LASSALLE
GESAMMELTE
REDEN UND
SCHRIFTEN
.EX LIBRJ/ DR ALP.fS^Ä^IZ.
£zmm
ZS.Z.SZ
FERDINAND LASSALLE
GESAMMELTE REDEN
UND SCHRIFTEN
HERAUSGEGEBEN
UND EINGELEITET
VON
EDUARD BERNSTEIN
VOLLSTÄNDIGE AUSGABE
IN ZWÖLF BÄNDEN
VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN
1919
FERDINAND LASSALLE
GESAMMELTE REDEN
UND SCHRIFTEN
HERAUSGEGEBEN
UND EINGELEITET
VON
EDUARD BERNSTEIN
FÜNFTER BAND:
LASSALLES ÖKONOMISCHES HAUPTWERK
VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN
1919
ALLE RECHTE VORBEHALTEN
DRÜCK VON OSCAR BRANDSTETTER, LEIPZIG
INHALT.
Sdte
Vorbemerkung 9
HERR BASTIAT-SCHULZE VON DELITZSCH.
Einleitung 27
Erstes Kapitel: „I. Die Arbeit" 31
Zweites Kapitel: „II. Das Kapital" 109
Drittes Kapitel : „III. Tausch.Wert und freie Konkurrenz" 181
Viertes Kapitel: Die objektive Analyse des Kapitals.
— Die Produktivassoziationen 233
Schluß 325
Nachwort. Eine melancholische Meditation 340
ANHANG: DIE AN DEN „BASTIAT-SCHULZE"
ANKNÜPFENDEN KONTROVERSEN.
I. Die Rezension der „Kreuzzeitung" 359
II. Lassalles Erwiderung 365
III. Schulze- Delitzschs Angriff auf Lassalle 381
IV. Schulze-Delitzschs Antwort auf den Bastiat-Schulze
imd ihre Zurückweisung durch I. B. von Schweitzer 395
HERR BASTIAT- SCHULZE
VON DELITZSCH
DER
ÖKONOMISCHE JULIAN
ODER KAPITAL
UND ARBEIT
VON
FERDINAND LASSALLE
DER ERSTE ABDRUCK ERSCHIEN
IM VERLAG VON REINHOLD SCHLINGMANN
BERLIN 1864
VORBEMERKUNG.
Im „Bastiat- Schulze" haben wir die sozial -ökonomische
Hauptarbeit Lassalles vor uns. Das „System der er-
worbenen Rechte" war in seinem letzten Zweck der Ver-
such einer rechtswissenschafthchen Begründung sozia-
listischer Ideen. An eine ökonomische Begründung des
Soziahsmus, wozu er im Laufe der Jahre allerhand Vor-
studien gemacht hatte, wollte Lassalle gerade gehen, als
zunächst der preußische Verfassungskonflikt ihn in die
politische und alsdann die aufkommende Arbeiterbewegung
ihn in die praktische sozialistische Agitation warfen. Auf
den geistigen Zusammenhang zwischen seiner rechts-
wissenschaftlichen und seiner sozial-ökonomischen Auf-
fassung, d. h. auf den juristischen Grundgedanken, von
welchem er bei seinen sozial-ökonomischen Untersudiun-
gen ausging, weist Lassalle selbst im Vorwort zum , .Ba-
stiat" hin. Von den dort niedergelegten Gedanken war
sein praktischer Vorschlag, mit dem er die sozialistisdie
Agitation aufnahm, beherrscht, und wie der ,,Bastiat-
Schulze" in seinem sachhchen Teil der ökonomischen Be-
gründung dieses Vorschlages gilt, so liegt ihm auch —
zwar nicht ausschließHch, aber doch vorherrschend —
jener aus der juristischen Ideenwelt abgeleitete Gedanken-
kreis zugrunde.
Man kann es mit Lassalle nur bedauern, daß er, bevor
er die praktische Agitation aufnahm, nicht noch Zeit hatte,
sein Vorhaben durchzuführen und sich, wie er sich aus-
drückt, „einen theoretischen Kodex" zu schaffen, ,,an
welchem die praktische Agitation bei allen theoretischen
Fragen eine feste Grundlage finden konnte". Ob er dabei
zu wesentlich anderen Schlußresultaten gekommen wäre,
als sie nun vorliegen, ist zwar zu bezweifeln, denn sein
theoretischer Standpunkt war in dieser Hinsicht schon
viel zu stark ausgeprägt, als daß dergleichen mit größerer
Wahrscheinlichkeit zu erwarten gewesen wäre. Aber es
wäre doch ein Buch geworden, das sich in Ton und Dar-
stellung, an wissenschaftHcher Vornehmheit und Ge-
schlossenheit dem ,, System der erworbenen Rechte" an-
gereiht haben würde, statt, wie der „Bastiat- Schulze",
dem ,, Julian Schmidt".
Nicht daß an der polemischen Form dieses Buches an
sich Anstoß zu nehmen wäre. Hier sind die Schlußworte
des Lassalleschen Vorwortes vielmehr durchaus zutref-
fend. Die polemische Form hat gerade für die populäre
Darstellung schwieriger Materien vor der objektiven syste-
matischen Darstellung große Vorteile voraus, und tat-
sächlich haben Hunderte und Tausende den ..Bastiat-
Schulze" gelesen, die an einem Werk von dem Charakter
des „Systems" kalt und teilnahmslos vorübergegangen
wären. Die Geschichte der Literatur ist reich an Bei-
spielen hervorragender und epochemachender Leistungen
im Gewände der Polemik oder hervorgerufen durch die
Notwendigkeit der dialektischen Verteidigung einer Sache
oder Idee. Aber die Art der Polemik, die Lassalle im
,,Bastiat-Schulze" führt, gereicht dem Buch an vielen
Stellen mehr zum Nachteil als zum Vorteil; sie ist oft
übertrieben heftig und zugleich nicht selten recht wertlos
im Inhalt — oft nur Silbenstecdierei, bei der nicht viel mehr
herausschaut als die Absicht, dem Gegner um jeden Preis
eins auszuwischen. Die wissenschaftliche Überlegenheit,
10
deren sicli Lassalle Schulze- Delitzsch gegenüber rühmt —
und mit Recht auch rühmen durfte — , hätte ihn nur um
so mehr veranlassen sollen, auf gewisse wenig ansprechende
Mittel der Polemik zu verzichten und statt dessen lieber
etwas mehr auf die sachlichen Argumente des Gegners
einzugehen, von denen gerade einige der wichtigsten keines-
wegs im ..Bastiat-Schulze" eine ausreichende Widerlegung
gefunden haben, so treffend der allgemeine theoretische
Standpunkt des Herrn Schulze- Delitzsch und dessen Ab-
hängigkeit von Bastiat darin charakterisiert worden sind.
Die Schulze- Delitzschsche Schrift ,, Kapitel zu einem
deutschen Arbeiterkatechismus", gegen welche der ,, Ba-
stiat- Schulze" sich richtet, ist eine Zusammenstellung von
sechs Vorträgen, welche der damals sehr gefeierte Förderer
der selbsthilf lerischen Genossenschaften im Winter 1863
in öffentlichen Versammlungen des fortschrittlichen Ber-
liner Arbeitervereins gehalten hat. Den ersten Anlaß zu
diesen Vorträgen hatte nicht die Lassallesche Agitation,
sondern die ihr vorhergegangene Bewegung gegeben, als
deren Wortführer in Berlin sich der Arbeiter Eichler auf-
spielte. Die betreffenden Vorgänge sind in der Vorbe-
merkung zum ,, Offenen Antwortschreiben" — Bd. III
S. 9 bis 38 unserer Ausgabe — ziemlich ausführlich ge-
schildert worden. Wir erwähnen daher nur noch, daß es
sich in den Abhandlungen, die das ,, Kapitel usw." bilden,
eben um die Vorträge über Kapital und Arbeit handelt,
zu denen Schulze- Delitzsch sich in der Berhner Volks-
versammlung vom 26. Oktober 1862 erboten hatte. Aber
noch hatte Schulze diese Vortragsserie nicht beendet, als
Lassalles ,, Offenes Antwortschreiben" erschien, und nach-
dem er u. a. im vierten Vortrag bereits mit den üblichen
Schlagworten der hberalen Ökonomie gegen den Sozia-
lismus polemisiert hatte, ging Schulze infolge dessen im
11
sechsten Vortrag des längeren auf die Lassallesche Bro-
schüre ein. Da der „Bastiat- Schulze" die Replik Las-
salles auf die Schulzesche Kritik seiner Vorschläge war,
so haben wir ihm in dieser Ausgabe das betreffende Stück
aus dem Schulzeschen Arbeiterkatechismus im Anhang
beigegeben. Desgleichen eine in der Berliner „Kreuz-
zeitung" erschienene, von Bismarcks damaligem Adlatus
Wagener herrührende Rezension des „Bastiat- Schulze",
auf welche Lassalle dem Organ der MiHtär- und Pfaffen-
partei von Bad Ems aus eine Erwiderung einsandte, deren
gesucht höflicher Ton sehr von der ebenso gesucht weg-
werfenden Sprache absticht, die Lassalle gegen Schulze
angeschlagen hatte, aber wie sie selbst in der poli-
tischen Situation Lassalles ihre ausreichende Erklärung
findet. Diese ,, Antwort auf eine Rezension der Kreuz-
zeitung" war noch mehr an Wageners Chef Bismarck
als an Wagener selbst gerichtet und ein letzter Versuch
Lassalles, den erster en ziun Eingehen auf seine Pläne
zu gewinnen.
Es dauerte fast zwei Jahre, bis Schulze-Delitzsch sich
zu einer Antwort auf den ,, Bastiat -Schulze" entschloß.
Man hatte wohl fortschrittlicherseits geglaubt, mit dem
Tode Lassalles werde auch die von diesem geführte Be-
wegung wieder einschlafen, und so sich die Mühe einer
besonderen Widerlegung seiner Schrift erspart. Aber trotz
der bald nach Lassalles Tode eintretenden inneren Wirren
wuchs die Bewegung, wenn auch langsam, so doch stetig,
und so verfaßte Schulze-Delitzsch Ende 1865 eine
Schrift „Die Abschaffung des geschäftlichen Risiko durch
Herrn Lassalle, ein neues Kapitel zum deutschen Ar-
beiterkatechismus", in der er, wie schon der Titel besagt,
speziell die Ausführungen Lassalles in bezug auf die Rolle
des geschäftlichen Risiko in der bürgerlichen Gesellschaft
12
und die Möglichkeit seiner Beseitigung durch Assekuranz-
usw. Verbände der Produktivgenossenschaften behandelt.
Was sonst seine Schwäche war, wird hierbei bis zu einem
gewissen Grade seine Stärke. Weil er nicht weiter sah
als die bürgerhche Gesellschaft, konnten ihm die inneren
Widersprüche des Lassalleschen Projekts, in dem die
Produktivgenossenschaften einmal als ganz selbständige
Unternehmungen vom Staat finanzierter, aber für ihre
eigene Rechnung wirtschaftender Arbeitergruppen und
dann wieder als eine Art staatlicher Organisation der
Arbeit figurieren, um so weniger entgehen. Auch hatte er,
der mitten im geschäftlichen Leben stand, einen schär-
feren Bück für die Schwierigkeiten, die sich bei der da-
maligen Rückständigkeit der industriellen Entwicklung der
genossenschaftlichen Organisation der Arbeit in den Weg
stellten, als Lassalle, der sich in diesem Punkte doch
hauptsächhch auf spekidative Erwägungen stützte. Aber
in bezug auf alles, was über den engen Horizont des bür-
gerlichen Geschäftsmannes hinausgeht, zeigt er sich nicht
nur in jeder Hinsicht als flacher Nachbeter der liberalen
Vulgärökonomie, sondern auch geradezu unfähig. Las-
salles Ausführungen nur zu begreifen, geschweige denn sie
zu widerlegen. Was nicht bürgerlich ist, nicht den Insti-
tutionen der bürgerlichen Gesellschaftsordnung entspricht,
ist überhaupt nicht ,,menschlich", und der bloße Gedanke,
Zustände zu schaffen, unter denen der Untemehmergewinn
als ,, Risikoprämie" gegenstandslos wird, erfordert nach
ihm, ,,die Menschlichkeit abzustreifen", ,,die natürlichen
Daseinsbedingungen des Menschen zu verrücken" (,,Die
Abschaffung usw." S. 25). Wenn Marx schon 1846 in
seinem ,, Elend der Philosophie" die Methode der bürger-
lichen Ökonomie: zwischen künstlichen und natürlichen
Institutionen derart zu unterscheiden, daß die bürgerlichen
13
naiürliclie, die nichtbürgerlichen aber künstliche seien —
mit dem Verfahren der Theologen verglich, wonach nur
ihre Religion von Gott herrühre, die anderen aber Erfin-
dung der Menschen seien, und hinzusetzte: ,, Danach hat
es wohl eine Geschichte gegeben, aber es gibt von jetzt
an keine mehr", so rechtfertigt der obige Satz Schulze-
Delitzschs den ihm von Lassalle im ,,Bastiat- Schulze"
gemachten Vorwurf, daß das zur Religion gewordene
Dogma des Unternehmerprofits als die ,, unmittelbarste
Voraussetzung" sein Denken beherrsche. Womit natür-
lich noch jiicht gesagt ist, daß Schulze- Delitzsch ein be-
wußter Agent der Kapitalisteinklasse war, zu welcher An-
klage Lassalle in seiner Erbitterung jenen Vorwurf er-
weiterte^).
Es wurde im Vorstehenden Marx genannt, und in An-
knüpfung daran wollen wir dazu übergehen, über die Frage,
inwieweit der sachliche Inhalt des ,,Bastiat- Schulze" auf
Marxschen Untersuchungen fußt, einige Worte zu ver-
lieren.
Bekannt ist die Note, in welcher Marx, im Vorworte
zum ,, Kapital", betont, daß selbst der Abschnitt des „Ba-
stiat- Schulze", wo Lassalle die ,, geistige Quintessenz der
Marxschen Entwicklungen über Wertgröße und Wert-
substanz" zu geben erkläre, bedeutende Mißverständnisse
enthalte, und daran die Bemerkung knüpft, daß, wenn
^) Eine sachlich oft sehr treffende, mit vielem Witz aber
auch mancherlei unwürdigen Insinuationen gewürzte Widerlegung
fand die Schulze-Delitzschsche Replik in der von I, B. von
Schweitzer herrührenden Artikelserie „Der tote Schulze gegen
den lebenden Lassalle", die, zuerst im Schweitzerschen ,, Sozial-
demokrat" veröffentlicht, im Jahre 1886 als VIII. Heft der
,, Sozialdemokratischen Bibliothek" von der Verlagsbuchhand-
lung In Hottingen neuaufgelegt wurde.
14
Lassalle „die sämtlichen allgemeinen theoretischen Sätze
seiner ökonomischen Arbeiten, z. B. über den historischen
Charakter des Kapitals, über den Zusammenhang von
Produktionsverhältnissen und Produktionsweise usw. usw.,
fast wörtlich, bis auf die Terminologie herab," seinen
— Marx' — Schriften entlehnt habe, ,,und zwar ohne
Quellenangabe", dies Verfahren ,,wohl durch Propaganda-
Rücksichten bestimmt" worden sei, während mit Lassalles
Detailausführungen und Nutzanwendungen Marx ,, nichts
zu tun" zu haben erklärt, (Vgl. Marx, ,, Kapital", I. Bd.,
2. Aufl. S.3u. 4.)
Diese Note ist Marx verschiedentlich verargt worden,
und zwar namentlich in Hinblick darauf verargt worden,
daß ja Lassalle gerade im dritten Kapitel des ,,Bastiat-
Schulze" Marx als Quelle zitiert und seiner Schrift ,,Zur
Kritik der politischen Ökonomie" ein so hohes Lob er-
teilt habe. Indes wenn jemand einem anderen die Hälfte
oder den dritten Teil einer empfangenen Summe mit noch
so hoher Anerkennung quittiert, so ist damit die Tatsache
noch nicht aus der Welt geschafft, daß er von ihm mehr
als den quittierten Teil empfangen hat. Und wer das
,, Elend der Philosophie", das ,, Kommunistische Mani-
fest", die Aufsätze über ,, Lohnarbeit und Kapital", den
,,18 Brumaire" und die Schrift ,,Zur Kritik der politi-
schen Ökonomie" gelesen hat, der wird zugeben müssen,
daß sachlich Marx in seinem Rechte war, wenn er ein
erheblich größeres Quantum geistiger Arbeit für sich re-
klamierte, als Lassalle im angegebenen Kapitel quittiert
hat. Überhaupt behandelt Lassalle im Gegensatz zur Frei-
gebigkeit, mit der er bürgerliche Autoritäten zitiert, seine
sozialistischen Vorgänger hier ziemlich stiefmütterlich.
Bliebe also höchstens die angebhch übertrieben schroffe
Form der Reklamation. AngebKch, denn in Wirklichkeit
15
hat Marx, indem er seine wissenschaftlichen Ansprüche
geltend machte, zugleich die mildeste, das Andenken Las-
salles am wenigsten belastende Auslegung der von diesem
begangenen Unterlassungssünde hinzugefügt: die Rück-
sicht auf die Zwecke der Propaganda. Aber auch der
Schlußsatz der Marxschen Note sagt, wenn man nicht
mehr in ihn hineinlegt, als er wirkhch enthält, nichts, was
nicht durch die Sachlage festzustellen geboten war. Man
muß nicht vergessen, daß Lassalle der Arbeiterbewegung
eine Erbschaft hinterlassen hatte, die keineswegs ohne
das beneficium inventarii — das Recht der Sichtung und
Auswahl — angetreten werden konnte. Zur Zeit, wo
Marx das Vorwort zum ,, Kapital" schrieb, florierte aber
in Deutschland noch der orthodoxeste Lassalleanismus,
der jedes Wort Lassalles als unantastbares HeiHgtum
hochhielt, und w^rde die in der letzten Phase seiner Agi-
tation von Lassalle eingeschlagene Taktik als die einzig
vom sozialdemokratischen Standpunkt berechtigte, das
Lassallesche ökonomische Rezept als der allein zutreffende
Au«fluß der sozialdemokratischen Lehre propagiert. Da
war es nur in der Ordnung, wenn Marx erklärte, daß die
Nutzanwendungen, die Lassalle aus den von ihm über-
nommenen theoretischen Sätzen abgeleitet hatte, nicht die
seinigen seien.
Auf diesen Unterschied in den Nutzanwendungen, so-
weit es sich selbst wieder um theoretische Probleme han-
delt, kann hier nicht eingegangen werden, da dies eine
ganze ökonomische Abhandlung nötig machen würde. Der
Unterschied in den praktischen Schlußfolgerungen von
Marx und Lassalle dagegen läßt sich kurz dahin zusammen-
fassen, daß, während Marx in der Expropriation der Ka-
pitalistenklasse und der gesellschaftlichen Organisation der
Produktion die schließHche notwendige Konsequenz des
16
gesellschaftliclien Charakters der modernen Produktions-
weise und ihrer Arbeitsmittel erblickt und bis zum Ein-
treten dieser Phase der gesellschaftlichen Entwicklung die
ökonomische, politische und intellektuelle Förderung der
Arbeiterklasse durch alle jeweilig möglichen und geeig-
neten Mittel postuliert, Lassalle in den vom Staat fman-
zierten Produktivgenossenschaften das Mittel zur Ver-
wirklichung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag sieht
und von diesen, zunächst als selbstwirtschaftende Einheiten
gedachten Genossenschaften im weiteren Verlauf und als
natürliche Folge ihrer Organisation die Vergesellschaftung
der Gesamtproduktion erwartet. Es ist nicht das Endziel,
in dem Marx und Lassalle auseinandergehen, sondern die
Auffassung von den Wegen zu diesem Ziel, und zwar so,
daß Lassalle ein ganz bestimmtes Mittel — eben die
etappenweise zu vollziehende Ersetzung von kapitalisti-
schen Unternehmern durch einstweilen und im Schöße
der bürgerlichen Gesellschaft für eigene Rechnung produ-
zierende Arbeitergenossenschaften — als die vor allen
anderen zu propagierende ökonomische Forderung auf-
stellte, während Marx die Wahl der jeweiligen Mittel von
dem Stande der Entwicklung und den gegebenen Bedürf-
nissen der Klasse der Arbeiter abhängig machte.
Es wurde vorher davon gesprochen, nicht mehr in die
Marxsche Note hineinzulegen als in Wirklichkeit darin
steht, und das gleiche sei zum Schluß von dem weiter
oben geäußerten Urteil über die Form der Lassalleschen
Polemik im ,,Bastiat-Schulze" wiederholt. Einzelne Miß-
verständnisse Lassalles in bezug auf die Analyse von
Wertgröße und Wertsubstanz hindern nicht, daß er den
Ausgangspunkt der Marxschen Werttheorie richtig er-
faßt und in klarer und lichtvoller Weise zur Anschauung
gebracht hat. Ebenso sind die bloß zum Zweck der Ver-
2 Lassalle. Ge«. Schrikc^.. Ba.vl V.
17
höhnung des Gegners vorgenommenen Wortspaltereien und
verschiedene, Herrn Schulze-DeHtzsch tatsächlich mit Un-
recht an den Kopf geworfene Unterstellungen zwar stö-
rende Seiten des Buches, aber bei weitem nicht sein wesent-
licher Inhalt. Dieser gibt soviel des Belehrenden in ökono-
mischer und geschichtlicher Hinsicht, daß der ,,Bastiat"
Schulze" nicht nur als eine der Hauptarbeiten Lassalles,
sondern noch heute als eine der lesenswertesten Erschei-
nungen der sozialistischen Literatur überhaupt — als,
um Worte der biographischen Abhandlung zu wiederholen,
Zeugnis für das außergewöhnliche Talent und die staunens-
werte Vielseitigkeit und Elastizität des Lassalleschen Gei-
stes zu bezeichnen ist. Ebenfalls in Wiederholung des
dort Gesagten fügen wir hinzu, daß in einzelnen Partien
des Buches sich die Darstellung auf die Höhe des Besten
erhebt, was Lassalle je geschrieben hat, in ihnen der
Genius Lassalles in seinem hellsten Glänze aufleuchtet.
Ed. Bernstein.
IS
DEM DEUTSCHEN ARBEITERSTANDE
UND DER DEUTSCHEN BOURGEOISIE
GEWIDMET
VORWORT.
Der „Julian", den ich 1862 veröffentlichte^), war
eine Erhebung gegen den literarischen Mob^). Ihr
folgte konsequent 1863 in meinem ,, Antwortschreiben
die Erhebung gegen den politischen und ökono-
mischen Mob, die, durch eine Reihe von Schriften
sich fortsetzend, jetzt wieder mit innerer Notwendigkeit
in einem ,,Julian" ihren vorläufigen theoretischen
Abschluß findet. Den äußeren Anlaß dazu bietet das
, .Kapitel zu einem deutschen Arbeiterkatechismus" von
Herrn Schulze- Dehtzsch, welches erst im Juni 1863 er-
schien oder doch mir zu Händen kam. Ich nahm die Schrift
mit in das Bad Tarasp, wohin ich damals reiste, und
dort erst machte ich so die wirkliche Bekanntschaft des
Herrn Schulze, über den auch ich mich bis dahin noch in
wesentlichem Irrtume befunden hatte und befinden mußte.
^) „Herr Julian Schmidt, der Literarhistoriker". D. H.
^) „Mob" ist ein aus dem Englischen genommenes Wort,
das dort für ,, Menge", der ,, gemeine Haufen" etc. gebraucht
wird. Lassalle aber wendet es hier wie auch anderwärts in über-
tragenem Sinne an als Bezeichnung für die Führer und Macher
der sogenannten „öffentlichen Meinung", den Troß der Lite-
raten, Politiker etc. des Tages. Es ist das um so mehr im
Auge zu behalten, als nur so der bekannte Satz in dem Brief
Lassalles an Rodbertus richtig verstanden werden kann: ,, Frei-
lich darf man das — nämlich, daß Grund- und Kapitaleigentum
abzulösen seien — dem Mob heut noch nicht sagen '. D. H.
21
Denn konnte ich auch aus den Zeitungsberichten über seine
Vorträge hinreichend ersehen, was Herr Schulze nicht
sei, so war ich doch zu gerecht, um mir aus ihnen ein
Urteil bilden zu wollen über das, was Herr Schulze sei.
Erst aus der von ihm selbst veröf fenthchten Schrift konnte
ich dies mit Sicherheit entnehmen.
Im Oktober 1863 nach Berlin zurückgekehrt, beschloß
ich somit, zur Darstellung zu bringen, was Herr Schulze
sei und mit der kritischen Darstellung seiner und der
liberalen Ökonomie überhaupt die positive theore-
tische Entwicklung mehrerer der wichtigsten Fun-
damente der Nationalökonomie möghchst zu verbinden,
resp. sie in jene kritische Auflösung zu verflechten. Zwar
habe ich diese Bogen schreiben müssen mitten in einer
unausgesetzten Agitation, Verwaltungs- und Korrespon-
denzlast, die mir durch den Allgemeinen Deutschen Ar-
beiterverein auferlegt ist, sowie mit fünf Kriminalpro-
zessen behaftet, die mir aus meinen Agitationsschnften
entstanden, also ohne jede zu theoretischer Arbeit eigent-
lich erforderliche Muße. Gleichwohl hoffe ich, daß weder
Herr Schulze noch das PubHkum dabei in seinen Er-
wartungen zu kurz gekommen zu sein finden wird. —
Einige Worte über die Widmung.
Die Widmung an den deutschen Arbeiterstand erklärt
sich von selbst. Diejenige an die deutsche Bourgeoisie
aber kann scheinen, einer Erklärung zu bedürfen.
Dieses Buch wird Hunderte und Hunderte unter den
Bourgeois zu Proselyten machen, und zwar gerade die
Tüchtigsten und Intelligentesten unter ihnen. Und mehr
ist keiner theoretischen Tat gegeben!
Das aber hoffe ich durchaus nicht von ihm, daß es
die Bourgeoisie als Klasse für meine Ansichten
gewinnen wird. Eine Klasse über wirkhche oder ver-
22
meintliche Interessen f ortzuheben — dies vermag
keine theoretische Leistung !
Eine Wirkung aber hoffe ich gleichwohl von diesem
Buche auch auf die deutsche Bourgeoisie als Klasse!
Die Wirkung der Scham über die absolute, bodenlose
Nichtigkeit und Unfähigkeit des kleingeistigen Mob, den
sie zu ihrem Heroen proklamiert, belorbeert und tun-
jubelt — alles auf die Autorität hin des ,,Zeitungsge-
schwisters", wie Goethe es nennt 1 In der Tat, keiner der
auch nur mäßig gebildeten Bourgeois wird dies Buch
lesen können, ohne eine brennende Röte auf seinen Wangen
zu fühlen über die urkomische Stellung, die auf dem
Welttheater eine Partei einnimmt, die sich so gern als
,,die Welt" gebärdet und solche entsetzliche Geistes-
krüppel zu ihren Führern und Helden und somit zum
Ausdruck ihres geistigen Gesamtstandpunk-
tes als Klasse hat I Vielleicht wird ihr auch von da
aus ein schwaches Licht aufgehen über die notwendige
Jämmerlichkeit ihrer Erfolge in allen praktischen und poli-
tischen Kämpfen 1 Und weniger als in irgend einem Lande
wird in Deutschland diese geistige Vermickerung ver-
ziehen, infolge unserer guten alten Traditionen. Aber frei-
lich ist auch wieder gerade in Deutschland diese Ver-
mickerung der Bourgeoisie weitaus am ärgsten. Es ist
das spezielle Schicksal Deutschlands, daß in ihm die Bour-
geoisie zur Blüte der Herrschaft strebt, nicht zur Zeit
ihrer eigenen Blüte, wie sie dies in Frankreich und
England tat, sondern zu einer Zeit, wo diese Blüte durch
die gesamte Weltentwicklung bereits innerlich verfault
ist. Die sogenannte bürgerliche Weltperiode — ich werde
später den genauen Sinn und Inhalt dieser Benennung
nachweisen — ist im Ablaufen begriffen, und in naivster
Verwechslung das Ende einer Periode für ihren Anfang
23
nehmend, glaubt unsere Bourgeoisie Frünlingsvvelien und
Knospendurchbruch in sich zu verspüren! Dieser geistige
Anachronismus ist es, der nun fortwirkend auch in allem
einzelnen die geistigen Züge des Jammerbildes bestimmt,
das sie darstellt.
Will unsere Bourgeoisie noch irgend welche Rolle
spielen, so kann sie dies nur, wenn sie sich aufzuraffen
die Kraft hat zu neuem Denken und Lernen —
aber nicht aus den Zeitungen! Jedes andere Denken
und Lernen aber als aus den Zeitungen hat sie seit fast
einer Generation verlernt, und dies ist die unmittelbare
Ursache der vermickerten Zwerggestalt, zu der sie aus
ehemals großen und bedeutenden Anlagen verkrüppelt
ist. —
Noch ein Wort an die Ökonomen.
In meinem 1861 veröffentlichten ,, System der erwor-
benen Rechte", Teil I, pag. 264 sage ich: ,,In sozialer
Beziehung steht die Welt an der Frage, ob heute, wo es
kein Eigentum an der unmittelbaren Benutzbarkeit eines
anderen Menschen mehr gibt, ein solches auf seine mit-
telbare Ausbeutung existieren solle, d. h. gründlich:
ob die freie Betätigung und Entwicklung der eigenen Ar-
beitskraft ausschließhches Privateigentum des Besitzers
von Arbeitssubstrat und Arbeitsvorschuß (Kapital) sein,
und ob folgeweise dem Unternehmer als solchem,
und abgesehen von der Remuneration seiner etwaigen gei-
stigen Arbeit, ein Eigentum an fremden Arbeits-
wert (Kapitalprämie, Kapitalprofit, der sich bildet
durch die Differenz zwischen dem Verkaufs-
preis des Produktes und der Summe der Löhne .und
Vergütungen sämtlicher, auch geistiger Arbei-
ten, die in irgend welcher Weise zum Zustandekommen
des Produktes beigetragen haben) zustehen solle."
24
Dieser Satz enthält, wie jeder Sachkenner leicht sieht,
in gedrängter Zusammenfassung das Programm eines na-
tionalökonomischen Werkes, welches ich in systematischer
Form unter dem Titel ,, Grundlinien einer wissenschaft-
lichen Nationalökonomie" damals zu schreiben beabsich-
tigte. Ich war eben im Begriff, zur Ausführung dieses
Vorhabens zu schreiten, als im Anfang 1863 durch den
Brief des Leipziger Zentralkomitees die Frage in prak-
tischer Gestalt an mich herantrat. Ich erUeß mein ,, Ant-
wortschreiben", die Agitation brach aus, und nun war
natürlich an die nötige theoretische Muße und Vertiefung
für ein solches Werk zunächst nicht mehr für mich zu
denken I
Wie oft habe ich es seitdem nicht im Stillen beklagt,
daß die praktische Agitation der theoretischen
zuvorgekommen war ! Wie oft bedauert, daß es mir nicht
gegönnt gewesen, mir zuvor gleichsam einen theoretischen
Kodex geschaffen zu haben, an welchem die praktische
Agitation bei allen theoretischen Fragen eine feste Grund-
lage finden konnte. Denn die Nationalökonomie ist eine
Wissenschaft, für die erst Anfänge existieren und d i e
noch zu machen ist!
Wie sehr ich dies aber auch beklagt habe — ich be-
klage es nicht mehr 1 Konnte ich auch in das hier nach-
folgende Werk nur einen verhältnismäßig vielleicht nur
geringen Teil dessen hineintragen, was ich in einem syste-
matischen Werke hätte entwickeln können, war auch diese
Hineintragung der Vorzüge der schrittweisen Ent-
wicklung beraubt, welche mit systematischer Ableitung
gegeben ist, so bietet doch andererseits die weit höhere
Lebendigkeit und Eindringlichkeit der pole-
mischen Form der Entwicklung hinreichenden Ersatz
dafür, und immerhin sind es die wichtigsten
25
Fundamentalsätze, die wir hier zur Darstellung gebracht
haben.
Besonders aber: eine große Aufregung ist gegeben!
Die Nation ist aus dem ökonomischen Schlafe gerüttelt !
Die soziale Frage ist links und rechts zur Tagesfrage ge-
worden. Hunderte und Tausende werden dies Buch lesen,
welche an einer dickleibigen systematischen Darstellung,
die nur ihr abstraktes Gelehrtenpubhkum hat, kalt und
teilnahmslos vorübergegangen wären.
Und so finde ich denn, daß mich auch in dieser Hin-
sicht meine Sterne günstig geführt haben !
Berlin, 16. Januar 1864.
F. Lassalle.
26
EINLEITUNG.
Man wird vielleicht zunächst verwundert sein, warum
wir hier eine Stelle aus den Werken S c h e 1 1 i n g s folgen
lassen. Inzwischen je weiter der Leser allmählich in dem
Buche selbst vorrücken wird, desto mehr wird sich ihm das
Verständms von selbst aufdrängen. Wir setzen daher ohne
jeden weiteren Kommentar als Einleitung die nachfolgende
Stelle Schellings hier her.
Eine Rezension in der Jenaer Allgemeinen Literatur-
zeitung gegenrezensierend, wird Schelling zu folgender
Ausführung veranlaßt:
(Schellings Werke, L Abteil., Band IV. S. 557:)
„Sonst ist es im allgemeinen nicht schwer, die Men-
schenklasse zu bemerken, zu der dieser Rezensent gehört.
Außer der Unverschämtheit, mit der er, der unwissender
sich zeigt, als jeder Student, der jetzt auf irgend einer
Universität den Wissenschaften obliegt, und der heute,
wenn er sich der Bamberger medizinischen Fakultät als
Kandidat des Doktorgrades präsentierte, wegen seiner
Ignoranz mit Schande zurückgewiesen würde, sich an-
stellt, um das Wohl der Wissenschaften und die Ehre
der Doktorwürde bekümmert zu sein, ist die Unbefangen-
heit, mit der er sich zu dem verständigen und gesitteten
Publikum zählt, eine Famihenähnhchkeit der großen Sipp-
schaft, die sich, seitdem die Fortschritte der Wissenschaft
und Kunst eine Menge Personen gerade um ein Haibjahr-
hundert zurückversetzt haben, gebildet und immerfort ver-
27
mehrt hat. Der charakteristische Zug dieser Klasse ist,
daß sie sich noch immer einbildet, in der neuesten Zeit
zu leben, und, obgleich sie, in Rücksicht auf das Zeit-
alter, aus den rohesten Menschen besteht, nichtsdesto-
weniger im Besitz des Geschmackes und Urteils zu sein
wähnt, und, während ihnen von aller Tätigkeit schon längst
keine andere als die des Klatschens gebheben ist, dessen
ungeachtet sich für die gute Sozietät und das gebildete
Publikum hält. Sagt man ilmen, daß sie in der gegen-
wärtigen Welt schon längst aufgehört haben zu sein, —
sie glauben, daß man dies selbst gar nicht im Ernst meinen
könne ; versichert man ihnen, daß sie in allem Ernst für
Pöbel gerechnet werden, so ist ihnen dies schlechterdings
unbegreiflich ; schwört man ihnen, daß sie für nichts besser
als tote Hunde geachtet werden, so können sie dies
wiederum nicht als eine wahre Äußerung, sondern nur
als ein ungesittetes Betragen begreifen. Mit einem Wort,
sie sind durchaus mcht zu bedeuten und so identisch mit
ihrer Gemeinheit, so unfähig einer eigenen Reflexion dar-
über, daß sie gar nicht begreifen, wie jemand die Grund-
sätze und Begriffe eines gesitteten Mannes haben, und
gleichwohl sie als das, was sie sind, nämhoh als Gesindel
behandeln und betrachten könne.
Ein Hauptwort, das sie ohne allen Begriff davon auf-
geschnappt haben, und das ihnen um das dritte Wort aus
dem Munde geht, ist die gute Lebensart. Als ob es eine
gute Lebensart gegen Pöbel gäbe !
In einer Rezension der Literaturzeitung versichert einer
dieser Spießbürger dem anderen, daß das gebildete
Publikum den Ton, den die neuen Philosophen gegen ihre
Gegner anstimmen, verächtlich finde, und in einem Journal
von und für Apotheker wird mir sogar die attische Urba-
nität zu Gemüte geführt ; ich wünsche zu wissen, welches
28
einzige Denkmal der attischen Urbanität der Mensch, der
dies tut, gelesen zu haben beweisen könnte, so wie über-
haupt dieses Volk, das, wenn es heut nach Griechenland
versetzt würde, höchstens zu den niedrigsten Sklaven-
oder Helotendiensten gebraucht werden könnte, sich auf
eine eigene Art verv/undern würde, wenn es einmal an
sich ein Exempel der attischen Urbanität erfahren sollte.
Diese eingefleischten und geschworenen Barbaren sind
es, die durchaus keiner anderen Achtung, als für die ho-
mogene Roheit, weder für Ideen, noch für Wahrheit und
Schönheit empfänglich, gern alles, was darauf Ansprüche
macht, als verderblich denunzieren möchten, wenn es ein
Ohr gäbe, sie zu hören, und da mit einfachem Verleum-
den nichts auszurichten ist, bricht die wahre Gesindel-
haftigkeit darin aus, daß sie Regierung und Obere auf-
merksam machen und aufrufen wollen, wie unter anderem
der Rezensent des Röschlaubschen Magazins in der Jenaer
Literaturzeitung getan hat. Die Einbildung von dem ge-
bildeten Publikum läßt Ihnen nicht einmal so viel Schick-
llchkeitsgefühi, einzusehen, wie wenig von Regierungen zu
erwarten sei, daß sie sich um das Geschwätze eines
Klatschpacks bekümmern. So lange auch die Staaten und
alles, was sie Hohes und Heihges haben, auf dem
beruhen, werden diejenigen. In denen sich die Realität per-
sönlich ausdrückt, nichts für verderblicher achten, als die-
sen einbrechenden Strom der Gem.eiiiheit, die nicht nur
überhaupt für eine Idee, sondern für nichts Achtung hat,
was über das Gemeine erhaben, das Siegel der Hoheit
und Göttlichkeit trägt. Die Pöbelherrschaft in Künsten
und Wissenschaften, wenn sie je eintreten oder begünstigt
werden könnte, wäre nach einem unausbleiblichen Erfolg
der Vorbote einer ganz anderen Pöbelherrschaft. — Die-
ser nicnt eingebildete oder sogenannte, sondern wahre und
29
wirkliche Sanskulottismus, der sich gern der Ehrerbie-
tung für alles, was groß, wahr und schön ist, entziehen
möchte, um sich nun ganz ungestört in dem Schlamme seiner
Gemeinheit herumzuwälzen, erkennt, indem er keine Ober-
herrschaft des Genies, des Talents und der Ideen aner-
kennen will, keine andere Oberherrschaft ; denn keine
Gewalt oder Souveränität der Erde, so groß oder klein
sie sei, herrscht anders als in der Gewalt und der Sorge
von Ideen, und wo unter einem Volk die Achtung für
diese verloren, die Nichtachtung derselben sogar beschützt
oder begünstigt ist, findet sich notwendig auch die Ver-
achtung alles desjenigen ein, dessen Achtung nur auf dem
Vermögen zu Ideen beruht. — Auf diese Weise, wie sie
die Regierungen auffordern, suchen dieselben Menschen
auch das große Publikum zu alarmieren, welches von der
Anzeige der Bambergischen Thesen offenbar eine Mit-
absicht ist." I
„Dies alles wird unzureichend befunden, und man findet
sich, je weiter man untersucht, desto mehr zu folgenden
Annahmen gedrungen:
,,Daß man den Verfasser dieser Denunziation nicht
einmal für einen Barbier, geschweige denn für einen
Mann von der Fakultät, sondern völlig für einen medi-
zinischen Laien halten müsse." —
30
Erstes Kapitel.
Im Anfang ist es erforderlich, selbst auf die Gefahr
hin, unsere Leser hin und wieder zu langweilen, längere
Zeit hindurch wörtlich und ohne Fortlassung den Inhalt
Ihrer Vorträge, Herr Schulze, hier wiederzugeben und
sie nur durch unser kritisches Akkompagnement zu unter-
brechen. Wir sind gezwungen, diese Methode zu wählen
und einige Zeit fortzusetzen, damit niemand etwa glaube,
daß wir bloß das Schlechte aus Ihnen mitteilen und das
Gute fortließen.
Wir behalten also auch Ihre Einteilung bei und lassen
Sie nunmehr Ihre Rede beginnen:
„I. DIE ARBEIT."
„a) We senund Zweck derArbeit. Die soziale
Selbsthilfe."
„Wir beginnen — sagen Sie — die Besprechung dieses
wichtigen Themas mit dem Nächsten und Natürlichsten,
was in uns edlen und vor aller Augen vor sich geht, stünd-
lich und täglich, zu dessen Verständnis aber nur gesunder
Sinn und die Anregung zum Nachdenken, durchaus keine
Gelehrsamkeit erforderlich ist. Blicke einmal ein jeder
in sein Inneres, kehre er eine Minute bei sich selbst ein,
beobachte er dann die anderen um sich: was ist es denn
eigentlich, was den Menschen den Anstoß zur Tätigkeit
im Erwerb verleiht und ihnen einen Erfolg dabei, sagen
wir zunächst die Er Schwingung ihres Unterhalts, sichert ?
31
Was ist es, was in uns allen die treibende Kraft dabei
abgibt ?
„Da nehmen wir ohne Ausnahme zwei Dinge wahr,
die uns sämtHch, wie wir da sind, angeboren werden :
Bedürfnisse und Fähigkeiten. Mit beiden kom-
men wir auf die Weh, und was es mit unseren Bedürf-
nissen auf sich hat, das wissen wir nur zu gut, daran
mahnt uns jede Stunde. Nun macht sich die Sache so :
In jedem Bedürfnis liegt der Trieb nach Befrie-
digung von Haus aus eingeschlossen ( !), denn nur an
diesem schwächeren oder stärkeren Drange erkennen wir
überhaupt das Vorhandensein eines Bedürfnisses ( !). So
erkennen wir das Bedürfnis nach Speise und
Trank am Hunger und Durst (!!), d. h. an dem
Triebe zu essen und zu trinken, das Bedürfnis nach
Ruhe an der Müdigkeit (11), d. h. dem Triebe zu
ruhen."
,,Besoin — effort — satisfaction" ,, Bedürfnis — An-
strengung — Befriedigung" — beginnt Bastiat seine be-
rühmte nationalökonomische Fibel: ,,Harmonies econo-
miques," deren kritischen Wert wir im ganzen Verlauf
dieser Darstellung kennenlernen werden. ,, Bedürfnis —
Anstrengung — Befriedigung" wiederholen Sie als sein
getreuer Doppelgänger^). Aber als Deutscher wissen Sie,
^) Der „Katechismus" des Herrn Schulze ist nichts anderes
als ein getreuer Auszug und respektive eine Übersetzung aus
jener Kleiukinderfibel von Bastiat, durch welche derselbe
eine so usurpierte Reputation unter den liberalen Ökonomen von
heute erlangt hat. Nur mit dem Unterschiede, daß alles Geist-
reiche und Blendende in der Form bei Bastiat, wodurch es
ihm möglich wurde, jene falsche Reputation zu gewinnen, bei
Herrn Schulze verloren geht, und die trockene Abgeschmackt-
heit der Sache in ihrer unverhüllten Gestalt zum Vorschein
32
(laß es bei uns Deutschen Sitte ist, nicht bloß ins Zeug
hinein zu geistreichehi, sondern gründlich und gedanken-
mäßig von Definitionen, von genau bestimmten begriff-
lichen Unterschieden auszugehen.
kommt. — Der Berliner Fortschrittsökonom, Herr Faucher,
erklärte geiegentlich in einer hiesigen ökonomischen Gesell-
schaft, Bastiat habe Proudhon und- den Sozialismus „ver-
nichtet" ! Es war freilich leicht, Herrn Proudhon ökonomisch
zu vernichten, da derselbe niemals ein Ökonom gewesen ist.
Was aber den Sozialismus betrifft, so ist derselbe so frei durch
mich — Dienst um Dienst, heißt es nach Bastiats Theorie —
Herrn Bastiat diesen Dienst mit Erlaubnis des Herrn Faucher
bei dieser Gelegenheit hier wieder zu geben. Nur wäre es
ebenso übei-flüssIg als lästig für Leser wie Autor, immer neben
die Worte des deutschen Bastiat auch noch die identischen
Worte des französischen Schulze zu stellen. Es genügt daher
ein für allemal, auf diese Identität aufmerksam zu machen, von
der sich jeder Deutsche, der französisch, und jeder Franzose,
der deutsch versteht, überzeugen kann. Nur wo es das Inter-
esse kritischer Schärfe und Genauigkeit erfordert, wie z. B.
bei der Theorie vom Wert und Dienst, werden wir uns er-
lauben, Herrn Bastiats eigene Worte neben die Schulzesche
Übersetzung zu stellen und ihn besonders zu verhören. Hin
und wieder freilich sagt Herr Schulze Absurditäten, die nicht
auf Bastiats Rechnung kommen, und in solchen Fällen werden
wir aus Gerechtigkeit gegen diesen nicht versäumen, darauf
aufmerksam zu machen.
(Frederic Bastiat, geboren 1801, gestorben 1850, wirkte als
ökonomischer Schriftsteller hauptsächlich für die Propagierung
der Lehren der englischen Freihandelsliga, mit deren bekann-
testem Führer, Richard Cobden, er persönlich befreundet war.
Nachdem er mit Proudhon im Winter 1849/50 eine Kontro-
verse über die Berechtigung des Zinses gepflogen hatte, bei
der es Ihm nicht schwer wurde, seinen, schon 1846 von Marx
als noch unter der bürgerlichen Ökonomie stehend charakteri-
sierten Gegner zu schlagen, veröffentlichte er 1850 den ersten
Band seiner „ökonomischen Harmonien" als Gegenschrift gegen
3 Lusalle. G»». Sebn'ftem. "Dtmi V.
33
Sie wollen daher vor allem vor Ihren Arbeitern den
Schein dieser gedankenmäßigen Gründlichkeit annehmen,
legen den Finger an die Nase und unterscheiden zwischen
— „dem Bedürfnis nach Speise und Trank
und dem Hunger und Durst" oder „dem Triebe
zu essen und zu trinken," zwischen „dem Be-
dürfnis nach Ruhe und der Müdigkeit oder dem
Triebe zu ruhen."
Wir anderen Menschenkinder — und wEihrscheinlich
auch Ihre Arbeiter, bis sie Sie gehört hatten — hatten bis
dahin geglaubt, daß , .Bedürfnis" und , »Trieb nach
Befriedigung" einfach dasselbe, nur zwei ver-
schiedene Wortbezeichnungen für dieselbe Sache seien.
Wir hatten in unserer Beschränktheit bis dahin ge-
glaubt, daß ,, Bedürfnis nach Speise" und ,,Hunger"
Proudhons „ökonomischen Widersprüche", während ihn an der
Fertigstellung dieses Werkes sein 1850 ei'folgter Tod ver-
hinderte. Seine Schriften wurden nach ihrem Erscheinen ins
Deutsche übertragen und von den deutschen Freihändlern eifrig
kolportiert. Sie sind meist nur Umschreibungen der Agita-
tionsschriften der englischen Freihändler, ohne jeden eigenen
wissenschaftlichen Wert. Im Vorwort seiner Erwiderungsschrift
auf den ,,Bastiat-Schulze" erklärte Schulze-Delitzsch es für
eine ihm erwiesene „Ehre", vor seinem Namen „den des großen
französischen Nationalökonomen Bastiat zu setzen", zu dessen
Schule er sich bekenne, und fügte hinzu, Bastiat selbst würde
wohl „ein ehrliches Streben, seine Lehren nicht bloß durch
populäre Darstellung, sondern auch durch praktische Organisa-
tion" in das Leben des deutschen Volks einzuführen „nicht
unwert" erachtet haben, „neben den eigenen Leistungen ge-
nannt zu werden". [Schulze-Delitzsch, die Abschaffung etc.
S. Vl.j Mit anderen Worten, der in der vorstehenden Note
gegen ihn erhobene Vorwurf, lediglich Bastiat wiedergegeben
zu haben, ist von Schulze-Delitzsch selbst als zutreffend an-
erkannt worden. D, H.)
34
oder der „Trieb zu essen", daß „Bedürfnis nach
Trank" und „Durst" oder der „Trieb zu trinken",
daß „Bedürfnis nach Ruhe" und ..Müdigkeit" oder
der ,,T riebzu ruhen" genau ein und dasselbe seien ! ^)
Vor Ihrem Scharfsinn kann das nicht bestehen ! Sie
unterscheiden zwischen einem „Bedürfnis" und einem
aparten „Tri eb nach Befriedigung desselben," der in
jenem Bedürfnis eingeschlossen sei!
Das ist die ..Bildung", die Sie Ihren Arbeitern bei-
bringen. Was werden die Leute triumphierend nach Hause
gegangen, was werden sie sich ..gebildet" vorgekommen
sein, nachdem sie erfahren, daß der Hunger und Durst
oder der , .Trieb zu essen und zu trinken", die ..Müdig-
keit" oder der ..Trieb zu ruhen" noch etwas verschie-
denes seien von dem Bedürfnis nach Speise und
Trank oder dem Bedürfnis nach Ruhe I
Diese sinnlose Wortmacherei bildet die theoretische
Grundlage, die Sie Ihren national-ökonomischen Vorträgen
geben. Und freilich gerade so ist sie die angemessene
theoretische Grundlage dieser national-ökonomischen Vor-
träge, bei denen es von Anfang bis Ende, wie wir sehen
werden, auf nichts anderes als auf den gedankenlosesten
Wortschwall, auf einen Brei von Worten abgesehen ist,
welcher sich wie Kleister um das Gehirn des Arbeiters
und sogar aller solchen „Gebildeten" legen muß. die nicht
die kritische Schärfe haben, diesen Wortschwall in seine
vollkommene innere Nichtigkeit aufzulösen.
Sie fahren unmittelbar nach dieser glänzenden Unter-
^) Hier ist Lassalle entschieden im Unrecht, wie schon die
einfache Tatsache beweist, daß der Trieb nach Nahrung etc.
oft stärker und oft geringer ist als das tatsächliche Bedürfnis
der Ernährung etc. des Körpers. D. H.
3« 35
Scheidung zwischen dem „Bedürfnis nach Ruhe" und dem
„Triebe zu mhen" fort, wae folgt :
„Zur Befriedigung selbst gelangt man aber in der Regel
nur durch eine Tätigkeit, ein Bemühen, Die gebratenen
Vögel fhegen den Leuten nicht in den Mund (die Ge-
danlven noch v/eniger, Herr Schulze) : Brot, Nahrung,
Kleidung und dergleichen findet man nicht auf der Straße,
sie wollen verdient sein."
Sie wollen offenbar sagen: „Nahrung, Kleidung und
dergleichen — wollen erzeugt, hervorgebracht
sein." Aber gerade dieses „verdient sein" ist unbe-
zahlbar, Herr Schulze, und charakterisiert Sie !
Sie wollen den Arbeitern ökonomische Vorträge halten.
Sie wollen ihnen nachweisen, wie sich die Welt der be-
stehenden wirtschaftlichen Einrichtungen als notwendig und
rechtmäßig aus dem Gedanken ableitet. Sie wollen sie
ihnen aus dem ,, Wesen der Arbeit" entwickeln, mit wel-
chem Sie soeben Ihre Vorträge beginnen. Der „Ve r -
dienst" oder der Profit, das ökonomische ,,Ver die-
nen", von dem Sie sprechen, ist aber bereits eine äußerst
komplizierte ökonomische Erscheinung. Diese Erscheinung
setzt bereits voraus eine auf einer entwickelten Basis des
Tauschwertes produzierende Gesellschaft ; sie setzt
voraus Kapitaleigentum, Konkurrenz, Privatunternehmer,
Lohnarbeit. Alle diese besonderen geschichtlichen Ein-
richtungen müssen bestehen, damit der ,, Profit" oder der
ökonomische „ Ve r d i e n s t" stattfinde.
In Peru z. B., Herr Schulze, dem hochzivilisierten
Inka-Reiche, wurde erstaunlich viel produziert und
gearbeitet, ohne daß ,,v e r d i e n t" wurde 1 ^) In der
^) Siehe über die Gestalt der peruvianischen Arbeit z. B.
History of thc conquest of Peru by William Prescott. London
36
Sklavenwirtschaft des Altertums wurde gleichfalls nicht
„verdient". Auch in der Naturalwirtschaft des früheren
Mittelalters wurde noch nicht „verdient", Herr
Schulze !
Wie der „Verdienst" oder „Profit" die heutigen ge-
sellschaftlichen Einrichtungen voraussetzt, um einzutreten,
so setzt er auch die Erklärung derselben, also die
Erklärung von Tauschwert, Kapital, Zirkulation, Konkur-
renz. Privatunternehmerschaft, Lohnarbeit und einer alle
ihre Produkte unablässig durch die G e 1 d f o r m hindurch
jagenden Gesellschaft voraus und muß aus ihnen abgeleitet
werden, um verstanden zu werden.
Von alledem haben Sie noch nichts erklärt und können
noch nichts erklärt haben. Sie stehen ja erst auf der
zweiten Seite Ihres ,, Katechismus". Sie halten ja eben
erst beim naturwüchsigen Wesen der Arbeit und haben
noch keine gesellschaftliche Form der Ar-
beit aus ihm abgeleitet. Sie können also auch noch nicht
vom „Verdienst" sprechen.
Aber gerade dies ist eben das unbezahlbar Charakteri-
stische für Sie, Herr Schulze! Sie haben ihre kleinbür-
gerliche Seele so voll von den besonderen, in der heutigen
Zeit existierenden Einrichtungen, daß Sie sich -selbst nicht
einmal in Gedanken einen Augenblick von ihnen losreißen
können; sich nicht einmal so weit von ihnen befreien
können, um sie abzuleiten und zu erklären. Statt
sie zu erklären, setzen Sie dieselben einfach vor-
aus — und dies ist die auf jeder Seite Ihres ,,Katechis-
1857. Tom. I. cap. 2. 4 u. 5. Auch kannte man, obgleich Fabri-
kation und Künste in Peru blühten und obgleich es das Vater-
land der edlen Metalle war, Geld überhaupt nicht, weder aus
Gold und Silber, noch aus anderem Stoff. (Das. p. 147 — they
— — had no knowledge of money.)
37
mus" sich wiederholende und sich schon auf der ersten
Seile desselben in so köstlicher Deutlichkeit ankündigende
Verwechslung Ihres gedankenlosen Geredes.
Selbst das naturwüchsige Wesen der Arbeit, die ein-
fache Tätigkeit der Produktion, die Erzeugung von G e -
brauchswerten können Sie sich nur denken in der
Form der profitwütigen Spekulation des Kapitalisten!
Sie hatten Recht, Ihr Buch einen ,, Katechismus" zu
nennen. Das zur Religion gewordene Dogma des speku-
lierenden Unternehmerprofits erfüllt Sie von vornlierein
als die unmittelbarste Voraussetzung Ihrer Seele mit der
ganzen Unmittelbarkeit und Inbrunst eines Religiösen.
Selbst der „Arbeiter" ist Ihnen nur ein kleinerer, ein
beschränkter Unternehmer !
Sie fahren in Ihren gedankenvollen Auseinandersetzun-
gen fort:
,, Sobald nun der Trieb nach Befriedigung eines Be-
dürfnisses stark genug wird, um die natürliche Trägheit
zu überwinden, die allen Menschen innewohnt, spornt er
die vorhandenen Fähigkeiten an, sich zur Erreichung
des Zieles in Bewegung zu setzen, und entwickelt dieselben
durch Übung und Gebrauch zu Kräften und Fertig-
keiten. Es gibt keinen peinlicheren Zustand, als den
des unbefriedigten Bedürfnisses, und so stark und nach-
haltig ist daher jener Antrieb, daß er nur mit dem Leben
selbst in uns erlischt.
,, Dieser einfache Vorgang: Bedürfnis — An-
strengung — Befriedigung — füllt den ganzen
Inhalt des menschlichen Lebens, das Bedürfnis natürlich
nicht so enge aufgefaßt, auf die bloß körperliche Not-
durft bezogen, sondern unter Berücksichtigung der ganzen
reichen Mannigfaltigkeit der Triebe und Anlagen unserer
Natur. Indem Bedürfnis also, in dem Triebe nach
38
Befriedigung desselben, liegt die eigentliche
Spannkraft, die verborgene Feder, welche den Menschen
nach den angedeuteten Zielen hin in Bewegung setzt und
erhält, und um so unwiderstehHcher wirkt, als wir ohne
Befriedigung einer ganzen Menge dieser Bedürfnisse gar
nicht bestehen können, er also mit dem Selbsterhal-
tungstriebe, dem stärksten bei allen lebendigen Ge-
schöpfen, unmittelbar zusammenfällt. Ihm gegenüber steht
die Befriedigung als Ziel- und Ruhepunkt, so jedoch,
daß aus ihrem Schöße fortwährend neue Bedürfnisse er-
wachsen, um im steten Kreislauf immer wieder darin be-
graben zu werden. Ich verweise auf die schon früher ge-
brauchten Beispiele von Hunger und Ruhe. Beim letzten
Bissen fängt schon die Ve r d a u u n g , bei den ersten
Schritten und Hantierungen in der Frühe des Tages schon
der Verbrauch von Kräften an — beides die Quel-
len neuen Hungers, neuer Ermüdung.
,,Nun ist aber der Mensch ein mit Selbstbewußtsein
und Selbstbestimmung, mit Ve r s t a n d und Willen be-
gabtes Wesen. Daher vermag er einerseits das Gesetz
dieses Kreislaufs, die größere oder geringere Notwendig-
keit der einzelnen Bedürfnisse, ihre regelmäßige Wieder-
kehr einzusehen, andererseits kann es nicht fehlen, daß
er bestrebt sein wird, sich eine gesicherte Stellung, eine
Einwirkung auf einen sein ganzes Dasein so wesentlich
bedingenden Vorgang zu verschaffen, daß er dessen Rege-
lung und Beherrschung mit aller Macht anstrebt. Wir
wissen, daß wir morgen und alle folgenden Tage essen
müssen, Obdach und Kleidung brauchen, wir kennen den
Wechsel der Jahreszeiten, den steigenden Bedarf unserer
wachsenden Familie, die Erfordernisse geschäfthcher Un-
ternehmungen, und werden natürlich alles tun, daß das
Nötige uns zu rechter Zeit zu Gebote stehe. Und hier,
39
mit diesem bewußten Eingreifen des Menschen
in den von uns bezeichneten Kreislauf seines Daseins von
Bedürfnis — Anstrengung — Befriedigung
— stehen wir vor dem großen Faktor, vor der wir-
kenden Hauptmacht im Haushalt der Menschheit, mit
der Wir uns heute vorzugsweise beschäftigen, vor der.
Arbeit. Denn Arbeit ist eben jede in Voraussicht
künftiger Bedürfnisse auf deren Befriedigung gerich-
tete planmäßige Tätigkeit des Menschen. Arbeiten in
diesem Sinne kann nur der "Mensch, weil die Voraus-
setzungen dazu nur in den von der Natur ihm allein unter
allen Wesen unseres Erdkörpers verliehenen Fähigkeiten,
— Ve r s t a n d und Willen, gegeben sind. Wohl braucht
auch das Tier seine Kräfte zur Befriedigung seiner Be-
dürfnisse und strengt sich zu diesem Behufe an, aber in
der Regel nur im Augenblick, wo es das Bedürfnis fühlt,
und nie weiter, als dasselbe gerade reicht. Dies heißt
aber nicht arbeiten, so wenig, als wenn ein Wanderer
aus einem Quell am Wege Wasser schöpft oder eine
Frucht vom Baume streift, seinen augenblicklichen Hunger
oder Durst zu stillen. Erst wenn jemand Wasser in Ge-
fäßen zusammenträgt zum Gebrauch in der Wirtschaft,
Beeren oder Früchte zum Vorrat sammelt, arbeitet er,
weil nur dann von einer Berechnung, einer Vorsorge für
die Zukunft die Rede ist."
Also wie Sie bestimmt erklären, ,,Arbeit" ist nur
„jede in Voraussicht künftiger Bedürfnisse auf deren
Befriedigung gerichtete planmäßige Tätigkeit des Men-
schen."
Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus I Die auf
die Befriedigung gegenwärtiger Bedürfnisse gerich-
tete Tätigkeit ist also nach Ihnen nicht ,,Arbeit"!
Statt den Unterschied zwischen der menschlichen
40
Arbeit und der Tätigkeit des Tieres einfach darin
zu sehen, daß der Mensch mit Bewußtsein, das Tier
ohne solches tätig sei — ein Unterschied, aus welchem
dann von selbst folgt, daß der Mensch um seiner be-
wußten Tätigkeit willen auch für künftige Bedürf-
nisse tätig sein wird, so weit ihm die gegenwärtigen
die Hände dazu freilassen — gehen Sie viel weiter und
stellen die theoretische These auf, daß sich die Tätigkeit
des Menschen nur gerade dadurch von der des Tieres
unterscheide, daß sie auf die Befriedigung ,,künftiger
Bedürfnisse" gerichtet ist.
Wie kommen Sie zu dieser ungeheueren Willkür ? Sehen
Sie nicht die erstaunlichen und lächerlichen Konsequenzen
derselben ?
Also die Arbeit des Sklaven wäre, da ja der
Sklave keinen Augenbhck Eigentümer seines Produkts ist
und seinen Herrn nicht verhindern kann, dasselbe sofort
zu vergeuden, überhaupt nicht menschliche Arbeit,
sondern tierische Tätigkeit? Und doch folgt dies
mit Notwendigkeit aus jener Definition 1 Oder bleiben
wir bei unseren eigenen Zuständen. Die Lage des Ar-
beiterstandes charakterisiert sich gerade dadurch, daß je-
denfalls die bei weitem größte Zahl von Arbeitern nichts
zurücklegen kann; sie charakterisiert sich dadurch, daß
die tägliche Arbeit der bei weitem größten Zahl
von Arbeitern eben nur das tägliche Brot gewährt und
somit von einem Zurücklegen für künftige Bedürf-
nisse — Sparen — nicht die Rede sein kann.
Sie selbst haben dies jedenfalls insoweit anerkannt, als
Sie hundertmal erklärt haben, daß nur von den Konsum-
und Rohstoffvereinen eine verbesserte Lage des Arbeiter-
standes zu erwarten sei. Ganz abgesehen von der Frage,
ob diese Vereine imstande sind, dem Arbeiterstande zu
41
helfen oder nicht — jedenfalls haben sie Jahrhunderte
hindurch und bis jetzt nicht bestanden.
Während all dieser Jahrhunderte also hat der Arbeiter-
stand gearbeitet nicht für die Befriedigung seiner „künf-
tigen Bedürfnisse", sondern immer nur zur Befriedigung
seiner gegenwärtigen, täglichen Bedürfnisse. Der
tägliche Arbeitslohn gewährte das tägliche Brot.
Während all dieser Jahrhunderte ist also — wie aus
Ihrer Definition mit Notwendigkeit folgt, wie sehr Sie
sich auch dieser Konsequenz zu entziehen suchen mögen
— während all dieser Jahrhunderte ist also die Tätigkeit
unserer Arbeiter, weil niemals zur Deckung ihrer künf-
tigen, sondern jederzeit nur ihrer gegenwärtigen
Bedürfnisse bestimmt, nicht ..menschlich e Arbeit",
sondern ,,t i e r i s c h e Tätigkeit" gewesen.
Das sind — Sie mögen sagen, was Sie wollen — die
unvermeidlichen Folgen Ihrer geistvollen Definition^).
Noch einmal also, wie kommen Sie zu dieser unge-
'• ) Wie der Unterschied von Mensch und Tier kein absoluter,
sondern nur ein gradueller ist, so läßt sich auch keine absolute
Unterscheidung zwischen menschlicher und tierischer Tätigkeit
schlechtweg aufstellen. Es gibt genug Tiere, die für künftige
Bedürfnisse sorgen, und daß das Tier ohne Bewußtsein tätig
sei, ist höchstens für sehr niedere Tiergattungen richtig. Anderer-
seits ist die Sklavenarbeit tatsächlich die eines auf die Daseins-
weise eines Arbeitstieres herabgedrückten Menschen, während
der , .freie" Arbeiter, so sehr seine ökonomische Lage der des
Sklaven gleichkommen oder selbst nachstehen mag, doch seine
Arbeitskraft mindestens auch in Hinblick auf künftige Be-
dürfnisse — • sei es selbst nur des nächsten Tages oder der
nächsten Stunde — verkauft. Lassalle tut hier, um eine an sich
durchaus richtige These zu beweisen, sowohl den Worten
des Schulze-Delitzsch als auch den Tatsachen selbst ganz
zwecklos Gewalt an. D. H.
42
heuren Willkür, die so lächerliche Folgerungen nach sich
zieht ? Ich will es Ihnen sagen, Herr Schulze !
Bei Ihnen ist das Kapital zur Religion geworden
und bringt daher ganz dieselben Erscheinungen, ganz die-
selbe Umkehrung aller ökonomischen Verhältnisse hervor,
welche der Glaube im Rehgiösen in bezug auf die natür-
lichen Verhältnisse bewirkt.
Wie Sie die Produktion von vornherein auffassen
als ein ,, Verdienen", so verstehen Sie ganz analog von
Haus aus unter ..Arbeit" nichts anderes als den Akt
des Kapitalsammeins, des Sparens und Zurück-
legens für künftige Bedürfnisse. In Ihrem kleinbürger-
lichen Kopfe verschieben sich, Ihnen selber unbemerkt,
alle realen Verhältnisse so sehr in ihr Gegenteil, daß Sie
den „A r b e i t e r" nur in dem Kapitalisten erblicken,
der jährlich die Koupons seiner Köln-Mindener Eisen-
bahnaktien abschneidet und zurücklegt, und umgekehrt im
wirklichen Arbeiter nur die Tätigkeit des Tieres
sehen können, für seine augenblicklichen Bedürfnisse zu
sorgen.
Sie fahren fort:
,,So ist denn der Zweck der Arbeit die Befriedigung
menschlicher Bedürfnisse, und derselbe wird erreicht durch
vernünftigen Gebrauch der von der Natur in den Men-
schen gelegten Kräfte. Dadurch (!!) erhalten wir den
ersten Hauptgrundsatz des einzelnen zur menschlichen
Gesellschaft hinsichtlich seiner Existenzfrage : die
Pflicht der Selbstsorge, die Verweisung eines
jeden auf sich selbst. ,, „Du hast Bedürfnisse, an deren
Befriedigung die Natur deine Existenz geknüpft hat" "
— lautet dieser Satz — aber dieselbe Natur hat dir auch
Kräfte gegeben, die du nur richtig anzuwenden brauchst,
um deinen Bedarf zu deoken. Deshalb liegt dein Schick-
43
sal zum guten Teil in deiner Hand, und du bist selbst
dafür verantwortlich, dir sowohl wie deinen Mitmenschen,
denen du mit deinen Ansprüchen nicht zur Last fallen
darfst, da sie alle, so gut wie du, für sich sorgen müssen."
Also weil: ,,der Zweck der Arbeit die Befriedigung
menschlicher Bedürfnisse ist, und derselbe erreicht wird
durch vernünftigen Gebrauch der von der Natur in den
Menschen gelegten Kräfte", so ,, erhalten wir dadurch
( ! !) den ersten Hauptgrundsatz für die Stellung
des Einzelnen zur menschlichen Gesellschaft hinsichtlich
seiner Existenzfrage : die Pflichtder Selbstsorge,
die Verweisung eines jeden auf sich selbst!"
Welch' klassische Beweisfülirung 1
Nicht als ob „die Pflicht der Selb st sorge"
sich nicht beweisen ließe ! Ich bin gleichfalls der Meinung,
Herr Schulze, daß jedermann die ,, Pflicht der Selbst-
sorge" hat, und zwar bin iah dieser Ansicht in einem viel
ausgedehnteren Umfange, als Sie bei Ihren kleinbürger-
lichen Anschauungen auch nur zu ahnen vermögen.
Allein wie beweisfähig auch dieser Satz sei — jeden-
falls ist die Art, in der Sie ihn beweisen, das lustigste
Kartenkunststück, das man mitansöhen kann. Der Seil-
tänzersprung über den Niagarafall ist eine Kleinigkeit
gegen den gedoppelten Sprung, den Sie vornehmen !
Erlauben Sie also, daß ich Ihnen nur einige der Ver-
wechslungen klar mache, zu denen sich Ihre tiefe ,, Bil-
dung" hinreißen läßt.
1. Der Zweck der Arbeit ist die Befriedigung mensch-
licher Bedürfnisse und dieser Zweck, sagen Sie, ,,wird
erreicht durch vernünftigen Gebrauch der von
der Natur in den Menschen gelegten Kräfte."
Diese Versicherung, zu der Sie plötzhch übergehen —
denn so wahr sie auch sei, so tritt diese Behauptung hier
44
doch nur in der Form einer durch nichts bewiesenen Ver-
sicherung auf — diese Versicherung ist vollkommen wahr
und als eine allgemein bekannte Tatsache hier auch keines
weiteren Beweises bedürftig, insofern Sie ^'on dem Men-
schen der Natur gegenüber, von dem isolierten Men-
schen sprechen. Robinson Crusoe auf seiner ein-
samen Insel erreicht die Befriedigung seiner Bedürfnisse
nur durch „vernünftigen Gebrauch der von der Natur in
ihn gelegten Kräfte". Aber innerhalb der menschlichen
Gesellschaft modifiziert sich dieser Satz sofort nach der
einen oder anderen Seite hin auf das wesentlichste. Durch
die bestimmten gesellschaftlichen Einrich-
tungen können die einen Menschen in den Stand gesetzt
sein, weit mehr zu erreichen, als sie , .durch den ver-
nünftigen Gebrauch der von der Natur in sie gelegten
Kräfte", also der in sie als einzelne gelegten Kräfte
jemals würden erlangen können. Ebenso können durch die
bestimmten gesellschaftlichen Einrichtun-
gen andere Menschen gehindert sein, das zu er-
reichen, was sie durch ,, vernünftigen Gebrauch der von der
Natur in sie gelegten Kräfte" würden erreichen können.
Und so lange die Geschichte besteht, ist das eine wie das
andere bisher der Fall gewesen.
Waren Sie der Ansicht, daß durch die bestimmten
heutigen gesellschaftlichen Einrichtungen eine solche
Beeinträchtigung der einen Menschen gegenüber den an-
deren nicht mehr gegeben sei, nun so mußten Sie das aus
einer Analyse dieser bestimmten gesellschaftlichen Ein-
richtungen nachv/eisen. Sie mußten also Tauschwert, Geld,
Kredit. Kapital, Konkurrenz, Lohnarbeit, Grundrente etc.
zuvor kritisch entv/ickeln und hierbei zeigen, daß alle
diese bestimmten heutigen gesellschaftlichen Einrich-
tungen den ,, vernünftigen Gebrauch der von der Natur in
4n
den Menschen gelegten Kräfte" und die hierdurch zu
erreichende „Befriedigung menschlicher Bedürfnisse" gar
nicht verändern oder sie respektive bei allen einzelnen
nur gleichmäßig vermehren, so daß sie durch diese
vermöge der gesellschaftlichen Einrichtung bewirkte Ver-
mehrung ihrer Kräfte nichtsdestoweniger unterein-
ander nur in demselben Verhältnis, also nur in derselben
nur von ihrer einzelnen Individualität abhängigen
Lage bleiben, wie in der Abstraktion des Natur-
zustandes.
Erst wenn Sie diesen Nachweis aus der Betrachtung
unserer gesellschaftlichen Einrichtungen wirklich oder
mindestens scheinbar geführt hatten, dann erst konn-
ten Sie aus jenem Satz, daß die Befriedigung mensch-
licher Bedürfnisse erreicht wird durch den vernünftigen
Gebrauch der von der Natur in den Menschen gelegten
Kräfte, eine Folgerung auf das, was unter diesen heuti-
gen gesellschaftlichen Einrichtungen ,,PfKcht" sei,
anstellen :
Oder von einer anderen Seite her :
Wer von den ,,von der Natur in den Menschen ge-
legten Kräften" spricht, der spricht von vornherein von
den Menschen gedacht als isolierte einzelne, von
lauter Robinson Crusoes auf ihrer einsamen Insel, denn
nur die einzelnen als solche, nur die Menschen
in der Vorstellung des Naturzustandes empfangen
ihre Kräfte von der ,, Natur" ^). Die Kräfte der in der
^) Und so, als lauter einsame Robinson Crusoes, als lauter
im Naturzustand lebende Menschen stellen Sie und Bastiat auch
in der Tal die Menschen in der heutigen Gesellschaft
sich vor, nur mit dem einen die Lächerlichkeit und den
Widerspruch dieser Vorstellung noch unendlich vermehren-
den Zusatz, daß diese im Naturzustande lebenden Wilden
46
Gesellschaft lebenden Menschen dagegen sind durch
die bestimmten geschichtlichen und gesell-
schaftlichen Ve rhältnisse eines Landes bedingt,
durch welche sogar noch ihre Kräfte als einzelne
— soweit sie in der Bildung wurzeln — bestimmt wer-
den. Und gleichwohl fahren Sie nach dem Satz ,.die Be-
friedigung menschlicher Bedürfnisse wird erreicht durch
vernünftigen Gebrauch der von der Natur in den Menschen
gelegten Kräfte" unmittelbar fort: „dadurch er-
halten wir den ersten Hauptgrundsatz für die Stellung des
Einzelnen zur menschlichen Gesellschaft hin-
sichtlich seiner Existenzfrage : die Pflicht der
Selbstsorge etc.
„D a d u r c h", Herr Schulze, erhalten Sie diesen ersten
Hauptgrandsatz! d. h. dadurch, daß Sie einen von der
Vorstellung des Naturzustandes gültigen Satz durch
diesen plumpen Hokuspokus hineinziehen in die
menschliche Gesellschaft, die Sie noch mit
keinem Worte betrachtet, deren Einrichtungen Sie noch
nicht untersucht, von der Sie noch mit keinem Worte ge-
zeigt haben, ob nicht vielleicht ihre positiven Verhältnisse
jenen für die Abstraktion des Naturzustandes gültigen
Satz verändern, aufheben, vielleicht in sein Gegenteil um-
stürzen.
Vor einem Satze, der aus der Vorstellung des Natur-
zustandes entnommen ist, springen Sie mit einem ein-
fachen ,,da durch" wie von einem Sprungbrett aus dem
reinen Naturzustand über die lange Reihe aller ge-
ihre Produkte miteinander „tauschen". (Diese Vorstellung des
Naturzustandes ist nicht nur eine Abstraktion von dem be-
stehenden Gesellschaftszustande, sondern auch von dem wirk-
lichen Naturzustande, der die als Crusoes lebenden Menschen
nicht kennt. D. H.)
47
schichtlichen Entwicklungen und Verhältnisse hinweg in
die heutigen gesellschaftlichen Einrichtungen hinein !
Das ist der Spnjng über die gesamte Kulturgeschichte,
gegen welche der Seiltänzersprung über den Niagarafall
noch eine reine Kinderei ist !
„Dadurch", Herr Schulze, d. h. aus dem was für
die Vorstellung des Naturzustandes, für die a 1 s
Einzelne lebenden Menschen gelten würde, ergibt sich
noch nicht die geringste, noch nicht die leiseste Folgerung
auf das, was im Bereich der ,, menschlichen Gesell-
schaft" und ihrer festen, konkreten Verhältnisse mög-
lich oder gar Pflicht ist !
Das ist die ..Bildung", Herr Schulze, die Sie den
Arbeitern beibringen ! In dieser gedankenlosen Verwir-
rung aller einfachsten Grundlagen, in diesem bei der flüch-
tigsten Betrachtung sich in seiner Hohlheit auflösenden
Wortschwall besteht das Bildungsgeschwätz, durch wel-
ches Sie die Arbeiter entnerven und sie auch noch um
den Klassen- Instinkt und die Naturkraft betrügen, deren
sie sich. bisher erfreuten.
Unter Ihrer gedankenlosen Verteidigung wird selbst der
an sich in gewissem Sinne ganz richtige Satz von der
..Pflicht der Selbstsorge" falsch und lügenhaft.
Von zwei Dingen eins, Herr Schulze :
Jene Konfusion — und wir werden überdies sehen,
daß Ihr ganzes Buch in nichts anderem als in einer fort-
laufenden Reihe solcher, und noch viel ärgerer Konfu-
sionen besteht — jene Konfusion ist entweder unbewoißt
von Ihnen vollbracht, und dann hätte ein solcher Konfu-
sionarismus doch den dringendsten Anlaß, zuvor selbst
nach einiger Bildung mühsam zu haschen, ehe er die
Massen bilden will, denen er sonst nur den Krankheitsstoff
seiner eigenen Gedankenlosigkeit mitteilen kann.
48
Man kann mit der Bildung eines commis voyageur
lange Kammerreden halten — aber die Massen zu be-
lehren und zu heben, das, Herr Schulze, setzt eine ganz
andere, setzt wahrhafte Bildung und große Klarheit
des Denkens voraus.
Oder aber jene Konfusion ist eine absichtliche,
bewußte — und welche Folgerung sich dann ergibt,
mögen Sie sich selbst sagen!
Die zweite Verwechslung, die Sie in jenem Satze be-
gehen, ist folgende : Die ,,P flichtderSelbstsorge"
erklären Sie als die „Verweisung eines jeden auf sich
selbst" und hierunter verstehen Sie wieder die aus-
schließliche Verweisung eines jeden auf sich selbst.
Die „Pflicht der Selbstsorge" aber und die aus-
schließliche , .Verweisung eines jeden auf sich selbst",
die Sie so unbefangen gleichsetzen, sind zwei himmel-
weit verschiedene Dinge, Herr Schulze !
Wenn jeder ausschließlich auf sich selbst und seine
isolierte Kraft verwiesen sein soll, wenn Ihr und Ihrer
Genossen Motto ,, jeder für sich und Gott für uns alle",
wirklich das Motto der menschlichen Gesellschaft sein
sollte, — wozu dann eine menschliche Gesellschaft über-
haupt ? und woher ihre Berechtigung ?
Warum leben dann also die Menschen nicht nebenein-
ander wie die Tiere in der Wüste, jeder auf eigene Hand
nach seiner eigenen Beute jagend und nur — zum Unter-
schied vom Tiere — jeder durch das Gitter des Straf -
rechts gehindert, in die Sphäre des anderen einzubre-
chen ? Das wäre offenbar Ihr Ideal von der menschlichen
Gesellschaft 1 Aber nicht einmal dieses Gitter des Straf-
rechts wäre dann aufrecht zu erhalten. Denn auch das
Straf recht fließt zuletzt nur aus der Gemeinsamkeit
des Volksgeistes her, fließt also durchaus nicht aus der
4 L«««aUe. G». Sclir{ften, Band V. 4Q
„Verweisung eines jeden auf sich selbst" — bei wel-
cher, wenn dies wirklich der oberste sittliche Grundsatz
wäre, ein Strafrecht, und ein Recht überhaupt, konsequent
gar nicht würde gedacht werden können — sondern
es fließt aus der Solidarität dieses Volksgeistes in
allen Volksindividuen, aus dem Angewiesensein eines
jeden auf alle, auf die Einheit und Gemein-
samkeit mit allen her ^). Ja, selbst die Sittlich-
keit ist nur da durch diese Einheit und Gemein-
samkeit aller. Ohne diese gäbe es nichts, was sittlich
noch was rechtlich ist, weder innerhch noch äußerlich
gäbe es das geringste Obligatorische (Verpflich-
tende) unter den Menschen.
,,Da jedes gemeine Wesen eine Gesellschaft ver-
einigter Menschen ist," beginnt Aristoteles seine Lehre
vom Staat ^). ,,Da jedes gemeine Wesen eine Gesell-
schaft isolierter, jedes auf sich selbst ange-
wiesener Wesen ist," beginnen Sie die Ihrige.
Eine Gesellschaft konsequent mit dem ,, ersten Haupt-
grundsatz" der , .Verweisung eines jeden auf sich selbst"
gründen wollen, hieße noch hinter das Negerreich von
Dahome zurückgehen, Ist übrigens in sich selbst so wider-
spruchsvoll und unmöglich, daß es, da in der realen Welt
sich derartige Absurditäten an dem harten Zwange der
realen Welt aufheben, nur Heiterkeit erregen könnte.
Aber den Arbeitern eine solche Auffassung der Ge-
sellschaft predigen wollen, heißt sie in ilirem Bewußt-
^) Wenn Sie das nicht verstehen, Herr Schulze, wie mehr
als wahrscheinlich, so sehen Sie darüber nach Savigny, System
des Rom. R. T. VIII p. 533 — 536, und mein „System der Erw.
Rechte" T.I. p. 194 ff. [I.Auflage. D.H.]
3) Arlst. Polit. lib. I. c. 1.
50
sein noch hinter das zurückwerfen, was die Neger von
Dahome unbewußt tun, und kann, da sich das Be-
wußtsein der Menschen auf eine Zeitlang allerdings weit
leichter verrücken läßt, als reale Einrichtungen, durchaus
nicht mehr Heiterkeit erregen I
Zwar sagen Sie fortfahrend : ,, Darauf, daß jeder die
Folgen seines Tuns und Lassens selbst trage und sie nicht
andern aufbürde, auf der Selbstverantwortlich-
keit und Zurechnungsfähigkeit beruht die Mög-
lichkeit alles gesellschaftlichen Zusammen-
lebens der Menschen, so wie des Staatsver-
bandes."
Wie schlecht kennen Sie die Geschichte, Herr Schulze 1
Alle geschichtliche Entwicklung ist vielmehr im Gegen-
teil seit je von der Gemeinsamkeit ausgegangen,
und ohne solche hätte irgend eine Kultur gar nicht ;ent-
stehen können.
Herr und Knecht bilden, nach Aristoteles^), die erste
Wirtschaft 1
Familie, Stamm — lauter Begriffe, in denen lange
sogar jede ,,SelbstverantwortHchkeit und Zurechnungs-
fähigkeit" direkt aufgehoben ist — sind es, von
denen alles ,,gesellschafthche Zusammenleben der Men-
schen" und aller ,, Staatsverband" ausging.
Ich will Ihnen den Sinn meiner Einwendung klar-
machen, Herr Schulze!
Die gesamte alte Welt und ebenso das ganze Mittel-
alter bis zur französischen Revolution von 1789 suchte
die menschliche Solidarität oder Gemeinsamkeit
in der Gebundenheit oder Unterwerfung.
1) Arist.PoUt.lib.I.c:lu.2.
51
Die französische Revolution von 1789 und die von ihr
beherrschte Geschichtsperiode, von dieser Gebundenheit
mit Recht empört, suchte die Freiheit in der Auf-
lösung aller Solidarität und Gemeinsamkeit. Sie be-
hielt damit nicht einmal die Freiheit, sondern nur die
Willkür in der Hand. Denn Freiheit ohne Gemeinsam-
keit i s t W i 1 1 k ü r.
Die neue, die jetzige Zeit sucht die Solidarität in
der Freiheit.
Dies ist in Kürze der bisherige Verlauf und Sinn der
Geschichte !
Um aber die grenzenlosen Verwechslungen, die in dem
Chaos Ihrer Gedankenlosigkeit durcheinanderlaufen, noch
klarer zu legen, will ich Ihre letzten Worte wiederholen,
um gleich den unmittelbar darauf folgenden Satz an die-
selben anzureihen.
Sie sagen also :
,, Darauf, daß jeder die Folgen seines Tuns und Lassens
selbst trage und sie nicht anderen aufbürde, auf der
Selbstverantwortlichkeit und Zurechnungs-
fähigkeit, beruht die Möglichkeit alles gesellschaft-
lichen Zusammenlebens der Menschen, sowie des Staats-
verbandes. Nur unter Wesen, die wissen, was sie tun
und alle dafür aufkommen müssen, ist eine durch sittHche
und politische Gesetze geregelte Gemeinschaft, eine Ge-
genseitigkeit der wirtschaftlichen und bürgerlichen Bezie-
hungen zu aller Förderung überhaupt denkbar."
In der unbefangensten Weise von der Welt setzen Sie
in diesen Worten die juristische Selbstverantwortlich-
keit und Zurechnungsfähigkeit mit der ökonomischen
gleich, als wäre auch nicht der geringste Unterschied
zwischen beiden.
52
Im juristischen Gebiet ist allerdings die Selbst-
verantwortlichkeit unbedingter Grundsatz, aus dem sehr
einfachen Grunde, weil in der Rechtssphäre jeder
nur von seinen eigenen Handlungen abhängt.
Wenn jemand raubt oder mordet oder irgend eine an-
dere Handlung begeht, so ist er als Einzelner der
alleinige Urheber derselben. Sie ist ein Produkt seiner
Willensfreiheit^).
Da es ledighch in dem freien Willen des Indi-
viduums stand, diese Handlungen zu begehen oder nicht,
so ist auch die notwendige und klare Folge, daß jeder
verantwortlich ist für das, was er getan nat,
daß hier also lediglich individuelle ,,Zurech-'
nungsfähigkeit und Selbstverantwortung"
eintritt.
Das ökonomische Gebiet dagegen unterscheidet sich
von dem juristischen durch den ganz kleinen Unterschied,
daß während auf dem Rechtsgebiet jeder verantwortlich
ist für das, was er getan hat, auf ökonomischem Ge-
biet umgekehrt heutzutage jeder verantwortlich ist,
für das, was er nicht getan hat.
Wenn z. B. heute die Rosinenernte in Korinth und
Smyrna oder die Getreideernte im Mississippi tal, in den
Donauländern und der Krim sehr reichlich ausgefallen ist,
so verheren die Korinthenhändler in Berhn und Köln,
sowie die Getreidehändler, welche große Vorräte zu den
früheren Preisen auf Lager haben, durch den Preisab-
schlag vielleicht die Hälfte ihres Vermögens.
^) Selbst dies ist, wie bekannt, nur in bedingtem Maße der
Fall. Aber obwohl er den Unterschied, der zwischen juristi-
scher und ökonomischer Selbstverantwortlichke.t besteht, hier
übertreibt, hat Lassalle doch im Kern der Sache unbedingt
recht. D. H.
53
Ist umgekehrt unsere Getreideernte schlecht ausgefallen,
so verheren in diesem Jahre die Arbeiter die Hälfte ihres
Arbeitslohnes und mehr, der zwar im Geldausdruck der-
selbe bleibt, aber ihnen nur einen um so viel geringeren
Teil von Nahrungsmitteln beschaffen kann^).
Und war unsere eigene Getreideernte umgekehrt gut,
so ergeht es uns, wie der Kömg von Frankreich so naiv
und seufzend ausspricht in seiner Antwort auf die Adresse
der französischen Abgeordnetenkammer vom 30. Novem-
ber 1821: „Die Gesetze sind vollstreckt worden, aber
kein Gesetz vermag die Ungelegenheiten ab-
zuwenden, die aus einer überreichen Ernteher-
•vor gehen" ^).
^) Nur für die ..Gebildeten" wird hier an die den Ökono-
men bekannte King-D'Avenantsche Regel erinnert, welche auch
Tooke (Gesch. der Preise, T. i. S. 4 ed. Asher) für der Wahr-
heit sehr nahe kommend findet, nach welcher ein Ausfall in
der ilrnte den Preis des Getreides in folgendem, den Ausfall
selbst um das drei- bis neunfache übersteigendem Verhältnis
steigert: Ein Ausfall in der Getreidemenge von
1 Zehntel steigert ihn auf Vio
*■M JI >, •• /lO
S 16/
4 „ „ „ „ 2 liQ
Noch auffälliger ist das ebenso unverhältnismäßige Fallen
des Preises bei guter Ernte (siehe die folgende Anm.).
^) Siehe Moniteur Nr. 335 vom I.Dezember 1821: „Les
lois ont ete executees. mais aucune loi ne peut prevenir les
inconvenients qui naissent de la surabondance des recoltes.'
Wenn nämlich die Ernte reichlich gewesen ist, so fällt der Preis
des Getreides nicht, wie man sich dies im Publikum vorzustellen
pflegt, im Verhältnis zu der größeren Getreidemenge, son-
dern in einem viel stärkeren, so daß nun auch der Gesamt-
wert des ganzen Ernteertrages nicht den Gesamtwert des
54
Ist gar die Baumwollenernte im Süden der Vereinigten
Staaten mißraten oder stockt die Zufuhr aus einem an-
deren Grunde^), so kommen in England, Frankreich,
Deutschland die Arbeiter in den Baumwollengarnspinne-
reien und Kattunfabriken in Massen außer Brot und Tä-
tägkeit.
Wenn aber vielleicht statt einer schlechten Baumwollen-
ernte in Amerika eine industrielle oder Geldkrisis herrscht,
resp. eine Überfüllung des Marktes mit fremden Waren,
indem viele, die von einander nichts wissen, dasselbe ge-
tan und übermäßige Quantitäten dorthin gesandt haben,
so werden auf den amerikanischen Auktionen den euro-
päischen Exporteurs ihre Konsignationen-) noch weit unter
dem Einkaufspreis losgeschlagen und die Seide- und Sam-
metfabriken in Krefeld, Elberfeld, Lyon geraten jetzt in-
folge mangelnder Bestellungen außer Beschäftigung. Neu
entdeckte sehr ergiebige Gold- und Silberminen in frem-
den Weltteilen verändern durch den sinkenden Wert der
edlen Metalle alle Kontrakte, machen alle europäischen
Ernteertrages in einem Jahre von durchschnittlicher Ernte er-
reicht, sondern oft bis um die Hälfte unter diesem zurück-
bleibt. So gab nach Cordier (Memoires sur l'agriculture de
la Flandre fran^aise. Paris 1823) in Frankreich die Weizen-
emte einen Ertrag:
Jahr I in Hektolitern j Ganzer Geldbetrag
1817 48157127 2046 Mill. Fr.
1818 51879 782 1442 „ ..
1819 63 945878 1170 .. ..
daher die Not der Bauern bei sehr reichlichen Ernten. —
^) Was bekanntlich gerade zur Zeit, wo Lassalle den „Bastiat-
Schulze" schrieb, infolge des Sezessionskrieges der Südstaaten
der Union der Fall wsüt. D. H.
^) Die an auswärtigen Plätzen aufgestapelten Waren.
55
Gläubiger ärmer und alle Schuldner reicher, während ge-
steigerte fortdauernde Silbernachfrage in China und Japan
die umgekehrte Wirkung haben kann.
Auf die bloße telegraphische Nachricht, daß der Raps
in Holland besser zu geraten verspricht als ein Jahr zuvor,
verlieren die Ölmüller in Preußen jeden Lohn für ihre
industrielle Tätigkeit und können oft noch sehr zufrieden
sein, wenn sie das bereitete öl zu dem Ankaufspreise des
Raps wieder veräußern. Jede neue mechanische Erfin-
dung, welche die Produktion einer Ware billiger stellt,
entwertet Massen fertiger Warenvorräte derselben Art
mehr oder weniger oder gänzlich und bricht Reihen von
Unternehmern und Händlern die Existenz. Ja, keine neue
Eisenbahn kann angelegt werden, ohne Grundstücke, Häu-
ser und Geschäfte an diesem Ort und an dem Tor des
Ortes, wo sie angelegt wird, auf das Soundsoviel fache
ihres Preises zu steigern und Grundstücke, Häuser und
Geschäfte an einem anderen Orte oder am entgegengesetz-
ten Tor desselben Ortes auf lange zu entwerten.
Diese Reihe von Beispielen, die ins Millionenfache ver-
mehrt und spezialisiert werden kann, zeigt Ihnen, Herr
Schulze, wie wahr es ist, daß auf ökonomischem
Gebiet, im Gegensatz zum R e c h t s gebiete, jeder ver-
antwortlich ist für das, was er nicht getan hat.
Der Grund ist ein sehr einfacher. In rechtlicher Hin-
sicht ist jede einzelne Handlung das Produkt der
individuellen Willensfreiheit. Während so auf
dem Rechtsgebiet, in welchem nur die Ve rpflichtung
(Gesetz) das Gemeinsame ist, die Handlung nur
das Produkt der Willensfreiheit des Einzelnen
ist, ist das ökonomische Gebiet das Gebiet der gesell-
schaftlichen Zusammenhänge, also das Ge-
biet der Solidarität oder Gemeinsamkeit.
56
Die einzelne Handlung selbst, auf dem juristischen
Gebiet das Produkt der Willensfreilieit, empfängt auf
dem ökonomischen Gebiet erst ihre Bestimmt-
heit durch alle gesellschaftlichen Zusammen-
häng e. Diese machen sie zu dem, was sie ist, quetschen
und prägen sie um, machen sie zu ihrem Produkt und
geben ihr ihren Charakter.
Wenn Sie also in den angeführten Stellen die recht-
liche und die ökonomische ,, Selbstverantwortung und
Zurechnungsfähigkeit" ganz unbefangen gleichsetzen
und die letzter^e ohne weiteres durch dieselben Worte
begründet zu haben glauben, durch welche
sich die erstere rechtfertigt, so gehört wirkHch
zu dieser Verwechslung ganz verschiedener und entgegen-
gesetzter Gebiete, um mit Schelling zu reden, die Bildung
eines ,, Barbiers", Herr Schulze!
Die Auflösung Ihrer juristischen These, die Sie
triumpliierend für eine ökonomische halten, wäre im
Vorstehenden hinreichend gegeben.
Gleichwohl, da Sie mich einmal gezwungen haben, die-
ses Thema im Vorbeigehen zu berühren, lassen Sie mich
demselben noch einige Worte widmen.
Dre menschliche Gemeinsamkeit, die Soli-
darität läßt sich verkennen, Herr Schulze, aber
sie läßt sich nicht aufheben!
Wenn also gesellschafthche Einrichtungen existieren,
welche diese Solidarität nicht anerkennen und regeln,
so existiert diese Solidarität deshalb nichtsdestoweniger
fort, aber sie kommt nur als eine ihre Ve rkennung
rächende rohe Naturmacht, als ein Schick-
s a 1 zum Vorschein, welches Ball spielt mit der ver-
meintlichen Freiheit des auf sich angewiesenen einzelnen.
Der eine wird hoch aufgeschnellt in diesem Spiel, das
57
unbekannte und um so mehr unbeherrschte Mächte mit
ihm treiben, hoch hinauf in den Schoß des Reichtums ;
hundert andere werden tief hinabgestürzt in den Abgrund
der Armut, und das Rad der gesellschaftlichen
Zusammenhänge geht umprägend und zerquetschend
über sie und ihre Handlungen, über ihren Fleiß und ihre
Arbeit hinweg. Der Zufall spielt Ball und die
Menschen sind es, die in diesem Spiel als Bälle
dienen.
Nun werden Sie vielleicht bei ernstlicher Bemühung
begreifen, Herr Schulze, daß, wo der Zufallherrscht,
die Freiheit des Individuums aufgehoben ist.
Sie werden begreifen, daß der Zufall nichts anderes ist,
als die Aufhebung aller ,,Selbstverantwortung
und Zurechnungsfähigkeit" und somit aller
Freiheit.
Sie werden somit begreifen, daß diejenigen, welche
Maßregeln einführen wollen, deren Resultat es sein muß,
im Laufe der Entwicklung dieses Schalten des Zufalls
zu beschränken und aufzuheben, üin, soweit er nicht über-
haupt zu beseitigen, auf die Gesamtheit aller zu verteilen
und so das erdrückende Gewicht, mit welchem er sich
sonst auf die Einzelnen stà ¼rzt, für alle unfühlbar zu machen,
— Sie werden vielleicht begreifen, daß diejenigen, welche
dieses wollen, mit dieser Beseitigung des Zufalls, mit
dieser vernünftigenBerücksichtigungdesGe-
meinsamenund Solidarischen, welches sich nur
verkennen, nicht aber durch Verkennen aufheben läßt,
die Zurechnungsfähigkeit, Selbstverant-
wortung und Freiheit der Einzelnen erst her-
stellen, nicht aufheben wollen ; daß sie ihr erst
Raum und Boden schaffen wollen, sich vernünf-
tigzu betätigen, während sie jetzt von den als rohe
58
Naturmacht auftretenden gesellschaftlichen
Zusammenhängen erdrückt und verschlungen wird.
Die gesellschaftlichen Zusammenhänge,
Herr Schulze — sie sind die uralte orphische Kette, von
weicher schon die alten Ürphiker ^) sangen, daiS sie alles
Existierende unzerreilSbar aneinander binde und mitein-
ander verknüpfe. Und merkwürdigerweise und nicht ohne
einen gewissen tieferen Sinn und Humor trägt diese alte
orphische Kette noch heut m unserer merkantilischen Welt,
bei unseren Kaufleuten und Unternehmern den uralt
orphisch- stoischen Namen! Dieses Band der gesellschaft-
hchen Zusammenhänge, diese Kette, welche alle existie-
renden unwibbaren Umstände miteinander verbindet, sie
heißt in unserer merkantiiisclien Welt die — Kon-
junktur").
Und das übernatürliche, metaphysische Raten auf die
Wirkung, welche die unwißbaren Umstände her-
vorbringen werden, ist die — Spekulation.
Konjunktur und Spekulation beherrschen unsere ge-
samte ökonomische ilxistenz ; sie beherrschen das gesamte
Getriebe unserer merkantilischen Welt, und durch die
Ringe, die von den aufgeregten hohen Wogen derselben
ausgehen, wirken sie ein und bestimmen die individuelle
Gestalt des noch am entferntesten Ufer in scheinbar voll-
^) Eine mystische, angeblich von dem Sänger Orpheus ge-
stiftete Sekte. D. H.
'^) Conjunctio rerum omnium, kmjiXoy.rj, ovfxnkoxr}^
höeoig xwv övrcov (Verknüpfung, Verbindung des Seienden)
nennen die römischen und griechischen Stoiker das orphische
„unzerreißbare Band" {öeojuög uQQtjHug), clie eifiuQjuevT],
die alles Dasem negativ miteinander verknüpfende und be-
stimmende Schicksalskette; siehe Heraklit, 1 . i, p. 374 — 3/9
(bezieht sich auf die i.Aufi. D.H.).
59
kommenster Ruhe und Selbständigkeit hinfließenden Was-
sertropfens.
Sie beherrschen jede individuelle Existenz um so inten-
siver, je nälier der Arbeitszweig derselben zusammenhängt
mit jenem großen merkantilischen Getriebe, und um so
weniger intensiv, je höher noch diese Existenz der Gestalt
einer untergegangenen, nur noch in ganz dürftigen, ver-
schwindenden Umrissen und Resten fortdauernden Periode
angehört; mit anderen Worten: sie beherrschen jede Exi-
stenz um so intensiver, je mehr die Arbeit derselben darin
besteht : gesellschaftlichen Tauschwert zu pro-
duzieren, und sie beherrschen jede Existenz um so weniger
intensiv, je mehr die Arbeit derselben auf Produktion
von Nutzwerten zum- eigenen Gebrauch gerich-
tet ist — eine fast gänzlich untergegangene Arbeitsform,
über welchen Unterschied erst später das Nähere.
Daher kommt auch jene Bemerkung, die so oft von er-
fahrenen Kaufleuten gemacht worden ist, daß in der mer-
kantilischen Karriere so vorzugsweise häufig gerade die
gescheiteren Spekulanten Schiffbruch leiden und gerade
die Dümmeren die günstigeren Chancen zu haben scheinen.
Aus dem Obigen erklärt sich sehr leicht diese schein-
bar so auffällige und unbegreifliche Tatsache.
Die Summe der nicht wißbaren Umstände über-
wiegt jederzeit unendlich die Summe der wiß-
baren Umstände.
Je wichtiger und genauer die Schätzung der wißbaren
Umstände ist, auf welche der verständige Kalkül des
Spekulanten gebaut ist, desto größer die Wahrscheinlich-
keit, daß die unendlich überwiegende Summe der nicht-
wißbaren Umstände das Resultat verändern wird.
Je richtiger, schärfer und genauer den ihm bekannten
Umständen angepaßt also der Verstandeskalkul des Spe-
60
kulanten, um so mehr hat er im allgemeinen die Wahr-
scheinlichkeit gegen sich^). —
Alles bisherige gilt, Herr Schulze, von unseren öko-
nomischen Zuständen im allgemeinen und gerade ganz
besonders sogar von den Kaufleuten und Unternehmern,
deren Interesse Sie vertreten.
In noch ganz anderer Lage befinden sich aber die Ar-
beiter. Sie sind selbst von jenem individuellen Glücks-
spiel ausgeschlossen, welches auf unsere Kaufleute und
Unternehmer einen solchen Reiz ausübt, daß sie vergessen,
wie die glücklichen Fälle, in welchen einzelne unter ihnen
hoch oben hinauf in den Schoß des Reichtums geschleudert
werden, von ihrem eigenen Stande damit bezahlt wer-
den, daß Massen desselben tief unter das Rad der Misere
geraten.
Sie sind ausgeschlossen, sage ich, von dem Glücks-
spiel, welches unsere ganze Produktion darstellt, weil
sie den Einsatz zu diesem Glücksspiel nicht vorlegen
können: das Kapital.
Zugelassen zu jenem Glücksspiele sind nämlich nur
solche, welche Produkte für eigene Rechnung
verkaufen und zwar über ein hinreichend großes
Kapital verfügen, um bei günstigen Umständen diese
Produkte in großen Massen zu verfertigen oder
zu beziehen, so daß sie die günstigen Konjunkturen
für sich benutzen, auspressen und sich durch das Ballholz
^) Das hier Entwickelte ist auf einer gewissen Stufe der
industriellen Entwicklung und für die ihr entsprechende Klasse
von Spekulanten ganz richtig, fällt aber, wie für die Krupps
und andere Könige der Industrie, so auch für die Warenhäuser
im Handel heutzutage zum großen Teil schon wieder hinweg.
D.H.
61
der Konjunktur und Spekulation hinauf in den Schoß des
Reichtums schlagen lassen können.
Ausgeschlossen von den günstigen Chancen dieses
Glücksspiels ist daher der Arbeiterstand als sol-
cher (industrieller wie ländlicher Arbeiterstand), da der
Arbeiter niemals als Verkäufer eines Produktes auf eigene
Rechnung auftritt.
So gut wie ausgeschlossen ferner ist der kleine Hand-
werker, welcher zwar ein Produkt auf eigene Rechnung
verfertigt und verkauft, aber seinerseits mehr und mehr
zum bloßen Lohnarbeiter des großen Kapitalbetriebes her-
absinkt, andererseits auch noch bei selbständigem Betriebe
durch seinen Mangel an Kapital gehindert ist, günstige
Konjunkturen auszupressen, während er seinerseits von
der ungünstigen Konjunktur um so widerstandsloser
ausgepreßt wird.
Arbeiterstand wie Handwerkerstand bilden daher in un-
serer Gesellschaft eine wirtschaftliche Abteilung, über wel-
cher die Inschrift der Danteschen Hölle steht :
,,Die ihr hier eintretet, laßt jede Hoffnung fahren 1"
Wenn aber diese Klassen von dem unmittelbaren Ein-
tritt in das Glücksspiel der Konjunktur ausgeschlossen sind,
so machen sich doch in abgeleiteter Weise die Chancen
desselben für sie sehr fühlbar, nur freilich die günstigen
und ungünstigen Chancen in einem unendlich ver-
schiedenen Grade.
Die günstige Konjunktur — Periode der Prosperi-
tät, der gesteigerten Produktion — hat auf Arbeiter und
Handwerker die abgeleitete Wirkung, daß sie das Be-
streben hat, den Arbeitslohn in etwas zu stei-
gern. Selbst wenn dieses Bestreben zur Wirklichkeit
wird, wird dadurch nur eine sehr leise und unmerkliche,
zeitweise Verbesserung der Lage des Arbeiters erzeugt.
62
In der Regel aber \virken diesem Bestreben noch zwei
Umstände entgegen. Ist die günstige Konjunktur keine
allgemeine, In vielen Arbeitszweigen eintretende, und keine
andauernde, so bringt der Widerstand, den die Unter-
nehmer jeder Steigerung des Arbeitslohnes entgegensetzen,
verbunden mit der geringen Dauer der günstigen Kon-
junktur, es dahin, daß entweder kaum irgend eine oder
doch nur eine äußerst unerhebliche Steigerung des Arbeits-
lohnes eintritt. Ist umgekehrt die günstige Konjunktur eine
allgemeine und andauernde, so bringt die allmähhch ein-
tretende Steigerung des Arbeitslohnes inzwischen eme
solche Vermehrung der Arbeiterehen und Arbeiterfami-
lien, also eine solche Vermehmng der Nachfrage nach
Arbeit hervor, daß hierdurch in der Regel das gesteigerte
Angebot derselben wieder ausgeglichen wird und der Ar-
beitslohn wieder auf oder noch unter seine frühere Höhe
herabsinkt-^).
Wenn so der Arbeiterstand in der Regel nur einer
äußerst leisen und sehr schnell vorübergehenden Einwir-
kung der günstigen Konjunktur auf seine Lage teil-
haftig wird, so fällt dagegen die ungünstige Konjunk-
tur mit ganz anderer zermalmender Wucht auf ihn zurück.
Unmittelbare Verminderung des Lohnes, Reduzierung
seiner Beschäftigung, gänzliche Arbeitsstockung sind die
Keulenschläge, welche die ungünstige Konjunktur und die
durch die gierige Konkurrenz der Spekulanten herbeige-
führte Überproduktion auf den Rücken der Arbeiter fallen
läßt.
^) Siehe hierüber mein ,, Arbeiterlesebuch" (Frankfurt a. M.
1863 bei Reinhold Baist) p. 5 — 18 (unsere Ausgabe. Bd. III,
S. 183 ff.); vgl. meine Schrift: ,,Dle indirekten Steuern und
die Lage des Arbeiterstandes" (Zürich, Meyer & Zeller 1863^
p. 37-48 (unsere Ausgabe. Bd. II. S. 350 ff.)
63
Freilich, Herr Schulze, was wäre nach Ihnen mehr
zu bewundern als die Weisheit eben dieser Konkurrenz,
welche Ihnen diese Welt zur besten aller möglichen
Welten macht ! Gestatten Sie mir daher, Ihnen die tiefe
Weisheit dieser Konkurrenz beispielsweise nicht mit
meinen Wo r t e n , sondern mit denen eines Chefs
der liberalen Bourgeoisökonomie zu schildern,
der aber, im Unterschied von Ihnen, wenigstens die Zu-
stände kennt, über die er schreibt ; mit den Worten also
des unter den Bourgeoisökonomen so gefeierten englischen
Statistikers und Ökonomen Mac CuUoch ^) : ,,Nach der
ersten Eröffnung des Verkehrs mit Buenos-Aires, Bra-
silien und Caraccas wurden mehr Manchesterfabrikate im
Laufe weniger Wochen hinausgesandt, als in den
vorangegangenen zwanzig Jahren. Die Masse
der in Rio de Janeiro angekommenen englischen Waren
war so groß, daß es an Lagerräumen fehlte, sie unterzu-
bringen, und die wertvollsten Sachen wochenlang auf dem
Ufer dem Wetter und Diebstahl ausgesetzt waren. Ele-
gante Geschirre von geschliffenem Glase oder Porzellan
wurden Leuten angeboten, deren kostbarstes Trinkgefäß
bisher nur ein Hörn oder eine Kokosnußschale war;
Werkzeuge wurden hinausgeschickt, mit einem Hammer
an einer und einem Beile an der anderen Seite, als ob die
Einwohner nur den ersten den besten Stein entzwei zu
schlagen brauchten, um Gold oder Diamanten herauszu-
schneiden; ja einige Spekulanten gingen so weit, Schlitt-
schuhe nach Rio de Janeiro zu schicken."
Die ganze Geschichte der europäischen Industrie in die-
sem Jahrhundert ist nichts als eine fortlaufende Abwechs-
lung von ,, ausschweif enden Spekulationen", einer aus ,,Un-
^) Principl. of polit. economy. ed. 2, p. 329.
64
kenntnis der Tatsachen" entspringenden fieberhaften Über-
spannung des Kredits und hierauf gegründeten zügellosen
Überproduktion und hierauf folgenden Krisen, Sinken der
Warenpreise weit unter ihre Produktionskosten, Arbeits-
verminderung, Arbeitsstockung und oft mehr oder weniger
anhaltender Arbeitseinstellung. Ich verweise Sie beispiels-
weise auf die berühmte und klassische ,, Geschichte der
Preise von 1793 — 1857" von Th. Tooke.
Der Rücken der Arbeiter ist also der selbstlose grüne
Tisch, auf welchem die Unternehmer und Spekulanten das
Glücksspiel spielen, zu welchem die heutige Produktion
geworden ist. Der Rücken der Arbeiter ist der grüne Tisch,
auf welchem sie die Goldhaufen einkassieren, welche ihnen
der günstige Coup der Roulette 2ruwirft, und auf welchen
schlagend sie sich für den ungünstigen Wurf mit der
Hoffnung besserer Chance für nächstens vertrösten.
Der Arbeiter ist es, welcher mit Lohnverminderung,
mit Aufopferung mühseliger Ersparnisse, mit gänzlicher
Arbeits- und somit Existenzlosigkeit die notwendigen Miß-
erfolge in jenem Spiel der Arbeitsherren und Spekulan-
ten bezahlt, deren falsche Spekulationen und Berechnungen
e r nicht hervorgebracht hat, deren Gier e r nicht verschul-
det und deren Glückserfolge e r nicht teilt. Und das alles
nennen Sie, ohne eine Ahnung von den ,, gesellschaftlichen
Zusammenhängen" zu haben und spekulierend auf die Ihre
eigene Unkenntnis noch etwa um ein weniges übersteigende
Unkenntnis der Arbeiter, welche sich freilich nicht klar
zu machen vermögen, wie ihr individuelles Los von den
Weltmarktsverhältnissen und durch welche Ursachen wie-
derum diese bestimmt werden, — das alles nennen Sie,
Trefflichster, die , .Selbstverantwortlichkeit und
Zurechnungsfähigkeit" der Arbeiter! Und mit
diesen Schlagwörtern suchen Sie, Trefflichster, die Ar-
5 La.»all«, Ges. Sckriften, B.nd V. 65
beiter gegen die Männer zu erbittern, welche gerade erst
wahre „Selbstverantwortlichkeit und Zurechmingsfähig-
keit" zumal für unsere Arbeiter, die Jetzt nur die selbst-
losen Prügeljungen des Unternehmerspiels sind, herbei-
führen wollen !
Man könnte einen halben Milderungsgrund für diesen
Mißbrauch der Volksunwissenheit darin finden, daß Sie
die Dinge, in denen Sie als ,, Lehrer" auftreten, ja eben
entfernt nicht kennen. Und woher sollten Sie das auch ?
Sie sind erst Patrimonialrichter, dann Kreisrichter in einer
kleinen Stadt gewesen und haben sich in dieser patrimo-
nial- und kreisrichterlichen Stellung gewiß redlich bemüht,
„jedem das Seine" zuzusprechen. Aber in die ,, gesell-
schaftlichen Zusammenhänge", in die Weltmarkts Verhält-
nisse und deren die scheinbar individuellen Schicksale un-
ablässig gestaltenden Prozeß konnten Ihnen diese juristi-
sche Tätigkeit und diese kleinen Verhältnisse keinen nähe-
ren Emblick gewähren. Große Kaufleute und Industrielle
sind darin in einer ganz anderen Lage und lachen sich
heimlich außer Atem über die Naivetät Ihrer , .Lehren" !
Konnte Ihnen so durch Ihre praktische Stellung eine
Einsicht in diese Verhältnisse niemals kommen, so haben
Sie den anderen Weg, der zur Einsicht führt, den Weg
der Wissenschaft niemals ergriffen. Von Wissenschaft
überhaupt haben Sie nicht die geringste Ahnung. Was
speziell Ihre Bekanntschaft mit der Nationalökonomie be-
trifft, so ergibt sich für jeden Kenner der National-
ökonomie aus einer aufmerksamen Lektüre Ihres Buches,
daß Sie, wie die Fortsetzung dieser Kritik übrigens von
selbst dartun wird, niemals irgend ein anderes national-
ökonomisches Buch als die kleine Fibel von Bastiat ge-
lesen und etwa höchstens noch eine deutsche Übersetzung
des Sayschen Kompendium durchblättert haben können.
66
Mit den ganz verworrenen Vorstellungen, die Sie da ohne
jede wissenschaWiche Vorbildung überhaupt und ohne
jedes ökonomische Studium insbesondere sich aus jener
Fibel, dieselbe oft noch verderbend und verunstaltend,
aufgegriffen haben, gehen Sie unter dem Volke hausieren
und das nennen Sie Ihre „Lehre" I
Sie sehen, daß ich gewiß geneigt bin, Ihnen jede Ent-
schuldigung zugute kommen zu lassen, die aus der Un-
wissenheit abgeleitet werden kann. Und gleichwohl, Herr
Schulze, ist es kaum möglich anzunehmen, daß Sie wirk-
lich im guten Glauben sind, wenn Sie von der ,, Selbst-
verantwortlichkeit und Zurechnungsfähigkeit" der Arbeiter
In unseren industriellen Zuständen sprechen und unter An-
rufung dieser Schlagworte die Arbeiter für diese Jammer-
zustände begeistern und von der Herstellung eines Zu-
standes von reeller ,, Selbstverantwortlichkeit, Zurech-
nungsfähigkeit und Freiheit" abhalten wollen. Wer
diese industriellen Zustände auch noch so äußerlich und
nur von weitem kennt, wer, wenn auch noch so gedanken-
los, in großen Städten, in der Gesellschaft von Fabri-
kanten und Kaufleuten lebt^), muß auf die Länge der
^) Ihr Freund wenigstens, der große Fabrikant, Kommerzien-
rat und Fortschrittsabgeordnete, Herr Leonor Reichenheim,
weiß das alles viel besser und lacht insgeheim wahrscheinlich
so herzlich und erschütternd über Sie, daß er Sie auch noch
für den ,, Dienst" liebt, den Sie seiner Verdauung erweisen !
Er hat im Jahre 1848 eine durch und durch sozialistische
Broschüre über die Arbeiterverhältnisse (,,Die soziale Frage
und die Mittel zu deren Lösung") geschrieben, in welcher er
eine ganz andere Einsicht in diese Dinge verrät! Zum
Unterschied von mir. der ich den durchschnittlichen Arbeits-
lohn den volksüblich notwendigen Lebensunterhalt betragen
lasse, erklärt er, daß die Arbeiter in vielen Distrikten soweit
gesunken, daß sie „kaum soviel hatten, die nötigsten Lebens-
5» 67
Zeit schlechterdings irgend eine Ahnung davon bekom-
men, wie es mit dieser „Selbstverantwortlichkeit und Zu-
rechnungsfähigkeit" unserer Arbeiter in Wahrheit aussieht!
Doch vielleicht wird die weitere Betrachtung Ihres
Buches uns über den Zweifel, der sich uns schon hier
an Ihrem guten Glauben mit unwiderstehlicher Gewalt
gegen unseren eigenen Willen aufdrängt, gründlicher be-
lehren. —
Einstweilen fahren Sie unmittelbar nach dem zuletzt
angeführten Satze fort : ,, Diese Selbstvera ntworthchkeit,
die soziale Selbsthilfe, gerade bei Beschaffung der mate-
riellen Notdurft des Daseins antasten, wo ohnehin das
Tierische in unserer Natur seine dunkle
Grenzlinie hat, hieße auf dem Felde des Erwerbes
den Krieg aller einführen, auf einem Felde, wo
mehr als auf jedem anderen Frieden und Sicherheit die
Bedingungen des Gedeihens sind."
Zunächst freut es mich zu hören, Herr Schulze, daß
bei Ihnen „die materielle Notdurft des Daseins" der
bedürfnisse erschwingen zu können" (p. 9). — „Diese Lohn-
sätze in die Schranken der Menschheit zurückzuführen
— fährt er fort — ist nicht allein eine Notwendigkeit, sondern
eine moralische Verpflichtung." Der Grundsatz, der sehr oft
beim Lohne zur Geltung gekommen — sagt er p. 10 — sei
nicht der: „Wieviel gebraucht der Arbeiter, um als Mensch
leben zu können", sondern der: „wieviel gebraucht er, um
nicht zu verhungern." Das Mittel zu einer Besserung er-
blickt er lediglich in einem Gesetz, welches den Lohn, oder
ein Lohnminimum regelt und feststellt!!" „Nur so ent-
geht man dem Elende und dem Jammer, welche in den Arbeiter-
höhlen. denn Wohnungen sind es nicht, in den gräßlichsten
Gestalten uns entgegentreten" (p. 11) etc. etc. Fredich, es W2ir
im Jahre 1848, daß das Herz dieses Millionärs und Fort-
schrittsabgeordneten für das Volk so warm schlug)
68
Punkt ist, „wo das Tierische in unserer Natur seine
dunkle Grenzlinie hat". Bei anderen Menschen fängt
das Tierische vielleicht da an. ßei Ihnen hat es dagegen
da seine Grenze, erstreckt sich also bis dahin.
Ist dies der Fall, so erklärt sich dann freilich durch dies
offenherzige Bekenntnis der geistige Gehalt und Charakter
Ihres Buches ganz von selbst !
Zweitens aber: Es soll „den Krieg aller ein-
führen", wenn, anstelle der von Ihnen sogenannten „so-
zialen Selbsthilfe'' der auf sich angewiesenen Einzelnen,
der arbeitenden Klasse durch große organische Maßregeln
die Möglichkeit solidarischerProduktion gegeben
wird ?
In welche Löwenhaut hüllen Sie Ihre Glieder, und
wie ungeschickt und verräterisch lassen Sie das Ohr dabei
zum Vorschein kommen, indem Sie hier an den ,, Krieg
aller" erirmern! Der ,,Krieg aller gegen alle",
„bellum omnium in omnes", ist ein Kunstausdruck, der
zu seinem Erfinder den großen englischen Philosophen
Hobbes (geb. 1588) hat.
Hobbes aber bezeichnet mit ihm gerade den Zustand
der aui" sich angewiesenen, in absoluter Selbständigkeit
und Gleichheit lebenden Einzelnen, den status naturalis
(Naturzustand), kurz das, was man vergleichungsweise
zum Unterschied vom Staat die Sphäre der der freien
Konkurrenz anlieimgegebenen bürgerlichen Gesell-
schaft nennt ^). Er läßt diesen Kampf aller gegen aUe
nur durch die Einführung des positiven Staates und
seiner Zwangsgesetze beseitigt werden ^) . —
■*■) In dem berühmten Buche : Elementa philosophica de
cive; libertas, cap. I u. XII. u. XIII. p. 15 ed. AmsteL 1647.
-) Viel tiefer als alle rationalistischen Juristen, Pseudo-
philosophen und Liberale, die in dem Staat nur eine Anstalt
69
Schon vor Hobbes hatte Montaigne (geb. 1533) der
Sache nach diese bürgerliche Gesellschaft als einen un-
ausgesetzten und bis aufs Messer geführten Krieg be-
schrieben. Der Kaufmann gewinne dadurch, daß sich die
sehen, um das als ihm vorausgehend und als natur-
rechtlich gedachte Eigentum zu schützen, läßt Hobbes
das Eigentum erst durch den positiven Staat und als
positive Staatseinrichtung entstehen, ib, Imperium,
cap. VI. u. XV. p, 108: Quoniara autem ut supra ostensum
est, ante constitutionem civitatis omnia omnium sunt, neque
est quod quis ita suum esse dicat, quod non alius quilibet idem
eodem jure vindicet pro suo (ubi enim omnia communia sunt,
nihil cuiquam proprium esse potest) sequltur proprietatem
initium sumsisse cum ipsis civitatibus atque esse id
cuique proprium, quod sibi retinere potest per
leges et potentiam totius civitatis, hoc est per
eum, cui summum ejus Imperium delatum est. (Die
Stelle lautet in Übersetzung wie folgt: „Weil aber, wie oben
gezeigt wurde, vor der Gründung des Staates alles allen
gehört und es nichts gibt, was irgend jemand derart als ihm
gehörig bezeichnen könnte, daß es nicht irgendein beliebiger
anderer mit demselben Recht für sich reklamieren könnte
[denn wo alles gemeinsam ist, kann nichts jemand zu eigen
sein] so folgt daraus, daß das Eigentum mit den Staaten
selbst seinen Anfang genommen und daß es dasjenige
jemand zu Eigene ist, was er Dank der Gesetze und der
Macht des ganzen Staates für sich behalten kann, das heißt
Dank demjenigen, dem die höchste Gewalt desselben [nämUch
des Staates] übertragen ist." Es bedarf erst keines weiteren
Beweises, daß Hobbes, als Apologet des monarchischen Staats-
absolutismus — der Schlußsatz des vorstehenden Zitats zielt
auf den Fürsten, als Träger der Staatssouveränität — hier
mindestens ebenso weit über das Ziel hinausschießt, ganz ebenso
aprlorlstisch deduziert, wie die liberalen Apologeten des Privat-
eigentums. Privateigentum und Staat entwickeln sich im wesent-
lichen parallel ; das erstere, wo es eine gewisse Stufe der Ent-
v/lcklung erreicht hat> ruft den Staat ins Leben, der seiner-
70
Jugend ruiniere und der Baumeister durch den Zusammen-
sturz der Häuser. Der Arzt lebe vom Tode der Klienten
und das Begräbnis derselben bezahle das Mittagbrot des
Priesters. Es herrsche hier das Gesetz : „Le profit de
Tun est dommage de l'autre." „Der Vorteil des einen
ist der Schaden des anderen" ^). So hat man denn allge-
mein, als die freie Konkurrenz sich entwickelte und in das
Stadium trat, wo sie kritisiert zu werden anfing, typisch
den Kunstausdruck des englischen Philosophen, den
„Krieg aller gegen alle" auf sie, die freie Konkurrenz,
angewendet und typisch ist er bis auf den heutigen Tag
für sie geblieben.
Ohne es zu wissen, ohne den Mann jemals gelesen zu
haben, schwärmen Sie für jenen Naturzustand, den
Hobbes als den „Krieg aller gegen alle" bezeichnet. Sie
laufen hinter den Männern des Gedankens um fast drei
Jahrhunderte in der Weise her, daß Sie sich heute für
das begeistern, was jene schon vor drei Jahrhunderten
und noch ehe es die erschreckende Wirklichkeit von heute
angenommen hatte, im voraus als nichtig aufgelöst
haben.
Ohne die Geschichte dieses Ausdrucks ,,der Krieg
seits ihm allerdings erst die rechte Weihe gibt und durch den
Rechtsschutz, den er ihm gewährt, seine Weiterentwicklung
und Verallgemeinerung gewaltig fördert. Aber keinesw-egs geht
dem Staat ein Zustand vollkommener Rechtslosigkeit und jenes
ungeordneten Kommunismus voraus, wie Hobbes, der keines-
wegs ein Gegner des bürgerlichen Konkurrenzkampfes war,
hier unterstellt. Lassalle war, so sehr ihn Hobbes' Staatskultus
anzog, über den reaktionären Sinn des zitierten Satzes schwer-
lich im Unklaren, da er ihn andernfalls sicher nicht unüber-
setzt gelassen hätte. Zusatznote d. H.)
^) Montaigne, essais, liv. I. chap.XXI.
71
aller gegen alle" zu kennen, ohne von seiner Gedeinken-
bedeutung etwas zu wissen, haben Sie einmal von dieser
Bezeichnung, die, wie bemerkt, bis heute das übHche Stich-
wort für die „freie Konkurrenz" gebheben ist, etwas ge-
hört. Und statt zu sehen, daß dies eben der Charakter
des von Ihnen gewollten Zustandes ist, und da Sic
finden, daß dies Wort eine gute „Phrase" ist, — eine
sehr gute Phrase, eine ganz vortreffhche Phrase, sagt
der Friedensrichter Schaal in Shakespeares Heinrich dem
Vierten ! — durch welche sich das schlecht machen läßt,
worauf man sie anwendet, so denken Sie, daß man sie ja
behebig, wie Etiketten auf eine Weinflasche, auch für
die ganz entgegengesetzten Bestrebungen gebrauchen kann !
Und so lassen Sie durch den Soziahsmus nicht nur die
„Freiheit'" aufgehoben sondern auch „auf dem Felde
desErwerbsdenKriegaller eingeführt werden 1 1"
Großer Schulze!
Sie fahren unmittelbar fort:
„Indessen setzt diese Selbst verantwortlichkeit
als notwendige Ergänzung die Freiheit der Arbeit
voraus, die Gestattung der ungehemmten Bewegung des
Arbeiters im Gebrauch seiner Kräfte und Mittel zum Er-
werbe seines Unterhalts.
„Legt ihr uns die Verantworthchkeit für unsere Exi-
stenz auf die eigenen Schultern, weil die Natur uns die
Kräfte dazu gegeben : ei, so dürft ihr uns in deren freiem
Gebrauche zu diesem Endzweck auch nicht hemmen," so
antworten die Arbeiter mit Recht auf die obige Forderung.
„Wir bescheiden uns, daß wir den allgemeinen Staats-
gesetzen so gut, wie jeder andere Staatsbürger, Gehorsam
schuldig sind, daß wir das Recht respektieren müssen,
das ja uns selbst schützen, für uns da sein soll, wie für
jeden anderen. Aber auf dem Boden des Erwerbs, in
72
Gewerbe und Arbeit muß Freiheit sein, da muß jeder
sich rühren und seine Kräfte gebrauchen können, wie er
will und kann, um seinen und der Seinigen Unterhalt zu
erschwingen. Greift ihr da willkiirHch ein und maßregelt
und beschränkt, und ordnet an und verbietet, und schützt
und schheßt aus, führt ihr da Vorrechte und Vergünsti-
gungen ein für einzelne Klassen — ei, so übernehmt ihr
auch die Folgen. Wenn wir dann, gehemmt und beschränkt
in freier Wahl und Ausübung unserer gewerbhchen Tätig-
keit, nicht zu bestehen vermögen, so trifft euch die Ver-
antwortung davon, und ihr müßt die Sorge für unsere
Subsistenz übernehmen."
,,Das aber ist mehr, als irgend eine Klasse der Gesell-
schaft, als der Staat vermag, selbst wenn er den Willen
dazu hätte. Der Staat ist ja nichts, was über und außer
den Menschen in der Luft schwebt, er ist die Gesamt-
heit der Staatsangehörigen, und der Staatssäckel be-
steht von dem, was aus den Privatsäckein der Bürger
in ihn hineinfließt: Nun können wohl Wenige von Vie-
len, oder auch ein vorübergehender Notstand vieler von
allen übertragen werden. Aber die zahlreichste Klasse der
Staatsbürger dauernd an eine Unterstützung aus öffent-
lichen Mitteln, d. h. aus den Mitteln der übrigen Gesell-
schaftsklassen, also viele auf wenige verweisen, wäre
gleichbedeutend mit dem öffenthchen Bankerott, denn die
in solcher Weise bewirkte Mehrbelastung der Staatsfinan-
zen, die außerordentliche Mehrausgabe geht dabei
Hand in Hand mit einer ebenso großen Verringerung der
Staatseinnahme. Nicht nur daß die unterstützte
Klasse aus der Reihe der Steuerzahler ganz ausscheidet,
deren Zahl sich also vermindert, schwächt man auch die
nachhaltige Steuerkraft der noch übrig bleibenden Minder-
heit, indem man durch die notwendige Erhöhung ihrer
73
Steuersätze ihren Geschäftsfond, das werbende Kapital
des Landes, und mit ihm ihr Einkommen schmälert. Und
wahrhaftig, nicht bloß das Defizit der Staatsfinanzen, auch
der sitthche und wirtschaftÜche Ruin der Gesellschaft
ginge notwendig aus solchem Gebahren hervor, vor allem
des Arbeiterstandes selbst. In der Verweisung auf
öffentüche Hilfe in der Annahme, daß sich die Arbeiter
aus eigener Kraft zu helfen nicht vermöchten, verlöre der
Arbeiterstand die sitthche Würde, seine Mitglieder jeden
Antrieb zur Tüchtigkeit, Fleiß, Sparsamkeit. Das ganze
Erwerbsleben der Nation käme dadurch zurück, und das
Almosen verschlänge zuletzt das industrielle Kapital
des Landes, den Fond, welcher bestimmt ist, die Löhne
der Arbeiter zu zahlen."
Es fällt mir nicht ein, an dieser Stelle alle die schiefen
Wendungen zu zerghedern, die in dem Vorstehenden ent-
halten sind. Nur zwei Bemerkungen. Sie gebrauchen hier
den eigentümlichen Kunstgriff, gegen etwas zu Felde zu
ziehen, woran niemand gedacht hat, was von niemand
vorgeschlagen worden ist. Niemand hat bei uns den
Vorschlag gemacht, daß die Arbeiter vom Staate durch
Almosen unterstützt werden sollen.
Ferner, Herr Schulze : ob der Staat aber nicht in un-
seren Produktionszuständen eine Änderung zu-
gunsten der arbeitenden Klassen herbeiführen kann, —
diese Frage, Sie mögen nun in Ihrer Verneinung der-
selben Unrecht oder Recht haben, konnten Sie ja erst
behandeln, nachdem Sie die ökonomischen Grundlagen:
Wert, Tausch, Konkurrenz, Kapital etc. entwickelt hatten.
Dann konnten Sie doch wenigstens den Schein annehmen,
als sei die von Ihnen behauptete Unmöglichkeit oder Un-
zulässigkeit jeder Staatsintervention abgeleitet aus der
Analyse jener ökonomischen Grundlagen .und durch sie
74
bewiesen. Bis jetzt haben Sie ja aber noch keine einzige
der ökononuschen Erscheinungen erklärt. Sie stehen ja
noch auf p. / ihres Katechismus. Noch haben die Arbeiter
von Ihnen nicht im geringsten erfahren, was Wert, 1 ausch,
Konkurrenz, Kapital etc. ist! Sie stehen ja noch in der
alleraügemeinsten Üinleitung. Wenn Sie hier also schon,
wo bie noch mcht einmal aie geringste ürkiärung der öko-
nomischen Gesetze versucht haben, die Unmöglichkeit
jeder btaatsintervention mit beiden ßacken behaupten, so
ist das ja die reine Voraus setz ung; es ist nicht
nur blauer Dunst, sondern es tritt iiuch als blauer Dunst
auf ! bie gestehen dadurch selbst ein, daß es nicht Ihr
Zweck sei, die Arbeiter dadurch aufzuklären, daß Sie
ihnen praktische Folgerungen aus vorausgeschickten öko-
nomischen Erkenntmssen ableiten, sondern daß Sie sie
eben mit leeren Vo raussetzungen anfüllen und ein-
nehmen wollen.
Sie fahren fort: ,, Daher Freiheit der Arbeit,
Gewerbefreiheit und Freizügigkeit als eine
der ersten Forderungen der Arbeiter und als notwendige
Voraussetzung der sozialen Selbsthilfe. Eine Selbstver-
antwortlichkeit für seine Subsistenz jemandem aufbürden
wollen, dem man nicht die Freiheit gewährt, sein Geschick
selbsttätig in die Hand zu nelimen, ist ein Unding. Ver-
antwortlichkeit und Freiheit — dies die sich gegenseitig
bedingenden Grundsäulen der sittlichen, politischen und
wirtschafthchen Welt."
Also „Gewerbefreiheit und Freizügigkeit"
— das sind, wie bekannt, Ihre sozialen Hilfsmittel ! Es
reicht hin, einfach auf Belgien, Frankreich, England zu
verweisen, wo seit lange Gewerbefreiheit und Freizügig-
keit in äußerster Konsequenz bewerkstelligt sind, die ,, so-
ziale Frage" aber nichtsdestoweniger besteht, und zwar
75
gerade in den riesigsten Umrissen, im Vergleich mit
welchen sie sich bei uiis fast noch in ihren ersten Ent-
wicklungsstadien befindet.
„b) Die Hilfsmittel der Arbeit."
Mit dieser Überschrift eröffnen Sie den zweiten Ab-
schnitt Ihres ersten Kapitels.
Bis hierher, Herr Schulze, bin ich Ihnen wörtlich ge-
folgt, Wort für Wort Ihr ganzes Buch abschreibend und
kommentierend, damit, wie bereits bemerkt, keiner von
meinen Lesern sich einbilde, daß ich nur den Unsinn bei
Ihnen ans Tageslicht zöge und das Gute verschwiege ; da-
mit jeder von meinen Lesern sehe, was sich eben nur aus
einer unverkürzten Anführung Ihrer ersehen läßt, wel-
chen unglaublich gedankenlosen Brei Ihre Schrift bildet.
Aber gleichwohl kann ich diese Methode, Ihr ganzes
Buch hier unverkürzt abzuschreiben, nicht durchführen.
Meine Leser schliefen vor Langeweile ein. Ich selbst
ginge vor Langeweile zugrunde. Und wenn ich mich
auch über alles das fortsetzen wollte, so würde doch
dieses Buch, wenn ich das Ihrige Satz für Satz abschreiben
und erläutern wollte, einen Umfang annehmen, welcher
dasselbe notwendig wirkungslos und es den Lesern, denen
es bestimmt ist, unzugänglich machen würde.
Ich werde also im Verlauf, so halb unmöglich diese
Aufgabe bei der breiartigen, gedankenlosen Natur Ihres
Geredes ist, dasselbe zusammenzufassen suchen und in
der Regel nur solche Stellen in wörtlicher Anführung be-
trachten, welche Blütenpunkte des Unsinns bilden.
Und auch in bezug auf diese werde ich in Rücksicht auf
Raum und Zeit freigebig, sehr freigebig sein und Ihnen
das meiste erlassen.
Unter der Überschrift „die Hilfsmittel der Arbeit"
76
treten Sie also den einfachen Satz, daß die menschliche
Natur zu ihrer Vo raussetzung die Arbeit habe —
Sie nennen es in Ihrer unklaren Weise eine „Aushilfe ',
welche die Arbeit der menschlichen Natur leiste ^) —
auf nicht weniger als drei Seiten breit! Hierbei
entschlüpft Ihnen inzwischen das Eingeständnis (p. 10) :
,,E h e man also mit irgend einer Beschäftigung, einer
Arbeit zu Erwerbszwecken beginnen kann, muß
man einmal für Beschaffung der zu verarbeitenden Roh-
stoffe, sodann der nötigen Arbeitswerkzeuge und endlich
für seine und seiner Mitarbeiter Subsistenzmittel während
der Dauer der Arbeit gesorgt haben."
Wirklich, Herr Schulze? Wissen Sie das ? Gestehen
Sie ein. daß man, ..ehe man" eine Arbeit beginnen kami,
für Rohstoffe, Arbeitswerkzeuge und Subsistenzmittel ge-
sorgt haben, daß man sie in Vorrat haben, d. h.
Kapital haben muß ? Aber wenn das der Fall ist,
was wird dann aus der „Freiheit" und , ,Selb stän-
dig k ei t" des mittellosen Arbeiters? Mit aller
,,A r b ei ts f reih eit" wird also nach Ihnen selbst für
den kapitallosen Arbeiter nicht das geringste getan sein,
er wird nicht einmal seine Arbeit ,, beginnen" können, er
wird also vollkommen ,,arbei t su nf r ei" und jedem
Elend und jeder Ausbeutung verfallen sein, so lange nicht
zuvor für ,, Rohstoffe, Arbeitswerkzeuge und Subsistenz-
mittel", die er nicht hat, irgendwie für ihn gesorgt ist.
^) Hier liegt ein Druck- oder Schreibfehler vor. Schulze-
Delitzsch (a. a. O. S. 8) spricht von der „Aushilfe", welche
„die Natur der menschlichen Arbeit leistet", und
diesen Gedanken konnte Lassalle akzeptieren, nicht aber den
oben zweimal gedruckten Unsinn, daß „die menschliche Natur"
zu ihrer Voraussetzung — bzw. zur Aushilfe — die Arbeit
habe. D. H.
77
Und das alles in strenger Konsequenz Ihrer eigenen
Worte! Die ,.Ge Werbefreiheit" wird sich also nach
Ihnen selbst, Sie großer Denker, für den mittellos gebore-
nen Arbeiter, der dieses Kapital braucht, ,,ehe er irgend
eine Arbeit zu Erwerbszwecken beginnen kann" und
es nicht hat, auflösen in die Freiheit, den Arbeitszweig
zu wählen, in dem er nicht arbeitet oder arbeitend hungert ;
die ,, Freizügigkeit" wird sich auflösen in die Freiheit,
den Ort zu wählen, w o er hungert I Und zwar alles in
strenger Konsequenz Ihrer eigenen Worte, Sie konse-
quenter Denker!
Hierauf gehen Sie dazu über, mit jener köstlichen
Logik, die Sie kennzeichnet, zu zeigen, daß ,,Geld
nicht Kapital sei, ehe Sie noch den Begriff des Ka-
pitals selbst entwickelt haben, was Sie erst im zweiten Ka-
pitel versuchen, und gelangen darauf zu der dritten Ab-
teilung :
„c) Form der Arbeit innerhalb der mensch-
lichen Gesellschaft."
Hier müssen wir Sie wieder ganz wörtlich und unver-
kürzt eskortieren. —
Sie beginnen zunächst mit Sätzen, die an sich selbst
ganz richtig sind, aber bei Ihnen nicht den geringsten Sinn
haben, weil alle Ihre Bestrebungen eben dahin gehen,
diese Sätze um ihren Sinn und ihre Folgerungen zu bringen.
Sie sagen : es sei noch ein anderes Element in die Be-
trachtung zu ziehen, ,, durch welches die Arbeit in
Form undArt ihrer Verrichtung wesentlich be-
stimmt wird : die menschliche Gesellschaft.
Sehr richtig, Herr Schulze ! Und wenn Sie diesen
Satz, aus welchem allein, wenn er scharf aufgefaßt ward,
sich alle Einsicht in ökonomische Dinge ergibt, jemals zu
78
seinen Konsequenzen durchdacht hätten, wenn er etwas
mehr bei Ihnen wäre als eine bloße gangbare und allgemein
verbreitete Phrase, die Sie ebenso gedankenlos in Kom-
mission nehmen, wie die entgegengesetzten Phrasen, so
würden Sie, wie wir später sehen werden, zu ganz anderen
Folgerungen gekommen sein, zu Folgerungen, welche den
Ihrigen auf das direkteste entgegenstehen.
Sie fahren fort : ,,Der arbeitende Mensch lebt nicht
allein auf einer wüsten Insel, neben und um ihn leben
viele andere Menschen mit gleichen Bedürfnissen und
Trieben, zu deren Befriedigung sie gleichfalls auf eigene
Tätigkeit angewiesen sind."
Streng genommen liegt schon hier die Flachheit zu-
tage, in der Sie jenen Satz auffassen und die Sie hindert,
ihn zu seinen Konsequenzen zu bringen.
Nicht ein Nebeneinanderleben von Menschen,
die bloß ihre individuellenArbeitserzeugnisse
miteinander austauschen, wie Sie ßich das so gern
vorstellen und so oft wiederholen, Herr Schulze, bildet
die menschliche Gesellschaft und die gesellschaftliche Ar-
beit, sondern die Produktion ist eine gemein-
same. Die heutige gesellschaftliche Arbeit bildet ganz
überwiegend nicht ein nebeneinander geschehendes
Vorsichgehen selbständiger Tätigkeiten, sondern eine
streng Ineinander eingreifende gemeinschaftliche
Ve r e i n i g u n g vieler zur Hervorbringung desselben
Produkts.
Jedes Fabrikatelier, Herr Schulze, kann Ihnen das
durch den bloßen sinnlichen Augenschein zeigen.
Bei den meisten anderen Produktionen ist es nicht
weniger, wenn auch in versteckterer Weise, der Fall.
Während also die große Produktion der modernen
uesellschaf t schon heut eine gemeinsame, koope-
79
rative ist, ist — und (las ist einer der Grundwider-
sprüche der heutigen Gesellschaft — die Distribution
(die Verteilung der erzeugten Produkte) keine gemein-
same, sondern eine individuelle, d. h. das Produkt
geht nicht nur als Gegenstand, sondern auch seinem
We r t e nach in das individuelle Eigentum des
Unternehmers über, der es für seinen alleinigen Ge-
winn verwertet, sämtliche Arbeiter aber, die zum Zu-
standekommen des Produktes kooi>eriert haben, als Leute
behandelt, die, \vie Sie sagen, nicht ,,ehe sie mit irgend
einer Beschäftigung, einer Arbeit zu Enverbszwecken be-
ginnen, für Beschaffung der zu verarbeitenden Rohstoffe,
sodann der nötigen Arbeitswerkzeuge und endlich für ihre
und ihrer Mitarbeiter Subsistenzmittel während der Dauer
der Arbeit gesorgt haben," sie also nach dem Lohnge-
setz ausbeutet, welches sich unter diesen Umständen für
Leute, die gar nicht ,, irgend eine Beschäftigung, irgend
eine Arbeit zu Erwerbszwecken beginnen können", bilden
muß.
Diese schon heut bestehende Gemeinsamkeit in
der Produktion und dieser äußerste Individua-
lismus in der Distribution — das ist der tiefe
Widerspruch, durch welchen von der heutigen mensch-
lichen Gesellschaft „die Arbeit in Form und Art ihrer
Verrichtung wesentlich bestimmt wird"; ein
Widerspruch, den wir weiter unten näher analysieren und
in seine v/eiteren Konsequenzen für die gesellschaftliche
Arbeit verfolgen werden.
Aber mindestens auf das Dasein dieses ersten tiefen
Widerspruchs hätten Sie selbst kommen müssen, wenn
Sie im geringsten Ihren eigenen Satz, daß die menschliche
Gesellschaft das Element sei, ,, durch welches die Arbeit
in Form und Art ihrer Verrichtung wesentlich bestimmt
80
wird", scharf durchdacht, wenn Sie die bestimmte
Form unserer Produktion ins Auge gefaßt hätten.
Aber Richtiges wie Falsches, alles ist bei Ihnen nur ver-
waschene, verschwommene, aufgedunsene Phrase ! Statt
irgendwie darüber nachzudenken, welche bestimmte
,,Art und Form" denn die heutige Gesellschaft der Pro-
duktion aufdrücke, fahren Sie daher in Ihrem Phrasen-
schleim fort : ,,Und anstatt dadurch in Beschaffung der
Mittel zum Dasein beeinträchtigt, in seinen Arbeitszwecken
gehemmt zu werden, wird der einzelne im Gegenteil da-
durch gefördert, und alle fühlen sich durch den ihnen von
Natur angeborenen Gesellschaftstrieb vielmehr
zum regsten Verkehr, zum innigen Anschluß aneinander
angewiesen." (Statt ökonomische Betrachtungen an-
zustellen, werden Sie auf einmal ,, gemütlich".) ,,Es ist
kein Zweifel, der Mensch ist für das gesellige Zusammen-
leben mit seinesgleichen von der Natur geschaffen, denn
alle seine Triebe und Fähigkeiten drängen ihn unwider-
stehlich dazu hin, diese Gemeinschaft zu suchen und zu
pflegen. Er kann nicht, wenn er auch wollte, v/ie das Wild
im Walde, wie das Raubtier in der Wüste vereinzelt leben.
Er würde in der Einöde verkümmern, seine Bestimmung
verfehlen, seine natürliche Bestimmung, versteht sich,
denn mit der theologischen haben wir nichts zu tun. Diese
natürliche Bestimmung des Menschen aber ist, wie die
aller erschaffenen Wesen, die Entwicklung sämt-
licher in ihm enthaltenen Keime und An-
lagen." (Wie treffhch wohl die Fabrikarbeiter in der
Fabrik Ihres Freundes, des Kommerzienrats und Fabri-
kanten Leonor Reichenheim, ,,s ämtliche in ihnen
enthaltenen Keime und Anlagen" entwickeln
mögen!)
,,Zu einer solchen Entwicklung gelangt aber der Mensch
6 Laseaüs, Gte. SutritteT». Bind V. 81
in völliger Abgeschlossenheit mit sich allein niemals, viel-
mehr bedarf es dazu notwendig des Zusammenlebens und
dadurch ermöglichten Austausches gegenseitiger Hilfs-
leistungen mit Wesen seiner Art." (In diesem salbungs-
vollen Brei spielt wieder der „Austausch" die Haupt-
rolle! Ich werde Ihnen später den Mißbrauch klar
machen, den Sie mit dieser Kategorie treiben, indem Sie
sie aller und jeder Bestimmtheit entkleiden. Von
,, Austausch" ist nur bei solchen die Rede, die fertige
Produkte miteinander austauschen. Aber freilich, der
Kommerzienrat Reichenheim und seine Arbeiter tauschen
„gegenseitige Hilfsleistungen miteinander aus!"
Wie liebhch, wie gemütlich!) ,,Ohne dies würde dem
einzelnen in den meisten Fällen kaum die kümmerliche
leibliche Existenz möglich sein und seine ganze Zeit und
Kraft in den mühseligsten und rohesten Verrichtungen
zur Beschaffung der allernotwendigsten Subsistenzmittel
völlig erschöpft werden, ohne daß ihm zur Ausbildung
der höheren Anlagen des Geistes und Gemütes irgendwie
Zeit und Gelegenheit würde. Man lasse dabei nie außer
Augen : das ärmlichste und niedrigste Los, welches jeman-
dem unter uns nur immer beschieden sein mag, ist einem
Dasein außerhalb der menschlichen Gesellschaft, abge-
schieden von aller Berührung mit anderen Menschen, vor-
zuziehen. Der ärmste Tagarbeiter schläft doch auf Stroh,
hat Kleidung und Obdach, so schlecht sie sein mögen, sein
Stück Brot für den Hunger und besitzt irgend ein Gerät
und Werkzeug zur Wirtschaft imd Arbeit. Wie wäre
es, stände er nackt und bloß, allein für sich in der Öde
— hätte er da wohl Aussicht, sich diese Gegenstände zu
beschaffen?"
Nun also, das gilt doch nach Ihnen selbst für jeden
einzelnen, wenn keine mensohliche Gesellschaft da wäre,
würde nach Ihnen selbst auch für Herrn Leonor Rei-
ch e n h e i m gelten, wenn er außerhalb der Gesellschaft
lebte. Ist es Ihnen nun nie eingefallen, Herr Schulze,
darüber nachzudenken, woher es doch käme, daß diese
menschliche Gesellschaft dem einen Individuum so viel
nützt und dem anderen so wenig?
An der bloßen individuellen Arbeit kann es
ja nach Ihnen selbst nicht liegen, weil wir ja nach Ihnen
selbst außerhalb der menschlichen Gesellschaft als reine
Individuen, trotz aller individuellen Arbeitskraft, alle
mitsammen nichts hätten. Folglich muß es ja nach
Ihnen selbst an der gegebenen festen Organisa-
tion der menschlichen Gesellschaft liegen!
Und das hatten Sie ja auch schon früher eingestanden,
indem Sie die ,, menschliche Gesellschaft" als das Ele-
ment zugaben, ,, durch welches die Arbeit in Form und
Art ihrer Verrichtung wesentlich bestimmt wird,"
also wenn in bezug auf Form und Art ihrer Verrichtung,
doch notwendig auch in bezug auf ihren Ertrag.
Es wäre also an dieser gegebenen Produktionsform,
welche die heutige menschliche Gesellschaft der ,, Arbeit
in Form und Art ihrer Verrichtung" aufdrückt, eben das
zu ändern, was hervorbringt, daß die einen Menschen
aus der ,,menschKchen Gesellschaft," der menschlichen
Gemeinsamkeit, so viel, die anderen so wenig Nutzen
empfangen.
Und so wären denn selbst in Ihrem schlechten Buche,
selbst in Ihrem gedankenlosen Gewäsch immer noch die
Sätze enthalten, durch welche die Notwendigkeit einer
Veränderung der Produktionsform, der ,,Form und Art
der Arbeits Verrichtung" , welche die heutige menschliche
Gesellschaft der gesellschaftlichen Arbeit aufdrückt, voll-
konunen eingeräumt und zugestanden werden.
•• 83
Freilich hüten Sie sich vor nichts mehr, als davor,
Ihrem eigenen Satze, daß die menschliche Gesellschaft
das Form und Art der Arbeitsverrichtung bestimmende
Element sei, ins Auge zu sehen.
Wir haben gesehen, wie Sie diesen Satz, mit dem Sie
diesen Abschnitt eröffnen, und zu dessen Erklärung der
ganze Abschnitt bestimmt ist, in die leersten Allgemein-
heiten vervs^ässern, statt ihm irgend auf den Leib zu rücken.
Sehen wir, wie Sie ihn weiter entwickeln. Sie fahren
also auf derselben Seite (p. 12) fort:
,, Prüfen wir nun, wie diese Beziehungen sich zu jenem
Kreislauf, der, wie wir sahen, das Leben des einzelnen
ausfüllt, verhalten, und wie beide, die Forderungen des
Einzellebens und die Bedingungen des geselligen
Ve r k e h r s sich in Einklang miteinander setzen.
,,Bedürfnis — Anstrengung — Befriedi-
gung, das waren die drei Seiten, unter denen sich uns
jener Kreislauf darstellte. Fassen wir dieselben einzeln
in das Auge, so drängt sich uns bei genauerem Hinblick
sofort ein wesentlicher Unterschied zwischen ihnen auf.
Im Bedürfnis und der Befriedigung, den An-
fangs- und Endpunkten des Ganzen, die fortwährend inein-
ander verlaufen, um eins aus dem anderen von neuetn
hervorzugehen, haben wir etwas höchstPersönliches
vor uns, in dem Sinne, daß ihre Überleitung ineinander
immer nur in einer und derselben bestimmten Person,
ohne Teilnahme einer anderen, vor sich gehen kann. Es
gibt kein Bedürfnis, dessen Befriedigung bei einem an-
deren, als dem, der es empfindet, stattfinden kann, und
umgekehrt. Weder meinen Hunger, noch meinen Durst,
noch meine Müdigkeit kann ich einem Gesättigten und
Ausgeruhten mitteilen, noch werde ich dadurch satt oder
gestärkt, daß ein anderer für mich ißt oder schläft. Da
84
hilft nichts, ich muß selbst essen, trinken, schlafen, atmen
usw., wenn ich das Bedürfnis dazu empfinde, sonst wird
mir nicht geholfen, ein anderer kann das nicht für mich
abmachen. Halten wir daher fest: es ist ein für allemal
unmöghch, daß jemand sein Bedürfnis auf einen anderen
überträgt, und daß die Befriedigung eines Bedürfnisses,
welches jemand empfindet, sich in einem anderen als in
ihm selbst vollziehen kann. Beide Vorgänge fallen un-
mittelbar und mit Notwendigkeit in einem und demselben
Menschen zusammen.
„Ganz anders verhält es sich dagegen mit dem Mittel-
glied in der Kette, der Anstrengung, welche dazu
dient, dem Bedürfnis zur Befriedigung zu verhelfen. Sie
kann von jedem behebigen anderen ausgehen, als von dem,
der das Bedürfnis empfindet, und ihm doch zur Befriedi-
gung verhelfen. „Die E rzeugnisse der mensch-
lichen Arbeit sind übertragbar," lautet das hier
eingreifende volkswirtschafthche Gesetz. Wir können nicht
einer statt des anderen genießen, aber wir können
einer für den anderen arbeiten, wir können uns
einander gegenseitig Dienste leisten und mit dem, was
jeder zum Leben braucht, versorgen — dies die große
und weise Einrichtung der Natur, wodurch die Gesell-
schaft, der geselhge Verkehr der Menschen überhaupt
möglich wird."
Ist es erhört! Sind unsere Arbeiter Neger, Herr
Schulze? Auf über einer Druckseite setzen Sie den
Leuten auseinander, daß jeder selbst essen, selbst trinken
muß, wenn er satt werden will, daß da , .nichts hilft" etc.
etc. etc. Das wußten wohl die Arbeiter noch nicht, ehe
sie zu Ihnen kamen, Herr Schulze ? Dieses Klein-
kindergeschwätz nennen Sie populäre Vorträge für
Arbeiter ?
85
Auf über einer Druckseite explizieren Sie den Ar-
beitern, daß sie essen und trinken nicht auf andere über-
tragen können — und das alles, wie mir ein Witzling
bemerkte, um dadurch den Arbeitern zu beweisen, daß
sie das Essen und Trinken auf die Bourgeois übertragen
müssen!
Wo nehme ich die Geduld her, Herr Schulze, mich
durch Ihren Hirsebrei durchzuwürgen und warum kann
i c h das nicht auf einen anderen übertragen ?
Sie fahren in Ihrer erleuchteten Explikation des Satzes,
daß die menschhche Gesellschaft das Element sei, durch
^velches „die Arbeit in Form und Art ihrer Verrichtung
bestimmt wird" fort, wie folgt:
,,Aber nicht genug, daß somit die Möghchkeit der
Gesellschaft gegeben ist, so liegt jn dieser natürlichen
Organisation der Arbeit, welche wurzelt in der
Organisation des Menschen selbst, wie wir dies im allge-
meinen schon erwähnten, zugleich ihre Notwendig-
keit." In ...dieser Organisation der Arbeit?"
In weicher Organisation, Herr Schulze ? Sie haben noch
von keiner Organisation der Arbeit gesprochen. Sie haben
die heut bestehende Organisation der Arbeit noch
nicht Im geringsten geschildert, dargelegt, erklärt. Alles
ist bei Ihnen ein fortgesetzter Mißbrauch von Worten,
tönenden Worten ! Sie haben bisher nichts gesagt, als
den Kindersatz : ,,daß man zwar nicht das Essen, wohl
aber das Arbeiten auf einen anderen übertragen kann."
Es Ist WEihr, Sie haben ihn nicht nur gesagt, sondern auf
zwei Druckseiten breit getreten. Aber es ist deshalb
doch nicht mehr daraus geworden. Und indem Sie sich
auf diesen Satz zurückbeziehen, nennen Sie das ,,diese
natürliche Organisation der Arbeit," als wenn
86
Sie sich im geringsten darauf eingelassen hätten, die heut
wirklich bestehende zu schildern und zu erklären!
O, Sie unverwüstlicher Wortmacher 1
Sie fahren unmittelbar fort, oder vielmehr Sie heben
von neuem an: ,,Wir können nicht bloß einer für den
anderen arbeiten, einer dem anderen unsere Arbeitser-
zeugnisse zu Gebote stellen, nein, wir müssen es, wenn
wir überhaupt zur völligen Befriedigung aller Bedürfnisse
mittelst unserer Arbeit gelangen wollen."
Bim ! bam ! bam 1 bim !
,,Denn — fahren Sie fort — dem schon oben von uns
aufgestellten Satze:
daß außerhalb der Gesellschaft die Be-
dürfnisse des vereinzelten Menschen
seine Kräfte übersteigen und Ve r k ü m m e -
rung sein gewisses Los ist
steht der andere ebenso unumstößlich gegenüber:
daß innerhalb der Gesellschaft im Aus-
tausch der wechselseitigen Arbeitser-
zeugnisse und Leistungen die Kräfte des
Menschen weit über seine Bedürfnisse
hi nau sgehen."
Nun also, Herr Schulze : Der erste dieser beiden Sätze,
die Sie gesperrt und breitgedruckt anführen, daß außer-
halb der Gesellschaft die Bedürfnisse des vereinzelten
Menschen seine Kräfte übersteigen und Verkümmerung
sein gewisses Los ist, ist wahr, unbestritten und unbe-
streitbar wahr. Er ist ganz allgemeingültig wahr, er gilt
von jedem Menschen, sogar von Leonor Reichenheam,
wie ich Ihnen schon oben (p. 83) bemerkHch machte und
wie Sie hier selbst zugeben, indem Sie ihn schlechtweg
von jedem Menschen, von ,.dem Menschen" aussagen.
87
Aber der zweite Satz, den Sie dem ersten ebenso
breitgedruckt und gesperrt gegenüber setzen, daß „in-
nerhalb der Geseliscliaf t die Kräfte des Men-
schen weit über seine Bedürfnisse hinaus-
gehen" — ist der ebenso allgemeingültig wahr ? Von
L e o n o r R e i c h e n h e i m und vielen in seiner oder auch
noch weniger glücklichen Lage befindHchen Menschen ist
er freihch wahr, im höchsten Grade und in verschiedenen
Abstufungen wahr. Aber ist er deshalb auch von „dem
Menschen" wahr? Ist er wirkhch von allen heutigen Men-
schen wahr ? Oder von der großen Majorität derselben ?
Oder von der Hälfte ? Oder nur dem Drittel ? oder dem
Viertel ?
Soll ich Sie auf die statistischen Scliilderungen
der Lage des Proletariats in England verweisen, des
Landes, wo ,,Geweruefreiheit und Freizügigkeit" in un-
bedingter Ausdehnung herrschen und das Sie (p. 70 Ihres
Katechismus) in Ihrer kolossalen Unkenntnis aller Dinge
gerade in bezug auf die Lage seiner Arbeiter so loben ?
oder auf Flandern, welches gleichfalls alle Vorteile der
Gewerbefreiheit und Freizügigkeit genießt, und wo in-
folge dieses Segens schon 1847 auf eine Bevölkerung
von nicht ganz anderthalb Millionen bloß an Vagabunden
unter 18 Jahren 225894 kamen und in Ostflandern auf
je 100 Einwohnern 36 Almosenempfänger gerech-
net wurden ? ^)
Aber bleiben wir im Vaterlande 1
Lesen Sie also über die Lage der ländlichen Arbeiter-
bevölkerung die Nachweise, welche ich aus den amtlichen
vom Königlichen Landesökonomiekollegium ausgegangenen
^) Siehe Ducpetiaux, sur le pauperisme dans le« Fi andres.
Bruxelles 1850.
88
Untersuchungen und dem darüber von Professor von Len-
gerke im Jahre 1849 im Auftrage der Regierung ver-
öffentlichten Werke in meiner Schrift: „Die indirekten
Steuern und die Lage des Arbeiterstandes" ^) p. 76 bis
p. 85") zusammengestellt habe! Sie finden daselbst auf
jeder Seite die amthchen Eingeständnisse und speziellen
Nachweise — obwohl das amtUche Werk die Lage der
Sache natürlich noch soviel wie möghch zu beschönigen
sucht — daß diese Leute „selbst bei billigen Nahrungs-
preisen fastinbeständigemNahrungsmangel";
daß „größtenteils diese Klasse Menschen kein hohes Alter
erreicht, woran natürlich die schlechte Lebens-
weise, übermäßige Arbeit und der Nah-
rungskummer schuld ist"; daß „ihre physi-
sche Kraft im Abnehmen ist" infolge des über-
wiegenden Kartoffelgenusses und der „unzureichenden und
schlechten Neihrungsmittel überhaupt".
Oder wollen Sie lieber statistische Nachweise über die
Lage des industriellen Arbeiterstandes ?
Lesen Sie also, was ich in meinem Frankfurter ,, Ar-
beiterlesebuch" ^) p. 27 — 30^) aus den besten und un-
bestrittensten statistischen Quellen über die durchschnitt-
liche Lebensdauer des industriellen Arbeiterstandes zu-
sammengetragen habe. Lesen Sie z. B. die daselbst p. 28^)
von mir aus den Forschungen des Geheimrat Engel, des
Direktors des hiesigen Amtlichen Statistischen Bureaus,
beigebrachten Nachweise, daß in Berlin die Rentiers
1) Zürich, bei Meyer & Zeller 1863.
2) Bd. II, S. 400 ff. unserer Ausgabe.
2) Frankfurt am Main, bei Reinhold Baist 1863.
*) Bd. III, S. 219 bis 225 unserer Ausgabe.
â– ^) Bd. III, S. 222 ff. unserer Ausgabe.
89
durchschnittlich ein Alter von 66 V2 Jahren, die Maschinen-
bauer aber nur eines von 37V2 Jahren, die Buchbinder so-
gar nur von 35 und die Tabakspinner und Zigarrenmacher
endlich nur eines von 31 Jahren erreichen, mit anderen
Worten also: infolge ihrer schlechten Lage
nicht einmal die Hälfte ihrer natürlichen
Lebensdauer erreichen.
Oder wollen Sie einen Überblick haben, in welchem
Zahlenverhältnis zueinander wohl diejenigen stehen,
deren Kräfte und Mittel in der Gesellschaft „weit über
ihre Bedürfnisse hinausgehen" und diejenigen,
bei denen dieselben vielmehr ,,weit hinter ihren Be-
dürfnissen zurückbleiben?
Werfen Sie also wieder einen Blick in meine Schrift :
,,Diö indirekte Steuer und die Lage des Arbeiterstandes",
wo ich [s. p. 55 — 66, besonders die Tabelle p. 63^)]
durch die genauesten amtlichen Nachweise ge-
zeigt habe, daß die blutarme Klasse der Gesell-
schaft, diejenige, welche V2 — 1 Taler, 2 und 3 Taler
jährlicher Klassensteuer bezahlen, nicht weniger als
89,06 Prozent aller Klassensteuerpflichtigen im Staate
bilden. Und zwar war diesmal, während ich mich in mei-
nem ,, Antwortschreiben" noch hatte mit summarischen
Nachweisen begnügen müssen, der Nachweis so speziell
und auf die neuesten und genauesten amtlichen Ver-
öffentlichungen gegründet, daß seit der Publikation meiner
„Indirekten Steuern" und meines „Anhanges" zum Frank-
furter ,, Arbeiterlesebuch" kein Schulze und kein Wacker-
nagel mehr das geringste hat einwenden können und all
der in dieser Hinsicht gegen mein „Antwortschreiben"
erhobene Lärm kläglich verstummt ist !
1) Bd. II. S. 371 bis 385 bzw. S. 382 unserer Ausgabe.
90
Hier haben Sie also das Zahlenverhältnis derer,
deren Kräfte und Mittel in der Gesellschaft, wie Sie
sagen, ,,weit über ihre Bedürfnisse hinaus-
gehen", und derjenigen, bei denen sie weit hinter
ihren Bedürfnissen zurückbleiben!
Aber wozu soll ich denn mit Ihnen Statistik treiben,
Herr Schulze?
Gehen Sie doch in Ihren eigenen hiesigen Arbeiter-
verein.
Welcher dieser Arbeiter, selbst von denen, die Ihnen
am enthusiastischsten Beifall schreien, würde Ihnen denn,
wemi Sie ihn einfach und ernsthaft fragen, zugeben,
daß seine Kräfte und Mittel ,,weit über seine Be-
dürfnisse hinausgehen?" Welcher dieser Arbei-
ter würde denn nicht entrüstet sein, wenn Sie ihm
nackt, ohne Phrasenverbrämung, die Zumutung machen,
dies einzuräumen? Sehen Sie denn nicht, Herr Schulze,
daß Ihnen diese Leute bloß Beifall klatschen, weil Sie
sie durch das ewige gedankenlose Bimbamgeläute Ihrer ver-
schwommenen Phrasen schon um alles Denken gebracht
haben, schon so weit gebracht haben, daß sie gar nicht
mehr wissen, was die Phrasen bedeuten, auf die sie
„Hurra" schreien ? I
Wenn Sie also sagen, daß innerhalb der Gesellschaft
die Kräfte und Mittel ,,des Menschen weit über seine
Bedürfnisse hinausgehen", so läßt sich hierauf nichts
weiter erwidern, als folgendes : Wie ich schon oben (p. 32)
gezeigt habe, daß Ihnen der Köln- Mindener Eisenbahn-
aktionär ,,der Arbeiter" ist, so ist Ihnen ganz konsequent
Herr Leonor Reichenheim ,,der Mensch", der Normal-
mensch, der Mensch, der die Gattung bedeutet I
Oder haben Sie vielleicht in jenem Satze, daß Inner-
halb der Gesellschaft ,,die Kräfte des Menschen weit
91
über seine Bedürfnisse hinausgehen", den unbestimmten,
zweideutigen Ausdruck: „die Kräfte des Menschen"
nicht in dem Sinne genommen, in welchem ich ihn näher
bestimmt und erläutert habe, indem ich ihn umschrieb:
„die Kräfte und Mittel des Menschen"? Haben Sie
ihn vielleicht nur in d e m Sinne genommen, daß inner-
halb der Gesellschaft die Produktivkräfte des Men-
schen „weit über seine Bedürfnisse hinausgehen", aber
darum noch nicht seine Mittel, so daß er zwar „weit
über seme Bedürfnisse hinaus" produziert, hervor-
bringt, ihm dies aber darum noch nicht als seine
eigenen Mittel zugute kommt?
Aber wenn dies der Fall ist: wo bleibt dann das,
was innerhalb der Gesellschaft der Mensch weit über
seme eigenen Bedürfnisse hinaus produziert und
was doch nicht ihm selbstalsseineeigenenMit-
tel zugute kommt? Dieser Überschuß seiner Pro-
duktionskräfte wandert dann also in fremde Ta-
schen?
Und dann hätten Sie ja alles zu'ge geben, was
ich behaupte und Sie bestreiten!
Demi das ist ja eben meine Behauptung, daß schon
heut der Mensch jedenfalls soviel, wie er bedarf, produ-
ziert und produzieren kann, daß aber durch die heutige
OrgarJsation der Produktion seine Produktionskräfte
und Produktionsleistangen sich nicht für ihn selbst in
seine eigenen Mittel verwandeln.
Es bleibt also schon dabei — da es Ihnen ja nicht ein-
fallen kann, mir dies zuzugeben — daß Sie in jenem
Satze, wie sehr „innerhalb der Gesellschaft die Kräfte
des Menschen weit über seine Bedürfnisse hin-
ausgehen", das Wort: , .Kräfte" in dem Sinne von
„Kräfte und Mittel" nehmen, wie ich es näher erläutert
92
habe. Es bleibt also schon dabei, daß Ihnen Herr Leonor
Reichenheim „der Mensch" ist, der die Gattung bedeu-
tende Mensch I
In der Tat, was bedeuten denn die in anderer LagQ
befindlichen Menschen ? Diese werden mit tönenden
Phrasen amüsiert, es wird ihnen so lange ein Schleim
und Brei von Worten eingegeben, bis ihnen glücklich
jede Ritze des Gehirns verstopft ist, so daß sie brüllen
und toben gegen ihr eigenes Interesse !
Aber hören wir immer weiter und trotz seiner unaus-
stehlichen Langweiligkeit das Bim! Baml, durch welches
Sie das Thema explizieren, das Sie sich in diesem, die
,,F orm der Arbeit innerhalb der menschlichen Ge-
sellschaft" überschri ebenen Abschnitt selbst gestellt haben ;
das Thema, zu zeigen: wie durch ,,die menschliche
Gesellschaft die Arbeit in Form und Art
ihrer Verrichtung wesentlich bestimmt wird."
Noch haben Sie zwar kein Wo r t zur Explikation dieses
Themas gesagt ! Noch waren alle Ihre Worte — und wir
haben ohne Fortlassung Silbe für Silbe an-
geführt, die Sie in diesem Abschnitt gesagt haben,
— nur die gedankenlosesten, bis zu einem unausstehlichen
Brei breitgetretenen Gemeinplätze. Aber Sie müssen Ihrem
Gegenstande doch endlich einmal auf den Leib rücken,
vielleicht kommt es noch ; sehen wir also weiter !
Sie fahren unmittelbar auf den zuletzt angeführten Satz
fort, wie folgt:
,,Eine der Hauptursachen, weshalb die Menschen ein-
zeln für sich nicht imstande sind, sich mit allen ihren Be-
dürfnissen zu versehen, liegt in der überaus verschiedenen
Verteilung der Anlagen und Kräfte unter ihnen, in ihrer
verschiedenen Begabung, welche die einzelnen
nur zu dieser oder jener, keinen aber zu allen den \aelen
93
und mannigfaltigen Arbeitsverrichtungen befähigt, welche
zu diesem Behuf e erforderlich sind. So mußten dieselben,
durch die eigene Natur getrieben, wohl ganz von selbst
auf den einzig möglichen Ausweg verfallen und diese
Aufgaben unter sich verteilen. Anstatt sämtliche zu
seiner Versorgung notwendigen Arbeiten zu übernehmen,
widmet sich jeder nur einer oder der anderen davon. Zwar
gelangt er so durch seine unmittelbare Tätigkeit nur zur
Befriedigung eines und des anderen seiner Bedürfnisse.
Allein indem er seine ganze Zeit und Kraft darauf ver-
wendet, gewisse Artikel herzustellen oder gewisse Ver-
ric^htungen ;zu übernehmen, vermag er in einer solchen
besonderen Branche natürlich weit mehr zu leisten, als
er zu seinem eigenen Gebrauche bedarf, und behält einen
mehr oder minder bedeutenden Überfluß davon, welchen
er anderen Personen zur Verfügung stellen kann. Da
nun diese ihrerseits wiederum ebenso verfahren und von
ihnen sich jeder eine besondere Arbeitsbranche aussucht,
so ist, bei der unendlichen Verschiedenheit der Neigungen
und Fähigkeiten unter den Menschen, mit Gewißheit dar-
auf zu rechnen, daß alle nur denkbaren Beschäftigungs-
arten vertreten sein werden, und der Gesamtbedarf in
allen möglichen Richtungen sein Genüge findet. Auf diese
Weise kann sich jeder versichert halten, daß er für das-
jenige, was er in seinem Geschäftszweige über seinen Be-
darf hinaus schafft, alles, was er sonst zu seinem Leben
braucht, von den anderen tauschweise erhalten kann, unter
der Bedingung nämlich, daß sein eigenes Arbeitsprodukt,
seine Leistung, jenen ebenfalls zur Befriedigung einea
Bedürfnisses dient und ihnen genehm ist. Der eine z. B.
fertigt Tuch, der andere Kleider, jener Schuhwerk, dieser
Möbel, noch andere bauen Häuser, treiben Acker- und
Bergbau usw. , und jeder gibt die gewonnenen
94
Produkte, die er nicht selbst für sich ge-
braucht, im Austausch gegen die Produkte
der anderen hi n."
Dieser Satz übersteigtalles, wasdagewesen!
Sie sprechen zu Arbeitern, Herr Schulze. Sie
schreiben einen ,,Ar bei t er kat echismu s". Und Sie
schildern den Leuten die ,,Form der Arbeit inner-
halb der heutigen Gesellschaft" also : ,,Der eine z. B.
fertigt Tuch, der andere Kleider, jener Schuhwerk, dieser
Möbel, noch andere bauen Häuser, treiben Acker- und
Bergbau usw., und jeder gibt die gewonnenen
neuenProdukte, die er nicht selbst für sich gebraucht,
im Austausch gegen die Produkte der anderen hin." Mit
anderen Worten : Sie schildern den Arbeitern ihren eigenen
Stand als — eine Welt vonlauterUnternehmern!
In Ihrer rosigen Phantasie verwandeln sich alle Fabrik-
arbeiter, diese Maschinenteile einer großen Gemeinpro-
duktion, in lauter kleine selbständige Unter-
nehmer, die fertige gewonnene Produkte be-
sitzen und für eigene Rechnung verkaufen!!
Das ist also nach Ihnen die ,,Form der Arbeit inner-
halb der (heutigen) menschlichen Gesellschaft", die Sie
entwickeln wollten, das die Weise, zu welcher die mensch-
liche Gesellschaft, ,,die Arbeit in Form und Art
ihrer Ve rrichtung bestimmt ! !" Ist eine so grobe
Täuschung je dagewesen und ist es da auch nur möglich,
den Glauben an den guten Glauben irgend festzuhalten!^)
^) Hier mag es gestattet sein, daran zu erinnern, daß ganz
ähnliche Stellen wie die Schulze-Delitzschsche, gegen die Las-
salle sich hier wendet, sich u. a. auch schon bei dem Sozialisten
Proudhon finden. Gleich am Anfang des ,, Elends der Philo-
sophie" — S. 1 bis 5 der deutschen Ausgabe — zitiert Marx
einen Satz aus Proudhon, wo dieser, um die Entstehung des
05
Denn wie wenig Sie auch im geringsten von national-öko-
nomischen Gegenständen irgend etwas verstehen, wie sehr
Sie auch in der volkswirtschaftlichen Sphäre immer der
kleine Patrimonialrichter unwiderruflich bleiben, der Sie
ursprünglich waren — soviel weiß doch jedes Kind von
unseren heutigen Zuständen, um über diese Darstellung
des heutigen Arbeitsprozesses in Lachen auszubrechen !
Sie lösen die soziale Frage viel schneller und wider-
standsloser als ich — auf dem Papier! Sie eskamo-
tieren alle Arbeiter und verwandeln sie in Unternehmer
— auf dem Papier!
Und der Arbeiter, welchen die künstliche Verdum-
mung, die Sie mit ihm betreiben, der Phrasennebel, mit
welchem Sie ihn bearbeiten, bereits so weit narkotisiert
hat, daß Sie ihm glücklich nicht nur jeden Verstand, son-
dern sogar schon Hören, Sehen und Fühlen ausge-
trieben haben — der Arbeiter brüllt begeistert ,,Hoch' ,
wenn Sie ihm die heutige gesellschaftKche Arbeit seines
Tauschwertes zu erklären, es fertig bekommt, zu schreiben:
„Da ich nicht an so viele Dinge — wie nämlich zur Befrie-
digung der verschiedenartigen Bedürfnisse erfordert sind —
selbst Hand anlegen kann, so werde ich andern Menschen . . .
den Vorschlag machen, mir einen Teil ihrer Produkte im Aus-
tausch gegen meines abzutreten", und weist die Absurdität
solcher Erklärung ökonomischer Kategorien nach. Die Neigung,
sich ohne Rücksicht auf Ort und Zeit die ganze Menschheit
bald als selbständige Unternehmer, bald als lauter Arbeiter
vorzustellen, ist das Malheur aller Kleinbürgerei, des klein-
bürgerlichen Soziallsmus wie des liberalen Kleinbürgertums.
Kein Wunder daher, daß, wie aus der nächsten Lassalleschen
Note hervorgeht, Proudhon und sein vermeintlicher Gegner
Bastlat sich auch in diesem Punkt auf gleichem Boden be-
gegnen. Eine Absicht, zu täuschen, braucht damit nicht ver-
bunden zu sein. D. H.
96
Standes so schildern, daß „jeder die gewonnenen
Produkte" veräußert, daß jeder ein selbständiger
Unternehmer ist !
Wenn dies eine Fälschung ist, welche jeden Gedanken
an Ihren eigenen guten Glauben an das, was Sie sagen,
beseitigen muß und man nur Ihren Mut bewundern kann,
mit welchem Sie dies einer Arbeiterversammlung
vorzutragen wagen, so findet sich in demselben kurzen
Satze von zwei Zeilen noch in anderer Hinsicht eine s o
grandiose und so naive Unkenntnis der heutigen ge-
sellschaftlichen Arbeit, der ,,Form und Art der Arbeits-
verrichtung", zu welcher die heutige Arbeit ,, durch die
menschliche Gesellschaft bestimmt" wird, daß man in
die heiterste Laune dadurch versetzt wird 1
,, Jeder ^ibt die gewonnenen Produkte, die er
nicht selbst für sich gebraucht, im Austausch
gegen die Produkte der anderen hin."
Herr Schulze! Patrimonialrichter ! haben Sie denn gar
keinen Begriff von der wirklichen Gestalt der heutigen
gesellschaftlichen Arbeit ? Sind Sie denn nie aus Bitter-
feld und Delitzsch herausgekommen ? In welchem Jahr-
hundert des Mittelalters leben Sie denn eigentlicih noch
mit allen Ihren Anschauungen ? !
Sie stellen in jenen naiven Worten den heutigen Prozeß
der gesellschaftlichen Arbeit so dar, als ob jeder durch
seine Arbeit zunächst die Produkte gewinnt, die er für
sich selbst gebraucht und dann den Überschuß der
gewonnenen Produkte, „den er nicht für sichselbst
gebraucht" austauscht^). D. h. mit anderen Worten:
^) Diese Darstellung des heutigen Produktionsprozesses bei
Ihnen beruht auch durchaus nicht — in welchem Falle ich
kein Wort darüber verlieren würde — ■auf einem Schreib -
7 LaseaU;. G«. Sckriftea. Band V. 97
Sie denken sich die heutige gesellschaftliche Arbelt,
wie sie dies in fernen J j. iir h i' nd e i ;,en des Mit-
tel ?llers in der Tar war, als Naturalwirt-
schaft, bei welcher jeder zunächst produziert was er
für den eigenen Bedaif gebraucht und nur den
Überschuß dieser Produkte, die er nicht mehr für sich
gebrauchi, austauscht 1
Haben Sie denn gar keine Ahnung davon, daß sich die
K e u l i g e gssellschaf iliche Arbeit gerade dadurch
char ak ler isier l , daß jeder das produziert, was er
für sich selbsi nicht gebiauchen kann? haben Sie gar
fehler oc'sr sprach lic'her Ung-^nauigkeit etc. Sondern Sie stellen
sich dies ganz realiler als cli3 Gestalt der heuhf;en Arbeit vor.
So sagen Sie schon p. 14 mit einer noch viel breiteren Be-
schreibun<5' ,Auf diese Weise kann sicK jrder versichert hahen,
daß er für dajienige, was er in reinem Geschäftszweige
über seinen Bedaif hinaus schafft, alles, was er son:t
zu seinem Leben biauchi, von den c^ iJeien iauschweise erliahen
kann" und a. and. O. Und dar. ke.m auch bei Ihnen gar nicht
Wunder nehmen. Denn freilich sagt Bastiat zwar einmal
(Harm. econ. ed. Brux. p. 102) : „Tausch, sagen einige, ist
Umtausch des Überflüssigen gegen d?3 Nötige. Außer 6d^
dies den Tatsachen widerspricht, die unter unsern Augen
vorfallen (outre que cela est coniiaire aux fails qui se pascent
sous nos yeux), denn wer wird zu sagen wagen, daß der Bauer,
indem er den Weizen abuilt, den er gebaut und den er nie
essen wird, ein ihm Überflüs':iges hingibt etc." Allein nichts-
destoweniger erklärt, wenn wir uns nicht sehr inen, an emer
anderen Stelle, die wir nicht gleich finden können, cbwohl
wir uns ihrer genau erinnern, auch Bastiat die heutige Arbeit
ausdrücklich so, daß jeder Pioduzent „l'exces de «•a produc-
tion" (den Überfluß seiner Produktion) gegen den Überschuß
der Produktion anderer austausche. — Der Wiüsrfpaich zwi-
schen beiden Stellen wird niemand wundern, welcher liest, was
wir später über die fortlaufend sich selbst widersprechende Ge-
dankenlosigkeit dieses Herrn nachweisen werden.
98
keine ATinupg davon, daß dies seit der großen Industrie
so sein muß, daß hierin die Form und das We £ e n
der heutigen Arbeit liegt und daß chne die schärfste
Fesihaltung dieses Punktes keine einzige Seite
unserer heajgen ÖÄonomischen Zustände, keine einzige
unserer heutigen ökonomischen Erschsinungen begriffen
werden kann?
Nach Ihnen produziert also Herr Leonor Reichenheim
auf Wü:i° Gie^-sdorf zunächst das Baum wolle ngarn,
das er für sich gebraucht. Den Überschuß desselben,
den ihm seine Töchter nicht mehr zu Strümpfen und Nacht-
jacken verarbeiten können, tauscht er aas.
Her** Borsig produziert zunächst Maschinen für seinen
Familienbedarf. Die überschüssigen Maschinen ver-
kauft er dann.
Die Trauerm.odenmagazine arbeiten zunächst vorsorg-
lich für die Todesfälle in der eigenen Familif. Was dann,
indem diese zu spärlich ausfallen, an Trauerstoffen noch
übrigbleibt, lauschen sie aus.
Herr Wolff, der Eigentümer des hiesigen Telegraphen-
Bureaus, Isßt zunächst die Depeschen zu seiner eigenen
Belehrung und Vergnügen kommen. Was dann, nachdem
er sich hinreichend an ihnen gesätligt, noch übrigbleibt,
tauscht er mit den Börsenwölfen und Zeicungsredaktionen
aus, die ihm dagegen mit ihren überschüssigen Zeitungs-
korrespondenzen und Aktien aufwarten 1
Ich stamme aus einer Engrossistenfamilie, Herr
Schulze. Als ich ein Junge von 10 Jahren war, begriff
idi nicht, warum meine Mutter und Schwester, wenn sie
seidene Kleider haben wollten, in den Laden eines Detail-
listen gingen, wo sie dieselben Stoffe, die in dem Maga-
zine meines Vaters in Masse vorrätig waren, natürlich weit
7» 99
teurer kauften. Als ich aber 12 Ja'nre war, Katte ich den
Grund dieser mich beunruhigenden Erfahrung weg. Mein
Vater verkaufte die Stoffe en gros und hatte daher einen
weit größeren Nachteil, wenn er aus Familien^efälligkeit
ein Kleid von einem Stück Seidenzeug abschnitt, als
wenn er dem Verkäufer en detail allen möglichen Auf'
schlag bezahlte. Zugleich hatten meine Mutter und Schwe-
ster bei dem Detaillisten den Vorteil, da.ß sie da zwar
eine geringere Masse, aber eine größere Musterausvv'ahl
fanden, so daß sie da besser sehen konnten, wie sich das
Blümchen mit einem Punkt zu dem Blümchen ohne Punkt
verhielte etc.
Und bis ins Handwerk hinein ist es wahr geworden,
daß jeder das produziert, was er nicht gebraucht.
Moses & Son, die gewaltigen Kleiderhändler der Londoner
City, beziehen wahrscheinlich die Röcke, die sie selbst
tragen, von irgend einem fashionablen Schneider des West-
ends, während dieser selbe Schneider, dessen Arbeits-
zeit, Name und Fasson man zu einem ganz anders hohen
Preise bezahlt, eben deshalb sehr ökonomisch handeln
würde, seinen Rock bei Moses & Son zu kaufen.
Und daß selbst bei der Acker Wirtschaft die Na-
tu r a 1 Wirtschaft, die Produktion des eigenen Be-
darfs, nu.- noch eine ganz verschwindende Rolle spielt
— sowohl infolge der G e 1 d f o r m , durch die in der
modernen Produktion alle Produkte unablässig hindurch
müssen, als des großen Betriebes, weic'ies die bei-
den Mittel sind, durch welche die moderne I idustrie ihren
herrschenden Charakter auch der Bodenproduktion auf-
gedrückt hat — werden wir später, so bekannt es ist, m
einem anderen Zusammenhange noch in Kürze beweisen.
Also: das ist eben der unterscheidende, scharf
festzuhaltende Charakter der Arbeit in frü-
100
h e r e n Gesellschaftsperioden, daß man damals zunächst
für den eigenen Bedarf produzierte und den Über-
schuß abgab, d. h. vorherrschend Naturalwirt-
schaft trieb.
Und das ist wieder der unterscheidende Cha-
rakter, die spezifische Bestimmtheit der Ar-
beit in der modernen Gesellscliaft, daß jeder nur produ-
ziert, was er durchaus nicht braucht, d. h. daß jeder
Tauschwerte produziert, wie früher vorherrschend
Nutz werte.
Und begreifen Sie nicht, Herr Schulze, daß dies die
notwendige und immer mehr um sich greifende ,,Form
und Art der Arbeitsverrichtung" ist in einer Gesellschaft,
in welcher sich die Teilung der Arbeit so weit
entwickelt hat, v.'ie in der modernen Gesellschaft ?
Aber wenn Sie das nicht begreifen, Sie kleiner Patri-
moniairichter, wenn Sie sich die unorganische Arbeit immer
noch unter dem Bilde irgend eines Fleischers in Bitter-
feld oder Delitzsch vorsteilen, der vielleicht das fetteste
Schwein für sich selbst einschlachtet und nur, was ihm
davon nicht konveniert, seinen Kunden abgibt, so können
Sie ja auch keine einzige von allen den unsere
heutigen ökonomischen Zustände beherrschenden Tat-
sachen und Erscheinungen begreifen ! Denn alle entwickeln
Uxid leiten sich eben daraus ab, daß die Arbeit der
heutigen Geseilschaft eine ausschließlich Tausch-
werte produzierende, eine das, was man selbst
nicht gebraucht, produzierende Arbeit ist ! Und sie lassen
sich also nur begreifen, wenn diese unterschei-
dende Bestimmtheit der heutigen Arbeit auf das
s c h ä i K t e festgehalten wird !
Sie begreifen also nicht, daß diese ausschließlich
auf Tausch v/erte, auf die Produktion von Dingen,
lOi
die man selbst nicht gebraucht, gerichtete Arbeit die
Quelle des großen Reichtums ui.d zugleich der
großen Armut unserer heutig?.! Ges£;lkchait ist.
Sie begreifen nicht, daß sie den Weltmai kt ge-
schaffen hat und nur mit ii)r dis Produktion für
den Weitmarkt möglich ist.
Sie bsgreiien nicht, daß sie die Ursache der Über-
produktionen, der Krisen, der Handels- und
ArbeiUbtockungen ist.
Sie begreifen niJii, daß sie es ist, welche die Lage
des Arbeiter Standes so überaus traurig und u.igewiß macht
.und ihn den schiecküchsten Leiden aussetzt. Denn frei-
lich war z. B. die L?g3 des Spinners und Webers noch
gesiche.'ler in der Zeit, wo er — wie selbst in England
noch bis gegen das Ende des vorigen Jahrhundeits —
nebenbei noch ein Stück Acker bebaute, eine Kuh hielt
und so Dinge für den eigenen Bedarf produzieite.
Jemand, der sich die Hduplijahiüngsmlttel 'ü:' dei eigenen
Bedaif selbst produziert, kann nie so sJa:e!l uad tief ins
Elend gestoßen werden, wie jin?jnd, oer, wie unsere
Arbeiter, ohne die geringste Widerstandskraft eities Kapi-
tals fsglich mit Haut und Haar auf dem Weltmarkt liegt
und von jeder Zackung desselben abhängt! Sie begreifen
also ganz und gar die Ursache nicht, die überhaupt ans er
Proletaxiat geschaffen hat?
S.'e begreiien also auch nichi — und fieiüch begreifen
Sie das sogar am allerwenigsten; aber ich werde Sie
durch spätere Explikation noch zwingen, dies zu be-
greifen — daß nur bei dieser auischließlich auf
Tauschwerte gerichteten Produktion, also nur dann,
wenn die Arbeit die ,,Form und Art ihrer Verrichtung"
angenommen hat, daß jeder Dinge seines eigenen
Nichtgebrauches produziert — daß nur dann, sage
i02
Ich, Kapital im eigentlichen Sinne vorhanden
ist! —
Sie begreifen also vorläufig nichts, nichts, gar
nichts von allen unseren ökonomischen Zusländen !
Und gegen dieses Ihr Kleifikindergerede soll ich Öko-
nomie dozieren ?
Spätere Zelten, denen ja doch eigentlich alle meine
Mühen und Anstreiigungen gelten, werden mir gerade
das zum höchsien Vei dienst anrechnen, daß ich mich
sogar der Selbsterniediigung untei zog, die für mich
darin liegt, diss Ihr KindergeträtSwh erst noch zu kriti-
sieren !
Uua nun lese jeder selbsc na:h, wie Sie noch eine
ganze Seite hindurch (p. 15) das blshsr von Ihnen Ge-
sagte bi eiltreten, es immer von neuem wiedei käuen, ohne
das ge'lng-te h'nzuzüiügen. Und damli schließen Sie dann
diesen Abschiiili., welcher die sLo.'ze Üjeischrlii trug:
„F Ol m der Arbelt innerhalb der mensch-
lichen Gesellschaft!"
Hierauf folgt (p. 16) ein kurzer Abschnitt: ,,Die
Teilung dci Arbeit in verschiedene Ge-
schäftszweige im besonderen."
Statt a'^er d.e ,,Teikng der Arbcii: in verschiedene
Geschäftszweige im besonderen" darzu-
legen, stielt zu untersuchen und nachzuweisen, welche
Wiikung die Teilung des Arbeitsprozesses auf die Lage
der verschiedenen Arbeitsiaktoren im besonderen
habe, folgen auch hier nur wieder die ganz beka'.mtein,
jedes Kompendium, ja schon die Klnderschiiften füllen-
den Gemeinplätze über die durch die Teilung der Arbeit
gesteigerte Leistungsfähigkeit derselben, über
ihre durch di.seibe Teilung beförderte Verhütung der
Kapitälsvergeudung bei der Arbeit und über die
103
durch dieselbe ermöglichte Benutzung der Naturkräf te
und Schätze (?) der verschiedenen Zonen. Mit an-
deren Worten : während Sie durch Ihre Überschrift ver-
sprechen „die Teilung der Arbeit in verschiedene Ge-
schäftszweige im besonderen" zu behandeln, han-
deln Sie über die Teilung der Arbeit Imallgemeinen!
Sie verstehen nicht einmal den Sinn Ihrer eigenen Kapitel-
überschriften ! Überschrift und Inhalt passen aufeinander,
wie die Faust aufs Auge !
Und wenn ich sagte, daß Sie hierbei wieder nur Dinge,
die bereits längst zu Gemeinplätzen geworden sind, ab-
leiern, so habe ich noch viel zu wenig gesagt. Ich hätte
hinzufügen müssen, daß Sie sie noch verwässern und
verderben!
Adam Smith, welcher vor ungefähr 100 Jahren nach
dem Vorgang Fergusons ^) die Vorteile, welche die Tei-
^) Adam Ferguson, an essay on the history of civil soclety,
ed. Basel. Part IV. sect. I. Of the Separation of Ares and
Professions. — Ferguson ist dabei objektiver als Adam Smith,
indem er zugleich die nachteiligen Folgen der entwickelten
Teilung der Arbeit für die geistigen Fähigkeiten hervorhebt,
die übrigens Smith gleichfalls nicht unbekannt waren. Heute
sind sie, nachdem was Lemontey u. a. darüber gesagt und selbst
I. B. Say und die deutschen Kompendien zugestanden haben,
bekannt genug, und nur in der Verkürzung der Arbeitszeit und
einer ganz anderen Gestaltung des Unterrichts wird die Zu-
kunft ein wirksames Gegenmittel gegen den geistigen Ver-
fall haben, welchen die entwickelte Teilung der Arbeit hervor-
bringt. Hier soll daher nur der interessante Umstand konsta-
tiert werden, daß Herr Schulze, im Gegensatz zu aUem, was
anerkannt ist, dem durch die Teilung der Arbeit vollbrachten
Fortschritt in der Industrie die Wirkung zuschreibt: „daß das
Handwerk immer mehr Kopfwerk wird" (Katechism.
p. 38) ! ! Wenn, um bei dem Beispiel Smiths zu bleiben, ein
Arbeiter, der in früheren Zeiten ein Ganzes machte,' jetzt sein
iC4
lung QQY Arbeit für die Leistungsfähigkeit derselben zur
Folge hat, ausführlich nachgewiesen hat, gebrauchte dafür
das Beispiel der NadeP), d. h. er verfuhr dabei mit
einer dieses geistvollen Mannes würdigen konkreten Auf-
fassung der spezifischen Bestimmtheit, welche die
Arbeit in ihrer heutigen Form hat. Er zeigte, wie
innerhalb desselben Ateliers die Fabrikation
eines so kleinen Dinges wie eine Nadel ist, in achtzehn
verschiedene Arbeitszweige zerlegt ist, von
denen in der Regel jeder einzelne Arbeitszweig durch be-
sondere Arbeiter besorgt wird, so daß jeder nur den
achtzehnten Teil einer Nadel fabriziert.
Und er zeigt nun, wie gerade dadurch das Gesamtpro-
dukt ihrer vereinten Tätigkeit unendlich das Produkt der-
selben Anzahl von Arbeitern überwiegt, von denen jeder
eine ganze Nadel verfertigen würde. Er läßt also in
diesem Beispiel die heutige Arbeit in der spezifi-
schen, unterscheidenden Bestimmtheit erscheinen, die
sie heute wirklich hat. Er läßt sie nicht erscheinen
als einen Tausch von besonderen Produkten,
die besondere gegeneinander selbständige Arbeits-
Lebtag nichts als immer den achtzehnten Teil einer Nadel ver-
fertigt, so sieht Herr Schulze in dieser seine geistigen Fällig-
keiten notwendig degradierenden Beschäftigung einen Übergang
des Handwerks zum Kopf werk!! (Es würde kleinliche
Pedanterie sem, überall, wo Lassalle die Arbeiten seiner Vor-
gänger benutzt hat, dies durch Hinweise auf korrespondierende
Stellen bei ihnen zu vermeiken. Da wir aber das Thema
in der Voibämeikung zur Sprache gebracht, so sei hier bei-
läufig bemerkt, daß, was im Vorstehenden über die Stellung
von Ferguson und Adam Smith, Lemontey und I. B. Say zur
Arbeitsteilung angeführt wird, genau den Nachweisen über die
Literatur des Gegenstandes im ,, Elend der Philosophie" —
a.a.O. S. 125 und 126 - entspricht. D.H.)
1) Ad. Smith hb.I. zA (p. 13 ed. Garn.).
105
Unternehmer hervorgebracht haben; sondern er läßt
sie erscheinen als die Gesamtproduktion vieler zu
demselben Produkl; vereintan Aibe'ter, von denen
jeder nur eine ganz unselbständige abstrakte
Tfciltäti^keit verrichtet ufi'i also keineswegs ein
fertiges „Piodukl" zum „Tausch" jn Händen hat.
Dies Bei3pi2l Adam Smiths ist so gut gewähil, daß
es stereotyp geworden und in alle Kompendien überge-
gangen ist. Es wechselt da nur ab mit dem Beispiel der
Spielkartenfabrikation, von welchem dasselbe
gilt.
Ihnen aber, Herr Schulze, konveniert es nicht, die
heutige Arbeit in ihrer speziiiochen Besfimmlheil: hervor-
treten zu lassen 1 Es konveniert Ihnen nicht, durch ein
solches Beispiel den Arbeitern lier^orUeten zu lassen,
wie sie nur die uaselbständigen Räder einer großen Ge-
samtproduktion sind. Dies soll ihnen ia so viel als mög-
lich versteckt, es soll Av.ie} ja so V;el ah möglich erigs-
redst werden, daß ,,j e d e i " J:e ,,g e w o n n e n e n P y o -
dukte" „auc taus ch t'" ! (s. oben p. 94/93).
Sie weichen also diesmal von dev Kompendienweisheit
ab und verlegen I h <• Beispiel auf das Freihandels-
terrain. Sie lassan, um die durch die Teilung der
Arbeit geste'gerte Leistungsfähigkeit derselben zu zeigen,
Länder laiceinander tauschen. Sie wählen also
(p. 18) als ,,Bei spiel der wurder baren Wir-
kungen dieser Teilung der Arbeit" den — Rock!
Die Wolle zu demselben, sagen Sie, sei vielleicht in
Australien oder Südrußland hervorgebracht, in England
gesponnen, in Deutschland gewebt: die Seide zum Nähen
habe der Schneider aus SüJfrankreich, die Scheren wieder
anderswoher erhalten etc. etc. — und so ist denn glück-
lich die Teilung der Arbeit in lauter selbständige Ope-
106 .
rationen selbständiger Unternehmer und deren Austausch
aufgelöst, glück'ich alles vermieden, -vvas an die heutige
spezifische Bestimmtheit dei Ai-beit erinnert, die Sie offen-
bar beleidigt, alles vejmisden, was dem Arbeiter das
Bewußtsein über dieselbe g2bsn könnte!
Aber, He^r Schulz^! Die ,,wu nd er bar en Wir-
kungen der Teilung der Arbeit* im heutigen
Sinne wolkn S\z »ilen Leuten durch dieses Beispiel klar
machen? Diese ./fcÜung der Arbeii" — der Tausch
— hat bestanden, seitdem die Welt steht! Diese
Teilung der Arbeit haben schon die Phönizier ge-
übt, wenn sie Puipur von Tyrus nach Griechenland brach-
ten uüd Bsrnsiei'.i von der deuicclien Oslseeküste holten!
Und d a s soll den Lzuücn die heutige feilung der Arbeit
und ihre ,,vv u i) d e r b a i 2 n W i : k u i g e n" erk'ären ?
Statt den Leuten die Wiikur. gei der Teilung
derArbeiczd eikläien, erkläien Sie ihnen — entweder
weil Sie gar keine Ahnung haben von dem viel höheren und
bestimmteren Sinne, in welchem die Ökonomen dies Wort
nehmen, oder aber weil Sie aus den angedeuteten Gründen
diesen Sinn verstecken wollen — ganz einfach die Wir-
kungen des Tausches!
Tausch, Tausch, Tausch — das ist alles, was
Sie wissen. Mit diesem einsilbigen Wert — ist
der ganze Inhalt Ihrer ökonomischen Kennt-
nisse erschöpft. Für alle höheren und bestimm-
terenökonomischenFormen haben Sie evza nicht
den geringsten Sinn ! Alles, was Sie den Leuten erklären
wollen, alle vielhöherenundbestimmterenöko-
nomischen Erscheinungen verwandeln sich — ich
wene dies auch in der Folge noch nachweisen — unter
Ihren Händen Ihnen unbewußt immer wieder in den ein-
fachen „Tausch" !
107
O Sie Patrimonialrichter Sie!
Und Sie schließen diesen Phrasenbrei mit den sal-
bungsvollen Worten: ..Schon zahlen Kunst und Wissen-
schaft ihr (der Arbeit) die langversäumten Zinsen, und den
Arbeitern, die diesen notwendigen Entvs^icklungsgang klar
zu erfassen und für sich zu benutzen wissen, wird ihr volles
Teil an dem großen Erbe der Menschheit nicht vorent-
halten bleiben."
Bewdh.2 uns der Himmel ^n seiner Gnade vor den
..Z'iASin", welche Wissenschaft in Ihrem Sinne der
Menschheil bringen würde 1
108
Zweites Kapitel.
„II. DAS KAPITAL."
Da wir später den -wahrhaften Begriff des Kapitals ent-
wickeln werden, so wollen wir hier und in dem folgenden
Kapitel, indem v/ir jedoch in dieser kritischen Auflösung
zugleich die realen Grundlagen für unsere spätere
Entvv'icklung legen, zuvor zeigen, wie schief und sich
selbst widersprechend alle Ihre Defmitionen des ,,Kapi-
tal s" sind.
Freilich, um gerecht zu sein, ist das ein Vorwurf, der
durchaus nicht Sie und Bastiat allein, sondern die bis-
herige Ökonomie überhaupt trifft, die noch nirgends den
wahrhaften objektiven Begriff des Kapitals gegeben hat.
Freilich wurzelt alles Verkehrte, Schiefe und Falsche, das
Sie und Bastiat über das Kapital zutage fördern, in dem
gemeinsamen Grundirrtum der ganzen liberalen Öko-
nomie, und es ist daher die Bestimmung dieses und der
folgenden Kapitel, den der gesamten liberalen
Ökonomie gemeinsamen Kapitalbegriff auf-
zulösen und ihn in seine Wahrheit münden zu lassen. Frei-
lich aber übertreffen Sie .und das Original, dessen Doppel-
gänger Sie sind, auch in dieser Hinsicht alles dagewesene
noch weit und erheben sich stellenweise zu einem Bilde
unverwüstlichster unfreiwilliger Komik. —
Sie eröffnen also dies Kapitel mit der Unterabteilung :
109
„a) Begriff und Verwendung des Kapitals,
die produktive Konsumtion" und beginnen diese Begriffs-
feststellungen wie folgt : „Um eine gewerbliche Tätigkeit
überhaupt beginnen und fortsetzen zu können, bedarf man
unerläßlich dreierlei Dinge: a) Rohstoffe zur Ver-
arbeitung, b) Werkzeuge zur Arbeit, c) Subsistenz-
mittel während der Dauer ,der Arbeit, oder, was für
den, welcher andere Arbeiter beschäftigt, dasselbe ist,
einen Fonds zur Zahlung von Arbeitslöhnen.
— D i e s e als netwendige ,Voibedingung zu jadar Arbeits-
tätigkeit erforderlichen Gegenstände heißt «lan zusammen-
genommen Kapital."
Nun, Rohstoffe, Werkzeuge zur Arbeit und S u b s i -
stenzmiltfcl umfassen alle Arten von Produkten, und
hiernach ließe sich zunächst nicht absehen, warum Sie
nicht einfach in die reizende Definition ausbrechen: „Ka-
pital sind Piodukte?"
Aber S'e weiden einwenden, aus dem weiteren Verlauf
bei Ihnen eriielle „auf den Zweck, auf die Bestim-
mung komme es an," zu welcher diese Produkte dienen.
Gut, wenn das Ihre Ansicht ist, warum definieren Sie
dann iiicht e'nfach: „Kapital sind Produkte, die
fortzeugend zu weiterer Produktion ver-
wendet werden?"
Auch diese Definition wäre, wie Sie sich aus meinem
späteren Kapitel über die objektive Analyse des Kapitals
überzeu3en werden, noch sehr hinkend, noch sehr abstrakt
und darum noch s e h i- f a 1 s c h. Sie würde keineswegs
den Begriff des Kapital:» hervortreten lassen. Aoer es
wäre doch wenigstens eine klare, kurze, bestiminte, ge-
bildete Definition.
AHein auch zu dieser Definition können Sie sich nicht
erheben, sei es, weil Sie sich überhaupt nicht zu so g e -
110
bildet er Den':- und Sp»'acKweise eirporschvvingen kön-
nen, sei er-, w£'l Sie von Ani?iig an den-; Arbeicer immerk-
lich die — in jener Definilion nicni: liegende — Vorstel-
lung be.'briroen -wollen, alles Kapital müsse Privat-
kapital sein, und weil Sie sowohl dies als die Ver-
bergiTng Ihicr oeständigen Widersprüche weit leichter in
einem h-.i^en W'ächiwascni erreichen können, als in einer
kurzen, szharien, bestimmten Definition.
Sie lahren also nach den zulefzt angeführten Worten
und nachdem Sie noch bemerkt, eine Geldsüm. me sei
eigentlich niemals KRpüal, unmittelbar fort : „Hiernach
bi'det das K? pitai aenjenigen Teil des Vermögens eines
Menschen, der nicht sofort verzeh-.t — — "
Ich bitte un EiilschuldigLing. aber ich muß schon liier
unterbrechen. Herr Schu'-e! S iiJ die Woite ..i^es Ver-
mÖr^ens eines Menschen' w.'ttfl'Th nur Felge ge-
wöhriHcher, ur»g?b:ld2ie:" Rec'ewei:c, die sich zur AM.ge-
meir.heit dcs De'''ni2'en3 nichi; efhcben ka>?n, oder lassen
Sie sie eben absichtlich einri'jßcn. um sofoi i unmei'k-
licn dem Aiccj'^r die VciEteliu'^g einzuflößen, alles Ka-
pital müsse schlechliiin im P i i v a 1: b e s ' ^ z sein ? Denn
das \vi:3en Sie doch, inid mü- -F.n Sie j? als Knmmermit-
g!ied wissen, daß es auch öffenil'c.-e Kapiiaii?n
gibt, die nicht ,,den Vevmcgenstr^il eine > Meii seilen"
bilden, sondern der ganzen Nation als so-cner
g^-hörer. Warum definieren Sie aho '^ichl Üeosr das Ka-'
piial als ,, denjenigen Vermögensteil etc." uad lassen den
„einen Menschen ', der gar nichts mit dieser Definition
zu tun hat, ruhig fort ?
Aber nehmen wir Ihre Definition wieder auf: „Hier-
nach bildet — sagen Sie also — das Kapital denjenigen
Teil des Veimögens eines Menschei?, der nicht sofort ver-
zehrt, nicht zur Befriedigung augenblicklicher persönlicher
111
Bedürfnisse ver'>venclet, sondern entweder zum dauernden
Nutzen und Gebraucli für die Zukunft angesammelt und
verwendet, oder bei einer künftigen Arbeit, bei Beginn oder
Fortsetzung eines Geschäftes, gleichviel ob eines eigenen
oder fremden, angelegt wird. Auf den Zweck, auf die
Bestimmung also kom.mt es an, welche man den ver-
schiedenen Teilen seines Vermögens, seines Einkommens
gibt, um zu entscheiden, was davon als Kapital anzu-
sehen ist, und nur das vom augenblicklichen Bedarf Er-
übrigte hat auf den Namen Anspruch."
Bei dem Brei Ihres Geredes ist es leicht möglich, daß
auch mancher gebildete Mensch darüber fortliest, ohne
entfernt sich des ganzen Unsinns desselben bewußt zu
werden. Der Brei legt sich eben — und das ist eine der
nachteiligsten, den Volksgeist wahrhaft vergiftenden Fol-
gen desselben — momentan einschläfernd und abstump-
fend auch um des Lesers eigene Gedankenschärfe.
Wer aber s o scharf und selbständig denkt, daß er selbst
Ihrem Brei gegenüber diese Schärfe zu bewahren weiß,
muß Ihnen wirkliche Bewunderung zollen über den logi-
schen Unsinn, den Sie in so v/enigen Zeilen zu konzen-
trieren wissen!
Ich will Ihnen denselben nur in dreifacher Beziehung
klar machen :
1. Das Kapital ist also nach Ihnen ,, derjenige
Teil des Vermögens, der nicht sofort verzehrt, zur
Befriedigung augenblicklicher, persönlicher Bedürfnisse
verwendet vv^ird." Auf den ,,Zweck, auf die Be-
stimmung kommt es an, welche man den verschiede-
nen Teilen seines Vermögens, seines Einkom-
mens gibt, um zu entscheiden, v.'as davon als K a p i t a 1
anzusehen ist, nur das vom augenblicklichen Bedarf
Erübrigte" habe auf den Namen Kapital Anspruch.
112
Das heißt : Sie erklären das Kapital aus dem Ein-
kommen und als einen Teil desselben. Vielmehr ist es
aber das ,,K a p i t a 1", welches ,,E i n k o m m e n" abwirft ;
es entspringt also das Einkommen aus dem Ka-
pital (und zwar sowohl dem Begriffe nach, als hi-
storisch). Erst also muß der Begriff des Kapitals
gegeben sein und dann aus ihm das „Einkommen" ab-
geleitet werden. Sie erklären umgekehrt das „Ka-
pital" aus dem „Einkommen!"
Aber später versuchen Sie ja selbst im Abschnitt:
„d) Kredit und Kapitalrente" (p. 29) Zins und
Rente, das ,,Einkomme n", aus der produkti-
ven Kraft des Kapitals zu erklären !
Macht alles nichts ! Alles wie es gerade für das Be-
dürfnis jeder Seite Ihres Katechismus nötig ist ! Wird
dort das Einkommen aus dem Kapital, so wird hier das
Kapital aus dem Einkommen abgeleitet ! Da das Kapital
Einkommen abwirft, so sagt, wer ,,Einkommen" sagt,
zugleich auch Kapitalein k o m. men. Sie erklären also,
wenn man Ihre Definition begriffsmäßig zusammenfaßt,
das , .Kapital" als einen bestimmten ,,Teil des Ka-
pitaleinkommens!!!"
Großer Schulze !
Was diese chaotische Verwirrung in Ihrem patrimo-
nialrichterhchen Haupte angerichtet hat, läßt sich nun
ohne zu großen Scharfsinn erraten. Sie haben gewiß ein-
mal in Delitzsch gesehen, wie jemand, der 1000 Taler
Einkommen hatte, aus demselben 500 Taler erspart und
als Kapital angelegt hat. Und flugs glaubten Sie nun,
wie sich später zeigen wird, dies wäre der Prozeß, durch
welchen sowohl historisch die Kapitalbildung ent-
standen sei, als auch durch welchen sich die heutige
europäischeKapitalbildung vollziehe ! Wäre nun
8 Lassalls. G«. Sckriften, Band V. 113
aber auch beides ebenso richtig, wie es falsch
ist und nur in einer kindlichen, lächerlichen Vorstellung
beruht — sehen Sie denn nicht, Herr Schulze, daß dieser
Prozeß der Kapitalbildung noch gar nichts mit der Sie
hier beschäftigenden Aufgabe zu tun hat ? Denn :
2. Sie wollen und sollen uns hier den Begriff des
Kapitals angeben, Sie wollen und sollen uns sagen,
was Kapital ist — und Sie schildern uns statt dessen
in jenen Worten : wie angeblich das Kapital ent-
steht!
Hat Ihre ..Bildung" denn gar keine Ahnung davon,
wie völlig getrennt und verschieden diese beiden Fragen
voneinander sind ? Wenn ich Sie frage : was ein Mensch
ist. und Sie mir nun den Prozeß beschreiben, durch wel-
chen ein Mensch entsteht — ist denn das dann eine
Antwort auf meine Frage?!
Sie selbst wollen ja hier noch gar nicht von der Ent-
stehung des Kapitals handeln. Erst später, am Ende der
Seite 24 machen Sie einen besonderen Abschnitt, den Sie
überschreiben: ,.b) Entstehung des Kapitals."
Also erst dort wird und soll es sich um die Entstehung
handeln. Hier sollen wir nach Ihrer Überschrift den
..Begriff" des Kapitals von Ihnen erfahren, und diesen
geben Sie uns dadurch an, daß Sie sagen. Kapital sei
derjenige ..Teil" des Vermögens, des ..Einkommens ',
der ,, nicht sofort verzehrt" vom ,, augenblicklichen Be-
darf erübrigt", zum ..dauernden Nutzen und Gebrauch
für die Zukunft angesammelt" wird, d. h. dadurch,
daß Sie uns Ihre Ansicht von der Entstehung des
Kapitals explizieren ! !
Wo bleibt die Scham. Herr Schulze ? Fühlen Sie
nicht, Sie unklai er Mann, daß wer vor dem Vo 1 k e , vor
114
den A r b e i t e r n als Vo 1 k s 1 e h r e r auftreten will, min-
destens die dürftigste Logik sich zu eigen gemacht haben
muß? Ich sage die dürftigste Logik, weil Ihnen
auch die'se fehlt! In der Tat aber bedarf ein solcher
die h ö c h s t e Logik, die vollendetste Gedankenklar-
heit und Bewältigung seines Stoffes, die den-
selben zur reinsten Durchsichtigkeit zu gestalten, ihn als
ein sich spielend aus sich selbst entwickelndes Gewebe
von Erkenntnis darzustellen vermag.
Um den Arbeitern Vorträge zu halten, ist —
staunen Sie über diese Behauptung so viel Sie wollen —
ein viel höherer Grad von ,,Bildung" erforderlich,
als für Vorträge im Hörsaal von Studenten hinreichen
würde!
Und statt dessen diese totale Unkenntnis des Stoffes,
diese unerhörte salbadernde Gedankenlosigkeit, diese
Weichselzöpfe von Widersprüchen mit sich und der Wirk-
lichkeit, diese beispiellose Unfähigkeit, auch nur die Fra-
gen festzuhalten, diese breiartige Verschwommenheit jeder
bestimmten Auffassung, so daß einem die Worte wie
Wasser zwischen den Fingern durchrinnen, und selbst
der Leser, der mit Sinn und Kenntnis an diese
Lektüre tritt, die größte Anstrengung und Mühe hat, sie
festzuhalten — alles dies, was wir nun schon so oft nach-
gewiesen haben und fortlaufend in noch höherem Grade
nachweisen werden, kann nur zu einer Ve rderbung und
Ve r f i 1 z u n g des gesunden Volks verstand es ohnegleichen
führen.
Sehen Sie denn also nidht, daß
3, das von Ihnen angegebene Merkzeichen, das Ka-
pital sei das, was ..niclit sofort verzehrt, nicht zur Be-
friedigung augenblicklicher persönlicher Bedürfnisse
verwendet", sondern zu „dauerndem Nutzen und
«• 115
Gebrauch für die Zukunft angesammelt wird", auch
noch außerdem falsch ist ?
Das kann Ihnen schon die gang und gäbe Unterschei-
dung der Ökonomen von capital fixe und capital circu-
lant, festem und umlaufendem Kapital zeigen. Das
umlaufende Kapital besteht zum größeren Teil
aus solchen Dingen, die wie Lebensmittel, Arbeitslohn
etc. zu „sofortiger Verzehrung", zur ,, Befriedigung
augenblicklicher persönlicher Bedürfnisse
verwendet" werden.
Und soviel wissen Sie ja auch noch selbst und erman-
geln daher nicht, sich sofort mit sich selbst in den nötigen
Widerspruch zu versetzen. Denn noch auf derselben
Seite schreiben Sie: , »Ferner die Vorräte eines Kram-
ladens. Für den Kaufmann sind sie Kapital, weil
er aus ihrem Umsatz die Mittel zur Fortstellung seines
Geschäftes zieht. In den Händen des Kunden aber, der
einige Lot Kaffee oder Gewürz, ein Pfund Reis oder
Zucker von ihm zum augenbiickhchen Bedarf entnimmt,
können sie nur als Konsumartikel angesehen
werden."
Sind nun diese Dinge Kapital oder nicht? Sind
sie es nicht, so ist falsch, was Sie uns p. 21 sagten,
daß „Subsis tenzmittel" oder der ,, Fonds zur Zah-
lung von Arbeitslöhnen" Kapital sei, so wie alles, was
Sie hierüber noch abhaspeln werden. Sind sie es aber,
so ist falsch, daß nur das, was ,, nicht zur Befriedigung
augenblicklicher persönlicher Bedürfnisse verwendet
wird", Kapital sei. Also noch einmal, sind sie Kapital
oder nicht? Eine reinliche Antwort bitte ich mir aus!^)
^) Verleitet durch die allerdings unerlaubt verschwommene
Ausdrucksweise Schulzes sucht Lassalle hier einen iWider-
116
Ja, aus Ihrem Buche wird das kein Mensch je er-
fahren !
Und wenn man Sie zur Beantwortung dieser Frage auf
die Folter legte, Sie würden immer nur stammelnd 2U
wiederholen wissen : Für den einen sind sie es . . . für den
andern sind sie es nicht !
Und hier kann ich freilich auch noch nicht diese Frage
dem Leser beantworten. Denn um des Dickichts von
Widersprüchen Herr zu werden, in das Sie sich verirren,
muß man überhaupt einen ganz anderen Weg einschlagen.
Dieses Kapitel aber hat bis jetzt nur noch die Bestim-
mung, Ihren Weg zu beleuchten und die Widersprüche
aufzuzeigen, die ihr Spiel mit Ihnen treiben. Zur unge-
fähren Orientierung Ihrer daher nur eine Frage : Schreiben
Sie, wie Sie in dem „Vorwort" zu Ihrem Katechismus
selbst behaupten, einen ,,volks wirtschaftlichen Kursus"
oder einen ..privat wirtschaftlichen", treiben Sie Na-
tional Ökonomie, Vo 1 k s Wirtschaft, oder Privat ökono-
spruch, der nun doch seinem Gegner femgelegen hat. Wenn
dieser als Kapital „denjenigen Vermögensteil" bezeichnet, „der
nicht zur Befriedung augenblicklicher persönlicher Bedürfnisse
verwendet wird", so geht aus dem Zusarrmienhang klar hervor,
daß er dabei die nächsten persönlichen Bedürfnisse des Be-
sitzers im Auge hat. Ebenso ergibt der Zusammenhang, daß
in dem weiter oben zitierten Satz Schulzes „auf den Zweck...
kommt es an, welche man den verschiedenen Teilen seines Ver-
mögens, seines Einkommens gibt" — Einkommen nicht, wie
Lassalles Polemik sub 1 unterstellt, als erklärender Ausdruck
für Vermögen, gesetzt ist, sondern als eine neben diesem in
Betracht kommende Kapitalspotenz. Wir erwähnen dies, weil
die Einwände Lassalles sonst leicht zu Mißverständnissen An-
laß geben könnten. Für gewöhnlich liegen jedoch, wie schon
früher erwähnt, solche mehr formellen Richtigstellungen nicht
in unserer Aufgabe. D. H.
117
mie, Privatwirtschaft, Herr Schulze? Und welches
Ve r h ä 1 1 n i s haben diese beiden Gebiete zu ein-
ander"?
Diese Fragen haben Sie sich, wie jede Zeile Ihres
Katechismus zeigt, und mit Ihnen so manche andere Öko-
nomen, niemals auch nur vorgelegt. Sie sind sich
niemals weder des Unterschiedes noch der Iden-
tität beider Gebiete miteinander be\\Tißt geworden, ahnen
überhaupt gar nichts von einem solchen Unterschiede,
treiben daher das eine Mal Nationalökonomie, während
Sie Privatökonomie, und wieder Privatökonomie, während
Sie Nationalökonomie zu treiben glauben.
Wie wenig aber jenes stammelnde ,,für den einen ist
es Kapital . . . für den anderen nicht" ,,auf den Zweck
. . . auf die Bestimmung kommt es an" nach Ihnen
selbst eine haltbare Antwort ist, mögen die anderen
lustigen Widersprüche zeigen, die überall unter Ihren
Tritten, wie Rosen unter den Schritten einer Fee her-
vorschießen.
Auf p. 35 geben Sie nämlich wieder eine anders ge-
wendete Definition vom Kapital. Sie sagen daselbst: ,,In
der Tat ist alles Kapital seinem letzten Zweck nach
nichts weiter als Lohnfonds, und jede Kapitalan-
lage läuft schließlich unfehlbar auf Zahlung vonAr-
beitslöhnen hinaus."
Und um dies klar zu machen, führen Sie nun aus, wie
sich alle Kapitalanlagen, auch die Anschaffung von Werk-
zeugen und Rohstoffen, auflösen in Zahlung der Arbeits-
löhne derer, welche diese Dinge verfertigt haben, und
fahren hierbei fort (p. 36) :
„Ja sogar im letztmöglichen Falle, wenn je-
mand sein Vermögen nicht in einem produktiven Unter-
nehmen anlegt, sondern rein verzehrt, vielleicht zum Stu-
118
dieren oder Erlernen irgend eines Kunstzweiges verwen-
det, oder auch es im reinen Luxus vergeudet, selbst in
diesem Falle ändert sich das Schlußergebnis nicht, selbst
in diesem Falle zahlt er am Ende nichts weiter als Ar-
beitslöhne. Das Honorar der Lehrer, der Preis der Bü-
cher, die Verwendung für Wohnung, Kleidung, Nahrung,
was sind sie anderes als Löhne für die Arbeiten der bei
diesen Leistungen irgendwie beteiligten Personen ? Und
wenn ich mir eine schöne Villa baue, Delikatessen der
teuersten Art, feine Weine, kostbare Bildwerke und Ge-
räte anschaffe, in welche andere Hände gelangt das Geld,
als in die Hände derer, welche zur Herstellung aller
dieser Gegenstände mittelbar oder unmittelbar Arbeiten
verrichtet haben? — Kurz, wie wir schon andeuteten:
„Jede irgend denkbare Verwendung von Vermögen,
die produktive Kapitalanlage so gut, wie die bloß un-
produktive Konsumtion, die reine Verzehrung,
hat stets den Zweck, menschliche Arbeitserzeugnisse und
Leistungen sich zur Verfügung zu stellen, und läuft
schließKch unfehlbar auf Zahlung von Arbeitslöhnen hin-
aus."
Wenn dies wahr ist, wenn alle, auch die unproduktivste
Konsumtion auf ,,ZahlungvonArbeitslöhnen hin-
ausläuft" und wenn hierin eben das Kapital besteht,
„Lohnfonds" zu sein, auf ,, Zahlung von Arbeits-
löhnen hinauszulaufen" — nun, so ist ja wieder
nicht wahr, daß es ,,auf den Zv/eck, auf die Be-
stimmung ankommt" (p. 22 bei Ihnen), nun so ist ja
wieder kein Unterschied zwischen produktiver und
unproduktiver Konsumtion, zwischen ,, sofort ver-
zehrt" und „aufgesammelt werden". Alles Hefe zuletzt
auf ,, Zahlung von Arbeitslöhnen" und also auf Kapi-
talbildung hinaus.
119
Großer Schulze! Der St. Veitstanz, den Ihre Wider-
sprüche mit Ihnen tanzen, ist grotesk für den auf der ge-
sicherten Warte ökonomischer Erkenntnis stehenden un-
beteiligten Zuschauer. Aber er muß nervenschmerz-
erregend für den Unglücklichen sein, der versuchen
sollte, aus Ihrem Buche selbst zu der Erkenntnis durch-
zubrechen, was doch Kapital sei !
Schnell noch ein anderes Pas-de-deux von Wider-
sprüchen.
Kapital ist also ,, der jenige Teil des Vermögens eines
Menschen, der nicht sofort verzehrt . . . sondern zum
dauernden Nutzen für die Zukunft angesammelt" wird,
oder, wie Sie sich p. 25 nochmals wiederholen, ,,der
zur Fürsorge für unsere künftige Existenz zurückgelegte
Teil" unseres Vermögens.
Was wir ,,zur Fürsorge für unsere künftige Existenz
zurücklegen", Herr Schulze, ist — Geld. Geld aber
kann gerade nach Ihnen , .eigentlich niemals Kapi-
tal sein", wie Sie uns schon p. 21 sagen und schon
p. 10 gesagt hatten; sondern man könne für Geld immer
nur Kapital bekommen, eintauschen. Merkwürdi-
ges Wesen, dieses Kapital ! Kapital ist immer nur ,,der
zurückgelegte Teil des Vermögens", der „nicht
sofort verwendet", sondern ,, angesammelt wird", und
doch ist wieder Kapital nie das, was wirklich an-
gesammelt wird, sondern immer nur das, was dafür
von denen, denen wir dies Geld borgen, sofort ver-
zehrt und verwendet, nicht angesammelt und zu-
rückgelegt wird (Subsistenzmittel, Arbeiterlöhne etc.).
Aber dabei ist wieder genau festzuhalten, daß Kapital
immer nur das ist, was angesammelt und zurück-
gelegt wird I ! !
Heiliger Nepom.uk ! Welch liebliches Bündel von
)?0
Widersprüclien ! Welch geheimnisvoll unbegreifliches
Wesen muß Ihnen und Bastiat — dem Sie hier, wie
überall in der Sache getreulich folgen, nur mit etwas ge-
ringerem Geschick, über die Blößen hiniruschlüpfen —
das Kapital sein, Herr Schulze! Ich begreife Ihre Ver-
ehrung für dasselbe! Der Mensch hat zu allen Zeiten
einen Zug gehabt, das zu verehren, was er nicht begreift !
Und wenn ich nun gar das Geld, das ich jährlich zu-
rücklege, gar nicht ausborge, sondern, wie noch vor kur-
zem unsere Bauern, in Töpfe tue, um mir einen Schatz
anzusammeln, ist das Kapital oder nicht?
I s t es Kapital, so ist Ihre Definition falsch, daß
Kapital ,, niemals in einer Geldsumme" bestehen kann ;
ist es aber nicht Kapital, so ist Ihre Definition falsch,
daß Kapital ,,der für unsere künftige Existenz zurück-
gelegte Teil unseres Vei-mögens" sei-^).
Ich schenke Ihnen ein Dutzend anderer Widersprüche
und fahre in Ihrer Betrachtung des Kapitalbegriffes fort
(p. 22): ,,Von diesem überall durchgreifenden
Gesichtspunkte aus ( ! ! nämlich von dem Gesichts-
punkte aus, daß nur dasjenige, was ,,zum dauernden
Nutzen und Gebrauch" für die Zukunft ,, angesammelt
und verwendet" werde, Kapital sei) wird man nicht bloß
wirklich greifbare Sachgüter, materielle kör-
^) „Bei den modernen Ökonomen, die auf die Illusion des
Monetarsystems herahgrinsen, verrät sich dieselbe Illusion, so-
bald sie höhere ökonomische Kategorien handhaben, z. B. das
Kapital. Sie bricht hervor in dem Geständnis naiver Vervvun-
derung, wenn bald als gesellschaftliches Verhältnis erscheint,
was sie eben plump als Ding festzuhalten meinten und dann
wieder als Ding sie neckt, was sie kaum als gesellschaftliches
Verhältnis fixiert hatten." Marx. Zur Kritik der politischen
Ökonomie, S. 11 und 12. D.H.
121
perliche Dinge dem Kapital beizuzählen haben.
Selbst Kenntnisse, Erfahrungen und Fertig-
keiten, Willenskraft und Unternehmungs-
geist und andere geistige und körperliche Vorzüge und
Anlagen, die jemand durch anhaltende Bemühung und
Übung gewonnen, oder in sich ausgebildet hat, und nun
für die Dauer in seinem Leben und Berufe nutzt, ge-
hören in gewissem Sinne hierher, schon weil sie nicht
im augenblicklichen Gebrauche aufgehen, sondern zur Be-
friedigung künftiger Bedürfnisse wesentlich mitmrken.
Ebenso eine große Entdeckung und Erfindung,
das Resultat langer mühszuner Forschungen und Versuche,
weil es weit in die Zukunft hinaus seine Wirkungen
erstreckt und, gehörig ausgebeutet, seinem Besitzer ein
Einkommen gewährt."
Mit welcher wahrhaft königlichen Freigebigkeit Sie
hier die Welt mit einer Masse neuer Kapitalien be-
schenken^), von denen die Ökonomie bisher nichts ge-
wußt hat ! Der Nationaldank von 45 000 Talern, den
Ihnen die Fabrikanten und Kaufleute en revanche dar-
gebracht haben, ist ein wahres Lumpengeld dagegen!
Es ist Ihnen die Achtung bekannt, welche der deutsche
Arbeiter vor Geist und Kenntnissen hegt. Flugs
müssen , .Kenntnisse und Erfahrungen" und
„geistige Vorzüge und Anlagen" den Kapitalien
beigezählt werden! Ein Professor, der aus seinen Kennt-
nissen ein anständiges Gehalt oder sonstiges jährliches Ein-
^) Mit neuen Kapitalien oder respektive mit solchen, die,
so oft sie jemand in die Ökonomie einzubürgern versuchte,
sofort wieder von der Wissenschaft hinausgeworfen wurden,
vgl. z. B. Hermann, Staatsw. Untersuchungen, München 1832,
p.50— 59: Quarterly Review. Bd. 44. S. 1— 52, Rau, Grund-
sätze etc. Bd. I. § 130a. u.a.
122
kommen bezieht, ist Ihnen nicht ein geistiger, qualifizierter
Arbeiter, der so und so qualifiziertes Arbeitseinliommen
genießt — Gott behüte, er ist ein — Kapitalist!
Schiller und Lessing etc. sind zwar trotz aller ihrer
,, Kenntnisse, geistigen Vorzügen und Anlagen" bei diesen
ihren ,, Kapitalien" lebendigen Leibes verhungert!
Macht aber alles nichts ! Sind doch Kapitalisten gewesen !
Waren wahrscheinlich nur zu geizig oder sonderbar, sich
für ihre Kapitalien etwas ,, einzutauschen" !
Und überdies, ist nicht so die Brücke gefunden, welche
uns alle, alle zu Kapitalisten macht und nur den
unwesentlichen Unterschied des geringeren oder größeren
KapitzJs zwischen uns bestehen läßt ? In der Tat, wenn
,,E r f ahru ngen und Fertigkeiten", wenn geistige
und , .körperliche Vorzüge und Anlagen, die jemand
durch anhaltende Bemühung und Übung gewonnen, oder
in sich ausgebildet hat und nun für die D a u e r in seinem
Leben und Berufe nutzt," Kapitalien sind, — wel-
cher Arbeiter hätte nicht „Erfahrungen und Fertigkeiten",
,, körperliche Vorzüge und Anlagen", die er ,, durch an-
haltende Bemühung und Übung gewonnen, oder in sich
ausgebildet hat", die er ,,für die Dauer in seinem Leben
und Berufe nutzt", die „nicht im augenblicklichen Ge-
brauche aufgehen", sondern ihm wirklich — im Arbeits-
lohn — ein dauerndes Einkommen gewähren? Also,
,,seid umschlungen, Millionen!" Das große Bruderband
ist endlich um uns geknüpft, wir sind alle Kapita«
listen, der eine etwas mehr, der andere etwas weniger !
Kapitaleinkommen und Arbeitslohn — es ist
alles egal ! Der Arbeitslohn wie die Dividenden
der Köln- Mindener Eisenbahnaktien — es ist alles Ka-
pitaleinkommen! Wie in der Nacht alle Katzen grau
sind, so verschwinden vor der Nacht Ihres Stumpfsinnes
123
alle ökonomischen Unterschiede und Bestimmtheiten, und
so ist aller Zwiespalt verschwunden, die soziale Frage
ist gelöst, und das Hosianna kann angestimmt werden!
Und das ist alles Ihr Verdienst, Sie großer Retter der
Gesellschaft !
Aber wenn auch nicht die Kenntnisse und Vorzüge auf
rein geistigem Gebiete, so werden doch wenigstens, wen-
den Sie ein, die „großen Entdeckungen und Erfindungen"
auf materiellem Gebiete, in der Technik etc. Kapita-
lien sein? Die einen so wenig wie die anderen, Herr
Schulze !
Eine „große Entdeckung und Erfindung" kann von
einem Kapitalisten sehr vorteilhaft ausgebeutet
werden, aber sie selbst ist — vielleicht erinnern Sie sich
z. B. des Schicksals Foultons, des großen Erfinders
der Dampfschiffahrt, der an seiner Erfindung zugrunde
ging, oder des Schicksals Hargreaves, des Erfinders
der Spinning- Jenny, der in bitterer Armut starb, oder
der langen Reihe von Männern, die Ihnen hier aufgezählt
werden könnten — ebensowenig ein , .Kapital", als eine
philosophische Idee Hegels oder das poetische Genie
Goethes.
Und wenn Sie etwas deshalb Kapital nennen,
,,weil es weit in die Zukunft hinaus seine Wirkungen er-
streckt und, gehörig ausgebeutet, seinem Besitzer ein Ein-
kommen gewährt," nun so wären ja auch die körperlichen
Reize eines Weibes — in der Tat zählen Sie ja auch aus-
drücklich ,, körperliche Vorzüge" unter den Kapitalien
auf — ein Kapital, da sie gleichfalls ,,weit in die
Zukunft hinaus ihre Wirkungen erstrecken und, gehörig
ausgebeutet," ihrer Besitzerin ein Einkommen gewähren,
und oft ein brillantes!
Kurz, großer Patrimonialrichter, Sie fassen das ,,Ka-
124
pital" genau in eben jener wissenschaftlichen, ökono-
mischen Scliärfe und Bestimmtheit auf, in welcher es
jemand auffassen würde, der Sie an sein Herz drückte
und, dem gewöhnlichen Sprachgebrauch folgend, dabei
ausriefe: Sie sind ein Kapitalkerl!
,,b) Entstehung des Kapitals!"
,, Fassen wir — so beginnen Sie diesen Abschnitt —
die Entstehung des Kapitals in das Auge, so haben wir
schon von dem Erübrigen und Aufsammeln des-
selben gesprochen und so den Weg angedeutet, auf wel-
chem es sich zunächst bildet. Kapital ist in allen
Fällen das unmittelbare Ergebnis eines Spa-
re ns ( ! !) (es ist schwierig, zu sagen, was man mehr
bewundern soll, Herr Schulze ! Ihren erstaunlichen Mut
oder Ihre unglaubliche Naivität!). ,,Es entsteht nur,
wenn jemand nicht seinen ganzen Arbeits-
ertrag, sein ganzes Einkommen zu unproduk-
tiven Ausgaben, zur Befriedigung seiner augenblicklichen
Bedürfnisse verwendet, sondern einen Teil davon zurück-
legt. Anders können Kapitalien überhaupt
nicht zustande kommen!!!"
Fast müßte man ein Buch schreiben, um alle die
Täuschungen und schiefen Wendungen klar zu legen,
welche es Ihnen gelingt in wenigen Zeilen zusammenzu-
drängen ! Zunächst nur die Frage : Kapital entsteht also,
„wenn jemand nicht seinen ganzen Arbeitsertrag,
sein ganzes Einkommen zu unproduktiven Aus-
gaben verwendet". Aber die Frage ist ja eben die: ob
denn bisher und heutigen Tages unter der Herrschaft des
Kapitals für irgend jemand ,,sein Arbeitsertrag"
und ,,sein Einkommen" miteinander zusammenfallen,
identisch sind? ob wirklich das „Einkommen", das
125
heute jemand bezieht, ,,sein Arbeitsertrag" oder viel-
leicht fremder Arbeitsertrag ist? Das ist ja eben der
Punkt, der bei allen heutigen Debatten über das Kapital
die Kontroverse bildet !
Mit einer Meisterhaftigkeit ohnegleichen schlichten Sie
spielend den ganzen Streit, indem Sie — Geschwindigkeit
ist keine Hexerei! — einfach die Worte ,,s einen gan-
zen Arbeitsertrag" und ,,sein ganzes Einkommen"
unbefangen miteinander gleichsetzen, als Apposition ein-
ander hinzufügen! So ist denn vorausgesetzt, was
zu erweisen war, und durch Vo raussetzung des
zu Erweisenden erwiesen, was zu erweisen
war, und aller Streit hat nun ein Ende!
Sie begreifen, Herr Schulze, daß sich das Haupt-
interesse eben auf diese Frage zusammendrängt. So
lange wir beide existieren, habe ich immer die, wie Sie
sich pag. 29 ausdrücken, ,,Mühe und Entsagung
über mich genommen", Ihren Arbeitsertrag zu
,,sparen", ihn nicht zu verzehren, ihn sich ,, ansam-
meln" zu lassen. Und wenn ich nun zu Ihnen schickte und
mir diesen Ihren Arbeitsertrag oder seine Zinsen auf
Grund dieses meines ,,Sparens" ausbäte?
Sie begreifen zugleich, Herr Schulze, wie ungeheuer
wesentlich dieser Punkt für Ihre Erklärung der ,, Ent-
stehung des Kapitals ist. Denn wenn Sie den Arbeitern
sagen müßten: Kapital entsteht ,,wenn jemand frem-
den Arbeitsertrag spart, ihn nicht für seine augenbHck-
lichen Bedürfnisse verwendet" — hoho, so würden diese
Leute ja gar imstande sein, nach Ihrer Definition
alle Kapitalien der Welt zu begehren, denn es ist in der
Tat gar nicht abzusehen, was diese Leute alles nicht
verzehrt und somit , .gespart" haben, noch weit mehr
als Sie und ich !
126
Das aber werde ich Ihnen in der Tat zum Teil noch
in diesem, zum Teil aber in meinem späteren Kapitel
über die objektive Analyse des Kapitals klärlich nach-
weisen, daß es fremder Arbeitsertrag ist, welchen die
Kapitalisten unter der Herrschaft des Kapitals , .an-
sparen." —
Hier aber noch eine andere Frage : Die Ökonomen er-
klären sämtlich das Kapital als akkumulierte, an-
gehäufte Arbeit (travail accumule, accumulated la-
bour). Ist dies auch keine umfassende Definition, welche
den Begriff des Kapitals heraustreten ließe, so ist
sie doch wenigstens äußerlich zutreffend. Es kann
kein Kapital existieren, das nicht , .aufgehäufte Ar-
beit" wäre. Warum verändern Sie diese allgemein üb-
liche Erklärung dahinein, daß es ,.das Ergebnis eines
Sparens sei, welches entsteht, wenn jemand nicht
seinen ganzen Arbeitsertrag, sein ganzes
Einkommen zu unproduktiven Ausgaben verwendet ?" ^)
Freilich scheint das vielleicht zunächst eine ganz unbe-
fangene Umschreibung, eine bloße harmlose Verände-
rung der Ausdrucksweise zu sein. Wenn Kapital ,.auf-
gehäufte Arbeit" ist, sagen Sie sich, so kann ja diese
^) Immer treu nach Bastiat, welcher (Harm, econom. p. 216)
die Kapitalisten ihre Kapitalien .,par leurs privations" „durch
ihre Entbehrungen" erzeugen läßt. Aber freilich ist der Grund-
lage nach diese Illusion der gesamten liberalen Öko-
nomie eigentümlich und notwendig und daher auch
schon bei Adam Smith und seinen Nachfolgern zu treffen. Sie
tritt nur bei Bastiat und Herrn Schulze in viel betonterer und
eben darum auch viel groteskerer Weise heraus. (Und selbst
in diesem Punkte war Bastiat — Schulze-Delitzsch hat sich
wenigstens nie als selbständiger Ökonom aufgestellt — nur das
Echo der englischen Freihandelsökonomen, die schon in den
dreißiger Jahren die .Abstinen/theorie" erfanden. D. H.)
127
Arbeit, um „aufgehäuft" zu sein, nicht verzehrt wor-
den sein, und folglich ist sie das Produkt eines Sparens,
eines Zurücklegens aus dem Einkommen. Und gleich-
wohl haben Sie durch diese scheinbar identische Um-
schreibung die wesentlichste Ve rdummung und Ve r -
d e r b u n g jener Definition — und zwar in der mehrfach-
sten Hinsicht — glücklich zustande gebracht, und über-
dies eine durch und durch tendenziöse Verderbung.
Geben Sie acht, ich will Ihnen das nachweisen, Herr
Schulze !
1. Die. Definition ,, Kapital ist aufgehäufte Arbeit" ist
ein ganz objektiver und eben deshalb äußerlich richtig
zutreffender Ausdruck. Es ist in ihr mit keinem Worte
ausgesprochen, daß diese ,, auf gehäufte Arbeit" auch die
Arbeit dessen sei, dem die Aufhäufung ge-
hört^). Es könnte ja z. B. in einem Lande mit ^laven
^) Freilich ist dies auch bei Adam Smith wie bei der
ganzen liberalen Ökonomie die unbefangene Voraus-
setzung, und diese naive Voraussetzung Ist es eben, durch
welche sich die liberale Ökonomie charakterisiert. Allein
es bleibt bei ihr früher eben naive, unbefangene, zugrunde lie-
gende Voraussetzung. Smith und Ricardo bekümmerten sich um
den Sozialismus noch nicht. Aber bei den Herren Bastlat und
Schulze tritt jetzt jene stille Voraussetzung In polemischer
Form hervor! Wenn bei den großen Gründern der Bourgeois-
ökonomie jener Punkt ununtersucht geblieben imd dem sinnlichen
Augenschein folgend als selbstredend vorausgesetzt wurde, so
wird jetzt bei den Epigonen — wie dies übrigens der gesetz-
mäßige Verlauf In allen Wissenschaften Ist — jenes Ge-
brechen zur Hauptsache gemacht und aller Akzent
darauf konzentriert! Diese Bemerkung enthält In Kürze die
wesentliche Geschichte der liberalen Ökonomie seit Ricardo.
(,,Je näher die Ökonomen der Gegenwart kommen, desto welter
entfernen sie sich von der Ehrlichkeit. Mit jedem Fortschritt
steigert sich notwendig die Sophisterei, um die Ökonomie auf
128
produziert worden sein, so daß nun vermöge der posi-
tiven Rechtseinrichtung die aufgehäufte Arbeit zwar dem
Kapitalisten gehört, die Arbeit selbst aber von den
Sklaven produziert worden ist. Jene in der Regel übliche
Definition der Ökonomen läßt es also dahingestellt, ob
die Aufhäufung und die Arbeit auch in derselben
Person zusammenfallen.
Sie aber gewinnen bei Ihrer Umschreibung, nach wel-
cher Sie das Kapital für ,,das Ergebnis eines Sparens"
ausgeben, durch welches , .jemand nicht seinen gan-
zen Arbeitsertrag, sein ganzes Einkommen
aufzehrt," sofort das wesentlichste, worauf Ihnen
alles ankommt, nämlich eben die Arbeiter unmerkHch und
durch Ihre Definition selbst mit der Voraussetzung zu
erfüllen, daß es der eigene Arbeitsertrag sei, wel-
cher vom Kapitalisten aufgehäuft werde, daß der ,,Spa-
rer" nur das Seinige, einen Teil ,,seines Arbeits-
ertrages, seines Einkommens" zurücklege, daß ihm nicht
nur das Kapital selbst, sondern besonders auch alles,
was daraus folgt, nicht bloß positiv rechtlich — nach
den einmal bestehenden Gesetzen — gehöre, sondern
auch ökonomisch gebühre.
O Sie Hauptpfiffikus, der Sie sind ! Aber bekanntlich
steht niemand dümmer da, als ein Pfiffikus, dem man auf
die Sprünge gekommen, als ein entlarvter Taschenspieler !
2. Dabei passiert Ihnen unvermeidlich notwendig der
logische Unsinn, auf den ich Sie schon oben hinreichend
der Höhe der Zeit zu erhalten. Darum ist z. B, Ricardo schul-
diger als Adam Smith und Mac Culloch und Mill schuldiger
als Ricardo." Fr. Engels, Umrisse zu einer Kritik der National-
ökonomie, Deutsch-französische Jahrbücher, S. 89. Vgl. auch
die Skizze der ökonomischen Schulen im Elend der Philosophie
a.a.O. S. 118 -120. D.H.)
9 Lassalle, Ges. Schrift«. Band V. 129
hingestoßen habe (s. p. 112/113ff. dieser Ausgabe), daß,
indem Sie das Kapital als das Sparen eines Teiles des
Einkommens erklären, ,,E inkomme n" aber aus dem
Kapitale hervorgeht, Sie dasselbe aus etwas ableiten, was
sich vielmehr aus ihm ableitet, Sie das Kapital als
einen ,,Teil des Kapitaleinkommens", oder mit
anderen Worten: das Kapital als einen Teil seiner
selbst erklären ! Die übliche Erklärung der Ökonomen,
,, Kapital ist aufgehäufte Arbeit", enthält den Worten
nach von diesem Blödsinn nichts, wenn er auch not-
wendig überall auf dem Grunde der Seele der hberalen
Ökonomen ruht. Sie spricht nicht vom ,, Einkommen"
und weist lediglich und richtig auf den Produktions-
prozeß, als die Quelle der Kapitalbildung, hin. Aber
was kommt es Ihnen auf einen Blödsinn mehr oder weni-
ger an?
3. Dabei passiert Ihnen zum dritten, daß Sie auf ein-
mal einen ganz neuen Faktor der Dinge entdecken,
wodurch Sie sich sogar in den direktesten Wider-
spruch mit sich selbst versetzen. Seit Adam Smith
hat die Erkenntnis die Reise um die Welt gemacht, daß
die Arbeit die Quelle aller Werte sei. Das wiederholen
auch S i e in Ihrem Buche häufig genug — den Wo r -
ten nach; der Sache nach vermögen Sie es nie fest-
zuhalten. Statt wie in jener Definition der Ökonomen,
, .Kapital ist aufgehäufte Arbeit," die positive Ar-
beit, die Produktion, als den Faktor der Kapital-
bildung hinzustellen, gewinnen Sie auf einmal einen neuen,
rein negativen Faktor als Quelle derselben, das
, .Sparen", das bloße Nichtverzehren einer
Sache! Dieser Widerspruch ist so brennend, daß Sie ihn
diesmal ausnahmsweise selbst fühlen und unter diesem
quälenden Gefühle unmittelbar auf Ihre zuletzt angeführten
130
Worte fortfahren, wie folgt: „Indessen reicht das Spa-
ren, das Nichtverzehren einer Sache für sich
allein nicht hin, Kapital zu schaffen. Vielmehr muß
demselben eine lohnbringende ( !) Tätigkeit, eine pro-
duktive Arbeit notwendig vorhergehen, wie sich von selbst
versteht, weil ohnedem die Gegenstände, an welchen ge-
spart werden kann, fehlen würden. Die Sachgüter und
Werte müssen erst geschaffen werden, welche man auf-
sammeln, von denen man et\vas erübrigen will, das Ein-
kommen muß erst verdient werden, ehe man davon
etwas zurücklegen kann. Hierzu gibt es aber nur ein
Mittel: die Arbeit. Sie allein stellt den Menschen
alle nützlichen und notwendigen Dinge in der Welt zur
Verfügung ; sie allein schafft alle We r t e , und
so kommen wir wieder auf die Arbeit selbst zurück,
als Urquell alles Vermögens, sowohl der Genußmittel,
der zum augenblicklichen Konsum bestimmten Gegen-
stände, wie des zu weitergehenden Zwecken des Er-
werbes, zur Fürsorge für unsere künftige Existenz zu-
rückgelegten Teiles, den wir eben als Kapital
bezeichnen."
Welchen Hohn, welchen Hohn Sie mit armen Arbeitern
^treiben, Herr Schulze, und haben Sie denn gar kein
Gewissen ? Sie stellen in diesen schillernden, täuschenden,
künstlich aneinandergewebten Worten — ,,lohnbrin-
g e n d e Tätigkeit muß erst vorhergehen, das Ein-
kommen muß erst verdient werden, ehe man davon
etwas zurücklegen kann. Hierzu gibt es nur e i n
Mittel: die Arbeit etc.", — dem Arbeiter die euro-
päischen Kapitalien ganz einfach so dar, als wären sie
von ursprünglichen Lohnarbeitern aus zu-
rückgelegtenArbeitslöhnen erübrigt wor-
den! ! !
9- 131
Aber nicht hierüber will ich hier sprechen, sondern über
jenen Widerspruch, das eine Mal die positive Arbeit,
das andere Mal das negative Nichtverzehren
einer Sache als Quelle der Kapitalbildung zu setzen.
Ist denn nun dieser Widerspruch dadurch beseitigt
worden, daß Sie die Kühnheit haben, ihn sich selbst u n -
mittelbar gegenüber zu setzen? Durchaus nicht !
Die angeführten Sätze sind vielmehr nur ein fortgesetztes
Wimmern und Heulen von Widersprüchen, ein Geheul
wie von hundert geprügelten Hunden! Zuerst war ,,das
Sparen", das bloße Nichtverzehren einer Sache, der
alleinige Quell der Kapitalbildung. Dann aber reicht das
Sparen, das Nichtverzehren einer Sache, für sich al-
lein, nicht hin, Kapital zu schaffen." Es scheint
also hier, daß wir gar zwei Faktoren der Kapilalbil-
dung bekommen werden, das Sparen und die Arbeit.
Dann aber heißt es wieder von dieser: ,,Sie allein
stellt den Menschen alle Dinge zur Verfügung, sie al-
lein schafft alle Werte," und so scheint es wieder, daß
jetzt die Arbeit allein wieder der Faktor der Kapi-
talbildung werden soll. Und dann heißt es wieder, der
,,zur Fürsorge für unsere künftige Existenz zurück-
gelegte Teil" sei es, ,,den v\^ir ;als Kapital be-
zeichnen." Es wird also schließlich wieder dahinein zu-
rückfallen: das Zurücklegen, das Sparen sei es,
Vv'elches die alleinige Quelle der Kapitalbildung sei.
Mag die Arbeit — das ist wohl die diesem Wischiwaschi
dunkel zugrunde liegende Vorstellung — die Dinge
als einzelne produzieren, zum Kapital werden sie
doch nur durch ihre Ansammlung, also durch ihre Nicht-
verzehrung, und so ist die Nicht verzehrung,
das Sparen die alleinige Quelle der K a p i t a 1 b i 1 -
düng. Und dabei bleibt es dann definitiv, und p. 29
132
erscheint der Kapitalist als derjenige, welcher „die
Mühe und Entsagung über sich genommen
hat, welche die Ansammlung eines Kapitals unleugbar
kostet."
Sehen Sie denn nicht, daß es, selbst abgesehen
von aller Historie, schon in sich selbst Unsinn ist, ein rein
Negatives ^vie das Sparen, das Nicht verzehren
einer Sache als Faktor der vollcswirtschaftlichen Kapital-
bildung zu setzen, und zwar natürlich ebenso unsinnig als
alleinigen Faktor, wie als einen vereint mit der
Arbeit wirkenden Faktor ? Nur eine kurze Bemerkung,
um Ihnen dies klar zu machen. Schauen Sie um sich, Herr
Schulze ! Welche Arbeitsprodukte können denn überhaupt
„verzehrt" und also nicht gespart werden? Getreide,
Fleisch, Wein und ähnliche KonsumtibiHen. Und diese
Dinge, welche verzehrt VNcrden können, müssen so-
gar meistens mehr oder weniger bald wieder von dei**
menschlichen Gesellschaft verzehrt werden, weil sie in
der Regel eine sehr lange Aufbewahrung, ein sehr langes
,, Gespartwerden" nicht vertragen, sondern dann nutzlos
zugrunde gehen. Nun werfen Sie aber einmal einen Blick
auf jene anderen Arbeitsprodukte, in welchen wirklich
der hauptsächliche Kapitalreichtum der heutigen
Gesellschaft besteht, also z. B. auf die Dampfma-
schinen und die Bodenameliorationen und die
Häuser oder auch bloß auf die durch die Arbeit ge-
wonnenen Rohmaterialien aller Art, dazu die Eisen-
stang e n , die Erz- und Kupferklumpen, die
Ziegel, die Steinblöcke etc. etc. Ließen sich
diese denn, einmal da, wieder ,, verzehren" und also
„nicht sparen?" Hier also verbot sich das Nicht -
gespartwerden von selbst, und das Verdienst, das Sie
den Kapitalisten daraus machen und wofür Sie sie bisher
133
und noch in der Folge so sehr bekränzen, diese Dampf-
maschinen, Bodenameliorationen, Ziegel, Steinblöcke,
Eisenstangen, Erz- und Kupferklunipen nicht aufgefressen
zu haben, scheint mir ziemlich mäßig. Freilich werden Sie
einwerfen: aber die Besitzer konnten doch alle diese
Dinge verkaufen und den Erlös verjubeln! Ange^
nommen, Herr Schulze — aber welche Folge hatte dies
für die gesellschaftliche Kapitalbildung?
Diese Kapitalien, diese Dampfmaschinen und diese Boden-
ameliorationen, diese Dachziegel und diese Erzklumpen
gehörten dann Peter statt Paul, was für die Gesell-
schaft, für die Nation und das Vorhandensein des
gesellschaftlichen Kapitals ganz gleichgültig ist^). Ich
^) In seinem durchaus begreiflichen und zugleich berechtigten
Bestreben, dem Schulzeschen Sparkassenevangelium entgegen-
zutreten, läßt Lassalle sich hier zu Behauptungen hinreißen, die
teils arg übertrieben, teils positiv unrichtig sind. Ersteres gilt
u. a. mit Bezug auf den Gegensatz, in dem er die Begriffe
„Sparen" und „Akkumulieren" nimmt, denn wenn sie sich
auch nicht durchgängig decken, so unterscheiden sie sich doch
nicht darin, daß das „Sparen", wie Lassalle hier substituiert
und weiterhin ausdrücklich sagt, im Gegensatz zum. Akkumu-
lieren etwas „rein Negatives" sei. Im Begriff des ersteren
prägt sich nur die negative Seite eines oft sehr positiven Vor-
ganges aus. Vielleicht daß Lassalle hier die Sätze von Marx
in „Zur Kritik der politischen Ökonomie" vor Augen schweb-
ten : „Wie Arbeitsamkeit die positive, ist Sparsamkeit die nega-
tive Bedingung der Schatzblldung" (a. a. O. S. 108) und „Unser
Schatzblldner erseheint als Märtyrer des Tauschwertes, heiliger
Asket auf dem Gipfel der Metallsäule" (a.a.O. S. 113), da
es an Anklängen an jene Schrift In diesem Abschnitt auch sonst
nicht fehlt. Aber zwischen den Begriffen „negative Bedingung"
und „rein negativ" besteht ein großer Unterschied.
Indem er dies übersieht und die Verneinung von bestimmten
Handlungen als Verneinung jeder Handlung auffaßt, kommt
134
muß wieder fragen : schreiben Sie national-ökono-
mische Vorträge, Herr Schulze, schreiben Sie, wie Sie
behaupten, einen ,,volks wirtschaftlichen Kursus" oder
Lassalle zu der ganz unrichtigen Auffassung, der er hier nur
indirekt, weiter unten aber wiederholt direkt Ausdruck gibt, daß
sowohl „Die Entstehung der Kapitalien" als auch deren „privat-
rechtliche Verteilung" mit dem Sparen , .nicht das gering-
ste zu tun hat". Tatsächlich hat das Sparen zwar nicht die
maßgebende Rolle bei der Entstehung des Kapitals gespielt,
welche die liberale Ökonomie ihm andichtet, aber dennoch eine
Rolle, und zwar auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung
sogar eine ziemlich bedeutende Rolle. Die Sparsamkeit, ja, der
Geiz waren neben dem Handel um so wesentlichere Faktoren
der Kapitalbildung, je weniger entwickelt die Produktivität der
Arbeit war. Erst mit der Entwicklung dieser treten sie in den
Hintergrund, erst mit dem Sieg der Ökonomie in der Werk-
statt wird die Ökonomie in den privaten Haushaltungen für
sie eine immer untergeordnetere Angelegenheit. Für die Klassen,
aus denen sich das moderne Proletariat hauptsächlich entwickelt
hat, war freilich das Sparen eine faktische Unmöglichkeit, aber
neben ihnen und den Feudalherren gab es eben noch andere
Klassen, die u. a. durch Sparen in die Höhe kamen und —
Kapitalisten wurden. Man kann dies anerkennen, ohne der klein-
bürgerlichen Sparkassenweisheit unserer Tage die geringste
Konzession zu machen.
In gleicher Weise schießt Lassalle über das Ziel hinaus,
wenn er es für die gesellschaftliche Kapitalbildung „gleich-
gültig" erklärt, was die Besitzer der Kapitalsobjekte mit ihnen
anfangen bzw. in welchen Händen diese sich befinden.
Dies unterstellt u. a., daß das sogenannte stehende Ka-
pital eine absolute Größe von gegebener Produktivkraft ist,
was es bekanntlich nicht Ist. Es kann vergrößert oder ver-
ringert, seine Produktivkraft gesteigert oder vermindert oder
auch vergeudet werden, und die Tatsache, daß dem so ist, ist
eines der stärksten Argumente für den Sozialismus. Auf dem
Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung hängt unter Um-
ständen sehr viel davon ab, ob Peter oder Paul über die Ma-
135
schreiben Sie einen p r i v a t wirtschaftlichen Kursus, eine
Fibel mit dem Titel: „Die Kunst, reich zu wer-
den?"^) Überflüssig sogar, erst noch daran zu erinnern,
wie Sie uns früher selbst gesagt [s. oben p. 72ff. ^)],
daß, wenn auch die Besitzer den Erlös aus den ver-
kauften Maschinen etc. verjubeln, dies doch auf eins
hinausläuft, indem Sie hierzu neue Produkte kommandie-
ren, Produktion hervorrufen, Arbeitslöhne zahlen und so
lauter Dinge tun müßten, auf welche ,,alle Kapital-
anlagen hinauslaufen."
Die Entstehung des Kapitals in bezug auf s e i n e p r i -
vatrechtliche Ve r t e i 1 u n g werde ich Ihnen später
in Kürze klar machen. Hier v/ollte ich Ihnen nur zeigen,
wie wenig das ,,S p a r e n" mit der ,,E ntstehung" der
volkswirtschaftlichen Kapitalien zu tun hat ! Die Pro-
duktion ist also, wie Sie sich überzeugen, die al-
leinige Quelle aller Kapitalbildung, und daher ist weiter
die bestimmte Richtung, welche die P r o d u k -
schinen usw. verfügen ; erst der Sozialismus wird die Produk-
tion und mit ihr den gesellschaftlichen Wohlstand von den
individuellen Eigenschaften der Peter und Paul unabhängig
machen. D. H.
^) Die Scharfsinnigen unter den Bourgeoisökonomen
haben diesen Unterschied lange erkannt, wenn auch nie fest-
gehalten: Malthus, Princ. d'econ. polit. (ich zitiere nach der
großen französischen Gesamtausgabe der Economisten T. VIII.
p. 358) definiert den Nationalreichtum dahin, „daß er
sich zusammensetzt aus dem, was produziert und konsu-
miert \vird, und nicht aus dem Überschuß der Pro-
dukte über die Konsumtion" „ — la somme de la richesse
nationale, qui se compose de ce qui est produit et consomme,
et non de l'excedant des produits par-delä les con-
sommations."
2) S. 118/119 dieser Ausgabe.
136
t i o n einer Gesellschaft genommen hat, von großem Ein-
fluß auf den Prozeß der Kapitalbildung. Denn offenbar
wird es von v^ichtigen Folgen für die wirtschafth'chen
Zustände einer Gesellschaft sein, ob sie ihre Arbeit vor-
herrschend auf die Produktion von Lebensmitteln (Acker-
bau), auf die Produktion ägyptischer Pyramiden oder
auf die Produktion von Schiffen, Dampfmaschinen, Eisen-
bahnen etc. richtet.
Ich werde Ihnen dies sehr bald näher entwickeln. In-
zwischen hat diese nähere Entwicklung der verschiedenen
Richtungen der Produktion nichts mit dem ,,Spa-
ren" zu tun, von welchem ich Ihnen hier einstweilen
allein zeigen wollte, wie wenig es der Faktor der gesell-
schaftlichen Kapitalbildung ist. Denn sind die Produkte
einmal erst da — und um ,, gespart" zu werden, müssen
sie doch zuvor da sein — so verbietet sich bei den einen
derselben (den Konsumtibilien) das Gespartwerden, und
bei den anderen, die wirklich der Grund unseres gesell-
schaftlichen Kapitalreichtums sind, das Verzehrtwerden
von selbst, da sie kein noch so unverwüstlicher Kapita-
listenmagen verdauen würde.
Hier wollte ich Ihnen ferner nur zeigen, welche Reihe
von abscheulichen Verschlechterungen, welchen unsinnigen
Verderb Sie mit jener unter den Bourgeoisökonomen üb-
lichen Definition ,, Kapital ist aufgehäufte Arbeit" vor-
nehmen, indem Sie dieselbe in Ihrer tiefen Unwissenheit
und Gedankenlosigkeit einfach zu unterschreiben glauben.
Denn auch von dem zuletzt aufgezeigten Unsinn enthält
jene Definition der Ökonomen, gleichviel wie sie gemeint
ist, den Wo r t e n nach keine Spur. Sie sagt nichts
davon, daß etwas rein Negatives, wie das ,,Sparen",
die Quelle der Kapitalbildung sei. ,,Auf häufen" ist
nämlich nicht „Sparen", Herr Schulze, wenn Sie auch
137
beides für gleichbedeutend halten. Sondern Sparen ist
das Aufhäufen solcher Dinge, die auch, hätten
nicht gespart, verzehrt werden können.
Sie sehen, Herr Schulze, Ihnen fehlen nicht nur alle
ökonomischen Kenntnisse, Ihnen fehlt sogar der not-
wendige Elementarunterricht, die dürftigste Kennt-
nis der Bedeutung der Worte. Ich muß diesen Sinn-
unterschied zwischen „Aufhäufen" und „Sparen" betonen,
Herr Schulze, denn sonst behaupten Sie mir noch näch-
stens, Sonne, Mond und Sterne , .gespart" zu haben.
Daß Sie sie ,,auf gehäuft" haben, können Sie wieder
aus anderem Grunde nicht behaupten, denn zum ,, Auf-
häufen" gehört wieder eine positive Handlung. Die
Definition der Bourgeoisökonomie ist also — wenn auch
nicht dem Sinne, so doch mindestens den Wo r t e n
nach — auch von dem dritten Unsinn frei, in welchen
Sie dieselbe durch Ihre Umschreibung verderbt, verfälscht,
verunstaltet haben.
Niemand verlangt von Ihnen, und ich am wenigsten,
daß Sie etwas leisten, daß Sie im geringsten irgend
etwas neues, und sei es noch so unbedeutend, hervor-
bringen. Es ist von vornherein die ehrenvolle Rolle der
Leute Ihrer Art, daß sie mit dem, was sich seit hun-
dert Jahren die Wissenschaft an den Schuhsohlen
abgelaufen hat, im Lande hausieren gehen. Aber das
kann man doch wenigstens von Ihnen verlangen, daß Sie
das, was schon seit hundert Jahren in alle Kompendie«
gedrungen ist — es ist hundert Jahre her, daß Adam
Smith das Kapital als „aufgehäufte Arbeit" ^) erklärt
hat — nicht noch erbärmlich verschlechtern.
^) Es ist allerdings richtig, daß Adam Smith das Kapital für
aufgehäufte Arbeit erklärt hat. Aber wie wenig der „Vater der
138
Das ist es eben, wofür ich Sie Ihrem Prinzipal, der
Bourgeoisie, ganz besonders denunzieren muß,
daß Sie, wie ich überall nachgewiesen, ein durchaus u n -
brauchbarer commis voyageur sind, ganz unfähig,
die Interessen Ihres Prinzipals wirklich zu vertreten 1 Diese
ließen sich doch wahrhaftig immer noch ganz anders ver-
teidigen, wenn auch niemals mit richtigen und durch-
schlagenden, so doch wenigstens immer noch mit
respektableren, intelligenteren Gründen. Aber Sie haben
ja eben nicht einmal eine Ahnung von dem, was die
Bourgeoisökonomie bisher wirklich produziert hat; es fehlt
Ihnen jede Kenntnis der Gänge des Arsenals, aus wel-
chem Sie sich die Waffen holen sollten, Sie „König
im sozialen Reiche", wie die Herren Georg Jung,
politischen Ökonomie" daran dachte, das Sparen in den Hinter-
grund zu stellen oder vielmehr, wie sehr es auch für ihn
der maßgebende Faktor der Kapitalbildung war, zeigt das
dritte Kapitel des zweiten Buches seines Werkes über den
„Wohlstand der Nationen". Da heißt es von der Kapital-
anhäufung: „Wie das Kapital des einzelnen sich nur durch
das vermehren kann, was er von seinem jährlichen Einkommen
oder Gewinn erspart (,what he saves from his annual revenue
or his annual gains'), so kann sich auch das Gesellschafts-
kapital, welches dasselbe ist wie das aller Individuen, welche
die Gesellschaft bilden, nur auf die gleiche Welse vermehren.
Sparsamkeit (hier braucht Smith das Wort ,parsImony',
das schon eher Knauserei bedeutet) und nicht Fleiß ist
die unmittelbare Ursache der Kapitalsvermeh-
rung. Der Fleiß (.industry', was vielleicht noch besser mit
gewerbliche Arbelt zu übersetzen wäre) schafft zwar die Gegen-
stände, die die Sparsamkeit anhäuft, aber soviel er auch auf-
bringen mag, wenn die Sparsamkeit es nicht aufsparte und auf-
häufte, würde das Kapital nie anwachsen." (Vgl. Ad. Smith,
Untersuchungen usw. Stöpelsche Ausgabe, Buch II, S. 87.)
D.H.
139
Heinrich Bürgers und Hellwitz Sie in Köln in öf-
fentlicher Rede tituliert haben!
Und wodurch Sie ferner die Interessen Ihres Prinzi-
pals am meisten schädigen, seine Geschäftsgeheimnisse
am meisten verraten, sind gerade die dumm-schlauen Wen-
dungen, durch welche Sie denselben dienen wollen, die
aber so ungeschickt sind, daß Sie damit nur den hellsten
Einblick in Ihre Motive und von da in die gesamte Be-
schaffenheit Ihrer Sache gewähren und jedem, der sich
erst zu diesem Einblick erhoben hat, nur die höchste Er-
bitterung gegen dieselbe einflößen können.
So habe ich Ihnen schon oben (sub 1 ) das Motiv
nachgewiesen, warum Sie das Kapital aus ,, auf gehäufter
Arbeit" so unsinnig in den ,, gesparten Teil des Einkom-
mens" verwandeln. Es kamen aber noch zwei andere
Gründe für Sie hinzu. Wenn Sie den Arbeitern das Kapi-
tal als ,,auf geh äu f t e Arbeit" definierten, so fürch-
teten Sie, daß denselben die Frage nahe liegen möchte,
warum sie, die so sehr viel ..arbeiten", dennoch niemals
,, aufhäufen". Wenn Sie es ihnen aber als den gesparten,
zurückgelegten Teil des Einkommens erklärten, so wissen
diese Leute allerdings, daß sie — hat auch seine guten
Gründe — ja niemals sparen und zurücklegen, und so
lassen sie sich es — meinten Sie — schon eher gefallen,
keine Kapitalien zu haben !
Endlich kam noch ein dritter Grund hinzu, der Sie zu
jenem unsinnigen Fälschen bestimmte.
In Deutschland muß alles , .moralisch" sein! Es reicht
für den deutschen Bourgeois nicht hin, daß er das Kapital
rechtlich hat; es reicht auch nicht hin, es objektiv
als ökonomisch unangreifbar zu behaupten, daß er
es hat ; nein, es muß auch noch ein moralisches Ve r -
dienst von ihm sein, daß er es hat !
140
Dieses moralische Verdienst muß also konstruiert, der
Monthyonsche Tugendpreis ihm zuerkannt werden — und
dazu eignet sich dann freilich die Theorie vom „Sparen".
„Kapital ist in allen Fällen das unmittelbare Ergebnis
eines Sparens", „anders können Kapitalien überhaupt nicht
zustande kommen", sagen Sie p. 25 und heben mit ge-
rührter Stimme (p. 29) hervor, wie der Kapitalist eben
der große Dulder sei, welcher ,,die Mühe und Entsagung
über sich genommen hat, welche die Ansammlung eines
Kapitals unleugbar kostet!" Wie sie dastehen, mit blei-
cher, abgehärmter Miene, unsere europäischen Kapita-
listen, still und kummervoll zu Boden blickend im Ge-
danken an ihre entsagungsvolle Dulderlauf bahn, und doch
fast bescheiden verschämt, daß ihi^e großen Verdienste,
die sie am liebsten still vor aller Augen verbergen
würden, mit so großem Geräusch vor aller Welt enthüllt
werden !
Herr Schulze — -- doch nein! Gönnen wir zuvor
noch einmal Ihnen selbst das Wort ; setzen wir den Dithy-
rambus hierher, den Sie p. 25 unmittelbar nach den von
uns bereits kritisierten Worten, daß das Kapital der ,,für
unsere künftige Existenz zurückgelegte Teil" sei, an-
stimmen :
,, Lediglich das Produkt der Arbeit^), geht das Kapi-
tal, wie wir sahen, wieder in Förderung der Arbeitszwecke
auf, strömt befruchtend in den Schoß der Arbeit selbst
^) Freilich ist das Kapital auch Produkt der Arbeit, Herr
Schulze, wie vieles andere, was nicht Kapital ist; aber eben
deshalb ist dies nicht sein unterscheidender Begriff, Produkt
der Arbelt zu sein. Sein unterscheidender Begriff besteht viel-
mehr gerade lediglich darin, Form der Arbelt zu sein ~
was Sie hier zwar noch nicht verstehen, später aber verstehen
werden.
141
zurück, um sich in stetigem Kreislauf in neuen Arbeits-
erzeugnissen wieder zu erneuern. Eine wunderbare Wech-
selbeziehung, die, wie nichts anderes in der Welt, die
Interessen beider, des Kapitals wie der Arbeit, unlösbar
miteinander verkettet. Und wie sehr dabei die höheren
Eigenschaften der menschlichen Natur tätig sind, wie
die besten Kräfte des Menschen dabei geweckt und in
Übung gehalten werden, ergibt ein kurzer Hinblick. Wur-
zeln nicht Fleiß, Arbeit stüchtigkeit. Sparen
in den geistigen und sittlichen Eigenschaften unser Natur ?
Welche Einsicht, welche Kenntnisse und Erfahrungen ge-
hören nicht dazu, in irgend einem Fache gut und mit Erfolg
zu arbeiten, etwas Tüchtiges zu leisten! Und ferner, zu
dem rechten Haushalten mit dem Ertrage seiner Arbeit
muß jemand die Zukunft in das Auge fassen, die Ein-
wirkung des zu ersparenden Kapitals auf Befriedigung
künftiger Bedürfnisse in Geschäft und Wirtschaft berech-
nen und in Anschlag bringen, um sich zu entschließen,
die Gegenwart der Zukunft zu opfern. Da gilt es, sich
selbst und seine Neigungen zu beherrschen, dem augen-
blicklichen Reize des Genusses zugunsten großer, dauern-
der Vorteile in der Zukunft zu entsagen, Gelüsten aller
Art zu widerstehen, sich in Mäßigkeit und Enthaltsam-
keit zu üben. Insbesondere treten hier die heiligsten Fami-
lienbande und Pflichten mit in das Spiel, da jemand von
aufopfernder Liebe für die Seinigen durchdrungen sein
muß, um nicht vor Mühen und Entbehrungen zurückzu-
schrecken, deren Früchte nicht selten erst Kinder und
Enkel genießen. — Kurz, von welcher Seite wir auch die
Sache fassen mögen, überall greifen die wirtschaftlichen
Strebungen bei der Kapitalsbildung auf den edleren Teil
der menschlichen Natur zurück."
Nie hat David zur Harfe so schön gesungen !
142
„Lobet den Herrn, den mächtigen König
der Ehren!"
Sollte es denn wirklich erst noch nötig sein, Ihnen
ernsthaft zu entwickeln, wie nun auch in bezug auf
ihre privatrechtliche Verteilung die europäi-
schen Kapitalien nicht im geringsten eine Frucht
des „Sparens" sind, dessen , .moralische" Verdienste
Sie zu diesem langen Brei breit rühren?
Haben Sie denn wirklich gar keine Ahnung, wie die
Kapitalien entstanden sind und noch heute weiter
entstehen?
Also in möglichster Kürze, Herr Schulze: Am An-
fange der Zivilisation und bis zum Christenlume herrscht
Sklavenarbeit. Die Arbeiter selbst mit allem, was
sie hervorbringen, bilden das Eigentum des Herrn, Bei
Sklavenarbeit aber kann wohl von , .Aufhäufen", nicht
aber von ,,Sparen" die Rede sein. Denn abgesehen
davon, daß jemand, der z. B. 100 Sklaven hatte, das
Arbeitsprodukt von 60 Menschen verprassen konnte —
was doch wahrhaftig nicht ,, sparen" heißt und dennoch
das Arbeitsprodukt der 40 anderen aufhäufen, so ist
dieses Aufhäufen doch kein ..Sparen", kein Sparen
in Ihrem Sinne, da es kein Sparen des eigenen Ar-
beitsertrages ist. Sparen von fremdem Arbeitser-
trag aber nennt man heutzutage eher Rauben oder doch
mindestens Ausbeuten. Und wenn nicht, so erinnere
ich Sie wieder daran, daß ich, seit wir leben, immer Ihren
Arbeitsertrag, Sie Undankbarer, mit einer Enthaltsamkeit
ohnegleichen angespart habe und ebenso den Ihres Freun-
des Reichenheim, und daß ich mir denselben also — be-
sonders den letzten nächstens ausbitten werde !
Aber auch mit dem Christentum änderte sich dies be-
kanntUch nicht. Denn an die Stelle der Sklaverei trat
143
nun Leibeigenschaft und Hörigkeit, immer also
das Besorgen der Arbeit durch Menschen, die in ver-
schiedenen Abstufungen das rechtliche Eigentum ihrer
Herren waren, immer also das Aufhäufen von frem-
dem Arbeitsertrag. Und das vv^ar nicht nur in bezug auf
die Landarbeit so, sondern Sie werden wissen, Herr
Schulze, da soviel ja fast jedes Kind weiß, daß Jahr-
hunderte hindurch im Mittelalter auch die industrielle
Arbeit in den Städten erst mit Leibeigenen, dann
mit Hörigen im Dienste der städtischen Adels- und
Patriziergeschlechter betrieben wurde ^). Als dies in den
Städten aufhörte, traten — während die Leibeigenschaft
und resp. Hörigkeit auf dem Lande bis zur französischen
Revolution fortdauerte — daselbst die Z ü n f t e an dessen
Stelle, deren großer Gegner und leidenschaftlicher Feind
Sie ja sind, — Ihr ,, Fortschritt" besteht nämlich darin,
daß Sie noch einmal theoretisch bekämpfen, was
schon vor 75 Jahren vernichtet wurde ! — und von denen
Sie ja also wissen müssen, daß sie in positiven
Staatseinrichtungen bestanden, welche in hundert
Fonnen das arme Volk durch den Zwang Rechtens nötig-
ten, für die städtischen Meistergeschlechter zu arbeiten
und in deren Taschen den Ertrag ihrer Arbeit fließen
zu lassen.
Kam endlich der Donner der französischen Revolution
von 1789!
Wie von einem Blitze fortgefegt, verschwanden Leib-
^) Siehe über den Übergang außer den älteren Werken
(Barthold, Geschichte der deutschen Städte. 1850, u. a.) schöne
neuere Untersuchungen bei Arnold, Geschichte des Eigen-
tums in den deutschen Städten, Basel 1861.
144
eigenschaft, Hörigkeit, Zünfte ! Die freie Konkurrenz war
erreicht ! —
Die Arbeit war rechtlich frei erklärt und un-
endlich der Jubel !
War denn nun aber wirklich etwas an der alten Tat-
sache geändert, daß die Arbeiter ihren Arbeitsertrag
in die Taschen der privilegierten, besitzenden Klassen
fließen lassen müssen ? War wirklich der alte Ausbeu-
tungszustand der Gesellschaft beseitigt, nach welchem
diese privilegierten, besitzenden Klassen fremden Ar-
beitsertrag — das Arbeitsprodukt der Arbeiter — als
ihr eigenes rechtliches Eigentum anhäufen?
Rechtlich v/ar, wie gesagt, die Arbeit für frei er-
klärt und nichts \vürde also im Wege gestanden haben,
daß jeder seinen eigenen Arbeitsertrag be-
ziehe, aufhäufe und resp. ,, spare", wenn nicht eine ein-
zige kleine Schwierigkeit sich widersetzt hätte !
,,Ehe man mit irgend einer Beschäftigung, einer Ar-
beit zu Erwerbszwecken beginnen kann — sagen Sie
p. 10 Ihres Katechismus — muß man einmal für Be-
schaffung der zu verarbeitenden Rohstoffe, vsodann
der nötigen Arbeits Werkzeuge und endlich für seine
und seiner Mitarbeiter Subsistenzmittel während
der Dauer der Arbeit gesorgt haben."
,, Diese notwendigen Voraussetzungen jeder auf Her-
stellung von Sachgütern gerichteten Arbeit — fahren Sie
darauf fort — können also ohne Ausnahme nur durch
frühere, der jetzt beabsichtigten vorhergegangene
Arbeiten der verschiedensten Art geschafft werden ;
wir begreifen dieselbe unter dem Namen Kapital."
Sie wissen es also selbst, Herr Schulze, ehe man
irgendeine Arbeit auch nur beginnen kann,
10 Lasäüll«, Ges. SclHftcn. BatJ V 145
braucht man vorgetane Arbeit, braucht man K a -
pital.
Die jetzt plötzlich rechtlich für „frei" erklärten
Leibeigenen, Hörige, Zunftgesellen und Lehrlinge hatten,
sie und ihre Vorfahren, Jahrtausende hindurch für die
Bevorrechteten aller Art diese vorgetane Arbeit verrich-
tet und befanden sich jetzt, rechtlich frei und faktisch
mittellos diesen in den Händen der Besitzenden auf-
gehäuften Kapitalien gegenüber.
Da sie das nicht hatten, was man braucht, ,,ehe man
irgend eine Arbeit beginnen kann" — was bheb
und bleibt ihnen übrig als trotz der ,, rechtlichen Freiheit",
trotz der Erklärung der freien Konkurrenz, das Leben
für des Lebens Notdurft zu verkaufen?
Mit anderen Worten : was blieb und bleibt ihnen übrig,
wenn sie nicht hungern und verhungern wollen, als bei
den mit jenen durch ilire eigene tausendjährige Arbeit
hervorgebrachten Kapitalien, mit den Resultaten ihrer
eigenen vorgetanen Arbeit ausgerüsteten Unternehmern
Arbeit zu suchen, und zwar zu einem Lohne, der den
volksüblichen notwendigen Lebensunter-
halt nur höchst ausnahmsweise und selten, und niemals
auf längere Zeit, übersteigen kann? Zu einem Lohne
also, der, indem er von Haus aus auf den volksübHchen
notwendigen Lebensunterhalt reduziert ist, die Arbeiter
ihrerseits in die Unmöglichkeit setzt, zu ,, sparen",
und andererseits allen Überschuß des Arbeits-
ertrages dieser Arbeiter über die zu ihrem Lebens-
unterhalt erforderlichen Kosten, wie groß er auch immer
sei, wie gewinnbringend auch die Produktivität der Arbeit
im allgemeinen oder in einem bestimmten Produktions-
zweige im besonderen sei, mit unvermeidlicher Notwendig-
keit in die Tasche des Unternehmers — der seinerseits
146
wieder den Kapitalisten als solchen davon abgibt — fallen
läßt?
Ich habe dieses Lohngesetz mit den geringen
Schwankungen nach oben und unten, denen es aus-
gesetzt ist, in meinem ,, Antwortschreiben" entwickelt^).
Und wenn Sie und ,, Zeitungsgeschwister" mir hier-
bei widersprachen, so hätte ich mich über dies Unglück
hinreichend getröstet halten können durch die Worte von
Rodbertus an die Arbeiter^) ,, Lassalle hat Ihnen dies
Gesetz, so wie die geringen Modalitäten, unter denen es
gilt, so genügend auseinandergesetzt, daß darüber kein
Wort mehr zu verlieren ist".
Ich habe es gleichwohl noch ausführlicher bewiesen in
meinem ,, Arbeiterlesebuch" sowohl durch Gründe als auch
durch die Anerkennung aller Bourgeoisökonomen^).
Ich werde Ihnen endlich (im IV. Kap.) in Kürze einen
noch zwingenderen systematischen Beweis im systemati-
schen Zusammenhange führen und zum Überfluß auch
noch später dartun*), daß sie die Wahrheit dieses Ge-
setzes auch selbst kennen.
Die ,, freie Konkurrenz" hat also ebenso wenig etwas
an der alten Tatsache geändert, daß der Arbeiter den
^) Siehe mein , .Offenes Antwortschreiben an das Leipziger
Zentralkomitee". Zürich, Meyer & Zeller 1863, p. 15 — 21.
(Bd. III. S.58 unserer Ausgabe. D.H.)
^) Rodbertus, Offener Brief an das Komitee des deutschen
Arbeitervereins 1863. p. 4.
•^) „Arbeiterlesebuch" (Frankfurt a. M. bei Reich. Baist
1863), p.5-18. (Bd. III. S.183 unserer Ausgabe. D.H.)
— Vgl. auch meine Schrift „Die indirekten Steuern und die
Lage des Arbeiterstandes". Zürich, Meyer & Zeller 1863),
p. 41-49. (Bd. II, S. 344-362 unserer Ausgabe. D.H.)
*) Siehe im Kapitel „Schluß".
10» 147
über seine eigene Lebensnotdurlt — und diese mußten
auch die Sklaven, Leibeigenen, Hörigen, Zunftgesellen
und Lehrlinge erhalten — hinausgehenden Ertrag seiner
Arbeit abgeben muß, wie früher an den ,,Herrn", so
jetzt an das ..Kapital".
Ja wenn die Arbeit heute noch betrieben würde in
ihrer ursprünglichen, naturwüchsigen Form, wie bei den
Indianern in den amerikanischen Wäldern, wo die Ar-
beit des Tages — die Jagd — die Unterhal-
tungsmittel des Tages beschafft ! Kein Zweifel
dann, daß die 1 789 proklamierte Rechtsfreiheit der
Arbeiter diese in tatsächlich freie Leute verwan-
delt, und jeder jetzt für eigene Rechnung jagend nur sein
eigenes Arbeitsprodukt, seinen eigenen individuellen Jagd-
ertrag, nicht mehr und nicht weniger, erlangt hätte.
Aber die Fortschritte der Teilung der Arbeit —
dieser Ursache der europäischen Zivilisation — haben
ja der Arbeit eine ganz andere Gestalt gegeben! Jeder
arbeitet nur einen abstrakten Teil eines Produktes, nicht
fertige Genußmittel, von denen er leben könnte. Die Ver-
wertung dieses Produktes geht vor sich in Wochen, Mo-
naten, Jahren — und während dieser Zeit ist Vo r s c h u ß
zum Leben erforderlich. Die Teilarbeit setzt fer-
ner voraus eine bereits geschehene Teilarbeit anderer, also
Vo r s c h u ß zur Beschaffung der Resultate derselben,
zur Beschaffung von Rohstoffen, Arbeitsinstrumenten, In-
dustrieerzeugnissen. Die Teilarbeit vollbringt sich endlich
nur durch eine Vereinigung vieler zu demselben Arbeits-
resultat und setzt somit wieder voraus Vo r s c h u ß zum
Unterhalt dieser etc. etc. Und so heult denn jede Note
in dem Produktionskonzert unerbittlich : Vo r s c h u ß .
Vo r s c h u ß , Vo r s c h u ß !
Wenn also auch die Arbeiter 1789 ,,frei" erklärt
148
wurden, so konnten sie doch nicht jagen gehen auf ihren
Jagdgründen, wie der stolze Sohn der Wälder. Denn sie
hatten keine Jagdgründe mehr und in anderer künstliche-
rer Form vollzog sich jetzt der Prozeß der gesellschaft-
lichen Ernährung.
Diesen Vorschuß, diese vorgetane Arbeit, die jetzt
zu jeder Ernährung notwendig war, hatten sie aufgehäuft
in den Händen der bis dahin auch rechtlich privilegierten
Besitzenden. An diese ihm^) eigene vorgetane Ar-
beit mußten sie sich jetzt auch trotz der freien Kon-
kurrenz, mußten sie sich gerade durch die freie Kon-
kurrenz tatsächlich gefangen geben und nach wie
vor den früher rechtlichen, jetzt aber tatsäch-
lichen „Herren" ihren Arbeitsüberschuß, den über
ihren notwendigen Unterhalt hinausgehenden Arbeitser-
trag, abliefern.
Die vorgetane Arbeit, das Kapital, er-
drückt in einer unter Teilung der Arbeit und
unter dem Gesetze der „freien Konkurrenz" und
der ,,S elbs thilf e" produzierenden Gesellschaft die
lebendige Arbeit. Die eigenen Produkte
seiner Arbeit erwürgen den Arbeiter, seine
Arbeit von gestern steht wider ihn auf,
schlägt ihn zu Boden und raubt ihm seinen
Arbeitsertrag von heute!!
Und je mehr also auch seit 1789 der Arbeiter pro-
duziert, je mehr er im Dienste der Bourgeoisie vorge-
tane Arbeit, Kapitalien in deren Eigentume
aufhäuft, je mehr er dadurch weitere Fort-
schritte der Teilung der Arbeit ermö glicht,
desto mehr vermehrt er das Gewicht der ihn zu Boden
Augenfällig ein Druckfehler für „ihre". D. H.
149
haltenden Kette, desto trauriger gestaltet er seine
Klassenlage ^).
Und das ist der Grund, warum in England diese Lage
trauriger ist als in Franla^eich und Belgien, und in Frank-
reich und Belgien trauriger als in Deutschland ! ") —
Nun, soviel hätte ich Ihnen also jedenfalls gezeigt,
Herr Schulze, daß die , .Entstehung der Kapita-
1 i e n", und zwar auch in bezug auf ihre privatrecht-
liche Verteilung mit dem ,,Sparen" nicht das ge-
ringste zu tun hat, und zwar v o r 1 789 so wenig als seit
dem, unter der Herrschaft der freien Konkurrenz und
bis zum heutigen Tage ! Soviel hätte ich Ihnen nachge-
wiesen, daß nach wie v o r 1 789 die Arbeiter nicht
aufhäufen können, und diejenigen, welche auf -
^) Das wissen auch die Bourgeoisökonomen sehr gut und
gestehen es hin und wieder auch selbst ein, siehe z, B. Professor
Röscher, Ansichten der Volkswirtschaft etc. 1861, p. 217:
,,Fast mit jeder höheren Ausbildung des Fabriksystems wird
die Abhängigkeit des Arbeiters von seinem Herrn
größer."
^) Obwohl dieser Satz scheinbar dem tatsächlichen Stand der
Dinge ins Gesicht schlägt, enthält er doch einen durchaus be-
rechtigten Kern. Es handelt sich eben nicht um einzelne Ar-
beiterschichten, sondern um die Klasse der industriellen Ar-
beiter überhaupt. Außerdem liegt es auf der Hand, daß, wenn
der organisierte Widerstand der Arbeiter und die Fabrik-
gesetzgebung in England gewisse Verbesserungen in der ökono-
mischen Situation bestimmter Schichten der Arbeiterklasse be-
wirkt haben, diese Verbesserungen als Resultate einer ersten
sozialen Reaktion gegen die Wirkungen des Kapitalismus die
obige These nicht umstoßen können. Die von der Fabrikgesetz-
gebung nicht erreichten Arbeiter waren seinerzeit in England
vielfach noch schlechter daran als in Deutschland — von
Belgien gar nicht zu reden. D. H.
150
häufen, nicht den eigenen, sondern fremden Ar-
beitsertrag aufhäufen, also nicht , .sparen"!^)
Aber wenn Sie nun auch zu unfähig waren, sich diese
kurze historische Entwicklung über die europäischen Ar-
beitsverhältnisse selbst zu machen — sahen Sie denn
nicht mit dem bloßen Verstände, daß eine solche Kapi-
talentstehung durch individuelles Sparen des eigenen Ar-
beitsertrages, wie Sie sich dieselbe vorstellen, schon a
priori eine vollständige UnmögHchkeit sei?
Wie stellen Sie sich die Entstehung der ersten Ka-
pitalien vor ?
Erinnern Sie sich also wieder der Urform der Arbeit,
des auf seinen Jagdgründen jagenden freien indianischen
Wilden. Konnte der wohl von seinem Einkommen „zu-
rücklegen" ? Warf seine Arbeit einen Überschuß über
seinen Lebensunterhalt ab ? Die Geschichte wird Ihnen
die Antwort erteilen, indem sie Ihnen zeigt, daß Massen
von Indianerstämmen vor Hunger ausgestorben sind. Mit
anderen Worten : Nur unter der Teilung derAr-
beit wirft die Arbeit einen Überschuß über
den Lebensunterhalt ab.
Aber vielleicht fragen Sie : warum hat dieser dumme
■^) Man kann dagegen einwenden, daß es gleichgültig sei, ob
jemand Produkte eigener oder fremder Arbeit anhäuft; sobald
er in seinem Besitz gelangende Werte nicht veräußere und
ihren Erlös verzehre, sondern sie ansammele, übe er die Funk-
tion des Sparens aus. Bis soweit ist das auch richtig. An-
gesichts des kolossalen Unterschiedes aber, der darin liegt,
ob etwa ein Kapitalist den größeren Teil seines jährlichen
Profits wieder zum Kapital schlägt, oder ein Arbeiter ein
paar abgedarbte Pfennige auf die Seite legt, ist der Widerstand
Lassalles gegen die Anwendung desselben Wortes für beide
Funktionen begreiflich genug. D. H.
151
Teufel von Indianer nicht Kapitalist gespielt, warum hat
er nicht eine Anzahl Indianer in seinen Lohn genommen
und vereint für seine Rechnung jagen lassen?
Sie sehen wohl, Herr Schulze, daß diese Freien sich
niemals dazu verstanden hätten, zumal sie ja dann eben
auch nur erjagten, was auch früher in voller Freiheit, des
Lebens Unterhalt.
Und zweitens : woher hätte denn dieser Indianer zuvor
den Unterhalt nehmen sollen, den er für jene anderen
brauchte, während sie für seine Rechnung jagten? Hätte
er sich ihn vorher aus seinem eigenen Jagdertrag vom
Munde absparen sollen ? Zum Gerippe hätte er sich
hungern können, ehe er soviel zusammen hatte, um irgend
eine Anzahl von Lohnjägern für seine Rechnung zu unter-
halten.
Aber, sagen Sie vielleicht, das lag doch nur an dem
dummen Teufel selbst. Denn warum ließ er nicht von
diesen Lohnjägern lieber Ackerbau und Industrie treiben,
die ja reichlichen Unterhalt bringen?
Aber sehen Sie nicht, Herr Schulze, daß hier der eben
besprochene, hindernde Umstand nur in hundertfach ver-
stärktem Grade wiederkehrt ?
Woher hätte er denn nur gar für die Ackerbauer und
Industriearbeiter vorher die Lebensmittel aus seinem per-
sönlichen Jagdertrag zusammensparen sollen, um sie wäh-
rend eines Jahres oder mehrerer Monate am
Leben zu erhalten, welche Ackerbau und Industrie brau-
chen, um ihren Ertrag zu geben?
Sie sehen hieraus zweierlei, Herr Schulze :
1 . Die Produktion unter Teilung der Arbeit,
welche allein einen Überschuß über den Tagesbe-
darf gibt, setzt, um möglich zu sein, immer schon
152
wieder einen vorhergegangenen Ansatz von Ka-
pitalsammlung, und somit immer wieder eine
schon vorhergegangene Teilung der Ar-
beit voraus, welche allein diesen der individuellen
Arbeit unerschwinglichen Überschuß über den Ta-
gesbedarf beschaffen kann.
2. Völker, die von voller individueller Frei-
heit ausgehen, wie die indianischen Jägerstämme,
können deshalb niemals zu irgend einer Ka-
pitalansammlung und daher auch niemals zu
irgend einem Kulturfortschritte gelangen.
Und darum befanden sich in der Tat, als die Weißen
zuerst über den Großen Salzsee kamen, die Irokesen,
Delawares, Cherokees, Tschikasas etc. noch genau auf
derselben Kulturstufe, wie vor vielen Tausend Jahren,
und noch heute befinden sich die Reste jener Stämme,
insofern sie ihre frühere Lebensweise nicht aufgeben und
sich europäisiert haben, im wesentlichen auf derselben^).
Also : die individuelle Arbeit kann nicht
sparen.
Nun werfen Sie aber einmal den BHck auf die Skla-
verei, welche Sie an der Wiege der zivilisierten Na-
tionen finden.
Sofort verändert sich das ganze Bild !
Ein Herr hat z. B. 100 Sklaven. Er kann 30 derselben
dazu verwenden, die persönlichen Genußmittel aller Art
zu erzeugen, die er für sich verbrauchen will. Und Sie
werden mir zugeben, daß den Arbeitsertrag von 30 Men-
schen verzehren, eben nicht ,, Sparen" heißt. 60 auidere
Sklaven verwendet er auf Ackerbau, um wieder für
^) Dieser Satz erfährt durch die neueren ethnographischen
Untersuchungen eine wesentliche Einschränkung. D. H.
153
sie selbst, für die ersten 30 und für die letzten 10 Sklaven,
die ihm noch bleiben, die nötigen Lebensmittel zu erzeugen.
Und die letzten 10 Sklaven verwendet er, um die nötigen
We r k z e u g e verfertigen zu lassen, w^elche sowohl die
ersten 30 zur Hervorbringung seines persönlichen Kon-
sums bestimmten Menschen, als die 60 Sklaven bedürfen,
welche die Lebensmittel für alle Hundert hervorbringen.
Und im wesentlichen ungefähr so haben die Gesell-
schaften eines Tages ausgesehen.
Mindestens, werden Sie sagen, ,, spart" dieser Mann
doch das Arbeitsprodukt von 10 Sklaven, welche die
Werkzeuge produzieren. Und wenn es auch wahr ist,
daß es kein ,, Sparen" ist, fremden Arbeitsertrag auf-
zuhäufen, so konnte er doch immerhin nach dem einmal
bestehenden Sklavenrecht, den Arbeitsertrag auch dieser
10 Sklaven verzehren, und es ist also immerhin eine
,, Entsagung" von ihm, daß er hierauf verzichtete und
ihn in Werkzeugen aller Art sich ansammeln ließ.
Sie sind wieder sehr im Irrtum, Herr Schulze !
Indem dieser Mann die 10 Sklaven die Werkzeuge
für die 60 Sklaven und für die für seine persönlichen
Genußmittel verwendeten 30 Sklaven produzieren ließ,
gewann er durch diese Teilung der Arbeit einen
weit reichlicheren Haushalt, weit reichlichere
Genußmittel für sich, als wenn er auch noch diese
10 Sklaven, oder alle hundert, direkt für die Hervor-
bringung von Lebensmitteln mit ihren Fingern und Nägeln
hätte arbeiten lassen. Ja, durch die fortgesetzte Arbeit
dieser Zehn, welche die Werkzeuge für die 30 und die
60 liefern, kommt dieser Eigentümer nun bald dahin, daß
infolge der verbesserten Ackerbauwerkzeuge schon 50
ackerbautreibende Sklaven hinreichen, die Lebensmittel
für alle hundert zu produzieren. Er hat also jetzt zehn
154
von diesen 60 Sklaven verfügbar und läßt sie zu der
Kolonne der die Werkzeuge anfertigenden Sklaven sto-
ßen, die sich demnach jetzt auf 20 beläuft. Durch die
viel künstlicheren und wirksameren Arbeitswerkzeuge aller
Art, welche diese 20 erzeugen, wird jetzt sowohl die
Produktion der 30 Sklaven, welche die zu seinem per-
sönlichen Gebrauch bestimmten Luxusgegenstände er-
zeugen, als die Lebensmittelproduktion der 50 Acker-
bausklaven viel ertragreicher. Kisten und Kasten,
Keller und Scheunen schwellen ihm über, seine Luxus -
genüsse verfeinern sich immer mehr, Purpur, Seide und
duftiges Linnen stehen ihm zur Verfügung, und es zeigt
sich, daß durch die verbesserten Ackerbauinstrumente und
Methoden schon 40 Sklaven hinreichen würden, den Le-
bensunterhalt für die Hundert aufzubringen.
Bei diesen neuerdings disponibel gewordenen 10 Skla-
ven macht der Mann vielleicht eine Teilung; fünf der-
selben läßt er zu der Kolonne der für seinen Luxusbedarf
tätigen 30 Sklaven stoßen, eine Abteilung Lautenschläge -
rinnen und Tänzerinnen in derselben bildend, und um
die anderen fünf verstärkt er wieder die Kolonne der die
Werkzeuge und Arbeitsinstrumente produzierenden Skla-
ven, die jetzt von 10 schon auf 25 emporgewachsen Ist.
Aber durch die immer komplizierteren und produktiveren
Werkzeuge, welche diese schaffen, wimmeln jetzt die
Luxusmittel, welche die für seinen persönlichen Genuß
tätigen Sklaven hervorbringen, und der Mann sieht, daß
er diese Luxusgenüsse sogar noch viel vermehren und
verfeinern kann, wenn er von den 35 Luxussklaven
10 abtrennt und zu der Kolonne der Werkzeug-
arbeiter stellt, um sie auf diesem Indirekten Wege
um so zahlreichere Genußmittel für sich erzeugen zu
lassen. Diese Kolonne beläuft sich jetzt, aus ursprünglich
155
10, schon auf 35 Sklaven; der Mann läßt bohren, häm-
mern, walzen, Maschinen aufführen ohne Unterlaß, und
er erlangt durch die hierdurch immer steigende Ergiebig-
keit der Arbeit eine immer größere Menge der delikatesten
Genüsse, wie der notwendigen Lebensmittel — ganz ab-
gesehen davon, daß er durch die Vermehrung derselben
die Mittel erlangt, auch die Zahl der Sklaven selbst sich
durch Fortzeugung beträchtlich vermehren zu lassen und
nun diese vermehrte Sklavenzahl in die früheren drei
Kolonnen zu verteilen.
Innerhalb jener 100 Sklaven aber hat sich das
Zahlenverhältnis aus ursprünglich 30 Luxusartikel, 60
Lebensmittel und 10 Werkzeuge produzierenden Sklaven
jetzt dahin verändert: 25 unmittelbare Luxusgegenstände,
40 unmittelbare Lebensmittel und 35 Werkzeuge produ-
zierende Sklaven.
Sie sehen also, Herr Schulze, was der Mann wirklich
getan hat, war nicht , .Sparen", sondern unablässig die
Richtung der Produktion verändern, immer
neue Teilung der Arbeit einführen, immer mehr
Arbeitskraft von der unmittelbaren Produktion von
Luxus- und Lebensmitteln auf die mittelbare Pro-
duktion derselben, also auf die Produktion von
Werkzeugen, Maschinen, kurz capital fixe (stehen-
dem Kapital) aller Arten verwenden, und je mehr er
dies tat — was Ihnen als ein „Sparen" erscheint —
desto mehr Genußmittel strömten ihm zu.
Es ging diesem Manne wie Julie von ihrer Liebe zu
Romeo sagt : ,,Je mehr ich gebe, desto mehr h a b ' ich."
Je mehr Sklaven er an die dritte Kolonne der zur Pro-
duktion des stehenden Kapitals bestimmten Skla-
ven hingab, desto mehr Genußmittel hatte er, ver-
mehrte er und konnte ©r verzehren!
156
Dieser Mann, Kerr Schulze, ist das reale Bild der
Entwicklung der europäischen Gesellschaft und ihrer Ka-
pitalien.
Sie sehen also jetzt wohl, daß von ,, Entsagung" und
von ,, Sparen" selbst des fremden Arbeitsertrages da-
bei nicht die Rede war :
Sie sehen zugleich, Herr Schulze, daß, wer da sagt
„Teilung der Arbeit", zugleich — was zu sehr übersehen
wird — sagt: ,,gemeinsame , vereinte Arbeit"^),
und daß diese gemeinsame, vereinte Arbeit und die durch
sie bedingte Kultur und Kapitalbildung zuerst und lange
allerdings nur in der Form der Sklaverei, in der
Form gewaltsamer Unterwerfung und Vereinigung, durch
Aufhäufung fremden Arbeitsertrages möglich ^var.
Freilich also ist es ein Glück, daß die Sklaverei
an der Wiege der zivilisierten Nationen gestanden
hat 2).
Aber finden Sie nicht, Herr Schulze, daß es an der
Zeit wäre, der Sklaverei in ihren verschiedenen Formen
und A^bstufungen, die aber immer nach wie vor in der
Hauptsache existiert, daß es Zeit wäre, dem Aneignen
fremden Arbeitsertrages endlich ein Ende zu
machen?
Ein Ende zu machen, sage ich ? Ach nein 1 Der Weg
wird noch lang und die Entwicklung nur allmählich sein!
^) ,,Die Entwicklung der Arbeitsteilung setzt die Vereinigung
der Arbeiter in einer Werkstatt voraus." (Marx, Elend der
Philosophie. 1. Aufl. S. 136.) D. H.
2) Das heißt die Sklaverei war ein wirksamer Hebel die
kombinierte Ai-beit, die sich in primitiver Form auch schon bei
Völkern findet, welche jene nicht kennen, weiter zu entwickeln.
D.H.
157
Aber daß es um so mehr Zelt wäre, wenigstens den
Anfang des Endes zu machen?
Jedenfalls haben Sie nun gesehen, wie wenig durch
„Sparen" ursprünglich die KapitaKen entstanden sind und
sich vermehrt haben.
Wollen Sie aber gar wissen, wie in einer so entwickel-
ten Gesellschaft wie die heutige neue Kapitalien sich
bilden ?
Nehmen wir konkrete Beispiele, Herr Schulze!
Ich kaufe ein Grundstück für 100000 Taler. Ich setze
den Fall, daß ich 5 Prozent meines Kapitals aus dem
Grundstück erlöse und diese jährKch rein ausgebe. Ich
, .spare" also gar nichts. „Ja noch mehr, ich gebe jährlich
2000 Taler über mein Einkommen aus, verschwende
also, verschulde mich. Aber nach zehn Jahren verkaufe
ich das Gut, und infolge der inzwischen gestiegenen Masse
und Dichtigkeit der Bevölkerung und der dadurch gestie-
genen Preise des Getreides oder der Bauplätze erlöse
ich jetzt vielleicht 200000 Taler für das Grundstück.
Ich bezahle die 20000 Taler Schulden, die mir durch
zehnjährige verschwenderische Ausgabe entstanden sind
und habe dennoch ein neues Kapital von 80000 Taler
in der Hand. Woher kommt dieses neue Kapital von
80000 Taler. Nun, es hat sich eben gebildet durch die
— gesellschaftlichen Zusammenhänge. Es
hat sich gebildet dadurch, daß eine zahlreichere und dich-
tere Bevölkerung auf derselben Bodenfläche entstanden
ist. Es hat sich gebildet dadurch, daß jetzt vielleicht un-
fruchtbarere Äcker von kostspieligerem Ertrag in Angriff
genommen werden müssen, um das nötige Lebensmittel-
quantum für die Nation zu erzeugen, und daß der Markt-
preis des Getreides nun auch die Getreideproduktions-
kosten ^uf diesen unfruchtbareren Äckern vergüten muß,
158
was mich in den Stand setzt, auch mein Getreide zu die-
sem gestiegenen Preise zu verkaufen.
Es hat sich gebildet vielleicht dadurch, daß gestiegener
Reichtum einer anderen Bevölkerung dieser die Mittel
gibt, durch eine wirksamere Mitbewerbung um diese Ge-
treideprodukte den Preis derselben zu steigern, oder viel-
leicht dadurch, daß in einem anderen Lande die
Kornzölle abgeschafft werden und dies selbe Resultat
hierdurch eintrat.
Kurz es hat sich gebildet vielleicht durch alles, —
nur nicht durch meine Arbeit und durch mein
„Sparen".
Oder ich setze den Fall, ich habe bei Anlegung der
Köln-Mindener Eisenbahn 100000 Taler Aktien al pari
gezeichnet. Ich habe, ohne mich sonst irgend um diese
Eisenbahn zu bekümmern, Jahre, jahrelang erst 5, dann
8, dann 10, dann 12, dann 13 Prozent aus meinem An-
lagekapital bezogen, also eine wahrhaft riesige Dividende,
und ich habe sie unerbittlich bis zum letzten Heller aus-
gegeben. Ich verkaufe jetzt diese Köln-Mindener Aktien,
sie stehen 175 nach dem Kurszettel, und ich habe jetzt
ein neues Kapital von 75000 Taler gewonnen in der
Hand, ohne jemals einen Heller ,,aus meinem Ein-
kommen angesammelt und gespart" zu haben.
Wie hat sich dies neue Kapital gebildet? Durch
die gesellschaftlichen Zusammenhänge,
Herr Schulze 1
Der Personenverkehr ist gestiegen, der Güterverkehr
ist gestiegen, durch die Erfindung eines englischen Inge-
nieurs vielleicht sind die Betriebskosten geringer gewor-
den — kurz durch alle gesellschaftHchen Zusammenhänge,
nur nicht durch meine Arbeit und durch mein ,,S p a r en"
159
repräsentiert jetzt die große Anlage, Köln - Mindener
Eisenbahn genannt, und folglich auch jedes Bruchteil
(Aktie) derselben wirklich einen um so viel höheren
Kapital wert.
Und bemerken Sie wohl, Herr Schulze, daß man auf
diese Weise an Köln- Mindener Eisenbahnaktien zu neuen
Kapitalien kommt — das mußten Sie wissen ! Der
ganze Kreis Ihrer Bekannten ist daran reich geworden,
an den Köln-Mindenem und an den Oberschlesischen
Littera A., und an den Oberschlesischen Littera B., und
an den Magdeburg- Halberstädtern und wie sie noch alle
heißen mögen. Und wenn Sie und obgleich Sie noch
weniger von Nationalökonomie verstehen als ein neuge-
borenes Knäblein, — das mußten Sie wissen, denn
Sie haben hundertmal im Kreise Ihrer Bekannten davon
sprechen hören!
Wenn Sie also gleichwohl sagen (p. 25): ,, Kapital
ist in allen Fällen das unmittelbare Ergebnis eines
Sparens. Es entsteht nur, wenn jemand nicht sein
ganzes Einkommen zur Befriedigung seiner augen-
blicklichen Bedürfnisse verwendet, sondern einen Teil
davonzu rücklegt," und wenn Sie nochmals betonend
fortfahren: „Anders können Kapitalien überhaupt
nicht zustande kommen," so schneiden Sie sich dadurch
unrettbar jede Ausflucht ab, im guten Glau-
ben gewesen zu sein!
Es mag nicht jedermanns Sache sein, sich den Unter-
schied des Kapitals in seiner v o 1 k s wirtschaftlichen und
in seiner privat wirtschaftlichen Bedeutung klar zu legen
und noch weniger diesen Unterschied bei allen weiteren
Untersuchungen und einzelnen Fällen scharf im Auge
zu behalten.
Es mag nicht jedermaniK Sache sein, sich die noch
160
verwickeitere Frage klar zu machen, warum sogar ein
Gewürzkrämer in Delitzsch, der aus seinem Jahresver-
dienst von 1000 Talern 500 Taler zurücklegt, hiermit
fremden Arbeitsertrag aufhäuft, da alle Produktivi-
tät des Kapitals heute eben immer darauf beruht, daß
bei dem eigentlichen Produktionsunternehmen der Arbeits-
ertrag des Arbeiters vom Unternehmer aufgehäuft wird
und hiernach, wenn Kapital erst überhaupt produktiv
ist, es notwendig auch bei allen anderen gesellschaft-
lich erforderlichen Kapitalanlagen, als dem eigentlichen
Produktionsunternehmen, dieselbe Produktivität be-
währen, gleichfalls Profit abwerfen muß, da sich
sonst für diese anderen Kapitalanlagen keine Kapitalien
finden würden.
Für alles dies und noch vieles andere sollen Sie durch
Ihre Unkenntnis entschuldigt sein.
Aber das mit den Köln- Mindenern, das wußten Sie
ohne jede Widerrede !
Von den Milliarden, die auf diese Weise in Europa
in den letzten zehn und zwanzig Jahren gewonnen worden
sind, wußten Sie.
Mochten Sie sich also selbst in Ihrem unklaren Kopfe
vorstellen, daß die Kapitalien auch durch ,, Sparen"
zustande kommen, so wußten Sie jedenfalls, daß sie auch
auf anderem Wege sich bilden. Und wenn Sie nun den-
noch, um dem Arbeiter die nötige Verehrung vor dem
stillen Märtyrertum des Kapitalisten einzuflößen und ihn
mit dem religiösen Glauben an die Legitimität der heu-
tigen Wirtschaftszustände zu durchdringen und die ver-
fänghche Frage bei dem Arbeiter zu vermeiden, wieviel
Kapital wohl auf dem einen und wieviel auf dem anderen
Wege entstehe, — wenn Sie deshalb sagen, Kapital ent-
stehe „in allen Fällen" nur dadurch, daß jemand .^nicht
11 Lasealle. G«9. Scbriften. Baad V. ^ 161
sein ganzes Einkommen zur Befriedigung seiner
Bedürfnisse verwendet," sondern einen ,,Teil davon
zurücklegt" und nochmals hinzufügen: „Anders kön-
nen Kapitalien überhaupt nicht entstehen" — so haben
Sie — es hilft nichts, Herr Schulze, ich muß es Ihnen
sagen ; Wahrheit vor allem ! — so haben Sie ganz
bewußt gelogen!
Und indem Sie vor Arbeitern logen, vor einem
Publikum, dessen gesamte Lebensinteressen von
dieser Frage abhängen, und das zugleich nicht die nötige
,, Bildung" besitzt, um Ihre Trugschlüsse sich klar machen
und widerlegen zu können, so qualifizieren Sie sich hier-
durch selbst zu einem ganz bewoißten B — — — Ich
will das Wort nicht ausschreiben, Herr Schulze, aber
bloß deshalb nicht ausschreiben, weil ich die
Genugtuung haben will, daß das öffentliche Ge-
wissen selbst ergänzt, welche Benennung Ihnen
zukommt ! ^)
Und bemerken Sie wohl, Herr Schulze, es ist in beiden
Fällen, die ich setzte und die Ihnen ganz bekannt sind
und alle Tage vorkommen, im Falle jenes Grundstückes
wie der Köln- Mindener Aktien, auch keine jener
„Übertragungen von Kapital" eingetreten, wie Sie
in dem Abschnitt „c) Übertragbarkeit des Ka-
^) Unzweifelhaft übertreibt Lassalle hier. Schulze-Delitzsch
trieb tendenziöse Schönfärberei ; aber zum guten Teil als bloßer
Nachbeter von Leuten, die ihrerseits Soldschreiber des Kapi-
tals waren, während er selbst mehr Düpierter als Düpierer
war. Zudem fielen für ihn die von Lassalle angeführten Fälle
unter die Rubrik der Steigerung bestehender Kapitalien,
und in der Tat handelt es sich dabei in erster Reihe um die
Entwicklung von Mehrwert, der je nachdem erst durch Akku-
mulation zu neuem Kapital wird. D. H.
162
pitals" (p. 26 und 27) auseinandersetzen. Sie sagen
nämlich daselbst zu besserer Verdummung der Arbeiter :
freilich sehe man oft Menschen im Besitze großen Ka-
pitals, die niemals gearbeitet, niemals gespart hätten. Aber
das widerspräche Ihrer Kapitalerklärung nicht. Denn
diesen sei das Kapital eben von anderen „übertragen
worden. Als solche Übertragungsarten gehen Sie nun
durch: Erbschaft, Schenkung, Spiel, Betrug, Raub, Dieb-
stahl und knüpfen hieran den Satz (p. 27) : „daß aber
auf alle diese erlaubten und unerlaubten Arten nur be-
reits geschaffenes Kapital aus einer Hand in die
andere übergeht, niemals aber Kapital oder über-
haupt VeiTnögen erzeugt oder geschaffen wird, daß das
letztere vielmehr ein für allemal nur durch Arbeiten
und Sparen möglich ist, ward nach dem Gesagten wohl
jedem einleuchten." Und nach diesem triumphierenden
Satze sind Sie sicher, in dem Gehirne Ihrer Arbeiter auch
noch das letzte Luftloch verstopft zu haben, durch welches
ein frischer Luftzug des Verstandes wehen könnte ! Aber
Herr Schulze, in dem oben gesetzten Beispiel von dem
neuen Kapital von 75000 Talern, welches ich an den
Köln- Mindener Aktien erlangt habe, habe ich weder
gearbeitet noch gespart. Ich habe auch nicht betrogen,
geraubt oder gestohlen; ich bin überhaupt dabei vor dem
Staatsanwalt ganz unangreifbar. Es hat mir es auch nie-
mand geschenkt oder vererbt. Ich habe auch nicht ge-
spielt, Herr Schulze, und mir so nur einen Wert
angeeignet, den ein anderer vor mir schon recht-
lich besaß. Denn unterscheiden Sie v/ohl, Herr
Schulze, ich habe nicht von Agiotage und Börsenspiel
in jenem Falle gesprochen. Sondern es ist in demselben
effektiv und reell ein neuer Kapitalwert entstanden.
Infolge des vermehrten Verkehrs, der verringerten Be-
m
11- 163
trlebskosten etc. ist jetzt die gesamte Köln-Mindener
Eisenbahn — und somit auch jeder Anteil an ihr —
wirklich mehr wert. Diesen neuen Kapitalwert hat
niemand vor mir als rechtlicher Besitzer be-
sessen; folglich hat ihn mir auch niemand „über-
tragen"; gleichwohl habe ich auch weder gespart noch
gearbeitet. Woher kommt dieser neue Kapital wert ? Die
Sache ist wirklich wunderbar! Es ist, als wäre er vom
Himmel gefallen!
Aber vielleicht werden Sie hier wütend, Herr Schulze,
und rufen mir zu : „Sie Dummkopf ! Sehen Sie denn nicht,
daß dieser Kapitalwert von den Köln-Mindener
Eisenbahnarbeitern und allen anderen Grup-
pen von Arbeitern, die mit diesen auf dasselbe
Resultat hinwirkten, hervorgebracht und Ihnen als
dem Besitzer der Eisenbahnaktien übertragen worden ist ?
Ei freilich sehe ich das, Herr Schulze! Und
ich töte mich ja eben schon dies ganze Buch hindurch,
Ihnen dies zu beweisen! Wenn Sie das aber auch
wissen, dann sind Sie ja dreimal entlarvt!
Denn dann wüßten Sie ja eben alles, was ich Ihnen
beweise! Dann wüßten Sie ja, daß diese ,, Übertragung"
keine freie ist — denn jene Arbeiter haben mir durch-
aus nichts übertragen wollen — daß sie überhaupt
keine juristische , .Übertragung" ist, denn jener
Kapitalwert hat vor mir keinen anderen recht-
lichen Besitzer gehabt, — wie dies bei Raub,
Diebstahl, Spiel der Fall ist — sondern daß dies eben
die ökonomische ,, Über tragung" des heutigen Pro-
duktionsprozesses ist, welche darin besteht, dem
Kapitalisten den Arbeitsertrag der Arbei-
ter zuzuführen.
Dann wissen Sie alles, alles, worüber wir streiten!
«
164
Dann wissen Sie das Gegenteil von allem, allem, was
Sie den Arbeitern sagen !
Ich habe Ihnen jetzt bewiesen, Herr Schulze, und drei
und viermal bewiesen, das Prcxlukt welchen ,, Spa-
re ns" und welcher ,, Entsagung" von seiten unserer
Kapitalisten die europäischen Kapitalien sind.
Aber ich kann diesen Abschnitt nicht schließen, ohne
die klassische Pointe zu betrachten, in welche ein talent-
voller Schüler von Ihnen Ihre Kapitaltheorie zusammen-
gefaßt hat ! Haben wir Sie vorhin (p. 90) als Psalmist
und somit als Solosänger bevvamdert, so wollen wir
uns den Genuß nicht versagen, auch noch ein kurzes
Duett zu hören, welches Sie mit jenem talentvollen
Schüler gesungen haben und es, indem wir es mit unserer
Stimme begleiten, in ein kräftiges Terzett zu verwan-
deln. —
Es war also in der Sitzung Ihres Berliner Arbeiter-
vereins vom 4. Dezember 1863, daß dieses Duett zur
Aufführung kam.
Einige Arbeiter hatten die Ansicht ausgesprochen, daß
der Arbeiterverein von der ,, Bildung", für die durch den
Schulzeschen Katechismus nun schon genug geschehen sei,
dazu übergehen müsse, ein Mittel zur Verbesserung der
materiellen Lage der Arbeiter und somit des Ar-
beitslohnes ausfindig zu machen.
Da springt Ihr Schüler und Adjutant, der Fortschritts-
abgeordnete Herr F a u c h e r , auf die Tribüne (alles
folgende ist wörthch aus der BerhrR'-r Reform — einem
Herrn Schulze aufs engste befreundeten Blatte — vom
6. Dezember 1863 entlehnt) und läßt sich vernehmen
wie folgt : „ Neben dem berechtigten Arbeitslohn
steht ein ebenso berechtigter Faktor, das ist der Kapital-
zins; dieser Zins ist nichts weiter als der Lohn für die
165
bewiesene Enthaltsamkeit ; wer Kapital sammelt, hat sich
Entbehrungen auferlegt, er hat die von ihm erwor-
benen Mittel nicht verbraucht, sondern sie in verbesserten
Werkzeugen, Vorräten und dergleichen angelegt, und er
ist dadurch in den Besitz von KapitaHen gelangt, die der
Allgemeinheit zugute kommen; dafür daß er seinen Vor-
rat, die Früchte seiner Enthaltsamkeit hergibt, muß er
belohnt werden, und das geschieht durch die Zahlung
von Zinsen, denn diese Entbehrung ist soviel und
oft noch mehr wert als die Arbeit selbst. Es
ist daher nicht möglich, daß der Arbeitslohn
auf Kosten des Entbehrungslohnes sich erhöht."
Ist es erhört!! Also der Kapitalprofit (denn beiläufig,
Herr Faucher, wenn der Arbeiter eine Erhöhung des Ar-
beitslohnes fordert, so steht er nicht unmittelbar dem
Kapitalzins als solchem, sondern dem ganzen Kapital-
profit — Unternehmerprofit — Von welchem der Ka-
pitalzins nur ein bescheidener Teil ist, gegenüber), also
der Kapitalprofit ist der ,,E ntb ehrungsloh n! !"
Und hierauf besteigt Herr Schulze- Delitzsch in Person
die Tribüne: ,,Aus dem soeben gehörten Vortrage des
Herrn Faucher ist die Notwendigkeit recht ersichtlich, daß
eine regelrechte Organisation in den Vorträgen stattfinde.
Wa s Ihnen eben gesagt Wurde, ist das ABC
alles dessen, was ich Ihnen in meinen Vo r -
trägen ausführlich klar gemacht zu haben
glaubte."
Ja wohl, Herr Schulze, es ist, wie Sie sagen! Der
„Entbehrungslohn" ist, wie wir durch die ausführ-
liche Betrachtung Ihrer Lehren gesehen haben, nur die
pointierte, drastische Zusammenfassung Ihrer Lehre in
ein einziges Wort. Aber eben deshalb — ist es erhört,
ist es erhört ! ! !
166
Der Kapitalprofit ist der ,, Entbehrungslohn !" Glück-
liches Wort, unbezahlbares Wort. Die europäischen Mil-
lionäre Asketen, indische Büßer, Säulenheilige, welche
auf einem Bein auf einer Säule stehen, mit weit vorge-
bogenem Arm und Oberleib und blassen Mienen einen
Teller ins Volk streckend, um den Lohn ihrer Entbeh-
rungen einzusammeln! In ihrer Mitte und hoch über alle
seine Mitbüßer hinausragend als Hauptbüßer und Ent-
behrer das Haus Rothschild I D a s ist der Zustand der
Gesellschaft I Wie ich denselben nur so verkennen
konnte !
Und wenn das noch ein anderer gesagt hätte, ein
Bankier etwa ! Aber was Sie nur für ein Völler und
Prasser Ihr Lebtag gewesen sein müssen, Herr Faucher I
Denn meine Freunde sagen mir, daß Sie gar keine Ka-
pitalien haben, und ein mäßig reicher Bankier würde
nicht die Kosten, die er für eine anständige Mahlzeit
aufzuwenden gewohnt ist, hingeben, "um dafür den jähr-
lichen ,, Entbehrungslohn" (Kapitaleinkommen) einzutau-
schen, den Sie beziehen!
Und was nur diese Arbeiter für Völler und Prasser
sein müssen, wo sie nur insgeheim ihre Villen, Land-
häuser und Mätressen haben, und ihre Orgien feiern
müssen, daß sie so gar keinen Entbehrungslohn be-
ziehen I
Doch Scherz beiseite, denn es ist nicht möglich hierbei
zu scherzen, und selbst der ingrimmigste Scherz reicht
hier nicht aus und verwandelt sich notwendig von selbst
in den Ausbruch offener Empörung ! Es ist Zeit, es ist
Zeit, die Stimmen dieser Kastraten durch den rollenden
Ton groben Basses zu unterbrechen ! Ist es erhört —
während es sich mit dem Kapitalprofit verhält, wie wir
schon hinreichend gezeigt und noch gründlicher zeigen
167
werden, während das Kapital der Schwamm ist, welcher
allen Arbeitsertrag und Arbeitsschweiß in sich aufsaugt
und den Arbeitern nur des Daseins Notdurft übrig läßt,
hat man den Mut, den Kapitalprofit den Arbeitern als
den ,,Entbehrungslohn" sich kasteiender Kapita-
listen auszugeben ? ! Arbeitern, armen Arbeitern, darben-
den Arbeitern hat man den Mut, diesen unendlichen
Spott, diesen beißenden Hohn öffentlich ins Gesicht zu
werfen?! Gibt es gar kein Gewissen mehr, und ist die
Scham zu den Bestien entflohen ?
Und so weit hat man bereits die Ve rdummung und
Entmannung des Volkes mit Erfolg betrieben, daß
die Arbeiter selbst, statt in ein Gewitter von Unwillen
auszubrechen, dieser offenen Verhöhnung geduldig zu-
hören ? Warum hat das Gesetz keine Strafe für Dinge
dieser Art, und ist die systematische Verdummung des
Volksgeistes denn kein Verbrechen ?
Die We 1 1 gesdiichte kennt keine so elende, so pfäf-
fische Heuchelei wie diese da ! Die Pfaffen des Mittel-
alters gaben dem Volke doch wenigstens, wenn sie die
Ungleichheit der Reichen und Armen besprachen, die
freundhch tröstende Hoffnung, daß sich diese Ungleich-
heit da oben im Jenseits ausgleichen und vergelten werde !
Sie erkannten doch wenigstens das Dasein dieser be-
drückenden Ungleichheit und die Gerechtigkeit einer
Hoffnung auf dereinstige Vergeltung an !
Ihr, unerreichbare Heuchler, übertrefft alles, was
je die pfäffischste Heuchelei des Mittelalters geleistet!
Ihr macht die Glücksgüter und Vorteile der Reichen
umgekehrt zu gerechten Vergeltungen der
Entbehrungen und Entsagungen, die sie sich
schon in diesem Leben auferlegt I !
::- Aber, Herr Schulze, alles hat seine Zeit, alles rächt
168
sich schon hienieden, und der Tag wird kommen, wo das
öffentliche Gewissen Sie und Ihre Heuchelei und Ihre
Helfershelfer brandmarken wird, wie Sie es verdienen !
Man wird Ihnen das Wort: ,,Entbehrungslohn"
auf die Stirne brennen!^)
„d) Kredit und Kapitalrente."
Ich kann und muß jetzt schneller mit Ihnen zu Werke
gehen, Herr Schulze. Ich kann es, denn wir haben jetzt
Ihre national-ökonomischen Kenntnisse überreichlich ken-
nen gelernt, und alles bei Ihnen folgende ist nur eine
Wiederholung und ein weiteres Breittreten desselben Ge-
schwätzes. Ich muß es, denn ich überschreite sonst bei
weitem den Raum, der dieser Schrift gesteckt ist. Ich
kann es aber auch deshalb, weil nun jeder, der bis hier-
her mit Ernst und Verständnis gelesen hat, dadurch von
selbst in den Stand gesetzt ist, wenn er in Ihrem Buche
zu seiner eigenen Belustigung weiter liest, den Brei von
Worten, in welchem Sie Ihre vollständige Gedanken-
losigkeit und Unkenntnis verbergen, zum Stehen zu bringen
und ihn in den ihm zugrunde liegenden Unsinn aufzu-
lösen.
Ich betrachte also nur noch möglichst kurz die Haupt-
punkte.
^) Indes, Ehre dem Ehre gebührt. Schon 1846 schrieb der
französische Freihändler Molinari von den „Entbehrungen'
(privations), die sich der Kapitalist auferlegt, wenn er dem für
ihn schanzenden Arbeiter die Produktionsmittel „leiht", statt
sie zu verklopfen und den Erlös zu verjubeln. Und Molinari
war in seiner Art auch ein Stück Philanthrop. Aber freilich,
nur zu oft hat die Philanthropie mehr oder weniger gutgläubig
Feigenblattfabrikation betrieben. D. H.
• 169
In diesem Abschnitt wollen Sie die „Kapitalrente",
das heißt also die Produktivität des Kapitals
ökonomisch erklären. Und das machen Sie nach B a -
stiats Vorgang, indem Sie (p. 29) den Kapitalzins
also erklären, „denn Kapitalzins ist weiter nichts
als der Kaufpreis für die Nutzung oder den Gebrauch
einer Sache während einer bestimmten Zeit."
Mit anderen Worten: Sie behandeln diese Frage wie-
der in der schiefen Weise als stünde sie zwischen Unter-
nehmer und Unternehmer, zwischen Kapitalist und Ka-
pitalist, was gar nicht der Fall ist, da sie vielmehr ledig-
lich steht zwischen Kapitalist und Arbeiter.
Es genügt dies festzuhalten, und wäre es nicht einmal
ein Verdienst dabei, dies weiter zu entwickeln. Denn dies
hat bereits Rodbertus in seinem schon vor dreizehn
Jahren (1851) erschienenen dritten sozialen Briefe
gegen die Herren Bastiat-Thiers ausführlich und
meisterhaft getan, eine Entwicklung, welche jeder somit
nachlesen kann^). Aber Sie haben das entweder nicht
gelesen oder nicht verstanden — obgleich ich Arbei-
ter kenne, die es vollkommen verstanden haben — und
so nehmen Sie denn von dem Inhalt dieser brillanten
und epochemachenden Kritik nicht die geringste Notiz
und halten es für einfacher und offenbar auch viel sicherer,
dieselbe auch nicht durch ein Wort zu widerlegen!
Der Kapital z i n s , Herr Schulze, ob gerecht oder
nicht, kann überhaupt gar nicht in der Weise, wie Sie es
versuchen, als primäre, selbständige Erscheinung
erklärt werden. Er ist eine abgeleitete Erscheinung,
wie Sie das auch hin und wieder selbst zu sehen scheinen.
^) Dritter sozialer Brief von Rodbertus. Berlin, 1851, p. 101
bis 111.
170 ♦
dann aber in Ihrer gewöhnlichen Gedankenlosigkeit wieder
schießen lassen, abgeleitet nämlich aus dem Profit,
welchen das Kapital in den Händen eines un m i 1 1 e 1 -
baren Produktionsunternehmers abwirft. Weil
das Kapital in den Händen des Unternehmers produk-
tiv ist, weil je 1000 Taler mehr in seinen Händen einen
neuen Kapitalprofit abwerfen, kann und wird er
mir auch, wenn ich es vorziehe, um der Mühe der Ge-
schäftsverwaltung zu entgehen, nicht direkt, sondern durch
Zwischenschiebung eines Unternehmers zu produzieren
und ihm die 1000 Taler hierzu überlasse, von dieser
Produktivität, welche dieses Kapital in seinen Hän-
den hat, irgend einen Teil ablassen.
Dieser Teil ist der Zins, und ist so das Kapital
erst produktiv und zinstragend überhaupt, so wird es auch
bei jeder anderen Verwendung, zu der es erforderlich
ist und für die es sich sonst nicht fände, Zins abwerfen
müssen.
Das wissen auch die Bourgeoisökonomen seit lange,
und sie haben selbst nicht nur den Zins als diesen abge-
leiteten Teil des Unternehmerprofits erklärt, sondern auch
die näheren Gesetze bestimmt, welche in unserer Ge-
sellschaft das Wachsen und Fallen des Zinses im Ver-
hältnis zum Wachsen und Fallen des Unternehmerprofits
regeln.
Um also den Zins zu erklären, mußten Sie zuvor
die Produktivität des Kapitals in den Händen des
Unternehmers kritisieren und analysieren, was Sie, wie
wir gesehen, mit keiner Silbe getan haben ^).
^) Das ist insofern nicht ganz richtig, als Schulze-Delitzsch
zwar sehr flüchtig und in der schiefen Weise Bastiats, aber
doch mindestens formell auch auf diesen Pxmkt eingeht. So
171
Statt dessen wollen Sie die Gerechtigkeit des Kapital-
zinses in „schlagenden Beispielen" nachweisen. „Um
dies in schlagenden Beispielen darzutun — sagen Sie
daselbst p, 29 — muß immer wieder darauf zurück-
verwiesen werden, daß man Kapital stets in seinem rich-
tigen Sinne und nicht bloß als eine Summe Geld auf-
faßt. Also der Besitzer eines Ackers leiht oder ver-
pachtet einem anderen diesen mit der darauf stehenden
Ernte (sein Kapital) auf ein Jahr mit der Bedingung,
ihn das Jahr dai-auf, ebenfalls mit stehender Ernte zurück-
zugewähren. Jedermann sieht, daß diese Rückgewähr des
Feldes mit der Ernte des nächsten Jahres kein Entgelt
für den Feldbesitzer ist, daß er dafür mit gutem Fug
noch einen Pachtzins fordern wird, da er ja die Ernte
des Pachtjahres verliert. Diese dem Pächter überlassene
Ernte gewährt demselben ja nicht bloß den Samen, wel-
chem die später zurückzugewährende Ernte entkeimt
und etwa noch das geringe Ackerlohn, sondern
ein ansehnliches Mehr an Getreide, welches Mehr der
sucht er die Produktivität des Kapitals u. a. dadurch zu be-
weisen, daß er hervorhebt, wieviel mehr vier Arbeiter, denen
die besten Werkzeuge und der beste Rohstoff in reicher Menge
zur Verfügung gestellt sind, gegenüber sechs Arbeitern leisten
können, ,,die alle knapp und schlecht mit Rohstoff und Werk-
zeugen versehen sind". (Schulze-Delitzsch, Kapitel etc. S. 28
bis 29.) Weil das Kapital seinen Inhaber befähige, Arbeiter
zu ersetzen, respektive die Produktivkraft gegebener Arbeiter
zu erhöhen, sei es selbst produktiv, oder, wie es Schulze
nennt „werbend".
Der Beweis selbst ist natürlich falsch, da es sich nicht
darum handelt, zu erklären, warum ein größeres Kapital mehr
Profit zu erzielen vermag als ein kleineres, sondern wieso Ka-
pital als solches Mehrwert erzielt. D. H.
172
Pächter entvveaer im eigenen Konsum oder durch Ver-
kauf verwerten kann."
Icli finde gleichfalls dies Beispiel sehr ,,s c h 1 a g e n d",
Herr Schulze ! Es schlägt Ihnen nämlich ins Gesicht und
beweist, daß Sie nicht denken können !
Daß ein Acker Getreide bringt, zeigt freilich schon
der sinnliche Anblick. Daß aber ein Haufen Geldes —
oder etwa auch ein Haufen Waren irgend welcher Art
— gleichfalls etwas hervorbringt und daher Zins
eintragen muß, ist nicht so leicht zu sehen und sollte
eben von Ihnen erklärt werden. Sie machen das ganz
einfach! Sie setzen voraus, daß der Haufen Geld
oder der Haufen Waren ebenso produktiv sei, wie
der Acker und fragen dann triumphierend : muß dieser
Haufen also nicht ebenso gut eine Ernte geben, wenn er
auch keine trägt!
Oder um von der Ackerform abzusehen und die anderen
langweiligen Beispiele, die Sie bringen, alle mit einem
Zuge zu illustrieren : Sie setzen voraus, daß das
Kapital, dessen Produktivität Sie eben erklären sol-
len, in den Händen von Peter produktiv sei,
und fragen dann triumphierend: wird es also nicht auch
bei Paul produktiv sein, und ist es also nicht recht, daß
Paul dem Peter von dieser ihm überlassenen Produktivität
abgibt ? Ei freiHch, Herr Schulze, was dem einen recht
ist, ist dem anderen billig. Ist das Kapital einmal pro-
duktiv in den Händen Peters, go ist es dies auch in denen
Pauls und alles weitere ist in der Ordnung.
Die Sache ist nur zu erklären, woher die Produk-
tivität des Kapitals überhaupt, woher sie in den Hän-
den Peters kommt, und die Natur dieser Zeugungs-
fähigkeit eines toten, auch mit keinen ,, Naturkräften"
begabten Gegenstandes zu analysieren. Statt dessen setzen
173
Sie (las zu Erklärende einfach unbemerkt als Tatsache
voraus, und somit haben Sie es dann durch die Vor-
aussetzung bewiesen!
Diese glänzende Denkmethode zieht sich ununterbrochen
durch Ihr ganzes Buch, und jede Seite desselben ist voll
von Beispielen dieser Art. Aber einen Blütenpunkt er-
reicht Ihre gewaltige Denkkraft gerade kurz nach der
zuletzt betrachteten Stelle.
Sie wenden sich bei Ihrer Betrachtung des Zinses
gegen die Sozialisten, gegen die „Unverständigen", welche
den Zins abschaffen wollen, und rufen aus : „Ja, Zins
ist lästig ! Hebt den Zins auf, und der Kredit ist
weg, und wenn ihr ^hn am nötigsten braucht, fehlt er
euch 1"
Abgesehen davon, Herr Schulze, daß bei uns vorläufig
noch niemand den Vorschlag gemacht hat, bereits den
Zins aufzuheben — sehen Sie denn wirklich nicht den
unvergleichlichen logischen Unsinn, den Sie in diesen kur-
zen Satz so meisterhaft zusammendrängen?
Alle Sozialisten, welche den Zins ,, auf heben" wollten,
a la Proudhon etc., haben dies nie in der Weise erreichen
wollen, daß der einzelne dem anderen gar nicht
oder aus allgemeiner Menschenliebe zinslos borge,
wie das Kanonische Gesetz dies verlangte und wie das
Mosaische Gesetz dies wenigstens von den Juden unter-
einander auf Grund des Nationalitätsgefühls verlangte.
Sondern sie haben das stets in d e r Weise erreichen wollen,
daß sie durch Volksbanken oder Staatsbanken etc. etc.,
kurz diu"ch ganz positive staatliche und gesell-
schaftliche Einrichtungen die Unentgelt-
lich keit des Kredits organisieren wollten,
d. h. einen Zustand herbeiführen, wo jeder die ihm nötigen
174
Kapitalien umsonst darleihen ^) könne. Proudhon hat
dies schon im Namen seiner Zinsaufhebung ausge-
drückt, indem er sie ,,Ia gratuite du credit", die
,,Un entgeltlichkeit des Kredites", nannte. Das
müssen Sie auch wissen, denn wenigstens die Fibeln des
Herrn Bastiat haben Sie ja gelesen, und Bastiats Dis-
kussion mit Proudhon dreht sich eben ganz und gar um
dieses Thema und trägt diesen Titel.
Man kann nun — und ,dies noch mit gutem Recht —
bestreiten wollen, daß durch die Vorschläge des Klein-
bürgers Proudhon dies Resultat jemals erreicht werden
würde.
Oder es könnte jemand noch weiter gehen und etwa
behaupten wollen, daß es überhaupt unmöglich
sei, dies jemals zu erreichen.
Von alle diesem tun Sie nichts, Herr Schulze. Son-
dern Sie sagen: ,,Hebt den Zins auf" — und Sie
unterstellen in diesem Satz also die Möglichkeit
einer solchen Aufhebung mindestens für einen Augen-
blick. Sie wollen sie absichtlich unterstellen, um ge-
rade zu zeigen, welche verderbliche Folgen diese Auf-
hebung haben würde. Und gegen jene Sozialisten ge-
wendet und gegen den Sinn, welchen überhaupt die ,, Auf-
hebung des Zinses" in der Diskussion des gegenwärtigen
Jahrhunderts haben kann, brechen Sie nun in den glor-
reichen Satz aus: ,,Ja, Zins ist lästig! Hebt den Zins
auf, d. h. bewirkt, daß der Kredit unentgeltlich
sei, und jeder jederzeit umsonst die ihm nöti-
gen Kapitalien erhält, und — der Kredit ist
^) Wohl ein Schreibfehler. Dem Sinne nach muß es hier
„entlehnen" heißen. D. H.
175
weg, und wenn ihr ihn am nötigsten braucht,
fehlt er euch! !"
Begreifen Sie jetzt den haarsträubenden Blödsinn und
Widerspruch dieses Satzes ? Ist es erlaubt, Herr Schulze,
einen Satz von zwei Zeilen zu schreiben, der in seinem
Vordersatz seinen Hintersatz, in seinem Hintersatz seinen
Vordersatz aufhebt ?
Angenehmer Denker, der Sie sind! Das also, daß Sie
Ihren Arbeitern den realen Sinn verschweigen,
welchen die Formel der Zinsaufhebung bei jenen Sozia-
listen, welchen sie in der ganzen Diskussion unseres Jahr-
hunderts hat — das ist die plumpe, elende Täuschung,
durch welche Sie die Arbeiter mit dieser triumphierenden
Wendung von den verderblichen Folgen der Zinsauf-
hebung überzeugen!
Sind Sie wirklich so blödsinnig, einen solchen Satz zu
schreiben, ohne seinen Widerspruch zu merken, oder ist
es bloße Absicht zu täuschen — darüber möge jeder nach
seiner Wahl selbst entscheiden^).
Auf das letztere deutet noch die dem angeführten Satze
unmittelbar vorausgehende Stelle hin. Sie lautet also
(p. 32) :
^) Der Vortrag, der die zitierte Stelle enthält, ist noch
vor Erscheinen des „Offenen Antwortschreibens" gehalten
worden und richtet seine Spitze mindestens ebenso stark gegen
die von konservativer Seite damals agitierten sozialdemagogi-
schen Schlagworte als gegen etwaige sozialistische Projekte —
ein Umstand, den Lassalle übersehen zu haben scheint. Erst
die letzten der sechs Vorträge, aus denen der Schulzesche
„Katechismus" besteht, sind gegen Lassalle gehalten. Unter
den Schlagworten der damaligen Konservativen, der Zünftler
etc. spielten aber gesetzHche Zinsbeschränkungen eine große
Rolle. D. H.
176
„Und diese Rücksicht wird noch verstärkt, wenn man
feich in die Lage des weniger bemittelten Ar-
beiters denkt, mag er sich vom Betriebe eines eigenen
kleinen Geschäftes nähren oder für seine Leistungen von
anderen gelohnt werden. Was würde aus ihm, wenn er
sich im Alter zurückzieht, um von seinen mäßigen Erspar-
nissen zu leben, gewährten diese nicht irgendwie einen
Ertrag? Welche enorme Summen müßten die Menschen
sammeln, um eine Versorgung im Alter zu haben, wenn
dieses angesammelte Vermögen keine Rente abwürfe, nicht
durch Zins auf Zins im Laufe der Jahre anwüchse, son-
dern rein konsumiert würde! — Wie weit langte da der
Arbeiter, der sogenannte kleine Mann mit dem mühsam
Erübrigten? Mag er dasselbe jetzt in ein gangbares Ge-
schäft gesteckt haben, welches, einem anderen Arbeiter
übergeben, ihn für den Rest seiner Tage noch mit ernähren
soll, mag er es in eine jener Invaliden- oder Altersver-
sorgungskassen allmählich eingesteuert haben — • ohne die
Nutzbarkeit, die Rente, wodurch sich die in den einzelnen
Jahren eingelegten Steuern, so groß oder gering sie sind,
im Laufe der Zeit von selbst verdoppeln, würde es nie-
mals auch nur annähernd für die bescheidensten Ansprüche
genügen. Tausende woirden erfordert, um, auf eine Reihe
von Lebensjahren verteilt, auch nur eine kümmerliclie
Existenz zu decken, und kaum würde soviel damit erreicht,
wie jetzt mit Hunderten. Gerade in der von so vielen
Unverständigen so verschrienen Kapitalrente, in dem
Zins, den es trägt, liegt ein stetig fortzeugender Segen,
der in seinen Endresultaten allen zustatten kommt, und
dem kleinen Kapital des Arbeiters gerade am meisten
Not tut, soll es auch den bescheidensten A.nsprüchen
genügen."
Wie reizend Sie hier, Herr Schulze, um dem Arbeiter
12 Lassalle. Ges. Schriften. Band V. 177
die Notwendigkeit der Kapitalrente in seinem Interesse
zu beweisen, ihm seine Lage als eine ganz andere und
entgegengesetzte zu schildern wissen, als sie wirk-
lich ist ! Nach Ihrer Darstellung ist der europäisch©
Arbeiter in seinem Alter — kleiner Rentier! Er
ist stiller Teilnehmer, Kommanditär, wenn auch nicht
gerade bei Breest und Gelpke und der Diskonto-Kom-
mandit- Gesellschaft, so doch an einem anderen ,, gangbaren
Geschäft"! Hier Herr Schulze, gilt keine Entschuldi-
gung mit Dummheit und Blödsinn ! Daß dies nicht der
Fall sei, daß diese Ihre behagliche Darstellung, die Sie
da von der Renten beziehenden Lage des alten Arbeiters
entwerfen, die verlogenste Täuschung sei, die
in der ganzen Geschichte der Literatur zu finden ist —
das wissen Sie! Und ewig zu bewundem wird nur
sein, daß sich Arbeiter, die doch ihre eigene Lage kennen
sollten und die Lage alter Arbeiter an Verwandten und
Bekannten vor sich gesehen haben, solche Dinge ruhig
ins Gesicht sagen ließen! Aber die Leute vergaßen über
die anziehende Beschreibung dieses behaglichen Eldorados
wahrscheinlidi Hunger und Durst, Gedächtnis und Er-
innerung.
Und zweitens, wenn, wie Sie in dem von Ihnen ge-
stellten Falle momentan annehmen, die Produktivität
des Kapitals, die Kapitalrente fortfiele, wo fiele
denn da jener Ertrag der europäischen Pro-
duktion, der bis jetzt auf das Kapital fällt,
den Kapitalprofit bildet, hin? Doch nicht ins
Wasser! Doch auch nicht in den Mond! Er fiele also
in die Taschen der Ar bei tenden!
^) Das ist nur richtig, wenn man die Schulzesche Suppo-
sition zugrunde legt, wonach die Frage des Zinses zwischen
178
Das also mußten Sie auch noch wissen, und kei-
nesfalls konnten Sie also aus der gegenwärtigen
Lage der Arbeiter irgend eine Folgerung herlei-
t e n auf einen solchen Zustand, wo alle Produk-
tivität der Arbeit, wo aller heut auf das Ka-
pital fallende Ertrag in die Taschen der
Arbeitenden fiele!
Aber aus diesen elenden Täuschungen setzt sich, wie
. wir nun schon bis zum Überdruß gezeigt haben, Ihr ganzes
Machwerk Schritt für Schritt zusam.men : Wenn man den
Ekel überwindet, diesen Brei zu durchwühlen, so klebt
an einem jeden Finger der Blödsinn und die Lüge!
Auf so plumpe Taschenspielereien, durch die Sie syste-
matisch dem Arbeiter den Verstand exstirpieren, die
Urteilskraft umnebeln und jeden hellen Blick, zu dem er
sich etwa von selbst heraufgearbeitet, künstlich umnachten
— auf solchen planvollen Betrug, auf solche absicht-
liche Ve rdummung der Massen gründen Sie — welche
Blasphemie ! — - unter den Arbeitern Ihren Anspruch auf
den Titel eines ,,Lehrers" derselben!
Herr Schulze ! Es wäre keine Gerechtigkeit mehr in
der Geschichte und keine Kraft mehr in meinem Arm,
Geldkapitalist und dem Arbeiter als selbständigem Unter-
nehmer stand. Da aber, wie Lassalle weiter oben richtig be-
tont, in der modernen Wirtschaft der Kapitalzins aus dem
Untemehmerprofit sich ableitet, präziser ausgedrückt, dem
Mehrwert entstammt, der Differenz zwischen dem Ertrage der
wirtschaftlichen Unternehmungen und dem Betrag der an die
Arbeiter verabfolgten Löhne, so liegt es auf der Hand, wes-
halb die unmittelbare Wirkung einer Aufhebung des Zinses die
sein müßte, daß der bisher den Geldkapitalisten als solchen
gezahlte Betrag in die Taschen der kapitalistischen Unter-
nehmer — Industrielle, Grundbesitzer etc. — und nicht der
Arbeiter fiele. D. H.
12- 179
wenn Ihr Name nicht einst noch wie der Ihres lite-
rarischen Vorgängers zum Symbol unter den Arbei-
tern wird für alle, die auf gleichen Bahnen wandeln.
Und nicht bloß unter den Arbeitern ! Denn noch
gibt es in a 1 1 e n Klassen der Gesellschaft Männer, welche
planmäßige Verdummung des Volksgeistes, absichtliche
Täuschung der Massen, um sie für die Interessen der
Kapitalisten geschmeidiger zu machen, für ein Ve r -
brechen halten!
180
Drittes Kapitel.
JII. TAUSCH. WERT UND FREIE KONKUR-
RENZ."
Wir übergehen die beiden bei Ihnen noch folgenden
Abschnitte Ihres „Kapitar'-Unsinns, die immer wieder
dasselbe Grundthema in allen möglichen falschen Quinten
weiter variieren, welche sich nun durch alles Vorher-
gehende hinreichend von selbst auflösen, zum Teil auch
noch später von uns beiläufig betrachtet werden sollen.
Hier wollen wir nur einen flüchtigen Blick auf die
Weisheit Ihres dritten Kapitels : ,, Tausch, Wert und freie
Konkurrenz" werfen.
Schon die bloße Aufeinanderfolge Ihrer Kapitel ist
klassisch und zeigt die Tiefe Ihrer ökonomischen Kennt-
nisse! Erst behandeln Sie ,,das Kapital", und dann
behandeln Sie ,, Tausch, Wert und freie Konkur-
renz", während die Kategorie ,, Kapital" in der ökono-
mischen Wirklichkeit wie in der theoretischen Entwick-
lung eben doch nur die Folge der Kategorien des Tausches
und Wertes ist, und diese beiden also jedenfalls
vorhergehen müssen, damit das ,, Kapital" ent-
wickelt und begriffen werden kann.
Ihnen ist das inzwischen ganz gleichgültig, und aller-
dings liegt in dieser Gleichgültigkeit eine Art Selbstgerech-
tigkeit, die Sie sich widerfahren lassen.
181
Denn freilich kommt bei dem, was Sie unter Ent-
wicklung verstehen, auch nicht das geringste darauf an,
ob etwas am Anfange oder am Ende behandelt ist.
Nichts ist eine H e r 1 e i t u n g , nichts eine Entwick-
lung aus dem vorigen, nichts ein Fortgang; alles
ist nur immer dieselbe tautologische Wiederholung will-
kürhcher und gedankenloser Versicherungen. So können
Sie denn freihch Tausch und Wert abhandeln, nachdem
Sie bereits zuvor das ,, Kapital" abgehandelt haben, und
v;ir, verflucht mit der kritischen Geißel hinter Ihnen
herzulaufen, müssen uns also freilich schon entschließen,
Ihrem tollen Gange zu folgen.
Nachdem Sie uns also schon bisher in Ihrem ganzen
Buche seinem realen Inhalt nach nichts weiter gesagt
haben, als das eine Wort : Tausch, Tausch, Tausch, gehen
Sie jetzt erst dazu über, den , .Tausch" zu behandeln,
d. h. Sie treten unter der Überschrift ,,Eigenintere!Sse"
und ,, Tausch" auf elf Seiten das schon früher hierüber
Gesagte noch einmal in den widerlichsten Trivialitäten
breit und gehen nun (p. 59) zu der Behandlung — oder
vielm.ehr zur M i ß handlung — - der interessanten öko-
nomischen Kategorie des We r t e s über. Hier wollen
wir Sie wieder spezieller begleiten, weil uns das wieder?
wie früher Gelegenheit zu positiven Ausführungen geben
wird.
Sie verfahren bei der Lehre vom We r t wieder nach
Bastiat — der überhaupt die einzige Quelle Ihrer Weis-
heit bildet — ■kind seiner bekannten Theorie vom
,,Dienst", die in ihre absolute innere Nichtig-
keit aufzulösen die Aufgabe des weiter folgenden
sein wird. Und kommen dabei freihch auch manche der
ergötzhchsten Dummheiten auf Ihre eigene Rechnung,
denn Sie übertreffen Bastiat, der zwar weder ein
182
Ökonom noch ein Denker, aber doch wenigstens das war,
was die Franzosen einen „geistreichen Blagueur" nennen,
noch weit nach allen Seiten hin, so wollen wir uns im
folgenden doch im ganzen nur an das Wesentliche Ihrer
Darstellung halten, das Sie mit Bastiat gemein haben.
Sie sagen also, daß bei jedem Tausch eine Berechnung,
eine V^eranschlagung der tauschenden Parteien eintritt
,, dessen, was von ihnen gefordert wird, gegen das, was
sie dafür erhalten, und daß sie sich nur dann zum Tausche
entschheßen, wenn jede von ihnen bei der Vergleichung
findet, daß das, was sie der anderen geben oder leisten
soll, ihr weniger Mühe und Kosten verursacht, als die
Herstellung dessen, was sie dafür bekommt." Und Sie
definieren hierauf: ,,Das durch die zu solchem Zwecke
angestellte Vergleichung gefundene Verhältnis der aus-
zutauschenden Sachen oder Dienste ist der
Wert"i).
^) Bastiat (econ. härm. p. 143) definiert: ,,Je dis donc: la
valeur, c'est le rapport de deux Services echanges. " „Ich sage
also: Der Wert ist das Verhältnis zweier ausgewechselten
Dienste." Indem Sie dagegen sagen: „Das Verhältnis der
auszutauschenden Sachen oder Dienste" werfen Sie aus
Ungeschicklichkeit, ohne es zu wollen, die ganze Bastiatsche De-
finition wieder um ! Seine Definition Ist wenigstens formell eine
Definition, und zwar eben dadurch, daß sie im Definieren die
..Sachen" unterdrückt und als Maßstab des Wertes der-
selben die zu ihrer Herstellung erforderlichen Dienste
— wir werden später freilich sehen, wie — angibt. So ist
wenigstens für das zu Suchende (den Sachenwert) ein Maß-
stab gefunden. Sie aber, indem Sie in Bastlats Definition noch
das Wort „Sachen" einschieben, vernichten dieselbe, ohne es
zu wollen und verwandeln sie in die gelstreiche Definition:
der Wert einer Sache ist das Verhältnis zweier
Sachen I Bon! Doch ich schenke Ihnen dies, wie noch zehn-
tausend anderes'
183
Der alte Adam Smithsche Satz, daß die Arbeit die
Quelle und der Faktor aller Werte sei^), der bei Smith
noch oft mit Schwankung und Widerspruch behaftet auf-
tritt^), von Ricardo dann aber zu einem konsequenten
und streng durchgeführten System entwickelt wird —
dieser Satz bleibt dem Worte nach auch noch bei Ba-
st i a t bestehen ; der Sache nach wird er bei ihm frei-
lich, wie wir später feigen werden, in sein striktestes
Gegenteil verwandelt. Dem Worte nach bleibt er
also auch bei Ihnen bestehen, und so gehen Sie denn
zunächst darauf aus, darzutun, daß es nicht die Stoff-
lichkeit des Gegenstandes sei, welche seinen Wert
bilde, sondern die Reihe von ,, Dienstleistungen", welche
zu seiner Herstellung beitragen. Und hierbei passiert Ihnen
^) Adam Smith, T. I p. 60 ed. Gani. ,,Der reelle Preis
jeder Sache, das v/as sie jedem wirklich kostet, der ein Be-
dürfnis nach ihr hat, ist die Mühe und Anstrengung, die er-
forderlich ist, sie zu erwerben. — — — Was man mit Geld
oder Wären kauft, ist mit Arbeit gekauft, ebenso gut wie das,
was wir durch unmittelbare Anstrengung unseres Körpers er-
werben. Dieses Geld und diese Waren ersparen uns in diesem
Fall diese Anstrengung. Sie enthalten den Wert einer ge-
wissen Quantität von Arbeit, den wir umtauschen gegen
das, was eine gleiche Quantität von Arbeit In sich
zu enthalten vorausgesetzt wird. Die Arbelt war der erste Preis,
die für den ursprünglichen Ankauf aller Sachen bezahlte Münze
etc. etc."
2) „Er (Adam Smith) verwechselt beständig die Bestimmung
des Werts der Waren durch die in ihnen enthaltene Arbeits-
zeit mit der Bestimmung Ihrer Werte durch den Wert der Ar-
beit, schwankt überall In der Detaildurchführung und versieht
die objektive Gleichung, die der Gesellschaftsprozeß gewalt-
sam zwischen den ungleichen Arbeiten vollzieht, mit der sub-
jektiven Gleichberechtigung der individuellen Arbeiten." (Marx,
,,Zur Kritik der politischen Ökonomie" S. 37.) D. H.
184
denn ein eigentümliches Unglück ! Sie wollen dies an
einem Dutzend Hemden klar machen und sagen p. 60 :
„Nehmen wir einen Gegenstand des allgemeinsten Be-
darfs, ein Dutzend Hemden. Um sie mir zu schaffen, kann
ich einen doppelten Weg einschlagen. Einmal kaufe ich
mir den Flachs vom Ackerbauer und gebe ihn an die
Spinnerin, welche mir das Garn daraus Hefert. Dieses
schaffe ich wieder zum Leineweber, und die gefertigte
Leinwand auf die Bleiche, worauf ich die Näherin be-
stelle und nun erst die fertigen Hemden erhalte. Alle
diese Personen, die mir die erwähnten Dienste verrichten,
muß ich bezahlen. Worin liegt nun der Wert der Hem-
den, des Schlußproduktes aller ihrer Leistungen ? Offen-
bar in der Gesamtheit der zu ihrer Herstellung und
Lieferung an mich erforderlichen Leistungen, welche das
Maß meiner Gegenleistung — den für eine jede von
mir zu gewährenden Lohn — bestimmen, und im Grunde
habe ich nichts als Arbeitslöhne und keines-
wegs die Hemden bezahlt."
Das Unglück, das Ihnen hier passiert, besteht darin,
daß Sie, falls es baumwollene Hemden wären, Ihrem
Freunde Reichenheim, wenn Sie die Welt im Preis der
Produkte , »nichts als Arbeitslöhne bezahlen"
lassen, allen Kapitalzins und Kapitalprofit wegnehmen,
den er inzwischen an seinem Baumwollengam gemacht
und freihch wohl schon in Sicherheit vor Ihnen gebracht
haben wird!
Ohne Scherz, Herr Schulze, wenn im Preis der Pro-
dukte „nichts als Arbeitslöhne bezahlt" würde,
wo käme der Zins der Kapitalisten und der Profit der
Kapitalien her?
Dunkel, dunkel, wer weiß auf welchen Bastiatschen
Umwegen, haben Sie vielleicht einmal von jenem tiefen
185
und großen Satze Ricardos gehört, welcher in den
in der letzten Anmerkung von mir angeführten Worten
Adam Smiths seine Wurzel hat und von dem alle neuere
wissenschaftliche Ökonomie ausgehen muß, von dem
Satze: daß im Preis der Produkte nichts bezahlt werde
alsArbeitsquanta (Arbeitsmengen ^ ) ) , und Sie, köst-
licher Knabe, halten ganz einfach Arbeits q u a n t a und
Arbeits löhne für identisch und lassen — und wie be-
schwichtigend muß das nicht vor Arbeiterohren klingen!
— frisch darauf los stiefelnd im Produktenpreise nichts
weiter bezahlt werden als Arbeitslöhne!^)
Unvergleichlicher Schulze ! Im Unterschied der Ar-
beits q u a n t a und der Arbeits löhne, in dieser kleinen
Falte, über die Sie so bärenmäßig hintapsen, steckt fast
die ganze Nationalökonomie und ganz besonders steckt
da der gesamte Zins wie Profit der Kapitalisten !
Ist Ihnen alles egal, Sie Dozent der Nationalökono-
mie! —
Für solche Dummheiten, sehen Sie, kann selbst Ba-
stiat nichts.
^) Das heilit, da Wert und Preis keineswegs imm
sammenf allen, daß der Wert der beliebig vermehrbaren Pro-
dukte bestimmt wird durch die in ihnen kristallisierten Arbeits-
mengen. D. H.
") Es ist dies auch durchaus nicht etwa Schreibfehler bei
Ihnen, sondern eine überall wiederkehrende ganz dog-
matische Vorstellung, siehe z. B. p. 64 Ihres Katechismus :
— „und alle Auslagen lösen sich am letzten Ende wiederum
in Arbeitslöhne auf"; ebenso p. 36, 60 und sonst. (Wobei
indes der gute Schulze gerade auf S. 36 seiner Schrift aus-
drücklich den Unternehmergewinn mit in die Rubrik der Ar-
beitslöhne wirft, und zwar sowohl die Bezahlung des Unter-
nehmers als Betriebsleiters, wie die als Kapitalisten schlecht-
weg. D. H.)
186
.'* . ...
Auch Bastiat, wie Say und die ganze französische
Schule, betrachtet Kapitalzins und Profit als konstitu-
ierende Faktoren im Preise der Dinge und
läßt sie da von den Konsumenten bezahlt werden ' )
^) Bastiat betrachtet den Profit, welcher dem Kapital für
den ,, Dienst", den es der Produktion leistet, vergütet wird,
ausdrücklich als ein besonderes Element, welches im Preis
der Produkte vom Konsumenten bezahlt wird, z. B. Harm. econ.
p. 230 „von allen Elementen, welche den Totalwert irgendeines
Produktes zusammensetzen (de tous les elements qui oomposent
la valeur totale d'un produit quelconque) ist dasjenige, welches
wir am freudigsten bezahlen sollten, das Kapitalinteresse" oder
das. p. 223 : ,,Das sind sehr beklagenswerte Ökonomen, die da
glauben, daß wir das Interesse der Kapitalien nur bezahlen,
wenn wir sie leihen", worauf er auseinandersetzt, daß sie im
Preise aller Produkte bezahlt werden. — Bastiat sagt aller-
dings z. B. p. 157 wo er dies am Beispiel der Steinkohle aus-
einandersetzt : ,,c'est la totalite de ces travaux qui constitue
la valeur", ,,es ist die Gesamtsumme aller dieser Arbeiten,
welche den Wert der Steinkohle bildet". Und hier ist das
Wort „Arbeiten", wie häufig bei Bastiat, ganz richtig in
dem Ricardoschen Sinne der Arbeitsquanten genommen,
die zur Herstellung eines Produktes erforderlich sind. Aber
selbst Bastiat, so verlogen dieser Schriftsteller auch ist, würde
ganz unfähig gewesen sein, statt : .,es ist die Gesamtsumme des
travaux (der Arbeiten) zu sagen: es sei die Gesamtsumme
des salaires (der Arbeitslöhne), welche den Wert der
Steinkohle bilde. Diese unbefangene Gleichsetzung von Arbeits-
quanten und Arbeitslöhnen ist - wenn mit Bewußtsein
verübt, und welches wäre die richtige Bezeichnung eines Öko-
nomen, der sie ohne Bewußtsein vornimmt? — eine der un-
qualifizierbarsten Mystifikationen, die jemals die Literatur be-
fleckt haben. In Vorträgen an Arbeiter begangen, verdient sie
eine Kennzeichnung, welche über alle Macht der Sprache
hinausgeht. -- Der Unterschied von Arbeiten oder Arbeits-
quanten und Arbeits löhnen wird oben sowie im weitem Ver-
lauf zur deutlichen Entwicklung gebracht werden.
187
— und irgend woher muß er doch kommen, denn er ist
doch einmal da, sehr reell da, der Kapitalprofit I
Umgekehrt hält die ganze englische Schule seit Ricardo
daran fest, daß Kapitalzins und Prolit keine konstitu-
ierenden Faktoren des Preises der Dinge ^) seien, daß
im Preis der Dinge vielmehr nur Arbeitsquanta be-
zahlt werden. Ist dies richtig, so ergibt sich hieraus dann
die weitere Folge,' die ich in meinem ,, Antwort-
schreiben"-) in Kürze entwickelt habe, daß der Kapital-
profit sich bildet aus dem Unterschied der Ver-
gütung der Arbeits q u a n t a durch die Konsumenten
und der Arbeits löhne durch die Unternehmer,
mit anderen Worten : daß er sich bilde durch einen Ab-
zug vom Arbeitsertrag des Arbeiters, durch welchen
Abzug eben die diesem zufallende Vergütung seines
Arbeits quantums auf den Arbeits lohn herabgesetzt
wird^).
^) Das heißt immer, soweit die ,, Dinge" Produkte im obigen
Sinne sind. D. H.
^) Offenes Antwortschreiben. Zürich, Meyer & Zeller, 1863,
p. 17. (Bd. III. S. 60 unserer Ausgabe.) D. H.
^) Diese Folgerung, daß der ganze Wert des Arbeits-
quantums dem Arbeiter gebührt — denn in dieser Bedeutung
gebraucht hier Lassalle das Wort ,, zufallende" — hatten be-
kanntlich schon die englischen Sozialisten der zwanziger und
dreißiger Jahre aus der Ricardoschen Wertlehre gezogen. ,,Die
theoretische Richtigkeit der Formel (nämlich, daß der Tausch-
wert eines Produkts gleich ist der in ihm enthaltenen Arbeits-
zeit, und daß daher der Tauschwert eines Arbeltstages gleich
dem seines Produkts ist) vorausgesetzt, wurde die Praxis des
Widerspruchs gegen die Theorie bezichtigt und die bürgerliche
Gesellschaft angegangen, praktisch die vermeinte Konsequenz
ihres theoretischen Prinzips zu ziehen ... Es ist bewiesen, daß
selbst die utopistische Auslegung der Ricardoschen Formel in
188
Die ganze soziale Frage, wie die ganze Nationalökono-
mie, der Unterschied der gesamten französischen und
englischen Schule — alles steckt also in den Falten
dieses Unterschiedes zwischen Arbeitsq u a n t u m und Ar-
beits lohn.
Ihnen ist in Ihrer grotesken Unwissenheit nicht ein-
mal vom Dasein eines solchen Unterschiedes irgend
etwas bekannt, und so lassen Sie denn ohne weiteres
Kapitalzins und Profit aus der Welt verschwinden, in-
dem Sie in dem Preise der Produkte bloß ,, Arbeits-
löhne" bezahlen lassen 1
Doch das beiläufig!
Sie wollen nun weiter zeigen, daß der We r t — den
Sie immer mit Recht im Sinne von Tauschwert neh-
men — nicht in der Nützlichkeit der Dinge liege.
Und um diesen an sich richtigen, höchst emfachen und
bis zur Tautologie klaren Satz — denn freilich ist es
fast tautologisch, daß der Tauschwert nicht im Nutz-
wert liege — zu beweisen, wählen Sie wieder ein schla-
gendes Beispiel, ein Beispiel nämlich, das Ihnen wieder
rechts und links ins Gesicht schlägt.
England bereits verschollen war, als Herr Proudhon sie jen-
seits des Kanals entdeckte." Vgl. Marx 1859 in ,,Zur Kritik
der politischen Ökonomie" (a. a. O. S. 40). Für den aufmerk-
samen Leser ergibt sich schon aus dieser kurzen Bemerkung,
daß Marx die gleiche Folgerung nicht zieht, so daß der obige
Satz allein die in der Vorbemerkung angeführte Stelle aus dem
,, Kapital ' motiviert. Zum besseren Verständnis sei noch hinzu-
gefügt, daß, da der ,,Wert ' überhaupt eine Kategorie der
bürgerlichen, auf der Konkurrenz beruhenden Wirtschaftsord-
nung ist, die Forderung des vollen Arbeitsertrages gleichzeitig
den Fortbestand und die Aufhebung der Konkuirenz ein-
schließt, ein Widerspruch, der denn auch in allen Projekten zu
ihrer Venvirklichung deutlich zum Ausdruck kommt. D. H.
189
Sie sagen (p. 63) : „Man nehme z. B. eine gewöhnliche
Semmel, die in der Regel wenige Pfennige kostet, bei
einer Hungersnot aber in einer belagerten Stadt bisweilen
mit Gold aufgewogen v/erden kann. Aus dem Stoff des
Gebäcks, aus seiner Nutzbarkeit, kann dies niemals
erklärt werden, denn darin hat sich nichts geändert. Die
Bestandteile der Semmel, ihre Nährkraft, vermöge deren
sie den Hunger stillt, sind sich in beiden Fällen gleich
geblieben und doch ist der Wert ein ungeheuer verschie-
dener."
Welcher Wortschwall und welche Unwissenheit !
Statt zu beweisen, was Sie dadurch beweisen wollen,
beweist jenes Beispeil, da es infolge Ihrer tatsächlichen
Voraussetzungen einer ganz anderen Ordnung der Dinge
angehört, nur Ihre absolute Unkenntnis des ökonomischen
Stoffes.
Alle Gegenstände zerfallen nach Ricardo i^ bezug
auf den Preis in zwei Gattungen, in solche, deren Menge
beliebig vermehrt werden kann und in die seli^r kleine
Anzahl solcher, welche nicht beliebig vermehrt werden
können.
Bei den Gegenständen der ersten Art wird der Markt-
preis zwar auch zunächst bestimmt durch das Verhältnis
von Angebot und Nachfrage, allein da dieses Angebot
beliebig vermehrt vv^erden kann, so wird der Preis dieser
Gegenstände in letzter Instanz bestimm.t durch ihre Pro-
d uk tio nskosten.
Die Gegenstände der zweiten Art dagegen, die nicht
beliebig vermehrt werden können, haben einen Mono-
polpreis, d. h. sie hängen ledighch ab von ihrer vor-
^) Ricardo, Principl. of polit. econ. T. I. p. 4 ed. Constancio.
190
handenen Anzahl im Verhältnis zu der Nachfrage nach
ihnen, die sich bei einem bestimmten Preise derselben
noch geltend macht. So z. B. bei den Produkten des
Genies. Gemälde von Raphael sind Gegenstände, die sich
keineswegs, wieviel Kapital und Arbeit man auch darauf
verwende, beliebig vermehren lassen. Der Preis derselben
kann daher 30000. 50000, 100000 Taler sein. Er steht
außerhalb eines jeden Verhältnisses zu ihren Erzeugungs-
kosten. Ebenso der Preis sehr seltener und nur in ganz
besonderen Lagen gedeihenden Weine, wie z. B. der
Glos de Vougeot. Der Preis ist hier lediglich Mono-
polpreis, der nur bestimmt wird, wie dies auch bei
allen Monopolen der Fall ist, durch das Verhältnis der
vorhandenen Raphaels etc. zu demjenigen der Käufer,
die zu jenen Preisen noch als effektive Bieter auftreten.
Mit verschiedenen Modifikationen, auf die es hier
weiter nicht ankommt, ist der Gedanke dieser Einteilung
resp. Unterscheidung Ricardos seitdem von aller wissen-
schaftlichen Ökonomie akzeptiert und weiter verarbeitet
worden.
Sie sehen nun wohl, Herr Schulze, daß Sie, weil zu-
fällig in Bastiats Fibel nichts davon steht, von dieser
Einteilung nicht die geringste Ahnung haben. Sonst wür-
den Sie Ihr Beispiel nicht haben wählen können.
Denn in einer belagerten Stadt, in welcher, weil ihr
die Zufuhr abgeschnitten ist, Hungersnot herrscht, ist
der Preis der Semmel im höchsten Grade Mono-
polpreis. Er hängt lediglich davon ab, wieviel Sem-
meln noch innerhalb der Stadt zu beschaffen und wieviel
Mäuler zu stopfen sind.
Dieses Beispiel vermag also keineswegs den Satz zu
beweisen, den Sie damit beweisen wollen, da es aus einer
ganz anderen Ordnung der Dinge gegriffen ist, und ge-
191
rade bei ihm die Arbeit, welche zu der Beschaffung der
Semmel erforderlich war, vollständig als Wertfaktor ver-
schwindet. Ja, das Beispiel ist von Ihnen so geschickt ge-
griffen, daß gerade in diesem Falle ausnahmsweise ein-
treten kann, daß der Gegenstand nur nach seiner Nütz-
lichkeit bezahlt wird, was Sie ja durch das Beispiel
gerade widerlegen wollen.
Denn wenn z. B. Berhn belagert ist und Hungersnot
in der Stadt herrscht, wie Sie voraussetzen, so wird,
wenn nur noch eine Semmel oder etwa nur noch tausend
Semmeln in Berlin vorhanden sind, Herr Reichenheim
vielleicht 100000 Taler für eine Semmel bieten, und
andere, welche mit Geld nicht soweit bieten können, wer-
den mit ihren Armen, Stöcken und Messern mitbieten ;
es wird Mord und Todschlag geben, um sich in den Besitz
der Semmel zu setzen. Mit anderen Worten: man wird
die Semmel nach ihrer Nützlichkeit bezahlen, vor
dem Hungertode zu retten ; ihr Tauschwert wird in diesen
ausnahmsweisen Umständen ihrem Nutzwert gleich sein
und durch diesen bestimmt werden; man wird, weil die
Semmel die Nützlichkeit hat, das Leben zu retten,
diese Nützlichkeit selbst, das Leben, dafür ein-
setzen und hingeben!
So kundig also und geschickt wählen Sie Ihre Bei-
spiele, daß gerade in dem von Ihnen gesetzten Falle
ausnahmsweise das eintritt, was Sie widerlegen wollen,
daß nämlich die Sachen nach ihrer Nützlichkeit be-
zahlt werden^).
^) Was Schulze-Delitzsch widerlegen will, ist, daß der
(Tausch-) Wert in den „Innern Eigenschaften und Nützlich-
keiten" der Tauschobjekte stecke, hier also im physiologischen
Nährwert der Semmel. Insofern würde sein Beispiel also iramer-
192
Sie fahren fort (p. 64): ,,In der Arbeit also, der
Anstrengung des Menschen, welche erforderhch ist, um
einen nutzbaren Gegenstand zu unserer Verfügung zu
stellen, oder uns einen nützlichen Dienst zu erweisen,
steckt einzig und allein der Wert."
Soweit wäre es — den Worten nach — noch immer
die Arbeit in ihrer positiven Smith- Ricardoschen
Auffassung, welche das Prinzip des Wertes bildet. End-
lich muß aber doch nun allmählich in die, wie wir zeigen
werden, ganz entgegengesetzte Auffassung B a s 1 1 a t s ,
in die Theorie vom ..Dienst" übergegangen werden!
Sie holen daher von neuem Atem und beginnen :
,, Indessen ist hiermit die Frage noch nicht gelöst.
Denn bekanntHch vereinigt der Tausch zwei Arbeitsakte,
Leistung und Gegenleistung, deren beide Träger, die Par-
teien im Geschäft, ein entgegengesetztes Interesse an der
Schätzung haben. Stets wird A. für seine Sache oder
seinen Dienst so viel wie möglich haben, und B. so wenig
als möghch dafür geben wollen, mit anderen Worten :
jeder wird die Arbeit des anderen in der gegenseitigen
Leistung so niedrig als möglich schätzen. Was entscheidet
nun zwischen ihnen, worin liegt der schHeßhche Eini-
gungspunkt ? • — Sind es die Anstrengung, der Aufwand,
welche jede dieser Leistungen dem kostet, der sie ge-
währt ? Kann z. B. A. sagen: das, was ich dir gewähre.
hin zutreffen. Aber trotzdem ist Lassalle mit dessen Zurück-
weisung im Recht, denn wenn auch in einer belagerten Stadt der
physiologische Nährwert der Semmel derselbe ist, wie er bei
freier Zufuhr sein würde, so ist doch ihr sozialer Gebrauchs-
wert außergewöhnlich gestiegen, und diesen, d. h. die Nützlich-
keit in Verbindung mit Angebot und Nachfrage, haben die Öko-
nomen im Auge, welche den Wert von der Nützlichkeit ableiten.
D.H.
13 LsK^slU. Gel. Schriften. Bina V.
193
kostet mich drei Tage meiner Arbeit, und du mußt mir
nun ebenfalls die Frucht von drei Tagen der deinigen da-
für geben? — Dem widerspricht 6chon der oben von
uns auseinandergesetzte Zweck der Arbeit und des Tau-
sches, die Befriedigung von Bedürfnissen. Natürlich kann
es dabei nicht auf das mehrere oder mindere Beschäftigt-
sein eines Menschen ankommen, sondern auf das, was
er dadurch schafft; nicht auf den Akt, sondern auf das
Resultat der Arbeit, weil nicht die Bemühung des an-
deren, sondern deren Produkt übertragbar und geeignet
ist, Bedürfnisse zu befriedigen. Wie sehr sich z. B. auch
der Bäcker plagt — wenn ihm sein Teig verunglückt, ehe
das Brot daraus fertig wird, so wird niemand von seiner
Arbeit satt, und niemand wird ihm die gehabte Mühe be-
zahlen. Ferner kann ein ungeschickter Arbeiter acht Tage
zur Fertigung eines Stückes brauchen, welches ein ge-
schickter in zwei Tagen vollendet; wird deshalb jemand
geneigt sein, ihm dafür nun ebenfalls die Frucht von acht
Tagen seiner eigenen Arbeitszeit zur Verfügung zu
stellen ?"
Nach diesen kindischen Beispielen^) gehen Sie dann
^) Sie gehen hierbei sogar so weit zu sagen (p. 65) : „Wird
man z. B. dem Arzt, dem Staatsmann, dem Künstler zumuten,
den Ertrag ihrer Arbeit in einer gewissen Zeitdauer für den
des gewöhnlichen Tagelöhners in gleicher Frist hinzugeben.
Und doch müßte man dies, wenn in der Arbeit dessen,
der den Dienst verrichtet, der Maßstab des Werts läge." (!!!)
Freilich haben Sie dabei wieder Bastiat p. 177 zum Vorgänger.
Sie und Ihr Original wissen also nicht einmal etwas von der in
der Ökonomie ganz allgemem üblichen Unterscheidung der
qualifizierten und der unqualifizierten, ordinären
Arbeit, travail qualifie et non qualifie, skilled labour und un-
skilled labour, wonach sich alle höhere qualifizierte Arbeit in
ein größeres Quantum ordinärer, einfacher Arbeit auflöst, diese
194
endlich zu dem berühmten Bastiat sehen Beispiel vom
Diamant über, auf welches dieser seine Theorie vom
„Dienste" gegründet hat:
„Jemand findet zufällig einen Diamanten und verfügt
somit über einen großen Wert. Er fordert von einem
Liebhaber für Überlassung des Steines einen Betrag,
welcher dem Arbeitser trage desselben innerhalb eines
Jahres gleichkommt. Kann nun der Käufer dagegen ein-
wenden, daß der Finder ja kaum eine Minute Zeit nötig
gehabt, um den Stein aufzuheben, und so gut wie gar keine
Mühe auf dessen Akquisition verwendet habe, und daß
sie doch beide den Ertrag gleicher Arbeit austauschen
müßten, weshalb schon der tausendste Teil seiner Forde-
rung zu hoch wäre ? Sicher würde der Finder entgegnen :
daß, wenn der andere die Forderung zu hoch finde, er
hingehen möge und sich selbst einen gleichen Stein suchen.
Freilich könnte der Liebhaber dann in den Fall kommen,
leicht mehrere Jahre und gefäliriiche und kostspielige Rei-
sen an dieses Suchen zu verwenden, und am Ende garmcht
einmal des Erfolges sicher sein. Und hiermit ist. denn
auch der eigentliche Punkt, auf den es ankommt, getroffen.
Nicht in dem Funde des Diamanten, sondern in dessen
Überlassung an den Liebhaber liegt der Dienst,
welchen der Finder diesem leistet, und es kann dem Lieb-
haber völlig gleich, und muß auf den Wert der Dienst-
leistung völlig einflußlos sein, wie es jener seinerseits
angefangen hat, um zu dem Stein zu gelangen. Der Wert,
also die Maßeinheit aller komplizierten Arten von Arbeit
bleibt. Wieviel Arbeitstage ordinärer Arbeit ein Tag quali-
fizierter Arbeit in irgendeinem Gewerbe in sich enthalte, wird
heute eben durch die Konkurrenz entschieden; vgl. mein
„Arbeiterlesebuch" (Frankfurt a. M. bei R. Baist). p. 53ff.
(Bd. III, S. 264 unserer Ausgabe.)
13* 195
den die Überlassung des Steines für den Liebhaber hat,
ist vielmehr gleich derjenigen Arbeit, welche
dem Liebhaber dadurch erspart wird, d. h.
demjenigen Aufwände an Mühe und Kosten, welche ihm
das eigene Aufsuchen des Steines verursachen würde."
So wären wir denn endlich im Herzpunkt der berühm-
ten Bastiatschen Kategorie vom ,,Dienst'* angelangt,
die Sie übrigens gleich im Anfang [s. oben p. 121 ^)]
Ihrer Definition vom Werte (als des Verhältnisses zweier
Dienste) zugrunde legten.
Aber nicht der Bauch von John Fallstaff ist so auf-
gedunsen, verschwommen und ungesund, wie diese Ba-
stiatsche Kategorie: ,,der Dienst", und es ist Zeit,
es ist Zeit, Herr Schulze, diesen aufgedunsenen Bauch
endlich anzustechen und die bösen Säfte zu entfernen,
mit welchen er die Nationalökonomie seit Bastiat ver-
giftet hat. Der ,,Dienst" ist überhaupt keine ökono-
mische Kategorie, Herr Schulze, imd wir wollen daher mit
Ihrem und Herrn Bastiats Verlaub, diesem ,,Dienst"
den Dienst tun, ihn wieder aus der Nationalökonomie
hinauszuwerfen, in die er nicht hinein gehört. Sie werden
dabei natürlich finden, daß wir uns dabei hauptsächlich
gegen Ihren großen Meister Bastiat wenden, statt gegen
Sie, der das, was jener unökonomische Kopf hierüber
sagte, zum einen Teil nur wiederholt, zum anderen noch
verdirbt und verhunzt. Aber auch Sie sollen dabei nicht
zu kurz kommen !
Ich sagte also : in dieser Kategorie, die aufgedunsener,
verschwommener und ungesunder ist als John Fallstaffs
Bauch, sei alle und jede ökonomische Bestimmtheit
^) S. 183 unserer Ausgabe. D. H.
196
zugrunde gegangen, so daß sie eben deshalb gar keine
ökonomische Kategorie mehr sei!^)
Was ist nicht alles ein „Dienst", Herr Schulze!
Wenn der Hamburger Matrose nach vielmonatlicher
Seefahrt in die Kneipen Hamburgs wieder zurückkommt,
erzeigen ihm die dortigen Freudenmädchen einen unleug-
baren „Dienst"! Ein Abgeordneter, der sich dem Mi-
nisterium verkauft, oder aus Feigheit unentgeltlich über-
läuft, indem er z. B., v/ie Löwe-Calbe dies in der Zwölf-
Millionen- Debatte zu wollen selbst erklärt hat, ,, seine
Parteipolitik auf dem Altar des Vaterlandes opfert", er-
weist diesem Ministeriiun auch einen „Dienst". Ar-
beiten sind das freihch nicht, Dienste aber sind
es, und Dienste noch dazu, die verdammt eigentümlich
bezahlt würden, wenn sie bezahlt würden, wie Sie ver-
langen, mit ,, derjenigen Arbeit, welche dem Liebhaber da-
durch erspart wird!"
Ein Bajazzo, der mich im Zirkus lachen macht, erweist
^) „Als Gebrauchswert wirkt die Ware ursächlich. Weizen
z. B. wirkt als Nahrungsmittel. Eine Maschine ersetzt Arbeit
in bestimmten Verhältnissen. Diese Wirkung der Ware, wo-
durch sie allein Gebrauchswert, Gegenstand der Konsumtion
ist, kann ihr Dienst genannt werden, der Dienst, den sie als
Gebrauchswert leistet. Als Tauschwert aber wird die Ware
immer nur unter dem Gesichtspunkt des Resultats betrachtet.
Es handelt sich nicht um den Dienst, den sie leistet, sondern
um den Dienst, der ihr selbst geleistet worden ist in ihrer
Produktion." Note hierzu: „Man begreift, welchen .Dienst'
die Kategorie .Dienst' (sei-vice) einer Sorte Ökonomen wie
z. B. Say und F. Bastiat leisten muß, deren räsonnierende Klug-
heit, wie schon Malthus richtig bemerkte, überall von der spe-
zifischen Formbestimmtheit der ökonomischen Verhältnisse ab-
strahiert." (Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie,
erste Auflage, S.' 14.) Note d. H.-
197
mir ebenfalls einen „Dienst", und wollte ich diesen
„Dienst" selbst als „Arbeit" gelten lassen, so würde
ich ihn doch keineswegs bezahlen mit ,, derjenigen Arbeit,
welche dem Liebhaber dadm-ch erspart v»ird", d. h. hier
also mit derjenigen Anstrengung, die ich auf mich nehmen
müßte, um mich selbst zu gleichem Lachen zu nötigen.
Ich, indem ich dieses Buch schreibe, erweise Ihnen
dadurch einen großen ,, Dienst", Herr Schulze! Denn
wenn Sie dies auch keinem Dritten gestehen werden, so
werden Sie doch viel Ökonomie daraus lernen, und denken
Sie nur, welche Bibliotheken Sie hätten durchlesen und
welches anstrengende selbständige Fortdenken, dessen Sie
ganz und gar unfähig sind, Sie hätten üben müssen, um
sich die Erkenntnisse selbst zu erzeugen, die Sie wie
spielend aus diesem Buche ,schon erlangt haben und im
Verlauf noch erlangen werden. Und doch, wenn ich Ihnen
eine Rechnung für diesen ,, Dienst" einsendete, Sie wür-
den sehr verwundert sein und plötzÜch ganz gegen Ihre
ökonomische Theorie behaupten, daß es ,, Dienste" gebe,
die sich nicht vergelten.
Ja, ich habe Ihnen sogar einen Dienst erzeigt, den Sie
bei dem genügen Wert, den Sie offenbar auf Erkenntnis
legen, noch weit höher schätzen müssen als den oben er-
wähnten.
Durch meine Agitation habe ich die Kaufleute und
Fabrikanten, die früher — erinnern Sie sich nur des Ge-
ständnisses der Süddeutschen Zeitung — Sie gar nicht
leiden mochten, dazu gebracht, Ihnen ein Nationalge*-
schenk von 45000 Taler darzubringen. Diesen ,, Dienst"
habe ich Ihnen erwiesen, und ohne mich würden Sie nie
einen Pfennig von dieser Summe erhalten haben ! Und
gleichwohl, was würden Sie lachen, wenn ich mir von
Ihnen den Betrag der Ihnen dadurch ersparten Arbeit —
198
also die ganzen 45000 Taler selbst — dafür ausbitten
lassen wollte?
Sie sehen, daß es ,, Dienste" gibt, die sich nicht be-
zahlen, was von der Arbeit nicht gilt^), und Sie
sollten schon hieraus allein schließen können, daß der
„Dienst" keine ökonomische Kategorie ist!
Aber Scherz beiseite, Herr Bastiat- Schulze, ich werde
Ihnen jetzt einen dreifachen Nachweis bringen, um ein
für allemal diese nebulose Erfindung des Herrn Bastiat
aus der Nationalökonomie zu verbannen.
Ich werde zeigen, erstens, aus welchem Bedürfnis
und aus welchen scheinbaren Schwierigkeiten die Ba-
stiatsche Theorie vom „Dienst" entstanden sein
könnte; zweitens, wie in ihr das Adam Smith-Ri-
cardosche Prinzip, daß die Arbeit das Prinzip und
der Maßstab der Werte sei, in ihr absolutes logi-
sches Gegenteil aufgehoben wird ; drittens,
daß dieser Bastiatsche Wertmaßstab eine ökonomische
Unmöglichkeit und Ungeheuerlichkeit ohnegleichen ist.
Das Adam Smith und Ricardo gemeinschaftliche Prin-
zip, daß die Arbeit das Prinzip und den Maßstab des
Wertes der Dinge ^) bilde, welches von der ökonomi-
schen Wissenschaft mit seltener Einstimmigkeit adoptiert
wurde, scheint in der Tat noch einige ernstere Schwierig-
^) Das ist, wenn buchstäblich genommen, falsch, da es genug
Arbeit gibt, die sich nicht bezahlt. Aber Lassalle will natür-
lich den Satz so verstanden wissen, daß es ,, Dienste" gibt, in
deren Natur es liegt, nicht bezahlt zu werden, während die
Arbeit schon ihrer Natur nach Entschädigung erheischt. Arbeit
ist direkte, begrenzte und berechenbare Tätigkeit, der ,, Dienst"
oft indirekte, unbestimmte und unberechenbare Wirkung. D. H.
^) Das heißt der beliebig vermehrbaren Gebrauchswerte
D. H.
19')
keiten übrig zu lassen. Nicht von Ihren kindischen Bei-
spielen, Herr Schulze, daß einem Bäcker der Teig ver-
unglücken oder ein ungeschickter Arbeiter acht Tage brau-
chen kann, um ein Arbeitsprodukt von zwei Tagen her-
zustellen, will ich sprechen. Denn daß individuelle
Ungeschicklichkeit keine ökonomische Einrede bil-
det und jeder nach jenem Prinzip im Preise nur die Be-
zahlung des normalen Arbeitsquantums verlangen kann,
das zur Verfertigung eines Produktes erforderlich war,
das war freilich, außer Ihnen und Bastiat^), seit je jedem
Menschen klar I Aber einige ernstere Schwierigkeiten konn-
ten scheinen entgegen 2;u stehen.
Wenn heut z. B, durch irgendeine Erfindung oder noch
so unbedeutend verbesserte Methode in der Kosten-
summe und somit in dem Arbeitsquantum, wel-
ches zur Produktion eines Gegenstandes erforderlich ist,
eine mehr oder weniger erhebliche Verringerung eintritt,
so erleiden sämtliche vorrätige Produkte dieser Art die-
selbe Preisverminderung. Umsonst rufen die
Produzenten, daß der neue Preis unter ihrem Ko-
stenpreise stünde, also unter dem Arbeits-
quantum, das bisher und noch gestern normal und
notwendig in diesem Arbeitsprodukt fixiert werden
mußte. Ohne Widerrede müssen diese Produkte zum
heutigen Preise, und sei er die Hälfte des in ihnen
fixierten Arbeitsquantums, hergegeben werden.
Kann man hiernach noch sagen, daß das normale
^) Denn freilich haben Sie auch hierin wieder Bastiat zum
Gewährsmann, der es wahrhaftig fertig bringt, zu sagen (a. a. O.
p. 177) : — ,,il est plus frequent encore qu'un travail opiniatre
accablant n'aboutisse qua une deception, ä une non-valeur.
Sil en est ainsi, oomment pourrait-on etablir une correlation.
une Proportion necessaire entre la valeur et le travail ?
200
Arbeitsquantum (Kostenpreis), welches zur Herstellung
eines Gegenstandes erforderlich war, den Maß-
stab seines Wertes bildet?
Oder man setze den Fall, daß, wie dies regelmäßig
von Zeit zu Zeit geschieht, eine Änderung in Geschmack
und Bedürfnis einer Periode eintritt. Sofort ver-
wandeln sich die Gegenstände, welche bis jetzt dem Ge-
schmack und Bedürfnis entsprachen, trotz aller in sie
hineinfixierten und n o t w e n d i g in sie hineinfixierten Ar-
beitsquantität in Plunder und suchen etwa im Trödel einen
kläglichen Ausweg für ihr geknicktes Dasein.
Oder ohne daß eine solche Änderung in Geschmack
und Bedürfnis sich vollzogen hat, ist eine Überpro-
duktion in einem Artikel eingetreten, das beständige
Schicksal unserer modernen Produktion, und ohne daß
es irgendeinem Produzenten zu imputieren wäre, wenn
seine Konkurrenten in Europa und den umliegenden Welt-
teilen mehr produziert haben, als er ahnen konnte, und
obwohl weder das Bedürfnis nach diesem Gegenstande,
noch die zu seiner Hervorbringung erforderliche Arbeit
sich verringert hat, fallen alle diese Produkte vielleicht
auf die Hälfte ihres Kostenpreises, müssen zur Hälfte
des nützlich und notwendig in ihnen fixierten Arbeitsquan-
tums verschleudert werden.
Ist es möglich, diesen Erscheinungen gegenüber das
Prinzip festzuhalten, daß die in einem Gegenstand fixierte
Arbeitsquantität der Maßstab seines Wertes sei ?
Solche Betrachtungen hätten es mindestens sein kön-
nen, die in Bastiat den Gedanken hervorriefen, den,
wie \vir bald seJien werden, gerade diese scheinbaren
Schwierigkeiten scheinbar beseitigenden ,,Dienst', der
dem. Konsumenten durch Überlassung eines Arbeitsresul-
201
tates erwiesen würde, an die Stelle der ..Arbeit" selbst
als Maßstab des Wertes zu setzen.
Und kaum war dieser Gedanke in ihm aufgestiegen,
als er und nach ihm alle Geister seiner Art mit Entzücken
den Dienst gewahrte, den diese neue Kategorie
..Dienst" allen Ausbeutungsinteressen und allen Schwach-
köpfen erweisen mußte ^). Dies neue verlogene Wort
„Dienst" schielt noch nach der ..Arbeit", es
scheint diese, die zur Herstellung des Arbeitsresultates
erforderliche Anstrengung, für unscharfe Köpfe in sich
zu enthalten und noch im vollen Einverständnis mit Adam
Smith zu stehen. Zugleich aber war in der Verlogenheit
dieses abgeblaßten, nach allen Seiten hin kokettierenden
Wortes alle spezifische Bestimmtheit, die in dem
ehrlichen Wort ..Arbeit" enthalten war, ausgelöscht.
Was ist nicht alles ein ,, Dienst" ! Man konnte schwerlich
behaupten, daß der Fabrikant Reichenheim für seine
Fabrikarbeiter arbeite, die vielmehr für ihn
arbeiten und die er bezahlt — zwei ganz ver-
schiedene spezifische Bestimmtheiten des gesellschaft-
lichen Produktionsprozesses !
Aber nun der ..Dienst" erfunden war, war nichts
einfacher und plausibler als die Darstellung, daß Reichen-
heim und seine Arbeiter sich ,,gegenseitige Dienst-
leistungen erweisen" und so löste sich denn —
„mit Worten läßt sich trefflich streiten,
mit Worten ein System bereiten !"
— alle Gegensätzlichkeit in dem gesellschaftlichen Pro-
duktionsprozeß in die eine Lieblichkeit und Gemütlichkeit
^) Vgl. hierzu noch einmal die vorher zitierte Note aus
..Zur Kritik der ix)litlschen Ökonomie". D. H.
202
des gegenseitigen „Dienstes", in das ungetrübte Rosen-
rot vollkommenster gegenseitiger Gleichheit auf 1
Der „Dienst" war eben deshalb der einzige und
charakteristische „Fortschritt", dessen die Bourgeois-
ökonomie nach Ricardo innerhalb ihres eigenen Krei-
ses noch fähig war. Es war der Fortschritt der — Ve r -
lo genheit !
Es besteht eine tiefe Übereinstimmung in der Ent-
wicklung der politischen und der ökonomischen
Doktrin der Bourgeoisie !
Wie das alte, ehrliche, bestimmte Wort ,,Demokra-
tie" in den schielenden verlogenen Namen der , .Fort-
schrittspartei" verblaßt wurde — das Wort in die-
sem Sinne ist zwar, mit Ausnahme Spaniens, spezifisch
deutsch, die Sache aber so ziemlich europäisch — ebenso
das ehrliche und bestimmte Wort: „Arbeit" in den
,, Dienst" !
Nachdem die Bourgeoisie sich überzeugt hat, im PoÜ-
tischen wie im Ökonomischen, daß sie innerhalb ihres
eigenen Existenz- und Interessenkreises die Gegen-
sätze nicht zu überwinden vermöge, welche
ihr die Wirklichkeit entgegenstellt, beginnt sie da wie
dort, durch Vertuschung und Lüge sie in der Illusion
beseitigen zu wollen !
Kann hiernach der jubelnde Beifall wundern, den die
Bastiatsche Entdeckung des ,, Dienstes " â– '^) Ijei allen Fort -
schrittsseelen in Europa gefunden hat ?
^) Es ist eigentlich noch zu viel, Bastiat als „Entdecker"
der Kategorie des ,, Dienstes" zu bezeichnen. Wie wir gesehen
haben, spielte sie schon bei seinem Vorgänger J. B. Say. eine
Rolle. Bastiat war nur findig genug, sie im rechten Moment
und in einer Weise auszuspielen, daß sie den Eindruck einer
großen Entdeckung machte. D. H.
203
Welches ist nun aber eigentlich, scharf und genau
gefaßt, der bestimmte Gedanke der Bastiatschen Kate-
gorie des „Dienstes", und wie unterscheidet sie sich
von dem Smith- Ricardoschen Prinzip der ,,Arbeit"?
Alles kommt auf die scharfe Herausstellung dieses
Unterschiedes und dessen, was in ihm enthalten ist, an,
und mit ihr allein schon ist dieser aufgedunsenen Kate-
gorie der Bauch aufgeschlitzt !
Den Wo r t e n nach erklärt Bastiat in der Regel den
Wert als den ,,effort", als ,,die Anstrengung, welche
die Menschen machen, um ihre Bedürfnisse zu befrie-
digen"^).
Gedankenlosen Menschen kann es daher scheinen, als
ob unter dieser „Anstrengung" immer noch diejenige An-
strengung verstanden sei, welche zur Herstellung
eines Gegenstandes erforderlich ist. Dann
würde Bastiat eben nur ein anderes und schlechteres
Wort, das Wort ,,Ans t r engu ng" an die Stelle des
Wortes „Arbeit" gesetzt heiben, und der Sache nach
würde alles ganz ungeändert bei dem Smith- Ricardoschen
Grundsatz von der Arbeit als dem Maße des Wertes
verblieben sein.
Und Sie, Herr Schulze, sind in der Tat so gedanken-
los, den Unterschied zwischen Bastiats Grundsatz und
jenem Prinzip von der Arbeit als dem bestimmenden
Maßstab des Wertes gar nicht zu sehen oder sich doch
mindestens nirgends klar über diesen Unterschied zu
werden. Sie können daher p. 64 schreiben: ,,In der Ar-
beit also, der Anstrengung des Menschen, welche
^) Zum Beispiel : Harmon. econom. p. 142 ... que la valeur
doit avoir trait aux efforts que fönt les hommes pour donner
satisfaction ä leurs besoins.
204
erforderlich ist, um einen nutzbaren Gegenstand zu un-
sere»" Verfügung zu stellen, oder uns einen nützlichen
Dienst zu erweisen, steckt einzig und allein der Wert.
Soviel dürfen wir durch die beigebrachten Beispiele als
ausgemacht ansehen, und wenn wir der Kosten dabei
gedachten, so gehören diese in allen Fällen selbst zur
Arbeit. Denn wie wir früher dargetan haben, ist das
bei einer Arbeit zur Verwendung kommende Kapital stets
die Frucht früherer Arbeit, und alle Auslagen lösen sich
am letzten Ende wiederum in Arbeits löhne auf, so
daß der aufgestellte Satz in seinem vollen Umfange zur
Geltung kommt."
Abgesehen davon, daß Sie hier wieder den Unsinn be-
gehen, Arbeits q u a n t a und Arbeitslöhne miteinander
zu verwechseln, den wir schon oben [p. 123 ff. ^)] Ihnen
an einem anderen Ihrer Sätze nachgewiesen haben, schie-
len die einen Worte dieses Satzes nach Bastiats
,,Dienst", die anderen wieder nach der zur Herstellung
eines Gegenstandes erforderlichen ,,Arbeit" und den
Ricardoschen ,, Produktionskosten" und behandeln
und werfen beide Werttheorien durcheinander, als ob gar
kein Unterschied zwischen ihnen bestände.
Nicht dies war Bastiats Ansicht, und wie gedankenlos
er auch war, s o gedankenlos war er nicht.
Er erklärt vielmehr ausdrückKch^) : „car j'ai ä prouver
que la valeur n'est pas plus dans 1 e t r a v a i I que dans
l'utilite" — ,,denn ich will beweisen, daß der Wert
ebenso wenig in der Arbeit liegt, wie in der
Nützlichkeit (eines Gegenstandes).'
1) S. 185 ff. dieser Ausgabe. D. H.
^) Harm, econom. p. 148. ed. Brux. 1850.
205
Und einige Seiten später setzt er^) den entscheidenden
Unterschied zwischen seinem und dem Arbeitsprinzip aus-
einander wie folgt : ,,Bien loin que la valeur ait igi une
Proportion necessaire avec le travail a c c o m p 1 i par celui
qui rend le Service, on peut dire qu'elle est plutot pro-
portionnelle au travail epargne ä celui qui le re^oit ;
c est du reste la loi des valeurs, loi generale
et qui n a pas ete que je sache, observee par les theori-
ciens, quoiqu'elle gouverne la pratique universelle. Nous
dirons plus tard par quel admirable mecanisme la valeur
tend a se proportionner au travail quand il est libre ;
mais il n'en est pas moins vrai qu'elle a son principe moins
dans l'ef fort accompli par celui qui s e r t que dans l'ef fort
epargne ä celui qui est servi."
Zu deutsch: ,,Weit entfernt, daß der Wert hier ein
notwendiges Verhältnis hätte zu der von demjenigen, wel-
cher den Dienst leistet, vollbrachten Arbeit,
kann man sagen, daß er vielmehr der demjenigen, der
den Dienst empfängt, ersparten Arbeit ent-
spricht. Und dies ist das Gesetz des We r t e s , sein
allgemeines Gesetz, welches, soviel ich weiß, nicht
bemerkt wurde von den Theoretikern, obwohl es die all-
gemeine Praxis beherrscht. Wir werden später zwar sagen,
durch welchen bewundernswerten Mechanismus der Wert
dahin strebt sich der Arbeit anzupassen, wenn diese frei
ist ; aber es bleibt nichts destoweniger wahr, daß der
We rt nicht sowohl sein Prinzip hat in der
Anstrengung, die von dem vollbracht wird,
welcher den Dienst leistet, als in der Anstren-
gung, welche demjenigen erspart wird, welcher den
Dienst empfängt."
i)ib.p.l51.
206
i
Also nicht in der zur Herstellung eines Gegenstandes
erforderlichen vollbrachten Arbeit liegt das Prin-
zip und der Maßstab des Wertes, sondern in der dadurch
demjenigen, welcher den Dienst empfängt, dem Konsu-
menten, ersparten Arbeit, und das ist die Bedeu-
tung des ,,Dienstes' !
Hat man es nun mit Leuten zu tun, die überhaupt nur
als die ,, komischen Personen" im Drama der heutigen
Nationalökonomie bezeichnet werden können, mit Bajazzos
wie Sie, Herr Faucher, Herr Wirth, Herr Michaelis etc.,
mit Leuten, die überhaupt in ihrem ganzen Leben niemals
einen eigenen oder fremden Gedanken denken, son-
dern immer nur Wo rtgeräusch sowohl erregen als
in sich aufnehmen, so ist es freilich ganz möglich, daß sie
ausrufen: vollbrachte Arbeit oder ersparte Ar-
beit, Arbeit bleibt Arbeit, und in beiden Fällen
ist es also doch immer die, wenn auch etwa^ anders be-
stimmte, Arbeit, welche der Maßstab de« Wertes
bleibt!
Wie gesagt, für Menschen, an deren Ohren nur der
Schall des Wortes und in deren Gehirn niemals auch nur
der Schatten eines Gedankens dringt, mag dies ganz mög-
lich sein, und so lassen Sie denn in der Tat auf die
zuletzt aus Ihnen angeführte Stelle, in welcher die ,,Ar-
beit" als das Prinzip des W^ertes erschien, mit dem
Übergang: ,, Indessen ist hiermit die Frage noch nicht
gelöst" die Bastiatsche Theorie als eine nur nähere
Modifikation und Bestimmung jenes Arbeits-
prinzipes münden^), und konkludieren dann mit den schon
früher [p. 131^)] angeführten Sätzen, daß der Wert
^) S. p. 64 — 66 des Arbeiterkatechismus.
2) S. 195/196 dieser Ausgabe.
207
bei Überlassung des Produktes nur liege in „derjeni-
gen Arbeit, welche dem Liebhaber dadurch
erspart wird."
Allein wenn sich dies auch für Sie so verhält — für
jeden Denkenden wird es hinreichen, die Verkehrung
des Smith- Ricardoschen Wertprinzipes, welche bei Ba-
stiat vor sich geht, einfach auf ihren logischen Aus-
druck zu reduzieren, um sowohl den ganzen schnei-
denden Gegensatz beider, als den ganzen ungeheuer-
lichen Blödsinn der Bastiatschen Entdeckung klar gelegt
zu haben.
Nicht also in der zur Produktion des Gegenstandes
erforderlichen vollbrächten Arbeit, sondern in der
dem Konsumenten durch die Überlassung derselben er-
sparten Arbeit — in welcher Ersparung eben der
,,D i e n s t" besteht — soll nach Bastiat Prinzip und Maß-
stab des Wertes liegen.
Die ersparte Arbeit des Konsumenten ist die un-
terlassene Arbeit, die nicht-getane Arbeit.
Statt in der positiven Arbeit des Produzen-
ten, wie bei Adam Smith- Ricardo, liegt jetzt in der
unterlassenen, nicht - getanen Arbeit des
Konsumenten, d. h. in einem rein Negativen, der
Maßstab des We rtes der Dinge! Das Dasein
wird gemessen am Nichts!!!
Und antworten Sie auch nicht, Herr Schulze, die „er-
sparte Arbeit" ist ja wieder gleich der Arbeit,
die einer aufwenden muß, um das Produkt herzustel-
len. Denn dann wäre ja die Bastiatsche Theorie als
doppelter Blödsinn zugegeben. Denn erstens wäre es
ein absoluter Blödsinn, als Maß etwas aufzustellen, was,
statt selbst als Maß dienen zu können, vielmehr erst
an einem anderen gemessen werden muß, und
208
zweitens bliebe dann ja alles einfach beim alten, beim
Ricardo sehen Prinzip von der Arbeit, wobei es nach
Bastiat gerade nicht bleiben soll, es gäbe keinen
..Dienst", und Bastiat hätte nichts erfunden, während
er doch absolut etwas erfunden haben will und soll.
Ein solcher — um biblisch zu reden — ein solcher
,, Greuel vor dem Herrn" ist diese Bastiatsche Ent-
deckung, und gleichwohl fußt gerade nur auf sie sein
ganzer Ruhm ! Denn sie ist wenigstens das einzige
Neue, was dieser geistreiche Blagueur in seiner Fibel
gesagt hat!
Für solche, die auch nur in geringem Grade Logiker
und Dialektiker sind, reicht die einfache Reduktion des
Bastiatschen Wertprinzipes auf seinen logischen Inhalt
dreimal aus, um dasselbe in das verdiente schallende Ge-
lächter aufzulösen, welches es vom ersten Tage an hätte
erregen sollen!
Allein leider sind die meisten unserer heutigen Öko-
nomen nicht nur in geringem, sondern nur in sehr ge-
ringem Grade Logiker und Dialektiker, und es wird daher
wohl nötig sein, außer der logischen Ungeheuerlich-
keit auch noch die reale ökonomische Unmöglich-
keit und Ungeheuerlichkeit der Bastiatschen Entdeckung
darzutun.
Der We r t soll also, statt in der von Produzenten voll-
brachten, in der dem Konsumenten — oder wie Sie
sagen ,,dem Liebhaber" — ersparten Arbeit oder
Anstrengung Hegen.
Ich \vill gar nicht von neuen Erfindungen reden. Die
Eisenbahnen sind lange erfunden. Aber ich setze den Fall,
die Köln-Mindener Eisenbahn sei noch nicht gebaut, und
ich stelle nun eine Kapitalistengesellschaft dar, welche die
Köln- Mindener Eisenbahn anlegt, oder irgend zwei andere
U Lassall.:, G« Sckriften, Bind V. 209
Städte, bei denen dies noch nicht der Fall ist, durch eine
Eisenbahn miteinander verbindet. Wird nun diese Eisen -
bahngesellschaft für ein Fahrbillet von dem Konsumenten,
von dem ,, Liebhaber", um in Ihrem Stile zu reden, Herr
Schulze, für den ,, Dienst", den sie ihm erweist, ,, die-
jenige Arbeit, denjenigen Aufwand an Mühe und Kosten",
wie Sie und Bastiat sagen, fordern können, den sie ihm
durch die Erzeigung des Dienstes erspart? Wird sie
also wirklich als Preis des Fahrbillets denjenigen
Betrag fordern können, in welchen sich der Aufwand von
Mühe, Kosten und Zeitverlust auflöst, den der Liebhaber
zu machen hätte, wenn er wie früher zu Fuß oder zu
Wagen von Köln nach Minden gelangen wollte ? ^) Was
würde die Köln-Mindener Eisenbahn für schlechte Ge-
schäfte gemacht haben, wie erstaunlich wenig Menschen
würden mit ihr gefahren sein und fahren, v/enn sie ein
solches Prinzip ihren Preisen zugrunde legen wollte ! Und
sehen Sie denn nicht, Herr Bastiat- Schulze, daß anderer-
seits auch der ganze Kulturfortschritt der Eisen-
bahnen sich auf Null reduzieren würde, wenn das Publi-
kum wirklich genötigt wäre, für den Eisenbahntransport
denjenigen Aufwand zu bezahlen, der ihm durch den
Dienst der Eisenbahn erspart wird ?
Und dabei ist dieses Beispiel noch aus einem Kreise
gegriffen, welcher, da bei uns noch der Regel nach zwei
^) So meint natürlich auch Schulze-Delitzsch die Sache
nicht. Im weiteren Verlauf der zitierten Stellen führt er aus:
,,Das Publikum . . . schätzt die Arbeit nur darnach : wie ihre
Herstellung unter Benutzung aller Hilfsmittel der Produktion
und des Verkehrs bei einsichtigem, tüchtigem Betriebe zu stehen
kommt." (S. 67 des „Kapitel zu einem deutschen Arbeiter-
katechismus".) Aber es wäre die Konsequenz seiner Definition.
D.H.
210
Städte nur durch eine Eisenbahn verbunden sind, außer-
halb der freien Konkurrenz gelegen ist, so daß
also von diesen ein tatsächliches Monopol in Händen
habenden Eisenbahngesellschaften noch am ehesten ein
so ausschweifender Anspruch erhoben werden könnte,
wenn derselbe nicht überhaupt durch seinen eigenen Un-
sinn und die gesamte Natur unserer Produktion absolut
ausgeschlossen wäre.
Jetzt werfe man den Blick nun gar auf solche Pro-
duktionen, welche innerhalb des Kreises der freien
Konkurrenz liegen !
Bedarf es erst noch einer weiteren Ausführung, daß
unsere gesamte Produktion, daß jeder noch so große
und noch so geringe Kulturfortschritt, daß die immer
steigende Billigkeit, daß jeder weitere Schritt und Tritt
in der Teilung der Arbeit immer darauf beruht, daß nie-
mals die durch den ..Dienst" ersparte Arbeit, sondern
immer nur die unendlich geringere und immer
geringer werdende positive Arbeit, die zur
Produktion des Gegenstandes erforderlich war, be-
zahlt wird ? Wäre dem nicht so und wäre dem nicht immer
so gewesen — die Welt stünde noch heute auf dem Punkt,
wo sie vor 4000 Jahren und länger gestanden, in der Nacht
der Zeiten!
Alle Entwicklung beruht schlechtliin und durchaus aui
dem direkten Gegenteil des Bastiatschen Prinzips,
beruht schlechthin darauf, daß die dem Konsumenten durch
den ,, Dienst" ersparte Arbeit immer größer, die
von dem Produzenten zur Herstellung des Gegenstandes
verrichtete und ihm in der Bezahlung vergütete Arbeit
immer kleiner, der Unterschied der vom
Produzenten verrichteten und der dem Kon-
sumenten ersparten Arbeit im m er u n geh eu -
14* 2!i
r e r w i r d 1 Wenn der bürgerliche Fortschrittsverstand
der Herren Bastiat- Schulze die Welt geschaffen hätte
— in seiner Wiege wäre der erste „Fortschritt" durch
jenes Prinzip wie durch ein hänfenes Halsband erdrosselt
worden !
Ain lustigsten aber ist es, daß diese tiefsinnige Theorie
gerade von Bastiat herrührt, von Bastiat, der seine
ganze Fibel zu dem Zwecke geschrieben hat, nachzuweisen,
daß die ,,gratuite", die „Unentgeltlichkeit" der Produkte,
in beständigem Steigen begriffen und diese unablässige
Verbesserung der Lage des Konsumenten der kultur-
historische Gang der ökonomischen Entwicklung, der
,,wanre Kommunismus" sei, wie er den alten, lange vor
ihm bekannten Satz von der stets zunehmenden Billigkeit
der Produkte zu nennen Hebt ! So groß ist die Gedanken-
losigkeit dieses Herrn und seinesgleichen, daß sie nicht
einmal den tiefen, inneren Widerspruch von zwei Sätzen
merken, die sie zu gleicher Zeit und mit demselben Atem
predigen und unausgesetzt breittreten I ^)
^) Das Prinzip Bastiata ist so unsinnig, daß er es auch
selbst durchaus nicht festhalten kann und immer wieder in
das von ihm bekämpfte Ricardosche Gesetz verfallen muß.
So z. B. Harm. econ. p. 250 : „Wenn Ich einen Ackersmann,
einen Müller etc. bezahle. — so bezahle ich die menschliche
Arbelt, die man anwenden mußte, imi die Instrumente zu
verfertigen, durch welche etc." (je paye le travail humain.
qu'il a f allu consacrer ä faire les Instruments etc.).
Man glaube nicht, daß dieser Rückfall In Ricardo bloß in
einem ungenauen Wortausdruck seinen Grund hat. Noch viel
spaßhafter tritt er sachlich bei Bastiat p. 348 ff. hervor. „Dank
meiner Sonne — läßt er den Tropenbewohner zum Europäer
da sagen — kann Ich eine bestimmte Quantität Zucker, Kaffee,
Kakao, Baumwolle erlangen mit einer Anstrengung gleich 10"
favec une pelne egale a dix). während der Europäer hei den
â– 2\2
Ich habe Ihnen schon mein dreifaches Versprechen er-
füllt, Herr Schulze. Ich habe Ihnen erstens gezeigt, aus
welchen scheinbar der Ricardoschen Lehre von der Ar-
kostspieligen Hilfsmitteln, um diese Dinge in seinem kalten
Klima zu erzeugen, sie nur mit einer Anstrengung gleich 100
(„qu'avec une peine egale ä cent") haben könne, weshalb der
Tropenbewohner zunächst 100 fordere. Und nun zeigt, dies auf
drei Seiten breit tretend, dieser langweilige Schwätzer endlich
p. 350, daß der Tropenbewohner vermöge der Konkurrenz sein
Arbeitsprodukt zuletzt doch umtauschen muß ,, gegen europä-
ische Arbeit gleich 10" (,,et enfin ä dix!") So richtig ist es
also nach Bastiat selbst, daß das Prinzip des Wertes
nicht die zur Produktion erforderliche, sondern die dem Kon-
sumenten ersparte Arbeit sei!!! Und das hindert Bastiat
wieder nicht p. 177 mit großer Überlegenheit zu sagen: „In
folgendem besonders sündigt die Definition der englischen Öko-
nomen. Sagen, daß der Wert In der Arbeit liege, heißt den
tnenschlichen Geist veranlassen zu glauben, daß sie (die Ar-
beitsresultate) sich als gegenseitiges Maß dienen, daß
sie unter sich proportionell sind (ä penser qu'lls se
servent de mesure reciproque, qu'ils sont proportionnels entre
eux). Darin ist jene Definition den Tatsachen widersprechend
(contraire aux falts)." So widersprechend nämlich, daß der
Tropenbewohner seine Arbeit von 10 schlechterdings gegen eine
europäische Arbelt von 10 nach Bastiat selbst verkaufen muß!!
Und ein Mann, der nicht einmal so viel Gedanken und Ge-
dächtnis besitzt, um die unsinnigen Widersprüche zu bemerken,
In die er sich mit sich selbst auf jeder Seite verwickelt —
das Ist der Heros, welchen unsere Bourgeoisie seit 1848 kol-
portiert und zum Repräsentanten der , .Wissenschaft" dekretiert
hat! Und unsere ,, wissenschaftlichen Nationalökonomen", wie
sie sich so gern nennen, haben ruhig über alle Widersprüche
und allen Unsinn hinweggelesen, ohne daß Ihnen irgendein Be-
wußtsein darüber aufgegangen ist. Mehr als alles beweist der
geistige Verfall unserer Bourgeoisie, daß Ihr Reich zu Ende
Ist. (Vgl. über die Bastiatsche Theorie von der ,, Unentgelt-
lichkeit der Produkte" auch den zweiten der Lassalleschen
213
Keit als dem ausschheßlichön Malista!) des Wertes noch
entgegenstehenden Schwierigkeiten die Bastiatsche Wert-
theorie vom „Dienst" hervorgehen konnte. Bastiat selbst
gründet zwar seine Theorie nicht auf dieselben, sondern
lediglich auf das kindische Beispiel vom Diamanten 0-
Briefe an Rodberlus, d, d. 17. Februar 1862, sowie die Note
In Bd. I, S. 265 (Erstausgabe) des , .Systems der erworbenen
Rechte". D. H.)
') Nach Ricardo beseitigt sich dies kindisciie Beispiel ein-
fach dadurch, daß die Diamanten zu den Produkten gehören,
deren Menge nicht beliebig vermehrt ^verden kann und deren
Preis sich also nur nach Nachfrage und Angebot richtet, resp.
deren Vermehrung mit so großen Produktionskosten verbunden
wäre, daß sie auf einen ebenso hohen und noch höhern Preis
zu stehen kämen, so daß jemand, der einen Diamanten aus-
nahmsweise ohne diese erforderlichen Produktionskosten findet,
natürlich den nonnalen Preis desselben fordern kann, ganz
ebenso gut, wie ein industrieller Fabrikant, der allein im Be-
sitz eines die Produktionskosten verringenden Geheimnisses ist,
seine Ware zu dem nonnalen. Kostenpreise losschlagen kann,
— Wenn es eines Tages Diamanten hagelte, so \vürden sie
gar billig werden, und in der Tat hat der Wert des Diamanten
seit dem Altertum erheblich abgenommen.
Bastiat sagt selbst (p. 153) : ,,Man nehme die Sammlung
der Ökonomen, man lese, man vergleiche alle Definitionen (des
Wertes). Wenn es eine einzige gibt, die zugleich auf die Luft
und den Diamanten paßt, auf zwei scheinbar so entgegen-
gesetzte Fälle, so v/erfe man dies Buch ins Feuer
(jetez ce livre au feu)." Da die Ricardosche Wertdefinition
also ebenso leicht auf den Diamanten paßt, wie auf die Luft
— die nach ihr keinen Preis haben kann, weil sie nicht Re-
sultat menschlicher Arbelt ist — so hätte man schon lange
diesen Rat Bastiats befolgen sollen, in welchem sich
wenigstens das eine richtige Bewußtsein ausspricht, daß sem
ganzes 388 Seiten starkes Buch nichts ist, als ein beständiges
Herumschleifen an diesem Diamanten.
214
Allein um so mehr wollte ich ihr von selbst mit jenen,
ernsthafter erscheinenden Schwierigkeiten zu Hilfe kom-
men, zumal dieselben in der Tat gerade durch die Ba-
stiatsche Theorie vom „Dienste" beseitigt sein würden^),
und dieser Umstand es vielleicht hervorgebracht haben
kann, daß sie bei manchem leichteren Eingang fand. Allein
wir sahen gleichwohl zweitens, daß diese Theorie um
dieses Erklärungsbedürfnisses einiger besonderen Fälle
willen keinesv.^egs aufrecht erhalten werden könnte, da
sie sich in den greulichsten logischen Unsinn, in
Das Unglück Bastiats liegt darin, daß er diesen Diamanten
in Europa finden ließ, wo er sich eben nicht findet. Hätte
er sich, um ihn finden zu lassen, an seine wirklichen Fundorte,
Ostindien und Brasilien, versetzt, so würde er" gesehen haben,
daß dem Finder keineswegs „der Dienst, der von ihm durch
die Überlassung des Diamanten" erwiesen wird, bezahlt wird.
Zu Sumbhulpur in Hindostan leben in sechzehn Döi"fem zwei
Stämme von Diamantensuchern, die Shara und Tora, welche
mit Weibern und Kindern das Flußbett des Mohonoddi nach
Diamanten durchwühlen. Es ist eine ganz arme, in elende
Lumpen gehüllte Bevölkerung, denn die gefundenen Diamanten
müssen sie dem Rajah abliefern und ihre Lage wäre gar nicht
cmders, wenn sie im Lohn einer europäischen Kapitalisten-
gesellschaft finden müßten. (Wie dies in den mit Verwendung
, .freier" Arbeiter betriebenen Diamantgruben Afrikas in der
Tat der Fall ist. D. H.)
In Brasilien freilich, wo Diamantengrubenbau durch Neger
betrieben wird, bekommt der Neger ,der einen 17karätlgen
Diamanten findet, vom Ver\N'alter die Freiheit geschenkt, und
es ist gut, daß dies Herni Bastiat entging, sonst würde er die
Entstehung der bürgerlichen Freiheit daraus erklärt haben!
^) Denn es würde sich nun einfach antworten lassen, daß
nach der neuen Erfindung oder bei der Geschmacksänderung
oder bei der Überproduktion dem Konsumenten kein „Dienst"
erwiesen würde, wenn er noch das früher notwendig auf den
Gegenstand verwendete Arbeitsquantum bezahlen sollte.
215
den glorreichen Gedanken, die Nicht-Arbeit zum
Maße des Wertes zu machen, und endlich drittens in eine
ökonomische Ungeheuerlichkeit ohneglei-
chen auflöst.
Endlich wollen wir Ihnen nun noch viertens in Kürze
den Nachweis erbringen, wie sich jene scheinbaren Schwie-
rigkeiten auch nach dem Ricardoschen Wertprinzip be-
seitigen, obgleich dieser Nachweis in seiner eigentlichen
Form erst bei Entwicklung der freien Konkurrenz
und des unter ihr geltenden Gesetzes des Marktprei-
ses geführt werden könnte.
Arbeit ist Tätigkeit und also Bewegung.
Alle Quanta von Bewegung aber sind — Zeit.
Dies wußte schon Plato im Timaeus^), dies wußte schon
vorher die jonische Philosophie^). Ohne Metaphysiker
zu sein und auf metaphysischem Wege diese Erkenntnis
zu haben, hatte sie Ricardo auf seine Weise.
Die Auflösung aller Werte in Arbeits q u a n t a und
dieser in Arbeitszeit, — das ist die glänzende und
gipfelnde Leistung, welche durch Ricardo von der bür-
gerlichen Ökonomie bereits vollbracht ist.
Sie sehen beiläufig, Herr Schulze, daß es auch Geg-
ner gibt, welche man gern und freudig und mit abge-
zogenem Hute anerkennt I Ricardo ist der Chef und die
letzte Entwicklung der Bourgeoisökonomie, die seit ihm
keinen Fortschritt mehr gemacht hat. Er hat die bürger-
liche Ökonomie bis zu ihrem Gipfel entwickelt, d. h. bis
hart zu dem Abgrund, wo ihr vermöge ihrer eigenen
theoretischen Entwicklung selbst nichts mehr übrig bleibt.
^) Plat. Timaeus, p. 37 C.
^) Siehe meine Philosophie Herakleitos des Dunkeln. T. II.
120ff.; p.210-216; p.iilff.
216
als umzuschlagen und Sozialökonomie zu wer-
den. Die soziale Ökonomie ist nichts als ein
Kampf gegen Ricardo, ein Kampf, der eben so sehr
eine immanente Fortbildung seiner Lehre ist. Die
Wissenschaft der Bourgeoisökonomie, bis zu diesem Gip-
fel gelangt, hat, statt mit dem Mute der Wissenschaft in
diesen Abgrund hineinzusetzen, vorgezogen, den Rück-
weg vom Gipfel des Berges anzutreten.
Daß man heute seitens der Sozialökonomie den Kampf
gegen Sie und Bastiat führen muß, statt gegen Ri-
cardo, — beweist allein schon, bis zu welcher wider-
lichen Karrikatur sich die europäische Bourgeoisie seit-
dem verzerrt hat I —
Aller Wert löst sich also auf in die Arbeitszeit,
die zur Herstellung eines Produktes erforderlich war^).
Nun aber weiter!
Ist unter dieser Arbeitszeit i n d i v i d u e 1 1 e A r b e i t s -
z e i t zu verstehen ?
Ich arbeite, und insofern, nach dem Subjekte des
Satzes, scheint alle Arbeit individuelle Arbeit zu
sein. Sie würde dies auch nach dem Objekte des Satzes,
nach dem Gegenstand, der in dieser Bewegung des Ar-
beitens hervorgebracht ward, also nach dem Quantum
von Bewegung (Zeit) sein, welches in dem Pro-
dukte geronnen ist, wenn ich reale Nutzob-
jekte, Gegenstände für meinen persönlichen Be-
darf arbeitete. Allein dies ist heut, und schon sehr lange
nicht mehr der Fall. Ich arbeite vielmehr für aller
a n d e r en Leute Bedürfnisse, nur nicht für das meinige ;
^) Wobei sich also ein Tag qualifizierter, komplizierter
Arbeit wieder in ein größeres Quantum unqualifizierter,
roher Arbeit auflöst, die ihre Maßeinheit bildet.
217
Ich produziere so und so viel Millionen Stecknadeln im
Jahre ; ich schaffe Tauschwerte, und alle anderen Ichs
tun desgleichen, produzieren wieder in den Tausch-
werten, die sie schaffen, aller anderen Leute Bedürf-
nisse, nur nicht die eigenen.
Der Tauschwert aber, den ich hervorbringe, ist
nur dann Tauschwert, wenn er umschlägt in
Gebrauchswert, in Nutzobjekt für einen an-
deren. —
Meine Stecknadelbriefe betätigen sich nur dann
als Tauschwerte, wenn sie sich gerade umgekehrt
betätigen als Gebrauchswerte für alle We 1 1 ,
wenn sie übergehen in die zarten Hände der Damen, an
deren Adresse diese Briefe von vomlierein gerichtet waren.
Was ich also wirklich in meiner Arbeit verrichtet
habe, ist die reale (d. h. Gebrauchswerte her-
stellende) individuelle Arbeit aller Indi-
viduen, das heißt : allgemeine gesellschaft-
liche Arbeit. Was wirklich in dem Produkte, das ich
verfertigt, geronnen und von mir zum Gerinnen
gebracht worden ist, ist nicht meine individuelle
Arbeitszeit, sondern allgemeine gesell-
schaftliche Arbeitszeit, und diese bildet die
Maßeinheit des im Produkte geronnenen Quantums.
Die allgemeine gesellschaftliche Arbeits-
zeit hat aber ihr selbständiges^) Dasein als —
Geld. Geld ist vergegenständlichte gesell-
schaftliche Arbeitszeit, gereinigt von jeder in-
dividuellen Bestimmtheit der besonderen Arbeit (als Ar-
beit in Stecknadeln, Holz, Linnen etc.). Nur durch ,,den
■•■) Besser, weil Mißverständnisse ausschließend, wäre es zu
sagen „verselbständigtes". D.H.
218
Sallo mortale der Ware in Gold" ^) betätigt sich tue
Ware daher als das, was sie sein soll, als Dasein
gesellschaftlicher Arbeitszeit.
Sie sehen, Herr Schulze, daß Sie sich diese Erkennt-
nisse zum Teil aus eindringendem Lesen der englischen
Ökonomen, zum Teil durch originales Fortdenken hätten
erzeugen können. Inzwischen originales, schöpferisches
Fortdenken kann von niemand gefordert werden. Aber
das, Herr Schulze, kann doch von jedem, der in einer
Materie schreibt und ,, lehrt", mit strengem Fug gefor-
dert werden, daß er wenigstens alles Große und Be-
deutende kennt, was in dieser Materie bereits ge-
leistet worden ist.
Und sehen Sie, Herr Schulze, was ich Ihnen hier zu-
letzt entwickelt habe, über das Geld, wie über die ge-
sellschaftliche Bedeutung der Arbeitszeit als Maß-
einheit des Wertes, — das ist alles seiner geistigen Giiind-
lage nach vollständig entnommen imd nur der gedrängte
Gedankenextrakt aus einer äußerst bedeuteu-den und mei-
sterhaften Schrift, aus welcher auch die soeben in An-
führung gesetzten Worte herrühren; aus einer Schrift,
die schon 1859, also fünf Jahre vor Ihrem Kate-
chismus erschienen ist, und die Sie also schlechter-
dings hätten kennen müssen! Aus einer Schrift,
die Sie um so mehr hätten kennen müssen, als sie im
Verlag Ihres Freundes Duncker erschienen ist, aus der
^) Anspielung auf die Stelle in ,,Zur Kritik der politischen
Ökonomie" : „Es ist daher die Aufgabe des Eisens oder seines
Besitzers, den Punkt in der Warenwelt aufzufinden, wo Eisen
Gold anzieht. Diese Schwierigkeit, der salto mortale der Ware,
ist aber übenvunden, wenn der Verkauf . . . wirklich vorgeht."
(Marx a.a.O. S. 66.) Siehe den zweitnächsten Absatz im Text.
D. H.
219
\ortref fliehen und epochemacheiKlen Schrift \ on Karl
Marx nämlich: „Zur Kritik der politischen Öko-
nomie" ^).
Aber wag geht das alles Sie an? Sie haben Karl
Marx so wenig gelesen, als Rodbeiius, Rodbertus so
wenig als Malthus und Ricardo, diese so wenig wie Adam
Smith, Smith so wenig wie James Stuart, Stuart so wenig
wie Petty, Petty so wenig wie Boisguillebert und Sis-
mondi ; das alles ergibt sich aus Ihrer Schrift fCu* jeden
Sachkenner aufs genaueste. Aber das alles macht gar
nichts! Sie sind doch der große Ökonom, der Mann
der Wissenschaft, der Lehrer der Arbeiter! Denn Sie
sind ja der Mann nach dem Herzen der ,, Volkszeitung"
und „Nationalzeitung", und weiter ist nichts erfor-
derlich !
Sie sehen nun wohl auch, Herr Schulze, wie sich jetzt
auch noch die angeblichen Schwierigkeiten beseitigen, die
ich oben als der Ricardoschen Theorie, daß die Arbeit
der einzige Maßstab des Wertes, alle Werte nur Quanta
von Arbeitszeit seien, noch scheinbar entgegenstehend
angeführt habe.
Ich sagte: wenn jemand auf die Herstellung eineg
Gegenstandes doch nur die normal- erforderlichen
Produktionskosten, die sich alle in Arbeitszeit auf-
lösen^), verwendet hat und nun durch eine morgen ein-
tretende neue Erfindung, durch welche diese Produktion
billiger wird, gezwungen wird, das Produkt um die Hälfte
seines Kostenpreises loszuschlagen — kann man dann
^) Berlin, 1859, Verlag von Franz Duncker. — Leider ist
von diesem ausgezeichneten Werke vorläufig nur das ,,die
Ware" und „das Geld" behandelnde erste Heft erschienen.
2) Nicht in Arbeitslöhne, Herr Schulze!
220
noch sagen, daß die Arbelt den Maßstab des Wertes
bUde?
Ei gewiß, Herr Schulze: denn Sie sehen wohl, die
individuelle Arbeit des Mannes, die in dem Pro-
dukt fixiert ist und damals notwendig in dasselbe fixiert
werden mußte, wäre sich zwar gleich geblieben, aber die
gesellschaftliche Arbeitszeit, deren Gerön-
ne n s e i n das Ding darstellt, hat sich zusammenge-
zogen, ist noch mehr geronnen.
Oder wenn infolge von Geschmacksänderung oder
Überproduktion in einem Artikel Produkte weit unter
ihrem notwendigen Kostenpreise verschleudert werden
müssen oder gänzlich unabsetzbar bleiben, so sehen Sie
wohl, wie das alles jetzt mit der Theorie von der Arbeits-
zeit harmoniert. Denn die Waren können jetzt ,,den Salto
mortale" in das Geld nicht mehr machen, weil sich jetzt
in ihnen - bei der Geschmacksänderung — überhaupt
nicht mehr gesellschaftliche Arbeitszeit dar-
stellt; sie sind nicht mehr Tauschwerte, weil sie nicht
mehr Gebrauchs werte sind. Und ebenso bei der Über-
produktion in bezug auf die überflüssige Menge der
Dinge. Wenn in der menschhchen Gesellschaft z. B.
1 MilHon Ellen Seide erforderlich sind, und die Unter-
nehmer produzieren 5 Millionen Ellen Seide, so haben
sie zwar viel individuelle Arbeitszeit verschleudert,
aber die gesellschaftliche Arbeitszeit, die in
den Seidenwaren steckt, ist nicht gewachsen, da das reale
Bedürfnis aller Individuen nach Arbeit in
Seide nicht gewachsen ist. Es steckt jetzt also nur das-
selbe Quantum gesellschaftlicher Arbeits-
zeit in den 5 Millionen Ellen Seide, wie früher in der
einen Million, und die Folge müßte schon hiernach die
sein, daß diese 5 MiHionen Ellen der besonderen Seiden-
221
arbeit ilirem Gewissen, dein Dasein der gesell-
schaftlichen Arbeit — dem Gelde - gegen-
übergestellt, nicht mehr davon aufwiegen, als früher die
eine Million Ellen.
Dasselbe Quantum gesellschaftlicher
Arbeitszeit dehnt sich also jetzt auf 5 Millionen Ellen
aus, statt auf eine. Freilich müßten hiernach die 5 Mil-
lionen Ellen Seide immer doch noch soviel Geld kaufen
können, wie früher die eine Million, imd die Elle Seiden-
zeug müßte somit nur auf ^/^ ihres früheren Preises
sinken, während meist bei der Überproduktion — am
auffälligsten zeigt sich dies beim Getreide, (vergl. p. 23
Anm. 2^)) — der gesamte Preis des durch die Über-
produktion zutage geförderten Gesamtquantums lange nicht
einmal mehr den früheren Gesamtpreis des erforderlichen
Quantums erreicht, im unterstellten Falle also die Elle
Seide, statt auf Vö. vielmehr auf \/k oder '/m ihres frü-
heren Preises fallen würde.
Allein, wenn die eingehende Erklärung dieser Abwei-
chung auch erst bei Entwicklung der Gesetze der freien
Konkurrenz und des Marktpreises dargestellt
werden könnte, so ist doch auch in aller Kürze hinreichend
der Grund angegeben, auf welchem sie notwendig be-
ruht. Wenn die Gefahr vorhanden ist, daß von 5 Mil-
lionen Ellen Seide 4 Millionen Ellen als Ladenhüter liegen
bleiben, so beginnt notwendig durch die Konkurrenz die
Unterbietung der Verkäufer, und jeder, statt auf
das -^/s des Preises zu hjalten, auf welches die gesell-
schaftliche Arbeit in seiner Seide zusanmiengequetscht
ist, verkauft lieber zu Vs. Vio ^ind noch tiefer, um nicht
die Gefahr zu laufen, daß s e i n e Seide gerade zu den
') S. 54 dieser Ausgabe.
222
ad acta gelegten Faszikeln des bürgerlichen Produktions-
prozesses geworfen wird, wobei er noch weniger Seide
spinnen würde 1
Sie ersehen überhaupt, Herr Schulze, wenn Sie mir
einigermaßen aufmerksam zuhören, von hier aus sehr deut-
lich, wie es sich mit dem ganzen bürgerlichen ,, Geschäft'
verhält. Die gesellschaftliche Arbeitszeit oder
der Tauschwert ist das kalte, antike Schicksal der
bürgerlichen Welt. In der Frage, wie weit er seine indi-
viduelle Arbeit oder die Produkte anderer, die er sich
beschafft hat, unter oder über dem Wertmaßstabe der-
selben, der gesellschaftlichen Arbeitszeit, wird
ver werten können - - in dieser Frage bestehen die Leiden
und Freuden des bürgerlichen Werthers! In dieser
Schwankung zwischen dem Zuviel und Zuwenig,
zwischen der Ve rletzung des Käufers und der
Ve rletzung des Ve rkäufers besteht die Spannung
des bürgerKchen Dramas und in Kürze das Gesetz des
Marktpreises^). Der Wertmaßstab, dieses Ge-
wissen der bürgerlichen Welt, die abstrakte gesell-
schaftliche Arbeit, kommt zu seiner Wirklichkeit nur
in seiner beständigen Ve rletzung, in dem Zuviel
oder Zuwenig, in dem aktiven oder passiven Betrug des
Marktpreises, und die dunkle, instinktive Ahnung hier-
von bestimmt bei der humanen Richtung der antiken Welt
die antike Anschauung vom mercator.
Endlich ist es mir von hier aus am bequemsten, Ihnen
klar zu machen, Herr Schulze, wie groß Ihr Irrtum ist,
^) „Was soll man von einem Gesetze denken, das sich nur
durch periodische Revolutionen durchsetzen kann? Es ist eben
ein Naturgesetz, das auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten
beruht." F. Engels, Umrisse zu einer Kritik der National-
ökonomie. Deutsch-französische Jahrbücher S. 103.
223
wenii Sie sagen, daß das Kapital „eigentlich niemals
in einer Geldsumme" bestehe (p. 21), sondern immer
nur in realen Produkten. Sie sind auf diesen Satz, um
zu zeigen, daß Sie nicht bloß ßastiat ausschreiben, son-
dern auch einmal etwas in dem Kompendium von Say
gelesen haben, so stolz, daß Sie ihn an drei oder vier
Stellen wiederholen, und zwar auch da, wo er gar nicht
hingehört ! Ist es möglich, Herr Schulze, daß Sie, dessen
Gott das Kapital bildet, Ihren Gott so verkennen, wo
er in seiner eigensten, leibhaftigen Gestalt auftritt ?
Wie ! werden Sie mir zurufen : Sie leugnen also auch
J. B. Says großen Satz, daß Produkte nur gegen
Produkte getauscht werden, das Geld dabei nur ,,Z wi -
schenware" ist, und alles Kapital daher nur in
den realen Produkten eines Landes bestehe ?
Mich hat dieser ,, große" Satz von Say, trotz seiner
relativen Wa h r h e i t , immer an ein Rätsel erinnert, wel-
ches mir einmal beim Pfänderspiel aufgegeben wurde.
Das Rätsel lautete: ,, Welches ist der Unterschied
zwischen Napoleon I. und der Hebamme Müllern?"
Ich konnte und konnte das Rätsel nicht raten, trotz
aller Anstrengung, und gab mich endlich gefangen, worauf
mir nun als Auflösung mitgeteilt wurde: daß Napoleon I.
ein Mann und die Hebamme Müllern eine Frau gewesen
5iei. —
Da sah ich nun freilich die Wa h r h e i t dieser Auf-
lösung vollkommen ein! In der Tat, wenn man erst abge-
schmackt genug ist, alle konkreten Bestimmt-
heit e n in der Figur Napoleons und der Hebamme Mül-
lern fortzulassen, so kommt man zu der abstrakten
Gleichheit, daß sie beide Menschen gewesen seien,
und hat man erst diese abstrakte Gleichheit in der Hand,
224
so ergibt sich dann als ebenso wahr von selbst, daß sie
sich als Mann und Frau unterscheiden.
Es ist genau ebenso mit der Wahrheit jener Sayschen
Sätze beschaffen, daß sich Produkte nur gegen Produkte
umtauschen, daß das Kapital eines Landes daher nur in
seinen Produkten bestehe und Geld kein Kapital sei —
eine Wa h r li e i t , welche eben darin besteht, daß von
allen wirklichen konkreten Bestimmtheiten
des ökonomiscben Prozesses abstrahiert wird.
In der Wirklichkeit tauschen sich Produkte nie
gegen Produkte, sondern immer gegen Geld. Solange
diese Produkte den ,, Salto mortale" ins Geld nicht ge-
macht haben - - für wen sollen sie denn Kapital sein ?
Für ihre Besitzer, in deren Verkaufsmagazinen sie lagern ?
Man frage doch die Kaufleute aller Art, vom großen
Cotton- und Seidenfabrikanten bis zürn kleinen Buch-
binder herab, der mit Portefeuilles, Briefpapier und Porte-
monnaies handelt, ob sie ihre We c h s e 1 mit ihren Pro-
dukten bezahlen können, und wenn sie sich noch so
s^r auf J. B. Say berufen wollten, daß diese ,, Kapital"
seien! Man sehe doch, mit welchen Opfern häufig der
kleine Handelsmann, wenn der Verfalltag seiner Wechsel
naht, vom Geldwucherer oder in welcher Form es sei.
sich Kapital beschaffen muß, obgleich ihm Laden und
Magazine von den Sayschen Kapitalien, den unabgesetzten
Produkten, strotzen.
Für ihre Verkäufer also sind die Produkte keine
Kapitahen. Für wen sind sie es denn sonst ? Sie können
in der H^nd eines Dritten zur weiteren Produktion ver-
wendet werden und somit als Kapital auftreten. Aber
somit müssen sie, tun für diesen als Kapital zu dienen,
immer erst gekauft werden, immer erst durch das Geld
durchgesprungen sein, sich immer erst zu Gelde ge-
15 Lasealle, Gee. Sckriften, B&ud V, 22^
macht haben. Sie haben somit die Möglichkeit
zu Kapital zu werden. Aber ist eine Möglichkeit eine
Wirklichkeit, ist eine bloße Fähigkeit ein Da-
sein, ein We rdenkönnen, ein Vo llbrachtsein?
Die konkrete Bestimmtheit der einfachen Produkte
- - stehendes Kapital wie z.B. eine Dampfmaschine
ist natürlich nicht mehr einfaches Produkt, sondern gehört
einer höheren, näher bestimmten Kategorie an, mit der wir
es hier nicht zu tun haben — die konkreteBestimmt-
heit der einfachen Produkte, sagen wir, besteht also ge-
rade dann, daß der Kapitalcharakter an ihnen
unterbrochen, zeitweilig aufgehoben ist^).
Der Pulsschlag des Kapitals, der durch
den bürgerlichen Produktionsprozeß hin-
durchgeht, intermittiert^) und in diesen seinen
Pausen heißt er — Produkt. Kommt dieser Puls-
schlag wieder in Fluß, so wird wieder das Produkt
aufgehoben und zu weiterer Produktion verzehrt!
Oder mit anderen Worten : Was hier zu begreifen ist
und von den bürgerlichen Ökonomen niemals begriffen
wurde, ist der einfache dialektische Gegensatz von Pro-
duktion und Produkt. Die Produktion ist ein
^) Hier und im folgenden entwickelt Lassalle Sätze, die fast
noch unrichtiger sind als die seines Widersachers. Daraus, daß
Produkte bzw. Waren nicht Geld sind, folgt noch nicht, daß
sie nicht Bestandteile von Kapital sein können. Sicher kann
der Kaufmann seine Schulden nicht mit den in seinem Magazin
augespeicherten Waren bezahlen. Trotzdem sind diese unter
normalen Verhältnissen ,, Kapital" für Ihn. Sie sind es, sofern
sie als Resultate zweckmäßig verausgabter gesellschaftlicher
Arbeitszeit Tauschwerte sind. Says These zielt auf die
Gesamtwirtschaft, In der tatsächlich auf die Dauer Produkte
sich nur gegen Produkte austauschen. D. H.
^) Setzt aus.
226
Fluß, dessen bewegende Macht das Kapital bildet.
Das Produkt ist das Geronnensein dieses Flusses.
Im Produkt ist er zum Stehen gebracht. Soll das Pro-
dukt wieder zu Kapital werden, so kann es dies nur, in-
dem es aus diesem seinem Geronnensein herausge-
rissen und von neuem in den Fluß der Produktion
geworfen wird, d. h. aber als Produkt aufgehoben
wird (sei es als Lebensmittel oder als Rohstoffsunterlage
einer weiteren Arbeit). Ini Produkt ist also das Kapital
gerade in der Bestimmtheit gesetzt : N i c h t - K a -
pital, aufgehobenes Kapital zu sein!^) Es ist besonders
sieit 1848 eine Hauptanstrengung der bürgerlichen Welt
gewesen, noch innerhalb ihres eigenen Kreises
diesen Widerspruch durchbrechen zu wollen, da ihr
mit der Sayschen Illusion natürhch praktisch nicht ge-
dient war.
Wie bringt man hervor, daß das Produkt das wirk-
lich sei, was es nur an sich ist, nämhch Kapital?
So würde die philosophische Formel dieses Problems
lauten^).
W i e b e 1 e h n t man Wa r e n ? So lautete seine bür-
gerhche Übersetzung. Aber nur bei äußerst wenigen Ar-
tikeln des Großhandels (cf. die englichen Docks;
die Geschichte der französischen Docks ist bekannt) ist
dieser Durchbruch zum Teil gelungen, wie z. B. auch
^) Siehe die vorstehende Note. D. H.
-) Das Problem, welches Lassalle hier im Auge hat, würde
unseres Erachtens richtiger so formuliert : Wie bewirkt man,
daß die Ware als Repräsentant allgemeiner gesellschaftlicher
Arbeitszeit fungiert, ohne Rücksicht auf die in ihr verkörperte
spezifische Arbeit? Die obige Anwendung des Wortes Kapital
stimmt mit der Definition, die Lassalle weiterhin von dem
Begriff desselben gibt, nicht überein. D. H.
15» 227
bei uns öl an manchen Orten von den Banken etc.
belehnt wird. So oft dieser Widerspruch der bürgerlichen
Produktion in allgemein gültiger Weise beseitigt werden
sollte, sind diese Anstrengungen mißlungen ^) und die
„Waren- Kredit- Gesellschaf ten"^) wissen ein
Lied davon zu singen. Und gerade das teilweise Gelingen
bei jenen Großhandelsartikeln hat natürlich nur
dazu dienen können, die Vorteile und Macht des
großen Kapitals noch zu vermehren und einen
um so größeren Druck auf den Mittelstand auszuüben.
Der Pulsschlag des Kapitals, sagten wir also, der
durch den bürgerHchen Produktionsprozeß hindm-ch geht,
intermittiert, und in diesen seinen Pausen gerade
heißt er Produkt. - - Es gibt nun ein einziges
P r o d u k t , in welchem dieser Pulsschlag niemals inter-
mittiert, sondern stets in lebendiger Blutwärme vorhanden
ist, ein Produkt, das immer zugleich Kapital
ist , und dieses Kapital- Produkt ist das — Geld !
Das Geld ist darum nicht bloß auch Kapital, wie jedes
andere Produkt, sondern es ist das Kapital par ex>
cell le nee, Gott Va t e r in Person!
^) Auch die Proudhonsche „banque du peuple" war ein
solches Pi"ojekt. - — Es kann daher für keinen, der den Klein-
bürger Proudhon kennt, im geringsten wundernehmen, wenn sein
Adjutant Herr Darimon sich neulich in der Sitzung des gesetz-
gebenden Körpers offen zu der Schulz e-Bastiatschen
Theorie, trotz des friiheren Kampfes zwischen Proudhon und
Bastiat, bekannt hat. Sie gehören seit je zusammen, und es war
nur Mißverständnis, wenn sie sich bekämpften. Wohl aber ist
es ein interessantes Symptom von der europäischen Be-
deutung, welche die Fortschrittskrankheit angenommen hat.
^) Das Schicksal der Berliner Waren-Kreditgesellschaft ist
bekannt !
22«
Seine Kapitaleigenschaft ist in ihm beständig flüs-
sig, kann beständig befruchtend ausgeschüttet werden,
auf jeden behebigen Stoff, an jeden beliebigen Ort. Das
Geld als das ,, Kapital par excellence" ist darum in
noch höherem Sinne Kapital als selbst das stehende
Kapital.
Eine Baumwollenspinnmaschine ist doch gewiß Kapital
und zwar in einem viel höheren und qualifizierten Sinne
als das einfache Produkt. Als aber die Baumwollenkrise
in Lancashire ausbrach, mußten diese Maschinen still
stehen, waren also zeitweilig degradiertes Kapital,
was dem Gelde nicht passieren kann. Ja sogar solche
Fabnkanten, die noch Baumwollenvorrat hatten, ließen
die Maschinen still stehen, legten sich trotz J. B. Say
und trotz aller wütenden Vorwürfe, die ihnen die ,, Times
darüber machte, mit ihrer Baumwolle und ihrem Geld
lieber auf den Handel, wurden Kaufleute, spekulierten
auf noch höhere Preise der Rohbaumwolle und zeigten
so, daß sie, um alle theoretischen Verdrehereien unbe-
kümmert, ihren praktischen Vorteil sehr wohl verstanden.
•Nur das Geld ist also, wie weise sich auch die libe-
rale Ökonomie in ihrer Belächelung des Merkantilsystems
dünken mag, das allgegenwärtige, allmächtige
und allweise, kurz, um nicht alle Attribute Gottes
einzeln durchzugehen: das absolute Kapital!^)
^) „Gold ist daher der materielle Repräsentant des stoff-
lichen Reichtums ... Es ist zugleich der Form nach die un-
mittelbare Inkarnation der allgemeinen Arbeit und dem Inhalt
nach der Inbegriff aller realen Arbeiten. Es ist der allgemeine
Reichtum als Individuum.. In seiner Gestalt als Mittler der
Zirkulation erlitt es allerlei Unbill, wurde beschnitten, und so-
gar zum bloß symbolischen Papierlappen verflacht. Als Geld
^vird ihm «eine goldene Herrlichkeit zurückgegeben Au? dem
2S>Q
Und sind Sie nun nicht zerknirscht, Herr Schulze,
Sie Kapitalanbeter, daß Sie Ihren Gott gerade, wo er
Ihnen in seiner eigensten Gestalt erschien, in seinem
goldenen, feurigen Glänze, wie Moses im Dornbusch, so
verkennen konnten ?
,,d) Die Konkurrenz."
,, Außer der Möglichkeit, sich eine Sache selbst
anzufertigen — beginnen Sie diesen Abschnitt p. 67
— einen Dienst selbst zu leisten, wenn uns von jeman-
dem mehr, als uns billig dünkt, dafür abgefordert wird,
deuteten wir im vorigen noch auf den Ausweg hin : d a s
Gewünschte von einem Dritten zu erhalten,
als ein Hauptschutzmittel gegen Überteuerung." Wirk-
lich? Wir haben heute, außer der ,, Möglichkeit" uns
„die Sache selbst anzufertigen", auch noch den Aus-
weg, sie von einem Dritten zu erhalten ? Es ist um
Krämpfe zu bekommen, wenn man Ihre Beschreibung
des Produktionszustandes anhört ! Das übersteigt noch
den Austausch der überschüssigen Produkte, die der Pro-
duzent nicht selbst gebraucht! (Siehe oben p. 57ff. 0-)
Nachdem Sie hierauf von der Säge des Holzhauers
und dem Anzug des Schlossers und dem Kessel der
Waschfrau in einem so gedankenvollen Stile — an nähe-
rer Analyse hindert uns bereits die gebieterisch drängende
Zeit — gesprochen, daß keine Waschfrau Sie errei-
chen kann, konkludieren Sie nun mit folgender Erklärung
der freien Konkurrenz: „So erhalten wir in der Kon-
kurrenz einen Hauptregulator des Wertes. Schon früher
Knecht wird es der Herr, aus dem bloßen Handlanger wird
es zum Gott der Waren." (Marx, a, a. O. S. 104.)
^) S. 97 dieser Ausgabe.
230.
erkannten wir die Freiheit als das Element der Arbeit wie
des Tausches, die Befugnis aller, alles Mögliche vorzu-
nehmen, sich mit allem zu beschäftigen, wobei sie ihre
Rechnung zu finden vermeinen, und die fernere Befugnis
aller mit allen zu tauschen, ist nun eben die
freie Konkurrenz."
Und nachdem. Sie so die freie Konkurrenz wieder als
den ,,Tausch" erklärt und dies noch auf einer Seite
breit getreten, lassen Sie auf zwei Seiten einige allge-
meine Phrasen gegen das Monopol los und schießen
dann wieder im Pastorstil mit einer salbungsvollen Ver-
herrlichung Ihrer ,, Bildung" und ',, Wissenschaft".
Das ist alles, was Sie über die freie Konkurrenz zu
sagen wissen. Statt aus ihr, in welcher der Schlüssel des
ganzen gegenwärtigen Zustandes liegt, die Gesetze des
Marktpreises, des Kostenpreises, des Ar-
beitslohnes, des Unternehmergewinnes, der
Grundrente herzuleiten, statt aus ihr die gesamte m a -
t e r i e 1 1 e und geistige Physiognomie unseres Zu-
standes abzuleiten, was wir im nächsten Kapitel, so weit
es hier zulässig, in positiver Weise tun vverden, erklären
Sie die ,,freie Konkurrenz" als ,,Tausch" —
als Tausch, der doch schon zur Phönizierzeit ge-
trieben wurde ! Das ist alles, was Sie von ihr zu sagen
wissen.
Sie sehen, ich habe Ihnen jetzt den Nachweis geführt,
über dies eine einsilbige Wort gelangt Ihr ganzes Buch
nicht hinaus ! Die Arbeit war Tausch, das Kapital war
Tausch, der Kredit war Tausch, der Wert war Tausch,
und die freie Konkurrenz ist auch Tausch !
Bastiat sagt, indem er das Kapitel ,,d3r Tausch" be-
ginnt (härm. econ. p. 93) : „L'echange c'est l'economie
politique" — ,,Der Tausch ist die National-
231
Ökonomie". Und dieses nach Weise der Franzosen
pointierte, geistreich sein sollende Wort haben Sie buch-
stäblich genommen und glauben, daß wer sich nur
brav das Wort ,,T a u s c h" auswendig lernt, ein gemachter
Nationalökonom sei.
Wenn ich mir einen Star kaufe und ihm beibringe, das
einsilbige Wort: „Tausch, Tausch, Tausch" zu
schreien, so habe ich genau den ganzen Inhalt Ihres
Buches.
In diesem einsilbigen Wort steckt Ihre ganze armselige
Weisheit I
232
Vi ertes Kapitel.
DIE OBJEKTIVE ANALYSE DES KAPITALS,
DIE PRODUKTIVASSOZIATIONEN.
Es bleibt noch übrig, in möglichster Kürze den ob-
jektiven Begriff des Kapitals zu entwickeln.
Wir werden dies verhältnismäßig um so kürzer tun
können, als wir schon bisher überall in unseren positiven
Ausführungen die Gnmdlagen dieses Begriffes im voraus
gelegt und ihn in konkreter Darstellung (siehe z. B.
p. 99ff. ^)) haben durchscheinen lassen.
Wenn wir sagen würden :; Das Kapital ist eine
historische Kategorie, — so würde zwar in kür-
zester Abbreviatur alles gesagt sein, aber es würden
ims nur äußerst wenige verstehen.
Wir müssen also mehr schrittweise zu Werke gehen.
Betrachten Sie, Herr Schulze, die bisher von uns durch-
genommenen Definitionen des Kapitals ; zwar nicht jene
Ihre Lieblingsdefinition, Kapital sei ,,der ersparte Teil
des Einkommens", die Sie nach Bastiats Anleitung geben,
denn diese ist gar zu unsinnig und' hinreichend aufgelöst
worden.
Aber betrachten Sie jene andere Definition, die Sie
gleichfalls geben und die im wesentlichen darauf hinaus-
läuft : Kapital ist Arbeitsinstrument. Oder jene.
n 8,152 ff. dieser Ausgabe.
233
die allgemein von den Ökonomen gegeben wird: Kapital
ist aufgehäufte Arbeit. Oder jene, die ich Ihnen
oben (p. 680 an die Hand gab: Kapital sind Produkte,
die fortzeugend zur Produktion verwendet werden.
Werfen Sie nun wiederum den Blick auf den Indianer
in den Urwäldern Amerikas, der, seinen Bogen in der
Hand, sich seinen Lebensunterhalt erjagt.
Ist dieser Mann Kapitalist? Ist dieser Bogen K a -
p i t a 1 ? Sie sehen, Herr Schulze, alle drei Definitionen
treffen zu. Der Bogen ist in der Tat ein Arbei,ts-
instrument. Er ist ebenso aufgehäufte Arbeit.
Er ist auch ein Produkt, das fortzeugend zur
Produktion verwendet wird.
Und dennoch, Herr Schulze, wird es Ihrem eigenen
Gefühl widerstreben, diesen Indianer einen Kapita-
listen zu nennen !
Sie sehen also, daß alle diese Definitionen noch
falsch sein müssen, weil sie alle das Unterschei-
dende und Richtige nicht in sich enthalten.
Oder vielleicht tun Sie — denn was wäre wohl bei
Ihnen unmöglich ? — Ihrem eigenen Gefühle Gewalt an
und sagen : Ja, der Bogen ist ein Kapital und somit
ist der Indianer ein , .kleiner Kapitalist".
Dann würde es aber sehr leicht sein, Ihnen zu zeigen,
daß jener Bogen kein Kapital und jener Indianer kein
Kapitalist ist.
Versetzen Sie sich, um sich das klar zu machen, auf
einen Augenblick mit einem eben solchen Bogen in jene
Wälder. Der Bogen würde Sie in den Stand setzen,
Wild zu schießen, er würde Sie also — dafür ist er
Arbeitsinstrument — in Ihrer eigenen, unmit-
^) S. 110 dieser Ausgabe.
234
telbar auf die Erringung Ihres Lebensunterhaltes gerich-
teten Arbeit unterstützen; aber wenn es Sie, wie zu
fürchten steht, ermüden sollte, auf Ihren flüchtigen Mo-
kassins durch die Wälder mit dem Wild um die Wette
zu streifen, so würden Sie kein Mittel finden, den
Bogen werbend anzulegen, und da es, wie Sie wissen,
das unbedingte Kennzeichen des Kapitals ist, werbend
auftreten zu können, so sehen Sie wohl : dieser Bogen ist
Arbeitsinstrument, aber er ist nicht Kapital!
Ich setze den Fall, Sie wollten den Bogen, glaubend,
es läge nur an der Bogenform, daß Ihnen die in ihm'
aufgehäufte Arbeit nicht als Kapital zustatten käme, gegen
einen anderen Wert eintauschen und böten ihn zu
diesem Zwecke jenem erstgedacliten Indianer an.
Ganz möglich, daß dieser Indianer, wenn ihm dieser
Bogen konveniert, auf Ihren Vorschlag eingeht. Er gäbe
Ihnen dann zum Tausch ein erlegtes Wild oder Pelz-
werk oder in goldreichen Gegenden vielleicht einen großen
Klumpen Goldes.
Aber alle diese Gegenstände — Sie haben keine
Möglichkeit, sie dort werbend anzulegen. Um
diese Werte produktiv, rentbar zu machen, müß-
ten Sie sich in ganz andere, auf europäischem Fuße be-
findliche Länder begeben. Aber in jenen bestimmten
historischen Zuständen, in die ich Sie versetzt
habe, hätten Sie keine Möglichkeit hierzu.
Ja, Sie wären jetzt mit dem für den Bogen eingetausch-
ten Wert — dem Wild, dem Pelzwerk, dem Gold-
klumpen — noch schlimmer daran, als früher beim Bogen,
der Sie wenigstens in Ihren Schießbestrebungen unter-
stützen konnte.
Halten Sie also genau fest, Herr Schulze, das Schei-
dende und Unterscheidende, was wir bei dieser Betrach-
235
tung erfahren haben: es gibt historische Zustände, in
denen es Arbeitsinstrumente gibt, in denen man
sogar tauschen kann, und in denen es gleichwohl noch
kein Kapital gibt.
Und infolge unserer früheren Darstelhmgen (z. B.
p. 98 bis 103^)) sagen selbst Sie sich vielleicht schon
hier : es gibt hier, obgleich es Arbeitsinstrumente
gibt, noch kein Kapital aus dem Grunde, weil es keine
Teilung der Arbeit gibt, daher nur noch das Ar-
beitsinstrument in der Hand des Arbeiters,
oder mit anderen Worten nur noch die Arbeit selbst
produktiv ist.
Es ergibt sich somit schon hier der Satz : die selb-
ständige Produktivität des Kapitals, seine
Produktivität in der Trennung von der Ar-
beit, ist nur möglich unter einem System der Teilung
der Arbeit und ist ihre Folge,
Werfen Sie nun aber den Blick auf die zivilisierten
Zustände des Altertums. Hier herrscht bereits, wie ver-
schwindend klein sie auch gegen die heutige sei, eine ge-
wisse Teilung der Arbeit und großer Reichtum.
Aber Sie sehen hier den antiken Eigentümer vereinigen
in seinem Besitz das Grundeigentum, die Sklaven und
alle Arbeitsprodukte und Arbeitsinstrumente derselben.
Ist dieser Mann „Kapitalist"? Nein, Herr
Schulze! Wenn Sie einen alten Schah von Persien be-
trachten, dem das ganze Land, das er beherrscht, und alle
Reichtümer und alle Leute darin gehören, soweit er es
will, werden Sie sagen, dieser Mann war ein , .groß er
Kapitalist"?
Gewiß nicht! Sie werden es nicht sagen, weil Sie
fühlen werden, daß er mehr war, als das.
-) S, 151 bis 158 dieser Ausgabe
236
E^ ist ganz ähnlich mit dem antiken Eigentümer. Der-
jenige, welchem nicht nur das Arbeitsinstrument,
sondern der Arbeiter selbst als rechtliches
Eigentum gehört, kann nicht ,,Kap italis t' sein.
Denn sein Anteil an dem Ertrag der gesellschaftlichen
Produktion gründet sich nicht darauf, daß ihm das Ar-
beitsinstrument, sondern darauf, daß ihm der Arbeiter
selbst gehört. Der Sklave, durch welchen er die Arbeit
bestellen läßt, ist für ihn nur ein anderer Hebel, der
Hebel nur ein anderer Sklave.
Dieser Mangel an Scheidung und Unterschei-
dung bewirkt, daß hier Herren, aber nicht Kapita-
listen, Werte und Reichtümer, aber nicht Ka-
pitalien vorhanden sind.
Sie können dies weiter verfolgen, wenn Sie die realen
Charakterzüge der antiken Wirtschaft ins Auge fassen.
Der antike Boden- und Sklavenbesitzer läßt zunächst
vorherrschend Gebrauchswerte seines eigenen
Wirtschaftsbedarfs produzieren. Den Überschuß
derselben, oder, insofern er, was schon die Ausnahme
bildet und nur bei Bürgern geringen Standes der Fall
ist ^). durch seine Sklaven Fabrikation betreiben läßt.
die so gewonnenen Industrieprodukte verkauft er. Für das
erlöste Geld tauscht er die Luxusprodukte aller ihm
zugänglichen Zonen, Purpur und Bernstein, zu seinem
Konsum ein. Tausch und Handel sind bereits entwickelt
^) So erzählt uns Plutarch, daß noch der Redner Isokrates
von den Komikern Aristophanes und Stratis verspottet wurde,
weil sein Vater Theodorus durch seine Knechte Flötenfabri-
kaiion betreiben ließ, Plut. vita decem orat. T. IV. p. 357, ed
Wytt. : — — „ußev etg zovg av?.ovg y.exw [j.ojdr]Tai vnC)
AoioTO(pdvovg xal J^rodtidos'\ oder, wie Lessing sagt, die
Komiker geben ihm die Flöten seines Vaters zu hören.
237
und ausgebreitet. Aber das Gold, das ihm nach Befriedi-
gung seines Luxuskonsums übrig bleibt, hebt er, sofern er
es nicht für neuen Ankauf von Grundeigentum und Sklaven,
also wieder für Vergrößerung seiner Naturalwirt-
schaft, innerhalb deren er ,,Herr", nicht , .Ka-
pital ist" ist, verwendet, vorherrschend für späteren
Luxuskonsum auf. Er ist Schatzbildner, wenn auch in
goldenen und silbernen Gerätschaften^). Dies Gold wer-
bend in fremder Produktion anzulegen, fehlt ihm
zunächst und lange sogar die Gelegenheit.
Denn diese fremde Produktion ist selbst wieder natur-
wüchsig aus dem Überschuß der eigenen Na-
turalwirtschaft dieses anderen Produzenten
hervorgegangen und daher des modernen Kredit-
systems, welches nur in einer ausschließlich Tausch-
werte produzierenden Gesellschaft sich bilden kann, noch
nicht benötigt.
Als sich selbst diese Gelegenheit zu solcher Anlage zu
finden anfängt, steht ihr jetzt die sittliche Anschau-
ung d e s Vo 1 k e s entgegen, die hierin wiederum nur
die Folge des soeben beschriebenen so lange herrschen-
den und, zu der Zeit, von der wir reden, noch immer vor-
herrschenden ökonomischen Zustandes ist.
Sie begreifen nämlich beiläufig von hier aus, warum
der K a p i t a 1 z i n s solche Schwierigkeit hatte, in
^) ,,Die erste naturwüchsige Form des Reichtums ist die des
Überflusses oder Überschusses, der nicht als Gebrauchswert
unmittelbar erheischte Teil der Produkte, oder auch der Besitz
solcher Produkte, deren Gebrauchswert außerhalb des Kreises
bloßer Bedürftigkeit fällt . . . Bei Völkern rein metallischer
Zirkulation, wie bei den Alten, zeigt sich Schatzbildung als ein
allseitiger Prozeß, vom einzelnen bis zum Staat, der seinen
Staatsschatz hütet." (Marx, Zur Kritik etc. S. 106.) D. H.
238
der Anschauung der alten Völker sich Bahn zn brechen.
warum er für schändlich und eines freien Mannes
unwürdig, unanständig im antiken Sinne (inho-
nestum) gefunden wurde.
Wenn Aristoteles, Cicero, Seneca, die Kirchenväter
und das kanonische Recht den K a p i t a 1 z i n s für schänd-
lich und für gleichbedeutend mit Wucher halten, wenn
noch in der römischen Republik das Zinsnehmen ge-
setzlich verboten war, wenn Cato die Satzung der Alt-
vorderen lobt, daß der Dieb ums Doppelte, der Zins-
nehmer aber ums Vierfache gestraft werde ^), und die
katholische Kirche den Zinsnehmern Abendmahlsfeier,
Testamentsrecht und kirchliches Begräbnis entzog, und
wenn Jeremias Bentham und mit ihm die ganze liberale
Ökonomie umgekehrt im Wucher nur das heihgste, un-
nehmbarste Naturrecht des Menschen sieht, so erklären
und lösen sich diese so schroffen Gegensätze von hier
aus auf das einfachste.
Der Jurist, sagen die römischen Juristen, sehe nur
auf ,,id quod plerumque fit", ,,auf das, was meistens
geschieht"^).
Geborgt wurde im Altertum wie bei uns. Weil aber
uml so lange im Altertum ganz oder vorherrschend Anlaß
und Gelegenheit fehlt, das Gelddarlehen in fremder
Produktion anzulegen, da diese fremde Produktion wieder
nur auf der eigenen Naturalwirtschaft und deren natur-
Vv'üchsigem Überschul> beruht, so werden, so lange dies
^) Cato, de re riist, praef. : majores ita in legibus posuerunt
furem dupli condemnari, feneratorem quadnipH.
- ) Noch mehr aber gilt es von jenen sitülchen Anschauungen
der Völker, die aus ihren ökonomischen Zuständen erwachsen,
daß sie nur sehen auf ,,das, was meistens geschieht".
239
ausschließlich oder auch nur vorherrschend der Fall ist,
Gelddarlehen meist also nur zu konsumtiven Zwecken
begehrt werden. Sie werden also aus persönlicher Not
und Verlegenheit nachgesucht, und sei es auch nur
die Verlegenheit des römischen Ädilen ^ ) , welcher
dem Volke den Zirkus für die öffentlichen Spiele auf
seine eigenen Kosten mit Purpur ausschlagen lassen will
und nicht die ganze Summe vorrätig hat.
Ein zu bloßem Konsumtivzweck gemachtes Dar-
lehen, durch welches der Borger keineswegs reicher
wird, als er war, die persönliche Not und Verlegen-
heit eines Menschen zur Ausbeutung benutzen zu wollen,
ist aber allerdings schändlich, und das hat das Altertum
und (\ie Kirche mit Recht gefühlt.
Umgekehrt werden zwar in den modernen Zeiten auch
noch Anlehen genug zu konsumtiven Zwecken gemacht.
Aber bei weitem vorherrschend ist jetzt das Produktiv-
darlehen, das vom Borger zur Anlagein pro duk-
tivenUnternehmungen gemachte Darlehen. Diesels
Darlehen entspringt zwar auch noch aus einer Ve r 1 e g e n -
h e i t , aber nur aus der einen Verlegenheit, reicher
zu werden, und ganz konsequent entschließt sich daher
der Ausleiher, diese Verlegenheit bebend mit dem Bor-
ger zu teilen ! Mit anderen Worten : das Produktivdarlehen
ist ölconomisch Anteil am Geschäft se rtrag^), und
^) Aufseher mit Bezug auf die öffentlichen Spiele, Markl-
polizei etc. D. H.
^) Sehr originell läßt eine aus dem mosaischen Zinsverhote
entsprungene Sitte der russischen orthodoxen Juden, welche
Bonaventura Mayer (Die Juden unsrer Zeit 1842, S. 13 ff.) er-
zählt, diese innere Natur des Darlehens heraustreten. Der
Gläubiger bedingt sich nämlich bei dem Anlehen die Hälfte
des Gewinnes aus und die Kontrahenten setzen denselben vor-
240
der Gegensatz der antiken und der bürgerlichen Anschau-
ung von dem Zinsnehmen, jede von beiden bestimmt durch
die zu ihrer Zeit vorherrschende ökonomische Natur des
Darlehens, findet so bei wahrhafter historischer Betrach-
tung seine natürliche Auflösung. —
Als also auch die Gelegenheit zu produktiver Anlage
des Geldes im Darlehen sich mehr und mehr zu bieten
anfängt, steht ihr teils Verbot, teils die sittHche Anschau-
ung des Volkes noch immer mächtig entgegen und kämpft
gegen ihr Umsichgreifen in der Praxis. Die Anlage des
Vermögens in fremder Produktion — und bei der
AnJage derselben in seiner eigenen Naturalwirtschaft
bleibt, wie ich Sie erinnern muß, der antike Besitzer immer
,,H e r r", noch nicht ,,K a p i t a li s t" — bildet also immer
einen verhältnismäßig äußerst unbedeutenden Teil der an-
tiken Vermögensanlage. ,,Fast ganz in Grundstücken,
etwas jedoch auf Zins," das ist noch zu einer so
späten Zeit, wie der des Plinius, die Vermögensanlage
des römischen Senators^). Ja selbst bei einem so sprich-
wörtlich reichen Manne wie Crassus — sein Vermögen
wird von den Alten auf 7 100 Talente geschätzt, was, das
damalige Talent zu ungefähr 1 400 Talern gerechnet, eine
Summe von 9940000 Talern ergibt — sagt uns Plutarch,
wo er uns die Stücke seines Vermögens aufzählt, Silber-
minen, Grundstücke und die Menge der sie bebauenden
Sklaven, Häuser etc., daß ,,dies alles noch wie
garnichtsgewesensei, verglichen mit dem Preise
läufig auf eine mutmaßliche Summe fest. Wemi der Schuldner
später endlich erklärt, daß das Geschäft jenen Gewlmi nicht
gebracht habe, so braucht er die ausbedungene Summe nicht zu
zahlen, verliert aber für die Zukunft jeden Kredit.
^) Plin. Epp. III. 19. Sum quidem prope totus in prae-
diis; aliquid tarnen foenere.
16 Lasjall«. Gel Schriften, Band V. 241
seiner Haussklaven; so viele und so treffliche be-
saß er, Vorleser, Schreiber, Silberprüfer, Aufseher,
Tischdiener" ^).
Fast alle diese Sklaven sind Genußmittel. In solche
Genußmittel und nicht in , .Kapitalien" mündet
die antike Wirtschaft, die innerhalb ihrer werbenden
Gestalt Herrschaft, nicht Kapitalwirtschaft
ist. Es gibt in der antiken Welt Arbeitsinstrumente, Ge-
nußmittel, Werte und Reichtümer, aber noch keine ,, Ka-
pitalien". Durch diese vorherrschende Gestalt des Ge-
samtzustandes bestimmt, ist auch dann noch keine „Pro-
duktivität des Kapitals" gegeben, wenn z. B. der Vater
des Sophokles durch seine Sklaven Schwertfegerei be-
treiben läßt. Es fällt mit dieser in den Handel mündenden
Fabrikation nur erst der Charakter der Naturalwirt-
schaft weg; aber einerseits bleibt in dieser Pro-
duktion der Charakter der Herrschaft, anderer-
seits mündet diese Fabrikation nur erst in den Handel,
der, wie schon bemerkt, bereits entwickelt genug ist ; diese
Sklaven produzieren alle Konsumtionsgegenstände, die ihr
Besitzer braucht, jetzt in der Form von Schwertern,
die gegen jene ,, ausgetauscht" werden, aber diese Schwer-
ter münden eben alle noch in Genußmittel oder resp.
in Geld als Kaufmittel aller anderen Genuß-
mittel und somit selbst nur diese darstellend. Aber
diese Schwerter brechen noch nicht durch in die werbende
Form des Kapitals, in die freie und selbständige Produk-
tivität desselben, in seine zinsaufzinshäufende Kraft. Der
erste Schritt ist durch diese auf Tauschwert gerichtete
1) Plutarch vit. Grass. T. III. c. 2 p. 250. ed. London:
,yöjua>g äv xig tjyTJoatxo jurjdkv elvai ravra ndvxa ngög
xtjv Tcbv olxexcöv tij.irjV. x. r. X.
242
fabrikationsmäßige Produktion freilich bereits geschehen.
Aber dieser erste Schritt ist durch den Gesamtzusammen-
hang der antiken Welt noch verhindert, seine Folgen zu
setzen. Die Reichtümer und das Gold der antiken Welt
sind der Kapitalembryo, aus welchem sich später
das Kapital entwickeln wird. Aber noch ist die Entwick-
lung jener Reichtümer zur spezifischen und eigen-
tümlichen Form des Kapitals nicht vor sich ge-
gangen.
Werfen Sie den Blick auf eine andere Kulturepoche.
Betrachten Sie den mittelalterhchen Grundbesitzer, den
adligen Seigneur in der Mitte seiner Burgen und Höfe,
seiner Leibeigenen, Hörigen und Kolonen, seiner ihm
in den verschiedensten Weisen lehnspflichtigen Dörfer
und Städte. War dieser Mann Kapitalist?
Sie müssen nicht, Herr Schulze, die vielverbreitete rohe
Vorstellung haben, daß man damals nur von Ackerbau-
erzeugnissen lebte ! Die Produktion war ent\\-ickelt genug,
der Luxus groß, die Genußmittel zahlreich, mannigfach
und verfeinert. Betrachten Sie z. B. nur die Beschreibung,
welche der Minnesänger Ritter Ulrich von Lichtenstein
(im dreizehnten Jahrhundert) von dem Empfang in der
Kemenate seiner Frau entwarft. ,,Die Reine — heißt es
in diesem Gedicht ^) — saß auf einem Bette und emp-
fing mich züchtiguch, sie sagte mir Willkommen. Die
Gute hatte ein kleines Hemde an, eine S u c k e n i e
darüber von Scharlach-), die war härmingefurret
(mit HermeHn gefüttert), ihr Mantel war grün, dar-
^) Ulrich von Lichtensiein, Frauendienst, p. 160.
^) Suckenie, soscania, das gewöhnlich sehr reiche, von Gold
und Seide gewirkte Uberkleid der Frauen, vgl. Ducange Gloss.,
s. V. Soscania.
!*• 243
unter war eine schöne C h ü r s e n , die Ciiürsen hatte
einen mäßig breiten Überlall. Acht Frauen stunden
bei ihr, die auch gut gekleidet waren; auf dem Bette
lag von Samt eine M a t r a z , darüber zwei seidene
Leilachen, darauf lag ein herrliches Decke-
lachen, auch lag da ein köstliches Polster und zwei
wunnigliche Kissen, das Bettgerüst sah man nirgend
hervor scheinen, und manch guter Teppich war sein
Dach; zu den Füßen am Bett brannten zwei große
Licht auf zweien Kerzstalin und an den Wänden
hingen wohl hundert Licht."
Oder betrachten Sie seine Beschreibung, wie er selbst
als Frau Venussin dmch die Lande fährt: ,,Hier lag
ich den Winter und Keß mir Frauenkleider schneiden,
zwölf R^öckel wurden mir bereitet und dreißig
F r a u e n ä r m e 1 an kleinen Hemden, dazu gewann
ich zween Zöpfe, die ich mit Perlen wohl bewand,
deren da wunder viele feil waren, man schnitt mir
auch drei weißeMäntelvonSamt, die Sättel waren
silberweiß, an die der Meister großen Fleiß
mit Arbeit legte, darüber Decken von weißem
Tuch, lang und meisterlich, auch waren die Zäume
köstlich. Für zwölf Knappen schnitt man von
weißem Tuche gutes Gewand, man machte mir
auch hundert silberweiße Speere, alles was die
meinen führten, war weiß wie Schnee, mein Helm war
weiß und weiß mein Schild, aus fünfStückenweißen
Samt ließ ich mir drei Decken schneiden zu Wa p -
penkleider auf meinem Rosse, und mein Wappenrock
mußte ein wohl gefaltenes Röcklein sein von
kleinem weißen Tuche" ^).
^) Frauendiepst, p. 84.
244
Sie sehen, Herr Schulze, daß man sich damals mchts
abgehen Heß. War nun der Eigentümer aller dieser
schönen Dinge, war der mittelalterliche Hofbesitzer Ka-
pitalist?
Keineswegs ! Und ich hoffe Ihnen dies vom Mittelalter,
wenn Sie geduldig lesen, allmählich ebenso klar machen
zu können, wie vom Altertum.
Die Sklaverei ist abgeschafft und auch die
an ihre Stelle getretene Leibeigenschaft mildert sich
im Laufe des Mittelalters zu einem System der persön-
lichen Unfreiheit in den verschiedenartigsten Abstufungen,
zu einer Mosaik von Leistungen. Dies ist es gerade, was
dem Mittelalter seinen spezifischen Typus gibt.
Ich habe bereits anderwärts ausgeführt, daß es die
Besonderheit ist, welche das Mittelalter in geschichts-
philosophischer Hinsicht charakterisiert. Nicht mehr der
Mensch im ganzen, aber sein Wille und besondere
Akte seines Willens werden hier als Privateigen-
tum gesetzt^). Dies gibt auf dem ökonomischen Gebiete
das System der besonderen Leistungen, ein
System von Rechtsbeziehungen eines Beson-
deren auf einen Besonderen, die in lauter b e s o n -
dere Akte und besondere Produkte (Geb rauchs-
werte, zum Unterschied von dem allgemeinenTausch-
wert: Geld) auslaufen; d. h. es gibt das System
der mittelalterlichen Naturaldienste und
Naturallieferungen.
Dies ist es, was die Wirtschaft und die Produktion des
Mittelalters durchaus vorherrschend bestimmt.
Betrachten Sie die Wirtschaft des mittelalterlichen feu-
^) Siehe mein „System der erworbenen Rechte". Leipzig,
Brockhaus, 1861. T. I.. p. 260-264.
245
dalen Grundbesitzers, wenn auch nur g£inz flüchtig, etwas
näher.
Abgesehen von den Leibeigenen, werden seine Felder
bestellt mit Spann- und Handdiensten, mit gemessenen und
ungemessenen Fronden, von unfreien und freien Kolonen
in den mannigfachsten Abstufungen aller Art; denn auch
die freien Mansi (Bauernhöfe) müssen ihm frönen, wie die
unfreien, nur letztere etwa drei Tage in der Woche, wäh-
rend erstere etwa fünf bis sechs Wochen im Jahre ^).
Doch sehen wir von dem Ackerbau ab. — Allein es
gibt gar keine Art von Diensten, die ihm unter dem Lehns-
system die unfreien wie freien Mansi, ja die ihm in den
verschiedensten Abstufungen pflichtigen Flecken und
Bourgeois der kleinen Städte nicht in natura entrichten
müssen !
Versetzen Sie sich im Geist an einen Gefälletag, wo
ein solcher adliger Feudalherr die ihm zustehenden Ge-
fälle erhebt. Da wimmelt es von Roggen, von Gerste, von
Hühnern, von Schinken, von Ochsen, von Schweinen, von
Eiern, von Butter, von öl, von Früchten, von Wachs, von
Kerzen, von Honig, die ihm die PfHchtigen bringen müs-
sen, ja von Kuchen, von Blumenbuketts und cha-
peaux de rose!^) Die Schneider, die Schuster des unter
seiner Gutsoberherrlichkeit stehenden Städtchens - — er-
innern Sie sich des Grundsatzes : nulle terre sans seigneur
— bringen ihm die Kleider und die Schuhe, welche sie
während der Woche, die sie ihm pflichtig sind, für ihn
^) Siehe z. B. Pertz, Monum. hist. Germ. T. III. (Leg.
tom I.), p. 177: respiciunt ad eandem curtem mansi Ingenuiles
vestiti 23. Ex his sunt 6 quonim unusquisque . . . operatur annis
singulis ebdomades 5, arat lurnales 3 etc. etc.
2) Zum Beispiel: Monteil, hist. du XIV. siecle, chap. la
Table de Pierre. T. I., p. 84.
246
und seine Leute gearbeitet habend- Nicht weniger müssen
die „Hentschuhern" (Handschuhmacher), die „Beche-
rere" (Bechermacher), die Kiefer und ,,Zimberliute"
(Zimmerleute) für seine Bedürfnisse ohne Lohn (sine
mercede) arbeiten, die Schmiede, die Schlösser, Ketten
und Pfeile und außerdem eine Anzahl von Hufeisen und
Nägeln Kefern-). Und wenn sich in den früheren Zeiten
des Mittelalters auf den grundherrlichen Höfen selbst
Handwerker und Künstler aller Art finden (mechanici
et artifices), Fleischhauer (carnifices), Gerber (cerdones),
Faßbinder (doliatores), Pelzarbeiter (pellifices und peili-
parii), Wagner (currifices und carpentarii) ^), Krämer
(institores), Baumeister (aeditui), Steinmetzen und Maurer
(caementarii und lapicidae), Maler (pictores) etc. so-
gar Kaufleute (negotiatores), Goldschmiede (aurifices)
und Holzschnitzer (lignorum caesores) ^) oder überhaupt
der grundherrliche Fronhof von jeder Art von Hand-
werkern, die innerhalb der Gutsherrlichkeit angesessen
waren, einen Handwerksmann haben sollte — ,,von einem
ieclichen antwergke ein antwergm.an" ^) — und wenn in
den späteren Zeiten des Mittelalters auch die Handwerker
und Künstler aufhören, unmittelbar auf den Burgen zu
wohnen, so müssen sie doch in Erinnerung dieses ur-
sprüngKchen Verhältnisses oder von ihren Mansen und
Lehngütern her dem Hofherrn Produkte ihrer Hand-
werkstätigkeit abgeben, Messer aller Art, Scheren und
^) Siehe le Compte rendu par le bailli d'Aval, en 1347 bei
Monteil das. p. 85.
2) V.Maurer, Geschichte der Fronhöfe, 1862, Bd. II., p. 323;
Trier. Weistum. X., 8 — 10 u. 3.
°) Siehe Ducange, s. v. currifices.
^) Siehe V.Maurer das. T. IL p.316ff.
^) Grimm, Weistümer I., 763, § 33.
247
Zangen (cultelli, rasoria, forcipes und forfices) Hacken
und Äxte (plcaril), Schüsseln (scutellae), Becher (pi-
caria), Gefäße aller Art (cratereae), Sättel und andere
Gerätschaften (sellae et cetera ustensilia)^). Wenn der
Fleischer einen Ochsen verkauft, so gebühren ihm davon
Zungen und Füße, und gleiche Abgaben erhebt er vom
Wein, Bier und anderen Getränken^). Aber was sollt©
er mit dem Wein und Bier wohl machen, wenn er keine
Fässer hätte ? Und so müssen ihm denn auch die Fässer
(tunnae), mit und ohne Wagen, die Dauben (dovae) für
dieselben, die Reife (circuli), Platten (patellae), Kessel
(caldaria), und zwar eiserne, wie kupferne^) neben Schin-
deln und anderem Material zur Reparatur der Dächer
geliefert werden*). Und die Schröder^) „seint schuldig
meins gnedigsten Herrn wein und bier umbsunst zu
schroden" und auch die Ohmer sind schuldig ,, meinem
gnedigsten Herrn alle Wein und Bierfaß umbsunst
zu ohmen,"
^) Siehe das Korveische Güterverzeichnis bei Kindlinger,
Münster. Beiträge IL, 116.133.228.126.223.143. — Ducange
s. V. pica.
2) Siehe z. B. Montell a. a. O. p. 87.
^) Wenigstens werden beide als Hofinventar erwähnt. Siehe
Pertz a. a. O. . . . caldaria aerea 3, ferrea vero 6-
*) Siehe das von Guerard (Paris 1844) herausgegebene
Polypt. Irminlon, Urk. IX. 299, p. 113: Facit omni ebdomada
dies II. ; set pro ipsa mannopera solvit carrum I. cum duabus
tonnis; das. Urk. XI. 2, p. 119: — — Solvunt pullos
IX., ova XXX., asciculos C. et totidem scindolas, XII dovas,
circulos VI. etc., und das. XIII., siehe p. 132: et Inter totoä
qui mansum tenent, asciculos C, scindolas totidem, dovas XII.,
circulos VI. etc.; das. XIV. 99, p. 149: — Sunt niansi qui
faciunt angariam propter vinum . . . solvunt caldariam I., de
molle sestarium etc.
°) Michelsen, Mainzer Oberhof zu Erfurt p. 26.
248
Und die Schmiede müssen ihm Sporen liefern und die
Ziecher ein Tischtuch 6 Ellen lang und eine ,,Hand-
quel"^).
Sie können denken, Herr Schulze, daß die Frauen in
diesem allgemeinen Eifer, diesen Mann gut elnzuwirt-
schaften, nicht zurückbleiben werden.
Die Ehefrau eines jeden Kolonen hat daher ein Stück
LeJnenzeug und ein Stück Wollenzeug (camisilem I. et
sarcilem I.) zu liefern, Malz zu bereiten imd Brot zu
backen^). Manche Frauen müssen das Zeug, und zwar
den Stoff aus eigenem liefern (pannos ex proprio Kno)^),
andere aber schulden nur die Verarbeitung (si datur eis
linificium, faciunt camsilos etc.)^) und deshalb haben
wieder andere Mansi die Verpflichtung, ihm neben Frisch-
lingen, LeinsEunen, Linsen usw. auch eine Seige Flachs
in sein Arbeitshaus zu liefern^). Die Fischer müssen
ihm die Salme und andere Fische einliefern (,, Dienst-
fische"), die sie in bestimmten Zeiträumen gefangen^),
ihn auch mit den Müllern auf den Flüssen im Nachen
führen, wohin er will, aber den Vorzug, wenn er Briefe
schreiben muß, seine Boten zu sein, seinen Post- und
Stafettendienst zu reiten, haben die Metzger^).
Ich könnte die Aufzählung dieses Wirtschaftsinventars
^) Beschreibung von 1332 bei Falkensteln, HIst. z. Erfurt
p. 198 und 200.
^) Siehe bei Pertz a. a. O., p. 177. Uxor vero illius facit
camisilem I. et sarcilem I. ; conficlt bravem et coquit panem.
^) Siehe bei Maurer, Gesch. d. Fronhöfe. Bd. I., p. 395.
*) Siehe das angef. Zensusbuch des Abts Irminon XII. 109.
p. 150 u. ib. 110: omnes iste faciunt camsilos de octo alnis etc.
^) Ducange s. v. Saiga.
6) Siehe bei Maurer a. a. O. T. II., p. 223-325.
') Siehe bei Maurer das. T. II.. p. 324 und T. I.. p. 399. -
249
noch lange, lange fortführen, Herr Schulze, wenn ich nicht
fürchten müßte, Sie zu ermüden.
Nur noch wenige Beispiele daher, um Ihnen zu zeigen,
daß Sie sich wirklich kaum ein Bedürfnis werden aus-
denken können, dem nicht in diesem System der Natural-
dienste durch eine beson<lere Verpflichtung genügt wäre.
Jeder besondere Bedarf hat seine besonderen Verpflich-
teten, die diesen Dienst in natura zu erweisen haben.
Wer einen Rat braucht in seinen Geschäften, nimmt
bei uns mit schweren Kosten einen Advokaten. Aber
der mittelalterliche Seigneur hat das nicht nötig ; ihm
sind alle Bourgeois der unter seiner Grund herrlichkeit
stehenden Kommunen verpflichtet, aus ihrer tiefen Ein-
sicht Rat in seinen Angelegenheiten zu erteilen^).
Wir gehen wohl für teures Geld ins Ballet oder zu
Wallner und an ähnliche Orte. Aber der Feudalherr hat
das nicht nötig ! Da sind Lehnsleute, die rechtlich ver-
pflichtet sind, die einen einen Betrunkenen zu spie-
len^), die anderen possierliche Sprünge zu
machen^), die dritten seiner Dame ein equivokes Lied
vorzusingen'^).
Wir sind einmal im Reiche der Besonderheit.
Und da es somit ganz logisch konsequent ist, daß hier
für jeden besonderen Geschmack — der Ge-
^) Privileges du chäteau deSimpodium von 1396 bei Monteil,
Hist. du XlVe. siecle chap. maitre Dalmaze, T. I., p. 39.
^) Siehe Sauval, Antiquites de Paris. Fol. 1724, T. II.,
liv. 8 chap. Redevances ridicules : etoit oblige pour toute
protestation de foi et devoir seigneurial de contrefaire rivrogne.
^) Sauval, ib. ib. : de courir la Quintaine ä la maniere
des paysans.
^) Sauval, ib. ib. : — — de dire une chanson gaillarde ä
la Dame de Lavarai.
250
schmack ist eben das ganz besondere, über das
sich schon dem Vollissprichwort zufolge nicht streiten
läßt — gesorgt sein muß, so könnte es ja auch einmal
kommen, wiewohl ich hoffe, daß es nicht oft kommt, daß
jemand den ganz besonderen Geschmack hat, einen —
wie soll ich sagen? — nun, einen ,,pet" zu hören! Und
flugs ist unter den Zinsleuten ein junges Mädchen zur
Hand, welches die Feudalpfhcht hat, ihn am Tage der
Gefälle in offener Versammlung einen ,,pet" hören zu
lassen! ^)
Und schon muß Ihnen nun hier ganz entscheidend klar
geworden sein, Herr Schulze, wie es mit diesem Manne ^
steht !
Er ist em reicher, reicher Mann. Aber er kann —
und das ist eben sein Unglück, wenn Sie ihn mit Ihrem
Freund Reichen heim vergleichen, und sein Un-
terschied von diesem — er kann den ,,pet'
nicht kapitalisieren! Ihn nicht, und nicht die
Bockssprünge, und nicht die Zoten und nicht die Boten-
dienste, und auch nicht das Wachs, die Eier, die Hühner,
den Homg, die Ochsen, die Schüsseln, die Teller, den
Flachs, die Leinewand, die Becher, die Reifen, die Ton-
nen, die Pelze, die Kessel, die Salme, die Wollenzeuge,
den, Wein, das Bier, die Sättel etc. etc., noch die Dienste
der Ohmer, der Schröder, der Wagner, der Gerber, der
Maurer, der Schmiede, der Goldarbeiter, der Schnitzer
und Maler etc. etc., die sie ihm zu leisten schuldig sind.
Er kann mit allen diesen Dingen prächtig leben und
er lebt damit prächtig und in Freuden! Denn es ist ganz
^) Monteil, hist. du XlVe. siecle chap. la table de St. Pierre,
T. I., p. 84, welcher einen „adveu rendu par Marguerite de
Montlugon", aus den Comptes de la prevote von Paris zitiert.
251
richtig, was von Maurer hervorhebt^): „Zu einer Zeit,
in welcher die Poesie noch nicht so ganz aus dem Leben
verschwunden war, wie heutzutage, wo ein alles be-
rechnender, eiskalter Verstand an ihre Stelle
getreten ist — zu einer solchen Zeit war es für einen
jeden Bedürfnis, nachdem er den Tag über mit Reiten,
Jagen und Waffenübungen, oder auch mit ernsteren Ge-
schäften hingebracht hatte, sich des abends mit Musik und
Tanz oder wenigstens in fröhlicher Gesellschaft zu er-
götzen," und wofür er die schönen Verse Tristans
anführt (v. 3725—30) :
„tages so sul' wir riten, jagen,
des nahtes uns hie heime tragen,
mit hovischlichen Dingen:
harpfen, videlen, singen,
daz kanstu wohl, daz tu du mir,
so kan ich spil, daz tun ich dir!
Er kann alle jene Genußmittel, die ihn in reichster
Fülle lunringen, verzehren, und er läßt sie rechtschaffen
daraufgehen, in Hülle und Fülle, er verzehrt sie sorglos
und heiter und darum mit einem viel humaneren Lebens-
genuß, als heute, wo, wie Sie wohl wissen, Ihren Freund
Reichenheim noch in der Oper, während er Mozart und
Beethoven hört, plötzlich der Gedanke an jene bewußte
Kapitalisierungssorge überkommt und ihm seine Freude
vergiftet.
Aber er kann diese Genußmittel eben nur verzehren,
oder etwa verwahren zu einem künftigen Genuß ; er kann
nicht sie weiter durch sich selbst vermehren
lassen.
Denn sein wesentliches Verhältnis ist eben noch dies,
auf den besonderen Gebrauchswert, oder was
^) Geschichte der Fronhöfe. T. IL. p. 190.
252
dasselbe ist, den Dienst bezogen zu sein, er steht noch
nicht dem allgemeinen Tauschwert, dem Gelde
gegenüber, er schaut noch nicht Gott Vater in Person
von Angesicht zu Angesicht. ,,Der Dienst war das ge-
meinsame Band, welches alle Glieder des Reiches unter
sich und mit dem Reichsoberhaupte verband", sagt Maurer
mit Recht (Gesch. der Frohnhöfe I, 376). Und in der
Tat, wenn die sinnlose Bastiatsche Erfindung des ..Dien-
stes" irgendeine Wahrheit hätte, so hätte sie diese —
aber freilich mit einem ganz anderen Sinn und Inhalt, als
Bastiat ihr gibt — für das Mittelalter, insofern eben da der
Tauschwert noch nicht existiert, während sie nach jenem
Illusionär gerade das Prinzip des Tauschwertes
sein soll.
Ja, auch die G e 1 d z i n s e , die jener Grundherr be-
zieht, und obwohl sie sich allmählich immer mehr an die
Stelle der Naturalzinse zu setzen anfangen, reichen eben
nur aus, dafür aus dem Welthandel die Luxusprodukte
anzuschaffen, die nicht im Bereiche seiner Grundherr-
lichkeit erzeugt werden. Und wenn er selbst überschüs-
sige Geldzinsen hätte, in seiner Produktion kann
er sie nicht sich vermehren und kapitaüsieren lassen. Denn
da ist durch ihre Gesamtgestalt alles so niet- und nagel-
fest, so stabil und unbewegKch durch das System der be-
stimmten gegenseitigen Dienst- mid Naturalleistungen,
durch die Bestimmtheit aller Arbeitskräfte, Benutzungs-
weisen, Pflichten, Naturalansprüche und Lasten, daß nir-
gends Raum und Möglichkeit zu solcher Anlage und Ver-
mehrung gegeben ist.
Es zeigt sich z. B., daß es einträglicher ist, ein Feld
mit Weizen statt mit Roggen oder Futterpflanzen, mit
Klee und Luzerne, statt mit Weizen zu bebauen. Aber
auf dem Felde haftet eine Natus-alrente von 10 Malter
253
Roggen, durch welche das Feld gezwungen ist, ev/ig als
Roggenfeld bestellt zu werden. Oder es wäre besser,
einen Wald in Weizenland zu roden. Aber da haften in
dem Verhältnis gegenseitiger Naturaldienstleistungen, wel-
ches den Grundherrn mit den Kolonen, den Gemeinden,
der Kirche etc. verknüpft, auf diesem Wald eine Unzahl
von Naturalgerechtsamen aller Art, und es kann an eine
Betriebsumwandlung gar nicht gedacht werden. Die Be-
sonderheit erzeugt mit dem System der besonderen
Dienst- und Naturalleistungen notwendig^)
das germanische Eigentum^) oder das geteilte
Eigentum (im juristischen Sinne von Ober- und Unter-
eigentum, Dominium und Nutzungseigentum), und jede
Betriebsveränderung und Vermehrung ist, auch wenn Geld
dazu da wäre, mit festen Pfählen verrammelt.
Oder glauben Sie, daß dies in den Städten anders
gewesen sei ?
Dem sinnlichen Augenscheine zufolge befindet sich frei-
lich der mittelalterhche Bürger und Meister in den
Städten in einer ganz anderen Lage, als der adlige Grund-
herr. —
In der Tat aber sind es ganz dieselben Gedanken-
bestimmungen, welche ganz dasselbe, wenn auch in anderen
Formen versteckte Resultat hervorbringen.
Ich will absehen von der früheren Zeit des Mittel-
alters, wo auch in den Städten die Patrizier mit hörigen
Handwerkern produziert wurde ^) (vgl. oben p. 93)*),
^) Siehe Ausführlicheres über diesen Zusammenhang in
meinem ,, System der erworbenen Rechte", Bd. I., p. 260ff.
^) Besser hier wohl: das feudale Eigentum, D.H.
^) Hier liegt ein Druckfehler vor; wahrscheinlich ist ein
Zwischensatz nach , .Patrizier" ausgefallen oder es soll heißen
,, produzierten". D. H.
*) S. 144 dieser Ausgabe.
254
so daß die Grundlage auch dieser Perioden einfach die
Herrschaft ist. Ich will nur die späteren Zeiten ins
Auge fassen, wo sich die Zunftverfassung ent-
wickelt hat. Ich will hierbei auch nicht von neuem ins
Detail gehen, um Sie nicht zu ermüden.
Aber so viel wird Ihnen beim flüchtigsten Blick er-
hellen :
Der zünftige Meister, der sein Meisterrecht hat,
weil schon sein Vater ein Kürschner war^), oder weil
er Bürger dieser Stadt ist, oder weil er einer jener
anderen besonderen Bedingungen entspricht, an deren
mosaikartige Vielheit die mittelalterlichen Zunftverfassun-
gen das Meisterrecht knüpfen, übt diese Produktion somit
aus auf Grund einer besonderen Berechtigung.
Er steht also schon von vornherein mit jenem Grundherrn
darin auf demselben prinzipiellen Grund und Boden, daß
ihm sein Produktionseinkommen aus einer besonderen
Berechtigung zuströmt, daß er dasselbe auf Grund
eines besonderenRechtes, Vo rrechtes, hat, und
nicht wie der heutige Fabrikant auf Grund bloß tat-
sächlicher Ve rhältnisse.
Allein, wenn er bevorrechtigt, d. h. als ein Beson-
derer berechtigt ist, so stehen notwendig — denn
dies liegt im Begriff des Besonderen — andere
Besondere neben ihm, die ebenso als Besondere
berechtigt sein müssen und deren besonderes Recht
daher sein besonderes Recht überall einengt, durchkreuzt,
^) So setzen z. B. 1352 die Bäckerzünfte von acht Städten,
unter denen auch Frankfurt a. M., in einem zwischen ihnen ge-
schlossenen Vertrage eine Strafe dafür an, wenn ein Meister
einen Knaben, welcher nicht zum Bäckerhandwerk geboren sei,
dieses lehre; siehe bei Kriegk, Frankfurter Bürgerzwiste und
Zustände im Mittelalter (Frankfurt, 1862), p. 388.
255
beschränkt, nirgends und niemals zu Lust und Entwicklung
kommen läßt.
Aus dieser einfachen Begriffsbestimmung entspringen
alle die zahllosen Vorschriften des Mittelalters über die
dem Produzenten vorgeschriebenen Rohstoffe, die er be-
ziehen, die Arbeitsmethoden, die er befolgen, die Be-
triebsweisen, die er anwenden, die Arbeitsstunden, auf
die er sich beschränken, die Löhne, die er zahlen, die
QuaKtät, die er liefern, die Preise und Maxima, mit
denen er sich begnügen muß etc. etc. Lesen Sie, um
alles dies und noch weit mehr solcher Beschränkungen
zu finden^), nur die Statuten und Ordonnanzen des Mittel-
alters durch. Im Notfälle stehe ich mit einer reichen
Blumenlese zu Gebote. Hier aber will ich nur zwei
Beschränkungen in Betracht ziehen, die allgemein bekannt
sind und die allein alle anderen aufwiegen.
Der Meister hat das Meisterrecht als ein Beson-
derer, Besondersberechtigter. Damit stehen
ihm aber notwendig zwei Gattungen von gleichfalls
Besondersberechtigten gegenüber. Erstens die Gattung
aller anderen Gewerke, deren Meister gleichfalls
eben solche Besondersberechtigte sind wie er — und
deshalb darf kein Meister zwei Gewerkszweige, und
wären sie noch so verwandt und wäre ihre Verbindung
noch so zur Produktion erforderlich, miteinander ver-
binden. Zweitens stehen ihm alle Meister seines eige-
nen Gewerkes als ebenso besonders Berechtigte wie
^) Die lustigsten Züge kommen vor; nur ein Beispiel: Zu
Vienne ist es nach einer Ordonnanz Karl VI., vom Mai 1391,
Artikel 52, statuarisches Recht, daß die Weinhändler vor
Martini den Wein nur verkaufen dürfen zur Hälfte des
Preises des alten Weines, nach Martini aber überhaupt
nur den Schenkenbesitzern.
256
er gegenüber — und deshalb darf er nicht mehr Arbeits-
kräfte anwenden, als jeder andere Meister seines Ge-
werkes in dieser Stadt, d. h. die Anzahl Gehilfen, die
ein Meister in einem Gewerke halten darf, ist in jeder
Stadt für jedes Gewerk rechtlich bestimmt.
Es erhellt von selbst, daß schon mit diesen zwei Be-
stimmungen an ein Kapitalisieren des Produk-
tionsertrages nicht zu denken ist.
Die sinnreichsten Erfindungen müssen schon an jener
rechtlichen Abgrenzung der verschiedenen Gewerbszweige
scheitern, welche eine Verbindung derselben unter der
Hand eines und desselben Fabrikanten nicht duldet; mit
dieser ist die B i 1 1 i g k e i t der Produktion, mit der Billig-
keit die Produktion in Masse, mit dieser wieder die
noch größere Billigkeit in jeder Entwicklung ge-
hemmt^). Und wenn es trotz alledem und trotz aller
Rechtsbeschränkungen, welche dem industriellen Produ-
zenten in bezug auf Beschaffung der Rohstoffe, Auswahl
seiner Arbeiten, Preise etc. etc. im Wege stehen, ihm
gelingen sollte, mehr zu verdienen als sein Nachbar-
Meister — was kann er mit diesem Ertrage seiner
Produktion anfangen? Er kann ihn in seiner Pro-
duktion nicht werbend anlegen, da er seine Ar-
beitskräfte — die statutarisch für alle solche Meister
bestimmte Gesellenzahl — nicht vermehren, seinen Ge-
schäftsbetrieb somit nicht vergrößern kann. Aus dem-
selben Grunde kann er ihn aber auch dem Meister Nach-
bar und den anderen Meistern in den verschiedenen Ge-
werken nicht leihen, da sie aus demselben Grunde ihren
Produktionsbetrieb nicht vergrößern können.
^) Vgl. hierzu mein „Arbeiterprogranmi". Zürich, Meyer &
Zeller, 1863, p. 16-18. (Bd. 11. S. 166-168 unserer Ausgabe.)
17 La^salle, Ges. ScJirifteo, Band V. 257
Hierdurcli ist also auch innerhalb der industri-
ellen Produktion im Mittelalter die kapitali-
sierende Kraft des Pro duktions er träges
gebrochen. Der Taler, den der Meister verdient, ist
ein toter Taler, ein Taler, der nicht heckt. Er ist vor-
trefflich, um Genußmittel zu kaufen oder für späteren
Genuß als Schatz aufbewahrt zu werden. Aber seine
lebendige, fortzeugende Kraft hat er noch nicht er-
halten. Es läuft also auch noch innerhalb der Industrie,
wie beim Grundherrn, der Produktionsertrag auf G e -
nuß mittel hinaus.
Es gibt einen einzigen Punkt im Mittelalter, wo sich
das Kapital als solches zu entwickeln beginnt. Es ist
dies der We 1 1 h a n d e 1 , hauptsächlich über Venedig und
mit dem Orient getrieben. Teils fallen in den späteren
Zeiten des Mittelalters hier jene beschränkenden, statu-
tarischen Bestimmungen überhaupt fort, teils können sie
hier, auch so lange und insofern sie bestehen, die lebendige,
sich in beständig vermehrter Wiederanlage erzeugende
Macht des Kapitals niemals an ihrer Wurzel treffen.
Als die Portugiesen den Seeweg nach Indien um das
Kap der Guten Hoffnung entdeckt haben, machen die
Fugger in Augsburg an einer einzigen Expedition, die
sie dahin senden, außer der Deckung der Kosten von
100000 Dukaten, einen Reingewinn von 175000 Dukaten
(175 Prozent!)^) An die ungeheuren Gewinne dieses
Welthandels setzen sich, sich aus ihnen entwickelnd, die
Gewinne des Finanzwuchers, lange im Mittelalter
hauptsächhch als Pfand- und Landschaftswucher
betrieben, an^).
^) Siehe v. Stramberg, Art. Fugger bei Ersch und Gruber.
^) Es zeigt sich in diesem Zusammenhang von selbst die
naturwüchsige historische Entstehungsursache des
258
So wird denn der antike Kapitale nibryo im Mit-
telalter allmählich zum Kind und Jüngling und reift
dem Augenblick entgegen, wo er die Kräfte gewinnt, die
Fessel zu brechen und als Mann, als das entwickelte
Kapital herauszutreten !
Alle Ereignisse, die gesamte bürgerliche Entwicklung
drängt darauf hin, jede Erfindung und Entdeckung, jeder
Fortschritt in der Teilung der Arbeit, jede Kostenerspar-
nis in der Produktion, jede Erweiterung des Absatzkreises,
Produktionsinstrumente endlich, die unter den alten Pro-
duktionszuständen schlechthin nicht produzieren können!^)
So sprengt denn endlich der allmähhch erstarkte Jüng-
ling seine Fessel, die französische Revolution bricht aus,
alle rechtlichen Beschränkungen und Bestimmungen
verschwinden, die freie Konkurrenz ist erobert, und
der entfesselte Riese ,,Kapitar' steht jetzt er^t da in
seiner entwickelten lebendigen Wirkhchkeit. Die bür-
gerliche ..Freiheit" ist erobert, und diese ,, Frei-
heit" besteht darin, daß es jedem ohne Unterschied ge-
setzhch erlaubt ist, Millionär zu sein !
Betrachten wir in aller Kürze die unterscheidenden
früheren Merkantilsystems, d. h. jener ökonomischen
Schule, welche das Kapital eines Landes lediglich in seinem
Gelde sieht. Diese Ansicht ist einfach abgezogen von der ihr
vorausgegangenen geschilderten historischen Wirklich-
keit, wie dies ebenso später mit dem Industriesystem
(Adam Smith etc.) der Fall Ist. („Wie es der Vorstufe der
bürgerlichen Produktion entsprach, hielten jene verkannten Pro-
pheten an der gediegenen, handgreiflichen und gesunden Form
des Tauschwertes fest . . ." Marx, Zur Kritik etc. S. 139 ff.
D.H.)
^) Siehe hierüber In Kürze mein „Arbeiterprogramm",
Zürich, 1863. Meyer & Zeller, p. 10-18. (Bd. II. S. 162 bis 168
unserer Ausgabe.)
17' 259
Züge dieser neuen Periode, auf welchen die kapitali-
sierende Kraft der Produktion beruht, und welche sich
alle in die eine Gesamtphysiognomie der freien Kon-
kurrenz ebenso zusammenfassen, als aus ihr hervor-
quellen.
Der bürgerhche Produzent steht nicht mehr, weder in
der industriellen noch in der Ackerbauproduktion, auf der
Grundlage besonderer Berechtigungen. Alle
rechtlichen Unterschiede und Bedingungen sind ver-
schwunden und zusammengesunken in die eine rein
tatsächliche Bedingung, den erf orderHchen Vo r -
schuß zur Produktion, das Kapital, in Händen zu
liaben. Da alle Beschränkungen in der Produktion fort-
gefallen sind, gipfeln jetzt die Fortschritte^) der Tei-
lung der Arbeit, und die Produktion zerlegt sich
in eine unendhche Reihe von Teiloperationen und
Massenproduktionen für den Weltmarkt, die alle
in Tauschwert münden, so daß nun, wie wir dies früher
auseinandergesetzt haben (p. 57ff. ^)), „jeder jetzt pro-
duziert, was er nicht braucht und gebrauchen kann,"
und also, den Diensten und der Produktion von un-
mittelbaren Gebrauchswerten ( Naturalproduktion)
des Mittelalters gegenüber, die Dinge immer und immer
wieder aufs neue durch ihre Geld form hindurch krei-
sen, und der Tauschwert jetzt zum realen Dasein
der Dinge geworden ist, gegen welches ihr wirkhch reales
Dasein, der Gebrauchswert, in einen verblassenden Schat-
ten zurückgetreten ist, der in dem System der ökonomi-
schen Zustände keine Stelle mehr findet. Es erhellt auch,
daß dies ebenso wohl der Fall Ist bei der Ackerbau-
^) Hier fehlt offenbar das Wort „in ". D. H.
^) S. 98 ff. dieser Ausgabe.
260
Produktion, wie bei der Industrieproduktion,
die jetzt dem gesamten Zeltalter ihr herrscnen-
des Gepräge aufdrückt. Denn wer jetzt, statt für
den eigenen Bedarf und den der nächsten Absatzkreise,
Getreide produziert für den We 1 1 m a r k t , und seine
eigenen Verbindliclikeiten nicht mehr in Naturallie-
ferungen erfüllen kann, ist, und zwar sowohl der große
und mit großem Kapital arbeitende Produzent, um wieder
in den Besitz seiner großen Kosten und Vorschüsse
kommen und seine großen eigenen Verbindlichkeiten er-
füllen zu können, wie der kleine Produzent bei seinen
kleinen Verhältnissen und ihren noch drückenderen Ver-
bindlichkeiten, von den Notierungen der Korn-
börsen in London wie Amsterdam, in Berlin wie Köln
und Paris abhängig, so daß sowohl der eine wie der andere
auch in den Lebensmitteln nur Tauschwerte
produziert und die Produktion des Selbstbedarfs oder
Gebrauchswertes auch hierin zum verschwindenden Schat-
ten verblaßt ist.
Es erhellt ferner, daß das Ricardbsche Gesetz, der
Preis der Produkte sei gleich ihren Erzeugungs^
kosten^), zwar jetzt, noch nicht aber in der mittel-
^) Dieses Gesetz des Kostenpreises, welches J. B. Say nie-
mals zu verstehen vermag und gegen welches er so langweilige
Diatriben sowohl in seinen Anmerkungen zu Ricardo, als in
seinem Briefwechsel mit diesem erhebt, ist schon vor Adam
Smith von dem alten schottischen Ökonomen Sir James
Stewart (an inquiry into the principles of polit. econ. To. I-,
lib. II c, 4 how the prices of goods are determined by trade u. a.)
ausführlich entwickelt worden. Nur mit dem großen Unter-
schied, daß Stewart noch Kapitalprofit und Grundrente
als besondere Elemente der Produktionskosten ansieht,
während auch diese bei Ricardo in Quanta von Arbeits-
zeit aufgelöst werden. (Spezielles über das Verhältnis von
261
alterlichen Produktion seine durchgreifende Wahrheit hat.
Bei 'der mittelalterlichen Zunftverfassung hingen die Preise
zum großen Teil von der Entschließung der Produzenten
ab, die auf einen standesmäßigen Gewinn halten
konnten und bei dem beschränkten Absatz, den jeder
bei der Beschränkung seiner Arbeitskräfte nur erzielen
konnte, keine Veranlassung hatten, hiervon abzugehen.
Die häufigen Preismaxima, welche erlassen werden, be-
weisen sogar, daß sie dies Interesse nur zu sehr fest-
hielten. Unter der nivelHerenden Herrschaft der freien
Konkurrenz ändert sich das. Jeder unterbietet den
anderen, um dessen Absatz an sich zu reißen, oder ist
von diesem gezwungen, ihn zu unterbieten und mit ihm
Schritt zu halten. Hier ist also der Verkaufspreis des
Produktes gezwungen, auf die Dauer in der Tat auf die
Erzeiigungskosten zu sinken. Dies gibt einen realen
Vorteil für den Konsumenten oder die Billigkeit.
Allein diese Billigkeit, die Verringerung des Profits auf
das einzelne Stück oder die Unterbietung der Verkäufer,
stellt sich nur her durch die Vergrößerung des Absatzes
oder der Anzahl von Stücken, auf welche jeder
Verkäufer profitiert, so daß ihm die verringerte Profit-
rate, die auf das einzelne Stück fällt, überreicMIch durch
die größere Anzahl von Stücken, auf die er profi-
tiert, vergütet wird. Dies aber hat zu seinem natürlichen
Resultat, daß zur Vergrößerung des Absatzes Produktion
auf größerem Fuße, größere ,Ve r e i n i g u n g
von Arbeitskräften in derselben Hand, Beschaf-
fung von größeren Rohstoffmassen, erforderlich ist,
kurz großer Vo r s c h u ß , oder ,das große Kapi-
Adam Smith und Ricardo zu J. Stewart vgl. bei Marx, „Zur
Kritik etc." S.35ff und S. 148 ff Anm.d.H.)
262
tal. Mit anderen Worten: alles Kapital hat unter der.
freien Konkurrenz eine naturgemäße Attraktion
zum großen Kapital, welches das kleine Kapital
notwendig entkapitalisiert, an sich zieht und
aufschlingt.
Zugleich ist durch diese beständige Vergrößerung des
Produktionsbetriebes und seine Vorteile der Weg für
die kapitalisierende Kraft der Produkt ion
gefunden. Der heute in der Produktion erworbene Taler
zeugt morgen von selbst einen zweiten Taler ; er ist ein
lebendig gewordener Taler, er heckt! Er vermehrt
sich von selbst durch das Gesetz des Umschlags.
Endhch ist, indem aller und jeder Produktionszweig
und Produzent in eben dieser Lage und also einer unbe-
schränkten Vermehrung seines Anlagekapitals bedürftig
oder ihrer fähig ist, ein überaus kompliziertes
Kreditsystem eingetreten, welches jedem gestattet,
sein in seiner eigenen Produktion ganz oder momentan
überschüssiges Kapital in fremder Produktion in den ver-
scliiedenen Formen, in Darlehen, Wechseln, Komman-
diten, Aktien etc. werbend anzulegen.
Dies sind zunädhst in ihren knappsten Umrissen, fn
welchen allein sie hier dargelegt werden können, die we-
sentlichsten Gesichtszüge der Produktion als solcher unter
der Herrschaft der freien Konkurrenz.
Allein bisher haben wir den Produzenten immer nur
in seiner einfachen zusammengezogenen Ge-
stalt, als Produzent schlechtweg, betrachtet. Betrachten
wir ihn jetzt aber, um die Gesichtszüge, welche die
„freie Konkurrenz" der gesellschafthchen Produk-
tion aufdrückt, besser zu unterscheiden, in seiner rea-
len doppelten Gestalt, als Unternehmer und
als Arbeiter.
263
Das Schicksal beider wird natürlich bestimmt durch
den Preis, welchen das Produkt bei der Veräußeioing
findet, und durch den Anteil, welchen die freie Kon-
kurrenz jedem von beiden an diesem Produktionsertrage
zuweist.
Wir haben dieses Gesetz des Preises bereits mehr-
fach berührt und dargelegt (vgl. oben p. 146 ff. ^)).
Der Wert der Produkte tritt zunächst in die Er-
scheinung als Marktpreis, d. h. er ist in jedem
gegebenen einzelnen Augenblick abhängig von dem Ver-
hältnis des Angebotes dieser Produkte zu der Nach-
frage nach denselben.
Dies ist das in die Erscheinung tretende allgemeine
Gesetz, welches unter der freien Konkurrenz alle Preise
bestimmt.
Allein, wie wir gleichfalls schon sahen, löst sich dieses
Gesetz wieder in ein anderes ihm zugrunde liegendes
und jenes Ve rhältnis bestimmende Gesetz auf,
in das Gesetz, daß der Preis ^) der Produkte auf die
Dauer gleich ihren notwendigen Erzeugungs-
kosten. Denn wäre das Angebot von irgend welchen
Produkten der Nachfrage gegenüber so groß, daß ihr
Preis unter ihre Erzeugungskosten fiele, so würde die
Produktion derselben aufhören oder nachlassen, bis das
normale Verhältnis wieder hergestellt ist.
Würde umgekehrt infolge der hohen Nachfrage der
Marktpreis eines Produktes dauernd so hoch stehen, daß
er mehr als den übhchen Produktionsgewinn abwirft, so
\vürden sich die Kapitalien vermöge der freien Kon-
^) S. 217ff. dieser Ausgabe.
^) Besser heißt es hier ,,der Marktwert". D. H.
264
kurrenz so lange auf diese Produktion werfen und das
Angehot dieses Produktes vergrößern, bis der Preis des-
selben wieder auf seine notwendigen Erzeugungs-
kosten heruntergebracht ist.
Die erforderhchen Erzeugung. skosten eines Pro-
duktes bilden also, als die Versorgung des Marktes und
das Ve r h ä 1 1 n i s von Angebot und Nachfrage in letzter
Instanz bestimmend, unter der freien Konkurrenz das
wirkliche Innere Gesetz, welches den Preis der
Produkte bestimmt.
Die Erzeugungskosten sind aber, wie wir gleich-
falls bereits mehrfach ausgeführt, nur der praktische
Ausdruck für die zur Herstellung eines Produktes
erforderlichen Q uanta von Arbeitszeit, in welche
alle Erzeugungskosten aufgelöst zu haben Ricardos
glänzende wissenschaftliche Tat ist.
Die Quanta von Arbeitszeit, die zu einem Pro-
dukte erforderlich, sind also der wahre Wertmesser und
Maßstab, das Gewissen der bürgerlichen Produktion, wenn
auch dieses Gewissen, wie wir sagten (p. 152^)) im-
mer nur in seiner Ve r 1 e t z u n g , in den oszillierenden
Pendelschwingungen des Marktpreises, in seinem bestän-
digen Zuviel und Zuwenig zur Verlautbarung kommt.
Dieser ewige Betrug des Marktpreises kann — er-
innern Sie sich hier dessen, was ich Ihnen im Eingang
(p. 22ff. -)) über das Glücksspiel sagte, zu wel-
chem die heutige Produktion geworden ist — sehr unan-
genehme und ruinierende Folgen haben für den einzelnen
Unternehmer oder Kapitalisten. Der einzelne Unterneh-
mer oder Kapitahst kann mit seiner Ware auf dem Markt
S. 223 dieser Ausgabe.
") S. 53ff. dieser Ausgabe.
265
sein und genötigt sein loszuschlagen, wenn der Pendel nach
unten geht, und er kann nicht auf dem Markte sein,
wenn der Pendel wieder nach oben geht. Allein dies be-
trifft nur den einzelnen Unternehmer oder Kapita-
listen, nie den Unternehmerstand oder das Kapital,
welches gerade, indem es die kleineren Unternehmer und
Kapitalisten während dieser Pendelschwingungen erdrückt
und ihre Konkurrenz beseitigt, das freie Spiel seiner
Kräfte oder die Attraktion des großen Kapitals
auf das kleine betätigt.
Für ,,das Kapital" also gleichen sich jene Pendel-
schwingungen in ihrem Durchschnitt in das bestimmende
Gesetz derselben — die Arbeitszeit — aus.
Keine Stunde Arbeitszeit, kein Schweißtropfen eines
Arbeiters also, der dem Unternehmer s t a n d e oder dem
Kapital im Preis der Produkte verloren geht. Es wird
ihm alles, Tropfen bei Tropfen, vom Konsumenten aus-
gezahlt^).
Wenn dies die Stellung des Unternehmers gegenüber
dem Konsumenten ist, wie bestimmt sich nun in der Ve r -
t e i 1 u n g des Produktionsertrages, welche der Unter-
nehmer, der bei der heut bestehenden individuellen
Form der Produktion das Produkt und also den
Erlös aus demselben in Händen hat, nun zwischen sich
und dem Arbeiter eintreten läßt, der definitive Anteil
eines jeden von beiden ?
Ich habe es schon in meinem ,, Antwortschreiben" ge-
sagt : Der durchschnittliche Arbeitslohn ist unter den heu-
tigen Produktionszuständen durch eine eherne Notwendig-
^) Da der gesellschaftliche Bedarf keine feststehende Größe.
sondern selbst den größten Schwankungen unterworfen ist, ist
dieser Satz unhaltbar. D. H.
266
keit auf den volksüblich notwendigen Lebens-
unterhalt beschränkt.
Dem haben Sie damals widersprochen, Sie wie Ihre
Anhänger. Sie stellten mir die Behauptung entgegen, daß
nur das Verhältnis von Angebot zu Nachfrage
über den Preis des Arbeitslohnes entscheide.
— Das ist vollkommen wahr! Aber das ist ja eben
die tiefe und widerliche Heuchelei von Ihnen, Herrn
Wirth, Herrn Faucher, Herrn Michaelis und Ihrem gan-
zen Gelichter, daß Sie den Schein annehmen, etwas
anderes zu sagen, als ich, während Sie nur mit anderen
Worten genau dasselbe sagen.
Indem Sie den Arbeitslohn lediglich durch Nach-
frage und Angebot bestimmt werden lassen, behandeln
Sie ihn — und zwar heutzutage mit vollstem historischen
Recht — als eine Ware.
Wie aller anderen Waren Pi*eis, so wird auch der
Preis der Arbeit (Arbeitslohn) bestimmt durch das
Verhältnis von Angebot zu Nachfrage. Vollständig
richtig. Allein was bestimmt wieder diesen jederzeitigen
Marktpreis jeder Ware oder das durchschnittliche
Verhältnis von Angebot zu Nachfrage bei irgendemem
Artikel? Seine notwendigen Erzeugungskosten,
wie wir soeben sahen und wie Sie dies auch übrigens hin
und v/ieder selbst sagen.
Der Markt ist ein sehr eigentümliches, ungemütliches,
unästhetisches Ding, Herr Schulze ! ,,Ein Pfund Garn
von der gnädigen Frau Herzogin eigenhändig gesponnen
— sagt der alte schottische Ökonom Sir James Stuart^)
— gilt auf dem Markte soviel und nicht mehr, als ein
^) Principl. of pollt. econ., T. I., ib. IL, c XX., p. 183 ed.
Bas.
267
Pfund eben dergleichen Garns von dem Gespinnste einer
armen Dirne, die des Tages keine sechs Pence verzehrt."
Es ist dem Markt alles ganz gleich, was auf ihm
verkauft wird, chinesisches Porzellan oder amerikanische
Baumwolle, stinkende Robbenfelle, Assa foetida, schöne
Ischerkessische Sklavinnen oder Arbeit, d. h. euro-
päische Arbe^terhände. Er hat nur einen Maß-
stab und nur ein Gewissen: Die Nachfrage und die Zu-
fuhr, deren Verhältnis sich m letzter Instanz durch die
notwendigen Erzeugungskosten bestimmt.
Was mag es also demnach im Durchschnitt dem
Markte wohl kosten, Herr Schulze, einen Arbei-
ter zu erzeugen?
Nun, offenbar nur eben soviel als dazu gehört, einem
anderen Arbeiter eben die übliche Notdurft für seinen
und einer Familie Lebensunterhalt zu gewähren !
Geben Sie ihm diese Notdurft und — seien Sie unbe-
sorgt, den Jungen wird er sich schon selbst erzeugen, wenn
auch nicht gerade um des Unternehmers willen 1 Er braucht
nicht einmal, wie andere Warenversorger des Marktes,
durch einen ,, Profit" zu der Erzeugung dieses Artikels
gereizt zu werden ! Er liefert ihn schon um der Sache
selbst willen, wenn die Sache eben geht.
Der durch die ,,f r e i e Konkurrenz" geregelte Ar-
beitslohn oder die Erzeugungskosten der Arbeit be-
stehen also gerade in den — Erzeugungskosten
des Arbeiters!^)
^) Die Bourgeoisökonomie weiß dies vortrefflich und hat
diesen Zusammenhang klar genug entwickelt. „Man vermindere
— sagt Ricardo T. IL, c. 30, p. 253 ed Const. — die Fabri-
kationskosten der Hüte und ihr Preis wird endlich auf
ihren natürlichen Preis (Kostenpreis) fallen, obgleich die
Nachfrage nach Hüten sich verdoppeln, verdrei-
268
Wird es gar üblich, daß auch Kinder in den Fa-
briken beschäftigt werden, so fängt der Markt von
neuem zu rechnen an. Er findet, daß der Arbeiter Vater
in diesen Fabrikationszweigen nicht mehr die volle Lebens-
notdurft für eine durchschnittliche Familie zu erhalten
braucht, sondern mit weniger vorlieb nehmen kann, ida
ja die Kinder zu ihrem eigenen Unterhalt beitragen â– '^).
So spricht und handelt der Markt! Und er k a n n
gar nicht anders sprechen unter dem seine Sprache be-
herrschenden Lautgesetz der freien Konkurrenz, weiches
sogar auf alle sittlichen und humanen Verhältnisse anzu-
wenden, Ihr und Ihres Gelichters Feldgeschrei und Gottes-
dienst ist !
Es bedarf erst keiner Ausführung, daß von allen, welche
Waren für den Markt liefern, der Arbeiter, welcher die
Ware : Arbeit liefert, am ungünstigsten in der Kon-
fachen oder vervierfachen kann. Man vermindere die»
Unterhaltungskosten der Menschen, indem man den
natürlichen Preis der Nahrung und Kleider, die zum Leben not-
wendig, vermindert und man wird die Arbeitslöhne sinken
sehen, obgleich die Nachfrage nach Händen be-
trächtlich gestiegen sein kann." — Vgl. J. B. Say und
die lange Reihe von Zitaten, die in den p. 94, Anm. 3 angeführ-
ten Stellen enthalten sind. Ja, schon Sir James Stewart hat dies
bei seinen Betrachtungen des Bevölkerungsprinzips klar genug
gesehen. Vgl. z. B. principl. of pol. ec T. I., Hb. I., c. 4. 5.
12. 20 etc.
■^) Die Kinderbeschäftigung in den Fabriken kannte Sir
James Stewart noch nicht, aber vgl. sein Räsonnement : ,,Wie
kann ein verheirateter Mann, der Kinder zu ernähren hat,
diesen Vorzug (der größeren Wohlfeilheit) dem streitig machen,
der nur für sich allein zu sorgen hat. Die Unverheirateten
zwingen also die anderen zu verhungern (the un-
married therefore force the others to stai've) und die Basis der
Pyramide ist enger geworden. (Principl. T. I., p. 93. ed. Bas.)
269
kurrenz gestellt ist. Wohin kämen die Warenverkäufer,
wenn sie nicht imstande wären, ein, zwei, drei Wochen
einer in ihrem Preise zu niedrigen Nachfrage gegen-
über zurückzulialten ?
Der Verkäufer der Ware: Arbeit ist hierzu eben
nicht imstande. Er muß losschlagen, exekutiert vom
Hunger!
Die Schwankungen des Pendels nach oben treten also
bei dieser Ware viel schwieriger und in weniger hohem
Maße ein^), und insofern sie auch eintreten, dienen sie
nur dazu, durch einen starken Anreiz, den sie auf eine
große Vermehrung der Arbeiterbevölkerung ausüben, die
Lage derselben oft noch viel trauriger «zu machen als
früher.
Ebensowenig bedarf es weiterer Erwähnung, Herr
Schulze, daß keine noch so ,, hochherzigen" Unternehmer
dies Verhältnis zu ändern vermögen. Es würde jedem,
der dies versuchte, von seinem Nachbar der Arm unter-
laufen und der Dolch der freien Konkurrenz, mit der
er nicht mehr Schritt zu halten vermöchte, durch Brust
und Rücken gestoßen werden.
Der Unternehmer bezieht sich also unter der freien
Konkurrenz auf den Arbeiter als auf eine Wa r e ! Der
^) Vgl. Tookes Gesch. der Preise, ed. Asher, T. I., p. 219:
„Allen Erfahrungen zufolge, mögen sie aus neueren Beobach-
tungen oder geschichtlichen Zeugnissen sich ergeben, kann man
es als feststehend annehmen, daß Arbeitslohn unter allen
Tauschgegenständen der letzte ist, welcher infolge einer Teue-
rung oder einer Preisherabsetzung des Geldes im Preise steigt,
wie andererseits der Arbeitslohn der letzte ist, welcher bei
einem Überfluß an Waren oder einem erhöhten Werte des
Geldes wieder fällt." Vgl. meine ,, Indirekten Steuern und die
Lage des Arbeiterstandes" (Zürich, Meyer & Zeller), p. 46 etc.
(Bd. II. S. 358 ff. dieser Ausgabe.)
270
Arbeiter ist die Arbeit, und die Arbeit ist ein Produkt
von notwendigen Erzeugungskosten.
Dies ist es, was beiläufig unter der Herrschaft der
freien Konkurrenz die menschliche Physiognomie un-
serer Zeit spezifisch bestimmt.
Alle früheren Beziehungen, Herr und Sklave im
Altertum, feudaler Grundbesitzer und Leib-
eigener oder Höriger oder Schutzpflichtiger
waren doch immer menschliche Beziehungen und Ver-
hältnisse !
Menschlich, Herr Schulze, nicht im philantropi-
schen Sinne — d. h. in bezug auf die mehr oder weniger
gute Behandlung derselben — wovon ich hier nicht
spreche, obwohl die Arbeiter unserer Tage himmelweit
entfernt sind, ein solches Los zu haben, wie es der humane
Sinn der Griechen und Römer ihren Sklaven in der Regel
bereitete^). Sondern menschlich vor allem in bezug
auf die ganze bestimmende Gedankengrundlage des Ver-
hältnisses selbst, aus welcher dann alles übrige folgt.
Jene Verhältnisse waren menschliche Verhältnisse,
sage ich, denn es war ein Verhältnis von Herrschern
zu Beherrschten, was immerhin ein durchaus mensch-
liches Verhältnis ist. Es waren menschliche Ver-
hältnisse, denn es waren Beziehungen von diesem be-
stimmten Individuum zu diesem bestimmten Individu-
um. Es waren menschliche Beziehungen, und selbst
die Mißhandlungen, denen Sklaven und Leibeigene
^) Das ist wohl etwas zu weit gegangen. Richtig aber ist,
daß, da im Altertum die Produktion des Tauschwerts die Aus-
nahme, die des Gebrauchswerts die Regel war, auch die Ab-
rackerung bei der Arbeit in der Regel gewisse Grenzen
nicht überstieg. D. H.
271
ausgesetzt waren, bestätigen dies. Denn der Zorn wie
die Liebe sind menschliche Beziehungen, und selbst,
wenn ich jemand in der Wut mißhandle, so setze
und behandle ich ihn immer noch darin als Menschen,
sonst könnte er meinen Zorn nicht erregen.
Die kalte, unpersönliche Beziehung des
Unternehmers auf den Arbeiter als auf eine
Sache, auf eine Sache, die wie jedeandere Wa r e
auf dem Markte nach dem Gesetz der Produktionskosten
erzeugt wird, — d a s ist es, was die durchaus spezifi-
sche., durchaus entmenschte Physiognomie
der bürgerlichen Periode bildet!
Daher der Haß unserer liberalen Bourgeoisie gegen
den Staat, nicht gegen einen bestimmten Staat,
sondern gegen den Begriff des Staates über-
haupt, den sie am liebsten ganz aufheben und in
den der bürgerlichen Gesellschaft untergehen
lassen, d. h. in allen seinen Punkten mit der freienKon-
k u r r e n z durchdringen möchte. Denn im Staate kom-
men eben die Arbeiter immer doch noch als Menschen
in Betracht, während sie, wie alles in der bürger-
lichen Gesellschaft, in welcher das Gesetz der
freien Konkurrenz herrscht, nur nach dem
Preise der Produktionskosten, nur als Sache
in Betracht kommen.
Daher vor allem der gipfelnde Haß der Bourgeoisie
gegen jeden starken Staat, wie immer organisiert und
beschaffen er auch sei, um, da sie den Staat nicht ganz
aufheben kann, ihn wenigstens in so vielen Punk-
ten, als nur immer möglich, in den IndividuaHsmus der
freien Konkurrenz aufzulösen, um ihn wenigstens so-
weit als nur irgend möglich der bürgerlichen Ge-
sellschaft zu assimilieren und unter die entmenschende
272
Herrschaft jenes gebieterischen Gesetzes derselben zu
stellen !
Wollen Sie sich diesen ganzen Gegensatz der Kulturperi-
oden wieder in kurzen drastischen Beispielen klar machen ?
Wissen Sie, wie jener Marcus Crassus über seine
Sklaven dachte, jener Marcus Crassus, von dem ich Ihnen
vorhin erzählte, daß er 9900000 Taler besessen und vor
dem Sie daher gewiß den Hut bis auf die Erde ziehen ?
Plutarch berichtet es uns. Nachdem er von der Legion
von Sklaven erzählt, die Crassus halte, fährt er fort ^) :
„avrög enioxatöjv fxavi^dvovoi xal nQogiywv xal diddoxcov, xal
öXcog vojulC(ov reo öeanorj] JiQog)')xeiv judhora ri]v negl rovg
olxeiag eniutkeiav, cbg ögyava efx^)vxa rijg otxovo[.uxT]g. xal
Tovro fiev ÖQ&o)g 6 Kgdooog, el'jieQ ü>g eXeyev, fjyeiTO xd juev
äXXa öid Tojv oixeröjv ygrjvat, rovg Ö' oixerag dt avrov xvßsQväv'''.
,,Er selbst aber war zugegen, wenn seine Sklaven Un-
terricht nahmen, sowohl zuhörend als auch selbst lehrend ;
denn überhaupt glaubte er, dem Herrn zieme am meisten
^) Diese ganze Darstellung ist sehr einseitig und erklärt sich
nur aus dem Bedürfnis, den apologetischen Redensarten über
den ,, Fortschritt", der in und mit der bürgerlichen Gesellschaft
erreicht sei, die Kehrseite dieses Fortschritts möglichst dra-
stisch gegenüberzustellen. Sonst wären diejenigen Unternehmer,
die ihre Arbeiter auch außerhalb der Fabrik bevormunden,
Musterarbeitsherren der Neuzeit, und in der Tat läßt sich
Lassalle dazu verleiten, einem ihrer Vorläufer, dem hab-
gierigen Crassus, wegen seiner ,, Fülle von ökonomischer
Kenntnis" ein Loblied anzustimmen. Der Arbeiter der Neu-
zeit aber dankt mit Recht für die Art ,, Menschlichkeit", von
der Lassalle in der Praxis natürlich auch nichts hielt. D. H
2) Plut. vita Crassi T. III. 250, ed. Lond.
Und richtig fügt Plutarch erklärend hinzu : ,,Die Ökonomie
nämlich (t?)v yäo olxovojiux)]v; <:e vVirtsc'naftskunde), die
bei den seelenlosen Dingen Erwerbs künde ist, sehen wir
in bezug auf den Menschen zur Politik (Regierungskunde)
werden."
18 Lafsalle. Ges. Sctriftea. Band V. 273
die Sorge für die Sklaven, als die belebten Organe der
Wirtschaft. Und ganz richtig meinte Crassus, wie ler
nämlich selbst sagte: Alles andere zwar sei durch
die Sklaven zu verwalten, die Sklaven aber von
ihm selbst zu regieren."
Sehen Sie nur beiläufig, welches gesunde ökonomische
Bewußtsein, welche Fülle von ökonomischer Kenntnis
dieser alte Römer vor zweitausend Jahren hat, verglichen
mit Bastiat und Ihnen!
Die Sklaven fühlt er als die Besorger und Produ-
zenten seines Güterreichtums, sich aber fühlt er
als politischen Herrscher und Regenten derselben.
Und nun schnell den kürzesten drastischen Gegensatz
zu diesem Marcus Crassus, der es für seine Regierungs-
pflicht hält, dem Unterricht seiner Sklaven selbst beizu-
wohnen und ihn selbst zu erteilen.
,, Schweizerische Fabrikanten haben sich wohl gegen
Deutsche gerühmt, daß sie zu niedrigerem Preise
arbeiten könnten, weil die Schweiz keinen Schul-
zwang habe." — Worte des liberalen Professors
Röscher^).
Wie teuer kommt die Erzeugung des Arbeiters auf dem
Markte zu stehen ? D a s ist die hauptsächHchste Interessen-
frage der bürgerlichen Periode^). In politischer Hin-
^) Ansichten der Volkswirtschaft. Leipzig, 1863, p. 234.
^) Und ebenso entwickelt sich hieraus konsequent die andere
Frage: Ist auf dem Markte die Erhaltung von Menschen
lukrativer, oder ist es profitabler, die Menschen abzu-
schaffen, und andere Artikel zu erzeugen? Als es in den
ersten Dezennien dieses Jahrhunderts sich zeigte, daß unter
Umständen die Umwandlung von Ackerfeldern in Weide und
Wiese einen größern Geldertrag gewähre, wurden besonders
von den großen schottischen Grundbesitzern ganze Bauern-
bevölkerungen ausgetrieben, in Elend und Hungertod ge-
274
sieht zwar auch moch, wie früher, beherrscht, ist der Arbeiter
in gesellschaftlicher Hinsicht zur Sache geworden^).
stoßen. Auf den Gütern der Gräfin von Sutherland allein wur-
den zwischen 1811 und 1820 nicht weniger als 15000
Einwohner fortgetrieben, ihre Dörfer niedergebrannt und
ihre Felder in Weide verwandelt (s. Sismondi, Etudes sur
l'econ. polit. Par. 1837. T. I., p. 210-225) aber 131 000 Ham-
mel belohnten schon im Jahre 1820 diese glückliche, produk-
tive Operation! Dahin hatte sich unter der Periode der freien
Konkurrenz und der Produktivität des Kapitals, dahin hatte
sich notwendig unter der , .bürgerlichen" Periode das alte
Verhältnis der schottischen Clans zu ihren Sutherlands. Argyles,
Hamiltons etc. umgestaltet. — Der alte schottische Ökonom
Sir James Stewart hatte schon in der Mitte des vorigen Jahr-
hunderts diese Ereignisse vorhergesehen. Er läßt sie
(Principl. T. I., p. 178) von seinem ..Macchiavellisten" ausführ-
lich entwickeln. Freilich fügt er damals noch hinzu, er halte
niemand solcher Unmenschlichkeit für fähig und er
betrachte die plötzliche Durchführung solcher Umwandlung für
unmöglich (Though no man is. I believe, capable to reason in
so inhuman a style and though the revolution here proposed
be an impossible supposition, if meant to be executed all at
once). Als aber einst in einer Berliner volkswirtschaftlichen
Gesellschaft auf diese Austreibungen die Rede kam, rief, wie
mir berichtet worden, ein gewisser Fortschrittsabgeordneter und
Nationalökonom aus : ..Was tut es, meine Herren ? hatte die
Nation so viele Menschen weniger, so hatte sie so viele fette
Hammel mehr." Ich will den Mann nicht nennen, weil die Tat-
sache nur auf mündlichem Bericht beruht. Literarisch aber
ließen sich sehr viele ähnliche Dinge nachweisen. Selbst
Röscher wird es einmal bei den Lehren seiner eigenen Schule
so angst und bange, daß er ausruft: „Man sollte meinen, die
Menschen seien um der Produkte, und nicht die Produkte um
der Menschen willen da."
^) Aus dieser gesellschaftlichen Lage gibt es daher auf ge-
sellschaftlichem Wege keinen Ausweg. Die vergeb-
lichen Anstrengungen der Sache, sich als Mensch gebärden
zu wollen — sind die englischen Strikes (Arbeitseinstellungen),
18' 275
Eilen wir, zu den Konklusionen zu gelangen !
Wir haben also, abgesehen von unseren früheren Be-
weisen, von neuem und in systematischer Form gesehen,
daß der durchschnittliche Arbeitslohn not-
wendig auf den notdürftigen Lebensunterhalt reduziert
bleibt, da der Preis der Arbeit, wie der der Strümpfe,
auf die Dauer durch die notwendigen Erzeugungskosten
bestimmt wird. Dies ist das Gesetz der freien Kon-
kurrenz — und für dies Gesetz suchen Sie Ihre Arbei-
ter zu begeistern und es ihnen mit höchster sittlicher Em-
phase als das ,,volle Mens cht um" hinzustellen!
Wenn nun aber der Arbeitslohn im Durchschnitt immer
auf den notwendigen Lebensunterhalt beschränkt ist, so
folgt hieraus von selbst, daß aller aus dem Verkauf der
Produkte erlöste Überschuß des Produktionsertrages
über den während der Dauer der Produktion notwendigen
Lebensbedarf in den Händen des Unternehmers
bleibt, der diesen Überschuß nun nach weiteren Gesetzen,
die wir hier nicht untersuchen können, zwischen sich und
dem reinen Kapitalisten (Zins, und resp. dem Boden-
besitzer als Grundrente, auf deren besondere Ge-
setze wir hier noch weniger eingehen können) verteilt.
Aller Überschuß des Arbeitsertrages
deren trauriger Ausgang bekannt genug ist. Der einzige Aus-
weg für die Arbeiter kann daher nur durch die Sphäre gehen,
innerhalb deren sie noch als Menschen gelten, d.h.
durch den Staat, durch einen solchen eben, der sich dies zu
seiner Aufgabe machen wird, was auf die Länge der Zeit un-
vermeidlich. Daher der instinktive, aber grenzenlose Haß der
liberalen Bourgeoisie gegen den Staatsbegriff selbst in jeder
seiner Erscheinungen. (Mit Bezug auf diese Deduktionen ver-
gleiche die Ausführungen meiner biographischen Abhandlung
,, Ferdinand Lassalle, eine Würdigung des Lehrers und
Kämpfers. S. 238. D.H.)
276
über den volksüblich notwendigen Lebens-
bedarf der Arbeiter fällt somit auf das Ka-
pital in seinen verschiedenen Formen — ist
Kapitalprämie.
Sie kennen — Sie verzeihen, Herr Schulze, daß ich
Sie der Form wegen hin und wieder wie einen solchen
behandeln muß, der von ökonomischen Dingen etwas ver-
stünde — - die interessante ökonomische Kategorie der
Physiokraten, l'excedant du produit, den Produktions-
überschuß. Die Physiokraten nannten nur solche Ar-
beit produktiv, welche einen größeren Ertrag
abwerfe, als der Arbeitende selbst während der Arbeit
zum notwendigen Lebensunterhalt brauche. Alle nur eben
diesen Ertrag gewährende Arbeit nannten sie unfrucht-
bar (steril). Die Physiokraten zogen aus diesem Grund-
satz die falsche Folgerung, daß nur die Ackerbauarbeit
produktiv und alle Industriearbeit steril, unfruchtbar sei.
Aber der Grundsatz an sich selbst ist unter den heutigen
Verhältnissen wahr genug. Wer fortdauernd den seine
Lebensnotdurft übersteigenden Ertrag seiner eigenen Ar-
beit, der immer mehr schwillt, schwillt und schwillt, in
fremde Hände abliefern muß, wo er sich werbend und
fortwerbend anlegt, während er selbst beständig von der
Teilnahme an diesem seinem immer mehr anschwellenden
Produktionsertrage enterbt und auf die Lebensnotdurft
reduziert bleibt, dessen Arbeit ist für ihn selbst unpro-
duktiv. Diese Lebensnotdurft mußte freilich auch der
Sklave haben und der antike Sklave hatte sie reich v
lieber als unsere schlecht genährten Arbeiter. Der
Widerspruch aber ist hier gerade um so größer und un-
erträglicher, als dieser moderne tatsächliche Sklave
rechtlich zum freien Mann erklärt ist^).
^) Vgl. hierzu unsere vorhergehenden Noten D.H.
277
In der Unpr odukti vität der Arbeit liegt
also das Geheimnis der Produktivität des
Kapitals und umgekehrt. In dem Unterschied
der Arbeitsquanta, die im Preise der Produkte
bezahlt werden und der Arbeitslöhne — einen Unter-
schied, den Sie oben (s. p. 123ff. ^)) so naiv übersehen
— liegt beides, sowohl der auf das Kapital fallende
Profit, die Kapitalprämie, eJs auch die sich
durch sich selbst vermehrende, die unab-
lässig fortzeugende, werbende Kraft des
Kapitals oder seine Produktivität, die durch die
freie Konkurrenz endlich zum Durchbruch ge-
kommen.
Kein Schweißtropfen eines Arbeiters, sagten wir, der
nicht dem Kapital im Preise des Produktes bezahlt
wird, während der Arbeiter selbst auf die volksübliche
Lebensnotdurft reduziert bleibt. Kein Taler in der Hand
eines Unternehmers, zeigten wir schon früher, der nicht
durch neue Anlage in der Produktion morgen einen neuen
Taler erzeugt. Beide Sätze ziehen sich jetzt, als in ihre
letzte Analyse, in den Satz zusammen : kein Taler, d. h.
kein Schweißtropfen eines Arbeiters, der nicht morgen
dem Arbeiter einen neuen unfruchtbaren Schweißtropfen
und dem Kapital einen neuen Taler erzeugt ! Und je mehr
es gelingt, die Preise der Produkte, also auch den not-
wendigen Lebensbedarf des Arbeiters billiger zu
machen, desto mehr steigt, statt daß das Arbeitsein-
kommen mit dieser wachsenden Ergiebigkeit der Arbeit
stiege, N,die kapitalisierende Kraft unserer Produk-
tion. Reichenheim kann jetzt, was kein feudaler Seig-
neur konnte. Er kann jeden Schweißtropfen eines Arbei-
^) S. 186 ff. dieser Ausgabe.
278
ters kapitalisieren, d. h. in die Quelle eines
neuen Schweißtropfens für den Arbeiter und eines neuen
Talers für sich selbst verwandeln !
Der Unterschied der Arbeitslöhne oder des Preises
der Arbeit und der Arbeits q u a n t a , die im Preise
der Dinge an das Kapital bezahlt werden, bringt not-
wendig hervor, daß alle Arbeiter, die zum Zustande-
kommen eines Produktes beigetragen haben, geistige
wie physische Arbeiter, für ihre vereinten Löhne
das Produkt ihrer eigenen Arbeit nichtwiederkaufen
können — und soweit ist dies zunächst nur eine andere
Ausdrucksform für das bereits Entwickelte. Sprechen Sie
mir nicht von Maschinen, Herr Schulze, die dies Resultat
durch ihre größere Ergiebigkeit etc. etc. hervorgebracht
haben sollen. Dieser Einwand wäre Unsinn. Maschinen
sind Arbeltsprodukte, so gut, wie alles andere, und ich
verstehe unter jenen vereinigten Arbeitern eben alle, die
zu dem Zustandekommen des Produktes beigetragen haben,
auch die Maschinenbauer, auch die Rohstoffarbeiter, die
Bergwerker etc. Ja — und diese Schlußfolgerung ist in
dieser Ausdrucksform noch deutlicher — jeerglebiger
die Arbeit der Arbeiter bei gleichbleibenden Un-
terhaltskosten derselben ist, desto weniger kön-
nen sie dieses Produkt Ihrer eigenen Arbeit zurückkaufen,
desto mehr wächst der Unterschied zwischen Ar-
beitsertrag und Arbeitslohn, desto ärmer also — da
reich wie arm nur relative Begriffe sind, nur ein Ve r -
h ä 1 1 n I s ausdrücken zu dem Produktionsertrag einer be-
stimmten Periode^) — desto ärmer also werden
siel —
^) „Unsere Bedürfnisse und Genüsse entspringen aus der
Gesellschaft; wir messen sie daher an der Gesellschaft; wir
messen sie nicht an den Gegenständen Ihrer Befriedigung. Weil
. 279
Und versuchen Sie nicht, Herr Schulze, wie Sie das
freilich auch versucht haben, den Arbeitern vorzureden,
der auf das Kapital fallende Profit sei die Vergütung
der geistigen Arbeit der Unternehmer, der Lohn ihrer
geistigen Leitung der Geschäfte. Nur ein verhält-
nismäßig sehr, sehr überaus geringer Teil des Un-
ternehmereinkommens, das in der Nation erhoben wird,
ist als solcher Arbeitslohn der Unternehmer für ihre
geistige Leitung zu betrachten, und dieser Teil ist
bei mir nie in dem inbegriffen, was ich Ka-
pitalprofit nenne^). Daß dieser geistige Arbeits-
lohn der Unternehmer nur einen solchen geringen Teil
des Unternehmereinkommens bilde, weiß die Wissenschaft
seit lange-), und auch die liberalen Ökonomen haben es
oft genug zugegeben^). Die englischen Ökonomen
haben aber deshalb seit je, mit anerkennenswerter Offen-
heit, den Unternehmergewinn immer nur als Kapital-
prämie behandelt und jenen Teil des Untemehmergewinns,
der für , »geistigen Arbeitslohn" ausgegeben werden kann,
um seiner Geringfügigkeit willen gänzlich vernachlässigt.
sie gesellschaftlicher Natur sind, sind sie relativer Natur." (K.
Marx, Lohnarbeit und Kapital, Ausgabe d. , .Vorwärts" von
1907,5.29.) D.H.
^) Vgl. die im Vorwort zitierte Stelle.
") Siehe von Thünen, der naturgemäße Arbeitslohn,
Rostock, 1850, I.Abt., S.SOff ; Mario (Professor Winkel-
blech), System der Weltökonomie, T. I., c. 4. T. II., eil. 12.
13. Sismondi, Nouveaux principes, T. I., p. 359 u.v.a.
^) Von liberalen Ökonomen siehe besonders Nebenius,
der öffentl. Kredit, 2. Kapitel ; von Hermann, Staatsw.
Unters., S. 204 bis 214; Storch, Cours d'econ. pol. T. II.,
p. 87ff., ed. St. Petersbourg ; Schön, Neue Untersuchung der
Nationalökonomie. S. 87 und 112 bis 116; Riedel, National-
ökonomie § 466 bis 477 und 685 ff. ; Rau, Grundsätze etc.,
p. 311 bis 323 und eine Menge anderer.
280
Erst von der sogenannten humanen Richtung der franzö-
sischen Ökonomen stammt die Lüge, den Untemehmerge-
winn als „geistigen Arbeitslohn" darstellen zu wollen 0-
Überdies, wollen Sie praktisch rein heraustreten
sehen, einen wie erstaunlich geringen Teil des Unter-
nehmereinkommens dieser Lohn für ihre geistige Leitung
bildet, so haben Sie ja nur nötig, sich umzuschauen. Wie
viele Gutsbesitzer gibt es, die ihre Güterkomplexe durch
Rentmeister, wie viele große Fabrikanten und Kaufleute,
die ihre Geschäfte durch Geschäftsführer, Betriebsdirek-
toren etc. verwalten lassen, während sie selbst in Italien,
dem Orient und anderwärts reisen oder jedenfalls die
Leitung ihrer Geschäfte nicht führen. Das verhältnis-
mäßig zu dem Geschäftsgewinn dieser Unternehmer so
geringe Gehalt dieser Geschäftsführer ist natürlich alles,
was sich jene Herren für ihre eigene geistige Tä-
tigkeit berechnen können, wenn sie selbst das Geschäft
führen.
Bei den großen Aktienunternehmungen der modernen
Zeit, bei den Eisenbahnen, Banken etc. tritt diese Spal-
tung sogar notwendig heraus. Der in einer Vielheit von
Personen bestehende Kapitalist oder Unternehmer
kann eben um dieser Vielheit willen das Geschäft nicht
selbst leiten, wozu ein besoldeter Direktor ernannt wird.
Wenn der Unternehmergewinn in der Vergütung der gei-
stigen Tätigkeit der Geschäftsleitung be-
st ü n d e , wo kämen die 1 3 Prozent Dividende her, welche
^) Say ist hierin allen vorangegangen. Mit dieser soge-
nannten humanen französischen Richtung ist nicht die Reihe
wirklich humaner Ökonomen unter den Franzosen zu ver-
wechseln, Vauban, Boisguillebert, Forbonnais, Necker, Sis-
mondi, die eine Ehre Frankreichs bilden, die es vor England
voraus hat.
281
die Köln- Mindener Eisenbahnaktien den sich um jene
Geschäftsführung in keiner Weise bekümmernden Unter-
nehmern (Aktionärs) abwerfen? Wo die 17 Prozent
der Magdeburg-Leipziger? Wo die 25V2 Prozent Divi-
dende der Magdeburg-Halberstädter ?
Bei Unternehmungen dieser Art werden sogar aus man-
cherlei Gründen den Direktoren oft ausnahmsweise ganz
ausschweifend hohe Gehälter gezahlt. Gleichwohl, um
einen Begriff von der verhältnismäßig erstaunlichen Klein-
heit der Vergütung für die Geschäftsleitung zu
erhalten, welche im nationalen Untemehmereinkommen
enthalten ist, vergleichen Sie nur das Gehalt der Direk-
toren dieser Eisenbahnen und resp. auch noch der Ve r -
waltungsräte dazu mit der Summe des Kapital-
profits, welche diese Eisenbahnen abwerfen^).
^) Um Ihrer Unkenntnis der Dinge zu Hilfe zu kommen,
ein praktisches Beispiel in Zahlen. Vor mir liegt der gedruckte
Bericht der Direktion der Köln-Mindener Eisenbahngesell-
schaft pro 1862. Nach demselben — Seite 243 — hatte die
Köln-Mindener Eisenbahn im Jahre 1862 eine
Dividende abgeworfen von 1641250 Taler.
und außerdem an Zinsen der Prioritätsaktien . 1726271 „
Summa 3367521 Taler.
Ich sehe dabei ab von 521 290 Taler, die zum Reservefonds
genommen wurden, von 73000 Talern Amortisation, von
628952 Talern Extradividende an den Staat, welche Posten
wiederum zusammen eine Summe von 1 223 242 Talern geben,
die zu jenen 3367521 Talern eigentlich hinzuaddiert werden
müßten.
Mindestens diese 3367521 Taler bilden also die aus dem
Jahresertrag jenes einen Unternehmens auf das Kapital ge-
fallene Kapitalprämie. — Und wie groß glauben Sie nun
wohl, Herr Schulze, wird die von diesem Unternehmen für die
oberste Geschäftsleitung bezahlte Vergütung gewesea
sein? Sie ersehen es aus den Selten 262 bis 265 daselbst:
282
Endlich machen, wie aus unserer früheren Entwicklung
folgt, alle, die sich quälen^), den Untemehmergewinn
auf die Persönlichkeit des Unternehmers zurück-
zuführen, von Haus aus ein sehr lächerliches Versehen.
Die Persönlichkeit des Unternehmers, se'm Fleiß, seine
Faulheit, sein Unternehmungsgeist und seine Dummheit
etc., das alles sind Eigenschaften, welche allerdings großen
Einfluß darauf haben werden, wieviel von dem jährlich
. 3475 Taler.
. 3200 „
. 1900 „
. 2200 „
. 1500 ..
Gehalt der Bahndirektoren .
„ „ Betriebsdirektoren .
des Betriebskontrolleurs
„ Spezialdirektors
„ „ Substituts desselben
Summa 12275 Taler.
Alle anderen daselbst aufgezählten Besoldungen für Archi-
tekten, Zeichner, Inspektoren, Registratoren, Wagenmeister und
Arbeiter aller Art würde auch jeder Einzeluntemehmer haben
bezahlen müssen, so daß sie auch bei ihm nur, wie hier, durch-
schießende Posten gebildet und keineswegs zu seinem Unter-
nehmereinkommen gehört haben würden, welches jenes
nach Abzug aller Gehälter, Besoldungen und Kosten aller
Art aus der Roheinnahme noch übrig bleibende Reinein-
kommen von 3V3 bis 4V2 Millionen Taler darstellt.
Auf eine Kapitalprämie von 3 Vs bis 4V2 Millionen
Taler also, welche ein Unternehmen jährlich abwirft, kommt
hier bei der Spaltung zwischen Kapitalunternehmern
und Geschäftsleitern für die Geschäftsleitung ein
geistiger Arbeitslohn von 12000 Talern. So sehr ist das
Unternehmereinkommen, Herr Schulze, welches in der
Nation erhoben wird, nichts anderes, als purer geistiger
Arbeitslohn! !
^) Zum Beispiel : J. B. Say, Cours compl. V. 8 ; Dunoyer,
de la liberte du travail, lib. VI. ; Steinlein, Handbuch der
Volkswirtschaftslehre, Bd. I, S. 44ff. ; auch Mangoldt, Lehre
V. Untemehmergewinn, Leipzig 1853, ist davon durchaus nicht
frei.
283
auf den Unternehmerstand fallenden Kapitalprofit
der bestimmte Unternehmer Peter gegenüber den
Unternehmern Paul, Wilhelm etc. an sich reißen
wird. Mit anderen Worten : es ist dies eine Frage, welche
die Konkurrenz der Unternehmer untereinander be-
trifft und den Anteil der einzelnen Unternehmer
an der aus dem Produktionsertrag eines Jahres auf den
gesamten Unternehmerstand fallenden Quote
zu bestimmen beiträgt. Aber auf diese auf den g e -
samten Unternehmerstand in der Nation fal-
lende Quote selbst ist sie, wie aus der obigen Ent-
wicklung mit Notwendigkeit folgt, ohne Einfluß.
Die gegebene Gesamtsumme des Arbeitsertrages
eines Jahres sei = A. Die zum durchschnittlichen Lebens-
bedarf des Arbeiterstandes erforderliche Summe, die
Summe aller Arbeitslöhne sei = Z. So wird, die Unter-
nehmer möchten alle faul oder alle fleißig, alle klug
oder alle dumm gewesen sein, immer A — Z auf den ge-
samten Unternehmerstand fallen, und nur die
Frage, in welchen Portionen sich A — Z auf die ein-
zelnen Unternehmer verteilt, kann durch deren
persönliche Eigenschaften bestimmt werden.
Es kann ferner durch die Betriebsamkeit der Unter-
nehmer die Gesamtsumme des jährlichen Produk-
tionsertrages vergrößert, also aus A in A + B verwandelt
werden und dies geht, wenn die betreffenden Unterneh-
mungen nicht im Auslande angelegt worden sind, eben
dadurch vor sich, daß die von der Nation geleistete^n
Arbeitsquanta vermehrt worden sind. Allein wenn
selbst durch diese Vermehrung der Arbeits q u a n t a
eine Vermehrung der Gesamtsumme der Arbeits-
löhne bewirkt wird, — und notwendig ist auch dies
keineswegs — so hat dies entv/eder zur Ursache oder zur
284
Folge, daß eine entsprechende Ve rmehrung der Ar-
beitermasse eingetreten ist oder herbeigeführt wird.
(Und dies eben ist der innere Grund des Steigens der
europäischen Bevölkerung. ) Die Gesamtsumme der
Arbeiterlöhne in der Nation ist also gestiegen, aber
diese gestiegene Gesamtsumme verteilt sich jetzt wieder,
wie aus dem Früheren folgt, auf die Dauer auf eine ebenso
sehr und häufig in noch höherem Grads gestiegene Ar-
beiterzahl. Der auf den einzelnen Arbeiter
fallende Lohn, das Quantum Produkte, das jeder
Arbeiter bezieht, hat sich dann also auf die Dauer nicht
vermehrt. Ja selbst für den Arbeiterstand im gan-
zen kann, wenn selbst das Quantum der Produkte,
welches auf alle Arbeiter zusammengenommen fällt, sich
vermehrt hat, dennoch, falls nämlich die Ergiebigkeit
seiner Arbeit, wie in der Regel der Fall, in noch
höherem Grade gestiegen ist, die Quote, welche er im
Lohn von seinem eigenen Arbeitsprodukt emp-
fängt, noch gefallen sein!^) England ist gerade das
Land, welches durch den unleugbaren Unternehmungsgeist
seiner Unternehmer den Pauperismus seiner Ar-
beiter geschaffen hat.
Für die ökonomische Wissenschaft kann aber natürlich
nur die Frage, welchen Anteil an dem Produktionsertrage
der Unternehmer s t a n d gegenüber dem Arbeiter bezieht,
und in bezug auf diesen die Frage : welches Q u a n -
t u m von Produkten der einzelne Arbeiter und welche
Quote seines Arbeitsertrages der gesamte Arbeiter-
^) „Der relative Arbeitslohn kann fallen, obgleich der reelle
Arbeitslohn gleichzeitig mit dem nominellen Arbeitslohn, mit
dem Geldwert der Arbeit steigt, aber nur nicht in demselben
Verhältnis steigt, wie der Profit." (Marx. Lohnarbeit und
Kapital. S.29.) D.H.
285
stand bezieht, Gegenstand der Untersuchung sein. Die
Untersuchung, durch welche persönliche Eigenschaften
der eine Unternehmer dem anderen gegenüber einen mög--
liehst großen Teil dieses auf den Unternehmerstand fal-
lenden Ertrages an sich reißen könne, gehört teils in die
praktischenHandelsschulen, teils zu den K o n -
torgeheimnissen, und das verherrlichende Lob die-
ser persönlichen Eigenschaften an die Gastmahle reicher
Kommerzienräte, keineswegs aber in die Nationalökono-
mie! Diese Terrain Verwechslung, entspringend aus der
sich durch unsere gesamte liberale Ökonomie hindurch-
ziehenden Verwechslung von Privat- und Nationalökono-
mie ist es, welche diese wie so viele andere Verwirrungen
herbeigeführt hat und solche Untersuchungen zu schiefen
Resultaten zwingt, weil schon von Haus aus dies
Frage schief gestellt war, —
Sie werden in dieser langen Entwicklung gelernt haben,
Herr Schulze, wie groß der allgemeine Irrtum aller bür-
gerKchen Ökonomen ist, welche stets das Kapital,
wie alle anderen ökonomischen Kategorien, für logi-
sche, ewige Kategorien halten. Die ökonomischen
Kategorien sind nicht logische, sondern historische
Kategorien. Die Produktivität des Kapitals ist kein , .Na-
turgesetz", sondern eine Wirkung von ganz bestimm-
ten historischen Zuständen, die mit anderen
historischen Zuständen wieder verschwinden kann und
mußi).
^) Was also oben und in der noch folgenden Ausführung
geleistet ist, ist der Nachweis, daß die ökonomische Kate-
gorie ,, Kapital" und die juristische Kategorie „Eigen-
tum" ebenso sehr nur Kategorien des historischen Gei-
stes sind, wie ich dies in bezug auf alle juristischen
Kategorien in meinem „System der erworbenen Rechte"
286
Zugleich werden Sie vielleicht auch eine Ahnung be-
kommen haben von der Wahrheit jenes Wortes, das
Goethe Ihnen im westöstlichen Divan zuruft:
„Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschalt zu geben.
Bleib' im Dunkeln unerfahren
Mag von Tag zu Tage leben"
und sehen somit jetzt ein, wie mißlich es ist, ohne dieser
Vorbedingung zu entsprechen, , .gebildet" zu tun!
Aber um an dieser langen Entwicklung alles gelernt
zti haben, was wirklich an ihr zu lernen ist, bedarf es jetzt
nur noch einer gedrängten und scharfen Hervorhebung
dessen, was in ihr gegeben ist.
'^Vergleichen Sie den Anfangs- und den Endpunkt des
langen historischen Prozesses, den ich an Ihrem Auge
vorübergeführt habe.
In dem primitiven Zustande der individuellen,
isolierten Arbeit, von der wir ausgingen, war das
Arbeitsinstrument — der Bogen des Indianers —
nur in der Hand des Arbeiters selbst, also nur
die Arbeit produktiv.
Durch die Teilung der Arbeit — und vergessen
Sie nie, daß Teilung der Arbeit bereits, im Unter-
schiede von jener Arbeit des Indianers, heißt gemein-
same Arbeit, gemeinsamer Betrieb der Produk-
tion wenn auch noch bei individuellen Produktions-
vorschüssen und der daraus folgenden individuellen Ver-
teilung des Arbeitsertrages durch die, welche diese Vor-
schüsse machen — durch die Teilung der Arbeit also,
durch die wieder aus dieser sich allmählich und notwendig
(vgl. daselbst [die erste Auflage. D. H.] Vorr. p. XVI ff. und
p. 69, Anm. 1 mit S. 259. Note 1) entwickelt und im ganzen
zweiten Bande jenes Werkes am Erbrecht (respektive auch
am Familienrecht) ausführlich nachgewiesen habe.
287
entwickelnde iGestaltung der Produktion zu einem System
von Tauschwerten, durch die freie Konkur-
r*enz endlich, welche diese Produktion der Tauschwerte
bei individuellen Produktionsvorschüssen herbeiführen
muß, kommt es endlich notwendig zu der jenem Aus-
gangspunkt entgegengesetzten Wirkung, daß das Ar-
beitsinstrument in seiner Trennung vom Ar-
beiter selbständig geworden, mit seinem Saug-
rüssel alle Produktivität der Arbeit an sich
gerissen und die Arbeit auf den Ersatz dessen, was
während der Arbeit notwendig an Lebenskraft verzehrt
worden ist, beschränkt, sie also unproduktiv gemacht hat.
; War früher nur die Arbeit, so ist jetzt nur das
vom Arbeiter getrennte Arbeitsinstrument
produktiv ^).
Das Arbeitsinstrument, welches selbstän-
dig geworden, und mit dem Arbeiter die
Rollen vertauscht hat, den lebendigen Ar-
beiter zum toten Arbeitsinstrument herab-
gesetzt, und sich selbst, das tote Arbeits-
instrument zum lebendigen Zeugungsorgane
entwickelt hat — das ist das Kapital!^)
^) Der Begriff der Produktivität immer in dem weiter oben
entwickelten Sinne von „Überschuß abwerfend" genommen.
Trotzdem könnte der Satz leicht mißverstanden werden. Das
Arbeitsinstrument schlechtweg ist heute so wenig produktiv wie
früher, aber heute wirft der bloße Besitz desselben — und
der es besitzt, ist nicht der Arbeiter — seinem Inhaber Über-
schuß, Profit ab, d. h. der Besitz eines Arbeitsinstruments, das
vom Arbeiter bedient wird, statt sein Werkzeug zu sein. So
ist, wie sich gleich zeigt, der Ausdruck ,,vom Arbeiter ge-
trennt" zu verstehen. D. H.
') Wen diese Definition verletzt, der müßte, um eine rich-
tige Definition zu geben, wie sie sich für ein Kompendium
288
Die T e i l u n g d e r A r b e i t ist die Quelle aller Reich-
tümer. Daß nur durch die Teilung der Arbeit die Pro-
duktion immer ergiebiger und billiger wird — dieses
indem We sen der Arbeit beruhende Gesetz
ist das einzige ökonomische Gesetz, welches der Paral-
lele halber als ein „Naturgesetz" bezeichnet werden
könnte. Es ist kein Naturgesetz, weil es eben nicht dem
Reiche der Natur, sondern dem des Geistes angehört,
eignet, etwa zu folgender greifen: Kapital ist der unter
Teilung der Arbeit, bei einer in einem System von
Tauschwerten bestehenden Produktion und bei freier
Konkurrenz geleistete Vorschuß vorgetaner Arbeit,
welcher zum Lebensunterhalt der Produzenten bis zur Ver-
wertung des Produkts an den definitiven Konsumenten erforder-
lich ist, und zur Folge hat, daß der Überschuß des Produktions-
ertrages über diesen Lebensunterhalt auf denjenigen respektive
diejenigen sich verteilt, welche den Vorschuß geleistet haben.
— Man wird in dieser Definition zunächst die „Beschaffung
der Rohstoffe" vermissen, — die ja auch zur Produktion er-
forderlich sind. Aber mit Unrecht. Denn diese Rohstoffe etc.
sind gleichfalls und auf gleiche Bedingungen hin von Arbeitern
produziert worden unter dem Vorschuß eines Rohstoffprodu-
zenten, an dessen Stelle dann der sein Produkt weiter ver-
arbeitende Industrieproduzent tritt. Was die ganze Reihe der
Kapitalisten leistet, die nacheinander zur Verfügung eines Pro-
duktes vorschießend auftreten, ist nichts anderes als der
Lebensunterhalt für die ganze Reihe von Arbeitern
(Rohstoffarbeitern, Bergwerken etc.), die zum Zustandekommen
des Produktes beigetragen haben. — Jede andere Definition,
die eines der hier enthaltenen Merkmale wegläßt, ist, wie unsere
Analyse zeigt, unvollständig und falsch.
Das ,,nur" ist, selbst wenn man den Begriff ,, Teilung
der Arbeit" in dem vorher entwickelten Sinne — „Teilung
der Arbeit . . . heißt gemeinsame Arbeit" - nimmt, unrichtig.
Die Arbeit wird in der modernen Großindustrie sehr oft er-
giebiger gemacht durch Maschinen, welche vorher getrennte
Arbeitsprozesse wieder zusammenfassen. D. H.
19 LassaUe. Ges. Schriften, Band V. 289
aber es Ist eben mit derselben Notwendigkeit
bekleidet, wie die Elektrizität, die Schwerkraft, die Ela-
stizität des Dampfes etc. Es ist ein soziales Natur-
gesetz!
Und eine Handvoll von Individuen ist hergekommen
in allen Nationen und hat dieses soziale Natur-
gesetz, welches nur durch die geistige Natur aller
vorhanden ist, zu ihrem individuellen Nutzen
in Beschlag genommen, den erstaunten und darbend^i,
in unsichtbaren Ketten eingeschnürten Nationen von ihrem
immer reicher, immer gewaltiger anschwellenden Arbeits-
ertrage im wesentlichen immer nur denselben Ab-
fall (Zuwerfend, den unter günstigen Umständen auch der
Indianer vor aller Kultur erwirbt, des Lebens notdürf-
tigen Unterhalt ! Es ist, als ob einige Individuen die
Schwerkraft, die Elastizität des Dampfes, die Wärme des
Sonnenlichtes zu ihrem Eigentum erklärt hätten !
Das Volk wird von ihnen gefüttert, wie auch die Dampf-
maschinen von ihnen geölt und geheizt werden, um sie
im arbeitsfähigen Stande zu erhalten, seine Nah-
rung kommt nur als notwendige Produktions-
kosten in Betracht !
Bastiat spielt als seinen Haupttrumpf gegen Proudhon
folgendes Argument aus '0 :
Les capitaux sont des Instruments de travail. Les
Instruments de travail ont pour destination de faire con-
courir les forces gratuites de la nature. Par la machine
ä vapeur on s'empare de l'Glasticite des gaz ; par le res-
sort de montre de l'elasticite de l'acier; par des poids
ou des chütes d'eau de la gravitation; par la pile de
Volta de la rapidite de Tetincelle electrique, par le sol
^) Harmon. eoonom. p. 229.
290
des combinaisons chimlques et physiques qu'on appelle
Vegetation etc. etc. Or confondant rutllite avec la va-
leur, on suppose que ces agents naturels ont une valeur
qui leur est propre, et que par consequent ceux qui s en
emparent s'en fönt payer l'usage, car valeur implique
payement. On s'imagine que les produits sont greves
d'un item pour les Services de rhomme, ce qu'on admet
comme juste, et d'un autre item pour les Services de la
nature, ce qu'on repousse comme inique. Pourquoi, dit-
on, faire payer la gravitation, l'electricite, la vie vege-
tale, l'elasticite etc. ?
La reponse se trouve dans la theorie de la valeur.
Cette classe de socialistes qui prennent le nom d'egaK-
taires confond la legitime valeur de l'instrument, fille
d'un Service humain, avec son resultat utile, toujours
gratuit, sous deduction de cette legitime valeur ou de
Tinteret y relatif. Quand je remunere un laboureur, un
meunier, une compagnie de chemin de fer, je ne donne
rien, absolument rien, pour le phenomene vegetal, pour
la gravitation, pour l'elasticite de la vapeur. Je paye
le travail humain qu'il a fallu consacrer ä faire Jes
instruments au moyen desquels ces forces sont con-
traintes ä agir; ou, ce qui vaut mieux pour moi, je
paye l'interet de ce travail."
Zu deutsch: ,,Die Kapitahen sind Arbeitsinstrumente.
Die Arbeitsinstrumente haben die Bestimmung, die un-
entgeltlichen Kräfte der Natur zur Produktion mitwirken
zu lassen. Durch die Dampfmaschinen bemächtigt man
sich der Elastizität der Gase ; durch die Uhrfeder der
Elastizität des Stahles ; durch Gewichte oder durch den
Fall des Wassers der Schwerkraft; durch die Volta-
sche Säule der Schnelligkeit des elektrischen Funkens ;
durch den Boden der chemischen und physikaKschen Kom-
is« 291
binationen, die man Vegetation nennt etc. etc. Und die
Nützlichkeit mit dem Werte verwechselnd setzt man nun
voraus, daß diese natürlichen Agenten einen Wert haben,
der ihnen eigentümlich ist und daß folglich diejenigen,
die sich desselben bemächtigen, sich den Nutzen derselben
bezahlen lassen, denn Wert schließt Zahlung in sich ein.
Man bildet sich ein, daß der Preis der FVoduktion be-
lastet ist mit so und so viel für die Dienste des Menschen,
was man als gerecht zugibt, und mit so und so viel für die
Dienste der Natur, was man als ungerecht zurückstößt.
Warum, sagt man, die Schwerkraft, die Elektrizität, das
vegetale Leben, die Elastizität etc. etc. bezahlen ?
,,Die Antwort findet sich in der Theorie des Wertes.
Jene Klasse von SoziaKsten, die sich Egalitaires nennen,
verwechselt den legitimen Wert des Arbeitsinstrumentes,
Tochter eines menschUchen Dienstes, mit seinem nütz-
lichen Resultat, das unentgelthch ist, wenn man jenen
legitimen Wert oder seinen Zins abrechnet. Wenn ich
einen Ackersmann, einen Müller, eine Eisenbahngesell-
schaft bezahle, so gebe ich nichts, absolut nichts, für das
Vegetationsphänomen, für die Schwerkraft, für die Ela-
stizität des Dampfes. Ich bezahle die menschliche Arbeit,
welche zur Verfertigung der Instrumente angewendet wer-
den mußte, vermittelst deren diese Kräfte zu wirken
gezwungen sind; oder, was für mich noch vorteilhafter
ist, ich bezahle die Interessen .dieser Arbeit."
Proudhon gegenüber, der früher ein geistreicher Mann,
niemals aber ein Ökonom war, mochte diese lächerliche
Finte gut igenug sein. Aber sehen Sie, Herr Schulze, wäe
machtlos jetzt der Fechterdegen Ihres Meisters Bastiat
seitwärts in leere Luft geht und beide Herzkammern dem
tödlichen Stoße bloßlegt?
Ja, wir haben aus den großen engHschen Ökonomen
292
gelernt, daß im Preise der Produkte vom Konsu-
menten nur die menschliche Arbeit, nicht die Kräfte
der Natur bezahlt werden^); wir haben dies gelernt
viel besser als Bastiat, der, wie wir sahen, davon gar
nichts weiß !
Aber wir sahen zugleich, daß diese Bezahlung der
menschlichen Arbeit durch den Unterschied der Arbeits-
löhne und der den Preis bestimmenden Arbeits q u a n t a
immer notwendig an die unrichtigen Empfänger
gelaingt ; daß zwar nur die menschliche Arbeit
bezahlt, aber nicht den Arbeitern bezahlt, sondern
von dem Kapitalschwamme eingesaugt wird, welcher aus
dem Platzregen unserer Produktion auf das Vo 1 k immer
nur die zur dürftigen Fortexistenz erforderliche Feuch-
tigkeit gelangen läßt. Hat der Kapitahst nicht die ,, Nütz-
lichkeit" des Dampfes, der Schwerkraft, der Elektrizität
in Beschlag genommen, so hat er, was zunächst ebenso
schlimm ist, die ,,Nützhchkeit" der Teilung der Ar-
beit und ihrer stets wachsenden Produktivität — dieses
großen Gesetzes der sozialen Natur — zu seiner
ausschließenden Ausbeutung in Beschlag genommen ! Ja,
es ist dies im Prinzip sogar fast noch schlimmer
als jenes. Denn wenn sich jemand z. B. der Sonne be-
mächtigte und sie in sein Privateigentum brächte, so hätte
er sich immerhin doch nur einer Sache bemächtigt, die
nach den römischen Juristen ,,res nullius", keines Men-
schen Eigentum, keines Menschen Produkt ist.
Indem sich die Kapitalisten der Vorteile jenes Gesetzes
der sozialen Natur bemächtigen, bemächtigen sie sich
direkt der Arbeitsprodukte anderer, haben sie
^) Wie sich dies analog und dennoch abweichend bei
der Grundrente gestaltet, kann hier nicht auseinandergesetzt
werden.
293
die menschliche Arbeitskraft und ihre immer
steigende Ergiebigkeit in ihr Privateigentum gebracht 1^)
Durch die entwickelte grundsätzliche Spaltung
der auf die Seite des selbständig gewordenen Arbeits-
instrumentes hinüber gefallenen Produktivität der Ar-
beit — ist nun jetzt grundsätzlich ein gesellschaft-
licher Eigentumszustand gegeben, in welchem jeder nur
das sein nennt, was nicht Produkt seiner Arbeit ist.
Dies könnte zunächst scheinen, nur zwischen Kapital
"und Arbeit, nur von den Kapitalisten den Ar-
beitern gegenüber zu gelten. Dies wäre aber ein großer
Irrtum und ganz unmöglich. Das Prinzip, auf welchem
ein gesellschaftlicher Produktlonszustand beruht, muß sich
durch alle Abteilungen desselben hindurchführen, muß
sich also ebenso innerhalb des Kapitalisten- und
Unternehmerstandes selbst ausführen.
Und hier erinnern Sie sich, was Ich Ihnen Im Eingänge
dieses Werkes über die , »gesellschaftlichen Zu-
sammenhänge" entwickelt habe, vermöge deren jeder
verantworten mfuß, wofür er nicht kann, gerade
so wie sich jetzt als die organische Wurzel dieser Be-
stimmung gezeigt hat, daß jeder ,&ein nennt, w^s nicht
Resultat seiner Arbelt ist.
Jetzt erst stellen sich von selbst jene Atisführungen
(p. 22 bis 32^) über die Wirkung der ,,gesell-
^) Hierauf könnte man erwidern, daß auch die Rückwirkung
der Arbeitsteilung auf die Produlctivltät der Arbeit „res nullius",
keines Menschen Werk, sondern einfach ein ökonomisches Ge-
setz sei, dessen Benutzung jedermann so frei stehe, wie die der
Sonnenstrahlen, der Schwerkraft etc. etc., unter Umständen so-
gar in noch höherem Grade. Juristisch ist in der Tat dem
Kapitalprofit nicht beizukommen. D. H.
^) S. 51 bis 64 dieser Ausgabe D. H.
294
schaftlichen Zusammenhänge" in ihr rechtes
Licht ; erst von hier aus gewinnen sie, von neuem nach-
gelesen, ihre letzte Durchsichtigkeit und hier erst hätten
sie hergehört. Allein Sie begreifen, daß es nicht meine
Schuld ist, wenn Sie dadurch, daß Sie mit dem Ende
anfingen, mich nötigten, Ihrem Gange zu folgen. Es wird
Ihnen jetzt übrigens, wenn Sie unseren verschiedenen
Erörterungen aufmerksam gefolgt sind, von selbst klar
sein, durch welche Adern — nämlich durch den Tausch-
wert und den Marktpreis — diese Wurzel unseres
Gesellschaftszustandes, daß jeder sein nennt, was nicht
Resultat seiner Arbeit ist, hervorbringt, daß auch inner-
halb des Kapitalistenkreises selbst jeder ver-
antworten muß, was er nicht getan hat; daß ein zum
bloßen Glücksspiel gewordener Produktionszustand
mit Menschen wie Kapitalien Ball spielt und durch den
Strudel dieses Zufalls nur die große gesetzmäßige Strö-
mung hindurchgeht, daß das große Kapital in beständiger
Dekapitalisierung und Anziehung des kleinen Kapitals
begriffen ist.
Die Sorgen der Unternehmer, ihr beständiges macht-
loses Ankämpfen gegen das große Kapital, die fort-
währende — selbst den kleinsten, in vollster Zurückge-
zogenheit von allen Geschäften lebenden Rentier ergrei-
fende — Umänderung ihrer Eigentumsverhältnisse durch
geseUschaftliche Verhältnisse, die völlig außerhalb ihrer
Zurechnungsfähigkeit und ihres Handelns liegen, der Ver-
lust , welcher in den Unternehmerspekulationen als Strafe
der richtigen Berechnungen, der Gewinn, welcher
den fcJschen folgt (s. p. 28^)), diese beständige Ver-
höhnung des Unternehmer g ei s t es — das ist an den
1) S. 59-60 dieser Ausgabe. D. H.
295
Kapitalisten selbst die konsequente Rache und Fort-
bildung eines Zustandes, in welchem als erster Grundsatz
gesetzt ist, daß jeder sein nennt, was nicht Resultat
seiner Arbeit ist.
Es ist das hohnneckende Lachen des Geisterchors dar-
über, daß sich im Kapitalisten das Kapital als Indivi-
dualität gebärden will in einen Weltzustand, der von
vornherein auf der Entindividualisierung alles
Eigentums beruht!
Ist es nicht komisch, Herr Schulze, daß die Herren
Bastiat, Thiers, Troplong etc., kürz alle Ökonomen und
Juristen, welche gegen die Sozialisten zu Felde ziehen,
das heutige Eigentum immer damit rechtfertigen, daß es
,,les fruits de son travail", die Frucht individu-
eller Arbeit sei, während im Gegenteil, wie wir nun
gründlich und ohne Möglichkeit des Widerspruchs nach-
gewiesen haben, jeder im Eigentum nur sein nennt, was
nicht sein Arbeitsprodukt ist ? Ist es nicht komisch
also, daß alle diese Herren, um dieses Eigentum zu
rechtfertigen, gerade zu dem ihm entgegengesetz-
ten Gedanken greifen müssen ?
Das Eigentum ist Fremdtum geworden —
das ist der Satz, in welchen sich unser kritischer Nach-
weis komprimieren ließe !
Jeder gesellschaftliche Zustand hat den notwendigen
Trieb, Erscheinungen zu entwickeln, in welchen er das,
was seine gesamte Grundlage bildet, am reinsten und
un verhülltesten zum Ausdruck bringt.
Diese reinste Erscheinung des heutigen Zustandes
ist die Agiotage und die Börse, die Vermögens-
anlage in Aktien, Staats- und Kreditpapieren
überhaupt.
Durch jedes Ereignis in der .Türkei und in Mexiko,
296
durch Krieg und Frieden, nicht bloß durch Krieg und
Frieden, ach nein! durch jede ,,öffenthche Meinung",
die sich verbreitet, durch jedes Journah stengeschwätz und
jede verlogene Depesche, durch jede Anleihe in Paris
oder London, durch die Getreideernten am Missisippi und
die Goldminen in Australien — kurz durch jedes objektive
Ereignis, durch lauter rein objektive Bewegun-
gen der Gesellschaft als solcher, sei es auf
politischem, finanziellem, merkantilem Gebiet etc. wird
täglich auf der Börse das Mein und Dein der Indi-
viduen bestimmt und festgestellt.
Aber was hier zum augenfälligen Vorschein kommt,
ist nichts Besonderes und Eigentümliches,
sondern es kommt eben nur zur reineren, unverhüllteren
Darstellung, daß, wie wir im Anfang gesehen, in den
Werten der Grundstücke und der Geschäfte, in dem
Steigen und Fallen der Getreide- und Industrieprodukt-
preise etc. etc., durch die gesellschaftlichen Zu-
sammenhänge aller Art und den von ihnen bestimmten
Tauschwert jeden Augenblick alles Mein und Dein
in der Gesellschaft geändert Und rein nach diesen objek-
tiven Bewegungen der Gesellschaft selbst auf durchaus
ichlose, unpersönliche Weise alles individuelle Eigentum
neu verteilt wird.
Wie würden Sie den Sozialismus definieren, Herr
Schulze ? Doch offenbar so : Ve rteilung<:les Eigen-
tums von G e seil sc haf ts wegen.
Nun, sehen Sie, dieser Zustand besteht, wie ich
Ihnen bewiesen habe, gerade heute!
Gerade heut herrscht unter dem bloßen Scheine
individueller Erzeugung eine sich unausgesetzt durch
den Zufall von neuem bestimmende Verteilung des Eigen-
tums durch die rein objektiven Bewegungen der
297
Gesellschaft, eine Verteilung des Eigen-
tums von Gesellschafts wegen. Gerade heute
herrscht ein anarchischer Sozialismus! Dieser
anarchische Sozialismus ist das — bürger-
liche Eigentum!
Was also der Sozialismus will, ist nicht das Eigen-
tum aufheben, sondern im Gegenteil individu-
elles Eigentum, auf die Arbeit gegründetes Eigen-
tum erst einführen!^)
Und wenn wir nun auch von dem einmal entstan-
denen Kapitaleigentum, als in "rechtlicher Übereinstim-
mung mit den — wie wenig rechtlich auch diese selbst
sein mochten — bestehenden Zuständen entstanden, ab-
sehen wollen, so haben wir doch jedenfalls das unbestreit-
barste Recht, das noch "ungewordene Eigentum
der Zukunft durch eine andere Gestaltung der Pro-
duktion zum Arbeitseigentume zu gestalten.
Hoffentlich werden unsere Herren Bürger die feudale
Behauptung nicht aufstellen wollen, daß die Arbeiter
ihre glebae adscripti, ihre Leibeigenen seien, und daß,
auch nachdem das Herzensgeheimnis der heutigen Pro-
duktion durchschaut ist, das Volk diesen Produktions-
^) Aber unter Anerkennung und Berücksichtigung des gesell-
schaftlichen Charakters der Gesamtproduktion. Daß Lassalle
diesen Gesichtspunkt, den er soeben noch bei der Kritik des
kapitalistischen Eigentums so scharf betont hat, hier und bei
der Entwicklung seines Mittels fallen läßt, unterscheidet seine
Auffassung des Sozialismus von der heut In der Sozialdemo-
kratie geltenden Theorie. Zwischen seiner Kritik und seinem
Mittel besteht ein innerer Widerspruch, und nicht mit Unrecht
konnte Rodbertus sagen, daß das durch die Produktivgenossen-
schaften zu schaffende Eigentum Im sozialen Sinne eher noch
schlechter wirken würde, als das heutige kapitalistische Eigen-
tum. Vgl. die biographische Abhandlung, S. 221. D.H.
298
modus fortführen müsse, damit der Arbeiter fortfahren
müsse, zum besten des Kapitals zu f ronden.
Wehe ihnen, wenn sie eine solche Behauptung aufstell-
ten oder das Volk zur Überzeugung brächten, daß sie sie
aufstellen !
Wie aber — ■fragen Sie vielleicht — diesen Zustand
ändern, daß das leblose Arbeitsinstrument mit dem leben-
digen Arbeiter die Rollen tauscht und dessen Arbeitsertrag
an sich reißt, wenn er doch, wie wir ja selbst entwickelt
haben, die notwendige Folge der Teilung derArbeit
ist? —
Sehr einfach ! Es handelt sich keineswegs darum, mit
der Teilung der Arbeit, dieser Quelle aller Kultur, zu
brechen, sondern bloß darum: das Kapital wieder zum
toten, dienenden Arbeitsinstrument zu de-
gradieren. Es handelt sich nicht dämm, die Teilung
der Arbeit aufzuheben, sondern vielmehr darum, s i e
weiter zu entwickeln.
Teilung der Arbeit ist bereits an sich gemeinsame
Arbeit, gesellschaftliche Ver bindung zur Produktion.
Dies, was sie an sich bereits ist, braucht nur an ihr ge-
setzt zu werden. Es ist also nur erforderlich in der
gesamten Produktion die individuellen Produk-
tionsvorschüsse — aus welchen die oben darge-
legte Überlassung des Produktionsertrages an den Unter-
nehmer und die Abführung alles Produktionsüberschusses
über den Lebensunterhalt an ihn folgt — aufzuheben
und die ohnehin gemeinsame Arbeit der Gesellschaft
auch mit den gemeinsamen Vo rschüssen -der-
selben 201 betreiben, und den Ertrag der Produktion
an alle, die zu ihr beigetragen haben, nach Maßgabe
dieser ihrer Leistung zu verteilen.
Das Übergangsmittel hierzu, das leichteste und
209
mildeste Übergangsmittel — sind die Produktiv-
assoziationen der Arbeiter mit Staats-
kredit.
Und darum müssen diese Assoziationen sein und
darum werden sie sein, und wenn Sie bersteten, Herr
Schulze, und wenn alle We 1 1 berstete ! Denn unser
Volk hungert und verdummt! Es ist bereits s o
sehr verdummt, daß es S i e für einen Vorkämpfer hält,
und Sie begreifen — das darf nicht sein !
Es ist das mildeste Übergangsmittel, sage ich; es
ist noch keineswegs, wie ich bereits in meinem ,, Arbeiter-
lesebuch" (p. 41^) hervorgehoben habe, die ,, Lösung
der sozialen Frage", welche Generationen in Anspruch
nehmen wird, aber es ist das organische, unaufhaltsam
zu aller weiteren Entwicklung treibende und sie aus sich
entfaltende Senfkorn hierzu^).
1) Bd. III, S. 243 unserer Ausgabe. D. H.
-) Gerade weil dieses Übergangsmittel so milde und so
praktisch ausführbar ist — und dennoch den organi-
schen Keim aller weiteren Entwicklung in sich enthält
— hat mein Vorschlag jenes namenlose Wutgeschrei der Bour-
geoisie in allen ihren Zeitungen hervorgerufen und gerade
hierdurch meiner Agitation erst die Möglichkeit der großen
Umrisse gegeben, die sie angenommen hat. Dies wäre nicht der
Fall gewesen, wenn ich welter gegangen und irgendeine ab-
strakte Forderung aufgestellt hätte, welche die Bourgeoisie
dann als ungefährliche Sektlererel ruhig totgeschwiegen hätte.
— Eine theoretische Leistung und eine praktische Agi-
tation, wie ich sie durch mein ,, Antwortschreiben" und die ihm
folgenden Reden Ins Werk gesetzt habe, haben in einer Hin-
sicht ein ganz entgegengesetztes Gesetz, Eine theoretische
Leistung ist um so besser, je vollständiger sie alle, auch die
letzten und entferntesten Konsequenzen des In ihr entwickelten
Prinzips zieht. Eine praktische Agitation umgekehrt, ist um
so mächtiger, je mehr sie sich auf den ersten Punkt
300
Was könnten Sie wohl gegen dieses Mittel einwenden ?
Sie selbst haben sich bereits unter dem Drucke meiner
Agitation nicht nur für die Produktivassoziationen
konzentriert, aus dem dann alles weitere folgt. Nur muß
es eben ein solcher Punkt sein, der bereits alle weiteren Kon-
sequenzen in sich trägt und aus welchem sie sich mit organi-
scher Notwendigkeit entwickeln müssen. Sonst steht er von
vornhereiii nicht auf der theoretischen Höhe, d.h. ist von
vornherein ein totes Palliativ, ein stupider Behelf, der weder
Folgen haben, noch auch nur selbst zustande kommen, sich
durchsetzen kann, wie z.B. alle Forderungen der Fort-
schrittspartei, die Ihre Ehre dahineinsetzt, nicht auf der theo-
retischen Höhe zu stehen und dies für „praktisch" hält. —
In Deutschland versteht man die Bedingungen praktischer
Agitation nur noch sehr schlecht. Damit hängt es zusammen,
daß unter der Sündflut von liberalen Kritiken hier und da
auch wohlwollende Kritiker auftauchten, welche mir vorwarfen,
daß ich bloße geänderte „Verteilung des Produktions-
ertrages" statt ,, Vermehrung des Produktionser-
trages" wolle und auf das Banner der Bewegung gesetzt habe!
Allerdings sind solche Einwürfe eine Folge der bei uns herr-
schenden Hyperkrltlk, vermöge welcher jeder, nachdem er die
Worte des andern gehört, und ohne sich die Mühe zu geben,
dieselben zu ihren notwendigen Konsequenzen fort-
zudenken, sich sofort zum Besserwissen berufen fühlt. Aller-
dings ist ,,Vermehrung der Produktion" eine unerläß-
liche Bedingung jeder Verbesserung unserer sozialen Zu-
stände. Aber sie Ist auch eine unausbleibliche Folge der
von mir geforderten Produktivassoziationen, i s t eben die prak-
tische Maßregel, welche diese Wirkung im höchsten
Grade hat. Diese Folge konnte freilich nicht in dem „Antwort-
schreiben" (2 1/4 Bogen) entwickelt werden, da gedrängteste
Kürze die erste Bedingung von Agitationsschriften ist.
Im „Arbeiterlesebuch" (p. 51 [Bd. III, S. 264 unserer Aus-
gabe. D. H.]) wurde sie bereits nachdrücklich von mir an-
gedeutet. Aber hier erst, als in die an die praktische Agitation
sich anschließende theoretische Leistung gehört die Entwicklung
301
erklärt^), sondern sogar, wie Sie in der Sitzung des
hiesigen Arbeitervereins vom 21. Juni 1863 (s. Volks-
zeitung vom 23. Juni 1863) mitteilten, hunderttausend
Taler von den Besitzenden aufgebracht, um solche Pro-
duktivassoziationen ins Leben rufen zu können. Zwar haben
wir seitdem nicht gehört, was hieraus geworden und welche
Produktivassoziationen hiermit gegründet worden seien.
Aber abgesehen hiervon, sehen Sie denn nicht, daß Sie
der Produktionsvermehrung her, die aus der Assoziation folgen
muß, und wird oben im Text im nachfolgenden kurz dargelegt
werden, wobei solche ganz von selbst auf der Hand liegende
Ursachen, wie größerer Fleiß, Schonung des Materials von
Seiten der Arbeiter infolge ihres Interesses etc. etc. billig weg-
bleiben. Auf das Banner der Bewegung gehörte aber nur die
geänderte Verteilung des Produktionsertrages, nicht die
Produktionsvermehrung, einmal, weil die Produktivasso-
ziation eben die körperliche, praktisch-greifbar©
Maßregel darstellt, von der diese nur die Folge ist, nicht um-
gekehrt; zweitens weil eben deshalb geänderte Verteilung
des Produktionsertrages ein sinnlich faßlicher
Agitationsruf Ist, geeignet, die Massen des Volkes zu
ergreifen, und In Bewegung zu setzen. Vermehrung der
Produktion Ist dagegen. Im Vergleich mit jener geänderten Ver-
teilung, schon eine gelehrte Reflexion, und wer sich erst mit
solchen trägt, von dem Ist auch soviel Denkkraft zu verlangen,
daß er von selbst sieht, wie sie eine Folge der Produktiv-
assoziation sein muß.
(Heute schreibt die Sozialdemokratie einfach „geänderte
Regelung der Produktion" auf ihr Banner, sowohl im Sinne
einer Erhöhung als auch einer besseren Verteilung des Produk-
tionsertrages. Das zweckmäßigste Wie der Erreichung des
ersteren bleibt ebenso der praktischen Erfahrung überlassen als
die Einzelheiten über das Wie des letzteren. D. H.)
^) Eine unrichtige Behauptung, gegenüber der sich Schulze-
Delltzsch auf seine 1858 erschienene Schrift über das Asso-
ziationswesen berufen koimte. D. H.
302
mit dieser Handlung selbst Ihr Prinzip „die Selbst-
hilfe" aufgegeben, seine Verlogenheit und Unmöglich-
keit eingestanden und mir alles eingeräumt haben, v/as ich
nur wünschen kann ?
Sie haben also jetzt eingestanden, daß der Ar-
beiterstand nicht durch ,,S elbsthilf e" sich vorwärts
bringen kann, obwohl Sie in Ihrem ,, Katechismus" dies
unausgesetzt als die absolute Bedingung
wiederholen^). Wenn Sie jetzt eingestehen, daß es mit
der „Selbsthilfe" nichts ist, daß der Arbeiterstand die
Kapital- oder Kredithilfe außerhalb seiner suchen muß,
so suchte er sie doch unter allen Umständen lieber bei
der Gesetzgebung, wobei er ein freier Mann
bleibt, als bei den Manchestermännern, wobei er des gnä-
digen Herrn gehorsamer, kastrierter Diener wird.
Und sehen Sie denn nicht ferner, daß mit einer sol-
^) Siehe z. B. Katechismus, p. 81 : „Getragen vom Gefühl
der eigenen Kraft, werden sie sich niemals um den Preis einer
Unterstützung, deren sie nicht bedüi-fen, in die Abhängigkeit
niederdrücken lassen, die jeden trifft, der sich in der wichtig-
sten Existenzfrage auf den guten Willen anderer, auf
fremde Gnade stützt." Oder p. 123: ,,Wer von einem
andern, und sei es der Staat, Unterstützung an-
spricht, der räumt diesem die Obmacht, die Aufsicht über
sich ein, und verzichtet auf seine Selbständigkeit. Das wäre ein
Aufgeben seiner selbst etc. etc. Es wäre ein Abfall vom Geiste
der Vorfahren, ein Verrat an den Nachkommen etc."
Hier geben Sie sogar in den Worten von einem andern,
und sei es der Staat," zu, daß die Unterstützung von einem
andern, als dem Staat, noch schlinmier sei.. Und so be-
kämpfen Sie p. 78 die Unterstützungen, die „von den reiche-
ren Gesellschaftsklassen ausgehen; vgl. p. 128 und fast
jede Seite Ihres Buches. Und nun begehen Sie auf einmal
selbst den „Verrat", von diesen Klassen 100000 Taler auf-
zubringen !
303
chen läclierlichen Summe, wie Sie sie von liberalen Kom-
merzienräten zur besseren Betörung der Arbeiter zusam-
menbringen können, vielleicht einer winzigen Handvoll
Arbeiter geholfen, und diese in bürgerliche Bedingungen
versetzt, zu Bourgeois umgewandelt werden könnten, nie-
mals aber dem Arbeiterstande geholfen, niemals
die oben analysierte Kapitalfessel gesprengt werden kann ?
Aber auch nicht einmal dieser Handvoll Arbeiter würde
geholfen werden. Denn begreifen Sie eins ! In jedem
Gesellschaftszustande richtet sich alles nach der vor-
herrschenden Strömung und empfängt deren Gesetz.
,,Id quod plerumque fit-* ■— Sie erinnern sich doch dessen
noch ? - — ,,Das, was meistens geschieht", bestimmt jeden
einzelnen Kasus. Daher kommt es, daß sich die öko-
nomischen Fragen immer nur im großen, nie im klei-
nen lösen lassen. Nichts würde der , .freien Konkurrenz"
leichter sein, als eine Handvoll assoziierter Arbeiter zu
erdrücken. Wie die großen Bataillone auf dem Schlacht-
feld, so sind es immer die großen Arbeitermassen, die
großen KapitaKen, die auf dem ökonomischen Felde
den Sieg entscheiden. Eben deshalb würde freiHch wieder
nichts leichter sein, als die „freie Konkurrenz", welche
jetzt den Arbeiter erwürgt, in ein Instrument seiner
Befreiung umzuwandeln. Aber dazu wäre also zuvor
erforderlich, die großen Bataillone auf selten der
Arbeiter, auf selten der Assoziationen zu bringen.
Und dies vermag allein der Staat, welcher, wie auf
dem Schlachtfeld, so auch auf dem ökonomischen Felde
durch den Staats kredit immer noch allein derjenige
ist, welcher die großen Arbeiterbataillone in Bewegung
setzen und den Sieg damit bestimmen kann.
Dies leitet von selbst zu der Widerlegung jenes Ein-
wandes, auf den Sie das Haupt gewicht zu legen schei-
304
nen. Wie soll der Staat ein solches RisiJto übernehmen,
rufen Sie aus !
Das Risiko ist eine Illusion, Herr Schulze !
In der Tat, der Unternehmer Peter und der Unter-
nehmer Paul laufen Gefahr, bei der Produktion ihr Ka-
pital zu verlieren. Denn es ist möglich, daß die Unter-
nehmer Christoph, Gottlieb und Johann ihren Absatz an
sich reißen.
Wenn aber der einzelneProduzent diese Gefahr
läuft, so läuft d i e Produktion doch durchaus keine solche
Gefahr. Die Produktion ist von stetigem Gewinn und
Wachstum begleitet. Lesen Sie nur das erste beste stati-
stische Buch darüber nach, in welchem beständigen jähr-
lichen Zunehmen das in der Produktion angelegte Natio-
nalkapital begriffen ist.
Es wird Ihnen nun einleuchten, daß, wenn der Staat
zu einer solchen Befreiung der Arbeit im großen sich
entschlösse, sich in jeder Stadt nicht einzelne Arbeiter,
sondern alle Arbeiter des betreffenden Gewerkes, also
das ganze Gewerk selbst, oder mindestens alle
solche Arbeiter desselben, die sich überhaupt zu Pro-
duktivassoziationen vereinigen wollen, zur Assoziierung
melden v/ürden.
Wollten Sie hieran im mindesten zweifeln, so mache
ich Sie darauf aufmerksam, daß schon in Paris im Jahre
1848, als der Staat nach der Junirevolution, um den
siegreich niederkartätschten Arbeitern scheinbar gerecht
zu werden, durch Dekret vom 5. JuH 1848 die lächer-
liche Staatssubvention von 3 Millionen Franken für
Arbeiterassoziationen bewilligt hatte, diese Erscheinung
als der natürliche Trieb der Massen nachdrücklich her-
vortrat.
So meldeten sich in Paris 30000 Schuhmaclier, um
20 LaäsaUe, Ges. Sctriften, Band V. 305
eine einzige Schuhmacherassoziation zu bilden^). Selbst-
redend, daß sie der zur Bewilligung jener Subventionen
niedergesetzte Conseil d'encouragement, jener „Ermuti-
gungsrat", der ein wahrer ,,E nt mutigungsrat war" mit
ihrem Gesuche abwies^).
^) Etudes sur les assodationes ouvrieres par Mr. le vicomte
Lemercier, p. 92.
^) Lassalle verfällt hier in einen Irrtum. Nicht 30 000 Schuh-
macher meldeten sich bei dem „conseil d'encouragement", dem
damals noch eine Anzahl sehr eifriger Anhänger des Asso-
ziationsgedankens angehörten, sondern, heißt es an der von
Lassalle zitierten Stelle bei Lemercier, der übrigens meist nur
Andre Cochut, Les Associations ouvrieres, Paris 1851, nach-
schreibt: ,,ein einziges Projekt einer Assoziation von Schuh-
machergehilfen sollte 30000 Personen umfassen" (,,vm seul
projet d'associations entre ouvriers cordonniers devait reunir
trente mille personnes"). Es hatten nämlich, als der Be-
schluß bekannt woirde, Assoziationen von Staatsvvegen zu unter-
stützen, große Versammlungen von Schuhmachern Resolutionen
im obigen Sinne zugestimmt. Aber erstens waren das im gün-
stigsten Falle vielleicht ein Drittel oder ein Viertel der Ge-
samtzahl der Pariser Schuhmachergehilfen, und dann darf man
solche improvisierten Beschlüsse doch nur als das nehmen, was
sie in der Tat sind: Sympathiebezeugungen für eine Idee, von
denen selbst bei günstigen Bedingungen bis zur Ausführung
immer noch ein guter Schritt ist. Jedenfalls kann dem Er-
mutigungsrat kein Vorwurf daraus gemacht werden, daß er bei
seinen beschränkten Mitteln sich auf ein so vages Projekt
nicht einließ — man denke, er hatte im ganzen nur drei Mil-
lionen Franken für alle Zweige des Ackerbaus und der In-
dustrie in ganz Frankreich zu vergeben!
Ahnlich wie mit den Schuhmachern stand es mit den Schnei-
dern. Bei diesen herrschte nach Cochut und Lemercier gerade
,,tote Saison" als die Nationalversammlung den KreJit für die
Gründung von Produktivgenossenschaften bewilligte. Überhaupt
lagen die Geschäfte zu jener Zeit sehr darnieder. Die Massen-
werkstatt in den Räumen des alten Schuldgefängnisses war
306
So umfaßte die beabsichtigte „association fraternelles
des tailleurs", „die brüderliche Assoziation der Schnei-
der" sämtliche und zwar über 20000 Schneider in Paris,
mehr ein Notstandsunternehmen als eine Produktivassoziation
gewesen. Die Stadtvertretung motivierte die Zurückziehung des
Kontraktes damit, daß die Lieferungszeiten nicht innegehalten
worden seien, kolossale Materialvergeudung stattgefunden habe
eto. etc., aber dem Komitee der Arbeiter gelang es, nachzu-
weisen, daß die Schuld nur zum verschwindenden Teil ihnen
zur Last fiel, und auch dies nur, well im Anfang man mit un-
geübten Zuschneidern zu tun hatte. Im ganzen schienen die Ar-
beiter — es v/aren natürlich keine 20000, die wären mit den
100000 Uniformen bald zu Ende gewesen — sich vielmehr
ganz vorzüglich gehalten zu haben. Indes, wie gesagt, zwischen
einer Gruppe Arbeitern, die einen bestimmten Auftrag zu be-
stimmten Bedingungen ausführt, und einer selbständig wirt-
schaftenden Produktivassoziation besteht ein sehr großer Unter-
schied.
Was die Klempner und Weißgießer anbetrifft, so haben
wir es da auch mit Versammlungsbeschlüssen zu tun, bei denen
man sogar auch die Meister mit in die Assoziation übernehmen
wollte. Aus den anderen Industrien dagegen liefen Gesuche von
allerhand Teilgruppen ein, die vorläufig auch nichts anderes als
für ihren eigenen Profit arbeitende Assoziationen sein wollten;
so von Angehörigen des Buchdruckergewerbes 19, von Metall-
arbeitern 18, von Webern 16, von Spinnern und Bauhand-
werkern je 22 Gesuche etc. Die Erfahrungen mit den Produk-
tivgenossenschaften des Jahres 1848 sind solche, daß sie sich
weder für, noch gegen die Lasallesche Idee verwenden lassen.
Sie beweisen nur, daß zu jener Zeit auf Seiten der Arbeiter
sehr viel guter Wille, aber auch sehr viel Unklarheit vorhanden
war. Die wahnsinnigsten Projekte liefen bei dem Ermutigungs-
rat ein, die zu entmutigen nicht nur die Rücksicht auf den
Geldbeutel, sondern auch die auf den gesunden Menschen-
verstand gebot.
Was beiläufig die Geldmittel anbetrifft, so ist folgende Be-
merkung des Herrn Thiers an den Berichterstatter des Ar-
307
und schon am 28. März 1848 hatten sie einen Kontrakt
mit der Stadt Paris über die Lieferung von 100000 Uni-
formen abgeschlossen und sich in den Räumen des durch
die Aufhebung der Schuldhaft disponibel gewordenen Ge-
fängnisses von Clichy zur Ausführung dieses Kontraktes
niedergelassen. Aber unter dem Vorwand, daß diese große
Anhäufung von Arbeitern an einem Orte für die öffent-
liche Ruhe gefährlich sei, wurden sie einige Wochen nach
der Junischlacht aus den Sälen von Clichy verjagt und
die Stadt brach ihnen auf das Schmählichste unter Zah-
lung einer Entschädigung von 30000 Frks. den mit ihnen
abgeschlossenen Kontrakt. Von einer Subvention war erst
recht nicht die Rede^).
Ebenso beabsichtigte die ganze Korporation der
,,ferblantiers-lampistes", der Klempner und Weißgießer,
schon seit dem 12. März 1848 eine Assoziation zu grün-
den. Aber auch den Klempnern wurde die Staatsunter-
stützung verweigert^).
Sie sehen also, daß im Arheiterstande von selbst der
lebendige Trieb vorhanden ist, immer einen ganzen
Produktionszweig in einer Stadt in eine Asso-
ziation zu konzentrieren. Überdies würde der Staat diesem
beiterkomitees, dessen Antrag die Kammer am 5. Juli 1848 un-
verändert annahm, bezeichnend: „Nicht drei Millionen mußtet
ihr von uns fordern, sondern zwanzig Millionen, und wir hätten
sie euch bewilligt. Ja, zwanzig Millionen wären nicht zu viel
gewesen, eine eklatante Erfahrung zu machen, die euch alle
von dieser großen Torheit kuriert hätte." D. H.
^) Siehe Lemercier a. a. O., p. 136 bis 145, Ich bemerke
dabei ausdrücklich, daß der Vicomte von Lemercier, auf den
ich mich für die obigen und noch einige folgenden Tatsachen
beziehe, ein Reaktionär und den Arbeiterassoziationen im
ganzen abgeneigt Ist.
-) Lemercier a. a. O., p. 146 bis 149.
308
Triebe nachhelfen, indem er in jeder Stadt nur einer
Assoziation in jedem besonderen Gewerkszweige den
Staatskredit zuteil werden ließe, allen Arbeitern dieses
Gewerkes den Eintritt in dieselbe natürlich offen haltend.
Es würde dem Staat natürlich nicht in den Sinn kom-
men, innerhalb der Arbeiterwelt dieselben
Erscheinungen einzuführen, welche die Bourgeoisie
charakterisieren, und auch die in kleinen Gesellschaften
gruppierten Arbeiter in konkurrierende Bour-
geois zu verwandeln. Das lohnte der Mühe ! Kurz, wie
auch in meinem ,, Antwortschreiben" durch den Kredit-
und Assekuranzverband der Assoziationen hinreichend an-
gedeutet war : die Produktivassoziationen, das
ist die an jedem Ort in die verschiedenen Produktions-
zweige zerfallende Produktivassoziation! Es wäre
also sehr bald an jedem Orte immer ein ganzer Pro-
duktionszweig in eine einzige Assoziation kon-
zentriert, und jede Konkurrenz zwischen Assoziationen
einer Stadt von vornherein unmöglich, wodurch, wie Sie
sehen, für die Assoziation das Risiko, welches der
einzelne Unternehmer für sein Kapital läuft, besei-
tigt ist und die Assoziation sich der gesicherten,
immer vorschreitenden Blüte bemächtigt, welche ,,der
Produktion" eigen ist.
Überdies habe ich schon, wie bereits bemerkt, in meinem
,, Antwortschreiben" (p. 28^)) darauf aufmerksam ge-
macht, wie nicht nur ein Kredit verband die sämt-
lichen Arbeiterassoziationen, sondern auch ein Asse-
kuranzverband entweder sämtliche Arbeiterassozia-
tionen überhaupt oder zunächst vielleicht praktischer bloß
sämtHche Arbeiterassoziationen im Lande innerhalb
desselben Gewer kzweiges umfassen und alle
1) Bd. III. S. 76/77 dieser Ausgabe. D.H.
309
etwaigen Verluste zur Unmerklichkeit ausgleichen könnte.
Auch sehen Sie beiläufig, daß durch die gegenseitige Mit-
teilung und Einsicht der Bilanzen und Geschäftsbücher
innerhalb der Assoziationen desselben Gewerkes im
Lande das gleiche Mittel gegeben wäre, solche Pro-
duktionszweige, die aus besonderen Ursachen in
einer bestimmten Stadt nicht blühen können, in dafür
vorteilhafter gelegene Orte zu versetzen.
Das Risiko des Kapitals existiert also für die Ar-
beiterassoziationen nicht, weil es nur für jeden der kämp-
fenden, konkurrierenden Produzenten durch diesen Kampf
selbst, nicht aber für d i e Produktion, welche durch die
Assoziation dargestellt wird, existiert !
Sie sehen hier auch recht deutlich wieder, wie Ihnen
Stück für Stück Ihr ganzes Rüstzeug, mit welchem Sie
und die liberale Schule den Kapitalprofit begründen wollen,
zusammenbricht.
Das , .Risiko" soll der gerechte und hauptsächliche
Grund des Kapitalprofits sein! Nun, wäre dem selbst so,
so sehen Sie jetzt, daß dies doch höchstens eben nur von
der jetzigen Welt gilt, daß es aber ein Mittel gibt,
die Produktion s o zu gestalten, daß alles Risiko und
damit auch jede Gerechtigkeit des Kapitalprofits ver-
schwindet. Mit anderen Worten : das Risiko ist nur
eine rein negative Erscheinung. Es ist nur, wie ich
Ihnen oben entwickelt (p. 208O) die Rache für das
Übel, die konsequente Rache dafür, daß statt der
Arbeit das Kapital als erwerbend ^) gesetzt ist. Be-
1) S. 295 dieser Ausgabe. D. H.
") Wohl ein Druckfehler, für ,, werbend ', welches Wort
Lassalle vorher wiederholt gebraucht hat. „Erwerben tut der
Arbeiter auch, aber seine Arbeit ,, wirbt" nicht im Sinne der
bürgerlichen Ökonomie, d. h. sie bringt ihrem Urheber keinen
310
seitigt man das Übel, so fällt damit auch die negative
Rache für dasselbe, die sich nach Ihrer und der libe-
ralen Ökonomen geistreichen Weltanschauung in einen
positiven Recht sgrund für das Übel verwan-
delt, von selbst weg ! —
Stück für Stück, sage ich, bricht Ihr ganzes Rüstzeug
zusammen, und so jämmerlich, daß dies jetzt selbst den
blödesten Augen klar sein muß. Denn ebenso ergeht es
jetzt der , .geistigen Arbeitsvergütung" für die Geschäfts-
leistung, die nach Ihnen die Natur des Untemehmerge-
winns bilden soll. Wenn es den Herren Bürgern wirklich
nur um ihren , .geistigen Arbeitslohn" zu tun ist,
der aber in Wahrheit nur ein winziges, winziges Teilchen
des heutigen Unternehmereinkommens ist, — sehen Sie
denn nicht, Herr Schulze, daß sie diesen dann ebensogut
und noch reichlicher in diesen großen Arbeiterassozia-
tionen finden würden und also gar keinen Grund hätten,
sich gegen diese Maßregel zu ereifern ? Denn Geschäfts -
leiter, Fabrik- und Betriebsdirektoren, Buchhalter, Kas-
senführer, kurz geistige Leistung aller Art würden ja
auch diese großen Assoziationen brauchen, und die Herren
Bürger könnten sich da also sehr nützlich machen und
ihren ,, geistigen Arbeitslohn" ebensogut da, wie heut in
ihren Geschäften verdienen. Ja, dieser geistige Arbeits-
lohn würde dann weit reichlicher sein, als was heute für
geistigen Arbeitslohn gezahlt wird, oder in dem heutigen
Unternehmereinkommen wirkhch hierauf zu rechnen ist.
Denn ich habe Ihnen bereits in meinem ,, Arbeiterlese-
buch" (p. 53-^) nachgewiesen, wie die Erhöhung der
Überschuß ein über seine notwendigen Unterhaltskosten. Über
Lassalles Behandlung der Frage des ,, Risiko" vgl. meine bio-
graphische Abhandlung, S.218'219. D.H.
1) Bd. III, S. 264 dieser Ausgabe D. H.
311
Bezahlung der unqualifizierten, gewöhnlichen Arbeit auch
eine entsprechende Erhöhung der Bezahlung aller quali-
fizierten und geistigen Arbeit hervorbringen muß,
Soll ich erst noch ein Wort über Ihr vortreffliches»
Argument verlieren, wie sehr der ,,S teuer s äckel"
durch eine solche Staatsmaßregel belastet werden würde ?
Dieser „Steuers äckel" würde zu diesem Zwecke
gar nicht einmal gezogen zu werden brauchen ! Alles Ka-
pital ist Produktions Vorschuß, welcher sich in der Pro-
duktion im Erlös der Produkte von selbst ersetzt, und
zerfällt in zwei Abteilungen : 1. zirkulierendes Ka-
pita 1 ; dieses ersetzt sich in der Produktion im Laufe
eines Jahres, selbst weniger Monate ; ja, es wird zum
großen Teil von den Unternehmern, die selbst wieder
bei ihren Rohstofflieferanten Kredit in Anspruch neh-
men, erst bezahlt, nachdem es sich bereits in dieser
Weise ersetzt hat. Diesen Kredit würden aber die
einmal durch den Staatskredit gesicherten Arbeiterasso-
ziationen ebensogut bei den Lieferanten ihrer Rohstoffe
finden, wie die allerreichsten Privatunternehmer, und was
das noch übrig bleibende Geldbedürfnis hierfür beträfe,
so würde es durch die bloße Anweisung an die König-
liche Bank, die Wechsel dieser Arbeiterassoziationen zu
diskontieren, mehr als hinreichend befriedigt werden.
2. stehendes Kapital. Auch dieses wird in unserer
industriellen Produktion in der Regel innerhalb einer kur-
zen Reihe von Jahren amortisiert. Und dieses Kapital
vorzuschießen würde, wie ich Ihnen bereits in meinem
,, Arbeiterlesebuch" (p. 46ff. ^)) nachgewiesen habe,
durch eine Staatsbank mit Leichtigkeit bewerkstelligt
werden können, so daß der „Steuersäckel" für diese
1) Bd. III. S. 252 ff. dieser Ausgabe. D.H.
312
Wie<dergeburt des Menschengeschlechts nicht einmal in
Anspruch genommen zu werden braucht^).
Ich habe Ihnen gezeigt, wie die Produktivassoziation
der Gesellschaft den unendlichen Vorteil bringen würde,
das Risiko des Kapitals und die damit zum Teil ver-
bundenen wirklichen Kapitalzerstörungen zu
vermeiden. Wollen Sie im Fluge einige andere Quellen
einer immensen Bereicherung der gesamten Gesell-
schaft betrachten, welche dieser Produktionsmodus er-
öffnen würde ?
Wir haben gesehen, wie die sämtlichen Arbeiterasso-
ziationen im Lande in einen Kreditverband und
mindestens zunächst die Assoziationen desselben Pro-
duktionszweiges im Lande in einen Assekuranz-
verband treten würden.
Sie begreifen nun also von selbst, daß alle diese Asso-
ziationen sehr bald den natürlichen Trieb zu einer ein-
heitlichen Organisation untereinander empfinden
würden, und wäre es mindestens zunächst auch nur s o -
^) Wir gehen auf verschiedene, schon früher erörterte Ein-
würfe auf den Lassalleschen Finanzplan und die Ausmalung
der Funktionen der Produktivgenossenschaften nicht noch ein-
mal ein. Daher kurz nur soviel : was Lassalle hier und im
folgenden von der Produktivgenossenschaft sagt, sind sogenannte
petitiones prindpii, Sätze, deren Voraussetzungen noch un-
bewiesen sind, denn auf die schwierigsten Fragen, die sich
hierbei erheben, geht Lassalle einfach nicht ein. Welches Motiv
kann z. B. die Assoziation, wie er sie sich dachte, veranlassen,
arbeitssparende und damit Arbeiter überflüssig machende Ma-
schinen einzuführen? Würde es stark genug sein, die ihm ent-
gegenwirkenden Motive zu überwinden? Bevor diese Frage
nicht befriedigend beantwortet ist, kann man auch nicht apo-
diktisch behaupten, daß jene Assoziation eine größere Steige-
rung der Produktion zur Folge haben werde als die kapitali-
stische Konkurrenz. D. H.
313
weit, um sich gegenseitige Kenntnis von dem Zu-
stande und den Bedingungen der gesamten Produktion zu
geben. (Bei diesen Worten, Herr Schulze, reißen Sie
sich und Ihre ganze, an die bei dem heutigen Geschäfts-
betrieb aus guten Gründen stattfindende Geheimniskräme-
rei gewöhnte kleinbürgerliche Welt vor Wut und Ver-
zweiflung die Haare aus!) Auch hat sich dies natürliche
Bedürfnis zur Solidarisierung aller Produktion im
Arbeiterstande sofort im Jahre 1848 in Paris gezeigt.
Gegen Ende 1848 ernannten zu dem Zweck, alle Asso-
ziationen untereinander in gewissen Grenzen zu zentrali-
sieren, die in Paris bestehenden Arbeiterassoziationen hun-
dert Delegierte, die sich als ,,Chaml)re du travail", als
,, Arbeitskammer" konstituierten. Aber ,,le pouvoir les
empecha bientöt de se reunir", ,,die Staatsgewalt verhin-
derte sie sehr bald zusammenzukommen" ^).
Allein das Bedürfnis der Solidarität war zu leben-
dig im Arbeiterstande, um dem ersten Polizeihindernis
zu weichen. Im Oktober 1849 führte dieses Bedürfnis
von neuem zu der Entstehung der ,, Union fraternelle des
associations", ,, Brüderlichen Vereinigung der Assozia-
tionen". Aber am 29. Mai 1850 wurden diese Delegierten,
49 an der Zeihl, versammelt rue Michel le Comte, am
Sitze der Gesellschaft, um den Bericht über die Arbeiten
der Kommission entgegenzunehmen, verhaftet, in Mazas
eingekerkert und nach fünfmonatlicher Untersuchungshaft
von dem Assisenhofe unter dem Vorwand, eine geheime
politische Gesellschaft gebildet zu haben, ver-
urteilt ! !
Sie sehen, Herr Schulze, wie Ihre ganze kleinbürger-
liche crapule nur noch dank der Polizeigunst existiert, die
ihr der Staat gewährt !
^) Lemeroier a. a. O., p. 194.
314
Wehe ihr, wenn er eines Tages auf andere Gedanken
kommt !
Zunächst also, sage ich, würde diese einheithche Or-
ganisation aller Assoziationen im Lande untereinander min-
destens so weit gehen, sich gegenseitig Kenntnis von
dem Zustand und den Bedingungen der gesamten Pro-
duktion zu geben. Und sehen Sie also nicht, daß in den
Geschäftsbüchern dieser sämtlichen Assoziationen
und durch die zur Kenntnisnahme derselben niedergesetz-
ten Zentralkommissionen die wahrhafte Grund-
lage für eine wissenschaftliche Statistik des
Produktionsbedarfes und hierin also bald genug die Mög-
lichkeit gegeben wäre, die Überproduktion zu ver-
meiden ? Und selbst solange dies noch nicht völlig möglich
wäre, würden sich die Überproduktionen, da diese Asso-
ziationen bei ihren gewaltigen Mitteln dem Bedürfnisse
konkurrierendenLosschlagens enthoben wären,
in einfache Vo rausproduktion verwandeln. Begrei-
fen Sie aber, was das heißt ? welche Quelle des Segens
und der Bereicherung es für die ganze Gesellschaft wäre,
ihr die Überproduktion und ihre Krisen zu er-
sparen ?
Werfen Sie den Blick auf eine andere immense
positive Bereicherung für die ganze Gesellschaft,
welche diese Gesamtproduktion herbeiführen
würde.
Haben Sie nie von der Kostenersparnis gehört,
welche durch die große Produktion bewirkt wird ?
Folianten müßte ich vollschreiben, wenn ich alles an-
führen wollte, was seit Arthur Yo u n g hierüber nach-
gewiesen worden ist ! Also nur beispielsweise einige wenige
Zitate, die mir zufällig gerade durch die Hände laufen.
Graf Rumford hat nachgewiesen, daß ein Backofen, der
315
bei der ersten Heizung 366 Pfund Holz erfordert, bei
ununterbrochener Heizung von der sechsten an nur je-
v/eilige 74 Pfund nötig hat^). Und Geheimrat Engel
hat gezeigt, daß bloß das Königreich Sachsen durch
Konzentrierung der Brotbäckerei in Fabriken mit un-
unterbrochenem Betriebe jährlich aliein an Brennmate-
rial mindestens eine Million Taler ersparen
würde ^). Derselbe Geheimrat Engel berechnet unter an-
derem (Zeitschrift pro 1856), daß ein Taler Anlage-
kapital in den Baumwollenspinnereien Sachsens in fol-
gender Weise produktiv ist :
Bei Baumwollenspinnereien von
unter bis aus 1000 Spindeln jährlich 17Ngr. 0,9 Pf.
von 1001 „ „ 2000 „ „ 28 .. 4,8 ..
von 5001 „ „ 6000 .. „ 31 ,. 4.7..
von über 12000 „ „ 36 .. 4.6 ..
Haben Sie also eine Vorstellung von der — selbst ab-
gesehen von der Ve rteilung — ungeheuren po-
sitiven Bereicherung der gesamten Gesell-
schaft, welche infolge dieser Kostenersparnisse und
Steigerung der Produktionserträge durch die Konzentrie-
rung der Produktion und jene großen Assoziationen her-
beigeführt würde ?
Sie sehen, dieselbe würde nicht nur die Distribu-
tion umgestalten, sondern auch durch die Beseitigung
der heutigen zerbröckelten Produktion die Produk-
tion selbst in einem ungeahnten Grade vermehren^).
^) Kleine Schriften, I. Beilage Nr. 28.
2) Statist. Zeitschrift. 1857. S.54.
^) über die Bereicherung, welche durch die konzen-
trierte Produktion, durch Unterdrückung von Spesen,
Transportkosten etc. gegeben wäre, kann mein schon Sir Wil-
liam Petty nachsehen, wo er die Vorteile der großen Städte
316
Werfen Sie von hier aus einen Blick auf den Welt-
markt! Der Nation gehört der We 1 1 m a r k t , welche
sich zuerst zur Einführung dieser sozialen Umwandlung
in großartigem Maßstabe entschließt ! Er wird die ver-
diente Belohnung ihrer Energie und Entschlußfähigkeit
sein. Die Nation, welche hierbei vorangeht, wird durch
die Billigkeit der konzentrierten Produktion zu den Ka-
pitalisten der anderen Nationen eine noch weit über-
legenere Stellung einnehmen, als England so lange
Zeit hindurch den Kontinentalnationen gegenüber durch
die größere Konzentrierung seiner Kapitalien behauptet
hat. —
Ich habe Ihnen bereits drei große Ursachen des ver-
mehrten Reichtums der ganzen Gesellschaft, welcher
durch die Produktivassoziationen bewirkt wird, aufge-
zeigt.
Kommen wir zu einer vierten, fünften und sechsten.
Mit Befriedigung können wur hier eintragen, daß sich
auch der neueste nationalökonomische Schriftsteller Eng-
lands, Mr. Henry Fawcett, gerade für die Ackerbau-
produktion, bei welcher man die Möglichkeit von
Arbeiterassoziationen besonders bezweifelt hat, sich mit
besonderem Nachdruck für dieselben ausspricht^).
Hierbei ist es zunächst am Ort, flüchtig den Grund
hervorzuheben, warum sogar nur bei der Produktivasso-
ziation auf großem Fuße der Ackerbau zu seiner ganzen
Ertragsfähigkeit gebracht werden kann. Die meisten Bo-
denameliorationen stellen einen Rentenkauf dar, die Ver-
ausgabung eines Kapitals, welches sich bei ihnen nur in
einer langen Reihe von Jahren als Rente ersetzt, nicht
für Industrie und Handel entwickelt, Several Essays in Poli-
tical Arithmetik, 4. Ausg. London, 1754, p. 29.
^) Manual of Political Economy. London, 1853, p. 292.
317
aber auf einmal wieder als Kapital herausgezogen
werden kann. Bei der bestehenden Nötigung aber, jedes
hypothekarisch aufgenommene und durch die Bodename-
lioration in Rente verwandelte Kapital binnen einer kurzen
Anzahl von Jahren dem Gläubigsr wieder als Kapital
zurück zu gewähren, sind daher die wichtigsten und er-
tragreichsten Bodenameliorationen dem Grundbesitzer,
wenn er nicht zufällig auch noch außerdem großer
Kapitalist ist — und dies ist bekanntlich nur in den
allerseltensten Ausnahmen der Fall — so gut wie un-
möglich ^).
Erst die Produktivassoziation befände sich bei ihren
großartigen Mitteln in der Lage hierzu.
Auf die anderweitige aus dem großen Betrieb
hervorgehende Steigerung der Acker bauproduktivität, zu-
mal des Natural ertrages, kann hier nicht eingegangen,
sondern eben nur in diesen Worten hingedeutet werden. —
Verweilen wir aber einen Moment bei der Frage, wa-
rum Mr. Fawcett wohl die Produktivassoziation für noch
mehr angebracht hält bei der Ackerbau- als bei der In-
dustrieproduktion.
Seine Worte hierüber sind folgende : ,,The trade to
which the cooperative principle is applied ought not to
be of a speculative nature", ,,der Gewerbszweig,
auf welchen das kooperative Prinzip angewendet wird,
sollte nicht von einer spekulativen Natur sein."
Sieht man genau zu, so ist hierin ein sehr richtiges
Moment enthalten, welches aber wieder nur zu einem
weiteren großen Vorteil der Produktivassoziation um-
schlägt.
^) Vgl. die Broschüre von Rodbertus, Die Handelskrise
und die Hypothekennot der Grundbesitzer, 1857.
318
In der Tat, ein Talent ist der Bourgeoisie ganz
eigentümlich: das spezifische Spekulations-
talent. Dies spezifische Spekulationstalent löst sich
seinem realen Inhalt nach überall auf in die Frage : durch
welche Listen reiße ich am besten den Absatz oder das
Einkommen meines Mitproduzenten an mich ? Es ist das
aus der freien Konkurrenz hervorgehende Talent, welches
nicht die Steigerung und Vermehrung des gesamten Pro-
duktionsertrages, sondern die Verteilung desselben,
seine Umschüttung aus den Händen des einen Indi-
viduums in die des anderen zur Folge hat. Es ist das
Talent der Übervorteilung. Hierin steht, der Wahr-
heit die Ehre, die bürgerliche Periode unerreichbar da !
Von Jugend an erzogen in dieser Lebenslust der freien
Konkurrenz, ist dieselbe den Herren Bürgern zu einem
angeborenen Elemente geworden. Wie der Indianer in
den Wäldern die Spur des Wildes an Zeichen gewahrt,
welche dem Europäer schlechthin unverständlich sind, so
haben sie einen eigenen Sinn dafür erlangt, jede Über-
vorteilungsmöglichkeit auszuspüren.
Der Arbeiter ist produktiv, das produktive Talent
der Bourgeoisie teilt er vollkommen. Aber dieses spe-
kulative Talent derselben hat er allerdings nicht und
wird es hof fentKch n i e bekommen.
Ein Grund mehr, aus welchem es sehr möglich ist,
daß kleine Arbeiterassoziationen — wie sie Herr Faw-
cett sich denkt — von der Bourgeoisie erdrückt werden.
So wenig aber die Listen und Ränke des Fuchses dem
Tatzenschlag des Löwen gegenüber, so wenig die ge-
schärften Sinne des Indianers dem Peletonfeuer des Euro-
päers gegenüber aushalten, so wenig würde dies spekula-
tive Übervorteilungsgenie den großen Bataillonen
der Assoziation der Produktionszweige und
3ig
der durch sie bewirkten Billigkeit gegenüber auch nur
irgend in Betracht kommen. Und durch die glückliche
Beseitigung dieses Spekulationstalentes wäre ein weiterer
großer Vorteil gegeben, sowohl in sittlicher wie in
ökonomi scher Hinsicht. Denn allerdings führt dieses
spekulative Übervorteilungstalent eine Masse von „faux
frais" (unnützen Kosten) in seinem Gefolge, Annoncen,
Reklame, aufdringliche Handlungsreisende, trügerische
Etiketten, Fälschung der Warenqualität, Bezahlung von
Zeitungsredakteuren, Bestechung etc. etc. etc., kurz, Puffs
aller Art, zu denen jetzt mehr oder weniger jeder ge-
zwimgen ist, weil sein Konkurrent sie ergreift und die,
wenn sie auch in einzelnen Fällen lohnen, doch die Pro-
duktion in ihrem Gesamtdurchschnitt sehr er-
heblich verteuern.
Eine andere und große Bereicherung der Gesellschaft,
welche durch die Produktivassoziation entstünde, liegt in
der Veränderung der Richtung der Produktion,
welche dieselbe zur Folge hätte, und kann hier gleichfalls
nur kurz hingeworfen werden. Die Gegenstände der Pro-
duktion richten sich vorherrschend nach der Konsumenten-
zahl, die sie finden und werden durch diese bestimmt.
Konsumenten ohne Zahlmittel - - und somit heut der
Arbeiterstand für alles, was die unentbehrlichen Lebens-
mittel übersteigt — sind keine Konsumenten.
Indem durch die geänderte Verteilung des Produktions-
ertrages die Arbeiter In zahlungsfähige Konsumenten um-
gewandelt werden, werden sich die Produktionsgegen-
stände vorherrschend nach dem Bedürfnis und Geschmack
des Arbeiterstandes richten, d. h., es wird Im wesent-
lichen folgende Umwandlung eintreten : es wird dem Ge-
schmacke dieses Standes gemäß das Nützliche und
320
das Schöne^) produziert werden, nicht, wie heutzutage
in Gemäßheit des Geschmackes der Bourgeoisie, das
Teure, weil es teuer ist und weil sich also in ihm, ob
es auch noch so unnütz und unschön sei, der Reichtum
des Besitzers zur Schau stellen läßt. Die durch diese
veränderte Produktionsrichtung entstehende Vermehrung
des gesellschaftlichen Reichtums darf keineswegs als ge-
ringfügig angesehen werden.
Durch die nahe Verbindung des Staates mit der
Produktion, welche durch die Produktivassoziationen
hervorgebracht würde, wäre es endlich auch allein mög-
lich, eine Masse von Unternehmungen ins Werk zu setzen,
welche von den unermeßlichsten Folgen für die Wo h 1 -
fahrt und den Reichtum des Volkes wären und heut-
zutage dennoch von niemand unternommen werden kön-
nen. Es ist an und für sich und selbst abgesehen von
allen unseren bisherigen Erörterungen eine viel zu allge-
meine und daher durchaus unwahre Behauptung, daß die
freie Konkurrenz ein Mittel ist, den Reichtum der
Gesellschaft als solcher zu fördern; nur i n -
sofern ist dies wahr, als der hervorzurufende neue
Reichtum sich zugleich ganz oder zum Teil von den
unternehmenden Privatindividuen in Beschlag nehmen und
ausbeuten läßt. Nur unter dieser Bedingung hat ein
Individuum und ein Kapital unter der freien Konkurrenz
^) Mit Recht hebt Huber (Konkordia, p. 20) hervor, daß
die Assoziation der sogenannten Pioniers in Rochdale einen
öffentlichen Trinkbrunnen setzen ließ, der „meilenweit in
dem Gebiet der Dampfindustrie fast das einzige in die Augen
fallende Kunstwerk ist".
Auch ein neuer Kunstdurchbruch — wie wenig hier
dieser Zusammenhang auch entwickelt werden kann — wird
erst aus dieser Weltwende hervorgehen.
21 LassJle. Ges Sctriften. Band V 321
die Veranlassung oder auch nur die Möglichkeit, eine
Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums herbeizu-
führen. Große Unternehmungen aber, und wenn sie die
höchste Bereicherung der Nation zur Folge hätten,
können, falls sie nicht zugleich dieser Bedingung entspre-
chen, d. h., also geeignet sind, ihren Ertrag ganz oder
zum Teil auf längere oder kürzere Zeit in die Tasche
eines Individuums auszuschütten, unter der freien Kon-
kurrenz schlechthin nicht vorgenommen werden. Um unsere
Ansicht durch einige Beispiele klarzumachen : seit Jahren
hat unser berühmter Physiologe Burmeister nachgewiesen,
daß nichts leichter sein würde, als die unzäliligen Büffel-
herden, die in Texas und anderen Staaten Zentral- und
Südamerikas bis dicht ans Meeresufer weiden, von den
Eingeborenen zum Vergnügen geschossen und dann, weil
niemand dort ihrer bedürftig ist, liegengelassen werden,
bis sie verfaulen, zur Ernährung der kartoffelernährten
europäischen Arbeiterbevölkerung zu benutzen, indem sie
erlegt und ihr Fleisch dort an Ort und Stelle in eine
Gallert konzentriert würde, welche bei voller Bewahrung
ihrer Nahrungsfähigkeit auf ein so geringes Volumen zu-
sammengedrückt werden kann, daß der Transport der
erstaunlichen Massen einen gamicht einmal nennenswerten
Kostenaufwand erforderte. Oder vor mehr als 100 Jahren
hat der Weltumsegler Cook erklärt, daß, wer einen ein-
zigen Brotbaum gepflanzt habe, so viel und mehr für die
Ernährung des Menschengeschlechtes getan habe, als ein
europäischer Arbeiter, der sich sein ganzes Leben lang
abquält. Der Nahrungsgehalt der Brotbaumfrüchte könnte
auf den Gesellschaftsinseln ebensogut durch Expeditionen
in einen solchen konzentrierten, einen minimen Raum ein-
nehmenden Zustand versetzt werden. Beim Krimkriege
hat man sich von der MögKchkeit solcher Komprimie-
322
rangen, die damals für die Armeen statt hatten, vollkom-
men überzeugt •'^). Unser darbendes und hungerndes
Vo 1 k , die schlesischen Weber, die sächsischen Erzge-
birgarbeiter, der rheinische Fabrikproletarier, die so oft
kaum den ruinierenden Genuß der Kartoffel erschwingen
können, hätten fast umsonst Brot und Fleisch!
Aber wie sollte das heute auch nur möglich sein ?
Welcher KapitaKst sollte die großen Kostenvorschüsse
zu solchen Expeditionen und Versuchen machen, zumal,
wenn sie noch so glänzend gelängen, daran nicht das ge-
ringste ,, Geschäft" zu machen wäre, da dann sofort an-
dere Kapitalisten oder andere Kapitalistengesellschaften
sich gleichfalls auf diesen Produktionszweig Vv'erfen und
dem ersten Unternehmer, der die Mühe, Gefahr und alle
Ausführungsschwierigkeiten eines ersten Versuchs über-
wunden hat, durch die freie Konkurrenz jeden Vorteil der
Unternehmung fortnehmen würden, so daß er eben nur
für den Nutzen seiner Nachfolger gearbeitet hätte ? Ka-
pitalien geben sich zu solcher Rolle nicht her, und das,
worauf nicht mindestens eine Zeitlang die ausschließende
Hand des Individuums gelegt werden kann, bleibt daher,
zumal wenn es mit größeren Kosten verknüpft ist, not-
wendig ununter nommen-).
^) Auf der Londoner Industrieausstellung von 1862 waren
Proben von solchem durch Dörrung konzentrierten Fleisch aus
Uruguay, das noch dazu sehr wohlschmeckend war, siehe
Lothar Buchers Bilder aus der Fremde. T. IL, p, 178 ff.
^) Seitdem Lassalle das schrieb, hat die kapitahstische Kon-
kurrenz mindestens einen großen Teil der von ihm erwähnten
Unternehmungen, und noch großartigere, zur Ausführimg ge-
bracht. Wir erinnern nur an den Massenexport von geschlach-
tetem Vieh in großen Kühlräumen von Australien, Neu-Seeland
etc. nach Europa. Und doch ist es richtig, daß das kapitali-
stische Wirtschaftssystem bei weitem nicht alle verfügbaren
91» 323
Die angeführten Beispiele sollen natürlich nur als
Beispiele in Betracht kominen. Aber es gibt tausend
andere Beispiele derselben Art. Das ganze Gebiet der
Wissensch?ft und ihrer Fortschritte wird erst dann v/ahr-
haft befruchtend für die Nation in Betracht kommen, wenn
durch die Produktivassoziation der Staat in jene unmittel-
bare Beziehung zur Produktion gebracht ist.
Und — doch man kann manchmal auch die theoretischen
Beweise zu weit treiben und gerade durch ihre zutreffende
Schärfe die entgegenstehenden praktischen Schwierigkeiten,
die hier ohnedies groß genug sind, noch verm.ehren I
Produktionskräfte der Gesellschaft in Bewegung setzt, bei
weitem nicht alle Quellen der Befriedigung menschlicher Be-
düi"fnisse nutzbar macht, welche mit den vorhandenen Mitteln
und Kräften der Gesellschaft nutzbar gemacht werden könnten.
Die vorerwähnten Unternehmungen wurden ins Werk gesetzt
mit Rücksicht auf den Profit, und als sie genügend Profit ver-
sprachen. Was aber keinen oder nur ungenügenden Profit ver-
spricht, wird liegen gelassen, und das gilt in der Regel von
solchen Unternehmungen, welche die große Masse des Prole-
tariats betreffen. Der Fleischextrakt und die Konserven anderer
Art verallgemeinerten sich erst, als die enorm.e Preissteigerung
der Bodenprodukte ihre Fabrikation rentabel machte. Um dem
hungernden Proletariat „fast umsonst" Fleisch und Brot zu
liefern rührte sich und rührt sich auch heute noch keine kapi-
talistische Hand.
Würde es jedoch die Assoziation tun ? Die freie individuali-
stische, bloß mit Staatskredit arbeitende sicherlich nicht, denn
sie würde und müßte ebenfalls auf die Rendite schauen. Und
so läßt denn auch folgerichtig Lassalle wieder den Staat als
deus ex machina aufmarschieren. Aber die Assoziation, durch
welche „der Staat in unmittelbare Beziehung zur Produktion
gebracht ist", das ist die Assoziation als ausführendes
Organ des Staates, bzw. der Gesellschaft, und von der „freien
individuellen Assoziation" so verschieden, wie etwa ein Lon-
doner Polizist von einem amerikanischen Pinkerton. D. H.
324
SCHLUSS.
Ich habe positiv und ernsthaft gesprochen und ich
müßte ein Mann von größerer Geschmacklosigkeit sein,
als mir gegeben ist, wenn ich von neuem dazu übergeht!
wollte, noch die weiteren unzähligen Sinnlosigkeiten Ihrer
Schrift zu beleuchten.
Und wozu auch ?
Wir haben kennen gelernt, was Sie sind und was
Sie können. Sie sind — verzeihen Sie mir das edle
Bild, aber ich will das wirkHch zutreffende nicht an-
wenden — Sie sind ausgeweidet wie ein Hirsch, und
hier neben mir hält meine Dogge Ihre dampfenden Ein-
geweide im Munde !
Alles weitere Herumwühlen in Ihnen könnte also nur
noch Ekel und Überdruß erwecken.
Nicht also mehr von Ihrem Unrecht will ich spre-
chen, sondern Ihnen nur noch das Unrecht abbitten,
das ich Ihnen getan habe !
Dieses Unrecht wurzelte darin, daß ich Sie, wie ich
Ihnen schon im Vorworte gesagt, keineswegs wirklich
kannte, und erst in Tarasp durch die Lektüre Ihres Kate-
cliismus kennen lernte.
Bis dahin täuschte ich mich in Ihnen gänzhch.
Ich wußte zwar, daß Sie kein Gelehrter und noch viel
weniger, wofür Sie sich so gern ausgeben, ein Mann von
wissenschaftlicher Bildung seien.
325
Aber ich hielt Sie doch für einen leidlich unterrich-
teten Menschen.
Ich wußte zwar, daß Sie an den Arbeitern herum-
nörgeln mit kleinbürgerlichen Vorschlägen, die zu nichts
in der Welt führen können.
Aber ich glaubte, daß dies nur eine Folge Ihrer Be-
schränktheit sei ; ich glaubte, daß mit dieser Beschränkt-
heit ein gewisses warmes Wohlwollen für die arbeitenden
Klassen gepaart sei. Ich wußte noch nicht — denn ich
hatte ja Ihren Katechismus noch nicht gelesen ! — daß
Sie dieselben nur als ein Werkzeug der Bourgeoisie im
Interesse der Bourgeoisie und des Kapitals bearbeiten!
Daher die anständige Behandlung, die ich Ihnen noch
in meinem „Antwortschreiben" widerfahren ließ. Daher
die warme Anerkennung, die ich dort noch für Ihren
Willen aussprach, wenn ich auch die klägliche Ohnmacht
Ihrer Vorschläge darlegte.
Und selbst als nach meinem ,, Antwortschreiben" die
ganze Meute Ihrer Blätter über mich herstürzte und hun-
dert Kloaken Monate lang jeden Tag die unerhörtesten
Lügen, Entstellungen und Gemeinheiten gegen mich an-
schwemmten, änderte ich diese meine Haltung gegen Sie
noch keineswegs !
Ich glaubte in einem gewissen übertriebenen Gerech-
tigkeitsgefühl unterscheiden zu müssen zwischen der
Partei und dem Führer.
Ich sah wohl, daß Sie anstandslos genug waren, Ihre
Partei gewähren zu lassen und von jeder Ignoranz und
von allen Lügen derselben den möglichsten Nutzen zu
ziehen.
Aber ich hielt Sie nicht für s o unwissend und für s o
unanständig, um sich selbst und direkt dabei zu
326
beteiligen. Ich glaubte, daß Sie dies noble Metier, durch
Ignoranz und Lüge zu beweisen, Ihrer Partei überließen.
Ich kannte, wie gesagt, den ,, Katechismus" noch nicht.
So war es der erste große Trumpf, mit welchem mich
Ihre Partei tot machen wollte, ich wolle die ,, Louis
Blancschen National Werkstätten des Jahres 1848 auf-
wärmen." Aus allen Blättern Ihrer Partei hallte damals
täghch dieser triumphierende Vorwurf gegen mich wieder !
Ich ergriff die ..Vollfszeitung", die vor allem auf diesem
Paradepferd ritt, und nagelte sie durch einen Aufsatz
vom 24. April 1863, den ich in der ,, Deutschen All-
gemeinen Zeitung" erscheinen ließ, an den Pranger ihrer
Unwissenheit.
Aber da ich in den Zeitungsberichten über Ihre Vor-
träge nicht gefunden hatte, daß Sie sich selbst dieser
grandiosen Unwissenheit schuldig gemacht, so hielt ich
es in jenem übertriebenen Gerechtigkeitsgefühl für Pflicht,
dies zu konstatieren.
In meiner Frankfurter Rede, als ich auf diesen Punkt
zu sprechen komme, sage ich daher ausdrücklich ^) : ,,Herr
Schulze hat das nicht gesagt; er sprach von den sub-
ventionierten Assoziationen, die sich in Paris erst nach
dem Untergang der Nationalwerkstätten gebildet haben
etc."
Ich finde jetzt im Gegenteil in Ihrem Katechismus,
daß Sie das allerdings gesagt haben. Sie sagen da
gegen mich p. 82 : ,,Wir erinnern namentlich an die Vor-
schläge von Louis Blanc und die National Werk-
stätten von 1848 in Frankreich. Danach soll der
Staat, um die verderbliche Konkurrenz und die schäd-
liche Übermacht des Privatkapitals zu beseitigen, allmäh-
1) Arbeiterlesebuch, p. 48. (Bd. III. S. 255 dieser Ausgabe.)
327
lieh alle gewerblichen Unternehmungen an
sich ziehen und für öffentliche Rechnung be-
treiben etc. etc." ^)
Sie haben sich also derselben Unwissenheit schuldig
gemacht, wie der Herr Bernstein, der Redakteur der
..Volltszeitung". Aber Ihre Sache steht noch viel schlim-
mer! —
Herr Bernstein konnte sich doch wenigstens mit seiner
tiefen und ihm als Zeitungsredakteur berufsmäßigen Un-
wissenheit entschuldigen.
Aber zur Zeit, als Sie Ihren Katechismus drucken
heßen, da war jener Aufsatz von mir, der das wahre
Bewandtnis enthüllt, das es mit jenen Arbeiterwerkstätten
hatte, schon lange erschienen. Denn er trägt das Datum
vom 24. April 1863 und Ihre Vorrede trägt das
Datum „Berlin im Mai 1863."
Sie mußten also jenen Aufsatz bereits kennen.
Man urteile, welche Stirn von Erz — oder vielmehr,
denn das Bild ist zu edel, welche kleinbürgerliche und
verlogene, bloß auf den „Geschäftsgewinn" sehende Seele
dazu gehört, nachdem jener Aufsatz bereits erschienen
^) Wie schon erwähnt wurde, und wie auch der Zusammen-
hang der betreffenden Stelle bei Schulze zeigt, war es ein Irr-
tum Lassalles, wenn er meinte, daß sie gegen ihn und seinen
Vorschlag gerichtet sei. Schulze polemisiert da ganz allgemein
gegen das Projekt der Aufsaugung der Privatindustrie durch
den Staat und geht auf die Einzelheiten selbst des Blancschen
Vorschlages gar nicht ein. Auch auf die National Werkstätten
kommt er nicht wieder zurück. Mit Lassalle beschäftigte er
sich erst im sechsten Vortrage. Der vierte, wo die obige Stelle
vorkommt, war am 8. März gehalten worden, noch ehe das
..Offene Antv/ortschreiben" im Buchhandel erschienen war.
328
war, den ich deshalb als Anlage A diesem Werke folgen
lasse ^), jene Behauptung noch zu wiederholen!
Dies meine erste Abbitte ! Nun zu meiner zweiten!
In meinem „Antwortschreiben" hatte ich das „eherne
Arbeitslohngesetz" entwickelt und daselbst gesagt
(p. 16-)): „Es gibt, wie ich Ihnen bereits bemerkt, in
der liberalen Schule selbst nicht einen namhaften Natio-
nalökonomen, der dasselbe leugnete. Adam Smith wie
Say, Ricardo wie Malthus, Bastiat wie John Stuart Mill
sind einstimmig darin, es anzuerkennen. Es herrscht darin
eine Übereinstimmung aller Männer der Wissenschaft.
Ein namenloser Schrei der Wut drang aus den Ein-
geweiden der Bourgeoisie hervor, daß ich diese Mysterien
der Ceres dem Volke verraten hatte!
Jetzt galt es, frech zu leugnen !
Herr Max Wirth war es vor allem, welcher Ordre von
seinen Brotherren hierzu bekam. Er sprang vor, und in
Artikeln, welche von der „Rheinischen Zeitung" in Düs-
seldorf bis zur ,, Berliner Reform" und zur ,, Süddeutschen
Zeitung" in Frankfurt und ebenso durch Württemberg,
Bayern und Baden widerhallten, erklärte er unter den
köstlichsten Windungen und Verdrehungen, indem er den
Arbeitslohn durch das Verhältnis der ,, Industrieblüte zu
dem Nationalkapital" bestimmen ließ, jenes Gesetz für
ein ,,faules Ricardosches Gesetz".
Dahin war es beiläufig mit den Lohnschreibern der
Bourgeoisökonomie, in der Epigonenzeit, in der Bastiat-
periode gekommen, daß sie in dieser verächtlichen Weise
den größten Meister der Bourgeoisökonomie, Ricardo.
^) Er ist üi unserer Ausgabe als Nachtrag zum „Offenen
Antwortschreiben" abgedruckt, Bd. III, S. 95 ff. D.H.
2) Bd. III. S. 60 dieser Ausgabe. D. H.
329
behandelten, weil er durch die Offenheit, mit der er
seine wissenschaftlichen Resultate ausspricht, ihnen un-
bequem geworden war.
Nichts gleicht der Verwunderung, die ich empfand,
jenes von allen Autoritäten der liberalen Ökonomie ein-
stimmig anerkannte Gesetz jetzt plötzlich ebenso einstim-
mig geleugnet zu sehen!
Ich hatte gerade deshalb in meinem ,, Antwortschreiben"
an diesen Punkt meine ganze Entwicklung angesetzt, weil
es mir ganz absolut unmögHch geschienen hatte, gerade
diesen einen Punkt, über welchen, wie über keinen an-
deren, die seltenste. Einstimmigkeit in der Wis-
senschaft der hberalen Ökonomie herrscht, in Abrede
zu stellen.
Ich hatte die Verlogenheit und besonders die unver-
gleichliche Schamlosigkeit der Bourgeoisie noch weit
unterschätzt.
In meiner Frankfurter Rede übte ich Gerechtigkeit.
Ich wies zuvörderst nach („Arbeiterlesebuch" p. 5
und 6 ^), daß jene mir von Herrn Max Wirth und seinen
Kollegen entgegengestellte Behauptung, es reguliere sich
der Arbeitslohn durch das Verhältnis der ,, Industrieblüte
zum Nationalkapital", resp. der Nachfrage zum An-
gebot, genau dasselbe besage, was das von mir
entwickelte Gesetz, nur in heuchlerische, täuschende, dem
Arbeiter nicht verständHche Phrasen versteckt — und
selbst Herr Max Wirth hat seitdem auf diesen Nachweis
nichts mehr antworten können.
Ich wies ferner daselbst (,, Arbeiterlesebuch", p. 7
bis 18^) durch eine Reihe von Zitaten nach, daß sämt-
1) Bd. III. S. 185 und 186 dieser Ausgabe. D. H.
2) a.a.O. S. 185 ff. D.H,
330
liehe Autoritäten, ja, nicht nur die Autoritäten, sondern
sogar Herr Max Wirth dieses Gesetz immer unverhüllt
anerkannt hatten.
Indem ich Gerechtigkeit gegen Herrn Wirth und seine
Kollegen übte, glaubte ich wieder, selbst übertrieben
gerecht sein zu müssen !
Ich hatte nicht in den Zeitungsberichten über Ihre Vor-
träge gelesen, daß Sie selbst die Kühnheit gehabt,
diesem Gesetze zu widersprechen. Ich hatte noch die
Ansicht von Ihnen, daß Sie es vorziehen würden, eine so
schmutzige Aufgabe Ihren Helfershelfern zu überlassen.
Ich hielt es daher für Pflicht, dies zu konstatieren.
Diesem Gesetze zu widersprechen — sagte ich
in meiner Frankfurter Rede (,, Arbeiterlesebuch", p. 32^))
— dazu hatte Herr Schulze- Delitzsch die nötige Dosis
von Unwahrheit nicht; das hat er nicht getan. Dies
war ein Regal des Herrn Max Wirth etc. etc."
Ich war wieder sehr im Irrtum, Herr Schulze, wie
mich Ihr Katechismus belehrt. Sie widersprechen in dem-
selben jenem Gesetze auf das bestimmteste und zwar
in sehr drastischer Form !
Ehe ich die Wo r t e, in die Sie diesen Widerspruch
fassen, betrachte, zuvor noch eine Bemerkung.
Es handelt sich nicht mehr darum, die Wa h r h e i t
dieses Gesetzes gegen Sie zu beweisen. Das habe ich in
meinem ,,A rbeiterlesebuch" und überdies oben
(p. 186 ff. â– )) nochmals im systematischen Zusammenhange
und auf systematische Weise getan.
Hier will ich Ihnen nur einen anderen Beweis führen,
den nämlich, daß Sie selbst die Wahrheit dieses Ge-
setzes, das Sie leugnen, kennen.
1) Bd. III, S. 229 dieser Ausgabe. D. H.
2) S. 266 ff. dieser Ausgabe. D. H.
331
Dieser Beweis liegt versteckt in einem Satze Ihres
Katechismus (p. 37) enthalten. „Hieraus folgt — sagen
Sie daselbst — daß durch die Vermehrung des Wachs-
tums der Kapitalien die vermehrte Beschäftigung und
bessere Löhnung der Arbeiter bedingt wird, und daß,
w e n n n i c h t etwa die Vermehrung der Arbeiter i n n o ch
größerer Progression stattfindet, als die des
Kapitals, Lohn und Beschäftigung dadurch steigen."
So? ,,Wenn nicht!" Wenn nicht die Arbeiterzahl
in noch größerer Progression sich vermehrt, so steigt
der Lohn. Wenn aber die Arbeiterzahl sich in noch grö-
ßerer Progression vermehrt, so steigt der Arbeitslohn
nicht, resp. fällt wieder, wenn er vorübergehend ge-
stiegen ist.
Das ganze Interesse konzentriert sich somit darauf,
zu wissen, ob nicht jenes „wenn nicht" eintritt,
d. h. ob nicht die Arbeiterzahl bei steigendem Kapital
und steigendem Lohne in der Tat in n o c h höherem Grade
steigt, so daß der Arbeitslohn wieder ebenso tief und
noch tiefer sinken muß.
Als mein ,, Antwortschreiben" erschienen war, veran-
laßte man den Professor R a u in Heidelberg, meinem
Arbeitslohngesetz entgegenzutreten. Man fühlte, daß es
doch mit den Herren Schulze, Faucher, Wirth, Michaelis
nicht hinreichte ; man wollte irgendeine professorale Fach-
autorität mir entgegenzusetzen haben.
Herr Professor Rau entschloß sich wirklich dazu, durch
eine Erklärung in der ,, Süddeutschen" und „Vossischen
Zeitung", mir scheinbar zu widersprechen. Er tat
es genau mit demselben „wenn nicht!" Mein Arbeits-
lohngesetz sei nicht wahr, wenn nicht ,,eine zu starke
Volks Vermehrung" eintrete.
Tritt diese nun aber ein oder nicht?
332
Ich habe Herrn Professor Rau darauf durch eine
Replili in der ,, Vossischen Zeitung" vom 10. Mai 1863
geantwortet, die ich hinten als Anlage B folgen lasse')-
In derselben zeigte ich dem Herrn Professor aus seinen
eigenen Werken, daß und warum allerdings jene Ver-
mehrung der Arbeiterzahl dann eintritt, und daß gerade
jenes ,,wenn nicht" beweist, wie genau er selbst die Wahr-
heit des von ihm scheinbar, durch täuschende Rede-
wendungen, bekämpften Gesetzes kannte. Ich zeigte ihm
zugleich, wie wenig ,,ehrlich und ehrenwert" eine
solche Täuschung des Volkes durch Redewendungen sei
und wie er über seine Erklärung ,,erröten müsse.
Herr Professor Rau hat nicht versucht, auch nur mit
einer Silbe, und trotz der Schwere dieser Vorwürfe, die
ihm Antwort unerläßlich machte, vv'enn Antwort mög-
lich war, zu entgegnen.
Er zog sich mit der erhaltenen Lektion ruhig aus dem
tCampf e zurück !
Herr Professor Rau hatte wenigstens noch ein Ge-
wissen, auf 4^8 man schlagen, das man treffen konnte.
Wohin schlägt man bei Ihnen?
Durch den Aufsatz gegen Professor Rau, den ich eben
deshalb als Anlage folgen lasse-), ist zugleich Ihnen
nachgewiesen, daß Sie durch jenes ,,wenn nicht" in dem
angeführten Satze verraten, wie vollkommen bekannt Ihnen
dies Gesetz war. Jeder, welcher behauptet, daß der Ar-
beitslohn dauernd durch Kapitalvermehrung stiege, wenn
nicht die Arbeitervermehrung eine noch stärkere sei,
weiß — und zeigt, daß er weiß — daß er nicht
^) In dieser Ausgabe als Anhang zu ,,Zur Arbeiterfrage"
erschienen. Bd. III. S. 156 ff. D.H.
^) Er ist bei uns als Anhang zu ,,Zur Arbeiterfrage" ab-
gedruckt. Bd. III, S. 156ff. D.H.
333
dauernd steigen kann, sondern je nach den Fällen, ent-
weder garnicht steigt oder bald mindestens ebenso tief
wie früher (wenn aicht tiefer, wie manchmal eintritt)
wieder fällt, weil die Kapitalvermehrung eine noch größere
Arbeitervermehrung hervorruft.
Er weiß dies, denn an denselben Orten behandeln
die Ökonomen die eine und die andere dieser Fragen, und
jenes ,,wenn nicht" weist gerade darauf hin, daß er
sie beide kennt.
Nachdem wir uns nun im voraus überzeugt, daß Sie
selbst die Wahrheit des Gesetzes kennen, welches Sie
mit einer solchen Gewissenlosigkeit ohne gleichen den
Arbeitern ableugnen, wollen wir noch die bestimmte
Form betrachten, in der Sie diesen Widerspruch auf-
treten lassen.
Sie sagen, mein ,, Antwortschreiben" betrachtend, in
Ihrem ,, Katechismus" p. 150: ,, Hiernach sollen unter
den heutigen Verhältnissen mit Notwendigkeit ,, „der
durchschnittliche Arbeitslohn immer auf den notwendigen
Lebensunterhalt reduziert bleiben, der in einem Volke ge-
wohnheitsmäßig zur Fristung der Existenz und zur Fort-
pflanzung erforderlich ist."" Das völlig Unwahre
dieses Satzes fühlen Sie selbst als Leute, die mitten
in diesen Verhältnissen darin stehen, sobald Sie sich in
den eigenen Reihen umblicken, und es gehört die ganze
Dreistigkeit, das ganze Halbwissen des
Herrn Lassalle dazu, Ihnen etwas derartiges vor-
zureden und dabei zu behaupten, alle Autoritäten der
nationalökonomischen Wissenschaft ständen auf seiner
Seite"!). —
!) Was die , .Autoritäten" betrifft, so habe ich außer Ricardo
(siehe oben p. 95 [147], Aiun. 3) in meinem Arbeiterlese-
334
Da Sie selbst die Rede auf „das ganze Halb-
wissen" bringen, durch welches ich mich nach Ihnen
charakterisiere, Herr Schulze, und da Sie mich nun ein-
buch aufgeführt die Stellen aus Adam Smith, J. B. Say, John
Stuart Mill, Professor Röscher. Professor Rau, Professor
Zachariä, welche alle dasselbe sagen. Eine andere Reihe
(Tooke. Malthus, Sismondi etc.) wieder in meinen „Indirekten
Steuern" und die Anzahl könnte sehr bequem verdoppelt und
verdreifacht werden. Aber eine ,, Fälschung" habe ich doch
begangen nach Herrn Max Wirth ! Ich habe in der früher zi-
tierten Stelle meines Antwortschreibens, wo ich von der Ein-
stimmigkeit spreche, mit welcher dieses Lohngesetz von den
Ökonomen anerkannt sei, auch Basti at als einen solchen er-
wähnt, der es anerkenne. Und muß Herr Max Wirth auch zu-
geben, daß alle anderen Autoritäten es getan haben, so hat es
doch Bastiat, der große Bastiat, Gold-Bastiat, niemals getan!
Bastiat ist niemals so frech und dumm gewesen, solche Dinge
auszuschwatzen! meint Herr Wirth. In einem Artikel seines
„Arbeitgebers" beschuldigte mich daher Herr Wirth der Fäl-
schung. Ich bezöge mich mit einer Unverschämtheit ohnegleichen
auf Bastiat, um ,,auch einen so großen Namen wie den
Bastiats", auf meine Seite zu setzen. — Ich habe diesen
,, großen Bastiat" in diesem Werke so hinreichend in sein
Nichts aufgelöst, daß es für mich natürlich nichts gleich-
gültigeres geben kann, als Bastiats Einräumungen oder Ab-
leugnungen.
Aber gleichwohl. Herr Schulze, hier haben Sie die Stelle
Bastiats, welche ich im Auge hatte, als ich behauptete, daß
selbst Bastiat, dieser verlogenste ökonomische Schriftsteller
vor Ihnen, jenes Gesetz nicht leugne. Bastiat. indem er
resümiert (härm. econ. p. 362) was man gegen die freie Kon-
kurrenz vorbringe, erwähnt und beurteilt jenes Arbeits-
lohngesetz mit folgenden Worten: ,,I1 en resulte que le salaire
tend ä se mettre au niveau de ce qui est rigoureu-
sement necessaire pour vlvre, et dans cet eteit de
choses l'intervention du moindre surcroit de concurrence, entre
les travailleurs, est une veritable calamlte, car il ne s'agit
335
mal hierauf einzugehen zwingen, — nun, so brauche ich
mich meines Fleißes nicht zu schämen ! Ich habe große
Werke des menschHchen Fleißes und des menschlichen
pas pour eux dun bien-etre diminue, mais de la vie rendue
impK)ssible. — Certes, il y a beaucoup de vrai, beaucoup
trop de vrai en fait dans cette allegation. Nier les
souffrances et labaissement de cette classe d'hommes, qui
accompht la partie materielle dans l'oeuvre de la production,
ce serait fermer les yeux ä la lumiere. A vrai dire, c'est ä
cette Situation deplorable dun grand nombre de ncs freres,
que se rapporte ce qu'on a nomme avec raison le prob lerne
social." ,,Es folgt hieraus, daß der Arbeitslohn die Tendenz
hat, sich auf das Niveau dessen zu stellen, was unerläßlich
nötig zum Leben ist, und in dieser Lage der Dinge ist
das Eintreten des geringsten Zuwachses von Konkurrenz unter
den Arbeitern eine wahrhafte Kalamität, denn es handelt sich
für sie nicht um ein verringertes Wohlbefinden, sondern um
ein unmöglich gemachtes Leben. Gewiß tatsächlich ist viel
Wahres, viel zu viel Wahres in dieser Anführung ent-
halten. Die Leiden und die Erniedrigung von jener Klasse von
Menschen leugnen, v/elche den materiellen Teil im Produk-
tionswerk vollbringt, das würde heißen: die Augen vor
dem Sonnenlicht schließen. Um die Wahrheit zu sagen,
es ist diese beklagenswerte Situation einer großen Anzahl
unserer Brüder, auf welche sich das bezieht, was man mit
Recht das soziale Problem genannt hat."
So Bastiat! Und er fährt bald darauf fort: „Und da
hierin besonders das soziale Problem seinen Sitz hat, so
wird der Leser begreifen, daß ich es hier nicht in Angriff
nehmen kann."
,,Möge es Gott gefallen, daß die Lösung aus dem ganzen
Buche hervorgehe, aber sicherlich kann sie nicht aus einem
Kapital hervorgehen."
Es hat indes Gott nicht gefallen, daß die Lösung dieses
sozialen Problems aus dem Bastiatschen Buche hervorgehe,
sie geht aus dem ganzen Buche genau ebenso wenig hervor,
wie aus jenem Kapitel, und jene Worte Bastiats sind nur eine
336
Wissens aufgeführt und kann mich dafür auf das Zeugnis
von Humboldt, Boeckh, Savigny und vieler ähnlichen be-
rufen!
Aber, sagten Sie sich, davon kann ja in die Arbeiter-
kreise nichts gedrungen sein! Zudem standen Sie ja
da auf hundert Zeitungen gestützt, auf Zeitungen, die viel
zu stupide v/aren, um den Unterschied zwischen mir und
Ihnen zu kennen, viel zu verlogen, um sich irgend darum
zu kümmern, wenn sie ihn kannten !
Was speziell mein ,, ganzes Halbwissen" im ökono-
mischen Fache betrifft, so hatte ich damals gerade meine
Weise wie eine andere, sich an der Lösung des ihm unlös-
baren Problems vorbeizudrücken. — Aber man vergleiche nun,
was Basti at über jenes Arbeitslohngesetz sagt, und was
Herr Schulze, und man wird sehen, wie weit der Schüler
noch den Meister übertrifft. Tatsächlich nur viel zu
wahr, nennt es Herr Bastiat und meint, es hieße die Augen
vor dem Sonnenlicht schließen, wenn man jene traurige Lage
der Arbeiter leugnen wolle.
„Völlig unwahr", nur auf meinem ,, ganzen Halb-
wissen und meiner ganzen Dreistigkeit im Vorreden"
beruhend, nennt es Herr Schulze — und treu haben dies seine
Helfershelfer, die Herren Bernstein, Wirth, Michaelis, Faucher
und hundert andere in allen Tonarten wiederholt — und um
diese Unwahrheit darzutun, wagt er, die Arbeiter aufzufordern.
,,sich In den eigenen Reihen mnzubllcken" !
Man sieht sogar von der Verlogenheit Bastlats ist noch
ein immenser Schritt bis zu der Verworfenheit des Herrn
Schulze und seiner Spießgesellen, welche Deutschland
entehrt!
(Es ergibt sich bei näherer Betrachtung, daß das scheinbare
Bastiatsche Zugeständnis kein Zugeständnis ist. Daß ,,viel
Wahres, viel zu viel Wahres" im Lohngesetz liegt, heißt noch
nicht, daß es selbst „viel zu wahr" sei. Es wird Ihm damit
eine bedingte, aber keine allgemeine Geltung zugesprochen, auf
die es doch gerade Lassalle ankam. D. H.)
22 LassaUe. Gef. Sctriften. Band V. 337
„Inclirekten Steuern" veröffentlicht, eine Schrift, welche
ich schrieb, wie die gegenwärtige, mitten in der Agitation,
unter Reden, Zeitungserklärungen und Kriminalprozessen,
ohne jede theoretische Muße, zum bloßen Zwecke einer
Verteidigung, und in welcher ich gleichwohl spielend als
bloße Probe meiner ökonomischen Kollektaneen, die in-
nigste Kenntnis ganzer Reihen und Reihen von ökonomi-
schen Werken an den Tag legte, von denen Sie nicht
einmal die Büchertitel, ja nicht einmal die Namen
der Ve rfasser jemals gehört hatten!
Was tat das alles ? Sie hatten ja hundert Zeitungen,
entschlossen, Sie zu schützen, entschlossen, täglich alles
zu wiederholen, was Sie sagten, entschlossen, alles an-
dere totzuschweigen, entschlossen, alle Scham bis ins Bei-
spiellose zu verleugnen! Ich hatte ja keine ,, Zeitung",
ich stand ja allein, und so zweifelten denn Sie und
ihre Krapüle nicht — so wenig kannten Sie die Kraft
eines Mannes — daß es Ihnen gelingen würde, mich
tot zu machen!
So beschlossen Sie denn also als sicherstes Mittel zu
dieser Vernichtung ganz ruhig vor den Arbeitern gegen
mich die süperbe Attitüde eii^s Mannes der Wissenschaft
anzunehmen, der auf einen ignoranten Halbwisser herab-
blickt!!^)
^) Ich will doch hier für die Zeit, wo die „Volkszeitung"
lange in allen ihren Exemplaren den Zweck erfüllt haben wird,
zu dem sie bestimmt ist, eine Stelle dieses Schandblattes ver-
ewigen, aus welcher die Nachwelt mit Staunen ersehen mag,
wie weit unsere Journalisten von heute ihre zynische Scham-
losigkeit zu treiben wagten. In der ersten Nummer ihres aus
dreizehn Leitartikeln bestehenden Bandwurmes, mit welchem
mich die „Volkszeitung" umwickelte, sagt sie (Nr. 94 vom
23. April 1863) wörtlich von mir. wie folgt: „Wie alle
Affront ( ?) liebenden halbreifen Geister hat Herr Lassalle
338
Verhüte der Himmel, daß es einem Gegner wie Sie
gegeben sein sollte, meinen Stolz zu reizen!
Ich will daher sehr mäßig sein, Herr Schulze ! Aber
auch mit vollster Mäßigung kann ich Ihnen noch das
eine sagen : Fragen Sie über mich Freund wie Feind.
Und wenn es nur solche Feinde sind, die selbst etwas
gelernt haben, so wird Ihnen Feind wie Freund ein-
stimmig von mir bestätigen : Ich schreibe jede Zeile, die
ich schreibe, bewaffnet mit der ganzen Bildung
meines Jahrhunderts!
Und ein Mann, um mit Schelüng zu reden, von der
Bildung eines Barbiers wagt mir ,,H albwissenund
Dreistigkeit" vorzuwerfen!
glücklicherweise die Marotte, vor einem Publikum gelehrt er-
scheinen zu wollen, dem die Gelehrsamkeit fremd ist, und er
mischt so große Portionen von Halbwissen in seine, auf das
Volk berechneten Arbeiten, daß er diesem unverständlich bleibt
und seiner Gefährlichkeit gründlich Abbruch tut. '
339
NACHWORT.
Eine melancholische Meditation.
Das also ist der „König im sozialen Reiche",
wie ihn die Herren Georg Jung, Helnricii Bürgers und
Hellwitz in Köln in festlicher Rede apostrophiert haben!
D a s ist der anerkannte Chef und Führer der Fortschritts-
partei ! Das ist der ,, große Mann" unserer sämtlichen
hberalen Zeitungen aller Schattierungen, von der ,, Volks-
zeitung" bis zur ,, Rheinischen Zeitung" und zur ,,Ber-
Kner Reform !"
Kurz, das ist die verkörperte, flei schge wor-
dene Intelligenz unseres Bürgertums!
Wenn mein Zweck nur der gewesen wäre, Sie zu
stürzen, Herr Schulze, — wie guter Dinge könnte ich
sein und wie wenig hätte ich Grund zu melancholischer
Stimmung !
Denn in dem Augenblick, v>^o ich dies Werk in die
Presse gebe, können Sie sich für tot betrachten, und in
dem Augenblick, wo es einige tausend Leser gefunden
hat, auch für begraben!
Dafür bürgt mir, so sehr es auch ein Lebensinteresse
Ihrer Partei ist, Sie zu schützen, schon die Eitelkeit der
Menschen. Es wird wieder gehen, wie nach dem Er-
scheinen meines ,,Julian", wo auch der Chefredakteur
der ,,Nationalzeitung", Herr Dr. Zabel, jedem,
der es hören wollte, sagte: ,,Ich habe es immer gesagt,
340
icK habe es immer gesagt", während er vielmehr in
seinem Blatte die überschwenglichsten Lobhudeleien auf
Julian aus der Feder des Herrn Titus Ulrich ge-
bracht hatte!
Es wird wieder ebenso gehen, sage ich. Bei der bei-
spiellosen Unwissenheit und Gedankenunfähigkeit, die ich
Ihnen nachgewiesen habe, wird keiner so ,,un gebildet
und so „unfähig" erscheinen wollen, Ihnen nicht über-
legen zu sein und auf demselben Geistesniveau mit Ihnen
zu stehen. Man wird alhnählich kühl gegen Sie werden,
bis man dabei anlangt, es „immer gesagt zu haben" !
Man wird an der Sache noch festhalten, aber zuerst unter
vier Augen, dann im Freundeskreis, dann immer lauter
zugeben, daß Sie allerdings ein „sehr un fähiger
Repräsentant derselben, ein wahres enfant terrible seien.
Zuletzt werden Sie die kompromittierte Person werden,
die keiner mehr will, und durch deren Berührung jeder
sich selbst lächerlich zu machen scheut !
Das alles wird in kurzer Zeit eintreten, und so wären
Sie denn so gut wie tot und begraben !
Und was ist damit gewonnen ?
Unsere guten Tiefenbacher Gevatter Schneider und
Handschuhmacher werden wieder einen anderen Gimpel
zum ,, König" salben!
Man kann hier mit einer leisen Veränderung der Goethe-
schen Verse sagen:
„Den Gimpel sind sie los —
Die Gimpel sind geblieben!"
In der Tat, Herr Schulze ist leider nicht eine Per-
son, er ist ein Typus; er ist der Ausdruck unseres;
Bürgertums.
Als neulich in der Kammer Herr von Blankenburg die
Quitzows der Vergangenheit den „Schutzes und Müllers"
341
der Gegenwart entgegenstellte, da konnte Herr Schulze
unter dem rauschenden Beifall der Fortschrittspartei er-
klären, daß er in seinem Namen ,,wohl nicht ohne Rück-
sicht auf seine Person" das ganze Bürgertum sym-
bolisiert sehe !
Diese Worte des Herrn Schulze, sie waren, was die
jubelnde Kammer nicht begriff, die tötlichste Ve r -
urteil ung des Bürgertums, die jemals ausge-
sprochen wurde ! — aber wahr sind diese Worte durch-
aus! —
Überall, überall derselbe Klassenausdiuck, wohin wir
auch schauen!
In der Literatur heißen sie Julian, in der Kammer
Fortschrittspartei, in der Presse Zabel und
Bernstein, in der Ökonomie Schulze!
Daher, daher ihre großen Erfolge in den praktischen
und politischen Kämpfen!
Wie er sich wundert, dieser kleingeistige Pöbel, daß
sich die Monarchie und die alte, des Herrschens ge-
wohnte Aristokratie nicht vor ihm beugen will ! D a s
müßte freilich sonderbar zugehen!
Und wie er sich wieder nach der anderen Seite hin
wundert, daß sich der Abgrund gar nicht auftun will um
seinetwillen, um zu verschlingen, was ihm entgegensteht!
Wie er betroffen auf die französischen Nationalversamm-
lungen am Ende des vorigen Jahrhunderts schaut und gar
nicht zu fassen vennag, daß i h m nicht möglich sein
sollte, was diesen möglich war!
Aber so begreifen Sie doch, meine Herren ! Die fran-
zösischen Nationalversammlungen des vorigen Jahrhun-
derts vereinigten in sich alles Genie und allen Geist
Frankreichs, es gab damals in Frankreich nicht
einen einzigen Gedanken, welcher über die
342
von diesen Versa mmlungen erstrebten Ziele
hinausgegangen wäre ! Nicht ein Gedanke ist
nachweisbar in der gesamten Literatur und
Philosophie jener Periode, welcher nicht den
Puls dieser Versammlungen bewegt, den Gegenstand ihrer
Verwirklichungsarbeit gebildet hätte ! Sie also standen
auf der höchsten theoretischen Höhe ihrer
Zeit, auf dem Bildu ngs gipf el derselben!
So waren sie der lebendig gewordene Geist ihrer
Zeit und ihres Landes, und daher die Macht, mit wel-
cher sie über dasselbe verfügten, die hinreißende Be-
geisterung, mit welcher sie dasselbe erfüllten 1
S i e aber, meine Herren, setzen, wie ich Ihnen bereits
früher bemerkt, Ihre Ehre gerade dahinein, nicht auf
der theoretischen Höhe zu stehen ; Sie setzen
das ,,P r aktische" gerade dahinein, nichts zu wollen
und zu erstreben, was nicht dem Gedankenniveau des
letzten Spießbürgers im Lande entspräche ! Die geistige
Niederung ist das Niveau, welches Sie, geborene
Sumpfbewohner, vermöge elementarischer Lebensnotwen-
digkeit grundsätzKch nicht überschreiten !
Während der Gedankenprozeß unseres Jahrhunderts im
unaufhaltsamen Dahinrauschen begriffen, in politischer,
nationaler und sozialer Hinsicht eine Höhe erreicht hat,
von welcher aus die ganze preußische Verfassung, das
legitime Herzogtum des Augustenburgers und die Integri-
tät der Bundesverfassung als Petrefakte einer längst über-
wundenen Bildungsperiode erscheinen, knabbern Sie an
Fragen herum, die vor 50 oder 40 Jahren ein untergeord-
netes Interesse hätten bieten können, und Sie lösen die-
selben mit Mitteln, die nicht einmal zur Zeit des Stände-
timis als eine Tat der „Lieben und Getreuen" hätten
erscheinen können!
343
Aber so bedenken Sie doch, erleuchtete Staatsmänner,
daß Sie sich dadurch selbst zu den „toten Hunden"
machen, von denen S c h e 1 1 i n g in meiner Einleitung
spricht !
So bedenken Sie doch : Um das Land hinter sich
zu haben, muß man ihm imi Haupteslänge voraus sein !
Unmöglich, diese Sätze in das Begriffsvermögen des
heutigen Bürgertums zu zwängen!
Ein instinktiver Haß gegen die ,,Idee" hat sich seiner
bemächtigt, und während praktisch bloß das ist, was
in seinen Lungen die Lebensluft der Theorie kreisen hat,
hält es grundsätzlich für praktisch bloß das, was theo-
retisch längst totund verfault ist.
Und diese absolute geistige Versimpelung des Bürger-
tums — in dem Lande Lessings und Kants, Schillers
und Goethes, Fichtes, Schellings und Hegels !
Sind diese geistigen Heroen wirklich nur wie ein Zug
von Kranichen über unseren Häuptern dahingerauscht ?
Ist von der immensen geistigen Arbeit, von der innerlichen
Weltwende, die sie vollbracht, nichts, gar nichts auf die
Nation gekommen, und besteht der deutsche Geist
wirklich nur in einer Reihe einsamer Individuen,
welche, jeder das Erbteil seiner Vorgänger treu über-
nehmend, ihre einsame und für die Nation fruchtlose Ar-
beit in bitterer Verachtung ihrer Mitwelt fortsetzen?
Welcher Fluch hat das Bürgertum enterbt, daß von
all den gewaltigen Kulturarbeiten, die in seiner Mitte
geschahen, daß aus dieser ganzen Atmosphäre von
Bildung kein einziger Tropfen befruchtenden Taues in
sein immer mehr vertrocknendes Gehirn gefallen ?
Ach, es ist ein altes Gesetz der Geschichte! Klassen
gehen unter durch dasselbe, was sie zur Herrschaft
gebracht hat. Es ist die Entwicklung der Teilung der
344
Arbeit, welche die europäische Bourgeoisie zur Herr-
schaft gebracht hat, und es ist hundert JaKre her, daß der
Schotte Ferguson in zwei Zeilen den Grund angibt, wel-
cher aus derselben Teilung der Arbeit den Untergeuig
der europäischen Bourgeoisie bewirken mußte, den gei-
stigen Untergang, welcher die Ursache ihres politischen
und der Vorläufer ihres sozialen Unterganges ist. ,,And
thinking itself, in this age of Separation, may become a
peculiar craft"^). ,,Und das Denken selbst, in diesem
Zeitalter der Teilung der Arbeit, mag zu einem beson-
deren Handwerk werden!"
Und es ist zu einem besonderen Handwerk geworden,
das Denken des Bürgertums, und in die elendesten
Hände ist dieses Handwerk gefciilen — in die unserer
Zei tungen!
Nicht über die Zeitungen selbst — ich habe sie ander-
wärts hinreichend geschildert ^) — nur über das Verhalten
des Publikums zu ihnen will ich hier reden.
Goethe sagt:
„Das Zeitungsgeschwister,
Wie mag sich's gestalten.
Als um die Philister
Zum Narren zu halten?"
Aber nicht der Koran und die Bibel wurden in ihrer
Zeit gläubiger nachgebetet, als heute die Zeitungen! Das
nationale Denken, so weit es sich im Bürgertum
darstellt, wiid heutzutage von den ,,Z ei tungen" fa-
briziert !
â– *) Ad. Ferguson, an essay on the History of Civil Societv
p. 278.
^) Siehe meine Rede: „Die Feste, die Presse und der
Frankfurter Abgeordnetentag." Düsseldorf, Schaubsche Buch-
handlung, 1863.
345
Wer heut eine Zeltung liest, der braucht nicht mehr
zu denken, nicht mehr zu lernen, nicht meiir zu untersuchen.
Er ist mit allem fertig und steht ,,über" allem. Mit einer,
da sie bis ins kleinste Detail hinabsteigt, fast erschrecken-
den Sehergabe hat Fichte^) vor sechzig Jahren den
„reinen Leser" geschildert, der nie mehr ein Buch,
sondern immer nur in den Journalen über die Bücher
lese und in dieser narkotisierenden Lektüre Wille, Ver-
nunft, Denken und jede Spannkraft des Verstandes ver-
liert. Was er aber auch verliert, er gewinnt dafür die
höchste Selbstzufriedenheit und Sicherheit des
,,Meinens!"
Damals lag das alles erst im Keime und erstreckte
sich nur auf literarische Fragen.
Heute steht es in vollster Blüte und wendet sich an
auf alle politischen und sozialen Fragen, die alles Wohl
und Wehe der Nation bestimmt !
Wie sehr es in Blüte steht, davon hatte ich im letzten
Spätsommer Gelegenheit mich zu überzeugen.
Ich durchreiste damals einen großen Teil Deutsch-
lands.
Wohin ich kam, überall fiel sofort von selbst das Ge-
spräch auf die große Tagesfrage, auf das, was man den
Kampf zwischen mir und dem Herrn Schulze nannte :
Von allen Seiten flogen die Meinungen und Urteile ! Wohl-
wollend, mißwollend, heftig, leidenschaftlich, billigend,
tadelnd — aber überall wurde ,,ge meint", und zwar
mit der höchsten Sicherheit gemeint!
Und dann entspann sich stets folgendes stereotype
Frage- und Antwortspiel zwischen mir und den Mei-
nenden : '
1) Ges. Werke, Bd. VII. p. 78 bis 91.
346
..Haben Sie jene meine Schriften gelesen, über welche
Sie urteilen?" „Nein; das nicht." „Aber Sie haben doch
wenigstens die Schrift des Herrn Schulze gelesen?"
„Noch viel weniger." „Und worauf gründen Sie dann
die Urteile, welche Sie mit solcher Sicherheit darüber
fällen?" ,,Nun aber die Zeitungen — — !"
Ja wohl, die Zeitungen ! Sie sind das funktionierende
Gehirn unseres Bürgertums geworden!
Der ,, Bürger" denltt nicht, selbst wenn und wo er die
erforderliche Fähigkeit dazu weit besser hätte, als die-
jenigen, von denen er das fertige Gedankenfabrikat be-
zieht. Selbstdenken ist unbequem, setzt Bücherlesen,
Mühe, Lernen und eigenes Untersuchen voraus. Es ist
so süß, so bequem, seine Gedanken fix und fertig aus der
Fabi*ik zu beziehen!
Noch weniger wendet er sich an die Engroshändler des
Gedankens, auf welche Deutschland stolz ist, an seine
großen Denker und Philosophen.
Dazu fehlt ihm in noch weit höherem Grade Ge-
schmack, Zeit und nötige Vorbildung.
Sondern wie diejenigen, denen die Mittel fehlen, statt
ihre Lebensbedürfnisse im voraus und im großen bei dem
Engrossisten zu entnehmen, sie schlecht und verfälscht
beim kleinen Krämer beziehen müssen, so wird von ihm
das Gedankenfabrikat täglich fix und fertig aus den Hän-
den der elendsten Handlanger, aus den Händen der libe-
ralen Zeitungsschreiber, bezogen!
So ist es denn gekommen, daß die Großen und Guten
unsere'* Nation, unsere Denker und Dichter, wie Kraniche
über den Häuptern dieses Bürgertums dahin geflogen sind
und nichts von ihnen auf diese Masse gekommen ist, als
der leere Schall eines Namens !
347
Der Bürger feiert unseren Denkern Feste — weil er
niemals ihre Werke gelesen! Er würde sie verbren-
nen, wenn er sie gelesen hätte. Denn diese Schriften
sind von der herbsten Verachtung gegen dieses Bürger-
tum gefüllt !
Er schwärmt für unsere Dichter, weil er einige
Verse von ihnen zitieren kann oder dies und jenes Stück
von ihnen gesehen und gelesen, aber sich niemals in
ihre We Itansc hauung hineingedacht hat !
Dies ist die geistige Physiognomie dieses Bürger-
tums, dessen ökonomische und sittliche Physio-
gnomie ich in dem vierten Kapitel enthüllt habe, und ich
habe hier wie dort gezeigt, wie die erste aus der zweiten
entsprungen !
Aber der Zeitungskultus kann als solcher nicht offen
eingestanden werden. Es wäre zu schmählich, wenn eine
Nation offen eingestände, in ihrem Denken und Glauben
von einer Handvoll verkommener Literaten abhängig zu
sein, die, zu jeder bürgerlichen Hantierung zu schlecht,
unfähig zu jeder selbständigen Gedankenleistung, nur noch
— so sehr schlagen die Gegensätze ineinander um ! —
gut genug sind, den Gedankenprozeß der Nation in ano-
nymer Zeugung zu bestimmen!
Der Zeitungskultus bedarf daher, wie jeder Kultus,
seiner mystischen Göttin!
Diese mystische Göttin ist die — , .öffentliche
M ei nung."
Wer sie ist, diese ,, öffentliche Meinung", vor deren
Altar das Bürgertum tanzt, wie David vor der Bundes-
lade, und von uns allen verlangt, daß wir mittanzen
müssen ?
Von allen unseren Denkern hat sie Hegel am ge-
rechtesten und noch am mildesten beurteilt. ,,Die öf-
348
fentliche Meinung" — sagt er-^) — „verdient da-
her ebenso geachtet als verachtet zu werden, dieses
nach ihrem konkreten Bewußtsein und Äußerung, jenes
nach ihrer wesentKchen Grundlage, die, mehr oder v/eniger
getrübt, in jenes Konkrete nur scheint."
Das heißt aus dem Hegeischen ins Deutlichere über-
setzt : Was der öffentlichen Meinung eigentlich zu-
grunde liegt, ist immer das Richtige. Aber sie ist die
beständige Ve rrücktheit, sich selbst nicht zu ver-
stehen und daher immer das Gegenteil von dem zu
sagen, was sie eigentlich sagen will.
,,Da sie in ihr" — fährt Hegel dies selbst expli-
zierend fort — ,, nicht den Maßstab der Unterschei-
dung, noch die Fähigkeit hat, die substantielle
(wesentliche) Seite zum bestimmten Wissen in sich her-
aufzuheben, so ist die Unabhängigkeit von ihr
die erste formelle Bedingung zu etwas
Großem und Ve rnünftigem, in der Wirklich-
keit wie in der Wissenschaft."
Aber unsere Denker möchten sich — in der Tat sind
sie kaum in irgendeinem Punkt so übereinstimmend wie
in diesem. — totschwören hierauf, — Zabel") und Bern-
stein^) sind anderer Meinung, und die ,, Unabhängigkeit
von der öffentlichen Meinung", diese erste Bedingung
nach Hegel, zu allem Großen und Vernünftigen in Wirk-
lichkeit und Wissenschaft, bleibt vor den Augen unseres
Bürgertums das erste bürgerliche Verbrechen,
von dem alle anderen Verbrechen eigentlich nur Spielarten
und untergeordnete Abstufungen sind.
^) Rechtsphilosophie p. 403.
^) Der Chefredakteur der Nationalzeitung.
^) Der Redakteur der Volkszeitung.
349
Hegel schließt: „Dieses — das Große und Vernünf-
tige — kann seinerseits sicher sein, daß sie es sich in
der Folge gefallen lassen, anerkennen und es zu einem
ihrer Vorurteile machen werden."
Man kann nicht epigrammatischer schreiben! In der
Zeit, wo die „öffentliche Meinung" jenes Vernünftige
anerkennen wird, da wird es schon anfangen in der
Anwendung, welche die öffentliche Meinung von ihm
macht, falsch und aus einem Urteil ein Vorurteil
zu werden!
In der Unabhängigkeit des Arbeiterstandes von
der ,, öffentlichen Meinung" — und ich habe diese Un-
abhängigkeit, die a priori aus den Bedingungen seiner
Klassenlage folgt, praktisch bewiesen, ii^em ich, ein
einzelner Mann, so große Kreise desselben der Abhän-
gigkeit von der liberalen Presse entrissen habe — in
seiner Unabhängigkeit von der öffentlichen Meinung zeigt
der Arbeiterstand seine entschiedene geistige Überlegen-
heit über das Bürgertum und seinen Beruf ziu* Umgestal-
tung desselben^).
^) Das ist, so unbedingt hingestellt, entschieden falsch. Die
Unabhängigkeit von der öffentlichen Meinung kann ebenso der
Ausdrudk eines sehr hohen wie der eines sehr tiefen intellek-
tuellen und moralischen Standpunktes sein. Die bewußten Ele-
mente der Arbeiterklasse sind von der bürgerlichen öffent-
lichen Meinung unabhängig, aber sie bilden sich ihre eigene
öffentliche Meinung.
Auch Lassalles Bemerkungen über die Presse sind — ganz
abgesehen davon, daß sie nur gegen die liberale Presse ge-
richtet smd, während die konservative vm keinen Deut besser
war als jene — nicht frei von argen Einseitigkeiten. Lassalle
war etwas stark vom Geist der Universitätsgelehrten infiziert.
Wer aber genauer zusieht, findet bei den wenigsten Gelehrten
größere Unabhängigkeit des Charakters als bei den besseren
350
Energischer noch als Hege! hat Goethe die öf-
fentliche Meinung bekränzt !
„Übers Niederträchtige
Keiner sich beklage.
Denn es ist das Mächtige,
Was man dir auch sage.
In dem Schlechten waltet es
Sich zum Hochgewinne,
Und mit Rechtem schaltet es
Ganz nach seinem Sinne.
Wandrer! — Gegen solche Not
Wolltest du dich sträuben?
Wirbelwind und trocknen Kot,
Laß sie drehn und stäuben!
Und doch lag damals, zur Zeit Hegels und Goethes,
dieses Idol des Bürgertums, die öffentliche Meinung, noch
erst in ihrer organischen Entwicklung. Sie hatte noch
lange nicht die feste, handwerksmäßige, verknorpelte Ge-
stalt von heute angenommen.
In der Tat, die öffentliche Meinung von heute, wer ist
sie? Wer Ist ihr Vater, wer ihre Mutter, welche Brüste
säugten sie?
Die Abhängigkeit Zabels von dem Interesse der
schlechtesten Spießbürgerclique ist ihre Mutter, und die
Abhängigkeit aller Spießbürger von den Interessen und
der Intelligenz eines Zabels — das ist ihr Vater!
Und wenn dem noch so wäre ! So traurig es wäre,
es wäre doch noch irgendwo eine Rettung denkbar ! Das
aktive und passive Interesse und die Intelligenzlosigkeit
des einen Zabel könnte doch noch irgendwo ihre Grenze
Literaten. Als wessen Geistes Kind hat sich zum Beispiel nicht
gerade Schelling, auf den sich Lassalle so gern beruft, schließ-
lich herausgestellt ! D. H.
351
haben ! Aber es sind alle Zabels im Lande, welche diese
Vater- und Mutterrolle spielen — und wo wäre somit
Rettung vor den Wassern dieser geistigen Sündflut!
So ist denn eingetreten, was Seh ellin g im Jahre
1803 vorausgesagt hat ^) : ,,Die Erhebung des gemeinen
Verstandes zum Schiedsrichter in Sachen der Vernunft
führt ganz notwendig die Ochlokratie^) im Reiche der
Wissenschaften und mit dieser früher oder später die
allgemeine Erhebung des Pöbels herbei. Fade oder heuch-
lerische Schwätzer, die da meinen, ein gewisses süßHches
Gemenge sogenannter sittlicher Grundsätze an die Stelle
der Ideenherrschaft zu setzen, verraten nur, wie
wenig sie selbst von Sittlichkeit wissen. Es gibt keine
ohne Ideen und alles sitthche Handeln ist nur ein Aus-
druck von Ideen."
Sollte man nicht meinen, Schelling habe Herni Bern-
stein gekannt?
Diese Ochlokratie in der Wissenschaft und diese allge-
meine Erhebung des Pöbels i s t eingetreten. Herr B a -
stiat-Schulze und so viele andere stellen die eine,
die geistige Herrschaft unseres Zeitungspöbels, die ,,öf-
fentKche Meinung" stellt die andere dar.
Und da scheint aller Widerstand um so unmöglicher,
als es im Namen der Freiheit und Sittlichkeit
ist, daß diese stupide Tyrannei gegen ein namenlos be-
trogenes Volk ausgeübt, die Zuchtrute dieses Cliquen-
monopols geschwungen und die Kränze einer falschen
Popularität verteilt werden !
Dieser großen Hure von Babylon stolz und gebieterisch
entgegenzutreten und ihre Lügenaltäre zu zerschmettern,
^) In den ,. Vorlesungen über die Methode des akademischen
Studiums" Werke. Bd. V.. p. 259.
^) Pöbelherrschaft.
352
— darin besteht alle Mannheit und alle Ehre
unserer Periode !
„Laß sie drehn und stäuben!" — in der Tat, vvie
leicht das nicht wäre, wenn man sich nur noch heute,
wie zu Goethes Zeit, in die Bildung der eigenen Indivi-
dualität einschließen und von dem Zustand der Nation
abstrahieren könnte !
Nötiger aber, dringender, brennender als irgendwo ist
dieser Kampf gegen das Bürgertum und seinen geistigen
Ausdruck gerade in Deutschland!
Der Verfaulungsprozeß der europäischen Bourgeoisie
ist überall in vollem Gange.
Sie hat abdiziert auf die Herrschaft und sich stürzen
lassen mit heller Gewalt in Frankreich durch einen Usur-
pator. Sie hat durch einen langsamen, allmählichen Prozeß,
für den sich weder Tag noch Stunde angeben läßt, ihre
Herrschaft in England hinverloren an einen Cliquen-
humbug ohnegleichen.
Aber noch stehen beide Nationen gestützt auf das Erbe
einer großen nationalen Vergangenheit, Frankreich auf
sein Schwert, England auf sein Gold; sie haben zuzu-
setzen und zu zehren.
In Deutschland hat das Bürgertum, begünstigt
durch die Kleinstädterei und Kleinstaaterei,
die widrigsten Züge angenommen, und endlich — unsere
nationale Existenz ist erst zu erobern, liegt erst in
der Zukunft!
Zerfallen ist seit Jahrhunderten, was uns einte und
zusammenhielt, und nur durch eine Gedankenwende
ohnegleichen ist diese nationale Existenz wieder zu
erobern! Schelling hat auch das gesehen: „In Deutsch-
land könnte, da kein äußeres Band es vermag, nur ein
inneres, eine herrschende Religion oder Phi-
23 LoMÜk. G«a. S>iiri^t«a. BaoJ V 333
lo Sophie den alten Nationalcharakter hervorrufen, der
in der Einzelheit zerfallen ist und immer
mehr zerfällt" ^).
Aber eben darum kann niemals und unmöglich
durch das Bürgertum dieser Durchbruch in eine na-
tionale Existenz vollbracht weixlen. Denn dieses
Bürgertum ist gerade eben selbst der Individua-
lismus, oder vielmehr um, was man hierunter versteht,
richtiger zu benennen, der Besonderungstrieb, der
uns um unsere Existenz als Nation gebracht hat, und die
Kleinstädterei und Kleinstaaterei nur sein
konsequentester, philiströsester Ausdruck 1 Eine tiefe in-
nere Gemeinschaft besteht zwischen beidem, beides ist
nur der innere und äußere Ausdruck desselben Ge-
dankens, und das ist das Geheimnis, weshalb es, trotz
aller Sehnsucht, unmöglich ist, unter der Herrschaft un-
seres Bürgertums eine nationale Wiedergeburt als Deut-
sche zu erobern. Kleinstaaterei und Bürgertum, beide
werden nur miteinander besiegt werden !
So ist für uns dieser Klassensieg auch zur Bedingung
unseres nationalen Daseins gemacht. Nur aus dem-
selben Gedanken können beide hervorgehen !
Näher und näher rückt die Zeit ! Mahnend pocht sie
mit ehernem Finger! Was heute noch Frage der natio-
nalen Wiedergeburt — bald wird es selbst Frage
der nationalen Existenz sein. Wir verlieren selbst
diese, wenn wir jene nicht erobern !
Sollte das das Schicksal des deutschen Geistes sein?
Sollten wir wirklich ein Volk sein, wie unheilvolle Weis-
sagungen erklangen, bestimmt, den Völkern einzelne
1) a. a. O. p. 260.
354
Denker zu geben und dann aufzugehen in sie, die Juden
unter den Völltern Europas ? — — —
Doch fort niit diesen melancholischen Gedanken ! Schon
höre ich in der Ferne den dumpfen Massenschritt der
Arbeiterbataillone ! Rettet — rettet — rettet euch aus
den Banden eines Produktionszustandes, der euch zur
Wa r e entmenscht hat — rettet — rettet — rettet den
deutschen Geist vom geistigen Untergange — rettet
— rettet zugleich die Nation vor Zerstückelung!
Schon zuckt in den Höhen der Blitz des direkten und
allgemeinen Wahlrechts ! Auf diesem oder jenem Wege,
bald fährt er zischend hernieder! Seitdem dieses Wort
ausgesprochen wtu'de, ist es zur Notwendigkeit ge-
worden! Bewaffnet dann mit diesem Blitz, rettet euch,
rettet Deutschland !
Und ihr, die ihr gleich mir Bourgeois von Geburt,
aus unseren Denkern und Dichtem die Milch der Freiheit
gesogen habt, um euch zu erheben über die Existenzbe-
dingungen einer Klasse, weiche dem Volke das Elend,
dem deutschen Geiste den Verfall, der Nation die Zer-
stückelung und Ohnmacht gebracht hat — herbei und
stimmet ein in mein ,,jacta est alea". Hier euer Banner
und das eure Ehre !
355
ANHANG:
DIE AN DEN „BASTIAT- SCHULZE"
ANKNÜPFENDEN KONTROVERSEN
DIE AN DEN „BASTIAT-SCHULZE" AN-
KNÜPFENDEN KONTROVERSEN.
I.
Die Rezension der „Kreuz zei tu ng'.
Über die Aufnahme, welche der „Bastiat- Schulze" in
der Presse fand, hat sich Lassalle selbst in der Rons-
dorfer Rede dahin geäußert, daß die konservativen Blätter
,, von Anerkennung überflössen", während die Fortschritts-
blätter ursprünglich beschlossen hätten, das Buch totzu-
schv/eigen. Aber im weiteren Verlauf der Rede zitiert
er selbst ein Fortschrittsblatt, das das Schweigen ge-
brochen, und im Brief vom 21. Juh 1864 an den Ver-
einssekretär Willms ersucht er diesen, den Verleger des
,,Bastiat- Schulze", Schlingmann, auf eine 112 Seiten lange
Besprechung des Buches durch A. E. Schäffle, damals
süddeutscher Demokrat, aufmerksam zu machen. Daß im
ganzen die Fortschrittler keine große Lust verspürten,
ihr Publikum mit dem ,,Bastiat- Schulze" bekannt zu
machen, erklärt sich mehr noch als aus dem ökonomischen,
aus dem politischen Charakter des Buches, der Art,
wie darin die politischen Tageskämpfe beleuchtet wurden.
Übrigens ist auch das ,, Totschweigen" nicht allzu wört-
lich zu nehmen. In der Hauptsache trifft es auf einige
Berliner Organe der Fortschrittspartei zu, deren Redak-
tionen neben anderen auch allerhand persönliche Gründe
hatten oder zu haben glaubten, sich möglichst wenig mit
Lassalle zu befassen.
359
Was nun die überfließende Anerkennimg von Seiten
der konservativen Presse anbetrifft, so liegen die Gründe
für diese so klar auf der Hand, daß darüber kein Wort
weiter zu verlieren wäre. Indes erfordert die Antwort,
welche Lassalle dem damals einflußreichsten der kon^
servativen Organe, der Berliner ,, Kreuzzeitung", auf deren
Rezension des ,,Bastiat- Schulze" einschickte, ihrem Ab-
druck eine kurze Analyse jener Rezension selbst voraus-
zuschicken.
Die Rezension zieht sich durch drei Nummern der
,.Kreuzzeitung" : Nr. 101 vom 1. Mai, Nr. 106 vom
8. Mai und Nr. 123 vom 23. Mai 1864. Sie beginnt mit
der Erklärung, der Schreiber fühle sich um so mehr ver-
anlaßt, näher auf die Schrift Lassalles einzugehen, „als
wir, vorbehaltlich aller sonstigen Differenzen, was die
vernichtende Kritik des Gegners anbetrifft, fast überall
auf Seiten des Verfassers stehen." Die Anwendung des
Zitats aus Schelling, wo dieser einem seiner Rezensenten
vorwirft, er habe noch nicht einmal die Bildung eines
Barbiers, auf Schulze- Delitzsch wird als höchst ange-
messen bezeichnet, „weil man einen , wissenschaftlichen
Barbier', der sich für einen Gelehrten ausgibt, kaum anders
behamleln kann, als denselben erst einzuseifen und dann
zu rasieren". Überhaupt sei der erste Teil des Buches,
der die Kritik Schulzes enthält, „als sehr gelungen zu
bezeichnen", und „überaus ergötzlich" sei ,,die kritische
Schärfe, mit welcher die beiden Universalheilmittel des
Herrn Schulze, Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, in ihr
Nichts aufgelöst werden." Es folgt dann eine Art In-
haltsangabe, ergänzt durch Zitate aus dem Buche selbst,
die sich alsdann durch den ganzen zweiten Abschnitt der
Rezension hindurchziehen. Die Kritik beginnt erst in
deren dritten Teil. Sie setzt bezeichnenderweise mit dem-
360
selben VonNOirf ein, den auch Fortschrittsblätter gegen
Lassalle erhoben : den der Zweideutigkeit. Nachdem der
Rezensent — unzweifelhaft der Geheime Justizrat
Wagener, damals noch die rechte Hand Bismarcks ^) —
die Forderung an Lassalle gestellt, an die dieser in semer
Antwort anknüpft : ,,sich offen und unumwunden darüber
auszusprechen", ob er seine Vorschläge innerhalb der
bestehenden christlichen Staats- und Gesellschaftsordnung
verwirklicht zu sehen gedenke, fährt er fort : ,,Bis dahin
(d. h. bis Lassalle sich darüber erklärt) werden seine
Projekte, die auch wohl nicht ohne Grund im clair-obscur
(Dämmerlicht) gehalten sind, mit Recht dem Vorwurf
unterliegen, daß sie weniger ein praktischer Beitrag zur
Losung der Arbeiterfrage, als vielmehr eine gefährliche
und radikale Agitation gegen die historische Staats-
uikI Gesellschaftsordnung sind."
Hierauf folgt ein Hinweis auf die Verbindung von
Kapital und Arbeit im ,,M i ttels t a nd". Die nackte
und krasse Gegenüberstellung der Extreme des ,, arbeits-
losen Kapitalisten" und der ,, kapitallosen Arbeit", heißt
es, welche überdies weit seltener existierten als theore-
tische Erörterungen zu unterstellen liebten, verrücke den
Gesichtspunkt, unter dem allein eine nachhaltige Hilfe
möglich sei. Die wesentliche Aufgabe jeder verständigen
Behandlung bleibe vielmehr ,,die Fernhaltung der Extreme,
d. h. die Konservierung des ,,Mittelsta ndes". Las-
^) Irgendwo — es ist uns nicht mehr genau erinnerlich, in
welchem Buch oder welcher Zeitschrift — ist vor einiger Zeit
Rodbertus als ihr Urheber bezeichnet worden. Schützt aber
schon der oben zitierte recht geschmacklose Witz ihn vor
dieser Vermutung, so sind die politischen und ökonomischen
Ideen, die in ihr zum Ausdruck kommen, himmelweit von denen
Rodbertus' verschieden. D. H.
361.
salio verlange nur da die Hilfe durch Staat und Gesetz-
gebung, v/o die Arbeit die Verbindung mit dem Kapital
eingebüßt habe, ignoriere aber die Schichten, wo diese
Verbindung noch bestehe, und die ,, gegenüber der wirk-
lich kapitallosen Arbeit ganz unverhältnismäßig in das
Gewicht fallen."
Lassalle, heißt es weiter, nehme ,, nicht den durch-
schnittlichen Zustand jenes Mittelstandes, sondern die
exzeptionelle Lage der .glücklich situierten Minderheit'
zum Ausgangspunkt," obwohl er sich doch sagen müsse,
daß selbst das allgemeine Stimmrecht keinen Zustand her-
beiführen könne, wo alle Fabrikarbeiter von Austern und
Champagner leben ; seine Gegenüberstellung sei nur dazu
geeignet, die gegenseitige Verbitterung zu steigern. Aber
Lassalle verstehe die Rechenkunst gut genug, um genau
zu wissen, daß sofortige Verteilung der Luxusausgaben
des ,, großen Kapitals" die Lage der Fabrikarbeiter kaum
wesentlich verändern dürfte, wie ja sein eigener Hinweis
auf den geringen Ertrag der Luxussteuern beweise ; und
so sei mindestens ebensosehr wie die anderweitige Ver-
teilung, die Steigerung des Gesamteinkommens ins Auge
zu fassen. Dann folgt der, ebenso wie der eben zitierte
Hinweis, von Lassalle in seiner Erwidemng teilweise be-
antwortete Vorhalt, daß ,, nicht alle Tugend und alles Ver-
dienst auf selten der Arbeiter, nicht alle Ungerechtigkeiten
auf selten des Kapitals zu finden", und daß die Arbeiter
ebenfalls andere werden müßten, als sie zur Zeit seien,
wenn irgendwelche Hilfe ihnen dauernden Nutzen bringen
solle. Zur Bekräftigung dieser Behauptung wird eine Stelle
aus dem gerade erschienenen Buch ,,Die Arbeiterfrage
und das Christentum" von Bischof Ketteier zitiert, und
schließlich das Gesamturteil wie folgt formuliert :
,,Für heute beschränken wir uns darauf, unsere Stel-
362
lung zu den Ausführungen und Vorschlägen des Herrn
Lassalle dahin zusammenzufassen, daß wir mit ihnen ein-
verstanden sind, soweit es sich um die Kritik und die
Beseitigung der Institutionen und Prinzipien des modernen
widerchristlichen Liberalismus handelt, daß wir aber als
seine entschiedenen Gegner auftreten, wenn und soweit
sich seine Angriffe gegen das Fundament der christlichen
Staats- und Gesellschaftsordnung selbst richten. Überdies
halten wir seinen Ausgangspunkt für unrichtig und meinen
unsererseits, daß jede gesunde Behandlung der obschwe-
benden Arbeitei'frage von der Konservierung des Mittel-
standes ausgehen muß, indem ja alle Versuche, eine Ver-
bindung von Kapital und Arbeit da, wo sie verloren ist,
wiederherzustellen, illusor-isch bleiben müssen, solange man
nicht weiß, wie man die noch vorhandene Verbindung kon-
servieren soll. Endlich müssen wir es als eine Unmöglich-
keit bezeichnen, die Lage des Arbeiters zu verbessern
anders, als indem man gleichzeitig den Arbeiter selbst
verbessert. Der Arbeiter, wie er heute ist, ist selbst schon
ein Produkt der falschen Prinzipien und Institutionen,
und man wird beides nur in- und miteinander wegzutun
imstande sein."
Man muß gestehen, sehr entgegenkommend gegen Las-
salle war das alles nicht. Man quittierte schmunzelnd die
Wunden, die er dem gemeinsamen Gegner beigebracht, im
übrigen hielt man ihm gewissermaßen einen Stock vor,
über den er zu springen habe, bevor man sich auf weiteres
mit ihm einlasse. Waren den Berliner Herren die soe}:^n
in Schleswig- Holstein erzielten militärischen Erfolge in
den Kopf gestiegen, so daß sie vermeinten, diese allein
genügten, den Widerstand des Kammerliberalismus zu
brechen, oder glaubten sie Lassalle schon so mürbe zu
haben, daß sie ihm im Ernst zumuten durften, unter das
363
kaudinische Joch dieser Gewissensfragen zu gehen? Die
Phrase „eine gebieterische Pflicht des Herrn
Lassalle" in der Einleitung der Herausforderung deutet
beinahe darauf hin. Nun, darin hätten sich die Leutchen
jedenfalls getäuscht. Immerhin ist die Antwort Lassalles
auf die so demütigende Zumutung in einem Tone gehalten,
der seltsam absticht von der brüsken Art, mit der er
ähnliche Anzapfungen von liberaler Seite abzufertigen
pflegte.
Trotzdem weigerte sich die Redaktion der ,, Kreuzzei-
tung" anfangs, die Antwort aufzunehmen. Es bediu^te erst,
wie aus den Briefen Lassalles an Willms vom 9. und 15. Juni
1864 (mitgeteilt in Band IV unserer Ausgabe, S. 329)
hervorgeht, eines Appells an Herrn Wagener selbst, die
Aufnahme bewilligt zu erhalten. Sie erfolgte in der Nr. 141
jenes Blattes, d. d. 19. Juni 1864. Die Redaktion be-
gleitete den Abdruck mit einer Nachschrift, in der sie
— ebenfalls nicht sehr rücksichtsvoll gegen Lassalle —
erklärte, ,,nur ausnahmsweise" und „nur in Er-
wägung der tiefgreifenden Bedeutung des Gegenstan-
des", sowie weil Lassalle die fortschrittliche Presse fast
hermetisch verschlossen sei, der Erwiderung Raum zu
geben. Es sei aber nicht ihre Absicht, die Frage in ihren
Spalten wissenschaftlich austragen zu lassen, und sie be-
schränke sich deshalb darauf, dem Verfasser der Rezen-
sion, falls er es wünsche, noch einmal das Wort zu lassen,
,,ohne damit eine Verpflichtung anzuerkennen oder zu
übernehmen, auch Herrn Lassalle wiederholt ihre Spalten
zu diesem Zwecke zu öffnen." Ihrerseits müsse die Re-
daktion erklären, daß sie in der ErAviderung Lassalles
keine Widerlegung, sondern vielmehr eine Be-
stätigung der wesentlichen Vordersätze ihrer Rezen-
sion des Buches „Bastiat- Schulze" gefunden habe.
364
Damit war Lassalle sozusagen die Tür vor der Nase
zugeschlagen. Aber auch der Rezensent selbst verzichtete
auf eine Fortsetzung der Debatte ; außer dem „Einge-
sandt" eines Unbeteiligten in der Nummer vom 3. Juli
1864, in welchem bemerkt wird, daß die Staatshilfe, wie
Lassalle sie verlange, den sicheren Staatsbankerott be-
deute, daß das allgemeine Wahlrecht, wenn überhaupt be-
willigt, wenigstens an die Bedingung des zurückgelegten
vierzigsten Lebensjahres geknüpft werden müsse, daß die
hier und da noch vorhandene Sitte, die Löhne zu "U in
Naturalien auszufolgen, empfehlenswert sei etc. etc. —
außer diesem sonderbaren Rezept zur Lösung der Ar-
beiterfrage haben wir in den folgenden Nummern des
Organs der Junker und Mucker keine, auf die Polemik
Bezug nehmende Notiz gefunden.
Dies vorausgeschickt, lassen wir nunmehr die Lassalle-
sche Antwort folgen.
II.
Erwiderung
auf eine
Rezension der ,, Kreuzzeitung" über das Buch: Herr
Bastiat- Schulze von Delitzsch, der ökonomische Julian.
Von Ferdinand Lassalle.
In der Nr. 123 Ihres geehrten Blattes befindet sich
als Schluß Ihrer eingehenden Besprechung meines „Ba-
stiat- Schulze" ein Aufsatz, in welchem es heißt : „Unter
diesen Umständen glauben wir, bevor wir uns auf eine
ernsthafte Diskussion seiner (Lassalles) positiven Vor-
schläge einlassen, es als eine gebieterische Pflicht
des Herrn Lassalle bezeichnen zu müssen, sich offen
und unumwunden darüber auszusprechen : ob und in wel-
365
eher Weise er die Absicht hat und sich getraut, seine
Vorschläge innerhalb der bestehenden christlichen
Staats- und Gesellschaftsordnung auszu-
führen."
Obgleich ich mich hierüber so oft „offen und unum-
wunden" erklärt zu haben glaube, daß ich mich über diese
Interpellation wohl verwundern darf, und obgleich ich
hier als Kurgast weniger denn je zu eingehenden literari-
sclien Besprechungen in der Lage bin, so ist doch diese
Aufforderung in einer, ich möchte sagen, viel zu feierlichen
Weise gestellt und kommt, wenn ich mich über die Person
des Verfassers jener Rezension nicht täusche, von zu
beachtenswerter Hand, um ihr nicht nochmals zu ent-
sprechen und diese Beantwortung durch die Erledigung
der vier Einwendungen näher zu begründen, v/elche der
Herr Rezensent mir entgegenhält.
Ich erwidere also :
1. Die Frage, inwiefern das gebieterische poUtisch-
soziale Bedürfnis der Jetztzeit seine Entwicklung inner-
halb oder gegen die bestehende Staats- und Gesell-
schaftsordnung nehmen wird, ist falsch gestellt und einer
absoluten Antwort nicht fähig, wenn diese Frage an
mich gestellt wird.
Ich meinerseits spreche mich über diese Frage in meiner
Rede vor dem Königlichen Kammergericht : „Die indirek-
ten Steuern und die Lage der arbeitenden Klassen"
S. 132^) also aus: „In diesem Sinne kann ich sagen,
daß ich jedenfalls von dem künftigen Eintreten meiner
Revolution (worunter ich, wie ich daselbst ausdrücklich
expHziere, immer nur die Durchführung eines neuen
Prinzips verstehe) überzeugt bin. Sie wird entweder
^) Bd. II, S. 478 unserer Ausgabe. D. H.
366
eintreten in voller Gesetzlichkeit und mit allen Segnungen
des Friedens, wenn man die Weisheit hat, sich zu ihrer
Einführung zu entschließen beizeiten und von oben
herab, — oder aber sie wird innerhalb irgendeines
Zeitraumes hereinbrechen unter allen Konvulsionen der
Gewalt, mit wild wehendem Lockenhaar, erzene Sandalen
an ihren Sohlen ! In der einen oder anderen Weise v/ i r d
sie kommen, und wenn ich, mich dem Tageslärm ver-
schließend, in die Geschichte mich vertiefe, so höre ich
ihr Schreiten."
Ist das deutlich ?
Mit anderen Worten: Um eine absolute Antwort
auf jene Frage, auf die ich nur eine alternativische er-
teilen kann, zu erhalten, muß diese Frage nicht an mich,
sondern an die Träger der bestehenden Staats-
und Gesellschaftsordnung gerichtet wer-
den!
Jenes politisch-soziale Bedürfnis ist ein gebiete-
risches, ein unbedingtes. Welche Entwicklung und
Stellung es zu der bestehenden Staats- und Gesellschafts-
ordnung einnimmt, hängt daher notwendig davon ab, welche
Stellung die Träger der bestehenden Staats- und Gesell-
schaftsordnung zu diesem Bedürfnis einnehmen werden.
Fahren diese Träger fort, in der bisherigen aktiv oder
pxassiv negativen Stellung zu diesem Bedürfnis zu ver-
harren, so ist dasselbe natürlich hierdurch, ohne dies ändern
zu können, seinerseits in eine negative Stellung zu
der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung ge-
drängt und zu einer negativen Entwicklung gezwungen.
Soviel zunächst über den ersten Punkt.
2 Der zweite Einwand des Herrn Rezensenten ist
der, daß ich angeblich nur den Gegensatz, nicht aber
die Verbindung von Kapital und Arbeit zu berück-
367
sichtigen scheine. ,Jn der WirkKchkeit — sagt der Herr
Rezensent — ist es aber gerade die Verbindung beider,
welche als der rechte Maßstab für die Behandlung der
sozialen Fragen betrachtet werden muß." Diese Verbin-
dung, sagt der Herr Rezensent, werde durch den Mit-
telstand repräsentiert. ,,Die wesentlichste Aufgabe jeder
verständigen Behandlung bleibt eben die Femhaltung der
Extreme (von Kapital und Arbeit) — fährt der Herr
Rezensent fort — d. h., die Konservierung des Mittel-
standes, wie es ja auch von allen Einsichtigen als die
Hauptgefahr der jetzigen industriellen Entwicklung be-
zeichnet wird, daß sie den Mittelstand absorbiere und
je länger desto mehr die bezeichneten Extreme in das
Leben rufe."
Ich kann alles Richtige, was in diesen Sätzen ent-
halten ist, mit Freuden zugeben. Statt einen Einwand
gegen mich, bildet es vielmehr einen vorzüglichen Beweis
für mich und die von mir vorgeschlagene Lösung !
In der Tat, die Ve r b i n d u n g von Kapital und Arbeit
zu bewerkstelligen, das ist eben der wahre Inhalt und die
wirkliche Formel der sozialen Frage. Und nicht weniger
wahr ist es, daß die Konservierung — bzw. Herstellung
— eines gesunden Mittelstandes, Hauptzweck der
sozialen Lösung sein muß. Der Prüfstein, ob eine soziale
Lösung die richtige sei, wird eben darin bestehen, ob sie
imstande sei, einen solchen Mittelstand zu erzeugen.
Allein wie soll denn der Mittelstand konserviert wer-
den? —
Es ist eben das von mir in meinem ..Bastiat- Schulze"
physiologisch entwickelte notwendige Spiel der Kräfte,
daß die große Industrie unrettbar das kleine Kapital
in ihre Attraktionssphäre zieht und verschlingt, den Mit-
telstand also fortwährend und immer mehr uiid mehr
368
aufhebt. Die konservativen Kritiker und Fachmänner
haben dies oft zugestanden. Ja, Ihr Herr Rezensent selbst
gesteht in dem zuletzt angeführten Satz auf das Aus-
drücklichste zu, daß dies der Fall sei, und zwar ,,j e
länger desto mehr" der Fall sei!
Wie also soll der Mittelstand konserviert werden,
wenn seine Aufhebung zugestandenermaßen nicht die zu-
fällige, sondern die notwendige Wirkung unserer heu-
tigen Gesellschaftsordnung, der großen Industrie
ist? Mit Palliativmitteln läßt sich gegen die organische
Kraft dieser in der heutigen Gesellschaftsordnung begrün-
deten großen Industrie doch offenbar nichts ausrichten
— und mit bloßen ,, frommen Wünschen" ist offenbar
ebensowenig getan.
Die Antwort auf diese verhängnisvolle und scheinbar
unlösbare Frage : wie soll der Mittelstand konserviert
oder bzw. hergestellt werden, ist eine sehr einfache!
Die große Industrie und ihre den Mittelstand
absorbierende Attraktionskraft kann durch nichts besiegt
werden, als durch die — noch größere; durch die
größeste Industrie! d. h. durch jene Verbin-
dung des Staates mit der Industrie, welche
ich in der auf den Staatskredit basierten großen Pro-
duktiv assoziation in meinem ,,Bastiat-Schulze" ge-
fordert und näher entwickelt habe.
Durch diese .,Ve rbindungdes Kapitals — und
des größesten — mit der Arbeit würde ein Mit-
telstand erzeugt, welcher nicht weniger als das ganze
Volk umfaßte."
Wenn also der Herr Rezensent, nachdem er sich
überall meinen theoretisch-ökonomischen Ausführungen an-
geschlossen und für die Unzerstörbarkeit ihrer kritisch-
wissenschaftlichen Begründung Zeugnis abgelegt hat, sich
24 Las.iU«. Ge«. Seliri£t«a, Band V. 369
dennoch gegen meine praktischen Vorschläge als von einem
unrichtigen Ausgangspunkte ausgehend erklärt, weil ,,]ede
gesunde Behandlung der obschwebenden Arbeiterfrage von
der Konservierung des Mittelstandes ausgehen
muß, indem ja alle Versuche, eine Verbindung von Kapital
und Arbeit da, wo sie verloren ist, wieder herzustellen,
illusorisch bleiben müssen, solange man nicht weiß,
wie man die noch vorhandene Verbindung konservieren
soll" — so möchte ich mir erlauben, ihn zu nochmaligem
Nachdenken über das hier Gesagte einzuladen, welches
ich ihm jetzt in folgender Form zusammenfassen will :
Die alte Verbindung von Kapital und Arbeit im Mittel-
stande wieder herzustellen, wo sie verloren gegangen ist,
würde, selbst wenn dies momentan möglich wäre, auf die
Dauer ebenso vergebliche Mühe sein, v/ie es unmöglich
ist, diese alte Verbindung, wo sie im Mittelstande noch
vorhanden ist, gegen die Attraktionskraft der großen In-
dustiie zu bewahren.
Die organische Kraft der großen Industrie einmal ge-
geben, ist es unmöglich, die noch vorhandenen Reste des
Mittelstandes gegen sie in ihrer alten Form zu
schützen. Es ist unmöglich, die Flüsse und Quellen davon
abzuhalten, daß sie in die Ströme fließen und sickern !
Aber sich der befruchtenden Kraft des großen Stro-
me s zu bemächtigen, jene Verbindung von Kapital und
Arbeit in einer neuen, in den heutigen entwickelten
Verhältnissen der großen Industrie begründeten Weise
hervorzubringen, einen Mittelstand schaffen, wel-
cher nicht mehr eine Klasse im Volke ist, sondern das
Vo Ik selbst umfaßt, das Dasein und die Blüte
dieses Mittelstandes gerade auf das We s e n der
großen Industrie selbst gründen, gegen wel-
ches man ihn vergeblich zu schützen und abzusperren sucht
370
— das scheint mir vor allem befruchtend und auch, da
so die einmal unleugbar historisch vorhandene und
sich immer mehr entwickelnde Kraft der großen Industrie,
statt bekämpft zu werden, zum Träger des Zweckes
gemac|it wird, vor allem ,,h is t o r is ch" !
3. In seiner dritten Einwendung bemerkt der Herr
Rezensent: ,,Um deswillen ist es auch nicht unbegründet,
wenn dem Herrn Lassalle bereits von anderer Seite der Ein-
wand gemacht worden ist, daß es sich bei Verbesserung der
Lage der Arbeiter nicht bloß um eine anderweitige Ver-
teilung, sondern mindestens ebensosehr um eine Steige-
rung des Gesamteinkommens handle, wobei selbstredend
die Steigerung der Erträge der Landwirtschaft im
Vordergrunde steht. Es bleibt dabei — wie ein ein-
sichtiger Nationalökonom sagt — daß, wer es bewirkt,
daß dort, wo bis dahin eine Weizenstaude gewachsen,
fortan deren zwei wachsen, seinem Vaterlande und auch
dem Arbeiterstande einen größeren Dienst geleistet hat,
als der größte Industrielle und der genialste Maschinen-
erfinder." »
Ihr Herr Rezensent hat zu eingehende Beweise von
dem Ernste gegeben, mit welchem er mein Buch gelesen
hat, als daß ich ihn im geringsten in Verdacht nehmen
könnte, dasselbe nur bruchstückweise zu kennen.
Allein bei dem mannigfachen Inhalte des Buches schei-
nen ihm nicht alle Teile desselben momentan gleich gegen-
wärtig gewesen zu sein.
So allein wenigstens kann ich mir die hier angezogenen
Sätze erklären.
Denn gerade in meinem ..Bastiat-SchuLze" habe ich
selbst erklärt (siehe p. 213 [301] daselbst), daß die
..Vermehrung der Produktion eine unerläßliche Be-
dingung jeder Verbesserung unserer sozialen Zustände"
24- 371
sei. Aber ich habe daselbst auch eingehend gezeigt, daß
und warum die von mir verlangte große Produk-
tivassoziation mit StEiatskredlt nicht bloß eine ge-
änderte Verteilung, sondern die gewaltigste
Steigerung des Gesamteinkommens der Ge-
sellschaft zur Folge haben müsse.
Ich habe daselbst p. 213- bis p. 229 sechs große
Ursachen für diese Steigerung des gesellschaft-
lichen Gesamteinkommens durch die große Produktiv-
assoziation entwickelt.
Ihr Herr Rezensent hat den Nerv und die Trag-
weite dieser Ausführungen weder widerlegt noch be-
stritten — ja ich glaube, daß er viel zu intelligent ist, um
sie auch nur bestreiten zu wollen!
Ebenso habe ich daselbst (s. ,,Bastiat- Schulze", S. 224
[317] und S. 227ff. [320 ff.]) die Steigerung der land-
wirtschaftlichen Produktivität, wie schon früher in
meinem ,, Arbeiterlesebuch", vor allem betont!
Es ist ganz wahr, was Ihr Herr Rezensent sagt, daß
wer hervorbringt, daß zwei Weizenstauden stehen, wo
früher eine stand, mehr für das Volk getan hat, als
der industrielle Erfinder.
Wer aber den gesellschaftlichen Produk-
tionsmodus in einer durch die Verhältnisse seiner Zeit
geforderten Weise verbessert, hat für die Steigerung des
Gesamtertrages der Gesellschaft noch mehr getan, als
wer die technische Produktion, sei es im landwirt-
schaftlichen, sei es im industriellen Gebiete, verbessert :
ja, er hat hundertmal mehr getan als beide! Und zwar
aus dem sehr einfachen Grunde, weil die den entwickel-
teren Verhältnissen entsprechende Verbesserung des g e -
1) Seite 301 bis 324 dieses Bandes. D. H.
372
sellschaftlichenProduktionsmodus von selbst
auf beide Gebiete, das landwirtschaftliche wie indu-
strielle, eim\ärkt und wieder in j e d e r Unterabteilung der-
selben und ihrem technischen Betriebe tausend Ver-
besserungen hervorruft.
Die den Verhältnissen jeder Zeit entsprechende Ver-
besserung des gesellschaftlichen Produktions-
modus bleibt also, sage ich, immer die größte Ver-
besserung, die mächtigste Quelle der Steigerung
des Gesamtertrages, die gewaltigste Ma-
schine zur Hervorbringung dieser Steigerung, und zwar
sowohl auf landwirtschaftlich em, wie auf in-
dustriellem Gebiet, und zieht außerdem alle anderen tech-
nisch e n Verbesserungen und Maschinen in j e d e m die-
ser beiden Gebiete nach sich.
So war die Einführung der freien Konkurrenz
durch die französische Revolution ihrer Zeit die gewal-
tigste Maschine für die Steigerung des gesellschaftlichen
Reichtums, die je erfunden wurde, und hat alle weiteren
Erfindungen nach sich gezogen.
Und ich habe ge%viß nicht nötig, Ihrem Herrn Rezen-
senten erst zu sagen, wie die freie Konkurrenz diesen
Reichtum nicht bloß auf industriellem Gebiet schuf,
sondern, durch die mit ihr gegebene Beseitigung des feu-
dalen Systems in der landwirtschaftlichen Pro-
duktion, durch die Beseitigung des Systems der Natural-
dienste, Lieferungen und Renten und der Rohabgaben
ebenso auf landwirtschaftlichem Gebiet eine bis
dahin ungeahnte Vermehrung der Produktivität hervor-
brachte ! Ich brauche Ihrem Herrn Rezensenten nicht zu
sagen, welche Steigerung des landwirtschaftlichen
Ertrages die Folge dieses verbesserten gesellschaft-
lichen Produktionsmodus war, und wie hunderte
373
von Verbesserungen, Boden- und Betriebsameliorationen,
welche hervorbringen, daß jetzt zwei Weizenstauden
stehen, wo früher eine oder keine, mit dem System
der unablösbaren Naturairenten und Rohabgaben etc. etc.
unvereinbar waren.
Was für die freie Konkurrenz für jene Zeit gilt, gilt
für die große Produlctivassoziation für die noch ent-
wickelteren Verhältnisse der heutigen Zeit, wie ich im
,,Bastiat-Schulze" auf den angeführten Seiten nachge-
wiesen habe — und jener dritte Einwand ist daher kein
Einwand gegen mich.
4. Der sehr verwunderliche vierte Vorwoirf, den mir
der Herr Rezensent macht und den er noch dazu als den
am meisten prinzipiellen und tiefgreifenden erklärt, —
ist der, daß meine Ausführungen stillschweigend voraus-
setzen, daß ,,alle lugend" auf seiten der Arbeiter und
alle Vorwürfe und alle Ungerechtigkeiten auf seiten des
Kapitals zu suchen seien, wogegen der Herr Rezensent
den sehr richtigen Satz aufstellt, die Arbeiter würden sich
einer Täuschung hingeben, wenn sie glaubten, als ob ihnen
durch irgendwelche Künste und Institutionen geholfen wer-
den könne, ,,so wie sie sind, und wenn sie so
bleiben wollen, wie sie sind."
Ich habe nirgends in meinen Schriften, weder aus-
drücklich, noch stillschweigend, die Voraussetzung aus-
gesprochen, daß sich auf seiten der Arbeiter ,,alle Tu-
genden" befänden. Die einzigen beiden meiner Schriften,
welche auf diese subjektive Seite zu sprechen kom-
men — das ,, Arbeiterprogramm" und das ,, Arbeiter-
lesebuch" — erklären vielmehr das Gegenteil sehr aus-
drücklich und sehr energisch!
In meinen anderen Schriften behandle ich nur die ob-
jektiven Seiten der Frage — unsere Einrichtungen.
374
Und mit Recht. Denn im allgemeinen ist der Mensch
eben ein Produkt seiner Lage, und wer ganze Klassen
von Menschen wirklich ändern will, muß zuvor die B e -
dingungen ihrer Lage ändern, die sie eben z u
dem machen, was sie sind.
Konnte denn aber der Herr Rezensent, die Hand aufs
Herz, wirklich glauben: ich wolle, die Arbeiter soll-
ten so bleiben wollen, wie sie sind? Wider-
spricht dem nicht jeder Schritt meiner Agitation und jede
Zeile auf jeder Seite meiner Schriften ?
Ich bin der erste, zu erklären, daß jede soziale Ver-
besserung nicht einmal der Mühe wert wäre,
wenn auch nach derselben — was zum Glück objektiv
ganz unmöglich — die Arbeiter persönlich das bKeben,
was sie in ihrer großen Masse heute sind.
Welches wäre denn aber der erste Schritt zu ihrer
subjektiven Hebung ? Es wäre — ich gebrauche das Wort
..Bildung" nicht mehr gern, seitdem es mir der Miß-
brauch verleidet hat, den die Fortschrittler damit getrieben
haben — es wäre die Erziehung des Arbeiters durch
den obligatorischen und unentgeltlichen Un-
terricht in einem ganz anderen Umfange, als in wel-
chem heute schwache Keime desselben vorhanden sind.
Wiederum ist es also der Staat, der durch diese
große Erziehungsmaschine den arbeitenden Klas-
sen zur Hilfe kommen muß, wenn von einer soliden Bil-
dung der Arbeiter die Rede sein soll. Das Bedeutendste
von dem, was, ehe der Staat diese Erziehungsmaschine
aufrichtet, zur Bildung der arbeitenden Klassen bis jetzt
geschehen ist, ist — ich kann dies ohne Scheu erklären
— gerade durch die Agitation des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins und durch meine Volksschriften geleistet
worden. Was die in denselben enthaltenen Bildungsele-
375
mente betrifft, so keinn ich das Urteil darüber dreist dem
Herrn Rezensenten selbst überlassen. Daß diese Schrif-
ten aber in einer bisher ganz beispiellosen
We ise in die Massen eingedrungen sind, das
kann ich dem Herrn Rezensenten aus eigener Anschauung
bezeugen. Ich habe auf meiner rheinischen Rundreise zu
meiner eigenen Überraschung sogar Land gemeinden ge-
funden, in welchen viele dieser Schriften mehr oder weni-
ger fast zum Gemeingut aller geworden waren! Ganze
Landgemeinden aber, welche ihre Mußezeit zum Lesen,
Denken und gegenseitiger Explikation venvenden, dies
scheint mir das Stärkste, zu sein, was von jener Staatser-
ziehungsmaschine zur Massenbildung getan werden muß.
Jener obligatorische und unentgelthche Unterricht ist
aber wiederum nur denkbar bei dem allgemeinen und
direkten Wa h 1 r e c h t , und so erstrebt denn meine
Agitation, indem sie dieses Wahlrecht verlangt, auch jene
Folgen desselben, die solide Erziehung und Bildung des
Volkes.
5. Indem ich das allgemeine und direkte Wahlrecht
erwähnt habe, komme ich damit zuletzt an den Vorv^rf,
welchen mir der Herr Rezensent gleich im Eingang seiner
Einwendungen macht : den Vorwurf, das allgemeine
Stimmrecht in seiner ,,rohesten Form" zu fordern.
An dieser ,, Roheit" halte ich unabänderlich fest! Ich
täusche mich natürlich über das allgemeine und direkte
Stimmrecht nicht. Ich halte es für keine Wünschelrute.
Ich weiß sehr wohl, daß auch mit dem allgemeinen und
direkten Stimmrecht die von mir erstrebte soziale Um-
gestaltung noch lange nicht erreicht ist. Aber ihre erste
Vorbedingung ist damit erreicht.
Man scheint sich jetzt von manchen Selten her mit dem
Gedanken an eine gewisse Ausführung meines sozialen
376
Programmes, an gewisse Experimente mit Produktivasso-
ziationen ohne das allgemeine und direkte Stimmrecht
zu tragen^). Aber abgesehen davon, daß diese Trennung
der politischen und sozialen Seite jenes Programms aus
tausend Gründen ebenso unzulässig wie unmöglich ist. ist
. nur mit dem allgemeinen und direkten Wahlrecht den
arbeitenden Klassen die Garantie für eine wirkliche,
ernsthafte und nachhaltige Ausführung der P r o -
duktivassoziationen im Großen gegeben. Ich
betone das Wort im Großen. Mit kleinen Experimen-
ten wäre hier nicht gedient — und leicht nur geschadet I
Die Produktivassoziation muß ausgeführt werden mit
Mäßigung, mit Weisheit, mit Ordnung und all-
mählich — aber immerhin im Großen.
Sogenannte Versuche im Kleinen wöirden durchaus
keinen experimentablen Wert für die Lösbarkeit dieser
Frage im Großen haben. Ich habe nicht ohne Grund im
..Bastiat- Schulze", S. 215 — 226^) ausgeführt, weshalb
die Produktivassoziation nur im Großen mit Sicherheit
und mit Hervorbringung jener Wirkungen, welche eine
wahrhafte und großartige Umwandlung der Lage der ar-
beitenden Klassen enthalten, lösbar sei, und welche ganz
andere Wirkungen, ja welche große Wzihrscheinlichkeit
des Mißlingens sogar. Versuche im Kleinen haben müssen.
Gelängen diese, so wäre damit nur ein höchst mäßiger
philantropischer Nutzen für eine sehr beschränltte kleine
Zahl von Leuten, keineswegs jene nach Umfang wie In-
^) Dieser Satz läßt vermuten, daß Lassalle bereits von dem
Projekt Kunde hatte, das später in Schlesien in Szene gesetzt
wurde : Die berühmte Weberassoziation unter dem Schutz des
Landrats Olearius. D. H.
2) Seite 303 bis 320 dieses Bandes. D. H.
377
tensität ganz andere Umgestaltung der Lage der arbeiten-
den Klassen erreicht, die ich erstrebe.
Mißlängen diese Versuche im Kleinen, so wäre für die
Uneinsichtigen immerhin eine Präjudiz für die praktische
Lösbarkeit der Frage im Großen, wenn auch mit dem
höchsten Unrecht, gegeben.
Schon also, weil die wirkHche Ausführung der sozi-
alen Verbesserung im Großen nur in dem allgemeinen
und direkten Stimmrecht ihre formelle Garantie»
findet, würde ich immer die ,, Roheit" dieses Rechtes als
die unumgängliche conditio sine qua non^) für alles wei-
tere betrachten.
Versuchen wir aber eine Verständigung über diese ,, Ro-
heit".
Was den Rechtsgedanken betrifft, so habe ich
nirgends ein konsequenteres Prinzip als diese allgemeine
und gleichmäßige Beteiligung aller am Staate, welche
durch das allgemeine und direkte Stimmrecht gegeben ist,
entdecken können.
Legt man aber weniger Gewicht auf die formelle ju-
ristische Seite, als auf den Kulturzweck der Staats-
ordnung, so glaube ich, wird' Ihr Herr Rezensent, ja es
wird wohl jeder ohne Ausnahme in dem Satze überein-
stimmen, daß die Intelligenz und Bildung den Maß-
stab für die Beteiligung an der gesetzgebenden Gewalt
geben müsse.
Bei der allgemeinen Übereinstimmung aller in diesem
Satze entsteht nur die weitere Frage : welches ist der
Maßstab für die Intelligenz.
Die Bourgeoisie sieht diesen Maßstab im Zensus, d. h.
im Geldbesitz.
^) Bedingung, ohne die es nicht angeht.
378
Diesen Maßstab werde ich für Sie und Ihren Herrn
Rezensenten nicht zu widerlegen brauchen.
Ebensowenig wird derselbe aber behaupten wollen, daß
irgendein anderer bestimmter Besitz, etwa der Grund-
besitz , dieser Maßstab sei — in der Zeit der großen
Industrie, in welcher auch der Grundbesitz nur zu einer
Form und Anlage des Geldbesitzes geworden ist, und
in welcher daber Geldmenschen und Juden ebensogut
Grundbesitz haben können und haben, wie große altadlige
Geschlechter.
Bleibt somit nur folgendes Entweder ~ Oder übrig.
Entweder man versucht die Intelligenz in chine-
sischer Weise mandarinenmäßig von oben herab bestimmen
zu lassen — und diesen Versudh wird bei uns niemand
wollen, noch für möglich halten.
Oder man läßt die Intelligenz aus der Frei-
heit hervorgehen und setzt ihren Maßstab in den
freien Glauben aller an dieselbe. — Und dies
ist die Lösung, mit der ich es halte.
Und hier zwei Sätze, die vielen paradox erscheinen
werden, die ich aber Ihrem HeiTn Rezensenten zur ern-
stesten Erwägung empfehle : Es gibt nichts der
wahren Intelligenz Wa hiver wandteres, als
der gesunde Ve rstand der großen Massen
— und es gibt nichts Organisationsfähigeres,
als die großen Massen.
Zum näheren Beweis dieser nur scheinbar paradoxen
Sätze erlaube ich mir, dem Herrn Rezensenten meine
,,Rede am Stiftungsfeste des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins, gehalten zu Ronsdorf", zu empfehlen,
welche binnen kurzem die Presse verlassen wird.
Obgleich ich in derselben dies Thema nur kurz und
indirekt berühre, werden dennoch die dort enthaltenen
379
Tatsachen ihres hohen Gewichtes und ihrer Beweiskraft
für den Herrn Rezensenten schwerlich entbehren ! Jene
Tatsachen wurzeln aber keineswegs in meiner Persön-
lichkeit, sondern lediglich in dem eigenen Geiste
der Massen!
Ja, es gibt nichts Organisations- und Zeu-
gungsunfähigeres, nichts Unintelligenteres, als
der unruhige nörgelnde liberale Individualismus,
diese große Krankheit unserer Zeit! Aber dieser un-
ruhige nörgelnde Individualismus ist keines-
wegs Massenkrankheit, sondern woirzelt notwendig
und naturgemäß nur in den Viertels- und Achtelsintelli-
genzen der Bourgeoisie !
Der Grund ist klar : Der Geist der Massen ist,
ihrer Massen läge angemessen, immer auf objektive,
auf sachliche Zwecke gerichtet. Die Stimmen unruhi-
ger, persönKchkeitssüchtiger einzelner würden hier in die-
sem Stimmenakkord verklingen, ohne nur gehört zu wer-
den I Der oligarchische Boden allein ist der homo-
gene, mütterliche Boden für den negativen, ätzen-
den Individualismus unserer liberalen Bom*geoisie,
und ihre subjektive, eigenwillige Persönllchkeitssucht !
Ja, Freiheit und Autorität sind zu vereinigen 1
— aber nur auf dem Boden der Massenfreiheit
und des Massenrechtes wird diese Vereini-
gung erblühen!
Ich schließe jetzt, indem ich mir erlaube, Ihrem Herrn
Rezensenten meinerseits eine Frage vorzulegen :
Wenn es gelänge, wie ich vor allem erstrebe, auf die
friedhchste Weise durch Einführung des allgemeinen und
direkten Wahlrechtes und durch hierzu bereite Träger
der Staatsgewalt jene soziale Umgestaltung hervorzubrin-
gen, welche durch die von mir geforderte ,,Ve r b i n d u n g
380
von Kapital und Arbeit" nicht bloß einen Mit-
telstand im Volke, sondern einen Mittelstand schafft,
welcher das ganze Vo Ik selbst umfaßt — würde
Herr Rezensent dann sagen, daß dies eine historische
oder eine unhistorische Umformung der bestehenden
Staats- imd Gesellschaftsordnung gewesen sei ?
Ist zeitgemäße Entwicklung nicht auch —
und vor allem — historisch? Ist historisch nur die
unveränderte Aufrechterhaltung und Einbalsamierung alles
einmal Seienden, die vielmehr unhistorisch, weil unmög-
lich ist ?
Wann handelte Louis XVI. historischer? Als
er auf Turgots Andringen plötzhch durch ein Dekret die
Zünfte aufhob, die so viele Jahrhunderte hindurch bestan-
den hatten — oder als er kurz darauf auf das Andringen
der einmal ,, bestehenden Staats- und Gesellschaftsord-
nung" die Zünfte wieder herstellte und die französische
Revolution hervorrief, welche, wie negativ auch ihre Rich-
tung war, doch, da sie Dauerndes und Bleibendes ge-
schaffen hat, immerhin „historischer" war, als jene Wie-
derherstellung ?
Bad Ems, den 2. Juni 1864."
Ferd. Lassalle.
III.
Schulze - Delitzschs Angriff auf Lassalle.
Bevor wir nunmehr zur Antwort Schulze -Delitzschs
auf den ,,Bastiat- Schulze" übergehen, haben \m zunächst
erst, wie in der „Vorbemerkung" angekündigt, diejenigen
Stellen aus dem sechsten Vortrag des Schulzeschen ,, Ka-
techismus" zu rekapitulieren, die sich speziell gegen den
381
Lassalleschen Vorschlag der Produktivgenossenschaften
mit Staatskredit wenden.
Nachdem er gegen einige der allgemeinen Sätze aus
dem „Offenen Antwortschreiben" polemisiert, fährt
Schulze auf Seite 155 des „Katechismus" fort, wie folgt:
„Von diesen Proben, wie Herr Lassalle die Dinge im
allgemeinen auffaßt, kaan man nun einen Schluß auf den
Wert dessen ziehen, was er sowohl für seine Projekte,
wie gegen die von mir vertretene Richtung anführt.
In erster Beziehung läßt er wohlweislich die Organi-
sation seiner Zukunftsorganisationen im Dunkeln. Er will
die freie, individuelle Assoziation, gleich
mir (natürlich immer die Staatshilfe abgerechnet), gleich-
wohl soll sich ,,die Assoziation im Laufe der
Zeit über den ganzen Arbeiterstand er-
strecken", und „er will im Laufe der Zeit so-
viel Assoziationsfabriken gründen, daß der
ganze Arbeiterstand darin beschäftigt ist,
weil es sich eben um den ganzen Stand, nicht
um das Emporkommen einzelner handelt".
Wie sich das letztere, das Zusammenfassen des
ganzen Arbeite rstand es in den Assoziationen, mit
der freien und individuellen Assoziation, die
es doch dem einzelnen überlassen muß, ob und unter
welchen Bedingungen er eintreten will, vereinigen läßt,
ist mindestens zweifelhaft. Soviel aber ist sicher, daß,
wenn sämtliche Arbeiter in den Assoziationsfabriken be-
schäftigt werden sollen, sämtliche bisherige Privatetab-
lissements geschlossen werden müssen. Daß ein solches
Ziel, da es mit Staatshilfe erreicht werden soll, am Ende
mit wenigen Modifikationen auf den sozialen Staat
hinausläuft, von dem v/ir uns im vierten Vortrage
unterhalten haben (Herr Lassalle bezeichnet den Staat
382
als ,Aie große Assoziation der arbeitenden
Klassen"), werden wir solange annehmen, bis er seinen
Organisationsplan im Detail näher dargelegt und uns da-
durch eines anderen belehrt hat. Geradezu lächerlich er-
scheint uns dabei nur, daß die an die Spitze gestellte
Staatshilfe oder Intervention die soziale Selbst-
hilfe nicht alterieren soll. Eine Hilfedurchandere,
eine Hilfe für solche, welche sich nicht selber helfen
können, ist doch alles eher als Selbsthilfe! Davon
kommt man nur los, wenn man, wohin sich Herr Lassalle
nach seiner Staatsdefinition zu neigen scheint, annimmt :
die Arbeiter allein mit Ausschluß aller üb-
rigen Klassen, wären der Staat. Wenn ihnen
dann der Staat hilft, dann helfen sie sich selbst. Ich will
Sie, meine Herren, mit der Widerlegung dieser Voraus-
setzung, welche aller Wirklichkeit, dem was jeder mit
seinen fünf Sinnen wahrnimmt, so grob in das Gesicht
schlägt, nicht behelligen, ich weise nur auf den Fehlschluß
hin, der daraus gezogen wird. Wenn die Arbeiter mcht
im Besitz der Mittel sind, einzeln oder durch ihren Zu-
sammenschluß sich emporzubringen, wie kann es denn em
Staat, der nur aus ihnen besteht und dem sie noch Steuern
gewähren müssen ? — Und solchen Folgerungen begegnen
wir überall. Wenn z. B. gesagt wird : daß die Arbeiter
nichts 'erreichen würden, ,,w enn sie ausschließlich
und lediglich und allein auf Ihre Isolierten
Anstrengungen als Individuen reduziert
bleiben": so folgt daraus doch nur, daß man sich
auf genossenschaftlichem We ge zu ver-
einigen hat, da dies ja eben der Weg ist, um aus der
atomistischen Isolierung herauszukommen, keineswegs aber
die Notwendigkeit der Staatshilfe. Doch gehen wir an
das einzelne.
383
Die Möglichkeit der Assoziation, auch der Produk-
tivgenossenschaft, auf dem Wege der Selbst-
hilfe bestreitet Herr Lassalle also nicht, aber er hat
bei ihrer Durchführung Bedenken. Einmal will er alle
Arbeiter in die Genossenschaften gezogen wissen, wie
wir sahen, und da scheint ihm, wenn man die Sache den
Leuten selbst überläßt, ein solcher allgemeiner Beitritt
wohl zweifelhaft. Nun unmöglich ist derselbe auf
unserem Wege an sich nicht, vielmehr sind alle, welche
überhaupt dazu geneigt sind, den Willen und die Kraft
dazu in sich fühlen, jederzeit in der Lage, entweder den
schon bestehenden Genossenschaften beizutreten, oder neue
zu gründen. Sicher wird die wachsende Einsicht in das
Wesen und die Vorteile der Genossenschaft inmier größere
Arbeiterkreise xiazu heranziehen. Aber daß sämtliche Ar-
beiter jemals, ohne Anwendung von Zwang, sich so ver-
einigen werden, das halte ich für eine Chimäre. Sehen
wir uns nur das Sachverhältnis etwas näher an. Da finden
wir zuerst die ländlichen Arbeiter, die in der Land-
wirtschaft ihre Beschäftigung finden, deren Zahl durch
die neueste Volkszählung in Preußen auf 3428457
selbsttätige Personen (Männer und Frauen) festgestellt
ist, also die der industriellen Arbeiter übersteigt, welche
nur 3104092 beträgt. Wie will man diese Leute in die
allgemeine Arbeitergenossenschaft hineinziehen, wenn man
nicht den jetzigen Grundeigentümern ihr Eigentum nimmt,
sie irgendwie expropriiert, da man ohne Grundbesitz doch
nimmermehr selbständig als Unternehmer Landwirtschaft
treiben kann? Die Kapitalgarantie des Staates hilft da
zu gar nichts, da müßte der Staat zu Eingriffen der ge-
waltsamsten Art in das Eigentum schreiten, weshalb wir
von dieser größeren Halbschied der Arbeiter bei der
Lassalleschen Zukunftsassoziation gleich von Haus aus
384
abzusehen haben. — Sodann haben wir die Handwerker,
welche wiederum an Zahl — 1090714 — den Fabrik-
arbeitern — 766180 — erhebhch bei uns überlegen sind
und sicher nur zum Teil geneigt sein werden, ihre zäh
und in vielen Fällen mit Glück behauptete Selbständig-
keit aufgegeben, um sich der allgemeinen Assoziation an-
zuschließen. — Bleiben sonach noch die Fabrikar-
beiter übrig, von denen wir indessen wiederum zirka
50000 an Direktions- und Aufsichtspersonal, und zirka
150000 Weiber^) in Abrechnung bringen müssen, so
daß sich ihre Zahl auf wenig über 560000 reduziert.
Nun sind aber auch unter diesen sehr viele in ihren Lohn-
verhältnissen so gut gestellt, daß sie wahrhaftig nicht ge-
neigt sein werden, ihr gutes Auskommen aufzugeben und
sich jenen Assoziationen anzuschließen, deren Gelingen
doch zum mindesten höchst zweifelhaft ist. Wie lockend
und zweckmäßig nun auch gerade für solche, die etwas
vor sich gebracht, etwas gespart haben, der Übergang zur
gewerblichen Selbständigkeit ist, mancher wird eine loh-
nende Beschäftigung ohne Risiko einem Geschäfte für
eigene Rechnung vorziehen, das steht bei der Verschieden-
heit der Menschen fest. Ohne Zwang möchte also die
ganze Maßregel kaum durchzuführen sein, wenn ihn auch
Herr Lassalle nicht proklamiert, und zwar sowohl Zwang
zum Beitritt gegen die einzelnen Arbeiter, wie Zwang
zur Aufnahme aller gegen die einzelnen Assoziationen.
Denn bei dem gewährten Staatskredit kann man unmög-
lich gestatten, daß sich einige wenige, mit Ausschließung
aller anderen in gleicher Lage mit ihnen befindlichen, des-
selben bedienen, um ein lukratives Geschäft zu machen.
â– ^) Aus welchem Grund die Arbeiterinnen den Assoziationen
nicht sollten beitreten können, ist wirklich nicht abzusehen.
D.H.
•/5 LaaaalU. Geä. Sckn^ten. Bind V. 385
Nicht einzelnen, dem ganzen Stande soll geholfen werden,
sagt Herr Lassalle ..."
,, Ebenso leicht wie mit der Organisation, macht
es sich Herr Lassalle mit der so überaus wichtigen finan-
ziellen Seite der Frage : wie unter Eintritt des Staates
Kapital und Kredit für die Assoziationen beschafft wer-
den soll ? Er verschiebt jede solche ,,die Art der Aus-
führung" (Exekutionsmodus) betreffende Erörterung als
völhg wirkungslos und überflüssig, da sie einen praktischen
Wert erst in der weiter unten zu bestimmenden Zeit haben
werde, wo an die Verwirklichung seiner Forderungen ge-
dacht werden kann, d. h. wenn durch das allgxjmeine Wahl-
recht die Volksvertretungen — • wie er meint — völlig
auf seinem Standpunkte stehen und alle die schönen
Sachen dekretieren. Das ist freiHch sehr bequem für ihn,
wie ich bereits sagte. Allein da von dieser Erörterung
der Nachweis der Ausführbarkeit des ganzen Projektes
abhängt, so ist die Zumutung doch etwas stark, jahrelang
Zeit; Kraft und Geldmittel dafür aufzuwenden, lediglich
auf das Wort des Herrn Lassalle. Indessen wenn der
Urheber des Projektes den Nachweis der Möglichkeit in
solcher Weise zu führen versdhmäht hat, meine Herren,
vielleicht werden wir mit dem Nachweis der Unmög-
hchkeit seiner Pläne auch ohne seine noch zu erwartenden
Aufschlüsse fertig.
„Da frage ich Sie einfach, meine Herren: wo der
Staat die Tausende von Millionen hernehmen soll, um
die sämtliche Industrie des Landes in die Hände der Ar-
beiter zu bringen ? Welche ungeheure Summen sind nicht
allein hier in Berhn in Fabriken und Werkstätten aller
Art angelegt, und dabei sehen wir noch ganz von dem
jeder Berechnung spottenden Werte der zu landwirtschaft-
lichen Zwecken dienenden Ländereien nebst Inventanen
386
ab, welche bei Heranziehen der ländlichen Arbeiter in
die Assoziation mit akquiriert werden müßten. Alle diese
Kapitalien befinden sich gegenwärtig in den Händen von
Privatpersonen, und von diesen allein kann sie der Staat
vorgestreckt erhalten, bei ihnen allein hat er Kredit zu
suchen. Nun befindet sich aber auch die gesamte Indu-
strie, in welcher diese Kapitalien angelegt sind, in den
Händen der Privaten, und diese soll der Staat durch seine
Dazwischenkunft, durch seine finanzielle Garantie, ver-
drängen helfen, um sämtliche Etablissements allmählich
in die Hände der Arbeiter zu bringen. Werden denn nun
die Kapitahsten, so frage ich weiter, durch Vorstreckung
von Geld und Kredit zu diesem gegen sie selbst gerich-
teten Angriffe mitwirken? Kann das jemand im Ernste
glauben ? Ein Staat, der so etwas unternimmt, sein Geld
und seinen Kredit auf solche Pläne verwendet, und da-
mit das Privatkapital und die Privatindustrie anfeindet
und verscheucht, der bekommt einfach kein Kapital und
keinen Kredit, wird beides niemals bekommen und kann
es also auch anderen nicht gewähren. Nun muß man aber
durchaus Kapital und Kredit haben, um mit irgendeinem
Unternehmen, besonders mit großen Fabriketablissements,
zu beginnen, man kann ja ohne dies gar nicht anfangen,
und deshalb bleibt eben nur der Weg übrig, den die auf
Selbstliilfe gegründeten Genossenschaften mit so gutem
Erfolg beschritten haben : das Privatkapital an-
zulocken, statt anzufeinden, ihm die nöti-
gen geschäftlichen Garantien zu bieten, die
i m We sen der Genossenschaft liegen, und
es sich dadurch unter denmarktgängigen Be-
dingungen dienstbar zu machen. Wirklich strei-
fen die weiteren Räsonnements des Herrn Lassalle hier-
bei an das Lächerliche. Daß Kapital oder Kredit des
25« 387
Steates lediglich auf den Steuern und der Steuerkraft seiner
Angehörigen beruhen, und daß daher einer Klasse von
Bürgern vom Staat nur auf Kosten der übrigen aufge-
holfen werden kann, haben wir mehrfach festgestellt. Wenn
nun 95 Prozent aller Staatsbürger, nach Herrn Lassalle,
diese Abhilfe, gleichviel ob durch Vorstreckung von Geld-
mitteln oder Gsu-antie für Kredit in Anspruch zu nehmen
haben, wo in aller Welt bleiben dann diejenigen, in wel-
chen der Staat den finanziellen Rückhalt zu suchen hat?
Die noch übrigen 5 Prozent müßten wirklich von der
Bürde, die noch zuletzt allein auf ihre Schultern fiele,
erdrückt werden. Nein, meine Herren, wenn die Ar-
beiter selbst der Staat sind, so ist es doch der unnützeste
Umweg, den ich mir denken kann, sie erst an den Staat
zu verweisen. Denn auf sie selbst fällt ja eben alsdann
die ganze Aufgabe zurück ; die S t a a t s h i 1 f e ist ja
dann, wir wiederholen es, weiter nichts als die Selbst-
hilfe, aber mit Hindernissen, wesentlich ver-
teuert, erkauft um den Preis höherer Steuern, um ein
unnützes Mehr von Beamten zu bezahlen, erkauft um
den Preis der so wertvollen, zum gewerblichen Gedeilien
ganz unentbehrlichen Selbständigkeit.
,,Denn Herr Lassalle stelle sich an, wie er wolle, er
kommt bei der Staatsgarantie nicht über die S t aa t s -
einmischung und Staatsaufsicht hinweg. Wie
unreif seine Vorstellungen hierüber sind, geht schon aus
der Art hervor, wie er die Staatsgarantie, mittelst
deren die Assoziationen das nötige Kapital vorgestreckt
erhalten sollen, auffaßt, indem er dabei an die Zins-
garantie bei Eisenbahnen denkt. Daß der Staat, um Kredit
für die fraglichen Assoziationen zu erhalten, nicht mit
einer Garantie für eine gewisse Zinshöhe wegkommt, son-
dern die den Assoziationen zu kreditierenden Kapitalien
388
selbst garantieren, dafür Bürgschaft leisten muß, liegt
auf der Hand, da bei Eisenbahnen der Fall ein ganz an-
derer ist. Bei einer Eisenbahngesellschaft ist das Ka-
pital vorhanden und nicht erst zu beschaffen, die Aktionäre
sind selbst Kapitalisten, besitzen das nötige Geld, dem
die Bahn und deren Betriebsinventar einen reellen Wert
als sichere Unterlage bietet. Sie wollen nur einen Mini-
malertrag ihres Kapitals durch jene Garantie sich ge-
sichert wissen, ohne welche sie sich zu der Anlage nicht
entschließen. Allein den fraglichen Assoziationen soll das
Kapital oder der Kredit durch die Staatsgarantie über-
haupt erst verschafft werden, und jedermann sieht ein,
daß dieselbe auf das Kapital selbst, nicht bloß auf diel
Zinshöhe, erstreckt werden muß, wenn sich irgend jemand
entschließen soll, daraufhin Geld oder Ware zu kredi-
tieren. Der Staat tritt somit, wenn die Maßregel über-
haupt Sinn und Effekt haben soll, vollständig in das R i -
siko der Assoziationsgeschäfte ein, ohne am Gewinn Teil
zu haben, und wie dies, selbst bei den ausschweifendsten
Vorstellungen von der Unermeßlichkeit der Staatsmittel,
durchgeführt werden kann, ohne daß der Staat diese Asso-
ziationsgeschäfte, für deren Solidität er aufkommen muß,
auf das genaueste kontrolliert, ist völlig unerf indbar.
Diese Assoziationen stehen docb nicht außerhalb der
Chancen aller menschlichen Unternehmungen, sie sind doch
mangelhafter Leitung, ja selbst unverschuldeten Verlusten,
den allgemeinen Konjunkturen des Marktes ausgesetzt,
der Möglichkeit des Mißlingens. Wenn mm ein solches
Geschäft zahlungsunfähig wird, das Anlagekapital ver-
loren geht, die Gläubiger aus der Staatskasse gedeckt
werden müssen, was wird nun ? — Bleiben die Mitglieder
dem Staate verpflichtet, müssen sie ihm das für sie Ge-
zahlte ersetzen? — Um hierzu imstande zu sein, müssen
389
sie ein neues Geschäft anfangen, von de-ssen Ertrage sie
leben und etwas zur Tilgung jener Schuld übrig behalten.
Dazu aber gehört wiederum Staatsgarantie zur Beschaf-
fung des Betriebskapitals. Oder soll das Konto einer
solchen verunglückten Assoziation gelöscht, die Schuld
gestrichen werden, ohne Ersatzpflicht der Mitglieder ?
Daß dies eine Ermunterung zu leichtsinnigen Spekula-
tionen und sorgloser Verwaltung wäre, wenn sich die
Genossen so leicht den Folgen des eigenen Tuns zu ent-
ziehen vermöchten, und daß, wenn eine solche Ermun-
terung vom Staate selbst ausginge, die DemoraUsation der
Arbeiter und das völlige Hernnterkoinmen der Gesamt-
güterproduktion und des Gesamtkapitals in ei-schreckender
Weise die Folge davon sein müßte, bedarf keines wei-
teren Beweises. Und davon kommt Herr Lassalle mit
seinem Vorschlage einer gegenseitigen Asseku-
ranz der Assoziationen gegen Geschäftsverluste nicnt
los. Man mag sich wohl gegen äußere unverschuld.bte
Unglücksfälle assekurieren und deren Übertragung da-
durch auf viele verteilen, nicht aber gegen ein solches Miß-
lingen, welches in den meisten Fällen in eigener Ver-
schuldung beruht, oder wo Schuld und Unschuld sich in
den wenigsten Fällen erkennen und scheiden lassen. Die
Folgen verkehrten Tuns soll der tragen, der so handelt;
eine Assekuranz gegen die Folgen jeder Art von geschäft-
hcher Untüchtigkeit und Mißgriffen ist sittlich und wirt-
schafthch ebenso verwerflich als undurchführbar, weil ihr
Zustandekommen schon an und für sich, durch Beförde-
rung jener Mängel und Lähmung der Selbstsorge, die
Fälle, wo sie einzutreten hätte, vermehren würde.
„Daß es daher ohne Staatskontrolle nicht abgeht, fühlt
auch Herr Lassalle, und seine Versicherung : ,,der Staat
würde keineswegs den Diktator bei diesen
390
Gesellschaften spielen", ist ein sehr schwacher
Trost, da er selbst ihm „die Feststellung resp. Ge-
nehmigung der Statuten und eine zur Siche-
rung seiner Interessen ausreichende Kon-
trollebeider Geschäftsleitung" zugesteht. Nun
wahrhaftig, das ist gerade genug, um auch den Gedanken
an eine geschäftliche Selbständigkeit zu beseitigen. Ge-
schäftskontrolle, soweit die Staatsinteressen es erfordern
— ja, da der Staat das ganze Risiko des Geschäftes
hat, so fordert ja sein Interesse die allerspeziellste, die
eingehendste Kontrolle, damit keine verkehrten luid leicht-
sinnigen Unternehmungen vorkommen können, welche jenes
Risiko nahe rücken ! Also eine Prüfung der Zweckmäßig-
keit des Geschäftsverfahrens bis ins Detail, die Beurtei-
lung der einzelnen Abschlüsse und Spekulationen, und
noch dazu durch Beamte, — denn ohne dies kann der
Staat sein Interesse in Wirklichkeit nicht wahren. "Hierzu
nun auch die Prüfung und Genehmigung der
Statuten — wo da die freie Assoziation bleibt,
das ist nicht abzusehen. Die mindeste praktische Erfahrung
auf diesem Felde hätte Herrn Lassalle eines besseren
belehren können. Welchen Wert legt jeder Geschäftsmann
auf die Selbständigkeit und die Freiheit in seinen ge-
schäftlichen Maßnahmen und Entschließungen ! Da sind
die Mitglieder unserer kleinen Assoziationen durch ihre
Erfahrungen schon weiter gekommen. Welchen Kampf
haben wir mit den Behörden in Preußen um unsere Frei-
heit geführt, und jede Kontrolle, auch nur unserer Sta-
tuten, selbst um den Preis der Konzessiomerung, selbst
gegen die Androhung der Schheßung, abgewehrt. Als
vor einiger Zeit der Schuhmacherassoziation zu
Delitzsch ihr ganzes Betriebskapital von der dasigen
Kommunalsparkasse zu 2 °/0 Zins angeboten wurde, wenn
391
sie einem Magistratsdeputierten die Einsicht in ihre Ge-
schäfte gestatte, wiesen die wackeren Männer dies ab,
ohne sich einen AugenbKck zu bedenken, und meinten,
daß sie Heber nach wie vor 4 — 5 <yo zahlen und ihre
eigenen Herren blieben. Und darauf kommen wir immer
wieder zurück : eben weil die Genossenschaften, wie der
Erfolg überall zeigt, ohne diese ganz undurchführbare
Staatsgarantie Geld und Kredit in ausreichendem Maße
erhalten, wenn sie es recht angreifen, ist es in keiner
Weise zu rechtfertigen, durch Zuhilfenahme des Staates
jene wichtige Bedingung alles gewerblichen Gedeihens,
die geschäftliche Selbständigkeit, ohne die dringendste
Veranlassung zu opfern. . ."
„So sehr sich Herr Lassalle bemüht, für die Staats -
hilfe nach gelungenen Beispielen in der Praxis zu suchen,
so wenig gelingt ihm dies. Nur in Frankreich ist
bisher Staatssubvention unter den bekannten Ein-
wirkungen der Februarrevolution von 1848 bei den Asso-
ziationen, durch Bewilligung einer Summe von 3 Mil-
lionen Franken aus Staatsmitteln versucht worden und muß
als gescheitert betrachtet werden, da von den mit
2590000 Franken subventionierten 56 Assoziationen ge-
genwärtig kaum noch 10 existieren, und die meisten und
gelungensten von den 20 — 30 Produktivassoziationen in
Paris (sonst gibt es keine in Frankreich) die Staats-
hilfe nicht genossen haben. In England dagegen, wo
diese Assoziationen und das ganze Genossenschaftswesen
sich zu höchster Blüte entfaltet haben, hat eine Staats-
unterstützung niemals stattgefunden. Die dagegen gemachte
Bezugnahme auf die Ablösung der Sklaverei in
den englischen Kolonien durch Aufwendung von
20 Millionen Pfund SterHng aus der Staatskasse kann
nicht unglücklicher gewählt sein. Daß Sklaven, so gut
392
wie bei uns die Haustiere, dem Eigentumsrecht ihrer
Herren unterworfen sind, und daß der Staat jeden ent-
schädigen muß, dem er aus RücJisichten des öffentlichen
Wohles das Eigentum irgendeiner Sache entzieht, weiß
jedermann. Ebensowenig greift das Beispiel von der
Zinsgarantie bei Eisenbahnen Platz, deren Un-
terschied von der für die Assoziationen zu übernehmenden
Kapitalsgarantie wir bereits klar gemacht haben. Wenn
der Staat den Bau von Eisenbahnen, Straßen, Kanälen
und dergl. durch jene Garantie befördert, so tut er dies
doch wahrhaftig nicht um der Aktionäre, sondern um
des großen Interesses des gesamten Publikums
willen, indem sämtliche Staatsangehörige gleichmäßig bei
Herstellung leichter, billiger, Zeit sparender Transport-
mittel interessiert sind. Auch hat er selbst eine unmittel-
bare politische Aufgabe dabei zu erfüllen, da einesteils
die Expropriation der von jenen Verkehrslinien betrof-
fenen Privateigentümer, andererseits die Rücksichten auf
die Landesverteidigung seine Mitwirkung unerläßlich
machen. Steht also die Sache hier, wie bei sämtlichen von
Herrn Lassalle sonst noch angeführten Beispielen, auf
einem ganz anderen Felde (die Landrentenbanken
z. B. bewirken die Ablösung der ländlichen Grundlasten
lediglich aus den Mitteln der Grundbesitzer, nicht aus der
Staatskasse), so billige ich meinerseits dennoch jene Zins-
garantie bei Eisenbahnen, überhaupt die ganze Eisenbahn-
Politik unserer Regierung, wodurch dieselbe nach einiger
Zeit das Eigentum aller Bzihnen an sich zu bringen denkt,
durchaus nicht, weil ich der Industrie für Staatsrechnung
grundsätzlich entgegen bin, und was Herr Lassalle hier
sagt, ist absolut unwahr. Eisenbahnen sind und werden
täglich bei uns imd anderswo ohne Staatsgarantie gebaut,
und in den Ländern, welche die meisten besitzen, wie
393
England und Amerika, denkt man garnicht daran. Gerade
die ersten großen Bahnen auch in Deutschland sind ohne
diese Garantie erbaut, z. B. die Leipzig- Dresdener, Ber-
lin-Potsdam-Magdeburger, Magdeburg -Halle -Leipziger,
Berlin-Anlialter, Köln-Minden-Magdeburger u. a. Erst
die erwähnte Tendenz der Regierung, welche allerlei Hem-
mungen und Schwierigkeiten der Privatunternehmen nach
sich zog, hat jenen Anspruch mehr und mehr hervortreten
lassen, den wir nur mit der Rückkehr zu dem richtigen
System ein für allemal beseitigen.
,, Haben wir sonach auch unbestreitbar Wissenschaft
und Praxis, Lehre und Leben in bezug auf die Wirksam-
keit und Durchführbarkeit der auf Selbsthilfe beruhenden
freien Genossenschaft für uns, so sind dies freihch für
Herrn Lassalle bloße Kleinigkeiten, über die er mit einem
kühnen Anlaufe hinwegsetzt. ,,DadieAssoziationen
— so sagt er uns — in England und zum Teil in
Paris ohne Staatshilfe schon so gut gedie-
hen sind, wie müßten sie erst mit Staats-
hilfe gedeihen!" In der Tat, die Krone seiner
Schlüsse ! Die subventionierten sind meist eingegangen,
und der kleine Rest durch die nicht subventionierten bei
weitem überflügelt — und nun eine solche Folgerung !
Sie wissen, meine Herren, daß eben nur bei dem Ver-
weisen auf die eigene Kraft die ganze Leistungsfähigkeit
der Menschen sich entwickelt, deshalb brauche ich jenem
Fehlschlüsse nur den einfachen Satz entgegenzustellen:
„Die nicht subventionierten Assoziationen
sind gelungen, nicht trotzdem, sondern weil
sie auf die eigene Kraft der Mitglieder, auf
die Selbsthilfe gegründet waren." Und eben
weil Herr Lassalle dies nicht einsieht, beweist er seine
gänzliche Unfähigkeit, jemals auf diesem Gebiete eine
394
irgend lebensfähige Schöpfung hervorzurufen." (Schulze-
Dehtzsch. Kapitel etc.. S. 155ff.. 159ff. und 166ff.)
(Die Antwort Lassalles auf diese Einwände findet der
Leser im II. Teil des vierten Kapitels des ..Bastiat-
Schulze" S. 305 bis 324 dieses Bandes.)
IV.
Schulze-Delitzschs Antwort
auf den ,,Bastiat- Schulze" und ihre Zurück-
weisung durch J. B. von Schweitzer.
Schulzes RepHk, die, wie schon erwähnt, erst nahezu
zwei Jahre nach der Veröffentlichung des ,,Bastiat-
Schulze" erschien und den Titel trägt: ,,Die Abschaffung
des geschäftlichen Risiko durch Herrn Lassalle. Ein
neues Kapitel zum deutschen Arbeiterkatechismus", zer-
fällt in drei Abschnitte: 1. die Aufhebung der Selbst-
verantwortung auf wirtschaftlichem Gebiet, 2. die Asse-
kuranz gegen das Risiko, und 3. die Abschaffung des
Risiko. In einem Nachtrag werden dann noch einige Zah-
len aus dem Jahresberichte für 1864 der Schulzeschen
Genossenschaften angeführt als Belege aus der Praxis
für den Fortgang und die Erfolge der Bewegung — und
wird ferner auf das kurz vorher in deutscher Übersetzung
erschienene Werk : ,, Grundlagen der Sozialwissenschaft"
des Amerikaners Carey verwiesen, als ein theoretischer
Beleg für die Richtigkeit der Schulze- Bastiatschen Ideen.
Der unglückselige Schulze wußte nicht, daß Carey eine
der Quellen war, aus der Meister Bastiat seine Weisheit
geschöpft. Auch mit dem Vorwurf, den er bei dieser
Gelegenheit gegen Lassalle erhebt : den großen Carey
nicht gekannt zu haben, hatte er herzliches Pech ; aus dem
fünfzehnten der Briefe Lassalles an Rodbertus ergibt sich,
395
daß ersterer den amerikanischen Harmonieökonomen sehr
wohl kannte.
Im ersten Abschnitt der Schulzeschen Gegenschrift
wird der unzweifelhaft etwas einseitigen Darstellung der
ökonomischen Abhängigkeit der einzelnen von den gesell-
schaftlichen Zusammenhängen bei Lassalle die an sich
ganz richtige, aber nichts gegen den Kern der betreffen-
den Lassalleschen Ausführungen beweisende Behauptung
gegenübergestellt, daß der Einfluß der individuellen Eigen-
schaften und ihrer Betätigung einerseits und der der
außer der Beherrschung durch die einzelnen liegenden
Umstände auf die Geschicke dieser einzelnen anderer-
seits „relative Größen" sind, die „im umgekehrten Ver-
hältnis zueinander stehen". Aus diesem Satze werden dann
wieder einige zum Teil sehr unrichtige allgemeine Fol-
gerungen gezogen, auf die wir jedoch hier nicht weiter
eingehen.
In den beiden anderen, speziell die Frage des ge-
schäfthchen Risikos bei den Lassalleschen Genossenschaf-
ten behandelnden Abschnitten führt Schulze-Delitzsch
neben Wiederholungen des schon im ,, Arbeiterkatechis-
mus zu diesem Thema Gesagten, in etwas breiter Dar-
stellung aus :
,,Der Lassallesche Gedanke einer gegenseitigen Asse-
kuranz der Produktivgenossenschaften gegen Geschäfts-
verluste, der die Folgen verkehrten Tuns, geschäftlicher
Untüchtigkeit und Unsolidität in ihrer Allgemeinheit mit
umfasse und mit umfassen müsse, da sie sich von den
Folgen rein äußerlicher Ursachen in vielen Fällen gar
nicht trennen lassen, sei ,, wegen Antastung der ökonomi-
schen und sittlichen Verantwortlichkeit" nicht bloß ,, ver-
werf lieh", sondern auch ,, finanziell undurchführbar". Die
Verluste müßten sich reißend vermehren, die Verant-
396
wortlichkeit der Beteiligten würde in der tollsten Weise
verschoben, indem den tüchtigen und soliden Geschäfts-
leitern die Verluste aufgebürdet würden, welche die an-
deren ,, durch Mangel an Einsicht, durch Leichtsinn und
Verkehrtheiten aller Art verschuldet hätten". Lassalles
im ,,Bastiat- Schulze" geäußerte Idee, daß zunächst nicht
alle Assoziationen überhaupt, sondern vielleicht prakti-
scher immer die zu demselben Gewerkszweig gehörenden
Assoziationen sich gegenseitig assekurieren möchten, kriti-
siere sich durch die Tatsache, daß bei gewissen Kon-
junkturen gerade die gleichartigen Geschäfte gleichzeitig
Verluste erleiden, solche also am wenigsten übertragen
werden können.
Nun habe Lassalle, veranlaßt durch Schulzes im ,, Ar-
beiterkatechismus" geübte Kritik der Idee der Assekuranz
gegen Verluste, die weitere Idee geäußert, durch geeig-
nete Maßregeln, wonach an jedem Ort immer nur eine
Assoziation für jeden Produktionszweig bestehe, könne
die Konkurrenz und mit ihr das Risiko beseitigt und dieser
Assoziation die fortschreitende Blüte gesichert werden,
welche auch heute schon der Produktion im ganzen eigen
sei (vgl. ,,Bastiat-Schulze", S. 304 dieses Bandes).
Aber mit der Konlvurrenz sei keineswegs die Summe der
Gefahren erschöpft, welche die industriellen Unterneh-
mungen bedrohten. Außerdem sei auch mit dieser lokalen
Zentralisation die Konkurrenz noch gar nicht aufgehoben.
Die lokale Genossenschaft bliebe e i n Unternehmen gegen-
über der Masse der gleichaitigen Genossenschaften des
ganzen Landes. Lassalle habe ausdrücklich erklärt, daß
die Assoziationen ,,frei und individuell" sein sollen, sie
seien also nicht als Staatsindustrie aufzufassen. Bei den
schlechten Verkehrsverhältnissen des Mittelalters mochte
die Konzentrierung der lokalen Produktion in den Händen
3^)7
eines Unternehmers auch an sidh bereits die Aufhebung
der Konkurrenz für den betreffenden Artikel bedeuten,
im Zeitalter des Dampfes sei dies nur möglich, wenn zum
Produktionsmonopol auch der ,,Ko nsumtions-
zwang" hinzutrete, die Ortsangehörigen zwangsweise an-
gehalten würden, die Gegenstände ihres Bedarfs nur bei
den lokalen Assoziationen einzukaufen. Damit käme man
dann wieder zu den Einrichtungen aus der Zeit der Bann-
rechte, der Zwangsmühlen, des Bierzwanges etc. Da sei
der Plan Louis Blancs, wonach der Staat die industriellen
EtabKssements an sich bringen und unter ganz bestimmten
Vorschriften an von ihm- überwachte Arbeiterassoziationen
überlassen sollte, soviel sich auch hiergegen einwendien
lasse, ungleich rationeller. Hier, wo der Staat als Leiter
der Produktion gedacht ist, der die Gegenseitigkeit durch
bestimmte Einrichtungen sicherstellt, sei wenigstens nur
dem Ausland gegenüber Schutz geboten. Lassalle aber
gestehe dem Staat keineswegs die Stellung des Leiters
zu, sondern nur eine Kontrolle, lege ihm aber, durch die
Forderung des — eventuell wiederholt — zu gewährenden
Kredits das Risiko ohne entsprechende Gegenleistung auf,
da der Geschäftsgewinn nach seinem Plan den Mitgliedern
der Assoziation zur Verfügung verbleibe.
Dies die Schulzesche Gegenkritik.
Es läßt sich nicht leugnen, daß sie einen der wunden
Punkte des Lassalleschen Assoziationsprojektes trifft.
Wie Lassalle es in seinen Schriften formuHert hat, leidet
es an dem Widerspruch, daß es die Vorteile der verge-
sellschafteten Industrie mit den Vorteilen geschäftlicher
Unabhängigkeit verbinden soll, ohne die Vorbedingungen
der ersteren und die Risikos der letzteren. Tatsächlich
war für Lassalle die verstaatlichte Produktion das Ziel,
die freie, vom Staat finanzierte Produktivassoziation das
398
Übecgangsmittel. Nun wird es schwer sein, Übergangs-
maßregeln auszuspintisieren, die von jedem Widerspruch
frei sind ; immer wird es bei solchen, da sie ja einen
Kompromiß mit den bestehenden Gesellschaftseinrich-
tungen darstellen, in der einen oder anderen Weise aus-
zusetzen geben. Aber im vorliegenden Falle handelt es
sich um einen Widerspruch, der sich nicht nur auf die
voraussichtlichen Wirkungen, sondern auch auf die Durch-
führbarkeit des Mittels überhaupt bezieht. Und er zeigt
sich um so krasser, je mehr Lassalle das Assoziations-
projekt, wie er es zuerst formuliert hatte, im soziaHsti-
schen Sinne zu verbessern suchte.
Ursprünglich, d. h. in der Fassung, wie es im ,, Offenen
Antwortschreiben" und in der Rede ,,Zur Arbeiterfrage"
entwickelt wurde, hatte es mehr Ähnlichkeit mit dem Asso-
ziationsprogramm des von den ,, reinen" Republikanern
des ,, National" — Mar rast, Thiers etc. — gegen Louis
Blanc protegierten ,,Ateher" als mit dem Blancschen Plan.
,,Ich habe ja vielfach hervorgehoben, daß ich die indi-
viduelle, die freiwilhge Assoziation will ; ich will (sie)
sogar gerade wie Schulze," heißt es in der vorerwähnten
Leipziger Rede, und : ,,Ich spreche vielmehr überall von
besonderen Kreisen, die unter sich durch .Kredit- und
Assekuranzverbände' verknüpft sind. Und wenn ich das
ausspreche, so setzt das doch voraus, daß es beson-
dere selbständige Gesellschaften gegeneinander
sind." (Bd. III unserer Ausgabe, S. 133.) So postuliert,
v^ialren die Assoziationen, welches auch sonst ihre Wir-
kungen und Aussichten, immerhin theoretisch möglich.
Aber im ,,Bastiat-Schulze" erweitert Lassalle, vielleicht
unter dem Einfluß von Einwänden, die üim aus sozia-
listischen Kreisen, von Rodbertus u. a. gemacht wurden,
das Projekt dahin, daß der Staat eventuell in jeder Stadt
39Q
nur einer Assoziation jeder Branche seinen Kredit
gewahren, dafür aber allen Arbeitern desselben Gewerkes
den Eintritt in diese Assoziation offen halten solle. Da-
mit war die Assoziation ein Zwitterding, halb Privatge-
sellschaft, halb öffentliches Institut, und iji sich selbst
unmöglich.
J. B. von Schweitzer, der Nachfolger Lassalles, sah
das wohl ein, und in seiner Abfertigungsschrift : „Der
tote Schulze gegen den lebenden Lassalle" verteidigte
er mehr das Ziel als das Mittel Lassalles. Über dieses
geht er so kurz wie möglich hinweg, wobei er sogar noch
Lassalle geschickt heraus zu interpretieren sucht. Z. B.
gibt er dessen Äußerungen über die Assekuranzverbände
der Produktivgenossenscliaften die Deutimg, daß wenn
Lassalle gesagt habe, daß zunächst die Assoziationen
desselben Geschäftszweiges einen Assekuranzverband
gründen würden, dies so zu verstehen sei, daß dieser die
erste Instanz, der allgemeine Assekuranzverband die zweite
bilden würde. Lassalle selbst spricht aber nur von einer
Alternative des Weges zum allgemeinen Verband, nicht
von einem gleichzeitigen Funktionieren beider Arten.
Zu neunundneunzig Hundertsteln ist <lagegen die
Schweitzer sehe Schrift der Beweisführung gewidmet, daß
bei gesellschaftlicher Produktion — im elften
Abschnitt heißt es bei ihm ausdrücklich von der künf-
tigen Produ-ktion, daß, im Gegensatz zu heutigen Staats-
monopolen, „nicht sowohl der Staat sie be-
treiben werde, als vielmehr die Gesell-
schaft", — alle die Schulzeschen Einwände hinfällig
seien, daß die Gesellschaft als Leiterin oder Reguliererin
der Produktion die Risikofrage in der Tat so lösen könne,
daß keine Benachteiligung der Allgemeinheit, keine Be-
einträchtigung des technischen etc. Fortschrittes damit ver-
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bunden zu sein brauche. Das vviixl so klar und über-
zeugend dargelegt, Schulzes Ausführungen werden nun so
glänzend zurückgewiesen, daß man wirklich sagen kann.
Lassalle hätte sich keinen besseren Advokaten wünschen
können, als er ihn in Schweitzer gefunden. Lassalle hatte
sich selbst seine Aufgabe dadurch erschwert, daß er das
Ziel, welches ihm vorschwebte, im Dunkeln ließ ; infolge
dessen mußte er möglichst viel von diesem in das Über-
gangsmittel verlegen, dasselbe bis zu einem gewissen Grade
als Definitivum behandeln. Schweitzer rückte das Ziel
in helleres Licht, legte darauf den Hauptton, und war
so in der Lage, dem Mittel keine größeren Wirkungen
auferlegen zu müssen, als es seiner Natur nach haben
konnte. Zudem erscheint bei ihm stets die Gesellschaft
als Instanz, die eingreift und abhilft, wo das Mittel sich
nicht bewährt. Seine Schrift ist ein — von einigen wenigen
Stellen abgesehen — takt- und wirkungsvolles Schluß -
plädoyer des Sozialismus gegen die bürgerliche Gesell-
schaftsordnung. Um diesen Gegensatz aber handelte es
sich in Wirklichkeit in der ganzen Kontroverse, und wenn
Schulze sich als Typus der bürgerlichen Gesellschaft hin-
stellen durfte, so hatte Schweitzer Recht mit dem Titel,
den er seiner Schrift gab, in ihr ist die Diskussion zum
siegreichen Ende geführt für den Sozialismus — den
„lebenden Lassalle".
26 LassaUe, G«. Sctriften. Band V. 401
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