte Vermuthung, 
daß es vom Schwedischen abzuleiten sei, von Frommann bezweifelt! — 
Wir werden demnach im Kreise herum getrieben, von einer Form zur andern, fast 
bei jeder tauchen neue Conjecturen auf, die uns nicht überzeugen und am Ende ist 
uns, als ob wir die Drehkrankheit bekommen sollten: uns schwindelt, aber wir 
finden uns nicht belehrt ! — Das Schlimme ist, daß das Material meistens vor- 
handen, das heißt im Buche enthalten ist, es ist aber in dem ungesichteten Chaos 
nicht zu finden! — Osnt scheint durch einen wunderlichen Lautwechsel aus ostmi 
und dies aus olzen, das gleichfalls : sogleich bedeutet, hervorgegangen. Dafür spricht, 
daß für die gleichbedeutenden Formen: olzig und olznig in denselben Gegenden, 
YToimosnt: ost, ostn gebräuchlich ist, ostig und ostnig gesagt wird. Alle diese 
Formen hätten aber zusammengestellt werden sollen, Sp. 58 unter cdlz an, mhd. 
allez aney alzan: sogleich, wo nicht einmal erwähnt wird, daß olzen in dieser Be- 
deutung noch jetzt mundartlich fortlebt! Es wird bloß verwiesen auf olsig, wo wir 
wieder durch die erwähnten Conjecturen alzoges, agaleize neben alzan conftmdiert 
werden. Wie seltsam sieht dies nun aus, wenn wir finden: daß Frommann an 
derselben Stelle Zeitschr. II, 140 f., wo er sagt: daß er der Ableitung Schmel- 
lers vom schwedischen osent „nicht beistimmen möchte", zuerst das koburgische 
olzen richtig auf mhd. alzan zurückgeführt und die Entstehung der Formen : olzig, 
olznig daraus gezeigt hat! — Jedesfalls mussten unter alzan die gleichbedeutenden 
Formen : cUzen, olzig, olznig, ostn, ost, osnt, ostig, ostnig nebeinander gestellt werden. 
Es ist nichts einzuwenden dagegen , wenn alle verwandten oder verwandt scheinen- 
den, gleichbedeutenden Formen au ihrer alphabetischen Stelle zu finden sind. Dort 
muß aber auf die Hauptstelle verwiesen werden, wo sie alle beisammen stehen, 



LITTERATÜR. 251 

freilich darf diese Hauptstelle nicht — fehlen ! Daß hier cUzan der Sammelpunkt 
sein musste, ist klar, da älzeny olzig^ olsig bestimmt dahin gehören , möglich daß 
die übrigen ähnlichen Formen andern Ursprungs sind. Da wir diesen Ursprung 
nicht kennen , werden sie immer noch am Besten hier untergebracht sein und wird 
der Leser am besten von ihrer alphabetischen Stelle hieher gewiesen. 

Schmeller begann die Composita unter dem letzten Bestandtheil derselben 
einzutragen, z. B. unter Äffy wo er in der ersten Ausgabe nur homaff anführte ; 
in der zweiten auch maulaff. Warum fehlt hier schlavderaff^ slüraff, glorafff Vgl. 
alte Ausg. III, 4Ö6. Unter m-, d. h. in der vocalisch anlautenden Wortreihe mit 
dem Auslaute n ist auch in dieser Ausgabe noch eingereiht: ingeium Eingeweide, 
das ich unter tuomy getüeme gesucht hätte. Denn mit demselben Rechte stünde hier 
dann auch ingerettsch (alte Ausg. III, 140), das dasselbe bedeutet. 

„Einzelne , bloß aus schriftlichen Beiträgen gewonnene Artikel , über die 
nicht wohl weitere Aufschlüsse zu erholen waren," also nicht sicher verbürgte, dem 
Verf. weiter nicht bekannte Wörter, hat Schmeller (s. die Vorrede der 1. A.usgabe 
zum 1. Th. S. X) unter Anführungszeichen „ " mitgetheilt. Aber das versteht sich 
doch wohl von selbst, daß, wenn weitere Aufschlüsse sich finden, diese unverbürg- 
ten Waisen ihr Fragezeichen, als ein solches sehe ich diese Anführungszeichen an, 
verlieren!? 

Schmeller hat nun auch weiter ebenso ihm nicht hinreichend deutliche Aus- 
drücke für eine künftige Ausgabe mit Anführungszeichen in sein Handexemplar 
oder in seine ,^Nachträge" eingetragen, z. B. das hier Sp. 183 erscheinende: „der 
Baudaxlj Bauxl, Spottname für einen kleinen dicken Menschen, Castelli Wb. 77^^ 
— JedesfaUs hätte er bei einer Ausarbeitung für den Druck sogleich wahrgenommen, 
daß hier mindestens die eine Form bauxl nicht so verwaist dasteht. Bei Seidl Nie- 
derösterr. 6ed. S. 326 heißt es: pauxerly paunxdy bei Schöpf 33 sagt man von 
einem Kinde : „ein herzigs haxV\ was vielleicht auch mit kämt, phx dummer Mensch 
Lex. 19 zu vergleichen ist. Loriza Idiot. Vienn, S. 23 führt an: der Bautz kleine 
Person. Es ist das nd. haufiel Kugel, stämmiger Junge, Fromm. VI, 51, das Grimm 
Wb. II, 265 von hochsein ableitet. — Vielleicht kömmt das zweite Heft der neuen 
Ausgabe unter hauzen^ batzen (erste Ausg. I, 228, wo unter anderm alle mit Antiqua 
gedruckten Belege unter Batzen, wie es scheint, nicht dahin gehören, sondern unter 
hdz für Beize) noch darauf zurück. Ob nun die andere Form haudaxl überhaupt 
hiehergehört, fragt sich. Ganz unerhört ist das Wort nicht. Es bedeutet wohl ur- 
sprünglich einen Kuchen. In der ausgezeichneten Dichtung in unterensischer Mund- 
art von Jos. Misson Da Näz (Wien, C. Gerold 1850) lese ich S. 17: ,^d' Baudexn 
und ä ön Guglhupf, sagt a, dös heb i da Moam auf!^ Lexer hat S. 19: haudaocen, 
auf den Hintern schlagen. — JedesfaUs ist eine Anführung dieser bekannten Wörter, 
wie oben, in einer neuen Ausgabe eines Meisterwerkes, wie das Schmellers, kaum 
zu rechtfertigen. 

Noch ein Beispiel! Sp. 72: altelos y es ist mir ganz „altelos", ich befinde 
mich gar nicht wohl. Dazu wird auf Grimm GDS. S. 947 verwiesen, wo es mit 
altvtl hermaphroditus Haupt VI, 400 verglichen wird. Damit ist denn doch das 
Wort nicht erledigt , das hier eine ausführliche Besprechung verdient hätte, 
wobei Formen angeführt werden mussten , die man im bair. Wb. zu suchen 
berechtigt ist, die aber in dieser neuen Ausgabe Schmellers, die die Nachträge 
von Schöpf, Lexer, der Frommannschen Zeitschrift u. v. a. grundsätzlich ignorieren 
muß, schmerzlich vermisst werden. Das Wort ist offenbar eins und dasselbe 



252 LITTERATÜB. 

mit otaloSy wie man in Vorarlberg für unwohl, kränklich und auch für Öde un- 
gesalzen sagt, 8. Vonbun bei Fromm. IV, 4. Stalder hat in demselben Sinne 
aterlos, odemlosy athemloa I, 115, vgl. Tobler 344, Schmid 10. Grimm Wb. 1, 593. 
Vorwaltend scheint das Wort auf alemannischem Gebiet zu Hause, aber auch kärn- 
tisch: ealesj eliaer ungesalzen, abgeschmackt, Lexer 83, in Tirol: elas Schöpf 103« 
Und selbst (mitteldeutsch) im ungr. Berglandc: mattelos kraftlos, mein Wb. S. 80. 

— Lässt sich bei einer so reich zu belegenden Verbreitung des Wortes dessen 
schüchterne Auffuhrung mit Gänsefüßen „ altelos '^j wie sie hier aus der ersten 
Auflage stehen bleiben musste, billigen? Ist es hier nicht unerläßb'ch, minde- 
stens solchen Angaben, wie ich eben mittheilte, Raum zu gestatten? — Meiner 
Ansicht nach war man dazu verpflichtet, bei den Erwartungen, die der Prospectus 
erregen musste, wo es heißt: „die Commission beschloß, eine vermehrte Ausgabe 
des ganzen Wörterbuchs, wie sieSchmeller selbst beabsichtigt und wie 
sie Grimm erst für die Zukunft als die vollendetere Arbeit in Aussicht genommen 
hatte, sogleich herzustellen!'^ 

Fehlende Wörter, die auf bairischem Sprachgebiete vorkommen und in 
Schmellers Wörterbuch fehlten , sind natürlich nicht nachgetragen ! — Zu cUp 
m. Dämon hatte zwar Schmeller Einiges nachgetragen aus älteren Quellen Sp. 64 
(es fehlte in der 1. Ausgabe ganz; nur die Form alber war in dieser Bedeutung 
angeführt), daß es aber noch heutzutage lebt, z. B. in Kärnten ein Meteor oder 
den Teufel bedeutet Lex. 5, in Tirol in der Form alsp Schöpf 11, das dürfen wir 
hier nicht suchen! 

Sp. 20 unter über wird ein übetemdl und Sp. 18 unter übel ein überemal an- 
geführt mit der Bedeutung : manchmal. Das österreichische immarigsmaZ (= überigs- 
mal?) manchmal, finde ich weder unter immer Sp. 76, noch unter übrig und es 
steht doch bei Castelli 175: immarigsmal, immer einmal, manchmal (woraus wir 
sehen, daß Schmeller denselben nur hin und wieder benutzte) Firomm. Zeitschr. IV, 
519 Zeile 11 v. o. immerigsmal. Kämt, iewlamal Lex. 148, tirolisch: immerling 
Schöpf 286. Eigentlich wird es wohl zu urbaring, uebering unvorhergesehn Schm. 
a. Ausg. I, 185 gehören. 

Worte, die noch leben, werden , wie wir schon bei alp gesehen , nur aus 
älterer Zeit belegt oder gerade als ausgestorben bezeichnet, z. B. Sp. 41 der affalter 
„soll noch unter der Ens üblich sein; Castelli Wb. 40 : der ahfalta, der Apfelbaum." 

— Der Satz „soll noch unter der Ens üblich sein" ist aus der ersten Auflage stehen 
geblieben, Schmeller notierte sich aber berichtigend dazu, daß er es auch bei Ca- 
stelli findet. Gewiß hätte er bei einer Bearbeitung des Artikels noch hinzugefügt : 
aber auch in Kärnten lebt das Wort Lexer S. 8 ; in der Ueanzenmundart in Ungarn 
sogar noch die affalter, siehe Frommann VI, 231. 

Sp. 110 findet sich das alemannische anke Butter eingetragen, das in der 
ersten Auflage fehlte. Grimm hatte bekanntlich GDS. 1003 ausgeführt: daß es 
„bei den Alemannen der Schweiz, des Oberrheins und Elsasses, nicht aber 
ostwärts des Schwarz waldes bei den übrigen Schwaben, noch den Bayern 
und Tirolern lebt". Wenn es demnach nun in einem bairischen Wörterbuche 
angeführt wird, so musste dieser Artikel mit Hinblick auf diesen Punkt ausführlich 
behandelt werden. Wo ist es in Gebrauch im bairischen Sprachgebiet? Ich finde 
es in Kärnten, Lexer S. 7. Die vorliegende Ausgabe Schmellers schweigt über den 
jetzigen Sprachgebrauch ganz! 

Sp. 111 ist zu der Form engelpoge Ellbogen, die aus älteren Quellen nach- 
gewiesen wird, aus neuern Mundarten nur die Form enghelboan aus dem Vocab. do- 



LlWERATtlR. 253 

mest. der sette comuni mitgetheilt; die vollständigere Form. aus Schmellevs eigenem 
Wörterbuch der sette comuni S. 117': engilpogen — nicht! Daß das Wort auch in 
Kämt, noch in der Form, engilpouge erscheint (Lexer S. 84) ist natürlich auch 
nicht nachgetragen. 

Durch Zufall bin ich sogar in der Lage zu zeigen, daß Schmeller seine Aus- 
züge nicht einmal noch vollständig in die Nachträge oder in das Exemplar seines 
Wörterbuchs eingetragen hatte, das hier abgedruckt wird. Aus einer in der Mün- 
chener Bibliothek aufbewahrten Hs. Schmellers, die „Dialektologie" überschrieben, 
ist, habe ich mir vor Jahren einmal Notizen abgeschrieben, aus denen ich nun sehe. 
daß sie zum Theil hier fehlen. » 

Sp. 14 findet sich unter ebenlang nur ^ine u.zwar lateinische Stelle, in der das 
Wort vorkommt. Dazu ist nachzutragen : das crucifix was ein ebenlenge der mäze 
als Christus was Cgm. 819 f. 69. — Zu äff alter Sp. 41 f. notierte sich Schmeller: 
holzaffalter Cgm. 821 f. 232. 234, also zweimal. 

Zu Sp. 72: ultem coire? (Vgl. auch mhd. Wb. 3, 178^ verulter) 

*er sprach er sach mich bei dir ligen und ulterst mich auf einer gras- 
burd.' Cgm. 714 f. 30^ 

Zu Heben Sp. 18 'agitare': 

wen die unkeuscheit übt zu vast Cgm. 753 f. 109. 

Zu all — ein (8nlaa etc.) Sp» 57: 

wie vart ir denn ain laine Cgm. 714 f. 112. 

Zu der Aar. . . wie ein aer auf einer hennen bei H.Sachs Sp. 120. 

dy posen eeleit leben mit einander als der ör (aar) mit der henn , als 
die kaz mit der meis Cgm. 757 f. 9*. 

Zu Sp. 153: genta,re frünortm voc. 1432 Cgm. 685. 

ü. dgl. m. 

Schmeller hatte Einiges von diesen Auszügen wohl schon eingetragen, 
z. B. Sp. 76 unten: „wer umb den pecken kaufet chorn", was er ursprünglich aus- 
führlicher ausgeschrieben hatte. Der folgende Vers heißt : „und umb den schützen 
(bogner) leim und hörn." Cgm. 713 f. 13. 156; jiber er war damit nicht zu Ende 
gekommen. 

Ich könnte eine längere Reihe von Beispielen anführen, beschränke mich 
hier aber auf solche, von denen, wie ich glaube, nicht gesagt werden kann, daß 
sie mit Absicht weggeblieben sind. 

Wir sehen also auch hierin, daß die Nachträge nicht druckreif sind und daß 
mit dem Abdrucken derselben in der Art weder der gelehrten Welt, noch dem An- 
denken Schmellers recht gedient ist. Wohl sagt der Titel „bearbeitet von G. Karl 
Frommann**, der Inhalt aber zeigt, daß es eben nicht „bearbeitet" ist, ja der Prospectus 
verräth sogar, daß es Frommann nicht einmal gestattet war, mehr zu thun, als die 
Nachträge unverändert einzuschalten und höchstens noch in möglichster Kürze Ver- 
weisungen auf andere Wörterbücher u. dgl. hinzuzufügen. — Wir mochten im In- 
teresse des Werkes auf das Ernsteste darauf dringen, daß Frommann von diesen 
Fesseln befreit und in die Lage versetzt werde, dem Werke jene Vollendung zu 
geben, die kaum ein zweiter so gut wie er zu geben vermöchte. Davon ist wohl 
Jedermann überzeugt, daß er Schmellers Nachlaß mit der größten Liebe und Ge- 
wissenhaftigkeit benutzen wird. 

Auf den Werth der Nachträge, die wir hier eingeschaltet finden , näher ein- 
zugehen, dies bleibe einer späteren Gelegenheit vorbehalten, wenn einmal mehr 



254 LITTERATUR. 

Material vorliegen wird. Das vorliegende Heft geht ja nur bis häwmen, — Was das 
Äußere der Ausstattung anbelangt, so kann ich leider auch hievon nur sagen : es 
steht zurück hinter der ersten Ausgabe von 1827! und das ist denn 
doch, bei den Fortschritten der Typographie, namentlich im Punkte der Schönheit 
und in Hinblick auf die wünschenswerthe Schonung der Augen des Lesers, nicht 
zu verzeihen! 

Der Baum, den in der alten Ausgabe 25 Zeilen Fractur einnehmen, wird in 
der neuen mit 32 Zeilen vollgedrängt. Daß man der Grille Schmellers Rechnung 
getragen, die zu solchen Schriften, abgesehen von der Unschönheit, unzweckmäßige 
Fracturschrift beizubehalten, dient nicht zur Verschönerung, dient überhaupt, mei- 
nes Dafürhaltens, zu nichts. Das Andenken Schmellers, das dadurch geehrt werden 
soll, steht jedesfalls in solchen Zügen in unseren Herzen, daß es wohl dieser Pietät 
in Äußerlichkeiten nicht bedarf, die umsomehr bedenklich erscheinen muß, ab sie 
praktische Nachtheile im Gefolge hat. Man hat hier nun sogar neue Typen erfunden 
für mhd. se, oe, die in Fractur nichts weniger als schön sind. Für mhd. sb hat man ein 
Zeichen eingeführt, das den Eindruck macht, als wäre hier die Letter fehlerhaft 
gesprungen. Duß man aber auch für mhd. Ue eine unschöne Form erfunden, in wel- 
cher sich u mit e zu äinem Zeichen verschlungen darstellt, das halte ich geradezu 
für zu viel des Guten! Welchen mhd. Laut soll diese Letter bezeichnen? Nach Ana- 
logie von mhd. se und oe müßte es ein mhd. langes U sein. Statt dessen tritt aber 
mhd. iu ein; es soll also wohl für Ue gebraucht werden, das, da es doppellautig 
klingt, doch gewiß besser mit zwei Buchstaben geschrieben wird, schon wegen der 
2d und oe, mit denen es nicht in ^ine Reihe zu stellen ist! Sp. 19 wird in einer 
ausführlich mitgetheilten Stelle von vier Versen aus Gottfr.s Tristan (die im bairischen 
Wörterbuch nun wohl wegbleiben durfte, ist denn Gottfrid ein Baier? zumal dieselbe 
Stelle neben vielen andern auch schon im mhd. Wb. citiert wird) Uehen mit diesem 
Zeichen gegeben; auf derselben Seite Sp. 20 jedoch mUeze mit Üe, Sollen wir etwa 
mhd. Ue einlautig sprechen? Das ist jedesfalls nicht bairisch, wo man heute noch 
Ueheny iabn zweilautig spricht. 

Doch genug ! — Ich muß diesmal in der That befürchten, der Tadelsucht 
beschuldigt zu werden, da ich soviel auszusetzen habe^ ohne allen mildernden Zu- 
satz. Sollte dabei wirklich einiger Unmuth im Spiele sein, so möge man ihn der 
Enttäuschung zu Gute halten, die ich empfand, als ich an das vorliegende Werk den 
Maßstab meiner Erwartungen legte ! Ich möchte meinen, daß man von einem lexika- 
lischen Werke, wenn es zu 13 bis 14 Gulden ausgeboten wird, heutzutage jedesfalls 
auch wohl verlangen kann, daß es den Ansprüchen der Zeit Rechnung trage. — 
Ein neubearbeiteter Schmeller müsste von der tiefgreifendsten Wirkung und Aus- 
breitung werden, besonders wenn er bearbeitet wird von einem Manne wie Frommann ! 
Der Vorliegende wird, fürchte ich, wenn in dieser Weise fortgefahren wird, Nie- 
manden recht befriedigen*). 

4. März 1869. K. J. SCHRÖER. 



*) Auf ^inen Punkt, der oben nur im Vorbeigehen berührt ist, will ich, minde- 
stens diesmal, nicht eingehen, in wiefern es dem Herausgeber frei stehen muß, Beleg- 
stellen aus älteren Sprachdenkmälern, die der Mundart nicht angehören, was doch bei 
so manchem Cod. Germ. Mon. der Fall sein wird, zu streichen oder dieselben näher 
zu bezeichnen. 



LITTERATUR. 255 

Volkstänze im deutschen Mittelalter. Von Wilhelm Angerstein. (Samm- 
lung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge , herausgegeben von 
Rud. Virchow und Fr. v. Holtzendorff. Heft 58.) Berlin Lüderitz 1868. 
32 S. 8^ 

Über die Volkstänze im deutschen Mittelalter zu reden , ist gewiß eine 
äußerst lohnende Aufgabe. Welch ein reiches buntes Bild mitteralterlichen Le- 
bens und Treibens läßt sich da entfalten ! Welch eine Fülle der interessante- 
sten culturhistorischen Skizzen reiht sich fast von selbst aneinander , hier wo 
es sich um ein so wesentliches Moment handelt , wie es der Tanz im Leben 
der Höfe wie des Volkes war! Man werfe nur einen Blick in die festlichen 
Säle der Vornehmen und folge ihrem feierlichen Schleifertanze , der in seiner 
Gemessenheit und Würde ein treues Bild des höfischen Formalismus bietet, oder 
man schaue den Bauern in ihre Stuben und Scheunendielen, wo Eppe und Gumpe 
und Engelmar in dörperlicher Unbeholfenheit und gespreizter Nachahmung höfi- 
scher Formen ein höchst ergötzliches Bild liefern ; oder gar mische mau sich 
unter den sommerlichen Reigentanz auf dem Tanzbühel oder unter der Dorf- 
linde und sehe dem tollen Jubel zu; man beobachte die schmucke Dorfschönp, 
die in festlichem Gewände mit Schleppe und Spiegel und Blumenkranz daher- 
eilt, um trotz dem Schelten der besorgten Mutter an der Hand des Burschen 
den wilden Reien zu springen und den Ball zu werfen; man wandere nur ein- 
mal an der Hand eines Neithart, Geltar, Tanhuser durch das bunte Leben hin- 
durch vom ersten Augenblick an , wo der vornehme Bewerber in den Augen 
des Mädchens den kleider- und wafienprunkenden Bauern aussticht, durch alle 
Tanzscenen hindurch bis zur schließlichen Prügelei oder dem verschwiegenen 
Stelldichein, — welcher Reichthum an Scenen und Bildern drängt sich dem 
Zuschauer, dem Erzähler auf! 

Einer solchen Fülle gegenüber muß es doppelt befremden, daß die vor- 
liegende Schrift so dürftig ausgefallen ist. Schon die Oekonomie des Stofifes er- 
regt Bedenken. Nach kürzester Berührung der altdeutsdien religiösen Tänze 
werden die Johannes- und St. Veitstänze, überhaupt die Tanzkrankheiten er- 
wähnt^ — wohl nur halb mit Recht, da ein epidemischer Veitstanz immer eine 
sonderbare Art von Volkstanz ist. Daß sich daran der Tarantismus anschließt, 
der schon der Sache viel femer liegt, ist wohl durch die treffliche Abhandlung 
von Hecker-Hirsch über die Tanzwuth (Die großen Volkskrankheiten des Mittel- 
alters. Berlin 1865. S. 143 ff.) verursacht, welcher der Verf. folgt und die wohl 
die Ehre eines Citates verdient hätte. Damit befinden wir uns schon im späteren 
Mittelalter. Schäfflertanz, Schönbartlaufen und Fackeltänze füliren uns in noch 
spätere Zeit und im Umsehen sind wir beim Fandango und beim Cancan an- 
gelangt, nach deren Berechtigung an diesem Orte wir vergeblich fragen. Der 
ganze Stoff, den wir oben andeuteten und der, wenn dem Titel der Schrift ent- 
sprochen werden sollte, fast den größten Theil derselben ausmachen müsste, ist 
chronologisch unrichtig in die Mitte gestellt und ganz kurz abgemacht. Nicht 
etwa daß unsere Kenntniss dieser Tänze eine zu geringe wäre. Was Wacker- 
nagel Altfranzösische Lieder und Leiche, Weinhold Die deutschen Frauen im 
Mittelalter, v. Liliencron in Haupt Zeitschrift VI und endlich Ref. in Gosche 
Jahrbuch I an- und ausgeführt haben, bietet reiches Material. Ja der Verf. 
durfte nur einmal die Wörter tanz und me im mhd. Wb, oder tanzen, sprin- 



256 LITTERATUR. 

gen, Raijen bei Schmeller aufschlagen, so fand er mehr als erbietet. Seine 
vorzüglichste, wenn nicht einzige, Quelle für diesen Theil ist Czerwinski Ge- 
schichte der Tanzkunst, ein Büchlein nicht ohne Verdienst, aber gerade für das 
deutsche Mittelalter völlig ungenügend. So kann es denn auch an Unrichtig- 
keiten im Ganzen wie im Einzelnen nicht fehlen. Denn Maß die älteren Zeiten 
mehr die ernsthafteren ruhigeren und sittsameren Bewegungen liebten' im Gegen- 
satz zu den späteren Jahrhunderten , ist unrichtig. Wo bleiben denn da die 
Reientänze des 12. und 13. Jahrhunderts? Die Reientänze, die nach der An- 
sicht des Verf. freilich in einem Jahrhundert gedeihen mussten, welches die Blüthe 
der Ritterschaft nicht mehr sah. (S. 17.) 

Der Verf. beklagt sich S. 30 über Czerwinskis Flüchtigkeit, und mit Recht. 
Wenn aber das der Verf. einsah , wie will er es dann rechtfertigen , daß er 
Czerwinski so ausschließlich und mit so ängstlicher Treue folgt? Wobei natür- 
lich Czerwinskis Fehler ebenso in Angersteins Schrift übergehen. Dahin gehört 
die von Czerwinski stammende Geschichte von der Trauung Tristans und Isol- 
de ns *in dem romantischen Epos des Minnesingers Gottfried von Straßburg'. 
So? Also wohl da wo sie *sich kriegen?' Gemeint ist in Heinrichs von Freiberg 
Fortsetzung v. 620 €P. die Hochzeit mit Isolde Weißhand. Ebenso ergeht es mit 
dem aus Czerwinski entnommenen verstümmelten Citat S. 18: 

81 spranc 

mir dan einer Mäfter lanc 

und noch höher. 
Die Klafter zu beiläufig sechs Schuh gerechnet, gibt das einen recht hübschen 
Hochsprung. Wohl bekomm's I Da müssen wir freilich dem Verf. beistimmen, 
wenn er sagt: "^Solche Sprünge vertragen sich nach unserer Anschauungsweise 
nicht mit der Weiblichkeit.' Aber noch weniger vertragen sich nach unserer und 
vieler anderer Leute Anschauungsweise solche Citate mit einem Vissenschaft- 
lichen' Vortrag. Hätte sich der Verf. die Mühe gegeben, die Stelle im Original 
anzusehen, so würde er gefunden haben, daß sie lautet: 

und noch höher damie ie magt gesprunge, 
wobei denn doch noch lange nicht an mehr als klafterhohe Sprünge zu denken 
ist. Daß übrigens für die betrefiPende Stelle das Citat ^Minnesinger U 122' 
längst antiquiert und durch Neithart von Reuenthal 7 , 6 zu ersetzen ist, sei 
als selbstverständlich hier nur nebenbei bemerkt. 

ERLANGEN. CARL SCHRÖDER. 



BERICHTIGUNGEN. 

NR. I (Xm.), 375, Z. 3 v. u. ist \romanitchef)' zu tilgen; dagegen steht 'fünf- 
zehnhundert Secula (das. S. 245 , Z. 17 , v. o.) deutlich so in Grimms Briefe. Wgr. — 
S. 8 des laufenden Jahrganges ist Gräbschnergasse zu löschen, da diese Be- 
zeichnung von einem unweit Breslau belegenen Dorfe hergenommen ist. Die Red. 



ÜBER LACHMANNS KRITIK DER SAGE 
VON DEN NIBELUNGEN. 

VON 

W. MÜLLER. 



Uhland äußert sich in seiner Sagengeschichte der germanischen 
und romanischen Völker (Schriften Bd. 7, S. 530) über die oben be- 
zeichnete Abhandlung*) in folgender Weise : „Lachmanns an sich scharf- 
sinnige und mehrfach anregende Ausführung ist mir hauptsächlich darum 
nicht überzeugend, weil sie einerseits sich an die nordische Mythologie 
anschließt, andererseits einen uns unbekannten deutschen Mythus aus 
Muthmaßungen aufbaut. Siegfried ist nicht Baidur , aber ein diesem 
ähnlicher deutscher Gott Sigofrid, Hagen nicht Hödur, aber doch mit 
diesem gleichartig. Die Nibelunge werden wirklich mit dem nordischen 
Reiche der Finstemiss und Hölle, Niflheimr, Niflhel, in Beziehimg ge- 
setzt; aber doch bilden sie in ihrem Gegensatze zu den Völsungen ein 
Verhältniss, von dem man nicht absieht, wie es in das zu Tage liegende 
System der nordischen Mythologie und der ihm eigenthümlichen Wesen- 
klassen eingereiht werden soll.** 

Diese Worte, welche vor etwa sechs und dreißig Jahren gespro- 
chen sind, als Lachmann seine Abhandlung noch nicht lange veröffent- 
licht hatte, zeugen von dem selbständigen Urtheile, welches Uhland 
auf dem Gebiete der Sagenforschung übte. Denn bis auf die neueste 
Zeit haben Einige Lachmanns Untersuchung in den Hauptergebnissen 
fiir richtig gehalten. Namentlich hat, um von Andern zu schweigen, 
M. Rieger in dieser Zeitschrift (3, 163 fg.) den Versuch gemacht, den 
von jenem Gelehrten eingeschlagenen Weg noch einmal zu verfolgen, 
indem er dabei erklärt, daß er dasjenige, was ich in meinem Versuche 
einer mythologischen Erklärung der Nibelungensage ausgeführt habe. 



*) Sie erschien bekanntlich znerst in dem Rheinischen Museum für Philologie 
von Niebuhr und Brandis, Jahrg. 3, S. 435—464. Ich citiere nach den Seiten des Ab^ 
drucks hinter den Anmerkungen zu den Nibelungen. 

GKBMANIA. Neu« Reihe II. (XIV.) JaUrg. 17 



258 W. MÜLLER 

dahingestellt sein lassen wolle. Auch der jetzige Herausgeber der Ger- 
mania sagt in der Einleitung zu seiner Ausgabe des Nibelungenliedes 
S. X: „Die Grundlage des ersten Theiles unsers Liedes ist im Wesent- 
lichen ein vermenschlichter Mythus vom Tode des Gottes Balder**; er 
ist also, wie es scheint, derselben Ansicht, wie Lachmann*). Mich hat 
dagegen wiederholtes Zurückgehen auf die Kritik der Sage von den 
Nibelungen, die ich früher höher zu stellen geneigt war, zu der Über- 
zeugung gebracht, daß bei allem Scheine strenger Methode, auf welche 
der Verfasser hinzuweisen nicht verfehlt, doch seine Untersuchung weder 
von einer sichern Grundlage ausgeht, noch consequent durchgeführt ist 
\md darum zu falschen Ergebnissen gelangen musste; daß sie überhaupt 
kaum einen andern festen Punkt von Erheblichkeit enthält, als die Hin- 
weisung auf den Umstand, daß unter dem Volke der Nibelimgen, wenn 
sie historisch sind (und warum sollten sie es nicht sein?), die Franken 
zu verstehen sind. Dieses ^ine aber haben seine Anhänger nicht an- 
genommen, wohl weil — Lachmann es nicht festgehalten hat. 

Um unser Urtheil zu erweisen, wollen wir zunächst die Ergeb- 
nisse seiner Untersuchung kurz zusammenfassen. — Lachmann sucht 
darzuthun, daß die Nibelungensage aus zwei ursprünglich fiir sich be- 
stehenden Theilen zusammengesetzt sei, einem geschichtlichen, d. h. 
einer historischen Sage, die, wie vor ihm bereits angenommen war, 
ihren Grund in der Niederlage des burgundischen Königs Günther 
durch die Hünen hat , und einem religiösen Mythus , der in dem Be- 
richte von den Geschicken Siegfrieds enthalten ist. Beide Erzählungen 
sind dadurch besonders zu einer geworden, daß in jener der burgun- 
dische König Günther die Hauptperson war, in dieser im Gegensatze 
zu Siegfried , . der mit dem Gotte Balder zusammengestellt wird , ein 
König der Nibelunge auftrat, der gleichfalls Günther hieß. Diese Ni- 
belunge hält er, auf den Anklang an Niflheimr und Niflhel hinweisend, 
fiir dämonische Wesen, fiir Kinder des Nebels, nächtliche Götter, und 
Günther ist ihm der König des Nebelreichs. Die Hauptergebnisse seiner 
Untersuchung sind in den folgenden Sätzen enthalten (S. 345) : „Danach 
zeigt denn die Fabel nicht mehr wie ein Held sondern wie selbst ein herr- 
licher leuchtender Gott, ein Gott des Friedens durch den Sieg, nicht 
ungestraft die geheimnissvollen Wächter im kalten nordlichen Todten- 
reiche morden und das Gold der nächtlichen Götter dem Drachen rauben 
darf. Er gewinnt durch den Raub zwar Reichthum und wunderbare 
Kräfte, aber er kommt auch in die Gewalt der Dämonen. Er muß ihr 



*) [Die neue Auflage (1869) hat den Irrthum berichtigt. K. B.] 



ÜBER LACHMANNS KRITIK DER SAGE VON DEN NIBELUNGEN. 259 

Bunde sbruder werden, sich mit ihrer Schwester vermählen, flir den König 
des Nebelreichs mit dem dämonischen Werkzeuge die umstrahlte Val- 
kyrie aus den Flammen holen, in des Königs Gestalt ihren Widerstand 
bezwingen: durch den Ring aus dem Schatze vermählt er sich mit ihr, 
aber sie wird nicht seine, sondern seines Herrn Braut: er ist todt, vom 
Todesdom, dem Sohn des Schreckens, erstochen, und das geraubte Gold 
wird in den Rhein versenkt." 

Diese Worte können wir nicht fttglich ftlr eine Erklärung des 
Siegfriedsmythus halten. Denn abgesehen von der Lehre, die in der 
Fabel liegen soll (fabula docet), aber erst von Lachmann hinein gelegt 
ist*), dann von einigen Umschreibungen und etymologischen Deutungen, 
die die Erzählung nur undeutlicher machen**), geben sie hauptsäch- 
lich nur die Sage wieder, so wie sie nach seiner Meinung in ihrer 
ältesten Fassung lautete. Nur zwei Punkte in seiner Darstellung können 
als Versuch einer Erklärung angesehen werden : einmal die Zusammen* 
Stellung Siegfrieds mit dem Gotte Haider, dann die Behauptung, daß 
wir in den Nibelungen dämonische Wesen, Kinder des Nebels, und in 
Günther den König des Nebelreichs zu sehen haben, der als solcher 
im Gegensatze zu dem leuchtenden Gotte Siegfried stehe. 

Wie verhält sich nun Lachmanns Ansicht in Beziehung auf diese 
beiden Punkte zu der seiner Vorgänger? Gegen diejenigen, welche früher 
die Nibelungensage zu deuten versucht haben, ist er recht strenge. Er 
hebt freilich (S. 345) hervor , daß Mone schon elf Jahre vor ihm zu 
einem Gotte und sogar zu einem Sonnengotte Siegfried gekommen sei, 
will aber zu seinem Ergebnisse durch eine nothwendige Kette von 
Untersuchungen gezwungen sein, ohne sich vorher willkürlich ein Ziel 
gesteckt zu haben, und verschweigt es, daß derselbe auch, eben so 
wie Fr. H. v. d. Hagen, Siegfried bereits mit Balder zusammengestellt 



*) Die Lehre, die darauf hinaus kommt, daß man Niemand ersehlagen und be- 
rauben soll, weil man dadurch — um es modern auszudrücken — dem Teufel verfällt 
und Strafe erleidet, widerspricht den Anschauungen der heidnischen Vorzeit, in welcher 
es für recht galt, einem Feinde seine Schätze zu nehmen. Vgl. W^th. 263 fg. 471 fg. 
Auch wird die Erlegung des Drachen und die Erwerbung des Hortes als eine Helden- 
that Siegfrieds dargestellt und bei der Annahme eines solchen Lehrzwecks, der früher 
öfter in Mythen fäls<^ilich gesucht wurde, ist gar Vieles in der Siegfriedssage ganz 
überflüssig. 

**) Dahin gehören s. B. „die geheimnissvollen Wächter im kalten nordlichen 
Todt«nreiehe'*, femer „dämonisches Werkzeug** für Tarnkappe oder Hehlmantel, „Todes- 
dom" für Hagen. 

17* 



260 W. MÜLLER 

hatte *). Die Deutung P. E. Müllers, der die Nibelunge fiir Söhne der 
Finstemiss erklärte, die Siegfried überwältigen, nennt er (S. 346) eine 
allegorische Phantasie, obgleich seine ebenfalls nur in der Phantasie, 
nicht aber in der nordischen oder deutschen Götterlehre bestehenden 
Kinder des Nebels auch eben so gut Söhne der Finstemiss genannt 
werden könnten. Dann wirft er v. d. Hagen, weil dieser in der Nibe- 
lungensage eine Hindeutung auf den nordischen Mythus vom Weltende 
fand, Leichtsinn vor (S. 348). Und doch hat derselbe auch, was wieder 
verschwiegen wird, nicht allein bei dem Namen Nibelunge auf Niflheimr 
und Niflhel hingewiesen, sondern, eben so wie Lachmann, einen Gegen- 
satz zwischen den leuchtenden Völsungen und den Nibelungen ge- 
funden **). Und wenn v. d. Hagen auf S. 49 seines Werkes bemerkt, 
daß die Nibelunge Siegfried am unscheinbarsten Bande unzerreißlich 
festhalten und gewaltig wieder in ihre Tiefe hinabreißen, so liegt das 
von Lachmanns Gedanken (S. 343), daß Siegfried bei aller seiner Herr- 
lichkeit durch den Besitz des Goldes in der Knechtschaft der Nibelunge 
tmd dem Verderben geweiht sei, eben nicht weit ab. Hiernach entsteht 
denn nur die Frage, ob es Lachmann gelungen ist, durch seine Kritik 
jene beiden schon von Andern ausgesprochenen Gedanken wissenschaft- 
lich festzustellen. Die Antwort muß verneinend ausfallen. 

Das Verfahren, welches seine Kritik einschlägt, lässt sich kurz 
so darstellen, daß er aus den verschiedenen Quellen der Sage ihre 
älteste Gestalt zu gewinnen , zugleich aber ihre geschichtlichen und 
religiös-mythischen Bestandtheile von einander zu sondern und die letz- 
tem zu erklären sucht. 

In Beziehung auf den ersten Punkt ist seine Ausfiihrung mehr- 
fach mangelhaft, weil er, ohne im Allgemeinen (durch eine Charakte- 
ristik der Quellen) oder im Einzelnen seine Methode hinlänglich zu 
begründen, bald dem einen, bald dem andern Berichte folgt, wie schon 
die folgenden Beispiele zeigen. So weit unsere Quellen reichen, heißt 
es S. 335, scheint Worms die älteste Angabe des Wohnsitzes der Ni- 



*) Mone Einleitimg in das Nibelungenlied S. 77. F. H. v. d. Hagen Die Nibe- 
hinji^en, ihre Bedeutung für die Gegenwart und für immer S. 37. 60. 63. Auf S. 83 
wird der einäugige Hagen mit dem blinden Hödhr zusammengestellt; S. 96 wird der 
Name Hagen durch Dom erklärt. Dasselbe findet sich bei Lachmann. 

. . **) V. d. Hagen a. a. O. S. 45. 70. Siegfrieds Geschlecht wird von ihm als das 
der Sonnenkinder bezeichnet. Daß in den Namen der Völsunge und Nibelunge ein 
Gegensatz nicht besteht, muß Lachmann selbst (S. 339) zugeben ; daß er sich auch 
in ihren Eigenschaften nicht zeigt, geht schon daraus hervor, daß Siegmund und Sin- 
fiötli nach der Yölsungasaga als Wölfe in den Wäldern hausen. 



ÜBER LACHMANNS KRITIK DER SAGE VON DEN NIBELUNGEN. 261 

belunge. Da aber der Norden nichts von Worms weiß, so legt Lach- 
mann auf die Übereinstimmung der ober- und niederdeutschen Nibe- 
lungensage kein Gewicht, weil diese wenig über das dreizehnte imd 
vierzehnte Jahrhundert hinaus gehe, und auch die weit ältere Sage von 
Waltharius, die den Nibelungenfranken Günther nach Worms setzt, 
macht ihn nicht irre. Er findet nun einmal für Worms nichts Entschei- 
dendes. — Sind wir denn überhaupt berechtigt, hier die nordische Sage, 
die doch auch sonst in Beziehung auf das Local minder deutlich ist, 
als die deutsche, den übrigen Berichten vorzuziehen? Könnte sie Worms 
nicht vergessen haben, wie sie nach S. 348 Dietrich von Bern vergessen 
haben soll? Und wenn nun Andere fiir Worms etwas Entscheidendes 
fönden, was doch leicht möglich wäre? - Dagegen wird der Bericht 
der oberdeutschen Nibelungensage (die doch wenig über das dreizehnte 
Jahrhundert hinausgeht), daß Siegfried den Hort den Nibelungen raubte, 
altern Erzählungen gegenüber, die das Gold dem Drachen rauben lassen 
und von Nibelungen, denen der Schatz früher gehörte, nichts wissen, 
von Lachmann festgehalten , weil seine ganze künstliche Erklärung 
darauf beruht , obgleich er selbst (S. 342) die Verwirrung flihlt , die 
dadurch entsteht, daß außer dem König Günther und seiner Umgebung 
auch die ersten Herren des Schatzes Nibelunge heißen. Und doch war 
es eben nicht schwer zu zeigen, daß die Nibelunge als Besitzer des 
Hortes vor Siegfried nur dem Streben der Sage ihren Ursprung ver- 
danken , den Ausdruck Nibelungehort zu deuten , also weder fiir die 
älteste Fassung noch fiir die Erklärung in Betracht kommen*). 

Freilich wird hierbei auch jenen andern Erzählungen eine gewisse 
Geltung zugestanden, und zwar in der Weise, daß Lachmann annimmt, 
das Gold, welches SiegfHed dem Drachen raubt, sei zuerst im Besitze 
der dämonischen Nibelunge gewesen : er sucht also , und das ist ein 
zweites Verfahren seiner Kritik, die verschiedenen Zeugnisse der Quellen 
zu vereinigen, oder er fügt zusammen, wie er sich S. 342 ausdrückt, 
was echt und alt sein kann. Diese Weise ist unter Umständen berech- 
tigt, so wie man ja auch aus mehreren entstellten Lesearten verschie- 
dener Handschriften die eine richtige ermitteln darf. Aber in der Sagen- 
forschung muß dann auch gezeigt werden, daß die verschiedenen Er- 
zählungen für sich weder vollständig noch richtig sein können. In dem 
eben berührten Falle ist aber, was sich leicht zeigen ließe, die eine 
Darstellung, nach welcher das Gold dem Drachen geraubt wird, durch- 



*) WeU sie eben nur einer expücativeu Erweiterung der Sage ihren Ursprung 
verdanken. Vgl. meinen Versuch S. 38. 



262 W. MÜLLER 

aus richtig und vollständig, die andere, von den Nibelungen, denen ihr 
Sehatz genommen wird, ein Zusatz, und es ist danach die Vereinigung 
beider eben so unzulässig, als wenn man eine richtige und eine falsche 
Leseart oder eine Glosse zusammen in einen Text aufnehmen wollte. 
Auch in einem andern Falle, wo Lachmann vereinigen will, schlägt 
dieses Mittel fehl. Die nordische Sage erzählt, daß Siegfried bei dem 
Ritte durch die Flammen mit Günther die Gestalt tauschte , die süd- 
deutsche, daß er sich durch die Tarnkappe unsichtbar machte. Beide 
Erzählungen wollen die Verbergung des Betruges motivieren und ha- 
ben als solche motivierende Zusätze beide ihr Recht, obgleich flir die 
Erklärung der Sage kein Gewicht. Wenn nun Lachmann beide Berichte 
so zu vereinigen sucht, daß er (S. 341) meint, die Tarnkappe sei nicht 
eine gewöhnliche Hehlkappe gewesen, sondern habe zugleich die wahre 
Gestalt verborgen und eine andere gegeben, und danach als älteste 
Fassung aufstellt, daß Siegfried mit der Tarnkappe die Brünhild aus 
den Flammen holte, so fördert einerseits diese willkürliche Annahme 
das Verständniss des Mythus nicht im Geringsten (denn was die Waber- 
lohe, aus der Brünhild befreit wird, sein mag, darüber wird nichts ge- 
sagt), andererseits widerspricht sie Allem, was wir aus dem Nibelungen- 
liede und zahlreicheü Volkssagen über die Eigenschaften der Tarn- 
kappe wissen. 

Wie hiernach Lächmann durch unbegründete Bevorzugung einer 
Quelle vor der andern und durch verfehlte Versuche, verschiedene Be- 
richte zu vereinigen, die Sage nur subjectiv gestaltet, nicht aber ihre 
älteste Fassung erreicht, so entfernt er sich von seinem Ziele noch mehr, 
wenn er derselben statt der Motive, welche nach ihrer Darstellung Ein- 
fluß auf die Begebenheiten haben, andere unterschiebt. Hierher gehört 
der folgende Fall. Die nordische Sage motiviert den Untergang Sieg- 
frieds , wie des Königs Günther , durch den Fluch , welchen der 
Zwerg Andvari, nach ihr der erste Besitzer des Hortes, den Lach- 
maxm auch gern zu einem dämonischen Nibelung machen möchte*). 



*) ^?l* 3. 343; er sucht seine Annahme dadurch zu beweisen, daß der Käme 
Andvari bloß allegorisch sei und legt S. 344 darauf Gewicht, daß derselbe nach der 
jungem Edda in Svartalfaheim wohnt, die Alfheim. für Norwegen erklärt, womit weiter 
verbunden wird, daß das deutsche Gedicht (wenn auch nicht C) das Nibelungenland 
nach Norwegen versetzt. Diese Gombination bedarf keiner ausführlichen Widerlegung, 
weil sie sich einerseits auf einen späten Auswuchs der Sage (die Nibelunge als erste 
Besitzer des Schatzes), andererseits auf eine euhemeristische Deutung stützt, die eben so 
wenig Werth hat, als Saxos Angabe, daß die Götter in Byzanz wohnten, und weil die 
Erzählung von der Beraubung des Andvari durch Loki , wie schon W. Grimm (vgl. 



ÜBER LACHMANNS KRITIK DER SAGE VON DEN NIBELUNGEN. 263 

auf den Hort gelegt hat. Dieser Fluch wird mit Recht nicht berück- 
sichtigt ; denn er kommt ftlr die Erklärung der Sage eben so wenig 
in Betracht, wie die nordische Erzählung, daß Siegfried in Folge eines 
Zaubertranks Brtinhild vergessen habe. Aber Lachmann meint dafür 
nicht nur, daß Siegfried von dem Verderben ereilt sei, weil er durch 
den ßaub des Goldes in die Knechtschaft der Nibelunge gekommen 
sei, sondern er sieht selbst sein Freundschaftsbündniss mit Günther 
und seinen Brüdern und seine Vermählung mit ihrer Schwester als 
eine Folge dieser Knechtschaft an, und zwar nur aus dem Grunde, 
weil (S. 341) die Dienstbarkeit Siegfrieds in der Sage gewiß alt, wie- 
wohl schlecht begründet sei. Das ist freilich eine Motivierung, die 
nicht nui" den Anschauungen der alten Zeit sehr fem liegt, sondern 
auch die Sage viel dunkeler macht, als sie nach den Quellen ist. Man 
wird, von andern Einwänden abgesehen, zunächst fragen, ob jene Dienst- 
barkeit Siegfrieds, die die Quellen in verschiedener Weise erwähnen, 
nicht geschichtlich erklärt werden könne ? warum denn der dämonische 
König des Nebelreichs, in dessen Knechtschaft Siegfried durch den Raub 
des Goldes schon gerathen war, den Helden zwang, sein Bundesbruder 
zu werden? warum er den dem Verderben Geweihten mit seiner 
Schwester vermählte? wo denn in der nordischen oder deutschen 
Mythologie solche dämonische Wesen vorkommen^ die, wie der 
Teufel*), mit Jemand einen Bund schließen? und wie denn doch die 
dämonische Natur der Nibelunge, abgesehen von dem Anklang des Na- 
mens an Niflheimr und Niflhel, bewiesen ist? In Beziehung auf die letzte 
Frage muß Lachmann auch selbst bekennen, daß von den Nibelungen 



D. Heldens. 284) , wenn auch nicht klar genug , gesehen hat , gleichfalls ein späterer 
Zasat2 der nordischen Sage ist, was Lachmann selbst wenigstens ahnt. Durch seine 
Combination ist wohl Rieger auf den wunderlichen Gedanken gekommen, daß Günther 
und sein Volk als Nibelunge Zwerge sein sollen, worauf wir hier nicht näher eingehen. 
Nur erinnern wir in Beziehung auf S. 171 seiner Abhandlung daran, daß der Name 
Nibelung deshalb nicht dem religiösen Mythus angehören muß, weil kein in der Ge- 
schichte (d. h. in historischen Quellen) vorkommendes Geschlecht ihn geführt hat. Unter 
den Amelungen der Sage würden wir immer die Ostgothen zu verstehen haben , auch 
wenn wirnicht anderawoher wüssten, daß das Herrschergeschlecht desselben den Namen 
Amaler führte. Und nennt die nordische Sage nicht die Burgunden auch Giukunge, 
das Volk nach einem Geschlechte seiner Könige? Um so weniger war es denn auch 
bei dem Namen Gibeche gerathen, auf den Zwergkönig Gübich zurückzugehen. 

*) In Haupts Zeitschrift 12, 289 findet sich gedruckt: „Noch viel weniger zweifelhaft 
ist esj daß der Name Nibulunc lursprünglich nur der Sage oder dem Mythus angehörte, 
weÜ e& keinem Vater je einfallen konnte, seinen Sohn einen Nebelsohn zu nennen oder 
als einen Abkömmling finsterer, höllischer Mächte zu bezeichnen.^ 



264 W. MÜLLER 

in der Sage nichts Eigenthümliches und Charakteristisches vorkommt 
(S. 342), und wenn er dann die Frage aufwirft, ob vielleicht die Sage 
aus heiliger Scheu, oder auch weil sich der Glaube geändert hatte, 
etwas Geheimes verhülle, so kann man damit jeden Einfall in mytho- 
logischen Untersuchungen beschönigen : das ist nur ein Wort, das zur 
rechten Zeit sich einstellt, wo die Beweise fehlen. Aber nach seiner 
eigenen Äußerung (S. 345) besteht das einzige Verdienst bei mytholo- 
gischen Abhandlungen in strengen Beweisen. 

Über die Art und Weise, wie geschichtliche Begebenheiten und 
Verhältnisse in der Heldensage dargestellt zu werden pflegen, äußert 
sich Lachmann auch nicht im Allgemeinen: wir lernen das Verfahren^i 
welches er einschlägt, um die historischen Bestandtheile der Nibelungen- 
sage von den mythischen zu scheiden , wieder nur aus einzelnen Be- 
merkungen kenneä. Dabei begegnen wir zunächst einer Inconsequenz. 
Wenn er an dem Satze festhält, daß Attila und die burgundischen Kö- 
nige, die er besiegt, historisch sind, wie auch die Umstände verfabelt 
sein mögen (S. 346), dagegen die Beziehung der Brünhild auf die be- 
kannte fränkische Königin und ihren Zwist mit Fredegund zurückweist, 
weil weder Namen noch Thatsachen passen (S. 335), so ist doch auch 
hier wenigstens ^in Name in der Sage und der Geschichte derselbe, und 
die andern historischen Beziehungen könnten ebenfalls in der Sage ver- 
fabelt sein. Wenn er femer äußert (S. 347) , die Vermählung Attila's 
mit einer burgundischen Prinzessin könne historisch wahr sein, obgleich 
natürlich die Geschichte nichts davon überliefert habe, und sogar die 
Zeit derselben bestimmen will, so ergibt sich daraus, daß er auf dem 
falschen Standpunkte sich befindet, den noch jetzt Manche einnehmen, 
wonach man sich berechtigt hält, die von einer Sage berichteten Einzel- 
heiten fllr geschichtlich zu halten und mit ihnen die beglaubigte Ge- 
schichte zu bereichern^ wenn diese nur in einer gewissen Weise wahr- 
scheinlich sind*). Dabei wird freilich nicht bedacht, daß die Sage eben 



*) Dahin gehört z. B., wenn der Verfasser des in mehr als einer Hinsicht verfehl- 
ten Aufsatzes in Haupts Zeitschr. Band 10 nicht nur S. 160 an der Vermählung Attilas 
mit einer burgundischen Prinzessin festhält, sondern auch S. 150 meint, daß die Sage, 
wenn sie den Burgunden Günther von Worms ostwärts dem Etzel entgegenziehen lasse, 
damit das historisch Richtige getroffen habe. Das ist jetzt um so ergötzlicher zu lesen, 
nachdem Waitz gezeigt hat, daß die ältesten Quellen bei dem Berichte über den Kampf 
der Hünen und Burgunden Attila gar nicht nennen , dieser also in der Sage nur als 
Repräsentant seines Volkes erscheint. Eben so wenig lässt sich oie ebd. S. 148 wieder- 
holte Vermuthung begründen, daß die Sage, indem sie Worms als die Hauptstadt des 
Burgunden Günther nennt, damit ein historisches Factum bewahrt habß. 



ÜBER LACHMANNS KRITIK DER SAGE VON DEN NIBELUNGEN. 265 

dadurch zur Sage wird, daß sie das wirklich Geschehene in seinen 
Einzelheiten umformt, wenn auch nicht willkürlich, sondern nach be- 
stimmten Gesetzen, welche die Forschung festzustellen hat. Von diesem 
richtigem Standpunkte musste auch untersucht werden , wie die Sage 
dazu kam, Dietrich von Bern und Imfried von Thüringen, welche Lach- 
mann doch auch ftlr geschichtliche Personen hält, aber nur aus der 
NibelungenBage entfernt (S. 336) , in die Kämpfe mit den Burgunden 
zu verflechten. Eben so vermissen wir eine Untersuchung über die hi- 
storischen Verhältnisse, in welche Siegfried ungeachtet seiner ursprüng- 
lich göttlichen Natur von der Sage gebracht wird. 

Doch ist Lachmann die Ausscheidung des Historischen noch besser 
gelungen, als die Erkenntniss des Religiösmythischen, wovon er äußerst 
mangelhafte Begriffe hat. Mythisch ist ihm nämlich zunächst dasjenige, 
was nicht geschichtlich ist. Darum vermuthet er in Rüdiger von Beche- 
laren ein ursprünglich göttliches Wesen (S. 338), weil er in der Geschichte 
nicht nachweisbar ist*), und erklärt auch Siegfried fiir einen Gott, weil, 
wenn er wirklich zu Attilas Zeit oder nachher gelebt hätte, doch wohl 
in den fränkischen Geschichten sich irgend etwas darauf beziehen würde 
(S. 335). Daraus folgt aber nichts. Denn es könnte ja das, was von 
Siegfried erzählt wird, zugleich mit seinem Namen so entstellt und ver- 
fabelt sein, daß natürlich die Geschichtsquellen nichts genau Entspre- 
chendes enthalten, oder es könnte die ganze Gestalt auf einer poetischen 
E Bindung beruhen. Wenn aber auch ein König Siegfried wirklich ge- 
lebt hätte, so könnte sich doch an seinen Namen ein religiöser Mythus 
geheftet haben, wie ja auch Einiges, was in das Gebiet des Mythischen 
gehört, von Dietrich von Bern, dem ostgothischen Könige Theoderich, 
berichtet wird, und wie mit der geschichtlichen Sage von Karl dem 
Großen manche religiöse Elemente , wenn auch nur zum Theil heid- 
nische, verbunden sind. Dann ist nach Lachmann mythisch, was wun- 
derbar ist **). Aber wie nicht alle Blumen Rosen sind , so ist auch 
nicht alles mythisch, was wunderbar klingt. Andererseits kann auch 
das durchaus Menschliche, das von Helden erzählt wird, auf einen 
religiösen Mythus weisen, da bekanntlich das Heidenthu^i seine Götter 
in den Mythen mehrfach menschliche Schicksale erfahren lässt. Was 
kann man femer von einem solchen Standpunkte aus denjenigen er- 

*) In Haupts Zeitschr. 10, 163 wird gesagt, daß er derselbe mit dem Knecht 
Ruprecht sei, der einst ein Begleiter und Diener des höchsten Gottes war. — Ist das 
Ernst oder Scherz? 

**) Vgl. z. B. S. 339: die Vlttsungar weisen uns in ein durchaus wunderbares 
und fabelhaftes Land. Von den Yölsungen wird uns nichts als Mythisches berichtet u. s. w* 



26ft W. MÜLLER 

widern, die das Wunderbare aus der dichterischen Erfindung herleiten? 
und ^bt es nicht auch spätere Auswüchse der Sage, die wunderbar 
klingen, aber keine Mythen sind? 

Aus diesen mangelhaften Ansichten über die mythischen und histo- 
rischen Bestandtheile der Heldensage erklärt sich nun, wie Lachmann 
auf den höchst seltsamen Gedanken kommen konnte, die Nibelungen- 
sage ftlr eine Zusammensetzung aus einem Mythus von Siegfried und 
Günther, dem König des Nebelreichs, und einer geschichtlichen Sage 
von dem Untergang des burgundischen Königs Günther durch die Hünen 
zu halten. Da Günther, das ist seine wunderliche Art zu schließen, 
wobei schon die Prämissen falsch sind, mit Siegfried, der nicht gelebt hat 
und folglich ein Gott ist, in Verbindung gesetzt wird, so muß auch er 
ein Gott und zwar, weil Nibelung mit dem Worte Nebol zusammen- 
hängt und an Niflheimr und Niflhel anklingt, ein Gott des Nebelreichs 
oder ein nächtlicher Gott sein ; er ftlhrt zwar denselben Namen , wie 
der burgundische König Günther, der in der Sage und in der Geschichte 
von den Hünen besiegt wird, ist aber von diesem, der wirklich gelebt 
hat, ganz verschieden. Um diese Ansicht zu stützen, die zunächst wohl 
dadurch veranlasst wurde, daß Günther sowohl König der Burgunden, 
als König der Nibelunge genannt wird (was er nicht verstand oder 
nicht verstehen wollte), und in dem Doppelnamen Kriemhild und Gu- 
drun för Siegfrieds Gattin in der deutschen und in der nordischen Sage 
einen scheinbaren Haltpunkt fand*), musste er denn auch die Nibelunge 
als erste Besitzer des Schatzes, wie sie allein, und zwar nicht ohne 
Verwirrung, die süddeutsche Sage kennt, den übrigen Quellen gegen- 
über willkürlich festhalten, dieselben, obgleich von ihnen in der Sage 
nichts Eigenthümliches und Charakteristisches vorkommt, zu dämoni- 
schen Wesen machen, von denen die nordische und deutsche Mytho- 
logie nichts weiß , und sich einen angeblich ältesten Zusammenhang 
der Sage erdenken, der von den Quellen weit abliegt und in nordischen 
oder deutschen Mythen keine Analogieen hat. Und doch ließ sich sein 
Resultat nicht ohne einen methodischen Fehler erreichen, den wir noch 
besprechen müssen. 

Lachmann will nach S. 345 zu seinem Ergebnisse durch eine noth- 



*) Beweise, die, wie Jemand in Haupts Zeitschr. 10, 155 sagt. Lachmann ftlr diese 
seine Ansicht gegeben hat, finde ich in seiner ganzen Abhandlung nicht. Ein weiterer 
Beweis ist es auch nicht, wenn dort der DoppeUiame Brünhild und Sigurdrifa hervor- 
gehoben wird, und darauf hin ans der äinen Brünhild zwei mythische Wesen gemacht 
werden. Brünhild soll die Walküre, Sigurdrifa ein dem echten lichten Göttersohne, 
dem Walsung SiguMd gleichartiges Wesen sein. 



ÜBER LACHMANNS KRITUC DER SAGE VON DEN NIBELUNGEN. 267 

wendige Kette von Untersuchungen gelaugt sein, ohne sich vorher will- 
kürlich ein Ziel gesteckt zu haben, aber es fehlt in dieser Kette ein 
nothwendiges Glied. Er weist nämlich im Eingange seiner Untersuchung 
selbst nach, daß die Sage unter den Nibelungen, über welche Günther 
herrscht, die Franken versteht, was auch ohne alle andern Gründe 
schon daraus folgen werde, daß in der Klage und im Biterolf Günthers 
Unterthanen Burgunden, aber auch Franken oder Rheinfranken genannt 
werden. Statt nun aber, und das ist eben ein methodischer Fehler, 
zuvörderst von diesem richtigen Standpunkte aus, auf den die Forschung 
zunächst fUhrte, die Kritik der Sage weiter zu verfolgen, wobei denn 
der Anklang des Namens Nibelunge an Niflheimr und Niflhel und über- 
haupt seine etymologische Deutung gar nicht in Betracht kommen würde, 
begibt er sich mit einem Sprunge, mit der unbewiesenen Annahme, 
daß sie dämonische Wesen sind , auf jenes schlüpferige Gebiet , auf 
welches wir ihn begleitet haben, und zwar allen Quellen zuwider. 
Denn auch der Dichter des Waltharius bezeichnet Günther, der zu 
Worms am Rheine wohnt, und Hagen, den er von Troja abstammen 
lässt, woher sich die Franken leiteten, als Nibelungen-Franken*). Das 
bringt aber Lachmann von seinem Irrthume nicht ab. Die Annahme 
von verschiedenen Personen, die nur densjiiben Namen führen, ist ja 
so leicht, daß sie auch hier bald aushilft. Zwar weiß er nicht, ob die 
Sage von Walther historisch oder mythisch zu deuten ist, aber das 
(vgl. S. 335) weiß er, daß der Günther, der in derselben auftritt, 
entweder ursprünglich nicht dazu gehörte , oder gar ein dritter ist 
(d. h. weder der Nibelung, der in der Siegfriedssage auftritt, noch 
der Burgunde, der von Attila besiegt wird), weil dieser Günther höchst 
feige und mit Verlust eines Beins streitet; gleich unwürdig der 
Waffengeßlhrtschaft Siegfrieds und des Todeskampfes bei Attila. Damit 
hat er freilich nur gezeigt, daß die Sagenforschung nicht sein Gebiet 
war, da ihm nicht bekannt ist, daß jede Stammessage (die von Walther 
gehört einem andern Stamme an, als die Nibelungen sage) far ihren 
Stammeshelden Partei nimmt. In Beziehung auf Hagen wird S. 336 
Folgendes gesagt: mit den burgundischen Königen und Attila mag er 
wohl ursprünglich nichts zu thun haben: daß in Siegfrieds und der 
Nibelunge Sage ein Hagen vorkommt und in Walthers Sage, falls sie 
historisch ist, ein anderer, ist eben so wenig wunderbar, als wenn zu 
Siegfi'ied ein Günther gehört und ein anderer von Attila besiegt wird, 



*) Mehrfach nennt er sie anch nur Franken, und Ha^en wird 1486 j^hiacG Si> 
camber** angeredet. Vgl. Grimm S. 182. 



2G8 . W. MÜLLER, ÜBER LACHMANNS KRITIK etc. 

als wenn auch in der Gudrun ein Hagen und ein Siegfried auftritt. 
So muß ein Irrthum den andern stützen, und bei der Herbeiziehung 
der gleichen Namen in der Gudrun traut man seinen Augen nicht. 
Werden denn in der Gudrun nicht Hagen König von Irland und Sieg- 
fried von Morland genannt und damit als verschiedene Personen be- 
zeichnet? Unter Aias, Telamons Sohn, verstand die griechische Helden- 
sage immer den einen bekannten Held, daß Aias, der Sohn des Oileus, 
der Lokrer, ein Anderer war, wusste Jedermann. 

Über Lachmanns Verirrung muß man sich um so mehr wundem, 
weil er selbst (S. 335) geahnt hat, daß der Grund zu der Doppel- 
benennung Günthers als Königs der Burgunden und der Nibelunge in 
der Vermischung der Burgunden mit den Franken zu suchen sei, die 
ja nachher das burgundische Reich verschlangen. Nachdem die bur- 
gundische Sage von der Niederlage des Königs Günther auf die Franken 
tibergegangen war, wurde derselbe auch als König der Nibelunge d. h. 
der Franken aufgefasst, wovon unsere Quellen, wie bei einer andern 
Gelegenheit gezeigt werden soll^ noch manche Spuren bewahrt haben. 

Mit unserer Darlegung ist nun hinlänglich, und fttr Kenner wohl 
zu ausfiihrlich, gezeigt, daß der schon von Fr. H. v. d. Hagen ge- 
äußerte Gedanke, wornach die Nibelunge dämonische Wesen sind und 
mit Niflheimr und Niflhel zusammenhangen, auch von Lächmann niöht 
bewiesen ist. Die Zusammenstellung Siegfrieds mit dem nordischen und 
deutschen Gotte Balder, mag sie nun eine Identification sein sollen 
oder nicht *) , lässt sich , wie sich schon aus dem Folgenden ergibt, 
eben so wenig halten. 

Daß die Sage von Siegfried uns auf das Gebiet des religiösen 
Mythus ftihrt, erhellt besonders aus seinem Drachenkampfe und dem 
Ritte durch die Waberlohe **) , weil ganz Entsprechendes oder doch 
Analoges in der nordischen und in andern Mythologieen von Göttern 
berichtet wird. Darauf hat Lachmann, der überhaupt die nordische und 
deutsche Mythologie zu wenig herbeizieht, kein Gewicht gelegt. Aus 
seiner Argumentation folgt dagegen noch nicht einmal die ursprünglich 
göttliche Natur Siegfrieds, weil diese weder, wie wir gesehen haben, 
aus dem Wunderbaren zu erweisen ist, das von ihm erzählt wird, 
noch aus dem Umstände geschlossen werden kann, daß der Name Sieg- 
fried vor dem Ende des siebenten Jahrhunderts sich nicht findet (S. 344). 



*) Den Ausdruck S. 344, daß diese Vergleichung keine rohe Identification sein 
soll, verstehe ich nicht. 

**) In dem Mythus von Balder findet sich nichts Ahnliches. 



REINHOLD KÖHLER, ZU V. D. HAGENS GESAMMTABENTEUER. 269 

Bei der Vergleichung der Siegfriedssage und des Mythus von 
Balder ergibt sich auch , daß die Ähnlichkeit sich darauf beschränkt, 
daß beide getödtet werden, und daß Siegfrieds Mörder einäugig, 
Hödhr aber, welcher den Balder erschlägt, blind ist. Hieraus folgt nur, 
daß Siegfrieds Tod der Annahme, daß er ursprünglich ein Gott sei, 
nicht widerspricht, während der zweite Umstand nur für ein zuftllliges 
Zusammentreffen gelten kann. Denn in allen übrigen Stücken zeigen 
beide Erzählungen bedeutende Abweichungen , mag man den Mythus 
von Balders Tode nach der jungem Edda vergleichen oder auf Saxo 
Grammaticus zurückgehen, dessen Bericht einige ursprünglichere Züge 
bewahrt hat*). 

GÖTTINGEN, im April 1869. 



ZU VON DER HAGENS GESAMMTABENTEUER 

NR LXIII. 



Ein mittelhochdeutsches Gedicht von Heinz dem Kellner (von der 
Hagen Gesammtabenteuer Nr. LXHI) erzählt von einer Königstochter, 
die nur den zum Mann haben will, der sie *drier dinge überreden, 
d. h. dreimal so im Reden überbieten könne, daß sie nichts darauf zu 
erwidern wisse. Wer sich des Wagnisses unterftlngt, aber imterliegt, 
verliert den Kopf. Konni, ein Bauernbursch an Leib und Tracht, in 
Worten und Werken ein Narr , macht sich auf den Weg ins Schloß. 
Er nimmt von zu Hause ein Ei mit, welches er in seinem Busen trägt. 
Unterwegs findet er einen Eggenzahn, den er in seinen Ärmel steckt. 
Im Schloß angekommen, überisst er sich beim Nachtessen so, daß ihn 
in der Nacht heftiges Bauchgrimmen überfällt. Er entleert sich in seine 
Kappe und nestelt sie zu. Am Morgen wird er vor die Prinzessin ge- 
führt. Er muß die Rede beginnen und spricht: 'Frau, wie ist Euch 
der Mund so roth!' Sie antwortet: 'Es ist Feuer darin.' Er erwidert: 
'Frau, so siedet mir das Ei!' Sie entgegnet: 'Narr, stoß es dir in den 
Hintern!' Da zieht er den Eggenzahn hervor: 'Das passt besser dazu, 
ein Ei bringe ich nicht hinein.' Zornig ruft sie: 'Das ist versch — !' 



*) Saxo kennt die Einmischung des bösen Gottes Loki nicht, der dem ursprüng- 
lichen Mythus auch hier wohl fremd ist. Nach ihm kämpft Balder mit Hotherus, von 
dessen Blindheit nicht die Kede ist, um den Besitz der schönen Nanna. Das ist ein 
echt mythisches Motiv, wovon sich in der Siegfriedssage nichts findet. 



270 KEINHOLD KÖHLEK, ZU V. D. HA6ENS 6E8AMMTABENTEUER. 

Da öffiiet er seine Kappe und sagt: 'Nein, das ist geseh — f So hatte 
er die Prinzessin überwunden. 

Es ist mir nicht bekannt^ daß dieser Sehwank sonst noch in den 
Litteraturen des Mittelalters vorkömmt , wohl aber findet er sich in 
neueren Volksmärchensammlungen. 

Ein österreichisches Märchen (Vemaleken ÖsterreicUsehe Kinder- 
und Hausmärchen Nr. 55) erzählt Folgendes : Eine Königstochter will 
nur den heiraten , der ihr drei Fragen beantworten kann. Der blöde 
Hans, dessen ältere kluge Brüder das Wagstück vergeblich unter* 
nommen haben, begibt sich auch nach dem Schloß. Unterwegs findet 
er einen Nagel und ein Ei und steckt beides ein. Im Schloß überfaDt 
ihn ein Bedürfiiiss, er weiß sich mit einem Tuch zu helfen und steckt 
das Tuch in die Tasche. Als er vor die Königstochter gefuhrt worden 
ist, sagt diese: 'Ich habe Feuer im Leibe!' Er erwidert: 'Und ich habe 
ein Ei im Sack, das können wir also sieden!' 'Unsere Pfanne hat ein 
Loch/ entgegnet sie, worauf er: 'Und ich habe einen Nagel, damit 
können wir das Loch verschließen!' 'J% einen Dreck f sagt die Prin- 
zessin. 'Den habe ich auch im Sack,' erwidert Hans und hat gewonnen. 

In einem englischen Märchen (Halliwell Populär Rhymes and Nur- 
sery Tales S. 32) ist die Prinzessin die Tochter des Königs von Ost-Angeln. 
Zwei Söhne eines Edelmanns aus Cumberland ziehen aus, um die drei 
Fragen der Prinzessin zu lösen, und ihr jüngster Bruder, der närrische 
Jack, begleitet sie. Unterwegs findet er ein Ei, dann ein Reis von einer 
Haselstaude und endlich eine Haselnuß und steckt alles ein. Im Schloß 
werden sie zur Prinzessin geführt. 'Was für schöne Damen gibt es hierf 
ruft Jack. 'Ja,' sagt die Prinzessin, 'wir sind schöne Damen, denn wir 
haben Feuer im Busen.' 'Dann siedet mir ein Eil' sagt Jack und zieht 
ein Ei hervor. 'Wie wollt Ihr's wieder herausbekommen?' fragt die 
Prinzessin. 'Mit diesem Haken,' erwidert Jack und zeigt das krumme 
Beis. 'Wo kam das her?' fragt die Prinzessin. 'Von einer Nuß!' ant- 
wortet Jack und zeigt seine Nuß. So hat er gewonnen. 

Femer als diese beiden Märchen steht dem altdeutschen Gedicht 
ein norwegisches Märchen (Asbjömsen og Moe Norske Folkeeventyr 
Nr. 4). Eine Königstochter soll den heiraten, der sie zum Schweigen 
bringen (maalbinde) kann. Drei Brüder, von denen die beiden ältesten 
als klug gelten, der jüngste aber, Aschenbrödel (Askepot), einföltig ist, 
wollen ihr Glück versuchen. Unterwegs findet Aschenbrödel ein Weiden- 
reis, dann eine Scherbe von einer Schüssel, hernach einen todten Staar, 
hierauf zwei Bockshörner und endlich eine ausgegangene Schuhsohle 
(en udgaaet Skosaale). Allemal wenn Aschenbrödel eines dieser Stücke 



H. RÜCKERT, FRAGMENTE EINER NEUEN HANDSCHRIFT etc. 271 

findet, heißen ihn die Brüder es wegwerfen, aber er- erwidert: 'Nein, 
das ist gut, um die Jungfrau damit zu gewinnen!**) Bei der Prinzessin 
angelangt, fragt er: 'Kann ich nicht meinen Staar gebraten kriegen?' 
'Ich fttrchte, er birst,' erwidert die Prinzessin. 'Ach, das hat keine Noth, 
ich binde dies Weidenreis darum,' sagt der Junge. 'Aber das Fett läuft 
heraus,' sagt sie. 'Ich halte dies unter,' erwidert er und zeigt die Scherbe 
vor. 'Du bist so krumm in der Rede,' entgegnet die Prinzessin. 'Nein, 
ich bin nicht krumm, aber das ist krumm,' sagt er und holt das eine 
Hom hervor. 'Nein^ ein gleiches habe ieh noch nie gesehen!' ruft sie. 
'Hier siehst du ein gleiches,' erwidert er und zeigt das andere Hörn. 
'Ich glaube, du bist ausgegangen, um mich zum Schweigen zu bringen,' 
sagt sie. 'Nein, ich bin nicht ausgegangen, aber das ist ausgegangen,' 
antwortet er und zeigt die Schuhsohle vor. Darauf weiß die Prinzessin 
nichts zu erwidern und muß ihn heiraten. 

Ohne Zweifel begann die Unterredung im norwegischen Märchen 
ursprünglich auch damit, daß die Königstochter sagt, sie habe Feuer 
im Mund oder im Busen, worauf Aschenbrödel sie auffordert, ihm 
damit seinen Staar zu braten. 

WEIMAR, Mai 1868. REINHOLD KÖHLER. 



FRAGMENTE EINER NEUEN HANDSCHRIFT 
VON WOLFRAMS WILLEHALM. 



Durch Herrn Gymnasiallehrer Jankowski in Krotoschin (Provinz 
Posen) habe ich die folgenden Bruchstücke einer Handschrift des Wille- 
halm erhalten. Sie befanden sich an dem Einbände eines Buches, welches 
der Bibliothek des ehemaligen Trinitarierklosters daselbst angehört. 

Die Handschrift ist Pergament von sehr feiner Textur und mäßig 
geglättet, von derselben Art, wie man es sehr häufig in den werthvol- 
leren Hss. Schlesiens und der benachbarten Landschaftern aus dexn 13. 
und 14. Jhd. findet Sie war vierspaltig im größten Folio, wahrschein- 
lich 50—60 Zeilen auf einer Spalte. Die Zeilen stehen zwischen Linien, 
die mit der Reißfeder gezogen sind. Jede Zeile enthält gewöhnlich 
einen Vers, nur selten hat es das Raumbedürfniss veranlasst, daß der 
Schluß eines Verses entweder an das Ende der vorhergehenden oder 



*) Ich erzähle nach der Variante S. 391. In der Haupterzählong gehen die älte- 
sten Brüder für sich und dann Aschenbrödel ohne sie. 



272 H. RÜCKERT 

folgenden Zeile gesetzt ist , was von dem Schreiber stets durch die 
bekannten Verweisungszeichen angedeutet wird. Puncto finden sich 
nirgends am Ende der Verse, und im Laufe derselben nur an ^iner Stelle. 

Die Bruchstücke, die mit großen Lücken von 371, 6 bis 409, 6 
reichen, sind von ^iner Hand. Sie gehört noch der zweiten Hälfte des 
13. Jhd. an, wie die Form des z, der seltene Gebrauch des sogenannten 
Schluß-* und überhaupt der ganze Charakter der Schrift bezeugt. Der 
Schreiber scheint recht sorgfältig gewesen zu sein und sich nicht damit 
begnügt zu haben, eine dem Auge gefällige Leistung hervorzubringen. 
Denn wenn es auch keine eigentliche Prachthandschrift war, so gibt 
ihr doch das werthvolle Material, die Zierlichkeit der Buchstaben, be- 
sonders der wenigen erhaltenen Initialen — sie sind sämmtlich roth — 
den Charakter einer über den mittleren Durchschnitt gehenden Arbeit 
Wirkliche Schreibfehler sind selten und die meisten davon betreffen 
bloß die Wortfolge und sind von derselben Hand verbessert. 

Die Grundlage des Textes stimmt zu keiner der bisher bekannten 
Handschriften und Fragmente völlig, am meisten noch mit Lachmanns w, 
wie der Abdruck bei Franz Pfeiffer Quellenmat. H, 83 ausweist. 

w wird von Pf. für eine thüringische Hs. gehalten. Unsere Frag- 
mente gehören gleichfalls unzweifelhaft Mitteldeutschland an, aber einer 
weiter nach Osten gelegenen Landschaft. Eine Anzahl von Besonder- 
heiten, die sich in den schlesischen und lausitzischen Hss. dieser und 
späterer Zeit finden und ihnen bei aller Gemeinschaft des mitteldeutschen 
Idioms doch wieder eine besondere mundartliche Färbung geben, sind 
hier anzutreffen. Dahin rechne ich das durchgehende sh für seh, h im 
Auslaut fttr ch, und gleichzeitig ch vor Consonanten im Inlaut, die Er- 
haltung der echt mhd. Tenuis für Media im Auslaut, die in andern 
mitteld. Sprachdenkmälern sehr frühe verdrängt wird oder niemals Ein- 
gang gefunden hat. Natürlich bringt es das Alter und die relative 
Sorgfalt des Schreibers , der sich offenbar an eine recht gute , der 
Originalmundart des Dichters nahestehende Hs. anlehnt, mit sich, daß 
alle solche Localzüge nur in beschränktem Umfange auftreten. Aber 
es ist kein einziger darunter, der nicht gerade fttr die Heimat, der ich 
diese Blätter zuweise, und im Zusammenhange mit den andern nur fUr 
sie passt. Schon in dieser Hinsicht, als Beleg flir die Verbreitung einer 
berühmten deutschen Dichtung bis in die äußersten Ostmarken unseres 
damaligen Colonisationsgebietes, verdienen die Bruchstücke einige Be- 
achtung, weshalb ich sie hier, soweit mir ihre oft sehr mühsame Ent- 
zifferung geglückt ist, diplomatisch getreu mittheile. Die Abbreviaturen 
sind nur da aufgelöst, wo über ihre Bedeutung gar kein Zweifel ist. 



FRAGMENTE EMEß NEUEN HS. VON WOLFRAMS WILLEHALM. 273 



I = Lachm. 371, 6 

.... wol streit sina 

.... alda II giins shar 

.... mansura 

ran 

10 . .wol räche tun 

▼nd des framen ersiclanden ^) 

.... ren die j den sechsten ku ') 
15 . . , . ouh reit | nie ih nenne hi 

. . getooften streit 

.... femeiz | von dem die ebin 

• . . wile her lebte | ture weiz 
20 ...strebete 

. . . mosten knmmer dein 

. . .r slachte Ion erholn 

. . .nen brachten 

. . . .dachten 

. . . ir ende 

II = 372, 24 
Quam vor .- 

25 gloriax. Mala . . • 

quam vor dem . . . 

die geflorirt 

vh mochte ni . . . 

ir zimmirte. . • 

di muste man ture . . . 
373 der starke grane la. . . 

vnrte den uanen ho . . . 

der kune herzöge ber. 

mit grozim pondir. . 
5 karte gegen den. . . 

her wante gisel vin . . 

vof sinen sun ber. . . 

die tiost von fabo . . . 

vnde greif inin d . . . 
10 daz ors truc. . . 

III = 387. 7 

daz ich sin er clarheit siner iugint 
siner milte vnd al siner tugint 
gespreche ir recht daz ane var 

10 siner zite shar 

.... herze was genendic 
. . shar waren ouch unben . . 



... so sere uon ime gestrebt 
Ir k. .n doch bi mir nü lebt 

15 dem igez zu leide nu kose 
der kunic von falpinose 
Mit sinen vz der shar do brach 
nah dem kunige man varen sah 
von ianfunse gorsant 

20 nach dem kunige vur zuhant 
von Nauriende Rubual 
nach dem kunige vur sunder twal 
der stolze kunic pohereiz 
Mit crefteclichem puneiz *) 

27 dar nach für iosuweises shar, 
alle di sin mit swerten bar 

IV = 388, 22 
da beleip der heidenshaf . . 
tot von rennewartes . . . 
der ne warp niht an ... ^ 
25 Bertram was im sippe niht | umme 
phant 
Rennewarten man da siht 
vor sinen shargenozen 

mit stark 

franzoyser wurden ouch nicht ge 
Sie begonden shrien Rennewart 
I spart 
389 Sie woldin vristen gerne ir lehn 
daz herzeichen was in gegebn 
da si der markis sharte 
vii des riches vanen bewarte. 
5 Fransoysem wart do kummer kunt 
weren sie über pittitpunt 
mit gemache heim geuam 
Son& weren sie mit so manchin 
So ungeuuclich nicht getretet 
I sham 
10 da wart emmereiz errettet 
vii der kunic Tybalt von kler 

V = 390, 4 
daz liegen sold ich han verswigen 
5 Beginnet, .tslicher sprechin 
wan let. . . selbe brechin 
den walt einen andim man 



*) 11 ist spurlos ausgefallen. *>) 14 offenbar ursprünglich vergessen, ist später 
von derselben Hand am Schlüsse von 13 und 16 zugesetzt; der glelohe FaU ist 18. 
') Nach 24 sind 2 Zeilen ausgefallen. 

GBUMANIA. M«ue Reihe II. (XIV.) Jfthrg. 18 



274 H. RÜCKERT, FRAGMENTE EINER NEUEN HANDSCHRIFT etc. 



vn habe he veme hin dan 
Po . . . der kunic von . abs 

10 weder stabfes noch drabs 
quam her geuam in den strit 
her gap rechte als man da git 
den orsen wanden mit den sporn 
im was vf terrameren zom 

15 das her nach den siben sham 
ahrest nach rittershaft hiz vam 
her sprach het ich ni strit getan 
ih vare so manigen werdin ^) man 

20 vz fünf kunicrichin daz ih billi- 
chin«) 
den behart solde han erhabn 
man darf mich harte wenic labn 
nach maniger quashure 
die ich dnrcb ebinture 

VI=391, 17 
swaz ir da was za bed . • . 
die wapin tragin in den strit 
swaz man der da wesse 

20 als ob sie in einer presse 
. . sammine weren getwangen 
die alden vnd die inngen 
rieh Ynd arm Tbir al 
daz waz ein witer notstal 

25 mit swerten vor rigelt 

manic lehn wart vbir sigelt 
Yon des todes hantveste 
ynde aon des strites aberleste 
do mochte maniger sprechin 
da was slahin vnde stechin 
392 yn hartecÜches dringen 

Si konden sich baz bringen 
zeinander dan ich kanne gesagen 
keinen haz wil ich dem tragen 
5 Der ez ych baz künde 
secht wie des meres vnde 

vn = 404, 1 
der was snellir der was la . • 
ybir larikand daz waz. . 
horta harta hurta hart, 
wi da uz manigem vu. . 



5 manige sander storie stre . . 
die nicht voUidichen le. . • 
biz ir der tac brachte die . • 
do qaam die ellinthafte . . 
do karte die shar groz 

10 gein manigem amboz 
di der touft hett . . . 
der paneiz wart wol gereckit 
von rabine mit sporn getriben 
daz die karrashe eine bliben 

15 dar vffe die gote here 
da Tar mit terramere 

der rdin 

der liez di gote oach eine sin 
daz waz der werde kandilun 

20 deme vater volgete der sun 
michils gemer wan den goten 
der den rin ynd den roten 
vierzehen tage vorswalte 
vii da*) den tam da uor ershalte 

25 dine geben al solchin gaz nicht 
als man terramere hie gicht 
her nmme zoch ot al daz her 
Na waz die christinheit za wer 
so daz man von ir tat 
den endis tac za sprechin hat 

VIII = 405, 30 
Sin herze .... 
406 bi dem iamer w. . . ellin 
im seibin vn sinen gesellin 
di sine shilde tragen 
den enkonde nicht genügen 
5 swaz sie d . . . eiden valten 
an heyme. . . den alten 
was von samit ein kasigan 
Ein pfellel dar yndir wol getan 
yser vnde palmat 
10 dazwaschen gestepit vii genat 
zwene hantzgen des selben daran 
Ez müz ein kolair oach han 

IX = 407, 12 
. .wart. . 
.arch sinen strit berafen 



^) man toerdin in der Hs. umgestellt, aber später corrigiert. *) 19, 20 vielleicht 
der Raamerspamiss we^n auf eine Zeile gesetzt, ist erst später nachgetragen. ') da 
später hineincorrigiert. 



OSKAE SCHADE, DREI SAGEN AUS DEM XIV. JHD. 



275 



. Tfi al di sine shnfen 
15 .Ichim mm mit den swerten 

daz da manige storie gerten 

balder von ime zu. .ren 

dan da yr shadin . ren 

Mit strite in do brachte ein tropil 
20 Cemnble non almirafel 

der selbe kunic kröne 

von rottummes tone 

true in vil witem riebe 

der quam gegin heimeriche 

X=408, 7 

bat ot ein nasebant 

. . .daz cnice vant 

ir wete 

10 ... ritterlicber tete 
. . . . eiz Yor Melden 
• • .boubit da spilden 
. • Zungen in den munden 
BRESLAU. 



• . . kreye künden 
15 ... .liez ber ez walden 
.karte gein dem alden 

XI = 408, 23 
daz geschacb im nimmer damaeb 
Siner toebter sun ber do räch 
25 den claren viuianzen 

beymenich an dem glänzen 
der so manige zimirde truc 
der von naribon den kunic sl&c 
durch den beim biz uf die zene 
Ob ich mich darumme nu sene 
409 daz ist ein verre sippez klagen 
di ir lehn dannen solden tragen 
Ob sie nimmer strites gegerten 
mit lanzen noch mit swerten 
5 di zur beider sit do dolten not 
die weren doch sint alle tot. 

H. RÜCKERT. 



DREI SAGEN AUS DEM VIERZEHNTEN 
JAHRHUNDERT. 

AUS EINER KÖNIGSBERGER HANDSCHRIFT. 



In einer Handschrift der hiesigen königlichen und Universitäts- 
Bibliothek aus dem Ende des 14. Jahrhunderts (cod. mscr. Regim. 101), 
die ihrem Hauptinhalte nach das Formelbuch des Breslauer Domherrn 
Arnold von Protzan enthält (gedruckt durch Prof. Dr. W. Wattenbach 
im Codex diplomaticus Silesiae Bd. 5, Breslau 1862, S. 1 — 295), in 
ihrem zweiten Theile aber Schriftstücke verschiedenes Inhalts eines ge- 
wissen Nicolaus (Wattenbach vermuthet mit großer Wahrscheinlichkeit 
in ihm den bischöflichen Notar Nicolaus von Posen, Pfarrer der Kirche 
zu Protzan, der in den Achtzigern des 14. Jhd. flüchtig geworden, eine 
Zeit lang im Ermelande sich aufhielt; den Inhalt der Schriftstücke 
s. 1. c. p. XI— XVII, größtestheils abgedruckt im Anhange S. 299 ff.) 
— finden sich unter letzteren Bl. 134—138 drei zum Theil lustige, 
jedesfalls interessante, flir die Sagengeschichte wichtige Erzählungen, 
die Wattenbach leider nicht mit hat abdrucken lassen. Die erste han- 
delt von der schönen Frau eines Ritters, die durch die Stimme. eines 
Phantasma verführt, ihrem Manne durchgeht zu einem Schuster in Trier; 

18* 



276 OSKAR SCHADE 

die zweite erzählt von einer Zauberin, die einen jungen Ritter in ein 
Pferd verwandelte; die dritte endlich von einem Schiffbrüchigen, der 
dem Tanze der Hexen beiwohnt. Ich theile diese drei Erzählungen hier 
mit genau nach der Handschrift, die Schwierigkeiten in der Lesung 
derselben durch Beihilfe meines werthen Collegen und Freundes Hopf 
überwindend. 

1. 
Bl. 134. Dilecti fratres, pro solacio narro fabulam quam audivi. 
Fuit in diebus illis miles quidam, iuvenis^ strenuus, opulentus et multa 
probitate conspicuus, habens uxorem ingenti formositate decoram, quam 
tenerrime diligebat. Contigit autem hunc militem quadam vice transire 
per viam tempore noctis; iam tenebrae terrae faciem obumbrabant. Et 
ecce fantasma quoddam in humana effigie conparuit, equo militis insi- 
dens retro sellam , cachinnacionibus ac risu pluribus resolutum ; quod 
cum requireretur per militem, quis esset aut cur rideret, respondit: 
'Quid ad te, quis sim? sed rideo, quod quidam magister Cunczilo, re- 
ifovator veterum calciorum, manens in Treveri, virile habet clenodium, 
tam in longitudine quam in spissitudine grossius , quam hodie homo 
vivens.' Quo dicto statim disparuit. Miles autem hec revolvens in animo, 
cogitavit, quid hoc misterium sibi velit, et sie procedens itinere suo 
pervenit ad domum. Post lapsum vero temporis requiescens in thalämo 
cum uxore, ipsa sopore depressa, memor miles misterii quod audierat, 
multum cepit ridere ; propter quod expergefacta mulier attencius requi- 
rebat maritum de huiusmodi risus causa. Maritus vero ad multa diffu- 
gia se convertens avertere conabatur uxorem, ne sibi misterium revelaret. 
Sed mulierum mos est, ut quanto plus eis denegatur quod postulant 
curiose, tanto curiosiores facte archana conantur extrahere de cor- 
dibus maritorum. Unde nocte dieque non quiescens, postulat importuna 
sibi prodi misterium, de quo ridebat maritus. Tandem miles, licet ani- 
mosus ac strenuus, coniugis tamen victus precibus importunis, sibi mi- 
sterium revelavit. Et illa confingens se hoc invitam audisse, obiurgans 
alt: 'Quid de hoc michi dicitis, quod dominabus non dicitur sine pu- 
doris iactura' , et sie imponens amodo silencium ori suo , non minus 
cogitavit, quomodo per experienciam rei cognosceret veritatem, de qua 
fantasma tam egregium testimonium perhibebat. Succedente igitur tem- 
pore, multis ymaginacionibus prelibatis, occasionem tandera invenit, 
quomodo salvo pudore posset ad magistri Kunczelonis domicilium per- 
venire. Petit igitur instanter maritum, ut sibi det licenciam sanctissime 
virginis Achisgrani limina visitandi. Maritus autem considerans iuven- 



DREI SAGEN AUS DEM VIERZEHNTEN JAHRHUNDERT. 277 

tutem et eleganciam conthoralis, habens ex hoc iter eius suspectum, 
sibi denegavit assensum. Ipsa vero nocturnis temporibus et diurnis 
nuUi quieti dedita, super hoc frequenter instat marito precibus et la- 
crimis, asserens se huiusmodi rei votum fecisse. Fracta ergo viri con- 
stancia, nolens eam contristare vel ei contradicere , illectus sui amore, 
tandem annuit vir, et quod peciit mulier impetravit. virilis constan- 
cia, quid tu facis, a muliere vincta, que non devocionis zelum, sed 
tuam et ipsiue confiisionem querit, dum non iter arripit propter votum 
quod pretenditur, sed propter adulterium quod amatur! 

Sane viri consensu obtento, preparantur que ad viam erant ne- 
cessaria; cum familia competenti peregre proficiscitur consors militis, 
et tandem Archisgrani successu prospero devenitur, et captato congruo 
hospicio, gradiuntur ad basilicam domina cum familia sub devotionis 
pretextu. Sed domina cuncta diverticula gyrans, tandem obtutibus 
familie se subtraxit, et furtive recedens ab urbe, apud basilicam re- 
licta familia, receptisque secum expensis congruis, versus Treverim 
petit iter, et tandem in illam perveniens, domum querit anxia Cun- 
czelonis, quam ingressa salutato hospite in sede penes eum resedit et 
ere de sacculo suo extracto, misit pro potu, pro ampliori viri beni- 
volentia capienda. Fuit quidam magister Eunczelo homo pusillus, turpis 
facie atque calvus, uxore carens, et pro deductione temporis, ut est 
mechanicis consuetudo, altissima voce suas cecinit cantilenas. Interim 
vero quod allatum est vinum, mulier vicinior facta hospiti, qui labo- 
rabat in operis sui arte, de multis loquebatur eidem. Mulieres enim 
sollte sunt sermonem facere tota die de calamis quem scindunt den- 
tibus, dummodo assit eas desiderium cum aliquo coUoquendi. Sic feoit 
hec mulier, que plura formabat verba, in finem ut possit devenire 
ultimo ad intentum. AUato itaque potu bibunt insimul et hylariores facti, 
tempus deducunt in solaciosis colloquiis, quousque sol vergöret ad oc- 
casum. Hospes quippe cupiens advenam honorare, dum iam terra noctis 
caligine tegeretur, disposuit facere lectum solitarium pro mulieris quiete. 
Quod ipsa considerans ait ad eum: 'Non est opus multiplicare talamos, 
sed ambobus sufficiat nobis unus'. Quod hospiti fuit gratissimum, eo 
quod considerata pulcritudine midieris iam in eius concupiscentiam 
estuabat. Quapropter in imum descendentes cubiculum, camis ut puto 
et Veneris persolverunt tributa, quod ex eo oonsidero, quoniam nudus 
cum nuda. Consurgentes de mane ad mulieris instanciam ambo pro- 
peraverunt ad ecclesiam, se facientes sacerdotis officio desponsari. 
Quis dabitat, si mulier hec non inveniaset hune calvum potentem in 
operibus et sermone, utique non aocelerasset tam subito ad copulam 



278 OSKAR SCHADE 

matrimonii coloratam! Decrevit namque manere potius circa hunc cal- 
vum et facie turpem propter virtutem virilium, quam apud militem 
nobilem^ sfrenuum et honestum, qui forsan extiterat minus potens. Porro 
quid facit familia? Querit interim dominam suam per vicos et plateas 
diligentissimis studiis sciscitando de ea, nee tamen invenit vestigium 
aliquod; quo possit mulier reperiri; propter quod viam repatriandi re- 
petens tandem pervenit ad domum, non sine lacrimis narrans perdi- 
cionem domine. Ex quo dominus super modum turba^us et factus quasi 
exanimis pre dolore, cum eam sicud propriam animam dilexisset, tem- 
pore multo ipsius perdicionem deflevit. Tandem vero post multas mentis 
distractiones, quid factum sit de uxore perdita, hincinde sepe revol- 
vens, meraoriam habuit istius misterii, quod infelix infeliciter revelavit 
uxori et ab hoc corde inquit : 'Puto quod uxor mea pervenerit occasione 
quesita in Treverim ad hominem illum, quem fantasma de membri 
grossicie commendavit' ; et protinus disposita copia expensarum pro 
itinere oportune se succinxit ad iter, et directis gressibus in urbem Tre- 
verim perveniens, inquisivit sollicite, ubi magister Kunczelo habitaret. 
Cumque ad eins domicilium quodam indice pervenisset, introspiciens 
in tugurium hominem communem, calvum, canentem et laborantem in 
opere solito adinvenit, cui etiam ministrantem diligentissime suam con- 
templatur uxorem. Quam his verbis alloquitur: 'O domina, est ista de- 
cencia sessionis vestre? Nuncquid honestius sederetis in domo vestra 
raecum maritum vestrum legitimum habitando, quam quod cum despecto 
homine in vili tugurio adulterinis contubemiis deservitis, vestram dila- 
tantes lasciviam in patulum, que pridem sub pudoris velamine tege- 
batur?' Mulier vero ex hoc exasperata plurimum durioribus verbis ma- 
rito respondit: 'Quis estis vos vel unde venitis, quod presumitis me al- 
loqui tamquam vestram uxorem? nunquam novi vos, nee cognosco ve- 
stram personam,' et super calvum illum extendens indice inquit: 'Iste 
meus maritus est; de vobis penitus nichil scio. Si pretenditis vos ha- 
bere coniugem fortassis facie michi similem, potestis eam querere alibi; 
hie nulla est vobis via querendi, quoniam isti sum in facie ecclesie 
copulata. Maritus itaque de hoc plurimum erubescens, cum prius se- 
pius uxor coram eo amoris magni signa pretenderet, et cur talia lo- 
queretur in se ipso marcescens, doloribus et confusione nimia turbatus 
abscessit dicens in corde suo: 'Si te non vult sequi, et tu obproprio 
non obstante libenter pepercisses eidem, dimittas meretricem sicut sibi 
placet adulterinis actibus inherere.' Sicque gressus suos repetens per 
consuetam viam, ad suam patriam remeavit, uxore apud Kunczelinum 
in Treveri derilicta. 



DREI SAGEN AUS DEM VIERZEHNTEN JAHRHUNDERT. 279 

O pessima mulierum omni aere moUior ad turpitudinem exercen- 
dam! o prava et detestanda bestia omni feritate crudelior! o vorago 
insaciabilis^ que cum baratro recipis portionem ! Nuncquid est ista mu- 
liebris probitas^ ut propter parve voluptatis ignominiam deseras viram 
tuum legitimum et nobilem , strenuum , opulentum et in omni virtute 
preclarum^ et adhereas abiecto stercorario, inopi et despecto, cui te 
oportet nonnuncquam ad opus suum confectionem facere de canino ster- 
core hie in vili tugurio, que quondam in pallaeio viri tui honeste re- 
sidens, manibus in sinum positis^ ociosa non habuisti necesse in fedis 
sordibus deturpari! Non facit hoc aliud^ quam quod delectaris in camis 
sporcitiis et voluptuosis actibus voraginis tue, cui non aliud quidquam 
sapit, quam si posset salva pudicicia virorum commercia degustare. 
En maledicta terra in opere tuo, quo devenit muliebris verecundia 
quam merito debuisses halbere pre oculis cum timore dei, antequam 
tantum facinus inciperes perpetrare, nedum in anime tue dispen- 
dium, sed et muliebris honestatis perpetuum detrimentum. Conmiscearis 
ergo adultero , quoniam post conclusionem presentis vite pro mereede 
tui laboris dabitur tibi pena baratri perpetua, ad quam, nisi peniteas, 
procul dubio properabis. Sed o tu maligne Spiritus, qui non delectaris 
in aliquo nisi ut perdas animas fidelium, cur hunc militem multa ho- 
nestate pollentem ac eins coniugem taliter decepisti ! Nuncquid fuit tibi 
alia via decipiendi homines, quam mitteres ad eins nunccium in specie 
hominis, quo de hominis virilibus ad decipiendum homines faceret men- 
tionem, quemadmodum in primevis temporibus serpentem misisti calli- 
dum, qui deciperet prothoplastos ! Hec quidem est tua versucia et 
grandis iniquitas, que de invidia traxit originem, super filios hominum 
semper querens tamquam leo rugiens animas devorare. Quis queso 
unquam viam fraudis tarn artificiosam invenisse potuerit, sicud mille 
hie artifex, qui multis quesitis coloribus per tndirectum invenit quod 
quesivit. Det ergo nobis deus gratiam semper eins temptacionibus re- 
sistendi, et robur fortitudinis, ut yincamus cum qui hostis humani ge- 
neris est antiquus. 

Carissimi fratres, licet presens fabula deservire ludibriis videatur 
tamen multis viris, qui coniugibus suis in lasciviam laxant habenas, 
potest cedere in exemplum. Nee credendum est cuiquam simpliciter 
per aspectum, quemadmodum huic calvo. Quoniam quanto Polonus ru- 
sticus se simpliciorem exhibet, tanto cambucam obtinet plus gibbosam. 
Eciam non est Signum virginalis pudoris, si mulier mercatum non volt 
facere, nisi videat et experiatur tactu manuum, quid in sacculo sit ab- 
«consum. Ad instar mulieris huiusmodi maledicte, que nisi experiretur 



280 OSKAR SCHADE 

calvi virtutem, sibi noluit in facie ecclesie copulari; sed quam cito ne- 
gociacionem eius gustaverat esse potentem/ ad contractum illiciti matri- 
monii sub pudoris specie convolavit. 

2. 

Bl. 136. Referente quodam didici quod iam dico. Contigit enim 
adolescentem quempiam militarem apud quendam civem alicubi hospi- 
tari^ cuius filia sub noctis silencio cubiculum adolescentis ingressa freno 
clam secum portato magicaque arte confecto adolescentem in lectulo 
reclinatum frenavit, qui mox in equi speciem transformatus extitit, 
quem ascensum ad locum, quo fabulosa narracione nigri cum albis 
pungnare dicuntur, asperis puella perurgens calcaribus agitavit. Cumque 
venisset ad locum certaminis, equo suo ad arboris ramum ligato puella 
protinus prelio se ingessit. Adolescens vero equi formam obtinens In- 
terim multis tractibus laboravit, quibus capud de freni posset eripere 
ligatura, quod et tandem magno conatu extraxit et in formam huma- 
nam freno reiecto pristinam est reversus. Nee tamen adeo fuit negligens 
quin frenum diligenter servaret, quousque puellam reversam de belle 
depositis primum sibi calcaribus potenter oppressam frenaret cum freno 
huiusmodi, que protinus eque formam assumpsit^ quam ascensam non 
inequaliter pungendo calcaribus equitavit ad domum^ et de ore suo 
freno extracto eadem nocte quemadmodum videbatur sibi quietis le- 
ctulo se coUegit, frenum retinens sub absconso. Et quamvis puella suc- 
cessu dierum frenum suum requireret^ sibi tamen adolescens reddere 
recusavit <^uamobrem occasionem adversus adolescentem inveniens 
scissis vestibus et capillis evolsis questionis excitavit clamorem^ per 
illum asserens se stupratam. Tractus igitur adolescens ad Judicium, 
dum sibi non daretur propter patris puelle potenciam copia defendendi^ 
ad mortis est supplicium condempnatus. Cumque ad locum duceretur 
tormenti petiit sibi magna instancia copiam saltem dari loquendi. Unus 
vero de potentatibus civium hoc audiens Jnportunus effecit cum aliis, 
quod sibi date sunt inducie, quibus posset de commisso crimine red- 
dere racionem. Adolescens igitur coram cunctis seriem facti edisserens, 
frenum in veritatis testimonium, quod absconsum fuerat^ patefecit, in- 
quiens^ si freno in ore puelle posito non transformaretur in equam, 
sponte Teilet extunc sine alio quovis adminiculo mortis exicio condemp- 
nari ; si autem hoc quod construebat veritatis initeretur luci, liberaretur 
a morte: quod et factum est. Nam inventum in loculo quo posuerat 
frenum ligaverunt in ora puelle, statimque in eque speciem est conversa. 



DREI SAGEN AUS DEM VIERZEHNTKN JAHRHUNDERT. 281 

Unde cives inito consilio puellam cum freno pariter combusseront et 
pronunciaverunt liberum quem prius deputaverunt dire morti. 

Licet audiveris, non tamen a dei cultoribus sunt credenda. Nichilo- 
minuB quispiam potest dicere nonnunquam omnipotentem deum propter 
peccata hominum per*) dyabolum, qui rerum seit comportare materias, 
permittere secrete dispensacionis consilio nonnullis illudi taliter, quod 
eis appareat res, que in veritatis lumine non existit. Propter fragilita- 
tem enim illorum qui fundati non sunt radicituß in fidei fundamento, 
permissione divina demones facilem decipiendi habentes accessum ad 
eos ludificant, excitantes illos et extingwentes in eis supersticiosis ar- 
tibus igniculum fidei quem habebant, et ex hoc efireni potestate accepta 
in ipsos ludificacionis fraudibus circumveniunt, ut opera**) veritati« in 
mendaciis deleantur et credant opera demonum esse vera. Absit hoc 
a veris Christi cultoribus, qui katholicam fidem firmo corde sectantes 
non credimt aliud quam sancta mater ecclesia confitetur, ponentes spem 
in solo deo qui vera via, veritas est et vita. 

3. 

Bl. 137. Dum quadam die palpebris meis sompni illaberetur pi- 
gricies, ne nox prolixior subsequens duceretur insompnis, curavi scri- 
bere historiam, que mirabiliter in hunc modum dicitur contigisse. Mer- 
cator enim quidam pro nonnullis causis mercium maris flumina trans- 
fretare desiderans in mediis fluctuum una cum aliis nau&agium vento 
agente contraria est perpessus. Quod previdens instare , se duobus 
antea combinatis asseribus alligavit, sperans se per hoc evadere posse 
submersionis periculum, quod procul dubio inminebat. lactavit itaque 
post naufragium maris procella hunc naufragum aliquot horis diei et 
noctis, donec evomeretur in aridam cuiusdam insule, ubi succrescebant 
frutecta, et refocillatus ibidem aliquantulum solis caloribus se sicut 
potuit disligavit Sed cum dies illa tenderet ad solis occasum et girando 
hincinde neminem in insula reperisset, nee hominis vestigium appa- 
reret***), perplexitate concussus, an salvari posset in terra seu in ar- 
bore, securius tamen reputans se propter bestias conservandum, in ar- 
borem ceteris sublimiorem ascendit, eo pretextu quod eciam considerare 



*) hominum qtä per Hs. 

**) Die Hs. hat nach ut die Abkürzung^ p^ und darauf in (ausgestrichen) veritati. 
Die Hs. der hies. BiU. Nr. 102, genaue Gopie der unserigen, ebenfalls aus dem Ende 
des 14. oder dem Anfange des 16. Jhd. gibt dasselbe, aber in nicht durchstrichen. 
*♦♦) apparet Hs. 



282 OSKAR SCHADE, DREI SAGEN AUS DEM XIV. JHD. 

posset, si fortassis in sui fortunam ab alto nautas contingeret enm 
prospicere venientes ad locum^ ad quem eum iactaverat maris vorago. 
Cumque sedens in arbore distractus ymaginacionibus multipliciter vexa- 
retur, tandem considerat naviculam unam cum lumine sicut mos est 
nautis^ iterum seeundam, post hoc terciam et sie plures i|Jias succes- 
sive naviculas insule applicare ; quibus ad littus venientibus exienmt 
de earum qualibet masculus *) cum femella, preciosis vestibus decorati, 
habentes secum ioculatores, quibus modulantibus in coree sunt solacium 
resoluti. Quod cemens naufragus cum efSgiem perpendisset hominum^ 
ex hoc factus audacior, descendens de arbore proximavit eisdem. Qui 
quam vis preteriissent, cum nee dignareatur loqui sibi, non tamen ob- 
misit quin contemplaretur acuracius^ si quis sibi notus appareret in illo 
conventu. Transiens igitur per coream, quantum sibi dabatur inspiciendi 
copia, faciem est intuitus singulorum. Postremo autem penultimam coa- 
siderans mulierem^ eam sibi notam invenit^ quam alloquens postulans 
sibi salubre dare consilium, quo posset ad patriam remeare. lila vero 
optime congnoscens eum requisitum habuit^ ad hunc locum quomodo 
pcrvenisset. Quapropter infortunii sui eventum exponens salvacionis sni 
ordinem enarravit. Mulier ergo consolans naufragum mandavit per eum 
illorum redituro prestolari, districtius prohibendo, ne mutet loci vesti- 
gium quo positus fiierat, sed fixus ibi maueret quousque ipsa cum soda- 
libus revertahtur. Hiis sie quidem dictis, corizantes tamquam super 
terre spacium ad modicum volitarent, subito processerunt. Quos cum 
diutius exspectasset naufragus, affectus tedio nonnuUis est tribulacio- 
nibus fatigatus **), ignorans exitum huius rei. Tandem vero cum de illo- 
rum reditu***) aliqualiter desperasset, et ecce cum ingenti strepitu 
revertuntur, et licet omnes gaudiis viderentur repleti, tamen velamina 
videbantur, ex quibus utique dabatur intelligi se fuisse male tractatos 
ac si cum aliis conflixissent. Naufragus vero de ipsorum reditu conso- 
latus, muliere quam novit mandante, ne quovismodo retrospiceret, cum 
ea naviculam est ingressus. Cumque subito cursu pervenissent ad littus, 
curiosus paululum naufragus retrospexit. Inde modicum inmersum flu- 
vium madidumque invenit. Quem increpans mulier acrius loquebaturf) 
dicens , si hoc fecisset in mediis fluctibus , mortis non evasisset peri- 
culum. Assumptum ideo de flumine salvum traxit ad littus, et insimul 
ambulantes, insimul ad civitatem, in qua morabatur mulier, in cuius 
hospicio sepius receptus fuerat naufragus, devenerunt; recreatusque 
apud illam post tractum temporis a muliere habita sub mutuo copia 



*) masculis Hs. **) fagitatua Hs. ***) reddüum Hs. f) loquebarUur Hs. 



KARL MEYER, DIE WIELANDSSAGE. 283 

expensarum, coniuratus per eam, ne prodat huius rei misterium^ per 
viam suam in regionem propriam est reversus. 

Ad confusionem incantatricam vetularum, non ad earum laudem 
hec scribo^ sciens omnes huiusmodi ficciones fieri fraude demonum, 
qui hominibus iUudentes permissione divina propter eorum peccata 
tantam excecant mentes humanas non fixas in fide^ quod que non sunt 
veraciter existere opinentur. Potoit quidem esse^ si tarnen vera est hec 
historia, quod deus omnipotens^ qui edam de malo bonum effecit^ pro 
istius naufragi salutis remedio adventare permisit illos ludificatos, de- 
ceptione mille artificis *) , qui nonnunquam in lucis angelum se trans- 
formanS; ut fidelem perdat animam, quemadmodum olim in idolis dabat 
responsa^ sie et nunc^ dum in fide videt homines inbecilles, cum ipse 
diversarum sciat rerum comportare materias^ suis ficcionibus dementat 
eosdem^ ut videatur eis se cum aliis pungnam habere sub noctisque 
silencio moncium cacumina transvolare; qui si suum errorem cogno- 
soerent et fixi manerent in sacre fidei firmitate, reperirent **) utique 
se deceptos per illum^ qui suis machinacionibus prothoplastos olim cor- 
rupit, et in nos pro dolor sue corrupcionis semina***) dirivavit: quod 
ille dignetur abstergere, qui de corrupcionis morte nos sue mortis sup- 
plicio inisericorditer liberavit. amen. 

KÖNIGSBERG i. Pr. im April 1868. OSKAR SCHADE. 



DIE WIELANDSSAGE. ') 



Die Sagen^ welche sich an den Schmied Wieland knüpften^ müssen 
in Deutschland einst eine bedeutende Rolle gespielt haben. Zahlreiche 
Erinnerungen an seine Persönlichkeit sind durch den unermüdlichen 
Fleiß deutscher Gelehrter zusammengetragen worden *) ; gleichwohl 
ist auf deutschem Boden nie eine größere Episode aus diesem Sagen- 



*) d. i. TaiuendkÜnsÜer wie oben S. 279. **) r^^enerent Hs. ***) seminarum Hb. 

*) Vorliegende Abhandlung macht nicht den Ansprach, eine in jeder Beziehung 
erschöpfende Behandlung der Wielandssage zu liefern. Sie geht zunächst bloß darauf 
aus, einmal Wielands elementare Grundlage und deren Entwicklung in die Glasse der 
Elbe genauer darzuthun , und dann die ältere und jüngere Relation der Wielandssage 
(Edda und Thidrekssage) vergleichsweise zu besprechen. 

') ^gl« W. Grimms Deutsche Heldensage. — Mone Heldensage S. 102 ff. — 
Wolf in Haupts n. Hoffinanns Altd. Blfittem I, 34 ff. — Kuhn Ztschr. f. vgl. Sprachf« 
IV, 96 ff. 



284 KARL MEYER 

kreise entdeckt worden. Auch hier wie bei so mancher andern Grelegen- 
heit war es der Poesie und den Sammlern des skandinavischen Nordens 
aufbehalten^ dasjenige auf die Nachwelt zu bringen, was sie einst von 
deutschem Boden empfangen hatten. Es sind vornehmlich zwei Werke 
der altnordischen Litteratur, in welchen sich das Andenken an diese 
hochbertlhmte Sagengestalt ausgesprochen hat, das eine ein Lied der 
ftltem Edda, die Völundarkvida , das andere ein Abschnitt aus der 
prosaischen Saga Thidriks konungs af Bern, cap. 57 — 79. Bei letzterm 
ist der deutsche Ursprung ausdrücklich im Prolog bezeugt, bei ersterm 
sprechen andere Ursachen deutlich dafiir. Wir beginnen mit der Vö- 
lundarkvida. 

Drei Jungfrauen — die prosaische Einleitung des Liedes nennt 
sie Walküren — ließen^ sich am Wolfssee nieder; sie legten ihre 
Schwanenhemden , denen sie die Kunst des Fliegens verdankten, ab 
und spannen Linnen. Drei Brüder, deren einer und vornehmster eben 
Wieland, brachten die Mädchen in ihre Gewalt, indem sie sich ihrer 
Schwanenhemden bemächtigten *). Völundr (Wieland) gewann die Her- 
vor Alvitr, sein Bruder Egil die JElrun, der dritte Bruder, Slagfidr, 
die Swanhvit. Die Schwanjungfrauen blieben acht Winter bei ihren 
Gatten, im neunten jedoch entflogen sie denselben wieder mittelst ihrer 
Flughemden. Völundr blieb im Wolfsthal und wartete ab, ob seine 
verschwundene Gattin wiederkäme. 

Während er so auf Alvitr wartete und seine Schmiedekunst übte, 
wurde er in der Nacht plötzlich überfallen und in Fesseln geschlagen. 
Es war Nidudr, der König der Niare, welcher ihn gefangen nahm, um 
aus seiner Schmiedekunst Vortheil zu ziehen. Auf den Rath der Kö- 
nigin ließ Nidudr dem Gefangenen die Sehnen zerschneiden und ihn 
auf diese Weise lähmen. Völundr wurde hierauf in einen Holm am 
Strande gesetzt , welcher S«varstadr hieß , und hier lag er seiner 
Schmiedearbeit im Dienste des Königs ob. Um sich an Nidudr ftir 
seine gelähmten Sehnen zu rächen, lockte er dessen zwei junge Söhne 
in seine Schmiede ; als dieselben in eine geöfl&iete mit Kostbarkeiten 
geftülte Kiste hineinsahen, tödtete er die beiden, indem er ihnen mit 
dem Deckel der Kiste die Köpfe abschlug. Aus ihren Augen machte 
er Edelsteine und schickte dieselben der Königin ; die Schädel schweifte 
er in Silber und schickte sie dem König; aus den Zähnen endlich verfer- 
tigte erBrustgeschmeid und schickte dasselbe der Königstochter Bödwildr. 



") Diesen Zug hat das Lied vergessen. Daß die Hemden von Bedeutung sind, 
ergibt sich aber aus der Einleitung. Vgl. unten S. 287. 



DIE WIELANDSSAGE. 285 

König Nidudr hatte seiner Tochter einen goldenen Ring geschenkt, 
der einst Völundrs Gattin Alvitr gehört, und den er Völimdr geraubt 
hatte. Der Ring war zerbrochen, und Bödvildr kam zu Völundr, um 
denselben bessern zu lassen. Völundr schläferte die Königstochter durch 
Bier ein und bewältigte die Schlafende. Dann hob er sich mittelst eines 
künstlich verfertigten Federkleides in die Luft. Aus der Höhe verkün- 
dete er noch dem König, was er gethan habe; darauf entflog er und 
ließ seine Gattin allein zurück. 

Damit schließt das Lied; wir wissen aber aus andern Quellen, 
daß Bödvildr einen Sohn gebar; es war Wittig, einer der vorzüglich- 
sten Helden Dietrichs von Bern und König Ermenrichs *). 

Ehe wir zur zweiten Darstellung der Wielandssage übergehen, 
muß ein in die Völundarkvida irrthümlich aufgenommenes Stück aus- 
geschieden werden. Völundr als Gatte der Schwanjungfrau und der 
Schmied Völundr bei König Nidudr können ursprünglich nicht ein und 
dieselbe Person gewesen sein. Es ist im höchsten Grade unwahrschein- 
lich, daß ein Held, nachdem er erst sein Weib verloren, obendrein in 
harte Gefangenschaft geräth, in dieser seine verlorne Gattin ganz ver- 
gisst und einer andern nachstellt. Daß Völundr der Bödvildr Gewalt 
anthut, ist an sich zwar ganz begreiflich, wenn man seine Liebe zu ihr 
und das Geflihl der Rache gegen ihren Vater in Anschlag bringt; aber 
derjenige, welchem sein Weib mittelst des Schwanenhemdes entflohen ist, 
hat gewiß nichts eiligeres zu thun^ als auf Mittel zur Wiedergewinnung 
der Verlorenen zu sinnen. Glücklicherweise fehlt es nicht an deutschen 
Quellen, durch welche die Richtigkeit dieser Annahme bestätigt wird. 
Während nämlich die auf den Erzählungen deutscher Männer beru- 
hende Thidrekssaga nichts von den Schwanjungfrauen weiß , ist uns 
diese Sage durch ein Gedicht des vierzehnten Jahrhunderts erhalten, 
in welchem freilich sogar der Name des Helden verloren ist ; der Held 
heißt in diesem Gedichte Friedrich von Schwaben, und nur zuletzt 
kommt noch 'Wieland' als dessen angenommener Name vor"). Auch 
sonst ist das Gedicht reich an märchenhafter Entstellung und Weiter- 
bildung des ursprunglichen Sagenkems , wie denn z. B. drei Tauben 
statt der Schwäne erscheinen; gleichwohl stimmen die Hauptzüge in 
einer Weise überein , welche an der Identität Wielands ^) und Fried- 
richs von Schwaben nicht zweifeln lassen. Und in noch viel späterer 



*) Vidia heißt Nidhddes mcsg und Vilundes beam, Ztschr. XII, 269; vgl. auch 
Thidr. s. cap. 79. *) v.d. Hagen Germania VII, 99. *) Insofern nämlich dieser Her- 
yörs Gatte ist. 



286 KARL MEYER 

Zeit hörte Musäus dieselbe Sage mündlich erzählen *) ; Überall aber 
ist der Verlauf der, daß die Jungfrau, welche Schwanengestalt ange- 
nommen hat, zweimal nach Ablegung ihres Schwanenhemdes in mensch- 
liche Gewalt geräth, das erste Mal so, daß ihr die Flucht später ge- 
lingt, das zweite Mal flir immer. In der Völundarkvida hingegen hat 
die Verbindimg dieser Sage mit Wieland, dem kunstreichen Schmied, 
dem zweiten Theile geschadet; das. Lied hat ihn vergessen und nur 
den ersten in einer nicht ursprünglichen Verbindung beibehalten. 

Auf deutschem Boden also findet sich keine Spur davon, daß 
der kunstreiche Schmied Wieland sich einer Schwanjungfrau bemäch- 
tigte, und ebensowenig eine Spur davon, daß der Gemahl der Schwan- 
jungfrau, welcher ebenfalls Wieland hieß, ein kunstreicher Schmied war. 
Man könnte annehmen, die Sage von den drei Mädchen, deren eines 
in Wielands Gewalt fkllt, sei auf ihn übertragen ; jedesfalls geschah es 
erst im Norden, und jedesfalls hieß das Wesen, von welchem sie auf 
Wieland den Schmied übertragen wurde, ebenfalls Wieland ^). 

Diese Vereinigimg zweier anfänglich von einander durchaus un- 
abhängiger Sagen ergibt sich aber auch, wenn man das Bindeglied 
etwas genauer ansieht. Es ist ein Ring (baugr), der einst nach Str. 10 
und 18 der Alvitr gehört, und den König Nidudr seiner Tochter gab. 
Man sehe nun aber zu, welch eine widerspruchsvolle Rolle dieser Ring 
das ganze Lied hindurch spielt. Str. 5 ist nur von Ringen im Allge- 
meinen die Rede , und keiner wird besonders hervorgehoben ; Str. 7 
hingegen wird die Zahl der in Wielands Behausung am Bast aufge- 
hängten auf siebenhundert angegeben. Nach Str. 8 lassen die Niare alle, 
einen einzigen ausgenommen, am Baste hangen; dieser einzige aber, 
welcher von Nidudrs Mannen genommen wird, wird nach dem prosai- 
schen Zwischenbericht zwischen Str. 14 (15) und 16 von Nidudr der 
Bödvildr gegeben und war nach Str. 18 einst Eigenthum der Hervor. 
Er muß von großem Werthe gewesen sein, denn als ihn die Königs- 
tochter zerbricht, wagt sie es außer Wieland Niemanden zu bekennen 
(Str. 24); schon Str. 16 hat Nidudrs Gemahlin angedeutet, Wieland 
werde heftig zürnen, wenn er den Ring in Bödvildrs Händen erblicke. 
Der Ring soll nach Str. 10 und 18 der Hervor gehört haben; dem 
widerspricht einmal der Bericht der Thidrekssaga (cap. 74), welche 
den Ring ebenfalls kennt, von Hervor aber nichts weiß und nichts 



*) Vgl. *Der geraubte Schleier in J. K. A. Mnsäus Volksmärehen der Dentschen 
herausg. von J. L. Klee; 3. Ausg.- Leipzig 1847, S. 129 ff. 

*) Schon Rieger hat diesen Umstand angedeutet (Germania 3, 176). 



DIE WIELAND8SAGE. 287 

wissen kann. Schon Rieger hat (G-ermania 3^ S. 176 Anm.) darauf 
aufmerksam gemacht^ daß Sfervör bei ihrer Flucht den Ring mitnehmen 
muBSte, falls er ihr gehörte. Wenn sie es nicht that, so gehörte er ihr 
nicht. Ohne Zweifel war der Ring Wielands Eigenthum und ohne Zweifel 
besaß er auch wunderbare Eigenschaften; wäre er nicht Wielands 
Eigenthum , so würde ihn die Thidrekssaga nicht kennen , würde er 
überhaupt nicht von solcher Wichtigkeit sein. Die Edda freilich scheint 
überall anzunehmen^ daß er der Hervor angehörte ; sie scheint ihn mit 
dem Schwanenhemd in Verbindung zu bringen ^ und es hat den An- 
schein^ als ob Widand absichtlich siebenhundert gleiche Ringe gemacht 
habe, damit Hervor den ihrigen nicht erkenne. Das Lied hat aber auch 
über dem Ringe das Schwanenhemd der Walküre beinahe vergessen; 
nur die prosaische Einleitimg nennt dasselbe, imd doch war dasselbe 
von höchster Wichtigkeit; durch seinen Verlust gerieth die Walküre 
in menschliche Gewalt, und durch seine Wiedererlangung gewann sie 
ihre Freiheit wieder. Das Gedicht 'Friedrich von Schwaben wie das 
Volksmärchen bei Musäus lassen in diesem Punkte keinen Zweifel übrig. 
Wir werden auf den Ring im Verlaufe der Untersuchung zurückkommen. 
Ob derjenige Wieland, dem die Hervor gehörte, im übrigen ein gött- 
licher oder menschlicher Held war, ist schwer zu entscheiden. Hier 
genügt es, dargethan zu haben, daß der Inhalt der Völundarkvida aut 
der Vermengung gesonderter Bestandtheile beruht; Str. 6 sieht in der 
That wie der Anfang eines selbständigen Liedes aus; da aber das Ver- 
derbniss in spätem schwer auszuscheidenden Strophen wiederkehrt, 
so ist damit wenig gewonnen. 

Endlich noch ein Punkt,<in welchem die Edda von der deutschen 
Sage abweicht Bei Musäus wie bei Friedrich von Schwaben erscheinen 
die Jungfrauen in der DreizaU^ jedoch geht nur eine ihrer Freiheit 
verlustig oder, anders ausgedrückt, es ist nur öin Held, der sich einer 
Jtmgfrau bemächtigt. Zwar hat Friedrich von Schwaben zwei Brüder; 
ffer die Sage sind jedoch dieselben ganz bedeutungslos, und bei Musäus 
scheint es ebenfalls bloße Entstellung des ursprünglichen Verhältnisses 
zu sein, wenn statt eines Mannes zwei aS^eten »)• In der Edda ver- 
hält sich die Sache etwas anders ; hier gewinnt jeder der drei Brüder 
ein Weib sowohl im Liede selbst als in der prosaischen Einleitung. 
Die Brüder gehören jedoch, wie sich für Egil wenigstens aus der Thi- 
drekssaga ergibt, nicht zu Wieland, dem Gatten Hfervörs, sondern zu 



•) Der alte Benno und Friedbert bwrahen auf der Äinen Figur Wielands ; ebenso 
»ind aber auch Zoe und Kalliste ursprünglich identisch. 



288 KARL. MEYER 

Wieland dem Schmied, und es ist wohl nur der Dreizahl der Walküren 
zu verdanken, wenn hier jeder ein Weib gewinnt. 

tn der Thidrekssage ist Wieland der Enkel des Königs. Vilcinus 
und einer Meerfrau, deren Namen Wachilt das mittelhochdeutsche Ge- 
dicht von der Ravennaschlacht (Str. 969) erhalten hat. Sein Vater ist 
der Riese Wadi (ahd. Wato, mhd. Wate) in Seeland. . Der junge Wie- 
land erlernt zuerst bei Mimir die Schmiedekunst in G-emeinschaft mit 
Sigurd. Da aber Letzterer seinen Mitgesellen übel mitspielt, holt Wadi 
seinen Sohn wieder und bringt ihn zu zwei Zwergen, welche in dem 
Berge Kallava die Schmiedekunst üben. Nachdem seine Dienstzeit zu 
Ende ist, erschlägt er seine beiden Lehrmeister, die ihm selber nach 
dem Leben getrachtet, mit seines Vaters Schwert Dann höhlt er sich 
einen Baumstamm aus, kriecht in denselben und gelangt so auf dem 
Wasser in das Land König Nidungs. Von König Nidung gut aufge- 
nommen, bewährt er sich als geschickter Künstler, schmiedet allerlei 
Waffen und verfertigt menschliche Figuren, siegt auch im künstlerischen 
Wettstreit über Amilias, den bisherigen Schmied des Königs. Bei einem 
Kriegszuge hatte König Nidung seinen Siegstein zu Hause gelassen; 
er versprach demjenigen, welcher ihm vor Sonnenaufgang denselben 
brächte, die Hand seiner Tochter. Wieland eilte, den Stein zu holen, 
erschlug aber auf dem Rückweg den Truchseß des Königs, der ihm 
den Stein rauben wollte ; zur Strafe daflir wurde er vom König ver- 
bannt. Wieland wusste sich aber bald wieder an den königlichen Hof 
zu schleichen ; als er erkannt wurde , ließ ihm der König zur Strafe 
die Sehnen beider Füße verschneiden ; der Gelähmte wurde in eine 
Schmiede gesetzt und musste in dieser fUr den König arbeiten. Das 
übrige, Wielands Rache, die Ermordung der Königssöhne und die ge- 
waltsam erzwungene Vermählung mit der Tochter des Königs wird 
wie in der Edda erzählt. 

Um diese Zeit kam Wielands Bruder Egil an Nidungs Hof. Er 
musste auf des Königs Befehl seinem dreijährigen Knaben einen Apfel 
vom Kopfe schießen, ohne das Kind zu verletzen und führte den Be- 
fehl glücklich aus. Darauf brachte er seinem Bruder Federn von allerlei 
Vögeln, und Wieland verfertigte' sich aus diesen ein künstliches Flug- 
hemd. Mit Hilfe dieses selbstverfertigten Flughemdes schwang er sich 
auf den höchsten Thurm der Königsburg und verkündigte dem König 
aus der Höhe das Schicksal seiner Kinder. Auf Nidungs Befehl musste 
Egil dem davonfliegenden einen Pfeil nachschießen; Wieland wurde 
aber nur verwundet und entkam nach seiner Heimat. König Nidung 
starb bald darauf aus Gram , und sein Sohn und Nachfolger söhnte 



DIE WIELANDSSAGE. 289 

sich mit Wieland aus. Die Königstochter gebar einen Sohn, Widga, 
welcher später ein berühmter Held wurde. 

Die Völundarkvida ist schon oben ihrem Inhalte nach theilweise 
besprochen und ein ganzer Zug der Sage als unecht bezeichnet worden. 
Ehe mit der Überlieferung der Thidrekssaga dasselbe geschehen kann, 
wird es passlich sein, die Persönlichkeit Wielands und seiner nächsten 
Angehörigen ins Auge zu fassen. 

Wir beginnen mit Wielands Namen. Es gibt eine Sanskritwurzel 
jvcd (nach anderer Transscription gval = dschwal) , welche die Bedeu- 
tung von „leuchten, brennen'' hat; schon Dtintzer (Über d. latein. Com- 
pos. 83) hat auf dieselbe hingewiesen, und nichts steht dieser Herleitung 
im Wege *). Die indogermanische Grundform ist, da g (dsch) Entartung 
eines ursprünglichen g ist, gval] Part. Prses. lautet im Nom. Sing. masc. 
gvdlarij Gen. gvdlatds, Stamm gvalant Mit Düntzer es unmittelbar dem 
Adjectiv gvalano gleichzustellen, ist gewagt wegen des t, d, welches 
Element der Participalendung and ist und nicht als dem Deutschen 
eigenthümlich darf aufgefasst werden. Dieser Wurzelform am nächsten 
steht einmal die altnordische Form Völimdr imd die altfranzösische 
Galans *) ; in ersterer ist , wie so häufig im Deutschen , der Kehllaut 
vor w weggefallen, in letzterer ist umgekehrt der Kehllaut stehen ge- 
bUeben und das w ist verschwunden. In der nordischen Form musste 
noch das a der zweiten Silbe in u übergehen, worauf natürliöh in der 
ersten der Umlaut von a in ö eintrat. Nun weist aber Westergaard 
(Radic. ling. Sanscr.) dem gval auch die Bedeutung von „vacillare" 
nach den indischen Grammatikern zu (d. h. diese Bedeutung zeigt sich 
vin der Praxis nicht), wie denn die Benennungen des Feuers sehr ofl 
von Ausdrücken des Gehens entnommen sind, mit Anspielung auf die 
zuckenden Flämmchen. Also das Element, welches Wielands Wesen 
zu Grunde liegt, ist das Feuer und zwar speciell als Mittel der Schmiede- 
kunst aufgefasst. Dieses wird die ursprüngliche Ursache seiner ge- 
lähmten Füße sein, durch welche die zuckende Bewegung der Flamme 
sollte ausgedrückt werden ; man denke an den griechischen Hephsestos, 
den indischen Agni ^) und den römischen Volcanus ; der Name des 
Letztem enthält ohnehin die oben genannte Wurzel mit k weiter- 
gebildet ; (skr. ulkä fem. : Feuerbrand = valkä , da im Altindischen 



*) Ich spreche meinem Freunde Professor Franz Misteli in St. Gallen hiermit 
Öffentlich meinen Dank aus für die Bereitwilligkeit, mit welcher er meine Anfragen 
auf diesem Gebiete beantwortet hat. 

*) W. Grimm Heldensage 44, 45 ; ebendaselbst S. 43 das lateinische Walandus . 

*) Preller Griechische Mythol. I, 137. 

OBRUANIA. Ntut ßsibe M. (XIV.) Jahr«. 19 



290 KARL mp:ykr 

nichts häufiger ist als Zusammenziehung von va zu u). Die übrigen 
Namensformen, das angelsächsische Weland (Heldensage 13, 20, 29), 
der Velint oder Velent der Thidrekssaga, der Wieland der mittelhoch- 
deutschen Gedichte, sind nicht mehr rein und scheinen auf eine Wurzel 
hinzuweisen, die sich noch in dem ags. Substantiv vela, veola, viola 
(Schatz) erhalten hat *). 

Sehen wir nun zu, ob Wielands Verwandtschaft diese elementare 
Grundlage bestätigt oder nicht. Wielands Vater ist nach der Thidreks- 
saga der Riese Wate. MüUenhoff hat in einer sehr lehrreichen Abhand- 
lung *) zu beweisen gesucht, daß dieser Wate ein Wasserriese sei, in 
welchem die Anwohner der Nordsee den regelmäßigen Wechsel von 
Ebbe und Fluth personificierten. Für die deutschen Sagen, in welchen 
Wate auftritt, das angelsächsische Wandererlied, die Kudrunsage und 
die in der Thidrekssaga überlieferte Form der Wielandssage mag diese 
Erklärung genügen, und vom Standpunkte der germanischen Mythologie 
allein betrachtet mochte eine andere schwer aufzustellen sein. Die 
vergleichende Mythologie hat aber seit der Ausarbeitung jener Abhand- 
lung zu Anschauimgen gefiihrt, welche wenigstens fiir das älteste Wesen 
Wates andere Resultate ergeben haben, wie sie auch bereits Mann- 
hardt in einem Aufsatz über Wate dargelegt hat ^). Müllenhofi 
hatte von seinem Standpunkte aus Recht, wenn er Wieland den „an- 
geblichen" Sohn Wates nannte (Ztschr. VI, 67) ; wie sollte auch ersterer, 
dessen elementare Gnmdlage das Feuer ist, Sohn eines Wasserriesen 
sein? Gleichwohl verbietet die Alliteration, an der I^chtheit dieser Ge- 
nealogie zu zweifeln. Mannhardt hat nun in der schon angefiihrten 
Abhandlung nachgewiesen, daß Wate ursprtlnglich mit dem germani- 
schen Donnergott eng zusammenhängt, daß er ein Wesen ist, welches 
ursprünglich mit dem Donnerer eins war, allmälig aber sich von dem- 
selben ablöste und selbständig auftrat. In ihren ältesten Wohnsitzen 
kannten die Indogermanen das Meer nicht*); wenn uns daher die ger- 
manische oder eine andere verwandte Mythologie Meergottheiten nennt, 
für welche man ein sehr hohes Alter in Anspruch zu nehmen hat, so 
ist das irdische Meer an die Stelle des himmlischen Wolkensees ge- 
treten *). Wenn also Wates Mutter Wachilt in der That ein ebenso 
hohes Alter beanspruchen darf wie ihr Sohn, so mag auch sie ursprüng- 
lich eine Gewittergottheit sein. Das hindert nicht, daß MüUenhoff vom 



') Wackemagel Altdeutsches Wörterbuch, S. ST?». ») Ztschr. f. d. A. VI, 
62. ff. 3) ztschr. f. d. Mythol. H, 296 ff. *) Kuhn Herabkunft des Feuers S. 25. 
*) Kuhn a. a. O. 25. Mannhardt a. a. O. 303. 



DIE WIELANDSSAGE. 291 

Bpeciell germanischen Standpunkt aus mit Recht in Wachilt die alt- 
deutsche Meergöttin erkannt hat (Ztschr. VI, 66). Sobald einmal die 
niederdeutschen Stämme sich an den Ufern der Nordsee festgesetzt 
hatten, verstand es sich von selbst, daß sie die See mit göttlichen 
und halbgöttlichen Wesen bevölkerten; dann aber lag es gewiß sehr 
nahe, auf letztere diejenigen Eigenschaften zu übertragen, welche sich, 
wenn vielleicht auch schon verdunkelt, als Attribute älterer ähnlicher 
Gottheiten in ihrem Andenken erhalten hatten. Ist aber der Nachweis 
gelungen, daß sowohl Wate als auch seine Mutter ursprünglich mit 
Wolke und Gewitter im Zusammenhang standen, so wird man in die 
Echtheit seiner Verbindung mit Wieland um so weniger Zweifel setzen. 

Wielands Bruder Egil ist der beste Schütze. Er schießt gerade 
wie Toko bei Saxo Grammaticus und wie der Teil der schweizerischen 
Sagen den Apfel vom Kopfe seines Knaben. Der Schützenkunst mag, 
so sehr sie auch in der spätem Sage ethisch weiter gebildet ist, eine 
Naturerscheinung zu Grunde liegen^ und durch das Bild des Pfeiles 
werden die Blitze oder Sonnenstrahlen bezeichnet; auch Egil lässt sich 
mithin auf das Element des Feuers zurückfiihren ^) ; von seinem Sohne 
Orendei (Örvandil, Earendel) ist es ebenfalls ausgemacht, daß er als 
Wesen des strahlenden Lichtes aufzufassen ist *). Der Name des Groß- 
vaters hingegen, des Königs Vilcinus, darf zur Bestätigung nicht zugezogen 
werden, so sehr er auch an Vulcanus mahnt; seine ursprüngliche Form 
'Wilze' deutet an, daß wir es nur mit einer heroischen Persönification 
des Wilzenvolkes zu thun haben, die sich bei den Sachsen frühestens 
im neunten oder zehnten Jahrhundert gebildet hat, welche aber jeder 
epischen Ausbildung entbehrt^). 

Nachdem wir so das Element nachgewiesen haben, welches dem 
Wesen Wielands zu Grunde liegt, wird eine nähere Schilderung seiner 
Persönlichkeit erwünscht sein. Bekanntlich kennt die deutsche Mytho- 
logie fünf Classen übermenschlicher Wesen : Äsen, Wanen, Riesen, Elbe, 
Helden. Man pflegt Wieland gewöhnlich unter der Rubrik der deutschen 
Heldensage aufzuführen, und die Art, wie er in der Thidrekssaga dem 
Sagenkreise Dietrichs von Bern nahe gerückt ist, mag wohl zur Ent- 
schuldigung dienen; ursprünglich aber ist an ihm wenig oder nichts 
heldenhaftes wahrzunehmen. Zu welcher Classe von Wesen Wieland 
in Wirklichkeit gehört , ergibt sich unzweideutig aus der Edda ; die 
Völundarkvida nennt ihn (Str. 10) dlfa liödi (alforum gentilis), ja sogar 



*) Pfannenachmid, Gennania 10, 13. '') Zacher Das gothische Alphabet Vulfilas. 
S. 36. Mannhardt a. a. O. 321 ff. ») Müllenhoff, Ztschr. XII, 340. 341. 

19* 



292 KARL MEYER 

visi (Ufa (Str. 13, 30) (alforum princeps). J. Grimm sucht diese Benen- 
nungen möglichst abzuschwächen; älfa liödi soll Wieland als Lehrling 
der Zwerge heißen % dlfa tnsi soll ihn als einen bezeichnen, der sich 
wie Siegfried ein Zwergvolk unterworfen habe *). Letzteres widerlegt 
sich sehr leicht, insofern eine solche Unterwerfung nirgends berichtet 
wird. Daß hingegen Wieland Lehrling der Zwerge war, wird scheinbar 
allerdings durch die Thidrekssaga bestätigt. Allein ich glaube nicht, 
daß sein Aufenthalt bei Mimi und die Lehrzeit, welche er bei den 
beiden Zwergen im Berge Kallava zubringt, auf echter Sage beruhen. 
Beides beruht vielmehr auf dem schon angedeuteten Irrthum, daß der 
ursprünglich durch und durch elbische Wieland als Held aufgefasst 
wurde. Als solcher musste er allerdings die Schmiedekunst wie Sieg- 
fried erst erlernen ; als Alb war sie bei ihm selbstverständlich und ge- 
hörte mit zu seinem eigentlichen Wesen. Daß sonst an ihm Alles elbisch 
ist, die Schmiedekunst, der Zauberring, das Flughemd, und der Um- 
stand, daß er Baduhilden als Incubus im Trunk und Schlafe beiwohnt, 
hat schon Rieger gezeigt (Germ. 3, 176). Sonst scheint noch flir Wie- 
lands Heldennatur das Schwert zu sprechen, welches schon die Edda 
ihm beilegt (Vkv. Str. 16, 17, prosaischer Zwischenbericht vor Str. 16), 
welches auch die Thidrekssaga kennt. Daß Wieland als Meister in der 
Schmiedekunst Schwerter schmiedete, ist selbstverständlich; daß er aber 
selbst ein solches nöthig hatte und trug, ist überflüssig; c. 70 schlägt 
er allerdings den Truchseß König Nidungs mit demselben todt; wir wissen 
aber nicht, ob dieser Theil der Sage echt ist; er könnte im Gegen- 
theil nur ersonnen sein, damit Wielands Verbannung motiviert erschien 
(s. unten). Nach alledem scheint es sicher, daß dasjenige, was die Saga 
(c. 58 — 61) über Wielands Lehrjahre berichtet, erst einer spätem Zeit 
angehört, welche über dessen eigentliches Wesen schon nicht mehr im 
Klaren war, welche aber darauf ausgieng, das scheinbar unbegründete 
in der Erzählung zu begründen. Ohne Zweifel ist das Erlernen der 
Schmiedekunst bei Mimi der freilich entstellten Nibelungensage nach- 
gebildet, in welcher Siegfried ebenfalls als Lehrling jenes Schmiedes 
erscheint (Thidr. s. c. 164 ff.) ; daß Wieland bei Mimi mit Siegfried 
zusammentraf, war dann nur eine weitere Folge dieses Verhältnisses, 
und daß er von ihm misshandelt wurde, erklärt sich aus den rohkomi- 
schen Zügen, welche die spätere Sage letzterm angedichtet hatte. Eben- 
daher wird aber auch die Tödtung der beiden Zwerge stammen, zu 
welchen Wieland später in die Lehre kam. Sie entspricht, so verdun- 



•) Mythologie 413. ^) Ebend. 422. 



DIE WIELANDSSAGE. 293 

kelt und missverstanden die einzelnen Züge sind, der Erlegung Fafnis 
und Regins, oder wie die Thidrekssaga entstellend berichtet, Mimis und 
Regins, durch Sigurd. Inder echten Sage waren freilich beide Riesen*); 
doch gieng der schwächere Bruder, Regin, schon in Ssemunds Prosa 
in die Vorstellung eines Zwerges über. Es ist daher nicht auffallend, 
wenn hier beide zu Zwergen geworden sind; schon das Nibelungenlied 
hatte ja dieselben wenigstens zu Nibelungen gemacht (Str. 88 ff.). 

Wieland ist also ein Alb, und es wird gerathen sein, ehe wir von 
seinen Lehrjahren zu den Wanderjahren übergehen, diese seine elbische 
Natur näher ins Auge zu fassen. 

Die Elbe sind ursprünglich, und schwerlich nur auf germanischem 
Boden, die Geister der Verstorbenen *), stehen also in enger Beziehung 
zu dem Reich der Abgeschiedenen ®). Andererseits besitzen sie aber 
auch elementare Grundlagen und lassen sich demgemäß in verschiedene 
Classen, in Feuergeister, Luflgeister, Wassergeister sondern; in der 
Praxis mochten freilich diese Classen sich schon frühzeitig vermengen. 
Auf deutschem Boden dachte man sich das Todtenreich im Innern der 
Erde, in hohlen Bergen u. dgl.; dem entsprechend haust Völundr in 
Ulfdalir (Vkv. Str. 5, 6), welcher Name an die wulweslöcker, wulwekers- 
löcker erinnert, wie in Niedersachsen die Erdhöhlen heißen, in welchen 
ein fabelhafter an Wieland mahnender Schmied haust*). Diese in einem 
eigenen Reiche fortlebenden Wesen nun, mögen sie im Übrigen mensch- 
liche Körpergröße oder zwergische Kleinheit haben, werden aulken, 
ölken, ulken, öllerken,* üUerken, d. h. „die Alten" genannt und so auch 
durch ihren Namen als Vorväter der Menschen bezeichnet*). Ihr Ver- 
hältniss zu den Menschen kann ein freundliches oder ein feindseliges 
sein. Die erste Vorstellung wird die ältere sein und wird durch un- 
zählige Sagen aus den verschiedensten Gegenden bestätigt. Daneben 
weisen sie aber auch boshafte Züge auf, am ehesten freilich, wenn sie 
von den Menschen geneckt oder undankar behandelt werden. Je größere 
Fortschritte das Christenthum bei den Germanen machte, desto feind- 
seliger mussten ihnen die Gestalten ihres alten Glaubens erscheinen. 
Doch erklärt sich nicht Alles aus diesem Umstände, sondern die Doppel- 
seitigkeit des Verhältnisses der Elbe und Zwerge zu den Menschen 
entspricht zum Theil auch ihrer elementaren Grundlage, insofern die 
Elräfte der Natur das eine Mal sich den Menschen hilfreich erweisen? 
das andere Mal boshaft ihren Dienst versagen. 

*) Fafhismäl. Str. 29, 38. ') Kuhn Norddeutsche Sagen 469. Ztscfar. f. vgl 
Sprachf. IV, 101. «) Rieger, Germania 3, 172 ff. *) Kuhn a. a. O. 98. *) Kuhn 
ebend. 101. 



294 KARL MEYEK 

Diese Eigenschaften der Elbe nun finden sich auch bei Wieland 
in ihrer Doppelseitigkeit. Kuhn hat in der angeftihrten Abhandlung 
mehrere Sagen gesammelt, in welchen Wieland wenn auch zum Theil 
unter anderm Namen den Menschen hilfreich erscheint, ihre Pferde mit 
neuen Hufeisen beschlägt und ihnen sonst auf allerlei Weise mit seiner 
Kunst aushilft ^). Anders freilich stellt sich die Sache, wenn die Menschen 
ihn zu ihrem Dienste zwingen oder gar durch harte Behandlung ihn 
in ihrem Dienste festhalten wollen. Das Epos hat sich namentlich des 
letztern Zuges bemächtigt und ihn zu jener fortlaufenden Erzählung 
ausgebildet, wie sie in der Völundarkvida und der Thidrekssaga vorliegt. 

Der König, welcher Wieland zu seinem Dienste zwingt, heißt in 
angelsächsischer Sage Nidhäd (Rieger Alts, und Ags. LB. 82, 23), 
im Norden, wo das ehemalige Substantiv heit (ß<g8. häd) fehlt, NiSudr 
(Vkv.) oder Nidung (Thidr. s.), im Anhang des Heldenbuchs Hertwich 
oder Hertniht. Der wesentliche Bestandtheil aller dieser Namensformen 
ist das ahd. ntd, mhd. mty nhd. Neid, also eine abstracto Fersonification 
ies Neides, welche demjenigen zukommt, der die Gaben der Natur 
nicht als Geschenk annimmt, sondern sie habsüchtig zu rauben sucht. 
Wir haben es folglich nicht mit einer geschichtlichen Persönlichkeit zu 
thun, sondern mit einer persönlich aufgefassten allgemein menschlichen 
Eigenschaft. Die Art und Weise mm, wie Wieland zu Nidung kommt, 
wird auch wieder verschieden berichtet. In der Edda dringt der König 
zur Nachtzeit in Wielands Behausung ein und lässt denselben fesseln 
und (so erfordert wenigstens der weitere Verlauf der Sage) zu Hause 
lähmen (Vkv. Str. 6 ff). In der Thidrekssaga hingegen (c. 61, 62) höhlt 
sich Wieland selbst einen Baumstamm künstlich wie ein JBoot aus und 
gelangt in demselben freiwillig in des Königs Land; von diesem ver- 
bannt verlässt er dasselbe anfanglich, kehrt aber bald wieder, indem 
er sich heimlich am Hofe einschleicht ; gelähmt wird er erst jetzt zur 
Strafe für seine Rückkehr, nachdem der König ihn erkannt hat (c. 71, 72). 
Dieses Ankommen zu Schiffe ist aber ohne Zweifel ein Zug, der ur- 
sprünglich dem Mythus von Scild angehört, in die Wielandssage aber 
wie in die Siegfriedssage bloß eingeschwärzt ist *). Er mochte dadurch 
vermittelt werden , daß vielleicht schon vorher auf Wieland das Boot 
war übertragen worden, welches eigentlich seinem Vater Wate ange- 
hörte®). Was aber weiter folgt, leidet sehr an innerer Unwahrschein- 

*) a. a. O. S. 97. ») Rieger, Germania 3, 186. ») Müllenhoflf, Ztschr. VI, 66. 67. 
Bei Saxo und in der schweiaerischen Sage von Teil ist das Boot sogar auf den Meister- 
schützen, der urspranglich Wielands Bruder ist, übergegangen. Die Übereinstimmuiig 
der dänischen und der Schweizersage ist jedesfalls sehr auffallend. 



DIE WIELANDSSAGE. 29ö 

lichkeit. Wenn . König Nidung so erbost war über die Tödtung des 
Truehsessen, hätte ihm gewiß näher gelegen, Wieland sofort lähmen 
zu lassen. Statt dessen schickt er ihn bloß weg, und später lähmt er 
ihn für das verhältnissmäßig geringe Vergehen der Rückkehr. Der un- 
sichtbare Aufenthalt im Hause mahnt ohnehin sehr an den Zwergkönig 
Goldemar und dessen Leben auf dem Hardenstein an der Ruhr ^). Weit 
einfacher und in sich befriedigender ist die Darstellung der Edda : 
Nidudr beraubt Wieland seines Goldrings und lässt ihn selber fesseln; 
um vor der Rache des Gefesselten sicher zu sein und wohl auch, um 
ihm die Flucht unmöglich zu machen, lässt er ihm hierauf die Sehnen 
zerschneiden ; diese Züge passen vollkommen zum Namen und Charakter 
des Königs. Es wird hier nicht unpassend sein, auf den Ring zurück- 
zukommen, welchen Nidudr in Wielands Behausung raubt und seiner 
Tochter schenkt. Daß er nicht der Hervor gehörte und mit ihrer Ver- 
wandlung und Flacht nichts zu schaffen hatte, ist schon oben dargethan 
worden; ebendaselbst ist auch bewiesen worden, daß er Eigenthum 
Wielands war. Daß er von besonderm Werthe war, geht daraus her- 
vor, daß Nidudr nur diesen ^inen von siebenhundert nimmt und daß 
Bödvildr ihrem Vater es nicht zu gestehen wagte , als sie denselben 
zerbrochen hatte. - — Wir finden in deutschen Sagen mehrmals elbische 
Wesen im Besitz wunderkräftiger Ringe ; so hat z. B. Ortnit einen 
solchen; näher indessen dem hier zu besprechenden steht der aus der 
Nibelungensage bekannte Ring Andvaranaut ^), durch welchen der Zwerg 
Andvari seinen Goldhort immer wieder ersetzen konnte, dessen Raub 
aber acht Edelingen Verderben bringen sollte. Ohne Zweifel stand auch 
Wielands Ring in irgend einer Beziehung zu seiner Kunst und diente 
wohl ebenfalls zur Gewinnung oder Mehrung seines Goldes. 

Wie weit die einzelnen Arbeiten, welche Wieljind an König Ni- 
dungs Hof ausfiihrte und sein Wettstreit mit des Königs Schmied Amilias 
auf echter alter Sage beruhen, ist schwer zu sagen, da alles das sich 
nur in der verhältnissmäßig späten Thidrekssage findet. Ist die Art und 
Weise, in welcher Wieland nach der Edda in Gefangenschaft geräth, 
die richtige, so haben diese Züge freilich keinen Raum und müssen 
ausgeschieden werden. Als thatsächliche Äußerungen größter Kunst- 
fertigkeit mögen sie aber von Wieland schon in sehr alter Zeit erzählt 
worden sein, ohne gerade in den Rahmen der episch gestalteten Sage 
zu gehören, welche von Wieland und Nidung handelte. In Nebendingen 



*) J. Grimm Mythol. 477. ^) Sigurdkv. II, prosaischer Bericht nacli Str. Ö 
Die Eigenschaft des Ringes bei SnoiTi, Sk. 39. 



296 KARL MEYER 

ist sogar das geringe Alter einzelner Zttge nachweisbar; was z. B, 
cap. 67 der Saga von Wieland erzählt wird, daß er aus Vogelkoth 
die besten Schwertklingen verfertigte, thaten nämlich auch die be- 
rühmten Schwertfeger zu Bagdad'). Dieser Zug der Wielandssage wird 
mithin schwerlich älter sein als die Zeit der Kreuzzüge. Im Ganzen 
müssen wir zweierlei Kunstwerke unterscheiden. Wenn Wieland Schwerter 
oder, wie man auch ohne ausdrückliche Zeugnisse wird annehmen dürfen^ 
andere Waffen schmiedet, so sind das Züge, welche möglicherweise dem 
höchsten Alterthum angehören ; auch das Schmieden der Hufeisen •) 
wird hierher gehören und mag , da von Hephsestos genau dasselbe be- 
richtet wird^), sogar einer Zeit angehören, in welcher die indogerma- 
nischen Stämme sich noch nicht getrennt hatten. Jünger aber sind die 
plastischen Kunstwerke, welche Wieland nach der Thidrekssaga zu 
Stande bringt, also namentlich das Bild Regins (c. 66), welches so täu- 
schend verfertigt war, daß Nidung dasselbe fär den wirklichen Regin 
hielt und es anredete. Wir wissen, daß die Germanen verhältnissmäßig 
spät sich der plastischen Nachbildung der menschlichen Gestalt zu- 
wandten, und daß das erste wirklich bezeugte Götterbild der Gothen 
erst in die zweite Hälfte des vierten Jahrhunderts fallt*). Bekanntlich 
waren die Gothen derjenige Stamm, welcher am frühesten sich fremde 
Cultur aneignete. Da aber römische Vorbilder den Germanen höchst 
wahrscheinlich den Anstoß zu dieser Kunst gaben, und da andererseits 
die Wielandssage in der uns überlieferten Gestalt in sächsischem Boden 
zu wurzeln scheint, so mögen diese Züge der Sage noch um ein be- 
deutendes jünger sein als jenes erste Beispiel bei den Gothen. 

Gemeinschaftlich ist nun beiden Überlieferungen die Art, in welcher 
Wieland sich fiir den Verlust seiner Freiheit und die Lähmung seiner 
Füße rächt. Einmal die Ermordung von Nidimgs Söhnen und die künst- 
lerische Verarbeitung ihrer Glieder. Daß die Hirnschale eines Feindes 
zum Trinkbecher gestaltet wurde, ist fiir die Germanen auch sonst 
überliefert*^). Der zweite Zug ist die Schwächung der Königstochter, 
und dieser Zug ist wiederum echt elbisch ®). Der Name der Prinzessin 
lautet bei den Angelsachsen Beadoihilde; sie muß mithin in hochdeut- 
scher Sprache, obschon das nirgends ausdrücklich bezeugt ist, Baduhilt 
geheißen haben; die altnordische Form Bödvildr gehört ebenfalls hier-» 



*) Ferd. Wolf in Haupts und Hoffmanns Altdeutschen Blättern I, 46. *) W. Grimm 
Heldensage 333, 334. ») Kuhn, Ztschr. für vgL Spr. IV, 96. 97. *) J. Grimm Myth. 96. 
Vgl. damit Wackeraagel in Haupts Ztschr. IX, S. 643.N ^) Paulus Diac. 1, 27; 2, 28. 
^) Rieger, Germania 3, 176. 



DIE WIELANDSSAGE. 297 

her *). Dieser zwiefach bezeugten Namensform gegenttber erweist sich 
der Name Heren , den eine Handschrift der Thidrekssaga enthält ^\ 
als unecht. 

Sodarm Wielands Bruder Egil. Die Saga legt ihm den Apfelschuß 
bei. Auf die Frage des Königs, wozu die übrigen Pfeile dienten, gibt 
der Schütze die aus der Tellssage bekannte Antwort, wird aber daftlr 
nicht bestraft. Das ist ohne Zweifel unrichtig, wie sich aus der Über- 
einstimmung Saxos mit der Tellssage ergibt. Wenn aber der Verfasser 
der Saga die Sage vom Apfelschuß durchaus hier anbringen und an 
Nidung knüpfen wollte, musste er ihr allerdings diese Wendung geben. 
Und wo andererseits wie bei Saxo und in Uri die Sage vom Apfelschuß 
erzählt wird, wird der Schmiedekunst nicht gedacht. Es leidet über- 
haupt dieses ganze Stück an innerer Unwahrscheinlichkeit; König Ni- 
dung wird es schwerlich zugegeben haben, daß Egil frei bei seinem 
gefangenen Bruder ab- und zugieng. Damit föllt freilich auch die Art 
und Weise weg, wie Wieland nach der Saga sein Federgewand zu 
Stande brachte, und da die Edda über diesen Punct sehr rasch hinweg- 
geht, so fehlt es an Zeugnissen dafür. Aber das Fliegen ist ja über- 
haupt eine göttliche oder elbische Kunst; sie kann in Wielands Wesen 
ursprünglich begründet gewesen sein; die spätere Zeit aber, welcher 
das Verständniss hieftlr schon längst entschwunden war, musste ihn 
seine Flügel erst verfertigen lassen. 

Der Sohn Wielands und der Baduhilt ist Wittig ^). Daß derselbe 
mit dem von Jomandes (cap. 34) genannten gothischen Helden Vidigoja 
ursprünglich schon eins gewesen sei^ ist nicht möglich. Jener war wahr- 
scheinlich ein Westgothe und wurde schon frühzeitig mit dem sagen- 
berühmten Gothenkönig Ermenrich verbunden*). Berühmt war er ge- 
worden durch seine Kämpfe gegen die Sarmaten und durch seinen Unter- 
gang in denselben. Als nun die Alamannen *) und durch diese die 
übrigen deutschen Stämme die Ermenrichssage erbten, lag es sehr nahe, 
den gothischen Vidigoja mit jenem Sohne Wielands zu verbinden und 
deren Sagen zu verschmelzen, wenn schon des Letztem Name (ahd. 
Witigo, Ztschr. XII, 257) kein Compositum, sondern bloß abgeleitet war ; 
das Compositum Vidigoja konnte leicht ebenfalls seine ursprüngliche 
Form verlieren und den Charakter einer bloßen Ableitung annehmen. 
Daß aber die Verschmelzung beider eine sehr alte sein muß, ergibt 



^) J. Grimm in W. Grimms Heldensage S. 246, Anm. ^) Raßmann Deutsche 
Heldensage H, 246. 3) Das älteste Zeugniss im ags. Valdere, Ztschr. XH, 269, Z. 7. 8. 
*) MüUenhoff, Ztschr. XH, 255. 256, *) Vgl. meine Dietrichssage, S. 17. 28. 29. 



298 KARL MEYKR 

sich aus dem angelsächsischen Valdere, in welchem in Übereinstimmung 
mit der Thidrekssaga dem Vidia Riesenkämpfe im slavischen Nordosten 
zugeschrieben werden, deren Grundlage nur die Thaten des geschicht- 
lichen Vidigöja sein können ^) ; die Slaven der Saga sind dann an die 
Stelle der Sarmaten des Jemandes oder der Hunnen der angelsächsi- 
schen Sage (Ztschr. XII, 256) getreten. In den mittelhochdeutschen Ge- 
dichten hat das Verhältniss Wittigs zu Dietrich von Bern *) dessen 
eigentliche Sage verdunkelt; an seinen göttlichen Ursprung mahnt in- 
dessen doch noch die bekannte Stelle der Rabenschlacht (Str. 969); 
nur ist zu berücksichtigen, daß durch die Verbindung mit Dietrich ein 
anderes Meer an die Stelle desjenigen getreten ist, welchem Wachilt 
eigentlich angehörte. 

Es könnte nun die Frage aufgeworfen werden, welchem der ger- 
manischen Stämme die Wielandssage angehört. Die Überlieferung der 
Thidrekssage beruht zunächst auf sächsischen Liedern; ja es ist sogar 
wahrscheinlich, daß die deutsche Heldensage, wie sie in den Liedern 
der Edda vorliegt, ebenfalls durch die Sachsen dem Norden ist mit- 
getheilt worden. Endlich ist nicht außer Acht zu lassen, daß die localed 
Erinnerungen an den kunstreichen Schmied ^) auf sächsischem Boden 
am häufigsten sind, und daß auch die angelsächsischen Locale^) in- 
direct wenigstens dem sächsischen Stamme angehören. Aber anderer- 
seits weist der altfranzösische Galans der kerlingischen Heldengedichte 
deutlich genug auf die Franken. Nach alledem wird es in diesem Falle 
überhaupt unpassend sein, die Sage einem einzelnen Stamme ausschließ- 
lich anzueignen, und es führen im Gegentheil die vielen Züge, welche 
die Wielandssage mit Sagen und Mythen anderer indogermanischer 
Völker gemeinschaftlich hat, zu der Ansicht, daß wir es hier mit einer 
Sage zu thun haben, welche Gemeingut aller germanischen Stämme ist. 
Hingegen ist es begreiflich , daß die verschiedenen Stämme die Sage 
auf ihrem Gebiete zu localisieren suchten. Nach der Thidrekssage sind 
Wates Höfe in Sialand (der dänischen Insel Seeland) gelegen, und König 
Nidung herrscht in Jütland. Man hat auch vermuthet*), das dänische 
Seeland sei an die Stelle des friesischen an den Rheinmündungen ge- 
treten, und ebenso sei der Groenasund (c. 58), durch welchen Wate 
seinen Sohn auf den Schultern trug, ursprünglich im holländischen 
Groningen zu suchen. In der Edda erscheint der Schauplatz der Er- 



») MüUenhoff, Ztschr. XII, 279. ^) Dietrichssage S. 38. 39. *) Kuhns Ztschr. 
IV, 97 fr. ') W. Grimm Heldensage 333. 384 Möllenhoflf, Ztschr. XII, 268. 269. 
^) MüUenhoff, Ztschr. VI, 63. 



DIE WIELANDSSAGE. 299 

Zählung wesentlich nach Norden verschoben. Nidudr heißt König in 
Schweden (Svithjöd) und zwar der Niare, deren Heimat gewöhnlich 
im heutigen Nerike gesucht wird *). Dagegen Wieland und seine Brüder 
werden in der Einleitung Söhne des Finnenkönigs genannt; da er jedoch 
im Liede selbst Fürst der Elbe heißt, so müssen die Finnen an die Stelle 
der Elbe ge^treten sein, was sich leicht daraus erklärt, daß sie bei ihren 
germanischen Nachbarn im Rufe von Zauberkünstlern standen. 

Die Sage von Wieland findet in den Mythen und Sagen anderer 
indogermanischer Völker zahlreiche Analogieen. Am auffallendsten ist 
die Verwandtschaft mit dem griechischen Dsedalus^ welche A. Kuhn in 
einem besondem Aufsatze besprochen hat^); doch macht Wackemagel 
(Ztschr. IX, 541) mit Recht darauf aufmerksam, daß Wieland Vulcan 
und Dsedalus der Germanen zugleich ist. Nämlich in der epischen Ent- 
wicklung seiner Saffe, in der Gefangenschaft, in der Flucht auf künst- 
lich verfertigten Flügeln entspricht Wieland allerdings dem Dsedalus; 
aber hinsichtlich des ihm zu Grunde liegenden Elementes steht ihm 
doch der griechische Hephsestos und der lateinische Vulcanus (oben S. 289) 
näher; Letzteres zeigt sich namentlich auch darin, daß Hephsestos aus 
Metall, also wesentlich mit Hilfe des Feuers, arbeitet, während Dsedalus 
der Meister der Holzbildnerei und der Architectur ist^). Immerhin kann 
Dsedalus aus Hephsestos hervorgegangen sein zu einer Zeit, da dessen 
elementare Grundlage schon vergessen war und nur noch seine künst- 
lerische Thätigkeit in Ansehen stand. Wieland also repräsentiert gleich- 
sam beide; er ist der beste Schmied und hat sich als solcher noch bis 
in späte Jahrhunderte erhalten. Wenn in den Gedichten des Mittelalters 
irgend eine Metallarbeit besonders hervorgehoben wird, so ist sie gewiß 
in Wielands Schmiede verfertigt, gerade wie die Griechen ein derartiges 
Prachtstück iJgjatöTor^vxrot/ nannten*). Schon in der Edda (Hamdismäl 
Str. 7) ist sein Name zum Appellativum geworden, das den künstleri- 
schen Arbeiter überhaupt bezeichnet, und es werden die Stickereien 
an Gudruns Lager ein Gewebe der Völunde genannt. Auch bei den 
Angelsachsen fehlt es nicht an Zeugnissen; einmal im Beovulf, V. 455; 
Beovulf nennt sein eigenes Kampfkleid (beaduscrud) V^landes geveorc, 
und im Valdere nennt Hildgund den Mimming ebenso (Ztschr. XII, 
265). Auf deutschem Boden fährt Wittig, seinen Vater zu ehren, 
Hammer und Zange im Wappenschild *) , und dann kennen ihn auch 
die mittelhochdeutschen Gedichte als berühmten Waffenschmied (Biter- 



*) Uhland Schriften VII, 286. ») Ztschr. f. vgl. Sprachforschung IV, 81-124. 
3) Preller Griöch. Myth. I, 144. -•) Ebend. 144. «) W. Grimm Heldensage 266. 



300 REINHOLD KÖHLER 

olf 157. 178). Jene beiden Abzeichen, der Hammer und die Zange, 
sind nebst dem Bilde der Schlange, welche Wittig als Helmzierde und 
als Zeichen seiner zornigen Tapferkeit trug, in die Siegel alter Schmiede- 
zünjfte übergegangen *) ; Wielands Andenken aber erhielt sich nament- 
lich unter den Schmieden, deren Werkstätten daher ^Wielands Häuser 
hießen *). In Würzburg z. B. hieß noch im vorigen Jahrhundert ein Haus 
„zum großen Schmied Wieland", und Wieland sieht ganz wie ein Schutz- 
patron seiner Zunftgenossen aus ®). Doch dürfte es gewagt sein, alle Loca- 
litäten, welche seinen Namen tragen, unmittelbar auf den mythischen Wie- 
land zurückzuftihren ; denn es hat zu allen Zeiten gewöhnliche Sterb- 
liche gegeben, und gibt noch jetzt solche, die den Namen Wieland fiihren. 
BASEL. KARL MEYER. 



ZUR LEGENDE VOM H. ALBANUS. 



Nachdem Greith im Spicilegium Vaticanum S. 159 f. einen Auszug 
einer lateinischen Legende von einem h. Albinus, wie bei ihm irrig 
statt Albanus steht, aus einer vaticanischen Handschrift gegeben und 
Wackemagel in seiner Litteraturgeschichte S. 163, Anm. 58, darauf 
hingewiesen hatte, daß die von Lachmann in den Abhandlungen der 
Berliner Akademie 1836 herausgegebenen zwei Bruchstücke eines nie- 
derrheinischen Gredichtes des 12. Jahrhunderts dieselbe Legende behan- 
deln, hat Moriz Haupt in den Monatsberichten der Berliner Akademie 
1860, S. 241 ff. die ganze Legende nach der vaticanischen Handschrift 
herausgegeben. Diese Veröffentlichung Haupts war mir unbekannt^ als 
ich vor einigen Jahren ein besonderes Interesse fiir die Legende fasste, 
die ich nur aus Greiths Auszug und der unten erwähnten Verdeut- 
schung des Albrecht von Eyb kannte. In Potthasts Bibliotheca histo- 
rica medii sevi, Berlin 1862, S. 588 fand ich folgende Angabe : 

'Vita S. Albani auctore Transamundo (?): 

„Erat olim in partibus aquilonis homo." 



W. Grimm , Ztschr. II , 72 ff. Wackemagel , Ztschr. IX , 641 , Anm. 60. 
*) Juxta domum Welmidi fabri. c. a. 1262 in Längs Reg. 3, 181. *) Welandus ab ali- 
quibus sanctus dictiis . . . Acta sanctonim. Mart. tom. I, 364. — Die Localitäten zu- 
sammengestellt bei Eaßmann, Held^sage II, 267. 



ZUR LEGENDE VOM H. ALBANUS. 301 

Dieser Heilige ist eine Art christlicher Oedipus. Die Legende ist 
sehr schön. 

Handschriften: Posen, Graf Dzialinski, chart s. XV. 4. Fol. 2. 
Paris, Arsenal. Hist. No. 99. s. XIH. (als Brief 176).' 

Eine weitere Handschrift ist erwähnt in der Bibliothfeque de FEcole 
des Chartes 6*'™* Sörie, 1866, T. H. p. 204, 205 und 207, im Besitze 
Lord Ashbumhams. 

Ich wendete mich nach Rom , Paris und Posen. Die Posener 
Handschrift war damals unzugänglich , aber von der vaticaniöchen 
und der Pariser erhielt ich Abschriften , und zwar bin ich flir die 
der ersteren Herrn Dr. Richard Schöne, damals in Rom verwei- 
lend, für die der letzteren Herrn Anatole de Montaiglon, Professor an 
der Ecole des Chartes zu Paris, und meinem Freund Emile Dölerot, da- 
mals an der Arsenalbibliothek, zu Danke verpflichtet. Als ich eben 
damit beschäftigt war, hiernach die Legende herauszugeben, wurde 
mir noch zur rechten Zeit bekannt, daß mir Haupt, wie erwähnt, be- 
reits zuvorgekommen. Eine wiederholte Ausgabe der Legende wäre 
zunächst überflüssig gewesen, wohl aber scheint es nicht unangemessen, 
einige Berichtigungen zu Haupts Texte nach den mir vorliegenden Ab- 
schriften hier mitzutheilen. 

Die Handschrift des Arsenals enthält auf den ersten 46 Blättern 
die Histöria orientalis des Jacobus a Vitriaco. Dann folgt eine Art 
Stilistik und Formelbuch des Transmundus (Bl. 49 — 57), hierauf: 
Incipiunt epistoh frairis Transmundi sdcrosancte Romane ecclesie protcmo- 
imrii. Am Schluss der Briefe steht: ExpUcit summa ßratris Transmundi 
ahbatis*) Clarevallis deo gratiaSy und weiter unten: hec summa est scripta 
manu Jacobi sit benedicta. Ein den 220 Briefen vorausgehendes Ver- 
zeichniss ist überschrieben: Incipiunt capitula epistolarum Transmundi 
Sacrosancte Romane ecclesie prothonotarii et ahbatis monasf^i Clarevallis, 
Unter diesen Briefen befindet sich als der 176. (Fol. 107—111) unsere 
Legende. 

CLXXVI. Nativitas , vita et ohitus beati Älbani, qui natus fuit ex 
patre et ßlia, postea accefpit mainrem in uxorem, postque occidit patrem et 
rruitrem et derrmm sanctißcatus est. 

Erat olim in partibus aquihnis homo quidem potens u. s. w. 

Dem Text der Handschrift der Arsenalbibliothek liegt eine von dem 
der vaticanischen Handschrift vielfach stilistisch abweichende Recension 
zu Grunde, die aber durch den Schreiber oft arg entstellt ist. Wo 



*) Eine jüngere Hand hat abhatis ausgestrichen und monüchi darüber ge- 
schrieben. 



302 REINHOLD KÖHLER 

beide Recensionen übereinstimmen, ist der Pariser Text zuweilen besser 
und bestätigt Haupts Verbesserungen, öfters haben aber auch beide 
Texte dieselben Fehler, und nicht selten ist der Pariser schlechter als 
der römische. 

Die Abschrift der vaticanischen Handschrift von Herrn Dr. Schöne 
weicht an mehreren Stellen von der des Dr. Detlefsen, welcher fSir Haupt 
die Handschrift abgeschrieben, ab, und der Schöne'sche Text ist der 
correetere. Ich kann natürlich in den meisten Fällen nicht wissen, 
welcher von beiden Herren richtiger gelesen hat; entschieden fehlen 
aber in der Detlefsen'schen Abschrift an fiinf Stellen (243, 8; 247, 25; 
250, 24; 251, 20; 254, 26) je ein Wort und an zwei andern (252, 3; 
253, 14) gar mehrere, die in der Schöne'schen Abschrift vorhanden sind. 

Ich lasse nun nicht die ganze varietas lectionum, sondern nur 
eine Auswahl folgen, und zwar neben einigen sonst interessanten nur 
solche, wodurch der Haupt'sche Text gebessert wird. A bezeichne die 
Handschrift des Arsenals, V die vaticanische. 

243, 1 potens et nobilis VA. 3 ex ahundantia VA. 8 steriUtate 
heatior concepit VA. — 244, 1 iniedt A. 17 noue prolia VA. ~ 245, 3 
in regine thalamis A. 4 simulato Albanus paruulo nomen appellationis 
imponitur factusque est A. 5 semine proc/reatus VA. 25 quod nulli melius 
filiam traderet A. 30 postulanti matrimonii iura conirahere A. In V fehlt 
matrimonii. — 246, 3. sponsalia contrahunt VA. [Das doppelte occurant 
ist Versehen Detlefsens.] 6 fatorum A. 9 totum se sibi uindicabat affec- 
tus A. 11 mortis ßlium V. mortis occamtm Jüium A. 13 lectulo VA. 16 
quia non est A. 29 preuenit VA. — 247, 7 exhibuissem VA. 9 debitum] 
meritum A. sui] cui VA. pi^aebet] praestat A. 18 pallium et suum illud 
A. 21 de sua adaptione VA. 25 anxia curiosiiis perquirit V. anxia cu- 
riositate p, A. 32 cumque se pauluhm pra£ A. — 248, 11 merito] de 
maritorum mentibus A. 19 tam diu VA. 20 miremur A. 28 iuxta uerbum 
regis testatur inu£ntum A. 33 exanimata doloribus a se ipsa redditur 
aliena. miratur iuuenis immoderati doloris angustia^ et TruUeme prolacionis 
ignarus A. — 249, 3 uerecundus VA. 22 conspectu A. 23 respiroYA. — 

250, 12 swpemis beneficiis VA. 21 attius VA. 22 in immensum V; ebenso 

251, 14; 252, 5. 24 obnoxium esse faieberis VA. 26 qui post tarUt fla- 
gicii ahhominabiles ustts A. 31 elogium V. eulogium A. — 251, 20 san- 
ctissimvs heremita cuius VA. 23 egressi V. 25 causam aperüy non requi- 
rit et totius VA. 32 pannis induti laneis A. — 252, 3 conueniunJb de quo 
ad heremitam a^ccedere consueuerunt V, perueniunt qw ad h. a. c. 
A. 4 exsoluerunt V. expleuerunt A. 17 instructo conuiuio VA. 26 con- 
densitas imientis noctis A. 27 iuuenis annis animoque A. 28 sua arri- 



ZUR LEGENDE VOM H. ALB ANUS. 303 

ditate decoctis A. 33 m eorum thalamo A. — 253, 2 et iudiciorum 
ttuyrum profmiditate compressa ad quid nobis contingerint non ohstendunt 
A. 10 et zelo diuine uUionü A. 13 ululatibus VA. 14 et irmento cale tra- 
mitis instituiis ad hcum uiri dei tristis et contristatus aacendit, rnox ille 
incursus uenüntis egreditur et heu V. et irmerdo caUe tramitis iustioris ad 
L u, d. t atque constemattis a, m. iUe in occurmim uenientis u. s. w. 
A. 17 miseranda VA. 20 uenit VA. 24 eia inquit A. 30 auulsoque A. — 
254, 4 anathoreutica anathoritate A. 23 emundatur VA. 26 undique ergo 
curritur VA. 30 sanitatis A. 

Hieran mögen sich einige Nachweise von Bearbeitungen und Ueber- 
setzungen unserer Legende reihen. 

J. Kelle hat neuerdings im Serapeum 1868, S. 99 die Anfangs- 
worte — in unserem Fall mehrere Sätze — von Erzählungen aus der 
Fürstenbergischen Handschrift der lateinischen Gesta Romanorum, welche 
in den gedruckten lateinischen Gestis fehlen^ mitgetheilt. Darunter ist die 
11. Erzählung unsere Legende, aber wenn nicht durchweg, jedenfalls 
in den ersten Sätzen sehr abgekürzt. 

Verdeutscht hat die Legende Albrecht von Eyb, und zwar findet 
sie sich am Schlüsse seines 1472 geschriebenen mehrfach gedruckten 
Buches „Ob einem manne sei zu nemen ein elich Weibe oder nit." 
(Fol. 108 b — 115 der von Friz Creußner zu Nürnberg 1472 gedruck- 
ten Ausgabe.) Albrecht von Eyb bezeichnet die Legende als eine 
„hübsche Histori", die er „aus Latein zu Deuzsche gebracht** habe, 
und aus der „verstanden werden soll, daß kein Sünder in seinen Sün- 
den, wie groß die sein, verzagen und verzweifeln solle.** Er hat sein 
Original zum Theil ziemlich treu tibersetzt, zum Theil aber auch freier 
behandelt, namentlich hier und da verkürzend und zusammendrängend. ') 

Von einer französischen Übersetzung werden zwei Drucke an- 
gefahrt. Einen undatierten Pariser Druck „La Vie de Monsieur Sainct 
Albain Roy de Hongrie et Martyr, translatee du Latin" , verzeichnet 
Antoine Du Verdier in seiner Biblioth^que , Lyon 1585, p. 103, und 
einen Lyoner von 1483 „Cest la Vie de Monseigneur Saint-Albain 
Roy de Hongrie, translate nagueres de latin en francoys" Ch. Brunet 
Manuel du Libraire V, 1188 und G. Brunet La France litt^raire au 
XV. sieclfi, Paris 1865, p. 210«). 



*) Auf Albrecht bin ich durch eine Bemerkung v. d.. Hagdns in seiner Germa- 
nia IX, 247 geführt worden. Er sagt nämlich, eine mit der OedipuB-Legende vom 
h. Gregor sehr nahe verwandte Erzählung vom h. Albanus beschließe das Ehebüchlein. 

^) [Verloren ist die provenzalische Bearbeitung, die Raimon Ferraut (vor 1300) 
rerfasste : cell que volc romanzar la vida Sant Alhan Lex. Rom. 1, 573. K. B.] 



304 REINHOLD KÖHLER, ZUR LEGENDE VOM H. ALBANUS. 

Auch eine alte spanische Übersetzung wird es wohl gegeben ha- 
ben, doch weiß ich keine alten Drucke nachzuweisen. Aber eine Vul- 
gär-Romanze in zwei Abtheilungen, welche Duran im Romancero general 
No. 1302 und 1303 mittheilt, behandelt das Leben des San Albano, 
jedoch mit einigen Abweichungen von der lateinischen Legende. In 
der Romanze heißt der Vater des Albanus Hisano und ist einer der 
acht Fürsten des Königreichs Ungarn. Er zwingt eines Nachts durch 
Todesdrohungen seine schöne Tochter, ihm zu Willen zu sein. Das 
ausgesetzte Kind findet der König Albano von Ungarn und zieht es 
als seinen Sohn auf. Als der junge Albano 20 Jahre alt ist, lässt der 
Vater von den ihm untergebenen 8 Fürsten die Bildnisse ihrer Töchter 
fordern und legt sie seinem Sohn vor, der sich in das Bild der Tochter 
Hisanos — also seiner Mutter — verliebt und sich mit ihr vermählt. 
Als später die Königin das wahre Verhältniss entdeckt hat, begeben 
sich Albano und seine Eltern zum Papst nach Rom, der ihnen eine 
siebenjährige strenge Buße im Gebirge auflegt. Als sie am Schluß der 
sieben Jahre auf dem Wege nach ihren Reichen sind, um dort über die- 
selben Verfugungen zu treffen und dann ins Erlöster zu gehen, halten sie 
unterwegs einmal Siesta, die Eltern unter emer Eiche, der Sohn auf der- 
selben. Da verführt der Teufel die Eltern noch einmal und Albano 
erschlägt sie und begibt sich wieder nach Rom. Er wird wieder Ana- 
choret und stirbt als solcher nach sieben Jahren. — Duran sagt in einer 
Anmerkung : Xa leyenda que sirve de asunto & estos romances, escrita 
en prosa, es una de las que circulan aun entre el vulgo, y que venden 
los ciegos por las calles, no solo en las villas j aldeas, sino tambien 
en Madrid.' Mir liegt ein modernes spanisches Volksbuch vor: „Historia 
del bienaventurado San Albano, y raros sucesos de sus padres. Madrid. 
Se hallarä de venta en la Plaza de Riego (antes de la Cebada) nr. 96, 
cto. principal. 1855." (2 Bogen in 4®). Es ist eine prosaische Bear- 
beitung der Romanze, wobei nicht wenige Verse unverändert beibe- 
halten sind. 

Schließlich noch die Bemerkung, daß die italienische, von Ales- 
sandro D'Ancona herausgegebene Prosalegende vom h. Albanus (La 
leggenda di Sant' Albano, prosa inedita del secolo XIV, e la storia di 
San Giovanni Boccadoro, secondo due antiche lezioni in ottava rima, 
per cura di Alessandro D'Ancona, Bologna 1865) mit unserer Legende 
nichts als den Namen Albanus gemein hat. Die italienische Legende 
erzählt von Sant' Albano das, was sonst gewöhnlich von Johannes Chry- 
sostomus erzählt wird. 

WEIMAR, November 1868. REINHOLD KÖHLER. 



305 



BEITRAGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 

VON 

LUDWIG ETTMÜLLER. 



1. Lokasenna. 

Das altnordiBche Gedicht CBgisdrekka, oder wie es aueh^ und 
zwar bezeichnender, genannt wird: Lokasenna, ist eines, wie es scheint, 
von denen, die gedichtet wurden, bevor im Altnordischen das anlau- 
tende V vor Uj üy 0, 6, y, p^ r und vielleicht auch l abgeworfen ward ; 
will man demselben aber kein so hohes Alter zugestehen, so muß man 
annehmen, daß es in einer Gegend entstanden sei, wo der Anlaut v 
vor den genannten Buchstaben sich länger erhielt als anderswo. Dies 
anlautende v ist bisher von den Bearbeitern der Edda zu gering ver- 
werthet worden, sie wagten nirgends es zu setzen, wo die Handschriften 
es unterdrückt hatten, obgleich es Stellen gibt, die der Verderbniss 
anheimfielen, nur weil man dies v später nicht mehr aussprach und 
' folglich auch nicht mehr schrielv. Dadurch kam nun auch der Satz in 
die altnordische Verslehre, daß mit v anlautende Wörter gereimt 
werden können auf Wörter, die durch Aphäresis des v vocalisch an- 
lauten, z. B. oräi : vinr] vidarr : ulfs (statt i)OTdi : vinr; vidarr : vulfs) ; 
ebenso können, lehrt man, Wörter mit anlautendem v gebunden werden 
mit Wörtern auf anlautendes r, wenn dies r ftir vr steht, z. B. vega : 
reiär (statt vega : vreiär). Es versteht sich von selbst, daß, da der 
Stabreim flir das Ohr bestimmt ist, der Lehrsatz, zumal in Bezug auf 
V \ r y sein sehr Bedenkliches , hat. Auf jeden Fall hätte er be- 
schränkt werden müssen; denn wenn man flir die Mehrzahl der Edda- 
lieder auch zugeben muß, daß einst mit v anlautende Wörter mit sol- 
chen gebunden werden, die Vocalanlaut haben, z. B. Odni und aJdr^ 
so gilt dies doch nicht fftr Wörter, in denen auf das v ein r folgte. 
Niemand wird im Ernst behaupten wollen, daß z. B. Odinn und reidvy 
vega \md rdg reimen. Die Herausgeber hätten daher überall, wo der 
Stabreim es verlangt, das getilgte v wieder zu Ehren ziehen sollen. 
Ich bemerke nur noch, daß das v firüher vor den Vocalen imd l wich 
als vor r, was dadurch erwiesen wird, daß in Gedichten, die v vor 
u, 0, y und l nicht mehr zeigen, wohl noch r d. h. vr mit v gebunden 
wird. So lese man denn: 

GERMANIA. Neue Beihe II. (XIV.) Jahrg. 20 



306 LUDWIG ETTMÜLLER 

Str. 2, 6 mangi^ er per t voräi vinr. 
Str. 9, 1—3 Mantu pat, Voäinn, 
er Vit % drdaga 
hlendum blddi saTnanf 
denn nicht drdaga hat den höchsten Ton, und damit würde Ödinn ge- 
bunden, sondern vit, denn es kam ja nicht darauf an, daß sie in der 
Urzeit ihr Blut gemischt hatten, sondern nur darauf, daß sie es ge- 
mischt hatten. In diesem Gedichte ist also überall Vddinn zu schreiben, 
nicht Odinn. 

Han lese Str. 10, 1 — 3 Ristu pä, Vidarr^ 

6k Idt vulfs fodur 
sitja sumhli at, 
Str. 15, 4 — 6 vega pu gakk, 

ef pu vreidr s^; 
hyggsk vcetr hvatr fyrir, 
Str. 18, 6 vilkat ek at it vreidir vegizk, 
Str. 22, 1—2 pegt pü, VMinn, 
pü kunnir ald/regi. 
Nicht Odinn und aldregi sind gebunden , sondern pegi und pü ; iman 
vgl. nur Str. 34, 38, 46, 48, woraus sich ergibt, daß immer das erste 
Wort der zweiten Halbzeile mit pegi gebunden ist, d. h. den Beim trägt. 
Allerdings gibt es in diesem Gedichte Strophen, in denen die zweite 
Halbzeile durch ein zweites Reimwort noch einmal mit der ersten Halb- 
zeile verbunden wird, z. B. Str. 17, 20, 26, 30, 32, 40, 56, 57, und 
zwar ist die zwiefache Verbindung augenscheinlich eine absichtliche 
und eine, wodurch gekreuzter Reim entsteht, z. B. Str. 30 und 56: 
pegi pü, Frej/ja, 
pik kann ek fullgerva — 
pegi pü, Beyla,^ 
pü ert Byggvis kvasn — 
oder in anderer Weise, Str. 57, 59,. 61 : 

pegi pü, rög vcettr^ 
pik skal minn prüdhamarr — 
Kein anderes Lied zeigt diese absichtlichen Doppelreime, und sie wider- 
streiten auch strenggenommen dem Gesetze, nach welchem die aifdere 
Halbzeile bekanntlich nicht zwei Beimstäbe haben darf. 

Aber jetzt zu den eigentlich verderbten Stellen im Liede. 
Str. 13 lös ok arrabauga mundu ce vera 
heggja vanr, Bragi! 
Asa ok Alfa, er hSr inni eru. 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 307 

pü ert vid t% varastr^ 
6k skiarrastr vid akoL 

Hier tritt uns eine Zerrüttung der Strophe durch einen Zusatz entgegen, 
eine Erscheinung, welcher wir in den Liedern der Edda^ wie sie uns 
in den Handschriften überliefert sind, sehr oft begegnen. Es ist bekannt- 
lich Eigenschaft eines in Strophen abgefassten Gedichtes, daß alle 
Strophen gleichgebaut sein müssen. Die mittelhochdeutschen Leiche, 
die verschieden gebaute Strophen enthalten, können dies Gesetz nicht 
aufheben. Betrachtet man nun diese Erscheinung in der Edda genauer, 
so gewahrt man bald, daß die Zusätze meist einen bereits ausgedrückten 
Gedanken wiederholen, allerdings mit andern Worten. Erwägt man nun, 
daß die Lieder der Edda Jahrhunderte hindurch nur mündlich fort- 
gepflanzt wurden, bevor man sie aufzeichnete; so begreift man, wie 
diese Zusätze entstehen imd zuletzt in die Handschriften eindringen 
konnten. Fast alle Isländer waren ja mit der Skaldenkunst mehr oder 
weniger vertraut, es war daher sehr natürlich, daß beim Vortrage der 
Lieder derselbe Gedanke einmal so, ein ander Mal anders ausgedrückt 
ward. Diese Ausdrucksarten bewahrte nun das Gedächtniss der Hörer, 
und so kamen sie endlich auch in die Handschriften. Aber ist man nun, 
da sie unleugbar das Ebenmaß der Strophen zerstören, sie unangetastet 
zu lassen verpflichtet? Bis jetzt haben alle Herausgeber es gethan, aber 
das kann Keinen, der die Lieder kritisch zu behandeln unternimmt, 
bestimmen, eben so zu verfahren. Freilich wird es oft unmöglich sein 
zu entscheiden, in welchen Ausdrücken der Gedanke von dem Ursprünge 
liehen Dichter herrühre; denn es ist ja gar wohl denkbar, daß, wer 
einen Gedanken zum zweiten Male ausdrückt, dies schöner thut als der, 
der ihn zum ersten Male aussprach. Da nun wahrscheinlich alle Lieder 
verschiedene Verfasser haben, so wird die Entscheidung dadurch wohl er- 
schwert, aber nicht erleichtert; denn wer wagte zu behaupten, die und die 
Ausdrucksweise ist dem Dichter nicht angemessen ? So bleibt also nichts 
übrig, als dem Schöneren vor dem minder Schönen den Vorzug zu 
geben, und das letztere unter den Text zu verweisen. Betrachte ich 
nun unsere Str. 13, so scheint mir der Gedanke in der letzten Zeile 
weit schöner ausgedrückt, als in der vorletzten. Ich schreibe demnach 
die Strophe also: 

lös ok armhaitga mundn ce vera 
heggja vanr, Brctgi! 
Asa ok Alfa er Mr inni eru, 
pü ert skiarrastr vid skot 

20* 



308 LUDWIG ETTMÜLLER 

Denn der Gedanke^ wenn er also gefasst wird, ist kräftiger, als wenn 
man ihn durch die Worte pH ert vtd mg varastr (du bist im Kampfe 
der vorsichtigste, hier = feigste) ausdrückt. Wenigstens würde der Dichter 
wohl pü ert varastr vtd vig gesagt haben. 
Str. 14, 6 bieten die Handschriften: 

• Uü ek per pat fyr lygi, 
welches in der großen Kopenhagener Ausgabe durch „parum ego istuc 
tibi mentirer" übersetzt wird. Wie das Imp. Conj. hier stehen könne, be- 
greife ich nicht; man erwartet das Präs. Indicat. Z%, was jedoch wider 
die Metrik sein würde. Munch schrieb in seiner Ausgabe Ut ek per pat 
fyr lygi. Das kann aber nur heißen : „ich betrachte dir das als Lüge" ; 
ein Satz, der hier so unpassend als nur möglich ist. Mit einer so gering- 
fugigen Änderung ist der Stelle nicht zu helfen; man lese: 

Ittattu per pat fyr lygi, 
d. h. betrachte du nicht dir das als Lüge. [Bugge lyki ek] 

Str. 19, 6 : ok kann fiörgvall fna. 
So geben die Handschriften diese Stelle. Eask änderte das sinnlose 
fiörgvall mfiörgavllj d. i. fiörgöU, nach der bekannten Schreibung av=ö. 
SoVeit ist Alles gut ; aber nim erklärte er fiörgöU durch „vitae noxa, 
i. e. mors", indem er göU dem gebräuchlichen galli, m. entsprechend an- 
nahm. Femer behauptete er, und zwar ohne irgend einen Beleg, g'6ll= 
giöll sei im Sing. Gen. feminin. , im Plur. Gen. neutr. Ich kenne 
nur ein göll = giöll, f. mit der Bedeutung sonitus, pugna, und weiß nichts 
davon, daß göll irgendwo fllr galli gebraucht wäre. Nun ward dem Zeit- 
worte fria eine Bedeutung untergeschoben, wie sie allenfalls zu passen 
schien, nämlich provocare, wozu noch ad'dicacitatem gedacht werden solle. 
Die Stelle ward also übersetzt: ^atque eum fati necessitas provocat seil, 
ad dicacitatem." Hier haben wir ein recht einleuchtendes Beispiel, daß 
die heilige Scheu vor dem überlieferten Buchstiaben auf der anderen 
Seite zu Gewaltthätigkeit und Unsinn führt. Denn was ist es anders, 
wenn man dem Verbum fna, das überall und immer nur amare be- 
deutet, die Bedeutung provocare unterschiebt? Bereits Sveinbiöm Egils- 
son hat die Stelle richtig hergestellt und erklärt, nämlich: okhannfiärg 
öll fia, d. h. und ihn hassen alle Götter. Fiörg pl. gen. neutr. mag einst 
eben so zur Bezeichnung der gesammten Götter gebraucht worden sein, 
wie die gleichfalls neutralen Tlnrale god^ höpt^ bönd und höpibönd später 
noch gebraucht werden. Lüning nimmt Anstoß an fiörg, Götter, weil 
Egilsson dasselbe nur schwach belegt habe durch firarghüs, delubrum, 
aedes deorum; aber er ftlhrt auch anfiargvefr, welches Wort dem oft 
vorkommenden gudvefr, bombyx, völlig gleichsteht. Noch kann man 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 309 

• 

dazunehmen nicht zwar das gothhche fairhvv^ ^ mundus, wie Egilsson 
will, denn h ist nicht gr, wohl aber /airgrwm, jugera montium, femer 
die Namen Fiörgvinr (was nicht fiörg-vinr, sondern ßörgv-inr ist) und 
Fiörgynja = lörd, Erde. Aus fremden Sprachen sind heranzuziehen das 
litauische Perkunas, das slavische Peraun imd vielleicht das griechische 
xegavvcog, nach dem Wechsel zwischen k und p. Es wird also gegen 
ßörg = Götter, nichts einzuwenden sein. 
Str. 23. Odinn sagt zu Loki: 

Atta vetr vartu fyr iörd nedan 

kfjr molkandi oh kona; 

ok hefir pü par borit; 

ok hugda ek pat args adaL 
Abgesehen von der letzten Zeile (und ich betrachtete das als das Wesen 
eines Feiglings), die am Schluß der folgenden Strophe ganz passend 
und mit Recht steht, hier aber nicht passt und sich nur hieher verirrt 
hat, hat die vorletzte Zeile keinen Stabreim, der jedesfalls sich auf 
barit beziehen müsste ; denn pü par sind imstatthaft, weil par in Thesi 
steht, folglich nicht den Hochton hat. Aber die vorletzte Zeile ist auch 
sehr prosaisch und im Ganzen nichtssagend. Streichen wir also die 
beiden letzten Zeilen, so erhält die Strophe ihr sonst gestörtes Ebenmaß 
und uns bleiben übrig: 

Atta vetr vartu fyr iörd nedan 

k^r molkandi ok kona. 
Das heißt: Acht Jahre lang warst du unter der Erde, eine Milchkuh 
imd ein Weib. Beides, Milchkuh und Weib, kann aber Loki zur selben 
Zeit nicht gewesen sein, auch fragt es sich sehr, ob molka = miolka, 
lac praebere, lactare, bedeuten kann ; es kommt, so viel ich weiß, immer 
nur in der Bedeutung mulgere vor. Die skandinavischen Herausgeber, 
ich muß es wiederholen, zwingen lieber den Wörtern Bedeutungen auf, 
die sie nicht haben, als daß sie einen Schreibfehler in der Handschrift 
anzunehmen sich entschließen könnten, und wenn ein solcher noch so 
deutlich auf der Hand läge. Hier ist dies nun der Fall, und man hat 
einfach zu lesen: 

Atta vetr vartu fyr iörd nedan 

kfjr miolkandi kona. 
Acht Winter hindurch warst du unter der Erde ein Kühe melkendes 
Weib, d. h. du warst eine Kuhmagd. 

Str. 32: pegi püy Freyja, pü ert fordceda, 
ok meini blandin miök; 
siztu at broßdr ptnum sidu blid regin, 
ok mundir pü jba, Freyja, frata. 



3l0 ' LUDWIG ETTMÜLLER 

• 
Lüning sagt zu dieser Strophe : „Aus den Worten , wie sie dastehen, 

ist schlechterdings nichts zu machen. Der Fehler steckt in siztu und 
mehr wohl noch in sidu, aus welchem Worte auch' die willkürlichste 
Deutung nichts herausbringt.** So schlimm ist nun die Sache nicht, 
obwohl er in Bezug auf siztu recht hat, denn Sveinbiöm hat nach ßasks 
Vorgange ein sid seid ddu sidinn, zaubern, nachgewiesen. Schon Rask 
hatte erkannt, daß man lesen müsse: inz pik at hrcßdr pinum sidu hUd 
regln, d. h. seit dich zu deinem Bruder hinzauberten die heiteren Götter. 
Allerdings wissen wir nichts weiter von diesem Spasse, den sich die 
lustigen Götter mit Freyja und Freyr gemacht haben sollen, wie hier 
angedeutet wird. Es war ein Ereigniss wie jenes, als Hephsest die Götter 
zmn Lager der Aphrodite fiihrte, imd sie bei ihr den Ares im Netze 
sahen. Aber wie? die Götter, die Feinde aller Zauberei, sollen solch 
ein Hexenstück sich erlaubt haben? IJnd wie könnte man, wenn sie 
es thaten, die Frejrja dann meini hlaniin nennen? Ich glaube daher, 
man hat zu lesen : inz pik at hrcedr pinum säu bUd regin, seit dich 
bei deinem Bruder sahen die heiteren Götter. Aus sdu konnte bei un- 
deutlicher Schrift leicht sidu werden. [Bugge stddu ftlr sipo] 
Str. 36: Hosttu nÄ, Niärdr, haf pü ä hdfi pik, 

munka ek pvi leyna lengr; 

vid systwr pinni gaztu sUkan mög, 

ok pera pd dmi verr. 
Nur die letzte Zeile ist verderbt, aber ich setze die Strophe ganz 
her, weil sie für die deutsche Mythologie von Wichtigkeit ist. Bevor 
ich jedoch auf das Mythologische eingehe, will ich das Verderbniss der 
letzten Zeile zu heben suchen. Das sinnlose pera hat zwar schon Egils- 
son ganz richtig als perra d. i. per-er-a gefasst, und daß önw ftlr vänu 
geschrieben ist, lehrt das Gesetz. Aber die Worte perra pd vänu verr 
können doch nur ausdrücken: „doch ist dir nicht nach Vermuthen 
(wie man vermuthet) schlimmer." Allein die Worte sltkan mög in der 
dritten Zeile verlangen eine nähere Bestimmung, imd die wird in der 
letzten Zeile enthalten gewesen sein. Wir erhalten sie, wenn wir statt 
des Adv. vetT den adject. Comparativ verri setzen, denn dann besagen 
die Worte: „und doch ist er (dein Sohn nämlich), wie man glaubt, 
nicht schlimmer als du," d. h. er ist eben so schlecht wie du. So, und 
nur so, bekommt die Strophe ihren tadellosen Sinn. Aber nun zum 
mythologischen Gehalte derselben, dessen wir uns jedoch nur dann 
bemächtigen werden, wenn wir uns zwei Fragen zu beantworten ver- 
mögen, nämlich 1. wie heißt diese Schwester Niörds, mit welcher er 
einen Sohn zeugte, und 2. wie heißt dieser Sohn? Die Beantwortung 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 311 

der zweiten Frage ist die leichtere ; beginnen wir daher mit derselben. 
Die skandinavische Mythologie kennt nur einen Sohn und nur eine 
Tochter des Niörd, den Frey und die Freyja. Daß jedoch nun eben 
dieser Frey der in unserer Strophe bescholtene Sohn des Niörd sei, 
geht unwiderlegbar aus der unmittelbar folgenden Strophe hervor, 
welche die dem Sohne Niörds gemachte Beschuldigung zurückweist 
und diesen Sohn Frey nennt. Sie lautet: 

Freyr er beztr allra ballrida 
Asa gördum t; 

mey kann ne grcetir nS manns konu, 
ok leysir or höptum hvem. 

Wir kennen also diesen Sohn Niörds, der erst bescholten und darauf 
gelobt wird. Aber die Mutter Freys heißt nach allen übrigen Quellen 
der skandinavischen Mythologie Skadi, die Tochter des Riesen Thiassi, 
und nirgends wird sie Niörds Schwester genannt. Wir würden hier 
vor einem unlösbaren Käthsel stehen , käme uns nicht wundersamer 
Weise, aber zum Glücke, Tacitus zu Hilfe. Tacitus kennt und nennt 
die mater deüm Nerthus. Nerthus (gothisch Nairthus m. u. f.) ist aber 
altnordisch sowohl Ntöräjr^ m. als auch Niörd, f. Wir haben also die- 
selbe Gottheit einmal männlich, einmal weiblich aufgefasst (vgl. Ju-piter 
und Juno, Lunus und Luna, Pales, m. u. f. und Andere), und gewiß 
nur passend werden der Gott Nerthus (Niördr) und die Göttin Nerthus 
(Niörd) als Geschwister und Gatten angenommen. Freyr und Freyja 
waren also nach einer älteren Ansicht die Bander der Geschwister 
Niördr und Niörd, und erst als bei den Germanen die Ehe zwischen 
Bruder imd Schwester frevelhaft erschien und deshalb imerlaubt war 
(bei den Hellenen blieb sie stets erlaubt), ward die Niörd durch die 
Skadi ersetzt, ja Skadi könnte ursprünglich vielleicht auch nur ein 
Beiname der Niörd sein, in welchem Falle die Verdrängimg des Haupt- 
namens noch leichter erfolgen konnte. Wie häufig das masc. Niördr 
in den altnordischen Schriften erscheint, so selten findet sich das fem. 
Niörd. Egilsson kennt nur 6me Stelle, welche das Wort bietet, näm- 
lich Skaldhelga rimur (14. Jahrh.) 6, 31 wo motra niörd , dea vela- 
minum, vorkommt. Wie unverständlich aber damals schon der Ausdruck 
war, das geht aus der dazugehörenden Variante mmja iörd hervor. 
Überhaupt wurden Niördr und Niörd durch ihre Kinder Freyr und 
Freyja mehr und mehr zurückgedrängt, indem die Verehrung der letz- 
teren sich stets verallgemeinerte; ein bei Gottheiten von gleicher We- 
^nheit und Geltung sehr begreiflicher Umstand. 



312 LUDWIG ETTMÜLLEK 

Str. 38 : pecfi pü^ Tyr, pü kunnir aldregi 
bera tiü med tveim. 
Dies tiU kommt nur hier vor und ist aus der altnordischen Sprache 
nicht zu erklären. Ltining war auf dem rechten Wege , indem er an 
das angelsächsische Adj. til, aequus, bonuS; praestans^ erinnerte. TiÜ 
ist hier adv. und bedeutet aeque; also beratiU msä tveim, seil, handum, 
mit beiden Händen gleichmäßig tragen. Das kaun T^ freilich nicht^ 
weil ihm der Wolf Fenrir die rechte Hand abgebissen hat. 
Str. 39: Handar em ek vanr en pü hrddrs vitnis; 
hol er heggja prd, 

ulfgi hefir ok vel, er t böndum skal 
Mda ragnarökrs. 
So alle Handschriften imd, so viel ich weiß, auch alle Ausgaben. Die 
dritte Zeile jedoch ist ohne Stabreim, da er tonlos ist, und ulfgi imd 
böndum nicht reimen. Hrddrs vitni, Kuhmes Zeugniss, soU hier »guter 
Leimiimd" bedeuten. Lüning war wiederum auf der Spur des nichtigen, 
als er die Frage hinsetzte, ob man vitnis nicht als den Gen. von viAmr 
nehmen und auf Fenrir beziehen könne? Nicht nur kann man das 
sondern man muß es; Hrodvitnir ist ja ein bekannter Beiname Fenris 
Das Verderbniss in Z. 3 hat Ltining jedoch nicht bemerkt. Die ganze 
Strophe hat zu lauten: 

Handcur em ek vanr en pü Hrodvitnis; 
böl er beggja prd; 
er % böndum skal Vida ragnarökrs^ 
vulfgi hefir ne veL 
Das heißt : Der Hand entbehr' ich, doch du Hrodhwitnis, 
bös' ist beider Mangel; 

der in Banden soll harren der Götterdämmrung, 
den Wolf nicht hast du noch List (Macht ihn zu befreien). 
Die herkömmliche Deutung der Worte ulfgi hefir ok vel, der Wolf hat 
es auch nicht gut, finde ich wenigstens imerträglich matt. Und kann 
denn gi ok auch nicht ausdrücken? Die Verderbniss entstund, weil 
man das v in vulfgi unterdrückte imd ulfgi schrieb. 

Auch in Str. 41 hat die Tilgung des anlautenden v Anlaß zu 
Verderbniss gegeben. Diese Strophe lautet jetzt in ihrer ersten Hälfte: 
Ulf se ek liggja ärdsi fyrir 
unz riufask regin. 
Ltining macht dazu die Bemerkung: „Vor der Flußmündung {ßrosi). 
Als die Äsen den Fenrir gefesselt hatten, steckten sie ihm ein Schwert 
in den Rachen, so daß der Geifer aus seiaem Munde rinnt und zu 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 313 

dem Flusse wird, den man Von (= Vän) nennet. Snor. Edd. p. 20." 
Fenrir liegt also nicht da gefesselt, wo die Vän mündet, sondern da 
wo sie entspringt. Ihr Quell (6s) ist ja sein Rachen, wie die Edda 
deutlich sagt. Aber wie matt und unbestimmt ist: „den Wolf sehe ich 
liegen an der Quelle des Flusses!" Man hat sicher zu lesen, wie die 
Snor. Edd. andeutet: 

Vulf si ek liggja Vdnar dsi fyrir 
unz riufaak regin. 
Str. 4§ : Ok pik t flets strd ßnna ne mäUu 
pd er vdgu verar. 
So die Ausgaben nach den Handschriften. Aber darin liegt keine Ver- 
höhnung, daß die Männer, die da kämpften, den Byggwi nicht im 
Stroh des Gebänkes fanden; man hat die Negation ne zu streichen, 
denn er verkroch sich im Stroh, während die Männer kämpften, wie 
Loki behauptet. 

Str. 54: Einn ek veit^ svd dt ek vüa Pykkjumk, 
hdr ok af HWrrida; 
ok var pdt sd inn kevisi Loki. 
Die letzte Zeile, ein Zusatz, der Schwachsinnigen zu Hilfe kommen soll, 
ist zu streichen, weil sie das Ebenmaß der Strophe vernichtet. Daß 
Loki der Frevler war, weiß man schon, auch wenn er sich nicht nennt. 
Str. 58 : en pd porir pü ekki, er pü skalt vid ulfinn vega, 
ok svelgr kann aUan Sigfodtur. 
Wie die Verse jetzt lauten, liegt der Haupton in der ersten Zeile auf 
porir und ulßnn , nicht aber auf ekki und ulfinn. Der Vers ist also 
fehlerhaft. Da der Dichter des Liedes jedoch vulfinn sprach und nicht 
ulfinn, wie wir gesehen haben, so ist es keinem Zweifel imterworfen, 
daß ursprünglich vulfinn und vega reimten und daß der Vers geändert 
ward. Setzte man statt ekki das gleichbedeutende vcdkiy so wäre zwar 
die Alliteration mit vulfinn hergestellt, aber doch nichts gewonnen, da 
der Hauptton auch da noch auf porir läge. Früher lautete deshalb 
wohl die Halbstrophe: 

nS vega pü porir, er pü akalt vid vulfinn ganga, 
ok svelgr kann allan 8igfödwr. 
Str. 62 ist die letzte Zeile: ok svalsst pü pd hungri heilig als ein 
überflüssiger Zusatz zu streichen, da sie das Ebenmaß der Strophe 
vernichtet, und ebenso verhält es sich mit der letzten Zeile der Strophe 65 : 
ok brenni per d baki. 



314 LUDWIG ETTMÜLLER 

2. Gröugaldr und Fiölsvinnsmäl. 

Schon Grundtvig in seinem Werke ^Danmarks gamle folkeviser" 
Th. II, S. 239 ff. und nach ihm Lüning in seiner Ausgabe der Edda 
S. 21 ff. haben der Erste geradezu behauptet, der Andere zum mindesten 
angedeutet, daß die beiden Gedichte Gröugaldr und Fiölsvinnsmäl zu- 
sammengehören dürften und wohl Stücke eines größeren Ganzen seien. 
Grundtvig gründet seine Behauptung auf die altdänischen Volkslieder 
von Ungen Svendal (Sveidaäll, Sveydall, Svedall), und es ist in der 
That kaum ein Zweifel, beide Gedichte gehören zusammen und beide 
sind nur Bruchstücke eines umfangreichen Gedichtes, welches man am 
besten als ein Märchen bezeichnet, dem ein alter Naturmythus zu Grunde 
liegt. Die Deutung desselben freilich bleibt uns versagt; sie wäre nur 
möglich, wenn uns der Mythus in ungetrübterer Fassung erhalten wäre. 
Da dies nun nicht der Fall ist, so können wir alle Deutungsversuche 
(nach dem neuesten soll Swipdagr der Mond, Menglöd die Sonne sein !) 
auf sich beruhen lassen. Die Zusammengehörigkeit beider Stücke wird 
auch dadurch erwiesen, daß in Gröugaldr sogar der Name Menglöd 
vorkommt, wenn auch in verderbter Stelle selbst verderbt. 

Der Inhalt des ganzen Gedichtes war einst, wenn wir die däni- 
schen Volkslieder mit heranziehen, folgender: 

Svipdagr {svipr, motus celer, turbo, dagr, dies), der Sohn S61- 
biarts, und Menglöd (men^ monile, glöd, Iseta), die Enkelin SvafrJ)orins, 
lieben einander und sind auch für einander bestimmt; aber Svipdags 
Stiefmutter sucht dies Verhältniss Beider zu stören*). Menglöd wird 
durch sie, wie es scheint, auf einen unzugänglichen Berg versetzt, wo 
sie mit einigen Gesellschafterinnen oder Dienerinnen zu weilen genö- 
thigt ist. Kein Mann darf und kann ihr nahen, nur der ihr vom Schicksal 
bestimmte erhält, wenn es ihm auf den Berg zu kommen endlich ge- 
lingt, ohne Weigerung, sobald er sich nennt, Zutritt zu ihr. Ihren Saal 
auf dem Berge, der auf der Spitze eines Speeres sich dreht, umgeben 
Lohen, und zugleich eine Mauer {gardJr) , die Gastropnir (besser wohl 
Gastrofnir) heißt, und deren Thüre, J)rymgiöll, ein Werk der drei Söhne 
Solblindis, jeden festhält, der unberufen hindurch will. Femer Wächter 
der Jungfrau sind zween grimme Hunde, die jeden, der sich imberufen 
nahet, zu zerreißen drohen. Nie schlafen beide zu gleicher Zeit, und 
um sie zu überlisten, muß man ihnen die Flügel des Hahnes Vidofiiis 



*) Die nordischen Quellen geben den Grund nicht an; nach der kymrischen 
Sage soll der Jüngling ihre eigene Tochter freien. 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 315 

zum Fräße vorwerfen, der auf einem Baume, Mimameidr, immer im 
Hofe sitzt. Dieser Hahn ist jedoch nur durch die Zauberruthe Haevateinn 
zu tödten, welche die Etiesin Sinmoera bewahrt und nur gegen eine 
Schwungfeder aus dem Schwänze des Hahnes herausgibt. Endlich be- 
wacht die Jungfrau noch eine Riese, Fiölsvldr (sehr stark und klug; 
Fiölsvidr ist auch Beiname Odins). 

Swipdagr nun geht zum Grabhügel seiner Mutter, erweckt sie 
und bittet sie, ihn durch ihre Zaubersprüche wider alle Fahrnisse, die 
er bei der Aufsuchung der Menglöd etwa zu bestehen hat, zu schützen. 
Sie gewährt ihm seine Bitte. Dies der Inhalt von Gröugaldr. 

Als Swipdagr oben auf dem Berge anlangt (was er alles hat 
thun müssen, tun hinauf zu kommen, und inwiefern ihm der Mutter 
Zaubersprüche halfen, erfahren wir aus den altnordischen Gedichten 
nicht, denn sie sind nur Bruchstücke), tritt ihm der Riese Fiölsvtdr 
entgegen, und es entspinnt sich ein Gespräch zwischen Beiden, worin 
Fiölsvidr dem Swipdagr auf Befragung alles das sagt, was oben von 
dem Berge und der Bewachung der Menglöd mitgetheilt ward. Am 
Schlüsse gibt sich Swipdagr zu erkennen imd heißt ihn seine Ankunft 
der Jungfrau kimd thun. Daß er der Erwartete sei, hat Fiölsvidr auch 
daraus erkannt, daß die Thüre der Mauer sich von selbst ihm öflBiete 
imd die grimmen Hunde den Ankömmling freudig begrüßten; er geht 
also um ihn anzumelden. Sie erscheint darauf selbst, erkennt ihn aus 
seiner Antwort auf ihre Frage als den Erwarteten, empfilngt den ihr 
bestimmten Jüngling freudigst und spricht es aus, daß sie sich nie mehr 
trennen werden*). Dies ist der Inhalt von Fiölsvinnsmäl. 

Mit beiden altnordischen Gedichten stimmen nun die altdänischen 
Volkslieder augenscheinlich überein. Daß die todte Mutter ihrem Sohne 
nach den Volksliedern nicht Zaubersprüche auf den Weg mitgibt, son- 
dern einen Hengst, der nie ermüdet, und ein Schwert, womit man immer 
siegt**), ist zwar eine unverständige, aber doch sehr leicht begreifliche 
Änderung. In den christlichen Volksliedern konnten schützende Zauber- 
sprüche unmöglich eine Stelle finden, ebensowenig als im heidnischen 



*) Schon hieraus ergibt sich, daß die Deutung, nach welcher Menglöd die Sonne, 
Svipdagr der Mond sein soll, eine falsche ist. 

**) Andere dänische Volkslieder vermehren noch die Gaben der Mutter; der 
Jüngling erhält da noch zu Schwert und Ross 1, ein Tischtuch, welches jede verlangte 
Speise liefert; 2. ein Trinkhom, welches jeden gewünschten Trank darbeut; 3. ein Schiff, 
welches über Land und Meer dahin fliegt; 4. einen Beutel, der nie leer wird; 5. einen 
Schlüssel, der alle Schlösser öffnet; 6. Stiefeln und Sattel. Keines dieser Dinge gebraucht 
aber der Jüngling, woraus folgt, daß alle diese Gaben zwecklos sind. 



316 LUDWIG ETTMÜLLER 

Gröugaldr die todte Mutter dem Sohne Ross und Schwert geben konnte, 
da sie als Weib weder Ross noch Schwert in ihrem Grabe hat, Sie 
konnte, wenn Ross und Schwert ihm Bedür&iss gewesen wären, was 
sie jedoch nicht sind , ihm nur sagen , wo und auf welche Weise er 
Beides erhalten könne. 

Da es den Gedichten, Gröugaldr und Fiölsvinnsmäl, keineswegs 
an verderbten Stellen fehlt , so wende ich mich jetzt zu diesen ; 
denn es wird großem Gewinn bringen, die Fehler wo möglich zu be- 
richtigen, als träumerische Deutungen aufzustellen, weil wir es denn 
doch zunächst nur mit einem Märchen zu thun haben. 

Gröugaldr. 

Str. 1 : Vdki pü, GrrSa, vdki pü, gdd kona, 
vek ek pik AauS/ra dura. 

Die zweite Zeile erregt Bedenken. Das zweimalige t;aH konnte einen 
Schreiber wohl verfiihren, vek ek zu schreiben; aber kann man sagen 
vek ek pik Awray ich wecke dich zu der Thüre hin? ich zweifle. Es 
dürfte richtiger sein zu lesen kveäi ek pik daudra dura^ ich rufe dich 
zu der Thüre der Todten, d. h. des Grabhügels, hin. Zu dem ort- 
bestimmenden Genitiv dura vergleiche man Hamars heimt 3: g&ngu, 
peir fagra Freyju dv/ra^ und eben da 9: mcMi hann pdr midra garda. 
An größerer Verderbniss jedoch leidet 

Str. 3: Li4tu leikbordi skauztu mik, hin Icevisa kona, 

8Ü er fojdmadi minn födv/r; 

par had hon mik koma er kvedki veit 

mdti menglödum. 

Wie lässt sich zimächst skavztu, das auf die todte Mutter bezogen 
werden muß, mit bad hon vereinigen? Wäre skavztu richtig, so müsste 
auch Jozfw imd veist stehen. Und wie rechtfertigt sich überhaupt der Vor- 
wurf, den jetzt der Jüngling der Mutter macht: du hast mir ein übles 
Spielbret vorgeschoben, mir eine schlimme Unternehmung auferlegt? Das 
that ja nur seine Stiefinutter und dagegen sucht er eben Hilfe bei seiner 
Mutter. Dann ist auch der zweite Halbvers offenbar zu lang, folglich 
metrisch unrichtig. ,Kvedki drittens ist gar nichts, und die von den dä- 
nischen Erklärern aufgestellten Versuche zur Deutung taugen alle nichts, 
wie bereits Sveinbiörn Egilsson es ausgesprochen hat, ohne jedoch 
seinerseits eine Deutung oder Verbesserung, da er doch das Wort fiir ver- 
derbt hält, vorzuschlagen. Endlich, wie soll man menglödum ^zu den 
Mädchen" hier verstehen? Ich schlage also vor, die Strophe also zu lesen: 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 317 

Liötu leüchordi skaut mik Icevis kona, 

8Ü er fadmadi minn födur; • 

par bad hon mik koma, er kveyki veit, 

mSti Menglödu. 
Das heißt nun : „Ein übeles Spielbret schob mir vor das arglistige Weib, 
welches meinen Vater umarmte ; sie hieß mich dahin gehen , wo sie 
Lohen weiß, die Menglöd aufzusuchen." Die Lohen beziehen sich auf 
den von Feuer umloheten Saal der Menglöd. Statt kveyki (acc. plur. 
von kveykir) könnte man auch kverkr (acc. plur. von kverk), fauces, 
lesen und dies auf die beiden grimmen Hunde öeri und Glfr, welche 
die Menglöd bewachen, beziehen. Biöm Haldarson verzeichnet auch 
ein Neutrimi kveäi, fauces, was dem handschriftlich überlieferten hvedki 
gleichfalls nahe kommt. [Bugge kvcemtki und Menglödu,] 
Str. 4: Läng er for, langir 'ro faroegar, 

langir 'ro Tnanna munir; 

ef pat verdr, at pü pinn vilja Mdr^ 

ok skeikar pä akuld at sköpum. 
Mit Lünings Erklärung dieser Worte (er bezeichnet sie jedoch mit 
einem ?, weil er nicht sicher ist, den Sinn richtig getroffen zu haben) 
kann ich mich nicht einverstanden erklären. Er deutet: „Wie der Weg 
(hieher) lang ist, so gehen auch die Wünsche und Bestrebungen der 
Menschen weit (und daher ist der Ausgang imgewiß) ; wenn du deinen 
Willen (das was du jetzt von mir erwartest) erreichest, dann wird der 
Ausgang (deine Zukunft) nach Wunsch ausfallen." Zunächst ist nicht 
die Rede von der Länge des Weges zum Grabe der Mutter, sondern 
von der Länge des Weges zur Menglöd, woraus sich denn auch ergibt, 
daß an keine Vergleichung (wie — so) zu denken ist. Ferner können 
die Worte ef pü pinn vilja hidr hier nicht ausdrücken: wenn du das, 
was du von mir forderst, erlangest, denn das könnte sich ja nur auf 
die Zaubersprüche beziehen, vielmehr müssen sie ausdrücken: wenn du 
die Jungfrau erlangest. Endlich bedeutet skeika nicht: ausfallen, son- 
dern: wanken, und at sköpum besagt nicht: nach Wimsch, sondern: 
in den Schicksalsbestimmungen; woraus auch klar erhellt, daß skuld 
hier die Nome und nicht bloß abstract: Ausgang, Zukunft bezeichnet. 
Ich deute also die drei ersten Zeilen also : 

Lang ist die Fahrt, lang sind die Fahrwege, 
lang (d. i. ausgedehnt) sind der Menschen Wünsche, 
wenn auch das wird, daß du deinen Wunsch erreichest. 
Aber die letzte Zeile, wie sie dasteht, kann nur besagen : und wenn 
die Norne wanket in ihren Bestimmungen. Wäre das die richtige Mei- 



3lft LUDWIG ETTMÜLLER 

nung; so müsste Skuld früher beschlossen haben, ihm die Jungfrau zu 
verweigetn; da nun aber die Bestimmungen der Nomen imabänderlich 
sind, so kann Swipdagr Menglöd nicht erlangen, wenn dies der Fall 
ist. Man sieht die Zeile, wie sie jetzt dasteht, ist widersinnig, es fehlt 
ihr eine Negation. Ich lese also die Strophe: 
Long er för^ langir Wo f arvegar ^ 
langir Wo manna munir^ 
ef pat verär, at pü pinn viJßa tMr: 
skeikara Skuld at sköpum. 
Auch das ek der letzten Zeile muß also weichen, denn sonst bekommen 
wir den Sinn: „du wirst Mühe haben, wenn die Nome nicht ihre Be- 
stimmung ändert/ was, wie gezeigt ward, die Mutter nicht sagen kann, 
eben weil die Beschlüsse der Nomen unabänderlich sind. Wie ich lese, 
ist der Sinn: „du wirst Mühe haben, die Jungfrau zu erlangen; denn 
die Nome wanket nicht in ihren Beschlüssen." Die ganze Strophe wäre 
also zu übersetzen: 

Lang ist die Fahrt, lang sind die Fahrwege, 

(weit gehn nun aber einmal der Menschen Wünsche!) 

wenn es auch geschieht, daß du deinen Wunsch erreichest; 

denn Skuld wanket nicht in ihren Beschlüssen. 
Str. 5 lautet die letzte Zeile : pykkjumk ek til ungr aß. Weil aß 
kein Wort ist, will Lüning dafür aldri oder arß lesen. Gegen aldri ist 
nichts einzuwenden, als daß man nicht einsieht, wie aus aldri aß werden 
konnte; ar^ jedoch scheint mir hier ein sehr gezierter Ausdruck. Man 
lese einfach: pykkjumk ek til ungr apt. Man vgl. dazu Grimnismäl 34: 
ok p<xt oßiyggi hverr dsvidra apa; Hävamdl 74: margr verSr af ödrum 
api; ebenda 123: ordum skipta pü skalt aldregi vid dsvinna apa; Fäf- 
nismäl 11 : Norna d6m pü munt fyr neisum hafa ok davinns apa. In allen 
diesen Stellen bezeichnet api einen unerfahrenen, unverständigen Men- 
schen, und dieser Begriff wird auch in unserer Stelle verlangt. 

Str. 9 ist vielfach verderbt und nur gezwungen lässt sich ihr, 
wie sie jetzt lautet, ein Sinn abgewinnen. Sie lautet: 

pann gel ek per inn ß&rda: ef pik fkmS/r standa 

görvir ä galgvegi^ 

hugr peim hryggvi til handa per mcetti 

ok müisk peim til säUa seß, 
WsLS soll ef pik ßandr standa heißen? Ein transitives standa mit Acc. 
gibt es nicht, wohl aber ein standa vm mit dem Acc. Femer bedeutet 
hryggva, gleichwie hryggja (die volle Form wäre hryggvja), soviel ich 
weiß, traurig machen und regiert den Acc; ein hryggva, traurig werden, 
kenne ich nicht; traurig werden würde hryggvask lauten. Eine Papier- 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDER. 319 

handschrift liest nun statt hryggvi hverfiy was hier sehr gut passt, und 
schon den verstorbenen Rask bestimmte; statt hryggvi hrökJem zu schrei- 
ben. Mcettif welches Wort die genannte Papierhandschrift nicht hat, 
und welches auch besser wegbleibt, wird gezwungen erklärt ^ durch die 
Macht" nämlich das Zauberspruches. Aber mcetti bezeichnet in allen 
Stellen, in denen es vorkommt, Eörperkräfte. Diese S^ophe hat also, 
wie ich meine, zu lauten: 

pann gel ek per inn fi6räa: ef pik fiandr um standa 

görvir d gcdgvegt, 

hugr peim hrökkvi Hl handa per, 

ok snüisk peim til sätta sefi. 
Das heißt nun: den (Spruch) singe ich dir als den vierten: Wenn dich 
Feinde bedrängen, gerüstete, auf dem gefährlichen Wege; der Muth 
ihnen entweiche dir zu Händen, und ihr Gemüth wende sich zum 
Frieden. 

Str. 10: pann gel ek per inn finita: er per fiötwrr verSr 
borinn cd b&glimum: 

Leijnis elda last ek per fyr legg qf kveämt, 
ok stökkr pd Idss af limwm. 
Diese Strophe ist bis auf ein Wort sprachlich richtig und bietet keine 
Schwierigkeit Unerträglich ist jedoch der Ausdruck : elda last ek per 
of kvedna^ Lohen hab' ich dir gesimgen. Leifiiir war ein berühmter 
Seekönig, dessen Sage jedoch untergegangen ist, sein Name aber wird 
nicht selten von den Skalden verwendet, z. B. Leijnia laut Leifhis Erde, 
d. i. Meer; viti Leifnis lautar^ Feuer der Erde Leifhis, d. i. Gold; 
Leifnis grand, Lei&is Schädiger, d. i. Schwert; Leijnis lindy Leifhis 
Linde, d. i. Weib. Er wird auch Letfi genannt, daher Leifa bratet^ 
L.'s Weg, d. i. Meer; Leifa brautar hg, d. h. Meeres Lohe, d. i. Gold; 
Leifa Idd, L.'s Erde, d. i. Meer; runnr Leifa landa, Baum der Lande L.'s, 
d. i. Schiff. Der Name ist also in imserer Stelle nicht anzutasten, und 
wenn Lüning leysigaldraj Lösezauber [Bugge ley8igaldr\y vorschlägt, 
aber nicht im Ernste, wie er sagt, so kann msA leysi nicht annehmen, 
wohl aber galdra fhr das unstatthafte elda. Sveinbiöm Egilssons Erklä- 
rung von Leifnis elda, ignes, quales Leiftnir incantamentis excitavit ad 
vincula solvenda muß abgelehnt werden, weil sie eben nur auf dieser 
Stelle beruht, dieselbe folglich nicht erläutern kann. Man lese also: 
Leifnis gaidra last ek per fyr legg of kvedna, Lei&is Zaubersprüche habe 
ich dir ftir deine Schenkel gesungen. Leifhir kann in seiner Sage ganz 
wohl die Kraft gehabt haben, durch Zauberspruch, wenn er gefangen 
ward, die Fesseln zu lösen; weiß doch Saxo Gramm, von Helden^ daß 
sie vermochten, durch einen Blick der Feinde Schwerter zu stumpfen. 



320 LUDWIG ETTMÜLLER 

Str. 12. Die letzte Zeile dieser Strophe lautet in den Handschriften: 
ok haldit er Uk at Umum. Da im altnordischen Uk nur „Leib" bedeutet, 
so enthalten die Worte^ wie sie dastehen, einen Unsinn. Lüning deutet 
die Worte zwar durch: „er erstarret nicht"; allein ich sehe nicht, wie 
dieser Sinn in jenen Worten liegen kann. Die Eopenhagener haben 
ganz richtig er nicht für er, ist, sondern für per, dir, genommen, wo- 
durch haldit zum negierten Präs. conj. wird. Der Sinn ist dann einfach: 
die Kälte fessle dir nicht Leib noch Glieder. Will man jedoch das 
Anakoluthon beibehalten, welches stattfindet, wenn man er mit ist 
übersetzt, so hat man Uf ftlr Uk zu lesen. Übrigens hätten die Kopen- 
hagener besser gethan, er ftlr Schreibfehler statt pefi' zu nehmen, und 
per zu schreiben; denn p$r, ihr, kann wohl, wenn es enklitisch steht, 
als er erscheinen, aber nicht per, dir. [Grundtvig haldi pdr likn] 

Str. 13 belehrt uns, daß der Dichter zwar ein Heide war, aber 
zu einer Zeit dichtete, da das Heidenthum bereits mit dem Christen- 
thume in erbittertem Kampfe lag; denn die hristin daudkona, das todte 
Christenweib, drückt hier genau dasselbe aus, was sonst durch /ordflB<Ja 
oder höhmkona ausgedrückt wird, nämlich boshafte Hexe, die selbst 
nach dem Tode noch zu schädigen brachtet. 

Fiölsvinnsmäl. 

Das Stück, welches zwischen Grougaldr und FiölsvinnsmSl aus- 
gefallen ist, muß die Hemmimgen und Hindemisse enthalten haben, 
die Swipdagr zu überwinden hatte und mit Hilfe der Zaubersprüche 
seiner Mutter auch wirklich überwand , bevor er auf den Gipfel des 
Berges gelangte, auf welchem der Menglöd Halle steht. Das ergibt sich 
daraus, daß der letzte Zauberspruch, den ihm seine Mutter singt, sich 
auf sein Gespräch mit Fiölsvid bezieht, denn dieser lautet: 

pann gel ek per inn munda, ef pü vid inn naddgöfga 

oräum akiptir iötun: 

mäh ok man^ßrita se per d minnishiarta [Bugge munn ok 

gnbga of gefit. hjarta] 

Unter dem Geer oder Schild tragenden Riesen (naddgöfugr iötunn) ist 
ohne Zweifel Fiölsvidr verstanden. Zu noMr, Schildnagel, Schildbuckel, 
Pfeil, Geer, Schwert, d. L jedes Geräth, womit man stechen kann, ge- 
hört auch das ahd. nartOj welches freilich pelvis, Schüssel, glossiert; 
aber der Schild kann auch als Schüssel gebraucht werden. 

Fiölsvinnsmäl hat nun auch einige Stellen, welche der Berichtigung 
bedürfen. Bei Str. 6 z. B. ist es auffiillig, daß Frage und Antwort in 



BEITRÄGE ZUR KRITIK DER EDDALIEDl^IR. 321 

derselben Strophe unmittelbar auf einander folgen, da sonst Frage und 
Antwort hier jedes eine Strophe fllllen. Diesem Missverhältnisse ist je- 
doch abzuhelfen, wenn man Str. 2 mit umgestellten Vershälften in Str. 6 
einschiebt, so entstehen daraus zwei Strophen, von denen je eine einem 
der Sprechenden zukommt. Str. 2 steht ohnehin da, wo sie jetzt steht, 
nicht zum Besten; denn einmal würde Fiölsvidr Svipdag fla^d^ Riese, 
nennen , und dann zeigt er sich auch zu früh bereit , ihm auf seine 
Fragen Auskunft zu ertheilen. Aus Str. 6 erhielten wir durch Einschie- 
bung von Str. 2 zwei Strophen, 5 imd 6, die also lauten würden: 
5 (6, 1) Segdu mer, hverjum ertu sveinn of horinn 
eda hverra manna mögrf 
(2, 2) hvers pü leitar, eda hvers pü ä leitum ert, 
eda hvoit viüu, vinlaussy vitaf 
6 (2, 1) Hvat er pat flagda, er stendr fyr forg'ördunij 
oh hvarflar wm hosttan loga]f 
(6, 2) Vindkald/r ek heiti^ Värkaldr Mt minn fadir, 
Pess var Fwlkald/r faMr. 
Die zweite Hälfte der vorletzen Zeile, Värkaldr hM minn fadir stammt 
wahrscheinlich aus der mündlichen Fortpflanzung des Gedichtes her, 
denn der Dichter war kein Stümper. Er sprach vielleicht YdirkaW^r mik 
of gatf öder doch ähnlich. 

Str. 13. Die letzten drei Zeilen lauten: 
hvat peir garmar heüa^ 
er gifr reka, 
görda fyr löndin Itmf 
Sveinbiörn Egilsson sagt zu dieser Stelle unter Um: „locus inexplica- 
bilis" und auch Lüning „weiß aus dieser verzweifelten Stelle nichts 
zu machen." Freilich, wenn man das fehlerhaft Überlieferte getreulich 
glaubt bewahren zu müssen, so bleibt diese Stelle ein unlösbares Käthsel. 
Aber betrachten wir uns einmal das Ganze etwas genauer. Swipdagr 
fragt, wie die Hunde heißen, welche bellen, als er sich der Thtlre naht, 
und erhält in der folgenden Strophe den Bescheid: einer heiße Gifr, 
der andere Geri. Hieraus folgt nun zunächst, daß das gifr in unserer 
Stelle ein Fehler ist In diesem gifr steckt das Object zu reka, gifr ist 
aber ein Adj. und bedeutet immanis, passt also nicht hieher. Ich schlage 
gialfr fremitus vor; gialfr reka also: sie stossen Geheul, Gebell aus. 
Görda in der letzten Zeile drückt nur fecit aus, aber wir brauchen 
faciunt, und das ist görva, also garmar görva — man fragt was? Nun 
Lärm machen sie; Lärm aber ist nicht Um, n. oder Umr, m. Ast, Zweig, 
Glied, sondern Uymr. Will man nun fyr löndin, über die Lande hin, 

OBRMA.NIA. Neue Reihe H. (XIV.) Jahrf. 21 



322 LUDWIG ETTMÜLLER, BEITRÄGE etc. 

behalten ; so hat man das h vor l in hlymr zu tilgen, was auch sonst 
vorkommt ; aber die Hyperbel : „die Hunde machen Lärm über die 
Lande hin", ist etwas stark, und so möchte ich statt fyr löndin ',fyr 
JUödum, vor den Gebäuden, lesen. Dieser „locus inexplicabilis" lautet nun 
berichtigt also: 

hvat peir garmar heüa^ 
er gialfr reka, 
görva fyr hlödum hlym? 
Ich setze hlöSum, aedibus, weil es dem löndin am nächsten kommt; 
sonst könnte man auch hlidum oier Jdunnum lesen. 

Str. 17 und .18 steht in der gleichen Formel einmal laupi, das 
andere Mal laupa] man schreibe beide Mal KUmpi oder hlawpa. 
Str. 22: Ui af hans aldni skal d eld bera 
fyr kvellisiükar konur; 
ütar hverfa pess peir innar skyli. 
Auch Lüning noch nimmt an pess Anstoß und fragt, worauf soll aber 
pes8 hindeuten? Er wäre befriedigt, weim statt pess hvids stünde. Es 
ist jedoch keine Änderung nöthig: pess steht ftlr pm^ fyr pvi, und be- 
zieht sich auf aldni. pess wird gar nicht selten so gebraucht, s. Svein- 
biöm Egilsson unter pat. 

Str. 30: ädr hon soem tdisk 
väpn til vügs at Ua, 
Mit Becht stößt sich Lüning an sobm, das er zu telisk zieht, und er 
möchte ein soemteljasky etwas ftlr schicklich erklären, annehmen. Das 
ist jedoch unnöthig, man lese soemt telisk. Auch wenn man soemt nicht 
zu telisk^ sondern zu väpn nehmen will^ ist der siug. scrnit schicklicher 
als der plur. soßmj da ja^nur von einem vctjpn die Bede ist. 
Str. 38: HMf heitir önnur HMfpursa, 
Pridja piödvarta. 
Man hat zu lesen: Hlif heitir ein, önnur HUfpursa, wie schon die bei- 
den anderen Zahlwörter beweisen. 

Str. 49: Lengi ek sat liüfu bergi ä, 
beid ek ptn dcegr ok daga; 
nü pat vard er ek vcett heßr (1. heß), 
at pü ert aptr kominn, 
fn^y tä» minna sola. 
Die Strophe hat eine Zeile zu viel. Da in diesem Gtedi^ehte überall 
sonst das Ebenmaß gewahrt '.wird, muß hier geholfen werden. Man sieht 
bald, wo der Fehler steckt. Da Swipdag zum ersten Male zu Menglöd 
auf den Berg kommt, ist es unsinnig, wenn sie sagt : at pü ert aptr 



K. BARTSCH, DAS FORTLEBEN DER KUDRUNSAGE. 323 

kominn, d. h. daß du wiederum gekommen bist. Aptr allein jedoch kann 
man nicht streichen, weil dann der Vers keinen Stabreim hätte , der 
ohnehin schlecht genug auf €9i^ (dem Hilfszeitworte !) und aptr ruht. 
Aber den Sinn von pü ert kominn kann man nicht entbehren : wie hilft 
man da? Ich denke so: 

Lengi ek sat Küfu bergi d, 

heid ek pm dcegr ok daga; 

nü pat vard, er ek vcett heß, 

kamt, mögr, til minna sala! 
ZÜRICH. 



DAS FORTLEBEN DER KUDRUNSAGE. 



Seit ich die in der Germania 12, 220 — 224 gemachten Mitthei- 
luhgen über das Fortleben der Kudrunsage in Mecklenburg erhalten, 
bin ich unausgesetzt bemüht gewesen der Sache weiter nachzuforschen. 
Im Februar 1868 ließ ich einen Bericht über die bis dahin eingegan- 
genen Sagenbeiträge drucken und machte darin auch auf die Kud- 
runsage aufimerksam, indem ich die Spuren derselben der Beachtung 
empfahl. Seitdem theilte mir Et. Oberkirchenrath Eliefoth in Schwerin 
mit, daß er als Knabe in seinem Heimatsort Körchow bei Hagenow 
dieselbe Sage nebst anderen von einem Knechte haben erzählen hören. 
Der Knecht, Wilhelm Baack, hatte etwas träumerisches in seinem We- 
sen; oft wenn er au& Feld hinaus fuhr und die Kinder mit ihm, pflegte 
er halb in sich versunken solche Geschichten ihnen zu erzählen. Seine 
Frau lebt noch in Körchow und steht dort in dem Rufe eines auf 
Zauber und Besprechung sich verstehenden Wesens. Meine Nachfor- 
schungen an Ort und Stelle ftQirten indess zu keinem Resultate. Be- 
merkenswerth ist, daß dieses Zeugniss uns ebenfalls in die unmittelbare 
Nähe von Hagenow leitet, wie das erste Zeugniss auf Hagenow selbst. 

Etwa in dieselbe Gegend weist ein drittes Zeugniss. Herr Litte- 
rat C. Stuhlmann in Schwaan erzählte mir von einer etwa achtzigjäh- 
rigen Dame in Hamburg, welche in Lüneburg zu Hause war, imd 
welche als Kind dieselbe Sage von einem Kindermädchen hörte, das 
in Boizenburg, also ebenfalls in der Kähe von Hagenow, heimisch 
war. An Namen erinnert sie sich nicht mehr deutlich, aber die Seene 
des Waschens am Strande steht noch lebhaft vor ihrem Gedächtniss. 

21* 



324 KARL BARTSCH 

Ein viertes Zeugniss verdanke ich Herrn Lebrer Struck in Waren. 
Derselbe vernahm die Sage als Knabe aus dem Munde eines Kinder^ 
mädchens, Dörte, deren Eltern Schifferleute in Wismar waren. Wie- 
wohl ihm noch manches von der Erzählung haften geblieben, so ge- 
traut er sich doch nicht, weil er inzwischen die mittelhochdeutsche 
Dichtung gelesen, die Sage aus der getrübten Erinnerung herzustellen. 
Dies Zeugniss fiihrt uns in eine andere Gegend Mecklenburgs, an 
den Meeresstrand, wo wir die norddeutsche Schiffersage zunächst auch 
zu suchen haben. Und dahin weist durch seine localen Beziehungen 
endlich auch das filnfte Zeugniss, welches ich als das wichtigste, weil 
umfangreichste, bis zuletzt aufbewahrt habe. Herr Pastor K. Bassewitz 
in Brütz bei Lttbz, schrieb, durch meinen Beri9ht veranlasst, am 
31. März 1868 an mich und theilte mir die Aufzeichnung einer Sage 
mit, die mit der Kudrunsage am nächsten verwandt ist. 

„Die Sage stammt aus meiner frühesten Jugend, wo ein Fräulein 
Therese von Hagen, deren Vater dänischer Kammerherr gewesen (die 
Mutter war eine geb. von Bassewitz , der Bruder Schiffer in Rostock) 
sie mir erzählte und immer wieder erzählte. Sie hat sie mir hoch- 
deutsch' erzählt: später erzählte sie mir auch in meiner Kindheit eine 
Wirthsfrau Wulff in der Gegend von Warin (Neuhof) plattdeutsch. Im 
Jahre 1847, als ich in Warin Privatlehrer war und von da aus die 
Gegend meiner Kindheit besuchte, tauchte diese Geschichte, die ich 
nur für eine Ammengeschichte genommen hatte und fttr weiter nichts, 
wieder auf, indem ich von einer Tochter der Wulffen daran erinnert 
wurde. Diese Personen sind aber alle todt. Die Erinnerung daran 
brachte mich auf den Entschluß, die Sage nachzuschreiben, in der 
Weise, wie Sie dieselbe erhalten. Ich habe bei dieser Sage aber nie 
an die Kudrunsage gedacht, denn damals kannte ich dieselbe noch 
nicht und bin auch erst neuerdings durch Sie darauf aufmerksam ge- 
macht Der Gärtnerdienst eines Prinzen war mir in meiner Jugend 
schon ganz sonderbar und später ist es mir auffallend gewesen, warum 
die Hochzeit, wie es doch Sitte ist, nicht im Hause der Eltern der 
Königstochter gewesen und daß sie so als Braut fortgeschickt wird. 
Femer ist mir unklar, was man unter einem Könige von dat Reich 
zu verstehen hat, und dabei die Insel Pool? Wo soll denn die Resi- 
denz des Königs von dat Reich gewesen sein? Solange ich diese Ge- 
schichte als Ammenläuschen genommen, ist mir nichts dabei aufgefal- 
len; aber jetzt, durch Sie aufinerksam gemacht, tauchen mir manche 
Fragen dabei auf, die ich nicht beantworten kann.^ 
Die Erzählung lautet folgendermaßen: 



DAS FORTLEBEN DER KUDRUNSAGE. 325 

Da war einmal ein König in ^dat Reich ^^ der war sehr reich 
und lebte mit »einer Frau zufrieden und glücklich. Sie hatten eine 
einzige Tochter^ die war schöner als irgend ein anderes Eind. Die 
Königstochter liebte am meisten die Blumen, die sie in ihrem Garten 
hegte und pflegte. Unter den Gärtnern war einer, mit dem sie am 
liebsten verkehren mochte; er war noch nicht lange im Dienst mid 
war ftlr die Königstochter als Gärtner angenommen, weil er aus Italien 
gekommen war. Er erzählte ihr viel von Italien, aber auch aus dem 
Norden, von Bären- und Wolfsjagden, und von Krieg und Seefahrt. 

Als die Königstochter etwa achtzehn Jahr alt war, da kamen die 
Freier von allen Seiten, denn der Ruf ihrer Schönheit hatte sich in 
alle Länder verbreitet Der erste Freier, der bei dem Könige anhielt^ 
war der König von den Dänen gewesen, der durch seinen Gesandten 
für seinen Sohn um die Hand der Königstochter bat; den wies aber 
der Vater ab, denn er lebte mit dem Dänenkönige in großer Feind- 
schaft, weil er ihm einst seine Braut entfUhrt hatte, und wenn er auch 
mit seiner Frau zufrieden und glücklich lebte, so konnte er ihm das 
doch nicht vergessen. Nun kamen „ut dat Reich^ und aus England 
so viele Prinzen, daß das Schloß immer voll war. Die Prinzessin 
aber zeigte kein Gefallen an irgend einem der Freier. Den Eltern 
gefiel jedoch am meisten der Prinz «ut Norden^ , und sie beschlossen, 
er und kein anderer sollte die Königstochter haben, sie mochte ihn 
wollen oder nicht Man machte alles zur Abfahrt fertig und nun gieng 
es nach Pool, wo die Schiffe lagen, die die Braut mit ihrem ganzen 
Gefolge aufnehmen sollten, und auch die Schiffe von Norden f^ den 
Bräutigam und seine Mannen hatten sich da vor Anker gelegt Der 
Prinz von Norden stieg auf sein Schiff, und sieben Schiffe mit seinen 
Kjiegem folgten ihm. Die Braut bestieg auch ihr Schiff und mit ihr 
ihre Frauen; ihr Gefolge war in besonderen Schiffen, und in dem einen 
war auch der junge Gärtner. 

So gieng nun die Fahrt ab, aber des Nachts kam ein großer 
Sturm und verschlug die Schiffe hierhin und dahin. Als der Prinz „ut 
Norden** glücklich ans Land kam, hatte er von seinen Schiffen keines 
verloren, aber von denen „ut dat Reich" fehlten drei, und darunter 
war auch das, auf dem die Königstochter war. Dem König von Nor- 
den war das sehr verdrießlich, aber er tröstete sich, als er das reiche 
Heirathsgut der Königstochter sah und nahm aus den Hofdamen die 
hübscheste heraus und gab sie seinem Sohne zur Frau. Nach „dat 
Reich" aber sandte er Botschaft 'es seien alle Schiffe untergegangen. 
Das hörten die Eltern der Königstochter und trauerten sehr darüber. 



326 KARL BARTSCH 

Als der Winter vorbei war, sandte der König von „dat Reich'' 
Schiffe aus, um seine Tochter zu suchen. Diese war inzwischen an 
eine dänische Insel verschlagen worden, und wurde von dem König 
und seiner Frau freundlich aufgenommen, als sie hörten wer sie wäre. 
Der König wiederholte die Werbung ftlr seinen Sohn, aber die Königs- 
tochter wollte nichts davon wissen. Als sie nun auf ihrem Sinne be- 
harrte, änderte^ sich bald das Benehmen des Königs und seiner Frau. 
So freundlich sie bisher gewesen waren, so hart und grausam wurden 
sie nun. Viele von ihren Begleiterinnen hatten sich mit dänischen 
Männern verheirathet und riethen der Königstochter, ein Gleiches zu 
thun; aber sie hätte lieber sterben wollen als das thun. Sie wurde 
von der alten Königin gekniffen und herumgestoßen und zuletzt in 
den Thurm gesperrt. Die Königin schwur, wenn sie nicht einwillige, 
dass sie nie wieder heraus kommen sollte. 

Der Gärtner war mit seinem Schiffe auf eine andere kleine Insel 
verschlagen. Dort wollte er aber nicht bleiben, sondern nahm des 
Nachts allein ein Boot und fuhr damit in die See. Er kam auch 
glücklich ans Land, bei derselben Insel, auf welcher der Dänenkönig 
wohnte. Fischerleute nahmen ihn auf und hier erfuhr er, daß das 
Schiff vom „Reich" mit der Königstochter gelandet wäre, und daß es 
der Königstochter sehr traurig gienge, und warum. Er erfragte nun 
alles genau und hörte, daß die Frau des Thurmwächters eine vom Ge- 
folge der Königstochter sei. Durch diese gelang es ihm dann auch, 
in den Thurm zu der Prinzessin zu kommen. Er wollte dieselbe aus 
dem Thurm entflihren, aber die Königstochter sagte, sie wollte sich 
nicht aus ihrem Gefilngniss herausstehlen: das wäre etwas anderes, wenn 
er sie mit Gewalt befreite, oder wenn die alte Königin, die sie ein- 
gesperrt, sie auch wieder herausholte. 

Da gieng der Gärtner geradewegs zum König und zur Königin. 
Diese brachte gerade ein Spinnrad im Gang , auf dem sollte die Kö- 
nigstochter spinnen, sie mochte wollen oder nicht. Was war das aber 
flir ein Erstaunen, als der König und die Königin in dem Gärtner 
ihren eigenen Sohn erkannten. Die Königin musste nim gleich mit in 
das Gefkngniss gehen, um die Prinzessin zu holen. Doch sie wollte 
nicht heraus, weil sie noch nicht einwilligen könne, den Königssohn 
zu heirathen, bis ihre Eltern ihre Zustimmung gegeben hätten. Da ward 
ein Schiff mit Boten in „dat Reich" gesendet, mit einem Briefe vom 
Prinzen und der Prinzessin und vom König. Die alte Königin war 
aber sehr ärgerlich, daß ihr Sohn als Gärtner im fremden Lande ge- 
dient hatte, und fhrchtete auch, daß die Prinzessin ihr die böse Be* 



DAS FORTLEBEN DER KUDRUNSAGE. 327 

Handlung nachtragen könne, und von dem Ärger wurde sie schwer 
krank. Die Prinzessin wollte durchaus nicht aus dem Geföngniss, doch 
musste sie sich gefallen lassen, daß man ihr das Leben darin so be- 
quem als möglich machte. 

Unterdess war auch nach „Norden** die Nachricht gekommen, 
daß die Königstochter glücklich auf einer Däneninsel gelandet wäre, 
imd da ärgerte sich der König sehr, daß er seinen Sohn mit einem 
Hoflfräulein verheirathet und daß es nun herauskommen musste, wie 
die junge Königin nicht die Prinzessin „ut dat Reich" wäre. Er for- 
derte also ftir seinen Sohn die Prinzessin zurück. Das wurde abge- 
schlagen; da rüstete der Nordkönig als der Winter vorüber war, viele 
SchüSe aus und wollte die Prinzessin mit G-ewalt holen. Da gab es 
eine große Schlacht, aber die Dänen mussten weichen, und das Königs- 
schloß wurde eingenommen und in Brand gesteckt, daß auch die 
kranke alte Königin mit verbrannte. Da erschien die Prinzessin unter 
den dänischen Kriegern und feuerte mit ihren Worten den Muth der- 
selben so an, daß sie die Nordländer zurückschlugen und viele tödteten, 
darunter auch den alten Nordenkönig. Sie wurden auf die Schiffe 
getrieben imd viele ertranken im Wasser. Da ward von beiden Seiten 
Frieden geschlossen, und es dauerte nicht lange, da kam auch Bot- 
schaft aus „dat Reich" und brachte die Einwilligung von den Eltern 
der Prinzessin. Da fand die Hochzeit statt und der Prinz und die 
Prinzessin lebten in GHück und Zufiiedenheit bis an ihr Ende. 

Ich enthalte mich vorläufig weiterer Bemerkungen und übergebe 
die Aufzeichnung den Fachgenossen zur Prüfung. Daß in der Ueber- 
lieferung vieles entstellt und getrübt ist, sieht man auf den ersten Blick. 
Unverkennbar aber ist die Gemeinsamkeit der Grundlage mit dem mit- 
telhochdeutschen Gedichte. Daß es eine viel treuere Fassung gab, 
lehren die Namen, auf die unser erstes Zeugniss führte; bis vielleicht 
ein glücklicher Zufall uns diese unentstelltere Erzählung kennen lehrt, 
müssen wir uns an den in der vorliegenden Aufzeichnung erhaltenen 

Trümmern genügen lassen. 

KARL BARTSCH. 



II. 

„Mit dem Aufenthalt der gewaltsam entfiihrten Gudrun in der 
Normandie öffnet sich die Blüte des Gedichts**, sagt W. Grimm D. Hel- 
densage S. 371 vom Kudrunliede. 

Man wird es gewagt finden, wenn man in Stellen der Volkslieder, 
wo die Geliebte des fernen Liebsten sehnsüchtig harret und wo derselbe, 



328 K. J. SCHRÖER 

anfangs unerkannt^ einen Ring vorweist und endlich wiedererkannt 
wird, einen Anklang an die Begegnung zwischen Herwig, Ortwin und 
KudroU; Hildeburg am Meeresstrande (25. äventiure) finden wollte. 
Dennoch triffl Manches zusammen^ das Beachtung verdient, und wo- 
von ich einiges hier hervorheben möchte. 

Ein solches Volkslied ist das in einer Fassung des 16. Jahrhun- 
derts bei Uhland Nr. 116 mitgetheilte : „Es steht ein lind in jenem tal* 
U.S.W. In diesem Liede stellt der Wiederkehrende die G-eliebte auf die 
Probe, indem er, unerkannt, angibt: der sehnsüchtig Erwartete habe 
sich vermählt. Da sie ihm deshalb nicht flucht, sondern in Trauer 
versinkt, zeigt er seinen Ring, um sich zu erkennen zu geben: „sehnd 
hin, schöne junkfrau, das solt ir haben, eur feins lieb solt ir nicht 
lenger klagen!*' Vgl. Kudrun 1247: „nu seht an mine haut, ob 
ir daz golt. erkennet I" — Kudrun hatte gehört, daß Herwig todt sei 
(Str. 1246), Herwig glaubte, sie sei vermählt (Str. 1253). — In an- 
deren, diesem verwandten Volksliedern (ühland No. 15) ist ein Vogel 
der Liebesbote, der das Goldringelein überbringt, was an den Vogel 
(imd Engel) der 24. äventiure erinnert, der vor jenem Auffcritt mit dem 
Ringe Herwigen ankündet. 

Merkwürdig ist, daß ühland neben jenes Lied (No. 116) das See- 
räuberlied (Nr. 117) stellt. In diesem Liede ruft ein vom „Schiflinann" 
geraubtes Mädchen den Vater, den Bruder und den Liebsten zu Hilfe. 
Vater und Bruder retten sie nicht, aber der Liebste setzt Alles dran 
und rettet sie. Das Lied sieht in dieser Form nicht ganz echt aus, 
doch wird sein Inhalt verbürgt durch eine ältere Aufzeichnung^ die 
Uhland im Quellenverzeichnisse citiert und die der in Schleswig ge- 
bome dänische Capitän Abrahamson um 1750 hörte, s. Gräters Iduna 
1814 S. 72 — 76*). — Wenn hier der Bruder sagt: „dein junges leben 
rett ich nicht!" so kann dies daran erinnern, daß ja auch Bruder 
Ortwin die Schwester eher sterben lassen will, als daß er sie stehle 
Str. 1256. Im Volkslied freilich soll die Weigerung des Bruders nur 
die Liebe des Geliebten in helleres Licht stellen, während in der Kud- 
run Ortwin von dem edlen Motive geleitet wird, die mit Kudrunen Ge- 
fangenen mit zu retten. Aber kommen im Volksliede nicht oft Motive 
in Vergessenheit, indem Thatsachen zerstückt und unverstanden oder 
umgedeutet manchmal fortleben? 

Durch Bartsch haben wir nun Germania 12, 220 ff. eine Nach- 



*) Sie ist neuerlich wieder mitgetheilt und besprochen in Vilmars Handbüchlein 
für Freunde des deutschen Volksliedes (Marburg 1867) Seite 209 f. 



DAS FORTLEBEN DER KUDRÜNSAGE. 329 

rieht von einer Sage, deren sich Fräulein Amalie Krüger noch aus 
den Jahren 1826 — 1828 erinnert^ die im nördlichen Deutschland beim 
Volke erzahlt wurde und in welcher der alte Wate, der Kampf 
auf dem Wulpensande und der Ausgang der 24. äventiure der 
Kudrun vorkömmt. 

Vorigen Sommer (1867)^ als ich in den Ferieh in den weltver- 
borgenen Bergen und Urwäldern des Herzogthums Gottschee weilte, 
um die Mundart von Gottschee kennen zu lernen und wo möglich die 
Abstammung der Gottscheewer (in ihrer Sprache: Gottschöabar, Plur. 
Gottschöabare); die Zeuß fUr einen Rest von Vandalen erklärte *), die in 
jenen unwirthlichen Gegenden von Krain zurückgeblieben seien, zu er- 
forschen, hörte ich von einer Ballade, die hier allgemein gesungen wird 
und die mich sogleich in hohem Grade anzog, als ich von ihrem In- 
halt hörte. ' Sie ist, hieß es, im ganzen Lande bekannt unter deift Na- 
men : den (d. i. mhd. diu = die) scheane (gesprochen beinahe schjanne 
d. i. schöne) merarin (in manchen Orten, wo das e [Umlaut des a, 
nicht ö] öfter ö klingt: mörarin). Schon das Wort Tnerarin d. i. Mee- 
renn, d. i. die am Meere weilende, war mir sehr auffallend. Das Meer 
scheint mir sonst bei uns nicht populär; die Gottscheewer freilich ken- 
nen es. — Das Wort Meererin, das immittelbar nichts gemein hat mit 
mhd. martuBre marinarius (= Seemann), kömmt in der älteren Sprache 
nicht vor; auch im Gottscheewischen haftet es nur an diesem Liede 
von der, die am Meere wäscht. — Das Lied hörte ich zuerst von 
einem alten Lustigmacher, der, in Gottschee lebend und da geboren, 
unter dem Namen KvAMisr-Wloukh (= Flock), mir einige Lieder vor- 
sagte, vorsang und auch aufschrieb. — Von der Schönen am Meere 
konnte ich anfangs nicht mehr herausbringen als den Text Nr. I, den 
er mir an verschiedenen Tagen wiederholte, ohne daß ich mehr als 
einmal die Variante des 4. Verses gewann, obwohl ich immer darauf 
beharrte, es müsse länger sein, so hätte es keinen rechten Sinn. 

Eines Tages kam er ganz betrunken und verlangte viel Geld, 
denn er hätte jetzt die richtige schöne Meererin von einer Alten ge- 
lernt und aufgeschrieben. Das war n\m die Fassung Nr. III , die aller- 
dings sehf abweicht und mit einem zweiten Balladenstoff verwoben ist. 

Bei dem liebenswürdigen Herrn Pfarrer Jos. Ejrombholz in Altlaag 
im Herzogthum Gottschee hielt ich nun fbrmlich eine Rathsversamm- 



*) Die Deutschen und die Nachbarstämxne S. 454 f. 589 f. und 614. Meine Wi- 
derlegung dieser Annahme ist enthalten in Ein Ausflug nach Gottschee. Wien Gerold 
1869 S. 9 ff. (Aus den Sitzungsberichten der k. Ak. d. Wiss. in Wien, phiL-hist. Cl. 
Bd. 60.) 



330 K. J. SCHRÖER 

lung ab über die schöne Meererin, indem derselbe fünf Mädchen ^ die 
schön singen konnten, zusammen rief (Liane Schauer, Müne Hoge, 
Liane Hoge, Müne Fink und Else Kickel), die wir über die schöne 
Meererin befragten. Sie kannten beide Fassungen, die ich vom Kuck- 
her- Wlack hatte und sagten: beide seien schon recht, es seien zwei ver- 
schiedene Lieder, die zweite Fassung (Nr. HI) sei aber mehr im Hin- 
terland, einem Gebiete von G-ottschee, üblich. Sie kannten noch ein 
drittes, das auch so anfkngt und dies ist nun Nr. H. 

Alle drei Fassungen sind wenig befriedigend; ich habe, bis- 
her ohne Erfolg, die Freunde in Gottschee gebeten, dem Liede weiter 
nachzugehen. Dennoch scheint mir hier eine engere Beziehung zur 
Kudrun anzunehmen, als in obigen Volksliedern, auf die wieder durch 
die ftottscheewer Bruchstücke ein heller Schein feilt. — , Nr. I wird 
geradezu durch die Kudrun erst klar. Die Meererin steht früh auf und 
geht waschen zum Meer, zum See (auch in Gottschee, wie mhd. z. B. 
Kudrun 1207, 1 ist die See Masculinum). Da sieht sie in einem Schiff- 
lein klein zween Herren (in der Kudrun zw^ man in einer harken). 
Merkwürdig stimmt Kudrun Str. 1220, 1 und 4: Hervnc der edele in 
guoten morgen bot und y^guoten morgen, guoten äbent^ was den minnec- 
Uehen meiden tiure zu Vers 9 und 12 unseres Gottscheewer Liedes: 
j^giieten morgen, du scheane merarin !^ j^wil guete morgen han ih a beanc!^ 
(= wenig.) 

Im Volksliede reicht „er", also einer der zwei „Herren**, einen 
Eing vom Finger {das negls plur. neglain ist in Gottschee der Finger; 
das wingerle plur. toingerlain der Ring) der Merarin. Daß sich die Lie- 
benden gegenseitig an ihren Kingen erkennen, dies ist hier völlig ver- 
wischt. Daß aber der Eine der zween Herren zur Meererin in einem 
besondem Verhältnisse steht, vermuthet man aus dem „er zieht den 
Ring% womit, in Voraussetzung, daß man wisse, von wem die Rede 
sei, der öine der beiden gemeint ist. Sie sagt: „ich bin nicht die 
Schöne am Meer, ich bin nur eine Wäscherin!" So wie auch Kudrun 
sich nicht zu erkennen gibt und von sich selber sagt Str. 1242 : „tr 
suochet Küdrü'nen — diu ist in arebeiten tdt!^ — Darauf setzen sie 
die Meererin ohne weiters ins Schiff und sagen Vers 10: „du bist 
doch die Schöne am Meer!" das heißt doch: wir erkennen dich, trotz 
deines Incognito ? „Da nahm sie ein Stück Leinwand in die Hand 
(Vers 21)". Was heißt das? Darf man nach Kudr. 1271 an die Wäsche 
denken, welche Kudrun ins Meer wirft? Ich möchte daher fast ver- 
muthen, es sei Zeile 22 zu lesen: unt hirwet es in das proite mer (statt 



DAS FORTLEBEN DER KUDRUNSAGE. 331 

unt fcurot über das pr. m , was eine Wiederholung yon Vers 18 ist), 
was geändert wurde, weil man es nicht mehr verstand. 

Der überraschende Schluß: wie sie endlich hin ist gekom- 
men (nämlich übers Meer): da grüßen sie und halsen sie und 
küssen sie die schöne junge Meererin, läßt sich doch nur aus 
der Kudrunsage erklären: die Meererin ist hier keine von Seeräubern 
entßihrte, sondern eine von den Ihrigen wieder Gefundene^ Heimge- 
brachte. — Das Grüßen, Halsen und Küssen beim Wiedersehen fehlt 
in der Eudrun nicht (1576 : dd sie ein ander husten, nämlich Mutter und 
Tochter, Hilde und Kudrun; 1578: do loaste s*in vor liehe, Hilde den 
Wate, sam tet siu Ortmn, dann küsst Hilde, auf vieles Bitten Eudruns, 
Ortrünen 1584, endlich Hilddmrgen 1587) und findet hier nur einen 
Nachhall in verjüngter Gestalt. 

Nr, n ist ein sehr verstümmeltes Bruchstück. Im Schifflein be- 
finden sich, wahrscheinlich unerkannt, Bruder und Geliebter (Ortwin 
und Herwig?). Die Meererin gibt dem Bruder den Vorzug. Nun 
scheint der Geliebte erzürnt und der Bruder ihn zu besänftigen. — 
Das: „halt auf, Schwager!" knüpft das Lied aber an das oben erwähnte 
Seeräuberlied in Gräters Iduna, wo, während der Bruder die Schwester 
aus des Seeräubers Händen nicht retten will, der Geliebte sie rettet: 
^Dein junges Leben rett ich wohl! halt, Schiffer, halt!" 

Nr. HI verbindet gewiss zwei verschiedene Sagenstoffe, ohne daß 
weder der eine, noch der andere klar und verständlich durchgefilhrt 
würde. Es kömmt ein Schifflein mit drei Herren. In I sind es zwei, 
in n ebenfalls zwei und hier sogar, wie im Kudrtmliede, Bruder und 
Geliebter; hier kommen drei, ohne daß im weiteren Verlaufe diese 
drei wieder erwähnt würden. Es ist hier offenbar nur ein Seeräuber 
gemeint, der sich die Meererin, die hier einen bösen Mann und einen 
Sohn hat, raubt. Sie weilt, gezwungen, bei ihm 7 Jahi'e und 3 Tage. 
Als sie heim kehrt, findet sie ihren Sohn traurig und gibt sich ihm zu 
erkennen; vom bösen Mann ist gar nicht mehr die Rede! — Man sieht, 
daß das Lied hier, das übrigens viele Wendungen und Züge hat, die 
echt volkmäßig sind , am wenigsten zu unserer Kudrunsage passt. Be- 
merkenswerth ist, daß durch den Vers : oder känt §i gestolen di schiffcere, 
die Frauen raubenden Seeräuber, wie in jenem Liede aus Schleswig 
(in Gräters Iduna), einfach Schiffer genannt werden. 

Näher verwandt aber ist diese dritte Fassung des Liedes einer 
slovenischen Ballade, die durch Anast. Grün in seinen Volksliedern 
aus Ejrain (Leipzig Weidmann 1850) in die deutsche Litteratur einge- 
führt ist. Es ist die Ballade von der schönen Vida und steht da- 



332 K. J. SCHKÖER 

selbst S. 47 — ^50. — Schön Vida wäscht ihres Wiegenkinds Qewande. 
Da kömmt in einem Kahne auf dem Meer gefahren der Mohr (wobei 
man an Sifrit aus Mörlant, den Bewerber um Eudrun denken möchte). 
Man kann unter Mohr slov. zamwrec im Volksliede wohl auch einen 
Mauren verstehen^ sowie im Madjarischen Mohr Bzerecsea heißt , aus 
8aTaa,mjß. Er fragt schön Vida: warum sie nicht so blühend mehr aus- 
sehe als vordem? Schön Vida klagt: bei Nacht weine ihr krankes 
Söhnlein^ bei Tage huste ihr alter Mann. Der Mohr nimmt sie in sein 
Schiff; um sie zu der Königin von Spanien zu bringen^ als Amme des 
Königssohns. Sie wird Amme am spanischen Hofe *) und fragt 
die Sonne und dann den Mond, wie es ihrem Kinde daheim und ihrem 
greisen Oemahl gehe? Sie erhält die Antwort, das Eand sei todt, der 
Gemahl und ihr Vater suchen sie überall. Sie weint. Da die Königin 
sie fragt, warum sie weine? gibt sie an, ein Goldbecher sei, als sie 
ihn ausgespült, ins Meer gefallen. Obwohl aber die Königin sie beru- 
higt, einen andern Becher kauft imd beim Könige Fürsprecherin ist, 
so kann dies doch ihren Schmerz nicht heben und das Lied endet 
mit den Worten: „Vida steht am Fenster alle Tage, 

Weint um Vater, Band und Mann mit Klage.** 
Ohne auf eine Verfolgung dieser Ballade in der slovenischen, 
kroatischen, serbischen Volkspoesie weiter einzugehen, genügt mir hier 
vollkommen diese in Krain, also in der Nachbarschaft von Gottschee 
unter Slovenen aufgefundene Fassung des Liedes, als Beweis, daß 
Nr. in der von mir mitgetheilten Lieder von der Schönen am Meer 
mit der slovenischen Volkspoesie in ganz unleugbarem Zusammenhang 
steht. Die slovenische Ballade erscheint in der vorliegenden Fassung 
sehr mangelhaft, in den Motiven nicht klar und bemerkenswerth ist 
immer, daß in der deutschen Fassung aus Gottschee, die im Sloveni- 
schen fehlender Heimkehr der Schönen und zwar im Tone echter, ur- 
sprünglicher Volkspoesie, erzählt wird. Die Zeitbestimmung von sieben 
Jahren und drei Tagen erinnert unter anderm an die altgermanische 
Sitte, bei gerichtlichen Fristbestimmungen von einem Jahre noch eine 
Nachfrist von drei Tagen hinzuzufügen, was hier im Volkslied in 
formelhafter Weise noch nachklingt, wenn auch die Bedeutung der Sage 
neben einer Angabe von Jahren nicht mehr in jenem Sinne gemeint ist. 
Ich hebe diesen Umstand nur hervor, weil eine solche Nachfrist be- 



*) Sollten die Beziehungen zu Portugal durch Hildebnrg in der Kudnin erst in 
Österreich hinzugekommen sein? Von Spanien wird nur spanisch Messing erwähnt 
Kudr. 1109. 



DAS FORTLEBEN DER KUDRÜNSAGE. 



333 



kanntlich in der Eudran 172 vorkömmt (man sagete die höchst in drien 
tagen und in jdres stunden). Es zeigt sich demnach Nr. I dem entspre- 
chenden Theile der Eudran verwandt und dieser Theil erscheint nun 
merkwürdig an einen Kreis von Volksballaden angeschlossen, indem 
die Fassung Nr. U einem schleswig'schen Seeräuberliede, Nr. III einer 
slovenischen Ballade unläugbar nahe steht. 



Bie wrile ift auf den merarin! 

Den scheane, deu junge merarin ! 
Si ftianot §moron§ gur wrüe auf, 

figeanot haschen deu haifie hasche 
6 Zam proiten mer, zam tiefen §eahe, 

fi hewot uny §i haschot achean. 
Am mere da fbimot oin schifle kloin 

atinne da §vtzont zben junge hem. 
,Oueten morgen, du schdaneu me- 
rarin, 
10 du schSaneu, du jungen merarin !^ 
j^Schean dank, achean danJc, ir 

junge hem; 

wil gu£te morgen han ih a hSanc .'" 

Wome neglearziechotoinvnngarle: 

,Nim hin, du scheane merarin!^ 

1 5 jjich pins et deu schSane merarin, 

ichpinja deu hintel hascherin !^ 

Drdf petzont §eu §i aufs schifle 

Jdoin 
unt wwront über es proite mer, 
,Dupift laibordeuschSanemerarinj 

20 deu schSaney deu junge merarin !^ 
Seu namot oin hüderle in di hant 

4 

unt umrot iä>er es proite mer. 
Unt bie fi otter hin ift kam. 



Wie fiüh ist auf die Meeranwohnerin ! 

die schöne; die junge Meererin! 
Sie steht 's morgens gar früh auf, 
sie geht waschen die weiße Wäsche 
Zum breiten Meer, zum tiefen See, 

sie hebt an, sie wäscht schön. 
Am Meere da schwimmt ein Schiff- 
lein klein 
drinn da sitzen zween junge Herrn. 
,Guten Morgen, du schöne Meererin, 

du schöne, du junge Meererin!' 
„Schön Dank , schön Dank , ihr 
junge Herrn ; 
viel gute Morgen hab ich wenig." 
Von dem Finger er zieht ein Ringlein : 
,Nimm hin, du schöne Meererin !' 
^Ich bin nicht die schöne Meererin, 
ich bin ja die Windelwäscherin!" 
Drauf setzen sie sie aufs Schifflein 
klein 
und fahren über das breite Meer. 
,Du bist gleichwol die schöne Mee- 
rerin, 
die schöne, die junge Meererin!' 
Sie nahm ein leinen Tuch in die 
Hand 
und fthrt über das breite Meer. 
Und wie sie dann hin ist gekommen, 



4 y&r. si boUeot in jwr baifien haaehe, sie weichet ein zur weißen Wäsche. 



334 



K. J. SCHRÖER 



däti grüeßont §eu §i und houpont 
§eu §i 
25 Unt puffont §eu dt mercmn *\ 
deu scheane, deu junge mercmn. 



dort grüßen sie sie und halsen 
sie sie 
Und küssen sie die Meererin, 
die schöne, die junge Meererin. 



IL 

Eingang wie I. Nach Vers 6 heißt es: 



:|: Wie heiß weinet die Meererin! :|: 
Auf dem Meere schwimmen zwei 
junge Herrn: 
jGuten Morgen, du schöne Mee- 
rerin! 
Wie weinest du so heiß, 

du schöne, du junge Meererin?' 
:|:„Wie soll ich nicht weinen heiß ?:|: 
da es heut ist sieben ganze Jahre 
daß mein Bruder gegangen ins 
große Heer." 
^Wem wäschest weißer die Hosen du? 
Dem Lieben oder dem Bruder dein V 
„Wie weißer, wie weißer dem Lieben 
mein, 
aber dreimal weißer dem Bruder 
mein. 
Einen Liebsten krieg ich wieder, 

einen Bruder nimmermehr." 
Er (der Seeräuber im Schiff? der 
unerkannte Liebste?) will er- 
greifen die Meererin. 
— :|: ,halt ein, Schwager liebster 
: mein!' — :|: 

HI. 
Oin anders won der scheann merarin. 
Der Eingang stimmt wesentlich mit I bis Vers 13, bis auf die 
Zahl der jungen Herren im Schiffe, die hier 3 sind. Dann aber folgt, 
auf die Äußerung der Mererin, daß sie wenig gute Morgen habe : 
Ahd da sprachent di herren d/rai: Da sprechen so die drei Herren: 

,hie §0y hie §d, du mercmnP ,wie so, wie so, du Meererin?' 

:|: „i4ÄÖ, ahd^ ir junge herm^ :|: :|: „So, ihr jungen Herren, :|: 

Ahoime han ih a peapen man, Daheim hab ich einen bösen Mann, 

*) Var. di aeh^ane, di junge merarin. 



:|: Bie hoiße hoinot di merarin! :|: 
Am mere har §bi7noifd zb^ junge hem : 

,gueten morgen du scheane merarin! 

Beu hoine§t du §o hoißUcheu, 

du scheane, du junge merarin?' 
:|: yjBie §61 ih et boinen hoifilicheu, :|: 
Lei heut i§t es §ihn ganzen jur 

daß main prueder i§t gangen ins 
gröafie her.^ 
yBamon ba^choft baißer di ho§en du, 

dem lieben oder dem prueder dainP 
y^Bie baißor, bie baißor dem lieben 
main^ 

aber d/raimal baißor dem prueder 
main. 
Oin liebelten krieg ih hiderum, 

ein brueder krieg ih nimmer mer.^ 
Ar bil an packen di merarin. 



:\:jhält auf, hält auf §bäger lieb- 
ster main!^:\: 



DAS FORTLEBEN DER KÜDRUNSAGE. 



335 



a pea§en man, a pea§en fon. 
Pai tcye lant §eu mih et ärhoiten, 

pai der nackt lant §eu mih et 
§lufen.^ 
Ahd da sprachent di herren d/rai: 

,trit innar, trit inna/r, dum^rarin! 
Atinne hent älderhänd hWrzelain, 

atinne hent älderhänd kräuteiain. 
Di ber§t du ingaben dainem pun, 

Otter hert er dih laußen arbeiten 
schon !^ 
Kamor i§t §i gebraten ins scheffle proü, 

§0 gabent §i dem scheßfle an stöaß. 

8i dankhet, fi i§t et am mitten mer, 
fi ift an änderder §aiten geban. 

Bis hoiße da boinet deu mera/rin^ 

deu scheane, deu junge m^ra/rin, 
:|: Ak^ da sprickt defi* junge herr: :|: 
,Du schSaneu, dujungeu merarin, 

80 fiecho^ du main boißes geploß f 
Dort ber§t du painen mai schiane wräy 

berft §ainen mai fliisseUrägarinJ 
jfDört bert ikfainendeufaudiemdain 

deu §bain ze wrassenträgerin /** 
,8^ et, fo et, du merarin! 

du schSaneu, du jungeu mercmn!^ 
Dort i§t pi gebdn phn ganze jar, 

fiben ganze jar und d/rai tuge. 
Ahd do sprichet di meroHn 

di schSane, di junge merarin, 
jfSo tat mih gSan an di gefte schean 

ande gefteschSan^ übers proite mer.^ 
,8o et, po et, du merarin, 

mai scheane torä plilsselträgarin. 



einen bösen Mann^ einen bösen 
Sohn. 
Bei Tage lassen sie mich nicht ar- 
beiten, 
bei der Nacht lassen sie mich nicht 
schlafen." 
So da sprechen die -drei Herren: 

,Tritt herein, duMeererin! 
Hierinnen sind allerhand Würzlein, 
hierinnen sind allerhand EJräatlein. 
Die wirst du eingeben deinem Sohn, 
dann wird er dich schon arbeiten 
lassen/ 
Kaum ist sie getreten ins Schifflein 
breit, 
So geben sie dem Schifflein einen 
Stoß. 
Sie denkt, sie ist nicht auf der Mitte, 
Sie ist (so ist sie schon) auf der 
andern Seite. 
Wie heiß da weinet die Meererin, 
die schöne, die junge Meererin. 
:|: So spricht der junge Herr: :|: 
,Du schöne, du junge Meererin 

so siehst du mein weißes Schloß? 

Dort wirst du sein meine schöneFrau, 

wirst sein meine Schlüsselträgerin/ 

^Dort werd ich sein die Saudiem dein, 

die Schweinfraßzuträgerin !^ 
,So nicht, so nicht, du Meererin ! 
du schöne^ du junge Meererin !' 
Dort ist sie gewesen sieben ganze 
Jahr, 
sieben ganze Jahr und drei Tage. 
So spricht die Meerer.n 

die schöne, die junge Meererin. 
„So laß mich gehen jenseits schön, 
jenseits schön übers breite Meer." 
,So nicht, so nicht, du Meererin, 
meine schöne Frau Schlüssel- 
trägerin. 



336 ^' J- SCHRÖER, DAS FORTLEBEN DER KUDRUNSAGE. 

jSo §iechoft du dort a älden ptockf So siehst du dort einen alten Baum- 
stamm? 
a hat fibnjur koin lab getrogen: er hat sieben Jahre kein Laub ge- 

tragen: 
Benn der ftock noch a hdrt Idb bert Wenn der Stamm noch einmal Laub 
trägen, wird tragen^ 

dennor herft du wrd an de ge§te dann wirst du Frau jenseits gehn/ 
gean,^ 
AM da aprichot deu merarin: So spricht die Meererin: 

:|: yjboü gott daß du trägo§t grüenes :|: „wollte Gott daß du trügest 

läp, :|: grttn Laub,:|: 

daß ich dürfet gean an de gefte daß ich dürfte gehn jenseits 
schean!^ schön!** 

St hat noh et 8 bort ausgereidt, Sie hat noch nicht das Wort aus- 

geredet, 
der dürre dock hat wurt läp ge- so hat der Stamm Laub getragen. 
trägen. 
An di gept ift kamen di merarin, Jenseits ist gekommen die Meererin, 

dort hirtond §ech§ hirtlain kioin. dort hüten sechs Hirtlein klein. 

Wemweu barten §d toroidigeu Fünfe waren so freudig, 

das §echfte hat §ih §o trawrig ge- das sechste hat sich so traurig 
hübet. gehabet. 

y^Du hirtle kloin, du lieber main, „Du Hirtlein klein, du liebes mein, 

beu hubeft du dih §o trauriges f wie habest du dich so traurig? 

So trauriges, §o loidigesf^ So traurig, so leidig?" 

,Bie §ol ih mich et trawric hüben f ,Wie soll ich mich nicht traurig 

haben? 
Es i§t haint fibnjv/r und drai tage, Es ist heut sieben Jahr und drei Tage 
daß main de mueter ift et kam! daß meine Mutter nicht gekom- 

men ist. 
Ich boß et, i§t §i gewäUen ins mer, Ich weiß nicht, ist sie gefallen ins 

Meer, 
oder hänt fi geftolen di schiffareP oder haben sie geraubet die 

Schiffer?' 
y^Kom har, kom har, du liebes main „Komm her, komm her, du liebes 
hind ! Eand ! 

ih pin es deu rächte mueter dain !^ ich bin die rechte Mutter dein.*' 

Über Mundart und Schreibung vgl. meine oben (S. 329) ange- 
zogene Schrift. 

WIEN. K. J. SCHRÖEE. 



337 



DER URDEÜTSCHE SPRACHSCHATZ. 

von 

E. FÖRSTEMANN. 



ERSTER ARTIKEL. 

Untersuchungen über die lexicalische Verwandtschaft der indo- 
germanischen Sprachen unter einander gehören unzweifelhaft nicht in 
diese Zeitschrift; dagegen dünkt mich^ als habe alle Betrachtung des 
deutschen Alterthums, dem doch diese Blätter gewidmet sind, auszu- 
gehen von der Darlegung unseres ursprünglichen Sprachschatzes als 
dem am leichtesten fassbaren und wichtigsten Zeugniss von unserem 
firühesten Denken und Leben. Um dieses Zeugniss nun ftlr unsere 
Alterthumswissenschaft recht auszubeuten und nutzbar zu machen ist 
es nöthig, jenen ursprünglichen Sprachschatz, so weit man seiner noch 
habhaft werden kann, nicht etwa alphabetisch zusammenzustellen, son- 
dern ihn nach, realen Gesichtspunkten, nach Begriffskategorieen geord- 
net vorzuführen; dann wird er uns einen Blick in unsere ältesten Zu- 
stände thun lassen, wie er auf keinem andern Wege gewonnen werden 
kann. Ein erster Versuch dazu soll im Folgenden gemacht werden. 
Solch ein Versuch^ auf unser urdeutsches Alterthum bezogen, muß 
zu viel volleren und festeren Ergebnissen führen, als eine entspre- 
chende Reconstruction der urindogermanischen Culturzustände ; und 
doch hat auch schon diese letztere Betrachtung zu den lohnendsten 
Resultaten gefiihrt. Kaum ist in den letzten Jahrzehnten eine sprach- 
lich-antiquarische Specialuntersuchung mit so allgemeinem Beifalle auf* 
genommen und so viel wirklich gelesen und benutzt worden als Kuhns 
Abhandlung „Zur ältesten Geschichte der indogermanischen Völker^, 
welche zuerst 1845 als Berliner Gymnasialprogramm , dann 1850 im 
ersten Bande von Webers indischen Studien erschien. Denselben Weg 
haben im Jahre 1867 zwei preußische Gymnasiallehrer mit entschie- 
denem Glück in Programmen betreten, nämlich Pauli (Über die Be- 
nennung der Körpertheile bei den Indogermanen) und Kneisel (Cul- 
turzustand der indogermanischen Völker vor ihrer Trennung). Was 
aber für ein so fernes Alterthum erlaubt und fruchtbringend ist, das 
wird bei einem so vieles näher liegenden Stoffe nicht verboten und 
fruchtlos sein; am ergiebigsten aber dann, wenn wir möglichst aller 
Theile des Sprachschatzes habhaft zu werden suchen, während die ge- 

GKRUANIA. Nene R«ih« II. (XIV.} Jmhrr. 22 



338 E. FÖRSTEMANN 

nannten drei Abhandlungen sich nur auf ganz einzelne Gebiete be- 
schränken. 

Die Anordnung des Ganzen nach begriflflichen Kategorien wird 
am zweckmäßigsten so geschehen, daß wir der altherkömmlichen Reihe 
der Redetheile vom Substantivum bis zur Interjection hin folgen, inner- 
halb jeder dieser Abtheilungen aber möglichst vom sinnlich Wahrnehm- 
baren zum Geistigen, vom Specielleren zum Allgemeineren aufsteigen. 
Die einzelnen Begriffsclassen, wie ich sie hier aufstelle, werden zwar 
hie da nicht ganz scharf sich von einander sondern, auch mag darüber 
gestritten werden, ob die Reihenfolge sich nicht no^ etwas zweckinäßir 
ger anordnen lassen kann, doch wird im Ganssen der Zweek erreidit 
werden, daß verwandte Begriffe in eine Gruppe susammentreten. 

Noch eine andere und wie mir scheint besonders lehrreiche Son- 
derung versuche ich hier eintreten zu lassen, indem ich den gaikzeu 
urdeutschen Sprachschatz in drei verschiedenaltrige Schichten zerlege^ 
die sich im Laufe der Zeiten über einander gelagert haben* Ist es 
nämlich als aasgemacht anzusehen (und zu dieser ErkenntnJss haben 
namentlich Schleichers Arbeiten wie die keines Anderen beigetragen)^ 
daß die Germanen mit den Lituslaven in einer länger dauernden Ge-- 
meinschaft gelebt haben als mit den andern indogermanischen Völ- 
kerstämmen, so ergiebt sich, daß der urdeutsche Sprachschatz we* 
sentlich (d. h. abgesehen von Fremdwörtern) bestehen muß am 
1. einem vorslavogermanischen Theile, d. h. aus solchen Worten, die 
bereits vor der Sonderexistenz der Slavogermanen bestanden habecu 
Ich bezeichne diese Schicht der Kürze halber hier als die indoger- 
manische, verwahre mich aber ausdrücklich dagegen, als schriebe ich 
jedem dieser Ausdrücke ein bis vor alle Völkertrennungen der Inr 
dogermanen reichendes Alter zu; 2. aus einem slavogermanisehen 
Theile, der solche Wörter enthält, welche sich als Wörter (d. h. ab- 
gesehen von altindogermanischer Wurzelverwandtschaft) außerhalb der 
germanischen und lituslavischen Sprachen noch nicht haben nach- 
weisen lassen; 3. aus einem speciell germanischen Wörterschatze, der 
dem bisherigen Standpunkte der Wissenschaft nach die Vermuthung 
erweckt, daß er sein Entstehen erst derjenigen Zeit verdankt, welche 
nach der Sonderung zwischen Germanen und Lituslaven und vor dea 
ersten Theilungen der Germanen unter sieh liegt. Weitere Forschung 
in der Zukunft wird lehren, darß manches Wort, welches ich in die 
zweite Schicht setze, in Wahrheit schon in die erste gehört, und daß 
manches bei mir in der dritten Schicht angeftlhrte in die zweite oder 
gar erste zu versetzen sein wird, doch darf die volle Erkenntniss un- 



DER URDtUTSCHE SPRACHSCHATZ. 339 

serer bisher noch unvollkommenen Mittel uns nicht von dem Versuche 
zurückhalten dasjenige zu ^reichen, was mit diesen unzuläuglich^n, 
Mitteln erreichbar- ist. 

I. Die indogermanische Schicht. 

Eine Übersicht soll im Folgenden gegeben werden von demjeni- 
gen Theile unseres Sprachschatzes, der aus der vorslavogermaaische»: 
Zeit auf das deutsche Gebiet hineinragt, es soll nachgewieseot werde];i> 
welche Wörter zugleich sowohl germanisch als vorslavogennanisch sind. 
Was nicht zu diesem Zwecke dienlich ist^ das BWiß ich im- Folgenden 
Töllig fem halten, damit diese Übersicht nicht ihre nöthigste Eigenschaft, 
die Übersichtlichkeit, verliere. Leider haben ein Paar höchst bedeu-' 
tende Sprachforscher der Gegenwart fiir diese ich möchte sagen plasti- 
sche Gestaltung lexicalischer Arbeiten, die aus der Einheit ihres Zwecke* 
hervorgeht, keinen Sinn und liefern daher in üeberflille des Stoffes wahr^ 
Wörterwtfesten, an die man nicht gerne herantritt und die erfahFunga- 
mäßig wenig benutzt werden. Nicht im Geringsten geht mich im Fol- 
genden die Frage an, ob ein als germanisch bekanis^tes Wort sich weit 
durch die älteren und neueren deutschen Sprachen verbreitet oder in 
einem Theile derselben untergegangen ist; mit der bekannten endlosen 
Reihe (goth., altn., schwed., dän., ahd., mhd., nhd., ags., alts. u. s. w. 
bis auf die Mundarten herab) wird man hier versditont bleiben; iob 
fiüare, wo nicht besondere Qrüade vorliegen, nur eine der deutscheä 
Sprachen, am liebsten die gothische, als Vertreter der übrigen an, die 
mir für unseren diesmaligen Zweck völlig gleichgültig sind. Eben so, 
gleichgültig ist es mir, ob ein lateinisches Wort im Romanischen, ein 
altslavisches im Russischen, Böhmischen u. s. w. fortlebt, ein Sans- 
kritausdruck auch im Altbaktrischen vorkommt. Was ich als höch- 
stes Ziel für diesmal erstrebe, ist der Nachweis eines jeden Wortes ia 
sechs verschiedenen Gestalten: 1. einer deutschen, 2. einer lituslavischen, 
3. einer italischen, 4. einer keltischen, 5. einer griechischen, 6. einer 
arischeli. In der zweiten Gruppe gebe ich dem LitauiBchen oder Alt- 
slavischen, in der vierten dem Altirischen, in der sechsten selbstver- 
ständlich dem Sanskrit am liebsten den Vorzug. Wo bei einem der 
Wörter eine der sechs Spraohgruppen fehlt, da i^t das Wort in dieser 
Sprachgruppe entweder nie vorhanden gewesen oder untei^egangen, 
oder drittens bei unseren wissenschaftlichen Mitteln nicht naehweisibar 
oder viertens mir nicht zugänglich gewesen; der dritte und vierte Fall, 
sind namentlich oft in Bezug auf das Keltische anzunehmen. 

22* 



340 E. FÖRSTEMANN 

Das deutsche Wort stelle ich stets voran; die übrigen folgen auf 
einander in der Reihenfolge, daß ich das dem deutschen an Lautbestand^ 
Themabildung u. s. w. nächste Wort ihm auch zunächst stelle, das 
von ihm am abweichendsten gebildete an die letzte Stelle setze; je wei- 
ter das deutsche und das fremde Wort von einander getrennt sind, 
desto größer ist die Möglichkeit, daß beide selbständig aus derselben 
Wurzel gebildet sind. Diese größeren oder geringeren Übereinstim- 
mungen hebe ich dadurch noch mehr hervor, daß ich für diejenigen Spra- 
chen, welche sich noch einer alterthümlichen Klarheit in der Thema- 
bildung erfreuen, namentlich für das Skr., Q-riech., Lat, Lit. imd öoth., 
das Wort in der Form eines Themas (also im Griech. mit Verlust des 
Accients) anführe; in den übrigen Sprachen begnügen wir uns meistens 
mit dem Nominativ. 

Zusammenstellungen zu geben, die noch einen hohen Qrad von 
Unsicherheit an sich tragen, unterlasse ich ganz; ich wünsche, daß 
dasjenige, was ich mittheile ^ in Zukunft mehr vervollständigt, weniger 
umgeworfen werde. Wo die ZusammensteUung schon allgemein aner- 
kannt ist oder nicht leicht bezweifelt werden kann, gebe ich sie ohne 
weitere Citate über die Stellen, in denen sie bereits vorkommt; wo sie 
noch als zweifelhaft gilt oder schon von beachtenswerther Seite bezwei- 
felt worden ist, deute ich diese Ungewissheit kurz an. 

Schließlich noch in Bezug auf die Bedeutungsverschiedenheit der 
Wörter in den einzelnen Sprachen die Bemerkung, daß ich jeden Aus- 
druck dahin einordne, wohin er mir nach seiner urdeutschen Bedeu- 
tung gehört zu haben scheint, ohne Berücksichtigung seiner früheren 
oder späteren Bedeutungsverschiebungen. 

Und nun zur Sache. Ich beginne unter den SUBSTANTIVEN 
mit der Thierwelt, da ich überzeugt bin, daß fiir keine Begriffs- 
sphäre sich die Ausdrücke so früh und so bestimmt festgestellt haben, 
als för diese. Zuerst allgemeine Bezeichnungen: 

Goth., faihu, altpr. peku, lat. pecu, skr. pa9u. Griech. nav wollen 
wir hier aus dem Spiele lassen. 

Goth. dius, altsl. zvjer, gr. ^r^Qy lat. fera. Diese Zusammenstel- 
lung^ die wir bei Grimm und bis zuletzt finden und die auch neuer- 
dings Max Müller festhält, ist indessen von Curtius, Diefenbach, Lott- 
ner tmd Schweizer mit erheblichen Ghründen erschüttert worden; der 
Letztere will lat. fera mit dem deutschen Bär verbinden, was alle Be- 
achtung verdient. 

Altn. smali (pecus), gr. /*iyAo (ovis). 



DER URDEÜT8CHE SPRACHSCHATZ. 341 

Goth. fulan (Nom. fula), lat. puUo, gr. nmXo; zweifelhafter skr. 
pälaka (equus). 

(Joth. kalbön (Nom. kalbö junge Kuh), altsl. irebe (Fallen), skr. 
garbha (Mutterleib, Junges). Von Schleieher wird dazu gr. ßgsqxyg, 
von Benfey dsXfpax gestellt^ beides unsicher. 
Hausthiere: 

Altn. kü, skr. gö, gr. ßoJ^j lat. böv, altsl. gov^do. Altir. bö ist 
entlehnt. 

Goth. stiura (Nom. stiur), skr. sthüra, lit. taura^ gr. tavgo, lat. tauro. 

Ahd. phar (fersa), gr. noQxi. 

Goth. auhsan (Nom. auhsus), skr. uksan, gadhel. agh. 

Goth. avi (Nom. avis), skr. avi, lit. avi^ gr. o/t, lat. ovi, altir. 6i. 

Ahd. ram, gr. agv, skr. urana. 

Goth. vij)ru (Nom. vi))rus), gr. i^gi, skr. vadhri (castratus). 

Goth. gaiti (Nom. gaits), lat. haedo, skr. huda. 

Altn. gimbur, gr. xy^iLugo. 

Ahd. sü, lat. sü, skr. sü (-kara), gr. 6Vy altsl. svinija. 

Ahd. ebar, lat. apro, altsL vepri. 

Altn. hafra (Nom. hafr), gr. xaTcgo, lat. capro, ir. gabhar. 

Ahd. farah, lat. porco, gr. xogxoy lit parsza. 

Schwed. gris, skr. ghrsvi, gr. x^'^Q^' 

Goth. aihva (Nom. aihvus?), lat. equo, skr. a9Ya, lit. aszva, altir. 
each, gr. [ycno. 

Altn. goti, skr. ghöta. 

Ahd. marach, gadhel. marc, russ. merin. Vielleicht ist das deut- 
sche Wort ein keltisches Fremdwort. 

Altn. mül, lat. mülo, gr. fivxXo. 

Goth. asilu (Nom. asilus), altsl. osilo, lit. asila^ lat. asino, gr. ovo. 
Weber ist gegen die Herbeiziehung des griech. Wortes, Curtius dafür. 

Goth. hunda (Nom. hunds), lit. szun (Nom. szü), skr. fvan^ gr. 
xvvy lat. can, ir. cu (Gen. con). 
Wilde Säugethiere: 

Goth. vulfa (Nom. vulfs), altsl. vlükü, gr. ivxo, skr. vrka. Sehr 
bestritten wird das Hiehergehören des lat. lupo; noch unsicherer wird 
die Verbindung des deutschen Wortes mit den andern durch das lat. 
vulpe; auch altn. vargr lupus ist zu erwägen. 

Ahd. luhsi (Nom. luhs), lit. luszi, gr. Xvyx. 

Ahd. lewon (Nom. lewo), lat. leo, altsl. livü, gr. Xeovr. 

Ahd. affin (Nom. affo)^ altir. apa, skr. kapi, gr. xijTto. 

Ahd. marder, lat. marti. 



342 E. FÖRSTEMÄNN 

Ahd. ottar, skr. udra^ lit. udra; gr. (iv-) vS^f 

Ahd. bibar, lat. fibro, lit. bebru, skr. babhrii. 

Ahd. müs, lat. müs, gr. fiv(-ff), skr. müsa, altal. mysi. 

Ahd. igil, gr. ^xwoy lit. ezy(-s.) 

Ahd. ür, skr. usra, lat. uro^ letzteres vielleicht aus dem Deut- 
schen entlehnt. 

Ahd. hir-uz, lat. cervo. 

Ahd. elaho (altn. elgr), lat. alce, gr. dXxr^ ; letztere beiden wol aus 
dem Deutschen entlehnt. 

Ahd. hasin (Nom. haso), kretisch xsxrjVf skr. 9a9a^ lit. zuiki(-s). 

Goth. ulbandu(-s, Kamel); lit werbluda (-s Kamel), gr iXeipavt. 
Vögel : 

Ahd. gansi (Kom. gans), lit z^si(-s) , skr. hansa, lat anser, 
gr, xf^v, gadhel. g^adh. 

Ahd. anut, lat anat, lit. anti(-s), skr. äti, gr. vtjöOa. 

Ahd. pelicha, lat. fulica, gr. ncovy. 

Ahd. merrich, lat merge, skr. madgu. 

Ahd. alacra; gr. äXxvov, lat. alcedin. 

Ahd, hraban, skr. kärava^ lat corvo, gr. xog&va. 

Ahd. hruoh, altsl. krukü, gr. xoQax. 

Ahd. kräa, lat grac-ulo. 

Ags. crane, gr. ysgavOy kelt garän, lat. gru, Ut gerve. 

Ahd. gauh, gr. xoxxvyj skr. kökila, lat. cuculo. 

Ags. steam, lat. stumo, gr. tl^agoy böhm. skofec. 

Ahd. büf, gr. ßva^ lat bubon. 

Ahd. üla, uwila, skr. ulüka, lat ulula. 

Goth. sparvan (Nom. sparva), lat j^irra. 

Altn. ])idr, skr. tittiri, Ut teterva^ gr. tsrgiy. 

Ahd. amisala, lat. memla. 

Nhd. Dohle, nlai. tacula. Das ahd. tÄha raaeht diese Zusammen- 
Stellung imsicher, vielleicht ist das spätlateinische Wort aus dem Deut- 
schen entlehnt. 

Ahd. dross-ela, lat. turdo, skr. tarda. 

Altn. egdir, gr. ixtiv. 

Ahd. gir, gr. Ceg-ax, 

Ahd. speht, lat pico. . 

Niedere Thiere: 

Ahd. unc, lit angi(-s), lat angui, gr. ixiy iipt^ skr. ahL 

Goth. fiska (Nom. fisks), lat. pisci, welsdi pysg. 

Nhd. Laugen, lat lucio, gr. JievX'iöxo, 



DER ÜRDEÜTSCHE SPRACHSCHATZ. 343 

Altn. karfi, lat carpion, gr. xagnicav (die beiden letzteren sind 
im Alterthume noch nicht zu belegen). 

Nhd. Barsch, bärsiöh^ gr. nsgxa, lat. peroa. 

Ahd. äJ, gr. iy%sXvy lit. ungury(-s), lat. anguilla. 

Goth. vaurmi (Nom. vaurms), lat. vermi, lit. kirmi, skr. krimi. 
Das Hierhergehören des lit und skr. Wortes ist vielfach bestritten, 
doch möchte ich die Gruppe mit Schleicher aufrecht erhalten; das 
griech. ik(iiv4^ dagegen gebe ich auf. 

Ags. crabba, lat. carabo, gr. xaQaßOy skr. yarabha. 

Altn. humarr, lat. cammaro, gr. xa^ifuago. 

Ahd. mucca, altsl. mucha, ir. muc, lat. musca, skr. maksdkä, gr (ivux. 

Ahd. wafsa, lit. vapsa, lat. vespa; sehr bedenklich ist gr. aq>fiK 

Ahd. b$a, lat. api. 

Ahd. treno (alts. dran), lit. trana(-s), skr. druna. 

Ahd. impi, gr. i^JiiS. 

Ahd. grillo, gr. y^vllo, skr. g'hilli» 

Ahd. floh, lat. pulic, altsl. blocha^ skr. pulaka (Ungeziefer), gr. 
tIfvXXa. 

Ahd. bremo (ahs. bremmia^ ags. brimse), skr. bbramam. 

Ahd. rüpa, lat. erCtca. 

Altn. maur, altsl. mravü, zend. maoiri, gr. fivQfifix, lat. formica; 
aber skr. yalmika ist fem zu halten. 

Von der Thierwelt steigen wir zum Menschen »uf, geben zu- 
nächst einige allgemeine Ausdrüdke, dann die Wörter für Verwandt- 
schaftsbeziehungen^ hierauf die für Stände und Beschäftigungen, endlich 
die Bezeichnungen fiir Vereinigungen von Menschen. 

Goth. mannan u. mana (Nom. manna)^ skr. manu, altsl. nuizi 
gr. vielleiciht Mivio. 

Goth. vaira (Nom. vair), lit. vyra, lat. viro, skr. vara, al*ir. fer, 
gr. fjQio. 

Goth. guman (Nom. guma), lat. homin, lit. zmones (Plur.^ = altn. 
gumnar). 

Goth. fadi (Nom. fa})s), skr. pati, lit pat(-8), lat. poti, gr. srort. 

Ags. hise, gr. xatft. 

Goth. sineig (Nom. sineigs)^ lat «enec, lit sesoka-s, (alt, vgl. 
die Adjectiva). 

Gotii. qvindn (Nom. qvinö), altsl ieua, skr. gna, gr. yvw-tx. 
Goth. qv^ni (Nom. qvens), skr. g'äni. 

Ags. fs&mne, lat. femina. Die mangeboide Lautverschiebung er- 
regt den Verdacht der Entlehnung. 



344 E. FÖRSTEMANN 

Ahd. diorna^ skr. tarunä (juvenis). 

Goth. atta, lat. atta, gr. irrcc, skr. atta (fem. atta). 

Goth. fadar^ lat. pater, gr. 7iat$Q, skr. pitar^ altir. athir. 

Ahd. muotar, lat. mäter, skr. mätar, gr. fiqrep, altsl. (Thema) ma- 
ter, altir. mathir. 

Goth. ai])ei (mater); skr. atti (ältere Schwester). 

Altn. amma (avia)^ skr. ambä. 

Goth. sunu (Nom. sunus), skr. sünu^ lit. sunu; zweifelhaft; doch 
nach der Ansicht von Curtius und Kuhn auch hieher gehörig gr. vto. 

Göth. arbjan (Nom. arbja), lat. orbo, skr. arbha (Blind), gr. 6Q(pavo. 

Goth. magu (Nom. magus), ir. mac. 

Goth. dauhtar, lit. dukter, skr. duhitar, gr. ^vyaxaQy ir. dear. 

Altn. kind, skr. g antu (Erzeugter, Geschöpf), altsl. cjado. 

Goth. br6])ar, skr. bhrätar, lat. frater, gr. ^»pi^ri^p, altsl. bratrü, 
ir. brathair. 

Goth. syistar, altsl. sestra, skr. svasar, lat. soror, altir. siur. 

Ags. t&cor, skr. d^var, lit. deveri, gr. SaBQj lat. leviro. 

Ahd. snuor, lat. nuru, skr. snusÄ, altsl. snocha, gr. wo, 

Goth. svaihran (Nom. svaihra), skr. 9ya9ura, lat. socero, altsl. 
svekrü, gr. ixvQo, 

Goth. svaihrön (Nom. svaihrö), skr. 9va9rü. lat. socru, altsl. svekry, 
gr. ixvQCfy welsch chwegyr. 

Alts, hiwa (conjux), lat civi. 

Goth. viduv6n (Nom. viduvo), skr. vidhavä, lat. vidua, altir. fedb. 

Ahd. nefo, altsl. netii, gr. avsipiOy lat. nepöt, skr. napät. 

Goth.. nijyjon (Nom. nithjö), böhm. neti, lat. nepti, skr. napti, gr. 
avs^iUy altir. necht. 

Ahd. fataro (Oheim), skr. pitrvja, gr. nargcü, lat. patruo. 

Goth. reika (Nom. reiks, vielleicht Thema reik, wegen des Nom. 
PL reiks), altpreuß. reiks, lat. reg, gadhel. righ, skr. r&g'an. 

Goth. gasti (Nom. gasts), lat. hosti, altsl. gosti. 

Ahd. degan, gr. tbhvo; dazu vielleicht skr. tökman (Sprössling). 

Ahd. enkin (Nom. enko famulus), lit anuka(-s, nepos) , lat. 
Anco, anculo. 

Goth. hliftu (Nom. hliftus), gr. xXsnta. 

Goth. kunja (Nom. kuni), skr. g'anja (erzeugend, «erzeugt), lat 
genio; der Form nach femer, der Bedeutung nach näher steht gr. ysvog, 
tat genus, skr. ganas. 

Goth. }>iuda, lett. tauta, umbr. tutu, altir, tuath. 

Ahd. liut, altsl, liudu, gr. lao. 



DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 345 

Ags. l^rym (die Schar); lat tarma. ' 

Goth. knödi (Nom. knöda), lit. genti(-8, der Verwandte), gr. 
y8VB6iy skr. g'ätiy lat. nati*on. 

An dieser Stelle mag noch auf ein höchst anziehendes ^ aber 
äußerst gefährliches Gebiet hingedeutet werden, auf das Stimmen deut- 
scher Personen- und Völkemamen zu fremden. Bekannt ist, daß einige 
deutsche Namen wie Marcho, Gavio u. s. w. auffaUend zum lat Mar- 
cus, Gajus u. a. passen, daß die goth. Namen auf -reiks und -mSr 
sich mit den altgaUischen auf -rix und -mar berühren und daß sogar 
altpersisches Sisjgambis, Sisamnes, Sisamithres anklingen an deut- 
sches Sisebald, Sisemund u. a. Und was die Völkernamen angeht, 
so ist es kaum Zufall, daß die deutschen Ambrones und Marsi zu den 
italischen' Umbri und Marsi, die lygischen Uißivoi und die Sabini, die 
deutschen Semnones und die gallischen und italischen Senones so merk- 
würdig stimmen; hat doch auch Glimm bei den Saxones an dieSacae 
erinnert; neben jenen wohnen in Europa Dani und Frisii, neben diesen 
in Asien Dahae und Persae. .Doch genug von diesem Gebiete, auf 
dem der Tag noch nicht angebrochen ist. 

Von den Menschen gehen wir über zum thieri sehen Körper 
und steUen das Verwandte in folgender Weise zusammep. 
Kopf: 

Goth. haubida (Nom. haubi])), lat. capit. 

Ags. hafola, skr. kapäla, gr. xffpaXa. 

Goth. augon (Nom. augd), altsl. oko, gr. ax (otfas), skr. aksi, 
lat. oc-ulo. . ^ 

Goth. brahva (Nom. brahv), altsl. brüvi, skr. bhrü, gr. ofpgv. 
Diese Ghiippe möchte ich doch trotz des Einspruchs von Schweizer in 
Kuhns Ztschr. Vin, 452 aufrecht erhalten. * 

Goth. tagra (Nom. tagr), welsch dagr, skr. a9ru, lit. aszara, gr. 
daxQVOy lat lacrima. 

Goth. ausan (Nom. auso), lat. auri, lit. au8i(-8), gr. ©r, altsl. 
ucho, altir. o'. 

Ahd. nasa, lat naso, skr. nas und nas^ altsl. nosü. 

Ahd. stima, gr. özbqvo (Brust); vielleicht skr. stirna (ausgebreitet). 

Ags. brägen (Gehirn), gr. ßgsxfio. 

Goth. hvaimein (Nom. hvaimei), gr. ngavio. 

Goth. mun])(-s), lat. mento. 

Ahd. lefsa, lat labio, lit lupa. 

Goth. kinnu (Nom. kinnus), skr. hanu, gr. y€vv, lat. gena, lit. 
zanda(-8). 



346 E. FÖRSTEMANN 

Goth. tun]3u (Nom. tun})us); skr. danta, lit. danti^ gr. o^ovr, lat. 
dent, altir. det. 

Goth. tuggön (Nom. tuggö), altir. tenge, lat. lmg<ua^ &kr. g'ifevä. 

Goth. haurna (Nom. haum), lat. «ornu, gr. k&^t. 

Ahd. hart, altsl. brada, lat. barba. 
Arme: 

Ahd. scultara, skr. skandhas^ gr. <r««^a; gr^ 07^sl(^ ist einmal 
wohl ßllschlich herbezogen werden. 

Goth. amsan (Nom. amsa)^ skr. äsa, gr. ro/io, tat. humero. 

Ahd. ahsala, lat. axilla. 

Goth. armi (Nom. arms), lat. armo, gr. appt^ö, altsl. a^mo, skr. trma. 

Ahd. buoc, skr. bähu, gr. ^r^xv. 

Goth. aleina, gr. (oXava^ lat. ulna, lit. alknne, zweifelhaft skr. aratnt. 

Ahd. folma^ lat. palma, gr. TCccKccfm (skr. papi? Vermuthung von 
Pauli). 

Altn. hreifi (Handgelenk), gr. m^gno^ skr. kurpara (Ellbogen und 
Kniegelenk). 

Altn. mmit (Hand), lat. manu. 

Ahd. tenar (flache Hand), gr. '^svag^ ir. deama. 

Goth. löfan (Nom. 16fa flache Hand), welscfh llaw. 

Ahd. f&st, altsl. p^sti, lat. pugno, gr. nvyfLcc. 

Ahd. nagal^ lat. ungula, gr. ovvx^ lit. naga, skr. nakha. 
Beine : 

Ahd. lendi, altsl. l^dvij^ (Pl^^«)> 1^*- l^ö^bo. 

Goth. kniva (Nom. kniu), gr. yot/v, skr. g'änu, lat. genu. 

Ahd. hahsa, lat. coxa, skr. kaksa, lit. kiszka. 

Altn. haell (calx), lat. calc, gr. A«^, lit.. kulni(-s). 

Goth. fotu (Nom. fötus), skr. pada und päda, gr. »o#, lit. pada 
(-S SoTile), lat. ped, kymr. ped. 

Goth. fairzna, skr. pärsni, altsl. plesna, gr. ms^va. 

Ahd. zeha, gr. daKrvXo, lat. digito. 

Ahd. huof, skr. 9apha, altsl. kopüito. 

Goth. sulja, lat. solea, gr. v2.ia. 

Goth. gridi (Nom. grids Schritt), lat. gradu. 
Äußere Körpertheile : 

Goth. leika (Nom. leik), aksl. Kce (Gesicht, Person) ; die Bopp'sche 
und Grimmische Vergleichung mit skr. defha ist von Lottner zurück- 
gewiesen. 

Ahd. fei, lat. pelli, gr. scsXXcc^ 114;. pleve. 

Goth. balgi (Nom. balgs), lat. foUi. 



DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 347 

Ahd. hüti (Nom. hüt), lat. cuti^ gr. öxvvog^ altsl. koza. 

Altn. hörund, lat corio. 

Ahd. fedara^ gr. srrf^o, skr. patra, altsl. pero, lat. penna. 

Goth. vulla, lat. vülo, lit. vilna, skr. üraä, gr. igog. 

Ahd. fahs; gr. nsxog. 

Ahd. har, lat. caesaries. 

Ags. ceol; lat. gula^ skr. gala. 

Goth. halsa (Nom. hals)^ lat. collo; russ. gorlo hieher? 

Ahd. hnicki^ gr. ^x*" 

Goth. qvij>u (Nom. qvi|)iis), skr. g'athara ; gr.fttözep; zweifelhaft 
lat venter. 

Ahd. href (ateras)^ lat. corpus, skr. krp (Gestalt). 

Ahd. nabalin (Nom. nabalo), «kr. n&bhila, gr« ofniako^ lett nabba, 
lat. umbilico. 

Ahd. manzo (Euter), lat. mamma, gr. ^a<rto, fiala, 

Ahd. utar, gr. ov&ag^ lat. über, skr. itdhas, lit udroju, altir. üth. 

Ahd. tila, gr. di^la. 

Ahd. ars, gr. o^fo. 

Altn. hlaun (nates), lat. clüni, gr. xJLovij skr. 9rdnl. 

Altn. svipa (ahd. sveif), gr. 6oß«. 

Goth. skauta (Zipfel des Kleides), iat oaiidft. 
Eingeweide: 

Altn. gaunir (plur. Eingeweide), lit. zama, lat. haru (-spex>. 

Ahd. senawa, skr. snävä* (Sehne). Die sonst vorkommeiMle Zu- 
sammenstellung von Sehne mit lat sinus scheint also hinfällig. 

Goth. hairtan (Nom. hairto), altir. cride, croidhe, lit. szirdi(-s), 
lat cordy skr. hrd, gr. xi^p, xapdut. 

Ahd. galla, lat. fei, gr. x^^9 ^^^sl* ^ci. 

Altn. lifr, gr. laxaga. 

Ahd. niero, gr. v6<pQo. 

Ahd. floum* (Eingeweidefett), lat pulmon, gr. 9c^t;^or. 
Ausscheidungen und Übriges: 

Ahd. ei, gr. o>o, lat ovo, altsl. jaje. 

Altn. sveiti, lat sudor, gr. iäog, skr. svSdas. 

Ahd. ätum, skr. &tman, gr. ampL^v^ dtpo. 

Ahd. drcch, lat stercus, böhm. trus. 

Ags. skeam (Mist), gr. ^xdg (G^eoLifmitTog)^ skr. 9akrt, ir.seachraith. 

Ags. teter (Hautkrankheit), skr. dardro. 

Altn. ffti (putredo), skr. pdja, lat. püs, gr. xvo, lit pulei. 

Ags. hnit (Nisse), gr. xov^Ö. Sehr unsicher lat lend, lit. glinda. 



348 E. f0£ST£MANN 

Altn. haull (heruia), gr. K^Jl«r, lit. kuila. 

Altn. Bvefn, skr. svapna, gr. vxvOj lat. somno, altir. suan, altsL sünü. 

Von dem reich vertretenen animalischen Reiche gehen wir zum 
vegetabilischen über und beginnen mit einigen allgemeineren Aus- 
drücken. 

Ahd. samin (Nom. samo); lit. semen (Nom. semu)^ lat. semen. 

Goth. vaurti (Nom. vaurts)^ gr. ^t£a, lesbisch ßgiöda, 

Ags. altn. r5t, lat. radix. 

Alts, holta (Nom. holt), altsl. klada (trabs), gr. xXado. 

Goth. asti^ skr. asthi^ gr. o<^r£o, lat. os. Die fremden Wörter be- 
deuten sämmtlich Knochen. PottundBenfey ziehen dafür dasgr. ojo herbei. 

Ahd. halam, lat. calamo, gr. xaXafiOj skr. kalama, altsl. slama. 

Ahd. stengil, lit. 8tegery(-S; Halm)^ gr. öxaxv, i6ta%v. 

Ahd. straO; lat stramen. 

Ahd. nuz (altn. hnot), lat nuc. 

Goth. ])aumu (Nom. ]>aumus); altsl. trunü^ skr. trina, kymr. drän. 

Ags. tyrwa (Theer), skr. dravja. 

Ags. turf (Torf), skr. turva (cespes). 

Altn. flür (flos), lat flos. 
Bäume : 

Goth. triva (Nom. triu), altsl dijevo, gr. dpv, skr. dru, kymr. dar. 

Ahd. elm (altn. alm), russ. ilim, lat ulmo. 

Ahd. puohha, altsl. bouk, pers. buk (Eiche) ^ lat fago^ gr. ^rtyc. 

Ahd. ahom, lit. aoma(-s), lat acer. 

Ahd. salahha, gadhel. seileach, lat. salic, gr. iXixa^ skr. s&la 
(ein Baum). 

Ahd. biricha, lit. berza, skr. bhürg'a; unsicherer lat. fraxino. 

Ahd. wida, gr. Itsa^ altsl. vßtvi, lat. vitic, skr. vitikä. 

Ahd. foraha, altsl. borü, lat. quercu (letzteres nach Max Müller). 

Ahd. fiuhta, gr. asvxa^ lit puszi(-8). 

Ahd. apfal, ir. abhal, Ut oboly(-s). 

Ahd. basal; lat. corylo. 
Getreide : 

Ahd. gersta, gr. xpt^'a, lat hordeo, huzvar. g6rda. Indem ich 
diese Gruppe aufnehme, schließe ich mich damit AscoU, Fick, Grimm, 
Schleicher und Anderen an, während Kuhn das lat Wort vom deutschen 
und griechischen, Lettner das griech. vom deutschen und lat. trennt. 

Goth. *bari8, lat. farr. 

Goth. atiska (Nom. atisk), lat ador, skr. adas. 

Goth. kaurna (Nom. kaum), lat. grano^ altsl. zrino. 



di:r urdeutsche Sprachschatz. 349 

Goth.ahana (Spreu), zend akana (Stachel), gr.axva. ccxvqo^ latacus. 
Gemüse und Futterkräuter: 

Ahd. linsi; altsL l^ita^ lat lent 

Ahd. araweiz, gr. opo/üo, lat. ervo. 

Ahd. ruoba^ lat. rapo, lit. rope^ gr. ^aq>avq. 

Ahd. bona, gr. nvavo (altsl. bobü? lat. faba?) 

Ahd. amphar, skr. ambla (Sauerklee). 
Übrige Pflanzen: 

Altn. hanpr, gr. xccwaßi^ böhm. konope. 

Goth. leina (Nom. lein), altsl« linü, gr. Xivo^ lat. lino. 

Ahd. magan ^Nom. mago), gr. fii}xa>v, altsl. makü. 

Ahd, sciluf, lat scirpo, gr. ^tic. 

Ahd. fam, skr. pama (Flügel, Feder). 

Ahd. mos, lat. musco, russ. moch. 

Sehr kärglich vertreten sind die Minerale: 

Goth. salta (Nom. salt), altsl. solu, lat. sal, gr. aX% gadhel. salann, 
skr. sara. 

Goth, aiza (Nom. aiz), skr. ajas, lat. aes. 

Altn., engl, brass, lat. ferro. 

Ahd. pltw (Nom. plt), lat, plumbo, gr. fioXvßo,, lett. alwa. 

Ahd. spat (Alaun, Gyps), skr. sphatt. 

Goth. staina (Nom. stains), altsl. stjena (Mauer), gr. öria, 

Ahd. flins, gr. TtXvv^o, lit. plyta. 

Altn. griot, gr. xBgad. Anderwärts wird das deutsche Gries mit 
lat. grandin, gr. X€cXcit<^, altsl. gradü (Hagel) zusammengestellt. 

Ahd. sahs, lat. saxo (Grimm dachte bei dem deutschen Worte 
mehr an die Steinwaffe und verglich daher lat. securis). 

Goth. eisama (Nom. eisam), ir. jaran (welsch haiam). 

Nach dieser Übersicht über die Naturproducte betrachte ich ihre 
Umwandlung durch den Menschen zur Nahrung, Kleidung und 
Wohnung. 

Nahrung: 

Altn. tafh (Speise, Opferthier)^ gr. d^iTri/o, lat. dapi. 

Goth. hraiva (Nom. hraiv), skr. kravja^ gadhel. creubh (corpus) 
und cairbhe (cadaver), altsl. cijevo (uterus, Gen. ßijevese), gr. xgeat, 

Altn. kiöt, ir. cua (caro). 

Goth. mimza (Nom mims), skr. mänsa, lit. miesa. 

Goth. hlaiba (Nom. hlaifs), lett. klaip(-s), lat. libo. 

Goth. mili]>a (Nom. milij)), gr, fisliz^ lat. melli, lit, medu(-s mel). 
Die Zusammenstellung wird hinfUlig, wenn das goth. Wort wirklieh 
Uä dem Griech. eutlehut ist, wie es scheint. 



350 E. FÖRSTEMANN 

Ags. raedo, skr. madhu, gr. pts^^ lit. middu(-8 mulsum). ' 

Goth. miluka (Nom. miluks), altak loljeko, altir. meilg. Lat. lact 
und gr. yalaxT müssen wir für jetzt noch fem haken. 
Kleidung: 

Goth. vastja (Nom. vasti)^ lat. vesti, skr. vasti, vastra, gri io^rit. 

Goth. fanan (Nom. fana), lat panno, gr. JMft/o, 

Ahd. bruoh, lat. (gall.) bracca. 

Altn. höttr (Hut), lat. cassid (aus castid?). 

Altn. belti (Gürtel), lat balteo, gädhel. balt, holt- 

Ahd. knotin (Nom. knoto), lat. nodo, skr. ganda. 

Altn. men, skr. m^ni, gr. pLavv(>, lat. mobile. 
Wohnung: 

Goth. haima (Nom. haims), gr. xmfjta^t lit. kaima(-s). 

Ahd. wist (mansio), skr. vistu^ gr. &0%v; lat. vestibulo? 

Goth. veihs, lat. vico, altsl. visi^ gr. ^xo^ skr. vega, altir. fich. 

Goth. garü (Nom. gards domujs), altsl. gradü (urbs, hortus), 
lat. horto, gr. xogto. 

Ahd. hof, gr. xrjno ; vielleicht dazu skr. kampa, käpa, lat. campo, 
lit. kampa(-s). 

Goth. thaurpa (Nom. thaurp), lat. turba, welsch atref; russ. de- 
rebnja entlehnt? Ebel verbindet mit dem deutschen Worte nicht turba, 
sondern tribu. 

Niedd. tun (Zaun), altir. dun (eastrura), skr. sthunä. 

Goth. baurgi (Nom. baurgs), gr. Tcvgyo. 

Altfries, dik (Deich), gr. rot^o. 

Altn. timbr, lat. domu, gr. do^&j altsl. domü, ir. daim, skr, dama. 
Grimm stellte auch gr. äsvägio dazu. 

Goth. daura (Nom. daur), skr. dvära, altsl. dvorü, gr. ^^a^ lat. 
fora, kymr. dor. 

Altn. J)ref (Balken), lat. trabe; gr. tgoTCtSy r^onoSy rgccTCi^ sind 
unsicher. 

Ahd. staphol (columna)^ lat. stabulo. Dann darf letzteres nicht 
mit ahd. stadal (Scheune) verbunden werden. 

Ahd. dach, ältir. tech (Haus), lat tecto, gr. etfyt^^ lift. stoga(-s). 

Goth. auhna (Nom. auhns?), skr. a9na, altsl. kameni (lapis). 

Goth. gatvon (Nom. gatvo), skr. gatvä, lett. gatva. 

Ahd. nest, lit. lizda(-s), lat. nido, skr. nida. 

Ich lasse hierauf die sogenannten vier Elemente folgen mit 
allem, was sich daran schließt. 
Feuer, Licht, Wärme: 

Ahd. fiur, gr. 7tv()^ umbr. pir, skr. pavaka. 



DER URDBÜTSCHE SPRACHSCHATZ. 351 

Goth. liuhada (Nom. liuha|)), lit likti. — Daneben altn. log, logi, 
altir. 16che (Blitz), lat. lue, skr. ruk', gr^ Xv%v<^. 

Altn. liomi (altes Thema üoman), lat luwin. 

Ahd. eit, skr, aidha (Flamme), altir. aid, lat. aestu, gr. al^og. 

Ahd. damf, skr. tapa (Hitze) ; (altsl. teplii warm). 

Goth; riqvis, skr. rag'as (Staub, Dunkelheit), gr. igsßog. 

Goth. skadu (Nom. skadus), altir. scath, gr. «icaro, 0xi>a^ skr. skaja. 

Nacht und Dämmerung s. imten. 
Luft: 

Goth. vinda (Nom. vinds), lat vento, gr. dsvt^ skr. rata, lit. veja(-s). 

Ahd. stürm, gr. OQfAa, 

Altn. nifl, lat nebula, gr. v6q>6Xtty altir. neb (Himmel), altsl. nebo 
(Himmel), skr. nabhas. 

Ahd. wetar (tempestas)^ altsl. vetrti (Wind), skr. vätara (Wind). 

Ahd. toum (vapor; vgl. goth. dauni, Nom. dauns oder), gr. d^v^o^ 
altsl. dymü, skr. dhüma, lat. fumo. 
Wasser : 

Goth. ahva^ lat aqua, lett. akka (Brunnen, lit upe, d. h. upjä), 
skr. ap. 

Goth. vatin (Nom. vat6), skr. udan, lit vanden (Nom. vandü). 
Daneben ahd. wazar, gr. löcag. Lat. unda wohl nicht unmittelbar liieher. 

Ahd. undea, lat. unda (= skr. udna, unna benetzt?); hier ist wohl 
keine Entlehnung anzunehmen. 

Goth. marein (Nom. marei), lat mari, altsl. more, kymr. mor, 
skr. mira (Ocean; skr. väri Wasser ist abzulehnen). 

Altn. oegir, lat. aequor. 

Ags. lagu, lat lacu. 

Goth. runa (runi? Nom. runs), skr. arnas. 

Ahd. straum, lett. straume, kymr. ystrym, gr. Qsvpiaz^ lat. Rumon, 
skr. srava. 

Altn. kelda (Quelle), skr. galdä (Abfluß, Ausfluß). 

Ahd. saf, gr. ono^ lat suco, altsl. sok. 

Ahd. feim, lit piena(-s), skr. phena. Kuhn stellt dazu lat spuma, 
vgl. die folgende Gruppe. 

Altn. skümi, lat. spuma; gr. HVfktxt hieher? 

Ahd. slim und lim, lat. limo, altsl. slina (saliva). 

Goth. snaiva (snaivi? Nom. stoaivs), lat niv, gr. vt^p^ lit. snega, 
gadhel. sneachd. 

Altn. hrim, gr. xQVfio, 

Altn. dreyri, gr. Öqooo, lat ros, altsl. rosa, skr. drapsa. 



302 E. FÖRSTEMANN 

Erde, Land: 

Ähd erO; skr. u% gr. ipa, gäl. ire. 

Altn. vöUr (campus, terra), lat. valli. 

Goth. akra (Nom. akrs), lat. agro, gr. «ypo, skr. ag'ra. 

Goth. gauja (Nom. gavi) , gr., yaia , skr. gö halte ich fest trotz 
des Widerspruchs in Kuhns Zeitschr. XII, 133. 

Goth. *auja (Nom. *avi), gr. aia. 

Ahd. loh, lat luco, lit. lauka(-s). 

Goth. marka, lat. margin. 

Goth. hlaiv (collis, sepulcrum), lat. clivo. 

Altn. hol! (collis), lat. colli. 

Ahd. düna, gr. d'tv, skr. dhanu (Hügel, Sandbank). 

Altn. hlid (collis >, gr. xXtrv, lit. szlaita(-s). 

Goth. dala (Nom. dal), gadhel. dal, altsl. dolü, skr. dhära (Tiefe). 

Goth. viga (Nom. vigs), lit. veze (Geleise), lat. via, skr. vaha. 

Ags. päd, skr. patha, gr. sraro. 

Ahd. furicha, lat. porca, altsl. brazda. 

Ags. sulh, lat sulco. 

Alts, holm, altsl. chlümü, cholmü, lat culmin, gr. xoJimvo. 

An die Elemente schließen sich am besten an die Ausdrücke ftir 
Gott und Himmel und daran der Begriff der Zeit. 
Gott und Himmel. 

Ahd. Ziw (Nom. Ziu, altn. tyv), gr. ^i/, lat. Jov, skr. djö. 

Goth. sauila (Nom. sauil), lat sol, lit. saule, altir. solas lux, skr. 
sürja, gr. Ssigio. Das Herbeiziehen von gr. ^A«o hat seine großen 
Bedenken. 

Goth. sunnan (Nom. sunna), skr. suvana, kymr. huan. 

Goth. m^nan (Nom. m^na), gr.firjv^ lit. menes (Nom. menu), lat 
mensi, skr. mäsa, altir. mi. 

Goth. staimön (Nom. staimö), breton. steren, skr. st&r, gr. aaisQ, 
lat. Stella. 

Ahd. donar, lat. tonitru, (kelt. Taran?). 
Zeit: 

Goth. aiva (Nom. aivs), lat aevo, skr. ^va (Gangl, gr. aiav. Max 
Müller und neuerdings Fick ziehen statt §va das skr. äjus (Leben, 
Lebenszeit) hieher. 

Ahd. jär, zend. järe, böhm. jaro, gr. cSpa (lat hora entlehnt). 

Altn. vÄr (Frühling), lat. ver^ gr. iag^ skr. vasanta, altsl. vesna, 
(lit. vasara). 

Ahd. sumar, gadhel. samhradh. 



DER URDEUTSCSe SPRACHSCHATZ. 353 

Goth. nahti (Nom. nahts), skr. nakti, lat nocti, altsl. nosti, altir. 
nochd, gr. vvxt, 

Ahd. 5st^ skr. usa, gr. i^o, lit. auszra^ lat. aurora. 

Ahd. west, skr. vasati (Nacht). 

Die zuletzt aufgeführten Ausdrücke bedingen schon einen gewissen 
Grad von Cultur, welcher sich zugleich auch in einem nicht ganz 
kleinen Schatze von Bezeichnungen flir Waffen und Geräthe aus- 
spricht. 

Waflfen : 

Ahd. sper^ lat. sparo^ gadhel. sp4r^ skr. phala. 

Altn. skapt, lat. scapo, scipion, gr. öxano, öxrjictQO,! 

Goth. gairu, gaU. gaes, zend. gaeshu, lat. veru. 

Goth. gazda (gazdi? Nom. gazds Stachel), lat. hasta. So nach 
Schleicher und Lottner; Ascoli zieht auch lat. fdsti herbei. 

Goth. m^kja (Nom. m^kis), altsl. meci, gr. fiaxaLQu, lat. mucron. 

Goth. hairu (Nom. hairus), lit. kirwi(-8 Axt), sabin. curi, skr. $iri. 

Ahd. sahs s. oben bei den Mineralen. 

Ags. colla (Helm), lat. galea. 

Altn. hilf, lat. clypeo. 

Werkzeuge a) zum Verbinden: 

Goth. jukisi (Nom. juk), lat. jugo, gr. tvyoy altsl. igo, lit. junga(-s). 

Ahd. fezzil, gr. jtsda, lat. pedica. 

Ahd. haft, lat. captu. 

Ahd. snara, snuor, skr. snasä (Sehne), lit. nara(-s Gelenk), lat. 
nervo, gr. vsvqo. 

Goth. bandja (Nom. bandi), skr. bandha, gr. xsiöfiar, 

Ahd. Strang, gr. avgayyaXia. 

Ahd. seil, altsL silo, gr. ösiga. 

Alts, simo, gr. [iiavz. 
• Goth. vruggön (Nom. vruggö), lat. laqueo, skr. Wurzel vra9k'. 
Eine andere Zusammenstellung in Benfeys Orient und Occident 11, 751. 
b) zum Theilen, Schneiden, Stechen. 

Ahd. muli, lat. mola, gr. (ivXa^ ir. meil, lit. maluna-s. 

Ahd. stihhil, lat. stilo. 

Ahd. spän, gr. aq>i^v (Keil). 

Altn. skid (Scheit), gr. axviaf lit. skeda, skedra. 

Nhd. Hippe, gr. igna, skr. 9alpa, russ. serp. 

Ahd. suila, lat. subula (Pfriem). 

Goth. aqvizi, lat. ascia, acieri, gr. a^iva, skr. a9ri. 

OBU\fANIA. N«n« Reihe II. (XIV.) Jahrg. 23 



354 E. FÖRSTEMANN 

c) Gefkße: 

Ahd. korb, lat. corbi, russ. korob, skr. 9Ürpa. 

Goth. kasa (Nom. kas), lat. vas. 

Ahd. litara (ags. hridder Sieb), altir. criathar, lat. cribro. 

Ahd. mez, maza, lat. modo, gr. iisdifivo. 

d) zum Bewegen (Wagen, Pflug, Schiff): 

Ahd. wagan, skr. vahana, lat, veha, vehela, gr. oxog, altsl. vozü. 

Ahd. rad, skr. ratha, lit. .rata(-s), lat. rota, altir. roth. 

Ahd. ahsa, skr. aksa, lat. axi, lit. aszi(-s), gr. äl^ov. 

Ahd. bära (Bahre), skr. bhära (Tracht, Bürde), gr. (poQa. 

Altn. ardh (Pflug, alts. erida), gr. agotgOy lat. aratro, (kymr. aradr 
wohl entlehnt), altsl. oralo. 

Goth. hohan (h5ha), skr. köka. 

Bair. naue, skr. nau, altir. nau, gr. vav, lat. navi. 

Ags. naca, skr. nauka (Nachen). 

Ags. rodher, skr. antra, gr. sQstfiOy lat. rfemo. 

Ahd. stiura (Steuer), gr. Otavgo (Pfahl, Stab), skr. Adj. sthä- 
vara (fest). 

e) Hausrath: 

Goth. m^sa (Nom. mes), altsl. mi&a, gadhel. mias, lat mensa. 

Goth. ligra (Nom. ligrs), gr. iBxoq, lat. lecto, russ. loze. 

Ahd. sez, lat. sede, gr. idog. 

Goth. sitla (Nom. sitls), lat. sella, gr. tiga. 

Für die Begriffe Besitz, Gewinn, Verlust kenne ich nur 
eine einzige Gruppe: 

Goth. mizdon (Nom. mizdö), zend. mizda, altsl. mizda, gr. giiöd-o. 

Ich komme zu den Ausdrücken für Form und Ort: 

Ahd. balla, gr. 0(paiQa. 

Ahd. bodam (altn. botn), skr. budhna (pers. bunda), lat. fundo, 
gadhel. bond, gr. jcvd^^riv. 

Altn. flaki (Fläche), gr. nXax. 

Ahd. drum (meta, finis), lat. termin, skr. tarman, gr. tSQiiat. 

Altn. h6p(-r Haufe), altsl. kupü, lat. copia. 

Goth. andi (Nom. andeis), skr. anta (finis). 

Ags. ecg, lat. acie. 

Goth. stadi (Nom. staths) , gr. ütaöv^ skr. sthiti, lat. stati-on 
(statu). 

Ahd. stal, skr. sthala, sthali, sthal4; lat. stloco, loco? 
Für die Begriffe von Ruhe und Bewegung (Berührung, Tren- 
nung u. s. w.) bis jetzt nur wenige Ausdrücke: 



DER URDBUTSCHE SPRACHSCHATZ. 355 

GoÜi. limiB, ]it rama^ zend. räma, gr. '^gsfiia. 

Goth. laiba^ lat. (re-)liquiae; lit. (at-)laikaS; gr. Xotnad. 

Goth. daili (Nom. dails), lit. dali(-s), skr. dala, gadhel. däla. 

Wir steigen auf za den Begriflfen von That und Kraft: 

Goth. didi (Nom. deds), altsl. deti, zend. daiti, gr. d'söL. 

Ahd. werach, gr. igyOy dazu vielleicht noch Ableitungen von akr. 
Wurzel vrg', ürg'. 

Ahd. art (aratio)^ lat. aration, gr. iiQOtOy lit. arima. 

Ahd. bana (caedes)^ gr. q>ova. 

GoÜi. maur})ra (Nom. maur))r). lat. mortis skr. mrti^ lit. smerti. 

Den Übergang von der That zu allem rein Geistigen bildet die 
Sprache: 

Goth. vaurda (Nom. vaurd), Ut. warda, lat. verbo. 

Goth. raj>j6n (Nom. raj)j6), lat. ration, gadhel. radh, altsl. rjeci. 

Goth. namin (Nom. namö), lat. nomin, skr. näman, gr. oi/o/iar, 
altsl. imene (vgl. altsl. znam^ signum). 
Geist: 

Goth. mödi (Nom. möds), skr. mati, gr. fiijti. 

Goth. (ga-)mundi (memoria), lat. menti, lit. (isz-)minti(s). 

Goth. muni, gr. fisvog^ skr. manas. 

Altn. sinni, lat sensu. 

Goih. kun})ja (Nom. kun})i), skr. gnäti, gr. yvaöi, lit. zinti(-8), 
lat. noti-ön. 

Ags. lagu (altn. log), lat. leg. 

Goth. kustu (Nom. kustus Prüfung), lat. gustu. 

Ahd. wunsc, skr. vän'k'hä. 

Ahd. sälida^ lat. salut, skr. sarvatäti. 

Goth. sidu (Nom. sidus), skr. svadhä, gr. tjd'og. 

Ahd. strit, skr. sridh; femer steht lat. lit (stlit). 

Alts, hadu (pugna), altir. catu. 

Altn. täl (ahd. zala), lat. dolo, gr. doAo. 

Goth. agis, gr. axog, lat. *angu8 (angustus), skr. anghas. 

Goth. döma (d5mi? Nom. doms), skr. dhäman, gr. d'€0^i,o oder 
wohl noch näher ^iiar, 

Goth. saun (Nom., Thema sauna? ahd. suona), skr. savana. 

Goth. varein (Nom. varei List), gr. dga. 

Nun bleiben nur noch wenige Substantiva übrig, die sich zum 
Theil ihrer schwierigen Bedeutung wegen nicht in die obigen Katego- 
rieen einordnen ließen: 

Ahd. rät, skr. rädhas (Gunst, Gabe, Gut), lit. rodas (Rathschlag), 

23* 



356 E. FÖRSTEMANN 

lat. robur. Von Fick wird dagegen lat. robnr mit skr. rabhas (Eifer, 
Kraft) verbunden, das lit. und deutsche Wort aber aus dem Spiele 
gelassen. 

Goth. Nom. vlits (Thema vlita? vliti? Gestalt), lat. vultu. Gegen 
diese Zusammenstellung Grimms setzen Schweizer und Lettner das 
lat. Wort zum göth. vul})u (Nom. vulj>us Glanz). Die beiden goth. 
Wörter hängen unter sich wohl nahe zusammen. 

Ahd. zior, lat decus, skr. ja9as, gr. äo^a, 

Goth. tauhti (Nom. tauhts), lat. ductu. 

Ahd. hliodar (sonitus), skr. grötra (auditus). 

Goth. junda, lat. juventa. 

Wir kommen zu den ADJECTIVEN, bei denen ich wieder die 
simxlichsten, die des Raumes und der Menge, voranstelle : 

Ags. great, lat grandi. 

Goth. mikil«^ (Nom. mikils), gr. ^syaXo ^ lat magno, lit mac- 
nu(-s mächtig), skr. mahat 

Goth. lagga (Nom. laggs), lat. longo, altsl. dlügü, gr. doAt^o, 
skr. dhirgha. 

Altn. flatr (flach), lit. platü(-8), lat. lato, gr. nlatv, skr. prthu. 
Das Herbeiziehen von unserm breit ist sehr bedenklich. 

Ahd. flah, lat. piano, gr. nlaxoevt. 

Goth. mins (Adv.), lat. minus, gr. (isvov, Ut. menka. 

Ags. scort, lat curto. 

Ahd. dunni, lat. tenui^ skx. tanu, gr. trai/t;, altsl. tini-kü. 

Goth. aggvu (Nom. aggvus), skr. anhu, gr. iyyv^ lat. angusto, 
altsl. %zuku. 

Ahd. magar, lat. macro, gr. (Aaxgo. 

Altn. hvass-r (scharf), lat cato. 

Goth. smala (Nom. smals), altsl. malü (parvus); lat. malo? 

Goth. raihta (Nom. raihts), lat recto, altpers. räcta (gerade, richtig). 

Goth. taihsva (Nom. taihsvs), gr. dfgto, lat. dextro, skr. daksina, 
altsl. desinü, altir. des. 

Mhd. schief, gr. öxaio, lat. skaevo, altsl. suj, skr. savja. 

Ahd. lenkä (link), gr. Atyx (Hesych.), lit linku(-s flexibilis). 

Goth. vraiqva (Nom. vraiqvs) , lat valgo, gr. $aißo^ skr. vrg'ina. 
In Benfeys Orient und Occident I, 527 wird dagegen das deutsche 
Wort mit lat (ob-)liquo und gr. lo^o vereint, deren erstes ich doch 
nicht von linquo trennen möchte. 
Ahd. hol, gr. xotAo. 
Goth. filu, gr. TCoXVj skr. puru, altir. iL 



rWER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 357 

Goth. fuUa (Nom. fiiUs), lit. pilna{s), lat. pleno, altir. lau, skr. 
pfirna. 

Ahd. wuost, lat. vasto. 

Altn. fieira, lat. plus, gr. nXeiov (altn. flest-r, gr. srAf^c^ro). 

Goth. maiza, lat. major, gr (iBviov. 

Ahd. foh (goth. fav), gr. navgo, lat. pauco (*paulo). 

Goth. vana (Nom. vans mangelnd), lat. väno, skr. üna. 

Goth. midja (Nom. midjis); skr. madhja, lat. medio, gr. (leöOy 
altsl. Subst. meida (Mitte, Grenze). 

Ahd. metamo, skr. madhjama. 

Besonders schöne Übereinstimmungen finden sich bei den Adjec- 
tiven, die Licht, Farbe und Wärme ausdrücken: 

AhdL liohti, lat. lucido. 

Goth. hveita (Nom, hveits), skr. jveta. 

Goth. svarta (Nom. svarts), lat. surdo (femer liegt der Form nach, 
näher dem Sinne nach sordido). 

Goth. rauda (Nom. rauds), Ut. ruda(-s braun), altir. ruad, lat. rufo ; 
weitere Ableitung in altsl. rüdrü, lat. rubre, gr. igvd^Qo^ skr. rudhira. 

Ahd. blaw, lat. flavo. 

Ahd. gelaw, lat. gilvo, helvo, lit. gelsva(-s), gelta(-s), gr. xXcdqo. 

Ahd. falw, Ut. palwa(-s), gr. xslXo^ lat. pallido. 

Ahd. brün, altsl. vranü, ir. bran, lat. furvo, skr. babhru. 

Ahd. graw, lat. ravo; 

Altn. höss (aus hasva grau), skr. kasäja (hchtbraun), lat. caesio. 

Ahd. hasan (politus, venustus), lat. cano (aus casno). 

Ahd. feh (altsl. pegü bunt?), gr. noixiXOy skr. p^^ala. 

Ags. gleav, gs. ykavxo. 

Goth. haiha (Nom. haihs), altir. coech, lat. caeco. 

Goth. varma (Nom.. varms), lat. forme, gr. d'SQfiOf skr. gharma. 

Goth. kalda (Nom. kalds), lat. gelido, altsl. chladükü. 

Ahd. heitar, skr. k'itra (hell, glänzend), gr. xad-ago. 

Nur eine einzige Gruppe kann ich fUr die Sphäre des Schalles 
anfuhren : 

Ahd. hlüt, gr. xXvto^ lat. (in-)cluto, altsl. slutü (gehört habend), 
skr. 9ruta (gehört). 

Zeit und Alter: 

Goth. niuja (Nom. niujis) , skr. navja , gall. novio , lit. nauja(-s), 
lat. novo, gr. vso. 

Goth. jugga (Nom. juggs), skr. juvan, lat. juveni, altsl. junü. 
Noch näher schließt sich das deutsche Wort an lat. juvenco, skr. juva9a. 



358 E. FÖRSTEMANN 

Goth. al})ja (Nora. alj>ei8), lat. alto. 
' Goth. sm(-ista), lit. sena(-8), lat. sen(-ior), altir. sen, sean, skr. sana, 
gr. £vo, Goth. sineigs u. s. w. siehe unter den Substantiven. 
Gefühl (Schwere), Geschmack, Geruch: 

Goth. leihta (Nom. leihts), skr.laghu, gr. iXaxv, latlevi, altsl.ligüku. 

Goth. *kaurja (Nom. *kaurs schwer), skr. guru, lat. gravi, gr. ßagv. 

Altn. Star (rigidus), gr. öts^$o, skr. sthira (fest), lat. sterili. 

Goth. sutja (Nom. sutis), skr. svädu, gr. i}dt;, lat. suavi, lit. 8aldu(-s). 

Altn. linr, lat. leni. 
Stoff: 

Ahd. hraw (altn. hrär), lat. crudo. 

Ahd. chalaw, lat. calvo, skr. khalati. 

Goth. naqva})a (Nom. naqvajjs), lat. nüdo (aus *nogvido),* ir. nochd, 
lit. noga-s; skr. nagna. 

Goth. triveina (hölzern, Nom, triveins), altsl. drevenü, gr. igvivoj 
zend. drvaena. 

Form : 

Goth. ibuka (Nom. ibuks), altsl. opako, skr. apäka. 
Bewegung und Kraft: 

Goth. saina (Nom. sains), lat. segni. 

Goth. svin]:)a (Nom. svinjjs) , altsl. svjatü (lit. szwenta-s heilig), 
altbaktr. ^penta. 

Goth. lata (Nom. lats), lat. lasso. 

Goth. reikja (Nom. reiks, daraus das Subst. reiki), lat. regio (daraus 
das Subst. regia). 

Ahd. -boro (tragend), skr. -bhara, gr. -g^opo, lat. -fero. 
Leben: 

Goth. sela (Nom. s^ls)^ lat. salvo, gr. oXoo. 

Goth. haila (Nom. hails), skr. kalja, gr. xaAo, lit. czela (altsl. celü). 

Goth. qviva (Nom.' qvius), lat. vivo, skr. g'tva, lit. gyva-s, altir. biu. 

Ahd. wachar, lat. vigil. 

Goth. sada (Nom. sads), ir. saith, lat. satur. 

Goth. dauj>a (Nom. dauj>s), skr. dabdha (beschädigt). 

Goth. nava (Nom. naus), gr. vBHVy zend. na9u. 

Goth. bau})a (Nom. bauj>s), ir. baodh, skr. bandhara. 

Goth. halta (Nom. halts), lat. claudo. 

Goth. hanfa (Nom. hanfs), lit. kumpa(-s), gr. xo^o. 
Geist: 

Goth. goda (Nom. gods), gr. ay^^o, 

Goth. frija (Nom. freis), skr. prija, lat. pio, gr. (pi^lo. 



DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 359 

Ahd. stolz, lat. stolido, stulto, skr. sthüla. 

Goth. qvairru (Nom. qvairrus), lat. cicur. 

Goth. bleij)a (Nom. bleijjs), lat. laeto. 

Ahd. geil, lat. hilari, gr. xlago. 

Ahd. w&r, lat. vero. • 

Altn. sadr (sannr), skr. satja, gr. itso- 

Ags. })rist, skr. dhrsta, lat. forti, gr. d'Quöv^ lit. dr^su-s und dr^stu-s. 

Goth. froda (Nom. fröds), lat. provido. 
ÜbrigeAdjectiva: 

Altn. msBr, lat. mero. 

Goth. silba, lat. sollo, gr. oAo, skr. sarva. 

Goth. gamainja (Nom. gamains), lat. communi. 
PRONOMINA: 

Goth. ik. lat. ego, lit. asz, gr. syciv^ skr. aham. 

Goth. mi(-k), lat. me, gr. £/io, skr. ma, altsl. Accus, m^, altir. 
Accus. m6. 

Goth. J>u, gr. rv, öv, lat. tu, lit. tu, altir. tu, skr. tvam. 

Goth. J>ata, skr. tat, lat. (i8-)tud, gr. ro', altsl. to, altir. (Thema) de. 

Goth. 8i(-k)^ lat. se, gr. ^, altsl. sja^ skr. svajam. 

Goth. sa, sd, lat. so, sa, altir. so, si, skr. sa, sä, gr. 6, tj, 

Goth. vei(s), skr. vajam. 

Goth. ju(-s), lit. ju(-s), skr. ju(-8me), gr. v{-fAsts). 

Goth. iC-s), lat. i, altsl. ja, skr. ja, gr. 6. 

Goth. hi, lat. hi, lit. szi. 

Goth. si (fem.), skr. sja. 

Goth. hva(-s), lat. qui(-s), skr. ka(*s), gr. «o'(-?), lit. ka(-8), 
altir. ci(-d). 

Goth. hvaj)ar, russ. kotorii, skr. katara, gr. jcozbqo^ lat utro. 

Goth. sama, skr. sama, russ. samü, gr. ofto? la>t. simili. 

Goth. alja, lat. alio, altir. aile, gr. akXo, 

Goth. an^ar s. unter den Zahlwörtern. 

Bei den ZAHLWÖRTERN, zu denen ich jetzt komme, sind die 
Zehner und Hunderter fortzulassen, da sie im Deutschen und Slavi- 
schen nicht wirklich zusammengesetzte Wörter sind, sondern wie in 
der indogermanischen Ursprache aus bloßen Zusammenrückungen be- 
stehen. 

Goth. aina (Nom. ains), altir. oin, gr. oiva, lat. oeno, uno, skr. 
ena (dieser). 

Goth. suma (Nom. sums), gr. It/. 

Goth. tva, skr. dva, altsl. düva, lat. duo, gr. (Jvo, altir. da. 



360 E. FÖRSTEMANN 

Goth. bai, altsl. oba (lit abu), skr. ubha, gr. äfiq>ca^ lat. ambo. 

Goth. Jjri (Nom. })rei8), lit. tri, altir. tri, lat. tri, gr. rßt, skr. tri. 

Goth. fidvor, skr. katvär, lat. quatuor, altir. cethar, lit keturi, 
gr. tsttag. 

Goth. fimf, gr.tSTffASTf , lat. quinque, skr. pank'an, lit. penki, 
altir. c6ic. 

Goth. saihs, lat. sex, skr. sas, lit. szeszi, gr. f|, altir. s^. 

Goth. sibun, skr. saptan^ lat. Septem, lit. septyni, gr. intcc^ 
altir. secht 

Goth. ahtau, skr. astau .(Thema astan), lat. octo, gr. oxtcd, altir. 
oct, lit. asztimi. 

Goth. niun, skr. navan, lat, novem, gr. ivvia^ altir. n6i, lit. devyni. 

Goth. taihun, skr. da9an, lat. decem, gr. dexa, altir. d^c, lit. 
deszimtis. 

Goth. -tigjus , altsl. -desjati , lat. -ginta , gr. -xovta , skr. -jati, 
altir. -cat 

Goth. hunda, lit. 8zimta(-s), lat centum^ gr. Sxazov , altir. cöt, 
skr. 9ata. 

Ordinalia: 

Goth. fioima, lat. primo (altir. prim vielleicht entlehnt), lit. pir- 
ma(-s), ffr. ngcoto, skr. parama der höchste, prathama der erste. 

Goth. anj>ar, lit antra(-s), skr. antara. 

Goth. ]:>ridja, altsl. tretijü, skr. trtija, lat. tertio, gr. rptro, altir. tris. 

Ahd. fiordo, lat. quarto, gr. zstagzo^ skr. k'aturtha, lit. ketwirta-s, 
altir. cethramad. 

Ahd. fimfto, gr. XBfimöy lit. penkta-s, lat. quinto, altir. coiced, 
skr. pank'ama. 

Goth. saihsta, lat sexto, gr. Ixro, skr. sastha, lit. szeszta-s, 
altir. seised. 

Ahd. sibunto, lit. septinta-s, lat. septimo, gr. ißdo^o, skr. saptama, 
altir. sechtmad. 

Ahd. ahto , lat. octavo , gr. o^^doo , skr. astama , lit. asztunta-s, 
altir. ochtmad. 

Ahd. niimto , lit. devinta-s , skr, navama , lat nono , gr. iwaro, 
altir. nöimad. 

Ahd. zehanto, lit deszimta-s, lat decimo, skr. da9ama, gr. d^xaro, 
altir. dechmad. 

Goth. tvis, skr. dvis, lat. bis, gr. Sig, altsl. dvasti. 

Altn. Jjrisvar, skr. tris, gr. tgigj altsl. tristi. 



DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 361 

Bei den VERBEN befolge ich im Ganzen denselben Gang wie bei 
den Substantiven, vom Thierischen zum Geistigen, und beginne dem- 
gemäß mit dem Essen und Trinken: 

Goth. ita, altir. ithim, lat. edo, gr. ^dco, lit. edmi, skr. admi. 

Goth. brukja, lat. fruor, skr. Wurzel bhug'. 

Goth. beita, lat. findo, skr. bhindmi, bhinadmi ; vielleicht auch 
gr. (peidofiai. 

Ahd. smirzu, lat. mordeo. Dieser Zusammenstellung Ebels steht 
eine andere von Fick gegenüber, welcher dem deutschen Worte zend. 
maredaite (bedenken), gr. fieXsSaiva beigesellt. 

Goth. tahja, skr. da9ämi, gr. daxvm. 
% Goth. kiusa, gr. ysvcD^ skr. g'ösämi; russ. kusati (beißen)? 

Ahd. chostöm, lat. gusto (entiehnt slav. kostati u. s. w.). 

Ahd. seffi; (sapio) s. imten bei den geistigen Begriffen. 

Goth. s6j>ja, lat. satio. 

Ahd. itruchu (wiederkäuen), lit. riaugmi, gr. igsvyta^ lat. ructo; 
(letzteres noch näher zu ags. rocettan). 

Ags. lapige, lat. lambo. 

Goth. Iaig5^ gr. Xsixo)^ lit. laizau, lat. lingo, skr. l^hmi, altir. ligim. 

Ahd. sügu, lat. sugo. 

Nhd. schlürfe, lat. sorbeo, gr. ^097^0, lit. srebju. Das 1 des deut- 
schen Wortes erklärt sich wohl nicht durch einen rein lautlichen, son- 
dern mehr durch einen onomatopoetischen Vorgang. 

Ahd. sluccu, gr. Xv^m (^kvyydvofiai). 

Stimme (excl. Sprache) : 
Ahd. murmulom, lat. murmuro, gr. ^^ogfivQm^ lit. murmu. 
Altn. stynja (stöhne)^ gr. (frai/o, skr. stanämi, lit. stenu. 
Mhd. brimme, lat. fremo, gr. ßgificD» 
, Goth. hrukja, lat. crocio, gr. j((>o>{;g), lit. kraukiu (krächze, vgl. 
lit klykiu schreie). 

Ahd. rohöm (rugio), lat. rugio, altsl. Inf. ruikati. 

Sinne : 
Alts, waröm, gr. opao. 

Ahd. luogem, skr. lökämi, gr. kBvOöiXij lit. laukiu. 
Goth. skavja, lat. caveo, gr. xoeo, altsl. Inf. cuti (erkennen). 
Ahd. spehom, lat. specio, skr. pa^ämi, gr. 6xoxs€9, 
Goth. säihva, lat. scio. 

Goth. hausja, gr. axovcD, Vgl. Kuhn Ztschr. XVI, 271; Grimm 
stellte hausja mit lat. haurio zusammen. 



362 K. FÖRSTEMANN 

Ahd hlosem, altir. cluinsin, lit. klausau, zend. Wurzel 9rus. 

Mhd. wäze, lit. udzu, gr. ofco, lat. oleo. 

Verschiedene Körper functionen: 

Goth. daddja, skr. dhajämi, altsl. doj%, gr. d'Vföd'ai, lat. felo. 

Goth. vahsja, gr. av^o, skr. vaksämi. 

Goth. (uz-)aiia (expiro), skr. animi. 

Ahd. bläju, lat flo. 

Ahd. fhehu, gr. fcvim. 

Ahd. ginlm, gr. %olCv&^ altsl. Inf. zijati und zin^ti, lat. hio. 

Goth. speiva, lat. spuo, gr. Tcxvto, lit. spiauju, skr sthivämi. 

Altn. voema (Inf.), lat. vomo, skr. yainl.mi, lit. vernju, gr. f^aoi. 

Altn. sveita (Inf.), lat. sudo, sk.. svidjämi, gr. (Sita. 

Nhd. fiste, lit bezdü, gr. ßSioi. 

Ahd. ferzu, gr. nigSm^ lit perdzu, lat. pedo, skr. pard^. 

Ags. mige, lat. mejo, gr. o^uxim^ lit. myzu, skr. m^hämi. 

Ahd. seizu, lit. sziku, gr. xf'S»; skr. had§. 

Goth. huggrja, skr. känksämi (begehre). 

Goth. })aursja , lat. torreo , skr. trsjämi (goth. })airBa u. s. w. 
siehe unten). 

Altn. bifa (beben), gr. q)fßofiai, skr. bibhemi, lit bijau. Aufrecht 
in Kuhns Ztschr. IX, 231 zieht auch lat vibro her. 

Ahd. wachem, lat vigeo, gr. iysigio, 

Altn. sofa (Inf.), skr. svapimi, altsl. süpati (Inf.). Die Verglei- 
chung mit goth. sl^pa ist wohl flir beseitigt zu achten. 

Altn. svei^^ i^^Qy !**• sopio, skr. svapajämi. 

Ahd. stirbu, lat torpeo. Grimms Zusammenstellung mit gr. ötgitpa 
scheint keine Nachfolge gefunden zu haben. 

Nhd. sticke, von Curtius mit lat. stinguo verbunden, das wir je- 
doch unten noch einmal gebrauchen werden. 

Altn. bana (Inf., tödte), gr. fpsvca. 
Nehmen und geben: 

Goth. nima, gr. vsfi(o^ lett. nemu (altsl. im^), skr. namämi (beugen). 

Goth. gita, skr. Wurzel gadh, lat. (pre-)hendo, gr. xavSavon, 

Goth. faha (altn. Inf. fänga) , lat paügo (paciscor nach Fick), 
gr. ntiYvviiij skr. pä9ajämi. 

Nhd. rafife, lat rapio. 

Goth. hlifa, lat depo, gr. xlsmca^ vgl. lit szlepiu verberge. 

Goth. stila, gr. ötsgica, 

Goth. biraubo (altn. r^f rumpo), lat rumpo, zend. Wurzel rup 
(vgl. skr. lumpämi). 

Goth. biuda, skr. bodhämi, gr. nvvd'dvofiaL, 



DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 363 

Hiemit berühren sich nahe die Begriffe des Fassens und 
Haltens: 

Goth. t^ka, gr. zstayciv^ lat. tango, skr. Wurzel tug'; Grassmann 
versucht (Kuhn Ztschr. XII, 107) gr. dixo^iai mit tgka zu vereinen. 

Goth. greipa, lit. grebiu, skr. Wurzel grabh (grhnämi). 

Nhd. kneife, kneipe^ gr. hkvCtcxch. 

Goth. hrisja (vgl. ahd. hruoija rühre), gr. xpoi^'o. 

Goth. aiga, skr. Wurzel 19. Das aus 9i%c;} entstandene gr. ixm 
ist fem zu halten. 

Goth. haba^ lat. habeo. 

Decken und schützen: 

Ahd. dakju, lat. tego, gr. iJtsyca^ lit. stegiu^ skr. sthagämi. 

Ahd. hilu, lat. celo. 

Goth. hulja, lat. occulo. 

Ags. hyda (ahd. huotju), gr. xsv^cd, skr. guhämi (indogermanische 
Wurzel kudh). 

Goth. bairga , lit. bruku , gr. fpgaööG) ; lat. farcio ist hier wohl 
abzulehnen. 

Heben und tragen (stellen, stützen) : 

Goth. baira, skr. bharämi, altir. biur, altsl. ber^, lat. fero, gr. <pf pco. 

Goth* thula , aldat. tulo , altsl. tolj^ (placare) , skr. tolajämi, 
gr. tkrjfii. 

Ahd. stellu, gr. ötskkcDy skr. sthalämi, lit. stelloju. 

Goth. stiurjan (feststellen), lat. (in-, re-) stauro. 

Ahd. stifulem (fulcio), lat. stipulor. 

Ahd. hlin^m, gr. xXivto^ lat. clino. Weitere, jedoch nicht sichere 
Vergleichungen bei Fick Wörterbuch der indogermanischen Grund- 
sprache. 

Goth. satja, skr. sadajämi, lat. sedo, altsl. sazd^. 
Stoßen und stechen: 

Goth. stigga (ahd. stingu), lat. (in-)stinguo, gr. örtgo), skr. tfeg ämi. 

Altn. stika (ahd. stihhu), lat. (in-)stigo, gr. öti^Gi^ skr. teg ämi. 

Goth. stauta, lat. tundo, skr. tudämi. 

Goth. J>riuta, lat. trudo, altsl. Inf. truditi. 

Altn. bora, lat. foro, zend. barenaiti (schneiden, bohren). 
Werfen: 

Ahd. smizu, lat. mitto, lit. metu. 

Goth. vairpa, gr. ^Cntca. 

Goth. skiuba, gr. (^xi^sttg}, skr. ksipämi (werfe). 

Goth. strauja, lat. stemo, skr. strpömi, gr. arogwiiiy altsl. Inf. streti. 



364 E. FÖRSTEMANN 

S chlagen: 
Ahd. berju, lat. ferio. 
Goth. bliggva, lat. fligo. 
Goth. latja, lat. laedo. 
Altn. Inf. drepa^ gr. tgißcn. 
Goth. slaha, lit. slegiu (drücke), gadhel. slac, slachd. 

Dehnen, ziehenr 
Goth. })anja, gr. tsivcD, skr. tanömi, lit t^syti. 
Goth. rakja, gr. ogdycD^ lat. rego. Fick stellt dazu noch skr. rng'ätni. 
Goth. taira, gr. dsgcD, lit. diriu, skr. därajämi, drnämi. 
Goth. draga, lat. traho, lit. traukiu, skr. Wurzel drägh. 
Ahd. stracchju, lat. stringo, skr. srg'ämi. 
Goth. tiuha, lat. duco, skr. Wurzel duh. 

Drehen, biegen: 

Ags. vringe, gr. stQyvvfii, skr. vrnak'mi. 

Goth. valtja, gr. xvXvvSg), 

Goth. valvja, gr. ilv(Oy lit. velti (Inf.), lat. volvo; dazu skr. vale 
(umhüllen u. s. w.)? 

Ahd. dräju (ags. J)räve), lat. tero, gr. xBlga^ altsl. Inf. treti 
(lit trinti). 

Goth. ])reiha, gr. tgina^ lat. torqueo, lit. Inf. trenkti; Fick (S.79) 
stellt zu den andern Wörtern nicht tginm, sondern ragäeam, 

Goth. biuga, skr. bhug'ämi, lat fugio, gr. (psvycoy altsl. beg£|. (ich 
laufe; oder lit. Inf. bugti sich furchten?). Eine sehr schwierige und 
wegen ihrer weiteren Beziehungen noch sehr zu untersuchende Gruppe. 

Goth. vair})a, lat. verto, altsl. vrüteti, skr. varte. 

Verbinden: 

Goth. binda, skr. badhnämi, gr. yesid^cny lat. fido. 

Ahd. näju, lat. neo, gr. via), skr. Wurzel nah. 

Goth. siuja, gr. (xatf-)(yva), lat. suo, lit siuvu, skr. sivjämi. 

Ahd. flihtu, lat plecto, gr. TtXixcD^ skr. prnak'mi. 

Goth. haftja, lat capto. 

Goth. lisa, lit. Inf. lesti, lat. lego, gr. XeycD. 

Ahd. scliuzu, sliuzu, lat. claudo, gr. xXsiGj. 

Ahd. miskiu, lat. misceo, gr. ^löycn^ lit. maiszau, skr. mi9raj&mi. 

Ahd. smizu (illino), skr. m^djami, gr. (ivdaiva; da wir oben 
schon ahd. smizu unter dem Begriffe des Werfens anflihrten, so müssen 
wir, wenn beide Gruppen neben einander bestehen sollen, zwei ganz 
verschiedene, aber gleichlautende ahd. smizu annehmen. 



DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 365 

Trenn en: 

Goth. lauBJa^ gr. Avo), lat. luo, skr. lunämi; vielleicht lit. liauju 
(höre auf). 

Goth. brika, lat frango, gr. ^i^yw^ii, skr. bhanag'mi; sehr zwei- 
felhaft, ganz anders bei Fick S. 163. 

Goth. kliuba, lat. glubp, gr. yXvgxo. 

Goth. skaida, lat. caedo, gr. tf^ttgo, skr. k'haidana (schneiden). 

Ahd. scindöm (schinde), lat. scindo, gr. öxiävtifii^ skr. k'hinadmi. 

Die beiden letzten Gruppen sind noch lange nicht aufs Reine 
gebracht ; vgl. sehr verschiedene Ansichten bei Kuhn Ztschr. VTI, 204, 
XI, 184, Xn, 130; femer Curtius (Grundzüge, zweite Aufl.) S. 222; 
•Schleicher Compendium, zweite Aufl. S. 231 ; Benfey Orient und Occi- 
dent I, 520; Diefenbach goth. Wb. 

Goth. skaba, lat. scabo, lit. Inf. skapoti (auch skaptoti); sehr be- 
zweifelt, und mit Recht, gr. öxaxtm. 

Altn. skera (Inf.), gr. öKsigcs, skr. Wurzel ksur. 

Goth. sneij>a, gadhel. snaidh, snoidh (schneiden). 

Goth. mita, lat. metior. 

Ackerbau und Viehzucht: 

Goth. arja, lit. aiju, altir. araim, lat. aro, gr. apoo. 

Goth. graba, gr. ygiqxo^ altsl. (po-)grebqj (begrabe). 

Goth. saia, lit. seju, lat. sero; gr. Irnii. 

Ahd. eggju, lat. occo, lit. ekkeju. 

Ahd. mähu, gr. dfiäcHf lat. meto. 

Ahd. milchu, lat. mulgeo, gr. afidlyooy lit melzu, skr. märg'ami. 
Technologie: 

Mhd. brüeje, lat. ferveo. 

Goth. mala, lit. malu, lat. molo, gr. fivkX(o (skr. malana das Rei- 
ben, Malen). 

Ahd. bahhu, gr. qxoycD. Ascoli stellt in Kuhns Ztschr. XVII, 335 
dazu lat. foveo, was wir gern annehmen würden, wenn das deutsche 
bähen nicht nähere Anrechte hätte; s. unten. 

Ags. breova (braue), lat. Mgo, gr. fpQvya, skr. bhrg g'ämi; ferveo, 
was Grimm zu brauen stellte, s. oben. > 

Goth. salta, gr. aA/go, lat. salio, wohl ganz selbständige Bildungen. 

Ahd. webu, skr. vap^, gr. vg>aiva}. 

Goth. vasja (kleide), skr. vase, gr. ivvvfiif lat. vestio. 

Goth. salbd, gr. dlsigxx). 

Goth. deiga (tcXccöög)), skr. dehmi, lat. finge, gr. ^lyyuvca, 

Ahd. ziarju, lat. decoro. 



366 E. FÖRSTEMANN 

Ahd. eggju (schärfe), lat. acuo. 

Goth. fiscö, lat. piscor. 

Licht (Wärme), Schall: 

Ahd. blichu (splendeo), lit. blizgu, gr. tpldyco^ lat. fulgeo, skr. 
bhräg'^. 

Mhd. dimpfe, gr. zvfpo). 

Ahd. bäwju, lat. foveo. 

Goth. hya})ja (siede), lit. szuttau, skr. kvathämi. 

Ags. svele, lett. swelu (sengen), skr. surämi (leuchten, glühen). 

Altn. Inf. kala, lat. gelo. 

Ahd. klingu, lat. clango. 

Ahd. stridu, lat. strideo, gr. rpt^co. 
Luft: 

Goth. vaia, altsl. vjej^, skr. vämi, vajämi, gr. arifit. 
Wasser: 

Ahd. flewiu (fluito), lat. pluo, lit. plauju, gr. nlso), skr. plav§. 

Goth. rinna, skr. rjiivämi, gr. ilavvoi, 

Ahd. quillu, skr. galämi (herabträufeln). 

Goth. giuta, lat. fundo, gr. x^^^ 

Altn. Inf. loa, lat. lavo, luo, gr. Xova. 

Goth. J)vaha, lat. tingo, gr. rsyyco^ skr. tög% (tröpfeln, spritzen). 

Ahd. sniwit, lat. ningit, gr. viq>£ty zend. (nizh, lit. snigti. 

Ags. thäve, lat. tabeo. 

Ahd. smilzu, gr. fisXöo). 

Ahd. Jesu, gerju, gr. iim, skr. jasämi. 

Goth. rignja, gr. ßgix^} 1^*- ^g^* 

Altn. sküma (Inf.), lat. spumo. 

Goth. })airsa, gr. tigaofiai; vgl. oben ])aursja durste. 
Vergrößerung und Verkleinerung: 

Goth. kija, skr. g'äjatS. 

Goth. keina, lit. gemu, gr. ycyvofiai, lat. gigno, skr. g'an (Act. 
zeugen. Med. werden). 

Goth. auka, lat. augeo, lit. augu (wachse). Lat. vegeo, vigeo, 
das öfters hieher gestellt wird, vgl. oben unter den Körperfunctionen, 
dsgl. gr. avl^ca. 

Goth. ala, lat. alo. 

Bewegung und Ruhe: 

Goth. iddja, lat. eo, lit. eimi, gr. eifit^ skr. @mi. 

Altn. gä, gr. ßtßrjfiif skr. g'igämi (g'ihämi), lett. gaju. 

Goth. ganga, lit. zengiu, skr. gänihämi. 



DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 367 

Ags. vade, lat. vado. 

öotH. fara, gr. xogsvofiai; Fick stellt S. 110 dazu gr. mCgto, 
skr. piparmi hintiberbringen. 

Goth. qvima, skr. g'amämi, gr. ßaivG)^ lat. venio. 

Goth. sliupa, gr. egnco, lat. serpo. 

Goth. })ragja; gr. rp^^o ; einige noch unsichere Vergleichungen 
bei Fick S. ^9^ 

Ahd. irru, lat. erro, gr. ig^m. 

Ahd. flu, gr. iaXXo), skr. irajämi. 

Ahd. wichu, gr. iüxm. 

Goth. steiga, gr. ötsixm y skr. stighnömi^ stighnut^, altsl. (do-) 
stign£(,ti (erreichen). 

Ahd. hinku, skr, khang'ämi, gr. exa^a, 

Ahd. spuatö; gr. ejtsvÖG)^ lat. studeo. 

Goth. viga, skr. vahämi, lat. veho, altsl. vezi^. 

Goth. vagja, gr. oxicD. 

Goth. haQa, lat. capio. 

Ahd. stäm (goth. standa), lat. sto, lit stoju, stovju/ skr. tisthämi, 
gr. L0tri(Ai. 

Goth. sita, lit. sedmi, sedu, skr. sidämi, lat. sedoo, gr. eioiioci. 

Goth. liga, gr. Xiyo), altsl. l^gq,. 
Beginn und Ende: 

Altn. hsetta (cessare, desinere), lat. cedo. 

Goth. niuja, lat. novo. 

Erhöhung und Erniedrigung: 

Goth. hneiva (neige), lat. (con^niveo, gr. vevcß. Dem widerspricht 
aber die von Leo Meyer und Curtius aufgestellte Vergleichung von 
goth. hnaivja (erniedrige) und gr. vixaa), 

Ahd. fallu, lat. falle, lit pdlu, gr. 6q)dkXm, skr. sphalämi. In der 
Kieler Monatsschrift von 1854, S. 882 wird dagegen das deutsche 
fallen mit lat. pello, gr. jcäklcn vereinigt. 

Besitz, Gewinn, Verlust: 

Goth. leiba, gr. Xsiitfo^ lit. leku, likau, lat. linquo, skr. rinakmi. 
Auf den ersten Blick hat es etwas sehr Ansprechendes , wenn Fick 
S. 154 mit den fremden Wörtern nicht goth. leiban, sondern goth. 
leihvan (leihen) zusammenstellt, doch sind die sprachlichen Verwandten 
von leiban (s. oben laiba unter den Substantiven) dabei zu erwägen. 
Lachen und Weinen: 

Goth. hlahja, Ut. klegu, lat. clango, gr. xAa^o, skr. karkämi. 

Ahd. smielu, skr. smaj^, altsl. smejati, lat. miror, gr. ^eidiäixt. 



368 E. FÖRSTEMANN 

Goth. greta, skr. Wurzel krand (nach Lottner in Kuhns Ztschr. 
XI, 187) oder hrad (nach Benfey Orient und Occident II, 341 und 
nach Fick S. 69). 

Ahd. riuzu, lat. rudo, skr. rodämi, lit. raudoju. 

Goth. tagrja, gr. iaxgva* 

Ahd. hloju (mugio), gr. xla£c3] dazu lit. kauliju zanken)? 

Sprache, am Schlüsse auch der Begriff des Z e i g e n s : 

Ahd. sag^n, lit. sakau, altlat. (in-)sece, gr. ianstB. 

Ahd. sprehhu, lit. spragu (prassele), gr. ötpagayica (rausche), 
skr. sphurg'ämi (donnere, rausche). 

Goth. haita, skr. kaitajämi (auffordern). 

Ahd. wahu (erwähne), skr. vak'mi, lat. voco, serb. Inf. vikati 
- (vociferari), gr. bIicov. 

Goth. aika (afaika agvovfiat)^ skr. aha, lat. ajo, gr. i^fiL 

Goth. qvitha, skr. Wurzel kath. 

Ahd. halöm, gr. xakimt lat. calo, skr. kliakarmi. 

Goth. laj)6n, gr. xXritsvtD. 

Ahd. hlamöm, lat. clamo. 

Goth. namnja, lat. nomine. 

Goth. naitja (schmähe), lett. nidu (hasse), gr. ovsii^icD, skr. nin- 
dämi (verachte). 

Ahd. (var-)wäzu (verwünsche) , skr. vadämi (spreche , rufe) , 
gr. vöca, dsCdfOy lit. vadinnu (rufe). 

Ahd. kümju, küm6m, lit gemo, gr. y8(ici (in der älteren Bedeutung). 

Goth. sila, lat. sileo. 

Goth. ])aha, lat taceo ; nach Fick dazu skr. tusjämi zufneden sein. 

Ahd. swigem, gr. öiyaa, 

Goth. teiha, lat dico, skr. di9ämi, gr. dsixvvfii. 

Goth. tarhja, gr. Ssqxg), skr. dar9ämi. 

Wie bei den Substantiven, so flihrt mich auch bei den Verben 
der Begriff der Sprache hinüber zu dem des Geistes. Zuerst verzeichne 
ich dasjenige, was in der Sphäre der Liebe und der Begierde liegt: 

Goth. fiijö, gr. q)LXB(0, altsl. Inf. prijati, skr. prinä,mi. 

Ahd. liubu, altsl. Ijubiti (Inf), lat. lubet, skr. lubhjämi, gr. Xixxofiai. 

Goth. vilja, lit velyju, lat volo, gr. ßovlofiai, skr. vrnömi, kymr. 
gwyllysu. Eine ältere Zusammenstellung von vilja und gr. (liXkaa ist 
wohl als beseitigt anzusehen. 

Ahd. geröm (begehre), gr. xaiQ(0^ skr. harjämi (liebe). 

Ahd. eiscöm (heische), altsl. Inf iskati (suchen), skr. Wurzel is 
(verlangen). 



DER URDEUTSCHE SPRACHSCHATZ. 369 

Goth. hilpa, lit gelbmi (helfe, rette; dagegen nach Fick S. 37 
lit. szelpiu helfe), skr. Wurzel kalp (Causat. von kri). 

Goth. ])rafstja, gr. rgina)^ skr. tarpämi. Vielleicht ist statt dessen 
an griech. nginco zu denken. 

Ahd. kussju, gr. xvo, xvvifoi 

Den Gegensatz hiezu bilden die Bezeichnungen des Hasses 
und was damit zusammenhängt: 

Goth. fija, skr. ptjämi. Lit. bijau (fdrchte) wäre mit Schleicher 
hieher zu ziehen, wenn nicht das deutsche beben (s. körperliche Func- 
tionen) darauf Anspruch machte. 

Goth. fl^ka (klage), lit plekiu (schlage, altsl. plakati weine), 
gr. nlrjffödDj lat. plango. 

* Goth. leha, laia (schmähe), gr. iXsyxm-^ dazu lit. loju (belle)? 
Ahd. drawju, gr. xagßim^ skr. targ'ämi. 

Ahd. triugu, gr. d'iXycDy skr. druhjämi (Fick verbindet S. 93 mit 
dem gr. Wort das skr. dhrag'ämi). 

Goth. mampja, gr. (is(iq)0fiai. 

Goth. holö (schade), lat. calvo, gr. xo)kv(o. 

Denken, fragen, befehlen und andere Thätigkeiten 
des Geistes : 

Ahd. sinnu, lat sentio. 

Goth. ])agkja, altlat tongeo. Fick S. 71 zieht auch gr. xa66(o herbei. 

Goth. vait, gr. olday lat vidi, altsl. Inf. videti (sehen, vedeti wis- 
sen), skr. v^dmi, altir. Wurzel fid. 

Ags. cnäve (ahd. cnähu), altsl. znaja (lit. zinau), gr. yvä^i^ lat. 
gno-sco^ skr. g'anämi. 

Goth. kann, von Fick S. 55 gleichfalls mit lit zinau, skr. g'anämi 
verbunden, wird von Grimm zu gr. yiyova^ lat genui, altir. Wurzel 
gen gestellt; vgl. oben goth. keina. 

• Ahd. (ant-)seffu (inteUigo), lat. sapio. 
Goth. hugja, lat cogito. 

Ahd. forsc6m, lat. posco, skr. prk'hämi. Fick S. 119 möchte zu 
dieser (oder der folgenden) Gh'uppe auch gr. jcgdööfo ziehen. 

Goth. fraihna, lat. precor, lit. praszau; auch das bei der vorigen 
Gruppe angefiihrte skr. prk'hämi wird öfters mit diesen Wörtern zu- 
zammengestellt. 

Goth. man, gr. fiifiova^ lat. memini, altsl. Inf. meniti. 

Ahd. mandm, lat moneo, skr. manje. 

Goth. dars , (ga-)daursa , gr. d'a^QSG) , skr. dharsämi , dhrsnomi, 
altsl. drizn^ti (Inf.) 

GrBHMANlA. Neue Reihe II. (XIV.) Jahrg. 24 



g'jQ E. FÖRSTEMANN 

Goth. skal, skr. Wurzel skhal, lit. skelu. Kuhn hat dazu aueh 
gr. 6(palXc3 und lat. fallo gestellt, die wir oben schon bei dem Verbum 
fallen erwähnten. 

Ahd. lochöm, lat. lacio. 
Goth. reikinö, lat regno. 
Ahd. traumju, lat. dormio, altsl. dremlja. 

Die allgemeinen Begriflfe des Seins und Thuns, in vorgerma- 
nischen Zeiten aus specielleren Anschauungen erwachsen, mögen hier 
den Schluß bilden: 

Goth. im, altir. am, gr. sl^ly skr. asmi, lit. esmi, lat. sum. 
Ahd. bim, skr. bhavämi, gr. g?i;o, lat. fui, altsl. Inf. byvati. 
Goth. visa, skr. vasämi (wohne). 
Altn. Inf. aka, gr« ayo^ lat. ago, skr. ag'ämi. 
Alts, dom, gr. rt^iy/xt, skr. dadhämi, altsl. dej%, altir. de-nim. 
Goth. vaurkja, gr. Sogya. 

Goth. skapja, gr. öxccTCta (wohl hieher und nicht nach oben zu 
goth. skaba). 

Es bleiben nun noch wenige Verba übrig, die sich nicht zu den 
aufgestellten Kategorieen fUgen wollen und die hier, ähnlich wie bei 
den Substantiven, als Anhang zusammen angefUhrt werden: 
Goth aggvja (beenge), gr. ccyxcü, lat. ango. 
Goth. hramja, gr. xgifiafiai. 
Goth. maidja, lat muto. 

Goth. tamja, skr. damajämi, lat. domo, gr. Saiiäca, 
Goth. vrika (verfolge), lit vargau (bedrängt sein), lat. urgeo, 
gr. stgyvviiCy skr. vrnak'mi (verdrängen). 

Bei den leicht 'aus einer Classe in die andere tibergehenden PAR- 
TIKELN ist es flir so alte Zeiten doppelt schwer, jedes Wort in die 
Reihe der Adverbien, Präpositionen oder Conjunctionen sicher einzu- 
reihen. Doch versuchen wir möglichst das Verwandte zusammenzu- 
ordnen und beginnen mit entschieden adverbialen Ausdrücken: 

Ahd. nu, skr. nu, gr. vvv^ lat. num (vgl. auch nü-diu»), altsl. nyne. 

Goth. gistra, skr. hjas, gr. x^dg, lat. heri. 

Mhd. vement, vert (im vorigen Jahr), skr. parut, gr. negvöL, 

Ahd. s&r, skr. satra. 

Goth. ju, lit jau, lat jam, gr. dtj. 

Ahd. fruo, gr. jcgcot. 

Goth. fairra, gr. no^^m, lat. porro. 

Goth. üt, skr. ud. 

Goth. mais, lat magis. 



DER URDEÜTSCHE SPRACHSCHATZ. 371 

Ahd. sami-, skr. sämi-^ lat. semi, gr, rjfit'. 
Goth. sva (so), lat. si-c. 

Goth. 8v^ (wie), gr. g?i} (oder lat. si, gr. «^?). 
Altn. tor-, gr. dvg-* 

Goth. -hun, lat. -cun, skr. -k'ana (hvashun, quicunque, ka§k'ana). 
Verschiedene Ansichten in Kuhns Ztschr. VII, 437; XI, 78; XII, 281. 
Dazu die beiden Formen der einfachen Negation: 
Goth. ni-, altsl. ni-, kelt. ne-, lat. ne^ gr. vri-^ skr. na. 
Goth. un-, lat. in-, aJtir. an-, skr. an-, gr. dv-. 
Bei den Präpositionen, zu denen wir j etzt kommen , befolge 
ich die Ordnung, daß ich zuerst die einfacher gestalteten (mit nur 
Einern Consonanten) anißihre: 

Goth. af, skr. apa, gr. «wo, lat. ab, lit. ap-. 
Goth. uf, skr. upa, gr. vwo, lat. sub, altsl. po. Dieses altsl. und 
lit. po scheint in der That aus mehreren Quellen zusammengeflossen; 
im Lit. regiert es vier verschiedene Casus. 

Goth. at, lit. at, lat. ad, skr. adhi, gr. -&i, 
Goth. ana, gr. avccy lat. an- (anhelo), skr. ^.nu, altsl. na. 
Goth. in, lat. in, gr. iv, altsl. ni. 
Goth. US, lit. isz, gr. &lg^ skr. nis; zweifelhaft. 
Ahd. bi, lat. ob, gr. int, skr. abhi, altsl. obü. Hier ist eine sau- 
bere Sonderung von den an die deutsche Präposition um sich anschlie- 
ßenden Bildungen noch kaum möglich. 
Goth. ga-, lat. co-, altsl. kü. 

Goth. du (ahd. zuo), lat. (in-)du, poln. do (lett. da), zend. -da, 
gr. 'de. 

Nun die mit mehreren Consonanten: 
Goth. and, gr. dvti, skr. anti, lit. ant, lat. ante(-d). 
Ahd. umbi, gr. dfitpc, lat. amb, gall. ambi; das skr. abhi imd 
altsl. obü sind kaum von hier, eben so wenig aber von dem oben an- 
geführten bi zu trennen. 

Goth. undar, lat. infra (osk. antw), skr. adharä. 
Ahd. hintar, umbr. hondra. 

Goth. ufar, gr. vtisq, lat. super, skr. upari. / 

Goth. fra-, fair-, skr. parä, par^, gr. xagd, ntxgal, lat. per, lit. par^ 
per, pra. Hier können lange nicht alle mannigfaltigen Bildungen von 
diesem Stamme (z. B. ahd. furi, lat. prae, pro, gr. Jt*p^, ngo u. s. w.) 
angeführt werden; vgl. goth. faura, gr. nagog^ skr. puras. Die Son- 
derung einzelner Gruppen stößt hier noch auf unlösliche Schwierig- 
keiten. 

24* 



372 HCEFER, ZU GERM. 14, 211. 

Qoth. dis- (ahd. zar-), lat dis-, gr. dwf, skr. vi-. 

6oth. mi}); gr. jxcra, skr. mithu (zend« mat) ; oder skr. smat? 

Die Conjunctionen sind noch höchst einfach und wenige an Zahl: 

Goth. -k (mi-k), skr. -gha, -ha, pr. ya. 

Qoth. -h, skr. -k'a, gr. r«, lat. que, 

Goth. ith, lat. et, gr. iti, skr. ati. 

Goth. -u (Fragepartikel), lat. -ve. 

Dazu noch drei zusammengesetzte: 

Ahd. jo-h, gr. BV-XB. 

Goth. ni-h, lat. ne-c, lit ne-gi. 

Goth. ni-u, lat. ne-ve. 

Von den Conjunctionen, den höchsten Geistesblüthen der mensch- 
lichen Rede, sinkt das gewöhnliche System der Wörterclassen plötzlich 
herab zu den Interjectionen, diesen Resten der Thiersprache. Kaum 
Wörter zu nennen, entziehen sich diese Ausrufe großentheils der Sprach- 
vergleichung und bieten flir sie wenig Interesse dar. Hier mag bloß 
auf die Ähnlichkeit zwischen goth. vai, gr. oval und lat. vae hinge- 
wiesen werden. 

Das wären also, so weit wir 'bis jetzt sehen, diejenigen Bestand- 
theile unseres urdeutschen Sprachschatzes, welche wir mit größerer 
oder geringerer Sicherheit der ältesten Schicht desselben zuschreiben 
können. Der Culturgrad und damit der Begriffsschatz, welcher in diesen 
Ausdrücken sich abspiegelt, wird erst dann in ein helleres Licht treten, 
wenn wir die zweite Schicht, die slavogermanische, daran halten, und 
wir versparen uns deshalb alle dahin einschlagenden Bemerkungen bis 
auf diesen zweiten Theil unserer Aufgabe. 
DRESDEN den 31. Mftrz 1869. 



ZU GERM. 14, 21 L 



Das daselbst besprochene Verbum summmen steht, was ich über- 
sehen habe, auch in der Präf. rhythm. zum Sachsensp. v. 12: wenne 
9wer sd atüilmmen nicht ne kan, wil he deme wazzere tctken daz, wo Ett- 
müller nach den Liedern Wizlavs S. 52 wieder swimmen eingedrängt 
hat, ohne auch nur in der Note seine Änderung zu kennzeichnen. Ho- 
meyer ed. 3 S. 124 gibt keine andere Lesart als smmmen, das er je- 
doch mit SV schreibt. 

GR. im Juni 1869. HGEFER. 



373 

LITTERATÜR. 



Meister Eokhart, der Mystiker. Zur Geschichte der religiösen Speculation in 
Deutschland. Von Adolf Lassen. Berlin 1868, beiW.Hertz. 8®. XXu.354SS. 

Pfeiffer hat durch seine Ausgabe der deutschen Mystiker sich das große Ver- 
dienst erworben^ die Forschung auf diesem Felde in weiteren Kreisen angeregt und 
für das Studium der mystischen Theologie eine sichere Grundlage geschaffen zu 
haben. £s war natürlich^ daß sich das Interesse vornehmlich dem Meister Eckhart 
zuwendete, auf den schon Carl Schmidt und Martensen durch verdienstvolle Ar- 
beiten hingewiesen hatten, und hinter dem die verhältnissmäßig wenigen und viel- 
fach verderbten Überreste seiner Predigten und Abhandlungen eine Größe von ganz 
ungewöhnlicher Art erwarten ließen. So ist denn , seit Pfeiffer ein reicheres und 
zuverlässigeres Material zu Eckhart gebracht hat, eine Art von Wetteifer entstan- 
den, das Dunkel zu lichten, das vielfach noch über dem Leben und der Lehre des 
großen Meisters liegt, und immer noch wird jede neue Arbeit über Eckhart mit 
Begierde ergriffen, da im Vergleich zu dem, was hier noch zu leisten ist, das bis- 
her Geleistete noch nicht sehr weit über den Anfang hinaus reicht. 

Eine der jüngsten Arbeiten über Eckhart ist die uns vorliegende Schrift Las- 
sons, die zwar über das Leben Eckharts nichts Neues bringt, aber als ein werth- 
voUer Beitrag zum Verständniss seiner Lehre und der Mystik überhaupt begrüßt 
werden muß. Es ist nicht schwer zu erkennen, mit welcher Liebe und Sorgfalt der 
Verfasser in die Tiefen der mystischen Speculation einzudringen versucht hat, und 
dankbar nimmt der Leser vielfache Aufschlüsse entgegen, die ihm hier ein philo- 
sophisch gebildeter Geist über einzelne Lehren Eckharts so wie über die Bezie- 
hungen derselben zu andern Philosophemen oder religiösen Auffassungen bietet. 
Aber es sind hinwieder sehr wesentliche Puncte, es ist die Auffassung der Princi- 
pien der Eckhartischen Speculation, hinsichtlich deren Becensent dem Verfasser 
widersprechen muß. Ich gedenke an einem andern Orte mich hierüber mit dem 
Verfasser auseinanderzusetzen und will hier nur andeuten, in welcher Bichtung 
meine Einwürfe gegen seine Auffassung liegen. Ich halte es für unrichtig, wenn 
Lassen als das letzte und höchste Ziel der Mystik Eckharts das Untergehen oder 
Einswerden der Seele mit dem unoffenbaren, unterschiedslosen, sich selbst nicht 
bewussten Wesen der Gottheit bezeichnet ; das Höchste ist für Eckhart vielmehr die 
Offenbarung des dreieinigen Gottes (die Geburt des Sohnes) in der dem unoffen- 
baren Wesen der Gottheit gleichgewordenen Seele. Das Entwerden, das „Nicht 
werden** der Seele ist Mittel, die Offenbarung Gottes im „Nicht" ist Ziel. Eine 
zweite sehr wesentliche Differenz, in der ich mich mit Lassen befinde, bezieht sich 
auf Lassons Behauptung, daß es Eckhart nicht gelinge, aus dem Begriff des We- 
sens Gottes das Anderssein, die Vielheit, die Realität des Endlichen abzuleiten^ 
und daß somit die Verbindung von Einem und Vielem, von Ruhe und Bewegung 
bei Eckhart ein vollkommener Widerspruch bleibe. „Die Begriffe, mit denen Eck- 
hart operiert, sind doch zu wenig klar, seine Methode trägt zu sehr aphoristischen 
Charakter, als daß ihm sein ernstes Streben (den Begriff des Absoluten und dessen 
Verhältniss zum offenbaren Sein dem Denken zu vermitteln) hätte gelingen können." 
Als ich dies auf S. 122 las, kam mir in Erinnerung, was ich im Vorwort gelesen 
hatte: „Bei Eckhart ist es die Schuld des Darstellers, wenn nicht ein wohlgefugtes 



374 LITTERATUR. 

Ganzes fest bestimmter Begriffe, sondern eine Summe von locker zusammenhän- 
genden ungefähren Vorstellungen für seine Lehre ausgegeben wird", und ich muß 
gestehen, daß ich wenig Zusammenhang zwischen beiden hier nebeneinander ge- 
stellten Äußerungen finde. Den Grund, warum der Verf. mehrfach Unklarheiten 
und Widersprüche bei Eckhart gefunden hat, scheint mir die Anlage seines Buches 
zu yerrathen. Die Art, wie er die Aussagen Eckharts unter die einzelnen Auf- 
schriften und Rubra zusammenträgt, ist selbst zu aphoristisch und fragmentarisch« 
Er vergleicht zu wenig die einzelnen Stellen miteinander und gewinnt so häufig den 
Gesichtspunkt nicht, unter welchem das Verschiedene in Harmonie sich darstellt. 
Gewiß würde dann auch das Resultat, das aus der Menge der Citate ans Eckhart 
gewonnen werden sollte, reiner und klarer herausgestellt und zusammenhängender 
dargelegt worden sein, während wir es uns jetzt mehr aus den vereinzelten Bemer- 
kungen Lassons zu den verschiedenen Stellen zusammentragen müssen, und dann aller- 
dings eben so oft wie der Verfasser zu einer einheitlichen Auffassung nicht gelangen 
können. Mit Einern Worte : das Stoffliche scheint mir zu wenig durchdrungen und 
beherrscht. Noch einen anderen Mangel mochte ich in diesem Zusammenhange an- 
deuten. Man muß doch annehmen, daß Eckhart selbst verschiedene Stadien der 
Entwicklung durchgemacht und Manches im Laufe der Zeit abgestreift habe was er 
vorher noch zu dem Seinen rechnete. Es wäre darum eine dringende Aufgabe ge- 
wesen, vor der Darstellung der Eckhartischen Lehre die Gruppierung einer Anzahl 
von Schriften Eckharts nach der Zeit ihrer Entstehung wenigstens zu versuchen. 
Welche verwirrende Bilder würden wir von mehreren unserer bedeutenden Philoso- 
phen erhalten, wenn wir nicht beachten würden , in welche Periode ihrer Entmck- 
lung die einzelnen Aussagen derselben fallen. Ich gestehe zu, daß es schwer ist, 
die Schriften Eckharts nach Zeitperioden zu gruppieren, aber die Aufgabe ist un- 
erlässlich. Einige Andeutungen hiezu habe ich in meinen Vorarbeiten zu einer Ge- 
schichte der deutschen Mystik im 13. und 14. Jhd. (Zeitschrift; für histor. Theologe 
von Niedner und Kahnis 1869 I, S. 59 u. S. 68 ff.) zu geben versucht. Auch nach 
einer andern Seite hin ist Vorsicht bei Benützung Eckhartischer Aussagen geboten. 
Es lässt sich z. B. nicht rechtfertigen, wenn Lassen in einer der schwierigsten Fragen 
der Eckhartischen Lehre Stellen benützt, wie jene bei Pfeiffer S. 608, wo schon die 
Überschrift („Meister Eckhart und auch andere Meister sprechen^, „nun spre- 
chen die Meister^) anzeigt, daß wir hier keine genuinen Eckhartischen Sätze, son- 
dern nur eine Zusammenfassung verwandter Ansichten verschiedener Meister vor 
uns haben. Warum sollen wir Eckhart durch das Medium einer fremden Auflassung 
vernehmen, fü» deren Zuverlässigkeit wir keine Garantie haben, wenn wir doch 
aus der Quelle unmittelbar schöpfen können? Ist es nicht genug, daß uns hier 
schon das Ungeschick der Abschreiber oft Schwierigkeiten genug macht ? Doch i^t 
die Benützung solcher Stellen, wie die oben angeführte, soviel ich sehe, bei Lasson 
nicht häufig, ujid anderseits hat Lasson selbst auf die Kritik des Eckhartischen 
Textes eine sehr dankenswerthe Sorgfalt verwendet, wie eine Vergleichung seiner 
Verbesserungsvorschläge mit dem Texte bei Pfeiffer erkennen lässt. 

Wenn ich mich auf diese Andeutungen über Lassons Auffassung und Dar- 
stellung der Eckhartischen Lehre beschränke, so geschieht es, um noch einigen 
Raum zu gewinnen für Bemerkungen, die ich zu Lassons Angaben über das Leben 
Eckharts machen möchte, sowie für ein wenn auch kurzes Referat über die Acten 
zum Processe Eckharts. Es schien mir passend, gerade in dieser Zeitschrift den 
Anlaß, der sich mir bietet, für ein solches Referat zu benützen, da es Franz Pfeiffer 



LITTERATÜR. 375 

war, dessen Bemühungen es gelungen ist, eine Abschrift dieser im vaticanischen 
Archiv befindh'chen Actenstücke zu erlangen. Die Actenstücke selbst sind vor Kur- 
zem mit einer Darstellung des Processes in den Denkschriften der k. Akademie der 
Wissenschaften zu München von mir veröffentlicht worden *). 

Ich bedaure es, daß Lasson seine Forschungen über Eckharts Leben nicht 
weiter ausgedehnt und ^sich im Wesentlichen auf das was Qudtif und Carl Schmidt 
bringen, beschränkt hat. Gerade hier ist vereinte und fortwährende Forschung nö- 
thig, da wir über Eckharts Leben noch so wenig wissen. Über Eckharts Heimat 
führt Lasson nur die beiden sich widersprechenden Angaben, daß er aus Straßburg 
und daß er aus Sachsen stamme, an. Es hätte sich der Mühe verlohnt, den Gründen 
für die eine oder andere Annahme nachzugehen. Die Möglichkeit, 2u einem be- 
stimmten Resultate zu gelangen, glaube ich in meinen Vorarbeiten (a. a. 0. S. 54 ff. 
61 ff.) gezeigt zu haben. Er stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus Thüringen. 
Eckharts Tod wird von Lasson in die Zeit vom 13. Febr. 1327 bis 27. März 1329 
gesetzt. Eckhart hat am 13. Februar einen angeblichen Widerruf geleistet, 
am 22. Februar 1327 ist er noch einmal vor den Inquisitoren des Erzbischofs von 
Cöln erschienen, und am 27. März 1329 bezeichnet ihn die Bulle des Papstes als 
einen Veratorbenen. Lasson spricht später die Vermuthung aus, daß er zu Anfang 
des J. 1329 gestorben sei. Allein Lasson ist entgangen, daß Mone im 2. Bande 
seiner Quellensammlung zur badischen Landesgeschichte einen Auszug aus Johannis 
lib. de viris illustribus ovdinis praedic. bringt, in welchem sein Tod in das Jahr 1327 
gesetzt wird. Wie ich aus den handschriftlich zu Basel und Straßburg vorhandenen 
Arbeiten dieses Geschichtschreibei*s des Dominicanerordens Johann Meyer von Zü- 
rich ersehen habe, hat derselbe sehr genaue Quellen für seine chronologischen An- 
gaben gehabt und es ist nicht der geringste Grund vorhanden, jene Angabe in 
Zweifel zu ziehen. 

Lasson sagt: „Zuerst begegnen wir Eckhart im J. 1302 als hochberühmten 
Lehrer in Paris." Allein daß er vorher Prior zu Erfurt und Vicarius in Thüringen 
gewesen sei, ist nach allen Umständen so gut als gewiß (vgl. meine Vorarbeiten 
a. a. 0. ö^rff. 59 ff,). Lasson fährt fort: „Er hielt am Collegium St. Jacob Öffent- 
liche Vorlesungen mit dem Charakter und Range eines Magisters der hl. Schrift. ** 
Dies ist ungenau. Eckhart las in Paris zwei Jahre als lector biblicus und bacca- 
laureus, um Licentiat und dann Magister zu werden, und als Magister las er viel- 
leicht noch im J. 1302/3, sicher aber im J. 131 l/l2. Lasson bringt sodann Qu^tifs 
Angabe, daß ihn der Papst im J. 1302 nach Rom berufen und zum Doctor ernannt 
habe. Qu^tif schließt dies aus einer Angabe, die er in dem ihm vorliegenden Ver- 
zeichniss der Pariser Magister des Dominicanerordens gelesen haben will, wo es 
heiße licentiatus per Bonifacium VIII. a. 1302.' Ich habe in meinen 'Vorarbeiten' 
(a. a. 0. 15 ff. u. 55 ff.) meine Zweifel gegen diese Angabe geltend gemacht und 
will hier nur hervorheben, daß die aus Eckharts Zeit herstammende Frankfurter 
Handschrift des Magisterverzeichnisses den Zusatz 'per Bonifacium VIII,' auf wel- 
chem Qu^tifs Angabe beruht, nicht hat. Daß Eckhart im J. 1311/12 als Magister 
zu Paris gelesen habe, wird aus folgenden Andeutungen sich ergeben. Martfene hat 
im 6. Band seiner Veterum scriptorum et monumentorum collectio ein bisher für 
Eckhart übersehenes Verzeichniss der Provinzialprioren Sachsens aus dem 14. Jahr- 



*) Meister Eckhart und die Inquisition. München 1869. Verlag der k. Akademie» 
in Comm. bei G. Franz. 



376 LITTERATUR. 

hundert mitgetheilt. Aus diesem wie aus der Chronik des Klosters Lothen (hei Mei- 
bom Rer. germ. 11) erhellt, daß Eckhart bis zum J. 1311 Provinzialprior von 
Sachsen gewesen sei, wonach er also nicht, wie man bisher angenommen hat, durch 
den Auftrag vom J. 1307, die Klöster in Böhmen zu visitieren, sein Amt als Pro- 
vinzialprior in Sachsen verloren haben kann. War aber Eckhart bis zum J. 1311 
Provinzialprior in Sachsen, dann geht aus den Acten der Generalcapitel zum J. 1311 
hervor, daß er es war, der in jenem Jahre nach Paris gesendet wurde, um die von 
ihm bisher noch nicht vollzogene herkömmliche Aufgabe zu erfüllen, zu Paris sein 
zweites oder sein erstes und zweites Jahr als Magister zu lesen (vgl. meine Vor- 
arbeiten S. 65 ff.). Hiedurch erhält nun auch eine interessante Notiz, die ich erst 
kürzlich in dem von Johann Meyer herrührenden Verzeichniss der Provinzialcapitel 
der Dominicaner in der Ordensprovinz Deutschland fand, das erwünschte Licht. 
In diesem handschriftlich zu Basel befindlichen Verzeichniss wird nämlich zu dem 
im J. 1310 zu Speier abgehaltenen Capitel bemerkt: 'flic electus fuit magister 
Eckardus in provincialem, sed cassata fuit electio^ etc. Die Provinzialcapitel traten 
im Sommer oder Herbste zusammen. Der hier zum Provinzialprior Designierte musste 
vom Greneralcapitel des folgenden Jahres bestätigt werden. So hatte man also in 
der Provinz Deutschland den Fall, daß nach den Ordensgesetzen die 2. Provinzia- 
latsperiode Eckharts in Sachsen mit dem J. 1311 zu Ende gehen musste, in Aus- 
sicht genommen, und ihn für die Provinz Deutschland zu gewinnen gesucht. Allein 
der Umstand, daß das Generalcapitel vom J. 1311 seine Verwendung in Paris für 
entsprechender hielt, verhinderte die Bestätigung der zu Speier auf ihn gefallenen 
Wahl. Auch über die Zeit von Eckharts Straßburger, Frankfurter und Cölner Auf- 
enthalt lässt sich jetzt nach den von mir mitgetheilten Untersuchungen (Vorarbeiten 
a. a. 0. S. 68 ff.) Bestimmteres angeben, und jene Angabe Lassons, daß er nach 
dem J. 1322 als Prior nach Frankfurt gekommen sei, erweist sich als nicht richtig. 
Wenn Lasson sodann die zuerst von Schmidt mitgetheilte urkundliche Nachricht, 
daß Eckhart zu Frankfurt wegen schlimmer und verdächtiger Verbindungen in Un- 
tersuchiing gekommen sei, so deutet, daß sein vertrauter Umgang mit den Nonnen 
zu sittlicher Verdächtigung des edlen Mannes benützt worden sei, so ist dies gleich- 
falls ein Irrthum. Unter der *^mala familiaritas* wurde, wie die Ordensconstitutionen 
ausweisen (vgl. meine Vorarbeiten S. 74 ff.), der Umgang mit Ketzern verstanden. 
Auch ist es falsch, wenn Lasson mit Schmidt unter jenem Provinzialprior Deutsch- 
lands, welcher im J. 1326 zu Paris abgesetzt wurde, den Meister Eckhart vermu- 
thet. Wie sich aus den Verzeichnissen der Provinzialprioren Deutschlands, von 
denen ich eines in meinen Vorarbeiten mitgetheilt habe, ergibt, war Eckhart nie 
Provinzialprior in Deutschland und der im J. 1326 zu Paris abgesetzte Provinzial- 
prior war Heinrich von Grüningen *). 

Wir kommen nun mit Lasson zu dem letzten bedeutenden Ereignisse in Eck- 
harts Leben, zu dem von dem Erzbischof von CÖln gegen ihn eingeleiteten Inqui- 



*) Nicht Jakob von Felsberg, wie ich in meinen Vorarbeiten auf Grund einer 
urkundlichen Notiz von Lamatsch (Beiträge zur