(logo)
(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Open Source Books | Project Gutenberg | Biodiversity Heritage Library | Children's Library | Additional Collections

Search: Advanced Search

Anonymous User (login or join us)Upload
See other formats

Full text of "Gesammelte Reden und Schriften"

LASSALLE 

GESAMMELTE 

REDEN UND 

SCHRIFTEN 




.EX LIBRJ/ DR ALP.fS^Ä^IZ. 






£zmm 

ZS.Z.SZ 



FERDINAND LASSALLE 



GESAMMELTE REDEN 
UND SCHRIFTEN 



HERAUSGEGEBEN 

UND EINGELEITET 

VON 

EDUARD BERNSTEIN 



VOLLSTÄNDIGE AUSGABE 
IN ZWÖLF BÄNDEN 



VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN 
1919 



FERDINAND LASSALLE 



GESAMMELTE REDEN 
UND SCHRIFTEN 



HERAUSGEGEBEN 

UND EINGELEITET 

VON 

EDUARD BERNSTEIN 



FÜNFTER BAND: 
LASSALLES ÖKONOMISCHES HAUPTWERK 



VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN 
1919 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



DRÜCK VON OSCAR BRANDSTETTER, LEIPZIG 



INHALT. 

Sdte 

Vorbemerkung 9 

HERR BASTIAT-SCHULZE VON DELITZSCH. 

Einleitung 27 

Erstes Kapitel: „I. Die Arbeit" 31 

Zweites Kapitel: „II. Das Kapital" 109 

Drittes Kapitel : „III. Tausch.Wert und freie Konkurrenz" 181 
Viertes Kapitel: Die objektive Analyse des Kapitals. 

— Die Produktivassoziationen 233 

Schluß 325 

Nachwort. Eine melancholische Meditation 340 

ANHANG: DIE AN DEN „BASTIAT-SCHULZE" 
ANKNÜPFENDEN KONTROVERSEN. 

I. Die Rezension der „Kreuzzeitung" 359 

II. Lassalles Erwiderung 365 

III. Schulze- Delitzschs Angriff auf Lassalle 381 

IV. Schulze-Delitzschs Antwort auf den Bastiat-Schulze 
imd ihre Zurückweisung durch I. B. von Schweitzer 395 



HERR BASTIAT- SCHULZE 
VON DELITZSCH 

DER 

ÖKONOMISCHE JULIAN 

ODER KAPITAL 

UND ARBEIT 

VON 

FERDINAND LASSALLE 



DER ERSTE ABDRUCK ERSCHIEN 

IM VERLAG VON REINHOLD SCHLINGMANN 

BERLIN 1864 



VORBEMERKUNG. 

Im „Bastiat- Schulze" haben wir die sozial -ökonomische 
Hauptarbeit Lassalles vor uns. Das „System der er- 
worbenen Rechte" war in seinem letzten Zweck der Ver- 
such einer rechtswissenschafthchen Begründung sozia- 
listischer Ideen. An eine ökonomische Begründung des 
Soziahsmus, wozu er im Laufe der Jahre allerhand Vor- 
studien gemacht hatte, wollte Lassalle gerade gehen, als 
zunächst der preußische Verfassungskonflikt ihn in die 
politische und alsdann die aufkommende Arbeiterbewegung 
ihn in die praktische sozialistische Agitation warfen. Auf 
den geistigen Zusammenhang zwischen seiner rechts- 
wissenschaftlichen und seiner sozial-ökonomischen Auf- 
fassung, d. h. auf den juristischen Grundgedanken, von 
welchem er bei seinen sozial-ökonomischen Untersudiun- 
gen ausging, weist Lassalle selbst im Vorwort zum , .Ba- 
stiat" hin. Von den dort niedergelegten Gedanken war 
sein praktischer Vorschlag, mit dem er die sozialistisdie 
Agitation aufnahm, beherrscht, und wie der ,,Bastiat- 
Schulze" in seinem sachhchen Teil der ökonomischen Be- 
gründung dieses Vorschlages gilt, so liegt ihm auch — 
zwar nicht ausschließHch, aber doch vorherrschend — 
jener aus der juristischen Ideenwelt abgeleitete Gedanken- 
kreis zugrunde. 

Man kann es mit Lassalle nur bedauern, daß er, bevor 
er die praktische Agitation aufnahm, nicht noch Zeit hatte, 
sein Vorhaben durchzuführen und sich, wie er sich aus- 



drückt, „einen theoretischen Kodex" zu schaffen, ,,an 
welchem die praktische Agitation bei allen theoretischen 
Fragen eine feste Grundlage finden konnte". Ob er dabei 
zu wesentlich anderen Schlußresultaten gekommen wäre, 
als sie nun vorliegen, ist zwar zu bezweifeln, denn sein 
theoretischer Standpunkt war in dieser Hinsicht schon 
viel zu stark ausgeprägt, als daß dergleichen mit größerer 
Wahrscheinlichkeit zu erwarten gewesen wäre. Aber es 
wäre doch ein Buch geworden, das sich in Ton und Dar- 
stellung, an wissenschaftHcher Vornehmheit und Ge- 
schlossenheit dem ,, System der erworbenen Rechte" an- 
gereiht haben würde, statt, wie der „Bastiat- Schulze", 
dem ,, Julian Schmidt". 

Nicht daß an der polemischen Form dieses Buches an 
sich Anstoß zu nehmen wäre. Hier sind die Schlußworte 
des Lassalleschen Vorwortes vielmehr durchaus zutref- 
fend. Die polemische Form hat gerade für die populäre 
Darstellung schwieriger Materien vor der objektiven syste- 
matischen Darstellung große Vorteile voraus, und tat- 
sächlich haben Hunderte und Tausende den ..Bastiat- 
Schulze" gelesen, die an einem Werk von dem Charakter 
des „Systems" kalt und teilnahmslos vorübergegangen 
wären. Die Geschichte der Literatur ist reich an Bei- 
spielen hervorragender und epochemachender Leistungen 
im Gewände der Polemik oder hervorgerufen durch die 
Notwendigkeit der dialektischen Verteidigung einer Sache 
oder Idee. Aber die Art der Polemik, die Lassalle im 
,,Bastiat-Schulze" führt, gereicht dem Buch an vielen 
Stellen mehr zum Nachteil als zum Vorteil; sie ist oft 
übertrieben heftig und zugleich nicht selten recht wertlos 
im Inhalt — oft nur Silbenstecdierei, bei der nicht viel mehr 
herausschaut als die Absicht, dem Gegner um jeden Preis 
eins auszuwischen. Die wissenschaftliche Überlegenheit, 

10 



deren sicli Lassalle Schulze- Delitzsch gegenüber rühmt — 
und mit Recht auch rühmen durfte — , hätte ihn nur um 
so mehr veranlassen sollen, auf gewisse wenig ansprechende 
Mittel der Polemik zu verzichten und statt dessen lieber 
etwas mehr auf die sachlichen Argumente des Gegners 
einzugehen, von denen gerade einige der wichtigsten keines- 
wegs im ..Bastiat-Schulze" eine ausreichende Widerlegung 
gefunden haben, so treffend der allgemeine theoretische 
Standpunkt des Herrn Schulze- Delitzsch und dessen Ab- 
hängigkeit von Bastiat darin charakterisiert worden sind. 
Die Schulze- Delitzschsche Schrift ,, Kapitel zu einem 
deutschen Arbeiterkatechismus", gegen welche der ,, Ba- 
stiat- Schulze" sich richtet, ist eine Zusammenstellung von 
sechs Vorträgen, welche der damals sehr gefeierte Förderer 
der selbsthilf lerischen Genossenschaften im Winter 1863 
in öffentlichen Versammlungen des fortschrittlichen Ber- 
liner Arbeitervereins gehalten hat. Den ersten Anlaß zu 
diesen Vorträgen hatte nicht die Lassallesche Agitation, 
sondern die ihr vorhergegangene Bewegung gegeben, als 
deren Wortführer in Berlin sich der Arbeiter Eichler auf- 
spielte. Die betreffenden Vorgänge sind in der Vorbe- 
merkung zum ,, Offenen Antwortschreiben" — Bd. III 
S. 9 bis 38 unserer Ausgabe — ziemlich ausführlich ge- 
schildert worden. Wir erwähnen daher nur noch, daß es 
sich in den Abhandlungen, die das ,, Kapitel usw." bilden, 
eben um die Vorträge über Kapital und Arbeit handelt, 
zu denen Schulze- Delitzsch sich in der Berhner Volks- 
versammlung vom 26. Oktober 1862 erboten hatte. Aber 
noch hatte Schulze diese Vortragsserie nicht beendet, als 
Lassalles ,, Offenes Antwortschreiben" erschien, und nach- 
dem er u. a. im vierten Vortrag bereits mit den üblichen 
Schlagworten der hberalen Ökonomie gegen den Sozia- 
lismus polemisiert hatte, ging Schulze infolge dessen im 

11 



sechsten Vortrag des längeren auf die Lassallesche Bro- 
schüre ein. Da der „Bastiat- Schulze" die Replik Las- 
salles auf die Schulzesche Kritik seiner Vorschläge war, 
so haben wir ihm in dieser Ausgabe das betreffende Stück 
aus dem Schulzeschen Arbeiterkatechismus im Anhang 
beigegeben. Desgleichen eine in der Berliner „Kreuz- 
zeitung" erschienene, von Bismarcks damaligem Adlatus 
Wagener herrührende Rezension des „Bastiat- Schulze", 
auf welche Lassalle dem Organ der MiHtär- und Pfaffen- 
partei von Bad Ems aus eine Erwiderung einsandte, deren 
gesucht höflicher Ton sehr von der ebenso gesucht weg- 
werfenden Sprache absticht, die Lassalle gegen Schulze 
angeschlagen hatte, aber wie sie selbst in der poli- 
tischen Situation Lassalles ihre ausreichende Erklärung 
findet. Diese ,, Antwort auf eine Rezension der Kreuz- 
zeitung" war noch mehr an Wageners Chef Bismarck 
als an Wagener selbst gerichtet und ein letzter Versuch 
Lassalles, den erster en ziun Eingehen auf seine Pläne 
zu gewinnen. 

Es dauerte fast zwei Jahre, bis Schulze-Delitzsch sich 
zu einer Antwort auf den ,, Bastiat -Schulze" entschloß. 
Man hatte wohl fortschrittlicherseits geglaubt, mit dem 
Tode Lassalles werde auch die von diesem geführte Be- 
wegung wieder einschlafen, und so sich die Mühe einer 
besonderen Widerlegung seiner Schrift erspart. Aber trotz 
der bald nach Lassalles Tode eintretenden inneren Wirren 
wuchs die Bewegung, wenn auch langsam, so doch stetig, 
und so verfaßte Schulze-Delitzsch Ende 1865 eine 
Schrift „Die Abschaffung des geschäftlichen Risiko durch 
Herrn Lassalle, ein neues Kapitel zum deutschen Ar- 
beiterkatechismus", in der er, wie schon der Titel besagt, 
speziell die Ausführungen Lassalles in bezug auf die Rolle 
des geschäftlichen Risiko in der bürgerlichen Gesellschaft 

12 



und die Möglichkeit seiner Beseitigung durch Assekuranz- 
usw. Verbände der Produktivgenossenschaften behandelt. 
Was sonst seine Schwäche war, wird hierbei bis zu einem 
gewissen Grade seine Stärke. Weil er nicht weiter sah 
als die bürgerhche Gesellschaft, konnten ihm die inneren 
Widersprüche des Lassalleschen Projekts, in dem die 
Produktivgenossenschaften einmal als ganz selbständige 
Unternehmungen vom Staat finanzierter, aber für ihre 
eigene Rechnung wirtschaftender Arbeitergruppen und 
dann wieder als eine Art staatlicher Organisation der 
Arbeit figurieren, um so weniger entgehen. Auch hatte er, 
der mitten im geschäftlichen Leben stand, einen schär- 
feren Bück für die Schwierigkeiten, die sich bei der da- 
maligen Rückständigkeit der industriellen Entwicklung der 
genossenschaftlichen Organisation der Arbeit in den Weg 
stellten, als Lassalle, der sich in diesem Punkte doch 
hauptsächhch auf spekidative Erwägungen stützte. Aber 
in bezug auf alles, was über den engen Horizont des bür- 
gerlichen Geschäftsmannes hinausgeht, zeigt er sich nicht 
nur in jeder Hinsicht als flacher Nachbeter der liberalen 
Vulgärökonomie, sondern auch geradezu unfähig. Las- 
salles Ausführungen nur zu begreifen, geschweige denn sie 
zu widerlegen. Was nicht bürgerlich ist, nicht den Insti- 
tutionen der bürgerlichen Gesellschaftsordnung entspricht, 
ist überhaupt nicht ,,menschlich", und der bloße Gedanke, 
Zustände zu schaffen, unter denen der Untemehmergewinn 
als ,, Risikoprämie" gegenstandslos wird, erfordert nach 
ihm, ,,die Menschlichkeit abzustreifen", ,,die natürlichen 
Daseinsbedingungen des Menschen zu verrücken" (,,Die 
Abschaffung usw." S. 25). Wenn Marx schon 1846 in 
seinem ,, Elend der Philosophie" die Methode der bürger- 
lichen Ökonomie: zwischen künstlichen und natürlichen 
Institutionen derart zu unterscheiden, daß die bürgerlichen 

13 



naiürliclie, die nichtbürgerlichen aber künstliche seien — 
mit dem Verfahren der Theologen verglich, wonach nur 
ihre Religion von Gott herrühre, die anderen aber Erfin- 
dung der Menschen seien, und hinzusetzte: ,, Danach hat 
es wohl eine Geschichte gegeben, aber es gibt von jetzt 
an keine mehr", so rechtfertigt der obige Satz Schulze- 
Delitzschs den ihm von Lassalle im ,,Bastiat- Schulze" 
gemachten Vorwurf, daß das zur Religion gewordene 
Dogma des Unternehmerprofits als die ,, unmittelbarste 
Voraussetzung" sein Denken beherrsche. Womit natür- 
lich noch jiicht gesagt ist, daß Schulze- Delitzsch ein be- 
wußter Agent der Kapitalisteinklasse war, zu welcher An- 
klage Lassalle in seiner Erbitterung jenen Vorwurf er- 
weiterte^). 

Es wurde im Vorstehenden Marx genannt, und in An- 
knüpfung daran wollen wir dazu übergehen, über die Frage, 
inwieweit der sachliche Inhalt des ,,Bastiat- Schulze" auf 
Marxschen Untersuchungen fußt, einige Worte zu ver- 
lieren. 

Bekannt ist die Note, in welcher Marx, im Vorworte 
zum ,, Kapital", betont, daß selbst der Abschnitt des „Ba- 
stiat- Schulze", wo Lassalle die ,, geistige Quintessenz der 
Marxschen Entwicklungen über Wertgröße und Wert- 
substanz" zu geben erkläre, bedeutende Mißverständnisse 
enthalte, und daran die Bemerkung knüpft, daß, wenn 



^) Eine sachlich oft sehr treffende, mit vielem Witz aber 
auch mancherlei unwürdigen Insinuationen gewürzte Widerlegung 
fand die Schulze-Delitzschsche Replik in der von I, B. von 
Schweitzer herrührenden Artikelserie „Der tote Schulze gegen 
den lebenden Lassalle", die, zuerst im Schweitzerschen ,, Sozial- 
demokrat" veröffentlicht, im Jahre 1886 als VIII. Heft der 
,, Sozialdemokratischen Bibliothek" von der Verlagsbuchhand- 
lung In Hottingen neuaufgelegt wurde. 

14 



Lassalle „die sämtlichen allgemeinen theoretischen Sätze 
seiner ökonomischen Arbeiten, z. B. über den historischen 
Charakter des Kapitals, über den Zusammenhang von 
Produktionsverhältnissen und Produktionsweise usw. usw., 
fast wörtlich, bis auf die Terminologie herab," seinen 
— Marx' — Schriften entlehnt habe, ,,und zwar ohne 
Quellenangabe", dies Verfahren ,,wohl durch Propaganda- 
Rücksichten bestimmt" worden sei, während mit Lassalles 
Detailausführungen und Nutzanwendungen Marx ,, nichts 
zu tun" zu haben erklärt, (Vgl. Marx, ,, Kapital", I. Bd., 
2. Aufl. S.3u. 4.) 

Diese Note ist Marx verschiedentlich verargt worden, 
und zwar namentlich in Hinblick darauf verargt worden, 
daß ja Lassalle gerade im dritten Kapitel des ,,Bastiat- 
Schulze" Marx als Quelle zitiert und seiner Schrift ,,Zur 
Kritik der politischen Ökonomie" ein so hohes Lob er- 
teilt habe. Indes wenn jemand einem anderen die Hälfte 
oder den dritten Teil einer empfangenen Summe mit noch 
so hoher Anerkennung quittiert, so ist damit die Tatsache 
noch nicht aus der Welt geschafft, daß er von ihm mehr 
als den quittierten Teil empfangen hat. Und wer das 
,, Elend der Philosophie", das ,, Kommunistische Mani- 
fest", die Aufsätze über ,, Lohnarbeit und Kapital", den 
,,18 Brumaire" und die Schrift ,,Zur Kritik der politi- 
schen Ökonomie" gelesen hat, der wird zugeben müssen, 
daß sachlich Marx in seinem Rechte war, wenn er ein 
erheblich größeres Quantum geistiger Arbeit für sich re- 
klamierte, als Lassalle im angegebenen Kapitel quittiert 
hat. Überhaupt behandelt Lassalle im Gegensatz zur Frei- 
gebigkeit, mit der er bürgerliche Autoritäten zitiert, seine 
sozialistischen Vorgänger hier ziemlich stiefmütterlich. 
Bliebe also höchstens die angebhch übertrieben schroffe 
Form der Reklamation. AngebKch, denn in Wirklichkeit 

15 



hat Marx, indem er seine wissenschaftlichen Ansprüche 
geltend machte, zugleich die mildeste, das Andenken Las- 
salles am wenigsten belastende Auslegung der von diesem 
begangenen Unterlassungssünde hinzugefügt: die Rück- 
sicht auf die Zwecke der Propaganda. Aber auch der 
Schlußsatz der Marxschen Note sagt, wenn man nicht 
mehr in ihn hineinlegt, als er wirkhch enthält, nichts, was 
nicht durch die Sachlage festzustellen geboten war. Man 
muß nicht vergessen, daß Lassalle der Arbeiterbewegung 
eine Erbschaft hinterlassen hatte, die keineswegs ohne 
das beneficium inventarii — das Recht der Sichtung und 
Auswahl — angetreten werden konnte. Zur Zeit, wo 
Marx das Vorwort zum ,, Kapital" schrieb, florierte aber 
in Deutschland noch der orthodoxeste Lassalleanismus, 
der jedes Wort Lassalles als unantastbares HeiHgtum 
hochhielt, und w^rde die in der letzten Phase seiner Agi- 
tation von Lassalle eingeschlagene Taktik als die einzig 
vom sozialdemokratischen Standpunkt berechtigte, das 
Lassallesche ökonomische Rezept als der allein zutreffende 
Au«fluß der sozialdemokratischen Lehre propagiert. Da 
war es nur in der Ordnung, wenn Marx erklärte, daß die 
Nutzanwendungen, die Lassalle aus den von ihm über- 
nommenen theoretischen Sätzen abgeleitet hatte, nicht die 
seinigen seien. 

Auf diesen Unterschied in den Nutzanwendungen, so- 
weit es sich selbst wieder um theoretische Probleme han- 
delt, kann hier nicht eingegangen werden, da dies eine 
ganze ökonomische Abhandlung nötig machen würde. Der 
Unterschied in den praktischen Schlußfolgerungen von 
Marx und Lassalle dagegen läßt sich kurz dahin zusammen- 
fassen, daß, während Marx in der Expropriation der Ka- 
pitalistenklasse und der gesellschaftlichen Organisation der 
Produktion die schließHche notwendige Konsequenz des 

16 



gesellschaftliclien Charakters der modernen Produktions- 
weise und ihrer Arbeitsmittel erblickt und bis zum Ein- 
treten dieser Phase der gesellschaftlichen Entwicklung die 
ökonomische, politische und intellektuelle Förderung der 
Arbeiterklasse durch alle jeweilig möglichen und geeig- 
neten Mittel postuliert, Lassalle in den vom Staat fman- 
zierten Produktivgenossenschaften das Mittel zur Ver- 
wirklichung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag sieht 
und von diesen, zunächst als selbstwirtschaftende Einheiten 
gedachten Genossenschaften im weiteren Verlauf und als 
natürliche Folge ihrer Organisation die Vergesellschaftung 
der Gesamtproduktion erwartet. Es ist nicht das Endziel, 
in dem Marx und Lassalle auseinandergehen, sondern die 
Auffassung von den Wegen zu diesem Ziel, und zwar so, 
daß Lassalle ein ganz bestimmtes Mittel — eben die 
etappenweise zu vollziehende Ersetzung von kapitalisti- 
schen Unternehmern durch einstweilen und im Schöße 
der bürgerlichen Gesellschaft für eigene Rechnung produ- 
zierende Arbeitergenossenschaften — als die vor allen 
anderen zu propagierende ökonomische Forderung auf- 
stellte, während Marx die Wahl der jeweiligen Mittel von 
dem Stande der Entwicklung und den gegebenen Bedürf- 
nissen der Klasse der Arbeiter abhängig machte. 

Es wurde vorher davon gesprochen, nicht mehr in die 
Marxsche Note hineinzulegen als in Wirklichkeit darin 
steht, und das gleiche sei zum Schluß von dem weiter 
oben geäußerten Urteil über die Form der Lassalleschen 
Polemik im ,,Bastiat-Schulze" wiederholt. Einzelne Miß- 
verständnisse Lassalles in bezug auf die Analyse von 
Wertgröße und Wertsubstanz hindern nicht, daß er den 
Ausgangspunkt der Marxschen Werttheorie richtig er- 
faßt und in klarer und lichtvoller Weise zur Anschauung 
gebracht hat. Ebenso sind die bloß zum Zweck der Ver- 



2 Lassalle. Ge«. Schrikc^.. Ba.vl V. 



17 



höhnung des Gegners vorgenommenen Wortspaltereien und 
verschiedene, Herrn Schulze-DeHtzsch tatsächlich mit Un- 
recht an den Kopf geworfene Unterstellungen zwar stö- 
rende Seiten des Buches, aber bei weitem nicht sein wesent- 
licher Inhalt. Dieser gibt soviel des Belehrenden in ökono- 
mischer und geschichtlicher Hinsicht, daß der ,,Bastiat" 
Schulze" nicht nur als eine der Hauptarbeiten Lassalles, 
sondern noch heute als eine der lesenswertesten Erschei- 
nungen der sozialistischen Literatur überhaupt — als, 
um Worte der biographischen Abhandlung zu wiederholen, 
Zeugnis für das außergewöhnliche Talent und die staunens- 
werte Vielseitigkeit und Elastizität des Lassalleschen Gei- 
stes zu bezeichnen ist. Ebenfalls in Wiederholung des 
dort Gesagten fügen wir hinzu, daß in einzelnen Partien 
des Buches sich die Darstellung auf die Höhe des Besten 
erhebt, was Lassalle je geschrieben hat, in ihnen der 
Genius Lassalles in seinem hellsten Glänze aufleuchtet. 

Ed. Bernstein. 



IS 



DEM DEUTSCHEN ARBEITERSTANDE 

UND DER DEUTSCHEN BOURGEOISIE 

GEWIDMET 



VORWORT. 

Der „Julian", den ich 1862 veröffentlichte^), war 
eine Erhebung gegen den literarischen Mob^). Ihr 
folgte konsequent 1863 in meinem ,, Antwortschreiben 
die Erhebung gegen den politischen und ökono- 
mischen Mob, die, durch eine Reihe von Schriften 
sich fortsetzend, jetzt wieder mit innerer Notwendigkeit 
in einem ,,Julian" ihren vorläufigen theoretischen 
Abschluß findet. Den äußeren Anlaß dazu bietet das 
, .Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus" von 
Herrn Schulze- Dehtzsch, welches erst im Juni 1863 er- 
schien oder doch mir zu Händen kam. Ich nahm die Schrift 
mit in das Bad Tarasp, wohin ich damals reiste, und 
dort erst machte ich so die wirkliche Bekanntschaft des 
Herrn Schulze, über den auch ich mich bis dahin noch in 
wesentlichem Irrtume befunden hatte und befinden mußte. 



^) „Herr Julian Schmidt, der Literarhistoriker". D. H. 

^) „Mob" ist ein aus dem Englischen genommenes Wort, 
das dort für ,, Menge", der ,, gemeine Haufen" etc. gebraucht 
wird. Lassalle aber wendet es hier wie auch anderwärts in über- 
tragenem Sinne an als Bezeichnung für die Führer und Macher 
der sogenannten „öffentlichen Meinung", den Troß der Lite- 
raten, Politiker etc. des Tages. Es ist das um so mehr im 
Auge zu behalten, als nur so der bekannte Satz in dem Brief 
Lassalles an Rodbertus richtig verstanden werden kann: ,, Frei- 
lich darf man das — nämlich, daß Grund- und Kapitaleigentum 
abzulösen seien — dem Mob heut noch nicht sagen '. D. H. 

21 



Denn konnte ich auch aus den Zeitungsberichten über seine 
Vorträge hinreichend ersehen, was Herr Schulze nicht 
sei, so war ich doch zu gerecht, um mir aus ihnen ein 
Urteil bilden zu wollen über das, was Herr Schulze sei. 
Erst aus der von ihm selbst veröf fenthchten Schrift konnte 
ich dies mit Sicherheit entnehmen. 

Im Oktober 1863 nach Berlin zurückgekehrt, beschloß 
ich somit, zur Darstellung zu bringen, was Herr Schulze 
sei und mit der kritischen Darstellung seiner und der 
liberalen Ökonomie überhaupt die positive theore- 
tische Entwicklung mehrerer der wichtigsten Fun- 
damente der Nationalökonomie möghchst zu verbinden, 
resp. sie in jene kritische Auflösung zu verflechten. Zwar 
habe ich diese Bogen schreiben müssen mitten in einer 
unausgesetzten Agitation, Verwaltungs- und Korrespon- 
denzlast, die mir durch den Allgemeinen Deutschen Ar- 
beiterverein auferlegt ist, sowie mit fünf Kriminalpro- 
zessen behaftet, die mir aus meinen Agitationsschnften 
entstanden, also ohne jede zu theoretischer Arbeit eigent- 
lich erforderliche Muße. Gleichwohl hoffe ich, daß weder 
Herr Schulze noch das PubHkum dabei in seinen Er- 
wartungen zu kurz gekommen zu sein finden wird. — 

Einige Worte über die Widmung. 

Die Widmung an den deutschen Arbeiterstand erklärt 
sich von selbst. Diejenige an die deutsche Bourgeoisie 
aber kann scheinen, einer Erklärung zu bedürfen. 

Dieses Buch wird Hunderte und Hunderte unter den 
Bourgeois zu Proselyten machen, und zwar gerade die 
Tüchtigsten und Intelligentesten unter ihnen. Und mehr 
ist keiner theoretischen Tat gegeben! 

Das aber hoffe ich durchaus nicht von ihm, daß es 
die Bourgeoisie als Klasse für meine Ansichten 
gewinnen wird. Eine Klasse über wirkhche oder ver- 

22 



meintliche Interessen f ortzuheben — dies vermag 
keine theoretische Leistung ! 

Eine Wirkung aber hoffe ich gleichwohl von diesem 
Buche auch auf die deutsche Bourgeoisie als Klasse! 
Die Wirkung der Scham über die absolute, bodenlose 
Nichtigkeit und Unfähigkeit des kleingeistigen Mob, den 
sie zu ihrem Heroen proklamiert, belorbeert und tun- 
jubelt — alles auf die Autorität hin des ,,Zeitungsge- 
schwisters", wie Goethe es nennt 1 In der Tat, keiner der 
auch nur mäßig gebildeten Bourgeois wird dies Buch 
lesen können, ohne eine brennende Röte auf seinen Wangen 
zu fühlen über die urkomische Stellung, die auf dem 
Welttheater eine Partei einnimmt, die sich so gern als 
,,die Welt" gebärdet und solche entsetzliche Geistes- 
krüppel zu ihren Führern und Helden und somit zum 
Ausdruck ihres geistigen Gesamtstandpunk- 
tes als Klasse hat I Vielleicht wird ihr auch von da 
aus ein schwaches Licht aufgehen über die notwendige 
Jämmerlichkeit ihrer Erfolge in allen praktischen und poli- 
tischen Kämpfen 1 Und weniger als in irgend einem Lande 
wird in Deutschland diese geistige Vermickerung ver- 
ziehen, infolge unserer guten alten Traditionen. Aber frei- 
lich ist auch wieder gerade in Deutschland diese Ver- 
mickerung der Bourgeoisie weitaus am ärgsten. Es ist 
das spezielle Schicksal Deutschlands, daß in ihm die Bour- 
geoisie zur Blüte der Herrschaft strebt, nicht zur Zeit 
ihrer eigenen Blüte, wie sie dies in Frankreich und 
England tat, sondern zu einer Zeit, wo diese Blüte durch 
die gesamte Weltentwicklung bereits innerlich verfault 
ist. Die sogenannte bürgerliche Weltperiode — ich werde 
später den genauen Sinn und Inhalt dieser Benennung 
nachweisen — ist im Ablaufen begriffen, und in naivster 
Verwechslung das Ende einer Periode für ihren Anfang 

23 



nehmend, glaubt unsere Bourgeoisie Frünlingsvvelien und 
Knospendurchbruch in sich zu verspüren! Dieser geistige 
Anachronismus ist es, der nun fortwirkend auch in allem 
einzelnen die geistigen Züge des Jammerbildes bestimmt, 
das sie darstellt. 

Will unsere Bourgeoisie noch irgend welche Rolle 
spielen, so kann sie dies nur, wenn sie sich aufzuraffen 
die Kraft hat zu neuem Denken und Lernen — 
aber nicht aus den Zeitungen! Jedes andere Denken 
und Lernen aber als aus den Zeitungen hat sie seit fast 
einer Generation verlernt, und dies ist die unmittelbare 
Ursache der vermickerten Zwerggestalt, zu der sie aus 
ehemals großen und bedeutenden Anlagen verkrüppelt 
ist. — 

Noch ein Wort an die Ökonomen. 

In meinem 1861 veröffentlichten ,, System der erwor- 
benen Rechte", Teil I, pag. 264 sage ich: ,,In sozialer 
Beziehung steht die Welt an der Frage, ob heute, wo es 
kein Eigentum an der unmittelbaren Benutzbarkeit eines 
anderen Menschen mehr gibt, ein solches auf seine mit- 
telbare Ausbeutung existieren solle, d. h. gründlich: 
ob die freie Betätigung und Entwicklung der eigenen Ar- 
beitskraft ausschließhches Privateigentum des Besitzers 
von Arbeitssubstrat und Arbeitsvorschuß (Kapital) sein, 
und ob folgeweise dem Unternehmer als solchem, 
und abgesehen von der Remuneration seiner etwaigen gei- 
stigen Arbeit, ein Eigentum an fremden Arbeits- 
wert (Kapitalprämie, Kapitalprofit, der sich bildet 
durch die Differenz zwischen dem Verkaufs- 
preis des Produktes und der Summe der Löhne .und 
Vergütungen sämtlicher, auch geistiger Arbei- 
ten, die in irgend welcher Weise zum Zustandekommen 
des Produktes beigetragen haben) zustehen solle." 

24 



Dieser Satz enthält, wie jeder Sachkenner leicht sieht, 
in gedrängter Zusammenfassung das Programm eines na- 
tionalökonomischen Werkes, welches ich in systematischer 
Form unter dem Titel ,, Grundlinien einer wissenschaft- 
lichen Nationalökonomie" damals zu schreiben beabsich- 
tigte. Ich war eben im Begriff, zur Ausführung dieses 
Vorhabens zu schreiten, als im Anfang 1863 durch den 
Brief des Leipziger Zentralkomitees die Frage in prak- 
tischer Gestalt an mich herantrat. Ich erUeß mein ,, Ant- 
wortschreiben", die Agitation brach aus, und nun war 
natürlich an die nötige theoretische Muße und Vertiefung 
für ein solches Werk zunächst nicht mehr für mich zu 
denken I 

Wie oft habe ich es seitdem nicht im Stillen beklagt, 
daß die praktische Agitation der theoretischen 
zuvorgekommen war ! Wie oft bedauert, daß es mir nicht 
gegönnt gewesen, mir zuvor gleichsam einen theoretischen 
Kodex geschaffen zu haben, an welchem die praktische 
Agitation bei allen theoretischen Fragen eine feste Grund- 
lage finden konnte. Denn die Nationalökonomie ist eine 
Wissenschaft, für die erst Anfänge existieren und d i e 
noch zu machen ist! 

Wie sehr ich dies aber auch beklagt habe — ich be- 
klage es nicht mehr 1 Konnte ich auch in das hier nach- 
folgende Werk nur einen verhältnismäßig vielleicht nur 
geringen Teil dessen hineintragen, was ich in einem syste- 
matischen Werke hätte entwickeln können, war auch diese 
Hineintragung der Vorzüge der schrittweisen Ent- 
wicklung beraubt, welche mit systematischer Ableitung 
gegeben ist, so bietet doch andererseits die weit höhere 
Lebendigkeit und Eindringlichkeit der pole- 
mischen Form der Entwicklung hinreichenden Ersatz 
dafür, und immerhin sind es die wichtigsten 

25 



Fundamentalsätze, die wir hier zur Darstellung gebracht 
haben. 

Besonders aber: eine große Aufregung ist gegeben! 
Die Nation ist aus dem ökonomischen Schlafe gerüttelt ! 
Die soziale Frage ist links und rechts zur Tagesfrage ge- 
worden. Hunderte und Tausende werden dies Buch lesen, 
welche an einer dickleibigen systematischen Darstellung, 
die nur ihr abstraktes Gelehrtenpubhkum hat, kalt und 
teilnahmslos vorübergegangen wären. 

Und so finde ich denn, daß mich auch in dieser Hin- 
sicht meine Sterne günstig geführt haben ! 

Berlin, 16. Januar 1864. 

F. Lassalle. 



26 



EINLEITUNG. 

Man wird vielleicht zunächst verwundert sein, warum 
wir hier eine Stelle aus den Werken S c h e 1 1 i n g s folgen 
lassen. Inzwischen je weiter der Leser allmählich in dem 
Buche selbst vorrücken wird, desto mehr wird sich ihm das 
Verständms von selbst aufdrängen. Wir setzen daher ohne 
jeden weiteren Kommentar als Einleitung die nachfolgende 
Stelle Schellings hier her. 

Eine Rezension in der Jenaer Allgemeinen Literatur- 
zeitung gegenrezensierend, wird Schelling zu folgender 
Ausführung veranlaßt: 

(Schellings Werke, L Abteil., Band IV. S. 557:) 

„Sonst ist es im allgemeinen nicht schwer, die Men- 
schenklasse zu bemerken, zu der dieser Rezensent gehört. 
Außer der Unverschämtheit, mit der er, der unwissender 
sich zeigt, als jeder Student, der jetzt auf irgend einer 
Universität den Wissenschaften obliegt, und der heute, 
wenn er sich der Bamberger medizinischen Fakultät als 
Kandidat des Doktorgrades präsentierte, wegen seiner 
Ignoranz mit Schande zurückgewiesen würde, sich an- 
stellt, um das Wohl der Wissenschaften und die Ehre 
der Doktorwürde bekümmert zu sein, ist die Unbefangen- 
heit, mit der er sich zu dem verständigen und gesitteten 
Publikum zählt, eine Famihenähnhchkeit der großen Sipp- 
schaft, die sich, seitdem die Fortschritte der Wissenschaft 
und Kunst eine Menge Personen gerade um ein Haibjahr- 
hundert zurückversetzt haben, gebildet und immerfort ver- 

27 



mehrt hat. Der charakteristische Zug dieser Klasse ist, 
daß sie sich noch immer einbildet, in der neuesten Zeit 
zu leben, und, obgleich sie, in Rücksicht auf das Zeit- 
alter, aus den rohesten Menschen besteht, nichtsdesto- 
weniger im Besitz des Geschmackes und Urteils zu sein 
wähnt, und, während ihnen von aller Tätigkeit schon längst 
keine andere als die des Klatschens gebheben ist, dessen 
ungeachtet sich für die gute Sozietät und das gebildete 
Publikum hält. Sagt man ilmen, daß sie in der gegen- 
wärtigen Welt schon längst aufgehört haben zu sein, — 
sie glauben, daß man dies selbst gar nicht im Ernst meinen 
könne ; versichert man ihnen, daß sie in allem Ernst für 
Pöbel gerechnet werden, so ist ihnen dies schlechterdings 
unbegreiflich ; schwört man ihnen, daß sie für nichts besser 
als tote Hunde geachtet werden, so können sie dies 
wiederum nicht als eine wahre Äußerung, sondern nur 
als ein ungesittetes Betragen begreifen. Mit einem Wort, 
sie sind durchaus mcht zu bedeuten und so identisch mit 
ihrer Gemeinheit, so unfähig einer eigenen Reflexion dar- 
über, daß sie gar nicht begreifen, wie jemand die Grund- 
sätze und Begriffe eines gesitteten Mannes haben, und 
gleichwohl sie als das, was sie sind, nämhoh als Gesindel 
behandeln und betrachten könne. 

Ein Hauptwort, das sie ohne allen Begriff davon auf- 
geschnappt haben, und das ihnen um das dritte Wort aus 
dem Munde geht, ist die gute Lebensart. Als ob es eine 
gute Lebensart gegen Pöbel gäbe ! 

In einer Rezension der Literaturzeitung versichert einer 
dieser Spießbürger dem anderen, daß das gebildete 
Publikum den Ton, den die neuen Philosophen gegen ihre 
Gegner anstimmen, verächtlich finde, und in einem Journal 
von und für Apotheker wird mir sogar die attische Urba- 
nität zu Gemüte geführt ; ich wünsche zu wissen, welches 

28 



einzige Denkmal der attischen Urbanität der Mensch, der 
dies tut, gelesen zu haben beweisen könnte, so wie über- 
haupt dieses Volk, das, wenn es heut nach Griechenland 
versetzt würde, höchstens zu den niedrigsten Sklaven- 
oder Helotendiensten gebraucht werden könnte, sich auf 
eine eigene Art verv/undern würde, wenn es einmal an 
sich ein Exempel der attischen Urbanität erfahren sollte. 
Diese eingefleischten und geschworenen Barbaren sind 
es, die durchaus keiner anderen Achtung, als für die ho- 
mogene Roheit, weder für Ideen, noch für Wahrheit und 
Schönheit empfänglich, gern alles, was darauf Ansprüche 
macht, als verderblich denunzieren möchten, wenn es ein 
Ohr gäbe, sie zu hören, und da mit einfachem Verleum- 
den nichts auszurichten ist, bricht die wahre Gesindel- 
haftigkeit darin aus, daß sie Regierung und Obere auf- 
merksam machen und aufrufen wollen, wie unter anderem 
der Rezensent des Röschlaubschen Magazins in der Jenaer 
Literaturzeitung getan hat. Die Einbildung von dem ge- 
bildeten Publikum läßt Ihnen nicht einmal so viel Schick- 
llchkeitsgefühi, einzusehen, wie wenig von Regierungen zu 
erwarten sei, daß sie sich um das Geschwätze eines 
Klatschpacks bekümmern. So lange auch die Staaten und 
alles, was sie Hohes und Heihges haben, auf dem 
beruhen, werden diejenigen. In denen sich die Realität per- 
sönlich ausdrückt, nichts für verderblicher achten, als die- 
sen einbrechenden Strom der Gem.eiiiheit, die nicht nur 
überhaupt für eine Idee, sondern für nichts Achtung hat, 
was über das Gemeine erhaben, das Siegel der Hoheit 
und Göttlichkeit trägt. Die Pöbelherrschaft in Künsten 
und Wissenschaften, wenn sie je eintreten oder begünstigt 
werden könnte, wäre nach einem unausbleiblichen Erfolg 
der Vorbote einer ganz anderen Pöbelherrschaft. — Die- 
ser nicnt eingebildete oder sogenannte, sondern wahre und 

29 



wirkliche Sanskulottismus, der sich gern der Ehrerbie- 
tung für alles, was groß, wahr und schön ist, entziehen 
möchte, um sich nun ganz ungestört in dem Schlamme seiner 
Gemeinheit herumzuwälzen, erkennt, indem er keine Ober- 
herrschaft des Genies, des Talents und der Ideen aner- 
kennen will, keine andere Oberherrschaft ; denn keine 
Gewalt oder Souveränität der Erde, so groß oder klein 
sie sei, herrscht anders als in der Gewalt und der Sorge 
von Ideen, und wo unter einem Volk die Achtung für 
diese verloren, die Nichtachtung derselben sogar beschützt 
oder begünstigt ist, findet sich notwendig auch die Ver- 
achtung alles desjenigen ein, dessen Achtung nur auf dem 
Vermögen zu Ideen beruht. — Auf diese Weise, wie sie 
die Regierungen auffordern, suchen dieselben Menschen 
auch das große Publikum zu alarmieren, welches von der 
Anzeige der Bambergischen Thesen offenbar eine Mit- 
absicht ist." I 

„Dies alles wird unzureichend befunden, und man findet 
sich, je weiter man untersucht, desto mehr zu folgenden 
Annahmen gedrungen: 

,,Daß man den Verfasser dieser Denunziation nicht 
einmal für einen Barbier, geschweige denn für einen 
Mann von der Fakultät, sondern völlig für einen medi- 
zinischen Laien halten müsse." — 



30 



Erstes Kapitel. 

Im Anfang ist es erforderlich, selbst auf die Gefahr 
hin, unsere Leser hin und wieder zu langweilen, längere 
Zeit hindurch wörtlich und ohne Fortlassung den Inhalt 
Ihrer Vorträge, Herr Schulze, hier wiederzugeben und 
sie nur durch unser kritisches Akkompagnement zu unter- 
brechen. Wir sind gezwungen, diese Methode zu wählen 
und einige Zeit fortzusetzen, damit niemand etwa glaube, 
daß wir bloß das Schlechte aus Ihnen mitteilen und das 
Gute fortließen. 

Wir behalten also auch Ihre Einteilung bei und lassen 
Sie nunmehr Ihre Rede beginnen: 

„I. DIE ARBEIT." 

„a) We senund Zweck derArbeit. Die soziale 
Selbsthilfe." 

„Wir beginnen — sagen Sie — die Besprechung dieses 
wichtigen Themas mit dem Nächsten und Natürlichsten, 
was in uns edlen und vor aller Augen vor sich geht, stünd- 
lich und täglich, zu dessen Verständnis aber nur gesunder 
Sinn und die Anregung zum Nachdenken, durchaus keine 
Gelehrsamkeit erforderlich ist. Blicke einmal ein jeder 
in sein Inneres, kehre er eine Minute bei sich selbst ein, 
beobachte er dann die anderen um sich: was ist es denn 
eigentlich, was den Menschen den Anstoß zur Tätigkeit 
im Erwerb verleiht und ihnen einen Erfolg dabei, sagen 
wir zunächst die Er Schwingung ihres Unterhalts, sichert ? 

31 



Was ist es, was in uns allen die treibende Kraft dabei 
abgibt ? 

„Da nehmen wir ohne Ausnahme zwei Dinge wahr, 
die uns sämtHch, wie wir da sind, angeboren werden : 
Bedürfnisse und Fähigkeiten. Mit beiden kom- 
men wir auf die Weh, und was es mit unseren Bedürf- 
nissen auf sich hat, das wissen wir nur zu gut, daran 
mahnt uns jede Stunde. Nun macht sich die Sache so : 
In jedem Bedürfnis liegt der Trieb nach Befrie- 
digung von Haus aus eingeschlossen ( !), denn nur an 
diesem schwächeren oder stärkeren Drange erkennen wir 
überhaupt das Vorhandensein eines Bedürfnisses ( !). So 
erkennen wir das Bedürfnis nach Speise und 
Trank am Hunger und Durst (!!), d. h. an dem 
Triebe zu essen und zu trinken, das Bedürfnis nach 
Ruhe an der Müdigkeit (11), d. h. dem Triebe zu 
ruhen." 

,,Besoin — effort — satisfaction" ,, Bedürfnis — An- 
strengung — Befriedigung" — beginnt Bastiat seine be- 
rühmte nationalökonomische Fibel: ,,Harmonies econo- 
miques," deren kritischen Wert wir im ganzen Verlauf 
dieser Darstellung kennenlernen werden. ,, Bedürfnis — 
Anstrengung — Befriedigung" wiederholen Sie als sein 
getreuer Doppelgänger^). Aber als Deutscher wissen Sie, 



^) Der „Katechismus" des Herrn Schulze ist nichts anderes 
als ein getreuer Auszug und respektive eine Übersetzung aus 
jener Kleiukinderfibel von Bastiat, durch welche derselbe 
eine so usurpierte Reputation unter den liberalen Ökonomen von 
heute erlangt hat. Nur mit dem Unterschiede, daß alles Geist- 
reiche und Blendende in der Form bei Bastiat, wodurch es 
ihm möglich wurde, jene falsche Reputation zu gewinnen, bei 
Herrn Schulze verloren geht, und die trockene Abgeschmackt- 
heit der Sache in ihrer unverhüllten Gestalt zum Vorschein 

32 



(laß es bei uns Deutschen Sitte ist, nicht bloß ins Zeug 
hinein zu geistreichehi, sondern gründlich und gedanken- 
mäßig von Definitionen, von genau bestimmten begriff- 
lichen Unterschieden auszugehen. 



kommt. — Der Berliner Fortschrittsökonom, Herr Faucher, 
erklärte geiegentlich in einer hiesigen ökonomischen Gesell- 
schaft, Bastiat habe Proudhon und- den Sozialismus „ver- 
nichtet" ! Es war freilich leicht, Herrn Proudhon ökonomisch 
zu vernichten, da derselbe niemals ein Ökonom gewesen ist. 
Was aber den Sozialismus betrifft, so ist derselbe so frei durch 
mich — Dienst um Dienst, heißt es nach Bastiats Theorie — 
Herrn Bastiat diesen Dienst mit Erlaubnis des Herrn Faucher 
bei dieser Gelegenheit hier wieder zu geben. Nur wäre es 
ebenso übei-flüssIg als lästig für Leser wie Autor, immer neben 
die Worte des deutschen Bastiat auch noch die identischen 
Worte des französischen Schulze zu stellen. Es genügt daher 
ein für allemal, auf diese Identität aufmerksam zu machen, von 
der sich jeder Deutsche, der französisch, und jeder Franzose, 
der deutsch versteht, überzeugen kann. Nur wo es das Inter- 
esse kritischer Schärfe und Genauigkeit erfordert, wie z. B. 
bei der Theorie vom Wert und Dienst, werden wir uns er- 
lauben, Herrn Bastiats eigene Worte neben die Schulzesche 
Übersetzung zu stellen und ihn besonders zu verhören. Hin 
und wieder freilich sagt Herr Schulze Absurditäten, die nicht 
auf Bastiats Rechnung kommen, und in solchen Fällen werden 
wir aus Gerechtigkeit gegen diesen nicht versäumen, darauf 
aufmerksam zu machen. 

(Frederic Bastiat, geboren 1801, gestorben 1850, wirkte als 
ökonomischer Schriftsteller hauptsächlich für die Propagierung 
der Lehren der englischen Freihandelsliga, mit deren bekann- 
testem Führer, Richard Cobden, er persönlich befreundet war. 
Nachdem er mit Proudhon im Winter 1849/50 eine Kontro- 
verse über die Berechtigung des Zinses gepflogen hatte, bei 
der es Ihm nicht schwer wurde, seinen, schon 1846 von Marx 
als noch unter der bürgerlichen Ökonomie stehend charakteri- 
sierten Gegner zu schlagen, veröffentlichte er 1850 den ersten 
Band seiner „ökonomischen Harmonien" als Gegenschrift gegen 



3 Lusalle. G»». Sebn'ftem. "Dtmi V. 



33 



Sie wollen daher vor allem vor Ihren Arbeitern den 
Schein dieser gedankenmäßigen Gründlichkeit annehmen, 
legen den Finger an die Nase und unterscheiden zwischen 
— „dem Bedürfnis nach Speise und Trank 
und dem Hunger und Durst" oder „dem Triebe 
zu essen und zu trinken," zwischen „dem Be- 
dürfnis nach Ruhe und der Müdigkeit oder dem 
Triebe zu ruhen." 

Wir anderen Menschenkinder — und wEihrscheinlich 
auch Ihre Arbeiter, bis sie Sie gehört hatten — hatten bis 
dahin geglaubt, daß , .Bedürfnis" und , »Trieb nach 
Befriedigung" einfach dasselbe, nur zwei ver- 
schiedene Wortbezeichnungen für dieselbe Sache seien. 

Wir hatten in unserer Beschränktheit bis dahin ge- 
glaubt, daß ,, Bedürfnis nach Speise" und ,,Hunger" 



Proudhons „ökonomischen Widersprüche", während ihn an der 
Fertigstellung dieses Werkes sein 1850 ei'folgter Tod ver- 
hinderte. Seine Schriften wurden nach ihrem Erscheinen ins 
Deutsche übertragen und von den deutschen Freihändlern eifrig 
kolportiert. Sie sind meist nur Umschreibungen der Agita- 
tionsschriften der englischen Freihändler, ohne jeden eigenen 
wissenschaftlichen Wert. Im Vorwort seiner Erwiderungsschrift 
auf den ,,Bastiat-Schulze" erklärte Schulze-Delitzsch es für 
eine ihm erwiesene „Ehre", vor seinem Namen „den des großen 
französischen Nationalökonomen Bastiat zu setzen", zu dessen 
Schule er sich bekenne, und fügte hinzu, Bastiat selbst würde 
wohl „ein ehrliches Streben, seine Lehren nicht bloß durch 
populäre Darstellung, sondern auch durch praktische Organisa- 
tion" in das Leben des deutschen Volks einzuführen „nicht 
unwert" erachtet haben, „neben den eigenen Leistungen ge- 
nannt zu werden". [Schulze-Delitzsch, die Abschaffung etc. 
S. Vl.j Mit anderen Worten, der in der vorstehenden Note 
gegen ihn erhobene Vorwurf, lediglich Bastiat wiedergegeben 
zu haben, ist von Schulze-Delitzsch selbst als zutreffend an- 
erkannt worden. D, H.) 

34 



oder der „Trieb zu essen", daß „Bedürfnis nach 
Trank" und „Durst" oder der „Trieb zu trinken", 
daß „Bedürfnis nach Ruhe" und ..Müdigkeit" oder 
der ,,T riebzu ruhen" genau ein und dasselbe seien ! ^) 

Vor Ihrem Scharfsinn kann das nicht bestehen ! Sie 
unterscheiden zwischen einem „Bedürfnis" und einem 
aparten „Tri eb nach Befriedigung desselben," der in 
jenem Bedürfnis eingeschlossen sei! 

Das ist die ..Bildung", die Sie Ihren Arbeitern bei- 
bringen. Was werden die Leute triumphierend nach Hause 
gegangen, was werden sie sich ..gebildet" vorgekommen 
sein, nachdem sie erfahren, daß der Hunger und Durst 
oder der , .Trieb zu essen und zu trinken", die ..Müdig- 
keit" oder der ..Trieb zu ruhen" noch etwas verschie- 
denes seien von dem Bedürfnis nach Speise und 
Trank oder dem Bedürfnis nach Ruhe I 

Diese sinnlose Wortmacherei bildet die theoretische 
Grundlage, die Sie Ihren national-ökonomischen Vorträgen 
geben. Und freilich gerade so ist sie die angemessene 
theoretische Grundlage dieser national-ökonomischen Vor- 
träge, bei denen es von Anfang bis Ende, wie wir sehen 
werden, auf nichts anderes als auf den gedankenlosesten 
Wortschwall, auf einen Brei von Worten abgesehen ist, 
welcher sich wie Kleister um das Gehirn des Arbeiters 
und sogar aller solchen „Gebildeten" legen muß. die nicht 
die kritische Schärfe haben, diesen Wortschwall in seine 
vollkommene innere Nichtigkeit aufzulösen. 

Sie fahren unmittelbar nach dieser glänzenden Unter- 



^) Hier ist Lassalle entschieden im Unrecht, wie schon die 
einfache Tatsache beweist, daß der Trieb nach Nahrung etc. 
oft stärker und oft geringer ist als das tatsächliche Bedürfnis 
der Ernährung etc. des Körpers. D. H. 

3« 35 



Scheidung zwischen dem „Bedürfnis nach Ruhe" und dem 
„Triebe zu mhen" fort, wae folgt : 

„Zur Befriedigung selbst gelangt man aber in der Regel 
nur durch eine Tätigkeit, ein Bemühen, Die gebratenen 
Vögel fhegen den Leuten nicht in den Mund (die Ge- 
danlven noch v/eniger, Herr Schulze) : Brot, Nahrung, 
Kleidung und dergleichen findet man nicht auf der Straße, 
sie wollen verdient sein." 

Sie wollen offenbar sagen: „Nahrung, Kleidung und 
dergleichen — wollen erzeugt, hervorgebracht 
sein." Aber gerade dieses „verdient sein" ist unbe- 
zahlbar, Herr Schulze, und charakterisiert Sie ! 

Sie wollen den Arbeitern ökonomische Vorträge halten. 
Sie wollen ihnen nachweisen, wie sich die Welt der be- 
stehenden wirtschaftlichen Einrichtungen als notwendig und 
rechtmäßig aus dem Gedanken ableitet. Sie wollen sie 
ihnen aus dem ,, Wesen der Arbeit" entwickeln, mit wel- 
chem Sie soeben Ihre Vorträge beginnen. Der „Ve r - 
dienst" oder der Profit, das ökonomische ,,Ver die- 
nen", von dem Sie sprechen, ist aber bereits eine äußerst 
komplizierte ökonomische Erscheinung. Diese Erscheinung 
setzt bereits voraus eine auf einer entwickelten Basis des 
Tauschwertes produzierende Gesellschaft ; sie setzt 
voraus Kapitaleigentum, Konkurrenz, Privatunternehmer, 
Lohnarbeit. Alle diese besonderen geschichtlichen Ein- 
richtungen müssen bestehen, damit der ,, Profit" oder der 
ökonomische „ Ve r d i e n s t" stattfinde. 

In Peru z. B., Herr Schulze, dem hochzivilisierten 
Inka-Reiche, wurde erstaunlich viel produziert und 
gearbeitet, ohne daß ,,v e r d i e n t" wurde 1 ^) In der 



^) Siehe über die Gestalt der peruvianischen Arbeit z. B. 
History of thc conquest of Peru by William Prescott. London 

36 



Sklavenwirtschaft des Altertums wurde gleichfalls nicht 
„verdient". Auch in der Naturalwirtschaft des früheren 
Mittelalters wurde noch nicht „verdient", Herr 
Schulze ! 

Wie der „Verdienst" oder „Profit" die heutigen ge- 
sellschaftlichen Einrichtungen voraussetzt, um einzutreten, 
so setzt er auch die Erklärung derselben, also die 
Erklärung von Tauschwert, Kapital, Zirkulation, Konkur- 
renz. Privatunternehmerschaft, Lohnarbeit und einer alle 
ihre Produkte unablässig durch die G e 1 d f o r m hindurch 
jagenden Gesellschaft voraus und muß aus ihnen abgeleitet 
werden, um verstanden zu werden. 

Von alledem haben Sie noch nichts erklärt und können 
noch nichts erklärt haben. Sie stehen ja erst auf der 
zweiten Seite Ihres ,, Katechismus". Sie halten ja eben 
erst beim naturwüchsigen Wesen der Arbeit und haben 
noch keine gesellschaftliche Form der Ar- 
beit aus ihm abgeleitet. Sie können also auch noch nicht 
vom „Verdienst" sprechen. 

Aber gerade dies ist eben das unbezahlbar Charakteri- 
stische für Sie, Herr Schulze! Sie haben ihre kleinbür- 
gerliche Seele so voll von den besonderen, in der heutigen 
Zeit existierenden Einrichtungen, daß Sie sich -selbst nicht 
einmal in Gedanken einen Augenblick von ihnen losreißen 
können; sich nicht einmal so weit von ihnen befreien 
können, um sie abzuleiten und zu erklären. Statt 
sie zu erklären, setzen Sie dieselben einfach vor- 
aus — und dies ist die auf jeder Seite Ihres ,,Katechis- 



1857. Tom. I. cap. 2. 4 u. 5. Auch kannte man, obgleich Fabri- 
kation und Künste in Peru blühten und obgleich es das Vater- 
land der edlen Metalle war, Geld überhaupt nicht, weder aus 
Gold und Silber, noch aus anderem Stoff. (Das. p. 147 — they 
— — had no knowledge of money.) 

37 



mus" sich wiederholende und sich schon auf der ersten 
Seile desselben in so köstlicher Deutlichkeit ankündigende 
Verwechslung Ihres gedankenlosen Geredes. 

Selbst das naturwüchsige Wesen der Arbeit, die ein- 
fache Tätigkeit der Produktion, die Erzeugung von G e - 
brauchswerten können Sie sich nur denken in der 
Form der profitwütigen Spekulation des Kapitalisten! 

Sie hatten Recht, Ihr Buch einen ,, Katechismus" zu 
nennen. Das zur Religion gewordene Dogma des speku- 
lierenden Unternehmerprofits erfüllt Sie von vornlierein 
als die unmittelbarste Voraussetzung Ihrer Seele mit der 
ganzen Unmittelbarkeit und Inbrunst eines Religiösen. 

Selbst der „Arbeiter" ist Ihnen nur ein kleinerer, ein 
beschränkter Unternehmer ! 

Sie fahren in Ihren gedankenvollen Auseinandersetzun- 
gen fort: 

,, Sobald nun der Trieb nach Befriedigung eines Be- 
dürfnisses stark genug wird, um die natürliche Trägheit 
zu überwinden, die allen Menschen innewohnt, spornt er 
die vorhandenen Fähigkeiten an, sich zur Erreichung 
des Zieles in Bewegung zu setzen, und entwickelt dieselben 
durch Übung und Gebrauch zu Kräften und Fertig- 
keiten. Es gibt keinen peinlicheren Zustand, als den 
des unbefriedigten Bedürfnisses, und so stark und nach- 
haltig ist daher jener Antrieb, daß er nur mit dem Leben 
selbst in uns erlischt. 

,, Dieser einfache Vorgang: Bedürfnis — An- 
strengung — Befriedigung — füllt den ganzen 
Inhalt des menschlichen Lebens, das Bedürfnis natürlich 
nicht so enge aufgefaßt, auf die bloß körperliche Not- 
durft bezogen, sondern unter Berücksichtigung der ganzen 
reichen Mannigfaltigkeit der Triebe und Anlagen unserer 
Natur. Indem Bedürfnis also, in dem Triebe nach 

38 



Befriedigung desselben, liegt die eigentliche 
Spannkraft, die verborgene Feder, welche den Menschen 
nach den angedeuteten Zielen hin in Bewegung setzt und 
erhält, und um so unwiderstehHcher wirkt, als wir ohne 
Befriedigung einer ganzen Menge dieser Bedürfnisse gar 
nicht bestehen können, er also mit dem Selbsterhal- 
tungstriebe, dem stärksten bei allen lebendigen Ge- 
schöpfen, unmittelbar zusammenfällt. Ihm gegenüber steht 
die Befriedigung als Ziel- und Ruhepunkt, so jedoch, 
daß aus ihrem Schöße fortwährend neue Bedürfnisse er- 
wachsen, um im steten Kreislauf immer wieder darin be- 
graben zu werden. Ich verweise auf die schon früher ge- 
brauchten Beispiele von Hunger und Ruhe. Beim letzten 
Bissen fängt schon die Ve r d a u u n g , bei den ersten 
Schritten und Hantierungen in der Frühe des Tages schon 
der Verbrauch von Kräften an — beides die Quel- 
len neuen Hungers, neuer Ermüdung. 

,,Nun ist aber der Mensch ein mit Selbstbewußtsein 
und Selbstbestimmung, mit Ve r s t a n d und Willen be- 
gabtes Wesen. Daher vermag er einerseits das Gesetz 
dieses Kreislaufs, die größere oder geringere Notwendig- 
keit der einzelnen Bedürfnisse, ihre regelmäßige Wieder- 
kehr einzusehen, andererseits kann es nicht fehlen, daß 
er bestrebt sein wird, sich eine gesicherte Stellung, eine 
Einwirkung auf einen sein ganzes Dasein so wesentlich 
bedingenden Vorgang zu verschaffen, daß er dessen Rege- 
lung und Beherrschung mit aller Macht anstrebt. Wir 
wissen, daß wir morgen und alle folgenden Tage essen 
müssen, Obdach und Kleidung brauchen, wir kennen den 
Wechsel der Jahreszeiten, den steigenden Bedarf unserer 
wachsenden Familie, die Erfordernisse geschäfthcher Un- 
ternehmungen, und werden natürlich alles tun, daß das 
Nötige uns zu rechter Zeit zu Gebote stehe. Und hier, 

39 



mit diesem bewußten Eingreifen des Menschen 
in den von uns bezeichneten Kreislauf seines Daseins von 
Bedürfnis — Anstrengung — Befriedigung 

— stehen wir vor dem großen Faktor, vor der wir- 
kenden Hauptmacht im Haushalt der Menschheit, mit 
der Wir uns heute vorzugsweise beschäftigen, vor der. 
Arbeit. Denn Arbeit ist eben jede in Voraussicht 
künftiger Bedürfnisse auf deren Befriedigung gerich- 
tete planmäßige Tätigkeit des Menschen. Arbeiten in 
diesem Sinne kann nur der "Mensch, weil die Voraus- 
setzungen dazu nur in den von der Natur ihm allein unter 
allen Wesen unseres Erdkörpers verliehenen Fähigkeiten, 

— Ve r s t a n d und Willen, gegeben sind. Wohl braucht 
auch das Tier seine Kräfte zur Befriedigung seiner Be- 
dürfnisse und strengt sich zu diesem Behufe an, aber in 
der Regel nur im Augenblick, wo es das Bedürfnis fühlt, 
und nie weiter, als dasselbe gerade reicht. Dies heißt 
aber nicht arbeiten, so wenig, als wenn ein Wanderer 
aus einem Quell am Wege Wasser schöpft oder eine 
Frucht vom Baume streift, seinen augenblicklichen Hunger 
oder Durst zu stillen. Erst wenn jemand Wasser in Ge- 
fäßen zusammenträgt zum Gebrauch in der Wirtschaft, 
Beeren oder Früchte zum Vorrat sammelt, arbeitet er, 
weil nur dann von einer Berechnung, einer Vorsorge für 
die Zukunft die Rede ist." 

Also wie Sie bestimmt erklären, ,,Arbeit" ist nur 
„jede in Voraussicht künftiger Bedürfnisse auf deren 
Befriedigung gerichtete planmäßige Tätigkeit des Men- 
schen." 

Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus I Die auf 
die Befriedigung gegenwärtiger Bedürfnisse gerich- 
tete Tätigkeit ist also nach Ihnen nicht ,,Arbeit"! 

Statt den Unterschied zwischen der menschlichen 

40 



Arbeit und der Tätigkeit des Tieres einfach darin 
zu sehen, daß der Mensch mit Bewußtsein, das Tier 
ohne solches tätig sei — ein Unterschied, aus welchem 
dann von selbst folgt, daß der Mensch um seiner be- 
wußten Tätigkeit willen auch für künftige Bedürf- 
nisse tätig sein wird, so weit ihm die gegenwärtigen 
die Hände dazu freilassen — gehen Sie viel weiter und 
stellen die theoretische These auf, daß sich die Tätigkeit 
des Menschen nur gerade dadurch von der des Tieres 
unterscheide, daß sie auf die Befriedigung ,,künftiger 
Bedürfnisse" gerichtet ist. 

Wie kommen Sie zu dieser ungeheueren Willkür ? Sehen 
Sie nicht die erstaunlichen und lächerlichen Konsequenzen 
derselben ? 

Also die Arbeit des Sklaven wäre, da ja der 
Sklave keinen Augenbhck Eigentümer seines Produkts ist 
und seinen Herrn nicht verhindern kann, dasselbe sofort 
zu vergeuden, überhaupt nicht menschliche Arbeit, 
sondern tierische Tätigkeit? Und doch folgt dies 
mit Notwendigkeit aus jener Definition 1 Oder bleiben 
wir bei unseren eigenen Zuständen. Die Lage des Ar- 
beiterstandes charakterisiert sich gerade dadurch, daß je- 
denfalls die bei weitem größte Zahl von Arbeitern nichts 
zurücklegen kann; sie charakterisiert sich dadurch, daß 
die tägliche Arbeit der bei weitem größten Zahl 
von Arbeitern eben nur das tägliche Brot gewährt und 
somit von einem Zurücklegen für künftige Bedürf- 
nisse — Sparen — nicht die Rede sein kann. 

Sie selbst haben dies jedenfalls insoweit anerkannt, als 
Sie hundertmal erklärt haben, daß nur von den Konsum- 
und Rohstoffvereinen eine verbesserte Lage des Arbeiter- 
standes zu erwarten sei. Ganz abgesehen von der Frage, 
ob diese Vereine imstande sind, dem Arbeiterstande zu 

41 



helfen oder nicht — jedenfalls haben sie Jahrhunderte 
hindurch und bis jetzt nicht bestanden. 

Während all dieser Jahrhunderte also hat der Arbeiter- 
stand gearbeitet nicht für die Befriedigung seiner „künf- 
tigen Bedürfnisse", sondern immer nur zur Befriedigung 
seiner gegenwärtigen, täglichen Bedürfnisse. Der 
tägliche Arbeitslohn gewährte das tägliche Brot. 

Während all dieser Jahrhunderte ist also — wie aus 
Ihrer Definition mit Notwendigkeit folgt, wie sehr Sie 
sich auch dieser Konsequenz zu entziehen suchen mögen 
— während all dieser Jahrhunderte ist also die Tätigkeit 
unserer Arbeiter, weil niemals zur Deckung ihrer künf- 
tigen, sondern jederzeit nur ihrer gegenwärtigen 
Bedürfnisse bestimmt, nicht ..menschlich e Arbeit", 
sondern ,,t i e r i s c h e Tätigkeit" gewesen. 

Das sind — Sie mögen sagen, was Sie wollen — die 
unvermeidlichen Folgen Ihrer geistvollen Definition^). 

Noch einmal also, wie kommen Sie zu dieser unge- 



'• ) Wie der Unterschied von Mensch und Tier kein absoluter, 
sondern nur ein gradueller ist, so läßt sich auch keine absolute 
Unterscheidung zwischen menschlicher und tierischer Tätigkeit 
schlechtweg aufstellen. Es gibt genug Tiere, die für künftige 
Bedürfnisse sorgen, und daß das Tier ohne Bewußtsein tätig 
sei, ist höchstens für sehr niedere Tiergattungen richtig. Anderer- 
seits ist die Sklavenarbeit tatsächlich die eines auf die Daseins- 
weise eines Arbeitstieres herabgedrückten Menschen, während 
der , .freie" Arbeiter, so sehr seine ökonomische Lage der des 
Sklaven gleichkommen oder selbst nachstehen mag, doch seine 
Arbeitskraft mindestens auch in Hinblick auf künftige Be- 
dürfnisse — • sei es selbst nur des nächsten Tages oder der 
nächsten Stunde — verkauft. Lassalle tut hier, um eine an sich 
durchaus richtige These zu beweisen, sowohl den Worten 
des Schulze-Delitzsch als auch den Tatsachen selbst ganz 
zwecklos Gewalt an. D. H. 

42 



heuren Willkür, die so lächerliche Folgerungen nach sich 
zieht ? Ich will es Ihnen sagen, Herr Schulze ! 

Bei Ihnen ist das Kapital zur Religion geworden 
und bringt daher ganz dieselben Erscheinungen, ganz die- 
selbe Umkehrung aller ökonomischen Verhältnisse hervor, 
welche der Glaube im Rehgiösen in bezug auf die natür- 
lichen Verhältnisse bewirkt. 

Wie Sie die Produktion von vornherein auffassen 
als ein ,, Verdienen", so verstehen Sie ganz analog von 
Haus aus unter ..Arbeit" nichts anderes als den Akt 
des Kapitalsammeins, des Sparens und Zurück- 
legens für künftige Bedürfnisse. In Ihrem kleinbürger- 
lichen Kopfe verschieben sich, Ihnen selber unbemerkt, 
alle realen Verhältnisse so sehr in ihr Gegenteil, daß Sie 
den „A r b e i t e r" nur in dem Kapitalisten erblicken, 
der jährlich die Koupons seiner Köln-Mindener Eisen- 
bahnaktien abschneidet und zurücklegt, und umgekehrt im 
wirklichen Arbeiter nur die Tätigkeit des Tieres 
sehen können, für seine augenblicklichen Bedürfnisse zu 
sorgen. 

Sie fahren fort: 

,,So ist denn der Zweck der Arbeit die Befriedigung 
menschlicher Bedürfnisse, und derselbe wird erreicht durch 
vernünftigen Gebrauch der von der Natur in den Men- 
schen gelegten Kräfte. Dadurch (!!) erhalten wir den 
ersten Hauptgrundsatz des einzelnen zur menschlichen 
Gesellschaft hinsichtlich seiner Existenzfrage : die 
Pflicht der Selbstsorge, die Verweisung eines 
jeden auf sich selbst. ,, „Du hast Bedürfnisse, an deren 
Befriedigung die Natur deine Existenz geknüpft hat" " 
— lautet dieser Satz — aber dieselbe Natur hat dir auch 
Kräfte gegeben, die du nur richtig anzuwenden brauchst, 
um deinen Bedarf zu deoken. Deshalb liegt dein Schick- 

43 



sal zum guten Teil in deiner Hand, und du bist selbst 
dafür verantwortlich, dir sowohl wie deinen Mitmenschen, 
denen du mit deinen Ansprüchen nicht zur Last fallen 
darfst, da sie alle, so gut wie du, für sich sorgen müssen." 

Also weil: ,,der Zweck der Arbeit die Befriedigung 
menschlicher Bedürfnisse ist, und derselbe erreicht wird 
durch vernünftigen Gebrauch der von der Natur in den 
Menschen gelegten Kräfte", so ,, erhalten wir dadurch 
( ! !) den ersten Hauptgrundsatz für die Stellung 
des Einzelnen zur menschlichen Gesellschaft hinsichtlich 
seiner Existenzfrage : die Pflichtder Selbstsorge, 
die Verweisung eines jeden auf sich selbst!" 

Welch' klassische Beweisfülirung 1 

Nicht als ob „die Pflicht der Selb st sorge" 
sich nicht beweisen ließe ! Ich bin gleichfalls der Meinung, 
Herr Schulze, daß jedermann die ,, Pflicht der Selbst- 
sorge" hat, und zwar bin iah dieser Ansicht in einem viel 
ausgedehnteren Umfange, als Sie bei Ihren kleinbürger- 
lichen Anschauungen auch nur zu ahnen vermögen. 

Allein wie beweisfähig auch dieser Satz sei — jeden- 
falls ist die Art, in der Sie ihn beweisen, das lustigste 
Kartenkunststück, das man mitansöhen kann. Der Seil- 
tänzersprung über den Niagarafall ist eine Kleinigkeit 
gegen den gedoppelten Sprung, den Sie vornehmen ! 

Erlauben Sie also, daß ich Ihnen nur einige der Ver- 
wechslungen klar mache, zu denen sich Ihre tiefe ,, Bil- 
dung" hinreißen läßt. 

1. Der Zweck der Arbeit ist die Befriedigung mensch- 
licher Bedürfnisse und dieser Zweck, sagen Sie, ,,wird 
erreicht durch vernünftigen Gebrauch der von 
der Natur in den Menschen gelegten Kräfte." 
Diese Versicherung, zu der Sie plötzhch übergehen — 
denn so wahr sie auch sei, so tritt diese Behauptung hier 

44 



doch nur in der Form einer durch nichts bewiesenen Ver- 
sicherung auf — diese Versicherung ist vollkommen wahr 
und als eine allgemein bekannte Tatsache hier auch keines 
weiteren Beweises bedürftig, insofern Sie ^'on dem Men- 
schen der Natur gegenüber, von dem isolierten Men- 
schen sprechen. Robinson Crusoe auf seiner ein- 
samen Insel erreicht die Befriedigung seiner Bedürfnisse 
nur durch „vernünftigen Gebrauch der von der Natur in 
ihn gelegten Kräfte". Aber innerhalb der menschlichen 
Gesellschaft modifiziert sich dieser Satz sofort nach der 
einen oder anderen Seite hin auf das wesentlichste. Durch 
die bestimmten gesellschaftlichen Einrich- 
tungen können die einen Menschen in den Stand gesetzt 
sein, weit mehr zu erreichen, als sie , .durch den ver- 
nünftigen Gebrauch der von der Natur in sie gelegten 
Kräfte", also der in sie als einzelne gelegten Kräfte 
jemals würden erlangen können. Ebenso können durch die 
bestimmten gesellschaftlichen Einrichtun- 
gen andere Menschen gehindert sein, das zu er- 
reichen, was sie durch ,, vernünftigen Gebrauch der von der 
Natur in sie gelegten Kräfte" würden erreichen können. 
Und so lange die Geschichte besteht, ist das eine wie das 
andere bisher der Fall gewesen. 

Waren Sie der Ansicht, daß durch die bestimmten 
heutigen gesellschaftlichen Einrichtungen eine solche 
Beeinträchtigung der einen Menschen gegenüber den an- 
deren nicht mehr gegeben sei, nun so mußten Sie das aus 
einer Analyse dieser bestimmten gesellschaftlichen Ein- 
richtungen nachv/eisen. Sie mußten also Tauschwert, Geld, 
Kredit. Kapital, Konkurrenz, Lohnarbeit, Grundrente etc. 
zuvor kritisch entv/ickeln und hierbei zeigen, daß alle 
diese bestimmten heutigen gesellschaftlichen Einrich- 
tungen den ,, vernünftigen Gebrauch der von der Natur in 

4n 



den Menschen gelegten Kräfte" und die hierdurch zu 
erreichende „Befriedigung menschlicher Bedürfnisse" gar 
nicht verändern oder sie respektive bei allen einzelnen 
nur gleichmäßig vermehren, so daß sie durch diese 
vermöge der gesellschaftlichen Einrichtung bewirkte Ver- 
mehrung ihrer Kräfte nichtsdestoweniger unterein- 
ander nur in demselben Verhältnis, also nur in derselben 
nur von ihrer einzelnen Individualität abhängigen 
Lage bleiben, wie in der Abstraktion des Natur- 
zustandes. 

Erst wenn Sie diesen Nachweis aus der Betrachtung 
unserer gesellschaftlichen Einrichtungen wirklich oder 
mindestens scheinbar geführt hatten, dann erst konn- 
ten Sie aus jenem Satz, daß die Befriedigung mensch- 
licher Bedürfnisse erreicht wird durch den vernünftigen 
Gebrauch der von der Natur in den Menschen gelegten 
Kräfte, eine Folgerung auf das, was unter diesen heuti- 
gen gesellschaftlichen Einrichtungen ,,PfKcht" sei, 
anstellen : 

Oder von einer anderen Seite her : 

Wer von den ,,von der Natur in den Menschen ge- 
legten Kräften" spricht, der spricht von vornherein von 
den Menschen gedacht als isolierte einzelne, von 
lauter Robinson Crusoes auf ihrer einsamen Insel, denn 
nur die einzelnen als solche, nur die Menschen 
in der Vorstellung des Naturzustandes empfangen 
ihre Kräfte von der ,, Natur" ^). Die Kräfte der in der 



^) Und so, als lauter einsame Robinson Crusoes, als lauter 
im Naturzustand lebende Menschen stellen Sie und Bastiat auch 
in der Tal die Menschen in der heutigen Gesellschaft 
sich vor, nur mit dem einen die Lächerlichkeit und den 
Widerspruch dieser Vorstellung noch unendlich vermehren- 
den Zusatz, daß diese im Naturzustande lebenden Wilden 

46 



Gesellschaft lebenden Menschen dagegen sind durch 
die bestimmten geschichtlichen und gesell- 
schaftlichen Ve rhältnisse eines Landes bedingt, 
durch welche sogar noch ihre Kräfte als einzelne 
— soweit sie in der Bildung wurzeln — bestimmt wer- 
den. Und gleichwohl fahren Sie nach dem Satz ,.die Be- 
friedigung menschlicher Bedürfnisse wird erreicht durch 
vernünftigen Gebrauch der von der Natur in den Menschen 
gelegten Kräfte" unmittelbar fort: „dadurch er- 
halten wir den ersten Hauptgrundsatz für die Stellung des 
Einzelnen zur menschlichen Gesellschaft hin- 
sichtlich seiner Existenzfrage : die Pflicht der 
Selbstsorge etc. 

„D a d u r c h", Herr Schulze, erhalten Sie diesen ersten 
Hauptgrandsatz! d. h. dadurch, daß Sie einen von der 
Vorstellung des Naturzustandes gültigen Satz durch 
diesen plumpen Hokuspokus hineinziehen in die 
menschliche Gesellschaft, die Sie noch mit 
keinem Worte betrachtet, deren Einrichtungen Sie noch 
nicht untersucht, von der Sie noch mit keinem Worte ge- 
zeigt haben, ob nicht vielleicht ihre positiven Verhältnisse 
jenen für die Abstraktion des Naturzustandes gültigen 
Satz verändern, aufheben, vielleicht in sein Gegenteil um- 
stürzen. 

Vor einem Satze, der aus der Vorstellung des Natur- 
zustandes entnommen ist, springen Sie mit einem ein- 
fachen ,,da durch" wie von einem Sprungbrett aus dem 
reinen Naturzustand über die lange Reihe aller ge- 



ihre Produkte miteinander „tauschen". (Diese Vorstellung des 
Naturzustandes ist nicht nur eine Abstraktion von dem be- 
stehenden Gesellschaftszustande, sondern auch von dem wirk- 
lichen Naturzustande, der die als Crusoes lebenden Menschen 
nicht kennt. D. H.) 

47 



schichtlichen Entwicklungen und Verhältnisse hinweg in 
die heutigen gesellschaftlichen Einrichtungen hinein ! 
Das ist der Spnjng über die gesamte Kulturgeschichte, 
gegen welche der Seiltänzersprung über den Niagarafall 
noch eine reine Kinderei ist ! 

„Dadurch", Herr Schulze, d. h. aus dem was für 
die Vorstellung des Naturzustandes, für die a 1 s 
Einzelne lebenden Menschen gelten würde, ergibt sich 
noch nicht die geringste, noch nicht die leiseste Folgerung 
auf das, was im Bereich der ,, menschlichen Gesell- 
schaft" und ihrer festen, konkreten Verhältnisse mög- 
lich oder gar Pflicht ist ! 

Das ist die ..Bildung", Herr Schulze, die Sie den 
Arbeitern beibringen ! In dieser gedankenlosen Verwir- 
rung aller einfachsten Grundlagen, in diesem bei der flüch- 
tigsten Betrachtung sich in seiner Hohlheit auflösenden 
Wortschwall besteht das Bildungsgeschwätz, durch wel- 
ches Sie die Arbeiter entnerven und sie auch noch um 
den Klassen- Instinkt und die Naturkraft betrügen, deren 
sie sich. bisher erfreuten. 

Unter Ihrer gedankenlosen Verteidigung wird selbst der 
an sich in gewissem Sinne ganz richtige Satz von der 
..Pflicht der Selbstsorge" falsch und lügenhaft. 

Von zwei Dingen eins, Herr Schulze : 

Jene Konfusion — und wir werden überdies sehen, 
daß Ihr ganzes Buch in nichts anderem als in einer fort- 
laufenden Reihe solcher, und noch viel ärgerer Konfu- 
sionen besteht — jene Konfusion ist entweder unbewoißt 
von Ihnen vollbracht, und dann hätte ein solcher Konfu- 
sionarismus doch den dringendsten Anlaß, zuvor selbst 
nach einiger Bildung mühsam zu haschen, ehe er die 
Massen bilden will, denen er sonst nur den Krankheitsstoff 
seiner eigenen Gedankenlosigkeit mitteilen kann. 

48 



Man kann mit der Bildung eines commis voyageur 
lange Kammerreden halten — aber die Massen zu be- 
lehren und zu heben, das, Herr Schulze, setzt eine ganz 
andere, setzt wahrhafte Bildung und große Klarheit 
des Denkens voraus. 

Oder aber jene Konfusion ist eine absichtliche, 
bewußte — und welche Folgerung sich dann ergibt, 
mögen Sie sich selbst sagen! 

Die zweite Verwechslung, die Sie in jenem Satze be- 
gehen, ist folgende : Die ,,P flichtderSelbstsorge" 
erklären Sie als die „Verweisung eines jeden auf sich 
selbst" und hierunter verstehen Sie wieder die aus- 
schließliche Verweisung eines jeden auf sich selbst. 

Die „Pflicht der Selbstsorge" aber und die aus- 
schließliche , .Verweisung eines jeden auf sich selbst", 
die Sie so unbefangen gleichsetzen, sind zwei himmel- 
weit verschiedene Dinge, Herr Schulze ! 

Wenn jeder ausschließlich auf sich selbst und seine 
isolierte Kraft verwiesen sein soll, wenn Ihr und Ihrer 
Genossen Motto ,, jeder für sich und Gott für uns alle", 
wirklich das Motto der menschlichen Gesellschaft sein 
sollte, — wozu dann eine menschliche Gesellschaft über- 
haupt ? und woher ihre Berechtigung ? 

Warum leben dann also die Menschen nicht nebenein- 
ander wie die Tiere in der Wüste, jeder auf eigene Hand 
nach seiner eigenen Beute jagend und nur — zum Unter- 
schied vom Tiere — jeder durch das Gitter des Straf - 
rechts gehindert, in die Sphäre des anderen einzubre- 
chen ? Das wäre offenbar Ihr Ideal von der menschlichen 
Gesellschaft 1 Aber nicht einmal dieses Gitter des Straf- 
rechts wäre dann aufrecht zu erhalten. Denn auch das 
Straf recht fließt zuletzt nur aus der Gemeinsamkeit 
des Volksgeistes her, fließt also durchaus nicht aus der 

4 L«««aUe. G». Sclir{ften, Band V. 4Q 



„Verweisung eines jeden auf sich selbst" — bei wel- 
cher, wenn dies wirklich der oberste sittliche Grundsatz 
wäre, ein Strafrecht, und ein Recht überhaupt, konsequent 
gar nicht würde gedacht werden können — sondern 
es fließt aus der Solidarität dieses Volksgeistes in 
allen Volksindividuen, aus dem Angewiesensein eines 
jeden auf alle, auf die Einheit und Gemein- 
samkeit mit allen her ^). Ja, selbst die Sittlich- 
keit ist nur da durch diese Einheit und Gemein- 
samkeit aller. Ohne diese gäbe es nichts, was sittlich 
noch was rechtlich ist, weder innerhch noch äußerlich 
gäbe es das geringste Obligatorische (Verpflich- 
tende) unter den Menschen. 

,,Da jedes gemeine Wesen eine Gesellschaft ver- 
einigter Menschen ist," beginnt Aristoteles seine Lehre 
vom Staat ^). ,,Da jedes gemeine Wesen eine Gesell- 
schaft isolierter, jedes auf sich selbst ange- 
wiesener Wesen ist," beginnen Sie die Ihrige. 

Eine Gesellschaft konsequent mit dem ,, ersten Haupt- 
grundsatz" der , .Verweisung eines jeden auf sich selbst" 
gründen wollen, hieße noch hinter das Negerreich von 
Dahome zurückgehen, Ist übrigens in sich selbst so wider- 
spruchsvoll und unmöglich, daß es, da in der realen Welt 
sich derartige Absurditäten an dem harten Zwange der 
realen Welt aufheben, nur Heiterkeit erregen könnte. 
Aber den Arbeitern eine solche Auffassung der Ge- 
sellschaft predigen wollen, heißt sie in ilirem Bewußt- 



^) Wenn Sie das nicht verstehen, Herr Schulze, wie mehr 
als wahrscheinlich, so sehen Sie darüber nach Savigny, System 
des Rom. R. T. VIII p. 533 — 536, und mein „System der Erw. 
Rechte" T.I. p. 194 ff. [I.Auflage. D.H.] 

3) Arlst. Polit. lib. I. c. 1. 



50 



sein noch hinter das zurückwerfen, was die Neger von 
Dahome unbewußt tun, und kann, da sich das Be- 
wußtsein der Menschen auf eine Zeitlang allerdings weit 
leichter verrücken läßt, als reale Einrichtungen, durchaus 
nicht mehr Heiterkeit erregen I 

Zwar sagen Sie fortfahrend : ,, Darauf, daß jeder die 
Folgen seines Tuns und Lassens selbst trage und sie nicht 
andern aufbürde, auf der Selbstverantwortlich- 
keit und Zurechnungsfähigkeit beruht die Mög- 
lichkeit alles gesellschaftlichen Zusammen- 
lebens der Menschen, so wie des Staatsver- 
bandes." 

Wie schlecht kennen Sie die Geschichte, Herr Schulze 1 
Alle geschichtliche Entwicklung ist vielmehr im Gegen- 
teil seit je von der Gemeinsamkeit ausgegangen, 
und ohne solche hätte irgend eine Kultur gar nicht ;ent- 
stehen können. 

Herr und Knecht bilden, nach Aristoteles^), die erste 
Wirtschaft 1 

Familie, Stamm — lauter Begriffe, in denen lange 
sogar jede ,,SelbstverantwortHchkeit und Zurechnungs- 
fähigkeit" direkt aufgehoben ist — sind es, von 
denen alles ,,gesellschafthche Zusammenleben der Men- 
schen" und aller ,, Staatsverband" ausging. 

Ich will Ihnen den Sinn meiner Einwendung klar- 
machen, Herr Schulze! 

Die gesamte alte Welt und ebenso das ganze Mittel- 
alter bis zur französischen Revolution von 1789 suchte 
die menschliche Solidarität oder Gemeinsamkeit 
in der Gebundenheit oder Unterwerfung. 



1) Arist.PoUt.lib.I.c:lu.2. 

51 



Die französische Revolution von 1789 und die von ihr 
beherrschte Geschichtsperiode, von dieser Gebundenheit 
mit Recht empört, suchte die Freiheit in der Auf- 
lösung aller Solidarität und Gemeinsamkeit. Sie be- 
hielt damit nicht einmal die Freiheit, sondern nur die 
Willkür in der Hand. Denn Freiheit ohne Gemeinsam- 
keit i s t W i 1 1 k ü r. 

Die neue, die jetzige Zeit sucht die Solidarität in 
der Freiheit. 

Dies ist in Kürze der bisherige Verlauf und Sinn der 
Geschichte ! 

Um aber die grenzenlosen Verwechslungen, die in dem 
Chaos Ihrer Gedankenlosigkeit durcheinanderlaufen, noch 
klarer zu legen, will ich Ihre letzten Worte wiederholen, 
um gleich den unmittelbar darauf folgenden Satz an die- 
selben anzureihen. 

Sie sagen also : 

,, Darauf, daß jeder die Folgen seines Tuns und Lassens 
selbst trage und sie nicht anderen aufbürde, auf der 
Selbstverantwortlichkeit und Zurechnungs- 
fähigkeit, beruht die Möglichkeit alles gesellschaft- 
lichen Zusammenlebens der Menschen, sowie des Staats- 
verbandes. Nur unter Wesen, die wissen, was sie tun 
und alle dafür aufkommen müssen, ist eine durch sittHche 
und politische Gesetze geregelte Gemeinschaft, eine Ge- 
genseitigkeit der wirtschaftlichen und bürgerlichen Bezie- 
hungen zu aller Förderung überhaupt denkbar." 

In der unbefangensten Weise von der Welt setzen Sie 
in diesen Worten die juristische Selbstverantwortlich- 
keit und Zurechnungsfähigkeit mit der ökonomischen 
gleich, als wäre auch nicht der geringste Unterschied 
zwischen beiden. 

52 



Im juristischen Gebiet ist allerdings die Selbst- 
verantwortlichkeit unbedingter Grundsatz, aus dem sehr 
einfachen Grunde, weil in der Rechtssphäre jeder 
nur von seinen eigenen Handlungen abhängt. 

Wenn jemand raubt oder mordet oder irgend eine an- 
dere Handlung begeht, so ist er als Einzelner der 
alleinige Urheber derselben. Sie ist ein Produkt seiner 
Willensfreiheit^). 

Da es ledighch in dem freien Willen des Indi- 
viduums stand, diese Handlungen zu begehen oder nicht, 
so ist auch die notwendige und klare Folge, daß jeder 
verantwortlich ist für das, was er getan nat, 
daß hier also lediglich individuelle ,,Zurech-' 
nungsfähigkeit und Selbstverantwortung" 
eintritt. 

Das ökonomische Gebiet dagegen unterscheidet sich 
von dem juristischen durch den ganz kleinen Unterschied, 
daß während auf dem Rechtsgebiet jeder verantwortlich 
ist für das, was er getan hat, auf ökonomischem Ge- 
biet umgekehrt heutzutage jeder verantwortlich ist, 
für das, was er nicht getan hat. 

Wenn z. B. heute die Rosinenernte in Korinth und 
Smyrna oder die Getreideernte im Mississippi tal, in den 
Donauländern und der Krim sehr reichlich ausgefallen ist, 
so verheren die Korinthenhändler in Berhn und Köln, 
sowie die Getreidehändler, welche große Vorräte zu den 
früheren Preisen auf Lager haben, durch den Preisab- 
schlag vielleicht die Hälfte ihres Vermögens. 



^) Selbst dies ist, wie bekannt, nur in bedingtem Maße der 
Fall. Aber obwohl er den Unterschied, der zwischen juristi- 
scher und ökonomischer Selbstverantwortlichke.t besteht, hier 
übertreibt, hat Lassalle doch im Kern der Sache unbedingt 
recht. D. H. 

53 



Ist umgekehrt unsere Getreideernte schlecht ausgefallen, 
so verheren in diesem Jahre die Arbeiter die Hälfte ihres 
Arbeitslohnes und mehr, der zwar im Geldausdruck der- 
selbe bleibt, aber ihnen nur einen um so viel geringeren 
Teil von Nahrungsmitteln beschaffen kann^). 

Und war unsere eigene Getreideernte umgekehrt gut, 
so ergeht es uns, wie der Kömg von Frankreich so naiv 
und seufzend ausspricht in seiner Antwort auf die Adresse 
der französischen Abgeordnetenkammer vom 30. Novem- 
ber 1821: „Die Gesetze sind vollstreckt worden, aber 
kein Gesetz vermag die Ungelegenheiten ab- 
zuwenden, die aus einer überreichen Ernteher- 
•vor gehen" ^). 



^) Nur für die ..Gebildeten" wird hier an die den Ökono- 
men bekannte King-D'Avenantsche Regel erinnert, welche auch 
Tooke (Gesch. der Preise, T. i. S. 4 ed. Asher) für der Wahr- 
heit sehr nahe kommend findet, nach welcher ein Ausfall in 
der ilrnte den Preis des Getreides in folgendem, den Ausfall 
selbst um das drei- bis neunfache übersteigendem Verhältnis 
steigert: Ein Ausfall in der Getreidemenge von 
1 Zehntel steigert ihn auf Vio 

*■ M JI >, •• /lO 

S 16/ 

4 „ „ „ „ 2 liQ 

Noch auffälliger ist das ebenso unverhältnismäßige Fallen 
des Preises bei guter Ernte (siehe die folgende Anm.). 

^) Siehe Moniteur Nr. 335 vom I.Dezember 1821: „Les 
lois ont ete executees. mais aucune loi ne peut prevenir les 
inconvenients qui naissent de la surabondance des recoltes.' 
Wenn nämlich die Ernte reichlich gewesen ist, so fällt der Preis 
des Getreides nicht, wie man sich dies im Publikum vorzustellen 
pflegt, im Verhältnis zu der größeren Getreidemenge, son- 
dern in einem viel stärkeren, so daß nun auch der Gesamt- 
wert des ganzen Ernteertrages nicht den Gesamtwert des 

54 



Ist gar die Baumwollenernte im Süden der Vereinigten 
Staaten mißraten oder stockt die Zufuhr aus einem an- 
deren Grunde^), so kommen in England, Frankreich, 
Deutschland die Arbeiter in den Baumwollengarnspinne- 
reien und Kattunfabriken in Massen außer Brot und Tä- 
tägkeit. 

Wenn aber vielleicht statt einer schlechten Baumwollen- 
ernte in Amerika eine industrielle oder Geldkrisis herrscht, 
resp. eine Überfüllung des Marktes mit fremden Waren, 
indem viele, die von einander nichts wissen, dasselbe ge- 
tan und übermäßige Quantitäten dorthin gesandt haben, 
so werden auf den amerikanischen Auktionen den euro- 
päischen Exporteurs ihre Konsignationen-) noch weit unter 
dem Einkaufspreis losgeschlagen und die Seide- und Sam- 
metfabriken in Krefeld, Elberfeld, Lyon geraten jetzt in- 
folge mangelnder Bestellungen außer Beschäftigung. Neu 
entdeckte sehr ergiebige Gold- und Silberminen in frem- 
den Weltteilen verändern durch den sinkenden Wert der 
edlen Metalle alle Kontrakte, machen alle europäischen 



Ernteertrages in einem Jahre von durchschnittlicher Ernte er- 
reicht, sondern oft bis um die Hälfte unter diesem zurück- 
bleibt. So gab nach Cordier (Memoires sur l'agriculture de 
la Flandre fran^aise. Paris 1823) in Frankreich die Weizen- 
emte einen Ertrag: 



Jahr I in Hektolitern j Ganzer Geldbetrag 



1817 48157127 2046 Mill. Fr. 

1818 51879 782 1442 „ .. 

1819 63 945878 1170 .. .. 

daher die Not der Bauern bei sehr reichlichen Ernten. — 

^) Was bekanntlich gerade zur Zeit, wo Lassalle den „Bastiat- 
Schulze" schrieb, infolge des Sezessionskrieges der Südstaaten 
der Union der Fall wsüt. D. H. 

^) Die an auswärtigen Plätzen aufgestapelten Waren. 

55 



Gläubiger ärmer und alle Schuldner reicher, während ge- 
steigerte fortdauernde Silbernachfrage in China und Japan 
die umgekehrte Wirkung haben kann. 

Auf die bloße telegraphische Nachricht, daß der Raps 
in Holland besser zu geraten verspricht als ein Jahr zuvor, 
verlieren die Ölmüller in Preußen jeden Lohn für ihre 
industrielle Tätigkeit und können oft noch sehr zufrieden 
sein, wenn sie das bereitete öl zu dem Ankaufspreise des 
Raps wieder veräußern. Jede neue mechanische Erfin- 
dung, welche die Produktion einer Ware billiger stellt, 
entwertet Massen fertiger Warenvorräte derselben Art 
mehr oder weniger oder gänzlich und bricht Reihen von 
Unternehmern und Händlern die Existenz. Ja, keine neue 
Eisenbahn kann angelegt werden, ohne Grundstücke, Häu- 
ser und Geschäfte an diesem Ort und an dem Tor des 
Ortes, wo sie angelegt wird, auf das Soundsoviel fache 
ihres Preises zu steigern und Grundstücke, Häuser und 
Geschäfte an einem anderen Orte oder am entgegengesetz- 
ten Tor desselben Ortes auf lange zu entwerten. 

Diese Reihe von Beispielen, die ins Millionenfache ver- 
mehrt und spezialisiert werden kann, zeigt Ihnen, Herr 
Schulze, wie wahr es ist, daß auf ökonomischem 
Gebiet, im Gegensatz zum R e c h t s gebiete, jeder ver- 
antwortlich ist für das, was er nicht getan hat. 

Der Grund ist ein sehr einfacher. In rechtlicher Hin- 
sicht ist jede einzelne Handlung das Produkt der 
individuellen Willensfreiheit. Während so auf 
dem Rechtsgebiet, in welchem nur die Ve rpflichtung 
(Gesetz) das Gemeinsame ist, die Handlung nur 
das Produkt der Willensfreiheit des Einzelnen 
ist, ist das ökonomische Gebiet das Gebiet der gesell- 
schaftlichen Zusammenhänge, also das Ge- 
biet der Solidarität oder Gemeinsamkeit. 

56 



Die einzelne Handlung selbst, auf dem juristischen 
Gebiet das Produkt der Willensfreilieit, empfängt auf 
dem ökonomischen Gebiet erst ihre Bestimmt- 
heit durch alle gesellschaftlichen Zusammen- 
häng e. Diese machen sie zu dem, was sie ist, quetschen 
und prägen sie um, machen sie zu ihrem Produkt und 
geben ihr ihren Charakter. 

Wenn Sie also in den angeführten Stellen die recht- 
liche und die ökonomische ,, Selbstverantwortung und 
Zurechnungsfähigkeit" ganz unbefangen gleichsetzen 
und die letzter^e ohne weiteres durch dieselben Worte 
begründet zu haben glauben, durch welche 
sich die erstere rechtfertigt, so gehört wirkHch 
zu dieser Verwechslung ganz verschiedener und entgegen- 
gesetzter Gebiete, um mit Schelling zu reden, die Bildung 
eines ,, Barbiers", Herr Schulze! 

Die Auflösung Ihrer juristischen These, die Sie 
triumpliierend für eine ökonomische halten, wäre im 
Vorstehenden hinreichend gegeben. 

Gleichwohl, da Sie mich einmal gezwungen haben, die- 
ses Thema im Vorbeigehen zu berühren, lassen Sie mich 
demselben noch einige Worte widmen. 

Dre menschliche Gemeinsamkeit, die Soli- 
darität läßt sich verkennen, Herr Schulze, aber 
sie läßt sich nicht aufheben! 

Wenn also gesellschafthche Einrichtungen existieren, 
welche diese Solidarität nicht anerkennen und regeln, 
so existiert diese Solidarität deshalb nichtsdestoweniger 
fort, aber sie kommt nur als eine ihre Ve rkennung 
rächende rohe Naturmacht, als ein Schick- 
s a 1 zum Vorschein, welches Ball spielt mit der ver- 
meintlichen Freiheit des auf sich angewiesenen einzelnen. 
Der eine wird hoch aufgeschnellt in diesem Spiel, das 

57 



unbekannte und um so mehr unbeherrschte Mächte mit 
ihm treiben, hoch hinauf in den Schoß des Reichtums ; 
hundert andere werden tief hinabgestürzt in den Abgrund 
der Armut, und das Rad der gesellschaftlichen 
Zusammenhänge geht umprägend und zerquetschend 
über sie und ihre Handlungen, über ihren Fleiß und ihre 
Arbeit hinweg. Der Zufall spielt Ball und die 
Menschen sind es, die in diesem Spiel als Bälle 
dienen. 

Nun werden Sie vielleicht bei ernstlicher Bemühung 
begreifen, Herr Schulze, daß, wo der Zufallherrscht, 
die Freiheit des Individuums aufgehoben ist. 
Sie werden begreifen, daß der Zufall nichts anderes ist, 
als die Aufhebung aller ,,Selbstverantwortung 
und Zurechnungsfähigkeit" und somit aller 
Freiheit. 

Sie werden somit begreifen, daß diejenigen, welche 
Maßregeln einführen wollen, deren Resultat es sein muß, 
im Laufe der Entwicklung dieses Schalten des Zufalls 
zu beschränken und aufzuheben, üin, soweit er nicht über- 
haupt zu beseitigen, auf die Gesamtheit aller zu verteilen 
und so das erdrückende Gewicht, mit welchem er sich 
sonst auf die Einzelnen stürzt, für alle unfühlbar zu machen, 
— Sie werden vielleicht begreifen, daß diejenigen, welche 
dieses wollen, mit dieser Beseitigung des Zufalls, mit 
dieser vernünftigenBerücksichtigungdesGe- 
meinsamenund Solidarischen, welches sich nur 
verkennen, nicht aber durch Verkennen aufheben läßt, 
die Zurechnungsfähigkeit, Selbstverant- 
wortung und Freiheit der Einzelnen erst her- 
stellen, nicht aufheben wollen ; daß sie ihr erst 
Raum und Boden schaffen wollen, sich vernünf- 
tigzu betätigen, während sie jetzt von den als rohe 

58 



Naturmacht auftretenden gesellschaftlichen 
Zusammenhängen erdrückt und verschlungen wird. 

Die gesellschaftlichen Zusammenhänge, 
Herr Schulze — sie sind die uralte orphische Kette, von 
weicher schon die alten Ürphiker ^) sangen, daiS sie alles 
Existierende unzerreilSbar aneinander binde und mitein- 
ander verknüpfe. Und merkwürdigerweise und nicht ohne 
einen gewissen tieferen Sinn und Humor trägt diese alte 
orphische Kette noch heut m unserer merkantilischen Welt, 
bei unseren Kaufleuten und Unternehmern den uralt 
orphisch- stoischen Namen! Dieses Band der gesellschaft- 
hchen Zusammenhänge, diese Kette, welche alle existie- 
renden unwibbaren Umstände miteinander verbindet, sie 
heißt in unserer merkantiiisclien Welt die — Kon- 
junktur"). 

Und das übernatürliche, metaphysische Raten auf die 
Wirkung, welche die unwißbaren Umstände her- 
vorbringen werden, ist die — Spekulation. 

Konjunktur und Spekulation beherrschen unsere ge- 
samte ökonomische ilxistenz ; sie beherrschen das gesamte 
Getriebe unserer merkantilischen Welt, und durch die 
Ringe, die von den aufgeregten hohen Wogen derselben 
ausgehen, wirken sie ein und bestimmen die individuelle 
Gestalt des noch am entferntesten Ufer in scheinbar voll- 



^) Eine mystische, angeblich von dem Sänger Orpheus ge- 
stiftete Sekte. D. H. 

'^) Conjunctio rerum omnium, kmjiXoy.rj, ovfxnkoxr}^ 
höeoig xwv övrcov (Verknüpfung, Verbindung des Seienden) 
nennen die römischen und griechischen Stoiker das orphische 
„unzerreißbare Band" {öeojuög uQQtjHug), clie eifiuQjuevT], 
die alles Dasem negativ miteinander verknüpfende und be- 
stimmende Schicksalskette; siehe Heraklit, 1 . i, p. 374 — 3/9 
(bezieht sich auf die i.Aufi. D.H.). 

59 



kommenster Ruhe und Selbständigkeit hinfließenden Was- 
sertropfens. 

Sie beherrschen jede individuelle Existenz um so inten- 
siver, je nälier der Arbeitszweig derselben zusammenhängt 
mit jenem großen merkantilischen Getriebe, und um so 
weniger intensiv, je höher noch diese Existenz der Gestalt 
einer untergegangenen, nur noch in ganz dürftigen, ver- 
schwindenden Umrissen und Resten fortdauernden Periode 
angehört; mit anderen Worten: sie beherrschen jede Exi- 
stenz um so intensiver, je mehr die Arbeit derselben darin 
besteht : gesellschaftlichen Tauschwert zu pro- 
duzieren, und sie beherrschen jede Existenz um so weniger 
intensiv, je mehr die Arbeit derselben auf Produktion 
von Nutzwerten zum- eigenen Gebrauch gerich- 
tet ist — eine fast gänzlich untergegangene Arbeitsform, 
über welchen Unterschied erst später das Nähere. 

Daher kommt auch jene Bemerkung, die so oft von er- 
fahrenen Kaufleuten gemacht worden ist, daß in der mer- 
kantilischen Karriere so vorzugsweise häufig gerade die 
gescheiteren Spekulanten Schiffbruch leiden und gerade 
die Dümmeren die günstigeren Chancen zu haben scheinen. 

Aus dem Obigen erklärt sich sehr leicht diese schein- 
bar so auffällige und unbegreifliche Tatsache. 

Die Summe der nicht wißbaren Umstände über- 
wiegt jederzeit unendlich die Summe der wiß- 
baren Umstände. 

Je wichtiger und genauer die Schätzung der wißbaren 
Umstände ist, auf welche der verständige Kalkül des 
Spekulanten gebaut ist, desto größer die Wahrscheinlich- 
keit, daß die unendlich überwiegende Summe der nicht- 
wißbaren Umstände das Resultat verändern wird. 

Je richtiger, schärfer und genauer den ihm bekannten 
Umständen angepaßt also der Verstandeskalkul des Spe- 

60 



kulanten, um so mehr hat er im allgemeinen die Wahr- 
scheinlichkeit gegen sich^). — 

Alles bisherige gilt, Herr Schulze, von unseren öko- 
nomischen Zuständen im allgemeinen und gerade ganz 
besonders sogar von den Kaufleuten und Unternehmern, 
deren Interesse Sie vertreten. 

In noch ganz anderer Lage befinden sich aber die Ar- 
beiter. Sie sind selbst von jenem individuellen Glücks- 
spiel ausgeschlossen, welches auf unsere Kaufleute und 
Unternehmer einen solchen Reiz ausübt, daß sie vergessen, 
wie die glücklichen Fälle, in welchen einzelne unter ihnen 
hoch oben hinauf in den Schoß des Reichtums geschleudert 
werden, von ihrem eigenen Stande damit bezahlt wer- 
den, daß Massen desselben tief unter das Rad der Misere 
geraten. 

Sie sind ausgeschlossen, sage ich, von dem Glücks- 
spiel, welches unsere ganze Produktion darstellt, weil 
sie den Einsatz zu diesem Glücksspiel nicht vorlegen 
können: das Kapital. 

Zugelassen zu jenem Glücksspiele sind nämlich nur 
solche, welche Produkte für eigene Rechnung 
verkaufen und zwar über ein hinreichend großes 
Kapital verfügen, um bei günstigen Umständen diese 
Produkte in großen Massen zu verfertigen oder 
zu beziehen, so daß sie die günstigen Konjunkturen 
für sich benutzen, auspressen und sich durch das Ballholz 



^) Das hier Entwickelte ist auf einer gewissen Stufe der 
industriellen Entwicklung und für die ihr entsprechende Klasse 
von Spekulanten ganz richtig, fällt aber, wie für die Krupps 
und andere Könige der Industrie, so auch für die Warenhäuser 
im Handel heutzutage zum großen Teil schon wieder hinweg. 

D.H. 

61 



der Konjunktur und Spekulation hinauf in den Schoß des 
Reichtums schlagen lassen können. 

Ausgeschlossen von den günstigen Chancen dieses 
Glücksspiels ist daher der Arbeiterstand als sol- 
cher (industrieller wie ländlicher Arbeiterstand), da der 
Arbeiter niemals als Verkäufer eines Produktes auf eigene 
Rechnung auftritt. 

So gut wie ausgeschlossen ferner ist der kleine Hand- 
werker, welcher zwar ein Produkt auf eigene Rechnung 
verfertigt und verkauft, aber seinerseits mehr und mehr 
zum bloßen Lohnarbeiter des großen Kapitalbetriebes her- 
absinkt, andererseits auch noch bei selbständigem Betriebe 
durch seinen Mangel an Kapital gehindert ist, günstige 
Konjunkturen auszupressen, während er seinerseits von 
der ungünstigen Konjunktur um so widerstandsloser 
ausgepreßt wird. 

Arbeiterstand wie Handwerkerstand bilden daher in un- 
serer Gesellschaft eine wirtschaftliche Abteilung, über wel- 
cher die Inschrift der Danteschen Hölle steht : 

,,Die ihr hier eintretet, laßt jede Hoffnung fahren 1" 

Wenn aber diese Klassen von dem unmittelbaren Ein- 
tritt in das Glücksspiel der Konjunktur ausgeschlossen sind, 
so machen sich doch in abgeleiteter Weise die Chancen 
desselben für sie sehr fühlbar, nur freilich die günstigen 
und ungünstigen Chancen in einem unendlich ver- 
schiedenen Grade. 

Die günstige Konjunktur — Periode der Prosperi- 
tät, der gesteigerten Produktion — hat auf Arbeiter und 
Handwerker die abgeleitete Wirkung, daß sie das Be- 
streben hat, den Arbeitslohn in etwas zu stei- 
gern. Selbst wenn dieses Bestreben zur Wirklichkeit 
wird, wird dadurch nur eine sehr leise und unmerkliche, 
zeitweise Verbesserung der Lage des Arbeiters erzeugt. 

62 



In der Regel aber \virken diesem Bestreben noch zwei 
Umstände entgegen. Ist die günstige Konjunktur keine 
allgemeine, In vielen Arbeitszweigen eintretende, und keine 
andauernde, so bringt der Widerstand, den die Unter- 
nehmer jeder Steigerung des Arbeitslohnes entgegensetzen, 
verbunden mit der geringen Dauer der günstigen Kon- 
junktur, es dahin, daß entweder kaum irgend eine oder 
doch nur eine äußerst unerhebliche Steigerung des Arbeits- 
lohnes eintritt. Ist umgekehrt die günstige Konjunktur eine 
allgemeine und andauernde, so bringt die allmähhch ein- 
tretende Steigerung des Arbeitslohnes inzwischen eme 
solche Vermehrung der Arbeiterehen und Arbeiterfami- 
lien, also eine solche Vermehmng der Nachfrage nach 
Arbeit hervor, daß hierdurch in der Regel das gesteigerte 
Angebot derselben wieder ausgeglichen wird und der Ar- 
beitslohn wieder auf oder noch unter seine frühere Höhe 
herabsinkt-^). 

Wenn so der Arbeiterstand in der Regel nur einer 
äußerst leisen und sehr schnell vorübergehenden Einwir- 
kung der günstigen Konjunktur auf seine Lage teil- 
haftig wird, so fällt dagegen die ungünstige Konjunk- 
tur mit ganz anderer zermalmender Wucht auf ihn zurück. 
Unmittelbare Verminderung des Lohnes, Reduzierung 
seiner Beschäftigung, gänzliche Arbeitsstockung sind die 
Keulenschläge, welche die ungünstige Konjunktur und die 
durch die gierige Konkurrenz der Spekulanten herbeige- 
führte Überproduktion auf den Rücken der Arbeiter fallen 
läßt. 



^) Siehe hierüber mein ,, Arbeiterlesebuch" (Frankfurt a. M. 
1863 bei Reinhold Baist) p. 5 — 18 (unsere Ausgabe. Bd. III, 
S. 183 ff.); vgl. meine Schrift: ,,Dle indirekten Steuern und 
die Lage des Arbeiterstandes" (Zürich, Meyer & Zeller 1863^ 
p. 37-48 (unsere Ausgabe. Bd. II. S. 350 ff.) 

63 



Freilich, Herr Schulze, was wäre nach Ihnen mehr 
zu bewundern als die Weisheit eben dieser Konkurrenz, 
welche Ihnen diese Welt zur besten aller möglichen 
Welten macht ! Gestatten Sie mir daher, Ihnen die tiefe 
Weisheit dieser Konkurrenz beispielsweise nicht mit 
meinen Wo r t e n , sondern mit denen eines Chefs 
der liberalen Bourgeoisökonomie zu schildern, 
der aber, im Unterschied von Ihnen, wenigstens die Zu- 
stände kennt, über die er schreibt ; mit den Worten also 
des unter den Bourgeoisökonomen so gefeierten englischen 
Statistikers und Ökonomen Mac CuUoch ^) : ,,Nach der 
ersten Eröffnung des Verkehrs mit Buenos-Aires, Bra- 
silien und Caraccas wurden mehr Manchesterfabrikate im 
Laufe weniger Wochen hinausgesandt, als in den 
vorangegangenen zwanzig Jahren. Die Masse 
der in Rio de Janeiro angekommenen englischen Waren 
war so groß, daß es an Lagerräumen fehlte, sie unterzu- 
bringen, und die wertvollsten Sachen wochenlang auf dem 
Ufer dem Wetter und Diebstahl ausgesetzt waren. Ele- 
gante Geschirre von geschliffenem Glase oder Porzellan 
wurden Leuten angeboten, deren kostbarstes Trinkgefäß 
bisher nur ein Hörn oder eine Kokosnußschale war; 
Werkzeuge wurden hinausgeschickt, mit einem Hammer 
an einer und einem Beile an der anderen Seite, als ob die 
Einwohner nur den ersten den besten Stein entzwei zu 
schlagen brauchten, um Gold oder Diamanten herauszu- 
schneiden; ja einige Spekulanten gingen so weit, Schlitt- 
schuhe nach Rio de Janeiro zu schicken." 

Die ganze Geschichte der europäischen Industrie in die- 
sem Jahrhundert ist nichts als eine fortlaufende Abwechs- 
lung von ,, ausschweif enden Spekulationen", einer aus ,,Un- 



^) Principl. of polit. economy. ed. 2, p. 329. 
64 



kenntnis der Tatsachen" entspringenden fieberhaften Über- 
spannung des Kredits und hierauf gegründeten zügellosen 
Überproduktion und hierauf folgenden Krisen, Sinken der 
Warenpreise weit unter ihre Produktionskosten, Arbeits- 
verminderung, Arbeitsstockung und oft mehr oder weniger 
anhaltender Arbeitseinstellung. Ich verweise Sie beispiels- 
weise auf die berühmte und klassische ,, Geschichte der 
Preise von 1793 — 1857" von Th. Tooke. 

Der Rücken der Arbeiter ist also der selbstlose grüne 
Tisch, auf welchem die Unternehmer und Spekulanten das 
Glücksspiel spielen, zu welchem die heutige Produktion 
geworden ist. Der Rücken der Arbeiter ist der grüne Tisch, 
auf welchem sie die Goldhaufen einkassieren, welche ihnen 
der günstige Coup der Roulette 2ruwirft, und auf welchen 
schlagend sie sich für den ungünstigen Wurf mit der 
Hoffnung besserer Chance für nächstens vertrösten. 

Der Arbeiter ist es, welcher mit Lohnverminderung, 
mit Aufopferung mühseliger Ersparnisse, mit gänzlicher 
Arbeits- und somit Existenzlosigkeit die notwendigen Miß- 
erfolge in jenem Spiel der Arbeitsherren und Spekulan- 
ten bezahlt, deren falsche Spekulationen und Berechnungen 
e r nicht hervorgebracht hat, deren Gier e r nicht verschul- 
det und deren Glückserfolge e r nicht teilt. Und das alles 
nennen Sie, ohne eine Ahnung von den ,, gesellschaftlichen 
Zusammenhängen" zu haben und spekulierend auf die Ihre 
eigene Unkenntnis noch etwa um ein weniges übersteigende 
Unkenntnis der Arbeiter, welche sich freilich nicht klar 
zu machen vermögen, wie ihr individuelles Los von den 
Weltmarktsverhältnissen und durch welche Ursachen wie- 
derum diese bestimmt werden, — das alles nennen Sie, 
Trefflichster, die , .Selbstverantwortlichkeit und 
Zurechnungsfähigkeit" der Arbeiter! Und mit 
diesen Schlagwörtern suchen Sie, Trefflichster, die Ar- 

5 La.»all«, Ges. Sckriften, B.nd V. 65 



beiter gegen die Männer zu erbittern, welche gerade erst 
wahre „Selbstverantwortlichkeit und Zurechmingsfähig- 
keit" zumal für unsere Arbeiter, die Jetzt nur die selbst- 
losen Prügeljungen des Unternehmerspiels sind, herbei- 
führen wollen ! 

Man könnte einen halben Milderungsgrund für diesen 
Mißbrauch der Volksunwissenheit darin finden, daß Sie 
die Dinge, in denen Sie als ,, Lehrer" auftreten, ja eben 
entfernt nicht kennen. Und woher sollten Sie das auch ? 
Sie sind erst Patrimonialrichter, dann Kreisrichter in einer 
kleinen Stadt gewesen und haben sich in dieser patrimo- 
nial- und kreisrichterlichen Stellung gewiß redlich bemüht, 
„jedem das Seine" zuzusprechen. Aber in die ,, gesell- 
schaftlichen Zusammenhänge", in die Weltmarkts Verhält- 
nisse und deren die scheinbar individuellen Schicksale un- 
ablässig gestaltenden Prozeß konnten Ihnen diese juristi- 
sche Tätigkeit und diese kleinen Verhältnisse keinen nähe- 
ren Emblick gewähren. Große Kaufleute und Industrielle 
sind darin in einer ganz anderen Lage und lachen sich 
heimlich außer Atem über die Naivetät Ihrer , .Lehren" ! 

Konnte Ihnen so durch Ihre praktische Stellung eine 
Einsicht in diese Verhältnisse niemals kommen, so haben 
Sie den anderen Weg, der zur Einsicht führt, den Weg 
der Wissenschaft niemals ergriffen. Von Wissenschaft 
überhaupt haben Sie nicht die geringste Ahnung. Was 
speziell Ihre Bekanntschaft mit der Nationalökonomie be- 
trifft, so ergibt sich für jeden Kenner der National- 
ökonomie aus einer aufmerksamen Lektüre Ihres Buches, 
daß Sie, wie die Fortsetzung dieser Kritik übrigens von 
selbst dartun wird, niemals irgend ein anderes national- 
ökonomisches Buch als die kleine Fibel von Bastiat ge- 
lesen und etwa höchstens noch eine deutsche Übersetzung 
des Sayschen Kompendium durchblättert haben können. 

66 



Mit den ganz verworrenen Vorstellungen, die Sie da ohne 
jede wissenschaWiche Vorbildung überhaupt und ohne 
jedes ökonomische Studium insbesondere sich aus jener 
Fibel, dieselbe oft noch verderbend und verunstaltend, 
aufgegriffen haben, gehen Sie unter dem Volke hausieren 
und das nennen Sie Ihre „Lehre" I 

Sie sehen, daß ich gewiß geneigt bin, Ihnen jede Ent- 
schuldigung zugute kommen zu lassen, die aus der Un- 
wissenheit abgeleitet werden kann. Und gleichwohl, Herr 
Schulze, ist es kaum möglich anzunehmen, daß Sie wirk- 
lich im guten Glauben sind, wenn Sie von der ,, Selbst- 
verantwortlichkeit und Zurechnungsfähigkeit" der Arbeiter 
In unseren industriellen Zuständen sprechen und unter An- 
rufung dieser Schlagworte die Arbeiter für diese Jammer- 
zustände begeistern und von der Herstellung eines Zu- 
standes von reeller ,, Selbstverantwortlichkeit, Zurech- 
nungsfähigkeit und Freiheit" abhalten wollen. Wer 
diese industriellen Zustände auch noch so äußerlich und 
nur von weitem kennt, wer, wenn auch noch so gedanken- 
los, in großen Städten, in der Gesellschaft von Fabri- 
kanten und Kaufleuten lebt^), muß auf die Länge der 



^) Ihr Freund wenigstens, der große Fabrikant, Kommerzien- 
rat und Fortschrittsabgeordnete, Herr Leonor Reichenheim, 
weiß das alles viel besser und lacht insgeheim wahrscheinlich 
so herzlich und erschütternd über Sie, daß er Sie auch noch 
für den ,, Dienst" liebt, den Sie seiner Verdauung erweisen ! 
Er hat im Jahre 1848 eine durch und durch sozialistische 
Broschüre über die Arbeiterverhältnisse (,,Die soziale Frage 
und die Mittel zu deren Lösung") geschrieben, in welcher er 
eine ganz andere Einsicht in diese Dinge verrät! Zum 
Unterschied von mir. der ich den durchschnittlichen Arbeits- 
lohn den volksüblich notwendigen Lebensunterhalt betragen 
lasse, erklärt er, daß die Arbeiter in vielen Distrikten soweit 
gesunken, daß sie „kaum soviel hatten, die nötigsten Lebens- 

5» 67 



Zeit schlechterdings irgend eine Ahnung davon bekom- 
men, wie es mit dieser „Selbstverantwortlichkeit und Zu- 
rechnungsfähigkeit" unserer Arbeiter in Wahrheit aussieht! 

Doch vielleicht wird die weitere Betrachtung Ihres 
Buches uns über den Zweifel, der sich uns schon hier 
an Ihrem guten Glauben mit unwiderstehlicher Gewalt 
gegen unseren eigenen Willen aufdrängt, gründlicher be- 
lehren. — 

Einstweilen fahren Sie unmittelbar nach dem zuletzt 
angeführten Satze fort : ,, Diese Selbstvera ntworthchkeit, 
die soziale Selbsthilfe, gerade bei Beschaffung der mate- 
riellen Notdurft des Daseins antasten, wo ohnehin das 
Tierische in unserer Natur seine dunkle 
Grenzlinie hat, hieße auf dem Felde des Erwerbes 
den Krieg aller einführen, auf einem Felde, wo 
mehr als auf jedem anderen Frieden und Sicherheit die 
Bedingungen des Gedeihens sind." 

Zunächst freut es mich zu hören, Herr Schulze, daß 
bei Ihnen „die materielle Notdurft des Daseins" der 



bedürfnisse erschwingen zu können" (p. 9). — „Diese Lohn- 
sätze in die Schranken der Menschheit zurückzuführen 
— fährt er fort — ist nicht allein eine Notwendigkeit, sondern 
eine moralische Verpflichtung." Der Grundsatz, der sehr oft 
beim Lohne zur Geltung gekommen — sagt er p. 10 — sei 
nicht der: „Wieviel gebraucht der Arbeiter, um als Mensch 
leben zu können", sondern der: „wieviel gebraucht er, um 
nicht zu verhungern." Das Mittel zu einer Besserung er- 
blickt er lediglich in einem Gesetz, welches den Lohn, oder 
ein Lohnminimum regelt und feststellt!!" „Nur so ent- 
geht man dem Elende und dem Jammer, welche in den Arbeiter- 
höhlen. denn Wohnungen sind es nicht, in den gräßlichsten 
Gestalten uns entgegentreten" (p. 11) etc. etc. Fredich, es W2ir 
im Jahre 1848, daß das Herz dieses Millionärs und Fort- 
schrittsabgeordneten für das Volk so warm schlug) 

68 



Punkt ist, „wo das Tierische in unserer Natur seine 
dunkle Grenzlinie hat". Bei anderen Menschen fängt 
das Tierische vielleicht da an. ßei Ihnen hat es dagegen 
da seine Grenze, erstreckt sich also bis dahin. 
Ist dies der Fall, so erklärt sich dann freilich durch dies 
offenherzige Bekenntnis der geistige Gehalt und Charakter 
Ihres Buches ganz von selbst ! 

Zweitens aber: Es soll „den Krieg aller ein- 
führen", wenn, anstelle der von Ihnen sogenannten „so- 
zialen Selbsthilfe'' der auf sich angewiesenen Einzelnen, 
der arbeitenden Klasse durch große organische Maßregeln 
die Möglichkeit solidarischerProduktion gegeben 
wird ? 

In welche Löwenhaut hüllen Sie Ihre Glieder, und 
wie ungeschickt und verräterisch lassen Sie das Ohr dabei 
zum Vorschein kommen, indem Sie hier an den ,, Krieg 
aller" erirmern! Der ,,Krieg aller gegen alle", 
„bellum omnium in omnes", ist ein Kunstausdruck, der 
zu seinem Erfinder den großen englischen Philosophen 
Hobbes (geb. 1588) hat. 

Hobbes aber bezeichnet mit ihm gerade den Zustand 
der aui" sich angewiesenen, in absoluter Selbständigkeit 
und Gleichheit lebenden Einzelnen, den status naturalis 
(Naturzustand), kurz das, was man vergleichungsweise 
zum Unterschied vom Staat die Sphäre der der freien 
Konkurrenz anlieimgegebenen bürgerlichen Gesell- 
schaft nennt ^). Er läßt diesen Kampf aller gegen aUe 
nur durch die Einführung des positiven Staates und 
seiner Zwangsgesetze beseitigt werden ^) . — 



■*■) In dem berühmten Buche : Elementa philosophica de 
cive; libertas, cap. I u. XII. u. XIII. p. 15 ed. AmsteL 1647. 

-) Viel tiefer als alle rationalistischen Juristen, Pseudo- 
philosophen und Liberale, die in dem Staat nur eine Anstalt 

69 



Schon vor Hobbes hatte Montaigne (geb. 1533) der 
Sache nach diese bürgerliche Gesellschaft als einen un- 
ausgesetzten und bis aufs Messer geführten Krieg be- 
schrieben. Der Kaufmann gewinne dadurch, daß sich die 



sehen, um das als ihm vorausgehend und als natur- 
rechtlich gedachte Eigentum zu schützen, läßt Hobbes 
das Eigentum erst durch den positiven Staat und als 
positive Staatseinrichtung entstehen, ib, Imperium, 
cap. VI. u. XV. p, 108: Quoniara autem ut supra ostensum 
est, ante constitutionem civitatis omnia omnium sunt, neque 
est quod quis ita suum esse dicat, quod non alius quilibet idem 
eodem jure vindicet pro suo (ubi enim omnia communia sunt, 
nihil cuiquam proprium esse potest) sequltur proprietatem 
initium sumsisse cum ipsis civitatibus atque esse id 
cuique proprium, quod sibi retinere potest per 
leges et potentiam totius civitatis, hoc est per 
eum, cui summum ejus Imperium delatum est. (Die 
Stelle lautet in Übersetzung wie folgt: „Weil aber, wie oben 
gezeigt wurde, vor der Gründung des Staates alles allen 
gehört und es nichts gibt, was irgend jemand derart als ihm 
gehörig bezeichnen könnte, daß es nicht irgendein beliebiger 
anderer mit demselben Recht für sich reklamieren könnte 
[denn wo alles gemeinsam ist, kann nichts jemand zu eigen 
sein] so folgt daraus, daß das Eigentum mit den Staaten 
selbst seinen Anfang genommen und daß es dasjenige 
jemand zu Eigene ist, was er Dank der Gesetze und der 
Macht des ganzen Staates für sich behalten kann, das heißt 
Dank demjenigen, dem die höchste Gewalt desselben [nämUch 
des Staates] übertragen ist." Es bedarf erst keines weiteren 
Beweises, daß Hobbes, als Apologet des monarchischen Staats- 
absolutismus — der Schlußsatz des vorstehenden Zitats zielt 
auf den Fürsten, als Träger der Staatssouveränität — hier 
mindestens ebenso weit über das Ziel hinausschießt, ganz ebenso 
aprlorlstisch deduziert, wie die liberalen Apologeten des Privat- 
eigentums. Privateigentum und Staat entwickeln sich im wesent- 
lichen parallel ; das erstere, wo es eine gewisse Stufe der Ent- 
v/lcklung erreicht hat> ruft den Staat ins Leben, der seiner- 

70 



Jugend ruiniere und der Baumeister durch den Zusammen- 
sturz der Häuser. Der Arzt lebe vom Tode der Klienten 
und das Begräbnis derselben bezahle das Mittagbrot des 
Priesters. Es herrsche hier das Gesetz : „Le profit de 
Tun est dommage de l'autre." „Der Vorteil des einen 
ist der Schaden des anderen" ^). So hat man denn allge- 
mein, als die freie Konkurrenz sich entwickelte und in das 
Stadium trat, wo sie kritisiert zu werden anfing, typisch 
den Kunstausdruck des englischen Philosophen, den 
„Krieg aller gegen alle" auf sie, die freie Konkurrenz, 
angewendet und typisch ist er bis auf den heutigen Tag 
für sie geblieben. 

Ohne es zu wissen, ohne den Mann jemals gelesen zu 
haben, schwärmen Sie für jenen Naturzustand, den 
Hobbes als den „Krieg aller gegen alle" bezeichnet. Sie 
laufen hinter den Männern des Gedankens um fast drei 
Jahrhunderte in der Weise her, daß Sie sich heute für 
das begeistern, was jene schon vor drei Jahrhunderten 
und noch ehe es die erschreckende Wirklichkeit von heute 
angenommen hatte, im voraus als nichtig aufgelöst 
haben. 

Ohne die Geschichte dieses Ausdrucks ,,der Krieg 



seits ihm allerdings erst die rechte Weihe gibt und durch den 
Rechtsschutz, den er ihm gewährt, seine Weiterentwicklung 
und Verallgemeinerung gewaltig fördert. Aber keinesw-egs geht 
dem Staat ein Zustand vollkommener Rechtslosigkeit und jenes 
ungeordneten Kommunismus voraus, wie Hobbes, der keines- 
wegs ein Gegner des bürgerlichen Konkurrenzkampfes war, 
hier unterstellt. Lassalle war, so sehr ihn Hobbes' Staatskultus 
anzog, über den reaktionären Sinn des zitierten Satzes schwer- 
lich im Unklaren, da er ihn andernfalls sicher nicht unüber- 
setzt gelassen hätte. Zusatznote d. H.) 

^) Montaigne, essais, liv. I. chap.XXI. 

71 



aller gegen alle" zu kennen, ohne von seiner Gedeinken- 
bedeutung etwas zu wissen, haben Sie einmal von dieser 
Bezeichnung, die, wie bemerkt, bis heute das übHche Stich- 
wort für die „freie Konkurrenz" gebheben ist, etwas ge- 
hört. Und statt zu sehen, daß dies eben der Charakter 
des von Ihnen gewollten Zustandes ist, und da Sic 
finden, daß dies Wort eine gute „Phrase" ist, — eine 
sehr gute Phrase, eine ganz vortreffhche Phrase, sagt 
der Friedensrichter Schaal in Shakespeares Heinrich dem 
Vierten ! — durch welche sich das schlecht machen läßt, 
worauf man sie anwendet, so denken Sie, daß man sie ja 
behebig, wie Etiketten auf eine Weinflasche, auch für 
die ganz entgegengesetzten Bestrebungen gebrauchen kann ! 
Und so lassen Sie durch den Soziahsmus nicht nur die 
„Freiheit'" aufgehoben sondern auch „auf dem Felde 
desErwerbsdenKriegaller eingeführt werden 1 1" 

Großer Schulze! 

Sie fahren unmittelbar fort: 

„Indessen setzt diese Selbst verantwortlichkeit 
als notwendige Ergänzung die Freiheit der Arbeit 
voraus, die Gestattung der ungehemmten Bewegung des 
Arbeiters im Gebrauch seiner Kräfte und Mittel zum Er- 
werbe seines Unterhalts. 

„Legt ihr uns die Verantworthchkeit für unsere Exi- 
stenz auf die eigenen Schultern, weil die Natur uns die 
Kräfte dazu gegeben : ei, so dürft ihr uns in deren freiem 
Gebrauche zu diesem Endzweck auch nicht hemmen," so 
antworten die Arbeiter mit Recht auf die obige Forderung. 
„Wir bescheiden uns, daß wir den allgemeinen Staats- 
gesetzen so gut, wie jeder andere Staatsbürger, Gehorsam 
schuldig sind, daß wir das Recht respektieren müssen, 
das ja uns selbst schützen, für uns da sein soll, wie für 
jeden anderen. Aber auf dem Boden des Erwerbs, in 

72 



Gewerbe und Arbeit muß Freiheit sein, da muß jeder 
sich rühren und seine Kräfte gebrauchen können, wie er 
will und kann, um seinen und der Seinigen Unterhalt zu 
erschwingen. Greift ihr da willkiirHch ein und maßregelt 
und beschränkt, und ordnet an und verbietet, und schützt 
und schheßt aus, führt ihr da Vorrechte und Vergünsti- 
gungen ein für einzelne Klassen — ei, so übernehmt ihr 
auch die Folgen. Wenn wir dann, gehemmt und beschränkt 
in freier Wahl und Ausübung unserer gewerbhchen Tätig- 
keit, nicht zu bestehen vermögen, so trifft euch die Ver- 
antwortung davon, und ihr müßt die Sorge für unsere 
Subsistenz übernehmen." 

,,Das aber ist mehr, als irgend eine Klasse der Gesell- 
schaft, als der Staat vermag, selbst wenn er den Willen 
dazu hätte. Der Staat ist ja nichts, was über und außer 
den Menschen in der Luft schwebt, er ist die Gesamt- 
heit der Staatsangehörigen, und der Staatssäckel be- 
steht von dem, was aus den Privatsäckein der Bürger 
in ihn hineinfließt: Nun können wohl Wenige von Vie- 
len, oder auch ein vorübergehender Notstand vieler von 
allen übertragen werden. Aber die zahlreichste Klasse der 
Staatsbürger dauernd an eine Unterstützung aus öffent- 
lichen Mitteln, d. h. aus den Mitteln der übrigen Gesell- 
schaftsklassen, also viele auf wenige verweisen, wäre 
gleichbedeutend mit dem öffenthchen Bankerott, denn die 
in solcher Weise bewirkte Mehrbelastung der Staatsfinan- 
zen, die außerordentliche Mehrausgabe geht dabei 
Hand in Hand mit einer ebenso großen Verringerung der 
Staatseinnahme. Nicht nur daß die unterstützte 
Klasse aus der Reihe der Steuerzahler ganz ausscheidet, 
deren Zahl sich also vermindert, schwächt man auch die 
nachhaltige Steuerkraft der noch übrig bleibenden Minder- 
heit, indem man durch die notwendige Erhöhung ihrer 

73 



Steuersätze ihren Geschäftsfond, das werbende Kapital 
des Landes, und mit ihm ihr Einkommen schmälert. Und 
wahrhaftig, nicht bloß das Defizit der Staatsfinanzen, auch 
der sitthche und wirtschaftÜche Ruin der Gesellschaft 
ginge notwendig aus solchem Gebahren hervor, vor allem 
des Arbeiterstandes selbst. In der Verweisung auf 
öffentüche Hilfe in der Annahme, daß sich die Arbeiter 
aus eigener Kraft zu helfen nicht vermöchten, verlöre der 
Arbeiterstand die sitthche Würde, seine Mitglieder jeden 
Antrieb zur Tüchtigkeit, Fleiß, Sparsamkeit. Das ganze 
Erwerbsleben der Nation käme dadurch zurück, und das 
Almosen verschlänge zuletzt das industrielle Kapital 
des Landes, den Fond, welcher bestimmt ist, die Löhne 
der Arbeiter zu zahlen." 

Es fällt mir nicht ein, an dieser Stelle alle die schiefen 
Wendungen zu zerghedern, die in dem Vorstehenden ent- 
halten sind. Nur zwei Bemerkungen. Sie gebrauchen hier 
den eigentümlichen Kunstgriff, gegen etwas zu Felde zu 
ziehen, woran niemand gedacht hat, was von niemand 
vorgeschlagen worden ist. Niemand hat bei uns den 
Vorschlag gemacht, daß die Arbeiter vom Staate durch 
Almosen unterstützt werden sollen. 

Ferner, Herr Schulze : ob der Staat aber nicht in un- 
seren Produktionszuständen eine Änderung zu- 
gunsten der arbeitenden Klassen herbeiführen kann, — 
diese Frage, Sie mögen nun in Ihrer Verneinung der- 
selben Unrecht oder Recht haben, konnten Sie ja erst 
behandeln, nachdem Sie die ökonomischen Grundlagen: 
Wert, Tausch, Konkurrenz, Kapital etc. entwickelt hatten. 
Dann konnten Sie doch wenigstens den Schein annehmen, 
als sei die von Ihnen behauptete Unmöglichkeit oder Un- 
zulässigkeit jeder Staatsintervention abgeleitet aus der 
Analyse jener ökonomischen Grundlagen .und durch sie 

74 



bewiesen. Bis jetzt haben Sie ja aber noch keine einzige 
der ökononuschen Erscheinungen erklärt. Sie stehen ja 
noch auf p. / ihres Katechismus. Noch haben die Arbeiter 
von Ihnen nicht im geringsten erfahren, was Wert, 1 ausch, 
Konkurrenz, Kapital etc. ist! Sie stehen ja noch in der 
alleraügemeinsten Üinleitung. Wenn Sie hier also schon, 
wo bie noch mcht einmal aie geringste ürkiärung der öko- 
nomischen Gesetze versucht haben, die Unmöglichkeit 
jeder btaatsintervention mit beiden ßacken behaupten, so 
ist das ja die reine Voraus setz ung; es ist nicht 
nur blauer Dunst, sondern es tritt iiuch als blauer Dunst 
auf ! bie gestehen dadurch selbst ein, daß es nicht Ihr 
Zweck sei, die Arbeiter dadurch aufzuklären, daß Sie 
ihnen praktische Folgerungen aus vorausgeschickten öko- 
nomischen Erkenntmssen ableiten, sondern daß Sie sie 
eben mit leeren Vo raussetzungen anfüllen und ein- 
nehmen wollen. 

Sie fahren fort: ,, Daher Freiheit der Arbeit, 
Gewerbefreiheit und Freizügigkeit als eine 
der ersten Forderungen der Arbeiter und als notwendige 
Voraussetzung der sozialen Selbsthilfe. Eine Selbstver- 
antwortlichkeit für seine Subsistenz jemandem aufbürden 
wollen, dem man nicht die Freiheit gewährt, sein Geschick 
selbsttätig in die Hand zu nelimen, ist ein Unding. Ver- 
antwortlichkeit und Freiheit — dies die sich gegenseitig 
bedingenden Grundsäulen der sittlichen, politischen und 
wirtschafthchen Welt." 

Also „Gewerbefreiheit und Freizügigkeit" 
— das sind, wie bekannt, Ihre sozialen Hilfsmittel ! Es 
reicht hin, einfach auf Belgien, Frankreich, England zu 
verweisen, wo seit lange Gewerbefreiheit und Freizügig- 
keit in äußerster Konsequenz bewerkstelligt sind, die ,, so- 
ziale Frage" aber nichtsdestoweniger besteht, und zwar 

75 



gerade in den riesigsten Umrissen, im Vergleich mit 
welchen sie sich bei uiis fast noch in ihren ersten Ent- 
wicklungsstadien befindet. 

„b) Die Hilfsmittel der Arbeit." 

Mit dieser Überschrift eröffnen Sie den zweiten Ab- 
schnitt Ihres ersten Kapitels. 

Bis hierher, Herr Schulze, bin ich Ihnen wörtlich ge- 
folgt, Wort für Wort Ihr ganzes Buch abschreibend und 
kommentierend, damit, wie bereits bemerkt, keiner von 
meinen Lesern sich einbilde, daß ich nur den Unsinn bei 
Ihnen ans Tageslicht zöge und das Gute verschwiege ; da- 
mit jeder von meinen Lesern sehe, was sich eben nur aus 
einer unverkürzten Anführung Ihrer ersehen läßt, wel- 
chen unglaublich gedankenlosen Brei Ihre Schrift bildet. 

Aber gleichwohl kann ich diese Methode, Ihr ganzes 
Buch hier unverkürzt abzuschreiben, nicht durchführen. 
Meine Leser schliefen vor Langeweile ein. Ich selbst 
ginge vor Langeweile zugrunde. Und wenn ich mich 
auch über alles das fortsetzen wollte, so würde doch 
dieses Buch, wenn ich das Ihrige Satz für Satz abschreiben 
und erläutern wollte, einen Umfang annehmen, welcher 
dasselbe notwendig wirkungslos und es den Lesern, denen 
es bestimmt ist, unzugänglich machen würde. 

Ich werde also im Verlauf, so halb unmöglich diese 
Aufgabe bei der breiartigen, gedankenlosen Natur Ihres 
Geredes ist, dasselbe zusammenzufassen suchen und in 
der Regel nur solche Stellen in wörtlicher Anführung be- 
trachten, welche Blütenpunkte des Unsinns bilden. 
Und auch in bezug auf diese werde ich in Rücksicht auf 
Raum und Zeit freigebig, sehr freigebig sein und Ihnen 
das meiste erlassen. 

Unter der Überschrift „die Hilfsmittel der Arbeit" 

76 



treten Sie also den einfachen Satz, daß die menschliche 
Natur zu ihrer Vo raussetzung die Arbeit habe — 
Sie nennen es in Ihrer unklaren Weise eine „Aushilfe ', 
welche die Arbeit der menschlichen Natur leiste ^) — 
auf nicht weniger als drei Seiten breit! Hierbei 
entschlüpft Ihnen inzwischen das Eingeständnis (p. 10) : 
,,E h e man also mit irgend einer Beschäftigung, einer 
Arbeit zu Erwerbszwecken beginnen kann, muß 
man einmal für Beschaffung der zu verarbeitenden Roh- 
stoffe, sodann der nötigen Arbeitswerkzeuge und endlich 
für seine und seiner Mitarbeiter Subsistenzmittel während 
der Dauer der Arbeit gesorgt haben." 

Wirklich, Herr Schulze? Wissen Sie das ? Gestehen 
Sie ein. daß man, ..ehe man" eine Arbeit beginnen kami, 
für Rohstoffe, Arbeitswerkzeuge und Subsistenzmittel ge- 
sorgt haben, daß man sie in Vorrat haben, d. h. 
Kapital haben muß ? Aber wenn das der Fall ist, 
was wird dann aus der „Freiheit" und , ,Selb stän- 
dig k ei t" des mittellosen Arbeiters? Mit aller 
,,A r b ei ts f reih eit" wird also nach Ihnen selbst für 
den kapitallosen Arbeiter nicht das geringste getan sein, 
er wird nicht einmal seine Arbeit ,, beginnen" können, er 
wird also vollkommen ,,arbei t su nf r ei" und jedem 
Elend und jeder Ausbeutung verfallen sein, so lange nicht 
zuvor für ,, Rohstoffe, Arbeitswerkzeuge und Subsistenz- 
mittel", die er nicht hat, irgendwie für ihn gesorgt ist. 



^) Hier liegt ein Druck- oder Schreibfehler vor. Schulze- 
Delitzsch (a. a. O. S. 8) spricht von der „Aushilfe", welche 
„die Natur der menschlichen Arbeit leistet", und 
diesen Gedanken konnte Lassalle akzeptieren, nicht aber den 
oben zweimal gedruckten Unsinn, daß „die menschliche Natur" 
zu ihrer Voraussetzung — bzw. zur Aushilfe — die Arbeit 
habe. D. H. 

77 



Und das alles in strenger Konsequenz Ihrer eigenen 
Worte! Die ,.Ge Werbefreiheit" wird sich also nach 
Ihnen selbst, Sie großer Denker, für den mittellos gebore- 
nen Arbeiter, der dieses Kapital braucht, ,,ehe er irgend 
eine Arbeit zu Erwerbszwecken beginnen kann" und 
es nicht hat, auflösen in die Freiheit, den Arbeitszweig 
zu wählen, in dem er nicht arbeitet oder arbeitend hungert ; 
die ,, Freizügigkeit" wird sich auflösen in die Freiheit, 
den Ort zu wählen, w o er hungert I Und zwar alles in 
strenger Konsequenz Ihrer eigenen Worte, Sie konse- 
quenter Denker! 

Hierauf gehen Sie dazu über, mit jener köstlichen 
Logik, die Sie kennzeichnet, zu zeigen, daß ,,Geld 
nicht Kapital sei, ehe Sie noch den Begriff des Ka- 
pitals selbst entwickelt haben, was Sie erst im zweiten Ka- 
pitel versuchen, und gelangen darauf zu der dritten Ab- 
teilung : 

„c) Form der Arbeit innerhalb der mensch- 
lichen Gesellschaft." 

Hier müssen wir Sie wieder ganz wörtlich und unver- 
kürzt eskortieren. — 

Sie beginnen zunächst mit Sätzen, die an sich selbst 
ganz richtig sind, aber bei Ihnen nicht den geringsten Sinn 
haben, weil alle Ihre Bestrebungen eben dahin gehen, 
diese Sätze um ihren Sinn und ihre Folgerungen zu bringen. 
Sie sagen : es sei noch ein anderes Element in die Be- 
trachtung zu ziehen, ,, durch welches die Arbeit in 
Form undArt ihrer Verrichtung wesentlich be- 
stimmt wird : die menschliche Gesellschaft. 

Sehr richtig, Herr Schulze ! Und wenn Sie diesen 
Satz, aus welchem allein, wenn er scharf aufgefaßt ward, 
sich alle Einsicht in ökonomische Dinge ergibt, jemals zu 

78 



seinen Konsequenzen durchdacht hätten, wenn er etwas 
mehr bei Ihnen wäre als eine bloße gangbare und allgemein 
verbreitete Phrase, die Sie ebenso gedankenlos in Kom- 
mission nehmen, wie die entgegengesetzten Phrasen, so 
würden Sie, wie wir später sehen werden, zu ganz anderen 
Folgerungen gekommen sein, zu Folgerungen, welche den 
Ihrigen auf das direkteste entgegenstehen. 

Sie fahren fort : ,,Der arbeitende Mensch lebt nicht 
allein auf einer wüsten Insel, neben und um ihn leben 
viele andere Menschen mit gleichen Bedürfnissen und 
Trieben, zu deren Befriedigung sie gleichfalls auf eigene 
Tätigkeit angewiesen sind." 

Streng genommen liegt schon hier die Flachheit zu- 
tage, in der Sie jenen Satz auffassen und die Sie hindert, 
ihn zu seinen Konsequenzen zu bringen. 

Nicht ein Nebeneinanderleben von Menschen, 
die bloß ihre individuellenArbeitserzeugnisse 
miteinander austauschen, wie Sie ßich das so gern 
vorstellen und so oft wiederholen, Herr Schulze, bildet 
die menschliche Gesellschaft und die gesellschaftliche Ar- 
beit, sondern die Produktion ist eine gemein- 
same. Die heutige gesellschaftliche Arbeit bildet ganz 
überwiegend nicht ein nebeneinander geschehendes 
Vorsichgehen selbständiger Tätigkeiten, sondern eine 
streng Ineinander eingreifende gemeinschaftliche 
Ve r e i n i g u n g vieler zur Hervorbringung desselben 
Produkts. 

Jedes Fabrikatelier, Herr Schulze, kann Ihnen das 
durch den bloßen sinnlichen Augenschein zeigen. 

Bei den meisten anderen Produktionen ist es nicht 
weniger, wenn auch in versteckterer Weise, der Fall. 

Während also die große Produktion der modernen 
uesellschaf t schon heut eine gemeinsame, koope- 

79 



rative ist, ist — und (las ist einer der Grundwider- 
sprüche der heutigen Gesellschaft — die Distribution 
(die Verteilung der erzeugten Produkte) keine gemein- 
same, sondern eine individuelle, d. h. das Produkt 
geht nicht nur als Gegenstand, sondern auch seinem 
We r t e nach in das individuelle Eigentum des 
Unternehmers über, der es für seinen alleinigen Ge- 
winn verwertet, sämtliche Arbeiter aber, die zum Zu- 
standekommen des Produktes kooi>eriert haben, als Leute 
behandelt, die, \vie Sie sagen, nicht ,,ehe sie mit irgend 
einer Beschäftigung, einer Arbeit zu Enverbszwecken be- 
ginnen, für Beschaffung der zu verarbeitenden Rohstoffe, 
sodann der nötigen Arbeitswerkzeuge und endlich für ihre 
und ihrer Mitarbeiter Subsistenzmittel während der Dauer 
der Arbeit gesorgt haben," sie also nach dem Lohnge- 
setz ausbeutet, welches sich unter diesen Umständen für 
Leute, die gar nicht ,, irgend eine Beschäftigung, irgend 
eine Arbeit zu Erwerbszwecken beginnen können", bilden 
muß. 

Diese schon heut bestehende Gemeinsamkeit in 
der Produktion und dieser äußerste Individua- 
lismus in der Distribution — das ist der tiefe 
Widerspruch, durch welchen von der heutigen mensch- 
lichen Gesellschaft „die Arbeit in Form und Art ihrer 
Verrichtung wesentlich bestimmt wird"; ein 
Widerspruch, den wir weiter unten näher analysieren und 
in seine v/eiteren Konsequenzen für die gesellschaftliche 
Arbeit verfolgen werden. 

Aber mindestens auf das Dasein dieses ersten tiefen 
Widerspruchs hätten Sie selbst kommen müssen, wenn 
Sie im geringsten Ihren eigenen Satz, daß die menschliche 
Gesellschaft das Element sei, ,, durch welches die Arbeit 
in Form und Art ihrer Verrichtung wesentlich bestimmt 

80 



wird", scharf durchdacht, wenn Sie die bestimmte 
Form unserer Produktion ins Auge gefaßt hätten. 
Aber Richtiges wie Falsches, alles ist bei Ihnen nur ver- 
waschene, verschwommene, aufgedunsene Phrase ! Statt 
irgendwie darüber nachzudenken, welche bestimmte 
,,Art und Form" denn die heutige Gesellschaft der Pro- 
duktion aufdrücke, fahren Sie daher in Ihrem Phrasen- 
schleim fort : ,,Und anstatt dadurch in Beschaffung der 
Mittel zum Dasein beeinträchtigt, in seinen Arbeitszwecken 
gehemmt zu werden, wird der einzelne im Gegenteil da- 
durch gefördert, und alle fühlen sich durch den ihnen von 
Natur angeborenen Gesellschaftstrieb vielmehr 
zum regsten Verkehr, zum innigen Anschluß aneinander 
angewiesen." (Statt ökonomische Betrachtungen an- 
zustellen, werden Sie auf einmal ,, gemütlich".) ,,Es ist 
kein Zweifel, der Mensch ist für das gesellige Zusammen- 
leben mit seinesgleichen von der Natur geschaffen, denn 
alle seine Triebe und Fähigkeiten drängen ihn unwider- 
stehlich dazu hin, diese Gemeinschaft zu suchen und zu 
pflegen. Er kann nicht, wenn er auch wollte, v/ie das Wild 
im Walde, wie das Raubtier in der Wüste vereinzelt leben. 
Er würde in der Einöde verkümmern, seine Bestimmung 
verfehlen, seine natürliche Bestimmung, versteht sich, 
denn mit der theologischen haben wir nichts zu tun. Diese 
natürliche Bestimmung des Menschen aber ist, wie die 
aller erschaffenen Wesen, die Entwicklung sämt- 
licher in ihm enthaltenen Keime und An- 
lagen." (Wie treffhch wohl die Fabrikarbeiter in der 
Fabrik Ihres Freundes, des Kommerzienrats und Fabri- 
kanten Leonor Reichenheim, ,,s ämtliche in ihnen 
enthaltenen Keime und Anlagen" entwickeln 
mögen!) 

,,Zu einer solchen Entwicklung gelangt aber der Mensch 

6 Laseaüs, Gte. SutritteT». Bind V. 81 



in völliger Abgeschlossenheit mit sich allein niemals, viel- 
mehr bedarf es dazu notwendig des Zusammenlebens und 
dadurch ermöglichten Austausches gegenseitiger Hilfs- 
leistungen mit Wesen seiner Art." (In diesem salbungs- 
vollen Brei spielt wieder der „Austausch" die Haupt- 
rolle! Ich werde Ihnen später den Mißbrauch klar 
machen, den Sie mit dieser Kategorie treiben, indem Sie 
sie aller und jeder Bestimmtheit entkleiden. Von 
,, Austausch" ist nur bei solchen die Rede, die fertige 
Produkte miteinander austauschen. Aber freilich, der 
Kommerzienrat Reichenheim und seine Arbeiter tauschen 
„gegenseitige Hilfsleistungen miteinander aus!" 
Wie liebhch, wie gemütlich!) ,,Ohne dies würde dem 
einzelnen in den meisten Fällen kaum die kümmerliche 
leibliche Existenz möglich sein und seine ganze Zeit und 
Kraft in den mühseligsten und rohesten Verrichtungen 
zur Beschaffung der allernotwendigsten Subsistenzmittel 
völlig erschöpft werden, ohne daß ihm zur Ausbildung 
der höheren Anlagen des Geistes und Gemütes irgendwie 
Zeit und Gelegenheit würde. Man lasse dabei nie außer 
Augen : das ärmlichste und niedrigste Los, welches jeman- 
dem unter uns nur immer beschieden sein mag, ist einem 
Dasein außerhalb der menschlichen Gesellschaft, abge- 
schieden von aller Berührung mit anderen Menschen, vor- 
zuziehen. Der ärmste Tagarbeiter schläft doch auf Stroh, 
hat Kleidung und Obdach, so schlecht sie sein mögen, sein 
Stück Brot für den Hunger und besitzt irgend ein Gerät 
und Werkzeug zur Wirtschaft imd Arbeit. Wie wäre 
es, stände er nackt und bloß, allein für sich in der Öde 
— hätte er da wohl Aussicht, sich diese Gegenstände zu 
beschaffen?" 

Nun also, das gilt doch nach Ihnen selbst für jeden 
einzelnen, wenn keine mensohliche Gesellschaft da wäre, 



würde nach Ihnen selbst auch für Herrn Leonor Rei- 
ch e n h e i m gelten, wenn er außerhalb der Gesellschaft 
lebte. Ist es Ihnen nun nie eingefallen, Herr Schulze, 
darüber nachzudenken, woher es doch käme, daß diese 
menschliche Gesellschaft dem einen Individuum so viel 
nützt und dem anderen so wenig? 

An der bloßen individuellen Arbeit kann es 
ja nach Ihnen selbst nicht liegen, weil wir ja nach Ihnen 
selbst außerhalb der menschlichen Gesellschaft als reine 
Individuen, trotz aller individuellen Arbeitskraft, alle 
mitsammen nichts hätten. Folglich muß es ja nach 
Ihnen selbst an der gegebenen festen Organisa- 
tion der menschlichen Gesellschaft liegen! 
Und das hatten Sie ja auch schon früher eingestanden, 
indem Sie die ,, menschliche Gesellschaft" als das Ele- 
ment zugaben, ,, durch welches die Arbeit in Form und 
Art ihrer Verrichtung wesentlich bestimmt wird," 
also wenn in bezug auf Form und Art ihrer Verrichtung, 
doch notwendig auch in bezug auf ihren Ertrag. 

Es wäre also an dieser gegebenen Produktionsform, 
welche die heutige menschliche Gesellschaft der ,, Arbeit 
in Form und Art ihrer Verrichtung" aufdrückt, eben das 
zu ändern, was hervorbringt, daß die einen Menschen 
aus der ,,menschKchen Gesellschaft," der menschlichen 
Gemeinsamkeit, so viel, die anderen so wenig Nutzen 
empfangen. 

Und so wären denn selbst in Ihrem schlechten Buche, 
selbst in Ihrem gedankenlosen Gewäsch immer noch die 
Sätze enthalten, durch welche die Notwendigkeit einer 
Veränderung der Produktionsform, der ,,Form und Art 
der Arbeits Verrichtung" , welche die heutige menschliche 
Gesellschaft der gesellschaftlichen Arbeit aufdrückt, voll- 
konunen eingeräumt und zugestanden werden. 

•• 83 



Freilich hüten Sie sich vor nichts mehr, als davor, 
Ihrem eigenen Satze, daß die menschliche Gesellschaft 
das Form und Art der Arbeitsverrichtung bestimmende 
Element sei, ins Auge zu sehen. 

Wir haben gesehen, wie Sie diesen Satz, mit dem Sie 
diesen Abschnitt eröffnen, und zu dessen Erklärung der 
ganze Abschnitt bestimmt ist, in die leersten Allgemein- 
heiten vervs^ässern, statt ihm irgend auf den Leib zu rücken. 
Sehen wir, wie Sie ihn weiter entwickeln. Sie fahren 
also auf derselben Seite (p. 12) fort: 

,, Prüfen wir nun, wie diese Beziehungen sich zu jenem 
Kreislauf, der, wie wir sahen, das Leben des einzelnen 
ausfüllt, verhalten, und wie beide, die Forderungen des 
Einzellebens und die Bedingungen des geselligen 
Ve r k e h r s sich in Einklang miteinander setzen. 

,,Bedürfnis — Anstrengung — Befriedi- 
gung, das waren die drei Seiten, unter denen sich uns 
jener Kreislauf darstellte. Fassen wir dieselben einzeln 
in das Auge, so drängt sich uns bei genauerem Hinblick 
sofort ein wesentlicher Unterschied zwischen ihnen auf. 
Im Bedürfnis und der Befriedigung, den An- 
fangs- und Endpunkten des Ganzen, die fortwährend inein- 
ander verlaufen, um eins aus dem anderen von neuetn 
hervorzugehen, haben wir etwas höchstPersönliches 
vor uns, in dem Sinne, daß ihre Überleitung ineinander 
immer nur in einer und derselben bestimmten Person, 
ohne Teilnahme einer anderen, vor sich gehen kann. Es 
gibt kein Bedürfnis, dessen Befriedigung bei einem an- 
deren, als dem, der es empfindet, stattfinden kann, und 
umgekehrt. Weder meinen Hunger, noch meinen Durst, 
noch meine Müdigkeit kann ich einem Gesättigten und 
Ausgeruhten mitteilen, noch werde ich dadurch satt oder 
gestärkt, daß ein anderer für mich ißt oder schläft. Da 

84 



hilft nichts, ich muß selbst essen, trinken, schlafen, atmen 
usw., wenn ich das Bedürfnis dazu empfinde, sonst wird 
mir nicht geholfen, ein anderer kann das nicht für mich 
abmachen. Halten wir daher fest: es ist ein für allemal 
unmöghch, daß jemand sein Bedürfnis auf einen anderen 
überträgt, und daß die Befriedigung eines Bedürfnisses, 
welches jemand empfindet, sich in einem anderen als in 
ihm selbst vollziehen kann. Beide Vorgänge fallen un- 
mittelbar und mit Notwendigkeit in einem und demselben 
Menschen zusammen. 

„Ganz anders verhält es sich dagegen mit dem Mittel- 
glied in der Kette, der Anstrengung, welche dazu 
dient, dem Bedürfnis zur Befriedigung zu verhelfen. Sie 
kann von jedem behebigen anderen ausgehen, als von dem, 
der das Bedürfnis empfindet, und ihm doch zur Befriedi- 
gung verhelfen. „Die E rzeugnisse der mensch- 
lichen Arbeit sind übertragbar," lautet das hier 
eingreifende volkswirtschafthche Gesetz. Wir können nicht 
einer statt des anderen genießen, aber wir können 
einer für den anderen arbeiten, wir können uns 
einander gegenseitig Dienste leisten und mit dem, was 
jeder zum Leben braucht, versorgen — dies die große 
und weise Einrichtung der Natur, wodurch die Gesell- 
schaft, der geselhge Verkehr der Menschen überhaupt 
möglich wird." 

Ist es erhört! Sind unsere Arbeiter Neger, Herr 
Schulze? Auf über einer Druckseite setzen Sie den 
Leuten auseinander, daß jeder selbst essen, selbst trinken 
muß, wenn er satt werden will, daß da , .nichts hilft" etc. 
etc. etc. Das wußten wohl die Arbeiter noch nicht, ehe 
sie zu Ihnen kamen, Herr Schulze ? Dieses Klein- 
kindergeschwätz nennen Sie populäre Vorträge für 
Arbeiter ? 

85 



Auf über einer Druckseite explizieren Sie den Ar- 
beitern, daß sie essen und trinken nicht auf andere über- 
tragen können — und das alles, wie mir ein Witzling 
bemerkte, um dadurch den Arbeitern zu beweisen, daß 
sie das Essen und Trinken auf die Bourgeois übertragen 
müssen! 

Wo nehme ich die Geduld her, Herr Schulze, mich 
durch Ihren Hirsebrei durchzuwürgen und warum kann 
i c h das nicht auf einen anderen übertragen ? 

Sie fahren in Ihrer erleuchteten Explikation des Satzes, 
daß die menschhche Gesellschaft das Element sei, durch 
^velches „die Arbeit in Form und Art ihrer Verrichtung 
bestimmt wird" fort, wie folgt: 

,,Aber nicht genug, daß somit die Möghchkeit der 
Gesellschaft gegeben ist, so liegt jn dieser natürlichen 
Organisation der Arbeit, welche wurzelt in der 
Organisation des Menschen selbst, wie wir dies im allge- 
meinen schon erwähnten, zugleich ihre Notwendig- 
keit." In ...dieser Organisation der Arbeit?" 
In weicher Organisation, Herr Schulze ? Sie haben noch 
von keiner Organisation der Arbeit gesprochen. Sie haben 
die heut bestehende Organisation der Arbeit noch 
nicht Im geringsten geschildert, dargelegt, erklärt. Alles 
ist bei Ihnen ein fortgesetzter Mißbrauch von Worten, 
tönenden Worten ! Sie haben bisher nichts gesagt, als 
den Kindersatz : ,,daß man zwar nicht das Essen, wohl 
aber das Arbeiten auf einen anderen übertragen kann." 
Es Ist WEihr, Sie haben ihn nicht nur gesagt, sondern auf 
zwei Druckseiten breit getreten. Aber es ist deshalb 
doch nicht mehr daraus geworden. Und indem Sie sich 
auf diesen Satz zurückbeziehen, nennen Sie das ,,diese 
natürliche Organisation der Arbeit," als wenn 

86 



Sie sich im geringsten darauf eingelassen hätten, die heut 
wirklich bestehende zu schildern und zu erklären! 

O, Sie unverwüstlicher Wortmacher 1 

Sie fahren unmittelbar fort, oder vielmehr Sie heben 
von neuem an: ,,Wir können nicht bloß einer für den 
anderen arbeiten, einer dem anderen unsere Arbeitser- 
zeugnisse zu Gebote stellen, nein, wir müssen es, wenn 
wir überhaupt zur völligen Befriedigung aller Bedürfnisse 
mittelst unserer Arbeit gelangen wollen." 

Bim ! bam ! bam 1 bim ! 

,,Denn — fahren Sie fort — dem schon oben von uns 
aufgestellten Satze: 

daß außerhalb der Gesellschaft die Be- 
dürfnisse des vereinzelten Menschen 
seine Kräfte übersteigen und Ve r k ü m m e - 
rung sein gewisses Los ist 
steht der andere ebenso unumstößlich gegenüber: 

daß innerhalb der Gesellschaft im Aus- 
tausch der wechselseitigen Arbeitser- 
zeugnisse und Leistungen die Kräfte des 
Menschen weit über seine Bedürfnisse 
hi nau sgehen." 

Nun also, Herr Schulze : Der erste dieser beiden Sätze, 
die Sie gesperrt und breitgedruckt anführen, daß außer- 
halb der Gesellschaft die Bedürfnisse des vereinzelten 
Menschen seine Kräfte übersteigen und Verkümmerung 
sein gewisses Los ist, ist wahr, unbestritten und unbe- 
streitbar wahr. Er ist ganz allgemeingültig wahr, er gilt 
von jedem Menschen, sogar von Leonor Reichenheam, 
wie ich Ihnen schon oben (p. 83) bemerkHch machte und 
wie Sie hier selbst zugeben, indem Sie ihn schlechtweg 
von jedem Menschen, von ,.dem Menschen" aussagen. 

87 



Aber der zweite Satz, den Sie dem ersten ebenso 
breitgedruckt und gesperrt gegenüber setzen, daß „in- 
nerhalb der Geseliscliaf t die Kräfte des Men- 
schen weit über seine Bedürfnisse hinaus- 
gehen" — ist der ebenso allgemeingültig wahr ? Von 
L e o n o r R e i c h e n h e i m und vielen in seiner oder auch 
noch weniger glücklichen Lage befindHchen Menschen ist 
er freihch wahr, im höchsten Grade und in verschiedenen 
Abstufungen wahr. Aber ist er deshalb auch von „dem 
Menschen" wahr? Ist er wirkhch von allen heutigen Men- 
schen wahr ? Oder von der großen Majorität derselben ? 
Oder von der Hälfte ? Oder nur dem Drittel ? oder dem 
Viertel ? 

Soll ich Sie auf die statistischen Scliilderungen 
der Lage des Proletariats in England verweisen, des 
Landes, wo ,,Geweruefreiheit und Freizügigkeit" in un- 
bedingter Ausdehnung herrschen und das Sie (p. 70 Ihres 
Katechismus) in Ihrer kolossalen Unkenntnis aller Dinge 
gerade in bezug auf die Lage seiner Arbeiter so loben ? 
oder auf Flandern, welches gleichfalls alle Vorteile der 
Gewerbefreiheit und Freizügigkeit genießt, und wo in- 
folge dieses Segens schon 1847 auf eine Bevölkerung 
von nicht ganz anderthalb Millionen bloß an Vagabunden 
unter 18 Jahren 225894 kamen und in Ostflandern auf 
je 100 Einwohnern 36 Almosenempfänger gerech- 
net wurden ? ^) 

Aber bleiben wir im Vaterlande 1 

Lesen Sie also über die Lage der ländlichen Arbeiter- 
bevölkerung die Nachweise, welche ich aus den amtlichen 
vom Königlichen Landesökonomiekollegium ausgegangenen 



^) Siehe Ducpetiaux, sur le pauperisme dans le« Fi andres. 
Bruxelles 1850. 

88 



Untersuchungen und dem darüber von Professor von Len- 
gerke im Jahre 1849 im Auftrage der Regierung ver- 
öffentlichten Werke in meiner Schrift: „Die indirekten 
Steuern und die Lage des Arbeiterstandes" ^) p. 76 bis 
p. 85") zusammengestellt habe! Sie finden daselbst auf 
jeder Seite die amthchen Eingeständnisse und speziellen 
Nachweise — obwohl das amtUche Werk die Lage der 
Sache natürlich noch soviel wie möghch zu beschönigen 
sucht — daß diese Leute „selbst bei billigen Nahrungs- 
preisen fastinbeständigemNahrungsmangel"; 
daß „größtenteils diese Klasse Menschen kein hohes Alter 
erreicht, woran natürlich die schlechte Lebens- 
weise, übermäßige Arbeit und der Nah- 
rungskummer schuld ist"; daß „ihre physi- 
sche Kraft im Abnehmen ist" infolge des über- 
wiegenden Kartoffelgenusses und der „unzureichenden und 
schlechten Neihrungsmittel überhaupt". 

Oder wollen Sie lieber statistische Nachweise über die 
Lage des industriellen Arbeiterstandes ? 

Lesen Sie also, was ich in meinem Frankfurter ,, Ar- 
beiterlesebuch" ^) p. 27 — 30^) aus den besten und un- 
bestrittensten statistischen Quellen über die durchschnitt- 
liche Lebensdauer des industriellen Arbeiterstandes zu- 
sammengetragen habe. Lesen Sie z. B. die daselbst p. 28^) 
von mir aus den Forschungen des Geheimrat Engel, des 
Direktors des hiesigen Amtlichen Statistischen Bureaus, 
beigebrachten Nachweise, daß in Berlin die Rentiers 



1) Zürich, bei Meyer & Zeller 1863. 

2) Bd. II, S. 400 ff. unserer Ausgabe. 

2) Frankfurt am Main, bei Reinhold Baist 1863. 
*) Bd. III, S. 219 bis 225 unserer Ausgabe. 
â– ^) Bd. III, S. 222 ff. unserer Ausgabe. 



89 



durchschnittlich ein Alter von 66 V2 Jahren, die Maschinen- 
bauer aber nur eines von 37V2 Jahren, die Buchbinder so- 
gar nur von 35 und die Tabakspinner und Zigarrenmacher 
endlich nur eines von 31 Jahren erreichen, mit anderen 
Worten also: infolge ihrer schlechten Lage 
nicht einmal die Hälfte ihrer natürlichen 
Lebensdauer erreichen. 

Oder wollen Sie einen Überblick haben, in welchem 
Zahlenverhältnis zueinander wohl diejenigen stehen, 
deren Kräfte und Mittel in der Gesellschaft „weit über 
ihre Bedürfnisse hinausgehen" und diejenigen, 
bei denen dieselben vielmehr ,,weit hinter ihren Be- 
dürfnissen zurückbleiben? 

Werfen Sie also wieder einen Blick in meine Schrift : 
,,Diö indirekte Steuer und die Lage des Arbeiterstandes", 
wo ich [s. p. 55 — 66, besonders die Tabelle p. 63^)] 
durch die genauesten amtlichen Nachweise ge- 
zeigt habe, daß die blutarme Klasse der Gesell- 
schaft, diejenige, welche V2 — 1 Taler, 2 und 3 Taler 
jährlicher Klassensteuer bezahlen, nicht weniger als 
89,06 Prozent aller Klassensteuerpflichtigen im Staate 
bilden. Und zwar war diesmal, während ich mich in mei- 
nem ,, Antwortschreiben" noch hatte mit summarischen 
Nachweisen begnügen müssen, der Nachweis so speziell 
und auf die neuesten und genauesten amtlichen Ver- 
öffentlichungen gegründet, daß seit der Publikation meiner 
„Indirekten Steuern" und meines „Anhanges" zum Frank- 
furter ,, Arbeiterlesebuch" kein Schulze und kein Wacker- 
nagel mehr das geringste hat einwenden können und all 
der in dieser Hinsicht gegen mein „Antwortschreiben" 
erhobene Lärm kläglich verstummt ist ! 



1) Bd. II. S. 371 bis 385 bzw. S. 382 unserer Ausgabe. 
90 



Hier haben Sie also das Zahlenverhältnis derer, 
deren Kräfte und Mittel in der Gesellschaft, wie Sie 
sagen, ,,weit über ihre Bedürfnisse hinaus- 
gehen", und derjenigen, bei denen sie weit hinter 
ihren Bedürfnissen zurückbleiben! 

Aber wozu soll ich denn mit Ihnen Statistik treiben, 
Herr Schulze? 

Gehen Sie doch in Ihren eigenen hiesigen Arbeiter- 
verein. 

Welcher dieser Arbeiter, selbst von denen, die Ihnen 
am enthusiastischsten Beifall schreien, würde Ihnen denn, 
wemi Sie ihn einfach und ernsthaft fragen, zugeben, 
daß seine Kräfte und Mittel ,,weit über seine Be- 
dürfnisse hinausgehen?" Welcher dieser Arbei- 
ter würde denn nicht entrüstet sein, wenn Sie ihm 
nackt, ohne Phrasenverbrämung, die Zumutung machen, 
dies einzuräumen? Sehen Sie denn nicht, Herr Schulze, 
daß Ihnen diese Leute bloß Beifall klatschen, weil Sie 
sie durch das ewige gedankenlose Bimbamgeläute Ihrer ver- 
schwommenen Phrasen schon um alles Denken gebracht 
haben, schon so weit gebracht haben, daß sie gar nicht 
mehr wissen, was die Phrasen bedeuten, auf die sie 
„Hurra" schreien ? I 

Wenn Sie also sagen, daß innerhalb der Gesellschaft 
die Kräfte und Mittel ,,des Menschen weit über seine 
Bedürfnisse hinausgehen", so läßt sich hierauf nichts 
weiter erwidern, als folgendes : Wie ich schon oben (p. 32) 
gezeigt habe, daß Ihnen der Köln- Mindener Eisenbahn- 
aktionär ,,der Arbeiter" ist, so ist Ihnen ganz konsequent 
Herr Leonor Reichenheim ,,der Mensch", der Normal- 
mensch, der Mensch, der die Gattung bedeutet I 

Oder haben Sie vielleicht in jenem Satze, daß Inner- 
halb der Gesellschaft ,,die Kräfte des Menschen weit 

91 



über seine Bedürfnisse hinausgehen", den unbestimmten, 
zweideutigen Ausdruck: „die Kräfte des Menschen" 
nicht in dem Sinne genommen, in welchem ich ihn näher 
bestimmt und erläutert habe, indem ich ihn umschrieb: 
„die Kräfte und Mittel des Menschen"? Haben Sie 
ihn vielleicht nur in d e m Sinne genommen, daß inner- 
halb der Gesellschaft die Produktivkräfte des Men- 
schen „weit über seine Bedürfnisse hinausgehen", aber 
darum noch nicht seine Mittel, so daß er zwar „weit 
über seme Bedürfnisse hinaus" produziert, hervor- 
bringt, ihm dies aber darum noch nicht als seine 
eigenen Mittel zugute kommt? 

Aber wenn dies der Fall ist: wo bleibt dann das, 
was innerhalb der Gesellschaft der Mensch weit über 
seme eigenen Bedürfnisse hinaus produziert und 
was doch nicht ihm selbstalsseineeigenenMit- 
tel zugute kommt? Dieser Überschuß seiner Pro- 
duktionskräfte wandert dann also in fremde Ta- 
schen? 

Und dann hätten Sie ja alles zu'ge geben, was 
ich behaupte und Sie bestreiten! 

Demi das ist ja eben meine Behauptung, daß schon 
heut der Mensch jedenfalls soviel, wie er bedarf, produ- 
ziert und produzieren kann, daß aber durch die heutige 
OrgarJsation der Produktion seine Produktionskräfte 
und Produktionsleistangen sich nicht für ihn selbst in 
seine eigenen Mittel verwandeln. 

Es bleibt also schon dabei — da es Ihnen ja nicht ein- 
fallen kann, mir dies zuzugeben — daß Sie in jenem 
Satze, wie sehr „innerhalb der Gesellschaft die Kräfte 
des Menschen weit über seine Bedürfnisse hin- 
ausgehen", das Wort: , .Kräfte" in dem Sinne von 
„Kräfte und Mittel" nehmen, wie ich es näher erläutert 

92 



habe. Es bleibt also schon dabei, daß Ihnen Herr Leonor 
Reichenheim „der Mensch" ist, der die Gattung bedeu- 
tende Mensch I 

In der Tat, was bedeuten denn die in anderer LagQ 
befindlichen Menschen ? Diese werden mit tönenden 
Phrasen amüsiert, es wird ihnen so lange ein Schleim 
und Brei von Worten eingegeben, bis ihnen glücklich 
jede Ritze des Gehirns verstopft ist, so daß sie brüllen 
und toben gegen ihr eigenes Interesse ! 

Aber hören wir immer weiter und trotz seiner unaus- 
stehlichen Langweiligkeit das Bim! Baml, durch welches 
Sie das Thema explizieren, das Sie sich in diesem, die 
,,F orm der Arbeit innerhalb der menschlichen Ge- 
sellschaft" überschri ebenen Abschnitt selbst gestellt haben ; 
das Thema, zu zeigen: wie durch ,,die menschliche 
Gesellschaft die Arbeit in Form und Art 
ihrer Verrichtung wesentlich bestimmt wird." 
Noch haben Sie zwar kein Wo r t zur Explikation dieses 
Themas gesagt ! Noch waren alle Ihre Worte — und wir 
haben ohne Fortlassung Silbe für Silbe an- 
geführt, die Sie in diesem Abschnitt gesagt haben, 
— nur die gedankenlosesten, bis zu einem unausstehlichen 
Brei breitgetretenen Gemeinplätze. Aber Sie müssen Ihrem 
Gegenstande doch endlich einmal auf den Leib rücken, 
vielleicht kommt es noch ; sehen wir also weiter ! 

Sie fahren unmittelbar auf den zuletzt angeführten Satz 
fort, wie folgt: 

,,Eine der Hauptursachen, weshalb die Menschen ein- 
zeln für sich nicht imstande sind, sich mit allen ihren Be- 
dürfnissen zu versehen, liegt in der überaus verschiedenen 
Verteilung der Anlagen und Kräfte unter ihnen, in ihrer 
verschiedenen Begabung, welche die einzelnen 
nur zu dieser oder jener, keinen aber zu allen den \aelen 

93 



und mannigfaltigen Arbeitsverrichtungen befähigt, welche 
zu diesem Behuf e erforderlich sind. So mußten dieselben, 
durch die eigene Natur getrieben, wohl ganz von selbst 
auf den einzig möglichen Ausweg verfallen und diese 
Aufgaben unter sich verteilen. Anstatt sämtliche zu 
seiner Versorgung notwendigen Arbeiten zu übernehmen, 
widmet sich jeder nur einer oder der anderen davon. Zwar 
gelangt er so durch seine unmittelbare Tätigkeit nur zur 
Befriedigung eines und des anderen seiner Bedürfnisse. 
Allein indem er seine ganze Zeit und Kraft darauf ver- 
wendet, gewisse Artikel herzustellen oder gewisse Ver- 
ric^htungen ;zu übernehmen, vermag er in einer solchen 
besonderen Branche natürlich weit mehr zu leisten, als 
er zu seinem eigenen Gebrauche bedarf, und behält einen 
mehr oder minder bedeutenden Überfluß davon, welchen 
er anderen Personen zur Verfügung stellen kann. Da 
nun diese ihrerseits wiederum ebenso verfahren und von 
ihnen sich jeder eine besondere Arbeitsbranche aussucht, 
so ist, bei der unendlichen Verschiedenheit der Neigungen 
und Fähigkeiten unter den Menschen, mit Gewißheit dar- 
auf zu rechnen, daß alle nur denkbaren Beschäftigungs- 
arten vertreten sein werden, und der Gesamtbedarf in 
allen möglichen Richtungen sein Genüge findet. Auf diese 
Weise kann sich jeder versichert halten, daß er für das- 
jenige, was er in seinem Geschäftszweige über seinen Be- 
darf hinaus schafft, alles, was er sonst zu seinem Leben 
braucht, von den anderen tauschweise erhalten kann, unter 
der Bedingung nämlich, daß sein eigenes Arbeitsprodukt, 
seine Leistung, jenen ebenfalls zur Befriedigung einea 
Bedürfnisses dient und ihnen genehm ist. Der eine z. B. 
fertigt Tuch, der andere Kleider, jener Schuhwerk, dieser 
Möbel, noch andere bauen Häuser, treiben Acker- und 
Bergbau usw. , und jeder gibt die gewonnenen 

94 



Produkte, die er nicht selbst für sich ge- 
braucht, im Austausch gegen die Produkte 
der anderen hi n." 

Dieser Satz übersteigtalles, wasdagewesen! 

Sie sprechen zu Arbeitern, Herr Schulze. Sie 
schreiben einen ,,Ar bei t er kat echismu s". Und Sie 
schildern den Leuten die ,,Form der Arbeit inner- 
halb der heutigen Gesellschaft" also : ,,Der eine z. B. 
fertigt Tuch, der andere Kleider, jener Schuhwerk, dieser 
Möbel, noch andere bauen Häuser, treiben Acker- und 
Bergbau usw., und jeder gibt die gewonnenen 
neuenProdukte, die er nicht selbst für sich gebraucht, 
im Austausch gegen die Produkte der anderen hin." Mit 
anderen Worten : Sie schildern den Arbeitern ihren eigenen 
Stand als — eine Welt vonlauterUnternehmern! 

In Ihrer rosigen Phantasie verwandeln sich alle Fabrik- 
arbeiter, diese Maschinenteile einer großen Gemeinpro- 
duktion, in lauter kleine selbständige Unter- 
nehmer, die fertige gewonnene Produkte be- 
sitzen und für eigene Rechnung verkaufen!! 
Das ist also nach Ihnen die ,,Form der Arbeit inner- 
halb der (heutigen) menschlichen Gesellschaft", die Sie 
entwickeln wollten, das die Weise, zu welcher die mensch- 
liche Gesellschaft, ,,die Arbeit in Form und Art 
ihrer Ve rrichtung bestimmt ! !" Ist eine so grobe 
Täuschung je dagewesen und ist es da auch nur möglich, 
den Glauben an den guten Glauben irgend festzuhalten!^) 



^) Hier mag es gestattet sein, daran zu erinnern, daß ganz 
ähnliche Stellen wie die Schulze-Delitzschsche, gegen die Las- 
salle sich hier wendet, sich u. a. auch schon bei dem Sozialisten 
Proudhon finden. Gleich am Anfang des ,, Elends der Philo- 
sophie" — S. 1 bis 5 der deutschen Ausgabe — zitiert Marx 
einen Satz aus Proudhon, wo dieser, um die Entstehung des 

05 



Denn wie wenig Sie auch im geringsten von national-öko- 
nomischen Gegenständen irgend etwas verstehen, wie sehr 
Sie auch in der volkswirtschaftlichen Sphäre immer der 
kleine Patrimonialrichter unwiderruflich bleiben, der Sie 
ursprünglich waren — soviel weiß doch jedes Kind von 
unseren heutigen Zuständen, um über diese Darstellung 
des heutigen Arbeitsprozesses in Lachen auszubrechen ! 

Sie lösen die soziale Frage viel schneller und wider- 
standsloser als ich — auf dem Papier! Sie eskamo- 
tieren alle Arbeiter und verwandeln sie in Unternehmer 
— auf dem Papier! 

Und der Arbeiter, welchen die künstliche Verdum- 
mung, die Sie mit ihm betreiben, der Phrasennebel, mit 
welchem Sie ihn bearbeiten, bereits so weit narkotisiert 
hat, daß Sie ihm glücklich nicht nur jeden Verstand, son- 
dern sogar schon Hören, Sehen und Fühlen ausge- 
trieben haben — der Arbeiter brüllt begeistert ,,Hoch' , 
wenn Sie ihm die heutige gesellschaftKche Arbeit seines 



Tauschwertes zu erklären, es fertig bekommt, zu schreiben: 
„Da ich nicht an so viele Dinge — wie nämlich zur Befrie- 
digung der verschiedenartigen Bedürfnisse erfordert sind — 
selbst Hand anlegen kann, so werde ich andern Menschen . . . 
den Vorschlag machen, mir einen Teil ihrer Produkte im Aus- 
tausch gegen meines abzutreten", und weist die Absurdität 
solcher Erklärung ökonomischer Kategorien nach. Die Neigung, 
sich ohne Rücksicht auf Ort und Zeit die ganze Menschheit 
bald als selbständige Unternehmer, bald als lauter Arbeiter 
vorzustellen, ist das Malheur aller Kleinbürgerei, des klein- 
bürgerlichen Soziallsmus wie des liberalen Kleinbürgertums. 
Kein Wunder daher, daß, wie aus der nächsten Lassalleschen 
Note hervorgeht, Proudhon und sein vermeintlicher Gegner 
Bastlat sich auch in diesem Punkt auf gleichem Boden be- 
gegnen. Eine Absicht, zu täuschen, braucht damit nicht ver- 
bunden zu sein. D. H. 

96 



Standes so schildern, daß „jeder die gewonnenen 
Produkte" veräußert, daß jeder ein selbständiger 
Unternehmer ist ! 

Wenn dies eine Fälschung ist, welche jeden Gedanken 
an Ihren eigenen guten Glauben an das, was Sie sagen, 
beseitigen muß und man nur Ihren Mut bewundern kann, 
mit welchem Sie dies einer Arbeiterversammlung 
vorzutragen wagen, so findet sich in demselben kurzen 
Satze von zwei Zeilen noch in anderer Hinsicht eine s o 
grandiose und so naive Unkenntnis der heutigen ge- 
sellschaftlichen Arbeit, der ,,Form und Art der Arbeits- 
verrichtung", zu welcher die heutige Arbeit ,, durch die 
menschliche Gesellschaft bestimmt" wird, daß man in 
die heiterste Laune dadurch versetzt wird 1 

,, Jeder ^ibt die gewonnenen Produkte, die er 
nicht selbst für sich gebraucht, im Austausch 
gegen die Produkte der anderen hin." 

Herr Schulze! Patrimonialrichter ! haben Sie denn gar 
keinen Begriff von der wirklichen Gestalt der heutigen 
gesellschaftlichen Arbeit ? Sind Sie denn nie aus Bitter- 
feld und Delitzsch herausgekommen ? In welchem Jahr- 
hundert des Mittelalters leben Sie denn eigentlicih noch 
mit allen Ihren Anschauungen ? ! 

Sie stellen in jenen naiven Worten den heutigen Prozeß 
der gesellschaftlichen Arbeit so dar, als ob jeder durch 
seine Arbeit zunächst die Produkte gewinnt, die er für 
sich selbst gebraucht und dann den Überschuß der 
gewonnenen Produkte, „den er nicht für sichselbst 
gebraucht" austauscht^). D. h. mit anderen Worten: 



^) Diese Darstellung des heutigen Produktionsprozesses bei 
Ihnen beruht auch durchaus nicht — in welchem Falle ich 
kein Wort darüber verlieren würde — ■ auf einem Schreib - 

7 LaseaU;. G«. Sckriftea. Band V. 97 



Sie denken sich die heutige gesellschaftliche Arbelt, 
wie sie dies in fernen J j. iir h i' nd e i ;,en des Mit- 
tel ?llers in der Tar war, als Naturalwirt- 
schaft, bei welcher jeder zunächst produziert was er 
für den eigenen Bedaif gebraucht und nur den 
Überschuß dieser Produkte, die er nicht mehr für sich 
gebrauchi, austauscht 1 

Haben Sie denn gar keine Ahnung davon, daß sich die 
K e u l i g e gssellschaf iliche Arbeit gerade dadurch 
char ak ler isier l , daß jeder das produziert, was er 
für sich selbsi nicht gebiauchen kann? haben Sie gar 



fehler oc'sr sprach lic'her Ung-^nauigkeit etc. Sondern Sie stellen 
sich dies ganz realiler als cli3 Gestalt der heuhf;en Arbeit vor. 
So sagen Sie schon p. 14 mit einer noch viel breiteren Be- 
schreibun<5' ,Auf diese Weise kann sicK jrder versichert hahen, 
daß er für dajienige, was er in reinem Geschäftszweige 
über seinen Bedaif hinaus schafft, alles, was er son:t 
zu seinem Leben biauchi, von den c^ iJeien iauschweise erliahen 
kann" und a. and. O. Und dar. ke.m auch bei Ihnen gar nicht 
Wunder nehmen. Denn freilich sagt Bastiat zwar einmal 
(Harm. econ. ed. Brux. p. 102) : „Tausch, sagen einige, ist 
Umtausch des Überflüssigen gegen d?3 Nötige. Außer 6d^ 
dies den Tatsachen widerspricht, die unter unsern Augen 
vorfallen (outre que cela est coniiaire aux fails qui se pascent 
sous nos yeux), denn wer wird zu sagen wagen, daß der Bauer, 
indem er den Weizen abuilt, den er gebaut und den er nie 
essen wird, ein ihm Überflüs':iges hingibt etc." Allein nichts- 
destoweniger erklärt, wenn wir uns nicht sehr inen, an emer 
anderen Stelle, die wir nicht gleich finden können, cbwohl 
wir uns ihrer genau erinnern, auch Bastiat die heutige Arbeit 
ausdrücklich so, daß jeder Pioduzent „l'exces de «•a produc- 
tion" (den Überfluß seiner Produktion) gegen den Überschuß 
der Produktion anderer austausche. — Der Wiüsrfpaich zwi- 
schen beiden Stellen wird niemand wundern, welcher liest, was 
wir später über die fortlaufend sich selbst widersprechende Ge- 
dankenlosigkeit dieses Herrn nachweisen werden. 

98 



keine ATinupg davon, daß dies seit der großen Industrie 
so sein muß, daß hierin die Form und das We £ e n 
der heutigen Arbeit liegt und daß chne die schärfste 
Fesihaltung dieses Punktes keine einzige Seite 
unserer heajgen ÖÄonomischen Zustände, keine einzige 
unserer heutigen ökonomischen Erschsinungen begriffen 
werden kann? 

Nach Ihnen produziert also Herr Leonor Reichenheim 
auf Wü:i° Gie^-sdorf zunächst das Baum wolle ngarn, 
das er für sich gebraucht. Den Überschuß desselben, 
den ihm seine Töchter nicht mehr zu Strümpfen und Nacht- 
jacken verarbeiten können, tauscht er aas. 

Her** Borsig produziert zunächst Maschinen für seinen 
Familienbedarf. Die überschüssigen Maschinen ver- 
kauft er dann. 

Die Trauerm.odenmagazine arbeiten zunächst vorsorg- 
lich für die Todesfälle in der eigenen Familif. Was dann, 
indem diese zu spärlich ausfallen, an Trauerstoffen noch 
übrigbleibt, lauschen sie aus. 

Herr Wolff, der Eigentümer des hiesigen Telegraphen- 
Bureaus, Isßt zunächst die Depeschen zu seiner eigenen 
Belehrung und Vergnügen kommen. Was dann, nachdem 
er sich hinreichend an ihnen gesätligt, noch übrigbleibt, 
tauscht er mit den Börsenwölfen und Zeicungsredaktionen 
aus, die ihm dagegen mit ihren überschüssigen Zeitungs- 
korrespondenzen und Aktien aufwarten 1 

Ich stamme aus einer Engrossistenfamilie, Herr 
Schulze. Als ich ein Junge von 10 Jahren war, begriff 
idi nicht, warum meine Mutter und Schwester, wenn sie 
seidene Kleider haben wollten, in den Laden eines Detail- 
listen gingen, wo sie dieselben Stoffe, die in dem Maga- 
zine meines Vaters in Masse vorrätig waren, natürlich weit 

7» 99 



teurer kauften. Als ich aber 12 Ja'nre war, Katte ich den 
Grund dieser mich beunruhigenden Erfahrung weg. Mein 
Vater verkaufte die Stoffe en gros und hatte daher einen 
weit größeren Nachteil, wenn er aus Familien^efälligkeit 
ein Kleid von einem Stück Seidenzeug abschnitt, als 
wenn er dem Verkäufer en detail allen möglichen Auf' 
schlag bezahlte. Zugleich hatten meine Mutter und Schwe- 
ster bei dem Detaillisten den Vorteil, da.ß sie da zwar 
eine geringere Masse, aber eine größere Musterausvv'ahl 
fanden, so daß sie da besser sehen konnten, wie sich das 
Blümchen mit einem Punkt zu dem Blümchen ohne Punkt 
verhielte etc. 

Und bis ins Handwerk hinein ist es wahr geworden, 
daß jeder das produziert, was er nicht gebraucht. 
Moses & Son, die gewaltigen Kleiderhändler der Londoner 
City, beziehen wahrscheinlich die Röcke, die sie selbst 
tragen, von irgend einem fashionablen Schneider des West- 
ends, während dieser selbe Schneider, dessen Arbeits- 
zeit, Name und Fasson man zu einem ganz anders hohen 
Preise bezahlt, eben deshalb sehr ökonomisch handeln 
würde, seinen Rock bei Moses & Son zu kaufen. 

Und daß selbst bei der Acker Wirtschaft die Na- 
tu r a 1 Wirtschaft, die Produktion des eigenen Be- 
darfs, nu.- noch eine ganz verschwindende Rolle spielt 
— sowohl infolge der G e 1 d f o r m , durch die in der 
modernen Produktion alle Produkte unablässig hindurch 
müssen, als des großen Betriebes, weic'ies die bei- 
den Mittel sind, durch welche die moderne I idustrie ihren 
herrschenden Charakter auch der Bodenproduktion auf- 
gedrückt hat — werden wir später, so bekannt es ist, m 
einem anderen Zusammenhange noch in Kürze beweisen. 

Also: das ist eben der unterscheidende, scharf 
festzuhaltende Charakter der Arbeit in frü- 

100 



h e r e n Gesellschaftsperioden, daß man damals zunächst 
für den eigenen Bedarf produzierte und den Über- 
schuß abgab, d. h. vorherrschend Naturalwirt- 
schaft trieb. 

Und das ist wieder der unterscheidende Cha- 
rakter, die spezifische Bestimmtheit der Ar- 
beit in der modernen Gesellscliaft, daß jeder nur produ- 
ziert, was er durchaus nicht braucht, d. h. daß jeder 
Tauschwerte produziert, wie früher vorherrschend 
Nutz werte. 

Und begreifen Sie nicht, Herr Schulze, daß dies die 
notwendige und immer mehr um sich greifende ,,Form 
und Art der Arbeitsverrichtung" ist in einer Gesellschaft, 
in welcher sich die Teilung der Arbeit so weit 
entwickelt hat, v.'ie in der modernen Gesellschaft ? 

Aber wenn Sie das nicht begreifen, Sie kleiner Patri- 
moniairichter, wenn Sie sich die unorganische Arbeit immer 
noch unter dem Bilde irgend eines Fleischers in Bitter- 
feld oder Delitzsch vorsteilen, der vielleicht das fetteste 
Schwein für sich selbst einschlachtet und nur, was ihm 
davon nicht konveniert, seinen Kunden abgibt, so können 
Sie ja auch keine einzige von allen den unsere 
heutigen ökonomischen Zustände beherrschenden Tat- 
sachen und Erscheinungen begreifen ! Denn alle entwickeln 
Uxid leiten sich eben daraus ab, daß die Arbeit der 
heutigen Geseilschaft eine ausschließlich Tausch- 
werte produzierende, eine das, was man selbst 
nicht gebraucht, produzierende Arbeit ist ! Und sie lassen 
sich also nur begreifen, wenn diese unterschei- 
dende Bestimmtheit der heutigen Arbeit auf das 
s c h ä i K t e festgehalten wird ! 

Sie begreifen also nicht, daß diese ausschließlich 
auf Tausch v/erte, auf die Produktion von Dingen, 

lOi 



die man selbst nicht gebraucht, gerichtete Arbeit die 
Quelle des großen Reichtums ui.d zugleich der 
großen Armut unserer heutig?.! Ges£;lkchait ist. 

Sie begreifen nicht, daß sie den Weltmai kt ge- 
schaffen hat und nur mit ii)r dis Produktion für 
den Weitmarkt möglich ist. 

Sie bsgreiien nicht, daß sie die Ursache der Über- 
produktionen, der Krisen, der Handels- und 
ArbeiUbtockungen ist. 

Sie begreifen niJii, daß sie es ist, welche die Lage 
des Arbeiter Standes so überaus traurig und u.igewiß macht 
.und ihn den schiecküchsten Leiden aussetzt. Denn frei- 
lich war z. B. die L?g3 des Spinners und Webers noch 
gesiche.'ler in der Zeit, wo er — wie selbst in England 
noch bis gegen das Ende des vorigen Jahrhundeits — 
nebenbei noch ein Stück Acker bebaute, eine Kuh hielt 
und so Dinge für den eigenen Bedarf produzieite. 
Jemand, der sich die Hduplijahiüngsmlttel 'ü:' dei eigenen 
Bedaif selbst produziert, kann nie so sJa:e!l uad tief ins 
Elend gestoßen werden, wie jin?jnd, oer, wie unsere 
Arbeiter, ohne die geringste Widerstandskraft eities Kapi- 
tals fsglich mit Haut und Haar auf dem Weltmarkt liegt 
und von jeder Zackung desselben abhängt! Sie begreifen 
also ganz und gar die Ursache nicht, die überhaupt ans er 
Proletaxiat geschaffen hat? 

S.'e begreiien also auch nichi — und fieiüch begreifen 
Sie das sogar am allerwenigsten; aber ich werde Sie 
durch spätere Explikation noch zwingen, dies zu be- 
greifen — daß nur bei dieser auischließlich auf 
Tauschwerte gerichteten Produktion, also nur dann, 
wenn die Arbeit die ,,Form und Art ihrer Verrichtung" 
angenommen hat, daß jeder Dinge seines eigenen 
Nichtgebrauches produziert — daß nur dann, sage 

i02 



Ich, Kapital im eigentlichen Sinne vorhanden 
ist! — 

Sie begreifen also vorläufig nichts, nichts, gar 
nichts von allen unseren ökonomischen Zusländen ! 

Und gegen dieses Ihr Kleifikindergerede soll ich Öko- 
nomie dozieren ? 

Spätere Zelten, denen ja doch eigentlich alle meine 
Mühen und Anstreiigungen gelten, werden mir gerade 
das zum höchsien Vei dienst anrechnen, daß ich mich 
sogar der Selbsterniediigung untei zog, die für mich 
darin liegt, diss Ihr KindergeträtSwh erst noch zu kriti- 
sieren ! 

Uua nun lese jeder selbsc na:h, wie Sie noch eine 
ganze Seite hindurch (p. 15) das blshsr von Ihnen Ge- 
sagte bi eiltreten, es immer von neuem wiedei käuen, ohne 
das ge'lng-te h'nzuzüiügen. Und damli schließen Sie dann 
diesen Abschiiili., welcher die sLo.'ze Üjeischrlii trug: 
„F Ol m der Arbelt innerhalb der mensch- 
lichen Gesellschaft!" 

Hierauf folgt (p. 16) ein kurzer Abschnitt: ,,Die 
Teilung dci Arbeit in verschiedene Ge- 
schäftszweige im besonderen." 

Statt a'^er d.e ,,Teikng der Arbcii: in verschiedene 
Geschäftszweige im besonderen" darzu- 
legen, stielt zu untersuchen und nachzuweisen, welche 
Wiikung die Teilung des Arbeitsprozesses auf die Lage 
der verschiedenen Arbeitsiaktoren im besonderen 
habe, folgen auch hier nur wieder die ganz beka'.mtein, 
jedes Kompendium, ja schon die Klnderschiiften füllen- 
den Gemeinplätze über die durch die Teilung der Arbeit 
gesteigerte Leistungsfähigkeit derselben, über 
ihre durch di.seibe Teilung beförderte Verhütung der 
Kapitälsvergeudung bei der Arbeit und über die 

103 



durch dieselbe ermöglichte Benutzung der Naturkräf te 
und Schätze (?) der verschiedenen Zonen. Mit an- 
deren Worten : während Sie durch Ihre Überschrift ver- 
sprechen „die Teilung der Arbeit in verschiedene Ge- 
schäftszweige im besonderen" zu behandeln, han- 
deln Sie über die Teilung der Arbeit Imallgemeinen! 
Sie verstehen nicht einmal den Sinn Ihrer eigenen Kapitel- 
überschriften ! Überschrift und Inhalt passen aufeinander, 
wie die Faust aufs Auge ! 

Und wenn ich sagte, daß Sie hierbei wieder nur Dinge, 
die bereits längst zu Gemeinplätzen geworden sind, ab- 
leiern, so habe ich noch viel zu wenig gesagt. Ich hätte 
hinzufügen müssen, daß Sie sie noch verwässern und 
verderben! 

Adam Smith, welcher vor ungefähr 100 Jahren nach 
dem Vorgang Fergusons ^) die Vorteile, welche die Tei- 



^) Adam Ferguson, an essay on the history of civil soclety, 
ed. Basel. Part IV. sect. I. Of the Separation of Ares and 
Professions. — Ferguson ist dabei objektiver als Adam Smith, 
indem er zugleich die nachteiligen Folgen der entwickelten 
Teilung der Arbeit für die geistigen Fähigkeiten hervorhebt, 
die übrigens Smith gleichfalls nicht unbekannt waren. Heute 
sind sie, nachdem was Lemontey u. a. darüber gesagt und selbst 
I. B. Say und die deutschen Kompendien zugestanden haben, 
bekannt genug, und nur in der Verkürzung der Arbeitszeit und 
einer ganz anderen Gestaltung des Unterrichts wird die Zu- 
kunft ein wirksames Gegenmittel gegen den geistigen Ver- 
fall haben, welchen die entwickelte Teilung der Arbeit hervor- 
bringt. Hier soll daher nur der interessante Umstand konsta- 
tiert werden, daß Herr Schulze, im Gegensatz zu aUem, was 
anerkannt ist, dem durch die Teilung der Arbeit vollbrachten 
Fortschritt in der Industrie die Wirkung zuschreibt: „daß das 
Handwerk immer mehr Kopfwerk wird" (Katechism. 
p. 38) ! ! Wenn, um bei dem Beispiel Smiths zu bleiben, ein 
Arbeiter, der in früheren Zeiten ein Ganzes machte,' jetzt sein 

iC4 



lung QQY Arbeit für die Leistungsfähigkeit derselben zur 
Folge hat, ausführlich nachgewiesen hat, gebrauchte dafür 
das Beispiel der NadeP), d. h. er verfuhr dabei mit 
einer dieses geistvollen Mannes würdigen konkreten Auf- 
fassung der spezifischen Bestimmtheit, welche die 
Arbeit in ihrer heutigen Form hat. Er zeigte, wie 
innerhalb desselben Ateliers die Fabrikation 
eines so kleinen Dinges wie eine Nadel ist, in achtzehn 
verschiedene Arbeitszweige zerlegt ist, von 
denen in der Regel jeder einzelne Arbeitszweig durch be- 
sondere Arbeiter besorgt wird, so daß jeder nur den 
achtzehnten Teil einer Nadel fabriziert. 
Und er zeigt nun, wie gerade dadurch das Gesamtpro- 
dukt ihrer vereinten Tätigkeit unendlich das Produkt der- 
selben Anzahl von Arbeitern überwiegt, von denen jeder 
eine ganze Nadel verfertigen würde. Er läßt also in 
diesem Beispiel die heutige Arbeit in der spezifi- 
schen, unterscheidenden Bestimmtheit erscheinen, die 
sie heute wirklich hat. Er läßt sie nicht erscheinen 
als einen Tausch von besonderen Produkten, 
die besondere gegeneinander selbständige Arbeits- 

Lebtag nichts als immer den achtzehnten Teil einer Nadel ver- 
fertigt, so sieht Herr Schulze in dieser seine geistigen Fällig- 
keiten notwendig degradierenden Beschäftigung einen Übergang 
des Handwerks zum Kopf werk!! (Es würde kleinliche 
Pedanterie sem, überall, wo Lassalle die Arbeiten seiner Vor- 
gänger benutzt hat, dies durch Hinweise auf korrespondierende 
Stellen bei ihnen zu vermeiken. Da wir aber das Thema 
in der Voibämeikung zur Sprache gebracht, so sei hier bei- 
läufig bemerkt, daß, was im Vorstehenden über die Stellung 
von Ferguson und Adam Smith, Lemontey und I. B. Say zur 
Arbeitsteilung angeführt wird, genau den Nachweisen über die 
Literatur des Gegenstandes im ,, Elend der Philosophie" — 
a.a.O. S. 125 und 126 - entspricht. D.H.) 

1) Ad. Smith hb.I. zA (p. 13 ed. Garn.). 

105 



Unternehmer hervorgebracht haben; sondern er läßt 
sie erscheinen als die Gesamtproduktion vieler zu 
demselben Produkl; vereintan Aibe'ter, von denen 
jeder nur eine ganz unselbständige abstrakte 
Tfciltäti^keit verrichtet ufi'i also keineswegs ein 
fertiges „Piodukl" zum „Tausch" jn Händen hat. 

Dies Bei3pi2l Adam Smiths ist so gut gewähil, daß 
es stereotyp geworden und in alle Kompendien überge- 
gangen ist. Es wechselt da nur ab mit dem Beispiel der 
Spielkartenfabrikation, von welchem dasselbe 
gilt. 

Ihnen aber, Herr Schulze, konveniert es nicht, die 
heutige Arbeit in ihrer speziiiochen Besfimmlheil: hervor- 
treten zu lassen 1 Es konveniert Ihnen nicht, durch ein 
solches Beispiel den Arbeitern lier^orUeten zu lassen, 
wie sie nur die uaselbständigen Räder einer großen Ge- 
samtproduktion sind. Dies soll ihnen ia so viel als mög- 
lich versteckt, es soll Av.ie} ja so V;el ah möglich erigs- 
redst werden, daß ,,j e d e i " J:e ,,g e w o n n e n e n P y o - 
dukte" „auc taus ch t'" ! (s. oben p. 94/93). 

Sie weichen also diesmal von dev Kompendienweisheit 
ab und verlegen I h <• Beispiel auf das Freihandels- 
terrain. Sie lassan, um die durch die Teilung der 
Arbeit geste'gerte Leistungsfähigkeit derselben zu zeigen, 
Länder laiceinander tauschen. Sie wählen also 
(p. 18) als ,,Bei spiel der wurder baren Wir- 
kungen dieser Teilung der Arbeit" den — Rock! 
Die Wolle zu demselben, sagen Sie, sei vielleicht in 
Australien oder Südrußland hervorgebracht, in England 
gesponnen, in Deutschland gewebt: die Seide zum Nähen 
habe der Schneider aus SüJfrankreich, die Scheren wieder 
anderswoher erhalten etc. etc. — und so ist denn glück- 
lich die Teilung der Arbeit in lauter selbständige Ope- 

106 . 



rationen selbständiger Unternehmer und deren Austausch 
aufgelöst, glück'ich alles vermieden, -vvas an die heutige 
spezifische Bestimmtheit dei Ai-beit erinnert, die Sie offen- 
bar beleidigt, alles vejmisden, was dem Arbeiter das 
Bewußtsein über dieselbe g2bsn könnte! 

Aber, He^r Schulz^! Die ,,wu nd er bar en Wir- 
kungen der Teilung der Arbeit* im heutigen 
Sinne wolkn S\z »ilen Leuten durch dieses Beispiel klar 
machen? Diese ./fcÜung der Arbeii" — der Tausch 
— hat bestanden, seitdem die Welt steht! Diese 
Teilung der Arbeit haben schon die Phönizier ge- 
übt, wenn sie Puipur von Tyrus nach Griechenland brach- 
ten uüd Bsrnsiei'.i von der deuicclien Oslseeküste holten! 
Und d a s soll den Lzuücn die heutige feilung der Arbeit 
und ihre ,,vv u i) d e r b a i 2 n W i : k u i g e n" erk'ären ? 

Statt den Leuten die Wiikur. gei der Teilung 
derArbeiczd eikläien, erkläien Sie ihnen — entweder 
weil Sie gar keine Ahnung haben von dem viel höheren und 
bestimmteren Sinne, in welchem die Ökonomen dies Wort 
nehmen, oder aber weil Sie aus den angedeuteten Gründen 
diesen Sinn verstecken wollen — ganz einfach die Wir- 
kungen des Tausches! 

Tausch, Tausch, Tausch — das ist alles, was 
Sie wissen. Mit diesem einsilbigen Wert — ist 
der ganze Inhalt Ihrer ökonomischen Kennt- 
nisse erschöpft. Für alle höheren und bestimm- 
terenökonomischenFormen haben Sie evza nicht 
den geringsten Sinn ! Alles, was Sie den Leuten erklären 
wollen, alle vielhöherenundbestimmterenöko- 
nomischen Erscheinungen verwandeln sich — ich 
wene dies auch in der Folge noch nachweisen — unter 
Ihren Händen Ihnen unbewußt immer wieder in den ein- 
fachen „Tausch" ! 

107 



O Sie Patrimonialrichter Sie! 

Und Sie schließen diesen Phrasenbrei mit den sal- 
bungsvollen Worten: ..Schon zahlen Kunst und Wissen- 
schaft ihr (der Arbeit) die langversäumten Zinsen, und den 
Arbeitern, die diesen notwendigen Entvs^icklungsgang klar 
zu erfassen und für sich zu benutzen wissen, wird ihr volles 
Teil an dem großen Erbe der Menschheit nicht vorent- 
halten bleiben." 

Bewdh.2 uns der Himmel ^n seiner Gnade vor den 
..Z'iASin", welche Wissenschaft in Ihrem Sinne der 
Menschheil bringen würde 1 



108 



Zweites Kapitel. 
„II. DAS KAPITAL." 

Da wir später den -wahrhaften Begriff des Kapitals ent- 
wickeln werden, so wollen wir hier und in dem folgenden 
Kapitel, indem v/ir jedoch in dieser kritischen Auflösung 
zugleich die realen Grundlagen für unsere spätere 
Entvv'icklung legen, zuvor zeigen, wie schief und sich 
selbst widersprechend alle Ihre Defmitionen des ,,Kapi- 
tal s" sind. 

Freilich, um gerecht zu sein, ist das ein Vorwurf, der 
durchaus nicht Sie und Bastiat allein, sondern die bis- 
herige Ökonomie überhaupt trifft, die noch nirgends den 
wahrhaften objektiven Begriff des Kapitals gegeben hat. 
Freilich wurzelt alles Verkehrte, Schiefe und Falsche, das 
Sie und Bastiat über das Kapital zutage fördern, in dem 
gemeinsamen Grundirrtum der ganzen liberalen Öko- 
nomie, und es ist daher die Bestimmung dieses und der 
folgenden Kapitel, den der gesamten liberalen 
Ökonomie gemeinsamen Kapitalbegriff auf- 
zulösen und ihn in seine Wahrheit münden zu lassen. Frei- 
lich aber übertreffen Sie .und das Original, dessen Doppel- 
gänger Sie sind, auch in dieser Hinsicht alles dagewesene 
noch weit und erheben sich stellenweise zu einem Bilde 
unverwüstlichster unfreiwilliger Komik. — 

Sie eröffnen also dies Kapitel mit der Unterabteilung : 

109 



„a) Begriff und Verwendung des Kapitals, 
die produktive Konsumtion" und beginnen diese Begriffs- 
feststellungen wie folgt : „Um eine gewerbliche Tätigkeit 
überhaupt beginnen und fortsetzen zu können, bedarf man 
unerläßlich dreierlei Dinge: a) Rohstoffe zur Ver- 
arbeitung, b) Werkzeuge zur Arbeit, c) Subsistenz- 
mittel während der Dauer ,der Arbeit, oder, was für 
den, welcher andere Arbeiter beschäftigt, dasselbe ist, 
einen Fonds zur Zahlung von Arbeitslöhnen. 
— D i e s e als netwendige ,Voibedingung zu jadar Arbeits- 
tätigkeit erforderlichen Gegenstände heißt «lan zusammen- 
genommen Kapital." 

Nun, Rohstoffe, Werkzeuge zur Arbeit und S u b s i - 
stenzmiltfcl umfassen alle Arten von Produkten, und 
hiernach ließe sich zunächst nicht absehen, warum Sie 
nicht einfach in die reizende Definition ausbrechen: „Ka- 
pital sind Piodukte?" 

Aber S'e weiden einwenden, aus dem weiteren Verlauf 
bei Ihnen eriielle „auf den Zweck, auf die Bestim- 
mung komme es an," zu welcher diese Produkte dienen. 

Gut, wenn das Ihre Ansicht ist, warum definieren Sie 
dann iiicht e'nfach: „Kapital sind Produkte, die 
fortzeugend zu weiterer Produktion ver- 
wendet werden?" 

Auch diese Definition wäre, wie Sie sich aus meinem 
späteren Kapitel über die objektive Analyse des Kapitals 
überzeu3en werden, noch sehr hinkend, noch sehr abstrakt 
und darum noch s e h i- f a 1 s c h. Sie würde keineswegs 
den Begriff des Kapital:» hervortreten lassen. Aoer es 
wäre doch wenigstens eine klare, kurze, bestiminte, ge- 
bildete Definition. 

AHein auch zu dieser Definition können Sie sich nicht 
erheben, sei es, weil Sie sich überhaupt nicht zu so g e - 

110 



bildet er Den':- und Sp»'acKweise eirporschvvingen kön- 
nen, sei er-, w£'l Sie von Ani?iig an den-; Arbeicer immerk- 
lich die — in jener Definilion nicni: liegende — Vorstel- 
lung be.'briroen -wollen, alles Kapital müsse Privat- 
kapital sein, und weil Sie sowohl dies als die Ver- 
bergiTng Ihicr oeständigen Widersprüche weit leichter in 
einem h-.i^en W'ächiwascni erreichen können, als in einer 
kurzen, szharien, bestimmten Definition. 

Sie lahren also nach den zulefzt angeführten Worten 
und nachdem Sie noch bemerkt, eine Geldsüm. me sei 
eigentlich niemals KRpüal, unmittelbar fort : „Hiernach 
bi'det das K? pitai aenjenigen Teil des Vermögens eines 
Menschen, der nicht sofort verzeh-.t — — " 

Ich bitte un EiilschuldigLing. aber ich muß schon liier 
unterbrechen. Herr Schu'-e! S iiJ die Woite ..i^es Ver- 
mÖr^ens eines Menschen' w.'ttfl'Th nur Felge ge- 
wöhriHcher, ur»g?b:ld2ie:" Rec'ewei:c, die sich zur AM.ge- 
meir.heit dcs De'''ni2'en3 nichi; efhcben ka>?n, oder lassen 
Sie sie eben absichtlich einri'jßcn. um sofoi i unmei'k- 
licn dem Aiccj'^r die VciEteliu'^g einzuflößen, alles Ka- 
pital müsse schlechliiin im P i i v a 1: b e s ' ^ z sein ? Denn 
das \vi:3en Sie doch, inid mü- -F.n Sie j? als Knmmermit- 
g!ied wissen, daß es auch öffenil'c.-e Kapiiaii?n 
gibt, die nicht ,,den Vevmcgenstr^il eine > Meii seilen" 
bilden, sondern der ganzen Nation als so-cner 
g^-hörer. Warum definieren Sie aho '^ichl Üeosr das Ka-' 
piial als ,, denjenigen Vermögensteil etc." uad lassen den 
„einen Menschen ', der gar nichts mit dieser Definition 
zu tun hat, ruhig fort ? 

Aber nehmen wir Ihre Definition wieder auf: „Hier- 
nach bildet — sagen Sie also — das Kapital denjenigen 
Teil des Veimögens eines Menschei?, der nicht sofort ver- 
zehrt, nicht zur Befriedigung augenblicklicher persönlicher 

111 



Bedürfnisse ver'>venclet, sondern entweder zum dauernden 
Nutzen und Gebraucli für die Zukunft angesammelt und 
verwendet, oder bei einer künftigen Arbeit, bei Beginn oder 
Fortsetzung eines Geschäftes, gleichviel ob eines eigenen 
oder fremden, angelegt wird. Auf den Zweck, auf die 
Bestimmung also kom.mt es an, welche man den ver- 
schiedenen Teilen seines Vermögens, seines Einkommens 
gibt, um zu entscheiden, was davon als Kapital anzu- 
sehen ist, und nur das vom augenblicklichen Bedarf Er- 
übrigte hat auf den Namen Anspruch." 

Bei dem Brei Ihres Geredes ist es leicht möglich, daß 
auch mancher gebildete Mensch darüber fortliest, ohne 
entfernt sich des ganzen Unsinns desselben bewußt zu 
werden. Der Brei legt sich eben — und das ist eine der 
nachteiligsten, den Volksgeist wahrhaft vergiftenden Fol- 
gen desselben — momentan einschläfernd und abstump- 
fend auch um des Lesers eigene Gedankenschärfe. 

Wer aber s o scharf und selbständig denkt, daß er selbst 
Ihrem Brei gegenüber diese Schärfe zu bewahren weiß, 
muß Ihnen wirkliche Bewunderung zollen über den logi- 
schen Unsinn, den Sie in so v/enigen Zeilen zu konzen- 
trieren wissen! 

Ich will Ihnen denselben nur in dreifacher Beziehung 
klar machen : 

1. Das Kapital ist also nach Ihnen ,, derjenige 
Teil des Vermögens, der nicht sofort verzehrt, zur 
Befriedigung augenblicklicher, persönlicher Bedürfnisse 
verwendet vv^ird." Auf den ,,Zweck, auf die Be- 
stimmung kommt es an, welche man den verschiede- 
nen Teilen seines Vermögens, seines Einkom- 
mens gibt, um zu entscheiden, v.'as davon als K a p i t a 1 
anzusehen ist, nur das vom augenblicklichen Bedarf 
Erübrigte" habe auf den Namen Kapital Anspruch. 

112 



Das heißt : Sie erklären das Kapital aus dem Ein- 
kommen und als einen Teil desselben. Vielmehr ist es 
aber das ,,K a p i t a 1", welches ,,E i n k o m m e n" abwirft ; 
es entspringt also das Einkommen aus dem Ka- 
pital (und zwar sowohl dem Begriffe nach, als hi- 
storisch). Erst also muß der Begriff des Kapitals 
gegeben sein und dann aus ihm das „Einkommen" ab- 
geleitet werden. Sie erklären umgekehrt das „Ka- 
pital" aus dem „Einkommen!" 

Aber später versuchen Sie ja selbst im Abschnitt: 
„d) Kredit und Kapitalrente" (p. 29) Zins und 
Rente, das ,,Einkomme n", aus der produkti- 
ven Kraft des Kapitals zu erklären ! 

Macht alles nichts ! Alles wie es gerade für das Be- 
dürfnis jeder Seite Ihres Katechismus nötig ist ! Wird 
dort das Einkommen aus dem Kapital, so wird hier das 
Kapital aus dem Einkommen abgeleitet ! Da das Kapital 
Einkommen abwirft, so sagt, wer ,,Einkommen" sagt, 
zugleich auch Kapitalein k o m. men. Sie erklären also, 
wenn man Ihre Definition begriffsmäßig zusammenfaßt, 
das , .Kapital" als einen bestimmten ,,Teil des Ka- 
pitaleinkommens!!!" 

Großer Schulze ! 

Was diese chaotische Verwirrung in Ihrem patrimo- 
nialrichterhchen Haupte angerichtet hat, läßt sich nun 
ohne zu großen Scharfsinn erraten. Sie haben gewiß ein- 
mal in Delitzsch gesehen, wie jemand, der 1000 Taler 
Einkommen hatte, aus demselben 500 Taler erspart und 
als Kapital angelegt hat. Und flugs glaubten Sie nun, 
wie sich später zeigen wird, dies wäre der Prozeß, durch 
welchen sowohl historisch die Kapitalbildung ent- 
standen sei, als auch durch welchen sich die heutige 
europäischeKapitalbildung vollziehe ! Wäre nun 

8 Lassalls. G«. Sckriften, Band V. 113 



aber auch beides ebenso richtig, wie es falsch 
ist und nur in einer kindlichen, lächerlichen Vorstellung 
beruht — sehen Sie denn nicht, Herr Schulze, daß dieser 
Prozeß der Kapitalbildung noch gar nichts mit der Sie 
hier beschäftigenden Aufgabe zu tun hat ? Denn : 

2. Sie wollen und sollen uns hier den Begriff des 
Kapitals angeben, Sie wollen und sollen uns sagen, 
was Kapital ist — und Sie schildern uns statt dessen 
in jenen Worten : wie angeblich das Kapital ent- 
steht! 

Hat Ihre ..Bildung" denn gar keine Ahnung davon, 
wie völlig getrennt und verschieden diese beiden Fragen 
voneinander sind ? Wenn ich Sie frage : was ein Mensch 
ist. und Sie mir nun den Prozeß beschreiben, durch wel- 
chen ein Mensch entsteht — ist denn das dann eine 
Antwort auf meine Frage?! 

Sie selbst wollen ja hier noch gar nicht von der Ent- 
stehung des Kapitals handeln. Erst später, am Ende der 
Seite 24 machen Sie einen besonderen Abschnitt, den Sie 
überschreiben: ,.b) Entstehung des Kapitals." 
Also erst dort wird und soll es sich um die Entstehung 
handeln. Hier sollen wir nach Ihrer Überschrift den 
..Begriff" des Kapitals von Ihnen erfahren, und diesen 
geben Sie uns dadurch an, daß Sie sagen. Kapital sei 
derjenige ..Teil" des Vermögens, des ..Einkommens ', 
der ,, nicht sofort verzehrt" vom ,, augenblicklichen Be- 
darf erübrigt", zum ..dauernden Nutzen und Gebrauch 
für die Zukunft angesammelt" wird, d. h. dadurch, 
daß Sie uns Ihre Ansicht von der Entstehung des 
Kapitals explizieren ! ! 

Wo bleibt die Scham. Herr Schulze ? Fühlen Sie 
nicht, Sie unklai er Mann, daß wer vor dem Vo 1 k e , vor 

114 



den A r b e i t e r n als Vo 1 k s 1 e h r e r auftreten will, min- 
destens die dürftigste Logik sich zu eigen gemacht haben 
muß? Ich sage die dürftigste Logik, weil Ihnen 
auch die'se fehlt! In der Tat aber bedarf ein solcher 
die h ö c h s t e Logik, die vollendetste Gedankenklar- 
heit und Bewältigung seines Stoffes, die den- 
selben zur reinsten Durchsichtigkeit zu gestalten, ihn als 
ein sich spielend aus sich selbst entwickelndes Gewebe 
von Erkenntnis darzustellen vermag. 

Um den Arbeitern Vorträge zu halten, ist — 
staunen Sie über diese Behauptung so viel Sie wollen — 
ein viel höherer Grad von ,,Bildung" erforderlich, 
als für Vorträge im Hörsaal von Studenten hinreichen 
würde! 

Und statt dessen diese totale Unkenntnis des Stoffes, 
diese unerhörte salbadernde Gedankenlosigkeit, diese 
Weichselzöpfe von Widersprüchen mit sich und der Wirk- 
lichkeit, diese beispiellose Unfähigkeit, auch nur die Fra- 
gen festzuhalten, diese breiartige Verschwommenheit jeder 
bestimmten Auffassung, so daß einem die Worte wie 
Wasser zwischen den Fingern durchrinnen, und selbst 
der Leser, der mit Sinn und Kenntnis an diese 
Lektüre tritt, die größte Anstrengung und Mühe hat, sie 
festzuhalten — alles dies, was wir nun schon so oft nach- 
gewiesen haben und fortlaufend in noch höherem Grade 
nachweisen werden, kann nur zu einer Ve rderbung und 
Ve r f i 1 z u n g des gesunden Volks verstand es ohnegleichen 
führen. 

Sehen Sie denn also nidht, daß 

3, das von Ihnen angegebene Merkzeichen, das Ka- 
pital sei das, was ..niclit sofort verzehrt, nicht zur Be- 
friedigung augenblicklicher persönlicher Bedürfnisse 
verwendet", sondern zu „dauerndem Nutzen und 

«• 115 



Gebrauch für die Zukunft angesammelt wird", auch 
noch außerdem falsch ist ? 

Das kann Ihnen schon die gang und gäbe Unterschei- 
dung der Ökonomen von capital fixe und capital circu- 
lant, festem und umlaufendem Kapital zeigen. Das 
umlaufende Kapital besteht zum größeren Teil 
aus solchen Dingen, die wie Lebensmittel, Arbeitslohn 
etc. zu „sofortiger Verzehrung", zur ,, Befriedigung 
augenblicklicher persönlicher Bedürfnisse 
verwendet" werden. 

Und soviel wissen Sie ja auch noch selbst und erman- 
geln daher nicht, sich sofort mit sich selbst in den nötigen 
Widerspruch zu versetzen. Denn noch auf derselben 
Seite schreiben Sie: , »Ferner die Vorräte eines Kram- 
ladens. Für den Kaufmann sind sie Kapital, weil 
er aus ihrem Umsatz die Mittel zur Fortstellung seines 
Geschäftes zieht. In den Händen des Kunden aber, der 
einige Lot Kaffee oder Gewürz, ein Pfund Reis oder 
Zucker von ihm zum augenbiickhchen Bedarf entnimmt, 
können sie nur als Konsumartikel angesehen 
werden." 

Sind nun diese Dinge Kapital oder nicht? Sind 
sie es nicht, so ist falsch, was Sie uns p. 21 sagten, 
daß „Subsis tenzmittel" oder der ,, Fonds zur Zah- 
lung von Arbeitslöhnen" Kapital sei, so wie alles, was 
Sie hierüber noch abhaspeln werden. Sind sie es aber, 
so ist falsch, daß nur das, was ,, nicht zur Befriedigung 
augenblicklicher persönlicher Bedürfnisse verwendet 
wird", Kapital sei. Also noch einmal, sind sie Kapital 
oder nicht? Eine reinliche Antwort bitte ich mir aus!^) 



^) Verleitet durch die allerdings unerlaubt verschwommene 
Ausdrucksweise Schulzes sucht Lassalle hier einen iWider- 

116 



Ja, aus Ihrem Buche wird das kein Mensch je er- 
fahren ! 

Und wenn man Sie zur Beantwortung dieser Frage auf 
die Folter legte, Sie würden immer nur stammelnd 2U 
wiederholen wissen : Für den einen sind sie es . . . für den 
andern sind sie es nicht ! 

Und hier kann ich freilich auch noch nicht diese Frage 
dem Leser beantworten. Denn um des Dickichts von 
Widersprüchen Herr zu werden, in das Sie sich verirren, 
muß man überhaupt einen ganz anderen Weg einschlagen. 
Dieses Kapitel aber hat bis jetzt nur noch die Bestim- 
mung, Ihren Weg zu beleuchten und die Widersprüche 
aufzuzeigen, die ihr Spiel mit Ihnen treiben. Zur unge- 
fähren Orientierung Ihrer daher nur eine Frage : Schreiben 
Sie, wie Sie in dem „Vorwort" zu Ihrem Katechismus 
selbst behaupten, einen ,,volks wirtschaftlichen Kursus" 
oder einen ..privat wirtschaftlichen", treiben Sie Na- 
tional Ökonomie, Vo 1 k s Wirtschaft, oder Privat ökono- 



spruch, der nun doch seinem Gegner femgelegen hat. Wenn 
dieser als Kapital „denjenigen Vermögensteil" bezeichnet, „der 
nicht zur Befriedung augenblicklicher persönlicher Bedürfnisse 
verwendet wird", so geht aus dem Zusarrmienhang klar hervor, 
daß er dabei die nächsten persönlichen Bedürfnisse des Be- 
sitzers im Auge hat. Ebenso ergibt der Zusammenhang, daß 
in dem weiter oben zitierten Satz Schulzes „auf den Zweck... 
kommt es an, welche man den verschiedenen Teilen seines Ver- 
mögens, seines Einkommens gibt" — Einkommen nicht, wie 
Lassalles Polemik sub 1 unterstellt, als erklärender Ausdruck 
für Vermögen, gesetzt ist, sondern als eine neben diesem in 
Betracht kommende Kapitalspotenz. Wir erwähnen dies, weil 
die Einwände Lassalles sonst leicht zu Mißverständnissen An- 
laß geben könnten. Für gewöhnlich liegen jedoch, wie schon 
früher erwähnt, solche mehr formellen Richtigstellungen nicht 
in unserer Aufgabe. D. H. 

117 



mie, Privatwirtschaft, Herr Schulze? Und welches 
Ve r h ä 1 1 n i s haben diese beiden Gebiete zu ein- 
ander"? 

Diese Fragen haben Sie sich, wie jede Zeile Ihres 
Katechismus zeigt, und mit Ihnen so manche andere Öko- 
nomen, niemals auch nur vorgelegt. Sie sind sich 
niemals weder des Unterschiedes noch der Iden- 
tität beider Gebiete miteinander be\\Tißt geworden, ahnen 
überhaupt gar nichts von einem solchen Unterschiede, 
treiben daher das eine Mal Nationalökonomie, während 
Sie Privatökonomie, und wieder Privatökonomie, während 
Sie Nationalökonomie zu treiben glauben. 

Wie wenig aber jenes stammelnde ,,für den einen ist 
es Kapital . . . für den anderen nicht" ,,auf den Zweck 
. . . auf die Bestimmung kommt es an" nach Ihnen 
selbst eine haltbare Antwort ist, mögen die anderen 
lustigen Widersprüche zeigen, die überall unter Ihren 
Tritten, wie Rosen unter den Schritten einer Fee her- 
vorschießen. 

Auf p. 35 geben Sie nämlich wieder eine anders ge- 
wendete Definition vom Kapital. Sie sagen daselbst: ,,In 
der Tat ist alles Kapital seinem letzten Zweck nach 
nichts weiter als Lohnfonds, und jede Kapitalan- 
lage läuft schließlich unfehlbar auf Zahlung vonAr- 
beitslöhnen hinaus." 

Und um dies klar zu machen, führen Sie nun aus, wie 
sich alle Kapitalanlagen, auch die Anschaffung von Werk- 
zeugen und Rohstoffen, auflösen in Zahlung der Arbeits- 
löhne derer, welche diese Dinge verfertigt haben, und 
fahren hierbei fort (p. 36) : 

„Ja sogar im letztmöglichen Falle, wenn je- 
mand sein Vermögen nicht in einem produktiven Unter- 
nehmen anlegt, sondern rein verzehrt, vielleicht zum Stu- 

118 



dieren oder Erlernen irgend eines Kunstzweiges verwen- 
det, oder auch es im reinen Luxus vergeudet, selbst in 
diesem Falle ändert sich das Schlußergebnis nicht, selbst 
in diesem Falle zahlt er am Ende nichts weiter als Ar- 
beitslöhne. Das Honorar der Lehrer, der Preis der Bü- 
cher, die Verwendung für Wohnung, Kleidung, Nahrung, 
was sind sie anderes als Löhne für die Arbeiten der bei 
diesen Leistungen irgendwie beteiligten Personen ? Und 
wenn ich mir eine schöne Villa baue, Delikatessen der 
teuersten Art, feine Weine, kostbare Bildwerke und Ge- 
räte anschaffe, in welche andere Hände gelangt das Geld, 
als in die Hände derer, welche zur Herstellung aller 
dieser Gegenstände mittelbar oder unmittelbar Arbeiten 
verrichtet haben? — Kurz, wie wir schon andeuteten: 

„Jede irgend denkbare Verwendung von Vermögen, 
die produktive Kapitalanlage so gut, wie die bloß un- 
produktive Konsumtion, die reine Verzehrung, 
hat stets den Zweck, menschliche Arbeitserzeugnisse und 
Leistungen sich zur Verfügung zu stellen, und läuft 
schließKch unfehlbar auf Zahlung von Arbeitslöhnen hin- 
aus." 

Wenn dies wahr ist, wenn alle, auch die unproduktivste 
Konsumtion auf ,,ZahlungvonArbeitslöhnen hin- 
ausläuft" und wenn hierin eben das Kapital besteht, 
„Lohnfonds" zu sein, auf ,, Zahlung von Arbeits- 
löhnen hinauszulaufen" — nun, so ist ja wieder 
nicht wahr, daß es ,,auf den Zv/eck, auf die Be- 
stimmung ankommt" (p. 22 bei Ihnen), nun so ist ja 
wieder kein Unterschied zwischen produktiver und 
unproduktiver Konsumtion, zwischen ,, sofort ver- 
zehrt" und „aufgesammelt werden". Alles Hefe zuletzt 
auf ,, Zahlung von Arbeitslöhnen" und also auf Kapi- 
talbildung hinaus. 

119 



Großer Schulze! Der St. Veitstanz, den Ihre Wider- 
sprüche mit Ihnen tanzen, ist grotesk für den auf der ge- 
sicherten Warte ökonomischer Erkenntnis stehenden un- 
beteiligten Zuschauer. Aber er muß nervenschmerz- 
erregend für den Unglücklichen sein, der versuchen 
sollte, aus Ihrem Buche selbst zu der Erkenntnis durch- 
zubrechen, was doch Kapital sei ! 

Schnell noch ein anderes Pas-de-deux von Wider- 
sprüchen. 

Kapital ist also ,, der jenige Teil des Vermögens eines 
Menschen, der nicht sofort verzehrt . . . sondern zum 
dauernden Nutzen für die Zukunft angesammelt" wird, 
oder, wie Sie sich p. 25 nochmals wiederholen, ,,der 
zur Fürsorge für unsere künftige Existenz zurückgelegte 
Teil" unseres Vermögens. 

Was wir ,,zur Fürsorge für unsere künftige Existenz 
zurücklegen", Herr Schulze, ist — Geld. Geld aber 
kann gerade nach Ihnen , .eigentlich niemals Kapi- 
tal sein", wie Sie uns schon p. 21 sagen und schon 
p. 10 gesagt hatten; sondern man könne für Geld immer 
nur Kapital bekommen, eintauschen. Merkwürdi- 
ges Wesen, dieses Kapital ! Kapital ist immer nur ,,der 
zurückgelegte Teil des Vermögens", der „nicht 
sofort verwendet", sondern ,, angesammelt wird", und 
doch ist wieder Kapital nie das, was wirklich an- 
gesammelt wird, sondern immer nur das, was dafür 
von denen, denen wir dies Geld borgen, sofort ver- 
zehrt und verwendet, nicht angesammelt und zu- 
rückgelegt wird (Subsistenzmittel, Arbeiterlöhne etc.). 
Aber dabei ist wieder genau festzuhalten, daß Kapital 
immer nur das ist, was angesammelt und zurück- 
gelegt wird I ! ! 

Heiliger Nepom.uk ! Welch liebliches Bündel von 

)?0 



Widersprüclien ! Welch geheimnisvoll unbegreifliches 
Wesen muß Ihnen und Bastiat — dem Sie hier, wie 
überall in der Sache getreulich folgen, nur mit etwas ge- 
ringerem Geschick, über die Blößen hiniruschlüpfen — 
das Kapital sein, Herr Schulze! Ich begreife Ihre Ver- 
ehrung für dasselbe! Der Mensch hat zu allen Zeiten 
einen Zug gehabt, das zu verehren, was er nicht begreift ! 

Und wenn ich nun gar das Geld, das ich jährlich zu- 
rücklege, gar nicht ausborge, sondern, wie noch vor kur- 
zem unsere Bauern, in Töpfe tue, um mir einen Schatz 
anzusammeln, ist das Kapital oder nicht? 

I s t es Kapital, so ist Ihre Definition falsch, daß 
Kapital ,, niemals in einer Geldsumme" bestehen kann ; 
ist es aber nicht Kapital, so ist Ihre Definition falsch, 
daß Kapital ,,der für unsere künftige Existenz zurück- 
gelegte Teil unseres Vei-mögens" sei-^). 

Ich schenke Ihnen ein Dutzend anderer Widersprüche 
und fahre in Ihrer Betrachtung des Kapitalbegriffes fort 
(p. 22): ,,Von diesem überall durchgreifenden 
Gesichtspunkte aus ( ! ! nämlich von dem Gesichts- 
punkte aus, daß nur dasjenige, was ,,zum dauernden 
Nutzen und Gebrauch" für die Zukunft ,, angesammelt 
und verwendet" werde, Kapital sei) wird man nicht bloß 
wirklich greifbare Sachgüter, materielle kör- 



^) „Bei den modernen Ökonomen, die auf die Illusion des 
Monetarsystems herahgrinsen, verrät sich dieselbe Illusion, so- 
bald sie höhere ökonomische Kategorien handhaben, z. B. das 
Kapital. Sie bricht hervor in dem Geständnis naiver Vervvun- 
derung, wenn bald als gesellschaftliches Verhältnis erscheint, 
was sie eben plump als Ding festzuhalten meinten und dann 
wieder als Ding sie neckt, was sie kaum als gesellschaftliches 
Verhältnis fixiert hatten." Marx. Zur Kritik der politischen 
Ökonomie, S. 11 und 12. D.H. 

121 



perliche Dinge dem Kapital beizuzählen haben. 
Selbst Kenntnisse, Erfahrungen und Fertig- 
keiten, Willenskraft und Unternehmungs- 
geist und andere geistige und körperliche Vorzüge und 
Anlagen, die jemand durch anhaltende Bemühung und 
Übung gewonnen, oder in sich ausgebildet hat, und nun 
für die Dauer in seinem Leben und Berufe nutzt, ge- 
hören in gewissem Sinne hierher, schon weil sie nicht 
im augenblicklichen Gebrauche aufgehen, sondern zur Be- 
friedigung künftiger Bedürfnisse wesentlich mitmrken. 
Ebenso eine große Entdeckung und Erfindung, 
das Resultat langer mühszuner Forschungen und Versuche, 
weil es weit in die Zukunft hinaus seine Wirkungen 
erstreckt und, gehörig ausgebeutet, seinem Besitzer ein 
Einkommen gewährt." 

Mit welcher wahrhaft königlichen Freigebigkeit Sie 
hier die Welt mit einer Masse neuer Kapitalien be- 
schenken^), von denen die Ökonomie bisher nichts ge- 
wußt hat ! Der Nationaldank von 45 000 Talern, den 
Ihnen die Fabrikanten und Kaufleute en revanche dar- 
gebracht haben, ist ein wahres Lumpengeld dagegen! 

Es ist Ihnen die Achtung bekannt, welche der deutsche 
Arbeiter vor Geist und Kenntnissen hegt. Flugs 
müssen , .Kenntnisse und Erfahrungen" und 
„geistige Vorzüge und Anlagen" den Kapitalien 
beigezählt werden! Ein Professor, der aus seinen Kennt- 
nissen ein anständiges Gehalt oder sonstiges jährliches Ein- 



^) Mit neuen Kapitalien oder respektive mit solchen, die, 
so oft sie jemand in die Ökonomie einzubürgern versuchte, 
sofort wieder von der Wissenschaft hinausgeworfen wurden, 
vgl. z. B. Hermann, Staatsw. Untersuchungen, München 1832, 
p.50— 59: Quarterly Review. Bd. 44. S. 1— 52, Rau, Grund- 
sätze etc. Bd. I. § 130a. u.a. 

122 



kommen bezieht, ist Ihnen nicht ein geistiger, qualifizierter 
Arbeiter, der so und so qualifiziertes Arbeitseinliommen 
genießt — Gott behüte, er ist ein — Kapitalist! 
Schiller und Lessing etc. sind zwar trotz aller ihrer 
,, Kenntnisse, geistigen Vorzügen und Anlagen" bei diesen 
ihren ,, Kapitalien" lebendigen Leibes verhungert! 
Macht aber alles nichts ! Sind doch Kapitalisten gewesen ! 
Waren wahrscheinlich nur zu geizig oder sonderbar, sich 
für ihre Kapitalien etwas ,, einzutauschen" ! 

Und überdies, ist nicht so die Brücke gefunden, welche 
uns alle, alle zu Kapitalisten macht und nur den 
unwesentlichen Unterschied des geringeren oder größeren 
KapitzJs zwischen uns bestehen läßt ? In der Tat, wenn 
,,E r f ahru ngen und Fertigkeiten", wenn geistige 
und , .körperliche Vorzüge und Anlagen, die jemand 
durch anhaltende Bemühung und Übung gewonnen, oder 
in sich ausgebildet hat und nun für die D a u e r in seinem 
Leben und Berufe nutzt," Kapitalien sind, — wel- 
cher Arbeiter hätte nicht „Erfahrungen und Fertigkeiten", 
,, körperliche Vorzüge und Anlagen", die er ,, durch an- 
haltende Bemühung und Übung gewonnen, oder in sich 
ausgebildet hat", die er ,,für die Dauer in seinem Leben 
und Berufe nutzt", die „nicht im augenblicklichen Ge- 
brauche aufgehen", sondern ihm wirklich — im Arbeits- 
lohn — ein dauerndes Einkommen gewähren? Also, 
,,seid umschlungen, Millionen!" Das große Bruderband 
ist endlich um uns geknüpft, wir sind alle Kapita« 
listen, der eine etwas mehr, der andere etwas weniger ! 
Kapitaleinkommen und Arbeitslohn — es ist 
alles egal ! Der Arbeitslohn wie die Dividenden 
der Köln- Mindener Eisenbahnaktien — es ist alles Ka- 
pitaleinkommen! Wie in der Nacht alle Katzen grau 
sind, so verschwinden vor der Nacht Ihres Stumpfsinnes 

123 



alle ökonomischen Unterschiede und Bestimmtheiten, und 
so ist aller Zwiespalt verschwunden, die soziale Frage 
ist gelöst, und das Hosianna kann angestimmt werden! 
Und das ist alles Ihr Verdienst, Sie großer Retter der 
Gesellschaft ! 

Aber wenn auch nicht die Kenntnisse und Vorzüge auf 
rein geistigem Gebiete, so werden doch wenigstens, wen- 
den Sie ein, die „großen Entdeckungen und Erfindungen" 
auf materiellem Gebiete, in der Technik etc. Kapita- 
lien sein? Die einen so wenig wie die anderen, Herr 
Schulze ! 

Eine „große Entdeckung und Erfindung" kann von 
einem Kapitalisten sehr vorteilhaft ausgebeutet 
werden, aber sie selbst ist — vielleicht erinnern Sie sich 
z. B. des Schicksals Foultons, des großen Erfinders 
der Dampfschiffahrt, der an seiner Erfindung zugrunde 
ging, oder des Schicksals Hargreaves, des Erfinders 
der Spinning- Jenny, der in bitterer Armut starb, oder 
der langen Reihe von Männern, die Ihnen hier aufgezählt 
werden könnten — ebensowenig ein , .Kapital", als eine 
philosophische Idee Hegels oder das poetische Genie 
Goethes. 

Und wenn Sie etwas deshalb Kapital nennen, 
,,weil es weit in die Zukunft hinaus seine Wirkungen er- 
streckt und, gehörig ausgebeutet, seinem Besitzer ein Ein- 
kommen gewährt," nun so wären ja auch die körperlichen 
Reize eines Weibes — in der Tat zählen Sie ja auch aus- 
drücklich ,, körperliche Vorzüge" unter den Kapitalien 
auf — ein Kapital, da sie gleichfalls ,,weit in die 
Zukunft hinaus ihre Wirkungen erstrecken und, gehörig 
ausgebeutet," ihrer Besitzerin ein Einkommen gewähren, 
und oft ein brillantes! 

Kurz, großer Patrimonialrichter, Sie fassen das ,,Ka- 

124 



pital" genau in eben jener wissenschaftlichen, ökono- 
mischen Scliärfe und Bestimmtheit auf, in welcher es 
jemand auffassen würde, der Sie an sein Herz drückte 
und, dem gewöhnlichen Sprachgebrauch folgend, dabei 
ausriefe: Sie sind ein Kapitalkerl! 

,,b) Entstehung des Kapitals!" 
,, Fassen wir — so beginnen Sie diesen Abschnitt — 
die Entstehung des Kapitals in das Auge, so haben wir 
schon von dem Erübrigen und Aufsammeln des- 
selben gesprochen und so den Weg angedeutet, auf wel- 
chem es sich zunächst bildet. Kapital ist in allen 
Fällen das unmittelbare Ergebnis eines Spa- 
re ns ( ! !) (es ist schwierig, zu sagen, was man mehr 
bewundern soll, Herr Schulze ! Ihren erstaunlichen Mut 
oder Ihre unglaubliche Naivität!). ,,Es entsteht nur, 
wenn jemand nicht seinen ganzen Arbeits- 
ertrag, sein ganzes Einkommen zu unproduk- 
tiven Ausgaben, zur Befriedigung seiner augenblicklichen 
Bedürfnisse verwendet, sondern einen Teil davon zurück- 
legt. Anders können Kapitalien überhaupt 
nicht zustande kommen!!!" 

Fast müßte man ein Buch schreiben, um alle die 
Täuschungen und schiefen Wendungen klar zu legen, 
welche es Ihnen gelingt in wenigen Zeilen zusammenzu- 
drängen ! Zunächst nur die Frage : Kapital entsteht also, 
„wenn jemand nicht seinen ganzen Arbeitsertrag, 
sein ganzes Einkommen zu unproduktiven Aus- 
gaben verwendet". Aber die Frage ist ja eben die: ob 
denn bisher und heutigen Tages unter der Herrschaft des 
Kapitals für irgend jemand ,,sein Arbeitsertrag" 
und ,,sein Einkommen" miteinander zusammenfallen, 
identisch sind? ob wirklich das „Einkommen", das 

125 



heute jemand bezieht, ,,sein Arbeitsertrag" oder viel- 
leicht fremder Arbeitsertrag ist? Das ist ja eben der 
Punkt, der bei allen heutigen Debatten über das Kapital 
die Kontroverse bildet ! 

Mit einer Meisterhaftigkeit ohnegleichen schlichten Sie 
spielend den ganzen Streit, indem Sie — Geschwindigkeit 
ist keine Hexerei! — einfach die Worte ,,s einen gan- 
zen Arbeitsertrag" und ,,sein ganzes Einkommen" 
unbefangen miteinander gleichsetzen, als Apposition ein- 
ander hinzufügen! So ist denn vorausgesetzt, was 
zu erweisen war, und durch Vo raussetzung des 
zu Erweisenden erwiesen, was zu erweisen 
war, und aller Streit hat nun ein Ende! 

Sie begreifen, Herr Schulze, daß sich das Haupt- 
interesse eben auf diese Frage zusammendrängt. So 
lange wir beide existieren, habe ich immer die, wie Sie 
sich pag. 29 ausdrücken, ,,Mühe und Entsagung 
über mich genommen", Ihren Arbeitsertrag zu 
,,sparen", ihn nicht zu verzehren, ihn sich ,, ansam- 
meln" zu lassen. Und wenn ich nun zu Ihnen schickte und 
mir diesen Ihren Arbeitsertrag oder seine Zinsen auf 
Grund dieses meines ,,Sparens" ausbäte? 

Sie begreifen zugleich, Herr Schulze, wie ungeheuer 
wesentlich dieser Punkt für Ihre Erklärung der ,, Ent- 
stehung des Kapitals ist. Denn wenn Sie den Arbeitern 
sagen müßten: Kapital entsteht ,,wenn jemand frem- 
den Arbeitsertrag spart, ihn nicht für seine augenbHck- 
lichen Bedürfnisse verwendet" — hoho, so würden diese 
Leute ja gar imstande sein, nach Ihrer Definition 
alle Kapitalien der Welt zu begehren, denn es ist in der 
Tat gar nicht abzusehen, was diese Leute alles nicht 
verzehrt und somit , .gespart" haben, noch weit mehr 
als Sie und ich ! 

126 



Das aber werde ich Ihnen in der Tat zum Teil noch 
in diesem, zum Teil aber in meinem späteren Kapitel 
über die objektive Analyse des Kapitals klärlich nach- 
weisen, daß es fremder Arbeitsertrag ist, welchen die 
Kapitalisten unter der Herrschaft des Kapitals , .an- 
sparen." — 

Hier aber noch eine andere Frage : Die Ökonomen er- 
klären sämtlich das Kapital als akkumulierte, an- 
gehäufte Arbeit (travail accumule, accumulated la- 
bour). Ist dies auch keine umfassende Definition, welche 
den Begriff des Kapitals heraustreten ließe, so ist 
sie doch wenigstens äußerlich zutreffend. Es kann 
kein Kapital existieren, das nicht , .aufgehäufte Ar- 
beit" wäre. Warum verändern Sie diese allgemein üb- 
liche Erklärung dahinein, daß es ,.das Ergebnis eines 
Sparens sei, welches entsteht, wenn jemand nicht 
seinen ganzen Arbeitsertrag, sein ganzes 
Einkommen zu unproduktiven Ausgaben verwendet ?" ^) 
Freilich scheint das vielleicht zunächst eine ganz unbe- 
fangene Umschreibung, eine bloße harmlose Verände- 
rung der Ausdrucksweise zu sein. Wenn Kapital ,.auf- 
gehäufte Arbeit" ist, sagen Sie sich, so kann ja diese 



^) Immer treu nach Bastiat, welcher (Harm, econom. p. 216) 
die Kapitalisten ihre Kapitalien .,par leurs privations" „durch 
ihre Entbehrungen" erzeugen läßt. Aber freilich ist der Grund- 
lage nach diese Illusion der gesamten liberalen Öko- 
nomie eigentümlich und notwendig und daher auch 
schon bei Adam Smith und seinen Nachfolgern zu treffen. Sie 
tritt nur bei Bastiat und Herrn Schulze in viel betonterer und 
eben darum auch viel groteskerer Weise heraus. (Und selbst 
in diesem Punkte war Bastiat — Schulze-Delitzsch hat sich 
wenigstens nie als selbständiger Ökonom aufgestellt — nur das 
Echo der englischen Freihandelsökonomen, die schon in den 
dreißiger Jahren die .Abstinen/theorie" erfanden. D. H.) 

127 



Arbeit, um „aufgehäuft" zu sein, nicht verzehrt wor- 
den sein, und folglich ist sie das Produkt eines Sparens, 
eines Zurücklegens aus dem Einkommen. Und gleich- 
wohl haben Sie durch diese scheinbar identische Um- 
schreibung die wesentlichste Ve rdummung und Ve r - 
d e r b u n g jener Definition — und zwar in der mehrfach- 
sten Hinsicht — glücklich zustande gebracht, und über- 
dies eine durch und durch tendenziöse Verderbung. 
Geben Sie acht, ich will Ihnen das nachweisen, Herr 
Schulze ! 

1. Die. Definition ,, Kapital ist aufgehäufte Arbeit" ist 
ein ganz objektiver und eben deshalb äußerlich richtig 
zutreffender Ausdruck. Es ist in ihr mit keinem Worte 
ausgesprochen, daß diese ,, auf gehäufte Arbeit" auch die 
Arbeit dessen sei, dem die Aufhäufung ge- 
hört^). Es könnte ja z. B. in einem Lande mit ^laven 

^) Freilich ist dies auch bei Adam Smith wie bei der 
ganzen liberalen Ökonomie die unbefangene Voraus- 
setzung, und diese naive Voraussetzung Ist es eben, durch 
welche sich die liberale Ökonomie charakterisiert. Allein 
es bleibt bei ihr früher eben naive, unbefangene, zugrunde lie- 
gende Voraussetzung. Smith und Ricardo bekümmerten sich um 
den Sozialismus noch nicht. Aber bei den Herren Bastlat und 
Schulze tritt jetzt jene stille Voraussetzung In polemischer 
Form hervor! Wenn bei den großen Gründern der Bourgeois- 
ökonomie jener Punkt ununtersucht geblieben imd dem sinnlichen 
Augenschein folgend als selbstredend vorausgesetzt wurde, so 
wird jetzt bei den Epigonen — wie dies übrigens der gesetz- 
mäßige Verlauf In allen Wissenschaften Ist — jenes Ge- 
brechen zur Hauptsache gemacht und aller Akzent 
darauf konzentriert! Diese Bemerkung enthält In Kürze die 
wesentliche Geschichte der liberalen Ökonomie seit Ricardo. 
(,,Je näher die Ökonomen der Gegenwart kommen, desto welter 
entfernen sie sich von der Ehrlichkeit. Mit jedem Fortschritt 
steigert sich notwendig die Sophisterei, um die Ökonomie auf 

128 



produziert worden sein, so daß nun vermöge der posi- 
tiven Rechtseinrichtung die aufgehäufte Arbeit zwar dem 
Kapitalisten gehört, die Arbeit selbst aber von den 
Sklaven produziert worden ist. Jene in der Regel übliche 
Definition der Ökonomen läßt es also dahingestellt, ob 
die Aufhäufung und die Arbeit auch in derselben 
Person zusammenfallen. 

Sie aber gewinnen bei Ihrer Umschreibung, nach wel- 
cher Sie das Kapital für ,,das Ergebnis eines Sparens" 
ausgeben, durch welches , .jemand nicht seinen gan- 
zen Arbeitsertrag, sein ganzes Einkommen 
aufzehrt," sofort das wesentlichste, worauf Ihnen 
alles ankommt, nämlich eben die Arbeiter unmerkHch und 
durch Ihre Definition selbst mit der Voraussetzung zu 
erfüllen, daß es der eigene Arbeitsertrag sei, wel- 
cher vom Kapitalisten aufgehäuft werde, daß der ,,Spa- 
rer" nur das Seinige, einen Teil ,,seines Arbeits- 
ertrages, seines Einkommens" zurücklege, daß ihm nicht 
nur das Kapital selbst, sondern besonders auch alles, 
was daraus folgt, nicht bloß positiv rechtlich — nach 
den einmal bestehenden Gesetzen — gehöre, sondern 
auch ökonomisch gebühre. 

O Sie Hauptpfiffikus, der Sie sind ! Aber bekanntlich 
steht niemand dümmer da, als ein Pfiffikus, dem man auf 
die Sprünge gekommen, als ein entlarvter Taschenspieler ! 

2. Dabei passiert Ihnen unvermeidlich notwendig der 
logische Unsinn, auf den ich Sie schon oben hinreichend 

der Höhe der Zeit zu erhalten. Darum ist z. B, Ricardo schul- 
diger als Adam Smith und Mac Culloch und Mill schuldiger 
als Ricardo." Fr. Engels, Umrisse zu einer Kritik der National- 
ökonomie, Deutsch-französische Jahrbücher, S. 89. Vgl. auch 
die Skizze der ökonomischen Schulen im Elend der Philosophie 
a.a.O. S. 118 -120. D.H.) 

9 Lassalle, Ges. Schrift«. Band V. 129 



hingestoßen habe (s. p. 112/113ff. dieser Ausgabe), daß, 
indem Sie das Kapital als das Sparen eines Teiles des 
Einkommens erklären, ,,E inkomme n" aber aus dem 
Kapitale hervorgeht, Sie dasselbe aus etwas ableiten, was 
sich vielmehr aus ihm ableitet, Sie das Kapital als 
einen ,,Teil des Kapitaleinkommens", oder mit 
anderen Worten: das Kapital als einen Teil seiner 
selbst erklären ! Die übliche Erklärung der Ökonomen, 
,, Kapital ist aufgehäufte Arbeit", enthält den Worten 
nach von diesem Blödsinn nichts, wenn er auch not- 
wendig überall auf dem Grunde der Seele der hberalen 
Ökonomen ruht. Sie spricht nicht vom ,, Einkommen" 
und weist lediglich und richtig auf den Produktions- 
prozeß, als die Quelle der Kapitalbildung, hin. Aber 
was kommt es Ihnen auf einen Blödsinn mehr oder weni- 
ger an? 

3. Dabei passiert Ihnen zum dritten, daß Sie auf ein- 
mal einen ganz neuen Faktor der Dinge entdecken, 
wodurch Sie sich sogar in den direktesten Wider- 
spruch mit sich selbst versetzen. Seit Adam Smith 
hat die Erkenntnis die Reise um die Welt gemacht, daß 
die Arbeit die Quelle aller Werte sei. Das wiederholen 
auch S i e in Ihrem Buche häufig genug — den Wo r - 
ten nach; der Sache nach vermögen Sie es nie fest- 
zuhalten. Statt wie in jener Definition der Ökonomen, 
, .Kapital ist aufgehäufte Arbeit," die positive Ar- 
beit, die Produktion, als den Faktor der Kapital- 
bildung hinzustellen, gewinnen Sie auf einmal einen neuen, 
rein negativen Faktor als Quelle derselben, das 
, .Sparen", das bloße Nichtverzehren einer 
Sache! Dieser Widerspruch ist so brennend, daß Sie ihn 
diesmal ausnahmsweise selbst fühlen und unter diesem 
quälenden Gefühle unmittelbar auf Ihre zuletzt angeführten 

130 



Worte fortfahren, wie folgt: „Indessen reicht das Spa- 
ren, das Nichtverzehren einer Sache für sich 
allein nicht hin, Kapital zu schaffen. Vielmehr muß 
demselben eine lohnbringende ( !) Tätigkeit, eine pro- 
duktive Arbeit notwendig vorhergehen, wie sich von selbst 
versteht, weil ohnedem die Gegenstände, an welchen ge- 
spart werden kann, fehlen würden. Die Sachgüter und 
Werte müssen erst geschaffen werden, welche man auf- 
sammeln, von denen man et\vas erübrigen will, das Ein- 
kommen muß erst verdient werden, ehe man davon 
etwas zurücklegen kann. Hierzu gibt es aber nur ein 
Mittel: die Arbeit. Sie allein stellt den Menschen 
alle nützlichen und notwendigen Dinge in der Welt zur 
Verfügung ; sie allein schafft alle We r t e , und 
so kommen wir wieder auf die Arbeit selbst zurück, 
als Urquell alles Vermögens, sowohl der Genußmittel, 
der zum augenblicklichen Konsum bestimmten Gegen- 
stände, wie des zu weitergehenden Zwecken des Er- 
werbes, zur Fürsorge für unsere künftige Existenz zu- 
rückgelegten Teiles, den wir eben als Kapital 
bezeichnen." 

Welchen Hohn, welchen Hohn Sie mit armen Arbeitern 
^treiben, Herr Schulze, und haben Sie denn gar kein 
Gewissen ? Sie stellen in diesen schillernden, täuschenden, 
künstlich aneinandergewebten Worten — ,,lohnbrin- 
g e n d e Tätigkeit muß erst vorhergehen, das Ein- 
kommen muß erst verdient werden, ehe man davon 
etwas zurücklegen kann. Hierzu gibt es nur e i n 
Mittel: die Arbeit etc.", — dem Arbeiter die euro- 
päischen Kapitalien ganz einfach so dar, als wären sie 
von ursprünglichen Lohnarbeitern aus zu- 
rückgelegtenArbeitslöhnen erübrigt wor- 
den! ! ! 

9- 131 



Aber nicht hierüber will ich hier sprechen, sondern über 
jenen Widerspruch, das eine Mal die positive Arbeit, 
das andere Mal das negative Nichtverzehren 
einer Sache als Quelle der Kapitalbildung zu setzen. 
Ist denn nun dieser Widerspruch dadurch beseitigt 
worden, daß Sie die Kühnheit haben, ihn sich selbst u n - 
mittelbar gegenüber zu setzen? Durchaus nicht ! 
Die angeführten Sätze sind vielmehr nur ein fortgesetztes 
Wimmern und Heulen von Widersprüchen, ein Geheul 
wie von hundert geprügelten Hunden! Zuerst war ,,das 
Sparen", das bloße Nichtverzehren einer Sache, der 
alleinige Quell der Kapitalbildung. Dann aber reicht das 
Sparen, das Nichtverzehren einer Sache, für sich al- 
lein, nicht hin, Kapital zu schaffen." Es scheint 
also hier, daß wir gar zwei Faktoren der Kapilalbil- 
dung bekommen werden, das Sparen und die Arbeit. 
Dann aber heißt es wieder von dieser: ,,Sie allein 
stellt den Menschen alle Dinge zur Verfügung, sie al- 
lein schafft alle Werte," und so scheint es wieder, daß 
jetzt die Arbeit allein wieder der Faktor der Kapi- 
talbildung werden soll. Und dann heißt es wieder, der 
,,zur Fürsorge für unsere künftige Existenz zurück- 
gelegte Teil" sei es, ,,den v\^ir ;als Kapital be- 
zeichnen." Es wird also schließlich wieder dahinein zu- 
rückfallen: das Zurücklegen, das Sparen sei es, 
Vv'elches die alleinige Quelle der Kapitalbildung sei. 
Mag die Arbeit — das ist wohl die diesem Wischiwaschi 
dunkel zugrunde liegende Vorstellung — die Dinge 
als einzelne produzieren, zum Kapital werden sie 
doch nur durch ihre Ansammlung, also durch ihre Nicht- 
verzehrung, und so ist die Nicht verzehrung, 
das Sparen die alleinige Quelle der K a p i t a 1 b i 1 - 
düng. Und dabei bleibt es dann definitiv, und p. 29 

132 



erscheint der Kapitalist als derjenige, welcher „die 
Mühe und Entsagung über sich genommen 
hat, welche die Ansammlung eines Kapitals unleugbar 
kostet." 

Sehen Sie denn nicht, daß es, selbst abgesehen 
von aller Historie, schon in sich selbst Unsinn ist, ein rein 
Negatives ^vie das Sparen, das Nicht verzehren 
einer Sache als Faktor der vollcswirtschaftlichen Kapital- 
bildung zu setzen, und zwar natürlich ebenso unsinnig als 
alleinigen Faktor, wie als einen vereint mit der 
Arbeit wirkenden Faktor ? Nur eine kurze Bemerkung, 
um Ihnen dies klar zu machen. Schauen Sie um sich, Herr 
Schulze ! Welche Arbeitsprodukte können denn überhaupt 
„verzehrt" und also nicht gespart werden? Getreide, 
Fleisch, Wein und ähnliche KonsumtibiHen. Und diese 
Dinge, welche verzehrt VNcrden können, müssen so- 
gar meistens mehr oder weniger bald wieder von dei** 
menschlichen Gesellschaft verzehrt werden, weil sie in 
der Regel eine sehr lange Aufbewahrung, ein sehr langes 
,, Gespartwerden" nicht vertragen, sondern dann nutzlos 
zugrunde gehen. Nun werfen Sie aber einmal einen Blick 
auf jene anderen Arbeitsprodukte, in welchen wirklich 
der hauptsächliche Kapitalreichtum der heutigen 
Gesellschaft besteht, also z. B. auf die Dampfma- 
schinen und die Bodenameliorationen und die 
Häuser oder auch bloß auf die durch die Arbeit ge- 
wonnenen Rohmaterialien aller Art, dazu die Eisen- 
stang e n , die Erz- und Kupferklumpen, die 
Ziegel, die Steinblöcke etc. etc. Ließen sich 
diese denn, einmal da, wieder ,, verzehren" und also 
„nicht sparen?" Hier also verbot sich das Nicht - 
gespartwerden von selbst, und das Verdienst, das Sie 
den Kapitalisten daraus machen und wofür Sie sie bisher 

133 



und noch in der Folge so sehr bekränzen, diese Dampf- 
maschinen, Bodenameliorationen, Ziegel, Steinblöcke, 
Eisenstangen, Erz- und Kupferklunipen nicht aufgefressen 
zu haben, scheint mir ziemlich mäßig. Freilich werden Sie 
einwerfen: aber die Besitzer konnten doch alle diese 
Dinge verkaufen und den Erlös verjubeln! Ange^ 
nommen, Herr Schulze — aber welche Folge hatte dies 
für die gesellschaftliche Kapitalbildung? 
Diese Kapitalien, diese Dampfmaschinen und diese Boden- 
ameliorationen, diese Dachziegel und diese Erzklumpen 
gehörten dann Peter statt Paul, was für die Gesell- 
schaft, für die Nation und das Vorhandensein des 
gesellschaftlichen Kapitals ganz gleichgültig ist^). Ich 



^) In seinem durchaus begreiflichen und zugleich berechtigten 
Bestreben, dem Schulzeschen Sparkassenevangelium entgegen- 
zutreten, läßt Lassalle sich hier zu Behauptungen hinreißen, die 
teils arg übertrieben, teils positiv unrichtig sind. Ersteres gilt 
u. a. mit Bezug auf den Gegensatz, in dem er die Begriffe 
„Sparen" und „Akkumulieren" nimmt, denn wenn sie sich 
auch nicht durchgängig decken, so unterscheiden sie sich doch 
nicht darin, daß das „Sparen", wie Lassalle hier substituiert 
und weiterhin ausdrücklich sagt, im Gegensatz zum. Akkumu- 
lieren etwas „rein Negatives" sei. Im Begriff des ersteren 
prägt sich nur die negative Seite eines oft sehr positiven Vor- 
ganges aus. Vielleicht daß Lassalle hier die Sätze von Marx 
in „Zur Kritik der politischen Ökonomie" vor Augen schweb- 
ten : „Wie Arbeitsamkeit die positive, ist Sparsamkeit die nega- 
tive Bedingung der Schatzblldung" (a. a. O. S. 108) und „Unser 
Schatzblldner erseheint als Märtyrer des Tauschwertes, heiliger 
Asket auf dem Gipfel der Metallsäule" (a.a.O. S. 113), da 
es an Anklängen an jene Schrift In diesem Abschnitt auch sonst 
nicht fehlt. Aber zwischen den Begriffen „negative Bedingung" 
und „rein negativ" besteht ein großer Unterschied. 

Indem er dies übersieht und die Verneinung von bestimmten 
Handlungen als Verneinung jeder Handlung auffaßt, kommt 

134 



muß wieder fragen : schreiben Sie national-ökono- 
mische Vorträge, Herr Schulze, schreiben Sie, wie Sie 
behaupten, einen ,,volks wirtschaftlichen Kursus" oder 



Lassalle zu der ganz unrichtigen Auffassung, der er hier nur 
indirekt, weiter unten aber wiederholt direkt Ausdruck gibt, daß 
sowohl „Die Entstehung der Kapitalien" als auch deren „privat- 
rechtliche Verteilung" mit dem Sparen , .nicht das gering- 
ste zu tun hat". Tatsächlich hat das Sparen zwar nicht die 
maßgebende Rolle bei der Entstehung des Kapitals gespielt, 
welche die liberale Ökonomie ihm andichtet, aber dennoch eine 
Rolle, und zwar auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung 
sogar eine ziemlich bedeutende Rolle. Die Sparsamkeit, ja, der 
Geiz waren neben dem Handel um so wesentlichere Faktoren 
der Kapitalbildung, je weniger entwickelt die Produktivität der 
Arbeit war. Erst mit der Entwicklung dieser treten sie in den 
Hintergrund, erst mit dem Sieg der Ökonomie in der Werk- 
statt wird die Ökonomie in den privaten Haushaltungen für 
sie eine immer untergeordnetere Angelegenheit. Für die Klassen, 
aus denen sich das moderne Proletariat hauptsächlich entwickelt 
hat, war freilich das Sparen eine faktische Unmöglichkeit, aber 
neben ihnen und den Feudalherren gab es eben noch andere 
Klassen, die u. a. durch Sparen in die Höhe kamen und — 
Kapitalisten wurden. Man kann dies anerkennen, ohne der klein- 
bürgerlichen Sparkassenweisheit unserer Tage die geringste 
Konzession zu machen. 

In gleicher Weise schießt Lassalle über das Ziel hinaus, 
wenn er es für die gesellschaftliche Kapitalbildung „gleich- 
gültig" erklärt, was die Besitzer der Kapitalsobjekte mit ihnen 
anfangen bzw. in welchen Händen diese sich befinden. 
Dies unterstellt u. a., daß das sogenannte stehende Ka- 
pital eine absolute Größe von gegebener Produktivkraft ist, 
was es bekanntlich nicht Ist. Es kann vergrößert oder ver- 
ringert, seine Produktivkraft gesteigert oder vermindert oder 
auch vergeudet werden, und die Tatsache, daß dem so ist, ist 
eines der stärksten Argumente für den Sozialismus. Auf dem 
Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung hängt unter Um- 
ständen sehr viel davon ab, ob Peter oder Paul über die Ma- 

135 



schreiben Sie einen p r i v a t wirtschaftlichen Kursus, eine 
Fibel mit dem Titel: „Die Kunst, reich zu wer- 
den?"^) Überflüssig sogar, erst noch daran zu erinnern, 
wie Sie uns früher selbst gesagt [s. oben p. 72ff. ^)], 
daß, wenn auch die Besitzer den Erlös aus den ver- 
kauften Maschinen etc. verjubeln, dies doch auf eins 
hinausläuft, indem Sie hierzu neue Produkte kommandie- 
ren, Produktion hervorrufen, Arbeitslöhne zahlen und so 
lauter Dinge tun müßten, auf welche ,,alle Kapital- 
anlagen hinauslaufen." 

Die Entstehung des Kapitals in bezug auf s e i n e p r i - 
vatrechtliche Ve r t e i 1 u n g werde ich Ihnen später 
in Kürze klar machen. Hier v/ollte ich Ihnen nur zeigen, 
wie wenig das ,,S p a r e n" mit der ,,E ntstehung" der 
volkswirtschaftlichen Kapitalien zu tun hat ! Die Pro- 
duktion ist also, wie Sie sich überzeugen, die al- 
leinige Quelle aller Kapitalbildung, und daher ist weiter 
die bestimmte Richtung, welche die P r o d u k - 



schinen usw. verfügen ; erst der Sozialismus wird die Produk- 
tion und mit ihr den gesellschaftlichen Wohlstand von den 
individuellen Eigenschaften der Peter und Paul unabhängig 
machen. D. H. 

^) Die Scharfsinnigen unter den Bourgeoisökonomen 
haben diesen Unterschied lange erkannt, wenn auch nie fest- 
gehalten: Malthus, Princ. d'econ. polit. (ich zitiere nach der 
großen französischen Gesamtausgabe der Economisten T. VIII. 
p. 358) definiert den Nationalreichtum dahin, „daß er 
sich zusammensetzt aus dem, was produziert und konsu- 
miert \vird, und nicht aus dem Überschuß der Pro- 
dukte über die Konsumtion" „ — la somme de la richesse 
nationale, qui se compose de ce qui est produit et consomme, 
et non de l'excedant des produits par-delä les con- 
sommations." 

2) S. 118/119 dieser Ausgabe. 

136 



t i o n einer Gesellschaft genommen hat, von großem Ein- 
fluß auf den Prozeß der Kapitalbildung. Denn offenbar 
wird es von v^ichtigen Folgen für die wirtschafth'chen 
Zustände einer Gesellschaft sein, ob sie ihre Arbeit vor- 
herrschend auf die Produktion von Lebensmitteln (Acker- 
bau), auf die Produktion ägyptischer Pyramiden oder 
auf die Produktion von Schiffen, Dampfmaschinen, Eisen- 
bahnen etc. richtet. 

Ich werde Ihnen dies sehr bald näher entwickeln. In- 
zwischen hat diese nähere Entwicklung der verschiedenen 
Richtungen der Produktion nichts mit dem ,,Spa- 
ren" zu tun, von welchem ich Ihnen hier einstweilen 
allein zeigen wollte, wie wenig es der Faktor der gesell- 
schaftlichen Kapitalbildung ist. Denn sind die Produkte 
einmal erst da — und um ,, gespart" zu werden, müssen 
sie doch zuvor da sein — so verbietet sich bei den einen 
derselben (den Konsumtibilien) das Gespartwerden, und 
bei den anderen, die wirklich der Grund unseres gesell- 
schaftlichen Kapitalreichtums sind, das Verzehrtwerden 
von selbst, da sie kein noch so unverwüstlicher Kapita- 
listenmagen verdauen würde. 

Hier wollte ich Ihnen ferner nur zeigen, welche Reihe 
von abscheulichen Verschlechterungen, welchen unsinnigen 
Verderb Sie mit jener unter den Bourgeoisökonomen üb- 
lichen Definition ,, Kapital ist aufgehäufte Arbeit" vor- 
nehmen, indem Sie dieselbe in Ihrer tiefen Unwissenheit 
und Gedankenlosigkeit einfach zu unterschreiben glauben. 
Denn auch von dem zuletzt aufgezeigten Unsinn enthält 
jene Definition der Ökonomen, gleichviel wie sie gemeint 
ist, den Wo r t e n nach keine Spur. Sie sagt nichts 
davon, daß etwas rein Negatives, wie das ,,Sparen", 
die Quelle der Kapitalbildung sei. ,,Auf häufen" ist 
nämlich nicht „Sparen", Herr Schulze, wenn Sie auch 

137 



beides für gleichbedeutend halten. Sondern Sparen ist 
das Aufhäufen solcher Dinge, die auch, hätten 
nicht gespart, verzehrt werden können. 

Sie sehen, Herr Schulze, Ihnen fehlen nicht nur alle 
ökonomischen Kenntnisse, Ihnen fehlt sogar der not- 
wendige Elementarunterricht, die dürftigste Kennt- 
nis der Bedeutung der Worte. Ich muß diesen Sinn- 
unterschied zwischen „Aufhäufen" und „Sparen" betonen, 
Herr Schulze, denn sonst behaupten Sie mir noch näch- 
stens, Sonne, Mond und Sterne , .gespart" zu haben. 
Daß Sie sie ,,auf gehäuft" haben, können Sie wieder 
aus anderem Grunde nicht behaupten, denn zum ,, Auf- 
häufen" gehört wieder eine positive Handlung. Die 
Definition der Bourgeoisökonomie ist also — wenn auch 
nicht dem Sinne, so doch mindestens den Wo r t e n 
nach — auch von dem dritten Unsinn frei, in welchen 
Sie dieselbe durch Ihre Umschreibung verderbt, verfälscht, 
verunstaltet haben. 

Niemand verlangt von Ihnen, und ich am wenigsten, 
daß Sie etwas leisten, daß Sie im geringsten irgend 
etwas neues, und sei es noch so unbedeutend, hervor- 
bringen. Es ist von vornherein die ehrenvolle Rolle der 
Leute Ihrer Art, daß sie mit dem, was sich seit hun- 
dert Jahren die Wissenschaft an den Schuhsohlen 
abgelaufen hat, im Lande hausieren gehen. Aber das 
kann man doch wenigstens von Ihnen verlangen, daß Sie 
das, was schon seit hundert Jahren in alle Kompendie« 
gedrungen ist — es ist hundert Jahre her, daß Adam 
Smith das Kapital als „aufgehäufte Arbeit" ^) erklärt 
hat — nicht noch erbärmlich verschlechtern. 



^) Es ist allerdings richtig, daß Adam Smith das Kapital für 
aufgehäufte Arbeit erklärt hat. Aber wie wenig der „Vater der 

138 



Das ist es eben, wofür ich Sie Ihrem Prinzipal, der 
Bourgeoisie, ganz besonders denunzieren muß, 
daß Sie, wie ich überall nachgewiesen, ein durchaus u n - 
brauchbarer commis voyageur sind, ganz unfähig, 
die Interessen Ihres Prinzipals wirklich zu vertreten 1 Diese 
ließen sich doch wahrhaftig immer noch ganz anders ver- 
teidigen, wenn auch niemals mit richtigen und durch- 
schlagenden, so doch wenigstens immer noch mit 
respektableren, intelligenteren Gründen. Aber Sie haben 
ja eben nicht einmal eine Ahnung von dem, was die 
Bourgeoisökonomie bisher wirklich produziert hat; es fehlt 
Ihnen jede Kenntnis der Gänge des Arsenals, aus wel- 
chem Sie sich die Waffen holen sollten, Sie „König 
im sozialen Reiche", wie die Herren Georg Jung, 



politischen Ökonomie" daran dachte, das Sparen in den Hinter- 
grund zu stellen oder vielmehr, wie sehr es auch für ihn 
der maßgebende Faktor der Kapitalbildung war, zeigt das 
dritte Kapitel des zweiten Buches seines Werkes über den 
„Wohlstand der Nationen". Da heißt es von der Kapital- 
anhäufung: „Wie das Kapital des einzelnen sich nur durch 
das vermehren kann, was er von seinem jährlichen Einkommen 
oder Gewinn erspart (,what he saves from his annual revenue 
or his annual gains'), so kann sich auch das Gesellschafts- 
kapital, welches dasselbe ist wie das aller Individuen, welche 
die Gesellschaft bilden, nur auf die gleiche Welse vermehren. 
Sparsamkeit (hier braucht Smith das Wort ,parsImony', 
das schon eher Knauserei bedeutet) und nicht Fleiß ist 
die unmittelbare Ursache der Kapitalsvermeh- 
rung. Der Fleiß (.industry', was vielleicht noch besser mit 
gewerbliche Arbelt zu übersetzen wäre) schafft zwar die Gegen- 
stände, die die Sparsamkeit anhäuft, aber soviel er auch auf- 
bringen mag, wenn die Sparsamkeit es nicht aufsparte und auf- 
häufte, würde das Kapital nie anwachsen." (Vgl. Ad. Smith, 
Untersuchungen usw. Stöpelsche Ausgabe, Buch II, S. 87.) 

D.H. 

139 



Heinrich Bürgers und Hellwitz Sie in Köln in öf- 
fentlicher Rede tituliert haben! 

Und wodurch Sie ferner die Interessen Ihres Prinzi- 
pals am meisten schädigen, seine Geschäftsgeheimnisse 
am meisten verraten, sind gerade die dumm-schlauen Wen- 
dungen, durch welche Sie denselben dienen wollen, die 
aber so ungeschickt sind, daß Sie damit nur den hellsten 
Einblick in Ihre Motive und von da in die gesamte Be- 
schaffenheit Ihrer Sache gewähren und jedem, der sich 
erst zu diesem Einblick erhoben hat, nur die höchste Er- 
bitterung gegen dieselbe einflößen können. 

So habe ich Ihnen schon oben (sub 1 ) das Motiv 
nachgewiesen, warum Sie das Kapital aus ,, auf gehäufter 
Arbeit" so unsinnig in den ,, gesparten Teil des Einkom- 
mens" verwandeln. Es kamen aber noch zwei andere 
Gründe für Sie hinzu. Wenn Sie den Arbeitern das Kapi- 
tal als ,,auf geh äu f t e Arbeit" definierten, so fürch- 
teten Sie, daß denselben die Frage nahe liegen möchte, 
warum sie, die so sehr viel ..arbeiten", dennoch niemals 
,, aufhäufen". Wenn Sie es ihnen aber als den gesparten, 
zurückgelegten Teil des Einkommens erklärten, so wissen 
diese Leute allerdings, daß sie — hat auch seine guten 
Gründe — ja niemals sparen und zurücklegen, und so 
lassen sie sich es — meinten Sie — schon eher gefallen, 
keine Kapitalien zu haben ! 

Endlich kam noch ein dritter Grund hinzu, der Sie zu 
jenem unsinnigen Fälschen bestimmte. 

In Deutschland muß alles , .moralisch" sein! Es reicht 
für den deutschen Bourgeois nicht hin, daß er das Kapital 
rechtlich hat; es reicht auch nicht hin, es objektiv 
als ökonomisch unangreifbar zu behaupten, daß er 
es hat ; nein, es muß auch noch ein moralisches Ve r - 
dienst von ihm sein, daß er es hat ! 

140 



Dieses moralische Verdienst muß also konstruiert, der 
Monthyonsche Tugendpreis ihm zuerkannt werden — und 
dazu eignet sich dann freilich die Theorie vom „Sparen". 
„Kapital ist in allen Fällen das unmittelbare Ergebnis 
eines Sparens", „anders können Kapitalien überhaupt nicht 
zustande kommen", sagen Sie p. 25 und heben mit ge- 
rührter Stimme (p. 29) hervor, wie der Kapitalist eben 
der große Dulder sei, welcher ,,die Mühe und Entsagung 
über sich genommen hat, welche die Ansammlung eines 
Kapitals unleugbar kostet!" Wie sie dastehen, mit blei- 
cher, abgehärmter Miene, unsere europäischen Kapita- 
listen, still und kummervoll zu Boden blickend im Ge- 
danken an ihre entsagungsvolle Dulderlauf bahn, und doch 
fast bescheiden verschämt, daß ihi^e großen Verdienste, 
die sie am liebsten still vor aller Augen verbergen 
würden, mit so großem Geräusch vor aller Welt enthüllt 
werden ! 

Herr Schulze — -- doch nein! Gönnen wir zuvor 
noch einmal Ihnen selbst das Wort ; setzen wir den Dithy- 
rambus hierher, den Sie p. 25 unmittelbar nach den von 
uns bereits kritisierten Worten, daß das Kapital der ,,für 
unsere künftige Existenz zurückgelegte Teil" sei, an- 
stimmen : 

,, Lediglich das Produkt der Arbeit^), geht das Kapi- 
tal, wie wir sahen, wieder in Förderung der Arbeitszwecke 
auf, strömt befruchtend in den Schoß der Arbeit selbst 



^) Freilich ist das Kapital auch Produkt der Arbeit, Herr 
Schulze, wie vieles andere, was nicht Kapital ist; aber eben 
deshalb ist dies nicht sein unterscheidender Begriff, Produkt 
der Arbelt zu sein. Sein unterscheidender Begriff besteht viel- 
mehr gerade lediglich darin, Form der Arbelt zu sein ~ 
was Sie hier zwar noch nicht verstehen, später aber verstehen 
werden. 

141 



zurück, um sich in stetigem Kreislauf in neuen Arbeits- 
erzeugnissen wieder zu erneuern. Eine wunderbare Wech- 
selbeziehung, die, wie nichts anderes in der Welt, die 
Interessen beider, des Kapitals wie der Arbeit, unlösbar 
miteinander verkettet. Und wie sehr dabei die höheren 
Eigenschaften der menschlichen Natur tätig sind, wie 
die besten Kräfte des Menschen dabei geweckt und in 
Übung gehalten werden, ergibt ein kurzer Hinblick. Wur- 
zeln nicht Fleiß, Arbeit stüchtigkeit. Sparen 
in den geistigen und sittlichen Eigenschaften unser Natur ? 
Welche Einsicht, welche Kenntnisse und Erfahrungen ge- 
hören nicht dazu, in irgend einem Fache gut und mit Erfolg 
zu arbeiten, etwas Tüchtiges zu leisten! Und ferner, zu 
dem rechten Haushalten mit dem Ertrage seiner Arbeit 
muß jemand die Zukunft in das Auge fassen, die Ein- 
wirkung des zu ersparenden Kapitals auf Befriedigung 
künftiger Bedürfnisse in Geschäft und Wirtschaft berech- 
nen und in Anschlag bringen, um sich zu entschließen, 
die Gegenwart der Zukunft zu opfern. Da gilt es, sich 
selbst und seine Neigungen zu beherrschen, dem augen- 
blicklichen Reize des Genusses zugunsten großer, dauern- 
der Vorteile in der Zukunft zu entsagen, Gelüsten aller 
Art zu widerstehen, sich in Mäßigkeit und Enthaltsam- 
keit zu üben. Insbesondere treten hier die heiligsten Fami- 
lienbande und Pflichten mit in das Spiel, da jemand von 
aufopfernder Liebe für die Seinigen durchdrungen sein 
muß, um nicht vor Mühen und Entbehrungen zurückzu- 
schrecken, deren Früchte nicht selten erst Kinder und 
Enkel genießen. — Kurz, von welcher Seite wir auch die 
Sache fassen mögen, überall greifen die wirtschaftlichen 
Strebungen bei der Kapitalsbildung auf den edleren Teil 
der menschlichen Natur zurück." 

Nie hat David zur Harfe so schön gesungen ! 

142 



„Lobet den Herrn, den mächtigen König 

der Ehren!" 

Sollte es denn wirklich erst noch nötig sein, Ihnen 
ernsthaft zu entwickeln, wie nun auch in bezug auf 
ihre privatrechtliche Verteilung die europäi- 
schen Kapitalien nicht im geringsten eine Frucht 
des „Sparens" sind, dessen , .moralische" Verdienste 
Sie zu diesem langen Brei breit rühren? 

Haben Sie denn wirklich gar keine Ahnung, wie die 
Kapitalien entstanden sind und noch heute weiter 
entstehen? 

Also in möglichster Kürze, Herr Schulze: Am An- 
fange der Zivilisation und bis zum Christenlume herrscht 
Sklavenarbeit. Die Arbeiter selbst mit allem, was 
sie hervorbringen, bilden das Eigentum des Herrn, Bei 
Sklavenarbeit aber kann wohl von , .Aufhäufen", nicht 
aber von ,,Sparen" die Rede sein. Denn abgesehen 
davon, daß jemand, der z. B. 100 Sklaven hatte, das 
Arbeitsprodukt von 60 Menschen verprassen konnte — 
was doch wahrhaftig nicht ,, sparen" heißt und dennoch 
das Arbeitsprodukt der 40 anderen aufhäufen, so ist 
dieses Aufhäufen doch kein ..Sparen", kein Sparen 
in Ihrem Sinne, da es kein Sparen des eigenen Ar- 
beitsertrages ist. Sparen von fremdem Arbeitser- 
trag aber nennt man heutzutage eher Rauben oder doch 
mindestens Ausbeuten. Und wenn nicht, so erinnere 
ich Sie wieder daran, daß ich, seit wir leben, immer Ihren 
Arbeitsertrag, Sie Undankbarer, mit einer Enthaltsamkeit 
ohnegleichen angespart habe und ebenso den Ihres Freun- 
des Reichenheim, und daß ich mir denselben also — be- 
sonders den letzten nächstens ausbitten werde ! 

Aber auch mit dem Christentum änderte sich dies be- 
kanntUch nicht. Denn an die Stelle der Sklaverei trat 

143 



nun Leibeigenschaft und Hörigkeit, immer also 
das Besorgen der Arbeit durch Menschen, die in ver- 
schiedenen Abstufungen das rechtliche Eigentum ihrer 
Herren waren, immer also das Aufhäufen von frem- 
dem Arbeitsertrag. Und das vv^ar nicht nur in bezug auf 
die Landarbeit so, sondern Sie werden wissen, Herr 
Schulze, da soviel ja fast jedes Kind weiß, daß Jahr- 
hunderte hindurch im Mittelalter auch die industrielle 
Arbeit in den Städten erst mit Leibeigenen, dann 
mit Hörigen im Dienste der städtischen Adels- und 
Patriziergeschlechter betrieben wurde ^). Als dies in den 
Städten aufhörte, traten — während die Leibeigenschaft 
und resp. Hörigkeit auf dem Lande bis zur französischen 
Revolution fortdauerte — daselbst die Z ü n f t e an dessen 
Stelle, deren großer Gegner und leidenschaftlicher Feind 
Sie ja sind, — Ihr ,, Fortschritt" besteht nämlich darin, 
daß Sie noch einmal theoretisch bekämpfen, was 
schon vor 75 Jahren vernichtet wurde ! — und von denen 
Sie ja also wissen müssen, daß sie in positiven 
Staatseinrichtungen bestanden, welche in hundert 
Fonnen das arme Volk durch den Zwang Rechtens nötig- 
ten, für die städtischen Meistergeschlechter zu arbeiten 
und in deren Taschen den Ertrag ihrer Arbeit fließen 
zu lassen. 

Kam endlich der Donner der französischen Revolution 
von 1789! 

Wie von einem Blitze fortgefegt, verschwanden Leib- 



^) Siehe über den Übergang außer den älteren Werken 
(Barthold, Geschichte der deutschen Städte. 1850, u. a.) schöne 
neuere Untersuchungen bei Arnold, Geschichte des Eigen- 
tums in den deutschen Städten, Basel 1861. 

144 



eigenschaft, Hörigkeit, Zünfte ! Die freie Konkurrenz war 
erreicht ! — 

Die Arbeit war rechtlich frei erklärt und un- 
endlich der Jubel ! 

War denn nun aber wirklich etwas an der alten Tat- 
sache geändert, daß die Arbeiter ihren Arbeitsertrag 
in die Taschen der privilegierten, besitzenden Klassen 
fließen lassen müssen ? War wirklich der alte Ausbeu- 
tungszustand der Gesellschaft beseitigt, nach welchem 
diese privilegierten, besitzenden Klassen fremden Ar- 
beitsertrag — das Arbeitsprodukt der Arbeiter — als 
ihr eigenes rechtliches Eigentum anhäufen? 

Rechtlich v/ar, wie gesagt, die Arbeit für frei er- 
klärt und nichts \vürde also im Wege gestanden haben, 
daß jeder seinen eigenen Arbeitsertrag be- 
ziehe, aufhäufe und resp. ,, spare", wenn nicht eine ein- 
zige kleine Schwierigkeit sich widersetzt hätte ! 

,,Ehe man mit irgend einer Beschäftigung, einer Ar- 
beit zu Erwerbszwecken beginnen kann — sagen Sie 
p. 10 Ihres Katechismus — muß man einmal für Be- 
schaffung der zu verarbeitenden Rohstoffe, vsodann 
der nötigen Arbeits Werkzeuge und endlich für seine 
und seiner Mitarbeiter Subsistenzmittel während 
der Dauer der Arbeit gesorgt haben." 

,, Diese notwendigen Voraussetzungen jeder auf Her- 
stellung von Sachgütern gerichteten Arbeit — fahren Sie 
darauf fort — können also ohne Ausnahme nur durch 
frühere, der jetzt beabsichtigten vorhergegangene 
Arbeiten der verschiedensten Art geschafft werden ; 
wir begreifen dieselbe unter dem Namen Kapital." 

Sie wissen es also selbst, Herr Schulze, ehe man 
irgendeine Arbeit auch nur beginnen kann, 

10 Lasäüll«, Ges. SclHftcn. BatJ V 145 



braucht man vorgetane Arbeit, braucht man K a - 
pital. 

Die jetzt plötzlich rechtlich für „frei" erklärten 
Leibeigenen, Hörige, Zunftgesellen und Lehrlinge hatten, 
sie und ihre Vorfahren, Jahrtausende hindurch für die 
Bevorrechteten aller Art diese vorgetane Arbeit verrich- 
tet und befanden sich jetzt, rechtlich frei und faktisch 
mittellos diesen in den Händen der Besitzenden auf- 
gehäuften Kapitalien gegenüber. 

Da sie das nicht hatten, was man braucht, ,,ehe man 
irgend eine Arbeit beginnen kann" — was bheb 
und bleibt ihnen übrig als trotz der ,, rechtlichen Freiheit", 
trotz der Erklärung der freien Konkurrenz, das Leben 
für des Lebens Notdurft zu verkaufen? 

Mit anderen Worten : was blieb und bleibt ihnen übrig, 
wenn sie nicht hungern und verhungern wollen, als bei 
den mit jenen durch ilire eigene tausendjährige Arbeit 
hervorgebrachten Kapitalien, mit den Resultaten ihrer 
eigenen vorgetanen Arbeit ausgerüsteten Unternehmern 
Arbeit zu suchen, und zwar zu einem Lohne, der den 
volksüblichen notwendigen Lebensunter- 
halt nur höchst ausnahmsweise und selten, und niemals 
auf längere Zeit, übersteigen kann? Zu einem Lohne 
also, der, indem er von Haus aus auf den volksübHchen 
notwendigen Lebensunterhalt reduziert ist, die Arbeiter 
ihrerseits in die Unmöglichkeit setzt, zu ,, sparen", 
und andererseits allen Überschuß des Arbeits- 
ertrages dieser Arbeiter über die zu ihrem Lebens- 
unterhalt erforderlichen Kosten, wie groß er auch immer 
sei, wie gewinnbringend auch die Produktivität der Arbeit 
im allgemeinen oder in einem bestimmten Produktions- 
zweige im besonderen sei, mit unvermeidlicher Notwendig- 
keit in die Tasche des Unternehmers — der seinerseits 

146 



wieder den Kapitalisten als solchen davon abgibt — fallen 
läßt? 

Ich habe dieses Lohngesetz mit den geringen 
Schwankungen nach oben und unten, denen es aus- 
gesetzt ist, in meinem ,, Antwortschreiben" entwickelt^). 

Und wenn Sie und ,, Zeitungsgeschwister" mir hier- 
bei widersprachen, so hätte ich mich über dies Unglück 
hinreichend getröstet halten können durch die Worte von 
Rodbertus an die Arbeiter^) ,, Lassalle hat Ihnen dies 
Gesetz, so wie die geringen Modalitäten, unter denen es 
gilt, so genügend auseinandergesetzt, daß darüber kein 
Wort mehr zu verlieren ist". 

Ich habe es gleichwohl noch ausführlicher bewiesen in 
meinem ,, Arbeiterlesebuch" sowohl durch Gründe als auch 
durch die Anerkennung aller Bourgeoisökonomen^). 

Ich werde Ihnen endlich (im IV. Kap.) in Kürze einen 
noch zwingenderen systematischen Beweis im systemati- 
schen Zusammenhange führen und zum Überfluß auch 
noch später dartun*), daß sie die Wahrheit dieses Ge- 
setzes auch selbst kennen. 

Die ,, freie Konkurrenz" hat also ebenso wenig etwas 
an der alten Tatsache geändert, daß der Arbeiter den 



^) Siehe mein , .Offenes Antwortschreiben an das Leipziger 
Zentralkomitee". Zürich, Meyer & Zeller 1863, p. 15 — 21. 
(Bd. III. S.58 unserer Ausgabe. D.H.) 

^) Rodbertus, Offener Brief an das Komitee des deutschen 
Arbeitervereins 1863. p. 4. 

•^) „Arbeiterlesebuch" (Frankfurt a. M. bei Reich. Baist 
1863), p.5-18. (Bd. III. S.183 unserer Ausgabe. D.H.) 
— Vgl. auch meine Schrift „Die indirekten Steuern und die 
Lage des Arbeiterstandes". Zürich, Meyer & Zeller 1863), 
p. 41-49. (Bd. II, S. 344-362 unserer Ausgabe. D.H.) 

*) Siehe im Kapitel „Schluß". 

10» 147 



über seine eigene Lebensnotdurlt — und diese mußten 
auch die Sklaven, Leibeigenen, Hörigen, Zunftgesellen 
und Lehrlinge erhalten — hinausgehenden Ertrag seiner 
Arbeit abgeben muß, wie früher an den ,,Herrn", so 
jetzt an das ..Kapital". 

Ja wenn die Arbeit heute noch betrieben würde in 
ihrer ursprünglichen, naturwüchsigen Form, wie bei den 
Indianern in den amerikanischen Wäldern, wo die Ar- 
beit des Tages — die Jagd — die Unterhal- 
tungsmittel des Tages beschafft ! Kein Zweifel 
dann, daß die 1 789 proklamierte Rechtsfreiheit der 
Arbeiter diese in tatsächlich freie Leute verwan- 
delt, und jeder jetzt für eigene Rechnung jagend nur sein 
eigenes Arbeitsprodukt, seinen eigenen individuellen Jagd- 
ertrag, nicht mehr und nicht weniger, erlangt hätte. 

Aber die Fortschritte der Teilung der Arbeit — 
dieser Ursache der europäischen Zivilisation — haben 
ja der Arbeit eine ganz andere Gestalt gegeben! Jeder 
arbeitet nur einen abstrakten Teil eines Produktes, nicht 
fertige Genußmittel, von denen er leben könnte. Die Ver- 
wertung dieses Produktes geht vor sich in Wochen, Mo- 
naten, Jahren — und während dieser Zeit ist Vo r s c h u ß 
zum Leben erforderlich. Die Teilarbeit setzt fer- 
ner voraus eine bereits geschehene Teilarbeit anderer, also 
Vo r s c h u ß zur Beschaffung der Resultate derselben, 
zur Beschaffung von Rohstoffen, Arbeitsinstrumenten, In- 
dustrieerzeugnissen. Die Teilarbeit vollbringt sich endlich 
nur durch eine Vereinigung vieler zu demselben Arbeits- 
resultat und setzt somit wieder voraus Vo r s c h u ß zum 
Unterhalt dieser etc. etc. Und so heult denn jede Note 
in dem Produktionskonzert unerbittlich : Vo r s c h u ß . 
Vo r s c h u ß , Vo r s c h u ß ! 

Wenn also auch die Arbeiter 1789 ,,frei" erklärt 

148 



wurden, so konnten sie doch nicht jagen gehen auf ihren 
Jagdgründen, wie der stolze Sohn der Wälder. Denn sie 
hatten keine Jagdgründe mehr und in anderer künstliche- 
rer Form vollzog sich jetzt der Prozeß der gesellschaft- 
lichen Ernährung. 

Diesen Vorschuß, diese vorgetane Arbeit, die jetzt 
zu jeder Ernährung notwendig war, hatten sie aufgehäuft 
in den Händen der bis dahin auch rechtlich privilegierten 
Besitzenden. An diese ihm^) eigene vorgetane Ar- 
beit mußten sie sich jetzt auch trotz der freien Kon- 
kurrenz, mußten sie sich gerade durch die freie Kon- 
kurrenz tatsächlich gefangen geben und nach wie 
vor den früher rechtlichen, jetzt aber tatsäch- 
lichen „Herren" ihren Arbeitsüberschuß, den über 
ihren notwendigen Unterhalt hinausgehenden Arbeitser- 
trag, abliefern. 

Die vorgetane Arbeit, das Kapital, er- 
drückt in einer unter Teilung der Arbeit und 
unter dem Gesetze der „freien Konkurrenz" und 
der ,,S elbs thilf e" produzierenden Gesellschaft die 
lebendige Arbeit. Die eigenen Produkte 
seiner Arbeit erwürgen den Arbeiter, seine 
Arbeit von gestern steht wider ihn auf, 
schlägt ihn zu Boden und raubt ihm seinen 
Arbeitsertrag von heute!! 

Und je mehr also auch seit 1789 der Arbeiter pro- 
duziert, je mehr er im Dienste der Bourgeoisie vorge- 
tane Arbeit, Kapitalien in deren Eigentume 
aufhäuft, je mehr er dadurch weitere Fort- 
schritte der Teilung der Arbeit ermö glicht, 
desto mehr vermehrt er das Gewicht der ihn zu Boden 



Augenfällig ein Druckfehler für „ihre". D. H. 

149 



haltenden Kette, desto trauriger gestaltet er seine 
Klassenlage ^). 

Und das ist der Grund, warum in England diese Lage 
trauriger ist als in Franla^eich und Belgien, und in Frank- 
reich und Belgien trauriger als in Deutschland ! ") — 

Nun, soviel hätte ich Ihnen also jedenfalls gezeigt, 
Herr Schulze, daß die , .Entstehung der Kapita- 
1 i e n", und zwar auch in bezug auf ihre privatrecht- 
liche Verteilung mit dem ,,Sparen" nicht das ge- 
ringste zu tun hat, und zwar v o r 1 789 so wenig als seit 
dem, unter der Herrschaft der freien Konkurrenz und 
bis zum heutigen Tage ! Soviel hätte ich Ihnen nachge- 
wiesen, daß nach wie v o r 1 789 die Arbeiter nicht 
aufhäufen können, und diejenigen, welche auf - 



^) Das wissen auch die Bourgeoisökonomen sehr gut und 
gestehen es hin und wieder auch selbst ein, siehe z, B. Professor 
Röscher, Ansichten der Volkswirtschaft etc. 1861, p. 217: 
,,Fast mit jeder höheren Ausbildung des Fabriksystems wird 
die Abhängigkeit des Arbeiters von seinem Herrn 
größer." 

^) Obwohl dieser Satz scheinbar dem tatsächlichen Stand der 
Dinge ins Gesicht schlägt, enthält er doch einen durchaus be- 
rechtigten Kern. Es handelt sich eben nicht um einzelne Ar- 
beiterschichten, sondern um die Klasse der industriellen Ar- 
beiter überhaupt. Außerdem liegt es auf der Hand, daß, wenn 
der organisierte Widerstand der Arbeiter und die Fabrik- 
gesetzgebung in England gewisse Verbesserungen in der ökono- 
mischen Situation bestimmter Schichten der Arbeiterklasse be- 
wirkt haben, diese Verbesserungen als Resultate einer ersten 
sozialen Reaktion gegen die Wirkungen des Kapitalismus die 
obige These nicht umstoßen können. Die von der Fabrikgesetz- 
gebung nicht erreichten Arbeiter waren seinerzeit in England 
vielfach noch schlechter daran als in Deutschland — von 
Belgien gar nicht zu reden. D. H. 

150 



häufen, nicht den eigenen, sondern fremden Ar- 
beitsertrag aufhäufen, also nicht , .sparen"!^) 

Aber wenn Sie nun auch zu unfähig waren, sich diese 
kurze historische Entwicklung über die europäischen Ar- 
beitsverhältnisse selbst zu machen — sahen Sie denn 
nicht mit dem bloßen Verstände, daß eine solche Kapi- 
talentstehung durch individuelles Sparen des eigenen Ar- 
beitsertrages, wie Sie sich dieselbe vorstellen, schon a 
priori eine vollständige UnmögHchkeit sei? 

Wie stellen Sie sich die Entstehung der ersten Ka- 
pitalien vor ? 

Erinnern Sie sich also wieder der Urform der Arbeit, 
des auf seinen Jagdgründen jagenden freien indianischen 
Wilden. Konnte der wohl von seinem Einkommen „zu- 
rücklegen" ? Warf seine Arbeit einen Überschuß über 
seinen Lebensunterhalt ab ? Die Geschichte wird Ihnen 
die Antwort erteilen, indem sie Ihnen zeigt, daß Massen 
von Indianerstämmen vor Hunger ausgestorben sind. Mit 
anderen Worten : Nur unter der Teilung derAr- 
beit wirft die Arbeit einen Überschuß über 
den Lebensunterhalt ab. 

Aber vielleicht fragen Sie : warum hat dieser dumme 



■^) Man kann dagegen einwenden, daß es gleichgültig sei, ob 
jemand Produkte eigener oder fremder Arbeit anhäuft; sobald 
er in seinem Besitz gelangende Werte nicht veräußere und 
ihren Erlös verzehre, sondern sie ansammele, übe er die Funk- 
tion des Sparens aus. Bis soweit ist das auch richtig. An- 
gesichts des kolossalen Unterschiedes aber, der darin liegt, 
ob etwa ein Kapitalist den größeren Teil seines jährlichen 
Profits wieder zum Kapital schlägt, oder ein Arbeiter ein 
paar abgedarbte Pfennige auf die Seite legt, ist der Widerstand 
Lassalles gegen die Anwendung desselben Wortes für beide 
Funktionen begreiflich genug. D. H. 

151 



Teufel von Indianer nicht Kapitalist gespielt, warum hat 
er nicht eine Anzahl Indianer in seinen Lohn genommen 
und vereint für seine Rechnung jagen lassen? 

Sie sehen wohl, Herr Schulze, daß diese Freien sich 
niemals dazu verstanden hätten, zumal sie ja dann eben 
auch nur erjagten, was auch früher in voller Freiheit, des 
Lebens Unterhalt. 

Und zweitens : woher hätte denn dieser Indianer zuvor 
den Unterhalt nehmen sollen, den er für jene anderen 
brauchte, während sie für seine Rechnung jagten? Hätte 
er sich ihn vorher aus seinem eigenen Jagdertrag vom 
Munde absparen sollen ? Zum Gerippe hätte er sich 
hungern können, ehe er soviel zusammen hatte, um irgend 
eine Anzahl von Lohnjägern für seine Rechnung zu unter- 
halten. 

Aber, sagen Sie vielleicht, das lag doch nur an dem 
dummen Teufel selbst. Denn warum ließ er nicht von 
diesen Lohnjägern lieber Ackerbau und Industrie treiben, 
die ja reichlichen Unterhalt bringen? 

Aber sehen Sie nicht, Herr Schulze, daß hier der eben 
besprochene, hindernde Umstand nur in hundertfach ver- 
stärktem Grade wiederkehrt ? 

Woher hätte er denn nur gar für die Ackerbauer und 
Industriearbeiter vorher die Lebensmittel aus seinem per- 
sönlichen Jagdertrag zusammensparen sollen, um sie wäh- 
rend eines Jahres oder mehrerer Monate am 
Leben zu erhalten, welche Ackerbau und Industrie brau- 
chen, um ihren Ertrag zu geben? 

Sie sehen hieraus zweierlei, Herr Schulze : 

1 . Die Produktion unter Teilung der Arbeit, 
welche allein einen Überschuß über den Tagesbe- 
darf gibt, setzt, um möglich zu sein, immer schon 

152 



wieder einen vorhergegangenen Ansatz von Ka- 
pitalsammlung, und somit immer wieder eine 
schon vorhergegangene Teilung der Ar- 
beit voraus, welche allein diesen der individuellen 
Arbeit unerschwinglichen Überschuß über den Ta- 
gesbedarf beschaffen kann. 

2. Völker, die von voller individueller Frei- 
heit ausgehen, wie die indianischen Jägerstämme, 
können deshalb niemals zu irgend einer Ka- 
pitalansammlung und daher auch niemals zu 
irgend einem Kulturfortschritte gelangen. 

Und darum befanden sich in der Tat, als die Weißen 
zuerst über den Großen Salzsee kamen, die Irokesen, 
Delawares, Cherokees, Tschikasas etc. noch genau auf 
derselben Kulturstufe, wie vor vielen Tausend Jahren, 
und noch heute befinden sich die Reste jener Stämme, 
insofern sie ihre frühere Lebensweise nicht aufgeben und 
sich europäisiert haben, im wesentlichen auf derselben^). 

Also : die individuelle Arbeit kann nicht 
sparen. 

Nun werfen Sie aber einmal den BHck auf die Skla- 
verei, welche Sie an der Wiege der zivilisierten Na- 
tionen finden. 

Sofort verändert sich das ganze Bild ! 

Ein Herr hat z. B. 100 Sklaven. Er kann 30 derselben 
dazu verwenden, die persönlichen Genußmittel aller Art 
zu erzeugen, die er für sich verbrauchen will. Und Sie 
werden mir zugeben, daß den Arbeitsertrag von 30 Men- 
schen verzehren, eben nicht ,, Sparen" heißt. 60 auidere 
Sklaven verwendet er auf Ackerbau, um wieder für 



^) Dieser Satz erfährt durch die neueren ethnographischen 
Untersuchungen eine wesentliche Einschränkung. D. H. 

153 



sie selbst, für die ersten 30 und für die letzten 10 Sklaven, 
die ihm noch bleiben, die nötigen Lebensmittel zu erzeugen. 
Und die letzten 10 Sklaven verwendet er, um die nötigen 
We r k z e u g e verfertigen zu lassen, w^elche sowohl die 
ersten 30 zur Hervorbringung seines persönlichen Kon- 
sums bestimmten Menschen, als die 60 Sklaven bedürfen, 
welche die Lebensmittel für alle Hundert hervorbringen. 

Und im wesentlichen ungefähr so haben die Gesell- 
schaften eines Tages ausgesehen. 

Mindestens, werden Sie sagen, ,, spart" dieser Mann 
doch das Arbeitsprodukt von 10 Sklaven, welche die 
Werkzeuge produzieren. Und wenn es auch wahr ist, 
daß es kein ,, Sparen" ist, fremden Arbeitsertrag auf- 
zuhäufen, so konnte er doch immerhin nach dem einmal 
bestehenden Sklavenrecht, den Arbeitsertrag auch dieser 
10 Sklaven verzehren, und es ist also immerhin eine 
,, Entsagung" von ihm, daß er hierauf verzichtete und 
ihn in Werkzeugen aller Art sich ansammeln ließ. 

Sie sind wieder sehr im Irrtum, Herr Schulze ! 

Indem dieser Mann die 10 Sklaven die Werkzeuge 
für die 60 Sklaven und für die für seine persönlichen 
Genußmittel verwendeten 30 Sklaven produzieren ließ, 
gewann er durch diese Teilung der Arbeit einen 
weit reichlicheren Haushalt, weit reichlichere 
Genußmittel für sich, als wenn er auch noch diese 
10 Sklaven, oder alle hundert, direkt für die Hervor- 
bringung von Lebensmitteln mit ihren Fingern und Nägeln 
hätte arbeiten lassen. Ja, durch die fortgesetzte Arbeit 
dieser Zehn, welche die Werkzeuge für die 30 und die 
60 liefern, kommt dieser Eigentümer nun bald dahin, daß 
infolge der verbesserten Ackerbauwerkzeuge schon 50 
ackerbautreibende Sklaven hinreichen, die Lebensmittel 
für alle hundert zu produzieren. Er hat also jetzt zehn 

154 



von diesen 60 Sklaven verfügbar und läßt sie zu der 
Kolonne der die Werkzeuge anfertigenden Sklaven sto- 
ßen, die sich demnach jetzt auf 20 beläuft. Durch die 
viel künstlicheren und wirksameren Arbeitswerkzeuge aller 
Art, welche diese 20 erzeugen, wird jetzt sowohl die 
Produktion der 30 Sklaven, welche die zu seinem per- 
sönlichen Gebrauch bestimmten Luxusgegenstände er- 
zeugen, als die Lebensmittelproduktion der 50 Acker- 
bausklaven viel ertragreicher. Kisten und Kasten, 
Keller und Scheunen schwellen ihm über, seine Luxus - 
genüsse verfeinern sich immer mehr, Purpur, Seide und 
duftiges Linnen stehen ihm zur Verfügung, und es zeigt 
sich, daß durch die verbesserten Ackerbauinstrumente und 
Methoden schon 40 Sklaven hinreichen würden, den Le- 
bensunterhalt für die Hundert aufzubringen. 

Bei diesen neuerdings disponibel gewordenen 10 Skla- 
ven macht der Mann vielleicht eine Teilung; fünf der- 
selben läßt er zu der Kolonne der für seinen Luxusbedarf 
tätigen 30 Sklaven stoßen, eine Abteilung Lautenschläge - 
rinnen und Tänzerinnen in derselben bildend, und um 
die anderen fünf verstärkt er wieder die Kolonne der die 
Werkzeuge und Arbeitsinstrumente produzierenden Skla- 
ven, die jetzt von 10 schon auf 25 emporgewachsen Ist. 
Aber durch die immer komplizierteren und produktiveren 
Werkzeuge, welche diese schaffen, wimmeln jetzt die 
Luxusmittel, welche die für seinen persönlichen Genuß 
tätigen Sklaven hervorbringen, und der Mann sieht, daß 
er diese Luxusgenüsse sogar noch viel vermehren und 
verfeinern kann, wenn er von den 35 Luxussklaven 
10 abtrennt und zu der Kolonne der Werkzeug- 
arbeiter stellt, um sie auf diesem Indirekten Wege 
um so zahlreichere Genußmittel für sich erzeugen zu 
lassen. Diese Kolonne beläuft sich jetzt, aus ursprünglich 

155 



10, schon auf 35 Sklaven; der Mann läßt bohren, häm- 
mern, walzen, Maschinen aufführen ohne Unterlaß, und 
er erlangt durch die hierdurch immer steigende Ergiebig- 
keit der Arbeit eine immer größere Menge der delikatesten 
Genüsse, wie der notwendigen Lebensmittel — ganz ab- 
gesehen davon, daß er durch die Vermehrung derselben 
die Mittel erlangt, auch die Zahl der Sklaven selbst sich 
durch Fortzeugung beträchtlich vermehren zu lassen und 
nun diese vermehrte Sklavenzahl in die früheren drei 
Kolonnen zu verteilen. 

Innerhalb jener 100 Sklaven aber hat sich das 
Zahlenverhältnis aus ursprünglich 30 Luxusartikel, 60 
Lebensmittel und 10 Werkzeuge produzierenden Sklaven 
jetzt dahin verändert: 25 unmittelbare Luxusgegenstände, 
40 unmittelbare Lebensmittel und 35 Werkzeuge produ- 
zierende Sklaven. 

Sie sehen also, Herr Schulze, was der Mann wirklich 
getan hat, war nicht , .Sparen", sondern unablässig die 
Richtung der Produktion verändern, immer 
neue Teilung der Arbeit einführen, immer mehr 
Arbeitskraft von der unmittelbaren Produktion von 
Luxus- und Lebensmitteln auf die mittelbare Pro- 
duktion derselben, also auf die Produktion von 
Werkzeugen, Maschinen, kurz capital fixe (stehen- 
dem Kapital) aller Arten verwenden, und je mehr er 
dies tat — was Ihnen als ein „Sparen" erscheint — 
desto mehr Genußmittel strömten ihm zu. 

Es ging diesem Manne wie Julie von ihrer Liebe zu 
Romeo sagt : ,,Je mehr ich gebe, desto mehr h a b ' ich." 
Je mehr Sklaven er an die dritte Kolonne der zur Pro- 
duktion des stehenden Kapitals bestimmten Skla- 
ven hingab, desto mehr Genußmittel hatte er, ver- 
mehrte er und konnte ©r verzehren! 

156 



Dieser Mann, Kerr Schulze, ist das reale Bild der 
Entwicklung der europäischen Gesellschaft und ihrer Ka- 
pitalien. 

Sie sehen also jetzt wohl, daß von ,, Entsagung" und 
von ,, Sparen" selbst des fremden Arbeitsertrages da- 
bei nicht die Rede war : 

Sie sehen zugleich, Herr Schulze, daß, wer da sagt 
„Teilung der Arbeit", zugleich — was zu sehr übersehen 
wird — sagt: ,,gemeinsame , vereinte Arbeit"^), 
und daß diese gemeinsame, vereinte Arbeit und die durch 
sie bedingte Kultur und Kapitalbildung zuerst und lange 
allerdings nur in der Form der Sklaverei, in der 
Form gewaltsamer Unterwerfung und Vereinigung, durch 
Aufhäufung fremden Arbeitsertrages möglich ^var. 

Freilich also ist es ein Glück, daß die Sklaverei 
an der Wiege der zivilisierten Nationen gestanden 
hat 2). 

Aber finden Sie nicht, Herr Schulze, daß es an der 
Zeit wäre, der Sklaverei in ihren verschiedenen Formen 
und A^bstufungen, die aber immer nach wie vor in der 
Hauptsache existiert, daß es Zeit wäre, dem Aneignen 
fremden Arbeitsertrages endlich ein Ende zu 
machen? 

Ein Ende zu machen, sage ich ? Ach nein 1 Der Weg 
wird noch lang und die Entwicklung nur allmählich sein! 



^) ,,Die Entwicklung der Arbeitsteilung setzt die Vereinigung 
der Arbeiter in einer Werkstatt voraus." (Marx, Elend der 
Philosophie. 1. Aufl. S. 136.) D. H. 

2) Das heißt die Sklaverei war ein wirksamer Hebel die 
kombinierte Ai-beit, die sich in primitiver Form auch schon bei 
Völkern findet, welche jene nicht kennen, weiter zu entwickeln. 

D.H. 

157 



Aber daß es um so mehr Zelt wäre, wenigstens den 
Anfang des Endes zu machen? 

Jedenfalls haben Sie nun gesehen, wie wenig durch 
„Sparen" ursprünglich die KapitaKen entstanden sind und 
sich vermehrt haben. 

Wollen Sie aber gar wissen, wie in einer so entwickel- 
ten Gesellschaft wie die heutige neue Kapitalien sich 
bilden ? 

Nehmen wir konkrete Beispiele, Herr Schulze! 

Ich kaufe ein Grundstück für 100000 Taler. Ich setze 
den Fall, daß ich 5 Prozent meines Kapitals aus dem 
Grundstück erlöse und diese jährKch rein ausgebe. Ich 
, .spare" also gar nichts. „Ja noch mehr, ich gebe jährlich 
2000 Taler über mein Einkommen aus, verschwende 
also, verschulde mich. Aber nach zehn Jahren verkaufe 
ich das Gut, und infolge der inzwischen gestiegenen Masse 
und Dichtigkeit der Bevölkerung und der dadurch gestie- 
genen Preise des Getreides oder der Bauplätze erlöse 
ich jetzt vielleicht 200000 Taler für das Grundstück. 
Ich bezahle die 20000 Taler Schulden, die mir durch 
zehnjährige verschwenderische Ausgabe entstanden sind 
und habe dennoch ein neues Kapital von 80000 Taler 
in der Hand. Woher kommt dieses neue Kapital von 
80000 Taler. Nun, es hat sich eben gebildet durch die 
— gesellschaftlichen Zusammenhänge. Es 
hat sich gebildet dadurch, daß eine zahlreichere und dich- 
tere Bevölkerung auf derselben Bodenfläche entstanden 
ist. Es hat sich gebildet dadurch, daß jetzt vielleicht un- 
fruchtbarere Äcker von kostspieligerem Ertrag in Angriff 
genommen werden müssen, um das nötige Lebensmittel- 
quantum für die Nation zu erzeugen, und daß der Markt- 
preis des Getreides nun auch die Getreideproduktions- 
kosten ^uf diesen unfruchtbareren Äckern vergüten muß, 

158 



was mich in den Stand setzt, auch mein Getreide zu die- 
sem gestiegenen Preise zu verkaufen. 

Es hat sich gebildet vielleicht dadurch, daß gestiegener 
Reichtum einer anderen Bevölkerung dieser die Mittel 
gibt, durch eine wirksamere Mitbewerbung um diese Ge- 
treideprodukte den Preis derselben zu steigern, oder viel- 
leicht dadurch, daß in einem anderen Lande die 
Kornzölle abgeschafft werden und dies selbe Resultat 
hierdurch eintrat. 

Kurz es hat sich gebildet vielleicht durch alles, — 
nur nicht durch meine Arbeit und durch mein 
„Sparen". 

Oder ich setze den Fall, ich habe bei Anlegung der 
Köln-Mindener Eisenbahn 100000 Taler Aktien al pari 
gezeichnet. Ich habe, ohne mich sonst irgend um diese 
Eisenbahn zu bekümmern, Jahre, jahrelang erst 5, dann 
8, dann 10, dann 12, dann 13 Prozent aus meinem An- 
lagekapital bezogen, also eine wahrhaft riesige Dividende, 
und ich habe sie unerbittlich bis zum letzten Heller aus- 
gegeben. Ich verkaufe jetzt diese Köln-Mindener Aktien, 
sie stehen 175 nach dem Kurszettel, und ich habe jetzt 
ein neues Kapital von 75000 Taler gewonnen in der 
Hand, ohne jemals einen Heller ,,aus meinem Ein- 
kommen angesammelt und gespart" zu haben. 

Wie hat sich dies neue Kapital gebildet? Durch 
die gesellschaftlichen Zusammenhänge, 
Herr Schulze 1 

Der Personenverkehr ist gestiegen, der Güterverkehr 
ist gestiegen, durch die Erfindung eines englischen Inge- 
nieurs vielleicht sind die Betriebskosten geringer gewor- 
den — kurz durch alle gesellschaftHchen Zusammenhänge, 
nur nicht durch meine Arbeit und durch mein ,,S p a r en" 

159 



repräsentiert jetzt die große Anlage, Köln - Mindener 
Eisenbahn genannt, und folglich auch jedes Bruchteil 
(Aktie) derselben wirklich einen um so viel höheren 
Kapital wert. 

Und bemerken Sie wohl, Herr Schulze, daß man auf 
diese Weise an Köln- Mindener Eisenbahnaktien zu neuen 
Kapitalien kommt — das mußten Sie wissen ! Der 
ganze Kreis Ihrer Bekannten ist daran reich geworden, 
an den Köln-Mindenem und an den Oberschlesischen 
Littera A., und an den Oberschlesischen Littera B., und 
an den Magdeburg- Halberstädtern und wie sie noch alle 
heißen mögen. Und wenn Sie und obgleich Sie noch 
weniger von Nationalökonomie verstehen als ein neuge- 
borenes Knäblein, — das mußten Sie wissen, denn 
Sie haben hundertmal im Kreise Ihrer Bekannten davon 
sprechen hören! 

Wenn Sie also gleichwohl sagen (p. 25): ,, Kapital 
ist in allen Fällen das unmittelbare Ergebnis eines 
Sparens. Es entsteht nur, wenn jemand nicht sein 
ganzes Einkommen zur Befriedigung seiner augen- 
blicklichen Bedürfnisse verwendet, sondern einen Teil 
davonzu rücklegt," und wenn Sie nochmals betonend 
fortfahren: „Anders können Kapitalien überhaupt 
nicht zustande kommen," so schneiden Sie sich dadurch 
unrettbar jede Ausflucht ab, im guten Glau- 
ben gewesen zu sein! 

Es mag nicht jedermanns Sache sein, sich den Unter- 
schied des Kapitals in seiner v o 1 k s wirtschaftlichen und 
in seiner privat wirtschaftlichen Bedeutung klar zu legen 
und noch weniger diesen Unterschied bei allen weiteren 
Untersuchungen und einzelnen Fällen scharf im Auge 
zu behalten. 

Es mag nicht jedermaniK Sache sein, sich die noch 

160 



verwickeitere Frage klar zu machen, warum sogar ein 
Gewürzkrämer in Delitzsch, der aus seinem Jahresver- 
dienst von 1000 Talern 500 Taler zurücklegt, hiermit 
fremden Arbeitsertrag aufhäuft, da alle Produktivi- 
tät des Kapitals heute eben immer darauf beruht, daß 
bei dem eigentlichen Produktionsunternehmen der Arbeits- 
ertrag des Arbeiters vom Unternehmer aufgehäuft wird 
und hiernach, wenn Kapital erst überhaupt produktiv 
ist, es notwendig auch bei allen anderen gesellschaft- 
lich erforderlichen Kapitalanlagen, als dem eigentlichen 
Produktionsunternehmen, dieselbe Produktivität be- 
währen, gleichfalls Profit abwerfen muß, da sich 
sonst für diese anderen Kapitalanlagen keine Kapitalien 
finden würden. 

Für alles dies und noch vieles andere sollen Sie durch 
Ihre Unkenntnis entschuldigt sein. 

Aber das mit den Köln- Mindenern, das wußten Sie 
ohne jede Widerrede ! 

Von den Milliarden, die auf diese Weise in Europa 
in den letzten zehn und zwanzig Jahren gewonnen worden 
sind, wußten Sie. 

Mochten Sie sich also selbst in Ihrem unklaren Kopfe 
vorstellen, daß die Kapitalien auch durch ,, Sparen" 
zustande kommen, so wußten Sie jedenfalls, daß sie auch 
auf anderem Wege sich bilden. Und wenn Sie nun den- 
noch, um dem Arbeiter die nötige Verehrung vor dem 
stillen Märtyrertum des Kapitalisten einzuflößen und ihn 
mit dem religiösen Glauben an die Legitimität der heu- 
tigen Wirtschaftszustände zu durchdringen und die ver- 
fänghche Frage bei dem Arbeiter zu vermeiden, wieviel 
Kapital wohl auf dem einen und wieviel auf dem anderen 
Wege entstehe, — wenn Sie deshalb sagen, Kapital ent- 
stehe „in allen Fällen" nur dadurch, daß jemand .^nicht 

11 Lasealle. G«9. Scbriften. Baad V. ^ 161 



sein ganzes Einkommen zur Befriedigung seiner 
Bedürfnisse verwendet," sondern einen ,,Teil davon 
zurücklegt" und nochmals hinzufügen: „Anders kön- 
nen Kapitalien überhaupt nicht entstehen" — so haben 
Sie — es hilft nichts, Herr Schulze, ich muß es Ihnen 
sagen ; Wahrheit vor allem ! — so haben Sie ganz 
bewußt gelogen! 

Und indem Sie vor Arbeitern logen, vor einem 
Publikum, dessen gesamte Lebensinteressen von 
dieser Frage abhängen, und das zugleich nicht die nötige 
,, Bildung" besitzt, um Ihre Trugschlüsse sich klar machen 
und widerlegen zu können, so qualifizieren Sie sich hier- 
durch selbst zu einem ganz bewoißten B — — — Ich 
will das Wort nicht ausschreiben, Herr Schulze, aber 
bloß deshalb nicht ausschreiben, weil ich die 
Genugtuung haben will, daß das öffentliche Ge- 
wissen selbst ergänzt, welche Benennung Ihnen 
zukommt ! ^) 

Und bemerken Sie wohl, Herr Schulze, es ist in beiden 
Fällen, die ich setzte und die Ihnen ganz bekannt sind 
und alle Tage vorkommen, im Falle jenes Grundstückes 
wie der Köln- Mindener Aktien, auch keine jener 
„Übertragungen von Kapital" eingetreten, wie Sie 
in dem Abschnitt „c) Übertragbarkeit des Ka- 



^) Unzweifelhaft übertreibt Lassalle hier. Schulze-Delitzsch 
trieb tendenziöse Schönfärberei ; aber zum guten Teil als bloßer 
Nachbeter von Leuten, die ihrerseits Soldschreiber des Kapi- 
tals waren, während er selbst mehr Düpierter als Düpierer 
war. Zudem fielen für ihn die von Lassalle angeführten Fälle 
unter die Rubrik der Steigerung bestehender Kapitalien, 
und in der Tat handelt es sich dabei in erster Reihe um die 
Entwicklung von Mehrwert, der je nachdem erst durch Akku- 
mulation zu neuem Kapital wird. D. H. 

162 



pitals" (p. 26 und 27) auseinandersetzen. Sie sagen 
nämlich daselbst zu besserer Verdummung der Arbeiter : 
freilich sehe man oft Menschen im Besitze großen Ka- 
pitals, die niemals gearbeitet, niemals gespart hätten. Aber 
das widerspräche Ihrer Kapitalerklärung nicht. Denn 
diesen sei das Kapital eben von anderen „übertragen 
worden. Als solche Übertragungsarten gehen Sie nun 
durch: Erbschaft, Schenkung, Spiel, Betrug, Raub, Dieb- 
stahl und knüpfen hieran den Satz (p. 27) : „daß aber 
auf alle diese erlaubten und unerlaubten Arten nur be- 
reits geschaffenes Kapital aus einer Hand in die 
andere übergeht, niemals aber Kapital oder über- 
haupt VeiTnögen erzeugt oder geschaffen wird, daß das 
letztere vielmehr ein für allemal nur durch Arbeiten 
und Sparen möglich ist, ward nach dem Gesagten wohl 
jedem einleuchten." Und nach diesem triumphierenden 
Satze sind Sie sicher, in dem Gehirne Ihrer Arbeiter auch 
noch das letzte Luftloch verstopft zu haben, durch welches 
ein frischer Luftzug des Verstandes wehen könnte ! Aber 
Herr Schulze, in dem oben gesetzten Beispiel von dem 
neuen Kapital von 75000 Talern, welches ich an den 
Köln- Mindener Aktien erlangt habe, habe ich weder 
gearbeitet noch gespart. Ich habe auch nicht betrogen, 
geraubt oder gestohlen; ich bin überhaupt dabei vor dem 
Staatsanwalt ganz unangreifbar. Es hat mir es auch nie- 
mand geschenkt oder vererbt. Ich habe auch nicht ge- 
spielt, Herr Schulze, und mir so nur einen Wert 
angeeignet, den ein anderer vor mir schon recht- 
lich besaß. Denn unterscheiden Sie v/ohl, Herr 
Schulze, ich habe nicht von Agiotage und Börsenspiel 
in jenem Falle gesprochen. Sondern es ist in demselben 
effektiv und reell ein neuer Kapitalwert entstanden. 
Infolge des vermehrten Verkehrs, der verringerten Be- 

m 

11- 163 



trlebskosten etc. ist jetzt die gesamte Köln-Mindener 
Eisenbahn — und somit auch jeder Anteil an ihr — 
wirklich mehr wert. Diesen neuen Kapitalwert hat 
niemand vor mir als rechtlicher Besitzer be- 
sessen; folglich hat ihn mir auch niemand „über- 
tragen"; gleichwohl habe ich auch weder gespart noch 
gearbeitet. Woher kommt dieser neue Kapital wert ? Die 
Sache ist wirklich wunderbar! Es ist, als wäre er vom 
Himmel gefallen! 

Aber vielleicht werden Sie hier wütend, Herr Schulze, 
und rufen mir zu : „Sie Dummkopf ! Sehen Sie denn nicht, 
daß dieser Kapitalwert von den Köln-Mindener 
Eisenbahnarbeitern und allen anderen Grup- 
pen von Arbeitern, die mit diesen auf dasselbe 
Resultat hinwirkten, hervorgebracht und Ihnen als 
dem Besitzer der Eisenbahnaktien übertragen worden ist ? 
Ei freilich sehe ich das, Herr Schulze! Und 
ich töte mich ja eben schon dies ganze Buch hindurch, 
Ihnen dies zu beweisen! Wenn Sie das aber auch 
wissen, dann sind Sie ja dreimal entlarvt! 

Denn dann wüßten Sie ja eben alles, was ich Ihnen 
beweise! Dann wüßten Sie ja, daß diese ,, Übertragung" 
keine freie ist — denn jene Arbeiter haben mir durch- 
aus nichts übertragen wollen — daß sie überhaupt 
keine juristische , .Übertragung" ist, denn jener 
Kapitalwert hat vor mir keinen anderen recht- 
lichen Besitzer gehabt, — wie dies bei Raub, 
Diebstahl, Spiel der Fall ist — sondern daß dies eben 
die ökonomische ,, Über tragung" des heutigen Pro- 
duktionsprozesses ist, welche darin besteht, dem 
Kapitalisten den Arbeitsertrag der Arbei- 
ter zuzuführen. 

Dann wissen Sie alles, alles, worüber wir streiten! 

« 

164 



Dann wissen Sie das Gegenteil von allem, allem, was 
Sie den Arbeitern sagen ! 

Ich habe Ihnen jetzt bewiesen, Herr Schulze, und drei 
und viermal bewiesen, das Prcxlukt welchen ,, Spa- 
re ns" und welcher ,, Entsagung" von seiten unserer 
Kapitalisten die europäischen Kapitalien sind. 

Aber ich kann diesen Abschnitt nicht schließen, ohne 
die klassische Pointe zu betrachten, in welche ein talent- 
voller Schüler von Ihnen Ihre Kapitaltheorie zusammen- 
gefaßt hat ! Haben wir Sie vorhin (p. 90) als Psalmist 
und somit als Solosänger bevvamdert, so wollen wir 
uns den Genuß nicht versagen, auch noch ein kurzes 
Duett zu hören, welches Sie mit jenem talentvollen 
Schüler gesungen haben und es, indem wir es mit unserer 
Stimme begleiten, in ein kräftiges Terzett zu verwan- 
deln. — 

Es war also in der Sitzung Ihres Berliner Arbeiter- 
vereins vom 4. Dezember 1863, daß dieses Duett zur 
Aufführung kam. 

Einige Arbeiter hatten die Ansicht ausgesprochen, daß 
der Arbeiterverein von der ,, Bildung", für die durch den 
Schulzeschen Katechismus nun schon genug geschehen sei, 
dazu übergehen müsse, ein Mittel zur Verbesserung der 
materiellen Lage der Arbeiter und somit des Ar- 
beitslohnes ausfindig zu machen. 

Da springt Ihr Schüler und Adjutant, der Fortschritts- 
abgeordnete Herr F a u c h e r , auf die Tribüne (alles 
folgende ist wörthch aus der BerhrR'-r Reform — einem 
Herrn Schulze aufs engste befreundeten Blatte — vom 
6. Dezember 1863 entlehnt) und läßt sich vernehmen 

wie folgt : „ Neben dem berechtigten Arbeitslohn 

steht ein ebenso berechtigter Faktor, das ist der Kapital- 
zins; dieser Zins ist nichts weiter als der Lohn für die 

165 



bewiesene Enthaltsamkeit ; wer Kapital sammelt, hat sich 
Entbehrungen auferlegt, er hat die von ihm erwor- 
benen Mittel nicht verbraucht, sondern sie in verbesserten 
Werkzeugen, Vorräten und dergleichen angelegt, und er 
ist dadurch in den Besitz von KapitaHen gelangt, die der 
Allgemeinheit zugute kommen; dafür daß er seinen Vor- 
rat, die Früchte seiner Enthaltsamkeit hergibt, muß er 
belohnt werden, und das geschieht durch die Zahlung 
von Zinsen, denn diese Entbehrung ist soviel und 
oft noch mehr wert als die Arbeit selbst. Es 
ist daher nicht möglich, daß der Arbeitslohn 
auf Kosten des Entbehrungslohnes sich erhöht." 

Ist es erhört!! Also der Kapitalprofit (denn beiläufig, 
Herr Faucher, wenn der Arbeiter eine Erhöhung des Ar- 
beitslohnes fordert, so steht er nicht unmittelbar dem 
Kapitalzins als solchem, sondern dem ganzen Kapital- 
profit — Unternehmerprofit — Von welchem der Ka- 
pitalzins nur ein bescheidener Teil ist, gegenüber), also 
der Kapitalprofit ist der ,,E ntb ehrungsloh n! !" 

Und hierauf besteigt Herr Schulze- Delitzsch in Person 
die Tribüne: ,,Aus dem soeben gehörten Vortrage des 
Herrn Faucher ist die Notwendigkeit recht ersichtlich, daß 
eine regelrechte Organisation in den Vorträgen stattfinde. 
Wa s Ihnen eben gesagt Wurde, ist das ABC 
alles dessen, was ich Ihnen in meinen Vo r - 
trägen ausführlich klar gemacht zu haben 
glaubte." 

Ja wohl, Herr Schulze, es ist, wie Sie sagen! Der 
„Entbehrungslohn" ist, wie wir durch die ausführ- 
liche Betrachtung Ihrer Lehren gesehen haben, nur die 
pointierte, drastische Zusammenfassung Ihrer Lehre in 
ein einziges Wort. Aber eben deshalb — ist es erhört, 
ist es erhört ! ! ! 

166 



Der Kapitalprofit ist der ,, Entbehrungslohn !" Glück- 
liches Wort, unbezahlbares Wort. Die europäischen Mil- 
lionäre Asketen, indische Büßer, Säulenheilige, welche 
auf einem Bein auf einer Säule stehen, mit weit vorge- 
bogenem Arm und Oberleib und blassen Mienen einen 
Teller ins Volk streckend, um den Lohn ihrer Entbeh- 
rungen einzusammeln! In ihrer Mitte und hoch über alle 
seine Mitbüßer hinausragend als Hauptbüßer und Ent- 
behrer das Haus Rothschild I D a s ist der Zustand der 
Gesellschaft I Wie ich denselben nur so verkennen 
konnte ! 

Und wenn das noch ein anderer gesagt hätte, ein 
Bankier etwa ! Aber was Sie nur für ein Völler und 
Prasser Ihr Lebtag gewesen sein müssen, Herr Faucher I 
Denn meine Freunde sagen mir, daß Sie gar keine Ka- 
pitalien haben, und ein mäßig reicher Bankier würde 
nicht die Kosten, die er für eine anständige Mahlzeit 
aufzuwenden gewohnt ist, hingeben, "um dafür den jähr- 
lichen ,, Entbehrungslohn" (Kapitaleinkommen) einzutau- 
schen, den Sie beziehen! 

Und was nur diese Arbeiter für Völler und Prasser 
sein müssen, wo sie nur insgeheim ihre Villen, Land- 
häuser und Mätressen haben, und ihre Orgien feiern 
müssen, daß sie so gar keinen Entbehrungslohn be- 
ziehen I 

Doch Scherz beiseite, denn es ist nicht möglich hierbei 
zu scherzen, und selbst der ingrimmigste Scherz reicht 
hier nicht aus und verwandelt sich notwendig von selbst 
in den Ausbruch offener Empörung ! Es ist Zeit, es ist 
Zeit, die Stimmen dieser Kastraten durch den rollenden 
Ton groben Basses zu unterbrechen ! Ist es erhört — 
während es sich mit dem Kapitalprofit verhält, wie wir 
schon hinreichend gezeigt und noch gründlicher zeigen 

167 



werden, während das Kapital der Schwamm ist, welcher 
allen Arbeitsertrag und Arbeitsschweiß in sich aufsaugt 
und den Arbeitern nur des Daseins Notdurft übrig läßt, 
hat man den Mut, den Kapitalprofit den Arbeitern als 
den ,,Entbehrungslohn" sich kasteiender Kapita- 
listen auszugeben ? ! Arbeitern, armen Arbeitern, darben- 
den Arbeitern hat man den Mut, diesen unendlichen 
Spott, diesen beißenden Hohn öffentlich ins Gesicht zu 
werfen?! Gibt es gar kein Gewissen mehr, und ist die 
Scham zu den Bestien entflohen ? 

Und so weit hat man bereits die Ve rdummung und 
Entmannung des Volkes mit Erfolg betrieben, daß 
die Arbeiter selbst, statt in ein Gewitter von Unwillen 
auszubrechen, dieser offenen Verhöhnung geduldig zu- 
hören ? Warum hat das Gesetz keine Strafe für Dinge 
dieser Art, und ist die systematische Verdummung des 
Volksgeistes denn kein Verbrechen ? 

Die We 1 1 gesdiichte kennt keine so elende, so pfäf- 
fische Heuchelei wie diese da ! Die Pfaffen des Mittel- 
alters gaben dem Volke doch wenigstens, wenn sie die 
Ungleichheit der Reichen und Armen besprachen, die 
freundhch tröstende Hoffnung, daß sich diese Ungleich- 
heit da oben im Jenseits ausgleichen und vergelten werde ! 
Sie erkannten doch wenigstens das Dasein dieser be- 
drückenden Ungleichheit und die Gerechtigkeit einer 
Hoffnung auf dereinstige Vergeltung an ! 

Ihr, unerreichbare Heuchler, übertrefft alles, was 
je die pfäffischste Heuchelei des Mittelalters geleistet! 
Ihr macht die Glücksgüter und Vorteile der Reichen 
umgekehrt zu gerechten Vergeltungen der 
Entbehrungen und Entsagungen, die sie sich 
schon in diesem Leben auferlegt I ! 
::- Aber, Herr Schulze, alles hat seine Zeit, alles rächt 

168 



sich schon hienieden, und der Tag wird kommen, wo das 
öffentliche Gewissen Sie und Ihre Heuchelei und Ihre 
Helfershelfer brandmarken wird, wie Sie es verdienen ! 
Man wird Ihnen das Wort: ,,Entbehrungslohn" 
auf die Stirne brennen!^) 

„d) Kredit und Kapitalrente." 

Ich kann und muß jetzt schneller mit Ihnen zu Werke 
gehen, Herr Schulze. Ich kann es, denn wir haben jetzt 
Ihre national-ökonomischen Kenntnisse überreichlich ken- 
nen gelernt, und alles bei Ihnen folgende ist nur eine 
Wiederholung und ein weiteres Breittreten desselben Ge- 
schwätzes. Ich muß es, denn ich überschreite sonst bei 
weitem den Raum, der dieser Schrift gesteckt ist. Ich 
kann es aber auch deshalb, weil nun jeder, der bis hier- 
her mit Ernst und Verständnis gelesen hat, dadurch von 
selbst in den Stand gesetzt ist, wenn er in Ihrem Buche 
zu seiner eigenen Belustigung weiter liest, den Brei von 
Worten, in welchem Sie Ihre vollständige Gedanken- 
losigkeit und Unkenntnis verbergen, zum Stehen zu bringen 
und ihn in den ihm zugrunde liegenden Unsinn aufzu- 
lösen. 

Ich betrachte also nur noch möglichst kurz die Haupt- 
punkte. 



^) Indes, Ehre dem Ehre gebührt. Schon 1846 schrieb der 
französische Freihändler Molinari von den „Entbehrungen' 
(privations), die sich der Kapitalist auferlegt, wenn er dem für 
ihn schanzenden Arbeiter die Produktionsmittel „leiht", statt 
sie zu verklopfen und den Erlös zu verjubeln. Und Molinari 
war in seiner Art auch ein Stück Philanthrop. Aber freilich, 
nur zu oft hat die Philanthropie mehr oder weniger gutgläubig 
Feigenblattfabrikation betrieben. D. H. 

• 169 



In diesem Abschnitt wollen Sie die „Kapitalrente", 
das heißt also die Produktivität des Kapitals 
ökonomisch erklären. Und das machen Sie nach B a - 
stiats Vorgang, indem Sie (p. 29) den Kapitalzins 
also erklären, „denn Kapitalzins ist weiter nichts 
als der Kaufpreis für die Nutzung oder den Gebrauch 
einer Sache während einer bestimmten Zeit." 

Mit anderen Worten: Sie behandeln diese Frage wie- 
der in der schiefen Weise als stünde sie zwischen Unter- 
nehmer und Unternehmer, zwischen Kapitalist und Ka- 
pitalist, was gar nicht der Fall ist, da sie vielmehr ledig- 
lich steht zwischen Kapitalist und Arbeiter. 

Es genügt dies festzuhalten, und wäre es nicht einmal 
ein Verdienst dabei, dies weiter zu entwickeln. Denn dies 
hat bereits Rodbertus in seinem schon vor dreizehn 
Jahren (1851) erschienenen dritten sozialen Briefe 
gegen die Herren Bastiat-Thiers ausführlich und 
meisterhaft getan, eine Entwicklung, welche jeder somit 
nachlesen kann^). Aber Sie haben das entweder nicht 
gelesen oder nicht verstanden — obgleich ich Arbei- 
ter kenne, die es vollkommen verstanden haben — und 
so nehmen Sie denn von dem Inhalt dieser brillanten 
und epochemachenden Kritik nicht die geringste Notiz 
und halten es für einfacher und offenbar auch viel sicherer, 
dieselbe auch nicht durch ein Wort zu widerlegen! 

Der Kapital z i n s , Herr Schulze, ob gerecht oder 
nicht, kann überhaupt gar nicht in der Weise, wie Sie es 
versuchen, als primäre, selbständige Erscheinung 
erklärt werden. Er ist eine abgeleitete Erscheinung, 
wie Sie das auch hin und wieder selbst zu sehen scheinen. 



^) Dritter sozialer Brief von Rodbertus. Berlin, 1851, p. 101 
bis 111. 

170 ♦ 



dann aber in Ihrer gewöhnlichen Gedankenlosigkeit wieder 
schießen lassen, abgeleitet nämlich aus dem Profit, 
welchen das Kapital in den Händen eines un m i 1 1 e 1 - 
baren Produktionsunternehmers abwirft. Weil 
das Kapital in den Händen des Unternehmers produk- 
tiv ist, weil je 1000 Taler mehr in seinen Händen einen 
neuen Kapitalprofit abwerfen, kann und wird er 
mir auch, wenn ich es vorziehe, um der Mühe der Ge- 
schäftsverwaltung zu entgehen, nicht direkt, sondern durch 
Zwischenschiebung eines Unternehmers zu produzieren 
und ihm die 1000 Taler hierzu überlasse, von dieser 
Produktivität, welche dieses Kapital in seinen Hän- 
den hat, irgend einen Teil ablassen. 

Dieser Teil ist der Zins, und ist so das Kapital 
erst produktiv und zinstragend überhaupt, so wird es auch 
bei jeder anderen Verwendung, zu der es erforderlich 
ist und für die es sich sonst nicht fände, Zins abwerfen 
müssen. 

Das wissen auch die Bourgeoisökonomen seit lange, 
und sie haben selbst nicht nur den Zins als diesen abge- 
leiteten Teil des Unternehmerprofits erklärt, sondern auch 
die näheren Gesetze bestimmt, welche in unserer Ge- 
sellschaft das Wachsen und Fallen des Zinses im Ver- 
hältnis zum Wachsen und Fallen des Unternehmerprofits 
regeln. 

Um also den Zins zu erklären, mußten Sie zuvor 
die Produktivität des Kapitals in den Händen des 
Unternehmers kritisieren und analysieren, was Sie, wie 
wir gesehen, mit keiner Silbe getan haben ^). 



^) Das ist insofern nicht ganz richtig, als Schulze-Delitzsch 
zwar sehr flüchtig und in der schiefen Weise Bastiats, aber 
doch mindestens formell auch auf diesen Pxmkt eingeht. So 

171 



Statt dessen wollen Sie die Gerechtigkeit des Kapital- 
zinses in „schlagenden Beispielen" nachweisen. „Um 
dies in schlagenden Beispielen darzutun — sagen Sie 
daselbst p, 29 — muß immer wieder darauf zurück- 
verwiesen werden, daß man Kapital stets in seinem rich- 
tigen Sinne und nicht bloß als eine Summe Geld auf- 
faßt. Also der Besitzer eines Ackers leiht oder ver- 
pachtet einem anderen diesen mit der darauf stehenden 
Ernte (sein Kapital) auf ein Jahr mit der Bedingung, 
ihn das Jahr dai-auf, ebenfalls mit stehender Ernte zurück- 
zugewähren. Jedermann sieht, daß diese Rückgewähr des 
Feldes mit der Ernte des nächsten Jahres kein Entgelt 
für den Feldbesitzer ist, daß er dafür mit gutem Fug 
noch einen Pachtzins fordern wird, da er ja die Ernte 
des Pachtjahres verliert. Diese dem Pächter überlassene 
Ernte gewährt demselben ja nicht bloß den Samen, wel- 
chem die später zurückzugewährende Ernte entkeimt 
und etwa noch das geringe Ackerlohn, sondern 
ein ansehnliches Mehr an Getreide, welches Mehr der 



sucht er die Produktivität des Kapitals u. a. dadurch zu be- 
weisen, daß er hervorhebt, wieviel mehr vier Arbeiter, denen 
die besten Werkzeuge und der beste Rohstoff in reicher Menge 
zur Verfügung gestellt sind, gegenüber sechs Arbeitern leisten 
können, ,,die alle knapp und schlecht mit Rohstoff und Werk- 
zeugen versehen sind". (Schulze-Delitzsch, Kapitel etc. S. 28 
bis 29.) Weil das Kapital seinen Inhaber befähige, Arbeiter 
zu ersetzen, respektive die Produktivkraft gegebener Arbeiter 
zu erhöhen, sei es selbst produktiv, oder, wie es Schulze 
nennt „werbend". 

Der Beweis selbst ist natürlich falsch, da es sich nicht 
darum handelt, zu erklären, warum ein größeres Kapital mehr 
Profit zu erzielen vermag als ein kleineres, sondern wieso Ka- 
pital als solches Mehrwert erzielt. D. H. 

172 



Pächter entvveaer im eigenen Konsum oder durch Ver- 
kauf verwerten kann." 

Icli finde gleichfalls dies Beispiel sehr ,,s c h 1 a g e n d", 
Herr Schulze ! Es schlägt Ihnen nämlich ins Gesicht und 
beweist, daß Sie nicht denken können ! 

Daß ein Acker Getreide bringt, zeigt freilich schon 
der sinnliche Anblick. Daß aber ein Haufen Geldes — 
oder etwa auch ein Haufen Waren irgend welcher Art 
— gleichfalls etwas hervorbringt und daher Zins 
eintragen muß, ist nicht so leicht zu sehen und sollte 
eben von Ihnen erklärt werden. Sie machen das ganz 
einfach! Sie setzen voraus, daß der Haufen Geld 
oder der Haufen Waren ebenso produktiv sei, wie 
der Acker und fragen dann triumphierend : muß dieser 
Haufen also nicht ebenso gut eine Ernte geben, wenn er 
auch keine trägt! 

Oder um von der Ackerform abzusehen und die anderen 
langweiligen Beispiele, die Sie bringen, alle mit einem 
Zuge zu illustrieren : Sie setzen voraus, daß das 
Kapital, dessen Produktivität Sie eben erklären sol- 
len, in den Händen von Peter produktiv sei, 
und fragen dann triumphierend: wird es also nicht auch 
bei Paul produktiv sein, und ist es also nicht recht, daß 
Paul dem Peter von dieser ihm überlassenen Produktivität 
abgibt ? Ei freiHch, Herr Schulze, was dem einen recht 
ist, ist dem anderen billig. Ist das Kapital einmal pro- 
duktiv in den Händen Peters, go ist es dies auch in denen 
Pauls und alles weitere ist in der Ordnung. 

Die Sache ist nur zu erklären, woher die Produk- 
tivität des Kapitals überhaupt, woher sie in den Hän- 
den Peters kommt, und die Natur dieser Zeugungs- 
fähigkeit eines toten, auch mit keinen ,, Naturkräften" 
begabten Gegenstandes zu analysieren. Statt dessen setzen 

173 



Sie (las zu Erklärende einfach unbemerkt als Tatsache 
voraus, und somit haben Sie es dann durch die Vor- 
aussetzung bewiesen! 

Diese glänzende Denkmethode zieht sich ununterbrochen 
durch Ihr ganzes Buch, und jede Seite desselben ist voll 
von Beispielen dieser Art. Aber einen Blütenpunkt er- 
reicht Ihre gewaltige Denkkraft gerade kurz nach der 
zuletzt betrachteten Stelle. 

Sie wenden sich bei Ihrer Betrachtung des Zinses 
gegen die Sozialisten, gegen die „Unverständigen", welche 
den Zins abschaffen wollen, und rufen aus : „Ja, Zins 
ist lästig ! Hebt den Zins auf, und der Kredit ist 
weg, und wenn ihr ^hn am nötigsten braucht, fehlt er 
euch 1" 

Abgesehen davon, Herr Schulze, daß bei uns vorläufig 
noch niemand den Vorschlag gemacht hat, bereits den 
Zins aufzuheben — sehen Sie denn wirklich nicht den 
unvergleichlichen logischen Unsinn, den Sie in diesen kur- 
zen Satz so meisterhaft zusammendrängen? 

Alle Sozialisten, welche den Zins ,, auf heben" wollten, 
a la Proudhon etc., haben dies nie in der Weise erreichen 
wollen, daß der einzelne dem anderen gar nicht 
oder aus allgemeiner Menschenliebe zinslos borge, 
wie das Kanonische Gesetz dies verlangte und wie das 
Mosaische Gesetz dies wenigstens von den Juden unter- 
einander auf Grund des Nationalitätsgefühls verlangte. 
Sondern sie haben das stets in d e r Weise erreichen wollen, 
daß sie durch Volksbanken oder Staatsbanken etc. etc., 
kurz diu"ch ganz positive staatliche und gesell- 
schaftliche Einrichtungen die Unentgelt- 
lich keit des Kredits organisieren wollten, 
d. h. einen Zustand herbeiführen, wo jeder die ihm nötigen 

174 



Kapitalien umsonst darleihen ^) könne. Proudhon hat 
dies schon im Namen seiner Zinsaufhebung ausge- 
drückt, indem er sie ,,Ia gratuite du credit", die 
,,Un entgeltlichkeit des Kredites", nannte. Das 
müssen Sie auch wissen, denn wenigstens die Fibeln des 
Herrn Bastiat haben Sie ja gelesen, und Bastiats Dis- 
kussion mit Proudhon dreht sich eben ganz und gar um 
dieses Thema und trägt diesen Titel. 

Man kann nun — und ,dies noch mit gutem Recht — 
bestreiten wollen, daß durch die Vorschläge des Klein- 
bürgers Proudhon dies Resultat jemals erreicht werden 
würde. 

Oder es könnte jemand noch weiter gehen und etwa 
behaupten wollen, daß es überhaupt unmöglich 
sei, dies jemals zu erreichen. 

Von alle diesem tun Sie nichts, Herr Schulze. Son- 
dern Sie sagen: ,,Hebt den Zins auf" — und Sie 
unterstellen in diesem Satz also die Möglichkeit 
einer solchen Aufhebung mindestens für einen Augen- 
blick. Sie wollen sie absichtlich unterstellen, um ge- 
rade zu zeigen, welche verderbliche Folgen diese Auf- 
hebung haben würde. Und gegen jene Sozialisten ge- 
wendet und gegen den Sinn, welchen überhaupt die ,, Auf- 
hebung des Zinses" in der Diskussion des gegenwärtigen 
Jahrhunderts haben kann, brechen Sie nun in den glor- 
reichen Satz aus: ,,Ja, Zins ist lästig! Hebt den Zins 
auf, d. h. bewirkt, daß der Kredit unentgeltlich 
sei, und jeder jederzeit umsonst die ihm nöti- 
gen Kapitalien erhält, und — der Kredit ist 



^) Wohl ein Schreibfehler. Dem Sinne nach muß es hier 
„entlehnen" heißen. D. H. 

175 



weg, und wenn ihr ihn am nötigsten braucht, 
fehlt er euch! !" 

Begreifen Sie jetzt den haarsträubenden Blödsinn und 
Widerspruch dieses Satzes ? Ist es erlaubt, Herr Schulze, 
einen Satz von zwei Zeilen zu schreiben, der in seinem 
Vordersatz seinen Hintersatz, in seinem Hintersatz seinen 
Vordersatz aufhebt ? 

Angenehmer Denker, der Sie sind! Das also, daß Sie 
Ihren Arbeitern den realen Sinn verschweigen, 
welchen die Formel der Zinsaufhebung bei jenen Sozia- 
listen, welchen sie in der ganzen Diskussion unseres Jahr- 
hunderts hat — das ist die plumpe, elende Täuschung, 
durch welche Sie die Arbeiter mit dieser triumphierenden 
Wendung von den verderblichen Folgen der Zinsauf- 
hebung überzeugen! 

Sind Sie wirklich so blödsinnig, einen solchen Satz zu 
schreiben, ohne seinen Widerspruch zu merken, oder ist 
es bloße Absicht zu täuschen — darüber möge jeder nach 
seiner Wahl selbst entscheiden^). 

Auf das letztere deutet noch die dem angeführten Satze 
unmittelbar vorausgehende Stelle hin. Sie lautet also 
(p. 32) : 



^) Der Vortrag, der die zitierte Stelle enthält, ist noch 
vor Erscheinen des „Offenen Antwortschreibens" gehalten 
worden und richtet seine Spitze mindestens ebenso stark gegen 
die von konservativer Seite damals agitierten sozialdemagogi- 
schen Schlagworte als gegen etwaige sozialistische Projekte — 
ein Umstand, den Lassalle übersehen zu haben scheint. Erst 
die letzten der sechs Vorträge, aus denen der Schulzesche 
„Katechismus" besteht, sind gegen Lassalle gehalten. Unter 
den Schlagworten der damaligen Konservativen, der Zünftler 
etc. spielten aber gesetzHche Zinsbeschränkungen eine große 
Rolle. D. H. 

176 



„Und diese Rücksicht wird noch verstärkt, wenn man 
feich in die Lage des weniger bemittelten Ar- 
beiters denkt, mag er sich vom Betriebe eines eigenen 
kleinen Geschäftes nähren oder für seine Leistungen von 
anderen gelohnt werden. Was würde aus ihm, wenn er 
sich im Alter zurückzieht, um von seinen mäßigen Erspar- 
nissen zu leben, gewährten diese nicht irgendwie einen 
Ertrag? Welche enorme Summen müßten die Menschen 
sammeln, um eine Versorgung im Alter zu haben, wenn 
dieses angesammelte Vermögen keine Rente abwürfe, nicht 
durch Zins auf Zins im Laufe der Jahre anwüchse, son- 
dern rein konsumiert würde! — Wie weit langte da der 
Arbeiter, der sogenannte kleine Mann mit dem mühsam 
Erübrigten? Mag er dasselbe jetzt in ein gangbares Ge- 
schäft gesteckt haben, welches, einem anderen Arbeiter 
übergeben, ihn für den Rest seiner Tage noch mit ernähren 
soll, mag er es in eine jener Invaliden- oder Altersver- 
sorgungskassen allmählich eingesteuert haben — • ohne die 
Nutzbarkeit, die Rente, wodurch sich die in den einzelnen 
Jahren eingelegten Steuern, so groß oder gering sie sind, 
im Laufe der Zeit von selbst verdoppeln, würde es nie- 
mals auch nur annähernd für die bescheidensten Ansprüche 
genügen. Tausende woirden erfordert, um, auf eine Reihe 
von Lebensjahren verteilt, auch nur eine kümmerliclie 
Existenz zu decken, und kaum würde soviel damit erreicht, 
wie jetzt mit Hunderten. Gerade in der von so vielen 
Unverständigen so verschrienen Kapitalrente, in dem 
Zins, den es trägt, liegt ein stetig fortzeugender Segen, 
der in seinen Endresultaten allen zustatten kommt, und 
dem kleinen Kapital des Arbeiters gerade am meisten 
Not tut, soll es auch den bescheidensten A.nsprüchen 
genügen." 

Wie reizend Sie hier, Herr Schulze, um dem Arbeiter 

12 Lassalle. Ges. Schriften. Band V. 177 



die Notwendigkeit der Kapitalrente in seinem Interesse 
zu beweisen, ihm seine Lage als eine ganz andere und 
entgegengesetzte zu schildern wissen, als sie wirk- 
lich ist ! Nach Ihrer Darstellung ist der europäisch© 
Arbeiter in seinem Alter — kleiner Rentier! Er 
ist stiller Teilnehmer, Kommanditär, wenn auch nicht 
gerade bei Breest und Gelpke und der Diskonto-Kom- 
mandit- Gesellschaft, so doch an einem anderen ,, gangbaren 
Geschäft"! Hier Herr Schulze, gilt keine Entschuldi- 
gung mit Dummheit und Blödsinn ! Daß dies nicht der 
Fall sei, daß diese Ihre behagliche Darstellung, die Sie 
da von der Renten beziehenden Lage des alten Arbeiters 
entwerfen, die verlogenste Täuschung sei, die 
in der ganzen Geschichte der Literatur zu finden ist — 
das wissen Sie! Und ewig zu bewundem wird nur 
sein, daß sich Arbeiter, die doch ihre eigene Lage kennen 
sollten und die Lage alter Arbeiter an Verwandten und 
Bekannten vor sich gesehen haben, solche Dinge ruhig 
ins Gesicht sagen ließen! Aber die Leute vergaßen über 
die anziehende Beschreibung dieses behaglichen Eldorados 
wahrscheinlidi Hunger und Durst, Gedächtnis und Er- 
innerung. 

Und zweitens, wenn, wie Sie in dem von Ihnen ge- 
stellten Falle momentan annehmen, die Produktivität 
des Kapitals, die Kapitalrente fortfiele, wo fiele 
denn da jener Ertrag der europäischen Pro- 
duktion, der bis jetzt auf das Kapital fällt, 
den Kapitalprofit bildet, hin? Doch nicht ins 
Wasser! Doch auch nicht in den Mond! Er fiele also 
in die Taschen der Ar bei tenden! 



^) Das ist nur richtig, wenn man die Schulzesche Suppo- 
sition zugrunde legt, wonach die Frage des Zinses zwischen 



178 



Das also mußten Sie auch noch wissen, und kei- 
nesfalls konnten Sie also aus der gegenwärtigen 
Lage der Arbeiter irgend eine Folgerung herlei- 
t e n auf einen solchen Zustand, wo alle Produk- 
tivität der Arbeit, wo aller heut auf das Ka- 
pital fallende Ertrag in die Taschen der 
Arbeitenden fiele! 

Aber aus diesen elenden Täuschungen setzt sich, wie 

. wir nun schon bis zum Überdruß gezeigt haben, Ihr ganzes 

Machwerk Schritt für Schritt zusam.men : Wenn man den 

Ekel überwindet, diesen Brei zu durchwühlen, so klebt 

an einem jeden Finger der Blödsinn und die Lüge! 

Auf so plumpe Taschenspielereien, durch die Sie syste- 
matisch dem Arbeiter den Verstand exstirpieren, die 
Urteilskraft umnebeln und jeden hellen Blick, zu dem er 
sich etwa von selbst heraufgearbeitet, künstlich umnachten 
— auf solchen planvollen Betrug, auf solche absicht- 
liche Ve rdummung der Massen gründen Sie — welche 
Blasphemie ! — - unter den Arbeitern Ihren Anspruch auf 
den Titel eines ,,Lehrers" derselben! 

Herr Schulze ! Es wäre keine Gerechtigkeit mehr in 
der Geschichte und keine Kraft mehr in meinem Arm, 

Geldkapitalist und dem Arbeiter als selbständigem Unter- 
nehmer stand. Da aber, wie Lassalle weiter oben richtig be- 
tont, in der modernen Wirtschaft der Kapitalzins aus dem 
Untemehmerprofit sich ableitet, präziser ausgedrückt, dem 
Mehrwert entstammt, der Differenz zwischen dem Ertrage der 
wirtschaftlichen Unternehmungen und dem Betrag der an die 
Arbeiter verabfolgten Löhne, so liegt es auf der Hand, wes- 
halb die unmittelbare Wirkung einer Aufhebung des Zinses die 
sein müßte, daß der bisher den Geldkapitalisten als solchen 
gezahlte Betrag in die Taschen der kapitalistischen Unter- 
nehmer — Industrielle, Grundbesitzer etc. — und nicht der 
Arbeiter fiele. D. H. 

12- 179 



wenn Ihr Name nicht einst noch wie der Ihres lite- 
rarischen Vorgängers zum Symbol unter den Arbei- 
tern wird für alle, die auf gleichen Bahnen wandeln. 

Und nicht bloß unter den Arbeitern ! Denn noch 
gibt es in a 1 1 e n Klassen der Gesellschaft Männer, welche 
planmäßige Verdummung des Volksgeistes, absichtliche 
Täuschung der Massen, um sie für die Interessen der 
Kapitalisten geschmeidiger zu machen, für ein Ve r - 
brechen halten! 



180 



Drittes Kapitel. 

JII. TAUSCH. WERT UND FREIE KONKUR- 
RENZ." 

Wir übergehen die beiden bei Ihnen noch folgenden 
Abschnitte Ihres „Kapitar'-Unsinns, die immer wieder 
dasselbe Grundthema in allen möglichen falschen Quinten 
weiter variieren, welche sich nun durch alles Vorher- 
gehende hinreichend von selbst auflösen, zum Teil auch 
noch später von uns beiläufig betrachtet werden sollen. 

Hier wollen wir nur einen flüchtigen Blick auf die 
Weisheit Ihres dritten Kapitels : ,, Tausch, Wert und freie 
Konkurrenz" werfen. 

Schon die bloße Aufeinanderfolge Ihrer Kapitel ist 
klassisch und zeigt die Tiefe Ihrer ökonomischen Kennt- 
nisse! Erst behandeln Sie ,,das Kapital", und dann 
behandeln Sie ,, Tausch, Wert und freie Konkur- 
renz", während die Kategorie ,, Kapital" in der ökono- 
mischen Wirklichkeit wie in der theoretischen Entwick- 
lung eben doch nur die Folge der Kategorien des Tausches 
und Wertes ist, und diese beiden also jedenfalls 
vorhergehen müssen, damit das ,, Kapital" ent- 
wickelt und begriffen werden kann. 

Ihnen ist das inzwischen ganz gleichgültig, und aller- 
dings liegt in dieser Gleichgültigkeit eine Art Selbstgerech- 
tigkeit, die Sie sich widerfahren lassen. 

181 



Denn freilich kommt bei dem, was Sie unter Ent- 
wicklung verstehen, auch nicht das geringste darauf an, 
ob etwas am Anfange oder am Ende behandelt ist. 

Nichts ist eine H e r 1 e i t u n g , nichts eine Entwick- 
lung aus dem vorigen, nichts ein Fortgang; alles 
ist nur immer dieselbe tautologische Wiederholung will- 
kürhcher und gedankenloser Versicherungen. So können 
Sie denn freihch Tausch und Wert abhandeln, nachdem 
Sie bereits zuvor das ,, Kapital" abgehandelt haben, und 
v;ir, verflucht mit der kritischen Geißel hinter Ihnen 
herzulaufen, müssen uns also freilich schon entschließen, 
Ihrem tollen Gange zu folgen. 

Nachdem Sie uns also schon bisher in Ihrem ganzen 
Buche seinem realen Inhalt nach nichts weiter gesagt 
haben, als das eine Wort : Tausch, Tausch, Tausch, gehen 
Sie jetzt erst dazu über, den , .Tausch" zu behandeln, 
d. h. Sie treten unter der Überschrift ,,Eigenintere!Sse" 
und ,, Tausch" auf elf Seiten das schon früher hierüber 
Gesagte noch einmal in den widerlichsten Trivialitäten 
breit und gehen nun (p. 59) zu der Behandlung — oder 
vielm.ehr zur M i ß handlung — - der interessanten öko- 
nomischen Kategorie des We r t e s über. Hier wollen 
wir Sie wieder spezieller begleiten, weil uns das wieder? 
wie früher Gelegenheit zu positiven Ausführungen geben 
wird. 

Sie verfahren bei der Lehre vom We r t wieder nach 
Bastiat — der überhaupt die einzige Quelle Ihrer Weis- 
heit bildet — ■ kind seiner bekannten Theorie vom 
,,Dienst", die in ihre absolute innere Nichtig- 
keit aufzulösen die Aufgabe des weiter folgenden 
sein wird. Und kommen dabei freihch auch manche der 
ergötzhchsten Dummheiten auf Ihre eigene Rechnung, 
denn Sie übertreffen Bastiat, der zwar weder ein 

182 



Ökonom noch ein Denker, aber doch wenigstens das war, 
was die Franzosen einen „geistreichen Blagueur" nennen, 
noch weit nach allen Seiten hin, so wollen wir uns im 
folgenden doch im ganzen nur an das Wesentliche Ihrer 
Darstellung halten, das Sie mit Bastiat gemein haben. 

Sie sagen also, daß bei jedem Tausch eine Berechnung, 
eine V^eranschlagung der tauschenden Parteien eintritt 
,, dessen, was von ihnen gefordert wird, gegen das, was 
sie dafür erhalten, und daß sie sich nur dann zum Tausche 
entschheßen, wenn jede von ihnen bei der Vergleichung 
findet, daß das, was sie der anderen geben oder leisten 
soll, ihr weniger Mühe und Kosten verursacht, als die 
Herstellung dessen, was sie dafür bekommt." Und Sie 
definieren hierauf: ,,Das durch die zu solchem Zwecke 
angestellte Vergleichung gefundene Verhältnis der aus- 
zutauschenden Sachen oder Dienste ist der 
Wert"i). 



^) Bastiat (econ. härm. p. 143) definiert: ,,Je dis donc: la 
valeur, c'est le rapport de deux Services echanges. " „Ich sage 
also: Der Wert ist das Verhältnis zweier ausgewechselten 
Dienste." Indem Sie dagegen sagen: „Das Verhältnis der 
auszutauschenden Sachen oder Dienste" werfen Sie aus 
Ungeschicklichkeit, ohne es zu wollen, die ganze Bastiatsche De- 
finition wieder um ! Seine Definition Ist wenigstens formell eine 
Definition, und zwar eben dadurch, daß sie im Definieren die 
..Sachen" unterdrückt und als Maßstab des Wertes der- 
selben die zu ihrer Herstellung erforderlichen Dienste 
— wir werden später freilich sehen, wie — angibt. So ist 
wenigstens für das zu Suchende (den Sachenwert) ein Maß- 
stab gefunden. Sie aber, indem Sie in Bastlats Definition noch 
das Wort „Sachen" einschieben, vernichten dieselbe, ohne es 
zu wollen und verwandeln sie in die gelstreiche Definition: 
der Wert einer Sache ist das Verhältnis zweier 
Sachen I Bon! Doch ich schenke Ihnen dies, wie noch zehn- 
tausend anderes' 

183 



Der alte Adam Smithsche Satz, daß die Arbeit die 
Quelle und der Faktor aller Werte sei^), der bei Smith 
noch oft mit Schwankung und Widerspruch behaftet auf- 
tritt^), von Ricardo dann aber zu einem konsequenten 
und streng durchgeführten System entwickelt wird — 
dieser Satz bleibt dem Worte nach auch noch bei Ba- 
st i a t bestehen ; der Sache nach wird er bei ihm frei- 
lich, wie wir später feigen werden, in sein striktestes 
Gegenteil verwandelt. Dem Worte nach bleibt er 
also auch bei Ihnen bestehen, und so gehen Sie denn 
zunächst darauf aus, darzutun, daß es nicht die Stoff- 
lichkeit des Gegenstandes sei, welche seinen Wert 
bilde, sondern die Reihe von ,, Dienstleistungen", welche 
zu seiner Herstellung beitragen. Und hierbei passiert Ihnen 



^) Adam Smith, T. I p. 60 ed. Gani. ,,Der reelle Preis 
jeder Sache, das v/as sie jedem wirklich kostet, der ein Be- 
dürfnis nach ihr hat, ist die Mühe und Anstrengung, die er- 
forderlich ist, sie zu erwerben. — — — Was man mit Geld 
oder Wären kauft, ist mit Arbeit gekauft, ebenso gut wie das, 
was wir durch unmittelbare Anstrengung unseres Körpers er- 
werben. Dieses Geld und diese Waren ersparen uns in diesem 
Fall diese Anstrengung. Sie enthalten den Wert einer ge- 
wissen Quantität von Arbeit, den wir umtauschen gegen 
das, was eine gleiche Quantität von Arbeit In sich 
zu enthalten vorausgesetzt wird. Die Arbelt war der erste Preis, 
die für den ursprünglichen Ankauf aller Sachen bezahlte Münze 
etc. etc." 

2) „Er (Adam Smith) verwechselt beständig die Bestimmung 
des Werts der Waren durch die in ihnen enthaltene Arbeits- 
zeit mit der Bestimmung Ihrer Werte durch den Wert der Ar- 
beit, schwankt überall In der Detaildurchführung und versieht 
die objektive Gleichung, die der Gesellschaftsprozeß gewalt- 
sam zwischen den ungleichen Arbeiten vollzieht, mit der sub- 
jektiven Gleichberechtigung der individuellen Arbeiten." (Marx, 
,,Zur Kritik der politischen Ökonomie" S. 37.) D. H. 

184 



denn ein eigentümliches Unglück ! Sie wollen dies an 
einem Dutzend Hemden klar machen und sagen p. 60 : 
„Nehmen wir einen Gegenstand des allgemeinsten Be- 
darfs, ein Dutzend Hemden. Um sie mir zu schaffen, kann 
ich einen doppelten Weg einschlagen. Einmal kaufe ich 
mir den Flachs vom Ackerbauer und gebe ihn an die 
Spinnerin, welche mir das Garn daraus Hefert. Dieses 
schaffe ich wieder zum Leineweber, und die gefertigte 
Leinwand auf die Bleiche, worauf ich die Näherin be- 
stelle und nun erst die fertigen Hemden erhalte. Alle 
diese Personen, die mir die erwähnten Dienste verrichten, 
muß ich bezahlen. Worin liegt nun der Wert der Hem- 
den, des Schlußproduktes aller ihrer Leistungen ? Offen- 
bar in der Gesamtheit der zu ihrer Herstellung und 
Lieferung an mich erforderlichen Leistungen, welche das 
Maß meiner Gegenleistung — den für eine jede von 
mir zu gewährenden Lohn — bestimmen, und im Grunde 
habe ich nichts als Arbeitslöhne und keines- 
wegs die Hemden bezahlt." 

Das Unglück, das Ihnen hier passiert, besteht darin, 
daß Sie, falls es baumwollene Hemden wären, Ihrem 
Freunde Reichenheim, wenn Sie die Welt im Preis der 
Produkte , »nichts als Arbeitslöhne bezahlen" 
lassen, allen Kapitalzins und Kapitalprofit wegnehmen, 
den er inzwischen an seinem Baumwollengam gemacht 
und freihch wohl schon in Sicherheit vor Ihnen gebracht 
haben wird! 

Ohne Scherz, Herr Schulze, wenn im Preis der Pro- 
dukte „nichts als Arbeitslöhne bezahlt" würde, 
wo käme der Zins der Kapitalisten und der Profit der 
Kapitalien her? 

Dunkel, dunkel, wer weiß auf welchen Bastiatschen 
Umwegen, haben Sie vielleicht einmal von jenem tiefen 

185 



und großen Satze Ricardos gehört, welcher in den 
in der letzten Anmerkung von mir angeführten Worten 
Adam Smiths seine Wurzel hat und von dem alle neuere 
wissenschaftliche Ökonomie ausgehen muß, von dem 
Satze: daß im Preis der Produkte nichts bezahlt werde 
alsArbeitsquanta (Arbeitsmengen ^ ) ) , und Sie, köst- 
licher Knabe, halten ganz einfach Arbeits q u a n t a und 
Arbeits löhne für identisch und lassen — und wie be- 
schwichtigend muß das nicht vor Arbeiterohren klingen! 
— frisch darauf los stiefelnd im Produktenpreise nichts 
weiter bezahlt werden als Arbeitslöhne!^) 

Unvergleichlicher Schulze ! Im Unterschied der Ar- 
beits q u a n t a und der Arbeits löhne, in dieser kleinen 
Falte, über die Sie so bärenmäßig hintapsen, steckt fast 
die ganze Nationalökonomie und ganz besonders steckt 
da der gesamte Zins wie Profit der Kapitalisten ! 

Ist Ihnen alles egal, Sie Dozent der Nationalökono- 
mie! — 

Für solche Dummheiten, sehen Sie, kann selbst Ba- 
stiat nichts. 



^) Das heilit, da Wert und Preis keineswegs imm 
sammenf allen, daß der Wert der beliebig vermehrbaren Pro- 
dukte bestimmt wird durch die in ihnen kristallisierten Arbeits- 
mengen. D. H. 

") Es ist dies auch durchaus nicht etwa Schreibfehler bei 
Ihnen, sondern eine überall wiederkehrende ganz dog- 
matische Vorstellung, siehe z. B. p. 64 Ihres Katechismus : 
— „und alle Auslagen lösen sich am letzten Ende wiederum 
in Arbeitslöhne auf"; ebenso p. 36, 60 und sonst. (Wobei 
indes der gute Schulze gerade auf S. 36 seiner Schrift aus- 
drücklich den Unternehmergewinn mit in die Rubrik der Ar- 
beitslöhne wirft, und zwar sowohl die Bezahlung des Unter- 
nehmers als Betriebsleiters, wie die als Kapitalisten schlecht- 
weg. D. H.) 

186 



.'* . ... 

Auch Bastiat, wie Say und die ganze französische 
Schule, betrachtet Kapitalzins und Profit als konstitu- 
ierende Faktoren im Preise der Dinge und 
läßt sie da von den Konsumenten bezahlt werden ' ) 



^) Bastiat betrachtet den Profit, welcher dem Kapital für 
den ,, Dienst", den es der Produktion leistet, vergütet wird, 
ausdrücklich als ein besonderes Element, welches im Preis 
der Produkte vom Konsumenten bezahlt wird, z. B. Harm. econ. 
p. 230 „von allen Elementen, welche den Totalwert irgendeines 
Produktes zusammensetzen (de tous les elements qui oomposent 
la valeur totale d'un produit quelconque) ist dasjenige, welches 
wir am freudigsten bezahlen sollten, das Kapitalinteresse" oder 
das. p. 223 : ,,Das sind sehr beklagenswerte Ökonomen, die da 
glauben, daß wir das Interesse der Kapitalien nur bezahlen, 
wenn wir sie leihen", worauf er auseinandersetzt, daß sie im 
Preise aller Produkte bezahlt werden. — Bastiat sagt aller- 
dings z. B. p. 157 wo er dies am Beispiel der Steinkohle aus- 
einandersetzt : ,,c'est la totalite de ces travaux qui constitue 
la valeur", ,,es ist die Gesamtsumme aller dieser Arbeiten, 
welche den Wert der Steinkohle bildet". Und hier ist das 
Wort „Arbeiten", wie häufig bei Bastiat, ganz richtig in 
dem Ricardoschen Sinne der Arbeitsquanten genommen, 
die zur Herstellung eines Produktes erforderlich sind. Aber 
selbst Bastiat, so verlogen dieser Schriftsteller auch ist, würde 
ganz unfähig gewesen sein, statt : .,es ist die Gesamtsumme des 
travaux (der Arbeiten) zu sagen: es sei die Gesamtsumme 
des salaires (der Arbeitslöhne), welche den Wert der 
Steinkohle bilde. Diese unbefangene Gleichsetzung von Arbeits- 
quanten und Arbeitslöhnen ist - wenn mit Bewußtsein 
verübt, und welches wäre die richtige Bezeichnung eines Öko- 
nomen, der sie ohne Bewußtsein vornimmt? — eine der un- 
qualifizierbarsten Mystifikationen, die jemals die Literatur be- 
fleckt haben. In Vorträgen an Arbeiter begangen, verdient sie 
eine Kennzeichnung, welche über alle Macht der Sprache 
hinausgeht. -- Der Unterschied von Arbeiten oder Arbeits- 
quanten und Arbeits löhnen wird oben sowie im weitem Ver- 
lauf zur deutlichen Entwicklung gebracht werden. 

187 



— und irgend woher muß er doch kommen, denn er ist 
doch einmal da, sehr reell da, der Kapitalprofit I 

Umgekehrt hält die ganze englische Schule seit Ricardo 
daran fest, daß Kapitalzins und Prolit keine konstitu- 
ierenden Faktoren des Preises der Dinge ^) seien, daß 
im Preis der Dinge vielmehr nur Arbeitsquanta be- 
zahlt werden. Ist dies richtig, so ergibt sich hieraus dann 
die weitere Folge,' die ich in meinem ,, Antwort- 
schreiben"-) in Kürze entwickelt habe, daß der Kapital- 
profit sich bildet aus dem Unterschied der Ver- 
gütung der Arbeits q u a n t a durch die Konsumenten 
und der Arbeits löhne durch die Unternehmer, 
mit anderen Worten : daß er sich bilde durch einen Ab- 
zug vom Arbeitsertrag des Arbeiters, durch welchen 
Abzug eben die diesem zufallende Vergütung seines 
Arbeits quantums auf den Arbeits lohn herabgesetzt 
wird^). 

^) Das heißt immer, soweit die ,, Dinge" Produkte im obigen 
Sinne sind. D. H. 

^) Offenes Antwortschreiben. Zürich, Meyer & Zeller, 1863, 
p. 17. (Bd. III. S. 60 unserer Ausgabe.) D. H. 

^) Diese Folgerung, daß der ganze Wert des Arbeits- 
quantums dem Arbeiter gebührt — denn in dieser Bedeutung 
gebraucht hier Lassalle das Wort ,, zufallende" — hatten be- 
kanntlich schon die englischen Sozialisten der zwanziger und 
dreißiger Jahre aus der Ricardoschen Wertlehre gezogen. ,,Die 
theoretische Richtigkeit der Formel (nämlich, daß der Tausch- 
wert eines Produkts gleich ist der in ihm enthaltenen Arbeits- 
zeit, und daß daher der Tauschwert eines Arbeltstages gleich 
dem seines Produkts ist) vorausgesetzt, wurde die Praxis des 
Widerspruchs gegen die Theorie bezichtigt und die bürgerliche 
Gesellschaft angegangen, praktisch die vermeinte Konsequenz 
ihres theoretischen Prinzips zu ziehen ... Es ist bewiesen, daß 
selbst die utopistische Auslegung der Ricardoschen Formel in 

188 



Die ganze soziale Frage, wie die ganze Nationalökono- 
mie, der Unterschied der gesamten französischen und 
englischen Schule — alles steckt also in den Falten 
dieses Unterschiedes zwischen Arbeitsq u a n t u m und Ar- 
beits lohn. 

Ihnen ist in Ihrer grotesken Unwissenheit nicht ein- 
mal vom Dasein eines solchen Unterschiedes irgend 
etwas bekannt, und so lassen Sie denn ohne weiteres 
Kapitalzins und Profit aus der Welt verschwinden, in- 
dem Sie in dem Preise der Produkte bloß ,, Arbeits- 
löhne" bezahlen lassen 1 

Doch das beiläufig! 

Sie wollen nun weiter zeigen, daß der We r t — den 
Sie immer mit Recht im Sinne von Tauschwert neh- 
men — nicht in der Nützlichkeit der Dinge liege. 
Und um diesen an sich richtigen, höchst emfachen und 
bis zur Tautologie klaren Satz — denn freilich ist es 
fast tautologisch, daß der Tauschwert nicht im Nutz- 
wert liege — zu beweisen, wählen Sie wieder ein schla- 
gendes Beispiel, ein Beispiel nämlich, das Ihnen wieder 
rechts und links ins Gesicht schlägt. 



England bereits verschollen war, als Herr Proudhon sie jen- 
seits des Kanals entdeckte." Vgl. Marx 1859 in ,,Zur Kritik 
der politischen Ökonomie" (a. a. O. S. 40). Für den aufmerk- 
samen Leser ergibt sich schon aus dieser kurzen Bemerkung, 
daß Marx die gleiche Folgerung nicht zieht, so daß der obige 
Satz allein die in der Vorbemerkung angeführte Stelle aus dem 
,, Kapital ' motiviert. Zum besseren Verständnis sei noch hinzu- 
gefügt, daß, da der ,,Wert ' überhaupt eine Kategorie der 
bürgerlichen, auf der Konkurrenz beruhenden Wirtschaftsord- 
nung ist, die Forderung des vollen Arbeitsertrages gleichzeitig 
den Fortbestand und die Aufhebung der Konkuirenz ein- 
schließt, ein Widerspruch, der denn auch in allen Projekten zu 
ihrer Venvirklichung deutlich zum Ausdruck kommt. D. H. 

189 



Sie sagen (p. 63) : „Man nehme z. B. eine gewöhnliche 
Semmel, die in der Regel wenige Pfennige kostet, bei 
einer Hungersnot aber in einer belagerten Stadt bisweilen 
mit Gold aufgewogen v/erden kann. Aus dem Stoff des 
Gebäcks, aus seiner Nutzbarkeit, kann dies niemals 
erklärt werden, denn darin hat sich nichts geändert. Die 
Bestandteile der Semmel, ihre Nährkraft, vermöge deren 
sie den Hunger stillt, sind sich in beiden Fällen gleich 
geblieben und doch ist der Wert ein ungeheuer verschie- 
dener." 

Welcher Wortschwall und welche Unwissenheit ! 

Statt zu beweisen, was Sie dadurch beweisen wollen, 
beweist jenes Beispeil, da es infolge Ihrer tatsächlichen 
Voraussetzungen einer ganz anderen Ordnung der Dinge 
angehört, nur Ihre absolute Unkenntnis des ökonomischen 
Stoffes. 

Alle Gegenstände zerfallen nach Ricardo i^ bezug 
auf den Preis in zwei Gattungen, in solche, deren Menge 
beliebig vermehrt werden kann und in die seli^r kleine 
Anzahl solcher, welche nicht beliebig vermehrt werden 
können. 

Bei den Gegenständen der ersten Art wird der Markt- 
preis zwar auch zunächst bestimmt durch das Verhältnis 
von Angebot und Nachfrage, allein da dieses Angebot 
beliebig vermehrt vv^erden kann, so wird der Preis dieser 
Gegenstände in letzter Instanz bestimm.t durch ihre Pro- 
d uk tio nskosten. 

Die Gegenstände der zweiten Art dagegen, die nicht 
beliebig vermehrt werden können, haben einen Mono- 
polpreis, d. h. sie hängen ledighch ab von ihrer vor- 



^) Ricardo, Principl. of polit. econ. T. I. p. 4 ed. Constancio. 
190 



handenen Anzahl im Verhältnis zu der Nachfrage nach 
ihnen, die sich bei einem bestimmten Preise derselben 
noch geltend macht. So z. B. bei den Produkten des 
Genies. Gemälde von Raphael sind Gegenstände, die sich 
keineswegs, wieviel Kapital und Arbeit man auch darauf 
verwende, beliebig vermehren lassen. Der Preis derselben 
kann daher 30000. 50000, 100000 Taler sein. Er steht 
außerhalb eines jeden Verhältnisses zu ihren Erzeugungs- 
kosten. Ebenso der Preis sehr seltener und nur in ganz 
besonderen Lagen gedeihenden Weine, wie z. B. der 
Glos de Vougeot. Der Preis ist hier lediglich Mono- 
polpreis, der nur bestimmt wird, wie dies auch bei 
allen Monopolen der Fall ist, durch das Verhältnis der 
vorhandenen Raphaels etc. zu demjenigen der Käufer, 
die zu jenen Preisen noch als effektive Bieter auftreten. 

Mit verschiedenen Modifikationen, auf die es hier 
weiter nicht ankommt, ist der Gedanke dieser Einteilung 
resp. Unterscheidung Ricardos seitdem von aller wissen- 
schaftlichen Ökonomie akzeptiert und weiter verarbeitet 
worden. 

Sie sehen nun wohl, Herr Schulze, daß Sie, weil zu- 
fällig in Bastiats Fibel nichts davon steht, von dieser 
Einteilung nicht die geringste Ahnung haben. Sonst wür- 
den Sie Ihr Beispiel nicht haben wählen können. 

Denn in einer belagerten Stadt, in welcher, weil ihr 
die Zufuhr abgeschnitten ist, Hungersnot herrscht, ist 
der Preis der Semmel im höchsten Grade Mono- 
polpreis. Er hängt lediglich davon ab, wieviel Sem- 
meln noch innerhalb der Stadt zu beschaffen und wieviel 
Mäuler zu stopfen sind. 

Dieses Beispiel vermag also keineswegs den Satz zu 
beweisen, den Sie damit beweisen wollen, da es aus einer 
ganz anderen Ordnung der Dinge gegriffen ist, und ge- 

191 



rade bei ihm die Arbeit, welche zu der Beschaffung der 
Semmel erforderlich war, vollständig als Wertfaktor ver- 
schwindet. Ja, das Beispiel ist von Ihnen so geschickt ge- 
griffen, daß gerade in diesem Falle ausnahmsweise ein- 
treten kann, daß der Gegenstand nur nach seiner Nütz- 
lichkeit bezahlt wird, was Sie ja durch das Beispiel 
gerade widerlegen wollen. 

Denn wenn z. B. Berhn belagert ist und Hungersnot 
in der Stadt herrscht, wie Sie voraussetzen, so wird, 
wenn nur noch eine Semmel oder etwa nur noch tausend 
Semmeln in Berlin vorhanden sind, Herr Reichenheim 
vielleicht 100000 Taler für eine Semmel bieten, und 
andere, welche mit Geld nicht soweit bieten können, wer- 
den mit ihren Armen, Stöcken und Messern mitbieten ; 
es wird Mord und Todschlag geben, um sich in den Besitz 
der Semmel zu setzen. Mit anderen Worten: man wird 
die Semmel nach ihrer Nützlichkeit bezahlen, vor 
dem Hungertode zu retten ; ihr Tauschwert wird in diesen 
ausnahmsweisen Umständen ihrem Nutzwert gleich sein 
und durch diesen bestimmt werden; man wird, weil die 
Semmel die Nützlichkeit hat, das Leben zu retten, 
diese Nützlichkeit selbst, das Leben, dafür ein- 
setzen und hingeben! 

So kundig also und geschickt wählen Sie Ihre Bei- 
spiele, daß gerade in dem von Ihnen gesetzten Falle 
ausnahmsweise das eintritt, was Sie widerlegen wollen, 
daß nämlich die Sachen nach ihrer Nützlichkeit be- 
zahlt werden^). 



^) Was Schulze-Delitzsch widerlegen will, ist, daß der 
(Tausch-) Wert in den „Innern Eigenschaften und Nützlich- 
keiten" der Tauschobjekte stecke, hier also im physiologischen 
Nährwert der Semmel. Insofern würde sein Beispiel also iramer- 

192 



Sie fahren fort (p. 64): ,,In der Arbeit also, der 
Anstrengung des Menschen, welche erforderhch ist, um 
einen nutzbaren Gegenstand zu unserer Verfügung zu 
stellen, oder uns einen nützlichen Dienst zu erweisen, 
steckt einzig und allein der Wert." 

Soweit wäre es — den Worten nach — noch immer 
die Arbeit in ihrer positiven Smith- Ricardoschen 
Auffassung, welche das Prinzip des Wertes bildet. End- 
lich muß aber doch nun allmählich in die, wie wir zeigen 
werden, ganz entgegengesetzte Auffassung B a s 1 1 a t s , 
in die Theorie vom ..Dienst" übergegangen werden! 

Sie holen daher von neuem Atem und beginnen : 

,, Indessen ist hiermit die Frage noch nicht gelöst. 
Denn bekanntHch vereinigt der Tausch zwei Arbeitsakte, 
Leistung und Gegenleistung, deren beide Träger, die Par- 
teien im Geschäft, ein entgegengesetztes Interesse an der 
Schätzung haben. Stets wird A. für seine Sache oder 
seinen Dienst so viel wie möglich haben, und B. so wenig 
als möghch dafür geben wollen, mit anderen Worten : 
jeder wird die Arbeit des anderen in der gegenseitigen 
Leistung so niedrig als möglich schätzen. Was entscheidet 
nun zwischen ihnen, worin liegt der schHeßhche Eini- 
gungspunkt ? • — Sind es die Anstrengung, der Aufwand, 
welche jede dieser Leistungen dem kostet, der sie ge- 
währt ? Kann z. B. A. sagen: das, was ich dir gewähre. 



hin zutreffen. Aber trotzdem ist Lassalle mit dessen Zurück- 
weisung im Recht, denn wenn auch in einer belagerten Stadt der 
physiologische Nährwert der Semmel derselbe ist, wie er bei 
freier Zufuhr sein würde, so ist doch ihr sozialer Gebrauchs- 
wert außergewöhnlich gestiegen, und diesen, d. h. die Nützlich- 
keit in Verbindung mit Angebot und Nachfrage, haben die Öko- 
nomen im Auge, welche den Wert von der Nützlichkeit ableiten. 

D.H. 



13 LsK^slU. Gel. Schriften. Bina V. 



193 



kostet mich drei Tage meiner Arbeit, und du mußt mir 
nun ebenfalls die Frucht von drei Tagen der deinigen da- 
für geben? — Dem widerspricht 6chon der oben von 
uns auseinandergesetzte Zweck der Arbeit und des Tau- 
sches, die Befriedigung von Bedürfnissen. Natürlich kann 
es dabei nicht auf das mehrere oder mindere Beschäftigt- 
sein eines Menschen ankommen, sondern auf das, was 
er dadurch schafft; nicht auf den Akt, sondern auf das 
Resultat der Arbeit, weil nicht die Bemühung des an- 
deren, sondern deren Produkt übertragbar und geeignet 
ist, Bedürfnisse zu befriedigen. Wie sehr sich z. B. auch 
der Bäcker plagt — wenn ihm sein Teig verunglückt, ehe 
das Brot daraus fertig wird, so wird niemand von seiner 
Arbeit satt, und niemand wird ihm die gehabte Mühe be- 
zahlen. Ferner kann ein ungeschickter Arbeiter acht Tage 
zur Fertigung eines Stückes brauchen, welches ein ge- 
schickter in zwei Tagen vollendet; wird deshalb jemand 
geneigt sein, ihm dafür nun ebenfalls die Frucht von acht 
Tagen seiner eigenen Arbeitszeit zur Verfügung zu 
stellen ?" 

Nach diesen kindischen Beispielen^) gehen Sie dann 



^) Sie gehen hierbei sogar so weit zu sagen (p. 65) : „Wird 
man z. B. dem Arzt, dem Staatsmann, dem Künstler zumuten, 
den Ertrag ihrer Arbeit in einer gewissen Zeitdauer für den 
des gewöhnlichen Tagelöhners in gleicher Frist hinzugeben. 
Und doch müßte man dies, wenn in der Arbeit dessen, 
der den Dienst verrichtet, der Maßstab des Werts läge." (!!!) 
Freilich haben Sie dabei wieder Bastiat p. 177 zum Vorgänger. 
Sie und Ihr Original wissen also nicht einmal etwas von der in 
der Ökonomie ganz allgemem üblichen Unterscheidung der 
qualifizierten und der unqualifizierten, ordinären 
Arbeit, travail qualifie et non qualifie, skilled labour und un- 
skilled labour, wonach sich alle höhere qualifizierte Arbeit in 
ein größeres Quantum ordinärer, einfacher Arbeit auflöst, diese 

194 



endlich zu dem berühmten Bastiat sehen Beispiel vom 
Diamant über, auf welches dieser seine Theorie vom 
„Dienste" gegründet hat: 

„Jemand findet zufällig einen Diamanten und verfügt 
somit über einen großen Wert. Er fordert von einem 
Liebhaber für Überlassung des Steines einen Betrag, 
welcher dem Arbeitser trage desselben innerhalb eines 
Jahres gleichkommt. Kann nun der Käufer dagegen ein- 
wenden, daß der Finder ja kaum eine Minute Zeit nötig 
gehabt, um den Stein aufzuheben, und so gut wie gar keine 
Mühe auf dessen Akquisition verwendet habe, und daß 
sie doch beide den Ertrag gleicher Arbeit austauschen 
müßten, weshalb schon der tausendste Teil seiner Forde- 
rung zu hoch wäre ? Sicher würde der Finder entgegnen : 
daß, wenn der andere die Forderung zu hoch finde, er 
hingehen möge und sich selbst einen gleichen Stein suchen. 
Freilich könnte der Liebhaber dann in den Fall kommen, 
leicht mehrere Jahre und gefäliriiche und kostspielige Rei- 
sen an dieses Suchen zu verwenden, und am Ende garmcht 
einmal des Erfolges sicher sein. Und hiermit ist. denn 
auch der eigentliche Punkt, auf den es ankommt, getroffen. 
Nicht in dem Funde des Diamanten, sondern in dessen 
Überlassung an den Liebhaber liegt der Dienst, 
welchen der Finder diesem leistet, und es kann dem Lieb- 
haber völlig gleich, und muß auf den Wert der Dienst- 
leistung völlig einflußlos sein, wie es jener seinerseits 
angefangen hat, um zu dem Stein zu gelangen. Der Wert, 



also die Maßeinheit aller komplizierten Arten von Arbeit 
bleibt. Wieviel Arbeitstage ordinärer Arbeit ein Tag quali- 
fizierter Arbeit in irgendeinem Gewerbe in sich enthalte, wird 
heute eben durch die Konkurrenz entschieden; vgl. mein 
„Arbeiterlesebuch" (Frankfurt a. M. bei R. Baist). p. 53ff. 
(Bd. III, S. 264 unserer Ausgabe.) 

13* 195 



den die Überlassung des Steines für den Liebhaber hat, 
ist vielmehr gleich derjenigen Arbeit, welche 
dem Liebhaber dadurch erspart wird, d. h. 
demjenigen Aufwände an Mühe und Kosten, welche ihm 
das eigene Aufsuchen des Steines verursachen würde." 
So wären wir denn endlich im Herzpunkt der berühm- 
ten Bastiatschen Kategorie vom ,,Dienst'* angelangt, 
die Sie übrigens gleich im Anfang [s. oben p. 121 ^)] 
Ihrer Definition vom Werte (als des Verhältnisses zweier 
Dienste) zugrunde legten. 

Aber nicht der Bauch von John Fallstaff ist so auf- 
gedunsen, verschwommen und ungesund, wie diese Ba- 
stiatsche Kategorie: ,,der Dienst", und es ist Zeit, 
es ist Zeit, Herr Schulze, diesen aufgedunsenen Bauch 
endlich anzustechen und die bösen Säfte zu entfernen, 
mit welchen er die Nationalökonomie seit Bastiat ver- 
giftet hat. Der ,,Dienst" ist überhaupt keine ökono- 
mische Kategorie, Herr Schulze, imd wir wollen daher mit 
Ihrem und Herrn Bastiats Verlaub, diesem ,,Dienst" 
den Dienst tun, ihn wieder aus der Nationalökonomie 
hinauszuwerfen, in die er nicht hinein gehört. Sie werden 
dabei natürlich finden, daß wir uns dabei hauptsächlich 
gegen Ihren großen Meister Bastiat wenden, statt gegen 
Sie, der das, was jener unökonomische Kopf hierüber 
sagte, zum einen Teil nur wiederholt, zum anderen noch 
verdirbt und verhunzt. Aber auch Sie sollen dabei nicht 
zu kurz kommen ! 

Ich sagte also : in dieser Kategorie, die aufgedunsener, 
verschwommener und ungesunder ist als John Fallstaffs 
Bauch, sei alle und jede ökonomische Bestimmtheit 



^) S. 183 unserer Ausgabe. D. H. 

196 



zugrunde gegangen, so daß sie eben deshalb gar keine 
ökonomische Kategorie mehr sei!^) 

Was ist nicht alles ein „Dienst", Herr Schulze! 

Wenn der Hamburger Matrose nach vielmonatlicher 
Seefahrt in die Kneipen Hamburgs wieder zurückkommt, 
erzeigen ihm die dortigen Freudenmädchen einen unleug- 
baren „Dienst"! Ein Abgeordneter, der sich dem Mi- 
nisterium verkauft, oder aus Feigheit unentgeltlich über- 
läuft, indem er z. B., v/ie Löwe-Calbe dies in der Zwölf- 
Millionen- Debatte zu wollen selbst erklärt hat, ,, seine 
Parteipolitik auf dem Altar des Vaterlandes opfert", er- 
weist diesem Ministeriiun auch einen „Dienst". Ar- 
beiten sind das freihch nicht, Dienste aber sind 
es, und Dienste noch dazu, die verdammt eigentümlich 
bezahlt würden, wenn sie bezahlt würden, wie Sie ver- 
langen, mit ,, derjenigen Arbeit, welche dem Liebhaber da- 
durch erspart wird!" 

Ein Bajazzo, der mich im Zirkus lachen macht, erweist 

^) „Als Gebrauchswert wirkt die Ware ursächlich. Weizen 
z. B. wirkt als Nahrungsmittel. Eine Maschine ersetzt Arbeit 
in bestimmten Verhältnissen. Diese Wirkung der Ware, wo- 
durch sie allein Gebrauchswert, Gegenstand der Konsumtion 
ist, kann ihr Dienst genannt werden, der Dienst, den sie als 
Gebrauchswert leistet. Als Tauschwert aber wird die Ware 
immer nur unter dem Gesichtspunkt des Resultats betrachtet. 
Es handelt sich nicht um den Dienst, den sie leistet, sondern 
um den Dienst, der ihr selbst geleistet worden ist in ihrer 
Produktion." Note hierzu: „Man begreift, welchen .Dienst' 
die Kategorie .Dienst' (sei-vice) einer Sorte Ökonomen wie 
z. B. Say und F. Bastiat leisten muß, deren räsonnierende Klug- 
heit, wie schon Malthus richtig bemerkte, überall von der spe- 
zifischen Formbestimmtheit der ökonomischen Verhältnisse ab- 
strahiert." (Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, 
erste Auflage, S.' 14.) Note d. H.- 

197 



mir ebenfalls einen „Dienst", und wollte ich diesen 
„Dienst" selbst als „Arbeit" gelten lassen, so würde 
ich ihn doch keineswegs bezahlen mit ,, derjenigen Arbeit, 
welche dem Liebhaber dadm-ch erspart v»ird", d. h. hier 
also mit derjenigen Anstrengung, die ich auf mich nehmen 
müßte, um mich selbst zu gleichem Lachen zu nötigen. 

Ich, indem ich dieses Buch schreibe, erweise Ihnen 
dadurch einen großen ,, Dienst", Herr Schulze! Denn 
wenn Sie dies auch keinem Dritten gestehen werden, so 
werden Sie doch viel Ökonomie daraus lernen, und denken 
Sie nur, welche Bibliotheken Sie hätten durchlesen und 
welches anstrengende selbständige Fortdenken, dessen Sie 
ganz und gar unfähig sind, Sie hätten üben müssen, um 
sich die Erkenntnisse selbst zu erzeugen, die Sie wie 
spielend aus diesem Buche ,schon erlangt haben und im 
Verlauf noch erlangen werden. Und doch, wenn ich Ihnen 
eine Rechnung für diesen ,, Dienst" einsendete, Sie wür- 
den sehr verwundert sein und plötzÜch ganz gegen Ihre 
ökonomische Theorie behaupten, daß es ,, Dienste" gebe, 
die sich nicht vergelten. 

Ja, ich habe Ihnen sogar einen Dienst erzeigt, den Sie 
bei dem genügen Wert, den Sie offenbar auf Erkenntnis 
legen, noch weit höher schätzen müssen als den oben er- 
wähnten. 

Durch meine Agitation habe ich die Kaufleute und 
Fabrikanten, die früher — erinnern Sie sich nur des Ge- 
ständnisses der Süddeutschen Zeitung — Sie gar nicht 
leiden mochten, dazu gebracht, Ihnen ein Nationalge*- 
schenk von 45000 Taler darzubringen. Diesen ,, Dienst" 
habe ich Ihnen erwiesen, und ohne mich würden Sie nie 
einen Pfennig von dieser Summe erhalten haben ! Und 
gleichwohl, was würden Sie lachen, wenn ich mir von 
Ihnen den Betrag der Ihnen dadurch ersparten Arbeit — 

198 



also die ganzen 45000 Taler selbst — dafür ausbitten 
lassen wollte? 

Sie sehen, daß es ,, Dienste" gibt, die sich nicht be- 
zahlen, was von der Arbeit nicht gilt^), und Sie 
sollten schon hieraus allein schließen können, daß der 
„Dienst" keine ökonomische Kategorie ist! 

Aber Scherz beiseite, Herr Bastiat- Schulze, ich werde 
Ihnen jetzt einen dreifachen Nachweis bringen, um ein 
für allemal diese nebulose Erfindung des Herrn Bastiat 
aus der Nationalökonomie zu verbannen. 

Ich werde zeigen, erstens, aus welchem Bedürfnis 
und aus welchen scheinbaren Schwierigkeiten die Ba- 
stiatsche Theorie vom „Dienst" entstanden sein 
könnte; zweitens, wie in ihr das Adam Smith-Ri- 
cardosche Prinzip, daß die Arbeit das Prinzip und 
der Maßstab der Werte sei, in ihr absolutes logi- 
sches Gegenteil aufgehoben wird ; drittens, 
daß dieser Bastiatsche Wertmaßstab eine ökonomische 
Unmöglichkeit und Ungeheuerlichkeit ohnegleichen ist. 

Das Adam Smith und Ricardo gemeinschaftliche Prin- 
zip, daß die Arbeit das Prinzip und den Maßstab des 
Wertes der Dinge ^) bilde, welches von der ökonomi- 
schen Wissenschaft mit seltener Einstimmigkeit adoptiert 
wurde, scheint in der Tat noch einige ernstere Schwierig- 



^) Das ist, wenn buchstäblich genommen, falsch, da es genug 
Arbeit gibt, die sich nicht bezahlt. Aber Lassalle will natür- 
lich den Satz so verstanden wissen, daß es ,, Dienste" gibt, in 
deren Natur es liegt, nicht bezahlt zu werden, während die 
Arbeit schon ihrer Natur nach Entschädigung erheischt. Arbeit 
ist direkte, begrenzte und berechenbare Tätigkeit, der ,, Dienst" 
oft indirekte, unbestimmte und unberechenbare Wirkung. D. H. 

^) Das heißt der beliebig vermehrbaren Gebrauchswerte 

D. H. 

19') 



keiten übrig zu lassen. Nicht von Ihren kindischen Bei- 
spielen, Herr Schulze, daß einem Bäcker der Teig ver- 
unglücken oder ein ungeschickter Arbeiter acht Tage brau- 
chen kann, um ein Arbeitsprodukt von zwei Tagen her- 
zustellen, will ich sprechen. Denn daß individuelle 
Ungeschicklichkeit keine ökonomische Einrede bil- 
det und jeder nach jenem Prinzip im Preise nur die Be- 
zahlung des normalen Arbeitsquantums verlangen kann, 
das zur Verfertigung eines Produktes erforderlich war, 
das war freilich, außer Ihnen und Bastiat^), seit je jedem 
Menschen klar I Aber einige ernstere Schwierigkeiten konn- 
ten scheinen entgegen 2;u stehen. 

Wenn heut z. B, durch irgendeine Erfindung oder noch 
so unbedeutend verbesserte Methode in der Kosten- 
summe und somit in dem Arbeitsquantum, wel- 
ches zur Produktion eines Gegenstandes erforderlich ist, 
eine mehr oder weniger erhebliche Verringerung eintritt, 
so erleiden sämtliche vorrätige Produkte dieser Art die- 
selbe Preisverminderung. Umsonst rufen die 
Produzenten, daß der neue Preis unter ihrem Ko- 
stenpreise stünde, also unter dem Arbeits- 
quantum, das bisher und noch gestern normal und 
notwendig in diesem Arbeitsprodukt fixiert werden 
mußte. Ohne Widerrede müssen diese Produkte zum 
heutigen Preise, und sei er die Hälfte des in ihnen 
fixierten Arbeitsquantums, hergegeben werden. 

Kann man hiernach noch sagen, daß das normale 



^) Denn freilich haben Sie auch hierin wieder Bastiat zum 
Gewährsmann, der es wahrhaftig fertig bringt, zu sagen (a. a. O. 
p. 177) : — ,,il est plus frequent encore qu'un travail opiniatre 
accablant n'aboutisse qua une deception, ä une non-valeur. 
Sil en est ainsi, oomment pourrait-on etablir une correlation. 
une Proportion necessaire entre la valeur et le travail ? 

200 



Arbeitsquantum (Kostenpreis), welches zur Herstellung 
eines Gegenstandes erforderlich war, den Maß- 
stab seines Wertes bildet? 

Oder man setze den Fall, daß, wie dies regelmäßig 
von Zeit zu Zeit geschieht, eine Änderung in Geschmack 
und Bedürfnis einer Periode eintritt. Sofort ver- 
wandeln sich die Gegenstände, welche bis jetzt dem Ge- 
schmack und Bedürfnis entsprachen, trotz aller in sie 
hineinfixierten und n o t w e n d i g in sie hineinfixierten Ar- 
beitsquantität in Plunder und suchen etwa im Trödel einen 
kläglichen Ausweg für ihr geknicktes Dasein. 

Oder ohne daß eine solche Änderung in Geschmack 
und Bedürfnis sich vollzogen hat, ist eine Überpro- 
duktion in einem Artikel eingetreten, das beständige 
Schicksal unserer modernen Produktion, und ohne daß 
es irgendeinem Produzenten zu imputieren wäre, wenn 
seine Konkurrenten in Europa und den umliegenden Welt- 
teilen mehr produziert haben, als er ahnen konnte, und 
obwohl weder das Bedürfnis nach diesem Gegenstande, 
noch die zu seiner Hervorbringung erforderliche Arbeit 
sich verringert hat, fallen alle diese Produkte vielleicht 
auf die Hälfte ihres Kostenpreises, müssen zur Hälfte 
des nützlich und notwendig in ihnen fixierten Arbeitsquan- 
tums verschleudert werden. 

Ist es möglich, diesen Erscheinungen gegenüber das 
Prinzip festzuhalten, daß die in einem Gegenstand fixierte 
Arbeitsquantität der Maßstab seines Wertes sei ? 

Solche Betrachtungen hätten es mindestens sein kön- 
nen, die in Bastiat den Gedanken hervorriefen, den, 
wie \vir bald seJien werden, gerade diese scheinbaren 
Schwierigkeiten scheinbar beseitigenden ,,Dienst', der 
dem. Konsumenten durch Überlassung eines Arbeitsresul- 

201 



tates erwiesen würde, an die Stelle der ..Arbeit" selbst 
als Maßstab des Wertes zu setzen. 

Und kaum war dieser Gedanke in ihm aufgestiegen, 
als er und nach ihm alle Geister seiner Art mit Entzücken 
den Dienst gewahrte, den diese neue Kategorie 
..Dienst" allen Ausbeutungsinteressen und allen Schwach- 
köpfen erweisen mußte ^). Dies neue verlogene Wort 
„Dienst" schielt noch nach der ..Arbeit", es 
scheint diese, die zur Herstellung des Arbeitsresultates 
erforderliche Anstrengung, für unscharfe Köpfe in sich 
zu enthalten und noch im vollen Einverständnis mit Adam 
Smith zu stehen. Zugleich aber war in der Verlogenheit 
dieses abgeblaßten, nach allen Seiten hin kokettierenden 
Wortes alle spezifische Bestimmtheit, die in dem 
ehrlichen Wort ..Arbeit" enthalten war, ausgelöscht. 
Was ist nicht alles ein ,, Dienst" ! Man konnte schwerlich 
behaupten, daß der Fabrikant Reichenheim für seine 
Fabrikarbeiter arbeite, die vielmehr für ihn 
arbeiten und die er bezahlt — zwei ganz ver- 
schiedene spezifische Bestimmtheiten des gesellschaft- 
lichen Produktionsprozesses ! 

Aber nun der ..Dienst" erfunden war, war nichts 
einfacher und plausibler als die Darstellung, daß Reichen- 
heim und seine Arbeiter sich ,,gegenseitige Dienst- 
leistungen erweisen" und so löste sich denn — 

„mit Worten läßt sich trefflich streiten, 
mit Worten ein System bereiten !" 

— alle Gegensätzlichkeit in dem gesellschaftlichen Pro- 
duktionsprozeß in die eine Lieblichkeit und Gemütlichkeit 



^) Vgl. hierzu noch einmal die vorher zitierte Note aus 
..Zur Kritik der ix)litlschen Ökonomie". D. H. 

202 



des gegenseitigen „Dienstes", in das ungetrübte Rosen- 
rot vollkommenster gegenseitiger Gleichheit auf 1 

Der „Dienst" war eben deshalb der einzige und 
charakteristische „Fortschritt", dessen die Bourgeois- 
ökonomie nach Ricardo innerhalb ihres eigenen Krei- 
ses noch fähig war. Es war der Fortschritt der — Ve r - 
lo genheit ! 

Es besteht eine tiefe Übereinstimmung in der Ent- 
wicklung der politischen und der ökonomischen 
Doktrin der Bourgeoisie ! 

Wie das alte, ehrliche, bestimmte Wort ,,Demokra- 
tie" in den schielenden verlogenen Namen der , .Fort- 
schrittspartei" verblaßt wurde — das Wort in die- 
sem Sinne ist zwar, mit Ausnahme Spaniens, spezifisch 
deutsch, die Sache aber so ziemlich europäisch — ebenso 
das ehrliche und bestimmte Wort: „Arbeit" in den 
,, Dienst" ! 

Nachdem die Bourgeoisie sich überzeugt hat, im PoÜ- 
tischen wie im Ökonomischen, daß sie innerhalb ihres 
eigenen Existenz- und Interessenkreises die Gegen- 
sätze nicht zu überwinden vermöge, welche 
ihr die Wirklichkeit entgegenstellt, beginnt sie da wie 
dort, durch Vertuschung und Lüge sie in der Illusion 
beseitigen zu wollen ! 

Kann hiernach der jubelnde Beifall wundern, den die 
Bastiatsche Entdeckung des ,, Dienstes " â– '^) Ijei allen Fort - 
schrittsseelen in Europa gefunden hat ? 

^) Es ist eigentlich noch zu viel, Bastiat als „Entdecker" 
der Kategorie des ,, Dienstes" zu bezeichnen. Wie wir gesehen 
haben, spielte sie schon bei seinem Vorgänger J. B. Say. eine 
Rolle. Bastiat war nur findig genug, sie im rechten Moment 
und in einer Weise auszuspielen, daß sie den Eindruck einer 
großen Entdeckung machte. D. H. 

203 



Welches ist nun aber eigentlich, scharf und genau 
gefaßt, der bestimmte Gedanke der Bastiatschen Kate- 
gorie des „Dienstes", und wie unterscheidet sie sich 
von dem Smith- Ricardoschen Prinzip der ,,Arbeit"? 

Alles kommt auf die scharfe Herausstellung dieses 
Unterschiedes und dessen, was in ihm enthalten ist, an, 
und mit ihr allein schon ist dieser aufgedunsenen Kate- 
gorie der Bauch aufgeschlitzt ! 

Den Wo r t e n nach erklärt Bastiat in der Regel den 
Wert als den ,,effort", als ,,die Anstrengung, welche 
die Menschen machen, um ihre Bedürfnisse zu befrie- 
digen"^). 

Gedankenlosen Menschen kann es daher scheinen, als 
ob unter dieser „Anstrengung" immer noch diejenige An- 
strengung verstanden sei, welche zur Herstellung 
eines Gegenstandes erforderlich ist. Dann 
würde Bastiat eben nur ein anderes und schlechteres 
Wort, das Wort ,,Ans t r engu ng" an die Stelle des 
Wortes „Arbeit" gesetzt heiben, und der Sache nach 
würde alles ganz ungeändert bei dem Smith- Ricardoschen 
Grundsatz von der Arbeit als dem Maße des Wertes 
verblieben sein. 

Und Sie, Herr Schulze, sind in der Tat so gedanken- 
los, den Unterschied zwischen Bastiats Grundsatz und 
jenem Prinzip von der Arbeit als dem bestimmenden 
Maßstab des Wertes gar nicht zu sehen oder sich doch 
mindestens nirgends klar über diesen Unterschied zu 
werden. Sie können daher p. 64 schreiben: ,,In der Ar- 
beit also, der Anstrengung des Menschen, welche 



^) Zum Beispiel : Harmon. econom. p. 142 ... que la valeur 
doit avoir trait aux efforts que fönt les hommes pour donner 
satisfaction ä leurs besoins. 

204 



erforderlich ist, um einen nutzbaren Gegenstand zu un- 
sere»" Verfügung zu stellen, oder uns einen nützlichen 
Dienst zu erweisen, steckt einzig und allein der Wert. 
Soviel dürfen wir durch die beigebrachten Beispiele als 
ausgemacht ansehen, und wenn wir der Kosten dabei 
gedachten, so gehören diese in allen Fällen selbst zur 
Arbeit. Denn wie wir früher dargetan haben, ist das 
bei einer Arbeit zur Verwendung kommende Kapital stets 
die Frucht früherer Arbeit, und alle Auslagen lösen sich 
am letzten Ende wiederum in Arbeits löhne auf, so 
daß der aufgestellte Satz in seinem vollen Umfange zur 
Geltung kommt." 

Abgesehen davon, daß Sie hier wieder den Unsinn be- 
gehen, Arbeits q u a n t a und Arbeitslöhne miteinander 
zu verwechseln, den wir schon oben [p. 123 ff. ^)] Ihnen 
an einem anderen Ihrer Sätze nachgewiesen haben, schie- 
len die einen Worte dieses Satzes nach Bastiats 
,,Dienst", die anderen wieder nach der zur Herstellung 
eines Gegenstandes erforderlichen ,,Arbeit" und den 
Ricardoschen ,, Produktionskosten" und behandeln 
und werfen beide Werttheorien durcheinander, als ob gar 
kein Unterschied zwischen ihnen bestände. 

Nicht dies war Bastiats Ansicht, und wie gedankenlos 
er auch war, s o gedankenlos war er nicht. 

Er erklärt vielmehr ausdrückKch^) : „car j'ai ä prouver 
que la valeur n'est pas plus dans 1 e t r a v a i I que dans 
l'utilite" — ,,denn ich will beweisen, daß der Wert 
ebenso wenig in der Arbeit liegt, wie in der 
Nützlichkeit (eines Gegenstandes).' 



1) S. 185 ff. dieser Ausgabe. D. H. 

^) Harm, econom. p. 148. ed. Brux. 1850. 



205 



Und einige Seiten später setzt er^) den entscheidenden 
Unterschied zwischen seinem und dem Arbeitsprinzip aus- 
einander wie folgt : ,,Bien loin que la valeur ait igi une 
Proportion necessaire avec le travail a c c o m p 1 i par celui 
qui rend le Service, on peut dire qu'elle est plutot pro- 
portionnelle au travail epargne ä celui qui le re^oit ; 
c est du reste la loi des valeurs, loi generale 
et qui n a pas ete que je sache, observee par les theori- 
ciens, quoiqu'elle gouverne la pratique universelle. Nous 
dirons plus tard par quel admirable mecanisme la valeur 
tend a se proportionner au travail quand il est libre ; 
mais il n'en est pas moins vrai qu'elle a son principe moins 
dans l'ef fort accompli par celui qui s e r t que dans l'ef fort 
epargne ä celui qui est servi." 

Zu deutsch: ,,Weit entfernt, daß der Wert hier ein 
notwendiges Verhältnis hätte zu der von demjenigen, wel- 
cher den Dienst leistet, vollbrachten Arbeit, 
kann man sagen, daß er vielmehr der demjenigen, der 
den Dienst empfängt, ersparten Arbeit ent- 
spricht. Und dies ist das Gesetz des We r t e s , sein 
allgemeines Gesetz, welches, soviel ich weiß, nicht 
bemerkt wurde von den Theoretikern, obwohl es die all- 
gemeine Praxis beherrscht. Wir werden später zwar sagen, 
durch welchen bewundernswerten Mechanismus der Wert 
dahin strebt sich der Arbeit anzupassen, wenn diese frei 
ist ; aber es bleibt nichts destoweniger wahr, daß der 
We rt nicht sowohl sein Prinzip hat in der 
Anstrengung, die von dem vollbracht wird, 
welcher den Dienst leistet, als in der Anstren- 
gung, welche demjenigen erspart wird, welcher den 
Dienst empfängt." 

i)ib.p.l51. 
206 



i 



Also nicht in der zur Herstellung eines Gegenstandes 
erforderlichen vollbrachten Arbeit liegt das Prin- 
zip und der Maßstab des Wertes, sondern in der dadurch 
demjenigen, welcher den Dienst empfängt, dem Konsu- 
menten, ersparten Arbeit, und das ist die Bedeu- 
tung des ,,Dienstes' ! 

Hat man es nun mit Leuten zu tun, die überhaupt nur 
als die ,, komischen Personen" im Drama der heutigen 
Nationalökonomie bezeichnet werden können, mit Bajazzos 
wie Sie, Herr Faucher, Herr Wirth, Herr Michaelis etc., 
mit Leuten, die überhaupt in ihrem ganzen Leben niemals 
einen eigenen oder fremden Gedanken denken, son- 
dern immer nur Wo rtgeräusch sowohl erregen als 
in sich aufnehmen, so ist es freilich ganz möglich, daß sie 
ausrufen: vollbrachte Arbeit oder ersparte Ar- 
beit, Arbeit bleibt Arbeit, und in beiden Fällen 
ist es also doch immer die, wenn auch etwa^ anders be- 
stimmte, Arbeit, welche der Maßstab de« Wertes 
bleibt! 

Wie gesagt, für Menschen, an deren Ohren nur der 
Schall des Wortes und in deren Gehirn niemals auch nur 
der Schatten eines Gedankens dringt, mag dies ganz mög- 
lich sein, und so lassen Sie denn in der Tat auf die 
zuletzt aus Ihnen angeführte Stelle, in welcher die ,,Ar- 
beit" als das Prinzip des W^ertes erschien, mit dem 
Übergang: ,, Indessen ist hiermit die Frage noch nicht 
gelöst" die Bastiatsche Theorie als eine nur nähere 
Modifikation und Bestimmung jenes Arbeits- 
prinzipes münden^), und konkludieren dann mit den schon 
früher [p. 131^)] angeführten Sätzen, daß der Wert 



^) S. p. 64 — 66 des Arbeiterkatechismus. 
2) S. 195/196 dieser Ausgabe. 



207 



bei Überlassung des Produktes nur liege in „derjeni- 
gen Arbeit, welche dem Liebhaber dadurch 
erspart wird." 

Allein wenn sich dies auch für Sie so verhält — für 
jeden Denkenden wird es hinreichen, die Verkehrung 
des Smith- Ricardoschen Wertprinzipes, welche bei Ba- 
stiat vor sich geht, einfach auf ihren logischen Aus- 
druck zu reduzieren, um sowohl den ganzen schnei- 
denden Gegensatz beider, als den ganzen ungeheuer- 
lichen Blödsinn der Bastiatschen Entdeckung klar gelegt 
zu haben. 

Nicht also in der zur Produktion des Gegenstandes 
erforderlichen vollbrächten Arbeit, sondern in der 
dem Konsumenten durch die Überlassung derselben er- 
sparten Arbeit — in welcher Ersparung eben der 
,,D i e n s t" besteht — soll nach Bastiat Prinzip und Maß- 
stab des Wertes liegen. 

Die ersparte Arbeit des Konsumenten ist die un- 
terlassene Arbeit, die nicht-getane Arbeit. 
Statt in der positiven Arbeit des Produzen- 
ten, wie bei Adam Smith- Ricardo, liegt jetzt in der 
unterlassenen, nicht - getanen Arbeit des 
Konsumenten, d. h. in einem rein Negativen, der 
Maßstab des We rtes der Dinge! Das Dasein 
wird gemessen am Nichts!!! 

Und antworten Sie auch nicht, Herr Schulze, die „er- 
sparte Arbeit" ist ja wieder gleich der Arbeit, 
die einer aufwenden muß, um das Produkt herzustel- 
len. Denn dann wäre ja die Bastiatsche Theorie als 
doppelter Blödsinn zugegeben. Denn erstens wäre es 
ein absoluter Blödsinn, als Maß etwas aufzustellen, was, 
statt selbst als Maß dienen zu können, vielmehr erst 
an einem anderen gemessen werden muß, und 

208 



zweitens bliebe dann ja alles einfach beim alten, beim 
Ricardo sehen Prinzip von der Arbeit, wobei es nach 
Bastiat gerade nicht bleiben soll, es gäbe keinen 
..Dienst", und Bastiat hätte nichts erfunden, während 
er doch absolut etwas erfunden haben will und soll. 

Ein solcher — um biblisch zu reden — ein solcher 
,, Greuel vor dem Herrn" ist diese Bastiatsche Ent- 
deckung, und gleichwohl fußt gerade nur auf sie sein 
ganzer Ruhm ! Denn sie ist wenigstens das einzige 
Neue, was dieser geistreiche Blagueur in seiner Fibel 
gesagt hat! 

Für solche, die auch nur in geringem Grade Logiker 
und Dialektiker sind, reicht die einfache Reduktion des 
Bastiatschen Wertprinzipes auf seinen logischen Inhalt 
dreimal aus, um dasselbe in das verdiente schallende Ge- 
lächter aufzulösen, welches es vom ersten Tage an hätte 
erregen sollen! 

Allein leider sind die meisten unserer heutigen Öko- 
nomen nicht nur in geringem, sondern nur in sehr ge- 
ringem Grade Logiker und Dialektiker, und es wird daher 
wohl nötig sein, außer der logischen Ungeheuerlich- 
keit auch noch die reale ökonomische Unmöglich- 
keit und Ungeheuerlichkeit der Bastiatschen Entdeckung 
darzutun. 

Der We r t soll also, statt in der von Produzenten voll- 
brachten, in der dem Konsumenten — oder wie Sie 
sagen ,,dem Liebhaber" — ersparten Arbeit oder 
Anstrengung Hegen. 

Ich \vill gar nicht von neuen Erfindungen reden. Die 
Eisenbahnen sind lange erfunden. Aber ich setze den Fall, 
die Köln-Mindener Eisenbahn sei noch nicht gebaut, und 
ich stelle nun eine Kapitalistengesellschaft dar, welche die 
Köln- Mindener Eisenbahn anlegt, oder irgend zwei andere 

U Lassall.:, G« Sckriften, Bind V. 209 



Städte, bei denen dies noch nicht der Fall ist, durch eine 
Eisenbahn miteinander verbindet. Wird nun diese Eisen - 
bahngesellschaft für ein Fahrbillet von dem Konsumenten, 
von dem ,, Liebhaber", um in Ihrem Stile zu reden, Herr 
Schulze, für den ,, Dienst", den sie ihm erweist, ,, die- 
jenige Arbeit, denjenigen Aufwand an Mühe und Kosten", 
wie Sie und Bastiat sagen, fordern können, den sie ihm 
durch die Erzeigung des Dienstes erspart? Wird sie 
also wirklich als Preis des Fahrbillets denjenigen 
Betrag fordern können, in welchen sich der Aufwand von 
Mühe, Kosten und Zeitverlust auflöst, den der Liebhaber 
zu machen hätte, wenn er wie früher zu Fuß oder zu 
Wagen von Köln nach Minden gelangen wollte ? ^) Was 
würde die Köln-Mindener Eisenbahn für schlechte Ge- 
schäfte gemacht haben, wie erstaunlich wenig Menschen 
würden mit ihr gefahren sein und fahren, v/enn sie ein 
solches Prinzip ihren Preisen zugrunde legen wollte ! Und 
sehen Sie denn nicht, Herr Bastiat- Schulze, daß anderer- 
seits auch der ganze Kulturfortschritt der Eisen- 
bahnen sich auf Null reduzieren würde, wenn das Publi- 
kum wirklich genötigt wäre, für den Eisenbahntransport 
denjenigen Aufwand zu bezahlen, der ihm durch den 
Dienst der Eisenbahn erspart wird ? 

Und dabei ist dieses Beispiel noch aus einem Kreise 
gegriffen, welcher, da bei uns noch der Regel nach zwei 



^) So meint natürlich auch Schulze-Delitzsch die Sache 
nicht. Im weiteren Verlauf der zitierten Stellen führt er aus: 
,,Das Publikum . . . schätzt die Arbeit nur darnach : wie ihre 
Herstellung unter Benutzung aller Hilfsmittel der Produktion 
und des Verkehrs bei einsichtigem, tüchtigem Betriebe zu stehen 
kommt." (S. 67 des „Kapitel zu einem deutschen Arbeiter- 
katechismus".) Aber es wäre die Konsequenz seiner Definition. 

D.H. 

210 



Städte nur durch eine Eisenbahn verbunden sind, außer- 
halb der freien Konkurrenz gelegen ist, so daß 
also von diesen ein tatsächliches Monopol in Händen 
habenden Eisenbahngesellschaften noch am ehesten ein 
so ausschweifender Anspruch erhoben werden könnte, 
wenn derselbe nicht überhaupt durch seinen eigenen Un- 
sinn und die gesamte Natur unserer Produktion absolut 
ausgeschlossen wäre. 

Jetzt werfe man den Blick nun gar auf solche Pro- 
duktionen, welche innerhalb des Kreises der freien 
Konkurrenz liegen ! 

Bedarf es erst noch einer weiteren Ausführung, daß 
unsere gesamte Produktion, daß jeder noch so große 
und noch so geringe Kulturfortschritt, daß die immer 
steigende Billigkeit, daß jeder weitere Schritt und Tritt 
in der Teilung der Arbeit immer darauf beruht, daß nie- 
mals die durch den ..Dienst" ersparte Arbeit, sondern 
immer nur die unendlich geringere und immer 
geringer werdende positive Arbeit, die zur 
Produktion des Gegenstandes erforderlich war, be- 
zahlt wird ? Wäre dem nicht so und wäre dem nicht immer 
so gewesen — die Welt stünde noch heute auf dem Punkt, 
wo sie vor 4000 Jahren und länger gestanden, in der Nacht 
der Zeiten! 

Alle Entwicklung beruht schlechtliin und durchaus aui 
dem direkten Gegenteil des Bastiatschen Prinzips, 
beruht schlechthin darauf, daß die dem Konsumenten durch 
den ,, Dienst" ersparte Arbeit immer größer, die 
von dem Produzenten zur Herstellung des Gegenstandes 
verrichtete und ihm in der Bezahlung vergütete Arbeit 
immer kleiner, der Unterschied der vom 
Produzenten verrichteten und der dem Kon- 
sumenten ersparten Arbeit im m er u n geh eu - 

14* 2!i 



r e r w i r d 1 Wenn der bürgerliche Fortschrittsverstand 
der Herren Bastiat- Schulze die Welt geschaffen hätte 
— in seiner Wiege wäre der erste „Fortschritt" durch 
jenes Prinzip wie durch ein hänfenes Halsband erdrosselt 
worden ! 

Ain lustigsten aber ist es, daß diese tiefsinnige Theorie 
gerade von Bastiat herrührt, von Bastiat, der seine 
ganze Fibel zu dem Zwecke geschrieben hat, nachzuweisen, 
daß die ,,gratuite", die „Unentgeltlichkeit" der Produkte, 
in beständigem Steigen begriffen und diese unablässige 
Verbesserung der Lage des Konsumenten der kultur- 
historische Gang der ökonomischen Entwicklung, der 
,,wanre Kommunismus" sei, wie er den alten, lange vor 
ihm bekannten Satz von der stets zunehmenden Billigkeit 
der Produkte zu nennen Hebt ! So groß ist die Gedanken- 
losigkeit dieses Herrn und seinesgleichen, daß sie nicht 
einmal den tiefen, inneren Widerspruch von zwei Sätzen 
merken, die sie zu gleicher Zeit und mit demselben Atem 
predigen und unausgesetzt breittreten I ^) 

^) Das Prinzip Bastiata ist so unsinnig, daß er es auch 
selbst durchaus nicht festhalten kann und immer wieder in 
das von ihm bekämpfte Ricardosche Gesetz verfallen muß. 
So z. B. Harm. econ. p. 250 : „Wenn Ich einen Ackersmann, 
einen Müller etc. bezahle. — so bezahle ich die menschliche 
Arbelt, die man anwenden mußte, imi die Instrumente zu 
verfertigen, durch welche etc." (je paye le travail humain. 
qu'il a f allu consacrer ä faire les Instruments etc.). 
Man glaube nicht, daß dieser Rückfall In Ricardo bloß in 
einem ungenauen Wortausdruck seinen Grund hat. Noch viel 
spaßhafter tritt er sachlich bei Bastiat p. 348 ff. hervor. „Dank 
meiner Sonne — läßt er den Tropenbewohner zum Europäer 
da sagen — kann Ich eine bestimmte Quantität Zucker, Kaffee, 
Kakao, Baumwolle erlangen mit einer Anstrengung gleich 10" 
favec une pelne egale a dix). während der Europäer hei den 

â– 2\2 



Ich habe Ihnen schon mein dreifaches Versprechen er- 
füllt, Herr Schulze. Ich habe Ihnen erstens gezeigt, aus 
welchen scheinbar der Ricardoschen Lehre von der Ar- 



kostspieligen Hilfsmitteln, um diese Dinge in seinem kalten 
Klima zu erzeugen, sie nur mit einer Anstrengung gleich 100 
(„qu'avec une peine egale ä cent") haben könne, weshalb der 
Tropenbewohner zunächst 100 fordere. Und nun zeigt, dies auf 
drei Seiten breit tretend, dieser langweilige Schwätzer endlich 
p. 350, daß der Tropenbewohner vermöge der Konkurrenz sein 
Arbeitsprodukt zuletzt doch umtauschen muß ,, gegen europä- 
ische Arbeit gleich 10" (,,et enfin ä dix!") So richtig ist es 
also nach Bastiat selbst, daß das Prinzip des Wertes 
nicht die zur Produktion erforderliche, sondern die dem Kon- 
sumenten ersparte Arbeit sei!!! Und das hindert Bastiat 
wieder nicht p. 177 mit großer Überlegenheit zu sagen: „In 
folgendem besonders sündigt die Definition der englischen Öko- 
nomen. Sagen, daß der Wert In der Arbeit liege, heißt den 
tnenschlichen Geist veranlassen zu glauben, daß sie (die Ar- 
beitsresultate) sich als gegenseitiges Maß dienen, daß 
sie unter sich proportionell sind (ä penser qu'lls se 
servent de mesure reciproque, qu'ils sont proportionnels entre 
eux). Darin ist jene Definition den Tatsachen widersprechend 
(contraire aux falts)." So widersprechend nämlich, daß der 
Tropenbewohner seine Arbeit von 10 schlechterdings gegen eine 
europäische Arbelt von 10 nach Bastiat selbst verkaufen muß!! 
Und ein Mann, der nicht einmal so viel Gedanken und Ge- 
dächtnis besitzt, um die unsinnigen Widersprüche zu bemerken, 
In die er sich mit sich selbst auf jeder Seite verwickelt — 
das Ist der Heros, welchen unsere Bourgeoisie seit 1848 kol- 
portiert und zum Repräsentanten der , .Wissenschaft" dekretiert 
hat! Und unsere ,, wissenschaftlichen Nationalökonomen", wie 
sie sich so gern nennen, haben ruhig über alle Widersprüche 
und allen Unsinn hinweggelesen, ohne daß Ihnen irgendein Be- 
wußtsein darüber aufgegangen ist. Mehr als alles beweist der 
geistige Verfall unserer Bourgeoisie, daß Ihr Reich zu Ende 
Ist. (Vgl. über die Bastiatsche Theorie von der ,, Unentgelt- 
lichkeit der Produkte" auch den zweiten der Lassalleschen 

213 



Keit als dem ausschheßlichön Malista!) des Wertes noch 
entgegenstehenden Schwierigkeiten die Bastiatsche Wert- 
theorie vom „Dienst" hervorgehen konnte. Bastiat selbst 
gründet zwar seine Theorie nicht auf dieselben, sondern 
lediglich auf das kindische Beispiel vom Diamanten 0- 

Briefe an Rodberlus, d, d. 17. Februar 1862, sowie die Note 
In Bd. I, S. 265 (Erstausgabe) des , .Systems der erworbenen 
Rechte". D. H.) 

') Nach Ricardo beseitigt sich dies kindisciie Beispiel ein- 
fach dadurch, daß die Diamanten zu den Produkten gehören, 
deren Menge nicht beliebig vermehrt ^verden kann und deren 
Preis sich also nur nach Nachfrage und Angebot richtet, resp. 
deren Vermehrung mit so großen Produktionskosten verbunden 
wäre, daß sie auf einen ebenso hohen und noch höhern Preis 
zu stehen kämen, so daß jemand, der einen Diamanten aus- 
nahmsweise ohne diese erforderlichen Produktionskosten findet, 
natürlich den nonnalen Preis desselben fordern kann, ganz 
ebenso gut, wie ein industrieller Fabrikant, der allein im Be- 
sitz eines die Produktionskosten verringenden Geheimnisses ist, 
seine Ware zu dem nonnalen. Kostenpreise losschlagen kann, 

— Wenn es eines Tages Diamanten hagelte, so \vürden sie 
gar billig werden, und in der Tat hat der Wert des Diamanten 
seit dem Altertum erheblich abgenommen. 

Bastiat sagt selbst (p. 153) : ,,Man nehme die Sammlung 
der Ökonomen, man lese, man vergleiche alle Definitionen (des 
Wertes). Wenn es eine einzige gibt, die zugleich auf die Luft 
und den Diamanten paßt, auf zwei scheinbar so entgegen- 
gesetzte Fälle, so v/erfe man dies Buch ins Feuer 
(jetez ce livre au feu)." Da die Ricardosche Wertdefinition 
also ebenso leicht auf den Diamanten paßt, wie auf die Luft 

— die nach ihr keinen Preis haben kann, weil sie nicht Re- 
sultat menschlicher Arbelt ist — so hätte man schon lange 
diesen Rat Bastiats befolgen sollen, in welchem sich 
wenigstens das eine richtige Bewußtsein ausspricht, daß sem 
ganzes 388 Seiten starkes Buch nichts ist, als ein beständiges 
Herumschleifen an diesem Diamanten. 

214 



Allein um so mehr wollte ich ihr von selbst mit jenen, 
ernsthafter erscheinenden Schwierigkeiten zu Hilfe kom- 
men, zumal dieselben in der Tat gerade durch die Ba- 
stiatsche Theorie vom „Dienste" beseitigt sein würden^), 
und dieser Umstand es vielleicht hervorgebracht haben 
kann, daß sie bei manchem leichteren Eingang fand. Allein 
wir sahen gleichwohl zweitens, daß diese Theorie um 
dieses Erklärungsbedürfnisses einiger besonderen Fälle 
willen keinesv.^egs aufrecht erhalten werden könnte, da 
sie sich in den greulichsten logischen Unsinn, in 

Das Unglück Bastiats liegt darin, daß er diesen Diamanten 
in Europa finden ließ, wo er sich eben nicht findet. Hätte 
er sich, um ihn finden zu lassen, an seine wirklichen Fundorte, 
Ostindien und Brasilien, versetzt, so würde er" gesehen haben, 
daß dem Finder keineswegs „der Dienst, der von ihm durch 
die Überlassung des Diamanten" erwiesen wird, bezahlt wird. 
Zu Sumbhulpur in Hindostan leben in sechzehn Döi"fem zwei 
Stämme von Diamantensuchern, die Shara und Tora, welche 
mit Weibern und Kindern das Flußbett des Mohonoddi nach 
Diamanten durchwühlen. Es ist eine ganz arme, in elende 
Lumpen gehüllte Bevölkerung, denn die gefundenen Diamanten 
müssen sie dem Rajah abliefern und ihre Lage wäre gar nicht 
cmders, wenn sie im Lohn einer europäischen Kapitalisten- 
gesellschaft finden müßten. (Wie dies in den mit Verwendung 
, .freier" Arbeiter betriebenen Diamantgruben Afrikas in der 
Tat der Fall ist. D. H.) 

In Brasilien freilich, wo Diamantengrubenbau durch Neger 
betrieben wird, bekommt der Neger ,der einen 17karätlgen 
Diamanten findet, vom Ver\N'alter die Freiheit geschenkt, und 
es ist gut, daß dies Herni Bastiat entging, sonst würde er die 
Entstehung der bürgerlichen Freiheit daraus erklärt haben! 

^) Denn es würde sich nun einfach antworten lassen, daß 
nach der neuen Erfindung oder bei der Geschmacksänderung 
oder bei der Überproduktion dem Konsumenten kein „Dienst" 
erwiesen würde, wenn er noch das früher notwendig auf den 
Gegenstand verwendete Arbeitsquantum bezahlen sollte. 

215 



den glorreichen Gedanken, die Nicht-Arbeit zum 
Maße des Wertes zu machen, und endlich drittens in eine 
ökonomische Ungeheuerlichkeit ohneglei- 
chen auflöst. 

Endlich wollen wir Ihnen nun noch viertens in Kürze 
den Nachweis erbringen, wie sich jene scheinbaren Schwie- 
rigkeiten auch nach dem Ricardoschen Wertprinzip be- 
seitigen, obgleich dieser Nachweis in seiner eigentlichen 
Form erst bei Entwicklung der freien Konkurrenz 
und des unter ihr geltenden Gesetzes des Marktprei- 
ses geführt werden könnte. 

Arbeit ist Tätigkeit und also Bewegung. 
Alle Quanta von Bewegung aber sind — Zeit. 
Dies wußte schon Plato im Timaeus^), dies wußte schon 
vorher die jonische Philosophie^). Ohne Metaphysiker 
zu sein und auf metaphysischem Wege diese Erkenntnis 
zu haben, hatte sie Ricardo auf seine Weise. 

Die Auflösung aller Werte in Arbeits q u a n t a und 
dieser in Arbeitszeit, — das ist die glänzende und 
gipfelnde Leistung, welche durch Ricardo von der bür- 
gerlichen Ökonomie bereits vollbracht ist. 

Sie sehen beiläufig, Herr Schulze, daß es auch Geg- 
ner gibt, welche man gern und freudig und mit abge- 
zogenem Hute anerkennt I Ricardo ist der Chef und die 
letzte Entwicklung der Bourgeoisökonomie, die seit ihm 
keinen Fortschritt mehr gemacht hat. Er hat die bürger- 
liche Ökonomie bis zu ihrem Gipfel entwickelt, d. h. bis 
hart zu dem Abgrund, wo ihr vermöge ihrer eigenen 
theoretischen Entwicklung selbst nichts mehr übrig bleibt. 



^) Plat. Timaeus, p. 37 C. 

^) Siehe meine Philosophie Herakleitos des Dunkeln. T. II. 
120ff.; p.210-216; p.iilff. 



216 



als umzuschlagen und Sozialökonomie zu wer- 
den. Die soziale Ökonomie ist nichts als ein 
Kampf gegen Ricardo, ein Kampf, der eben so sehr 
eine immanente Fortbildung seiner Lehre ist. Die 
Wissenschaft der Bourgeoisökonomie, bis zu diesem Gip- 
fel gelangt, hat, statt mit dem Mute der Wissenschaft in 
diesen Abgrund hineinzusetzen, vorgezogen, den Rück- 
weg vom Gipfel des Berges anzutreten. 

Daß man heute seitens der Sozialökonomie den Kampf 
gegen Sie und Bastiat führen muß, statt gegen Ri- 
cardo, — beweist allein schon, bis zu welcher wider- 
lichen Karrikatur sich die europäische Bourgeoisie seit- 
dem verzerrt hat I — 

Aller Wert löst sich also auf in die Arbeitszeit, 
die zur Herstellung eines Produktes erforderlich war^). 

Nun aber weiter! 

Ist unter dieser Arbeitszeit i n d i v i d u e 1 1 e A r b e i t s - 
z e i t zu verstehen ? 

Ich arbeite, und insofern, nach dem Subjekte des 
Satzes, scheint alle Arbeit individuelle Arbeit zu 
sein. Sie würde dies auch nach dem Objekte des Satzes, 
nach dem Gegenstand, der in dieser Bewegung des Ar- 
beitens hervorgebracht ward, also nach dem Quantum 
von Bewegung (Zeit) sein, welches in dem Pro- 
dukte geronnen ist, wenn ich reale Nutzob- 
jekte, Gegenstände für meinen persönlichen Be- 
darf arbeitete. Allein dies ist heut, und schon sehr lange 
nicht mehr der Fall. Ich arbeite vielmehr für aller 
a n d e r en Leute Bedürfnisse, nur nicht für das meinige ; 

^) Wobei sich also ein Tag qualifizierter, komplizierter 
Arbeit wieder in ein größeres Quantum unqualifizierter, 
roher Arbeit auflöst, die ihre Maßeinheit bildet. 

217 



Ich produziere so und so viel Millionen Stecknadeln im 
Jahre ; ich schaffe Tauschwerte, und alle anderen Ichs 
tun desgleichen, produzieren wieder in den Tausch- 
werten, die sie schaffen, aller anderen Leute Bedürf- 
nisse, nur nicht die eigenen. 

Der Tauschwert aber, den ich hervorbringe, ist 
nur dann Tauschwert, wenn er umschlägt in 
Gebrauchswert, in Nutzobjekt für einen an- 
deren. — 

Meine Stecknadelbriefe betätigen sich nur dann 
als Tauschwerte, wenn sie sich gerade umgekehrt 
betätigen als Gebrauchswerte für alle We 1 1 , 
wenn sie übergehen in die zarten Hände der Damen, an 
deren Adresse diese Briefe von vomlierein gerichtet waren. 

Was ich also wirklich in meiner Arbeit verrichtet 
habe, ist die reale (d. h. Gebrauchswerte her- 
stellende) individuelle Arbeit aller Indi- 
viduen, das heißt : allgemeine gesellschaft- 
liche Arbeit. Was wirklich in dem Produkte, das ich 
verfertigt, geronnen und von mir zum Gerinnen 
gebracht worden ist, ist nicht meine individuelle 
Arbeitszeit, sondern allgemeine gesell- 
schaftliche Arbeitszeit, und diese bildet die 
Maßeinheit des im Produkte geronnenen Quantums. 

Die allgemeine gesellschaftliche Arbeits- 
zeit hat aber ihr selbständiges^) Dasein als — 
Geld. Geld ist vergegenständlichte gesell- 
schaftliche Arbeitszeit, gereinigt von jeder in- 
dividuellen Bestimmtheit der besonderen Arbeit (als Ar- 
beit in Stecknadeln, Holz, Linnen etc.). Nur durch ,,den 



■•■) Besser, weil Mißverständnisse ausschließend, wäre es zu 
sagen „verselbständigtes". D.H. 

218 



Sallo mortale der Ware in Gold" ^) betätigt sich tue 
Ware daher als das, was sie sein soll, als Dasein 
gesellschaftlicher Arbeitszeit. 

Sie sehen, Herr Schulze, daß Sie sich diese Erkennt- 
nisse zum Teil aus eindringendem Lesen der englischen 
Ökonomen, zum Teil durch originales Fortdenken hätten 
erzeugen können. Inzwischen originales, schöpferisches 
Fortdenken kann von niemand gefordert werden. Aber 
das, Herr Schulze, kann doch von jedem, der in einer 
Materie schreibt und ,, lehrt", mit strengem Fug gefor- 
dert werden, daß er wenigstens alles Große und Be- 
deutende kennt, was in dieser Materie bereits ge- 
leistet worden ist. 

Und sehen Sie, Herr Schulze, was ich Ihnen hier zu- 
letzt entwickelt habe, über das Geld, wie über die ge- 
sellschaftliche Bedeutung der Arbeitszeit als Maß- 
einheit des Wertes, — das ist alles seiner geistigen Giiind- 
lage nach vollständig entnommen imd nur der gedrängte 
Gedankenextrakt aus einer äußerst bedeuteu-den und mei- 
sterhaften Schrift, aus welcher auch die soeben in An- 
führung gesetzten Worte herrühren; aus einer Schrift, 
die schon 1859, also fünf Jahre vor Ihrem Kate- 
chismus erschienen ist, und die Sie also schlechter- 
dings hätten kennen müssen! Aus einer Schrift, 
die Sie um so mehr hätten kennen müssen, als sie im 
Verlag Ihres Freundes Duncker erschienen ist, aus der 

^) Anspielung auf die Stelle in ,,Zur Kritik der politischen 
Ökonomie" : „Es ist daher die Aufgabe des Eisens oder seines 
Besitzers, den Punkt in der Warenwelt aufzufinden, wo Eisen 
Gold anzieht. Diese Schwierigkeit, der salto mortale der Ware, 
ist aber übenvunden, wenn der Verkauf . . . wirklich vorgeht." 
(Marx a.a.O. S. 66.) Siehe den zweitnächsten Absatz im Text. 

D. H. 

219 



\ortref fliehen und epochemacheiKlen Schrift \ on Karl 
Marx nämlich: „Zur Kritik der politischen Öko- 
nomie" ^). 

Aber wag geht das alles Sie an? Sie haben Karl 
Marx so wenig gelesen, als Rodbeiius, Rodbertus so 
wenig als Malthus und Ricardo, diese so wenig wie Adam 
Smith, Smith so wenig wie James Stuart, Stuart so wenig 
wie Petty, Petty so wenig wie Boisguillebert und Sis- 
mondi ; das alles ergibt sich aus Ihrer Schrift fCu* jeden 
Sachkenner aufs genaueste. Aber das alles macht gar 
nichts! Sie sind doch der große Ökonom, der Mann 
der Wissenschaft, der Lehrer der Arbeiter! Denn Sie 
sind ja der Mann nach dem Herzen der ,, Volkszeitung" 
und „Nationalzeitung", und weiter ist nichts erfor- 
derlich ! 

Sie sehen nun wohl auch, Herr Schulze, wie sich jetzt 
auch noch die angeblichen Schwierigkeiten beseitigen, die 
ich oben als der Ricardoschen Theorie, daß die Arbeit 
der einzige Maßstab des Wertes, alle Werte nur Quanta 
von Arbeitszeit seien, noch scheinbar entgegenstehend 
angeführt habe. 

Ich sagte: wenn jemand auf die Herstellung eineg 
Gegenstandes doch nur die normal- erforderlichen 
Produktionskosten, die sich alle in Arbeitszeit auf- 
lösen^), verwendet hat und nun durch eine morgen ein- 
tretende neue Erfindung, durch welche diese Produktion 
billiger wird, gezwungen wird, das Produkt um die Hälfte 
seines Kostenpreises loszuschlagen — kann man dann 



^) Berlin, 1859, Verlag von Franz Duncker. — Leider ist 
von diesem ausgezeichneten Werke vorläufig nur das ,,die 
Ware" und „das Geld" behandelnde erste Heft erschienen. 

2) Nicht in Arbeitslöhne, Herr Schulze! 

220 



noch sagen, daß die Arbelt den Maßstab des Wertes 
bUde? 

Ei gewiß, Herr Schulze: denn Sie sehen wohl, die 
individuelle Arbeit des Mannes, die in dem Pro- 
dukt fixiert ist und damals notwendig in dasselbe fixiert 
werden mußte, wäre sich zwar gleich geblieben, aber die 
gesellschaftliche Arbeitszeit, deren Gerön- 
ne n s e i n das Ding darstellt, hat sich zusammenge- 
zogen, ist noch mehr geronnen. 

Oder wenn infolge von Geschmacksänderung oder 
Überproduktion in einem Artikel Produkte weit unter 
ihrem notwendigen Kostenpreise verschleudert werden 
müssen oder gänzlich unabsetzbar bleiben, so sehen Sie 
wohl, wie das alles jetzt mit der Theorie von der Arbeits- 
zeit harmoniert. Denn die Waren können jetzt ,,den Salto 
mortale" in das Geld nicht mehr machen, weil sich jetzt 
in ihnen - bei der Geschmacksänderung — überhaupt 
nicht mehr gesellschaftliche Arbeitszeit dar- 
stellt; sie sind nicht mehr Tauschwerte, weil sie nicht 
mehr Gebrauchs werte sind. Und ebenso bei der Über- 
produktion in bezug auf die überflüssige Menge der 
Dinge. Wenn in der menschhchen Gesellschaft z. B. 
1 MilHon Ellen Seide erforderlich sind, und die Unter- 
nehmer produzieren 5 Millionen Ellen Seide, so haben 
sie zwar viel individuelle Arbeitszeit verschleudert, 
aber die gesellschaftliche Arbeitszeit, die in 
den Seidenwaren steckt, ist nicht gewachsen, da das reale 
Bedürfnis aller Individuen nach Arbeit in 
Seide nicht gewachsen ist. Es steckt jetzt also nur das- 
selbe Quantum gesellschaftlicher Arbeits- 
zeit in den 5 Millionen Ellen Seide, wie früher in der 
einen Million, und die Folge müßte schon hiernach die 
sein, daß diese 5 MiHionen Ellen der besonderen Seiden- 

221 



arbeit ilirem Gewissen, dein Dasein der gesell- 
schaftlichen Arbeit — dem Gelde - gegen- 
übergestellt, nicht mehr davon aufwiegen, als früher die 
eine Million Ellen. 

Dasselbe Quantum gesellschaftlicher 
Arbeitszeit dehnt sich also jetzt auf 5 Millionen Ellen 
aus, statt auf eine. Freilich müßten hiernach die 5 Mil- 
lionen Ellen Seide immer doch noch soviel Geld kaufen 
können, wie früher die eine Million, imd die Elle Seiden- 
zeug müßte somit nur auf ^/^ ihres früheren Preises 
sinken, während meist bei der Überproduktion — am 
auffälligsten zeigt sich dies beim Getreide, (vergl. p. 23 
Anm. 2^)) — der gesamte Preis des durch die Über- 
produktion zutage geförderten Gesamtquantums lange nicht 
einmal mehr den früheren Gesamtpreis des erforderlichen 
Quantums erreicht, im unterstellten Falle also die Elle 
Seide, statt auf Vö. vielmehr auf \/k oder '/m ihres frü- 
heren Preises fallen würde. 

Allein, wenn die eingehende Erklärung dieser Abwei- 
chung auch erst bei Entwicklung der Gesetze der freien 
Konkurrenz und des Marktpreises dargestellt 
werden könnte, so ist doch auch in aller Kürze hinreichend 
der Grund angegeben, auf welchem sie notwendig be- 
ruht. Wenn die Gefahr vorhanden ist, daß von 5 Mil- 
lionen Ellen Seide 4 Millionen Ellen als Ladenhüter liegen 
bleiben, so beginnt notwendig durch die Konkurrenz die 
Unterbietung der Verkäufer, und jeder, statt auf 
das -^/s des Preises zu hjalten, auf welches die gesell- 
schaftliche Arbeit in seiner Seide zusanmiengequetscht 
ist, verkauft lieber zu Vs. Vio ^ind noch tiefer, um nicht 
die Gefahr zu laufen, daß s e i n e Seide gerade zu den 

') S. 54 dieser Ausgabe. 
222 



ad acta gelegten Faszikeln des bürgerlichen Produktions- 
prozesses geworfen wird, wobei er noch weniger Seide 
spinnen würde 1 

Sie ersehen überhaupt, Herr Schulze, wenn Sie mir 
einigermaßen aufmerksam zuhören, von hier aus sehr deut- 
lich, wie es sich mit dem ganzen bürgerlichen ,, Geschäft' 
verhält. Die gesellschaftliche Arbeitszeit oder 
der Tauschwert ist das kalte, antike Schicksal der 
bürgerlichen Welt. In der Frage, wie weit er seine indi- 
viduelle Arbeit oder die Produkte anderer, die er sich 
beschafft hat, unter oder über dem Wertmaßstabe der- 
selben, der gesellschaftlichen Arbeitszeit, wird 
ver werten können - - in dieser Frage bestehen die Leiden 
und Freuden des bürgerlichen Werthers! In dieser 
Schwankung zwischen dem Zuviel und Zuwenig, 
zwischen der Ve rletzung des Käufers und der 
Ve rletzung des Ve rkäufers besteht die Spannung 
des bürgerKchen Dramas und in Kürze das Gesetz des 
Marktpreises^). Der Wertmaßstab, dieses Ge- 
wissen der bürgerlichen Welt, die abstrakte gesell- 
schaftliche Arbeit, kommt zu seiner Wirklichkeit nur 
in seiner beständigen Ve rletzung, in dem Zuviel 
oder Zuwenig, in dem aktiven oder passiven Betrug des 
Marktpreises, und die dunkle, instinktive Ahnung hier- 
von bestimmt bei der humanen Richtung der antiken Welt 
die antike Anschauung vom mercator. 

Endlich ist es mir von hier aus am bequemsten, Ihnen 
klar zu machen, Herr Schulze, wie groß Ihr Irrtum ist, 

^) „Was soll man von einem Gesetze denken, das sich nur 
durch periodische Revolutionen durchsetzen kann? Es ist eben 
ein Naturgesetz, das auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten 
beruht." F. Engels, Umrisse zu einer Kritik der National- 
ökonomie. Deutsch-französische Jahrbücher S. 103. 

223 



wenii Sie sagen, daß das Kapital „eigentlich niemals 
in einer Geldsumme" bestehe (p. 21), sondern immer 
nur in realen Produkten. Sie sind auf diesen Satz, um 
zu zeigen, daß Sie nicht bloß ßastiat ausschreiben, son- 
dern auch einmal etwas in dem Kompendium von Say 
gelesen haben, so stolz, daß Sie ihn an drei oder vier 
Stellen wiederholen, und zwar auch da, wo er gar nicht 
hingehört ! Ist es möglich, Herr Schulze, daß Sie, dessen 
Gott das Kapital bildet, Ihren Gott so verkennen, wo 
er in seiner eigensten, leibhaftigen Gestalt auftritt ? 

Wie ! werden Sie mir zurufen : Sie leugnen also auch 
J. B. Says großen Satz, daß Produkte nur gegen 
Produkte getauscht werden, das Geld dabei nur ,,Z wi - 
schenware" ist, und alles Kapital daher nur in 
den realen Produkten eines Landes bestehe ? 

Mich hat dieser ,, große" Satz von Say, trotz seiner 
relativen Wa h r h e i t , immer an ein Rätsel erinnert, wel- 
ches mir einmal beim Pfänderspiel aufgegeben wurde. 

Das Rätsel lautete: ,, Welches ist der Unterschied 
zwischen Napoleon I. und der Hebamme Müllern?" 

Ich konnte und konnte das Rätsel nicht raten, trotz 
aller Anstrengung, und gab mich endlich gefangen, worauf 
mir nun als Auflösung mitgeteilt wurde: daß Napoleon I. 
ein Mann und die Hebamme Müllern eine Frau gewesen 
5iei. — 

Da sah ich nun freilich die Wa h r h e i t dieser Auf- 
lösung vollkommen ein! In der Tat, wenn man erst abge- 
schmackt genug ist, alle konkreten Bestimmt- 
heit e n in der Figur Napoleons und der Hebamme Mül- 
lern fortzulassen, so kommt man zu der abstrakten 
Gleichheit, daß sie beide Menschen gewesen seien, 
und hat man erst diese abstrakte Gleichheit in der Hand, 

224 



so ergibt sich dann als ebenso wahr von selbst, daß sie 
sich als Mann und Frau unterscheiden. 

Es ist genau ebenso mit der Wahrheit jener Sayschen 
Sätze beschaffen, daß sich Produkte nur gegen Produkte 
umtauschen, daß das Kapital eines Landes daher nur in 
seinen Produkten bestehe und Geld kein Kapital sei — 
eine Wa h r li e i t , welche eben darin besteht, daß von 
allen wirklichen konkreten Bestimmtheiten 
des ökonomiscben Prozesses abstrahiert wird. 

In der Wirklichkeit tauschen sich Produkte nie 
gegen Produkte, sondern immer gegen Geld. Solange 
diese Produkte den ,, Salto mortale" ins Geld nicht ge- 
macht haben - - für wen sollen sie denn Kapital sein ? 
Für ihre Besitzer, in deren Verkaufsmagazinen sie lagern ? 

Man frage doch die Kaufleute aller Art, vom großen 
Cotton- und Seidenfabrikanten bis zürn kleinen Buch- 
binder herab, der mit Portefeuilles, Briefpapier und Porte- 
monnaies handelt, ob sie ihre We c h s e 1 mit ihren Pro- 
dukten bezahlen können, und wenn sie sich noch so 
s^r auf J. B. Say berufen wollten, daß diese ,, Kapital" 
seien! Man sehe doch, mit welchen Opfern häufig der 
kleine Handelsmann, wenn der Verfalltag seiner Wechsel 
naht, vom Geldwucherer oder in welcher Form es sei. 
sich Kapital beschaffen muß, obgleich ihm Laden und 
Magazine von den Sayschen Kapitalien, den unabgesetzten 
Produkten, strotzen. 

Für ihre Verkäufer also sind die Produkte keine 
Kapitahen. Für wen sind sie es denn sonst ? Sie können 
in der H^nd eines Dritten zur weiteren Produktion ver- 
wendet werden und somit als Kapital auftreten. Aber 
somit müssen sie, tun für diesen als Kapital zu dienen, 
immer erst gekauft werden, immer erst durch das Geld 
durchgesprungen sein, sich immer erst zu Gelde ge- 

15 Lasealle, Gee. Sckriften, B&ud V, 22^ 



macht haben. Sie haben somit die Möglichkeit 
zu Kapital zu werden. Aber ist eine Möglichkeit eine 
Wirklichkeit, ist eine bloße Fähigkeit ein Da- 
sein, ein We rdenkönnen, ein Vo llbrachtsein? 

Die konkrete Bestimmtheit der einfachen Produkte 
- - stehendes Kapital wie z.B. eine Dampfmaschine 
ist natürlich nicht mehr einfaches Produkt, sondern gehört 
einer höheren, näher bestimmten Kategorie an, mit der wir 
es hier nicht zu tun haben — die konkreteBestimmt- 
heit der einfachen Produkte, sagen wir, besteht also ge- 
rade dann, daß der Kapitalcharakter an ihnen 
unterbrochen, zeitweilig aufgehoben ist^). 

Der Pulsschlag des Kapitals, der durch 
den bürgerlichen Produktionsprozeß hin- 
durchgeht, intermittiert^) und in diesen seinen 
Pausen heißt er — Produkt. Kommt dieser Puls- 
schlag wieder in Fluß, so wird wieder das Produkt 
aufgehoben und zu weiterer Produktion verzehrt! 

Oder mit anderen Worten : Was hier zu begreifen ist 
und von den bürgerlichen Ökonomen niemals begriffen 
wurde, ist der einfache dialektische Gegensatz von Pro- 
duktion und Produkt. Die Produktion ist ein 

^) Hier und im folgenden entwickelt Lassalle Sätze, die fast 
noch unrichtiger sind als die seines Widersachers. Daraus, daß 
Produkte bzw. Waren nicht Geld sind, folgt noch nicht, daß 
sie nicht Bestandteile von Kapital sein können. Sicher kann 
der Kaufmann seine Schulden nicht mit den in seinem Magazin 
augespeicherten Waren bezahlen. Trotzdem sind diese unter 
normalen Verhältnissen ,, Kapital" für Ihn. Sie sind es, sofern 
sie als Resultate zweckmäßig verausgabter gesellschaftlicher 
Arbeitszeit Tauschwerte sind. Says These zielt auf die 
Gesamtwirtschaft, In der tatsächlich auf die Dauer Produkte 
sich nur gegen Produkte austauschen. D. H. 

^) Setzt aus. 

226 



Fluß, dessen bewegende Macht das Kapital bildet. 
Das Produkt ist das Geronnensein dieses Flusses. 
Im Produkt ist er zum Stehen gebracht. Soll das Pro- 
dukt wieder zu Kapital werden, so kann es dies nur, in- 
dem es aus diesem seinem Geronnensein herausge- 
rissen und von neuem in den Fluß der Produktion 
geworfen wird, d. h. aber als Produkt aufgehoben 
wird (sei es als Lebensmittel oder als Rohstoffsunterlage 
einer weiteren Arbeit). Ini Produkt ist also das Kapital 
gerade in der Bestimmtheit gesetzt : N i c h t - K a - 
pital, aufgehobenes Kapital zu sein!^) Es ist besonders 
sieit 1848 eine Hauptanstrengung der bürgerlichen Welt 
gewesen, noch innerhalb ihres eigenen Kreises 
diesen Widerspruch durchbrechen zu wollen, da ihr 
mit der Sayschen Illusion natürhch praktisch nicht ge- 
dient war. 

Wie bringt man hervor, daß das Produkt das wirk- 
lich sei, was es nur an sich ist, nämhch Kapital? 
So würde die philosophische Formel dieses Problems 
lauten^). 

W i e b e 1 e h n t man Wa r e n ? So lautete seine bür- 
gerhche Übersetzung. Aber nur bei äußerst wenigen Ar- 
tikeln des Großhandels (cf. die englichen Docks; 
die Geschichte der französischen Docks ist bekannt) ist 
dieser Durchbruch zum Teil gelungen, wie z. B. auch 



^) Siehe die vorstehende Note. D. H. 

-) Das Problem, welches Lassalle hier im Auge hat, würde 
unseres Erachtens richtiger so formuliert : Wie bewirkt man, 
daß die Ware als Repräsentant allgemeiner gesellschaftlicher 
Arbeitszeit fungiert, ohne Rücksicht auf die in ihr verkörperte 
spezifische Arbeit? Die obige Anwendung des Wortes Kapital 
stimmt mit der Definition, die Lassalle weiterhin von dem 
Begriff desselben gibt, nicht überein. D. H. 

15» 227 



bei uns öl an manchen Orten von den Banken etc. 
belehnt wird. So oft dieser Widerspruch der bürgerlichen 
Produktion in allgemein gültiger Weise beseitigt werden 
sollte, sind diese Anstrengungen mißlungen ^) und die 
„Waren- Kredit- Gesellschaf ten"^) wissen ein 
Lied davon zu singen. Und gerade das teilweise Gelingen 
bei jenen Großhandelsartikeln hat natürlich nur 
dazu dienen können, die Vorteile und Macht des 
großen Kapitals noch zu vermehren und einen 
um so größeren Druck auf den Mittelstand auszuüben. 
Der Pulsschlag des Kapitals, sagten wir also, der 
durch den bürgerHchen Produktionsprozeß hindm-ch geht, 
intermittiert, und in diesen seinen Pausen gerade 
heißt er Produkt. - - Es gibt nun ein einziges 
P r o d u k t , in welchem dieser Pulsschlag niemals inter- 
mittiert, sondern stets in lebendiger Blutwärme vorhanden 
ist, ein Produkt, das immer zugleich Kapital 
ist , und dieses Kapital- Produkt ist das — Geld ! 
Das Geld ist darum nicht bloß auch Kapital, wie jedes 
andere Produkt, sondern es ist das Kapital par ex> 
cell le nee, Gott Va t e r in Person! 



^) Auch die Proudhonsche „banque du peuple" war ein 
solches Pi"ojekt. - — Es kann daher für keinen, der den Klein- 
bürger Proudhon kennt, im geringsten wundernehmen, wenn sein 
Adjutant Herr Darimon sich neulich in der Sitzung des gesetz- 
gebenden Körpers offen zu der Schulz e-Bastiatschen 
Theorie, trotz des friiheren Kampfes zwischen Proudhon und 
Bastiat, bekannt hat. Sie gehören seit je zusammen, und es war 
nur Mißverständnis, wenn sie sich bekämpften. Wohl aber ist 
es ein interessantes Symptom von der europäischen Be- 
deutung, welche die Fortschrittskrankheit angenommen hat. 

^) Das Schicksal der Berliner Waren-Kreditgesellschaft ist 
bekannt ! 

22« 



Seine Kapitaleigenschaft ist in ihm beständig flüs- 
sig, kann beständig befruchtend ausgeschüttet werden, 
auf jeden behebigen Stoff, an jeden beliebigen Ort. Das 
Geld als das ,, Kapital par excellence" ist darum in 
noch höherem Sinne Kapital als selbst das stehende 
Kapital. 

Eine Baumwollenspinnmaschine ist doch gewiß Kapital 
und zwar in einem viel höheren und qualifizierten Sinne 
als das einfache Produkt. Als aber die Baumwollenkrise 
in Lancashire ausbrach, mußten diese Maschinen still 
stehen, waren also zeitweilig degradiertes Kapital, 
was dem Gelde nicht passieren kann. Ja sogar solche 
Fabnkanten, die noch Baumwollenvorrat hatten, ließen 
die Maschinen still stehen, legten sich trotz J. B. Say 
und trotz aller wütenden Vorwürfe, die ihnen die ,, Times 
darüber machte, mit ihrer Baumwolle und ihrem Geld 
lieber auf den Handel, wurden Kaufleute, spekulierten 
auf noch höhere Preise der Rohbaumwolle und zeigten 
so, daß sie, um alle theoretischen Verdrehereien unbe- 
kümmert, ihren praktischen Vorteil sehr wohl verstanden. 

•Nur das Geld ist also, wie weise sich auch die libe- 
rale Ökonomie in ihrer Belächelung des Merkantilsystems 
dünken mag, das allgegenwärtige, allmächtige 
und allweise, kurz, um nicht alle Attribute Gottes 
einzeln durchzugehen: das absolute Kapital!^) 



^) „Gold ist daher der materielle Repräsentant des stoff- 
lichen Reichtums ... Es ist zugleich der Form nach die un- 
mittelbare Inkarnation der allgemeinen Arbeit und dem Inhalt 
nach der Inbegriff aller realen Arbeiten. Es ist der allgemeine 
Reichtum als Individuum.. In seiner Gestalt als Mittler der 
Zirkulation erlitt es allerlei Unbill, wurde beschnitten, und so- 
gar zum bloß symbolischen Papierlappen verflacht. Als Geld 
^vird ihm «eine goldene Herrlichkeit zurückgegeben Au? dem 

2S>Q 



Und sind Sie nun nicht zerknirscht, Herr Schulze, 
Sie Kapitalanbeter, daß Sie Ihren Gott gerade, wo er 
Ihnen in seiner eigensten Gestalt erschien, in seinem 
goldenen, feurigen Glänze, wie Moses im Dornbusch, so 
verkennen konnten ? 

,,d) Die Konkurrenz." 

,, Außer der Möglichkeit, sich eine Sache selbst 
anzufertigen — beginnen Sie diesen Abschnitt p. 67 
— einen Dienst selbst zu leisten, wenn uns von jeman- 
dem mehr, als uns billig dünkt, dafür abgefordert wird, 
deuteten wir im vorigen noch auf den Ausweg hin : d a s 
Gewünschte von einem Dritten zu erhalten, 
als ein Hauptschutzmittel gegen Überteuerung." Wirk- 
lich? Wir haben heute, außer der ,, Möglichkeit" uns 
„die Sache selbst anzufertigen", auch noch den Aus- 
weg, sie von einem Dritten zu erhalten ? Es ist um 
Krämpfe zu bekommen, wenn man Ihre Beschreibung 
des Produktionszustandes anhört ! Das übersteigt noch 
den Austausch der überschüssigen Produkte, die der Pro- 
duzent nicht selbst gebraucht! (Siehe oben p. 57ff. 0-) 

Nachdem Sie hierauf von der Säge des Holzhauers 
und dem Anzug des Schlossers und dem Kessel der 
Waschfrau in einem so gedankenvollen Stile — an nähe- 
rer Analyse hindert uns bereits die gebieterisch drängende 
Zeit — gesprochen, daß keine Waschfrau Sie errei- 
chen kann, konkludieren Sie nun mit folgender Erklärung 
der freien Konkurrenz: „So erhalten wir in der Kon- 
kurrenz einen Hauptregulator des Wertes. Schon früher 



Knecht wird es der Herr, aus dem bloßen Handlanger wird 
es zum Gott der Waren." (Marx, a, a. O. S. 104.) 
^) S. 97 dieser Ausgabe. 

230. 



erkannten wir die Freiheit als das Element der Arbeit wie 
des Tausches, die Befugnis aller, alles Mögliche vorzu- 
nehmen, sich mit allem zu beschäftigen, wobei sie ihre 
Rechnung zu finden vermeinen, und die fernere Befugnis 
aller mit allen zu tauschen, ist nun eben die 
freie Konkurrenz." 

Und nachdem. Sie so die freie Konkurrenz wieder als 
den ,,Tausch" erklärt und dies noch auf einer Seite 
breit getreten, lassen Sie auf zwei Seiten einige allge- 
meine Phrasen gegen das Monopol los und schießen 
dann wieder im Pastorstil mit einer salbungsvollen Ver- 
herrlichung Ihrer ,, Bildung" und ',, Wissenschaft". 

Das ist alles, was Sie über die freie Konkurrenz zu 
sagen wissen. Statt aus ihr, in welcher der Schlüssel des 
ganzen gegenwärtigen Zustandes liegt, die Gesetze des 
Marktpreises, des Kostenpreises, des Ar- 
beitslohnes, des Unternehmergewinnes, der 
Grundrente herzuleiten, statt aus ihr die gesamte m a - 
t e r i e 1 1 e und geistige Physiognomie unseres Zu- 
standes abzuleiten, was wir im nächsten Kapitel, so weit 
es hier zulässig, in positiver Weise tun vverden, erklären 
Sie die ,,freie Konkurrenz" als ,,Tausch" — 
als Tausch, der doch schon zur Phönizierzeit ge- 
trieben wurde ! Das ist alles, was Sie von ihr zu sagen 
wissen. 

Sie sehen, ich habe Ihnen jetzt den Nachweis geführt, 
über dies eine einsilbige Wort gelangt Ihr ganzes Buch 
nicht hinaus ! Die Arbeit war Tausch, das Kapital war 
Tausch, der Kredit war Tausch, der Wert war Tausch, 
und die freie Konkurrenz ist auch Tausch ! 

Bastiat sagt, indem er das Kapitel ,,d3r Tausch" be- 
ginnt (härm. econ. p. 93) : „L'echange c'est l'economie 
politique" — ,,Der Tausch ist die National- 

231 



Ökonomie". Und dieses nach Weise der Franzosen 
pointierte, geistreich sein sollende Wort haben Sie buch- 
stäblich genommen und glauben, daß wer sich nur 
brav das Wort ,,T a u s c h" auswendig lernt, ein gemachter 
Nationalökonom sei. 

Wenn ich mir einen Star kaufe und ihm beibringe, das 
einsilbige Wort: „Tausch, Tausch, Tausch" zu 
schreien, so habe ich genau den ganzen Inhalt Ihres 
Buches. 

In diesem einsilbigen Wort steckt Ihre ganze armselige 
Weisheit I 



232 



Vi ertes Kapitel. 

DIE OBJEKTIVE ANALYSE DES KAPITALS, 
DIE PRODUKTIVASSOZIATIONEN. 

Es bleibt noch übrig, in möglichster Kürze den ob- 
jektiven Begriff des Kapitals zu entwickeln. 

Wir werden dies verhältnismäßig um so kürzer tun 
können, als wir schon bisher überall in unseren positiven 
Ausführungen die Gnmdlagen dieses Begriffes im voraus 
gelegt und ihn in konkreter Darstellung (siehe z. B. 
p. 99ff. ^)) haben durchscheinen lassen. 

Wenn wir sagen würden :; Das Kapital ist eine 
historische Kategorie, — so würde zwar in kür- 
zester Abbreviatur alles gesagt sein, aber es würden 
ims nur äußerst wenige verstehen. 

Wir müssen also mehr schrittweise zu Werke gehen. 

Betrachten Sie, Herr Schulze, die bisher von uns durch- 
genommenen Definitionen des Kapitals ; zwar nicht jene 
Ihre Lieblingsdefinition, Kapital sei ,,der ersparte Teil 
des Einkommens", die Sie nach Bastiats Anleitung geben, 
denn diese ist gar zu unsinnig und' hinreichend aufgelöst 
worden. 

Aber betrachten Sie jene andere Definition, die Sie 
gleichfalls geben und die im wesentlichen darauf hinaus- 
läuft : Kapital ist Arbeitsinstrument. Oder jene. 



n 8,152 ff. dieser Ausgabe. 

233 



die allgemein von den Ökonomen gegeben wird: Kapital 
ist aufgehäufte Arbeit. Oder jene, die ich Ihnen 
oben (p. 680 an die Hand gab: Kapital sind Produkte, 
die fortzeugend zur Produktion verwendet werden. 

Werfen Sie nun wiederum den Blick auf den Indianer 
in den Urwäldern Amerikas, der, seinen Bogen in der 
Hand, sich seinen Lebensunterhalt erjagt. 

Ist dieser Mann Kapitalist? Ist dieser Bogen K a - 
p i t a 1 ? Sie sehen, Herr Schulze, alle drei Definitionen 
treffen zu. Der Bogen ist in der Tat ein Arbei,ts- 
instrument. Er ist ebenso aufgehäufte Arbeit. 
Er ist auch ein Produkt, das fortzeugend zur 
Produktion verwendet wird. 

Und dennoch, Herr Schulze, wird es Ihrem eigenen 
Gefühl widerstreben, diesen Indianer einen Kapita- 
listen zu nennen ! 

Sie sehen also, daß alle diese Definitionen noch 
falsch sein müssen, weil sie alle das Unterschei- 
dende und Richtige nicht in sich enthalten. 

Oder vielleicht tun Sie — denn was wäre wohl bei 
Ihnen unmöglich ? — Ihrem eigenen Gefühle Gewalt an 
und sagen : Ja, der Bogen ist ein Kapital und somit 
ist der Indianer ein , .kleiner Kapitalist". 

Dann würde es aber sehr leicht sein, Ihnen zu zeigen, 
daß jener Bogen kein Kapital und jener Indianer kein 
Kapitalist ist. 

Versetzen Sie sich, um sich das klar zu machen, auf 
einen Augenblick mit einem eben solchen Bogen in jene 
Wälder. Der Bogen würde Sie in den Stand setzen, 
Wild zu schießen, er würde Sie also — dafür ist er 
Arbeitsinstrument — in Ihrer eigenen, unmit- 



^) S. 110 dieser Ausgabe. 
234 



telbar auf die Erringung Ihres Lebensunterhaltes gerich- 
teten Arbeit unterstützen; aber wenn es Sie, wie zu 
fürchten steht, ermüden sollte, auf Ihren flüchtigen Mo- 
kassins durch die Wälder mit dem Wild um die Wette 
zu streifen, so würden Sie kein Mittel finden, den 
Bogen werbend anzulegen, und da es, wie Sie wissen, 
das unbedingte Kennzeichen des Kapitals ist, werbend 
auftreten zu können, so sehen Sie wohl : dieser Bogen ist 
Arbeitsinstrument, aber er ist nicht Kapital! 

Ich setze den Fall, Sie wollten den Bogen, glaubend, 
es läge nur an der Bogenform, daß Ihnen die in ihm' 
aufgehäufte Arbeit nicht als Kapital zustatten käme, gegen 
einen anderen Wert eintauschen und böten ihn zu 
diesem Zwecke jenem erstgedacliten Indianer an. 

Ganz möglich, daß dieser Indianer, wenn ihm dieser 
Bogen konveniert, auf Ihren Vorschlag eingeht. Er gäbe 
Ihnen dann zum Tausch ein erlegtes Wild oder Pelz- 
werk oder in goldreichen Gegenden vielleicht einen großen 
Klumpen Goldes. 

Aber alle diese Gegenstände — Sie haben keine 
Möglichkeit, sie dort werbend anzulegen. Um 
diese Werte produktiv, rentbar zu machen, müß- 
ten Sie sich in ganz andere, auf europäischem Fuße be- 
findliche Länder begeben. Aber in jenen bestimmten 
historischen Zuständen, in die ich Sie versetzt 
habe, hätten Sie keine Möglichkeit hierzu. 

Ja, Sie wären jetzt mit dem für den Bogen eingetausch- 
ten Wert — dem Wild, dem Pelzwerk, dem Gold- 
klumpen — noch schlimmer daran, als früher beim Bogen, 
der Sie wenigstens in Ihren Schießbestrebungen unter- 
stützen konnte. 

Halten Sie also genau fest, Herr Schulze, das Schei- 
dende und Unterscheidende, was wir bei dieser Betrach- 

235 



tung erfahren haben: es gibt historische Zustände, in 
denen es Arbeitsinstrumente gibt, in denen man 
sogar tauschen kann, und in denen es gleichwohl noch 
kein Kapital gibt. 

Und infolge unserer früheren Darstelhmgen (z. B. 
p. 98 bis 103^)) sagen selbst Sie sich vielleicht schon 
hier : es gibt hier, obgleich es Arbeitsinstrumente 
gibt, noch kein Kapital aus dem Grunde, weil es keine 
Teilung der Arbeit gibt, daher nur noch das Ar- 
beitsinstrument in der Hand des Arbeiters, 
oder mit anderen Worten nur noch die Arbeit selbst 
produktiv ist. 

Es ergibt sich somit schon hier der Satz : die selb- 
ständige Produktivität des Kapitals, seine 
Produktivität in der Trennung von der Ar- 
beit, ist nur möglich unter einem System der Teilung 
der Arbeit und ist ihre Folge, 

Werfen Sie nun aber den Blick auf die zivilisierten 
Zustände des Altertums. Hier herrscht bereits, wie ver- 
schwindend klein sie auch gegen die heutige sei, eine ge- 
wisse Teilung der Arbeit und großer Reichtum. 
Aber Sie sehen hier den antiken Eigentümer vereinigen 
in seinem Besitz das Grundeigentum, die Sklaven und 
alle Arbeitsprodukte und Arbeitsinstrumente derselben. 

Ist dieser Mann „Kapitalist"? Nein, Herr 
Schulze! Wenn Sie einen alten Schah von Persien be- 
trachten, dem das ganze Land, das er beherrscht, und alle 
Reichtümer und alle Leute darin gehören, soweit er es 
will, werden Sie sagen, dieser Mann war ein , .groß er 
Kapitalist"? 

Gewiß nicht! Sie werden es nicht sagen, weil Sie 
fühlen werden, daß er mehr war, als das. 

-) S, 151 bis 158 dieser Ausgabe 

236 



E^ ist ganz ähnlich mit dem antiken Eigentümer. Der- 
jenige, welchem nicht nur das Arbeitsinstrument, 
sondern der Arbeiter selbst als rechtliches 
Eigentum gehört, kann nicht ,,Kap italis t' sein. 
Denn sein Anteil an dem Ertrag der gesellschaftlichen 
Produktion gründet sich nicht darauf, daß ihm das Ar- 
beitsinstrument, sondern darauf, daß ihm der Arbeiter 
selbst gehört. Der Sklave, durch welchen er die Arbeit 
bestellen läßt, ist für ihn nur ein anderer Hebel, der 
Hebel nur ein anderer Sklave. 

Dieser Mangel an Scheidung und Unterschei- 
dung bewirkt, daß hier Herren, aber nicht Kapita- 
listen, Werte und Reichtümer, aber nicht Ka- 
pitalien vorhanden sind. 

Sie können dies weiter verfolgen, wenn Sie die realen 
Charakterzüge der antiken Wirtschaft ins Auge fassen. 

Der antike Boden- und Sklavenbesitzer läßt zunächst 
vorherrschend Gebrauchswerte seines eigenen 
Wirtschaftsbedarfs produzieren. Den Überschuß 
derselben, oder, insofern er, was schon die Ausnahme 
bildet und nur bei Bürgern geringen Standes der Fall 
ist ^). durch seine Sklaven Fabrikation betreiben läßt. 
die so gewonnenen Industrieprodukte verkauft er. Für das 
erlöste Geld tauscht er die Luxusprodukte aller ihm 
zugänglichen Zonen, Purpur und Bernstein, zu seinem 
Konsum ein. Tausch und Handel sind bereits entwickelt 

^) So erzählt uns Plutarch, daß noch der Redner Isokrates 
von den Komikern Aristophanes und Stratis verspottet wurde, 
weil sein Vater Theodorus durch seine Knechte Flötenfabri- 
kaiion betreiben ließ, Plut. vita decem orat. T. IV. p. 357, ed 
Wytt. : — — „ußev etg zovg av?.ovg y.exw [j.ojdr]Tai vnC) 
AoioTO(pdvovg xal J^rodtidos'\ oder, wie Lessing sagt, die 
Komiker geben ihm die Flöten seines Vaters zu hören. 

237 



und ausgebreitet. Aber das Gold, das ihm nach Befriedi- 
gung seines Luxuskonsums übrig bleibt, hebt er, sofern er 
es nicht für neuen Ankauf von Grundeigentum und Sklaven, 
also wieder für Vergrößerung seiner Naturalwirt- 
schaft, innerhalb deren er ,,Herr", nicht , .Ka- 
pital ist" ist, verwendet, vorherrschend für späteren 
Luxuskonsum auf. Er ist Schatzbildner, wenn auch in 
goldenen und silbernen Gerätschaften^). Dies Gold wer- 
bend in fremder Produktion anzulegen, fehlt ihm 
zunächst und lange sogar die Gelegenheit. 

Denn diese fremde Produktion ist selbst wieder natur- 
wüchsig aus dem Überschuß der eigenen Na- 
turalwirtschaft dieses anderen Produzenten 
hervorgegangen und daher des modernen Kredit- 
systems, welches nur in einer ausschließlich Tausch- 
werte produzierenden Gesellschaft sich bilden kann, noch 
nicht benötigt. 

Als sich selbst diese Gelegenheit zu solcher Anlage zu 
finden anfängt, steht ihr jetzt die sittliche Anschau- 
ung d e s Vo 1 k e s entgegen, die hierin wiederum nur 
die Folge des soeben beschriebenen so lange herrschen- 
den und, zu der Zeit, von der wir reden, noch immer vor- 
herrschenden ökonomischen Zustandes ist. 

Sie begreifen nämlich beiläufig von hier aus, warum 
der K a p i t a 1 z i n s solche Schwierigkeit hatte, in 



^) ,,Die erste naturwüchsige Form des Reichtums ist die des 
Überflusses oder Überschusses, der nicht als Gebrauchswert 
unmittelbar erheischte Teil der Produkte, oder auch der Besitz 
solcher Produkte, deren Gebrauchswert außerhalb des Kreises 
bloßer Bedürftigkeit fällt . . . Bei Völkern rein metallischer 
Zirkulation, wie bei den Alten, zeigt sich Schatzbildung als ein 
allseitiger Prozeß, vom einzelnen bis zum Staat, der seinen 
Staatsschatz hütet." (Marx, Zur Kritik etc. S. 106.) D. H. 

238 



der Anschauung der alten Völker sich Bahn zn brechen. 
warum er für schändlich und eines freien Mannes 
unwürdig, unanständig im antiken Sinne (inho- 
nestum) gefunden wurde. 

Wenn Aristoteles, Cicero, Seneca, die Kirchenväter 
und das kanonische Recht den K a p i t a 1 z i n s für schänd- 
lich und für gleichbedeutend mit Wucher halten, wenn 
noch in der römischen Republik das Zinsnehmen ge- 
setzlich verboten war, wenn Cato die Satzung der Alt- 
vorderen lobt, daß der Dieb ums Doppelte, der Zins- 
nehmer aber ums Vierfache gestraft werde ^), und die 
katholische Kirche den Zinsnehmern Abendmahlsfeier, 
Testamentsrecht und kirchliches Begräbnis entzog, und 
wenn Jeremias Bentham und mit ihm die ganze liberale 
Ökonomie umgekehrt im Wucher nur das heihgste, un- 
nehmbarste Naturrecht des Menschen sieht, so erklären 
und lösen sich diese so schroffen Gegensätze von hier 
aus auf das einfachste. 

Der Jurist, sagen die römischen Juristen, sehe nur 
auf ,,id quod plerumque fit", ,,auf das, was meistens 
geschieht"^). 

Geborgt wurde im Altertum wie bei uns. Weil aber 
uml so lange im Altertum ganz oder vorherrschend Anlaß 
und Gelegenheit fehlt, das Gelddarlehen in fremder 
Produktion anzulegen, da diese fremde Produktion wieder 
nur auf der eigenen Naturalwirtschaft und deren natur- 
Vv'üchsigem Überschul> beruht, so werden, so lange dies 

^) Cato, de re riist, praef. : majores ita in legibus posuerunt 
furem dupli condemnari, feneratorem quadnipH. 

- ) Noch mehr aber gilt es von jenen sitülchen Anschauungen 
der Völker, die aus ihren ökonomischen Zuständen erwachsen, 
daß sie nur sehen auf ,,das, was meistens geschieht". 

239 



ausschließlich oder auch nur vorherrschend der Fall ist, 
Gelddarlehen meist also nur zu konsumtiven Zwecken 
begehrt werden. Sie werden also aus persönlicher Not 
und Verlegenheit nachgesucht, und sei es auch nur 
die Verlegenheit des römischen Ädilen ^ ) , welcher 
dem Volke den Zirkus für die öffentlichen Spiele auf 
seine eigenen Kosten mit Purpur ausschlagen lassen will 
und nicht die ganze Summe vorrätig hat. 

Ein zu bloßem Konsumtivzweck gemachtes Dar- 
lehen, durch welches der Borger keineswegs reicher 
wird, als er war, die persönliche Not und Verlegen- 
heit eines Menschen zur Ausbeutung benutzen zu wollen, 
ist aber allerdings schändlich, und das hat das Altertum 
und (\ie Kirche mit Recht gefühlt. 

Umgekehrt werden zwar in den modernen Zeiten auch 
noch Anlehen genug zu konsumtiven Zwecken gemacht. 
Aber bei weitem vorherrschend ist jetzt das Produktiv- 
darlehen, das vom Borger zur Anlagein pro duk- 
tivenUnternehmungen gemachte Darlehen. Diesels 
Darlehen entspringt zwar auch noch aus einer Ve r 1 e g e n - 
h e i t , aber nur aus der einen Verlegenheit, reicher 
zu werden, und ganz konsequent entschließt sich daher 
der Ausleiher, diese Verlegenheit bebend mit dem Bor- 
ger zu teilen ! Mit anderen Worten : das Produktivdarlehen 
ist ölconomisch Anteil am Geschäft se rtrag^), und 

^) Aufseher mit Bezug auf die öffentlichen Spiele, Markl- 
polizei etc. D. H. 

^) Sehr originell läßt eine aus dem mosaischen Zinsverhote 
entsprungene Sitte der russischen orthodoxen Juden, welche 
Bonaventura Mayer (Die Juden unsrer Zeit 1842, S. 13 ff.) er- 
zählt, diese innere Natur des Darlehens heraustreten. Der 
Gläubiger bedingt sich nämlich bei dem Anlehen die Hälfte 
des Gewinnes aus und die Kontrahenten setzen denselben vor- 

240 



der Gegensatz der antiken und der bürgerlichen Anschau- 
ung von dem Zinsnehmen, jede von beiden bestimmt durch 
die zu ihrer Zeit vorherrschende ökonomische Natur des 
Darlehens, findet so bei wahrhafter historischer Betrach- 
tung seine natürliche Auflösung. — 

Als also auch die Gelegenheit zu produktiver Anlage 
des Geldes im Darlehen sich mehr und mehr zu bieten 
anfängt, steht ihr teils Verbot, teils die sittHche Anschau- 
ung des Volkes noch immer mächtig entgegen und kämpft 
gegen ihr Umsichgreifen in der Praxis. Die Anlage des 
Vermögens in fremder Produktion — und bei der 
AnJage derselben in seiner eigenen Naturalwirtschaft 
bleibt, wie ich Sie erinnern muß, der antike Besitzer immer 
,,H e r r", noch nicht ,,K a p i t a li s t" — bildet also immer 
einen verhältnismäßig äußerst unbedeutenden Teil der an- 
tiken Vermögensanlage. ,,Fast ganz in Grundstücken, 
etwas jedoch auf Zins," das ist noch zu einer so 
späten Zeit, wie der des Plinius, die Vermögensanlage 
des römischen Senators^). Ja selbst bei einem so sprich- 
wörtlich reichen Manne wie Crassus — sein Vermögen 
wird von den Alten auf 7 100 Talente geschätzt, was, das 
damalige Talent zu ungefähr 1 400 Talern gerechnet, eine 
Summe von 9940000 Talern ergibt — sagt uns Plutarch, 
wo er uns die Stücke seines Vermögens aufzählt, Silber- 
minen, Grundstücke und die Menge der sie bebauenden 
Sklaven, Häuser etc., daß ,,dies alles noch wie 
garnichtsgewesensei, verglichen mit dem Preise 



läufig auf eine mutmaßliche Summe fest. Wemi der Schuldner 
später endlich erklärt, daß das Geschäft jenen Gewlmi nicht 
gebracht habe, so braucht er die ausbedungene Summe nicht zu 
zahlen, verliert aber für die Zukunft jeden Kredit. 

^) Plin. Epp. III. 19. Sum quidem prope totus in prae- 
diis; aliquid tarnen foenere. 

16 Lasjall«. Gel Schriften, Band V. 241 



seiner Haussklaven; so viele und so treffliche be- 
saß er, Vorleser, Schreiber, Silberprüfer, Aufseher, 
Tischdiener" ^). 

Fast alle diese Sklaven sind Genußmittel. In solche 
Genußmittel und nicht in , .Kapitalien" mündet 
die antike Wirtschaft, die innerhalb ihrer werbenden 
Gestalt Herrschaft, nicht Kapitalwirtschaft 
ist. Es gibt in der antiken Welt Arbeitsinstrumente, Ge- 
nußmittel, Werte und Reichtümer, aber noch keine ,, Ka- 
pitalien". Durch diese vorherrschende Gestalt des Ge- 
samtzustandes bestimmt, ist auch dann noch keine „Pro- 
duktivität des Kapitals" gegeben, wenn z. B. der Vater 
des Sophokles durch seine Sklaven Schwertfegerei be- 
treiben läßt. Es fällt mit dieser in den Handel mündenden 
Fabrikation nur erst der Charakter der Naturalwirt- 
schaft weg; aber einerseits bleibt in dieser Pro- 
duktion der Charakter der Herrschaft, anderer- 
seits mündet diese Fabrikation nur erst in den Handel, 
der, wie schon bemerkt, bereits entwickelt genug ist ; diese 
Sklaven produzieren alle Konsumtionsgegenstände, die ihr 
Besitzer braucht, jetzt in der Form von Schwertern, 
die gegen jene ,, ausgetauscht" werden, aber diese Schwer- 
ter münden eben alle noch in Genußmittel oder resp. 
in Geld als Kaufmittel aller anderen Genuß- 
mittel und somit selbst nur diese darstellend. Aber 
diese Schwerter brechen noch nicht durch in die werbende 
Form des Kapitals, in die freie und selbständige Produk- 
tivität desselben, in seine zinsaufzinshäufende Kraft. Der 
erste Schritt ist durch diese auf Tauschwert gerichtete 



1) Plutarch vit. Grass. T. III. c. 2 p. 250. ed. London: 
,yöjua>g äv xig tjyTJoatxo jurjdkv elvai ravra ndvxa ngög 
xtjv Tcbv olxexcöv tij.irjV. x. r. X. 

242 



fabrikationsmäßige Produktion freilich bereits geschehen. 
Aber dieser erste Schritt ist durch den Gesamtzusammen- 
hang der antiken Welt noch verhindert, seine Folgen zu 
setzen. Die Reichtümer und das Gold der antiken Welt 
sind der Kapitalembryo, aus welchem sich später 
das Kapital entwickeln wird. Aber noch ist die Entwick- 
lung jener Reichtümer zur spezifischen und eigen- 
tümlichen Form des Kapitals nicht vor sich ge- 
gangen. 

Werfen Sie den Blick auf eine andere Kulturepoche. 
Betrachten Sie den mittelalterhchen Grundbesitzer, den 
adligen Seigneur in der Mitte seiner Burgen und Höfe, 
seiner Leibeigenen, Hörigen und Kolonen, seiner ihm 
in den verschiedensten Weisen lehnspflichtigen Dörfer 
und Städte. War dieser Mann Kapitalist? 

Sie müssen nicht, Herr Schulze, die vielverbreitete rohe 
Vorstellung haben, daß man damals nur von Ackerbau- 
erzeugnissen lebte ! Die Produktion war ent\\-ickelt genug, 
der Luxus groß, die Genußmittel zahlreich, mannigfach 
und verfeinert. Betrachten Sie z. B. nur die Beschreibung, 
welche der Minnesänger Ritter Ulrich von Lichtenstein 
(im dreizehnten Jahrhundert) von dem Empfang in der 
Kemenate seiner Frau entwarft. ,,Die Reine — heißt es 
in diesem Gedicht ^) — saß auf einem Bette und emp- 
fing mich züchtiguch, sie sagte mir Willkommen. Die 
Gute hatte ein kleines Hemde an, eine S u c k e n i e 
darüber von Scharlach-), die war härmingefurret 
(mit HermeHn gefüttert), ihr Mantel war grün, dar- 



^) Ulrich von Lichtensiein, Frauendienst, p. 160. 

^) Suckenie, soscania, das gewöhnlich sehr reiche, von Gold 
und Seide gewirkte Uberkleid der Frauen, vgl. Ducange Gloss., 
s. V. Soscania. 

!*• 243 



unter war eine schöne C h ü r s e n , die Ciiürsen hatte 
einen mäßig breiten Überlall. Acht Frauen stunden 
bei ihr, die auch gut gekleidet waren; auf dem Bette 
lag von Samt eine M a t r a z , darüber zwei seidene 
Leilachen, darauf lag ein herrliches Decke- 
lachen, auch lag da ein köstliches Polster und zwei 
wunnigliche Kissen, das Bettgerüst sah man nirgend 
hervor scheinen, und manch guter Teppich war sein 
Dach; zu den Füßen am Bett brannten zwei große 
Licht auf zweien Kerzstalin und an den Wänden 
hingen wohl hundert Licht." 

Oder betrachten Sie seine Beschreibung, wie er selbst 
als Frau Venussin dmch die Lande fährt: ,,Hier lag 
ich den Winter und Keß mir Frauenkleider schneiden, 
zwölf R^öckel wurden mir bereitet und dreißig 
F r a u e n ä r m e 1 an kleinen Hemden, dazu gewann 
ich zween Zöpfe, die ich mit Perlen wohl bewand, 
deren da wunder viele feil waren, man schnitt mir 
auch drei weißeMäntelvonSamt, die Sättel waren 
silberweiß, an die der Meister großen Fleiß 
mit Arbeit legte, darüber Decken von weißem 
Tuch, lang und meisterlich, auch waren die Zäume 
köstlich. Für zwölf Knappen schnitt man von 
weißem Tuche gutes Gewand, man machte mir 
auch hundert silberweiße Speere, alles was die 
meinen führten, war weiß wie Schnee, mein Helm war 
weiß und weiß mein Schild, aus fünfStückenweißen 
Samt ließ ich mir drei Decken schneiden zu Wa p - 
penkleider auf meinem Rosse, und mein Wappenrock 
mußte ein wohl gefaltenes Röcklein sein von 
kleinem weißen Tuche" ^). 



^) Frauendiepst, p. 84. 
244 



Sie sehen, Herr Schulze, daß man sich damals mchts 
abgehen Heß. War nun der Eigentümer aller dieser 
schönen Dinge, war der mittelalterliche Hofbesitzer Ka- 
pitalist? 

Keineswegs ! Und ich hoffe Ihnen dies vom Mittelalter, 
wenn Sie geduldig lesen, allmählich ebenso klar machen 
zu können, wie vom Altertum. 

Die Sklaverei ist abgeschafft und auch die 
an ihre Stelle getretene Leibeigenschaft mildert sich 
im Laufe des Mittelalters zu einem System der persön- 
lichen Unfreiheit in den verschiedenartigsten Abstufungen, 
zu einer Mosaik von Leistungen. Dies ist es gerade, was 
dem Mittelalter seinen spezifischen Typus gibt. 

Ich habe bereits anderwärts ausgeführt, daß es die 
Besonderheit ist, welche das Mittelalter in geschichts- 
philosophischer Hinsicht charakterisiert. Nicht mehr der 
Mensch im ganzen, aber sein Wille und besondere 
Akte seines Willens werden hier als Privateigen- 
tum gesetzt^). Dies gibt auf dem ökonomischen Gebiete 
das System der besonderen Leistungen, ein 
System von Rechtsbeziehungen eines Beson- 
deren auf einen Besonderen, die in lauter b e s o n - 
dere Akte und besondere Produkte (Geb rauchs- 
werte, zum Unterschied von dem allgemeinenTausch- 
wert: Geld) auslaufen; d. h. es gibt das System 
der mittelalterlichen Naturaldienste und 
Naturallieferungen. 

Dies ist es, was die Wirtschaft und die Produktion des 
Mittelalters durchaus vorherrschend bestimmt. 

Betrachten Sie die Wirtschaft des mittelalterlichen feu- 



^) Siehe mein „System der erworbenen Rechte". Leipzig, 
Brockhaus, 1861. T. I.. p. 260-264. 

245 



dalen Grundbesitzers, wenn auch nur g£inz flüchtig, etwas 
näher. 

Abgesehen von den Leibeigenen, werden seine Felder 
bestellt mit Spann- und Handdiensten, mit gemessenen und 
ungemessenen Fronden, von unfreien und freien Kolonen 
in den mannigfachsten Abstufungen aller Art; denn auch 
die freien Mansi (Bauernhöfe) müssen ihm frönen, wie die 
unfreien, nur letztere etwa drei Tage in der Woche, wäh- 
rend erstere etwa fünf bis sechs Wochen im Jahre ^). 

Doch sehen wir von dem Ackerbau ab. — Allein es 
gibt gar keine Art von Diensten, die ihm unter dem Lehns- 
system die unfreien wie freien Mansi, ja die ihm in den 
verschiedensten Abstufungen pflichtigen Flecken und 
Bourgeois der kleinen Städte nicht in natura entrichten 
müssen ! 

Versetzen Sie sich im Geist an einen Gefälletag, wo 
ein solcher adliger Feudalherr die ihm zustehenden Ge- 
fälle erhebt. Da wimmelt es von Roggen, von Gerste, von 
Hühnern, von Schinken, von Ochsen, von Schweinen, von 
Eiern, von Butter, von öl, von Früchten, von Wachs, von 
Kerzen, von Honig, die ihm die PfHchtigen bringen müs- 
sen, ja von Kuchen, von Blumenbuketts und cha- 
peaux de rose!^) Die Schneider, die Schuster des unter 
seiner Gutsoberherrlichkeit stehenden Städtchens - — er- 
innern Sie sich des Grundsatzes : nulle terre sans seigneur 
— bringen ihm die Kleider und die Schuhe, welche sie 
während der Woche, die sie ihm pflichtig sind, für ihn 



^) Siehe z. B. Pertz, Monum. hist. Germ. T. III. (Leg. 
tom I.), p. 177: respiciunt ad eandem curtem mansi Ingenuiles 
vestiti 23. Ex his sunt 6 quonim unusquisque . . . operatur annis 
singulis ebdomades 5, arat lurnales 3 etc. etc. 

2) Zum Beispiel: Monteil, hist. du XIV. siecle, chap. la 
Table de Pierre. T. I., p. 84. 

246 



und seine Leute gearbeitet habend- Nicht weniger müssen 
die „Hentschuhern" (Handschuhmacher), die „Beche- 
rere" (Bechermacher), die Kiefer und ,,Zimberliute" 
(Zimmerleute) für seine Bedürfnisse ohne Lohn (sine 
mercede) arbeiten, die Schmiede, die Schlösser, Ketten 
und Pfeile und außerdem eine Anzahl von Hufeisen und 
Nägeln Kefern-). Und wenn sich in den früheren Zeiten 
des Mittelalters auf den grundherrlichen Höfen selbst 
Handwerker und Künstler aller Art finden (mechanici 
et artifices), Fleischhauer (carnifices), Gerber (cerdones), 
Faßbinder (doliatores), Pelzarbeiter (pellifices und peili- 
parii), Wagner (currifices und carpentarii) ^), Krämer 
(institores), Baumeister (aeditui), Steinmetzen und Maurer 
(caementarii und lapicidae), Maler (pictores) etc. so- 
gar Kaufleute (negotiatores), Goldschmiede (aurifices) 
und Holzschnitzer (lignorum caesores) ^) oder überhaupt 
der grundherrliche Fronhof von jeder Art von Hand- 
werkern, die innerhalb der Gutsherrlichkeit angesessen 
waren, einen Handwerksmann haben sollte — ,,von einem 
ieclichen antwergke ein antwergm.an" ^) — und wenn in 
den späteren Zeiten des Mittelalters auch die Handwerker 
und Künstler aufhören, unmittelbar auf den Burgen zu 
wohnen, so müssen sie doch in Erinnerung dieses ur- 
sprüngKchen Verhältnisses oder von ihren Mansen und 
Lehngütern her dem Hofherrn Produkte ihrer Hand- 
werkstätigkeit abgeben, Messer aller Art, Scheren und 



^) Siehe le Compte rendu par le bailli d'Aval, en 1347 bei 
Monteil das. p. 85. 

2) V.Maurer, Geschichte der Fronhöfe, 1862, Bd. II., p. 323; 
Trier. Weistum. X., 8 — 10 u. 3. 

°) Siehe Ducange, s. v. currifices. 

^) Siehe V.Maurer das. T. IL p.316ff. 

^) Grimm, Weistümer I., 763, § 33. 

247 



Zangen (cultelli, rasoria, forcipes und forfices) Hacken 
und Äxte (plcaril), Schüsseln (scutellae), Becher (pi- 
caria), Gefäße aller Art (cratereae), Sättel und andere 
Gerätschaften (sellae et cetera ustensilia)^). Wenn der 
Fleischer einen Ochsen verkauft, so gebühren ihm davon 
Zungen und Füße, und gleiche Abgaben erhebt er vom 
Wein, Bier und anderen Getränken^). Aber was sollt© 
er mit dem Wein und Bier wohl machen, wenn er keine 
Fässer hätte ? Und so müssen ihm denn auch die Fässer 
(tunnae), mit und ohne Wagen, die Dauben (dovae) für 
dieselben, die Reife (circuli), Platten (patellae), Kessel 
(caldaria), und zwar eiserne, wie kupferne^) neben Schin- 
deln und anderem Material zur Reparatur der Dächer 
geliefert werden*). Und die Schröder^) „seint schuldig 
meins gnedigsten Herrn wein und bier umbsunst zu 
schroden" und auch die Ohmer sind schuldig ,, meinem 
gnedigsten Herrn alle Wein und Bierfaß umbsunst 
zu ohmen," 



^) Siehe das Korveische Güterverzeichnis bei Kindlinger, 
Münster. Beiträge IL, 116.133.228.126.223.143. — Ducange 
s. V. pica. 

2) Siehe z. B. Montell a. a. O. p. 87. 

^) Wenigstens werden beide als Hofinventar erwähnt. Siehe 
Pertz a. a. O. . . . caldaria aerea 3, ferrea vero 6- 

*) Siehe das von Guerard (Paris 1844) herausgegebene 
Polypt. Irminlon, Urk. IX. 299, p. 113: Facit omni ebdomada 
dies II. ; set pro ipsa mannopera solvit carrum I. cum duabus 

tonnis; das. Urk. XI. 2, p. 119: — — Solvunt pullos 

IX., ova XXX., asciculos C. et totidem scindolas, XII dovas, 
circulos VI. etc., und das. XIII., siehe p. 132: et Inter totoä 
qui mansum tenent, asciculos C, scindolas totidem, dovas XII., 
circulos VI. etc.; das. XIV. 99, p. 149: — Sunt niansi qui 
faciunt angariam propter vinum . . . solvunt caldariam I., de 
molle sestarium etc. 

°) Michelsen, Mainzer Oberhof zu Erfurt p. 26. 

248 



Und die Schmiede müssen ihm Sporen liefern und die 
Ziecher ein Tischtuch 6 Ellen lang und eine ,,Hand- 
quel"^). 

Sie können denken, Herr Schulze, daß die Frauen in 
diesem allgemeinen Eifer, diesen Mann gut elnzuwirt- 
schaften, nicht zurückbleiben werden. 

Die Ehefrau eines jeden Kolonen hat daher ein Stück 
LeJnenzeug und ein Stück Wollenzeug (camisilem I. et 
sarcilem I.) zu liefern, Malz zu bereiten imd Brot zu 
backen^). Manche Frauen müssen das Zeug, und zwar 
den Stoff aus eigenem liefern (pannos ex proprio Kno)^), 
andere aber schulden nur die Verarbeitung (si datur eis 
linificium, faciunt camsilos etc.)^) und deshalb haben 
wieder andere Mansi die Verpflichtung, ihm neben Frisch- 
lingen, LeinsEunen, Linsen usw. auch eine Seige Flachs 
in sein Arbeitshaus zu liefern^). Die Fischer müssen 
ihm die Salme und andere Fische einliefern (,, Dienst- 
fische"), die sie in bestimmten Zeiträumen gefangen^), 
ihn auch mit den Müllern auf den Flüssen im Nachen 
führen, wohin er will, aber den Vorzug, wenn er Briefe 
schreiben muß, seine Boten zu sein, seinen Post- und 
Stafettendienst zu reiten, haben die Metzger^). 

Ich könnte die Aufzählung dieses Wirtschaftsinventars 



^) Beschreibung von 1332 bei Falkensteln, HIst. z. Erfurt 
p. 198 und 200. 

^) Siehe bei Pertz a. a. O., p. 177. Uxor vero illius facit 
camisilem I. et sarcilem I. ; conficlt bravem et coquit panem. 

^) Siehe bei Maurer, Gesch. d. Fronhöfe. Bd. I., p. 395. 

*) Siehe das angef. Zensusbuch des Abts Irminon XII. 109. 
p. 150 u. ib. 110: omnes iste faciunt camsilos de octo alnis etc. 

^) Ducange s. v. Saiga. 

6) Siehe bei Maurer a. a. O. T. II., p. 223-325. 

') Siehe bei Maurer das. T. II.. p. 324 und T. I.. p. 399. - 

249 



noch lange, lange fortführen, Herr Schulze, wenn ich nicht 
fürchten müßte, Sie zu ermüden. 

Nur noch wenige Beispiele daher, um Ihnen zu zeigen, 
daß Sie sich wirklich kaum ein Bedürfnis werden aus- 
denken können, dem nicht in diesem System der Natural- 
dienste durch eine beson<lere Verpflichtung genügt wäre. 
Jeder besondere Bedarf hat seine besonderen Verpflich- 
teten, die diesen Dienst in natura zu erweisen haben. 

Wer einen Rat braucht in seinen Geschäften, nimmt 
bei uns mit schweren Kosten einen Advokaten. Aber 
der mittelalterliche Seigneur hat das nicht nötig ; ihm 
sind alle Bourgeois der unter seiner Grund herrlichkeit 
stehenden Kommunen verpflichtet, aus ihrer tiefen Ein- 
sicht Rat in seinen Angelegenheiten zu erteilen^). 

Wir gehen wohl für teures Geld ins Ballet oder zu 
Wallner und an ähnliche Orte. Aber der Feudalherr hat 
das nicht nötig ! Da sind Lehnsleute, die rechtlich ver- 
pflichtet sind, die einen einen Betrunkenen zu spie- 
len^), die anderen possierliche Sprünge zu 
machen^), die dritten seiner Dame ein equivokes Lied 
vorzusingen'^). 

Wir sind einmal im Reiche der Besonderheit. 
Und da es somit ganz logisch konsequent ist, daß hier 
für jeden besonderen Geschmack — der Ge- 



^) Privileges du chäteau deSimpodium von 1396 bei Monteil, 
Hist. du XlVe. siecle chap. maitre Dalmaze, T. I., p. 39. 

^) Siehe Sauval, Antiquites de Paris. Fol. 1724, T. II., 

liv. 8 chap. Redevances ridicules : etoit oblige pour toute 

protestation de foi et devoir seigneurial de contrefaire rivrogne. 

^) Sauval, ib. ib. : de courir la Quintaine ä la maniere 

des paysans. 

^) Sauval, ib. ib. : — — de dire une chanson gaillarde ä 
la Dame de Lavarai. 

250 



schmack ist eben das ganz besondere, über das 
sich schon dem Vollissprichwort zufolge nicht streiten 
läßt — gesorgt sein muß, so könnte es ja auch einmal 
kommen, wiewohl ich hoffe, daß es nicht oft kommt, daß 
jemand den ganz besonderen Geschmack hat, einen — 
wie soll ich sagen? — nun, einen ,,pet" zu hören! Und 
flugs ist unter den Zinsleuten ein junges Mädchen zur 
Hand, welches die Feudalpfhcht hat, ihn am Tage der 
Gefälle in offener Versammlung einen ,,pet" hören zu 
lassen! ^) 

Und schon muß Ihnen nun hier ganz entscheidend klar 
geworden sein, Herr Schulze, wie es mit diesem Manne ^ 
steht ! 

Er ist em reicher, reicher Mann. Aber er kann — 
und das ist eben sein Unglück, wenn Sie ihn mit Ihrem 
Freund Reichen heim vergleichen, und sein Un- 
terschied von diesem — er kann den ,,pet' 
nicht kapitalisieren! Ihn nicht, und nicht die 
Bockssprünge, und nicht die Zoten und nicht die Boten- 
dienste, und auch nicht das Wachs, die Eier, die Hühner, 
den Homg, die Ochsen, die Schüsseln, die Teller, den 
Flachs, die Leinewand, die Becher, die Reifen, die Ton- 
nen, die Pelze, die Kessel, die Salme, die Wollenzeuge, 
den, Wein, das Bier, die Sättel etc. etc., noch die Dienste 
der Ohmer, der Schröder, der Wagner, der Gerber, der 
Maurer, der Schmiede, der Goldarbeiter, der Schnitzer 
und Maler etc. etc., die sie ihm zu leisten schuldig sind. 

Er kann mit allen diesen Dingen prächtig leben und 
er lebt damit prächtig und in Freuden! Denn es ist ganz 



^) Monteil, hist. du XlVe. siecle chap. la table de St. Pierre, 
T. I., p. 84, welcher einen „adveu rendu par Marguerite de 
Montlugon", aus den Comptes de la prevote von Paris zitiert. 

251 



richtig, was von Maurer hervorhebt^): „Zu einer Zeit, 
in welcher die Poesie noch nicht so ganz aus dem Leben 
verschwunden war, wie heutzutage, wo ein alles be- 
rechnender, eiskalter Verstand an ihre Stelle 
getreten ist — zu einer solchen Zeit war es für einen 
jeden Bedürfnis, nachdem er den Tag über mit Reiten, 
Jagen und Waffenübungen, oder auch mit ernsteren Ge- 
schäften hingebracht hatte, sich des abends mit Musik und 
Tanz oder wenigstens in fröhlicher Gesellschaft zu er- 
götzen," und wofür er die schönen Verse Tristans 
anführt (v. 3725—30) : 

„tages so sul' wir riten, jagen, 
des nahtes uns hie heime tragen, 
mit hovischlichen Dingen: 
harpfen, videlen, singen, 
daz kanstu wohl, daz tu du mir, 
so kan ich spil, daz tun ich dir! 

Er kann alle jene Genußmittel, die ihn in reichster 
Fülle lunringen, verzehren, und er läßt sie rechtschaffen 
daraufgehen, in Hülle und Fülle, er verzehrt sie sorglos 
und heiter und darum mit einem viel humaneren Lebens- 
genuß, als heute, wo, wie Sie wohl wissen, Ihren Freund 
Reichenheim noch in der Oper, während er Mozart und 
Beethoven hört, plötzlich der Gedanke an jene bewußte 
Kapitalisierungssorge überkommt und ihm seine Freude 
vergiftet. 

Aber er kann diese Genußmittel eben nur verzehren, 
oder etwa verwahren zu einem künftigen Genuß ; er kann 
nicht sie weiter durch sich selbst vermehren 
lassen. 

Denn sein wesentliches Verhältnis ist eben noch dies, 
auf den besonderen Gebrauchswert, oder was 



^) Geschichte der Fronhöfe. T. IL. p. 190. 
252 



dasselbe ist, den Dienst bezogen zu sein, er steht noch 
nicht dem allgemeinen Tauschwert, dem Gelde 
gegenüber, er schaut noch nicht Gott Vater in Person 
von Angesicht zu Angesicht. ,,Der Dienst war das ge- 
meinsame Band, welches alle Glieder des Reiches unter 
sich und mit dem Reichsoberhaupte verband", sagt Maurer 
mit Recht (Gesch. der Frohnhöfe I, 376). Und in der 
Tat, wenn die sinnlose Bastiatsche Erfindung des ..Dien- 
stes" irgendeine Wahrheit hätte, so hätte sie diese — 
aber freilich mit einem ganz anderen Sinn und Inhalt, als 
Bastiat ihr gibt — für das Mittelalter, insofern eben da der 
Tauschwert noch nicht existiert, während sie nach jenem 
Illusionär gerade das Prinzip des Tauschwertes 
sein soll. 

Ja, auch die G e 1 d z i n s e , die jener Grundherr be- 
zieht, und obwohl sie sich allmählich immer mehr an die 
Stelle der Naturalzinse zu setzen anfangen, reichen eben 
nur aus, dafür aus dem Welthandel die Luxusprodukte 
anzuschaffen, die nicht im Bereiche seiner Grundherr- 
lichkeit erzeugt werden. Und wenn er selbst überschüs- 
sige Geldzinsen hätte, in seiner Produktion kann 
er sie nicht sich vermehren und kapitaüsieren lassen. Denn 
da ist durch ihre Gesamtgestalt alles so niet- und nagel- 
fest, so stabil und unbewegKch durch das System der be- 
stimmten gegenseitigen Dienst- mid Naturalleistungen, 
durch die Bestimmtheit aller Arbeitskräfte, Benutzungs- 
weisen, Pflichten, Naturalansprüche und Lasten, daß nir- 
gends Raum und Möglichkeit zu solcher Anlage und Ver- 
mehrung gegeben ist. 

Es zeigt sich z. B., daß es einträglicher ist, ein Feld 
mit Weizen statt mit Roggen oder Futterpflanzen, mit 
Klee und Luzerne, statt mit Weizen zu bebauen. Aber 
auf dem Felde haftet eine Natus-alrente von 10 Malter 

253 



Roggen, durch welche das Feld gezwungen ist, ev/ig als 
Roggenfeld bestellt zu werden. Oder es wäre besser, 
einen Wald in Weizenland zu roden. Aber da haften in 
dem Verhältnis gegenseitiger Naturaldienstleistungen, wel- 
ches den Grundherrn mit den Kolonen, den Gemeinden, 
der Kirche etc. verknüpft, auf diesem Wald eine Unzahl 
von Naturalgerechtsamen aller Art, und es kann an eine 
Betriebsumwandlung gar nicht gedacht werden. Die Be- 
sonderheit erzeugt mit dem System der besonderen 
Dienst- und Naturalleistungen notwendig^) 
das germanische Eigentum^) oder das geteilte 
Eigentum (im juristischen Sinne von Ober- und Unter- 
eigentum, Dominium und Nutzungseigentum), und jede 
Betriebsveränderung und Vermehrung ist, auch wenn Geld 
dazu da wäre, mit festen Pfählen verrammelt. 

Oder glauben Sie, daß dies in den Städten anders 
gewesen sei ? 

Dem sinnlichen Augenscheine zufolge befindet sich frei- 
lich der mittelalterhche Bürger und Meister in den 
Städten in einer ganz anderen Lage, als der adlige Grund- 
herr. — 

In der Tat aber sind es ganz dieselben Gedanken- 
bestimmungen, welche ganz dasselbe, wenn auch in anderen 
Formen versteckte Resultat hervorbringen. 

Ich will absehen von der früheren Zeit des Mittel- 
alters, wo auch in den Städten die Patrizier mit hörigen 
Handwerkern produziert wurde ^) (vgl. oben p. 93)*), 

^) Siehe Ausführlicheres über diesen Zusammenhang in 
meinem ,, System der erworbenen Rechte", Bd. I., p. 260ff. 

^) Besser hier wohl: das feudale Eigentum, D.H. 

^) Hier liegt ein Druckfehler vor; wahrscheinlich ist ein 
Zwischensatz nach , .Patrizier" ausgefallen oder es soll heißen 
,, produzierten". D. H. 

*) S. 144 dieser Ausgabe. 

254 



so daß die Grundlage auch dieser Perioden einfach die 
Herrschaft ist. Ich will nur die späteren Zeiten ins 
Auge fassen, wo sich die Zunftverfassung ent- 
wickelt hat. Ich will hierbei auch nicht von neuem ins 
Detail gehen, um Sie nicht zu ermüden. 

Aber so viel wird Ihnen beim flüchtigsten Blick er- 
hellen : 

Der zünftige Meister, der sein Meisterrecht hat, 
weil schon sein Vater ein Kürschner war^), oder weil 
er Bürger dieser Stadt ist, oder weil er einer jener 
anderen besonderen Bedingungen entspricht, an deren 
mosaikartige Vielheit die mittelalterlichen Zunftverfassun- 
gen das Meisterrecht knüpfen, übt diese Produktion somit 
aus auf Grund einer besonderen Berechtigung. 
Er steht also schon von vornherein mit jenem Grundherrn 
darin auf demselben prinzipiellen Grund und Boden, daß 
ihm sein Produktionseinkommen aus einer besonderen 
Berechtigung zuströmt, daß er dasselbe auf Grund 
eines besonderenRechtes, Vo rrechtes, hat, und 
nicht wie der heutige Fabrikant auf Grund bloß tat- 
sächlicher Ve rhältnisse. 

Allein, wenn er bevorrechtigt, d. h. als ein Beson- 
derer berechtigt ist, so stehen notwendig — denn 
dies liegt im Begriff des Besonderen — andere 
Besondere neben ihm, die ebenso als Besondere 
berechtigt sein müssen und deren besonderes Recht 
daher sein besonderes Recht überall einengt, durchkreuzt, 



^) So setzen z. B. 1352 die Bäckerzünfte von acht Städten, 
unter denen auch Frankfurt a. M., in einem zwischen ihnen ge- 
schlossenen Vertrage eine Strafe dafür an, wenn ein Meister 
einen Knaben, welcher nicht zum Bäckerhandwerk geboren sei, 
dieses lehre; siehe bei Kriegk, Frankfurter Bürgerzwiste und 
Zustände im Mittelalter (Frankfurt, 1862), p. 388. 

255 



beschränkt, nirgends und niemals zu Lust und Entwicklung 
kommen läßt. 

Aus dieser einfachen Begriffsbestimmung entspringen 
alle die zahllosen Vorschriften des Mittelalters über die 
dem Produzenten vorgeschriebenen Rohstoffe, die er be- 
ziehen, die Arbeitsmethoden, die er befolgen, die Be- 
triebsweisen, die er anwenden, die Arbeitsstunden, auf 
die er sich beschränken, die Löhne, die er zahlen, die 
QuaKtät, die er liefern, die Preise und Maxima, mit 
denen er sich begnügen muß etc. etc. Lesen Sie, um 
alles dies und noch weit mehr solcher Beschränkungen 
zu finden^), nur die Statuten und Ordonnanzen des Mittel- 
alters durch. Im Notfälle stehe ich mit einer reichen 
Blumenlese zu Gebote. Hier aber will ich nur zwei 
Beschränkungen in Betracht ziehen, die allgemein bekannt 
sind und die allein alle anderen aufwiegen. 

Der Meister hat das Meisterrecht als ein Beson- 
derer, Besondersberechtigter. Damit stehen 
ihm aber notwendig zwei Gattungen von gleichfalls 
Besondersberechtigten gegenüber. Erstens die Gattung 
aller anderen Gewerke, deren Meister gleichfalls 
eben solche Besondersberechtigte sind wie er — und 
deshalb darf kein Meister zwei Gewerkszweige, und 
wären sie noch so verwandt und wäre ihre Verbindung 
noch so zur Produktion erforderlich, miteinander ver- 
binden. Zweitens stehen ihm alle Meister seines eige- 
nen Gewerkes als ebenso besonders Berechtigte wie 



^) Die lustigsten Züge kommen vor; nur ein Beispiel: Zu 
Vienne ist es nach einer Ordonnanz Karl VI., vom Mai 1391, 
Artikel 52, statuarisches Recht, daß die Weinhändler vor 
Martini den Wein nur verkaufen dürfen zur Hälfte des 
Preises des alten Weines, nach Martini aber überhaupt 
nur den Schenkenbesitzern. 

256 



er gegenüber — und deshalb darf er nicht mehr Arbeits- 
kräfte anwenden, als jeder andere Meister seines Ge- 
werkes in dieser Stadt, d. h. die Anzahl Gehilfen, die 
ein Meister in einem Gewerke halten darf, ist in jeder 
Stadt für jedes Gewerk rechtlich bestimmt. 

Es erhellt von selbst, daß schon mit diesen zwei Be- 
stimmungen an ein Kapitalisieren des Produk- 
tionsertrages nicht zu denken ist. 

Die sinnreichsten Erfindungen müssen schon an jener 
rechtlichen Abgrenzung der verschiedenen Gewerbszweige 
scheitern, welche eine Verbindung derselben unter der 
Hand eines und desselben Fabrikanten nicht duldet; mit 
dieser ist die B i 1 1 i g k e i t der Produktion, mit der Billig- 
keit die Produktion in Masse, mit dieser wieder die 
noch größere Billigkeit in jeder Entwicklung ge- 
hemmt^). Und wenn es trotz alledem und trotz aller 
Rechtsbeschränkungen, welche dem industriellen Produ- 
zenten in bezug auf Beschaffung der Rohstoffe, Auswahl 
seiner Arbeiten, Preise etc. etc. im Wege stehen, ihm 
gelingen sollte, mehr zu verdienen als sein Nachbar- 
Meister — was kann er mit diesem Ertrage seiner 
Produktion anfangen? Er kann ihn in seiner Pro- 
duktion nicht werbend anlegen, da er seine Ar- 
beitskräfte — die statutarisch für alle solche Meister 
bestimmte Gesellenzahl — nicht vermehren, seinen Ge- 
schäftsbetrieb somit nicht vergrößern kann. Aus dem- 
selben Grunde kann er ihn aber auch dem Meister Nach- 
bar und den anderen Meistern in den verschiedenen Ge- 
werken nicht leihen, da sie aus demselben Grunde ihren 
Produktionsbetrieb nicht vergrößern können. 



^) Vgl. hierzu mein „Arbeiterprogranmi". Zürich, Meyer & 
Zeller, 1863, p. 16-18. (Bd. 11. S. 166-168 unserer Ausgabe.) 

17 La^salle, Ges. ScJirifteo, Band V. 257 



Hierdurcli ist also auch innerhalb der industri- 
ellen Produktion im Mittelalter die kapitali- 
sierende Kraft des Pro duktions er träges 
gebrochen. Der Taler, den der Meister verdient, ist 
ein toter Taler, ein Taler, der nicht heckt. Er ist vor- 
trefflich, um Genußmittel zu kaufen oder für späteren 
Genuß als Schatz aufbewahrt zu werden. Aber seine 
lebendige, fortzeugende Kraft hat er noch nicht er- 
halten. Es läuft also auch noch innerhalb der Industrie, 
wie beim Grundherrn, der Produktionsertrag auf G e - 
nuß mittel hinaus. 

Es gibt einen einzigen Punkt im Mittelalter, wo sich 
das Kapital als solches zu entwickeln beginnt. Es ist 
dies der We 1 1 h a n d e 1 , hauptsächlich über Venedig und 
mit dem Orient getrieben. Teils fallen in den späteren 
Zeiten des Mittelalters hier jene beschränkenden, statu- 
tarischen Bestimmungen überhaupt fort, teils können sie 
hier, auch so lange und insofern sie bestehen, die lebendige, 
sich in beständig vermehrter Wiederanlage erzeugende 
Macht des Kapitals niemals an ihrer Wurzel treffen. 

Als die Portugiesen den Seeweg nach Indien um das 
Kap der Guten Hoffnung entdeckt haben, machen die 
Fugger in Augsburg an einer einzigen Expedition, die 
sie dahin senden, außer der Deckung der Kosten von 
100000 Dukaten, einen Reingewinn von 175000 Dukaten 
(175 Prozent!)^) An die ungeheuren Gewinne dieses 
Welthandels setzen sich, sich aus ihnen entwickelnd, die 
Gewinne des Finanzwuchers, lange im Mittelalter 
hauptsächhch als Pfand- und Landschaftswucher 
betrieben, an^). 

^) Siehe v. Stramberg, Art. Fugger bei Ersch und Gruber. 

^) Es zeigt sich in diesem Zusammenhang von selbst die 

naturwüchsige historische Entstehungsursache des 

258 



So wird denn der antike Kapitale nibryo im Mit- 
telalter allmählich zum Kind und Jüngling und reift 
dem Augenblick entgegen, wo er die Kräfte gewinnt, die 
Fessel zu brechen und als Mann, als das entwickelte 
Kapital herauszutreten ! 

Alle Ereignisse, die gesamte bürgerliche Entwicklung 
drängt darauf hin, jede Erfindung und Entdeckung, jeder 
Fortschritt in der Teilung der Arbeit, jede Kostenerspar- 
nis in der Produktion, jede Erweiterung des Absatzkreises, 
Produktionsinstrumente endlich, die unter den alten Pro- 
duktionszuständen schlechthin nicht produzieren können!^) 

So sprengt denn endlich der allmähhch erstarkte Jüng- 
ling seine Fessel, die französische Revolution bricht aus, 
alle rechtlichen Beschränkungen und Bestimmungen 
verschwinden, die freie Konkurrenz ist erobert, und 
der entfesselte Riese ,,Kapitar' steht jetzt er^t da in 
seiner entwickelten lebendigen Wirkhchkeit. Die bür- 
gerliche ..Freiheit" ist erobert, und diese ,, Frei- 
heit" besteht darin, daß es jedem ohne Unterschied ge- 
setzhch erlaubt ist, Millionär zu sein ! 

Betrachten wir in aller Kürze die unterscheidenden 



früheren Merkantilsystems, d. h. jener ökonomischen 
Schule, welche das Kapital eines Landes lediglich in seinem 
Gelde sieht. Diese Ansicht ist einfach abgezogen von der ihr 
vorausgegangenen geschilderten historischen Wirklich- 
keit, wie dies ebenso später mit dem Industriesystem 
(Adam Smith etc.) der Fall Ist. („Wie es der Vorstufe der 
bürgerlichen Produktion entsprach, hielten jene verkannten Pro- 
pheten an der gediegenen, handgreiflichen und gesunden Form 
des Tauschwertes fest . . ." Marx, Zur Kritik etc. S. 139 ff. 

D.H.) 
^) Siehe hierüber In Kürze mein „Arbeiterprogramm", 
Zürich, 1863. Meyer & Zeller, p. 10-18. (Bd. II. S. 162 bis 168 
unserer Ausgabe.) 

17' 259 



Züge dieser neuen Periode, auf welchen die kapitali- 
sierende Kraft der Produktion beruht, und welche sich 
alle in die eine Gesamtphysiognomie der freien Kon- 
kurrenz ebenso zusammenfassen, als aus ihr hervor- 
quellen. 

Der bürgerhche Produzent steht nicht mehr, weder in 
der industriellen noch in der Ackerbauproduktion, auf der 
Grundlage besonderer Berechtigungen. Alle 
rechtlichen Unterschiede und Bedingungen sind ver- 
schwunden und zusammengesunken in die eine rein 
tatsächliche Bedingung, den erf orderHchen Vo r - 
schuß zur Produktion, das Kapital, in Händen zu 
liaben. Da alle Beschränkungen in der Produktion fort- 
gefallen sind, gipfeln jetzt die Fortschritte^) der Tei- 
lung der Arbeit, und die Produktion zerlegt sich 
in eine unendhche Reihe von Teiloperationen und 
Massenproduktionen für den Weltmarkt, die alle 
in Tauschwert münden, so daß nun, wie wir dies früher 
auseinandergesetzt haben (p. 57ff. ^)), „jeder jetzt pro- 
duziert, was er nicht braucht und gebrauchen kann," 
und also, den Diensten und der Produktion von un- 
mittelbaren Gebrauchswerten ( Naturalproduktion) 
des Mittelalters gegenüber, die Dinge immer und immer 
wieder aufs neue durch ihre Geld form hindurch krei- 
sen, und der Tauschwert jetzt zum realen Dasein 
der Dinge geworden ist, gegen welches ihr wirkhch reales 
Dasein, der Gebrauchswert, in einen verblassenden Schat- 
ten zurückgetreten ist, der in dem System der ökonomi- 
schen Zustände keine Stelle mehr findet. Es erhellt auch, 
daß dies ebenso wohl der Fall Ist bei der Ackerbau- 



^) Hier fehlt offenbar das Wort „in ". D. H. 

^) S. 98 ff. dieser Ausgabe. 



260 



Produktion, wie bei der Industrieproduktion, 
die jetzt dem gesamten Zeltalter ihr herrscnen- 
des Gepräge aufdrückt. Denn wer jetzt, statt für 
den eigenen Bedarf und den der nächsten Absatzkreise, 
Getreide produziert für den We 1 1 m a r k t , und seine 
eigenen Verbindliclikeiten nicht mehr in Naturallie- 
ferungen erfüllen kann, ist, und zwar sowohl der große 
und mit großem Kapital arbeitende Produzent, um wieder 
in den Besitz seiner großen Kosten und Vorschüsse 
kommen und seine großen eigenen Verbindlichkeiten er- 
füllen zu können, wie der kleine Produzent bei seinen 
kleinen Verhältnissen und ihren noch drückenderen Ver- 
bindlichkeiten, von den Notierungen der Korn- 
börsen in London wie Amsterdam, in Berlin wie Köln 
und Paris abhängig, so daß sowohl der eine wie der andere 
auch in den Lebensmitteln nur Tauschwerte 
produziert und die Produktion des Selbstbedarfs oder 
Gebrauchswertes auch hierin zum verschwindenden Schat- 
ten verblaßt ist. 

Es erhellt ferner, daß das Ricardbsche Gesetz, der 
Preis der Produkte sei gleich ihren Erzeugungs^ 
kosten^), zwar jetzt, noch nicht aber in der mittel- 



^) Dieses Gesetz des Kostenpreises, welches J. B. Say nie- 
mals zu verstehen vermag und gegen welches er so langweilige 
Diatriben sowohl in seinen Anmerkungen zu Ricardo, als in 
seinem Briefwechsel mit diesem erhebt, ist schon vor Adam 
Smith von dem alten schottischen Ökonomen Sir James 
Stewart (an inquiry into the principles of polit. econ. To. I-, 
lib. II c, 4 how the prices of goods are determined by trade u. a.) 
ausführlich entwickelt worden. Nur mit dem großen Unter- 
schied, daß Stewart noch Kapitalprofit und Grundrente 
als besondere Elemente der Produktionskosten ansieht, 
während auch diese bei Ricardo in Quanta von Arbeits- 
zeit aufgelöst werden. (Spezielles über das Verhältnis von 

261 



alterlichen Produktion seine durchgreifende Wahrheit hat. 
Bei 'der mittelalterlichen Zunftverfassung hingen die Preise 
zum großen Teil von der Entschließung der Produzenten 
ab, die auf einen standesmäßigen Gewinn halten 
konnten und bei dem beschränkten Absatz, den jeder 
bei der Beschränkung seiner Arbeitskräfte nur erzielen 
konnte, keine Veranlassung hatten, hiervon abzugehen. 
Die häufigen Preismaxima, welche erlassen werden, be- 
weisen sogar, daß sie dies Interesse nur zu sehr fest- 
hielten. Unter der nivelHerenden Herrschaft der freien 
Konkurrenz ändert sich das. Jeder unterbietet den 
anderen, um dessen Absatz an sich zu reißen, oder ist 
von diesem gezwungen, ihn zu unterbieten und mit ihm 
Schritt zu halten. Hier ist also der Verkaufspreis des 
Produktes gezwungen, auf die Dauer in der Tat auf die 
Erzeiigungskosten zu sinken. Dies gibt einen realen 
Vorteil für den Konsumenten oder die Billigkeit. 
Allein diese Billigkeit, die Verringerung des Profits auf 
das einzelne Stück oder die Unterbietung der Verkäufer, 
stellt sich nur her durch die Vergrößerung des Absatzes 
oder der Anzahl von Stücken, auf welche jeder 
Verkäufer profitiert, so daß ihm die verringerte Profit- 
rate, die auf das einzelne Stück fällt, überreicMIch durch 
die größere Anzahl von Stücken, auf die er profi- 
tiert, vergütet wird. Dies aber hat zu seinem natürlichen 
Resultat, daß zur Vergrößerung des Absatzes Produktion 
auf größerem Fuße, größere ,Ve r e i n i g u n g 
von Arbeitskräften in derselben Hand, Beschaf- 
fung von größeren Rohstoffmassen, erforderlich ist, 
kurz großer Vo r s c h u ß , oder ,das große Kapi- 



Adam Smith und Ricardo zu J. Stewart vgl. bei Marx, „Zur 
Kritik etc." S.35ff und S. 148 ff Anm.d.H.) 

262 



tal. Mit anderen Worten: alles Kapital hat unter der. 
freien Konkurrenz eine naturgemäße Attraktion 
zum großen Kapital, welches das kleine Kapital 
notwendig entkapitalisiert, an sich zieht und 
aufschlingt. 

Zugleich ist durch diese beständige Vergrößerung des 
Produktionsbetriebes und seine Vorteile der Weg für 
die kapitalisierende Kraft der Produkt ion 
gefunden. Der heute in der Produktion erworbene Taler 
zeugt morgen von selbst einen zweiten Taler ; er ist ein 
lebendig gewordener Taler, er heckt! Er vermehrt 
sich von selbst durch das Gesetz des Umschlags. 

Endhch ist, indem aller und jeder Produktionszweig 
und Produzent in eben dieser Lage und also einer unbe- 
schränkten Vermehrung seines Anlagekapitals bedürftig 
oder ihrer fähig ist, ein überaus kompliziertes 
Kreditsystem eingetreten, welches jedem gestattet, 
sein in seiner eigenen Produktion ganz oder momentan 
überschüssiges Kapital in fremder Produktion in den ver- 
scliiedenen Formen, in Darlehen, Wechseln, Komman- 
diten, Aktien etc. werbend anzulegen. 

Dies sind zunädhst in ihren knappsten Umrissen, fn 
welchen allein sie hier dargelegt werden können, die we- 
sentlichsten Gesichtszüge der Produktion als solcher unter 
der Herrschaft der freien Konkurrenz. 

Allein bisher haben wir den Produzenten immer nur 
in seiner einfachen zusammengezogenen Ge- 
stalt, als Produzent schlechtweg, betrachtet. Betrachten 
wir ihn jetzt aber, um die Gesichtszüge, welche die 
„freie Konkurrenz" der gesellschafthchen Produk- 
tion aufdrückt, besser zu unterscheiden, in seiner rea- 
len doppelten Gestalt, als Unternehmer und 
als Arbeiter. 

263 



Das Schicksal beider wird natürlich bestimmt durch 
den Preis, welchen das Produkt bei der Veräußeioing 
findet, und durch den Anteil, welchen die freie Kon- 
kurrenz jedem von beiden an diesem Produktionsertrage 
zuweist. 

Wir haben dieses Gesetz des Preises bereits mehr- 
fach berührt und dargelegt (vgl. oben p. 146 ff. ^)). 

Der Wert der Produkte tritt zunächst in die Er- 
scheinung als Marktpreis, d. h. er ist in jedem 
gegebenen einzelnen Augenblick abhängig von dem Ver- 
hältnis des Angebotes dieser Produkte zu der Nach- 
frage nach denselben. 

Dies ist das in die Erscheinung tretende allgemeine 
Gesetz, welches unter der freien Konkurrenz alle Preise 
bestimmt. 

Allein, wie wir gleichfalls schon sahen, löst sich dieses 
Gesetz wieder in ein anderes ihm zugrunde liegendes 
und jenes Ve rhältnis bestimmende Gesetz auf, 
in das Gesetz, daß der Preis ^) der Produkte auf die 
Dauer gleich ihren notwendigen Erzeugungs- 
kosten. Denn wäre das Angebot von irgend welchen 
Produkten der Nachfrage gegenüber so groß, daß ihr 
Preis unter ihre Erzeugungskosten fiele, so würde die 
Produktion derselben aufhören oder nachlassen, bis das 
normale Verhältnis wieder hergestellt ist. 

Würde umgekehrt infolge der hohen Nachfrage der 
Marktpreis eines Produktes dauernd so hoch stehen, daß 
er mehr als den übhchen Produktionsgewinn abwirft, so 
\vürden sich die Kapitalien vermöge der freien Kon- 



^) S. 217ff. dieser Ausgabe. 

^) Besser heißt es hier ,,der Marktwert". D. H. 



264 



kurrenz so lange auf diese Produktion werfen und das 
Angehot dieses Produktes vergrößern, bis der Preis des- 
selben wieder auf seine notwendigen Erzeugungs- 
kosten heruntergebracht ist. 

Die erforderhchen Erzeugung. skosten eines Pro- 
duktes bilden also, als die Versorgung des Marktes und 
das Ve r h ä 1 1 n i s von Angebot und Nachfrage in letzter 
Instanz bestimmend, unter der freien Konkurrenz das 
wirkliche Innere Gesetz, welches den Preis der 
Produkte bestimmt. 

Die Erzeugungskosten sind aber, wie wir gleich- 
falls bereits mehrfach ausgeführt, nur der praktische 
Ausdruck für die zur Herstellung eines Produktes 
erforderlichen Q uanta von Arbeitszeit, in welche 
alle Erzeugungskosten aufgelöst zu haben Ricardos 
glänzende wissenschaftliche Tat ist. 

Die Quanta von Arbeitszeit, die zu einem Pro- 
dukte erforderlich, sind also der wahre Wertmesser und 
Maßstab, das Gewissen der bürgerlichen Produktion, wenn 
auch dieses Gewissen, wie wir sagten (p. 152^)) im- 
mer nur in seiner Ve r 1 e t z u n g , in den oszillierenden 
Pendelschwingungen des Marktpreises, in seinem bestän- 
digen Zuviel und Zuwenig zur Verlautbarung kommt. 

Dieser ewige Betrug des Marktpreises kann — er- 
innern Sie sich hier dessen, was ich Ihnen im Eingang 
(p. 22ff. -)) über das Glücksspiel sagte, zu wel- 
chem die heutige Produktion geworden ist — sehr unan- 
genehme und ruinierende Folgen haben für den einzelnen 
Unternehmer oder Kapitalisten. Der einzelne Unterneh- 
mer oder Kapitahst kann mit seiner Ware auf dem Markt 



S. 223 dieser Ausgabe. 
") S. 53ff. dieser Ausgabe. 



265 



sein und genötigt sein loszuschlagen, wenn der Pendel nach 
unten geht, und er kann nicht auf dem Markte sein, 
wenn der Pendel wieder nach oben geht. Allein dies be- 
trifft nur den einzelnen Unternehmer oder Kapita- 
listen, nie den Unternehmerstand oder das Kapital, 
welches gerade, indem es die kleineren Unternehmer und 
Kapitalisten während dieser Pendelschwingungen erdrückt 
und ihre Konkurrenz beseitigt, das freie Spiel seiner 
Kräfte oder die Attraktion des großen Kapitals 
auf das kleine betätigt. 

Für ,,das Kapital" also gleichen sich jene Pendel- 
schwingungen in ihrem Durchschnitt in das bestimmende 
Gesetz derselben — die Arbeitszeit — aus. 

Keine Stunde Arbeitszeit, kein Schweißtropfen eines 
Arbeiters also, der dem Unternehmer s t a n d e oder dem 
Kapital im Preis der Produkte verloren geht. Es wird 
ihm alles, Tropfen bei Tropfen, vom Konsumenten aus- 
gezahlt^). 

Wenn dies die Stellung des Unternehmers gegenüber 
dem Konsumenten ist, wie bestimmt sich nun in der Ve r - 
t e i 1 u n g des Produktionsertrages, welche der Unter- 
nehmer, der bei der heut bestehenden individuellen 
Form der Produktion das Produkt und also den 
Erlös aus demselben in Händen hat, nun zwischen sich 
und dem Arbeiter eintreten läßt, der definitive Anteil 
eines jeden von beiden ? 

Ich habe es schon in meinem ,, Antwortschreiben" ge- 
sagt : Der durchschnittliche Arbeitslohn ist unter den heu- 
tigen Produktionszuständen durch eine eherne Notwendig- 



^) Da der gesellschaftliche Bedarf keine feststehende Größe. 
sondern selbst den größten Schwankungen unterworfen ist, ist 
dieser Satz unhaltbar. D. H. 

266 



keit auf den volksüblich notwendigen Lebens- 
unterhalt beschränkt. 

Dem haben Sie damals widersprochen, Sie wie Ihre 
Anhänger. Sie stellten mir die Behauptung entgegen, daß 
nur das Verhältnis von Angebot zu Nachfrage 
über den Preis des Arbeitslohnes entscheide. 

— Das ist vollkommen wahr! Aber das ist ja eben 
die tiefe und widerliche Heuchelei von Ihnen, Herrn 
Wirth, Herrn Faucher, Herrn Michaelis und Ihrem gan- 
zen Gelichter, daß Sie den Schein annehmen, etwas 
anderes zu sagen, als ich, während Sie nur mit anderen 
Worten genau dasselbe sagen. 

Indem Sie den Arbeitslohn lediglich durch Nach- 
frage und Angebot bestimmt werden lassen, behandeln 
Sie ihn — und zwar heutzutage mit vollstem historischen 
Recht — als eine Ware. 

Wie aller anderen Waren Pi*eis, so wird auch der 
Preis der Arbeit (Arbeitslohn) bestimmt durch das 
Verhältnis von Angebot zu Nachfrage. Vollständig 
richtig. Allein was bestimmt wieder diesen jederzeitigen 
Marktpreis jeder Ware oder das durchschnittliche 
Verhältnis von Angebot zu Nachfrage bei irgendemem 
Artikel? Seine notwendigen Erzeugungskosten, 
wie wir soeben sahen und wie Sie dies auch übrigens hin 
und v/ieder selbst sagen. 

Der Markt ist ein sehr eigentümliches, ungemütliches, 
unästhetisches Ding, Herr Schulze ! ,,Ein Pfund Garn 
von der gnädigen Frau Herzogin eigenhändig gesponnen 

— sagt der alte schottische Ökonom Sir James Stuart^) 

— gilt auf dem Markte soviel und nicht mehr, als ein 



^) Principl. of pollt. econ., T. I., ib. IL, c XX., p. 183 ed. 
Bas. 

267 



Pfund eben dergleichen Garns von dem Gespinnste einer 
armen Dirne, die des Tages keine sechs Pence verzehrt." 

Es ist dem Markt alles ganz gleich, was auf ihm 
verkauft wird, chinesisches Porzellan oder amerikanische 
Baumwolle, stinkende Robbenfelle, Assa foetida, schöne 
Ischerkessische Sklavinnen oder Arbeit, d. h. euro- 
päische Arbe^terhände. Er hat nur einen Maß- 
stab und nur ein Gewissen: Die Nachfrage und die Zu- 
fuhr, deren Verhältnis sich m letzter Instanz durch die 
notwendigen Erzeugungskosten bestimmt. 

Was mag es also demnach im Durchschnitt dem 
Markte wohl kosten, Herr Schulze, einen Arbei- 
ter zu erzeugen? 

Nun, offenbar nur eben soviel als dazu gehört, einem 
anderen Arbeiter eben die übliche Notdurft für seinen 
und einer Familie Lebensunterhalt zu gewähren ! 
Geben Sie ihm diese Notdurft und — seien Sie unbe- 
sorgt, den Jungen wird er sich schon selbst erzeugen, wenn 
auch nicht gerade um des Unternehmers willen 1 Er braucht 
nicht einmal, wie andere Warenversorger des Marktes, 
durch einen ,, Profit" zu der Erzeugung dieses Artikels 
gereizt zu werden ! Er liefert ihn schon um der Sache 
selbst willen, wenn die Sache eben geht. 

Der durch die ,,f r e i e Konkurrenz" geregelte Ar- 
beitslohn oder die Erzeugungskosten der Arbeit be- 
stehen also gerade in den — Erzeugungskosten 
des Arbeiters!^) 



^) Die Bourgeoisökonomie weiß dies vortrefflich und hat 
diesen Zusammenhang klar genug entwickelt. „Man vermindere 
— sagt Ricardo T. IL, c. 30, p. 253 ed Const. — die Fabri- 
kationskosten der Hüte und ihr Preis wird endlich auf 
ihren natürlichen Preis (Kostenpreis) fallen, obgleich die 
Nachfrage nach Hüten sich verdoppeln, verdrei- 

268 



Wird es gar üblich, daß auch Kinder in den Fa- 
briken beschäftigt werden, so fängt der Markt von 
neuem zu rechnen an. Er findet, daß der Arbeiter Vater 
in diesen Fabrikationszweigen nicht mehr die volle Lebens- 
notdurft für eine durchschnittliche Familie zu erhalten 
braucht, sondern mit weniger vorlieb nehmen kann, ida 
ja die Kinder zu ihrem eigenen Unterhalt beitragen â– '^). 

So spricht und handelt der Markt! Und er k a n n 
gar nicht anders sprechen unter dem seine Sprache be- 
herrschenden Lautgesetz der freien Konkurrenz, weiches 
sogar auf alle sittlichen und humanen Verhältnisse anzu- 
wenden, Ihr und Ihres Gelichters Feldgeschrei und Gottes- 
dienst ist ! 

Es bedarf erst keiner Ausführung, daß von allen, welche 
Waren für den Markt liefern, der Arbeiter, welcher die 
Ware : Arbeit liefert, am ungünstigsten in der Kon- 



fachen oder vervierfachen kann. Man vermindere die» 
Unterhaltungskosten der Menschen, indem man den 
natürlichen Preis der Nahrung und Kleider, die zum Leben not- 
wendig, vermindert und man wird die Arbeitslöhne sinken 
sehen, obgleich die Nachfrage nach Händen be- 
trächtlich gestiegen sein kann." — Vgl. J. B. Say und 
die lange Reihe von Zitaten, die in den p. 94, Anm. 3 angeführ- 
ten Stellen enthalten sind. Ja, schon Sir James Stewart hat dies 
bei seinen Betrachtungen des Bevölkerungsprinzips klar genug 
gesehen. Vgl. z. B. principl. of pol. ec T. I., Hb. I., c. 4. 5. 
12. 20 etc. 

■^) Die Kinderbeschäftigung in den Fabriken kannte Sir 
James Stewart noch nicht, aber vgl. sein Räsonnement : ,,Wie 
kann ein verheirateter Mann, der Kinder zu ernähren hat, 
diesen Vorzug (der größeren Wohlfeilheit) dem streitig machen, 
der nur für sich allein zu sorgen hat. Die Unverheirateten 
zwingen also die anderen zu verhungern (the un- 
married therefore force the others to stai've) und die Basis der 
Pyramide ist enger geworden. (Principl. T. I., p. 93. ed. Bas.) 

269 



kurrenz gestellt ist. Wohin kämen die Warenverkäufer, 
wenn sie nicht imstande wären, ein, zwei, drei Wochen 
einer in ihrem Preise zu niedrigen Nachfrage gegen- 
über zurückzulialten ? 

Der Verkäufer der Ware: Arbeit ist hierzu eben 
nicht imstande. Er muß losschlagen, exekutiert vom 
Hunger! 

Die Schwankungen des Pendels nach oben treten also 
bei dieser Ware viel schwieriger und in weniger hohem 
Maße ein^), und insofern sie auch eintreten, dienen sie 
nur dazu, durch einen starken Anreiz, den sie auf eine 
große Vermehrung der Arbeiterbevölkerung ausüben, die 
Lage derselben oft noch viel trauriger «zu machen als 
früher. 

Ebensowenig bedarf es weiterer Erwähnung, Herr 
Schulze, daß keine noch so ,, hochherzigen" Unternehmer 
dies Verhältnis zu ändern vermögen. Es würde jedem, 
der dies versuchte, von seinem Nachbar der Arm unter- 
laufen und der Dolch der freien Konkurrenz, mit der 
er nicht mehr Schritt zu halten vermöchte, durch Brust 
und Rücken gestoßen werden. 

Der Unternehmer bezieht sich also unter der freien 
Konkurrenz auf den Arbeiter als auf eine Wa r e ! Der 



^) Vgl. Tookes Gesch. der Preise, ed. Asher, T. I., p. 219: 
„Allen Erfahrungen zufolge, mögen sie aus neueren Beobach- 
tungen oder geschichtlichen Zeugnissen sich ergeben, kann man 
es als feststehend annehmen, daß Arbeitslohn unter allen 
Tauschgegenständen der letzte ist, welcher infolge einer Teue- 
rung oder einer Preisherabsetzung des Geldes im Preise steigt, 
wie andererseits der Arbeitslohn der letzte ist, welcher bei 
einem Überfluß an Waren oder einem erhöhten Werte des 
Geldes wieder fällt." Vgl. meine ,, Indirekten Steuern und die 
Lage des Arbeiterstandes" (Zürich, Meyer & Zeller), p. 46 etc. 
(Bd. II. S. 358 ff. dieser Ausgabe.) 

270 



Arbeiter ist die Arbeit, und die Arbeit ist ein Produkt 
von notwendigen Erzeugungskosten. 

Dies ist es, was beiläufig unter der Herrschaft der 
freien Konkurrenz die menschliche Physiognomie un- 
serer Zeit spezifisch bestimmt. 

Alle früheren Beziehungen, Herr und Sklave im 
Altertum, feudaler Grundbesitzer und Leib- 
eigener oder Höriger oder Schutzpflichtiger 
waren doch immer menschliche Beziehungen und Ver- 
hältnisse ! 

Menschlich, Herr Schulze, nicht im philantropi- 
schen Sinne — d. h. in bezug auf die mehr oder weniger 
gute Behandlung derselben — wovon ich hier nicht 
spreche, obwohl die Arbeiter unserer Tage himmelweit 
entfernt sind, ein solches Los zu haben, wie es der humane 
Sinn der Griechen und Römer ihren Sklaven in der Regel 
bereitete^). Sondern menschlich vor allem in bezug 
auf die ganze bestimmende Gedankengrundlage des Ver- 
hältnisses selbst, aus welcher dann alles übrige folgt. 

Jene Verhältnisse waren menschliche Verhältnisse, 
sage ich, denn es war ein Verhältnis von Herrschern 
zu Beherrschten, was immerhin ein durchaus mensch- 
liches Verhältnis ist. Es waren menschliche Ver- 
hältnisse, denn es waren Beziehungen von diesem be- 
stimmten Individuum zu diesem bestimmten Individu- 
um. Es waren menschliche Beziehungen, und selbst 
die Mißhandlungen, denen Sklaven und Leibeigene 



^) Das ist wohl etwas zu weit gegangen. Richtig aber ist, 
daß, da im Altertum die Produktion des Tauschwerts die Aus- 
nahme, die des Gebrauchswerts die Regel war, auch die Ab- 
rackerung bei der Arbeit in der Regel gewisse Grenzen 
nicht überstieg. D. H. 

271 



ausgesetzt waren, bestätigen dies. Denn der Zorn wie 
die Liebe sind menschliche Beziehungen, und selbst, 
wenn ich jemand in der Wut mißhandle, so setze 
und behandle ich ihn immer noch darin als Menschen, 
sonst könnte er meinen Zorn nicht erregen. 

Die kalte, unpersönliche Beziehung des 
Unternehmers auf den Arbeiter als auf eine 
Sache, auf eine Sache, die wie jedeandere Wa r e 
auf dem Markte nach dem Gesetz der Produktionskosten 
erzeugt wird, — d a s ist es, was die durchaus spezifi- 
sche., durchaus entmenschte Physiognomie 
der bürgerlichen Periode bildet! 

Daher der Haß unserer liberalen Bourgeoisie gegen 
den Staat, nicht gegen einen bestimmten Staat, 
sondern gegen den Begriff des Staates über- 
haupt, den sie am liebsten ganz aufheben und in 
den der bürgerlichen Gesellschaft untergehen 
lassen, d. h. in allen seinen Punkten mit der freienKon- 
k u r r e n z durchdringen möchte. Denn im Staate kom- 
men eben die Arbeiter immer doch noch als Menschen 
in Betracht, während sie, wie alles in der bürger- 
lichen Gesellschaft, in welcher das Gesetz der 
freien Konkurrenz herrscht, nur nach dem 
Preise der Produktionskosten, nur als Sache 
in Betracht kommen. 

Daher vor allem der gipfelnde Haß der Bourgeoisie 
gegen jeden starken Staat, wie immer organisiert und 
beschaffen er auch sei, um, da sie den Staat nicht ganz 
aufheben kann, ihn wenigstens in so vielen Punk- 
ten, als nur immer möglich, in den IndividuaHsmus der 
freien Konkurrenz aufzulösen, um ihn wenigstens so- 
weit als nur irgend möglich der bürgerlichen Ge- 
sellschaft zu assimilieren und unter die entmenschende 

272 



Herrschaft jenes gebieterischen Gesetzes derselben zu 
stellen ! 

Wollen Sie sich diesen ganzen Gegensatz der Kulturperi- 
oden wieder in kurzen drastischen Beispielen klar machen ? 

Wissen Sie, wie jener Marcus Crassus über seine 
Sklaven dachte, jener Marcus Crassus, von dem ich Ihnen 
vorhin erzählte, daß er 9900000 Taler besessen und vor 
dem Sie daher gewiß den Hut bis auf die Erde ziehen ? 

Plutarch berichtet es uns. Nachdem er von der Legion 
von Sklaven erzählt, die Crassus halte, fährt er fort ^) : 
„avrög enioxatöjv fxavi^dvovoi xal nQogiywv xal diddoxcov, xal 
öXcog vojulC(ov reo öeanorj] JiQog)')xeiv judhora ri]v negl rovg 
olxeiag eniutkeiav, cbg ögyava efx^)vxa rijg otxovo[.uxT]g. xal 
Tovro fiev ÖQ&o)g 6 Kgdooog, el'jieQ ü>g eXeyev, fjyeiTO xd juev 
äXXa öid Tojv oixeröjv ygrjvat, rovg Ö' oixerag dt avrov xvßsQväv'''. 

,,Er selbst aber war zugegen, wenn seine Sklaven Un- 
terricht nahmen, sowohl zuhörend als auch selbst lehrend ; 
denn überhaupt glaubte er, dem Herrn zieme am meisten 

^) Diese ganze Darstellung ist sehr einseitig und erklärt sich 
nur aus dem Bedürfnis, den apologetischen Redensarten über 
den ,, Fortschritt", der in und mit der bürgerlichen Gesellschaft 
erreicht sei, die Kehrseite dieses Fortschritts möglichst dra- 
stisch gegenüberzustellen. Sonst wären diejenigen Unternehmer, 
die ihre Arbeiter auch außerhalb der Fabrik bevormunden, 
Musterarbeitsherren der Neuzeit, und in der Tat läßt sich 
Lassalle dazu verleiten, einem ihrer Vorläufer, dem hab- 
gierigen Crassus, wegen seiner ,, Fülle von ökonomischer 
Kenntnis" ein Loblied anzustimmen. Der Arbeiter der Neu- 
zeit aber dankt mit Recht für die Art ,, Menschlichkeit", von 
der Lassalle in der Praxis natürlich auch nichts hielt. D. H 

2) Plut. vita Crassi T. III. 250, ed. Lond. 

Und richtig fügt Plutarch erklärend hinzu : ,,Die Ökonomie 
nämlich (t?)v yäo olxovojiux)]v; <:e vVirtsc'naftskunde), die 
bei den seelenlosen Dingen Erwerbs künde ist, sehen wir 
in bezug auf den Menschen zur Politik (Regierungskunde) 
werden." 

18 Lafsalle. Ges. Sctriftea. Band V. 273 



die Sorge für die Sklaven, als die belebten Organe der 
Wirtschaft. Und ganz richtig meinte Crassus, wie ler 
nämlich selbst sagte: Alles andere zwar sei durch 
die Sklaven zu verwalten, die Sklaven aber von 
ihm selbst zu regieren." 

Sehen Sie nur beiläufig, welches gesunde ökonomische 
Bewußtsein, welche Fülle von ökonomischer Kenntnis 
dieser alte Römer vor zweitausend Jahren hat, verglichen 
mit Bastiat und Ihnen! 

Die Sklaven fühlt er als die Besorger und Produ- 
zenten seines Güterreichtums, sich aber fühlt er 
als politischen Herrscher und Regenten derselben. 

Und nun schnell den kürzesten drastischen Gegensatz 
zu diesem Marcus Crassus, der es für seine Regierungs- 
pflicht hält, dem Unterricht seiner Sklaven selbst beizu- 
wohnen und ihn selbst zu erteilen. 

,, Schweizerische Fabrikanten haben sich wohl gegen 
Deutsche gerühmt, daß sie zu niedrigerem Preise 
arbeiten könnten, weil die Schweiz keinen Schul- 
zwang habe." — Worte des liberalen Professors 
Röscher^). 

Wie teuer kommt die Erzeugung des Arbeiters auf dem 
Markte zu stehen ? D a s ist die hauptsächHchste Interessen- 
frage der bürgerlichen Periode^). In politischer Hin- 



^) Ansichten der Volkswirtschaft. Leipzig, 1863, p. 234. 

^) Und ebenso entwickelt sich hieraus konsequent die andere 
Frage: Ist auf dem Markte die Erhaltung von Menschen 
lukrativer, oder ist es profitabler, die Menschen abzu- 
schaffen, und andere Artikel zu erzeugen? Als es in den 
ersten Dezennien dieses Jahrhunderts sich zeigte, daß unter 
Umständen die Umwandlung von Ackerfeldern in Weide und 
Wiese einen größern Geldertrag gewähre, wurden besonders 
von den großen schottischen Grundbesitzern ganze Bauern- 
bevölkerungen ausgetrieben, in Elend und Hungertod ge- 

274 



sieht zwar auch moch, wie früher, beherrscht, ist der Arbeiter 
in gesellschaftlicher Hinsicht zur Sache geworden^). 

stoßen. Auf den Gütern der Gräfin von Sutherland allein wur- 
den zwischen 1811 und 1820 nicht weniger als 15000 
Einwohner fortgetrieben, ihre Dörfer niedergebrannt und 
ihre Felder in Weide verwandelt (s. Sismondi, Etudes sur 
l'econ. polit. Par. 1837. T. I., p. 210-225) aber 131 000 Ham- 
mel belohnten schon im Jahre 1820 diese glückliche, produk- 
tive Operation! Dahin hatte sich unter der Periode der freien 
Konkurrenz und der Produktivität des Kapitals, dahin hatte 
sich notwendig unter der , .bürgerlichen" Periode das alte 
Verhältnis der schottischen Clans zu ihren Sutherlands. Argyles, 
Hamiltons etc. umgestaltet. — Der alte schottische Ökonom 
Sir James Stewart hatte schon in der Mitte des vorigen Jahr- 
hunderts diese Ereignisse vorhergesehen. Er läßt sie 
(Principl. T. I., p. 178) von seinem ..Macchiavellisten" ausführ- 
lich entwickeln. Freilich fügt er damals noch hinzu, er halte 
niemand solcher Unmenschlichkeit für fähig und er 
betrachte die plötzliche Durchführung solcher Umwandlung für 
unmöglich (Though no man is. I believe, capable to reason in 
so inhuman a style and though the revolution here proposed 
be an impossible supposition, if meant to be executed all at 
once). Als aber einst in einer Berliner volkswirtschaftlichen 
Gesellschaft auf diese Austreibungen die Rede kam, rief, wie 
mir berichtet worden, ein gewisser Fortschrittsabgeordneter und 
Nationalökonom aus : ..Was tut es, meine Herren ? hatte die 
Nation so viele Menschen weniger, so hatte sie so viele fette 
Hammel mehr." Ich will den Mann nicht nennen, weil die Tat- 
sache nur auf mündlichem Bericht beruht. Literarisch aber 
ließen sich sehr viele ähnliche Dinge nachweisen. Selbst 
Röscher wird es einmal bei den Lehren seiner eigenen Schule 
so angst und bange, daß er ausruft: „Man sollte meinen, die 
Menschen seien um der Produkte, und nicht die Produkte um 
der Menschen willen da." 

^) Aus dieser gesellschaftlichen Lage gibt es daher auf ge- 
sellschaftlichem Wege keinen Ausweg. Die vergeb- 
lichen Anstrengungen der Sache, sich als Mensch gebärden 
zu wollen — sind die englischen Strikes (Arbeitseinstellungen), 

18' 275 



Eilen wir, zu den Konklusionen zu gelangen ! 

Wir haben also, abgesehen von unseren früheren Be- 
weisen, von neuem und in systematischer Form gesehen, 
daß der durchschnittliche Arbeitslohn not- 
wendig auf den notdürftigen Lebensunterhalt reduziert 
bleibt, da der Preis der Arbeit, wie der der Strümpfe, 
auf die Dauer durch die notwendigen Erzeugungskosten 
bestimmt wird. Dies ist das Gesetz der freien Kon- 
kurrenz — und für dies Gesetz suchen Sie Ihre Arbei- 
ter zu begeistern und es ihnen mit höchster sittlicher Em- 
phase als das ,,volle Mens cht um" hinzustellen! 

Wenn nun aber der Arbeitslohn im Durchschnitt immer 
auf den notwendigen Lebensunterhalt beschränkt ist, so 
folgt hieraus von selbst, daß aller aus dem Verkauf der 
Produkte erlöste Überschuß des Produktionsertrages 
über den während der Dauer der Produktion notwendigen 
Lebensbedarf in den Händen des Unternehmers 
bleibt, der diesen Überschuß nun nach weiteren Gesetzen, 
die wir hier nicht untersuchen können, zwischen sich und 
dem reinen Kapitalisten (Zins, und resp. dem Boden- 
besitzer als Grundrente, auf deren besondere Ge- 
setze wir hier noch weniger eingehen können) verteilt. 

Aller Überschuß des Arbeitsertrages 



deren trauriger Ausgang bekannt genug ist. Der einzige Aus- 
weg für die Arbeiter kann daher nur durch die Sphäre gehen, 
innerhalb deren sie noch als Menschen gelten, d.h. 
durch den Staat, durch einen solchen eben, der sich dies zu 
seiner Aufgabe machen wird, was auf die Länge der Zeit un- 
vermeidlich. Daher der instinktive, aber grenzenlose Haß der 
liberalen Bourgeoisie gegen den Staatsbegriff selbst in jeder 
seiner Erscheinungen. (Mit Bezug auf diese Deduktionen ver- 
gleiche die Ausführungen meiner biographischen Abhandlung 
,, Ferdinand Lassalle, eine Würdigung des Lehrers und 
Kämpfers. S. 238. D.H.) 

276 



über den volksüblich notwendigen Lebens- 
bedarf der Arbeiter fällt somit auf das Ka- 
pital in seinen verschiedenen Formen — ist 
Kapitalprämie. 

Sie kennen — Sie verzeihen, Herr Schulze, daß ich 
Sie der Form wegen hin und wieder wie einen solchen 
behandeln muß, der von ökonomischen Dingen etwas ver- 
stünde — - die interessante ökonomische Kategorie der 
Physiokraten, l'excedant du produit, den Produktions- 
überschuß. Die Physiokraten nannten nur solche Ar- 
beit produktiv, welche einen größeren Ertrag 
abwerfe, als der Arbeitende selbst während der Arbeit 
zum notwendigen Lebensunterhalt brauche. Alle nur eben 
diesen Ertrag gewährende Arbeit nannten sie unfrucht- 
bar (steril). Die Physiokraten zogen aus diesem Grund- 
satz die falsche Folgerung, daß nur die Ackerbauarbeit 
produktiv und alle Industriearbeit steril, unfruchtbar sei. 
Aber der Grundsatz an sich selbst ist unter den heutigen 
Verhältnissen wahr genug. Wer fortdauernd den seine 
Lebensnotdurft übersteigenden Ertrag seiner eigenen Ar- 
beit, der immer mehr schwillt, schwillt und schwillt, in 
fremde Hände abliefern muß, wo er sich werbend und 
fortwerbend anlegt, während er selbst beständig von der 
Teilnahme an diesem seinem immer mehr anschwellenden 
Produktionsertrage enterbt und auf die Lebensnotdurft 
reduziert bleibt, dessen Arbeit ist für ihn selbst unpro- 
duktiv. Diese Lebensnotdurft mußte freilich auch der 
Sklave haben und der antike Sklave hatte sie reich v 
lieber als unsere schlecht genährten Arbeiter. Der 
Widerspruch aber ist hier gerade um so größer und un- 
erträglicher, als dieser moderne tatsächliche Sklave 
rechtlich zum freien Mann erklärt ist^). 

^) Vgl. hierzu unsere vorhergehenden Noten D.H. 

277 



In der Unpr odukti vität der Arbeit liegt 
also das Geheimnis der Produktivität des 
Kapitals und umgekehrt. In dem Unterschied 
der Arbeitsquanta, die im Preise der Produkte 
bezahlt werden und der Arbeitslöhne — einen Unter- 
schied, den Sie oben (s. p. 123ff. ^)) so naiv übersehen 
— liegt beides, sowohl der auf das Kapital fallende 
Profit, die Kapitalprämie, eJs auch die sich 
durch sich selbst vermehrende, die unab- 
lässig fortzeugende, werbende Kraft des 
Kapitals oder seine Produktivität, die durch die 
freie Konkurrenz endlich zum Durchbruch ge- 
kommen. 

Kein Schweißtropfen eines Arbeiters, sagten wir, der 
nicht dem Kapital im Preise des Produktes bezahlt 
wird, während der Arbeiter selbst auf die volksübliche 
Lebensnotdurft reduziert bleibt. Kein Taler in der Hand 
eines Unternehmers, zeigten wir schon früher, der nicht 
durch neue Anlage in der Produktion morgen einen neuen 
Taler erzeugt. Beide Sätze ziehen sich jetzt, als in ihre 
letzte Analyse, in den Satz zusammen : kein Taler, d. h. 
kein Schweißtropfen eines Arbeiters, der nicht morgen 
dem Arbeiter einen neuen unfruchtbaren Schweißtropfen 
und dem Kapital einen neuen Taler erzeugt ! Und je mehr 
es gelingt, die Preise der Produkte, also auch den not- 
wendigen Lebensbedarf des Arbeiters billiger zu 
machen, desto mehr steigt, statt daß das Arbeitsein- 
kommen mit dieser wachsenden Ergiebigkeit der Arbeit 
stiege, N,die kapitalisierende Kraft unserer Produk- 
tion. Reichenheim kann jetzt, was kein feudaler Seig- 
neur konnte. Er kann jeden Schweißtropfen eines Arbei- 



^) S. 186 ff. dieser Ausgabe. 
278 



ters kapitalisieren, d. h. in die Quelle eines 
neuen Schweißtropfens für den Arbeiter und eines neuen 
Talers für sich selbst verwandeln ! 

Der Unterschied der Arbeitslöhne oder des Preises 
der Arbeit und der Arbeits q u a n t a , die im Preise 
der Dinge an das Kapital bezahlt werden, bringt not- 
wendig hervor, daß alle Arbeiter, die zum Zustande- 
kommen eines Produktes beigetragen haben, geistige 
wie physische Arbeiter, für ihre vereinten Löhne 
das Produkt ihrer eigenen Arbeit nichtwiederkaufen 
können — und soweit ist dies zunächst nur eine andere 
Ausdrucksform für das bereits Entwickelte. Sprechen Sie 
mir nicht von Maschinen, Herr Schulze, die dies Resultat 
durch ihre größere Ergiebigkeit etc. etc. hervorgebracht 
haben sollen. Dieser Einwand wäre Unsinn. Maschinen 
sind Arbeltsprodukte, so gut, wie alles andere, und ich 
verstehe unter jenen vereinigten Arbeitern eben alle, die 
zu dem Zustandekommen des Produktes beigetragen haben, 
auch die Maschinenbauer, auch die Rohstoffarbeiter, die 
Bergwerker etc. Ja — und diese Schlußfolgerung ist in 
dieser Ausdrucksform noch deutlicher — jeerglebiger 
die Arbeit der Arbeiter bei gleichbleibenden Un- 
terhaltskosten derselben ist, desto weniger kön- 
nen sie dieses Produkt Ihrer eigenen Arbeit zurückkaufen, 
desto mehr wächst der Unterschied zwischen Ar- 
beitsertrag und Arbeitslohn, desto ärmer also — da 
reich wie arm nur relative Begriffe sind, nur ein Ve r - 
h ä 1 1 n I s ausdrücken zu dem Produktionsertrag einer be- 
stimmten Periode^) — desto ärmer also werden 
siel — 

^) „Unsere Bedürfnisse und Genüsse entspringen aus der 
Gesellschaft; wir messen sie daher an der Gesellschaft; wir 
messen sie nicht an den Gegenständen Ihrer Befriedigung. Weil 

. 279 



Und versuchen Sie nicht, Herr Schulze, wie Sie das 
freilich auch versucht haben, den Arbeitern vorzureden, 
der auf das Kapital fallende Profit sei die Vergütung 
der geistigen Arbeit der Unternehmer, der Lohn ihrer 
geistigen Leitung der Geschäfte. Nur ein verhält- 
nismäßig sehr, sehr überaus geringer Teil des Un- 
ternehmereinkommens, das in der Nation erhoben wird, 
ist als solcher Arbeitslohn der Unternehmer für ihre 
geistige Leitung zu betrachten, und dieser Teil ist 
bei mir nie in dem inbegriffen, was ich Ka- 
pitalprofit nenne^). Daß dieser geistige Arbeits- 
lohn der Unternehmer nur einen solchen geringen Teil 
des Unternehmereinkommens bilde, weiß die Wissenschaft 
seit lange-), und auch die liberalen Ökonomen haben es 
oft genug zugegeben^). Die englischen Ökonomen 
haben aber deshalb seit je, mit anerkennenswerter Offen- 
heit, den Unternehmergewinn immer nur als Kapital- 
prämie behandelt und jenen Teil des Untemehmergewinns, 
der für , »geistigen Arbeitslohn" ausgegeben werden kann, 
um seiner Geringfügigkeit willen gänzlich vernachlässigt. 

sie gesellschaftlicher Natur sind, sind sie relativer Natur." (K. 
Marx, Lohnarbeit und Kapital, Ausgabe d. , .Vorwärts" von 

1907,5.29.) D.H. 

^) Vgl. die im Vorwort zitierte Stelle. 

") Siehe von Thünen, der naturgemäße Arbeitslohn, 
Rostock, 1850, I.Abt., S.SOff ; Mario (Professor Winkel- 
blech), System der Weltökonomie, T. I., c. 4. T. II., eil. 12. 
13. Sismondi, Nouveaux principes, T. I., p. 359 u.v.a. 

^) Von liberalen Ökonomen siehe besonders Nebenius, 
der öffentl. Kredit, 2. Kapitel ; von Hermann, Staatsw. 
Unters., S. 204 bis 214; Storch, Cours d'econ. pol. T. II., 
p. 87ff., ed. St. Petersbourg ; Schön, Neue Untersuchung der 
Nationalökonomie. S. 87 und 112 bis 116; Riedel, National- 
ökonomie § 466 bis 477 und 685 ff. ; Rau, Grundsätze etc., 
p. 311 bis 323 und eine Menge anderer. 

280 



Erst von der sogenannten humanen Richtung der franzö- 
sischen Ökonomen stammt die Lüge, den Untemehmerge- 
winn als „geistigen Arbeitslohn" darstellen zu wollen 0- 

Überdies, wollen Sie praktisch rein heraustreten 
sehen, einen wie erstaunlich geringen Teil des Unter- 
nehmereinkommens dieser Lohn für ihre geistige Leitung 
bildet, so haben Sie ja nur nötig, sich umzuschauen. Wie 
viele Gutsbesitzer gibt es, die ihre Güterkomplexe durch 
Rentmeister, wie viele große Fabrikanten und Kaufleute, 
die ihre Geschäfte durch Geschäftsführer, Betriebsdirek- 
toren etc. verwalten lassen, während sie selbst in Italien, 
dem Orient und anderwärts reisen oder jedenfalls die 
Leitung ihrer Geschäfte nicht führen. Das verhältnis- 
mäßig zu dem Geschäftsgewinn dieser Unternehmer so 
geringe Gehalt dieser Geschäftsführer ist natürlich alles, 
was sich jene Herren für ihre eigene geistige Tä- 
tigkeit berechnen können, wenn sie selbst das Geschäft 
führen. 

Bei den großen Aktienunternehmungen der modernen 
Zeit, bei den Eisenbahnen, Banken etc. tritt diese Spal- 
tung sogar notwendig heraus. Der in einer Vielheit von 
Personen bestehende Kapitalist oder Unternehmer 
kann eben um dieser Vielheit willen das Geschäft nicht 
selbst leiten, wozu ein besoldeter Direktor ernannt wird. 
Wenn der Unternehmergewinn in der Vergütung der gei- 
stigen Tätigkeit der Geschäftsleitung be- 
st ü n d e , wo kämen die 1 3 Prozent Dividende her, welche 



^) Say ist hierin allen vorangegangen. Mit dieser soge- 
nannten humanen französischen Richtung ist nicht die Reihe 
wirklich humaner Ökonomen unter den Franzosen zu ver- 
wechseln, Vauban, Boisguillebert, Forbonnais, Necker, Sis- 
mondi, die eine Ehre Frankreichs bilden, die es vor England 
voraus hat. 

281 



die Köln- Mindener Eisenbahnaktien den sich um jene 
Geschäftsführung in keiner Weise bekümmernden Unter- 
nehmern (Aktionärs) abwerfen? Wo die 17 Prozent 
der Magdeburg-Leipziger? Wo die 25V2 Prozent Divi- 
dende der Magdeburg-Halberstädter ? 

Bei Unternehmungen dieser Art werden sogar aus man- 
cherlei Gründen den Direktoren oft ausnahmsweise ganz 
ausschweifend hohe Gehälter gezahlt. Gleichwohl, um 
einen Begriff von der verhältnismäßig erstaunlichen Klein- 
heit der Vergütung für die Geschäftsleitung zu 
erhalten, welche im nationalen Untemehmereinkommen 
enthalten ist, vergleichen Sie nur das Gehalt der Direk- 
toren dieser Eisenbahnen und resp. auch noch der Ve r - 
waltungsräte dazu mit der Summe des Kapital- 
profits, welche diese Eisenbahnen abwerfen^). 



^) Um Ihrer Unkenntnis der Dinge zu Hilfe zu kommen, 
ein praktisches Beispiel in Zahlen. Vor mir liegt der gedruckte 
Bericht der Direktion der Köln-Mindener Eisenbahngesell- 
schaft pro 1862. Nach demselben — Seite 243 — hatte die 
Köln-Mindener Eisenbahn im Jahre 1862 eine 

Dividende abgeworfen von 1641250 Taler. 

und außerdem an Zinsen der Prioritätsaktien . 1726271 „ 

Summa 3367521 Taler. 

Ich sehe dabei ab von 521 290 Taler, die zum Reservefonds 
genommen wurden, von 73000 Talern Amortisation, von 
628952 Talern Extradividende an den Staat, welche Posten 
wiederum zusammen eine Summe von 1 223 242 Talern geben, 
die zu jenen 3367521 Talern eigentlich hinzuaddiert werden 
müßten. 

Mindestens diese 3367521 Taler bilden also die aus dem 
Jahresertrag jenes einen Unternehmens auf das Kapital ge- 
fallene Kapitalprämie. — Und wie groß glauben Sie nun 
wohl, Herr Schulze, wird die von diesem Unternehmen für die 
oberste Geschäftsleitung bezahlte Vergütung gewesea 
sein? Sie ersehen es aus den Selten 262 bis 265 daselbst: 

282 



Endlich machen, wie aus unserer früheren Entwicklung 
folgt, alle, die sich quälen^), den Untemehmergewinn 
auf die Persönlichkeit des Unternehmers zurück- 
zuführen, von Haus aus ein sehr lächerliches Versehen. 

Die Persönlichkeit des Unternehmers, se'm Fleiß, seine 
Faulheit, sein Unternehmungsgeist und seine Dummheit 
etc., das alles sind Eigenschaften, welche allerdings großen 
Einfluß darauf haben werden, wieviel von dem jährlich 



. 3475 Taler. 


. 3200 „ 


. 1900 „ 


. 2200 „ 


. 1500 .. 



Gehalt der Bahndirektoren . 
„ „ Betriebsdirektoren . 

des Betriebskontrolleurs 
„ Spezialdirektors 
„ „ Substituts desselben 

Summa 12275 Taler. 
Alle anderen daselbst aufgezählten Besoldungen für Archi- 
tekten, Zeichner, Inspektoren, Registratoren, Wagenmeister und 
Arbeiter aller Art würde auch jeder Einzeluntemehmer haben 
bezahlen müssen, so daß sie auch bei ihm nur, wie hier, durch- 
schießende Posten gebildet und keineswegs zu seinem Unter- 
nehmereinkommen gehört haben würden, welches jenes 
nach Abzug aller Gehälter, Besoldungen und Kosten aller 
Art aus der Roheinnahme noch übrig bleibende Reinein- 
kommen von 3V3 bis 4V2 Millionen Taler darstellt. 

Auf eine Kapitalprämie von 3 Vs bis 4V2 Millionen 
Taler also, welche ein Unternehmen jährlich abwirft, kommt 
hier bei der Spaltung zwischen Kapitalunternehmern 
und Geschäftsleitern für die Geschäftsleitung ein 
geistiger Arbeitslohn von 12000 Talern. So sehr ist das 
Unternehmereinkommen, Herr Schulze, welches in der 
Nation erhoben wird, nichts anderes, als purer geistiger 
Arbeitslohn! ! 

^) Zum Beispiel : J. B. Say, Cours compl. V. 8 ; Dunoyer, 
de la liberte du travail, lib. VI. ; Steinlein, Handbuch der 
Volkswirtschaftslehre, Bd. I, S. 44ff. ; auch Mangoldt, Lehre 
V. Untemehmergewinn, Leipzig 1853, ist davon durchaus nicht 
frei. 

283 



auf den Unternehmerstand fallenden Kapitalprofit 
der bestimmte Unternehmer Peter gegenüber den 
Unternehmern Paul, Wilhelm etc. an sich reißen 
wird. Mit anderen Worten : es ist dies eine Frage, welche 
die Konkurrenz der Unternehmer untereinander be- 
trifft und den Anteil der einzelnen Unternehmer 
an der aus dem Produktionsertrag eines Jahres auf den 
gesamten Unternehmerstand fallenden Quote 
zu bestimmen beiträgt. Aber auf diese auf den g e - 
samten Unternehmerstand in der Nation fal- 
lende Quote selbst ist sie, wie aus der obigen Ent- 
wicklung mit Notwendigkeit folgt, ohne Einfluß. 

Die gegebene Gesamtsumme des Arbeitsertrages 
eines Jahres sei = A. Die zum durchschnittlichen Lebens- 
bedarf des Arbeiterstandes erforderliche Summe, die 
Summe aller Arbeitslöhne sei = Z. So wird, die Unter- 
nehmer möchten alle faul oder alle fleißig, alle klug 
oder alle dumm gewesen sein, immer A — Z auf den ge- 
samten Unternehmerstand fallen, und nur die 
Frage, in welchen Portionen sich A — Z auf die ein- 
zelnen Unternehmer verteilt, kann durch deren 
persönliche Eigenschaften bestimmt werden. 

Es kann ferner durch die Betriebsamkeit der Unter- 
nehmer die Gesamtsumme des jährlichen Produk- 
tionsertrages vergrößert, also aus A in A + B verwandelt 
werden und dies geht, wenn die betreffenden Unterneh- 
mungen nicht im Auslande angelegt worden sind, eben 
dadurch vor sich, daß die von der Nation geleistete^n 
Arbeitsquanta vermehrt worden sind. Allein wenn 
selbst durch diese Vermehrung der Arbeits q u a n t a 
eine Vermehrung der Gesamtsumme der Arbeits- 
löhne bewirkt wird, — und notwendig ist auch dies 
keineswegs — so hat dies entv/eder zur Ursache oder zur 

284 



Folge, daß eine entsprechende Ve rmehrung der Ar- 
beitermasse eingetreten ist oder herbeigeführt wird. 
(Und dies eben ist der innere Grund des Steigens der 
europäischen Bevölkerung. ) Die Gesamtsumme der 
Arbeiterlöhne in der Nation ist also gestiegen, aber 
diese gestiegene Gesamtsumme verteilt sich jetzt wieder, 
wie aus dem Früheren folgt, auf die Dauer auf eine ebenso 
sehr und häufig in noch höherem Grads gestiegene Ar- 
beiterzahl. Der auf den einzelnen Arbeiter 
fallende Lohn, das Quantum Produkte, das jeder 
Arbeiter bezieht, hat sich dann also auf die Dauer nicht 
vermehrt. Ja selbst für den Arbeiterstand im gan- 
zen kann, wenn selbst das Quantum der Produkte, 
welches auf alle Arbeiter zusammengenommen fällt, sich 
vermehrt hat, dennoch, falls nämlich die Ergiebigkeit 
seiner Arbeit, wie in der Regel der Fall, in noch 
höherem Grade gestiegen ist, die Quote, welche er im 
Lohn von seinem eigenen Arbeitsprodukt emp- 
fängt, noch gefallen sein!^) England ist gerade das 
Land, welches durch den unleugbaren Unternehmungsgeist 
seiner Unternehmer den Pauperismus seiner Ar- 
beiter geschaffen hat. 

Für die ökonomische Wissenschaft kann aber natürlich 
nur die Frage, welchen Anteil an dem Produktionsertrage 
der Unternehmer s t a n d gegenüber dem Arbeiter bezieht, 
und in bezug auf diesen die Frage : welches Q u a n - 
t u m von Produkten der einzelne Arbeiter und welche 
Quote seines Arbeitsertrages der gesamte Arbeiter- 



^) „Der relative Arbeitslohn kann fallen, obgleich der reelle 
Arbeitslohn gleichzeitig mit dem nominellen Arbeitslohn, mit 
dem Geldwert der Arbeit steigt, aber nur nicht in demselben 
Verhältnis steigt, wie der Profit." (Marx. Lohnarbeit und 
Kapital. S.29.) D.H. 



285 



stand bezieht, Gegenstand der Untersuchung sein. Die 
Untersuchung, durch welche persönliche Eigenschaften 
der eine Unternehmer dem anderen gegenüber einen mög-- 
liehst großen Teil dieses auf den Unternehmerstand fal- 
lenden Ertrages an sich reißen könne, gehört teils in die 
praktischenHandelsschulen, teils zu den K o n - 
torgeheimnissen, und das verherrlichende Lob die- 
ser persönlichen Eigenschaften an die Gastmahle reicher 
Kommerzienräte, keineswegs aber in die Nationalökono- 
mie! Diese Terrain Verwechslung, entspringend aus der 
sich durch unsere gesamte liberale Ökonomie hindurch- 
ziehenden Verwechslung von Privat- und Nationalökono- 
mie ist es, welche diese wie so viele andere Verwirrungen 
herbeigeführt hat und solche Untersuchungen zu schiefen 
Resultaten zwingt, weil schon von Haus aus dies 
Frage schief gestellt war, — 

Sie werden in dieser langen Entwicklung gelernt haben, 
Herr Schulze, wie groß der allgemeine Irrtum aller bür- 
gerKchen Ökonomen ist, welche stets das Kapital, 
wie alle anderen ökonomischen Kategorien, für logi- 
sche, ewige Kategorien halten. Die ökonomischen 
Kategorien sind nicht logische, sondern historische 
Kategorien. Die Produktivität des Kapitals ist kein , .Na- 
turgesetz", sondern eine Wirkung von ganz bestimm- 
ten historischen Zuständen, die mit anderen 
historischen Zuständen wieder verschwinden kann und 
mußi). 



^) Was also oben und in der noch folgenden Ausführung 
geleistet ist, ist der Nachweis, daß die ökonomische Kate- 
gorie ,, Kapital" und die juristische Kategorie „Eigen- 
tum" ebenso sehr nur Kategorien des historischen Gei- 
stes sind, wie ich dies in bezug auf alle juristischen 
Kategorien in meinem „System der erworbenen Rechte" 

286 



Zugleich werden Sie vielleicht auch eine Ahnung be- 
kommen haben von der Wahrheit jenes Wortes, das 
Goethe Ihnen im westöstlichen Divan zuruft: 

„Wer nicht von dreitausend Jahren 

Sich weiß Rechenschalt zu geben. 

Bleib' im Dunkeln unerfahren 

Mag von Tag zu Tage leben" 
und sehen somit jetzt ein, wie mißlich es ist, ohne dieser 
Vorbedingung zu entsprechen, , .gebildet" zu tun! 

Aber um an dieser langen Entwicklung alles gelernt 
zti haben, was wirklich an ihr zu lernen ist, bedarf es jetzt 
nur noch einer gedrängten und scharfen Hervorhebung 
dessen, was in ihr gegeben ist. 

'^Vergleichen Sie den Anfangs- und den Endpunkt des 
langen historischen Prozesses, den ich an Ihrem Auge 
vorübergeführt habe. 

In dem primitiven Zustande der individuellen, 
isolierten Arbeit, von der wir ausgingen, war das 
Arbeitsinstrument — der Bogen des Indianers — 
nur in der Hand des Arbeiters selbst, also nur 
die Arbeit produktiv. 

Durch die Teilung der Arbeit — und vergessen 
Sie nie, daß Teilung der Arbeit bereits, im Unter- 
schiede von jener Arbeit des Indianers, heißt gemein- 
same Arbeit, gemeinsamer Betrieb der Produk- 
tion wenn auch noch bei individuellen Produktions- 
vorschüssen und der daraus folgenden individuellen Ver- 
teilung des Arbeitsertrages durch die, welche diese Vor- 
schüsse machen — durch die Teilung der Arbeit also, 
durch die wieder aus dieser sich allmählich und notwendig 

(vgl. daselbst [die erste Auflage. D. H.] Vorr. p. XVI ff. und 
p. 69, Anm. 1 mit S. 259. Note 1) entwickelt und im ganzen 
zweiten Bande jenes Werkes am Erbrecht (respektive auch 
am Familienrecht) ausführlich nachgewiesen habe. 

287 



entwickelnde iGestaltung der Produktion zu einem System 
von Tauschwerten, durch die freie Konkur- 
r*enz endlich, welche diese Produktion der Tauschwerte 
bei individuellen Produktionsvorschüssen herbeiführen 
muß, kommt es endlich notwendig zu der jenem Aus- 
gangspunkt entgegengesetzten Wirkung, daß das Ar- 
beitsinstrument in seiner Trennung vom Ar- 
beiter selbständig geworden, mit seinem Saug- 
rüssel alle Produktivität der Arbeit an sich 
gerissen und die Arbeit auf den Ersatz dessen, was 
während der Arbeit notwendig an Lebenskraft verzehrt 
worden ist, beschränkt, sie also unproduktiv gemacht hat. 
; War früher nur die Arbeit, so ist jetzt nur das 
vom Arbeiter getrennte Arbeitsinstrument 
produktiv ^). 

Das Arbeitsinstrument, welches selbstän- 
dig geworden, und mit dem Arbeiter die 
Rollen vertauscht hat, den lebendigen Ar- 
beiter zum toten Arbeitsinstrument herab- 
gesetzt, und sich selbst, das tote Arbeits- 
instrument zum lebendigen Zeugungsorgane 
entwickelt hat — das ist das Kapital!^) 



^) Der Begriff der Produktivität immer in dem weiter oben 
entwickelten Sinne von „Überschuß abwerfend" genommen. 
Trotzdem könnte der Satz leicht mißverstanden werden. Das 
Arbeitsinstrument schlechtweg ist heute so wenig produktiv wie 
früher, aber heute wirft der bloße Besitz desselben — und 
der es besitzt, ist nicht der Arbeiter — seinem Inhaber Über- 
schuß, Profit ab, d. h. der Besitz eines Arbeitsinstruments, das 
vom Arbeiter bedient wird, statt sein Werkzeug zu sein. So 
ist, wie sich gleich zeigt, der Ausdruck ,,vom Arbeiter ge- 
trennt" zu verstehen. D. H. 

') Wen diese Definition verletzt, der müßte, um eine rich- 
tige Definition zu geben, wie sie sich für ein Kompendium 

288 



Die T e i l u n g d e r A r b e i t ist die Quelle aller Reich- 
tümer. Daß nur durch die Teilung der Arbeit die Pro- 
duktion immer ergiebiger und billiger wird — dieses 
indem We sen der Arbeit beruhende Gesetz 
ist das einzige ökonomische Gesetz, welches der Paral- 
lele halber als ein „Naturgesetz" bezeichnet werden 
könnte. Es ist kein Naturgesetz, weil es eben nicht dem 
Reiche der Natur, sondern dem des Geistes angehört, 

eignet, etwa zu folgender greifen: Kapital ist der unter 
Teilung der Arbeit, bei einer in einem System von 
Tauschwerten bestehenden Produktion und bei freier 
Konkurrenz geleistete Vorschuß vorgetaner Arbeit, 
welcher zum Lebensunterhalt der Produzenten bis zur Ver- 
wertung des Produkts an den definitiven Konsumenten erforder- 
lich ist, und zur Folge hat, daß der Überschuß des Produktions- 
ertrages über diesen Lebensunterhalt auf denjenigen respektive 
diejenigen sich verteilt, welche den Vorschuß geleistet haben. 
— Man wird in dieser Definition zunächst die „Beschaffung 
der Rohstoffe" vermissen, — die ja auch zur Produktion er- 
forderlich sind. Aber mit Unrecht. Denn diese Rohstoffe etc. 
sind gleichfalls und auf gleiche Bedingungen hin von Arbeitern 
produziert worden unter dem Vorschuß eines Rohstoffprodu- 
zenten, an dessen Stelle dann der sein Produkt weiter ver- 
arbeitende Industrieproduzent tritt. Was die ganze Reihe der 
Kapitalisten leistet, die nacheinander zur Verfügung eines Pro- 
duktes vorschießend auftreten, ist nichts anderes als der 
Lebensunterhalt für die ganze Reihe von Arbeitern 
(Rohstoffarbeitern, Bergwerken etc.), die zum Zustandekommen 
des Produktes beigetragen haben. — Jede andere Definition, 
die eines der hier enthaltenen Merkmale wegläßt, ist, wie unsere 
Analyse zeigt, unvollständig und falsch. 

Das ,,nur" ist, selbst wenn man den Begriff ,, Teilung 
der Arbeit" in dem vorher entwickelten Sinne — „Teilung 
der Arbeit . . . heißt gemeinsame Arbeit" - nimmt, unrichtig. 
Die Arbeit wird in der modernen Großindustrie sehr oft er- 
giebiger gemacht durch Maschinen, welche vorher getrennte 
Arbeitsprozesse wieder zusammenfassen. D. H. 

19 LassaUe. Ges. Schriften, Band V. 289 



aber es Ist eben mit derselben Notwendigkeit 
bekleidet, wie die Elektrizität, die Schwerkraft, die Ela- 
stizität des Dampfes etc. Es ist ein soziales Natur- 
gesetz! 

Und eine Handvoll von Individuen ist hergekommen 
in allen Nationen und hat dieses soziale Natur- 
gesetz, welches nur durch die geistige Natur aller 
vorhanden ist, zu ihrem individuellen Nutzen 
in Beschlag genommen, den erstaunten und darbend^i, 
in unsichtbaren Ketten eingeschnürten Nationen von ihrem 
immer reicher, immer gewaltiger anschwellenden Arbeits- 
ertrage im wesentlichen immer nur denselben Ab- 
fall (Zuwerfend, den unter günstigen Umständen auch der 
Indianer vor aller Kultur erwirbt, des Lebens notdürf- 
tigen Unterhalt ! Es ist, als ob einige Individuen die 
Schwerkraft, die Elastizität des Dampfes, die Wärme des 
Sonnenlichtes zu ihrem Eigentum erklärt hätten ! 
Das Volk wird von ihnen gefüttert, wie auch die Dampf- 
maschinen von ihnen geölt und geheizt werden, um sie 
im arbeitsfähigen Stande zu erhalten, seine Nah- 
rung kommt nur als notwendige Produktions- 
kosten in Betracht ! 

Bastiat spielt als seinen Haupttrumpf gegen Proudhon 
folgendes Argument aus '0 : 

Les capitaux sont des Instruments de travail. Les 
Instruments de travail ont pour destination de faire con- 
courir les forces gratuites de la nature. Par la machine 
ä vapeur on s'empare de l'Glasticite des gaz ; par le res- 
sort de montre de l'elasticite de l'acier; par des poids 
ou des chütes d'eau de la gravitation; par la pile de 
Volta de la rapidite de Tetincelle electrique, par le sol 



^) Harmon. eoonom. p. 229. 
290 



des combinaisons chimlques et physiques qu'on appelle 
Vegetation etc. etc. Or confondant rutllite avec la va- 
leur, on suppose que ces agents naturels ont une valeur 
qui leur est propre, et que par consequent ceux qui s en 
emparent s'en fönt payer l'usage, car valeur implique 
payement. On s'imagine que les produits sont greves 
d'un item pour les Services de rhomme, ce qu'on admet 
comme juste, et d'un autre item pour les Services de la 
nature, ce qu'on repousse comme inique. Pourquoi, dit- 
on, faire payer la gravitation, l'electricite, la vie vege- 
tale, l'elasticite etc. ? 

La reponse se trouve dans la theorie de la valeur. 
Cette classe de socialistes qui prennent le nom d'egaK- 
taires confond la legitime valeur de l'instrument, fille 
d'un Service humain, avec son resultat utile, toujours 
gratuit, sous deduction de cette legitime valeur ou de 
Tinteret y relatif. Quand je remunere un laboureur, un 
meunier, une compagnie de chemin de fer, je ne donne 
rien, absolument rien, pour le phenomene vegetal, pour 
la gravitation, pour l'elasticite de la vapeur. Je paye 
le travail humain qu'il a fallu consacrer ä faire Jes 
instruments au moyen desquels ces forces sont con- 
traintes ä agir; ou, ce qui vaut mieux pour moi, je 
paye l'interet de ce travail." 

Zu deutsch: ,,Die Kapitahen sind Arbeitsinstrumente. 
Die Arbeitsinstrumente haben die Bestimmung, die un- 
entgeltlichen Kräfte der Natur zur Produktion mitwirken 
zu lassen. Durch die Dampfmaschinen bemächtigt man 
sich der Elastizität der Gase ; durch die Uhrfeder der 
Elastizität des Stahles ; durch Gewichte oder durch den 
Fall des Wassers der Schwerkraft; durch die Volta- 
sche Säule der Schnelligkeit des elektrischen Funkens ; 
durch den Boden der chemischen und physikaKschen Kom- 
is« 291 



binationen, die man Vegetation nennt etc. etc. Und die 
Nützlichkeit mit dem Werte verwechselnd setzt man nun 
voraus, daß diese natürlichen Agenten einen Wert haben, 
der ihnen eigentümlich ist und daß folglich diejenigen, 
die sich desselben bemächtigen, sich den Nutzen derselben 
bezahlen lassen, denn Wert schließt Zahlung in sich ein. 
Man bildet sich ein, daß der Preis der FVoduktion be- 
lastet ist mit so und so viel für die Dienste des Menschen, 
was man als gerecht zugibt, und mit so und so viel für die 
Dienste der Natur, was man als ungerecht zurückstößt. 
Warum, sagt man, die Schwerkraft, die Elektrizität, das 
vegetale Leben, die Elastizität etc. etc. bezahlen ? 

,,Die Antwort findet sich in der Theorie des Wertes. 
Jene Klasse von SoziaKsten, die sich Egalitaires nennen, 
verwechselt den legitimen Wert des Arbeitsinstrumentes, 
Tochter eines menschUchen Dienstes, mit seinem nütz- 
lichen Resultat, das unentgelthch ist, wenn man jenen 
legitimen Wert oder seinen Zins abrechnet. Wenn ich 
einen Ackersmann, einen Müller, eine Eisenbahngesell- 
schaft bezahle, so gebe ich nichts, absolut nichts, für das 
Vegetationsphänomen, für die Schwerkraft, für die Ela- 
stizität des Dampfes. Ich bezahle die menschliche Arbeit, 
welche zur Verfertigung der Instrumente angewendet wer- 
den mußte, vermittelst deren diese Kräfte zu wirken 
gezwungen sind; oder, was für mich noch vorteilhafter 
ist, ich bezahle die Interessen .dieser Arbeit." 

Proudhon gegenüber, der früher ein geistreicher Mann, 
niemals aber ein Ökonom war, mochte diese lächerliche 
Finte gut igenug sein. Aber sehen Sie, Herr Schulze, wäe 
machtlos jetzt der Fechterdegen Ihres Meisters Bastiat 
seitwärts in leere Luft geht und beide Herzkammern dem 
tödlichen Stoße bloßlegt? 

Ja, wir haben aus den großen engHschen Ökonomen 

292 



gelernt, daß im Preise der Produkte vom Konsu- 
menten nur die menschliche Arbeit, nicht die Kräfte 
der Natur bezahlt werden^); wir haben dies gelernt 
viel besser als Bastiat, der, wie wir sahen, davon gar 
nichts weiß ! 

Aber wir sahen zugleich, daß diese Bezahlung der 
menschlichen Arbeit durch den Unterschied der Arbeits- 
löhne und der den Preis bestimmenden Arbeits q u a n t a 
immer notwendig an die unrichtigen Empfänger 
gelaingt ; daß zwar nur die menschliche Arbeit 
bezahlt, aber nicht den Arbeitern bezahlt, sondern 
von dem Kapitalschwamme eingesaugt wird, welcher aus 
dem Platzregen unserer Produktion auf das Vo 1 k immer 
nur die zur dürftigen Fortexistenz erforderliche Feuch- 
tigkeit gelangen läßt. Hat der Kapitahst nicht die ,, Nütz- 
lichkeit" des Dampfes, der Schwerkraft, der Elektrizität 
in Beschlag genommen, so hat er, was zunächst ebenso 
schlimm ist, die ,,Nützhchkeit" der Teilung der Ar- 
beit und ihrer stets wachsenden Produktivität — dieses 
großen Gesetzes der sozialen Natur — zu seiner 
ausschließenden Ausbeutung in Beschlag genommen ! Ja, 
es ist dies im Prinzip sogar fast noch schlimmer 
als jenes. Denn wenn sich jemand z. B. der Sonne be- 
mächtigte und sie in sein Privateigentum brächte, so hätte 
er sich immerhin doch nur einer Sache bemächtigt, die 
nach den römischen Juristen ,,res nullius", keines Men- 
schen Eigentum, keines Menschen Produkt ist. 
Indem sich die Kapitalisten der Vorteile jenes Gesetzes 
der sozialen Natur bemächtigen, bemächtigen sie sich 
direkt der Arbeitsprodukte anderer, haben sie 

^) Wie sich dies analog und dennoch abweichend bei 
der Grundrente gestaltet, kann hier nicht auseinandergesetzt 
werden. 

293 



die menschliche Arbeitskraft und ihre immer 
steigende Ergiebigkeit in ihr Privateigentum gebracht 1^) 

Durch die entwickelte grundsätzliche Spaltung 
der auf die Seite des selbständig gewordenen Arbeits- 
instrumentes hinüber gefallenen Produktivität der Ar- 
beit — ist nun jetzt grundsätzlich ein gesellschaft- 
licher Eigentumszustand gegeben, in welchem jeder nur 
das sein nennt, was nicht Produkt seiner Arbeit ist. 

Dies könnte zunächst scheinen, nur zwischen Kapital 
"und Arbeit, nur von den Kapitalisten den Ar- 
beitern gegenüber zu gelten. Dies wäre aber ein großer 
Irrtum und ganz unmöglich. Das Prinzip, auf welchem 
ein gesellschaftlicher Produktlonszustand beruht, muß sich 
durch alle Abteilungen desselben hindurchführen, muß 
sich also ebenso innerhalb des Kapitalisten- und 
Unternehmerstandes selbst ausführen. 

Und hier erinnern Sie sich, was Ich Ihnen Im Eingänge 
dieses Werkes über die , »gesellschaftlichen Zu- 
sammenhänge" entwickelt habe, vermöge deren jeder 
verantworten mfuß, wofür er nicht kann, gerade 
so wie sich jetzt als die organische Wurzel dieser Be- 
stimmung gezeigt hat, daß jeder ,&ein nennt, w^s nicht 
Resultat seiner Arbelt ist. 

Jetzt erst stellen sich von selbst jene Atisführungen 
(p. 22 bis 32^) über die Wirkung der ,,gesell- 



^) Hierauf könnte man erwidern, daß auch die Rückwirkung 
der Arbeitsteilung auf die Produlctivltät der Arbeit „res nullius", 
keines Menschen Werk, sondern einfach ein ökonomisches Ge- 
setz sei, dessen Benutzung jedermann so frei stehe, wie die der 
Sonnenstrahlen, der Schwerkraft etc. etc., unter Umständen so- 
gar in noch höherem Grade. Juristisch ist in der Tat dem 
Kapitalprofit nicht beizukommen. D. H. 

^) S. 51 bis 64 dieser Ausgabe D. H. 

294 



schaftlichen Zusammenhänge" in ihr rechtes 
Licht ; erst von hier aus gewinnen sie, von neuem nach- 
gelesen, ihre letzte Durchsichtigkeit und hier erst hätten 
sie hergehört. Allein Sie begreifen, daß es nicht meine 
Schuld ist, wenn Sie dadurch, daß Sie mit dem Ende 
anfingen, mich nötigten, Ihrem Gange zu folgen. Es wird 
Ihnen jetzt übrigens, wenn Sie unseren verschiedenen 
Erörterungen aufmerksam gefolgt sind, von selbst klar 
sein, durch welche Adern — nämlich durch den Tausch- 
wert und den Marktpreis — diese Wurzel unseres 
Gesellschaftszustandes, daß jeder sein nennt, was nicht 
Resultat seiner Arbeit ist, hervorbringt, daß auch inner- 
halb des Kapitalistenkreises selbst jeder ver- 
antworten muß, was er nicht getan hat; daß ein zum 
bloßen Glücksspiel gewordener Produktionszustand 
mit Menschen wie Kapitalien Ball spielt und durch den 
Strudel dieses Zufalls nur die große gesetzmäßige Strö- 
mung hindurchgeht, daß das große Kapital in beständiger 
Dekapitalisierung und Anziehung des kleinen Kapitals 
begriffen ist. 

Die Sorgen der Unternehmer, ihr beständiges macht- 
loses Ankämpfen gegen das große Kapital, die fort- 
währende — selbst den kleinsten, in vollster Zurückge- 
zogenheit von allen Geschäften lebenden Rentier ergrei- 
fende — Umänderung ihrer Eigentumsverhältnisse durch 
geseUschaftliche Verhältnisse, die völlig außerhalb ihrer 
Zurechnungsfähigkeit und ihres Handelns liegen, der Ver- 
lust , welcher in den Unternehmerspekulationen als Strafe 
der richtigen Berechnungen, der Gewinn, welcher 
den fcJschen folgt (s. p. 28^)), diese beständige Ver- 
höhnung des Unternehmer g ei s t es — das ist an den 



1) S. 59-60 dieser Ausgabe. D. H. 

295 



Kapitalisten selbst die konsequente Rache und Fort- 
bildung eines Zustandes, in welchem als erster Grundsatz 
gesetzt ist, daß jeder sein nennt, was nicht Resultat 
seiner Arbeit ist. 

Es ist das hohnneckende Lachen des Geisterchors dar- 
über, daß sich im Kapitalisten das Kapital als Indivi- 
dualität gebärden will in einen Weltzustand, der von 
vornherein auf der Entindividualisierung alles 
Eigentums beruht! 

Ist es nicht komisch, Herr Schulze, daß die Herren 
Bastiat, Thiers, Troplong etc., kürz alle Ökonomen und 
Juristen, welche gegen die Sozialisten zu Felde ziehen, 
das heutige Eigentum immer damit rechtfertigen, daß es 
,,les fruits de son travail", die Frucht individu- 
eller Arbeit sei, während im Gegenteil, wie wir nun 
gründlich und ohne Möglichkeit des Widerspruchs nach- 
gewiesen haben, jeder im Eigentum nur sein nennt, was 
nicht sein Arbeitsprodukt ist ? Ist es nicht komisch 
also, daß alle diese Herren, um dieses Eigentum zu 
rechtfertigen, gerade zu dem ihm entgegengesetz- 
ten Gedanken greifen müssen ? 

Das Eigentum ist Fremdtum geworden — 
das ist der Satz, in welchen sich unser kritischer Nach- 
weis komprimieren ließe ! 

Jeder gesellschaftliche Zustand hat den notwendigen 
Trieb, Erscheinungen zu entwickeln, in welchen er das, 
was seine gesamte Grundlage bildet, am reinsten und 
un verhülltesten zum Ausdruck bringt. 

Diese reinste Erscheinung des heutigen Zustandes 
ist die Agiotage und die Börse, die Vermögens- 
anlage in Aktien, Staats- und Kreditpapieren 
überhaupt. 

Durch jedes Ereignis in der .Türkei und in Mexiko, 

296 



durch Krieg und Frieden, nicht bloß durch Krieg und 
Frieden, ach nein! durch jede ,,öffenthche Meinung", 
die sich verbreitet, durch jedes Journah stengeschwätz und 
jede verlogene Depesche, durch jede Anleihe in Paris 
oder London, durch die Getreideernten am Missisippi und 
die Goldminen in Australien — kurz durch jedes objektive 
Ereignis, durch lauter rein objektive Bewegun- 
gen der Gesellschaft als solcher, sei es auf 
politischem, finanziellem, merkantilem Gebiet etc. wird 
täglich auf der Börse das Mein und Dein der Indi- 
viduen bestimmt und festgestellt. 

Aber was hier zum augenfälligen Vorschein kommt, 
ist nichts Besonderes und Eigentümliches, 
sondern es kommt eben nur zur reineren, unverhüllteren 
Darstellung, daß, wie wir im Anfang gesehen, in den 
Werten der Grundstücke und der Geschäfte, in dem 
Steigen und Fallen der Getreide- und Industrieprodukt- 
preise etc. etc., durch die gesellschaftlichen Zu- 
sammenhänge aller Art und den von ihnen bestimmten 
Tauschwert jeden Augenblick alles Mein und Dein 
in der Gesellschaft geändert Und rein nach diesen objek- 
tiven Bewegungen der Gesellschaft selbst auf durchaus 
ichlose, unpersönliche Weise alles individuelle Eigentum 
neu verteilt wird. 

Wie würden Sie den Sozialismus definieren, Herr 
Schulze ? Doch offenbar so : Ve rteilung<:les Eigen- 
tums von G e seil sc haf ts wegen. 

Nun, sehen Sie, dieser Zustand besteht, wie ich 
Ihnen bewiesen habe, gerade heute! 

Gerade heut herrscht unter dem bloßen Scheine 
individueller Erzeugung eine sich unausgesetzt durch 
den Zufall von neuem bestimmende Verteilung des Eigen- 
tums durch die rein objektiven Bewegungen der 

297 



Gesellschaft, eine Verteilung des Eigen- 
tums von Gesellschafts wegen. Gerade heute 
herrscht ein anarchischer Sozialismus! Dieser 
anarchische Sozialismus ist das — bürger- 
liche Eigentum! 

Was also der Sozialismus will, ist nicht das Eigen- 
tum aufheben, sondern im Gegenteil individu- 
elles Eigentum, auf die Arbeit gegründetes Eigen- 
tum erst einführen!^) 

Und wenn wir nun auch von dem einmal entstan- 
denen Kapitaleigentum, als in "rechtlicher Übereinstim- 
mung mit den — wie wenig rechtlich auch diese selbst 
sein mochten — bestehenden Zuständen entstanden, ab- 
sehen wollen, so haben wir doch jedenfalls das unbestreit- 
barste Recht, das noch "ungewordene Eigentum 
der Zukunft durch eine andere Gestaltung der Pro- 
duktion zum Arbeitseigentume zu gestalten. 

Hoffentlich werden unsere Herren Bürger die feudale 
Behauptung nicht aufstellen wollen, daß die Arbeiter 
ihre glebae adscripti, ihre Leibeigenen seien, und daß, 
auch nachdem das Herzensgeheimnis der heutigen Pro- 
duktion durchschaut ist, das Volk diesen Produktions- 



^) Aber unter Anerkennung und Berücksichtigung des gesell- 
schaftlichen Charakters der Gesamtproduktion. Daß Lassalle 
diesen Gesichtspunkt, den er soeben noch bei der Kritik des 
kapitalistischen Eigentums so scharf betont hat, hier und bei 
der Entwicklung seines Mittels fallen läßt, unterscheidet seine 
Auffassung des Sozialismus von der heut In der Sozialdemo- 
kratie geltenden Theorie. Zwischen seiner Kritik und seinem 
Mittel besteht ein innerer Widerspruch, und nicht mit Unrecht 
konnte Rodbertus sagen, daß das durch die Produktivgenossen- 
schaften zu schaffende Eigentum Im sozialen Sinne eher noch 
schlechter wirken würde, als das heutige kapitalistische Eigen- 
tum. Vgl. die biographische Abhandlung, S. 221. D.H. 

298 



modus fortführen müsse, damit der Arbeiter fortfahren 
müsse, zum besten des Kapitals zu f ronden. 

Wehe ihnen, wenn sie eine solche Behauptung aufstell- 
ten oder das Volk zur Überzeugung brächten, daß sie sie 
aufstellen ! 

Wie aber — ■ fragen Sie vielleicht — diesen Zustand 
ändern, daß das leblose Arbeitsinstrument mit dem leben- 
digen Arbeiter die Rollen tauscht und dessen Arbeitsertrag 
an sich reißt, wenn er doch, wie wir ja selbst entwickelt 
haben, die notwendige Folge der Teilung derArbeit 
ist? — 

Sehr einfach ! Es handelt sich keineswegs darum, mit 
der Teilung der Arbeit, dieser Quelle aller Kultur, zu 
brechen, sondern bloß darum: das Kapital wieder zum 
toten, dienenden Arbeitsinstrument zu de- 
gradieren. Es handelt sich nicht dämm, die Teilung 
der Arbeit aufzuheben, sondern vielmehr darum, s i e 
weiter zu entwickeln. 

Teilung der Arbeit ist bereits an sich gemeinsame 
Arbeit, gesellschaftliche Ver bindung zur Produktion. 
Dies, was sie an sich bereits ist, braucht nur an ihr ge- 
setzt zu werden. Es ist also nur erforderlich in der 
gesamten Produktion die individuellen Produk- 
tionsvorschüsse — aus welchen die oben darge- 
legte Überlassung des Produktionsertrages an den Unter- 
nehmer und die Abführung alles Produktionsüberschusses 
über den Lebensunterhalt an ihn folgt — aufzuheben 
und die ohnehin gemeinsame Arbeit der Gesellschaft 
auch mit den gemeinsamen Vo rschüssen -der- 
selben 201 betreiben, und den Ertrag der Produktion 
an alle, die zu ihr beigetragen haben, nach Maßgabe 
dieser ihrer Leistung zu verteilen. 

Das Übergangsmittel hierzu, das leichteste und 

209 



mildeste Übergangsmittel — sind die Produktiv- 
assoziationen der Arbeiter mit Staats- 
kredit. 

Und darum müssen diese Assoziationen sein und 
darum werden sie sein, und wenn Sie bersteten, Herr 
Schulze, und wenn alle We 1 1 berstete ! Denn unser 
Volk hungert und verdummt! Es ist bereits s o 
sehr verdummt, daß es S i e für einen Vorkämpfer hält, 
und Sie begreifen — das darf nicht sein ! 

Es ist das mildeste Übergangsmittel, sage ich; es 
ist noch keineswegs, wie ich bereits in meinem ,, Arbeiter- 
lesebuch" (p. 41^) hervorgehoben habe, die ,, Lösung 
der sozialen Frage", welche Generationen in Anspruch 
nehmen wird, aber es ist das organische, unaufhaltsam 
zu aller weiteren Entwicklung treibende und sie aus sich 
entfaltende Senfkorn hierzu^). 



1) Bd. III, S. 243 unserer Ausgabe. D. H. 

-) Gerade weil dieses Übergangsmittel so milde und so 
praktisch ausführbar ist — und dennoch den organi- 
schen Keim aller weiteren Entwicklung in sich enthält 

— hat mein Vorschlag jenes namenlose Wutgeschrei der Bour- 
geoisie in allen ihren Zeitungen hervorgerufen und gerade 
hierdurch meiner Agitation erst die Möglichkeit der großen 
Umrisse gegeben, die sie angenommen hat. Dies wäre nicht der 
Fall gewesen, wenn ich welter gegangen und irgendeine ab- 
strakte Forderung aufgestellt hätte, welche die Bourgeoisie 
dann als ungefährliche Sektlererel ruhig totgeschwiegen hätte. 

— Eine theoretische Leistung und eine praktische Agi- 
tation, wie ich sie durch mein ,, Antwortschreiben" und die ihm 
folgenden Reden Ins Werk gesetzt habe, haben in einer Hin- 
sicht ein ganz entgegengesetztes Gesetz, Eine theoretische 
Leistung ist um so besser, je vollständiger sie alle, auch die 
letzten und entferntesten Konsequenzen des In ihr entwickelten 
Prinzips zieht. Eine praktische Agitation umgekehrt, ist um 
so mächtiger, je mehr sie sich auf den ersten Punkt 

300 



Was könnten Sie wohl gegen dieses Mittel einwenden ? 

Sie selbst haben sich bereits unter dem Drucke meiner 

Agitation nicht nur für die Produktivassoziationen 



konzentriert, aus dem dann alles weitere folgt. Nur muß 
es eben ein solcher Punkt sein, der bereits alle weiteren Kon- 
sequenzen in sich trägt und aus welchem sie sich mit organi- 
scher Notwendigkeit entwickeln müssen. Sonst steht er von 
vornhereiii nicht auf der theoretischen Höhe, d.h. ist von 
vornherein ein totes Palliativ, ein stupider Behelf, der weder 
Folgen haben, noch auch nur selbst zustande kommen, sich 
durchsetzen kann, wie z.B. alle Forderungen der Fort- 
schrittspartei, die Ihre Ehre dahineinsetzt, nicht auf der theo- 
retischen Höhe zu stehen und dies für „praktisch" hält. — 

In Deutschland versteht man die Bedingungen praktischer 
Agitation nur noch sehr schlecht. Damit hängt es zusammen, 
daß unter der Sündflut von liberalen Kritiken hier und da 
auch wohlwollende Kritiker auftauchten, welche mir vorwarfen, 
daß ich bloße geänderte „Verteilung des Produktions- 
ertrages" statt ,, Vermehrung des Produktionser- 
trages" wolle und auf das Banner der Bewegung gesetzt habe! 
Allerdings sind solche Einwürfe eine Folge der bei uns herr- 
schenden Hyperkrltlk, vermöge welcher jeder, nachdem er die 
Worte des andern gehört, und ohne sich die Mühe zu geben, 
dieselben zu ihren notwendigen Konsequenzen fort- 
zudenken, sich sofort zum Besserwissen berufen fühlt. Aller- 
dings ist ,,Vermehrung der Produktion" eine unerläß- 
liche Bedingung jeder Verbesserung unserer sozialen Zu- 
stände. Aber sie Ist auch eine unausbleibliche Folge der 
von mir geforderten Produktivassoziationen, i s t eben die prak- 
tische Maßregel, welche diese Wirkung im höchsten 
Grade hat. Diese Folge konnte freilich nicht in dem „Antwort- 
schreiben" (2 1/4 Bogen) entwickelt werden, da gedrängteste 
Kürze die erste Bedingung von Agitationsschriften ist. 

Im „Arbeiterlesebuch" (p. 51 [Bd. III, S. 264 unserer Aus- 
gabe. D. H.]) wurde sie bereits nachdrücklich von mir an- 
gedeutet. Aber hier erst, als in die an die praktische Agitation 
sich anschließende theoretische Leistung gehört die Entwicklung 

301 



erklärt^), sondern sogar, wie Sie in der Sitzung des 
hiesigen Arbeitervereins vom 21. Juni 1863 (s. Volks- 
zeitung vom 23. Juni 1863) mitteilten, hunderttausend 
Taler von den Besitzenden aufgebracht, um solche Pro- 
duktivassoziationen ins Leben rufen zu können. Zwar haben 
wir seitdem nicht gehört, was hieraus geworden und welche 
Produktivassoziationen hiermit gegründet worden seien. 
Aber abgesehen hiervon, sehen Sie denn nicht, daß Sie 



der Produktionsvermehrung her, die aus der Assoziation folgen 
muß, und wird oben im Text im nachfolgenden kurz dargelegt 
werden, wobei solche ganz von selbst auf der Hand liegende 
Ursachen, wie größerer Fleiß, Schonung des Materials von 
Seiten der Arbeiter infolge ihres Interesses etc. etc. billig weg- 
bleiben. Auf das Banner der Bewegung gehörte aber nur die 
geänderte Verteilung des Produktionsertrages, nicht die 
Produktionsvermehrung, einmal, weil die Produktivasso- 
ziation eben die körperliche, praktisch-greifbar© 
Maßregel darstellt, von der diese nur die Folge ist, nicht um- 
gekehrt; zweitens weil eben deshalb geänderte Verteilung 
des Produktionsertrages ein sinnlich faßlicher 
Agitationsruf Ist, geeignet, die Massen des Volkes zu 
ergreifen, und In Bewegung zu setzen. Vermehrung der 
Produktion Ist dagegen. Im Vergleich mit jener geänderten Ver- 
teilung, schon eine gelehrte Reflexion, und wer sich erst mit 
solchen trägt, von dem Ist auch soviel Denkkraft zu verlangen, 
daß er von selbst sieht, wie sie eine Folge der Produktiv- 
assoziation sein muß. 

(Heute schreibt die Sozialdemokratie einfach „geänderte 
Regelung der Produktion" auf ihr Banner, sowohl im Sinne 
einer Erhöhung als auch einer besseren Verteilung des Produk- 
tionsertrages. Das zweckmäßigste Wie der Erreichung des 
ersteren bleibt ebenso der praktischen Erfahrung überlassen als 
die Einzelheiten über das Wie des letzteren. D. H.) 

^) Eine unrichtige Behauptung, gegenüber der sich Schulze- 
Delltzsch auf seine 1858 erschienene Schrift über das Asso- 
ziationswesen berufen koimte. D. H. 

302 



mit dieser Handlung selbst Ihr Prinzip „die Selbst- 
hilfe" aufgegeben, seine Verlogenheit und Unmöglich- 
keit eingestanden und mir alles eingeräumt haben, v/as ich 
nur wünschen kann ? 

Sie haben also jetzt eingestanden, daß der Ar- 
beiterstand nicht durch ,,S elbsthilf e" sich vorwärts 
bringen kann, obwohl Sie in Ihrem ,, Katechismus" dies 
unausgesetzt als die absolute Bedingung 
wiederholen^). Wenn Sie jetzt eingestehen, daß es mit 
der „Selbsthilfe" nichts ist, daß der Arbeiterstand die 
Kapital- oder Kredithilfe außerhalb seiner suchen muß, 
so suchte er sie doch unter allen Umständen lieber bei 
der Gesetzgebung, wobei er ein freier Mann 
bleibt, als bei den Manchestermännern, wobei er des gnä- 
digen Herrn gehorsamer, kastrierter Diener wird. 

Und sehen Sie denn nicht ferner, daß mit einer sol- 



^) Siehe z. B. Katechismus, p. 81 : „Getragen vom Gefühl 
der eigenen Kraft, werden sie sich niemals um den Preis einer 
Unterstützung, deren sie nicht bedüi-fen, in die Abhängigkeit 
niederdrücken lassen, die jeden trifft, der sich in der wichtig- 
sten Existenzfrage auf den guten Willen anderer, auf 
fremde Gnade stützt." Oder p. 123: ,,Wer von einem 
andern, und sei es der Staat, Unterstützung an- 
spricht, der räumt diesem die Obmacht, die Aufsicht über 
sich ein, und verzichtet auf seine Selbständigkeit. Das wäre ein 
Aufgeben seiner selbst etc. etc. Es wäre ein Abfall vom Geiste 
der Vorfahren, ein Verrat an den Nachkommen etc." 

Hier geben Sie sogar in den Worten von einem andern, 

und sei es der Staat," zu, daß die Unterstützung von einem 
andern, als dem Staat, noch schlinmier sei.. Und so be- 
kämpfen Sie p. 78 die Unterstützungen, die „von den reiche- 
ren Gesellschaftsklassen ausgehen; vgl. p. 128 und fast 
jede Seite Ihres Buches. Und nun begehen Sie auf einmal 
selbst den „Verrat", von diesen Klassen 100000 Taler auf- 
zubringen ! 

303 



chen läclierlichen Summe, wie Sie sie von liberalen Kom- 
merzienräten zur besseren Betörung der Arbeiter zusam- 
menbringen können, vielleicht einer winzigen Handvoll 
Arbeiter geholfen, und diese in bürgerliche Bedingungen 
versetzt, zu Bourgeois umgewandelt werden könnten, nie- 
mals aber dem Arbeiterstande geholfen, niemals 
die oben analysierte Kapitalfessel gesprengt werden kann ? 

Aber auch nicht einmal dieser Handvoll Arbeiter würde 
geholfen werden. Denn begreifen Sie eins ! In jedem 
Gesellschaftszustande richtet sich alles nach der vor- 
herrschenden Strömung und empfängt deren Gesetz. 
,,Id quod plerumque fit-* ■ — Sie erinnern sich doch dessen 
noch ? - — ,,Das, was meistens geschieht", bestimmt jeden 
einzelnen Kasus. Daher kommt es, daß sich die öko- 
nomischen Fragen immer nur im großen, nie im klei- 
nen lösen lassen. Nichts würde der , .freien Konkurrenz" 
leichter sein, als eine Handvoll assoziierter Arbeiter zu 
erdrücken. Wie die großen Bataillone auf dem Schlacht- 
feld, so sind es immer die großen Arbeitermassen, die 
großen KapitaKen, die auf dem ökonomischen Felde 
den Sieg entscheiden. Eben deshalb würde freiHch wieder 
nichts leichter sein, als die „freie Konkurrenz", welche 
jetzt den Arbeiter erwürgt, in ein Instrument seiner 
Befreiung umzuwandeln. Aber dazu wäre also zuvor 
erforderlich, die großen Bataillone auf selten der 
Arbeiter, auf selten der Assoziationen zu bringen. 
Und dies vermag allein der Staat, welcher, wie auf 
dem Schlachtfeld, so auch auf dem ökonomischen Felde 
durch den Staats kredit immer noch allein derjenige 
ist, welcher die großen Arbeiterbataillone in Bewegung 
setzen und den Sieg damit bestimmen kann. 

Dies leitet von selbst zu der Widerlegung jenes Ein- 
wandes, auf den Sie das Haupt gewicht zu legen schei- 

304 



nen. Wie soll der Staat ein solches RisiJto übernehmen, 
rufen Sie aus ! 

Das Risiko ist eine Illusion, Herr Schulze ! 

In der Tat, der Unternehmer Peter und der Unter- 
nehmer Paul laufen Gefahr, bei der Produktion ihr Ka- 
pital zu verlieren. Denn es ist möglich, daß die Unter- 
nehmer Christoph, Gottlieb und Johann ihren Absatz an 
sich reißen. 

Wenn aber der einzelneProduzent diese Gefahr 
läuft, so läuft d i e Produktion doch durchaus keine solche 
Gefahr. Die Produktion ist von stetigem Gewinn und 
Wachstum begleitet. Lesen Sie nur das erste beste stati- 
stische Buch darüber nach, in welchem beständigen jähr- 
lichen Zunehmen das in der Produktion angelegte Natio- 
nalkapital begriffen ist. 

Es wird Ihnen nun einleuchten, daß, wenn der Staat 
zu einer solchen Befreiung der Arbeit im großen sich 
entschlösse, sich in jeder Stadt nicht einzelne Arbeiter, 
sondern alle Arbeiter des betreffenden Gewerkes, also 
das ganze Gewerk selbst, oder mindestens alle 
solche Arbeiter desselben, die sich überhaupt zu Pro- 
duktivassoziationen vereinigen wollen, zur Assoziierung 
melden v/ürden. 

Wollten Sie hieran im mindesten zweifeln, so mache 
ich Sie darauf aufmerksam, daß schon in Paris im Jahre 
1848, als der Staat nach der Junirevolution, um den 
siegreich niederkartätschten Arbeitern scheinbar gerecht 
zu werden, durch Dekret vom 5. JuH 1848 die lächer- 
liche Staatssubvention von 3 Millionen Franken für 
Arbeiterassoziationen bewilligt hatte, diese Erscheinung 
als der natürliche Trieb der Massen nachdrücklich her- 
vortrat. 

So meldeten sich in Paris 30000 Schuhmaclier, um 

20 LaäsaUe, Ges. Sctriften, Band V. 305 



eine einzige Schuhmacherassoziation zu bilden^). Selbst- 
redend, daß sie der zur Bewilligung jener Subventionen 
niedergesetzte Conseil d'encouragement, jener „Ermuti- 
gungsrat", der ein wahrer ,,E nt mutigungsrat war" mit 
ihrem Gesuche abwies^). 



^) Etudes sur les assodationes ouvrieres par Mr. le vicomte 
Lemercier, p. 92. 

^) Lassalle verfällt hier in einen Irrtum. Nicht 30 000 Schuh- 
macher meldeten sich bei dem „conseil d'encouragement", dem 
damals noch eine Anzahl sehr eifriger Anhänger des Asso- 
ziationsgedankens angehörten, sondern, heißt es an der von 
Lassalle zitierten Stelle bei Lemercier, der übrigens meist nur 
Andre Cochut, Les Associations ouvrieres, Paris 1851, nach- 
schreibt: ,,ein einziges Projekt einer Assoziation von Schuh- 
machergehilfen sollte 30000 Personen umfassen" (,,vm seul 
projet d'associations entre ouvriers cordonniers devait reunir 
trente mille personnes"). Es hatten nämlich, als der Be- 
schluß bekannt woirde, Assoziationen von Staatsvvegen zu unter- 
stützen, große Versammlungen von Schuhmachern Resolutionen 
im obigen Sinne zugestimmt. Aber erstens waren das im gün- 
stigsten Falle vielleicht ein Drittel oder ein Viertel der Ge- 
samtzahl der Pariser Schuhmachergehilfen, und dann darf man 
solche improvisierten Beschlüsse doch nur als das nehmen, was 
sie in der Tat sind: Sympathiebezeugungen für eine Idee, von 
denen selbst bei günstigen Bedingungen bis zur Ausführung 
immer noch ein guter Schritt ist. Jedenfalls kann dem Er- 
mutigungsrat kein Vorwurf daraus gemacht werden, daß er bei 
seinen beschränkten Mitteln sich auf ein so vages Projekt 
nicht einließ — man denke, er hatte im ganzen nur drei Mil- 
lionen Franken für alle Zweige des Ackerbaus und der In- 
dustrie in ganz Frankreich zu vergeben! 

Ahnlich wie mit den Schuhmachern stand es mit den Schnei- 
dern. Bei diesen herrschte nach Cochut und Lemercier gerade 
,,tote Saison" als die Nationalversammlung den KreJit für die 
Gründung von Produktivgenossenschaften bewilligte. Überhaupt 
lagen die Geschäfte zu jener Zeit sehr darnieder. Die Massen- 
werkstatt in den Räumen des alten Schuldgefängnisses war 

306 



So umfaßte die beabsichtigte „association fraternelles 
des tailleurs", „die brüderliche Assoziation der Schnei- 
der" sämtliche und zwar über 20000 Schneider in Paris, 



mehr ein Notstandsunternehmen als eine Produktivassoziation 
gewesen. Die Stadtvertretung motivierte die Zurückziehung des 
Kontraktes damit, daß die Lieferungszeiten nicht innegehalten 
worden seien, kolossale Materialvergeudung stattgefunden habe 
eto. etc., aber dem Komitee der Arbeiter gelang es, nachzu- 
weisen, daß die Schuld nur zum verschwindenden Teil ihnen 
zur Last fiel, und auch dies nur, well im Anfang man mit un- 
geübten Zuschneidern zu tun hatte. Im ganzen schienen die Ar- 
beiter — es v/aren natürlich keine 20000, die wären mit den 
100000 Uniformen bald zu Ende gewesen — sich vielmehr 
ganz vorzüglich gehalten zu haben. Indes, wie gesagt, zwischen 
einer Gruppe Arbeitern, die einen bestimmten Auftrag zu be- 
stimmten Bedingungen ausführt, und einer selbständig wirt- 
schaftenden Produktivassoziation besteht ein sehr großer Unter- 
schied. 

Was die Klempner und Weißgießer anbetrifft, so haben 
wir es da auch mit Versammlungsbeschlüssen zu tun, bei denen 
man sogar auch die Meister mit in die Assoziation übernehmen 
wollte. Aus den anderen Industrien dagegen liefen Gesuche von 
allerhand Teilgruppen ein, die vorläufig auch nichts anderes als 
für ihren eigenen Profit arbeitende Assoziationen sein wollten; 
so von Angehörigen des Buchdruckergewerbes 19, von Metall- 
arbeitern 18, von Webern 16, von Spinnern und Bauhand- 
werkern je 22 Gesuche etc. Die Erfahrungen mit den Produk- 
tivgenossenschaften des Jahres 1848 sind solche, daß sie sich 
weder für, noch gegen die Lasallesche Idee verwenden lassen. 
Sie beweisen nur, daß zu jener Zeit auf Seiten der Arbeiter 
sehr viel guter Wille, aber auch sehr viel Unklarheit vorhanden 
war. Die wahnsinnigsten Projekte liefen bei dem Ermutigungs- 
rat ein, die zu entmutigen nicht nur die Rücksicht auf den 
Geldbeutel, sondern auch die auf den gesunden Menschen- 
verstand gebot. 

Was beiläufig die Geldmittel anbetrifft, so ist folgende Be- 
merkung des Herrn Thiers an den Berichterstatter des Ar- 

307 



und schon am 28. März 1848 hatten sie einen Kontrakt 
mit der Stadt Paris über die Lieferung von 100000 Uni- 
formen abgeschlossen und sich in den Räumen des durch 
die Aufhebung der Schuldhaft disponibel gewordenen Ge- 
fängnisses von Clichy zur Ausführung dieses Kontraktes 
niedergelassen. Aber unter dem Vorwand, daß diese große 
Anhäufung von Arbeitern an einem Orte für die öffent- 
liche Ruhe gefährlich sei, wurden sie einige Wochen nach 
der Junischlacht aus den Sälen von Clichy verjagt und 
die Stadt brach ihnen auf das Schmählichste unter Zah- 
lung einer Entschädigung von 30000 Frks. den mit ihnen 
abgeschlossenen Kontrakt. Von einer Subvention war erst 
recht nicht die Rede^). 

Ebenso beabsichtigte die ganze Korporation der 
,,ferblantiers-lampistes", der Klempner und Weißgießer, 
schon seit dem 12. März 1848 eine Assoziation zu grün- 
den. Aber auch den Klempnern wurde die Staatsunter- 
stützung verweigert^). 

Sie sehen also, daß im Arheiterstande von selbst der 
lebendige Trieb vorhanden ist, immer einen ganzen 
Produktionszweig in einer Stadt in eine Asso- 
ziation zu konzentrieren. Überdies würde der Staat diesem 



beiterkomitees, dessen Antrag die Kammer am 5. Juli 1848 un- 
verändert annahm, bezeichnend: „Nicht drei Millionen mußtet 
ihr von uns fordern, sondern zwanzig Millionen, und wir hätten 
sie euch bewilligt. Ja, zwanzig Millionen wären nicht zu viel 
gewesen, eine eklatante Erfahrung zu machen, die euch alle 
von dieser großen Torheit kuriert hätte." D. H. 

^) Siehe Lemercier a. a. O., p. 136 bis 145, Ich bemerke 
dabei ausdrücklich, daß der Vicomte von Lemercier, auf den 
ich mich für die obigen und noch einige folgenden Tatsachen 
beziehe, ein Reaktionär und den Arbeiterassoziationen im 
ganzen abgeneigt Ist. 

-) Lemercier a. a. O., p. 146 bis 149. 

308 



Triebe nachhelfen, indem er in jeder Stadt nur einer 
Assoziation in jedem besonderen Gewerkszweige den 
Staatskredit zuteil werden ließe, allen Arbeitern dieses 
Gewerkes den Eintritt in dieselbe natürlich offen haltend. 

Es würde dem Staat natürlich nicht in den Sinn kom- 
men, innerhalb der Arbeiterwelt dieselben 
Erscheinungen einzuführen, welche die Bourgeoisie 
charakterisieren, und auch die in kleinen Gesellschaften 
gruppierten Arbeiter in konkurrierende Bour- 
geois zu verwandeln. Das lohnte der Mühe ! Kurz, wie 
auch in meinem ,, Antwortschreiben" durch den Kredit- 
und Assekuranzverband der Assoziationen hinreichend an- 
gedeutet war : die Produktivassoziationen, das 
ist die an jedem Ort in die verschiedenen Produktions- 
zweige zerfallende Produktivassoziation! Es wäre 
also sehr bald an jedem Orte immer ein ganzer Pro- 
duktionszweig in eine einzige Assoziation kon- 
zentriert, und jede Konkurrenz zwischen Assoziationen 
einer Stadt von vornherein unmöglich, wodurch, wie Sie 
sehen, für die Assoziation das Risiko, welches der 
einzelne Unternehmer für sein Kapital läuft, besei- 
tigt ist und die Assoziation sich der gesicherten, 
immer vorschreitenden Blüte bemächtigt, welche ,,der 
Produktion" eigen ist. 

Überdies habe ich schon, wie bereits bemerkt, in meinem 
,, Antwortschreiben" (p. 28^)) darauf aufmerksam ge- 
macht, wie nicht nur ein Kredit verband die sämt- 
lichen Arbeiterassoziationen, sondern auch ein Asse- 
kuranzverband entweder sämtliche Arbeiterassozia- 
tionen überhaupt oder zunächst vielleicht praktischer bloß 
sämtHche Arbeiterassoziationen im Lande innerhalb 
desselben Gewer kzweiges umfassen und alle 

1) Bd. III. S. 76/77 dieser Ausgabe. D.H. 

309 



etwaigen Verluste zur Unmerklichkeit ausgleichen könnte. 
Auch sehen Sie beiläufig, daß durch die gegenseitige Mit- 
teilung und Einsicht der Bilanzen und Geschäftsbücher 
innerhalb der Assoziationen desselben Gewerkes im 
Lande das gleiche Mittel gegeben wäre, solche Pro- 
duktionszweige, die aus besonderen Ursachen in 
einer bestimmten Stadt nicht blühen können, in dafür 
vorteilhafter gelegene Orte zu versetzen. 

Das Risiko des Kapitals existiert also für die Ar- 
beiterassoziationen nicht, weil es nur für jeden der kämp- 
fenden, konkurrierenden Produzenten durch diesen Kampf 
selbst, nicht aber für d i e Produktion, welche durch die 
Assoziation dargestellt wird, existiert ! 

Sie sehen hier auch recht deutlich wieder, wie Ihnen 
Stück für Stück Ihr ganzes Rüstzeug, mit welchem Sie 
und die liberale Schule den Kapitalprofit begründen wollen, 
zusammenbricht. 

Das , .Risiko" soll der gerechte und hauptsächliche 
Grund des Kapitalprofits sein! Nun, wäre dem selbst so, 
so sehen Sie jetzt, daß dies doch höchstens eben nur von 
der jetzigen Welt gilt, daß es aber ein Mittel gibt, 
die Produktion s o zu gestalten, daß alles Risiko und 
damit auch jede Gerechtigkeit des Kapitalprofits ver- 
schwindet. Mit anderen Worten : das Risiko ist nur 
eine rein negative Erscheinung. Es ist nur, wie ich 
Ihnen oben entwickelt (p. 208O) die Rache für das 
Übel, die konsequente Rache dafür, daß statt der 
Arbeit das Kapital als erwerbend ^) gesetzt ist. Be- 



1) S. 295 dieser Ausgabe. D. H. 

") Wohl ein Druckfehler, für ,, werbend ', welches Wort 
Lassalle vorher wiederholt gebraucht hat. „Erwerben tut der 
Arbeiter auch, aber seine Arbeit ,, wirbt" nicht im Sinne der 
bürgerlichen Ökonomie, d. h. sie bringt ihrem Urheber keinen 

310 



seitigt man das Übel, so fällt damit auch die negative 
Rache für dasselbe, die sich nach Ihrer und der libe- 
ralen Ökonomen geistreichen Weltanschauung in einen 
positiven Recht sgrund für das Übel verwan- 
delt, von selbst weg ! — 

Stück für Stück, sage ich, bricht Ihr ganzes Rüstzeug 
zusammen, und so jämmerlich, daß dies jetzt selbst den 
blödesten Augen klar sein muß. Denn ebenso ergeht es 
jetzt der , .geistigen Arbeitsvergütung" für die Geschäfts- 
leistung, die nach Ihnen die Natur des Untemehmerge- 
winns bilden soll. Wenn es den Herren Bürgern wirklich 
nur um ihren , .geistigen Arbeitslohn" zu tun ist, 
der aber in Wahrheit nur ein winziges, winziges Teilchen 
des heutigen Unternehmereinkommens ist, — sehen Sie 
denn nicht, Herr Schulze, daß sie diesen dann ebensogut 
und noch reichlicher in diesen großen Arbeiterassozia- 
tionen finden würden und also gar keinen Grund hätten, 
sich gegen diese Maßregel zu ereifern ? Denn Geschäfts - 
leiter, Fabrik- und Betriebsdirektoren, Buchhalter, Kas- 
senführer, kurz geistige Leistung aller Art würden ja 
auch diese großen Assoziationen brauchen, und die Herren 
Bürger könnten sich da also sehr nützlich machen und 
ihren ,, geistigen Arbeitslohn" ebensogut da, wie heut in 
ihren Geschäften verdienen. Ja, dieser geistige Arbeits- 
lohn würde dann weit reichlicher sein, als was heute für 
geistigen Arbeitslohn gezahlt wird, oder in dem heutigen 
Unternehmereinkommen wirkhch hierauf zu rechnen ist. 
Denn ich habe Ihnen bereits in meinem ,, Arbeiterlese- 
buch" (p. 53-^) nachgewiesen, wie die Erhöhung der 



Überschuß ein über seine notwendigen Unterhaltskosten. Über 
Lassalles Behandlung der Frage des ,, Risiko" vgl. meine bio- 
graphische Abhandlung, S.218'219. D.H. 
1) Bd. III, S. 264 dieser Ausgabe D. H. 



311 



Bezahlung der unqualifizierten, gewöhnlichen Arbeit auch 
eine entsprechende Erhöhung der Bezahlung aller quali- 
fizierten und geistigen Arbeit hervorbringen muß, 

Soll ich erst noch ein Wort über Ihr vortreffliches» 
Argument verlieren, wie sehr der ,,S teuer s äckel" 
durch eine solche Staatsmaßregel belastet werden würde ? 
Dieser „Steuers äckel" würde zu diesem Zwecke 
gar nicht einmal gezogen zu werden brauchen ! Alles Ka- 
pital ist Produktions Vorschuß, welcher sich in der Pro- 
duktion im Erlös der Produkte von selbst ersetzt, und 
zerfällt in zwei Abteilungen : 1. zirkulierendes Ka- 
pita 1 ; dieses ersetzt sich in der Produktion im Laufe 
eines Jahres, selbst weniger Monate ; ja, es wird zum 
großen Teil von den Unternehmern, die selbst wieder 
bei ihren Rohstofflieferanten Kredit in Anspruch neh- 
men, erst bezahlt, nachdem es sich bereits in dieser 
Weise ersetzt hat. Diesen Kredit würden aber die 
einmal durch den Staatskredit gesicherten Arbeiterasso- 
ziationen ebensogut bei den Lieferanten ihrer Rohstoffe 
finden, wie die allerreichsten Privatunternehmer, und was 
das noch übrig bleibende Geldbedürfnis hierfür beträfe, 
so würde es durch die bloße Anweisung an die König- 
liche Bank, die Wechsel dieser Arbeiterassoziationen zu 
diskontieren, mehr als hinreichend befriedigt werden. 
2. stehendes Kapital. Auch dieses wird in unserer 
industriellen Produktion in der Regel innerhalb einer kur- 
zen Reihe von Jahren amortisiert. Und dieses Kapital 
vorzuschießen würde, wie ich Ihnen bereits in meinem 
,, Arbeiterlesebuch" (p. 46ff. ^)) nachgewiesen habe, 
durch eine Staatsbank mit Leichtigkeit bewerkstelligt 
werden können, so daß der „Steuersäckel" für diese 



1) Bd. III. S. 252 ff. dieser Ausgabe. D.H. 

312 



Wie<dergeburt des Menschengeschlechts nicht einmal in 
Anspruch genommen zu werden braucht^). 

Ich habe Ihnen gezeigt, wie die Produktivassoziation 
der Gesellschaft den unendlichen Vorteil bringen würde, 
das Risiko des Kapitals und die damit zum Teil ver- 
bundenen wirklichen Kapitalzerstörungen zu 
vermeiden. Wollen Sie im Fluge einige andere Quellen 
einer immensen Bereicherung der gesamten Gesell- 
schaft betrachten, welche dieser Produktionsmodus er- 
öffnen würde ? 

Wir haben gesehen, wie die sämtlichen Arbeiterasso- 
ziationen im Lande in einen Kreditverband und 
mindestens zunächst die Assoziationen desselben Pro- 
duktionszweiges im Lande in einen Assekuranz- 
verband treten würden. 

Sie begreifen nun also von selbst, daß alle diese Asso- 
ziationen sehr bald den natürlichen Trieb zu einer ein- 
heitlichen Organisation untereinander empfinden 
würden, und wäre es mindestens zunächst auch nur s o - 



^) Wir gehen auf verschiedene, schon früher erörterte Ein- 
würfe auf den Lassalleschen Finanzplan und die Ausmalung 
der Funktionen der Produktivgenossenschaften nicht noch ein- 
mal ein. Daher kurz nur soviel : was Lassalle hier und im 
folgenden von der Produktivgenossenschaft sagt, sind sogenannte 
petitiones prindpii, Sätze, deren Voraussetzungen noch un- 
bewiesen sind, denn auf die schwierigsten Fragen, die sich 
hierbei erheben, geht Lassalle einfach nicht ein. Welches Motiv 
kann z. B. die Assoziation, wie er sie sich dachte, veranlassen, 
arbeitssparende und damit Arbeiter überflüssig machende Ma- 
schinen einzuführen? Würde es stark genug sein, die ihm ent- 
gegenwirkenden Motive zu überwinden? Bevor diese Frage 
nicht befriedigend beantwortet ist, kann man auch nicht apo- 
diktisch behaupten, daß jene Assoziation eine größere Steige- 
rung der Produktion zur Folge haben werde als die kapitali- 
stische Konkurrenz. D. H. 

313 



weit, um sich gegenseitige Kenntnis von dem Zu- 
stande und den Bedingungen der gesamten Produktion zu 
geben. (Bei diesen Worten, Herr Schulze, reißen Sie 
sich und Ihre ganze, an die bei dem heutigen Geschäfts- 
betrieb aus guten Gründen stattfindende Geheimniskräme- 
rei gewöhnte kleinbürgerliche Welt vor Wut und Ver- 
zweiflung die Haare aus!) Auch hat sich dies natürliche 
Bedürfnis zur Solidarisierung aller Produktion im 
Arbeiterstande sofort im Jahre 1848 in Paris gezeigt. 
Gegen Ende 1848 ernannten zu dem Zweck, alle Asso- 
ziationen untereinander in gewissen Grenzen zu zentrali- 
sieren, die in Paris bestehenden Arbeiterassoziationen hun- 
dert Delegierte, die sich als ,,Chaml)re du travail", als 
,, Arbeitskammer" konstituierten. Aber ,,le pouvoir les 
empecha bientöt de se reunir", ,,die Staatsgewalt verhin- 
derte sie sehr bald zusammenzukommen" ^). 

Allein das Bedürfnis der Solidarität war zu leben- 
dig im Arbeiterstande, um dem ersten Polizeihindernis 
zu weichen. Im Oktober 1849 führte dieses Bedürfnis 
von neuem zu der Entstehung der ,, Union fraternelle des 
associations", ,, Brüderlichen Vereinigung der Assozia- 
tionen". Aber am 29. Mai 1850 wurden diese Delegierten, 
49 an der Zeihl, versammelt rue Michel le Comte, am 
Sitze der Gesellschaft, um den Bericht über die Arbeiten 
der Kommission entgegenzunehmen, verhaftet, in Mazas 
eingekerkert und nach fünfmonatlicher Untersuchungshaft 
von dem Assisenhofe unter dem Vorwand, eine geheime 
politische Gesellschaft gebildet zu haben, ver- 
urteilt ! ! 

Sie sehen, Herr Schulze, wie Ihre ganze kleinbürger- 
liche crapule nur noch dank der Polizeigunst existiert, die 
ihr der Staat gewährt ! 

^) Lemeroier a. a. O., p. 194. 

314 



Wehe ihr, wenn er eines Tages auf andere Gedanken 
kommt ! 

Zunächst also, sage ich, würde diese einheithche Or- 
ganisation aller Assoziationen im Lande untereinander min- 
destens so weit gehen, sich gegenseitig Kenntnis von 
dem Zustand und den Bedingungen der gesamten Pro- 
duktion zu geben. Und sehen Sie also nicht, daß in den 
Geschäftsbüchern dieser sämtlichen Assoziationen 
und durch die zur Kenntnisnahme derselben niedergesetz- 
ten Zentralkommissionen die wahrhafte Grund- 
lage für eine wissenschaftliche Statistik des 
Produktionsbedarfes und hierin also bald genug die Mög- 
lichkeit gegeben wäre, die Überproduktion zu ver- 
meiden ? Und selbst solange dies noch nicht völlig möglich 
wäre, würden sich die Überproduktionen, da diese Asso- 
ziationen bei ihren gewaltigen Mitteln dem Bedürfnisse 
konkurrierendenLosschlagens enthoben wären, 
in einfache Vo rausproduktion verwandeln. Begrei- 
fen Sie aber, was das heißt ? welche Quelle des Segens 
und der Bereicherung es für die ganze Gesellschaft wäre, 
ihr die Überproduktion und ihre Krisen zu er- 
sparen ? 

Werfen Sie den Blick auf eine andere immense 
positive Bereicherung für die ganze Gesellschaft, 
welche diese Gesamtproduktion herbeiführen 
würde. 

Haben Sie nie von der Kostenersparnis gehört, 
welche durch die große Produktion bewirkt wird ? 
Folianten müßte ich vollschreiben, wenn ich alles an- 
führen wollte, was seit Arthur Yo u n g hierüber nach- 
gewiesen worden ist ! Also nur beispielsweise einige wenige 
Zitate, die mir zufällig gerade durch die Hände laufen. 
Graf Rumford hat nachgewiesen, daß ein Backofen, der 

315 



bei der ersten Heizung 366 Pfund Holz erfordert, bei 
ununterbrochener Heizung von der sechsten an nur je- 
v/eilige 74 Pfund nötig hat^). Und Geheimrat Engel 
hat gezeigt, daß bloß das Königreich Sachsen durch 
Konzentrierung der Brotbäckerei in Fabriken mit un- 
unterbrochenem Betriebe jährlich aliein an Brennmate- 
rial mindestens eine Million Taler ersparen 
würde ^). Derselbe Geheimrat Engel berechnet unter an- 
derem (Zeitschrift pro 1856), daß ein Taler Anlage- 
kapital in den Baumwollenspinnereien Sachsens in fol- 
gender Weise produktiv ist : 

Bei Baumwollenspinnereien von 
unter bis aus 1000 Spindeln jährlich 17Ngr. 0,9 Pf. 
von 1001 „ „ 2000 „ „ 28 .. 4,8 .. 
von 5001 „ „ 6000 .. „ 31 ,. 4.7.. 

von über 12000 „ „ 36 .. 4.6 .. 

Haben Sie also eine Vorstellung von der — selbst ab- 
gesehen von der Ve rteilung — ungeheuren po- 
sitiven Bereicherung der gesamten Gesell- 
schaft, welche infolge dieser Kostenersparnisse und 
Steigerung der Produktionserträge durch die Konzentrie- 
rung der Produktion und jene großen Assoziationen her- 
beigeführt würde ? 

Sie sehen, dieselbe würde nicht nur die Distribu- 
tion umgestalten, sondern auch durch die Beseitigung 
der heutigen zerbröckelten Produktion die Produk- 
tion selbst in einem ungeahnten Grade vermehren^). 



^) Kleine Schriften, I. Beilage Nr. 28. 

2) Statist. Zeitschrift. 1857. S.54. 

^) über die Bereicherung, welche durch die konzen- 
trierte Produktion, durch Unterdrückung von Spesen, 
Transportkosten etc. gegeben wäre, kann mein schon Sir Wil- 
liam Petty nachsehen, wo er die Vorteile der großen Städte 

316 



Werfen Sie von hier aus einen Blick auf den Welt- 
markt! Der Nation gehört der We 1 1 m a r k t , welche 
sich zuerst zur Einführung dieser sozialen Umwandlung 
in großartigem Maßstabe entschließt ! Er wird die ver- 
diente Belohnung ihrer Energie und Entschlußfähigkeit 
sein. Die Nation, welche hierbei vorangeht, wird durch 
die Billigkeit der konzentrierten Produktion zu den Ka- 
pitalisten der anderen Nationen eine noch weit über- 
legenere Stellung einnehmen, als England so lange 
Zeit hindurch den Kontinentalnationen gegenüber durch 
die größere Konzentrierung seiner Kapitalien behauptet 
hat. — 

Ich habe Ihnen bereits drei große Ursachen des ver- 
mehrten Reichtums der ganzen Gesellschaft, welcher 
durch die Produktivassoziationen bewirkt wird, aufge- 
zeigt. 

Kommen wir zu einer vierten, fünften und sechsten. 

Mit Befriedigung können wur hier eintragen, daß sich 
auch der neueste nationalökonomische Schriftsteller Eng- 
lands, Mr. Henry Fawcett, gerade für die Ackerbau- 
produktion, bei welcher man die Möglichkeit von 
Arbeiterassoziationen besonders bezweifelt hat, sich mit 
besonderem Nachdruck für dieselben ausspricht^). 

Hierbei ist es zunächst am Ort, flüchtig den Grund 
hervorzuheben, warum sogar nur bei der Produktivasso- 
ziation auf großem Fuße der Ackerbau zu seiner ganzen 
Ertragsfähigkeit gebracht werden kann. Die meisten Bo- 
denameliorationen stellen einen Rentenkauf dar, die Ver- 
ausgabung eines Kapitals, welches sich bei ihnen nur in 
einer langen Reihe von Jahren als Rente ersetzt, nicht 

für Industrie und Handel entwickelt, Several Essays in Poli- 
tical Arithmetik, 4. Ausg. London, 1754, p. 29. 

^) Manual of Political Economy. London, 1853, p. 292. 

317 



aber auf einmal wieder als Kapital herausgezogen 
werden kann. Bei der bestehenden Nötigung aber, jedes 
hypothekarisch aufgenommene und durch die Bodename- 
lioration in Rente verwandelte Kapital binnen einer kurzen 
Anzahl von Jahren dem Gläubigsr wieder als Kapital 
zurück zu gewähren, sind daher die wichtigsten und er- 
tragreichsten Bodenameliorationen dem Grundbesitzer, 
wenn er nicht zufällig auch noch außerdem großer 
Kapitalist ist — und dies ist bekanntlich nur in den 
allerseltensten Ausnahmen der Fall — so gut wie un- 
möglich ^). 

Erst die Produktivassoziation befände sich bei ihren 
großartigen Mitteln in der Lage hierzu. 

Auf die anderweitige aus dem großen Betrieb 
hervorgehende Steigerung der Acker bauproduktivität, zu- 
mal des Natural ertrages, kann hier nicht eingegangen, 
sondern eben nur in diesen Worten hingedeutet werden. — 

Verweilen wir aber einen Moment bei der Frage, wa- 
rum Mr. Fawcett wohl die Produktivassoziation für noch 
mehr angebracht hält bei der Ackerbau- als bei der In- 
dustrieproduktion. 

Seine Worte hierüber sind folgende : ,,The trade to 
which the cooperative principle is applied ought not to 
be of a speculative nature", ,,der Gewerbszweig, 
auf welchen das kooperative Prinzip angewendet wird, 
sollte nicht von einer spekulativen Natur sein." 

Sieht man genau zu, so ist hierin ein sehr richtiges 
Moment enthalten, welches aber wieder nur zu einem 
weiteren großen Vorteil der Produktivassoziation um- 
schlägt. 



^) Vgl. die Broschüre von Rodbertus, Die Handelskrise 
und die Hypothekennot der Grundbesitzer, 1857. 

318 



In der Tat, ein Talent ist der Bourgeoisie ganz 
eigentümlich: das spezifische Spekulations- 
talent. Dies spezifische Spekulationstalent löst sich 
seinem realen Inhalt nach überall auf in die Frage : durch 
welche Listen reiße ich am besten den Absatz oder das 
Einkommen meines Mitproduzenten an mich ? Es ist das 
aus der freien Konkurrenz hervorgehende Talent, welches 
nicht die Steigerung und Vermehrung des gesamten Pro- 
duktionsertrages, sondern die Verteilung desselben, 
seine Umschüttung aus den Händen des einen Indi- 
viduums in die des anderen zur Folge hat. Es ist das 
Talent der Übervorteilung. Hierin steht, der Wahr- 
heit die Ehre, die bürgerliche Periode unerreichbar da ! 
Von Jugend an erzogen in dieser Lebenslust der freien 
Konkurrenz, ist dieselbe den Herren Bürgern zu einem 
angeborenen Elemente geworden. Wie der Indianer in 
den Wäldern die Spur des Wildes an Zeichen gewahrt, 
welche dem Europäer schlechthin unverständlich sind, so 
haben sie einen eigenen Sinn dafür erlangt, jede Über- 
vorteilungsmöglichkeit auszuspüren. 

Der Arbeiter ist produktiv, das produktive Talent 
der Bourgeoisie teilt er vollkommen. Aber dieses spe- 
kulative Talent derselben hat er allerdings nicht und 
wird es hof fentKch n i e bekommen. 

Ein Grund mehr, aus welchem es sehr möglich ist, 
daß kleine Arbeiterassoziationen — wie sie Herr Faw- 
cett sich denkt — von der Bourgeoisie erdrückt werden. 

So wenig aber die Listen und Ränke des Fuchses dem 
Tatzenschlag des Löwen gegenüber, so wenig die ge- 
schärften Sinne des Indianers dem Peletonfeuer des Euro- 
päers gegenüber aushalten, so wenig würde dies spekula- 
tive Übervorteilungsgenie den großen Bataillonen 
der Assoziation der Produktionszweige und 

3ig 



der durch sie bewirkten Billigkeit gegenüber auch nur 
irgend in Betracht kommen. Und durch die glückliche 
Beseitigung dieses Spekulationstalentes wäre ein weiterer 
großer Vorteil gegeben, sowohl in sittlicher wie in 
ökonomi scher Hinsicht. Denn allerdings führt dieses 
spekulative Übervorteilungstalent eine Masse von „faux 
frais" (unnützen Kosten) in seinem Gefolge, Annoncen, 
Reklame, aufdringliche Handlungsreisende, trügerische 
Etiketten, Fälschung der Warenqualität, Bezahlung von 
Zeitungsredakteuren, Bestechung etc. etc. etc., kurz, Puffs 
aller Art, zu denen jetzt mehr oder weniger jeder ge- 
zwimgen ist, weil sein Konkurrent sie ergreift und die, 
wenn sie auch in einzelnen Fällen lohnen, doch die Pro- 
duktion in ihrem Gesamtdurchschnitt sehr er- 
heblich verteuern. 

Eine andere und große Bereicherung der Gesellschaft, 
welche durch die Produktivassoziation entstünde, liegt in 
der Veränderung der Richtung der Produktion, 
welche dieselbe zur Folge hätte, und kann hier gleichfalls 
nur kurz hingeworfen werden. Die Gegenstände der Pro- 
duktion richten sich vorherrschend nach der Konsumenten- 
zahl, die sie finden und werden durch diese bestimmt. 
Konsumenten ohne Zahlmittel - - und somit heut der 
Arbeiterstand für alles, was die unentbehrlichen Lebens- 
mittel übersteigt — sind keine Konsumenten. 

Indem durch die geänderte Verteilung des Produktions- 
ertrages die Arbeiter In zahlungsfähige Konsumenten um- 
gewandelt werden, werden sich die Produktionsgegen- 
stände vorherrschend nach dem Bedürfnis und Geschmack 
des Arbeiterstandes richten, d. h., es wird Im wesent- 
lichen folgende Umwandlung eintreten : es wird dem Ge- 
schmacke dieses Standes gemäß das Nützliche und 

320 



das Schöne^) produziert werden, nicht, wie heutzutage 
in Gemäßheit des Geschmackes der Bourgeoisie, das 
Teure, weil es teuer ist und weil sich also in ihm, ob 
es auch noch so unnütz und unschön sei, der Reichtum 
des Besitzers zur Schau stellen läßt. Die durch diese 
veränderte Produktionsrichtung entstehende Vermehrung 
des gesellschaftlichen Reichtums darf keineswegs als ge- 
ringfügig angesehen werden. 

Durch die nahe Verbindung des Staates mit der 
Produktion, welche durch die Produktivassoziationen 
hervorgebracht würde, wäre es endlich auch allein mög- 
lich, eine Masse von Unternehmungen ins Werk zu setzen, 
welche von den unermeßlichsten Folgen für die Wo h 1 - 
fahrt und den Reichtum des Volkes wären und heut- 
zutage dennoch von niemand unternommen werden kön- 
nen. Es ist an und für sich und selbst abgesehen von 
allen unseren bisherigen Erörterungen eine viel zu allge- 
meine und daher durchaus unwahre Behauptung, daß die 
freie Konkurrenz ein Mittel ist, den Reichtum der 
Gesellschaft als solcher zu fördern; nur i n - 
sofern ist dies wahr, als der hervorzurufende neue 
Reichtum sich zugleich ganz oder zum Teil von den 
unternehmenden Privatindividuen in Beschlag nehmen und 
ausbeuten läßt. Nur unter dieser Bedingung hat ein 
Individuum und ein Kapital unter der freien Konkurrenz 



^) Mit Recht hebt Huber (Konkordia, p. 20) hervor, daß 
die Assoziation der sogenannten Pioniers in Rochdale einen 
öffentlichen Trinkbrunnen setzen ließ, der „meilenweit in 
dem Gebiet der Dampfindustrie fast das einzige in die Augen 
fallende Kunstwerk ist". 

Auch ein neuer Kunstdurchbruch — wie wenig hier 
dieser Zusammenhang auch entwickelt werden kann — wird 
erst aus dieser Weltwende hervorgehen. 

21 LassJle. Ges Sctriften. Band V 321 



die Veranlassung oder auch nur die Möglichkeit, eine 
Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums herbeizu- 
führen. Große Unternehmungen aber, und wenn sie die 
höchste Bereicherung der Nation zur Folge hätten, 
können, falls sie nicht zugleich dieser Bedingung entspre- 
chen, d. h., also geeignet sind, ihren Ertrag ganz oder 
zum Teil auf längere oder kürzere Zeit in die Tasche 
eines Individuums auszuschütten, unter der freien Kon- 
kurrenz schlechthin nicht vorgenommen werden. Um unsere 
Ansicht durch einige Beispiele klarzumachen : seit Jahren 
hat unser berühmter Physiologe Burmeister nachgewiesen, 
daß nichts leichter sein würde, als die unzäliligen Büffel- 
herden, die in Texas und anderen Staaten Zentral- und 
Südamerikas bis dicht ans Meeresufer weiden, von den 
Eingeborenen zum Vergnügen geschossen und dann, weil 
niemand dort ihrer bedürftig ist, liegengelassen werden, 
bis sie verfaulen, zur Ernährung der kartoffelernährten 
europäischen Arbeiterbevölkerung zu benutzen, indem sie 
erlegt und ihr Fleisch dort an Ort und Stelle in eine 
Gallert konzentriert würde, welche bei voller Bewahrung 
ihrer Nahrungsfähigkeit auf ein so geringes Volumen zu- 
sammengedrückt werden kann, daß der Transport der 
erstaunlichen Massen einen gamicht einmal nennenswerten 
Kostenaufwand erforderte. Oder vor mehr als 100 Jahren 
hat der Weltumsegler Cook erklärt, daß, wer einen ein- 
zigen Brotbaum gepflanzt habe, so viel und mehr für die 
Ernährung des Menschengeschlechtes getan habe, als ein 
europäischer Arbeiter, der sich sein ganzes Leben lang 
abquält. Der Nahrungsgehalt der Brotbaumfrüchte könnte 
auf den Gesellschaftsinseln ebensogut durch Expeditionen 
in einen solchen konzentrierten, einen minimen Raum ein- 
nehmenden Zustand versetzt werden. Beim Krimkriege 
hat man sich von der MögKchkeit solcher Komprimie- 

322 



rangen, die damals für die Armeen statt hatten, vollkom- 
men überzeugt •'^). Unser darbendes und hungerndes 
Vo 1 k , die schlesischen Weber, die sächsischen Erzge- 
birgarbeiter, der rheinische Fabrikproletarier, die so oft 
kaum den ruinierenden Genuß der Kartoffel erschwingen 
können, hätten fast umsonst Brot und Fleisch! 

Aber wie sollte das heute auch nur möglich sein ? 
Welcher KapitaKst sollte die großen Kostenvorschüsse 
zu solchen Expeditionen und Versuchen machen, zumal, 
wenn sie noch so glänzend gelängen, daran nicht das ge- 
ringste ,, Geschäft" zu machen wäre, da dann sofort an- 
dere Kapitalisten oder andere Kapitalistengesellschaften 
sich gleichfalls auf diesen Produktionszweig Vv'erfen und 
dem ersten Unternehmer, der die Mühe, Gefahr und alle 
Ausführungsschwierigkeiten eines ersten Versuchs über- 
wunden hat, durch die freie Konkurrenz jeden Vorteil der 
Unternehmung fortnehmen würden, so daß er eben nur 
für den Nutzen seiner Nachfolger gearbeitet hätte ? Ka- 
pitalien geben sich zu solcher Rolle nicht her, und das, 
worauf nicht mindestens eine Zeitlang die ausschließende 
Hand des Individuums gelegt werden kann, bleibt daher, 
zumal wenn es mit größeren Kosten verknüpft ist, not- 
wendig ununter nommen-). 

^) Auf der Londoner Industrieausstellung von 1862 waren 
Proben von solchem durch Dörrung konzentrierten Fleisch aus 
Uruguay, das noch dazu sehr wohlschmeckend war, siehe 
Lothar Buchers Bilder aus der Fremde. T. IL, p, 178 ff. 

^) Seitdem Lassalle das schrieb, hat die kapitahstische Kon- 
kurrenz mindestens einen großen Teil der von ihm erwähnten 
Unternehmungen, und noch großartigere, zur Ausführimg ge- 
bracht. Wir erinnern nur an den Massenexport von geschlach- 
tetem Vieh in großen Kühlräumen von Australien, Neu-Seeland 
etc. nach Europa. Und doch ist es richtig, daß das kapitali- 
stische Wirtschaftssystem bei weitem nicht alle verfügbaren 

91» 323 



Die angeführten Beispiele sollen natürlich nur als 
Beispiele in Betracht kominen. Aber es gibt tausend 
andere Beispiele derselben Art. Das ganze Gebiet der 
Wissensch?ft und ihrer Fortschritte wird erst dann v/ahr- 
haft befruchtend für die Nation in Betracht kommen, wenn 
durch die Produktivassoziation der Staat in jene unmittel- 
bare Beziehung zur Produktion gebracht ist. 

Und — doch man kann manchmal auch die theoretischen 
Beweise zu weit treiben und gerade durch ihre zutreffende 
Schärfe die entgegenstehenden praktischen Schwierigkeiten, 
die hier ohnedies groß genug sind, noch verm.ehren I 



Produktionskräfte der Gesellschaft in Bewegung setzt, bei 
weitem nicht alle Quellen der Befriedigung menschlicher Be- 
düi"fnisse nutzbar macht, welche mit den vorhandenen Mitteln 
und Kräften der Gesellschaft nutzbar gemacht werden könnten. 
Die vorerwähnten Unternehmungen wurden ins Werk gesetzt 
mit Rücksicht auf den Profit, und als sie genügend Profit ver- 
sprachen. Was aber keinen oder nur ungenügenden Profit ver- 
spricht, wird liegen gelassen, und das gilt in der Regel von 
solchen Unternehmungen, welche die große Masse des Prole- 
tariats betreffen. Der Fleischextrakt und die Konserven anderer 
Art verallgemeinerten sich erst, als die enorm.e Preissteigerung 
der Bodenprodukte ihre Fabrikation rentabel machte. Um dem 
hungernden Proletariat „fast umsonst" Fleisch und Brot zu 
liefern rührte sich und rührt sich auch heute noch keine kapi- 
talistische Hand. 

Würde es jedoch die Assoziation tun ? Die freie individuali- 
stische, bloß mit Staatskredit arbeitende sicherlich nicht, denn 
sie würde und müßte ebenfalls auf die Rendite schauen. Und 
so läßt denn auch folgerichtig Lassalle wieder den Staat als 
deus ex machina aufmarschieren. Aber die Assoziation, durch 
welche „der Staat in unmittelbare Beziehung zur Produktion 
gebracht ist", das ist die Assoziation als ausführendes 
Organ des Staates, bzw. der Gesellschaft, und von der „freien 
individuellen Assoziation" so verschieden, wie etwa ein Lon- 
doner Polizist von einem amerikanischen Pinkerton. D. H. 

324 



SCHLUSS. 

Ich habe positiv und ernsthaft gesprochen und ich 
müßte ein Mann von größerer Geschmacklosigkeit sein, 
als mir gegeben ist, wenn ich von neuem dazu übergeht! 
wollte, noch die weiteren unzähligen Sinnlosigkeiten Ihrer 
Schrift zu beleuchten. 

Und wozu auch ? 

Wir haben kennen gelernt, was Sie sind und was 
Sie können. Sie sind — verzeihen Sie mir das edle 
Bild, aber ich will das wirkHch zutreffende nicht an- 
wenden — Sie sind ausgeweidet wie ein Hirsch, und 
hier neben mir hält meine Dogge Ihre dampfenden Ein- 
geweide im Munde ! 

Alles weitere Herumwühlen in Ihnen könnte also nur 
noch Ekel und Überdruß erwecken. 

Nicht also mehr von Ihrem Unrecht will ich spre- 
chen, sondern Ihnen nur noch das Unrecht abbitten, 
das ich Ihnen getan habe ! 

Dieses Unrecht wurzelte darin, daß ich Sie, wie ich 
Ihnen schon im Vorworte gesagt, keineswegs wirklich 
kannte, und erst in Tarasp durch die Lektüre Ihres Kate- 
cliismus kennen lernte. 

Bis dahin täuschte ich mich in Ihnen gänzhch. 

Ich wußte zwar, daß Sie kein Gelehrter und noch viel 
weniger, wofür Sie sich so gern ausgeben, ein Mann von 
wissenschaftlicher Bildung seien. 

325 



Aber ich hielt Sie doch für einen leidlich unterrich- 
teten Menschen. 

Ich wußte zwar, daß Sie an den Arbeitern herum- 
nörgeln mit kleinbürgerlichen Vorschlägen, die zu nichts 
in der Welt führen können. 

Aber ich glaubte, daß dies nur eine Folge Ihrer Be- 
schränktheit sei ; ich glaubte, daß mit dieser Beschränkt- 
heit ein gewisses warmes Wohlwollen für die arbeitenden 
Klassen gepaart sei. Ich wußte noch nicht — denn ich 
hatte ja Ihren Katechismus noch nicht gelesen ! — daß 
Sie dieselben nur als ein Werkzeug der Bourgeoisie im 
Interesse der Bourgeoisie und des Kapitals bearbeiten! 

Daher die anständige Behandlung, die ich Ihnen noch 
in meinem „Antwortschreiben" widerfahren ließ. Daher 
die warme Anerkennung, die ich dort noch für Ihren 
Willen aussprach, wenn ich auch die klägliche Ohnmacht 
Ihrer Vorschläge darlegte. 

Und selbst als nach meinem ,, Antwortschreiben" die 
ganze Meute Ihrer Blätter über mich herstürzte und hun- 
dert Kloaken Monate lang jeden Tag die unerhörtesten 
Lügen, Entstellungen und Gemeinheiten gegen mich an- 
schwemmten, änderte ich diese meine Haltung gegen Sie 
noch keineswegs ! 

Ich glaubte in einem gewissen übertriebenen Gerech- 
tigkeitsgefühl unterscheiden zu müssen zwischen der 
Partei und dem Führer. 

Ich sah wohl, daß Sie anstandslos genug waren, Ihre 
Partei gewähren zu lassen und von jeder Ignoranz und 
von allen Lügen derselben den möglichsten Nutzen zu 
ziehen. 

Aber ich hielt Sie nicht für s o unwissend und für s o 
unanständig, um sich selbst und direkt dabei zu 

326 



beteiligen. Ich glaubte, daß Sie dies noble Metier, durch 
Ignoranz und Lüge zu beweisen, Ihrer Partei überließen. 

Ich kannte, wie gesagt, den ,, Katechismus" noch nicht. 

So war es der erste große Trumpf, mit welchem mich 
Ihre Partei tot machen wollte, ich wolle die ,, Louis 
Blancschen National Werkstätten des Jahres 1848 auf- 
wärmen." Aus allen Blättern Ihrer Partei hallte damals 
täghch dieser triumphierende Vorwurf gegen mich wieder ! 
Ich ergriff die ..Vollfszeitung", die vor allem auf diesem 
Paradepferd ritt, und nagelte sie durch einen Aufsatz 
vom 24. April 1863, den ich in der ,, Deutschen All- 
gemeinen Zeitung" erscheinen ließ, an den Pranger ihrer 
Unwissenheit. 

Aber da ich in den Zeitungsberichten über Ihre Vor- 
träge nicht gefunden hatte, daß Sie sich selbst dieser 
grandiosen Unwissenheit schuldig gemacht, so hielt ich 
es in jenem übertriebenen Gerechtigkeitsgefühl für Pflicht, 
dies zu konstatieren. 

In meiner Frankfurter Rede, als ich auf diesen Punkt 
zu sprechen komme, sage ich daher ausdrücklich ^) : ,,Herr 
Schulze hat das nicht gesagt; er sprach von den sub- 
ventionierten Assoziationen, die sich in Paris erst nach 
dem Untergang der Nationalwerkstätten gebildet haben 
etc." 

Ich finde jetzt im Gegenteil in Ihrem Katechismus, 
daß Sie das allerdings gesagt haben. Sie sagen da 
gegen mich p. 82 : ,,Wir erinnern namentlich an die Vor- 
schläge von Louis Blanc und die National Werk- 
stätten von 1848 in Frankreich. Danach soll der 
Staat, um die verderbliche Konkurrenz und die schäd- 
liche Übermacht des Privatkapitals zu beseitigen, allmäh- 



1) Arbeiterlesebuch, p. 48. (Bd. III. S. 255 dieser Ausgabe.) 

327 



lieh alle gewerblichen Unternehmungen an 
sich ziehen und für öffentliche Rechnung be- 
treiben etc. etc." ^) 

Sie haben sich also derselben Unwissenheit schuldig 
gemacht, wie der Herr Bernstein, der Redakteur der 
..Volltszeitung". Aber Ihre Sache steht noch viel schlim- 
mer! — 

Herr Bernstein konnte sich doch wenigstens mit seiner 
tiefen und ihm als Zeitungsredakteur berufsmäßigen Un- 
wissenheit entschuldigen. 

Aber zur Zeit, als Sie Ihren Katechismus drucken 
heßen, da war jener Aufsatz von mir, der das wahre 
Bewandtnis enthüllt, das es mit jenen Arbeiterwerkstätten 
hatte, schon lange erschienen. Denn er trägt das Datum 
vom 24. April 1863 und Ihre Vorrede trägt das 
Datum „Berlin im Mai 1863." 

Sie mußten also jenen Aufsatz bereits kennen. 

Man urteile, welche Stirn von Erz — oder vielmehr, 
denn das Bild ist zu edel, welche kleinbürgerliche und 
verlogene, bloß auf den „Geschäftsgewinn" sehende Seele 
dazu gehört, nachdem jener Aufsatz bereits erschienen 



^) Wie schon erwähnt wurde, und wie auch der Zusammen- 
hang der betreffenden Stelle bei Schulze zeigt, war es ein Irr- 
tum Lassalles, wenn er meinte, daß sie gegen ihn und seinen 
Vorschlag gerichtet sei. Schulze polemisiert da ganz allgemein 
gegen das Projekt der Aufsaugung der Privatindustrie durch 
den Staat und geht auf die Einzelheiten selbst des Blancschen 
Vorschlages gar nicht ein. Auch auf die National Werkstätten 
kommt er nicht wieder zurück. Mit Lassalle beschäftigte er 
sich erst im sechsten Vortrage. Der vierte, wo die obige Stelle 
vorkommt, war am 8. März gehalten worden, noch ehe das 
..Offene Antv/ortschreiben" im Buchhandel erschienen war. 

328 



war, den ich deshalb als Anlage A diesem Werke folgen 
lasse ^), jene Behauptung noch zu wiederholen! 

Dies meine erste Abbitte ! Nun zu meiner zweiten! 

In meinem „Antwortschreiben" hatte ich das „eherne 
Arbeitslohngesetz" entwickelt und daselbst gesagt 
(p. 16-)): „Es gibt, wie ich Ihnen bereits bemerkt, in 
der liberalen Schule selbst nicht einen namhaften Natio- 
nalökonomen, der dasselbe leugnete. Adam Smith wie 
Say, Ricardo wie Malthus, Bastiat wie John Stuart Mill 
sind einstimmig darin, es anzuerkennen. Es herrscht darin 
eine Übereinstimmung aller Männer der Wissenschaft. 

Ein namenloser Schrei der Wut drang aus den Ein- 
geweiden der Bourgeoisie hervor, daß ich diese Mysterien 
der Ceres dem Volke verraten hatte! 

Jetzt galt es, frech zu leugnen ! 

Herr Max Wirth war es vor allem, welcher Ordre von 
seinen Brotherren hierzu bekam. Er sprang vor, und in 
Artikeln, welche von der „Rheinischen Zeitung" in Düs- 
seldorf bis zur ,, Berliner Reform" und zur ,, Süddeutschen 
Zeitung" in Frankfurt und ebenso durch Württemberg, 
Bayern und Baden widerhallten, erklärte er unter den 
köstlichsten Windungen und Verdrehungen, indem er den 
Arbeitslohn durch das Verhältnis der ,, Industrieblüte zu 
dem Nationalkapital" bestimmen ließ, jenes Gesetz für 
ein ,,faules Ricardosches Gesetz". 

Dahin war es beiläufig mit den Lohnschreibern der 
Bourgeoisökonomie, in der Epigonenzeit, in der Bastiat- 
periode gekommen, daß sie in dieser verächtlichen Weise 
den größten Meister der Bourgeoisökonomie, Ricardo. 

^) Er ist üi unserer Ausgabe als Nachtrag zum „Offenen 
Antwortschreiben" abgedruckt, Bd. III, S. 95 ff. D.H. 

2) Bd. III. S. 60 dieser Ausgabe. D. H. 

329 



behandelten, weil er durch die Offenheit, mit der er 
seine wissenschaftlichen Resultate ausspricht, ihnen un- 
bequem geworden war. 

Nichts gleicht der Verwunderung, die ich empfand, 
jenes von allen Autoritäten der liberalen Ökonomie ein- 
stimmig anerkannte Gesetz jetzt plötzlich ebenso einstim- 
mig geleugnet zu sehen! 

Ich hatte gerade deshalb in meinem ,, Antwortschreiben" 
an diesen Punkt meine ganze Entwicklung angesetzt, weil 
es mir ganz absolut unmögHch geschienen hatte, gerade 
diesen einen Punkt, über welchen, wie über keinen an- 
deren, die seltenste. Einstimmigkeit in der Wis- 
senschaft der hberalen Ökonomie herrscht, in Abrede 
zu stellen. 

Ich hatte die Verlogenheit und besonders die unver- 
gleichliche Schamlosigkeit der Bourgeoisie noch weit 
unterschätzt. 

In meiner Frankfurter Rede übte ich Gerechtigkeit. 

Ich wies zuvörderst nach („Arbeiterlesebuch" p. 5 
und 6 ^), daß jene mir von Herrn Max Wirth und seinen 
Kollegen entgegengestellte Behauptung, es reguliere sich 
der Arbeitslohn durch das Verhältnis der ,, Industrieblüte 
zum Nationalkapital", resp. der Nachfrage zum An- 
gebot, genau dasselbe besage, was das von mir 
entwickelte Gesetz, nur in heuchlerische, täuschende, dem 
Arbeiter nicht verständHche Phrasen versteckt — und 
selbst Herr Max Wirth hat seitdem auf diesen Nachweis 
nichts mehr antworten können. 

Ich wies ferner daselbst (,, Arbeiterlesebuch", p. 7 
bis 18^) durch eine Reihe von Zitaten nach, daß sämt- 



1) Bd. III. S. 185 und 186 dieser Ausgabe. D. H. 

2) a.a.O. S. 185 ff. D.H, 



330 



liehe Autoritäten, ja, nicht nur die Autoritäten, sondern 
sogar Herr Max Wirth dieses Gesetz immer unverhüllt 
anerkannt hatten. 

Indem ich Gerechtigkeit gegen Herrn Wirth und seine 
Kollegen übte, glaubte ich wieder, selbst übertrieben 
gerecht sein zu müssen ! 

Ich hatte nicht in den Zeitungsberichten über Ihre Vor- 
träge gelesen, daß Sie selbst die Kühnheit gehabt, 
diesem Gesetze zu widersprechen. Ich hatte noch die 
Ansicht von Ihnen, daß Sie es vorziehen würden, eine so 
schmutzige Aufgabe Ihren Helfershelfern zu überlassen. 

Ich hielt es daher für Pflicht, dies zu konstatieren. 

Diesem Gesetze zu widersprechen — sagte ich 
in meiner Frankfurter Rede (,, Arbeiterlesebuch", p. 32^)) 
— dazu hatte Herr Schulze- Delitzsch die nötige Dosis 
von Unwahrheit nicht; das hat er nicht getan. Dies 
war ein Regal des Herrn Max Wirth etc. etc." 

Ich war wieder sehr im Irrtum, Herr Schulze, wie 
mich Ihr Katechismus belehrt. Sie widersprechen in dem- 
selben jenem Gesetze auf das bestimmteste und zwar 
in sehr drastischer Form ! 

Ehe ich die Wo r t e, in die Sie diesen Widerspruch 
fassen, betrachte, zuvor noch eine Bemerkung. 

Es handelt sich nicht mehr darum, die Wa h r h e i t 
dieses Gesetzes gegen Sie zu beweisen. Das habe ich in 
meinem ,,A rbeiterlesebuch" und überdies oben 
(p. 186 ff. â– )) nochmals im systematischen Zusammenhange 
und auf systematische Weise getan. 

Hier will ich Ihnen nur einen anderen Beweis führen, 
den nämlich, daß Sie selbst die Wahrheit dieses Ge- 
setzes, das Sie leugnen, kennen. 

1) Bd. III, S. 229 dieser Ausgabe. D. H. 

2) S. 266 ff. dieser Ausgabe. D. H. 

331 



Dieser Beweis liegt versteckt in einem Satze Ihres 
Katechismus (p. 37) enthalten. „Hieraus folgt — sagen 
Sie daselbst — daß durch die Vermehrung des Wachs- 
tums der Kapitalien die vermehrte Beschäftigung und 
bessere Löhnung der Arbeiter bedingt wird, und daß, 
w e n n n i c h t etwa die Vermehrung der Arbeiter i n n o ch 
größerer Progression stattfindet, als die des 
Kapitals, Lohn und Beschäftigung dadurch steigen." 

So? ,,Wenn nicht!" Wenn nicht die Arbeiterzahl 
in noch größerer Progression sich vermehrt, so steigt 
der Lohn. Wenn aber die Arbeiterzahl sich in noch grö- 
ßerer Progression vermehrt, so steigt der Arbeitslohn 
nicht, resp. fällt wieder, wenn er vorübergehend ge- 
stiegen ist. 

Das ganze Interesse konzentriert sich somit darauf, 
zu wissen, ob nicht jenes „wenn nicht" eintritt, 
d. h. ob nicht die Arbeiterzahl bei steigendem Kapital 
und steigendem Lohne in der Tat in n o c h höherem Grade 
steigt, so daß der Arbeitslohn wieder ebenso tief und 
noch tiefer sinken muß. 

Als mein ,, Antwortschreiben" erschienen war, veran- 
laßte man den Professor R a u in Heidelberg, meinem 
Arbeitslohngesetz entgegenzutreten. Man fühlte, daß es 
doch mit den Herren Schulze, Faucher, Wirth, Michaelis 
nicht hinreichte ; man wollte irgendeine professorale Fach- 
autorität mir entgegenzusetzen haben. 

Herr Professor Rau entschloß sich wirklich dazu, durch 
eine Erklärung in der ,, Süddeutschen" und „Vossischen 
Zeitung", mir scheinbar zu widersprechen. Er tat 
es genau mit demselben „wenn nicht!" Mein Arbeits- 
lohngesetz sei nicht wahr, wenn nicht ,,eine zu starke 
Volks Vermehrung" eintrete. 

Tritt diese nun aber ein oder nicht? 

332 



Ich habe Herrn Professor Rau darauf durch eine 
Replili in der ,, Vossischen Zeitung" vom 10. Mai 1863 
geantwortet, die ich hinten als Anlage B folgen lasse')- 

In derselben zeigte ich dem Herrn Professor aus seinen 
eigenen Werken, daß und warum allerdings jene Ver- 
mehrung der Arbeiterzahl dann eintritt, und daß gerade 
jenes ,,wenn nicht" beweist, wie genau er selbst die Wahr- 
heit des von ihm scheinbar, durch täuschende Rede- 
wendungen, bekämpften Gesetzes kannte. Ich zeigte ihm 
zugleich, wie wenig ,,ehrlich und ehrenwert" eine 
solche Täuschung des Volkes durch Redewendungen sei 
und wie er über seine Erklärung ,,erröten müsse. 

Herr Professor Rau hat nicht versucht, auch nur mit 
einer Silbe, und trotz der Schwere dieser Vorwürfe, die 
ihm Antwort unerläßlich machte, vv'enn Antwort mög- 
lich war, zu entgegnen. 

Er zog sich mit der erhaltenen Lektion ruhig aus dem 
tCampf e zurück ! 

Herr Professor Rau hatte wenigstens noch ein Ge- 
wissen, auf 4^8 man schlagen, das man treffen konnte. 

Wohin schlägt man bei Ihnen? 

Durch den Aufsatz gegen Professor Rau, den ich eben 
deshalb als Anlage folgen lasse-), ist zugleich Ihnen 
nachgewiesen, daß Sie durch jenes ,,wenn nicht" in dem 
angeführten Satze verraten, wie vollkommen bekannt Ihnen 
dies Gesetz war. Jeder, welcher behauptet, daß der Ar- 
beitslohn dauernd durch Kapitalvermehrung stiege, wenn 
nicht die Arbeitervermehrung eine noch stärkere sei, 
weiß — und zeigt, daß er weiß — daß er nicht 



^) In dieser Ausgabe als Anhang zu ,,Zur Arbeiterfrage" 
erschienen. Bd. III. S. 156 ff. D.H. 

^) Er ist bei uns als Anhang zu ,,Zur Arbeiterfrage" ab- 
gedruckt. Bd. III, S. 156ff. D.H. 

333 



dauernd steigen kann, sondern je nach den Fällen, ent- 
weder garnicht steigt oder bald mindestens ebenso tief 
wie früher (wenn aicht tiefer, wie manchmal eintritt) 
wieder fällt, weil die Kapitalvermehrung eine noch größere 
Arbeitervermehrung hervorruft. 

Er weiß dies, denn an denselben Orten behandeln 
die Ökonomen die eine und die andere dieser Fragen, und 
jenes ,,wenn nicht" weist gerade darauf hin, daß er 
sie beide kennt. 

Nachdem wir uns nun im voraus überzeugt, daß Sie 
selbst die Wahrheit des Gesetzes kennen, welches Sie 
mit einer solchen Gewissenlosigkeit ohne gleichen den 
Arbeitern ableugnen, wollen wir noch die bestimmte 
Form betrachten, in der Sie diesen Widerspruch auf- 
treten lassen. 

Sie sagen, mein ,, Antwortschreiben" betrachtend, in 
Ihrem ,, Katechismus" p. 150: ,, Hiernach sollen unter 
den heutigen Verhältnissen mit Notwendigkeit ,, „der 
durchschnittliche Arbeitslohn immer auf den notwendigen 
Lebensunterhalt reduziert bleiben, der in einem Volke ge- 
wohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur Fort- 
pflanzung erforderlich ist."" Das völlig Unwahre 
dieses Satzes fühlen Sie selbst als Leute, die mitten 
in diesen Verhältnissen darin stehen, sobald Sie sich in 
den eigenen Reihen umblicken, und es gehört die ganze 
Dreistigkeit, das ganze Halbwissen des 
Herrn Lassalle dazu, Ihnen etwas derartiges vor- 
zureden und dabei zu behaupten, alle Autoritäten der 
nationalökonomischen Wissenschaft ständen auf seiner 
Seite"!). — 



!) Was die , .Autoritäten" betrifft, so habe ich außer Ricardo 
(siehe oben p. 95 [147], Aiun. 3) in meinem Arbeiterlese- 

334 



Da Sie selbst die Rede auf „das ganze Halb- 
wissen" bringen, durch welches ich mich nach Ihnen 
charakterisiere, Herr Schulze, und da Sie mich nun ein- 



buch aufgeführt die Stellen aus Adam Smith, J. B. Say, John 
Stuart Mill, Professor Röscher. Professor Rau, Professor 
Zachariä, welche alle dasselbe sagen. Eine andere Reihe 
(Tooke. Malthus, Sismondi etc.) wieder in meinen „Indirekten 
Steuern" und die Anzahl könnte sehr bequem verdoppelt und 
verdreifacht werden. Aber eine ,, Fälschung" habe ich doch 
begangen nach Herrn Max Wirth ! Ich habe in der früher zi- 
tierten Stelle meines Antwortschreibens, wo ich von der Ein- 
stimmigkeit spreche, mit welcher dieses Lohngesetz von den 
Ökonomen anerkannt sei, auch Basti at als einen solchen er- 
wähnt, der es anerkenne. Und muß Herr Max Wirth auch zu- 
geben, daß alle anderen Autoritäten es getan haben, so hat es 
doch Bastiat, der große Bastiat, Gold-Bastiat, niemals getan! 

Bastiat ist niemals so frech und dumm gewesen, solche Dinge 
auszuschwatzen! meint Herr Wirth. In einem Artikel seines 
„Arbeitgebers" beschuldigte mich daher Herr Wirth der Fäl- 
schung. Ich bezöge mich mit einer Unverschämtheit ohnegleichen 
auf Bastiat, um ,,auch einen so großen Namen wie den 
Bastiats", auf meine Seite zu setzen. — Ich habe diesen 
,, großen Bastiat" in diesem Werke so hinreichend in sein 
Nichts aufgelöst, daß es für mich natürlich nichts gleich- 
gültigeres geben kann, als Bastiats Einräumungen oder Ab- 
leugnungen. 

Aber gleichwohl. Herr Schulze, hier haben Sie die Stelle 
Bastiats, welche ich im Auge hatte, als ich behauptete, daß 
selbst Bastiat, dieser verlogenste ökonomische Schriftsteller 
vor Ihnen, jenes Gesetz nicht leugne. Bastiat. indem er 
resümiert (härm. econ. p. 362) was man gegen die freie Kon- 
kurrenz vorbringe, erwähnt und beurteilt jenes Arbeits- 
lohngesetz mit folgenden Worten: ,,I1 en resulte que le salaire 
tend ä se mettre au niveau de ce qui est rigoureu- 
sement necessaire pour vlvre, et dans cet eteit de 
choses l'intervention du moindre surcroit de concurrence, entre 
les travailleurs, est une veritable calamlte, car il ne s'agit 

335 



mal hierauf einzugehen zwingen, — nun, so brauche ich 
mich meines Fleißes nicht zu schämen ! Ich habe große 
Werke des menschHchen Fleißes und des menschlichen 



pas pour eux dun bien-etre diminue, mais de la vie rendue 
impK)ssible. — Certes, il y a beaucoup de vrai, beaucoup 
trop de vrai en fait dans cette allegation. Nier les 
souffrances et labaissement de cette classe d'hommes, qui 
accompht la partie materielle dans l'oeuvre de la production, 
ce serait fermer les yeux ä la lumiere. A vrai dire, c'est ä 
cette Situation deplorable dun grand nombre de ncs freres, 
que se rapporte ce qu'on a nomme avec raison le prob lerne 
social." ,,Es folgt hieraus, daß der Arbeitslohn die Tendenz 
hat, sich auf das Niveau dessen zu stellen, was unerläßlich 
nötig zum Leben ist, und in dieser Lage der Dinge ist 
das Eintreten des geringsten Zuwachses von Konkurrenz unter 
den Arbeitern eine wahrhafte Kalamität, denn es handelt sich 
für sie nicht um ein verringertes Wohlbefinden, sondern um 
ein unmöglich gemachtes Leben. Gewiß tatsächlich ist viel 
Wahres, viel zu viel Wahres in dieser Anführung ent- 
halten. Die Leiden und die Erniedrigung von jener Klasse von 
Menschen leugnen, v/elche den materiellen Teil im Produk- 
tionswerk vollbringt, das würde heißen: die Augen vor 
dem Sonnenlicht schließen. Um die Wahrheit zu sagen, 
es ist diese beklagenswerte Situation einer großen Anzahl 
unserer Brüder, auf welche sich das bezieht, was man mit 
Recht das soziale Problem genannt hat." 

So Bastiat! Und er fährt bald darauf fort: „Und da 
hierin besonders das soziale Problem seinen Sitz hat, so 
wird der Leser begreifen, daß ich es hier nicht in Angriff 
nehmen kann." 

,,Möge es Gott gefallen, daß die Lösung aus dem ganzen 
Buche hervorgehe, aber sicherlich kann sie nicht aus einem 
Kapital hervorgehen." 

Es hat indes Gott nicht gefallen, daß die Lösung dieses 
sozialen Problems aus dem Bastiatschen Buche hervorgehe, 
sie geht aus dem ganzen Buche genau ebenso wenig hervor, 
wie aus jenem Kapitel, und jene Worte Bastiats sind nur eine 

336 



Wissens aufgeführt und kann mich dafür auf das Zeugnis 
von Humboldt, Boeckh, Savigny und vieler ähnlichen be- 
rufen! 

Aber, sagten Sie sich, davon kann ja in die Arbeiter- 
kreise nichts gedrungen sein! Zudem standen Sie ja 
da auf hundert Zeitungen gestützt, auf Zeitungen, die viel 
zu stupide v/aren, um den Unterschied zwischen mir und 
Ihnen zu kennen, viel zu verlogen, um sich irgend darum 
zu kümmern, wenn sie ihn kannten ! 

Was speziell mein ,, ganzes Halbwissen" im ökono- 
mischen Fache betrifft, so hatte ich damals gerade meine 

Weise wie eine andere, sich an der Lösung des ihm unlös- 
baren Problems vorbeizudrücken. — Aber man vergleiche nun, 
was Basti at über jenes Arbeitslohngesetz sagt, und was 
Herr Schulze, und man wird sehen, wie weit der Schüler 
noch den Meister übertrifft. Tatsächlich nur viel zu 
wahr, nennt es Herr Bastiat und meint, es hieße die Augen 
vor dem Sonnenlicht schließen, wenn man jene traurige Lage 
der Arbeiter leugnen wolle. 

„Völlig unwahr", nur auf meinem ,, ganzen Halb- 
wissen und meiner ganzen Dreistigkeit im Vorreden" 
beruhend, nennt es Herr Schulze — und treu haben dies seine 
Helfershelfer, die Herren Bernstein, Wirth, Michaelis, Faucher 
und hundert andere in allen Tonarten wiederholt — und um 
diese Unwahrheit darzutun, wagt er, die Arbeiter aufzufordern. 
,,sich In den eigenen Reihen mnzubllcken" ! 

Man sieht sogar von der Verlogenheit Bastlats ist noch 
ein immenser Schritt bis zu der Verworfenheit des Herrn 
Schulze und seiner Spießgesellen, welche Deutschland 
entehrt! 

(Es ergibt sich bei näherer Betrachtung, daß das scheinbare 
Bastiatsche Zugeständnis kein Zugeständnis ist. Daß ,,viel 
Wahres, viel zu viel Wahres" im Lohngesetz liegt, heißt noch 
nicht, daß es selbst „viel zu wahr" sei. Es wird Ihm damit 
eine bedingte, aber keine allgemeine Geltung zugesprochen, auf 
die es doch gerade Lassalle ankam. D. H.) 

22 LassaUe. Gef. Sctriften. Band V. 337 



„Inclirekten Steuern" veröffentlicht, eine Schrift, welche 
ich schrieb, wie die gegenwärtige, mitten in der Agitation, 
unter Reden, Zeitungserklärungen und Kriminalprozessen, 
ohne jede theoretische Muße, zum bloßen Zwecke einer 
Verteidigung, und in welcher ich gleichwohl spielend als 
bloße Probe meiner ökonomischen Kollektaneen, die in- 
nigste Kenntnis ganzer Reihen und Reihen von ökonomi- 
schen Werken an den Tag legte, von denen Sie nicht 
einmal die Büchertitel, ja nicht einmal die Namen 
der Ve rfasser jemals gehört hatten! 

Was tat das alles ? Sie hatten ja hundert Zeitungen, 
entschlossen, Sie zu schützen, entschlossen, täglich alles 
zu wiederholen, was Sie sagten, entschlossen, alles an- 
dere totzuschweigen, entschlossen, alle Scham bis ins Bei- 
spiellose zu verleugnen! Ich hatte ja keine ,, Zeitung", 
ich stand ja allein, und so zweifelten denn Sie und 
ihre Krapüle nicht — so wenig kannten Sie die Kraft 
eines Mannes — daß es Ihnen gelingen würde, mich 
tot zu machen! 

So beschlossen Sie denn also als sicherstes Mittel zu 
dieser Vernichtung ganz ruhig vor den Arbeitern gegen 
mich die süperbe Attitüde eii^s Mannes der Wissenschaft 
anzunehmen, der auf einen ignoranten Halbwisser herab- 
blickt!!^) 

^) Ich will doch hier für die Zeit, wo die „Volkszeitung" 
lange in allen ihren Exemplaren den Zweck erfüllt haben wird, 
zu dem sie bestimmt ist, eine Stelle dieses Schandblattes ver- 
ewigen, aus welcher die Nachwelt mit Staunen ersehen mag, 
wie weit unsere Journalisten von heute ihre zynische Scham- 
losigkeit zu treiben wagten. In der ersten Nummer ihres aus 
dreizehn Leitartikeln bestehenden Bandwurmes, mit welchem 
mich die „Volkszeitung" umwickelte, sagt sie (Nr. 94 vom 
23. April 1863) wörtlich von mir. wie folgt: „Wie alle 
Affront ( ?) liebenden halbreifen Geister hat Herr Lassalle 

338 



Verhüte der Himmel, daß es einem Gegner wie Sie 
gegeben sein sollte, meinen Stolz zu reizen! 

Ich will daher sehr mäßig sein, Herr Schulze ! Aber 
auch mit vollster Mäßigung kann ich Ihnen noch das 
eine sagen : Fragen Sie über mich Freund wie Feind. 
Und wenn es nur solche Feinde sind, die selbst etwas 
gelernt haben, so wird Ihnen Feind wie Freund ein- 
stimmig von mir bestätigen : Ich schreibe jede Zeile, die 
ich schreibe, bewaffnet mit der ganzen Bildung 
meines Jahrhunderts! 

Und ein Mann, um mit Schelüng zu reden, von der 
Bildung eines Barbiers wagt mir ,,H albwissenund 
Dreistigkeit" vorzuwerfen! 



glücklicherweise die Marotte, vor einem Publikum gelehrt er- 
scheinen zu wollen, dem die Gelehrsamkeit fremd ist, und er 
mischt so große Portionen von Halbwissen in seine, auf das 
Volk berechneten Arbeiten, daß er diesem unverständlich bleibt 
und seiner Gefährlichkeit gründlich Abbruch tut. ' 



339 



NACHWORT. 

Eine melancholische Meditation. 

Das also ist der „König im sozialen Reiche", 
wie ihn die Herren Georg Jung, Helnricii Bürgers und 
Hellwitz in Köln in festlicher Rede apostrophiert haben! 
D a s ist der anerkannte Chef und Führer der Fortschritts- 
partei ! Das ist der ,, große Mann" unserer sämtlichen 
hberalen Zeitungen aller Schattierungen, von der ,, Volks- 
zeitung" bis zur ,, Rheinischen Zeitung" und zur ,,Ber- 
Kner Reform !" 

Kurz, das ist die verkörperte, flei schge wor- 
dene Intelligenz unseres Bürgertums! 

Wenn mein Zweck nur der gewesen wäre, Sie zu 
stürzen, Herr Schulze, — wie guter Dinge könnte ich 
sein und wie wenig hätte ich Grund zu melancholischer 
Stimmung ! 

Denn in dem Augenblick, v>^o ich dies Werk in die 
Presse gebe, können Sie sich für tot betrachten, und in 
dem Augenblick, wo es einige tausend Leser gefunden 
hat, auch für begraben! 

Dafür bürgt mir, so sehr es auch ein Lebensinteresse 
Ihrer Partei ist, Sie zu schützen, schon die Eitelkeit der 
Menschen. Es wird wieder gehen, wie nach dem Er- 
scheinen meines ,,Julian", wo auch der Chefredakteur 
der ,,Nationalzeitung", Herr Dr. Zabel, jedem, 
der es hören wollte, sagte: ,,Ich habe es immer gesagt, 

340 



icK habe es immer gesagt", während er vielmehr in 
seinem Blatte die überschwenglichsten Lobhudeleien auf 
Julian aus der Feder des Herrn Titus Ulrich ge- 
bracht hatte! 

Es wird wieder ebenso gehen, sage ich. Bei der bei- 
spiellosen Unwissenheit und Gedankenunfähigkeit, die ich 
Ihnen nachgewiesen habe, wird keiner so ,,un gebildet 
und so „unfähig" erscheinen wollen, Ihnen nicht über- 
legen zu sein und auf demselben Geistesniveau mit Ihnen 
zu stehen. Man wird alhnählich kühl gegen Sie werden, 
bis man dabei anlangt, es „immer gesagt zu haben" ! 
Man wird an der Sache noch festhalten, aber zuerst unter 
vier Augen, dann im Freundeskreis, dann immer lauter 
zugeben, daß Sie allerdings ein „sehr un fähiger 
Repräsentant derselben, ein wahres enfant terrible seien. 
Zuletzt werden Sie die kompromittierte Person werden, 
die keiner mehr will, und durch deren Berührung jeder 
sich selbst lächerlich zu machen scheut ! 

Das alles wird in kurzer Zeit eintreten, und so wären 
Sie denn so gut wie tot und begraben ! 

Und was ist damit gewonnen ? 

Unsere guten Tiefenbacher Gevatter Schneider und 
Handschuhmacher werden wieder einen anderen Gimpel 
zum ,, König" salben! 

Man kann hier mit einer leisen Veränderung der Goethe- 

schen Verse sagen: 

„Den Gimpel sind sie los — 
Die Gimpel sind geblieben!" 

In der Tat, Herr Schulze ist leider nicht eine Per- 
son, er ist ein Typus; er ist der Ausdruck unseres; 
Bürgertums. 

Als neulich in der Kammer Herr von Blankenburg die 
Quitzows der Vergangenheit den „Schutzes und Müllers" 

341 



der Gegenwart entgegenstellte, da konnte Herr Schulze 
unter dem rauschenden Beifall der Fortschrittspartei er- 
klären, daß er in seinem Namen ,,wohl nicht ohne Rück- 
sicht auf seine Person" das ganze Bürgertum sym- 
bolisiert sehe ! 

Diese Worte des Herrn Schulze, sie waren, was die 
jubelnde Kammer nicht begriff, die tötlichste Ve r - 
urteil ung des Bürgertums, die jemals ausge- 
sprochen wurde ! — aber wahr sind diese Worte durch- 
aus! — 

Überall, überall derselbe Klassenausdiuck, wohin wir 
auch schauen! 

In der Literatur heißen sie Julian, in der Kammer 
Fortschrittspartei, in der Presse Zabel und 
Bernstein, in der Ökonomie Schulze! 

Daher, daher ihre großen Erfolge in den praktischen 
und politischen Kämpfen! 

Wie er sich wundert, dieser kleingeistige Pöbel, daß 
sich die Monarchie und die alte, des Herrschens ge- 
wohnte Aristokratie nicht vor ihm beugen will ! D a s 
müßte freilich sonderbar zugehen! 

Und wie er sich wieder nach der anderen Seite hin 
wundert, daß sich der Abgrund gar nicht auftun will um 
seinetwillen, um zu verschlingen, was ihm entgegensteht! 
Wie er betroffen auf die französischen Nationalversamm- 
lungen am Ende des vorigen Jahrhunderts schaut und gar 
nicht zu fassen vennag, daß i h m nicht möglich sein 
sollte, was diesen möglich war! 

Aber so begreifen Sie doch, meine Herren ! Die fran- 
zösischen Nationalversammlungen des vorigen Jahrhun- 
derts vereinigten in sich alles Genie und allen Geist 
Frankreichs, es gab damals in Frankreich nicht 
einen einzigen Gedanken, welcher über die 

342 



von diesen Versa mmlungen erstrebten Ziele 
hinausgegangen wäre ! Nicht ein Gedanke ist 
nachweisbar in der gesamten Literatur und 
Philosophie jener Periode, welcher nicht den 
Puls dieser Versammlungen bewegt, den Gegenstand ihrer 
Verwirklichungsarbeit gebildet hätte ! Sie also standen 
auf der höchsten theoretischen Höhe ihrer 
Zeit, auf dem Bildu ngs gipf el derselben! 

So waren sie der lebendig gewordene Geist ihrer 
Zeit und ihres Landes, und daher die Macht, mit wel- 
cher sie über dasselbe verfügten, die hinreißende Be- 
geisterung, mit welcher sie dasselbe erfüllten 1 

S i e aber, meine Herren, setzen, wie ich Ihnen bereits 
früher bemerkt, Ihre Ehre gerade dahinein, nicht auf 
der theoretischen Höhe zu stehen ; Sie setzen 
das ,,P r aktische" gerade dahinein, nichts zu wollen 
und zu erstreben, was nicht dem Gedankenniveau des 
letzten Spießbürgers im Lande entspräche ! Die geistige 
Niederung ist das Niveau, welches Sie, geborene 
Sumpfbewohner, vermöge elementarischer Lebensnotwen- 
digkeit grundsätzKch nicht überschreiten ! 

Während der Gedankenprozeß unseres Jahrhunderts im 
unaufhaltsamen Dahinrauschen begriffen, in politischer, 
nationaler und sozialer Hinsicht eine Höhe erreicht hat, 
von welcher aus die ganze preußische Verfassung, das 
legitime Herzogtum des Augustenburgers und die Integri- 
tät der Bundesverfassung als Petrefakte einer längst über- 
wundenen Bildungsperiode erscheinen, knabbern Sie an 
Fragen herum, die vor 50 oder 40 Jahren ein untergeord- 
netes Interesse hätten bieten können, und Sie lösen die- 
selben mit Mitteln, die nicht einmal zur Zeit des Stände- 
timis als eine Tat der „Lieben und Getreuen" hätten 
erscheinen können! 

343 



Aber so bedenken Sie doch, erleuchtete Staatsmänner, 
daß Sie sich dadurch selbst zu den „toten Hunden" 
machen, von denen S c h e 1 1 i n g in meiner Einleitung 
spricht ! 

So bedenken Sie doch : Um das Land hinter sich 
zu haben, muß man ihm imi Haupteslänge voraus sein ! 

Unmöglich, diese Sätze in das Begriffsvermögen des 
heutigen Bürgertums zu zwängen! 

Ein instinktiver Haß gegen die ,,Idee" hat sich seiner 
bemächtigt, und während praktisch bloß das ist, was 
in seinen Lungen die Lebensluft der Theorie kreisen hat, 
hält es grundsätzlich für praktisch bloß das, was theo- 
retisch längst totund verfault ist. 

Und diese absolute geistige Versimpelung des Bürger- 
tums — in dem Lande Lessings und Kants, Schillers 
und Goethes, Fichtes, Schellings und Hegels ! 

Sind diese geistigen Heroen wirklich nur wie ein Zug 
von Kranichen über unseren Häuptern dahingerauscht ? 
Ist von der immensen geistigen Arbeit, von der innerlichen 
Weltwende, die sie vollbracht, nichts, gar nichts auf die 
Nation gekommen, und besteht der deutsche Geist 
wirklich nur in einer Reihe einsamer Individuen, 
welche, jeder das Erbteil seiner Vorgänger treu über- 
nehmend, ihre einsame und für die Nation fruchtlose Ar- 
beit in bitterer Verachtung ihrer Mitwelt fortsetzen? 

Welcher Fluch hat das Bürgertum enterbt, daß von 
all den gewaltigen Kulturarbeiten, die in seiner Mitte 
geschahen, daß aus dieser ganzen Atmosphäre von 
Bildung kein einziger Tropfen befruchtenden Taues in 
sein immer mehr vertrocknendes Gehirn gefallen ? 

Ach, es ist ein altes Gesetz der Geschichte! Klassen 
gehen unter durch dasselbe, was sie zur Herrschaft 
gebracht hat. Es ist die Entwicklung der Teilung der 

344 



Arbeit, welche die europäische Bourgeoisie zur Herr- 
schaft gebracht hat, und es ist hundert JaKre her, daß der 
Schotte Ferguson in zwei Zeilen den Grund angibt, wel- 
cher aus derselben Teilung der Arbeit den Untergeuig 
der europäischen Bourgeoisie bewirken mußte, den gei- 
stigen Untergang, welcher die Ursache ihres politischen 
und der Vorläufer ihres sozialen Unterganges ist. ,,And 
thinking itself, in this age of Separation, may become a 
peculiar craft"^). ,,Und das Denken selbst, in diesem 
Zeitalter der Teilung der Arbeit, mag zu einem beson- 
deren Handwerk werden!" 

Und es ist zu einem besonderen Handwerk geworden, 
das Denken des Bürgertums, und in die elendesten 
Hände ist dieses Handwerk gefciilen — in die unserer 
Zei tungen! 

Nicht über die Zeitungen selbst — ich habe sie ander- 
wärts hinreichend geschildert ^) — nur über das Verhalten 
des Publikums zu ihnen will ich hier reden. 

Goethe sagt: 

„Das Zeitungsgeschwister, 
Wie mag sich's gestalten. 
Als um die Philister 
Zum Narren zu halten?" 

Aber nicht der Koran und die Bibel wurden in ihrer 
Zeit gläubiger nachgebetet, als heute die Zeitungen! Das 
nationale Denken, so weit es sich im Bürgertum 
darstellt, wiid heutzutage von den ,,Z ei tungen" fa- 
briziert ! 



â– *) Ad. Ferguson, an essay on the History of Civil Societv 
p. 278. 

^) Siehe meine Rede: „Die Feste, die Presse und der 
Frankfurter Abgeordnetentag." Düsseldorf, Schaubsche Buch- 
handlung, 1863. 

345 



Wer heut eine Zeltung liest, der braucht nicht mehr 
zu denken, nicht mehr zu lernen, nicht meiir zu untersuchen. 
Er ist mit allem fertig und steht ,,über" allem. Mit einer, 
da sie bis ins kleinste Detail hinabsteigt, fast erschrecken- 
den Sehergabe hat Fichte^) vor sechzig Jahren den 
„reinen Leser" geschildert, der nie mehr ein Buch, 
sondern immer nur in den Journalen über die Bücher 
lese und in dieser narkotisierenden Lektüre Wille, Ver- 
nunft, Denken und jede Spannkraft des Verstandes ver- 
liert. Was er aber auch verliert, er gewinnt dafür die 
höchste Selbstzufriedenheit und Sicherheit des 
,,Meinens!" 

Damals lag das alles erst im Keime und erstreckte 
sich nur auf literarische Fragen. 

Heute steht es in vollster Blüte und wendet sich an 
auf alle politischen und sozialen Fragen, die alles Wohl 
und Wehe der Nation bestimmt ! 

Wie sehr es in Blüte steht, davon hatte ich im letzten 
Spätsommer Gelegenheit mich zu überzeugen. 

Ich durchreiste damals einen großen Teil Deutsch- 
lands. 

Wohin ich kam, überall fiel sofort von selbst das Ge- 
spräch auf die große Tagesfrage, auf das, was man den 
Kampf zwischen mir und dem Herrn Schulze nannte : 
Von allen Seiten flogen die Meinungen und Urteile ! Wohl- 
wollend, mißwollend, heftig, leidenschaftlich, billigend, 
tadelnd — aber überall wurde ,,ge meint", und zwar 
mit der höchsten Sicherheit gemeint! 

Und dann entspann sich stets folgendes stereotype 
Frage- und Antwortspiel zwischen mir und den Mei- 
nenden : ' 



1) Ges. Werke, Bd. VII. p. 78 bis 91. 
346 



..Haben Sie jene meine Schriften gelesen, über welche 
Sie urteilen?" „Nein; das nicht." „Aber Sie haben doch 
wenigstens die Schrift des Herrn Schulze gelesen?" 
„Noch viel weniger." „Und worauf gründen Sie dann 
die Urteile, welche Sie mit solcher Sicherheit darüber 
fällen?" ,,Nun aber die Zeitungen — — !" 

Ja wohl, die Zeitungen ! Sie sind das funktionierende 
Gehirn unseres Bürgertums geworden! 

Der ,, Bürger" denltt nicht, selbst wenn und wo er die 
erforderliche Fähigkeit dazu weit besser hätte, als die- 
jenigen, von denen er das fertige Gedankenfabrikat be- 
zieht. Selbstdenken ist unbequem, setzt Bücherlesen, 
Mühe, Lernen und eigenes Untersuchen voraus. Es ist 
so süß, so bequem, seine Gedanken fix und fertig aus der 
Fabi*ik zu beziehen! 

Noch weniger wendet er sich an die Engroshändler des 
Gedankens, auf welche Deutschland stolz ist, an seine 
großen Denker und Philosophen. 

Dazu fehlt ihm in noch weit höherem Grade Ge- 
schmack, Zeit und nötige Vorbildung. 

Sondern wie diejenigen, denen die Mittel fehlen, statt 
ihre Lebensbedürfnisse im voraus und im großen bei dem 
Engrossisten zu entnehmen, sie schlecht und verfälscht 
beim kleinen Krämer beziehen müssen, so wird von ihm 
das Gedankenfabrikat täglich fix und fertig aus den Hän- 
den der elendsten Handlanger, aus den Händen der libe- 
ralen Zeitungsschreiber, bezogen! 

So ist es denn gekommen, daß die Großen und Guten 
unsere'* Nation, unsere Denker und Dichter, wie Kraniche 
über den Häuptern dieses Bürgertums dahin geflogen sind 
und nichts von ihnen auf diese Masse gekommen ist, als 
der leere Schall eines Namens ! 

347 



Der Bürger feiert unseren Denkern Feste — weil er 
niemals ihre Werke gelesen! Er würde sie verbren- 
nen, wenn er sie gelesen hätte. Denn diese Schriften 
sind von der herbsten Verachtung gegen dieses Bürger- 
tum gefüllt ! 

Er schwärmt für unsere Dichter, weil er einige 
Verse von ihnen zitieren kann oder dies und jenes Stück 
von ihnen gesehen und gelesen, aber sich niemals in 
ihre We Itansc hauung hineingedacht hat ! 

Dies ist die geistige Physiognomie dieses Bürger- 
tums, dessen ökonomische und sittliche Physio- 
gnomie ich in dem vierten Kapitel enthüllt habe, und ich 
habe hier wie dort gezeigt, wie die erste aus der zweiten 
entsprungen ! 

Aber der Zeitungskultus kann als solcher nicht offen 
eingestanden werden. Es wäre zu schmählich, wenn eine 
Nation offen eingestände, in ihrem Denken und Glauben 
von einer Handvoll verkommener Literaten abhängig zu 
sein, die, zu jeder bürgerlichen Hantierung zu schlecht, 
unfähig zu jeder selbständigen Gedankenleistung, nur noch 
— so sehr schlagen die Gegensätze ineinander um ! — 
gut genug sind, den Gedankenprozeß der Nation in ano- 
nymer Zeugung zu bestimmen! 

Der Zeitungskultus bedarf daher, wie jeder Kultus, 
seiner mystischen Göttin! 

Diese mystische Göttin ist die — , .öffentliche 
M ei nung." 

Wer sie ist, diese ,, öffentliche Meinung", vor deren 
Altar das Bürgertum tanzt, wie David vor der Bundes- 
lade, und von uns allen verlangt, daß wir mittanzen 
müssen ? 

Von allen unseren Denkern hat sie Hegel am ge- 
rechtesten und noch am mildesten beurteilt. ,,Die öf- 

348 



fentliche Meinung" — sagt er-^) — „verdient da- 
her ebenso geachtet als verachtet zu werden, dieses 
nach ihrem konkreten Bewußtsein und Äußerung, jenes 
nach ihrer wesentKchen Grundlage, die, mehr oder v/eniger 
getrübt, in jenes Konkrete nur scheint." 

Das heißt aus dem Hegeischen ins Deutlichere über- 
setzt : Was der öffentlichen Meinung eigentlich zu- 
grunde liegt, ist immer das Richtige. Aber sie ist die 
beständige Ve rrücktheit, sich selbst nicht zu ver- 
stehen und daher immer das Gegenteil von dem zu 
sagen, was sie eigentlich sagen will. 

,,Da sie in ihr" — fährt Hegel dies selbst expli- 
zierend fort — ,, nicht den Maßstab der Unterschei- 
dung, noch die Fähigkeit hat, die substantielle 
(wesentliche) Seite zum bestimmten Wissen in sich her- 
aufzuheben, so ist die Unabhängigkeit von ihr 
die erste formelle Bedingung zu etwas 
Großem und Ve rnünftigem, in der Wirklich- 
keit wie in der Wissenschaft." 

Aber unsere Denker möchten sich — in der Tat sind 
sie kaum in irgendeinem Punkt so übereinstimmend wie 
in diesem. — totschwören hierauf, — Zabel") und Bern- 
stein^) sind anderer Meinung, und die ,, Unabhängigkeit 
von der öffentlichen Meinung", diese erste Bedingung 
nach Hegel, zu allem Großen und Vernünftigen in Wirk- 
lichkeit und Wissenschaft, bleibt vor den Augen unseres 
Bürgertums das erste bürgerliche Verbrechen, 
von dem alle anderen Verbrechen eigentlich nur Spielarten 
und untergeordnete Abstufungen sind. 

^) Rechtsphilosophie p. 403. 

^) Der Chefredakteur der Nationalzeitung. 

^) Der Redakteur der Volkszeitung. 

349 



Hegel schließt: „Dieses — das Große und Vernünf- 
tige — kann seinerseits sicher sein, daß sie es sich in 
der Folge gefallen lassen, anerkennen und es zu einem 
ihrer Vorurteile machen werden." 

Man kann nicht epigrammatischer schreiben! In der 
Zeit, wo die „öffentliche Meinung" jenes Vernünftige 
anerkennen wird, da wird es schon anfangen in der 
Anwendung, welche die öffentliche Meinung von ihm 
macht, falsch und aus einem Urteil ein Vorurteil 
zu werden! 

In der Unabhängigkeit des Arbeiterstandes von 
der ,, öffentlichen Meinung" — und ich habe diese Un- 
abhängigkeit, die a priori aus den Bedingungen seiner 
Klassenlage folgt, praktisch bewiesen, ii^em ich, ein 
einzelner Mann, so große Kreise desselben der Abhän- 
gigkeit von der liberalen Presse entrissen habe — in 
seiner Unabhängigkeit von der öffentlichen Meinung zeigt 
der Arbeiterstand seine entschiedene geistige Überlegen- 
heit über das Bürgertum und seinen Beruf ziu* Umgestal- 
tung desselben^). 



^) Das ist, so unbedingt hingestellt, entschieden falsch. Die 
Unabhängigkeit von der öffentlichen Meinung kann ebenso der 
Ausdrudk eines sehr hohen wie der eines sehr tiefen intellek- 
tuellen und moralischen Standpunktes sein. Die bewußten Ele- 
mente der Arbeiterklasse sind von der bürgerlichen öffent- 
lichen Meinung unabhängig, aber sie bilden sich ihre eigene 
öffentliche Meinung. 

Auch Lassalles Bemerkungen über die Presse sind — ganz 
abgesehen davon, daß sie nur gegen die liberale Presse ge- 
richtet smd, während die konservative vm keinen Deut besser 
war als jene — nicht frei von argen Einseitigkeiten. Lassalle 
war etwas stark vom Geist der Universitätsgelehrten infiziert. 
Wer aber genauer zusieht, findet bei den wenigsten Gelehrten 
größere Unabhängigkeit des Charakters als bei den besseren 

350 



Energischer noch als Hege! hat Goethe die öf- 
fentliche Meinung bekränzt ! 

„Übers Niederträchtige 
Keiner sich beklage. 
Denn es ist das Mächtige, 
Was man dir auch sage. 

In dem Schlechten waltet es 
Sich zum Hochgewinne, 
Und mit Rechtem schaltet es 
Ganz nach seinem Sinne. 

Wandrer! — Gegen solche Not 
Wolltest du dich sträuben? 
Wirbelwind und trocknen Kot, 
Laß sie drehn und stäuben! 

Und doch lag damals, zur Zeit Hegels und Goethes, 
dieses Idol des Bürgertums, die öffentliche Meinung, noch 
erst in ihrer organischen Entwicklung. Sie hatte noch 
lange nicht die feste, handwerksmäßige, verknorpelte Ge- 
stalt von heute angenommen. 

In der Tat, die öffentliche Meinung von heute, wer ist 
sie? Wer Ist ihr Vater, wer ihre Mutter, welche Brüste 
säugten sie? 

Die Abhängigkeit Zabels von dem Interesse der 
schlechtesten Spießbürgerclique ist ihre Mutter, und die 
Abhängigkeit aller Spießbürger von den Interessen und 
der Intelligenz eines Zabels — das ist ihr Vater! 

Und wenn dem noch so wäre ! So traurig es wäre, 
es wäre doch noch irgendwo eine Rettung denkbar ! Das 
aktive und passive Interesse und die Intelligenzlosigkeit 
des einen Zabel könnte doch noch irgendwo ihre Grenze 



Literaten. Als wessen Geistes Kind hat sich zum Beispiel nicht 
gerade Schelling, auf den sich Lassalle so gern beruft, schließ- 
lich herausgestellt ! D. H. 

351 



haben ! Aber es sind alle Zabels im Lande, welche diese 
Vater- und Mutterrolle spielen — und wo wäre somit 
Rettung vor den Wassern dieser geistigen Sündflut! 

So ist denn eingetreten, was Seh ellin g im Jahre 
1803 vorausgesagt hat ^) : ,,Die Erhebung des gemeinen 
Verstandes zum Schiedsrichter in Sachen der Vernunft 
führt ganz notwendig die Ochlokratie^) im Reiche der 
Wissenschaften und mit dieser früher oder später die 
allgemeine Erhebung des Pöbels herbei. Fade oder heuch- 
lerische Schwätzer, die da meinen, ein gewisses süßHches 
Gemenge sogenannter sittlicher Grundsätze an die Stelle 
der Ideenherrschaft zu setzen, verraten nur, wie 
wenig sie selbst von Sittlichkeit wissen. Es gibt keine 
ohne Ideen und alles sitthche Handeln ist nur ein Aus- 
druck von Ideen." 

Sollte man nicht meinen, Schelling habe Herni Bern- 
stein gekannt? 

Diese Ochlokratie in der Wissenschaft und diese allge- 
meine Erhebung des Pöbels i s t eingetreten. Herr B a - 
stiat-Schulze und so viele andere stellen die eine, 
die geistige Herrschaft unseres Zeitungspöbels, die ,,öf- 
fentKche Meinung" stellt die andere dar. 

Und da scheint aller Widerstand um so unmöglicher, 
als es im Namen der Freiheit und Sittlichkeit 
ist, daß diese stupide Tyrannei gegen ein namenlos be- 
trogenes Volk ausgeübt, die Zuchtrute dieses Cliquen- 
monopols geschwungen und die Kränze einer falschen 
Popularität verteilt werden ! 

Dieser großen Hure von Babylon stolz und gebieterisch 
entgegenzutreten und ihre Lügenaltäre zu zerschmettern, 

^) In den ,. Vorlesungen über die Methode des akademischen 
Studiums" Werke. Bd. V.. p. 259. 
^) Pöbelherrschaft. 

352 



— darin besteht alle Mannheit und alle Ehre 
unserer Periode ! 

„Laß sie drehn und stäuben!" — in der Tat, vvie 
leicht das nicht wäre, wenn man sich nur noch heute, 
wie zu Goethes Zeit, in die Bildung der eigenen Indivi- 
dualität einschließen und von dem Zustand der Nation 
abstrahieren könnte ! 

Nötiger aber, dringender, brennender als irgendwo ist 
dieser Kampf gegen das Bürgertum und seinen geistigen 
Ausdruck gerade in Deutschland! 

Der Verfaulungsprozeß der europäischen Bourgeoisie 
ist überall in vollem Gange. 

Sie hat abdiziert auf die Herrschaft und sich stürzen 
lassen mit heller Gewalt in Frankreich durch einen Usur- 
pator. Sie hat durch einen langsamen, allmählichen Prozeß, 
für den sich weder Tag noch Stunde angeben läßt, ihre 
Herrschaft in England hinverloren an einen Cliquen- 
humbug ohnegleichen. 

Aber noch stehen beide Nationen gestützt auf das Erbe 
einer großen nationalen Vergangenheit, Frankreich auf 
sein Schwert, England auf sein Gold; sie haben zuzu- 
setzen und zu zehren. 

In Deutschland hat das Bürgertum, begünstigt 
durch die Kleinstädterei und Kleinstaaterei, 
die widrigsten Züge angenommen, und endlich — unsere 
nationale Existenz ist erst zu erobern, liegt erst in 
der Zukunft! 

Zerfallen ist seit Jahrhunderten, was uns einte und 
zusammenhielt, und nur durch eine Gedankenwende 
ohnegleichen ist diese nationale Existenz wieder zu 
erobern! Schelling hat auch das gesehen: „In Deutsch- 
land könnte, da kein äußeres Band es vermag, nur ein 
inneres, eine herrschende Religion oder Phi- 

23 LoMÜk. G«a. S>iiri^t«a. BaoJ V 333 



lo Sophie den alten Nationalcharakter hervorrufen, der 
in der Einzelheit zerfallen ist und immer 
mehr zerfällt" ^). 

Aber eben darum kann niemals und unmöglich 
durch das Bürgertum dieser Durchbruch in eine na- 
tionale Existenz vollbracht weixlen. Denn dieses 
Bürgertum ist gerade eben selbst der Individua- 
lismus, oder vielmehr um, was man hierunter versteht, 
richtiger zu benennen, der Besonderungstrieb, der 
uns um unsere Existenz als Nation gebracht hat, und die 
Kleinstädterei und Kleinstaaterei nur sein 
konsequentester, philiströsester Ausdruck 1 Eine tiefe in- 
nere Gemeinschaft besteht zwischen beidem, beides ist 
nur der innere und äußere Ausdruck desselben Ge- 
dankens, und das ist das Geheimnis, weshalb es, trotz 
aller Sehnsucht, unmöglich ist, unter der Herrschaft un- 
seres Bürgertums eine nationale Wiedergeburt als Deut- 
sche zu erobern. Kleinstaaterei und Bürgertum, beide 
werden nur miteinander besiegt werden ! 

So ist für uns dieser Klassensieg auch zur Bedingung 
unseres nationalen Daseins gemacht. Nur aus dem- 
selben Gedanken können beide hervorgehen ! 

Näher und näher rückt die Zeit ! Mahnend pocht sie 
mit ehernem Finger! Was heute noch Frage der natio- 
nalen Wiedergeburt — bald wird es selbst Frage 
der nationalen Existenz sein. Wir verlieren selbst 
diese, wenn wir jene nicht erobern ! 

Sollte das das Schicksal des deutschen Geistes sein? 
Sollten wir wirklich ein Volk sein, wie unheilvolle Weis- 
sagungen erklangen, bestimmt, den Völkern einzelne 

1) a. a. O. p. 260. 
354 



Denker zu geben und dann aufzugehen in sie, die Juden 
unter den Völltern Europas ? — — — 

Doch fort niit diesen melancholischen Gedanken ! Schon 
höre ich in der Ferne den dumpfen Massenschritt der 
Arbeiterbataillone ! Rettet — rettet — rettet euch aus 
den Banden eines Produktionszustandes, der euch zur 
Wa r e entmenscht hat — rettet — rettet — rettet den 
deutschen Geist vom geistigen Untergange — rettet 
— rettet zugleich die Nation vor Zerstückelung! 

Schon zuckt in den Höhen der Blitz des direkten und 
allgemeinen Wahlrechts ! Auf diesem oder jenem Wege, 
bald fährt er zischend hernieder! Seitdem dieses Wort 
ausgesprochen wtu'de, ist es zur Notwendigkeit ge- 
worden! Bewaffnet dann mit diesem Blitz, rettet euch, 
rettet Deutschland ! 

Und ihr, die ihr gleich mir Bourgeois von Geburt, 
aus unseren Denkern und Dichtem die Milch der Freiheit 
gesogen habt, um euch zu erheben über die Existenzbe- 
dingungen einer Klasse, weiche dem Volke das Elend, 
dem deutschen Geiste den Verfall, der Nation die Zer- 
stückelung und Ohnmacht gebracht hat — herbei und 
stimmet ein in mein ,,jacta est alea". Hier euer Banner 
und das eure Ehre ! 



355 



ANHANG: 

DIE AN DEN „BASTIAT- SCHULZE" 
ANKNÜPFENDEN KONTROVERSEN 



DIE AN DEN „BASTIAT-SCHULZE" AN- 
KNÜPFENDEN KONTROVERSEN. 

I. 

Die Rezension der „Kreuz zei tu ng'. 

Über die Aufnahme, welche der „Bastiat- Schulze" in 
der Presse fand, hat sich Lassalle selbst in der Rons- 
dorfer Rede dahin geäußert, daß die konservativen Blätter 
,, von Anerkennung überflössen", während die Fortschritts- 
blätter ursprünglich beschlossen hätten, das Buch totzu- 
schv/eigen. Aber im weiteren Verlauf der Rede zitiert 
er selbst ein Fortschrittsblatt, das das Schweigen ge- 
brochen, und im Brief vom 21. Juh 1864 an den Ver- 
einssekretär Willms ersucht er diesen, den Verleger des 
,,Bastiat- Schulze", Schlingmann, auf eine 112 Seiten lange 
Besprechung des Buches durch A. E. Schäffle, damals 
süddeutscher Demokrat, aufmerksam zu machen. Daß im 
ganzen die Fortschrittler keine große Lust verspürten, 
ihr Publikum mit dem ,,Bastiat- Schulze" bekannt zu 
machen, erklärt sich mehr noch als aus dem ökonomischen, 
aus dem politischen Charakter des Buches, der Art, 
wie darin die politischen Tageskämpfe beleuchtet wurden. 
Übrigens ist auch das ,, Totschweigen" nicht allzu wört- 
lich zu nehmen. In der Hauptsache trifft es auf einige 
Berliner Organe der Fortschrittspartei zu, deren Redak- 
tionen neben anderen auch allerhand persönliche Gründe 
hatten oder zu haben glaubten, sich möglichst wenig mit 
Lassalle zu befassen. 

359 



Was nun die überfließende Anerkennimg von Seiten 
der konservativen Presse anbetrifft, so liegen die Gründe 
für diese so klar auf der Hand, daß darüber kein Wort 
weiter zu verlieren wäre. Indes erfordert die Antwort, 
welche Lassalle dem damals einflußreichsten der kon^ 
servativen Organe, der Berliner ,, Kreuzzeitung", auf deren 
Rezension des ,,Bastiat- Schulze" einschickte, ihrem Ab- 
druck eine kurze Analyse jener Rezension selbst voraus- 
zuschicken. 

Die Rezension zieht sich durch drei Nummern der 
,.Kreuzzeitung" : Nr. 101 vom 1. Mai, Nr. 106 vom 
8. Mai und Nr. 123 vom 23. Mai 1864. Sie beginnt mit 
der Erklärung, der Schreiber fühle sich um so mehr ver- 
anlaßt, näher auf die Schrift Lassalles einzugehen, „als 
wir, vorbehaltlich aller sonstigen Differenzen, was die 
vernichtende Kritik des Gegners anbetrifft, fast überall 
auf Seiten des Verfassers stehen." Die Anwendung des 
Zitats aus Schelling, wo dieser einem seiner Rezensenten 
vorwirft, er habe noch nicht einmal die Bildung eines 
Barbiers, auf Schulze- Delitzsch wird als höchst ange- 
messen bezeichnet, „weil man einen , wissenschaftlichen 
Barbier', der sich für einen Gelehrten ausgibt, kaum anders 
behamleln kann, als denselben erst einzuseifen und dann 
zu rasieren". Überhaupt sei der erste Teil des Buches, 
der die Kritik Schulzes enthält, „als sehr gelungen zu 
bezeichnen", und „überaus ergötzlich" sei ,,die kritische 
Schärfe, mit welcher die beiden Universalheilmittel des 
Herrn Schulze, Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, in ihr 
Nichts aufgelöst werden." Es folgt dann eine Art In- 
haltsangabe, ergänzt durch Zitate aus dem Buche selbst, 
die sich alsdann durch den ganzen zweiten Abschnitt der 
Rezension hindurchziehen. Die Kritik beginnt erst in 
deren dritten Teil. Sie setzt bezeichnenderweise mit dem- 

360 



selben VonNOirf ein, den auch Fortschrittsblätter gegen 
Lassalle erhoben : den der Zweideutigkeit. Nachdem der 
Rezensent — unzweifelhaft der Geheime Justizrat 
Wagener, damals noch die rechte Hand Bismarcks ^) — 
die Forderung an Lassalle gestellt, an die dieser in semer 
Antwort anknüpft : ,,sich offen und unumwunden darüber 
auszusprechen", ob er seine Vorschläge innerhalb der 
bestehenden christlichen Staats- und Gesellschaftsordnung 
verwirklicht zu sehen gedenke, fährt er fort : ,,Bis dahin 
(d. h. bis Lassalle sich darüber erklärt) werden seine 
Projekte, die auch wohl nicht ohne Grund im clair-obscur 
(Dämmerlicht) gehalten sind, mit Recht dem Vorwurf 
unterliegen, daß sie weniger ein praktischer Beitrag zur 
Losung der Arbeiterfrage, als vielmehr eine gefährliche 
und radikale Agitation gegen die historische Staats- 
uikI Gesellschaftsordnung sind." 

Hierauf folgt ein Hinweis auf die Verbindung von 
Kapital und Arbeit im ,,M i ttels t a nd". Die nackte 
und krasse Gegenüberstellung der Extreme des ,, arbeits- 
losen Kapitalisten" und der ,, kapitallosen Arbeit", heißt 
es, welche überdies weit seltener existierten als theore- 
tische Erörterungen zu unterstellen liebten, verrücke den 
Gesichtspunkt, unter dem allein eine nachhaltige Hilfe 
möglich sei. Die wesentliche Aufgabe jeder verständigen 
Behandlung bleibe vielmehr ,,die Fernhaltung der Extreme, 
d. h. die Konservierung des ,,Mittelsta ndes". Las- 



^) Irgendwo — es ist uns nicht mehr genau erinnerlich, in 
welchem Buch oder welcher Zeitschrift — ist vor einiger Zeit 
Rodbertus als ihr Urheber bezeichnet worden. Schützt aber 
schon der oben zitierte recht geschmacklose Witz ihn vor 
dieser Vermutung, so sind die politischen und ökonomischen 
Ideen, die in ihr zum Ausdruck kommen, himmelweit von denen 
Rodbertus' verschieden. D. H. 

361. 



salio verlange nur da die Hilfe durch Staat und Gesetz- 
gebung, v/o die Arbeit die Verbindung mit dem Kapital 
eingebüßt habe, ignoriere aber die Schichten, wo diese 
Verbindung noch bestehe, und die ,, gegenüber der wirk- 
lich kapitallosen Arbeit ganz unverhältnismäßig in das 
Gewicht fallen." 

Lassalle, heißt es weiter, nehme ,, nicht den durch- 
schnittlichen Zustand jenes Mittelstandes, sondern die 
exzeptionelle Lage der .glücklich situierten Minderheit' 
zum Ausgangspunkt," obwohl er sich doch sagen müsse, 
daß selbst das allgemeine Stimmrecht keinen Zustand her- 
beiführen könne, wo alle Fabrikarbeiter von Austern und 
Champagner leben ; seine Gegenüberstellung sei nur dazu 
geeignet, die gegenseitige Verbitterung zu steigern. Aber 
Lassalle verstehe die Rechenkunst gut genug, um genau 
zu wissen, daß sofortige Verteilung der Luxusausgaben 
des ,, großen Kapitals" die Lage der Fabrikarbeiter kaum 
wesentlich verändern dürfte, wie ja sein eigener Hinweis 
auf den geringen Ertrag der Luxussteuern beweise ; und 
so sei mindestens ebensosehr wie die anderweitige Ver- 
teilung, die Steigerung des Gesamteinkommens ins Auge 
zu fassen. Dann folgt der, ebenso wie der eben zitierte 
Hinweis, von Lassalle in seiner Erwidemng teilweise be- 
antwortete Vorhalt, daß ,, nicht alle Tugend und alles Ver- 
dienst auf selten der Arbeiter, nicht alle Ungerechtigkeiten 
auf selten des Kapitals zu finden", und daß die Arbeiter 
ebenfalls andere werden müßten, als sie zur Zeit seien, 
wenn irgendwelche Hilfe ihnen dauernden Nutzen bringen 
solle. Zur Bekräftigung dieser Behauptung wird eine Stelle 
aus dem gerade erschienenen Buch ,,Die Arbeiterfrage 
und das Christentum" von Bischof Ketteier zitiert, und 
schließlich das Gesamturteil wie folgt formuliert : 

,,Für heute beschränken wir uns darauf, unsere Stel- 

362 



lung zu den Ausführungen und Vorschlägen des Herrn 
Lassalle dahin zusammenzufassen, daß wir mit ihnen ein- 
verstanden sind, soweit es sich um die Kritik und die 
Beseitigung der Institutionen und Prinzipien des modernen 
widerchristlichen Liberalismus handelt, daß wir aber als 
seine entschiedenen Gegner auftreten, wenn und soweit 
sich seine Angriffe gegen das Fundament der christlichen 
Staats- und Gesellschaftsordnung selbst richten. Überdies 
halten wir seinen Ausgangspunkt für unrichtig und meinen 
unsererseits, daß jede gesunde Behandlung der obschwe- 
benden Arbeitei'frage von der Konservierung des Mittel- 
standes ausgehen muß, indem ja alle Versuche, eine Ver- 
bindung von Kapital und Arbeit da, wo sie verloren ist, 
wiederherzustellen, illusor-isch bleiben müssen, solange man 
nicht weiß, wie man die noch vorhandene Verbindung kon- 
servieren soll. Endlich müssen wir es als eine Unmöglich- 
keit bezeichnen, die Lage des Arbeiters zu verbessern 
anders, als indem man gleichzeitig den Arbeiter selbst 
verbessert. Der Arbeiter, wie er heute ist, ist selbst schon 
ein Produkt der falschen Prinzipien und Institutionen, 
und man wird beides nur in- und miteinander wegzutun 
imstande sein." 

Man muß gestehen, sehr entgegenkommend gegen Las- 
salle war das alles nicht. Man quittierte schmunzelnd die 
Wunden, die er dem gemeinsamen Gegner beigebracht, im 
übrigen hielt man ihm gewissermaßen einen Stock vor, 
über den er zu springen habe, bevor man sich auf weiteres 
mit ihm einlasse. Waren den Berliner Herren die soe}:^n 
in Schleswig- Holstein erzielten militärischen Erfolge in 
den Kopf gestiegen, so daß sie vermeinten, diese allein 
genügten, den Widerstand des Kammerliberalismus zu 
brechen, oder glaubten sie Lassalle schon so mürbe zu 
haben, daß sie ihm im Ernst zumuten durften, unter das 

363 



kaudinische Joch dieser Gewissensfragen zu gehen? Die 
Phrase „eine gebieterische Pflicht des Herrn 
Lassalle" in der Einleitung der Herausforderung deutet 
beinahe darauf hin. Nun, darin hätten sich die Leutchen 
jedenfalls getäuscht. Immerhin ist die Antwort Lassalles 
auf die so demütigende Zumutung in einem Tone gehalten, 
der seltsam absticht von der brüsken Art, mit der er 
ähnliche Anzapfungen von liberaler Seite abzufertigen 
pflegte. 

Trotzdem weigerte sich die Redaktion der ,, Kreuzzei- 
tung" anfangs, die Antwort aufzunehmen. Es bediu^te erst, 
wie aus den Briefen Lassalles an Willms vom 9. und 15. Juni 
1864 (mitgeteilt in Band IV unserer Ausgabe, S. 329) 
hervorgeht, eines Appells an Herrn Wagener selbst, die 
Aufnahme bewilligt zu erhalten. Sie erfolgte in der Nr. 141 
jenes Blattes, d. d. 19. Juni 1864. Die Redaktion be- 
gleitete den Abdruck mit einer Nachschrift, in der sie 
— ebenfalls nicht sehr rücksichtsvoll gegen Lassalle — 
erklärte, ,,nur ausnahmsweise" und „nur in Er- 
wägung der tiefgreifenden Bedeutung des Gegenstan- 
des", sowie weil Lassalle die fortschrittliche Presse fast 
hermetisch verschlossen sei, der Erwiderung Raum zu 
geben. Es sei aber nicht ihre Absicht, die Frage in ihren 
Spalten wissenschaftlich austragen zu lassen, und sie be- 
schränke sich deshalb darauf, dem Verfasser der Rezen- 
sion, falls er es wünsche, noch einmal das Wort zu lassen, 
,,ohne damit eine Verpflichtung anzuerkennen oder zu 
übernehmen, auch Herrn Lassalle wiederholt ihre Spalten 
zu diesem Zwecke zu öffnen." Ihrerseits müsse die Re- 
daktion erklären, daß sie in der ErAviderung Lassalles 
keine Widerlegung, sondern vielmehr eine Be- 
stätigung der wesentlichen Vordersätze ihrer Rezen- 
sion des Buches „Bastiat- Schulze" gefunden habe. 

364 



Damit war Lassalle sozusagen die Tür vor der Nase 
zugeschlagen. Aber auch der Rezensent selbst verzichtete 
auf eine Fortsetzung der Debatte ; außer dem „Einge- 
sandt" eines Unbeteiligten in der Nummer vom 3. Juli 
1864, in welchem bemerkt wird, daß die Staatshilfe, wie 
Lassalle sie verlange, den sicheren Staatsbankerott be- 
deute, daß das allgemeine Wahlrecht, wenn überhaupt be- 
willigt, wenigstens an die Bedingung des zurückgelegten 
vierzigsten Lebensjahres geknüpft werden müsse, daß die 
hier und da noch vorhandene Sitte, die Löhne zu "U in 
Naturalien auszufolgen, empfehlenswert sei etc. etc. — 
außer diesem sonderbaren Rezept zur Lösung der Ar- 
beiterfrage haben wir in den folgenden Nummern des 
Organs der Junker und Mucker keine, auf die Polemik 
Bezug nehmende Notiz gefunden. 

Dies vorausgeschickt, lassen wir nunmehr die Lassalle- 
sche Antwort folgen. 

II. 

Erwiderung 

auf eine 

Rezension der ,, Kreuzzeitung" über das Buch: Herr 

Bastiat- Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian. 

Von Ferdinand Lassalle. 

In der Nr. 123 Ihres geehrten Blattes befindet sich 
als Schluß Ihrer eingehenden Besprechung meines „Ba- 
stiat- Schulze" ein Aufsatz, in welchem es heißt : „Unter 
diesen Umständen glauben wir, bevor wir uns auf eine 
ernsthafte Diskussion seiner (Lassalles) positiven Vor- 
schläge einlassen, es als eine gebieterische Pflicht 
des Herrn Lassalle bezeichnen zu müssen, sich offen 
und unumwunden darüber auszusprechen : ob und in wel- 

365 



eher Weise er die Absicht hat und sich getraut, seine 
Vorschläge innerhalb der bestehenden christlichen 
Staats- und Gesellschaftsordnung auszu- 
führen." 

Obgleich ich mich hierüber so oft „offen und unum- 
wunden" erklärt zu haben glaube, daß ich mich über diese 
Interpellation wohl verwundern darf, und obgleich ich 
hier als Kurgast weniger denn je zu eingehenden literari- 
sclien Besprechungen in der Lage bin, so ist doch diese 
Aufforderung in einer, ich möchte sagen, viel zu feierlichen 
Weise gestellt und kommt, wenn ich mich über die Person 
des Verfassers jener Rezension nicht täusche, von zu 
beachtenswerter Hand, um ihr nicht nochmals zu ent- 
sprechen und diese Beantwortung durch die Erledigung 
der vier Einwendungen näher zu begründen, v/elche der 
Herr Rezensent mir entgegenhält. 

Ich erwidere also : 

1. Die Frage, inwiefern das gebieterische poUtisch- 
soziale Bedürfnis der Jetztzeit seine Entwicklung inner- 
halb oder gegen die bestehende Staats- und Gesell- 
schaftsordnung nehmen wird, ist falsch gestellt und einer 
absoluten Antwort nicht fähig, wenn diese Frage an 
mich gestellt wird. 

Ich meinerseits spreche mich über diese Frage in meiner 
Rede vor dem Königlichen Kammergericht : „Die indirek- 
ten Steuern und die Lage der arbeitenden Klassen" 
S. 132^) also aus: „In diesem Sinne kann ich sagen, 
daß ich jedenfalls von dem künftigen Eintreten meiner 
Revolution (worunter ich, wie ich daselbst ausdrücklich 
expHziere, immer nur die Durchführung eines neuen 
Prinzips verstehe) überzeugt bin. Sie wird entweder 



^) Bd. II, S. 478 unserer Ausgabe. D. H. 

366 



eintreten in voller Gesetzlichkeit und mit allen Segnungen 
des Friedens, wenn man die Weisheit hat, sich zu ihrer 
Einführung zu entschließen beizeiten und von oben 
herab, — oder aber sie wird innerhalb irgendeines 
Zeitraumes hereinbrechen unter allen Konvulsionen der 
Gewalt, mit wild wehendem Lockenhaar, erzene Sandalen 
an ihren Sohlen ! In der einen oder anderen Weise v/ i r d 
sie kommen, und wenn ich, mich dem Tageslärm ver- 
schließend, in die Geschichte mich vertiefe, so höre ich 
ihr Schreiten." 

Ist das deutlich ? 

Mit anderen Worten: Um eine absolute Antwort 
auf jene Frage, auf die ich nur eine alternativische er- 
teilen kann, zu erhalten, muß diese Frage nicht an mich, 
sondern an die Träger der bestehenden Staats- 
und Gesellschaftsordnung gerichtet wer- 
den! 

Jenes politisch-soziale Bedürfnis ist ein gebiete- 
risches, ein unbedingtes. Welche Entwicklung und 
Stellung es zu der bestehenden Staats- und Gesellschafts- 
ordnung einnimmt, hängt daher notwendig davon ab, welche 
Stellung die Träger der bestehenden Staats- und Gesell- 
schaftsordnung zu diesem Bedürfnis einnehmen werden. 
Fahren diese Träger fort, in der bisherigen aktiv oder 
pxassiv negativen Stellung zu diesem Bedürfnis zu ver- 
harren, so ist dasselbe natürlich hierdurch, ohne dies ändern 
zu können, seinerseits in eine negative Stellung zu 
der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung ge- 
drängt und zu einer negativen Entwicklung gezwungen. 

Soviel zunächst über den ersten Punkt. 

2 Der zweite Einwand des Herrn Rezensenten ist 
der, daß ich angeblich nur den Gegensatz, nicht aber 
die Verbindung von Kapital und Arbeit zu berück- 

367 



sichtigen scheine. ,Jn der WirkKchkeit — sagt der Herr 
Rezensent — ist es aber gerade die Verbindung beider, 
welche als der rechte Maßstab für die Behandlung der 
sozialen Fragen betrachtet werden muß." Diese Verbin- 
dung, sagt der Herr Rezensent, werde durch den Mit- 
telstand repräsentiert. ,,Die wesentlichste Aufgabe jeder 
verständigen Behandlung bleibt eben die Femhaltung der 
Extreme (von Kapital und Arbeit) — fährt der Herr 
Rezensent fort — d. h., die Konservierung des Mittel- 
standes, wie es ja auch von allen Einsichtigen als die 
Hauptgefahr der jetzigen industriellen Entwicklung be- 
zeichnet wird, daß sie den Mittelstand absorbiere und 
je länger desto mehr die bezeichneten Extreme in das 
Leben rufe." 

Ich kann alles Richtige, was in diesen Sätzen ent- 
halten ist, mit Freuden zugeben. Statt einen Einwand 
gegen mich, bildet es vielmehr einen vorzüglichen Beweis 
für mich und die von mir vorgeschlagene Lösung ! 

In der Tat, die Ve r b i n d u n g von Kapital und Arbeit 
zu bewerkstelligen, das ist eben der wahre Inhalt und die 
wirkliche Formel der sozialen Frage. Und nicht weniger 
wahr ist es, daß die Konservierung — bzw. Herstellung 
— eines gesunden Mittelstandes, Hauptzweck der 
sozialen Lösung sein muß. Der Prüfstein, ob eine soziale 
Lösung die richtige sei, wird eben darin bestehen, ob sie 
imstande sei, einen solchen Mittelstand zu erzeugen. 

Allein wie soll denn der Mittelstand konserviert wer- 
den? — 

Es ist eben das von mir in meinem ..Bastiat- Schulze" 
physiologisch entwickelte notwendige Spiel der Kräfte, 
daß die große Industrie unrettbar das kleine Kapital 
in ihre Attraktionssphäre zieht und verschlingt, den Mit- 
telstand also fortwährend und immer mehr uiid mehr 

368 



aufhebt. Die konservativen Kritiker und Fachmänner 
haben dies oft zugestanden. Ja, Ihr Herr Rezensent selbst 
gesteht in dem zuletzt angeführten Satz auf das Aus- 
drücklichste zu, daß dies der Fall sei, und zwar ,,j e 
länger desto mehr" der Fall sei! 

Wie also soll der Mittelstand konserviert werden, 
wenn seine Aufhebung zugestandenermaßen nicht die zu- 
fällige, sondern die notwendige Wirkung unserer heu- 
tigen Gesellschaftsordnung, der großen Industrie 
ist? Mit Palliativmitteln läßt sich gegen die organische 
Kraft dieser in der heutigen Gesellschaftsordnung begrün- 
deten großen Industrie doch offenbar nichts ausrichten 
— und mit bloßen ,, frommen Wünschen" ist offenbar 
ebensowenig getan. 

Die Antwort auf diese verhängnisvolle und scheinbar 
unlösbare Frage : wie soll der Mittelstand konserviert 
oder bzw. hergestellt werden, ist eine sehr einfache! 

Die große Industrie und ihre den Mittelstand 
absorbierende Attraktionskraft kann durch nichts besiegt 
werden, als durch die — noch größere; durch die 
größeste Industrie! d. h. durch jene Verbin- 
dung des Staates mit der Industrie, welche 
ich in der auf den Staatskredit basierten großen Pro- 
duktiv assoziation in meinem ,,Bastiat-Schulze" ge- 
fordert und näher entwickelt habe. 

Durch diese .,Ve rbindungdes Kapitals — und 
des größesten — mit der Arbeit würde ein Mit- 
telstand erzeugt, welcher nicht weniger als das ganze 
Volk umfaßte." 

Wenn also der Herr Rezensent, nachdem er sich 
überall meinen theoretisch-ökonomischen Ausführungen an- 
geschlossen und für die Unzerstörbarkeit ihrer kritisch- 
wissenschaftlichen Begründung Zeugnis abgelegt hat, sich 

24 Las.iU«. Ge«. Seliri£t«a, Band V. 369 



dennoch gegen meine praktischen Vorschläge als von einem 
unrichtigen Ausgangspunkte ausgehend erklärt, weil ,,]ede 
gesunde Behandlung der obschwebenden Arbeiterfrage von 
der Konservierung des Mittelstandes ausgehen 
muß, indem ja alle Versuche, eine Verbindung von Kapital 
und Arbeit da, wo sie verloren ist, wieder herzustellen, 
illusorisch bleiben müssen, solange man nicht weiß, 
wie man die noch vorhandene Verbindung konservieren 
soll" — so möchte ich mir erlauben, ihn zu nochmaligem 
Nachdenken über das hier Gesagte einzuladen, welches 
ich ihm jetzt in folgender Form zusammenfassen will : 
Die alte Verbindung von Kapital und Arbeit im Mittel- 
stande wieder herzustellen, wo sie verloren gegangen ist, 
würde, selbst wenn dies momentan möglich wäre, auf die 
Dauer ebenso vergebliche Mühe sein, v/ie es unmöglich 
ist, diese alte Verbindung, wo sie im Mittelstande noch 
vorhanden ist, gegen die Attraktionskraft der großen In- 
dustiie zu bewahren. 

Die organische Kraft der großen Industrie einmal ge- 
geben, ist es unmöglich, die noch vorhandenen Reste des 
Mittelstandes gegen sie in ihrer alten Form zu 
schützen. Es ist unmöglich, die Flüsse und Quellen davon 
abzuhalten, daß sie in die Ströme fließen und sickern ! 
Aber sich der befruchtenden Kraft des großen Stro- 
me s zu bemächtigen, jene Verbindung von Kapital und 
Arbeit in einer neuen, in den heutigen entwickelten 
Verhältnissen der großen Industrie begründeten Weise 
hervorzubringen, einen Mittelstand schaffen, wel- 
cher nicht mehr eine Klasse im Volke ist, sondern das 
Vo Ik selbst umfaßt, das Dasein und die Blüte 
dieses Mittelstandes gerade auf das We s e n der 
großen Industrie selbst gründen, gegen wel- 
ches man ihn vergeblich zu schützen und abzusperren sucht 

370 



— das scheint mir vor allem befruchtend und auch, da 
so die einmal unleugbar historisch vorhandene und 
sich immer mehr entwickelnde Kraft der großen Industrie, 
statt bekämpft zu werden, zum Träger des Zweckes 
gemac|it wird, vor allem ,,h is t o r is ch" ! 

3. In seiner dritten Einwendung bemerkt der Herr 
Rezensent: ,,Um deswillen ist es auch nicht unbegründet, 
wenn dem Herrn Lassalle bereits von anderer Seite der Ein- 
wand gemacht worden ist, daß es sich bei Verbesserung der 
Lage der Arbeiter nicht bloß um eine anderweitige Ver- 
teilung, sondern mindestens ebensosehr um eine Steige- 
rung des Gesamteinkommens handle, wobei selbstredend 
die Steigerung der Erträge der Landwirtschaft im 
Vordergrunde steht. Es bleibt dabei — wie ein ein- 
sichtiger Nationalökonom sagt — daß, wer es bewirkt, 
daß dort, wo bis dahin eine Weizenstaude gewachsen, 
fortan deren zwei wachsen, seinem Vaterlande und auch 
dem Arbeiterstande einen größeren Dienst geleistet hat, 
als der größte Industrielle und der genialste Maschinen- 
erfinder." » 

Ihr Herr Rezensent hat zu eingehende Beweise von 
dem Ernste gegeben, mit welchem er mein Buch gelesen 
hat, als daß ich ihn im geringsten in Verdacht nehmen 
könnte, dasselbe nur bruchstückweise zu kennen. 

Allein bei dem mannigfachen Inhalte des Buches schei- 
nen ihm nicht alle Teile desselben momentan gleich gegen- 
wärtig gewesen zu sein. 

So allein wenigstens kann ich mir die hier angezogenen 
Sätze erklären. 

Denn gerade in meinem ..Bastiat-SchuLze" habe ich 
selbst erklärt (siehe p. 213 [301] daselbst), daß die 
..Vermehrung der Produktion eine unerläßliche Be- 
dingung jeder Verbesserung unserer sozialen Zustände" 

24- 371 



sei. Aber ich habe daselbst auch eingehend gezeigt, daß 
und warum die von mir verlangte große Produk- 
tivassoziation mit StEiatskredlt nicht bloß eine ge- 
änderte Verteilung, sondern die gewaltigste 
Steigerung des Gesamteinkommens der Ge- 
sellschaft zur Folge haben müsse. 

Ich habe daselbst p. 213- bis p. 229 sechs große 
Ursachen für diese Steigerung des gesellschaft- 
lichen Gesamteinkommens durch die große Produktiv- 
assoziation entwickelt. 

Ihr Herr Rezensent hat den Nerv und die Trag- 
weite dieser Ausführungen weder widerlegt noch be- 
stritten — ja ich glaube, daß er viel zu intelligent ist, um 
sie auch nur bestreiten zu wollen! 

Ebenso habe ich daselbst (s. ,,Bastiat- Schulze", S. 224 
[317] und S. 227ff. [320 ff.]) die Steigerung der land- 
wirtschaftlichen Produktivität, wie schon früher in 
meinem ,, Arbeiterlesebuch", vor allem betont! 

Es ist ganz wahr, was Ihr Herr Rezensent sagt, daß 
wer hervorbringt, daß zwei Weizenstauden stehen, wo 
früher eine stand, mehr für das Volk getan hat, als 
der industrielle Erfinder. 

Wer aber den gesellschaftlichen Produk- 
tionsmodus in einer durch die Verhältnisse seiner Zeit 
geforderten Weise verbessert, hat für die Steigerung des 
Gesamtertrages der Gesellschaft noch mehr getan, als 
wer die technische Produktion, sei es im landwirt- 
schaftlichen, sei es im industriellen Gebiete, verbessert : 
ja, er hat hundertmal mehr getan als beide! Und zwar 
aus dem sehr einfachen Grunde, weil die den entwickel- 
teren Verhältnissen entsprechende Verbesserung des g e - 

1) Seite 301 bis 324 dieses Bandes. D. H. 

372 



sellschaftlichenProduktionsmodus von selbst 
auf beide Gebiete, das landwirtschaftliche wie indu- 
strielle, eim\ärkt und wieder in j e d e r Unterabteilung der- 
selben und ihrem technischen Betriebe tausend Ver- 
besserungen hervorruft. 

Die den Verhältnissen jeder Zeit entsprechende Ver- 
besserung des gesellschaftlichen Produktions- 
modus bleibt also, sage ich, immer die größte Ver- 
besserung, die mächtigste Quelle der Steigerung 
des Gesamtertrages, die gewaltigste Ma- 
schine zur Hervorbringung dieser Steigerung, und zwar 
sowohl auf landwirtschaftlich em, wie auf in- 
dustriellem Gebiet, und zieht außerdem alle anderen tech- 
nisch e n Verbesserungen und Maschinen in j e d e m die- 
ser beiden Gebiete nach sich. 

So war die Einführung der freien Konkurrenz 
durch die französische Revolution ihrer Zeit die gewal- 
tigste Maschine für die Steigerung des gesellschaftlichen 
Reichtums, die je erfunden wurde, und hat alle weiteren 
Erfindungen nach sich gezogen. 

Und ich habe ge%viß nicht nötig, Ihrem Herrn Rezen- 
senten erst zu sagen, wie die freie Konkurrenz diesen 
Reichtum nicht bloß auf industriellem Gebiet schuf, 
sondern, durch die mit ihr gegebene Beseitigung des feu- 
dalen Systems in der landwirtschaftlichen Pro- 
duktion, durch die Beseitigung des Systems der Natural- 
dienste, Lieferungen und Renten und der Rohabgaben 
ebenso auf landwirtschaftlichem Gebiet eine bis 
dahin ungeahnte Vermehrung der Produktivität hervor- 
brachte ! Ich brauche Ihrem Herrn Rezensenten nicht zu 
sagen, welche Steigerung des landwirtschaftlichen 
Ertrages die Folge dieses verbesserten gesellschaft- 
lichen Produktionsmodus war, und wie hunderte 

373 



von Verbesserungen, Boden- und Betriebsameliorationen, 
welche hervorbringen, daß jetzt zwei Weizenstauden 
stehen, wo früher eine oder keine, mit dem System 
der unablösbaren Naturairenten und Rohabgaben etc. etc. 
unvereinbar waren. 

Was für die freie Konkurrenz für jene Zeit gilt, gilt 
für die große Produlctivassoziation für die noch ent- 
wickelteren Verhältnisse der heutigen Zeit, wie ich im 
,,Bastiat-Schulze" auf den angeführten Seiten nachge- 
wiesen habe — und jener dritte Einwand ist daher kein 
Einwand gegen mich. 

4. Der sehr verwunderliche vierte Vorwoirf, den mir 
der Herr Rezensent macht und den er noch dazu als den 
am meisten prinzipiellen und tiefgreifenden erklärt, — 
ist der, daß meine Ausführungen stillschweigend voraus- 
setzen, daß ,,alle lugend" auf seiten der Arbeiter und 
alle Vorwürfe und alle Ungerechtigkeiten auf seiten des 
Kapitals zu suchen seien, wogegen der Herr Rezensent 
den sehr richtigen Satz aufstellt, die Arbeiter würden sich 
einer Täuschung hingeben, wenn sie glaubten, als ob ihnen 
durch irgendwelche Künste und Institutionen geholfen wer- 
den könne, ,,so wie sie sind, und wenn sie so 
bleiben wollen, wie sie sind." 

Ich habe nirgends in meinen Schriften, weder aus- 
drücklich, noch stillschweigend, die Voraussetzung aus- 
gesprochen, daß sich auf seiten der Arbeiter ,,alle Tu- 
genden" befänden. Die einzigen beiden meiner Schriften, 
welche auf diese subjektive Seite zu sprechen kom- 
men — das ,, Arbeiterprogramm" und das ,, Arbeiter- 
lesebuch" — erklären vielmehr das Gegenteil sehr aus- 
drücklich und sehr energisch! 

In meinen anderen Schriften behandle ich nur die ob- 
jektiven Seiten der Frage — unsere Einrichtungen. 

374 



Und mit Recht. Denn im allgemeinen ist der Mensch 
eben ein Produkt seiner Lage, und wer ganze Klassen 
von Menschen wirklich ändern will, muß zuvor die B e - 
dingungen ihrer Lage ändern, die sie eben z u 
dem machen, was sie sind. 

Konnte denn aber der Herr Rezensent, die Hand aufs 
Herz, wirklich glauben: ich wolle, die Arbeiter soll- 
ten so bleiben wollen, wie sie sind? Wider- 
spricht dem nicht jeder Schritt meiner Agitation und jede 
Zeile auf jeder Seite meiner Schriften ? 

Ich bin der erste, zu erklären, daß jede soziale Ver- 
besserung nicht einmal der Mühe wert wäre, 
wenn auch nach derselben — was zum Glück objektiv 
ganz unmöglich — die Arbeiter persönlich das bKeben, 
was sie in ihrer großen Masse heute sind. 

Welches wäre denn aber der erste Schritt zu ihrer 
subjektiven Hebung ? Es wäre — ich gebrauche das Wort 
..Bildung" nicht mehr gern, seitdem es mir der Miß- 
brauch verleidet hat, den die Fortschrittler damit getrieben 
haben — es wäre die Erziehung des Arbeiters durch 
den obligatorischen und unentgeltlichen Un- 
terricht in einem ganz anderen Umfange, als in wel- 
chem heute schwache Keime desselben vorhanden sind. 

Wiederum ist es also der Staat, der durch diese 
große Erziehungsmaschine den arbeitenden Klas- 
sen zur Hilfe kommen muß, wenn von einer soliden Bil- 
dung der Arbeiter die Rede sein soll. Das Bedeutendste 
von dem, was, ehe der Staat diese Erziehungsmaschine 
aufrichtet, zur Bildung der arbeitenden Klassen bis jetzt 
geschehen ist, ist — ich kann dies ohne Scheu erklären 
— gerade durch die Agitation des Allgemeinen Deutschen 
Arbeitervereins und durch meine Volksschriften geleistet 
worden. Was die in denselben enthaltenen Bildungsele- 

375 



mente betrifft, so keinn ich das Urteil darüber dreist dem 
Herrn Rezensenten selbst überlassen. Daß diese Schrif- 
ten aber in einer bisher ganz beispiellosen 
We ise in die Massen eingedrungen sind, das 
kann ich dem Herrn Rezensenten aus eigener Anschauung 
bezeugen. Ich habe auf meiner rheinischen Rundreise zu 
meiner eigenen Überraschung sogar Land gemeinden ge- 
funden, in welchen viele dieser Schriften mehr oder weni- 
ger fast zum Gemeingut aller geworden waren! Ganze 
Landgemeinden aber, welche ihre Mußezeit zum Lesen, 
Denken und gegenseitiger Explikation venvenden, dies 
scheint mir das Stärkste, zu sein, was von jener Staatser- 
ziehungsmaschine zur Massenbildung getan werden muß. 

Jener obligatorische und unentgelthche Unterricht ist 
aber wiederum nur denkbar bei dem allgemeinen und 
direkten Wa h 1 r e c h t , und so erstrebt denn meine 
Agitation, indem sie dieses Wahlrecht verlangt, auch jene 
Folgen desselben, die solide Erziehung und Bildung des 
Volkes. 

5. Indem ich das allgemeine und direkte Wahlrecht 
erwähnt habe, komme ich damit zuletzt an den Vorv^rf, 
welchen mir der Herr Rezensent gleich im Eingang seiner 
Einwendungen macht : den Vorwurf, das allgemeine 
Stimmrecht in seiner ,,rohesten Form" zu fordern. 
An dieser ,, Roheit" halte ich unabänderlich fest! Ich 
täusche mich natürlich über das allgemeine und direkte 
Stimmrecht nicht. Ich halte es für keine Wünschelrute. 
Ich weiß sehr wohl, daß auch mit dem allgemeinen und 
direkten Stimmrecht die von mir erstrebte soziale Um- 
gestaltung noch lange nicht erreicht ist. Aber ihre erste 
Vorbedingung ist damit erreicht. 

Man scheint sich jetzt von manchen Selten her mit dem 
Gedanken an eine gewisse Ausführung meines sozialen 

376 



Programmes, an gewisse Experimente mit Produktivasso- 
ziationen ohne das allgemeine und direkte Stimmrecht 
zu tragen^). Aber abgesehen davon, daß diese Trennung 
der politischen und sozialen Seite jenes Programms aus 
tausend Gründen ebenso unzulässig wie unmöglich ist. ist 
. nur mit dem allgemeinen und direkten Wahlrecht den 
arbeitenden Klassen die Garantie für eine wirkliche, 
ernsthafte und nachhaltige Ausführung der P r o - 
duktivassoziationen im Großen gegeben. Ich 
betone das Wort im Großen. Mit kleinen Experimen- 
ten wäre hier nicht gedient — und leicht nur geschadet I 
Die Produktivassoziation muß ausgeführt werden mit 
Mäßigung, mit Weisheit, mit Ordnung und all- 
mählich — aber immerhin im Großen. 

Sogenannte Versuche im Kleinen wöirden durchaus 
keinen experimentablen Wert für die Lösbarkeit dieser 
Frage im Großen haben. Ich habe nicht ohne Grund im 
..Bastiat- Schulze", S. 215 — 226^) ausgeführt, weshalb 
die Produktivassoziation nur im Großen mit Sicherheit 
und mit Hervorbringung jener Wirkungen, welche eine 
wahrhafte und großartige Umwandlung der Lage der ar- 
beitenden Klassen enthalten, lösbar sei, und welche ganz 
andere Wirkungen, ja welche große Wzihrscheinlichkeit 
des Mißlingens sogar. Versuche im Kleinen haben müssen. 
Gelängen diese, so wäre damit nur ein höchst mäßiger 
philantropischer Nutzen für eine sehr beschränltte kleine 
Zahl von Leuten, keineswegs jene nach Umfang wie In- 



^) Dieser Satz läßt vermuten, daß Lassalle bereits von dem 
Projekt Kunde hatte, das später in Schlesien in Szene gesetzt 
wurde : Die berühmte Weberassoziation unter dem Schutz des 
Landrats Olearius. D. H. 

2) Seite 303 bis 320 dieses Bandes. D. H. 

377 



tensität ganz andere Umgestaltung der Lage der arbeiten- 
den Klassen erreicht, die ich erstrebe. 

Mißlängen diese Versuche im Kleinen, so wäre für die 
Uneinsichtigen immerhin eine Präjudiz für die praktische 
Lösbarkeit der Frage im Großen, wenn auch mit dem 
höchsten Unrecht, gegeben. 

Schon also, weil die wirkHche Ausführung der sozi- 
alen Verbesserung im Großen nur in dem allgemeinen 
und direkten Stimmrecht ihre formelle Garantie» 
findet, würde ich immer die ,, Roheit" dieses Rechtes als 
die unumgängliche conditio sine qua non^) für alles wei- 
tere betrachten. 

Versuchen wir aber eine Verständigung über diese ,, Ro- 
heit". 

Was den Rechtsgedanken betrifft, so habe ich 
nirgends ein konsequenteres Prinzip als diese allgemeine 
und gleichmäßige Beteiligung aller am Staate, welche 
durch das allgemeine und direkte Stimmrecht gegeben ist, 
entdecken können. 

Legt man aber weniger Gewicht auf die formelle ju- 
ristische Seite, als auf den Kulturzweck der Staats- 
ordnung, so glaube ich, wird' Ihr Herr Rezensent, ja es 
wird wohl jeder ohne Ausnahme in dem Satze überein- 
stimmen, daß die Intelligenz und Bildung den Maß- 
stab für die Beteiligung an der gesetzgebenden Gewalt 
geben müsse. 

Bei der allgemeinen Übereinstimmung aller in diesem 
Satze entsteht nur die weitere Frage : welches ist der 
Maßstab für die Intelligenz. 

Die Bourgeoisie sieht diesen Maßstab im Zensus, d. h. 
im Geldbesitz. 



^) Bedingung, ohne die es nicht angeht. 
378 



Diesen Maßstab werde ich für Sie und Ihren Herrn 
Rezensenten nicht zu widerlegen brauchen. 

Ebensowenig wird derselbe aber behaupten wollen, daß 
irgendein anderer bestimmter Besitz, etwa der Grund- 
besitz , dieser Maßstab sei — in der Zeit der großen 
Industrie, in welcher auch der Grundbesitz nur zu einer 
Form und Anlage des Geldbesitzes geworden ist, und 
in welcher daber Geldmenschen und Juden ebensogut 
Grundbesitz haben können und haben, wie große altadlige 
Geschlechter. 

Bleibt somit nur folgendes Entweder ~ Oder übrig. 

Entweder man versucht die Intelligenz in chine- 
sischer Weise mandarinenmäßig von oben herab bestimmen 
zu lassen — und diesen Versudh wird bei uns niemand 
wollen, noch für möglich halten. 

Oder man läßt die Intelligenz aus der Frei- 
heit hervorgehen und setzt ihren Maßstab in den 
freien Glauben aller an dieselbe. — Und dies 
ist die Lösung, mit der ich es halte. 

Und hier zwei Sätze, die vielen paradox erscheinen 
werden, die ich aber Ihrem HeiTn Rezensenten zur ern- 
stesten Erwägung empfehle : Es gibt nichts der 
wahren Intelligenz Wa hiver wandteres, als 
der gesunde Ve rstand der großen Massen 
— und es gibt nichts Organisationsfähigeres, 
als die großen Massen. 

Zum näheren Beweis dieser nur scheinbar paradoxen 
Sätze erlaube ich mir, dem Herrn Rezensenten meine 
,,Rede am Stiftungsfeste des Allgemeinen Deutschen 
Arbeitervereins, gehalten zu Ronsdorf", zu empfehlen, 
welche binnen kurzem die Presse verlassen wird. 

Obgleich ich in derselben dies Thema nur kurz und 
indirekt berühre, werden dennoch die dort enthaltenen 

379 



Tatsachen ihres hohen Gewichtes und ihrer Beweiskraft 
für den Herrn Rezensenten schwerlich entbehren ! Jene 
Tatsachen wurzeln aber keineswegs in meiner Persön- 
lichkeit, sondern lediglich in dem eigenen Geiste 
der Massen! 

Ja, es gibt nichts Organisations- und Zeu- 
gungsunfähigeres, nichts Unintelligenteres, als 
der unruhige nörgelnde liberale Individualismus, 
diese große Krankheit unserer Zeit! Aber dieser un- 
ruhige nörgelnde Individualismus ist keines- 
wegs Massenkrankheit, sondern woirzelt notwendig 
und naturgemäß nur in den Viertels- und Achtelsintelli- 
genzen der Bourgeoisie ! 

Der Grund ist klar : Der Geist der Massen ist, 
ihrer Massen läge angemessen, immer auf objektive, 
auf sachliche Zwecke gerichtet. Die Stimmen unruhi- 
ger, persönKchkeitssüchtiger einzelner würden hier in die- 
sem Stimmenakkord verklingen, ohne nur gehört zu wer- 
den I Der oligarchische Boden allein ist der homo- 
gene, mütterliche Boden für den negativen, ätzen- 
den Individualismus unserer liberalen Bom*geoisie, 
und ihre subjektive, eigenwillige Persönllchkeitssucht ! 

Ja, Freiheit und Autorität sind zu vereinigen 1 
— aber nur auf dem Boden der Massenfreiheit 
und des Massenrechtes wird diese Vereini- 
gung erblühen! 

Ich schließe jetzt, indem ich mir erlaube, Ihrem Herrn 
Rezensenten meinerseits eine Frage vorzulegen : 

Wenn es gelänge, wie ich vor allem erstrebe, auf die 
friedhchste Weise durch Einführung des allgemeinen und 
direkten Wahlrechtes und durch hierzu bereite Träger 
der Staatsgewalt jene soziale Umgestaltung hervorzubrin- 
gen, welche durch die von mir geforderte ,,Ve r b i n d u n g 

380 



von Kapital und Arbeit" nicht bloß einen Mit- 
telstand im Volke, sondern einen Mittelstand schafft, 
welcher das ganze Vo Ik selbst umfaßt — würde 
Herr Rezensent dann sagen, daß dies eine historische 
oder eine unhistorische Umformung der bestehenden 
Staats- imd Gesellschaftsordnung gewesen sei ? 

Ist zeitgemäße Entwicklung nicht auch — 
und vor allem — historisch? Ist historisch nur die 
unveränderte Aufrechterhaltung und Einbalsamierung alles 
einmal Seienden, die vielmehr unhistorisch, weil unmög- 
lich ist ? 

Wann handelte Louis XVI. historischer? Als 
er auf Turgots Andringen plötzhch durch ein Dekret die 
Zünfte aufhob, die so viele Jahrhunderte hindurch bestan- 
den hatten — oder als er kurz darauf auf das Andringen 
der einmal ,, bestehenden Staats- und Gesellschaftsord- 
nung" die Zünfte wieder herstellte und die französische 
Revolution hervorrief, welche, wie negativ auch ihre Rich- 
tung war, doch, da sie Dauerndes und Bleibendes ge- 
schaffen hat, immerhin „historischer" war, als jene Wie- 
derherstellung ? 

Bad Ems, den 2. Juni 1864." 

Ferd. Lassalle. 



III. 

Schulze - Delitzschs Angriff auf Lassalle. 

Bevor wir nunmehr zur Antwort Schulze -Delitzschs 
auf den ,,Bastiat- Schulze" übergehen, haben \m zunächst 
erst, wie in der „Vorbemerkung" angekündigt, diejenigen 
Stellen aus dem sechsten Vortrag des Schulzeschen ,, Ka- 
techismus" zu rekapitulieren, die sich speziell gegen den 

381 



Lassalleschen Vorschlag der Produktivgenossenschaften 
mit Staatskredit wenden. 

Nachdem er gegen einige der allgemeinen Sätze aus 
dem „Offenen Antwortschreiben" polemisiert, fährt 
Schulze auf Seite 155 des „Katechismus" fort, wie folgt: 

„Von diesen Proben, wie Herr Lassalle die Dinge im 
allgemeinen auffaßt, kaan man nun einen Schluß auf den 
Wert dessen ziehen, was er sowohl für seine Projekte, 
wie gegen die von mir vertretene Richtung anführt. 

In erster Beziehung läßt er wohlweislich die Organi- 
sation seiner Zukunftsorganisationen im Dunkeln. Er will 
die freie, individuelle Assoziation, gleich 
mir (natürlich immer die Staatshilfe abgerechnet), gleich- 
wohl soll sich ,,die Assoziation im Laufe der 
Zeit über den ganzen Arbeiterstand er- 
strecken", und „er will im Laufe der Zeit so- 
viel Assoziationsfabriken gründen, daß der 
ganze Arbeiterstand darin beschäftigt ist, 
weil es sich eben um den ganzen Stand, nicht 
um das Emporkommen einzelner handelt". 
Wie sich das letztere, das Zusammenfassen des 
ganzen Arbeite rstand es in den Assoziationen, mit 
der freien und individuellen Assoziation, die 
es doch dem einzelnen überlassen muß, ob und unter 
welchen Bedingungen er eintreten will, vereinigen läßt, 
ist mindestens zweifelhaft. Soviel aber ist sicher, daß, 
wenn sämtliche Arbeiter in den Assoziationsfabriken be- 
schäftigt werden sollen, sämtliche bisherige Privatetab- 
lissements geschlossen werden müssen. Daß ein solches 
Ziel, da es mit Staatshilfe erreicht werden soll, am Ende 
mit wenigen Modifikationen auf den sozialen Staat 
hinausläuft, von dem v/ir uns im vierten Vortrage 
unterhalten haben (Herr Lassalle bezeichnet den Staat 

382 



als ,Aie große Assoziation der arbeitenden 
Klassen"), werden wir solange annehmen, bis er seinen 
Organisationsplan im Detail näher dargelegt und uns da- 
durch eines anderen belehrt hat. Geradezu lächerlich er- 
scheint uns dabei nur, daß die an die Spitze gestellte 
Staatshilfe oder Intervention die soziale Selbst- 
hilfe nicht alterieren soll. Eine Hilfedurchandere, 
eine Hilfe für solche, welche sich nicht selber helfen 
können, ist doch alles eher als Selbsthilfe! Davon 
kommt man nur los, wenn man, wohin sich Herr Lassalle 
nach seiner Staatsdefinition zu neigen scheint, annimmt : 
die Arbeiter allein mit Ausschluß aller üb- 
rigen Klassen, wären der Staat. Wenn ihnen 
dann der Staat hilft, dann helfen sie sich selbst. Ich will 
Sie, meine Herren, mit der Widerlegung dieser Voraus- 
setzung, welche aller Wirklichkeit, dem was jeder mit 
seinen fünf Sinnen wahrnimmt, so grob in das Gesicht 
schlägt, nicht behelligen, ich weise nur auf den Fehlschluß 
hin, der daraus gezogen wird. Wenn die Arbeiter mcht 
im Besitz der Mittel sind, einzeln oder durch ihren Zu- 
sammenschluß sich emporzubringen, wie kann es denn em 
Staat, der nur aus ihnen besteht und dem sie noch Steuern 
gewähren müssen ? — Und solchen Folgerungen begegnen 
wir überall. Wenn z. B. gesagt wird : daß die Arbeiter 
nichts 'erreichen würden, ,,w enn sie ausschließlich 
und lediglich und allein auf Ihre Isolierten 
Anstrengungen als Individuen reduziert 
bleiben": so folgt daraus doch nur, daß man sich 
auf genossenschaftlichem We ge zu ver- 
einigen hat, da dies ja eben der Weg ist, um aus der 
atomistischen Isolierung herauszukommen, keineswegs aber 
die Notwendigkeit der Staatshilfe. Doch gehen wir an 
das einzelne. 

383 



Die Möglichkeit der Assoziation, auch der Produk- 
tivgenossenschaft, auf dem Wege der Selbst- 
hilfe bestreitet Herr Lassalle also nicht, aber er hat 
bei ihrer Durchführung Bedenken. Einmal will er alle 
Arbeiter in die Genossenschaften gezogen wissen, wie 
wir sahen, und da scheint ihm, wenn man die Sache den 
Leuten selbst überläßt, ein solcher allgemeiner Beitritt 
wohl zweifelhaft. Nun unmöglich ist derselbe auf 
unserem Wege an sich nicht, vielmehr sind alle, welche 
überhaupt dazu geneigt sind, den Willen und die Kraft 
dazu in sich fühlen, jederzeit in der Lage, entweder den 
schon bestehenden Genossenschaften beizutreten, oder neue 
zu gründen. Sicher wird die wachsende Einsicht in das 
Wesen und die Vorteile der Genossenschaft inmier größere 
Arbeiterkreise xiazu heranziehen. Aber daß sämtliche Ar- 
beiter jemals, ohne Anwendung von Zwang, sich so ver- 
einigen werden, das halte ich für eine Chimäre. Sehen 
wir uns nur das Sachverhältnis etwas näher an. Da finden 
wir zuerst die ländlichen Arbeiter, die in der Land- 
wirtschaft ihre Beschäftigung finden, deren Zahl durch 
die neueste Volkszählung in Preußen auf 3428457 
selbsttätige Personen (Männer und Frauen) festgestellt 
ist, also die der industriellen Arbeiter übersteigt, welche 
nur 3104092 beträgt. Wie will man diese Leute in die 
allgemeine Arbeitergenossenschaft hineinziehen, wenn man 
nicht den jetzigen Grundeigentümern ihr Eigentum nimmt, 
sie irgendwie expropriiert, da man ohne Grundbesitz doch 
nimmermehr selbständig als Unternehmer Landwirtschaft 
treiben kann? Die Kapitalgarantie des Staates hilft da 
zu gar nichts, da müßte der Staat zu Eingriffen der ge- 
waltsamsten Art in das Eigentum schreiten, weshalb wir 
von dieser größeren Halbschied der Arbeiter bei der 
Lassalleschen Zukunftsassoziation gleich von Haus aus 

384 



abzusehen haben. — Sodann haben wir die Handwerker, 
welche wiederum an Zahl — 1090714 — den Fabrik- 
arbeitern — 766180 — erhebhch bei uns überlegen sind 
und sicher nur zum Teil geneigt sein werden, ihre zäh 
und in vielen Fällen mit Glück behauptete Selbständig- 
keit aufgegeben, um sich der allgemeinen Assoziation an- 
zuschließen. — Bleiben sonach noch die Fabrikar- 
beiter übrig, von denen wir indessen wiederum zirka 
50000 an Direktions- und Aufsichtspersonal, und zirka 
150000 Weiber^) in Abrechnung bringen müssen, so 
daß sich ihre Zahl auf wenig über 560000 reduziert. 
Nun sind aber auch unter diesen sehr viele in ihren Lohn- 
verhältnissen so gut gestellt, daß sie wahrhaftig nicht ge- 
neigt sein werden, ihr gutes Auskommen aufzugeben und 
sich jenen Assoziationen anzuschließen, deren Gelingen 
doch zum mindesten höchst zweifelhaft ist. Wie lockend 
und zweckmäßig nun auch gerade für solche, die etwas 
vor sich gebracht, etwas gespart haben, der Übergang zur 
gewerblichen Selbständigkeit ist, mancher wird eine loh- 
nende Beschäftigung ohne Risiko einem Geschäfte für 
eigene Rechnung vorziehen, das steht bei der Verschieden- 
heit der Menschen fest. Ohne Zwang möchte also die 
ganze Maßregel kaum durchzuführen sein, wenn ihn auch 
Herr Lassalle nicht proklamiert, und zwar sowohl Zwang 
zum Beitritt gegen die einzelnen Arbeiter, wie Zwang 
zur Aufnahme aller gegen die einzelnen Assoziationen. 
Denn bei dem gewährten Staatskredit kann man unmög- 
lich gestatten, daß sich einige wenige, mit Ausschließung 
aller anderen in gleicher Lage mit ihnen befindlichen, des- 
selben bedienen, um ein lukratives Geschäft zu machen. 

â– ^) Aus welchem Grund die Arbeiterinnen den Assoziationen 
nicht sollten beitreten können, ist wirklich nicht abzusehen. 

D.H. 

•/5 LaaaalU. Geä. Sckn^ten. Bind V. 385 



Nicht einzelnen, dem ganzen Stande soll geholfen werden, 
sagt Herr Lassalle ..." 

,, Ebenso leicht wie mit der Organisation, macht 
es sich Herr Lassalle mit der so überaus wichtigen finan- 
ziellen Seite der Frage : wie unter Eintritt des Staates 
Kapital und Kredit für die Assoziationen beschafft wer- 
den soll ? Er verschiebt jede solche ,,die Art der Aus- 
führung" (Exekutionsmodus) betreffende Erörterung als 
völhg wirkungslos und überflüssig, da sie einen praktischen 
Wert erst in der weiter unten zu bestimmenden Zeit haben 
werde, wo an die Verwirklichung seiner Forderungen ge- 
dacht werden kann, d. h. wenn durch das allgxjmeine Wahl- 
recht die Volksvertretungen — • wie er meint — völlig 
auf seinem Standpunkte stehen und alle die schönen 
Sachen dekretieren. Das ist freiHch sehr bequem für ihn, 
wie ich bereits sagte. Allein da von dieser Erörterung 
der Nachweis der Ausführbarkeit des ganzen Projektes 
abhängt, so ist die Zumutung doch etwas stark, jahrelang 
Zeit; Kraft und Geldmittel dafür aufzuwenden, lediglich 
auf das Wort des Herrn Lassalle. Indessen wenn der 
Urheber des Projektes den Nachweis der Möglichkeit in 
solcher Weise zu führen versdhmäht hat, meine Herren, 
vielleicht werden wir mit dem Nachweis der Unmög- 
hchkeit seiner Pläne auch ohne seine noch zu erwartenden 
Aufschlüsse fertig. 

„Da frage ich Sie einfach, meine Herren: wo der 
Staat die Tausende von Millionen hernehmen soll, um 
die sämtliche Industrie des Landes in die Hände der Ar- 
beiter zu bringen ? Welche ungeheure Summen sind nicht 
allein hier in Berhn in Fabriken und Werkstätten aller 
Art angelegt, und dabei sehen wir noch ganz von dem 
jeder Berechnung spottenden Werte der zu landwirtschaft- 
lichen Zwecken dienenden Ländereien nebst Inventanen 

386 



ab, welche bei Heranziehen der ländlichen Arbeiter in 
die Assoziation mit akquiriert werden müßten. Alle diese 
Kapitalien befinden sich gegenwärtig in den Händen von 
Privatpersonen, und von diesen allein kann sie der Staat 
vorgestreckt erhalten, bei ihnen allein hat er Kredit zu 
suchen. Nun befindet sich aber auch die gesamte Indu- 
strie, in welcher diese Kapitalien angelegt sind, in den 
Händen der Privaten, und diese soll der Staat durch seine 
Dazwischenkunft, durch seine finanzielle Garantie, ver- 
drängen helfen, um sämtliche Etablissements allmählich 
in die Hände der Arbeiter zu bringen. Werden denn nun 
die Kapitahsten, so frage ich weiter, durch Vorstreckung 
von Geld und Kredit zu diesem gegen sie selbst gerich- 
teten Angriffe mitwirken? Kann das jemand im Ernste 
glauben ? Ein Staat, der so etwas unternimmt, sein Geld 
und seinen Kredit auf solche Pläne verwendet, und da- 
mit das Privatkapital und die Privatindustrie anfeindet 
und verscheucht, der bekommt einfach kein Kapital und 
keinen Kredit, wird beides niemals bekommen und kann 
es also auch anderen nicht gewähren. Nun muß man aber 
durchaus Kapital und Kredit haben, um mit irgendeinem 
Unternehmen, besonders mit großen Fabriketablissements, 
zu beginnen, man kann ja ohne dies gar nicht anfangen, 
und deshalb bleibt eben nur der Weg übrig, den die auf 
Selbstliilfe gegründeten Genossenschaften mit so gutem 
Erfolg beschritten haben : das Privatkapital an- 
zulocken, statt anzufeinden, ihm die nöti- 
gen geschäftlichen Garantien zu bieten, die 
i m We sen der Genossenschaft liegen, und 
es sich dadurch unter denmarktgängigen Be- 
dingungen dienstbar zu machen. Wirklich strei- 
fen die weiteren Räsonnements des Herrn Lassalle hier- 
bei an das Lächerliche. Daß Kapital oder Kredit des 

25« 387 



Steates lediglich auf den Steuern und der Steuerkraft seiner 
Angehörigen beruhen, und daß daher einer Klasse von 
Bürgern vom Staat nur auf Kosten der übrigen aufge- 
holfen werden kann, haben wir mehrfach festgestellt. Wenn 
nun 95 Prozent aller Staatsbürger, nach Herrn Lassalle, 
diese Abhilfe, gleichviel ob durch Vorstreckung von Geld- 
mitteln oder Gsu-antie für Kredit in Anspruch zu nehmen 
haben, wo in aller Welt bleiben dann diejenigen, in wel- 
chen der Staat den finanziellen Rückhalt zu suchen hat? 
Die noch übrigen 5 Prozent müßten wirklich von der 
Bürde, die noch zuletzt allein auf ihre Schultern fiele, 
erdrückt werden. Nein, meine Herren, wenn die Ar- 
beiter selbst der Staat sind, so ist es doch der unnützeste 
Umweg, den ich mir denken kann, sie erst an den Staat 
zu verweisen. Denn auf sie selbst fällt ja eben alsdann 
die ganze Aufgabe zurück ; die S t a a t s h i 1 f e ist ja 
dann, wir wiederholen es, weiter nichts als die Selbst- 
hilfe, aber mit Hindernissen, wesentlich ver- 
teuert, erkauft um den Preis höherer Steuern, um ein 
unnützes Mehr von Beamten zu bezahlen, erkauft um 
den Preis der so wertvollen, zum gewerblichen Gedeilien 
ganz unentbehrlichen Selbständigkeit. 

,,Denn Herr Lassalle stelle sich an, wie er wolle, er 
kommt bei der Staatsgarantie nicht über die S t aa t s - 
einmischung und Staatsaufsicht hinweg. Wie 
unreif seine Vorstellungen hierüber sind, geht schon aus 
der Art hervor, wie er die Staatsgarantie, mittelst 
deren die Assoziationen das nötige Kapital vorgestreckt 
erhalten sollen, auffaßt, indem er dabei an die Zins- 
garantie bei Eisenbahnen denkt. Daß der Staat, um Kredit 
für die fraglichen Assoziationen zu erhalten, nicht mit 
einer Garantie für eine gewisse Zinshöhe wegkommt, son- 
dern die den Assoziationen zu kreditierenden Kapitalien 

388 



selbst garantieren, dafür Bürgschaft leisten muß, liegt 
auf der Hand, da bei Eisenbahnen der Fall ein ganz an- 
derer ist. Bei einer Eisenbahngesellschaft ist das Ka- 
pital vorhanden und nicht erst zu beschaffen, die Aktionäre 
sind selbst Kapitalisten, besitzen das nötige Geld, dem 
die Bahn und deren Betriebsinventar einen reellen Wert 
als sichere Unterlage bietet. Sie wollen nur einen Mini- 
malertrag ihres Kapitals durch jene Garantie sich ge- 
sichert wissen, ohne welche sie sich zu der Anlage nicht 
entschließen. Allein den fraglichen Assoziationen soll das 
Kapital oder der Kredit durch die Staatsgarantie über- 
haupt erst verschafft werden, und jedermann sieht ein, 
daß dieselbe auf das Kapital selbst, nicht bloß auf diel 
Zinshöhe, erstreckt werden muß, wenn sich irgend jemand 
entschließen soll, daraufhin Geld oder Ware zu kredi- 
tieren. Der Staat tritt somit, wenn die Maßregel über- 
haupt Sinn und Effekt haben soll, vollständig in das R i - 
siko der Assoziationsgeschäfte ein, ohne am Gewinn Teil 
zu haben, und wie dies, selbst bei den ausschweifendsten 
Vorstellungen von der Unermeßlichkeit der Staatsmittel, 
durchgeführt werden kann, ohne daß der Staat diese Asso- 
ziationsgeschäfte, für deren Solidität er aufkommen muß, 
auf das genaueste kontrolliert, ist völlig unerf indbar. 
Diese Assoziationen stehen docb nicht außerhalb der 
Chancen aller menschlichen Unternehmungen, sie sind doch 
mangelhafter Leitung, ja selbst unverschuldeten Verlusten, 
den allgemeinen Konjunkturen des Marktes ausgesetzt, 
der Möglichkeit des Mißlingens. Wenn mm ein solches 
Geschäft zahlungsunfähig wird, das Anlagekapital ver- 
loren geht, die Gläubiger aus der Staatskasse gedeckt 
werden müssen, was wird nun ? — Bleiben die Mitglieder 
dem Staate verpflichtet, müssen sie ihm das für sie Ge- 
zahlte ersetzen? — Um hierzu imstande zu sein, müssen 

389 



sie ein neues Geschäft anfangen, von de-ssen Ertrage sie 
leben und etwas zur Tilgung jener Schuld übrig behalten. 
Dazu aber gehört wiederum Staatsgarantie zur Beschaf- 
fung des Betriebskapitals. Oder soll das Konto einer 
solchen verunglückten Assoziation gelöscht, die Schuld 
gestrichen werden, ohne Ersatzpflicht der Mitglieder ? 
Daß dies eine Ermunterung zu leichtsinnigen Spekula- 
tionen und sorgloser Verwaltung wäre, wenn sich die 
Genossen so leicht den Folgen des eigenen Tuns zu ent- 
ziehen vermöchten, und daß, wenn eine solche Ermun- 
terung vom Staate selbst ausginge, die DemoraUsation der 
Arbeiter und das völlige Hernnterkoinmen der Gesamt- 
güterproduktion und des Gesamtkapitals in ei-schreckender 
Weise die Folge davon sein müßte, bedarf keines wei- 
teren Beweises. Und davon kommt Herr Lassalle mit 
seinem Vorschlage einer gegenseitigen Asseku- 
ranz der Assoziationen gegen Geschäftsverluste nicnt 
los. Man mag sich wohl gegen äußere unverschuld.bte 
Unglücksfälle assekurieren und deren Übertragung da- 
durch auf viele verteilen, nicht aber gegen ein solches Miß- 
lingen, welches in den meisten Fällen in eigener Ver- 
schuldung beruht, oder wo Schuld und Unschuld sich in 
den wenigsten Fällen erkennen und scheiden lassen. Die 
Folgen verkehrten Tuns soll der tragen, der so handelt; 
eine Assekuranz gegen die Folgen jeder Art von geschäft- 
hcher Untüchtigkeit und Mißgriffen ist sittlich und wirt- 
schafthch ebenso verwerflich als undurchführbar, weil ihr 
Zustandekommen schon an und für sich, durch Beförde- 
rung jener Mängel und Lähmung der Selbstsorge, die 
Fälle, wo sie einzutreten hätte, vermehren würde. 

„Daß es daher ohne Staatskontrolle nicht abgeht, fühlt 
auch Herr Lassalle, und seine Versicherung : ,,der Staat 
würde keineswegs den Diktator bei diesen 

390 



Gesellschaften spielen", ist ein sehr schwacher 
Trost, da er selbst ihm „die Feststellung resp. Ge- 
nehmigung der Statuten und eine zur Siche- 
rung seiner Interessen ausreichende Kon- 
trollebeider Geschäftsleitung" zugesteht. Nun 
wahrhaftig, das ist gerade genug, um auch den Gedanken 
an eine geschäftliche Selbständigkeit zu beseitigen. Ge- 
schäftskontrolle, soweit die Staatsinteressen es erfordern 
— ja, da der Staat das ganze Risiko des Geschäftes 
hat, so fordert ja sein Interesse die allerspeziellste, die 
eingehendste Kontrolle, damit keine verkehrten luid leicht- 
sinnigen Unternehmungen vorkommen können, welche jenes 
Risiko nahe rücken ! Also eine Prüfung der Zweckmäßig- 
keit des Geschäftsverfahrens bis ins Detail, die Beurtei- 
lung der einzelnen Abschlüsse und Spekulationen, und 
noch dazu durch Beamte, — denn ohne dies kann der 
Staat sein Interesse in Wirklichkeit nicht wahren. "Hierzu 
nun auch die Prüfung und Genehmigung der 
Statuten — wo da die freie Assoziation bleibt, 
das ist nicht abzusehen. Die mindeste praktische Erfahrung 
auf diesem Felde hätte Herrn Lassalle eines besseren 
belehren können. Welchen Wert legt jeder Geschäftsmann 
auf die Selbständigkeit und die Freiheit in seinen ge- 
schäftlichen Maßnahmen und Entschließungen ! Da sind 
die Mitglieder unserer kleinen Assoziationen durch ihre 
Erfahrungen schon weiter gekommen. Welchen Kampf 
haben wir mit den Behörden in Preußen um unsere Frei- 
heit geführt, und jede Kontrolle, auch nur unserer Sta- 
tuten, selbst um den Preis der Konzessiomerung, selbst 
gegen die Androhung der Schheßung, abgewehrt. Als 
vor einiger Zeit der Schuhmacherassoziation zu 
Delitzsch ihr ganzes Betriebskapital von der dasigen 
Kommunalsparkasse zu 2 °/0 Zins angeboten wurde, wenn 

391 



sie einem Magistratsdeputierten die Einsicht in ihre Ge- 
schäfte gestatte, wiesen die wackeren Männer dies ab, 
ohne sich einen AugenbKck zu bedenken, und meinten, 
daß sie Heber nach wie vor 4 — 5 <yo zahlen und ihre 
eigenen Herren blieben. Und darauf kommen wir immer 
wieder zurück : eben weil die Genossenschaften, wie der 
Erfolg überall zeigt, ohne diese ganz undurchführbare 
Staatsgarantie Geld und Kredit in ausreichendem Maße 
erhalten, wenn sie es recht angreifen, ist es in keiner 
Weise zu rechtfertigen, durch Zuhilfenahme des Staates 
jene wichtige Bedingung alles gewerblichen Gedeihens, 
die geschäftliche Selbständigkeit, ohne die dringendste 
Veranlassung zu opfern. . ." 

„So sehr sich Herr Lassalle bemüht, für die Staats - 
hilfe nach gelungenen Beispielen in der Praxis zu suchen, 
so wenig gelingt ihm dies. Nur in Frankreich ist 
bisher Staatssubvention unter den bekannten Ein- 
wirkungen der Februarrevolution von 1848 bei den Asso- 
ziationen, durch Bewilligung einer Summe von 3 Mil- 
lionen Franken aus Staatsmitteln versucht worden und muß 
als gescheitert betrachtet werden, da von den mit 
2590000 Franken subventionierten 56 Assoziationen ge- 
genwärtig kaum noch 10 existieren, und die meisten und 
gelungensten von den 20 — 30 Produktivassoziationen in 
Paris (sonst gibt es keine in Frankreich) die Staats- 
hilfe nicht genossen haben. In England dagegen, wo 
diese Assoziationen und das ganze Genossenschaftswesen 
sich zu höchster Blüte entfaltet haben, hat eine Staats- 
unterstützung niemals stattgefunden. Die dagegen gemachte 
Bezugnahme auf die Ablösung der Sklaverei in 
den englischen Kolonien durch Aufwendung von 
20 Millionen Pfund SterHng aus der Staatskasse kann 
nicht unglücklicher gewählt sein. Daß Sklaven, so gut 

392 



wie bei uns die Haustiere, dem Eigentumsrecht ihrer 
Herren unterworfen sind, und daß der Staat jeden ent- 
schädigen muß, dem er aus RücJisichten des öffentlichen 
Wohles das Eigentum irgendeiner Sache entzieht, weiß 
jedermann. Ebensowenig greift das Beispiel von der 
Zinsgarantie bei Eisenbahnen Platz, deren Un- 
terschied von der für die Assoziationen zu übernehmenden 
Kapitalsgarantie wir bereits klar gemacht haben. Wenn 
der Staat den Bau von Eisenbahnen, Straßen, Kanälen 
und dergl. durch jene Garantie befördert, so tut er dies 
doch wahrhaftig nicht um der Aktionäre, sondern um 
des großen Interesses des gesamten Publikums 
willen, indem sämtliche Staatsangehörige gleichmäßig bei 
Herstellung leichter, billiger, Zeit sparender Transport- 
mittel interessiert sind. Auch hat er selbst eine unmittel- 
bare politische Aufgabe dabei zu erfüllen, da einesteils 
die Expropriation der von jenen Verkehrslinien betrof- 
fenen Privateigentümer, andererseits die Rücksichten auf 
die Landesverteidigung seine Mitwirkung unerläßlich 
machen. Steht also die Sache hier, wie bei sämtlichen von 
Herrn Lassalle sonst noch angeführten Beispielen, auf 
einem ganz anderen Felde (die Landrentenbanken 
z. B. bewirken die Ablösung der ländlichen Grundlasten 
lediglich aus den Mitteln der Grundbesitzer, nicht aus der 
Staatskasse), so billige ich meinerseits dennoch jene Zins- 
garantie bei Eisenbahnen, überhaupt die ganze Eisenbahn- 
Politik unserer Regierung, wodurch dieselbe nach einiger 
Zeit das Eigentum aller Bzihnen an sich zu bringen denkt, 
durchaus nicht, weil ich der Industrie für Staatsrechnung 
grundsätzlich entgegen bin, und was Herr Lassalle hier 
sagt, ist absolut unwahr. Eisenbahnen sind und werden 
täglich bei uns imd anderswo ohne Staatsgarantie gebaut, 
und in den Ländern, welche die meisten besitzen, wie 

393 



England und Amerika, denkt man garnicht daran. Gerade 
die ersten großen Bahnen auch in Deutschland sind ohne 
diese Garantie erbaut, z. B. die Leipzig- Dresdener, Ber- 
lin-Potsdam-Magdeburger, Magdeburg -Halle -Leipziger, 
Berlin-Anlialter, Köln-Minden-Magdeburger u. a. Erst 
die erwähnte Tendenz der Regierung, welche allerlei Hem- 
mungen und Schwierigkeiten der Privatunternehmen nach 
sich zog, hat jenen Anspruch mehr und mehr hervortreten 
lassen, den wir nur mit der Rückkehr zu dem richtigen 
System ein für allemal beseitigen. 

,, Haben wir sonach auch unbestreitbar Wissenschaft 
und Praxis, Lehre und Leben in bezug auf die Wirksam- 
keit und Durchführbarkeit der auf Selbsthilfe beruhenden 
freien Genossenschaft für uns, so sind dies freihch für 
Herrn Lassalle bloße Kleinigkeiten, über die er mit einem 
kühnen Anlaufe hinwegsetzt. ,,DadieAssoziationen 
— so sagt er uns — in England und zum Teil in 
Paris ohne Staatshilfe schon so gut gedie- 
hen sind, wie müßten sie erst mit Staats- 
hilfe gedeihen!" In der Tat, die Krone seiner 
Schlüsse ! Die subventionierten sind meist eingegangen, 
und der kleine Rest durch die nicht subventionierten bei 
weitem überflügelt — und nun eine solche Folgerung ! 
Sie wissen, meine Herren, daß eben nur bei dem Ver- 
weisen auf die eigene Kraft die ganze Leistungsfähigkeit 
der Menschen sich entwickelt, deshalb brauche ich jenem 
Fehlschlüsse nur den einfachen Satz entgegenzustellen: 
„Die nicht subventionierten Assoziationen 
sind gelungen, nicht trotzdem, sondern weil 
sie auf die eigene Kraft der Mitglieder, auf 
die Selbsthilfe gegründet waren." Und eben 
weil Herr Lassalle dies nicht einsieht, beweist er seine 
gänzliche Unfähigkeit, jemals auf diesem Gebiete eine 

394 



irgend lebensfähige Schöpfung hervorzurufen." (Schulze- 
Dehtzsch. Kapitel etc.. S. 155ff.. 159ff. und 166ff.) 
(Die Antwort Lassalles auf diese Einwände findet der 
Leser im II. Teil des vierten Kapitels des ..Bastiat- 
Schulze" S. 305 bis 324 dieses Bandes.) 

IV. 

Schulze-Delitzschs Antwort 
auf den ,,Bastiat- Schulze" und ihre Zurück- 
weisung durch J. B. von Schweitzer. 

Schulzes RepHk, die, wie schon erwähnt, erst nahezu 
zwei Jahre nach der Veröffentlichung des ,,Bastiat- 
Schulze" erschien und den Titel trägt: ,,Die Abschaffung 
des geschäftlichen Risiko durch Herrn Lassalle. Ein 
neues Kapitel zum deutschen Arbeiterkatechismus", zer- 
fällt in drei Abschnitte: 1. die Aufhebung der Selbst- 
verantwortung auf wirtschaftlichem Gebiet, 2. die Asse- 
kuranz gegen das Risiko, und 3. die Abschaffung des 
Risiko. In einem Nachtrag werden dann noch einige Zah- 
len aus dem Jahresberichte für 1864 der Schulzeschen 
Genossenschaften angeführt als Belege aus der Praxis 
für den Fortgang und die Erfolge der Bewegung — und 
wird ferner auf das kurz vorher in deutscher Übersetzung 
erschienene Werk : ,, Grundlagen der Sozialwissenschaft" 
des Amerikaners Carey verwiesen, als ein theoretischer 
Beleg für die Richtigkeit der Schulze- Bastiatschen Ideen. 
Der unglückselige Schulze wußte nicht, daß Carey eine 
der Quellen war, aus der Meister Bastiat seine Weisheit 
geschöpft. Auch mit dem Vorwurf, den er bei dieser 
Gelegenheit gegen Lassalle erhebt : den großen Carey 
nicht gekannt zu haben, hatte er herzliches Pech ; aus dem 
fünfzehnten der Briefe Lassalles an Rodbertus ergibt sich, 

395 



daß ersterer den amerikanischen Harmonieökonomen sehr 
wohl kannte. 

Im ersten Abschnitt der Schulzeschen Gegenschrift 
wird der unzweifelhaft etwas einseitigen Darstellung der 
ökonomischen Abhängigkeit der einzelnen von den gesell- 
schaftlichen Zusammenhängen bei Lassalle die an sich 
ganz richtige, aber nichts gegen den Kern der betreffen- 
den Lassalleschen Ausführungen beweisende Behauptung 
gegenübergestellt, daß der Einfluß der individuellen Eigen- 
schaften und ihrer Betätigung einerseits und der der 
außer der Beherrschung durch die einzelnen liegenden 
Umstände auf die Geschicke dieser einzelnen anderer- 
seits „relative Größen" sind, die „im umgekehrten Ver- 
hältnis zueinander stehen". Aus diesem Satze werden dann 
wieder einige zum Teil sehr unrichtige allgemeine Fol- 
gerungen gezogen, auf die wir jedoch hier nicht weiter 
eingehen. 

In den beiden anderen, speziell die Frage des ge- 
schäfthchen Risikos bei den Lassalleschen Genossenschaf- 
ten behandelnden Abschnitten führt Schulze-Delitzsch 
neben Wiederholungen des schon im ,, Arbeiterkatechis- 
mus zu diesem Thema Gesagten, in etwas breiter Dar- 
stellung aus : 

,,Der Lassallesche Gedanke einer gegenseitigen Asse- 
kuranz der Produktivgenossenschaften gegen Geschäfts- 
verluste, der die Folgen verkehrten Tuns, geschäftlicher 
Untüchtigkeit und Unsolidität in ihrer Allgemeinheit mit 
umfasse und mit umfassen müsse, da sie sich von den 
Folgen rein äußerlicher Ursachen in vielen Fällen gar 
nicht trennen lassen, sei ,, wegen Antastung der ökonomi- 
schen und sittlichen Verantwortlichkeit" nicht bloß ,, ver- 
werf lieh", sondern auch ,, finanziell undurchführbar". Die 
Verluste müßten sich reißend vermehren, die Verant- 

396 



wortlichkeit der Beteiligten würde in der tollsten Weise 
verschoben, indem den tüchtigen und soliden Geschäfts- 
leitern die Verluste aufgebürdet würden, welche die an- 
deren ,, durch Mangel an Einsicht, durch Leichtsinn und 
Verkehrtheiten aller Art verschuldet hätten". Lassalles 
im ,,Bastiat- Schulze" geäußerte Idee, daß zunächst nicht 
alle Assoziationen überhaupt, sondern vielleicht prakti- 
scher immer die zu demselben Gewerkszweig gehörenden 
Assoziationen sich gegenseitig assekurieren möchten, kriti- 
siere sich durch die Tatsache, daß bei gewissen Kon- 
junkturen gerade die gleichartigen Geschäfte gleichzeitig 
Verluste erleiden, solche also am wenigsten übertragen 
werden können. 

Nun habe Lassalle, veranlaßt durch Schulzes im ,, Ar- 
beiterkatechismus" geübte Kritik der Idee der Assekuranz 
gegen Verluste, die weitere Idee geäußert, durch geeig- 
nete Maßregeln, wonach an jedem Ort immer nur eine 
Assoziation für jeden Produktionszweig bestehe, könne 
die Konkurrenz und mit ihr das Risiko beseitigt und dieser 
Assoziation die fortschreitende Blüte gesichert werden, 
welche auch heute schon der Produktion im ganzen eigen 
sei (vgl. ,,Bastiat-Schulze", S. 304 dieses Bandes). 
Aber mit der Konlvurrenz sei keineswegs die Summe der 
Gefahren erschöpft, welche die industriellen Unterneh- 
mungen bedrohten. Außerdem sei auch mit dieser lokalen 
Zentralisation die Konkurrenz noch gar nicht aufgehoben. 
Die lokale Genossenschaft bliebe e i n Unternehmen gegen- 
über der Masse der gleichaitigen Genossenschaften des 
ganzen Landes. Lassalle habe ausdrücklich erklärt, daß 
die Assoziationen ,,frei und individuell" sein sollen, sie 
seien also nicht als Staatsindustrie aufzufassen. Bei den 
schlechten Verkehrsverhältnissen des Mittelalters mochte 
die Konzentrierung der lokalen Produktion in den Händen 

3^)7 



eines Unternehmers auch an sidh bereits die Aufhebung 
der Konkurrenz für den betreffenden Artikel bedeuten, 
im Zeitalter des Dampfes sei dies nur möglich, wenn zum 
Produktionsmonopol auch der ,,Ko nsumtions- 
zwang" hinzutrete, die Ortsangehörigen zwangsweise an- 
gehalten würden, die Gegenstände ihres Bedarfs nur bei 
den lokalen Assoziationen einzukaufen. Damit käme man 
dann wieder zu den Einrichtungen aus der Zeit der Bann- 
rechte, der Zwangsmühlen, des Bierzwanges etc. Da sei 
der Plan Louis Blancs, wonach der Staat die industriellen 
EtabKssements an sich bringen und unter ganz bestimmten 
Vorschriften an von ihm- überwachte Arbeiterassoziationen 
überlassen sollte, soviel sich auch hiergegen einwendien 
lasse, ungleich rationeller. Hier, wo der Staat als Leiter 
der Produktion gedacht ist, der die Gegenseitigkeit durch 
bestimmte Einrichtungen sicherstellt, sei wenigstens nur 
dem Ausland gegenüber Schutz geboten. Lassalle aber 
gestehe dem Staat keineswegs die Stellung des Leiters 
zu, sondern nur eine Kontrolle, lege ihm aber, durch die 
Forderung des — eventuell wiederholt — zu gewährenden 
Kredits das Risiko ohne entsprechende Gegenleistung auf, 
da der Geschäftsgewinn nach seinem Plan den Mitgliedern 
der Assoziation zur Verfügung verbleibe. 

Dies die Schulzesche Gegenkritik. 

Es läßt sich nicht leugnen, daß sie einen der wunden 
Punkte des Lassalleschen Assoziationsprojektes trifft. 
Wie Lassalle es in seinen Schriften formuHert hat, leidet 
es an dem Widerspruch, daß es die Vorteile der verge- 
sellschafteten Industrie mit den Vorteilen geschäftlicher 
Unabhängigkeit verbinden soll, ohne die Vorbedingungen 
der ersteren und die Risikos der letzteren. Tatsächlich 
war für Lassalle die verstaatlichte Produktion das Ziel, 
die freie, vom Staat finanzierte Produktivassoziation das 

398 



Übecgangsmittel. Nun wird es schwer sein, Übergangs- 
maßregeln auszuspintisieren, die von jedem Widerspruch 
frei sind ; immer wird es bei solchen, da sie ja einen 
Kompromiß mit den bestehenden Gesellschaftseinrich- 
tungen darstellen, in der einen oder anderen Weise aus- 
zusetzen geben. Aber im vorliegenden Falle handelt es 
sich um einen Widerspruch, der sich nicht nur auf die 
voraussichtlichen Wirkungen, sondern auch auf die Durch- 
führbarkeit des Mittels überhaupt bezieht. Und er zeigt 
sich um so krasser, je mehr Lassalle das Assoziations- 
projekt, wie er es zuerst formuliert hatte, im soziaHsti- 
schen Sinne zu verbessern suchte. 

Ursprünglich, d. h. in der Fassung, wie es im ,, Offenen 
Antwortschreiben" und in der Rede ,,Zur Arbeiterfrage" 
entwickelt wurde, hatte es mehr Ähnlichkeit mit dem Asso- 
ziationsprogramm des von den ,, reinen" Republikanern 
des ,, National" — Mar rast, Thiers etc. — gegen Louis 
Blanc protegierten ,,Ateher" als mit dem Blancschen Plan. 
,,Ich habe ja vielfach hervorgehoben, daß ich die indi- 
viduelle, die freiwilhge Assoziation will ; ich will (sie) 
sogar gerade wie Schulze," heißt es in der vorerwähnten 
Leipziger Rede, und : ,,Ich spreche vielmehr überall von 
besonderen Kreisen, die unter sich durch .Kredit- und 
Assekuranzverbände' verknüpft sind. Und wenn ich das 
ausspreche, so setzt das doch voraus, daß es beson- 
dere selbständige Gesellschaften gegeneinander 
sind." (Bd. III unserer Ausgabe, S. 133.) So postuliert, 
v^ialren die Assoziationen, welches auch sonst ihre Wir- 
kungen und Aussichten, immerhin theoretisch möglich. 
Aber im ,,Bastiat-Schulze" erweitert Lassalle, vielleicht 
unter dem Einfluß von Einwänden, die üim aus sozia- 
listischen Kreisen, von Rodbertus u. a. gemacht wurden, 
das Projekt dahin, daß der Staat eventuell in jeder Stadt 

39Q 



nur einer Assoziation jeder Branche seinen Kredit 
gewahren, dafür aber allen Arbeitern desselben Gewerkes 
den Eintritt in diese Assoziation offen halten solle. Da- 
mit war die Assoziation ein Zwitterding, halb Privatge- 
sellschaft, halb öffentliches Institut, und iji sich selbst 
unmöglich. 

J. B. von Schweitzer, der Nachfolger Lassalles, sah 
das wohl ein, und in seiner Abfertigungsschrift : „Der 
tote Schulze gegen den lebenden Lassalle" verteidigte 
er mehr das Ziel als das Mittel Lassalles. Über dieses 
geht er so kurz wie möglich hinweg, wobei er sogar noch 
Lassalle geschickt heraus zu interpretieren sucht. Z. B. 
gibt er dessen Äußerungen über die Assekuranzverbände 
der Produktivgenossenscliaften die Deutimg, daß wenn 
Lassalle gesagt habe, daß zunächst die Assoziationen 
desselben Geschäftszweiges einen Assekuranzverband 
gründen würden, dies so zu verstehen sei, daß dieser die 
erste Instanz, der allgemeine Assekuranzverband die zweite 
bilden würde. Lassalle selbst spricht aber nur von einer 
Alternative des Weges zum allgemeinen Verband, nicht 
von einem gleichzeitigen Funktionieren beider Arten. 

Zu neunundneunzig Hundertsteln ist <lagegen die 
Schweitzer sehe Schrift der Beweisführung gewidmet, daß 
bei gesellschaftlicher Produktion — im elften 
Abschnitt heißt es bei ihm ausdrücklich von der künf- 
tigen Produ-ktion, daß, im Gegensatz zu heutigen Staats- 
monopolen, „nicht sowohl der Staat sie be- 
treiben werde, als vielmehr die Gesell- 
schaft", — alle die Schulzeschen Einwände hinfällig 
seien, daß die Gesellschaft als Leiterin oder Reguliererin 
der Produktion die Risikofrage in der Tat so lösen könne, 
daß keine Benachteiligung der Allgemeinheit, keine Be- 
einträchtigung des technischen etc. Fortschrittes damit ver- 

-100 



bunden zu sein brauche. Das vviixl so klar und über- 
zeugend dargelegt, Schulzes Ausführungen werden nun so 
glänzend zurückgewiesen, daß man wirklich sagen kann. 
Lassalle hätte sich keinen besseren Advokaten wünschen 
können, als er ihn in Schweitzer gefunden. Lassalle hatte 
sich selbst seine Aufgabe dadurch erschwert, daß er das 
Ziel, welches ihm vorschwebte, im Dunkeln ließ ; infolge 
dessen mußte er möglichst viel von diesem in das Über- 
gangsmittel verlegen, dasselbe bis zu einem gewissen Grade 
als Definitivum behandeln. Schweitzer rückte das Ziel 
in helleres Licht, legte darauf den Hauptton, und war 
so in der Lage, dem Mittel keine größeren Wirkungen 
auferlegen zu müssen, als es seiner Natur nach haben 
konnte. Zudem erscheint bei ihm stets die Gesellschaft 
als Instanz, die eingreift und abhilft, wo das Mittel sich 
nicht bewährt. Seine Schrift ist ein — von einigen wenigen 
Stellen abgesehen — takt- und wirkungsvolles Schluß - 
plädoyer des Sozialismus gegen die bürgerliche Gesell- 
schaftsordnung. Um diesen Gegensatz aber handelte es 
sich in Wirklichkeit in der ganzen Kontroverse, und wenn 
Schulze sich als Typus der bürgerlichen Gesellschaft hin- 
stellen durfte, so hatte Schweitzer Recht mit dem Titel, 
den er seiner Schrift gab, in ihr ist die Diskussion zum 
siegreichen Ende geführt für den Sozialismus — den 
„lebenden Lassalle". 



26 LassaUe, G«. Sctriften. Band V. 401 



-4 

00 

o 



-P 



c 

CO 



Cd 



vr^ 



ö 



t; CD ''J 

f- -p -p 



CG 
CO 



s 

P=3 



^ 



O er-, 

CO v-3 



Universifyof Toronto 
Library 



DO NOT 

REMOVE 

THE 

CARD 

FROM 

THIS 

POCKET 




Acme Library Card Pocket 
LOWE-MARTIN CO. umited