N8S
LASSALLE
GESAMMELTE
REDEN UND
SCHRIFTEN
„EX LIBR1/..DR ALFRED.. PLATZ
UM
Z$,2.&>
FERDINAND LASSALLE
GESAMMELTE REDEN
UND SCHRIFTEN
HERAUSGEGEBEN
UND EINGELEITET
VON
EDUARD BERNSTEIN
VOLLSTÄNDIGE AUSGABE
IN ZWÖLF BÄNDEN
VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN
1919
FERDINAND LASSALLE
GESAMMELTE REDEN
UND SCHRIFTEN
HERAUSGEGEBEN
UND EINGELEITET
VON
EDUARD BERNSTEIN
SECHSTER BAND:
PHILOSOPHISCH-UTERARISCHE STREIFZÜGE
VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN
1919
ALLE RECHTE VORBEHALTEN
DRUCK VON OSCAR BR ANDSTETTER, LEIPZIG
INHALT
Seite
DIE HEGELSCHE UND DIE ROSENKRANZI-
SCHE LOGIK UND DIE GRUNDLAGEN DER
HEGELSCHEN GESCHICHTSPHILOSOPHIE
IM HEGELSCHEN SYSTEM 15
FICHTES POLITISCHES VERMÄCHTNIS UND
DIE NEUESTE GEGENWART Ein Brief .... 53
DIE PHILOSOPHIE FICHTES UND DIE
BEDEUTUNG DES DEUTSCHEN VOLKS-
GEISTES. Festrede, gehalten bei der am 19. Mai
1862 von der Philosophischen Gesellschaft und dem
Wissenschaftlichen Volksverein in dem Arnimschen
Lokal veranstalteten Fichte-Feier 103
GOTTHOLD EPHRAIM LESSING 153
HERR JULIAN SCHMIDT, DER LITERAR-
HISTORIKER mit Setzer-Scholien herausgegeben von
Ferdinand Lassalle 189
VORWORT.
Dieser Band enthält die kleineren der in das Gebiet
der Philosophie und der Literarhistorik fallenden Ar-
beiten Lassalles. Sie sind alle in Berlin entstanden, nach-
dem Lassalle am Abschluß der Jahre der Reaktion dort
wieder seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Aus allen spricht
sein politischer Radikalismus, aus allen seine philo-
sophisch-dialektische Ader. In die einen rein philosophi-
schen Streit behandelnde und die höchste Kraft abstrakten
Denkens zum Ausdruck bringende Abhandlung über die
Logik Hegels und dessen Schülers Karl Rosenkranz flicht
Lassalle Betrachtungen ein über die Notwendigkeit des
Umschlagens der Monarchie in die Republik, und in
der einen rein politischen Gegenstand behandelnden
Schrift „Fichtes politisches Vermächtnis" sehen wir ihn
das Problem der deutschen Einheit unter der Heran-
ziehung der Lehre von der Selbstentwicklung des Begriffs
und der Identität von Denken und Sein behandeln. Und
nicht nur in den beiden Schriften, die Fichtes Namen
auf dem Titel tragen, sondern auch in der Streitschrift
wider den preußisch-liberalen Literarhistoriker Julian
Schmidt spielen Ausführungen über Fichte eine sehr große
Rolle. Es ist namentlich der Religionsphilosoph Fichte,
dessen Sache Lassalle in der letztgenannten Schrift ver-
ficht, wobei es sich ihm fast noch mehr darum handelt, ein
Fichtes Lehren fälschendes Lob abzuweisen, als ihn gegen
unberechtigten Tadel zu verteidigen. Und das hatte seinen
guten Grund.
Der politische Umschwung, der in Preußen mit der
Regentschaft Wilhelms I. einsetzte und den Namen
,,Neue Ära" erhielt, war für das oppositionelle Bürger-
tum eine Epoche des Ausgleichs seines Streites mit der
preußischen Krone, und die literarischen Verfechter dieses
Ausgleichs, unter denen Julian Schmidt einer der ziel-
bewußtesten war, suchten auch auf dem Gebiet der
Geisteswissenschaften Vermittlungspolitik zu treiben, wo-
bei sie deren Maßstab an die Werke der Größen der
deutschen Literatur anlegten. Damit aber stießen sie bei
Lassalle auf einen unversöhnlichen Gegner.
Was immer Lassalle zeitweilig im Privatleben und in
der politischen Praxis der Opportunität zugestanden hat,
im Denken war er von einem unerbittlichen Radikalismus.
In der Ideologie gab es für ihn keine Vermittlung, an
der Idee ließ er, hierin der getreueste Schüler des großen
Dreigestirns des deutschen philosophischen Idealismus,
kein Rütteln zu.
In klassischer Weise veranschaulicht dies der Vortrag
über die Hegeische und die Rosenkranzische Philosophie,
den Lassalle am 29. Januar 1859 in der Philosophischen
Gesellschaft zu Berlin gehalten hat. Er zeigt ihn auf
der ganzen Höhe seiner geistigen Ausbildung. Der Ab-
bruch, den der durchaus nicht unbedeutende Hegelianer
Rosenkranz wider seine Absicht dadurch an der Logik
Hegels begangen hatte, daß er. in der Schrift ,,Die Wissen-
schaft der logischen Idee" zwei scheinbar unwesentliche
Glieder aus ihr beiseite ließ, konnte unmöglich mit größe-
rer Schärfe abstrakt logischer Begriffsentwicklung bloß-
gelegt werden, als es in dieser Abhandlung von Seiten
Lassalles geschieht. Ihm in seinen Ausführungen zu fol-
gen ist für jeden, der sich nicht gründlich in die Hegel«
sehe Philosophie hineingearbeitet hat, eine ziemlich schwie-
3
rige, aber es ist keine undankbare Aufgabe. Gerade an
dieser haarscharfen Kennzeichnung der verheerenden Wir-
kungen, die das Übergehen zweier anscheinend nebensäch-
licher Glieder des Gebäudes der Hegeischen Logik für
diese nach sich zieht, offenbart sich deren großartige
Architektonik viel anschaulicher, als es in einem rein
darstellenden Referat geschehen könnte oder vielleicht
bei Hegel selbst geschieht. Indes bleibt es in der Ab-
handlung Lassalles nicht bei der rein begrifflichen De-
duktion. Er läßt ihr die Illustration durch Beispiele aus
der Geschichte folgen, die dem Leser ein klares Bild
davon geben, wie die Hegeische Lehre von der Ge-
schichte als der Selbstentwicklung des Geistes verstanden
sein will. Freilich wird der genau Prüfende gerade an
diesen Beispielen auch der Gefahren inne werden, welche
dem Betrachten der Geschichte wie überhaupt der Wirk-
lichkeit unter dem Gesichtspunkte der Selbstentwicklung
des Geistes bzw. des Begriffes drohen. Aber es handelt
sich hier nicht um die absolute Richtigkeit oder Un-
richtigkeit des Hegeischen Entwicklungsschema selbst, son-
dern um dessen richtige Erfassung und Würdigung. Und
für diese ist die Lassallesche Abhandlung ein sehr wert-
voller Wegweiser.
Lassalle tritt uns da vollständig als Schüler Hegels
gegenüber. Ob als Jung- oder Althegelianer möchte ich
dahingestellt sein lassen. Die Grenzen sind da nicht leicht
zu bestimmen. Gewiß führt Lassalle hier und auch sonst
manchmal eine Sprache, die ihn als orthodoxen Althege-
lianer erscheinen läßt. Es sei nur an die von mir schon
gelegentlich veröffentlichte Bemerkung erinnert, die er
gesprächsweise Karl Marx gegenüber machte, als dieser
ihn 1861 besuchte: „Wenn du nicht an die Ewigkeit der
Kategorien glaubst, mußt du an Gott glauben." Sie wurde
9
mir als ein Beweis für Lassalles Althegelianismus mit-
geteilt und klingt wohl nach solchem. Bei näherer Be-
trachtung wird man aber finden, daß sie nur eine andere
Form ist für den bei fast allen Philosophen feststell-
baren Gedanken einer Gesetzmäßigkeit im kausalen Zu-
sammenhang des Natur- und Geschichtsgeschehens, und
wer einen solchen nicht annimmt, für den bleibt allerdings
keine andere Erklärung des Weltgeschehens übrig, als
die Annahme eines jenseitigen und wollenden Allgeistes
— Gott.
Die Abhandlung ist ein Vortrag, den Lassalle in der
Berliner Philosophischen Gesellschaft gehalten hat, und
ist von dieser 1861 in der von ihr herausgegebenen Zeit-
schrift „Der Gedanke" veröffentlicht worden (2. Band,
S. 123«.}.
Welches Ansehen Lassalle in dieser Gesellschaft genoß,
bezeugt die Tatsache, daß sie ihn 1862 bei Gelegenheit
der Jahrhundertfeier Fichtes zu ihrem Festredner be-
stimmte. Lassalle entledigte sich der Aufgabe in der
Rede ,,Die Philosophie Fichtes und die Bedeutung des
deutschen Volksgeistes," über deren großen Wert als
Vorführung des Geistes der Fichteschen Philosophie im
Zusammenhang der Geschichte Deutschlands und seiner
geistigen Entwicklung wie über ihre Ideologie wir uns hier
auf das in der Vorbemerkung zu ihr Gesagte beziehen
können.
Keiner besonderen Würdigung an dieser Stelle bedarf
ferner die Schrift „Fichtes politisches Vermächtnis". Sie
ist sich mit Bezug auf ihren Zweck selbst Kommentar.
Nur soviel soll gesagt werden, daß man in ihr aus der
Feder teils Fichtes und teils Lassalles selbst manches
zu lesen bekommt, was auch für unsere jüngste Ver-
gangenheit bestimmt erscheinen könnte. Die Heftigkeit,
10
mit der Lassalle in dieser Schrift gegen den Föderalis-
mus zu Felde zieht, ist aus der Natur der Gestalt zu er-
klären, in der sich dieser zur Zeit ihrer Abfassung in
Deutschland darbot, wo er die Vereinigung historischer
Sonderrechte von Dynastien und Kleinstaaten bedeutet
hätte. Auch stand Lassalle unter dem Einfluß der über-
lieferten Geschichtsschreibung der französischen Revo-
lution, wonach diese auf ihrem Höhepunkt einen abso-
luten Zentralismus dargestellt hatte. Ein anderer, auf
demokratischer Grundlage aufgebauter organischer Föde-
ralismus kam für Deutschland noch nicht in Frage. Und
daß der Föderalismus der noch sehr dünn bevölkerten
Vereinigten Staaten um 1860 kein sicheres Beispiel für
Europa abgeben konnte, wird man Lassalle um so mehr
zugeben können, als jene damals noch vor dem Bürger-
krieg mit den Südstaaten standen, dessen Ausgang erst
die staatliche Einheit der Union einigermaßen befestigt
hat. Grundsätzlich jedoch schießt Lassalles apodiktische
Ablehnung des Föderalismus viel zu weit über das Ziel
hinaus.
Der Zeit seiner Entstehung nach ist der Aufsatz Las-
salles ,, Gotthold Ephraim Lessing" die älteste der in
diesem Bande vereinigten Schriften. Er ist, wie aus der
Vorbemerkung zu ihm ersichtlich, obwohl erst 1861 ver-
öffentlicht, schon im November 1858 verfaßt, bald nach
Erscheinen der Lessing- Biographie Adolph Stahrs, des
Gatten der vorzugsweise als Verfasserin von Romanen
bekannten Schriftstellerin Fanny Lewald. Lassalle war
mit dem Ehepaar befreundet, wie er denn überhaupt zu
jener Zeit mit der Elite des geistigen Berlin in guten
Beziehungen stand. Der philosophisch und politisch stark
radikale Geist, der das Stahrsche Buch durchzieht, hatte
Lassalle entflammt, und so widmete er ihm einen Auf-
11
satz, der einen begeisterten Hymnus auf das Werk und
seinen Gegenstand — Lessing — bildet. In seinem ersten
Teil feiert er Lessing als den geistigen Revolutionär, der
für Deutschland auf dem Gebiete der Dramatik, der
Kunstkritik, der Geschichte, der Religion und der Ethik
das gewesen sei, als was Friedrich II. von Preußen auf
dem Gebiete der Staatspolitik erschien : der Zertrümmerer
wurmstichig gewordener bisheriger Heiligtümer. Mit
Heine verherrlicht Lassalle in Lessing den Luther seines
Zeitalters, der über das Vorbild bahnbrechend weit hin-
ausging und es geistig durchweg überragte : den „durch
keine religiöse Voraussetzungen mehr beschränkten
Luther". Und Vorgänger Hegels ist ihm Lessing inso-
fern, als ihm die Geschichte die Entwicklung des sub-
jektiven Selbstbewußtseins ist, die Hegel dann
als die Entwicklung des objektiven Geistes hinstellt.
In Lessing rege sich ferner im Keim auch schon der
politische Revolutionär, für den die Zeit aber noch
nicht reif war. Und wenn Lassalle seinen Aufsatz in die
Betrachtung ausmünden läßt:
,,Die Geschichte kann eine fortlaufende Reihe von
Dramen genannt werden, und die dramatische Situa-
tionen von heut ist der von damals wieder äußerst ähn-
lich geworden. Lessings eigenes großes dramatisches
Gesetz aber war: ähnliche Situationen erzeugen
ähnliche Charaktere,"
so kann man sich des Eindrucks nicht entschlagen, daß
er für die damalige Zeit sich selbst als den Fortsetzer
Lessings empfand. In der Tat gäbe es eine zu recht
fruchtbaren Betrachtungen anregende Abhandlung, wollte
einer die drei Kämpfer Luther — Lessing — Lassalle
in Parallele stellen.
12
Ist die Schrift „Gotthold Ephraim Lessing" Erzeugnis
der Zeit, wo sich Lassalle im literarischen Berlin einzu-
leben begonnen hatte, so bezeichnet die Streitschrift „Herr
Julian Schmidt, der Literarhistoriker" die Tage des be-
vorstehenden Bruchs mit dessen größtem Teil. Sie richtet
sich zwar in Schmidt gegen den literarischen Fahnenträger
der altliberalen Partei, die in Berlin nur mäßigen Anhang
hatte, während im breiten Bürgertum und in der Schrift-
stellerwelt die Anhänger des demokratisch gerichteten
Liberalismus überwogen. Aber als sie entstand — März
1862 — hatte Lassalle doch auch schon mit sehr ein-
flußreichen Vertretern der letzteren Richtung gebrochen,
und das Vorwort zu ihr richtet sich gegen die liberale
Presse im allgemeinen. Man kann sie als einen Vor-
boten des Sturms ansehen, der bald zwischen Lassalle und
der bürgerlichen Demokratie ausbrechen sollte. Aber zum
Unterschied von dem nur wenige Wochen später gehal-
tenen Vortrag „Das Arbeiterprogramm", der, so un-
polemisch er im Ton gehalten ist, doch sachlich diesen
Kampf einleitet, bewegt sie sich noch vollständig auf
dem Boden des rein Literarischen. Über ihre Vorzüge und
Mängel als literarische Streitschrift äußert sich die ihr
beigegebene Vorbemerkung. Hier sei nur noch ausdrück-
lich festgestellt, daß auch sie Zeugnis ablegt von dem
reichen positiven Wissen Lassalles auf dem Gebiete der
Philosophie.
Im ganzen kann man die fünf in diesem Band ver-
einten Abhandlungen als Nebenarbeiten und Nachträge
bezeichnen zu den beiden großen Werken, die Lassalle
seit seiner Rückkehr nach Berlin der Öffentlichkeit über-
geben hatte, und von denen das eine — der Heraklit —
direkt in das Gebiet der Philosophie hineingehört, das
andere — das System der erworbenen Rechte — auf dem
13
Grenzgebiet der Rechtswissenschaft und der Rechtsphilo-
sophie spielt. Zum Arbeitsplan Lassalles gehörte aber,
wie wir aus seinen Briefen wissen, auch ein Werk über
die Philosophie selbst. Daraus dürfen wir folgern, daß
er Selbständiges über diese Wissenschaft sagen zu können
glaubte, also in irgendeiner Weise über seine großen
Lehrer Fichte und Hegel hinauszugehen gedachte und
den Plan dazu schon im Kopf hatte. Zur Abfassung dieser
Arbeit ist er nicht gekommen. Wenn sich nicht Vor-
arbeiten zu ihr in seinen nachgelassenen Manuskripten
vorfinden, wird man daher nach Fingerzeigen, in welcher
Richtung Lassalles Weiterführung der Philosophie sich
bewegt hätte, in den vorliegenden Abhandlungen zu suchen
haben. Wohl sind sie in bezug auf die beiden genannten
Denker nicht kritisch, sondern rein darstellend gehalten,
sie lassen sie als Zeugen auftreten und verteidigen sie
gegen falsche Interpretation. Aber auch aus der Art, wie
er seine Vorgänger versteht und darstellt, mag der ge-
schulte Philosoph den Geist von Lassalles eigener Theorie
herauserkennen.
Ed. Bernstein.
14
DIE HEGELSCHE UND DIE ROSENKRANZI-
SCHE LOGIK UND DIE GRUNDLAGE DER
HEGELSCHEN GESCHICHTSPHILOSOPHIE
IM HEGELSCHEN SYSTEM
VORTRAG
GEHALTEN VON LASS ALLE
IN DER SITZUNG DER PHILOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
VOM 29. JANUAR 1859
ZUERST GEDRUCKT IN DER
ZEITSCHRIFT „DER GEDANKE", ORGAN DER
PHILOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT ZU BERLIN,
HERAUSGEGEBEN VON MICHELET, BERLIN 1861
"*W»2
Meine Herren, wenn mir die Aufgabe geworden ist, nach
einem so eingehenden Vortrage, wie der des Herrn Profes-
sors Michelet, mich meinerseits über die Logik von Rosen-
kranz zu äußern : so versteht es sich von selbst, daß ich
weder auf die Transzendenz, noch auf die sogenannte
pantheistische Frage, noch auf irgend etwas von dem
zurückkommen werde, worüber sich Herr Michelet bereits
so ausführlich verbreitet hat. Daß mir gleichwohl eine so
bedeutende Nachlese überhaupt noch möglich bleibt, liegt
daran, daß Herr Michelet, wo er nun im Verlauf seines
Vortrages auf die Rosenkranzische Logik übergeht, mehr
nur die einzelnen Punkte derselben betrachtet und diese
mit eingehender Schärfe zergliedert hat. Ich dagegen will
mich hauptsächlich über die Alteration verbreiten, welche
die Architektonik und Struktur der Hegeischen
Logik bei Rosenkranz erlitten hat, also über das eigentlich
prinzipielle und fundamentale Verhältnis, in wel-
chem das wissenschaftliche Gebäude der Rosenkranzischen
Logik zu dem der Hegeischen steht. Der bisher veröffent-
lichte erste Band des Rosenkranzischen Werkes, die Lehre
vom Sein und vom Wesen umfassend, ist aber derjenige,
welcher in bezug auf die formale Struktur noch völlig mit
der Hegeischen Logik übereinstimmt, mit Ausnahme einer
ganz am Ende dieses Bandes vorgenommenen Änderung,
welche jedoch wiederum erst in ihrer Verbindung mit der
2 LwsaUe. Ges. Scbriften, Band VI. 17
Lehre vom Begriff ihre wahre Explikation erlangt. Die
wirkliche Veränderung der Hegeischen Logik und ihres
allgemeinen Planes tritt also bei Rosenkranz erst mit der
Lehre vom Begriff, d. h. im zweiten Band seiner Logik
hervor. Könnte es eben deshalb noch auf den ersten
Blick scheinen, als wäre die Kritik, die ich üben will, eine
vorzeitige, so ist dies jedoch durchaus nicht der Fall.
Denn in seiner 123 Seiten langen Einleitung gibt Rosen-
kranz nicht nur, was an sich allein schon zur Ermöglichung
einer erschöpfenden Kritik durchaus hinreichend wäre, die
Einteilung an, die er der Lehre vom Begriff und von
der Idee gibt, sondern er läßt sich daselbst, so wie am
Ende des ersten Bandes und ohnehin in dem betreffenden
Abschnitt seines „Systems der Wissenschaft" so ausführ-
lich über die Verbesserungen vernehmen, die er mit dem
dritten Teile der Hegeischen Logik vornimmt, daß das
vollständigste Material zur Beurteilung vorhegt.
Wir alle schätzen in Rosenkranz eines der geistvollsten
und verdientesten Mitglieder der Hegeischen Schule. Allein
das wird uns nicht hindern können, zumal da, wo es sich
um die Logik und somit um das Fundament der Philosophie
handelt, unserer Kritik alle die Schärfe zu geben, die im
Interesse der Sache liegt. Wohl aber fühle ich mich deshalb
gedrungen, der unpersönlichen und darum rücksichtslosen
Kritik, die ich Ihnen vortragen werde, hiermit die warme
Anerkennung vorauszuschicken, welche den mannigfaltigen
Verdiensten, die sich Rosenkranz im Laufe seiner philo-
sophischen Tätigkeit erworben hat, geschuldet wird. Diese
Verdienste brauchen auch nicht bloß zu Rosenkranz' Gun-
sten aus seiner Vergangenheit heraufbeschworen zu werden.
Im Gegenteil ! Durch das gegenwärtige Werk hat er sich
von neuem solche, und zwar im reichsten Maße, erworben.
Ich spreche hier von den Beispielen, mit welchen Rosen-
18
kränz die Hegeische Logik allüberall bereichert hat —
ein Verdienst, dessen Größe und Wichtigkeit kaum hoch
genug anzuschlagen ist. Denn einerseits wird durch dies
konkrete Material die Wahrheit und Lebendigkeit der logi-
schen Stufen und Gesetze von neuem belegt und veran-
schaulicht, und andererseits wird durch dieselben überaus
häufig das tiefste Verständnis konkreter Wissenschaften
und konkreter Verhältnisse erschlossen. Ich könnte Ihnen
in dieser Hinsicht Belege anführen, welche Sie mit der
höchsten Anerkennung erfüllen würden. Allein wenn es
ein Unrecht wäre, eine Kritik der Rosenkranzischen Logik
zu geben, ohne Rosenkranz hierfür die wärmsten Huldi-
gungen auszusprechen : so ist ein näheres Eingehen hierauf
durch die mir gestellte Aufgabe, über das prinzipielle und
fundamentale Verhältnis der Rosenkranzischen Logik zu
der Hegeischen zu berichten, ausgeschlossen ; und ich kann
um so eher darauf verzichten, als Hr. Michelet bereits
das Wesentlichste in jener Rücksicht hervorgehoben hat.
Indem ich mich nun aber meiner Aufgabe zuwende,
ist mir, wie sich zeigen wird, irgendwelche Übereinstim-
mung mit Rosenkranz unmöglich. Das Rosenkranzische
Werk könnte in gewisser Hinsicht als eine Komödie be-
zeichnet werden, die den Titel verdient : „Kleine Ursachen,
große Wirkungen", — und zwar deshalb, weil die Ab-
änderungen in der Architektonik der Hegeischen Logik, die
Rosenkranz vornimmt, zunächst sehr unbedeutend und ge-
ringfügig zu sein scheinen, das Resultat aber nichts Ge-
ringeres ist, als ein totaler Umsturz der ganzen Hegeischen
Logik, ja der ganzen Hegeischen Philosophie überhaupt
in ihrem innersten Wesen. Das Komische aber hierbei
ist, daß Rosenkranz völlig, wie das naive Subjekt in der
Komödie, diesen ganzen Umsturz vollbringt, ohne auch
nur das geringste Bewußtsein, ohne nur irgendeine
*• 19
Ahnung davon zu haben. Im Gegenteil, er behauptet,
nach wie vor ein fester Hegelianer zu sein und Hegel nur
in einigen Einzelheiten verbessert zu haben.
Gestatten Sie mir, mich zunächst durch einige äußerliche
Reflexionen meinem Stoffe mehr und mehr zu nähern.
Der erste Mangel, der sich bei der flüchtigsten Betrach-
tung des Rosenkranzischen Buches hervordrängt, ist die
gänzliche Abwesenheit von Dialektik, von dem Über-
gang der Begriffe in einander durch ihre eigene Bewegung.
Hr. Miehelet hat Sie bereits auf diesen Punkt aufmerk-
sam gemacht, und die Methode von Rosenkranz deshalb
sehr gut als eine deskriptive bezeichnet. In der Tat,
Rosenkranz beschreibt die Begriffe, etwa wie ein Natur-
forscher seine Gattungen und Arten, statt sie aus ein-
ander entstehen zu lassen. Dieser Mangel kann nun zu-
nächst eine bloße Unvollkommenheit zu sein scheinen.
Diese gewinnt jedoch sofort an Bedenklichkeit, wenn man
erwägt, daß, wie Hegel selbst überall hervorhebt, die
Methode der Philosophie — die dialektische Erzeugung
der Begriffe — der einzige Beweis ist, dessen die
Philosophie für ihre Wahrheit fähig ist. Diese Bedenk-
lichkeit steigert sich noch dadurch, daß es gerade die
Logik ist, in die man diesen Mangel an dialektischer
Form einzubürgern versucht; — die Logik, die man am
kürzesten als die Wissenschaft der absoluten
Form definieren kann, oder als die Wissenschaft, wie die
Form sich selbst zum Inhalt wird. Diese Bedenklichkeit
endlich wächst mehr und mehr, wenn man hinzunimmt,
daß bei Rosenkranz einige Kategorien der Hegeischen
Logik weggelassen worden, eine andere anders gestellt ist
als bei Hegel. Entwickelte Rosenkranz nämlich dialektisch
wie Hegel, so wäre a n dieser Dialektik für jeden Leser
der Prüfungsmaßstab gegeben, welche der beiden Ab-
20
leitungen die konsequentere und wahrere, welcher dagegen
etwas Menschliches passiert sei. Indem nun aber Rosen-
kranz sich des dialektischen Korrektivs entschlägt, und
dennoch eine Umsetzung und Fortlassung mit Kategorien
der Hegeischen Logik vornimmt, bleibt das nicht mehr
eine bloße Unvollkommenheit von Rosenkranz, sondern es
wird dadurch auch der Schein gegen Hegel selbst und seine
Logik erregt, als wäre in der Tat, wie ihr von außerhalb
häufig vorgeworfen worden ist, die dialektische Methode
auch bei ihr nur Schein und Kunststück: d. h., als wür-
den auch von ihr die Begriffe nicht durch ihr Gewähren-
lassen derselben erzeugt, sondern, ganz wie bei der
Reflexionsphilosophie, durch äußere verständige Reflexion
herausgegriffen, und nur nachträglich mit einander durch
die Taschenspielerei dieser Dialektik in eine künstliche
Verbindung gesetzt. Es ist deshalb das Aufgeben der
Methode eine erste und Hauptsünde, die wir Rosenkranz
vorzuwerfen haben und die sich schwer genug an ihm
gerächt hat ; denn in ihr gerade ist die Wurzel alles Weitern
zu erblicken.
Fragen wir jetzt : welches sind die Umänderungen, die
Rosenkranz mit der Struktur und Architektonik der Hegel-
schen Logik vorgenommen hat, so können diese vielleicht
auf den ersten Blick so wenige und geringfügige zu sein
scheinen, daß sich, wie ich davon soviel Aufhebens machen
könne, gar nicht begreifen, am wenigsten aber in ihnen
eine durchgreifende und systematische Alteration der
Hegeischen Logik erblicken lasse. R©senkranz läßt näm-
lich aus der Logik fort : 1 . die Kategorie des Mechanis-
mus, 2. die Kategorie des Chemismus, 3. die Idee des
Lebens mit ihren Unterabteilungen, 4. die Idee des Guten.
Er stellt endlich 5. die Kategorie des teleologischen
Zweckes um, indem er sie unmittelbar auf die Kategorie
21
der Wechselwirkung folgen läßt, also noch innerhalb
dessen, was Hegel die objektive Logik nennt, während die
Zweckkategorie bei diesem erst in der Lehre vom Be-
griff als Übergang des Chemismus in die Idee erscheint.
Sehen wir zunächst, inwiefern etwa jene Weglassungen und
diese Umsetzung einen Anspruch auf Richtigkeit haben :
und sehen wir dann ferner, welche Rosenkranz selbst ganz
verborgen gebliebene inhaltliche Wirkungen aus dieser
scheinbar so geringfügigen Änderung der formellen Struk-
tur der Hegeischen Logik entspringen.
Der logische Begriff des Mechanismus ist bei
Hegel, um ihn so kurz und klar als möglich seinem Inhalt
nach darzustellen, dieser : daß zwischen unmittelbaren To-
talitäten, welche alle, als solche, vollständige und selb-
ständige Objekte sind, eine Beziehung stattfindet,
die der eigenen Natur dieser aufeinander Bezogenen
schlechthin äußerlich und gleichgültig ist; wie
z. B. ein Haufen Körner, eine Zusammensetzung,
Druck, Stoß (vgl. Hegels Logik, Teil III, S. 175).
Hegel gelangt zu diesem Begriff auf streng dialektisch-
genetischem Wege, und zwar ist dieser seinem wesentlichen
Gedanken nach folgender. Der Begriff, der zunächst
der Begriff im allgemeinen ist, unterscheidet sich in seine
Momente : Allgemeinheit, Besonderheit, Einzelheit, die er
als Extreme auseinanderfallen läßt. So ist er das Urteil,
in welchem sich der Begriff in seine Momente, als in die
festen, auseinanderliegenden Bestimmungen von Subjekt,
Prädikat und Kopula dirimiert. Indem nun das Urteil seine
verschiedenen Formen durchläuft, bestimmt es sich durch
sich selbst zum S c h 1 u s s , in welchem sich die im Urteil
verloren gegangene Einheit der Momente des Begriffs
wiederherstellt. Im Schlüsse sind nicht, wie dies im nur
erst allgemeinen Begriff der Fall war, seine Momente
22
als in seiner Einheit innerlich enthalten ; es sind vielmehr
in ihm die unterschiedenen Bestimmungen des Begriffs, die
Extreme des Urteils, gesetzt (vgl. Hegels Logik,
Teil III, S. 115). Oder mit andern Worten: Der Schluß
ist selbst noch ein Urteil und hat als solches seine
Momente in Realität, d. h. in dem Unterschied ihrer Be-
stimmungen gesetzt. Aber im Schlüsse kommt die im Urteil
verborgene innere Natur des Begriffs, Einheit seiner Mo-
mente zu sein, zum Ausbruch, und stellt sich durch seine
eigene Tätigkeit her, indem sich jetzt die Extreme, die
unterschiedenen Bestimmungen des Urteils, mit einander
zusammenschließen und ihre Identität miteinander setzen.
Indem nun aber so in den verschiedenen Formen des
Schlusses jedes dieser Extreme sich als mit allen andern
identisch setzt, hat sich gerade durch die Vollendung des
Formalismus des Schließens — im disjunktiven Schlüsse
— diese Vermittlung selbst aufgehoben. Denn indem sich
jedes Moment der Vermittlung (Hegels Logik, Teil III,
S. 164, 173) als selbst schon dieTotalität des Vermittel-
ten bildend dargestellt hat, so hat sich damit eben jedes der
Momente als schon an sich und unmittelbar eine selbständige
Totalität seiend herausgestellt. Was hierbei herausgekom-
men ist, ist also eine Unmittelbarkeit, die sich gerade durch
das Aufheben der Vermittlung hergestellt hat — eine solche,
welche entstanden ist durch die Tätigkeit des Begriffs, die
in seiner Selbstbestimmung gesetzte Vermittlung zur un-
mittelbaren Beziehung auf sich aufzuheben ; oder wir haben
ein Sein, welches ebenso sehr unmittelbar, als identisch
mit der Vermittlung, und durch das Aufheben .derselben
entstanden ist. Dies Sein, diese Unmittelbarkeit, welche
überall vom Begriff durchdrungen und als durch seine sich
zur unmittelbaren Beziehung auf sich selbst aufhebende
Vermittlung entstanden, bestimmt ist — das Sein, welches
23
nicht mehr, wie die Momente im Urteil, nur Gesetztsein
des Begriffs, sondern ebenso, wie Gesetztsein, auch un-
mittelbares, also an und für sich seiendes Sein des Be-
griffs ist, ist die Objektivität. Oder noch bestimmter
gefaßt. Indem sich jedes der extremen Momente des Ur-
teils an sich selbst zur Totalität bestimmt hat, haben wir
Unterschiedene, die aber erstens als Totalitäten eine das-
selbe, was die andere, also gegen ihren Unterschied gleich-
gültig sind : die zweitens, da jedes selbst Totalität, voll-
ständige und selbständige Unmittelbarkeiten gegen einander
sind ; und die drittens, wie gegen ihren Unterschied, so auch
gegen ihre ansichseiende Identität, gegen ihre Einheit und
Beziehung auf einander gleichgültig sind. Und das ist der
Begriff des mechanischen Objekts und des Mechanismus,
wie wir ihn oben bestimmt haben.
Der Übergang des Mechanismus in den Chemismus
vollzieht sich in nicht weniger strenger Weise durch die
eigene Fortbestimmung des Begriffs, obgleich ich diese
Entwicklung wieder nur im allgemeinen, ohne konkrete
Ausführung dieses Begriffs durch seine Unterstufen, re-
konstruieren werde. Indem den mechanischen Objekten,
als unmittelbaren und selbständigen Totalitäten, deren Be-
ziehung auf einander ihnen selbst schlechthin äußerlich ist,
die negative Einheit mit sich, die ausschließende Beziehung
auf sich selbst noch fehlt : so erweisen sie sich vielmehr
als unselbständige gegen einander, und eben hierdurch der
Einwirkung und Beziehung auf einander unterworfen. In-
dem aber diese Beziehung ihnen selbst schlechthin äußer-
lich bleibt, so ist die Mitteilung der Aktion, die sie
empfangen, eine ebenso äußerliche und geht wieder in
Ruhe über. In diesem Produkt des mechanischen Prozesses
ist nun aber in der Tat ein Höheres entstanden — nämlich
dies, daß sich die erste, nur an sich vorhandene Selbstän-
24
digkeit des Objektes gesetzt, hergestellt hat aus der Ne-
gation seiner Unselbständigkeit, aus der Negation seiner
Beziehung auf die Äußerlichkeit 1 ). Das Objekt ist jetzt
aus der Äußerlichkeit in sich selbst zurückgebogen, ist
jetzt negative Einheit mit sich selbst, ist jetzt erst als
Negation der Äußerlichkeit wahrhaft selbständig. Zugleich
ist es aber immer noch eine äußerliche Totalität. Diese in
der Äußerlichkeit selbst dieselbe negierende und in sich
zurückgebogene negative Einheit des Objekts mit sich ist
der Begriff der Zentralität. Indem also jetzt die Selb-
ständigkeit des Objekts durch seine negative Beziehung
auf anderes vermittelt ist und diese Beziehung auf anderes
dem Objekte in sich selbst und seiner Bestimmtheit nunmehr
immanent ist, hat sich uns ergeben : ein Objekt, eine äußere
und unmittelbare Totalität, welche ihre eigene immanente
Bestimmtheit darin hat, auf ein ihr anderes bezogen zu
sein — das differente Objekt oder den Begriff des
Chemismus. Die Totalität des Begriffs, als welcher sich die
ganze Sphäre der Objektivität durch die Tätigkeit des
Begriffs bestimmt hat, hat sich hier dazu fortbestimmt :
nur an sich — und eben deshalb auch nur unmittelbar —
als ein Ganzes des Daseins vorhanden zu sein, die Un-
mittelbarkeit seiner Existenz aber nur in einer immanenten,
sich auf seinen Gegensatz beziehenden Einseitigkeit zu
haben, nur in dieser identisch mit sich selbst zu sein und
ihre differentia specifica zu haben.
Das chemische Objekt ist hiermit der Widerspruch in
sich selbst, Totalität des Begriffs an sich: und be-
stimmte, einseitige Unmittelbarkeit zu sein; zugleich aber
hat es die immanente Bestimmtheit seiner Unmittelbarkeit
*) Anmerkung der Redaktion in der Erstausgabe. Die Ge-
walt, die das mechanische Objekt leidet, tut es selbst einem
andern an; so daß sie als seine eigene Bestimmung erscheint.
25
nur darin, in sich selbst auf ein ihm anderes bezogen zu
sein. Wegen dieser Natur des chemischen Objektes ist
es das Streben, diesen Widerspruch seiner Existenz und
seines Begriffs aufzuheben, sein Dasein seinem Begriffe
adäquat zu machen, mit Aufhebung seines einseitigen Be-
stehens sich zu dem realen Ganzen im Dasein zu machen,
welches es seinem Begriffe nach ist. Die chemischen, dif-
ferenten Objekte sind daher, dem logischen Begriff nach,
in sich selbst und gegen sich selbst gespannt. Sie sind nur
durch ihre Differenz das, was sie sind : und sind nur der
absolute Trieb, sich aufzuheben und durch einander zu
integrieren. Das Resultat des chemischen Prozesses ist
daher ein neues Produkt, in welchem sich, obwohl es
seinerseits wieder in Prozeß versetzt werden kann, jener
Widerspruch des Begriffs und der Realität ausgeglichen
hat — die Differenz der gespannten Extreme erloschen
ist. Zugleich ist aber schon mit diesem neuen Produkt —
und ohne auf das nähere Resultat des chemischen Pro-
zesses einzugehen — eine höhere Begriffsbestimmung ge-
geben. In dem Produkt des chemischen Prozesses hat sich
die scheinbare Unmittelbarkeit der Objektivität innerhalb
ihrer selbst als ein Gesetztsein durch die Vermittlung er-
wiesen. Die Vermittlung aber, welche sich auf die Ob-
jektivität als auf ihre eigene Realität bezieht und i n ihr nur
das unselbständige Element ihrer Selbstverwirklichung,
ihrer Selbstausführung hat, ist der Zweck, die Zweck-
tätigkeit. Betrachten wir dies etwas näher, so hat sich
im Prozeß des Mechanismus bereits die Selbständigkeit
der Objekte, im chemischen Prozeß jetzt auch noch —
da sein Produkt ein neues Objekt ist — die Unmittelbar-
keit des Objektes aufgehoben. Indem die früher differenten
Objekte zu einem Neutralen zusammengegangen sind,
das eine neue, nur durch Vermittlung hergestellte Unmittel-
26
barkeit ist : so sind sie in diesem nicht mehr als Objekte,
sondern als bloße Ingredienzien vorhanden, und haben
durch ihr eigenes Tun dies gesetzt, nur abstrakte Momente
des Begriffs zu sein. War früher die Identität der Objek-
tivität mit dem Begriff nur an sich vorhanden, nur dadurch
gegeben, daß sich der Begriff durch seine Fortbewegung
in sie aufgehoben hatte, — also nur, wie eine Seele, in
die Unmittelbarkeit und Äußerlichkeit des Objektiven ver-
senkt war : so ist er jetzt zum Fürsichsein gekommen, in-
dem die Objektivität auch ihrerseits durch ihre Selbstent-
wicklung den Schein ihrer Äußerlichkeit, Unmittelbarkeit
und Selbständigkeit abgestoßen und sich als ein Gesetzt-
sein des Begriffs erwiesen hat. Was jetzt vorliegt, ist also
der durch die Negation der Äußerlichkeit und Unmittel-
barkeit, in die er versenkt war, frei gewordene Begriff, der
sich auf die Objektivität als auf seine eigene gegen ihn
unwesentliche Realität, als auf eine bloße Materiatur und
Sphäre seiner Selbstrealisierung bezieht ; und das ist eben
die Zwecktätigkeit. Im formalen Prozeß des Mechanis-
mus war die Bewegung die bloß äußerliche Beziehung der
gleichgültigen Objekte ; im chemischen Prozeß war sie zur
immanenten, an sich, aber noch nicht für sich seienden
Natur des Objektiven geworden; in der Zwecktätigkeit
ist sie die frei der Objektivität, als dem gegen sie nich-
tigen und widerstandslosen Element ihrer selbst, gegenüber-
tretende Natur des Begriffs. So hat sich uns jetzt
die innere und eherne Notwendigkeit der Entwicklung und
Aufeinanderfolge dieser Begriffe durch ihre eigene dia-
lektische Bewegung ergeben.
Um nunmehr auf Rosenkranz zurückzukommen, so läßt
er — als ein an keine dialektische Konstitution gebundener,
unumschränkter Selbstherrscher im Reiche der Begriffe,
der daher einen jeden aus dessen wahrer Heimat beliebig
27
ausweisen und selbst aus seinem Reiche ganz verbannen
kann — die Begriffe des Mechanismus und Chemismus
gänzlich aus der Logik fort, ohne auch nur einen Versuch
zu machen, den Sprung oder Fehler nachzuweisen, den
Hegel in der Dialektik des Gedankens mache, wenn er
den Begriff des Schlusses und seiner Bewegung in jene
Begriffe münden läßt. Die äußerlichen Reflexionen aber,
mit denen Hegel dabei angegriffen wird, erweisen sich
gleichfalls sofort als unrichtig.
So, wenn Rosenkranz (S. 508) gegen Hegel meint, wenn
ein Körper einen anderen stößt und in Bewegung setzt, so
läge in diesem mechanischen Prozeß kein Schluß vor, wie
Hegel irrtümlich gemeint habe; denn es läge kein Allge-
meines, und somit auch kein Verhältnis eines Allgemeinen
zu einem Besonderen und Einzelnen vor. Rosenkranz über-
sieht hierbei, daß das Allgemeine hier vollständig vorliegt,
und zwar zunächst in der durch beide Körper hindurch-
gehenden Bewegung selbst, welche sich durch den ersten
Körper, der sich in diesem Zustand befindet, d. h. unter
dies Allgemeine subsumiert ist und also das Moment der
Besonderheit darstellt, mit dem zweiten in Ruhe befind-
lichen Körper, der die in sich reflektierte Einzelnheit ist,
zusammenschließt. Wenn nun aber diese Bestimmungen,
Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelnheit, auch wieder
vertauscht und eine jede ebenso gut auf jedes dieser drei
Glieder angewendet werden können : so liegt hierin nicht
ein Beweis von einer Willkür in der Konstruktion, sondern
dies bildet gerade einen Beweis mehr für dieselbe. Denn
wie sich ergeben hat, war es durch die Begriffsbestimmung
der Objektivität — durch die vollbrachte Bewegung des
Schlusses — von vornherein gesetzt, daß jedes Moment
in ihm selber Totalität des Begriffes sei, alle drei Momente
desselben an sich habe, und in einer ihm selbst gleich-
28
göltigen Weise sich ebenso gut wie als das eine, auch als
das andere darstelle 1 ).
Wollte Rosenkranz aber schon die strengen Anforde-
rungen dialektischer Entwicklung unberücksichtigt lassen,
so hätte er dennoch schon aus äußerer Reflexion entnehmen
können, daß die Begriffe des Mechanismus und Chemismus
schlechterdings in die Logik fallen. Hegel selbst gibt näm-
lich irgendwo — ich glaube in der Einleitung zur Logik
— ein treffliches Merkzeichen dafür an, ob eine Kategorie
in die Logik gehöre oder nicht. In die Logik nämlich, sagt
er, gehöre alles das, was nicht bloß in der Natur oder im
Geiste, sondern in beiden vorkommt. Ich habe dies ein
Merkzeichen genannt, weil es, so in äußerer Reflexion
hingestellt, in der Tat die Natur eines Merkzeichens hat.
In Wahrheit aber ist es mehr als ein solches. Es ist das
absolute Merkzeichen oder der Begriff der Sache
selbst. Denn der Begriff, der sich gleichmäßig durch
Natur wie Geist kontinuiert, ist eben die logische Kate-
gorie oder der Begriff des Logischen selbst. Der Mecha-
nismus gehört aber nicht bloß, wie Rosenkranz meint, in
das Natürliche. Er kommt ebenso sehr im Geistigen vor.
Nicht nur die äußerlichen Objekte, sondern auch die gei-
stigen Vorstellungen, jeder bestimmte Gedankeninhalt
können in eine solche sich äußerlich bleibende Beziehung
auf einander gebracht werden, welche sich uns als der
Begriff des Mechanischen ergeben hat. Das Gedächtnis
ist diese Funktion des Mechanischen im Geiste. Wir
machen uns einen Knoten in das Taschentuch, um uns zu
r ) Anmerkung der Redaktion. Der Schluß des Mechanismus
ist der quantitative Schluß, in welchem A das die Gewalt
Antuende, B die besondere Mitte ist, welche, wie sie leidet,
auch einem dritten Objekte E die Gewalt antut: und so fort
ins Unendliche, indem jedes Objekt in alle Stellen nachrückt.
29
erinnern, daß wir morgen eine gewisse Besorgung machen
wollen. Der Knoten und jene Besorgung sind zwei ein-
ander durchaus äußerliche und gleichgültige Dinge, deren
Natur schlechterdings nichts miteinander zu schaffen hat
und sich weder nachher noch vorher aufeinander bezieht.
Die Beziehung beider auf einander ist vielmehr eine nur
von uns gesetzte, äußerliche. Nichts destoweniger erweist
sie sich wirksam, die beiden verbundenen Vorstellungen
bleiben im Geiste aufeinander bezogen; und es kann uns
an dem Knoten einfallen, und fällt uns in der Regel ein,
daß wir jene Besorgung haben machen wollen (vgl. die
Mnemotechnik). Ebenso wie im subjektiven Geiste, kommt
der Mechanismus im Gebiete des objektiven Geistes, z. B.
im Staate, vor : eine Bureaukratie ist ein solches, durch
Druck und Stoß von oben nach unten wirkendes rein me-
chanisches Element. Ebenso wie vom Mechanismus, gilt
dies vom Chemismus : Liebe, Freundschaft sind solche
dynamische Verhältnisse im Geiste, die auf der logischen
Grundbestimmung des Chemismus beruhen 1 ).
Während Rosenkranz den Mechanismus und Chemismus
ganz fortläßt, versetzt er den Zweckbegriff, der bei
Hegel das Dritte zu beiden und die Vorstufe der Idee
bildet, ganz aus der subjektiven Logik heraus in die Lehre
vom Wesen, und will durch ihn den Übergang zum B e -
griff des Begriffes selber bilden. Uns hat sich be-
reits die Notwendigkeit der Voraussetzung des Chemismus
für die Entwicklung des Zweckbegriffes ergeben; und es
folgt daher schon hieraus, daß er sich nicht aus der Kate-
gorie der Wechselwirkung, wie Rosenkranz will, ableiten
lassen kann. Dies ist nun aber auch dadurch zu erweisen,
*) Anmerkung der Redaktion. Vgl. „Der Gedanke". Bd. I,
S. 52-53.
30
daß wir kurz zeigen, in welchen Begriff sich die Kategorie
der Wechselwirkung aufhebt und warum sie schlechter-
dings nicht in den Zweckbegriff übergehen kann. — Hegel
zeigt in der Lehre vom Wesen, wie die Kausalität in die
Wechselwirkung übergeht ; und hierin ist von Rosenkranz
keine Änderung versucht. Der Begriff des We s e n s , in
allen seinen Unterabteilungen, ist im allgemeinen dahin
bestimmt, daß es in seiner Äußerung in anderes übergeht :
daß es in derselben nie zur wirklichen Gleichheit mit sich
gelangt, sondern als die ansichseiende Macht hinter seiner
Äußerung, die ein bloßer Schein oder ein bloßes Gesetzt-
sein ist, liegen bleibt. Dies ist auch noch in der Kategorie
der Kausalität der Fall. Ursache und Wirkung sind
etwas anderes gegen einander. Die Ursache wirkt, aber
die Ursache bleibt eine vorausgesetzte ansichseiende Ur-
sprünglichkeit, die etwas anderes ist gegen die bloß von
ihr gesetzte Wirkung. Diese Wirkung kann sich selbst
wieder dazu fortbestimmen, Ursache von anderem zu wer-
den im schlecht-unendlichen Progreß, in dem sich aber
immer zugleich das Gegenüberstehen und Anderssein von
Ursache und Wirkung gegeneinander wiederholt. Die
Kategorie der We chselwirkung aber ist diejenige,
in welcher die Wirkung in die Ursache zurückgebogen ist.
Ich erinnere an das bekannte Hegeische Beispiel : Die
Gesetze, sagt man, sind die Ursache der Sitten eines Vol-
kes, und wiederum die Sitten die 'Ursache seiner Gesetze.
Beides ist Ursache, wie beides Wirkung ist. Die Wir-
kung bestimmt sich also hier selbst zu ihrer eigenen Ur-
sache, die Ursache sich selbst zu ihrer eigenen Wirkung,
bo sind beide, indem sie aus sich herausgehen, nicht mehr
in anderes übergegangen, sondern in diesem andern viel-
mehr nur bei sich selbst angelangt. Die Ursache, so als
wahrhafte causa sui gefaßt, die in ihrem Setzen nicht in
31
anderes übergeht, sondern in Identität mit sich bleibt und
nur sich selbst wirkt, die Tätigkeit, welche nichts an-
deres, als sich selbst hervorbringt, und nur dies ist : Wirken
und im Wirken Selbstverwirklichung seiner, d. h. Ent-
wicklung zu sein — dies ist der Begriff. Die vorausge-
setzte Ursprünglichkeit der Ursache ist jetzt weggefallen;
sie hat sich selbst als Gesetztsein, als Wirkung erwiesen.
Ebenso ist in bezug auf die Wirkung dies hinweggefallen,
ein unwesentliches Naturgesetztsein zu sein. Das Gesetzt-
sein hat sich vielmehr zur Notwendigkeit des Sichselbst-
hervorbringens fortbestimmt. Der Begriff ist also die Be-
stimmung, daß das Wahre, das Anundfürsichseiende nur
darin besteht, daß es Setzen, und zwar Setzen seiner
selbst, daß es Sichselbstrealisieren ist. Aber eben deshalb,
weil die Wechselwirkung durch sich selbst, durch ihre
eigene Form, in den Begriff des Begriffes mündet, ist es
unmöglich, aus ihr sofort in den Begriff des Zweckes
überzugehen. Es ist dies ferner aber auch deshalb unmög-
lich, weil der Zweckbegriff voraussetzt und erfordert, daß
der Begriff sich schon zum freien, fürsichseienden be-
stimmt und sich von der Unmittelbarkeit, als von seiner
eigenen gegen ihn unwesentlichen und unselbständigen Rea-
lität, abgelöst habe. Dies ist der Begriff des Zweckes, wie
er sich uns vorhin als notwendig ergeben hat, und von dem
überdies jeder selbst sieht, wie genau er diesen von mir
angegebenen Bestimmungen entspricht. Mit dem Über-
gang der Wechselwirkung sind aber diese Bestimmungen
durchaus noch nicht vorhanden und gegeben.
Je genauer und eingehender daher Rosenkranz hierbei
sein Recht gegen Hegel zu begründen versucht, desto greif-
barer treten die unendlichen Verstöße hervor, die er begeht.
So, wenn er z. B. S. 26 sagt: „Wenn aber der Begriff
sich realisiert, so ist er nach unserer Meinung eo ipso sich
32
selbst Zweck." Nein, wenn der Begriff sich realisiert, so
ist er eben der — Begriff und zunächst durchaus noch
nicht Zweck. Schon in dem „Wenn" jenes Satzes liegt
ein unendlicher Abfall vom philosophischen Gedanken;
denn es liegt darin die Voraussetzung, als könnte der Be-
griff auch als nicht sich realisierend gedacht, als könnte
er auch, wie ihn die gewöhnliche Vorstellung nimmt, als
ein ruhiger gedacht werden. Der Begriff aber ist, wie
wir gesehen haben, überhaupt nur dies : sich zu realisieren ;
sein eigener Begriff besteht eben nur darin : absolute Tätig-
keit des Sichselbstsetzens, Sichselbsthervorbringens zu sein.
Rosenkranz will an dem Begriff des Begriffes selbst,
wie ihn Hegel gegeben, nichts ändern ; er fällt somit in den
angezogenen Worten unwillkürlich ganz und gar aus dem
Hegeischen, wie aus seinem eigenen Gedanken des Be-
griffes heraus. Um zu wissen, ob ein Begriff schon Zweck-
begriff oder bloß noch Begriff selbst ist, kommt es nicht
darauf an, ob er sich selbst realisiert — dies tut er immer,
dies ist eben seine Natur, seine differentia specifica — ;
es kommt vielmehr darauf an, wie er diese Selbstrealisie-
rung vollbringt, ob er sie bloß an sich, seiner inneren Natur,
seinem absoluten Triebe gehorchend, oder ob er sie auch
für sich vollbringt. Vollbringt er sie als Unterscheiden
seiner Momente, somit als Realisierung seiner inneren un-
terschiedenen Bestimmtheit, so ist er Urteil. Vollbringt
er sie als Zurückführung dieser als getrennt gesetzten
Momente in ihre innere Einheit, so ist er Schluß. Voll-
bringt er sie als Setzen der Trennung und der Einheit seiner
Momente im Gegenteile seiner selbst, zu dem er sich gleich-
wohl selbst fortbestimmt und entwickelt hat (in der Un-
mittelbarkeit), so ist er Objektivierung seiner selbst im
allgemeinen. In allen diesen Kategorien ist der Begriff
zwar Selbslrealisierung, aber diese Tätigkeit ist an ihm
3 Lassalle. Gea. Schriften. Band VI.
33
als sein Gesetz, als eine ihm selbstverborgene Macht seiner
Bewegung vorhanden. Ist diese Bewegung aber nicht mehr
bloß an ihm und durch seine Natur da, ist sie für ihn selbst
geworden, und isi er nun so bestimmt, dies sein Fürsich-
sein als solches im andern seiner selbst auszuführen —
dann und dann allein ist er Zweck. Rosenkranz ver-
fällt also in jenen Worten in die unphilosophischste Ver-
kennung des Begriffs und seiner Grundbestimmung über-
haupt, in ein gänzliches Vergessen dessen, was in Urteil,
Schluß usw. vor sich geht. Er alteriert nicht nur den Be-
griff des Zweckes, was er wenigstens tun will; er alte-
riert noch mehr, er verliert ganz aus den Augen den wirk-
lichen Begriff des Begriffes — was er nicht will.
Nicht besser ergeht es Rosenkranz, wenn er S. 494 den
Übergang aus der Kategorie der Wechselwirkung in die des
Zweckbegriffes mit folgenden Worten macht : „Die Wirk-
lichkeit ist hier nicht nur die Notwendigkeit, welche sein
muß, weil sie kann, sondern diejenige, welche sein muß,
weil sie sein soll." Der ungeheuere. Sprung, den Rosen-
kranz macht, sein Hinzutun zu den Gedanken wird von hier
aus vielleicht noch unmittelbarer einleuchten. Was mit dem
Vorgang der Wechselwirkung an sich erreicht ist, ist : ein
Sichselbstmachen, somit also in der Tat das, was sich uns
als die Natur des Begriffs ergeben hat, den Hegel des-
halb auf die Wechselwirkung folgen läßt. Aber wo ist in
dem Vorgang der Wechselwirkung, wo ist mit diesem Sich-
selbstmachen schon ein , .Sollen" gegeben? Dies Sich-
selbstmachen ist vielmehr zunächst gleichfalls als die an-
sichseiende Natur seiner Bewegung, als sein Gesetz
vorhanden. Aber das „Sollen" erfordert vielmehr wie-
derum, daß seine eigene Bewegung schon für ihn selbst
geworden und daß er dies sein Fürsichsein nun auch für
sich selbst dem Sein als dessen Gesetz gegenüberstellt —
34
Bestimmungen, von denen hier noch keine einzige vorhanden
ist. Was Rosenkranz hierbei verfuhrt hat — er beruft sich
auch S. 500 darauf — ist, daß auch Hegel selbst den
Übergang aus der Wechselwirkung zum Begriff den Über-
gang von der Notwendigkeit in die Freiheit nennt.
Aber es scheint, als ob Rosenkranz den Gedanken Hegels
dabei durchaus nicht richtig verstanden. Zum Unterschiede
nämlich von der Notwendigkeit, welche eine der Kausalität
vorhergehende Kategorie des Wesens ist und die daher
als solche gleichfalls in ihrer Manifestation in ein ihr an-
deres übergeht, nennt Hegel deshalb das Entstehen des
Begriffs den Übergang zur Freiheit, weil Freiheit bei
Hegel immer nur Beisichbleiben, auch im andern seiner
selbst, bedeutet, und dies, wie wir gesehen, in der Tat
durch den Übergang der Wechselwirkung erreicht ist. Der
Begriff kann daher mit Recht, eben weil er in seiner Be-
wegung nur Sichselbsthervorbringen und somit stetes Bei-
sichselbstbleiben oder Selbstentwicklung seiner ist, das
Reichder Freiheit genannt werden. Aber auch diese
Freiheit ist erst noch nur an sich oder für uns vorhanden
und muß erst noch durch das eigene Tun des Begriffs an
ihm gesetzt werden. Dies verhält sich so : Das Sein geht
in der Hegeischen Logik in das Wesen, als in sein eigenes
Innere, zurück. Das Wesen ist nun die Sphäre, in der
das Sein und die Innerlichkeit, mit Differenz gegenein-
ander behaftet, sich unentsprechend sind. Es wäre nun
aber ein großer Irrtum, zu glauben, als wenn das Wesen
nun seinerseits, indem es in den Begriff übergeht, bloß
in eine weitere Innerlichkeit zurückginge. Dies ist zwar
auch der Fall. Aber richtiger ausgedrückt, muß es heißen :
Das Wesen geht zum Begriffe heraus. Das Sein, das in
Gleichheit mit seinem Wesen getreten, das Sein, in wel-
ches sich das Wesen in erschöpfender und adäquater Weise
3* 35
ausgeschüttet hat, ist der Begriff. Hegel sagt selbst in
dieser Hinsicht ganz deutlich (Logik, Teil III, S. 30) :
„Das Wesen ist erste Negation des dadurch zum Schein
gewordenen Seins. Das wiederhergestellte Sein ist der
Begriff." Somit ist aber der Begriff zunächst wieder ein
nur unmittelbarer. Er ist vorhanden als die festen Bestim-
mungen des Allgemeinen, Besonderen, Einzelnen, die für
sich selbst noch als isolierte auftreten. Seine entwickelte
Freiheit : sein freies Fürsichsein, sein Sich-Unterscheiden
von der Form der Unmittelbarkeit und die Herunter-
setzung derselben zu einem bloßen Momente seiner oder
einer gegen ihn nichtigen Realität seiner, — diese drei
für den Zweckbegriff unerläßlichen Momente, mit denen
der Begriff seine an und für sich seiende Freiheit erlangt,
kann der Begriff erst durch seine eigene Selbst-
bewegung erzeugen.
Rosenkranz verfällt also in den unendlichen Fehler, daß
er den Begriff des Begriffes selbst erst hinter dem Zweck-
begriff abhandeln und entstehen lassen will, — während der
Zweckbegriff den Begriff des Begriffes selbst vielmehr vor-
aussetzt, — und er eben dadurch gezwungen ist, auch den
Begriff des Begriffes selbst unwillkürlich zu verlieren. Wie
unverantwortlich jener Fehler ist, zeigt sich am besten aus
den Widersprüchen, in die sich Rosenkranz infolge des-
selben verwickeln mußte. Er kann, sich selbst zum Trotz
und durch die Natur der Sache gezwungen, sich nicht ent-
halten, beim Zweckbegriff überall den Begriff des Be-
griffes schon vorauszusetzen. Ich führe nur einige Stellen
zum Beweise an : „Der Zweck ist die als Begriff wirkende
Ursache, die in ihrem Wirken überall nur sich selber be-
wirkt, und in ihrem Resultat nichts, als den Inhalt ihres
Begriffes, zur Erscheinung bringt." Nicht in der zweiten
(S. 495) Erwähnung des Wortes : Begriff, liegt einWider-
36
spruch. Man kann in der Logik von einem Begriffe und
seinem Inhalt sprechen, lange ehe die Kategorie des Be-
griffes selbst in ihr abgehandelt ist. Sein, Qualität, Quan-
tität sind lauter Begriffe. Wovon man aber in der Logik
nicht sprechen kann, ehe die eigene Natur des Begriffes
sich entwickelt hat, das ist von einem Begriffe ,,als Be-
griff". Denn hierzu muß eben der Begriff des Begriffes
selbst bereits gesetzt sein. Der Satz : ,,Der Zweck ist die
als Begriff wirkende Ursache," setzt also voraus, als wäre
die dem Begriff als solchem zukommende Tätigkeit schon
gesetzt und exponiert worden. Man muß auch nicht glauben,
daß dies nur ein lapsus calami von Rosenkranz sei. Er
sagt ebenso S. 512 vom Zweckbegriff: „Das Werden des
Seins wird in ihm zur Realisierung seines Begriffs und die
Erscheinung zur Entwicklung des schon vorher als Begriff
existierenden Wesens." Dieses ,,als Begriff" heißt: des
:n der Form des Begriffes existierenden Wesens ; und
Rosenkranz gibt also hiermit selbst zu. daß die Form des
Begriffes sieh schon vorher entwickelt haben müsse, ehe
die Entwickelung in den Zweckbegriff übergehen und dieser
erzeugt und verstanden werden kann. Rosenkranz sagt
ferner auf derselben Seite: „In dieser Unterscheidung
des Begriffs von seiner Realität, welche zugleich die Ein-
heit beider festhält, liegt die unendliche Tragweite des
Zweckbegriffs." Wenn aber im Zweckbegriff für ihn selbst
der Begriff als solcher von seiner eigenen Realität unter-
schieden werden soll, so muß doch notwendig das quid des
Begriffs als solcher bereits entwickelt sein. Das Versehen,
das also in diesen Rosenkranzischen Aussprüchen liegt, ist
überraschend. Rosenkranz wirft S. 99 der Bachmannschen
Logik vor, daß sie mit der Deduktion der Denkgesetze den
Anfang mache mit den Worten: „Die Form des Setzens
ist, Es ist; die des Aufhebens, Es ist nicht." Man
37
müsse, sagt Rosenkranz dagegen, ehe man von Sein und
Nichtsein sprechen könne, doch zuvor wissen, was Sein
und Nichtsein sind. Rosenkranz ist bei diesem Vorwurf
ganz im Rechte ; aber es ist nur um so mehr zu verwundern,
wenn er sich sogar erlaubt, von der Form des Begriffs als
Begriff zu sprechen, ehe er diese Form entwickelt hat :
und wenn er in der Nötigung hierzu nicht einmal einen
Fingerzeig darüber erblickt, wie der Zweckbegriff die
Form des Begriffes schlechterdings voraussetze.
Alles, meine Herren, was ich Ihnen bisher über die
Verstöße von Rosenkranz entwickelt habe, sind Einzeln-
heiten, die, so überaus wichtig sie auch an sich selbst sind,
doch von mir nur deshalb so ausführlich dargelegt wurden,
um nun die das Gesamtsystem Hegelscher Logik und
Philosophie betreffenden Folgen nachzuweisen, welche aus
diesen scheinbaren Einzeinheiten resultieren. Indem näm-
lich Rosenkranz den Mechanismus und den Chemismus
aus der Logik ganz fortläßt und die Teleologie oder [den]
Zweckbegriff aus dem Reiche ües Begriffs in das Wesen
verweist, fehlt bei ihm das ganze Kapitel von
der Objektivität, weiches, nur aus diesen drei Rea-
lisationsformen : Mechanismus, Chemismus und Zweck-
tätigkeit bestehend, bei Hegel den Übergang von dem
Begriff als solchem in die Idee macht. Indem somit der
ganze Begriff der Objektivität überhaupt und daher
speziell auch ihrer Hegelschen Stellung zwischen Begriff
und Idee fehlt : so ist, behaupte ich, der prinzipielle Boden
dei Hegelschen Systems, seine ganze Philosophie über-
haupt, von Rosenkranz zwar nicht umgestürzt — damit
hat es keine Not — aber von Rosenkranz aufgegeben und
verlassen worden.
Diese, wenn auch harte Behauptung ist es, die ich jetzt
näher zu rechtfertigen haben werde, und deren Darlegung
38
den Zielpunkt dieses Vortrages bildet. Indem die
Objektivität zwischen dem Begriff des Begriffs und dem
Begriff der Idee fehlt, ist zuvörderst schon notwendig,
daß der Begriff der Idee selbst bei Rosenkranz zu einem
ganz andern wird als bei Hegel; denn in der Logik ist
das Wichtigste und Entscheidende für einen Begriff sein
Woher, seine Ableitung. Das, woraus er entspringt, macht
ihn zu dem, was er ist. Bei Hegel ist die Idee die Einheit
des Begriffs und der Objektivität oder die zu ihrem
eigenen Begriff gekommene Objektivität. Die Idee ist
ihm die Einheit des Begriffs mit sich selbst in der Un-
mittelbarkeit, oder der in der Unmittelbarkeit sich adäquat
gewordene Begriff. Diese Hauptbestimmung muß nun
bei Rosenkranz dadurch fehlen, daß bei ihm der Begriff
sich nicht durch die Objektivität hindurch zur Idee be-
wegt, diese bei ihm also auch nicht die Objektivität an
sich hat, nicht die in ihr mit sich identische Seele derselben
ist. Bei Rosenkranz behält daher die Idee, und ebenso
alle weiteren Stufen derselben, notwendig eine bloß for-
melle, bloß subjektive und der Unmittelbarkeit als solcher
äußerliche und fremde Bestimmung. Es ist nur die konse-
quente Folge hiervon, wenn er die Idee als unmittelbare
— die Stufe des Lebens bei Hegel — wiederum in
seiner Logik nicht gebrauchen kann. Die Unmittelbarkeit
ist eben eine solche, die bei ihm nicht durch den Begriff
hergestellt ist, und somit von ihm nicht bemeistert werden
kann. Es hilft Rosenkranz nichts, zu sagen, es sei ja auch
bei ihm die Idee als Einheit des Begriffs und seiner Rea-
lität bestimmt. Realität und Objektivität sind durch einen
großen logischen Unterschied getrennt : Objektivität ist
eine Kategorie der Unmittelbarkeit, des Daseins ; Realität
dagegen ist alle Bestimmtheit überhaupt, auch die rein-
formell-begriffliche. Einheit seiner und der Realität ist
39
in der Logik schon der formelle Begriff selbst. Denn die
Realität hat er in dem Bestimmtsein seiner Momente als
Einzelnheit und Besonderheit an sich. Hegel spricht sich
selbst darüber in der Logik in einer nicht mißzuver-
stehenden Weise aus (Teil III, S. 233) : „Die Idee hat
aber nicht nur den allgemeineren Sinn des wahrhaften Seins,
der Einheit von Begriff und Realität, sondern den bestimm-
teren von subjektivem Begriffe und der Objektivität. Der
Begriff, als solcher, ist nämlich selbst schon die Identität
seiner und der Realität ; denn der unbestimmte Ausdruck
Realität heißt überhaupt nichts anderes, als das be-
stimmte Sein : dies aber hat den Begriff an seiner Be-
sonderheit und Einzelnheit." Bald darauf sagt Hegel:
„Die Idee hat sich nun gezeigt als der wieder von der
Unmittelbarkeit, in die er im Objekte versenkt ist, zu seiner
Subjektivität befreite Begriff, welcher sich von seiner Ob-
jektivität unterscheidet, die aber ebenso sehr von ihm be-
stimmt ist und ihre Substantialität nur in jenem Begriffe
hat. Diese Identität ist daher mit Recht als das Subjekt-
Ob jekt bestimmt worden." Nun, dieses Subjekt-Objekt,
dieser vielberühmte Hauptpunkt der modernen Philosophie,
der sogar nicht nur bei Hegel, der schon bei Schelling in
der Identitätsphilosophie vorhanden war, ist bei Rosen-
kranz wieder verloren gegangen. Seine Idee, die sich
sofort aus dem Schlüsse entwickelt, bleibt eine bloße Ein-
heit des Begriffs mit seinen formalen Bestimmungen : d. h.
wiederum ein bloß formaler oder subjektiver Begriff,
der die Unmittelbarkeit, das unmittelbare Dasein, nicht
durchdrungen hat.
Aber noch von andern hiermit nur als notwendige Folge
zusammenhangenden Seiten muß ich diesen großen Rück-
fall beleuchten, um ihn und seine ganze Bedeutung zur
vollen Klarheit zu bringen. Der Übergang des Begriffs bei
40
Hegel in die Kategorie der Objektivität ist, wie ich keinen
Anstand nehme zu behaupten, der wichtigste Punkt
der ganzen Hegeischen Logik. Die absolute in-
nere Notwendigkeit dieses Übergangs ist einfach die, daß,
indem der Begriff die drei formellen Momente : Allge-
meinheit, Besonderheit, Einzelnheit hat, die Allgemeinheit,
welche die Besonderheit durchdringt und in ihr sofort Ein-
zelnheit ist, die Sache oder das Objekt ist, d. h.
die gesetzte Einheit des Begriffs mit seinen Momenten,
die realisierte gegenseitige Durchdringung dieser Momente.
Die absolute, systematische Wichtigkeit dieses Übergangs
hegt aber darin, daß — indem sich der logische Begriff
durch sich selbst in die Gegenständlichkeit aufhebt, diese
also als das von ihm selbst Gesetzte und von ihm
Durchdrungene nachgewiesen ist — nur durch
diesen in sein eigenes Gegenteil übergreifenden und in ihm
mit sich selbst identisch bleibenden schöpferischen Akt
des Begriffes es der Hegeischen Philosophie erlaubt und
von ihr vollbracht ist, die objektive Unmittelbarkeit dem
Begriffe als eine Selbstverwirklichung seiner zu vindi-
zieren. Fehlt dies — daß sich der Begriff durch seine
eigene Bewegung zur Sache macht — , so fehlt jede
wissenschaftliche Berechtigung, die Gegen-
ständlichkeit als das Dasein des Begriffs in
Anspruch zu nehmen. Fehlt dies, so ist die Un-
mittelbarkeit wieder das Unnahbare geworden, über wel-
ches der Begriff keine Macht hat, weil es nicht durch
seine eigene Bewegung entsteht. Fehlt dies, so fällt daher,
um zunächst von einer besonderen Folge zu sprechen und
erst dann zur allgemeinsten aufzusteigen, unter anderem
eines der wichtigsten Resultate der Hegeischen Philoso-
phie gänzlich fort, die begriffene Geschichte. Der
Begriff, welchen Hegel von der Geschichte gibt und der
41
jedenfalls eine der einflußreichsten Konsequenzen dieser
Philosophie gewesen ist, ist der : objektive Selbstverwirk-
lichung des Begriffs (des Geistes) zu sein. Begriffene
Geschichte heißt bei ihm nichts anderes als : die als die
objektive Selbstverwirklichung des Begriffs begriffene Ge-
schichte. Die Gedankengrundlage dieser Bestimmung wur-
zelt gleichfalls in der Logik und muß in ihr wurzeln, wenn
sie eine systematisch begründete sein soll. Es ist wahr, daß
man noch niemals den systematischen Zusammenhang der
Hegeischen Geschichtsauffassung mit der Hegeischen
Logik sich klar gemacht, noch niemals auch nur die Frage
aufgeworfen hat : wo denn eigentlich in der Logik die
Hegeische Geschichtsauffassung ihre Grundlage habe. Und
doch muß sie in der Logik ihre letzte Grundlage und
Wurzel haben, wenn sie selbst eine objektiv-notwendige
und systematische sein soll. Eben deshalb aber, weil dieser
innerste Zusammenhang' noch niemals untersucht worden
ist, wird es am Orte sein, ihn hier näher zu betrachten.
Die Hegeische Geschichtsauffassung hat ihre Wurzel in
der Tat in der Logik, und zwar, wie sich bald zeigen wird,
nirgendswo anders als in dem Kapitel der Objektivität, oder
in : Mechanismus, Chemismus, Teleologie. Denn diese
Wurzel liegt nirgendswo anders vor, als eben darin, daß
sich der Begriff durch seine eigene Bewegung zur objek-
tiven Unmittelbarkeit macht und in dieser sich in sich zu-
rücknimmt. Hört dies auf, so bleibt die Geschichte als
ein Produkt des Zufalls stehen; oder sie kann noch, was
aber im Grunde nur auf dasselbe hinauskommt, als eine
Tat und Prozeß der mehr oder weniger verständigen sub-
jektiven Einsichten angesehen werden. Aber das,
was sie nach Hegel ist, die objektive Selbstbewegung des
Begriffs — diese ihm objektive Vernünftigkeit, die etwas
ganz anderes ist als die so häufig so geringe subjektive
42
Vernunft der in einer Zeit Lebenden und Sterbenden —
diese verliert sie durchaus. Es würde Rosenkranz nicht
das geringste helfen, hiergegen einwenden zu wollen, die
Geschichte sei das Reich der Idee (und ihres Ausge-
fuhrtseins). Sie ist das Reich der Idee; aber die Idee
hat zu ihrer Selbstvollbringung selbst kein anderes Mittel
als die Tätigkeit des Begriffs in seiner Bewegung. Der
Begriff ist die Entelechie der Idee. Soll also die be-
greifende Erkenntnis der Geschichte eine Wahrheit sein,
soll sie keine allgemeine Phrase bleiben : so kommt alles
darauf an, konkret einzusehen, w i e die Idee, die nichts
ist als der ausgeführte Begriff, sich als objektiv-begriff-
liche Bewegung in der Geschichte vollbringt, somit als
Mechanismus, Chemismus und Zwecktätigkeit. Denn in
diesen drei Bestimmungen und Formen besteht, wie wir
gesehen haben, die objektive Bewegung des Begriffs oder
die Bewegung desselben in seiner Objektivität.
Es kann vielleicht auf den ersten Augenblick als eine
sehr paradoxe und ungeheuerliche Behauptung erscheinen,
daß der Begriff als Mechanismus, und gar noch als Chemis-
mus, in der Geschichte wirken kann ; und es wird daher
vielleicht am Orte sein, dies beispielsweise näher darzu-
legen. Wie der Begriff als Mechanismus in der
Geschichte wirkt, ist sehr leicht einzusehen. Wenn
Plinius (Hist. nat. XVIII. 7) sagt: „Die Zusammen-
schlagung ungeheuerer Grundbesitzungen hat Italien zu-
grunde gerichtet (latifundia perdidere Italiam)", so ist
dies insoweit eine solche mechanische Tätigkeit des Be-
griffs gewesen. Oder wenn nach dem Sturz der feudalen
Gesellschaft in Frankreich gerade das Gegenteil hiervon
geschah, und, selbst ohne daß die Absicht hierauf ge-
richtet gewesen wäre, durch die Zerschlagung und Par-
zellierung der Grundstücke der moderne Besitzstand er-
43
zeugt und in ihm dem staatsbürgerlichen Begriffe der fran-
zösischen Revolution, der Idee des Individualismus, und
seiner unabhängigen Geltung der Persönlichkeit, erst eine
adäquate Realität geschaffen, in dieser erst eine lebendige
Wirklichkeit gegeben wurde : so war dies wiederum ein
Wirken, ein Sichselbstausführen des Begriffs als Mecha-
nismus. Oder wenn jetzt in den großen Industriestaaten,
besonders in England, der Prozeß der Industrie sich dahin
treibt, daß durch ihre eigene Bewegung die Kapitalien sich
immer mehr zentralisieren und zusammenhäufen, der kleine
Mittelstand dagegen hierdurch immer mehr verschwindet
und in das auf seine bloße Arbeitskraft beschränkte kapi-
tallose Proletariat herabsinkt : so ist dies wieder eine mecha-
nische Wirkung und Bewegung des Begriffs, aus welcher
sich gleichfalls möglicherweise eine Auflösung und Um-
formung der jetzt bestehenden Gesellschaftsform erzeugen
kann.
Mindestens ist es vielleicht nicht uninteressant, in dieser
Hinsicht zu bemerken, wie Aristoteles schon gewußt und
hervorgehoben hat, daß gerade durch diese mechanische
Bewegung des Begriffs in der Geschichte jede auf Gewinn
ausgehende Oligarchie in Massenherrschaft, in Demokratie
umschlagen muß. „Als in die Aristokratie Verderbnis ein-
riß und sie sich auf Kosten des gemeinen Wesens zu be-
reichern suchte," sagt er in der Politik III, 15, ,,so
mußte ganz natürlich die Oligarchie entstehen. Denn sie
hatten den Reichtum zu dem Geltenden, (evrijuov), zum
Maßstab des Wertes gemacht." Die Oligarchie aber habe
wieder zunächst in die Durchgangsstufe der Tyrannis,
dann aber in die Massenherrschaft umschlagen müssen.
„Denn," sagt Aristoteles in seiner einfachen Weise, „in-
dem sie durch die Gewinnsucht den Besitz auf immer
Wenigere konzentrierten, stellten sie gerade dadurch die
44
Menge zahlreicher und stärker hin ; so daß sie nun einen
Angriff versuchen konnte, und die Demokratien ent-
standen (äsl yäo eig lldxxovg äyovxeg dl aio/goxegdeiav
ioyvQÖreQOV xo jzbj&og y.axeoxrjoav, (box em&eo'da.i xal yeveo&cu
drjtxoy.Qaxiag)."
Spekulativer noch, wenn auch eben deshalb vielleicht
schwieriger zu begreifen, ist das Wirken des Begriffs als
Chemismus in der Geschichte. Wir haben oben gesehen,
worin der Begriff des logischen Chemismus besteht. Er
besteht darin, daß das Objekt an sich Totalität des Be-
griffes ist, diese Totalität aber gesetzt ist in einer im-
manenten und einseitigen, ihr Gegenteil ausschließenden
Bestimmtheit, welche seine, des Objekts, Natur ausmacht
und in der es unmittelbare Existenz hat. Hierdurch ist das
Objekt der Widerspruch zwischen seiner Totalität und
der Bestimmtheit seiner Existenz, oder es ist in sich selbst
gespannt, und ist das Streben, durch seine eigene Tätigkeit
diesen Widerspruch, diese Spannung aufzuheben, und sein
Dasein seinem Begriff gleich zu machen. Gerade dieser
logische Chemismus ist es, der hauptsächlich die
Seele der Geschichte ausmacht und ihre Be-
wegung erzeugt. Ich mache mich durch einige Beispiele
klar. In dem Streben einer Nation nach Weltherrschaft
liegt an sich eine kosmopolitische Idee, die Aufhebung der
verschiedenen Nationalitäten und ihres Unterschiedes über-
haupt. Dies liegt aber zuerst nur an sich darin. Was für
die nach Weltherrschaft strebende Nation selbst vorhanden
ist, ist zunächst vielmehr nur das einseitige Bestreben, ihr
eigenes nationales Prinzip zur exklusiven Geltung zu
bringen und die anderen Nationen ihm zu unterwerfen.
Diese Nation ist so zunächst gegen die anderen gespannt
und wesentlich auf deren Unterwerfung bezogen. Gerade
indem sie aber dies erreicht und sich den orbis terrarum
45
unterworfen hat, ist In dieser hierdurch hergestellten Ein-
heit der Unterschied der Nationalitäten überhaupt aufge-
hoben und zu einem gleichgültigen herabgesunken : d. h.
jene Spannung hat sich gerade durch ihre eigene Be-
wegung ausgeglichen und ist in die Idee der Gleichgültig-
keit des nationalen Prinzips und Unterschieds oder in das
neutrale Produkt des Kosmopolitismus übergegangen. Was
ich hier als die Natur dieses Begriffs nachgewiesen habe,
das hat sich in der Geschichte als Übergang der römischen
Weltherrschaft in den Kosmopolitismus der Stoa und des
Christentums und den bald darauf hierdurch hervorgebrach-
ten Zerfall jenes Weltreiches auch historisch wirklich so
vollbracht. Der logische Chemismus des durchgenommenen
Begriffs besteht darin, daß er diese Bewegung und dieses
Resultat durch seine eigene immanente Natur hervorbringt :
daß er aber dennoch weit entfernt ist, dasselbe willentlich
hervorzurufen, vielmehr in demselben das gerade Gegen-
teil von dem zustande gebracht hat, was er für sich selbst
erstrebte. Die nach Weltherrschaft strebende Nation war
somit nicht nur gegen die anderen Nationen, sie war viel-
mehr gegen sich selbst gespannt. Es folgt aus der ange-
gebenen Natur dieses Begriffs, daß jedes Streben nach
Weltherrschaft, gerade wenn es erreicht wird, stets und
zwar jedenfalls zunächst bei der herrschenden Nation in
das neutrale Produkt des gegen sich gleichgültig gewor-
denen Nationalunterschieds zurückgehen, und somit, da
hierdurch die herrschende Nation die Kraft verliert, die
anderen Nationalitäten in der Unterwerfung zu erhalten,
wieder auseinanderfallen muß. Man kann daher jeder
Weltherrschaft ihren Verfall mit philosophischer Not-
wendigkeit vorhersagen. Beiläufig gesagt, ist jedoch die
moderne Zeit gegen die Vorhersagungen der Philosophie
ebenso ungläubig wie undankbar geworden. Als Thaies
46
einmal eine Sonnenfinsternis und eine schlechte Ölernte
prophezeite, wußte sich das ganze Altertum vor Bewun-
derung darüber nicht zu lassen, und hat diese seine Be-
wunderung so oft wiederholt, daß noch heute jeder Mensch
aus seinen philosophischen Kompendien diese Tatsachen
weiß. Wer aber erinnert sich heute noch, daß — was
gleichwohl doch eine ganz andere Tat war — Fichte im
Jahre 1808 in seinen „Reden an die deutsche Nation,"
und zwar aus Gründen, die in letzter Instanz gerade auf
die exponierte Natur dieses logischen Chemismus zurück-
gehen, den baldigen Zerfall der damals auf ihrem Zenit
stehenden Napoleonischen Weltherrschaft vorhersagte?
Ich will ein anderes Beispiel von dem Wirken des Be-
griffs in der Geschichte als logischer Chemismus geben.
Die Monarchie hat die hohe Bedeutung, den Begriff der
Totalität und Einheit des sittlichen Staatswillens darzu-
stellen, gegenüber den in ihre besonderen Interessen ver-
senkten, in ihre Privilegien und Vorrechte vertieften Klas-
sen und Ständen der bürgerlichen Gesellschaft. Es ist
somit die Monarchie durch ihre innere Natur von vornher-
ein in einer feindlichen Stellung gegenüber den Privilegien.
Dies ist der an sich seiende Begriff der Monarchie. Seiner
Wirklichkeit nach aber, nach der Bestimmtheit, welche
dieser Begriff in der Existenz hat, ist diese sittliche To-
talität und Einheit des Staatswillens in der Monarchie als
eine zufällige, empirische, durch die Erblichkeit der Ge-
burt bestimmte, unmittelbare Individualität vorhanden:
d. h., sie ist selbst wieder ein Privilegium, und zwar das
höchste und härteste Privilegium, — den öffentlichen
Willen als das erbliche Eigentum eines Individuums zu
setzen. Es ist somit auch hier ein Widerspruch zwischen
Totalität des innern Begriffs und der Bestimmtheit, in
der er da ist, vorhanden. Der an sich seiende Begriff, die
47
innere Natur der Monarchie, wirkt zunächst auf sie als
Trieb. Das Königtum kann sich so getrieben finden —
und dies ist der wirkliche geschichtliche Verlauf, den das
französische Königtum seit Ludwig XI. genommen hat,
und auch bei uns in Preußen ist dies besonders mit dem
großen Kurfürsten eingetreten — das Königtum, sage ich,
kann sich so getrieben finden, gegen die der sittlichen Ein-
heit und Totalität des Staatszweckes entgegenstehenden
Privilegien der feudalen Gesellschaft anzugehen und sie
mehr und mehr aufzuheben. Aber indem so das Königtum
durch seinen begriffliehen Trieb gegen das Privileg ge-
spannt ist, ist es gegen seine eigene Existenz, die das
höchste Privileg ist, gespannt. Und es kann daher kommen,
wie sich das in der Tat wieder in Frankreich mit der
Revolution von 1789 gezeigt hat, daß das, in der Regel
zu spät die Bedeutung seines Tuns gewahrende und nun
gern umkehrende Königtum, das Privileg untergrabend,
seine eigene Existenz untergraben und in die ihrem eigenen
Begriffe adäquate Existenzform der Einheit und Tota-
lität des sittlichen Staatswillens — in die Republik —
aufgehoben hat. Was die Monarchie so vollbracht hat, ist
nur, ihr Dasein ihrem Begriff adäquat und gleich gemacht
zu haben; zugleich ist aber dadurch das Königtum in sein
direktes Gegenteil übergegangen. Indem diese Bewegung
eine durchaus durch die eigene innere Natur des König-
tums gesetzte, und dennoch durchaus ungewollte 1 ) —
sonst wäre sie Zweckbewegung — war, das Königtum
dabei vielmehr in das Gegenteil dessen überging, was es
für sich selbst will, ist dies gleichfalls ein logischer Chemis-
1 ) Anmerkung der Redaktion in der Erstausgabe. Wir
würden statt ungewollte vorziehen: nicht sich selbst
erhaltende, da es auch unbewußte Zweckbewegung gibt.
48
mus ; — und die Staatsgef ährlichkeit der Chemie hat sich
jetzt wohl hinreichend erwiesen.
Die Zvvecktätigkeit in der Geschichte end-
lich, obgleich sie im Verhältnis zu den andern Faktoren
der weniger ins Gewicht fallende ist, ist ihrer großen
Durchsichtigkeit wegen am wenigsten zu verkennen. Wenn
eine Staatsform, wie dies z. B. in der französischen
Revolution der Fall war, bewußt eingestürzt wird : so ist
dies von Seiten der diesen Umsturz mit freiem Bewußt-
sein erstrebenden Klassen und Einzelnen teleologische Be-
ziehung, Zwecktätigkeit. Diese selbst kann sich wieder
verschieden gliedern. Diejenigen, die sich in dieser Be-
wegung nur mit einem endlichen Objekt zusammenschließen
und dieses, wie Vorteil, Ehre, Reichtum, Macht, oder
auch eine legitime Verbesserung ihres endlichen Loses,
für sich selbst erlangen wollen, stehen unter dem Begriffe
der endlichen oder äußerlichen Zwecktätigkeit.
Während sie die allgemeine Bewegung nur als Mittel für
sich zu gebrauchen glauben, sind sie vielmehr selbst nur
ein Mittel für den unendlichen Zweck der sich auf
sich selbst beziehenden Idee. Diejenigen dagegen, die viel-
mehr sich selbst bewußt sind, nur Mittel für die Idee zu
sein, und dieser Ausführung geben zu wollen, befinden
sich in der Zwecktätigkeit, wie sie auf der Stufe der Idee
wiedererscheint, in der Tätigkeit der Idee des Guten.
Eben weil sie für sich selbst nur als Mittel für die Idee
sind, kann ihr Pathos gerade als Selbstzweck der Idee
bezeichnet werden.
Ich bin in dieser Ausführung, obgleich es noch viel
konkreter hätte geschehen können, soweit ins Konkrete
gegangen, einmal weil ich glaubte, daß dies zur Abwechs-
lung mit dem abstrakten Inhalt der logischen Bestimmungen
vielen nicht unangenehm sein werde, und dann, weil wir uns
4 Lasealle, Gm, Schriften. Band VI. 49
dabei im Grunde von der Sache nicht im geringsten ent-
fernt haben. Denn wir haben gesehen, wie die Tätigkeit
des Begriffs in der Geschichte in der Tat gerade durch die
Kategorien der Objektivität : Mechanismus, Chemismus
und Teleologie, vor sich geht, die Hegel dem objektiv ge-
wordenen Begriff zuweist und in die er den formalen Be-
griff durch seine eigene Selbstbewegung übergehen läßt.
Wir haben also gesehen, wie bei Rosenkranz mit dem Fort-
fall dieser Selbstobjektivierung des Begriffs und seiner
Bewegung in dieser seiner Objektivität auch jede innere
Möglichkeit einer begrifflichen Geschichte fortfallen muß.
Wir haben ferner dabei beiläufig näher gesehen, wie un-
recht Rosenkranz hat, zu glauben, daß dieser logische Me-
chanismus und Chemismus — man würde letzteren übrigens
besser Dynamismus nennen — nur in der Natur und nicht
auch im Geiste vorkäme 1 ). Aber, wie ich bereits vorhin
x ) Es ist fast überflüssig zu bemerken, daß die obige Ent-
wickelung der Tätigkeit des Mechanismus, des Chemismus und
der Teleologie in der Geschichte nichts gemein hat mit der von
Hrn. Michelet in seiner Kritik von Rosenkranz (Heft I und
II des „Gedankens") angezogenen Auffassung des Grafen
Cieszkowski, nach welcher die Geschichte des Altertums ein
Mechanismus, die des Mittelalters ein Dynamismus oder
Chemismus sei, während mit der modernen Geschichte zum
Organismus übergegangen werde. In dieser Ansicht wird eine
besondere geschichtliche Periode — und diese also ihrem
Inhalt nach — für übereinstimmend mit dem Gedanken-
inhalt des Mechanismus, eine andere geschichtliche Periode,
ebenso ihres besondern Inhalts wegen, wieder für über-
einstimmend mit dem Gedankeninhalt des Chemismus (Dynamis-
mus) usw. erklärt. Die Richtigkeit dieser Analogie dahin-
gestellt, ist dieselbe jedenfalls toto coelo verschieden von der
obigen Entwickelung, nach welcher Mechanismus, Chemismus
und Teleologie die stets und in jeder Periode der Geschichte
— von dem besondern Gedankencharakter der bestimmten
50
bemerkte, der Fortfall der logischen Möglichkeit einer
begriffenen Geschichte ist nur eine bestimmte und einzelne
Folge, nur eine Folge unter anderen, die bei Rosenkranz
durch seine logischen Veränderungen eingetreten sind. Die
wahrhafte und allgemeinste systematische Folge, von der
alles weitere wieder nur eine Konsequenz ist und auf die
ich schon vorhin anspielte, indem ich Rosenkranz ein un-
bewußtes, aber totales Aufgeben der Hegeischen Philo-
sophie zur Last legte, ist eine andere. Diese systematische,
alles andere in sich schließende Folge ist nämlich keine
geringere als die, daß bei Rosenkranz die wahrhafte, bei
Hegel vollbrachte Identität von Sein und Denken,
von Metaphysik und Logik, wieder aufgegeben und ein
Abfall und Rückfall auf einen mit der Kantischen Philo-
sophie zwar nicht identischen, aber ihr analogen Stand-
punkt eingetreten ist. Dies habe ich jetzt näher zu recht-
fertigen.
Es ist das Verhältnis von Metaphysik und Logik in der
vorkantischen Philosophie, sowie die hierin durch Kant
und dann durch Hegel vollzogene Revolution bakannt. Kurz
zusammengedrängt, ist dieselbe im wesentlichen folgende:
Bis zu Kant waren Metaphysik und Logik voneinander
getrennte Wissenschaften. Die Metaphysik oder Ontologie
sollte die Kategorien des Seins, die Logik dagegen, die
Periode also ganz unabhängigen — gemeinschaftlich tätigen
formellen Realisationsweisen des Begriffs wären: die durch
seine logische Natur gegebene immanente und notwendige Tätig-
keit (Entelechie) des historischen Begriffs, sich selbst aus-
zuführen; oder die logischen Naturkräfte und Mit-
tel des Begriffs, sich in der Geschichte zu reali-
sieren und fortzubewegen. (Sind diese Kategorien Reali-
sationsformen der Geschichte, so bilden sie auch den Gedanken-
inhalt ihrer Stufen. Die Redaktion.)
4'
51
deshalb eine bloß formale war, die Erkenntnisformen des
subjektiven Verstandes behandeln. Kant bewies nun, daß
dieser Unterschied ein nichtiger sei, daß die angeblichen
Kategorien des Seins, der Ontologie, gleichfalls nichts an-
deres als apriorische Begriffe seien, daß sie sämtlich,
Quantität, Qualität, Relation usw. gleichfalls nur Funk-
tionen der reinen Vernunft, Formen des urteilenden Ver-
standes seien: und daß somit — dies war das negative
Resultat, das er zog — auch durch sie das wahrhafte
Sein, das Ding an sich, nicht erkannt zu werden vermöge.
Hegel akzeptierte nun gleichfalls bloß den von Kant ge-
lieferten Nachweis, aber so, daß er die negative Schluß-
folgerung Kants in ihr positives Resultat münden ließ.
Hegel akzeptierte den Kantischen Beweis in dem Sinne,
daß die Formen und Gesetze des subjektiven Denkens
die eigenen immanenten und konstitutiven Gesetze des ob-
jektiven Seins seien. So war die Identität zwischen Sein
und Denken, zwischen Ontologie und Logik vollbracht.
So war die Identität vollbracht, sage ich ? Nein, so wäre
sie nur erst behauptet, nicht vollbracht gewesen ; und außer-
dem wäre dann bei Hegel der ebenso wesentliche Unter-
schied von Sein und Denken verloren gegangen. Um jene
Identität wirklich zu vollbringen und zugleich den Unter-
schied nicht über der Identität zu verlieren, war ihre Aus-
führung nötig. Die Identität ist aber nur dann eine wahr-
hafte und ausgeführte, wenn nicht nur 1. das Sein an sich
Denken ist und in dasselbe umschlägt : sondern auch 2. das
Denken selbst wieder ebenso sehr sich seinerseits in das Sein
zurückwirft, dieses aus sich selbst erzeugt; und sich wie-
der 3. aus dieser von ihm selbst gesetzten Identität mit sich
selbst zusammenschließt, in seine eigene Freiheit zurück-
geht. Bloß so ist die Identität nicht nur eine an sich seiende,
sondern eine anundfürsichseiende, die durch die eigene
52
Tätigkeit des Gedankens hervorgebracht und für ihn seihst
geworden ist: bloß so ist der Unterschied ebenso
gewahrt wie die Identität; bloß so ist das Denken das
Überg reifende, welches das Sein aus sich selbst
gesetzt hat und sich aus ihm zu sich zurückhebt. Läßt man
bloß das dritte Moment fort, so erhält man die Schelling-
sche Identitätsphilosophie, bei welcher der Unterschied
beider Bestimmungen übersehen ist. Läßt man, wie bei
Rosenkranz geschieht, nicht nur das dritte, sondern sogar
das zweite Moment fort : so fällt man noch hinter die
Identitätsphilosophie zurück und langt auf einem Stand-
punkt an, auf welchem Sein und Denken nicht mehr, so
sehr man auch diese Identität behaupten mag, sich als
identisch erweisen. Diese Identität ist bei Hegel dadurch
vollbracht, daß sich das Sein nicht nur aus sich selbst
zum Begriff forttreibt, sondern daß nun eben auch der
Begriff sich zum Sein macht. Und dies gerade ist die
unendliche Bedeutung des Übergangs aus dem Begriff in
die Objektivität. Die Objektivität ist Unmittelbarkeit ; sie
ist die in der subjektiven Logik wieder auftauchende Kate-
gorie des Seins, das Sein als das vom Begriff durch seine
eigene Bewegung gesetzte.
So sind wir — und dies ist gerade das Tiefe dabei —
mitten in der Lehre von der subjektiven oder formellen
Logik wieder bei einer Kategorie des Seins angelangt.
Gerads dadurch ist die Identität der Ontologie und der
Logik eine gesetzte geworden: und nun muß dieses
vom Begriff gesetzte Sein, das also an sich Begriff ist,
sich wieder durch sein Fürsichsein, seine Bewegung zu
dem machen, was es an sich ist ; — was in der dialektischen
Bewegung innerhalb der Objektivität geschieht. Indem die-
ses Sein so selber setzt, daß es Begriff ist, hat es sich
zum ebenso seienden wie anundfürsichseienden Begriff,
53
zu dem in seinem Sein sich adäquaten Begriff oder zur
Idee erhoben. Dieser Fortgang ist schon dadurch geboten,
daß in ihm das allgemeine Gesetz und architektonische
Kunstwerk der Hegeischen Logik und Philosophie über-
haupt besteht. Alle Bewegung besteht bei Hegel nur darin,
daß jedes Moment das, was es an sich ist, auch durch sein
eigenes Tun setzt, sich selber zu ihm macht und in es
umschlägt. Wie sich also durch den Verlauf der Kate-
gorien vom Sein bis zum Begriff zeigt, daß das Sein an
sich Denken ist ; so muß jetzt auch wieder das Denken sich
als Sein setzen — Objektivität, und aus diesem in sich
zurückgehen — Idee. Indem Rosenkranz hiergegen ver-
stößt, zeigt er nur, dies innerste und absolute Gesetz der
Hegeischen Philosophie bewußt oder unbewußt aufgegeben
zu haben. Umsonst würde also Rosenkranz entgegnen,
daß er ja überall und schon auf der ersten Seite seiner
Logik von der Identität von Denken und Sein spreche,
daß diese Identität schon im ersten Gedanken des reinen
Seins vorliege, daß sie sich durch die Fortbewegung des
Seins zum Begriff vollbringe. An sich liegt diese Identität
allerdings schon im Gedanken des reinen Seins vor, an sich
vollbringt sie sich allerdings schon durch den immanenten
Fortgang desselben zum Begriff — aber eben nur an sich.
Weil das Denken mit dem Sein an sich identisch ist, muß
es dies auch für sich setzen und hervorbringen. Sonst wäre
das Denken nur eine Abstraktion, zu der uns das Sein über
sich hinausschickt; aber es wäre nicht das das Sein aus
sich selber erzeugende Moment — es wäre nicht der
schöpferische Schoß und das konstitutive Gesetz desselben.
Man kann den Unterschied auch noch deutlicher so aus-
drücken. Das, womit wir es in der Lehre vom Sein zu tun
haben, Sein, Qualität, Quantität usw., sind in der Tat nur
Gedankenabstraktionen. Das Sein ist von Hegel selbst für
54
die ärmste Abstraktion erklärt worden. Qualität, Quantität
sind nur abstrakte Eigenschaften am Seienden, sind nie
für sich selbst seiende Unmittelbarkeit. Das Sein, wie es
wirklich als unmittelbares vorhanden ist, und daher dem
Gedanken scheinbar am schroffsten gegenübersteht, bildet
vielmehr unmittelbare Totalitäten, d. h. Sachen oder
Objekte : also das Sein, welches sich Hegel erst durch
den Übergang des Begriffs zur Objektivität erzeugt. Nur
indem sich das wirklich unmittelbare Sein — die Objekte
— als Gesetztsein des Begriffs erwiesen hat, kann von
einer wahrhaften Identität von Sein und Denken gesprochen
werden. Ein wie vollkommenes Bewußtsein Hegel selbst
über die hier nachgewiesene absolute Wichtigkeit des
Übergangs vom Begriff in die Objektivität hatte, und wie
er ihm gerade dieselbe Bedeutung vindiziert, die ich näher
dargelegt habe, mag noch durch ein Zitat aus Hegel selbst
gezeigt werden. Es sind nur wenige Zeilen, aber diese
wenigen Zeilen schließen innerlich alles das ein, was ich
soeben entwickelt habe. Er sagt nämlich im dritten Teil
der Logik, S. 32, da, wo er in vorläufiger Weise die
Bewegung des Begriffs angibt : „Zweitens, der Begriff
in seiner Objektivität ist die an und für sich seiende Sache
selbst. Durch seine notwendige Fortbestimmung macht der
Begriff sich selbst zur Sache und verliert dadurch das
Verhältnis der Subjektivität und Äußerlichkeit gegen sie.
Oder umgekehrt ist die Objektivität der aus seiner Inner-
lichkeit hervorgetretene und in das Dasein übergegangene
reale Begriff." Also erst dadurch, daß er sich zur
Objektivität macht, verliert nach Hegel selbst der Begriff
seine Subjektivität und Äußerlichkeit gegen sie. Bis dahin
ist nach Hegel selbst, und trotz der schon im Gedanken
des Seins liegenden und durch die immanente Entwicklung
des Seins zum Begriff an sich vorhandenen Identität, diese
55
Subjektivität und Äußerlichkeit, diese Fremdheit des Be-
griffs gegen die Sache noch nicht überwunden, die Iden-
tität noch nicht hergestellt. Diese bei Hegel hergestellte
Identität wird also bei Rosenkranz wieder zerrissen. Oder
es ist bei Rosenkranz durch das Fortlassen des Über-
gangs aus dem Begriff in die Objektivität dahin gekom-
men, daß — und jetzt fasse ich meine ganze Kritik über
Rosenkranz in ein einziges, nunmehr allen ganz durch-
sichtiges Wort zusammen — es ist, sage ich, bei Rosen-
kranz hierdurch dahin gekommen, daß nun wieder das
Wort gilt, welches Kant gegen den ontologischen Beweis
vom Dasein Gottes bei Descartes gesagt hat, daß das
Dasein nicht aus dem Begriff herausgeklaubt werden kann,
üs kann daher die Rosenkranzsche Logik, meine
Herren, nicht treffender bezeichnet werden, als mit dem
Worte, daß sie ein Neo-Kantianismus ist, gerade
wie sich die Neo-Platoniker gleichfalls, in der Hauptsache
auf Piaton zurückgehend, manches von Aristoteles, be-
sonders von seiner Entelechie angeeignet hatten, ähnlich
wie Rosenkranz die Immanenz der Kategorien von Hegel.
Je näher Sie diese Logik ansehen, desto deutlicher wird
Ihnen dieser Neo-Kantismus ins Auge fallen. Rosenkranz
läßt wie die Objektivität, so auch, durch seinen Kantischen
Instinkt getrieben und überdies nur in notwendiger Folge
der erstem Auslassung, die Begriffe des Lebens, des
Lebensprozesses, der Gattung und die Idee des Guten, kurz
alles das fort, was Kategorien der Unmittelbarkeit sind.
Das, was ihm die Stelle der subjektiven Logik einnimmt,
schrumpft daher in folgenden Inhalt, wie er selbst
(S. 98 flg.) angibt, zusammen: Begriff, Urteil, Schluß,
Idee, Prinzip, Methode, System. Betrachten Sie diese
Formen näher, so sehen Sie sofort, wie sie alle darin
übereinstimmen, wie Kant sie nennt, „Regulative der
56
erkennenden Vernunft" zu sein. Es wird daher
wieder bei Rosenkranz wie bei Kant, die subjektive Logik
ihrem Inhalte nach zu einem bloßen Kanon der Beur-
teilung, nicht mehr zu einem Organon zur Her-
vorbringung objektiven Seins. Der Unterschied zwi-
schen Kant und Rosenkranz ist nur der der bei weitem grö-
ßeren Konsequenz bei Kant. Kant nämlich, weil nach ihm
die Vernunftbegriffe nicht als konstitutive Kategorien an-
gesehen werden können, leugnet auch konsequent, daß sie
als ein Organon zur Hervorbringung der Einsicht des Ob-
jektiven dienen können ; sie sollen nur ein Kanon der sub-
jektiven Beurteilung sein. Bei Rosenkranz dagegen sollen
sie dennoch als ein Organon zur Hervorbringung der
Kenntnis des Objektiven dienen. Allein dies ist nun eben
eine höchst inkonsequente Behauptung. Wenn der logische
Begriff nicht die objektive Unmittelbarkeit aus sich
gesetzt hat, wenn er nicht ihre konstitutive sie erzeugende
Seele ist, so kann er sie auch nicht erkennen; sie bleibt
ihm unnahbar und fremd, seiner Macht entnommen, — und
er kann sich nur in sich bewegen. Wenn er nicht ihr eigenes
sie setzende Innere ist, bleibt s i e stets ein ihm ver-
schlossenes Äußere. Das hat schon Aristoteles gewußt,
indem er sein großes Gesetz in der Schrift: De anima
aussprach, daß jeder Philosoph das als Seele {yv%rj)
setzen müsse, was er auch als das hervorbringende Prinzip
der Dinge (a^) gesetzt habe. Denn das Erkennen der
Dinge könne nur durch das gleiche geschehen, aus dem
und durch das sie geworden seien.
Das Schlimmste nun von allem ist vielleicht, daß dieser
ganze Rückfall sich bei Rosenkranz vollbringt, ohne daß
er nur irgend ein Bewußtsein, irgend eine Ahnung über das
Stattfinden desselben hat. Da er vielmehr nach wie vor
behauptet, ein fester Hegelianer zu sein, so erregt er
57
fast den Verdacht, als ob er in den erörterten Haupt-
punkten niemals das Hegeische System wahrhaft bewältigt
und es zu seinem innersten Verständnis gebracht habe.
Denn bekanntlich gibt es mehrfache Verständnisse Hegels
und seiner Logik. Man kann das Hegeische System im all-
gemeinen, man kann vieles, ja fast alles Einzelne darin treff-
lich verstehen, und es doch niemals zu dem letzten Verständ-
nis seines gesamten immanenten Zusammen-
hanges gebracht haben. Daß dies bei Rosenkranz im
Rückblick auf einige Hauptfragen der Logik fast der
Fall zu sein scheinen könnte, mag noch eine letzte Be-
merkung zeigen. Hegel teilt die Logik in die drei Teile ein :
Lehre vom Sein, Lehre vom Wesen, Lehre vom Begriff.
Rosenkranz dagegen will — und zwar ohne durch seine
anderen Verstöße dazu gezwungen zu sein — die Lehre
vom Wesen der vom Sein subsumieren, und infolgedessen
anstelle dieser Einteilung die folgende setzen: 1. Lehre
vom Sein, wozu die vom Wesen gehören soll; 2. Lehre
vom Begriff und 3. Ideologie oder Lehre von der Idee.
In diesem Änderungsvorschlag zeigt sich aber nur, daß
Rosenkranz niemals sich klar gemacht hat, in welcher
in Erz gegossenen Notwendigkeit die Hegeische Einteilung
beruht. Sie ist aber folgende : Im Sein geschieht der Fort-
gang der Begriffe durch Übergang in anderes ; Sein,
Nichtsein, Werden, Qualität usw. sind solche andere
gegeneinander. Im Wesen dagegen geschieht der Fortgang
zwar auch noch durch Übergang in anderes, aber in ein
solches Gegenteil, welches jede der Kategorien des Wesens
sofort an sich selbst hat, und in welches sie unmittelbar
hinüberweist, hineinscheint. Inneres und Äußeres, Grund
und Folge, Ursache und Wirkung sind solche Bestim-
mungen des Wesens, von denen jede sofort auf die ent-
gegengesetzte verweist, sich in sie reflektiert. Der Fort-
58
gang in dieser Sphäre ist daher der des Reflexionsverhält-
nisses ; er ist der, daß jedes selbst in sein anderes hin-
einscheint, es voraussetzt. Der Fortgang im Reiche des
Begriffs dagegen besteht darin, daß, wie schon oben als
hauptsächlich wichtig hervorgehoben, der Begriff — in
seinem Fortgang — auch in seinem Gegenteil mit sich
identisch bleibt, daß er Beisichbleiben oder mit einem
anderen Wort Entwicklung in dem prägnanten Sinne
von Selbstentwicklung ist. Durch diese dreifach differente
Natur der formellen Entwicklung ist mit immanenter Not-
wendigkeit auch die Einteilung in jene drei Sphären ge-
geben. Die inhaltliche Einteilung ist durch die absolute
Form selbst bestimmt. Die Idee begründet kein besonderes
Hauptreich ; denn sie hat ihre Entwicklung, die gleichfalls
darin besteht, Selbstentwicklung zu sein, schon mit dem
Begriffe gemeinsam, stellt also nur eine Unterabteilung
desselben dar. Diese immanente Notwendigkeit der dialek-
tischen Form und ihrer innern Bedeutung für den Inhalt der
Logik selbst muß Rosenkranz ganz außer Augen gelassen
haben, als er, ohne nur auf das eben angegebene Verhält-
nis aufmerksam zu werden, jene Abänderung bewerk-
stelligte.
Ich habe im Eingang das Buch mit einer Komödie ver-
glichen. Aber auch in jeder Komödie muß, wenn es dem
Zuhörer dabei wohl werden soll, der Sieg der Idee den
Schluß bilden. Ich frage also : Ist das Unglück eines sonst
hochverdienten Mannes, ist dies rein negative ,und traurige
Resultat das einzige und letzte, mit welchem diese Komödie
abschließt ; oder liegt hier nicht dennoch irgendwo der
Sieg der Idee und also ein positiver und herzerhebender
Abschluß vor ? In der Tat ist dies im höchsten Grade der
Fall. „Die Irrwege sind es," sagt Lessing, ,,die uns über
den wahren Weg belehren." Gerade dadurch, daß die
59
scheinbar geringfügige Änderung im einzelnen, die Weg-
lassung von zwei Kategorien und die Verschiebung einer
dritten, kein geringeres Resultat gehabt haben als die prin-
zipielle Aufhebung der ganzen logischen Wissenschaft —
gerade hieran ist die in sich selbst beruhende Notwendigkeit
der wunderbaren Architektonik, in der sich die logische
Idee bei Hegel gegliedert hat: gerade hieran ist die dia-
mantene Unzerbrechlichkeit ihrer Form, ist die absolute,
untrennbare Identität ihrer Form und ihres Inhalts —
dieser höchste Beweis ihrer Wahrheit — von neuem her-
ausgestellt worden. So bildet denn gerade die totale Um-
änderung, welche eine so kleine partielle Umänderung nach
sich zieht, den Triumph der Idee ; und wir können mit den
Worten unseres Dichters schließen, die er noch bei Leb-
zeiten Hegels ihm zurief, und die in bezug auf die Hegel-
6che Logik wirkliche Gültigkeit haben :
Und es tragen die Pfeiler, fest wie die Säulen Herakles',
Ewig der Wissenschaft herrlich-unendlichen Bau.
60
FICHTES POLITISCHES
VERMÄCHTNIS
UND DIE NEUESTE GEGENWART
EIN BRIEF
VON
FERDINAND LASSALLE
DER ERSTE ABDRUCK ERSCHIEN
IN WALESRODE'S DEMOKRATISCHEN STUDIEN
HAMBURG 1860
VORBEMERKUNG.
In der biographischen Abhandlung wurde von dem vor-
liegenden Aufsatz Lassalles gesagt, daß man ihn als ein
Nachwort zur Schrift „Der italienische Krieg und die
Aufgabe Preußens" bezeichnen könne, in welchem Las-
salle ,,das offen heraussagt, was er dort zu verhüllen für
gut befunden". Der Leser hat nun Gelegenheit, die Rich-
tigkeit jener Bemerkung selbst zu prüfen. Auf den „Ita-
lienischen Krieg etc." stützten sich hauptsächlich die Ver-
suche, Lassalle als „national" im Sinne des späteren Natio-
nalliberalismus hinzustellen, und einzelne Sätze jener
Schrift mögen diesen Versuchen wirklich einen Schimmer
von Berechtigung geben. Aber in diesem, noch nicht ein
Jahr nach dem „Italienischen Krieg" der Veröffentlichung
übergebenen Aufsatz erklärt sich Lassalle so energisch
gegen alles Kleindeutschtum, wie es bei seiner Überzeu-
gung von der Notwendigkeit der Zertrümmerung Öster-
reichs überhaupt nur möglich war. Und was damals klein-
deutsch hieß, brüstete sich später als nationalliberal oder
als einzig legitime Vertretung des nationalen Gedankens in
Deutschland.
In welchem Sinne Lassalle national war, wie er die
Lösung der nationalen Frage in Deutschland verstand, sehen
wir hier kurz und bündig auseinandergesetzt. Österreich ist
ihm seiner ganzen Natur nach — wegen seiner überwiegen-
den außerdeutschen Interessen, zur Herstellung einer wirk-
lichen Einigung Deutschlands unfähig, Preußen ist dies
63
wegen der Hau sinteressen seiner Dynastie ; der Föderalis-
mus würde die Uneinheit und Eifersüchtelei der einzelnen
Staaten und Stämme verewigen und darum reaktionär wir-
ken — die Verwirklichung der deutschen Einheit ist viel-
mehr nur möglich in und mit der unitarischen demokrati-
schen Republik, gegründet auf Gleichheit alles dessen,
was Menschenantlitz trägt. Dies die Quintessenz der Dar-
legungen Lassalles, die Nutzanwendung, die er aus den,
zum Teil rein spekulativen Ausführungen Fichtes zog und
als das Vermächtnis des berühmten Philosophen an das
deutsche Volk betrachtet wissen wollte. Es ist ein repu-
blikanisch-revolutionärer Feldruf, von dem Lassalle, wie
er unterm 14. April 1860 an Marx schrieb, „mitten in
diesem widrigen gothaischen Gesumme" sich ,,den Ein-
druck eines Trompetenstoßes" versprach. Aber vorerst
war das Gesumme noch so laut, daß der Lassallesche
Trompetenstoß gänzlich überhört wurde.
Unsere Ausgabe hält sich streng an die Auszeichnungen,
die der Aufsatz bei seiner ersten Veröffentlichung aufwies.
Ed. Bernstein.
64
FICHTES POLITISCHES VERMÄCHTNIS
Herrn Ludwig Walesrodel
Sie ersuchen mich dringend, Ihnen einen Artikel über
irgend eine „brennende Frage" des Tages zu liefern.
Aber abgesehen davon, daß ich gerade durch eine die
Konzentration aller meiner Kräfte erfordernde Arbeit 1 )
in Anspruch genommen bin — was nützt es denn eigent-
lich, für eine Nation zu schreiben, die das nicht einmal
liest, was sie schon hat oder doch sicherlich nichts von
dem, was sie gerade vor allem lesen sollte? —
Finden Sie den Tadel zu hart ? Es käme auf die Probe
an, und diese bin ich bereit, Ihnen zu liefern. Statt Ihnen
selbst einen Aufsatz zu schreiben, will ich Besseres thun,
und einige fragmentarische Zitate hierhersetzen, die von
einem Größeren stammen. Vielleicht findet man dann,
daß die „brennenden" Fragen — und auch die b r e n -
nende Behandlung derselben — bei uns schon alt, sehr
alt sind, und daß es eben an nichts fehlt als an den Her-
zen, die für sie entbrennen!
Man könnte die siegreichste Mystifikation mit diesen
Fragmenten vornehmen. Denn fast kein Mensch kennt sie ;
keiner mindestens, so weit meine persönliche Erfahrung
reicht. Und wenn man sie hierhersetzte, diese vor fast
fünfzig Jahren geschriebenen gewaltigen Ergüsse heiße-
ster Vaterlandsliebe und durchdringender Gedankenkraft,
ohne Anführung, ohne Angabe der Quelle und des Fund-
l ) Das „System der erworbenen Rechte". D. H.
67
orts, so würden Ihre Leser schwören, das sei heute
geschrieben, das schildere die Zustände und Leiden, die
Gefahren und Probleme, die Ekel und Verbrechen der
allerneuesten Gegenwart !
Ja, selbst so noch wird sich vielleicht mancher Ihrer
offiziellen Leser staunend genötigt sehen, den Fundort
zu befragen, um sich zu vergewissern, ob dies wirklich
ohne Abänderung und Zusatz zitiert sei.
Doch Niemand kann weniger zum Mystifizieren aufge-
legt sein, als ich. Und nie gab es eine Zeit, wo ein Deut-
scher weniger zu solchem Scherz gestimmt sein durfte
als eben jetzt. Denn es ist gar nichts Scherzhaftes um den
Gedanken, daß wir noch unter ganz demselben Jammer
hinsiechen wie vor fünfzig Jahren. Und zwar zum Scherz,
aber nur zu bitter-verächtlichem Scherz anregend ist es,
wenn unsere Kammer- und Zeitungspolitiker sich in Bezug
auf dieses schon vor fünfzig Jahren doch wenigstens
scharf durchschaute Leiden, auf diese schon da-
mals mit ihren Gründen, wie mit ihren Heilmitteln
klar erkannte Krankheit, sei es in redlicher Gedanken-
losigkeit, sei es in durchdachter Unredlichkeit, noch immer,
und jetzt gerade mehr denn je, so anstellen, als könnten
abgeschmackte Quacksalbereien und illusionäre Palliative
die große nationale Krankheit heilen ; als würde nicht ge-
rade dadurch das Uebel immer verschleppter und chroni-
scher, als würde nicht gerade dadurch seine Ansteckung
aus dem körperlichen Leben der Nation auch noch
auf den Geist und das Bewußtsein derselben übertragen,
als würde nicht gerade dadurch dem Volke die unerläß-
liche Vorbedingung jeder Heilung : Die klare Erkenntnis
der Krankheit und der Krankheitsursache im Bewußtsein
des Volkes, geraubt, und so durch diesen auch noch
das nationale Bewußtsein anfressenden Krebs die Rettung
immer mehr in die Ferne gerückt, immer problematischer
und schwieriger, und der Untergang, wenn unsere Nation
eine sterbliche wäre, endlich zur unvermeidlichen Not-
wendigkeit !
Die Fragmente, aus denen ich Fragmente zitieren will,
tragen den großen Namen Fi cht es, das heißt also
den glorreichen Namen des größesten deutschen Patrioten
und eines der gewaltigsten Denker aller Zeiten.
Sie wurden von ihm niedergeschrieben im Frühlinge
1813 unmittelbar unter dem Eindruck des Aufrufs Fried-
rich Wilhelms „An mein Volk" und mit Beziehung auf
denselben. Sie wurden damals nicht gedruckt und waren
auch nicht für den Druck geschrieben. Es sind nämlich
nur Notizen, Gedankengrundpfeiler für eine beabsichtigte
politische Schrift, an deren wirklicher Ausarbeitung der
bald darauf (1814) erfolgte Tod ihn hinderte. Sie bilden
so das politische Vermächtniß Fichtes an
sein Volk. Daß es nur unausgearbeitete Notizen sind,
erhöht ihr Interesse. Es ist hierdurch nicht ein fertiges
Gedankenprodukt, das vorliegt, sondern wir schauen hinein
in die pulsierende Herzkammer seines Den-
kens selbst. Durch die Fragen, die er sich stellt, die
Entwürfe, mit denen er sich unterbricht, die Parenthesen,
in denen er sich selbst aufklärt und berichtigt, bildet das
Ganze eine fortlaufende Selbstverständigung des
großen Denkers.
Wir sind in den Stand gesetzt, die Entstehung, das
Werden seines Gedankens, das Ringen desselben mit sich
selber, und die im Verlauf sich immer klarer werdende
und immer tiefer greifende Konsequenz desselben zu be-
obachten.
Gedruckt wurden diese Fragmente erst 1846 unter
preußischer Zensur, im siebenten Bande der von seinem
69
Sohn besorgten Gesamtausgabe der Fichteschen Werke
(Berlin, 1846, Veit & Co.) und da natürlich weder unser
Publikum, noch diejenigen, welche ihm die tägliche Zu-
fuhr von Bildungsnahrungsmitteln besorgen, den siebenten
Band eines philosophischen Werkes einzusehen pflegen,
so blieben die Fragmente ein strenges Gelehrtengeheimnis.
Sehen wir also, ob diese Fragmente außer ihrem im
allgemeinen so anziehenden Inhalt nicht im Verlauf viel-
leicht einiges enthalten, was wie durch ein Wunder als
die brennendste Schilderung der brennenden Fragen der
Gegenwart erscheinen kann.
Wir bemerken noch zur Unterscheidung, daß die in
krummen Klammern ( ) eingeschlossenen Parenthesen
sämtlich von Fichte selbst herrühren, die uns angehören-
den sind in gerade Klammern [ ] gesetzt.
Fichte wirft sich in Bezug auf jenen Aufruf „An mein
Volk" zunächst die Frage auf (S. 547) :
„Welches ist ein Landesherrnkrieg, was ein Volkskrieg,
und was verlangt das Volk im letzteren ?"
„Ich muß da gründlich gehen. Das Reich ist der Bund
der Freien, dieses auch allein ist bewaffnet ; der Landes-
herr darf sich nicht waffnen. (Da wird mir freilich ganz
klar, daß es zu einem deutschen Vo lke gar nicht
kommen kann, außer durch Abtreten der ein-
zelnen Fürsten. Ueberhaupt ist Erblichkeit der Re-
präsentation ein völlig vernunftwidriges Prinzip ; denn die
Bildung, zumal die höchste, hier erforderliche, hängt durch-
aus von individueller Anlage und Bildung ab, und führt gar
nichts Erbliches bei sich. In dem patriarchalistischen
Staate ist die Erblichkeit richtig, wo der Souverän Herr
des Landes ist und diesen Besitz wie ein Privateigentum
hinterläßt.)"
„Die Menge sieht nun dies alles nicht ein ; die es ein-
70
sehen, sind die Schwächeren. Die eigentliche Macht, welche
die Menschen unterjocht, ist ein falscher Wahn. —
Aber das Korrektiv hat sich von selbst eingestellt: der
Fürst wird, allmählich, Vernunftstaat ; nur die Privilegien
des Adels muß er abschaffen."
„Aber dadurch werden wir nicht Deutsche, und
unsere Freiheit bleibt auch außerdem, wegen der klein-
lichen, eigennützigen Interessen, ungesichert. Alle
Kriege der Deutschen gegen Deutsche sind dafür schlecht-
hin vergeblich gewesen, und fast immer für die Interessen
des Auslandes gefochten worden, dessen einzelne Pro-
vinzen wir wurden."
„In Deutschland wird eigentlich nach der Universal-
monarchie gestrebt, weil es auch da am leichte-
sten geht wegen der Urverwandtschaft aller
Stämme: daher das Gegenstreben der ein-
zelnen, besonders kleineren Fürsten. — Setze,
ein Staat, z. B. Preußen, erbaute sich nach diesem Muster :
so wird es doch immer Kriege geben. Föderative Ver-
fassung? Wo soll [avis für unsere Föderalisten] wo
soll der stärkere Richter herkommen? Wer
will Oesterreich oder Preußen zwingen?
Auch, welche vergebliche Kraftanstrengung!
— Es bleibt gar nichts übrig, als daß die Fürsten
selbst resignieren und zusammentreten als ein kon-
stituierender Rat. Aber das werden sie nicht wol-
len und so ist's denn aus! Es bleibt d'rum
ganz beim Alten. Die Deutschen scheinen
bestimmt, sich aufzulösen in Franken, Rus-
sen, Oesterreicher, Preußen, si diis placet!"
„Man könnte sagen : es wird nach und nach zu einem
deutschen Volke kommen. Hierüber: wie kann es über-
haupt zu einem Volke in seinem Begriffe kommen ? (Grie-
71
chenland wurde ebensowenig eins. Was hinderte dies ?
Antwort: Der schon zu feste Einzelstaat.)"
„Es muß ein Gesetz geben" — wühlt er sich tiefer
und tiefer in sein Nachsinnen ein — ,,bis zu welcher
Stufe der Bildung sich Menschen nicht mehr zu
einem neuen Volke gestalten? Könnte ich dies finden?"
Und als Antwort ruft er aus: „Wenn das Volksein
schon in ihr natürliches Sein und Bewußtsein ein-
gegangen!" — Er expliziert diesen Satz sofort näher:
„Hier ist jedoch ein Doppeltes zu unterscheiden: die
Menschen sollen sich mit einem anderen Volke ver-
schmelzen (wie etwa den Polen angemutet wird), oder
sie sollen aus sich selbst ein neues nie dagewesenes
Band bilden : — das ist die Aufgabe der Deutschen.
— Es ist da viel Dunkles. Der Staat selbst ruht auf all-
gemeinen Vernunftbegriffen. Was ist nun das eigentliche
Nationale? Ich denke : gegenseitiges Verstehen zwi-
schen Repräsentierten und Repräsentanten. — Nun giebt's
etwas, worüber ganz gewiß Einverständnis herauszubrin-
gen ist: die bürgerliche Freiheit. Diese wollen
alle; kein Volk von Sklaven ist möglich. Nicht mehr
umzubilden daher wäre ein Volk, noch zum Anhange
eines anderen zu machen, wenn es in einen regel-
mäßigen Fortschritt der freien Ve rfassung
hineingekommen. Dazu also ist es fortzu-
bilden, um seine nationale Existenz zu sichern.
Dies ist ein Hauptgedanke !"
Ja wohl ist dies ein Hauptgedanke ! Doch bedarf er
zu seinem konkreteren Verständnis noch einer kurzen Ex-
plikation. Ist ein noch so großer überall her versammelter
Haufe von Leuten ein Volk ? Gewiß nicht. Zu einem
Volke ist vielmehr noch erforderlich, daß dieser Haufe
in ursprünglicher Weise von demselben identischen und
72
bestimmten Geiste beseelt sei, der einem Volke
eben durch Rassenabstammung, Tradition und Geschichte
vermittelt wird. Dies ist ein Volk, aber nur erst an sich.
Das Volk ist dann zu vollendeter Wirklichkeit gelangt,
oder das Volksein ist dann, wie Fichte sagt, in sein Be-
wußtsein und sein wahrhaftes Sein übergegangen,
wenn es diesen gemeinschaftlichen eigenen ursprünglichen
Geist nun auch selbst heraussetzt und ent-
wickelt. Alle Geschichte und aller Drang eines Volkes
besteht in nichts als in der Verwirklichung dieses Geistes.
Ein Volk ist frei, wenn es diese Selbstverwirk-
lichung seiner bewußt ausführen kann. Ein sol-
ches Volk läßt sich daher nie erobern oder zu dem An-
hängsel eines andern machen, weil es dann, statt wie bisher
sich selbst zu verwirklichen, einem anderen und
fremden Geiste und Willen hingegeben ist, und
somit jetzt wahrhaft beherrscht, aus Freien in Skla-
ven verwandelt wäre. Dieser Gegensatz ist der prin-
zipielle und daher ein so blutiger und unversöhnlicher,
daß, so lange die Geschichte steht, noch nie ein wahrhaft
freies Volk von außen unterjocht worden ist, vielmehr
durch die Energie, nicht von sich ablassen zu wollen und
dies gar nicht zu können, selbst unter den ungünstigsten
Verhältnissen und mit der größesten Uebermacht ringend
gesiegt hat. Aber diese Energie ist eben darum nur bei
einem solchen Geiste notwendig vorhanden, der ein sich
selbst bestimmender und deshalb ein in allen
seinen Punkten und Teilen von sich selbst
durchdrungener ist! — Wo aber ein Volk in seinen
heimischen Zuständen noch nicht dazu gekommen ist,
den eigenen geistigen Inhalt frei ausführen, sich selbstver-
wirklichen zu können, sondern noch beherrscht wird
durch privilegierte Stände, Klassen etc., da ist auch dieser
73
letzte Grad von in sich geschlossener Indi-
vidualität und Festigkeit noch nicht einge-
treten. Denn zwischen dem einen Beherrschtwerden
und dem anderen ist kein derartiger prinzipieller Gegen-
satz, wie zwischen Sichselbstbestimmen und von anderen
bestimmt werden. Die Hauptbestimmung ist hier viel-
mehr in beiden Fällen die gemeinsame, daß die Selbst-
verwirklichung des eigenen Geistes nicht vorhanden
ist. Darum kann eine Herrschaft mit der andern ver-
tauscht werden, oft ohne jeden Widerstand, wie z. B.
als Oesterreich Lothringen an Frankreich gegen Toskana
hingab. — Hier ergibt sich der tiefe Sinn des Wortes,
das neulich ein anderer scharfer und umfassender Denker
(August Boekh in seiner Rede zur Schillerfeier der Ber-
liner Universität S. 8) aussprach, daß „die Vater-
landsliebe nur den Freien zukommt". Fichte
hat also Recht zu sagen, es gebe einen Bildungsgrad,
bei welchem ein Volk nicht mehr wie ein Haufen Leute zu
behandeln und einem andern Volk zu assimilieren ist.
Und dieser Bildungsgrad löst sich auf in den Frei-
heitsgrad, wenn ein Volk dahin gekommen ist, mit
Bewußtsein den eigenen nationalen Geist zur
freien Selbstverwirklichung zu bringen, oder
wenn es, wie Fichte sich ausdrückt, ,,in einen freien Fort-
schritt der Verfassung hineingekommen". Hierbei wird
man natürlich nicht in das komische Mißverständnis ver-
fallen, das Wort ,,frei" bei Fichte im gothaischen Sinne
zu nehmen. Denn daß nach ihm nicht von „Freineit
die Rede sein kann, wo z. B. Pairie und Erblichkeit der
öffentlichen Herrschaft existiert 1 ), wird sich in der Folge
noch sehr bestimmt ergeben. — Aus dem Angegebenen
1 ) Das heißt im damaligen und späteren Preußen. D. H.
74
erklären sicli übrigens noch zwei Erscheinungen, die hier
nur angedeutet werden mögen : Erstens der Grund, warum
nur zu höherer Freiheit gelangte Völker solche, die hierin
tiefer stehen und Freiheit nicht aus sich selbst zu erzeugen
vermögen, sich assimilieren können, und warum hierin, wie
ich unlängst anderwärts in Kürze nachgewiesen, ein be-
rechtigter Fortschritt zu sehen ist. 1 ) Zweitens — der
Grund jenes instinktiven und tief charakteristischen Un-
sicherheitsgefühles, das jetzt Deutschland mit gutem Recht
durchzittert. Wir stehen zwischen zwei Ländern, von denen
das eine, Rußland, trotz allem scheinbaren Verzicht, be-
stimmt ist, sich so lange gewaltsam ausdehnen zu wollen,
bis es hieran in seiner jetzigen Gestalt zu Grunde geht,
das andere, Frankreich, zwar durchaus nicht unter einem
solchen Gesetz steht, aber durch sein gegenwärtiges Regi-
ment genötigt ist, auswärtige Beschäftigung zu suchen.
Zwischen zwei so mächtigen geschlossenen und auf das
Ausland hingetriebenen Nachbarn gestellt, durchzittert nun
eben dieser Instinkt unser Volk, daß selbst unser bloß
nationales Dasein noch nicht gesichert ist, so lange wir
nicht im Innern zur Freiheit gekommen, und daß deshalb
sogar unsere Existenz überhaupt gefährdet ist,
wenn wir sie nicht zu jener sich selbst garantierenden
Bedingung zu entwickeln verstehen ! — Doch zu Fichte
zurück.
„Dies führt" — wendet er sich wieder zu seinem
Ausgangspunkt — ,,auf den Begriff des wahren Krieges :
des Volkskrieges zum Unterschiede vom Kriege des Lan-
desherrn. Jener ist durchaus auf Sieg und volle Wieder-
herstellung gerichtet ; das ganze Volk kämpft, und kein
*) Siehe meine Broschüre „Der italienische Krieg und die
Aufgabe Preußens". Berlin, bei Franz Duncker. 2. Aufl. S. 8 ff.
75
Teil desselben darf ihm verloren gehen, kann aufgegeben
werden. Wenn alle so denken, so ist nichts zu erobern als
ein leeres Land. — — Das letztere ist Krieg für d i e
Landesherrschaft und die daran hängende Herr-
schaft über die Adscripten. 1 ) Es ist ein Krieg des Inter-
esses, des Mein und Dein. (Landesherr und Fürst
ist zweierlei : Fürst ist Anführer, Herzog der Freien.
Wo es einen eigentlichen Landesherrn gibt, da gibt es
kein Volk. Wenn aber die Fürsten selbst Sklaven wer-
den, lernen sie die Freiheit ehren.)"
„Wenn nun" — schließt er weiter — „der unterjochte
Fürst an sein Volk appelliert, heißt das: wehret Euch,
damit ihr nur meine Knechte seid und nicht eines Frem-
den? Sie wären Toren. Ich trage meine Säcke, sagt
die Fabel. (Freilich ist das Geheimnis des gegenwärtigen
Krieges, daß die Bürde zu schwer ward und wir entbrannt
sind nur um die Erleichterung.)"
„Entbrannt nur umdieErleichterung" der Bürde,
nicht um die Freiheit! — dies Geständnis hat etwas
Erschütterndes aus dem Munde des Mannes, der damals
die Berliner Universität schloß und die von ihm begeisterte
Jugend aus den Hörsälen in den Kampf trieb, aus dem
Munde des Mannes, welcher verlangte, die Armee als
Heerredner in den Krieg begleiten zu dürfen!
Dies Geständnis, das er sich im Augenblick seines vom
höchsten Pathos erfüllten Wirkens im einsamen Zimmer
mit kalter Gedankengrausamkeit ablegt — wie traurig hat
es seitdem eine fünfzigjährige Geschichte gerechtfertigt!
Und wie knabenhaft erscheinen daneben unsere After-
patrioten, die noch heute, und heute fast mehr denn je,
die eigene angestammte Unfreiheit mit der Freiheit ver-
wechseln.
1 ) Hörige, Untertanen. D. H.
76
„Also im eigentlichen Volkskriege" — resümiert er sich
— „kämpft für sein eigenes Ermessen des Zweckes
das Volk, nicht für das Interesse oder die Einbildung
eines solchen, der abgesondert von ihnen geboren
wird und stirbt, durchaus nicht der ihrige ist." Und
auf einmal, seinen Thors-Hammer zu einem kurzen und
dröhnenden Schlag schwingend, ruft er in seinem gewal-
tigen Lapidarstil aus? „Allgemeiner Satz: — Ein deut-
scher Kaiser, der ein Hausinteresse hat, hat zu-
gleich eines, deutsche Kraft zu brauchen für seine
persönlichen Zwecke. Hat Oesterreich ein sol-
ches, hat es Preußen?" Und mit zwei gleich kurzen
und bestimmten Schlägen erteilt er sich die Antwort :
„Oesterreich allerdings : „Italien, die Niederlande,
seine Provinzen nach der Türkei zu, ziehen es in f r e m d e ,
undeutsche Konflikte." [Avis für unsere patrio-
tischen Affen des Jahres 1859, die es für eine deutsche
Aufgabe ansahen, uns zur Knechtung Italiens unter das
österreichische Joch zu erheben ! Freilich, neben einem
Venedey, Fröbel und den Politikern der „Augsb. Allg.
Ztg." sinkt selbst der Verfasser der „Reden an die deut-
sche Nation" zum „Landesverräter" herab! 1 )] „In Ita-
lien" — fährt Fichte fort — „fordert sein Interesse
kleine, unbeholfene Staaten; die Eifersucht
Frankreichs bewacht es da. — Die Niederlande —
dieser Stein des Anstoßes muß durchaus ge-
hoben werden." [Fichte wollte also schon damals, wie
diese Worte zeigen, die Lostrennung dieser Länder von
Oesterreich.] „Also" — faßt er sich zusammen —
„Oesterreich kann nicht Kaiser sein".
„Preußen?" — fragt er sich weiter. Und er gibt die
*) Würde auch für 1914 seine Anwendung gehabt haben. D.H.
77
prophetische Antwort: ,,Es ist ein eigentlich deutscher
Staat ; hat als Kaiser durchaus kein Interesse zu
unterjochen, ungerecht zu sein, vorausgesetzt, daß ihm
beim künftigen Frieden seine angestammten, zugleich durch
Protestantismus ihm verbundenen Provinzen zurückerstattet
werden. Der Geist seiner bisherigen Geschichte
zwingt es aber, fortzuschreiten in der Frei-
heit, in den Schritten zum Reiche"; [Er versteht
hierunter, wie das Folgende zeigt, die Herstellung eines
einigen und unteilbaren, nicht föderativen deut-
schen Reichs]; „nur so kann es fortexistieren!
Sonst geht es zu Grunde!"
„Vor allen Dingen wäre jedoch" — mit diesen Worten
vertieft er sich in neues Sinnen — „der Unterschied zwi-
schen Bürgern und Untertanen, der nicht so leicht ist,
wie es anfangs schien, noch schärfer zu fassen. Der erste
lebt nur für selbstgesetzte Zwecke — meinte ich oben;
dies kann man aber nicht sagen. Keiner vermag nur da-
für zu leben, und keinem kann man wieder das Vermögen
ganz entziehen, in irgend einem Bereich sich eigene
Zwecke zu setzen. — Ist die Dienstbarkeit, das Arbeiten
für andere ohne Aequivalent, ein sicheres Kennzeichen
des Unterthanen ? Dies paßt kaum auf das Verhältnis zum
Fürsten, sondern nur auf das zum Adel. — Ein sicheres
Kennzeichen scheint zu sein die Ungleichheit der
Geburt. Ganz richtig ! denn nur die Menschheit ist
Quell der Rechte und Pflichten. Wen nun nichts bindet,
als daß überhaupt ein Rechtszustand sei, der ist
eben Bürger. Wen noch etwas anderes bindet (dies kann
nur Gewalt sein), der ist Untertan, unterworfen
der stets über ihm brütenden, selbst außer dem gleichen
Gesetze stehenden Gewalt."
„So der Fürst; — auf's allermindeste sagt er: „du
78
mußt mich und meine Erben und Erbnehmer als den höch-
sten Interpreten deines rechtlichen Willens annehmen ;
außerdem darfst du dies Land nicht bewohnen! (Sagt dies
nicht klar der Huldigungseid?)"
„Da der Fürst nur Einer, die Untertanen alle sind,
so würden sie nicht gehorchen, wenn es nicht mehr Vor-
teil wäre, für den einen zu stehen als für alle. Des-
halb bedarf der Fürst Mitteilnehmer an seiner
Gewalt, welche Vorteil darin finden, ihm die Menge
in Gehorsam zu halten; der Fürst wird ihnen dafür das
Recht auf gewisse Dienstbarkeit der anderen bewilligen
(denn die absolute, die Souveränetät, behält er sich selbst
vor) ; und zwar, zu gegenseitiger Sicherheit und
dauerndem Vorteil, am besten erblich. So muß
[„muß", sagt Fichte, und stimmt darin mit Recht mit der
Kreuzzeitung vollkommen überein ; die Ohnmacht der Mit-
telparteien, diesen noch auf viel tiefere Art zu beweisen-
den, aber schon in der Form, die ihm Fichte gibt, bis zur
Evidenz einfachen und durchsichtigen Satz zu begreifen,
ist wahrhaft staunenswert !] so muß in solchen Staaten
ein Erbadel sein mit Privilegien, d. i. mit um-
sonst ihnen geleisteter Arbeit (Montesquieu hat Recht).
Man hört v/ohl von Theologen lehren : es sei Gottes Wille,
den Fürsten zu gehorchen. — Dem Rechte wohl ; in
dieser Behauptung erhebt man sich nicht einmal zur Idee
desselben, sondern verwechselt den Willen des Fürsten
geradezu damit. Aber wo steht denn diese Interpretation ?
— Es ist des Teufels positiver Wille ; Gottes nur zu-
lassender, damit wir uns befreien."
Man sieht, Fichte versteht trotz Leo 1 ) mit den Formen
von Gott und Teufel zu raisonnieren. Freilich mit einem
andern Inhalt.
1 ) Der reaktionäre Historiker Leo ist gemeint. D. H.
7Q
Und froh über die selbsterzeugte Klarheit ruft er aus:
„Jetzt den entgegengesetzten Begriff geschärft : — der
Bürger ist nur durch das Recht überhaupt ge-
bunden. So ist auch der Angelobungseid (z. B. des Unter-
tanen) ein wohlbedachtes Versprechen. Nun kann
aber der Mensch nichts versprechen, er kann sich in
nichts binden, was gegen seine Bestimmung
ist. Versprechen der Sklaverei ist durchaus widerrecht-
lich. — Gründlich: es gibt nach mir gar keine
geltenden Verträge als die durch das Recht ge-
forderten." — Aber wenn selbst der Vertrag und das
juridische Recht fortfiele — wo bleibt die erhabene Tu-
gend der Treue? Sollte Fichte, der deutsche Idealist,
der so fern von der „romanischen Frivolität" der Fran-
zosen, sollte dies anerkannte Vorbild strengster Sittlichkeit
und Reinheit sie nicht berücksichtigt haben ? O doch ! und
er bleibt den Kreuzzeitungsrittern von damals und heut
die bündige Antwort nicht schuldig: „Die gewöhnliche
Adelsehre, Treue gegen einen Herrn, ist Tugend
des Hundes: nur ein Bild und Symbol der Treue
gegen das innere Gesetz; — politischer Köhlerglaube
aus Faulheit. Die Menschen sind nicht so gewissenlos, sie
suchen aber allenthalben Ruhekissen." Er sammelt sich
jetzt. Er überliest das bis dahin Geschriebene. Vor allem
stößt ihn der Widerspruch zwischen der philosophischen
Unzulässigkeit und dem historischen Dasein des Fürsten.
Sollte es keine Versöhnung geben zwischen Beiden?
Er schreibt nieder: „Bei Lesung der politischen Schrift.
— Ich gebe historisch zu den Zwingherrn. Was aber
sollen die anderen, die dies anerkennen, tun ? — Kein
Amt läßt sich erben, und das Fürstenamt ließe sich's ?
Pflichten der Fürsten? Sie denken Wunder wie Großes
zu sagen!" [nämlich wenn sie solche Pflichten zugeben.]
80
„Die erste wäre die, in dieser Form nicht dazusein! —
Wenn sie die Pflicht nicht tun, so soll man ihnen nicht
gehorchen ? Wer soll denn richten ? Da haben wir den
Widerspruch." —
Und nachdem er den Widerspruch so schneidend als
möglich konstatiert, versucht er seine theoretische Lösung :
„Um einen gewissen Gegensatz zwischen historisch und
philosophisch leichter zu machen:
„Ein Fürst soll nicht sein ; es soll Keiner sich zu-
trauen, daß er der Ausspruch des Rechtes sei."
„Wiederum : die Menschen müssen zum Rechte ge-
zwungen werden; das kann jeder tun, der es
eben leistet; dieser sodann ist der Zwingherr und
Fürst; für ihn ist auf diesem Boden das Faktum der
Leistung und der Glaube, den er findet, der Rechts-
titel. Aber der wahre Rechtstitel kann nur das allge-
meine Recht sein; die erste Absicht des Fürsten
muß daher sein, sich selbst als Zwingherr über-
flüssig zu machen." Nur unter der Bedingung dieser
Absicht, sich selbst aufzuheben, gesteht er ihm Berechti-
gung zu. Aber diese Berechtigung erfordert zu ihrem Ver-
ständnis im Fichteschen Sinne noch eine kurze Expli-
kation. Diese Bedingung wird nach ihm nur erfüllt durch
eine den Zwang ex post 1 ) rechtfertigende und
aufhebende Erziehung aller zur eigenen
Einsicht und Freiheit. Unter der Bedingung sol-
chen Wollens und Tuns darf — und dies ist der tief-
ethische und tief-revolutionäre Grundgedanke seines ge-
samten staatsrechtlichen Systems — jeder alle an-
deren zum Objektiv-Rechten zwingen. Zwang
zur Freiheit ist ihm im höchsten Grade sittlich,
x ) Nachträglich.
6 L?5£iUe, Ges. Schritten. Band VI. 81
und das ihn vom unsittlichen Zwange unterscheidende Kri-
terium besteht eben darin, daß er darauf ausgeht, durch
Erziehung der noch Uneinsichtigen und Unfreien zur Frei-
heit sich selbst abzustreifen. Am kürzesten spricht
Fichte diesen Gedanken in seinem im selben Jahre ge-
schriebenen ersten Exkurse zur Staatslehre aus (Bd. VII.
S. 578) : „Alle Errichtung des Reichs und des Rechts-
gesetzes geht aus von einem Gegensatze und ist dessen
reale Lösung. — Dem Rechtsgesetze unterworfen
sein, heißt : unterworfen sein der eigenen Einsicht.
Aber — für das Recht, das eigene und das allge-
meine, darf jederzwingen und es auf sein Ge-
wissen nehmen, ob es die andern erkennen
oder nicht. — Nun ist jedoch das Recht eines Jeg-
lichen, nur seiner Einsicht zu folgen : dies wird
darum durch den Zwang in der Form verletzt." —
„Nur derjenige ist der wahre (rechtmäßige) Staat,
der diesen Widerspruch tatkräftig löst. Das vermittelnde
Glied ist nämlich schon gefunden : esistdieErziehung
aller zur Einsicht vom Rechte. Nur wenn der
Zwangsstaat diese Bedingung erfüllt, hat er selbst das
Recht, zu existieren, denn in ihr bereitet er die eigene
Aufhebung vor."
Es ist derselbe tiefe Gedanke, der in den uns beschäfti-
genden Notizen überall durchgreift ; darum bemerkt er
bereits S. 561 daselbst, den historischen und den Ver-
nunftstaat versöhnend : „Indes erhält dies alles histo-
risch ein entschuldigendes Licht. Der Mensch muß zur
Rechtsverfassung gezwungen werden. Das tut denn
der vermeinte Grundherr, d. h. der Zwangsherr über-
haupt. So entsteht eine mildere Ansicht. Die Menschheit
steht unter dem Zwange. Die Menschheit entbindet sich
des Zwanges. Das Letztere durch Einsicht des Rech-
82
tes. Das Recht muß schlechthin sein, und wer es
nicht durch sich selbst einsieht, muß ge-
zwungen werden." — [Es ist hohe Zeit heut, wo alles
in die Hohlheit und Leerheit des nur auf der persönlichen
Willkür beruhenden Liberalismus wie in einen häßlichen
Morast zu versinken droht, wieder an diese hohe objektive
Begriffsbestimmung zu erinnern. Sie wird eben so sehr bei
Fichtes größerem Nachfolger, Hegel, aufrecht gehalten,
bei dem sie als das objektive Recht der Idee er-
scheint, sich zwangsweise durchzusetzen.] ,,So
lassen sich" — fährt Fichte fort — ,,auch alle die Ver-
hältnisse beurteilen, die, vom schon ausgebildeten Ver-
nunftstaat aus beurteilt, hart und unrechtmäßig erschei-
nen: sie sind Vorstufen desselben, und Bedingungen,
ohne welche es niemals zu ihm kommen könnte. Nur die
Erziehung zu hindern, hat der Fürst kein Recht (alle
Hinderungen der Aufklärung waren solche Verhinderungen
der Erziehung) ; denn da wäre es klar, daß er in jenen
Veranstaltungen zum Zwange nicht das Recht, sondern
seine Gewalt im Auge habe."
Darum ruft nun Fichte, an der zuletzt angeführten
Stelle, wo wir uns unterbrochen haben, nachdem er aus-
einandergesetzt, der Rechtstitel des Fürsten könne nur
in der Absicht bestehen, sich selbst als Zwangsherrn über-
flüssig zu machen, aus :
„Erblichkeit der Zwingherrschaft kann gar nicht
eingeführt werden. Weder faktisch das Talent, noch be-
griffsmäßig das Recht zu herrschen, läßt sich vererben.
— Die Maxime von dem Forterben der Herrschaft
ist darum die wahrhaft unrechtliche, begriffswidrige.
In jenem Systeme [bei der Erblichkeit] wird die Zwangs-
herrschaft ein Besitz; dies nun ist die Tyrannei;
— Zwang um sein selbst willen."
6 - 83
Also konkludiert er nunmehr : „Erziehung zur Frei-
heit ist die erste Pflicht des Zwingherrn. Ve r e r b u n g
der Gewalt geht gar nicht. Bei solchen Aussichten
nun, wie kann es von dem jetzigen Punkte aus
zur Freiheit kommen? — Wollte irgend ein Fürst,
so will der Adel sicher nicht. (Zu verschmelzen,
unterzugehen in die Deutschheit, seine Standes-
interessen aufzugeben, dazu sind sie zu be-
schränkt!) Also her einen Zwingherrn zur
Deutschheit! — We r es sei; mache sich unser
König dieses Verdienst ! — Nach seinem Tode ein Senat ;
da kann es sogleich im Gange sein."
„Mache sich unser König dieses Verdienst!" — so
rutt nun seit 50 Jahren harrend, klagend, anfeuernd und
wiederum gläubig hoffend das deutsche Volk durch seine
politische Wüste — und nur das frostige Echo hallt ihm
seine sich an den kalten Felsen derselben brechende Stimme
zurück !
Ach ! es geht dem deutschen Volke, wie dem Heine' -
schen Jüngling, der die Sterne befragt:
Es blinken die Sterne gleichgültig und kalt,
Und ein Narr nur wartet auf Antwort!
Fichte selbst entdeckt noch in denselben Notizen, wie
wir später sehen werden, warum das nicht sein wird,
warum das gar nicht sein kann! —
In dem zuletzt angeführten Absatz erwähnt Fichte, zum
zweiten Mal in diesen Notizen, des Adels als eines Haupt-
hindernisses einer nationalen Gestaltung des Volkswesens.
Man muß jedoch deshalb nicht glauben, daß er in vor-
urteilsvollem Hasse gegen diesen Stand befangen gewesen
sei. Er nimmt ihn vielmehr ausdrücklich gegen den Vor-
wurf, daß er „bösartig oder gewalttätig" sei, in Schutz,
84
was auch um so weniger wundern kann, als Fichte die
Reaktion seit 1849 nicht miterlebt hat. Er nimmt ihn
hiergegen in Schutz, „denn" — sagt er wörtlich (s. S. 523)
— „hierzu gebrach es bei der Mehrheit an Kraft, sondern
sie waren in der Regel blos dumm und unwissend, feige,
faul und niederträchtig." Auch sagt dies Fichte nicht nur
und beweist auch nicht blos, daß dies so sei, sondern er
beweist auch, warum dies so sein müsse, und der
Leser kann diesen mit haarscharfer Logik geführten Be-
weis von S. 519 — 523 nachlesen.
Doch zurück zu der Stelle, bei der wir stehen ge-
blieben.
Fichte fühlt, daß er sich noch immer nicht konkret genug
Rechenschaft abgelegt habe von der Eigentümlichkeit un-
serer Lage, von den Gründen unserer Hoffnungslosigkeit,
von der innersten Beschaffenheit unseres Elends, von den
alleinigen Mitteln, die zu einer Ueberwindung desselben
führen können. Er wendet sich von Neuem, als habe er
noch nichts geschrieben, zurück auf die Erforschung des
innersten Quellpunktes unserer Krankheit, und jetzt strö-
men denn mit einander wetteifernd unter seiner Feder her-
vor die gedankentiefsten Sätze und die populärsten, be-
redtesten Schilderungen und unter anderen auch die ge-
naue Geschichte des vergangenen Jahres. So
wahr ist es, daß in der Wirklichkeit nichts erscheinen kann,
was nicht dem Gedanken entstammt wäre, und daß dieser
sie lange voraus zu erkennen und ihre Phänomene vorher-
zusagen vermag.
Statt, wie unsere Tagespolitiker, an der oberflächlichen
Außenseite der Dinge und der Beseitigung einer bestimm-
ten äußerlichen Form des Uebels stehen zu bleiben, greift
er mit sicherer Hand an die Wurzel desselben. Der Be-
griff der Föderation ist es, der dies Uebel dar-
85
stellt, und so lange er, gleichviel unter welchen Formen,
unsere politische Gestaltung beherrscht, das Vo 1 k s e i n
und den Charakter eines deutschen Volkes von uns
ausschließen muß. Nichts ist kläglicher als die Gedanken-
armut unserer Fortschrittspolitiker, welche da glauben,
uns durch irgend eine geänderte Form der Föde-
ration einen Fortschritt und eine Volkseinheit geben
zu können. Nichts lächerlicher als die Selbstverkennung
jener Revolutionäre, welche — und wir könnten hier eine
Reihe der accreditiertesten demokratischen Namen anfüh-
ren — Deutschland in eine Anzahl oder Zweiheit von
Föderativ-Republiken teilen und unsere Zerris-
senheit und Volkslosigkeit so verewigen wollen. Die
Föderation ist eben das, wovon wir herkommen, das,
was unsere bisherige Geschichte ausmacht, das, was wir
in allen Formen erschöpft haben, das, was aufzuheben ist,
wenn wir einer glorreichen nationalen Zukunft fähig sein
sollen; glücklicherweise auch das, was unter den ehernen
Hammerschlägen der Notwendigkeit vor allem zusam-
menbrechen wird und muß. Alle diese Föderativ-
Republikaner sind daher nicht nur ebenso ganz re-
aktionär wie die Bundestägler; sie sind sich
selber unbewußt insofern noch weit reaktionärer,
als sie uns selbst noch unter der lockenden Form der
neuen Freiheit den alten, abgestandenen reaktionären
Inhalt verkaufen wollen. Zu verwundern ist das nicht ;
denn bei jeder großen Weltwende ereignet es sich, daß
kannegießernde Politiker, welche ihren Blick nicht zum
Gedanken erheben können, sondern, revolutionär nur
in ihrer eigenen Einbildung, die Seele von der empirischen
Wirklichkeit beherrscht behalten, das komische quid pro
quo begehen, gerade das, womit es zu Ende geht,
für den Inhalt der neuen Zeit zu nehmen. Neben diesem
großen Gegensatz von Föderation und Vo 1 k s e i n -
h e i t sinkt sogar der Gegensatz zwischen Monarchie
und Republik zu einem relativ unbedeutenden herab,
und wir glauben ganz ernsthaft, daß selbst diejenigen, wel-
che ein erbliches, monarchisches, einiges deutsches Kai-
sertum mit gänzlicher Kassierung der 35 Untersouveräni-
täten wollen, und sei es auch mit allen Schnörkeln, Quasten
und Sentimentalitäten der Burschenschaftszeit, doch immer
noch auf einer viel höheren Stufeder Intelligenz
und politischen Wahrheit stehen, als unsere
Föderativ-Republikaner.
Doch lassen wir Fichte das Wort. — Wenn so viele
unserer Demokratenführer 1848 und noch heute hierüber
in der vollständigsten Einsichtslosigkeit befangen sind, so
ziemte es natürlich Fichte, schon 1813 hierüber mit sich
im Klaren zu sein.
Er beginnt von neuem : „Ueber die Einkleidung des
Ganzen : — an die Deutschen, die sich zum Begriffe
der Freiheit erhoben haben. — Ist ein deutsches Reich
möglich, E i n Bürgerthum, im Gegensatze mit der
Konföderation? Beweis, daß es ein deutsches
Bürgerthum n i e gegeben habe, noch gebe, noch auch ohne
eine gänzliche Umschaffung aller öffent-
lichen Ve rhältnisse geben könne. Wenn die
Stärkeren es wollen oder wenn die, so es wollen,
wie ich es denn aufrichtig will, die Stärkeren sind,
dann geht es. ,,Aber" — fügt er seufzend hinzu —
, .diese Vereinigung bezweifle ich durchaus.'
Doch wieder reißt sich seine ringende Seele empor :
„Dennoch" — ruft er aus — „wäre es Gott zu er-
barmen, wenn es nicht ein deutsches Vo 1 k
geben sollte! denn es giebt, außer dem Bewußtsein
der einzelnen Völker, für den Beobachter allerdings einen
87
gemeinsamen Charakter. Und das ist eben die
Merkwürdigkeit: der Charakter anderer Völker ist
gemacht durch ihre Geschichte. Die Deutschen
haben als solche in den letzten Jahrhunderten keine Ge-
schichte; was ihren Charakter erhalten hat, ist dar-
um etwas schlechthin Ursprüngliches; sie sind ge-
wachsen ohne Geschichte. (Die Literatur, als das
Vereinigende, ist noch jung.)"
Wie aus der tiefsten Geisterwelt tönen diese Worte
zu uns herauf, beiläufig erklärend den Schiller] übel des
verflossenen Jahres. Denn in der geistigen Einheit
seiner, sich auch durchaus nicht föderalistisch in einen
süd- und norddeutschen Geist zerlegenden Literatur ist
es, wo unser Volk die Bürgschaft seiner eigenen Gei-
steseinheit und somit das fröhliche Unterpfand
seiner nationalen Auferstehung sieht ! — Was
aber würde Fichte gesagt haben, wenn er gewußt hätte,
daß noch fünfzig Jahre nach seinen Worten die literarische
Einheit noch immer das einzige Evangelium der kom-
menden politischen sein würde !
Mit erneuter Schärfe wendet er sich auf den Urfeind,
den Föderalismus und seinen tiefen Gegensatz gegen
den Begriff des Vo 1 k e s zurück und bringt sich den-
selben in langen und überaus reichen Ausführungen zur
Klarheit : „Der Unterschied zwischen Konföderation
und Reichs ei nh ei t ist scharf zu fassen. Haben die ein-
zelnen deutschen Völker: Sachsen, Bayern, National-
einheit in sich, oder ist ihr Interesse blos das Haus-
interesse ihrer Fürsten? Dies ist bedeutend."
[Ja wohl, bedeutend!] „Ein Volk begreift sich nur als
solches durch seine Geschichte; so die Sachsen durch
gemeinschaftliche Reformation und Kämpfe dafür; nicht
so die neu zivilisirten und äußerlich verbundenen Bayern.
Den Neuwestphalen x ) wird gesagt : sie hätten früher so-
gar Kriege gegen einander geführt. Im siebenjährigen
Kriege waren Hannover, Braunschweig, Kassel bei der
preußischen Partei ; Münster, Osnabrück, das eigentliche
Westphalen, größtenteils bei dem Reiche; dies spricht
sich im Volksbewußtsein nun so aus : Gegen die verdamm-
ten Kerls, die Westphalen, haben wir Krieg geführt, sagt
der Hesse, nicht gegen uns selbst. Nun aber sollen wir
Krieg führen gegen unsere alten Landsleute, die Preußen.
Diese sind nicht mehr wir? Also in dem Umfassen
und im Ausschließen in und von Einem ge-
schichtlichen Selbst besteht die Volkseinheit.
Also : die Neuwestphalen sollten auf das Gebot sich als
Eins, als Wir, begreifen und all' die vorher darin Ein-
geschlossenen aufgeben? Das läßt sich befehlen?"
„Eine reichere und glänzendere Geschichte giebt
einen haltsameren Nationalcharakter (dies erhebt den Preu-
ßen über den Sachsen) : ebenso, wenn man dem Volke
mehr Anteil an der Regierung gibt, es zum freien Mit-
urteilen läßt ; es nicht als stumme Maschine, sondern als
bewußten und gerühmten Mitwirker gebraucht (das erhebt
Preußen über Oesterreich)."
„National stolz , Ehre, Eitelkeit, haftet sich
daher, wie bei dem Individuum, an Alles und dient das
Band zu befestigen" [das die Sondernation unter
sich umschlingende ; somit dient es aber auch in jeder
Form der Föderation, die Zerreißung der deutschen Ein-
heit im Volksgeiste zu verewigen]. „Der Einzelne will
es brauchen, um sich als Einzelner vor sich selber, und
unter den Ausländern, zu erheben. Ich bin ein Sachse,
1 ) Als Fichte dies schrieb, bestand noch das von Napoleon
geschaffene Königreich Westfalen. D. H.
89
Preuße; das soll ihm Teil geben an den bekannten Vor-
zügen des Volkes. Man wirft den Deutschen vor, sie
hätten keinen Nationalstolz. Wie können sie ihn doch
haben, da sie Deutschenichtsind? Aber die Preu-
ßen, die Sachsen haben ihn. Ein Leipziger Student,
ein Berliner Gelehrter aus den Zeiten der Aufklärung,
ein preußischer Werbeoffizier ! Oder habt ihr einen öster-
reichischen Wachtmeister sein „Unser Kaiser" aussprechen
hören ? Freilich war es versessener Bauernstolz,
und dieser mehr als ieder andere Umstand hat
die Herzen der Deutschen unter sich ent-
völkert. Jetzt, da ihr sie unter einander laßt, werden
angefeuerte, vom Volksgefühl erhobene Jünglinge bei den
sich darbietenden Gelegenheiten zur Vergleichung diese
Unart lassen? Ich fürchte" — man höre diese 1813
im Augenblicke der höchsten Begeisterung und Erregung
des nationalen Einheitsgefühls geschriebene und darum
wahrhaft wunderbare Voraussagung und Erklärung un-
serer jüngsten Vergangenheit — ,,ich fürchte, ihr
säet neuen Haß! — Ihr Fürst, sein glänzen-
der Hof, sein Ansehen und äußere Würden — -
und kurz, was es sei — Alles dient ihnen zur Er-
regung der Eitelkeit. Die glänzenden Sklavenketten
sogar. Wer hochmütig sein will, findet immer Grund ;
der gemeine Bauernkerl in seinen ledernen Hosen. Aber
e i n Vo 1 k will es immer und kann es gar nicht
lassen; außerdem bleibt die Einheit des Be-
griffs in ihm gar nicht rege."
Bis in seine innerste Tiefe erklärt hier Fichte das
Phänomen, das besonders im vergangenen Jahre ieden
deutschen Patrioten so ernstlich betrübt hat, die Eitel-
keit der deutschen Volksstämme gegeneinander, aus wel-
cher ihre Eifersucht aufeinander und wieder ihre Ver -
90
bitterung gegeneinander folgt. Aber, wie Fichte sehr
richtig zeigt, diese Eitelkeit ist schlechthin unvermeid-
lich, so lange diese Volksstämme durch ein Sonderband
zu einem besonderen Selbst vereint sind. Diese Eitel-
keit ist die „Einheit des Begriffs", welche den
besonderen Staat zusammenhält. Sie ist nichts als
das We r 1 1 e g e n auf das besondere Selbst, und
ohne dieses We r 1 1 e g e n würde die Einheit des be-
sonderen Staats daher sofort auseinander und in die At-
traktion der anderen Volksstämme hineinfallen. Darum
muß leider diese Eitelkeit mit ihren Folgen, der Eifer-
sucht und Verbitterung, — abgesehen von kurzen, be-
sonders günstigen Momenten, in welchen, wie z. B. 1848,
das Volksgefühl durchschlägt — als eine permanente,
bald in mehr, bald in weniger starken Schwingungen die
Masse der Nichtdenkenden durchzitternde Empfindung
vorhanden sein, so lange in irgend einer föderalisti-
schen Form die einzelnen deutschen Volksstämme zu
Sondereinheiten zusammengefaßt sind. Geschähe
dies gar in der Form von zwei oder mehreren F ö d e r a -
tiv-Republiken, so würde, wegen der hier herrschen-
den ungebändigten Freiheit und des in Republiken natür-
lichen größeren Wertlegens auf die staatlichen Unter-
schiede, die Eitelkeit, die Eifersucht und die Ve r -
bitterung sich nur steigern und zu dem greulich-
sten gegenseitigen Zerstörungswerk führen,
durch das jemals ein Volk sich selbst vernichtet hat.
Fichte fährt fort: „Deutscher Nationalstolz jedoch
— worauf hätte doch dieser sich gründen sollen ? Wel-
ches Band haben wir denn gehabt und welche gemeinsame
Geschichte ? Im Türkenkriege waren die Brandenburger,
Sachsen und andere Hülfstruppen. In französischen Krie-
gen, in den Successionskriegen, getrennt. Der Revolutions-
91
krieg endlich wurde durchaus als Krieg für die Fürsten,
nicht als Volkskrieg betrachtet, auch hier teilte sich das
deutsche Reich alsbald. Die weiteren zerstörenden Folgen
desselben für Deutschland liegen vor Augen. So lösten
sich die Bande."
„Literatur als Nationalverband? Wer kennt denn die
Literatur, als der Gelehrte selbst. Wir verachten uns
unter einander." [Welche furchtbare Wahrhaftigkeit, mit
welcher Fichte diese Selbstbekenntnisse ablegt.] ,,Der
Vornehme zieht unbedingt die französische oder englische
Literatur vor. — Und dann — welcher Protestant er-
streckt so leicht seine Begriffe von deutscher Literatur
auch über das Katholische ? Der Gelehrte hat seinen Be-
griff vom Deutschen aus der Geschichte, oder aus neueren
Erregungen durch die Klopstock'sche Epoche. Da existiert
er eigentlich nur; was geht dies das Volk an? Wie kann
der so ganz veränderten Nachwelt ein vereinendes Band
aus der Hermannsschlacht stammen ? Jener Geist ist aus-
gestorben, und wer weiß, wo die Nachkommen jener
Kämpfer sind."
„Der Krieg für Napoleon ist nun zwar nicht populär
gewesen, aber die kleinliche Nationaleitelkeit und die alten
Gefühle der Rache hat er sehr aufgeregt. Sachsen, die
alten, vor Feigheit sich schützend, haben endlich siegen
gelernt. Bayern , die neuen, und darum erpicht,
zu werden, eine rühmliche Geschichte zu bekommen"
[ — in diesen zwei Worten: „und darum erpicht,
zu werden" liegt der Schlüssel für alle Intriguen, die
das bayerische Kabinett sowohl im vergangenen Jahre ge-
spielt hat, als auch, so lange es existiert, in aller Zukunft
ewig spielen wird], „haben eine Art Volkseinheit, weil sie
einen deutschen Fürsten behalten hatten und auch von
keiner bedeutenden Volkseinheit losgerissen wurden. Mit
92
den Westphalen, die als Hessen, Preußen, Braunschweiger
von einer besonderen Geschichte getrennt wurden, wollte
es nicht so gehen."
„(Mit dem Rheinbunde wollte Bonaparte blos das,
was vorher schon da war und sich gezeigt
hatte, aussprechen und für immer befestigen. Was liegt
darin ? Ein Naturgesetz verfestigen, unter die
Kunst bri ngen. Warum nämlich war es so, daß die
kleineren Rheinfürsten sich an Frankreich wenden muß-
ten ? Weil sie dasselbe für ihre Erhaltung interessieren muß-
ten, indem die Reichsföderation sie nicht zu schützen ver-
mochte. Alle Föderationen werden nur durch
den Vorteil oder die Uebermacht erhalten,
ein nachhaltiger Begriff der Vo lkseinheit
kann nicht aus ihnen hervorgehen. — Wenn
wir daher nicht im Auge behielten, was Deutsch-
land zu werden hat, so läge an sich nicht so viel daran,
ob ein französischer Marschall, wie Berna-
dotte, an dem wenigstens früher begeisternde
Bilder der Freiheit vorübergegangen sind,
oder ein deutscher aufgeblasener Edelmann
ohne Sitten und mit Rohheit und frechem Uebermut,
über einen Teil von Deutschland geböte.)"
Diese Worte sind von einer erschütternden Wir-
kung in dem Munde des Mannes, der 1808 seine „Reden
an die deutsche Nation" gegen Napoleon, wie er selbst
darin sagt, „auf die Gefahr des Todes" hielt, der allein
und offen sich ihm entgegenzustemmen, ihn bis auf den
Tod anzugreifen wagte, als alles im Staube kroch.
Jawohl ! Wenn man nicht im Auge behielte, was
„Deutschland zu werden hat", wenn man es nicht um
dessentwillen liebte, was es werden soll,
wirdundmuß, woher nähmen wir das Interesse dafür,
93
ob wir von außen oder von innen beherrscht und ge-
teilt werden?
„Was nun" — fährt Fichte fort — „bildet ein
Vo 1 k z u m Vo 1 k e eben im Gegensatz der Föde-
ration? Die letztere ist nie Volkssache ge-
wesen" [wiederholter avis für unsere Föderalisten], „son-
dern nur eine der Regierungen, wie jedes andere
B ü n d n i ß ; weil das Volk mit dem Bund nie unmittel-
bar, nur durch den Willen seines Fürsten zu-
sammenhing."
„Wenn nun", hebt Fichte nach dieser ebenso durch-
schlagenden als einfachen Begriffsexplikation von Neuem
an, „z. B. Oesterreich oder Preußen Deutschland er-
oberte, warum gäbe dies nur Oesterreicher, Preu-
ßen, keine Deutsche? — Wie ist eine österreichische,
preußische und wie eine deutsche Geschichte verschie-
den ? Dies ist gründlich zu behandeln ; darauf kommt
Alles an. denn eben hier stehen die Deutschen
[und stehen „eben hier" noch nach 50 Jahren]. „Auch
stehen sie, wie bekannt, in der Teilung zwischen Oester-
reich und Preußen. Hierbei würde Oesterreich weit mehr
Mühe haben, Bayern z. B. unter sich zu bringen, als
Preußen seinen Anteil." [ — Gerade weil dies
so ist, zeigen die Regierungen der kleinen Staaten eine so
furchtlose, uneifersüchtige Hinneigung zu Oester-
reich und einen solchen Widerwillen gegen Preu-
ßen. — ] „Auch paßt die Teilung der Konfessionen
nicht recht zu einer völligen Verschmelzung. Dadurch
wäre der Krieg zwischen Beiden auf ewige Dauer ge-
setzt, und es wäre keine Ruhe, bis sie Eins
wären!"
Diese letzten Worte müssen scharf verstanden werden ;
sie bilden einen der tiefsten Aussprüche Fichte's. Wenn
94
unsere Föderalisten die Zweiheit der Konfessionen für
einen Grund halten, weshalb Deutschland nicht zu einer
Einheit umgeschaffen werden könne, sondern in einen
süddeutschen und norddeutschen Staat, in eine süddeutsche
und norddeutsche Föderativ-Repub.ik auseinandergeklafft
bleiben müsse, so sagt Fichte umgekehrt, gerade wegen
dieser konfessionellen Verschiedenheit können diese Staa-
ten nicht als besondere neben einander bestehen, es wäre
dadurch der Krieg zwischen ihnen auf ewige Dauer ge-
geben, sie würden keine Ruhe haben, ,,bis sie Eins
wären!"
In der Tat, jedes Leben, das natürliche wie das poli-
tische, ist Einheit von Gegensätzen, verträgt daher
solche und kann sogar garnicht ohne dieselben bestehen.
Die größesten Gegensätze lassen sich daher unter Einer
vernünftigen Staatseinheit zusammenfassen, wenn sie
nur dabei auch wieder irgend einen gemeinschaft-
lichen Grundcharakter haben, wie er bei uns in Ab-
stammung, Bedürfniß, literarisch- und wissenschaftlich-
geistiger Einheit etc. vorliegt.
Wenn aber diese Gegensätze statt in eine ungeteilte
Einheit, in selbständige Besonderheit nebeneinander ge-
setzt werden, so bringt die Gemeinschaftlichkeit
ihres Grundcharakters ihre notwendige Beziehung
aufeinander und die Gegensätzlichkeit des-
selben die Feindseligkeitdieser Beziehung her-
vor, und sie müssen nun ruh- und rastlos an einander und
sich so lange an einander abkämpfen, bis das Eine das
Andere verschlungen oder sie sich in brudermörderischer
Umarmung gegenseitig zerstört haben. D i e Einigung,
welche in der Föderation vorhanden ist, ändert hieran
nichts, setzt vielmehr eben nur den gemeinschaft-
lichen Boden, auf welchem die Reibungen vor sich
95
gehen und sich zur Flamme entzünden. Denn diese Eini-
gung ist eben keine Einheit, sondern nur eine Gegen-
überstellung.
Die Geschichte von Athen und Sparta, vom Papst und
Kaiser des Mittelalters, von jedem großen in der Ge-
schichte aufgetretenen und doch wieder auf einer ge-
meinschaftlichen Grundlage fußenden Dualismus, er-
weist dieses große Geistesgesetz, diesen geistigen
Chemismus, von dessen Dasein wir natürlich weder
Ahnung noch Verständniß von unseren Staatsrationalisten
verlangen können. 1 )
Darum sagt Fichte, daß einerseits die Teilung der
Konfessionen, die doch auch innerhalb Oesterreichs
und innerhalb Preußens Statt hat — denn so sind diese
seine vorhergehenden Worte zu verstehen — es doch nicht
zu einer völligen Verschmelzung der Elemente jeder dieser
Staaten innerhalb desselben kommen lassen können, viel-
mehr auch dadurch seine Beziehung auf den andern
Sonderstaat gegeben bleibe, und daß nun eben dadurch
*) Wir sind natürlich darauf gefaßt, daß unsere Föderalisten
triumphierend auf Amerika hinweisen, was stets das einzige
Alpha und Omega ihrer Gründe und in um so höherem Grade
ist, je weniger sie von der Natur der Sache und der Eigentüm-
lichkeit Amerikas etwas verstehen. Wir wollen hiergegen nur
auf zwei Sätze hinweisen, deren nähere Explikation wir frei-
lich hier nicht vornehmen können: 1. Daß Amerika sowohl
historisch nach seinem Ursprung, als auch seiner gegen-
wärtigen Wirklichkeit keine Nation, sondern eine bürger-
liche Gesellschaft ist. — 2. Daß Amerika, welches einen
ganzen Kontinent für sich allein und keine anderen Nationen
in demselben sich gegenüber hat, eben deswegen auch nicht nötig
hat, wie die in Europa mitten unter andere mächtige Nationen
gestellten Staaten, sich zur Einheit einer unteilbaren Volks-
individualität zusammenzufassen.
96
anderseits der Krieg zwischen den beiden Sonderstaaten
auf ewige Dauer gesetzt und keine Ruhe sein würde, „b i s
sie Eins wären".
Wenn Fichte in diesen wenigen Worten eins der tief-
sten geschichtlichen Gesetze mindestens kurz und in ihm
selbst verständlicher Klarheit angedeutet hat, so hat er
dagegen noch gar nicht expliziert, warum die Eroberung
Deutschlands durch Oesterreich oder Preußen immer nur
Oesterreicher oder Preußen, keine Deutschen geben
würde.
Er fühlt das selbst und vertieft sich daher von Neuem :
„Ich müßte überhaupt da tiefer. Welches ist der Natio-
nalcharakter der Deutschen, den ich oben versprach ? Wel-
ches dagegen der der einzelnen Staaten, Oesterreich, Preu-
ßen u. s. w. ?*'
„Erstens: Ihre Regentenhäuser haben auswärtige Fa-
milien- Ve rbindungen, wahres oder vermein-
tes Interesse zu fremden Bündnissen, die Völker Natio-
nal-Haß oder -Liebe. Deutschland hat dies Alles
nicht, noch soll es dies haben, es muß für sich und selb-
ständig dastehen. Dies fremde Interesse würde nun müssen
den neu Akquirierten aufgedrängt werden. Kurz
— sie werden aus dem regelmäßigen Fortgang ihrer
Bildung herausgerissen in den Bildungsgang eines frem-
den Volkes. (Beispiel kann die preußische Verwaltung
von Südpreußen [die 1793 und 1795 zu Preußen ge-
schlagenen Teile Polens. D. H.] sein.)"
„Zweitens : Dazu noch die besonderen Züge im Bilde
eines deutschen Fürsten, — welche einen andern
Monarchen nie so treffen können. — Fechten
für ein fremdes Interesse, lediglich um der Erhal-
tung seines Hauses willen. — Soldatenver-
kaufen; — Anhängsel sein eines fremden Staates.
? Liusalle. Ge. SekHft«n. Band VI. 97
Seine Politik hat gar kein Interesse, als den Florunddie
Erhaltung des lieben Hauses; alles Uebrige läßt
man sich selber machen. Was wäre das nun für ein
Unglück, wenn das liebe Haus nicht erhalten
würde, wenn ein anderes an seine Stelle
käme? Dies ist ja schon passiert! — Was tragen denn
nur die Untertanen die Kosten zur Erhaltung ihres
Hofes ? So werden sie doch lieber geradezu Provinzen
des herrschenden Staates. Bonaparte, der es liebt, aus-
zusprechen, was ist, hat es getan, und würde fort-
gefahren haben, es zu tun!"
Wenn also Fichte noch oben ausrief: „Mache sich
unser König dieses Verdienst," — so weiß er sich jetzt
zu entwickeln, warum dies gar nicht geschehen kann. Die
einzelnen deutschen Regenten sind, da sie und ihr Staat
innerhalb Deutschlands ihr Bestehen und die Garantie
desselben nur in der Hervorhebung ihrer Besonder-
heit, ihres spezifischen Unterschieds haben,
in ihr spezifisches Hausinteresse versenkt,
durch Erziehung, Tradition und Geschichte
mit demselben verwachsen. Sie erblicken daher
in dieser Besonderheit ihr eigentliches Recht
und müssen deshalb eben auch an der Besonderheit
der Andern festhalten, weil mit deren Fortfall auch die
eigene fortzufallen drohte. In die Sprache der offi-
ziellen Aktenstücke übersetzt heißt das, daß sie von einem
„wohlerworbenen Recht" aller deutschen Fürsten
auf die Zerteilung des deutschen Volksgeistes zu reden
wissen! Sogar noch bei einer Eroberung Deutschlands in
diesem Sinne würde nicht Deutschland hergestellt,
sondern nur die andern Stämme durch die gewaltsame Auf-
drängung des spezifischen Hausgeistes unter die
Besonderheit desselben gebracht, preußifiziert, verbayert,
98
verösterreichert ! — Es würde nicht Deutschland
hergestellt, sondern gerade nur die eine Besonderheit
zur herrschenden gemacht und indem so auch noch
diejenige Ausgleichung fortfiele, welche jetzt noch in dem
Dasein der verschiedenen Besonderheiten liegt,
würde grade dadurch das deutsche Volk auch noch in
seiner geistigen Wurzel aufgehoben.
Die Eroberung Deutschlands nicht im spezifischen
Hausgeist, sondern mit freiem Aufgeben desselben in den
nationalen Geist und seine Zwecke, wäre freilich ein ganz
Anderes ! Aber die Idealität dieser Entschließung ist
es geradezu töricht von Männern zu verlangen, deren gei-
stige Persönlichkeit doch wie die aller andern ein bestimm-
tes Produkt ihrer Faktoren in Erziehung, Tradition, Nei-
gung und Geschichte ist, und die dies eben so wenig leisten
können, als es einer von uns Andern leisten würde, wenn
seine Bildung und Erziehung ausschließlich durch die-
selben Faktoren bestimmt worden wäre. *)
„Dies Alles" — fährt Fichte fort — „hat die Deut-
schen bisher gehindert, Deutsche zu werden : ihr Charakter
liegt in der Zukunft; — jetzt besteht er in der
Hoffnung einer neuen und glorreichen Geschichte. Der
Anfang derselben — daß sie sich selbst mit Bewußt-
sein machen. Es wäre die glorreichste Bestimmung."
„Grundcharakter der Deutschen daher: 1. Anfangen
einer neuen Geschichte ; 2. Zustandebringen ihrer selbst
mit Freiheit. — Kein bestehender Landesherr kann
Deutsche machen; es werden Oesterreicher, Preußen
u. s. w. Ein neuer müßte erstehen ? Etwa wie Bona-
parte? — Dieser träte durch Erblichkeit gewiß sogleich
in das Fürstensystem, und es würde wieder nur ein euro-
*) Wie würde Lassalle den 9. November 1918 bejubelt
haben! D.H.
7. 99
päisches Volk anderen Schlages. Das sollte es gar nicht
sein, Familieninteressen gar nicht kennen, in die inneren
Angelegenheiten fremder Länder sich gar nicht mischen.
(Fremder Bündnisse und Hülfstruppen bedarf es nicht,
weil es, einmal Eins geworden, für sich selbst stark genug
ist.) Aber durch seine geographische Lage kann es die
andern Nationen zum Frieden zwingen, darum auch die
erste dauernde Stätte der Freiheit sein. 3. Deshalb sollen
die Deutschen auch nicht etwa Fortsetzung der alten deut-
schen Geschichte sein: diese hat eigentlich für sie gar
kein Resultat gegeben, und sie selbst existiert eigentlich
nur für die Gelehrten. Und bisher haben eigentlich nur
diese, die Gelehrten, die künftigen Deutschen vorgebildet :
durch ihre Schrif tstellerei ; sodann durch ihr Wandern.
Sie sind, wenigstens die durchgreifenden, nicht Glieder
einer besonderen Völkerschaft, sondern, sind sie über-
haupt Etwas, so sind sie eben Deutsche. (Also gab es
wohl Deutsche, nur nicht als Bürger, sondern über das
Bürgertum hinaus, und dies ist ein großer Vorzug.) Alle
großen Literaten sind gewandert, keiner ist in seinem
Geburtslande zu etwas gekommen. Dies lag teils in der
Anlage: der erste Zug des besseren Deutschen ist ein
Sträuben gegen die Enge des Geburtslandes. Sodann —
konnte auch nur im Auslande das Talent sich entwickeln,
von seiner Volksunmittelbarkeit sich losschälen und zu
seiner höheren Allgemeinheit kommen. So Leibnitz, Klop-
stock, Goethe, Schiller, die Schlegel. Nur Kant macht
eine Ausnahme."
..Also der merkwürdige Zug im Nationalcharakter der
Deutschen wäre eben ihre Existenz ohne Staat und über
den Staat hinaus, ihre rein geistige Ausbildung. (Daher
haben die Deutschen auch eine so gewaltige Assimilations-
kraft für den Ausländer, der nur Gelehrter, Denker, Dich-
100
ter wird : Fouque, Villers. Der Fremde bedarf gar nicht
sicli umzuwandeln, er bedarf nur sich zu erheben.)
„Da wird nun tiefer zu unterscheiden sein das Na-
tionale, was nur durch den Staat gebildet wird (und
seine Bürger darin verschlingt), und dasjenige, welches
über den Staat hinausliegt. Es ist dabei nicht zu vergessen,
daß alles Gemeinsame der europäischen Völkerrepublik,
und Alles, was diesen Bürger allenthalben auszeichnet,
Großmut, Humanität, Rittersinn, Galanterie, — ur-
sprünglich deutsche Nationalzüge sind. Erst in späterer
Zeit trennten die Deutschen sich in einzelne Völker und
versumpften in sich: die inneren Kriege, die Eifersucht
ihrer kleinen Fürsten gegen einander, das Verbot der
Auswanderungen u. s. w. vollendete ihre Trennung und
Entartung."
„Und so wird es auch, vom Bisherigen aus betrachtet,
bleiben : der Einheitsbegriff des deutschen Volkes ist noch
gar nicht wirklich, er ist ein allgemeines Postulat der
Zukunft. Aber er wird nicht irgend eine gesonderte Volks-
eigentümlichkeit zur Geltung bringen, sondern den Bürger
der Freiheit verwirklichen." —
„Dieses Postulat" — schließt Fichte die Notizen, die
Worte seiner eigenen gleichzeitig verfaßten Staatslehre
zitierend, — „von einer Reichseinheit, eines inner-
lich und organisch durchaus verschmolzenen Staa-
tes darzustellen, sind die Deutschen berufen, und dazu
da im ewigen Weltplane. In ihnen soll das Reich aus-
gehen von der ausgebildeten persönlichen Freiheit, nicht
umgekehrt : — von der Persönlichkeit, gebildet für's erste
vor allem Staate vorher, gebildet sodann in den einzelnen
Staaten, in die sie dermalen zerfallen sind, und
welche, als bloßes Mittel zum höheren Zwecke, so-
dann wegfallen müssen."
10t
„Und so wird von ihnen aus erst dargestellt werden
ein wahrhaftes Reich des Rechts, wie es noch
nie in der Welt erschienen ist, in aller der Begeisterung
für Freiheit des Bürgers, die wir in der alten Welt er-
blicken, ohne Aufopferung der Mehrzahl der Menschen
als Sklaven, ohne welche die alten Staaten nicht bestehen
konnten: für Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles
dessen, was Menschengesicht trägt. Nur von den Deut-
schen, die seit Jahrtausenden für diesen großen Zweck
da sind und ihm langsam entgegenreifen; — ein anderes
Element für diese Entwickelung ist in der Menschheit
nicht da."
So Fichte — und fern sei es von uns, die unerreich-
bare Gewalt dieser Worte durch irgend welche Hinzu-
fügungen schwächen zu wollen! —
Habe ich nun, geehrter Herr, auch Ihrem Wunsche
nicht buchstäblich entsprochen, so ist doch, denke ich, Ihr
Zweck erfüllt, — wie der meinige.
Hochachtungsvoll
Der Ihrige
F. Las s alle.
Berlin, im Januar 1860.
102
DIE PHILOSOPHIE FICHTEN
UND DIE BEDEUTUNG DES
DEUTSCHEN VOLKSGEISTES
FEST-REDE, GEHALTEN BEI DER
AM 19. MAI 1862 VON DER PHI-
LOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT
UND DEM WISSENSCHAFT-
LICHEN KUNST-VEREIN IN
DEM ARNIM'SCHEN SAALE
VERANSTALTETEN
FICHTEFEIER
VON
FERDINAND LASSALLE
ZUERST ERSCHIENEN:
VERLAG VON G. JANSEN, BERLIN 1862,
VORBEMERKUNG.
Der Zeitfolge nach schloß sich an die Veröffentlichung
des Aufsatzes über Lessing noch im gleichen Jahre —
1861 — das Erscheinen des „Systems der erworbenen
Rechte" an, dem in den ersten Monaten 1862 der .Julian
Schmidt" folgte. Im April 1862 hielt Lassalle dann seinen
ersten Verfassungsvortrag und den später „Arbeiterpro-
gramm" betitelten Vortrag, während die Festrede „Die
Philosophie Fichte's", wie ihr Titel besagt, erst im Mai
1862 gehalten wurde. Sie bildet den Abschluß jener
Gruppe von Publikationen, in denen der Hauptton auf Ge-
danken gelegt wird, die Lassalle mit dem — damaligen
— liberalen Bürgertum verbanden, während die ihn von
jenem trennenden Momente nur erst obenhin, bloß dem
Wissenden verständlich, angedeutet werden. Die obener-
wähnten Vorträge dagegen bilden mit den durch sie her-
vorgerufenen Polemiken und Prozeßreden eine neue
Gruppe von Publikationen, die direkt in die eigentliche
sozialpolitische Agitation Lassalles hinüberleiten. Man
wird es daher gerechtfertigt finden, daß jene erstere
Gruppe nicht auseinandergerissen wurde.
Was die Rede über Fichte anbetrifft, so ist sie in Auf-
bau und Diktion gleich gelungen, geradezu ein Muster ab-
gerundeter Darstellung bei strenger Beschränkung auf das
Sachliche. Von Anfang bis zu Ende ist sie die kon-
sequente Fortentwicklung eines und desselben Gedankens ;
ein Satz baut sich folgerichtig auf dem anderen auf, keiner
erscheint überflüssig, nirgends scheint eine Lücke vor-
handen. Daß die Rede dem Bourgeoispublikum, vor dem
sie gehalten wurde, zu hoch erschien, beweist nichts gegen
ihre Gemeinverständlichkeit. Wer überhaupt einer logi-
schen Gedankenreihe zu folgen vermag, wird sie von An-
105
fang bis zu Ende verstehen. Der Stoff Ist in dieser Hin-
sicht durchaus durch den Redner gemeistert.
In bezug auf den Inhalt der Rede ist darauf aufmerk-
sam zu machen, daß es sich für Lassalle in ihr im wesent-
lichen nur um die Darstellung des Fichteschen Ideenkreises
handelt, oder, wie Lassalle selbst sich ausdrückte, „in
seiner — Fichtes — Tracht und Gewandung einherzu-
gehen und seine Farben zu tragen". Mit anderen Worten,
daß der größte Teil der Rede nicht Lassalles, sondern
Fichtes philosophischen und geschichts - theoretischen
Standpunkt entwickelt. Indes ist der Unterschied zwischen
beiden kein grundsätzlicher, sondern nur ein gradueller.
Wie sich deutlich an den Stellen zeigt, wo Lassalle nicht
rein referierend, sondern erläuternd und ergänzend spricht,
steht er, gleich Fichte, auf dem Boden des philosophischen
Idealismus, der die Kategorien aus der Idee, aus der
Tätigkeit des Geistes, dem Denkprozeß ableitet. Und so
sehen wir ihn denn auch die praktischen Folgerungen, die
Fichte aus seiner Geschichtstheorie zieht, bedingungslos
annehmen, mit keinem Wort, mit keiner Silbe auch nur an-
deuten, daß es die Dinge auf den Kopf stellen heißt, von
den Deutschen zu sagen, sie „seien gewachsen ohne Ge-
schichte", sie hätten ihren Charakter „ohne eine solche
und trotz dessen, was man bei ihnen Geschichte nennen
könnte". Keine Silbe davon, daß ein „Sein, aus dem
reinen Geiste heraus erzeugt, mit nichts Geschichtlichem,
nichts Naturwüchsigem und Besonderem verwachsen' , ein
Unding ist, ein Sein unmöglich selbst in der Vorstellung,
ganz abgesehen von der Wirklichkeit. Lassalle macht sich
Fichtes idealistische Geschichtsphilosophie vollständig zu
eigen, wenn er sie nicht gar noch verschärft.
Die deutsche Sozialdemokratie fußt auf einer anderen
Geschichtsauffassung als die des philosophischen Idealis»
106
mus, ohne selbstverständlich zu verkennen, daß auch diese
ihre geschichtliche Berechtigung hatte. Sie ist der natür-
liche Reflex der Kämpfe des revolutionären Bürgertums
gegen den ständischen Absolutismus. In diesen Kämpfen
gilt es scheinbar das Recht des Menschen schlechtweg,
des Menschen an sich, des abstrakten Menschen. Da von
den drei großen Kulturnationen die Deutschen am späte-
sten diesen Kampf führten, — was selbst wiederum eine
Folge geschichtlicher Ursachen — so spekulierten sie auch
am längsten und am tiefsten über die abstrakten Begriffe;
ihre Philosophie ist durchaus das Produkt ihrer Geschichte
— ihre Philosophie und das, was Fichte den deutschen
Nationalcharakter nannte, was in Wirklichkeit jedoch nichts
anderes war und noch gar nichts anderes sein konnte,
als der damalige Geist des deutschen Bürgertums. Das
Proletariat hatte zu Fichtes Zeiten noch kein eigenes Leben,
es war noch im embryonalen Zustande, wie sollte also
Fichte darauf kommen, ihm einen eigenen, von dem des
Bürgertums unterschiedenen Volksgeist zuzusprechen?
Trotz seines philosophischen Idealismus war dies für ihn
ein Ding der Unmöglichkeit. Er konnte aus dem „reinen
Geist" nur konstruieren, was in Wirklichkeit schon ge-
geben war.
Wie es keinen Stein, keine Pflanze, kein Tier, keinen
Menschen ohne Geschichte gibt, so gibt es auch kein Volk
ohne Geschichte. Schon der Name Volk setzt eine Ge-
schichte voraus. Es war eine miserable Geschichte, aber
es war immerhin eine Geschichte, und die Aufgabe der
Deutschen in der Neuzeit war, sich von den Einflüssen
dieser Geschichte zu emanzipieren und die politischen Ein-
richtungen den sozialen Veränderungen anzupassen. Der
philosophische Idealist mag das noch so metaphysisch aus-
drücken, in der Wirklichkeit kommt es doch auf nichts
107
anderes hinaus. Als das „metaphysische Volk" endlich
dazu kam, sich einen „nationalen Boden" zu schaffen, da
wurde dieser noch weniger ein „wahrhaftes Reich des
Rechts" als das Reich, das sich das Volk des simplen
praktischen Idealismus, die Franzosen, geschaffen hatten.
Warum ? Der deutsche Bürger hatte mittlerweile seinen
Sündenfall erlebt, er hatte entdeckt, daß er nicht der ab-
strakte Mensch, der „Mensch an sich" war, sondern der
Angehörige einer geschichtlich gewordenen Klasse, hinter
der eine andere Klasse stand, die die „Freiheit, gegründet
auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trägt",
ganz anders versteht als er. Und — o Ironie der Ge-
schichte — der Mann, der dazu ausersehen war, dies dem
Bürgertum einzupauken, der in Deutschland den Klassen-
kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie organisieren
sollte, ehe noch die nationale Frage gelöst war, war der-
selbe Mann, der hier in so schwungvollen Worten Fichtes
Idealismus feiert.
Es ist jedoch nicht zu vergessen, daß der philosophische
Idealismus praktischen Realismus so wenig aus-
schließt, wie der philosophische, oder besser, der geschicht-
liche Materialismus unvereinbar ist mit praktischem
Idealismus. Mehr als das Was wird vielmehr das Wie
unserer Bestrebungen durch unsere theoretischen Anschau-
ungen bestimmt. Das erstere ist meist das Ergebnis un-
serer Neigungen, unserer Sympathien, das zweite das
unserer Einsicht, unserer Verstandstätigkeit. Lassalle war
nicht minder Sozialist, weil er philosophischer Idealist
war, aber die Art seines Sozialismus, seine praktischen
Vorschläge waren die notwendigen Resultate seiner be-
sonderen theoretischen Anschauungen, seiner Auffassung
vom Staat, wie überhaupt seiner Geschichtsphilosophie.
Ed. Bernstein.
108
DIE PHILOSOPHIE FICHTES
Hochgeehrte Versammlung
Es ist mir von Seiten des Komitees dieser Gesellschaft
der Auftrag geworden, die Gedenkrede an dem heutigen
Feste zu halten, durch welches wir die Geburt und die
Wirksamkeit eines der gewaltigsten deutschen Geister
feiern.
Diese Aufgabe scheint zunächst verschiedenartiger Auf-
fassung fähig.
Wird auf die hohe Erleuchtung der Versammlung ge-
sehen, vor welcher ich zu reden die Ehre habe, so erscheint
das genaueste, streng wissenschaftliche Eingehen auf die
einzelnen Leistungen und Verdienste Ficht es tunlich.
Wird dagegen auf die Kürze der Zeit gesehen, welche
selbst bei reichlichster Bemessung dieser Erinnerungsrede
gegönnt werden kann, so gestaltet sich diese Aufgabe
schon bei weitem schwieriger. Denn sie gestaltet sich dann
schon um dieser erforderlichen relativen Kürze willen da-
hin: mit Beibehaltung strengster Wissenschaftlichkeit, ja
mit einer gewissen Potenzierung derselben den inner-
sten Kern aufzusuchen, gleichsam den Geist des
Geistes, aus welchem alle diese einzelnen Leistungen
und Verdienste hervorgeflossen sind, dieselben daher nicht
nach der Mannigfaltigkeit ihrer Seiten und dem Reichtum
ihres einzelnen Inhaltes zu betrachten, nach welchem sie
ohnehin als bekannt vorausgesetzt werden müssen ; sondern
unsere Aufgabe würde hiernach gerade die sein, den Reich-
111
tum dieser Vereinzelung auf jenes Eine und zugrunde
Liegende zurückzuführen, welches sich als ihre innere
Tätigkeit aus sich herausgesetzt hat.
So hat sich uns die Aufgabe bis jetzt bestimmt durch
eine bloß äußerliche Reflexion, durch Rücksicht auf die
Kürze der Zeit.
Aber dasselbe Resultat tritt auch sofort hervor, wenn
wir den Blick auf die innere Forderung richten, daß
diese Feier, wenn sie eine angemessene und würdige sein
soll, eben eine ihrem Objekt, d. h. also dem Geist
F i c h t e s angemessene und i h n zur Erscheinung bringende
sein muß. Der Geist Fichtes selbst muß heute hier zur
Erscheinung kommen. Er muß eintreten nicht nur in diesen
Saal, sondern, wenn mir diese Macht gegeben ist, einziehen
in Ihre Gedanken und Ihre gesamte Persönlichkeit durch-
dringen Durch diesen Zweck ist aber nicht nur ausge-
schlossen von unserer Betrachtung sein Leben und alles
Vergängliche an ihm, sondern auch die Aufrollung
seiner einzelnen wissenschaftlichen Taten als solcher, ob-
gleich auch diese mit vollem Recht als unvergängliche
bezeichnet werden müssen. Denn es ist mit den theoreti-
schen Leistungen nicht anders als mit der Aufeinanderfolge
praktischer Taten, die ein Leben zusammensetzen. Durch
diese ganze Reihe von Einzelheiten geht hindurch ein
stilles und stummes Gesetz, sich austönend in diesen
Schwingungen und Äußerungen, aber in keiner einzelnen
und auch nicht in der äußeren Allheit derselben, sich
als Gesetz und in der einfachen Einheit und Innerlichkeit
eines solchen zur Darstellung bringend. Auch in der To-
talität dieser Äußerungen wird nur angeschaut und emp-
funden die in die Vielheit dieser Klänge ausgegossene Wir-
kung dieses Gesetzes. Aber ein anderes ist die Betrach-
tung oder Empfindung dieser als ein sinnliches Nachein-
112
ander auftretender Äußerungen und Töne, und ein an-
deres ist die denkende Zurücknahme derselben in die innere
einfache Einheit, aus der sie mit Notwendigkeit ent-
sprvngen.
Diese wird i n dem Unvergänglichen wieder in einem
noch höheren Sinne das Unvergängliche bilden, und erst
diese, auf das in den geistigen Leistungen Fichtes wir-
kende stumme Gesetz, auf den Geist seines Geistes, wie
ich vorhin sagte, zurückgehende Betrachtung wird eine
Fichte angemessene und ihn selbst in der einfachen Ein-
heit und Innerlichkeit seines Geistes zur Erscheinung brin-
gende sein können.
Eine ganz andere Gestalt scheint dagegen wieder unsere
Aufgabe zu empfangen, wenn wir erwägen, daß sich hier
Männer aus allen Berufszweigen zusammengefunden :
daß hierin schon sinnfällig hervortritt, wie wir heute nicht
ein bloßes philosophisches Berufs- und Gelehrtenfest, son-
dern ein die ganze Nation berührendes Fest begehen.
Und gewiß sind Sie alle auch bereits mit der Empfindung
hergekommen, daß wir hier einen für die gesamte Ent-
wicklung der Nation wichtigen Tag, daß wir ein N a t i o -
n a 1 f e s t und also auch in einer dem entsprechenden Weise
zu feiern haben. Sollte aber, meine Herren, überhaupt,
und trotz der strengen Wissenschaftlichkeit dieses großen
Mannes und seiner nicht der gesamten Nation zugänglichen
philosophischen Tiefe, ein Unterschied bestehen können
zwirchen einer Feier des Tages im eigenen wissenschaft-
lichen Geiste des Philosophen Fichte und einer Feier
desselben im nationalen Sinne und als nationales
Fest?
Was ist es, das einen Mann zum großen Mann
macht ? Nur dies eine : daß er den Geist der Nation, wel-
cher er angehört, in sich wie in einem Brennpunkt zu-
8 Lm««11«. G«. Schriften. Band VI. 113
sammenfaßt und ihn eben durch diese Zusammenfassung
irgendwo zum reinsten Ausdruck und zur Fortent-
wicklung bringt ; daß also der nationale Geist selbst
in diesem Manne irgendwo seine deutlichste, in eine be-
stimmte Individualität gegossene Sichtbarmachung und Be-
tätigung seiner selbst vollbringt. Eine Nation würde hier-
nach einen großen Mann gar nicht anders feiern können,
als indem sie ihren eigenen nationalen Geist feiert, den
sichtbaren Ausdruck und Entwicklungsdruck feiert, den
sich der nationale Geist in und durch diesen seinen Träger
gegeben hat. Jede Feier eines großen Mannes würde so,
bewußt oder unbewußt, immer nur in einer Selbst-
f e i e r u n g des nationalen Geistes seitens dieser
Nation bestehen.
Ja, meine Herren, es ist ein im strengsten Geiste Fich-
tes gedachter Gedanke, daß eine Nation überhaupt nichts
anderes feiern kann als ihren eigenen Geist ! Alles andere
kann eine Nation nur feiern wollen und äußerliche .Veran-
staltungen dazu treffen, auch Festmahle und Reden halten.
Eine wirkliche Feier aber ist, wie jeder Kultusakt,
nur eine Sichselbstbefeierung des öffentlichen Geistes die-
ses Volkes. — Die bewußte nationale Feier würde also
darin bestehen, daß eine Nation sich darüber zur Klarheit
bringt, inwiefern es gerade i h r Geist war, der in dem
allgemein menschheitlichen Geiste dieses Individuums diese
Produktionen hervorrief und welche höhere Stufe des Da-
seins sie durch diesen ihren Träger erstiegen hat. Indem
ab?r eine Nation sich zur Klarheit bringt, inwiefern gerade
ihr Geist das Wirkende in dem Geiste jenes Individuums
und das innere Gesetz in seinen Leistungen war, ist
damit zugleich das erreicht, was wir früher als die For-
derung einer dem Geiste Fichtes angemessenen Feier ge-
funden haben : daß es sich nämlich darum handle, ihn nicht
114
nach seinen einzelnen Leistungen, sondern nach dem trei-
benden einfachen Gesetze derselben zu betrachten und so
de-i Geist seines Geistes zur Erscheinung zu brin-
gen. — Die bewußte nationale Feier zeigt sich also
als die wahrhafte Synthesis, als die höhere Vereinigung der
spezialistisch-wissenschaftlichen und der vulgär oder un-
bewußten nationalen Feier ; sie wird so die philosophische
Feier sein.
Von allen Seiten rechtfertigt sich näher die Aufgabe
der Feier, welche sich uns als die allein richtige ergeben
hat.
In dem formellen Begriff der Feier selbst begrenzen
und vereinigen sich somit zwei Vorstellungen : R u h e und
Tätigkeit. Feier ist Ruhe; es soll ausgeruht werden
von den Beschäftigungen des täglichen Lebens und Stre-
bens. Feier ist aber auch Tätigkeit, schließt diese Vor-
stellung in sich ein, und ohne irgendwelche durch den
Inhalt der Feier näher bestimmte Tätigkeit wäre Feier
nicht denkbar. Bei der nationalen Feier werden somit
Ruhe wie Tätigkeit durch den Begriff des Nationalen
näher bestimmt sein. — In unserer Alltagstätigkeit ist idas
nationale Leben in uns in dem Prozesse seines rastlosen
Weiterstrebens begriffen. Auch der Gelehrte, auch der
Denker ist dem einzelnen hingegeben und in dieses ver-
tieft und' kann keineswegs in dieser Tätigkeit das hinein-
schauende Bewußtsein auf das in ihm selbst tätige natio-
nale Prinzip fortgesetzt festhalten. Die Versenkung in
das einzelne ist vielmehr die Bedingung aller Leistung.
Dieser weiterstrebende Prozeß des nationalen Lebens soll
in der Feier um ihrer Ruhe willen zum Stehen kommen.
Aber um der Tätigkeit willen, welche in dem Begriff
aller Feier liegt, soll diese Ruhe des nationalen Lebens
zugleich eine Tätigkeit desselben in uns sein, und zwar
8' 115
sollen beide, Ruhe und Tätigkeit, auch nicht, weder der
Zeit, noch dem Gegenstande nach auseinanderfallen, son-
dern ungetrennt und in einem soll diese Ruhe in Tätigkeit,
diese Tätigkeit in Ruhe bestehen. Daß also der Prozeß
des nationalen Lebens, wie ich sagte, zum Stehen kommt,
soll selbst wieder durch eine andere Tätigkeit des natio-
nalen Lebens in uns gesetzt werden, und diese Tätigkeit
des nationalen Lebens soll in einer aus dem Weiterfließen
dieses Stromes zurückgezogenen Ruhe bestehen. Die Syn-
thesis dieses Wiederspruches ist somit keine andere als
die in sich selbst hinein- und zurückschauende Selbstbe-
trachtung des nationalen Lebens, welche ruhend von dem
Weiterstreben desselben und mit in sich gekehrtem Auge
sich das Selbstverständnis seiner Entwicklung und das
Gesetz seines Waltens aufschließt.
Diese Verständigung des deutschen Geistes mit sich
selbst, mit welcher Notwendigkeit gerade aus seinem
nationalen Prinzip Fichte hervorgeht, welche höhere Stufe
dasselbe in ihm erreicht, zu welcher weiteren Entwicklung
er dadurch wieder den Grund legt, und wie er in dieser
heute noch, nicht gestorben, in uns fortlebt — diese Selbst-
verständigung wird also, wie sich übereinstimmend als For-
derung einer Fichte angemessenen Feier, als Forderung
eines Nationalfestes und als Forderung des Begriffes der
Feier überhaupt bestimmt hat, unsere notwendige Aufgabe
bei der heutigen Feier sein.
Indem wir uns dieser Aufgabe unterziehen, haben wir
uns nicht einer willkürlichen Auffassung derselben hinge-
geben, welche so und auch anders hätte ausfallen können.
Sondern es hat sich uns diese Aufgabe bestimmt, als
die schlechthin notwendige Aufgabe dieses Tages,
die sich gar nicht anders bestimmen konnte, als wie sie
sich uns eben bestimmt hat.
116
Wenn ich mit dieser Genauigkeit bei der Bestimmung
der notwendigen Auffassung der Aufgabe zu Werke ge-
gangen, so geschah dies nicht nur, weil in der gründlich
und notwendig bestimmten Aufgabe immer die Hälfte ihrer
Lösung besteht, auch nicht nur, weil dies eben der unter-
scheidende Charakter alles philosophischen Denkens ist,
nicht frischweg mit der Lösung der Aufgabe, sondern mit
der Untersuchung und Bestimmung der Aufgabe selbst
zu beginnen und aus ihr mit Notwendigkeit die Lösung
abzuleiten — es geschah vielmehr besonders auch deshalb,
um mit dem eigenen Geiste Fichtes zu verfahren. Denn
wie so Kundigen, wie Ihnen, lange deutlich gewesen sein
wird, war diese Untersuchung der Aufgabe nichts anderes,
als ein nicht untreues Bild der Methode, in der sich
das eigene Denken Fichtes bewegt und der langsamen
Gründlichkeit, mit der es vorschreitet, vor jedem Schritt
das Prinzip des Schreitens selbst untersuchend. Und es
ziemt sich uns heute, meine Herren, in seiner Tracht
und Gewandung einherzugehen und seine Farben zu
tragen. — Werfen wir also, um uns jenes Zusammenhanges
bewußt zu werden, einen Blick auf das Charakteristische
in der Lage der Dinge, welche in der Mitte des vorigen
Jahrhunderts stattfindet, so ist diese gemeinschaftlich in
Deutschland wie Frankreich folgende:
Es existiert eine Wirklichkeit, welche, statt eine Gegen-
wart im philosophischen Sinne, d. h. ein Ausfluß und
eine lebendige Betätigung des allgemeinen Selbstbewußt-
seins zu sein, nach allen Seiten hin das versteinerte Produkt
vergangener Jahrhunderte bildet. Hergebrachte, in den
Verhältnissen einer fernen Vergangenheit wurzelnde For-
men und Dogmen beherrschen alle Gebiete des öffentlichen
Geistes, sind in Staat, Religion, Kunst und bürgerlichem
Leben die allein gültigen Normen, welchen sich das Selbst-
117
bewußtsein zu unterwerfen hat, ohne sich im ge-
ringsten in ihnen bewährt und bejaht zu finden. Es wäre
ein Irrtum, zu glauben, daß die Philosophie
ein Privilegium habe, sich einem solchen Zu-
stand des öffentlichen Geistes entziehen zu
können. Hätte sie ein solches, so müßte sie selbst ein
dem Geiste Entnommenes, Ungeistiges sein, statt nur
die tiefste Innerlichkeit des geistigen Lebens einer jeden
Epoche, ihren höchsten Gedankenausdruck, zu bilden.
Die Philosophie jener Epoche spiegelt also ihrerseits
den geschilderten Zustand vollkommen zurück in dem Em-
pirismus, der Erfahrungsphilosophie, die besonders von
England her durch Locke sich Eingang verschafft hatte.
Im Empirismus wird die Wahrheit zur Wahrneh-
mung und Erfahrung. Ein angeblich Wirkliches
und Objektives ist, und ist außerhalb des Be-
wußtseins, in der Außenwelt und ihm gegenüberstehend.
Das Bewußtsein selbst ist hier nur die tabula rasa, auf
welche das Wirkliche seine Charaktere einzeichnet, das
selbstlose Wachs, welches von der gegenständlichen
Außenwelt ihrem Eindruck unterworfen wird, und die
selbstlose Aufnahme dieses Druckes und Eindruckes soll
die Wa h r h e i t sein. — Der geschilderte Zustand der
Dinge war, wie bereits bemerkt, gemeinsam in Deutsch-
land und Frankreich. Aber gerade die verschiedene, ent-
gegengesetzte und dennoch in ihrem tiefsten Innern iden-
tische Weise, in welcher sich beide Nationen zu diesem
Zustande verhalten, ist im höchsten Grade Aufschluß ge-
bend über den in seinem Entwicklungsgang ebenso ent-
gegengesetzten, als wiederum tief identischen Geist dieser
beiden großen Nationen; diese entgegengesetzte und den-
noch innerlich identische Weise wird daher auch den ge-
eignetsten Schlüssel zur Selbstverständigung bieten über
118
das eigentümliche Entwicklungsgesetz, welches dem deut-
schen Geiste als sein Los gefallen ist. Beides, meine
Herren, Gegensatz wie Identität, ist zunächst in eine kurze
Formel zusammengefaßt, aber noch durchaus nicht nach
seiner wirklichen Bedeutung entwickelt, wenn wir sagen,
daß die Franzosen das Volk des praktischen Idea-
lismus, die Deutschen das Volk des theoreti-
schen Idealismus sind.
Schon das Kind, meine Herren, steht unter dem Drange
des praktischen Idealismus. Indem es die Gegenstände
zerbricht, gibt es sich in diesem Akte das Gefühl und die
Gewißheit seines subjektiven Selbst und dessen überlegener
negierender Kraft. — Dieser zerbrechende, praktische
Idealismus ist es, den Frankreich gegen jene versteinerte
Wirklichkeit herausgekehrt und dadurch die gewaltige Um-
wälzung des vorigen Jahrhunderts vollzieht. — Anders
der deutsche Geist. Nicht überheben, meine Herren,
wollen wir uns unseres Loses. Denn wir wissen, welche
zeitweilige Einseitigkeit durch jede Bestimmtheit
eines besonderen Entwicklungsganges gegeben ist, und wir
wissen, was uns infolge dessen fehlt.
Nicht überheben also — aber erheben wollen wir
uns an der geistigen Größe unseres nationalen Loses, in-
dem wir das Gesetz unseres Entwicklungsganges be-
lauschen und aus der gewaltigen Tiefe desselben die Ge-
wißheit unseres Geistes und seines nationalen Berufes und
somit Trost und Stärkung für seine weitere Entwicklungs-
arbeit schöpfen.
In anderer also und tieferer Weise, sage ich, wendet
sich der deutsche Geist gegen jene versteinerte Wirklich-
keit, gegen jene objektive Außenwelt, die an und
für sich sein und sich selbständig und gesetz-
geberisch dem Selbstbewußtsein aufdrängen
119
will. An ihrer innersten und tiefsten Gedankenwurzel faßte
er sie. Wie in der sinnlichen Wahrnehmung die objektive
Außenwelt dem Subjekt gegenübersteht, so war dieselbe
Trennung durch alle Gebiete des Erkennens durchgeführt.
Hüben die Lehre von den Kategorien des objektiven Seins,
die Metaphysik oder Ontologie, drüben die Logik oder die
Lehre vom subjektiven Denken. Gegen diese Trennung
durch alle ihre Abstufungen hindurch erhebt sich nun der
deutsche Geist im Kritizismus, indem er das P r i n -
z i p dieser Trennung selbst zum Gegenstande seiner Unter-
suchung macht.
Vo r der Erkenntnis muß das Erkenntnisvermögen selbst
untersucht werden — dies ist der Satz, von welchem die
kritische Philosophie ausgeht, und indem sie nun diese
Untersuchung führt, weist sie nach, daß alle Kategorien
des objektiven Seins, Quantität, Qualität, Relation, Ur-
sache und Wirkung, Möglichkeit, Wirklichkeit, Notwen-
digkeit etc., ja selbst die sinnliche Anschauung von Raum
und Zeit, weit entfernt, etwas Objektives, Erfahrungs-
mäßiges und dem Selbstbewußtsein selbständig Gegen-
überstehendes zu sein, nichts anderes als apriori-
sche 1 ) Begriffe des Selbstbewußtseins selbst, nichts an-
deres als die eigenen Formen des subjektiven Denkens,
die eigenen Funktionen des urteilenden Verstandes sind.
Das wahrhaft und schlechthin Objektive, das Ding
an sich, bleibt auf diesem Standpunkt als ein Jenseits
unseres Erkennens und demselben schlechthin unzugäng-
lich liegen. Alles Erkennen des Sinnlichen wie Unsinnlichen
löst sich auf in bloße, vom Ich selbst hervorgebrachte Er-
scheinung, in eine Apperzeption 2 ) des tätigen
*) Von vornherein gegebene.
2 ) Als solche erkannte Wahrnehmung.
120
Selbstbewußtseins, in ein nicht An sich-, sondern in ein
Fürunssein des Objektiven, in welchem uns nichts
als die eigene Natur und Tätigkeit des subjektiven Be-
wußtseins für uns wird und nur den Schein der Gegen-
ständlichkeit annimmt.
Der deutsche Geist, indem er diese gewaltige Tat voll-
bringt, die Grundlage, von welcher unsere gesamte neue
Philosophie ausgeht, heißt Kant! Es wird nach dem Bis-
herigen kaum erforderlich sein, den Gehalt dieser welter-
schütternden Tat noch besonders hervorzuheben. Jene
Trennung und Gegenübersetzung des Wirklichen, Dasei-
enden und des Subjektiven ist überwunden. Die Selbstän-
digkeit und Gegenständlichkeit, welche der objektiven
Außenwelt im Empirismus zukam, ist zerbrochen und über-
all ist dem Subjekt nur sein eigenes Selbst als der Inhalt
seines Auffassens derselben zum Vorschein gekommen.
Aber, meine Herren, Sie sehen sofort : ebenso sehr wie
das Gesagte und sich mit ihm untrennbar in jedem Punkte
durchdringend, gilt auf diesem Standpunkte auch noch das
Gegenteil des Gesagten. Als das wahrhaft Objektive ist
nämlich das Ding an sich übrig geblieben, welches das
schlechthin unerreichbare Jenseits unseres Erkennens bleibt.
Die Aufhebung jener Trennung und Gegenüber-
stellung des Objektiven und Subjektiven, welche die Kant-
sche Philosophie vollbringt, ist also auf jedem Punkte
auch noch von Nichtaufhebung durchdrungen.
Ja eben deshalb zeigt sich als das notwendige Resultat
dieses Standpunktes, daß jetzt ein noch weit tieferer
und schmerzlicherer Riß eingetreten ist als früher.
Auf dem naiven Standpunkt des Empirismus glaubte das
Bewußtsein, noch unbefangen in Wahrnehmung und Er-
fahrung, die Wahrheit in sich aufnehmen zu können.
Jetzt ist die objektive Gegenständlichkeit und Festigkeit
121
dieser Welt aufgelöst worden, aber in dieser Gewiß-
heit seiner selbst, welche sich das Selbstbewußtsein in
diesem Auflösungsprozeß gab, ist ihm nach seinem eigenen
Eingeständnis, daß das wahrhaft Objektive, das Ding
an sich, ein niemals zur Apperzeption des Ich kommendes
sei, die Wahrheit zugrunde gegangen und zu einem uner-
reichbaren Jenseits geworden. Die objektive Gegenständ-
lichkeit und Festigkeit dieser Welt ist in Trümmer ge-
schlagen worden durch die Überlegenheit des Selbstbe-
wußtseins, aber aus diesen Scherben leuchtet ihm hohn-
neckend nur immer sein eigener subjektiver Wider-
schein entgegen. Je mehr und je sehnsüchtiger seine Arme
ausgebreitet sind, das Objektive zu umfangen, desto un-
nahbarer zieht sich das Objektive in sein Jenseits zurück,
dem nachstürzenden Selbstbewußtsein nur Schatten ent-
gegenwerfend, in deren Umarmung es nur sich selbst um-
armt. Es ist eine entgötterte Welt, zu welcher dies
vernünftige und beseelte All geworden ist. Gott selbst,
das Absolute, ist auf diesem Standpunkt nur ein Postulat
der praktischen Vernunft ; d. h. nicht ein Dasein —
denn die Vernunft kann nach Kant ihren Ideen nicht
Realität geben, sondern nur eine Voraussetzung des
bedürftigen Selbstbewußtseins.
Auf diesem Standpunkt erhebt sich daher die Sehn-
sucht und die Klage über die entgötterte Welt; auf
diesem Standpunkt der Schmerz, zu wissen, daß wir nichts
wissen können.
Der titanische Geist Kants, der Kantsche Standpunkt
ist in Wahrheit jener Faust, welchem der Geisterchor
zuruft :
Weh! Weh!
Du hast sie zerstört,
Die schöne Welt,
122
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt !
Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
Wir tragen
Die Trümmer ins Nichts hinüber,
Und klagen
Über die verlorne Schöne.
Mächtiger
Der Erdensöhne,
Prächtiger
Baue sie wieder,
In deinem Busen baue sie auf!
Und genau s o , wie es ihm der Sehnsuchtslaut des
Dichters zuruft, — aus seinem Busen baute er sie
auf. Der deutsche Geist, indem er die Welt wieder auf-
baut und zwar an seinem Busen aufbaut — heißt :
Fichte!
In der Reihe der Philosophen besteht aller Fortgang
nur darin, daß jeder Nachfolger nur die Summe der
Existenz seines Vorgängers zieht, nur aus-
spricht, was jener an sich bereits geleistet
hat. So ausgesprochen, ist es ein vollkommen
neuer Gedanke und ein neuer Standpunkt des
Geistes geworden. Es wäre hiernach möglich, wenn
diese Konzentration auch das Schwierigste von allem sein
dürfte in der philosophischen Betrachtung, jeden Philo-
sophen auf einen einzigen Satz zu reduzieren, welcher
sofort das Bestreben hat, ineinenausihmfolgenden
und ihm dennoch entgegengesetzten Satz überzu-
gehen.
Kant hatte durch den Kritizismus die objektive Welt
zur bloßen, nicht an sich seienden und vom subjektiven Be-
wußtsein vorgespiegelten Erscheinung herabgesetzt ; er
hatte die objektive Welt aufgelöst in das negative
123
Resultat des subjektiven Bewußtseins, das
wir beschrieben haben.
Fichte akzeptiert nur die Auflösung, indem er sie zu-
gleich in ihr positives Resultat münden läßt. Er akzeptiert
jenen Untergang der objektiven Welt in das Selbstbewußt-
sein, indem er ihn umbiegt in den Hervorgang der
objektiven Welt aus dem reinen Selbstbewußt-
sein, mit anderen Worten in den Gedanken: daß das
Ich oder das reine Denken das konstruktive
Gesetz und der positive erzeugende Mutter-
schoß alles nur aus ihm sich entwickelnden
und ableitenden Objektiven und Realen sei.
Dies ist es, was Fichte in seiner Wissenschaftslehre und
den aufeinanderfolgenden Gestaltungen, die er ihr gegeben,
vollbringt.
Fichte, nach einem absolut-ersten, schlechthin und un-
bedingt gewissen Grundsatz suchend, aus welchem alles
andere sich entwickele, geht aus von dem Begriff des
reinen Ich oder des Selbstbewußtseins. Er geht
nämlich zunächst aus von dem unbedingt gewissen Satz :
A gleich A oder dem Satze der Sichselbstgleichheit. Aber
was ist in diesem Satze gegeben ? Nicht daß A i s t , dies
ist damit weder gegeben noch behauptet, sondern nur daß,
wenn A ist, es gleich A ist. Diese Beziehung, nicht das
Dasein von A ist als schlechthin daseiend gegeben. Unbe-
dingt ist also nicht der Gehalt, sondern nur die Form jenes
Satzes, die Sichselbstgleichheit von einem A, dessen Da-
sein noch hypothetisch und bedingt ist. Bereits aber
ist auch ein Dasein als unbedingt und schlechthin gewiß in
jenem Satze der Sichselbstgleichheit gegeben, nämlich nicht
das Dasein von A, sondern das Dasein vom Ich. Denn
jener Satz der Sichselbstgleichheit, daß A, wenn es ist,
gleich A ist, ist im Ich und durch das Ich gesetzt, das
124
nach ihm als einer ihm schlechthin und unbedingt
gegebenen Tatsache des Bewußtseins ur-
teilt. Es ist also jetzt der nicht mehr nur nach der
Form, sondern auch nach dem Gehalte unbedingte Satz
gefunden : Ich bin, nicht mehr bloß : Ich bin ich, in dem-
selben Sinne, wie der Satz, A ist A, so daß bloß gesagt
sei, wenn Ich sei, so sei Ich sich selbst gleich,
dies aber, ob es überhaupt sei, noch als hypothetisch und
bedingt gelassen ist, sondern der auch seinem Gehalte
nach unbedingte Satz, welcher unbedingt aussagt, daß Ich
schlechthin dasei, oder der Satz: Ich bin.
Das Ich hat also schlechthin sein eigenes Sein gesetzt,
und dies Sein des Ich besteht nur darin, sich schlechthin
als seiend zu setzen. Das Ich setzt sich selbst : so ist
es ; das Ich ist, aber dies Sein ist nur die reine Tätigkeit,
sich selbst zu setzen. Mit anderen Worten: „Dasjenige,
dessen Sein bloß darin besteht, daß es sich selbst als
seiend setzt, ist das reine Ich, das reine Denken."
Aber weiter : Indem ich sage Ich, indem ich mich, das
Selbstbewußtsein, als seiend setze, bin ich hierdurch auch
schon die Tätigkeit, mich, das Ich, von anderem zu unter-
scheiden. Ich ist nicht Zusammenfließen mit allem mög-
lichen sinnlichen Dasein, sondern Rückgang in sich, Unter-
scheiden von sich und anderem. Indem ich sage : ich, habe
ich damit auch schon ein mir anderes, ein N i c h t - i c h
gesetzt. Es ist also ebenso gewiß dem Ich schlechthin
entgegengesetzt ein N i c h t - i c h , das ihm somit, es be-
schränkend, gegenübersteht. Aber dies Nicht-ich ist, wie
sich gezeigt hat, selbst gesetzt durch die eigene
setzende Tätigkeit des Ich.
Und jetzt werden von Fichte nun weiter alle Kategorien
der objektiven und realen Welt : Quantität, Realität, Ur-
sache und Wirkung, Substantialität etc., aus dieser setzen-
125
den Tätigkeit des Ich oder des reinen Denkens mit im-
manenter Notwendigkeit abgeleitet.
Sie werden abgeleitet, sage ich, d. h. in Fichte tritt der
deutsche Geist das seit Aristoteles' Zeit unberührt ge-
bliebene griechische Erbteil an, die Kategorien aus der
reinen, sich mit innerer Notwendigkeit fortbestimmenden
Tätigkeit des Gedankens zu entwickeln, zu erzeugen.
Es geht hier etwas ganz anderes und Entgegengesetztes
vor als bei Kant. Kant greift die Kategorien als empirisch
vorausgesetzte auf und löst sie in Funktionen des subjek-
tiven Bewußtseins auf. Fichte umgekehrt erzeugt und
leitet ab aus dem reinen Denken alle Kategorien der gegen-
ständlichen Welt, erzeugt diese als objektiv dasei-
ende und als das notwendige Produkt des reinen
Denkens, von dem er ausgeht. Er verfährt hierbei so,
daß er von jeder produzierten Kategorie zeigt, daß sie
mit sich selbst in Widerspruch tritt und nun durch nähere
Bestimmung die Synthese hervorbringt, in welcher sie sich
mit ihrem Widerspruch vereinigt ; d. h. mit anderen Wor-
ten: es liegt bei Fichte an sich bereits vollständig die
durch das Gesetz des Gegensatzes ent-
wickelnde dialektische Methode Hegels vor.
Man kann überhaupt nicht eine Seite der Fichteschen
Werke mit tiefem Auge betrachten, ohne überall die
Keime Hegels zu gewahren.
Es ist üblich geworden, bei der Kritik Fichtes zu
sagen : daß sein Ich immer den Anstoß eines Nicht-ich
brauche, daß also im Grunde bei ihm derselbe Dualismus
wie bei Kant vorliege. Selbst ein so großer Mann wie
Hegel richtet diese Kritik gegen Fichte. Auch ist das,
was in dieser Kritik gesagt wird, nicht unrichtig, aber
es ist nicht erschöpfend und darum auch wieder nicht
gerecht. Es ist nicht unrichtig, denn die weitere
126
Fortleitung geht bei Fichte in der Tat durch diesen An-
stoß des Nicht-ich vor sich, welches wieder durch das
Ich beschränkt und bestimmt wird. Aber die Kritik ist
nicht erschöpfend und darum nicht gerecht, denn sie über-
sieht zweierlei : Einmal in formeller Hinsicht, daß das
Nicht-ich selbst in letzter Instanz ein durch das Ich
Gesetztes war, daß also in letzter Instanz alles aus
der eigenen setzenden Tätigkeit des Ich entwickelt ist.
Zweitens und in inhaltlicher Hinsicht, daß, indem alle
Kategorien der Gegenständlichkeit positiv abgelei-
tet, positiv — und als objektiv daseiende —
erzeugt werden aus dem reinen Denken, hiermit das
Ding an sich, welches bei Kant dem Bewußtsein un-
ergreifbar gegenüber stand, jetzt bei Fichte in das Ich
selbst hineingefallen ist.
Das Ich oder das reine Denken ist bei Fichte das
wahre Ding an sich geworden. Es ist selbst das ab-
solute Ansich alles Seins, ailes Daseiende aus sich
entwickelnd. Das Ich oder das reine Denken ist, wie
Fichte selbst sagt, alle Realität, und es hat nichts Reali-
tät, als das Ich und das von ihm Gesetzte. Es ist also
die Rollenvertauschung gegen Kant vorgegangen, daß das
Ding an sich in das reine Denken selbst, alles weitere aus
sich positiv setzend, hinübergetreten, daß es selbst zum
reinen Denken und seiner ailes andere aus sich erzeugen-
den Tätigkeit geworden ist ; oder es ist mit anderen Wor-
ten der Kantsche Dualismus aufgehoben und an sich
bereits das Prinzip der Identität von Denken und Sein
gegeben.
Ich sagte Ihnen vorhin, meine Herren, daß jeder Philo-
soph immer nur das Fazit von dem zieht, was sein Vor-
gänger schon geleistet hat, immer also nur das ausspricht,
was bei jenem an sich schon gegeben war. Ist dies wahr,
127
so folgt hieraus mit Notwendigkeit, daß dasjenige,
was von einem Philosophen geleistet wird,
noch verschieden ist von dem zusammen-
fassenden Bewußtsein, welches er selbst
über diese Leistung hat.
Bei niemanden aber zeigt sich dies deutlicher als bei
Fichte. Denn in der ersten Zeit seines Auftretens glaubt
er noch ganz auf dem Standpunkt Kants zu stehen. Er
erklärt gleich im Eingang seiner Schrift über den Begriff
der Wissenschaftslehre (1794, W., Bd. I. 30) seine
innige Überzeugung, daß „kein menschlicher Verstand
weiter als bis zu der Grenze vordringen könne, an der
Kant gestanden". Er erklärt zu wissen, „daß er nie etwas
wird sagen können, worauf nicht schon Kant unmittelbar
oder mittelbar, deutlicher oder dunkler gedeutet habe".
Auch noch in den nächsten Jahren hält er im ganzen, ob-
wohl nicht ganz ohne Schwankungen, diese Auffassung
seiner Philosophie fest. Er erklärt z. B. 1797 in seiner
im philosophischen Journal erschienenen ersten Einleitung
in die Wissenschaftslehre, daß sein Vorhaben nichts an-
deres sei, als nur eine systematische und von Kant ganz
unabhängige Darstellung der großen Entdeckung zu geben,
welche Kant gemacht habe.
Merkwürdig ! In den sinnlosen und lächerlichen An-
griffen, welche die ersten Veröffentlichungen der Fichte-
schen Wissenschaftslehre hervorriefen, Angriffe, welche
unserer Nation zur Schande gereichen würden, wenn es
nicht das ewig wiederkehrende Schicksal alles Neuen und
Großen wäre, die dumpfe Mittelmäßigkeit und den auf
dem Hergebrachten horstenden Unverstand gegen sich in
den Harnisch zu bringen, in all diesen lächerlichen und
elenden Rezensionen war nur das eine wahr, daß, wie
die Rezensenten behaupteten, hier ein von Kant
12S
durch und durch verschiedenes System vor-
liege. In all den herben und von jenem verachtenden
Stolze, der ihm so wohl anstand, getragenen Antworten,
zu denen Fichte sich gelegentlich diesen Rezensenten gegen-
über herbeiläßt, war nur das eine unrichtig, daß, wie
er krampfhaft festhält, Kant nur mißverstanden
worden und der Kantsche Gedanke mit dem
seinigen identisch sei.
Später, wie Sie wissen, änderte Fichte seine Ansicht
hierüber gänzlich und erkannte vollständig den neuen selb-
ständigen und epochemachenden Standpunkt, den er in
der Geschichte des Geistes bezeichnet. Aber schon in
seinen die Wissenschaftslehre betreffenden Veröffent-
lichungen der ersten Zeit fehlt es, selbst abgesehen von
dem, was durch das Ganze der Leistung gegeben war,
nicht an besonderen Stellen, worin sein Gegensatz zu Kant
und dem Kantschen Prinzip sich auf das Klarste aus-
spricht. Da diese Stellen demnach besonders geeignet sein
müssen, dasjenige zu bewähren, was ich Ihnen über die
höhere und versöhnte Weltanschauung gesagt habe,
welche — entgegengesetzt dem bei Kant noch vorhandenen
Dualismus — durch die Fichtesche Philosophie dem Be-
wußtsein des Geistes erobert wird, so wird es von Inter-
esse sein, einige derselben hier anzuführen.
So sagt er in dem 1795 veröffentlichten Grundriß des
Eigentümlichen der Wissenschaftslehre (I. S. 332) : „Kant
geht aus von der Voraussetzung, daß ein Mannigfal-
tiges für die mögliche Aufnahme zur Einheit des Be-
wußtseins gegeben sei, und er konnte von dem Punkt aus,
auf welchen er sich gestellt hatte, von keiner anderen
ausgehen. Er begründete dadurch das Besondere für die
theoretische Wissenschaftslehre ; er wollte nichts weiter
begründen und ging daher mit Recht von dem Besonderen
9 LttMÜe. G«. Sckriftsn, B^.d VI. 129
zum Allgemeinen fort. Auf diesem Wege nun läßt sich
zwar ein kollektives Allgemeines, ein Ganzes der bisheri-
gen Erfahrung, als Einheit unter den gleichen Gesetzen,
erklären : n i e aber ein unendlich Allgemeines, ein Fort-
gang der Erfahrung in die Unendlichkeit. Von dem
Endlichen aus gibt es keinen Weg in die Unendlichkeit ;
wohl aber gibt es umgekehrt einen von der unbestimmten
und unbestimmbaren Unendlichkeit, durch das Vermögen
des Bestimmens, zur Endlichkeit — und darum ist
alles Endliche Produkt des Bestimmenden."
Sie sehen also, meine Herren, gegenüber dem Kant-
schen Ausgang vom Endlichen, von welchem aus, sagt
Fichte, es keinen Weg zum Unendlichen gebe, woher in
der Tat der Kantsche Dualismus, die Jenseitigkeit seines
Ding an sich, herfließt, hebt er es als seinen Weg und
seine Philosophie hervor, daß vom Unendlichen selbst
ausgegangen und das Endliche als ein Produkt des Sich-
selbstbestimmens des Unendlichen erzeugt werde, womit
also die Trennung aufgehoben und das Prinzip der Identität
beider bereits gegeben ist.
Und ebenso sagt er an einer anderen Stelle derselben
Schrift (LS. 386) : „Kant, der die Kategorien ursprüng-
lich als Denkformen erzeugt werden läßt und der
von seinem Gesichtspunkte aus daran völlig recht hat,
bedarf der durch die Einbildungskraft entworfenen Sche-
mata, um ihre Anwendung auf Objekte möglich zu
machen ; er läßt sie demnach ebensowohl als wir durch die
Einbildungskraft bearbeitet werden und derselben zugäng-
lich seien. In der Wissenschaftslehre entstehen sie mit
den Objekten zugleich, und um dieselben erst möglich
zu machen, auf dem Boden der Einbildungskraft selbst."
Also nicht, wie Kant, als Denkformen, wie Fichte
scharf betonend hervorhebt, sondern als Daseinsfor-
130
m e n will e r die Kategorien behandeln. Die Objekte selbst
werden nach ihm, weit entfernt, ein den Kategorien uner-
greifbares Ansich behaupten zu können, erst erzeugt mit
und durch die Kategorien.
Und ebenso daselbst gegen den Skeptiker Maimon sich
wendend, welcher der Kantschen Philosophie den Einwurf
gemacht hatte : Wohl möge der Mensch apriorische Ge-
setze des Denkens haben: aber was berechtigt ihn, diese
Gesetze auf die Objekte anzuwenden, wie komme er an
das Objekt heran? — antwortet Fichte (ib. S. 288):
„Diese Frage kann nicht anders beantwortet werden, als
so : sie — die Denktätigkeit — muß es — das Objekt
— selbst produzieren, wie in der Wissenschaftslehre
aus anderen Gründen ganz unabhängig von jenem Bedürfnis
schon dargetan worden ist." Und in der (I.) Einleitung
zur Wissenschaftslehre, die er nachträglich — 1797 —
in dem philosophischen Journal herausgibt, spricht er sich
über das wahre Objekt seines Systems also aus (I.
S. 428) : „Das Objekt dieses Systems kommt noch als
etwas Reales wirklich im Bewußtsein vor, nicht als ein
Dingan sich, wodurch der Idealismus aufhören würde
zu sein, was er ist, und in Dogmatismus sich verwandeln
würde, aber als Ich an sich."
Sie sehen also, wie es sich hier bestätigt, was ich Ihnen
vorhin sagte, daß das Ding an sich, welches bei Kant dem
subjektiven Bewußtsein gegenübersteht und gegenüber-
bleibt, bei Fichte die Rollen tauscht. Das Ansich des
Seins ist in das Bewußtsein selbst hinübergetreten, das
Ding an sich ist ein Ich an sich geworden, welches
alles Dasein aus sich ableitet und heraussetzt, und jene
Jenseitigkeit des wahrhaft Objektiven, jener Zwiespalt des
Unendlichen und des Endlichen ist damit aufgehoben, wie
Fichte bald darauf selbst erklärt (I. 454): „Die Ab-
9« 131
leitung einer objektiven Wahrheit, sowohl in der Welt
der Erscheinungen, als auch in der intelligibeln Welt,
ist ja der einzige Zweck aller Philosophie."
Es hat sich Ihnen also gezeigt, meine Herren, wie der
Sehnsuchtsruf des Dichters in Fichte erfüllt ist. Die ob-
jektive Welt ist wieder aufgebaut, und zwar ist sie auf -
gebaut aus der reinen I nnerlichkeit des Ich, dem reinen
Denken, welches ihr erst dadurch, daß es sie aus sich
setzt und hervorbringt, Wahrheit und Objektivität verleiht,
sie aber dadurch zugleich aus der Jenseitigkeit des Kant-
schen Dualismus herausreißt und zum versöhnten Da-
sein seines eigenen Innern, des Denkens macht. Aufge-
baut, und zwar aus seinem Busen, aus der reinen Inner-
lichkeit des Ichs, aufgebaut hat Fichte die Welt aus den
Trümmern der wesenlosen Erscheinung, in die sie die
Kantsche Philosophie geschlagen.
In der neuen und noch tieferen „Darstellung der Wis-
senschaftslehre" endlich, welche Fichte 1801 herausgibt,
entwickelt er selbst die Identität des absoluten
Seins und absoluten Denkens und weist nach,
daß das absolute Wissen nichts anderes sei, als das
Fürsich sein des Absoluten selbst. Und in der
zweiten Ausgabe, die er 1802 von seiner früheren „Grund-
lage der gesamten Wissenschaftslehre" erscheinen läßt,
macht er zu den Worten derselben: ,,Das Ich setzt ur-
sprünglich schlechthin sein eigenes Sein" die Anmerkung
(I. S. 98) : „Dies alles heißt nun mit anderen Worten,
mit denen ich es seitdem ausgedrückt habe : Ich ist not-
wendig Identität des Subjekts und Objekts,
Subjekt-Objekt."
Das heißt, meine Herren, es ist hier an beiden Orten
bereits mit dürren Worten das gemeinschaftliche Prinzip
der Schelling- Hegeischen Philosophie ausgesprochen, einer
132
Philosophie, in welcher sich jetzt auch noch die letzte
dualistische Unangemessenheit der Fichteschen Philoso-
phie beseitigt: vom Ich oder subjektiven Denken auszu-
gehen, welchem das Dasein als ein von ihm gesetztes und
dennoch gegen es selbständiges Nicht-ich gegenüberstehe;
einer Philosophie, welche erst die wahrhafte und ange-
messene Ausführung des Prinzipes bildet, das, wie wir
sehen, bereits bei Fichte erreicht wird. Was nämlich in
dieser neuen Philosophie vor sich geht, ist nichts anderes,
als die einfache Folgerung : Wenn das Subjekt und Ob-
jekt identisch ist, so ist eben keines von beiden die
Sache selbst, das Subjekt so wenig wie das Objekt, son-
dern beide sind nur einseitige Momente derselben, und
die wahrhafte Sache ist nichts anderes, als eben jene —
durch beide hindurchgehende Identität der-
selben, der Prozeß selbst, welcher sich im Objek-
tiven als seiend setzt und im Subjekt zum Bewußtsein seiner
von sich selbst, zum Fürsichsein gelangt. Diese über beide
Seiten hinübergreifende Bewegung ist das Absolute,
das nur in einem ewigen Fürsichwerden bestehende Ding
an sich, und umgekehrt, das in beständiger Selbstobjekti-
vierung sich realisierende Fürsichsein, so daß nun die
beiden Faktoren des Denkens und der gegenständlichen
Welt zu jener letzten und innersten Versöhnung
zusammengeschlossen sind, in beiden nur die Momente
und die eigene Selbstverwirklichung des allgemeinen
Geistes zu erblicken.
Jetzt, meine Herren, können wir sagen, daß wir nicht
nur Fichte betrachtet, sondern den Geist seines Geistes,
wie wir uns dies als Aufgabe stellten, das treibende Ge-
setz, oder um einen Fichteschen Ausdruck zu gebrauchen,
das Urgesetzliche in seinem Geiste selbst erkannt
haben.
133
Dieser selbe nationale Zug des Geistes, den wir bereits
vor Fichte in Kant vorgefunden, der in Fichte selbst nur
seine notwendige und immanente Fortentwicklung hat, der
die Natur seiner Leistungen bildet zu einer Zeit, wo er
selbst in seinem subjektiven Bewußtsein sich noch über
die wirkliche Beschaffenheit des von ihm Vollbrachten
täuscht, dieser Zug, der sich mit derselben immanenten
Folgerichtigkeit weiter zu Schelüng und Hegel entwickelt
— dieser Zug ist es, welcher das von allem Zufälligen
und Individuellen Unabhängige, welcher das Agens, das
treibende Gesetz oder das Urgesetzliche seines Geistes
bildet.
Dieser in der gesamten Reihe dieser Geisteshelden iden-
tische, sich durch sie alle hindurchziehende und über jeden
derselben noch hinausgehende Geist ist das Nationale oder
Volksgeistige in ihnen. Er bildet das wahrhaft ge-
meinschaftliche Subjekt dieser Philosophenreihe, und diese
Individuen Kant, Fichte, Schelling, Hegel sind nur die
Gestalten, in denen der deutsche Geist zu seinem Selbst-
verständnis kommt und immer höhere Stufen seines Da-
seins und seiner Selbstentwicklung erlangt.
Daher jene nicht zufällige und der sorgfältigsten Ent-
rätselung würdige Erscheinung, daß, während weder
Briten noch Franzosen auch nur einen dieser Geister
aufzuweisen haben, in Deutschland nicht eine Generation
verläuft, ohne daß nicht mindestens ein Geist unter uns
aufersteht, welcher nährend fortentwickelt die heilige
Vestaflamme metaphysischen Denkens, eine
Flamme, mit welcher, ganz wie in der römischen Sage,
und trotz ihrer metaphysischen Übersinnlichkeit, auch die
E r d Schicksale unserer Nation, wie sich uns immer näher
und näher noch zeigen dürfte, untrennbar verbunden sind.
134
Denn dieser nationale Geist selbst ist eben, wie wir
schon bis jetzt sahen, seinem Inhalte nach nichts anderes
als der Drang nach einer von der innersten Gedanken-
grundlage der Wirklichkeit ausgehenden, immer tieferen
und intensiveren Bewältigung der wirklichen Welt
durch die Innerlichkeit des Geistes, der Drang nach
einer von der gründlichsten theoretischen Erfassung jenes
Gegensatzes ausgehenden immer innigeren Ve rsöhnung
des Geistes und der realen Welt. Dies also ist es, sage
ich, was wir in dieser nationalen Selbstbeschauung
als das eigentümliche Entwicklungsgesetz unserer Na-
tion gefunden haben, nicht, wie andere Völker, durch das
Zerbrechen der Wirklichkeit und an der vollbrachten Tat
uns das nachträgliche Bewußtsein über unser Tun zu er-
zeugen, sondern auszugehen von der tiefsten und theo-
retischsten Bewältigung dieses Konflikts, von einer durch-
aus bewußten, metaphysischen und darum unverlierbaren
Aufhebung der spröden Selbständigkeit und Gegenständ-
lichkeit der objektiven Welt.
Hiervon auszugehen, sage ich, keineswegs aber und
unmöglich bei dieser nur theoretischen Bewältigung
stehen zu bleiben, die sonst vielmehr, wenn sie die Wirk-
lichkeit sich noch als einen Gegensatz gegenüber bestehen
ließe, statt jener tiefsten Versöhnung, welche das Los
und die Arbeit des deutschen Geistes bildet, gerade um
ihrer theoretischen Klarheit willen, zum grellsten Kon-
trast und zur unglücklichsten Zerrissenheit des Bewußt-
seins in sich selbst verurteilt wäre.
„Was wollen denn zuletzt — sagt Fichte selbst so
meisterhaft (D. R. VII. 394) — alle unsere Bemühungen
um die abgezogensten Wissenschaften ? Lasset sein, der
nächste Zweck dieser Bemühungen sei der, die Wissen-
schaften fortzupflanzen von Geschlecht zu Geschlecht und
135
in der Welt zu erhalten, warum sollen sie denn auch
erhalten werden ? Offenbar nur, um zu rechter Zeit
das allgemeine Leben und die ganze menschliche
Ordnung der Dinge zu gestalten. Dies ist ihr
letzter Zweck ; mittelbar dient sonach, sei es auch erst
in einer späteren Zukunft, jede wissenschaftliche Bestre-
bung dem Staate."
So weit Fichte. Wir haben jetzt die streng spekulative
Philosophie Fichtes oder seine Wissenschaftslehre betrach-
tet. Von selbst ergibt sich aus ihr das streng sittliche Prin-
zip der Fichteschen Ethik : die Hingebung des Individuums
an das reine Ich oder an die Gattung, das Leben i n
und für die Gattung. Doch ist es hier nicht gegönnt, das
Zentrum der Fichteschen Philosophie in alle seine Aus-
strahlungen zu verfolgen. Auf einen Teil seiner Philoso-
phie aber müssen wir . noch einen kurzen Blick werfen :
auf seine Popularphilosophie. Wir müßten die-
selbe auch schon deshalb hier mindestens flüchtig erwähnen,
weil sich für diese Stadt ein besonderes Interesse an sie
knüpft.
Hier, in dieser Stadt, warf Fichte dem fremden
Eroberer jene Gedankenflammen entgegen, welche noch
heute die Brust eines jeden der Begeisterung nicht ganz
erstorbenen Deutschen mit einem heiligen Feuer durch-
dringen. Hier in dieser Stadt hielt er jene Reden an die
deutsche Nation, welche, eines der gewaltigsten Ruhmes-
denkmäler unseres Volkes, an Tiefe und Kraft weithin
alles übertreffen, was uns in dieser Gattung aus der Lite-
ratur aller Zeiten und Völker überliefert ist.
Hier, in dieser Stadt, hielt er jene Reden 1 808, in
einer Zeit, wo alles feige und erschrocken sich dem Welt-
herrscher unterwarf, er allein widerstehend, den Blitz des
Gedankens schwingend in der Hand, das Auge fest auf
136
das Ewige gerichtet und aller Gefahr spottend bei einem
Unternehmen, das, wie er selbst sagt, von vornherein „auf
die Gefahr des Todes begonnen ward".
S o stand er da, ein ewiger Triumph für die sittliche
Größe aller wahren Philosophie! So stand er da, ein
ewiger Triumph für die weithin treffende geistige Voraus-
sicht aller echten Philosophie ! Denn in diesen Reden sagt
damals, wo der Eroberer auf dem höchsten und unbestrit-
tenen Gipfel seiner Macht stand, der Triumphator des Ge-
dankens dem Triumphator der Heere mit Sicherheit seinen
nicht fernen Sturz voraus. Heute, ruft er aus, bei dem
gegenwärtigen Bildungszustand Europas sich dem Traume
hingeben, daß die Welt für irgend einen neuen Universal-
Monarchen erobert werden könne ? ! Und er antwortet
hierauf: „Schon seit einer Reihe von Jahrhunderten haben
die Völker Europens aufgehört, Wilde zu sein und einer
zerstörenden Tätigkeit um ihrer selbst willen sich zu er-
freuen. Alle suchen hinter dem Kriege einen endlichen
Frieden, hinter der Anstrengung Ruhe, hinter der Ver-
wirrung die Ordnung und alle wollen ihre Laufbahn mit
dem Frieden eines häuslichen und stillen Lebens gekrönt
sehen. Auf eine Zeitlang mag selbst ein nur vorgebildeter
Nationalvorteil sie zum Kriege begeistern; wenn die
Aufforderung immer auf dieselbe Weise wiederkehrt,
verschwindet das Traumbild und die F i e b e r k r a f t , die
dasselbe gegeben hat ; die Sehnsucht nach ruhiger Ord-
nung kehrt zurück und die Frage : Für welchen Zweck tue
und trage ich denn nun dies alles ? erhebt sich. Diese Ge-
fühle alle müßte zuvörderst ein Welteroberer unserer Zeit
austilgen und in dieses Zeitalter, das durch seine Natur
ein Volk von Wilden nicht gibt, mit besonnener Kunst
eines hineinbilden."
Untersuchen Sie diese Worte genau, meine Herren,
137
und Sie sehen in ihren Falten alle die Erscheinungen, die
in Frankreich selbst Napoleons Sturz begleiten : die Müdig-
keit und Abneigung der französischen Bourgeoisie gegen
ihn, de:i Verrat seiner Marschälle, das Steigen der Rente
an der Börse von Paris nach der Schlacht von Waterloo,
so paradox diese Prophezeiung auch damals erschien, wenn
man auf den begeisterten Jubel der französischen Heere
und des französischen Volkes sah, mit dem unfehlbaren
Blicke des Denkers vorausgesagt.
Doch so reichen Grund der Betrachtung uns dieses
Meisterstück des deutschen Geistes auch bieten würde —
ich will mich der Auffassung unterwerfen, daß ich als der
Redner der philosophischen Gesellschaft alles Exote-
rische 1 ) anderen Kreisen zu überlassen habe.
Urr: so mehr aber wird es unsere Aufgabe sein, das
Esoterische 2 ) im Exoterischen zu betrachten, zumal dann,
wenn dasselbe, wie dies hier der Fall, bisher der Beachtung
noch entgangen ist. Selbst Hegel hat die popularphiloso-
phischen Schriften Fichtes nicht richtig gewürdigt.
Nimmt man nämlich zusammen die ersten popularphilo-
sophischen Vorträge über „Grundzüge des gegenwärtigen
Zeitalters", welche Fichte im Jahre 1804 in Berlin hielt,
mit den Reden an die deutsche Nation und verbindet damit
einige Stücke seiner staatsphilosophischen Schriften, so
ist darin nichts Geringeres gegeben, als das erste wahr-
hafte Prinzip einer — Philosophie der Geschichte.
Dies, was bei Leibnitz, als der noch ganz unklare und sich
selbst mißverstehende Gedanke einer prästabilierten 3 )
x ) Das nach außen hin — hier der Masse der nicht Philo-
sophierenden gegenüber — Kundgegebene.
2 ) Der innere Kern.
3 ) Vorher bestimmten. D. H.
138
Harmonie, einer Theodicee 1 )» welche die Wirklichkeit
darstellen müsse, eine bloße Voraussetzung geblieben war,
dies, was bei Hegel später zu seiner ersten konkreten
Ausführung gelangt, — Sie sehen, meine Herren, wir
haben es hier wieder mit einer nationalen, sich über Gene-
rationen hin erstreckenden und allmählich entwickelnden
Arbeit des deutschen Geistes zu tun — dies tritt
bei Fichte zum ersten Male als entwickeltes ver-
nünftiges Prinzip auf.
Der Nachweis ist leicht geführt. In den , .Grundzügen"
geht Fichte bereits von dem wahrhaften, auch von der
Hegeischen Philosophie beibehaltenen Begriff der Ge-
schichte aus, von dem Begriff nämlich, daß sie die Ent-
wicklung der menschlichen Gattung zur Freiheit dar-
stelle und realisiere. Das Gesetz dieser Gesamtbewegung
bezeichnet er als einen vernünftigen Weltplan und nimmt
nun eine zeitliche Gliederung desselben, nämlich ge-
wisse „notwendige Glieder und Epochen des Erdenlebens"
an, vermöge welcher die stufenweise Entwicklung der Gat-
tung zur Freiheit sich vollbringe und die er als We 1 1 -
alter oder Zeitalter bezeichnet und näher ausfuhrt.
Die „Grundzüge" geben nun nur die zeitliche Glie-
derung dieser Entwicklung an.
Zu dieser zeitlichen Gliederung tritt nun aber in den
„Reden an die deutsche Nation" und später in der Fichte-
schen Staatslehre noch hinzu, daß Fichte auch den wahr-
haften urid tiefsten Begriff dessen, was ein Volk sei, auf-
stellt. Er wirft die Frage auf, „was ein Vo 1 k sei im höhe-
ren Sinne des Wortes" und beantwortet sie dahin: Ein
Volk sei eine Gemeinschaft von mit einander fortlebenden
und sich aus sich selbst immerfort natürlich und geistig
L ) Gottesrechtfertigung, Verteidigung des Weltschöpfers.
139
erzeugenden Menschen, welche insgesamt unter einem ge-
wissen besonderen Gesetz der Entwicklung des
Geistes, welche unter demselben geistigen Natur-
gesetz und seiner Entwicklung stehen.
Durch diesen Begriff der Volksgeister als unter einem
besonderen Gesetz des Geistigen und seiner Entwicklung
stehend und dieses darstellend, ist nun neben jener zeit-
lichen Gliederung des Weltplanes oder den Zeitaltern
auch eine räumliche Gliederung der Entwicklung der
menschlichen Gattung zur Freiheit, oder die Notwendigkeit
und Vernünftigkeit dieser Entwicklungsarbeit durch be-
sondere Volksgeister und somit die Forderung gegeben,
einen vernünftigen und notwendigen Zusammenhang zwi-
schen der zeitlichen und der räumlichen Gliederung jener
Entwicklung der Gattung zu begreifen, die Volksgeister
selbst demnach als die notwendigen Träger und Produ-
zenten gewisser Entwicklungsstufen nachzuweisen. Das
heißt, meine Herren, es ist hierin und abgesehen von
manchem wertvollen Bruchstück, das Fichte in den Reden
an die deutsche Nation, der Staatslehre und anderen staats-
philosophischen Schriften für die Ausführung beibringt,
bereits das konkrete Prinzip für eine Philoso-
phie der Geschichte gegeben, dessen erste Aus-
führung Hegel versucht hat und deren weitere Vollendung
dem deutschen Genius als eine seiner ruhmvollsten Auf-
gaben noch vorbehalten ist. Wenn aber Fichte die
Ökonomie der wehgeschich fliehen Entwicklung so auf-
faßt, daß jeder Volksgeist in derselben seine besondere
notwendige Funktion habe, so liegt hier nichts näher und
erwacht nichts natürlicher, als die Frage : welches ist die
Mission, die er selbst uns, dem deutschen Volke, zu-
weist ?
Und so wären wir denn mit dieser Frage an den natur-
140
gemäßen und notwendigen Schluß gekommen, durch wel-
chen der Begriff dieses Festes als einer nationalen Selbst-
beschauung des deutschen Geistes, von dem wir ursprüng-
lich ausgingen, in seinen Ausgangspunkt zurückkehrt und
sich hierdurch erst vollendet.
Wir haben den deutschen Geist an Fichte erkannt, als
das treibende Gesetz seiner Leistungen, wir haben ihn in
Fichte und der Reihe, welcher er angehört, gesehen, als
den über jede Individualität dieser Reihe noch hinaus-
gehenden geistigen Entwicklungstrieb, wir müssen ihn jetzt
endlich noch näher durch Fichte hindurch, in dem Wie-
derschein seines Auges betrachten. Und wenn es wahr
ist, daß die großen Männer einer Nation immer nur eine
höhere Sichselbsterfassung des nationalen Geistes dar-
stellen, und wenn ferner das Selbstbewußtsein von sich,
zu dem der deutsche Geist in dem großen und klaren Auge
Fichtes gelangt, zusammenstimmt mit dem, was wir als
das Gesetz an Fichte kennen gelernt haben, als die nähere
konkrete Erfüllung desselben, so wird uns hieraus die
Gewißheit der nationalen Substanz unseres Geistes, das
letzte Selbstverständnis unserer Lage wie unseres Stre-
beas aufgegangen und damit zugleich erst die letzte Ver-
senkung in die tiefe Bedeutung dieser nationalen Feier
eingetreten sein.
Welches ist also nach Fichte die Mission und Bedeu-
tung des deutschen Volksgeistes in der Weltgeschichte?
Schon in den Reden an die deutsche Nation 1808 tritt es
als der Grundgedanke derselben hervor, daß die Deutschen
nach Fichte dazu bestimmt seien, die Vervollkommnung
und die Fortentwicklung vor allen anderen Völkern in der
Geschichte zu repräsentieren. Er läßt uns deshalb durch
das Ausland selbst, ja sogar durch die Vorsehung und
den göttlichen Weltplan, der ja nur von Menschen in die
141
Wirklichkeit eingeführt werden könne, beschwören, uns
zur Wiedererlangung unserer nationalen Selbständigkeit er-
mannen und dadurch seine — des göttlichen Weltplanes
— Ehre und Dasein zu retten.
Fragen wir aber, worauf dieser besondere Anspruch
der deutschen Nation von Fichte in den Reden begründet
wird, so ist es vorzüglich der Umstand, daß wir eine
unvermischte Ursprache sprechen, durch welche
wir daher in einem ununterbrochenen Zusammenhang ur-
sprünglicher geistiger Fortentwicklung bleiben, auf den
Fichte ihn stützt. Inzwischen unterscheidet uns dies von
Franzosen und Briten, so gibt es andere Völker, welche
gleichfalls sich dessen rühmen können, eine Ursprache zu
besitzen, und man fühlt in den Reden an die deutsche
Nation, daß hier ein gewaltiger Gedanke zugrunde liegt,
der aber noch nicht zu' seiner ganzen inneren Klarheit ge-
kommen. Bestimmter schon und in anderer Wendung bricht
dieser Gedanke fünf Jahre später in der Fichteschen
Staatslehre hervor.
Es muß unsere Brust mit einem freudigen, obwohl
zunächst von Verwunderung nicht freiem Stolze schwellen,
zu hören, daß nach ihm das deutsche Volk nicht nur ein
notwendiges Moment in der Entwicklung des göttlichen
Weltplanes sei, wie jedes andere, sondern gerade das-
jenige, welches allein der Träger des Begriffes sei,
auf welchen nach Fichte das Reich der Zukunft, das
Reich der vollendeten Freiheit gebaut werden solle und
nur von ihm die Gründung dieses Reiches und Welt-
alters ausgehen könne.
„Der Einheitsbegriff des deutschen Volkes," sagt
Fichte in seiner Staatslehre (VII. S. 573), ,,ist noch
gar nicht wirklich ; er ist allgemeines Postulat der Zu-
kunft. Aber er wird nicht irgendeine gesonderte Volks-
142
eigentümlichkeit zur Geltung bringen, sondern den Bürger
der Freiheit verwirklichen." Und die Zukunft der Deut-
schen prophetisch verkündend, sagt er in der Staatslehre
(IV. S. 423) : „Dieses Postulat von einer Reichseinheit,
eines innerlich und organisch durchaus verschmolzenen
Staates darzustellen, sind die Deutschen berufen und dazu
da im ewigen Weltplan. In ihnen soll das Reich ausgehen
von der ausgebildeten persönlichen Freiheit,
nicht umgekehrt ; — von der Persönlichkeit, gebildet für's
erste vor allem Staate vorher, gebildet sodann in den ein-
zelnen Staaten, in die sie dermalen zerfallen sind und
welche, als bloßes Mittel zum höheren Zwecke, sodann
wegfallen müssen. — Und- so wird von ihnen aus erst
dargestellt werden ein wahrhaftes Reich des Rechtes, wie
es noch nie in der Welt erschienen ist, in aller der Be-
geisterung für Freiheit des Bürgers, die wir in der alten
Welt erblicken, ohne Aufopferung der Mehrzahl der Men-
schen als Sklaven, ohne welche die alten Staaten nicht
bestehen konnten ; für Freiheit, gegründet auf Gleichheit
alles dessen, was Menschengesicht trägt. Nur von Deut-
schen, die seit Jahrtausenden für diesen großen Zweck
da sind und ihm langsam entgegenreifen, — ein anderes
Element für diese Entwicklung ist in der Menschheit nicht
da."
Und als fühlte er, daß die ergreifende Gewalt dieser
Worte durch nichts, auch durch ihn selbst nicht weder
übertroffen noch erreicht werden könne, zitiert er sie wört-
lich als den Schluß einer staatsphilosophischen fragmen-
tarischen Schrift, die er kurz vor seinem Tode verfaßte.
Aber mit welchem Stolze auch jeden Deutschen diese
Worte Fichtes über die deutsche Bestimmung durchschau-
ern müssen — noch immer bleiben die Fragen übrig : wie
sind diese Worte des gewaltigen Denkers zu verstehen ?
143
Warum gerade uns vor allen anderen Völkern die Größe
und wellgeschichtliche Ehre dieses Berufes ? und täuscht
Fichte sich hierin nicht etwa aus Eingenommenheit für die
eigene Nation, oder welches Moment ist in unserer bis-
herigen Geschichte gegeben, das diesen Verlauf nehmen
muß und gerade nur diesen Verlauf nehmen kann, und wie
vertrüge sich damit, daß wir fünfzig Jahre nach Fichtes
Tod der Erfüllung dieser Bestimmung nicht näher gerückt
zu sein scheinen oder inwiefern entspricht trotz der an-
scheinenden Paradoxie dieses Satzes gerade diese Lage
dieser Bestimmung ?
Es handelt sich also darum, diesen Gedanken Fichtes
zu seinem genauen und entwickelten Beweise zu bringen,
den er in jener aphoristischen Form bei Fichte selbst
noch nicht gefunden, ihn fortzudenken in seinem Geiste
zu seinem explizierten sich selbst beweisenden Inhalt. Wel-
ches Würdigere könnten wir an diesem Tage der Feier
Fichtes tun, als in seinem Geiste den Gedanken fort-
denken, welcher die geistige Bestimmung unseres Volkes
enthält, und so zeigen, daß wir würdig sind, uns seine
Nachkommen zu nennen und sein Geist ein in uns fort-
lebender ist ! Bei dieser schwierigen Aufgabe, fortzudenken
in seinem Geiste, werden wir uns zunächst als eines Hilfs-
mittels, um nicht zu straucheln, der Bruchstücke bedienen
können, die wir hier und dort zerstreut bei Fichte selbst
finden, an ihnen den richtigen Gang unserer Explikation
uns bewährend. — Überall, wo Fichte den Unterschied
des französischen und des deutschen Nationalcharakters
beleuchtet, geht er von dem Gedanken aus, die Franzosen
haben ihren Nationalcharakter empfangen durch ihre Ge-
schichte, die Deutschen aber ohne eine solche und
trotz dessen, was man bei ihnen Geschichte nennen könnte
(VII. S. 565). „Das ist eben die Merkwürdigkeit," sagt
144
er, „der Charakter anderer Völker ist gemacht durch ihre
Geschichte. Die Deutschen haben als solche in den letzten
Jahrhunderten keine Geschichte; was ihren Charakter er-
hallen hat, ist darum etwas schlechthin Ursprüng-
liches; sie sind gewachsen ohne Geschichte." Und
anderwärts (VII. S. 572) : „also der merkwürdige Zug
im Nationalcharakter der Deutschen wäre eben ihre Exi-
stenz ohne Staat und über den Staat hinaus, ihre
rein geistige Ausbildung."
Was heißt das. meine Herren, sie sind gewachsen ohne
Geschichte ? Was schmiedet die feste Zusammengehörig-
keit der Familie ? Es ist die Gemeinschaftlichkeit ihres
Schicksals, ihrer Leiden und Freuden, ihrer Erfolge und
Unfälle. So bei einem Volke. Kriege und Friedensschlüsse,
Siege und Niederlagen treffen und durchzittern ein Volk
gemeinschaftlich von einem Ende des Reiches bis zum
anderen, zimmern unter diesen schweren Schlägen seine
feste Zusammengehörigkeit, die Gemeinsamkeit seines Be-
wußtseins. Nicht dies war in Deutschland der Fall. Der
eine Stamm schaute zu bei den Kriegen, die der andere
führte, oder der eine gewann selbst bei den Niederlagen,
die der andere erlitt. Wenn wir also dennoch einen gemein-
samen deutschen Nationalcharakter haben und fest-
gehalten haben, so haben wir ihn nicht aus den Händen
dieser äußeren Geschichte und ihrer Erlebnisse emp-
fangen.
Diese erste Entwicklung war leicht und wird auch noch
von Fichte selbst ausdrücklich gemacht.
Aber was heißt jenes andere: die Existenz der Deut-
schen — und dies sei das Merkwürdige — sei eine Exi-
stenz ohne Staat und über den Staat hinaus ? — Dies
liegt tiefer, meine Herren, und muß von uns im Sinne
des vorigen ergänzt werden.
10 Lauall« G.. Schriften. Band VI. 145
Wenn Louis XIV. das berühmte l'etat c'est moi, der
Staat, das bin ich, aussprach, so liegt hierin vermöge der
Kraft der arithmetischen Gleichung an sich auch schon
das andere umgekehrte Gefühl : moi c'est l'etat, ich bin
der Staat. Und wie hätte es anders sein können, meine
Herren ? Wo die Macht eines französischen Herrschers
zu Ende ging, da ging auch dieses Volkes Zunge zu Ende,
wo sein Schalten seine Grenze fand, da fand auch dieser
Volksgeist und seine Sitte eine Grenze. Beides deckte
sich und erzeugte so instinktmäßig und durch die Natur
der Sache das Gefühl, daß dieser Monarch mit diesem
Volksgeist identisch und nur sein Repräsentant sei.
Anders infolge des Landesfürstentums in Deutschland !
Wo dieses Fürsten Macht zu Ende ging, da ging dieses
Volkes Sprache und Geist nicht zu Ende, wo dieses
Fürsten Schalten seine Grenze erreichte, da ging dieser
Volksgeist, seine Kultur und Gesittung weiter. Dies
erzeugte notwendig in der Auffassung ein Nichtzusammen-
fallen, ein sich Spalten beider Momente, eine Selbstän-
digkeit und Jenseitigkeit des Fürstentums gegen
den Volksgeist.
Das Fürstentum, meine Herren, kann sich selbst in
gedoppelter Weise auffassen.
Das Fürstentum kann sich auffassen als Staatsin-
stitution. So ist es teilhaftig der Heiligkeit des Volks-
geistes selbst und aller seiner öffentlichen Einrichtungen.
Oder es kann sich auffassen nicht als Staatsinstitution,
sondern wie wir sagten als ein Selbständiges und Jensei-
tiges gegen den Volksgeist; so faßt es sich auf als ein
von einer besonderen und ihm eigentümlichen Heilig-
keit getragenes eigenes und somit privates Recht
auf den Besitz dieses Volksgeistes — als ein historisch
erworbenes Recht, welches von einer anderen Beschaf-
146
fenheit und Göttlichkeit sei, als diejenige des Volksgeistes
selbst.
Die erste Auffassung war bei dem deutschen Landes-
fürstentum von vornherein nicht möglich, weil keiner dieser
Fürsten zusammenfiel mit der Ausdehnung des deut-
schen Geistes. In bezug auf den besonderen Volksstamm
aber, Preußen, Sachsen, Braunschweiger, Württemberger
etc., und innerhalb derselben scheint es, als hätte diese
Auffassung nun dennoch obwalten können, und freilich
konnte eben der Schein derselben obwalten und hat
zeitenlang, im aufgeklärten Absolutismus, wirklich und auf-
richtig obgewaltet. Indem nun aber der preußische Volks-
geist kein besonderer war gegen den braunschweigischen,
sächsischen, württembergischen Volksgeist etc., indem der
deutsche Volksgeist sich identisch fortsetzte über die
Grenzen dieser einzelnen Territorien, war hierdurch an
sich schon die Auffassung gegeben und mußte seit dem
ersten Konflikt zum unverlierbaren Bewußtsein kommen,
daß auch innerhalb dieser zufälligen Abscheidungen,
die keine Abscheidungen des Vo lksgeistes waren, das
Fürstentum etwas Privates und Apartes, ein von einer
besonderen und ihm eigentümlichen Heiligkeit getragenes
Privatrecht sei auf den Besitz dieser zufälligen
Volksfraktion, nicht eine Staatsinstitution derselben 1 ).
*) Vgl. mit diesen Ausführungen die Note zum III. Kapitel
des II. Abschnittes der „Theorie der erworbenen Rechte" (l.Bd.
des „Systems der erworbenen Rechte"), wo Lassalle darzulegen
sucht, daß der „kulturhistorische Gang aller Rechtsgeschichte"
darin besteht, „immer mehr die Eigentumssphäre des Privat-
individuums zu beschränken, immer mehr Objekte außerhalb des
Privateigentums zu setzen". Auch dort wird (im 7. Bande dieser
Ausgabe) die Tatsache, daß „überhaupt kein Deutsches Volk
da sei" als eine Frage des Privatrechts — nämlich des Eigen-
tums der Fürstenfamilien — betrachtet. Wie aber diese Eigen-
w 147
Dies also heißt es: die Existenz der Deutschen ohne
Staat. Dies, dieses Ärmste, bildet die Trauer und Ab-
straktion unserer Lage, daß wir trotz aller scheinbaren
Formen des Staates und i n demselben noch nicht einmal
irgend ein Staat, sondern ein Privatbesitz sind.
Dies bildet die stets sich erneuende und die Brust der
Bevölkerung beklemmende Krise, daß unser Fürstentum
sich noch nicht als Staatsinstitution, sondern als ein apartes,
von der Heiligkeit des Volksgeistes noch getrenntes Recht
auf den Besitz desselben auffaßt, und wir es daher
noch nicht einmal zum Dasein und zur Anerkennung
als Staat überhaupt gebracht haben.
Dies bildet also, nach Fichte, unsere Existenz ohne
Staat.
Und dies, daß wir trotzdem, ohne jede Gemeinschaft-
lichkeit der Geschichte, ohne jede staatliche Erziehung,
den Begriff des deutschen Volkes und seiner Nationalität
in uns festgehalten haben — dies bildet unsere Exi-
stenz über den Staat hinaus.
Wie allein haben wir ihn, wie allein können wir
ihn somit festgehalten haben?
Als reine geistige Ausbildung, sagt Fichte, das heißt
als eine reine metaphysische Innerlichkeit ohne histo-
risches Dasein, als rein innerlicher, rein geistiger Volks-
begriff ohne äußeres Sein ; als ein reines Denken, wel-
tumsfrage nach Lassalle gelöst werden sollte, dafür kann, wenn
man die hier im Text entwickelten Ausführungen mit der
Lassalleschen Erklärung des Begriffs der erworbenen Rechte
und seiner Antwort auf die Frage vergleicht, wann erworbene
Rechte als verfallen zu betrachten sind, gar kein Zweifel ob-
walten. Kein Fürstenrecht, das ein Recht auf eine Fraktion des
deutschen Volkes zu sein beanspruchte, war mit dem deutschen
Volksgeiste noch vereinbar. D. H.
148
ches bei unseren Dichtern als ideale Sehnsucht und bei
unseren großen Philosophen als die harte Arbeit der Meta-
physik jene innere Entwicklung hat, deren Inhalt und
Bedeutung, wie wir früher gesehen, eben gerade nur darin
besteht, daß dieser Gegensatz von Denken und Sein über-
wunden, daß die Identität von Denken und Sein
erzeugt und aus dem tiefsten Innern des Geistes heraus
erobert wird. So daß nun erst von hier aus die gewaltige
nationale und politische Bedeutung der deutschen Meta-
physik ihr wahrhaftes und tiefstes Verständnis erlangt und
die deutsch-e Metaphysik sich hier erweist als das
innerste und typische Gesetz, welches der gesamten deut-
schen Geschichte gegeben ist, als das vorbildliche
Gesetz, welches auch Gestalt und Inhalt, Weg und Ziel
unserer realen politischen Entwicklung bereits in sich ent-
hält.
Dieser noch immer als rein geistige Bildung vorhandene
deutsche Geist, der noch dazu den Gegensatz von Sein
und Denken in sich überwunden hat und somit das Sein
als eine ihm schlechthin zugehörige Wirklichkeit weiß
und fordert, — dies ist es also, was Fichte meint, wenn
er sagt : der Begriff des deutschen Volkes ist noch gar
nicht wirklich, er ist ein Postulat der Zukunft ; ein Postu-
lat, das heißt die Forderung einer zukünftigen Wirklich-
keit, die ihm noch gänzlich gebricht, als deren Forderung
er aber schlechthin existiert, weil seine gesamte geistige
Bildung und Entwicklung, die Tat seines ganzen bisherigen
Lebens eben nichts ist, als dies : sich zu dieser Forderung
entwickelt zu haben, diese Forderung zu setzen und zwar
als eine bereits innerlich überwundene schlechthin und
unbedingt zu setzen.
Welches ist also der sich hieraus ergebende kennzeich-
nende Charakter dieser zukünftigen realen Geschichte.
m
Hier fällt zunächst Fichte wieder ein: „Dies hat die
Deutschen bisher gehindert," sagt er, „Deutsche zu
werden, ihr Charakter liegt in der Zukunft; jetzt besteht
er in der Hoffnung einer neuen und glorreichen Geschichte.
Der Anfang derselben — daß sie sich selbst mit
Bewußtsein machen. Es wäre die glorreichste
Bestimmung."
Sich mit Bewußtsein machen — das also wäre
nach Fichte jene glorreichste, jene spezifische und unter-
scheidende Bestimmung des deutschen Geistes. Aber wie ?
Auch von der französischen Revolution am Ende des
vorigen Jahrhunderts sagt Hegel : solange die Sonne am
Firmamente stehe und die Planeten um sie kreisen, war
das nicht gesehen worden, daß der Mensch sich auf den
Kopf, d. i. auf den Gedanken stellt und die Wirklich-
keit nach diesem erbaut. Täuscht sich also Fichte hier,
oder welches wäre hiervon dennoch das unterscheidend
Deutsche ?
So gewaltig auch die Aufgabe der französischen Revo-
lution war — das französische Volk fand bereits einen
französischen Boden vor, der ihm geschichtlich
entstanden war. Die französische Revolution vollbrachte
somit immerhin nur eine andere umformende Einrich-
tung des bereits geschichtlich bestehenden französischen
Staates.
Das deutsche Volk hat kein deutsches Territorium !
Ein abgeschiedener Geist irrt dieses Volk, das deutsche
Volk, umher, bestehend in einer bloßen geistigen Inner-
lichkeit und lechzend nach einer Wirklichkeit, ein Postu-
lat der Zukunft ! Dem metaphysischen Volke, dem deut-
schen Volke, ist so durch seine gesamte Entwicklung und
in höchster Übereinstimmung seiner inneren und äußeren
Geschichte, dieses höchste metaphysische Los, diese
150
höchste weltgeschichtliche Ehre zugefallen, sich aus dem
bloßen geistigen Volksbegriff einen nationalen Boden,
ein Territorium zu schaffen, sich aus dem Denken
ein Sein zu erzeugen. Dem metaphysischen Volk die meta-
physische Aufgabe! Es ist ein Akt wie der Weltschöp-
fungsakl Gottes ! Aus dem reinen Geist heraus soll nicht
eine ihm gegebene reale Wirklichkeit bloß gestaltet, son-
dern sogar die bloße Stätte seines Daseins, sein Terri-
torium erst geschaffen werden ! Dies ist es, was noch nicht
dagewesen, seitdem Geschichte ist. Aller Volksgeist ging
in der Geschichte seit dem grauesten Altertume aus von
einem bestimmten geschlossenen Boden, der seine Stätte
bildete, und von welchem aus er sich weiter entwickelte,
sich innerlich fortbildete, äußerlich eroberte und koloni-
sierte. Oder aber es ging, wie in Amerika, eine Koloni-
sation aus von Individuen, und es entstand auf deren Terri-
torium allmählich durch Assimilation derselben erst ein
Volk und eine Art von Volksgeist. Dem deutschen
Geiste allein hat seine ursprüngliche Anlage, haben
die Sterne seiner Entwicklung das Los geworfen, sich
aus dem als rein geistige Bildung entwickelten Volksbegriff,
sich aus einem geschlossenen, aber als eine metaphysische
Innerlichkeit existierenden Volks g ei st sein Reich, den
Boden seines Daseins erst zu erzeugen!
Indem hier das Sein aus dem reinen Geiste selbst er-
zeugt wird, mit nichts Geschichtlichem, nichts Naturwüch-
sigem und Besonderem verwachsen, kann es nur sein, des
reinen Gedankens Ebenbild sein, und trägt hierin die
Notwendigkeit jener Bestimmung zur höchsten und voll-
endetsten Geistigkeit und Freiheit, die ihm Fichte weis-
sagt.
Dies ist also der tiefe entwickelte Sinn jenes: sich
mit Bewußtsein machen, welches Fichte als die
151
spezifische Aufgabe des deutschen Geistes, als die glor-
reichste aller geschichtlichen Bestimmungen verkündet.
Wie aber ? Geziemt es uns, uns dieser Aufgabe zu
rühmen, uns, die wir scheinbar fünfzig Jahre nach Fichtes
Tode noch immer keinen Schritt zur realen Volibringung
dieser Aufgabe getan haben ?
Und hier sehen Sie, meine Herren, wie die Zeit sich
erfüllt und alle echte Philosophie sich bewahrheitet.
Was in dem einen Zeitalter Philosophie ist, sagt
Fichte in seinen Vorlesungen über die Grundzüge des
gegenwärtigen Zeitalters, 16. Vorlesung, das ist Reli-
gio n im nächstfolgenden Zeitalter.
Kaum sind 50 Jahre verflossen seit Fichtes Tode, und
bereits ist jenes philosophische „Sich mit Bewußtsein
machen", das er sich damals in der philosophischen Ein-
samkeit seines Denkens sagte, ohne Verständnis und Teil-
nahme dafür in der Außenwelt — bereits ist es zur
Religion geworden und durchbebt heute unter dem popu-
lären und dogmatischen Namen der deutschen Ein-
heit jedes edlere deutsche Herz.
An dem Tage, wo alle Glocken läutend die Fleisch-
werdung dieses Geistes, das Geburtsfest des deutschen
Staates, verkünden werden, — an diesem Tage werden
wir auch das wahre Fest Fichtes, die Vermählung seines
Geistes mit der Wirklichkeit feiern.
152
GOTTHOLD
EPHRAIM LESSING
VON
FERDINAND LASSALLE
ZUERST ABGEDRUCKT IN
WALESRODE'S DEMOKRATISCHE STUDIEN, BAND 11
HAMBURG 1861
VORBEMERKUNG.
Der zweite Band der ,, Demokratischen Studien" er-
schien im Jahre 1861, der Beitrag aus Lassalles Feder,
den er enthält, datiert jedoch seiner Entstehung nach, wie
aus einer Einleitungsnote Lassalles hervorgeht, gegen drei
Jahre früher. Diese Note lautet :
„Wir bemerken, daß der nachfolgende Aufsatz im No-
vember 1858, kurz nach dem Erscheinen von Stahrs „Les-
sings Leben und Werke", welches uns zu demselben den
äußeren Anlaß gab, von uns niedergeschrieben worden ist,
seine Veröffentlichung aber damals unterblieb.
Der Verfasser.'
Bestimmtes darüber, aus welchen Gründen der Auf-
satz nicht zur Zeit seiner Niederschrift veröffentlicht
wurde, ist, soviel wir wissen, nicht bekannt geworden. Mög-
lich, daß die Affäre Lassalle-Fabrice, die um jene Zeit
gespielt und viel Staub aufgewirbelt hatte, Lassalle, ob-
wohl nicht er, sondern sein Gegner der Kompromittierte
war, für eine Weile die Spalten derjenigen Organe ver-
schloß, in welchen seine Abhandlung hätte erscheinen
können. Die bürgerliche Sitte fragt bekanntlich nicht,
wer einen öffentlichen Skandal verschuldet hat, sondern
nur, wer in ihn verwickelt war. Indes sprechen wir hier
nur eine Vermutung aus, es mögen auch andere Umstände
die sofortige Veröffentlichung des Aufsatzes verhindert
haben.
In bezug auf diesen selbst sei in Kürze folgendes be-
merkt.
Lassalle folgt in seiner Würdigung der geschichtlichen
Bedeutung Lessings durchgängig dem Urteil Heines, und
wenn seine Darstellung auch vorwiegend hegelianisch-ideo-
logisch gehalten ist, d. h. der ,,Idee" eine selbständig
m
schöpferische Rolle zuweist, — gleich in der Einleitung
wird z. B. die französische Revolution aus der Aufleh-
nung des „Geistes" gegen das „Grabgewölbe seiner Wirk-
lichkeit", aus dem Gegensatz des „Individuums" gegen
das Hergeb/achte erklärt — so trifft er in der Hauptsache,
d. h. was den Einfluß Lessings auf die Entwicklung des
öffentlichen Geistes in Deutschland anbetrifft, doch das
Richtige. Es ist das um so mehr hervorzuheben, als es
in Deutschland nicht an Versuchen gefehlt hat, den kühnen
und edlen Streiter für das Recht der freien Forschung um
jeden Preis herunterzureißen.
Kein vernünftiger Mensch wird Lessing als einen Dich-
ter ersten Ranges, als einen unübertroffenen Philosophen
hinstellen. Aber es nimmt der großen Bedeutung, die
Lessing für die deutsche Dichtkunst gehabt hat, nicht das
Geringste, daß in seinen eigenen Dichterwerken das
Können hinter dem Wollen zurückblieb. Ebenso hat der
Rest von Deismus, der noch bei Lessing zurückgeblieben
war, ihn nicht gehindert, Größeres für die Bekämpfung
allen Pfaffentums auszurichten, als die erhabenen Vor-
bilder der „realistischen" Geister, die heute Lessing
„fälschlich als Aufklärer verschrien" sein lassen, weil er
einmal von einer „dritten kommenden christlichen Offen-
barung" gesprochen. (Vgl. den Artikel „Lessing-Episode"
in der „Gesellschaft", Heft 4, 1891.)
Eine der sympathischsten Eigenschaften Lassalles war
die aufrichtige Dankbarkeit, die er den geistigen Heroen
der Menschheit entgegenbrachte. Sie prägt sich auch in
diesem Aufsatz über Lessing aus. Braucht man deshalb
anzunehmen, daß Lassalle Lessings Fehlern gegenüber
blind gewesen? Gewiß nicht. Er hielt es nur nicht für
nötig, bei jeder Gelegenheit großes Aufheben von ihnen zu
machen. 1- i r»
bd. bernstem.
156
GOTTHOLD EPHRAIM LESSING
1. Lessing vom kulturhistorischen Stand-
punkt.
2. G. E. Lessings Leben und Werke, von
Adolph Stahr. Berlin bei Guttentag, 2 Bde.
Wir leben in einer Epigonenzeit und gerade zu ihrer
Überwindung läßt sich gegenwärtig schwerlich Besseres
in ihr tun, als uns in die leuchtenden und abgeschlossenen
Gestalten unserer größeren Vorfahren zu vertiefen und
in ihnen Sammlung und Stärkung, Gewißheit unseres natio-
nalen Berufs und Auffrischung unseres nationalen Genius
zu suchen.
Dies ist auch der mehr oder weniger instinktive Grund,
der die literarische Produktion unserer Zeit so überwiegend
auf das Ende des vorigen Jahrhunderts, auf den unver-
gänglichen Ruhm unserer Goethe- und Schillerperiode zu-
rückwirft. Aber so glänzend diese war, sie war selbst nur
wieder das Entwicklungsresultat der ihr voraufgehenden
Epoche, und diese ist es, welcher der Lorbeer gebührt,
Deutschland aus der unsäglichen geistigen Verdumpfung
gerissen zu haben, in die es seit dem westfälischen Frieden
fast ein volles Jahrhundert versunken war. — Die Mitte
des vorigen Jahrhunderts ist die Periode, von der wir
sprechen, und in zwei Männer faßte sie sich ganz und gar
zusammen, die, wie sehr auch getrennt durch Stellung und
Verhältnisse, wie sehr auch einander entgegengesetzt durch
Bildung und Geschmack, durch Neigung und Richtung,
dennoch nur einen und denselben Zeitgedanken in der so
159
verschiedenen Sphäre ihrer Tätigkeit verwirklichen: —
Friedrich der Große und Lessing.
Von beiden pflegt man zu sagen, daß sie ihrer Zeit
unendlich überlegen gewesen seien. Aber seiner Zeit noch
so weit überlegen sein, heißt nur : sie zum vollständig-
sten Ausdruck bringen! —
Werfen wir einen Blick auf das Charakteristische jener
Epoche, so liegt dies in Frankreich wie Deutschland über-
einstimmend darin, daß eine Wirklichkeit vorgefunden
wird, welche, nach allen Seiten hin ein unlebendiges und
verknöchertes Produkt vergangener Jahrhunderte, dem In-
dividuum nirgends die Möglichkeit eines Eingreifens in
dieselbe, einer Betätigung seiner eigenen Lebendigkeit und
seiner geänderten Bedürfnisse gestattet. Hergebrachte,
mit der damaligen Gegenwart selbst in keinerlei Zusammen-
hang mehr stehende Formen beherrschen alle Gebiete des
Daseins, sind in Staat und Religion, in Kunst und bürger-
lichem Leben die allein gültigen, unantastbaren Normen,
die jeden lebendigen Trieb im voraus ersticken und allem,
was geschieht, diese scharf ausgeprägte Physiognomie eines
altgeborenen philiströsen Zopftums geben, welche in
Deutschland jene Periode kennzeichnet.
Bei einem solchen Tode des Geistes ist die ihn in seinem
Innersten beschäftigende Frage nur die eine: ob er das
Grabgewölbe seiner Wirklichkeit wird sprengen können,
oder ob er in dieser Versteinerung verharren muß, durch
kein entzauberndes Wort zu neuem Leben, zu neuem Rechte
auf sich selbst erweckt.
In Frankreich war diese Spannung gegen das Gewor-
dene eine so ungeheuere und komprimierte, daß man eben
deshalb sogar mit dem Begriff der Geschichte und ihrer
Entwicklung überhaupt (Zivilisation) gänzlich brach und
auf den Naturzustand des Subjekts als das dagegen Wahre
160
und Höhere zurückgehen wollte. (Rousseau.) Und eben
weil in Frankreich keine bestehende Macht von oben herab
diesen Umschwung vollzog, ist er dort in der Wirklichkeit
später zum Durchbruch gekommen, aber deshalb auch von
um so gründlicheren Konsequenzen begleitet gewesen.
In Deutschland war es Friedrich der Große,
welcher in seiner Auflehnung gegen alle histori.cr.en Macht-
verhältnisse, gegen Kaiser und Reich, diesen Umschwung
in die Hand nahm. Das war kein Krieg im gewöhnlichen
Sinne, in dem es sich nur um die gleichgültige Frage han-
delte, ob ein Landstrich diesem oder jenem Fürsten ge-
hören solle, das war eine — Insurrektion, welche
der Marquis von Brandenburg, wie er am Hofe der Ma-
dame von Pompadour genannt wurde, gegen die Kaiser-
familie, gegen alle Formen und Überlieferungen des Deut-
schen Reiches, ja gegen den einmütigen Willen des euro-
päischen Kontinents unternahm, eine Insurrektion, die er
durchkämpfte wie ein echter, auf sich selbst gestellter
Revolutionär, das Gift in der Tasche ! Und gleichsam,
damit auch in den Formalien nichts fehle, was dazu dienen
konnte, die Bedeutung des großen Kampfes in sein rechtes
Licht zu stellen, unterließ es das Deutsche Reich ebenso-
wenig, seinen Achtprozeß gegen Friedrich zu schleudern,
als es dessen Gesandter in Regensburg unterließ, den die
Insinuation besorgenden Reichstagsboten unter dem Bei-
fallklatschen von ganz Deutschland die Treppe hinunter-
werfen zu lassen.
Es sollte sich jetzt zeigen, ob die Gegenwart die Kraft
noch besitze, die historische Wirklichkeit nach eigenem
Willen wieder in Fluß zu bringen, oder ob sie sich für
immer verloren geben müsse an das verknöcherte Gebäude
eines überlebten Staatszustandes.
Und es zeigte sich ! Als der Hubertusburger Friede
11 Lassalle Ges. ScLriftcr, Band VI. 161
geschlossen wurde, hätte der Deutsche Kaiser der Sache
nach bereits ganz ebensogut die Deutsche Kaiserkrone
niederlegen und die Auflösung des Reiches proklamieren
können, wie er dies ungefähr 40 Jahre später bei der Stif-
tung des Rheinbundes wirklich tat.
Die Ohnmacht des Bestehenden war dargetan, die
Mumiendecken waren von dem Leichnam des Deutschen
Reiches gerissen worden. Das Überlieferte war als tot
und machtlos nachgewiesen — ein neues Leben mußte
beginnen.
Bloß von dieser insurrektionellen Bedeutung
seines Kampfes aus läßt sich der Zauber begreifen, den
die Erhebung Friedrichs auch außerhalb seiner Staaten,
und trotz der Gräuel und Lasten des Krieges, auf das
ganze zujauchzende Deutschland ausübte.
Wie in Rußland am Osterfeste die Begrüßung ist :
„Christ ist erstanden!" und die Antwort hierauf: ,,Ja
wahrhaftig, er ist erstanden!" so ging ein solches auf-
jubelndes Gefühl erlösender Auferstehung durch die er-
staunten Länder. Der Alp war gestürzt, der so lange das
Leben zusammengeschnürt hatte. Es gab wieder eine Ge-
genwart, eine nicht mehr nur historische, eine neue,
eine selbsterworbene Lage der Dinge !
Und es verminderte die intensive Macht dieses Dranges
in nichts, es verallgemeinerte nur seine Ansteckung, wenn
er, wie fast stets notwendig, in Zuschauern und Akteuren
des großen Entstehungsdramas mehr oder weniger unklar
über seinen eigenen Inhalt und seine notwendigen Folgen,
wie ein geistiger Instinkt, wie eine die einzelnen unbe-
wußt durchdringende Atmosphäre wirkte. Die Worte, mit
denen sich Lessings Major von Teilheim darüber recht-
fertigt, Dienste unter Friedrich dem Großen genommen
zu haben: „Ich ward Soldat, aus Parteilichkeit, ich weiß
162
selbst nicht für welche politischen Grund-
sätze" — so konnte damals ebensosehr das ganze bei-
fallklatschende Europa 1 ) sich selber antworten, wenn es
sich um den innersten Grund dieses Beifalls hätte fragen
wollen. Und merkwürdig ähnlich im Hauptpunkt schreibt
Friedrich der Große selbst, schon als er sich in den ersten
schlesischen Krieg begibt, an seinen Freund Jordan:
„Meine Jugend, das Feuer der Leidenschaften, Begierde
nach Ruhm, selbst, um Dir nichts zu verhehlen, Neugierde
und endlich ein geheimer Instinkt haben mich
der sanften Ruhe, die ich genoß, entrissen." (W. W.
VIII. S. 85.)
Auch die Reformen Friedrichs im Innern sind nur die
notwendigen Folgen der hier aufgezeigten Bedeutung seiner
Erhebung, und die Aufklärung, wie man jene Periode
zu bezeichnen pflegt, ist überhaupt nichts anderes als :
die zum Bewußtsein gekommene Überlegen-
heitdes Subjekts über die We 1t seiner Über-
lieferungen. War diese zum Prinzip proklamiert, auf
welchem das Bestehen des Staates nach außen beruhte,
so mußte sie sich auch nun von selbst in dem Innern
des Staates und der Verwaltung durchführen. —
Aber alles Revolutionieren in der äußeren Wirklichkeit
bleibt selbst äußerlich und verläuft im Sande, wenn es
dem Geist nicht gelingt, ebensosehr mit der historisch
überlieferten Welt des geistigen Innern fertig zu
werden, sein neues Prinzip durch alle ihre Instanzen und
Gebiete durchzuführen und sie von neuem aus ihm auf-
zubauen.
Und hierzu erfand die Geschichte — Lessing.
*) Dieses Bild, dos Lassalle überhaupt gern gebraucht, ist
natürlich nur sehr bedingt zu verstehen. D. H.
ii' 163
Wir sagen, sie erfand ihn. Denn gleichwie ein In-
strument in seiner Einrichtung und Gestaltung im voraus
die Zwecke und Funktionen an sich trägt, die es vollbringen
soll, so lagen in dieser merkwürdigen und reichen Natur
alle die gewaltigen und sich scheinbar widersprechenden
Eigenschaften vereinigt, diese Frische und dieser vor kei-
nem Bücherrtaub zurückschreckende Wissensdurst, dieser
unmittelbare Schönheitssinn, und dieser Trieb des tiefsten
begrifflichen Denkens, diese Allseitigkeit und diese Fähig-
keit, sich in jedes Einzelne so zu vertiefen, als wenn es
Alles wäre, diese zerschmetternde Stärke der Persönlich-
keit und dieser Haß gegen alle Willkür derselben, diese
wesentlich kritische Richtung und diese Fähigkeit, die
Kritik zum eigenen positiven Schaffen steigern zu können,
— deren Vereinigung allein ihn befähigte, zu werden, was
er ward : der siegreiche Revolutionär im Reiche des Gei-
stes, der Rächer und Wiederhersteller der untergegangenen
Präsenz *) des lebendigen Selbstbewußtseins in Literatur,
Kunst, Religion, Ethik, Geschichte.
An dem Faden dieses einen Begriffs, das Prin-
zip der lebendigen Präsenz des Selbstbewußtseins und
seiner treibenden Innerlichkeit zum Durchbruch zu bringen
in allen Adern der geistigen Welt, die nicht weniger als
die äußere von toten Überlieferungen beherrscht, von
äußerlichen Normen und dem Formelkram einer um allen
inneren Zusammenhang mit der Gegenwart gekommenen
Vergangenheit eingeschnürt und erdrückt war — an diesem
Faden hängt die gesamte Tätigkeit Lessings ; alle seine
so mannigfaltigen Produktionen sind nur Radien diesem
einheitlichen Zentralpunkt entflossen. Was jetzt gelten soll,
muß sich dem Subjekte durch sich selbst bewähren, und
x ) Gegenwärtigkeit.
164
diese Bewährung lieg!: nur darin, daß es der eigenen
inneren Natur des Subjekts entspricht. Les-
sing ist nichts anderes als der weltliche Luther, als
der durch keine religiöse Vo raussetzung mehr be-
schränkte Luther. Die unmittelbare innere Ge-
wißheit des Glaubens schlägt daher hier in die ent-
wickelte innere Gewißheit verständigen Denkens um.
Das Testimonium spiritus sancti 1 ) wird hier zum imma-
nenten Selbstbewußtsein des Subjekts, zu seinem eigenen
verständigen Begriff von der Sache.
Und eben deshalb ist Lessing nichts anderes als — ■ wir
schreiben dies Wort nieder ganz unbekümmert um alles
etwaige Nasenrümpfen — der größere Luther, der
dort das Gebiet der Religion nicht weniger als alle andern
Felder des Geistes seinem neuen Begriffe unterwarf.
Zuerst ging es an das Drama. Hier herrschte im un-
gestörten Alleinbesitz die französierte antike Tragödie.
Die Regeln des gleich einem Kirchenvater kanonisierten
Aristoteles waren in dem seichtesten Formalismus ver-
kommen. Stoffe, die einer fernen, in ihrem innersten Wesen
nicht mehr verstandenen Vergangenheit entnommen waren,
sollten das Kunstmonopol haben, die tragische Erschütte-
rung hervorbringen. — Es war nicht zweifelhaft, in wel-
cher Weise sich die geschilderte Richtung zu dieser Ver-
steinerung des Tragischen verhalten mußte. Es war nicht
zweifelhaft, aber darum nicht weniger eine weltbewegende
Tat. An Stelle jenes überlebten formellen Kanons setzte
Lessing seine auf den inneren Begriff der tragischen Kunst
zurückgehende Kritik derselben, die ihn zu dem Resultate
brachte, daß der um die Regeln des Aristoteles so unbe-
kümmerte Shakespeare dem wahren Wesen der antiken
L ) Zeugnis des heiligen Geistes.
165
Tragödie näher stehe als die Franzosen; an Stelle der
Corneille-Racine-Voltaireschen Tragödie setzte er das
bürgerliche Drama, und zunächst Miß Sarah Samp-
son. Die gegenwärtige We lt des Geistes — das
ist der weltbewegende Charakter dieser Tat — diese leben-
dige Quelle seiner Leiden und Freuden, sollte vom Geiste
auch im Gebiete der tragischen Kunst sich erobert, die
tragische Kunst zur Darstellung seines ihn bewegen-
den und erfüllenden gegenwärtigen Inhaltes umgestaltet
werden. Man muß bei dem „bürgerlichen Drama" bei
L e s s i n g an nichts weniger denken, als an die geistlose
Versumpfung, in welche dieser Begriff später in der Iff-
landschen Periode verfiel. Bei Lessing handelt es sich
stets um die großen Gegensätze des Geistes, um seine
reellen und wahren Interessen. Minna von Barnhelm ist
bereits ein politisches Drama. Bis vor kurzem noch
lag unsere heutige Bühne unter dem Drucke eines Ver-
botes, welches nicht gestattete, Fürsten des preußischen
Regentenhauses auf die Bretter zu bringen. Nun, in Minna
von Barnhelm ist bereits nicht die Person, aber der Geist
Friedrichs des Großen, seine Regierungshandlungen und
Maximen, der Siebenjährige Krieg, der Gegensatz zwischen
Sachsen und Preußen, der ganze Charakter und die
Lebensluft jener Periode, wie sie durch das große Er-
eignis des eben beendigten Krieges bestimmt war, in Szene
gesetzt und auf die Bühne gebracht. (Man vergleiche
die schöne Ausführung Stahrs hierüber, Band I S. 216
bis 222.) —
Selbst die Prosa, welche Lessing in Minna von Barn-
helm und der Emilia Galotti zur Sprache des Dramas
machte, später übrigens im Nathan selbst wieder aufgab,
war damals dem steifen Alexandriner gegenüber ein
Fortschritt, war eine durch jenes inhaltliche Prinzip selbst
166
hervorgebrachte Form. Es war die Sprache der realen
Natürlichkeit, die nur für den Inhalt der Gegen-
wart, unmöglich für eine notwendig auf Stelzen einher-
schreitende Heroen- und Götterwelt gebraucht werden
konnte. —
Von diesem Prinzip der geistigenGegenwärtig-
k e i t als der allein bewegenden Seele des Dramas ist
Lessing nie wieder abgegangen. Jener bis aufs äußerste
getriebene Konflikt zwischen der inneren Freiheit des Sub-
jekts, seinem Rechte auf Selbständigkeit und 'Ehre, und
einer äußeren Übermacht, welcher in Emilia Galotti spielt
und zuletzt in echt römisch-republikanischer Weise mit
einem Selbstmord seitens der Helden, ja mit einem Morde
des eigenen Kindes, als dem höchsten Triumphe der un-
besiegbaren Freiheit und Selbstbestimmung der Person
endet, — dieser Konflikt hätte damals ebenso gut in jedem
kleinen deutschen Fürstentume spielen können. Und wie
schön hat Lessing in dem Prinzen diese moderne Fürsten-
natur, die im Unterschiede von der alten Tyrannis nicht
selbst verschuldet, sondern in heuchlerischer Selbstbelügung
alles dem Diener aufbürdet, zu schildern gewußt 1
Vom Nathan, der drei Religionen dramatisiert, bedarf
es vollends keiner Bemerkung, wie er nur den innersten
Geist der Zeit zu seinem Inhalt hat, und hier, wie in jedem
Lessingschen Drama, ist es immer nur der volle Wert
des auf sich selbst gestellten, von Geburt, Religion, Lage,
Gunst der Großen und allen objektiven Umständen unab-
hängigen Selbstbewußtseins, welcher gefeiert wird.
Lessing ist daher par excellence der Dichter der hu-
manen Idee. Brechen seine Helden auch noch nicht wie
Teil zur äußeren Freiheit durch, — obgleich Lessing
auch hierzu schon in den Fragmenten des Spartakus und
des Henzi den Anlauf nahm — so verstehen sie es dafür
167
meisterhaft, sich in ihrer inneren zu behaupten. Ja
sogar scheinbar abweichende Züge stimmen hiermit über-
ein. So ist aufgefallen, daß Lessing wiederholt mit Vor-
liebe den Soldatenstand, im Tellheim wie in Odoardo
Galotti, gefeiert hat. Aber der Soldatenstand ist in der
Tat derjenige, der, wenn ihn nicht besondere historische
Verhältnisse in einen Gegensatz zum Land und dadurch
in eine kulturfeindliche Stellung werfen, vorzüglich ge-
eignet ist, individuelle Tüchtigkeit und Selbständigkeit zu
erzeugen. Im Felde, wie Schiller sagt:
„ — Da steht kein andrer für ihn ein,
Auf sich selber steht er da ganz allein."
Klar genug spricht sich Tellheim darüber aus, wenn
er sagt, daß er Soldat ward — „aus der Grille, daß es
für jeden tüchtigen Mann gut sei, sich in diesem Stande
eine Zeitlang zu versuchen, um sich mit allem, was Ge-
fahr heißt, vertraut zu machen, Kälte und Entschlossen-
heit zu lernen." Es ist der echte Lessingsche Begriff
der selbständigen Persönlichkeit, der uns hier entgegen-
tritt. —
Wie klar bewußt sich Lessing über sein treibendes*
Prinzip in der tragischen Kunst war, wie warm durch-
drungen er war von dem Begriff des nationalpoliti-
schen Dramas als der intensivsten Steigerung, zu wel-
cher es die geistige Gegenwärtigkeit des dramatischen
Konflikts in der Gemütswelt der Hörer zu bringen ver-
mag, wie er in diesem höchsten Inhalt der geistigen Inter-
essen die Macht und den Stoff sieht, die am tiefsten das
Individuum zu bewegen und zu ergreifen haben, spricht
sich vielleicht am deutlichsten in seinen Äußerungen über
Du Belloys „Belagerung von Calais" aus, ein Stück, wel-
ches damals ein so großes Aufsehen in Frankreich erregt
hatte. „Wenn es dies Stück nicht verdiente," sagt Les-
168
sing, „daß die Franzosen ein solches Lärmen damit mach-
ten, so gereicht doch dieses Lärmen selbst den Franzosen
zur Ehre. Es zeigt sie als ein Volk, das auf seinen Ruhm
eifersüchtig ist, auf das die großen Taten seiner Vor-
fahren ihren Eindruck nicht verloren haben, das von dem
Werte eines Dichters und von dem Einflüsse des Theaters
auf Tugend und Sitten überzeugt, jenen nicht zu seinen
unnützen Gliedern rechnet, dieses nicht zu den Gegen-
ständen zählt, um das sich nur geschäftige Müßig-
gänger kümmern. — Wie weit sind wir Deutsche in
diesem Stück noch hinter den Franzosen! Es gerade her-
auszusagen, wir sind gegen sie noch die wah-
ren Barbaren. — — Man erkenne es immerhin für
französische Eitelkeit. Wie weit haben wir noch
hin, ehe wir zu einer solchen Eitelkeit fähig
sein werden!" 1 )
Und es ist wieder nur eine — und eine wie deutliche —
Konsequenz seines oben entwickelten Prinzips, wenn er
anderwärts und über ein anderes Gebiet den gewaltigen
Satz aufstellt, daß der Name eines wahren Geschicht-
schreibers nur demjenigen zukomme, ,,der die Ge-
schichte seiner Zeiten und seines Landes
beschreibt". —
Vom Drama war nur ein Schritt zur Kunst überhaupt.
Was bei den Franzosen das große Wort in der Ästhetik
jener Zeit führte, war ,,der gute Geschmack", dies
reine willkürliche Belieben, das noch heute unsere soge-
nannte gebildete Gesellschaft beherrscht. Und da bei der
reinen Willkür niemals stehen geblieben werden kann, da
sie ferner als das selber der Sache Äußerliche sich
wieder nur an Äußerlichkeiten hinverlieren kann, so er-
L ) Lessings W. B. VII, S. 79, Maltzahnsche Ausg.
169
forderte „der gute Geschmack" wieder ,,die Muster".
Die Willkür des einen hatte zu ihrer notwendigen Folge
die Äußerlichkeit der anderen.
So war es in letzter Instanz auch hier wieder das
Äußerliche, das Gegebene ais solches, welches
die Kunst überhaupt beherrschte, die eben dadurch jeder
immanenten Gliederung nach ihrem inneren Begriff ent-
nommen war. Die Klassiker, besonders Homer, galten
einmal für „solche Muster" im Reiche des Schönen, und
so war denn durch diese Äußerlichkeit der Geschmacks-
willkür und ihrer Muster die konfuseste Verwirrung in
den Gebieten dieses weiten Reiches eingetreten. Was für
das eine galt, sollte unterschiedslos auch für das andere
gelten. In blendenden Antithesen wurde die Poesie auf-
gefaßt als eine „redende Malerei", die Malerei als eine
„stumme Poesie". Das Wesen der bestimmten Künste
und damit notwendig der Begriff des Schönen überhaupt
war verloren gegangen.
Lessing wurde die Willkür des guten Geschmacks und
die Äußerlichkeit der Muster zugleich los, indem er auf
den Begriffsunterschied der redenden und der bil-
denden Künste zurückging, gerade hiermit den Begriff
des Schönen der bestimmten Kunst, und so-
mit den des Kunstschönen überhaupt entwickelte.
Diese Tat, die Lessing in seinem Laokoon vollzog,
war eine der folgenschwersten für die Entwicklung des
deutschen Geistes, sie war nicht weniger im höchsten Sinne
historisch und revolutionär, als seine anderen Taten. Auch
das Schöne wurde hierdurch der Äußerlichkeit und Po-
sitivität, der Jenseitigkeit überhaupt entrissen, in wel-
cher es bis dahin noch für den Gedanken vorhanden war,
und welche es, als die Sphäre der Sinnlichkeit, der un-
mittelbaren Wirkung auf Gefühl und Empfindung usw.
170
sogar notwendig an sich zu haben schien. Das Schöne war
in die Innerlichkeit des Denkens zurückgeführt,
war verinnerlicht worden. Oder der Gedanke hatte
jetzt auch die angebliche Jenseitigkeit und Selbständigkeit
durchbrochen, welche dem Schönen um seiner Sinnlichkeit
willen zukommen sollte. Er war selbst dieser Sphäre der
Unmittelbarkeit gegenüber in sein Souveränitätsrecht ein-
gesetzt, er war als die bestimmende Seele des
Sinnlich-Schönen nachgewiesen.
Hierdurch ist Lessing nicht nur Kritiker und Kunstrich-
ter, er ist der Vater und Schöpfer der modernen Kunst-
philosophie überhaupt geworden. Und wenn heutzutage
nicht nur von unserer gebildeten Welt, sondern selbst von
unseren Kritikern so häufig noch der Standpunkt festge-
halten wird, daß der Gedanke an das konkrete Schöne
„nicht heran kann", wenn man sich noch heutzutage nur
allzu oft, — wie Lessing im edlen Zorne sagt — „beim
Pöbel wie bei den Gelehrten mit dem elenden Sprichwort
begnügt, daß man über den Geschmack nicht streiten
könne", wenn also auch für diese Alle Lessing nicht
geschrieben hat, so hat der deutsche Geist doch nichts-
destoweniger mit dem Lessingschen Erbteil zu wuchern
gewußt, und eine das gesamte Gebiet des Schönen zu
einem systematischen Organismus des Begriffs gliedernde,
die positiven Gestaltungen des Geistes der Freude seines
eigenen Selbstverständnisses erst erschließende Kunstphi-
losophie ist die glorreiche Folge des glorreichen Schrittes
gewesen, den jener Eroberer auch auf diesem Felde des
Geistes gemacht hat. —
Und die Fahne des Gedankens in der Hand, getrieben
von dem Feuer seines Begriffs, immer weiter stürmte er
von Schanze zu Schanze gegen alle Positionen der gei-
stigen Welt ! Fast war das Interesse an jeder einzelnen
171
mit der Bresche verloren, die er siegreich in sie geschossen
hatte. Von der Kunst trieb es ihn zur Relig ion. —
Der Protestantismus beruht auf der Voraussetzung der
Inspiration, und diese wieder auf jener der historischen
Echtheit und Wa h r h e i t der Schrift. Aber wie un-
gewiß bleibt nicht jeder historische Beweis, alle histo-
rische Gewißheit überhaupt ? Und wie unmöglich ist es
demnach, diese zur Grundlage jener absoluten Ge-
wißheit, jener unantastbaren inneren Überzeugtheit
machen zu wollen, welche der religiöse Glaube erfordert ?
,,Wenn wird man aufhören" — rief Lessing daher gegen dies
historische Gerüst sich kehrend aus 1 ) — „an den Fä-
den einer Spinne — nichts Geringeres als die ganze
Ewigkeit hängen zu wollen? Nein! so tiefe Wunden hat
die scholastische Dogmatik der Religion nie geschlagen,
als die historische Exegetik ihr jetzt täglich schlägt. Wie ?
Es soll nicht wahr sein, daß eine Lüge historisch unge-
zweifelt bewiesen werden könne? Daß unter den tausend
und abertausend Dingen, an welchen zu zweifeln uns
weder Vernunft und Geschichte Anlaß geben, auch wohl
ungeschehene Sachen mit unterlaufen können ?" Im Grunde
war der Gedanke nicht unerhört, nicht neu. Schon Epi-
scopius (geb. 1583) hatte gesagt: Impossibile omnino
est, id quod dictum, factum, scriptumve ab aliquo est,
postquam auctor in vivis esse desiit, ita probare ab eo
scriptum, dictum factumve esse, ut cavilli aut tergiver-
sationis locus nullus reliquus maneat." 2 ) (Disp. de autor.
!) Werke X. S. 60. Vgl. ebend. S.40f.
2 ) Es ist ganz unmöglich, in bezug auf etwas, was von irgend
jemand gesagt, getan oder geschrieben wurde, nach dem Tode
des Urhebers den Beweis, daß es von ihm gesagt, getan oder
geschrieben wurde, so zu liefern, daß keine Möglichkeit der
Wortklauberei oder der Ausflucht übrig bleibt.
172
sacr. scr. Opp. II, 2 p. 444.) Aber wenn zwei dasselbe
sagen, so ist es darum nicht dasselbe. Episcopius machte
aus diesem Satze eine Bemerkung, Lessing dagegen, seinem
Begriffe gemäß, ein alles dem Geiste Äußerliche
und Historische von sich abstoßendes Sy-
stem. „Freilich," fährt er fort, ,,wenn dies wahr ist,
wo bleiben alle historischen Beweise für die Wahrheit
der christlichen Religion?" ,,Wo sie wol len!" — war
seine von Energie strotzende Antwort. Und nun zog er
seine großen Konsequenzen: „Zufällige Geschichts-
wahrheiten können nie der Beweis von notwendi-
gen Vernunft wahr heiten werden," 1 ) und kam so
zu den Resultaten: „Die Religion ist nicht wahr, weil
die Evangelisten und Apostel sie lehrten, sondern diese
lehrten sie, weil sie wahr ist" 2 ), und zu dem Schlüsse,
daß „die Ausbildung geoffenbarter Wahr-
heiten in Vernunft Wahrheiten schlechterdings
notwendig sei, wenn dem menschlichen Geschlecht damit
geholfen sein solle" 3 ). Mit anderen Worten: alle histo-
rische Beglaubigung ist für das denkende Selbstbewußt-
sein äußerlich und darum nichtig. Die Wahrheit
der religiösen Dogmen kann nur darin bestehen, daß
die Innerlichkeit des Selbstbewußtseins in ihnen prä-
sentist, daß es sich in ihnen wiederfindet.
Wie in der D o g m a t i k , so ist es auch in der reli-
giösen Ethik nicht weniger dieser selbe Begriff von der
immanenten Präsenz des Selbstbewußtseins, der mit Les-
sing zum Durchbruch kommt. Auf die evangelischen Hand-
lungen angewendet, erzeugt dieser Begriff die Tugend
als den von allen religiösen Geboten und Verheißungen
*) W.W.X.S.39.
2 ) Siehe das IX. u. X.Axiom Bd. X. S. 148 f.
3 ) W.W.X. S. 323 §76.
173
unabhängigen Selbstzweck, als die innere
Freude des Bewußtseins an dem Guten a 1 s
seiner eigenen Natur. Das Christentum selbst ist
Lessing nur der Vorläufer eines „neuen Evange-
liums", einer Zeit, wo der Mensch „das Gute tun wird,
weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen
darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem
bloß heften und stärken sollten, die inneren besseren
Belohnungen desselben zu erkennen" 1 ). So wird Les-
sing — nach Spinoza — zum Begründer der philosophi-
schen Ethik, welche die Tugend alsdieRealisierung
des eigenen Begriffs auffaßt. Aber eben weil hier
das Handeln des Menschen als ein durch seinen eigenen
Begriff notwendig bestimmtes erscheint, ist auf diesem
Standpunkt schon nicht mehr von der bloß formellen
Freiheit des „bald so, bald anders handeln Könnens" —
dieser nicht aus sich selbst bestimmten und darum un-
freien Willkür — die Rede, und wenn man die
Hegeische Auffassung der Freiheit in die Antithese zu-
sammendrängen kann: Freisein heißt müssen (näm-
lich: den substantiellen menschheitlichen Begriff reali-
sieren müssen), so erhebt sich bereits Lessing zu dem
formalen Grundgedanken dieser Erkenntnis in seinem ge-
waltigen Ausruf : „Ich danke dem Schöpfer, daß ich m u ß ,
das Beste muß." —
In diesem ausschließlichen Interesse des Selbstbewußt-
seins an seiner eigenen Innerlichkeit, in dieser Ausschlie-
ßung alles dessen, was, ob Vergangenheit, ob Zukunft,
dem Selbstbewußtsein ein Jenseitiges ist, schwingt sich
Lessing zu dem, gerade durch die Hypolhese, die darin
noch zugelassen wird, erschülternd kühnen Satze auf :
*) W.W. S. 324 §85 u. 86.
174
„Wenn es auch wahr wäre, daß es eine Kunst gäbe,
das Zukünftige zu wissen, so sollten wir diese Kunst lieber
nicht lernen. Wenn es auch wahr wäre, daß es eine
Religion gäbe, die uns von jenem Leben unzweifel-
haft unterrichtete, so sollten wir lieber dieser
Religion kein Gehör geben."
Am deutlichsten aber vielleicht spricht Lessing den ihn
beherrschenden Begriff in jenen ebenso berühmten wie
schönen sich fast bis zur Paradoxie treibenden Worten
aus : ,, Nicht die Wahrheit, in deren Besitz der Mensch
ist oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe,
die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen,
macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den
Besitz, sondern durch die Nachforschung der
Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine
immer wachsende Vollkommenheit besteht. Der Besitz
macht ruhig, träge, stolz. Wenn Gott in seiner Rechten
alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen
immer regen Trieb nach Wa h r h e i t , obschon mit
dem Zusatz, mich immer und ewig zu irren, verschlossen
hielte und spräche zu mir : wähle ! — ichfieleihmmit
Demut in seine Linke und sagte : Vater gib ! die
reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein" 1 ).
Natürlich ! die Wahrheit, als ein für sich fertiger In-
halt gedacht, ist der geistigen Natur des Subjekts äußer-
lich, schrumpft zu einem unlebendigen, toten Satze zu-
sammen. Seine eigene innere Selbstentwick-
lung, sein eigenes Streben — d a s ist es, was die
Hauptsache bildet für den Geist, welcher mit der Gültig-
keit des Objektiv-Äußerlichen gebrochen hat, und in der
Lebendigkeit seines inneren Entwicklungsprozesses sein
*) W.W.X. S.53.
175
/
Wesen zu haben weiß. Das eigene Suchen nach Wahr-
heit, das ist die Wahrheit selbst, wie sie vorhanden ist,
für das triebvolle Selbstbewußtsein. Freilich
„Es irrt der Mensch, so lang' er strebt."
Aber wenn alles Streben Irren ist, so ist eben deshalb
auch das Irren als positive Strebung aufzufassen,
und so gelangt Lessing zu der übergreifenden Erkenntnis :
„Warum wollen wir in allen positiven Religionen
nicht lieber weiter nichts als den Gang erblicken, nach
welchem sich der menschliche Verstand jedes Ortes einzig
und allein entwickeln kann und entwickeln soll, als
über eine derselben entweder lächeln oder zürnen ? —
Gott hätte seine Hand bei allem im Spiele, nur bei un-
seren Irrtümern nicht?" 1 ) D. h. es ist jetzt nicht nur in
der Gegenwart dem Objektiv-Gegebenen der Anspruch
auf normalitive 2 ) Gültigkeit und Verbindlichkeit gegen das
Selbstbewußtsein genommen, sondern dies ist auch rück-
wirkend durch das Reich der Ve rgangenheit durch-
geführt und die Geschichte selbst zu einer inneren
Entwicklung des Selbstbewußtseins ge-
worden.
Hier ist es, wo der deutsche Genius in Lessing am
prinzipiellsten sich von Rousseau ebenso wie Voltaire
unterscheidet. Die Geschichte hört hier auf, ein Reich
des Unsinns und der Willkür zu sein. Das Selbstbewußt-
sein tritt aus seiner negativen Stellung gegen das Histo-
rische in die positive über, in diejenige, welche das
Historische als seine eigene Entwicklung zu begreifen
weiß. Lessing ist so derjenige gewesen, der den ersten
Grundstein gelegt hat zu der höchsten Tat, durch welche
1 ) W.W.X. S.53.
2 ) Maßgebende.
176
später die deutsche Philosophie ihren kulminierenden Gip-
felpunkt erreicht hat, — zu der als die Selbstentwicklung
des Geistes begriffenen Geschichte. (Doch ist auch der
tiefe Begriffsunterschied, der jene Lessingsche Geschichts-
anschauung noch von der Hegeischen trennt, nicht zu über-
sehen. Bei Lessing ist, seinem nachgewiesenen Gesamt-
standpunkt gemäß, die Geschichte die Entwicklung des
subjektiven Selbstbewußtseins — des „mensch-
lichen Verstandes", wie er selbst sagt — bei Hegel ist
sie die Entwicklung des objektiven Begriffes des
Geistes.) Zugleich ist erst durch diese positive Stel-
lung, welche das Selbstbewußtsein zu dem Gegebenen
einnimmt, sein Sieg der totale geworden, indem jetzt
nicht nur die gegenwärtige selbständige Gültigkeit und Ver-
bindlichkeit des Historischen für das Selbstbewußtsein,
sondern sogar die Selbständigkeit seines Ur-
sprungs in der Vergangenheit getilgt und zu einer in-
neren Geschichte des Selbstbewußtseins umgewan-
delt ist.
So hat sich in Literatur, Drama, Kunst, in Dogmatik,
Ethik, Religion, ja in der Geschichte überhaupt das Selbst-
bewußtsein in sein übergreifendes Recht gesetzt und ist
sich als der Schöpfer dieser Welt zum Bewußtsein ge-
kommen. Der zentralische Begriff Lessings hat sich durch
alle Radien seiner Tätigkeit hindurchgeführt.
Freilich lag wohl schon bei der oben gegebenen Wen-
dung, die Religion sei wahr, nicht wegen der Inspiration,
der Auferstehung Christi und aller dieser und anderer
historischen Fakten, sondern weil sie wahr sei, d. h.
wegen ihrer inneren, dem Selbstbewußtsein entspre-
chenden Natur, es lag, sage ich, schon in dieser Wendung
klar zutage, wie hierdurch die Religion als solche voll-
ständig aufgehoben war. Denn sie war hiermit in das
12 Lawall.. Gm. Scferift«. Ba»a VI. 177
Selbstbewußtsein als in ihre höchste Instanz zurück-
genommen. Nicht die Religion als solche war wahr, son-
dern dasjenige, was das Selbstbewußtsein in ihr als sich
und seiner eigenen Natur entsprechend vor-
fand. —
Wie klar sich Lessing selbst über diese totale Auf-
hebung der Religion gewesen, zeigen sehr deutlich seine
so nachdrücklichen Worte an Mendelssohn hinsichts der
Antwort desselben auf die Lavatersche Aufforderung,
Christ zu werden: „Ich bitte Sie, wenn Sie darauf ant-
worten, es mit aller möglichen Freiheit, mit allem nur
ersinnlichen Nachdruck zu tun. Sie allein können und dür-
fen in dieser Sache so schreiben und sind daher unendlich
glücklicher als andere ehrliche Leute, die den Umsturz
des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn
nicht anders als unter dem Vo r wände, es neu
zu unterbauen, befördern können."
O, wie Recht hatte doch Göze und sein Anhang, als er
Lessing für „einen der frechsten Störer des öffentlichen
Friedens" erklärte, der „die Grundvesten des heiligen
römischen Reiches wankend zu machen suche." Über die
Toren, welche nicht einsehen, daß das ganze Unrecht der
Gözes von damals wie heute eben nur darin besteht, —
recht zu haben!
Nicht minder bezeichnend war die Stellung, welche
Lessing in dem durch die Wolfenbüttler Fragmente ver-
anlaßten großen Streit gegen den flachen Rationalismus
und die Aufklärungswirtschaft in der Theologie jener Zeit
einnahm. Wie jeder, der einen wahrhaften Begriff zu
Markte bringt, haßte Lessing die elenden Vermittlungs-
halbheiten weit stärker und energischer, als die alte un-
geschminkte Orthodoxie. Er erklärt offen, jene entschie-
dene Orthodoxie als den ehrlicheren, als den minder
178
gefährlichen Feind, der, „mit dem gesunden Men-
schenverstände offenbar streite, während die neuere
Theologie denselben lieber bestechen möchte," der
Verlegenheit und Halbheit dieser letzteren vorzuziehen ;
er hält es für nützlicher, „sich mit seinem offenbaren
Feinde zu vertragen, um gegen den heimlichen desto
besser auf der Hut sein zu können;" er erklärt, die Ortho-
doxie vorzuziehen, „weil, wenn einmal die Welt mit Un-
wahrheiten hingehalten werden soll, die alten gangbaren
jedenfalls besser sind als die neuen." (S. Stahr Bd. II,
S. 277 ff.)
Im Grunde war dies nur eine Folge seiner schon bei
der Verteidigung Berengars gegen Mosheim in noch allge-
meinerer Gültigkeit ausgesprochenen Prinzipien. Der
mache sich — sagt er daselbst — um den menschlichen
Verstand nur schlecht verdient, der uns „grobe Irr-
tümer benimmt, die volle Wahrheit aber vorenthält
und mit einem Mitteldingevon Wa h r h e i t und Lüge
uns befriedigen will. Denn je gröber der Irrtum, desto
kürzer und gerader der We g z u r Wa h r h e i t ,
dahingegen der verfeinerte Irrtum uns auf ewig
von der Wahrheit entfernt halten kann, je schwerer uns
einleuchtet, daß er Irrtum ist." „Wer nur darauf denkt"
— schreibt Lessing aus seiner großen Natur heraus —
„die Wahrheit unter allerlei Larven und Schminken an
den Mann zu bringen, der möchte wohl gern ihr K u p p 1 e r
sein, nur ihr Liebhaber ist er nie gewesen" 1 ). Wenn
man das „auf ewig" in dem vorletzten Satze in ein „auf
umso längere Zeit" mildert, so ist damit eines der tiefsten
Gesetze der geschichtlichen Bewegung ausgesprochen.
Aber so wenig der Laokoon für unsere gebildete Gesell-
*) W.W. VIII. S. 26.
i2- 179
schaft, so wenig sind diese Worte Lessings für die Kupp-
ler von heute geschrieben, welche wieder auf so vielen
Gebieten des Lebens und mehr denn je, die offenen, ehr-
lichen Gegensätze in dem „unreinen Wasser" ihrer elen-
den Vermittlungshalbheit ersäufen möchten. —
Allein wenn wir den Begriff Lessings durch die Ge-
biete der Kunst, Religion, Geschichte durchgeführt haben,
wie ist es mit der Politik? Doch — fast könnte es
Boshaften erscheinen, als wäre schon alles Bisherige nichts
als Politik gewesen, und wem das nicht genügt, der lasse
sich mit dem Lessingschen Fragmente des Spartakus ge-
nügen. Der Konsul höhnt den Spartakus :
„Ich höre, du philosophierest, Spartakus !"
Spartakus:
„Was ist das: — ,Du philosophierest?'
Doch ich erinnere mich. Ihr habt den Menschen-
verstand
In die Schule verwiesen, um ihn lächerlich
machen zu können.
Wo du nicht willst, daß ich philosophieren soll —
Philosophieren, — es macht mich lachen ! — Nun wohlan !
Wir wollen fechten!"
Zwei Dezennien darauf — und die Prophezeiung traf
ein. Rousseau hatte genug vergeblich philosophiert, und der
Spartakus der französischen Revolution fing an zu fechten !
Und „das wird auch wohl das Ende vom Liede sein
in dem Handel zwischen dem Spartakus und dem Konsul
der Zukunft" — sagt Stahr, indem er dies Bruchstück
anführt, Bd. II, S. 327.
Doch die Größe des Gegenstandes hat uns fortgerissen.
Es ist Zeit, uns endlich dem Werke selbst zuzuwenden,
welches unsere Betrachtungen veranlaßt hat.
Wenn Adolph Stahr einen Lessing schrieb, so mußte
dies von vornherein gewisse hochgespannte Erwartungen
180
erregen. Wer Stahrs Tätigkeit in der Philologie, Archäo-
logie, Ästhetik, Geschichtsschreibung usw. verfolgt hat,
der weiß, für wie besonders befähigt man ihn voraus-
setzen mußte, Lessings Wirken ganz zu verstehen und
zur Darstellung zu bringen. Seit so geraumer Zeit auf
fast allen den Feldern produktiv, in welchen Lessing sein
schaffendes Genie betätigt hatte, mußte Stahr aus einer
langen Erfahrung, und aus einer so detallierten, wie sie
nur die eigene Beschäftigung mit einer bestimmten Fach-
wissenschaft erzeugt, wissen, wie unendlich viel jede dieser
Disziplinen dem neugestaltenden Geiste Lessings zu danken
hat. —
Und indem er in jedem dieser Gebiete eine geraume
Strecke an der leitenden Hand Lessings zurückzulegen
genötigt war, mußte sich hieraus bei ihm die Liebe zu die-
sem Genius zu einer Wärme steigern, wie wir sie nur
einem verehrten Lehrer gegenüber zu empfinden pflegen.
Die Wirksamkeit Lessings auf die nationale Entwick-
lung war so bei Stahr überall zu einer Einwirkung auf
seine persönliche Entwicklung, war ihm zu einem per-
sönlichen Erlebnis geworden.
Es kam aber noch eine andere Seite hinzu, welche
dazu beitragen mußte, die Erwartung zu einer ungewöhn-
lichen Höhe zu spannen. Schon Lessing klagte über den
ungewöhnlich scharfen Gegensatz, der in Deutschland
Schriftsteller und Gelehrte im engeren Sinne zu trennen
pflegt. „Unsere schönen Geister," sagt er, „sind selten
Gelehrte, und unsere Gelehrten selten schöne Geister.
Jene wollen gar nicht lesen, gar nicht nachschlagen, gar
nicht sammeln, kurz gar nicht arbeiten ; und diese wollen
nichts als das. Jenen mangelt es am Stoffe, und diesen
an der Geschicklichkeit, ihrem Stoffe eine Gestalt zu er-
teilen." Dieser Gegensatz, der im allgemeinen heute in
181
noch größerer Schärfe besteht als damals, — er dürfte
fast bei keinem der gegenwärtigen Schriftsteller zu inni-
gerer Versöhnung und Ausgleichung gekommen sein, als
bei Stahr, und hierin sehen wir einen Hauptdienst, welchen
er der deutschen Literatur geleistet hat. —
Durch das vorliegende Werk hat nun Stahr alle diese
so hoch gespannten Erwartungen, er hat sich selbst bei
weitem übertroffen. Es ist dasselbe weitaus die größte
seiner Taten, es ist eine der geschlossensten Leistungen
im Gebiete der gesamten deutschen Literatur. Keine ein-
zige Seite dieses so reichen Stoffes, welche nicht mit jenem
Sinn für das Historisch- Bedeutsame, den Stahr der mo-
dernen Philosophie verdankt, die seine Bildungsgrundlage
ausmacht, behandelt und zur prägnantesten Form heraus-
gerungen worden wäre !
Was aber die größte Seite dieses Werkes bildet, ist
die, daß Stahr aus demselben ein Vo 1 k s b u c h hat machen
wollen und gemacht hat. Aller gelehrte Ballast, welcher
das verdienstvolle Danzel-Guhrauersche Werk zu einer
nur für den Literaturhistoriker und Gelehrten bestimmten
Quelle gemacht hat, ist von Stahr fortgelassen worden.
Er hat es verstanden, die tiefsten und schwierigsten Fragen
in einer Kürze, Einfachheit und Leichtigkeit zur Darstel-
lung zu bringen, welche sie den Gebildeten, wie dem Volke
fast spielend zugänglich machen und hierdurch diesem
Werke die eingreifendste Wirkung auf die gesamte deut-
sche Nation sichern müssen. Es ist uns nicht wohl ein
Buch bekannt, welches bei einer so geringen Mühe eine
reellere Belehrung und tiefere Gedankenbildung hervorzu-
bringen geeignet wäre. Dies Buch soll nicht nur ein
Volksbuch werden, es wird dies auch ohne Zweifel sein.
Die Gebildeten werden es anblättern wollen, um sich aus
ihm bequemen Stoff zu holen, über Lessing „mitzuspre-
182
chen" — und keiner von ihnen wird es aus der Hand
legen, ohne zu seiner eigenen Überraschung durch dasselbe
zu einem Ideengang und einem Verständnis der wichtig-
sten Interessen des Geistes emporgehoben zu werden,
welche jenen äußerlichen und frivolen Zweck bei weitem
überschreiten. Das Volk aber, das deutsche Volk, welches
ernste Arbeit niemals scheut, sofern sie seinen Kräften
nur eben möglich ist, wird dies Buch mit Liebe und Eifer
ergreifen, um aus ihm die Bedeutung und Wirksamkeit
eines der größten deutschen Genien zu erfahren, die je-
mals für die Entwicklung des freien Geistes gekämpft
haben.
Und indem es diese seine frühere Wirksamkeit e r -
fahren will, wird es ihm eine neue geben. Wir
sprechen es mit der vollständigsten Sicherheit aus, daß,
während die 13 Bände füllenden und zu ihrem Verständ-
nis die genaue Kenntnis damaliger Zustände voraussetzen-
den Schriften Lessings, während aus ähnlichen Gründen
das gelehrte Danzel-Guhrauersche Werk dem Vo^e un-
zugänglich und Lessing somit einer Einwirkung auf das
gegenwärtige Volksbewußtsein so gut wie entrückt
war, durch diese komprimierte und alle nötigen Elemente
des Verständnisses in sich selbst tragende Stahrsche Dar-
stellung eine neue und zweite Periode der Wirksamkeit
Lessings auf unseren Volksgeist beginnen wird, nicht viel
geringer als jene, die Lessing auf seine Zeitgenossen aus-
geübt hat.
Was die Verführung der Schrift vergrößern wird, ist
ihr Stil. Sie muß als ein fortlaufendes Stilkunstwerk
bezeichnet werden. Ihre Eigentümlichkeit in dieser Hinsicht
besteht in einer gewissen keuschen Gemessenheit der For-
men, in einer gedämpften Wärme, in einer von nichts
mehr als von Kälte entfernten meisterhaften Mäßigung
183
des Ausdrucks, die, je weniger sie selbst sagt, um so mehr
Herz und Geist des Lesers zu ihrer Ergänzung zu erregen
weiß, und besonders in einer gewissen Ethik, des Stils;
denn man fühlt es aus diesem Stil heraus, daß er schwer-
lich der Rücksicht auf das heutige Publikum entsprungen
ist, welches solchen Stil nicht zu verlangen pflegt und sich
dadurch auch beinahe des Rechtes begeben hat, ihn zu
begehren ; daß er nicht einmal der Rücksicht des Ver-
fassers auf seinen eigenen schriftstellerischen Ruhm ent-
sprungen, daß er vielmehr seinen Quell in der tiefen,
sittlichen Ehrfurcht hat, die den Darsteller von seinem
Gegenstande durchdringt. Ein Denkmal Lessings, sagte
sich der Darsteller — denn dies ist es, was man als die
läuternde Macht dieses Stils herausfühlt, dies ist es,
was wir als die Ethik desselben bezeichnet haben —
durfte nur gegossen werden aus einem glockenreinen Me-
tall, aus einem Erze, aus dem jede Schlacke ausgeschieden.
Besonders jene Kapitel, welche Lessings Lebensschicksale
behandeln, sind wahre Meisterwerke in dieser Hinsicht. —
Dies bringt uns auf eine letzte Seite dieses Werkes,
welche eine der bedeutendsten derselben bildet und uns
hauptsächlich zu dem veranlaßt hat, was wir soeben über
die unzweifelhafte Wirksamkeit desselben auf das Volks-
bewußtsein der Gegenwart gesagt haben. Es ist dies das
eigentlich biographische Element des Werkes. Welch
kämpfendes Heldenleben! denn dies Leben war ein fort-
gesetzter, ein bis zu seinem letzten Atemzuge ununter-
brochener Kampf gegen die ganze Misere, wie sie nur
deutsche Zustände in solcher Allseitigkeit aufzuweisen
haben. Wenn irgend jemand zum Glück geboren
war, so war es die heitere, freudige, sich selbst klare
Natur Lessings ! Wenn irgend jemand wenigstens dem
Unglück vollständig entnommen schien, so war es, durch
184
ihre unbesiegliche Stärke und Tatkraft, durch die voll-
ständige Abwesenheit jeder sentimentalen Weichheit, die
durch und durch gesunde Natur Lessings. Und sie haben
diesen Mann trotz alledem soweit zu bringen gewußt, daß
er sich mit Selbstmordgedanken trug, und nur der
Stolz ihnen das Gegengewicht hielt! „Und heute noch'
— sagt Stahr Bd. II, S. 237 — „wie viele Deutsche,
die sich an Nathan dem Weisen erquicken, wissen es denn,
daß Lessing, während er das erhabenste Werk seines
Genius schuf, mit der drückendsten Not, mit der gemeinen
Sorge um das tägliche Brot zu kämpfen hatte?" In der
Tat stand es damals so, damals, wo Lessing auf der
Höhe seines Ruhmes und seines Wirkens sich befand,
daß, wie er selbst an seinen Bruder über die beabsichtigte
Veranstaltung einer Subskription auf Nathan den Weisen
mit einer unendlich komprimierten, einschneidenden Bitter-
keit schreibt, sogar wenn seine Freunde hinlänglich eifrig
wären, dennoch „vielleicht das Pferd verhungert
sei, ehe der Hafer reif geworden!"
Dieser fortgesetzte Lebenskampf Lessings ist von Stahr
mit einer tiefergreifenden Wahrheit und Einfachheit, mit
einer erschütternden Wirkung dargestellt. Die Anstellung
in Wolfenbüttel hatte den äußeren Sorgen ein Ende machen
sollen. Gerade sie verstrickte ihn für immer in eine Misere,
in der er von nun an unwiderruflich langsam verbluten und
zugrunde gehen sollte. Lessing sollte erfahren, was es
auf sich hat für einen Mann von Verdienst und Seelenadel,
mit Fürsten zu tun zu haben. In der ungeschminkten
Darstellung dieses Verhältnisses, und damit des Charakter-
bildes von Lessing überhaupt, hat Stahr eine unendliche
Überlegenheit über das Danzel-Guhrauersche Werk, wel-
ches z. B. Bd. II, S. 277 sich nicht scheut, jenen Fürsten
noch darzustellen als „einen Prinzen, welcher nach Art
185
dergroßen Seelen des Altertums (!) den Hel-
denruhm des Feldherrn mit der Achtung vor den Heroen
des Geistes in Poesie und Philosophie verband, der wie
zur Zeit kein anderer deutscher Fürst sich freute, sie im
eigenen Vaterlande zu linden, ja aufzusuchen."
Wenn Danzel-Guhrauer genau wissen, daß dies damals
der beste Fürst im deutschen Vaterland in dieser Hin-
sicht war, so — gratulieren wir !
Die einfache Wahrheit jener loyalen Darstellung ist
nämlich die: mit üblicher Selbstverlogenheit wollte man
mit dem Genie und den Heroen des Ruhmes kokettie-
ren, man wollte sich in effekthaschender Eitelkeit mit
dem Besitze eines Lessings wie mit einem Putze
schmücken, ohne irgend ein Opfer für ihn zu bringen, ohne
selbst nur für eine erträgliche Gestaltung seiner Existenz
das Geringste tun zu wollen. Wenn man nur Lessing in
seinen Diensten hatte, — was kam es darauf an, ob er
in dem verkommenen und ungesunden Wolfenbüttel, auf-
gerieben von den unwürdigsten Sorgen und der drückend-
sten Not, verkümmerte und geistig und leiblich zugrunde
CT inc ?
Und als es schien, daß Lessing sich vielleicht doch
noch erinnern könne, er sei als — ,, Vogel auf dem Dach"
niemals elender, niemals in ärmerer und kummervollerer
Lage gewesen, da griff man zu einem Spiel — doch lassen
wir lieber Stahr reden: ,,er (Lessing) sollte schrecklich
enttäuscht werden. Denn nun beginnt ein Schauspiel em-
pörendster Art, ein Spiel fürstlicher Herzlosigkeit mit
dem Schicksale, dem Leben und Charakter des ausge-
zeichnetsten Mannes, den Deutschland besaß, ein Spiel,
das zwei Jahre lang diesen edelsten Charakter bis zu
hoffnungsloser Verzweiflung verbitterte und seine leib-
liche und geistige Vollkraft für immer untergrub. In Les-
186
sings Briefen aus dieser Zeit sind die Zeugnisse enthalten
für die Prometheus-Qualen, die eines Fürsten leichtsinnige
Wortbrüchigkeit über ihn verhängte, und zugleich ein un-
austilgbares Brandmal für das Andenken des Prinzen, der
sein ganzes Leben lang beflissen war, den Schein eines
hochgebildeten, humanen, Kunst und Wissenschaft schüt-
zenden Fürsten durch geschickte Repräsentation um sich
zu verbreiten, der mit einem Moses Mendelssohn über
Philosophie gefühlvoll korrespondierte und sich den An-
schein gab, denselben Lessing in seiner ganzen Bedeutung
und Größe zu erkennen und zu würdigen, den er jahrelang
im Elende verschmachten ließ." Und Lessing selbst
schreibt an seine Braut, nur gewisse Arbeiten, mit wel-
chen er nicht anders als in Wolfenbüttel fertig werden
könne und müsse, wenn er nicht alle seine daselbst zuge-
brachte Zeit verloren haben solle (er meint offenbar die
bald darauf erfolgte Herausgabe der Fragmente), hielten
ihn zurück. Dann aber solle nichts in der Welt ihn länger
halten :
„Ich denke überall so viel wieder zu finden, als ich
hier verlasse. Und wenn ich es auch nicht wieder fände.
Lieber betteln gegangen, als so mit sich han-
d el n las sen."
Der Herzog hatte Lessing eine Stelle gegeben, die ihn
so arm ließ, daß er, als er starb, auf Staatskosten
begraben werden mußte !
Doch — vielleicht beweisen uns die Danzel-Guhrauer,
daß jener Fürst auch dies wieder nur aus antiker Begeiste-
rung tat, um Lessing auch dadurch den Helden des Alter-
tums um so ähnlicher zu machen! O, über die deutschen
Gelehrten! —
Dennoch ist diese Biographie von nichts mehr entfernt
als davon, einen niederdrückenden Eindruck auf den Leser
1S7
zu machen. Denn diese Misere wird noch weit überboten
durch den stets sich gleichbleibenden Stolz und die Tapfer-
keit Lessings. In dieser langen Verwicklung von Elend
nicht ein Atemzug, nicht ein Gedanke, nicht eine Regung,
deren er sich zu schämen gehabt hätte ! Dieser Triumph
sittlicher Kraft ist es, den Stahr auf die erschütterndste
Weise zur Darstellung zu bringen gewußt hat, und der
seinem Buche die erhebende Wirkung gibt. Ja, es ist
ein Heldenleben, wie nur irgend eines jener Helden des
Plutarch, aber um so unendlich ergreifender, als dies Hel-
dentum ausgeübt wird in Umständen und Konflikten,
welche den heutigen Verhältnissen um so viel näher und
analoger sind. Darum wird dieses Buch zündend wirken
auf die deutsche Jugend, kein ernster Leser wird es aus
den Händen legen, ohne durch dasselbe besser und
sittlicher geworden zu sein. Die Katharsis, welche
dies Werk in jedem eines geistigen Eindrucks nur einiger-
maßen fähigen Gemüt hinterlassen wird, ist die, es zu
erheben über die Qualen und Konflikte, die ihm selber
zustoßen können. Eines edeln, eines nur irgend wahr-
haft bescheidenen Gemüts, wird sich eine edle Gleich-
gültigkeit bemächtigen gegen alles, was uns selbst wider-
fahren kann in einem Kulturkampf, in welchem die Größ-
ten und Besten langsam und qualvoll verblutet sind. —
Und so kommt denn dieses so treffliche und bedeutende
Werk dreimal zur Zeit! Die Geschichte kann eine fort-
laufende Reihe von Dramen genannt werden, und die
dramatische Situation von heut ist der von damals wieder
äußerst ähnlich geworden.
Lessings eigenes großes dramatisches Gesetz aber
war: „ähnliche Situationen erzeugen ähnliche
Charaktere!"
188
HERR JULIAN SCHMIDT
DER LITERARHISTORIKER
MIT SETZER-SCHOLIEN
HERAUSGEGEBEN
VON
FERDINAND LASSALLE
DER ERSTE ABDRUCK ERSCHIEN
IM VERLAG VON G. JANSEN, BERUN 1862
VORBEMERKUNG.
Obwohl dem äußeren Gewand nach vorwiegend eine
literarische Abhandlung, ist der »Julian Schmidt" doch
gleichzeitig in nicht geringem Grade eine politische Streit-
schrift. Schon im „Vorbericht des Setzers" wird dies an-
gedeutet, wenn Lassalle dort auf die politische Partei ver-
weist, deren Programm Herr Julian Schmidt unterschrieben
habe, und damit zugleich den geistigen Höhepunkt dieser
Partei — der preußischen Altliberalen, zu deren Führern
u. a. der wiederholt zum Präsidenten des Abgeordneten-
hauses gewählte damalige Oberbürgermeister von Prenzlau,
W. Grabow, gehörte *) — gekennzeichnet zu haben er-
klärt. In den die Schrift selbst bildenden ,,Scholien" —
d. h. Randbemerkungen — zu den Auszügen aus Schmidts
„Geschichte der deutschen Literatur seit Lessings Tode"
tritt es dagegen wiederholt ganz offen zutage, daß die
politische und die, im weiteren Sinne des Wortes, soziale
Tendenz des Schmidtschen Werkes es ist, gegen die Las-
salles Pfeile sich richten, und an vielen anderen Stellen
blickt es für den aufmerksamen Leser durch die Hülle
scheinbar abstrakter Auseinandersetzungen deutlich hin-
durch. Die Nachweise, daß Schmidt ein Ignorant, bzw.
ein ganz gewöhnlicher Literat sei, der seine Urteile meist
aus zweiter und dritter Hand und aus bloßem Durch-
blättern der zu beurteilenden Schriftsteller schöpfe, sind
*) Daher die Bezeichnung „Grabowite".
191
im Grunde nur Beiwerk, die Nachweise der tendenziösen
Behandlung seines Gegenstandes durch Schmidt und die
Kritik dieser Tendenz der wirkliche Zweck des „Herr
Julian Schmidt, der Literarhistoriker". Und nicht nul
sind die als „Beiwerk" zu bezeichnenden die weniger
wichtigen Stellen des Pamphlets, sie sind auch unbestritten
die schwächsten, ihm am wenigsten zur Ehre gereichenden.
Um so bedauerlicher, daß sie auf Kosten des sehr ver-
dienstvollen sonstigen Inhaltes unverhältnismäßig in den
Vordergrund treten.
Ein Ignorant war Herr Julian Schmidt sicherlich nicht.
Er hatte studiert und mehrere Jahre als Gymnasiallehrer
fungiert, bevor er Redakteur einer literarischen Zeitschrift
wurde, und auch als solcher hatte er meist das zurück-
gezogene Leben eines Stubengelehrten geführt. Was man
ihm auch sonst vorwerfen kann, als Literat gehörte er
unzweifelhaft noch zu den Besseren seines Berufes. Er
vertrat eine Idee, und was er literarhistorisch gesündigt
hat, das hat er zum großen Teil in der Leidenschaft der
Überzeugung verbrochen. Einer seiner Biographen, Herr
Konstantin Rößler, schreibt von ihm, daß sich seine Cha-
rakteristik durch ein dreifaches P ausdrücken lasse:
Preuße, Protestant, Parteimann. Sein lebelang hat er in
Preußen, dem Staate des Protestantismus, zugleich den
Staat des deutschen Berufes und der Verwirklichung der
bürgerlichen Freiheit erblickt, ist er mit Leib und Seele
Kleindeutscher — „Gothaer" — gewesen. Literarisch
übersetzte sich das in eine erbitterte Gegnerschaft gegen
die mit dem Katholizismus liebäugelnde Romantik auf der
einen und gegen den philosophischen und politischen Radi-
kalismus auf der anderen Seite. Auch dieser war ihm
Romantik, ein Abwenden von der Realität, das nur zu
Üblem führen konnte. Er war der Hohepriester eines
192
platten Realismus, der im protestantischen Kaufmann oder
Fabrikanten die Verkörperung des Normalmenschen er-
blickte. Und von diesem Standpunkt aus nun be- und miß-
handelte er die ganze neuere deutsche Literatur.
In den Jahren der Reaktion war indes selbst dieser
Standpunkt immer noch ein Stück Ideologie gewesen, es
hatte noch eine Art moralischer Mut dazu gehört, das von
Manteuffel-Westfalen regierte Preußen als bürgerlich-
liberalen Musterstaat malgre lui zu proklamieren. Als aber
nach dem Eintritt der „Neuen Ära" Julian Schmidt 1861
die Chefredaktion des Organs der „Fraktion Vincke"
genannten altliberalen Partei übernommen hatte und dort
mit dem ganzen Eifer des Parteimannes alle Welt, nament-
lich aber die äußerste Linke der Demokratie, gehässig an-
griff, zeigte sich die reaktionäre Seite seines Gothaertums
in voller Klarheit. Zwar drang er als Kritiker damals nicht
durch, die oppositionelle Strömung im Bürgertum war
durch die eigensinnige Haltung des Königs so gesteigert
worden, daß an Stelle der Altliberalen die soeben gegrün-
dete Fortschrittspartei die Führung in der Kammer erhielt,
aber in der Literatur spielte er noch immer die tonange-
bende Rolle, war er noch immer „König". Es war also
auf jeden Fall ein Verdienst, daß Lassalle es unter-
nahm, ihn auch hier zu entthronen und den Beweis zu lie-
fern, wie unecht sein Titel als Dolmetscher der großen
Dichter und Denker der Nation sei. Und daß Lassalle,
der das erforderliche geistige Rüstzeug in so hohem Grade
dazu besaß, den Beweis in der Tat geliefert hat, ist un-
bestritten und unbestreitbar. Bis soweit ist sein Pamphlet
nicht nur eine rühmliche politische, sondern auch eine rühm-
liche literarische Tat.
Aber so witzig die Idee war, den bis dahin gefürch-
teten Literaturkönig durch einen einfachen Schriftsetzer
13 Lao.alls. Ges. Sekreten. Bind VI. 193
und dessen Weib exekutieren zu lassen, und mit so gutem
Humor sie oft durchgeführt ist, so bot die Form der
Kommentierung willkürlich und unsystematisch herausge-
griffener Satzstücke doch auch ihre großen Klippen, na-
mentlich für jemand, dem der Advokat so im Blut steckte
wie Lassalle. Und die Gerechtigkeit gebietet hinzuzufügen,
daß er diese Klippen nicht alle vermieden hat, daß manche
der von ihm zitierten Sätze in ihrem Zusammenhange bei
Schmidt einen wesentlich anderen Sinn haben als den, in
welchem sie hier erscheinen, daß Lassalie nur zu häufig
in den Fehler verfällt, als Beweisstück für die Unwissen-
heit seines Gegners auszuspielen, was in Wirklichkeit nur
eine Ungenauigkeit, wir dürfen auch sagen, Liederlichkeit
der Redeweise war. Es ist das um so mehr zu bedauern,
als er diese billige und gerade in diesem Falle, wo es
sich doch um einen Protest gegen die literarische Sitten-
verderbnis handelte, doppelt unangemessene Kampfesweise
absolut entbehren konnte. Er war in der Lage, den Nach-
weis zu liefern und hat ihn durchaus überzeugend geliefert,
daß hinter der schwülstigen Bildungssprache Schmidts
nicht selten eine bis zur Verdrehung der darzustellenden
Gedanken und Entwicklungen gehende Unzuverlässigkeit
in der Wiedergabe anderer Schriftsteller, sowie eine oft
ebenso große, auf oberflächlichem oder mangelhaftem Stu-
dium der Werke und auf sehr schiefen und engherzigen
Ansichten beruhende Unzuverlässigkeit des Urteils steckte,
und das war durchaus genügend. Denn wenn auch nicht
alle Stellen, aus denen dies hervorgehen soll, sich bei ge-
nauer Prüfung als zeugniskräftige Beweisstücke erweisen,
wenn auch hierbei ebenfalls manche Stelle in anderem
Sinne aufmarschiert als den sie bei Schmidt hat, in der
Hauptsache war der Beweis erschöpfend erbracht. Was
bedurfte es also mehr ? Der Vorwurf des Mangels der
194
für einen Literarhistoriker erforderlichen Vorkenntnisse
ließ sich im Ernst doch nicht aufrechterhalten.
Vielleicht lag es auch gar nicht in Lassalles Absicht,
die dahin gehörigen Ausfälle des „Setzers" buchstäblich
aufgefaßt zu sehen. Der Form nach präsentiert sich ohne-
hin das Pamphlet als das Kind einer übermütigen Laune,
in der man es nicht mit jedem Wort allzu genau nimmt.
Aber daß es in allen wesentlichen Punkten ernst gemeint
war, kann nicht dem leisesten Zweifel unterstehen.
Bekannt ist und wurde auch in der biographischen Ab-
handlung von uns erwähnt, daß die dem ,, Setzerweib" zu-
geschriebenen Stellen von Lothar Bucher herrühren, mit
dem Lassalle zu jener Zeit intimen Verkehr unterhielt.
Ob es wahr ist, wie von einigen Seiten behauptet wird,
daß Julian Schmidt nach Erscheinen des Buches Lassalle
eine Herausforderung zugehen ließ, die dieser aber abge-
lehnt habe, haben wir nicht feststellen können, halten es
auch nicht für wahrscheinlich. Eine andere Anekdote, die
mit Bezug auf ein zufälliges Zusammentreffen Lassalles
mit Julian Schmidt vom ersten selbst in einem seiner Briefe
erzählt worden ist, mag aber, da sie humoristisch genug
ist, hier Platz finden.
Als Lassalle im Sommer 1864 sich auf dem Rigi auf-
hielt, traf er, so heißt es, eines Tages in dem Garten eines
Hotels am Ufer des Vierwaldstädter Sees einen Herrn
und eine Dame aus Berlin. Die Unterhaltung wurde rasch
eine animierte und geistreiche, da man gegenseitig anein-
ander Gefallen fand, und bald war man so weit gediehen,
eine gemeinsame Tour zu verabreden. Lassalle, der bei
seinem Kommen verabsäumt hatte, sich vorzustellen, wollte
dies nach so lebhafter Unterhaltung nicht noch nachholen,
sondern begab sich ins Hotel, um im Fremdenbuch die
Namen des interessanten Ehepaares zu suchen. Kaum hatte
i3' 195
er einen Blick hineingeworfen, da drehte er sich mit dem
Ausrufe ,, Donnerwetter" auf dem Absatz herum, und fort
war er. Während der Zeit hatte sich auch das Ehepaar
nach dem Namen des Herrn erkundigt und kaum vom
Kellner erfahren: ,,Das ist ja der berühmte Lassalle aus
Berlin!" als das Ehepaar ebenfalls eiligst sich entfernte.
Im Fremdenbuch aber stand : „Dr. Julian Schmidt nebst
Frau aus Berlin."
Der „Julian Schmidt" erheischt zum vollen Verständnis
eine Literaturkenntnis, die man bei einem Teile des Publi-
kums nicht voraussetzen darf. Trotzdem habe ich mich
nach reiflicher Überlegung entschlossen, die erklärenden
Noten auf ein Mindestmaß zu beschränken. Von Rechts
wegen müßte der Schrift eine ganze Literaturgeschichte
beigegeben werden. Da das nicht angeht, so dürfte es
wohl das Beste sein, wenn Leser, die der jeweilig in
Frage kommenden Literatur nicht kundig sind, sich um
die Anspielungen nicht weiter kümmern, sondern sich an
die allgemeinen Ausführungen über die Tendenz halten,
die, wie vorher ausgeführt, doch den Hauptgegenstand
des „Herr Julian Schmidt" bilden.
Ed. Bernstein.
196
HERR JULIAN SCHMIDT
WIDMUNG AN HERRN JULIAN SCHMIDT.
Äschylos: „Zwar Unmut erregt mir ein solcher Gesell, und
es kocht mein Herz in Erbitt'rung,
Daß ich diesem ein Wort nur erwidern soll ; daß
jedoch nicht zag' er mich wähne:
Du, gib mir Bescheid, warum denn wohl ist ein
dichtender Mann zu bewundern?
Euripides: Der Geschicklichkeit halb und der sittlichen
Zucht, und weil wir bessere Bildung
Darbieten dem Volk in den Städten umher.
Äschylos: Wenn nun nicht solche du darbotst,
Nein, Menschen bieder und ehrenwert in er-
bärmliche Wichte verwandelt :
Was bekennst du dich wert zu erdulden dafür?
Dionysos: O, den Tod! Wer wird da noch fragen!"
(Aristophanes, Frösche, V. 1013 ff.)
IM
Vorbericht des Setzers an das Publikum.
Es werden vielleicht manche unter Euch sein, die sich
im ersten Augenblick darüber wundern dürften, wie ich,
ein ordentlicher, solider Setzer, von dem Sie wissen, daß
er stets seine Zeit auf ernsthafte Werke gewandt, dazu
komme, Euch mit diesem ergötzlichen Angebinde zu be-
schenken. Vielleicht werdet Ihr zunächst glauben, daß das-
selbe in kurzweiliger Stimmung oder aus dem Be-
dürfnis nach Kurzweil entstanden, das sich in den
Mußestunden zwischen ernster Arbeit einzustellen pflegt.
Ach ! ich versichere Euch, daß Ihr irrt und daß ich nie ge-
langweilter war, als in den Tagen, welche dieser
Blumenlese gewidmet waren. Meine Lippe lachte, aber,
wenn ich den sentimentalen Stil liebte, so würde ich sagen,
daß mein Herz blutete, während ich diese Blumen pflückte
und sie zu einem Kranze für Euch wand.
Warum ich mir nun dennoch dieses Ungemach an-
getan?
An verschiedenen Stellen meiner Scholien habe ich mich
recht deutlich und vernehmlich darüber ausgesprochen.
Aber die wahre Erklärung liegt dennoch nicht in dieser
oder jener Stelle ; sie liegt lediglich in dem Ganzen. Wenn
Ihr das ganze Büchlein aufmerksam zu Ende gelesen haben
201
werdet, dann werdet Ihr sehr genau wissen, warum ich
mir dies Ungemach zufügte und warum dies notwendig
war. — Dann wird auch, wenn Ihr auch unterwegs hoffent-
lich laut und herzlich lachen solltet, das Büchlein dennoch
einen Gesamteindruck in Euch hinterlassen, der Euch, wenn
Ihr es ernst meint mit dem Lande und seiner geistigen
Entwicklung, eben so traurig stimmen wird, wie mich
selbst, und Ihr werdet es mir Dank wissen, daß ich
nicht zu vornehm war, mich zu so niederer Arbeit zu be-
quemen.
Ach, es steht nicht mehr alles wie sonst ! Im Jahre
1840 konditionierte ich in Leipzig und feierte da das
vierhundertjährige Jubiläum der Erfindung der Buch-
druckerkunst mit. Was war ich damals stolz auf meine
edle Kunst, die erste der Welt! Mit welchem Triumph
betrachtete ich meine bleiernen Lettern, diese Verbreiter
von Licht, Geist und Wissenschaft!
Aber seit 1848 hat sich vieles geändert, und recht
melancholisch schaue ich jetzt oft auf dieselben Lettern!
Ja manchmal, wenn mein Auge auf ihnen ruht, will es
mir scheinen, als sei nun auch bei ihnen schon der Um-
schwung eingetreten, den Platen bei den Klöstern
beschreibt :
„Jetzt streuen sie aus Dummheit und Verderb, einst
säten sie Wissen und Geist aus !"
Freilich kämpft noch immer eine rüstige und tapfere Schar
edler Streiter in der alten Weise fort und wird immer fort-
kämpfen. Aber mitten in ihre Reihen hat sich, unter den-
selben Feldzeichen, in derselben Tracht und Gewandung,
eine Bande unwissender und gedankenloser Buben ge-
worfen, zu jeder bürgerlichen Hantierung zu schlecht, zu
ignorant zum Elementarschullehrer, zu, unfähig und arbeits-
202
scheu zum Postsekretär, und eben deshalb sich berufen
glaubend, Literatur und Volksbildung zu treiben! Diese
nun führen nur gar zu oft das große Wort in Literatur
und Politik, in Zeitungen und Journalen, und wie sollten
sie es nicht führen! Ihrer sind viele; jener wackeren
Streiter aber im Verhältnis zu ihnen nur wenige. Da sie
unter demselben Feldzeichen mit diesen kämpfen, können
sie vom Volke nicht leicht von ihnen unterschieden wer-
den. Von jenen Wackeren selbst zwar wird keiner von
ihnen getäuscht, aber diese sind in der Regel so sehr in
ihre eigenen nützlichen Arbeiten vertieft, daß sie sich
nicht zur Entlarvung dieser falschen Spießgesellen her-
geben können. Jene Wackeren streben ferner in der Regel
nur nach Wirkung auf die Länge der Zeit, und können
dies auch meistens bei der Natur ihrer Leistungen gar nicht
anders. Aber sie bekümmern sich nicht um ihre Wirkung
in die Breite in der Gegenwart. Sie schauen immer
nur auf den Kultur ström und freuen sich, wenn er
von Generation zu Generation immer weiter vorschreitet
und dem Ziele sich nähert, und sie arbeiten eifrig hieran.
Aber sie schauen zu wenig darauf, inwieweit dieser Strom
in die Täler zu beiden Seiten austritt und sie mit seinem
wohltätigen Gewässer befruchtet.
Endlich kämpfen diese Wackeren jeder für sich allein,
jeder einzeln dem speziellen Arbeitszwecke hingegeben,
der ihn gerade beschäftigt. Jene anderen aber haben einen
Rat, den Liscow schon 1736 in seiner Schrift „über
die Vortrefflichkeit der elenden Skribenten" diesen letz-
teren gegeben, den Rat, daß sie doch nicht jeder bloß an
sich denken und für sich sorgen sollen, damit nicht von
ihnen gelte, was Tacitus von den alten Briten sagt:
dum singuli pugnant universi vincuntur (während sie ein-
zeln kämpfen, werden sie als Gesamtheit besiegt), sich
203
seitdem weidlich zunutze gemacht. Sie haben sich zusam-
mengetan, Cliquen und Koterien gebildet, einer schwört
auf den anderen, streicht ihn heraus, jeder macht den
anderen berühmt, ganze journalistische Institute sind zu
diesem Zwecke gebildet worden oder werden von ihm
beherrscht, und so haben sie sich endlich eine große und
furchtbare Autorität erworben, gegen welche selbst die
Verdienstvollsten häufig Scheu tragen, anzukämpfen.
So ist es denn dahin gekommen, daß die Produktion
der geistigen Bildung in unserer Epoche etwa dem Gewebe
der Penelope zu vergleichen ist. Wie die Königin selbst
in der Nacht auftrennte, was sie am Tage gewebt, so wird
jetzt diese Arbeit wirtschaftlicher, und den Gesetzen von
der Teilung der Arbeit entsprechend, von verschiedenen
Faktoren besorgt. Was unsere großen Denker, Dichter
und Gelehrten mit großer reeller Mühe für die Entwick-
lung des Geistes produzieren, das entstellen, verderben
und vernichten jene „elenden Skribenten" wieder für alle
diejenigen, welchen nicht Zeit und Möglichkeit gegeben ist,
unmittelbar aus den Quellen selbst zu schöpfen, welche
vielmehr auf Berichte aus zweiter Hand angewiesen sind,
— also für die große Masse der Nation!
Denn nicht nur, daß sie in ihren Urteilen hudeln, miß-
handeln und niederschreien alles, was sie nicht verstehen
und worüber sie kein Urteil, ja nicht einmal die für ein
solches erforderlichen Elemente besitzen, — sondern,
was noch viel schlimmer, selbst in den scheinbar tatsäch-
lichen Berichten, welche sie dem Volke über die Lei-
stungen seiner großen Geister geben, Berichte, welche die
aus zweiter Hand Schöpfenden natürlich für wahr halten
müssen, entstellen und fälschen sie gänzlich
in ihrer groben Unwissenheit das, was diese Männer ge-
204
sagt, getan und gedacht haben; geben oft ohne Scheu das
strikte Gegenteil dessen, was diese dachten und lehr-
ten, für von ihnen gedacht und gelehrt aus ! Natürlich !
Bei ihrer gänzlichen Arbeitsscheu wäre es ihnen viel zu
mühsam, sich wirklich über den Inhalt jener nur reeller
Arbeit zugänglichen Produktionen zu unterrichten, und in
der Regel macht ihnen das auch die eigentümliche geistige
Dumpfheit, welche die Folge gedanken- und arbeitsloser
Vielschreiberei ist, schon ganz und gar unmöglich.
Um nun aber alle diese Sünden gegen die Bildung der
Nation ungestraft begehen zu können, haben sich diese
elenden Skribenten einen Stil erfunden, welcher selbst
wieder vielleicht ihre schlimmste und gemeinschädlichste
Sünde bildet. Sie haben aus den Schriften der Denker und
Gelehrten sich einiger vornehmen Ausdrücke bemächtigt und
mit Hilfe derselben sich eine eigene Art von gespreizter
,, Bildungssprache" erzeugt, die einen wahren Triumph der
modernen Bildung darstellt und zeigt, wohin es die Kunst
bringen kann. Es ist eine nach den Gesetzen der belle-
tristischen Routine kaleidoskopartig durcheinander gerüt-
telte und geschüttelte Anzahl von Worten, die keinen Sinn
geben, aber auf ein Haar so aussehen, als gäben sie
einen solchen und einen erstaunlich tiefen ! Man muß oft
ein erfahrener Setzer, ein scharf aufpassender Setzer
sein, um mit Sicherheit zu ersehen, daß in diesem unbe-
stimmten belletristischen Wortgeflimmer auch nicht die
Spur eines Gedankens vorhanden ist, der Autor viel-
mehr ganz bewußt einen Fandango auf Eiern tanzt, und
sich ganz klar darüber ist, daß er bei dem ersten soliden
Schritt einbrechen und seine erstaunliche Gedankenlosig-
keit und Unwissenheit über den Gegenstand verraten
würde. — Mein Julian ist vor allen unbestrittener
Meister in dieser Kunst.
205
Die verheerenden Wirkungen, welche diese Kunst im
großen Publikum anrichten mußte, sind evident. Das große
Publikum, einen Gedanken unmöglich da herausfinden kön-
nend, wo keiner vorliegt, und dennoch an eine Abwesen-
heit jedes Gedankens infolge des gebildeten belletristischen
Wortgewirres und des Ansehens des Autors nicht glauben
könnend, mußte sich endlich gewöhnen, flimmernde Ne-
belbilder für Gedanken zu halten und auch an
sein eigenes Denken keine andere Anforderung zu
stellen, als eine Verbindung unklar tönender Worte mit
einem nach allen Seiten hin schielenden Reflexionsschein
zu produzieren.
So gerät alles bestimmte und scharfe Denken in
der Gesellschaft außer Mode. Sogar die Forderung da-
nach hört auf, und an seine Stelle treten in selbstverliebter
Zufriedenheit jene nur nach dem verlogenen Schein
eines Gedankens trachtenden Halluzinationen des Geistes.
Solange nun diese Bande nur noch in den belletristischen
Journalen etc. ihr Lager aufgeschlagen hatte, mochte es
immer noch hingehen. Wenn sie aber gar, stolz und sicher
gemacht durch ihre zuletzt erwähnte Erfindung, dazu über-
geht, einen gelehrten Schein anzunehmen, große Werke
zu schreiben, „Literaturgeschichte" zu produzieren, dann
ist es Zeit und höchste Zeit.
Est modus in rebus, sunt certi denique fines 1 ).
Ja, mein Julian steht nicht allein. Stünde er al-
le i n , ich würde ihn nicht angerührt haben ; nicht mit einer
Zange ! Aber er ist nur der anerkannte Primas, der ge-
salbte König, der gefeierte „Literarhistoriker" jener
1 ) Die Dinge haben ihr Maß, schließlich gibt es gewisse
Grenzen. D. H.
206
Bande. Er steht nicht allein, und es läßt sich hier der
Spruch des Evangeliums umkehren : Einer ist be-
rufen, aber viele wären auserwählt ! Nur darum habe
ich ihn als den Bedeutendsten herausgegriffen, um ihn
zur Kennzeichnung seiner ganzen Bande öffentlich zu ent-
hüllen und ihn zu deinem Nutzen, liebes Publikum, auf
hohem Berge vor versammeltem Volk zu schlachten, sicher,
daß mir kein Engel in den Arm fallen und das geschwun-
gene Schlachtschwert zurückhalten soll.
Nein, er steht nicht allein, und wie sollte er auch
allein stehen? Seine Literaturgeschichte hat in wenigen
Jahren vier Auflagen erlebt, ein fast unerhörter Erfolg !
Fast in allen Blättern ist sie mit dem größten, überschweng-
lichsten Lobe rezensiert worden; seine literarhistorische
Autorität steht, wie ich oft selbst erfahren und wie viele
andere mir berichten, unbestritten und fast kanonisch fest
in den zahlreichsten Kreisen des großen Publikums, und
vor wenigen Tagen hat ihn eine politische Partei — die
Grabowiten — in seiner Qualität als „großer Mann"
auserwählt, ihr Parteiprogramm mitzuunterschreiben. Nun,
ich gratuliere den Grabowiten zu diesem Büchlein.
Ihr Bildungsgrad wird sich jetzt nach dem Bildungsgrad
ihres „großen Mannes" genau bemessen lassen, und »Ju-
li a n d e r Grabowite" wird füglich der Ausdruck wer-
den können, welcher den geistigen Höhepunkt dieser Partei
kennzeichnet.
Nun noch ein Wort zu Dir, mein liebes Publikum,
vielleicht hast Du schon von selbst gemerkt, — und ich
werde der letzte sein, es Dir zu verhehlen, — daß Du
nicht ganz ohne Mitschuld an dem geschilderten Unwesen
bist. Es hätte nicht entstehen, nicht diese Ausdehnung ge-
winnen, nicht diese Autorität erlangen können, wenn Du,
207
Brust an Brust gedrängt, mannhafteren Widerstand geübt
hättest. Aber gar viele unter Euch haben sich in den letzten
Zeiten einem häßlichen Laster ergeben : der Wo r t b e -
rauschung, die viel ungesunder und viel unnatürlicher
ist als die We i n berauschung. Möge dies Büchlein als
eine nützliche Kaltwasserkur gegen diese Krankheit dienen.
Berlin, 22. März 1862.
208
Bd. II. S. 233 1 ).
„Ein Zeitalter der sieben Weisen, das sich
Gedanken darüber macht, welches das erstederDinge
sei, ob die Materie in irgendeiner elementaren Form,
oder das Atom oder die Zahl oder das Sein im all-
gemeinen oder das Werden usw., ist" etc.
Anm. d. Setzers. Das Atom wurde von Leucipp und
Demo kr it, die Zahl von Pythagoras, das Sein von
den Eleaten, das Werden von Heraklit für das Prinzip
der Dinge erklärt. Diese Männer hält Herr Julian Schmidt
also für die bekannten „sieben Weisen Griechenlands"
(Solon, Bias von Priene, Pittakus von Mytilene, Kleobul, Chi-
lon, Myson und Thaies) ! ! ! Das Zeitalter der sieben Weisen,
Herr Schmidt, hat sich noch „keine Gedanken darüber ge-
macht", welches das Prinzip der Dinge sei. Die Weisheit des
Zeitalters der sieben Weisen, Herr Schmidt, besteht in gnomi-
scher Lebensweisheit, in praktisch-verständigen Kernsprüchen
sittlichen Inhalts — in Kernsprüchen von einem übrigens sehr
berücksichtigenswerten Inhalt, Herr Schmidt, wie z. B. „Besser
Schade als Schande" oder „Beherrsche dein Maul"
(ylo)rcr]<; cigye) und andere, die Sie in den Sammlungen bei
Stobäus und Diogenes hätten nachsehen können — und hat
nichts mit der ionischen Naturphilosophie und den pytha-
goreisch-metaphysischen Spekulationen etc. zu tun. Das Zeit-
alter der sieben Weisen, Herr Schmidt, ist die dem Zeitalter
der griechischen Philosophie vorhergehende Epoche, das
ihr vorhergehende Jahrhundert, und wird niemals
*) Julian Schmidt, Geschichte der deutschen Literatur.
Vierte Auflage. Leipzig 1858. F. L. Herbig.
14 L«3iU e . Ges. Scnriften. Band VI. 209
zur griechischen Philosophie gerechnet. Thaies ist der
einzige, der ebenso wie er die jonische Philosophie beginnt,
andrerseits noch zu den sieben Weisen gerechnet wird und den
Übergang jener praktischen Lebensweisheit in die Philosophie,
die Untersuchung über das Prinzip der Dinge, darstellt.
Ein befreundeter Tertianer, von dem ich diese ganze Weis-
heit habe und der sie mir in seinem Leitfaden für die höheren
Gymnasialklassen nachwies, lachte bis zu Tränen über diese
Verwechselung der „sieben Weisen" mit den Stiftern der demo-
kritischen, pythagoräischen, eleatischen und heraklitischen Philo-
sophie. Er versicherte mir, daß dies das non plus ultra krassester
Ignoranz sei, und daß er zuverlässig von seinem Lehrer mit
Ohrfeigen bedient werden würde, wenn er sich derselben schul-
dig machte.
Mein Tertianer hat übrigens einen Hauslehrer, Herr Schmidt,
einen Studenten. Und der hat mir die Erlaubnis gegeben, ihn
gleichfalls hin und wieder zu konsultieren, wenn ich Dinge bei
Ihnen fände, die meinen Setzerhorizont übersteigen ! Übrigens
meint er, daß sich Ihr herrliches Werk manchmal in Prosa gar
nicht charakterisieren lasse. Oft sei dies nur der Poesie ge-
geben. Die erforderlichen Verschen versprach er mir aus seiner
Lektüre zu liefern. Einstweilen hält er sich Ihnen bestens emp-
fohlen!
Bd. II. S. 100
heißt es über G entz : „Am meisten haben ihm die Briefe
an R a h e 1 geschadet. Er nennt sich in diesen Briefen das
erste aller Weiber, höllisch blasiert, teuflisch kalt
usw., kurz, man kann sich kaum eine Injurie denken, die er
sich nicht selbst sagte. Auf diese Einfälle hat man
aber einen zu großen Wert gelegt. Zunächst muß man seine
Neigung zu Superlativen abrechnen ; die Hauptsache aber
ist, daß jene geistvolle Frau mit ihren Paradoxien alle ihre
Korrespondenten veranlaßte, Worte miteinander zu kom-
binieren, die nicht zusammengehören. Keiner war dieser
Verführung so ausgesetzt als Gentz, der mit seinem großen
210
geselligen Talent die Neigung verband, sich stets in der
Sprache derer auszudrücken, mit denen er verkehrte. Rahel
hatte ihm durch den ,, schönen Ekel" so imponiert, daß er
sie notwendig überbieten mußte, und dabei kam es ihm
auf einen Grad mehr oder weniger nicht an. Eristaber
in keinem Augenblick seines Lebens blasiert
gewesen, am wenigsten in der Zeit von 1803 — 9, wo
eine große Idee seine Seele mit edler Leidenschaft durch-
drang."
Anm. d. Setzers. Es steht also fest, Herr Schmidt, Gentz ist,
was er auch selber in seinen Briefen an Rahel sagen möge, nie-
mals blasiert gewesen, Ihre „höhere Kritik" beweist es! Wie
Ihre Leser bewundernd mit geöffnetem Munde Sie anstieren
müssen, großer Mann, vor dessen überlegenem Blick sogar die
eigenen Eingeständnisse von Gentz in nichts verschwinden!
Auch ich werde nicht versuchen, Sie zu widerlegen. Wie wäre
mir das gegeben! Ich werde Sie im Gegenteil nur bitten, Herr
Schmidt, mit mir festzuhalten, recht fest, daß Gentz niemals
blasiert war, „in keinem Augenblick seines Lebens",
wie Sie oben ausdrücklich sagen, und wie Sie daselbst ebenso
ausdrücklich hinzufügen, „am wenigsten" in der Zeit jener
Briefe an Rahel, „wo eine große Idee seine Seele mit edler
Leidenschaft durchdrang", nämlich die Idee eines deutschen
Aufschwungs gegen die Napoleonische Herrschaft.
Aber zweihundert Seiten später in Ihrem unsterblichen Werke,
Herr Schmidt, beurteilen Sie noch einmal denselben Mann
und dieselben Briefe aus derselben Periode, und auch
noch ganz speziell denselben Brief an Rahel: „Ich bin
höllisch blasiert" etc., den Sie oben besprechen, und lassen
sich hier an dieser zweiten Stelle, S. 390 Ihres Werkes, darüber
vernehmen wie folgt: „Wenn Gentz im Herbste 1810 an Rahel
schreibt: ,Ich bin höllisch blasiert und habe soviel von
der Welt gesehen und genossen, daß man mit Illusionen und
Schaugepränge nichts mehr bei mir ausrichtet', wenn er Adam
Müller gesteht, daß er sich in einer Abspannung, einer Mut-
losigkeit, einer Leere und Indifferenz befände, wie er sie nie
gekannt, noch geahnt habe, wenn er seinen Zustand einer gei-
14» 211
stigen Auszehrung vergleicht, und verzweifelt, sich durch
eigne Anstrengung aus demselben befreien zu können, so ist
eine — tiefe Wahrheit in diesen Geständnissen"!!!
Wenn ein Schüler seinem Lehrer einen deutschen Aufsatz
einreichte, in welchem er sich in so unmittelbarer Weise selbst
widerspräche, würde der Lehrer ihm nicht das Pensum immer
abwechselnd rechts und links um die Ohren schlagen ? Aber so
schreibt man bei uns Literaturgeschichte!
Nun weiß ich zwar wohl, Herr Schmidt, was Sie zu Ihrer
Entschuldigung sagen werden. Sie werden sagen, Sie hätten auf
S. 100 Ihres Werks einen solchen Journalartikel abgeschrie-
ben und auf S. 390 wieder einen andern! Aber begreifen Sie
denn nicht, daß man zu diesem nobeln Metier wenigstens einiges
Gedächtnis braucht? Ja, ja! Aristophanes hat schon recht
gehabt, sagt mein Student, wenn er seinen Sophisten über den
hartköpfigen Strepsiades klagen läßt:
„Beim Atem schwör' ich's, bei der Luft, beim Chaos!
Nein, solchen Tölpel sah ich doch noch nie!
So bäu'risch linkisch, so stupid vergeßlich,
Der nicht die kleinste Düftelei kapiert
Und kaum gelernt, vergißt.
(Aristophanes, Wolken, V. 623 ff.)
Bd. II. S. 195.
„Daher ist es gekommen, daß sich nicht, wie bei den
Griechen, aus dem Vorrat alter Nationalsagen, eine
deutsche Historie entwickelt hat."
Anm. d. Setzers. Bei den Griechen also hat sich die Hi-
storie aus dem „Vorrat alter Nationalsagen entwickelt"! Die
spartanische Verfassung und der peloponnesische Krieg, die
perikleische Obolenbesoldung der Richter und die Herrschaft
des Trasybull — was sind das anders als Entwicklungen eines
„Vorrats alter Nationalsagen" ? Entweder unser untergeordneter
Setzerverstand täuscht uns sehr, oder die Sache hängt so zu-
sammen. Herr Julian Schmidt hat einmal gelesen, was in den
meisten Leitfäden über Griechenland zu lesen ist, daß die
hellenische Poesie, insbesondere die attische Tragödie, eine
212
Entwicklung „eines Vorrats alter Nationalsagen" sei. Wie in
der Ferne verklingendes Glockengeläute — bim! bam! bam!
bim ! — summt ihm eine unklare Erinnerung hieran in den Ohren
herum, und da mit Recht, wie bei der gänzlichen Abwesenheit
des Lichtes, der Nacht, alle Katzen grau, auch bei der gänz-
lichen Abwesenheit des Gedankens alle Dinge gleich sind, so
setzt Herr Schmidt die Geschichte hier an die Stelle der
Kunst. Es wäre schikanös wegen einer so geringfügigen Ver-
wechslung eine Schwierigkeit zu erheben! Bim, bam, bam, bim!
Bd. II. S. 301.
„Die Tonart der schwäbischen Schule hat
sich über alle Provinzen unseres Vaterlandes verbreitet
und ist die Grundmelodie unserer Gemütlichkeit geworden.
Seitdem vollends das Lorle alle Bühnen entzückt hat, muß
man notwendigerweise schwäbeln, wenn man Gemüt zeigen
will. Allein der provinzielle Typus hat sich in
Schwabennicht bloß auf die Lyriker erstreckt.
Nicht bloß bei Hauffs Novellen, nicht bloß bei Auer-
bachs Dorfgeschichten, nicht bloß bei Wolfgang Menzels
verzerrter Deutschtümelei erkennt man Anklänge an
den Schwabenspiegel heraus, sondern selbst in
den Werken so verschieden angelegter Naturen, wie Strauß
oder Vischer" ! !
Anm. d. Setzers. Alle guten Geister loben Gott den Herrn ! ! !
Herr Schmidt hält hier den „Schwaben Spiegel", das be-
rühmte mittelalterliche Rechtsbuch, welches am Ende des 13. Jahr-
hunderts zusammengestellt wurde, für ein typisches, maßgeben-
des Werk der schwäbischen Poesie, für eine Sammlung lyrischer
Gedichte der schwäbischen Dichterschule ! ! ! Donner-Bomben-
Wachsstock-Sapperment ! !
Herr Schmidt ! Wenn Sie nur ein einziges Mal, ehe Sie Ihre^
Literaturgeschichte schrieben, in den „Schwabenspiegel" geblickt
hätten, es hätte die wohltätigsten Folgen haben können! Sie
hätten da den Rechtsgrundsatz gefunden (Kap. CLIV) : „Ein
jeglich man sol den schaden gelten, der von ihm geschiht" und
213
das hätte Sie wohl bedenklich machen können, eine Literatur-
geschichte zu schreiben! Sie hätten da gefunden, mit welcher
Sorgfalt unsere Altvordern die Frage prüften, ob ein Knabe
mit Recht zum Mönch — die damaligen Gelehrten, Herr
Schmidt, die damaligen Literarhistoriker — gemacht wor-
den sei. Kap. XXVII : „Man sol im grifen oben an den munt
under der nase; vindet man da kleinez har, daz ist ein geziuge.
Man sol im grifen under die uohsen; vindet man da kleinez
har, daz ist der ander geziuge. Man sol im grifen under diu
bein, und vindet man da — " und so weiter, Herr Schmidt.
Wenn Sie sich nun mit allen diesen Griffen geprüft hätten,
und überall nur die nackte Blöße Ihrer Unwissenheit
gefunden hätten, nirgends ein Haar, so hätten Sie es wohl sein
lassen, eine Literaturgeschichte zu schreiben. —
Aber Ihre Leser werden mit staunender Verwunderung
fragen : Wie kann man g a r so unwissend sein ? Wie kann man
den „Schwabenspiegel" für ein Werk halten, welches den „pro-
vinziellen Typus" der schwäbischen Poesie in sich enthält, und
an welches man daher „Anklänge" bei schwäbischen Roman-
schriftstellern, Gelehrten, Denkern und Theologen finden will?
Woher nimmt man endlich die Sicherheit, so etwas drucken
zu lassen? — Ich will" das Ihren Lesern erklären, um sie schon
hier einen deutlichen Einblick in Ihre ganze Methode tun zu
lassen, die sich uns immer klarer enthüllen wird.
Im Jahre 1838 benutzte Heinrich Heine den berühmten
Namen des „Schwabenspiegels", um denselben mit einer geist-
reichen Allusion als Titel für einen kleinen, zehn Oktavseiten
langen, in periodischen Blättern erschienenen räsonierenden
Aufsatz zu nehmen, in welchem er die Herren Carolus Mayer,
Gustav Schwab, Justinus Kerner und andere Dichter der schwa-
bischen Dichterschule angreift. Von diesem Aufsatz haben Sie
gehört — Sie erwähnen ihn selbst an einer andern Stelle in
Ihrem Werke — und schließen nun aus diesem Titel, daß
der „Schwabenspiegel" ein Werk der schwäbischen Dichter-
schule sein müsse, das Heine hier verhöhnen wolle. An den
rleineschen Aufsatz selbst, Herr Schmidt, können Sie — nein,
ich muß bitten, keine Verdunkelung, nur keine Verdunkelung,
Herr Schmidt — in Ihren oben zitierten Worten durchaus nicht
denken. Und zwar aus sehr vielen Gründen nicht. Erstens weil
214
jener Heinesche Schwabenspiegel ein sehr unbedeutender und
ziemlich unbekannt gebliebener Artikel ist, an den bei der Be-
rühmtheit jenes „Schwabenspiegels" kein Mensch denken kann,
wo bloß von dem „Schwabenspiegel* die Rede ist und den Sie
mindestens dann als den Heineschen „Schwabenspiegel"
hätten bezeichnen müssen. Zweitens deshalb nicht, weil, wenn
selbst Heine in seinem Schwabenspiegel die Manier der schwä-
bischen Dichter spöttisch nachgeahmt oder geschildert hätte,
man ja dann durchaus nicht sagen könnte, daß man in schwä-
belnden Schriftstellern „Anklänge" erkenne an einen Auf satz,
in welchem jene Manier nicht positiv auftritt, sondern nur ne-
giert und ironisiert wäre. Drittens aber — und dieser
Grund, beseitigt vollends alle falschen und schiefen Ausflüchte,
die Sie im Kreise Ihrer Bekannten herstammeln könnten —
deshalb nicht, weil Heine in seinem Schwabenspiegel auch
durchaus nicht die Manier der schwäbischen Poesie nachahmt
oder irgendwie schildert. Sondern er treibt da nur in seiner
geistreichen Weise Allotria und Narrenspossen, neckt Justinu9
Kerner mit seinem Geisterglauben, Carl Mayer mit einer Statue,
die man ihm in Waiblingen setzen werde, verhöhnt Menzel
wegen seiner Feigheit, erzählt von einer schönen Schwäbin, die
ihn mit ihrem Hasse verfolge, und wirft Gustav Pfizer falsche
Zitate vor. Das ist alles, wie sich jeder überzeugen kann, der
den fünften Band der amerikanischen Ausgabe von Heines
Werken zur Hand nimmt. Da gibt es also nichts „anzu-
klingen", und am wenigsten für die Werke schwäbelnder
Autoren.
Die geistreiche Allusion des Heineschen Titels induziert Sie
also, in fidem Heines anzunehmen, daß der „Schwabenspiegel"
— ein Name, den Sie natürlich hin und wieder gehört hatten,
ohne sich zu erinnern in welchem Zusammenhange — eine für
den „provinziellen Typus" der schwäbischen Poesie maßgebende
Sammlung lyrischer Gedichte sein müsse!
Nun, diese Unwissenheit ist freilich grauenvoll. Sie ist
ein Verbrechen für jemand, der eine Literaturgeschichte
schreibt. Aber sie ist doch das Schlimmste bei der Sache noch
nicht. Das Schlimmste kommt nun. Kaum haben Sie diesen
Schluß gemacht, daß der „Schwabenspiegel" ein solches Werk
sein müsse, als Sie den Kopf gedankenvoll in die Hand stützen
215
und mit tiefsinniger Kennermiene erklären, daß Sie „nicht bloß
bei Hauffs Novellen, nicht bloß bei Auerbachs Dorfgeschichten,
nicht bloß bei Menzels verzerrter Deutschtümelei, sondern selbst
in den Werken so verschieden angelegter Naturen wie
Strauß oder Vischer Anklänge erkennen an — den
„Schwaben spie gel", an ein Buch, das Sie zu Ihrem Un-
glück nie zur Hand genommen! Es ist diese gewissen-
lose Frivolität, diese freche Windbeutelei, dieser super-
lativische Humbug, den Sie mit ernsten Dingen und mit einem
Publikum treiben, das sich ernsthaft belehren will, es ist diese
tiefe Unsittlichkeit, die noch viel schlimmer ist als Ihre stu-
pende Ignoranz.
Das ist Ihre Methode, Herr Schmidt, und freilich ist
sie eine blendende ! Wie so manche Ihrer Leser bewundernd vor
Ihnen dagestanden haben mögen : „Der Strauß und der Vischer,
das denken zwei Philosophen zu sein, der eine ein Theologe,
der andere ein Ästhetiker: zwei ganz verschiedene Gebiete.
Aber der Schmidt, der blickt sie gleich durch und durch! Aus
beiden klingt der Schwabenspiegel 'raus. Der Schmidt hat's
gleich fort. Es ist doch ein verfluchter Kerl !"
Brauche ich endlich erst noch darauf hinzudeuten, daß Sie
hier ein gedoppeltes Wunder zu Wege bringen? Daß Sie
nämlich „Strauß oder Vischer" ebensowenig kennen, wie den
„Schwabenspiegel" und daß Sie also vermöge der Ihnen eigen-
tümlichen kritischen Intuition hier „Anklänge" aneinander in
zwei Werken entdecken, von denen Sie keins von beiden
gelesen haben? Wer diesem Büchlein bis zu Ende folgt, der
wird das nicht bezweifeln.
_ Bd. II. S. 1.
„Seine (Goethes) Lieblingsgestalten sind Virtuosen
mit vielseitiger Empfänglichkeit ohne ideelen In-
halt und ohne Ehrfurcht vor der realen Welt; auch
Faust (I!) 1 ) denn (!) sein Bund mit dem Teufel be-
ruhte wesentlich auf Abneigung gegen — Einseitig-
keit der Bildung und Beschäftigung 2 ). In der Gesell-
schaft und in den Dichtungen der späteren Romantiker
216
wird dieser Dilettantismus 3 ) ins Große ge-
trieben" 4 ).
x ) Anm. d. Setzers. Goethes Faust „ohne ideellen In-
halt"!!! Recht so, Herr Schmidt:
„Des diamantnen Keiles schonungslosen Zahn
Hier durch die Brust hin treib' ihm den mit aller Kraft."
(Äschylos Prometheus.)
2 ) Und welch reizender Grund! Der Faust ist deshalb
ohne ideellen Inhalt, weil er angeblich beruht auf Abneigung
— ».gegen Einseitigkeit der Bildung und Beschäftigung".
3 ) Der Dilettantismus des Faust!
4 ) Also Faust ist „ohne ideellen Inhalt"! Es ist etwas
in dieser Entdeckung, was einem auf die Brust fällt und den
Atem beklemmt ! Besonders aber auch etwas, was einen besorgt
macht um das Schicksal des Entdeckers, denn Sie wissen, Herr
Schmidt, es ist noch allen großen Entdeckern schlimm ergangen,
Columbus wie Galilei und so vielen andern. Und Sie werden
zugeben, Herr Schmidt, mit einem Manne, vor dessen Titanen-
geist selbst der Faust zu einem bloßen „Dilettantismus", zu
einer Gestalt „ohne ideellen Inhalt" herabsinkt, — mit dem darf
man es scharf nehmen, Herr Schmidt!
„So heb ich an : Legt nimmer hin
Die Scham, die aller Zucht Beginn.
Schamloser Mann, wie taugte der?
Als ob er in der Mause war,
So rieselt von ihm Würdigkeit
Und weist ihn zu der Hölle Leid."
(Parzival III. 170.)
Bd. II. S. 161.
Über die Bedeutung des Mephistopheles im Faust :
„Der Geist, der stets verneint, ist nicht eine Persönlich-
keit, sondern eine Abstraktion, die Abstraktion der
Altklugheit — "
Anm. d. Setzers. O, Herr Julian Schmidt, glauben Sie wirk-
lich, Goethe habe im Mephistopheles Sie vorausahnend schil-
dern wollen, Sie, der Sie allerdings alles und jedes, Goethe und
217
Schiller, Platen und Immermann, Fichte und Hegel, Unland
und Schlegel, Creuzer und Kegel herunterreißen und verneinen?
Goethe hat allerdings wohl nicht an Sie gedacht, dennoch emp-
fangen Sie für die obige Stelle meinen wärmsten Dank. Denn
wenn ich oft und lange vergeblich darüber nachgedacht habe,
warum Sie wohl eigentlich die klassische Richtung und die Ro-
mantik, die alte und die neue Philosophie, die historische Schule
und die vergleichende Sprachforschung, die Mythologie und die
orientalischen Studien, kurz alles und noch einiges darüber, von
welchem allen Sie gleichmäßig nichts verstehen, her-
unterreißen, so bin ich jetzt durch dieses in einem unbewachten
Augenblick Ihnen entschlüpfende Geständnis ein für allemal
über die Quelle belehrt, aus welcher Ihre steten Verneinungen
fließen: aus Altklugheit! Dank für den Schlüssel, Herr
Schmidt !
Bd. IL S. 161.
Weiter über Goethes Faust : „Der Dichter nimmt zwar
von Zeit zu Zeit einen Anlauf, durch das mittelalterliche
Kostüm dieser Altklugheit eine bestimmte Färbung zu
geben. Aber so schön ihm das in einzelnen Momenten ge-
lingt, namentlich wenn er dem platten Menschenverstand
durch tollen, übermütigen Humor die poetische Farbe gibt,
er fällt fortwährend aus der Rolle und w i r
überzeugen uns am Ende, daß Faust gar nicht
nötig gehabt hätte, sich diesem Teufel zu verschreiben,
sich ihn als Ergänzung heraufzubeschwören, da er ihn
ja als Ergänzung seines exzentrischen Gefühls in seinem
eigenen Innern trägt."
Anm. d. Setzers. O du dummer Goethe ! Wenn du doch das
Glück gehabt hättest, Herrn Julian Schmidt zu kennen und von
seinen tiefsinnigen Ratschlägen zu profitieren ! Denn dann wür-
dest du gewußt haben, daß du, um nicht „aus der Rolle zu
fallen", den Faust sich einem solchen Teufel vorschreiben
lassen mußtest, den er nicht in seinem eignen Innern trug!!
Nichts klarer als das ! O Goethe, Goethe !
218
Wer roufet mich da nie kein här
gewuohs, inne an miner hant?
der hat vil nahe griffe erkant.
(Parzival I, 1.)
Bd. IL S. 160.
Über den Goetheschen Faust: „Wohl mußte jedes
kräftige Herz ergriffen werden; es war die höchste Ver-
einigung des gesunden Menschenverstandes (1)
und des überquellenden Gefühls."
Anm. d. Setzers. Beneidenswerter Geist ! Zu welcher Klein-
kinderfibel unter Ihren Händen die tiefsten Meisterwerke unserer
Literatur heruntersinken ! Mephisto die „Abstraktion der Alt-
klugheit", Faust selbst auf , .Abneigung gegen Einseitigkeit der
Bildung und Beschäftigung" beruhend, der Fehler des Dramas
darin liegend, daß Faust sich einem solchen Teufel ergibt, den
er ohnehin schon in sich trägt, und nicht vielmehr einem
solchen, der ganz außerhalb seiner steht und ihm daher für
irgendeinen äußerlichen Kaufpreis, etwa eine Geldbörse und
ein Linsengericht, seine Seele abkauft, das Große der Tragödie
aber wieder in dieser engen Vereinigung von ,, gesundem Men-
schenverstand und überquellendem Gefühl" liegend — Sie haben
ganz recht, Herr Schmidt, hier hätten wir wirklich einen Faust,
in bezug auf den ich ganz mit Ihnen einverstanden bin, daß er
vollständig „ohne ideellen Inhalt" !
Bd. IL S. 162.
Immer weiter über Goethes Faust : ,,Es ist Goethe in
dieser Dichtung nicht gelungen (!!), wie in seinen üb-
rigen Werken, seine Seele von einer Last, die er nicht
abwerfen konnte, durch dichterische Darstellung zu be-
freien ; es ist ihm nicht gelungen, sich über die Einseitig-
keit seines Helden zu erheben, weil es ihm nicht gelang,
ihn vollständig darzustellen. Die einzelnen Momente, das
Verhältnis zu Gretchen, das Verhältnis zu Mephistopheles,
219
das Verhältnis zu Wagner gehören seiner Seele an ;
daß er sie aber kombinierte, war ein We r k d e r
Reflexion."
Anm. d. Setzers. O Phraseologie, was schmeckst du prächtig !
Bd. II. S. 447.
Über Goethe in seinem Alter : ,,Aber in seinen Dich-
tungen herrscht ein ängstliches Bestreben nach Analyse,
noch ehe die Gegenstände Gestalt gewonnen
( ! !), und daneben die Neigung, im entscheidenden
Augenblick vor einer Unauflöslichkeit stehen
zu bleiben ( !) 1 ), so daß wir noch die einzelnen
Worte verstehen, aber nicht mehr den Sinn, in dem
sie kombiniert sind" 2 ).
*) Anm. d. Setzers. O du heiliger Blödsinn ! Wie prächtig
eignet sich doch die „Bildungssprache" dazu, unter großer Prä-
tention einen Unsinn hinzustellen, der in der schlichten sinn-
lichen Kutschersprache des gewöhnlichen Lebens sich vor sich
selber schämen würde. Nicht wahr, Herr Schmidt, die chao-
tische Gedankenlosigkeit und Verwirrung läßt sich in dem weit-
bauschigen wolkigen Ref lektionsstil dieser Substantiva abstracta
so drapieren, daß sie wie tiefster Gedankenreichtum aussieht.
Nicht wahr, Herr Schmidt, Sie haben auch mit den aristopha-
nischen Sophisten erkannt:
— — daß kein anderes göttliches Wesen
Existiert als allein diese heiligen drei: das Chaos, die
Wolken, die Zunge.
(Aristophanes, Wolken, V. 420 ff.)
Doch wir werden noch weit glänzendere Belege dieses Ihres
Gottesdienstes bei Ihnen treffen.
2 ) Aber, Herr Schmidt, wie können Sie nur so unvorsichtig
das Geheimnis der Methode verraten, nach der Sie arbeiten.
Sie konnten sich gar nicht besser selbst charakterisieren! Sie
fügen Worte zusammen, die in ihrer Kombination jeden Sinn
verlieren und nur deshalb bei oberflächlichem Darüberhingehen
einen solchen zu haben scheinen, weil jedem einzelnen dieser
220
ehrlichen, guten, gemißbrauchten Worte ein Sinn zukommen
würde. Wie kann man nur zu gleicher Zeit so unvorsichtig gegen
sich selbst und so frech gegen Goethe sein!
,,gebt rehter maze ir orden
ich pin wol innen worden
daz ir rätes dürftic sit:
nu lat der unfuoge ir strit"
oder um Ihnen das Verständnis durch Simrocks Übersetzung
zu erleichtern:
Das rechte Maß sei euer Orden.
Ich bin wohl inne geworden,
Daß Ihr ratbedürftig seid:
Nun meidet Ungezogenheit.
(Parzival I, 171.)
Bd. IL S. 453.
„Er (Goethe) konnte die Romantik, die ihre düste-
ren Schwingen über seine goldene Zeit verbreitete, nicht
los werden, sich nicht ins Freie kämpfen."
Anm. d. Setzers. Goethe ein Romantiker ! Goethe, der sich
nicht zur Julian-Schmidtschen Freiheit durchkämpfen kann!
Bd. II. S. 455.
„Für Goethe selbst war diese Abwendung zum Orient
eine innere Notwendigkeit. Die schöne, aber exotische
Pflanze des griechischen Lebens mußte verblühen, sobald
der Sturm und Drang einer wilden Weltbewegung in das
stille Heiligtum der Kunst einbrach."
Anm. d. Setzers. Nichts köstlicher, als wenn Herr Schmidt
seine tiefen Entdeckungen über die innere Notwendigkeit in
dem Entwicklungsgang unserer Dichter vorträgt ! Weil eine
wilde Weltbewegung — die Freiheitskriege — hereinbricht, so
muß vor diesem Sturm und Drang die schöne aber exotische
Pflanze des griechischen Lebens verblühen und Goethe muß
sich aus dem stillen Heiligtum der griechischen Kunst, die doch
wenigstens durch unsre ganze Bildung mit unserem geistigen
221
Leben zu einigem Zusammenhang verwachsen war, zu der —
noch fremderen Pflanze der orientalischen Poesie flüch-
ten, in das noch stillere Heiligtum des west-östlichen Divans
treten ! Est-ce clair ? Wer's nicht glaubt, zahlt einen Taler.
Bim, bam!
Bd. II. S. 225.
Es ist von Creuzers mythologischen Forschungen die
Rede: „Eine lebhafte Vorstellung geht aus diesem scho-
lastischen (?!) Durcheinander umsoweniger hervor,
da Creuzer eigentlich eine trockene Natur ist (!!!),
der es mehr auf das Register (??!!) als den Inhalt
ankommt."
Anm. d. Setzers. Nun, was die „trockene Natur Creuzers
betrifft, — denn der in den andern unterstrichenen Worten ent-
haltene Blödsinn soll sich, wie mir mein Freund, der Student,
sagte, nicht so in der Kürze ins Klare setzen lassen — »o
machen freilich dem Vernehmen nach diejenigen, die etwas
davon verstehen, Creuzern gerade nur das Gegenteil zum
Vorwurf, finden, daß er gerade an dem entgegengesetzten 1
Extrem laboriere, nicht trocken und kritisch genug zu sein.
Aber das ist nun ganz egal ! Er hat seinen Klecks fort ! Er ist
eine „trockne Natur" und ein Registerkerl ! Hurrjeh, wie wird
es nur den andern noch ergehen!
Herr Schmidt, Herr Schmidt,
Was kriegt das Julchen mit?
Herr Schmidt, Herr Schmidt,
Was kriegt das Jettchen mit?
Ihr Buch, Herr Schmidt, ist das leibhaftige Bild der Ogers-
höhle bei Ariost:
„Da haust ein Riese, gräßlich anzuschauen;
Er ragt acht Fuß ob jedem Mann hinaus,
Kein Ritter und kein Pilger mag vertrauen,
Er komme lebend aus des Wütrichs Haus.
Den schlachtet er, den schindet er elendig
Den vierteilt er, den frißt er gar lebendig."
(Ariost, Ras. Roland XV, 43.)
222
Bd. II. S. 232.
Gegen Lobeck, Hermann und Voß : „Auf folgenden
Umstand haben sie keine Aufmerksamkeit gewandt. In
jeder Religion, die eine Geschichte hat, findet man ein
doppeltes na tur symbolisches Moment, ein
ursprüngliches und ein reflektiertes 1 ). Der
erste Ursprung aller Religion ist natursymboiisch, denn
göttlich ist dem Menschen ursprünglich, was er nicht ver-
steht. Die Handlungsweise der Menschen versteht er und
weiß ihrer feindlichen Einwirkung zu begegnen ; den Grund
der physikalischen Erscheinungen dagegen weiß er sich
aus seiner Natur heraus nicht zu erklären, er flieht voll
Entsetzen, oder er wirft sich vor der unbekannten Ursache
derselben in den Staub, wie es dem Wilden ziemt, der
noch nicht weiß, daß der Geist über die Natur erhaben
ist. Diese naive Natursymbolik (!!!) 2 ) des
Schreckens, aus welcher der Begriff des Göttlichen her-
vorgeht, ist aber wohl zu unterscheiden von einer zweiten
reflektierten Natursymbolik 3 ), die ihre Spe-
kulationen in die bereits vorhandene Religion überträgt" 4 ).
1 ) Anm. d. Setzers. Bim, bam, bam, bim!
2 ) Bim, bam, bam, bim!
3 ) Bim, bam, bam, bim !
*) ,,Die hohe Kraft der Wissenschaft,
Der ganzen Welt verborgen,
Und wer nicht denkt, dem wird's geschenkt,
Der hat sie ohne Sorgen."
Übrigens. Herr Schmidt, wenn Sie sagen, „denn göttlich ist
dem Menschen ursprünglich, was er nicht versteht", so ist
das ja schon ganz sinnfällig, nicht wahr. Denn Ihnen müßte
ja sonst die ganze deutsche Literatur göttlich sein ! Oder sollte
vielleicht der Fortschritt der Kulturentwicklung gerade darin
bestehen, daß der Mensch ursprünglich anbetet, später aber
beschimpft, was er nicht versteht?
223
Bd. IL S. 352.
„Ihr (der romantischen Schule) Prinzip bestand darin,
daß der poetische Glaube, das poetische Lebenselement ein
anderes sein müsse als das Lebenselement der Wirk-
lichkeit — und in diesem Grundirrtum lag ihre Ver-
wandtschaft mit dem Katholizismus 1 ). Der Pro-
testantismus nahm die Gegensätze des Göttlichen und des
Irdischen in das menschliche Herz auf 2 ), wo
siesichinkonkreterFülleentfalteten 3 ); wäh-
rend sowohl in der alten Kirche wie in dem neuen
Jesuitismus der Himmel und die Erde zwei
We lten waren, die sich ganz äußerlich be-
kämpften" 4 ).
*) Anm. d. Setzers. Tout au contraire, umgekehrt, im Gegen-
teil, mein verehrter Herr Schmidt, wenn Sie erlauben! Hierin
— in dem Gegensatz des ideellen Elements mit der Wirklich-
keit — würde vielmehr die Verwandtschaft der romantischen
Schule mit dem Protestantismus liegen. Denn der Katho-
lizismus, verehrter Gelehrte, hat zu seinem Prinzip gerade
die Einheit des ideellen Elements und der Wirklichkeit, eine
Versöhnung, die er in Kirche, Kunst und Staat durchzuführen
sucht. Der Protestantismus dagegen, ausgehend von der Er-
kenntnis der Unwahrheit dieser im Katholizismus behaupteten
und erstrebten Versöhnung, ausgehend von der Erkenntnis der
schlechthinnigen Veräußerlichung und Selbstentfrem-
dung, in welche das ideelle Element in diesem Streben nach
Einheit mit der Wirklichkeit geraten ist, gibt diese Versöhnung
wieder auf, vollbringt die radikale Trennung des ideellen
Elements und der Wirklichkeit und läßt jede von beiden Sphären
sich frei für sich entfalten. Gerade hierdurch kommt es dazu,
daß im Verlauf der Jahrhunderte die vom Protestantismus aus-
gegangene Wissenschaft durch diese ihre exklusive Vertiefung
in das ideelle Element das Prinzip der Identität des Ideellen
und der Wirklichkeit entdeckt und nun eine viel umfassendere
und radikalere Versöhnung beider, als der Katholizismus war.
hervorzubringen strebt.
224
So sind die Dinge in der Wirklichkeit zugegangen, Herr
Schmidt! Aber was kommt es Ihnen darauf an! Was macht es
Ihnen, für das Prinzip des Katholizismus zu halten, was das
Prinzip des Protestantismus ist ? !
,,Denn anders als in andern Menschenköpfen
Gestaltet sich in diesem Kopf die Welt!"
2 ) Bim, bam ! Also „ins menschliche Herz" nahm der Pro-
testantismus „die Gegensätze des Göttlichen und des Irdischen
auf"! Es ist erstaunlich! Aber wo anders sollte er sie denn
überhaupt aufnehmen können? Der Denker nimmt diese Gegen-
sätze in den Kopf auf, Sie, Herr Schmidt, nehmen sie in
die Feder auf, und jeder Gläubiger nimmt sie ins Herz
auf, ob Protestant oder Katholik. Also nicht dies, daß er sie
ins Herz aufnimmt, charakterisiert den Protestantismus —
wenn Sie sich durchsuchen, Herr Schmidt, werden Sie finden,
daß Sie keinen anderen Körperteil haben, der sich zu dieser
Aufnahme qualifiziert, es sei denn das Maul, denn von Kopf
kann bei Ihnen die Rede nicht sein — sondern wie er sie in
das Herz aufnimmt, welche Stellung zueinander er ihnen da
anweist — das charakterisiert ihn !
3 ) Bim, bam, bam, bim ! !
*) Welche Konfusion ! Bim, bam, bam, bam, bim !
Bd. II. S. 287.
Bei Gelegenheit der Beurteilung des ,, Prinz von Hom-
burg" von Kleist: „Die freie Heldenkraft empört sich
mit dem unmittelbaren Bewußtsein ihrer höheren Berechti-
gung gegen die hergebrachte Ordnung. D i e h e i d n i s c h e
Tragödie wußte für diesen Konflikt keine andere
Lösung, als eine rein äußerliche ( ! !) ; das Gesetz duldet
keine Vermittlung."
Anm. d. Setzers. Wie danke ich Ihnen, Herr Schmidt ! Neu-
lich hatte mir ein unwissender Mensch ein langes und breites
erzählt von den Eumeniden des Äschylos und dem ödip in
Kolonos des Sophokles und von den kathartischen Stücken de3
Altertums überhaupt. Aber, was mir einer auch sagen und zeigen
13 Luetüe. Gm. Sctriftra, Band VI. 225
möge, jetzt weiß ich es besser, Dank Ihnen ! In der Tat, warum
sollten Sie ein geringeres Recht haben, Äschylos und Sophokles
zu betrampeln, als Goethe und Schiller? Etwa wegen der Ehr-
würdigkeit, die sich an höheres Altertum knüpft ? Spaßerei 1
Wenn Sie den sieben Weisen Griechenlands eine neue Philo-
sophie geben konnten, warum nicht auch Äschylos und Sophokles
eine neue Tragik? Was ich am meisten an Ihnen bewundere,
Herr Schmidt, das ist die A 1 1 s e i t i g k e i t , die K o n s e q u e n z ,
die edle Unparteilichkeit Ihrer Bildung! Sich so in
allen Gebieten des menschlichen Wissens gleichmäßig
blamieren, — das vermag nur eine reine Seele, die sich keiner
Schwäche, keiner Vorliebe, keiner schuldvollen Befleckung mit
irgendwelchem realen Stoff hingibt. Sich allen realen Stoff,
ohne ungerechte Bevorzugung, gleichmäßig vom Leibe halten —
das erst ist der kulminierende Höhepunkt reinen Literatentums !
Bd. II. S. 362.
Bei Gelegenheit der Beurteilung von Niebuhrs römi-
scher Geschichte: „Einzelne historische Ur-
kundenaus denältestenZeitenderStadtsind
unsin völlig beglaubigter Form überliefert."
Anm. d. Setzers. Wirklich, Herr Schmidt, wirklich ? Wie ich
das las, lief ich damit zu meinem Studenten. Der glaubte, er
solle den St. Veistanz bekommen! Also „historische Urkunden",
Herr Schmidt, und „in völlig beglaubigter Form" und noch
dazu „aus den ältesten Zeiten der Stadt", also mindestens doch
noch aus den Zeiten der Könige ! Herr Schmidt, grausamer
Mann, warum rücken sie nicht heraus mit diesen Urkunden?
Denken Sie sich den Jubel, das Entzücken, die Dankbarkeit
unserer Philologen, die weinend an Ihrem Halse hingen ! Die
Berliner Akademie der Wissenschaften ernennt Sie zum ordent-
lichen Mitglied, das Institut von Paris fertigt Ihnen ein Ehren-
diplom zu, in Oxford dekretiert man Ihnen eine lebenslängliche
Rente von 1000 Pfund! Herr Schmidt, Herr Schmidt, was
haben Sie denn eigentlich entdeckt? Sagen Sie es doch wenig-
stens, Unerbittlicher! Und wo Sie sie nur her haben mögen,
226
diese „historischen Urkunden" und noch dazu „in völlig be-
glaubigter Form" und nun gar „aus den ältesten Zeiten der
Stadt"! Schäker! Sie haben gewiß den notariellen Heirats-
kontrakt entdeckt zwischen Numa Pompiiius und der Nymphe
Egeria ? Oder doch die Liebesbriefe der Tullia und des Lucius
Tarquinius aus der Zeit, wo Aruns noch lebte? Oder gar die
alten Pontifikalannalen, die bei der Eroberung Roms durch die
Gallier untergingen?
Unnützer Bursche, der Sie sind! Auf acht langen, eng-
gedruckten Seiten beurteilen Sie Niebuhr und seine Forschungen,
und abgesehen von der stupenden und wahrhaft gigantischen Un-
wissenheit, die überhaupt dazu gehört, einen Satz, wie den
obigen, drucken zu lassen, haben Sie nicht einmal auch nur einen
Blick in Niebuhrs Werk selbst geworfen ! Denn sonst würden
Sie hierdurch allein schon vor solchem Unsinn bewahrt worden
sein ! Sie würden z. B. bei ihm gelesen haben (Rom. Gesch. I.
S. 276) : „viele chronologische Angaben aus Jahrtafeln haben
alle Bestimmtheit, welche für die graue Zeit denkbar ist;
darauf aber allein beschränkt sich auch das Hi-
storische." Und ferner S. 277 daselbst: „Aus dem ganzen
Zeitalter der Könige werden an Urkunden nur Servius
Tullius Bündnis mit den Latinern, das Bündnis des letzten Tar-
quinius mit den Gabinern und eines mit den Sabinern er-
wähnt." Wohlgemerkt, Herr Schmidt, „erwähnt", d. h. von
Dionysius von Halicarnaß erwähnt, welcher im Jahre 732
nach Erbauung der Stadt, also ungefähr zwanzig Jahre vor
Christi Geburt, in Rom lebte; als damals vorhanden er-
wähnt, und zwar in den Tempeln der Diana und des Zevq IHoriog,
nicht aber, Herr Schmidt, daß sie noch heute vorhanden wären.
Auch hat sie uns Dionysius ebensowenig kopiert, Herr Schmidt.
Oder sollte am Ende die über einen hölzernen Schild gespannte
Ochsenhaut, auf welcher, wie Dionysius ausdrücklich sagt
(Antiq. IV. p. 257 ed. Sylburg), die letztgenannte Urkunde ein-
geschrieben war (donlg £vlivr\ ßvQOj] ßoela negkovog xtX)
in dem wunderbaren, ewig kreisenden Stoffwechsel der Natur
heute vielleicht Ihren Schädel bedecken, Herr Schmidt, so
daß diese Urkunde dann doch noch vorhanden wäre?
is« 227
Bd. II. S. 363.
Von denselben Gesichtspunkten (von denen Niebuhr in
seiner Römischen Geschichte ausging) ist man dann später
bei der Kritik der Urgeschichten aller Völker ausgegangen,
und wenn diese einseitige Beschäftigung mit
vorhistorischen mythischen Zeiten, die es
eigentlich nie zur künstlerischen (?!) Dar-
stellung bringen kann, unserem historischen
Sinn (!) d. h. unserer Fähigkeit, schnell und
schlagend den für die Würdigung einer Tat
wesentlichen Gesichtspunkt zu treffen, für
den Augenblick geschadet hat ( ! !), da sie mit
unserer Neigung zusammenhängt, durch Vielseitigkeit
der Gesichtspunkte und durch Vertiefung in an-
ziehendes, aber unfruchtbares Dunkel un-
sere Gestaltungskraft zu schwächen ( ! !), so
ist zugleich dadurch unser Gefühl geadelt
( ! !) und unserer politischen Einsicht — ein
Material gegeben, welches nur noch einer
freilich langsamen Reife bedarf, um Früchte
zu tragen ( ! ! !)."
Anm. d. Setzers. Welchen Höllensalat von Worten Sie da
wieder zusammenbrauen, Herr Schmidt, von Worten, die, wenn
wir sie näher analysieren wollten, sich eines gegen das andere
mit Lanze und Schwert feindlich erheben würden ! Nicht wahr,
Herr Schmidt, Aristophanes hat schon recht, wenn er seine
Sophisten anbeten läßt:
„Den Zauber des Worts und den blauen Dunst, Uber-
tölpelung, Floskeln und Blendwerk"
(Aristophanes, Wolken, V. 316).
Mit welcher Miene imponierender Sicherheit Sie wieder diesen
ganzen Blödsinn vortragen! Mit wie „altkluger" Überlegen-
heit Sie von der „freilich langsamen Reife" sprechen ! Und
mit welch hoher Unparteilichkeit Sie wieder verfahren! Denn
alles, was Sie sowohl für als gegen die Alterturasforschung
228
sagen, ist von gleicher Sinnlosigkeit. Wie Sie, ein zweiter
Zeus,
, .Wägend mit gerechten Händen"
genau darauf achten, daß nicht in die eine Wagschale auch nur
ein Atom von Sinn mehr als in die andere komme, um keiner
zu nahe zu treten ! Edler Mann !
Eine Anerkennung verdienen Sie, Herr Schmidt! Nie, nicht
in den schmierigsten Abfallgruben der Literatur, habe ich einen
Mann entdeckt, der besser, der tiefer als Sie die ganze un-
geheure Wahrheit der Worte des Mephistopheles begriffen
hätte :
„So schwätzt und lehrt man ungestört :
Wer will sich mit den Narr'n befassen?
Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen."
Das ist das Fundament, auf welchem Ihr ganzes Werk auf-
geführt ist!
Übrigens freut es mich, beiläufig aus dem Obigen zu er-
sehen, warum Sie eigentlich so unwissend sind. Sie sind es
absichtlich. Sie haben sich — ahnte ich es nicht schon oben
S. 37? 1 ) — von jeder solchen „einseitigen Beschäftigung" frei
erhalten, um nicht Ihre „künstlerische Gestaltungskraft" zu
schwächen, um nicht Ihrem „historischen Sinn" zu schaden. In
der Tat, wenn Sie nicht glaubten, den Heiratsvertrag zwischen
Numa und der Nymphe noch zu besitzen — würde da nicht
die Ihnen eigentümliche „Fähigkeit, schnell und schlagend den
für die Würdigung einer Tat wesentlichen Gesichtspunkt zu
treffen", auf dem Spiele stehen?
Bd. II. S. 195.
„Nichts ist mißlicher, als wenn die Kultur einer Nation
nicht in ihrer eigenen Natur gegründet, sondern durch eine
fremde gewaltsam fortgetrieben wird ; es entsteht dann
eine immer größere Spaltung zwischen den Einzelnen,
die auf einen höheren Punkt durch fremde Hilfe sich ge-
arbeitet, und zwischen der Totalität der Nation."
*) S. 216 unserer Ausgabe. D. H.
220
Anm. d. Setzers. Nach Herrn Julian Schmidt fließt der Rhein
nicht zwischen Deutschland und Frankreich, sondern zwischen
Deutschland und zwischen Frankreich! Erbarmen,
Herr Julian Schmidt, Sie töten alles, warum auch noch die
Sprache ?
Bd. II. S. 195.
Es geht unmittelbar nach der vorigen Stelle fort : ,,Alle
Bildung sollte später durch eine schon vorhandene fremde
gegeben werden, und was aus eigener Kraft in die Höhe
dringen mußte, das sollte ein in fremdem Klima
gewachsenes Grün sich auf die Spitze setzen
und damit zusammenwachsen, um sogleich
fertig zu sein."
Anm. d. Setzers. Diese Pracht der Bilder ist berauschend.
Bedenken Sie, Herr Schmidt, daß Sie zu einfachen Sterblichen
reden, welche die Sprache der Götter nicht ertragen können,
ohne in Verwirrung zu geraten ! Also : Ein in einem fremden
Klima gewachsenes Grün soll herkommen und soll sich der
nationalen Bildung auf die Spitze setzen? Nein, umgekehrt:
Es soll sich (Dativ) die (Akkusativ) nationale Bildung auf
die Spitze setzen — wie man zu sagen pflegt, auf den Hut
stecken — so daß nun die grüne Spitze unten und der nationale
Boden oben drüber und so beide zusammenwach — Nein, nein,
so ist es doch wohl nicht. Umgekehrt: „Und was aus eigner
Kraft in die Höhe dringen mußte (Relativsatz als Subjekt),
das (Nominativ) sollte ein (Akkusativ) in fremdem Klima
gewachsenes Grün sich (Dativ) auf die Spitze setzen" —
um nun mit dieser seiner Spitze in das darauf gesetzte fremde
Grün hineinzuwachsen — aber das ist auch bedenklich ! denn
dann stieße ja wieder das aus eigner Kraft in die Höhe
Dringende mit seiner Spitze in das breitere Hinterteil des
fremden Grün, hätte dieses auf sich zu balanzieren — eine dem
vegetativen Reiche, aus dem das Bild genommen, sehr fremde
Erscheinung — und hineinzuwachsen, um „fertig" zu sein. In-
zwischen, vielleicht verstehen wir es ein andermal besser, wenn
230
uns dies auch das erstemal noch nicht gelingt. Aber eine einzige
Bitte gestatten Sie, Herr Schmidt! Wir wollen Ihnen gern unsre
ganze grüne Bildung aufopfern, all die unfertigen Bursche von
Goethe bis auf Hegel, von Platen bis zu Creuzer, nur die
Sprache, nur die Sprache wenigstens lassen Sie uns!
Wenn Sie uns auch die noch nehmen, was bleibt uns dann
übrig, als wie jener Landwehrmann von den Franzosen in der-
selben Unterstellung sagte : ,,zu blaffen wie die Hunde ' ?
Bd. II. S. 217.
,, Dagegen verraten die unter den Protestanten so oft
schon wiederholten Klagen über die KahFieit und Nackt-
heit ihrer Kultusformen, über den gänzlichen Mangel an
Pracht und Luxus des Gottesdienstes eine verkehrte An-
sicht des Protestantismus."
Anm. d. Setzers. Würde es Ihnen nicht gleich sein, Herr
Schmidt, lieber zu sagen „eine verkehrte Ansicht, von dem
Protestantismus"? Sonst ist ja der Protestant'smus das Subjekt,
welches die ihm im Genitiv beigefügte Ansicht hat — denn,
wie ich mich aus der Elementarschule erinnere. Herr Schmidt,
steht der Genitivus auf die Frage: wessen? — , während in
Ihrem Satze der Protestantismus das Objekt sein soll, über
welches man die falsche Ansicht hat. Die Sprache. Herr
Schmidt ! Gnade wenigstens für die Sorache ! Ich habe einen
Sohn, Herr Schmidt ; der Bengel ist zehn Jahre alt und in der
Deklination schon recht erfahren. Wie wäre es. wenn Sie ihm
bei einer fünften Auflage die Verbesserung Ihres Werkes
übertrügen ?
Bd. II. S. 187.
,,Es ist unglaublich, bis zu welcher Konsequenz der
Satz der Identitätsphilosophie: Das W i r k -
liehe ist das Ve rnünftige, getrieben werden kann."
Anm. d. Setzers. Nein, verehrter Herr JuMan Schmidt! Un-
glaublich ist vielmehr nur, bis zu welcher Höhe die Unwissen-
23t
heit getrieben werden kann ! Der Satz : „Das Wirkliche ist das
Vernünftige" gehört der He gel sehen Philosophie, speziell
der Hegeischen Rechtsphilosophie an, und S. 554 haben Sie das
ja selbst ganz richtig irgendwo herausgeschrieben. Aber die
..Identitätsphilosophie" ist, wie ich häufig in Bierkneipen
von jungen Studenten zu erfahren Gelegenheit hatte, ein Name,
mit welchem die Schel lingsche Philosophie, und zwar
gerade in ihrem Unterschiede von der Hegeischen bezeichnet
wird.
Nicht wahr, Herr Schmidt?
,,Mit Wissenschaften hab' ich nichts gemein
Und auch als Knabe nie was lernen mögen.
Den Schädel schlug ich meinem Lehrer ein
Zum Dank ; drauf war kein andrer zu bewegen,
Daß er mir Bücher lehrt* und Schreiberei:
So hatt' ein jeder vor mir — große Scheu!"
(Bojardo, Verliebter Roland, 18. Gesang.)
Bd. II. S. 49.
,,Fr. Schlegel hatte die beste Absicht, vaterländische
Gefühle und vaterländische Geschichte zu erzählen, a 1 -
lein ihm fehlt die Kenntnis, die man sich nicht
durch das Studium einiger Tage aneignet, son-
dern in die man sich hineingelebt haben muß."
Anm. d. Setzers. Nicht wahr, Herr Schmidt, der Friedrich
Schlegel war ein oberflächlicher Bursche! So ein Schnell-
schreiber, dem die Kenntnis fehlt, der heut ein Buch anblättert
und morgen darüber dozieren will! Hineinleben muß man
sich in die Dinge, so ä la Schmidt, das ist der Kasus! Mein
Student sagt mir, Herr Schmidt, daß er eine der interessantesten
Entdeckungen gemacht habe, die Entdeckung nämlich, daß Bo-
jardo schon vor so vielen hundert Jahren Ihre Literaturgeschichte
auf das deutlichste vorausgesehen und geschildert habe. Bis-
heran hätten zwar die Ausleger gemeint, Bojardo meine unter
dem „Werk", von dem er spricht, das Eingangstor zum Zauber-
garten Falerinens. Allein dies sei nur die symbolische Ein-
kleidung; in der Tat habe Bojardo nur Ihre „Literaturgeschichte"
232
vorherverkünden wollen, und zum Beweise dessen, damit männig-
lich darüber urteilen kann, folgen hier die in Rede stehenden
Verse :
„Nie sah man noch ein Werk von solcher Pracht,
Wie dieses reiche Werk ! Ganz aus Juwelen
Von unschätzbarem Werte war's gemacht
Statt Schwert und Spieß, die zur Bedeckung fehlen,
Hält dort ein goldbeschuppter Esel Wacht,
Der Ohren hat, ein jedes lang zwei Ellen,
Die er gleich einem Schiangensch weife windet,
Beliebig damit hält und packt und bindet."
(Bojardo, Verliebter Roland IV, 56.)
Bd. II. S. 19.
„Einmal wandte sich deshalb Wagner auch an den
Philosophen Fichte mit einer so inbrünstigen Leidenschaft-
lichkeit, daß dieser Mann, dem die Kunst ziem-
lichfern lag, bestürzt wurde und alle möglichen Hebel
in Bewegung zu setzen versprach."
Anm. d. Setzers. Wirklich, Herr Schmidt? So „fern" lag
Fichte die Kunst? So daß er nur durch persönliche Be-
stürzung für Kunstzwecke in Bewegung gesetzt werden konnte?
I, Sie Tausendsassa, was Sie nicht alles wissen! — Im Jahre
1845/46, Herr Schmidt, arbeitete ich in der Druckerei, in
welcher damals die Herren Veit & Co. Fichtes sämtliche Werke
setzen ließen. Daher bin ich ein wenig zu Haus in den Fichte-
schen Schriften. Erlauben Sie also, daß ich Ihnen nur zwei
Stellen aus den „Grundzügen" — die wollen Sie ja gelesen
haben, Herr Schmidt, — anführe, die Ihnen zeigen mögen, wie
fern die Kunst diesem Manne lag, wie wenig sie ihn und sein
Denken interessierte, wie gleichgültig er sich zu ihr verhielt,
wie außerhalb seines philosophischen Gedankenkreises er sie
stellte. Bd. VII, S. 58: „Die erste unter der Menschheit am
frühesten ausgebrochene und dermalen am weitesten verbreitete
Art jenes Ausflusses der Urtätigkeit ist die in Materie
außer uns, vermittelst unserer eignen materiellen Kraft ; und
in dieser Art des Ausflusses besteht die schöne Kunst. Aus-
233
fluß der Urtätigkeit, habe ich gesagt, der nur aus sich
selber strömenden und sich selbst genügenden, keineswegs der
auf Erfahrung und Beobachtung in der Außenwelt sich
stützenden. In Materie außer uns, sagte ich, gleich geltend in
welche; ob nun der körperliche Ausdruck das in eine Idee
verlornen Menschen — denn nur dieser, nur als solcher, ist
Gegenstand der Kunst, — fixiert werde im Marmor, gebildet
werde auf der Fläche u.dgl., oder ob die Bewegungen eines
begeisterten Gemüts in Tönen ausgedrückt werden oder die
Empfindungen und Gedanken desselben Gemüts rein, wie sie
sind, sich selber in Worten aussprechen: immer ist es Aus-
strömung der Urtätigkeit in Materie."
Und ib. S. 95 : „Was nun jene organische Einheit eines
Kunstwerks sei, die vor allen Dingen erst verstanden und be-
griffen werden müsse, frage mich keiner, der es nicht schon
weiß und dem ich durch das oben Gesagte nicht entweder nur
seinen eignen Gedanken wiederholt oder wenigstens ihn bloß
deutlicher ausgesprochen habe. Über die Einheit eines wissen-
schaftlichen Werks konnte ich mich Ihnen ganz klar machen
und habe es meines Wissens getan ; nicht so über die Einheit
eines Kunstwerks. Wenigstens ist die Einheit, welche ich
meine, nicht jene Einheit der Fabel und der Zusammenhang
ihrer Teile und ihre Wahrscheinlichkeit und die psychologische
Fruchtbarkeit und moralische Erbauung derselben, von denen
die üblichen Theorien und Kunstkritiken verlauten ; — Ge-
schwätz von Barbaren, die sich gern Kunstsinn anlögen, für
Barbaren, die sich nur durch andere ihn anlügen lassen ! — Die
Einheit, welche ich meine, ist eine andere; höchs'ens durch Bei-
spiele, durch wirkliche Zergliederung und Zusammenfassung vor-
handene'" Kunstwerke in jenem Geiste, würde es sich dem Un-
kundigen deutlich machen lassen. Möchte sich doch bald ein
Mann finden, der sich dieses hohe Verdienst um die
Menschheit erwürbe und dadurch, wenigstens in jungen
Gemütern, den fast ganz erstorbenen Kunstsinn wie-
der anzündete ; nur müßte derselbe nicht selber ein junges Ge-
müt, sondern ein vollkommen bewährter und gereifter Mann
sein. Bis nun dieses geschieht, könnten ja die anderen sich des
Lesens und Anschauens wirklicher KunstproHukte, de ihnen
wegen ihrer unendlichen Tiefe unverständlich, und da der
234
Genuß derselben das Verstehen voraussetzt, auch ungenießbar
sind, ruhig enthalten."
Und ferner ib. S. 111: „Bloß in Absicht der Kunst könnte
eine Ausnahme von der Strenge der oben aufgestellten Regel
gestattet werden. Von der Kunst nämlich ist die Menschheit
noch weit mehr entfernt als von der Wissenschaft,
und es wird einer weit größeren Reihe von Vorbereitungen
bedürfen, daß sie zur ersten komme, als zu der letztern. In
dieser Rücksicht könnten fürs erste selbst schwache Versuche
an unvollkommenen Werken, angestellt diese Werke zu ent-
wickeln und auf Einheit zurückzuführen, willkommen se:n, da-
mit dem größeren Publikum nur erst die Kunst, ein Werk zu
verstehen, ein wenig geläufiger werde."
Und ib. p. 164 sq. erklärt er, daß es auf die Frage, worauf
der wahre Staat den bei der mechanischen Bearbeitung der
Natur entbehrlichen Überschuß von Volkskraft verwenden solle,
keine andere Antwort gebe, als: „daß er der schönen Kunst
geweiht werden solle", damit die Natur „dem höheren geistigen
Bedürfnisse des Menschen unterworfen und ihr das majestäti-
sche Gepräge der Idee aufgedrückt werde — welches die
schöne Kunst gibt".
Können Sie uns nicht sagen, Herr Schmidt, welche persön-
liche Bestürzung Fichte veranlaßt hat, diese Sätze niederzu-
schreiben ?
Bd. II. S. 70.
,, Gegen diese Doktrin (die von Schelling nämlich) er-
hob Fichte, der seine Stellung in Berlin immer mehr be-
festigt, die Fahne des reinen Idealismus. Seine Vor-
lesungen über die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters
(1804 — 5) waren die letzte Frucht einer viel-
jährigen Ve rbitterung."
Anm. d. Setzers. Also der „reine Idealismus", dessen
Fahne ja nach Ihnen selbst Fichte hier erhob, ist eine „Frucht
vieljähriger Verbitterung"! Also die „Frucht viel-
jähriger Verbitterung" ist: der „reine Idealismus".
Was wir nicht für Resultate erleben würden, wenn sich die
Mütter einfallen ließen, ihre Kinder nach den tiefsinnigen Sen-
235
tenzen Ihrer Literaturgeschichte zu erziehen ! Na, vielleicht ge-
lingt es mir, Sie auch noch zum „reinen Idealisten" zu machen,
indem ich Ihnen eine „vieljährige Verbitterung" beibringe! —
Und wie Sie die Stichwörter kennen, mit welchen man den
Krämer gegen alles Hohe und Große einnimmt ! Und so in
dieser elenden Weise als „letzte Frucht einer vieljährigen Ver-
bitterung" erklären Sie eins der Meisterwerke deutscher Lite-
ratur, welches gerade nur aus der Quelle reinster und
wärmster Liebe geflossen ist! O Sie gedankenlose Schmeiß«
fliege, was Sie nicht alles beschmutzen ! Haben Sie denn ge-
glaubt, es gäbe gar keinen Deutschen mehr, dem die Kultur-
heiligtümer der Nation am Herzen liegen und der für dieselben
gegen Sie eintreten werde?
Bd. II. S. 78.
„Beide (Fichte und Schelling) haben es gleichmäßig
verstanden, hinter hochklingenden Formeln, deren
Sinn und Zusammenhang man nur schwer erkennt 1 ),
halbe Wa h r h e i t e n auszusprechen, die erst durch
bedingte Anwendung Halt gewinnen 2 ). Beide sind
später durch einen größeren Virtuosen 3 ) überflügelt wor-
den."
*) Anm. d. Setzers.
„Freilich bequem vollbringt sich das Schuftige unter
den Menschen,
Doch mühsam handhabt Wackeres, Kyrnos ein Mann."
(Theognis.)
2 ) Wie schön gesagt!
3 ) Hegel!
Bd. II. S. 81.
„Auch Fichte ist trotz seines vermessenen Dogmatis-
mus nur ein Suchender."
Anm. d. Setzers. Wissen Sie das genau, Herr Schmidt ? Ich
hatte immer gedacht, er wäre Gott Vater in eigner Person ge-
wesen ! Was Sie doch die Leute tief und unterscheidend zu
charakterisieren verstehen 1
236
Bd. II. S. 78—79.
, .Fichte, der Apostel der geschichtlichen Welt, ist auf
demGebiet der Geschichte nicht bloß v o n e i n e r
erstaunlichen Unwissenheit (!!!), sondern er
hat für die Wissenschaft der Geschichte weder
Sinn noch Talent (!!!)."
Anm. d. Setzers. Wie! Fichte von einer „erstaunlichen
Unwissenheit" ! Und nun gar noch „auf dem Gebiet der
Geschichte", er, der für die Naturwissenschaften in der Tat
keinen Sinn hatte und auch keine besonderen Kenntnisse in
diesem Reich beanspruchte, er, der gerade an dem geschicht-
lichen Gebiet das Eruditionsfundament seines Denkens hat!
Fichte, ein Mann, der stets ein sehr bedeutender Gelehrte ge-
wesen wäre, wenn er nicht vorgezogen hätte, einer der größten
Philosophen zu sein ! Fichte von einer „erstaunlichen Unwissen-
heit" ? Und das wagen Sie zu sagen, Sie Schwabenspiegier,
Sie Sieben-Weiser, Sie Ignorantenkaiser — doch freilich, eben
nur ein solcher kann das sagen. Ein anderer würde sich nicht
dazu hergeben. Mit solcher Frechheit wagen Sie es, die größten
deutschen Geistesheroen, in Gott und der Welt nichts von ihren
Werken wissend, zu beschimpfen?
Als ich dies meinem Studenten zeigte, sagte er mir: Uber-
bucken — sei die einzige Antwort, die sich darauf geben
lasse !
„Schweinshauer streckt er aus dem Maule trutzig.
Die Schnauz' ist lang, die Brust von Geifer schmutzig."
(Ariost, Ras. Roland XVII, 130.)
Bd. II. S. 131.
„Darin lag der Grundfehler Fichtes : seinem scharfen
Denken fehlte es an jenem reichhaltigen und sorgfältig an-
geschauten Stoff, der diesem Denken allein den wahren
Inhalt geben kann. Seine positiven Kenntnisse waren
unzureichend" etc.
Anm. d. Setzers. Warum sind Sie denn eigentlich, Herr
Schmidt, immer so vernichtend gegen Fichte und erdrücken ihn
237
beständig durch die Überlegenheit Ihrer positiven Kenntnisse?
Ich glaube den Grund entdeckt zu haben. Eine seiner populär-
philosophischen Schriften, die „Grundzüge des gegenwärtigen
Zeitalters" haben Sie zwar nicht gelesen, bei Leibe nicht ! aber
doch in zehn Minuten durchblättert, wie mir einige Stellen in
Ihrem Buche gezeigt haben, auf die ich noch zu sprechen
kommen werde. Bei diesem Durchblättern stieß Ihr Auge auf
eine Stelle, in welcher Fichte das gegenwärtige Zeitalter der
,, leeren Freiheit", wie er es nennt, also charakterisiert (Bd. VII.
S. 22) : ,,Es hat vor dem Zeitalter der Wissenschaft den großen
Vorteil, daß es alle Dinge weiß, ohne je etwas ge-
lernt zu haben, und über alles, was ihm vorkommt,
sofort und ohne weiteren Anstand urteilen kann,
ohne jemals der vorhergehenden Prüfung zu be-
dürfen." Das haben Sie nun für eine persönliche Malice ge-
halten, die Fichte Ihnen habe sagen wollen, und rächen sich
dafür!
Pfui, Herr Schmidt, wer wird so rachsüchtig sein!
Bd. IL S. 134.
Über Fichtes am 27. Januar 1814 erfolgten Tod:
„Ein Tod in der schönsten Blüte aller Über-
zeugungen vor jener unvermeidlichen Rück-
wirkung, die auf alle Begeisterung folgt, und
verklärt durch das Bewußtsein, daß man das Seinige dafür
getan, ist gewiß beneidenswert."
Anm. d. Setzers. , .Beneidenswert", mein frecher Mosjöh,
ist bloß die Stirn, mit welcher Sie sich dies belletristische
Brilliantfeuerwerk arrangieren ! Wie artistisch gelungen, Fichte,
weil er noch während der Freiheitskriege stirbt, sterben lassen
„in der schönsten Blüte aller Überzeugungen", noch „vor jener
unvermeidlichen Rückwirkung", die sonst auf seine „Begeiste-
rung" hätte eintreten müssen ! Wie plausibel für jeden, der
gleich Ihnen niemals die Nase in Fichtes Werke gesteckt hat!
Hätten Sie das aber getan, so würden Sie gewußt haben, mein
teurer f rere ignorantin, daß Fichte gar nicht die Zeit nach den
238
Freiheitskriegen zu erleben brauchte, um von seinen Illusionen
zurückzukommen — weil er nämlich gar keine hatte! Sie
würden dann gewußt haben, daß Fichte in seinen gerade 1813
während des Krieges geschriebenen „politischen Fragmenten
Z. B. den Aufruf des Königs von Preußen „An sein Volk"
also charakterisiert (Werke, Bd. VII. S. 551): „Wenn nun der
unterjochte Fürst an sein Volk appelliert, heißt das: wehret
euch, damit ihr nur meine Knechte seid und nicht eines
Fremden. Sie wären Toren. Ich trage meine Säcke, sagt die
Fabel. Freilich ist das Geheimnis des gegenwärtigen Kriegs,
daß die Bürde zu schwer ward, und wir sind entbrannt nur um
die Erleichterung etc." Welch „schöne Blüte der Über-
zeugungen", Herr Schmidt ! Sie würden ferner daselbst ge-
sehen haben, daß Fichte auch nicht die geringste Hoffnung auf
die Freiheitskriege für die innere Entwickelung setzte, vielmehr
mit einer fast erschreckenden Scharfsichligkeit das ganze
deutsche Elend mit allen seinen Erscheinungen von heute sich
unerbittlich vorhersagt. Nur eine einzige kleine Stelle zum Be-
weis ib. S. 568 : „Jetzt, da ihr sie (die deutschen Stämme) unter-
einander laßt, werden angefeuerte, vom Volksgefühl erhobene
Jünglinge bei den sich darbietenden Gelegenheiten zur Ver-
gleichung diese Unart lassen? Ich fürchte, ihr säet neuen
Haß! Ihr Fürst, sein glänzender Hof, sein Ansehen und
äußere Würden, und kurz was es sei — alles dient ihnen zur
Erregung der Eitelkeit. Die glänzenden Sklavenketten sogar."
— — — „Wenn wir daher nicht im Auge behielten, wa3
Deutschland zu werden hat (hier ist von einer, nach Fichte,
späten, späten Zukunft die Rede, Herr Schmidt), so läge an
sich nicht so viel daran, ob ein französischer Marschall, wie
Bernadotte, an dem wenigstens früher begeisternde Bilder der
Freiheit vorübergegangen sind, oder ein deutscher aufgeblasener
Edelmann ohne Sitten und mit Roheit und frechem Übermut
über einen Teil von Deutschland gebiete."
Als ich neulich in Hamburg konditionierte, mußte ich in dem
I.Teil der „Demokratischen Studien" einen Artikel setzen, be-
titelt : „Fichtes politisches Testament" *) ; diesen empfehle ich
x ) Es ist natürlich Lassalles eigener Aufsatz, „Fichtes
politisches Vermächtnis", gemeint. D. H.
239
Ihnen, wenn Sie sich weiter über die Sache unterrichten
wollen.
Was sagen Sie nun aber zu dieser Blüte der Überzeugungen,
zu dieser Begeisterung ? Wie glücklich, wie beneidenswert
Fichte, daß er damals so in seiner höchsten Begeisterung hin-
starb, ohne den Rückschlag nach den Freiheitskriegen zu er-
leben ! — Werden Sie Feuerwerker, Herr Schmidt, aber hören
Sie auf Literarhistoriker zu sein!
Bd. II. S. 128.
„Ein glücklicherer Stern ging Fichte auf. Die Not des
Vaterlandes belehrte ihn über die Nichtigkeit seiner
weltbürgerlichen Ideale ; in der Fortdauer der deutschen
Unabhängigkeit sah er die Rettung der Weltgeschichte,
und in dem Preußischen Staat, dem er jetzt mit
voller Seele angehörte, wenn er auch die augenblickliche
schwächliche Haltung desselben mit bitterem Schmerze
empfand, die notwendige Form der deutschen
Entwicklung."
Anm. d. Setzers. Holiah Hohl Jetzt soll Fichte zum Gothaer,
zum Kleindeutschen gepreßt werden! Fort mit den Fingern,
Herr Schmidt, oder ich schlage so drauf, daß Sie sie nie wie-
der nach einer so leuchtenden Gestalt ausstrecken ! Fichte
konkludiert vielmehr ausdrücklich, und zwar gerade in jenen
1813 kurz vor seinem Tode geschriebenen Fragmenten, keiner
der jetzt bestehenden einzelnen Staaten könne Deutschland
herstellen; Bd. VII. S. 570: „Wenn nun z.B. Österreich oder
Preußen Deutschland eroberten, warum gäbe dies nur Öster-
reicher, Preußen, keine Deutsche? Wie ist eine öster-
reichische, preußische, und wie eine deutsche Geschichte ver-
schieden ? Dies ist gründlich zu behandeln : darauf kommt alles
an; denn eben hier stehen die Deutschen." Er erblickt einen
tiefen Unterschied zwischen dem Nationalcharakter der
Deutschen und den sämtlichen einzelnen Staaten. Er er-
klärt ausdrücklich ib. S. 571 : ,,Kein bestehender Landesherr
kann Deutsche machen, es werden Österreicher, Preußen usw."
240
Sehen Sie über alles das den vorbezogenen Art. in den demokr.
Studien nach, Herr Schmidt. Fichte war nun einmal so borniert,
daß er glaubte, nur eine Republik könne die deutsche Ein-
heit herstellen, und es hat nicht Not, Herr Schmidt, daß Sie
ihm von Ihrem eigenen Verstände abgeben. Hat nicht Not!
„Behalte froh, was dir beschieden,
Genieße still, was du nicht hast."
Bd. II. S. 129.
„Die Reden (Fichtes an die deutsche Nation) knüpfen
an die ,, Grundzüge" an, und es macht einen halb komi-
schen, halb rührenden Eindruck, daß Fichte
den wahren Sinn derselben vergessen hat (!!!)."
Und bald darauf, ,,Aber als die mächtige Idee für
die Erhebung des Menschengeschlechts stellt er diesmal
das GegenteilvondemdarvvaserindenGrund-
zügen predigt, die Vaterlandsliebe."
Anm. d. Setzers. Also einen „halb komischen, halb
rührenden Eindruck" machen Ihnen die Reden Fichtes an
die „Deutsche Nation", und zwar deswegen, weil er den
„wahren Sinn" der „Grundzüge", an die er selbst diese Reden
als eine Fortsetzung derselben anknüpft, „vergessen"
habe? I Sie komischer Rührpeter! Wie kommen Sie denn zu
der überschwenglichen Anmaßung, zu glauben, Fichte würdo
den wahren Sinn seiner eigenen Vorträge, die er ausdrücklich
als Grundlage der „Reden" herbeizieht, vergessen haben, und
Ihnen, der Sie Ihre Urteile wie Ihr Wissen aus Journal-
artikeln beziehen, beim Trödler kaufen, wäre es gegeben, aus
dem Himmel Ihrer Überlegenheit mit komischer Rührung auf
die rührenden Widersprüche dieses guten armen Fichte herunter-
zusehen, der den „wahren Sinn" seiner eigenen Vorträge, indem
er sie fortzusetzen erklärt, „vergessen" habe ! Aber Sie glauben
das auch gar nicht ernsthaft. Sie können es gar nicht glauben,
denn wir werden im Verlauf sehen, wie Sie Ihren Fichte „ge-
lesen" haben! Es ist nur wieder so eine Manier, sich vor
dem Publikum zu drapieren und den Schein einer Wunder wie
16 Lassallc. Ges. Sckriften. Band VI 241
überlegenen Kritik anzunehmen! Die Reden an die deutsche
Nation, Herr Schmidt, enthalten in Wahrheit auch nicht ein
Wort, welches den „Grundzügen" widerspricht. Worin soll
denn der Widerspruch bestehen? Ach so, Sie haben es uns
schon S. 128 gesagt, Fichte sei jetzt durch „die Not des Vater-
landes über die Nichtigkeit seiner weltbürgerlichen
Ideale belehrt" worden, und an der obigen Stelle sagen Sie es
noch deutlicher, Fichte habe diesmal „das Gegenteil von
dem aufgestellt, was er in den Grundzügen gepredigt, die
Vaterlandsliebe". Zuvörderst nun werden Sie das Stich-
wort „Weltbürgertum" in dieser pointierten Form und mit
all dem schiefen Sinn, der sich eben nur an diese Form knüpft,
bei Fichte überhaupt nicht finden. Wissen Sie denn gar nichts
davon, daß Fichte' schon 1800 den „geschlossenen Handels-
staat" schrieb, in welchem er sich streng auf den Boden natio-
naler Selbständigkeit stellend, den nationalen Staaten sogar das
Recht der Absperrung gegeneinander zuspricht ? Aber abgesehen
von alledem: Seit wann- sind denn Vaterlandsliebe und
weltbürgerliches Streben Gegenteile? Für gewisse
Zeitungsschreiber — mag sein. Aber seit wann auch für die
Philosophen? Ich werde versuchen, Herr Schmidt, Ihnen so
weit dies in aller Kürze tunlich, eine Laterne darüber in den
Kopf zu hängen, wie das alles bei Fichte zusammenstimmt. In
den „Grundzügen" geht Fichte bereits aus von dem Begriffe
eines „vernünftigen Weltplans", der langsam und ver-
möge „notwendiger Glieder und Epochen des Erden-
lebens" die Entwicklung der Gattung zur Freiheit
realisiere. In diesen Vorträgen entwickelt er nun nur die
zeitlichen Gliederungen dieses Entwicklungsweges zur
Freiheit, die stufenweise Folge der Zeitprinzipien oder
die Zeitalter. Nun begreifen Sie vielleicht schon hier, Herr
Schmidt, daß ein Philosoph, der einmal „notwendige Glie-
der und Epochen" dieser Entwicklung annimmt, der also
eine Gliederung derselben überhaupt, eine zeitliche Glie-
derung der Entwicklung als notwendig setzt, auch eine räum-
liche Gliederung dieser Entwicklung, d.h. also eme Entwick-
lung durch besondere Volksgeister als vernünftig wird
annehmen müssen, und daß er, weit entfernt das Bestehen be-
sonderer Volksgeister auszuschließen, wenigstens danach wird
242
streben müssen, einen vernünftigen Zusammenhang zwischen
jener zeitlichen Gliederung — Epochen — und dieser räum-
lichen Gliederung — Volksgeister — der weltgeschichtlichen
Entwicklungsarbeit zu begreifen, und also auch die Volksgeister
als etwas Notwendiges in derselben und als Träger ge-
wisser Entwicklungsstufen anzusehen.
Dies bildet nun in der Tat den engen inneren Gedanken-
zusammenhang zwischen den „Grundzügen" und den „Reden
an die deutsche Nation".
Hier will Fichte definieren, was „Vaterlandsliebe", was
Liebe des einzelnen zu seiner Nation sei, findet mit Recht,
daß dies zusammenfalle mit der Frage „was ein Volk sei,
im höheren Sinne des Wortes" und definiert nun ein „Volk"
als eine Gemeinschaft von „miteinander fortlebenden und sich
aus sich selbst immerfort natürlich und geistig erzeugenden
Menschen, welche insgesamt unter einem gewissen be-
sondern Gesetze der Entwicklung des Göttlichen
stehen" oder, wie er sich daselbst auch ausdrückt, unter „dem-
selben geistigen Naturgesetz" und seiner Entwicklung stehen
(Werke. Bd. VII. S. 381 ff.). Fichte war nun so „komisch",
Herr Schmidt, wie Sie wahrscheinlich sagen würden, daß er
glaubte, das deutsche Volk sei ein notwendiges Moment
in der Realisierung des „göttlichen Weltplans", welcher
schon das Fundament der Grundzüge bildet, ja, das deutsche
Volk sei gerade der Träger des Begriffs, auf welchen einst
das Reich der Zukunft, das Reich der vollendeten Frei-
heit gebaut werden solle. Welche „komische" Inkonsequenz
zwischen den Grundzügen und den Reden, welcher lächerliche
Gegensatz zwischen Fichtes „Weltbürgerlichen Idealen" und
Fichtes „Vaterlandsliebe" besteht, können Sie ja schon ganz
äußerlich daraus entnehmen, daß Fichte in dem ergreifenden
Schluß seiner Reden an die deutsche Nation den „göttlichen
Weltplan selbst" — und auch die Franzosen ausdrücklich
mit eingeschlossen — uns beschwören läßt, uns zu erheben und
unsere Selbständigkeit zu verteidigen, und hierdurch seine, des
göttlichen Weltplans, „Ehre und Dasein zu retten", da er
ohne uns zugrunde gehen müsse — immer derselbe Weltplan,
Herr Schmidt, von dem schon die „Grundzüge" ausgehen ! Ja,
wie wenig von einem Widerspruche hier die Rede ist, wie ab-
16» 243
solut falsch und nur aus Ihrer gänzlichen Gedankenlosigkeit
erklärlich Ihr Urteil ist, bei Fichte habe immer nur „ein geist-
volles Ergreifen der augenblicklichen Stimmung stattgefunden"
(wie Sie S. 70 Ihrer Sudelschrift u. a. a. St. sagen), das er uns
umsonst als System und Methode verkaufen wolle, hätten Sie
ja am einfachsten aus seiner „Staatslehre" ersehen können, wo
Fichte (W. Bd. IV. S. 420-429) dem deutschen Volke genau
dieselbe Bedeutung für die Entwicklung des Weltplans, wie in
den Reden, zuweist. Von uns, meint er, solle dereinst das Reich
der Zukunft ausgehen. — „Für Freiheit, gegründet auf Gleich-
heit alles dessen, was Menschengesicht trägt." „Nur von den
Deutschen, die seit Jahrtausenden für diesen großen Zweck da
sind und langsam demselben entgegenreifen — ein anderes Ele-
ment ist für diese Entwicklung in der Menschheit nicht da."
Ja, hier in der „Staatslehre" (S. 419) definiert er von neuem,
was ein Volk sei, und definiert dies als einen Haufen, welcher
unter „einer Grundansicht sittlicher Welt" stehe. Dies ist
Fichtes Auffassung des Begriffs: Volksgeist, und ohne den-
selben existiert ihm kein Volk. Ohne diese eine Grund-
ansicht sittlicher Welt, sagt er daselbst ausdrücklich, gäbe es
nur „zerstreute Naturmenschen, Wilde, Kannibalen, die denn
doch Ehen, Eltern und Kinder haben". Was Sie also für
Fichtesches Weltbürgertum halten, ist ihm vorläufig — Kanni-
balismus, Herr Schmidt ! Was Sic doch Ihren Fichte gründlich
studiert haben ! Es ist eine Freude, es mitanzusehen I Und
wiederum, damit Sie nicht in den umgekehrten Irrtum über
Fichte verfallen: Wenn er an einer Stelle der Grundzüge (VII.
S. 29) — er spricht daselbst ausdrücklich von einer Zukunft
„nach Jahrhunderten oder auch Jahrtausenden" — den Zweck
des göttlichen Weltplans dahin angibt, am Ende dieser Zeit
„alle Völker zu einer einigen großen Gemeine zu vereinigen",
so hat Fichte auch in der „Staatslehre" (1813) diesen Ge-
danken nicht aufgegeben. Er sagt vielmehr an der zuletzt an-
geführten Stelle derselben ausdrücklich, nachdem er jene „eine
Grundansicht der sittlichen Welt" als die „Volksge sin-
nung" ausgesprochen, diese Volksgesinnung sei: „das eigentlich
das Volk zum Volk machende, sein Punkt zwischen dem
Wilden und dem Bürger des Recht reiches (Reiches
der Zukunft)."
244
Fichte faßt also, wie Ihnen jetzt klar geworden sein wird,
Herr Schmidt, die Völker und Volksgeister als die notwen-
digen Entwicklungsformen des göttlichen Weltplans oder
des am Ende aller Entwicklung einst — in Jahrhunderten
oder Jahrtausenden — eintretenden Rechtsreiches, und Sie
werden jetzt begreifen, wie mindestens bis dahin zwischen seinen
„weltbürgerlichen Idealen" und der „Vaterlandsliebe" bei ihm
kein Widerspruch ist, am wenigstens für uns Deutsche, auf
welche er — mit ausdrücklicher Ausschließung Ihrer, Herr
Schmidt, — dies Reich der Zukunft bauen will.
Sie erwidern freilich :
„Dem Mönch und Doktor mag die Schule taugen.
Wir, mein' ich, wissen soviel als wir brauchen."
(Bojardo, Verl. Roland, 18. Ges.)
Bd. II. S. 80.
„Der Eifer, mit dem Fichte in seinen neueren
Schriften für das Christentum eintritt, ist nichts Gemach-
tes noch Willkürliches. Man darf die Konstruktion vom
ewigen Sein als erstes Prinzip der Offenbarung derselben
(? wessen?) in der Form des Bewußtseins etc. und in
Beziehung auf das Christentum und dessen Geschichte ins
Auge fassen ( !), so wird man leicht gewahr ( !), daß
eben dies die Meinung sei, welche dem Arianismus
zugrunde liegt ( ! !). Jeder, der die ersten Prinzipien so
faßt ( ! !), wird die Grundlehre des Christentums, die
Lehr-^ von der Dreieinigkeit auch nur gerade so wie die
Arianer gelten lassen ( !), sie ebenso auslegen oder
andeuten. Wäre die Fichtesche Ansicht des Christentums,
vom Normalvolk, von Melchisedek, Johannes etc., auch
nur eine Theorie derjenigen Denkart, die man ge-
wöhnlich mit dem Namen der Aufklärung bezeich-
net ( ! !), so würde ihr der Ruhm bleiben müssen, über das
Wesen derselben zuerst wahres Licht verbreitet und sie
metaphysisch begründet zu haben (!!)."
215
Anm. d. Setzers. Herr Schmidt, Herr Schmidt ! Sind Sie
denn ganz von Gott verlassen? Reitet Sie denn der leibhaftige
Teufel? Was schreiben Sie denn da für einen haarsträubenden
Blödsinn zusammen ? Welcher grausame Spaßvogel hat sie denn
zum Besten gehabt und veranlaßt, sich so grenzenlos zu bla-
mieren? Wenn ich all' den Unsinn herausschälen wollte, der
in den obigen paar Sätzen, die Sie mit so gespreizter Kenner-
miene vortragen, enthalten ist, da müßte ich ja sieben Folio-
seiten voll schreiben ! Dafür bewahre mich nun freilich Gott !
Aber ganz kann er Ihnen nicht geschenkt bleiben. Also kommen
Sie her, Herr Schmidt, auf daß ich anfange, mit Ihnen zu
analysieren und zu zitieren!
Wie ? Sie wollen nicht, daß ich wieder zitiere ? Sie sagen,
Sie hätten schon genug ; es langweile Sie ? Mich auch, Herr
Schmidt! Glauben Sie mir, wenn die Operation Ihrer Brand-
markung, die ich vollziehe, für Sie schmerzhaft ist, so ist
sie für mich ekelhaft und daher ebenso unangenehm wie für
Sie selbst. Aber ich kann weder mir noch Ihnen helfen ! Es
muß sein! Warum? Ich will Ihnen diese Notwendigkeit er-
klären, Herr Schmidt, damit Sie sich um so eher mit christ-
licher Geduld den Schmerzen der Operation unterwerfen, wenn
Sie einsehen, daß sie zum gemeinen Besten unerläßlich ist.
Was will ich eigentlich von Ihnen, Herr Schmidt ? Was sind
Sie mir? Sie haben mir nie etwas getan. Ich kenne Sie nicht,
habe Sie nie gesehen. Da führt mir Ihr und mein böses Schick-
sal den zweiten Teil Ihres Buches zur Hand.
Ich habe ihn mit immer steigender Erbitterung, mit immer
wachsendem Ekel zu Ende gelesen. Warum ich ihn nicht lieber
weit fort von mir warf? Ich hatte noch nie — und ich bin
ein allbelesener Setzer, Herr Schmidt, ich kenne das Schlechte
wie das Gute — einen so erstaunlichen Grad unerhörtester Un-
wissenheit, noch nie einen so gleichmäßig fortlaufenden, hinter
große Worte versteckten Wust kompletten Blödsinns, ver-
bunden mit einer so unglaublich süffisanten Fertigkeit im Ab-
sprechen und Verneinen unsrer größten Geistesheroen in irgend-
einem Buche gefunden. Kein noch so großer Dichter, kein
noch so gewaltiger Denker, kein noch so verehrungswürdiger
Gelehrte, den Sie nicht zausen, als wenn er ein unreifer Bube
wäre!
246
Alles dies wieder — denn Gerechtigkeit muß man Ihnen
widerfahren lassen — verbunden mit einer ebenso großen und
unerreichten Meisterschaft, durch eine künstliche Zusammen-
fügung der Worte für unkritische Augen den Schein zu er-
regen, als wäre ein Wunder wie tiefer Sinn, oder doch min-
destens irgendein Sinn verborgen, wo doch nur totale Ge-
dankenlosigkeit und Unkenntnis der Sache vorliegt, verbunden
ferner mit dem billigen Kunstgriff, durch einige zwischen
Schlafen und Wachen genommene Exzerpte aus einer Schrift
den Schein zu erregen, sie gelesen zu haben.
Ich begriff, welche Verwüstungen gerade ein solches Buch
in unserem Publikum anrichten könne. Ich sah auf dem Titel,
daß es die vierte Auflage dieser angeblichen „Literatur-
geschichte" sei. Ich hörte, daß Sie dem Vernehmen nach durch
literarische Cliquen sich bereits eine Art Autorität im großen
Publikum erworben haben sollen. Ich begriff sofort, wie fein
und sicher Ihr Kalkül gewesen. Denjenigen, welche die Dinge
nicht besser verstehen, als Sie, imponieren Sie gerade durch
Ihre Unverschämtheit, Ihr Absprechen, Ihre Sicherheit. Vor
denen aber, welche in der Lage wären, Sie enthüllen zu können,
glaubten Sie sicher sein zu dürfen, denn wer von diesen,
sagten Sie sich, würde sich dazu hergeben, Sie zu widerlegen!
So haben Sie mit Ihren
„höllischen Latwergen
In diesen Tälern, diesen Bergen
Weit schlimmer als die Pest gehaust"
und könnten noch lange Jahre die Gemüter verpesten.
Da begriff ich, daß es Pflicht sei, ein Beispiel zu statuieren
und den Augiasstall Ihres Werkes durchzumisten. Am ein-
fachsten wäre es freilich, wenn man Ihnen durch die Polizei
das Schreiben verbieten lassen könnte. Indes die Polizei hat
in der Literatur nichts zu tun, und so müssen wir uns ent-
schließen, schon selbst den Scharfrichter zu machen und Ihnen
das Brandmarkungsmal — Sie wissen bei literarischen Galgen-
vögeln wird es auf die Stirn gesetzt, zum Unterschied von den
gewöhnlichen Galeerensklaven, die es auf der Schulter tragen
— aufzubrennen. Vierzehn Tage, beschloß ich, Ihnen zu diesem
Zweck zu widmen — kein kleiner Entschluß, Herr Schmidt!
Aber Sie sehen selbst, es ist zum besten der Nation, es muß
247
sein. Resignieren Sie sich also, wie ich mich resigniere! — Bis
dahin war ich ohne allen persönlichen Groll gegen Sie. Aber
ich will ganz aufrichtig gegen Sie sein. Begreifen Sie, was es
heißt, vierzehn Tage lang eine solche Latrine zu durchwühlen,
während ich an einem ordentlichen Werke sitzen könnte?
Wenn ich daran denke, gerate ich allerdings auch in persön-
liche Wut, und schon sind acht Tage vorüber — also
Marsch, Bube! ohne weiteres die Eisen her und still gestanden!
Also zuerst: Fichte ist mit einem solchen ,,Eifer für das
Christentum eingetreten"? Haben Sie gar nichts davon
gehört, Herr Schmidt, daß Fichte wegen der Anklage des
Atheismus seine Professur in Jena verlor? In der „Appel-
lation an das Publikum", die Fichte in diesem Streithandel er-
gehen ließ, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er sagt aus-
drücklich: „Der Begriff von Gott als einer besonderen Sub-
stanz ist ein unmöglicher und widersprechender. Nur
die fromme Einfalt bildet sich Gott als eine ungeheure Aus-
dehnung durch den unendlichen Raum. Die Gegner nehmen
einen solchen substantiellen Gott bloß um der Sinnenwelt
willen an. Es ist ihnen bloß um den Genuß zu tun. Ihr Gott
ist der Austeiler des Glücks und Unglücks an die endlichen
Wesen. Dadurch legen sie aber nur ihre radikale Blindheit über
geistige Dinge an den Tag. Wer Genuß will, ist ein sinnlicher,
fleischlicher Mensch ohne Religion! Wer Glückseligkeit
erwartet, ist ein Tor. Sie ist nicht möglich. Die
Erwerbung derselben und ein Gott, den man ihr zu-
folge annimmt, sind Hirngespinste. Ein solcher
Gott ist ein böses Wesen, ein Fürst dieser Welt,
ein heilloser Götze." Ist das deutlich, Herr Schmidt,
selbst für Sie ? Was meinen Sie zu diesem „Eifer fürs Christen-
tum" ?
Und da Fichte sich den Verweis, den er von seiner Re-
gierung für seine „unvorsichtigen Sätze" erhalten sollte, nicht
gefallen lassen wollte, so kam es dahin, daß Fichte seine Stelle
verlor und nach Berlin reiste, wo man ihn heute nicht seh»"
gut aufgenommen haben würde.
Ja so ! Sie werden einwerfen, Sie hätten ja ausdrücklich
nur von den „neueren Schriften" Fichtes gesprochen!
Inzwischen glauben Sie, Herr Schmidt, halten Sie es auch
248
nur für wahrscheinlich, daß Fichte in seinen spätem Schriften
einen so enormen Abfall von sich selbst begangen haben sollte?
Die Fichtesche Philosophie scheitert an einem gewissen
Punkt, den sie sich auf verschiedene Weise vergeblich zu über-
winden bemüht. Aber innerhalb ihrer ist sie streng konsequent.
Selbst Hegel, dem Sie vielleicht einiges Auge nicht absprechen
werden, wo es sich darum handelt, die Inkonsequenzen seiner
Vorgänger zu entdecken, erkennt dies wiederholt an. Er hebt
ausdrücklich hervor (Gesch. d. Ph. III, 612), daß Fichtes „spe-
kulative Philosophie streng konsequent fortschreitet", und ib.
S. 615 lobt er an ihr „Einheit des Prinzips und den Versuch,
wissenschaftlich konsequent den ganzen Inhalt des Bewußt-
seins daraus zu entwickeln".
Freilich spricht Hegel hier von Fichtes eigentlicher, streng
spekulativer Philosophie, während Sie, Herr Schmidt, immer
nur die popularphilosophischen Reden und Schriften Fichtes
angeblättert und dabei im Traume hin und wieder exzer-
piert haben — nicht gelesen, Herr Schmidt, — was Sie doch
nicht abhält, mit größter Sicherheit immer den ganzen Fichte-
schen Standpunkt zu beurteilen. Über diese populärphiloso-
phischen Vorträge sagt nun Hegel, der sich zu derartigen Be-
mühungen immer etwas zu vornehm verhält, sie seien „ohne
philosophisches Interesse für ein allgemeines Publikum, eine
Philosophie für aufgeklärte Juden und Jüdinnen, Staatsräte,
Kotzebue" (Hegel, Gesch. d. Ph. III, 640).
Und irre ich nicht sehr, so ist es gerade dieser Satz, der
Sie zu Ihrer unglücklichen Äußerung veranlaßt hat. Der ganze
Satz bei Hegel lautet nämlich so :
„In seinen späteren populären Schriften hat Fichte Glaube,
Liebe, Hoffnung, Religion aufgestellt, ohne philosophisches
Interesse für ein allgemeines Publikum etc. etc."
„Hieraus haben Sie denn gemacht, Herr Schmidt, daß er
in seinen „neueren Schriften mit Eifer für das Christen-
tum eingetreten sei" — und dann haben Sie das mit der
Ihnen eigentümlichen Tiefe noch mit dem Arianismus in
Verbindung gebracht. Aber gerade je größer ein Gewährsmann
ist, um so weniger darf man seine kurzen gedrungenen Sen-
tenzen in der Form plagiieren, daß man sie durch angebliche
Synonyma paraphrasiert und erweitert, zumal wenn man so ganz
249
und gar nichts von der Sache versteht, von der die Rede ist,
wie Sie. Man riskiert sonst immer, ins Bodenlose zu fallen.
Und das ist Ihnen denn auch hier bei Ihren unschuldigen
synonymischen Stilübungen passiert, Herr Schmidt.
Ich werde nicht versuchen, Herr Schmidt, Ihnen das wirk-
liche Verhältnis klar zu machen, welches zwischen den populär-
philosophischen und den streng philosophischen Schriften Fichtes
besteht, und die Art von Verschiebung der Prinzipien, die in
jenen ersteren eingetreten ist. Das würde mich zu weit führen,
Herr Schmidt, selbst abgesehen davon, daß die Römerurkunde
Ihres Schädels — Sie erinnern sich doch noch von Seite 39 1 ),
Herr Schmidt? — doch nicht zu überwindenden Widerstand
entgegensetzen würde.
Aber so viel, Herr Schmidt, werden Sie vielleicht begreifen :
Jeder spekulative Philosoph hat einen gewissen Drang, seinen
Gedanken der Wirklichkeit anzunähern und in dieser selbst
die Ahnung und unklare Regung dieses seines Ge-
dankens nachzuweisen. Die spekulative Philosophie hatte dabei
ein doppeltes Interesse, einmal die größere Expansion, die prak-
tische Verbreitung ins große Publikum, die sie dadurch er-
langen kann, und zweitens den theoretischen Nachweis der
Übereinstimmung des eigenen Denkens mit der realen
Wirklichkeit, den theoretischen Nachweis, daß diese letztere
nur eine Entwicklung und Hinbewegung zu ihrem eigenen Ge-
danken und eine Bestätigung desselben sei. Hierzu hat nun
seit ewigen Zeiten für jeden spekulativen Philosophen immer
die Religion dienen müssen, €ei es, daß man jene ahnende
Übereinstimmung mit dem eigenen Gedankenprinzip bloß in sie
hineinlegte, sei es, daß man sie wirklich in ihr nachwies.
Natürlich ist, und in beiden Fällen, dabei jedesmal etwas ganz
anderes aus der Religion gemacht worden, als sie für sich
selbst war. Das hat denn nun auch Fichte getan, wie so
viele vor ihm und viele nach ihm, und so kam es, daß Sie
bei dem Durchblättern seiner „Grundzüge" etc. die Namen :
Melchisedech, Johannes etc. fanden — und daher sofort in
Ihrem oben zitierten Satz in Parenthese setzen, zum paradieren-
den Beweis, wie genau Sie gelesen haben — was Sie natür-
x ) S. 227 unserer Ausgabe. D, H.
250
lieh sofort nicht wenig in Ihrer Meinung von ,,Fichtes Eifer
für das Christentum" bestärkte. Wenn Sie eine Ahnung hätten,
Herr Schmidt, zu was allem sich seit dem Briefe an die
Hebräer der Melchisedech schon hat hergeben müssen, so würde
Sie das gar wenig gewundert haben ! Und nun vollends des
Johannes-Evangeliums, des Logos- Evangeliums, Herr Schmidt,
haben sich alle Philosophen stets für ihre Zwecke zu bemäch-
tigen gesucht. Und wenn es richtig ist, was man neuerdings
mehr und mehr nachzuweisen versucht hat, daß dasselbe verfaßt
wurde in Ephesus, und zwar von einem mit den heraklitisch-
stoisch-neuplatonischen Philosophemen, die dort im Umlauf
waren, geschwängerten Philosophen, so würde Sie das noch
weit weniger verwundern können und Ihnen noch weit weniger
als ein Zeichen von ,, Eifer für das Christentum" erschienen sein.
Was nun aber die Hauptsache betrifft, den Punkt, auf den
es für uns ankommt, Herr Schmidt, so stimmen die populär-
philosophischen und die streng philosophischen Schriften Fichtes
hierin streng überein; denn in jenen stellt er überall als Prinzip
auf: das Leben in der Idee oder in der Gattung, und dies
ist ja wieder nur ein anderer Ausdruck für das reine Ich,
welches das Prinzip seiner strengen Philosophie und gar nichts
anderes als der actus purus des von allem Empirischen ge-
reinigten allgemeinen Selbstbewußtseins ist. Dieses Leben in
der Idee, das reine Denken, nennt er Leben in Gott oder
Leben schlechthin, alles andere ist ihm Tod.
Mit welchem „Eifer" aber Fichte nun in diesen späteren
populär - philosophischen Schriften für das Christentum ein-
getreten sei, das wollen wir jetzt durch einige wenige Zitate
ins Reine bringen, Herr Schmidt ! Und bemerken Sie wohl, ich
zitiere nur jene „neueren" populär-philosophischen Schriften,
auf die Sie sich beziehen und die Sie gelesen haben wollen,
seine „Grundzüge" und seine „Anweisung zum seligen Leben".
So sagt er in den Grundzügen (W. Bd. VII. p. 188) „dem In-
halt der wahren Religion und insbesondere dem des Christen-
tums nach ist die Menschheit das eine äußere, kräftige,
lebendige und selbständige Dasein Gottes". Verstehen
Sie schon, Herr Schmidt, was das für ein Christentum ist, in
welchem die Menschheit selbst das Dasein Gottes
ist? und noch dazu das eine selbständige Dasein
251
Gottes? Was meinen Sie zu diesem Eifer? Die Annahme
eines persönlichen Gottes dagegen nennt er ein „Zaubersystem"
ib. p. 121 : „Wenn man die Sache ganz streng nehmen will,
wie ich es, um wenigstens durch dieses Beispiel völlig klar
zu werden, hier mit Bedacht tue, so ist selber das in der vorigen
Rede beschriebene Religionssystem, das von einem willkürlich
handelnden Gotte ausgeht und eine Vermittlung zwischen ihm
und den Menschen annimmt und vermittelst eines abgeschlossenen
Vertrags, entweder durch die Beobachtung einiger willkürlichen
und ihrem Zwecke nach unbegreiflichen Satzungen oder durch
einen in seinem Zwecke ebenso unbegreiflichen historischen
Glauben, sich von Gott gegen anderweitige Beschädigungen los-
zukaufen glaubt, — selber dieses Religionssystem, sage ich, ist
ein solches schwärmerisches Zaubersystem, in wel-
chem Gott nicht als der Heilige, von welchem getrennt zu sein
schon allein und ohne weitere Folge das höchste Elend ist,
sondern als eine furchtbare, mit verderblicher Wirkung drohende
Naturkraft betrachtet wird,' in Beziehung auf welche man nun
das Mittel gefunden, sie unschädlich zu machen, oder wohl
gar, sie nach unsern Absichten zu lenken." Ist Ihnen das viel-
leicht klar genug, Herr Schmidt? Und in seiner „Anweisung
zum seligen Leben", die auch den Titel „Religionslehre" trägt,
geht er sofort aus von dem Satz (Bd. V. p. 401), daß in dem
Ausdruck seliges Leben etwas Überflüssiges liegt. „Näm-
lich das Leben ist notwendig selig, denn es ist die Seligkeit;
der Gedanke eines unseligen Lebens hingegen enthält einen
Widerspruch. Unselig ist nur der Tod. Ich hätte darum streng
mich ausdrückend, die Vorlesungen, welche zu halten ich mir
vorgesetzt, nennen sollen die Anweisung zum Leben oder die
Lebenslehre — oder auch, den Begriff von der andern
Seite genommen, die Anweisung zur Seligkeit oder die Selig-
keitslehre. Daß inzwischen bei weitem nicht alles, was da als
lebendig erscheint, selig ist, beruht darauf, daß dieses Unselige
in der Tat und Wahrheit auch nicht lebet, sondern nach
seinen mehrsten Bestandteilen in den Tod versenket ist und in
das Nichtsein." Sie wären z. B., Herr Schmidt, wie viele
Bücher Sie auch schrieben, immer tot nach Fichte, schlecht-
weg tot! Denn daß Fichte unter „Seligkeit" oder „Leben"
nichts als reines Denken versteht, sehen Sie sofort (da-
252
selbst p. 431) bei ihm, wo er sagt, es müsse schon aus dem bis-
herigen klar sein, daß „Nicht denken und Tot sein wohl
ganz dasselbe bedeuten dürften, indem schon früher das Ele-
ment des Lebens in den Gedanken gesetzt worden, somit
wohl das Nichtdenken die Qual des Todes sein dürfte".
Nach Fichte nämlich, Herr Schmidt! Sie sagen freilich, indem
Sie dies lesen:
„Sollte diese Qual mich quälen,
Da sie meine Lust vermehrt?"
Nun aber weiter. Über die christliche Annahme, daß Gott
die Welt geschaffen, spricht sich Fichte daselbst also aus (ib.
p. 479) : „Aus Unkunde der im bisherigen von uns aufgestellten
Lehre entsteht die Annahme einer Schöpfung als der abso-
lute Grundirrtum aller falschen Metaphysik und Religions-
lehre etc." Über das christliche Dogma von dem Fortleben in
einem Jenseits und einer Seligkeit daselbst, drückt sich Fichte
— gewiß deutlich genug — also aus (ib. p. 521) : „Es hilft auch
nichts, daß man diese Glückseligkeit recht weit aus den Augen
bringe und sie in eine andere Welt jenseit des Grabes verlege,
wo man mit leichterer Mühe die Begriffe verneinen zu können
glaubt. Was ihr über diesen inneren Himmel auch sagen oder
vielmehr verschweigen möget, damit eure wahre Meinung
nicht an den Tag komme, so beweiset doch schon der einzige
Umstand, daß ihr ihn von der Zeit abhängig macht und ihn in
eine andere Welt verlegt, unwidersprechlich, daß er ein Himmel
des sinnlichen Genusses ist. Hier ist der Himmel nicht, sagt
ihr, jenseits aber wird er sein. Ich bitte euch : was ist denn das-
jenige, das jenseits anders sein kann, als es hier ist? Offenbar
nur die objektive Beschaffenheit der Welt als der Umgebung
unseres Daseins. Die objektive Beschaffenheit der gegenwärtigen
Welt demnach müßte es eurer Meinung zufolge sein, welche
dieselbe untauglich machte zum Himmel, und die objektive Be-
schaffenheit der zukünftigen das, was sie dazu tauglich machte;
und so könnt ihr es denn gar nicht weiter verhehlen, daß eure
Seligkeit von der Umgebung abhängt und also ein sinnlicher
Genuß ist. Suchtet ihr die Seligkeit da, wo sie allein zu finden
ist, rein in Gott (d. h. also immer so viel als im reinen Ge-
danken, Herr Schmidt) und darin, daß er heraustrete, keines-
wegs aber in der zufälligen Gestalt, in der er heraustrete, so
253
brauchtet ihr euch nicht auf ein anderes Lehen zu verweisen,
denn Gott ist schon heute, wie er sein wird in alle Ewigkeit."
Und mit seiner ganzen grimmigen Schärfe die religiöse Denk-
art hierin auf ihren Kern reduzierend, schließt er diese De-
duktion (das. p. 522) : ,,In Summa: diese Denkart, auf die Form
eines Gebets gebracht, würde sich also aussprechen: Herr, es
geschehe nur mein Wille, und dies zwar in der ganzen,
eben deswegen seligen Ewigkeit, und dafür sollst du auch den
dein igen haben in dieser kurzen und mühseligen Zeit-
lichkeit."
Was meinen Sie nun, Herr Schmidt, zu diesem „Eifer, mit
dem Fichte für die christliche Religion eintritt" ?
Oder wenn Fichte (das. p. 185) sagt: „nur das Meta-
physische, keineswegs aber das Historische macht selig", er-
kennen Sie da noch nicht, Herr Schmidt, die Fortentwicklung
des Lessingschen Satzes : nur die Umbildung und Auflösung
der geoffenbarten Religionssätze in Vernunftwahrheiten könne
uns helfen ?
Fichte leugnet ja auch gar nicht den ungeheuren Gegensatz,
in welchem das, was er in diesen Vorträgen unter Religion ver-
stehen will, zur christlichen Religion steht. Er sagt ausdrück-
lich (ib. p. 484) : „Sodann stellt in diesem Zeitalter unserm
Vorhaben sich entgegen das ungeheuer paradoxe, ungewöhn-
liche und fast unerhörte Aussehen unserer Ansichten, indem
dieselben gerade das zur Lüge machen, was dem Zeit-
alter bisher für die teuersten Heiligtümer seiner
Kultur und seiner Aufklärung gegolten."
Und was Fichtes Berufung auf das Johannes-Evangelium
betrifft, — kann man sich denn klarer darüber ausdrücken, als
Fichte es selbst (ib. p. 474) in folgenden Worten tut : „Unter
den Griechen ist Plato auf diesem Wege. Der Johanneische
Christus sagt ganz dasselbe, was wir lehren und beweisen und
sagt es sogar in derselben Bezeichnung, deren wir uns hier
bedienen, und selbst in diesen Jahrzehnten unter unserer Nation
haben es unsere beiden größten Dichter in den mannig-
faltigsten Wendungen und Einkleidungen gesagt."
Dieses Johannes-Evangelium, welches identisch ist mit
einem Goethe- und Schiller-Evangelium, dämmert
Ihnen noch nichts, Herr Schmidt?
254
Sie werden also jetzt vielleicht begreifen, was Hegel in der
obigen kurzen Notiz, die Sie so ungeschickt abschreiben, hat
sagen wollen. Fichte hatte sich in diesen populär-philosophischen
Vorträgen darauf eingelassen, die populären Formen des Be-
wußtseins, Religion, Seligkeit, — auch von Liebe ist bei ihm
viel die Rede — für sich heranziehen und gewinnen und seinen
Gedanken dahinein legen zu wollen. Hegel meint nun, Fichte
sei dabei ins Erbauliche gefallen und habe in diesem Sich-
hingeben an die Formen des populären Bewußtseins dem streng
philosophischen Inhalt Abbruch getan. Er drückt dies in der
graphischen, spöttischen Form jener Notiz so aus : ,, Fichte
habe in seinen späteren Schriften Glaube, Liebe, Hoff-
nung, Religion aufgestellt, ohne philosophisches Interesse,
eine Philosophie für aufgeklärte Jüdinnen etc." Und Sie, um
die Spuren von sich zu verwischen und in Ihrer ganzen rohen
Unbekanntheit mit dem Stoff, über den Sie schreiben, para-
phrasieren das in einen total entgegengesetzten Ge-
danken in dem Satze : „Fichte sei in seinen neueren Schriften
mit Eifer für das Christentum eingetreten."
Wenn Sie wieder abschreiben, Herr Schmidt, so schreiben
Sie lieber wörtlich ab und paraphrasieren Sie nicht.
Aber das dicke Ende kommt erst noch nach, Herr Schmidt.
Nicht nur Sie entdecken, daß Fichte mit Eifer fürs Christen-
tum eingetreten sei, sondern, wunderbarer Mann, Sie entdecken
sofort auch noch den innerlich notwendigen Grund, warum er
dies mußte. Deshalb nämlich, weil, wie Sie in dem blöd-
sinnigen Satze, den ich kommentiere, ohne gleichwohl nur die
Hälfte seines Unsinns herausschälen zu können, sagen, Fichtes
philosophische Ansicht keine andere sei, „als die Meinung,
welche dem — Arianismus zugrunde liegt"!!
Welcher Spaßvogel, frage ich nochmals, hat Sie denn hier
in den April geschickt? Wo haben Sie denn einmal vom
„Arianismus" etwas läuten hören und haben Sie denn gar keine
Ahnung von dem, was Sie sprechen ? Der Arianismus, Ver-
ehrtester, ist die Ansicht der von dem alexandrinischen Pres-
byter Arius, im Jahre 318 nach Christus, gestifteten Sekte,
welche die origineische Subordinationstheorie wei : ;er entwickelnd
behauptete, Christus sei nicht ewig wie der Vater, er sei
einst nicht dagewesen; er sei, wenn auch vor der Zeit und
255
Weltschöpfung, von Gott, nicht gezeugt, sondern vermöge
des freien Willen Gottes aus nichts geschaffen (y.xio^a
ydg toxi y.al jzoü]ua). Er sei daher ferner wie nicht gleich
ewig, so auch nicht gleichen Wesens mit dem Vater, sei
nur ein durch Mitteilung gewordener Gott. (Sehen Sie doch
nur, gelehrter Mann, über alles das die Rede des Athanasiu9
contra Arianos!)
Die entgegengesetzte Partei — deshalb die Homousianer
genannt — hielt dagegen daran fest, daß der Sohn von völlig
gleichem Wesen mit dem Vater sei; er sei der ein-
geborne aus dem Wesen des Vaters gezeugte Sohn
und gleich ewig mit ihm. Diese Meinung war es, welche
auf der Kirchenversammlung zu Nicäa (325 nach Chr.) den
Sieg davon trug und herrschendes Glaubensbekenntnis der Kirche
wurde.
Was hat nun zuvörderst, Herr Schmidt, dieser ganze Streit
mit der Philosophie Fichtes zu tun? Glauben Sie wirklich, daß
die moderne Philosophie sich noch um diese byzantinischen
Streitigkeiten dreht und sehen Sie nicht ein, daß selbst da, wo
in ihr von solchen Dingen die Rede zu sein scheint, es sich
in dieser Form um einen ganz andern Inhalt handelt, und daß
es also das wüsteste, nach einem leeren Schein von Tiefe
trachtende Kauderwelsch ist, eine Philosophie wie die Fichte-
sche durch Reduzierung auf den byzantinischen Streit um die
Personen in Christo zu erklären? Und wollten Sie das gleich-
wohl schon einmal tun, Herr Schmidt, wo bei allen Heiligen
haben Sie denn gelesen, daß Fichte arianert?
Konnten Sie sich nicht schon a priori sagen, daß der Arianis-
mus höchstens für die Rationalisten Analogien bieten kann,
daß aber alle spekulative Philosophie nur das homousia-
nische orthodoxe Glaubensbekenntnis der Kirche gebrauchen
kann ? Und wenn Sie auch nicht soviel Verstand hatten, um sich
das schon a priori zu sagen, was lesen Sie denn in der „Re-
ligionslehre" von Fichte, die Sie ja gelesen zu haben be-
haupten? Sie lesen da (Bd. V, 479) : ,,Im Anfang schuf Gott,
heben die heiligen Bücher dieser (der jüdischen) Religion an
— nein, sagt Johannes : im Anfange, in demselben Anfange,
wovon auch dort gesprochen wird, d.h. ursprünglich und vor
aller Zeit schuf Gott nicht, und es bedurfte keiner
256
Schöpfung, sondern es — war schon; es war das Wort"
(der Logos, Herr Schmidt). Fichte also legt das Johannes-
Evangelium ausdrücklich gegen Arius aus ; ov xxiofxa sagt er
gegen das xxiojua xal nolrj/ua des Anus, der Christus aus
dem Nichts erschaffen lassen will ! Aber weiter. Was lesen
Sie denn bei Fichte daselbst Seite 481 ? Folgendes: In Summa:
ich würde diese drei Verse (des Johannes) in meiner Sprache
also ausdrücken: Ebenso ursprünglich (also ebenso ewig,
Herr Schmidt), als Gottes inneres Sein (Gott Vater,
Herr Schmidt) ist sein Dasein (Gott Sohn, Herr Schmidt),
und das letztere ist vom ersteren unzertrennlich und
ist selber ganz gleich dem ersten."
Und Seite 483 urgiert Fichte hierauf nochmals noch aus-
drücklicher : „Allenthalben und ganz besonders bei Johannes ist
Jesus der Erstgeborene und Einige unmittelbar ge-
borne Sohn des Vaters, keineswegs als Emanation etc.
— welche vernunftwidrige Träume erst später ent-
standen sind — sondern in dem oben erklärten Sinne, in
ewiger Einheit und Gleichheit des Wesens!!" Herr
Schmidt, Herr Schmidt, was ist denn das anders als die
strengste homousianische Lehre, als die wörtliche korrek-
teste Übersetzung des Symbolum Nicaenum: „moxevojuev
— — — eig xöv vlbv xov deov, ytvvrjdivxa ix xov naxgög
juovoyevfjv, xovxeoxcv ix xfjg ovoiag xov naxobg yF.vvrjiievxa,
ov noirjdevxa, öuovoiov xcö naxoi Was ist es anders
als die wörtliche Übersetzung des athanasiani-
schen Symbols: — — filius a patre solo, est non f actus,
non creatus sed genitus. — — Et in hac trinitate nihil prius
aut posterius, nihil maius aut minus ; sed totae tres personae
coaeternae sunt et coaequales." Und es soll ja auch nach
Fichte selbst gar nichts anders sein, und er resümiert selbst
sofort auf der folgenden Seite, wie „also wahr sei", was
das christliche Dogma behaupte.
Also so kennen Sie Ihre eigene Religion, Ihre eigene
Glaubenslehre, Herr Schmidt, daß Sie die strenge Über-
setzung des Nicänischen und Athanasianischen Symbols für
„Arianismus" halten? Schweigen Sie! Sie mußten dieses
Symbol kennen, zu welcher Konfession Sie auch gehören ! Denn
es ist sowohl der katholischen wie der protestantischen Kirche
17 Lassalle. Ge.. Schriften. Band VI. 257
gemeinsam. Ich bin zwar nur ein Setzer, Herr Schmidt, und
gar nur ein jüdischer Setzer, Herr Schmidt, aber ich würde
mich doch tief schämen, von einer so stupenden Unwissenheit
in den Grundlehren der christlichen Religion zu sein !
Aber noch mehr ! Am Ende jenes Ihres merkwürdigen tiefen
Satzes, den ich hier zu kommentieren verflucht bin, machen
Sie die Entdeckung, daß, wenn die Fichtesche Auffassung des
Christentums „auch nur eine Theorie derjenigen Denk-
art wäre, die man gewöhnlich mit dem Namen Auf-
klärung bezeichnet, ihr der Ruhm würde bleiben müssen, über
das Wesen derselben zuerst wahres Licht verbreitet und sie
metaphysisch begründet zu haben". In dem Ruhm wie
in dem Tadel, den Sie austeilen, immer derselbe Blödsinn und
dieselbe Fälschung ! Wie ? ! ! ! Fichte soll die Aufklärung meta-
physisch begründet haben ? ! ! ! Fichtes Philosopheme ,,eine
Theorie der Ansicht, die man gewöhnlich mit dem Namen
Aufklärung bezeichnet"?!! Was? Sie wissen noch nicht
einmal, daß Fichte ein spekulativer Philosoph war, und
daß spekulative Philosophie und die „Aufklärung" strikte
Gegensätze sind? Sie erzählen uns ein langes und ein breites
über die Fichteschen „Grundzüge", exzerpieren uns sogar bei
Ihrem Durchblättern des Buches ganze Stellen daraus, und
haben nicht einmal darin gelesen, daß Fichte die „Aufklärung"
in eben diesen Grundzügen so geißelt und kennzeichnet, wie das
nie einer vor ihm und kaum einer nach ihm getan ? ! O, gehen
Sie zum Teufel, Herr Schmidt! Sie sind ein zu gedanken-
loses Subjekt, ein wahrer Ignorantenkaiser, und ich schenke
Ihnen vor Überdruß den Unsinn, der noch in dieser Stelle und
in ihrem unmittelbaren Fortgange enthalten ist !
Manches sprach ich;
Mehr noch sagt' ich,
Gönnte zur Rede
Der Gott mir Raum.
Die Stimme versagt,
Die Wunden schwellen,
Die Wahrheit sagt' ich,
So gewiß ich sterbe !
(Edda, Sigurdharkvida Fafnisbana thridja.)
258
Bd. IL S. 318.
„So kommt es, daß (bei Achim von Arnim) die vor-
trefflichsten Maximen beziehungslos verlaufen,
obgleich sie immer viel zu denken geben.
Anm. d. Setzers. Großer Schmidt 1 Gedanken, die „be-
ziehungslos verlaufen" und dennoch „viel zu denken
geben", Gedanken, welche „viel zu denken geben" und dennoch
„beziehungslos verlaufen" ! Wunderbarer Mann, wie Sie sich
nach beiden Seiten zu decken verstehen ! Beneidenswerter Geist !
Schon sehe ich in Ihrem Geiste fortdenkend einen schwarzen
Rock, welcher weiß, und ein Pferd, welches ein Kamel ist!
Wo soll man eigentlich die Geduld hernehmen für Ihren
Blödsinn? Doch, ich habe es Ihnen vorhin erklärt, daß und
warum ich mich resignieren muß und deshalb — seien Sie
unbesorgt — bis zu Ende resignieren werde!
„Wenn's denn Gott oder Teufel so gefällt,
Sprach er, daß ich Geduld muß han, so sei's !
Doch das bezeuge mir die ganze Welt,
Daß ich erwürgen möcht' an dieser Speis' !
Träum' ich? Bin ich im Hirn verrückt? Was prellt
Mich hie herab in diesen Käfig? Weiß
Ich, wie, wo, wann ich kommen in dies Loch ?
Bin ich verwandelt oder Roland noch?"
(Bojardo, Verl. Roland, IX, 15.)
Bd. IL S. 233.
„Schon damals mischte er die volkstümlichen Vorstel-
lungen von Hexen, Gespenstern und Alraunen mit den
Ideen der deutschen Philosophie, diesem Erzeugnis des
Protestantismus, das bei dem geborenen Katholiken
keine organische Entwicklung haben konnte."
Anm. d. Setzers. Grausamer Herr Schmidt ! All den Mil-
lionen Katholiken entziehen Sie mit einem Federstrich die
Fähigkeit, die deutsche Philosophie in sich aufzunehmen?
Grausamer Wüterich !
259
Bd. II. S. 325.
„Daß Schlegel aus denselben Gründen den König ödi-
pus in den Hintergrund schob, weil er sich am meisten
der Natur des modernen Intriguenstücks nä-
hert."
Anm. d. Setzers. O großer Mann ! Der König ödipus von
Sophokles sich ,,der Natur des modernen Intriguenstücks
nähernd" — welche Entdeckung, die Sie da wieder trotz des
Schweißes, den sie Ihnen gekostet haben muß, ganz anspruchs-
los in einem harmlosen Nebensatz vortragen ! O großer Mann !
Auf derselben Seite machen Sie auch noch die Entdeckung,
daß dem ödipus in Kolonos von Sophokles „der Faden einer
Handlung fast ganz fehlt". O großer Mann! Was danke
ich Ihnen nicht alles ! Und immer diese Anspruchslosigkeit,
diese rührende Einfachheit, mit welcher Sie die merkwürdigsten
und tiefsten Entdeckungen aus dem Ärmel schütteln. Es ist
zum Verrücktwerden !
Bd. II. S. 439.
„Die Musik war die erste Kunst, durch welche
Deutschland nach dem Elend des Dreißigjährigen Krieges
wieder in die Reihe der Kulturvölker trat
(!!!). Die Versuche des Pietismus in der Poesie
waren gut gemeint, aber sie litten an Armut wie an Unklar-
heit der Bildung ; dagegen brachte in der Musik schon lange
vor Goethes Geburt die entsprechende Gemütsrichtung
die wunderbarsten Kunstwerke hervor. Die Verwandt-
schaft Sebastian Bachs mit dem Pietismus liegt nur
in der Richtung auf das Innerliche, das Geistige, das
Immaterielle."
Anm. d. Setzers. Also die Musik, Herr Schmidt, „war die
erste Kunst, durch welche Deutschland nach dem Elend des
Dreißigjährigen Kriegs wieder in die Reihe der Kultur-
völker trat"? Deutschland war also während irgendeiner Zeit-
periode damals aus der Reihe der Kulturvölker aus-
getreten? — was doch unerläßlich ist, um „wieder in diese
260
Reihe treten" zu können. Und zwar war es nach Ihnen in-
folge des „Elends des Dreißigjährigen Kriegs" ( — wie plau-
sibel sich das anhört I — ) und mindestens während der Dauer
dieses Kriegs und einer gewissen auf die Beendigung desselben
noch folgenden Zeitperiode außerhalb der „Reihe der Kultur-
völker". Ja, Sie berechnen diese Periode, wie es offenbar
scheint, mindestens bis auf Sebastian Bach, welcher
1685 geboren ist, da nach Ihnen die Musik „die erste Kunst"
ist, durch welche Deutschland wieder in jene Reihe eintrat,
und Sie dabei auf Bach ausdrücklich hinweisen.
Wie ich das las, Herr Schmidt, ward ich sehr traurig 1
Bin ich auch nur ein Setzer, so habe ich nichtsdestoweniger
einen gewissen Patriotismus, und es tat mir sehr weh, daß
Deutschland so lange außerhalb der Reihe der Kulturvölker
gestanden haben und auch dann zuvörderst nur mit seiner musi-
kalischen Fußzehe in diese Reihe eingetreten sein soll. Zwar
soviel sah ich sofort, es sei eine lächerliche und absurde Be-
hauptung zu sagen, daß Deutschland mit oder während oder
wegen des Elends des Dreißigjährigen Kriegs aus der Reihe
der Kulturvölker ausgetreten sei. Denn wenn ein Volk einen so
großen geschichtlichen Kampf durchkämpft, von dem eine ganz
neue Geschichtsepoche datiert, so erweist es sich eben da-
durch als Kulturvolk. Inzwischen, ich glaubte, daß Sie das
Austreten aus dieser Reihe wahrscheinlich nur in bezug auf
Wissenschaften und Künste meinen. Allein auch dies
tat, so unwahrscheinlich es mir auch sofort vorkam, meinem
patriotischen Herzen nicht weniger weh.
Ich ging also zu meinem Freund, dem Tertianer, und jetzt
wo ich von demselben zurückkehre, muß ich Sie fragen: aus
welchem Konversationslexikon, Herr Schmidt, haben
Sie denn eigentlich jenen so plausibel klingenden Unsinn von
dem Austreten Deutschlands aus der „Reihe der Kulturvölker"
während und nach dem „Elend des Dreißigjährigen Krieges"
abgeschrieben ?
Mein Freund, der Tertianer, hat letzten Weihnachten von
seinen Eltern die Geschichte der poetischen Nationalliteratur
der Deutschen von Gervinus geschenkt bekommen. Aus diesem
Werke las er mir folgende Angaben über die Wirkung des
Dreißigjährigen Krieges auf Deutschland vor: Bd. III. S. 190
261
etc. : „Gegen den Ausgang des Krieges haben wir mitten unter
den Nacheiferern der Fremden wieder ganz original
Deutsche, unter den Gelehrten ganz volksmäßige
Schriftsteller stehen. Die ganze deutsche Kirchen-
poesie, dieser so volkstümliche Zweig, ist durch nichts
so gefördert worden, wie durch den Dreißigjährigen Krieg,
der des David Notzeit in Wirklichkeit über die einzelnen ver-
hängte. Das Volkslied, werden wir sehen, bekam wieder
einen Schwung ganz unmittelbar durch diesen
Krieg, und so beliebte Volksschriften und Schriftsteller, wie
der Simplizissimus und Moscherosch stehen in der engsten
Beziehung zu ihm. Ein eigentlich deutscher, auf das Fremde
weniger erpichte Dichter, wie Flemming, faßte den Plan zu
einer Margenis (Anagramm von Germania) einem Gegenstück
zu Barclays bewunderter Argenis, unmittelbar aus diesem
Kriege." — Wir sprachen noch hierüber, als unser Freund,
der Student, hinzukam. Der läßt Sie fragen, wenn Sie, der Sie
jede Zeit und jede Sache mit einem ihr fremden Maßstab
messen, der Poesie „Pietismus" vorwerfen und damit viel-
leicht die Kirchenpoesie von damals zu beseitigen ver-
meinen — so absolut verschiedene Dinge der Pietismus und
die damalige Kirchenpoesie auch sind — haben Sie nie von
meinem Landsmann Martin Opitz gehört, der gerade an der
Spitze der weltlichen Poesie steht und dessen bahn-
brechende Tätigkeit für dieselbe gerade in die Zeit des Dreißig-
jährigen Krieges fällt? 1623 wird die erste Sammlung seiner
Gedichte von ihm herausgegeben, 1624 sein Werk „Von der
deutschen Poeterei" usw. 1639, also noch während des Krieges,
stirbt er. Oder ist Ihnen Opitz vielleicht zu trocken, nun, was
meinen Sie dann zu dem „Pietist" Andreas Gryphius, ge-
boren 1616, gestorben 1664, dem kühnen und schwungvollen
Gryphius, den man den Vater des neueren deutschen Dramas
genannt hat und der, wie er die Originalnarren seines Jahr-
hunderts in seinen Stücken darstellt, so gewiß auch Ihnen,
wenn er Sie gekannt hätte, Herr Schmidt, Ihren Platz darin,
z. B. in seinem „Peter Squenz" eingeräumt hätte. Oder viel-
leicht hätte er dann auch statt seines „Horribilicribrif ax"
einen „Horribiliscribif ax" geschrieben! Oder was meinen
Sie zu dem Pietismus des obszönen Epikuräers Christian
262
Hoffmann von Hoffmannswaldau, geboren 1618, ge-
storben 1669? Oder zu dem „Pietismus" Logaus, dessen
Epigramme, von denen Sie doch mindestens durch Lessmg ge-
hört haben sollten, 1638 und 1654 erschienen? Und an wie
viele andere könnte man Sie nicht erinnern! Sollten Sie aber
vielleicht die Ausflucht ergreifen, die Literaten selbst wären
immer doch nur , .einzelne", so würde ich Sie, Herr Schmidt,
auf die zahlreichen literarischen Gesellschaften aufmerksam
machen, die gerade damals mehr denn je Deutschland be-
deckten, die „Fruchtbringende Gesellschaft", der „Schwanen-
orden", der „Palmenorden", die „Pegnitzschäfer" etc. etc. Von
Opitz' Werken allein waren noch vor Ablauf des Jahrhunderts
zehn Auflagen konsumiert, Herr Schmidt, wovon Sie viel-
leicht zugeben werden, daß es kein geringer Beweis für die
Teilnahme der Nation an den literarischen Leistungen war.
Vielleicht aber, grundgelehrter Mann, ist Ihnen die Poesie eine
Leistung von zu leichtem Kaliber, um auf diesen Titel hin einer
Nation den Titel eines Kulturvolks zu erteilen. Nun, was meinen
Sie dann zu der Philosophie, Herr Schmidt? Spinoza,
den man die Gewohnheit hat, zur deutschen Philosophie zu
rechnen, schrieb seine Werke gleichfalls in jener Penode (ge-
boren 1632, gestorben 1677). Noch immer kein Kulturvolk,
Herr Schmidt ? Aber Spinoza rekusieren Sie wahrscheinlich,
weil er ein niederländischer Jude war. Nun, wie denken Sie
dann über Leibnitz, dessen erste Schriften de principio
individuationis 1664, de conditionibus 1665 erschienen? Immer
noch kein Kulturvolk, Herr Schmidt ? Aber die Philosophie be-
trachten Sie wahrscheinlich überhaupt nur als Phraseologie, und
Leibnitz, der in der Tat ungefähr von derselben „erstaunlichen
Unwissenheit" war wie Fichte, hat sich wahrscheinlich durch
seine Beschäftigung mit philosophischem Wind um den Anspruch
auf Ihre Achtung gebracht, den er sonst gehabt hätte. Nun
also, wenn Sie nur strenge Fachwissenschaftlichkeit gelten
lassen können, grundgelehrter Mann, was meinen Sie denn zu
dem großen Altertumsforscher Gronovius, 1611 zu Ham-
burg geboren? Oder zu dem in Heidelberg gebornen Gerhard
Vossius oder seinem Sohn Isaak Vossius, dem gelehrten
Philologen ? Aber Gerhard Vossius wie Gronov lassen Sie
vielleicht nicht gelten, weil uns beide, obgleich in Deutschland
263
geboren, das Ausland fortnahm, jenen Leyden, diesen Deventer.
Aus demselben Grunde vielleicht auch Gravi us nicht, 1632
in Naumburg geboren, um den sich das ganze Ausland riß,
Venedig und Padua, Leyden und Amsterdam, und den uns
Deventer von seinem Professorat in Duisburg entführte und
Utrecht dann definitiv für sich gewann. Nun, warum nehmen
Sie dann aber nicht Ihre Revanche an Gruterus, von dessen
Inschriftenwerk und Thesaurus criticus Sie vielleicht einmal
haben sprechen hören, und der, obgleich in Leyden geboren,
an den Universitäten von Wittenberg und dann von Heidelberg
während des Dreißigjährigen Kriegs blühte und lehrte? Aber
mit den Philologen ist es überhaupt wohl nichts : Das ist eine
,, abstrakte fremde Bildung", das ist ein „fremdes Grün", wel-
ches usw. — Sie erinnern sich doch noch, Herr Schmidt, von
oben S. 230 ? Nun, lassen wir die Philologen. Was sagen Sie
aber zu dem gewaltigen Samuel Pufendorf, dessen groß-
artige, das Recht umgestaltende und ihren Einfluß auf alle
Nationen Europas übende Tätigkeit in dieselbe Zeitperiode
fällt? Oder zu seinem Schüler, dem berühmten Juristen Chri-
stian Thomasius, der 1867 an der Universität Leipzig zur
Verwunderung der gelehrten Welt Vorlesungen in deutscher
Sprache eröffnet? Aber wahrscheinlich herrscht bei den Juristen
wieder zu sehr ,,das fremde Grün" des römischen Rechts vor!
Nun. wenn die juristische Wissenschaft gleichfalls keine Gnade
vor Ihren Augen findet, was sagen Sie zu dem famosen Poly-
histor Morhof (geboren 1639, gestorben 1691), dessen Werke
so lange die Hauptquelle für alle Literaturgeschichte waren
und von dem Sie. Literarhistoriker, doch schon deshalb hätten
hören sollen ? Aber wahrscheinlich ist es mit der Literarhistorie
auch nichts. Von Schanze zu Schanze sich flüchtend, werden
Sie jetzt vielleicht nur in den Naturwissenschaften die
„reale" Kultur eines Volkes sehen wollen. Nun, was sagen
Sie dann z.B. zu Otto von Guericke, geboren zu Magde-
burg 1602, der 1650 die Luftpumpe erfindet? Oder zu Kepp-
ler, dem Schöpfer der neueren Astronomie, der 1631 stirbt?
Oder zu Joachim Jungius, der, in Lübeck geboren, 1657
in Hamburg stirbt, diesem Manne, gleich groß als Botaniker,
Mathematiker und Philosoph, der durch seine gewaltigen Ver-
dienste um die Naturwissenschaften Goethe eine so leiden-
264
schaftliche Verehrung einflößte, der von Leibnitz fast noch
über Cartesius gesetzt wurde und von dem schon das Pariser
Journal des Savants vom 22. August 1678 sagt: ,,estoit sans
contredit un des plus grands mathematiciens et philosophes de
son temps et un des plus habiles hommes que l'Allemagne ait
jamais eu?"
Doch wozu würde es dienen, weiter mit Ihnen zu rechten !
O, Bursche, Bursche, welches Zerrbild der Wirklichkeit Sie
Ihren Lesern beibringen!
Bd. II. S. 203.
Über die Werke von Grimm : „Bei dieser Anlage der
Forschung gab es nur einen Weg, dem Suchenden die
Folge zu erleichtern, nämlich Hauptweg und Neben-
pfade mit starken, sinnlich wahrnehmbaren Strichen
zu scheiden. Daß Grimm diese in der deutschen Wissen-
schaft sonst übliche Scheidung verschmäht, erschwert
hauptsächlich das Studium seiner Schriften.'
Anm. d. Setzers. O Herr Grimm, schämen Sie sich ! Konnten
Sie nicht an Herrn Julian Schmidt denken, als Sie Ihre Werke
schrieben? Sie glaubten wahrscheinlich, für den Lesenden,
welcher dem Gedankengang Ihrer Schriften folge, sei es hin-
reichend, wenn Haupt- und Nebenwege Ihrer Entwicklung
geistig wahrnehmbar seien! Aber das ist es ja eben! Sie ge-
hören auch wieder zu jenen deutschen Gelehrten, welche die
lächerliche Prätention haben, gelesen zu werden! Bedenken
Sie doch, Herr Julian Schmidt ist nicht ein Lesender,
sondern ein Suchender; er nimmt sich heut ein Buch von
Ihnen und will morgen darüber schreiben. Für dieses Ab-
suchen mit den Augen braucht man nicht geistig-,
sondern ..sinnlich-wahrnehmbare Striche", ..starke"
Striche, Herr Grimm ! Wie Teufel soll man sich sonst beim
Durchblättern Ihrer Werke soweit orientieren, um den Schein
annehmen zu können, sie gelesen zu haben? Setzen Sie Striche
in Ihre Werke, Herr Grimm, starke Striche, sinnliche
Striche, Hörner wo möglich, um den sinnlichen Sucher zu-
rechtzustoßen. Unpraktischer Grimm!
265
Bd. IL S. 202.
„Als Jacob Grimm seine Geschichte der deutschen
Sprache vollendete, mitten im Ausbruch der Revolutions-
stürme, wo man nach sanscülottischer, zerfah-
rener, ungeschichtlicher Freiheit strebte,
schrieb er" etc. etc.
Anm. d. Setzers. So oft Sie auf Politik kommen, Herr
Schmidt, sind Ihre Urteile stets von einer ganz besondern
Tiefe, Ihr Gebaren von einer ganz be sondern Ergötzlichkeit:
„Wer jemals auf dem Platze sah den großen
Unbänd'gen Stier, den ganzen Tag gehetzt,
In seiner Wut die Schranken nun durchstoßen,
Die rings umher gedrängtes Volk besetzt,
Das vor dem Wilden läuft, der voll Erboßen
Bald den, bald den auf seine Hörner setzt,
Der denke so und .grauser noch den Frechen,
Da er sich aufmacht, um durchs Volk zu brechen."
(Ariost, Ras. Roland XVIII, 19.)
Freilich, freilich wissen Sie, wenn es sein muß, nach jeder
Seite eine Verbeugung zu machen und sagen deshalb wieder
an einer andern Stelle (11,330): „Die Idee der Volks-
souveränität ist nur anscheinend destruktiv; sie
verfolgt in ihrem unklaren Streben das Ziel, den Menschen
seiner selbstsüchtigen Vereinzelung zu entreißen und ihm an
einem lebendigen Organismus festen Halt zu geben." Und
ebenso schließen Sie deshalb Ihr Werk mit der heroischen
Apostrophe (S. 562) : „Die Aufgabe unserer Zeit, die Wirk-
lichkeit mit dem Licht der Idee zu durchdringen, wurzelt in
der allgemeinen Überzeugung des Volks ; keine äußere Maß-
regel wird sie hintertreiben."
„Diu frouwe an rechter zit genas
eins suns, der zweier varwe was,
an dem got wunders wart enein,
wiz und schwarzer varwe er schein.
Diu küngin küßt in sunder twäl
vil dicke an siniu blanken mal."
(Parzival 1,57.)
266
Oder zur Erleichterung für Sie, Herr Schmidt, nach Simrocks
Übersetzung :
Die Frau zu rechter Zeit gebar
Einen Sohn, der zweier Farben war.
Ein Wunder legte Gott an ihn,
Weiß und schwarzer Färb' er erschien.
Die Kön'gin küßt ihn tausendmal
Alsbald auf seine blanken Mal'.
Bd. IL S. 334.
„Man hat die vom König von Preußen persönlich ver-
fügte Absetzung des Professor d e We 1 1 e , der in
einem Brief an Sands Mutter Entschuldigungs-
gründe für den Meuchelmord aufgesucht, sehr heftig an-
gegriffen; aber wie uns auch das Denunziationssystem,
das diesen Akt veranlaßte, anekelt, so lag dem Abscheu
vor der sophistischen Beschönigung eines Verbrechens
doch ein richtiges Gefühl zugrunde; denn das
ist der Fluch unserer neueren Entwicklung, daß wir den
natürlichen Maßstab des Gewissens verloren und uns ge-
wöhnt haben, die einfachsten Verhältnisse vom „höheren
Standpunkte" zu betrachten, um nach Belieben damit um-
springen zu können."
Bd. II. 5. 318.
„Auch wo er (Achim von Arnim) historische Ereig-
nisse analysiert, werden wir zuweilen von einem auf-
fallenden Verständnisse überrascht."
Anm. d. Setzers. Zu diesen Worten macht nämlich Herr
Schmidt eine Note, um ein Beispiel jenes „auffallenden Ver-
ständnisses" zu geben, und zwar folgende Note: „So fragt er
sich einmal, wie Marozia das Papsttum beherrschen konnte :
— „Weil sie gemein, aber vollständig gemein war,
und deswegen keine notwendige Ansicht der Dinge, keinen
Wunsch und Not der Gemeinheit übersah ; dies aber bedarf
267
jeder, der den Anfang einer freien Volksverfas-
sung leiten will." Und diese Äußerung Arnims ist es,
die Herr Julian Schmidt als Beispiel seines „überraschenden
auffallenden Verständnisses" anführt! Wie groß Sie vom
Volke denken, Herr Schmidt!
„Erstick' an deinen Worten, Niederträchtiger!"
(Aristophanes, Vögel, V. 1252.)
Bd. II. S. 372.
„Die demagogischen Untersuchungen gegen
ihn (Jahn) dauerten von 1819 bis 1825."
Anm. d. Setzers. Dank, besten Dank für die Entdeckung,
Herr Schmidt, die ein ebenso neues wie überraschendes Licht
über die Zeitgeschichte verbreitet! Bisher glaubte ich, die
deutschen Regierungen hätten damals „Demagogen- Unter-
suchungen" geführt. Jetzt erfahre ich, daß umgekehrt die
Regierungen selbst „demagogische Untersuchungen"
losließen. Wahrscheinlich war Ihnen Jahn nicht revolutionär
genug. Die Sprache, Herr Schmidt, die Sprache!
Bd. II. S. 325.
„ — — und dadurch sich Rechte angemaßt haben,
welche allverfassungsmäßig nur dem Eigentum
zukamen."
Anm. d. Setzers. Die Sprache, Herr Schmidt, die Sprache !
Bd. II. S. 361.
Über Niebuhrs Römische Geschichte: „Nicht selten
baute er auf seine alten Quellen einen Bau, den sie nicht
tragen konnten, oder setzte ihr Zeugnis geradezu aus den
Augen, weil es die Symmetrie seiner Zeichnung störte.
Anm. d. Setzers. Mit wie vornehmer Überlegenheit Sie das
sagen ! Welche Miene gewiegter Sicherheit Sie annehmen, indem
Sie das irgendwoher abschreiben ! Wie Sie sich dabei mit über-
einandergeschlagenen Beinen auf Ihrem Stuhle balanzieren und
Ihre Schuhspitzen dabei betrachten 1
268
„Original, fahr' hin in deiner Pracht!"
Aber wenigstens, Herr Belletrist, da Ihr ganzer Zweck doch
nur der ist, belletristisches Wortgeklingel über Dinge zu machen,
die Ihnen absolut fremd sind, warum wählen Sie nicht wenig-
stens Bilder von einigem Menschenverstände dazu? Warum
lassen Sie Niebuhr „auf seine alten Quellen einen Bau
bauen, den sie nicht tragen konnten"? Seit wann ver-
wendet man in der Architektonik Quellen, um zu tragen?
Eine Quelle als architektonisches Fundament ! Wenn Sie schon
überall zu schlechten Bildern greifen müssen — und zwar
allerdings einem unumstößlichen Gesetz zufolge eben deshalb
überall bildern müssen, weil Sie von der Sache nichts ver-
stehen — warum wählen Sie nicht wenigstens Bilder, Herr
Schmidt, die Sie einen Augenblick lang festhalten können,
sondern solche, aus denen Sie in demselben Satze sofort wieder
herausfallen müssen?
Die Sprache, Herr Schmidt, die Sprache 1
Bd. II. S. 329.
Über die historische Schule: „Wenn sie (die histo-
rische Schule) die Idee von der Entstehung des Staates
durch einen Vertrag seiner Angehörigen als unhistorisch
verwarf, da der Staat zugleich mit dem Menschen ent-
stehe, so reichte ihre Kritik des Begriffs nicht aus 1 ).
x ) Anm. d. Setzers. So ? reichte Ihre „Kritik des Begriffs"
— nämlich doch des Staatsbegriffs — nicht aus? Nun, das ist
so oft gesagt worden, daß es allerdings auch bis an Ihr Ohr
gedrungen sein kann, Herr Schmidt. Aber die Hauptsache ist
nur, von Ihnen zu erfahren, warum sie nicht ausreichte. Sie
hatten kurz vor der angeführten Stelle die der historischen Schule
vorhergehende Ansicht, gegen welche die historische Schule sich
erhebt, die Ansicht, daß der Staat aus Vertrag und dem
Willen der Individuen hervorgegangen sei, als absurd
verworfen. Sie haben uns nun jetzt zu sagen, nicht bloß daß,
sondern auch warum auch der entgegengesetzte Staatsbegriff
der historischen Schule noch mangelhaft und einseitig ist. Das
muß nun das unmittelbar bei Ihnen folgende enthalten. Wir sind
269
Wo die Menschen in der Geschichte auftreten, erscheinen
sie als einem organischen Körper angehörig und durch
die Sittlichkeit desselben substantiell bestimmt 2 ).
Allein 3 ) diese substantielle Gebundenheit hört durch
den friedlichen oder feindlichen Ve rkehr der
Völker auf 4 ), die festen Organisationen geraten in
sehr begierig darauf ; sehr begierig, zu sehen, wie Sie beide
Ansichten, die Vertragstheorie und die Theorie der historischen
Schule, in eine „höhere Einheit", in „eine ausreichende Kritik
des Begriffs" aufheben, Sie großer Denker!
2 ) Das ist noch immer gerade die Ansicht der „historischen
Schule" von der „organischen Entstehung" des Staats. Und was
Ihren Satz selbst betrifft, so ist derselbe — nichts für ungut,
Herr Schmidt — wie an den Ausdrücken deutlich zu erkennen,
irgendeinem Artikel der Hallisch-Deutschen Jahrbücher von
Rüge entnommen. Jeder Kenner, Herr Schmidt, ersieht leicht
aus einer Pflanze das Erdreich, in dem sie gewachsen.
„Dem nützen Tiere wurden unnütze beigesellt ;
Gott hat sie mit erschaffen, als er erschuf die Welt.
Der Affe, stumpf von Nasen und Schwanz mit bloßem Steiß :
Er mag doch auch ergetzen, ob man den Nutzen nicht weiß.
Die graue Meerkatze, hellkreischend trotz der Weihe,
Dann redende Vögel, zwei bunte Papageie,
Raben und Dohlen und der geschwätzige Star,
Der, was ihm einer vorsagt, nachplaudert treulich und klar."
(Amelungenlied, Simrock, T. III. Abent. VI, 49.)
3 ) Nun also kommt's ! Jetzt werden wir hören, was noch
das Mangelhafte an der Ansicht der historischen Schule von.
der „organischen" Natur der Staatsbildung ist; also aufgepaßt!
4 ) Aber lieber Herr Schmidt ! Wenn „durch friedlichen oder
feindlichen Verkehr der Völker" die organische Natur der
Staaten aufhört, dann ist zu befürchten, daß es niemals einen
organischen Staat gegeben habe, denn „friedlicher oder feind-
licher Verkehr der Völker", Herr Schmidt, soll, dem Vernehmen
nach, schon im Altertum und schon in den ältesten Zeiten des-
selben stattgefunden haben, nicht bloß in den „neueren poli-
tischen Gestaltungen", wie bei Ihnen bald darauf folgt.
270
Auflösung 5 ), und in den neueren politischen Gestal-
tungen ist das Moment des Zufälligen überwiegend ).
— So war es im Mittelalter. Die Beziehungen von Herr-
5 ) Nun, die festen bestehenden Staatsorganismen können
etwa durch friedlichen oder feindlichen Verkehr der Völker
„in Auflösung geraten". Aber, wie bilden sich denn die neuen
Staatsorganisationen, die an Stelle der untergehenden Staaten
entstehen ? D a s ist die Frage. Wie und wodurch Staaten unter-
gehen, hat man seit je so ziemlich gewußt. Wie und wodurch
Staaten entstehen und bestehen, so lange sie bestehen
— das war die Frage! Verschieben Sie die Frage nicht, Herr
Schmidt ! Warum der Staatsbegriff der historischen Schule nicht
ausreichend ist, das war die Frage. Noch haben wir keine
Silbe Antwort.
6 ) Also jetzt erst beginnt die Antwort: Die alten Staaten
mögen etwa eine organische Existenz gehabt haben, ,,in den
neueren politischen Gestaltungen aber — in denen ja
„friedlicher und feindlicher Verkehr der Völker" stattfindet
— ist der Zufall überwiegend". (Denn so, Herr Schmidt,
werde ich mir erlauben, zu setzen statt Ihres : „ist das M o -
ment des Zufälligen überwiegend", was doch nur ganz
dasselbe heißt und nur durch den gebildeten abstrakten Ausdruck
dem Leser die krasse Roheit des Gedankens verdecken soll.
Ach, Herr Schmidt, in diesem Satze erweisen Sie sich noch
weit unter dem Star ! Man hat hin und wieder, obgleich frei-
lich in einem ganz verschiedenen Sinne gesagt, daß in der
modernen Geschichte dem Zufälligen und Individuellen ein
größerer Spielraum zuzukommen scheine als im Altertum.
Diesen Satz, dem übrigens in seinem wirklichen Sinne nur eine
relative Richtigkeit zukommt, hat Herr Schmidt einmal gehört,
will ihn nachsprechen und übertreibt und verwandelt ihn dabei
in den andern, daß, während die alten organischen Staats-
biidungen durch feindlichen und friedlichen Verkehr sich auf-
lösen, in den neueren das Zufällige überwiege.
Ach, Herr Schmidt, glauben Sie mir, es gibt nichts ganz
Zufälliges ! Nicht einmal Sie sind zufällig. Selbst S i e wurzeln
mit einer gewissen Notwendigkeit in der Zersetzungsperiode, in
271
schaft und Untertänigkeit, von Rechtsschutz und Rechts-
genossenschaft durchkreuzten sich so labyrinthisch, daß
man wohl von jedem einzelnen sagen konnte, er gehöre
irgendeinem Staate an, daß es aber schwer zu
bestimmen war, welchem Staate 7 )« Nun trat der
der wir leben. Und nun vollends den ganzen unendlichen Reich-
tum an vernünftiger Notwendigkeit und organischer Entwicklung
in der neueren Geschichte zu verkennen und sie deshalb für eine
Herrschaft des Zufalls zu halten, — entspricht freilich genau
der hohen Intelligenz, Herr Schmidt, die Ihnen eigentümlich
ist. — Wenn Sie aber schon einmal, Herr Schmidt, der An-
sicht waren, daß in den „neuern politischen Gestaltungen" der
Zufall überwiege, nun, so hätten Sie ja, falls Sie das geringste
Bewußtsein über Ihre eigenen Ansichten hätten, begreifen müssen,
daß dieselbe auf die Meinung derer hinausläuft, welche durch
individuellen Willen und Vertrag die Staaten entstehen lassen und
dann hätten Sie diese Meinung nicht so als absurd abkanzeln
sollen, um nachher in einer viel sinnloseren Form dasselbe zu sagen.
7 ) Aber Herr Schmidt, Herr Schmidt, bedenken Sie doch,
was Sie reden! Sie sinken ja tief, tief unter den Star,
„Der, was ihm einer vorsagt, nachplaudert treulich und klar."
Wann wäre es denn jemals zweifelhaft gewesen, welchem
Staate ein Individuum angehöre? Sie haben einmal davon
reden hören,' daß es im Mittelalter oft sehr schwer war, zu
bestimmen, unter welches Gesetz ein Individuum falle.
Denn da drängten sich Partikularrecht und Landrecht und Ge-
meines Recht und Exemtionen und Privilegia und die Statuta
personalia und Statuta realia, und alle diese Statuten waren bei
dem mosaikartigen Zustande des mittelalterlichen Partikular-
rechts wieder so verschieden voneinander, daß es allerdings oft
sehr schwer war zu sagen, welches Gesetz in einem ge-
gebenen Falle für ein Individuum maßgebend sei — und das
verkehren Sie beim Widerkäuen in die maßlos lächerliche Be-
hauptung, man habe wohl von jedem einzelnen sagen können,
daß er irgendeinem Staate angehöre, es sei aber schwer
zu bestimmen gewesen, welchem Staate. Noch vergnüg-
licher aber ist die Folgerung, die Sie nun sofort hieraus ziehen.
272
dem Menschen angeborene Trieb hervor,
einem selbständigen, individuellen und sou-
veränen Organismus anzugehören und führte
zur Gründung der modernen Staaten" 8 ). —
8 ) Also hört ! hört ! Weil es nach Herrn Schmidt im Mittel-
alter zweifelhaft gewesen wäre, welchem Staate ein Individuum
angehöre, so ,, — trat nun der dem Menschen angeborene
Trieb hervor, einem selbständigen individuellen und souve-
ränen Organismus anzugehören und führte zur Gründung
der modernen Staaten" ! ! Herr Schmidt soll erklären, warum
der Staatsbegriff der historischen Schule nicht ausreicht und
wie die modernen Staaten, die nach ihm nicht mehr die orga-
nische Entstehung, von welcher die historische Schule spricht,
gehabt haben, dennoch entstanden sind.
Er sagt: Nichts einfacher als das! „Der Trieb nach
diesen Staaten trat hervor und führte zu deren
Gründung!" Mit welcher wild triumphierenden Miene Sie sich
in Ihrem Zimmer umgesehen und den Schweiß von den unter
der Gedankenarbeit zitternden Schläfen abgetrocknet haben
müssen nach dieser unglaublichen akrobatischen Leistung ! Nicht
wahr, Herr Schmidt, es bleibt schon ein altes gutes Wort von
Moliere, wenn er den Baccalaureus auf die Frage : Warum
schläfert das Opium ein ? antworten läßt : Quia ei inest vis
quaedam dorrnitiva — „Weil ihm eine gewisse einschläfernde
Kraft einwohnt." Wie sind die Staaten entstanden? „Indem der
Trieb nach ihnen hervortrat und zu ihrer Gründung führte!"
Wie dankbar Ihnen das Menschengeschlecht sein muß, Herr
Schmidt, für das ganz neue Licht, das Sie über diese viel-
besprochene Frage verbreiten ! Die Sache ergibt sich bei Ihnen
in ihrem ganzen Hergang aufs Konkreteste, und zwar wie folgt :
Im Mittelalter weiß keiner, welchem Staat er angehört. Diese
Ungewißheit ärgert die Kerls, und um sie zu beendigen, gründen
sie nun die modernen Staaten. Wahrscheinlich sind sie, wie die
Bibel vom babylonischen Turmbau berichtet : „Auf ! Lasset uns
einen Turm bauen!" zusammengetreten mit den Worten: „Auf!
Lasset uns die modernen Staaten gründen, damit man wisse,
wo man hingehöre."
Sehen Sie denn nicht, Herr Schmidt, daß Sie, wie ich es
18 Lueall«. Ges. S;Krute=. Band VI. 273
„Die historische Schule sucht die staatsrechtlichen Ideen
ins Privatrechtliche überzuleiten 9 ), die Einwirkung des
freien Bewußtseins auf das Leben durch das Walten der
langsam schaffenden Tradition zu ersetzen. Sie erkannte
diese Kraft im Mittelalter, aber sie vergaß, daß die neue
Bildung ihr Recht verlangt, ja daß sie mit ihrer scharfen
Kritik selber nur eine Erscheinung der Zeit ist, die an
alles die Kritik legt, überall die freie Reflexion in Tätig-
keit setzt. In dem vertieften Studium des römischen Rechts
entdeckte man, daß in dem gemeinen Recht wie in dem
volkstümlichen Christentum sich noch immer Spuren der
alten heidnischen Volksrechte aufbewahrt hatten und be-
mühte sich, dies ursprünglich deutsche Recht so unge-
mischt als möglich darzustellen. Das Interesse für das
Naturwüchsige kam dazu ; man erinnere sich an das leb-
hafte Gefühl, mit welchem Goethe im Götz von Berli-
chingen den Untergang der heimischen Volksrechte durch
die römischen Juristen dargestellt hatte. Die poetischen
Ihnen schon lange vorher sagte, abgesehen von der Lächerlich-
keit, in die sich infolge Ihrer tollen Gedankenlosigkeit alles bei
Ihnen verzerrt, auf nichts anderes hinauskommen als auf die
Entstehung der Staaten durch subjektiven, bewußten
Willen — also auf die Ansicht der Anhänger von der Ver-
tragstheorie? Nur daß Sie natürlich dieselbe vollständig
karrikiert vortragen und von dem relativ Richtigen darin ebenso-
wenig irgendeine Ahnung haben, wie von dem relativ Richtigen
in der Ansicht der historischen Schule. Wenn Sie aber schon
einmal jener Ansicht sind, warum reißen Sie sie denn so vornehm
als „unhistorisch" und „absurd" herunter mit den Stichworten
der historischen Schule?
9 ) Umgekehrt, Herr Schmidt, könnte man eher sagen : Die
historische Schule habe versucht, die privatrechtlichen
Ideen — denn hier war seit je die gewohnheitliche Rechts-
bildung, denken Sie nur an die Coutümes, anerkannt — auf da9
Staatsrechtliche zu übertragen.
274
Versuche Arnims und seiner Schule waren die Erzeug-
nisse unklassischer Naturen, der Verstand mußte bei ihnen
fortwährend arbeiten, die Anschauung zu ersetzen, und
es kam noch jene norddeutsche Zurückhaltung, jene Blödig-
keit des Gemüts dazu, das sich scheut, sein Inneres zu
öffnen, das aber, wenn der Damm einmal gebrochen ist,
mit überraschender Gewalt hervorströmt. Ihre Neigung
zum spezifisch deutschen Wesen war eine Reaktion gegen
die konventionelle Phrase und ihre blinde Verehrung vor
allem Regellosen und Unvermittelten eine Reaktion gegen
den Rationalismus, der alles Lebendige verachtete, wenn
es sich der Regel nicht fügen wollte, und so lag auch in
der scheinbaren Wiederaufnahme des Volkstümlichen und
Naturwüchsigen eine gewisse Überhebung der Reflexion,
denn sie sahen im Volk nur, was sie sehen wollten, und
das war nicht immer das Wesentliche. Spuren dieses Cha-
rakters begegnen uns auch in der deutschen Rechtswissen-
schaft. Zum Teil brachte das die Natur des Gegenstandes
mit sich. In der Geschichte des römischen Rechts machte
sich trotz der verschiedenartigen äußeren Einflüsse, die
seinen ursprünglichen Lauf verwirrten, immer noch die
Logik des Rechtsbewußtseins geltend, welche aus der
Natur eines einheitlichen Staates hervorgegangen war.
Dieser stetige Zusammenhang fehlte durchaus dem deut-
schen Recht 10 ).
10 ) Nein, Herr Schmidt, bis Nr. 9 war es mir möglich, Ihnen
Satz für Satz zu folgen und Ihren Unsinn klarzulegen. Aber
in dem darauf folgenden ist das schlechterdings nicht mehr mög-
lich. Sie fühlen, daß Sie noch nichts zur Kritik der historischen
Schule gesagt haben, daß das bis dahin von Ihnen Gesagte
nicht nur Unsinn ist, sondern auch sehr leicht als solcher er-
kannt werden könnte. Darum greifen Sie nun zu Ihrem Haupt-
mittel, zu dem Taschenspielerstreich, in dem Sie unübertreff-
lich, unerreichbar sind. Sie weben in den folgenden Sätzen ein
18« 275
Gewebe von flirrenden, klirrenden, wirrenden, schimmernden,
flimmernden, schielenden, spielenden, trügenden, lügenden Wor-
ten zusammen, daß man immer glaubt, etwas zu sehen — und
sieht doch nichts, immer glaubt etwas zu hören — und hört
doch nichts !
„Freie Reflexion — vertieftes Studium des Römischen
Rechts — volkstümliches Christentum — heidnisches Volks-
recht — Naturwüchsiges — Götz von Berlichingen — heimi-
sches Volksrecht — unklassische Natur — norddeutsche Zurück-
haltung — Blödigkeit des Gemüts — ■ gebrochner Damm —
überraschende Gewalt — Regel fügen — wieder Naturwüchsiges
und Volkstümliches — römisches Recht — äußere Einflüsse
— ursprünglicher Lauf — einheitlicher Staat — Logik des
Rechtsbewußtseins" etc. etc. Sie werfen diesen flimmernden
Schleier Ihrem Leser über das Antlitz und sagen still zu sich,
triumphierend lächelnd: „Nun soll er einmal etwas sehen, oder
die Courage haben zu glauben, es läge an mir, daß er nichts
sehe : Schielt doch ein jedes meiner Worte nach einem Ge-
danken."
O großer Artist ! Hierin sind Sie unerreichbar und verdienten
die Anbetung Ihres ganzen Skribentengeschlechts.
Ich habe Ihnen die Ehre erwiesen, Herr Schmidt, achtmal
mit konzentriertester Denkkraft die obige Reihenfolge von
Sätzen durchzulesen, um mich des durch dieselben hindurch-
gehenden Gedankens zu bemächtigen. Es war unmöglich. Es
ist, wenn man diesen Gedanken sucht, wie im Hamlet, als man
das Gespenst fangen will. Husch — ist es hier; husch —
ist es dort ! Oder wie beim Blindekuhspiel. Ganz nah hier zur
Linken hört man eine bekannte Stimme; man greift nach ihr
— leere Luft — jetzt rechts eine andere bekannte Stimme
— zugegriffen — leere Luft ; jetzt vorn, jetzt hinten, jetzt
rückwärts, jetzt vorwärts, immer die Stimme, die man zu er-
kennen glaubt — und immer leere Luft, bis man denn in dieser
taumelnden Bewegung nicht mehr weiß, wo einem der Kopf
steht. Nein, Herr Schmidt, dieses Höllenkonzert taumelnder,
heulender, tobender Worte kann nicht mehr kritisiert wer-
den ; denn dazu wäre doch immer noch erforderlich, daß irgend-
ein bestimmter, wenn auch noch so falscher Gedanke durch
dasselbe hindurchginge. Es kann nur noch charakterisiert
276
werden, und zwar am besten, wie mein Student meint, durch
eine Äschyleische Stelle mit einigen leichten Abänderungen der-
selben :
,,Eleleu! Eleleu!
Wie ihn wieder der Krampf des zerrütteten Sinns,
Wahnwitz ihn durchzuckt! wie die Bremse ihn sticht
Mit dem Stachel der Glut!
Es zersprengt sein Herz in Entsetzen die Brust
Und im Kreis schweift wild der verwilderte Blick!
Von der Bahn ihn hinwegreißt taumelgepeitscht,
Ohnmächtig des Worts, ihn des Wahnsinns Sturm :
Sein wildes Geschrei, es verhallt mir umsonst
In des Unsinns tosender Brandung!"
(Äschylos, Prometheus.)
Bd. II. S. 339.
„Ein Teil des Buches, der das meiste Aufsehen er-
regte, gab die angebliche Geschichte der staatsrechtlichen
Lehren, die mit der kleinlichsten Bosheit und einer völ-
ligen unwissenschaftlichen Abstraktion durch-
geführt war."
Anm. d. Setzers. Mit einer „völlig" unwissenschaftlichen
Abstraktion, Herr Schmidt, wenn es Ihnen recht ist, nicht mit
einer „völligen"! Das „völlig" soll doch hier den Grad des
Unwissenschaftlichen bezeichnen, nicht aber, ohne Beziehung
auf dieses, gleichfalls direkt auf „Abstraktion" bezogen werden
und dieser, die ein Leeres ist, den Begriff der Fülle geben.
Dann muß es aber, sagt mein Junge, der Bengel, adverbiaiiter
mit „unwissenschaftlichen" verbunden werden.
Bd. II. S. 412.
Als Schluß der Beurteilung der vergleichenden Sprach-
forschung Wilhelm v. Humboldts, Bopps etc. : „Denn
einen so imponierenden Eindruck die neue Wissenschaft
auch macht, auf die Nationalliteratur kann sie
277
nichteinwirken 1 ); sie kann es niemals zu einer wirk-
lich gestaltenden Darstellung bringen 2 ), sie
kann niemals als Bildungsmaterial des Volkes dienen 3 ).
Der Orient und die Neue Welt bieten zu interessanten Rei-
sen Gelegenheit, aber man kann sich nie dort einrichten,
unsere geistige Heimat bleibt doch der klassische
Boden des Altertums 4 ). Dagegen ist es eine schöne
und überraschende Ironie des Schicksals 5 ), daß wir in
dem Streben nach dem Dunkeln und Verworrenen zur
*) Anm. d. Setzers. Auf welche, Herr Schmidt ? Auf die
belletristische, auf unsere schöngeistigen Journale und Journal-
menschen? Ist vielleicht auch gar nicht die Absicht dieser
Wissenschaft !
2 ) Fürchten Sie schon wieder für Ihre „Darstellungskraft",
Herr Schmidt ? Bopp wie Niebuhr sind Bösewichte, die Ihnen
Ihren Stil rauben können. — doch wir sprechen darüber noch
an einem andern Ort.
3 ) Meinen Sie, daß Bopps Sanskritgrammatik noch nicht so
bald unmittelbar in unseren Elementarschulen eingeführt werden
dürfte? I der Tausend, das muß Ihnen jemand gesagt haben!
Was Sie für klare Begriffe darüber haben müssen, durch wie
viele unendliche Vermittelungen und Kanäle Wissenschaften
und Erkenntnisse, die in den Besten einer Nation aufgehen, end-
lich, wenn auch noch so langsam, auf die Gesamtbildung des
Volkes wirken, um einen solchen Blödsinn schreiben zu können !
4 ) Aber, Herr Schmidt, Herr Schmidt, bedenken Sie doch
um Gottes willen, daß Sie durch Ihr ganzes Werk hindurch
gegen unsere größten Dichter, gegen Schiller und Goethe in
einem fort polemisieren, weil sie uns die „exotische Pflanze",
das „fremde Grün" des klassischen Altertums hätten aufnötigen
wollen — und hier wird nun plötzlich — aus bloßem Wider-
spruchsgeist gegen die vergleichende Sprachforschung — der
klassische Boden des Altertums zu „unserer geistigen
Heimat" !
5 ) Die größte Ironie des Schicksals, Herr Schmidt, er-
blicke ich für so würdige Männer, wie Humboldt, Bopp etc.
darin, daß Sie über dieselben schreiben.
278
hellen Erkenntnis vordringen mußten, daß die Vertiefung
in die Mystik endlich zur Überwindung der Mystik führte."
„Wir strebten nach dem Orient, um das ewig Verbor-
gene zu suchen. Im Orient breiteten wir uns nach allen
Seiten aus und fanden unter anderem auch den Weg nach
unserem eigenen Vaterlande. Die deutsche Philologie und
die deutsche Altertumswissenschaft ging mit jenen natur-
philosophischen und symbolischen Studien Hand in Hand.
Die deutsche Vorzeit mußte uns erst als etwas Fremdes,
Geheimnisvolles und Mystisches imponieren, ehe wir uns
darin zu Hause fanden. Es war ein seltsamer Umweg
über Indien nach der deutschen Vo r z e i t zu pil-
gern, und es ist viel Zeit und Kraft darauf verloren ge-
gangen 6 ). Da wir aber das Ziel wirklich erreicht haben, so
hat auch diese Verirrung etwas Belehrendes 7 ).
6 ) Herr Schmidt! den in dem schöngeistigen Wortgeklingel
aller dieser Sätze enthaltenen Blödsinn wieder sorgfältig heraus-
zuschälen, — das sei ferne von mir! So schuhriegeln lasse ich
mich von Ihnen nicht! Nur um Ihnen zu zeigen, daß Sie nicht
einmal Original sind, will ich Ihnen Ihren Spiegel vorhalten.
Kennen Sie unseres Satyrikers Liscow Schrift über die „Vor-
trefflichkeit und Notwendigkeit der elenden Skribenten, Frank-
furt 1736?" Dort können Sie Ihr genaues frappantes Porträt
finden. „Ich kehre wieder zu meinem Zweck, sagt Liscow da-
selbst S. 474 — und sage, daß wir, wenn wir schreiben wollen,
die Prüfung unserer Kräfte, mit welcher sich unsere Feinde
quälen, für ebenso unnütz halten, als Vernunft und Nach-
denken. Wir brauchen so vieler Umstände nicht. Wir haben
die besondere Gabe von der Natur, daß wir schreiben können,
was wir nicht geleimt haben und von Sachen urteilen, die wir
nicht verstehen." Also trösten Sie sich, Herr Schmidt. Sie
sehen, Sie sind nicht der erste, sondern nur kolossalste Narr
dieser Gattung. Aber schon vor 1736 existierten würdige An-
fänger in Ihrer Kunst, die Liscow so reizend schildert. Liscow
wird Sie überhaupt trösten können, wenn Ihnen meine An-
merkungen unangenehm sein sollten. Er zeigt, daß der elende
279
Skribent selbst dann noch Grund hat, mit sich zufrieden zu
sein, wenn seine Schriften von allen getadelt würden. „Der
Mangel der Vernunft, sagt er, S. 487, der uns das Schreiben
so leicht und unsere Schriften dem Pöbel so angenehm macht,
würde uns auch auf den Fall Dienste tun, wenn der Pöbel
sich zu unseren Feinden schlüge, und wir würden in unserem
Unglück größer sein, als in den glücklichen Tagen." Also
trösten Sie sich, auch wenn Sie durch meine gemeinfaßlichen
Perlustrationen Ihren Anhang verlieren sollten.
7 ) I du grundgütiger Schmidt ! Was du milde bist ! Der Mann
ist sogar imstande, Bopp seine Verirrungen ins Indische zu
vergeben! I du grundgütiger Schmidt!
Bd. II. S. 509.
„Wenn Eichendorff auf dem Umweg der Romantik
wieder in die Sittlichkeit zurückkehrt, so würde nach einer
anderen Seite hin der Gegensatz gegen den Klassizismus
noch weiter ausgebildet : durch die Vertiefung in die
Nachtseite der Natur, in welcher ein geheim-
nisvolles Licht waltet, so daß es uns durch
keine Kunststücke der Perspektive sichtbar gemacht
werden kann ( ! !)."
Anm. d. Setzers. O Sie Hermes trismegistos, der Sie sind !
Sogar die Physik beschenken Sie im Vorübergehen mit Ihren
merkwürdigen Entdeckungen. Sie beschenken sie mit einem un-
sichtbaren Lichit! Mit einem Licht, das auf keine
Weise sichtbar gemacht werden kann! O Sie Nacht-
seite der Natur ! !
Bd. II. S. 529.
Über Niebuhr, Boeckh, Ottfried Müller, die Philo-
logie und die historische Schule: „Wir haben von den
Juristen wie von den Philosophen gelernt, daß u n s in der
Geschichte noch vieles andere interessieren muß, als die
hervorstechenden Tatsachen und Persönlichkeiten. Allein
280
vorläufig verwirrt es die Darstellung, da
einseitige Gesichtspunkte sich hart anein-
anderdrängen und umsonst nach der rechten
Mitte suchen."
Anm. d. Setzers. Wie schön gesagt ! Ja, ja, Herr Schmidt,
es ist nichts mit der Philologie, mit Böckh so wenig, wie mit
Niebuhr, mit Ottfr. Müller so wenig, wie mit Savigny ! Es ist
nichts mit den philologischen Forschungen, so wenig auf dem
Felde der historischen, wie der vorhistorischen Zeiten. Wie
die letzteren nur Ihre „Gestaltungskraft schwächen" würden,
so müssen die ersteren „vorläufig die Darstellung verwirren".
Bonnet blanc et blanc bonnet! „Vorläufig die Darstellung ver-
wirren", „einseitige Gesichtspunkte", „hart aneinander drängen',
„umsonst die rechte Mitte suchen" — das ist alles, was dabei
herauskommt, mindestens so lange Sie nicht darüber schreiben,
der Sie zwar diese ganze Bildung hinter sich haben und natür-
lich hinter sich haben müssen, um so sicher und gewiegt über
dieselbe urteilen zu können, aber dennoch nicht darüber schreiben
werden, schon um sich Ihre kostbare „Gestaltungskraft" nicht
zu schwächen, und Ihre klare „Darstellung" nicht zu verwirren,
um „das zusammengewachsene Grün" und das „unsichtbare
Licht", die „demagogischen Untersuchungen" und die „aus
einem Vorrat alter Nationalsagen sich entwickelnde griechische
Geschichte", das „gedoppelte natursymbolische Moment" und
das beständige Bimbamgeläute Ihres zarten Stils durch so grob-
stoffliche Leistungen nicht aufs Spiel zu setzen. Und vielleicht
ein wenig auch deshalb nicht, weil selbst Blödsinn zu
schreiben in diesen Wissenschaften immer noch viel
schwerer wäre, als über dieselben! — Die ganze deutsche
Bildung, Herr Schmidt, ist überhaupt nichts als ein großer
Bankerott, in welchem niemand stehen bleibt, als das unsicht-
bare Licht, der einsame Julian, auf den Leichen der Ge-
fallenen thronend, und mit vornehmer Herablassung sich von
Zeit zu Zeit herunterbückend, um bald diesen, bald jenen der
Männer, von deren Büchern er nichts als die Titel kennt, zu
nasenstübern !
Na warten Sie, Sie unsichtbares Licht ! Ich hoffe, ich habe
Sie sichtbar gemacht!
281
Bd. IL S. 360.
„Denn der Grundzug, der sich in ihnen (nämlich in
den Anekdoten über die altrömischen Charaktere) aus-
spricht, die Verleugnung des sittlichen I n stinkt s
zugunsten einer Abstraktion etc."
Anm. d. Setzers. Warum, Herr Schmidt, verfahren Sie so
hart gegen die alten Römer? Warum werfen Sie ihnen vor,
den sittlichen Instinkt verleugnet zu haben, während es doch
nicht so schwer war, zu sehen, daß dieselben vielmehr gerade
alles und sich selbst ihren sittlichen Instinkten auf-
geopfert haben, und daß nur der sittliche Instinkt
selbst damals ein anderer war, als heute. Der alte Re-
gulus würde es z.B. für tief unsittlich gehalten haben, eine
dicke Literaturgeschichte zu schreiben, wenn man in Tod und
Teufel nichts von seinem Stoff versteht. Dagegen hielt er es
für sittlich, seinem Volke den Rat zu geben, den Krieg gegen
Karthago fortzusetzen, obgleich er wußte, daß man ihn des-
halb in Karthago, wohin er seinem Versprechen gemäß zurück-
kehren mußte, töten würde. Der alte Brutus ließ seine Kinder
hinrichten, welche sich gegen die Republik verschworen haben,
damit nicht ihre Straflosigkeit schlechte Grundsätze im Volke
begünstige. Es läßt sich hieraus fast mit Sicherheit abnehmen,
daß er die Erzeugung von solchen geistigen Kindern, wie
Sie deren in die Welt setzen, d.h. die Produktion von Büchem,
welche nichts enthalten als die krasseste Unwissenheit, das ober-
flächlichste, unsinnigste, schöngeistige Wortgeklingel^die schief-
sten gedanken- und inhaltlosesten Urteile, die unsittliche Sucht,
den Schein eines Verständnisses von Dingen zu erkünsteln, von
denen man nicht einmal die Rudimenta kennt, die noch tiefere
Unsittlichkeit, gerade durch vornehmes Absprechen, durch süffi-
sante Herabsetzung alles Großen und Bedeutenden eine Auto-
rität im großen Publikum erwerben zu wollen, Bücher also,
welche auch nichts als dieselbe Unwissenheit, dieselbe miserable
Verkennung alles Großen, was in der Nation geleistet worden
ist, im Volke verbreiten und ihm nur dieselbe Unsittlichkeit und
Lasterhaftigkeit einimpfen können, deren Erzeugnis sie sind, —
Brutus, sage ich, würde die Produktion von solchen Büchern
geradezu dem Verbrechen der Brunnenvergiftung
282
gleichgesetzt haben! Und selbst heute noch, Herr Schmidt, gibt
es Leute, die hierin seiner Ansicht sind. Lassen Sie also, Herr
Schmidt, die alten Römer und ihre „Verleugnung des sittlichen
Instinkts" in Frieden. Bedenken Sie, daß jene Ärmsten noch
keine moderne Journalistik hatten, um aus ihr Sittlichkeit
lernen zu können !
Bd. II. S. 446.
,, Nachdem durch die Einkehr ins deutsche Leben
der bisherige Idealismus in Ve r wirrung ge-
setzt war, zeigt die deutsche Poesie eine chaotische
Gärung, der alle Physiognomie fehlen würde,
wenn nicht ein rührender Zug an die alte Zeit er-
innerte."
Anm. d. Setzers. Mit diesen Worten beginnen Sie einen neuen
Abschnitt, Herr Schmidt. Wieder eine Ihrer freilich auf jeder
Seite sich findenden Phrasen, deren Gespreiztheit und Dick-
näsigkeit den Schein erregen soll, als wäre irgendein Sinn da-
hinter verborgen, während es nichts weiter als das leerste Wort-
geläute — bim, bam ! — ist, das sogar jeden bloß grammati-
schen Sinn verloren hat. Wer war ins deutsche Leben ein-
gekehrt, Herr Schmidt? der Idealismus selbst? Nun, wenn der
Idealismus selbst — diese Richtung des Geistes — ins deutsche
Leben eingekehrt war, so kann er ja auch nicht durch diese
von ihm gewollte und vollbrachte Einkehr in Verwirrung ge-
setzt worden sein ! Oder war der Idealismus dadurch in Ver-
wirrung gesetzt, weil zwar nicht er, aber etwa die Nation ins
deutsche Leben eingekehrt war? Aber die deutsche Nation,
Herr Schmidt, wird doch wohl nie außerhalb des deutschen
Lebens gelebt haben! — Zu dieser Pracht der Gedanken die
Pracht der Bilder. Ein „Gärung" die keine „Physiognomie"
hat und eine „Gärung" die einen „rührenden Zug" hat!
Bd. II. S. 159.
„Gesunder Menschenverstand ist nichts an-
deres als die Gesundheit des geistigen Auges, er ist wie
283
die Inspiration eine Gabe, die man nicht durch
Reflexion erwirbt, die man von der Natur emp-
fangen muß."
Anm. d. Setzers. Welche Oratio pro domo, Herr Schmidt !
Sie wollen uns hier nur zart andeuten, warum, da Sie keinen
gesunden Menschenverstand von Natur empfangen, Sie auch
nicht erst darauf ausgegangen wären, ihn durch Bildung zu
erwerben.
Bd. II. S. 463.
„In der Zeit Ramlers, des Dichters» mit welchem Platen
die größte Ähnlichkeit hat, den er aber nach der Vo r -
schrift der romantischen Schule tief verachtet,
hatte die lyrische Stilübung eine ganz andere Bedeutung."
Anm. d. Setzers. Platen, der abgesagte Feind, der leiden-
schaftlichste Gegner, der vollendetste Gegensatz der romanti-
schen Schule, nach ihren, der romantischen Schule, Vor-
schriften verachtend? O du heiliger Zebadeus, das reicht
an den Schwabenspiegel und die sieben Weisen !
Bd. II. S. 434.
Urteile über Platen: „Unproduktiver Dichter, der sich
einer ziemlichen Belesenheit und eines gewissen Ge-
schmackes in der Handhabung dor Verse erfreut," „Bitter-
keit eines literarisch Unzufriedenen," „unsicheres Selbst-
gefühl, das bald zur unnatürlichen Steigerung der Selbst-
achtung, bald zur würdelosen Empfindlichkeit führt, „ge-
zierte Waldeinsamkeitsromantik," „anmaßungsvolle litera-
rische Beziehungen," „den leitenden Faden bildet nicht
die Erfindung, sondern die Eitelkeit des Dichters, die
immer zu sich selbst zurückkehrt," „das Stück (die Liga
von Cambrai) zeigt eine erschreckende Unfähig-
keit, ein gegebenes geschichtliches Thema
284
mit einigem Ve rstand und einiger Phantasie
zu behandeln." , .Unfruchtbarer Geist," ihn ,, treibt nicht
die innere Fülle, sondern irgendein äußeres Beispiel,"
er steift sich „auf Kleinigkeiten, auf die Sicherheit des
Handwerks, richtige Reime und Maß, weil das Wesent-
liche zu erfassen seine Kraft nicht hinreicht." Und ferner
über denselben S. 462 : „Derselben Richtung, wie Rückert,
aber mit ungleich geringerem Talent schließt sich August
Graf v. Platen-Hallermünde an, ein Typus des Di-
lettantismus, der sein poetisches Gefühl
mit schöpferischer Begabung verwechselt
und zugleich ein merkwürdiges Zeichen für
die Neigung des deutschen Vo lkes, unaus-
gesetztem Selbstlob aufs Wort zu glauben."
„Das geheime Gefühl seiner Unsicherheit sucht er durch
Prahlereien zu übertäuben" etc. „So bezieht er sich fort-
dauernd auf sich selbst und auf seine Rezensenten ; es
ist nicht Liebe zum Gegenstand, nicht Freude am Schaffen,
sondern angstvolle Sehnsucht nach Ruhm, was ihn treibt,
verbunden mit dem Gefühl einer inneren Leere.'
„Der Aufenthalt in Italien führte ihn in der Lyrik wie
im Drama zur Nachbildung der antiken Form. In diesen
Nachbildungen ist vielleicht die Verirrung am schlimm-
sten, namentlich in den Hymnen nach Pindars Vorbild, die
sich in Rythmen bewegen, welche kein modernes Ohr
versteht und die durch künstlich eingeflochtene Anspie-
lungen, die nicht zur Sache gehören, durch Verdrehung der
Konstruktion, durch Umschreibung, wo das einfache Wort
poetischer wäre, sich jenen Nimbus des Erhabenen zu
geben suchen, der dem Inhalt fehlt. Die Handhabung des
Metrums ist geschickter als bei irgendeinem anderen Dich-
ter, selbst Schlegel nicht ausgenommen, und der Stil zeigt
ein löbliches Streben nach Reinheit und Würde. Aber der
285
Stil wird doch durch die Gedanken und Empfin-
dungen bedingt, und wo diese ganz fehlen oder
wenigstens matt sind, wird das größte Formtalent
uns nicht befriedigen." „In sklavischer Abhängigkeit von
der Vorstellungsweise entlegener Zeiten und Zonen träumte
er sich in eine phantastische Freiheit hinein, die nur in
seiner Vereinsamung lag ; die Welt läßt sich wohl die
subjektive Dichtung gefallen, wenn die sich hervordrän-
gende Persönlichkeit sie interessiert und fesselt, wie Lord
Byron ; wo sie aber nichts anderes gibt als ein forciertes
Anempf inden fremder Gedanken und Gefühle,
da muß sie zuletzt langweilen und erbittern, und so ist es
Platen ergangen wie seinen Gegnern."
Anm. d. Setzers. Wie ein Hund vorzugsweis gern große
Monumente bepißt, so liebt es Herr Schmidt vorzugsweise, an
den leuchtendsten und monumentalsten Gestalten, in denen sich
der deutsche Geist verkörpert hat, sein Wasser abzuschlagen !
Platen, einem der gedankentiefsten Dichter der ge-
samten deutschen Literatur, wagt dieses Waschweib,
welches in zwei dicken Bänden nichts als den greulichsten
Blödsinn, nur erreicht von der fabelhaftesten Unwissenheit,
produziert, ein gänzliches Fehlen von Gedanken und Empfin-
dungen vorzuwerfen ! Platen, dessen Busen von der brennendsten
Sehnsucht für die Freiheit seines Volkes schlug, Platen, dessen
Seele ein Glutgedanken war, von der intensivesten Leidenschaft
für alle Interessen unserer Kulturentwicklung berauscht, Platen,
der ein moderner Tyrtaeus mit einer so vor wie nach ihm un-
erreichten Kraft, in unserem Kulturkampf den Reigen der
Dichter beginnt, welche in den großen und realen geistig-
politischen Interessen der Völker das begeisternde Prinzip ihrer
Lyrik erblicken — Platen wagt dieser Hämling „innere
Leere" und niedrigste Selbstsucht vorzuwerfen!
Platen, großer Genius ! Dein Grab kann dieser Hund nur
besudeln wollen, nicht wirklich besudeln! Uns aber liegt noch
wie assa foetida auf der Zunge der scheußliche Ungeschmack
der Worte, die wir gegen dich zitieren mußten ! Pfui ! Spülen
286
wir ihn hinunter diesen Ungeschmack, indem wir die schöne
Grabschrift anstimmen, die Prutz dir gesetzt hat:
„Zwar einmal schon im germanischen Land, schon war uns
ein Dichter geboren,
Dem bei der Geburt, wie dem Attiker einst, die Kamoene
die Lippe gelöset
Und Honig ihm mit dem Stachel zugleich in die offene
Seele geträufelt.
Ja, lebte noch Er, der vortreffliche Mann, den ich nah
zu den Größesten setze,
In zerfahrener Zeit ein ganzer Poet, großherzig ein Mann
und ein Deutscher.
Und bespannte noch Er mit melodischer Hand die unsterb-
lich tönende Leier —
Nicht wagt' ich mich da ins verwegene Spiel, dem Größeren
ließ ich die Kampfbahn
Und stellte mich stumm und bescheiden zurück zu der
beifallklatschenden Menge.
Ach aber, er schläft am sikeiischen Strand, von der säuseln-
den Palme beschattet
An des Weltmeers Rand einsam und stumm, freiwillig und
doch ein Verbannter.
Denn verbannten ihn nicht Kalt sinnigkeit und des Publikums
schnödes Gelüste,
Daß dem Müllner und Kind Beifall zurief und den Klauren
den fanden sie göttlich ? !
Das brach ihm das Herz, daß so breit ringsum die Misere,
die schofle, sich machte,
Daß sie horchten mit Lust auf des Hänflings Gezirp und
der Nachtigall Lieder verschliefen.
Ein böotisch Geschlecht und schlimmer sogar; denn es
fehlte nicht bloß am Geschmacke.
Doch starb er nicht ganz I Denn er ließ uns zurück der
Komödie leuchtende Muster,
Er ließ uns zurück den metallenen Vers, schwungvoll von
unendlichem Wohllaut,
Und schlank und prall, wie ein Jungfräulein, dem zuerst
sich der Busen entfaltet
287
Ihm wölbte sich auch von Sehnsucht heiß nach besseren
Zeiten der Busen,
Großartigeren, wo nicht Tänzer allein, süßflötende Kehlen
uns kümmern.
Und das neueste Stück und das neueste Buch und ob der
es, ob jener gelobt hat,
Nein, Zeiten beschwor auch Platen herauf, wo die Deut-
schen sich würden bewußt sein,
Abschüttelnd den Schlaf von bepudertem Haupt, der ver-
fehlten, der hohen Bestimmung,
Und wo wieder das Schwert vom Roste befreit, ablösen
würde die Feder.
Nicht war ihm vergönnt, in des kommenden Tags auf-
dämmernde Röte zu schauen,
Die purpurn jetzt (ob Rosen ? ob Blut ?) auf die bräun-
lichen Wangen uns herstrahlt.
Doch hätt' er's erlebt, er wäre, fürwahr, nicht der letzte,
der erste gewesen
Und hätte des Lieds Brandpfeil gradaus in die Burg der
Tyrannen geworfen.
Seid Zeugen mir dess', die der Sterbende flocht, der ge-
storbenen Freiheit zu Ehren,
O Lorbeern ihr um Polonias Stirn ! Doch ein Brandmal
seid ihr dem Zaren."
Bd. II. S. 535.
„Hegels 1 ) Philosophie war das letzte Resultat einer
*) Anm. d. Setzers. Wird denn niemand vor Ihrer Ober-
weisheit sicher sein, Herr Schmidt? Ich fürchte, ich fürchte,
es könnte Ihnen diesmal besonders schlimm ergehen, noch
schlimmer fast als bei Fichte :
„Rate du mir nun, Frigg,
Da mich zu fahren lüstet
Zu Wafthrudnirs Wohnungen.
Denn groß ist mein Vorwitz
Über der Vorwelt Lehren
Mit dem allwissenden Joten zu streiten.
(Edda, Vafthrudhnismäl, Ubers. v. Simrock.)
288
reichen und glänzenden, aber unfertigen Bildung 2 ) ;
einer Periode des We r d e n s , die sich zuerst in ein-
zelnen Blüten ausprägte, die aber endlich in einen
allgemeinen Gärungsprozeß ausging 3 ). Als
2 ) Ja, ja, das ist auch wieder so ein „unfertiger" Bursche,
dieser Hegel ! Aber nur Geduld, Herr Schmidt wird ihn schon
abfertigen.
3 ) Also herbei ihr Wissensdurstigen und Bildungssüchtigen,
die Ihr gern in der Kürze vernehmen möchtet, was die Hegeische
Philosophie eigentlich sei, wodurch sie sich charakterisiert und
von anderen Philosophien ihrer und anderer Zeiten unterscheide !
Herbei und hört genau ! Die Hegeische Philosophie unter-
scheidet sich dadurch, daß sie das „letzte Resultat" ist „einer
Periode des Werdens", die sich „zuerst in einzelnen Blüten
ausprägt", dann aber in einen „allgemeinen Gärungsprozeß aus-
geht". O großer Bilderer Julian Schmidt! O, Sie Nachtseite
der Natur ! Wenn es möglich ist, aus obigen Worten irgendeinen
Sinn flüssig zu machen, nur so viel als erforderlich wäre, um
einem Hund die Schnauze zu bestreichen, so will ich verdammt
sein, mein Lebtag nichts weiter zu lesen, als Ihre unsterblichen
Werke ! Bedenken Sie doch ! Insofern man das Wort „Gärungs-
prozeß" auf geistige Verhältnisse anwendet, bedeutet es über-
haupt nichts anderes, als Entwicklungsprozeß, Werdensprozeß.
Werdensprozeß aber bedeutet wieder gar nichts, als was
Werden für sich allein auch schon bedeutet, denn alles
Werden ist stets ein Prozeß. Indem Sie also sprechen von
einer „Periode des Werdens", die „aber endlich" in „einen
allgemeinen Gärungsprozeß" ausging, sagen Sie nichts anders
als: „eine Periode des Werdens, die aber endlich in ein
allgemeines Werden ausging! — Aber weiter! Entkleiden wir
Sie immer weiter der breitspurigen Worte, der hochtönenden
Bildungsausdrücke, unter welchen Sie Schluderer, wie Bettler
ihre Blöße unter den gestohlenen Fetzen kostbarer Kleider,
Ihre nackte Gedankenlosigkeit verstecken ! Sie sagen, daß sich
jene Periode des geistigen Werdens „zuerst" in „einzelnen
Blüten ausprägte", d.h. großer Bilderer, in Individuali-
täten und individuellen Produktionen, die man, wenn
man den Entwicklungsprozeß des allgemeinen Geistes mit dem
19 Lassalle. Ges. Schriften. Band VI. 289
Ausdruck dieses Gärungsprozesses, in dem die
Elemente wieder ihr Recht gewinnen (!!) und
sich der bisherigen organischen Bildungen be-
mächtigen (??), um eine neue Schöpfung möglich
zu machen 4 ), ist die Hegeische Philosophie zugleich ein
Ferment der neuen Zeit" 5 ).
einer Pflanze vergleicht, in der Tat bildlich als die Blüten
in demselben bezeichnen kann.
Nun aber wird Ihnen vielleicht so viel klar sein, Herr
Schmidt, daß jede geistige Richtung, jedes geistige Werden
stets und immer nur in Individualitäten zum Vorschein
kommen, sich „ausprägen" kann. Anders kann das geistige,
literarische, wissenschaftliche Werden gar nicht vor sich gehen,
als in „einzelnen Blüten", Herr Schmidt. Das wird bei allen
Werdensperioden zutreffen, Herr Schmidt, und wird auch für
jede einzelne Werdensperiode ebenso im Anfang wie in
der Mitte und am Ende derselben zutreffen. Vom Stand-
punkt des allgemeinen Geistes aus, auf welchen Sie sich
ja bei Ihrem Bilde stellen, bildet eben das Dasein und Auf-
treten der Individuen, sein (des allgemeinen Geistes) Wer-
den, sein „sich in Blüten ausprägen". Wenn Sie also sagen,
„die Hegeische Philosophie sei das letzte Resultat einer Periode
des Werdens, die sich zuerst in einzelne Blüten ausprägte,
die aber endlich in einen allgemeinen Gärungsprozeß aus-
ging", so sagen Sie, den falschen Flitterkram der verdeckenden
Worte heruntergerissen, nichts anders als: „Die Hegeische
Philosophie sei das letzte Resultat einer Periode des Wer-
dens, die zuerst wurde, die aber endlich in ein all-
gemeines Werden ausging!" O Sie großer Tautologe! O Sie
Nachtseite der Natur!
4 ) Hegel glaubte ein System geschaffen zu haben, also, ob
dieses System wahr oder falsch sei, immerhin eine Einheit!
In eine streng durchgeführte Einheit glaubte er die Elemente
des menschlichen Wissens, des geistigen und natürlichen Alls,
aufgehoben zu haben. Diejenigen, welche seine Philosophie an-
griffen, taten das bisher in der Regel so, daß sie behaupteten,
Hegel habe jenen Elementen sogar Gewalt angetan, um sie aus
290
ihrer besonders selbständigen Natur herauszureißen und zu
einer künstlichen Einheit zu verbinden. Point du tout!
Hegel selbst wie seine Gegner haben seine Philosophie gänz-
lich mißverstanden ! Die Bedeutung der Hegeischen Philosophie
ist vielmehr die, daß in ihr ,,die Elemente wieder ihr Recht
gewinnen". Ihre Bedeutung ist also die, daß in ihr die Ele-
mente wieder auseinandertreten! O du Großkophta alles Un-
sinns ! O du gef ürsteter Herr des Widerspruchs ! O du König
von Gottes Gnaden in den Reichen der Tautologie, welch
schauderbaren Blödsinn schreibst du da wieder zusammen ! Aber
nicht nur die Elemente gewinnen in der Hegeischen Philosophie
wieder ihr Recht, sondern wie es freilich nicht anders sein
kann, dieser schreckliche KazaxXvofxog, dieser wilde Elementar-
prozeß der wieder in ihr Recht eintretenden Elemente droht
sogar, „sich der bisherigen organischen Bildungen zu
bemächtigen". Verstellen Sie sich doch nicht, Herr Schmidt!
Sie wollen andeuten, die Hegeische Philosophie sei Ihnen ein-
mal auf den Kopf gefallen und habe sich der „organischen Bil-
dung" Ihres Gehirns zu bemächtigen gedroht ! Aber männiglich,
der einige Seiten in Ihrem Buche gelesen, wird wissen, daß Sie
Ihren Schädel immer auf Schußweite von der Hegeischen Philo-
sophie fern gehalten haben. Freilich lediglich aus wissenschaft-
lichem Eifer; um nämlich die Römerurkunde keiner Altera-
tion auszusetzen, die noch auf Ihrem Schädel eingegraben ist.
Sie erinnern sich doch noch, Herr Schmidt, von S. 227 ? —
5 ) „Mir wird von alle dem so dumm,
Als ging mir ein Mühlrad im Kopfe herum."
Bd. II. S. 536.
Weiter über Hegel : „Wie die Romantiker bemühte er
sich, die verschiedenartigsten Bildungsformen in ihrer Be-
rechtigung zu begreifen ; er führte aus, was bei jenen Ten-
denz gewesen war. Aber er ging an die Erscheinungen nicht
mit jenem unpersönlichen Wohlgefallen, das jede Abnor-
mität widerstandslos aufnimmt, sondern mit einer festen
und sittlichen Durchbildung. Sein Wohlgefallen war nicht
ein unterschiedloses, weil sein Urteil nicht auf ästhetischen,
ls» 291
sondern auf historischen Gründen beruhte ; er ließ die Er-
scheinungen gelten, aber nur im Ve rhältnis zum
Raum und zur Zeit, der sie angehörten."
Anm. d. Setzers. Den anderweitigen Nonsens in der obigen
Stelle — wie z. B., daß Sie da Hegel zum Lobe nachsagen,
er sei nicht mit „unpersönlichem" Wohlgefallen an die
Erscheinungen gegangen, während das, was Sie selbst sagen,
vielmehr beweisen würde, daß er mit durchaus unpersön-
lichem, rein objektivem Wohlgefallen an die Erscheinungen ge-
gangen ist, — will ich unberücksichtigt lassen. Kann ich doch
ohnehin nur immer die allerunbedeutendsten Pröbchen Ihres
Blödsinns zum besten geben. Denn in das dichte Urdickicht
desselben einzudringen — davor bewahre mich Gott ! Da müßte
ich immer ein drei Seiten langes Bimbamgeläute abschreiben,
und das halten meine Kopfnerven nicht aus. Also den ander-
weitigen Nonsens in obiger Stelle will ich Ihnen schenken. Nur
auf eins will ich Sie aufmerksam machen. Passen Sie wohl auf !
Um den Beweis zu geben, wie sehr Sie Hegel studiert und be-
griffen haben, verhalten Sie sich oben äußerst anerkennend.
Es muß Ihnen das freilich hart ankommen. Inzwischen, Sie
trösten sich, denn Sie wissen ja doch, es ist nur geborgt, Sie
wissen ja doch, lange wird es nicht dauern, bis Sie ihm die
paar Fetzen wieder vom Leibe reißen, mit denen Sie ihn
momentan für Ihr eigenes Bedürfnis bekleiden. Aber hier nun,
wo Sie das Bedürfnis haben, einigen anerkennenden Wischi-
waschi loszulassen, erklären Sie, das Verhalten Hegels zu den
geschichtlichen Erscheinungen unterscheide sich von dem der
Romantiker gerade dadurch, daß sein „Urteil nicht auf ästhe-
tischen, sondern auf historischen Gründen beruhte". Sie
konstatieren ferner ausdrücklich : „er ließ die Erscheinungen
gelten, aber nur im Verhältnis zum Raum und zur
Zeit, der sie angehörten." Hegel hat also, Sie sagen es selbst
und also muß es wohl wahr sein, bei den geschichtlichen Er-
scheinungen von Raum und Zeit nicht abstrahiert; er hat diese
festen Verhältnisse nicht verflüchtigt; er hat vielmehr die-
selben festgehalten; er hat, und dies charakterisiere ihn,
die geschichtlichen Erscheinungen gelten lassen, „aber nur im
Verhältnis zum Raum und zur Zeit, der sie angehörten".
292
Und nun sehen Sie, Bursche ! Zwanzig Seiten darauf — Seite
556 — resümieren Sie das Schlußurteil über Hegel in folgenden
Worten: Er hat sich gegen die objektive Welt, namentlich
gegen die Geschichte dadurch versündigt, daß er in
dem Reich des absoluten Seins die wesentlichen Momente
der Zeit und des Raumes verflüchtigt"!!!
Wie Sie die Käufer der vier Auflagen Ihrer Literatur-
geschichte innerlich auslachen müssen! Mit welcher Welt-
verachtung Sie geschwängert sein müssen, Herr Schmidt!
(Hier scheint Lassalle die Worte „Reich des absoluten
Seins" übersehen zu haben, die anzeigen, daß Schmidt das
philosophische Weltschema Hegels im Auge hat und die Rolle,
die die Geschichte dort spielt. Zwischen dieser und der Be-
handlung der einzelnen Geschichtsphänomene durch Hegel be-
steht aber ein großer Unterschied. D. H.)
Bd. II. S. 539.
Immer weiter über Hegel : ,,Er ist nicht frei von Irr-
tümern und Willkürlichkeiten, denn an das metho-
dische Arbeiten der Wissenschaft, die keinen
Schritt weiter tut, bevor sie das gewonnene Terrain voll-
kommen beherrscht, war er nicht gewöhnt!"
Anm. d. Setzers. Je nun, Herr Schmidt, so streng metho-
disches Arbeiten, wie Ihnen eigentümlich ist, ist freilich nicht
jedermanns Sache. Sich aus dem bloßen Wort: , .Schwaben-
spiegel" zu entwickeln, daß dies ein typisches, maßgebendes
Werk der schwäbischen Poesie sein müsse (Sie erinnern sich
doch noch, Herr Schmidt? oben S. 213 sqq.) und ähnliche
Kraftproben, deren wir so viele von Ihnen gesehen, die streng
durchgeführte Architektonik Ihres Werkes, auf je zehn Seiten
Blödsinn fünf Tautologien und vier Widersprüche folgen zu
lassen — solche eiserne Methodik können Sie freilich von
Hegel nicht verlangen ! Daran war er allerdings „nicht ge-
wöhnt" ! Die bleibt schon ein Privilegium der Belletristen, Herr
Schmidt !
293
Bd. II. S. 542.
Über Hegels Beurteilung der christlichen Religion :
..Am unvergänglichsten ist Hegels Verdienst um die histo-
rische Analyse des Christentums. Alle früheren Reli-
gionen, unter den später entstandenen auch die mohameda-
nische, sind Bejahungen des natürlichen Lebens ; es
wird ihnen als göttlich aufgestellt, was der Mensch mit
unmittelbarer Lust umfängt. Im Gegensatz dazu ist
das Christentum die absolute Verleugnung des natürlichen
Lebens, die Zerknirschung der unmittelbarsten Wünsche,
die tiefste Demütigung des Geistes, der sich
als sündhaft und unselig erkennt. Hegel ging
freilich nicht so abstrakt zu Werke, daß er nur diese eine
Seite des Christentums hervorgehoben hätte, aber s i e war
es, die er mit Recht für die Zeit seiner Erscheinung in
der Welt als die charakteristische bezeich-
nete."
Anm. d. Setzers. Schmidt ! Schwabenspiegel ! Römerurkunde !
Unsichtbares Licht ! Fremdes Grün ! Und wie alle Ihre wohl-
erworbenen Titel noch lauten mögen ! — ,,Ich nenn' dich Ham-
let, Vater, Dänenkönig 1" — Bei allen Ihren Titeln rufe ich
Sie an und beschwöre Sie, mir zu enthüllen: aus welchem
Journalartikel haben Sie das genommen? Das also verkaufen
Sie Ihren Lesern als die Hegeische Begriffsbestimmung des
Christentums? Das Christentum nach Hegel die „tiefste De-
mütigung des Geistes, der sich als sündhaft und un-
selig erkennt"? Und das die Seite des Christentums, die
Hegel ,,für die Zeit seiner Erscheinung als die charakte-
ristische bezeichnete' ' ?
Ich war 1840, als die zweite Ausgabe der Hegeischen Werke
erschien, Setzer in der Druckerei der Herren Gebrüder
Unger; alle seine Werke sind von mir Seite für Seite gesetzt
worden; ich bin daher ein wenig zu Hause in ihnen, will Ihnen,
Sie Nachtseite der Natur, ein Licht anstecken ! Was Sie für
Hegels Charakteristik des Christentums ausgeben, das sähe
eher etwa ungefähr der Weise ähnlich, wie er die jüdische
294
Religion charakterisiert oder dem, was er über den Schmerz
und die Gebrochenheit der römischen Welt unter den
Kaisern zur Zeit der Erscheinung des Christentums sagt, ein
Schmerz und eine Gebrochenheit, die nach Hegel durch das
Christentum vielmehr gerade geheilt werden sollten. Als
das Charakteristische des Christentum faßt Hegel
vielmehr überall den Gottmenschen auf und bestimmt den
Begriff dieser Religion als die „Einheit, die Versöhnung
des Menschlichen und Göttlichen". Also geben Sie
acht, Herr Schmidt, ich fange an zu zitieren : Zuerst über das
Judentum, Hegel, Religionsphilosophie Bd. II S. 59: „Die
Natur ist hier entgöttert, die natürlichen Dinge sind Un-
selbständigkeiten in ihnen selbst, und die Göttlichkeit ist nur in
einem", und ferner ib. S. 68 : „Diese Untersuchung und Be-
kümmernis über das Unrecht, das Schreien der Seele nach Gott,
dies Hinabsteigen in die Tiefen des Geistes, diese Sehn-
sucht des Geistes nach dem Rechten, der Angemessenheit zum
Willen Gottes, ist ein besonders Charakteristisches" (für das
Judentum) und ferner ib. S. 77 : „Doch erscheint der Kampf
des Menschen in sich selbst überall, besonders in den Psalmen
Davids; es schreit der Schmerz aus den innersten Tiefen
der Seele im Bewußtsein ihrer Sündhaftigkeit und es folgt
die schmerzlichste Bitte um Vergebung und Versöhnung." Und
bei der Begriffsbestimmung der christlichen Religion wirft
er zuerst wiederholte Rückblicke auf die jüdische und
römische Welt, sich äußernd wie folgt ib. S. 273: „Von
dieser Forderung (nämlich von der Forderung einer Vernünftig-
keit der Welt) und von diesem Unglück hatten wir diese zwei
Formen: jenen Schmerz, der von der Allgemeinheit, von oben
kommt, sahen wir im jüdischen Volk; — das andere, das
Zurücktreiben aus dem Unglück in sich ist der Standpunkt, in
dem die römische Welt geendet hat, das allgemeine Unglück
der Welt."
„ — — Beide Seiten haben ihre Einseitigkeit ; die erste (die
jüdische) kann als Empfindung der Demütigung aus-
gesprochen werden, die andere (römische) ist die abstrakte Er-
hebung des Menschen in sich, der Mensch, der sich in sich
konzentriert. So ist es der Stoizismus oder Skeptizismus." —
„Das Bewußtsein nun dieses Gegensatzes, — heißt es nun
295
weiter — dieser Trennung des Ich und des natürlichen Willens,
ist das eines unendlichen Widerspruchs. Dies Ich ist mit dem
natürlichen Willen, der Welt, in unmittelbarer Beziehung und
zugleich davon abgestoßen. Dies ist der unendliche
Schmerz, das Leiden der Welt. Die Versöhnung, die
wir bisher auf diesem Standpunkt fanden (in der stoischen
Philosophie) ist nur partiell und deshalb ungenügend." —
„Diese Versöhnung ist nur abstrakt, denn" etc. — „Auf diesem
absoluten Standpunkt kann und soll aber nicht eine solche ab-
strakte Versöhnung stattfinden — die abstrakte Tiefe des
Gegensatzes erfordert das unendliche Leiden der Seele und
damit eine Versöhnung, die ebenso vollkommen ist."
Und als diese vollkommene Versöhnung faßt Hegel das
Christentum, denn — passen Sie auf, Herr Schmidt — er
fährt nun bald darauf also fort: (S. 281): „Die Möglichkeit
der Versöhnung ist nur darin, das gewußt wird die an sich
seiende Einheit der göttlichen und menschlichen
Natur; das ist die notwendige Grundlage; so kann der Mensch
sich aufgenommen wissen in Gott, insofern ihm Gott nicht ein
Fremder ist, er sich zu ihm nicht als äußerliches Akzidenz
verhält, sondern wenn er nach seinem Wesen, nach seiner Frei-
heit und Subjektivität in Gott aufgenommen ist;
dies ist aber nur möglich, insofern in Gott selbst diese
Subjektivität der menschlichen Natur ist. Und bald
darauf noch deutlicher S. 286: „Christus ist in der Kirche
der Gottmensch genannt worden — diese ungeheure Zu-
sammensetzung ist es, die dem Verstände schlechthin wider-
spricht; aber die Einheit der göttlichen und mensch-
lichen Natur ist dem Menschen darin zum Bewußtsein, zur
Gewißheit gebracht worden, daß das Anderssein, oder wie
man es auch ausdrückt, die Endlichkeit, Schwäche,
Gebrechlichkeit der menschlichen Natur nicht
unvereinbar sei mit dieser Einheit" etc. „Dies ist
das Ungeheure, dessen Notwendigkeit wir gesehen haben. Es
ist damit gesagt, daß die göttliche und menschliche Natur nicht
an sich verschieden ist." Und bald darauf S. 288: „Die
neue Religion spricht sich aus als ein neues Bewußtsein — '
Bewußtsein der Versöhnung des Menschen mit Gott;
diese Versöhnung als Zustand ausgesprochen, das ist das
296
Reich Gottes, das Ewige als die Heimat für den Geist;
eine Wirklichkeit, in der Gott herrscht ; die Geister, Herzen
sind versöhnt mit ihm, so ist es Gott, der zur Herrschaft
gekommen. Dies ist insofern der allgemeine Boden."
Und wieder S. 307 : „Das ist dann die Explikation der Ver-
söhnung, daß Gott versöhnt ist mit der Welt, oder viel-
mehr, daß Gott sich gezeigt hat als mit der Welt versöhnt zu
sein; daß das Menschliche eben ihm nicht ein Frem-
des ist" etc. etc.
Und ebenso in der „Phänomenologie des Geistes" Herr
Schmidt, S. 549: „diese Menschwerdung des göttlichen
Wesens oder daß es wesentlich und unmittelbar die
Gestalt des Selbstbewußtseins hat, ist der einfache
Inhalt der absoluten Religion." Und bald darauf Seite
551: „Das absolute Wesen (Gott), welches als ein wirk-
liches Selbstbewußtsein da ist, scheint von seiner
ewigen Einfachheit herabgestiegen zu sein, aber in der
Tat hat es damit erst sein höchstes Wesen erreicht."
Und bald darauf S. 564 : „der Gedanke aber, daß jene sich
zu fliehen scheinenden Momente des absoluten Wesens und des
für sich seienden Selbst nicht getrennt sind, erscheint diesem
Vorstellen auch — denn es besitzt den wahren Inhalt —
aber nachher, in der Entäußerung des göttlichen Wesens, das
Fleisch wird. Diese Vorstellung, die auf diese Weise noch
unmittelbar und daher nicht geistig ist, oder die mensch-
liche Gestalt des Wesens nur als eine besondere, noch
nicht allgemeine weiß, wird für dies Bewußtsein geistig in
der Bewegung des gestalteten Wesens, sein unmittelbares Da-
sein wieder aufzuopfern und zum Wesen zurückzukehren ; das
Wesen als in sich reflektiertes ist erst der Geist. Die Ver-
söhnung des göttlichen Wesens mit dem andern überhaupt
und bestimmt mit dem Gedanken desselben, dem Bösen,
ist also hierin vorgestellt." Oder schlagen Sie die „Philo-
sophie der Geschichte" nach, die vorzüglich für Laien berech-
net und daher am leichtesten verständlich ist. Da heißt es zu-
nächst über Judäa, S. 239 : „Das Geistige sagt sich hier
vom Sinnlichen unmittelbar los und die Natur wird zu einem
Äußerlichen und Ungöttlichen herabgesetzt. Dies
ist eigentlich die Wahrheit der Natur. Denn erst später (im
297
Christentum, Herr Schmidt, meint Hegel) kann die Idee in
dieser ihrer Äußerlichkeit zur Versöhnung gelangen; ihr
erster Ausspruch wird gegen die Natur sein." Und mit
folgenden Worten leitet er daselbst das Christentum ein, S. 387 :
„Die römische Welt, wie sie beschrieben worden in ihrer Rat-
losigkeit und in dem Schmerz des von Gott Verlassensein hat
den Bruch mit der Wirklichkeit und die gemeinsame
Sehnsucht nach einer Befriedigung, die nur im Geiste
innerlich erreicht werden kann, hervorgetrieben und den Boden
für eine höhere geistige Welt bereitet — — Ihr ganzer Zu-
stand gleicht daher der Geburtsstätte und ihr Schmerz den
Geburtswehen von einem andern höheren Geist, der mit der
christlichen Religion geoffenbart worden. Dieser höhere
Geist enthält die „Versöhnung und Befreiung des
Geistes". Und jene Vorbedingungen des Christentums näher
entwickelnd, sagt er daselbst S. 390 : „Diese Bestimmung der
Zeit in sich selbst, des Schmerzes seiner eigenen Nich-
tigkeit, des eigenen Elends, der Sehnsucht über diesen
Zustand des Innern hinaus (Sie sehen, Herr Schmidt, gerade
das, was Sie für die Hegeische Charakteristik des Christen-
tums ausgeben) ist anderwärts als in der eigentlichen römischen
Welt zu suchen; sie gibt dem jüdischen Volke seine welt-
historische Bedeutung und Wichtigkeit ; denn aus ihr ist das
Höhere aufgegangen, daß der Geist zum absoluten Selbst-
bewußtsein gekommen ist, indem er sich aus dem Anderssein,
welches seine Entzweiung und Schmerz ist, in sich
reflektiert." Und ferner S. '393: „Dies nun im realen
Selbstbewußtsein gesetzt, ist die Versöhnung der Welt.
Aus der Unruhe des unendlichen Schmerzes, in welchen die
beiden Seiten des Gegensatzes sich aufeinander beziehen, geht
die Einheit Gottes und der als negativ gesetzten Realität,
d.h. der von ihm getrennten Subjektivität hervor. Der
unendliche Verlust wird nur durch seine Unendlichkeit aus-
geglichen und dadurch unendlicher Gewinn. Die Identität des
Subjekts und Gottes kommt in die Welt, als „die Zeit er-
füllt war"; das Bewußtsein dieser Identität ist das
Erkennen Gottes in seiner Wahrheit." In dieser Idee Gottes
liegt nun auch die Versöhnung des Schmerzes und des
Unglücks der Menschen in sich." „Christus ist er-
298
schienen, ein Mensch, der Gott ist, und Gott, der Mensch ist;
damit ist der Welt Friede und Versöhnung ge-
worden."
Sie sehen also nun wohl, Herr Schmidt, wenn es Ihre Römer-
urkunde gestattet, wie sich die Sache verhält! Hegel faßt die
christliche Religion auf als die noch in der Form der religiösen
Vorstellung und Anschauung vorsichgehende Erfassung
des Satzes, dessen reelle begriffliche Erfassung der In-
halt der gesamten Hegeischen Philosophie ist, des Satzes
nämlich: daß der menschheitliche Geist (der Geist der
Gattung, Herr Schmidt, nicht der Ihrige) allein Gott ist.
Wenn die Philosophie allein diesen Satz im allgemeinen Selbst-
bewußtsein in der Form vernünftigen Begreifens realisieren
kann, so erblickt Hegel in dem Gottmenschen, in der Christus-
religion, bereits die religiöse Vorstellung davon, daß der
Menschengeist Gott ist, also die noch in der Form der Re-
ligion selbst auftretende Feier jener Versöhnung und
Einheit von Gott und Mensch.
Ob Hegel nun hierin recht hat, oder nicht, gehört nicht hier-
her. Hier kommt nur in Betracht, daß Sie das Gegenteil
von dem, was Hegel als die Charakteristik des Christentums
hinstellt, daß Sie fast ganz die Weise, in welcher er das
Judentum charakterisiert, für seine Charakteristik des
Christentums verkaufen! O Sie Jude, Jude!
Sollten Sie vielleicht von Bankiers bestochen sein, um durch
den weitgreifenden Einfluß Ihrer Literaturgeschichte unser
Publikum unmerklich zu judaisieren?
Bd. II. S. 550.
„Mit eiserner Faust beugt Hegel alle Individualitäten
unter das Joch des Geistes und es ist das ein um so
stolzerer Triumph, da er es nicht mit kränklichen Schatten-
bildern zu tun hat, sondern mit den Göttern und Halb-
göttern. Das Zauberschloß, in welches er die Erschei-
nungen einführt, ist reich und unabsehbar weit, aber seine
Mauern sind unübersteiglich ; wen er eingefangen hat, der
sieht nicht wieder das Tageslicht."
299
Anm. d. Setzers. Hierzu, Herr Schmidt, weiß ich nur eine
Parallele :
„So windet Kranz und windet Kränze,
Der Kukuk gattet sich im Lenze
Und in dem Lichte wohnt der Schall!"
Wozu brauchen denn, Herr Schmidt, die Erscheinungen, die
Hegel eingefangen und glücklich in sein Zauberschloß ein-
gesperrt hat, wozu brauchen denn diese „Götter und Halb-
götter" wieder über die Mauern zu klettern um ans Tages-
licht zu kommen? Sie befinden sich in ihrem Museum da in
ganz guter Gesellschaft, Herr Schmidt. Und Sie besonders
mögen es Hegel Dank wissen, wenn er die Mauern so un-
übersteiglich gemacht hat. Denn denken Sie doch einmal, wenn
Apoll eines Tages hinüberklettern könnte und durch die Straßen
liefe und Sie gerade träfe ? Er schindete Sie heilig, Herr
Schmidt, wie einstens den Marsyas !
Bd. IL S. 552.
„Ein geordneter Geist, der das Bedürfnis hat, sich
über sein Denken genaue Rechenschaft zu geben, wird
immer mit einem gewissen Mißbehagen an die Lektüre
der Hegeischen Schriften gehen."
Anm. d. Setzers. I natürlich ! Wer gewohnt ist, sich s o „ge-
naue Rechenschaft von seinem Denken" zu geben, daß er z. B.
aus dem Wort „Schwabenspiegel", das er einmal gehört, sich
sofort herausrechenschaftet, dies müsse ein Werk der schwä-
bischen Dichterschule sein, in welchem sich der Typus des
schwäbischen Geistes ausspricht, und zwar so deutlich aus-
spricht, daß er sofort noch in „Strauß und Vischer Anklänge
an diesen Schwabenspiegel" erkennt, — der wird freilich nur
mit großem Mißbehagen an Hegels Werke gehen. Bei Ihnen,
geordneter Geist, war dies Mißbehagen sogar so groß und so
prophetisch, daß Sie, wie wir gesehen, überhaupt niemals
an die Hegeischen Werke gegangen sind und sich begnügen, den
tollsten Unsinn aus schlechten Journalartikeln abzuschreiben,
die Sie noch dazu überall mißverstehen.
300
Bd. IL S. 555.
,, Hegel hat den einzigen Weg verlassen, auf dem
die Wissenschaft weiter geht, den Weg der analyti-
schen Kritik, und ihn durch die Konstruktion ersetzt,
die doch ihren letzten Zweck nicht erreicht, ein Kunstwerk
des Erkennens hervorzubringen."
Anm. d. Setzers. Und während Sie hier schreiben : „Hegel
hat den einzigen Weg verlassen, auf dem die Wissenschaft
weiter geht — den Weg der analytischen Kritik
schreiben Sie zwei Seiten später S. 558: „Hegels Methode,
anscheinend konstruktiv und erhaltend, war in ihrem
innersten Kern analytisch" etc. O Sie bodenloser B — !
Ich kann ganz genau das Rezept angeben, nach welchem Sie
Ihr Gesudle verfassen. Recipe zehn Gramm Blödsinn, fünf
Gramm Tautologie, fünf Gramm Widerspruch, rühre es durch-
einander, bestreue es mit „Bildungsworten", und du wirst ein
Julian Schmidtsches Werk erhalten ! Probatum est ! O Sie ge-
ordneter Geist! An Ihren Werken wahrscheinlich hat sich
Heinrich Leo den Ausdruck „Bildungspöbel" erfunden.
Bd. IL S. 553.
Immer weiter über Hegel: „Wenn nun gar die sprach-
liche Revolution so weit geht, daß man sich eine dem
Genius der Sprache widersprechende Wortbildung erlaubt,
so hört mit der Grammatik auch alle Logik auf."
Anm. d. Setzers. Bon ! hat er gesagt 1
„Und einen großen Hieb mit beider Hand
Tat er bei diesem Wort; hofft dergestalten
Zu legen in zwei Stück ihn auf den Sand,
Denn bis zum Bügel meint er ihn zu spalten,
Doch tat dem Hieb der Kern-Helm Widerstand;
Denn ach, in ihm war Zauberei enthalten !
(Bojardo, Verliebter Roland XVI, 15.)
301
Bd. IL S. 300.
Über Uhland : „Er hegt Sympathien, aber keine Leiden-
schaften; daher sind seine Lieder immer anziehend, nie
verletzend — aber auch freilich selten von mäch-
tigem Ei ndruck."
Anm. d. Setzers. Freilich, freilich ! Bertran de Born — ohne
mächtigen Eindruck. Klein Roland — ohne mächtigen Ein-
druck. Des Sängers Fluch — ohne mächtigen Eindruck. Der
Zyklus der Gedichte, die Eberhard den Greiner und Ulrich be-
handeln — ohne mächtigen Eindruck. Und so weiter und so
weiter! Freilich, freilich gibt es mächtigere Eindrücke! Denn
wenn ich, Herr Schmidt, dem Eindruck, welchen Sie mir
machen, Ausdruck geben wollte, so würde das einen Ein-
druck hervorbringen, der bleibende Spuren hinterließe; einen
Eindruck, dem es an jenen „starken, sinnlich wahrnehm-
baren Strichen" nicht fehlen würde, die Sie bei Grimm ver-
missen !
Bd. IL S. 300.
Es geht unmittelbar nach der vorigen Stelle weiter über
Uhland : „Das ^ilt auch von seinen politischen Liedern ;
die Variationen über das gute alte Württemberger Recht
haben nicht mehr historischen Sinn, als seine spätere Stel-
lung in der Frankfurter Demokratie 1 ), wo er gegen den
*) Anm. d. Setzers. Armer Uhland ! Gib es ein- für allemal
auf, es Herrn Julian Schmidt recht zu machen ! Wenn du in
deinen Liedern festhältst an dem bestehenden histori-
schen Recht — so ist das „ohne historischen Sinn".
Wenn du, um diesen Fehler zu verbessern, von dem bestehenden
Rechte ablassend, dich zu den Forderungen des modernen Ge-
dankens entwickelst, wenn du mit deinem Volke dich auf das
Prinzip der Volkssouveränität stellst, in der Meinung, dies sei
eben „historisch", daß jetzt dies Prinzip in der Geschichte
Platz greife, so ist das wieder „ohne historischen Sinn", ja
es ist (s. Jul. Schmidt II, S. 202) „sanskülottisch, zerfahren,
ungeschichtlich". Gib es auf, unglücklicher Greis, nach Herrn
Schmidts Billigung zu streben! Der Lorbeer blüht dir nicht!
302
engeren Bundesstaat war, weil er in der Stimme eines
jeden Österreichers das Rauschen des adriatischen Meeres
zu vernehmen glaubte" 2 ).
2 ) Rechenexempel: Wenn in dem mächtigen und poeti-
schen Bilde, welches der große patriotische Sänger gebrauchte,
in der Stimme eines jeden österreichischen Deputierten zu
Frankfurt ihm das Rauschen der Adria entgegenschwoll —
welcher Pfütze Unkentöne sind dann in dem ßgexexoa^,
xoat; eines gewissen Literarhistorikers erkennbar?
Bd. II. S. 301.
Immer weiter über Unland, unmittelbar nach den vor-
her angeführten Worten: „Auch wo seine Seele am mei-
sten bewegt ist, z. B. in dem schönen, kleinen Frühlings-
lied : „Nun muß sich alles, alles wenden," ist es nicht
eine bestimmte individuelle Empfindung, die
zu den Gegenständen herantritt, sondern es
sind die Gegenstände selbst, die in süßer Emp-
findung zittern. Der Dichter ist nur ein Wiederhall
von den Klängen der Natur."
Anm. d. Setzers. Herr Schmidt, ich bitte Sie, lassen Sie sich
nur einen Augenblick, so inkonsequent das freilich von Ihnen
wäre, zu dem allergewöhnlichsten Denken herbei ! Damit die
individuelle Empfindung eine bestimmte, konkrete, sei, muß
sie ja vorerst an die Gegenstände, geistige oder
sinnliche, herangetreten sein und sich an ihnen ent-
zünden. Nur das Ineinander der individuellen Empfindungs-
fähigkeit und der geistigen oder sinnlichen Gegenstände
bildet die bestimmte individuelle Empfindung. Eine indivi-
duelle Empfindung, die noch ohne ihren Gegenstand fertig ist
und so zu ihm „herantritt", das wäre ja die leere Empfindelei
der schönen Seele, die eines Gegenstandes überhaupt nicht be-
darf und ihm, auch wenn sie zu einem solchen herantritt, nur
eine willkürliche, seine Natur verkehrende Gewalt antut. Also
die bestimmte individuelle Empfindung, Herr Schmidt, er-
303
zeugt sich erst dadurch, daß sie sich mit dem Gegenstande in
eins setzt. —
Und ferner, Herr Schmidt, habe ich mir sagen lassen, daß,
wenn schon einmal von Naturpoesie die Rede ist, gerade
die höhere Entwicklung derselben darin bestehen soll, daß
der gegenständlichen Natur selbst das Leben und die Empfin-
dungen des menschlichen Gemüts eingehaucht werden. Auf diese
Weise bemächtigt sich der Dichter in der Form der Vorstel-
lung der innern Einheit, welche zwischen dem mensch-
lichen Geiste und der scheinbar toten Natur besteht,
und statt „nur ein Wiederhall von den Klängen der Natur" zu
sein, macht er vielmehr die Natur zu einem Wiederhall von den
Klängen des bewegten Herzens. Das ist vielleicht zu hoch für
Sie, Herr Schmidt !
Doch vielleicht kann ich sowohl das früher wie das zuletzt
Gesagte in seinem Zusammenhange wie in seinem Unterschied
voneinander Ihnen durch ein einfaches Beispiel ganz klar
machen. Angenommen, ich ginge dazu über, Ihnen, wie ich
früher sagte, den Ausdruck des Eindrucks zu applizieren, den
Sie mir gemacht haben. Würde dann nicht, um mich möglichst
Ihrer eigenen Worte zu bedienen, Ihre „individuelle Empfin-
dung" erst dadurch zu einer „bestimmten", daß der von mir
geschwungene „Gegenstand" an Sie „heranträte" ? Sie wären
freilich dann ein bloßer „Widerhall von den Klängen der
Natur". Immerhin aber wäre es selbst dann noch nicht dieser
Gegenstand, trotz seiner Schwingungen — Täuschung, Herr
Schmidt! — sondern Sie wären es, der „in süßer Empfindung
erzitterte" 1
Bd. IL S. 301.
„Bei Uhland tritt uns niemals eine bedeutende
Individualität, niemals ein mächtiger Strom
der Empfindung entgegen."
Anm. d. Setzers. Wie ? Bei allen Heiligen, Herr Schmidt !
Bei Uhland kein mächtiger Strom der Empfindung?! — —
Doch ja, Sie verstehen Ihr Handwerk von Grund aus! Sie
wissen, diese aberwitzigen, absprechenden Paradoxien, diese
vornehm wegwerfende Manier, diese sinnlosen, aber mit fabel-
304
hafter Sicherheit hingestellten Unerhörtheiten sind es gerade,
die geeignet sind, dem großen Haufen zu imponieren, ihm als
ein selbständiger Denker zu erscheinen und einer Literatur-
geschichte vier Auflagen zu verschaffen. Und wenn dies nur
gelingt, was kümmert Sie das übrige? O, Sie verstehen Ihr
Handwerk von Grund aus, ganz wie Strepsiades in den Wolken
und wörtlich auf Sie gemacht scheinen die Verse, die
Aristophanes ihm in den Mund legt:
„Tituliere mich dann nach Belieben die Welt
Frech, naseweis, grob, maulfertig, infam,
Unflat, Aufschneider und Lügenschmied,
Rechtsfälscher, mit allen Hunden gehetzt,
Schwadroneur, Windfahne, Fuchs, Klappermaul,
Nasrümpfler, Scherwenzler, aufdringliche Klett',
Aas, Neidhard, Galgenstrick, Lumpenhund
Mag, wem es beliebt, auf der Gasse mir nach
Diese Titel schreien : Nur zugeschimpft !
Meinetwegen verhackt
Mich zu Würsten, bei der Demeter, und gebt
Sie den Herrn Philosophen zu fressen !
(Aristophanes, Wolken, V. 442.)
Bd. IL S. 509.
„Im Begriff des Pantheismus durchkreuzen sich zwei
entgegengesetzte Anschauungen. Der Pantheismus Spi-
nozas zerdrückt alle Individualität unter dem eisernen Ge-
danken der Notwendigkeit ; er gibt einem edlen Geist die
Gewalt der Entsagung, aber er ist eher dazu geeignet, ihn
gegen das individuelle Leben gleichgültig zu machen, als
ihm Interesse dafür einzuflößen. Der indische Pantheis-
mus dagegen — und dieser war es, der sich in der deut-
schen Mystik geltend machte — sieht in allem Lebendigen
das Göttliche und läßt in der Andacht, die er gegen das
einzelne hegt, die allgemeinen Ideen unter-
gehen."
20 Lassalle. Ges. Schriften. Band VI. 305
Anm. d. Setzers. O Sie Nachtseite der Natur, welchen Wahn-
sinn Sie da wieder zusammenschreiben! Das also ist Ihre
Art, Andacht gegen einen Gegenstand zu hegen, daß Sie in
ihm „die allgemeinen Ideen untergehen" lassen? Dann
ist freilich alles klar ! Dann erklärt sich auf das Natürlichste
Ihre ganze Literaturgeschichte. In der Andacht, die Sie
gegen die deutsche Literatur hegen, mußten Sie dann „die all-
gemeinen Ideen untergehen" lassen, und so ist es denn
ganz notwendig und nicht mehr zu verwundern, daß Ihre Lite-
raturgeschichte zu dem wurde, was sie eben ist, zu einem
Buch, in dem alle Ideen untergegangen sind.
Dies stimmt also, und ich kann mir nun denken, daß Sie
bei der stupenden Ideenlosigkeit, die ich in Ihrem Buche nach-
weise, triumphierend ausrufen werden : Bloßer Beweis meiner
Andacht !
Gut! Aber wenn das Ihre Art von Andacht ist, so nehmen
Sie meinetwegen ein Patent darauf — doch das haben Sie ja
eben durch Ihre „Literaturgeschichte" schon genommen — wie
aber kommen Sie dazu, auch andern diese Art von „Andacht'
unterzulegen? Andere Menschen lassen sich gerade in der
„Andacht", die sie gegen einen Gegenstand erfüllt, die „all-
gemeinen Ideen aufgehen". Dies ist das wirkliche
Wesen der Andacht, Herr Schmidt, der menschlichen,
nicht der belletristischen. Wie kommen Sie nun dazu,
Herr Schmidt, die alten Inder, den „indischen Pantheis-
mus", zu Belletristen zu machen? Was ist das überhaupt
für eine seltsame Krankheit, die Sie haben, in einemfort von
Dingen zu sprechen, von denen Sie auch nicht das Aller-
geringste verstehen ? Doch freilich, Sie haben recht ! Wenn Ver-
stehen zum Sprechen notwendig wäre — wovon sollten Sie
denn da sprechen? Sie müßten ja zum reinen Trappisten
werden. Soll ich Ihnen aber eine kleine Ahnung beibringen, wie
reizend Sie den „indischen Pantheismus" charakteri-
sieren ? Soll ich Ihnen zeigen, Herr Schmidt, wie sehr der
„indische Pantheismus in der Andacht, die er gegen das Ein-
zelne hegt, die allgemeinen Ideen untergehen läßt"?
Also in aller Kürze, Herr Schmidt:
Haben Sie jemals etwas von den Upanishads gehört,
dieser Grundlage der indischen Theologie und des indischen
306
Pantheismus ? Nehmen Sie also meinetwegen die Fragmente, die
Coolebrooke daraus mitteilt, in der Übersetzung von Pohley,
und lesen Sie ein wenig im Kät'haka Upanishad, im
dritten Gesang V. 10.
,, Höher als die Sinne, sind die sinnlichen Gegenstände; höher
als diese ist das Herz ; höher als das Herz ist die Vernunft,
höher als diese der große Geist. V. 11. Höher als der große
Geist ist das Unentfaltete (der Same des Universums), höher
als dieses ist der höchste Geist (Purusha, der alles erfüllt) ;
nichts ist über diesem, er ist die Grenze, er ist die höchste
Stufe!"
Oder nehmen Sie das vierte Brähman'am aus dem Vriha-
däran'yakam, das Gespräch zwischen Jag'nyavalkya und seiner
Frau Maitreyi, V. 13: „Maitreyi erwiderte: O Ehrwürdiger,
du bringst mich in Verzweiflung (wenn du sagst) in jener Welt
ist kein Bewußtsein des Einzelnen! — Jener sprach:
Ich sage dir nichts Verwirrtes, ich will es dir erklären. Da wo
Zweiheit ist, da riecht der eine ein anderes, da sieht der eine
ein anderes, da hört der eine anderes, da spricht der eine zu
einem andern, da denkt der eine ein anderes, da erkennt der
eine ein anderes ; wenn aber jemand im Zustande der Erkennt-
nis ist und weiß: der Geist ist alles, durch welche Ursach
und was könnte er dann noch riechen oder hören, oder zu einem
andern sprechen oder denken oder erkennen" etc. etc. etc.
Sehen Sie, Herr Schmidt, so gehen „dem indischen Pan-
theismus in der Andacht, die er gegen das Einzelne
hegt, die allgemeinen Ideen unter"!!!!
Bd. I. S. 257 1 ).
Da sich Schiller bemühte, die Schilderungen dem
Stoffe anzupassen 2 ), so ist man oft über seine Sympa-
thien im unklaren gewesen 3 ). Die ausführliche Schilde-
rung des katholischen Rituals im Gang nach dem Eisen-
hammer hat nicht weniger als die Kommunionsszene in der
Maria Stuart manchen wohlmeinenden Kritiker verführt,
dem Dichter katholische Neigungen unterzuschieben 4 ) ; be-
trachten wir aber aufmerksam diese Beschreibung der
20» 307
Messe, wo Fridolin dem Priester die Stola und das Cin-
guium umgibt, bald rechts und bald links kniet und genau
aufmerkt, um immer zur rechten Zeit zu klingeln, so wird
uns ein ironischer Zug nicht entgehen 5 ). Freilich paßt
dieser ironische Zug wieder nicht zur Tendenz des Ganzen.
Nach mittelalterlichen Begriffen handelte der Graf von
Savern weise, als er durch den verhängnisvollen Tod Ro-
berts sich von dessen Schuld überzeugen ließ, und in
einem alten Volksliede, das die Geschichte unbefangen
erzählt, würden wir sie uns gefallen lassen ; aber bei dieser
ausführlichen Beschreibung können wir das Gefühl der
Absurdität nicht unterdrücken 6 ).
*) Anm. d. Setzers. So weit war ich gekommen, Herr Schmidt,
als ich mir sagte, daß in dem Pantheon der deutschen Götter-
gestalten, denen Sie, wie die Araber den ägyptischen Götter-
bildern, die Nasen absäbeln, noch eine, mir fast vor allen teure
fehle, die Statue meines geliebten Schillers ! Auch das war sehr
natürlich. Denn, wie ich Ihnen bereits S. 246 gestanden, es war
mir nur der zweite Teil Ihres Werkes zu Händen gekommen,
Schiller aber müßten Sie der Zeitfolge nach schon in dem
ersten Bande betrampelt haben. Was war zu tun. Auch noch
den ersten Teil Ihres Werkes lesen? Schauderbar! Unmöglich!
Nicht um alles hätte ich je wieder ein Buch von Ihnen in die
Hand nehmen mögen! Und hätte ich selbst den Mut besessen,
meine Aufopferung so weit zu treiben — was wäre die Folge
gewesen? Die Ihnen gewidmete Zeit hätte dann von mir ver-
doppelt werden müssen und das Resultat wäre noch dazu ge-
wesen, daß dies Büchlein ein für den Leser ungenießbares
Volumen erlangt hätte. Denn sicher hätte ich mich dann wieder
von neuem mit steigendem Ingrimm und wachsender Erbitte-
rung Seite für Seite durch den ersten Band hindurchgelesen,
und hätte ich auch denselben Grundsatz walten lassen, wie bei
dem zweiten Bande, nämlich von dreißig Stellen haarsträuben-
den Blödsinns immer nur eine aufzunehmen, so hätte dies
Büchlein dadurch dennoch eine Ausdehnung bekommen müssen,
die es zu einem dickleibigen Buche aufgeschwellt hätte.
308
In dieser Not wandte ich mich an einen Freund
„und zeigt' ihm alle meine Seelenwunaen !"
Ich bat ihn, das Kreuz auf sich zu nehmen, vor dem ich
zurückbebte, und mir aus dem ersten Bande Ihres Werkes zwei
oder drei Stellen zur Charakterisierung Ihres Verhaltens zu
Schiller zu liefern. Ich schämte mich freilich, daß ich von
ihm verlangte, sich ein Leid anzutun, das ich nicht mehr den
Mut hatte, mir selbst zuzufügen. Allein ich wies darauf hin,
daß alle menschliche Kraft ihre Grenze hat, daß ich schon
durch die Lektüre Ihres zweiten Bandes gerädert sei, während
er so glücklich sei, noch keine Zeile von Ihnen gelesen zu haben ;
ich wies endlich auf den Zweck der Sache hin und blickte mit
kummervollen Mienen zu Boden.
Dieser Edle und Gute — es wird das bis zu den fernsten
Zeiten als das rührendste Beispiel von Freundestreue zitiert
werden, gegen welche die gegenseitige Aufopferung in der Bürg-
schaft zu einer lächerlichen Kleinigkeit herabsinkt, — sah
meine Leiden, und war gerührt! Er versprach mir, welche
Selbstüberwindung er auch zu bestehen haben möge, mir die
gewünschten Stellen über Schiller zu liefern. Er verlangte dafür
nichts als die Erlaubnis einige dieser Schillerstellen, unter
dem Namen meines Weibes, selbst kommentieren zu dürfen.
Und warum hätte ich ihm diesen glorreichen Titel oder dies
gute Recht der Ehehälfte verweigern sollen, Herr Schmidt?
Seien Sie überzeugt, ich hätte wochenlang durch alle Salons
Berlins laufen können, bis ich ein wirkliches Weib gefunden
hätte, das sich, Ihren Wert kennend, zu diesem Opfer her-
gegeben. O, glauben Sie, Herr Schmidt, wie hoch ich auch die
Weiber stelle — dieses wahnsinnigen Fanatismus ist nur das
asketische Pflichtgefühl der Männer fähig.
Also erlauben Sie, daß ich die Formalia in Ordnung bringe
und zur Vorstellung schreite : Herr Schmidt, das Setzerweib !
Das Setzerweib, Herr Schmidt !
So — nun kann die Sache losgehen, seien Sie unbesorgt,
Herr Schmidt, Sie werden nichts dabei verlieren, daß ich mich
für eine kurze Zeit zurückziehe. Sie werden sehen, meine Frau
schreibt einen so kräftigen Stil, daß, wenn Sie Ihnen alle fünf
Finger ihrer zarten Hand ins Gesicht legt, Sie schwer werden
309
unterscheiden können, ob es die Pfote einer Frau oder eines
Mannes ist.
Und nun, liebes Weib, will ich dich mit dem Segen ent-
lassen, den Pluton dem Äschylos gibt:
Nun froh des Gedeihens zeuch hin, liebes Weib,
Zieh hin und rett' uns die teuerste Stadt
Durch sinnige Rede und züchtige scharf
Die Betörten; gar viel sind ihrer im Land
Und
(Strick, Schwert und andere Werkzeuge zum Selbstmord dar-
reichend)
dies hier gib meinem Julian ab.
(Frei nach den Fröschen des Aristophanes.)
2 ) Das Setzerweib: Das klingt so, als ob Sie, Herr
Schmidt, wenn Sie eine Ballade schrieben, den Stoff der Schil-
derung anpassen würden. Nicht von der Geschichte oder von
einer Geschichte, nicht von dem Lebendigen spricht Schiller in
der Stelle, die Ihnen dunkel vorgeschwebt zu haben scheint:
Wenn das Tote bildend zu beseelen,
Mit dem Stoff sich zu vermählen,
Tatenvoll der Genius entbrennt :
Da, da spanne sich des Fleißes Nerve,
Und, beharrlich ringend, unterwerfe
Der Gedanke sich das Element.
3 ) Ich nie. Schillers Sympathien gelten immer dem, was gut
und schön ist.
Ihm gaben die Götter das reine Gemüt,
Wo die Welt sich, die ewige, spiegelt,
Er hat alles gesehen, was auf Erden geschieht,
Und was uns die Zukunft versiegelt:
Er saß in der Götter urältestem Rat
Und behorchte der Dinge geheimste Saat.
Wenn Sie aber die Sympathien für die eine oder die andere
christliche Konfession, für den einen oder den andern Kate-
chismus meinen, so erlaube ich mir, Sie daran zu erinnern, daß
die Wortklauber bis diesen Tag darüber streiten, ob Shakespeare
Katholik oder Protestant gewesen.
310
Es soll der Sänger mit dem König gehen,
Sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen.
4 ) Wohlmeinende Kritiker? Nein, Herr Schmidt, große
Dummköpfe müssen das gewesen sein. Ich weiß nicht, wer sie
sind, wie sie heißen, denn es ist jetzt das erstemal, daß ich
etwas über Schiller lese; aber den Schiller selbst habe ich
ordentlich gelesen und meinen gesunden Menschenverstand lasse
ich mir von keinem Doktor abdisputieren. In der Ballade be-
schreibt der Dichter eine katholische Messe und in dem Trauer-
spiel eine katholische Kommunion ; wie soll er die denn anders
beschreiben, als gemäß der katholischen Weise ? Soll er etwa
den Fridolin die Dienste eines protestantischen Küsters ver-
richten und die Maria ihre Beichte nach dem Katechismus
Lutheri ablegen lassen ? Und warum nennen Sie denn solche
Dummköpfe „wohlmeinend" ?
5 ) Aha, jetzt merke ich, weshalb jene Kritiker „wohl-
meinend" sind ; ich hätte es freilich schon an dem Worte
„unterschieben" merken können. Wohlmeinend, weil stramme
Protestanten, wie Sie, Herr Schmidt, einer sind, und ein
wenig Jesuitenriecher. Wenn Schiller die Messe beschrieben
hätte in keiner andern Absicht, als eine Messe zu beschreiben,
so würden auch Sie, Herr Schmidt, katholische Sympathien
an ihm herausgeschnüffelt haben. Aber Sie haben eine noch
feinere Nase als jene „Wohlmeinenden" ; in dem verdächtigen
Weihrauchsdampfe wittern Sie ein klein wenig Teufelsdreck
von Ironie. Schiller beschreibt nur deswegen die Messe so aus-
führlich, um sich darüber lustig zu machen, Ihnen und allen
guten Protestanten und wahren Kunstrichtern zur Erquickung!
Ich weiß nicht, worüber ich mich mehr wundere, über Ihren
Mangel an Urteil, was die Komoosition der Ballade betrifft,
oder über die Roheit der Vorstellungen, die Sie von Schiller
haben. Lesen Sie das Gedicht noch einmal ganz und nehmen
Sie Ihre Gedanken zusammen. So gering ich von Ihren Fähig-
keiten denke, so will ich Ihnen doch zutrauen, Sie werden da-
hinter kommen, daß der lange Verzug Fridolins erklärt oder,
wie Sie es auszudrücken lieben, „der Phantasie nahe gebracht
werden" muß. und daß das in der Welt nicht besser geschehen
kann, als durch eine ausführliche Beschreibung der mancherlei
Dienste, die er dem Priester zu leisten hat. Daß überdies jene
311
Stelle einen wesentlichen Zug zu dem Bilde Fridolins liefert,
das werden Sie allerdings nicht begreifen, und wenn man Sie
mit der Nase darauf stieße.
6 ) Wer verursacht Ihnen das Gefühl der Absurdität? Der
Graf von Savern ? Nein, der kann es nicht sein, denn Sie sagen
ja, nach den Begriffen seiner Zeit habe er weise gehandelt,
also muß es der Dichter sein. Und weshalb erscheint Schiller,
oder das, was er geschrieben hat, Ihnen absurd ? Kommen Sie
mir zu Hilfe; ich bin nur eine einfache Frau, aber Sie haben
ja auch nicht für die Gelehrten geschrieben, die, wie ich höre,
so wenig auf Ihre Werke geben, daß dieselben nicht einmal
für die Königliche Bibliothek angeschafft worden sind. Helfen
Sie mir, Herr Schmidt ! Sie stellen gegenüber ein altes Volks-
lied, das die Geschichte unbefangen erzählt — das wollten
Sie sich gefallen lassen — und die ausführliche Beschreibung
in einer modernen Ballade — die verursacht Ihnen das Ge-
fühl der Absurdität. Worin steckt denn der Gegensatz ? Es
scheint darin, ob die Beschreibung ausführlich oder nicht aus-
führlich, lang oder kurz ist; eine lange Beschreibung erscheint
Ihnen absurd, eine kurze nicht. Aber gibt es denn nicht alte
Volkslieder mit recht ausführlichen Beschreibungen von Vor-
gängen, Zuständen und Vorstellungen, die uns heute fremd sind,
in des Knaben Wunderhorn zum Beispiel ? Und wie kann
etwas, was an sich verständig ist, durch die Ausführlichkeit
der Darstellung absurd, und umgekehrt etwas, was an sich ab-
surd ist, durch die Kürze der Darstellung verständig werden?
Oder steckt der Gegensatz etwa darin, daß das Volkslied alt
und die Schillersche Ballade neu ist? Wollen Sie sagen, daß
die Geschichte von Fridolin sich überhaupt nicht zum Gegen-
stande eines modernen Gedichtes eignete, daß die Poesie nur
Stoffe wählen dürfe, die in der Zeit oder doch in den Vor-
stellungen der Zeit spielen? Nein, Herr Schmidt, das können
selbst Sie nicht meinen. Aber, potz Fingerhut! wo denn sonst
steckt der Gegensatz ? Vielleicht darin, daß das alte Volks-
lied „unbefangen" und die Schillersche Ballade — ja was
denn, ist ? In Ihrem Kopfe scheint ein Gegensatz gegen das
„Unbefangen" existiert oder doch geflimmert zu haben; aber
in dem Satze, den ich eben unter dem Trennmesser habe, fehlt
er. Was können Sie im Sinne gehabt haben ? Befangen ? oder :
312
mit Reflexion ? oder Tendenziös ? Richtig ! ein paar Zeilen
zuvor sprechen Sie von der „Tendenz des Ganzen", Sie sagen
freilich nicht, was diese Tendenz sei : aber Sie bezeichnen sie
als eine solche, die zu dem Spott (dem von Ihnen entdeckten
Spotte Schillers) über die Gläubigkeit Fridolins und den Ritu9
der katholischen Kirche nicht passe; das heißt, als Schillers
Tendenz erscheint Ihnen, und auch mir, das Bestreben den
Hergang so zu erzählen, wie er den gläubigen, katholischen
Zeitgenossen erschien : das heißt, Schiller hat den Hergang un-
befangen, wie in einem alten Volksliede erzählen wollen. Wo
also, ich frage zum vierten Male, wo steckt der Gegensatz ?
Was gibt Ihnen das Gefühl der Absurdität? Ich denke, ich
habe es. Sie haben sich gesagt: wenn ich, der Dr. Julian
Schmidt, Verfasser dieser wundervollen Literaturgeschichte,
der Gemahl der schönen Kunigunde wäre, würde ich in Roberts
Schicksal ein Gottesurteil sehen? Nein, wäre nicht so absurd 1
Würde ich, wenn ich ihr Lieblingspage wäre, ihr zu Gefallen
bei der Messe ministrieren und zur rechten Zeit klingeln?
Nein ! oder ich würde wenigstens eine Grimasse dabei schneiden.
Und das, Herr Schmidt, gibt mir Licht über manche andere
Stelle Ihrer Literaturgeschichte, die ich über meines Mannes
Schulter weg gelesen habe. — Gott, was einem der Mensch
mit den paar Zeilen für Arbeit gemacht hat ! Da wollte ich ja
lieber zehn Docken verhedderter Floretseide abwickeln.
Bd. I. S. 443.
Über Maria Stuart: „Zu begreifen ist es wohl, daß
bei jener Begebenheit, wenn man sie aus dem historischen
Zusammenhange reißt, das natürliche Gefühl sich auf Seite
Marias schlägt ; auch durfte der Dichter die gerechte
Entrüstung über einen Justizmord nicht abschwächen, allein
der tragische Ernst wäre erhöht worden, wenn er uns durch
geschichtliche Motivierung der Untat über die
nackte Nichtswürdigkeit der persönlichen Eifersucht hin-
weggeführt hätte. Elisabeth wurde nicht bloß durch per-
sönliche Motive, sondern durch sehr beherzigenswerte
313
Gründe der Staatswohlfahrt angetrieben, Marias Tod zu
wünschen. Noch war das Andenken der blutigen Maria,
die dem Moloch der alleinseligmachenden Kirche so zahl-
reiche Opfer geschlachtet, in aller Herzen, Englands Heil
stand auf dem Spiele, wenn Maria Stuart den Thron be-
stieg : und das Ereignis lag nicht außer dem Bereich der
Möglichkeit. Die Dolche katholischer Meuchelmörder be-
drohten das Leben der weisen Königin, und nach ihrem
Tode war Maria die rechtmäßige Erbin. Der Dichter
verschweigtdieseBedenkenkeineswegs, aber
er prägt sie nicht der Einbildungskraft ein.
Das Setzerweib: Also die geschichtliche Motivierung
der Hinrichtung fehlt ; der erste Satz besagt das, wenn er über-
haupt etwas besagt. Aber nein, die geschichtliche Motivierung
ist da ; der letzte Satz besagt das, wenn er überhaupt etwas
besagt. Sie sei nur nicht .der Einbildungskraft eingeprägt, mäkeln
Sie. Haben Sie denn das Stück, das Sie zermäkeln, je ge-
lesen? Ich kann's nicht glauben. Lassen Sie sich erzählen, wie
Schiller die „Bedenken", sollte heißen die politischen Gründe,
die für die Hinrichtung sprechen, unserer Einbildungskraft ein-
prägt.
Akt II, Szene 3 sagt
Burleigh.
Wenn du deinem Volk
Der Freiheit köstliches Geschenk, das teuer
Erworb'ne Licht der Wahrheit willst versichern,
So muß sie nicht mehr sein. — Du weißt es,
Nicht alle Briten denken gleich:
Noch viele heimliche Verehrer zählt
Der römsche Götzendienst auf dieser Insel. —
Dir ist von dieser wütenden Partei
Der grimmige Vertilgungskrieg geschworen,
Den man mit falschen Höllenwaffen führt. —
Von dort (von Reims)
Ist schon der dritte Mörder ausgegangen,
Und unerschöpflich, ewig neu erzeugen
Verborgne Feinde sich aus diesem Schlünde.
314
Und in dem Schloß zu Fotheringhay sitzt
Die ew'ge Ate dieses Krieges, die mit
Der Liebesfackel dieses Reich entzündet. —
— Dies Geschlecht der Lothringer erkennt
Dein heilig Recht nicht an ; du heißest ihnen
Nur eine Räuberin des Throns.
Und in der unmittelbar folgenden Szene:
M o r t i m e r.
Auch eine Bulle, die Papst Sixtus jüngst
Vom Vatikane gegen dich geschleudert,
Kam eben an zu Reims, als ich's verließ :
Das nächste Schiff bringt sie nach dieser Insel.
Leicester.
Vor solchen Waffen zittert England nicht mehr!
Burleigh.
Sie werden furchtbar in des Schwärmers Hand.
Nun ich dächte, Herr Schmidt, das wären Gründe genug
und der Einbildungskraft hinlänglich eingeprägt. Aber es kommt
noch besser ; in der 8. Szene dringt der Glaubensschwärmer
Mortimer in den von der Liebesfackel entzündeten Grafen
Leicester :
In Euren Händen ist die Macht: Ihr bringt
Ein Heer zusammen, wenn Ihr nur den Adel
Auf Euren vielen Schlössern waffnen wollt !
Maria hat noch viel verborgne Freunde:
Der Howard und der Percy edle Häuser.
Ob ihre Häupter gleich gestürzt, sind noch
An Helden reich, sie harren nur darauf,
Daß ein gewalt'ger Lord das Beispiel gebe 1
Weg mit Verstellung! Handelt öffentlich!
Verteidigt als ein Ritter die Geliebte !
Kämpft einen edlen Kampf um sie ! Ihr seid
Herr der Person der Königin von England,
Sobald Ihr wollt. Lockt sie auf Eure Schlösser,
Sie ist Euch oft dahin gefolgt.
Sieht Ihre ästhetische Einbildungskraft nicht das alles schon
vorgehen? Kommt Ihr literarhistorisches Gedächtnis Ihnen
nicht mit Kenilworth zu Hilfe ? Zittert Ihre protestantische Seele
315
nicht bei dem Gedanken, die Liebe — sie ist eine mächtige
Triebkraft, Herr Schmidt, — könne den Grafen zu dem ver-
wegenen Unternehmen bringen? Nachdem er so den Zuschauer
— mich dünkt, mit großer Überlegung — vorbereitet hat, führt
der Dichter im dritten Akte — merken Sie wohl, Herr Schmidt,
im dritten Akte — diese Szene vor.
Paulet.
Verschließt die Pforten. Zieht die Brücken auf!
M o r t i m e r.
Oheim, was ist's?
Paulet.
Wo ist die Mörderin?
Hinab mit ihr ins finsterste Gefängnis !
M o r t i m e r.
Was gibt's? Was ist geschehen?
Paulet.
Die Königin!
Verfluchte Hände! Teuflisches Erkühnen!
M o r t i m e r.
Die Königin ? Welche Königin?
Paulet.
Von England!
Sie ist ermordet auf der Londoner Straße !
M o r t i m e r.
Sie ist ermordet,
Und auf den Thronvon England steigt Maria!
Freilich, ,,der Stoß ging fehl", er traf nicht die Königin;
aber in wessen Einbildungskraft er nicht dringt, wessen Ein-
bildungskraft er das nicht „einprägt", was Burleigh mit einem
Anklang an Konradin und Karl von Anjou der Elisabeth gesagt:
„Ihr Leben ist dein Tod, ihr Tod dein Leben",
dessen Einbildungskraft muß mit einer Ochsenhaut bekleidet
sein, Herr Schmidt. Nein! Sie können das Stück nie gelesen
haben über das Sie so anmaßlich nörgeln. Und doch, Sie
müssen es gelesen haben; denn das, was Schiller nach Ihrer
Ansicht hätte tun sollen, ist ja gerade das, was er getan hat,
das, was Sie über die politischen Motive der Hinrichtung
sagen, ist ja nur eine magere Bettelsuppe, die Sie aus stie-
bitzten Schillerschen Brocken gekocht haben.
316
Welter über Maria Stuart : „Wir hören, wie das Volk
Marias Tod verlangt, wie Burleigh, der weise Staatsmann,
darauf dringt, allein wir erfahren nicht den Grund 1 ). Hier
durfte der Dichter, ohne das Recht des poetischen Gefühls
zu beeinträchtigen, die Handlung aus dem Gebiet des ge-
meinen Verbrechens in das Gebiet sittlicher Konflikte 2 )
1 ) Das Setzerweib: Wir erfahren nicht den Grund?
Darauf habe ich nur ein Wort zu sagen : Unverschämt !
2 ) Was das wieder für eine verfitzte Docke ist! Aber ich
verdanke Schillern soviel reine Freude, daß mich um seinet-
willen auch eine größere Mühe nicht verdrießen sollte. Ich
werde das widrige Gespinst, was Sie um diese Tragödie ge-
wickelt haben, geduldig entwirren und den Faden zu einer zier-
lichen Seidenschnur drehen. Und wenn ich Ihnen, Herr Doktor,
dann die Schnur zuschicke, so wissen Sie doch, was ich damit
sagen will ? Also „hier" (d. h. bei der Forderung des Volkes
und dem Rate Burleighs) „durfte der Dichter" (d.h. hätte
er dürfen) die Handlung aus dem Gebiet des gemeinen Ver-
brechens in das Gebiet sittlicher Konflikte übertragen. Wenn
Worte einen Sinn haben und wenn das Vorangegangene und
das Nachfolgende einen Zusammenhang mit dem Satze hat, so
heißt das : bei Schiller bleibt die Handlung auf dem Gebiete
des gemeinen Verbrechens, ist die Hinrichtung der Maria moti-
viert allein durch die Eifersucht der Elisabeth. Unverschämt!
Neunmal unverschämt, Herr Schmidt. Und das hätte der Dich-
ter tun dürfen, sagen Sie, „ohne das Recht des poetischen Ge-
fühls zu beeinträchtigen". Worin besteht dies Gefühl, Herr
Schmidt? Ist es dasselbe, was Sie oben das „natürliche Ge-
fühl" genannt haben, das Mitleid mit der Maria ? Und ist
„poetisches Gefühl" nur ein unglücklicher, ein sehr unglück-
licher, ein an einem Literarhistoriker unverzeihlicher Ausdruck
für das Gefühl, welches die Dichtung, diese Dichtung, in
uns erregt? Ich finde keinen andern Sinn. Und Sie halten es
für nötig, erst noch zu sagen, daß das Mitleid nicht geringer
sein würde, wenn Maria Gründen der Politik, als wenn sie der
Eifersucht zum Opfer fiele? Für welche Sorte von Lesern
schreiben Sie denn eigentlich, Herr Doktor? Etwa für unser
317
übertragen. Er mußte in Burleigh den protestan-
tischen Fanatiker zeichnen, der von dem Glauben
seiner Kirche oder von der Idee des Staatswohles so
durchdrungen war, daß ihm, wie allen Fanatikern, der
Zweck die Mittel heiligte ; dem katholischen Enthusiasten
Mortimer mußte der protestantische 3 ) entgegengestellt
Kindermädchen Rieke — sie ist noch nicht eingesegnet, Herr
Schmidt — die über Wachstuchmordgeschichten mit dem zin-
noberroten Blutstrahl ihre hellen Tränen weint ! Rezensieren
Sie doch künftig lieber die Leierkastentexte, z. B. :
Kunz, ein Mann von gutem Stande,
Lebt am Swinemünder Strande,
Trank und schlug zum Zeitvertreib
Mit der Faust nach seinem Weib, —
und belehren Sie den Verfasser, daß auch durch sittliche Kon-
flikte Mitleid erregt werden könne, Sie Magister Altklug, Sie
Krät Sie. Ich bin nämlich aus Pommern, Herr Schmidt, und
wenn Sie nicht wissen, wat e Krät is, so lesen Sie die Er-
klärung in Reuters Hanne Nute un de lütte Pudel. S. 87.
3 ) Also Schiller hat den Burleigh nicht richtig gezeichnet.
Sie würden ihn anders zeichnen, Sie würden ihn zu einem pro-
testantischen Fanatiker und fanatischen Staatsmann gemacht
haben; oder drücke ich Ihren Gedanken richtiger aus, wenn ich
sage, zu einem protestantischen und staatsmännischen Fana-
tiker? Als Sie das schrieben, waren Sie nur Protestant, seit-
dem sind Sie auch Staatsmann geworden. Ich verstehe von
Politik nichts, aber mein Mann hat mir hin und wieder ein
gutes Geschichtswerk zu lesen gegeben, und ich habe immer ge-
funden, daß die großen Staatsmänner nicht Glaubensfanatiker
waren, und daß die Fanatiker, katholische wie protestantische,
nie Staatsmänner geworden sind. So Richelieu — Sie erlauben
doch, daß ich den neben Sie stelle? — Friedrich II. und Lord
Palmerston, in den Sie einst so verliebt waren, — es fielen
mir nämlich, als ich Rauchwürste einwickeln wollte, einige alte
Nummern der „Grenzboten" in die Hände. Ja, mit Cromwell,
der wohl in Ihrem Gehirn geflimmert hat, als Sie den Satz
schrieben, war es nicht anders. Die „guten" Protestanten, die
318
werden. — Nun male man sich aus, daß es diesem Manne
(dem Mortimer) gelingt, Maria zu befreien, das Reich
in Aufruhr zu bringen, den Protestantismus zu stürzen;
man male sich ferner das Gefühl aus, daß diese Möglich-
keit in der Seele eines protestantischen Staatsmannes er-
regen mußte, und man wird sich die Figur Bur-
lei ghs richtiger vorstellen, als sie der Dich-
ter gezeichnet hat 4 ).
von Ihrer Sorte, Herr Schmidt, haben stets einen Mangel von
Fanatismus an ihm herausgeschnüffelt. Gott segne die Partei,
die Sie zu ihrem Großsiegelbewahrer gemacht hat !
4 ) Daß ich mir das Gemälde Schillers nicht weiter aus-
zumalen brauche, und daß ich es mir noch weniger von Ihnen
will ausmalen lassen, der sich dazu schickt, wie ein Stuben-
anstreicher zur Ausführung eines Raphaelschen Kartons, darüber
haben wir schon gesprochen. Aber eins muß ich Sie noch fragen :
welchen Burleigh würde man sich denn mit Hilfe solcher An-
streicherei richtiger vorstellen : den geschichtlichen, den Schiller-
schen oder einen, den Sie zur Welt gebracht haben könnten ?
Daß ich Ihnen übrigens schon bei diesem Falle die Methode
abgesehen habe, nach der Sie Schiller verbessern, werden
Sie weiterhin erfahren. Siehe S. 325.
Bd. I. S. 444.
„Den Richterstuhl, der ihr aufgedrängt werden soll,
erkennt sie nicht an" (Maria Stuart).
Das Setzer weib: Soll sie sich auf den Stuhl setzen oder
soll sich der Stuhl auf sie setzen ? I, Sie wären mir ja nicht
gut genug, meiner Kleinen des Abends Nachhilfestunden im
Deutschen zu geben. Und das will Schiller und Goethe das
Exerzitium korrigieren ! Mein Mut wächst, Herr Schmidt.
„Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen ver-
schlimmert,
Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!"
319
Bd. I. S. 328.
„Die Freunde (Goethe und Schiller) betrachten das
Theater nur als Mittel für ihren höheren Zweck,
die poetische Bildung der Nation."
Das Setzer weib: Aber, guter Herr Schmidt! Woher
haben Sie denn das abgeschrieben, aus welchem Sudelbuche,
aus dem Feuilleton welches löschpapiernen Wochenbiättchens ?
Und in welchem Zustande müssen Sie gewesen sein, als Sie
das abschrieben ? Daß Sie Schillers Werke nicht gelesen haben,
weiß ich schon, finde ich auch ganz natürlich. Alle die Schrift-
steller zu lesen, die Sie in diesen drei Bänden zergliedern,
hätte mehr Jahre erfordert als Sie Monate auf Ihrem Werke
zugebracht haben; und die Welt so lange auf Erleuchtung
warten zu lassen, konnten Sie nicht über das Herz bringen.
Sie haben noch so viel Großes zu vollbringen vor Ihrem Tode.
Als ich neulich im Handvverkerverein die neuesten Nummern
der „Grenzboten" durchblätterte, sah ich, daß Ihnen schon
wieder ein literarhistorisches Werk stückweise, wie ein Band-
wurm, abgeht. Aber die Inhaltsverzeichnisse der Bücher, über
die Sie schreiben, sollten Sie wenigstens ansehen, wenn Sie eben
einmal einen freien Augenblick haben ; und wenn Sie das bei
Schiller getan hätten, so würden Sie sich zweier Überschriften
erinnert haben von dem deutschen Theater und von der Bühne
als moralischer Anstalt, oder so ungefähr. Erlauben, Sie mir,
Ihnen, vielbeschäftigter Mann, für die fünfte Auflage Ihres
Werks eine kleine Arbeit abzunehmen und die schlagendsten
Stellen aus jenen beiden Aufsätzen für Sie abzuschreiben.
Schneiden Sie die folgenden Zeilen aus und kleben Sie sie mit
etwas Roggenmehl und Wasser zu S. 328 in Ihr Handexemplar.
„Das Theater tröste sich mit seinen würdigeren Schwestern,
der Moral und — furchtsam wage ich die Vergleichung —
der Religion, die, ob sie schon in heiligem Kleide kommen,
über die Befleckung des blöden und schmutzigen Haufens nicht
erhaben sind. Verdienst genug, wenn hie und da ein Freund
der Wahrheit und gesunden Natur seine Welt wiederfindet, sein
eigen Schicksal an fremdem Schicksal verträumt, seinen Mut
an Szenen des Leidens erhärtet und seine Empfindung an
Situationen des Unglücks übt. Ein edles unverfälschtes Gemüt
320
fängt neue belebende Wärme vor dem Schauplatz — beim rohen
Haufen summt doch zum mindesten eine verlassene Saite der
Menschheit verloren noch nach."
„Die Gerichtsbarkeit der Bühne fängt an, wo das Gebiet
der weltlichen Gesetze sich endigt. Wenn die Gerechtigkeit für
Gold verbündet und im Solde der Laster schwelgt, wenn die
Frevel der Mächtigen ihrer Unmacht spotten, und Menschen-
furcht den Arm der Obrigkeit bindet, übernimmt die Schau-
bühne Schwert und Wage und reißt die Laster vor einen
schrecklichen Richterstuhl."
„Aber ihr großer Wirkungskreis ist noch lange nicht ge-
endigt. Die Schaubühne ist mehr als jede öffentliche Anstalt
des Staats eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser
durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den
geheimsten Zugängen der menschlichen Seele."
„Aber nicht genug, daß uns die Bühne mit Schicksalen der
Menschheit bekannt macht, sie lehrt uns auch gerechter gegen
den Unglücklichen sein und rücksichtsvoller über ihn richten."
„Eine merkwürdige Klasse von Menschen hat Ursache, dank-
barer als alle übrigen gegen die Bühne zu sein. Hier nur hören
die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören, — Wahr-
heit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier — Menschen.
So groß und vielfach ist das Verdienst der bessern Bühne um
die sittliche Bildung; kein geringeres gebührt ihr um die
Aufklärung des Verstandes. Eben hier in dieser höhern Sphäre
weiß der große Kopf, der feurige Patriot sie erst ganz zu
gebrauchen."
Das und vieles mehr sagt Schiller über die Bühne, und Sie,
Herr Schmidt, haben sich weiß machen lassen, daß er sie „nur
als Mittel für — die poetische Bildung der Nation"
betrachtet habe! Das ist ein großes Malheur; aber es läßt
sich durch ein kleines Mittel gut machen: Streichen Sie in der
fünften Auflage das Wörtchen „nur" und Sie sind wieder der
große, der unfehlbare Julian.
(Die Aufsätze, auf die das „Setzerweib" hier verweist, sind
Jugendarbeiten Schillers, mehr als ein Jahrzehnt vor dessen
Freundschaft mit Goethe verfaßt. D. H.)
21 Lassalle. Ges. Schriften. Band VI 321
Bd. I. S. 433.
„Zur Zeit des Macbeth waren die Hexenprozesse in
vollem Gange ; Shakespeare hat die plump ge-
meinen Züge des Vo lksglaubens entfernt und
nur das Poetische beibehalten, denn er durfte auf die er-
gänzende Phantasie seiner Zuschauer rechnen. Unserer
Phantasie sind glücklicherweise diese Fratzen nicht mehr
so geläufig, und wenn sie uns nicht ganz unverständlich
bleiben sollen, so muß der Dichter etwas zur Ergänzung
tun."
Das Setzer w ei b. Shakespeare hat die plump gemeinen
Züge des Volksglaubens entfernt? Shakespeare, der die Hexen
in der 3. Szene des 1. Aktes so einführt:
l.Witch. Where hast thou been sister?
2. Witch. Killing swine.
3. Witch. Sister, where thou?
l.Witch. A sailor's wife had chesnuts in her lap,
And mounch'd and mounch'd and mounch'd. —
Give me, quoth I :
Aroint thee, witch! The rump-fed ronyon cries.
Her husband's to Aleppo gone, master o' the Tiger:
But in a sieve 111 thither sail,
And, like a rat without a tail,
I'll do, I'll do, 1*11 do.
2. Witch. I'll give thee a wind
l.Witch. Thou art kind.
3. Witch. An I another.
Sie verstehen doch Englisch, Herr Schmidt? Wenigstens
soviel, wie ich, eines armen Setzers Frau ? Ja so ! ich hatte
vergessen, daß Sie die Schriftsteller nicht lesen, über die Sie
schreiben. Aber um Gottes Jesu willen : wo können Sie nur
die unsinnige Behauptung her haben? Ich war schon vorhin auf
die Vermutung gekommen, daß Sie in Leipzig, wo Sie Ihr un-
sterbliches Werk geschrieben, des Abends in einer „Zeche
lustiger Gesellen" zu kneipen pflegten, die Ihnen für das Pen-
sum des folgenden Tages allerlei Schnurren aufgebunden. Aber
322
eben fällt mein Auge auf die vorhergehende Seite, 432, und
auf die Worte „Macbeths Hexen". Ich lese nach; und was
finde ich? Sie zitieren eine Stelle aus Goethes Abhandlung
über Shakespeare, die, wie Sie sagen, ,,viel goldne Worte ent-
hält". „Shakespeare," lautet die Stelle, „spricht durchaus an
unsern innern Sinn: durch diesen belebt sich sogleich die
Bilderwelt der Einbildungskraft, und so entspringt eine voll-
ständige Wirkung, von der wir uns keine Rechenschaft zu geben
wissen ; denn hier liegt eben der Grund von jenerTäuschung,
als begebe sich alles vor unsern Augen. Betrachtet
man aber die Stücke genau, so enthalten sie viel weniger
sinnliche Tat als geistiges Wort. Er läßt geschehen, was
sich leicht imaginieren läßt, ja was besser imaginiert
als gesehen wird. Hamlets Geist, Macbeths Hexen,
manche Grausamkeiten erhalten ihren Wert durch die Einbil-
dungskraft, und die vielfältigen kleinen Zwischenszenen sind
bloß darauf berechnet." Jetzt wird mir alles klar, Herr Schmidt.
Sie haben die Äußerung Goethes lesen müssen, wenigstens
die Worte, für Sie Wörter, aus denen sie besteht, weil sie
dieselben abzuschreiben hatten. Sie nahmen je ein halb Dutzend
Wörter mit den Augen auf und gaben sie mit der Feder von
sich. Dabei ist etwas in Ihrem Gehirn hängengeblieben, etwa
das, was ich unterstrichen habe, aber nicht genug, um den Sinn
der Stelle zu fassen.
Sie meinen, Goethe habe sagen wollen, daß Shakespeare es
der Einbildungskraft seiner Zuschauer überlassen habe, sich die
Figuren voller auszumalen, die er ihnen vorführt, daß er z. B.
von seinen Hexen „die plump gemeinen Züge des Volksglaubens
entfernt" habe, weil ja jeder Zuschauer diese Züge kenne und
sich hinzudenken werde. Aber, Herr Schmidt, Goethe sagt dem
aufmerksamen Leser das direkte Gegenteil, und selbst ein un-
aufmerksamer, wie Sie, hätte nicht in Ihr lächerliches Miß-
verständnis verfallen können, wenn er ein wenig von Shake-
speare wüßte. Goethe sagt — doch ich fürchte, es übersteigt
meine und Ihre Kräfte, Ihnen klar zu machen, was er sagt ; und
wozu brauchen Sie es denn auch zu wissen? Aber ein anderes
kann ich Ihnen klar machen, Herr Schmidt : daß ich sehr wohl
weiß, weshalb Sie so herablassend sind und Goethen die gute
Zensur geben, daß er „goldene Worte" gesprochen habe. Sie
»• 323
fürchten, es möchte jemand kommen und sprechen: was der
Schmidt über die Hexen im Macbeth sagt, ist höchst geist-
reich, aber er hat es von Goethe — annektiert. Für den Fall
wollten Sie sich die Antwort sichern: ich habe ja zu erkennen
gegeben, daß ich mit Goethe einverstanden bin; ich habe ja
seine Worte golden genannt. Welch ein kleiner Pfiffikus Sie
sind, Herr Schmidt! Aber in diesem Falle hätten Sie den
Kunstgriff sparen können; Sie haben nichts von Goethe —
annektiert; nur wer Ihr Buch liest, wie sie den Goethe ge-
lesen haben, könnte Sie eines Plagiats aus Goethe beschuldigen.
— Mein Zorn wächst, Herr Schmidt.
Bd. I. S. 446-449.
„Das Schicksal der Jungfrau" (von Orleans) „an sich
ist höchst tragisch," d. h. es enthält eine innere Notwen-
digkeit 1 ). Alle diese Momente eines tragischen
Geschickes sind in Schillers Tragödie zwar angedeutet,
aber nicht ausgeführt. Die innere Umwendung ihrer (?)
Stimmung verschwimmt zu sehr in dem Klingklang schöner
Verse, um uns mit der Gewalt einer unmittelbaren Wahr-
heit zu erschüttern! 2 )
*) Das Setzerweib: Also tragisch ist, was eine innere
Notwendigkeit enthält. Das Einmaleins, das Wachstum eines
Baumes enthalten eine innere Notwendigkeit; folglich sind sie
tragisch. Aber damit Sie mich nicht schikanös schelten, will ich
meine Beispiele von den Schicksalen der Menschen nehmen.
Daß ein Schriftsteller, der ebenso unwissend als unehrlich und
frech ist, von einigen Spießgesellen, die er lobhudelt, zu einer
Autorität hinauf gelobhudelt worden ist, doch endlich auf den
Lästerstein (im Lübischen Recht heißt es: „auf den Kak")
gesetzt, seiner gestohlenen Füttern entkleidet und mit Nesseln
und Ruten gestrichen wird, das hat eine innere Notwendigkeit,
ist aber nicht tragisch, Herr Schmidt.
2 ) Die drei Gedankenstriche in meinem Zitat vertreten neun-
undneunzig Zeilen Ihres Buches, von S. 446 — 449. Diese neun-
undneunzig Zeilen, ein hübsches Füllsel für Ihr Manuskript, die
324
abzuschreiben ich mich nicht überwinden kann, enthalten eine
Entwicklung des Charakters und der Seelenkämpfe der Jung-
frau. Der letzte Satz, den ich abgeschrieben habe, schließt
diese Entwicklung, wie bei der Maria Stuart mit einem Zwar
— Jedoch.
Was ich bei zwei Veranlassungen geargwohnt, das sehe ich
jetzt klar und das sage ich Ihnen nun auf den Kopf zu, Herr
Schmidt : Sie rezensieren die dramatischen Gestalten unserer
großen Dichter nach einem Rezept. Ich kenne dasselbe jetzt
und könnte jede inhaltreiche Theater- oder Romanfigur ebenso
geläufig rezensieren, wie Sie es tun, wenn ich das nicht unter
mir hielte. Hier ist das Rezept:
Schildere den Charakter, und drücke dich so unbestimmt aus,
daß es zweifelhaft bleibt, ob du die historische Figur schilderst
oder die Figur des Stücks oder eine Figur, die, eine ungeborne
Athene, noch in dem Schädel des Rezensenten wohnt; drücke
dich aber so geschickt aus, daß die Leser, die das Stück nicht
genau kennen, verleitet werden zu glauben, es sei von der dritten
die Rede, von der Figur, wie sie sein sollte. Verwende zu
dieser Schilderung die besten Züge und Farben der Figur des
Stücks, indem du gute Verse in schlechte Prosa übersetzest.
Weil es aber doch Leute gibt, die das Stück kennen und weil
einer von ihnen die Rezension lesen könnte, so flicke, einmal
vorn, einmal hinten, damit man die Methode nicht merke, ein
Sätzchen ein, daß der Dichter zwar das Richtige geahnt, je-
doch nicht gut oder nicht einprägend oder nicht ausgeführt
genug dargestellt habe. Kommt dann so ein unangenehmer Leser
und sagt: Plagiieren ist schlimm; aber plagiieren und das Pla-
giierte dem Bestohlenen als Muster vorhalten, das ist ein lite-
rarisches Verbrechen, für das es noch gar keinen Namen gibt!
— so deute würdevoll auf das Sätzchen mit Zwar, und du
bleibst ein ehrlicher Mann.
Auf den Kak! Auf den Kakl
Bd. I. S. 446.
„Die reine Kunst fordert unbedingte Wahrheit, eine
Wahrheit, die überall erkannt, begriffen und nachemp-
325
funden werden muß, wo es frei denkende und frei emp-
findende Menschen gibt, nicht eine gebrochene, durch indi-
viduelle Stimmungen vermittelte Wahrheit. Sie ist f e r -
ner unprotestantisch, denn sie stellt die Ein-
bildungskraft über das Gewissen."
Das Setzerweib: Wenn ich ein Glas Wasser vor mir
habe, so sagen mir meine gesunden Sinne, ob das Wasser klar
und rein, oder ob es trübe, übelschmeckend und übelriechend
ist. Von unreinem Wasser anzugeben, wodurch es verunreinigt
ist, das geht zuweilen über mein bißchen Haus- und Küchen-
chemie, denn das erfordert oft mannigfache Versuche und lang-
wierige Arbeiten. Mit Ihrem Satze oben erging es mir ähnlich;
ich sah, fühlte, daß er Unsinn enthalte, aber welcher besondere
Unrat darin stecke und woher Sie denselben bekommen, das
wußte ich nicht anzugeben. Ich zeigte also die Stelle unserm
Studenten — Sie kennen ihn schon, Herr Schmidt, er ist ein
braver Junge, keiner von den Brotstudenten, die schon auf der
Universität von Gehalt und Karrieren reden. Der prüfte sie
und gab mir diesen Bescheid:
Herr Schmidt muß einmal bei einem Schüler Kants ein
Kolleg über Ästhetik nicht gehört, sondern belegt, geschwänzt
und nach den mitgeschriebenen Notizen eines Kommilitonen
nachgeritten haben, aber nur die ersten Seiten. Da wird er denn
etwa dies gelesen haben. Weil das Schöne ohne alles Interesse
wohl gefällt, so muß es einen Grund des allgemeinen
Wohlgefallens für jedermann enthalten und also nicht,
wie das Angenehme, auf ein solches Sinnengefühl gegründet
sein, wonach jeder seinen eigenen Geschmack hat.
Und etwa dies : der Grund, daß man beim Schönheitsurteil um
jedermanns Beistimmung wirbt, ist die Idee eines Gemein-
sinnes, welcher als eine Wirkung des freien Spieles unserer
Gemütskräfte nur durch das Gefühl und nicht durch Begriffe
dasjenige bestimmt, was gefällt oder mißfällt. Solche Notizen,
meint der Student, hätten Sie in einem Anfall von dem prote-
stantischen Dummkoller, mit dem Sie behaftet seien, auf Ihre
Weise zurecht gemanscht. Hätten Sie das Kolleg ordentlich
bis zu Ende gehört, so würden Sie von Ihrem Kantischen Pro-
fessor erfahren haben, daß die wahre Bildung des Geschmackes
326
die Entwicklung sittlicher Ideen und die Bildung des sittlichen
Gefühles sei.
Was sie gestern gelernt, das wollen sie heute schon lehren,
Ach, was haben die Herren doch für ein kurzes Gedärm!
Bd. I. S. 449.
Immer noch die Jungfrau von Orleans. „Die Schilde-
rung der Landesnot, die nur durch ein Wunder gelöst wer-
den kann, ist unübertrefflich ; ebenso die Steigerung des
Affekts bis zum höchsten Ausbruch und die Färbung
des mittelalterlichen Kriegslebens. Diese lebendige Schil-
derung des Wirklichen hebt die übersinnliche Macht um
so glänzender hervor, und wenn es dem Dichter nicht ge-
lungen ist, das Wunder real darzustellen, so
schimmert doch in dieser Region, wo die Wirkung von der
Ursache nicht bedingt wird, verklärend der Geist eines
höheren Rechtes durch."
Das Setzerweib: Ich verstehe das nicht; wer mehr?
Bd. I. S. 258.
Schillers Lied von der Glocke wird verarbeitet : ,,Die
Symbolik der Glocke ist für ihn eine rein sinnliche, es ist,
als ob die Glocke nur zufällig, wie ein Naturlaut, bei
allen wichtigen Angelegenheiten des menschlichen Lebens
ihr? eherne Stimme vernehmen ließe. Daß die Glocke ein
Zeichen der Kirche, d. h. ein Symbol von dem Zusammen-
hang der irdischen und der überirdischen Welt ist, wußte
der Dichter wohl, aber eine eigentümliche Scheu hielt ihn
ab, es darzustellen 1 ). Wo es auf griechische oder katho-
lische Vorstellungen ankam, war er mit einer reichen
Mythologie bald bei der Hand, gleichviel ob er daran glaubt
oder nicht. Hier nun hätten sich die kirchlichen Vorstel-
lungen von selbst aufdrängen sollen, aber er scheuchte
327
sie zurück, und bei dem ernsten sittlichen Inhalt ist es
besser, daß der Dichter bei dem sinnlichen Klang eines
Glaubens stehen blieb, der ihm innerlich fremd war, wenn
auch seine Symbole ihn ahnungsvoll berührten, als wenn
er sich künstlich in eine gemachte Stimmung versetzt
hätte 2 ). Es war der damaligen Zeit nicht gegeben, die
Neigungen des Gemüts mit den sittlichen Überzeugungen
ins gleiche zu bringen; aus eigener Kraft ist es der Dich-
ter überhaupt nicht imstande 3 ), und doch wollen wir auch
diesen Ton der Glocke als eine warnende Stimme fest-
halten, die in das griechische Schattenreich eindrang und
die in süße Selbstvergessenheit gewiegten Künstler daran
erinnerte, daß es noch eine Wirklichkeit gebe 4 ).
1 ) Das Setzerweib:
Hoch über'm niedern Erdenleben
Soll sie im blauen Himmelszelt,
Die Nachbarin des Donners, schweben
Und grenzen an die Sternenwelt,
Soll eine Stimme sein von oben,
Wie der Gestirne helle Schar,
Die ihren Schöpfer wandelnd loben
Und führen das bekränzte Jahr.
Nur ewigen und ernsten Dingen
Sei ihr metaU'ner Mund geweiht,
Und stündlich mit den schnellen Schwingen
Berühr* im Fluge sie die Zeit.
Dem Schicksal leihe sie die Zunge;
Selbst herzlos ohne Mitgefühl,
Begleite sie mit ihrem Schwünge
Des Lebens wechselvolles Spiel.
Und wie der Klang im Ohr vergehet,
Der, mächtig tönend, ihr entschallt,
So lehre sie, daß nichts bestehet,
Daß alles Irdische verhallt.
2 ) Im Schatten kühler Denkungsart
Des Lebens Unverstand
328
Mit Wehmut zu genießen,
Ist Tugend, ist Begriff.
3 ) Wie schade, daß Sie nicht in der damaligen Zeit gelebt,
Herr Schmidt! Sie hätten dem Dichter dazu verholfen, und
vielleicht hätte ein anderer schon mir und meinem geplagten
Mann diese abscheuliche Arbeit abgenommen.
4 ) Bim bam ! Bam bim !
Bd. I. S. 521.
„Bei den klassischen Dichtern aller übrigen Nationen
gab das Gewissen des Volkes die Grundlage ihrer Emp-
findungen. Sie suchten es zu läutern und zu verklären, aber
nicht seinen eigentlichen Kern zu verwandeln. In unserer
klassischen Zeit dagegen war der Idealismus der Wirklich-
keit entgegengesetzt ; die Dichtkunst suchte ihre Ideale
d. h. ihr ästhetisches Gewissen bei den Heiden, bei den
Katholiken, bei den Griechen und Indiern, sie suchte
es in den Lehrbüchern der Physik und Chemie, in den
Mythen barbarischer Stämme, sie suchte es überall,
nur nicht im eigenen Vo 1 k e.
Das Setzerweib: Ich hatte mir in dem, was Sie über
Schiller sagen, noch viele Stellen angestrichen. Aber, Herr
Schmidt, ich habe Gardinen zu waschen, Kien in die Winter-
kleider zu stecken und unser Gärtchen zu bestellen ; und so
tief mich Dinge berühren mögen, die außerhalb vorgehen, das
Haus, meine ich, ist und bleibt für die Frau das nächste. Ich
will also mit der vorstehenden Stelle schließen und Ihnen ruhig,
so entrüstet ich bin als deutsches Weib und als Mutter, Ihnen
ruhig sagen, was ich von Ihrem Werke halte, und versuchen
über den einen Punkt, den ich vollkommen verstehe, besser als
Sie, Herr Schmidt, Ihnen in das „Gewissen" zu reden, von dem
Sie so viel schwatzen.
Ihr Buch oder jedes einzelne Kapitel desselben, das ich ge-
lesen habe, erscheint mir wie ein Bofist. Sie kennen die Pflanze,
Herr Schmidt? einen Pilz, der auf den Angern wächst, rund,
gedrungen, fest aussieht, auch einer anstreifenden Berührung
329
widersteht. Tut man aber einen derben Schlag darauf, paff,
platzt das Ding, heraus fliegt ein ekler, fauliger Staub, der
dem Vieh die Lungenfäule und den Menschen, die etwas da-
von ins Auge bekommen, Blindheit verursacht; und was übrig
bleibt, wenn der Staub, der aus Millionen von Sporen, von
Keimen des Unzeugs besteht, verflogen ist, das ist ein leerer
Balg garstig anzusehen.
Einen der Keime, mit denen Ihre Bofiste, ich meine, Ihre
Kapitel gefüllt sind, habe ich unter der Lupe, während ich
Ihnen ein paar Fragen vorlege.
Was soll diese Glaubensinquisition, die Sie mit Schiller vor-
nehmen? Hat er Ihnen nicht die Frage nach seinem Glauben
vorweg beantwortet?
— — „Welche Religion ich bekenne? Keine von allen,
Die du mir nennst. — Und warum keine? Aus Religion."
Weshalb schnüffeln Sie unaufhörlich an ihm herum nach
Katholizismus, nach Popery? Und weshalb verfahren Sie so
unehrlich dabei? Weshalb trachten Sie nach dem Ruhme, der
Titus Oates der deutschen Literaturgeschichte zu sein? Sie
beschnüffeln die Dichtungen Schillers, in denen katholische
Personen, katholische Zeiten dargestellt werden, und rümpfen
die Nase und zwinkern verdachtsvoll mit den Augen nach
einem, leider nur zu stark besetzten Glaubenstribunale, wenn
Sie Katholizismus gerochen haben. Aber nicht einmal alle
Dichtungen der Art beriechen Sie darnach, den Don Carlos
zum Beispiel nicht. Vollends von den Geschichtswerken Schil-
lers, von dem ruhigen Urteil über den Katholizismus und der
tiefen Entrüstung über seine Entartungen, die in dem Abfall
der Vereinigten Niederlande auf allen Seiten hervortreten,
nehmen Sie bei Ihrer Inquisition keine Notiz. Ist das ehrlich?
Und wozu dieser wüste protestantische Spektakel ? Luther
war ein Protestant, Calvin war ein Protestant, Wöllner war
ein Protestant, Strauß ist ein Protestant, Humboldt war ein
Protestant, Hengstenberg ist ein Protestant, der Steuerrendant
Merz zu Greiz x ) ist ein Protestant, Sie sind ein Protestant,
ich bin eine Protestantin. Alba war ein Katholik, Joseph II.
war ein Katholik, Pio Nono ist ein Katholik, Cavour war ein
1 ) Siehe Vossische Zeitung vom 13. April d. J., 1. Beilage.
330
Katholik, Garibaldi ist ein Katholik, Danton war ein Katholik.
Was treiben Sie mit dem Doppelsinn des Wortes Protestantis-
mus ein Spiel, das eine schlichte Frau, wie ich, durchschaut?
Was verhetzen Sie die Konfessionen der Vergangenheit, an-
statt an der Kirche zu bauen, sei es auch nur ein einziges
Steinchen zuzutragen, zu der unsere großen Dichter den Riß
gezeichnet, den Grund gelegt ? Sie sagen, unsere klassischen
Dichter hätten ihre Ideale bei den Katholiken gesucht, überall,
nur nicht im eigenen Volk ! Sie streichen ganz kühl die Katho-
liken aus dem deutschen Volke aus ! Sind Sie denn so unwissend,
daß Sie nicht einmal die Bevölkerungsstatistik Deutschlands
kennen ? Und wenn Sie wissen, daß unter den 44 Millionen,
die das Bundesgebiet bewohnen, 25 Millionen, also über die
Hälfte, römische Katholiken und nur I8V2 Millionen Prote-
stanten sind, wenn Sie das wissen, wie denken Sie sich dann
Ihr gothaisches deutsches Reich eingerichtet ? Ich will den Ge-
danken nicht weiter verfolgen, um nicht die Ruhe zu verlieren,
mit der ich noch als Mutter zu Ihnen zu reden habe.
Es ist heutzutage schwer, Kinder zu erziehen. Soll man sie
in die Polkakirche schicken oder in die andere Kirche am ent-
gegengesetzten Ende der Stadt, wo gepredigt wird, daß eine
ehrbare Frau nicht weiß, wohin sie ihre Augen wenden soll ?
Ohne Religion will man sie aber doch nicht aufwachsen lassen.
Ich gebe ihnen daher früh Schillers Gedichte in die Hände,
damit sie das Gute lieben und schön finden lernen; ich weiß,
wie ich selbst als Kind das Buch mit Freude und Ehrfurcht
angesehen. Und nun kommt einer und sagt, in der deutschen
Literatur :
— — — — gibt es kein Ding, als mich selber.
Alles andere, in mir steigt es als Blase nur auf.
Nun hätten die Kinder, wenn ich es nicht sorgfältig unter
Schloß hielte, schon in diesen Tagen Ihr Buch in die Hände
bekommen und erfahren, daß jemand Schillern wie einen
dummen Jungen korrigiert, und dieser jemand Sie, Herr Schmidt,
der sogar Erwachsene genug berückt hat. Gehen Sie in sich,
Sie Mann mit dem protestantischen Sündenbewußtsein, recht-
fertigen Sie sich durch gute Werke, kaufen Sie Ihr Buch auf
und lassen Sie es einstampfen !
331
Bd. I. S. 516.
„Aus einem unendlich kleinen Vorrat des Stoffes
hatte er (Schiller) eine sehr vielseitige Weltansicht ge-
wonnen, die selbst die Kundigen (!) zuweilen durch
ihre geniale Wahrheit überraschte. Daher seine lang-
same Entwicklung, daher aber auch sein fester Glaube
an die Gewalt des Geistes, dem die Wirklichkeit Unter-
tan sei.
Anm. d. Setzers. So, Herr Schmidt, nun wieder zu mir. Nicht
wahr, varatio delectat? Aber was haben Sie zu meinem Weib-
chen gesagt, Herr Schmidt? Ist es nicht ein Prachtweib? Die
wahre Eumenide! Und ich bin überzeugt, noch lange werden
Ihnen ihre Rachelieder ins Ohr tönen:
Ein Erinnyen-Festgesang
Tönt er. ohne Saitenspiel
Dürre Seuch' in Julians Herz.
(Nach Äschylos, Oresteia, V. 315.)
Dafür werde ich nun milde sein und Sie nicht mehr lange
Spießruten laufen lassen. Nur noch wenige Minuten gedulden
Sie sich für ein paar Studien, die ich noch an Ihnen zu machen
habe.
Also so „unendlich klein", nicht nur so „klein", sondern
so „unendlich klein" ist der Vorrat von stofflichem Wissen,
über den Schiller verfügt und aus dem er sich seine Welt-
ansicht bildete, die gleichwohl „selbst die Kundigen" —
und zu den „Kundigen" gehören natürlich vor allen auch Sie,
Herr Schmidt, Sie könnten ja sonst gar nicht wissen, daß
sein Wissensvorrat so „unendlich klein" war! — zuweilen
durch ihre geniale Wahrheit überraschte?
Also der Verfasser Wallensteins und des Dreißigjährigen
Kriegs, der Übersetzer des Euripides und der Kenner der an-
tiken Tragödie, die er in seiner Braut von Messina wieder-
zubeleben suchte, der gründliche Forscher der Schweizer-
geschichte, die er in seinem Teil so meisterhaft gestaltet, und
der Verfasser der Briefe über die ästhetische Erziehung hat
nicht etwa einen achtungswerten und ausgedehnten Wisaens-
332
horizont, der nur hier und da etwas tiefer sein könnte, sondern
er hat überhaupt nur einen „kleinen Vorrat" von stofflichem
Wissen. Ja, nicht nur einen „kleinen", sondern selbst nur einen
„unendlich kleinen Vorrat". Hm, hm! Ich begreife! Alles
im Leben ist relativ, und so wird denn, Herr Schmidt, der
Schillersche Wissensvorrat Ihnen nur deshalb so „unendlich
klein" erscheinen, weil Sie dabei, wie natürlich, von dem Ver-
gleichungsmaßstab Ihres eigenen unermeßlichen Wissensvorrats
ausgehen, den wir so gründlich kennen gelernt haben. Welche
Fernsicht sich also' dem Leser, der sich auf die Höhe jenes
Satzes emporgearbeitet hat, von da aus auf die unübersehbaren
Gletscherfelder Ihres eigenen Wissens eröffnen muß, wenn er
sieht, wie daneben der Vorrat des Schillerschen Wissens zu
einem „unendlich kleinen", zu einem kaum wahrnehmbaren
Punkte, zur unendlich kleinen Größe verschwindet !
Je nun, Herr Schmidt, mit Ihrem Wissenshorizont, der
sich, wie wir gesehen haben, gleichmäßig über alle Zeiten
und alle Dinge erstreckt und alle mit derselben Nacht
bedeckt — die sieben Weisen und den mittelalterlichen Schwa-
benspiegel, die Geschichte Roms und die Geschichte Griechen-
lands, die sich aus alten Nationalsagen entwickelt, den Arianis-
mus und das orthodoxe Glaubensbekenntnis und die Aufklärung,
den Dreißigjährigen Krieg und die deutsche Kulturgeschichte,
die Philosophie Fichtes und die Philosophie Hegels und den
indischen Pantheismus, die alte Symbolik und Mythologie, die
historische Schule und die Vertragstheorie etc. etc. etc. — mit
diesem Wissenshorizont wird sich allerdings nicht so leicht
jemand vergleichen. Sie haben das Wissen billig, verehrter
Mann! Sie könnten morgen über China schreiben und über-
morgen über die Hieroglyphen!
Aber wenn Sie nun schon einmal so ungroßmütig sind, sich
dieses Ihres natürlichen Vorteils über Schiller bedienen zu
wollen, begreifen Sie nicht wenigstens, daß es heißt, den Re-
spekt, den wir den größten Geistern der Nation schulden, bis
zur unerlaubtesten Schamlosigkeit verleugnen, wenn Sie
einen formellen und positiven Gegensatz machen zwischen
Schiller einerseits und den Kundigen andererseits. „Aus
einem unendlich kleinen Vorrat des Stoffes hatte Schiller eine
sehr vielseitige Weltansicht gewonnen, die selbst die Kun-
333
digen zuweilen durch ihre geniale Wahrheit überraschte."
Schiller wird also in einen positiven Gegensatz zu den
„Kundigen" gebracht; Schiller wird formell den Un-
kundigen eingereiht!
Indes, alle diese Fehler des Herzens wissen Sie doch wieder
sofort durch die eigentümliche Tiefe Ihres Geistes gutzumachen !
„Daher — fahren Sie fort; also weil er sich seine geniale
Weltansicht aus einem unendlich kleinen Vorrat von Stoff
bildete — seine langsame Entwicklung." Überraschend er-
staunlicher Geist, der Sie sind! Ich hätte bisher geglaubt, daß
derjenige, der sich seine Weltansicht aus einem unendlich
großen Vorrat von Stoff, aus einer genauen Detailkenntnis
der Dinge bilden will, langsamer zur Entwicklung derselben
käme oder kommen müßte, als derjenige, der sich begnügt, aus
einem unendlich kleinen Vorrat von Stoff, der eigenen
Genialität vertrauend, sie zu gewinnen. Sie wissen das ganz
anders und viel besser: Je weniger einer seine Weltansicht
auf gründliche Studien basiert, je mehr er sich dabei auf die
eigene Genialität verläßt, desto langsamer kommt er zu
einer fertigen Ansicht; je mehr einer darauf ausgeht, einen un-
endlich großen Vorrat von stofflicher Kenntnis zu ge-
winnen, um sich erst aus ihm seine Weltansicht zu bilden,
desto schneller ist er fertig. Bon ! Aber das ist noch gar nichts
gegen das nun Folgende!
„Es hängt Gewicht sich an Gewicht."
Sie fahren unmittelbar fort: „Daher — also immer wegen
seines unendlich kleinen Vorrats von Wissen — daher aber
auch sein fester Glaube an die Gewalt des Geistes, dem die
Wirklichkeit Untertan sei !"
Der Glaube an die Gewalt des Geistes, dem die Wirklich-
keit Untertan sei, oder der Idealismus ist also die Frucht
von — einem unendlich kleinen Wissen, wie wir früher
bereits gesehen haben, daß er (S. 49) *) „die Frucht einer viel-
jährigen Verbitterung" ist. Bald werden wir aber noch tiefer
über das Wesen des Idealismus belehrt werden.
- 1 ) S. 235 unserer Ausgabe. D. H.
334
Bd. I. S. 336.
Bei Beurteilung des Wallenstein: „Nun ist es Schiller
hoch anzurechnen, daß er der ästhetischen Objek-
tivität niemals das Gewissen opfert, daß für ihn
die Begriffe schön und gut immer zusammenfallen 1 ),
allein ein Fehler ist es, daß er diesen Satz nicht in
einem inneren dialektischen Prozeß darstellte 2 ),
sondern s o , daß die idealen Gestalten, außerhalb der
Handlung stehend, keinen anderen Ausweg wissen, als
aus der Welt zu verschwinden 3 ). Die Liebesepisode
wächst nicht organisch aus der übrigen Handlung, sie
spricht zu sehr die persönliche Überzeugung (!)
des Dichters aus. Solange nun Schiller sich dem gege-
benen Stoff anschließt, charakterisiert er durch
Farbe und Haltung die Zustände, aus denen seine
Ereignisse herauswachsen 4 ), und die individu-
elle Eigentümlichkeit der Personen so scharf wie Shake-
speare, wenn es uns auch bei dem knappen Stil Shake-
speares deutlicher wird 5 ). Allein wenn ihn sein Gefühl
übermannt, so daß er gewissermaßen aus seinen Charak-
teren heraustritt, so vernehmen wir wieder jene Stim-
mender Natur (!!), die sich in den Räubern und in
Don Carlos so außer allem Maß und Schick ausbreiteten.
Der Idealismus, der die Wirklichkeit nicht
achtet, schwärmt immer ins Blaue, er entfernt sich
von den individuellen Zuständen und bezieht sich
auf die hergebrachte Empfindungsweise der Zeit 6 ).
*) Anm. d. Setzers. So? Das erscheint Ihnen also als eine
besondere Eigentümlichkeit Schillers, daß er der
„ästhetischen Objektivität" niemals „das Gewissen
opfert", daß „für ihn" die Begriffe „schön und gut
immer zusammenfallen". Das ist so eine zu lobende
Schillersche Spezialität; denn eigentlich und bei andern
335
großen Dichtern — ergibt sich aus diesem Satze — sind dies
Gegensätze, fallen nicht zusammen! O, Herr Schmidt,
welche tiefe Kenntnis der Ästhetik birgt sich in den Falten
dieses Ihres Satzes! Und welcher Einblick in Ihr eigenes
Innere ergibt sich daraus! Denn wie gewissenlos muß Ihre
eigene „ästhetische Objektivität" und wie unästhe-
tisch muß Ihr Gewissen sein, wenn Sie das Zusammen-
fallen beider für etwas Besonderes bei Schiller nehmen,
nicht wissend, daß dasselbe vielmehr der unerläßliche ideale
Boden aller wahrhaften Poesie ist. Wenn Sie doch nicht loben
wollten, Herr Schmidt. Ihr Lob ist noch viel unerträglicher,
als Ihr Tadel!
2 ) Bim bam! Jetzt also kommt der Tadel nach: Das Lob
war überhaupt nur voraus geschickt, um ihn einzuleiten. Also
das ist „der Fehler" bei Schiller, daß er das Zusammen-
fallen der Begriffe Schön und Gut nicht „in einem innern
dialektischen Prozeß darstellt". Ob Sie wohl eine Ahnung
haben mögen, Herr Schmidt, von dem heitern Unsinn, den Sie
schreiben, um mit einem vornehmen Worte — „dialektischer
Prozeß" — Parade machen zu können, dessen Bedeutung Sie
nicht einmal verstehen? Wann würde denn das Zusammenfallen
der Begriffe Schön und Gut „in einem innem dialektischen
Prozeß dargestellt" sein? Dann, wenn ein Schönes, das
bei seinem Auftreten zuerst als schön, aber als ein Nicht-
Gutes, Schlechtes erscheint, sich zuletzt dennoch diesen
Schein abstreifend auch als das Gute enthüllte. Oder
dann, wenn ein Gutes, welches zuerst als gut aber als häß-
lich erschienen, ebenso durch die allmähliche Entwicklung
diesen Schein abwerfend sich dahin enthüllte, daß es auch das
Schöne sei.
In der Tat, ein ganz geeigneter Gegenstand für das Mär-
chen, den Roman und manche andere Dichtung. Aber für
das Drama, Herr Schmidt, welches es nicht mit Abstoßung
eines falschen Scheines und Selbstenthüllung, son-
dern mit Handlung zu tun hat, und noch dazu für das
klassische Drama, Herr Schmidt, welch geeigneter Gegen-
stand ! O Sie grundtiefer Ästhetiker !
3 ) Bim bam! Ist es denn aber wirklich erlaubt, Herr
Schmidt, einen so grausamen Blödsinn zusammen zu schreiben:
336
Haben Sie denn gar keine Ahnung von der absoluten Gedanken-
losigkeit, die sich in diese Wortflunkerei verbirgt ? Also :
Schiller stellt — und das ist sein Fehler — das Zusammen-
fallen der Begriffe von Schön und Gut nicht als einen dialek-
tischen Prozeß dar, „sondern so" stellt er das Zusammen-
fallen der Begriffe von Schön und Gut dar, „daß die idealen
Gestalten außerhalb der Handlung stehend keinen anderen Aus-
weg wissen, als aus der Welt zu verschwinden". Aber lieber Herr
Schmidt, dadurch, daß „die idealen Gestalten aus der Welt
verschwinden", wird doch nun und nimmermehr das Zusammen-
fallen der Begriffe Schön und Gut dargestellt! Also so,
„daß die idealen Gestalten aus der Welt verschwinden", hat
Schiller überhaupt nicht das Zusammenfallen der Begriffe von
Schön und Gut dargestellt oder darstellen wollen, sondern,
Sie Ritter vom Blödsinn, etwas ganz anderes hat Schiller
dadurch „daß die idealen Gestalten aus der Welt verschwin-
den" dargestellt. Was dieses andere sei? Nun, eine ganz
kurze Andeutung! Erstens hat er natürlich nicht ein Zusam-
menfallen, sondern einen Gegensatz durch dieses Ver-
schwinden der idealen Gestalten aus der Welt dargestellt. Und
zweitens weder das Zusammenfallen noch den Gegen-
satz der Begriffe von Schön und Gut, welche bei Schiller
vielmehr immer von Haus aus ganz identisch sind, sondern den
Gegensatz dieser identischen Begriffe von Schön oder Gut
einerseits — und der Wirklichkeit andererseits.
Wenn Sie die Schillerschen Tragödien begreifen wollen,
Herr Schmidt, was nicht so leicht ist, so hätten Sie zuvor seine
Gedichte begreifen müssen, was ebenfalls nicht so leicht ist.
Dann würden Sie gefunden haben, daß dieses „Verschwinden
der idealen Gestalten aus der Welt" in den Schillerschen Tra-
gödien sich von selbst auf den Grundton zurückführt, der auch
alle lyrische Poesie Schillers durchzittert, nämlich auf den
Gegensatz des Schönen und Guten — des Idealen —
und des Wirklichen.
Dieser Gegensatz ist es, welcher die gesamte Schillersche
Poesie charakterisiert und der eine Seite des eigentlichen
Standpunkts Schillers ausmacht.
„Was unsterbl.ch im Gesang soll leben,
Muß im Leben untergehen."
M Lassalle. Ge». ScLrift«. Band VI. 337
Ver9e aus den Göttern Griechenlands, welche also ganz die-
selbe Weltanschauung aussprechen, wie Thekla in ihrer Klage
um den Tod ihres Geliebten:
— Und wirft ihn unter den Hufschlag seiner Pferde,
Das ist das Los des Schönen auf der Erde.
Oder:
Er ist dahin, der süße Glaube,
An Wesen, die mein Traum gebar,
Der rauhen Wirklichkeit zum Raube,
Was einst so schön, so göttlich war.
Und:
„Nur der Irrtum ist das Leben
Und das Wissen ist der Tod."
Gerade so wie Wallenstein sagt, es sei ihm durch den Ver-
lust von Max das Schöne, der Traum untergegangen und
nur die gemeine Deutlichkeit der Dinge übriggeblieben.
Doch fühl' ich's wohl, was ich in ihm verlor,
Die Blume ist hinweg aus meinem Leben,
Denn er stand neben mir wie meine Jugend,
Er machte mir das Wirkliche zum Traum.
Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge
Den goldnen Duft der Morgenröte webend —
Im Feuer seines liebenden Gefühls
Erhoben sich mir selber zum Erstaunen
Des Lebens flach alltägliche Gestalten,
— Was ich nun ferner auch erstreben mag,
Das Schöne ist doch weg, das kommt nicht wieder.
Und am einfachsten können Sie sich durch „die Ideale"
hierüber unterrichten:
„Wie tanzte vor des Lebens Wogen
Die luftige Begleitung her.
Die Liebe mit dem süßen Lohne,
Das Glück mit seinem goldnen Kranz,
Der Ruhm mit seiner Sternenkrone,
Die Wahrheit in der Sonne Glanz.
Doch ach, schon auf des Weges Mitte
Verloren die Begleiter sich,
etc. etc. etc.
338
Und wenn Sie nun diesen Gegensatz des Schönen und Guten
und des Wirklichen bei Schiller tadeln wollten, so würden Sie
mit diesem Tadel nicht dies und das bei ihm treffen, sondern
Sie würden nirgends anders hintreffen als :
,, — — in seines Wesens tiefste Wesenheit."
(Platen.)
Denn dies ist eben die eine Seite des Standpunktes, welchen
Schiller in der Entwicklungsgeschichte des deutschen
Geistes darstellt und bedeutet. Sie würden dann also
tadeln, daß Schiller eben Schiller ist, daß er nicht Homer,
Sophokles, Shakespeare, Goethe, oder auch Julian Schmidt ge-
worden ist.
Damit Sie nun aber nicht wieder hingehen und sagen:
Schiller sei also nur ein Weltschmerzler gewesen, muß ich Sie
doch noch darauf aufmerksam machen, daß dies, wie ich Ihnen
bereits sagte, nur die eine Seite, das eine Moment des Schil-
lerschen Standpunktes bildet.
Die andere Seite ist nun die, daß es allerdings auch zu
einer Versöhnung jenes Kontrastes bei ihm kommt. Diese
Versöhnung ist für Schiller die Kunst und die Synonyma,
unter welchen er diese darstellt: der Schein („Scheine das
Schöne und flechte sich Kränze"), die Gestalt, die Form,
das Bild, der Gesang.
Aber frei von jeder Zeitgewalt
Die Gespielin seliger Naturen,
Wandelt oben in des Lichtes Fluren,
Göttlich unter Göttern, die Gestalt.
Od
er
Und
Nicht der Masse qualvoll abgerungen,
Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen
Steht das Bild vor dem entzückten Blick.
Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen
In des Sieges hoher Sicherheit,
Ausgestoßen hat es jeden Zeugen
Menschlicher Bedürftigkeit.
„Aber in den heitern Regionen,
Wo die reinen Formen wohnen,
«• 339
Rauscht des Jammers trüber Strom nicht mehr.
Hier darf Schmerz die Seele nicht durchschneiden,
Keine Träne fließt hier mehr dem Leiden,
Nur des Geistes tapfrer Gegenwehr",
so daß hier ,, — — des Erden lebens
Schweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt",
woraus sich als Konsequenz der tiefere Sinn der Verse ergibt:
„Wollt ihr schon auf Erden Göttern gleichen,
Frei sein in des Todes Reichen,
Brechet nicht von seines Gartens Frucht:
An dem Scheine mag der Blick sich weiden,
Des Genusses wandelbare Freuden
Rächet schleunig der Begierden Flucht."
Die Kunst selbst ist also nach Schiller die höhere und
wahre Realität, in welcher jener Kontrast überwunden und
versöhnt wird.
Sie ist wahre und bleibende Wirklichkeit, denn:
„Sehn wir doch das Große aller Zeiten
Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,
Sinnvoll still an uns vorübergehn."
Sie ist eine realere und bleibendere Wirklichkeit,
als die gemeine Wirklichkeit;
„Denn das ird'sche Leben flieht
Und die Toten dauern immer."
Und darum noch einmal :
„Was unsterblich im Gesang soll leben.
Muß im Leben untergehn."
Doch — es soll mir nicht einfallen, Herr Schmidt: hier
ernsthaft die tiefere Bedeutung Schillers zu entwickeln! Viel-
leicht tue ich dies ein andermal, an einem würdigeren Orte.
Aber in Anmerkungen zu Ihrem Gesudle — — es wäre fast
Versündigung an Schiller selbst ! Zudem :
„Mii werden, .sprach der Fiedler, des Panzers Ringe kühl,
Ich spüre Morgenwinde, die Nacht reicht an ihr Ziel."
(Nibelungenlied, 31.Abent.)
4 ) Jedes Ihrer Worte, Herr Schmidt, könnte einem Nerven-
schmerzen machen, jedes Ihrer Worte ist von der plumpsten
Unwissenheit iber die gesamten Gebiete, über die Sie schreiben,
gezeichnet! Sie lassen in Schillers Tragödien aus den „Zu-
340
ständen die Ereignisse herauswachsen". Dann wären
es — Epopöen, Herr Schmidt, nicht Tragödien!
Genau dies ist eben der Begriff des Epos! Die Tra-
gödie aber, Herr Schmidt, kennt überhaupt keine „Ereig-
nisse", sondern nur „Handlungen", und in ihr „wachsen
die Ereignisse nicht heraus" („organisch?" nicht wahr?), son-
dern sie entspringen aus der freien Innerlichkeit des
subjektiven Entschlusses, und dann wachsen sie am wenig-
sten „aus den Zuständen" heraus, gegen welche sie sich
vielmehr richten, sondern sie entspringen aus der Freiheit der
wollenden Menschen, jedes Ihrer Worte macht den Ein-
druck, als wenn man einen Fuhrmannsknecht mit dicken, nägel-
beschlagenen Stiefelabsätzen auf einer Statue von Phidias
herumtrampeln sähe ! Und dann, die schönen beiden Hälften,
in die Ihnen Schillers dramatische Meisterwerke zerfallen. Ent-
weder er tritt, wie Sie bald darauf behaupten, „aus seinen
Charakteren heraus", überläßt sich, wie Sie ihm vorwerfen,
einem tadelnswerten subjektiven Idealismus, oder aber er
„schließt sich dem gegebenen Stoff an". Ein schöner
Dramatiker wäre das, und ich wüßte nicht, was schlimmer und
undramatischer wäre! O, Herr Schmidt, Herr Schmidt, wenn
ich nur nicht so müde wäre!
5 ) Herr Schmidt! Ich bin müde, sterbensmüde! Meine un-
sterbliche Seele ist bis auf den Tod ermattet von Ihrem Ge-
wäsch! Aber mein Junge, der Bengel, kneipt mich, er will
durchaus noch einmal zu Worte kommen. Er läßt Sie fragen,
worauf denn jenes „es" geht? „Es wird bei Shakespeare deut-
licher." Was wird deutlicher? Da in dem vorhergehenden Satz-
teil, auf welchen das „es" zurückweist, kein Substantivum
generis neutrius vorkommt, auf welches sich das „es" zurück-
beziehen könnte, so greift, wie Ihnen bekannt sein sollte, dies
„es" den ganzen vorhergehenden Satz selbst als das Subjekt
auf, auf das es sich bezieht. Dieser vorhergehende Satz war,
daß : „Schiller die Zustände und Personen ebenso scharf charak-
terisiert wie Shakespeare." Indem nun das „es" auf diesen
ganzen Satz sich zum Subjekt macht, so kommt nun folgender
Sinn des Schlußsatzes streng grammatikalisch heraus: „Es wird
uns bei dem knappen Stil Shakespeares deutlicher, daß
Schiller ebenso scharf charakterisiert, wie Shakespeare." Ach,
341
Herr Schmidt, lernen Sie doch erst ein bißchen Grammatik,
damit Sie uns Ihren Blödsinn über Schiller wenigstens in einer
notdürftig richtigen Sprache vortragen können.
6 ) Mir, Herr Schmidt, sagen die „Stimmen der Natur",
daß es Zeit ist, zu Bette zu gehen und Ihnen gute Nacht für
immer zu sagen. Darum will ich den Blödsinn, der im obigen
enthalten, meinen Lesern selbst zur Verhöhnung überlassen.
Ein Leser, der bis hierher gekommen und noch immer meiner
Interpretation bedürftig wäre, wäre ohnehin nicht mehr wert,
daß ich mir noch mit ihm Mühe gebe.
Es geht unmittelbar nach den zuletzt angeführten Wor-
ten weiter: , .Solche Stellen sind es, welche Schillers
Dramen zuerst populär gemacht haben. Man hat sie in
der Knabenzeit sich eingeprägt und dann so lange
hin- und hergetragen, bis sie allen Gebildeten zum
Ekel geworden sind, und wenn man dann den Dich-
ter der Jugend lediglich aus dem Gedächtnis auffrischte,
verfiel man wohl in den Wahn : jener phrasenhafte
Idealismus sei das Charakteristische seiner Poesie."
Der Setzer nimmt die Maske ab, tritt an den Rand der
Orchestra und sagt ganz einfach und schlicht zum Publikum:
Wenn ein Volk eine solche Versündigung an allen seinen
edelsten und größten Geistern, wie sie in diesem Buch auf
jeder Seite, von der ersten bis zur letzten, zu finden ist, von
so jämmerlichen, unwissenden, sinn- und gedankenlosen Buben
erduldet, ohne diesen in jeder gebildeten Gesellschaft mit Ent-
rüstung die Tür zu weisen, so verdient es seinen Verfall.
Denn es zeigt dann die schmählichste Gleichgültigkeit und Teil-
nahmlosigkeit für alle geistige Größe der Nation.
342
»TS
4>
u
BQ
cd
■P
•H
<r
-p
6-1
•H
Fh
-C •
Ovo
CO
•
gm
ö
«
-P
Ö
<D
■P
DQ
(D
PQ
H W
-J (Ü-O
§
o
9
5
vO
CO
<3
o
rr»
CO
•J
Universityof Toronto
Library
DO NOT
REMOVE
THE
CARD
FROM
THIS
POCKET
Acme Library Card Pocket
LOWE-MARTIN CO. limited