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Full text of "Gesammelte Reden und Schriften"

N8S 



LASSALLE 

GESAMMELTE 

REDEN UND 

SCHRIFTEN 




„EX LIBR1/..DR ALFRED.. PLATZ 



UM 



Z$,2.&> 



FERDINAND LASSALLE 



GESAMMELTE REDEN 
UND SCHRIFTEN 



HERAUSGEGEBEN 

UND EINGELEITET 

VON 

EDUARD BERNSTEIN 



VOLLSTÄNDIGE AUSGABE 
IN ZWÖLF BÄNDEN 



VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN 
1919 



FERDINAND LASSALLE 



GESAMMELTE REDEN 
UND SCHRIFTEN 



HERAUSGEGEBEN 

UND EINGELEITET 

VON 

EDUARD BERNSTEIN 



SECHSTER BAND: 
PHILOSOPHISCH-UTERARISCHE STREIFZÜGE 



VERLEGT BEI PAUL CASSIRER, BERLIN 
1919 



ALLE RECHTE VORBEHALTEN 



DRUCK VON OSCAR BR ANDSTETTER, LEIPZIG 



INHALT 

Seite 

DIE HEGELSCHE UND DIE ROSENKRANZI- 
SCHE LOGIK UND DIE GRUNDLAGEN DER 
HEGELSCHEN GESCHICHTSPHILOSOPHIE 
IM HEGELSCHEN SYSTEM 15 

FICHTES POLITISCHES VERMÄCHTNIS UND 
DIE NEUESTE GEGENWART Ein Brief .... 53 

DIE PHILOSOPHIE FICHTES UND DIE 
BEDEUTUNG DES DEUTSCHEN VOLKS- 
GEISTES. Festrede, gehalten bei der am 19. Mai 
1862 von der Philosophischen Gesellschaft und dem 
Wissenschaftlichen Volksverein in dem Arnimschen 
Lokal veranstalteten Fichte-Feier 103 

GOTTHOLD EPHRAIM LESSING 153 

HERR JULIAN SCHMIDT, DER LITERAR- 
HISTORIKER mit Setzer-Scholien herausgegeben von 
Ferdinand Lassalle 189 



VORWORT. 

Dieser Band enthält die kleineren der in das Gebiet 
der Philosophie und der Literarhistorik fallenden Ar- 
beiten Lassalles. Sie sind alle in Berlin entstanden, nach- 
dem Lassalle am Abschluß der Jahre der Reaktion dort 
wieder seinen Sitz aufgeschlagen hatte. Aus allen spricht 
sein politischer Radikalismus, aus allen seine philo- 
sophisch-dialektische Ader. In die einen rein philosophi- 
schen Streit behandelnde und die höchste Kraft abstrakten 
Denkens zum Ausdruck bringende Abhandlung über die 
Logik Hegels und dessen Schülers Karl Rosenkranz flicht 
Lassalle Betrachtungen ein über die Notwendigkeit des 
Umschlagens der Monarchie in die Republik, und in 
der einen rein politischen Gegenstand behandelnden 
Schrift „Fichtes politisches Vermächtnis" sehen wir ihn 
das Problem der deutschen Einheit unter der Heran- 
ziehung der Lehre von der Selbstentwicklung des Begriffs 
und der Identität von Denken und Sein behandeln. Und 
nicht nur in den beiden Schriften, die Fichtes Namen 
auf dem Titel tragen, sondern auch in der Streitschrift 
wider den preußisch-liberalen Literarhistoriker Julian 
Schmidt spielen Ausführungen über Fichte eine sehr große 
Rolle. Es ist namentlich der Religionsphilosoph Fichte, 
dessen Sache Lassalle in der letztgenannten Schrift ver- 
ficht, wobei es sich ihm fast noch mehr darum handelt, ein 
Fichtes Lehren fälschendes Lob abzuweisen, als ihn gegen 
unberechtigten Tadel zu verteidigen. Und das hatte seinen 
guten Grund. 



Der politische Umschwung, der in Preußen mit der 
Regentschaft Wilhelms I. einsetzte und den Namen 
,,Neue Ära" erhielt, war für das oppositionelle Bürger- 
tum eine Epoche des Ausgleichs seines Streites mit der 
preußischen Krone, und die literarischen Verfechter dieses 
Ausgleichs, unter denen Julian Schmidt einer der ziel- 
bewußtesten war, suchten auch auf dem Gebiet der 
Geisteswissenschaften Vermittlungspolitik zu treiben, wo- 
bei sie deren Maßstab an die Werke der Größen der 
deutschen Literatur anlegten. Damit aber stießen sie bei 
Lassalle auf einen unversöhnlichen Gegner. 

Was immer Lassalle zeitweilig im Privatleben und in 
der politischen Praxis der Opportunität zugestanden hat, 
im Denken war er von einem unerbittlichen Radikalismus. 
In der Ideologie gab es für ihn keine Vermittlung, an 
der Idee ließ er, hierin der getreueste Schüler des großen 
Dreigestirns des deutschen philosophischen Idealismus, 
kein Rütteln zu. 

In klassischer Weise veranschaulicht dies der Vortrag 
über die Hegeische und die Rosenkranzische Philosophie, 
den Lassalle am 29. Januar 1859 in der Philosophischen 
Gesellschaft zu Berlin gehalten hat. Er zeigt ihn auf 
der ganzen Höhe seiner geistigen Ausbildung. Der Ab- 
bruch, den der durchaus nicht unbedeutende Hegelianer 
Rosenkranz wider seine Absicht dadurch an der Logik 
Hegels begangen hatte, daß er. in der Schrift ,,Die Wissen- 
schaft der logischen Idee" zwei scheinbar unwesentliche 
Glieder aus ihr beiseite ließ, konnte unmöglich mit größe- 
rer Schärfe abstrakt logischer Begriffsentwicklung bloß- 
gelegt werden, als es in dieser Abhandlung von Seiten 
Lassalles geschieht. Ihm in seinen Ausführungen zu fol- 
gen ist für jeden, der sich nicht gründlich in die Hegel« 
sehe Philosophie hineingearbeitet hat, eine ziemlich schwie- 

3 



rige, aber es ist keine undankbare Aufgabe. Gerade an 
dieser haarscharfen Kennzeichnung der verheerenden Wir- 
kungen, die das Übergehen zweier anscheinend nebensäch- 
licher Glieder des Gebäudes der Hegeischen Logik für 
diese nach sich zieht, offenbart sich deren großartige 
Architektonik viel anschaulicher, als es in einem rein 
darstellenden Referat geschehen könnte oder vielleicht 
bei Hegel selbst geschieht. Indes bleibt es in der Ab- 
handlung Lassalles nicht bei der rein begrifflichen De- 
duktion. Er läßt ihr die Illustration durch Beispiele aus 
der Geschichte folgen, die dem Leser ein klares Bild 
davon geben, wie die Hegeische Lehre von der Ge- 
schichte als der Selbstentwicklung des Geistes verstanden 
sein will. Freilich wird der genau Prüfende gerade an 
diesen Beispielen auch der Gefahren inne werden, welche 
dem Betrachten der Geschichte wie überhaupt der Wirk- 
lichkeit unter dem Gesichtspunkte der Selbstentwicklung 
des Geistes bzw. des Begriffes drohen. Aber es handelt 
sich hier nicht um die absolute Richtigkeit oder Un- 
richtigkeit des Hegeischen Entwicklungsschema selbst, son- 
dern um dessen richtige Erfassung und Würdigung. Und 
für diese ist die Lassallesche Abhandlung ein sehr wert- 
voller Wegweiser. 

Lassalle tritt uns da vollständig als Schüler Hegels 
gegenüber. Ob als Jung- oder Althegelianer möchte ich 
dahingestellt sein lassen. Die Grenzen sind da nicht leicht 
zu bestimmen. Gewiß führt Lassalle hier und auch sonst 
manchmal eine Sprache, die ihn als orthodoxen Althege- 
lianer erscheinen läßt. Es sei nur an die von mir schon 
gelegentlich veröffentlichte Bemerkung erinnert, die er 
gesprächsweise Karl Marx gegenüber machte, als dieser 
ihn 1861 besuchte: „Wenn du nicht an die Ewigkeit der 
Kategorien glaubst, mußt du an Gott glauben." Sie wurde 

9 



mir als ein Beweis für Lassalles Althegelianismus mit- 
geteilt und klingt wohl nach solchem. Bei näherer Be- 
trachtung wird man aber finden, daß sie nur eine andere 
Form ist für den bei fast allen Philosophen feststell- 
baren Gedanken einer Gesetzmäßigkeit im kausalen Zu- 
sammenhang des Natur- und Geschichtsgeschehens, und 
wer einen solchen nicht annimmt, für den bleibt allerdings 
keine andere Erklärung des Weltgeschehens übrig, als 
die Annahme eines jenseitigen und wollenden Allgeistes 
— Gott. 

Die Abhandlung ist ein Vortrag, den Lassalle in der 
Berliner Philosophischen Gesellschaft gehalten hat, und 
ist von dieser 1861 in der von ihr herausgegebenen Zeit- 
schrift „Der Gedanke" veröffentlicht worden (2. Band, 

S. 123«.}. 

Welches Ansehen Lassalle in dieser Gesellschaft genoß, 
bezeugt die Tatsache, daß sie ihn 1862 bei Gelegenheit 
der Jahrhundertfeier Fichtes zu ihrem Festredner be- 
stimmte. Lassalle entledigte sich der Aufgabe in der 
Rede ,,Die Philosophie Fichtes und die Bedeutung des 
deutschen Volksgeistes," über deren großen Wert als 
Vorführung des Geistes der Fichteschen Philosophie im 
Zusammenhang der Geschichte Deutschlands und seiner 
geistigen Entwicklung wie über ihre Ideologie wir uns hier 
auf das in der Vorbemerkung zu ihr Gesagte beziehen 
können. 

Keiner besonderen Würdigung an dieser Stelle bedarf 
ferner die Schrift „Fichtes politisches Vermächtnis". Sie 
ist sich mit Bezug auf ihren Zweck selbst Kommentar. 
Nur soviel soll gesagt werden, daß man in ihr aus der 
Feder teils Fichtes und teils Lassalles selbst manches 
zu lesen bekommt, was auch für unsere jüngste Ver- 
gangenheit bestimmt erscheinen könnte. Die Heftigkeit, 

10 



mit der Lassalle in dieser Schrift gegen den Föderalis- 
mus zu Felde zieht, ist aus der Natur der Gestalt zu er- 
klären, in der sich dieser zur Zeit ihrer Abfassung in 
Deutschland darbot, wo er die Vereinigung historischer 
Sonderrechte von Dynastien und Kleinstaaten bedeutet 
hätte. Auch stand Lassalle unter dem Einfluß der über- 
lieferten Geschichtsschreibung der französischen Revo- 
lution, wonach diese auf ihrem Höhepunkt einen abso- 
luten Zentralismus dargestellt hatte. Ein anderer, auf 
demokratischer Grundlage aufgebauter organischer Föde- 
ralismus kam für Deutschland noch nicht in Frage. Und 
daß der Föderalismus der noch sehr dünn bevölkerten 
Vereinigten Staaten um 1860 kein sicheres Beispiel für 
Europa abgeben konnte, wird man Lassalle um so mehr 
zugeben können, als jene damals noch vor dem Bürger- 
krieg mit den Südstaaten standen, dessen Ausgang erst 
die staatliche Einheit der Union einigermaßen befestigt 
hat. Grundsätzlich jedoch schießt Lassalles apodiktische 
Ablehnung des Föderalismus viel zu weit über das Ziel 
hinaus. 

Der Zeit seiner Entstehung nach ist der Aufsatz Las- 
salles ,, Gotthold Ephraim Lessing" die älteste der in 
diesem Bande vereinigten Schriften. Er ist, wie aus der 
Vorbemerkung zu ihm ersichtlich, obwohl erst 1861 ver- 
öffentlicht, schon im November 1858 verfaßt, bald nach 
Erscheinen der Lessing- Biographie Adolph Stahrs, des 
Gatten der vorzugsweise als Verfasserin von Romanen 
bekannten Schriftstellerin Fanny Lewald. Lassalle war 
mit dem Ehepaar befreundet, wie er denn überhaupt zu 
jener Zeit mit der Elite des geistigen Berlin in guten 
Beziehungen stand. Der philosophisch und politisch stark 
radikale Geist, der das Stahrsche Buch durchzieht, hatte 
Lassalle entflammt, und so widmete er ihm einen Auf- 

11 



satz, der einen begeisterten Hymnus auf das Werk und 
seinen Gegenstand — Lessing — bildet. In seinem ersten 
Teil feiert er Lessing als den geistigen Revolutionär, der 
für Deutschland auf dem Gebiete der Dramatik, der 
Kunstkritik, der Geschichte, der Religion und der Ethik 
das gewesen sei, als was Friedrich II. von Preußen auf 
dem Gebiete der Staatspolitik erschien : der Zertrümmerer 
wurmstichig gewordener bisheriger Heiligtümer. Mit 
Heine verherrlicht Lassalle in Lessing den Luther seines 
Zeitalters, der über das Vorbild bahnbrechend weit hin- 
ausging und es geistig durchweg überragte : den „durch 
keine religiöse Voraussetzungen mehr beschränkten 
Luther". Und Vorgänger Hegels ist ihm Lessing inso- 
fern, als ihm die Geschichte die Entwicklung des sub- 
jektiven Selbstbewußtseins ist, die Hegel dann 
als die Entwicklung des objektiven Geistes hinstellt. 
In Lessing rege sich ferner im Keim auch schon der 
politische Revolutionär, für den die Zeit aber noch 
nicht reif war. Und wenn Lassalle seinen Aufsatz in die 
Betrachtung ausmünden läßt: 

,,Die Geschichte kann eine fortlaufende Reihe von 
Dramen genannt werden, und die dramatische Situa- 
tionen von heut ist der von damals wieder äußerst ähn- 
lich geworden. Lessings eigenes großes dramatisches 
Gesetz aber war: ähnliche Situationen erzeugen 
ähnliche Charaktere," 

so kann man sich des Eindrucks nicht entschlagen, daß 
er für die damalige Zeit sich selbst als den Fortsetzer 
Lessings empfand. In der Tat gäbe es eine zu recht 
fruchtbaren Betrachtungen anregende Abhandlung, wollte 
einer die drei Kämpfer Luther — Lessing — Lassalle 
in Parallele stellen. 

12 



Ist die Schrift „Gotthold Ephraim Lessing" Erzeugnis 
der Zeit, wo sich Lassalle im literarischen Berlin einzu- 
leben begonnen hatte, so bezeichnet die Streitschrift „Herr 
Julian Schmidt, der Literarhistoriker" die Tage des be- 
vorstehenden Bruchs mit dessen größtem Teil. Sie richtet 
sich zwar in Schmidt gegen den literarischen Fahnenträger 
der altliberalen Partei, die in Berlin nur mäßigen Anhang 
hatte, während im breiten Bürgertum und in der Schrift- 
stellerwelt die Anhänger des demokratisch gerichteten 
Liberalismus überwogen. Aber als sie entstand — März 
1862 — hatte Lassalle doch auch schon mit sehr ein- 
flußreichen Vertretern der letzteren Richtung gebrochen, 
und das Vorwort zu ihr richtet sich gegen die liberale 
Presse im allgemeinen. Man kann sie als einen Vor- 
boten des Sturms ansehen, der bald zwischen Lassalle und 
der bürgerlichen Demokratie ausbrechen sollte. Aber zum 
Unterschied von dem nur wenige Wochen später gehal- 
tenen Vortrag „Das Arbeiterprogramm", der, so un- 
polemisch er im Ton gehalten ist, doch sachlich diesen 
Kampf einleitet, bewegt sie sich noch vollständig auf 
dem Boden des rein Literarischen. Über ihre Vorzüge und 
Mängel als literarische Streitschrift äußert sich die ihr 
beigegebene Vorbemerkung. Hier sei nur noch ausdrück- 
lich festgestellt, daß auch sie Zeugnis ablegt von dem 
reichen positiven Wissen Lassalles auf dem Gebiete der 
Philosophie. 

Im ganzen kann man die fünf in diesem Band ver- 
einten Abhandlungen als Nebenarbeiten und Nachträge 
bezeichnen zu den beiden großen Werken, die Lassalle 
seit seiner Rückkehr nach Berlin der Öffentlichkeit über- 
geben hatte, und von denen das eine — der Heraklit — 
direkt in das Gebiet der Philosophie hineingehört, das 
andere — das System der erworbenen Rechte — auf dem 

13 



Grenzgebiet der Rechtswissenschaft und der Rechtsphilo- 
sophie spielt. Zum Arbeitsplan Lassalles gehörte aber, 
wie wir aus seinen Briefen wissen, auch ein Werk über 
die Philosophie selbst. Daraus dürfen wir folgern, daß 
er Selbständiges über diese Wissenschaft sagen zu können 
glaubte, also in irgendeiner Weise über seine großen 
Lehrer Fichte und Hegel hinauszugehen gedachte und 
den Plan dazu schon im Kopf hatte. Zur Abfassung dieser 
Arbeit ist er nicht gekommen. Wenn sich nicht Vor- 
arbeiten zu ihr in seinen nachgelassenen Manuskripten 
vorfinden, wird man daher nach Fingerzeigen, in welcher 
Richtung Lassalles Weiterführung der Philosophie sich 
bewegt hätte, in den vorliegenden Abhandlungen zu suchen 
haben. Wohl sind sie in bezug auf die beiden genannten 
Denker nicht kritisch, sondern rein darstellend gehalten, 
sie lassen sie als Zeugen auftreten und verteidigen sie 
gegen falsche Interpretation. Aber auch aus der Art, wie 
er seine Vorgänger versteht und darstellt, mag der ge- 
schulte Philosoph den Geist von Lassalles eigener Theorie 
herauserkennen. 

Ed. Bernstein. 



14 



DIE HEGELSCHE UND DIE ROSENKRANZI- 
SCHE LOGIK UND DIE GRUNDLAGE DER 
HEGELSCHEN GESCHICHTSPHILOSOPHIE 
IM HEGELSCHEN SYSTEM 



VORTRAG 

GEHALTEN VON LASS ALLE 

IN DER SITZUNG DER PHILOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 

VOM 29. JANUAR 1859 



ZUERST GEDRUCKT IN DER 
ZEITSCHRIFT „DER GEDANKE", ORGAN DER 
PHILOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT ZU BERLIN, 
HERAUSGEGEBEN VON MICHELET, BERLIN 1861 



"*W»2 



Meine Herren, wenn mir die Aufgabe geworden ist, nach 
einem so eingehenden Vortrage, wie der des Herrn Profes- 
sors Michelet, mich meinerseits über die Logik von Rosen- 
kranz zu äußern : so versteht es sich von selbst, daß ich 
weder auf die Transzendenz, noch auf die sogenannte 
pantheistische Frage, noch auf irgend etwas von dem 
zurückkommen werde, worüber sich Herr Michelet bereits 
so ausführlich verbreitet hat. Daß mir gleichwohl eine so 
bedeutende Nachlese überhaupt noch möglich bleibt, liegt 
daran, daß Herr Michelet, wo er nun im Verlauf seines 
Vortrages auf die Rosenkranzische Logik übergeht, mehr 
nur die einzelnen Punkte derselben betrachtet und diese 
mit eingehender Schärfe zergliedert hat. Ich dagegen will 
mich hauptsächlich über die Alteration verbreiten, welche 
die Architektonik und Struktur der Hegeischen 
Logik bei Rosenkranz erlitten hat, also über das eigentlich 
prinzipielle und fundamentale Verhältnis, in wel- 
chem das wissenschaftliche Gebäude der Rosenkranzischen 
Logik zu dem der Hegeischen steht. Der bisher veröffent- 
lichte erste Band des Rosenkranzischen Werkes, die Lehre 
vom Sein und vom Wesen umfassend, ist aber derjenige, 
welcher in bezug auf die formale Struktur noch völlig mit 
der Hegeischen Logik übereinstimmt, mit Ausnahme einer 
ganz am Ende dieses Bandes vorgenommenen Änderung, 
welche jedoch wiederum erst in ihrer Verbindung mit der 

2 LwsaUe. Ges. Scbriften, Band VI. 17 



Lehre vom Begriff ihre wahre Explikation erlangt. Die 
wirkliche Veränderung der Hegeischen Logik und ihres 
allgemeinen Planes tritt also bei Rosenkranz erst mit der 
Lehre vom Begriff, d. h. im zweiten Band seiner Logik 
hervor. Könnte es eben deshalb noch auf den ersten 
Blick scheinen, als wäre die Kritik, die ich üben will, eine 
vorzeitige, so ist dies jedoch durchaus nicht der Fall. 
Denn in seiner 123 Seiten langen Einleitung gibt Rosen- 
kranz nicht nur, was an sich allein schon zur Ermöglichung 
einer erschöpfenden Kritik durchaus hinreichend wäre, die 
Einteilung an, die er der Lehre vom Begriff und von 
der Idee gibt, sondern er läßt sich daselbst, so wie am 
Ende des ersten Bandes und ohnehin in dem betreffenden 
Abschnitt seines „Systems der Wissenschaft" so ausführ- 
lich über die Verbesserungen vernehmen, die er mit dem 
dritten Teile der Hegeischen Logik vornimmt, daß das 
vollständigste Material zur Beurteilung vorhegt. 

Wir alle schätzen in Rosenkranz eines der geistvollsten 
und verdientesten Mitglieder der Hegeischen Schule. Allein 
das wird uns nicht hindern können, zumal da, wo es sich 
um die Logik und somit um das Fundament der Philosophie 
handelt, unserer Kritik alle die Schärfe zu geben, die im 
Interesse der Sache liegt. Wohl aber fühle ich mich deshalb 
gedrungen, der unpersönlichen und darum rücksichtslosen 
Kritik, die ich Ihnen vortragen werde, hiermit die warme 
Anerkennung vorauszuschicken, welche den mannigfaltigen 
Verdiensten, die sich Rosenkranz im Laufe seiner philo- 
sophischen Tätigkeit erworben hat, geschuldet wird. Diese 
Verdienste brauchen auch nicht bloß zu Rosenkranz' Gun- 
sten aus seiner Vergangenheit heraufbeschworen zu werden. 
Im Gegenteil ! Durch das gegenwärtige Werk hat er sich 
von neuem solche, und zwar im reichsten Maße, erworben. 
Ich spreche hier von den Beispielen, mit welchen Rosen- 

18 



kränz die Hegeische Logik allüberall bereichert hat — 
ein Verdienst, dessen Größe und Wichtigkeit kaum hoch 
genug anzuschlagen ist. Denn einerseits wird durch dies 
konkrete Material die Wahrheit und Lebendigkeit der logi- 
schen Stufen und Gesetze von neuem belegt und veran- 
schaulicht, und andererseits wird durch dieselben überaus 
häufig das tiefste Verständnis konkreter Wissenschaften 
und konkreter Verhältnisse erschlossen. Ich könnte Ihnen 
in dieser Hinsicht Belege anführen, welche Sie mit der 
höchsten Anerkennung erfüllen würden. Allein wenn es 
ein Unrecht wäre, eine Kritik der Rosenkranzischen Logik 
zu geben, ohne Rosenkranz hierfür die wärmsten Huldi- 
gungen auszusprechen : so ist ein näheres Eingehen hierauf 
durch die mir gestellte Aufgabe, über das prinzipielle und 
fundamentale Verhältnis der Rosenkranzischen Logik zu 
der Hegeischen zu berichten, ausgeschlossen ; und ich kann 
um so eher darauf verzichten, als Hr. Michelet bereits 
das Wesentlichste in jener Rücksicht hervorgehoben hat. 
Indem ich mich nun aber meiner Aufgabe zuwende, 
ist mir, wie sich zeigen wird, irgendwelche Übereinstim- 
mung mit Rosenkranz unmöglich. Das Rosenkranzische 
Werk könnte in gewisser Hinsicht als eine Komödie be- 
zeichnet werden, die den Titel verdient : „Kleine Ursachen, 
große Wirkungen", — und zwar deshalb, weil die Ab- 
änderungen in der Architektonik der Hegeischen Logik, die 
Rosenkranz vornimmt, zunächst sehr unbedeutend und ge- 
ringfügig zu sein scheinen, das Resultat aber nichts Ge- 
ringeres ist, als ein totaler Umsturz der ganzen Hegeischen 
Logik, ja der ganzen Hegeischen Philosophie überhaupt 
in ihrem innersten Wesen. Das Komische aber hierbei 
ist, daß Rosenkranz völlig, wie das naive Subjekt in der 
Komödie, diesen ganzen Umsturz vollbringt, ohne auch 
nur das geringste Bewußtsein, ohne nur irgendeine 

*• 19 



Ahnung davon zu haben. Im Gegenteil, er behauptet, 
nach wie vor ein fester Hegelianer zu sein und Hegel nur 
in einigen Einzelheiten verbessert zu haben. 

Gestatten Sie mir, mich zunächst durch einige äußerliche 
Reflexionen meinem Stoffe mehr und mehr zu nähern. 
Der erste Mangel, der sich bei der flüchtigsten Betrach- 
tung des Rosenkranzischen Buches hervordrängt, ist die 
gänzliche Abwesenheit von Dialektik, von dem Über- 
gang der Begriffe in einander durch ihre eigene Bewegung. 
Hr. Miehelet hat Sie bereits auf diesen Punkt aufmerk- 
sam gemacht, und die Methode von Rosenkranz deshalb 
sehr gut als eine deskriptive bezeichnet. In der Tat, 
Rosenkranz beschreibt die Begriffe, etwa wie ein Natur- 
forscher seine Gattungen und Arten, statt sie aus ein- 
ander entstehen zu lassen. Dieser Mangel kann nun zu- 
nächst eine bloße Unvollkommenheit zu sein scheinen. 
Diese gewinnt jedoch sofort an Bedenklichkeit, wenn man 
erwägt, daß, wie Hegel selbst überall hervorhebt, die 
Methode der Philosophie — die dialektische Erzeugung 
der Begriffe — der einzige Beweis ist, dessen die 
Philosophie für ihre Wahrheit fähig ist. Diese Bedenk- 
lichkeit steigert sich noch dadurch, daß es gerade die 
Logik ist, in die man diesen Mangel an dialektischer 
Form einzubürgern versucht; — die Logik, die man am 
kürzesten als die Wissenschaft der absoluten 
Form definieren kann, oder als die Wissenschaft, wie die 
Form sich selbst zum Inhalt wird. Diese Bedenklichkeit 
endlich wächst mehr und mehr, wenn man hinzunimmt, 
daß bei Rosenkranz einige Kategorien der Hegeischen 
Logik weggelassen worden, eine andere anders gestellt ist 
als bei Hegel. Entwickelte Rosenkranz nämlich dialektisch 
wie Hegel, so wäre a n dieser Dialektik für jeden Leser 
der Prüfungsmaßstab gegeben, welche der beiden Ab- 

20 



leitungen die konsequentere und wahrere, welcher dagegen 
etwas Menschliches passiert sei. Indem nun aber Rosen- 
kranz sich des dialektischen Korrektivs entschlägt, und 
dennoch eine Umsetzung und Fortlassung mit Kategorien 
der Hegeischen Logik vornimmt, bleibt das nicht mehr 
eine bloße Unvollkommenheit von Rosenkranz, sondern es 
wird dadurch auch der Schein gegen Hegel selbst und seine 
Logik erregt, als wäre in der Tat, wie ihr von außerhalb 
häufig vorgeworfen worden ist, die dialektische Methode 
auch bei ihr nur Schein und Kunststück: d. h., als wür- 
den auch von ihr die Begriffe nicht durch ihr Gewähren- 
lassen derselben erzeugt, sondern, ganz wie bei der 
Reflexionsphilosophie, durch äußere verständige Reflexion 
herausgegriffen, und nur nachträglich mit einander durch 
die Taschenspielerei dieser Dialektik in eine künstliche 
Verbindung gesetzt. Es ist deshalb das Aufgeben der 
Methode eine erste und Hauptsünde, die wir Rosenkranz 
vorzuwerfen haben und die sich schwer genug an ihm 
gerächt hat ; denn in ihr gerade ist die Wurzel alles Weitern 
zu erblicken. 

Fragen wir jetzt : welches sind die Umänderungen, die 
Rosenkranz mit der Struktur und Architektonik der Hegel- 
schen Logik vorgenommen hat, so können diese vielleicht 
auf den ersten Blick so wenige und geringfügige zu sein 
scheinen, daß sich, wie ich davon soviel Aufhebens machen 
könne, gar nicht begreifen, am wenigsten aber in ihnen 
eine durchgreifende und systematische Alteration der 
Hegeischen Logik erblicken lasse. R©senkranz läßt näm- 
lich aus der Logik fort : 1 . die Kategorie des Mechanis- 
mus, 2. die Kategorie des Chemismus, 3. die Idee des 
Lebens mit ihren Unterabteilungen, 4. die Idee des Guten. 
Er stellt endlich 5. die Kategorie des teleologischen 
Zweckes um, indem er sie unmittelbar auf die Kategorie 

21 



der Wechselwirkung folgen läßt, also noch innerhalb 
dessen, was Hegel die objektive Logik nennt, während die 
Zweckkategorie bei diesem erst in der Lehre vom Be- 
griff als Übergang des Chemismus in die Idee erscheint. 
Sehen wir zunächst, inwiefern etwa jene Weglassungen und 
diese Umsetzung einen Anspruch auf Richtigkeit haben : 
und sehen wir dann ferner, welche Rosenkranz selbst ganz 
verborgen gebliebene inhaltliche Wirkungen aus dieser 
scheinbar so geringfügigen Änderung der formellen Struk- 
tur der Hegeischen Logik entspringen. 

Der logische Begriff des Mechanismus ist bei 
Hegel, um ihn so kurz und klar als möglich seinem Inhalt 
nach darzustellen, dieser : daß zwischen unmittelbaren To- 
talitäten, welche alle, als solche, vollständige und selb- 
ständige Objekte sind, eine Beziehung stattfindet, 
die der eigenen Natur dieser aufeinander Bezogenen 
schlechthin äußerlich und gleichgültig ist; wie 
z. B. ein Haufen Körner, eine Zusammensetzung, 
Druck, Stoß (vgl. Hegels Logik, Teil III, S. 175). 
Hegel gelangt zu diesem Begriff auf streng dialektisch- 
genetischem Wege, und zwar ist dieser seinem wesentlichen 
Gedanken nach folgender. Der Begriff, der zunächst 
der Begriff im allgemeinen ist, unterscheidet sich in seine 
Momente : Allgemeinheit, Besonderheit, Einzelheit, die er 
als Extreme auseinanderfallen läßt. So ist er das Urteil, 
in welchem sich der Begriff in seine Momente, als in die 
festen, auseinanderliegenden Bestimmungen von Subjekt, 
Prädikat und Kopula dirimiert. Indem nun das Urteil seine 
verschiedenen Formen durchläuft, bestimmt es sich durch 
sich selbst zum S c h 1 u s s , in welchem sich die im Urteil 
verloren gegangene Einheit der Momente des Begriffs 
wiederherstellt. Im Schlüsse sind nicht, wie dies im nur 
erst allgemeinen Begriff der Fall war, seine Momente 

22 



als in seiner Einheit innerlich enthalten ; es sind vielmehr 
in ihm die unterschiedenen Bestimmungen des Begriffs, die 
Extreme des Urteils, gesetzt (vgl. Hegels Logik, 
Teil III, S. 115). Oder mit andern Worten: Der Schluß 
ist selbst noch ein Urteil und hat als solches seine 
Momente in Realität, d. h. in dem Unterschied ihrer Be- 
stimmungen gesetzt. Aber im Schlüsse kommt die im Urteil 
verborgene innere Natur des Begriffs, Einheit seiner Mo- 
mente zu sein, zum Ausbruch, und stellt sich durch seine 
eigene Tätigkeit her, indem sich jetzt die Extreme, die 
unterschiedenen Bestimmungen des Urteils, mit einander 
zusammenschließen und ihre Identität miteinander setzen. 
Indem nun aber so in den verschiedenen Formen des 
Schlusses jedes dieser Extreme sich als mit allen andern 
identisch setzt, hat sich gerade durch die Vollendung des 
Formalismus des Schließens — im disjunktiven Schlüsse 
— diese Vermittlung selbst aufgehoben. Denn indem sich 
jedes Moment der Vermittlung (Hegels Logik, Teil III, 
S. 164, 173) als selbst schon dieTotalität des Vermittel- 
ten bildend dargestellt hat, so hat sich damit eben jedes der 
Momente als schon an sich und unmittelbar eine selbständige 
Totalität seiend herausgestellt. Was hierbei herausgekom- 
men ist, ist also eine Unmittelbarkeit, die sich gerade durch 
das Aufheben der Vermittlung hergestellt hat — eine solche, 
welche entstanden ist durch die Tätigkeit des Begriffs, die 
in seiner Selbstbestimmung gesetzte Vermittlung zur un- 
mittelbaren Beziehung auf sich aufzuheben ; oder wir haben 
ein Sein, welches ebenso sehr unmittelbar, als identisch 
mit der Vermittlung, und durch das Aufheben .derselben 
entstanden ist. Dies Sein, diese Unmittelbarkeit, welche 
überall vom Begriff durchdrungen und als durch seine sich 
zur unmittelbaren Beziehung auf sich selbst aufhebende 
Vermittlung entstanden, bestimmt ist — das Sein, welches 

23 



nicht mehr, wie die Momente im Urteil, nur Gesetztsein 
des Begriffs, sondern ebenso, wie Gesetztsein, auch un- 
mittelbares, also an und für sich seiendes Sein des Be- 
griffs ist, ist die Objektivität. Oder noch bestimmter 
gefaßt. Indem sich jedes der extremen Momente des Ur- 
teils an sich selbst zur Totalität bestimmt hat, haben wir 
Unterschiedene, die aber erstens als Totalitäten eine das- 
selbe, was die andere, also gegen ihren Unterschied gleich- 
gültig sind : die zweitens, da jedes selbst Totalität, voll- 
ständige und selbständige Unmittelbarkeiten gegen einander 
sind ; und die drittens, wie gegen ihren Unterschied, so auch 
gegen ihre ansichseiende Identität, gegen ihre Einheit und 
Beziehung auf einander gleichgültig sind. Und das ist der 
Begriff des mechanischen Objekts und des Mechanismus, 
wie wir ihn oben bestimmt haben. 

Der Übergang des Mechanismus in den Chemismus 
vollzieht sich in nicht weniger strenger Weise durch die 
eigene Fortbestimmung des Begriffs, obgleich ich diese 
Entwicklung wieder nur im allgemeinen, ohne konkrete 
Ausführung dieses Begriffs durch seine Unterstufen, re- 
konstruieren werde. Indem den mechanischen Objekten, 
als unmittelbaren und selbständigen Totalitäten, deren Be- 
ziehung auf einander ihnen selbst schlechthin äußerlich ist, 
die negative Einheit mit sich, die ausschließende Beziehung 
auf sich selbst noch fehlt : so erweisen sie sich vielmehr 
als unselbständige gegen einander, und eben hierdurch der 
Einwirkung und Beziehung auf einander unterworfen. In- 
dem aber diese Beziehung ihnen selbst schlechthin äußer- 
lich bleibt, so ist die Mitteilung der Aktion, die sie 
empfangen, eine ebenso äußerliche und geht wieder in 
Ruhe über. In diesem Produkt des mechanischen Prozesses 
ist nun aber in der Tat ein Höheres entstanden — nämlich 
dies, daß sich die erste, nur an sich vorhandene Selbstän- 

24 



digkeit des Objektes gesetzt, hergestellt hat aus der Ne- 
gation seiner Unselbständigkeit, aus der Negation seiner 
Beziehung auf die Äußerlichkeit 1 ). Das Objekt ist jetzt 
aus der Äußerlichkeit in sich selbst zurückgebogen, ist 
jetzt negative Einheit mit sich selbst, ist jetzt erst als 
Negation der Äußerlichkeit wahrhaft selbständig. Zugleich 
ist es aber immer noch eine äußerliche Totalität. Diese in 
der Äußerlichkeit selbst dieselbe negierende und in sich 
zurückgebogene negative Einheit des Objekts mit sich ist 
der Begriff der Zentralität. Indem also jetzt die Selb- 
ständigkeit des Objekts durch seine negative Beziehung 
auf anderes vermittelt ist und diese Beziehung auf anderes 
dem Objekte in sich selbst und seiner Bestimmtheit nunmehr 
immanent ist, hat sich uns ergeben : ein Objekt, eine äußere 
und unmittelbare Totalität, welche ihre eigene immanente 
Bestimmtheit darin hat, auf ein ihr anderes bezogen zu 
sein — das differente Objekt oder den Begriff des 
Chemismus. Die Totalität des Begriffs, als welcher sich die 
ganze Sphäre der Objektivität durch die Tätigkeit des 
Begriffs bestimmt hat, hat sich hier dazu fortbestimmt : 
nur an sich — und eben deshalb auch nur unmittelbar — 
als ein Ganzes des Daseins vorhanden zu sein, die Un- 
mittelbarkeit seiner Existenz aber nur in einer immanenten, 
sich auf seinen Gegensatz beziehenden Einseitigkeit zu 
haben, nur in dieser identisch mit sich selbst zu sein und 
ihre differentia specifica zu haben. 

Das chemische Objekt ist hiermit der Widerspruch in 
sich selbst, Totalität des Begriffs an sich: und be- 
stimmte, einseitige Unmittelbarkeit zu sein; zugleich aber 
hat es die immanente Bestimmtheit seiner Unmittelbarkeit 



*) Anmerkung der Redaktion in der Erstausgabe. Die Ge- 
walt, die das mechanische Objekt leidet, tut es selbst einem 
andern an; so daß sie als seine eigene Bestimmung erscheint. 

25 



nur darin, in sich selbst auf ein ihm anderes bezogen zu 
sein. Wegen dieser Natur des chemischen Objektes ist 
es das Streben, diesen Widerspruch seiner Existenz und 
seines Begriffs aufzuheben, sein Dasein seinem Begriffe 
adäquat zu machen, mit Aufhebung seines einseitigen Be- 
stehens sich zu dem realen Ganzen im Dasein zu machen, 
welches es seinem Begriffe nach ist. Die chemischen, dif- 
ferenten Objekte sind daher, dem logischen Begriff nach, 
in sich selbst und gegen sich selbst gespannt. Sie sind nur 
durch ihre Differenz das, was sie sind : und sind nur der 
absolute Trieb, sich aufzuheben und durch einander zu 
integrieren. Das Resultat des chemischen Prozesses ist 
daher ein neues Produkt, in welchem sich, obwohl es 
seinerseits wieder in Prozeß versetzt werden kann, jener 
Widerspruch des Begriffs und der Realität ausgeglichen 
hat — die Differenz der gespannten Extreme erloschen 
ist. Zugleich ist aber schon mit diesem neuen Produkt — 
und ohne auf das nähere Resultat des chemischen Pro- 
zesses einzugehen — eine höhere Begriffsbestimmung ge- 
geben. In dem Produkt des chemischen Prozesses hat sich 
die scheinbare Unmittelbarkeit der Objektivität innerhalb 
ihrer selbst als ein Gesetztsein durch die Vermittlung er- 
wiesen. Die Vermittlung aber, welche sich auf die Ob- 
jektivität als auf ihre eigene Realität bezieht und i n ihr nur 
das unselbständige Element ihrer Selbstverwirklichung, 
ihrer Selbstausführung hat, ist der Zweck, die Zweck- 
tätigkeit. Betrachten wir dies etwas näher, so hat sich 
im Prozeß des Mechanismus bereits die Selbständigkeit 
der Objekte, im chemischen Prozeß jetzt auch noch — 
da sein Produkt ein neues Objekt ist — die Unmittelbar- 
keit des Objektes aufgehoben. Indem die früher differenten 
Objekte zu einem Neutralen zusammengegangen sind, 
das eine neue, nur durch Vermittlung hergestellte Unmittel- 

26 



barkeit ist : so sind sie in diesem nicht mehr als Objekte, 
sondern als bloße Ingredienzien vorhanden, und haben 
durch ihr eigenes Tun dies gesetzt, nur abstrakte Momente 
des Begriffs zu sein. War früher die Identität der Objek- 
tivität mit dem Begriff nur an sich vorhanden, nur dadurch 
gegeben, daß sich der Begriff durch seine Fortbewegung 
in sie aufgehoben hatte, — also nur, wie eine Seele, in 
die Unmittelbarkeit und Äußerlichkeit des Objektiven ver- 
senkt war : so ist er jetzt zum Fürsichsein gekommen, in- 
dem die Objektivität auch ihrerseits durch ihre Selbstent- 
wicklung den Schein ihrer Äußerlichkeit, Unmittelbarkeit 
und Selbständigkeit abgestoßen und sich als ein Gesetzt- 
sein des Begriffs erwiesen hat. Was jetzt vorliegt, ist also 
der durch die Negation der Äußerlichkeit und Unmittel- 
barkeit, in die er versenkt war, frei gewordene Begriff, der 
sich auf die Objektivität als auf seine eigene gegen ihn 
unwesentliche Realität, als auf eine bloße Materiatur und 
Sphäre seiner Selbstrealisierung bezieht ; und das ist eben 
die Zwecktätigkeit. Im formalen Prozeß des Mechanis- 
mus war die Bewegung die bloß äußerliche Beziehung der 
gleichgültigen Objekte ; im chemischen Prozeß war sie zur 
immanenten, an sich, aber noch nicht für sich seienden 
Natur des Objektiven geworden; in der Zwecktätigkeit 
ist sie die frei der Objektivität, als dem gegen sie nich- 
tigen und widerstandslosen Element ihrer selbst, gegenüber- 
tretende Natur des Begriffs. So hat sich uns jetzt 
die innere und eherne Notwendigkeit der Entwicklung und 
Aufeinanderfolge dieser Begriffe durch ihre eigene dia- 
lektische Bewegung ergeben. 

Um nunmehr auf Rosenkranz zurückzukommen, so läßt 
er — als ein an keine dialektische Konstitution gebundener, 
unumschränkter Selbstherrscher im Reiche der Begriffe, 
der daher einen jeden aus dessen wahrer Heimat beliebig 

27 



ausweisen und selbst aus seinem Reiche ganz verbannen 
kann — die Begriffe des Mechanismus und Chemismus 
gänzlich aus der Logik fort, ohne auch nur einen Versuch 
zu machen, den Sprung oder Fehler nachzuweisen, den 
Hegel in der Dialektik des Gedankens mache, wenn er 
den Begriff des Schlusses und seiner Bewegung in jene 
Begriffe münden läßt. Die äußerlichen Reflexionen aber, 
mit denen Hegel dabei angegriffen wird, erweisen sich 
gleichfalls sofort als unrichtig. 

So, wenn Rosenkranz (S. 508) gegen Hegel meint, wenn 
ein Körper einen anderen stößt und in Bewegung setzt, so 
läge in diesem mechanischen Prozeß kein Schluß vor, wie 
Hegel irrtümlich gemeint habe; denn es läge kein Allge- 
meines, und somit auch kein Verhältnis eines Allgemeinen 
zu einem Besonderen und Einzelnen vor. Rosenkranz über- 
sieht hierbei, daß das Allgemeine hier vollständig vorliegt, 
und zwar zunächst in der durch beide Körper hindurch- 
gehenden Bewegung selbst, welche sich durch den ersten 
Körper, der sich in diesem Zustand befindet, d. h. unter 
dies Allgemeine subsumiert ist und also das Moment der 
Besonderheit darstellt, mit dem zweiten in Ruhe befind- 
lichen Körper, der die in sich reflektierte Einzelnheit ist, 
zusammenschließt. Wenn nun aber diese Bestimmungen, 
Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelnheit, auch wieder 
vertauscht und eine jede ebenso gut auf jedes dieser drei 
Glieder angewendet werden können : so liegt hierin nicht 
ein Beweis von einer Willkür in der Konstruktion, sondern 
dies bildet gerade einen Beweis mehr für dieselbe. Denn 
wie sich ergeben hat, war es durch die Begriffsbestimmung 
der Objektivität — durch die vollbrachte Bewegung des 
Schlusses — von vornherein gesetzt, daß jedes Moment 
in ihm selber Totalität des Begriffes sei, alle drei Momente 
desselben an sich habe, und in einer ihm selbst gleich- 

28 



göltigen Weise sich ebenso gut wie als das eine, auch als 
das andere darstelle 1 ). 

Wollte Rosenkranz aber schon die strengen Anforde- 
rungen dialektischer Entwicklung unberücksichtigt lassen, 
so hätte er dennoch schon aus äußerer Reflexion entnehmen 
können, daß die Begriffe des Mechanismus und Chemismus 
schlechterdings in die Logik fallen. Hegel selbst gibt näm- 
lich irgendwo — ich glaube in der Einleitung zur Logik 
— ein treffliches Merkzeichen dafür an, ob eine Kategorie 
in die Logik gehöre oder nicht. In die Logik nämlich, sagt 
er, gehöre alles das, was nicht bloß in der Natur oder im 
Geiste, sondern in beiden vorkommt. Ich habe dies ein 
Merkzeichen genannt, weil es, so in äußerer Reflexion 
hingestellt, in der Tat die Natur eines Merkzeichens hat. 
In Wahrheit aber ist es mehr als ein solches. Es ist das 
absolute Merkzeichen oder der Begriff der Sache 
selbst. Denn der Begriff, der sich gleichmäßig durch 
Natur wie Geist kontinuiert, ist eben die logische Kate- 
gorie oder der Begriff des Logischen selbst. Der Mecha- 
nismus gehört aber nicht bloß, wie Rosenkranz meint, in 
das Natürliche. Er kommt ebenso sehr im Geistigen vor. 
Nicht nur die äußerlichen Objekte, sondern auch die gei- 
stigen Vorstellungen, jeder bestimmte Gedankeninhalt 
können in eine solche sich äußerlich bleibende Beziehung 
auf einander gebracht werden, welche sich uns als der 
Begriff des Mechanischen ergeben hat. Das Gedächtnis 
ist diese Funktion des Mechanischen im Geiste. Wir 
machen uns einen Knoten in das Taschentuch, um uns zu 



r ) Anmerkung der Redaktion. Der Schluß des Mechanismus 
ist der quantitative Schluß, in welchem A das die Gewalt 
Antuende, B die besondere Mitte ist, welche, wie sie leidet, 
auch einem dritten Objekte E die Gewalt antut: und so fort 
ins Unendliche, indem jedes Objekt in alle Stellen nachrückt. 

29 



erinnern, daß wir morgen eine gewisse Besorgung machen 
wollen. Der Knoten und jene Besorgung sind zwei ein- 
ander durchaus äußerliche und gleichgültige Dinge, deren 
Natur schlechterdings nichts miteinander zu schaffen hat 
und sich weder nachher noch vorher aufeinander bezieht. 
Die Beziehung beider auf einander ist vielmehr eine nur 
von uns gesetzte, äußerliche. Nichts destoweniger erweist 
sie sich wirksam, die beiden verbundenen Vorstellungen 
bleiben im Geiste aufeinander bezogen; und es kann uns 
an dem Knoten einfallen, und fällt uns in der Regel ein, 
daß wir jene Besorgung haben machen wollen (vgl. die 
Mnemotechnik). Ebenso wie im subjektiven Geiste, kommt 
der Mechanismus im Gebiete des objektiven Geistes, z. B. 
im Staate, vor : eine Bureaukratie ist ein solches, durch 
Druck und Stoß von oben nach unten wirkendes rein me- 
chanisches Element. Ebenso wie vom Mechanismus, gilt 
dies vom Chemismus : Liebe, Freundschaft sind solche 
dynamische Verhältnisse im Geiste, die auf der logischen 
Grundbestimmung des Chemismus beruhen 1 ). 

Während Rosenkranz den Mechanismus und Chemismus 
ganz fortläßt, versetzt er den Zweckbegriff, der bei 
Hegel das Dritte zu beiden und die Vorstufe der Idee 
bildet, ganz aus der subjektiven Logik heraus in die Lehre 
vom Wesen, und will durch ihn den Übergang zum B e - 
griff des Begriffes selber bilden. Uns hat sich be- 
reits die Notwendigkeit der Voraussetzung des Chemismus 
für die Entwicklung des Zweckbegriffes ergeben; und es 
folgt daher schon hieraus, daß er sich nicht aus der Kate- 
gorie der Wechselwirkung, wie Rosenkranz will, ableiten 
lassen kann. Dies ist nun aber auch dadurch zu erweisen, 



*) Anmerkung der Redaktion. Vgl. „Der Gedanke". Bd. I, 
S. 52-53. 

30 



daß wir kurz zeigen, in welchen Begriff sich die Kategorie 
der Wechselwirkung aufhebt und warum sie schlechter- 
dings nicht in den Zweckbegriff übergehen kann. — Hegel 
zeigt in der Lehre vom Wesen, wie die Kausalität in die 
Wechselwirkung übergeht ; und hierin ist von Rosenkranz 
keine Änderung versucht. Der Begriff des We s e n s , in 
allen seinen Unterabteilungen, ist im allgemeinen dahin 
bestimmt, daß es in seiner Äußerung in anderes übergeht : 
daß es in derselben nie zur wirklichen Gleichheit mit sich 
gelangt, sondern als die ansichseiende Macht hinter seiner 
Äußerung, die ein bloßer Schein oder ein bloßes Gesetzt- 
sein ist, liegen bleibt. Dies ist auch noch in der Kategorie 
der Kausalität der Fall. Ursache und Wirkung sind 
etwas anderes gegen einander. Die Ursache wirkt, aber 
die Ursache bleibt eine vorausgesetzte ansichseiende Ur- 
sprünglichkeit, die etwas anderes ist gegen die bloß von 
ihr gesetzte Wirkung. Diese Wirkung kann sich selbst 
wieder dazu fortbestimmen, Ursache von anderem zu wer- 
den im schlecht-unendlichen Progreß, in dem sich aber 
immer zugleich das Gegenüberstehen und Anderssein von 
Ursache und Wirkung gegeneinander wiederholt. Die 
Kategorie der We chselwirkung aber ist diejenige, 
in welcher die Wirkung in die Ursache zurückgebogen ist. 
Ich erinnere an das bekannte Hegeische Beispiel : Die 
Gesetze, sagt man, sind die Ursache der Sitten eines Vol- 
kes, und wiederum die Sitten die 'Ursache seiner Gesetze. 
Beides ist Ursache, wie beides Wirkung ist. Die Wir- 
kung bestimmt sich also hier selbst zu ihrer eigenen Ur- 
sache, die Ursache sich selbst zu ihrer eigenen Wirkung, 
bo sind beide, indem sie aus sich herausgehen, nicht mehr 
in anderes übergegangen, sondern in diesem andern viel- 
mehr nur bei sich selbst angelangt. Die Ursache, so als 
wahrhafte causa sui gefaßt, die in ihrem Setzen nicht in 

31 



anderes übergeht, sondern in Identität mit sich bleibt und 
nur sich selbst wirkt, die Tätigkeit, welche nichts an- 
deres, als sich selbst hervorbringt, und nur dies ist : Wirken 
und im Wirken Selbstverwirklichung seiner, d. h. Ent- 
wicklung zu sein — dies ist der Begriff. Die vorausge- 
setzte Ursprünglichkeit der Ursache ist jetzt weggefallen; 
sie hat sich selbst als Gesetztsein, als Wirkung erwiesen. 
Ebenso ist in bezug auf die Wirkung dies hinweggefallen, 
ein unwesentliches Naturgesetztsein zu sein. Das Gesetzt- 
sein hat sich vielmehr zur Notwendigkeit des Sichselbst- 
hervorbringens fortbestimmt. Der Begriff ist also die Be- 
stimmung, daß das Wahre, das Anundfürsichseiende nur 
darin besteht, daß es Setzen, und zwar Setzen seiner 
selbst, daß es Sichselbstrealisieren ist. Aber eben deshalb, 
weil die Wechselwirkung durch sich selbst, durch ihre 
eigene Form, in den Begriff des Begriffes mündet, ist es 
unmöglich, aus ihr sofort in den Begriff des Zweckes 
überzugehen. Es ist dies ferner aber auch deshalb unmög- 
lich, weil der Zweckbegriff voraussetzt und erfordert, daß 
der Begriff sich schon zum freien, fürsichseienden be- 
stimmt und sich von der Unmittelbarkeit, als von seiner 
eigenen gegen ihn unwesentlichen und unselbständigen Rea- 
lität, abgelöst habe. Dies ist der Begriff des Zweckes, wie 
er sich uns vorhin als notwendig ergeben hat, und von dem 
überdies jeder selbst sieht, wie genau er diesen von mir 
angegebenen Bestimmungen entspricht. Mit dem Über- 
gang der Wechselwirkung sind aber diese Bestimmungen 
durchaus noch nicht vorhanden und gegeben. 

Je genauer und eingehender daher Rosenkranz hierbei 
sein Recht gegen Hegel zu begründen versucht, desto greif- 
barer treten die unendlichen Verstöße hervor, die er begeht. 
So, wenn er z. B. S. 26 sagt: „Wenn aber der Begriff 
sich realisiert, so ist er nach unserer Meinung eo ipso sich 

32 



selbst Zweck." Nein, wenn der Begriff sich realisiert, so 
ist er eben der — Begriff und zunächst durchaus noch 
nicht Zweck. Schon in dem „Wenn" jenes Satzes liegt 
ein unendlicher Abfall vom philosophischen Gedanken; 
denn es liegt darin die Voraussetzung, als könnte der Be- 
griff auch als nicht sich realisierend gedacht, als könnte 
er auch, wie ihn die gewöhnliche Vorstellung nimmt, als 
ein ruhiger gedacht werden. Der Begriff aber ist, wie 
wir gesehen haben, überhaupt nur dies : sich zu realisieren ; 
sein eigener Begriff besteht eben nur darin : absolute Tätig- 
keit des Sichselbstsetzens, Sichselbsthervorbringens zu sein. 
Rosenkranz will an dem Begriff des Begriffes selbst, 
wie ihn Hegel gegeben, nichts ändern ; er fällt somit in den 
angezogenen Worten unwillkürlich ganz und gar aus dem 
Hegeischen, wie aus seinem eigenen Gedanken des Be- 
griffes heraus. Um zu wissen, ob ein Begriff schon Zweck- 
begriff oder bloß noch Begriff selbst ist, kommt es nicht 
darauf an, ob er sich selbst realisiert — dies tut er immer, 
dies ist eben seine Natur, seine differentia specifica — ; 
es kommt vielmehr darauf an, wie er diese Selbstrealisie- 
rung vollbringt, ob er sie bloß an sich, seiner inneren Natur, 
seinem absoluten Triebe gehorchend, oder ob er sie auch 
für sich vollbringt. Vollbringt er sie als Unterscheiden 
seiner Momente, somit als Realisierung seiner inneren un- 
terschiedenen Bestimmtheit, so ist er Urteil. Vollbringt 
er sie als Zurückführung dieser als getrennt gesetzten 
Momente in ihre innere Einheit, so ist er Schluß. Voll- 
bringt er sie als Setzen der Trennung und der Einheit seiner 
Momente im Gegenteile seiner selbst, zu dem er sich gleich- 
wohl selbst fortbestimmt und entwickelt hat (in der Un- 
mittelbarkeit), so ist er Objektivierung seiner selbst im 
allgemeinen. In allen diesen Kategorien ist der Begriff 
zwar Selbslrealisierung, aber diese Tätigkeit ist an ihm 



3 Lassalle. Gea. Schriften. Band VI. 



33 



als sein Gesetz, als eine ihm selbstverborgene Macht seiner 
Bewegung vorhanden. Ist diese Bewegung aber nicht mehr 
bloß an ihm und durch seine Natur da, ist sie für ihn selbst 
geworden, und isi er nun so bestimmt, dies sein Fürsich- 
sein als solches im andern seiner selbst auszuführen — 
dann und dann allein ist er Zweck. Rosenkranz ver- 
fällt also in jenen Worten in die unphilosophischste Ver- 
kennung des Begriffs und seiner Grundbestimmung über- 
haupt, in ein gänzliches Vergessen dessen, was in Urteil, 
Schluß usw. vor sich geht. Er alteriert nicht nur den Be- 
griff des Zweckes, was er wenigstens tun will; er alte- 
riert noch mehr, er verliert ganz aus den Augen den wirk- 
lichen Begriff des Begriffes — was er nicht will. 

Nicht besser ergeht es Rosenkranz, wenn er S. 494 den 
Übergang aus der Kategorie der Wechselwirkung in die des 
Zweckbegriffes mit folgenden Worten macht : „Die Wirk- 
lichkeit ist hier nicht nur die Notwendigkeit, welche sein 
muß, weil sie kann, sondern diejenige, welche sein muß, 
weil sie sein soll." Der ungeheuere. Sprung, den Rosen- 
kranz macht, sein Hinzutun zu den Gedanken wird von hier 
aus vielleicht noch unmittelbarer einleuchten. Was mit dem 
Vorgang der Wechselwirkung an sich erreicht ist, ist : ein 
Sichselbstmachen, somit also in der Tat das, was sich uns 
als die Natur des Begriffs ergeben hat, den Hegel des- 
halb auf die Wechselwirkung folgen läßt. Aber wo ist in 
dem Vorgang der Wechselwirkung, wo ist mit diesem Sich- 
selbstmachen schon ein , .Sollen" gegeben? Dies Sich- 
selbstmachen ist vielmehr zunächst gleichfalls als die an- 
sichseiende Natur seiner Bewegung, als sein Gesetz 
vorhanden. Aber das „Sollen" erfordert vielmehr wie- 
derum, daß seine eigene Bewegung schon für ihn selbst 
geworden und daß er dies sein Fürsichsein nun auch für 
sich selbst dem Sein als dessen Gesetz gegenüberstellt — 

34 



Bestimmungen, von denen hier noch keine einzige vorhanden 
ist. Was Rosenkranz hierbei verfuhrt hat — er beruft sich 
auch S. 500 darauf — ist, daß auch Hegel selbst den 
Übergang aus der Wechselwirkung zum Begriff den Über- 
gang von der Notwendigkeit in die Freiheit nennt. 
Aber es scheint, als ob Rosenkranz den Gedanken Hegels 
dabei durchaus nicht richtig verstanden. Zum Unterschiede 
nämlich von der Notwendigkeit, welche eine der Kausalität 
vorhergehende Kategorie des Wesens ist und die daher 
als solche gleichfalls in ihrer Manifestation in ein ihr an- 
deres übergeht, nennt Hegel deshalb das Entstehen des 
Begriffs den Übergang zur Freiheit, weil Freiheit bei 
Hegel immer nur Beisichbleiben, auch im andern seiner 
selbst, bedeutet, und dies, wie wir gesehen, in der Tat 
durch den Übergang der Wechselwirkung erreicht ist. Der 
Begriff kann daher mit Recht, eben weil er in seiner Be- 
wegung nur Sichselbsthervorbringen und somit stetes Bei- 
sichselbstbleiben oder Selbstentwicklung seiner ist, das 
Reichder Freiheit genannt werden. Aber auch diese 
Freiheit ist erst noch nur an sich oder für uns vorhanden 
und muß erst noch durch das eigene Tun des Begriffs an 
ihm gesetzt werden. Dies verhält sich so : Das Sein geht 
in der Hegeischen Logik in das Wesen, als in sein eigenes 
Innere, zurück. Das Wesen ist nun die Sphäre, in der 
das Sein und die Innerlichkeit, mit Differenz gegenein- 
ander behaftet, sich unentsprechend sind. Es wäre nun 
aber ein großer Irrtum, zu glauben, als wenn das Wesen 
nun seinerseits, indem es in den Begriff übergeht, bloß 
in eine weitere Innerlichkeit zurückginge. Dies ist zwar 
auch der Fall. Aber richtiger ausgedrückt, muß es heißen : 
Das Wesen geht zum Begriffe heraus. Das Sein, das in 
Gleichheit mit seinem Wesen getreten, das Sein, in wel- 
ches sich das Wesen in erschöpfender und adäquater Weise 

3* 35 



ausgeschüttet hat, ist der Begriff. Hegel sagt selbst in 
dieser Hinsicht ganz deutlich (Logik, Teil III, S. 30) : 
„Das Wesen ist erste Negation des dadurch zum Schein 
gewordenen Seins. Das wiederhergestellte Sein ist der 
Begriff." Somit ist aber der Begriff zunächst wieder ein 
nur unmittelbarer. Er ist vorhanden als die festen Bestim- 
mungen des Allgemeinen, Besonderen, Einzelnen, die für 
sich selbst noch als isolierte auftreten. Seine entwickelte 
Freiheit : sein freies Fürsichsein, sein Sich-Unterscheiden 
von der Form der Unmittelbarkeit und die Herunter- 
setzung derselben zu einem bloßen Momente seiner oder 
einer gegen ihn nichtigen Realität seiner, — diese drei 
für den Zweckbegriff unerläßlichen Momente, mit denen 
der Begriff seine an und für sich seiende Freiheit erlangt, 
kann der Begriff erst durch seine eigene Selbst- 
bewegung erzeugen. 

Rosenkranz verfällt also in den unendlichen Fehler, daß 
er den Begriff des Begriffes selbst erst hinter dem Zweck- 
begriff abhandeln und entstehen lassen will, — während der 
Zweckbegriff den Begriff des Begriffes selbst vielmehr vor- 
aussetzt, — und er eben dadurch gezwungen ist, auch den 
Begriff des Begriffes selbst unwillkürlich zu verlieren. Wie 
unverantwortlich jener Fehler ist, zeigt sich am besten aus 
den Widersprüchen, in die sich Rosenkranz infolge des- 
selben verwickeln mußte. Er kann, sich selbst zum Trotz 
und durch die Natur der Sache gezwungen, sich nicht ent- 
halten, beim Zweckbegriff überall den Begriff des Be- 
griffes schon vorauszusetzen. Ich führe nur einige Stellen 
zum Beweise an : „Der Zweck ist die als Begriff wirkende 
Ursache, die in ihrem Wirken überall nur sich selber be- 
wirkt, und in ihrem Resultat nichts, als den Inhalt ihres 
Begriffes, zur Erscheinung bringt." Nicht in der zweiten 
(S. 495) Erwähnung des Wortes : Begriff, liegt einWider- 

36 



spruch. Man kann in der Logik von einem Begriffe und 
seinem Inhalt sprechen, lange ehe die Kategorie des Be- 
griffes selbst in ihr abgehandelt ist. Sein, Qualität, Quan- 
tität sind lauter Begriffe. Wovon man aber in der Logik 
nicht sprechen kann, ehe die eigene Natur des Begriffes 
sich entwickelt hat, das ist von einem Begriffe ,,als Be- 
griff". Denn hierzu muß eben der Begriff des Begriffes 
selbst bereits gesetzt sein. Der Satz : ,,Der Zweck ist die 
als Begriff wirkende Ursache," setzt also voraus, als wäre 
die dem Begriff als solchem zukommende Tätigkeit schon 
gesetzt und exponiert worden. Man muß auch nicht glauben, 
daß dies nur ein lapsus calami von Rosenkranz sei. Er 
sagt ebenso S. 512 vom Zweckbegriff: „Das Werden des 
Seins wird in ihm zur Realisierung seines Begriffs und die 
Erscheinung zur Entwicklung des schon vorher als Begriff 
existierenden Wesens." Dieses ,,als Begriff" heißt: des 
:n der Form des Begriffes existierenden Wesens ; und 
Rosenkranz gibt also hiermit selbst zu. daß die Form des 
Begriffes sieh schon vorher entwickelt haben müsse, ehe 
die Entwickelung in den Zweckbegriff übergehen und dieser 
erzeugt und verstanden werden kann. Rosenkranz sagt 
ferner auf derselben Seite: „In dieser Unterscheidung 
des Begriffs von seiner Realität, welche zugleich die Ein- 
heit beider festhält, liegt die unendliche Tragweite des 
Zweckbegriffs." Wenn aber im Zweckbegriff für ihn selbst 
der Begriff als solcher von seiner eigenen Realität unter- 
schieden werden soll, so muß doch notwendig das quid des 
Begriffs als solcher bereits entwickelt sein. Das Versehen, 
das also in diesen Rosenkranzischen Aussprüchen liegt, ist 
überraschend. Rosenkranz wirft S. 99 der Bachmannschen 
Logik vor, daß sie mit der Deduktion der Denkgesetze den 
Anfang mache mit den Worten: „Die Form des Setzens 
ist, Es ist; die des Aufhebens, Es ist nicht." Man 

37 



müsse, sagt Rosenkranz dagegen, ehe man von Sein und 
Nichtsein sprechen könne, doch zuvor wissen, was Sein 
und Nichtsein sind. Rosenkranz ist bei diesem Vorwurf 
ganz im Rechte ; aber es ist nur um so mehr zu verwundern, 
wenn er sich sogar erlaubt, von der Form des Begriffs als 
Begriff zu sprechen, ehe er diese Form entwickelt hat : 
und wenn er in der Nötigung hierzu nicht einmal einen 
Fingerzeig darüber erblickt, wie der Zweckbegriff die 
Form des Begriffes schlechterdings voraussetze. 

Alles, meine Herren, was ich Ihnen bisher über die 
Verstöße von Rosenkranz entwickelt habe, sind Einzeln- 
heiten, die, so überaus wichtig sie auch an sich selbst sind, 
doch von mir nur deshalb so ausführlich dargelegt wurden, 
um nun die das Gesamtsystem Hegelscher Logik und 
Philosophie betreffenden Folgen nachzuweisen, welche aus 
diesen scheinbaren Einzeinheiten resultieren. Indem näm- 
lich Rosenkranz den Mechanismus und den Chemismus 
aus der Logik ganz fortläßt und die Teleologie oder [den] 
Zweckbegriff aus dem Reiche ües Begriffs in das Wesen 
verweist, fehlt bei ihm das ganze Kapitel von 
der Objektivität, weiches, nur aus diesen drei Rea- 
lisationsformen : Mechanismus, Chemismus und Zweck- 
tätigkeit bestehend, bei Hegel den Übergang von dem 
Begriff als solchem in die Idee macht. Indem somit der 
ganze Begriff der Objektivität überhaupt und daher 
speziell auch ihrer Hegelschen Stellung zwischen Begriff 
und Idee fehlt : so ist, behaupte ich, der prinzipielle Boden 
dei Hegelschen Systems, seine ganze Philosophie über- 
haupt, von Rosenkranz zwar nicht umgestürzt — damit 
hat es keine Not — aber von Rosenkranz aufgegeben und 
verlassen worden. 

Diese, wenn auch harte Behauptung ist es, die ich jetzt 
näher zu rechtfertigen haben werde, und deren Darlegung 

38 



den Zielpunkt dieses Vortrages bildet. Indem die 
Objektivität zwischen dem Begriff des Begriffs und dem 
Begriff der Idee fehlt, ist zuvörderst schon notwendig, 
daß der Begriff der Idee selbst bei Rosenkranz zu einem 
ganz andern wird als bei Hegel; denn in der Logik ist 
das Wichtigste und Entscheidende für einen Begriff sein 
Woher, seine Ableitung. Das, woraus er entspringt, macht 
ihn zu dem, was er ist. Bei Hegel ist die Idee die Einheit 
des Begriffs und der Objektivität oder die zu ihrem 
eigenen Begriff gekommene Objektivität. Die Idee ist 
ihm die Einheit des Begriffs mit sich selbst in der Un- 
mittelbarkeit, oder der in der Unmittelbarkeit sich adäquat 
gewordene Begriff. Diese Hauptbestimmung muß nun 
bei Rosenkranz dadurch fehlen, daß bei ihm der Begriff 
sich nicht durch die Objektivität hindurch zur Idee be- 
wegt, diese bei ihm also auch nicht die Objektivität an 
sich hat, nicht die in ihr mit sich identische Seele derselben 
ist. Bei Rosenkranz behält daher die Idee, und ebenso 
alle weiteren Stufen derselben, notwendig eine bloß for- 
melle, bloß subjektive und der Unmittelbarkeit als solcher 
äußerliche und fremde Bestimmung. Es ist nur die konse- 
quente Folge hiervon, wenn er die Idee als unmittelbare 
— die Stufe des Lebens bei Hegel — wiederum in 
seiner Logik nicht gebrauchen kann. Die Unmittelbarkeit 
ist eben eine solche, die bei ihm nicht durch den Begriff 
hergestellt ist, und somit von ihm nicht bemeistert werden 
kann. Es hilft Rosenkranz nichts, zu sagen, es sei ja auch 
bei ihm die Idee als Einheit des Begriffs und seiner Rea- 
lität bestimmt. Realität und Objektivität sind durch einen 
großen logischen Unterschied getrennt : Objektivität ist 
eine Kategorie der Unmittelbarkeit, des Daseins ; Realität 
dagegen ist alle Bestimmtheit überhaupt, auch die rein- 
formell-begriffliche. Einheit seiner und der Realität ist 

39 



in der Logik schon der formelle Begriff selbst. Denn die 
Realität hat er in dem Bestimmtsein seiner Momente als 
Einzelnheit und Besonderheit an sich. Hegel spricht sich 
selbst darüber in der Logik in einer nicht mißzuver- 
stehenden Weise aus (Teil III, S. 233) : „Die Idee hat 
aber nicht nur den allgemeineren Sinn des wahrhaften Seins, 
der Einheit von Begriff und Realität, sondern den bestimm- 
teren von subjektivem Begriffe und der Objektivität. Der 
Begriff, als solcher, ist nämlich selbst schon die Identität 
seiner und der Realität ; denn der unbestimmte Ausdruck 
Realität heißt überhaupt nichts anderes, als das be- 
stimmte Sein : dies aber hat den Begriff an seiner Be- 
sonderheit und Einzelnheit." Bald darauf sagt Hegel: 
„Die Idee hat sich nun gezeigt als der wieder von der 
Unmittelbarkeit, in die er im Objekte versenkt ist, zu seiner 
Subjektivität befreite Begriff, welcher sich von seiner Ob- 
jektivität unterscheidet, die aber ebenso sehr von ihm be- 
stimmt ist und ihre Substantialität nur in jenem Begriffe 
hat. Diese Identität ist daher mit Recht als das Subjekt- 
Ob jekt bestimmt worden." Nun, dieses Subjekt-Objekt, 
dieser vielberühmte Hauptpunkt der modernen Philosophie, 
der sogar nicht nur bei Hegel, der schon bei Schelling in 
der Identitätsphilosophie vorhanden war, ist bei Rosen- 
kranz wieder verloren gegangen. Seine Idee, die sich 
sofort aus dem Schlüsse entwickelt, bleibt eine bloße Ein- 
heit des Begriffs mit seinen formalen Bestimmungen : d. h. 
wiederum ein bloß formaler oder subjektiver Begriff, 
der die Unmittelbarkeit, das unmittelbare Dasein, nicht 
durchdrungen hat. 

Aber noch von andern hiermit nur als notwendige Folge 
zusammenhangenden Seiten muß ich diesen großen Rück- 
fall beleuchten, um ihn und seine ganze Bedeutung zur 
vollen Klarheit zu bringen. Der Übergang des Begriffs bei 

40 



Hegel in die Kategorie der Objektivität ist, wie ich keinen 
Anstand nehme zu behaupten, der wichtigste Punkt 
der ganzen Hegeischen Logik. Die absolute in- 
nere Notwendigkeit dieses Übergangs ist einfach die, daß, 
indem der Begriff die drei formellen Momente : Allge- 
meinheit, Besonderheit, Einzelnheit hat, die Allgemeinheit, 
welche die Besonderheit durchdringt und in ihr sofort Ein- 
zelnheit ist, die Sache oder das Objekt ist, d. h. 
die gesetzte Einheit des Begriffs mit seinen Momenten, 
die realisierte gegenseitige Durchdringung dieser Momente. 
Die absolute, systematische Wichtigkeit dieses Übergangs 
hegt aber darin, daß — indem sich der logische Begriff 
durch sich selbst in die Gegenständlichkeit aufhebt, diese 
also als das von ihm selbst Gesetzte und von ihm 
Durchdrungene nachgewiesen ist — nur durch 
diesen in sein eigenes Gegenteil übergreifenden und in ihm 
mit sich selbst identisch bleibenden schöpferischen Akt 
des Begriffes es der Hegeischen Philosophie erlaubt und 
von ihr vollbracht ist, die objektive Unmittelbarkeit dem 
Begriffe als eine Selbstverwirklichung seiner zu vindi- 
zieren. Fehlt dies — daß sich der Begriff durch seine 
eigene Bewegung zur Sache macht — , so fehlt jede 
wissenschaftliche Berechtigung, die Gegen- 
ständlichkeit als das Dasein des Begriffs in 
Anspruch zu nehmen. Fehlt dies, so ist die Un- 
mittelbarkeit wieder das Unnahbare geworden, über wel- 
ches der Begriff keine Macht hat, weil es nicht durch 
seine eigene Bewegung entsteht. Fehlt dies, so fällt daher, 
um zunächst von einer besonderen Folge zu sprechen und 
erst dann zur allgemeinsten aufzusteigen, unter anderem 
eines der wichtigsten Resultate der Hegeischen Philoso- 
phie gänzlich fort, die begriffene Geschichte. Der 
Begriff, welchen Hegel von der Geschichte gibt und der 

41 



jedenfalls eine der einflußreichsten Konsequenzen dieser 
Philosophie gewesen ist, ist der : objektive Selbstverwirk- 
lichung des Begriffs (des Geistes) zu sein. Begriffene 
Geschichte heißt bei ihm nichts anderes als : die als die 
objektive Selbstverwirklichung des Begriffs begriffene Ge- 
schichte. Die Gedankengrundlage dieser Bestimmung wur- 
zelt gleichfalls in der Logik und muß in ihr wurzeln, wenn 
sie eine systematisch begründete sein soll. Es ist wahr, daß 
man noch niemals den systematischen Zusammenhang der 
Hegeischen Geschichtsauffassung mit der Hegeischen 
Logik sich klar gemacht, noch niemals auch nur die Frage 
aufgeworfen hat : wo denn eigentlich in der Logik die 
Hegeische Geschichtsauffassung ihre Grundlage habe. Und 
doch muß sie in der Logik ihre letzte Grundlage und 
Wurzel haben, wenn sie selbst eine objektiv-notwendige 
und systematische sein soll. Eben deshalb aber, weil dieser 
innerste Zusammenhang' noch niemals untersucht worden 
ist, wird es am Orte sein, ihn hier näher zu betrachten. 
Die Hegeische Geschichtsauffassung hat ihre Wurzel in 
der Tat in der Logik, und zwar, wie sich bald zeigen wird, 
nirgendswo anders als in dem Kapitel der Objektivität, oder 
in : Mechanismus, Chemismus, Teleologie. Denn diese 
Wurzel liegt nirgendswo anders vor, als eben darin, daß 
sich der Begriff durch seine eigene Bewegung zur objek- 
tiven Unmittelbarkeit macht und in dieser sich in sich zu- 
rücknimmt. Hört dies auf, so bleibt die Geschichte als 
ein Produkt des Zufalls stehen; oder sie kann noch, was 
aber im Grunde nur auf dasselbe hinauskommt, als eine 
Tat und Prozeß der mehr oder weniger verständigen sub- 
jektiven Einsichten angesehen werden. Aber das, 
was sie nach Hegel ist, die objektive Selbstbewegung des 
Begriffs — diese ihm objektive Vernünftigkeit, die etwas 
ganz anderes ist als die so häufig so geringe subjektive 

42 



Vernunft der in einer Zeit Lebenden und Sterbenden — 
diese verliert sie durchaus. Es würde Rosenkranz nicht 
das geringste helfen, hiergegen einwenden zu wollen, die 
Geschichte sei das Reich der Idee (und ihres Ausge- 
fuhrtseins). Sie ist das Reich der Idee; aber die Idee 
hat zu ihrer Selbstvollbringung selbst kein anderes Mittel 
als die Tätigkeit des Begriffs in seiner Bewegung. Der 
Begriff ist die Entelechie der Idee. Soll also die be- 
greifende Erkenntnis der Geschichte eine Wahrheit sein, 
soll sie keine allgemeine Phrase bleiben : so kommt alles 
darauf an, konkret einzusehen, w i e die Idee, die nichts 
ist als der ausgeführte Begriff, sich als objektiv-begriff- 
liche Bewegung in der Geschichte vollbringt, somit als 
Mechanismus, Chemismus und Zwecktätigkeit. Denn in 
diesen drei Bestimmungen und Formen besteht, wie wir 
gesehen haben, die objektive Bewegung des Begriffs oder 
die Bewegung desselben in seiner Objektivität. 

Es kann vielleicht auf den ersten Augenblick als eine 
sehr paradoxe und ungeheuerliche Behauptung erscheinen, 
daß der Begriff als Mechanismus, und gar noch als Chemis- 
mus, in der Geschichte wirken kann ; und es wird daher 
vielleicht am Orte sein, dies beispielsweise näher darzu- 
legen. Wie der Begriff als Mechanismus in der 
Geschichte wirkt, ist sehr leicht einzusehen. Wenn 
Plinius (Hist. nat. XVIII. 7) sagt: „Die Zusammen- 
schlagung ungeheuerer Grundbesitzungen hat Italien zu- 
grunde gerichtet (latifundia perdidere Italiam)", so ist 
dies insoweit eine solche mechanische Tätigkeit des Be- 
griffs gewesen. Oder wenn nach dem Sturz der feudalen 
Gesellschaft in Frankreich gerade das Gegenteil hiervon 
geschah, und, selbst ohne daß die Absicht hierauf ge- 
richtet gewesen wäre, durch die Zerschlagung und Par- 
zellierung der Grundstücke der moderne Besitzstand er- 

43 



zeugt und in ihm dem staatsbürgerlichen Begriffe der fran- 
zösischen Revolution, der Idee des Individualismus, und 
seiner unabhängigen Geltung der Persönlichkeit, erst eine 
adäquate Realität geschaffen, in dieser erst eine lebendige 
Wirklichkeit gegeben wurde : so war dies wiederum ein 
Wirken, ein Sichselbstausführen des Begriffs als Mecha- 
nismus. Oder wenn jetzt in den großen Industriestaaten, 
besonders in England, der Prozeß der Industrie sich dahin 
treibt, daß durch ihre eigene Bewegung die Kapitalien sich 
immer mehr zentralisieren und zusammenhäufen, der kleine 
Mittelstand dagegen hierdurch immer mehr verschwindet 
und in das auf seine bloße Arbeitskraft beschränkte kapi- 
tallose Proletariat herabsinkt : so ist dies wieder eine mecha- 
nische Wirkung und Bewegung des Begriffs, aus welcher 
sich gleichfalls möglicherweise eine Auflösung und Um- 
formung der jetzt bestehenden Gesellschaftsform erzeugen 
kann. 

Mindestens ist es vielleicht nicht uninteressant, in dieser 
Hinsicht zu bemerken, wie Aristoteles schon gewußt und 
hervorgehoben hat, daß gerade durch diese mechanische 
Bewegung des Begriffs in der Geschichte jede auf Gewinn 
ausgehende Oligarchie in Massenherrschaft, in Demokratie 
umschlagen muß. „Als in die Aristokratie Verderbnis ein- 
riß und sie sich auf Kosten des gemeinen Wesens zu be- 
reichern suchte," sagt er in der Politik III, 15, ,,so 
mußte ganz natürlich die Oligarchie entstehen. Denn sie 
hatten den Reichtum zu dem Geltenden, (evrijuov), zum 
Maßstab des Wertes gemacht." Die Oligarchie aber habe 
wieder zunächst in die Durchgangsstufe der Tyrannis, 
dann aber in die Massenherrschaft umschlagen müssen. 
„Denn," sagt Aristoteles in seiner einfachen Weise, „in- 
dem sie durch die Gewinnsucht den Besitz auf immer 
Wenigere konzentrierten, stellten sie gerade dadurch die 

44 



Menge zahlreicher und stärker hin ; so daß sie nun einen 
Angriff versuchen konnte, und die Demokratien ent- 
standen (äsl yäo eig lldxxovg äyovxeg dl aio/goxegdeiav 
ioyvQÖreQOV xo jzbj&og y.axeoxrjoav, (box em&eo'da.i xal yeveo&cu 
drjtxoy.Qaxiag)." 

Spekulativer noch, wenn auch eben deshalb vielleicht 
schwieriger zu begreifen, ist das Wirken des Begriffs als 
Chemismus in der Geschichte. Wir haben oben gesehen, 
worin der Begriff des logischen Chemismus besteht. Er 
besteht darin, daß das Objekt an sich Totalität des Be- 
griffes ist, diese Totalität aber gesetzt ist in einer im- 
manenten und einseitigen, ihr Gegenteil ausschließenden 
Bestimmtheit, welche seine, des Objekts, Natur ausmacht 
und in der es unmittelbare Existenz hat. Hierdurch ist das 
Objekt der Widerspruch zwischen seiner Totalität und 
der Bestimmtheit seiner Existenz, oder es ist in sich selbst 
gespannt, und ist das Streben, durch seine eigene Tätigkeit 
diesen Widerspruch, diese Spannung aufzuheben, und sein 
Dasein seinem Begriff gleich zu machen. Gerade dieser 
logische Chemismus ist es, der hauptsächlich die 
Seele der Geschichte ausmacht und ihre Be- 
wegung erzeugt. Ich mache mich durch einige Beispiele 
klar. In dem Streben einer Nation nach Weltherrschaft 
liegt an sich eine kosmopolitische Idee, die Aufhebung der 
verschiedenen Nationalitäten und ihres Unterschiedes über- 
haupt. Dies liegt aber zuerst nur an sich darin. Was für 
die nach Weltherrschaft strebende Nation selbst vorhanden 
ist, ist zunächst vielmehr nur das einseitige Bestreben, ihr 
eigenes nationales Prinzip zur exklusiven Geltung zu 
bringen und die anderen Nationen ihm zu unterwerfen. 
Diese Nation ist so zunächst gegen die anderen gespannt 
und wesentlich auf deren Unterwerfung bezogen. Gerade 
indem sie aber dies erreicht und sich den orbis terrarum 

45 



unterworfen hat, ist In dieser hierdurch hergestellten Ein- 
heit der Unterschied der Nationalitäten überhaupt aufge- 
hoben und zu einem gleichgültigen herabgesunken : d. h. 
jene Spannung hat sich gerade durch ihre eigene Be- 
wegung ausgeglichen und ist in die Idee der Gleichgültig- 
keit des nationalen Prinzips und Unterschieds oder in das 
neutrale Produkt des Kosmopolitismus übergegangen. Was 
ich hier als die Natur dieses Begriffs nachgewiesen habe, 
das hat sich in der Geschichte als Übergang der römischen 
Weltherrschaft in den Kosmopolitismus der Stoa und des 
Christentums und den bald darauf hierdurch hervorgebrach- 
ten Zerfall jenes Weltreiches auch historisch wirklich so 
vollbracht. Der logische Chemismus des durchgenommenen 
Begriffs besteht darin, daß er diese Bewegung und dieses 
Resultat durch seine eigene immanente Natur hervorbringt : 
daß er aber dennoch weit entfernt ist, dasselbe willentlich 
hervorzurufen, vielmehr in demselben das gerade Gegen- 
teil von dem zustande gebracht hat, was er für sich selbst 
erstrebte. Die nach Weltherrschaft strebende Nation war 
somit nicht nur gegen die anderen Nationen, sie war viel- 
mehr gegen sich selbst gespannt. Es folgt aus der ange- 
gebenen Natur dieses Begriffs, daß jedes Streben nach 
Weltherrschaft, gerade wenn es erreicht wird, stets und 
zwar jedenfalls zunächst bei der herrschenden Nation in 
das neutrale Produkt des gegen sich gleichgültig gewor- 
denen Nationalunterschieds zurückgehen, und somit, da 
hierdurch die herrschende Nation die Kraft verliert, die 
anderen Nationalitäten in der Unterwerfung zu erhalten, 
wieder auseinanderfallen muß. Man kann daher jeder 
Weltherrschaft ihren Verfall mit philosophischer Not- 
wendigkeit vorhersagen. Beiläufig gesagt, ist jedoch die 
moderne Zeit gegen die Vorhersagungen der Philosophie 
ebenso ungläubig wie undankbar geworden. Als Thaies 

46 



einmal eine Sonnenfinsternis und eine schlechte Ölernte 
prophezeite, wußte sich das ganze Altertum vor Bewun- 
derung darüber nicht zu lassen, und hat diese seine Be- 
wunderung so oft wiederholt, daß noch heute jeder Mensch 
aus seinen philosophischen Kompendien diese Tatsachen 
weiß. Wer aber erinnert sich heute noch, daß — was 
gleichwohl doch eine ganz andere Tat war — Fichte im 
Jahre 1808 in seinen „Reden an die deutsche Nation," 
und zwar aus Gründen, die in letzter Instanz gerade auf 
die exponierte Natur dieses logischen Chemismus zurück- 
gehen, den baldigen Zerfall der damals auf ihrem Zenit 
stehenden Napoleonischen Weltherrschaft vorhersagte? 

Ich will ein anderes Beispiel von dem Wirken des Be- 
griffs in der Geschichte als logischer Chemismus geben. 
Die Monarchie hat die hohe Bedeutung, den Begriff der 
Totalität und Einheit des sittlichen Staatswillens darzu- 
stellen, gegenüber den in ihre besonderen Interessen ver- 
senkten, in ihre Privilegien und Vorrechte vertieften Klas- 
sen und Ständen der bürgerlichen Gesellschaft. Es ist 
somit die Monarchie durch ihre innere Natur von vornher- 
ein in einer feindlichen Stellung gegenüber den Privilegien. 
Dies ist der an sich seiende Begriff der Monarchie. Seiner 
Wirklichkeit nach aber, nach der Bestimmtheit, welche 
dieser Begriff in der Existenz hat, ist diese sittliche To- 
talität und Einheit des Staatswillens in der Monarchie als 
eine zufällige, empirische, durch die Erblichkeit der Ge- 
burt bestimmte, unmittelbare Individualität vorhanden: 
d. h., sie ist selbst wieder ein Privilegium, und zwar das 
höchste und härteste Privilegium, — den öffentlichen 
Willen als das erbliche Eigentum eines Individuums zu 
setzen. Es ist somit auch hier ein Widerspruch zwischen 
Totalität des innern Begriffs und der Bestimmtheit, in 
der er da ist, vorhanden. Der an sich seiende Begriff, die 

47 



innere Natur der Monarchie, wirkt zunächst auf sie als 
Trieb. Das Königtum kann sich so getrieben finden — 
und dies ist der wirkliche geschichtliche Verlauf, den das 
französische Königtum seit Ludwig XI. genommen hat, 
und auch bei uns in Preußen ist dies besonders mit dem 
großen Kurfürsten eingetreten — das Königtum, sage ich, 
kann sich so getrieben finden, gegen die der sittlichen Ein- 
heit und Totalität des Staatszweckes entgegenstehenden 
Privilegien der feudalen Gesellschaft anzugehen und sie 
mehr und mehr aufzuheben. Aber indem so das Königtum 
durch seinen begriffliehen Trieb gegen das Privileg ge- 
spannt ist, ist es gegen seine eigene Existenz, die das 
höchste Privileg ist, gespannt. Und es kann daher kommen, 
wie sich das in der Tat wieder in Frankreich mit der 
Revolution von 1789 gezeigt hat, daß das, in der Regel 
zu spät die Bedeutung seines Tuns gewahrende und nun 
gern umkehrende Königtum, das Privileg untergrabend, 
seine eigene Existenz untergraben und in die ihrem eigenen 
Begriffe adäquate Existenzform der Einheit und Tota- 
lität des sittlichen Staatswillens — in die Republik — 
aufgehoben hat. Was die Monarchie so vollbracht hat, ist 
nur, ihr Dasein ihrem Begriff adäquat und gleich gemacht 
zu haben; zugleich ist aber dadurch das Königtum in sein 
direktes Gegenteil übergegangen. Indem diese Bewegung 
eine durchaus durch die eigene innere Natur des König- 
tums gesetzte, und dennoch durchaus ungewollte 1 ) — 
sonst wäre sie Zweckbewegung — war, das Königtum 
dabei vielmehr in das Gegenteil dessen überging, was es 
für sich selbst will, ist dies gleichfalls ein logischer Chemis- 



1 ) Anmerkung der Redaktion in der Erstausgabe. Wir 
würden statt ungewollte vorziehen: nicht sich selbst 
erhaltende, da es auch unbewußte Zweckbewegung gibt. 

48 



mus ; — und die Staatsgef ährlichkeit der Chemie hat sich 
jetzt wohl hinreichend erwiesen. 

Die Zvvecktätigkeit in der Geschichte end- 
lich, obgleich sie im Verhältnis zu den andern Faktoren 
der weniger ins Gewicht fallende ist, ist ihrer großen 
Durchsichtigkeit wegen am wenigsten zu verkennen. Wenn 
eine Staatsform, wie dies z. B. in der französischen 
Revolution der Fall war, bewußt eingestürzt wird : so ist 
dies von Seiten der diesen Umsturz mit freiem Bewußt- 
sein erstrebenden Klassen und Einzelnen teleologische Be- 
ziehung, Zwecktätigkeit. Diese selbst kann sich wieder 
verschieden gliedern. Diejenigen, die sich in dieser Be- 
wegung nur mit einem endlichen Objekt zusammenschließen 
und dieses, wie Vorteil, Ehre, Reichtum, Macht, oder 
auch eine legitime Verbesserung ihres endlichen Loses, 
für sich selbst erlangen wollen, stehen unter dem Begriffe 
der endlichen oder äußerlichen Zwecktätigkeit. 
Während sie die allgemeine Bewegung nur als Mittel für 
sich zu gebrauchen glauben, sind sie vielmehr selbst nur 
ein Mittel für den unendlichen Zweck der sich auf 
sich selbst beziehenden Idee. Diejenigen dagegen, die viel- 
mehr sich selbst bewußt sind, nur Mittel für die Idee zu 
sein, und dieser Ausführung geben zu wollen, befinden 
sich in der Zwecktätigkeit, wie sie auf der Stufe der Idee 
wiedererscheint, in der Tätigkeit der Idee des Guten. 
Eben weil sie für sich selbst nur als Mittel für die Idee 
sind, kann ihr Pathos gerade als Selbstzweck der Idee 
bezeichnet werden. 

Ich bin in dieser Ausführung, obgleich es noch viel 
konkreter hätte geschehen können, soweit ins Konkrete 
gegangen, einmal weil ich glaubte, daß dies zur Abwechs- 
lung mit dem abstrakten Inhalt der logischen Bestimmungen 
vielen nicht unangenehm sein werde, und dann, weil wir uns 

4 Lasealle, Gm, Schriften. Band VI. 49 



dabei im Grunde von der Sache nicht im geringsten ent- 
fernt haben. Denn wir haben gesehen, wie die Tätigkeit 
des Begriffs in der Geschichte in der Tat gerade durch die 
Kategorien der Objektivität : Mechanismus, Chemismus 
und Teleologie, vor sich geht, die Hegel dem objektiv ge- 
wordenen Begriff zuweist und in die er den formalen Be- 
griff durch seine eigene Selbstbewegung übergehen läßt. 
Wir haben also gesehen, wie bei Rosenkranz mit dem Fort- 
fall dieser Selbstobjektivierung des Begriffs und seiner 
Bewegung in dieser seiner Objektivität auch jede innere 
Möglichkeit einer begrifflichen Geschichte fortfallen muß. 
Wir haben ferner dabei beiläufig näher gesehen, wie un- 
recht Rosenkranz hat, zu glauben, daß dieser logische Me- 
chanismus und Chemismus — man würde letzteren übrigens 
besser Dynamismus nennen — nur in der Natur und nicht 
auch im Geiste vorkäme 1 ). Aber, wie ich bereits vorhin 



x ) Es ist fast überflüssig zu bemerken, daß die obige Ent- 
wickelung der Tätigkeit des Mechanismus, des Chemismus und 
der Teleologie in der Geschichte nichts gemein hat mit der von 
Hrn. Michelet in seiner Kritik von Rosenkranz (Heft I und 
II des „Gedankens") angezogenen Auffassung des Grafen 
Cieszkowski, nach welcher die Geschichte des Altertums ein 
Mechanismus, die des Mittelalters ein Dynamismus oder 
Chemismus sei, während mit der modernen Geschichte zum 
Organismus übergegangen werde. In dieser Ansicht wird eine 
besondere geschichtliche Periode — und diese also ihrem 
Inhalt nach — für übereinstimmend mit dem Gedanken- 
inhalt des Mechanismus, eine andere geschichtliche Periode, 
ebenso ihres besondern Inhalts wegen, wieder für über- 
einstimmend mit dem Gedankeninhalt des Chemismus (Dynamis- 
mus) usw. erklärt. Die Richtigkeit dieser Analogie dahin- 
gestellt, ist dieselbe jedenfalls toto coelo verschieden von der 
obigen Entwickelung, nach welcher Mechanismus, Chemismus 
und Teleologie die stets und in jeder Periode der Geschichte 
— von dem besondern Gedankencharakter der bestimmten 

50 



bemerkte, der Fortfall der logischen Möglichkeit einer 
begriffenen Geschichte ist nur eine bestimmte und einzelne 
Folge, nur eine Folge unter anderen, die bei Rosenkranz 
durch seine logischen Veränderungen eingetreten sind. Die 
wahrhafte und allgemeinste systematische Folge, von der 
alles weitere wieder nur eine Konsequenz ist und auf die 
ich schon vorhin anspielte, indem ich Rosenkranz ein un- 
bewußtes, aber totales Aufgeben der Hegeischen Philo- 
sophie zur Last legte, ist eine andere. Diese systematische, 
alles andere in sich schließende Folge ist nämlich keine 
geringere als die, daß bei Rosenkranz die wahrhafte, bei 
Hegel vollbrachte Identität von Sein und Denken, 
von Metaphysik und Logik, wieder aufgegeben und ein 
Abfall und Rückfall auf einen mit der Kantischen Philo- 
sophie zwar nicht identischen, aber ihr analogen Stand- 
punkt eingetreten ist. Dies habe ich jetzt näher zu recht- 
fertigen. 

Es ist das Verhältnis von Metaphysik und Logik in der 
vorkantischen Philosophie, sowie die hierin durch Kant 
und dann durch Hegel vollzogene Revolution bakannt. Kurz 
zusammengedrängt, ist dieselbe im wesentlichen folgende: 
Bis zu Kant waren Metaphysik und Logik voneinander 
getrennte Wissenschaften. Die Metaphysik oder Ontologie 
sollte die Kategorien des Seins, die Logik dagegen, die 



Periode also ganz unabhängigen — gemeinschaftlich tätigen 
formellen Realisationsweisen des Begriffs wären: die durch 
seine logische Natur gegebene immanente und notwendige Tätig- 
keit (Entelechie) des historischen Begriffs, sich selbst aus- 
zuführen; oder die logischen Naturkräfte und Mit- 
tel des Begriffs, sich in der Geschichte zu reali- 
sieren und fortzubewegen. (Sind diese Kategorien Reali- 
sationsformen der Geschichte, so bilden sie auch den Gedanken- 
inhalt ihrer Stufen. Die Redaktion.) 



4' 



51 



deshalb eine bloß formale war, die Erkenntnisformen des 
subjektiven Verstandes behandeln. Kant bewies nun, daß 
dieser Unterschied ein nichtiger sei, daß die angeblichen 
Kategorien des Seins, der Ontologie, gleichfalls nichts an- 
deres als apriorische Begriffe seien, daß sie sämtlich, 
Quantität, Qualität, Relation usw. gleichfalls nur Funk- 
tionen der reinen Vernunft, Formen des urteilenden Ver- 
standes seien: und daß somit — dies war das negative 
Resultat, das er zog — auch durch sie das wahrhafte 
Sein, das Ding an sich, nicht erkannt zu werden vermöge. 
Hegel akzeptierte nun gleichfalls bloß den von Kant ge- 
lieferten Nachweis, aber so, daß er die negative Schluß- 
folgerung Kants in ihr positives Resultat münden ließ. 
Hegel akzeptierte den Kantischen Beweis in dem Sinne, 
daß die Formen und Gesetze des subjektiven Denkens 
die eigenen immanenten und konstitutiven Gesetze des ob- 
jektiven Seins seien. So war die Identität zwischen Sein 
und Denken, zwischen Ontologie und Logik vollbracht. 
So war die Identität vollbracht, sage ich ? Nein, so wäre 
sie nur erst behauptet, nicht vollbracht gewesen ; und außer- 
dem wäre dann bei Hegel der ebenso wesentliche Unter- 
schied von Sein und Denken verloren gegangen. Um jene 
Identität wirklich zu vollbringen und zugleich den Unter- 
schied nicht über der Identität zu verlieren, war ihre Aus- 
führung nötig. Die Identität ist aber nur dann eine wahr- 
hafte und ausgeführte, wenn nicht nur 1. das Sein an sich 
Denken ist und in dasselbe umschlägt : sondern auch 2. das 
Denken selbst wieder ebenso sehr sich seinerseits in das Sein 
zurückwirft, dieses aus sich selbst erzeugt; und sich wie- 
der 3. aus dieser von ihm selbst gesetzten Identität mit sich 
selbst zusammenschließt, in seine eigene Freiheit zurück- 
geht. Bloß so ist die Identität nicht nur eine an sich seiende, 
sondern eine anundfürsichseiende, die durch die eigene 

52 



Tätigkeit des Gedankens hervorgebracht und für ihn seihst 
geworden ist: bloß so ist der Unterschied ebenso 
gewahrt wie die Identität; bloß so ist das Denken das 
Überg reifende, welches das Sein aus sich selbst 
gesetzt hat und sich aus ihm zu sich zurückhebt. Läßt man 
bloß das dritte Moment fort, so erhält man die Schelling- 
sche Identitätsphilosophie, bei welcher der Unterschied 
beider Bestimmungen übersehen ist. Läßt man, wie bei 
Rosenkranz geschieht, nicht nur das dritte, sondern sogar 
das zweite Moment fort : so fällt man noch hinter die 
Identitätsphilosophie zurück und langt auf einem Stand- 
punkt an, auf welchem Sein und Denken nicht mehr, so 
sehr man auch diese Identität behaupten mag, sich als 
identisch erweisen. Diese Identität ist bei Hegel dadurch 
vollbracht, daß sich das Sein nicht nur aus sich selbst 
zum Begriff forttreibt, sondern daß nun eben auch der 
Begriff sich zum Sein macht. Und dies gerade ist die 
unendliche Bedeutung des Übergangs aus dem Begriff in 
die Objektivität. Die Objektivität ist Unmittelbarkeit ; sie 
ist die in der subjektiven Logik wieder auftauchende Kate- 
gorie des Seins, das Sein als das vom Begriff durch seine 
eigene Bewegung gesetzte. 

So sind wir — und dies ist gerade das Tiefe dabei — 
mitten in der Lehre von der subjektiven oder formellen 
Logik wieder bei einer Kategorie des Seins angelangt. 
Gerads dadurch ist die Identität der Ontologie und der 
Logik eine gesetzte geworden: und nun muß dieses 
vom Begriff gesetzte Sein, das also an sich Begriff ist, 
sich wieder durch sein Fürsichsein, seine Bewegung zu 
dem machen, was es an sich ist ; — was in der dialektischen 
Bewegung innerhalb der Objektivität geschieht. Indem die- 
ses Sein so selber setzt, daß es Begriff ist, hat es sich 
zum ebenso seienden wie anundfürsichseienden Begriff, 

53 



zu dem in seinem Sein sich adäquaten Begriff oder zur 
Idee erhoben. Dieser Fortgang ist schon dadurch geboten, 
daß in ihm das allgemeine Gesetz und architektonische 
Kunstwerk der Hegeischen Logik und Philosophie über- 
haupt besteht. Alle Bewegung besteht bei Hegel nur darin, 
daß jedes Moment das, was es an sich ist, auch durch sein 
eigenes Tun setzt, sich selber zu ihm macht und in es 
umschlägt. Wie sich also durch den Verlauf der Kate- 
gorien vom Sein bis zum Begriff zeigt, daß das Sein an 
sich Denken ist ; so muß jetzt auch wieder das Denken sich 
als Sein setzen — Objektivität, und aus diesem in sich 
zurückgehen — Idee. Indem Rosenkranz hiergegen ver- 
stößt, zeigt er nur, dies innerste und absolute Gesetz der 
Hegeischen Philosophie bewußt oder unbewußt aufgegeben 
zu haben. Umsonst würde also Rosenkranz entgegnen, 
daß er ja überall und schon auf der ersten Seite seiner 
Logik von der Identität von Denken und Sein spreche, 
daß diese Identität schon im ersten Gedanken des reinen 
Seins vorliege, daß sie sich durch die Fortbewegung des 
Seins zum Begriff vollbringe. An sich liegt diese Identität 
allerdings schon im Gedanken des reinen Seins vor, an sich 
vollbringt sie sich allerdings schon durch den immanenten 
Fortgang desselben zum Begriff — aber eben nur an sich. 
Weil das Denken mit dem Sein an sich identisch ist, muß 
es dies auch für sich setzen und hervorbringen. Sonst wäre 
das Denken nur eine Abstraktion, zu der uns das Sein über 
sich hinausschickt; aber es wäre nicht das das Sein aus 
sich selber erzeugende Moment — es wäre nicht der 
schöpferische Schoß und das konstitutive Gesetz desselben. 
Man kann den Unterschied auch noch deutlicher so aus- 
drücken. Das, womit wir es in der Lehre vom Sein zu tun 
haben, Sein, Qualität, Quantität usw., sind in der Tat nur 
Gedankenabstraktionen. Das Sein ist von Hegel selbst für 

54 



die ärmste Abstraktion erklärt worden. Qualität, Quantität 
sind nur abstrakte Eigenschaften am Seienden, sind nie 
für sich selbst seiende Unmittelbarkeit. Das Sein, wie es 
wirklich als unmittelbares vorhanden ist, und daher dem 
Gedanken scheinbar am schroffsten gegenübersteht, bildet 
vielmehr unmittelbare Totalitäten, d. h. Sachen oder 
Objekte : also das Sein, welches sich Hegel erst durch 
den Übergang des Begriffs zur Objektivität erzeugt. Nur 
indem sich das wirklich unmittelbare Sein — die Objekte 
— als Gesetztsein des Begriffs erwiesen hat, kann von 
einer wahrhaften Identität von Sein und Denken gesprochen 
werden. Ein wie vollkommenes Bewußtsein Hegel selbst 
über die hier nachgewiesene absolute Wichtigkeit des 
Übergangs vom Begriff in die Objektivität hatte, und wie 
er ihm gerade dieselbe Bedeutung vindiziert, die ich näher 
dargelegt habe, mag noch durch ein Zitat aus Hegel selbst 
gezeigt werden. Es sind nur wenige Zeilen, aber diese 
wenigen Zeilen schließen innerlich alles das ein, was ich 
soeben entwickelt habe. Er sagt nämlich im dritten Teil 
der Logik, S. 32, da, wo er in vorläufiger Weise die 
Bewegung des Begriffs angibt : „Zweitens, der Begriff 
in seiner Objektivität ist die an und für sich seiende Sache 
selbst. Durch seine notwendige Fortbestimmung macht der 
Begriff sich selbst zur Sache und verliert dadurch das 
Verhältnis der Subjektivität und Äußerlichkeit gegen sie. 
Oder umgekehrt ist die Objektivität der aus seiner Inner- 
lichkeit hervorgetretene und in das Dasein übergegangene 
reale Begriff." Also erst dadurch, daß er sich zur 
Objektivität macht, verliert nach Hegel selbst der Begriff 
seine Subjektivität und Äußerlichkeit gegen sie. Bis dahin 
ist nach Hegel selbst, und trotz der schon im Gedanken 
des Seins liegenden und durch die immanente Entwicklung 
des Seins zum Begriff an sich vorhandenen Identität, diese 

55 



Subjektivität und Äußerlichkeit, diese Fremdheit des Be- 
griffs gegen die Sache noch nicht überwunden, die Iden- 
tität noch nicht hergestellt. Diese bei Hegel hergestellte 
Identität wird also bei Rosenkranz wieder zerrissen. Oder 
es ist bei Rosenkranz durch das Fortlassen des Über- 
gangs aus dem Begriff in die Objektivität dahin gekom- 
men, daß — und jetzt fasse ich meine ganze Kritik über 
Rosenkranz in ein einziges, nunmehr allen ganz durch- 
sichtiges Wort zusammen — es ist, sage ich, bei Rosen- 
kranz hierdurch dahin gekommen, daß nun wieder das 
Wort gilt, welches Kant gegen den ontologischen Beweis 
vom Dasein Gottes bei Descartes gesagt hat, daß das 
Dasein nicht aus dem Begriff herausgeklaubt werden kann, 
üs kann daher die Rosenkranzsche Logik, meine 
Herren, nicht treffender bezeichnet werden, als mit dem 
Worte, daß sie ein Neo-Kantianismus ist, gerade 
wie sich die Neo-Platoniker gleichfalls, in der Hauptsache 
auf Piaton zurückgehend, manches von Aristoteles, be- 
sonders von seiner Entelechie angeeignet hatten, ähnlich 
wie Rosenkranz die Immanenz der Kategorien von Hegel. 
Je näher Sie diese Logik ansehen, desto deutlicher wird 
Ihnen dieser Neo-Kantismus ins Auge fallen. Rosenkranz 
läßt wie die Objektivität, so auch, durch seinen Kantischen 
Instinkt getrieben und überdies nur in notwendiger Folge 
der erstem Auslassung, die Begriffe des Lebens, des 
Lebensprozesses, der Gattung und die Idee des Guten, kurz 
alles das fort, was Kategorien der Unmittelbarkeit sind. 
Das, was ihm die Stelle der subjektiven Logik einnimmt, 
schrumpft daher in folgenden Inhalt, wie er selbst 
(S. 98 flg.) angibt, zusammen: Begriff, Urteil, Schluß, 
Idee, Prinzip, Methode, System. Betrachten Sie diese 
Formen näher, so sehen Sie sofort, wie sie alle darin 
übereinstimmen, wie Kant sie nennt, „Regulative der 

56 



erkennenden Vernunft" zu sein. Es wird daher 
wieder bei Rosenkranz wie bei Kant, die subjektive Logik 
ihrem Inhalte nach zu einem bloßen Kanon der Beur- 
teilung, nicht mehr zu einem Organon zur Her- 
vorbringung objektiven Seins. Der Unterschied zwi- 
schen Kant und Rosenkranz ist nur der der bei weitem grö- 
ßeren Konsequenz bei Kant. Kant nämlich, weil nach ihm 
die Vernunftbegriffe nicht als konstitutive Kategorien an- 
gesehen werden können, leugnet auch konsequent, daß sie 
als ein Organon zur Hervorbringung der Einsicht des Ob- 
jektiven dienen können ; sie sollen nur ein Kanon der sub- 
jektiven Beurteilung sein. Bei Rosenkranz dagegen sollen 
sie dennoch als ein Organon zur Hervorbringung der 
Kenntnis des Objektiven dienen. Allein dies ist nun eben 
eine höchst inkonsequente Behauptung. Wenn der logische 
Begriff nicht die objektive Unmittelbarkeit aus sich 
gesetzt hat, wenn er nicht ihre konstitutive sie erzeugende 
Seele ist, so kann er sie auch nicht erkennen; sie bleibt 
ihm unnahbar und fremd, seiner Macht entnommen, — und 
er kann sich nur in sich bewegen. Wenn er nicht ihr eigenes 
sie setzende Innere ist, bleibt s i e stets ein ihm ver- 
schlossenes Äußere. Das hat schon Aristoteles gewußt, 
indem er sein großes Gesetz in der Schrift: De anima 
aussprach, daß jeder Philosoph das als Seele {yv%rj) 
setzen müsse, was er auch als das hervorbringende Prinzip 
der Dinge (a^) gesetzt habe. Denn das Erkennen der 
Dinge könne nur durch das gleiche geschehen, aus dem 
und durch das sie geworden seien. 

Das Schlimmste nun von allem ist vielleicht, daß dieser 
ganze Rückfall sich bei Rosenkranz vollbringt, ohne daß 
er nur irgend ein Bewußtsein, irgend eine Ahnung über das 
Stattfinden desselben hat. Da er vielmehr nach wie vor 
behauptet, ein fester Hegelianer zu sein, so erregt er 

57 



fast den Verdacht, als ob er in den erörterten Haupt- 
punkten niemals das Hegeische System wahrhaft bewältigt 
und es zu seinem innersten Verständnis gebracht habe. 
Denn bekanntlich gibt es mehrfache Verständnisse Hegels 
und seiner Logik. Man kann das Hegeische System im all- 
gemeinen, man kann vieles, ja fast alles Einzelne darin treff- 
lich verstehen, und es doch niemals zu dem letzten Verständ- 
nis seines gesamten immanenten Zusammen- 
hanges gebracht haben. Daß dies bei Rosenkranz im 
Rückblick auf einige Hauptfragen der Logik fast der 
Fall zu sein scheinen könnte, mag noch eine letzte Be- 
merkung zeigen. Hegel teilt die Logik in die drei Teile ein : 
Lehre vom Sein, Lehre vom Wesen, Lehre vom Begriff. 
Rosenkranz dagegen will — und zwar ohne durch seine 
anderen Verstöße dazu gezwungen zu sein — die Lehre 
vom Wesen der vom Sein subsumieren, und infolgedessen 
anstelle dieser Einteilung die folgende setzen: 1. Lehre 
vom Sein, wozu die vom Wesen gehören soll; 2. Lehre 
vom Begriff und 3. Ideologie oder Lehre von der Idee. 
In diesem Änderungsvorschlag zeigt sich aber nur, daß 
Rosenkranz niemals sich klar gemacht hat, in welcher 
in Erz gegossenen Notwendigkeit die Hegeische Einteilung 
beruht. Sie ist aber folgende : Im Sein geschieht der Fort- 
gang der Begriffe durch Übergang in anderes ; Sein, 
Nichtsein, Werden, Qualität usw. sind solche andere 
gegeneinander. Im Wesen dagegen geschieht der Fortgang 
zwar auch noch durch Übergang in anderes, aber in ein 
solches Gegenteil, welches jede der Kategorien des Wesens 
sofort an sich selbst hat, und in welches sie unmittelbar 
hinüberweist, hineinscheint. Inneres und Äußeres, Grund 
und Folge, Ursache und Wirkung sind solche Bestim- 
mungen des Wesens, von denen jede sofort auf die ent- 
gegengesetzte verweist, sich in sie reflektiert. Der Fort- 

58 



gang in dieser Sphäre ist daher der des Reflexionsverhält- 
nisses ; er ist der, daß jedes selbst in sein anderes hin- 
einscheint, es voraussetzt. Der Fortgang im Reiche des 
Begriffs dagegen besteht darin, daß, wie schon oben als 
hauptsächlich wichtig hervorgehoben, der Begriff — in 
seinem Fortgang — auch in seinem Gegenteil mit sich 
identisch bleibt, daß er Beisichbleiben oder mit einem 
anderen Wort Entwicklung in dem prägnanten Sinne 
von Selbstentwicklung ist. Durch diese dreifach differente 
Natur der formellen Entwicklung ist mit immanenter Not- 
wendigkeit auch die Einteilung in jene drei Sphären ge- 
geben. Die inhaltliche Einteilung ist durch die absolute 
Form selbst bestimmt. Die Idee begründet kein besonderes 
Hauptreich ; denn sie hat ihre Entwicklung, die gleichfalls 
darin besteht, Selbstentwicklung zu sein, schon mit dem 
Begriffe gemeinsam, stellt also nur eine Unterabteilung 
desselben dar. Diese immanente Notwendigkeit der dialek- 
tischen Form und ihrer innern Bedeutung für den Inhalt der 
Logik selbst muß Rosenkranz ganz außer Augen gelassen 
haben, als er, ohne nur auf das eben angegebene Verhält- 
nis aufmerksam zu werden, jene Abänderung bewerk- 
stelligte. 

Ich habe im Eingang das Buch mit einer Komödie ver- 
glichen. Aber auch in jeder Komödie muß, wenn es dem 
Zuhörer dabei wohl werden soll, der Sieg der Idee den 
Schluß bilden. Ich frage also : Ist das Unglück eines sonst 
hochverdienten Mannes, ist dies rein negative ,und traurige 
Resultat das einzige und letzte, mit welchem diese Komödie 
abschließt ; oder liegt hier nicht dennoch irgendwo der 
Sieg der Idee und also ein positiver und herzerhebender 
Abschluß vor ? In der Tat ist dies im höchsten Grade der 
Fall. „Die Irrwege sind es," sagt Lessing, ,,die uns über 
den wahren Weg belehren." Gerade dadurch, daß die 

59 



scheinbar geringfügige Änderung im einzelnen, die Weg- 
lassung von zwei Kategorien und die Verschiebung einer 
dritten, kein geringeres Resultat gehabt haben als die prin- 
zipielle Aufhebung der ganzen logischen Wissenschaft — 
gerade hieran ist die in sich selbst beruhende Notwendigkeit 
der wunderbaren Architektonik, in der sich die logische 
Idee bei Hegel gegliedert hat: gerade hieran ist die dia- 
mantene Unzerbrechlichkeit ihrer Form, ist die absolute, 
untrennbare Identität ihrer Form und ihres Inhalts — 
dieser höchste Beweis ihrer Wahrheit — von neuem her- 
ausgestellt worden. So bildet denn gerade die totale Um- 
änderung, welche eine so kleine partielle Umänderung nach 
sich zieht, den Triumph der Idee ; und wir können mit den 
Worten unseres Dichters schließen, die er noch bei Leb- 
zeiten Hegels ihm zurief, und die in bezug auf die Hegel- 
6che Logik wirkliche Gültigkeit haben : 

Und es tragen die Pfeiler, fest wie die Säulen Herakles', 
Ewig der Wissenschaft herrlich-unendlichen Bau. 



60 



FICHTES POLITISCHES 
VERMÄCHTNIS 

UND DIE NEUESTE GEGENWART 



EIN BRIEF 

VON 

FERDINAND LASSALLE 



DER ERSTE ABDRUCK ERSCHIEN 

IN WALESRODE'S DEMOKRATISCHEN STUDIEN 

HAMBURG 1860 



VORBEMERKUNG. 

In der biographischen Abhandlung wurde von dem vor- 
liegenden Aufsatz Lassalles gesagt, daß man ihn als ein 
Nachwort zur Schrift „Der italienische Krieg und die 
Aufgabe Preußens" bezeichnen könne, in welchem Las- 
salle ,,das offen heraussagt, was er dort zu verhüllen für 
gut befunden". Der Leser hat nun Gelegenheit, die Rich- 
tigkeit jener Bemerkung selbst zu prüfen. Auf den „Ita- 
lienischen Krieg etc." stützten sich hauptsächlich die Ver- 
suche, Lassalle als „national" im Sinne des späteren Natio- 
nalliberalismus hinzustellen, und einzelne Sätze jener 
Schrift mögen diesen Versuchen wirklich einen Schimmer 
von Berechtigung geben. Aber in diesem, noch nicht ein 
Jahr nach dem „Italienischen Krieg" der Veröffentlichung 
übergebenen Aufsatz erklärt sich Lassalle so energisch 
gegen alles Kleindeutschtum, wie es bei seiner Überzeu- 
gung von der Notwendigkeit der Zertrümmerung Öster- 
reichs überhaupt nur möglich war. Und was damals klein- 
deutsch hieß, brüstete sich später als nationalliberal oder 
als einzig legitime Vertretung des nationalen Gedankens in 
Deutschland. 

In welchem Sinne Lassalle national war, wie er die 
Lösung der nationalen Frage in Deutschland verstand, sehen 
wir hier kurz und bündig auseinandergesetzt. Österreich ist 
ihm seiner ganzen Natur nach — wegen seiner überwiegen- 
den außerdeutschen Interessen, zur Herstellung einer wirk- 
lichen Einigung Deutschlands unfähig, Preußen ist dies 

63 



wegen der Hau sinteressen seiner Dynastie ; der Föderalis- 
mus würde die Uneinheit und Eifersüchtelei der einzelnen 
Staaten und Stämme verewigen und darum reaktionär wir- 
ken — die Verwirklichung der deutschen Einheit ist viel- 
mehr nur möglich in und mit der unitarischen demokrati- 
schen Republik, gegründet auf Gleichheit alles dessen, 
was Menschenantlitz trägt. Dies die Quintessenz der Dar- 
legungen Lassalles, die Nutzanwendung, die er aus den, 
zum Teil rein spekulativen Ausführungen Fichtes zog und 
als das Vermächtnis des berühmten Philosophen an das 
deutsche Volk betrachtet wissen wollte. Es ist ein repu- 
blikanisch-revolutionärer Feldruf, von dem Lassalle, wie 
er unterm 14. April 1860 an Marx schrieb, „mitten in 
diesem widrigen gothaischen Gesumme" sich ,,den Ein- 
druck eines Trompetenstoßes" versprach. Aber vorerst 
war das Gesumme noch so laut, daß der Lassallesche 
Trompetenstoß gänzlich überhört wurde. 

Unsere Ausgabe hält sich streng an die Auszeichnungen, 
die der Aufsatz bei seiner ersten Veröffentlichung aufwies. 



Ed. Bernstein. 



64 



FICHTES POLITISCHES VERMÄCHTNIS 



Herrn Ludwig Walesrodel 

Sie ersuchen mich dringend, Ihnen einen Artikel über 
irgend eine „brennende Frage" des Tages zu liefern. 

Aber abgesehen davon, daß ich gerade durch eine die 
Konzentration aller meiner Kräfte erfordernde Arbeit 1 ) 
in Anspruch genommen bin — was nützt es denn eigent- 
lich, für eine Nation zu schreiben, die das nicht einmal 
liest, was sie schon hat oder doch sicherlich nichts von 
dem, was sie gerade vor allem lesen sollte? — 

Finden Sie den Tadel zu hart ? Es käme auf die Probe 
an, und diese bin ich bereit, Ihnen zu liefern. Statt Ihnen 
selbst einen Aufsatz zu schreiben, will ich Besseres thun, 
und einige fragmentarische Zitate hierhersetzen, die von 
einem Größeren stammen. Vielleicht findet man dann, 
daß die „brennenden" Fragen — und auch die b r e n - 
nende Behandlung derselben — bei uns schon alt, sehr 
alt sind, und daß es eben an nichts fehlt als an den Her- 
zen, die für sie entbrennen! 

Man könnte die siegreichste Mystifikation mit diesen 
Fragmenten vornehmen. Denn fast kein Mensch kennt sie ; 
keiner mindestens, so weit meine persönliche Erfahrung 
reicht. Und wenn man sie hierhersetzte, diese vor fast 
fünfzig Jahren geschriebenen gewaltigen Ergüsse heiße- 
ster Vaterlandsliebe und durchdringender Gedankenkraft, 
ohne Anführung, ohne Angabe der Quelle und des Fund- 



l ) Das „System der erworbenen Rechte". D. H. 

67 



orts, so würden Ihre Leser schwören, das sei heute 
geschrieben, das schildere die Zustände und Leiden, die 
Gefahren und Probleme, die Ekel und Verbrechen der 
allerneuesten Gegenwart ! 

Ja, selbst so noch wird sich vielleicht mancher Ihrer 
offiziellen Leser staunend genötigt sehen, den Fundort 
zu befragen, um sich zu vergewissern, ob dies wirklich 
ohne Abänderung und Zusatz zitiert sei. 

Doch Niemand kann weniger zum Mystifizieren aufge- 
legt sein, als ich. Und nie gab es eine Zeit, wo ein Deut- 
scher weniger zu solchem Scherz gestimmt sein durfte 
als eben jetzt. Denn es ist gar nichts Scherzhaftes um den 
Gedanken, daß wir noch unter ganz demselben Jammer 
hinsiechen wie vor fünfzig Jahren. Und zwar zum Scherz, 
aber nur zu bitter-verächtlichem Scherz anregend ist es, 
wenn unsere Kammer- und Zeitungspolitiker sich in Bezug 
auf dieses schon vor fünfzig Jahren doch wenigstens 
scharf durchschaute Leiden, auf diese schon da- 
mals mit ihren Gründen, wie mit ihren Heilmitteln 
klar erkannte Krankheit, sei es in redlicher Gedanken- 
losigkeit, sei es in durchdachter Unredlichkeit, noch immer, 
und jetzt gerade mehr denn je, so anstellen, als könnten 
abgeschmackte Quacksalbereien und illusionäre Palliative 
die große nationale Krankheit heilen ; als würde nicht ge- 
rade dadurch das Uebel immer verschleppter und chroni- 
scher, als würde nicht gerade dadurch seine Ansteckung 
aus dem körperlichen Leben der Nation auch noch 
auf den Geist und das Bewußtsein derselben übertragen, 
als würde nicht gerade dadurch dem Volke die unerläß- 
liche Vorbedingung jeder Heilung : Die klare Erkenntnis 
der Krankheit und der Krankheitsursache im Bewußtsein 
des Volkes, geraubt, und so durch diesen auch noch 
das nationale Bewußtsein anfressenden Krebs die Rettung 



immer mehr in die Ferne gerückt, immer problematischer 
und schwieriger, und der Untergang, wenn unsere Nation 
eine sterbliche wäre, endlich zur unvermeidlichen Not- 
wendigkeit ! 

Die Fragmente, aus denen ich Fragmente zitieren will, 
tragen den großen Namen Fi cht es, das heißt also 
den glorreichen Namen des größesten deutschen Patrioten 
und eines der gewaltigsten Denker aller Zeiten. 

Sie wurden von ihm niedergeschrieben im Frühlinge 
1813 unmittelbar unter dem Eindruck des Aufrufs Fried- 
rich Wilhelms „An mein Volk" und mit Beziehung auf 
denselben. Sie wurden damals nicht gedruckt und waren 
auch nicht für den Druck geschrieben. Es sind nämlich 
nur Notizen, Gedankengrundpfeiler für eine beabsichtigte 
politische Schrift, an deren wirklicher Ausarbeitung der 
bald darauf (1814) erfolgte Tod ihn hinderte. Sie bilden 
so das politische Vermächtniß Fichtes an 
sein Volk. Daß es nur unausgearbeitete Notizen sind, 
erhöht ihr Interesse. Es ist hierdurch nicht ein fertiges 
Gedankenprodukt, das vorliegt, sondern wir schauen hinein 
in die pulsierende Herzkammer seines Den- 
kens selbst. Durch die Fragen, die er sich stellt, die 
Entwürfe, mit denen er sich unterbricht, die Parenthesen, 
in denen er sich selbst aufklärt und berichtigt, bildet das 
Ganze eine fortlaufende Selbstverständigung des 
großen Denkers. 

Wir sind in den Stand gesetzt, die Entstehung, das 
Werden seines Gedankens, das Ringen desselben mit sich 
selber, und die im Verlauf sich immer klarer werdende 
und immer tiefer greifende Konsequenz desselben zu be- 
obachten. 

Gedruckt wurden diese Fragmente erst 1846 unter 
preußischer Zensur, im siebenten Bande der von seinem 

69 



Sohn besorgten Gesamtausgabe der Fichteschen Werke 
(Berlin, 1846, Veit & Co.) und da natürlich weder unser 
Publikum, noch diejenigen, welche ihm die tägliche Zu- 
fuhr von Bildungsnahrungsmitteln besorgen, den siebenten 
Band eines philosophischen Werkes einzusehen pflegen, 
so blieben die Fragmente ein strenges Gelehrtengeheimnis. 

Sehen wir also, ob diese Fragmente außer ihrem im 
allgemeinen so anziehenden Inhalt nicht im Verlauf viel- 
leicht einiges enthalten, was wie durch ein Wunder als 
die brennendste Schilderung der brennenden Fragen der 
Gegenwart erscheinen kann. 

Wir bemerken noch zur Unterscheidung, daß die in 
krummen Klammern ( ) eingeschlossenen Parenthesen 
sämtlich von Fichte selbst herrühren, die uns angehören- 
den sind in gerade Klammern [ ] gesetzt. 

Fichte wirft sich in Bezug auf jenen Aufruf „An mein 
Volk" zunächst die Frage auf (S. 547) : 

„Welches ist ein Landesherrnkrieg, was ein Volkskrieg, 
und was verlangt das Volk im letzteren ?" 

„Ich muß da gründlich gehen. Das Reich ist der Bund 
der Freien, dieses auch allein ist bewaffnet ; der Landes- 
herr darf sich nicht waffnen. (Da wird mir freilich ganz 
klar, daß es zu einem deutschen Vo lke gar nicht 
kommen kann, außer durch Abtreten der ein- 
zelnen Fürsten. Ueberhaupt ist Erblichkeit der Re- 
präsentation ein völlig vernunftwidriges Prinzip ; denn die 
Bildung, zumal die höchste, hier erforderliche, hängt durch- 
aus von individueller Anlage und Bildung ab, und führt gar 
nichts Erbliches bei sich. In dem patriarchalistischen 
Staate ist die Erblichkeit richtig, wo der Souverän Herr 
des Landes ist und diesen Besitz wie ein Privateigentum 
hinterläßt.)" 

„Die Menge sieht nun dies alles nicht ein ; die es ein- 

70 



sehen, sind die Schwächeren. Die eigentliche Macht, welche 
die Menschen unterjocht, ist ein falscher Wahn. — 
Aber das Korrektiv hat sich von selbst eingestellt: der 
Fürst wird, allmählich, Vernunftstaat ; nur die Privilegien 
des Adels muß er abschaffen." 

„Aber dadurch werden wir nicht Deutsche, und 
unsere Freiheit bleibt auch außerdem, wegen der klein- 
lichen, eigennützigen Interessen, ungesichert. Alle 
Kriege der Deutschen gegen Deutsche sind dafür schlecht- 
hin vergeblich gewesen, und fast immer für die Interessen 
des Auslandes gefochten worden, dessen einzelne Pro- 
vinzen wir wurden." 

„In Deutschland wird eigentlich nach der Universal- 
monarchie gestrebt, weil es auch da am leichte- 
sten geht wegen der Urverwandtschaft aller 
Stämme: daher das Gegenstreben der ein- 
zelnen, besonders kleineren Fürsten. — Setze, 
ein Staat, z. B. Preußen, erbaute sich nach diesem Muster : 
so wird es doch immer Kriege geben. Föderative Ver- 
fassung? Wo soll [avis für unsere Föderalisten] wo 
soll der stärkere Richter herkommen? Wer 
will Oesterreich oder Preußen zwingen? 
Auch, welche vergebliche Kraftanstrengung! 
— Es bleibt gar nichts übrig, als daß die Fürsten 
selbst resignieren und zusammentreten als ein kon- 
stituierender Rat. Aber das werden sie nicht wol- 
len und so ist's denn aus! Es bleibt d'rum 
ganz beim Alten. Die Deutschen scheinen 
bestimmt, sich aufzulösen in Franken, Rus- 
sen, Oesterreicher, Preußen, si diis placet!" 

„Man könnte sagen : es wird nach und nach zu einem 
deutschen Volke kommen. Hierüber: wie kann es über- 
haupt zu einem Volke in seinem Begriffe kommen ? (Grie- 

71 



chenland wurde ebensowenig eins. Was hinderte dies ? 
Antwort: Der schon zu feste Einzelstaat.)" 

„Es muß ein Gesetz geben" — wühlt er sich tiefer 
und tiefer in sein Nachsinnen ein — ,,bis zu welcher 
Stufe der Bildung sich Menschen nicht mehr zu 
einem neuen Volke gestalten? Könnte ich dies finden?" 
Und als Antwort ruft er aus: „Wenn das Volksein 
schon in ihr natürliches Sein und Bewußtsein ein- 
gegangen!" — Er expliziert diesen Satz sofort näher: 
„Hier ist jedoch ein Doppeltes zu unterscheiden: die 
Menschen sollen sich mit einem anderen Volke ver- 
schmelzen (wie etwa den Polen angemutet wird), oder 
sie sollen aus sich selbst ein neues nie dagewesenes 
Band bilden : — das ist die Aufgabe der Deutschen. 
— Es ist da viel Dunkles. Der Staat selbst ruht auf all- 
gemeinen Vernunftbegriffen. Was ist nun das eigentliche 
Nationale? Ich denke : gegenseitiges Verstehen zwi- 
schen Repräsentierten und Repräsentanten. — Nun giebt's 
etwas, worüber ganz gewiß Einverständnis herauszubrin- 
gen ist: die bürgerliche Freiheit. Diese wollen 
alle; kein Volk von Sklaven ist möglich. Nicht mehr 
umzubilden daher wäre ein Volk, noch zum Anhange 
eines anderen zu machen, wenn es in einen regel- 
mäßigen Fortschritt der freien Ve rfassung 
hineingekommen. Dazu also ist es fortzu- 
bilden, um seine nationale Existenz zu sichern. 
Dies ist ein Hauptgedanke !" 

Ja wohl ist dies ein Hauptgedanke ! Doch bedarf er 
zu seinem konkreteren Verständnis noch einer kurzen Ex- 
plikation. Ist ein noch so großer überall her versammelter 
Haufe von Leuten ein Volk ? Gewiß nicht. Zu einem 
Volke ist vielmehr noch erforderlich, daß dieser Haufe 
in ursprünglicher Weise von demselben identischen und 

72 



bestimmten Geiste beseelt sei, der einem Volke 
eben durch Rassenabstammung, Tradition und Geschichte 
vermittelt wird. Dies ist ein Volk, aber nur erst an sich. 
Das Volk ist dann zu vollendeter Wirklichkeit gelangt, 
oder das Volksein ist dann, wie Fichte sagt, in sein Be- 
wußtsein und sein wahrhaftes Sein übergegangen, 
wenn es diesen gemeinschaftlichen eigenen ursprünglichen 
Geist nun auch selbst heraussetzt und ent- 
wickelt. Alle Geschichte und aller Drang eines Volkes 
besteht in nichts als in der Verwirklichung dieses Geistes. 
Ein Volk ist frei, wenn es diese Selbstverwirk- 
lichung seiner bewußt ausführen kann. Ein sol- 
ches Volk läßt sich daher nie erobern oder zu dem An- 
hängsel eines andern machen, weil es dann, statt wie bisher 
sich selbst zu verwirklichen, einem anderen und 
fremden Geiste und Willen hingegeben ist, und 
somit jetzt wahrhaft beherrscht, aus Freien in Skla- 
ven verwandelt wäre. Dieser Gegensatz ist der prin- 
zipielle und daher ein so blutiger und unversöhnlicher, 
daß, so lange die Geschichte steht, noch nie ein wahrhaft 
freies Volk von außen unterjocht worden ist, vielmehr 
durch die Energie, nicht von sich ablassen zu wollen und 
dies gar nicht zu können, selbst unter den ungünstigsten 
Verhältnissen und mit der größesten Uebermacht ringend 
gesiegt hat. Aber diese Energie ist eben darum nur bei 
einem solchen Geiste notwendig vorhanden, der ein sich 
selbst bestimmender und deshalb ein in allen 
seinen Punkten und Teilen von sich selbst 
durchdrungener ist! — Wo aber ein Volk in seinen 
heimischen Zuständen noch nicht dazu gekommen ist, 
den eigenen geistigen Inhalt frei ausführen, sich selbstver- 
wirklichen zu können, sondern noch beherrscht wird 
durch privilegierte Stände, Klassen etc., da ist auch dieser 

73 



letzte Grad von in sich geschlossener Indi- 
vidualität und Festigkeit noch nicht einge- 
treten. Denn zwischen dem einen Beherrschtwerden 
und dem anderen ist kein derartiger prinzipieller Gegen- 
satz, wie zwischen Sichselbstbestimmen und von anderen 
bestimmt werden. Die Hauptbestimmung ist hier viel- 
mehr in beiden Fällen die gemeinsame, daß die Selbst- 
verwirklichung des eigenen Geistes nicht vorhanden 
ist. Darum kann eine Herrschaft mit der andern ver- 
tauscht werden, oft ohne jeden Widerstand, wie z. B. 
als Oesterreich Lothringen an Frankreich gegen Toskana 
hingab. — Hier ergibt sich der tiefe Sinn des Wortes, 
das neulich ein anderer scharfer und umfassender Denker 
(August Boekh in seiner Rede zur Schillerfeier der Ber- 
liner Universität S. 8) aussprach, daß „die Vater- 
landsliebe nur den Freien zukommt". Fichte 
hat also Recht zu sagen, es gebe einen Bildungsgrad, 
bei welchem ein Volk nicht mehr wie ein Haufen Leute zu 
behandeln und einem andern Volk zu assimilieren ist. 
Und dieser Bildungsgrad löst sich auf in den Frei- 
heitsgrad, wenn ein Volk dahin gekommen ist, mit 
Bewußtsein den eigenen nationalen Geist zur 
freien Selbstverwirklichung zu bringen, oder 
wenn es, wie Fichte sich ausdrückt, ,,in einen freien Fort- 
schritt der Verfassung hineingekommen". Hierbei wird 
man natürlich nicht in das komische Mißverständnis ver- 
fallen, das Wort ,,frei" bei Fichte im gothaischen Sinne 
zu nehmen. Denn daß nach ihm nicht von „Freineit 
die Rede sein kann, wo z. B. Pairie und Erblichkeit der 
öffentlichen Herrschaft existiert 1 ), wird sich in der Folge 
noch sehr bestimmt ergeben. — Aus dem Angegebenen 



1 ) Das heißt im damaligen und späteren Preußen. D. H. 
74 



erklären sicli übrigens noch zwei Erscheinungen, die hier 
nur angedeutet werden mögen : Erstens der Grund, warum 
nur zu höherer Freiheit gelangte Völker solche, die hierin 
tiefer stehen und Freiheit nicht aus sich selbst zu erzeugen 
vermögen, sich assimilieren können, und warum hierin, wie 
ich unlängst anderwärts in Kürze nachgewiesen, ein be- 
rechtigter Fortschritt zu sehen ist. 1 ) Zweitens — der 
Grund jenes instinktiven und tief charakteristischen Un- 
sicherheitsgefühles, das jetzt Deutschland mit gutem Recht 
durchzittert. Wir stehen zwischen zwei Ländern, von denen 
das eine, Rußland, trotz allem scheinbaren Verzicht, be- 
stimmt ist, sich so lange gewaltsam ausdehnen zu wollen, 
bis es hieran in seiner jetzigen Gestalt zu Grunde geht, 
das andere, Frankreich, zwar durchaus nicht unter einem 
solchen Gesetz steht, aber durch sein gegenwärtiges Regi- 
ment genötigt ist, auswärtige Beschäftigung zu suchen. 
Zwischen zwei so mächtigen geschlossenen und auf das 
Ausland hingetriebenen Nachbarn gestellt, durchzittert nun 
eben dieser Instinkt unser Volk, daß selbst unser bloß 
nationales Dasein noch nicht gesichert ist, so lange wir 
nicht im Innern zur Freiheit gekommen, und daß deshalb 
sogar unsere Existenz überhaupt gefährdet ist, 
wenn wir sie nicht zu jener sich selbst garantierenden 
Bedingung zu entwickeln verstehen ! — Doch zu Fichte 
zurück. 

„Dies führt" — wendet er sich wieder zu seinem 
Ausgangspunkt — ,,auf den Begriff des wahren Krieges : 
des Volkskrieges zum Unterschiede vom Kriege des Lan- 
desherrn. Jener ist durchaus auf Sieg und volle Wieder- 
herstellung gerichtet ; das ganze Volk kämpft, und kein 



*) Siehe meine Broschüre „Der italienische Krieg und die 
Aufgabe Preußens". Berlin, bei Franz Duncker. 2. Aufl. S. 8 ff. 

75 



Teil desselben darf ihm verloren gehen, kann aufgegeben 
werden. Wenn alle so denken, so ist nichts zu erobern als 
ein leeres Land. — — Das letztere ist Krieg für d i e 
Landesherrschaft und die daran hängende Herr- 
schaft über die Adscripten. 1 ) Es ist ein Krieg des Inter- 
esses, des Mein und Dein. (Landesherr und Fürst 
ist zweierlei : Fürst ist Anführer, Herzog der Freien. 
Wo es einen eigentlichen Landesherrn gibt, da gibt es 
kein Volk. Wenn aber die Fürsten selbst Sklaven wer- 
den, lernen sie die Freiheit ehren.)" 

„Wenn nun" — schließt er weiter — „der unterjochte 
Fürst an sein Volk appelliert, heißt das: wehret Euch, 
damit ihr nur meine Knechte seid und nicht eines Frem- 
den? Sie wären Toren. Ich trage meine Säcke, sagt 
die Fabel. (Freilich ist das Geheimnis des gegenwärtigen 
Krieges, daß die Bürde zu schwer ward und wir entbrannt 
sind nur um die Erleichterung.)" 

„Entbrannt nur umdieErleichterung" der Bürde, 
nicht um die Freiheit! — dies Geständnis hat etwas 
Erschütterndes aus dem Munde des Mannes, der damals 
die Berliner Universität schloß und die von ihm begeisterte 
Jugend aus den Hörsälen in den Kampf trieb, aus dem 
Munde des Mannes, welcher verlangte, die Armee als 
Heerredner in den Krieg begleiten zu dürfen! 

Dies Geständnis, das er sich im Augenblick seines vom 
höchsten Pathos erfüllten Wirkens im einsamen Zimmer 
mit kalter Gedankengrausamkeit ablegt — wie traurig hat 
es seitdem eine fünfzigjährige Geschichte gerechtfertigt! 
Und wie knabenhaft erscheinen daneben unsere After- 
patrioten, die noch heute, und heute fast mehr denn je, 
die eigene angestammte Unfreiheit mit der Freiheit ver- 
wechseln. 

1 ) Hörige, Untertanen. D. H. 

76 



„Also im eigentlichen Volkskriege" — resümiert er sich 
— „kämpft für sein eigenes Ermessen des Zweckes 
das Volk, nicht für das Interesse oder die Einbildung 
eines solchen, der abgesondert von ihnen geboren 
wird und stirbt, durchaus nicht der ihrige ist." Und 
auf einmal, seinen Thors-Hammer zu einem kurzen und 
dröhnenden Schlag schwingend, ruft er in seinem gewal- 
tigen Lapidarstil aus? „Allgemeiner Satz: — Ein deut- 
scher Kaiser, der ein Hausinteresse hat, hat zu- 
gleich eines, deutsche Kraft zu brauchen für seine 
persönlichen Zwecke. Hat Oesterreich ein sol- 
ches, hat es Preußen?" Und mit zwei gleich kurzen 
und bestimmten Schlägen erteilt er sich die Antwort : 
„Oesterreich allerdings : „Italien, die Niederlande, 
seine Provinzen nach der Türkei zu, ziehen es in f r e m d e , 
undeutsche Konflikte." [Avis für unsere patrio- 
tischen Affen des Jahres 1859, die es für eine deutsche 
Aufgabe ansahen, uns zur Knechtung Italiens unter das 
österreichische Joch zu erheben ! Freilich, neben einem 
Venedey, Fröbel und den Politikern der „Augsb. Allg. 
Ztg." sinkt selbst der Verfasser der „Reden an die deut- 
sche Nation" zum „Landesverräter" herab! 1 )] „In Ita- 
lien" — fährt Fichte fort — „fordert sein Interesse 
kleine, unbeholfene Staaten; die Eifersucht 
Frankreichs bewacht es da. — Die Niederlande — 
dieser Stein des Anstoßes muß durchaus ge- 
hoben werden." [Fichte wollte also schon damals, wie 
diese Worte zeigen, die Lostrennung dieser Länder von 
Oesterreich.] „Also" — faßt er sich zusammen — 
„Oesterreich kann nicht Kaiser sein". 

„Preußen?" — fragt er sich weiter. Und er gibt die 



*) Würde auch für 1914 seine Anwendung gehabt haben. D.H. 

77 



prophetische Antwort: ,,Es ist ein eigentlich deutscher 
Staat ; hat als Kaiser durchaus kein Interesse zu 
unterjochen, ungerecht zu sein, vorausgesetzt, daß ihm 
beim künftigen Frieden seine angestammten, zugleich durch 
Protestantismus ihm verbundenen Provinzen zurückerstattet 
werden. Der Geist seiner bisherigen Geschichte 
zwingt es aber, fortzuschreiten in der Frei- 
heit, in den Schritten zum Reiche"; [Er versteht 
hierunter, wie das Folgende zeigt, die Herstellung eines 
einigen und unteilbaren, nicht föderativen deut- 
schen Reichs]; „nur so kann es fortexistieren! 
Sonst geht es zu Grunde!" 

„Vor allen Dingen wäre jedoch" — mit diesen Worten 
vertieft er sich in neues Sinnen — „der Unterschied zwi- 
schen Bürgern und Untertanen, der nicht so leicht ist, 
wie es anfangs schien, noch schärfer zu fassen. Der erste 
lebt nur für selbstgesetzte Zwecke — meinte ich oben; 
dies kann man aber nicht sagen. Keiner vermag nur da- 
für zu leben, und keinem kann man wieder das Vermögen 
ganz entziehen, in irgend einem Bereich sich eigene 
Zwecke zu setzen. — Ist die Dienstbarkeit, das Arbeiten 
für andere ohne Aequivalent, ein sicheres Kennzeichen 
des Unterthanen ? Dies paßt kaum auf das Verhältnis zum 
Fürsten, sondern nur auf das zum Adel. — Ein sicheres 
Kennzeichen scheint zu sein die Ungleichheit der 
Geburt. Ganz richtig ! denn nur die Menschheit ist 
Quell der Rechte und Pflichten. Wen nun nichts bindet, 
als daß überhaupt ein Rechtszustand sei, der ist 
eben Bürger. Wen noch etwas anderes bindet (dies kann 
nur Gewalt sein), der ist Untertan, unterworfen 
der stets über ihm brütenden, selbst außer dem gleichen 
Gesetze stehenden Gewalt." 

„So der Fürst; — auf's allermindeste sagt er: „du 

78 



mußt mich und meine Erben und Erbnehmer als den höch- 
sten Interpreten deines rechtlichen Willens annehmen ; 
außerdem darfst du dies Land nicht bewohnen! (Sagt dies 
nicht klar der Huldigungseid?)" 

„Da der Fürst nur Einer, die Untertanen alle sind, 
so würden sie nicht gehorchen, wenn es nicht mehr Vor- 
teil wäre, für den einen zu stehen als für alle. Des- 
halb bedarf der Fürst Mitteilnehmer an seiner 
Gewalt, welche Vorteil darin finden, ihm die Menge 
in Gehorsam zu halten; der Fürst wird ihnen dafür das 
Recht auf gewisse Dienstbarkeit der anderen bewilligen 
(denn die absolute, die Souveränetät, behält er sich selbst 
vor) ; und zwar, zu gegenseitiger Sicherheit und 
dauerndem Vorteil, am besten erblich. So muß 
[„muß", sagt Fichte, und stimmt darin mit Recht mit der 
Kreuzzeitung vollkommen überein ; die Ohnmacht der Mit- 
telparteien, diesen noch auf viel tiefere Art zu beweisen- 
den, aber schon in der Form, die ihm Fichte gibt, bis zur 
Evidenz einfachen und durchsichtigen Satz zu begreifen, 
ist wahrhaft staunenswert !] so muß in solchen Staaten 
ein Erbadel sein mit Privilegien, d. i. mit um- 
sonst ihnen geleisteter Arbeit (Montesquieu hat Recht). 
Man hört v/ohl von Theologen lehren : es sei Gottes Wille, 
den Fürsten zu gehorchen. — Dem Rechte wohl ; in 
dieser Behauptung erhebt man sich nicht einmal zur Idee 
desselben, sondern verwechselt den Willen des Fürsten 
geradezu damit. Aber wo steht denn diese Interpretation ? 
— Es ist des Teufels positiver Wille ; Gottes nur zu- 
lassender, damit wir uns befreien." 

Man sieht, Fichte versteht trotz Leo 1 ) mit den Formen 
von Gott und Teufel zu raisonnieren. Freilich mit einem 
andern Inhalt. 

1 ) Der reaktionäre Historiker Leo ist gemeint. D. H. 

7Q 



Und froh über die selbsterzeugte Klarheit ruft er aus: 
„Jetzt den entgegengesetzten Begriff geschärft : — der 
Bürger ist nur durch das Recht überhaupt ge- 
bunden. So ist auch der Angelobungseid (z. B. des Unter- 
tanen) ein wohlbedachtes Versprechen. Nun kann 
aber der Mensch nichts versprechen, er kann sich in 
nichts binden, was gegen seine Bestimmung 
ist. Versprechen der Sklaverei ist durchaus widerrecht- 
lich. — Gründlich: es gibt nach mir gar keine 
geltenden Verträge als die durch das Recht ge- 
forderten." — Aber wenn selbst der Vertrag und das 
juridische Recht fortfiele — wo bleibt die erhabene Tu- 
gend der Treue? Sollte Fichte, der deutsche Idealist, 
der so fern von der „romanischen Frivolität" der Fran- 
zosen, sollte dies anerkannte Vorbild strengster Sittlichkeit 
und Reinheit sie nicht berücksichtigt haben ? O doch ! und 
er bleibt den Kreuzzeitungsrittern von damals und heut 
die bündige Antwort nicht schuldig: „Die gewöhnliche 
Adelsehre, Treue gegen einen Herrn, ist Tugend 
des Hundes: nur ein Bild und Symbol der Treue 
gegen das innere Gesetz; — politischer Köhlerglaube 
aus Faulheit. Die Menschen sind nicht so gewissenlos, sie 
suchen aber allenthalben Ruhekissen." Er sammelt sich 
jetzt. Er überliest das bis dahin Geschriebene. Vor allem 
stößt ihn der Widerspruch zwischen der philosophischen 
Unzulässigkeit und dem historischen Dasein des Fürsten. 
Sollte es keine Versöhnung geben zwischen Beiden? 
Er schreibt nieder: „Bei Lesung der politischen Schrift. 
— Ich gebe historisch zu den Zwingherrn. Was aber 
sollen die anderen, die dies anerkennen, tun ? — Kein 
Amt läßt sich erben, und das Fürstenamt ließe sich's ? 
Pflichten der Fürsten? Sie denken Wunder wie Großes 
zu sagen!" [nämlich wenn sie solche Pflichten zugeben.] 

80 



„Die erste wäre die, in dieser Form nicht dazusein! — 
Wenn sie die Pflicht nicht tun, so soll man ihnen nicht 
gehorchen ? Wer soll denn richten ? Da haben wir den 
Widerspruch." — 

Und nachdem er den Widerspruch so schneidend als 
möglich konstatiert, versucht er seine theoretische Lösung : 
„Um einen gewissen Gegensatz zwischen historisch und 
philosophisch leichter zu machen: 

„Ein Fürst soll nicht sein ; es soll Keiner sich zu- 
trauen, daß er der Ausspruch des Rechtes sei." 

„Wiederum : die Menschen müssen zum Rechte ge- 
zwungen werden; das kann jeder tun, der es 
eben leistet; dieser sodann ist der Zwingherr und 
Fürst; für ihn ist auf diesem Boden das Faktum der 
Leistung und der Glaube, den er findet, der Rechts- 
titel. Aber der wahre Rechtstitel kann nur das allge- 
meine Recht sein; die erste Absicht des Fürsten 
muß daher sein, sich selbst als Zwingherr über- 
flüssig zu machen." Nur unter der Bedingung dieser 
Absicht, sich selbst aufzuheben, gesteht er ihm Berechti- 
gung zu. Aber diese Berechtigung erfordert zu ihrem Ver- 
ständnis im Fichteschen Sinne noch eine kurze Expli- 
kation. Diese Bedingung wird nach ihm nur erfüllt durch 
eine den Zwang ex post 1 ) rechtfertigende und 
aufhebende Erziehung aller zur eigenen 
Einsicht und Freiheit. Unter der Bedingung sol- 
chen Wollens und Tuns darf — und dies ist der tief- 
ethische und tief-revolutionäre Grundgedanke seines ge- 
samten staatsrechtlichen Systems — jeder alle an- 
deren zum Objektiv-Rechten zwingen. Zwang 
zur Freiheit ist ihm im höchsten Grade sittlich, 



x ) Nachträglich. 

6 L?5£iUe, Ges. Schritten. Band VI. 81 



und das ihn vom unsittlichen Zwange unterscheidende Kri- 
terium besteht eben darin, daß er darauf ausgeht, durch 
Erziehung der noch Uneinsichtigen und Unfreien zur Frei- 
heit sich selbst abzustreifen. Am kürzesten spricht 
Fichte diesen Gedanken in seinem im selben Jahre ge- 
schriebenen ersten Exkurse zur Staatslehre aus (Bd. VII. 
S. 578) : „Alle Errichtung des Reichs und des Rechts- 
gesetzes geht aus von einem Gegensatze und ist dessen 
reale Lösung. — Dem Rechtsgesetze unterworfen 
sein, heißt : unterworfen sein der eigenen Einsicht. 
Aber — für das Recht, das eigene und das allge- 
meine, darf jederzwingen und es auf sein Ge- 
wissen nehmen, ob es die andern erkennen 
oder nicht. — Nun ist jedoch das Recht eines Jeg- 
lichen, nur seiner Einsicht zu folgen : dies wird 
darum durch den Zwang in der Form verletzt." — 

„Nur derjenige ist der wahre (rechtmäßige) Staat, 
der diesen Widerspruch tatkräftig löst. Das vermittelnde 
Glied ist nämlich schon gefunden : esistdieErziehung 
aller zur Einsicht vom Rechte. Nur wenn der 
Zwangsstaat diese Bedingung erfüllt, hat er selbst das 
Recht, zu existieren, denn in ihr bereitet er die eigene 
Aufhebung vor." 

Es ist derselbe tiefe Gedanke, der in den uns beschäfti- 
genden Notizen überall durchgreift ; darum bemerkt er 
bereits S. 561 daselbst, den historischen und den Ver- 
nunftstaat versöhnend : „Indes erhält dies alles histo- 
risch ein entschuldigendes Licht. Der Mensch muß zur 
Rechtsverfassung gezwungen werden. Das tut denn 
der vermeinte Grundherr, d. h. der Zwangsherr über- 
haupt. So entsteht eine mildere Ansicht. Die Menschheit 
steht unter dem Zwange. Die Menschheit entbindet sich 
des Zwanges. Das Letztere durch Einsicht des Rech- 

82 



tes. Das Recht muß schlechthin sein, und wer es 
nicht durch sich selbst einsieht, muß ge- 
zwungen werden." — [Es ist hohe Zeit heut, wo alles 
in die Hohlheit und Leerheit des nur auf der persönlichen 
Willkür beruhenden Liberalismus wie in einen häßlichen 
Morast zu versinken droht, wieder an diese hohe objektive 
Begriffsbestimmung zu erinnern. Sie wird eben so sehr bei 
Fichtes größerem Nachfolger, Hegel, aufrecht gehalten, 
bei dem sie als das objektive Recht der Idee er- 
scheint, sich zwangsweise durchzusetzen.] ,,So 
lassen sich" — fährt Fichte fort — ,,auch alle die Ver- 
hältnisse beurteilen, die, vom schon ausgebildeten Ver- 
nunftstaat aus beurteilt, hart und unrechtmäßig erschei- 
nen: sie sind Vorstufen desselben, und Bedingungen, 
ohne welche es niemals zu ihm kommen könnte. Nur die 
Erziehung zu hindern, hat der Fürst kein Recht (alle 
Hinderungen der Aufklärung waren solche Verhinderungen 
der Erziehung) ; denn da wäre es klar, daß er in jenen 
Veranstaltungen zum Zwange nicht das Recht, sondern 
seine Gewalt im Auge habe." 

Darum ruft nun Fichte, an der zuletzt angeführten 
Stelle, wo wir uns unterbrochen haben, nachdem er aus- 
einandergesetzt, der Rechtstitel des Fürsten könne nur 
in der Absicht bestehen, sich selbst als Zwangsherrn über- 
flüssig zu machen, aus : 

„Erblichkeit der Zwingherrschaft kann gar nicht 
eingeführt werden. Weder faktisch das Talent, noch be- 
griffsmäßig das Recht zu herrschen, läßt sich vererben. 

— Die Maxime von dem Forterben der Herrschaft 
ist darum die wahrhaft unrechtliche, begriffswidrige. 
In jenem Systeme [bei der Erblichkeit] wird die Zwangs- 
herrschaft ein Besitz; dies nun ist die Tyrannei; 

— Zwang um sein selbst willen." 

6 - 83 



Also konkludiert er nunmehr : „Erziehung zur Frei- 
heit ist die erste Pflicht des Zwingherrn. Ve r e r b u n g 
der Gewalt geht gar nicht. Bei solchen Aussichten 
nun, wie kann es von dem jetzigen Punkte aus 
zur Freiheit kommen? — Wollte irgend ein Fürst, 
so will der Adel sicher nicht. (Zu verschmelzen, 
unterzugehen in die Deutschheit, seine Standes- 
interessen aufzugeben, dazu sind sie zu be- 
schränkt!) Also her einen Zwingherrn zur 
Deutschheit! — We r es sei; mache sich unser 
König dieses Verdienst ! — Nach seinem Tode ein Senat ; 
da kann es sogleich im Gange sein." 

„Mache sich unser König dieses Verdienst!" — so 
rutt nun seit 50 Jahren harrend, klagend, anfeuernd und 
wiederum gläubig hoffend das deutsche Volk durch seine 
politische Wüste — und nur das frostige Echo hallt ihm 
seine sich an den kalten Felsen derselben brechende Stimme 
zurück ! 

Ach ! es geht dem deutschen Volke, wie dem Heine' - 
schen Jüngling, der die Sterne befragt: 

Es blinken die Sterne gleichgültig und kalt, 
Und ein Narr nur wartet auf Antwort! 

Fichte selbst entdeckt noch in denselben Notizen, wie 
wir später sehen werden, warum das nicht sein wird, 
warum das gar nicht sein kann! — 

In dem zuletzt angeführten Absatz erwähnt Fichte, zum 
zweiten Mal in diesen Notizen, des Adels als eines Haupt- 
hindernisses einer nationalen Gestaltung des Volkswesens. 
Man muß jedoch deshalb nicht glauben, daß er in vor- 
urteilsvollem Hasse gegen diesen Stand befangen gewesen 
sei. Er nimmt ihn vielmehr ausdrücklich gegen den Vor- 
wurf, daß er „bösartig oder gewalttätig" sei, in Schutz, 

84 



was auch um so weniger wundern kann, als Fichte die 
Reaktion seit 1849 nicht miterlebt hat. Er nimmt ihn 
hiergegen in Schutz, „denn" — sagt er wörtlich (s. S. 523) 
— „hierzu gebrach es bei der Mehrheit an Kraft, sondern 
sie waren in der Regel blos dumm und unwissend, feige, 
faul und niederträchtig." Auch sagt dies Fichte nicht nur 
und beweist auch nicht blos, daß dies so sei, sondern er 
beweist auch, warum dies so sein müsse, und der 
Leser kann diesen mit haarscharfer Logik geführten Be- 
weis von S. 519 — 523 nachlesen. 

Doch zurück zu der Stelle, bei der wir stehen ge- 
blieben. 

Fichte fühlt, daß er sich noch immer nicht konkret genug 
Rechenschaft abgelegt habe von der Eigentümlichkeit un- 
serer Lage, von den Gründen unserer Hoffnungslosigkeit, 
von der innersten Beschaffenheit unseres Elends, von den 
alleinigen Mitteln, die zu einer Ueberwindung desselben 
führen können. Er wendet sich von Neuem, als habe er 
noch nichts geschrieben, zurück auf die Erforschung des 
innersten Quellpunktes unserer Krankheit, und jetzt strö- 
men denn mit einander wetteifernd unter seiner Feder her- 
vor die gedankentiefsten Sätze und die populärsten, be- 
redtesten Schilderungen und unter anderen auch die ge- 
naue Geschichte des vergangenen Jahres. So 
wahr ist es, daß in der Wirklichkeit nichts erscheinen kann, 
was nicht dem Gedanken entstammt wäre, und daß dieser 
sie lange voraus zu erkennen und ihre Phänomene vorher- 
zusagen vermag. 

Statt, wie unsere Tagespolitiker, an der oberflächlichen 
Außenseite der Dinge und der Beseitigung einer bestimm- 
ten äußerlichen Form des Uebels stehen zu bleiben, greift 
er mit sicherer Hand an die Wurzel desselben. Der Be- 
griff der Föderation ist es, der dies Uebel dar- 

85 



stellt, und so lange er, gleichviel unter welchen Formen, 
unsere politische Gestaltung beherrscht, das Vo 1 k s e i n 
und den Charakter eines deutschen Volkes von uns 
ausschließen muß. Nichts ist kläglicher als die Gedanken- 
armut unserer Fortschrittspolitiker, welche da glauben, 
uns durch irgend eine geänderte Form der Föde- 
ration einen Fortschritt und eine Volkseinheit geben 
zu können. Nichts lächerlicher als die Selbstverkennung 
jener Revolutionäre, welche — und wir könnten hier eine 
Reihe der accreditiertesten demokratischen Namen anfüh- 
ren — Deutschland in eine Anzahl oder Zweiheit von 
Föderativ-Republiken teilen und unsere Zerris- 
senheit und Volkslosigkeit so verewigen wollen. Die 
Föderation ist eben das, wovon wir herkommen, das, 
was unsere bisherige Geschichte ausmacht, das, was wir 
in allen Formen erschöpft haben, das, was aufzuheben ist, 
wenn wir einer glorreichen nationalen Zukunft fähig sein 
sollen; glücklicherweise auch das, was unter den ehernen 
Hammerschlägen der Notwendigkeit vor allem zusam- 
menbrechen wird und muß. Alle diese Föderativ- 
Republikaner sind daher nicht nur ebenso ganz re- 
aktionär wie die Bundestägler; sie sind sich 
selber unbewußt insofern noch weit reaktionärer, 
als sie uns selbst noch unter der lockenden Form der 
neuen Freiheit den alten, abgestandenen reaktionären 
Inhalt verkaufen wollen. Zu verwundern ist das nicht ; 
denn bei jeder großen Weltwende ereignet es sich, daß 
kannegießernde Politiker, welche ihren Blick nicht zum 
Gedanken erheben können, sondern, revolutionär nur 
in ihrer eigenen Einbildung, die Seele von der empirischen 
Wirklichkeit beherrscht behalten, das komische quid pro 
quo begehen, gerade das, womit es zu Ende geht, 
für den Inhalt der neuen Zeit zu nehmen. Neben diesem 



großen Gegensatz von Föderation und Vo 1 k s e i n - 
h e i t sinkt sogar der Gegensatz zwischen Monarchie 
und Republik zu einem relativ unbedeutenden herab, 
und wir glauben ganz ernsthaft, daß selbst diejenigen, wel- 
che ein erbliches, monarchisches, einiges deutsches Kai- 
sertum mit gänzlicher Kassierung der 35 Untersouveräni- 
täten wollen, und sei es auch mit allen Schnörkeln, Quasten 
und Sentimentalitäten der Burschenschaftszeit, doch immer 
noch auf einer viel höheren Stufeder Intelligenz 
und politischen Wahrheit stehen, als unsere 
Föderativ-Republikaner. 

Doch lassen wir Fichte das Wort. — Wenn so viele 
unserer Demokratenführer 1848 und noch heute hierüber 
in der vollständigsten Einsichtslosigkeit befangen sind, so 
ziemte es natürlich Fichte, schon 1813 hierüber mit sich 
im Klaren zu sein. 

Er beginnt von neuem : „Ueber die Einkleidung des 
Ganzen : — an die Deutschen, die sich zum Begriffe 
der Freiheit erhoben haben. — Ist ein deutsches Reich 
möglich, E i n Bürgerthum, im Gegensatze mit der 
Konföderation? Beweis, daß es ein deutsches 
Bürgerthum n i e gegeben habe, noch gebe, noch auch ohne 
eine gänzliche Umschaffung aller öffent- 
lichen Ve rhältnisse geben könne. Wenn die 
Stärkeren es wollen oder wenn die, so es wollen, 
wie ich es denn aufrichtig will, die Stärkeren sind, 
dann geht es. ,,Aber" — fügt er seufzend hinzu — 
, .diese Vereinigung bezweifle ich durchaus.' 

Doch wieder reißt sich seine ringende Seele empor : 
„Dennoch" — ruft er aus — „wäre es Gott zu er- 
barmen, wenn es nicht ein deutsches Vo 1 k 
geben sollte! denn es giebt, außer dem Bewußtsein 
der einzelnen Völker, für den Beobachter allerdings einen 

87 



gemeinsamen Charakter. Und das ist eben die 
Merkwürdigkeit: der Charakter anderer Völker ist 
gemacht durch ihre Geschichte. Die Deutschen 
haben als solche in den letzten Jahrhunderten keine Ge- 
schichte; was ihren Charakter erhalten hat, ist dar- 
um etwas schlechthin Ursprüngliches; sie sind ge- 
wachsen ohne Geschichte. (Die Literatur, als das 
Vereinigende, ist noch jung.)" 

Wie aus der tiefsten Geisterwelt tönen diese Worte 
zu uns herauf, beiläufig erklärend den Schiller] übel des 
verflossenen Jahres. Denn in der geistigen Einheit 
seiner, sich auch durchaus nicht föderalistisch in einen 
süd- und norddeutschen Geist zerlegenden Literatur ist 
es, wo unser Volk die Bürgschaft seiner eigenen Gei- 
steseinheit und somit das fröhliche Unterpfand 
seiner nationalen Auferstehung sieht ! — Was 
aber würde Fichte gesagt haben, wenn er gewußt hätte, 
daß noch fünfzig Jahre nach seinen Worten die literarische 
Einheit noch immer das einzige Evangelium der kom- 
menden politischen sein würde ! 

Mit erneuter Schärfe wendet er sich auf den Urfeind, 
den Föderalismus und seinen tiefen Gegensatz gegen 
den Begriff des Vo 1 k e s zurück und bringt sich den- 
selben in langen und überaus reichen Ausführungen zur 
Klarheit : „Der Unterschied zwischen Konföderation 
und Reichs ei nh ei t ist scharf zu fassen. Haben die ein- 
zelnen deutschen Völker: Sachsen, Bayern, National- 
einheit in sich, oder ist ihr Interesse blos das Haus- 
interesse ihrer Fürsten? Dies ist bedeutend." 
[Ja wohl, bedeutend!] „Ein Volk begreift sich nur als 
solches durch seine Geschichte; so die Sachsen durch 
gemeinschaftliche Reformation und Kämpfe dafür; nicht 
so die neu zivilisirten und äußerlich verbundenen Bayern. 



Den Neuwestphalen x ) wird gesagt : sie hätten früher so- 
gar Kriege gegen einander geführt. Im siebenjährigen 
Kriege waren Hannover, Braunschweig, Kassel bei der 
preußischen Partei ; Münster, Osnabrück, das eigentliche 
Westphalen, größtenteils bei dem Reiche; dies spricht 
sich im Volksbewußtsein nun so aus : Gegen die verdamm- 
ten Kerls, die Westphalen, haben wir Krieg geführt, sagt 
der Hesse, nicht gegen uns selbst. Nun aber sollen wir 
Krieg führen gegen unsere alten Landsleute, die Preußen. 
Diese sind nicht mehr wir? Also in dem Umfassen 
und im Ausschließen in und von Einem ge- 
schichtlichen Selbst besteht die Volkseinheit. 
Also : die Neuwestphalen sollten auf das Gebot sich als 
Eins, als Wir, begreifen und all' die vorher darin Ein- 
geschlossenen aufgeben? Das läßt sich befehlen?" 

„Eine reichere und glänzendere Geschichte giebt 
einen haltsameren Nationalcharakter (dies erhebt den Preu- 
ßen über den Sachsen) : ebenso, wenn man dem Volke 
mehr Anteil an der Regierung gibt, es zum freien Mit- 
urteilen läßt ; es nicht als stumme Maschine, sondern als 
bewußten und gerühmten Mitwirker gebraucht (das erhebt 
Preußen über Oesterreich)." 

„National stolz , Ehre, Eitelkeit, haftet sich 
daher, wie bei dem Individuum, an Alles und dient das 
Band zu befestigen" [das die Sondernation unter 
sich umschlingende ; somit dient es aber auch in jeder 
Form der Föderation, die Zerreißung der deutschen Ein- 
heit im Volksgeiste zu verewigen]. „Der Einzelne will 
es brauchen, um sich als Einzelner vor sich selber, und 
unter den Ausländern, zu erheben. Ich bin ein Sachse, 



1 ) Als Fichte dies schrieb, bestand noch das von Napoleon 
geschaffene Königreich Westfalen. D. H. 

89 



Preuße; das soll ihm Teil geben an den bekannten Vor- 
zügen des Volkes. Man wirft den Deutschen vor, sie 
hätten keinen Nationalstolz. Wie können sie ihn doch 
haben, da sie Deutschenichtsind? Aber die Preu- 
ßen, die Sachsen haben ihn. Ein Leipziger Student, 
ein Berliner Gelehrter aus den Zeiten der Aufklärung, 
ein preußischer Werbeoffizier ! Oder habt ihr einen öster- 
reichischen Wachtmeister sein „Unser Kaiser" aussprechen 
hören ? Freilich war es versessener Bauernstolz, 
und dieser mehr als ieder andere Umstand hat 
die Herzen der Deutschen unter sich ent- 
völkert. Jetzt, da ihr sie unter einander laßt, werden 
angefeuerte, vom Volksgefühl erhobene Jünglinge bei den 
sich darbietenden Gelegenheiten zur Vergleichung diese 
Unart lassen? Ich fürchte" — man höre diese 1813 
im Augenblicke der höchsten Begeisterung und Erregung 
des nationalen Einheitsgefühls geschriebene und darum 
wahrhaft wunderbare Voraussagung und Erklärung un- 
serer jüngsten Vergangenheit — ,,ich fürchte, ihr 
säet neuen Haß! — Ihr Fürst, sein glänzen- 
der Hof, sein Ansehen und äußere Würden — - 
und kurz, was es sei — Alles dient ihnen zur Er- 
regung der Eitelkeit. Die glänzenden Sklavenketten 
sogar. Wer hochmütig sein will, findet immer Grund ; 
der gemeine Bauernkerl in seinen ledernen Hosen. Aber 
e i n Vo 1 k will es immer und kann es gar nicht 
lassen; außerdem bleibt die Einheit des Be- 
griffs in ihm gar nicht rege." 

Bis in seine innerste Tiefe erklärt hier Fichte das 
Phänomen, das besonders im vergangenen Jahre ieden 
deutschen Patrioten so ernstlich betrübt hat, die Eitel- 
keit der deutschen Volksstämme gegeneinander, aus wel- 
cher ihre Eifersucht aufeinander und wieder ihre Ver - 

90 



bitterung gegeneinander folgt. Aber, wie Fichte sehr 
richtig zeigt, diese Eitelkeit ist schlechthin unvermeid- 
lich, so lange diese Volksstämme durch ein Sonderband 
zu einem besonderen Selbst vereint sind. Diese Eitel- 
keit ist die „Einheit des Begriffs", welche den 
besonderen Staat zusammenhält. Sie ist nichts als 
das We r 1 1 e g e n auf das besondere Selbst, und 
ohne dieses We r 1 1 e g e n würde die Einheit des be- 
sonderen Staats daher sofort auseinander und in die At- 
traktion der anderen Volksstämme hineinfallen. Darum 
muß leider diese Eitelkeit mit ihren Folgen, der Eifer- 
sucht und Verbitterung, — abgesehen von kurzen, be- 
sonders günstigen Momenten, in welchen, wie z. B. 1848, 
das Volksgefühl durchschlägt — als eine permanente, 
bald in mehr, bald in weniger starken Schwingungen die 
Masse der Nichtdenkenden durchzitternde Empfindung 
vorhanden sein, so lange in irgend einer föderalisti- 
schen Form die einzelnen deutschen Volksstämme zu 
Sondereinheiten zusammengefaßt sind. Geschähe 
dies gar in der Form von zwei oder mehreren F ö d e r a - 
tiv-Republiken, so würde, wegen der hier herrschen- 
den ungebändigten Freiheit und des in Republiken natür- 
lichen größeren Wertlegens auf die staatlichen Unter- 
schiede, die Eitelkeit, die Eifersucht und die Ve r - 
bitterung sich nur steigern und zu dem greulich- 
sten gegenseitigen Zerstörungswerk führen, 
durch das jemals ein Volk sich selbst vernichtet hat. 

Fichte fährt fort: „Deutscher Nationalstolz jedoch 
— worauf hätte doch dieser sich gründen sollen ? Wel- 
ches Band haben wir denn gehabt und welche gemeinsame 
Geschichte ? Im Türkenkriege waren die Brandenburger, 
Sachsen und andere Hülfstruppen. In französischen Krie- 
gen, in den Successionskriegen, getrennt. Der Revolutions- 

91 



krieg endlich wurde durchaus als Krieg für die Fürsten, 
nicht als Volkskrieg betrachtet, auch hier teilte sich das 
deutsche Reich alsbald. Die weiteren zerstörenden Folgen 
desselben für Deutschland liegen vor Augen. So lösten 
sich die Bande." 

„Literatur als Nationalverband? Wer kennt denn die 
Literatur, als der Gelehrte selbst. Wir verachten uns 
unter einander." [Welche furchtbare Wahrhaftigkeit, mit 
welcher Fichte diese Selbstbekenntnisse ablegt.] ,,Der 
Vornehme zieht unbedingt die französische oder englische 
Literatur vor. — Und dann — welcher Protestant er- 
streckt so leicht seine Begriffe von deutscher Literatur 
auch über das Katholische ? Der Gelehrte hat seinen Be- 
griff vom Deutschen aus der Geschichte, oder aus neueren 
Erregungen durch die Klopstock'sche Epoche. Da existiert 
er eigentlich nur; was geht dies das Volk an? Wie kann 
der so ganz veränderten Nachwelt ein vereinendes Band 
aus der Hermannsschlacht stammen ? Jener Geist ist aus- 
gestorben, und wer weiß, wo die Nachkommen jener 
Kämpfer sind." 

„Der Krieg für Napoleon ist nun zwar nicht populär 
gewesen, aber die kleinliche Nationaleitelkeit und die alten 
Gefühle der Rache hat er sehr aufgeregt. Sachsen, die 
alten, vor Feigheit sich schützend, haben endlich siegen 
gelernt. Bayern , die neuen, und darum erpicht, 
zu werden, eine rühmliche Geschichte zu bekommen" 
[ — in diesen zwei Worten: „und darum erpicht, 
zu werden" liegt der Schlüssel für alle Intriguen, die 
das bayerische Kabinett sowohl im vergangenen Jahre ge- 
spielt hat, als auch, so lange es existiert, in aller Zukunft 
ewig spielen wird], „haben eine Art Volkseinheit, weil sie 
einen deutschen Fürsten behalten hatten und auch von 
keiner bedeutenden Volkseinheit losgerissen wurden. Mit 

92 



den Westphalen, die als Hessen, Preußen, Braunschweiger 
von einer besonderen Geschichte getrennt wurden, wollte 
es nicht so gehen." 

„(Mit dem Rheinbunde wollte Bonaparte blos das, 
was vorher schon da war und sich gezeigt 
hatte, aussprechen und für immer befestigen. Was liegt 
darin ? Ein Naturgesetz verfestigen, unter die 
Kunst bri ngen. Warum nämlich war es so, daß die 
kleineren Rheinfürsten sich an Frankreich wenden muß- 
ten ? Weil sie dasselbe für ihre Erhaltung interessieren muß- 
ten, indem die Reichsföderation sie nicht zu schützen ver- 
mochte. Alle Föderationen werden nur durch 
den Vorteil oder die Uebermacht erhalten, 
ein nachhaltiger Begriff der Vo lkseinheit 
kann nicht aus ihnen hervorgehen. — Wenn 
wir daher nicht im Auge behielten, was Deutsch- 
land zu werden hat, so läge an sich nicht so viel daran, 
ob ein französischer Marschall, wie Berna- 
dotte, an dem wenigstens früher begeisternde 
Bilder der Freiheit vorübergegangen sind, 
oder ein deutscher aufgeblasener Edelmann 
ohne Sitten und mit Rohheit und frechem Uebermut, 
über einen Teil von Deutschland geböte.)" 

Diese Worte sind von einer erschütternden Wir- 
kung in dem Munde des Mannes, der 1808 seine „Reden 
an die deutsche Nation" gegen Napoleon, wie er selbst 
darin sagt, „auf die Gefahr des Todes" hielt, der allein 
und offen sich ihm entgegenzustemmen, ihn bis auf den 
Tod anzugreifen wagte, als alles im Staube kroch. 

Jawohl ! Wenn man nicht im Auge behielte, was 
„Deutschland zu werden hat", wenn man es nicht um 
dessentwillen liebte, was es werden soll, 
wirdundmuß, woher nähmen wir das Interesse dafür, 

93 



ob wir von außen oder von innen beherrscht und ge- 
teilt werden? 

„Was nun" — fährt Fichte fort — „bildet ein 
Vo 1 k z u m Vo 1 k e eben im Gegensatz der Föde- 
ration? Die letztere ist nie Volkssache ge- 
wesen" [wiederholter avis für unsere Föderalisten], „son- 
dern nur eine der Regierungen, wie jedes andere 
B ü n d n i ß ; weil das Volk mit dem Bund nie unmittel- 
bar, nur durch den Willen seines Fürsten zu- 
sammenhing." 

„Wenn nun", hebt Fichte nach dieser ebenso durch- 
schlagenden als einfachen Begriffsexplikation von Neuem 
an, „z. B. Oesterreich oder Preußen Deutschland er- 
oberte, warum gäbe dies nur Oesterreicher, Preu- 
ßen, keine Deutsche? — Wie ist eine österreichische, 
preußische und wie eine deutsche Geschichte verschie- 
den ? Dies ist gründlich zu behandeln ; darauf kommt 
Alles an. denn eben hier stehen die Deutschen 
[und stehen „eben hier" noch nach 50 Jahren]. „Auch 
stehen sie, wie bekannt, in der Teilung zwischen Oester- 
reich und Preußen. Hierbei würde Oesterreich weit mehr 
Mühe haben, Bayern z. B. unter sich zu bringen, als 
Preußen seinen Anteil." [ — Gerade weil dies 
so ist, zeigen die Regierungen der kleinen Staaten eine so 
furchtlose, uneifersüchtige Hinneigung zu Oester- 
reich und einen solchen Widerwillen gegen Preu- 
ßen. — ] „Auch paßt die Teilung der Konfessionen 
nicht recht zu einer völligen Verschmelzung. Dadurch 
wäre der Krieg zwischen Beiden auf ewige Dauer ge- 
setzt, und es wäre keine Ruhe, bis sie Eins 
wären!" 

Diese letzten Worte müssen scharf verstanden werden ; 
sie bilden einen der tiefsten Aussprüche Fichte's. Wenn 

94 



unsere Föderalisten die Zweiheit der Konfessionen für 
einen Grund halten, weshalb Deutschland nicht zu einer 
Einheit umgeschaffen werden könne, sondern in einen 
süddeutschen und norddeutschen Staat, in eine süddeutsche 
und norddeutsche Föderativ-Repub.ik auseinandergeklafft 
bleiben müsse, so sagt Fichte umgekehrt, gerade wegen 
dieser konfessionellen Verschiedenheit können diese Staa- 
ten nicht als besondere neben einander bestehen, es wäre 
dadurch der Krieg zwischen ihnen auf ewige Dauer ge- 
geben, sie würden keine Ruhe haben, ,,bis sie Eins 
wären!" 

In der Tat, jedes Leben, das natürliche wie das poli- 
tische, ist Einheit von Gegensätzen, verträgt daher 
solche und kann sogar garnicht ohne dieselben bestehen. 
Die größesten Gegensätze lassen sich daher unter Einer 
vernünftigen Staatseinheit zusammenfassen, wenn sie 
nur dabei auch wieder irgend einen gemeinschaft- 
lichen Grundcharakter haben, wie er bei uns in Ab- 
stammung, Bedürfniß, literarisch- und wissenschaftlich- 
geistiger Einheit etc. vorliegt. 

Wenn aber diese Gegensätze statt in eine ungeteilte 
Einheit, in selbständige Besonderheit nebeneinander ge- 
setzt werden, so bringt die Gemeinschaftlichkeit 
ihres Grundcharakters ihre notwendige Beziehung 
aufeinander und die Gegensätzlichkeit des- 
selben die Feindseligkeitdieser Beziehung her- 
vor, und sie müssen nun ruh- und rastlos an einander und 
sich so lange an einander abkämpfen, bis das Eine das 
Andere verschlungen oder sie sich in brudermörderischer 
Umarmung gegenseitig zerstört haben. D i e Einigung, 
welche in der Föderation vorhanden ist, ändert hieran 
nichts, setzt vielmehr eben nur den gemeinschaft- 
lichen Boden, auf welchem die Reibungen vor sich 

95 



gehen und sich zur Flamme entzünden. Denn diese Eini- 
gung ist eben keine Einheit, sondern nur eine Gegen- 
überstellung. 

Die Geschichte von Athen und Sparta, vom Papst und 
Kaiser des Mittelalters, von jedem großen in der Ge- 
schichte aufgetretenen und doch wieder auf einer ge- 
meinschaftlichen Grundlage fußenden Dualismus, er- 
weist dieses große Geistesgesetz, diesen geistigen 
Chemismus, von dessen Dasein wir natürlich weder 
Ahnung noch Verständniß von unseren Staatsrationalisten 
verlangen können. 1 ) 

Darum sagt Fichte, daß einerseits die Teilung der 
Konfessionen, die doch auch innerhalb Oesterreichs 
und innerhalb Preußens Statt hat — denn so sind diese 
seine vorhergehenden Worte zu verstehen — es doch nicht 
zu einer völligen Verschmelzung der Elemente jeder dieser 
Staaten innerhalb desselben kommen lassen können, viel- 
mehr auch dadurch seine Beziehung auf den andern 
Sonderstaat gegeben bleibe, und daß nun eben dadurch 



*) Wir sind natürlich darauf gefaßt, daß unsere Föderalisten 
triumphierend auf Amerika hinweisen, was stets das einzige 
Alpha und Omega ihrer Gründe und in um so höherem Grade 
ist, je weniger sie von der Natur der Sache und der Eigentüm- 
lichkeit Amerikas etwas verstehen. Wir wollen hiergegen nur 
auf zwei Sätze hinweisen, deren nähere Explikation wir frei- 
lich hier nicht vornehmen können: 1. Daß Amerika sowohl 
historisch nach seinem Ursprung, als auch seiner gegen- 
wärtigen Wirklichkeit keine Nation, sondern eine bürger- 
liche Gesellschaft ist. — 2. Daß Amerika, welches einen 
ganzen Kontinent für sich allein und keine anderen Nationen 
in demselben sich gegenüber hat, eben deswegen auch nicht nötig 
hat, wie die in Europa mitten unter andere mächtige Nationen 
gestellten Staaten, sich zur Einheit einer unteilbaren Volks- 
individualität zusammenzufassen. 

96 



anderseits der Krieg zwischen den beiden Sonderstaaten 
auf ewige Dauer gesetzt und keine Ruhe sein würde, „b i s 
sie Eins wären". 

Wenn Fichte in diesen wenigen Worten eins der tief- 
sten geschichtlichen Gesetze mindestens kurz und in ihm 
selbst verständlicher Klarheit angedeutet hat, so hat er 
dagegen noch gar nicht expliziert, warum die Eroberung 
Deutschlands durch Oesterreich oder Preußen immer nur 
Oesterreicher oder Preußen, keine Deutschen geben 
würde. 

Er fühlt das selbst und vertieft sich daher von Neuem : 
„Ich müßte überhaupt da tiefer. Welches ist der Natio- 
nalcharakter der Deutschen, den ich oben versprach ? Wel- 
ches dagegen der der einzelnen Staaten, Oesterreich, Preu- 
ßen u. s. w. ?*' 

„Erstens: Ihre Regentenhäuser haben auswärtige Fa- 
milien- Ve rbindungen, wahres oder vermein- 
tes Interesse zu fremden Bündnissen, die Völker Natio- 
nal-Haß oder -Liebe. Deutschland hat dies Alles 
nicht, noch soll es dies haben, es muß für sich und selb- 
ständig dastehen. Dies fremde Interesse würde nun müssen 
den neu Akquirierten aufgedrängt werden. Kurz 
— sie werden aus dem regelmäßigen Fortgang ihrer 
Bildung herausgerissen in den Bildungsgang eines frem- 
den Volkes. (Beispiel kann die preußische Verwaltung 
von Südpreußen [die 1793 und 1795 zu Preußen ge- 
schlagenen Teile Polens. D. H.] sein.)" 

„Zweitens : Dazu noch die besonderen Züge im Bilde 
eines deutschen Fürsten, — welche einen andern 
Monarchen nie so treffen können. — Fechten 
für ein fremdes Interesse, lediglich um der Erhal- 
tung seines Hauses willen. — Soldatenver- 
kaufen; — Anhängsel sein eines fremden Staates. 

? Liusalle. Ge. SekHft«n. Band VI. 97 



Seine Politik hat gar kein Interesse, als den Florunddie 
Erhaltung des lieben Hauses; alles Uebrige läßt 
man sich selber machen. Was wäre das nun für ein 
Unglück, wenn das liebe Haus nicht erhalten 
würde, wenn ein anderes an seine Stelle 
käme? Dies ist ja schon passiert! — Was tragen denn 
nur die Untertanen die Kosten zur Erhaltung ihres 
Hofes ? So werden sie doch lieber geradezu Provinzen 
des herrschenden Staates. Bonaparte, der es liebt, aus- 
zusprechen, was ist, hat es getan, und würde fort- 
gefahren haben, es zu tun!" 

Wenn also Fichte noch oben ausrief: „Mache sich 
unser König dieses Verdienst," — so weiß er sich jetzt 
zu entwickeln, warum dies gar nicht geschehen kann. Die 
einzelnen deutschen Regenten sind, da sie und ihr Staat 
innerhalb Deutschlands ihr Bestehen und die Garantie 
desselben nur in der Hervorhebung ihrer Besonder- 
heit, ihres spezifischen Unterschieds haben, 
in ihr spezifisches Hausinteresse versenkt, 
durch Erziehung, Tradition und Geschichte 
mit demselben verwachsen. Sie erblicken daher 
in dieser Besonderheit ihr eigentliches Recht 
und müssen deshalb eben auch an der Besonderheit 
der Andern festhalten, weil mit deren Fortfall auch die 
eigene fortzufallen drohte. In die Sprache der offi- 
ziellen Aktenstücke übersetzt heißt das, daß sie von einem 
„wohlerworbenen Recht" aller deutschen Fürsten 
auf die Zerteilung des deutschen Volksgeistes zu reden 
wissen! Sogar noch bei einer Eroberung Deutschlands in 
diesem Sinne würde nicht Deutschland hergestellt, 
sondern nur die andern Stämme durch die gewaltsame Auf- 
drängung des spezifischen Hausgeistes unter die 
Besonderheit desselben gebracht, preußifiziert, verbayert, 

98 



verösterreichert ! — Es würde nicht Deutschland 
hergestellt, sondern gerade nur die eine Besonderheit 
zur herrschenden gemacht und indem so auch noch 
diejenige Ausgleichung fortfiele, welche jetzt noch in dem 
Dasein der verschiedenen Besonderheiten liegt, 
würde grade dadurch das deutsche Volk auch noch in 
seiner geistigen Wurzel aufgehoben. 

Die Eroberung Deutschlands nicht im spezifischen 
Hausgeist, sondern mit freiem Aufgeben desselben in den 
nationalen Geist und seine Zwecke, wäre freilich ein ganz 
Anderes ! Aber die Idealität dieser Entschließung ist 
es geradezu töricht von Männern zu verlangen, deren gei- 
stige Persönlichkeit doch wie die aller andern ein bestimm- 
tes Produkt ihrer Faktoren in Erziehung, Tradition, Nei- 
gung und Geschichte ist, und die dies eben so wenig leisten 
können, als es einer von uns Andern leisten würde, wenn 
seine Bildung und Erziehung ausschließlich durch die- 
selben Faktoren bestimmt worden wäre. *) 

„Dies Alles" — fährt Fichte fort — „hat die Deut- 
schen bisher gehindert, Deutsche zu werden : ihr Charakter 
liegt in der Zukunft; — jetzt besteht er in der 
Hoffnung einer neuen und glorreichen Geschichte. Der 
Anfang derselben — daß sie sich selbst mit Bewußt- 
sein machen. Es wäre die glorreichste Bestimmung." 

„Grundcharakter der Deutschen daher: 1. Anfangen 
einer neuen Geschichte ; 2. Zustandebringen ihrer selbst 
mit Freiheit. — Kein bestehender Landesherr kann 
Deutsche machen; es werden Oesterreicher, Preußen 
u. s. w. Ein neuer müßte erstehen ? Etwa wie Bona- 
parte? — Dieser träte durch Erblichkeit gewiß sogleich 
in das Fürstensystem, und es würde wieder nur ein euro- 

*) Wie würde Lassalle den 9. November 1918 bejubelt 
haben! D.H. 

7. 99 



päisches Volk anderen Schlages. Das sollte es gar nicht 
sein, Familieninteressen gar nicht kennen, in die inneren 
Angelegenheiten fremder Länder sich gar nicht mischen. 
(Fremder Bündnisse und Hülfstruppen bedarf es nicht, 
weil es, einmal Eins geworden, für sich selbst stark genug 
ist.) Aber durch seine geographische Lage kann es die 
andern Nationen zum Frieden zwingen, darum auch die 
erste dauernde Stätte der Freiheit sein. 3. Deshalb sollen 
die Deutschen auch nicht etwa Fortsetzung der alten deut- 
schen Geschichte sein: diese hat eigentlich für sie gar 
kein Resultat gegeben, und sie selbst existiert eigentlich 
nur für die Gelehrten. Und bisher haben eigentlich nur 
diese, die Gelehrten, die künftigen Deutschen vorgebildet : 
durch ihre Schrif tstellerei ; sodann durch ihr Wandern. 
Sie sind, wenigstens die durchgreifenden, nicht Glieder 
einer besonderen Völkerschaft, sondern, sind sie über- 
haupt Etwas, so sind sie eben Deutsche. (Also gab es 
wohl Deutsche, nur nicht als Bürger, sondern über das 
Bürgertum hinaus, und dies ist ein großer Vorzug.) Alle 
großen Literaten sind gewandert, keiner ist in seinem 
Geburtslande zu etwas gekommen. Dies lag teils in der 
Anlage: der erste Zug des besseren Deutschen ist ein 
Sträuben gegen die Enge des Geburtslandes. Sodann — 
konnte auch nur im Auslande das Talent sich entwickeln, 
von seiner Volksunmittelbarkeit sich losschälen und zu 
seiner höheren Allgemeinheit kommen. So Leibnitz, Klop- 
stock, Goethe, Schiller, die Schlegel. Nur Kant macht 
eine Ausnahme." 

..Also der merkwürdige Zug im Nationalcharakter der 
Deutschen wäre eben ihre Existenz ohne Staat und über 
den Staat hinaus, ihre rein geistige Ausbildung. (Daher 
haben die Deutschen auch eine so gewaltige Assimilations- 
kraft für den Ausländer, der nur Gelehrter, Denker, Dich- 

100 



ter wird : Fouque, Villers. Der Fremde bedarf gar nicht 
sicli umzuwandeln, er bedarf nur sich zu erheben.) 

„Da wird nun tiefer zu unterscheiden sein das Na- 
tionale, was nur durch den Staat gebildet wird (und 
seine Bürger darin verschlingt), und dasjenige, welches 
über den Staat hinausliegt. Es ist dabei nicht zu vergessen, 
daß alles Gemeinsame der europäischen Völkerrepublik, 
und Alles, was diesen Bürger allenthalben auszeichnet, 
Großmut, Humanität, Rittersinn, Galanterie, — ur- 
sprünglich deutsche Nationalzüge sind. Erst in späterer 
Zeit trennten die Deutschen sich in einzelne Völker und 
versumpften in sich: die inneren Kriege, die Eifersucht 
ihrer kleinen Fürsten gegen einander, das Verbot der 
Auswanderungen u. s. w. vollendete ihre Trennung und 
Entartung." 

„Und so wird es auch, vom Bisherigen aus betrachtet, 
bleiben : der Einheitsbegriff des deutschen Volkes ist noch 
gar nicht wirklich, er ist ein allgemeines Postulat der 
Zukunft. Aber er wird nicht irgend eine gesonderte Volks- 
eigentümlichkeit zur Geltung bringen, sondern den Bürger 
der Freiheit verwirklichen." — 

„Dieses Postulat" — schließt Fichte die Notizen, die 
Worte seiner eigenen gleichzeitig verfaßten Staatslehre 
zitierend, — „von einer Reichseinheit, eines inner- 
lich und organisch durchaus verschmolzenen Staa- 
tes darzustellen, sind die Deutschen berufen, und dazu 
da im ewigen Weltplane. In ihnen soll das Reich aus- 
gehen von der ausgebildeten persönlichen Freiheit, nicht 
umgekehrt : — von der Persönlichkeit, gebildet für's erste 
vor allem Staate vorher, gebildet sodann in den einzelnen 
Staaten, in die sie dermalen zerfallen sind, und 
welche, als bloßes Mittel zum höheren Zwecke, so- 
dann wegfallen müssen." 

10t 



„Und so wird von ihnen aus erst dargestellt werden 
ein wahrhaftes Reich des Rechts, wie es noch 
nie in der Welt erschienen ist, in aller der Begeisterung 
für Freiheit des Bürgers, die wir in der alten Welt er- 
blicken, ohne Aufopferung der Mehrzahl der Menschen 
als Sklaven, ohne welche die alten Staaten nicht bestehen 
konnten: für Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles 
dessen, was Menschengesicht trägt. Nur von den Deut- 
schen, die seit Jahrtausenden für diesen großen Zweck 
da sind und ihm langsam entgegenreifen; — ein anderes 
Element für diese Entwickelung ist in der Menschheit 
nicht da." 

So Fichte — und fern sei es von uns, die unerreich- 
bare Gewalt dieser Worte durch irgend welche Hinzu- 
fügungen schwächen zu wollen! — 

Habe ich nun, geehrter Herr, auch Ihrem Wunsche 
nicht buchstäblich entsprochen, so ist doch, denke ich, Ihr 
Zweck erfüllt, — wie der meinige. 

Hochachtungsvoll 

Der Ihrige 

F. Las s alle. 
Berlin, im Januar 1860. 



102 



DIE PHILOSOPHIE FICHTEN 

UND DIE BEDEUTUNG DES 
DEUTSCHEN VOLKSGEISTES 



FEST-REDE, GEHALTEN BEI DER 
AM 19. MAI 1862 VON DER PHI- 
LOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 
UND DEM WISSENSCHAFT- 
LICHEN KUNST-VEREIN IN 
DEM ARNIM'SCHEN SAALE 
VERANSTALTETEN 
FICHTEFEIER 

VON 

FERDINAND LASSALLE 



ZUERST ERSCHIENEN: 
VERLAG VON G. JANSEN, BERLIN 1862, 



VORBEMERKUNG. 

Der Zeitfolge nach schloß sich an die Veröffentlichung 
des Aufsatzes über Lessing noch im gleichen Jahre — 

1861 — das Erscheinen des „Systems der erworbenen 
Rechte" an, dem in den ersten Monaten 1862 der .Julian 
Schmidt" folgte. Im April 1862 hielt Lassalle dann seinen 
ersten Verfassungsvortrag und den später „Arbeiterpro- 
gramm" betitelten Vortrag, während die Festrede „Die 
Philosophie Fichte's", wie ihr Titel besagt, erst im Mai 

1862 gehalten wurde. Sie bildet den Abschluß jener 
Gruppe von Publikationen, in denen der Hauptton auf Ge- 
danken gelegt wird, die Lassalle mit dem — damaligen 
— liberalen Bürgertum verbanden, während die ihn von 
jenem trennenden Momente nur erst obenhin, bloß dem 
Wissenden verständlich, angedeutet werden. Die obener- 
wähnten Vorträge dagegen bilden mit den durch sie her- 
vorgerufenen Polemiken und Prozeßreden eine neue 
Gruppe von Publikationen, die direkt in die eigentliche 
sozialpolitische Agitation Lassalles hinüberleiten. Man 
wird es daher gerechtfertigt finden, daß jene erstere 
Gruppe nicht auseinandergerissen wurde. 

Was die Rede über Fichte anbetrifft, so ist sie in Auf- 
bau und Diktion gleich gelungen, geradezu ein Muster ab- 
gerundeter Darstellung bei strenger Beschränkung auf das 
Sachliche. Von Anfang bis zu Ende ist sie die kon- 
sequente Fortentwicklung eines und desselben Gedankens ; 
ein Satz baut sich folgerichtig auf dem anderen auf, keiner 
erscheint überflüssig, nirgends scheint eine Lücke vor- 
handen. Daß die Rede dem Bourgeoispublikum, vor dem 
sie gehalten wurde, zu hoch erschien, beweist nichts gegen 
ihre Gemeinverständlichkeit. Wer überhaupt einer logi- 
schen Gedankenreihe zu folgen vermag, wird sie von An- 

105 



fang bis zu Ende verstehen. Der Stoff Ist in dieser Hin- 
sicht durchaus durch den Redner gemeistert. 

In bezug auf den Inhalt der Rede ist darauf aufmerk- 
sam zu machen, daß es sich für Lassalle in ihr im wesent- 
lichen nur um die Darstellung des Fichteschen Ideenkreises 
handelt, oder, wie Lassalle selbst sich ausdrückte, „in 
seiner — Fichtes — Tracht und Gewandung einherzu- 
gehen und seine Farben zu tragen". Mit anderen Worten, 
daß der größte Teil der Rede nicht Lassalles, sondern 
Fichtes philosophischen und geschichts - theoretischen 
Standpunkt entwickelt. Indes ist der Unterschied zwischen 
beiden kein grundsätzlicher, sondern nur ein gradueller. 
Wie sich deutlich an den Stellen zeigt, wo Lassalle nicht 
rein referierend, sondern erläuternd und ergänzend spricht, 
steht er, gleich Fichte, auf dem Boden des philosophischen 
Idealismus, der die Kategorien aus der Idee, aus der 
Tätigkeit des Geistes, dem Denkprozeß ableitet. Und so 
sehen wir ihn denn auch die praktischen Folgerungen, die 
Fichte aus seiner Geschichtstheorie zieht, bedingungslos 
annehmen, mit keinem Wort, mit keiner Silbe auch nur an- 
deuten, daß es die Dinge auf den Kopf stellen heißt, von 
den Deutschen zu sagen, sie „seien gewachsen ohne Ge- 
schichte", sie hätten ihren Charakter „ohne eine solche 
und trotz dessen, was man bei ihnen Geschichte nennen 
könnte". Keine Silbe davon, daß ein „Sein, aus dem 
reinen Geiste heraus erzeugt, mit nichts Geschichtlichem, 
nichts Naturwüchsigem und Besonderem verwachsen' , ein 
Unding ist, ein Sein unmöglich selbst in der Vorstellung, 
ganz abgesehen von der Wirklichkeit. Lassalle macht sich 
Fichtes idealistische Geschichtsphilosophie vollständig zu 
eigen, wenn er sie nicht gar noch verschärft. 

Die deutsche Sozialdemokratie fußt auf einer anderen 
Geschichtsauffassung als die des philosophischen Idealis» 

106 



mus, ohne selbstverständlich zu verkennen, daß auch diese 
ihre geschichtliche Berechtigung hatte. Sie ist der natür- 
liche Reflex der Kämpfe des revolutionären Bürgertums 
gegen den ständischen Absolutismus. In diesen Kämpfen 
gilt es scheinbar das Recht des Menschen schlechtweg, 
des Menschen an sich, des abstrakten Menschen. Da von 
den drei großen Kulturnationen die Deutschen am späte- 
sten diesen Kampf führten, — was selbst wiederum eine 
Folge geschichtlicher Ursachen — so spekulierten sie auch 
am längsten und am tiefsten über die abstrakten Begriffe; 
ihre Philosophie ist durchaus das Produkt ihrer Geschichte 
— ihre Philosophie und das, was Fichte den deutschen 
Nationalcharakter nannte, was in Wirklichkeit jedoch nichts 
anderes war und noch gar nichts anderes sein konnte, 
als der damalige Geist des deutschen Bürgertums. Das 
Proletariat hatte zu Fichtes Zeiten noch kein eigenes Leben, 
es war noch im embryonalen Zustande, wie sollte also 
Fichte darauf kommen, ihm einen eigenen, von dem des 
Bürgertums unterschiedenen Volksgeist zuzusprechen? 
Trotz seines philosophischen Idealismus war dies für ihn 
ein Ding der Unmöglichkeit. Er konnte aus dem „reinen 
Geist" nur konstruieren, was in Wirklichkeit schon ge- 
geben war. 

Wie es keinen Stein, keine Pflanze, kein Tier, keinen 
Menschen ohne Geschichte gibt, so gibt es auch kein Volk 
ohne Geschichte. Schon der Name Volk setzt eine Ge- 
schichte voraus. Es war eine miserable Geschichte, aber 
es war immerhin eine Geschichte, und die Aufgabe der 
Deutschen in der Neuzeit war, sich von den Einflüssen 
dieser Geschichte zu emanzipieren und die politischen Ein- 
richtungen den sozialen Veränderungen anzupassen. Der 
philosophische Idealist mag das noch so metaphysisch aus- 
drücken, in der Wirklichkeit kommt es doch auf nichts 

107 



anderes hinaus. Als das „metaphysische Volk" endlich 
dazu kam, sich einen „nationalen Boden" zu schaffen, da 
wurde dieser noch weniger ein „wahrhaftes Reich des 
Rechts" als das Reich, das sich das Volk des simplen 
praktischen Idealismus, die Franzosen, geschaffen hatten. 
Warum ? Der deutsche Bürger hatte mittlerweile seinen 
Sündenfall erlebt, er hatte entdeckt, daß er nicht der ab- 
strakte Mensch, der „Mensch an sich" war, sondern der 
Angehörige einer geschichtlich gewordenen Klasse, hinter 
der eine andere Klasse stand, die die „Freiheit, gegründet 
auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trägt", 
ganz anders versteht als er. Und — o Ironie der Ge- 
schichte — der Mann, der dazu ausersehen war, dies dem 
Bürgertum einzupauken, der in Deutschland den Klassen- 
kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie organisieren 
sollte, ehe noch die nationale Frage gelöst war, war der- 
selbe Mann, der hier in so schwungvollen Worten Fichtes 
Idealismus feiert. 

Es ist jedoch nicht zu vergessen, daß der philosophische 
Idealismus praktischen Realismus so wenig aus- 
schließt, wie der philosophische, oder besser, der geschicht- 
liche Materialismus unvereinbar ist mit praktischem 
Idealismus. Mehr als das Was wird vielmehr das Wie 
unserer Bestrebungen durch unsere theoretischen Anschau- 
ungen bestimmt. Das erstere ist meist das Ergebnis un- 
serer Neigungen, unserer Sympathien, das zweite das 
unserer Einsicht, unserer Verstandstätigkeit. Lassalle war 
nicht minder Sozialist, weil er philosophischer Idealist 
war, aber die Art seines Sozialismus, seine praktischen 
Vorschläge waren die notwendigen Resultate seiner be- 
sonderen theoretischen Anschauungen, seiner Auffassung 
vom Staat, wie überhaupt seiner Geschichtsphilosophie. 

Ed. Bernstein. 

108 



DIE PHILOSOPHIE FICHTES 



Hochgeehrte Versammlung 



Es ist mir von Seiten des Komitees dieser Gesellschaft 
der Auftrag geworden, die Gedenkrede an dem heutigen 
Feste zu halten, durch welches wir die Geburt und die 
Wirksamkeit eines der gewaltigsten deutschen Geister 
feiern. 

Diese Aufgabe scheint zunächst verschiedenartiger Auf- 
fassung fähig. 

Wird auf die hohe Erleuchtung der Versammlung ge- 
sehen, vor welcher ich zu reden die Ehre habe, so erscheint 
das genaueste, streng wissenschaftliche Eingehen auf die 
einzelnen Leistungen und Verdienste Ficht es tunlich. 

Wird dagegen auf die Kürze der Zeit gesehen, welche 
selbst bei reichlichster Bemessung dieser Erinnerungsrede 
gegönnt werden kann, so gestaltet sich diese Aufgabe 
schon bei weitem schwieriger. Denn sie gestaltet sich dann 
schon um dieser erforderlichen relativen Kürze willen da- 
hin: mit Beibehaltung strengster Wissenschaftlichkeit, ja 
mit einer gewissen Potenzierung derselben den inner- 
sten Kern aufzusuchen, gleichsam den Geist des 
Geistes, aus welchem alle diese einzelnen Leistungen 
und Verdienste hervorgeflossen sind, dieselben daher nicht 
nach der Mannigfaltigkeit ihrer Seiten und dem Reichtum 
ihres einzelnen Inhaltes zu betrachten, nach welchem sie 
ohnehin als bekannt vorausgesetzt werden müssen ; sondern 
unsere Aufgabe würde hiernach gerade die sein, den Reich- 

111 



tum dieser Vereinzelung auf jenes Eine und zugrunde 
Liegende zurückzuführen, welches sich als ihre innere 
Tätigkeit aus sich herausgesetzt hat. 

So hat sich uns die Aufgabe bis jetzt bestimmt durch 
eine bloß äußerliche Reflexion, durch Rücksicht auf die 
Kürze der Zeit. 

Aber dasselbe Resultat tritt auch sofort hervor, wenn 
wir den Blick auf die innere Forderung richten, daß 
diese Feier, wenn sie eine angemessene und würdige sein 
soll, eben eine ihrem Objekt, d. h. also dem Geist 
F i c h t e s angemessene und i h n zur Erscheinung bringende 
sein muß. Der Geist Fichtes selbst muß heute hier zur 
Erscheinung kommen. Er muß eintreten nicht nur in diesen 
Saal, sondern, wenn mir diese Macht gegeben ist, einziehen 
in Ihre Gedanken und Ihre gesamte Persönlichkeit durch- 
dringen Durch diesen Zweck ist aber nicht nur ausge- 
schlossen von unserer Betrachtung sein Leben und alles 
Vergängliche an ihm, sondern auch die Aufrollung 
seiner einzelnen wissenschaftlichen Taten als solcher, ob- 
gleich auch diese mit vollem Recht als unvergängliche 
bezeichnet werden müssen. Denn es ist mit den theoreti- 
schen Leistungen nicht anders als mit der Aufeinanderfolge 
praktischer Taten, die ein Leben zusammensetzen. Durch 
diese ganze Reihe von Einzelheiten geht hindurch ein 
stilles und stummes Gesetz, sich austönend in diesen 
Schwingungen und Äußerungen, aber in keiner einzelnen 
und auch nicht in der äußeren Allheit derselben, sich 
als Gesetz und in der einfachen Einheit und Innerlichkeit 
eines solchen zur Darstellung bringend. Auch in der To- 
talität dieser Äußerungen wird nur angeschaut und emp- 
funden die in die Vielheit dieser Klänge ausgegossene Wir- 
kung dieses Gesetzes. Aber ein anderes ist die Betrach- 
tung oder Empfindung dieser als ein sinnliches Nachein- 

112 



ander auftretender Äußerungen und Töne, und ein an- 
deres ist die denkende Zurücknahme derselben in die innere 
einfache Einheit, aus der sie mit Notwendigkeit ent- 
sprvngen. 

Diese wird i n dem Unvergänglichen wieder in einem 
noch höheren Sinne das Unvergängliche bilden, und erst 
diese, auf das in den geistigen Leistungen Fichtes wir- 
kende stumme Gesetz, auf den Geist seines Geistes, wie 
ich vorhin sagte, zurückgehende Betrachtung wird eine 
Fichte angemessene und ihn selbst in der einfachen Ein- 
heit und Innerlichkeit seines Geistes zur Erscheinung brin- 
gende sein können. 

Eine ganz andere Gestalt scheint dagegen wieder unsere 
Aufgabe zu empfangen, wenn wir erwägen, daß sich hier 
Männer aus allen Berufszweigen zusammengefunden : 
daß hierin schon sinnfällig hervortritt, wie wir heute nicht 
ein bloßes philosophisches Berufs- und Gelehrtenfest, son- 
dern ein die ganze Nation berührendes Fest begehen. 
Und gewiß sind Sie alle auch bereits mit der Empfindung 
hergekommen, daß wir hier einen für die gesamte Ent- 
wicklung der Nation wichtigen Tag, daß wir ein N a t i o - 
n a 1 f e s t und also auch in einer dem entsprechenden Weise 
zu feiern haben. Sollte aber, meine Herren, überhaupt, 
und trotz der strengen Wissenschaftlichkeit dieses großen 
Mannes und seiner nicht der gesamten Nation zugänglichen 
philosophischen Tiefe, ein Unterschied bestehen können 
zwirchen einer Feier des Tages im eigenen wissenschaft- 
lichen Geiste des Philosophen Fichte und einer Feier 
desselben im nationalen Sinne und als nationales 
Fest? 

Was ist es, das einen Mann zum großen Mann 
macht ? Nur dies eine : daß er den Geist der Nation, wel- 
cher er angehört, in sich wie in einem Brennpunkt zu- 

8 Lm««11«. G«. Schriften. Band VI. 113 



sammenfaßt und ihn eben durch diese Zusammenfassung 
irgendwo zum reinsten Ausdruck und zur Fortent- 
wicklung bringt ; daß also der nationale Geist selbst 
in diesem Manne irgendwo seine deutlichste, in eine be- 
stimmte Individualität gegossene Sichtbarmachung und Be- 
tätigung seiner selbst vollbringt. Eine Nation würde hier- 
nach einen großen Mann gar nicht anders feiern können, 
als indem sie ihren eigenen nationalen Geist feiert, den 
sichtbaren Ausdruck und Entwicklungsdruck feiert, den 
sich der nationale Geist in und durch diesen seinen Träger 
gegeben hat. Jede Feier eines großen Mannes würde so, 
bewußt oder unbewußt, immer nur in einer Selbst- 
f e i e r u n g des nationalen Geistes seitens dieser 
Nation bestehen. 

Ja, meine Herren, es ist ein im strengsten Geiste Fich- 
tes gedachter Gedanke, daß eine Nation überhaupt nichts 
anderes feiern kann als ihren eigenen Geist ! Alles andere 
kann eine Nation nur feiern wollen und äußerliche .Veran- 
staltungen dazu treffen, auch Festmahle und Reden halten. 
Eine wirkliche Feier aber ist, wie jeder Kultusakt, 
nur eine Sichselbstbefeierung des öffentlichen Geistes die- 
ses Volkes. — Die bewußte nationale Feier würde also 
darin bestehen, daß eine Nation sich darüber zur Klarheit 
bringt, inwiefern es gerade i h r Geist war, der in dem 
allgemein menschheitlichen Geiste dieses Individuums diese 
Produktionen hervorrief und welche höhere Stufe des Da- 
seins sie durch diesen ihren Träger erstiegen hat. Indem 
ab?r eine Nation sich zur Klarheit bringt, inwiefern gerade 
ihr Geist das Wirkende in dem Geiste jenes Individuums 
und das innere Gesetz in seinen Leistungen war, ist 
damit zugleich das erreicht, was wir früher als die For- 
derung einer dem Geiste Fichtes angemessenen Feier ge- 
funden haben : daß es sich nämlich darum handle, ihn nicht 

114 



nach seinen einzelnen Leistungen, sondern nach dem trei- 
benden einfachen Gesetze derselben zu betrachten und so 
de-i Geist seines Geistes zur Erscheinung zu brin- 
gen. — Die bewußte nationale Feier zeigt sich also 
als die wahrhafte Synthesis, als die höhere Vereinigung der 
spezialistisch-wissenschaftlichen und der vulgär oder un- 
bewußten nationalen Feier ; sie wird so die philosophische 
Feier sein. 

Von allen Seiten rechtfertigt sich näher die Aufgabe 
der Feier, welche sich uns als die allein richtige ergeben 
hat. 

In dem formellen Begriff der Feier selbst begrenzen 
und vereinigen sich somit zwei Vorstellungen : R u h e und 
Tätigkeit. Feier ist Ruhe; es soll ausgeruht werden 
von den Beschäftigungen des täglichen Lebens und Stre- 
bens. Feier ist aber auch Tätigkeit, schließt diese Vor- 
stellung in sich ein, und ohne irgendwelche durch den 
Inhalt der Feier näher bestimmte Tätigkeit wäre Feier 
nicht denkbar. Bei der nationalen Feier werden somit 
Ruhe wie Tätigkeit durch den Begriff des Nationalen 
näher bestimmt sein. — In unserer Alltagstätigkeit ist idas 
nationale Leben in uns in dem Prozesse seines rastlosen 
Weiterstrebens begriffen. Auch der Gelehrte, auch der 
Denker ist dem einzelnen hingegeben und in dieses ver- 
tieft und' kann keineswegs in dieser Tätigkeit das hinein- 
schauende Bewußtsein auf das in ihm selbst tätige natio- 
nale Prinzip fortgesetzt festhalten. Die Versenkung in 
das einzelne ist vielmehr die Bedingung aller Leistung. 
Dieser weiterstrebende Prozeß des nationalen Lebens soll 
in der Feier um ihrer Ruhe willen zum Stehen kommen. 
Aber um der Tätigkeit willen, welche in dem Begriff 
aller Feier liegt, soll diese Ruhe des nationalen Lebens 
zugleich eine Tätigkeit desselben in uns sein, und zwar 

8' 115 



sollen beide, Ruhe und Tätigkeit, auch nicht, weder der 
Zeit, noch dem Gegenstande nach auseinanderfallen, son- 
dern ungetrennt und in einem soll diese Ruhe in Tätigkeit, 
diese Tätigkeit in Ruhe bestehen. Daß also der Prozeß 
des nationalen Lebens, wie ich sagte, zum Stehen kommt, 
soll selbst wieder durch eine andere Tätigkeit des natio- 
nalen Lebens in uns gesetzt werden, und diese Tätigkeit 
des nationalen Lebens soll in einer aus dem Weiterfließen 
dieses Stromes zurückgezogenen Ruhe bestehen. Die Syn- 
thesis dieses Wiederspruches ist somit keine andere als 
die in sich selbst hinein- und zurückschauende Selbstbe- 
trachtung des nationalen Lebens, welche ruhend von dem 
Weiterstreben desselben und mit in sich gekehrtem Auge 
sich das Selbstverständnis seiner Entwicklung und das 
Gesetz seines Waltens aufschließt. 

Diese Verständigung des deutschen Geistes mit sich 
selbst, mit welcher Notwendigkeit gerade aus seinem 
nationalen Prinzip Fichte hervorgeht, welche höhere Stufe 
dasselbe in ihm erreicht, zu welcher weiteren Entwicklung 
er dadurch wieder den Grund legt, und wie er in dieser 
heute noch, nicht gestorben, in uns fortlebt — diese Selbst- 
verständigung wird also, wie sich übereinstimmend als For- 
derung einer Fichte angemessenen Feier, als Forderung 
eines Nationalfestes und als Forderung des Begriffes der 
Feier überhaupt bestimmt hat, unsere notwendige Aufgabe 
bei der heutigen Feier sein. 

Indem wir uns dieser Aufgabe unterziehen, haben wir 
uns nicht einer willkürlichen Auffassung derselben hinge- 
geben, welche so und auch anders hätte ausfallen können. 
Sondern es hat sich uns diese Aufgabe bestimmt, als 
die schlechthin notwendige Aufgabe dieses Tages, 
die sich gar nicht anders bestimmen konnte, als wie sie 
sich uns eben bestimmt hat. 

116 



Wenn ich mit dieser Genauigkeit bei der Bestimmung 
der notwendigen Auffassung der Aufgabe zu Werke ge- 
gangen, so geschah dies nicht nur, weil in der gründlich 
und notwendig bestimmten Aufgabe immer die Hälfte ihrer 
Lösung besteht, auch nicht nur, weil dies eben der unter- 
scheidende Charakter alles philosophischen Denkens ist, 
nicht frischweg mit der Lösung der Aufgabe, sondern mit 
der Untersuchung und Bestimmung der Aufgabe selbst 
zu beginnen und aus ihr mit Notwendigkeit die Lösung 
abzuleiten — es geschah vielmehr besonders auch deshalb, 
um mit dem eigenen Geiste Fichtes zu verfahren. Denn 
wie so Kundigen, wie Ihnen, lange deutlich gewesen sein 
wird, war diese Untersuchung der Aufgabe nichts anderes, 
als ein nicht untreues Bild der Methode, in der sich 
das eigene Denken Fichtes bewegt und der langsamen 
Gründlichkeit, mit der es vorschreitet, vor jedem Schritt 
das Prinzip des Schreitens selbst untersuchend. Und es 
ziemt sich uns heute, meine Herren, in seiner Tracht 
und Gewandung einherzugehen und seine Farben zu 
tragen. — Werfen wir also, um uns jenes Zusammenhanges 
bewußt zu werden, einen Blick auf das Charakteristische 
in der Lage der Dinge, welche in der Mitte des vorigen 
Jahrhunderts stattfindet, so ist diese gemeinschaftlich in 
Deutschland wie Frankreich folgende: 

Es existiert eine Wirklichkeit, welche, statt eine Gegen- 
wart im philosophischen Sinne, d. h. ein Ausfluß und 
eine lebendige Betätigung des allgemeinen Selbstbewußt- 
seins zu sein, nach allen Seiten hin das versteinerte Produkt 
vergangener Jahrhunderte bildet. Hergebrachte, in den 
Verhältnissen einer fernen Vergangenheit wurzelnde For- 
men und Dogmen beherrschen alle Gebiete des öffentlichen 
Geistes, sind in Staat, Religion, Kunst und bürgerlichem 
Leben die allein gültigen Normen, welchen sich das Selbst- 

117 



bewußtsein zu unterwerfen hat, ohne sich im ge- 
ringsten in ihnen bewährt und bejaht zu finden. Es wäre 
ein Irrtum, zu glauben, daß die Philosophie 
ein Privilegium habe, sich einem solchen Zu- 
stand des öffentlichen Geistes entziehen zu 
können. Hätte sie ein solches, so müßte sie selbst ein 
dem Geiste Entnommenes, Ungeistiges sein, statt nur 
die tiefste Innerlichkeit des geistigen Lebens einer jeden 
Epoche, ihren höchsten Gedankenausdruck, zu bilden. 

Die Philosophie jener Epoche spiegelt also ihrerseits 
den geschilderten Zustand vollkommen zurück in dem Em- 
pirismus, der Erfahrungsphilosophie, die besonders von 
England her durch Locke sich Eingang verschafft hatte. 
Im Empirismus wird die Wahrheit zur Wahrneh- 
mung und Erfahrung. Ein angeblich Wirkliches 
und Objektives ist, und ist außerhalb des Be- 
wußtseins, in der Außenwelt und ihm gegenüberstehend. 
Das Bewußtsein selbst ist hier nur die tabula rasa, auf 
welche das Wirkliche seine Charaktere einzeichnet, das 
selbstlose Wachs, welches von der gegenständlichen 
Außenwelt ihrem Eindruck unterworfen wird, und die 
selbstlose Aufnahme dieses Druckes und Eindruckes soll 
die Wa h r h e i t sein. — Der geschilderte Zustand der 
Dinge war, wie bereits bemerkt, gemeinsam in Deutsch- 
land und Frankreich. Aber gerade die verschiedene, ent- 
gegengesetzte und dennoch in ihrem tiefsten Innern iden- 
tische Weise, in welcher sich beide Nationen zu diesem 
Zustande verhalten, ist im höchsten Grade Aufschluß ge- 
bend über den in seinem Entwicklungsgang ebenso ent- 
gegengesetzten, als wiederum tief identischen Geist dieser 
beiden großen Nationen; diese entgegengesetzte und den- 
noch innerlich identische Weise wird daher auch den ge- 
eignetsten Schlüssel zur Selbstverständigung bieten über 

118 



das eigentümliche Entwicklungsgesetz, welches dem deut- 
schen Geiste als sein Los gefallen ist. Beides, meine 
Herren, Gegensatz wie Identität, ist zunächst in eine kurze 
Formel zusammengefaßt, aber noch durchaus nicht nach 
seiner wirklichen Bedeutung entwickelt, wenn wir sagen, 
daß die Franzosen das Volk des praktischen Idea- 
lismus, die Deutschen das Volk des theoreti- 
schen Idealismus sind. 

Schon das Kind, meine Herren, steht unter dem Drange 
des praktischen Idealismus. Indem es die Gegenstände 
zerbricht, gibt es sich in diesem Akte das Gefühl und die 
Gewißheit seines subjektiven Selbst und dessen überlegener 
negierender Kraft. — Dieser zerbrechende, praktische 
Idealismus ist es, den Frankreich gegen jene versteinerte 
Wirklichkeit herausgekehrt und dadurch die gewaltige Um- 
wälzung des vorigen Jahrhunderts vollzieht. — Anders 
der deutsche Geist. Nicht überheben, meine Herren, 
wollen wir uns unseres Loses. Denn wir wissen, welche 
zeitweilige Einseitigkeit durch jede Bestimmtheit 
eines besonderen Entwicklungsganges gegeben ist, und wir 
wissen, was uns infolge dessen fehlt. 

Nicht überheben also — aber erheben wollen wir 
uns an der geistigen Größe unseres nationalen Loses, in- 
dem wir das Gesetz unseres Entwicklungsganges be- 
lauschen und aus der gewaltigen Tiefe desselben die Ge- 
wißheit unseres Geistes und seines nationalen Berufes und 
somit Trost und Stärkung für seine weitere Entwicklungs- 
arbeit schöpfen. 

In anderer also und tieferer Weise, sage ich, wendet 
sich der deutsche Geist gegen jene versteinerte Wirklich- 
keit, gegen jene objektive Außenwelt, die an und 
für sich sein und sich selbständig und gesetz- 
geberisch dem Selbstbewußtsein aufdrängen 

119 



will. An ihrer innersten und tiefsten Gedankenwurzel faßte 
er sie. Wie in der sinnlichen Wahrnehmung die objektive 
Außenwelt dem Subjekt gegenübersteht, so war dieselbe 
Trennung durch alle Gebiete des Erkennens durchgeführt. 
Hüben die Lehre von den Kategorien des objektiven Seins, 
die Metaphysik oder Ontologie, drüben die Logik oder die 
Lehre vom subjektiven Denken. Gegen diese Trennung 
durch alle ihre Abstufungen hindurch erhebt sich nun der 
deutsche Geist im Kritizismus, indem er das P r i n - 
z i p dieser Trennung selbst zum Gegenstande seiner Unter- 
suchung macht. 

Vo r der Erkenntnis muß das Erkenntnisvermögen selbst 
untersucht werden — dies ist der Satz, von welchem die 
kritische Philosophie ausgeht, und indem sie nun diese 
Untersuchung führt, weist sie nach, daß alle Kategorien 
des objektiven Seins, Quantität, Qualität, Relation, Ur- 
sache und Wirkung, Möglichkeit, Wirklichkeit, Notwen- 
digkeit etc., ja selbst die sinnliche Anschauung von Raum 
und Zeit, weit entfernt, etwas Objektives, Erfahrungs- 
mäßiges und dem Selbstbewußtsein selbständig Gegen- 
überstehendes zu sein, nichts anderes als apriori- 
sche 1 ) Begriffe des Selbstbewußtseins selbst, nichts an- 
deres als die eigenen Formen des subjektiven Denkens, 
die eigenen Funktionen des urteilenden Verstandes sind. 

Das wahrhaft und schlechthin Objektive, das Ding 
an sich, bleibt auf diesem Standpunkt als ein Jenseits 
unseres Erkennens und demselben schlechthin unzugäng- 
lich liegen. Alles Erkennen des Sinnlichen wie Unsinnlichen 
löst sich auf in bloße, vom Ich selbst hervorgebrachte Er- 
scheinung, in eine Apperzeption 2 ) des tätigen 



*) Von vornherein gegebene. 

2 ) Als solche erkannte Wahrnehmung. 



120 



Selbstbewußtseins, in ein nicht An sich-, sondern in ein 
Fürunssein des Objektiven, in welchem uns nichts 
als die eigene Natur und Tätigkeit des subjektiven Be- 
wußtseins für uns wird und nur den Schein der Gegen- 
ständlichkeit annimmt. 

Der deutsche Geist, indem er diese gewaltige Tat voll- 
bringt, die Grundlage, von welcher unsere gesamte neue 
Philosophie ausgeht, heißt Kant! Es wird nach dem Bis- 
herigen kaum erforderlich sein, den Gehalt dieser welter- 
schütternden Tat noch besonders hervorzuheben. Jene 
Trennung und Gegenübersetzung des Wirklichen, Dasei- 
enden und des Subjektiven ist überwunden. Die Selbstän- 
digkeit und Gegenständlichkeit, welche der objektiven 
Außenwelt im Empirismus zukam, ist zerbrochen und über- 
all ist dem Subjekt nur sein eigenes Selbst als der Inhalt 
seines Auffassens derselben zum Vorschein gekommen. 

Aber, meine Herren, Sie sehen sofort : ebenso sehr wie 
das Gesagte und sich mit ihm untrennbar in jedem Punkte 
durchdringend, gilt auf diesem Standpunkte auch noch das 
Gegenteil des Gesagten. Als das wahrhaft Objektive ist 
nämlich das Ding an sich übrig geblieben, welches das 
schlechthin unerreichbare Jenseits unseres Erkennens bleibt. 

Die Aufhebung jener Trennung und Gegenüber- 
stellung des Objektiven und Subjektiven, welche die Kant- 
sche Philosophie vollbringt, ist also auf jedem Punkte 
auch noch von Nichtaufhebung durchdrungen. 

Ja eben deshalb zeigt sich als das notwendige Resultat 
dieses Standpunktes, daß jetzt ein noch weit tieferer 
und schmerzlicherer Riß eingetreten ist als früher. 
Auf dem naiven Standpunkt des Empirismus glaubte das 
Bewußtsein, noch unbefangen in Wahrnehmung und Er- 
fahrung, die Wahrheit in sich aufnehmen zu können. 
Jetzt ist die objektive Gegenständlichkeit und Festigkeit 

121 



dieser Welt aufgelöst worden, aber in dieser Gewiß- 
heit seiner selbst, welche sich das Selbstbewußtsein in 
diesem Auflösungsprozeß gab, ist ihm nach seinem eigenen 
Eingeständnis, daß das wahrhaft Objektive, das Ding 
an sich, ein niemals zur Apperzeption des Ich kommendes 
sei, die Wahrheit zugrunde gegangen und zu einem uner- 
reichbaren Jenseits geworden. Die objektive Gegenständ- 
lichkeit und Festigkeit dieser Welt ist in Trümmer ge- 
schlagen worden durch die Überlegenheit des Selbstbe- 
wußtseins, aber aus diesen Scherben leuchtet ihm hohn- 
neckend nur immer sein eigener subjektiver Wider- 
schein entgegen. Je mehr und je sehnsüchtiger seine Arme 
ausgebreitet sind, das Objektive zu umfangen, desto un- 
nahbarer zieht sich das Objektive in sein Jenseits zurück, 
dem nachstürzenden Selbstbewußtsein nur Schatten ent- 
gegenwerfend, in deren Umarmung es nur sich selbst um- 
armt. Es ist eine entgötterte Welt, zu welcher dies 
vernünftige und beseelte All geworden ist. Gott selbst, 
das Absolute, ist auf diesem Standpunkt nur ein Postulat 
der praktischen Vernunft ; d. h. nicht ein Dasein — 
denn die Vernunft kann nach Kant ihren Ideen nicht 
Realität geben, sondern nur eine Voraussetzung des 
bedürftigen Selbstbewußtseins. 

Auf diesem Standpunkt erhebt sich daher die Sehn- 
sucht und die Klage über die entgötterte Welt; auf 
diesem Standpunkt der Schmerz, zu wissen, daß wir nichts 
wissen können. 

Der titanische Geist Kants, der Kantsche Standpunkt 
ist in Wahrheit jener Faust, welchem der Geisterchor 
zuruft : 

Weh! Weh! 

Du hast sie zerstört, 

Die schöne Welt, 

122 



Mit mächtiger Faust; 

Sie stürzt, sie zerfällt ! 

Ein Halbgott hat sie zerschlagen! 

Wir tragen 

Die Trümmer ins Nichts hinüber, 

Und klagen 

Über die verlorne Schöne. 

Mächtiger 

Der Erdensöhne, 

Prächtiger 

Baue sie wieder, 

In deinem Busen baue sie auf! 

Und genau s o , wie es ihm der Sehnsuchtslaut des 
Dichters zuruft, — aus seinem Busen baute er sie 
auf. Der deutsche Geist, indem er die Welt wieder auf- 
baut und zwar an seinem Busen aufbaut — heißt : 
Fichte! 

In der Reihe der Philosophen besteht aller Fortgang 
nur darin, daß jeder Nachfolger nur die Summe der 
Existenz seines Vorgängers zieht, nur aus- 
spricht, was jener an sich bereits geleistet 
hat. So ausgesprochen, ist es ein vollkommen 
neuer Gedanke und ein neuer Standpunkt des 
Geistes geworden. Es wäre hiernach möglich, wenn 
diese Konzentration auch das Schwierigste von allem sein 
dürfte in der philosophischen Betrachtung, jeden Philo- 
sophen auf einen einzigen Satz zu reduzieren, welcher 
sofort das Bestreben hat, ineinenausihmfolgenden 
und ihm dennoch entgegengesetzten Satz überzu- 
gehen. 

Kant hatte durch den Kritizismus die objektive Welt 
zur bloßen, nicht an sich seienden und vom subjektiven Be- 
wußtsein vorgespiegelten Erscheinung herabgesetzt ; er 
hatte die objektive Welt aufgelöst in das negative 

123 



Resultat des subjektiven Bewußtseins, das 
wir beschrieben haben. 

Fichte akzeptiert nur die Auflösung, indem er sie zu- 
gleich in ihr positives Resultat münden läßt. Er akzeptiert 
jenen Untergang der objektiven Welt in das Selbstbewußt- 
sein, indem er ihn umbiegt in den Hervorgang der 
objektiven Welt aus dem reinen Selbstbewußt- 
sein, mit anderen Worten in den Gedanken: daß das 
Ich oder das reine Denken das konstruktive 
Gesetz und der positive erzeugende Mutter- 
schoß alles nur aus ihm sich entwickelnden 
und ableitenden Objektiven und Realen sei. 
Dies ist es, was Fichte in seiner Wissenschaftslehre und 
den aufeinanderfolgenden Gestaltungen, die er ihr gegeben, 
vollbringt. 

Fichte, nach einem absolut-ersten, schlechthin und un- 
bedingt gewissen Grundsatz suchend, aus welchem alles 
andere sich entwickele, geht aus von dem Begriff des 
reinen Ich oder des Selbstbewußtseins. Er geht 
nämlich zunächst aus von dem unbedingt gewissen Satz : 
A gleich A oder dem Satze der Sichselbstgleichheit. Aber 
was ist in diesem Satze gegeben ? Nicht daß A i s t , dies 
ist damit weder gegeben noch behauptet, sondern nur daß, 
wenn A ist, es gleich A ist. Diese Beziehung, nicht das 
Dasein von A ist als schlechthin daseiend gegeben. Unbe- 
dingt ist also nicht der Gehalt, sondern nur die Form jenes 
Satzes, die Sichselbstgleichheit von einem A, dessen Da- 
sein noch hypothetisch und bedingt ist. Bereits aber 
ist auch ein Dasein als unbedingt und schlechthin gewiß in 
jenem Satze der Sichselbstgleichheit gegeben, nämlich nicht 
das Dasein von A, sondern das Dasein vom Ich. Denn 
jener Satz der Sichselbstgleichheit, daß A, wenn es ist, 
gleich A ist, ist im Ich und durch das Ich gesetzt, das 

124 



nach ihm als einer ihm schlechthin und unbedingt 
gegebenen Tatsache des Bewußtseins ur- 
teilt. Es ist also jetzt der nicht mehr nur nach der 
Form, sondern auch nach dem Gehalte unbedingte Satz 
gefunden : Ich bin, nicht mehr bloß : Ich bin ich, in dem- 
selben Sinne, wie der Satz, A ist A, so daß bloß gesagt 
sei, wenn Ich sei, so sei Ich sich selbst gleich, 
dies aber, ob es überhaupt sei, noch als hypothetisch und 
bedingt gelassen ist, sondern der auch seinem Gehalte 
nach unbedingte Satz, welcher unbedingt aussagt, daß Ich 
schlechthin dasei, oder der Satz: Ich bin. 

Das Ich hat also schlechthin sein eigenes Sein gesetzt, 
und dies Sein des Ich besteht nur darin, sich schlechthin 
als seiend zu setzen. Das Ich setzt sich selbst : so ist 
es ; das Ich ist, aber dies Sein ist nur die reine Tätigkeit, 
sich selbst zu setzen. Mit anderen Worten: „Dasjenige, 
dessen Sein bloß darin besteht, daß es sich selbst als 
seiend setzt, ist das reine Ich, das reine Denken." 

Aber weiter : Indem ich sage Ich, indem ich mich, das 
Selbstbewußtsein, als seiend setze, bin ich hierdurch auch 
schon die Tätigkeit, mich, das Ich, von anderem zu unter- 
scheiden. Ich ist nicht Zusammenfließen mit allem mög- 
lichen sinnlichen Dasein, sondern Rückgang in sich, Unter- 
scheiden von sich und anderem. Indem ich sage : ich, habe 
ich damit auch schon ein mir anderes, ein N i c h t - i c h 
gesetzt. Es ist also ebenso gewiß dem Ich schlechthin 
entgegengesetzt ein N i c h t - i c h , das ihm somit, es be- 
schränkend, gegenübersteht. Aber dies Nicht-ich ist, wie 
sich gezeigt hat, selbst gesetzt durch die eigene 
setzende Tätigkeit des Ich. 

Und jetzt werden von Fichte nun weiter alle Kategorien 
der objektiven und realen Welt : Quantität, Realität, Ur- 
sache und Wirkung, Substantialität etc., aus dieser setzen- 

125 



den Tätigkeit des Ich oder des reinen Denkens mit im- 
manenter Notwendigkeit abgeleitet. 

Sie werden abgeleitet, sage ich, d. h. in Fichte tritt der 
deutsche Geist das seit Aristoteles' Zeit unberührt ge- 
bliebene griechische Erbteil an, die Kategorien aus der 
reinen, sich mit innerer Notwendigkeit fortbestimmenden 
Tätigkeit des Gedankens zu entwickeln, zu erzeugen. 
Es geht hier etwas ganz anderes und Entgegengesetztes 
vor als bei Kant. Kant greift die Kategorien als empirisch 
vorausgesetzte auf und löst sie in Funktionen des subjek- 
tiven Bewußtseins auf. Fichte umgekehrt erzeugt und 
leitet ab aus dem reinen Denken alle Kategorien der gegen- 
ständlichen Welt, erzeugt diese als objektiv dasei- 
ende und als das notwendige Produkt des reinen 
Denkens, von dem er ausgeht. Er verfährt hierbei so, 
daß er von jeder produzierten Kategorie zeigt, daß sie 
mit sich selbst in Widerspruch tritt und nun durch nähere 
Bestimmung die Synthese hervorbringt, in welcher sie sich 
mit ihrem Widerspruch vereinigt ; d. h. mit anderen Wor- 
ten: es liegt bei Fichte an sich bereits vollständig die 
durch das Gesetz des Gegensatzes ent- 
wickelnde dialektische Methode Hegels vor. 
Man kann überhaupt nicht eine Seite der Fichteschen 
Werke mit tiefem Auge betrachten, ohne überall die 
Keime Hegels zu gewahren. 

Es ist üblich geworden, bei der Kritik Fichtes zu 
sagen : daß sein Ich immer den Anstoß eines Nicht-ich 
brauche, daß also im Grunde bei ihm derselbe Dualismus 
wie bei Kant vorliege. Selbst ein so großer Mann wie 
Hegel richtet diese Kritik gegen Fichte. Auch ist das, 
was in dieser Kritik gesagt wird, nicht unrichtig, aber 
es ist nicht erschöpfend und darum auch wieder nicht 
gerecht. Es ist nicht unrichtig, denn die weitere 

126 



Fortleitung geht bei Fichte in der Tat durch diesen An- 
stoß des Nicht-ich vor sich, welches wieder durch das 
Ich beschränkt und bestimmt wird. Aber die Kritik ist 
nicht erschöpfend und darum nicht gerecht, denn sie über- 
sieht zweierlei : Einmal in formeller Hinsicht, daß das 
Nicht-ich selbst in letzter Instanz ein durch das Ich 
Gesetztes war, daß also in letzter Instanz alles aus 
der eigenen setzenden Tätigkeit des Ich entwickelt ist. 
Zweitens und in inhaltlicher Hinsicht, daß, indem alle 
Kategorien der Gegenständlichkeit positiv abgelei- 
tet, positiv — und als objektiv daseiende — 
erzeugt werden aus dem reinen Denken, hiermit das 
Ding an sich, welches bei Kant dem Bewußtsein un- 
ergreifbar gegenüber stand, jetzt bei Fichte in das Ich 
selbst hineingefallen ist. 

Das Ich oder das reine Denken ist bei Fichte das 
wahre Ding an sich geworden. Es ist selbst das ab- 
solute Ansich alles Seins, ailes Daseiende aus sich 
entwickelnd. Das Ich oder das reine Denken ist, wie 
Fichte selbst sagt, alle Realität, und es hat nichts Reali- 
tät, als das Ich und das von ihm Gesetzte. Es ist also 
die Rollenvertauschung gegen Kant vorgegangen, daß das 
Ding an sich in das reine Denken selbst, alles weitere aus 
sich positiv setzend, hinübergetreten, daß es selbst zum 
reinen Denken und seiner ailes andere aus sich erzeugen- 
den Tätigkeit geworden ist ; oder es ist mit anderen Wor- 
ten der Kantsche Dualismus aufgehoben und an sich 
bereits das Prinzip der Identität von Denken und Sein 
gegeben. 

Ich sagte Ihnen vorhin, meine Herren, daß jeder Philo- 
soph immer nur das Fazit von dem zieht, was sein Vor- 
gänger schon geleistet hat, immer also nur das ausspricht, 
was bei jenem an sich schon gegeben war. Ist dies wahr, 

127 



so folgt hieraus mit Notwendigkeit, daß dasjenige, 
was von einem Philosophen geleistet wird, 
noch verschieden ist von dem zusammen- 
fassenden Bewußtsein, welches er selbst 
über diese Leistung hat. 

Bei niemanden aber zeigt sich dies deutlicher als bei 
Fichte. Denn in der ersten Zeit seines Auftretens glaubt 
er noch ganz auf dem Standpunkt Kants zu stehen. Er 
erklärt gleich im Eingang seiner Schrift über den Begriff 
der Wissenschaftslehre (1794, W., Bd. I. 30) seine 
innige Überzeugung, daß „kein menschlicher Verstand 
weiter als bis zu der Grenze vordringen könne, an der 
Kant gestanden". Er erklärt zu wissen, „daß er nie etwas 
wird sagen können, worauf nicht schon Kant unmittelbar 
oder mittelbar, deutlicher oder dunkler gedeutet habe". 
Auch noch in den nächsten Jahren hält er im ganzen, ob- 
wohl nicht ganz ohne Schwankungen, diese Auffassung 
seiner Philosophie fest. Er erklärt z. B. 1797 in seiner 
im philosophischen Journal erschienenen ersten Einleitung 
in die Wissenschaftslehre, daß sein Vorhaben nichts an- 
deres sei, als nur eine systematische und von Kant ganz 
unabhängige Darstellung der großen Entdeckung zu geben, 
welche Kant gemacht habe. 

Merkwürdig ! In den sinnlosen und lächerlichen An- 
griffen, welche die ersten Veröffentlichungen der Fichte- 
schen Wissenschaftslehre hervorriefen, Angriffe, welche 
unserer Nation zur Schande gereichen würden, wenn es 
nicht das ewig wiederkehrende Schicksal alles Neuen und 
Großen wäre, die dumpfe Mittelmäßigkeit und den auf 
dem Hergebrachten horstenden Unverstand gegen sich in 
den Harnisch zu bringen, in all diesen lächerlichen und 
elenden Rezensionen war nur das eine wahr, daß, wie 
die Rezensenten behaupteten, hier ein von Kant 

12S 



durch und durch verschiedenes System vor- 
liege. In all den herben und von jenem verachtenden 
Stolze, der ihm so wohl anstand, getragenen Antworten, 
zu denen Fichte sich gelegentlich diesen Rezensenten gegen- 
über herbeiläßt, war nur das eine unrichtig, daß, wie 
er krampfhaft festhält, Kant nur mißverstanden 
worden und der Kantsche Gedanke mit dem 
seinigen identisch sei. 

Später, wie Sie wissen, änderte Fichte seine Ansicht 
hierüber gänzlich und erkannte vollständig den neuen selb- 
ständigen und epochemachenden Standpunkt, den er in 
der Geschichte des Geistes bezeichnet. Aber schon in 
seinen die Wissenschaftslehre betreffenden Veröffent- 
lichungen der ersten Zeit fehlt es, selbst abgesehen von 
dem, was durch das Ganze der Leistung gegeben war, 
nicht an besonderen Stellen, worin sein Gegensatz zu Kant 
und dem Kantschen Prinzip sich auf das Klarste aus- 
spricht. Da diese Stellen demnach besonders geeignet sein 
müssen, dasjenige zu bewähren, was ich Ihnen über die 
höhere und versöhnte Weltanschauung gesagt habe, 
welche — entgegengesetzt dem bei Kant noch vorhandenen 
Dualismus — durch die Fichtesche Philosophie dem Be- 
wußtsein des Geistes erobert wird, so wird es von Inter- 
esse sein, einige derselben hier anzuführen. 

So sagt er in dem 1795 veröffentlichten Grundriß des 
Eigentümlichen der Wissenschaftslehre (I. S. 332) : „Kant 
geht aus von der Voraussetzung, daß ein Mannigfal- 
tiges für die mögliche Aufnahme zur Einheit des Be- 
wußtseins gegeben sei, und er konnte von dem Punkt aus, 
auf welchen er sich gestellt hatte, von keiner anderen 
ausgehen. Er begründete dadurch das Besondere für die 
theoretische Wissenschaftslehre ; er wollte nichts weiter 
begründen und ging daher mit Recht von dem Besonderen 

9 LttMÜe. G«. Sckriftsn, B^.d VI. 129 



zum Allgemeinen fort. Auf diesem Wege nun läßt sich 
zwar ein kollektives Allgemeines, ein Ganzes der bisheri- 
gen Erfahrung, als Einheit unter den gleichen Gesetzen, 
erklären : n i e aber ein unendlich Allgemeines, ein Fort- 
gang der Erfahrung in die Unendlichkeit. Von dem 
Endlichen aus gibt es keinen Weg in die Unendlichkeit ; 
wohl aber gibt es umgekehrt einen von der unbestimmten 
und unbestimmbaren Unendlichkeit, durch das Vermögen 
des Bestimmens, zur Endlichkeit — und darum ist 
alles Endliche Produkt des Bestimmenden." 

Sie sehen also, meine Herren, gegenüber dem Kant- 
schen Ausgang vom Endlichen, von welchem aus, sagt 
Fichte, es keinen Weg zum Unendlichen gebe, woher in 
der Tat der Kantsche Dualismus, die Jenseitigkeit seines 
Ding an sich, herfließt, hebt er es als seinen Weg und 
seine Philosophie hervor, daß vom Unendlichen selbst 
ausgegangen und das Endliche als ein Produkt des Sich- 
selbstbestimmens des Unendlichen erzeugt werde, womit 
also die Trennung aufgehoben und das Prinzip der Identität 
beider bereits gegeben ist. 

Und ebenso sagt er an einer anderen Stelle derselben 
Schrift (LS. 386) : „Kant, der die Kategorien ursprüng- 
lich als Denkformen erzeugt werden läßt und der 
von seinem Gesichtspunkte aus daran völlig recht hat, 
bedarf der durch die Einbildungskraft entworfenen Sche- 
mata, um ihre Anwendung auf Objekte möglich zu 
machen ; er läßt sie demnach ebensowohl als wir durch die 
Einbildungskraft bearbeitet werden und derselben zugäng- 
lich seien. In der Wissenschaftslehre entstehen sie mit 
den Objekten zugleich, und um dieselben erst möglich 
zu machen, auf dem Boden der Einbildungskraft selbst." 

Also nicht, wie Kant, als Denkformen, wie Fichte 
scharf betonend hervorhebt, sondern als Daseinsfor- 

130 



m e n will e r die Kategorien behandeln. Die Objekte selbst 
werden nach ihm, weit entfernt, ein den Kategorien uner- 
greifbares Ansich behaupten zu können, erst erzeugt mit 
und durch die Kategorien. 

Und ebenso daselbst gegen den Skeptiker Maimon sich 
wendend, welcher der Kantschen Philosophie den Einwurf 
gemacht hatte : Wohl möge der Mensch apriorische Ge- 
setze des Denkens haben: aber was berechtigt ihn, diese 
Gesetze auf die Objekte anzuwenden, wie komme er an 
das Objekt heran? — antwortet Fichte (ib. S. 288): 
„Diese Frage kann nicht anders beantwortet werden, als 
so : sie — die Denktätigkeit — muß es — das Objekt 
— selbst produzieren, wie in der Wissenschaftslehre 
aus anderen Gründen ganz unabhängig von jenem Bedürfnis 
schon dargetan worden ist." Und in der (I.) Einleitung 
zur Wissenschaftslehre, die er nachträglich — 1797 — 
in dem philosophischen Journal herausgibt, spricht er sich 
über das wahre Objekt seines Systems also aus (I. 
S. 428) : „Das Objekt dieses Systems kommt noch als 
etwas Reales wirklich im Bewußtsein vor, nicht als ein 
Dingan sich, wodurch der Idealismus aufhören würde 
zu sein, was er ist, und in Dogmatismus sich verwandeln 
würde, aber als Ich an sich." 

Sie sehen also, wie es sich hier bestätigt, was ich Ihnen 
vorhin sagte, daß das Ding an sich, welches bei Kant dem 
subjektiven Bewußtsein gegenübersteht und gegenüber- 
bleibt, bei Fichte die Rollen tauscht. Das Ansich des 
Seins ist in das Bewußtsein selbst hinübergetreten, das 
Ding an sich ist ein Ich an sich geworden, welches 
alles Dasein aus sich ableitet und heraussetzt, und jene 
Jenseitigkeit des wahrhaft Objektiven, jener Zwiespalt des 
Unendlichen und des Endlichen ist damit aufgehoben, wie 
Fichte bald darauf selbst erklärt (I. 454): „Die Ab- 

9« 131 



leitung einer objektiven Wahrheit, sowohl in der Welt 
der Erscheinungen, als auch in der intelligibeln Welt, 
ist ja der einzige Zweck aller Philosophie." 

Es hat sich Ihnen also gezeigt, meine Herren, wie der 
Sehnsuchtsruf des Dichters in Fichte erfüllt ist. Die ob- 
jektive Welt ist wieder aufgebaut, und zwar ist sie auf - 
gebaut aus der reinen I nnerlichkeit des Ich, dem reinen 
Denken, welches ihr erst dadurch, daß es sie aus sich 
setzt und hervorbringt, Wahrheit und Objektivität verleiht, 
sie aber dadurch zugleich aus der Jenseitigkeit des Kant- 
schen Dualismus herausreißt und zum versöhnten Da- 
sein seines eigenen Innern, des Denkens macht. Aufge- 
baut, und zwar aus seinem Busen, aus der reinen Inner- 
lichkeit des Ichs, aufgebaut hat Fichte die Welt aus den 
Trümmern der wesenlosen Erscheinung, in die sie die 
Kantsche Philosophie geschlagen. 

In der neuen und noch tieferen „Darstellung der Wis- 
senschaftslehre" endlich, welche Fichte 1801 herausgibt, 
entwickelt er selbst die Identität des absoluten 
Seins und absoluten Denkens und weist nach, 
daß das absolute Wissen nichts anderes sei, als das 
Fürsich sein des Absoluten selbst. Und in der 
zweiten Ausgabe, die er 1802 von seiner früheren „Grund- 
lage der gesamten Wissenschaftslehre" erscheinen läßt, 
macht er zu den Worten derselben: ,,Das Ich setzt ur- 
sprünglich schlechthin sein eigenes Sein" die Anmerkung 
(I. S. 98) : „Dies alles heißt nun mit anderen Worten, 
mit denen ich es seitdem ausgedrückt habe : Ich ist not- 
wendig Identität des Subjekts und Objekts, 
Subjekt-Objekt." 

Das heißt, meine Herren, es ist hier an beiden Orten 
bereits mit dürren Worten das gemeinschaftliche Prinzip 
der Schelling- Hegeischen Philosophie ausgesprochen, einer 

132 



Philosophie, in welcher sich jetzt auch noch die letzte 
dualistische Unangemessenheit der Fichteschen Philoso- 
phie beseitigt: vom Ich oder subjektiven Denken auszu- 
gehen, welchem das Dasein als ein von ihm gesetztes und 
dennoch gegen es selbständiges Nicht-ich gegenüberstehe; 
einer Philosophie, welche erst die wahrhafte und ange- 
messene Ausführung des Prinzipes bildet, das, wie wir 
sehen, bereits bei Fichte erreicht wird. Was nämlich in 
dieser neuen Philosophie vor sich geht, ist nichts anderes, 
als die einfache Folgerung : Wenn das Subjekt und Ob- 
jekt identisch ist, so ist eben keines von beiden die 
Sache selbst, das Subjekt so wenig wie das Objekt, son- 
dern beide sind nur einseitige Momente derselben, und 
die wahrhafte Sache ist nichts anderes, als eben jene — 
durch beide hindurchgehende Identität der- 
selben, der Prozeß selbst, welcher sich im Objek- 
tiven als seiend setzt und im Subjekt zum Bewußtsein seiner 
von sich selbst, zum Fürsichsein gelangt. Diese über beide 
Seiten hinübergreifende Bewegung ist das Absolute, 
das nur in einem ewigen Fürsichwerden bestehende Ding 
an sich, und umgekehrt, das in beständiger Selbstobjekti- 
vierung sich realisierende Fürsichsein, so daß nun die 
beiden Faktoren des Denkens und der gegenständlichen 
Welt zu jener letzten und innersten Versöhnung 
zusammengeschlossen sind, in beiden nur die Momente 
und die eigene Selbstverwirklichung des allgemeinen 
Geistes zu erblicken. 

Jetzt, meine Herren, können wir sagen, daß wir nicht 
nur Fichte betrachtet, sondern den Geist seines Geistes, 
wie wir uns dies als Aufgabe stellten, das treibende Ge- 
setz, oder um einen Fichteschen Ausdruck zu gebrauchen, 
das Urgesetzliche in seinem Geiste selbst erkannt 
haben. 

133 



Dieser selbe nationale Zug des Geistes, den wir bereits 
vor Fichte in Kant vorgefunden, der in Fichte selbst nur 
seine notwendige und immanente Fortentwicklung hat, der 
die Natur seiner Leistungen bildet zu einer Zeit, wo er 
selbst in seinem subjektiven Bewußtsein sich noch über 
die wirkliche Beschaffenheit des von ihm Vollbrachten 
täuscht, dieser Zug, der sich mit derselben immanenten 
Folgerichtigkeit weiter zu Schelüng und Hegel entwickelt 
— dieser Zug ist es, welcher das von allem Zufälligen 
und Individuellen Unabhängige, welcher das Agens, das 
treibende Gesetz oder das Urgesetzliche seines Geistes 
bildet. 

Dieser in der gesamten Reihe dieser Geisteshelden iden- 
tische, sich durch sie alle hindurchziehende und über jeden 
derselben noch hinausgehende Geist ist das Nationale oder 
Volksgeistige in ihnen. Er bildet das wahrhaft ge- 
meinschaftliche Subjekt dieser Philosophenreihe, und diese 
Individuen Kant, Fichte, Schelling, Hegel sind nur die 
Gestalten, in denen der deutsche Geist zu seinem Selbst- 
verständnis kommt und immer höhere Stufen seines Da- 
seins und seiner Selbstentwicklung erlangt. 

Daher jene nicht zufällige und der sorgfältigsten Ent- 
rätselung würdige Erscheinung, daß, während weder 
Briten noch Franzosen auch nur einen dieser Geister 
aufzuweisen haben, in Deutschland nicht eine Generation 
verläuft, ohne daß nicht mindestens ein Geist unter uns 
aufersteht, welcher nährend fortentwickelt die heilige 
Vestaflamme metaphysischen Denkens, eine 
Flamme, mit welcher, ganz wie in der römischen Sage, 
und trotz ihrer metaphysischen Übersinnlichkeit, auch die 
E r d Schicksale unserer Nation, wie sich uns immer näher 
und näher noch zeigen dürfte, untrennbar verbunden sind. 

134 



Denn dieser nationale Geist selbst ist eben, wie wir 
schon bis jetzt sahen, seinem Inhalte nach nichts anderes 
als der Drang nach einer von der innersten Gedanken- 
grundlage der Wirklichkeit ausgehenden, immer tieferen 
und intensiveren Bewältigung der wirklichen Welt 
durch die Innerlichkeit des Geistes, der Drang nach 
einer von der gründlichsten theoretischen Erfassung jenes 
Gegensatzes ausgehenden immer innigeren Ve rsöhnung 
des Geistes und der realen Welt. Dies also ist es, sage 
ich, was wir in dieser nationalen Selbstbeschauung 
als das eigentümliche Entwicklungsgesetz unserer Na- 
tion gefunden haben, nicht, wie andere Völker, durch das 
Zerbrechen der Wirklichkeit und an der vollbrachten Tat 
uns das nachträgliche Bewußtsein über unser Tun zu er- 
zeugen, sondern auszugehen von der tiefsten und theo- 
retischsten Bewältigung dieses Konflikts, von einer durch- 
aus bewußten, metaphysischen und darum unverlierbaren 
Aufhebung der spröden Selbständigkeit und Gegenständ- 
lichkeit der objektiven Welt. 

Hiervon auszugehen, sage ich, keineswegs aber und 
unmöglich bei dieser nur theoretischen Bewältigung 
stehen zu bleiben, die sonst vielmehr, wenn sie die Wirk- 
lichkeit sich noch als einen Gegensatz gegenüber bestehen 
ließe, statt jener tiefsten Versöhnung, welche das Los 
und die Arbeit des deutschen Geistes bildet, gerade um 
ihrer theoretischen Klarheit willen, zum grellsten Kon- 
trast und zur unglücklichsten Zerrissenheit des Bewußt- 
seins in sich selbst verurteilt wäre. 

„Was wollen denn zuletzt — sagt Fichte selbst so 
meisterhaft (D. R. VII. 394) — alle unsere Bemühungen 
um die abgezogensten Wissenschaften ? Lasset sein, der 
nächste Zweck dieser Bemühungen sei der, die Wissen- 
schaften fortzupflanzen von Geschlecht zu Geschlecht und 

135 



in der Welt zu erhalten, warum sollen sie denn auch 
erhalten werden ? Offenbar nur, um zu rechter Zeit 
das allgemeine Leben und die ganze menschliche 
Ordnung der Dinge zu gestalten. Dies ist ihr 
letzter Zweck ; mittelbar dient sonach, sei es auch erst 
in einer späteren Zukunft, jede wissenschaftliche Bestre- 
bung dem Staate." 

So weit Fichte. Wir haben jetzt die streng spekulative 
Philosophie Fichtes oder seine Wissenschaftslehre betrach- 
tet. Von selbst ergibt sich aus ihr das streng sittliche Prin- 
zip der Fichteschen Ethik : die Hingebung des Individuums 
an das reine Ich oder an die Gattung, das Leben i n 
und für die Gattung. Doch ist es hier nicht gegönnt, das 
Zentrum der Fichteschen Philosophie in alle seine Aus- 
strahlungen zu verfolgen. Auf einen Teil seiner Philoso- 
phie aber müssen wir . noch einen kurzen Blick werfen : 
auf seine Popularphilosophie. Wir müßten die- 
selbe auch schon deshalb hier mindestens flüchtig erwähnen, 
weil sich für diese Stadt ein besonderes Interesse an sie 
knüpft. 

Hier, in dieser Stadt, warf Fichte dem fremden 
Eroberer jene Gedankenflammen entgegen, welche noch 
heute die Brust eines jeden der Begeisterung nicht ganz 
erstorbenen Deutschen mit einem heiligen Feuer durch- 
dringen. Hier in dieser Stadt hielt er jene Reden an die 
deutsche Nation, welche, eines der gewaltigsten Ruhmes- 
denkmäler unseres Volkes, an Tiefe und Kraft weithin 
alles übertreffen, was uns in dieser Gattung aus der Lite- 
ratur aller Zeiten und Völker überliefert ist. 

Hier, in dieser Stadt, hielt er jene Reden 1 808, in 
einer Zeit, wo alles feige und erschrocken sich dem Welt- 
herrscher unterwarf, er allein widerstehend, den Blitz des 
Gedankens schwingend in der Hand, das Auge fest auf 

136 



das Ewige gerichtet und aller Gefahr spottend bei einem 
Unternehmen, das, wie er selbst sagt, von vornherein „auf 
die Gefahr des Todes begonnen ward". 

S o stand er da, ein ewiger Triumph für die sittliche 
Größe aller wahren Philosophie! So stand er da, ein 
ewiger Triumph für die weithin treffende geistige Voraus- 
sicht aller echten Philosophie ! Denn in diesen Reden sagt 
damals, wo der Eroberer auf dem höchsten und unbestrit- 
tenen Gipfel seiner Macht stand, der Triumphator des Ge- 
dankens dem Triumphator der Heere mit Sicherheit seinen 
nicht fernen Sturz voraus. Heute, ruft er aus, bei dem 
gegenwärtigen Bildungszustand Europas sich dem Traume 
hingeben, daß die Welt für irgend einen neuen Universal- 
Monarchen erobert werden könne ? ! Und er antwortet 
hierauf: „Schon seit einer Reihe von Jahrhunderten haben 
die Völker Europens aufgehört, Wilde zu sein und einer 
zerstörenden Tätigkeit um ihrer selbst willen sich zu er- 
freuen. Alle suchen hinter dem Kriege einen endlichen 
Frieden, hinter der Anstrengung Ruhe, hinter der Ver- 
wirrung die Ordnung und alle wollen ihre Laufbahn mit 
dem Frieden eines häuslichen und stillen Lebens gekrönt 
sehen. Auf eine Zeitlang mag selbst ein nur vorgebildeter 
Nationalvorteil sie zum Kriege begeistern; wenn die 
Aufforderung immer auf dieselbe Weise wiederkehrt, 
verschwindet das Traumbild und die F i e b e r k r a f t , die 
dasselbe gegeben hat ; die Sehnsucht nach ruhiger Ord- 
nung kehrt zurück und die Frage : Für welchen Zweck tue 
und trage ich denn nun dies alles ? erhebt sich. Diese Ge- 
fühle alle müßte zuvörderst ein Welteroberer unserer Zeit 
austilgen und in dieses Zeitalter, das durch seine Natur 
ein Volk von Wilden nicht gibt, mit besonnener Kunst 
eines hineinbilden." 

Untersuchen Sie diese Worte genau, meine Herren, 

137 



und Sie sehen in ihren Falten alle die Erscheinungen, die 
in Frankreich selbst Napoleons Sturz begleiten : die Müdig- 
keit und Abneigung der französischen Bourgeoisie gegen 
ihn, de:i Verrat seiner Marschälle, das Steigen der Rente 
an der Börse von Paris nach der Schlacht von Waterloo, 
so paradox diese Prophezeiung auch damals erschien, wenn 
man auf den begeisterten Jubel der französischen Heere 
und des französischen Volkes sah, mit dem unfehlbaren 
Blicke des Denkers vorausgesagt. 

Doch so reichen Grund der Betrachtung uns dieses 
Meisterstück des deutschen Geistes auch bieten würde — 
ich will mich der Auffassung unterwerfen, daß ich als der 
Redner der philosophischen Gesellschaft alles Exote- 
rische 1 ) anderen Kreisen zu überlassen habe. 

Urr: so mehr aber wird es unsere Aufgabe sein, das 
Esoterische 2 ) im Exoterischen zu betrachten, zumal dann, 
wenn dasselbe, wie dies hier der Fall, bisher der Beachtung 
noch entgangen ist. Selbst Hegel hat die popularphiloso- 
phischen Schriften Fichtes nicht richtig gewürdigt. 

Nimmt man nämlich zusammen die ersten popularphilo- 
sophischen Vorträge über „Grundzüge des gegenwärtigen 
Zeitalters", welche Fichte im Jahre 1804 in Berlin hielt, 
mit den Reden an die deutsche Nation und verbindet damit 
einige Stücke seiner staatsphilosophischen Schriften, so 
ist darin nichts Geringeres gegeben, als das erste wahr- 
hafte Prinzip einer — Philosophie der Geschichte. 
Dies, was bei Leibnitz, als der noch ganz unklare und sich 
selbst mißverstehende Gedanke einer prästabilierten 3 ) 



x ) Das nach außen hin — hier der Masse der nicht Philo- 
sophierenden gegenüber — Kundgegebene. 

2 ) Der innere Kern. 

3 ) Vorher bestimmten. D. H. 

138 



Harmonie, einer Theodicee 1 )» welche die Wirklichkeit 
darstellen müsse, eine bloße Voraussetzung geblieben war, 
dies, was bei Hegel später zu seiner ersten konkreten 
Ausführung gelangt, — Sie sehen, meine Herren, wir 
haben es hier wieder mit einer nationalen, sich über Gene- 
rationen hin erstreckenden und allmählich entwickelnden 
Arbeit des deutschen Geistes zu tun — dies tritt 
bei Fichte zum ersten Male als entwickeltes ver- 
nünftiges Prinzip auf. 

Der Nachweis ist leicht geführt. In den , .Grundzügen" 
geht Fichte bereits von dem wahrhaften, auch von der 
Hegeischen Philosophie beibehaltenen Begriff der Ge- 
schichte aus, von dem Begriff nämlich, daß sie die Ent- 
wicklung der menschlichen Gattung zur Freiheit dar- 
stelle und realisiere. Das Gesetz dieser Gesamtbewegung 
bezeichnet er als einen vernünftigen Weltplan und nimmt 
nun eine zeitliche Gliederung desselben, nämlich ge- 
wisse „notwendige Glieder und Epochen des Erdenlebens" 
an, vermöge welcher die stufenweise Entwicklung der Gat- 
tung zur Freiheit sich vollbringe und die er als We 1 1 - 
alter oder Zeitalter bezeichnet und näher ausfuhrt. 
Die „Grundzüge" geben nun nur die zeitliche Glie- 
derung dieser Entwicklung an. 

Zu dieser zeitlichen Gliederung tritt nun aber in den 
„Reden an die deutsche Nation" und später in der Fichte- 
schen Staatslehre noch hinzu, daß Fichte auch den wahr- 
haften urid tiefsten Begriff dessen, was ein Volk sei, auf- 
stellt. Er wirft die Frage auf, „was ein Vo 1 k sei im höhe- 
ren Sinne des Wortes" und beantwortet sie dahin: Ein 
Volk sei eine Gemeinschaft von mit einander fortlebenden 
und sich aus sich selbst immerfort natürlich und geistig 



L ) Gottesrechtfertigung, Verteidigung des Weltschöpfers. 

139 



erzeugenden Menschen, welche insgesamt unter einem ge- 
wissen besonderen Gesetz der Entwicklung des 
Geistes, welche unter demselben geistigen Natur- 
gesetz und seiner Entwicklung stehen. 

Durch diesen Begriff der Volksgeister als unter einem 
besonderen Gesetz des Geistigen und seiner Entwicklung 
stehend und dieses darstellend, ist nun neben jener zeit- 
lichen Gliederung des Weltplanes oder den Zeitaltern 
auch eine räumliche Gliederung der Entwicklung der 
menschlichen Gattung zur Freiheit, oder die Notwendigkeit 
und Vernünftigkeit dieser Entwicklungsarbeit durch be- 
sondere Volksgeister und somit die Forderung gegeben, 
einen vernünftigen und notwendigen Zusammenhang zwi- 
schen der zeitlichen und der räumlichen Gliederung jener 
Entwicklung der Gattung zu begreifen, die Volksgeister 
selbst demnach als die notwendigen Träger und Produ- 
zenten gewisser Entwicklungsstufen nachzuweisen. Das 
heißt, meine Herren, es ist hierin und abgesehen von 
manchem wertvollen Bruchstück, das Fichte in den Reden 
an die deutsche Nation, der Staatslehre und anderen staats- 
philosophischen Schriften für die Ausführung beibringt, 
bereits das konkrete Prinzip für eine Philoso- 
phie der Geschichte gegeben, dessen erste Aus- 
führung Hegel versucht hat und deren weitere Vollendung 
dem deutschen Genius als eine seiner ruhmvollsten Auf- 
gaben noch vorbehalten ist. Wenn aber Fichte die 
Ökonomie der wehgeschich fliehen Entwicklung so auf- 
faßt, daß jeder Volksgeist in derselben seine besondere 
notwendige Funktion habe, so liegt hier nichts näher und 
erwacht nichts natürlicher, als die Frage : welches ist die 
Mission, die er selbst uns, dem deutschen Volke, zu- 
weist ? 

Und so wären wir denn mit dieser Frage an den natur- 

140 



gemäßen und notwendigen Schluß gekommen, durch wel- 
chen der Begriff dieses Festes als einer nationalen Selbst- 
beschauung des deutschen Geistes, von dem wir ursprüng- 
lich ausgingen, in seinen Ausgangspunkt zurückkehrt und 
sich hierdurch erst vollendet. 

Wir haben den deutschen Geist an Fichte erkannt, als 
das treibende Gesetz seiner Leistungen, wir haben ihn in 
Fichte und der Reihe, welcher er angehört, gesehen, als 
den über jede Individualität dieser Reihe noch hinaus- 
gehenden geistigen Entwicklungstrieb, wir müssen ihn jetzt 
endlich noch näher durch Fichte hindurch, in dem Wie- 
derschein seines Auges betrachten. Und wenn es wahr 
ist, daß die großen Männer einer Nation immer nur eine 
höhere Sichselbsterfassung des nationalen Geistes dar- 
stellen, und wenn ferner das Selbstbewußtsein von sich, 
zu dem der deutsche Geist in dem großen und klaren Auge 
Fichtes gelangt, zusammenstimmt mit dem, was wir als 
das Gesetz an Fichte kennen gelernt haben, als die nähere 
konkrete Erfüllung desselben, so wird uns hieraus die 
Gewißheit der nationalen Substanz unseres Geistes, das 
letzte Selbstverständnis unserer Lage wie unseres Stre- 
beas aufgegangen und damit zugleich erst die letzte Ver- 
senkung in die tiefe Bedeutung dieser nationalen Feier 
eingetreten sein. 

Welches ist also nach Fichte die Mission und Bedeu- 
tung des deutschen Volksgeistes in der Weltgeschichte? 
Schon in den Reden an die deutsche Nation 1808 tritt es 
als der Grundgedanke derselben hervor, daß die Deutschen 
nach Fichte dazu bestimmt seien, die Vervollkommnung 
und die Fortentwicklung vor allen anderen Völkern in der 
Geschichte zu repräsentieren. Er läßt uns deshalb durch 
das Ausland selbst, ja sogar durch die Vorsehung und 
den göttlichen Weltplan, der ja nur von Menschen in die 

141 



Wirklichkeit eingeführt werden könne, beschwören, uns 
zur Wiedererlangung unserer nationalen Selbständigkeit er- 
mannen und dadurch seine — des göttlichen Weltplanes 
— Ehre und Dasein zu retten. 

Fragen wir aber, worauf dieser besondere Anspruch 
der deutschen Nation von Fichte in den Reden begründet 
wird, so ist es vorzüglich der Umstand, daß wir eine 
unvermischte Ursprache sprechen, durch welche 
wir daher in einem ununterbrochenen Zusammenhang ur- 
sprünglicher geistiger Fortentwicklung bleiben, auf den 
Fichte ihn stützt. Inzwischen unterscheidet uns dies von 
Franzosen und Briten, so gibt es andere Völker, welche 
gleichfalls sich dessen rühmen können, eine Ursprache zu 
besitzen, und man fühlt in den Reden an die deutsche 
Nation, daß hier ein gewaltiger Gedanke zugrunde liegt, 
der aber noch nicht zu' seiner ganzen inneren Klarheit ge- 
kommen. Bestimmter schon und in anderer Wendung bricht 
dieser Gedanke fünf Jahre später in der Fichteschen 
Staatslehre hervor. 

Es muß unsere Brust mit einem freudigen, obwohl 
zunächst von Verwunderung nicht freiem Stolze schwellen, 
zu hören, daß nach ihm das deutsche Volk nicht nur ein 
notwendiges Moment in der Entwicklung des göttlichen 
Weltplanes sei, wie jedes andere, sondern gerade das- 
jenige, welches allein der Träger des Begriffes sei, 
auf welchen nach Fichte das Reich der Zukunft, das 
Reich der vollendeten Freiheit gebaut werden solle und 
nur von ihm die Gründung dieses Reiches und Welt- 
alters ausgehen könne. 

„Der Einheitsbegriff des deutschen Volkes," sagt 
Fichte in seiner Staatslehre (VII. S. 573), ,,ist noch 
gar nicht wirklich ; er ist allgemeines Postulat der Zu- 
kunft. Aber er wird nicht irgendeine gesonderte Volks- 

142 



eigentümlichkeit zur Geltung bringen, sondern den Bürger 
der Freiheit verwirklichen." Und die Zukunft der Deut- 
schen prophetisch verkündend, sagt er in der Staatslehre 
(IV. S. 423) : „Dieses Postulat von einer Reichseinheit, 
eines innerlich und organisch durchaus verschmolzenen 
Staates darzustellen, sind die Deutschen berufen und dazu 
da im ewigen Weltplan. In ihnen soll das Reich ausgehen 
von der ausgebildeten persönlichen Freiheit, 
nicht umgekehrt ; — von der Persönlichkeit, gebildet für's 
erste vor allem Staate vorher, gebildet sodann in den ein- 
zelnen Staaten, in die sie dermalen zerfallen sind und 
welche, als bloßes Mittel zum höheren Zwecke, sodann 
wegfallen müssen. — Und- so wird von ihnen aus erst 
dargestellt werden ein wahrhaftes Reich des Rechtes, wie 
es noch nie in der Welt erschienen ist, in aller der Be- 
geisterung für Freiheit des Bürgers, die wir in der alten 
Welt erblicken, ohne Aufopferung der Mehrzahl der Men- 
schen als Sklaven, ohne welche die alten Staaten nicht 
bestehen konnten ; für Freiheit, gegründet auf Gleichheit 
alles dessen, was Menschengesicht trägt. Nur von Deut- 
schen, die seit Jahrtausenden für diesen großen Zweck 
da sind und ihm langsam entgegenreifen, — ein anderes 
Element für diese Entwicklung ist in der Menschheit nicht 
da." 

Und als fühlte er, daß die ergreifende Gewalt dieser 
Worte durch nichts, auch durch ihn selbst nicht weder 
übertroffen noch erreicht werden könne, zitiert er sie wört- 
lich als den Schluß einer staatsphilosophischen fragmen- 
tarischen Schrift, die er kurz vor seinem Tode verfaßte. 

Aber mit welchem Stolze auch jeden Deutschen diese 
Worte Fichtes über die deutsche Bestimmung durchschau- 
ern müssen — noch immer bleiben die Fragen übrig : wie 
sind diese Worte des gewaltigen Denkers zu verstehen ? 

143 



Warum gerade uns vor allen anderen Völkern die Größe 
und wellgeschichtliche Ehre dieses Berufes ? und täuscht 
Fichte sich hierin nicht etwa aus Eingenommenheit für die 
eigene Nation, oder welches Moment ist in unserer bis- 
herigen Geschichte gegeben, das diesen Verlauf nehmen 
muß und gerade nur diesen Verlauf nehmen kann, und wie 
vertrüge sich damit, daß wir fünfzig Jahre nach Fichtes 
Tod der Erfüllung dieser Bestimmung nicht näher gerückt 
zu sein scheinen oder inwiefern entspricht trotz der an- 
scheinenden Paradoxie dieses Satzes gerade diese Lage 
dieser Bestimmung ? 

Es handelt sich also darum, diesen Gedanken Fichtes 
zu seinem genauen und entwickelten Beweise zu bringen, 
den er in jener aphoristischen Form bei Fichte selbst 
noch nicht gefunden, ihn fortzudenken in seinem Geiste 
zu seinem explizierten sich selbst beweisenden Inhalt. Wel- 
ches Würdigere könnten wir an diesem Tage der Feier 
Fichtes tun, als in seinem Geiste den Gedanken fort- 
denken, welcher die geistige Bestimmung unseres Volkes 
enthält, und so zeigen, daß wir würdig sind, uns seine 
Nachkommen zu nennen und sein Geist ein in uns fort- 
lebender ist ! Bei dieser schwierigen Aufgabe, fortzudenken 
in seinem Geiste, werden wir uns zunächst als eines Hilfs- 
mittels, um nicht zu straucheln, der Bruchstücke bedienen 
können, die wir hier und dort zerstreut bei Fichte selbst 
finden, an ihnen den richtigen Gang unserer Explikation 
uns bewährend. — Überall, wo Fichte den Unterschied 
des französischen und des deutschen Nationalcharakters 
beleuchtet, geht er von dem Gedanken aus, die Franzosen 
haben ihren Nationalcharakter empfangen durch ihre Ge- 
schichte, die Deutschen aber ohne eine solche und 
trotz dessen, was man bei ihnen Geschichte nennen könnte 
(VII. S. 565). „Das ist eben die Merkwürdigkeit," sagt 

144 



er, „der Charakter anderer Völker ist gemacht durch ihre 
Geschichte. Die Deutschen haben als solche in den letzten 
Jahrhunderten keine Geschichte; was ihren Charakter er- 
hallen hat, ist darum etwas schlechthin Ursprüng- 
liches; sie sind gewachsen ohne Geschichte." Und 
anderwärts (VII. S. 572) : „also der merkwürdige Zug 
im Nationalcharakter der Deutschen wäre eben ihre Exi- 
stenz ohne Staat und über den Staat hinaus, ihre 
rein geistige Ausbildung." 

Was heißt das. meine Herren, sie sind gewachsen ohne 
Geschichte ? Was schmiedet die feste Zusammengehörig- 
keit der Familie ? Es ist die Gemeinschaftlichkeit ihres 
Schicksals, ihrer Leiden und Freuden, ihrer Erfolge und 
Unfälle. So bei einem Volke. Kriege und Friedensschlüsse, 
Siege und Niederlagen treffen und durchzittern ein Volk 
gemeinschaftlich von einem Ende des Reiches bis zum 
anderen, zimmern unter diesen schweren Schlägen seine 
feste Zusammengehörigkeit, die Gemeinsamkeit seines Be- 
wußtseins. Nicht dies war in Deutschland der Fall. Der 
eine Stamm schaute zu bei den Kriegen, die der andere 
führte, oder der eine gewann selbst bei den Niederlagen, 
die der andere erlitt. Wenn wir also dennoch einen gemein- 
samen deutschen Nationalcharakter haben und fest- 
gehalten haben, so haben wir ihn nicht aus den Händen 
dieser äußeren Geschichte und ihrer Erlebnisse emp- 
fangen. 

Diese erste Entwicklung war leicht und wird auch noch 
von Fichte selbst ausdrücklich gemacht. 

Aber was heißt jenes andere: die Existenz der Deut- 
schen — und dies sei das Merkwürdige — sei eine Exi- 
stenz ohne Staat und über den Staat hinaus ? — Dies 
liegt tiefer, meine Herren, und muß von uns im Sinne 
des vorigen ergänzt werden. 

10 Lauall« G.. Schriften. Band VI. 145 



Wenn Louis XIV. das berühmte l'etat c'est moi, der 
Staat, das bin ich, aussprach, so liegt hierin vermöge der 
Kraft der arithmetischen Gleichung an sich auch schon 
das andere umgekehrte Gefühl : moi c'est l'etat, ich bin 
der Staat. Und wie hätte es anders sein können, meine 
Herren ? Wo die Macht eines französischen Herrschers 
zu Ende ging, da ging auch dieses Volkes Zunge zu Ende, 
wo sein Schalten seine Grenze fand, da fand auch dieser 
Volksgeist und seine Sitte eine Grenze. Beides deckte 
sich und erzeugte so instinktmäßig und durch die Natur 
der Sache das Gefühl, daß dieser Monarch mit diesem 
Volksgeist identisch und nur sein Repräsentant sei. 

Anders infolge des Landesfürstentums in Deutschland ! 
Wo dieses Fürsten Macht zu Ende ging, da ging dieses 
Volkes Sprache und Geist nicht zu Ende, wo dieses 
Fürsten Schalten seine Grenze erreichte, da ging dieser 
Volksgeist, seine Kultur und Gesittung weiter. Dies 
erzeugte notwendig in der Auffassung ein Nichtzusammen- 
fallen, ein sich Spalten beider Momente, eine Selbstän- 
digkeit und Jenseitigkeit des Fürstentums gegen 
den Volksgeist. 

Das Fürstentum, meine Herren, kann sich selbst in 
gedoppelter Weise auffassen. 

Das Fürstentum kann sich auffassen als Staatsin- 
stitution. So ist es teilhaftig der Heiligkeit des Volks- 
geistes selbst und aller seiner öffentlichen Einrichtungen. 
Oder es kann sich auffassen nicht als Staatsinstitution, 
sondern wie wir sagten als ein Selbständiges und Jensei- 
tiges gegen den Volksgeist; so faßt es sich auf als ein 
von einer besonderen und ihm eigentümlichen Heilig- 
keit getragenes eigenes und somit privates Recht 
auf den Besitz dieses Volksgeistes — als ein historisch 
erworbenes Recht, welches von einer anderen Beschaf- 

146 



fenheit und Göttlichkeit sei, als diejenige des Volksgeistes 
selbst. 

Die erste Auffassung war bei dem deutschen Landes- 
fürstentum von vornherein nicht möglich, weil keiner dieser 
Fürsten zusammenfiel mit der Ausdehnung des deut- 
schen Geistes. In bezug auf den besonderen Volksstamm 
aber, Preußen, Sachsen, Braunschweiger, Württemberger 
etc., und innerhalb derselben scheint es, als hätte diese 
Auffassung nun dennoch obwalten können, und freilich 
konnte eben der Schein derselben obwalten und hat 
zeitenlang, im aufgeklärten Absolutismus, wirklich und auf- 
richtig obgewaltet. Indem nun aber der preußische Volks- 
geist kein besonderer war gegen den braunschweigischen, 
sächsischen, württembergischen Volksgeist etc., indem der 
deutsche Volksgeist sich identisch fortsetzte über die 
Grenzen dieser einzelnen Territorien, war hierdurch an 
sich schon die Auffassung gegeben und mußte seit dem 
ersten Konflikt zum unverlierbaren Bewußtsein kommen, 
daß auch innerhalb dieser zufälligen Abscheidungen, 
die keine Abscheidungen des Vo lksgeistes waren, das 
Fürstentum etwas Privates und Apartes, ein von einer 
besonderen und ihm eigentümlichen Heiligkeit getragenes 
Privatrecht sei auf den Besitz dieser zufälligen 
Volksfraktion, nicht eine Staatsinstitution derselben 1 ). 

*) Vgl. mit diesen Ausführungen die Note zum III. Kapitel 
des II. Abschnittes der „Theorie der erworbenen Rechte" (l.Bd. 
des „Systems der erworbenen Rechte"), wo Lassalle darzulegen 
sucht, daß der „kulturhistorische Gang aller Rechtsgeschichte" 
darin besteht, „immer mehr die Eigentumssphäre des Privat- 
individuums zu beschränken, immer mehr Objekte außerhalb des 
Privateigentums zu setzen". Auch dort wird (im 7. Bande dieser 
Ausgabe) die Tatsache, daß „überhaupt kein Deutsches Volk 
da sei" als eine Frage des Privatrechts — nämlich des Eigen- 
tums der Fürstenfamilien — betrachtet. Wie aber diese Eigen- 

w 147 



Dies also heißt es: die Existenz der Deutschen ohne 
Staat. Dies, dieses Ärmste, bildet die Trauer und Ab- 
straktion unserer Lage, daß wir trotz aller scheinbaren 
Formen des Staates und i n demselben noch nicht einmal 
irgend ein Staat, sondern ein Privatbesitz sind. 
Dies bildet die stets sich erneuende und die Brust der 
Bevölkerung beklemmende Krise, daß unser Fürstentum 
sich noch nicht als Staatsinstitution, sondern als ein apartes, 
von der Heiligkeit des Volksgeistes noch getrenntes Recht 
auf den Besitz desselben auffaßt, und wir es daher 
noch nicht einmal zum Dasein und zur Anerkennung 
als Staat überhaupt gebracht haben. 

Dies bildet also, nach Fichte, unsere Existenz ohne 
Staat. 

Und dies, daß wir trotzdem, ohne jede Gemeinschaft- 
lichkeit der Geschichte, ohne jede staatliche Erziehung, 
den Begriff des deutschen Volkes und seiner Nationalität 
in uns festgehalten haben — dies bildet unsere Exi- 
stenz über den Staat hinaus. 

Wie allein haben wir ihn, wie allein können wir 
ihn somit festgehalten haben? 

Als reine geistige Ausbildung, sagt Fichte, das heißt 
als eine reine metaphysische Innerlichkeit ohne histo- 
risches Dasein, als rein innerlicher, rein geistiger Volks- 
begriff ohne äußeres Sein ; als ein reines Denken, wel- 



tumsfrage nach Lassalle gelöst werden sollte, dafür kann, wenn 
man die hier im Text entwickelten Ausführungen mit der 
Lassalleschen Erklärung des Begriffs der erworbenen Rechte 
und seiner Antwort auf die Frage vergleicht, wann erworbene 
Rechte als verfallen zu betrachten sind, gar kein Zweifel ob- 
walten. Kein Fürstenrecht, das ein Recht auf eine Fraktion des 
deutschen Volkes zu sein beanspruchte, war mit dem deutschen 
Volksgeiste noch vereinbar. D. H. 

148 



ches bei unseren Dichtern als ideale Sehnsucht und bei 
unseren großen Philosophen als die harte Arbeit der Meta- 
physik jene innere Entwicklung hat, deren Inhalt und 
Bedeutung, wie wir früher gesehen, eben gerade nur darin 
besteht, daß dieser Gegensatz von Denken und Sein über- 
wunden, daß die Identität von Denken und Sein 
erzeugt und aus dem tiefsten Innern des Geistes heraus 
erobert wird. So daß nun erst von hier aus die gewaltige 
nationale und politische Bedeutung der deutschen Meta- 
physik ihr wahrhaftes und tiefstes Verständnis erlangt und 
die deutsch-e Metaphysik sich hier erweist als das 
innerste und typische Gesetz, welches der gesamten deut- 
schen Geschichte gegeben ist, als das vorbildliche 
Gesetz, welches auch Gestalt und Inhalt, Weg und Ziel 
unserer realen politischen Entwicklung bereits in sich ent- 
hält. 

Dieser noch immer als rein geistige Bildung vorhandene 
deutsche Geist, der noch dazu den Gegensatz von Sein 
und Denken in sich überwunden hat und somit das Sein 
als eine ihm schlechthin zugehörige Wirklichkeit weiß 
und fordert, — dies ist es also, was Fichte meint, wenn 
er sagt : der Begriff des deutschen Volkes ist noch gar 
nicht wirklich, er ist ein Postulat der Zukunft ; ein Postu- 
lat, das heißt die Forderung einer zukünftigen Wirklich- 
keit, die ihm noch gänzlich gebricht, als deren Forderung 
er aber schlechthin existiert, weil seine gesamte geistige 
Bildung und Entwicklung, die Tat seines ganzen bisherigen 
Lebens eben nichts ist, als dies : sich zu dieser Forderung 
entwickelt zu haben, diese Forderung zu setzen und zwar 
als eine bereits innerlich überwundene schlechthin und 
unbedingt zu setzen. 

Welches ist also der sich hieraus ergebende kennzeich- 
nende Charakter dieser zukünftigen realen Geschichte. 

m 



Hier fällt zunächst Fichte wieder ein: „Dies hat die 
Deutschen bisher gehindert," sagt er, „Deutsche zu 
werden, ihr Charakter liegt in der Zukunft; jetzt besteht 
er in der Hoffnung einer neuen und glorreichen Geschichte. 
Der Anfang derselben — daß sie sich selbst mit 
Bewußtsein machen. Es wäre die glorreichste 
Bestimmung." 

Sich mit Bewußtsein machen — das also wäre 
nach Fichte jene glorreichste, jene spezifische und unter- 
scheidende Bestimmung des deutschen Geistes. Aber wie ? 
Auch von der französischen Revolution am Ende des 
vorigen Jahrhunderts sagt Hegel : solange die Sonne am 
Firmamente stehe und die Planeten um sie kreisen, war 
das nicht gesehen worden, daß der Mensch sich auf den 
Kopf, d. i. auf den Gedanken stellt und die Wirklich- 
keit nach diesem erbaut. Täuscht sich also Fichte hier, 
oder welches wäre hiervon dennoch das unterscheidend 
Deutsche ? 

So gewaltig auch die Aufgabe der französischen Revo- 
lution war — das französische Volk fand bereits einen 
französischen Boden vor, der ihm geschichtlich 
entstanden war. Die französische Revolution vollbrachte 
somit immerhin nur eine andere umformende Einrich- 
tung des bereits geschichtlich bestehenden französischen 
Staates. 

Das deutsche Volk hat kein deutsches Territorium ! 
Ein abgeschiedener Geist irrt dieses Volk, das deutsche 
Volk, umher, bestehend in einer bloßen geistigen Inner- 
lichkeit und lechzend nach einer Wirklichkeit, ein Postu- 
lat der Zukunft ! Dem metaphysischen Volke, dem deut- 
schen Volke, ist so durch seine gesamte Entwicklung und 
in höchster Übereinstimmung seiner inneren und äußeren 
Geschichte, dieses höchste metaphysische Los, diese 

150 



höchste weltgeschichtliche Ehre zugefallen, sich aus dem 
bloßen geistigen Volksbegriff einen nationalen Boden, 
ein Territorium zu schaffen, sich aus dem Denken 
ein Sein zu erzeugen. Dem metaphysischen Volk die meta- 
physische Aufgabe! Es ist ein Akt wie der Weltschöp- 
fungsakl Gottes ! Aus dem reinen Geist heraus soll nicht 
eine ihm gegebene reale Wirklichkeit bloß gestaltet, son- 
dern sogar die bloße Stätte seines Daseins, sein Terri- 
torium erst geschaffen werden ! Dies ist es, was noch nicht 
dagewesen, seitdem Geschichte ist. Aller Volksgeist ging 
in der Geschichte seit dem grauesten Altertume aus von 
einem bestimmten geschlossenen Boden, der seine Stätte 
bildete, und von welchem aus er sich weiter entwickelte, 
sich innerlich fortbildete, äußerlich eroberte und koloni- 
sierte. Oder aber es ging, wie in Amerika, eine Koloni- 
sation aus von Individuen, und es entstand auf deren Terri- 
torium allmählich durch Assimilation derselben erst ein 
Volk und eine Art von Volksgeist. Dem deutschen 
Geiste allein hat seine ursprüngliche Anlage, haben 
die Sterne seiner Entwicklung das Los geworfen, sich 
aus dem als rein geistige Bildung entwickelten Volksbegriff, 
sich aus einem geschlossenen, aber als eine metaphysische 
Innerlichkeit existierenden Volks g ei st sein Reich, den 
Boden seines Daseins erst zu erzeugen! 

Indem hier das Sein aus dem reinen Geiste selbst er- 
zeugt wird, mit nichts Geschichtlichem, nichts Naturwüch- 
sigem und Besonderem verwachsen, kann es nur sein, des 
reinen Gedankens Ebenbild sein, und trägt hierin die 
Notwendigkeit jener Bestimmung zur höchsten und voll- 
endetsten Geistigkeit und Freiheit, die ihm Fichte weis- 
sagt. 

Dies ist also der tiefe entwickelte Sinn jenes: sich 
mit Bewußtsein machen, welches Fichte als die 

151 



spezifische Aufgabe des deutschen Geistes, als die glor- 
reichste aller geschichtlichen Bestimmungen verkündet. 

Wie aber ? Geziemt es uns, uns dieser Aufgabe zu 
rühmen, uns, die wir scheinbar fünfzig Jahre nach Fichtes 
Tode noch immer keinen Schritt zur realen Volibringung 
dieser Aufgabe getan haben ? 

Und hier sehen Sie, meine Herren, wie die Zeit sich 
erfüllt und alle echte Philosophie sich bewahrheitet. 

Was in dem einen Zeitalter Philosophie ist, sagt 
Fichte in seinen Vorlesungen über die Grundzüge des 
gegenwärtigen Zeitalters, 16. Vorlesung, das ist Reli- 
gio n im nächstfolgenden Zeitalter. 

Kaum sind 50 Jahre verflossen seit Fichtes Tode, und 
bereits ist jenes philosophische „Sich mit Bewußtsein 
machen", das er sich damals in der philosophischen Ein- 
samkeit seines Denkens sagte, ohne Verständnis und Teil- 
nahme dafür in der Außenwelt — bereits ist es zur 
Religion geworden und durchbebt heute unter dem popu- 
lären und dogmatischen Namen der deutschen Ein- 
heit jedes edlere deutsche Herz. 

An dem Tage, wo alle Glocken läutend die Fleisch- 
werdung dieses Geistes, das Geburtsfest des deutschen 
Staates, verkünden werden, — an diesem Tage werden 
wir auch das wahre Fest Fichtes, die Vermählung seines 
Geistes mit der Wirklichkeit feiern. 



152 



GOTTHOLD 
EPHRAIM LESSING 



VON 



FERDINAND LASSALLE 



ZUERST ABGEDRUCKT IN 

WALESRODE'S DEMOKRATISCHE STUDIEN, BAND 11 

HAMBURG 1861 



VORBEMERKUNG. 

Der zweite Band der ,, Demokratischen Studien" er- 
schien im Jahre 1861, der Beitrag aus Lassalles Feder, 
den er enthält, datiert jedoch seiner Entstehung nach, wie 
aus einer Einleitungsnote Lassalles hervorgeht, gegen drei 
Jahre früher. Diese Note lautet : 

„Wir bemerken, daß der nachfolgende Aufsatz im No- 
vember 1858, kurz nach dem Erscheinen von Stahrs „Les- 
sings Leben und Werke", welches uns zu demselben den 
äußeren Anlaß gab, von uns niedergeschrieben worden ist, 
seine Veröffentlichung aber damals unterblieb. 

Der Verfasser.' 

Bestimmtes darüber, aus welchen Gründen der Auf- 
satz nicht zur Zeit seiner Niederschrift veröffentlicht 
wurde, ist, soviel wir wissen, nicht bekannt geworden. Mög- 
lich, daß die Affäre Lassalle-Fabrice, die um jene Zeit 
gespielt und viel Staub aufgewirbelt hatte, Lassalle, ob- 
wohl nicht er, sondern sein Gegner der Kompromittierte 
war, für eine Weile die Spalten derjenigen Organe ver- 
schloß, in welchen seine Abhandlung hätte erscheinen 
können. Die bürgerliche Sitte fragt bekanntlich nicht, 
wer einen öffentlichen Skandal verschuldet hat, sondern 
nur, wer in ihn verwickelt war. Indes sprechen wir hier 
nur eine Vermutung aus, es mögen auch andere Umstände 
die sofortige Veröffentlichung des Aufsatzes verhindert 
haben. 

In bezug auf diesen selbst sei in Kürze folgendes be- 
merkt. 

Lassalle folgt in seiner Würdigung der geschichtlichen 
Bedeutung Lessings durchgängig dem Urteil Heines, und 
wenn seine Darstellung auch vorwiegend hegelianisch-ideo- 
logisch gehalten ist, d. h. der ,,Idee" eine selbständig 

m 



schöpferische Rolle zuweist, — gleich in der Einleitung 
wird z. B. die französische Revolution aus der Aufleh- 
nung des „Geistes" gegen das „Grabgewölbe seiner Wirk- 
lichkeit", aus dem Gegensatz des „Individuums" gegen 
das Hergeb/achte erklärt — so trifft er in der Hauptsache, 
d. h. was den Einfluß Lessings auf die Entwicklung des 
öffentlichen Geistes in Deutschland anbetrifft, doch das 
Richtige. Es ist das um so mehr hervorzuheben, als es 
in Deutschland nicht an Versuchen gefehlt hat, den kühnen 
und edlen Streiter für das Recht der freien Forschung um 
jeden Preis herunterzureißen. 

Kein vernünftiger Mensch wird Lessing als einen Dich- 
ter ersten Ranges, als einen unübertroffenen Philosophen 
hinstellen. Aber es nimmt der großen Bedeutung, die 
Lessing für die deutsche Dichtkunst gehabt hat, nicht das 
Geringste, daß in seinen eigenen Dichterwerken das 
Können hinter dem Wollen zurückblieb. Ebenso hat der 
Rest von Deismus, der noch bei Lessing zurückgeblieben 
war, ihn nicht gehindert, Größeres für die Bekämpfung 
allen Pfaffentums auszurichten, als die erhabenen Vor- 
bilder der „realistischen" Geister, die heute Lessing 
„fälschlich als Aufklärer verschrien" sein lassen, weil er 
einmal von einer „dritten kommenden christlichen Offen- 
barung" gesprochen. (Vgl. den Artikel „Lessing-Episode" 
in der „Gesellschaft", Heft 4, 1891.) 

Eine der sympathischsten Eigenschaften Lassalles war 

die aufrichtige Dankbarkeit, die er den geistigen Heroen 

der Menschheit entgegenbrachte. Sie prägt sich auch in 

diesem Aufsatz über Lessing aus. Braucht man deshalb 

anzunehmen, daß Lassalle Lessings Fehlern gegenüber 

blind gewesen? Gewiß nicht. Er hielt es nur nicht für 

nötig, bei jeder Gelegenheit großes Aufheben von ihnen zu 

machen. 1- i r» 

bd. bernstem. 

156 



GOTTHOLD EPHRAIM LESSING 



1. Lessing vom kulturhistorischen Stand- 

punkt. 

2. G. E. Lessings Leben und Werke, von 

Adolph Stahr. Berlin bei Guttentag, 2 Bde. 

Wir leben in einer Epigonenzeit und gerade zu ihrer 
Überwindung läßt sich gegenwärtig schwerlich Besseres 
in ihr tun, als uns in die leuchtenden und abgeschlossenen 
Gestalten unserer größeren Vorfahren zu vertiefen und 
in ihnen Sammlung und Stärkung, Gewißheit unseres natio- 
nalen Berufs und Auffrischung unseres nationalen Genius 
zu suchen. 

Dies ist auch der mehr oder weniger instinktive Grund, 
der die literarische Produktion unserer Zeit so überwiegend 
auf das Ende des vorigen Jahrhunderts, auf den unver- 
gänglichen Ruhm unserer Goethe- und Schillerperiode zu- 
rückwirft. Aber so glänzend diese war, sie war selbst nur 
wieder das Entwicklungsresultat der ihr voraufgehenden 
Epoche, und diese ist es, welcher der Lorbeer gebührt, 
Deutschland aus der unsäglichen geistigen Verdumpfung 
gerissen zu haben, in die es seit dem westfälischen Frieden 
fast ein volles Jahrhundert versunken war. — Die Mitte 
des vorigen Jahrhunderts ist die Periode, von der wir 
sprechen, und in zwei Männer faßte sie sich ganz und gar 
zusammen, die, wie sehr auch getrennt durch Stellung und 
Verhältnisse, wie sehr auch einander entgegengesetzt durch 
Bildung und Geschmack, durch Neigung und Richtung, 
dennoch nur einen und denselben Zeitgedanken in der so 

159 



verschiedenen Sphäre ihrer Tätigkeit verwirklichen: — 
Friedrich der Große und Lessing. 

Von beiden pflegt man zu sagen, daß sie ihrer Zeit 
unendlich überlegen gewesen seien. Aber seiner Zeit noch 
so weit überlegen sein, heißt nur : sie zum vollständig- 
sten Ausdruck bringen! — 

Werfen wir einen Blick auf das Charakteristische jener 
Epoche, so liegt dies in Frankreich wie Deutschland über- 
einstimmend darin, daß eine Wirklichkeit vorgefunden 
wird, welche, nach allen Seiten hin ein unlebendiges und 
verknöchertes Produkt vergangener Jahrhunderte, dem In- 
dividuum nirgends die Möglichkeit eines Eingreifens in 
dieselbe, einer Betätigung seiner eigenen Lebendigkeit und 
seiner geänderten Bedürfnisse gestattet. Hergebrachte, 
mit der damaligen Gegenwart selbst in keinerlei Zusammen- 
hang mehr stehende Formen beherrschen alle Gebiete des 
Daseins, sind in Staat und Religion, in Kunst und bürger- 
lichem Leben die allein gültigen, unantastbaren Normen, 
die jeden lebendigen Trieb im voraus ersticken und allem, 
was geschieht, diese scharf ausgeprägte Physiognomie eines 
altgeborenen philiströsen Zopftums geben, welche in 
Deutschland jene Periode kennzeichnet. 

Bei einem solchen Tode des Geistes ist die ihn in seinem 
Innersten beschäftigende Frage nur die eine: ob er das 
Grabgewölbe seiner Wirklichkeit wird sprengen können, 
oder ob er in dieser Versteinerung verharren muß, durch 
kein entzauberndes Wort zu neuem Leben, zu neuem Rechte 
auf sich selbst erweckt. 

In Frankreich war diese Spannung gegen das Gewor- 
dene eine so ungeheuere und komprimierte, daß man eben 
deshalb sogar mit dem Begriff der Geschichte und ihrer 
Entwicklung überhaupt (Zivilisation) gänzlich brach und 
auf den Naturzustand des Subjekts als das dagegen Wahre 

160 



und Höhere zurückgehen wollte. (Rousseau.) Und eben 
weil in Frankreich keine bestehende Macht von oben herab 
diesen Umschwung vollzog, ist er dort in der Wirklichkeit 
später zum Durchbruch gekommen, aber deshalb auch von 
um so gründlicheren Konsequenzen begleitet gewesen. 

In Deutschland war es Friedrich der Große, 
welcher in seiner Auflehnung gegen alle histori.cr.en Macht- 
verhältnisse, gegen Kaiser und Reich, diesen Umschwung 
in die Hand nahm. Das war kein Krieg im gewöhnlichen 
Sinne, in dem es sich nur um die gleichgültige Frage han- 
delte, ob ein Landstrich diesem oder jenem Fürsten ge- 
hören solle, das war eine — Insurrektion, welche 
der Marquis von Brandenburg, wie er am Hofe der Ma- 
dame von Pompadour genannt wurde, gegen die Kaiser- 
familie, gegen alle Formen und Überlieferungen des Deut- 
schen Reiches, ja gegen den einmütigen Willen des euro- 
päischen Kontinents unternahm, eine Insurrektion, die er 
durchkämpfte wie ein echter, auf sich selbst gestellter 
Revolutionär, das Gift in der Tasche ! Und gleichsam, 
damit auch in den Formalien nichts fehle, was dazu dienen 
konnte, die Bedeutung des großen Kampfes in sein rechtes 
Licht zu stellen, unterließ es das Deutsche Reich ebenso- 
wenig, seinen Achtprozeß gegen Friedrich zu schleudern, 
als es dessen Gesandter in Regensburg unterließ, den die 
Insinuation besorgenden Reichstagsboten unter dem Bei- 
fallklatschen von ganz Deutschland die Treppe hinunter- 
werfen zu lassen. 

Es sollte sich jetzt zeigen, ob die Gegenwart die Kraft 
noch besitze, die historische Wirklichkeit nach eigenem 
Willen wieder in Fluß zu bringen, oder ob sie sich für 
immer verloren geben müsse an das verknöcherte Gebäude 
eines überlebten Staatszustandes. 

Und es zeigte sich ! Als der Hubertusburger Friede 

11 Lassalle Ges. ScLriftcr, Band VI. 161 



geschlossen wurde, hätte der Deutsche Kaiser der Sache 
nach bereits ganz ebensogut die Deutsche Kaiserkrone 
niederlegen und die Auflösung des Reiches proklamieren 
können, wie er dies ungefähr 40 Jahre später bei der Stif- 
tung des Rheinbundes wirklich tat. 

Die Ohnmacht des Bestehenden war dargetan, die 
Mumiendecken waren von dem Leichnam des Deutschen 
Reiches gerissen worden. Das Überlieferte war als tot 
und machtlos nachgewiesen — ein neues Leben mußte 
beginnen. 

Bloß von dieser insurrektionellen Bedeutung 
seines Kampfes aus läßt sich der Zauber begreifen, den 
die Erhebung Friedrichs auch außerhalb seiner Staaten, 
und trotz der Gräuel und Lasten des Krieges, auf das 
ganze zujauchzende Deutschland ausübte. 

Wie in Rußland am Osterfeste die Begrüßung ist : 
„Christ ist erstanden!" und die Antwort hierauf: ,,Ja 
wahrhaftig, er ist erstanden!" so ging ein solches auf- 
jubelndes Gefühl erlösender Auferstehung durch die er- 
staunten Länder. Der Alp war gestürzt, der so lange das 
Leben zusammengeschnürt hatte. Es gab wieder eine Ge- 
genwart, eine nicht mehr nur historische, eine neue, 
eine selbsterworbene Lage der Dinge ! 

Und es verminderte die intensive Macht dieses Dranges 
in nichts, es verallgemeinerte nur seine Ansteckung, wenn 
er, wie fast stets notwendig, in Zuschauern und Akteuren 
des großen Entstehungsdramas mehr oder weniger unklar 
über seinen eigenen Inhalt und seine notwendigen Folgen, 
wie ein geistiger Instinkt, wie eine die einzelnen unbe- 
wußt durchdringende Atmosphäre wirkte. Die Worte, mit 
denen sich Lessings Major von Teilheim darüber recht- 
fertigt, Dienste unter Friedrich dem Großen genommen 
zu haben: „Ich ward Soldat, aus Parteilichkeit, ich weiß 

162 



selbst nicht für welche politischen Grund- 
sätze" — so konnte damals ebensosehr das ganze bei- 
fallklatschende Europa 1 ) sich selber antworten, wenn es 
sich um den innersten Grund dieses Beifalls hätte fragen 
wollen. Und merkwürdig ähnlich im Hauptpunkt schreibt 
Friedrich der Große selbst, schon als er sich in den ersten 
schlesischen Krieg begibt, an seinen Freund Jordan: 
„Meine Jugend, das Feuer der Leidenschaften, Begierde 
nach Ruhm, selbst, um Dir nichts zu verhehlen, Neugierde 
und endlich ein geheimer Instinkt haben mich 
der sanften Ruhe, die ich genoß, entrissen." (W. W. 

VIII. S. 85.) 

Auch die Reformen Friedrichs im Innern sind nur die 
notwendigen Folgen der hier aufgezeigten Bedeutung seiner 
Erhebung, und die Aufklärung, wie man jene Periode 
zu bezeichnen pflegt, ist überhaupt nichts anderes als : 
die zum Bewußtsein gekommene Überlegen- 
heitdes Subjekts über die We 1t seiner Über- 
lieferungen. War diese zum Prinzip proklamiert, auf 
welchem das Bestehen des Staates nach außen beruhte, 
so mußte sie sich auch nun von selbst in dem Innern 
des Staates und der Verwaltung durchführen. — 

Aber alles Revolutionieren in der äußeren Wirklichkeit 
bleibt selbst äußerlich und verläuft im Sande, wenn es 
dem Geist nicht gelingt, ebensosehr mit der historisch 
überlieferten Welt des geistigen Innern fertig zu 
werden, sein neues Prinzip durch alle ihre Instanzen und 
Gebiete durchzuführen und sie von neuem aus ihm auf- 
zubauen. 

Und hierzu erfand die Geschichte — Lessing. 



*) Dieses Bild, dos Lassalle überhaupt gern gebraucht, ist 
natürlich nur sehr bedingt zu verstehen. D. H. 

ii' 163 



Wir sagen, sie erfand ihn. Denn gleichwie ein In- 
strument in seiner Einrichtung und Gestaltung im voraus 
die Zwecke und Funktionen an sich trägt, die es vollbringen 
soll, so lagen in dieser merkwürdigen und reichen Natur 
alle die gewaltigen und sich scheinbar widersprechenden 
Eigenschaften vereinigt, diese Frische und dieser vor kei- 
nem Bücherrtaub zurückschreckende Wissensdurst, dieser 
unmittelbare Schönheitssinn, und dieser Trieb des tiefsten 
begrifflichen Denkens, diese Allseitigkeit und diese Fähig- 
keit, sich in jedes Einzelne so zu vertiefen, als wenn es 
Alles wäre, diese zerschmetternde Stärke der Persönlich- 
keit und dieser Haß gegen alle Willkür derselben, diese 
wesentlich kritische Richtung und diese Fähigkeit, die 
Kritik zum eigenen positiven Schaffen steigern zu können, 
— deren Vereinigung allein ihn befähigte, zu werden, was 
er ward : der siegreiche Revolutionär im Reiche des Gei- 
stes, der Rächer und Wiederhersteller der untergegangenen 
Präsenz *) des lebendigen Selbstbewußtseins in Literatur, 
Kunst, Religion, Ethik, Geschichte. 

An dem Faden dieses einen Begriffs, das Prin- 
zip der lebendigen Präsenz des Selbstbewußtseins und 
seiner treibenden Innerlichkeit zum Durchbruch zu bringen 
in allen Adern der geistigen Welt, die nicht weniger als 
die äußere von toten Überlieferungen beherrscht, von 
äußerlichen Normen und dem Formelkram einer um allen 
inneren Zusammenhang mit der Gegenwart gekommenen 
Vergangenheit eingeschnürt und erdrückt war — an diesem 
Faden hängt die gesamte Tätigkeit Lessings ; alle seine 
so mannigfaltigen Produktionen sind nur Radien diesem 
einheitlichen Zentralpunkt entflossen. Was jetzt gelten soll, 
muß sich dem Subjekte durch sich selbst bewähren, und 

x ) Gegenwärtigkeit. 
164 



diese Bewährung lieg!: nur darin, daß es der eigenen 
inneren Natur des Subjekts entspricht. Les- 
sing ist nichts anderes als der weltliche Luther, als 
der durch keine religiöse Vo raussetzung mehr be- 
schränkte Luther. Die unmittelbare innere Ge- 
wißheit des Glaubens schlägt daher hier in die ent- 
wickelte innere Gewißheit verständigen Denkens um. 
Das Testimonium spiritus sancti 1 ) wird hier zum imma- 
nenten Selbstbewußtsein des Subjekts, zu seinem eigenen 
verständigen Begriff von der Sache. 

Und eben deshalb ist Lessing nichts anderes als — ■ wir 
schreiben dies Wort nieder ganz unbekümmert um alles 
etwaige Nasenrümpfen — der größere Luther, der 
dort das Gebiet der Religion nicht weniger als alle andern 
Felder des Geistes seinem neuen Begriffe unterwarf. 

Zuerst ging es an das Drama. Hier herrschte im un- 
gestörten Alleinbesitz die französierte antike Tragödie. 
Die Regeln des gleich einem Kirchenvater kanonisierten 
Aristoteles waren in dem seichtesten Formalismus ver- 
kommen. Stoffe, die einer fernen, in ihrem innersten Wesen 
nicht mehr verstandenen Vergangenheit entnommen waren, 
sollten das Kunstmonopol haben, die tragische Erschütte- 
rung hervorbringen. — Es war nicht zweifelhaft, in wel- 
cher Weise sich die geschilderte Richtung zu dieser Ver- 
steinerung des Tragischen verhalten mußte. Es war nicht 
zweifelhaft, aber darum nicht weniger eine weltbewegende 
Tat. An Stelle jenes überlebten formellen Kanons setzte 
Lessing seine auf den inneren Begriff der tragischen Kunst 
zurückgehende Kritik derselben, die ihn zu dem Resultate 
brachte, daß der um die Regeln des Aristoteles so unbe- 
kümmerte Shakespeare dem wahren Wesen der antiken 



L ) Zeugnis des heiligen Geistes. 

165 



Tragödie näher stehe als die Franzosen; an Stelle der 
Corneille-Racine-Voltaireschen Tragödie setzte er das 
bürgerliche Drama, und zunächst Miß Sarah Samp- 
son. Die gegenwärtige We lt des Geistes — das 
ist der weltbewegende Charakter dieser Tat — diese leben- 
dige Quelle seiner Leiden und Freuden, sollte vom Geiste 
auch im Gebiete der tragischen Kunst sich erobert, die 
tragische Kunst zur Darstellung seines ihn bewegen- 
den und erfüllenden gegenwärtigen Inhaltes umgestaltet 
werden. Man muß bei dem „bürgerlichen Drama" bei 
L e s s i n g an nichts weniger denken, als an die geistlose 
Versumpfung, in welche dieser Begriff später in der Iff- 
landschen Periode verfiel. Bei Lessing handelt es sich 
stets um die großen Gegensätze des Geistes, um seine 
reellen und wahren Interessen. Minna von Barnhelm ist 
bereits ein politisches Drama. Bis vor kurzem noch 
lag unsere heutige Bühne unter dem Drucke eines Ver- 
botes, welches nicht gestattete, Fürsten des preußischen 
Regentenhauses auf die Bretter zu bringen. Nun, in Minna 
von Barnhelm ist bereits nicht die Person, aber der Geist 
Friedrichs des Großen, seine Regierungshandlungen und 
Maximen, der Siebenjährige Krieg, der Gegensatz zwischen 
Sachsen und Preußen, der ganze Charakter und die 
Lebensluft jener Periode, wie sie durch das große Er- 
eignis des eben beendigten Krieges bestimmt war, in Szene 
gesetzt und auf die Bühne gebracht. (Man vergleiche 
die schöne Ausführung Stahrs hierüber, Band I S. 216 
bis 222.) — 

Selbst die Prosa, welche Lessing in Minna von Barn- 
helm und der Emilia Galotti zur Sprache des Dramas 
machte, später übrigens im Nathan selbst wieder aufgab, 
war damals dem steifen Alexandriner gegenüber ein 
Fortschritt, war eine durch jenes inhaltliche Prinzip selbst 

166 



hervorgebrachte Form. Es war die Sprache der realen 
Natürlichkeit, die nur für den Inhalt der Gegen- 
wart, unmöglich für eine notwendig auf Stelzen einher- 
schreitende Heroen- und Götterwelt gebraucht werden 
konnte. — 

Von diesem Prinzip der geistigenGegenwärtig- 
k e i t als der allein bewegenden Seele des Dramas ist 
Lessing nie wieder abgegangen. Jener bis aufs äußerste 
getriebene Konflikt zwischen der inneren Freiheit des Sub- 
jekts, seinem Rechte auf Selbständigkeit und 'Ehre, und 
einer äußeren Übermacht, welcher in Emilia Galotti spielt 
und zuletzt in echt römisch-republikanischer Weise mit 
einem Selbstmord seitens der Helden, ja mit einem Morde 
des eigenen Kindes, als dem höchsten Triumphe der un- 
besiegbaren Freiheit und Selbstbestimmung der Person 
endet, — dieser Konflikt hätte damals ebenso gut in jedem 
kleinen deutschen Fürstentume spielen können. Und wie 
schön hat Lessing in dem Prinzen diese moderne Fürsten- 
natur, die im Unterschiede von der alten Tyrannis nicht 
selbst verschuldet, sondern in heuchlerischer Selbstbelügung 
alles dem Diener aufbürdet, zu schildern gewußt 1 

Vom Nathan, der drei Religionen dramatisiert, bedarf 
es vollends keiner Bemerkung, wie er nur den innersten 
Geist der Zeit zu seinem Inhalt hat, und hier, wie in jedem 
Lessingschen Drama, ist es immer nur der volle Wert 
des auf sich selbst gestellten, von Geburt, Religion, Lage, 
Gunst der Großen und allen objektiven Umständen unab- 
hängigen Selbstbewußtseins, welcher gefeiert wird. 

Lessing ist daher par excellence der Dichter der hu- 
manen Idee. Brechen seine Helden auch noch nicht wie 
Teil zur äußeren Freiheit durch, — obgleich Lessing 
auch hierzu schon in den Fragmenten des Spartakus und 
des Henzi den Anlauf nahm — so verstehen sie es dafür 

167 



meisterhaft, sich in ihrer inneren zu behaupten. Ja 
sogar scheinbar abweichende Züge stimmen hiermit über- 
ein. So ist aufgefallen, daß Lessing wiederholt mit Vor- 
liebe den Soldatenstand, im Tellheim wie in Odoardo 
Galotti, gefeiert hat. Aber der Soldatenstand ist in der 
Tat derjenige, der, wenn ihn nicht besondere historische 
Verhältnisse in einen Gegensatz zum Land und dadurch 
in eine kulturfeindliche Stellung werfen, vorzüglich ge- 
eignet ist, individuelle Tüchtigkeit und Selbständigkeit zu 
erzeugen. Im Felde, wie Schiller sagt: 

„ — Da steht kein andrer für ihn ein, 
Auf sich selber steht er da ganz allein." 

Klar genug spricht sich Tellheim darüber aus, wenn 
er sagt, daß er Soldat ward — „aus der Grille, daß es 
für jeden tüchtigen Mann gut sei, sich in diesem Stande 
eine Zeitlang zu versuchen, um sich mit allem, was Ge- 
fahr heißt, vertraut zu machen, Kälte und Entschlossen- 
heit zu lernen." Es ist der echte Lessingsche Begriff 
der selbständigen Persönlichkeit, der uns hier entgegen- 
tritt. — 

Wie klar bewußt sich Lessing über sein treibendes* 
Prinzip in der tragischen Kunst war, wie warm durch- 
drungen er war von dem Begriff des nationalpoliti- 
schen Dramas als der intensivsten Steigerung, zu wel- 
cher es die geistige Gegenwärtigkeit des dramatischen 
Konflikts in der Gemütswelt der Hörer zu bringen ver- 
mag, wie er in diesem höchsten Inhalt der geistigen Inter- 
essen die Macht und den Stoff sieht, die am tiefsten das 
Individuum zu bewegen und zu ergreifen haben, spricht 
sich vielleicht am deutlichsten in seinen Äußerungen über 
Du Belloys „Belagerung von Calais" aus, ein Stück, wel- 
ches damals ein so großes Aufsehen in Frankreich erregt 
hatte. „Wenn es dies Stück nicht verdiente," sagt Les- 

168 



sing, „daß die Franzosen ein solches Lärmen damit mach- 
ten, so gereicht doch dieses Lärmen selbst den Franzosen 
zur Ehre. Es zeigt sie als ein Volk, das auf seinen Ruhm 
eifersüchtig ist, auf das die großen Taten seiner Vor- 
fahren ihren Eindruck nicht verloren haben, das von dem 
Werte eines Dichters und von dem Einflüsse des Theaters 
auf Tugend und Sitten überzeugt, jenen nicht zu seinen 
unnützen Gliedern rechnet, dieses nicht zu den Gegen- 
ständen zählt, um das sich nur geschäftige Müßig- 
gänger kümmern. — Wie weit sind wir Deutsche in 
diesem Stück noch hinter den Franzosen! Es gerade her- 
auszusagen, wir sind gegen sie noch die wah- 
ren Barbaren. — — Man erkenne es immerhin für 
französische Eitelkeit. Wie weit haben wir noch 
hin, ehe wir zu einer solchen Eitelkeit fähig 
sein werden!" 1 ) 

Und es ist wieder nur eine — und eine wie deutliche — 
Konsequenz seines oben entwickelten Prinzips, wenn er 
anderwärts und über ein anderes Gebiet den gewaltigen 
Satz aufstellt, daß der Name eines wahren Geschicht- 
schreibers nur demjenigen zukomme, ,,der die Ge- 
schichte seiner Zeiten und seines Landes 
beschreibt". — 

Vom Drama war nur ein Schritt zur Kunst überhaupt. 
Was bei den Franzosen das große Wort in der Ästhetik 
jener Zeit führte, war ,,der gute Geschmack", dies 
reine willkürliche Belieben, das noch heute unsere soge- 
nannte gebildete Gesellschaft beherrscht. Und da bei der 
reinen Willkür niemals stehen geblieben werden kann, da 
sie ferner als das selber der Sache Äußerliche sich 
wieder nur an Äußerlichkeiten hinverlieren kann, so er- 



L ) Lessings W. B. VII, S. 79, Maltzahnsche Ausg. 

169 



forderte „der gute Geschmack" wieder ,,die Muster". 
Die Willkür des einen hatte zu ihrer notwendigen Folge 
die Äußerlichkeit der anderen. 

So war es in letzter Instanz auch hier wieder das 
Äußerliche, das Gegebene ais solches, welches 
die Kunst überhaupt beherrschte, die eben dadurch jeder 
immanenten Gliederung nach ihrem inneren Begriff ent- 
nommen war. Die Klassiker, besonders Homer, galten 
einmal für „solche Muster" im Reiche des Schönen, und 
so war denn durch diese Äußerlichkeit der Geschmacks- 
willkür und ihrer Muster die konfuseste Verwirrung in 
den Gebieten dieses weiten Reiches eingetreten. Was für 
das eine galt, sollte unterschiedslos auch für das andere 
gelten. In blendenden Antithesen wurde die Poesie auf- 
gefaßt als eine „redende Malerei", die Malerei als eine 
„stumme Poesie". Das Wesen der bestimmten Künste 
und damit notwendig der Begriff des Schönen überhaupt 
war verloren gegangen. 

Lessing wurde die Willkür des guten Geschmacks und 
die Äußerlichkeit der Muster zugleich los, indem er auf 
den Begriffsunterschied der redenden und der bil- 
denden Künste zurückging, gerade hiermit den Begriff 
des Schönen der bestimmten Kunst, und so- 
mit den des Kunstschönen überhaupt entwickelte. 

Diese Tat, die Lessing in seinem Laokoon vollzog, 
war eine der folgenschwersten für die Entwicklung des 
deutschen Geistes, sie war nicht weniger im höchsten Sinne 
historisch und revolutionär, als seine anderen Taten. Auch 
das Schöne wurde hierdurch der Äußerlichkeit und Po- 
sitivität, der Jenseitigkeit überhaupt entrissen, in wel- 
cher es bis dahin noch für den Gedanken vorhanden war, 
und welche es, als die Sphäre der Sinnlichkeit, der un- 
mittelbaren Wirkung auf Gefühl und Empfindung usw. 

170 



sogar notwendig an sich zu haben schien. Das Schöne war 
in die Innerlichkeit des Denkens zurückgeführt, 
war verinnerlicht worden. Oder der Gedanke hatte 
jetzt auch die angebliche Jenseitigkeit und Selbständigkeit 
durchbrochen, welche dem Schönen um seiner Sinnlichkeit 
willen zukommen sollte. Er war selbst dieser Sphäre der 
Unmittelbarkeit gegenüber in sein Souveränitätsrecht ein- 
gesetzt, er war als die bestimmende Seele des 
Sinnlich-Schönen nachgewiesen. 

Hierdurch ist Lessing nicht nur Kritiker und Kunstrich- 
ter, er ist der Vater und Schöpfer der modernen Kunst- 
philosophie überhaupt geworden. Und wenn heutzutage 
nicht nur von unserer gebildeten Welt, sondern selbst von 
unseren Kritikern so häufig noch der Standpunkt festge- 
halten wird, daß der Gedanke an das konkrete Schöne 
„nicht heran kann", wenn man sich noch heutzutage nur 
allzu oft, — wie Lessing im edlen Zorne sagt — „beim 
Pöbel wie bei den Gelehrten mit dem elenden Sprichwort 
begnügt, daß man über den Geschmack nicht streiten 
könne", wenn also auch für diese Alle Lessing nicht 
geschrieben hat, so hat der deutsche Geist doch nichts- 
destoweniger mit dem Lessingschen Erbteil zu wuchern 
gewußt, und eine das gesamte Gebiet des Schönen zu 
einem systematischen Organismus des Begriffs gliedernde, 
die positiven Gestaltungen des Geistes der Freude seines 
eigenen Selbstverständnisses erst erschließende Kunstphi- 
losophie ist die glorreiche Folge des glorreichen Schrittes 
gewesen, den jener Eroberer auch auf diesem Felde des 
Geistes gemacht hat. — 

Und die Fahne des Gedankens in der Hand, getrieben 
von dem Feuer seines Begriffs, immer weiter stürmte er 
von Schanze zu Schanze gegen alle Positionen der gei- 
stigen Welt ! Fast war das Interesse an jeder einzelnen 

171 



mit der Bresche verloren, die er siegreich in sie geschossen 
hatte. Von der Kunst trieb es ihn zur Relig ion. — 

Der Protestantismus beruht auf der Voraussetzung der 
Inspiration, und diese wieder auf jener der historischen 
Echtheit und Wa h r h e i t der Schrift. Aber wie un- 
gewiß bleibt nicht jeder historische Beweis, alle histo- 
rische Gewißheit überhaupt ? Und wie unmöglich ist es 
demnach, diese zur Grundlage jener absoluten Ge- 
wißheit, jener unantastbaren inneren Überzeugtheit 
machen zu wollen, welche der religiöse Glaube erfordert ? 
,,Wenn wird man aufhören" — rief Lessing daher gegen dies 
historische Gerüst sich kehrend aus 1 ) — „an den Fä- 
den einer Spinne — nichts Geringeres als die ganze 
Ewigkeit hängen zu wollen? Nein! so tiefe Wunden hat 
die scholastische Dogmatik der Religion nie geschlagen, 
als die historische Exegetik ihr jetzt täglich schlägt. Wie ? 
Es soll nicht wahr sein, daß eine Lüge historisch unge- 
zweifelt bewiesen werden könne? Daß unter den tausend 
und abertausend Dingen, an welchen zu zweifeln uns 
weder Vernunft und Geschichte Anlaß geben, auch wohl 
ungeschehene Sachen mit unterlaufen können ?" Im Grunde 
war der Gedanke nicht unerhört, nicht neu. Schon Epi- 
scopius (geb. 1583) hatte gesagt: Impossibile omnino 
est, id quod dictum, factum, scriptumve ab aliquo est, 
postquam auctor in vivis esse desiit, ita probare ab eo 
scriptum, dictum factumve esse, ut cavilli aut tergiver- 
sationis locus nullus reliquus maneat." 2 ) (Disp. de autor. 



!) Werke X. S. 60. Vgl. ebend. S.40f. 

2 ) Es ist ganz unmöglich, in bezug auf etwas, was von irgend 
jemand gesagt, getan oder geschrieben wurde, nach dem Tode 
des Urhebers den Beweis, daß es von ihm gesagt, getan oder 
geschrieben wurde, so zu liefern, daß keine Möglichkeit der 
Wortklauberei oder der Ausflucht übrig bleibt. 

172 



sacr. scr. Opp. II, 2 p. 444.) Aber wenn zwei dasselbe 
sagen, so ist es darum nicht dasselbe. Episcopius machte 
aus diesem Satze eine Bemerkung, Lessing dagegen, seinem 
Begriffe gemäß, ein alles dem Geiste Äußerliche 
und Historische von sich abstoßendes Sy- 
stem. „Freilich," fährt er fort, ,,wenn dies wahr ist, 
wo bleiben alle historischen Beweise für die Wahrheit 
der christlichen Religion?" ,,Wo sie wol len!" — war 
seine von Energie strotzende Antwort. Und nun zog er 
seine großen Konsequenzen: „Zufällige Geschichts- 
wahrheiten können nie der Beweis von notwendi- 
gen Vernunft wahr heiten werden," 1 ) und kam so 
zu den Resultaten: „Die Religion ist nicht wahr, weil 
die Evangelisten und Apostel sie lehrten, sondern diese 
lehrten sie, weil sie wahr ist" 2 ), und zu dem Schlüsse, 
daß „die Ausbildung geoffenbarter Wahr- 
heiten in Vernunft Wahrheiten schlechterdings 
notwendig sei, wenn dem menschlichen Geschlecht damit 
geholfen sein solle" 3 ). Mit anderen Worten: alle histo- 
rische Beglaubigung ist für das denkende Selbstbewußt- 
sein äußerlich und darum nichtig. Die Wahrheit 
der religiösen Dogmen kann nur darin bestehen, daß 
die Innerlichkeit des Selbstbewußtseins in ihnen prä- 
sentist, daß es sich in ihnen wiederfindet. 

Wie in der D o g m a t i k , so ist es auch in der reli- 
giösen Ethik nicht weniger dieser selbe Begriff von der 
immanenten Präsenz des Selbstbewußtseins, der mit Les- 
sing zum Durchbruch kommt. Auf die evangelischen Hand- 
lungen angewendet, erzeugt dieser Begriff die Tugend 
als den von allen religiösen Geboten und Verheißungen 

*) W.W.X.S.39. 

2 ) Siehe das IX. u. X.Axiom Bd. X. S. 148 f. 

3 ) W.W.X. S. 323 §76. 

173 



unabhängigen Selbstzweck, als die innere 
Freude des Bewußtseins an dem Guten a 1 s 
seiner eigenen Natur. Das Christentum selbst ist 
Lessing nur der Vorläufer eines „neuen Evange- 
liums", einer Zeit, wo der Mensch „das Gute tun wird, 
weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen 
darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem 
bloß heften und stärken sollten, die inneren besseren 
Belohnungen desselben zu erkennen" 1 ). So wird Les- 
sing — nach Spinoza — zum Begründer der philosophi- 
schen Ethik, welche die Tugend alsdieRealisierung 
des eigenen Begriffs auffaßt. Aber eben weil hier 
das Handeln des Menschen als ein durch seinen eigenen 
Begriff notwendig bestimmtes erscheint, ist auf diesem 
Standpunkt schon nicht mehr von der bloß formellen 
Freiheit des „bald so, bald anders handeln Könnens" — 
dieser nicht aus sich selbst bestimmten und darum un- 
freien Willkür — die Rede, und wenn man die 
Hegeische Auffassung der Freiheit in die Antithese zu- 
sammendrängen kann: Freisein heißt müssen (näm- 
lich: den substantiellen menschheitlichen Begriff reali- 
sieren müssen), so erhebt sich bereits Lessing zu dem 
formalen Grundgedanken dieser Erkenntnis in seinem ge- 
waltigen Ausruf : „Ich danke dem Schöpfer, daß ich m u ß , 
das Beste muß." — 

In diesem ausschließlichen Interesse des Selbstbewußt- 
seins an seiner eigenen Innerlichkeit, in dieser Ausschlie- 
ßung alles dessen, was, ob Vergangenheit, ob Zukunft, 
dem Selbstbewußtsein ein Jenseitiges ist, schwingt sich 
Lessing zu dem, gerade durch die Hypolhese, die darin 
noch zugelassen wird, erschülternd kühnen Satze auf : 



*) W.W. S. 324 §85 u. 86. 
174 



„Wenn es auch wahr wäre, daß es eine Kunst gäbe, 
das Zukünftige zu wissen, so sollten wir diese Kunst lieber 
nicht lernen. Wenn es auch wahr wäre, daß es eine 
Religion gäbe, die uns von jenem Leben unzweifel- 
haft unterrichtete, so sollten wir lieber dieser 
Religion kein Gehör geben." 

Am deutlichsten aber vielleicht spricht Lessing den ihn 
beherrschenden Begriff in jenen ebenso berühmten wie 
schönen sich fast bis zur Paradoxie treibenden Worten 
aus : ,, Nicht die Wahrheit, in deren Besitz der Mensch 
ist oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, 
die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, 
macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den 
Besitz, sondern durch die Nachforschung der 
Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine 
immer wachsende Vollkommenheit besteht. Der Besitz 
macht ruhig, träge, stolz. Wenn Gott in seiner Rechten 
alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen 
immer regen Trieb nach Wa h r h e i t , obschon mit 
dem Zusatz, mich immer und ewig zu irren, verschlossen 
hielte und spräche zu mir : wähle ! — ichfieleihmmit 
Demut in seine Linke und sagte : Vater gib ! die 
reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein" 1 ). 

Natürlich ! die Wahrheit, als ein für sich fertiger In- 
halt gedacht, ist der geistigen Natur des Subjekts äußer- 
lich, schrumpft zu einem unlebendigen, toten Satze zu- 
sammen. Seine eigene innere Selbstentwick- 
lung, sein eigenes Streben — d a s ist es, was die 
Hauptsache bildet für den Geist, welcher mit der Gültig- 
keit des Objektiv-Äußerlichen gebrochen hat, und in der 
Lebendigkeit seines inneren Entwicklungsprozesses sein 



*) W.W.X. S.53. 

175 



/ 



Wesen zu haben weiß. Das eigene Suchen nach Wahr- 
heit, das ist die Wahrheit selbst, wie sie vorhanden ist, 
für das triebvolle Selbstbewußtsein. Freilich 

„Es irrt der Mensch, so lang' er strebt." 
Aber wenn alles Streben Irren ist, so ist eben deshalb 
auch das Irren als positive Strebung aufzufassen, 
und so gelangt Lessing zu der übergreifenden Erkenntnis : 
„Warum wollen wir in allen positiven Religionen 
nicht lieber weiter nichts als den Gang erblicken, nach 
welchem sich der menschliche Verstand jedes Ortes einzig 
und allein entwickeln kann und entwickeln soll, als 
über eine derselben entweder lächeln oder zürnen ? — 
Gott hätte seine Hand bei allem im Spiele, nur bei un- 
seren Irrtümern nicht?" 1 ) D. h. es ist jetzt nicht nur in 
der Gegenwart dem Objektiv-Gegebenen der Anspruch 
auf normalitive 2 ) Gültigkeit und Verbindlichkeit gegen das 
Selbstbewußtsein genommen, sondern dies ist auch rück- 
wirkend durch das Reich der Ve rgangenheit durch- 
geführt und die Geschichte selbst zu einer inneren 
Entwicklung des Selbstbewußtseins ge- 
worden. 

Hier ist es, wo der deutsche Genius in Lessing am 
prinzipiellsten sich von Rousseau ebenso wie Voltaire 
unterscheidet. Die Geschichte hört hier auf, ein Reich 
des Unsinns und der Willkür zu sein. Das Selbstbewußt- 
sein tritt aus seiner negativen Stellung gegen das Histo- 
rische in die positive über, in diejenige, welche das 
Historische als seine eigene Entwicklung zu begreifen 
weiß. Lessing ist so derjenige gewesen, der den ersten 
Grundstein gelegt hat zu der höchsten Tat, durch welche 



1 ) W.W.X. S.53. 

2 ) Maßgebende. 



176 



später die deutsche Philosophie ihren kulminierenden Gip- 
felpunkt erreicht hat, — zu der als die Selbstentwicklung 
des Geistes begriffenen Geschichte. (Doch ist auch der 
tiefe Begriffsunterschied, der jene Lessingsche Geschichts- 
anschauung noch von der Hegeischen trennt, nicht zu über- 
sehen. Bei Lessing ist, seinem nachgewiesenen Gesamt- 
standpunkt gemäß, die Geschichte die Entwicklung des 
subjektiven Selbstbewußtseins — des „mensch- 
lichen Verstandes", wie er selbst sagt — bei Hegel ist 
sie die Entwicklung des objektiven Begriffes des 
Geistes.) Zugleich ist erst durch diese positive Stel- 
lung, welche das Selbstbewußtsein zu dem Gegebenen 
einnimmt, sein Sieg der totale geworden, indem jetzt 
nicht nur die gegenwärtige selbständige Gültigkeit und Ver- 
bindlichkeit des Historischen für das Selbstbewußtsein, 
sondern sogar die Selbständigkeit seines Ur- 
sprungs in der Vergangenheit getilgt und zu einer in- 
neren Geschichte des Selbstbewußtseins umgewan- 
delt ist. 

So hat sich in Literatur, Drama, Kunst, in Dogmatik, 
Ethik, Religion, ja in der Geschichte überhaupt das Selbst- 
bewußtsein in sein übergreifendes Recht gesetzt und ist 
sich als der Schöpfer dieser Welt zum Bewußtsein ge- 
kommen. Der zentralische Begriff Lessings hat sich durch 
alle Radien seiner Tätigkeit hindurchgeführt. 

Freilich lag wohl schon bei der oben gegebenen Wen- 
dung, die Religion sei wahr, nicht wegen der Inspiration, 
der Auferstehung Christi und aller dieser und anderer 
historischen Fakten, sondern weil sie wahr sei, d. h. 
wegen ihrer inneren, dem Selbstbewußtsein entspre- 
chenden Natur, es lag, sage ich, schon in dieser Wendung 
klar zutage, wie hierdurch die Religion als solche voll- 
ständig aufgehoben war. Denn sie war hiermit in das 

12 Lawall.. Gm. Scferift«. Ba»a VI. 177 



Selbstbewußtsein als in ihre höchste Instanz zurück- 
genommen. Nicht die Religion als solche war wahr, son- 
dern dasjenige, was das Selbstbewußtsein in ihr als sich 
und seiner eigenen Natur entsprechend vor- 
fand. — 

Wie klar sich Lessing selbst über diese totale Auf- 
hebung der Religion gewesen, zeigen sehr deutlich seine 
so nachdrücklichen Worte an Mendelssohn hinsichts der 
Antwort desselben auf die Lavatersche Aufforderung, 
Christ zu werden: „Ich bitte Sie, wenn Sie darauf ant- 
worten, es mit aller möglichen Freiheit, mit allem nur 
ersinnlichen Nachdruck zu tun. Sie allein können und dür- 
fen in dieser Sache so schreiben und sind daher unendlich 
glücklicher als andere ehrliche Leute, die den Umsturz 
des abscheulichsten Gebäudes von Unsinn 
nicht anders als unter dem Vo r wände, es neu 
zu unterbauen, befördern können." 

O, wie Recht hatte doch Göze und sein Anhang, als er 
Lessing für „einen der frechsten Störer des öffentlichen 
Friedens" erklärte, der „die Grundvesten des heiligen 
römischen Reiches wankend zu machen suche." Über die 
Toren, welche nicht einsehen, daß das ganze Unrecht der 
Gözes von damals wie heute eben nur darin besteht, — 
recht zu haben! 

Nicht minder bezeichnend war die Stellung, welche 
Lessing in dem durch die Wolfenbüttler Fragmente ver- 
anlaßten großen Streit gegen den flachen Rationalismus 
und die Aufklärungswirtschaft in der Theologie jener Zeit 
einnahm. Wie jeder, der einen wahrhaften Begriff zu 
Markte bringt, haßte Lessing die elenden Vermittlungs- 
halbheiten weit stärker und energischer, als die alte un- 
geschminkte Orthodoxie. Er erklärt offen, jene entschie- 
dene Orthodoxie als den ehrlicheren, als den minder 

178 



gefährlichen Feind, der, „mit dem gesunden Men- 
schenverstände offenbar streite, während die neuere 
Theologie denselben lieber bestechen möchte," der 
Verlegenheit und Halbheit dieser letzteren vorzuziehen ; 
er hält es für nützlicher, „sich mit seinem offenbaren 
Feinde zu vertragen, um gegen den heimlichen desto 
besser auf der Hut sein zu können;" er erklärt, die Ortho- 
doxie vorzuziehen, „weil, wenn einmal die Welt mit Un- 
wahrheiten hingehalten werden soll, die alten gangbaren 
jedenfalls besser sind als die neuen." (S. Stahr Bd. II, 
S. 277 ff.) 

Im Grunde war dies nur eine Folge seiner schon bei 
der Verteidigung Berengars gegen Mosheim in noch allge- 
meinerer Gültigkeit ausgesprochenen Prinzipien. Der 
mache sich — sagt er daselbst — um den menschlichen 
Verstand nur schlecht verdient, der uns „grobe Irr- 
tümer benimmt, die volle Wahrheit aber vorenthält 
und mit einem Mitteldingevon Wa h r h e i t und Lüge 
uns befriedigen will. Denn je gröber der Irrtum, desto 
kürzer und gerader der We g z u r Wa h r h e i t , 
dahingegen der verfeinerte Irrtum uns auf ewig 
von der Wahrheit entfernt halten kann, je schwerer uns 
einleuchtet, daß er Irrtum ist." „Wer nur darauf denkt" 
— schreibt Lessing aus seiner großen Natur heraus — 
„die Wahrheit unter allerlei Larven und Schminken an 
den Mann zu bringen, der möchte wohl gern ihr K u p p 1 e r 
sein, nur ihr Liebhaber ist er nie gewesen" 1 ). Wenn 
man das „auf ewig" in dem vorletzten Satze in ein „auf 
umso längere Zeit" mildert, so ist damit eines der tiefsten 
Gesetze der geschichtlichen Bewegung ausgesprochen. 
Aber so wenig der Laokoon für unsere gebildete Gesell- 



*) W.W. VIII. S. 26. 
i2- 179 



schaft, so wenig sind diese Worte Lessings für die Kupp- 
ler von heute geschrieben, welche wieder auf so vielen 
Gebieten des Lebens und mehr denn je, die offenen, ehr- 
lichen Gegensätze in dem „unreinen Wasser" ihrer elen- 
den Vermittlungshalbheit ersäufen möchten. — 

Allein wenn wir den Begriff Lessings durch die Ge- 
biete der Kunst, Religion, Geschichte durchgeführt haben, 
wie ist es mit der Politik? Doch — fast könnte es 
Boshaften erscheinen, als wäre schon alles Bisherige nichts 
als Politik gewesen, und wem das nicht genügt, der lasse 
sich mit dem Lessingschen Fragmente des Spartakus ge- 
nügen. Der Konsul höhnt den Spartakus : 

„Ich höre, du philosophierest, Spartakus !" 
Spartakus: 

„Was ist das: — ,Du philosophierest?' 

Doch ich erinnere mich. Ihr habt den Menschen- 
verstand 

In die Schule verwiesen, um ihn lächerlich 

machen zu können. 

Wo du nicht willst, daß ich philosophieren soll — 

Philosophieren, — es macht mich lachen ! — Nun wohlan ! 

Wir wollen fechten!" 

Zwei Dezennien darauf — und die Prophezeiung traf 
ein. Rousseau hatte genug vergeblich philosophiert, und der 
Spartakus der französischen Revolution fing an zu fechten ! 

Und „das wird auch wohl das Ende vom Liede sein 
in dem Handel zwischen dem Spartakus und dem Konsul 
der Zukunft" — sagt Stahr, indem er dies Bruchstück 
anführt, Bd. II, S. 327. 

Doch die Größe des Gegenstandes hat uns fortgerissen. 
Es ist Zeit, uns endlich dem Werke selbst zuzuwenden, 
welches unsere Betrachtungen veranlaßt hat. 

Wenn Adolph Stahr einen Lessing schrieb, so mußte 
dies von vornherein gewisse hochgespannte Erwartungen 

180 



erregen. Wer Stahrs Tätigkeit in der Philologie, Archäo- 
logie, Ästhetik, Geschichtsschreibung usw. verfolgt hat, 
der weiß, für wie besonders befähigt man ihn voraus- 
setzen mußte, Lessings Wirken ganz zu verstehen und 
zur Darstellung zu bringen. Seit so geraumer Zeit auf 
fast allen den Feldern produktiv, in welchen Lessing sein 
schaffendes Genie betätigt hatte, mußte Stahr aus einer 
langen Erfahrung, und aus einer so detallierten, wie sie 
nur die eigene Beschäftigung mit einer bestimmten Fach- 
wissenschaft erzeugt, wissen, wie unendlich viel jede dieser 
Disziplinen dem neugestaltenden Geiste Lessings zu danken 
hat. — 

Und indem er in jedem dieser Gebiete eine geraume 
Strecke an der leitenden Hand Lessings zurückzulegen 
genötigt war, mußte sich hieraus bei ihm die Liebe zu die- 
sem Genius zu einer Wärme steigern, wie wir sie nur 
einem verehrten Lehrer gegenüber zu empfinden pflegen. 
Die Wirksamkeit Lessings auf die nationale Entwick- 
lung war so bei Stahr überall zu einer Einwirkung auf 
seine persönliche Entwicklung, war ihm zu einem per- 
sönlichen Erlebnis geworden. 

Es kam aber noch eine andere Seite hinzu, welche 
dazu beitragen mußte, die Erwartung zu einer ungewöhn- 
lichen Höhe zu spannen. Schon Lessing klagte über den 
ungewöhnlich scharfen Gegensatz, der in Deutschland 
Schriftsteller und Gelehrte im engeren Sinne zu trennen 
pflegt. „Unsere schönen Geister," sagt er, „sind selten 
Gelehrte, und unsere Gelehrten selten schöne Geister. 
Jene wollen gar nicht lesen, gar nicht nachschlagen, gar 
nicht sammeln, kurz gar nicht arbeiten ; und diese wollen 
nichts als das. Jenen mangelt es am Stoffe, und diesen 
an der Geschicklichkeit, ihrem Stoffe eine Gestalt zu er- 
teilen." Dieser Gegensatz, der im allgemeinen heute in 

181 



noch größerer Schärfe besteht als damals, — er dürfte 
fast bei keinem der gegenwärtigen Schriftsteller zu inni- 
gerer Versöhnung und Ausgleichung gekommen sein, als 
bei Stahr, und hierin sehen wir einen Hauptdienst, welchen 
er der deutschen Literatur geleistet hat. — 

Durch das vorliegende Werk hat nun Stahr alle diese 
so hoch gespannten Erwartungen, er hat sich selbst bei 
weitem übertroffen. Es ist dasselbe weitaus die größte 
seiner Taten, es ist eine der geschlossensten Leistungen 
im Gebiete der gesamten deutschen Literatur. Keine ein- 
zige Seite dieses so reichen Stoffes, welche nicht mit jenem 
Sinn für das Historisch- Bedeutsame, den Stahr der mo- 
dernen Philosophie verdankt, die seine Bildungsgrundlage 
ausmacht, behandelt und zur prägnantesten Form heraus- 
gerungen worden wäre ! 

Was aber die größte Seite dieses Werkes bildet, ist 
die, daß Stahr aus demselben ein Vo 1 k s b u c h hat machen 
wollen und gemacht hat. Aller gelehrte Ballast, welcher 
das verdienstvolle Danzel-Guhrauersche Werk zu einer 
nur für den Literaturhistoriker und Gelehrten bestimmten 
Quelle gemacht hat, ist von Stahr fortgelassen worden. 
Er hat es verstanden, die tiefsten und schwierigsten Fragen 
in einer Kürze, Einfachheit und Leichtigkeit zur Darstel- 
lung zu bringen, welche sie den Gebildeten, wie dem Volke 
fast spielend zugänglich machen und hierdurch diesem 
Werke die eingreifendste Wirkung auf die gesamte deut- 
sche Nation sichern müssen. Es ist uns nicht wohl ein 
Buch bekannt, welches bei einer so geringen Mühe eine 
reellere Belehrung und tiefere Gedankenbildung hervorzu- 
bringen geeignet wäre. Dies Buch soll nicht nur ein 
Volksbuch werden, es wird dies auch ohne Zweifel sein. 
Die Gebildeten werden es anblättern wollen, um sich aus 
ihm bequemen Stoff zu holen, über Lessing „mitzuspre- 

182 



chen" — und keiner von ihnen wird es aus der Hand 
legen, ohne zu seiner eigenen Überraschung durch dasselbe 
zu einem Ideengang und einem Verständnis der wichtig- 
sten Interessen des Geistes emporgehoben zu werden, 
welche jenen äußerlichen und frivolen Zweck bei weitem 
überschreiten. Das Volk aber, das deutsche Volk, welches 
ernste Arbeit niemals scheut, sofern sie seinen Kräften 
nur eben möglich ist, wird dies Buch mit Liebe und Eifer 
ergreifen, um aus ihm die Bedeutung und Wirksamkeit 
eines der größten deutschen Genien zu erfahren, die je- 
mals für die Entwicklung des freien Geistes gekämpft 
haben. 

Und indem es diese seine frühere Wirksamkeit e r - 
fahren will, wird es ihm eine neue geben. Wir 
sprechen es mit der vollständigsten Sicherheit aus, daß, 
während die 13 Bände füllenden und zu ihrem Verständ- 
nis die genaue Kenntnis damaliger Zustände voraussetzen- 
den Schriften Lessings, während aus ähnlichen Gründen 
das gelehrte Danzel-Guhrauersche Werk dem Vo^e un- 
zugänglich und Lessing somit einer Einwirkung auf das 
gegenwärtige Volksbewußtsein so gut wie entrückt 
war, durch diese komprimierte und alle nötigen Elemente 
des Verständnisses in sich selbst tragende Stahrsche Dar- 
stellung eine neue und zweite Periode der Wirksamkeit 
Lessings auf unseren Volksgeist beginnen wird, nicht viel 
geringer als jene, die Lessing auf seine Zeitgenossen aus- 
geübt hat. 

Was die Verführung der Schrift vergrößern wird, ist 
ihr Stil. Sie muß als ein fortlaufendes Stilkunstwerk 
bezeichnet werden. Ihre Eigentümlichkeit in dieser Hinsicht 
besteht in einer gewissen keuschen Gemessenheit der For- 
men, in einer gedämpften Wärme, in einer von nichts 
mehr als von Kälte entfernten meisterhaften Mäßigung 

183 



des Ausdrucks, die, je weniger sie selbst sagt, um so mehr 
Herz und Geist des Lesers zu ihrer Ergänzung zu erregen 
weiß, und besonders in einer gewissen Ethik, des Stils; 
denn man fühlt es aus diesem Stil heraus, daß er schwer- 
lich der Rücksicht auf das heutige Publikum entsprungen 
ist, welches solchen Stil nicht zu verlangen pflegt und sich 
dadurch auch beinahe des Rechtes begeben hat, ihn zu 
begehren ; daß er nicht einmal der Rücksicht des Ver- 
fassers auf seinen eigenen schriftstellerischen Ruhm ent- 
sprungen, daß er vielmehr seinen Quell in der tiefen, 
sittlichen Ehrfurcht hat, die den Darsteller von seinem 
Gegenstande durchdringt. Ein Denkmal Lessings, sagte 
sich der Darsteller — denn dies ist es, was man als die 
läuternde Macht dieses Stils herausfühlt, dies ist es, 
was wir als die Ethik desselben bezeichnet haben — 
durfte nur gegossen werden aus einem glockenreinen Me- 
tall, aus einem Erze, aus dem jede Schlacke ausgeschieden. 
Besonders jene Kapitel, welche Lessings Lebensschicksale 
behandeln, sind wahre Meisterwerke in dieser Hinsicht. — 
Dies bringt uns auf eine letzte Seite dieses Werkes, 
welche eine der bedeutendsten derselben bildet und uns 
hauptsächlich zu dem veranlaßt hat, was wir soeben über 
die unzweifelhafte Wirksamkeit desselben auf das Volks- 
bewußtsein der Gegenwart gesagt haben. Es ist dies das 
eigentlich biographische Element des Werkes. Welch 
kämpfendes Heldenleben! denn dies Leben war ein fort- 
gesetzter, ein bis zu seinem letzten Atemzuge ununter- 
brochener Kampf gegen die ganze Misere, wie sie nur 
deutsche Zustände in solcher Allseitigkeit aufzuweisen 
haben. Wenn irgend jemand zum Glück geboren 
war, so war es die heitere, freudige, sich selbst klare 
Natur Lessings ! Wenn irgend jemand wenigstens dem 
Unglück vollständig entnommen schien, so war es, durch 

184 



ihre unbesiegliche Stärke und Tatkraft, durch die voll- 
ständige Abwesenheit jeder sentimentalen Weichheit, die 
durch und durch gesunde Natur Lessings. Und sie haben 
diesen Mann trotz alledem soweit zu bringen gewußt, daß 
er sich mit Selbstmordgedanken trug, und nur der 
Stolz ihnen das Gegengewicht hielt! „Und heute noch' 
— sagt Stahr Bd. II, S. 237 — „wie viele Deutsche, 
die sich an Nathan dem Weisen erquicken, wissen es denn, 
daß Lessing, während er das erhabenste Werk seines 
Genius schuf, mit der drückendsten Not, mit der gemeinen 
Sorge um das tägliche Brot zu kämpfen hatte?" In der 
Tat stand es damals so, damals, wo Lessing auf der 
Höhe seines Ruhmes und seines Wirkens sich befand, 
daß, wie er selbst an seinen Bruder über die beabsichtigte 
Veranstaltung einer Subskription auf Nathan den Weisen 
mit einer unendlich komprimierten, einschneidenden Bitter- 
keit schreibt, sogar wenn seine Freunde hinlänglich eifrig 
wären, dennoch „vielleicht das Pferd verhungert 
sei, ehe der Hafer reif geworden!" 

Dieser fortgesetzte Lebenskampf Lessings ist von Stahr 
mit einer tiefergreifenden Wahrheit und Einfachheit, mit 
einer erschütternden Wirkung dargestellt. Die Anstellung 
in Wolfenbüttel hatte den äußeren Sorgen ein Ende machen 
sollen. Gerade sie verstrickte ihn für immer in eine Misere, 
in der er von nun an unwiderruflich langsam verbluten und 
zugrunde gehen sollte. Lessing sollte erfahren, was es 
auf sich hat für einen Mann von Verdienst und Seelenadel, 
mit Fürsten zu tun zu haben. In der ungeschminkten 
Darstellung dieses Verhältnisses, und damit des Charakter- 
bildes von Lessing überhaupt, hat Stahr eine unendliche 
Überlegenheit über das Danzel-Guhrauersche Werk, wel- 
ches z. B. Bd. II, S. 277 sich nicht scheut, jenen Fürsten 
noch darzustellen als „einen Prinzen, welcher nach Art 

185 



dergroßen Seelen des Altertums (!) den Hel- 
denruhm des Feldherrn mit der Achtung vor den Heroen 
des Geistes in Poesie und Philosophie verband, der wie 
zur Zeit kein anderer deutscher Fürst sich freute, sie im 
eigenen Vaterlande zu linden, ja aufzusuchen." 

Wenn Danzel-Guhrauer genau wissen, daß dies damals 
der beste Fürst im deutschen Vaterland in dieser Hin- 
sicht war, so — gratulieren wir ! 

Die einfache Wahrheit jener loyalen Darstellung ist 
nämlich die: mit üblicher Selbstverlogenheit wollte man 
mit dem Genie und den Heroen des Ruhmes kokettie- 
ren, man wollte sich in effekthaschender Eitelkeit mit 
dem Besitze eines Lessings wie mit einem Putze 
schmücken, ohne irgend ein Opfer für ihn zu bringen, ohne 
selbst nur für eine erträgliche Gestaltung seiner Existenz 
das Geringste tun zu wollen. Wenn man nur Lessing in 
seinen Diensten hatte, — was kam es darauf an, ob er 
in dem verkommenen und ungesunden Wolfenbüttel, auf- 
gerieben von den unwürdigsten Sorgen und der drückend- 
sten Not, verkümmerte und geistig und leiblich zugrunde 
CT inc ? 

Und als es schien, daß Lessing sich vielleicht doch 
noch erinnern könne, er sei als — ,, Vogel auf dem Dach" 
niemals elender, niemals in ärmerer und kummervollerer 
Lage gewesen, da griff man zu einem Spiel — doch lassen 
wir lieber Stahr reden: ,,er (Lessing) sollte schrecklich 
enttäuscht werden. Denn nun beginnt ein Schauspiel em- 
pörendster Art, ein Spiel fürstlicher Herzlosigkeit mit 
dem Schicksale, dem Leben und Charakter des ausge- 
zeichnetsten Mannes, den Deutschland besaß, ein Spiel, 
das zwei Jahre lang diesen edelsten Charakter bis zu 
hoffnungsloser Verzweiflung verbitterte und seine leib- 
liche und geistige Vollkraft für immer untergrub. In Les- 

186 



sings Briefen aus dieser Zeit sind die Zeugnisse enthalten 
für die Prometheus-Qualen, die eines Fürsten leichtsinnige 
Wortbrüchigkeit über ihn verhängte, und zugleich ein un- 
austilgbares Brandmal für das Andenken des Prinzen, der 
sein ganzes Leben lang beflissen war, den Schein eines 
hochgebildeten, humanen, Kunst und Wissenschaft schüt- 
zenden Fürsten durch geschickte Repräsentation um sich 
zu verbreiten, der mit einem Moses Mendelssohn über 
Philosophie gefühlvoll korrespondierte und sich den An- 
schein gab, denselben Lessing in seiner ganzen Bedeutung 
und Größe zu erkennen und zu würdigen, den er jahrelang 
im Elende verschmachten ließ." Und Lessing selbst 
schreibt an seine Braut, nur gewisse Arbeiten, mit wel- 
chen er nicht anders als in Wolfenbüttel fertig werden 
könne und müsse, wenn er nicht alle seine daselbst zuge- 
brachte Zeit verloren haben solle (er meint offenbar die 
bald darauf erfolgte Herausgabe der Fragmente), hielten 
ihn zurück. Dann aber solle nichts in der Welt ihn länger 
halten : 

„Ich denke überall so viel wieder zu finden, als ich 
hier verlasse. Und wenn ich es auch nicht wieder fände. 
Lieber betteln gegangen, als so mit sich han- 
d el n las sen." 

Der Herzog hatte Lessing eine Stelle gegeben, die ihn 
so arm ließ, daß er, als er starb, auf Staatskosten 
begraben werden mußte ! 

Doch — vielleicht beweisen uns die Danzel-Guhrauer, 
daß jener Fürst auch dies wieder nur aus antiker Begeiste- 
rung tat, um Lessing auch dadurch den Helden des Alter- 
tums um so ähnlicher zu machen! O, über die deutschen 
Gelehrten! — 

Dennoch ist diese Biographie von nichts mehr entfernt 
als davon, einen niederdrückenden Eindruck auf den Leser 

1S7 



zu machen. Denn diese Misere wird noch weit überboten 
durch den stets sich gleichbleibenden Stolz und die Tapfer- 
keit Lessings. In dieser langen Verwicklung von Elend 
nicht ein Atemzug, nicht ein Gedanke, nicht eine Regung, 
deren er sich zu schämen gehabt hätte ! Dieser Triumph 
sittlicher Kraft ist es, den Stahr auf die erschütterndste 
Weise zur Darstellung zu bringen gewußt hat, und der 
seinem Buche die erhebende Wirkung gibt. Ja, es ist 
ein Heldenleben, wie nur irgend eines jener Helden des 
Plutarch, aber um so unendlich ergreifender, als dies Hel- 
dentum ausgeübt wird in Umständen und Konflikten, 
welche den heutigen Verhältnissen um so viel näher und 
analoger sind. Darum wird dieses Buch zündend wirken 
auf die deutsche Jugend, kein ernster Leser wird es aus 
den Händen legen, ohne durch dasselbe besser und 
sittlicher geworden zu sein. Die Katharsis, welche 
dies Werk in jedem eines geistigen Eindrucks nur einiger- 
maßen fähigen Gemüt hinterlassen wird, ist die, es zu 
erheben über die Qualen und Konflikte, die ihm selber 
zustoßen können. Eines edeln, eines nur irgend wahr- 
haft bescheidenen Gemüts, wird sich eine edle Gleich- 
gültigkeit bemächtigen gegen alles, was uns selbst wider- 
fahren kann in einem Kulturkampf, in welchem die Größ- 
ten und Besten langsam und qualvoll verblutet sind. — 

Und so kommt denn dieses so treffliche und bedeutende 
Werk dreimal zur Zeit! Die Geschichte kann eine fort- 
laufende Reihe von Dramen genannt werden, und die 
dramatische Situation von heut ist der von damals wieder 
äußerst ähnlich geworden. 

Lessings eigenes großes dramatisches Gesetz aber 
war: „ähnliche Situationen erzeugen ähnliche 
Charaktere!" 



188 



HERR JULIAN SCHMIDT 

DER LITERARHISTORIKER 



MIT SETZER-SCHOLIEN 
HERAUSGEGEBEN 

VON 
FERDINAND LASSALLE 



DER ERSTE ABDRUCK ERSCHIEN 
IM VERLAG VON G. JANSEN, BERUN 1862 



VORBEMERKUNG. 

Obwohl dem äußeren Gewand nach vorwiegend eine 
literarische Abhandlung, ist der »Julian Schmidt" doch 
gleichzeitig in nicht geringem Grade eine politische Streit- 
schrift. Schon im „Vorbericht des Setzers" wird dies an- 
gedeutet, wenn Lassalle dort auf die politische Partei ver- 
weist, deren Programm Herr Julian Schmidt unterschrieben 
habe, und damit zugleich den geistigen Höhepunkt dieser 
Partei — der preußischen Altliberalen, zu deren Führern 
u. a. der wiederholt zum Präsidenten des Abgeordneten- 
hauses gewählte damalige Oberbürgermeister von Prenzlau, 
W. Grabow, gehörte *) — gekennzeichnet zu haben er- 
klärt. In den die Schrift selbst bildenden ,,Scholien" — 
d. h. Randbemerkungen — zu den Auszügen aus Schmidts 
„Geschichte der deutschen Literatur seit Lessings Tode" 
tritt es dagegen wiederholt ganz offen zutage, daß die 
politische und die, im weiteren Sinne des Wortes, soziale 
Tendenz des Schmidtschen Werkes es ist, gegen die Las- 
salles Pfeile sich richten, und an vielen anderen Stellen 
blickt es für den aufmerksamen Leser durch die Hülle 
scheinbar abstrakter Auseinandersetzungen deutlich hin- 
durch. Die Nachweise, daß Schmidt ein Ignorant, bzw. 
ein ganz gewöhnlicher Literat sei, der seine Urteile meist 
aus zweiter und dritter Hand und aus bloßem Durch- 
blättern der zu beurteilenden Schriftsteller schöpfe, sind 



*) Daher die Bezeichnung „Grabowite". 

191 



im Grunde nur Beiwerk, die Nachweise der tendenziösen 
Behandlung seines Gegenstandes durch Schmidt und die 
Kritik dieser Tendenz der wirkliche Zweck des „Herr 
Julian Schmidt, der Literarhistoriker". Und nicht nul 
sind die als „Beiwerk" zu bezeichnenden die weniger 
wichtigen Stellen des Pamphlets, sie sind auch unbestritten 
die schwächsten, ihm am wenigsten zur Ehre gereichenden. 
Um so bedauerlicher, daß sie auf Kosten des sehr ver- 
dienstvollen sonstigen Inhaltes unverhältnismäßig in den 
Vordergrund treten. 

Ein Ignorant war Herr Julian Schmidt sicherlich nicht. 
Er hatte studiert und mehrere Jahre als Gymnasiallehrer 
fungiert, bevor er Redakteur einer literarischen Zeitschrift 
wurde, und auch als solcher hatte er meist das zurück- 
gezogene Leben eines Stubengelehrten geführt. Was man 
ihm auch sonst vorwerfen kann, als Literat gehörte er 
unzweifelhaft noch zu den Besseren seines Berufes. Er 
vertrat eine Idee, und was er literarhistorisch gesündigt 
hat, das hat er zum großen Teil in der Leidenschaft der 
Überzeugung verbrochen. Einer seiner Biographen, Herr 
Konstantin Rößler, schreibt von ihm, daß sich seine Cha- 
rakteristik durch ein dreifaches P ausdrücken lasse: 
Preuße, Protestant, Parteimann. Sein lebelang hat er in 
Preußen, dem Staate des Protestantismus, zugleich den 
Staat des deutschen Berufes und der Verwirklichung der 
bürgerlichen Freiheit erblickt, ist er mit Leib und Seele 
Kleindeutscher — „Gothaer" — gewesen. Literarisch 
übersetzte sich das in eine erbitterte Gegnerschaft gegen 
die mit dem Katholizismus liebäugelnde Romantik auf der 
einen und gegen den philosophischen und politischen Radi- 
kalismus auf der anderen Seite. Auch dieser war ihm 
Romantik, ein Abwenden von der Realität, das nur zu 
Üblem führen konnte. Er war der Hohepriester eines 

192 



platten Realismus, der im protestantischen Kaufmann oder 
Fabrikanten die Verkörperung des Normalmenschen er- 
blickte. Und von diesem Standpunkt aus nun be- und miß- 
handelte er die ganze neuere deutsche Literatur. 

In den Jahren der Reaktion war indes selbst dieser 
Standpunkt immer noch ein Stück Ideologie gewesen, es 
hatte noch eine Art moralischer Mut dazu gehört, das von 
Manteuffel-Westfalen regierte Preußen als bürgerlich- 
liberalen Musterstaat malgre lui zu proklamieren. Als aber 
nach dem Eintritt der „Neuen Ära" Julian Schmidt 1861 
die Chefredaktion des Organs der „Fraktion Vincke" 
genannten altliberalen Partei übernommen hatte und dort 
mit dem ganzen Eifer des Parteimannes alle Welt, nament- 
lich aber die äußerste Linke der Demokratie, gehässig an- 
griff, zeigte sich die reaktionäre Seite seines Gothaertums 
in voller Klarheit. Zwar drang er als Kritiker damals nicht 
durch, die oppositionelle Strömung im Bürgertum war 
durch die eigensinnige Haltung des Königs so gesteigert 
worden, daß an Stelle der Altliberalen die soeben gegrün- 
dete Fortschrittspartei die Führung in der Kammer erhielt, 
aber in der Literatur spielte er noch immer die tonange- 
bende Rolle, war er noch immer „König". Es war also 
auf jeden Fall ein Verdienst, daß Lassalle es unter- 
nahm, ihn auch hier zu entthronen und den Beweis zu lie- 
fern, wie unecht sein Titel als Dolmetscher der großen 
Dichter und Denker der Nation sei. Und daß Lassalle, 
der das erforderliche geistige Rüstzeug in so hohem Grade 
dazu besaß, den Beweis in der Tat geliefert hat, ist un- 
bestritten und unbestreitbar. Bis soweit ist sein Pamphlet 
nicht nur eine rühmliche politische, sondern auch eine rühm- 
liche literarische Tat. 

Aber so witzig die Idee war, den bis dahin gefürch- 
teten Literaturkönig durch einen einfachen Schriftsetzer 

13 Lao.alls. Ges. Sekreten. Bind VI. 193 



und dessen Weib exekutieren zu lassen, und mit so gutem 
Humor sie oft durchgeführt ist, so bot die Form der 
Kommentierung willkürlich und unsystematisch herausge- 
griffener Satzstücke doch auch ihre großen Klippen, na- 
mentlich für jemand, dem der Advokat so im Blut steckte 
wie Lassalle. Und die Gerechtigkeit gebietet hinzuzufügen, 
daß er diese Klippen nicht alle vermieden hat, daß manche 
der von ihm zitierten Sätze in ihrem Zusammenhange bei 
Schmidt einen wesentlich anderen Sinn haben als den, in 
welchem sie hier erscheinen, daß Lassalie nur zu häufig 
in den Fehler verfällt, als Beweisstück für die Unwissen- 
heit seines Gegners auszuspielen, was in Wirklichkeit nur 
eine Ungenauigkeit, wir dürfen auch sagen, Liederlichkeit 
der Redeweise war. Es ist das um so mehr zu bedauern, 
als er diese billige und gerade in diesem Falle, wo es 
sich doch um einen Protest gegen die literarische Sitten- 
verderbnis handelte, doppelt unangemessene Kampfesweise 
absolut entbehren konnte. Er war in der Lage, den Nach- 
weis zu liefern und hat ihn durchaus überzeugend geliefert, 
daß hinter der schwülstigen Bildungssprache Schmidts 
nicht selten eine bis zur Verdrehung der darzustellenden 
Gedanken und Entwicklungen gehende Unzuverlässigkeit 
in der Wiedergabe anderer Schriftsteller, sowie eine oft 
ebenso große, auf oberflächlichem oder mangelhaftem Stu- 
dium der Werke und auf sehr schiefen und engherzigen 
Ansichten beruhende Unzuverlässigkeit des Urteils steckte, 
und das war durchaus genügend. Denn wenn auch nicht 
alle Stellen, aus denen dies hervorgehen soll, sich bei ge- 
nauer Prüfung als zeugniskräftige Beweisstücke erweisen, 
wenn auch hierbei ebenfalls manche Stelle in anderem 
Sinne aufmarschiert als den sie bei Schmidt hat, in der 
Hauptsache war der Beweis erschöpfend erbracht. Was 
bedurfte es also mehr ? Der Vorwurf des Mangels der 

194 



für einen Literarhistoriker erforderlichen Vorkenntnisse 
ließ sich im Ernst doch nicht aufrechterhalten. 

Vielleicht lag es auch gar nicht in Lassalles Absicht, 
die dahin gehörigen Ausfälle des „Setzers" buchstäblich 
aufgefaßt zu sehen. Der Form nach präsentiert sich ohne- 
hin das Pamphlet als das Kind einer übermütigen Laune, 
in der man es nicht mit jedem Wort allzu genau nimmt. 
Aber daß es in allen wesentlichen Punkten ernst gemeint 
war, kann nicht dem leisesten Zweifel unterstehen. 

Bekannt ist und wurde auch in der biographischen Ab- 
handlung von uns erwähnt, daß die dem ,, Setzerweib" zu- 
geschriebenen Stellen von Lothar Bucher herrühren, mit 
dem Lassalle zu jener Zeit intimen Verkehr unterhielt. 

Ob es wahr ist, wie von einigen Seiten behauptet wird, 
daß Julian Schmidt nach Erscheinen des Buches Lassalle 
eine Herausforderung zugehen ließ, die dieser aber abge- 
lehnt habe, haben wir nicht feststellen können, halten es 
auch nicht für wahrscheinlich. Eine andere Anekdote, die 
mit Bezug auf ein zufälliges Zusammentreffen Lassalles 
mit Julian Schmidt vom ersten selbst in einem seiner Briefe 
erzählt worden ist, mag aber, da sie humoristisch genug 
ist, hier Platz finden. 

Als Lassalle im Sommer 1864 sich auf dem Rigi auf- 
hielt, traf er, so heißt es, eines Tages in dem Garten eines 
Hotels am Ufer des Vierwaldstädter Sees einen Herrn 
und eine Dame aus Berlin. Die Unterhaltung wurde rasch 
eine animierte und geistreiche, da man gegenseitig anein- 
ander Gefallen fand, und bald war man so weit gediehen, 
eine gemeinsame Tour zu verabreden. Lassalle, der bei 
seinem Kommen verabsäumt hatte, sich vorzustellen, wollte 
dies nach so lebhafter Unterhaltung nicht noch nachholen, 
sondern begab sich ins Hotel, um im Fremdenbuch die 
Namen des interessanten Ehepaares zu suchen. Kaum hatte 

i3' 195 



er einen Blick hineingeworfen, da drehte er sich mit dem 
Ausrufe ,, Donnerwetter" auf dem Absatz herum, und fort 
war er. Während der Zeit hatte sich auch das Ehepaar 
nach dem Namen des Herrn erkundigt und kaum vom 
Kellner erfahren: ,,Das ist ja der berühmte Lassalle aus 
Berlin!" als das Ehepaar ebenfalls eiligst sich entfernte. 
Im Fremdenbuch aber stand : „Dr. Julian Schmidt nebst 
Frau aus Berlin." 

Der „Julian Schmidt" erheischt zum vollen Verständnis 
eine Literaturkenntnis, die man bei einem Teile des Publi- 
kums nicht voraussetzen darf. Trotzdem habe ich mich 
nach reiflicher Überlegung entschlossen, die erklärenden 
Noten auf ein Mindestmaß zu beschränken. Von Rechts 
wegen müßte der Schrift eine ganze Literaturgeschichte 
beigegeben werden. Da das nicht angeht, so dürfte es 
wohl das Beste sein, wenn Leser, die der jeweilig in 
Frage kommenden Literatur nicht kundig sind, sich um 
die Anspielungen nicht weiter kümmern, sondern sich an 
die allgemeinen Ausführungen über die Tendenz halten, 
die, wie vorher ausgeführt, doch den Hauptgegenstand 
des „Herr Julian Schmidt" bilden. 

Ed. Bernstein. 



196 



HERR JULIAN SCHMIDT 



WIDMUNG AN HERRN JULIAN SCHMIDT. 

Äschylos: „Zwar Unmut erregt mir ein solcher Gesell, und 
es kocht mein Herz in Erbitt'rung, 
Daß ich diesem ein Wort nur erwidern soll ; daß 

jedoch nicht zag' er mich wähne: 
Du, gib mir Bescheid, warum denn wohl ist ein 
dichtender Mann zu bewundern? 
Euripides: Der Geschicklichkeit halb und der sittlichen 
Zucht, und weil wir bessere Bildung 
Darbieten dem Volk in den Städten umher. 

Äschylos: Wenn nun nicht solche du darbotst, 

Nein, Menschen bieder und ehrenwert in er- 
bärmliche Wichte verwandelt : 
Was bekennst du dich wert zu erdulden dafür? 
Dionysos: O, den Tod! Wer wird da noch fragen!" 

(Aristophanes, Frösche, V. 1013 ff.) 



IM 



Vorbericht des Setzers an das Publikum. 

Es werden vielleicht manche unter Euch sein, die sich 
im ersten Augenblick darüber wundern dürften, wie ich, 
ein ordentlicher, solider Setzer, von dem Sie wissen, daß 
er stets seine Zeit auf ernsthafte Werke gewandt, dazu 
komme, Euch mit diesem ergötzlichen Angebinde zu be- 
schenken. Vielleicht werdet Ihr zunächst glauben, daß das- 
selbe in kurzweiliger Stimmung oder aus dem Be- 
dürfnis nach Kurzweil entstanden, das sich in den 
Mußestunden zwischen ernster Arbeit einzustellen pflegt. 
Ach ! ich versichere Euch, daß Ihr irrt und daß ich nie ge- 
langweilter war, als in den Tagen, welche dieser 
Blumenlese gewidmet waren. Meine Lippe lachte, aber, 
wenn ich den sentimentalen Stil liebte, so würde ich sagen, 
daß mein Herz blutete, während ich diese Blumen pflückte 
und sie zu einem Kranze für Euch wand. 

Warum ich mir nun dennoch dieses Ungemach an- 
getan? 

An verschiedenen Stellen meiner Scholien habe ich mich 
recht deutlich und vernehmlich darüber ausgesprochen. 
Aber die wahre Erklärung liegt dennoch nicht in dieser 
oder jener Stelle ; sie liegt lediglich in dem Ganzen. Wenn 
Ihr das ganze Büchlein aufmerksam zu Ende gelesen haben 

201 



werdet, dann werdet Ihr sehr genau wissen, warum ich 
mir dies Ungemach zufügte und warum dies notwendig 
war. — Dann wird auch, wenn Ihr auch unterwegs hoffent- 
lich laut und herzlich lachen solltet, das Büchlein dennoch 
einen Gesamteindruck in Euch hinterlassen, der Euch, wenn 
Ihr es ernst meint mit dem Lande und seiner geistigen 
Entwicklung, eben so traurig stimmen wird, wie mich 
selbst, und Ihr werdet es mir Dank wissen, daß ich 
nicht zu vornehm war, mich zu so niederer Arbeit zu be- 
quemen. 

Ach, es steht nicht mehr alles wie sonst ! Im Jahre 
1840 konditionierte ich in Leipzig und feierte da das 
vierhundertjährige Jubiläum der Erfindung der Buch- 
druckerkunst mit. Was war ich damals stolz auf meine 
edle Kunst, die erste der Welt! Mit welchem Triumph 
betrachtete ich meine bleiernen Lettern, diese Verbreiter 
von Licht, Geist und Wissenschaft! 

Aber seit 1848 hat sich vieles geändert, und recht 
melancholisch schaue ich jetzt oft auf dieselben Lettern! 
Ja manchmal, wenn mein Auge auf ihnen ruht, will es 
mir scheinen, als sei nun auch bei ihnen schon der Um- 
schwung eingetreten, den Platen bei den Klöstern 
beschreibt : 

„Jetzt streuen sie aus Dummheit und Verderb, einst 
säten sie Wissen und Geist aus !" 

Freilich kämpft noch immer eine rüstige und tapfere Schar 
edler Streiter in der alten Weise fort und wird immer fort- 
kämpfen. Aber mitten in ihre Reihen hat sich, unter den- 
selben Feldzeichen, in derselben Tracht und Gewandung, 
eine Bande unwissender und gedankenloser Buben ge- 
worfen, zu jeder bürgerlichen Hantierung zu schlecht, zu 
ignorant zum Elementarschullehrer, zu, unfähig und arbeits- 

202 



scheu zum Postsekretär, und eben deshalb sich berufen 
glaubend, Literatur und Volksbildung zu treiben! Diese 
nun führen nur gar zu oft das große Wort in Literatur 
und Politik, in Zeitungen und Journalen, und wie sollten 
sie es nicht führen! Ihrer sind viele; jener wackeren 
Streiter aber im Verhältnis zu ihnen nur wenige. Da sie 
unter demselben Feldzeichen mit diesen kämpfen, können 
sie vom Volke nicht leicht von ihnen unterschieden wer- 
den. Von jenen Wackeren selbst zwar wird keiner von 
ihnen getäuscht, aber diese sind in der Regel so sehr in 
ihre eigenen nützlichen Arbeiten vertieft, daß sie sich 
nicht zur Entlarvung dieser falschen Spießgesellen her- 
geben können. Jene Wackeren streben ferner in der Regel 
nur nach Wirkung auf die Länge der Zeit, und können 
dies auch meistens bei der Natur ihrer Leistungen gar nicht 
anders. Aber sie bekümmern sich nicht um ihre Wirkung 
in die Breite in der Gegenwart. Sie schauen immer 
nur auf den Kultur ström und freuen sich, wenn er 
von Generation zu Generation immer weiter vorschreitet 
und dem Ziele sich nähert, und sie arbeiten eifrig hieran. 
Aber sie schauen zu wenig darauf, inwieweit dieser Strom 
in die Täler zu beiden Seiten austritt und sie mit seinem 
wohltätigen Gewässer befruchtet. 

Endlich kämpfen diese Wackeren jeder für sich allein, 
jeder einzeln dem speziellen Arbeitszwecke hingegeben, 
der ihn gerade beschäftigt. Jene anderen aber haben einen 
Rat, den Liscow schon 1736 in seiner Schrift „über 
die Vortrefflichkeit der elenden Skribenten" diesen letz- 
teren gegeben, den Rat, daß sie doch nicht jeder bloß an 
sich denken und für sich sorgen sollen, damit nicht von 
ihnen gelte, was Tacitus von den alten Briten sagt: 
dum singuli pugnant universi vincuntur (während sie ein- 
zeln kämpfen, werden sie als Gesamtheit besiegt), sich 

203 



seitdem weidlich zunutze gemacht. Sie haben sich zusam- 
mengetan, Cliquen und Koterien gebildet, einer schwört 
auf den anderen, streicht ihn heraus, jeder macht den 
anderen berühmt, ganze journalistische Institute sind zu 
diesem Zwecke gebildet worden oder werden von ihm 
beherrscht, und so haben sie sich endlich eine große und 
furchtbare Autorität erworben, gegen welche selbst die 
Verdienstvollsten häufig Scheu tragen, anzukämpfen. 

So ist es denn dahin gekommen, daß die Produktion 
der geistigen Bildung in unserer Epoche etwa dem Gewebe 
der Penelope zu vergleichen ist. Wie die Königin selbst 
in der Nacht auftrennte, was sie am Tage gewebt, so wird 
jetzt diese Arbeit wirtschaftlicher, und den Gesetzen von 
der Teilung der Arbeit entsprechend, von verschiedenen 
Faktoren besorgt. Was unsere großen Denker, Dichter 
und Gelehrten mit großer reeller Mühe für die Entwick- 
lung des Geistes produzieren, das entstellen, verderben 
und vernichten jene „elenden Skribenten" wieder für alle 
diejenigen, welchen nicht Zeit und Möglichkeit gegeben ist, 
unmittelbar aus den Quellen selbst zu schöpfen, welche 
vielmehr auf Berichte aus zweiter Hand angewiesen sind, 
— also für die große Masse der Nation! 

Denn nicht nur, daß sie in ihren Urteilen hudeln, miß- 
handeln und niederschreien alles, was sie nicht verstehen 
und worüber sie kein Urteil, ja nicht einmal die für ein 
solches erforderlichen Elemente besitzen, — sondern, 
was noch viel schlimmer, selbst in den scheinbar tatsäch- 
lichen Berichten, welche sie dem Volke über die Lei- 
stungen seiner großen Geister geben, Berichte, welche die 
aus zweiter Hand Schöpfenden natürlich für wahr halten 
müssen, entstellen und fälschen sie gänzlich 
in ihrer groben Unwissenheit das, was diese Männer ge- 

204 



sagt, getan und gedacht haben; geben oft ohne Scheu das 
strikte Gegenteil dessen, was diese dachten und lehr- 
ten, für von ihnen gedacht und gelehrt aus ! Natürlich ! 
Bei ihrer gänzlichen Arbeitsscheu wäre es ihnen viel zu 
mühsam, sich wirklich über den Inhalt jener nur reeller 
Arbeit zugänglichen Produktionen zu unterrichten, und in 
der Regel macht ihnen das auch die eigentümliche geistige 
Dumpfheit, welche die Folge gedanken- und arbeitsloser 
Vielschreiberei ist, schon ganz und gar unmöglich. 

Um nun aber alle diese Sünden gegen die Bildung der 
Nation ungestraft begehen zu können, haben sich diese 
elenden Skribenten einen Stil erfunden, welcher selbst 
wieder vielleicht ihre schlimmste und gemeinschädlichste 
Sünde bildet. Sie haben aus den Schriften der Denker und 
Gelehrten sich einiger vornehmen Ausdrücke bemächtigt und 
mit Hilfe derselben sich eine eigene Art von gespreizter 
,, Bildungssprache" erzeugt, die einen wahren Triumph der 
modernen Bildung darstellt und zeigt, wohin es die Kunst 
bringen kann. Es ist eine nach den Gesetzen der belle- 
tristischen Routine kaleidoskopartig durcheinander gerüt- 
telte und geschüttelte Anzahl von Worten, die keinen Sinn 
geben, aber auf ein Haar so aussehen, als gäben sie 
einen solchen und einen erstaunlich tiefen ! Man muß oft 
ein erfahrener Setzer, ein scharf aufpassender Setzer 
sein, um mit Sicherheit zu ersehen, daß in diesem unbe- 
stimmten belletristischen Wortgeflimmer auch nicht die 
Spur eines Gedankens vorhanden ist, der Autor viel- 
mehr ganz bewußt einen Fandango auf Eiern tanzt, und 
sich ganz klar darüber ist, daß er bei dem ersten soliden 
Schritt einbrechen und seine erstaunliche Gedankenlosig- 
keit und Unwissenheit über den Gegenstand verraten 
würde. — Mein Julian ist vor allen unbestrittener 
Meister in dieser Kunst. 

205 



Die verheerenden Wirkungen, welche diese Kunst im 
großen Publikum anrichten mußte, sind evident. Das große 
Publikum, einen Gedanken unmöglich da herausfinden kön- 
nend, wo keiner vorliegt, und dennoch an eine Abwesen- 
heit jedes Gedankens infolge des gebildeten belletristischen 
Wortgewirres und des Ansehens des Autors nicht glauben 
könnend, mußte sich endlich gewöhnen, flimmernde Ne- 
belbilder für Gedanken zu halten und auch an 
sein eigenes Denken keine andere Anforderung zu 
stellen, als eine Verbindung unklar tönender Worte mit 
einem nach allen Seiten hin schielenden Reflexionsschein 
zu produzieren. 

So gerät alles bestimmte und scharfe Denken in 
der Gesellschaft außer Mode. Sogar die Forderung da- 
nach hört auf, und an seine Stelle treten in selbstverliebter 
Zufriedenheit jene nur nach dem verlogenen Schein 
eines Gedankens trachtenden Halluzinationen des Geistes. 

Solange nun diese Bande nur noch in den belletristischen 
Journalen etc. ihr Lager aufgeschlagen hatte, mochte es 
immer noch hingehen. Wenn sie aber gar, stolz und sicher 
gemacht durch ihre zuletzt erwähnte Erfindung, dazu über- 
geht, einen gelehrten Schein anzunehmen, große Werke 
zu schreiben, „Literaturgeschichte" zu produzieren, dann 
ist es Zeit und höchste Zeit. 

Est modus in rebus, sunt certi denique fines 1 ). 

Ja, mein Julian steht nicht allein. Stünde er al- 
le i n , ich würde ihn nicht angerührt haben ; nicht mit einer 
Zange ! Aber er ist nur der anerkannte Primas, der ge- 
salbte König, der gefeierte „Literarhistoriker" jener 



1 ) Die Dinge haben ihr Maß, schließlich gibt es gewisse 
Grenzen. D. H. 

206 



Bande. Er steht nicht allein, und es läßt sich hier der 
Spruch des Evangeliums umkehren : Einer ist be- 
rufen, aber viele wären auserwählt ! Nur darum habe 
ich ihn als den Bedeutendsten herausgegriffen, um ihn 
zur Kennzeichnung seiner ganzen Bande öffentlich zu ent- 
hüllen und ihn zu deinem Nutzen, liebes Publikum, auf 
hohem Berge vor versammeltem Volk zu schlachten, sicher, 
daß mir kein Engel in den Arm fallen und das geschwun- 
gene Schlachtschwert zurückhalten soll. 

Nein, er steht nicht allein, und wie sollte er auch 
allein stehen? Seine Literaturgeschichte hat in wenigen 
Jahren vier Auflagen erlebt, ein fast unerhörter Erfolg ! 
Fast in allen Blättern ist sie mit dem größten, überschweng- 
lichsten Lobe rezensiert worden; seine literarhistorische 
Autorität steht, wie ich oft selbst erfahren und wie viele 
andere mir berichten, unbestritten und fast kanonisch fest 
in den zahlreichsten Kreisen des großen Publikums, und 
vor wenigen Tagen hat ihn eine politische Partei — die 
Grabowiten — in seiner Qualität als „großer Mann" 
auserwählt, ihr Parteiprogramm mitzuunterschreiben. Nun, 
ich gratuliere den Grabowiten zu diesem Büchlein. 
Ihr Bildungsgrad wird sich jetzt nach dem Bildungsgrad 
ihres „großen Mannes" genau bemessen lassen, und »Ju- 
li a n d e r Grabowite" wird füglich der Ausdruck wer- 
den können, welcher den geistigen Höhepunkt dieser Partei 
kennzeichnet. 

Nun noch ein Wort zu Dir, mein liebes Publikum, 
vielleicht hast Du schon von selbst gemerkt, — und ich 
werde der letzte sein, es Dir zu verhehlen, — daß Du 
nicht ganz ohne Mitschuld an dem geschilderten Unwesen 
bist. Es hätte nicht entstehen, nicht diese Ausdehnung ge- 
winnen, nicht diese Autorität erlangen können, wenn Du, 

207 



Brust an Brust gedrängt, mannhafteren Widerstand geübt 
hättest. Aber gar viele unter Euch haben sich in den letzten 
Zeiten einem häßlichen Laster ergeben : der Wo r t b e - 
rauschung, die viel ungesunder und viel unnatürlicher 
ist als die We i n berauschung. Möge dies Büchlein als 
eine nützliche Kaltwasserkur gegen diese Krankheit dienen. 

Berlin, 22. März 1862. 



208 



Bd. II. S. 233 1 ). 

„Ein Zeitalter der sieben Weisen, das sich 
Gedanken darüber macht, welches das erstederDinge 
sei, ob die Materie in irgendeiner elementaren Form, 
oder das Atom oder die Zahl oder das Sein im all- 
gemeinen oder das Werden usw., ist" etc. 

Anm. d. Setzers. Das Atom wurde von Leucipp und 
Demo kr it, die Zahl von Pythagoras, das Sein von 
den Eleaten, das Werden von Heraklit für das Prinzip 
der Dinge erklärt. Diese Männer hält Herr Julian Schmidt 
also für die bekannten „sieben Weisen Griechenlands" 
(Solon, Bias von Priene, Pittakus von Mytilene, Kleobul, Chi- 
lon, Myson und Thaies) ! ! ! Das Zeitalter der sieben Weisen, 
Herr Schmidt, hat sich noch „keine Gedanken darüber ge- 
macht", welches das Prinzip der Dinge sei. Die Weisheit des 
Zeitalters der sieben Weisen, Herr Schmidt, besteht in gnomi- 
scher Lebensweisheit, in praktisch-verständigen Kernsprüchen 
sittlichen Inhalts — in Kernsprüchen von einem übrigens sehr 
berücksichtigenswerten Inhalt, Herr Schmidt, wie z. B. „Besser 
Schade als Schande" oder „Beherrsche dein Maul" 
(ylo)rcr]<; cigye) und andere, die Sie in den Sammlungen bei 
Stobäus und Diogenes hätten nachsehen können — und hat 
nichts mit der ionischen Naturphilosophie und den pytha- 
goreisch-metaphysischen Spekulationen etc. zu tun. Das Zeit- 
alter der sieben Weisen, Herr Schmidt, ist die dem Zeitalter 
der griechischen Philosophie vorhergehende Epoche, das 
ihr vorhergehende Jahrhundert, und wird niemals 



*) Julian Schmidt, Geschichte der deutschen Literatur. 
Vierte Auflage. Leipzig 1858. F. L. Herbig. 

14 L«3iU e . Ges. Scnriften. Band VI. 209 



zur griechischen Philosophie gerechnet. Thaies ist der 
einzige, der ebenso wie er die jonische Philosophie beginnt, 
andrerseits noch zu den sieben Weisen gerechnet wird und den 
Übergang jener praktischen Lebensweisheit in die Philosophie, 
die Untersuchung über das Prinzip der Dinge, darstellt. 

Ein befreundeter Tertianer, von dem ich diese ganze Weis- 
heit habe und der sie mir in seinem Leitfaden für die höheren 
Gymnasialklassen nachwies, lachte bis zu Tränen über diese 
Verwechselung der „sieben Weisen" mit den Stiftern der demo- 
kritischen, pythagoräischen, eleatischen und heraklitischen Philo- 
sophie. Er versicherte mir, daß dies das non plus ultra krassester 
Ignoranz sei, und daß er zuverlässig von seinem Lehrer mit 
Ohrfeigen bedient werden würde, wenn er sich derselben schul- 
dig machte. 

Mein Tertianer hat übrigens einen Hauslehrer, Herr Schmidt, 
einen Studenten. Und der hat mir die Erlaubnis gegeben, ihn 
gleichfalls hin und wieder zu konsultieren, wenn ich Dinge bei 
Ihnen fände, die meinen Setzerhorizont übersteigen ! Übrigens 
meint er, daß sich Ihr herrliches Werk manchmal in Prosa gar 
nicht charakterisieren lasse. Oft sei dies nur der Poesie ge- 
geben. Die erforderlichen Verschen versprach er mir aus seiner 
Lektüre zu liefern. Einstweilen hält er sich Ihnen bestens emp- 
fohlen! 



Bd. II. S. 100 

heißt es über G entz : „Am meisten haben ihm die Briefe 
an R a h e 1 geschadet. Er nennt sich in diesen Briefen das 
erste aller Weiber, höllisch blasiert, teuflisch kalt 
usw., kurz, man kann sich kaum eine Injurie denken, die er 
sich nicht selbst sagte. Auf diese Einfälle hat man 
aber einen zu großen Wert gelegt. Zunächst muß man seine 
Neigung zu Superlativen abrechnen ; die Hauptsache aber 
ist, daß jene geistvolle Frau mit ihren Paradoxien alle ihre 
Korrespondenten veranlaßte, Worte miteinander zu kom- 
binieren, die nicht zusammengehören. Keiner war dieser 
Verführung so ausgesetzt als Gentz, der mit seinem großen 

210 



geselligen Talent die Neigung verband, sich stets in der 
Sprache derer auszudrücken, mit denen er verkehrte. Rahel 
hatte ihm durch den ,, schönen Ekel" so imponiert, daß er 
sie notwendig überbieten mußte, und dabei kam es ihm 
auf einen Grad mehr oder weniger nicht an. Eristaber 
in keinem Augenblick seines Lebens blasiert 
gewesen, am wenigsten in der Zeit von 1803 — 9, wo 
eine große Idee seine Seele mit edler Leidenschaft durch- 
drang." 

Anm. d. Setzers. Es steht also fest, Herr Schmidt, Gentz ist, 
was er auch selber in seinen Briefen an Rahel sagen möge, nie- 
mals blasiert gewesen, Ihre „höhere Kritik" beweist es! Wie 
Ihre Leser bewundernd mit geöffnetem Munde Sie anstieren 
müssen, großer Mann, vor dessen überlegenem Blick sogar die 
eigenen Eingeständnisse von Gentz in nichts verschwinden! 
Auch ich werde nicht versuchen, Sie zu widerlegen. Wie wäre 
mir das gegeben! Ich werde Sie im Gegenteil nur bitten, Herr 
Schmidt, mit mir festzuhalten, recht fest, daß Gentz niemals 
blasiert war, „in keinem Augenblick seines Lebens", 
wie Sie oben ausdrücklich sagen, und wie Sie daselbst ebenso 
ausdrücklich hinzufügen, „am wenigsten" in der Zeit jener 
Briefe an Rahel, „wo eine große Idee seine Seele mit edler 
Leidenschaft durchdrang", nämlich die Idee eines deutschen 
Aufschwungs gegen die Napoleonische Herrschaft. 

Aber zweihundert Seiten später in Ihrem unsterblichen Werke, 
Herr Schmidt, beurteilen Sie noch einmal denselben Mann 
und dieselben Briefe aus derselben Periode, und auch 
noch ganz speziell denselben Brief an Rahel: „Ich bin 
höllisch blasiert" etc., den Sie oben besprechen, und lassen 
sich hier an dieser zweiten Stelle, S. 390 Ihres Werkes, darüber 
vernehmen wie folgt: „Wenn Gentz im Herbste 1810 an Rahel 
schreibt: ,Ich bin höllisch blasiert und habe soviel von 
der Welt gesehen und genossen, daß man mit Illusionen und 
Schaugepränge nichts mehr bei mir ausrichtet', wenn er Adam 
Müller gesteht, daß er sich in einer Abspannung, einer Mut- 
losigkeit, einer Leere und Indifferenz befände, wie er sie nie 
gekannt, noch geahnt habe, wenn er seinen Zustand einer gei- 

14» 211 



stigen Auszehrung vergleicht, und verzweifelt, sich durch 
eigne Anstrengung aus demselben befreien zu können, so ist 
eine — tiefe Wahrheit in diesen Geständnissen"!!! 
Wenn ein Schüler seinem Lehrer einen deutschen Aufsatz 
einreichte, in welchem er sich in so unmittelbarer Weise selbst 
widerspräche, würde der Lehrer ihm nicht das Pensum immer 
abwechselnd rechts und links um die Ohren schlagen ? Aber so 
schreibt man bei uns Literaturgeschichte! 

Nun weiß ich zwar wohl, Herr Schmidt, was Sie zu Ihrer 
Entschuldigung sagen werden. Sie werden sagen, Sie hätten auf 
S. 100 Ihres Werks einen solchen Journalartikel abgeschrie- 
ben und auf S. 390 wieder einen andern! Aber begreifen Sie 
denn nicht, daß man zu diesem nobeln Metier wenigstens einiges 
Gedächtnis braucht? Ja, ja! Aristophanes hat schon recht 
gehabt, sagt mein Student, wenn er seinen Sophisten über den 
hartköpfigen Strepsiades klagen läßt: 

„Beim Atem schwör' ich's, bei der Luft, beim Chaos! 

Nein, solchen Tölpel sah ich doch noch nie! 

So bäu'risch linkisch, so stupid vergeßlich, 

Der nicht die kleinste Düftelei kapiert 

Und kaum gelernt, vergißt. 

(Aristophanes, Wolken, V. 623 ff.) 



Bd. II. S. 195. 

„Daher ist es gekommen, daß sich nicht, wie bei den 
Griechen, aus dem Vorrat alter Nationalsagen, eine 
deutsche Historie entwickelt hat." 

Anm. d. Setzers. Bei den Griechen also hat sich die Hi- 
storie aus dem „Vorrat alter Nationalsagen entwickelt"! Die 
spartanische Verfassung und der peloponnesische Krieg, die 
perikleische Obolenbesoldung der Richter und die Herrschaft 
des Trasybull — was sind das anders als Entwicklungen eines 
„Vorrats alter Nationalsagen" ? Entweder unser untergeordneter 
Setzerverstand täuscht uns sehr, oder die Sache hängt so zu- 
sammen. Herr Julian Schmidt hat einmal gelesen, was in den 
meisten Leitfäden über Griechenland zu lesen ist, daß die 
hellenische Poesie, insbesondere die attische Tragödie, eine 

212 



Entwicklung „eines Vorrats alter Nationalsagen" sei. Wie in 
der Ferne verklingendes Glockengeläute — bim! bam! bam! 
bim ! — summt ihm eine unklare Erinnerung hieran in den Ohren 
herum, und da mit Recht, wie bei der gänzlichen Abwesenheit 
des Lichtes, der Nacht, alle Katzen grau, auch bei der gänz- 
lichen Abwesenheit des Gedankens alle Dinge gleich sind, so 
setzt Herr Schmidt die Geschichte hier an die Stelle der 
Kunst. Es wäre schikanös wegen einer so geringfügigen Ver- 
wechslung eine Schwierigkeit zu erheben! Bim, bam, bam, bim! 



Bd. II. S. 301. 
„Die Tonart der schwäbischen Schule hat 
sich über alle Provinzen unseres Vaterlandes verbreitet 
und ist die Grundmelodie unserer Gemütlichkeit geworden. 
Seitdem vollends das Lorle alle Bühnen entzückt hat, muß 
man notwendigerweise schwäbeln, wenn man Gemüt zeigen 
will. Allein der provinzielle Typus hat sich in 
Schwabennicht bloß auf die Lyriker erstreckt. 
Nicht bloß bei Hauffs Novellen, nicht bloß bei Auer- 
bachs Dorfgeschichten, nicht bloß bei Wolfgang Menzels 
verzerrter Deutschtümelei erkennt man Anklänge an 
den Schwabenspiegel heraus, sondern selbst in 
den Werken so verschieden angelegter Naturen, wie Strauß 
oder Vischer" ! ! 

Anm. d. Setzers. Alle guten Geister loben Gott den Herrn ! ! ! 
Herr Schmidt hält hier den „Schwaben Spiegel", das be- 
rühmte mittelalterliche Rechtsbuch, welches am Ende des 13. Jahr- 
hunderts zusammengestellt wurde, für ein typisches, maßgeben- 
des Werk der schwäbischen Poesie, für eine Sammlung lyrischer 
Gedichte der schwäbischen Dichterschule ! ! ! Donner-Bomben- 
Wachsstock-Sapperment ! ! 

Herr Schmidt ! Wenn Sie nur ein einziges Mal, ehe Sie Ihre^ 
Literaturgeschichte schrieben, in den „Schwabenspiegel" geblickt 
hätten, es hätte die wohltätigsten Folgen haben können! Sie 
hätten da den Rechtsgrundsatz gefunden (Kap. CLIV) : „Ein 
jeglich man sol den schaden gelten, der von ihm geschiht" und 

213 



das hätte Sie wohl bedenklich machen können, eine Literatur- 
geschichte zu schreiben! Sie hätten da gefunden, mit welcher 
Sorgfalt unsere Altvordern die Frage prüften, ob ein Knabe 
mit Recht zum Mönch — die damaligen Gelehrten, Herr 
Schmidt, die damaligen Literarhistoriker — gemacht wor- 
den sei. Kap. XXVII : „Man sol im grifen oben an den munt 
under der nase; vindet man da kleinez har, daz ist ein geziuge. 
Man sol im grifen under die uohsen; vindet man da kleinez 
har, daz ist der ander geziuge. Man sol im grifen under diu 
bein, und vindet man da — " und so weiter, Herr Schmidt. 
Wenn Sie sich nun mit allen diesen Griffen geprüft hätten, 
und überall nur die nackte Blöße Ihrer Unwissenheit 
gefunden hätten, nirgends ein Haar, so hätten Sie es wohl sein 
lassen, eine Literaturgeschichte zu schreiben. — 

Aber Ihre Leser werden mit staunender Verwunderung 
fragen : Wie kann man g a r so unwissend sein ? Wie kann man 
den „Schwabenspiegel" für ein Werk halten, welches den „pro- 
vinziellen Typus" der schwäbischen Poesie in sich enthält, und 
an welches man daher „Anklänge" bei schwäbischen Roman- 
schriftstellern, Gelehrten, Denkern und Theologen finden will? 
Woher nimmt man endlich die Sicherheit, so etwas drucken 
zu lassen? — Ich will" das Ihren Lesern erklären, um sie schon 
hier einen deutlichen Einblick in Ihre ganze Methode tun zu 
lassen, die sich uns immer klarer enthüllen wird. 

Im Jahre 1838 benutzte Heinrich Heine den berühmten 
Namen des „Schwabenspiegels", um denselben mit einer geist- 
reichen Allusion als Titel für einen kleinen, zehn Oktavseiten 
langen, in periodischen Blättern erschienenen räsonierenden 
Aufsatz zu nehmen, in welchem er die Herren Carolus Mayer, 
Gustav Schwab, Justinus Kerner und andere Dichter der schwa- 
bischen Dichterschule angreift. Von diesem Aufsatz haben Sie 
gehört — Sie erwähnen ihn selbst an einer andern Stelle in 
Ihrem Werke — und schließen nun aus diesem Titel, daß 
der „Schwabenspiegel" ein Werk der schwäbischen Dichter- 
schule sein müsse, das Heine hier verhöhnen wolle. An den 
rleineschen Aufsatz selbst, Herr Schmidt, können Sie — nein, 
ich muß bitten, keine Verdunkelung, nur keine Verdunkelung, 
Herr Schmidt — in Ihren oben zitierten Worten durchaus nicht 
denken. Und zwar aus sehr vielen Gründen nicht. Erstens weil 

214 



jener Heinesche Schwabenspiegel ein sehr unbedeutender und 
ziemlich unbekannt gebliebener Artikel ist, an den bei der Be- 
rühmtheit jenes „Schwabenspiegels" kein Mensch denken kann, 
wo bloß von dem „Schwabenspiegel* die Rede ist und den Sie 
mindestens dann als den Heineschen „Schwabenspiegel" 
hätten bezeichnen müssen. Zweitens deshalb nicht, weil, wenn 
selbst Heine in seinem Schwabenspiegel die Manier der schwä- 
bischen Dichter spöttisch nachgeahmt oder geschildert hätte, 
man ja dann durchaus nicht sagen könnte, daß man in schwä- 
belnden Schriftstellern „Anklänge" erkenne an einen Auf satz, 
in welchem jene Manier nicht positiv auftritt, sondern nur ne- 
giert und ironisiert wäre. Drittens aber — und dieser 
Grund, beseitigt vollends alle falschen und schiefen Ausflüchte, 
die Sie im Kreise Ihrer Bekannten herstammeln könnten — 
deshalb nicht, weil Heine in seinem Schwabenspiegel auch 
durchaus nicht die Manier der schwäbischen Poesie nachahmt 
oder irgendwie schildert. Sondern er treibt da nur in seiner 
geistreichen Weise Allotria und Narrenspossen, neckt Justinu9 
Kerner mit seinem Geisterglauben, Carl Mayer mit einer Statue, 
die man ihm in Waiblingen setzen werde, verhöhnt Menzel 
wegen seiner Feigheit, erzählt von einer schönen Schwäbin, die 
ihn mit ihrem Hasse verfolge, und wirft Gustav Pfizer falsche 
Zitate vor. Das ist alles, wie sich jeder überzeugen kann, der 
den fünften Band der amerikanischen Ausgabe von Heines 
Werken zur Hand nimmt. Da gibt es also nichts „anzu- 
klingen", und am wenigsten für die Werke schwäbelnder 
Autoren. 

Die geistreiche Allusion des Heineschen Titels induziert Sie 
also, in fidem Heines anzunehmen, daß der „Schwabenspiegel" 
— ein Name, den Sie natürlich hin und wieder gehört hatten, 
ohne sich zu erinnern in welchem Zusammenhange — eine für 
den „provinziellen Typus" der schwäbischen Poesie maßgebende 
Sammlung lyrischer Gedichte sein müsse! 

Nun, diese Unwissenheit ist freilich grauenvoll. Sie ist 
ein Verbrechen für jemand, der eine Literaturgeschichte 
schreibt. Aber sie ist doch das Schlimmste bei der Sache noch 
nicht. Das Schlimmste kommt nun. Kaum haben Sie diesen 
Schluß gemacht, daß der „Schwabenspiegel" ein solches Werk 
sein müsse, als Sie den Kopf gedankenvoll in die Hand stützen 

215 



und mit tiefsinniger Kennermiene erklären, daß Sie „nicht bloß 
bei Hauffs Novellen, nicht bloß bei Auerbachs Dorfgeschichten, 
nicht bloß bei Menzels verzerrter Deutschtümelei, sondern selbst 
in den Werken so verschieden angelegter Naturen wie 
Strauß oder Vischer Anklänge erkennen an — den 
„Schwaben spie gel", an ein Buch, das Sie zu Ihrem Un- 
glück nie zur Hand genommen! Es ist diese gewissen- 
lose Frivolität, diese freche Windbeutelei, dieser super- 
lativische Humbug, den Sie mit ernsten Dingen und mit einem 
Publikum treiben, das sich ernsthaft belehren will, es ist diese 
tiefe Unsittlichkeit, die noch viel schlimmer ist als Ihre stu- 
pende Ignoranz. 

Das ist Ihre Methode, Herr Schmidt, und freilich ist 
sie eine blendende ! Wie so manche Ihrer Leser bewundernd vor 
Ihnen dagestanden haben mögen : „Der Strauß und der Vischer, 
das denken zwei Philosophen zu sein, der eine ein Theologe, 
der andere ein Ästhetiker: zwei ganz verschiedene Gebiete. 
Aber der Schmidt, der blickt sie gleich durch und durch! Aus 
beiden klingt der Schwabenspiegel 'raus. Der Schmidt hat's 
gleich fort. Es ist doch ein verfluchter Kerl !" 

Brauche ich endlich erst noch darauf hinzudeuten, daß Sie 
hier ein gedoppeltes Wunder zu Wege bringen? Daß Sie 
nämlich „Strauß oder Vischer" ebensowenig kennen, wie den 
„Schwabenspiegel" und daß Sie also vermöge der Ihnen eigen- 
tümlichen kritischen Intuition hier „Anklänge" aneinander in 
zwei Werken entdecken, von denen Sie keins von beiden 
gelesen haben? Wer diesem Büchlein bis zu Ende folgt, der 
wird das nicht bezweifeln. 



_ Bd. II. S. 1. 

„Seine (Goethes) Lieblingsgestalten sind Virtuosen 
mit vielseitiger Empfänglichkeit ohne ideelen In- 
halt und ohne Ehrfurcht vor der realen Welt; auch 
Faust (I!) 1 ) denn (!) sein Bund mit dem Teufel be- 
ruhte wesentlich auf Abneigung gegen — Einseitig- 
keit der Bildung und Beschäftigung 2 ). In der Gesell- 
schaft und in den Dichtungen der späteren Romantiker 

216 



wird dieser Dilettantismus 3 ) ins Große ge- 
trieben" 4 ). 

x ) Anm. d. Setzers. Goethes Faust „ohne ideellen In- 
halt"!!! Recht so, Herr Schmidt: 

„Des diamantnen Keiles schonungslosen Zahn 
Hier durch die Brust hin treib' ihm den mit aller Kraft." 

(Äschylos Prometheus.) 

2 ) Und welch reizender Grund! Der Faust ist deshalb 
ohne ideellen Inhalt, weil er angeblich beruht auf Abneigung 
— ».gegen Einseitigkeit der Bildung und Beschäftigung". 

3 ) Der Dilettantismus des Faust! 

4 ) Also Faust ist „ohne ideellen Inhalt"! Es ist etwas 
in dieser Entdeckung, was einem auf die Brust fällt und den 
Atem beklemmt ! Besonders aber auch etwas, was einen besorgt 
macht um das Schicksal des Entdeckers, denn Sie wissen, Herr 
Schmidt, es ist noch allen großen Entdeckern schlimm ergangen, 
Columbus wie Galilei und so vielen andern. Und Sie werden 
zugeben, Herr Schmidt, mit einem Manne, vor dessen Titanen- 
geist selbst der Faust zu einem bloßen „Dilettantismus", zu 
einer Gestalt „ohne ideellen Inhalt" herabsinkt, — mit dem darf 
man es scharf nehmen, Herr Schmidt! 

„So heb ich an : Legt nimmer hin 
Die Scham, die aller Zucht Beginn. 
Schamloser Mann, wie taugte der? 
Als ob er in der Mause war, 
So rieselt von ihm Würdigkeit 
Und weist ihn zu der Hölle Leid." 
(Parzival III. 170.) 



Bd. II. S. 161. 

Über die Bedeutung des Mephistopheles im Faust : 
„Der Geist, der stets verneint, ist nicht eine Persönlich- 
keit, sondern eine Abstraktion, die Abstraktion der 
Altklugheit — " 

Anm. d. Setzers. O, Herr Julian Schmidt, glauben Sie wirk- 
lich, Goethe habe im Mephistopheles Sie vorausahnend schil- 
dern wollen, Sie, der Sie allerdings alles und jedes, Goethe und 

217 



Schiller, Platen und Immermann, Fichte und Hegel, Unland 
und Schlegel, Creuzer und Kegel herunterreißen und verneinen? 
Goethe hat allerdings wohl nicht an Sie gedacht, dennoch emp- 
fangen Sie für die obige Stelle meinen wärmsten Dank. Denn 
wenn ich oft und lange vergeblich darüber nachgedacht habe, 
warum Sie wohl eigentlich die klassische Richtung und die Ro- 
mantik, die alte und die neue Philosophie, die historische Schule 
und die vergleichende Sprachforschung, die Mythologie und die 
orientalischen Studien, kurz alles und noch einiges darüber, von 
welchem allen Sie gleichmäßig nichts verstehen, her- 
unterreißen, so bin ich jetzt durch dieses in einem unbewachten 
Augenblick Ihnen entschlüpfende Geständnis ein für allemal 
über die Quelle belehrt, aus welcher Ihre steten Verneinungen 
fließen: aus Altklugheit! Dank für den Schlüssel, Herr 
Schmidt ! 



Bd. IL S. 161. 

Weiter über Goethes Faust : „Der Dichter nimmt zwar 
von Zeit zu Zeit einen Anlauf, durch das mittelalterliche 
Kostüm dieser Altklugheit eine bestimmte Färbung zu 
geben. Aber so schön ihm das in einzelnen Momenten ge- 
lingt, namentlich wenn er dem platten Menschenverstand 
durch tollen, übermütigen Humor die poetische Farbe gibt, 
er fällt fortwährend aus der Rolle und w i r 
überzeugen uns am Ende, daß Faust gar nicht 
nötig gehabt hätte, sich diesem Teufel zu verschreiben, 
sich ihn als Ergänzung heraufzubeschwören, da er ihn 
ja als Ergänzung seines exzentrischen Gefühls in seinem 
eigenen Innern trägt." 

Anm. d. Setzers. O du dummer Goethe ! Wenn du doch das 
Glück gehabt hättest, Herrn Julian Schmidt zu kennen und von 
seinen tiefsinnigen Ratschlägen zu profitieren ! Denn dann wür- 
dest du gewußt haben, daß du, um nicht „aus der Rolle zu 
fallen", den Faust sich einem solchen Teufel vorschreiben 
lassen mußtest, den er nicht in seinem eignen Innern trug!! 
Nichts klarer als das ! O Goethe, Goethe ! 

218 



Wer roufet mich da nie kein här 
gewuohs, inne an miner hant? 
der hat vil nahe griffe erkant. 
(Parzival I, 1.) 



Bd. IL S. 160. 

Über den Goetheschen Faust: „Wohl mußte jedes 
kräftige Herz ergriffen werden; es war die höchste Ver- 
einigung des gesunden Menschenverstandes (1) 
und des überquellenden Gefühls." 

Anm. d. Setzers. Beneidenswerter Geist ! Zu welcher Klein- 
kinderfibel unter Ihren Händen die tiefsten Meisterwerke unserer 
Literatur heruntersinken ! Mephisto die „Abstraktion der Alt- 
klugheit", Faust selbst auf , .Abneigung gegen Einseitigkeit der 
Bildung und Beschäftigung" beruhend, der Fehler des Dramas 
darin liegend, daß Faust sich einem solchen Teufel ergibt, den 
er ohnehin schon in sich trägt, und nicht vielmehr einem 
solchen, der ganz außerhalb seiner steht und ihm daher für 
irgendeinen äußerlichen Kaufpreis, etwa eine Geldbörse und 
ein Linsengericht, seine Seele abkauft, das Große der Tragödie 
aber wieder in dieser engen Vereinigung von ,, gesundem Men- 
schenverstand und überquellendem Gefühl" liegend — Sie haben 
ganz recht, Herr Schmidt, hier hätten wir wirklich einen Faust, 
in bezug auf den ich ganz mit Ihnen einverstanden bin, daß er 
vollständig „ohne ideellen Inhalt" ! 



Bd. IL S. 162. 
Immer weiter über Goethes Faust : ,,Es ist Goethe in 
dieser Dichtung nicht gelungen (!!), wie in seinen üb- 
rigen Werken, seine Seele von einer Last, die er nicht 
abwerfen konnte, durch dichterische Darstellung zu be- 
freien ; es ist ihm nicht gelungen, sich über die Einseitig- 
keit seines Helden zu erheben, weil es ihm nicht gelang, 
ihn vollständig darzustellen. Die einzelnen Momente, das 
Verhältnis zu Gretchen, das Verhältnis zu Mephistopheles, 

219 



das Verhältnis zu Wagner gehören seiner Seele an ; 
daß er sie aber kombinierte, war ein We r k d e r 
Reflexion." 

Anm. d. Setzers. O Phraseologie, was schmeckst du prächtig ! 



Bd. II. S. 447. 
Über Goethe in seinem Alter : ,,Aber in seinen Dich- 
tungen herrscht ein ängstliches Bestreben nach Analyse, 
noch ehe die Gegenstände Gestalt gewonnen 
( ! !), und daneben die Neigung, im entscheidenden 
Augenblick vor einer Unauflöslichkeit stehen 
zu bleiben ( !) 1 ), so daß wir noch die einzelnen 
Worte verstehen, aber nicht mehr den Sinn, in dem 
sie kombiniert sind" 2 ). 

*) Anm. d. Setzers. O du heiliger Blödsinn ! Wie prächtig 
eignet sich doch die „Bildungssprache" dazu, unter großer Prä- 
tention einen Unsinn hinzustellen, der in der schlichten sinn- 
lichen Kutschersprache des gewöhnlichen Lebens sich vor sich 
selber schämen würde. Nicht wahr, Herr Schmidt, die chao- 
tische Gedankenlosigkeit und Verwirrung läßt sich in dem weit- 
bauschigen wolkigen Ref lektionsstil dieser Substantiva abstracta 
so drapieren, daß sie wie tiefster Gedankenreichtum aussieht. 
Nicht wahr, Herr Schmidt, Sie haben auch mit den aristopha- 
nischen Sophisten erkannt: 

— — daß kein anderes göttliches Wesen 
Existiert als allein diese heiligen drei: das Chaos, die 
Wolken, die Zunge. 
(Aristophanes, Wolken, V. 420 ff.) 

Doch wir werden noch weit glänzendere Belege dieses Ihres 
Gottesdienstes bei Ihnen treffen. 

2 ) Aber, Herr Schmidt, wie können Sie nur so unvorsichtig 
das Geheimnis der Methode verraten, nach der Sie arbeiten. 
Sie konnten sich gar nicht besser selbst charakterisieren! Sie 
fügen Worte zusammen, die in ihrer Kombination jeden Sinn 
verlieren und nur deshalb bei oberflächlichem Darüberhingehen 
einen solchen zu haben scheinen, weil jedem einzelnen dieser 

220 



ehrlichen, guten, gemißbrauchten Worte ein Sinn zukommen 
würde. Wie kann man nur zu gleicher Zeit so unvorsichtig gegen 
sich selbst und so frech gegen Goethe sein! 
,,gebt rehter maze ir orden 
ich pin wol innen worden 
daz ir rätes dürftic sit: 
nu lat der unfuoge ir strit" 
oder um Ihnen das Verständnis durch Simrocks Übersetzung 
zu erleichtern: 

Das rechte Maß sei euer Orden. 
Ich bin wohl inne geworden, 
Daß Ihr ratbedürftig seid: 
Nun meidet Ungezogenheit. 

(Parzival I, 171.) 



Bd. IL S. 453. 
„Er (Goethe) konnte die Romantik, die ihre düste- 
ren Schwingen über seine goldene Zeit verbreitete, nicht 
los werden, sich nicht ins Freie kämpfen." 

Anm. d. Setzers. Goethe ein Romantiker ! Goethe, der sich 
nicht zur Julian-Schmidtschen Freiheit durchkämpfen kann! 



Bd. II. S. 455. 
„Für Goethe selbst war diese Abwendung zum Orient 
eine innere Notwendigkeit. Die schöne, aber exotische 
Pflanze des griechischen Lebens mußte verblühen, sobald 
der Sturm und Drang einer wilden Weltbewegung in das 
stille Heiligtum der Kunst einbrach." 

Anm. d. Setzers. Nichts köstlicher, als wenn Herr Schmidt 
seine tiefen Entdeckungen über die innere Notwendigkeit in 
dem Entwicklungsgang unserer Dichter vorträgt ! Weil eine 
wilde Weltbewegung — die Freiheitskriege — hereinbricht, so 
muß vor diesem Sturm und Drang die schöne aber exotische 
Pflanze des griechischen Lebens verblühen und Goethe muß 
sich aus dem stillen Heiligtum der griechischen Kunst, die doch 
wenigstens durch unsre ganze Bildung mit unserem geistigen 

221 



Leben zu einigem Zusammenhang verwachsen war, zu der — 
noch fremderen Pflanze der orientalischen Poesie flüch- 
ten, in das noch stillere Heiligtum des west-östlichen Divans 
treten ! Est-ce clair ? Wer's nicht glaubt, zahlt einen Taler. 
Bim, bam! 

Bd. II. S. 225. 
Es ist von Creuzers mythologischen Forschungen die 
Rede: „Eine lebhafte Vorstellung geht aus diesem scho- 
lastischen (?!) Durcheinander umsoweniger hervor, 
da Creuzer eigentlich eine trockene Natur ist (!!!), 
der es mehr auf das Register (??!!) als den Inhalt 
ankommt." 

Anm. d. Setzers. Nun, was die „trockene Natur Creuzers 
betrifft, — denn der in den andern unterstrichenen Worten ent- 
haltene Blödsinn soll sich, wie mir mein Freund, der Student, 
sagte, nicht so in der Kürze ins Klare setzen lassen — »o 
machen freilich dem Vernehmen nach diejenigen, die etwas 
davon verstehen, Creuzern gerade nur das Gegenteil zum 
Vorwurf, finden, daß er gerade an dem entgegengesetzten 1 
Extrem laboriere, nicht trocken und kritisch genug zu sein. 
Aber das ist nun ganz egal ! Er hat seinen Klecks fort ! Er ist 
eine „trockne Natur" und ein Registerkerl ! Hurrjeh, wie wird 
es nur den andern noch ergehen! 

Herr Schmidt, Herr Schmidt, 
Was kriegt das Julchen mit? 
Herr Schmidt, Herr Schmidt, 
Was kriegt das Jettchen mit? 
Ihr Buch, Herr Schmidt, ist das leibhaftige Bild der Ogers- 
höhle bei Ariost: 

„Da haust ein Riese, gräßlich anzuschauen; 
Er ragt acht Fuß ob jedem Mann hinaus, 
Kein Ritter und kein Pilger mag vertrauen, 
Er komme lebend aus des Wütrichs Haus. 
Den schlachtet er, den schindet er elendig 
Den vierteilt er, den frißt er gar lebendig." 

(Ariost, Ras. Roland XV, 43.) 

222 



Bd. II. S. 232. 

Gegen Lobeck, Hermann und Voß : „Auf folgenden 
Umstand haben sie keine Aufmerksamkeit gewandt. In 
jeder Religion, die eine Geschichte hat, findet man ein 
doppeltes na tur symbolisches Moment, ein 
ursprüngliches und ein reflektiertes 1 ). Der 
erste Ursprung aller Religion ist natursymboiisch, denn 
göttlich ist dem Menschen ursprünglich, was er nicht ver- 
steht. Die Handlungsweise der Menschen versteht er und 
weiß ihrer feindlichen Einwirkung zu begegnen ; den Grund 
der physikalischen Erscheinungen dagegen weiß er sich 
aus seiner Natur heraus nicht zu erklären, er flieht voll 
Entsetzen, oder er wirft sich vor der unbekannten Ursache 
derselben in den Staub, wie es dem Wilden ziemt, der 
noch nicht weiß, daß der Geist über die Natur erhaben 
ist. Diese naive Natursymbolik (!!!) 2 ) des 
Schreckens, aus welcher der Begriff des Göttlichen her- 
vorgeht, ist aber wohl zu unterscheiden von einer zweiten 
reflektierten Natursymbolik 3 ), die ihre Spe- 
kulationen in die bereits vorhandene Religion überträgt" 4 ). 

1 ) Anm. d. Setzers. Bim, bam, bam, bim! 

2 ) Bim, bam, bam, bim! 

3 ) Bim, bam, bam, bim ! 

*) ,,Die hohe Kraft der Wissenschaft, 

Der ganzen Welt verborgen, 
Und wer nicht denkt, dem wird's geschenkt, 
Der hat sie ohne Sorgen." 
Übrigens. Herr Schmidt, wenn Sie sagen, „denn göttlich ist 
dem Menschen ursprünglich, was er nicht versteht", so ist 
das ja schon ganz sinnfällig, nicht wahr. Denn Ihnen müßte 
ja sonst die ganze deutsche Literatur göttlich sein ! Oder sollte 
vielleicht der Fortschritt der Kulturentwicklung gerade darin 
bestehen, daß der Mensch ursprünglich anbetet, später aber 
beschimpft, was er nicht versteht? 



223 



Bd. IL S. 352. 
„Ihr (der romantischen Schule) Prinzip bestand darin, 
daß der poetische Glaube, das poetische Lebenselement ein 
anderes sein müsse als das Lebenselement der Wirk- 
lichkeit — und in diesem Grundirrtum lag ihre Ver- 
wandtschaft mit dem Katholizismus 1 ). Der Pro- 
testantismus nahm die Gegensätze des Göttlichen und des 
Irdischen in das menschliche Herz auf 2 ), wo 
siesichinkonkreterFülleentfalteten 3 ); wäh- 
rend sowohl in der alten Kirche wie in dem neuen 
Jesuitismus der Himmel und die Erde zwei 
We lten waren, die sich ganz äußerlich be- 
kämpften" 4 ). 

*) Anm. d. Setzers. Tout au contraire, umgekehrt, im Gegen- 
teil, mein verehrter Herr Schmidt, wenn Sie erlauben! Hierin 
— in dem Gegensatz des ideellen Elements mit der Wirklich- 
keit — würde vielmehr die Verwandtschaft der romantischen 
Schule mit dem Protestantismus liegen. Denn der Katho- 
lizismus, verehrter Gelehrte, hat zu seinem Prinzip gerade 
die Einheit des ideellen Elements und der Wirklichkeit, eine 
Versöhnung, die er in Kirche, Kunst und Staat durchzuführen 
sucht. Der Protestantismus dagegen, ausgehend von der Er- 
kenntnis der Unwahrheit dieser im Katholizismus behaupteten 
und erstrebten Versöhnung, ausgehend von der Erkenntnis der 
schlechthinnigen Veräußerlichung und Selbstentfrem- 
dung, in welche das ideelle Element in diesem Streben nach 
Einheit mit der Wirklichkeit geraten ist, gibt diese Versöhnung 
wieder auf, vollbringt die radikale Trennung des ideellen 
Elements und der Wirklichkeit und läßt jede von beiden Sphären 
sich frei für sich entfalten. Gerade hierdurch kommt es dazu, 
daß im Verlauf der Jahrhunderte die vom Protestantismus aus- 
gegangene Wissenschaft durch diese ihre exklusive Vertiefung 
in das ideelle Element das Prinzip der Identität des Ideellen 
und der Wirklichkeit entdeckt und nun eine viel umfassendere 
und radikalere Versöhnung beider, als der Katholizismus war. 
hervorzubringen strebt. 

224 



So sind die Dinge in der Wirklichkeit zugegangen, Herr 
Schmidt! Aber was kommt es Ihnen darauf an! Was macht es 
Ihnen, für das Prinzip des Katholizismus zu halten, was das 
Prinzip des Protestantismus ist ? ! 

,,Denn anders als in andern Menschenköpfen 
Gestaltet sich in diesem Kopf die Welt!" 

2 ) Bim, bam ! Also „ins menschliche Herz" nahm der Pro- 
testantismus „die Gegensätze des Göttlichen und des Irdischen 
auf"! Es ist erstaunlich! Aber wo anders sollte er sie denn 
überhaupt aufnehmen können? Der Denker nimmt diese Gegen- 
sätze in den Kopf auf, Sie, Herr Schmidt, nehmen sie in 
die Feder auf, und jeder Gläubiger nimmt sie ins Herz 
auf, ob Protestant oder Katholik. Also nicht dies, daß er sie 
ins Herz aufnimmt, charakterisiert den Protestantismus — 
wenn Sie sich durchsuchen, Herr Schmidt, werden Sie finden, 
daß Sie keinen anderen Körperteil haben, der sich zu dieser 
Aufnahme qualifiziert, es sei denn das Maul, denn von Kopf 
kann bei Ihnen die Rede nicht sein — sondern wie er sie in 
das Herz aufnimmt, welche Stellung zueinander er ihnen da 
anweist — das charakterisiert ihn ! 

3 ) Bim, bam, bam, bim ! ! 

*) Welche Konfusion ! Bim, bam, bam, bam, bim ! 



Bd. II. S. 287. 
Bei Gelegenheit der Beurteilung des ,, Prinz von Hom- 
burg" von Kleist: „Die freie Heldenkraft empört sich 
mit dem unmittelbaren Bewußtsein ihrer höheren Berechti- 
gung gegen die hergebrachte Ordnung. D i e h e i d n i s c h e 
Tragödie wußte für diesen Konflikt keine andere 
Lösung, als eine rein äußerliche ( ! !) ; das Gesetz duldet 
keine Vermittlung." 

Anm. d. Setzers. Wie danke ich Ihnen, Herr Schmidt ! Neu- 
lich hatte mir ein unwissender Mensch ein langes und breites 
erzählt von den Eumeniden des Äschylos und dem ödip in 
Kolonos des Sophokles und von den kathartischen Stücken de3 
Altertums überhaupt. Aber, was mir einer auch sagen und zeigen 

13 Luetüe. Gm. Sctriftra, Band VI. 225 



möge, jetzt weiß ich es besser, Dank Ihnen ! In der Tat, warum 
sollten Sie ein geringeres Recht haben, Äschylos und Sophokles 
zu betrampeln, als Goethe und Schiller? Etwa wegen der Ehr- 
würdigkeit, die sich an höheres Altertum knüpft ? Spaßerei 1 
Wenn Sie den sieben Weisen Griechenlands eine neue Philo- 
sophie geben konnten, warum nicht auch Äschylos und Sophokles 
eine neue Tragik? Was ich am meisten an Ihnen bewundere, 
Herr Schmidt, das ist die A 1 1 s e i t i g k e i t , die K o n s e q u e n z , 
die edle Unparteilichkeit Ihrer Bildung! Sich so in 
allen Gebieten des menschlichen Wissens gleichmäßig 
blamieren, — das vermag nur eine reine Seele, die sich keiner 
Schwäche, keiner Vorliebe, keiner schuldvollen Befleckung mit 
irgendwelchem realen Stoff hingibt. Sich allen realen Stoff, 
ohne ungerechte Bevorzugung, gleichmäßig vom Leibe halten — 
das erst ist der kulminierende Höhepunkt reinen Literatentums ! 



Bd. II. S. 362. 

Bei Gelegenheit der Beurteilung von Niebuhrs römi- 
scher Geschichte: „Einzelne historische Ur- 
kundenaus denältestenZeitenderStadtsind 
unsin völlig beglaubigter Form überliefert." 

Anm. d. Setzers. Wirklich, Herr Schmidt, wirklich ? Wie ich 
das las, lief ich damit zu meinem Studenten. Der glaubte, er 
solle den St. Veistanz bekommen! Also „historische Urkunden", 
Herr Schmidt, und „in völlig beglaubigter Form" und noch 
dazu „aus den ältesten Zeiten der Stadt", also mindestens doch 
noch aus den Zeiten der Könige ! Herr Schmidt, grausamer 
Mann, warum rücken sie nicht heraus mit diesen Urkunden? 
Denken Sie sich den Jubel, das Entzücken, die Dankbarkeit 
unserer Philologen, die weinend an Ihrem Halse hingen ! Die 
Berliner Akademie der Wissenschaften ernennt Sie zum ordent- 
lichen Mitglied, das Institut von Paris fertigt Ihnen ein Ehren- 
diplom zu, in Oxford dekretiert man Ihnen eine lebenslängliche 
Rente von 1000 Pfund! Herr Schmidt, Herr Schmidt, was 
haben Sie denn eigentlich entdeckt? Sagen Sie es doch wenig- 
stens, Unerbittlicher! Und wo Sie sie nur her haben mögen, 

226 



diese „historischen Urkunden" und noch dazu „in völlig be- 
glaubigter Form" und nun gar „aus den ältesten Zeiten der 
Stadt"! Schäker! Sie haben gewiß den notariellen Heirats- 
kontrakt entdeckt zwischen Numa Pompiiius und der Nymphe 
Egeria ? Oder doch die Liebesbriefe der Tullia und des Lucius 
Tarquinius aus der Zeit, wo Aruns noch lebte? Oder gar die 
alten Pontifikalannalen, die bei der Eroberung Roms durch die 
Gallier untergingen? 

Unnützer Bursche, der Sie sind! Auf acht langen, eng- 
gedruckten Seiten beurteilen Sie Niebuhr und seine Forschungen, 
und abgesehen von der stupenden und wahrhaft gigantischen Un- 
wissenheit, die überhaupt dazu gehört, einen Satz, wie den 
obigen, drucken zu lassen, haben Sie nicht einmal auch nur einen 
Blick in Niebuhrs Werk selbst geworfen ! Denn sonst würden 
Sie hierdurch allein schon vor solchem Unsinn bewahrt worden 
sein ! Sie würden z. B. bei ihm gelesen haben (Rom. Gesch. I. 
S. 276) : „viele chronologische Angaben aus Jahrtafeln haben 
alle Bestimmtheit, welche für die graue Zeit denkbar ist; 
darauf aber allein beschränkt sich auch das Hi- 
storische." Und ferner S. 277 daselbst: „Aus dem ganzen 
Zeitalter der Könige werden an Urkunden nur Servius 
Tullius Bündnis mit den Latinern, das Bündnis des letzten Tar- 
quinius mit den Gabinern und eines mit den Sabinern er- 
wähnt." Wohlgemerkt, Herr Schmidt, „erwähnt", d. h. von 
Dionysius von Halicarnaß erwähnt, welcher im Jahre 732 
nach Erbauung der Stadt, also ungefähr zwanzig Jahre vor 
Christi Geburt, in Rom lebte; als damals vorhanden er- 
wähnt, und zwar in den Tempeln der Diana und des Zevq IHoriog, 
nicht aber, Herr Schmidt, daß sie noch heute vorhanden wären. 
Auch hat sie uns Dionysius ebensowenig kopiert, Herr Schmidt. 
Oder sollte am Ende die über einen hölzernen Schild gespannte 
Ochsenhaut, auf welcher, wie Dionysius ausdrücklich sagt 
(Antiq. IV. p. 257 ed. Sylburg), die letztgenannte Urkunde ein- 
geschrieben war (donlg £vlivr\ ßvQOj] ßoela negkovog xtX) 
in dem wunderbaren, ewig kreisenden Stoffwechsel der Natur 
heute vielleicht Ihren Schädel bedecken, Herr Schmidt, so 
daß diese Urkunde dann doch noch vorhanden wäre? 



is« 227 



Bd. II. S. 363. 

Von denselben Gesichtspunkten (von denen Niebuhr in 
seiner Römischen Geschichte ausging) ist man dann später 
bei der Kritik der Urgeschichten aller Völker ausgegangen, 
und wenn diese einseitige Beschäftigung mit 
vorhistorischen mythischen Zeiten, die es 
eigentlich nie zur künstlerischen (?!) Dar- 
stellung bringen kann, unserem historischen 
Sinn (!) d. h. unserer Fähigkeit, schnell und 
schlagend den für die Würdigung einer Tat 
wesentlichen Gesichtspunkt zu treffen, für 
den Augenblick geschadet hat ( ! !), da sie mit 
unserer Neigung zusammenhängt, durch Vielseitigkeit 
der Gesichtspunkte und durch Vertiefung in an- 
ziehendes, aber unfruchtbares Dunkel un- 
sere Gestaltungskraft zu schwächen ( ! !), so 
ist zugleich dadurch unser Gefühl geadelt 
( ! !) und unserer politischen Einsicht — ein 
Material gegeben, welches nur noch einer 
freilich langsamen Reife bedarf, um Früchte 
zu tragen ( ! ! !)." 

Anm. d. Setzers. Welchen Höllensalat von Worten Sie da 
wieder zusammenbrauen, Herr Schmidt, von Worten, die, wenn 
wir sie näher analysieren wollten, sich eines gegen das andere 
mit Lanze und Schwert feindlich erheben würden ! Nicht wahr, 
Herr Schmidt, Aristophanes hat schon recht, wenn er seine 
Sophisten anbeten läßt: 

„Den Zauber des Worts und den blauen Dunst, Uber- 
tölpelung, Floskeln und Blendwerk" 

(Aristophanes, Wolken, V. 316). 
Mit welcher Miene imponierender Sicherheit Sie wieder diesen 
ganzen Blödsinn vortragen! Mit wie „altkluger" Überlegen- 
heit Sie von der „freilich langsamen Reife" sprechen ! Und 
mit welch hoher Unparteilichkeit Sie wieder verfahren! Denn 
alles, was Sie sowohl für als gegen die Alterturasforschung 

228 



sagen, ist von gleicher Sinnlosigkeit. Wie Sie, ein zweiter 
Zeus, 

, .Wägend mit gerechten Händen" 
genau darauf achten, daß nicht in die eine Wagschale auch nur 
ein Atom von Sinn mehr als in die andere komme, um keiner 
zu nahe zu treten ! Edler Mann ! 

Eine Anerkennung verdienen Sie, Herr Schmidt! Nie, nicht 
in den schmierigsten Abfallgruben der Literatur, habe ich einen 
Mann entdeckt, der besser, der tiefer als Sie die ganze un- 
geheure Wahrheit der Worte des Mephistopheles begriffen 
hätte : 

„So schwätzt und lehrt man ungestört : 

Wer will sich mit den Narr'n befassen? 

Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, 

Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen." 

Das ist das Fundament, auf welchem Ihr ganzes Werk auf- 
geführt ist! 

Übrigens freut es mich, beiläufig aus dem Obigen zu er- 
sehen, warum Sie eigentlich so unwissend sind. Sie sind es 
absichtlich. Sie haben sich — ahnte ich es nicht schon oben 
S. 37? 1 ) — von jeder solchen „einseitigen Beschäftigung" frei 
erhalten, um nicht Ihre „künstlerische Gestaltungskraft" zu 
schwächen, um nicht Ihrem „historischen Sinn" zu schaden. In 
der Tat, wenn Sie nicht glaubten, den Heiratsvertrag zwischen 
Numa und der Nymphe noch zu besitzen — würde da nicht 
die Ihnen eigentümliche „Fähigkeit, schnell und schlagend den 
für die Würdigung einer Tat wesentlichen Gesichtspunkt zu 
treffen", auf dem Spiele stehen? 



Bd. II. S. 195. 

„Nichts ist mißlicher, als wenn die Kultur einer Nation 
nicht in ihrer eigenen Natur gegründet, sondern durch eine 
fremde gewaltsam fortgetrieben wird ; es entsteht dann 
eine immer größere Spaltung zwischen den Einzelnen, 
die auf einen höheren Punkt durch fremde Hilfe sich ge- 
arbeitet, und zwischen der Totalität der Nation." 

*) S. 216 unserer Ausgabe. D. H. 

220 



Anm. d. Setzers. Nach Herrn Julian Schmidt fließt der Rhein 
nicht zwischen Deutschland und Frankreich, sondern zwischen 
Deutschland und zwischen Frankreich! Erbarmen, 
Herr Julian Schmidt, Sie töten alles, warum auch noch die 
Sprache ? 



Bd. II. S. 195. 

Es geht unmittelbar nach der vorigen Stelle fort : ,,Alle 
Bildung sollte später durch eine schon vorhandene fremde 
gegeben werden, und was aus eigener Kraft in die Höhe 
dringen mußte, das sollte ein in fremdem Klima 
gewachsenes Grün sich auf die Spitze setzen 
und damit zusammenwachsen, um sogleich 
fertig zu sein." 

Anm. d. Setzers. Diese Pracht der Bilder ist berauschend. 
Bedenken Sie, Herr Schmidt, daß Sie zu einfachen Sterblichen 
reden, welche die Sprache der Götter nicht ertragen können, 
ohne in Verwirrung zu geraten ! Also : Ein in einem fremden 
Klima gewachsenes Grün soll herkommen und soll sich der 
nationalen Bildung auf die Spitze setzen? Nein, umgekehrt: 
Es soll sich (Dativ) die (Akkusativ) nationale Bildung auf 
die Spitze setzen — wie man zu sagen pflegt, auf den Hut 
stecken — so daß nun die grüne Spitze unten und der nationale 
Boden oben drüber und so beide zusammenwach — Nein, nein, 
so ist es doch wohl nicht. Umgekehrt: „Und was aus eigner 
Kraft in die Höhe dringen mußte (Relativsatz als Subjekt), 
das (Nominativ) sollte ein (Akkusativ) in fremdem Klima 
gewachsenes Grün sich (Dativ) auf die Spitze setzen" — 
um nun mit dieser seiner Spitze in das darauf gesetzte fremde 
Grün hineinzuwachsen — aber das ist auch bedenklich ! denn 
dann stieße ja wieder das aus eigner Kraft in die Höhe 
Dringende mit seiner Spitze in das breitere Hinterteil des 
fremden Grün, hätte dieses auf sich zu balanzieren — eine dem 
vegetativen Reiche, aus dem das Bild genommen, sehr fremde 
Erscheinung — und hineinzuwachsen, um „fertig" zu sein. In- 
zwischen, vielleicht verstehen wir es ein andermal besser, wenn 

230 



uns dies auch das erstemal noch nicht gelingt. Aber eine einzige 
Bitte gestatten Sie, Herr Schmidt! Wir wollen Ihnen gern unsre 
ganze grüne Bildung aufopfern, all die unfertigen Bursche von 
Goethe bis auf Hegel, von Platen bis zu Creuzer, nur die 
Sprache, nur die Sprache wenigstens lassen Sie uns! 
Wenn Sie uns auch die noch nehmen, was bleibt uns dann 
übrig, als wie jener Landwehrmann von den Franzosen in der- 
selben Unterstellung sagte : ,,zu blaffen wie die Hunde ' ? 



Bd. II. S. 217. 

,, Dagegen verraten die unter den Protestanten so oft 
schon wiederholten Klagen über die KahFieit und Nackt- 
heit ihrer Kultusformen, über den gänzlichen Mangel an 
Pracht und Luxus des Gottesdienstes eine verkehrte An- 
sicht des Protestantismus." 

Anm. d. Setzers. Würde es Ihnen nicht gleich sein, Herr 
Schmidt, lieber zu sagen „eine verkehrte Ansicht, von dem 
Protestantismus"? Sonst ist ja der Protestant'smus das Subjekt, 
welches die ihm im Genitiv beigefügte Ansicht hat — denn, 
wie ich mich aus der Elementarschule erinnere. Herr Schmidt, 
steht der Genitivus auf die Frage: wessen? — , während in 
Ihrem Satze der Protestantismus das Objekt sein soll, über 
welches man die falsche Ansicht hat. Die Sprache. Herr 
Schmidt ! Gnade wenigstens für die Sorache ! Ich habe einen 
Sohn, Herr Schmidt ; der Bengel ist zehn Jahre alt und in der 
Deklination schon recht erfahren. Wie wäre es. wenn Sie ihm 
bei einer fünften Auflage die Verbesserung Ihres Werkes 
übertrügen ? 



Bd. II. S. 187. 

,,Es ist unglaublich, bis zu welcher Konsequenz der 
Satz der Identitätsphilosophie: Das W i r k - 
liehe ist das Ve rnünftige, getrieben werden kann." 

Anm. d. Setzers. Nein, verehrter Herr JuMan Schmidt! Un- 
glaublich ist vielmehr nur, bis zu welcher Höhe die Unwissen- 

23t 



heit getrieben werden kann ! Der Satz : „Das Wirkliche ist das 
Vernünftige" gehört der He gel sehen Philosophie, speziell 
der Hegeischen Rechtsphilosophie an, und S. 554 haben Sie das 
ja selbst ganz richtig irgendwo herausgeschrieben. Aber die 
..Identitätsphilosophie" ist, wie ich häufig in Bierkneipen 
von jungen Studenten zu erfahren Gelegenheit hatte, ein Name, 
mit welchem die Schel lingsche Philosophie, und zwar 
gerade in ihrem Unterschiede von der Hegeischen bezeichnet 
wird. 

Nicht wahr, Herr Schmidt? 

,,Mit Wissenschaften hab' ich nichts gemein 
Und auch als Knabe nie was lernen mögen. 
Den Schädel schlug ich meinem Lehrer ein 
Zum Dank ; drauf war kein andrer zu bewegen, 
Daß er mir Bücher lehrt* und Schreiberei: 
So hatt' ein jeder vor mir — große Scheu!" 

(Bojardo, Verliebter Roland, 18. Gesang.) 



Bd. II. S. 49. 
,,Fr. Schlegel hatte die beste Absicht, vaterländische 
Gefühle und vaterländische Geschichte zu erzählen, a 1 - 
lein ihm fehlt die Kenntnis, die man sich nicht 
durch das Studium einiger Tage aneignet, son- 
dern in die man sich hineingelebt haben muß." 

Anm. d. Setzers. Nicht wahr, Herr Schmidt, der Friedrich 
Schlegel war ein oberflächlicher Bursche! So ein Schnell- 
schreiber, dem die Kenntnis fehlt, der heut ein Buch anblättert 
und morgen darüber dozieren will! Hineinleben muß man 
sich in die Dinge, so ä la Schmidt, das ist der Kasus! Mein 
Student sagt mir, Herr Schmidt, daß er eine der interessantesten 
Entdeckungen gemacht habe, die Entdeckung nämlich, daß Bo- 
jardo schon vor so vielen hundert Jahren Ihre Literaturgeschichte 
auf das deutlichste vorausgesehen und geschildert habe. Bis- 
heran hätten zwar die Ausleger gemeint, Bojardo meine unter 
dem „Werk", von dem er spricht, das Eingangstor zum Zauber- 
garten Falerinens. Allein dies sei nur die symbolische Ein- 
kleidung; in der Tat habe Bojardo nur Ihre „Literaturgeschichte" 

232 



vorherverkünden wollen, und zum Beweise dessen, damit männig- 
lich darüber urteilen kann, folgen hier die in Rede stehenden 
Verse : 

„Nie sah man noch ein Werk von solcher Pracht, 
Wie dieses reiche Werk ! Ganz aus Juwelen 
Von unschätzbarem Werte war's gemacht 
Statt Schwert und Spieß, die zur Bedeckung fehlen, 
Hält dort ein goldbeschuppter Esel Wacht, 
Der Ohren hat, ein jedes lang zwei Ellen, 
Die er gleich einem Schiangensch weife windet, 
Beliebig damit hält und packt und bindet." 

(Bojardo, Verliebter Roland IV, 56.) 



Bd. II. S. 19. 

„Einmal wandte sich deshalb Wagner auch an den 
Philosophen Fichte mit einer so inbrünstigen Leidenschaft- 
lichkeit, daß dieser Mann, dem die Kunst ziem- 
lichfern lag, bestürzt wurde und alle möglichen Hebel 
in Bewegung zu setzen versprach." 

Anm. d. Setzers. Wirklich, Herr Schmidt? So „fern" lag 
Fichte die Kunst? So daß er nur durch persönliche Be- 
stürzung für Kunstzwecke in Bewegung gesetzt werden konnte? 
I, Sie Tausendsassa, was Sie nicht alles wissen! — Im Jahre 
1845/46, Herr Schmidt, arbeitete ich in der Druckerei, in 
welcher damals die Herren Veit & Co. Fichtes sämtliche Werke 
setzen ließen. Daher bin ich ein wenig zu Haus in den Fichte- 
schen Schriften. Erlauben Sie also, daß ich Ihnen nur zwei 
Stellen aus den „Grundzügen" — die wollen Sie ja gelesen 
haben, Herr Schmidt, — anführe, die Ihnen zeigen mögen, wie 
fern die Kunst diesem Manne lag, wie wenig sie ihn und sein 
Denken interessierte, wie gleichgültig er sich zu ihr verhielt, 
wie außerhalb seines philosophischen Gedankenkreises er sie 
stellte. Bd. VII, S. 58: „Die erste unter der Menschheit am 
frühesten ausgebrochene und dermalen am weitesten verbreitete 
Art jenes Ausflusses der Urtätigkeit ist die in Materie 
außer uns, vermittelst unserer eignen materiellen Kraft ; und 
in dieser Art des Ausflusses besteht die schöne Kunst. Aus- 

233 



fluß der Urtätigkeit, habe ich gesagt, der nur aus sich 
selber strömenden und sich selbst genügenden, keineswegs der 
auf Erfahrung und Beobachtung in der Außenwelt sich 
stützenden. In Materie außer uns, sagte ich, gleich geltend in 
welche; ob nun der körperliche Ausdruck das in eine Idee 
verlornen Menschen — denn nur dieser, nur als solcher, ist 
Gegenstand der Kunst, — fixiert werde im Marmor, gebildet 
werde auf der Fläche u.dgl., oder ob die Bewegungen eines 
begeisterten Gemüts in Tönen ausgedrückt werden oder die 
Empfindungen und Gedanken desselben Gemüts rein, wie sie 
sind, sich selber in Worten aussprechen: immer ist es Aus- 
strömung der Urtätigkeit in Materie." 

Und ib. S. 95 : „Was nun jene organische Einheit eines 
Kunstwerks sei, die vor allen Dingen erst verstanden und be- 
griffen werden müsse, frage mich keiner, der es nicht schon 
weiß und dem ich durch das oben Gesagte nicht entweder nur 
seinen eignen Gedanken wiederholt oder wenigstens ihn bloß 
deutlicher ausgesprochen habe. Über die Einheit eines wissen- 
schaftlichen Werks konnte ich mich Ihnen ganz klar machen 
und habe es meines Wissens getan ; nicht so über die Einheit 
eines Kunstwerks. Wenigstens ist die Einheit, welche ich 
meine, nicht jene Einheit der Fabel und der Zusammenhang 
ihrer Teile und ihre Wahrscheinlichkeit und die psychologische 
Fruchtbarkeit und moralische Erbauung derselben, von denen 
die üblichen Theorien und Kunstkritiken verlauten ; — Ge- 
schwätz von Barbaren, die sich gern Kunstsinn anlögen, für 
Barbaren, die sich nur durch andere ihn anlügen lassen ! — Die 
Einheit, welche ich meine, ist eine andere; höchs'ens durch Bei- 
spiele, durch wirkliche Zergliederung und Zusammenfassung vor- 
handene'" Kunstwerke in jenem Geiste, würde es sich dem Un- 
kundigen deutlich machen lassen. Möchte sich doch bald ein 
Mann finden, der sich dieses hohe Verdienst um die 
Menschheit erwürbe und dadurch, wenigstens in jungen 
Gemütern, den fast ganz erstorbenen Kunstsinn wie- 
der anzündete ; nur müßte derselbe nicht selber ein junges Ge- 
müt, sondern ein vollkommen bewährter und gereifter Mann 
sein. Bis nun dieses geschieht, könnten ja die anderen sich des 
Lesens und Anschauens wirklicher KunstproHukte, de ihnen 
wegen ihrer unendlichen Tiefe unverständlich, und da der 

234 



Genuß derselben das Verstehen voraussetzt, auch ungenießbar 
sind, ruhig enthalten." 

Und ferner ib. S. 111: „Bloß in Absicht der Kunst könnte 
eine Ausnahme von der Strenge der oben aufgestellten Regel 
gestattet werden. Von der Kunst nämlich ist die Menschheit 
noch weit mehr entfernt als von der Wissenschaft, 
und es wird einer weit größeren Reihe von Vorbereitungen 
bedürfen, daß sie zur ersten komme, als zu der letztern. In 
dieser Rücksicht könnten fürs erste selbst schwache Versuche 
an unvollkommenen Werken, angestellt diese Werke zu ent- 
wickeln und auf Einheit zurückzuführen, willkommen se:n, da- 
mit dem größeren Publikum nur erst die Kunst, ein Werk zu 
verstehen, ein wenig geläufiger werde." 

Und ib. p. 164 sq. erklärt er, daß es auf die Frage, worauf 
der wahre Staat den bei der mechanischen Bearbeitung der 
Natur entbehrlichen Überschuß von Volkskraft verwenden solle, 
keine andere Antwort gebe, als: „daß er der schönen Kunst 
geweiht werden solle", damit die Natur „dem höheren geistigen 
Bedürfnisse des Menschen unterworfen und ihr das majestäti- 
sche Gepräge der Idee aufgedrückt werde — welches die 
schöne Kunst gibt". 

Können Sie uns nicht sagen, Herr Schmidt, welche persön- 
liche Bestürzung Fichte veranlaßt hat, diese Sätze niederzu- 
schreiben ? 

Bd. II. S. 70. 

,, Gegen diese Doktrin (die von Schelling nämlich) er- 
hob Fichte, der seine Stellung in Berlin immer mehr be- 
festigt, die Fahne des reinen Idealismus. Seine Vor- 
lesungen über die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters 
(1804 — 5) waren die letzte Frucht einer viel- 
jährigen Ve rbitterung." 

Anm. d. Setzers. Also der „reine Idealismus", dessen 
Fahne ja nach Ihnen selbst Fichte hier erhob, ist eine „Frucht 
vieljähriger Verbitterung"! Also die „Frucht viel- 
jähriger Verbitterung" ist: der „reine Idealismus". 
Was wir nicht für Resultate erleben würden, wenn sich die 
Mütter einfallen ließen, ihre Kinder nach den tiefsinnigen Sen- 

235 



tenzen Ihrer Literaturgeschichte zu erziehen ! Na, vielleicht ge- 
lingt es mir, Sie auch noch zum „reinen Idealisten" zu machen, 
indem ich Ihnen eine „vieljährige Verbitterung" beibringe! — 
Und wie Sie die Stichwörter kennen, mit welchen man den 
Krämer gegen alles Hohe und Große einnimmt ! Und so in 
dieser elenden Weise als „letzte Frucht einer vieljährigen Ver- 
bitterung" erklären Sie eins der Meisterwerke deutscher Lite- 
ratur, welches gerade nur aus der Quelle reinster und 
wärmster Liebe geflossen ist! O Sie gedankenlose Schmeiß« 
fliege, was Sie nicht alles beschmutzen ! Haben Sie denn ge- 
glaubt, es gäbe gar keinen Deutschen mehr, dem die Kultur- 
heiligtümer der Nation am Herzen liegen und der für dieselben 
gegen Sie eintreten werde? 



Bd. II. S. 78. 

„Beide (Fichte und Schelling) haben es gleichmäßig 
verstanden, hinter hochklingenden Formeln, deren 
Sinn und Zusammenhang man nur schwer erkennt 1 ), 
halbe Wa h r h e i t e n auszusprechen, die erst durch 
bedingte Anwendung Halt gewinnen 2 ). Beide sind 
später durch einen größeren Virtuosen 3 ) überflügelt wor- 
den." 

*) Anm. d. Setzers. 

„Freilich bequem vollbringt sich das Schuftige unter 

den Menschen, 
Doch mühsam handhabt Wackeres, Kyrnos ein Mann." 

(Theognis.) 

2 ) Wie schön gesagt! 

3 ) Hegel! 

Bd. II. S. 81. 

„Auch Fichte ist trotz seines vermessenen Dogmatis- 
mus nur ein Suchender." 

Anm. d. Setzers. Wissen Sie das genau, Herr Schmidt ? Ich 
hatte immer gedacht, er wäre Gott Vater in eigner Person ge- 
wesen ! Was Sie doch die Leute tief und unterscheidend zu 
charakterisieren verstehen 1 

236 



Bd. II. S. 78—79. 

, .Fichte, der Apostel der geschichtlichen Welt, ist auf 
demGebiet der Geschichte nicht bloß v o n e i n e r 
erstaunlichen Unwissenheit (!!!), sondern er 
hat für die Wissenschaft der Geschichte weder 
Sinn noch Talent (!!!)." 

Anm. d. Setzers. Wie! Fichte von einer „erstaunlichen 
Unwissenheit" ! Und nun gar noch „auf dem Gebiet der 
Geschichte", er, der für die Naturwissenschaften in der Tat 
keinen Sinn hatte und auch keine besonderen Kenntnisse in 
diesem Reich beanspruchte, er, der gerade an dem geschicht- 
lichen Gebiet das Eruditionsfundament seines Denkens hat! 
Fichte, ein Mann, der stets ein sehr bedeutender Gelehrte ge- 
wesen wäre, wenn er nicht vorgezogen hätte, einer der größten 
Philosophen zu sein ! Fichte von einer „erstaunlichen Unwissen- 
heit" ? Und das wagen Sie zu sagen, Sie Schwabenspiegier, 
Sie Sieben-Weiser, Sie Ignorantenkaiser — doch freilich, eben 
nur ein solcher kann das sagen. Ein anderer würde sich nicht 
dazu hergeben. Mit solcher Frechheit wagen Sie es, die größten 
deutschen Geistesheroen, in Gott und der Welt nichts von ihren 
Werken wissend, zu beschimpfen? 

Als ich dies meinem Studenten zeigte, sagte er mir: Uber- 
bucken — sei die einzige Antwort, die sich darauf geben 
lasse ! 

„Schweinshauer streckt er aus dem Maule trutzig. 
Die Schnauz' ist lang, die Brust von Geifer schmutzig." 
(Ariost, Ras. Roland XVII, 130.) 



Bd. II. S. 131. 
„Darin lag der Grundfehler Fichtes : seinem scharfen 
Denken fehlte es an jenem reichhaltigen und sorgfältig an- 
geschauten Stoff, der diesem Denken allein den wahren 

Inhalt geben kann. Seine positiven Kenntnisse waren 

unzureichend" etc. 

Anm. d. Setzers. Warum sind Sie denn eigentlich, Herr 
Schmidt, immer so vernichtend gegen Fichte und erdrücken ihn 

237 



beständig durch die Überlegenheit Ihrer positiven Kenntnisse? 
Ich glaube den Grund entdeckt zu haben. Eine seiner populär- 
philosophischen Schriften, die „Grundzüge des gegenwärtigen 
Zeitalters" haben Sie zwar nicht gelesen, bei Leibe nicht ! aber 
doch in zehn Minuten durchblättert, wie mir einige Stellen in 
Ihrem Buche gezeigt haben, auf die ich noch zu sprechen 
kommen werde. Bei diesem Durchblättern stieß Ihr Auge auf 
eine Stelle, in welcher Fichte das gegenwärtige Zeitalter der 
,, leeren Freiheit", wie er es nennt, also charakterisiert (Bd. VII. 
S. 22) : ,,Es hat vor dem Zeitalter der Wissenschaft den großen 
Vorteil, daß es alle Dinge weiß, ohne je etwas ge- 
lernt zu haben, und über alles, was ihm vorkommt, 
sofort und ohne weiteren Anstand urteilen kann, 
ohne jemals der vorhergehenden Prüfung zu be- 
dürfen." Das haben Sie nun für eine persönliche Malice ge- 
halten, die Fichte Ihnen habe sagen wollen, und rächen sich 
dafür! 

Pfui, Herr Schmidt, wer wird so rachsüchtig sein! 



Bd. IL S. 134. 

Über Fichtes am 27. Januar 1814 erfolgten Tod: 
„Ein Tod in der schönsten Blüte aller Über- 
zeugungen vor jener unvermeidlichen Rück- 
wirkung, die auf alle Begeisterung folgt, und 
verklärt durch das Bewußtsein, daß man das Seinige dafür 
getan, ist gewiß beneidenswert." 

Anm. d. Setzers. , .Beneidenswert", mein frecher Mosjöh, 
ist bloß die Stirn, mit welcher Sie sich dies belletristische 
Brilliantfeuerwerk arrangieren ! Wie artistisch gelungen, Fichte, 
weil er noch während der Freiheitskriege stirbt, sterben lassen 
„in der schönsten Blüte aller Überzeugungen", noch „vor jener 
unvermeidlichen Rückwirkung", die sonst auf seine „Begeiste- 
rung" hätte eintreten müssen ! Wie plausibel für jeden, der 
gleich Ihnen niemals die Nase in Fichtes Werke gesteckt hat! 
Hätten Sie das aber getan, so würden Sie gewußt haben, mein 
teurer f rere ignorantin, daß Fichte gar nicht die Zeit nach den 

238 



Freiheitskriegen zu erleben brauchte, um von seinen Illusionen 
zurückzukommen — weil er nämlich gar keine hatte! Sie 
würden dann gewußt haben, daß Fichte in seinen gerade 1813 
während des Krieges geschriebenen „politischen Fragmenten 
Z. B. den Aufruf des Königs von Preußen „An sein Volk" 
also charakterisiert (Werke, Bd. VII. S. 551): „Wenn nun der 
unterjochte Fürst an sein Volk appelliert, heißt das: wehret 
euch, damit ihr nur meine Knechte seid und nicht eines 
Fremden. Sie wären Toren. Ich trage meine Säcke, sagt die 
Fabel. Freilich ist das Geheimnis des gegenwärtigen Kriegs, 
daß die Bürde zu schwer ward, und wir sind entbrannt nur um 
die Erleichterung etc." Welch „schöne Blüte der Über- 
zeugungen", Herr Schmidt ! Sie würden ferner daselbst ge- 
sehen haben, daß Fichte auch nicht die geringste Hoffnung auf 
die Freiheitskriege für die innere Entwickelung setzte, vielmehr 
mit einer fast erschreckenden Scharfsichligkeit das ganze 
deutsche Elend mit allen seinen Erscheinungen von heute sich 
unerbittlich vorhersagt. Nur eine einzige kleine Stelle zum Be- 
weis ib. S. 568 : „Jetzt, da ihr sie (die deutschen Stämme) unter- 
einander laßt, werden angefeuerte, vom Volksgefühl erhobene 
Jünglinge bei den sich darbietenden Gelegenheiten zur Ver- 
gleichung diese Unart lassen? Ich fürchte, ihr säet neuen 
Haß! Ihr Fürst, sein glänzender Hof, sein Ansehen und 
äußere Würden, und kurz was es sei — alles dient ihnen zur 
Erregung der Eitelkeit. Die glänzenden Sklavenketten sogar." 
— — — „Wenn wir daher nicht im Auge behielten, wa3 
Deutschland zu werden hat (hier ist von einer, nach Fichte, 
späten, späten Zukunft die Rede, Herr Schmidt), so läge an 
sich nicht so viel daran, ob ein französischer Marschall, wie 
Bernadotte, an dem wenigstens früher begeisternde Bilder der 
Freiheit vorübergegangen sind, oder ein deutscher aufgeblasener 
Edelmann ohne Sitten und mit Roheit und frechem Übermut 
über einen Teil von Deutschland gebiete." 

Als ich neulich in Hamburg konditionierte, mußte ich in dem 
I.Teil der „Demokratischen Studien" einen Artikel setzen, be- 
titelt : „Fichtes politisches Testament" *) ; diesen empfehle ich 



x ) Es ist natürlich Lassalles eigener Aufsatz, „Fichtes 
politisches Vermächtnis", gemeint. D. H. 

239 



Ihnen, wenn Sie sich weiter über die Sache unterrichten 
wollen. 

Was sagen Sie nun aber zu dieser Blüte der Überzeugungen, 
zu dieser Begeisterung ? Wie glücklich, wie beneidenswert 
Fichte, daß er damals so in seiner höchsten Begeisterung hin- 
starb, ohne den Rückschlag nach den Freiheitskriegen zu er- 
leben ! — Werden Sie Feuerwerker, Herr Schmidt, aber hören 
Sie auf Literarhistoriker zu sein! 



Bd. II. S. 128. 

„Ein glücklicherer Stern ging Fichte auf. Die Not des 
Vaterlandes belehrte ihn über die Nichtigkeit seiner 
weltbürgerlichen Ideale ; in der Fortdauer der deutschen 
Unabhängigkeit sah er die Rettung der Weltgeschichte, 
und in dem Preußischen Staat, dem er jetzt mit 
voller Seele angehörte, wenn er auch die augenblickliche 
schwächliche Haltung desselben mit bitterem Schmerze 
empfand, die notwendige Form der deutschen 
Entwicklung." 

Anm. d. Setzers. Holiah Hohl Jetzt soll Fichte zum Gothaer, 
zum Kleindeutschen gepreßt werden! Fort mit den Fingern, 
Herr Schmidt, oder ich schlage so drauf, daß Sie sie nie wie- 
der nach einer so leuchtenden Gestalt ausstrecken ! Fichte 
konkludiert vielmehr ausdrücklich, und zwar gerade in jenen 
1813 kurz vor seinem Tode geschriebenen Fragmenten, keiner 
der jetzt bestehenden einzelnen Staaten könne Deutschland 
herstellen; Bd. VII. S. 570: „Wenn nun z.B. Österreich oder 
Preußen Deutschland eroberten, warum gäbe dies nur Öster- 
reicher, Preußen, keine Deutsche? Wie ist eine öster- 
reichische, preußische, und wie eine deutsche Geschichte ver- 
schieden ? Dies ist gründlich zu behandeln : darauf kommt alles 
an; denn eben hier stehen die Deutschen." Er erblickt einen 
tiefen Unterschied zwischen dem Nationalcharakter der 
Deutschen und den sämtlichen einzelnen Staaten. Er er- 
klärt ausdrücklich ib. S. 571 : ,,Kein bestehender Landesherr 
kann Deutsche machen, es werden Österreicher, Preußen usw." 

240 



Sehen Sie über alles das den vorbezogenen Art. in den demokr. 
Studien nach, Herr Schmidt. Fichte war nun einmal so borniert, 
daß er glaubte, nur eine Republik könne die deutsche Ein- 
heit herstellen, und es hat nicht Not, Herr Schmidt, daß Sie 
ihm von Ihrem eigenen Verstände abgeben. Hat nicht Not! 
„Behalte froh, was dir beschieden, 
Genieße still, was du nicht hast." 



Bd. II. S. 129. 
„Die Reden (Fichtes an die deutsche Nation) knüpfen 
an die ,, Grundzüge" an, und es macht einen halb komi- 
schen, halb rührenden Eindruck, daß Fichte 
den wahren Sinn derselben vergessen hat (!!!)." 
Und bald darauf, ,,Aber als die mächtige Idee für 
die Erhebung des Menschengeschlechts stellt er diesmal 
das GegenteilvondemdarvvaserindenGrund- 
zügen predigt, die Vaterlandsliebe." 

Anm. d. Setzers. Also einen „halb komischen, halb 
rührenden Eindruck" machen Ihnen die Reden Fichtes an 
die „Deutsche Nation", und zwar deswegen, weil er den 
„wahren Sinn" der „Grundzüge", an die er selbst diese Reden 
als eine Fortsetzung derselben anknüpft, „vergessen" 
habe? I Sie komischer Rührpeter! Wie kommen Sie denn zu 
der überschwenglichen Anmaßung, zu glauben, Fichte würdo 
den wahren Sinn seiner eigenen Vorträge, die er ausdrücklich 
als Grundlage der „Reden" herbeizieht, vergessen haben, und 
Ihnen, der Sie Ihre Urteile wie Ihr Wissen aus Journal- 
artikeln beziehen, beim Trödler kaufen, wäre es gegeben, aus 
dem Himmel Ihrer Überlegenheit mit komischer Rührung auf 
die rührenden Widersprüche dieses guten armen Fichte herunter- 
zusehen, der den „wahren Sinn" seiner eigenen Vorträge, indem 
er sie fortzusetzen erklärt, „vergessen" habe ! Aber Sie glauben 
das auch gar nicht ernsthaft. Sie können es gar nicht glauben, 
denn wir werden im Verlauf sehen, wie Sie Ihren Fichte „ge- 
lesen" haben! Es ist nur wieder so eine Manier, sich vor 
dem Publikum zu drapieren und den Schein einer Wunder wie 

16 Lassallc. Ges. Sckriften. Band VI 241 



überlegenen Kritik anzunehmen! Die Reden an die deutsche 
Nation, Herr Schmidt, enthalten in Wahrheit auch nicht ein 
Wort, welches den „Grundzügen" widerspricht. Worin soll 
denn der Widerspruch bestehen? Ach so, Sie haben es uns 
schon S. 128 gesagt, Fichte sei jetzt durch „die Not des Vater- 
landes über die Nichtigkeit seiner weltbürgerlichen 
Ideale belehrt" worden, und an der obigen Stelle sagen Sie es 
noch deutlicher, Fichte habe diesmal „das Gegenteil von 
dem aufgestellt, was er in den Grundzügen gepredigt, die 
Vaterlandsliebe". Zuvörderst nun werden Sie das Stich- 
wort „Weltbürgertum" in dieser pointierten Form und mit 
all dem schiefen Sinn, der sich eben nur an diese Form knüpft, 
bei Fichte überhaupt nicht finden. Wissen Sie denn gar nichts 
davon, daß Fichte' schon 1800 den „geschlossenen Handels- 
staat" schrieb, in welchem er sich streng auf den Boden natio- 
naler Selbständigkeit stellend, den nationalen Staaten sogar das 
Recht der Absperrung gegeneinander zuspricht ? Aber abgesehen 
von alledem: Seit wann- sind denn Vaterlandsliebe und 
weltbürgerliches Streben Gegenteile? Für gewisse 
Zeitungsschreiber — mag sein. Aber seit wann auch für die 
Philosophen? Ich werde versuchen, Herr Schmidt, Ihnen so 
weit dies in aller Kürze tunlich, eine Laterne darüber in den 
Kopf zu hängen, wie das alles bei Fichte zusammenstimmt. In 
den „Grundzügen" geht Fichte bereits aus von dem Begriffe 
eines „vernünftigen Weltplans", der langsam und ver- 
möge „notwendiger Glieder und Epochen des Erden- 
lebens" die Entwicklung der Gattung zur Freiheit 
realisiere. In diesen Vorträgen entwickelt er nun nur die 
zeitlichen Gliederungen dieses Entwicklungsweges zur 
Freiheit, die stufenweise Folge der Zeitprinzipien oder 
die Zeitalter. Nun begreifen Sie vielleicht schon hier, Herr 
Schmidt, daß ein Philosoph, der einmal „notwendige Glie- 
der und Epochen" dieser Entwicklung annimmt, der also 
eine Gliederung derselben überhaupt, eine zeitliche Glie- 
derung der Entwicklung als notwendig setzt, auch eine räum- 
liche Gliederung dieser Entwicklung, d.h. also eme Entwick- 
lung durch besondere Volksgeister als vernünftig wird 
annehmen müssen, und daß er, weit entfernt das Bestehen be- 
sonderer Volksgeister auszuschließen, wenigstens danach wird 

242 



streben müssen, einen vernünftigen Zusammenhang zwischen 
jener zeitlichen Gliederung — Epochen — und dieser räum- 
lichen Gliederung — Volksgeister — der weltgeschichtlichen 
Entwicklungsarbeit zu begreifen, und also auch die Volksgeister 
als etwas Notwendiges in derselben und als Träger ge- 
wisser Entwicklungsstufen anzusehen. 

Dies bildet nun in der Tat den engen inneren Gedanken- 
zusammenhang zwischen den „Grundzügen" und den „Reden 
an die deutsche Nation". 

Hier will Fichte definieren, was „Vaterlandsliebe", was 
Liebe des einzelnen zu seiner Nation sei, findet mit Recht, 
daß dies zusammenfalle mit der Frage „was ein Volk sei, 
im höheren Sinne des Wortes" und definiert nun ein „Volk" 
als eine Gemeinschaft von „miteinander fortlebenden und sich 
aus sich selbst immerfort natürlich und geistig erzeugenden 
Menschen, welche insgesamt unter einem gewissen be- 
sondern Gesetze der Entwicklung des Göttlichen 
stehen" oder, wie er sich daselbst auch ausdrückt, unter „dem- 
selben geistigen Naturgesetz" und seiner Entwicklung stehen 
(Werke. Bd. VII. S. 381 ff.). Fichte war nun so „komisch", 
Herr Schmidt, wie Sie wahrscheinlich sagen würden, daß er 
glaubte, das deutsche Volk sei ein notwendiges Moment 
in der Realisierung des „göttlichen Weltplans", welcher 
schon das Fundament der Grundzüge bildet, ja, das deutsche 
Volk sei gerade der Träger des Begriffs, auf welchen einst 
das Reich der Zukunft, das Reich der vollendeten Frei- 
heit gebaut werden solle. Welche „komische" Inkonsequenz 
zwischen den Grundzügen und den Reden, welcher lächerliche 
Gegensatz zwischen Fichtes „Weltbürgerlichen Idealen" und 
Fichtes „Vaterlandsliebe" besteht, können Sie ja schon ganz 
äußerlich daraus entnehmen, daß Fichte in dem ergreifenden 
Schluß seiner Reden an die deutsche Nation den „göttlichen 
Weltplan selbst" — und auch die Franzosen ausdrücklich 
mit eingeschlossen — uns beschwören läßt, uns zu erheben und 
unsere Selbständigkeit zu verteidigen, und hierdurch seine, des 
göttlichen Weltplans, „Ehre und Dasein zu retten", da er 
ohne uns zugrunde gehen müsse — immer derselbe Weltplan, 
Herr Schmidt, von dem schon die „Grundzüge" ausgehen ! Ja, 
wie wenig von einem Widerspruche hier die Rede ist, wie ab- 

16» 243 



solut falsch und nur aus Ihrer gänzlichen Gedankenlosigkeit 
erklärlich Ihr Urteil ist, bei Fichte habe immer nur „ein geist- 
volles Ergreifen der augenblicklichen Stimmung stattgefunden" 
(wie Sie S. 70 Ihrer Sudelschrift u. a. a. St. sagen), das er uns 
umsonst als System und Methode verkaufen wolle, hätten Sie 
ja am einfachsten aus seiner „Staatslehre" ersehen können, wo 
Fichte (W. Bd. IV. S. 420-429) dem deutschen Volke genau 
dieselbe Bedeutung für die Entwicklung des Weltplans, wie in 
den Reden, zuweist. Von uns, meint er, solle dereinst das Reich 
der Zukunft ausgehen. — „Für Freiheit, gegründet auf Gleich- 
heit alles dessen, was Menschengesicht trägt." „Nur von den 
Deutschen, die seit Jahrtausenden für diesen großen Zweck da 
sind und langsam demselben entgegenreifen — ein anderes Ele- 
ment ist für diese Entwicklung in der Menschheit nicht da." 
Ja, hier in der „Staatslehre" (S. 419) definiert er von neuem, 
was ein Volk sei, und definiert dies als einen Haufen, welcher 
unter „einer Grundansicht sittlicher Welt" stehe. Dies ist 
Fichtes Auffassung des Begriffs: Volksgeist, und ohne den- 
selben existiert ihm kein Volk. Ohne diese eine Grund- 
ansicht sittlicher Welt, sagt er daselbst ausdrücklich, gäbe es 
nur „zerstreute Naturmenschen, Wilde, Kannibalen, die denn 
doch Ehen, Eltern und Kinder haben". Was Sie also für 
Fichtesches Weltbürgertum halten, ist ihm vorläufig — Kanni- 
balismus, Herr Schmidt ! Was Sic doch Ihren Fichte gründlich 
studiert haben ! Es ist eine Freude, es mitanzusehen I Und 
wiederum, damit Sie nicht in den umgekehrten Irrtum über 
Fichte verfallen: Wenn er an einer Stelle der Grundzüge (VII. 
S. 29) — er spricht daselbst ausdrücklich von einer Zukunft 
„nach Jahrhunderten oder auch Jahrtausenden" — den Zweck 
des göttlichen Weltplans dahin angibt, am Ende dieser Zeit 
„alle Völker zu einer einigen großen Gemeine zu vereinigen", 
so hat Fichte auch in der „Staatslehre" (1813) diesen Ge- 
danken nicht aufgegeben. Er sagt vielmehr an der zuletzt an- 
geführten Stelle derselben ausdrücklich, nachdem er jene „eine 
Grundansicht der sittlichen Welt" als die „Volksge sin- 
nung" ausgesprochen, diese Volksgesinnung sei: „das eigentlich 
das Volk zum Volk machende, sein Punkt zwischen dem 
Wilden und dem Bürger des Recht reiches (Reiches 
der Zukunft)." 

244 



Fichte faßt also, wie Ihnen jetzt klar geworden sein wird, 
Herr Schmidt, die Völker und Volksgeister als die notwen- 
digen Entwicklungsformen des göttlichen Weltplans oder 
des am Ende aller Entwicklung einst — in Jahrhunderten 
oder Jahrtausenden — eintretenden Rechtsreiches, und Sie 
werden jetzt begreifen, wie mindestens bis dahin zwischen seinen 
„weltbürgerlichen Idealen" und der „Vaterlandsliebe" bei ihm 
kein Widerspruch ist, am wenigstens für uns Deutsche, auf 
welche er — mit ausdrücklicher Ausschließung Ihrer, Herr 
Schmidt, — dies Reich der Zukunft bauen will. 
Sie erwidern freilich : 

„Dem Mönch und Doktor mag die Schule taugen. 
Wir, mein' ich, wissen soviel als wir brauchen." 

(Bojardo, Verl. Roland, 18. Ges.) 



Bd. II. S. 80. 
„Der Eifer, mit dem Fichte in seinen neueren 
Schriften für das Christentum eintritt, ist nichts Gemach- 
tes noch Willkürliches. Man darf die Konstruktion vom 
ewigen Sein als erstes Prinzip der Offenbarung derselben 
(? wessen?) in der Form des Bewußtseins etc. und in 
Beziehung auf das Christentum und dessen Geschichte ins 
Auge fassen ( !), so wird man leicht gewahr ( !), daß 
eben dies die Meinung sei, welche dem Arianismus 
zugrunde liegt ( ! !). Jeder, der die ersten Prinzipien so 
faßt ( ! !), wird die Grundlehre des Christentums, die 
Lehr-^ von der Dreieinigkeit auch nur gerade so wie die 
Arianer gelten lassen ( !), sie ebenso auslegen oder 
andeuten. Wäre die Fichtesche Ansicht des Christentums, 
vom Normalvolk, von Melchisedek, Johannes etc., auch 
nur eine Theorie derjenigen Denkart, die man ge- 
wöhnlich mit dem Namen der Aufklärung bezeich- 
net ( ! !), so würde ihr der Ruhm bleiben müssen, über das 
Wesen derselben zuerst wahres Licht verbreitet und sie 
metaphysisch begründet zu haben (!!)." 

215 



Anm. d. Setzers. Herr Schmidt, Herr Schmidt ! Sind Sie 
denn ganz von Gott verlassen? Reitet Sie denn der leibhaftige 
Teufel? Was schreiben Sie denn da für einen haarsträubenden 
Blödsinn zusammen ? Welcher grausame Spaßvogel hat sie denn 
zum Besten gehabt und veranlaßt, sich so grenzenlos zu bla- 
mieren? Wenn ich all' den Unsinn herausschälen wollte, der 
in den obigen paar Sätzen, die Sie mit so gespreizter Kenner- 
miene vortragen, enthalten ist, da müßte ich ja sieben Folio- 
seiten voll schreiben ! Dafür bewahre mich nun freilich Gott ! 
Aber ganz kann er Ihnen nicht geschenkt bleiben. Also kommen 
Sie her, Herr Schmidt, auf daß ich anfange, mit Ihnen zu 
analysieren und zu zitieren! 

Wie ? Sie wollen nicht, daß ich wieder zitiere ? Sie sagen, 
Sie hätten schon genug ; es langweile Sie ? Mich auch, Herr 
Schmidt! Glauben Sie mir, wenn die Operation Ihrer Brand- 
markung, die ich vollziehe, für Sie schmerzhaft ist, so ist 
sie für mich ekelhaft und daher ebenso unangenehm wie für 
Sie selbst. Aber ich kann weder mir noch Ihnen helfen ! Es 
muß sein! Warum? Ich will Ihnen diese Notwendigkeit er- 
klären, Herr Schmidt, damit Sie sich um so eher mit christ- 
licher Geduld den Schmerzen der Operation unterwerfen, wenn 
Sie einsehen, daß sie zum gemeinen Besten unerläßlich ist. 

Was will ich eigentlich von Ihnen, Herr Schmidt ? Was sind 
Sie mir? Sie haben mir nie etwas getan. Ich kenne Sie nicht, 
habe Sie nie gesehen. Da führt mir Ihr und mein böses Schick- 
sal den zweiten Teil Ihres Buches zur Hand. 

Ich habe ihn mit immer steigender Erbitterung, mit immer 
wachsendem Ekel zu Ende gelesen. Warum ich ihn nicht lieber 
weit fort von mir warf? Ich hatte noch nie — und ich bin 
ein allbelesener Setzer, Herr Schmidt, ich kenne das Schlechte 
wie das Gute — einen so erstaunlichen Grad unerhörtester Un- 
wissenheit, noch nie einen so gleichmäßig fortlaufenden, hinter 
große Worte versteckten Wust kompletten Blödsinns, ver- 
bunden mit einer so unglaublich süffisanten Fertigkeit im Ab- 
sprechen und Verneinen unsrer größten Geistesheroen in irgend- 
einem Buche gefunden. Kein noch so großer Dichter, kein 
noch so gewaltiger Denker, kein noch so verehrungswürdiger 
Gelehrte, den Sie nicht zausen, als wenn er ein unreifer Bube 
wäre! 

246 



Alles dies wieder — denn Gerechtigkeit muß man Ihnen 
widerfahren lassen — verbunden mit einer ebenso großen und 
unerreichten Meisterschaft, durch eine künstliche Zusammen- 
fügung der Worte für unkritische Augen den Schein zu er- 
regen, als wäre ein Wunder wie tiefer Sinn, oder doch min- 
destens irgendein Sinn verborgen, wo doch nur totale Ge- 
dankenlosigkeit und Unkenntnis der Sache vorliegt, verbunden 
ferner mit dem billigen Kunstgriff, durch einige zwischen 
Schlafen und Wachen genommene Exzerpte aus einer Schrift 
den Schein zu erregen, sie gelesen zu haben. 

Ich begriff, welche Verwüstungen gerade ein solches Buch 
in unserem Publikum anrichten könne. Ich sah auf dem Titel, 
daß es die vierte Auflage dieser angeblichen „Literatur- 
geschichte" sei. Ich hörte, daß Sie dem Vernehmen nach durch 
literarische Cliquen sich bereits eine Art Autorität im großen 
Publikum erworben haben sollen. Ich begriff sofort, wie fein 
und sicher Ihr Kalkül gewesen. Denjenigen, welche die Dinge 
nicht besser verstehen, als Sie, imponieren Sie gerade durch 
Ihre Unverschämtheit, Ihr Absprechen, Ihre Sicherheit. Vor 
denen aber, welche in der Lage wären, Sie enthüllen zu können, 
glaubten Sie sicher sein zu dürfen, denn wer von diesen, 
sagten Sie sich, würde sich dazu hergeben, Sie zu widerlegen! 

So haben Sie mit Ihren 

„höllischen Latwergen 
In diesen Tälern, diesen Bergen 
Weit schlimmer als die Pest gehaust" 
und könnten noch lange Jahre die Gemüter verpesten. 

Da begriff ich, daß es Pflicht sei, ein Beispiel zu statuieren 
und den Augiasstall Ihres Werkes durchzumisten. Am ein- 
fachsten wäre es freilich, wenn man Ihnen durch die Polizei 
das Schreiben verbieten lassen könnte. Indes die Polizei hat 
in der Literatur nichts zu tun, und so müssen wir uns ent- 
schließen, schon selbst den Scharfrichter zu machen und Ihnen 
das Brandmarkungsmal — Sie wissen bei literarischen Galgen- 
vögeln wird es auf die Stirn gesetzt, zum Unterschied von den 
gewöhnlichen Galeerensklaven, die es auf der Schulter tragen 
— aufzubrennen. Vierzehn Tage, beschloß ich, Ihnen zu diesem 
Zweck zu widmen — kein kleiner Entschluß, Herr Schmidt! 
Aber Sie sehen selbst, es ist zum besten der Nation, es muß 

247 



sein. Resignieren Sie sich also, wie ich mich resigniere! — Bis 
dahin war ich ohne allen persönlichen Groll gegen Sie. Aber 
ich will ganz aufrichtig gegen Sie sein. Begreifen Sie, was es 
heißt, vierzehn Tage lang eine solche Latrine zu durchwühlen, 
während ich an einem ordentlichen Werke sitzen könnte? 
Wenn ich daran denke, gerate ich allerdings auch in persön- 
liche Wut, und schon sind acht Tage vorüber — also 
Marsch, Bube! ohne weiteres die Eisen her und still gestanden! 

Also zuerst: Fichte ist mit einem solchen ,,Eifer für das 
Christentum eingetreten"? Haben Sie gar nichts davon 
gehört, Herr Schmidt, daß Fichte wegen der Anklage des 
Atheismus seine Professur in Jena verlor? In der „Appel- 
lation an das Publikum", die Fichte in diesem Streithandel er- 
gehen ließ, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Er sagt aus- 
drücklich: „Der Begriff von Gott als einer besonderen Sub- 
stanz ist ein unmöglicher und widersprechender. Nur 
die fromme Einfalt bildet sich Gott als eine ungeheure Aus- 
dehnung durch den unendlichen Raum. Die Gegner nehmen 
einen solchen substantiellen Gott bloß um der Sinnenwelt 
willen an. Es ist ihnen bloß um den Genuß zu tun. Ihr Gott 
ist der Austeiler des Glücks und Unglücks an die endlichen 
Wesen. Dadurch legen sie aber nur ihre radikale Blindheit über 
geistige Dinge an den Tag. Wer Genuß will, ist ein sinnlicher, 
fleischlicher Mensch ohne Religion! Wer Glückseligkeit 
erwartet, ist ein Tor. Sie ist nicht möglich. Die 
Erwerbung derselben und ein Gott, den man ihr zu- 
folge annimmt, sind Hirngespinste. Ein solcher 
Gott ist ein böses Wesen, ein Fürst dieser Welt, 
ein heilloser Götze." Ist das deutlich, Herr Schmidt, 
selbst für Sie ? Was meinen Sie zu diesem „Eifer fürs Christen- 
tum" ? 

Und da Fichte sich den Verweis, den er von seiner Re- 
gierung für seine „unvorsichtigen Sätze" erhalten sollte, nicht 
gefallen lassen wollte, so kam es dahin, daß Fichte seine Stelle 
verlor und nach Berlin reiste, wo man ihn heute nicht seh»" 
gut aufgenommen haben würde. 

Ja so ! Sie werden einwerfen, Sie hätten ja ausdrücklich 
nur von den „neueren Schriften" Fichtes gesprochen! 

Inzwischen glauben Sie, Herr Schmidt, halten Sie es auch 

248 



nur für wahrscheinlich, daß Fichte in seinen spätem Schriften 
einen so enormen Abfall von sich selbst begangen haben sollte? 

Die Fichtesche Philosophie scheitert an einem gewissen 
Punkt, den sie sich auf verschiedene Weise vergeblich zu über- 
winden bemüht. Aber innerhalb ihrer ist sie streng konsequent. 
Selbst Hegel, dem Sie vielleicht einiges Auge nicht absprechen 
werden, wo es sich darum handelt, die Inkonsequenzen seiner 
Vorgänger zu entdecken, erkennt dies wiederholt an. Er hebt 
ausdrücklich hervor (Gesch. d. Ph. III, 612), daß Fichtes „spe- 
kulative Philosophie streng konsequent fortschreitet", und ib. 
S. 615 lobt er an ihr „Einheit des Prinzips und den Versuch, 
wissenschaftlich konsequent den ganzen Inhalt des Bewußt- 
seins daraus zu entwickeln". 

Freilich spricht Hegel hier von Fichtes eigentlicher, streng 
spekulativer Philosophie, während Sie, Herr Schmidt, immer 
nur die popularphilosophischen Reden und Schriften Fichtes 
angeblättert und dabei im Traume hin und wieder exzer- 
piert haben — nicht gelesen, Herr Schmidt, — was Sie doch 
nicht abhält, mit größter Sicherheit immer den ganzen Fichte- 
schen Standpunkt zu beurteilen. Über diese populärphiloso- 
phischen Vorträge sagt nun Hegel, der sich zu derartigen Be- 
mühungen immer etwas zu vornehm verhält, sie seien „ohne 
philosophisches Interesse für ein allgemeines Publikum, eine 
Philosophie für aufgeklärte Juden und Jüdinnen, Staatsräte, 
Kotzebue" (Hegel, Gesch. d. Ph. III, 640). 

Und irre ich nicht sehr, so ist es gerade dieser Satz, der 
Sie zu Ihrer unglücklichen Äußerung veranlaßt hat. Der ganze 
Satz bei Hegel lautet nämlich so : 

„In seinen späteren populären Schriften hat Fichte Glaube, 
Liebe, Hoffnung, Religion aufgestellt, ohne philosophisches 
Interesse für ein allgemeines Publikum etc. etc." 

„Hieraus haben Sie denn gemacht, Herr Schmidt, daß er 
in seinen „neueren Schriften mit Eifer für das Christen- 
tum eingetreten sei" — und dann haben Sie das mit der 
Ihnen eigentümlichen Tiefe noch mit dem Arianismus in 
Verbindung gebracht. Aber gerade je größer ein Gewährsmann 
ist, um so weniger darf man seine kurzen gedrungenen Sen- 
tenzen in der Form plagiieren, daß man sie durch angebliche 
Synonyma paraphrasiert und erweitert, zumal wenn man so ganz 

249 



und gar nichts von der Sache versteht, von der die Rede ist, 
wie Sie. Man riskiert sonst immer, ins Bodenlose zu fallen. 
Und das ist Ihnen denn auch hier bei Ihren unschuldigen 
synonymischen Stilübungen passiert, Herr Schmidt. 

Ich werde nicht versuchen, Herr Schmidt, Ihnen das wirk- 
liche Verhältnis klar zu machen, welches zwischen den populär- 
philosophischen und den streng philosophischen Schriften Fichtes 
besteht, und die Art von Verschiebung der Prinzipien, die in 
jenen ersteren eingetreten ist. Das würde mich zu weit führen, 
Herr Schmidt, selbst abgesehen davon, daß die Römerurkunde 
Ihres Schädels — Sie erinnern sich doch noch von Seite 39 1 ), 
Herr Schmidt? — doch nicht zu überwindenden Widerstand 
entgegensetzen würde. 

Aber so viel, Herr Schmidt, werden Sie vielleicht begreifen : 
Jeder spekulative Philosoph hat einen gewissen Drang, seinen 
Gedanken der Wirklichkeit anzunähern und in dieser selbst 
die Ahnung und unklare Regung dieses seines Ge- 
dankens nachzuweisen. Die spekulative Philosophie hatte dabei 
ein doppeltes Interesse, einmal die größere Expansion, die prak- 
tische Verbreitung ins große Publikum, die sie dadurch er- 
langen kann, und zweitens den theoretischen Nachweis der 
Übereinstimmung des eigenen Denkens mit der realen 
Wirklichkeit, den theoretischen Nachweis, daß diese letztere 
nur eine Entwicklung und Hinbewegung zu ihrem eigenen Ge- 
danken und eine Bestätigung desselben sei. Hierzu hat nun 
seit ewigen Zeiten für jeden spekulativen Philosophen immer 
die Religion dienen müssen, €ei es, daß man jene ahnende 
Übereinstimmung mit dem eigenen Gedankenprinzip bloß in sie 
hineinlegte, sei es, daß man sie wirklich in ihr nachwies. 
Natürlich ist, und in beiden Fällen, dabei jedesmal etwas ganz 
anderes aus der Religion gemacht worden, als sie für sich 
selbst war. Das hat denn nun auch Fichte getan, wie so 
viele vor ihm und viele nach ihm, und so kam es, daß Sie 
bei dem Durchblättern seiner „Grundzüge" etc. die Namen : 
Melchisedech, Johannes etc. fanden — und daher sofort in 
Ihrem oben zitierten Satz in Parenthese setzen, zum paradieren- 
den Beweis, wie genau Sie gelesen haben — was Sie natür- 



x ) S. 227 unserer Ausgabe. D, H. 

250 



lieh sofort nicht wenig in Ihrer Meinung von ,,Fichtes Eifer 
für das Christentum" bestärkte. Wenn Sie eine Ahnung hätten, 
Herr Schmidt, zu was allem sich seit dem Briefe an die 
Hebräer der Melchisedech schon hat hergeben müssen, so würde 
Sie das gar wenig gewundert haben ! Und nun vollends des 
Johannes-Evangeliums, des Logos- Evangeliums, Herr Schmidt, 
haben sich alle Philosophen stets für ihre Zwecke zu bemäch- 
tigen gesucht. Und wenn es richtig ist, was man neuerdings 
mehr und mehr nachzuweisen versucht hat, daß dasselbe verfaßt 
wurde in Ephesus, und zwar von einem mit den heraklitisch- 
stoisch-neuplatonischen Philosophemen, die dort im Umlauf 
waren, geschwängerten Philosophen, so würde Sie das noch 
weit weniger verwundern können und Ihnen noch weit weniger 
als ein Zeichen von ,, Eifer für das Christentum" erschienen sein. 

Was nun aber die Hauptsache betrifft, den Punkt, auf den 
es für uns ankommt, Herr Schmidt, so stimmen die populär- 
philosophischen und die streng philosophischen Schriften Fichtes 
hierin streng überein; denn in jenen stellt er überall als Prinzip 
auf: das Leben in der Idee oder in der Gattung, und dies 
ist ja wieder nur ein anderer Ausdruck für das reine Ich, 
welches das Prinzip seiner strengen Philosophie und gar nichts 
anderes als der actus purus des von allem Empirischen ge- 
reinigten allgemeinen Selbstbewußtseins ist. Dieses Leben in 
der Idee, das reine Denken, nennt er Leben in Gott oder 
Leben schlechthin, alles andere ist ihm Tod. 

Mit welchem „Eifer" aber Fichte nun in diesen späteren 
populär - philosophischen Schriften für das Christentum ein- 
getreten sei, das wollen wir jetzt durch einige wenige Zitate 
ins Reine bringen, Herr Schmidt ! Und bemerken Sie wohl, ich 
zitiere nur jene „neueren" populär-philosophischen Schriften, 
auf die Sie sich beziehen und die Sie gelesen haben wollen, 
seine „Grundzüge" und seine „Anweisung zum seligen Leben". 
So sagt er in den Grundzügen (W. Bd. VII. p. 188) „dem In- 
halt der wahren Religion und insbesondere dem des Christen- 
tums nach ist die Menschheit das eine äußere, kräftige, 
lebendige und selbständige Dasein Gottes". Verstehen 
Sie schon, Herr Schmidt, was das für ein Christentum ist, in 
welchem die Menschheit selbst das Dasein Gottes 
ist? und noch dazu das eine selbständige Dasein 

251 



Gottes? Was meinen Sie zu diesem Eifer? Die Annahme 
eines persönlichen Gottes dagegen nennt er ein „Zaubersystem" 
ib. p. 121 : „Wenn man die Sache ganz streng nehmen will, 
wie ich es, um wenigstens durch dieses Beispiel völlig klar 
zu werden, hier mit Bedacht tue, so ist selber das in der vorigen 
Rede beschriebene Religionssystem, das von einem willkürlich 
handelnden Gotte ausgeht und eine Vermittlung zwischen ihm 
und den Menschen annimmt und vermittelst eines abgeschlossenen 
Vertrags, entweder durch die Beobachtung einiger willkürlichen 
und ihrem Zwecke nach unbegreiflichen Satzungen oder durch 
einen in seinem Zwecke ebenso unbegreiflichen historischen 
Glauben, sich von Gott gegen anderweitige Beschädigungen los- 
zukaufen glaubt, — selber dieses Religionssystem, sage ich, ist 
ein solches schwärmerisches Zaubersystem, in wel- 
chem Gott nicht als der Heilige, von welchem getrennt zu sein 
schon allein und ohne weitere Folge das höchste Elend ist, 
sondern als eine furchtbare, mit verderblicher Wirkung drohende 
Naturkraft betrachtet wird,' in Beziehung auf welche man nun 
das Mittel gefunden, sie unschädlich zu machen, oder wohl 
gar, sie nach unsern Absichten zu lenken." Ist Ihnen das viel- 
leicht klar genug, Herr Schmidt? Und in seiner „Anweisung 
zum seligen Leben", die auch den Titel „Religionslehre" trägt, 
geht er sofort aus von dem Satz (Bd. V. p. 401), daß in dem 
Ausdruck seliges Leben etwas Überflüssiges liegt. „Näm- 
lich das Leben ist notwendig selig, denn es ist die Seligkeit; 
der Gedanke eines unseligen Lebens hingegen enthält einen 
Widerspruch. Unselig ist nur der Tod. Ich hätte darum streng 
mich ausdrückend, die Vorlesungen, welche zu halten ich mir 
vorgesetzt, nennen sollen die Anweisung zum Leben oder die 
Lebenslehre — oder auch, den Begriff von der andern 
Seite genommen, die Anweisung zur Seligkeit oder die Selig- 
keitslehre. Daß inzwischen bei weitem nicht alles, was da als 
lebendig erscheint, selig ist, beruht darauf, daß dieses Unselige 
in der Tat und Wahrheit auch nicht lebet, sondern nach 
seinen mehrsten Bestandteilen in den Tod versenket ist und in 
das Nichtsein." Sie wären z. B., Herr Schmidt, wie viele 
Bücher Sie auch schrieben, immer tot nach Fichte, schlecht- 
weg tot! Denn daß Fichte unter „Seligkeit" oder „Leben" 
nichts als reines Denken versteht, sehen Sie sofort (da- 

252 



selbst p. 431) bei ihm, wo er sagt, es müsse schon aus dem bis- 
herigen klar sein, daß „Nicht denken und Tot sein wohl 
ganz dasselbe bedeuten dürften, indem schon früher das Ele- 
ment des Lebens in den Gedanken gesetzt worden, somit 
wohl das Nichtdenken die Qual des Todes sein dürfte". 
Nach Fichte nämlich, Herr Schmidt! Sie sagen freilich, indem 
Sie dies lesen: 

„Sollte diese Qual mich quälen, 
Da sie meine Lust vermehrt?" 
Nun aber weiter. Über die christliche Annahme, daß Gott 
die Welt geschaffen, spricht sich Fichte daselbst also aus (ib. 
p. 479) : „Aus Unkunde der im bisherigen von uns aufgestellten 
Lehre entsteht die Annahme einer Schöpfung als der abso- 
lute Grundirrtum aller falschen Metaphysik und Religions- 
lehre etc." Über das christliche Dogma von dem Fortleben in 
einem Jenseits und einer Seligkeit daselbst, drückt sich Fichte 
— gewiß deutlich genug — also aus (ib. p. 521) : „Es hilft auch 
nichts, daß man diese Glückseligkeit recht weit aus den Augen 
bringe und sie in eine andere Welt jenseit des Grabes verlege, 
wo man mit leichterer Mühe die Begriffe verneinen zu können 
glaubt. Was ihr über diesen inneren Himmel auch sagen oder 
vielmehr verschweigen möget, damit eure wahre Meinung 
nicht an den Tag komme, so beweiset doch schon der einzige 
Umstand, daß ihr ihn von der Zeit abhängig macht und ihn in 
eine andere Welt verlegt, unwidersprechlich, daß er ein Himmel 
des sinnlichen Genusses ist. Hier ist der Himmel nicht, sagt 
ihr, jenseits aber wird er sein. Ich bitte euch : was ist denn das- 
jenige, das jenseits anders sein kann, als es hier ist? Offenbar 
nur die objektive Beschaffenheit der Welt als der Umgebung 
unseres Daseins. Die objektive Beschaffenheit der gegenwärtigen 
Welt demnach müßte es eurer Meinung zufolge sein, welche 
dieselbe untauglich machte zum Himmel, und die objektive Be- 
schaffenheit der zukünftigen das, was sie dazu tauglich machte; 
und so könnt ihr es denn gar nicht weiter verhehlen, daß eure 
Seligkeit von der Umgebung abhängt und also ein sinnlicher 
Genuß ist. Suchtet ihr die Seligkeit da, wo sie allein zu finden 
ist, rein in Gott (d. h. also immer so viel als im reinen Ge- 
danken, Herr Schmidt) und darin, daß er heraustrete, keines- 
wegs aber in der zufälligen Gestalt, in der er heraustrete, so 

253 



brauchtet ihr euch nicht auf ein anderes Lehen zu verweisen, 
denn Gott ist schon heute, wie er sein wird in alle Ewigkeit." 

Und mit seiner ganzen grimmigen Schärfe die religiöse Denk- 
art hierin auf ihren Kern reduzierend, schließt er diese De- 
duktion (das. p. 522) : ,,In Summa: diese Denkart, auf die Form 
eines Gebets gebracht, würde sich also aussprechen: Herr, es 
geschehe nur mein Wille, und dies zwar in der ganzen, 
eben deswegen seligen Ewigkeit, und dafür sollst du auch den 
dein igen haben in dieser kurzen und mühseligen Zeit- 
lichkeit." 

Was meinen Sie nun, Herr Schmidt, zu diesem „Eifer, mit 
dem Fichte für die christliche Religion eintritt" ? 

Oder wenn Fichte (das. p. 185) sagt: „nur das Meta- 
physische, keineswegs aber das Historische macht selig", er- 
kennen Sie da noch nicht, Herr Schmidt, die Fortentwicklung 
des Lessingschen Satzes : nur die Umbildung und Auflösung 
der geoffenbarten Religionssätze in Vernunftwahrheiten könne 
uns helfen ? 

Fichte leugnet ja auch gar nicht den ungeheuren Gegensatz, 
in welchem das, was er in diesen Vorträgen unter Religion ver- 
stehen will, zur christlichen Religion steht. Er sagt ausdrück- 
lich (ib. p. 484) : „Sodann stellt in diesem Zeitalter unserm 
Vorhaben sich entgegen das ungeheuer paradoxe, ungewöhn- 
liche und fast unerhörte Aussehen unserer Ansichten, indem 
dieselben gerade das zur Lüge machen, was dem Zeit- 
alter bisher für die teuersten Heiligtümer seiner 
Kultur und seiner Aufklärung gegolten." 

Und was Fichtes Berufung auf das Johannes-Evangelium 
betrifft, — kann man sich denn klarer darüber ausdrücken, als 
Fichte es selbst (ib. p. 474) in folgenden Worten tut : „Unter 
den Griechen ist Plato auf diesem Wege. Der Johanneische 
Christus sagt ganz dasselbe, was wir lehren und beweisen und 
sagt es sogar in derselben Bezeichnung, deren wir uns hier 
bedienen, und selbst in diesen Jahrzehnten unter unserer Nation 
haben es unsere beiden größten Dichter in den mannig- 
faltigsten Wendungen und Einkleidungen gesagt." 

Dieses Johannes-Evangelium, welches identisch ist mit 
einem Goethe- und Schiller-Evangelium, dämmert 
Ihnen noch nichts, Herr Schmidt? 

254 



Sie werden also jetzt vielleicht begreifen, was Hegel in der 
obigen kurzen Notiz, die Sie so ungeschickt abschreiben, hat 
sagen wollen. Fichte hatte sich in diesen populär-philosophischen 
Vorträgen darauf eingelassen, die populären Formen des Be- 
wußtseins, Religion, Seligkeit, — auch von Liebe ist bei ihm 
viel die Rede — für sich heranziehen und gewinnen und seinen 
Gedanken dahinein legen zu wollen. Hegel meint nun, Fichte 
sei dabei ins Erbauliche gefallen und habe in diesem Sich- 
hingeben an die Formen des populären Bewußtseins dem streng 
philosophischen Inhalt Abbruch getan. Er drückt dies in der 
graphischen, spöttischen Form jener Notiz so aus : ,, Fichte 
habe in seinen späteren Schriften Glaube, Liebe, Hoff- 
nung, Religion aufgestellt, ohne philosophisches Interesse, 
eine Philosophie für aufgeklärte Jüdinnen etc." Und Sie, um 
die Spuren von sich zu verwischen und in Ihrer ganzen rohen 
Unbekanntheit mit dem Stoff, über den Sie schreiben, para- 
phrasieren das in einen total entgegengesetzten Ge- 
danken in dem Satze : „Fichte sei in seinen neueren Schriften 
mit Eifer für das Christentum eingetreten." 

Wenn Sie wieder abschreiben, Herr Schmidt, so schreiben 
Sie lieber wörtlich ab und paraphrasieren Sie nicht. 

Aber das dicke Ende kommt erst noch nach, Herr Schmidt. 

Nicht nur Sie entdecken, daß Fichte mit Eifer fürs Christen- 
tum eingetreten sei, sondern, wunderbarer Mann, Sie entdecken 
sofort auch noch den innerlich notwendigen Grund, warum er 
dies mußte. Deshalb nämlich, weil, wie Sie in dem blöd- 
sinnigen Satze, den ich kommentiere, ohne gleichwohl nur die 
Hälfte seines Unsinns herausschälen zu können, sagen, Fichtes 
philosophische Ansicht keine andere sei, „als die Meinung, 
welche dem — Arianismus zugrunde liegt"!! 

Welcher Spaßvogel, frage ich nochmals, hat Sie denn hier 
in den April geschickt? Wo haben Sie denn einmal vom 
„Arianismus" etwas läuten hören und haben Sie denn gar keine 
Ahnung von dem, was Sie sprechen ? Der Arianismus, Ver- 
ehrtester, ist die Ansicht der von dem alexandrinischen Pres- 
byter Arius, im Jahre 318 nach Christus, gestifteten Sekte, 
welche die origineische Subordinationstheorie wei : ;er entwickelnd 
behauptete, Christus sei nicht ewig wie der Vater, er sei 
einst nicht dagewesen; er sei, wenn auch vor der Zeit und 

255 



Weltschöpfung, von Gott, nicht gezeugt, sondern vermöge 
des freien Willen Gottes aus nichts geschaffen (y.xio^a 
ydg toxi y.al jzoü]ua). Er sei daher ferner wie nicht gleich 
ewig, so auch nicht gleichen Wesens mit dem Vater, sei 
nur ein durch Mitteilung gewordener Gott. (Sehen Sie doch 
nur, gelehrter Mann, über alles das die Rede des Athanasiu9 
contra Arianos!) 

Die entgegengesetzte Partei — deshalb die Homousianer 
genannt — hielt dagegen daran fest, daß der Sohn von völlig 
gleichem Wesen mit dem Vater sei; er sei der ein- 
geborne aus dem Wesen des Vaters gezeugte Sohn 
und gleich ewig mit ihm. Diese Meinung war es, welche 
auf der Kirchenversammlung zu Nicäa (325 nach Chr.) den 
Sieg davon trug und herrschendes Glaubensbekenntnis der Kirche 
wurde. 

Was hat nun zuvörderst, Herr Schmidt, dieser ganze Streit 
mit der Philosophie Fichtes zu tun? Glauben Sie wirklich, daß 
die moderne Philosophie sich noch um diese byzantinischen 
Streitigkeiten dreht und sehen Sie nicht ein, daß selbst da, wo 
in ihr von solchen Dingen die Rede zu sein scheint, es sich 
in dieser Form um einen ganz andern Inhalt handelt, und daß 
es also das wüsteste, nach einem leeren Schein von Tiefe 
trachtende Kauderwelsch ist, eine Philosophie wie die Fichte- 
sche durch Reduzierung auf den byzantinischen Streit um die 
Personen in Christo zu erklären? Und wollten Sie das gleich- 
wohl schon einmal tun, Herr Schmidt, wo bei allen Heiligen 
haben Sie denn gelesen, daß Fichte arianert? 

Konnten Sie sich nicht schon a priori sagen, daß der Arianis- 
mus höchstens für die Rationalisten Analogien bieten kann, 
daß aber alle spekulative Philosophie nur das homousia- 
nische orthodoxe Glaubensbekenntnis der Kirche gebrauchen 
kann ? Und wenn Sie auch nicht soviel Verstand hatten, um sich 
das schon a priori zu sagen, was lesen Sie denn in der „Re- 
ligionslehre" von Fichte, die Sie ja gelesen zu haben be- 
haupten? Sie lesen da (Bd. V, 479) : ,,Im Anfang schuf Gott, 
heben die heiligen Bücher dieser (der jüdischen) Religion an 
— nein, sagt Johannes : im Anfange, in demselben Anfange, 
wovon auch dort gesprochen wird, d.h. ursprünglich und vor 
aller Zeit schuf Gott nicht, und es bedurfte keiner 

256 



Schöpfung, sondern es — war schon; es war das Wort" 
(der Logos, Herr Schmidt). Fichte also legt das Johannes- 
Evangelium ausdrücklich gegen Arius aus ; ov xxiofxa sagt er 
gegen das xxiojua xal nolrj/ua des Anus, der Christus aus 
dem Nichts erschaffen lassen will ! Aber weiter. Was lesen 
Sie denn bei Fichte daselbst Seite 481 ? Folgendes: In Summa: 
ich würde diese drei Verse (des Johannes) in meiner Sprache 
also ausdrücken: Ebenso ursprünglich (also ebenso ewig, 
Herr Schmidt), als Gottes inneres Sein (Gott Vater, 
Herr Schmidt) ist sein Dasein (Gott Sohn, Herr Schmidt), 
und das letztere ist vom ersteren unzertrennlich und 
ist selber ganz gleich dem ersten." 

Und Seite 483 urgiert Fichte hierauf nochmals noch aus- 
drücklicher : „Allenthalben und ganz besonders bei Johannes ist 
Jesus der Erstgeborene und Einige unmittelbar ge- 
borne Sohn des Vaters, keineswegs als Emanation etc. 

— welche vernunftwidrige Träume erst später ent- 
standen sind — sondern in dem oben erklärten Sinne, in 
ewiger Einheit und Gleichheit des Wesens!!" Herr 
Schmidt, Herr Schmidt, was ist denn das anders als die 
strengste homousianische Lehre, als die wörtliche korrek- 
teste Übersetzung des Symbolum Nicaenum: „moxevojuev 

— — — eig xöv vlbv xov deov, ytvvrjdivxa ix xov naxgög 

juovoyevfjv, xovxeoxcv ix xfjg ovoiag xov naxobg yF.vvrjiievxa, 

ov noirjdevxa, öuovoiov xcö naxoi Was ist es anders 
als die wörtliche Übersetzung des athanasiani- 
schen Symbols: — — filius a patre solo, est non f actus, 
non creatus sed genitus. — — Et in hac trinitate nihil prius 
aut posterius, nihil maius aut minus ; sed totae tres personae 
coaeternae sunt et coaequales." Und es soll ja auch nach 
Fichte selbst gar nichts anders sein, und er resümiert selbst 
sofort auf der folgenden Seite, wie „also wahr sei", was 
das christliche Dogma behaupte. 

Also so kennen Sie Ihre eigene Religion, Ihre eigene 
Glaubenslehre, Herr Schmidt, daß Sie die strenge Über- 
setzung des Nicänischen und Athanasianischen Symbols für 
„Arianismus" halten? Schweigen Sie! Sie mußten dieses 
Symbol kennen, zu welcher Konfession Sie auch gehören ! Denn 
es ist sowohl der katholischen wie der protestantischen Kirche 

17 Lassalle. Ge.. Schriften. Band VI. 257 



gemeinsam. Ich bin zwar nur ein Setzer, Herr Schmidt, und 
gar nur ein jüdischer Setzer, Herr Schmidt, aber ich würde 
mich doch tief schämen, von einer so stupenden Unwissenheit 
in den Grundlehren der christlichen Religion zu sein ! 

Aber noch mehr ! Am Ende jenes Ihres merkwürdigen tiefen 
Satzes, den ich hier zu kommentieren verflucht bin, machen 
Sie die Entdeckung, daß, wenn die Fichtesche Auffassung des 
Christentums „auch nur eine Theorie derjenigen Denk- 
art wäre, die man gewöhnlich mit dem Namen Auf- 
klärung bezeichnet, ihr der Ruhm würde bleiben müssen, über 
das Wesen derselben zuerst wahres Licht verbreitet und sie 
metaphysisch begründet zu haben". In dem Ruhm wie 
in dem Tadel, den Sie austeilen, immer derselbe Blödsinn und 
dieselbe Fälschung ! Wie ? ! ! ! Fichte soll die Aufklärung meta- 
physisch begründet haben ? ! ! ! Fichtes Philosopheme ,,eine 
Theorie der Ansicht, die man gewöhnlich mit dem Namen 
Aufklärung bezeichnet"?!! Was? Sie wissen noch nicht 
einmal, daß Fichte ein spekulativer Philosoph war, und 
daß spekulative Philosophie und die „Aufklärung" strikte 
Gegensätze sind? Sie erzählen uns ein langes und ein breites 
über die Fichteschen „Grundzüge", exzerpieren uns sogar bei 
Ihrem Durchblättern des Buches ganze Stellen daraus, und 
haben nicht einmal darin gelesen, daß Fichte die „Aufklärung" 
in eben diesen Grundzügen so geißelt und kennzeichnet, wie das 
nie einer vor ihm und kaum einer nach ihm getan ? ! O, gehen 
Sie zum Teufel, Herr Schmidt! Sie sind ein zu gedanken- 
loses Subjekt, ein wahrer Ignorantenkaiser, und ich schenke 
Ihnen vor Überdruß den Unsinn, der noch in dieser Stelle und 
in ihrem unmittelbaren Fortgange enthalten ist ! 

Manches sprach ich; 

Mehr noch sagt' ich, 

Gönnte zur Rede 

Der Gott mir Raum. 

Die Stimme versagt, 

Die Wunden schwellen, 

Die Wahrheit sagt' ich, 

So gewiß ich sterbe ! 
(Edda, Sigurdharkvida Fafnisbana thridja.) 



258 



Bd. IL S. 318. 
„So kommt es, daß (bei Achim von Arnim) die vor- 
trefflichsten Maximen beziehungslos verlaufen, 
obgleich sie immer viel zu denken geben. 

Anm. d. Setzers. Großer Schmidt 1 Gedanken, die „be- 
ziehungslos verlaufen" und dennoch „viel zu denken 
geben", Gedanken, welche „viel zu denken geben" und dennoch 
„beziehungslos verlaufen" ! Wunderbarer Mann, wie Sie sich 
nach beiden Seiten zu decken verstehen ! Beneidenswerter Geist ! 
Schon sehe ich in Ihrem Geiste fortdenkend einen schwarzen 
Rock, welcher weiß, und ein Pferd, welches ein Kamel ist! 
Wo soll man eigentlich die Geduld hernehmen für Ihren 
Blödsinn? Doch, ich habe es Ihnen vorhin erklärt, daß und 
warum ich mich resignieren muß und deshalb — seien Sie 
unbesorgt — bis zu Ende resignieren werde! 

„Wenn's denn Gott oder Teufel so gefällt, 

Sprach er, daß ich Geduld muß han, so sei's ! 

Doch das bezeuge mir die ganze Welt, 

Daß ich erwürgen möcht' an dieser Speis' ! 

Träum' ich? Bin ich im Hirn verrückt? Was prellt 

Mich hie herab in diesen Käfig? Weiß 

Ich, wie, wo, wann ich kommen in dies Loch ? 

Bin ich verwandelt oder Roland noch?" 

(Bojardo, Verl. Roland, IX, 15.) 



Bd. IL S. 233. 
„Schon damals mischte er die volkstümlichen Vorstel- 
lungen von Hexen, Gespenstern und Alraunen mit den 
Ideen der deutschen Philosophie, diesem Erzeugnis des 
Protestantismus, das bei dem geborenen Katholiken 
keine organische Entwicklung haben konnte." 

Anm. d. Setzers. Grausamer Herr Schmidt ! All den Mil- 
lionen Katholiken entziehen Sie mit einem Federstrich die 
Fähigkeit, die deutsche Philosophie in sich aufzunehmen? 
Grausamer Wüterich ! 



259 



Bd. II. S. 325. 

„Daß Schlegel aus denselben Gründen den König ödi- 
pus in den Hintergrund schob, weil er sich am meisten 
der Natur des modernen Intriguenstücks nä- 
hert." 

Anm. d. Setzers. O großer Mann ! Der König ödipus von 
Sophokles sich ,,der Natur des modernen Intriguenstücks 
nähernd" — welche Entdeckung, die Sie da wieder trotz des 
Schweißes, den sie Ihnen gekostet haben muß, ganz anspruchs- 
los in einem harmlosen Nebensatz vortragen ! O großer Mann ! 
Auf derselben Seite machen Sie auch noch die Entdeckung, 
daß dem ödipus in Kolonos von Sophokles „der Faden einer 
Handlung fast ganz fehlt". O großer Mann! Was danke 
ich Ihnen nicht alles ! Und immer diese Anspruchslosigkeit, 
diese rührende Einfachheit, mit welcher Sie die merkwürdigsten 
und tiefsten Entdeckungen aus dem Ärmel schütteln. Es ist 
zum Verrücktwerden ! 

Bd. II. S. 439. 

„Die Musik war die erste Kunst, durch welche 
Deutschland nach dem Elend des Dreißigjährigen Krieges 
wieder in die Reihe der Kulturvölker trat 
(!!!). Die Versuche des Pietismus in der Poesie 
waren gut gemeint, aber sie litten an Armut wie an Unklar- 
heit der Bildung ; dagegen brachte in der Musik schon lange 
vor Goethes Geburt die entsprechende Gemütsrichtung 
die wunderbarsten Kunstwerke hervor. Die Verwandt- 
schaft Sebastian Bachs mit dem Pietismus liegt nur 
in der Richtung auf das Innerliche, das Geistige, das 
Immaterielle." 

Anm. d. Setzers. Also die Musik, Herr Schmidt, „war die 
erste Kunst, durch welche Deutschland nach dem Elend des 
Dreißigjährigen Kriegs wieder in die Reihe der Kultur- 
völker trat"? Deutschland war also während irgendeiner Zeit- 
periode damals aus der Reihe der Kulturvölker aus- 
getreten? — was doch unerläßlich ist, um „wieder in diese 

260 



Reihe treten" zu können. Und zwar war es nach Ihnen in- 
folge des „Elends des Dreißigjährigen Kriegs" ( — wie plau- 
sibel sich das anhört I — ) und mindestens während der Dauer 
dieses Kriegs und einer gewissen auf die Beendigung desselben 
noch folgenden Zeitperiode außerhalb der „Reihe der Kultur- 
völker". Ja, Sie berechnen diese Periode, wie es offenbar 
scheint, mindestens bis auf Sebastian Bach, welcher 
1685 geboren ist, da nach Ihnen die Musik „die erste Kunst" 
ist, durch welche Deutschland wieder in jene Reihe eintrat, 
und Sie dabei auf Bach ausdrücklich hinweisen. 

Wie ich das las, Herr Schmidt, ward ich sehr traurig 1 
Bin ich auch nur ein Setzer, so habe ich nichtsdestoweniger 
einen gewissen Patriotismus, und es tat mir sehr weh, daß 
Deutschland so lange außerhalb der Reihe der Kulturvölker 
gestanden haben und auch dann zuvörderst nur mit seiner musi- 
kalischen Fußzehe in diese Reihe eingetreten sein soll. Zwar 
soviel sah ich sofort, es sei eine lächerliche und absurde Be- 
hauptung zu sagen, daß Deutschland mit oder während oder 
wegen des Elends des Dreißigjährigen Kriegs aus der Reihe 
der Kulturvölker ausgetreten sei. Denn wenn ein Volk einen so 
großen geschichtlichen Kampf durchkämpft, von dem eine ganz 
neue Geschichtsepoche datiert, so erweist es sich eben da- 
durch als Kulturvolk. Inzwischen, ich glaubte, daß Sie das 
Austreten aus dieser Reihe wahrscheinlich nur in bezug auf 
Wissenschaften und Künste meinen. Allein auch dies 
tat, so unwahrscheinlich es mir auch sofort vorkam, meinem 
patriotischen Herzen nicht weniger weh. 

Ich ging also zu meinem Freund, dem Tertianer, und jetzt 
wo ich von demselben zurückkehre, muß ich Sie fragen: aus 
welchem Konversationslexikon, Herr Schmidt, haben 
Sie denn eigentlich jenen so plausibel klingenden Unsinn von 
dem Austreten Deutschlands aus der „Reihe der Kulturvölker" 
während und nach dem „Elend des Dreißigjährigen Krieges" 
abgeschrieben ? 

Mein Freund, der Tertianer, hat letzten Weihnachten von 
seinen Eltern die Geschichte der poetischen Nationalliteratur 
der Deutschen von Gervinus geschenkt bekommen. Aus diesem 
Werke las er mir folgende Angaben über die Wirkung des 
Dreißigjährigen Krieges auf Deutschland vor: Bd. III. S. 190 

261 



etc. : „Gegen den Ausgang des Krieges haben wir mitten unter 
den Nacheiferern der Fremden wieder ganz original 
Deutsche, unter den Gelehrten ganz volksmäßige 
Schriftsteller stehen. Die ganze deutsche Kirchen- 
poesie, dieser so volkstümliche Zweig, ist durch nichts 
so gefördert worden, wie durch den Dreißigjährigen Krieg, 
der des David Notzeit in Wirklichkeit über die einzelnen ver- 
hängte. Das Volkslied, werden wir sehen, bekam wieder 
einen Schwung ganz unmittelbar durch diesen 
Krieg, und so beliebte Volksschriften und Schriftsteller, wie 
der Simplizissimus und Moscherosch stehen in der engsten 
Beziehung zu ihm. Ein eigentlich deutscher, auf das Fremde 
weniger erpichte Dichter, wie Flemming, faßte den Plan zu 
einer Margenis (Anagramm von Germania) einem Gegenstück 
zu Barclays bewunderter Argenis, unmittelbar aus diesem 
Kriege." — Wir sprachen noch hierüber, als unser Freund, 
der Student, hinzukam. Der läßt Sie fragen, wenn Sie, der Sie 
jede Zeit und jede Sache mit einem ihr fremden Maßstab 
messen, der Poesie „Pietismus" vorwerfen und damit viel- 
leicht die Kirchenpoesie von damals zu beseitigen ver- 
meinen — so absolut verschiedene Dinge der Pietismus und 
die damalige Kirchenpoesie auch sind — haben Sie nie von 
meinem Landsmann Martin Opitz gehört, der gerade an der 
Spitze der weltlichen Poesie steht und dessen bahn- 
brechende Tätigkeit für dieselbe gerade in die Zeit des Dreißig- 
jährigen Krieges fällt? 1623 wird die erste Sammlung seiner 
Gedichte von ihm herausgegeben, 1624 sein Werk „Von der 
deutschen Poeterei" usw. 1639, also noch während des Krieges, 
stirbt er. Oder ist Ihnen Opitz vielleicht zu trocken, nun, was 
meinen Sie dann zu dem „Pietist" Andreas Gryphius, ge- 
boren 1616, gestorben 1664, dem kühnen und schwungvollen 
Gryphius, den man den Vater des neueren deutschen Dramas 
genannt hat und der, wie er die Originalnarren seines Jahr- 
hunderts in seinen Stücken darstellt, so gewiß auch Ihnen, 
wenn er Sie gekannt hätte, Herr Schmidt, Ihren Platz darin, 
z. B. in seinem „Peter Squenz" eingeräumt hätte. Oder viel- 
leicht hätte er dann auch statt seines „Horribilicribrif ax" 
einen „Horribiliscribif ax" geschrieben! Oder was meinen 
Sie zu dem Pietismus des obszönen Epikuräers Christian 

262 



Hoffmann von Hoffmannswaldau, geboren 1618, ge- 
storben 1669? Oder zu dem „Pietismus" Logaus, dessen 
Epigramme, von denen Sie doch mindestens durch Lessmg ge- 
hört haben sollten, 1638 und 1654 erschienen? Und an wie 
viele andere könnte man Sie nicht erinnern! Sollten Sie aber 
vielleicht die Ausflucht ergreifen, die Literaten selbst wären 
immer doch nur , .einzelne", so würde ich Sie, Herr Schmidt, 
auf die zahlreichen literarischen Gesellschaften aufmerksam 
machen, die gerade damals mehr denn je Deutschland be- 
deckten, die „Fruchtbringende Gesellschaft", der „Schwanen- 
orden", der „Palmenorden", die „Pegnitzschäfer" etc. etc. Von 
Opitz' Werken allein waren noch vor Ablauf des Jahrhunderts 
zehn Auflagen konsumiert, Herr Schmidt, wovon Sie viel- 
leicht zugeben werden, daß es kein geringer Beweis für die 
Teilnahme der Nation an den literarischen Leistungen war. 
Vielleicht aber, grundgelehrter Mann, ist Ihnen die Poesie eine 
Leistung von zu leichtem Kaliber, um auf diesen Titel hin einer 
Nation den Titel eines Kulturvolks zu erteilen. Nun, was meinen 
Sie dann zu der Philosophie, Herr Schmidt? Spinoza, 
den man die Gewohnheit hat, zur deutschen Philosophie zu 
rechnen, schrieb seine Werke gleichfalls in jener Penode (ge- 
boren 1632, gestorben 1677). Noch immer kein Kulturvolk, 
Herr Schmidt ? Aber Spinoza rekusieren Sie wahrscheinlich, 
weil er ein niederländischer Jude war. Nun, wie denken Sie 
dann über Leibnitz, dessen erste Schriften de principio 
individuationis 1664, de conditionibus 1665 erschienen? Immer 
noch kein Kulturvolk, Herr Schmidt ? Aber die Philosophie be- 
trachten Sie wahrscheinlich überhaupt nur als Phraseologie, und 
Leibnitz, der in der Tat ungefähr von derselben „erstaunlichen 
Unwissenheit" war wie Fichte, hat sich wahrscheinlich durch 
seine Beschäftigung mit philosophischem Wind um den Anspruch 
auf Ihre Achtung gebracht, den er sonst gehabt hätte. Nun 
also, wenn Sie nur strenge Fachwissenschaftlichkeit gelten 
lassen können, grundgelehrter Mann, was meinen Sie denn zu 
dem großen Altertumsforscher Gronovius, 1611 zu Ham- 
burg geboren? Oder zu dem in Heidelberg gebornen Gerhard 
Vossius oder seinem Sohn Isaak Vossius, dem gelehrten 
Philologen ? Aber Gerhard Vossius wie Gronov lassen Sie 
vielleicht nicht gelten, weil uns beide, obgleich in Deutschland 

263 



geboren, das Ausland fortnahm, jenen Leyden, diesen Deventer. 
Aus demselben Grunde vielleicht auch Gravi us nicht, 1632 
in Naumburg geboren, um den sich das ganze Ausland riß, 
Venedig und Padua, Leyden und Amsterdam, und den uns 
Deventer von seinem Professorat in Duisburg entführte und 
Utrecht dann definitiv für sich gewann. Nun, warum nehmen 
Sie dann aber nicht Ihre Revanche an Gruterus, von dessen 
Inschriftenwerk und Thesaurus criticus Sie vielleicht einmal 
haben sprechen hören, und der, obgleich in Leyden geboren, 
an den Universitäten von Wittenberg und dann von Heidelberg 
während des Dreißigjährigen Kriegs blühte und lehrte? Aber 
mit den Philologen ist es überhaupt wohl nichts : Das ist eine 
,, abstrakte fremde Bildung", das ist ein „fremdes Grün", wel- 
ches usw. — Sie erinnern sich doch noch, Herr Schmidt, von 
oben S. 230 ? Nun, lassen wir die Philologen. Was sagen Sie 
aber zu dem gewaltigen Samuel Pufendorf, dessen groß- 
artige, das Recht umgestaltende und ihren Einfluß auf alle 
Nationen Europas übende Tätigkeit in dieselbe Zeitperiode 
fällt? Oder zu seinem Schüler, dem berühmten Juristen Chri- 
stian Thomasius, der 1867 an der Universität Leipzig zur 
Verwunderung der gelehrten Welt Vorlesungen in deutscher 
Sprache eröffnet? Aber wahrscheinlich herrscht bei den Juristen 
wieder zu sehr ,,das fremde Grün" des römischen Rechts vor! 
Nun. wenn die juristische Wissenschaft gleichfalls keine Gnade 
vor Ihren Augen findet, was sagen Sie zu dem famosen Poly- 
histor Morhof (geboren 1639, gestorben 1691), dessen Werke 
so lange die Hauptquelle für alle Literaturgeschichte waren 
und von dem Sie. Literarhistoriker, doch schon deshalb hätten 
hören sollen ? Aber wahrscheinlich ist es mit der Literarhistorie 
auch nichts. Von Schanze zu Schanze sich flüchtend, werden 
Sie jetzt vielleicht nur in den Naturwissenschaften die 
„reale" Kultur eines Volkes sehen wollen. Nun, was sagen 
Sie dann z.B. zu Otto von Guericke, geboren zu Magde- 
burg 1602, der 1650 die Luftpumpe erfindet? Oder zu Kepp- 
ler, dem Schöpfer der neueren Astronomie, der 1631 stirbt? 
Oder zu Joachim Jungius, der, in Lübeck geboren, 1657 
in Hamburg stirbt, diesem Manne, gleich groß als Botaniker, 
Mathematiker und Philosoph, der durch seine gewaltigen Ver- 
dienste um die Naturwissenschaften Goethe eine so leiden- 

264 



schaftliche Verehrung einflößte, der von Leibnitz fast noch 
über Cartesius gesetzt wurde und von dem schon das Pariser 
Journal des Savants vom 22. August 1678 sagt: ,,estoit sans 
contredit un des plus grands mathematiciens et philosophes de 
son temps et un des plus habiles hommes que l'Allemagne ait 
jamais eu?" 

Doch wozu würde es dienen, weiter mit Ihnen zu rechten ! 

O, Bursche, Bursche, welches Zerrbild der Wirklichkeit Sie 
Ihren Lesern beibringen! 



Bd. II. S. 203. 

Über die Werke von Grimm : „Bei dieser Anlage der 
Forschung gab es nur einen Weg, dem Suchenden die 
Folge zu erleichtern, nämlich Hauptweg und Neben- 
pfade mit starken, sinnlich wahrnehmbaren Strichen 
zu scheiden. Daß Grimm diese in der deutschen Wissen- 
schaft sonst übliche Scheidung verschmäht, erschwert 
hauptsächlich das Studium seiner Schriften.' 

Anm. d. Setzers. O Herr Grimm, schämen Sie sich ! Konnten 
Sie nicht an Herrn Julian Schmidt denken, als Sie Ihre Werke 
schrieben? Sie glaubten wahrscheinlich, für den Lesenden, 
welcher dem Gedankengang Ihrer Schriften folge, sei es hin- 
reichend, wenn Haupt- und Nebenwege Ihrer Entwicklung 
geistig wahrnehmbar seien! Aber das ist es ja eben! Sie ge- 
hören auch wieder zu jenen deutschen Gelehrten, welche die 
lächerliche Prätention haben, gelesen zu werden! Bedenken 
Sie doch, Herr Julian Schmidt ist nicht ein Lesender, 
sondern ein Suchender; er nimmt sich heut ein Buch von 
Ihnen und will morgen darüber schreiben. Für dieses Ab- 
suchen mit den Augen braucht man nicht geistig-, 
sondern ..sinnlich-wahrnehmbare Striche", ..starke" 
Striche, Herr Grimm ! Wie Teufel soll man sich sonst beim 
Durchblättern Ihrer Werke soweit orientieren, um den Schein 
annehmen zu können, sie gelesen zu haben? Setzen Sie Striche 
in Ihre Werke, Herr Grimm, starke Striche, sinnliche 
Striche, Hörner wo möglich, um den sinnlichen Sucher zu- 
rechtzustoßen. Unpraktischer Grimm! 

265 



Bd. IL S. 202. 
„Als Jacob Grimm seine Geschichte der deutschen 
Sprache vollendete, mitten im Ausbruch der Revolutions- 
stürme, wo man nach sanscülottischer, zerfah- 
rener, ungeschichtlicher Freiheit strebte, 
schrieb er" etc. etc. 

Anm. d. Setzers. So oft Sie auf Politik kommen, Herr 
Schmidt, sind Ihre Urteile stets von einer ganz besondern 
Tiefe, Ihr Gebaren von einer ganz be sondern Ergötzlichkeit: 
„Wer jemals auf dem Platze sah den großen 
Unbänd'gen Stier, den ganzen Tag gehetzt, 
In seiner Wut die Schranken nun durchstoßen, 
Die rings umher gedrängtes Volk besetzt, 
Das vor dem Wilden läuft, der voll Erboßen 
Bald den, bald den auf seine Hörner setzt, 
Der denke so und .grauser noch den Frechen, 
Da er sich aufmacht, um durchs Volk zu brechen." 
(Ariost, Ras. Roland XVIII, 19.) 
Freilich, freilich wissen Sie, wenn es sein muß, nach jeder 
Seite eine Verbeugung zu machen und sagen deshalb wieder 
an einer andern Stelle (11,330): „Die Idee der Volks- 
souveränität ist nur anscheinend destruktiv; sie 
verfolgt in ihrem unklaren Streben das Ziel, den Menschen 
seiner selbstsüchtigen Vereinzelung zu entreißen und ihm an 
einem lebendigen Organismus festen Halt zu geben." Und 
ebenso schließen Sie deshalb Ihr Werk mit der heroischen 
Apostrophe (S. 562) : „Die Aufgabe unserer Zeit, die Wirk- 
lichkeit mit dem Licht der Idee zu durchdringen, wurzelt in 
der allgemeinen Überzeugung des Volks ; keine äußere Maß- 
regel wird sie hintertreiben." 

„Diu frouwe an rechter zit genas 

eins suns, der zweier varwe was, 

an dem got wunders wart enein, 

wiz und schwarzer varwe er schein. 

Diu küngin küßt in sunder twäl 

vil dicke an siniu blanken mal." 

(Parzival 1,57.) 

266 



Oder zur Erleichterung für Sie, Herr Schmidt, nach Simrocks 
Übersetzung : 

Die Frau zu rechter Zeit gebar 
Einen Sohn, der zweier Farben war. 
Ein Wunder legte Gott an ihn, 
Weiß und schwarzer Färb' er erschien. 
Die Kön'gin küßt ihn tausendmal 
Alsbald auf seine blanken Mal'. 



Bd. IL S. 334. 
„Man hat die vom König von Preußen persönlich ver- 
fügte Absetzung des Professor d e We 1 1 e , der in 
einem Brief an Sands Mutter Entschuldigungs- 
gründe für den Meuchelmord aufgesucht, sehr heftig an- 
gegriffen; aber wie uns auch das Denunziationssystem, 
das diesen Akt veranlaßte, anekelt, so lag dem Abscheu 
vor der sophistischen Beschönigung eines Verbrechens 
doch ein richtiges Gefühl zugrunde; denn das 
ist der Fluch unserer neueren Entwicklung, daß wir den 
natürlichen Maßstab des Gewissens verloren und uns ge- 
wöhnt haben, die einfachsten Verhältnisse vom „höheren 
Standpunkte" zu betrachten, um nach Belieben damit um- 
springen zu können." 

Bd. II. 5. 318. 

„Auch wo er (Achim von Arnim) historische Ereig- 
nisse analysiert, werden wir zuweilen von einem auf- 
fallenden Verständnisse überrascht." 

Anm. d. Setzers. Zu diesen Worten macht nämlich Herr 
Schmidt eine Note, um ein Beispiel jenes „auffallenden Ver- 
ständnisses" zu geben, und zwar folgende Note: „So fragt er 
sich einmal, wie Marozia das Papsttum beherrschen konnte : 
— „Weil sie gemein, aber vollständig gemein war, 
und deswegen keine notwendige Ansicht der Dinge, keinen 
Wunsch und Not der Gemeinheit übersah ; dies aber bedarf 

267 



jeder, der den Anfang einer freien Volksverfas- 
sung leiten will." Und diese Äußerung Arnims ist es, 
die Herr Julian Schmidt als Beispiel seines „überraschenden 
auffallenden Verständnisses" anführt! Wie groß Sie vom 
Volke denken, Herr Schmidt! 

„Erstick' an deinen Worten, Niederträchtiger!" 

(Aristophanes, Vögel, V. 1252.) 



Bd. II. S. 372. 

„Die demagogischen Untersuchungen gegen 
ihn (Jahn) dauerten von 1819 bis 1825." 

Anm. d. Setzers. Dank, besten Dank für die Entdeckung, 
Herr Schmidt, die ein ebenso neues wie überraschendes Licht 
über die Zeitgeschichte verbreitet! Bisher glaubte ich, die 
deutschen Regierungen hätten damals „Demagogen- Unter- 
suchungen" geführt. Jetzt erfahre ich, daß umgekehrt die 
Regierungen selbst „demagogische Untersuchungen" 
losließen. Wahrscheinlich war Ihnen Jahn nicht revolutionär 
genug. Die Sprache, Herr Schmidt, die Sprache! 



Bd. II. S. 325. 

„ — — und dadurch sich Rechte angemaßt haben, 
welche allverfassungsmäßig nur dem Eigentum 
zukamen." 

Anm. d. Setzers. Die Sprache, Herr Schmidt, die Sprache ! 



Bd. II. S. 361. 

Über Niebuhrs Römische Geschichte: „Nicht selten 
baute er auf seine alten Quellen einen Bau, den sie nicht 
tragen konnten, oder setzte ihr Zeugnis geradezu aus den 
Augen, weil es die Symmetrie seiner Zeichnung störte. 

Anm. d. Setzers. Mit wie vornehmer Überlegenheit Sie das 
sagen ! Welche Miene gewiegter Sicherheit Sie annehmen, indem 
Sie das irgendwoher abschreiben ! Wie Sie sich dabei mit über- 
einandergeschlagenen Beinen auf Ihrem Stuhle balanzieren und 
Ihre Schuhspitzen dabei betrachten 1 

268 



„Original, fahr' hin in deiner Pracht!" 

Aber wenigstens, Herr Belletrist, da Ihr ganzer Zweck doch 
nur der ist, belletristisches Wortgeklingel über Dinge zu machen, 
die Ihnen absolut fremd sind, warum wählen Sie nicht wenig- 
stens Bilder von einigem Menschenverstände dazu? Warum 
lassen Sie Niebuhr „auf seine alten Quellen einen Bau 
bauen, den sie nicht tragen konnten"? Seit wann ver- 
wendet man in der Architektonik Quellen, um zu tragen? 
Eine Quelle als architektonisches Fundament ! Wenn Sie schon 
überall zu schlechten Bildern greifen müssen — und zwar 
allerdings einem unumstößlichen Gesetz zufolge eben deshalb 
überall bildern müssen, weil Sie von der Sache nichts ver- 
stehen — warum wählen Sie nicht wenigstens Bilder, Herr 
Schmidt, die Sie einen Augenblick lang festhalten können, 
sondern solche, aus denen Sie in demselben Satze sofort wieder 
herausfallen müssen? 

Die Sprache, Herr Schmidt, die Sprache 1 



Bd. II. S. 329. 

Über die historische Schule: „Wenn sie (die histo- 
rische Schule) die Idee von der Entstehung des Staates 
durch einen Vertrag seiner Angehörigen als unhistorisch 
verwarf, da der Staat zugleich mit dem Menschen ent- 
stehe, so reichte ihre Kritik des Begriffs nicht aus 1 ). 

x ) Anm. d. Setzers. So ? reichte Ihre „Kritik des Begriffs" 
— nämlich doch des Staatsbegriffs — nicht aus? Nun, das ist 
so oft gesagt worden, daß es allerdings auch bis an Ihr Ohr 
gedrungen sein kann, Herr Schmidt. Aber die Hauptsache ist 
nur, von Ihnen zu erfahren, warum sie nicht ausreichte. Sie 
hatten kurz vor der angeführten Stelle die der historischen Schule 
vorhergehende Ansicht, gegen welche die historische Schule sich 
erhebt, die Ansicht, daß der Staat aus Vertrag und dem 
Willen der Individuen hervorgegangen sei, als absurd 
verworfen. Sie haben uns nun jetzt zu sagen, nicht bloß daß, 
sondern auch warum auch der entgegengesetzte Staatsbegriff 
der historischen Schule noch mangelhaft und einseitig ist. Das 
muß nun das unmittelbar bei Ihnen folgende enthalten. Wir sind 

269 



Wo die Menschen in der Geschichte auftreten, erscheinen 
sie als einem organischen Körper angehörig und durch 
die Sittlichkeit desselben substantiell bestimmt 2 ). 

Allein 3 ) diese substantielle Gebundenheit hört durch 
den friedlichen oder feindlichen Ve rkehr der 
Völker auf 4 ), die festen Organisationen geraten in 

sehr begierig darauf ; sehr begierig, zu sehen, wie Sie beide 
Ansichten, die Vertragstheorie und die Theorie der historischen 
Schule, in eine „höhere Einheit", in „eine ausreichende Kritik 
des Begriffs" aufheben, Sie großer Denker! 

2 ) Das ist noch immer gerade die Ansicht der „historischen 
Schule" von der „organischen Entstehung" des Staats. Und was 
Ihren Satz selbst betrifft, so ist derselbe — nichts für ungut, 
Herr Schmidt — wie an den Ausdrücken deutlich zu erkennen, 
irgendeinem Artikel der Hallisch-Deutschen Jahrbücher von 
Rüge entnommen. Jeder Kenner, Herr Schmidt, ersieht leicht 
aus einer Pflanze das Erdreich, in dem sie gewachsen. 
„Dem nützen Tiere wurden unnütze beigesellt ; 

Gott hat sie mit erschaffen, als er erschuf die Welt. 
Der Affe, stumpf von Nasen und Schwanz mit bloßem Steiß : 
Er mag doch auch ergetzen, ob man den Nutzen nicht weiß. 
Die graue Meerkatze, hellkreischend trotz der Weihe, 
Dann redende Vögel, zwei bunte Papageie, 
Raben und Dohlen und der geschwätzige Star, 
Der, was ihm einer vorsagt, nachplaudert treulich und klar." 
(Amelungenlied, Simrock, T. III. Abent. VI, 49.) 

3 ) Nun also kommt's ! Jetzt werden wir hören, was noch 
das Mangelhafte an der Ansicht der historischen Schule von. 
der „organischen" Natur der Staatsbildung ist; also aufgepaßt! 

4 ) Aber lieber Herr Schmidt ! Wenn „durch friedlichen oder 
feindlichen Verkehr der Völker" die organische Natur der 
Staaten aufhört, dann ist zu befürchten, daß es niemals einen 
organischen Staat gegeben habe, denn „friedlicher oder feind- 
licher Verkehr der Völker", Herr Schmidt, soll, dem Vernehmen 
nach, schon im Altertum und schon in den ältesten Zeiten des- 
selben stattgefunden haben, nicht bloß in den „neueren poli- 
tischen Gestaltungen", wie bei Ihnen bald darauf folgt. 

270 



Auflösung 5 ), und in den neueren politischen Gestal- 
tungen ist das Moment des Zufälligen überwiegend ). 

— So war es im Mittelalter. Die Beziehungen von Herr- 

5 ) Nun, die festen bestehenden Staatsorganismen können 
etwa durch friedlichen oder feindlichen Verkehr der Völker 
„in Auflösung geraten". Aber, wie bilden sich denn die neuen 
Staatsorganisationen, die an Stelle der untergehenden Staaten 
entstehen ? D a s ist die Frage. Wie und wodurch Staaten unter- 
gehen, hat man seit je so ziemlich gewußt. Wie und wodurch 
Staaten entstehen und bestehen, so lange sie bestehen 

— das war die Frage! Verschieben Sie die Frage nicht, Herr 
Schmidt ! Warum der Staatsbegriff der historischen Schule nicht 
ausreichend ist, das war die Frage. Noch haben wir keine 
Silbe Antwort. 

6 ) Also jetzt erst beginnt die Antwort: Die alten Staaten 
mögen etwa eine organische Existenz gehabt haben, ,,in den 
neueren politischen Gestaltungen aber — in denen ja 
„friedlicher und feindlicher Verkehr der Völker" stattfindet 

— ist der Zufall überwiegend". (Denn so, Herr Schmidt, 
werde ich mir erlauben, zu setzen statt Ihres : „ist das M o - 
ment des Zufälligen überwiegend", was doch nur ganz 
dasselbe heißt und nur durch den gebildeten abstrakten Ausdruck 
dem Leser die krasse Roheit des Gedankens verdecken soll. 

Ach, Herr Schmidt, in diesem Satze erweisen Sie sich noch 
weit unter dem Star ! Man hat hin und wieder, obgleich frei- 
lich in einem ganz verschiedenen Sinne gesagt, daß in der 
modernen Geschichte dem Zufälligen und Individuellen ein 
größerer Spielraum zuzukommen scheine als im Altertum. 
Diesen Satz, dem übrigens in seinem wirklichen Sinne nur eine 
relative Richtigkeit zukommt, hat Herr Schmidt einmal gehört, 
will ihn nachsprechen und übertreibt und verwandelt ihn dabei 
in den andern, daß, während die alten organischen Staats- 
biidungen durch feindlichen und friedlichen Verkehr sich auf- 
lösen, in den neueren das Zufällige überwiege. 

Ach, Herr Schmidt, glauben Sie mir, es gibt nichts ganz 
Zufälliges ! Nicht einmal Sie sind zufällig. Selbst S i e wurzeln 
mit einer gewissen Notwendigkeit in der Zersetzungsperiode, in 

271 



schaft und Untertänigkeit, von Rechtsschutz und Rechts- 
genossenschaft durchkreuzten sich so labyrinthisch, daß 
man wohl von jedem einzelnen sagen konnte, er gehöre 
irgendeinem Staate an, daß es aber schwer zu 
bestimmen war, welchem Staate 7 )« Nun trat der 

der wir leben. Und nun vollends den ganzen unendlichen Reich- 
tum an vernünftiger Notwendigkeit und organischer Entwicklung 
in der neueren Geschichte zu verkennen und sie deshalb für eine 
Herrschaft des Zufalls zu halten, — entspricht freilich genau 
der hohen Intelligenz, Herr Schmidt, die Ihnen eigentümlich 
ist. — Wenn Sie aber schon einmal, Herr Schmidt, der An- 
sicht waren, daß in den „neuern politischen Gestaltungen" der 
Zufall überwiege, nun, so hätten Sie ja, falls Sie das geringste 
Bewußtsein über Ihre eigenen Ansichten hätten, begreifen müssen, 
daß dieselbe auf die Meinung derer hinausläuft, welche durch 
individuellen Willen und Vertrag die Staaten entstehen lassen und 
dann hätten Sie diese Meinung nicht so als absurd abkanzeln 
sollen, um nachher in einer viel sinnloseren Form dasselbe zu sagen. 

7 ) Aber Herr Schmidt, Herr Schmidt, bedenken Sie doch, 
was Sie reden! Sie sinken ja tief, tief unter den Star, 
„Der, was ihm einer vorsagt, nachplaudert treulich und klar." 

Wann wäre es denn jemals zweifelhaft gewesen, welchem 
Staate ein Individuum angehöre? Sie haben einmal davon 
reden hören,' daß es im Mittelalter oft sehr schwer war, zu 
bestimmen, unter welches Gesetz ein Individuum falle. 
Denn da drängten sich Partikularrecht und Landrecht und Ge- 
meines Recht und Exemtionen und Privilegia und die Statuta 
personalia und Statuta realia, und alle diese Statuten waren bei 
dem mosaikartigen Zustande des mittelalterlichen Partikular- 
rechts wieder so verschieden voneinander, daß es allerdings oft 
sehr schwer war zu sagen, welches Gesetz in einem ge- 
gebenen Falle für ein Individuum maßgebend sei — und das 
verkehren Sie beim Widerkäuen in die maßlos lächerliche Be- 
hauptung, man habe wohl von jedem einzelnen sagen können, 
daß er irgendeinem Staate angehöre, es sei aber schwer 
zu bestimmen gewesen, welchem Staate. Noch vergnüg- 
licher aber ist die Folgerung, die Sie nun sofort hieraus ziehen. 

272 



dem Menschen angeborene Trieb hervor, 
einem selbständigen, individuellen und sou- 
veränen Organismus anzugehören und führte 
zur Gründung der modernen Staaten" 8 ). — 

8 ) Also hört ! hört ! Weil es nach Herrn Schmidt im Mittel- 
alter zweifelhaft gewesen wäre, welchem Staate ein Individuum 
angehöre, so ,, — trat nun der dem Menschen angeborene 
Trieb hervor, einem selbständigen individuellen und souve- 
ränen Organismus anzugehören und führte zur Gründung 
der modernen Staaten" ! ! Herr Schmidt soll erklären, warum 
der Staatsbegriff der historischen Schule nicht ausreicht und 
wie die modernen Staaten, die nach ihm nicht mehr die orga- 
nische Entstehung, von welcher die historische Schule spricht, 
gehabt haben, dennoch entstanden sind. 

Er sagt: Nichts einfacher als das! „Der Trieb nach 
diesen Staaten trat hervor und führte zu deren 
Gründung!" Mit welcher wild triumphierenden Miene Sie sich 
in Ihrem Zimmer umgesehen und den Schweiß von den unter 
der Gedankenarbeit zitternden Schläfen abgetrocknet haben 
müssen nach dieser unglaublichen akrobatischen Leistung ! Nicht 
wahr, Herr Schmidt, es bleibt schon ein altes gutes Wort von 
Moliere, wenn er den Baccalaureus auf die Frage : Warum 
schläfert das Opium ein ? antworten läßt : Quia ei inest vis 
quaedam dorrnitiva — „Weil ihm eine gewisse einschläfernde 
Kraft einwohnt." Wie sind die Staaten entstanden? „Indem der 
Trieb nach ihnen hervortrat und zu ihrer Gründung führte!" 
Wie dankbar Ihnen das Menschengeschlecht sein muß, Herr 
Schmidt, für das ganz neue Licht, das Sie über diese viel- 
besprochene Frage verbreiten ! Die Sache ergibt sich bei Ihnen 
in ihrem ganzen Hergang aufs Konkreteste, und zwar wie folgt : 
Im Mittelalter weiß keiner, welchem Staat er angehört. Diese 
Ungewißheit ärgert die Kerls, und um sie zu beendigen, gründen 
sie nun die modernen Staaten. Wahrscheinlich sind sie, wie die 
Bibel vom babylonischen Turmbau berichtet : „Auf ! Lasset uns 
einen Turm bauen!" zusammengetreten mit den Worten: „Auf! 
Lasset uns die modernen Staaten gründen, damit man wisse, 
wo man hingehöre." 

Sehen Sie denn nicht, Herr Schmidt, daß Sie, wie ich es 

18 Lueall«. Ges. S;Krute=. Band VI. 273 



„Die historische Schule sucht die staatsrechtlichen Ideen 
ins Privatrechtliche überzuleiten 9 ), die Einwirkung des 
freien Bewußtseins auf das Leben durch das Walten der 
langsam schaffenden Tradition zu ersetzen. Sie erkannte 
diese Kraft im Mittelalter, aber sie vergaß, daß die neue 
Bildung ihr Recht verlangt, ja daß sie mit ihrer scharfen 
Kritik selber nur eine Erscheinung der Zeit ist, die an 
alles die Kritik legt, überall die freie Reflexion in Tätig- 
keit setzt. In dem vertieften Studium des römischen Rechts 
entdeckte man, daß in dem gemeinen Recht wie in dem 
volkstümlichen Christentum sich noch immer Spuren der 
alten heidnischen Volksrechte aufbewahrt hatten und be- 
mühte sich, dies ursprünglich deutsche Recht so unge- 
mischt als möglich darzustellen. Das Interesse für das 
Naturwüchsige kam dazu ; man erinnere sich an das leb- 
hafte Gefühl, mit welchem Goethe im Götz von Berli- 
chingen den Untergang der heimischen Volksrechte durch 
die römischen Juristen dargestellt hatte. Die poetischen 

Ihnen schon lange vorher sagte, abgesehen von der Lächerlich- 
keit, in die sich infolge Ihrer tollen Gedankenlosigkeit alles bei 
Ihnen verzerrt, auf nichts anderes hinauskommen als auf die 
Entstehung der Staaten durch subjektiven, bewußten 
Willen — also auf die Ansicht der Anhänger von der Ver- 
tragstheorie? Nur daß Sie natürlich dieselbe vollständig 
karrikiert vortragen und von dem relativ Richtigen darin ebenso- 
wenig irgendeine Ahnung haben, wie von dem relativ Richtigen 
in der Ansicht der historischen Schule. Wenn Sie aber schon 
einmal jener Ansicht sind, warum reißen Sie sie denn so vornehm 
als „unhistorisch" und „absurd" herunter mit den Stichworten 
der historischen Schule? 

9 ) Umgekehrt, Herr Schmidt, könnte man eher sagen : Die 
historische Schule habe versucht, die privatrechtlichen 
Ideen — denn hier war seit je die gewohnheitliche Rechts- 
bildung, denken Sie nur an die Coutümes, anerkannt — auf da9 
Staatsrechtliche zu übertragen. 

274 



Versuche Arnims und seiner Schule waren die Erzeug- 
nisse unklassischer Naturen, der Verstand mußte bei ihnen 
fortwährend arbeiten, die Anschauung zu ersetzen, und 
es kam noch jene norddeutsche Zurückhaltung, jene Blödig- 
keit des Gemüts dazu, das sich scheut, sein Inneres zu 
öffnen, das aber, wenn der Damm einmal gebrochen ist, 
mit überraschender Gewalt hervorströmt. Ihre Neigung 
zum spezifisch deutschen Wesen war eine Reaktion gegen 
die konventionelle Phrase und ihre blinde Verehrung vor 
allem Regellosen und Unvermittelten eine Reaktion gegen 
den Rationalismus, der alles Lebendige verachtete, wenn 
es sich der Regel nicht fügen wollte, und so lag auch in 
der scheinbaren Wiederaufnahme des Volkstümlichen und 
Naturwüchsigen eine gewisse Überhebung der Reflexion, 
denn sie sahen im Volk nur, was sie sehen wollten, und 
das war nicht immer das Wesentliche. Spuren dieses Cha- 
rakters begegnen uns auch in der deutschen Rechtswissen- 
schaft. Zum Teil brachte das die Natur des Gegenstandes 
mit sich. In der Geschichte des römischen Rechts machte 
sich trotz der verschiedenartigen äußeren Einflüsse, die 
seinen ursprünglichen Lauf verwirrten, immer noch die 
Logik des Rechtsbewußtseins geltend, welche aus der 
Natur eines einheitlichen Staates hervorgegangen war. 
Dieser stetige Zusammenhang fehlte durchaus dem deut- 
schen Recht 10 ). 

10 ) Nein, Herr Schmidt, bis Nr. 9 war es mir möglich, Ihnen 
Satz für Satz zu folgen und Ihren Unsinn klarzulegen. Aber 
in dem darauf folgenden ist das schlechterdings nicht mehr mög- 
lich. Sie fühlen, daß Sie noch nichts zur Kritik der historischen 
Schule gesagt haben, daß das bis dahin von Ihnen Gesagte 
nicht nur Unsinn ist, sondern auch sehr leicht als solcher er- 
kannt werden könnte. Darum greifen Sie nun zu Ihrem Haupt- 
mittel, zu dem Taschenspielerstreich, in dem Sie unübertreff- 
lich, unerreichbar sind. Sie weben in den folgenden Sätzen ein 

18« 275 



Gewebe von flirrenden, klirrenden, wirrenden, schimmernden, 
flimmernden, schielenden, spielenden, trügenden, lügenden Wor- 
ten zusammen, daß man immer glaubt, etwas zu sehen — und 
sieht doch nichts, immer glaubt etwas zu hören — und hört 
doch nichts ! 

„Freie Reflexion — vertieftes Studium des Römischen 
Rechts — volkstümliches Christentum — heidnisches Volks- 
recht — Naturwüchsiges — Götz von Berlichingen — heimi- 
sches Volksrecht — unklassische Natur — norddeutsche Zurück- 
haltung — Blödigkeit des Gemüts — ■ gebrochner Damm — 
überraschende Gewalt — Regel fügen — wieder Naturwüchsiges 
und Volkstümliches — römisches Recht — äußere Einflüsse 

— ursprünglicher Lauf — einheitlicher Staat — Logik des 
Rechtsbewußtseins" etc. etc. Sie werfen diesen flimmernden 
Schleier Ihrem Leser über das Antlitz und sagen still zu sich, 
triumphierend lächelnd: „Nun soll er einmal etwas sehen, oder 
die Courage haben zu glauben, es läge an mir, daß er nichts 
sehe : Schielt doch ein jedes meiner Worte nach einem Ge- 
danken." 

O großer Artist ! Hierin sind Sie unerreichbar und verdienten 
die Anbetung Ihres ganzen Skribentengeschlechts. 

Ich habe Ihnen die Ehre erwiesen, Herr Schmidt, achtmal 
mit konzentriertester Denkkraft die obige Reihenfolge von 
Sätzen durchzulesen, um mich des durch dieselben hindurch- 
gehenden Gedankens zu bemächtigen. Es war unmöglich. Es 
ist, wenn man diesen Gedanken sucht, wie im Hamlet, als man 
das Gespenst fangen will. Husch — ist es hier; husch — 
ist es dort ! Oder wie beim Blindekuhspiel. Ganz nah hier zur 
Linken hört man eine bekannte Stimme; man greift nach ihr 

— leere Luft — jetzt rechts eine andere bekannte Stimme 

— zugegriffen — leere Luft ; jetzt vorn, jetzt hinten, jetzt 
rückwärts, jetzt vorwärts, immer die Stimme, die man zu er- 
kennen glaubt — und immer leere Luft, bis man denn in dieser 
taumelnden Bewegung nicht mehr weiß, wo einem der Kopf 
steht. Nein, Herr Schmidt, dieses Höllenkonzert taumelnder, 
heulender, tobender Worte kann nicht mehr kritisiert wer- 
den ; denn dazu wäre doch immer noch erforderlich, daß irgend- 
ein bestimmter, wenn auch noch so falscher Gedanke durch 
dasselbe hindurchginge. Es kann nur noch charakterisiert 

276 



werden, und zwar am besten, wie mein Student meint, durch 
eine Äschyleische Stelle mit einigen leichten Abänderungen der- 
selben : 

,,Eleleu! Eleleu! 
Wie ihn wieder der Krampf des zerrütteten Sinns, 
Wahnwitz ihn durchzuckt! wie die Bremse ihn sticht 
Mit dem Stachel der Glut! 

Es zersprengt sein Herz in Entsetzen die Brust 
Und im Kreis schweift wild der verwilderte Blick! 
Von der Bahn ihn hinwegreißt taumelgepeitscht, 
Ohnmächtig des Worts, ihn des Wahnsinns Sturm : 
Sein wildes Geschrei, es verhallt mir umsonst 
In des Unsinns tosender Brandung!" 

(Äschylos, Prometheus.) 



Bd. II. S. 339. 

„Ein Teil des Buches, der das meiste Aufsehen er- 
regte, gab die angebliche Geschichte der staatsrechtlichen 
Lehren, die mit der kleinlichsten Bosheit und einer völ- 
ligen unwissenschaftlichen Abstraktion durch- 
geführt war." 

Anm. d. Setzers. Mit einer „völlig" unwissenschaftlichen 
Abstraktion, Herr Schmidt, wenn es Ihnen recht ist, nicht mit 
einer „völligen"! Das „völlig" soll doch hier den Grad des 
Unwissenschaftlichen bezeichnen, nicht aber, ohne Beziehung 
auf dieses, gleichfalls direkt auf „Abstraktion" bezogen werden 
und dieser, die ein Leeres ist, den Begriff der Fülle geben. 
Dann muß es aber, sagt mein Junge, der Bengel, adverbiaiiter 
mit „unwissenschaftlichen" verbunden werden. 



Bd. II. S. 412. 
Als Schluß der Beurteilung der vergleichenden Sprach- 
forschung Wilhelm v. Humboldts, Bopps etc. : „Denn 
einen so imponierenden Eindruck die neue Wissenschaft 
auch macht, auf die Nationalliteratur kann sie 

277 



nichteinwirken 1 ); sie kann es niemals zu einer wirk- 
lich gestaltenden Darstellung bringen 2 ), sie 
kann niemals als Bildungsmaterial des Volkes dienen 3 ). 
Der Orient und die Neue Welt bieten zu interessanten Rei- 
sen Gelegenheit, aber man kann sich nie dort einrichten, 
unsere geistige Heimat bleibt doch der klassische 
Boden des Altertums 4 ). Dagegen ist es eine schöne 
und überraschende Ironie des Schicksals 5 ), daß wir in 
dem Streben nach dem Dunkeln und Verworrenen zur 

*) Anm. d. Setzers. Auf welche, Herr Schmidt ? Auf die 
belletristische, auf unsere schöngeistigen Journale und Journal- 
menschen? Ist vielleicht auch gar nicht die Absicht dieser 
Wissenschaft ! 

2 ) Fürchten Sie schon wieder für Ihre „Darstellungskraft", 
Herr Schmidt ? Bopp wie Niebuhr sind Bösewichte, die Ihnen 
Ihren Stil rauben können. — doch wir sprechen darüber noch 
an einem andern Ort. 

3 ) Meinen Sie, daß Bopps Sanskritgrammatik noch nicht so 
bald unmittelbar in unseren Elementarschulen eingeführt werden 
dürfte? I der Tausend, das muß Ihnen jemand gesagt haben! 
Was Sie für klare Begriffe darüber haben müssen, durch wie 
viele unendliche Vermittelungen und Kanäle Wissenschaften 
und Erkenntnisse, die in den Besten einer Nation aufgehen, end- 
lich, wenn auch noch so langsam, auf die Gesamtbildung des 
Volkes wirken, um einen solchen Blödsinn schreiben zu können ! 

4 ) Aber, Herr Schmidt, Herr Schmidt, bedenken Sie doch 
um Gottes willen, daß Sie durch Ihr ganzes Werk hindurch 
gegen unsere größten Dichter, gegen Schiller und Goethe in 
einem fort polemisieren, weil sie uns die „exotische Pflanze", 
das „fremde Grün" des klassischen Altertums hätten aufnötigen 
wollen — und hier wird nun plötzlich — aus bloßem Wider- 
spruchsgeist gegen die vergleichende Sprachforschung — der 
klassische Boden des Altertums zu „unserer geistigen 
Heimat" ! 

5 ) Die größte Ironie des Schicksals, Herr Schmidt, er- 
blicke ich für so würdige Männer, wie Humboldt, Bopp etc. 
darin, daß Sie über dieselben schreiben. 

278 



hellen Erkenntnis vordringen mußten, daß die Vertiefung 
in die Mystik endlich zur Überwindung der Mystik führte." 
„Wir strebten nach dem Orient, um das ewig Verbor- 
gene zu suchen. Im Orient breiteten wir uns nach allen 
Seiten aus und fanden unter anderem auch den Weg nach 
unserem eigenen Vaterlande. Die deutsche Philologie und 
die deutsche Altertumswissenschaft ging mit jenen natur- 
philosophischen und symbolischen Studien Hand in Hand. 
Die deutsche Vorzeit mußte uns erst als etwas Fremdes, 
Geheimnisvolles und Mystisches imponieren, ehe wir uns 
darin zu Hause fanden. Es war ein seltsamer Umweg 
über Indien nach der deutschen Vo r z e i t zu pil- 
gern, und es ist viel Zeit und Kraft darauf verloren ge- 
gangen 6 ). Da wir aber das Ziel wirklich erreicht haben, so 
hat auch diese Verirrung etwas Belehrendes 7 ). 

6 ) Herr Schmidt! den in dem schöngeistigen Wortgeklingel 
aller dieser Sätze enthaltenen Blödsinn wieder sorgfältig heraus- 
zuschälen, — das sei ferne von mir! So schuhriegeln lasse ich 
mich von Ihnen nicht! Nur um Ihnen zu zeigen, daß Sie nicht 
einmal Original sind, will ich Ihnen Ihren Spiegel vorhalten. 
Kennen Sie unseres Satyrikers Liscow Schrift über die „Vor- 
trefflichkeit und Notwendigkeit der elenden Skribenten, Frank- 
furt 1736?" Dort können Sie Ihr genaues frappantes Porträt 
finden. „Ich kehre wieder zu meinem Zweck, sagt Liscow da- 
selbst S. 474 — und sage, daß wir, wenn wir schreiben wollen, 
die Prüfung unserer Kräfte, mit welcher sich unsere Feinde 
quälen, für ebenso unnütz halten, als Vernunft und Nach- 
denken. Wir brauchen so vieler Umstände nicht. Wir haben 
die besondere Gabe von der Natur, daß wir schreiben können, 
was wir nicht geleimt haben und von Sachen urteilen, die wir 
nicht verstehen." Also trösten Sie sich, Herr Schmidt. Sie 
sehen, Sie sind nicht der erste, sondern nur kolossalste Narr 
dieser Gattung. Aber schon vor 1736 existierten würdige An- 
fänger in Ihrer Kunst, die Liscow so reizend schildert. Liscow 
wird Sie überhaupt trösten können, wenn Ihnen meine An- 
merkungen unangenehm sein sollten. Er zeigt, daß der elende 

279 



Skribent selbst dann noch Grund hat, mit sich zufrieden zu 
sein, wenn seine Schriften von allen getadelt würden. „Der 
Mangel der Vernunft, sagt er, S. 487, der uns das Schreiben 
so leicht und unsere Schriften dem Pöbel so angenehm macht, 
würde uns auch auf den Fall Dienste tun, wenn der Pöbel 
sich zu unseren Feinden schlüge, und wir würden in unserem 
Unglück größer sein, als in den glücklichen Tagen." Also 
trösten Sie sich, auch wenn Sie durch meine gemeinfaßlichen 
Perlustrationen Ihren Anhang verlieren sollten. 

7 ) I du grundgütiger Schmidt ! Was du milde bist ! Der Mann 
ist sogar imstande, Bopp seine Verirrungen ins Indische zu 
vergeben! I du grundgütiger Schmidt! 



Bd. II. S. 509. 

„Wenn Eichendorff auf dem Umweg der Romantik 
wieder in die Sittlichkeit zurückkehrt, so würde nach einer 
anderen Seite hin der Gegensatz gegen den Klassizismus 
noch weiter ausgebildet : durch die Vertiefung in die 
Nachtseite der Natur, in welcher ein geheim- 
nisvolles Licht waltet, so daß es uns durch 
keine Kunststücke der Perspektive sichtbar gemacht 
werden kann ( ! !)." 

Anm. d. Setzers. O Sie Hermes trismegistos, der Sie sind ! 
Sogar die Physik beschenken Sie im Vorübergehen mit Ihren 
merkwürdigen Entdeckungen. Sie beschenken sie mit einem un- 
sichtbaren Lichit! Mit einem Licht, das auf keine 
Weise sichtbar gemacht werden kann! O Sie Nacht- 
seite der Natur ! ! 



Bd. II. S. 529. 

Über Niebuhr, Boeckh, Ottfried Müller, die Philo- 
logie und die historische Schule: „Wir haben von den 
Juristen wie von den Philosophen gelernt, daß u n s in der 
Geschichte noch vieles andere interessieren muß, als die 
hervorstechenden Tatsachen und Persönlichkeiten. Allein 

280 



vorläufig verwirrt es die Darstellung, da 
einseitige Gesichtspunkte sich hart anein- 
anderdrängen und umsonst nach der rechten 
Mitte suchen." 

Anm. d. Setzers. Wie schön gesagt ! Ja, ja, Herr Schmidt, 
es ist nichts mit der Philologie, mit Böckh so wenig, wie mit 
Niebuhr, mit Ottfr. Müller so wenig, wie mit Savigny ! Es ist 
nichts mit den philologischen Forschungen, so wenig auf dem 
Felde der historischen, wie der vorhistorischen Zeiten. Wie 
die letzteren nur Ihre „Gestaltungskraft schwächen" würden, 
so müssen die ersteren „vorläufig die Darstellung verwirren". 
Bonnet blanc et blanc bonnet! „Vorläufig die Darstellung ver- 
wirren", „einseitige Gesichtspunkte", „hart aneinander drängen', 
„umsonst die rechte Mitte suchen" — das ist alles, was dabei 
herauskommt, mindestens so lange Sie nicht darüber schreiben, 
der Sie zwar diese ganze Bildung hinter sich haben und natür- 
lich hinter sich haben müssen, um so sicher und gewiegt über 
dieselbe urteilen zu können, aber dennoch nicht darüber schreiben 
werden, schon um sich Ihre kostbare „Gestaltungskraft" nicht 
zu schwächen, und Ihre klare „Darstellung" nicht zu verwirren, 
um „das zusammengewachsene Grün" und das „unsichtbare 
Licht", die „demagogischen Untersuchungen" und die „aus 
einem Vorrat alter Nationalsagen sich entwickelnde griechische 
Geschichte", das „gedoppelte natursymbolische Moment" und 
das beständige Bimbamgeläute Ihres zarten Stils durch so grob- 
stoffliche Leistungen nicht aufs Spiel zu setzen. Und vielleicht 
ein wenig auch deshalb nicht, weil selbst Blödsinn zu 
schreiben in diesen Wissenschaften immer noch viel 
schwerer wäre, als über dieselben! — Die ganze deutsche 
Bildung, Herr Schmidt, ist überhaupt nichts als ein großer 
Bankerott, in welchem niemand stehen bleibt, als das unsicht- 
bare Licht, der einsame Julian, auf den Leichen der Ge- 
fallenen thronend, und mit vornehmer Herablassung sich von 
Zeit zu Zeit herunterbückend, um bald diesen, bald jenen der 
Männer, von deren Büchern er nichts als die Titel kennt, zu 
nasenstübern ! 

Na warten Sie, Sie unsichtbares Licht ! Ich hoffe, ich habe 
Sie sichtbar gemacht! 

281 



Bd. IL S. 360. 

„Denn der Grundzug, der sich in ihnen (nämlich in 
den Anekdoten über die altrömischen Charaktere) aus- 
spricht, die Verleugnung des sittlichen I n stinkt s 
zugunsten einer Abstraktion etc." 

Anm. d. Setzers. Warum, Herr Schmidt, verfahren Sie so 
hart gegen die alten Römer? Warum werfen Sie ihnen vor, 
den sittlichen Instinkt verleugnet zu haben, während es doch 
nicht so schwer war, zu sehen, daß dieselben vielmehr gerade 
alles und sich selbst ihren sittlichen Instinkten auf- 
geopfert haben, und daß nur der sittliche Instinkt 
selbst damals ein anderer war, als heute. Der alte Re- 
gulus würde es z.B. für tief unsittlich gehalten haben, eine 
dicke Literaturgeschichte zu schreiben, wenn man in Tod und 
Teufel nichts von seinem Stoff versteht. Dagegen hielt er es 
für sittlich, seinem Volke den Rat zu geben, den Krieg gegen 
Karthago fortzusetzen, obgleich er wußte, daß man ihn des- 
halb in Karthago, wohin er seinem Versprechen gemäß zurück- 
kehren mußte, töten würde. Der alte Brutus ließ seine Kinder 
hinrichten, welche sich gegen die Republik verschworen haben, 
damit nicht ihre Straflosigkeit schlechte Grundsätze im Volke 
begünstige. Es läßt sich hieraus fast mit Sicherheit abnehmen, 
daß er die Erzeugung von solchen geistigen Kindern, wie 
Sie deren in die Welt setzen, d.h. die Produktion von Büchem, 
welche nichts enthalten als die krasseste Unwissenheit, das ober- 
flächlichste, unsinnigste, schöngeistige Wortgeklingel^die schief- 
sten gedanken- und inhaltlosesten Urteile, die unsittliche Sucht, 
den Schein eines Verständnisses von Dingen zu erkünsteln, von 
denen man nicht einmal die Rudimenta kennt, die noch tiefere 
Unsittlichkeit, gerade durch vornehmes Absprechen, durch süffi- 
sante Herabsetzung alles Großen und Bedeutenden eine Auto- 
rität im großen Publikum erwerben zu wollen, Bücher also, 
welche auch nichts als dieselbe Unwissenheit, dieselbe miserable 
Verkennung alles Großen, was in der Nation geleistet worden 
ist, im Volke verbreiten und ihm nur dieselbe Unsittlichkeit und 
Lasterhaftigkeit einimpfen können, deren Erzeugnis sie sind, — 
Brutus, sage ich, würde die Produktion von solchen Büchern 
geradezu dem Verbrechen der Brunnenvergiftung 

282 



gleichgesetzt haben! Und selbst heute noch, Herr Schmidt, gibt 
es Leute, die hierin seiner Ansicht sind. Lassen Sie also, Herr 
Schmidt, die alten Römer und ihre „Verleugnung des sittlichen 
Instinkts" in Frieden. Bedenken Sie, daß jene Ärmsten noch 
keine moderne Journalistik hatten, um aus ihr Sittlichkeit 
lernen zu können ! 



Bd. II. S. 446. 
,, Nachdem durch die Einkehr ins deutsche Leben 
der bisherige Idealismus in Ve r wirrung ge- 
setzt war, zeigt die deutsche Poesie eine chaotische 
Gärung, der alle Physiognomie fehlen würde, 
wenn nicht ein rührender Zug an die alte Zeit er- 
innerte." 

Anm. d. Setzers. Mit diesen Worten beginnen Sie einen neuen 
Abschnitt, Herr Schmidt. Wieder eine Ihrer freilich auf jeder 
Seite sich findenden Phrasen, deren Gespreiztheit und Dick- 
näsigkeit den Schein erregen soll, als wäre irgendein Sinn da- 
hinter verborgen, während es nichts weiter als das leerste Wort- 
geläute — bim, bam ! — ist, das sogar jeden bloß grammati- 
schen Sinn verloren hat. Wer war ins deutsche Leben ein- 
gekehrt, Herr Schmidt? der Idealismus selbst? Nun, wenn der 
Idealismus selbst — diese Richtung des Geistes — ins deutsche 
Leben eingekehrt war, so kann er ja auch nicht durch diese 
von ihm gewollte und vollbrachte Einkehr in Verwirrung ge- 
setzt worden sein ! Oder war der Idealismus dadurch in Ver- 
wirrung gesetzt, weil zwar nicht er, aber etwa die Nation ins 
deutsche Leben eingekehrt war? Aber die deutsche Nation, 
Herr Schmidt, wird doch wohl nie außerhalb des deutschen 
Lebens gelebt haben! — Zu dieser Pracht der Gedanken die 
Pracht der Bilder. Ein „Gärung" die keine „Physiognomie" 
hat und eine „Gärung" die einen „rührenden Zug" hat! 



Bd. II. S. 159. 
„Gesunder Menschenverstand ist nichts an- 
deres als die Gesundheit des geistigen Auges, er ist wie 

283 



die Inspiration eine Gabe, die man nicht durch 
Reflexion erwirbt, die man von der Natur emp- 
fangen muß." 

Anm. d. Setzers. Welche Oratio pro domo, Herr Schmidt ! 
Sie wollen uns hier nur zart andeuten, warum, da Sie keinen 
gesunden Menschenverstand von Natur empfangen, Sie auch 
nicht erst darauf ausgegangen wären, ihn durch Bildung zu 
erwerben. 



Bd. II. S. 463. 

„In der Zeit Ramlers, des Dichters» mit welchem Platen 
die größte Ähnlichkeit hat, den er aber nach der Vo r - 
schrift der romantischen Schule tief verachtet, 
hatte die lyrische Stilübung eine ganz andere Bedeutung." 

Anm. d. Setzers. Platen, der abgesagte Feind, der leiden- 
schaftlichste Gegner, der vollendetste Gegensatz der romanti- 
schen Schule, nach ihren, der romantischen Schule, Vor- 
schriften verachtend? O du heiliger Zebadeus, das reicht 
an den Schwabenspiegel und die sieben Weisen ! 



Bd. II. S. 434. 

Urteile über Platen: „Unproduktiver Dichter, der sich 
einer ziemlichen Belesenheit und eines gewissen Ge- 
schmackes in der Handhabung dor Verse erfreut," „Bitter- 
keit eines literarisch Unzufriedenen," „unsicheres Selbst- 
gefühl, das bald zur unnatürlichen Steigerung der Selbst- 
achtung, bald zur würdelosen Empfindlichkeit führt, „ge- 
zierte Waldeinsamkeitsromantik," „anmaßungsvolle litera- 
rische Beziehungen," „den leitenden Faden bildet nicht 
die Erfindung, sondern die Eitelkeit des Dichters, die 
immer zu sich selbst zurückkehrt," „das Stück (die Liga 
von Cambrai) zeigt eine erschreckende Unfähig- 
keit, ein gegebenes geschichtliches Thema 

284 



mit einigem Ve rstand und einiger Phantasie 
zu behandeln." , .Unfruchtbarer Geist," ihn ,, treibt nicht 
die innere Fülle, sondern irgendein äußeres Beispiel," 
er steift sich „auf Kleinigkeiten, auf die Sicherheit des 
Handwerks, richtige Reime und Maß, weil das Wesent- 
liche zu erfassen seine Kraft nicht hinreicht." Und ferner 
über denselben S. 462 : „Derselben Richtung, wie Rückert, 
aber mit ungleich geringerem Talent schließt sich August 
Graf v. Platen-Hallermünde an, ein Typus des Di- 
lettantismus, der sein poetisches Gefühl 
mit schöpferischer Begabung verwechselt 
und zugleich ein merkwürdiges Zeichen für 
die Neigung des deutschen Vo lkes, unaus- 
gesetztem Selbstlob aufs Wort zu glauben." 
„Das geheime Gefühl seiner Unsicherheit sucht er durch 
Prahlereien zu übertäuben" etc. „So bezieht er sich fort- 
dauernd auf sich selbst und auf seine Rezensenten ; es 
ist nicht Liebe zum Gegenstand, nicht Freude am Schaffen, 
sondern angstvolle Sehnsucht nach Ruhm, was ihn treibt, 
verbunden mit dem Gefühl einer inneren Leere.' 
„Der Aufenthalt in Italien führte ihn in der Lyrik wie 
im Drama zur Nachbildung der antiken Form. In diesen 
Nachbildungen ist vielleicht die Verirrung am schlimm- 
sten, namentlich in den Hymnen nach Pindars Vorbild, die 
sich in Rythmen bewegen, welche kein modernes Ohr 
versteht und die durch künstlich eingeflochtene Anspie- 
lungen, die nicht zur Sache gehören, durch Verdrehung der 
Konstruktion, durch Umschreibung, wo das einfache Wort 
poetischer wäre, sich jenen Nimbus des Erhabenen zu 
geben suchen, der dem Inhalt fehlt. Die Handhabung des 
Metrums ist geschickter als bei irgendeinem anderen Dich- 
ter, selbst Schlegel nicht ausgenommen, und der Stil zeigt 
ein löbliches Streben nach Reinheit und Würde. Aber der 

285 



Stil wird doch durch die Gedanken und Empfin- 
dungen bedingt, und wo diese ganz fehlen oder 
wenigstens matt sind, wird das größte Formtalent 
uns nicht befriedigen." „In sklavischer Abhängigkeit von 
der Vorstellungsweise entlegener Zeiten und Zonen träumte 
er sich in eine phantastische Freiheit hinein, die nur in 
seiner Vereinsamung lag ; die Welt läßt sich wohl die 
subjektive Dichtung gefallen, wenn die sich hervordrän- 
gende Persönlichkeit sie interessiert und fesselt, wie Lord 
Byron ; wo sie aber nichts anderes gibt als ein forciertes 
Anempf inden fremder Gedanken und Gefühle, 
da muß sie zuletzt langweilen und erbittern, und so ist es 
Platen ergangen wie seinen Gegnern." 

Anm. d. Setzers. Wie ein Hund vorzugsweis gern große 
Monumente bepißt, so liebt es Herr Schmidt vorzugsweise, an 
den leuchtendsten und monumentalsten Gestalten, in denen sich 
der deutsche Geist verkörpert hat, sein Wasser abzuschlagen ! 
Platen, einem der gedankentiefsten Dichter der ge- 
samten deutschen Literatur, wagt dieses Waschweib, 
welches in zwei dicken Bänden nichts als den greulichsten 
Blödsinn, nur erreicht von der fabelhaftesten Unwissenheit, 
produziert, ein gänzliches Fehlen von Gedanken und Empfin- 
dungen vorzuwerfen ! Platen, dessen Busen von der brennendsten 
Sehnsucht für die Freiheit seines Volkes schlug, Platen, dessen 
Seele ein Glutgedanken war, von der intensivesten Leidenschaft 
für alle Interessen unserer Kulturentwicklung berauscht, Platen, 
der ein moderner Tyrtaeus mit einer so vor wie nach ihm un- 
erreichten Kraft, in unserem Kulturkampf den Reigen der 
Dichter beginnt, welche in den großen und realen geistig- 
politischen Interessen der Völker das begeisternde Prinzip ihrer 
Lyrik erblicken — Platen wagt dieser Hämling „innere 
Leere" und niedrigste Selbstsucht vorzuwerfen! 

Platen, großer Genius ! Dein Grab kann dieser Hund nur 
besudeln wollen, nicht wirklich besudeln! Uns aber liegt noch 
wie assa foetida auf der Zunge der scheußliche Ungeschmack 
der Worte, die wir gegen dich zitieren mußten ! Pfui ! Spülen 

286 



wir ihn hinunter diesen Ungeschmack, indem wir die schöne 
Grabschrift anstimmen, die Prutz dir gesetzt hat: 

„Zwar einmal schon im germanischen Land, schon war uns 

ein Dichter geboren, 
Dem bei der Geburt, wie dem Attiker einst, die Kamoene 

die Lippe gelöset 
Und Honig ihm mit dem Stachel zugleich in die offene 

Seele geträufelt. 
Ja, lebte noch Er, der vortreffliche Mann, den ich nah 

zu den Größesten setze, 
In zerfahrener Zeit ein ganzer Poet, großherzig ein Mann 

und ein Deutscher. 
Und bespannte noch Er mit melodischer Hand die unsterb- 
lich tönende Leier — 
Nicht wagt' ich mich da ins verwegene Spiel, dem Größeren 

ließ ich die Kampfbahn 
Und stellte mich stumm und bescheiden zurück zu der 

beifallklatschenden Menge. 
Ach aber, er schläft am sikeiischen Strand, von der säuseln- 
den Palme beschattet 
An des Weltmeers Rand einsam und stumm, freiwillig und 

doch ein Verbannter. 
Denn verbannten ihn nicht Kalt sinnigkeit und des Publikums 

schnödes Gelüste, 
Daß dem Müllner und Kind Beifall zurief und den Klauren 

den fanden sie göttlich ? ! 
Das brach ihm das Herz, daß so breit ringsum die Misere, 

die schofle, sich machte, 
Daß sie horchten mit Lust auf des Hänflings Gezirp und 

der Nachtigall Lieder verschliefen. 
Ein böotisch Geschlecht und schlimmer sogar; denn es 

fehlte nicht bloß am Geschmacke. 
Doch starb er nicht ganz I Denn er ließ uns zurück der 

Komödie leuchtende Muster, 
Er ließ uns zurück den metallenen Vers, schwungvoll von 

unendlichem Wohllaut, 
Und schlank und prall, wie ein Jungfräulein, dem zuerst 

sich der Busen entfaltet 



287 



Ihm wölbte sich auch von Sehnsucht heiß nach besseren 
Zeiten der Busen, 

Großartigeren, wo nicht Tänzer allein, süßflötende Kehlen 
uns kümmern. 

Und das neueste Stück und das neueste Buch und ob der 
es, ob jener gelobt hat, 

Nein, Zeiten beschwor auch Platen herauf, wo die Deut- 
schen sich würden bewußt sein, 

Abschüttelnd den Schlaf von bepudertem Haupt, der ver- 
fehlten, der hohen Bestimmung, 

Und wo wieder das Schwert vom Roste befreit, ablösen 
würde die Feder. 

Nicht war ihm vergönnt, in des kommenden Tags auf- 
dämmernde Röte zu schauen, 

Die purpurn jetzt (ob Rosen ? ob Blut ?) auf die bräun- 
lichen Wangen uns herstrahlt. 

Doch hätt' er's erlebt, er wäre, fürwahr, nicht der letzte, 
der erste gewesen 

Und hätte des Lieds Brandpfeil gradaus in die Burg der 
Tyrannen geworfen. 

Seid Zeugen mir dess', die der Sterbende flocht, der ge- 
storbenen Freiheit zu Ehren, 

O Lorbeern ihr um Polonias Stirn ! Doch ein Brandmal 
seid ihr dem Zaren." 



Bd. II. S. 535. 

„Hegels 1 ) Philosophie war das letzte Resultat einer 
*) Anm. d. Setzers. Wird denn niemand vor Ihrer Ober- 
weisheit sicher sein, Herr Schmidt? Ich fürchte, ich fürchte, 
es könnte Ihnen diesmal besonders schlimm ergehen, noch 
schlimmer fast als bei Fichte : 

„Rate du mir nun, Frigg, 

Da mich zu fahren lüstet 

Zu Wafthrudnirs Wohnungen. 

Denn groß ist mein Vorwitz 

Über der Vorwelt Lehren 

Mit dem allwissenden Joten zu streiten. 

(Edda, Vafthrudhnismäl, Ubers. v. Simrock.) 

288 



reichen und glänzenden, aber unfertigen Bildung 2 ) ; 
einer Periode des We r d e n s , die sich zuerst in ein- 
zelnen Blüten ausprägte, die aber endlich in einen 
allgemeinen Gärungsprozeß ausging 3 ). Als 

2 ) Ja, ja, das ist auch wieder so ein „unfertiger" Bursche, 
dieser Hegel ! Aber nur Geduld, Herr Schmidt wird ihn schon 
abfertigen. 

3 ) Also herbei ihr Wissensdurstigen und Bildungssüchtigen, 
die Ihr gern in der Kürze vernehmen möchtet, was die Hegeische 
Philosophie eigentlich sei, wodurch sie sich charakterisiert und 
von anderen Philosophien ihrer und anderer Zeiten unterscheide ! 
Herbei und hört genau ! Die Hegeische Philosophie unter- 
scheidet sich dadurch, daß sie das „letzte Resultat" ist „einer 
Periode des Werdens", die sich „zuerst in einzelnen Blüten 
ausprägt", dann aber in einen „allgemeinen Gärungsprozeß aus- 
geht". O großer Bilderer Julian Schmidt! O, Sie Nachtseite 
der Natur ! Wenn es möglich ist, aus obigen Worten irgendeinen 
Sinn flüssig zu machen, nur so viel als erforderlich wäre, um 
einem Hund die Schnauze zu bestreichen, so will ich verdammt 
sein, mein Lebtag nichts weiter zu lesen, als Ihre unsterblichen 
Werke ! Bedenken Sie doch ! Insofern man das Wort „Gärungs- 
prozeß" auf geistige Verhältnisse anwendet, bedeutet es über- 
haupt nichts anderes, als Entwicklungsprozeß, Werdensprozeß. 
Werdensprozeß aber bedeutet wieder gar nichts, als was 
Werden für sich allein auch schon bedeutet, denn alles 
Werden ist stets ein Prozeß. Indem Sie also sprechen von 
einer „Periode des Werdens", die „aber endlich" in „einen 
allgemeinen Gärungsprozeß" ausging, sagen Sie nichts anders 
als: „eine Periode des Werdens, die aber endlich in ein 
allgemeines Werden ausging! — Aber weiter! Entkleiden wir 
Sie immer weiter der breitspurigen Worte, der hochtönenden 
Bildungsausdrücke, unter welchen Sie Schluderer, wie Bettler 
ihre Blöße unter den gestohlenen Fetzen kostbarer Kleider, 
Ihre nackte Gedankenlosigkeit verstecken ! Sie sagen, daß sich 
jene Periode des geistigen Werdens „zuerst" in „einzelnen 
Blüten ausprägte", d.h. großer Bilderer, in Individuali- 
täten und individuellen Produktionen, die man, wenn 
man den Entwicklungsprozeß des allgemeinen Geistes mit dem 

19 Lassalle. Ges. Schriften. Band VI. 289 



Ausdruck dieses Gärungsprozesses, in dem die 
Elemente wieder ihr Recht gewinnen (!!) und 
sich der bisherigen organischen Bildungen be- 
mächtigen (??), um eine neue Schöpfung möglich 
zu machen 4 ), ist die Hegeische Philosophie zugleich ein 
Ferment der neuen Zeit" 5 ). 

einer Pflanze vergleicht, in der Tat bildlich als die Blüten 
in demselben bezeichnen kann. 

Nun aber wird Ihnen vielleicht so viel klar sein, Herr 
Schmidt, daß jede geistige Richtung, jedes geistige Werden 
stets und immer nur in Individualitäten zum Vorschein 
kommen, sich „ausprägen" kann. Anders kann das geistige, 
literarische, wissenschaftliche Werden gar nicht vor sich gehen, 
als in „einzelnen Blüten", Herr Schmidt. Das wird bei allen 
Werdensperioden zutreffen, Herr Schmidt, und wird auch für 
jede einzelne Werdensperiode ebenso im Anfang wie in 
der Mitte und am Ende derselben zutreffen. Vom Stand- 
punkt des allgemeinen Geistes aus, auf welchen Sie sich 
ja bei Ihrem Bilde stellen, bildet eben das Dasein und Auf- 
treten der Individuen, sein (des allgemeinen Geistes) Wer- 
den, sein „sich in Blüten ausprägen". Wenn Sie also sagen, 
„die Hegeische Philosophie sei das letzte Resultat einer Periode 
des Werdens, die sich zuerst in einzelne Blüten ausprägte, 
die aber endlich in einen allgemeinen Gärungsprozeß aus- 
ging", so sagen Sie, den falschen Flitterkram der verdeckenden 
Worte heruntergerissen, nichts anders als: „Die Hegeische 
Philosophie sei das letzte Resultat einer Periode des Wer- 
dens, die zuerst wurde, die aber endlich in ein all- 
gemeines Werden ausging!" O Sie großer Tautologe! O Sie 
Nachtseite der Natur! 

4 ) Hegel glaubte ein System geschaffen zu haben, also, ob 
dieses System wahr oder falsch sei, immerhin eine Einheit! 
In eine streng durchgeführte Einheit glaubte er die Elemente 
des menschlichen Wissens, des geistigen und natürlichen Alls, 
aufgehoben zu haben. Diejenigen, welche seine Philosophie an- 
griffen, taten das bisher in der Regel so, daß sie behaupteten, 
Hegel habe jenen Elementen sogar Gewalt angetan, um sie aus 

290 



ihrer besonders selbständigen Natur herauszureißen und zu 
einer künstlichen Einheit zu verbinden. Point du tout! 
Hegel selbst wie seine Gegner haben seine Philosophie gänz- 
lich mißverstanden ! Die Bedeutung der Hegeischen Philosophie 
ist vielmehr die, daß in ihr ,,die Elemente wieder ihr Recht 
gewinnen". Ihre Bedeutung ist also die, daß in ihr die Ele- 
mente wieder auseinandertreten! O du Großkophta alles Un- 
sinns ! O du gef ürsteter Herr des Widerspruchs ! O du König 
von Gottes Gnaden in den Reichen der Tautologie, welch 
schauderbaren Blödsinn schreibst du da wieder zusammen ! Aber 
nicht nur die Elemente gewinnen in der Hegeischen Philosophie 
wieder ihr Recht, sondern wie es freilich nicht anders sein 
kann, dieser schreckliche KazaxXvofxog, dieser wilde Elementar- 
prozeß der wieder in ihr Recht eintretenden Elemente droht 
sogar, „sich der bisherigen organischen Bildungen zu 
bemächtigen". Verstellen Sie sich doch nicht, Herr Schmidt! 
Sie wollen andeuten, die Hegeische Philosophie sei Ihnen ein- 
mal auf den Kopf gefallen und habe sich der „organischen Bil- 
dung" Ihres Gehirns zu bemächtigen gedroht ! Aber männiglich, 
der einige Seiten in Ihrem Buche gelesen, wird wissen, daß Sie 
Ihren Schädel immer auf Schußweite von der Hegeischen Philo- 
sophie fern gehalten haben. Freilich lediglich aus wissenschaft- 
lichem Eifer; um nämlich die Römerurkunde keiner Altera- 
tion auszusetzen, die noch auf Ihrem Schädel eingegraben ist. 
Sie erinnern sich doch noch, Herr Schmidt, von S. 227 ? — 
5 ) „Mir wird von alle dem so dumm, 

Als ging mir ein Mühlrad im Kopfe herum." 



Bd. II. S. 536. 

Weiter über Hegel : „Wie die Romantiker bemühte er 
sich, die verschiedenartigsten Bildungsformen in ihrer Be- 
rechtigung zu begreifen ; er führte aus, was bei jenen Ten- 
denz gewesen war. Aber er ging an die Erscheinungen nicht 
mit jenem unpersönlichen Wohlgefallen, das jede Abnor- 
mität widerstandslos aufnimmt, sondern mit einer festen 
und sittlichen Durchbildung. Sein Wohlgefallen war nicht 
ein unterschiedloses, weil sein Urteil nicht auf ästhetischen, 

ls» 291 



sondern auf historischen Gründen beruhte ; er ließ die Er- 
scheinungen gelten, aber nur im Ve rhältnis zum 
Raum und zur Zeit, der sie angehörten." 

Anm. d. Setzers. Den anderweitigen Nonsens in der obigen 
Stelle — wie z. B., daß Sie da Hegel zum Lobe nachsagen, 
er sei nicht mit „unpersönlichem" Wohlgefallen an die 
Erscheinungen gegangen, während das, was Sie selbst sagen, 
vielmehr beweisen würde, daß er mit durchaus unpersön- 
lichem, rein objektivem Wohlgefallen an die Erscheinungen ge- 
gangen ist, — will ich unberücksichtigt lassen. Kann ich doch 
ohnehin nur immer die allerunbedeutendsten Pröbchen Ihres 
Blödsinns zum besten geben. Denn in das dichte Urdickicht 
desselben einzudringen — davor bewahre mich Gott ! Da müßte 
ich immer ein drei Seiten langes Bimbamgeläute abschreiben, 
und das halten meine Kopfnerven nicht aus. Also den ander- 
weitigen Nonsens in obiger Stelle will ich Ihnen schenken. Nur 
auf eins will ich Sie aufmerksam machen. Passen Sie wohl auf ! 
Um den Beweis zu geben, wie sehr Sie Hegel studiert und be- 
griffen haben, verhalten Sie sich oben äußerst anerkennend. 
Es muß Ihnen das freilich hart ankommen. Inzwischen, Sie 
trösten sich, denn Sie wissen ja doch, es ist nur geborgt, Sie 
wissen ja doch, lange wird es nicht dauern, bis Sie ihm die 
paar Fetzen wieder vom Leibe reißen, mit denen Sie ihn 
momentan für Ihr eigenes Bedürfnis bekleiden. Aber hier nun, 
wo Sie das Bedürfnis haben, einigen anerkennenden Wischi- 
waschi loszulassen, erklären Sie, das Verhalten Hegels zu den 
geschichtlichen Erscheinungen unterscheide sich von dem der 
Romantiker gerade dadurch, daß sein „Urteil nicht auf ästhe- 
tischen, sondern auf historischen Gründen beruhte". Sie 
konstatieren ferner ausdrücklich : „er ließ die Erscheinungen 
gelten, aber nur im Verhältnis zum Raum und zur 
Zeit, der sie angehörten." Hegel hat also, Sie sagen es selbst 
und also muß es wohl wahr sein, bei den geschichtlichen Er- 
scheinungen von Raum und Zeit nicht abstrahiert; er hat diese 
festen Verhältnisse nicht verflüchtigt; er hat vielmehr die- 
selben festgehalten; er hat, und dies charakterisiere ihn, 
die geschichtlichen Erscheinungen gelten lassen, „aber nur im 
Verhältnis zum Raum und zur Zeit, der sie angehörten". 

292 



Und nun sehen Sie, Bursche ! Zwanzig Seiten darauf — Seite 
556 — resümieren Sie das Schlußurteil über Hegel in folgenden 
Worten: Er hat sich gegen die objektive Welt, namentlich 
gegen die Geschichte dadurch versündigt, daß er in 
dem Reich des absoluten Seins die wesentlichen Momente 
der Zeit und des Raumes verflüchtigt"!!! 

Wie Sie die Käufer der vier Auflagen Ihrer Literatur- 
geschichte innerlich auslachen müssen! Mit welcher Welt- 
verachtung Sie geschwängert sein müssen, Herr Schmidt! 

(Hier scheint Lassalle die Worte „Reich des absoluten 
Seins" übersehen zu haben, die anzeigen, daß Schmidt das 
philosophische Weltschema Hegels im Auge hat und die Rolle, 
die die Geschichte dort spielt. Zwischen dieser und der Be- 
handlung der einzelnen Geschichtsphänomene durch Hegel be- 
steht aber ein großer Unterschied. D. H.) 



Bd. II. S. 539. 

Immer weiter über Hegel : ,,Er ist nicht frei von Irr- 
tümern und Willkürlichkeiten, denn an das metho- 
dische Arbeiten der Wissenschaft, die keinen 
Schritt weiter tut, bevor sie das gewonnene Terrain voll- 
kommen beherrscht, war er nicht gewöhnt!" 

Anm. d. Setzers. Je nun, Herr Schmidt, so streng metho- 
disches Arbeiten, wie Ihnen eigentümlich ist, ist freilich nicht 
jedermanns Sache. Sich aus dem bloßen Wort: , .Schwaben- 
spiegel" zu entwickeln, daß dies ein typisches, maßgebendes 
Werk der schwäbischen Poesie sein müsse (Sie erinnern sich 
doch noch, Herr Schmidt? oben S. 213 sqq.) und ähnliche 
Kraftproben, deren wir so viele von Ihnen gesehen, die streng 
durchgeführte Architektonik Ihres Werkes, auf je zehn Seiten 
Blödsinn fünf Tautologien und vier Widersprüche folgen zu 
lassen — solche eiserne Methodik können Sie freilich von 
Hegel nicht verlangen ! Daran war er allerdings „nicht ge- 
wöhnt" ! Die bleibt schon ein Privilegium der Belletristen, Herr 
Schmidt ! 



293 



Bd. II. S. 542. 

Über Hegels Beurteilung der christlichen Religion : 
..Am unvergänglichsten ist Hegels Verdienst um die histo- 
rische Analyse des Christentums. Alle früheren Reli- 
gionen, unter den später entstandenen auch die mohameda- 
nische, sind Bejahungen des natürlichen Lebens ; es 
wird ihnen als göttlich aufgestellt, was der Mensch mit 
unmittelbarer Lust umfängt. Im Gegensatz dazu ist 
das Christentum die absolute Verleugnung des natürlichen 
Lebens, die Zerknirschung der unmittelbarsten Wünsche, 
die tiefste Demütigung des Geistes, der sich 
als sündhaft und unselig erkennt. Hegel ging 
freilich nicht so abstrakt zu Werke, daß er nur diese eine 
Seite des Christentums hervorgehoben hätte, aber s i e war 
es, die er mit Recht für die Zeit seiner Erscheinung in 
der Welt als die charakteristische bezeich- 
nete." 

Anm. d. Setzers. Schmidt ! Schwabenspiegel ! Römerurkunde ! 
Unsichtbares Licht ! Fremdes Grün ! Und wie alle Ihre wohl- 
erworbenen Titel noch lauten mögen ! — ,,Ich nenn' dich Ham- 
let, Vater, Dänenkönig 1" — Bei allen Ihren Titeln rufe ich 
Sie an und beschwöre Sie, mir zu enthüllen: aus welchem 
Journalartikel haben Sie das genommen? Das also verkaufen 
Sie Ihren Lesern als die Hegeische Begriffsbestimmung des 
Christentums? Das Christentum nach Hegel die „tiefste De- 
mütigung des Geistes, der sich als sündhaft und un- 
selig erkennt"? Und das die Seite des Christentums, die 
Hegel ,,für die Zeit seiner Erscheinung als die charakte- 
ristische bezeichnete' ' ? 

Ich war 1840, als die zweite Ausgabe der Hegeischen Werke 
erschien, Setzer in der Druckerei der Herren Gebrüder 
Unger; alle seine Werke sind von mir Seite für Seite gesetzt 
worden; ich bin daher ein wenig zu Hause in ihnen, will Ihnen, 
Sie Nachtseite der Natur, ein Licht anstecken ! Was Sie für 
Hegels Charakteristik des Christentums ausgeben, das sähe 
eher etwa ungefähr der Weise ähnlich, wie er die jüdische 

294 



Religion charakterisiert oder dem, was er über den Schmerz 
und die Gebrochenheit der römischen Welt unter den 
Kaisern zur Zeit der Erscheinung des Christentums sagt, ein 
Schmerz und eine Gebrochenheit, die nach Hegel durch das 
Christentum vielmehr gerade geheilt werden sollten. Als 
das Charakteristische des Christentum faßt Hegel 
vielmehr überall den Gottmenschen auf und bestimmt den 
Begriff dieser Religion als die „Einheit, die Versöhnung 
des Menschlichen und Göttlichen". Also geben Sie 
acht, Herr Schmidt, ich fange an zu zitieren : Zuerst über das 
Judentum, Hegel, Religionsphilosophie Bd. II S. 59: „Die 
Natur ist hier entgöttert, die natürlichen Dinge sind Un- 
selbständigkeiten in ihnen selbst, und die Göttlichkeit ist nur in 
einem", und ferner ib. S. 68 : „Diese Untersuchung und Be- 
kümmernis über das Unrecht, das Schreien der Seele nach Gott, 
dies Hinabsteigen in die Tiefen des Geistes, diese Sehn- 
sucht des Geistes nach dem Rechten, der Angemessenheit zum 
Willen Gottes, ist ein besonders Charakteristisches" (für das 
Judentum) und ferner ib. S. 77 : „Doch erscheint der Kampf 
des Menschen in sich selbst überall, besonders in den Psalmen 
Davids; es schreit der Schmerz aus den innersten Tiefen 
der Seele im Bewußtsein ihrer Sündhaftigkeit und es folgt 
die schmerzlichste Bitte um Vergebung und Versöhnung." Und 
bei der Begriffsbestimmung der christlichen Religion wirft 
er zuerst wiederholte Rückblicke auf die jüdische und 
römische Welt, sich äußernd wie folgt ib. S. 273: „Von 
dieser Forderung (nämlich von der Forderung einer Vernünftig- 
keit der Welt) und von diesem Unglück hatten wir diese zwei 
Formen: jenen Schmerz, der von der Allgemeinheit, von oben 
kommt, sahen wir im jüdischen Volk; — das andere, das 
Zurücktreiben aus dem Unglück in sich ist der Standpunkt, in 
dem die römische Welt geendet hat, das allgemeine Unglück 
der Welt." 

„ — — Beide Seiten haben ihre Einseitigkeit ; die erste (die 
jüdische) kann als Empfindung der Demütigung aus- 
gesprochen werden, die andere (römische) ist die abstrakte Er- 
hebung des Menschen in sich, der Mensch, der sich in sich 
konzentriert. So ist es der Stoizismus oder Skeptizismus." — 
„Das Bewußtsein nun dieses Gegensatzes, — heißt es nun 

295 



weiter — dieser Trennung des Ich und des natürlichen Willens, 
ist das eines unendlichen Widerspruchs. Dies Ich ist mit dem 
natürlichen Willen, der Welt, in unmittelbarer Beziehung und 
zugleich davon abgestoßen. Dies ist der unendliche 
Schmerz, das Leiden der Welt. Die Versöhnung, die 
wir bisher auf diesem Standpunkt fanden (in der stoischen 
Philosophie) ist nur partiell und deshalb ungenügend." — 
„Diese Versöhnung ist nur abstrakt, denn" etc. — „Auf diesem 
absoluten Standpunkt kann und soll aber nicht eine solche ab- 
strakte Versöhnung stattfinden — die abstrakte Tiefe des 
Gegensatzes erfordert das unendliche Leiden der Seele und 
damit eine Versöhnung, die ebenso vollkommen ist." 
Und als diese vollkommene Versöhnung faßt Hegel das 
Christentum, denn — passen Sie auf, Herr Schmidt — er 
fährt nun bald darauf also fort: (S. 281): „Die Möglichkeit 
der Versöhnung ist nur darin, das gewußt wird die an sich 
seiende Einheit der göttlichen und menschlichen 
Natur; das ist die notwendige Grundlage; so kann der Mensch 
sich aufgenommen wissen in Gott, insofern ihm Gott nicht ein 
Fremder ist, er sich zu ihm nicht als äußerliches Akzidenz 
verhält, sondern wenn er nach seinem Wesen, nach seiner Frei- 
heit und Subjektivität in Gott aufgenommen ist; 
dies ist aber nur möglich, insofern in Gott selbst diese 
Subjektivität der menschlichen Natur ist. Und bald 
darauf noch deutlicher S. 286: „Christus ist in der Kirche 
der Gottmensch genannt worden — diese ungeheure Zu- 
sammensetzung ist es, die dem Verstände schlechthin wider- 
spricht; aber die Einheit der göttlichen und mensch- 
lichen Natur ist dem Menschen darin zum Bewußtsein, zur 
Gewißheit gebracht worden, daß das Anderssein, oder wie 
man es auch ausdrückt, die Endlichkeit, Schwäche, 
Gebrechlichkeit der menschlichen Natur nicht 
unvereinbar sei mit dieser Einheit" etc. „Dies ist 
das Ungeheure, dessen Notwendigkeit wir gesehen haben. Es 
ist damit gesagt, daß die göttliche und menschliche Natur nicht 
an sich verschieden ist." Und bald darauf S. 288: „Die 
neue Religion spricht sich aus als ein neues Bewußtsein — ' 
Bewußtsein der Versöhnung des Menschen mit Gott; 
diese Versöhnung als Zustand ausgesprochen, das ist das 

296 



Reich Gottes, das Ewige als die Heimat für den Geist; 
eine Wirklichkeit, in der Gott herrscht ; die Geister, Herzen 
sind versöhnt mit ihm, so ist es Gott, der zur Herrschaft 
gekommen. Dies ist insofern der allgemeine Boden." 

Und wieder S. 307 : „Das ist dann die Explikation der Ver- 
söhnung, daß Gott versöhnt ist mit der Welt, oder viel- 
mehr, daß Gott sich gezeigt hat als mit der Welt versöhnt zu 
sein; daß das Menschliche eben ihm nicht ein Frem- 
des ist" etc. etc. 

Und ebenso in der „Phänomenologie des Geistes" Herr 
Schmidt, S. 549: „diese Menschwerdung des göttlichen 
Wesens oder daß es wesentlich und unmittelbar die 
Gestalt des Selbstbewußtseins hat, ist der einfache 
Inhalt der absoluten Religion." Und bald darauf Seite 
551: „Das absolute Wesen (Gott), welches als ein wirk- 
liches Selbstbewußtsein da ist, scheint von seiner 
ewigen Einfachheit herabgestiegen zu sein, aber in der 
Tat hat es damit erst sein höchstes Wesen erreicht." 
Und bald darauf S. 564 : „der Gedanke aber, daß jene sich 
zu fliehen scheinenden Momente des absoluten Wesens und des 
für sich seienden Selbst nicht getrennt sind, erscheint diesem 
Vorstellen auch — denn es besitzt den wahren Inhalt — 
aber nachher, in der Entäußerung des göttlichen Wesens, das 
Fleisch wird. Diese Vorstellung, die auf diese Weise noch 
unmittelbar und daher nicht geistig ist, oder die mensch- 
liche Gestalt des Wesens nur als eine besondere, noch 
nicht allgemeine weiß, wird für dies Bewußtsein geistig in 
der Bewegung des gestalteten Wesens, sein unmittelbares Da- 
sein wieder aufzuopfern und zum Wesen zurückzukehren ; das 
Wesen als in sich reflektiertes ist erst der Geist. Die Ver- 
söhnung des göttlichen Wesens mit dem andern überhaupt 
und bestimmt mit dem Gedanken desselben, dem Bösen, 
ist also hierin vorgestellt." Oder schlagen Sie die „Philo- 
sophie der Geschichte" nach, die vorzüglich für Laien berech- 
net und daher am leichtesten verständlich ist. Da heißt es zu- 
nächst über Judäa, S. 239 : „Das Geistige sagt sich hier 
vom Sinnlichen unmittelbar los und die Natur wird zu einem 
Äußerlichen und Ungöttlichen herabgesetzt. Dies 
ist eigentlich die Wahrheit der Natur. Denn erst später (im 

297 



Christentum, Herr Schmidt, meint Hegel) kann die Idee in 
dieser ihrer Äußerlichkeit zur Versöhnung gelangen; ihr 
erster Ausspruch wird gegen die Natur sein." Und mit 
folgenden Worten leitet er daselbst das Christentum ein, S. 387 : 
„Die römische Welt, wie sie beschrieben worden in ihrer Rat- 
losigkeit und in dem Schmerz des von Gott Verlassensein hat 
den Bruch mit der Wirklichkeit und die gemeinsame 
Sehnsucht nach einer Befriedigung, die nur im Geiste 
innerlich erreicht werden kann, hervorgetrieben und den Boden 
für eine höhere geistige Welt bereitet — — Ihr ganzer Zu- 
stand gleicht daher der Geburtsstätte und ihr Schmerz den 
Geburtswehen von einem andern höheren Geist, der mit der 
christlichen Religion geoffenbart worden. Dieser höhere 
Geist enthält die „Versöhnung und Befreiung des 
Geistes". Und jene Vorbedingungen des Christentums näher 
entwickelnd, sagt er daselbst S. 390 : „Diese Bestimmung der 
Zeit in sich selbst, des Schmerzes seiner eigenen Nich- 
tigkeit, des eigenen Elends, der Sehnsucht über diesen 
Zustand des Innern hinaus (Sie sehen, Herr Schmidt, gerade 
das, was Sie für die Hegeische Charakteristik des Christen- 
tums ausgeben) ist anderwärts als in der eigentlichen römischen 
Welt zu suchen; sie gibt dem jüdischen Volke seine welt- 
historische Bedeutung und Wichtigkeit ; denn aus ihr ist das 
Höhere aufgegangen, daß der Geist zum absoluten Selbst- 
bewußtsein gekommen ist, indem er sich aus dem Anderssein, 
welches seine Entzweiung und Schmerz ist, in sich 
reflektiert." Und ferner S. '393: „Dies nun im realen 
Selbstbewußtsein gesetzt, ist die Versöhnung der Welt. 
Aus der Unruhe des unendlichen Schmerzes, in welchen die 
beiden Seiten des Gegensatzes sich aufeinander beziehen, geht 
die Einheit Gottes und der als negativ gesetzten Realität, 
d.h. der von ihm getrennten Subjektivität hervor. Der 
unendliche Verlust wird nur durch seine Unendlichkeit aus- 
geglichen und dadurch unendlicher Gewinn. Die Identität des 
Subjekts und Gottes kommt in die Welt, als „die Zeit er- 
füllt war"; das Bewußtsein dieser Identität ist das 
Erkennen Gottes in seiner Wahrheit." In dieser Idee Gottes 
liegt nun auch die Versöhnung des Schmerzes und des 
Unglücks der Menschen in sich." „Christus ist er- 

298 



schienen, ein Mensch, der Gott ist, und Gott, der Mensch ist; 
damit ist der Welt Friede und Versöhnung ge- 
worden." 

Sie sehen also nun wohl, Herr Schmidt, wenn es Ihre Römer- 
urkunde gestattet, wie sich die Sache verhält! Hegel faßt die 
christliche Religion auf als die noch in der Form der religiösen 
Vorstellung und Anschauung vorsichgehende Erfassung 
des Satzes, dessen reelle begriffliche Erfassung der In- 
halt der gesamten Hegeischen Philosophie ist, des Satzes 
nämlich: daß der menschheitliche Geist (der Geist der 
Gattung, Herr Schmidt, nicht der Ihrige) allein Gott ist. 
Wenn die Philosophie allein diesen Satz im allgemeinen Selbst- 
bewußtsein in der Form vernünftigen Begreifens realisieren 
kann, so erblickt Hegel in dem Gottmenschen, in der Christus- 
religion, bereits die religiöse Vorstellung davon, daß der 
Menschengeist Gott ist, also die noch in der Form der Re- 
ligion selbst auftretende Feier jener Versöhnung und 
Einheit von Gott und Mensch. 

Ob Hegel nun hierin recht hat, oder nicht, gehört nicht hier- 
her. Hier kommt nur in Betracht, daß Sie das Gegenteil 
von dem, was Hegel als die Charakteristik des Christentums 
hinstellt, daß Sie fast ganz die Weise, in welcher er das 
Judentum charakterisiert, für seine Charakteristik des 
Christentums verkaufen! O Sie Jude, Jude! 

Sollten Sie vielleicht von Bankiers bestochen sein, um durch 
den weitgreifenden Einfluß Ihrer Literaturgeschichte unser 
Publikum unmerklich zu judaisieren? 



Bd. II. S. 550. 

„Mit eiserner Faust beugt Hegel alle Individualitäten 
unter das Joch des Geistes und es ist das ein um so 
stolzerer Triumph, da er es nicht mit kränklichen Schatten- 
bildern zu tun hat, sondern mit den Göttern und Halb- 
göttern. Das Zauberschloß, in welches er die Erschei- 
nungen einführt, ist reich und unabsehbar weit, aber seine 
Mauern sind unübersteiglich ; wen er eingefangen hat, der 
sieht nicht wieder das Tageslicht." 

299 



Anm. d. Setzers. Hierzu, Herr Schmidt, weiß ich nur eine 
Parallele : 

„So windet Kranz und windet Kränze, 

Der Kukuk gattet sich im Lenze 

Und in dem Lichte wohnt der Schall!" 

Wozu brauchen denn, Herr Schmidt, die Erscheinungen, die 
Hegel eingefangen und glücklich in sein Zauberschloß ein- 
gesperrt hat, wozu brauchen denn diese „Götter und Halb- 
götter" wieder über die Mauern zu klettern um ans Tages- 
licht zu kommen? Sie befinden sich in ihrem Museum da in 
ganz guter Gesellschaft, Herr Schmidt. Und Sie besonders 
mögen es Hegel Dank wissen, wenn er die Mauern so un- 
übersteiglich gemacht hat. Denn denken Sie doch einmal, wenn 
Apoll eines Tages hinüberklettern könnte und durch die Straßen 
liefe und Sie gerade träfe ? Er schindete Sie heilig, Herr 
Schmidt, wie einstens den Marsyas ! 



Bd. IL S. 552. 

„Ein geordneter Geist, der das Bedürfnis hat, sich 
über sein Denken genaue Rechenschaft zu geben, wird 
immer mit einem gewissen Mißbehagen an die Lektüre 
der Hegeischen Schriften gehen." 

Anm. d. Setzers. I natürlich ! Wer gewohnt ist, sich s o „ge- 
naue Rechenschaft von seinem Denken" zu geben, daß er z. B. 
aus dem Wort „Schwabenspiegel", das er einmal gehört, sich 
sofort herausrechenschaftet, dies müsse ein Werk der schwä- 
bischen Dichterschule sein, in welchem sich der Typus des 
schwäbischen Geistes ausspricht, und zwar so deutlich aus- 
spricht, daß er sofort noch in „Strauß und Vischer Anklänge 
an diesen Schwabenspiegel" erkennt, — der wird freilich nur 
mit großem Mißbehagen an Hegels Werke gehen. Bei Ihnen, 
geordneter Geist, war dies Mißbehagen sogar so groß und so 
prophetisch, daß Sie, wie wir gesehen, überhaupt niemals 
an die Hegeischen Werke gegangen sind und sich begnügen, den 
tollsten Unsinn aus schlechten Journalartikeln abzuschreiben, 
die Sie noch dazu überall mißverstehen. 



300 



Bd. IL S. 555. 

,, Hegel hat den einzigen Weg verlassen, auf dem 
die Wissenschaft weiter geht, den Weg der analyti- 
schen Kritik, und ihn durch die Konstruktion ersetzt, 
die doch ihren letzten Zweck nicht erreicht, ein Kunstwerk 
des Erkennens hervorzubringen." 

Anm. d. Setzers. Und während Sie hier schreiben : „Hegel 
hat den einzigen Weg verlassen, auf dem die Wissenschaft 
weiter geht — den Weg der analytischen Kritik 
schreiben Sie zwei Seiten später S. 558: „Hegels Methode, 
anscheinend konstruktiv und erhaltend, war in ihrem 
innersten Kern analytisch" etc. O Sie bodenloser B — ! 
Ich kann ganz genau das Rezept angeben, nach welchem Sie 
Ihr Gesudle verfassen. Recipe zehn Gramm Blödsinn, fünf 
Gramm Tautologie, fünf Gramm Widerspruch, rühre es durch- 
einander, bestreue es mit „Bildungsworten", und du wirst ein 
Julian Schmidtsches Werk erhalten ! Probatum est ! O Sie ge- 
ordneter Geist! An Ihren Werken wahrscheinlich hat sich 
Heinrich Leo den Ausdruck „Bildungspöbel" erfunden. 



Bd. IL S. 553. 

Immer weiter über Hegel: „Wenn nun gar die sprach- 
liche Revolution so weit geht, daß man sich eine dem 
Genius der Sprache widersprechende Wortbildung erlaubt, 
so hört mit der Grammatik auch alle Logik auf." 

Anm. d. Setzers. Bon ! hat er gesagt 1 

„Und einen großen Hieb mit beider Hand 
Tat er bei diesem Wort; hofft dergestalten 
Zu legen in zwei Stück ihn auf den Sand, 
Denn bis zum Bügel meint er ihn zu spalten, 
Doch tat dem Hieb der Kern-Helm Widerstand; 
Denn ach, in ihm war Zauberei enthalten ! 

(Bojardo, Verliebter Roland XVI, 15.) 



301 



Bd. IL S. 300. 

Über Uhland : „Er hegt Sympathien, aber keine Leiden- 
schaften; daher sind seine Lieder immer anziehend, nie 
verletzend — aber auch freilich selten von mäch- 
tigem Ei ndruck." 

Anm. d. Setzers. Freilich, freilich ! Bertran de Born — ohne 
mächtigen Eindruck. Klein Roland — ohne mächtigen Ein- 
druck. Des Sängers Fluch — ohne mächtigen Eindruck. Der 
Zyklus der Gedichte, die Eberhard den Greiner und Ulrich be- 
handeln — ohne mächtigen Eindruck. Und so weiter und so 
weiter! Freilich, freilich gibt es mächtigere Eindrücke! Denn 
wenn ich, Herr Schmidt, dem Eindruck, welchen Sie mir 
machen, Ausdruck geben wollte, so würde das einen Ein- 
druck hervorbringen, der bleibende Spuren hinterließe; einen 
Eindruck, dem es an jenen „starken, sinnlich wahrnehm- 
baren Strichen" nicht fehlen würde, die Sie bei Grimm ver- 
missen ! 

Bd. IL S. 300. 

Es geht unmittelbar nach der vorigen Stelle weiter über 
Uhland : „Das ^ilt auch von seinen politischen Liedern ; 
die Variationen über das gute alte Württemberger Recht 
haben nicht mehr historischen Sinn, als seine spätere Stel- 
lung in der Frankfurter Demokratie 1 ), wo er gegen den 

*) Anm. d. Setzers. Armer Uhland ! Gib es ein- für allemal 
auf, es Herrn Julian Schmidt recht zu machen ! Wenn du in 
deinen Liedern festhältst an dem bestehenden histori- 
schen Recht — so ist das „ohne historischen Sinn". 
Wenn du, um diesen Fehler zu verbessern, von dem bestehenden 
Rechte ablassend, dich zu den Forderungen des modernen Ge- 
dankens entwickelst, wenn du mit deinem Volke dich auf das 
Prinzip der Volkssouveränität stellst, in der Meinung, dies sei 
eben „historisch", daß jetzt dies Prinzip in der Geschichte 
Platz greife, so ist das wieder „ohne historischen Sinn", ja 
es ist (s. Jul. Schmidt II, S. 202) „sanskülottisch, zerfahren, 
ungeschichtlich". Gib es auf, unglücklicher Greis, nach Herrn 
Schmidts Billigung zu streben! Der Lorbeer blüht dir nicht! 

302 



engeren Bundesstaat war, weil er in der Stimme eines 
jeden Österreichers das Rauschen des adriatischen Meeres 
zu vernehmen glaubte" 2 ). 

2 ) Rechenexempel: Wenn in dem mächtigen und poeti- 
schen Bilde, welches der große patriotische Sänger gebrauchte, 
in der Stimme eines jeden österreichischen Deputierten zu 
Frankfurt ihm das Rauschen der Adria entgegenschwoll — 
welcher Pfütze Unkentöne sind dann in dem ßgexexoa^, 
xoat; eines gewissen Literarhistorikers erkennbar? 



Bd. II. S. 301. 

Immer weiter über Unland, unmittelbar nach den vor- 
her angeführten Worten: „Auch wo seine Seele am mei- 
sten bewegt ist, z. B. in dem schönen, kleinen Frühlings- 
lied : „Nun muß sich alles, alles wenden," ist es nicht 
eine bestimmte individuelle Empfindung, die 
zu den Gegenständen herantritt, sondern es 
sind die Gegenstände selbst, die in süßer Emp- 
findung zittern. Der Dichter ist nur ein Wiederhall 
von den Klängen der Natur." 

Anm. d. Setzers. Herr Schmidt, ich bitte Sie, lassen Sie sich 
nur einen Augenblick, so inkonsequent das freilich von Ihnen 
wäre, zu dem allergewöhnlichsten Denken herbei ! Damit die 
individuelle Empfindung eine bestimmte, konkrete, sei, muß 
sie ja vorerst an die Gegenstände, geistige oder 
sinnliche, herangetreten sein und sich an ihnen ent- 
zünden. Nur das Ineinander der individuellen Empfindungs- 
fähigkeit und der geistigen oder sinnlichen Gegenstände 
bildet die bestimmte individuelle Empfindung. Eine indivi- 
duelle Empfindung, die noch ohne ihren Gegenstand fertig ist 
und so zu ihm „herantritt", das wäre ja die leere Empfindelei 
der schönen Seele, die eines Gegenstandes überhaupt nicht be- 
darf und ihm, auch wenn sie zu einem solchen herantritt, nur 
eine willkürliche, seine Natur verkehrende Gewalt antut. Also 
die bestimmte individuelle Empfindung, Herr Schmidt, er- 

303 



zeugt sich erst dadurch, daß sie sich mit dem Gegenstande in 
eins setzt. — 

Und ferner, Herr Schmidt, habe ich mir sagen lassen, daß, 
wenn schon einmal von Naturpoesie die Rede ist, gerade 
die höhere Entwicklung derselben darin bestehen soll, daß 
der gegenständlichen Natur selbst das Leben und die Empfin- 
dungen des menschlichen Gemüts eingehaucht werden. Auf diese 
Weise bemächtigt sich der Dichter in der Form der Vorstel- 
lung der innern Einheit, welche zwischen dem mensch- 
lichen Geiste und der scheinbar toten Natur besteht, 
und statt „nur ein Wiederhall von den Klängen der Natur" zu 
sein, macht er vielmehr die Natur zu einem Wiederhall von den 
Klängen des bewegten Herzens. Das ist vielleicht zu hoch für 
Sie, Herr Schmidt ! 

Doch vielleicht kann ich sowohl das früher wie das zuletzt 
Gesagte in seinem Zusammenhange wie in seinem Unterschied 
voneinander Ihnen durch ein einfaches Beispiel ganz klar 
machen. Angenommen, ich ginge dazu über, Ihnen, wie ich 
früher sagte, den Ausdruck des Eindrucks zu applizieren, den 
Sie mir gemacht haben. Würde dann nicht, um mich möglichst 
Ihrer eigenen Worte zu bedienen, Ihre „individuelle Empfin- 
dung" erst dadurch zu einer „bestimmten", daß der von mir 
geschwungene „Gegenstand" an Sie „heranträte" ? Sie wären 
freilich dann ein bloßer „Widerhall von den Klängen der 
Natur". Immerhin aber wäre es selbst dann noch nicht dieser 
Gegenstand, trotz seiner Schwingungen — Täuschung, Herr 
Schmidt! — sondern Sie wären es, der „in süßer Empfindung 
erzitterte" 1 

Bd. IL S. 301. 

„Bei Uhland tritt uns niemals eine bedeutende 
Individualität, niemals ein mächtiger Strom 
der Empfindung entgegen." 

Anm. d. Setzers. Wie ? Bei allen Heiligen, Herr Schmidt ! 
Bei Uhland kein mächtiger Strom der Empfindung?! — — 
Doch ja, Sie verstehen Ihr Handwerk von Grund aus! Sie 
wissen, diese aberwitzigen, absprechenden Paradoxien, diese 
vornehm wegwerfende Manier, diese sinnlosen, aber mit fabel- 

304 



hafter Sicherheit hingestellten Unerhörtheiten sind es gerade, 
die geeignet sind, dem großen Haufen zu imponieren, ihm als 
ein selbständiger Denker zu erscheinen und einer Literatur- 
geschichte vier Auflagen zu verschaffen. Und wenn dies nur 
gelingt, was kümmert Sie das übrige? O, Sie verstehen Ihr 
Handwerk von Grund aus, ganz wie Strepsiades in den Wolken 
und wörtlich auf Sie gemacht scheinen die Verse, die 
Aristophanes ihm in den Mund legt: 

„Tituliere mich dann nach Belieben die Welt 
Frech, naseweis, grob, maulfertig, infam, 
Unflat, Aufschneider und Lügenschmied, 
Rechtsfälscher, mit allen Hunden gehetzt, 
Schwadroneur, Windfahne, Fuchs, Klappermaul, 
Nasrümpfler, Scherwenzler, aufdringliche Klett', 
Aas, Neidhard, Galgenstrick, Lumpenhund 

Mag, wem es beliebt, auf der Gasse mir nach 
Diese Titel schreien : Nur zugeschimpft ! 

Meinetwegen verhackt 
Mich zu Würsten, bei der Demeter, und gebt 

Sie den Herrn Philosophen zu fressen ! 

(Aristophanes, Wolken, V. 442.) 



Bd. IL S. 509. 
„Im Begriff des Pantheismus durchkreuzen sich zwei 
entgegengesetzte Anschauungen. Der Pantheismus Spi- 
nozas zerdrückt alle Individualität unter dem eisernen Ge- 
danken der Notwendigkeit ; er gibt einem edlen Geist die 
Gewalt der Entsagung, aber er ist eher dazu geeignet, ihn 
gegen das individuelle Leben gleichgültig zu machen, als 
ihm Interesse dafür einzuflößen. Der indische Pantheis- 
mus dagegen — und dieser war es, der sich in der deut- 
schen Mystik geltend machte — sieht in allem Lebendigen 
das Göttliche und läßt in der Andacht, die er gegen das 
einzelne hegt, die allgemeinen Ideen unter- 
gehen." 

20 Lassalle. Ges. Schriften. Band VI. 305 



Anm. d. Setzers. O Sie Nachtseite der Natur, welchen Wahn- 
sinn Sie da wieder zusammenschreiben! Das also ist Ihre 
Art, Andacht gegen einen Gegenstand zu hegen, daß Sie in 
ihm „die allgemeinen Ideen untergehen" lassen? Dann 
ist freilich alles klar ! Dann erklärt sich auf das Natürlichste 
Ihre ganze Literaturgeschichte. In der Andacht, die Sie 
gegen die deutsche Literatur hegen, mußten Sie dann „die all- 
gemeinen Ideen untergehen" lassen, und so ist es denn 
ganz notwendig und nicht mehr zu verwundern, daß Ihre Lite- 
raturgeschichte zu dem wurde, was sie eben ist, zu einem 
Buch, in dem alle Ideen untergegangen sind. 

Dies stimmt also, und ich kann mir nun denken, daß Sie 
bei der stupenden Ideenlosigkeit, die ich in Ihrem Buche nach- 
weise, triumphierend ausrufen werden : Bloßer Beweis meiner 
Andacht ! 

Gut! Aber wenn das Ihre Art von Andacht ist, so nehmen 
Sie meinetwegen ein Patent darauf — doch das haben Sie ja 
eben durch Ihre „Literaturgeschichte" schon genommen — wie 
aber kommen Sie dazu, auch andern diese Art von „Andacht' 
unterzulegen? Andere Menschen lassen sich gerade in der 
„Andacht", die sie gegen einen Gegenstand erfüllt, die „all- 
gemeinen Ideen aufgehen". Dies ist das wirkliche 
Wesen der Andacht, Herr Schmidt, der menschlichen, 
nicht der belletristischen. Wie kommen Sie nun dazu, 
Herr Schmidt, die alten Inder, den „indischen Pantheis- 
mus", zu Belletristen zu machen? Was ist das überhaupt 
für eine seltsame Krankheit, die Sie haben, in einemfort von 
Dingen zu sprechen, von denen Sie auch nicht das Aller- 
geringste verstehen ? Doch freilich, Sie haben recht ! Wenn Ver- 
stehen zum Sprechen notwendig wäre — wovon sollten Sie 
denn da sprechen? Sie müßten ja zum reinen Trappisten 
werden. Soll ich Ihnen aber eine kleine Ahnung beibringen, wie 
reizend Sie den „indischen Pantheismus" charakteri- 
sieren ? Soll ich Ihnen zeigen, Herr Schmidt, wie sehr der 
„indische Pantheismus in der Andacht, die er gegen das Ein- 
zelne hegt, die allgemeinen Ideen untergehen läßt"? 
Also in aller Kürze, Herr Schmidt: 

Haben Sie jemals etwas von den Upanishads gehört, 
dieser Grundlage der indischen Theologie und des indischen 

306 



Pantheismus ? Nehmen Sie also meinetwegen die Fragmente, die 
Coolebrooke daraus mitteilt, in der Übersetzung von Pohley, 
und lesen Sie ein wenig im Kät'haka Upanishad, im 
dritten Gesang V. 10. 

,, Höher als die Sinne, sind die sinnlichen Gegenstände; höher 
als diese ist das Herz ; höher als das Herz ist die Vernunft, 
höher als diese der große Geist. V. 11. Höher als der große 
Geist ist das Unentfaltete (der Same des Universums), höher 
als dieses ist der höchste Geist (Purusha, der alles erfüllt) ; 
nichts ist über diesem, er ist die Grenze, er ist die höchste 
Stufe!" 

Oder nehmen Sie das vierte Brähman'am aus dem Vriha- 
däran'yakam, das Gespräch zwischen Jag'nyavalkya und seiner 
Frau Maitreyi, V. 13: „Maitreyi erwiderte: O Ehrwürdiger, 
du bringst mich in Verzweiflung (wenn du sagst) in jener Welt 
ist kein Bewußtsein des Einzelnen! — Jener sprach: 
Ich sage dir nichts Verwirrtes, ich will es dir erklären. Da wo 
Zweiheit ist, da riecht der eine ein anderes, da sieht der eine 
ein anderes, da hört der eine anderes, da spricht der eine zu 
einem andern, da denkt der eine ein anderes, da erkennt der 
eine ein anderes ; wenn aber jemand im Zustande der Erkennt- 
nis ist und weiß: der Geist ist alles, durch welche Ursach 
und was könnte er dann noch riechen oder hören, oder zu einem 
andern sprechen oder denken oder erkennen" etc. etc. etc. 

Sehen Sie, Herr Schmidt, so gehen „dem indischen Pan- 
theismus in der Andacht, die er gegen das Einzelne 
hegt, die allgemeinen Ideen unter"!!!! 



Bd. I. S. 257 1 ). 
Da sich Schiller bemühte, die Schilderungen dem 
Stoffe anzupassen 2 ), so ist man oft über seine Sympa- 
thien im unklaren gewesen 3 ). Die ausführliche Schilde- 
rung des katholischen Rituals im Gang nach dem Eisen- 
hammer hat nicht weniger als die Kommunionsszene in der 
Maria Stuart manchen wohlmeinenden Kritiker verführt, 
dem Dichter katholische Neigungen unterzuschieben 4 ) ; be- 
trachten wir aber aufmerksam diese Beschreibung der 

20» 307 



Messe, wo Fridolin dem Priester die Stola und das Cin- 
guium umgibt, bald rechts und bald links kniet und genau 
aufmerkt, um immer zur rechten Zeit zu klingeln, so wird 
uns ein ironischer Zug nicht entgehen 5 ). Freilich paßt 
dieser ironische Zug wieder nicht zur Tendenz des Ganzen. 
Nach mittelalterlichen Begriffen handelte der Graf von 
Savern weise, als er durch den verhängnisvollen Tod Ro- 
berts sich von dessen Schuld überzeugen ließ, und in 
einem alten Volksliede, das die Geschichte unbefangen 
erzählt, würden wir sie uns gefallen lassen ; aber bei dieser 
ausführlichen Beschreibung können wir das Gefühl der 
Absurdität nicht unterdrücken 6 ). 

*) Anm. d. Setzers. So weit war ich gekommen, Herr Schmidt, 
als ich mir sagte, daß in dem Pantheon der deutschen Götter- 
gestalten, denen Sie, wie die Araber den ägyptischen Götter- 
bildern, die Nasen absäbeln, noch eine, mir fast vor allen teure 
fehle, die Statue meines geliebten Schillers ! Auch das war sehr 
natürlich. Denn, wie ich Ihnen bereits S. 246 gestanden, es war 
mir nur der zweite Teil Ihres Werkes zu Händen gekommen, 
Schiller aber müßten Sie der Zeitfolge nach schon in dem 
ersten Bande betrampelt haben. Was war zu tun. Auch noch 
den ersten Teil Ihres Werkes lesen? Schauderbar! Unmöglich! 
Nicht um alles hätte ich je wieder ein Buch von Ihnen in die 
Hand nehmen mögen! Und hätte ich selbst den Mut besessen, 
meine Aufopferung so weit zu treiben — was wäre die Folge 
gewesen? Die Ihnen gewidmete Zeit hätte dann von mir ver- 
doppelt werden müssen und das Resultat wäre noch dazu ge- 
wesen, daß dies Büchlein ein für den Leser ungenießbares 
Volumen erlangt hätte. Denn sicher hätte ich mich dann wieder 
von neuem mit steigendem Ingrimm und wachsender Erbitte- 
rung Seite für Seite durch den ersten Band hindurchgelesen, 
und hätte ich auch denselben Grundsatz walten lassen, wie bei 
dem zweiten Bande, nämlich von dreißig Stellen haarsträuben- 
den Blödsinns immer nur eine aufzunehmen, so hätte dies 
Büchlein dadurch dennoch eine Ausdehnung bekommen müssen, 
die es zu einem dickleibigen Buche aufgeschwellt hätte. 

308 



In dieser Not wandte ich mich an einen Freund 

„und zeigt' ihm alle meine Seelenwunaen !" 

Ich bat ihn, das Kreuz auf sich zu nehmen, vor dem ich 
zurückbebte, und mir aus dem ersten Bande Ihres Werkes zwei 
oder drei Stellen zur Charakterisierung Ihres Verhaltens zu 
Schiller zu liefern. Ich schämte mich freilich, daß ich von 
ihm verlangte, sich ein Leid anzutun, das ich nicht mehr den 
Mut hatte, mir selbst zuzufügen. Allein ich wies darauf hin, 
daß alle menschliche Kraft ihre Grenze hat, daß ich schon 
durch die Lektüre Ihres zweiten Bandes gerädert sei, während 
er so glücklich sei, noch keine Zeile von Ihnen gelesen zu haben ; 
ich wies endlich auf den Zweck der Sache hin und blickte mit 
kummervollen Mienen zu Boden. 

Dieser Edle und Gute — es wird das bis zu den fernsten 
Zeiten als das rührendste Beispiel von Freundestreue zitiert 
werden, gegen welche die gegenseitige Aufopferung in der Bürg- 
schaft zu einer lächerlichen Kleinigkeit herabsinkt, — sah 
meine Leiden, und war gerührt! Er versprach mir, welche 
Selbstüberwindung er auch zu bestehen haben möge, mir die 
gewünschten Stellen über Schiller zu liefern. Er verlangte dafür 
nichts als die Erlaubnis einige dieser Schillerstellen, unter 
dem Namen meines Weibes, selbst kommentieren zu dürfen. 

Und warum hätte ich ihm diesen glorreichen Titel oder dies 
gute Recht der Ehehälfte verweigern sollen, Herr Schmidt? 
Seien Sie überzeugt, ich hätte wochenlang durch alle Salons 
Berlins laufen können, bis ich ein wirkliches Weib gefunden 
hätte, das sich, Ihren Wert kennend, zu diesem Opfer her- 
gegeben. O, glauben Sie, Herr Schmidt, wie hoch ich auch die 
Weiber stelle — dieses wahnsinnigen Fanatismus ist nur das 
asketische Pflichtgefühl der Männer fähig. 

Also erlauben Sie, daß ich die Formalia in Ordnung bringe 
und zur Vorstellung schreite : Herr Schmidt, das Setzerweib ! 
Das Setzerweib, Herr Schmidt ! 

So — nun kann die Sache losgehen, seien Sie unbesorgt, 
Herr Schmidt, Sie werden nichts dabei verlieren, daß ich mich 
für eine kurze Zeit zurückziehe. Sie werden sehen, meine Frau 
schreibt einen so kräftigen Stil, daß, wenn Sie Ihnen alle fünf 
Finger ihrer zarten Hand ins Gesicht legt, Sie schwer werden 

309 



unterscheiden können, ob es die Pfote einer Frau oder eines 
Mannes ist. 

Und nun, liebes Weib, will ich dich mit dem Segen ent- 
lassen, den Pluton dem Äschylos gibt: 

Nun froh des Gedeihens zeuch hin, liebes Weib, 
Zieh hin und rett' uns die teuerste Stadt 
Durch sinnige Rede und züchtige scharf 
Die Betörten; gar viel sind ihrer im Land 
Und 
(Strick, Schwert und andere Werkzeuge zum Selbstmord dar- 
reichend) 
dies hier gib meinem Julian ab. 
(Frei nach den Fröschen des Aristophanes.) 

2 ) Das Setzerweib: Das klingt so, als ob Sie, Herr 
Schmidt, wenn Sie eine Ballade schrieben, den Stoff der Schil- 
derung anpassen würden. Nicht von der Geschichte oder von 
einer Geschichte, nicht von dem Lebendigen spricht Schiller in 
der Stelle, die Ihnen dunkel vorgeschwebt zu haben scheint: 

Wenn das Tote bildend zu beseelen, 
Mit dem Stoff sich zu vermählen, 
Tatenvoll der Genius entbrennt : 
Da, da spanne sich des Fleißes Nerve, 
Und, beharrlich ringend, unterwerfe 
Der Gedanke sich das Element. 

3 ) Ich nie. Schillers Sympathien gelten immer dem, was gut 
und schön ist. 

Ihm gaben die Götter das reine Gemüt, 
Wo die Welt sich, die ewige, spiegelt, 

Er hat alles gesehen, was auf Erden geschieht, 
Und was uns die Zukunft versiegelt: 

Er saß in der Götter urältestem Rat 

Und behorchte der Dinge geheimste Saat. 

Wenn Sie aber die Sympathien für die eine oder die andere 
christliche Konfession, für den einen oder den andern Kate- 
chismus meinen, so erlaube ich mir, Sie daran zu erinnern, daß 
die Wortklauber bis diesen Tag darüber streiten, ob Shakespeare 
Katholik oder Protestant gewesen. 

310 



Es soll der Sänger mit dem König gehen, 
Sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen. 

4 ) Wohlmeinende Kritiker? Nein, Herr Schmidt, große 
Dummköpfe müssen das gewesen sein. Ich weiß nicht, wer sie 
sind, wie sie heißen, denn es ist jetzt das erstemal, daß ich 
etwas über Schiller lese; aber den Schiller selbst habe ich 
ordentlich gelesen und meinen gesunden Menschenverstand lasse 
ich mir von keinem Doktor abdisputieren. In der Ballade be- 
schreibt der Dichter eine katholische Messe und in dem Trauer- 
spiel eine katholische Kommunion ; wie soll er die denn anders 
beschreiben, als gemäß der katholischen Weise ? Soll er etwa 
den Fridolin die Dienste eines protestantischen Küsters ver- 
richten und die Maria ihre Beichte nach dem Katechismus 
Lutheri ablegen lassen ? Und warum nennen Sie denn solche 
Dummköpfe „wohlmeinend" ? 

5 ) Aha, jetzt merke ich, weshalb jene Kritiker „wohl- 
meinend" sind ; ich hätte es freilich schon an dem Worte 
„unterschieben" merken können. Wohlmeinend, weil stramme 
Protestanten, wie Sie, Herr Schmidt, einer sind, und ein 
wenig Jesuitenriecher. Wenn Schiller die Messe beschrieben 
hätte in keiner andern Absicht, als eine Messe zu beschreiben, 
so würden auch Sie, Herr Schmidt, katholische Sympathien 
an ihm herausgeschnüffelt haben. Aber Sie haben eine noch 
feinere Nase als jene „Wohlmeinenden" ; in dem verdächtigen 
Weihrauchsdampfe wittern Sie ein klein wenig Teufelsdreck 
von Ironie. Schiller beschreibt nur deswegen die Messe so aus- 
führlich, um sich darüber lustig zu machen, Ihnen und allen 
guten Protestanten und wahren Kunstrichtern zur Erquickung! 
Ich weiß nicht, worüber ich mich mehr wundere, über Ihren 
Mangel an Urteil, was die Komoosition der Ballade betrifft, 
oder über die Roheit der Vorstellungen, die Sie von Schiller 
haben. Lesen Sie das Gedicht noch einmal ganz und nehmen 
Sie Ihre Gedanken zusammen. So gering ich von Ihren Fähig- 
keiten denke, so will ich Ihnen doch zutrauen, Sie werden da- 
hinter kommen, daß der lange Verzug Fridolins erklärt oder, 
wie Sie es auszudrücken lieben, „der Phantasie nahe gebracht 
werden" muß. und daß das in der Welt nicht besser geschehen 
kann, als durch eine ausführliche Beschreibung der mancherlei 
Dienste, die er dem Priester zu leisten hat. Daß überdies jene 

311 



Stelle einen wesentlichen Zug zu dem Bilde Fridolins liefert, 
das werden Sie allerdings nicht begreifen, und wenn man Sie 
mit der Nase darauf stieße. 

6 ) Wer verursacht Ihnen das Gefühl der Absurdität? Der 
Graf von Savern ? Nein, der kann es nicht sein, denn Sie sagen 
ja, nach den Begriffen seiner Zeit habe er weise gehandelt, 
also muß es der Dichter sein. Und weshalb erscheint Schiller, 
oder das, was er geschrieben hat, Ihnen absurd ? Kommen Sie 
mir zu Hilfe; ich bin nur eine einfache Frau, aber Sie haben 
ja auch nicht für die Gelehrten geschrieben, die, wie ich höre, 
so wenig auf Ihre Werke geben, daß dieselben nicht einmal 
für die Königliche Bibliothek angeschafft worden sind. Helfen 
Sie mir, Herr Schmidt ! Sie stellen gegenüber ein altes Volks- 
lied, das die Geschichte unbefangen erzählt — das wollten 
Sie sich gefallen lassen — und die ausführliche Beschreibung 
in einer modernen Ballade — die verursacht Ihnen das Ge- 
fühl der Absurdität. Worin steckt denn der Gegensatz ? Es 
scheint darin, ob die Beschreibung ausführlich oder nicht aus- 
führlich, lang oder kurz ist; eine lange Beschreibung erscheint 
Ihnen absurd, eine kurze nicht. Aber gibt es denn nicht alte 
Volkslieder mit recht ausführlichen Beschreibungen von Vor- 
gängen, Zuständen und Vorstellungen, die uns heute fremd sind, 
in des Knaben Wunderhorn zum Beispiel ? Und wie kann 
etwas, was an sich verständig ist, durch die Ausführlichkeit 
der Darstellung absurd, und umgekehrt etwas, was an sich ab- 
surd ist, durch die Kürze der Darstellung verständig werden? 
Oder steckt der Gegensatz etwa darin, daß das Volkslied alt 
und die Schillersche Ballade neu ist? Wollen Sie sagen, daß 
die Geschichte von Fridolin sich überhaupt nicht zum Gegen- 
stande eines modernen Gedichtes eignete, daß die Poesie nur 
Stoffe wählen dürfe, die in der Zeit oder doch in den Vor- 
stellungen der Zeit spielen? Nein, Herr Schmidt, das können 
selbst Sie nicht meinen. Aber, potz Fingerhut! wo denn sonst 
steckt der Gegensatz ? Vielleicht darin, daß das alte Volks- 
lied „unbefangen" und die Schillersche Ballade — ja was 
denn, ist ? In Ihrem Kopfe scheint ein Gegensatz gegen das 
„Unbefangen" existiert oder doch geflimmert zu haben; aber 
in dem Satze, den ich eben unter dem Trennmesser habe, fehlt 
er. Was können Sie im Sinne gehabt haben ? Befangen ? oder : 

312 



mit Reflexion ? oder Tendenziös ? Richtig ! ein paar Zeilen 
zuvor sprechen Sie von der „Tendenz des Ganzen", Sie sagen 
freilich nicht, was diese Tendenz sei : aber Sie bezeichnen sie 
als eine solche, die zu dem Spott (dem von Ihnen entdeckten 
Spotte Schillers) über die Gläubigkeit Fridolins und den Ritu9 
der katholischen Kirche nicht passe; das heißt, als Schillers 
Tendenz erscheint Ihnen, und auch mir, das Bestreben den 
Hergang so zu erzählen, wie er den gläubigen, katholischen 
Zeitgenossen erschien : das heißt, Schiller hat den Hergang un- 
befangen, wie in einem alten Volksliede erzählen wollen. Wo 
also, ich frage zum vierten Male, wo steckt der Gegensatz ? 
Was gibt Ihnen das Gefühl der Absurdität? Ich denke, ich 
habe es. Sie haben sich gesagt: wenn ich, der Dr. Julian 
Schmidt, Verfasser dieser wundervollen Literaturgeschichte, 
der Gemahl der schönen Kunigunde wäre, würde ich in Roberts 
Schicksal ein Gottesurteil sehen? Nein, wäre nicht so absurd 1 
Würde ich, wenn ich ihr Lieblingspage wäre, ihr zu Gefallen 
bei der Messe ministrieren und zur rechten Zeit klingeln? 
Nein ! oder ich würde wenigstens eine Grimasse dabei schneiden. 
Und das, Herr Schmidt, gibt mir Licht über manche andere 
Stelle Ihrer Literaturgeschichte, die ich über meines Mannes 
Schulter weg gelesen habe. — Gott, was einem der Mensch 
mit den paar Zeilen für Arbeit gemacht hat ! Da wollte ich ja 
lieber zehn Docken verhedderter Floretseide abwickeln. 



Bd. I. S. 443. 
Über Maria Stuart: „Zu begreifen ist es wohl, daß 
bei jener Begebenheit, wenn man sie aus dem historischen 
Zusammenhange reißt, das natürliche Gefühl sich auf Seite 
Marias schlägt ; auch durfte der Dichter die gerechte 
Entrüstung über einen Justizmord nicht abschwächen, allein 
der tragische Ernst wäre erhöht worden, wenn er uns durch 
geschichtliche Motivierung der Untat über die 
nackte Nichtswürdigkeit der persönlichen Eifersucht hin- 
weggeführt hätte. Elisabeth wurde nicht bloß durch per- 
sönliche Motive, sondern durch sehr beherzigenswerte 

313 



Gründe der Staatswohlfahrt angetrieben, Marias Tod zu 
wünschen. Noch war das Andenken der blutigen Maria, 
die dem Moloch der alleinseligmachenden Kirche so zahl- 
reiche Opfer geschlachtet, in aller Herzen, Englands Heil 
stand auf dem Spiele, wenn Maria Stuart den Thron be- 
stieg : und das Ereignis lag nicht außer dem Bereich der 
Möglichkeit. Die Dolche katholischer Meuchelmörder be- 
drohten das Leben der weisen Königin, und nach ihrem 
Tode war Maria die rechtmäßige Erbin. Der Dichter 
verschweigtdieseBedenkenkeineswegs, aber 
er prägt sie nicht der Einbildungskraft ein. 

Das Setzerweib: Also die geschichtliche Motivierung 
der Hinrichtung fehlt ; der erste Satz besagt das, wenn er über- 
haupt etwas besagt. Aber nein, die geschichtliche Motivierung 
ist da ; der letzte Satz besagt das, wenn er überhaupt etwas 
besagt. Sie sei nur nicht .der Einbildungskraft eingeprägt, mäkeln 
Sie. Haben Sie denn das Stück, das Sie zermäkeln, je ge- 
lesen? Ich kann's nicht glauben. Lassen Sie sich erzählen, wie 
Schiller die „Bedenken", sollte heißen die politischen Gründe, 
die für die Hinrichtung sprechen, unserer Einbildungskraft ein- 
prägt. 

Akt II, Szene 3 sagt 

Burleigh. 
Wenn du deinem Volk 
Der Freiheit köstliches Geschenk, das teuer 
Erworb'ne Licht der Wahrheit willst versichern, 
So muß sie nicht mehr sein. — Du weißt es, 
Nicht alle Briten denken gleich: 
Noch viele heimliche Verehrer zählt 
Der römsche Götzendienst auf dieser Insel. — 
Dir ist von dieser wütenden Partei 
Der grimmige Vertilgungskrieg geschworen, 
Den man mit falschen Höllenwaffen führt. — 

Von dort (von Reims) 
Ist schon der dritte Mörder ausgegangen, 
Und unerschöpflich, ewig neu erzeugen 
Verborgne Feinde sich aus diesem Schlünde. 

314 



Und in dem Schloß zu Fotheringhay sitzt 
Die ew'ge Ate dieses Krieges, die mit 
Der Liebesfackel dieses Reich entzündet. — 
— Dies Geschlecht der Lothringer erkennt 
Dein heilig Recht nicht an ; du heißest ihnen 
Nur eine Räuberin des Throns. 
Und in der unmittelbar folgenden Szene: 
M o r t i m e r. 
Auch eine Bulle, die Papst Sixtus jüngst 
Vom Vatikane gegen dich geschleudert, 
Kam eben an zu Reims, als ich's verließ : 
Das nächste Schiff bringt sie nach dieser Insel. 

Leicester. 
Vor solchen Waffen zittert England nicht mehr! 

Burleigh. 
Sie werden furchtbar in des Schwärmers Hand. 
Nun ich dächte, Herr Schmidt, das wären Gründe genug 
und der Einbildungskraft hinlänglich eingeprägt. Aber es kommt 
noch besser ; in der 8. Szene dringt der Glaubensschwärmer 
Mortimer in den von der Liebesfackel entzündeten Grafen 
Leicester : 

In Euren Händen ist die Macht: Ihr bringt 
Ein Heer zusammen, wenn Ihr nur den Adel 
Auf Euren vielen Schlössern waffnen wollt ! 
Maria hat noch viel verborgne Freunde: 
Der Howard und der Percy edle Häuser. 
Ob ihre Häupter gleich gestürzt, sind noch 
An Helden reich, sie harren nur darauf, 
Daß ein gewalt'ger Lord das Beispiel gebe 1 
Weg mit Verstellung! Handelt öffentlich! 
Verteidigt als ein Ritter die Geliebte ! 
Kämpft einen edlen Kampf um sie ! Ihr seid 
Herr der Person der Königin von England, 
Sobald Ihr wollt. Lockt sie auf Eure Schlösser, 
Sie ist Euch oft dahin gefolgt. 
Sieht Ihre ästhetische Einbildungskraft nicht das alles schon 
vorgehen? Kommt Ihr literarhistorisches Gedächtnis Ihnen 
nicht mit Kenilworth zu Hilfe ? Zittert Ihre protestantische Seele 

315 



nicht bei dem Gedanken, die Liebe — sie ist eine mächtige 
Triebkraft, Herr Schmidt, — könne den Grafen zu dem ver- 
wegenen Unternehmen bringen? Nachdem er so den Zuschauer 
— mich dünkt, mit großer Überlegung — vorbereitet hat, führt 
der Dichter im dritten Akte — merken Sie wohl, Herr Schmidt, 
im dritten Akte — diese Szene vor. 

Paulet. 
Verschließt die Pforten. Zieht die Brücken auf! 

M o r t i m e r. 
Oheim, was ist's? 

Paulet. 
Wo ist die Mörderin? 
Hinab mit ihr ins finsterste Gefängnis ! 

M o r t i m e r. 
Was gibt's? Was ist geschehen? 
Paulet. 

Die Königin! 
Verfluchte Hände! Teuflisches Erkühnen! 

M o r t i m e r. 
Die Königin ? Welche Königin? 
Paulet. 

Von England! 
Sie ist ermordet auf der Londoner Straße ! 
M o r t i m e r. 

Sie ist ermordet, 
Und auf den Thronvon England steigt Maria! 
Freilich, ,,der Stoß ging fehl", er traf nicht die Königin; 
aber in wessen Einbildungskraft er nicht dringt, wessen Ein- 
bildungskraft er das nicht „einprägt", was Burleigh mit einem 
Anklang an Konradin und Karl von Anjou der Elisabeth gesagt: 

„Ihr Leben ist dein Tod, ihr Tod dein Leben", 
dessen Einbildungskraft muß mit einer Ochsenhaut bekleidet 
sein, Herr Schmidt. Nein! Sie können das Stück nie gelesen 
haben über das Sie so anmaßlich nörgeln. Und doch, Sie 
müssen es gelesen haben; denn das, was Schiller nach Ihrer 
Ansicht hätte tun sollen, ist ja gerade das, was er getan hat, 
das, was Sie über die politischen Motive der Hinrichtung 
sagen, ist ja nur eine magere Bettelsuppe, die Sie aus stie- 
bitzten Schillerschen Brocken gekocht haben. 

316 



Welter über Maria Stuart : „Wir hören, wie das Volk 
Marias Tod verlangt, wie Burleigh, der weise Staatsmann, 
darauf dringt, allein wir erfahren nicht den Grund 1 ). Hier 
durfte der Dichter, ohne das Recht des poetischen Gefühls 
zu beeinträchtigen, die Handlung aus dem Gebiet des ge- 
meinen Verbrechens in das Gebiet sittlicher Konflikte 2 ) 

1 ) Das Setzerweib: Wir erfahren nicht den Grund? 
Darauf habe ich nur ein Wort zu sagen : Unverschämt ! 

2 ) Was das wieder für eine verfitzte Docke ist! Aber ich 
verdanke Schillern soviel reine Freude, daß mich um seinet- 
willen auch eine größere Mühe nicht verdrießen sollte. Ich 
werde das widrige Gespinst, was Sie um diese Tragödie ge- 
wickelt haben, geduldig entwirren und den Faden zu einer zier- 
lichen Seidenschnur drehen. Und wenn ich Ihnen, Herr Doktor, 
dann die Schnur zuschicke, so wissen Sie doch, was ich damit 
sagen will ? Also „hier" (d. h. bei der Forderung des Volkes 
und dem Rate Burleighs) „durfte der Dichter" (d.h. hätte 
er dürfen) die Handlung aus dem Gebiet des gemeinen Ver- 
brechens in das Gebiet sittlicher Konflikte übertragen. Wenn 
Worte einen Sinn haben und wenn das Vorangegangene und 
das Nachfolgende einen Zusammenhang mit dem Satze hat, so 
heißt das : bei Schiller bleibt die Handlung auf dem Gebiete 
des gemeinen Verbrechens, ist die Hinrichtung der Maria moti- 
viert allein durch die Eifersucht der Elisabeth. Unverschämt! 
Neunmal unverschämt, Herr Schmidt. Und das hätte der Dich- 
ter tun dürfen, sagen Sie, „ohne das Recht des poetischen Ge- 
fühls zu beeinträchtigen". Worin besteht dies Gefühl, Herr 
Schmidt? Ist es dasselbe, was Sie oben das „natürliche Ge- 
fühl" genannt haben, das Mitleid mit der Maria ? Und ist 
„poetisches Gefühl" nur ein unglücklicher, ein sehr unglück- 
licher, ein an einem Literarhistoriker unverzeihlicher Ausdruck 
für das Gefühl, welches die Dichtung, diese Dichtung, in 
uns erregt? Ich finde keinen andern Sinn. Und Sie halten es 
für nötig, erst noch zu sagen, daß das Mitleid nicht geringer 
sein würde, wenn Maria Gründen der Politik, als wenn sie der 
Eifersucht zum Opfer fiele? Für welche Sorte von Lesern 
schreiben Sie denn eigentlich, Herr Doktor? Etwa für unser 

317 



übertragen. Er mußte in Burleigh den protestan- 
tischen Fanatiker zeichnen, der von dem Glauben 
seiner Kirche oder von der Idee des Staatswohles so 
durchdrungen war, daß ihm, wie allen Fanatikern, der 
Zweck die Mittel heiligte ; dem katholischen Enthusiasten 
Mortimer mußte der protestantische 3 ) entgegengestellt 

Kindermädchen Rieke — sie ist noch nicht eingesegnet, Herr 
Schmidt — die über Wachstuchmordgeschichten mit dem zin- 
noberroten Blutstrahl ihre hellen Tränen weint ! Rezensieren 
Sie doch künftig lieber die Leierkastentexte, z. B. : 
Kunz, ein Mann von gutem Stande, 
Lebt am Swinemünder Strande, 
Trank und schlug zum Zeitvertreib 
Mit der Faust nach seinem Weib, — 

und belehren Sie den Verfasser, daß auch durch sittliche Kon- 
flikte Mitleid erregt werden könne, Sie Magister Altklug, Sie 
Krät Sie. Ich bin nämlich aus Pommern, Herr Schmidt, und 
wenn Sie nicht wissen, wat e Krät is, so lesen Sie die Er- 
klärung in Reuters Hanne Nute un de lütte Pudel. S. 87. 
3 ) Also Schiller hat den Burleigh nicht richtig gezeichnet. 
Sie würden ihn anders zeichnen, Sie würden ihn zu einem pro- 
testantischen Fanatiker und fanatischen Staatsmann gemacht 
haben; oder drücke ich Ihren Gedanken richtiger aus, wenn ich 
sage, zu einem protestantischen und staatsmännischen Fana- 
tiker? Als Sie das schrieben, waren Sie nur Protestant, seit- 
dem sind Sie auch Staatsmann geworden. Ich verstehe von 
Politik nichts, aber mein Mann hat mir hin und wieder ein 
gutes Geschichtswerk zu lesen gegeben, und ich habe immer ge- 
funden, daß die großen Staatsmänner nicht Glaubensfanatiker 
waren, und daß die Fanatiker, katholische wie protestantische, 
nie Staatsmänner geworden sind. So Richelieu — Sie erlauben 
doch, daß ich den neben Sie stelle? — Friedrich II. und Lord 
Palmerston, in den Sie einst so verliebt waren, — es fielen 
mir nämlich, als ich Rauchwürste einwickeln wollte, einige alte 
Nummern der „Grenzboten" in die Hände. Ja, mit Cromwell, 
der wohl in Ihrem Gehirn geflimmert hat, als Sie den Satz 
schrieben, war es nicht anders. Die „guten" Protestanten, die 

318 



werden. — Nun male man sich aus, daß es diesem Manne 
(dem Mortimer) gelingt, Maria zu befreien, das Reich 
in Aufruhr zu bringen, den Protestantismus zu stürzen; 
man male sich ferner das Gefühl aus, daß diese Möglich- 
keit in der Seele eines protestantischen Staatsmannes er- 
regen mußte, und man wird sich die Figur Bur- 
lei ghs richtiger vorstellen, als sie der Dich- 
ter gezeichnet hat 4 ). 

von Ihrer Sorte, Herr Schmidt, haben stets einen Mangel von 
Fanatismus an ihm herausgeschnüffelt. Gott segne die Partei, 
die Sie zu ihrem Großsiegelbewahrer gemacht hat ! 

4 ) Daß ich mir das Gemälde Schillers nicht weiter aus- 
zumalen brauche, und daß ich es mir noch weniger von Ihnen 
will ausmalen lassen, der sich dazu schickt, wie ein Stuben- 
anstreicher zur Ausführung eines Raphaelschen Kartons, darüber 
haben wir schon gesprochen. Aber eins muß ich Sie noch fragen : 
welchen Burleigh würde man sich denn mit Hilfe solcher An- 
streicherei richtiger vorstellen : den geschichtlichen, den Schiller- 
schen oder einen, den Sie zur Welt gebracht haben könnten ? 

Daß ich Ihnen übrigens schon bei diesem Falle die Methode 
abgesehen habe, nach der Sie Schiller verbessern, werden 
Sie weiterhin erfahren. Siehe S. 325. 



Bd. I. S. 444. 

„Den Richterstuhl, der ihr aufgedrängt werden soll, 
erkennt sie nicht an" (Maria Stuart). 

Das Setzer weib: Soll sie sich auf den Stuhl setzen oder 
soll sich der Stuhl auf sie setzen ? I, Sie wären mir ja nicht 
gut genug, meiner Kleinen des Abends Nachhilfestunden im 
Deutschen zu geben. Und das will Schiller und Goethe das 
Exerzitium korrigieren ! Mein Mut wächst, Herr Schmidt. 
„Alles in Deutschland hat sich in Prosa und Versen ver- 
schlimmert, 
Ach, und hinter uns liegt weit schon die goldene Zeit!" 



319 



Bd. I. S. 328. 
„Die Freunde (Goethe und Schiller) betrachten das 
Theater nur als Mittel für ihren höheren Zweck, 
die poetische Bildung der Nation." 

Das Setzer weib: Aber, guter Herr Schmidt! Woher 
haben Sie denn das abgeschrieben, aus welchem Sudelbuche, 
aus dem Feuilleton welches löschpapiernen Wochenbiättchens ? 
Und in welchem Zustande müssen Sie gewesen sein, als Sie 
das abschrieben ? Daß Sie Schillers Werke nicht gelesen haben, 
weiß ich schon, finde ich auch ganz natürlich. Alle die Schrift- 
steller zu lesen, die Sie in diesen drei Bänden zergliedern, 
hätte mehr Jahre erfordert als Sie Monate auf Ihrem Werke 
zugebracht haben; und die Welt so lange auf Erleuchtung 
warten zu lassen, konnten Sie nicht über das Herz bringen. 
Sie haben noch so viel Großes zu vollbringen vor Ihrem Tode. 
Als ich neulich im Handvverkerverein die neuesten Nummern 
der „Grenzboten" durchblätterte, sah ich, daß Ihnen schon 
wieder ein literarhistorisches Werk stückweise, wie ein Band- 
wurm, abgeht. Aber die Inhaltsverzeichnisse der Bücher, über 
die Sie schreiben, sollten Sie wenigstens ansehen, wenn Sie eben 
einmal einen freien Augenblick haben ; und wenn Sie das bei 
Schiller getan hätten, so würden Sie sich zweier Überschriften 
erinnert haben von dem deutschen Theater und von der Bühne 
als moralischer Anstalt, oder so ungefähr. Erlauben, Sie mir, 
Ihnen, vielbeschäftigter Mann, für die fünfte Auflage Ihres 
Werks eine kleine Arbeit abzunehmen und die schlagendsten 
Stellen aus jenen beiden Aufsätzen für Sie abzuschreiben. 
Schneiden Sie die folgenden Zeilen aus und kleben Sie sie mit 
etwas Roggenmehl und Wasser zu S. 328 in Ihr Handexemplar. 

„Das Theater tröste sich mit seinen würdigeren Schwestern, 
der Moral und — furchtsam wage ich die Vergleichung — 
der Religion, die, ob sie schon in heiligem Kleide kommen, 
über die Befleckung des blöden und schmutzigen Haufens nicht 
erhaben sind. Verdienst genug, wenn hie und da ein Freund 
der Wahrheit und gesunden Natur seine Welt wiederfindet, sein 
eigen Schicksal an fremdem Schicksal verträumt, seinen Mut 
an Szenen des Leidens erhärtet und seine Empfindung an 
Situationen des Unglücks übt. Ein edles unverfälschtes Gemüt 

320 



fängt neue belebende Wärme vor dem Schauplatz — beim rohen 
Haufen summt doch zum mindesten eine verlassene Saite der 
Menschheit verloren noch nach." 

„Die Gerichtsbarkeit der Bühne fängt an, wo das Gebiet 
der weltlichen Gesetze sich endigt. Wenn die Gerechtigkeit für 
Gold verbündet und im Solde der Laster schwelgt, wenn die 
Frevel der Mächtigen ihrer Unmacht spotten, und Menschen- 
furcht den Arm der Obrigkeit bindet, übernimmt die Schau- 
bühne Schwert und Wage und reißt die Laster vor einen 
schrecklichen Richterstuhl." 

„Aber ihr großer Wirkungskreis ist noch lange nicht ge- 
endigt. Die Schaubühne ist mehr als jede öffentliche Anstalt 
des Staats eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser 
durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den 
geheimsten Zugängen der menschlichen Seele." 

„Aber nicht genug, daß uns die Bühne mit Schicksalen der 
Menschheit bekannt macht, sie lehrt uns auch gerechter gegen 
den Unglücklichen sein und rücksichtsvoller über ihn richten." 

„Eine merkwürdige Klasse von Menschen hat Ursache, dank- 
barer als alle übrigen gegen die Bühne zu sein. Hier nur hören 
die Großen der Welt, was sie nie oder selten hören, — Wahr- 
heit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier — Menschen. 
So groß und vielfach ist das Verdienst der bessern Bühne um 
die sittliche Bildung; kein geringeres gebührt ihr um die 
Aufklärung des Verstandes. Eben hier in dieser höhern Sphäre 
weiß der große Kopf, der feurige Patriot sie erst ganz zu 
gebrauchen." 

Das und vieles mehr sagt Schiller über die Bühne, und Sie, 
Herr Schmidt, haben sich weiß machen lassen, daß er sie „nur 
als Mittel für — die poetische Bildung der Nation" 
betrachtet habe! Das ist ein großes Malheur; aber es läßt 
sich durch ein kleines Mittel gut machen: Streichen Sie in der 
fünften Auflage das Wörtchen „nur" und Sie sind wieder der 
große, der unfehlbare Julian. 

(Die Aufsätze, auf die das „Setzerweib" hier verweist, sind 
Jugendarbeiten Schillers, mehr als ein Jahrzehnt vor dessen 
Freundschaft mit Goethe verfaßt. D. H.) 



21 Lassalle. Ges. Schriften. Band VI 321 



Bd. I. S. 433. 
„Zur Zeit des Macbeth waren die Hexenprozesse in 
vollem Gange ; Shakespeare hat die plump ge- 
meinen Züge des Vo lksglaubens entfernt und 
nur das Poetische beibehalten, denn er durfte auf die er- 
gänzende Phantasie seiner Zuschauer rechnen. Unserer 
Phantasie sind glücklicherweise diese Fratzen nicht mehr 
so geläufig, und wenn sie uns nicht ganz unverständlich 
bleiben sollen, so muß der Dichter etwas zur Ergänzung 
tun." 

Das Setzer w ei b. Shakespeare hat die plump gemeinen 
Züge des Volksglaubens entfernt? Shakespeare, der die Hexen 
in der 3. Szene des 1. Aktes so einführt: 

l.Witch. Where hast thou been sister? 

2. Witch. Killing swine. 

3. Witch. Sister, where thou? 

l.Witch. A sailor's wife had chesnuts in her lap, 
And mounch'd and mounch'd and mounch'd. — 

Give me, quoth I : 
Aroint thee, witch! The rump-fed ronyon cries. 
Her husband's to Aleppo gone, master o' the Tiger: 
But in a sieve 111 thither sail, 
And, like a rat without a tail, 
I'll do, I'll do, 1*11 do. 

2. Witch. I'll give thee a wind 
l.Witch. Thou art kind. 

3. Witch. An I another. 

Sie verstehen doch Englisch, Herr Schmidt? Wenigstens 
soviel, wie ich, eines armen Setzers Frau ? Ja so ! ich hatte 
vergessen, daß Sie die Schriftsteller nicht lesen, über die Sie 
schreiben. Aber um Gottes Jesu willen : wo können Sie nur 
die unsinnige Behauptung her haben? Ich war schon vorhin auf 
die Vermutung gekommen, daß Sie in Leipzig, wo Sie Ihr un- 
sterbliches Werk geschrieben, des Abends in einer „Zeche 
lustiger Gesellen" zu kneipen pflegten, die Ihnen für das Pen- 
sum des folgenden Tages allerlei Schnurren aufgebunden. Aber 

322 



eben fällt mein Auge auf die vorhergehende Seite, 432, und 
auf die Worte „Macbeths Hexen". Ich lese nach; und was 
finde ich? Sie zitieren eine Stelle aus Goethes Abhandlung 
über Shakespeare, die, wie Sie sagen, ,,viel goldne Worte ent- 
hält". „Shakespeare," lautet die Stelle, „spricht durchaus an 
unsern innern Sinn: durch diesen belebt sich sogleich die 
Bilderwelt der Einbildungskraft, und so entspringt eine voll- 
ständige Wirkung, von der wir uns keine Rechenschaft zu geben 
wissen ; denn hier liegt eben der Grund von jenerTäuschung, 
als begebe sich alles vor unsern Augen. Betrachtet 
man aber die Stücke genau, so enthalten sie viel weniger 
sinnliche Tat als geistiges Wort. Er läßt geschehen, was 
sich leicht imaginieren läßt, ja was besser imaginiert 
als gesehen wird. Hamlets Geist, Macbeths Hexen, 
manche Grausamkeiten erhalten ihren Wert durch die Einbil- 
dungskraft, und die vielfältigen kleinen Zwischenszenen sind 
bloß darauf berechnet." Jetzt wird mir alles klar, Herr Schmidt. 
Sie haben die Äußerung Goethes lesen müssen, wenigstens 
die Worte, für Sie Wörter, aus denen sie besteht, weil sie 
dieselben abzuschreiben hatten. Sie nahmen je ein halb Dutzend 
Wörter mit den Augen auf und gaben sie mit der Feder von 
sich. Dabei ist etwas in Ihrem Gehirn hängengeblieben, etwa 
das, was ich unterstrichen habe, aber nicht genug, um den Sinn 
der Stelle zu fassen. 

Sie meinen, Goethe habe sagen wollen, daß Shakespeare es 
der Einbildungskraft seiner Zuschauer überlassen habe, sich die 
Figuren voller auszumalen, die er ihnen vorführt, daß er z. B. 
von seinen Hexen „die plump gemeinen Züge des Volksglaubens 
entfernt" habe, weil ja jeder Zuschauer diese Züge kenne und 
sich hinzudenken werde. Aber, Herr Schmidt, Goethe sagt dem 
aufmerksamen Leser das direkte Gegenteil, und selbst ein un- 
aufmerksamer, wie Sie, hätte nicht in Ihr lächerliches Miß- 
verständnis verfallen können, wenn er ein wenig von Shake- 
speare wüßte. Goethe sagt — doch ich fürchte, es übersteigt 
meine und Ihre Kräfte, Ihnen klar zu machen, was er sagt ; und 
wozu brauchen Sie es denn auch zu wissen? Aber ein anderes 
kann ich Ihnen klar machen, Herr Schmidt : daß ich sehr wohl 
weiß, weshalb Sie so herablassend sind und Goethen die gute 
Zensur geben, daß er „goldene Worte" gesprochen habe. Sie 

»• 323 



fürchten, es möchte jemand kommen und sprechen: was der 
Schmidt über die Hexen im Macbeth sagt, ist höchst geist- 
reich, aber er hat es von Goethe — annektiert. Für den Fall 
wollten Sie sich die Antwort sichern: ich habe ja zu erkennen 
gegeben, daß ich mit Goethe einverstanden bin; ich habe ja 
seine Worte golden genannt. Welch ein kleiner Pfiffikus Sie 
sind, Herr Schmidt! Aber in diesem Falle hätten Sie den 
Kunstgriff sparen können; Sie haben nichts von Goethe — 
annektiert; nur wer Ihr Buch liest, wie sie den Goethe ge- 
lesen haben, könnte Sie eines Plagiats aus Goethe beschuldigen. 
— Mein Zorn wächst, Herr Schmidt. 



Bd. I. S. 446-449. 

„Das Schicksal der Jungfrau" (von Orleans) „an sich 
ist höchst tragisch," d. h. es enthält eine innere Notwen- 
digkeit 1 ). Alle diese Momente eines tragischen 

Geschickes sind in Schillers Tragödie zwar angedeutet, 
aber nicht ausgeführt. Die innere Umwendung ihrer (?) 
Stimmung verschwimmt zu sehr in dem Klingklang schöner 
Verse, um uns mit der Gewalt einer unmittelbaren Wahr- 
heit zu erschüttern! 2 ) 

*) Das Setzerweib: Also tragisch ist, was eine innere 
Notwendigkeit enthält. Das Einmaleins, das Wachstum eines 
Baumes enthalten eine innere Notwendigkeit; folglich sind sie 
tragisch. Aber damit Sie mich nicht schikanös schelten, will ich 
meine Beispiele von den Schicksalen der Menschen nehmen. 
Daß ein Schriftsteller, der ebenso unwissend als unehrlich und 
frech ist, von einigen Spießgesellen, die er lobhudelt, zu einer 
Autorität hinauf gelobhudelt worden ist, doch endlich auf den 
Lästerstein (im Lübischen Recht heißt es: „auf den Kak") 
gesetzt, seiner gestohlenen Füttern entkleidet und mit Nesseln 
und Ruten gestrichen wird, das hat eine innere Notwendigkeit, 
ist aber nicht tragisch, Herr Schmidt. 

2 ) Die drei Gedankenstriche in meinem Zitat vertreten neun- 
undneunzig Zeilen Ihres Buches, von S. 446 — 449. Diese neun- 
undneunzig Zeilen, ein hübsches Füllsel für Ihr Manuskript, die 

324 



abzuschreiben ich mich nicht überwinden kann, enthalten eine 
Entwicklung des Charakters und der Seelenkämpfe der Jung- 
frau. Der letzte Satz, den ich abgeschrieben habe, schließt 
diese Entwicklung, wie bei der Maria Stuart mit einem Zwar 

— Jedoch. 

Was ich bei zwei Veranlassungen geargwohnt, das sehe ich 
jetzt klar und das sage ich Ihnen nun auf den Kopf zu, Herr 
Schmidt : Sie rezensieren die dramatischen Gestalten unserer 
großen Dichter nach einem Rezept. Ich kenne dasselbe jetzt 
und könnte jede inhaltreiche Theater- oder Romanfigur ebenso 
geläufig rezensieren, wie Sie es tun, wenn ich das nicht unter 
mir hielte. Hier ist das Rezept: 

Schildere den Charakter, und drücke dich so unbestimmt aus, 
daß es zweifelhaft bleibt, ob du die historische Figur schilderst 
oder die Figur des Stücks oder eine Figur, die, eine ungeborne 
Athene, noch in dem Schädel des Rezensenten wohnt; drücke 
dich aber so geschickt aus, daß die Leser, die das Stück nicht 
genau kennen, verleitet werden zu glauben, es sei von der dritten 
die Rede, von der Figur, wie sie sein sollte. Verwende zu 
dieser Schilderung die besten Züge und Farben der Figur des 
Stücks, indem du gute Verse in schlechte Prosa übersetzest. 
Weil es aber doch Leute gibt, die das Stück kennen und weil 
einer von ihnen die Rezension lesen könnte, so flicke, einmal 
vorn, einmal hinten, damit man die Methode nicht merke, ein 
Sätzchen ein, daß der Dichter zwar das Richtige geahnt, je- 
doch nicht gut oder nicht einprägend oder nicht ausgeführt 
genug dargestellt habe. Kommt dann so ein unangenehmer Leser 
und sagt: Plagiieren ist schlimm; aber plagiieren und das Pla- 
giierte dem Bestohlenen als Muster vorhalten, das ist ein lite- 
rarisches Verbrechen, für das es noch gar keinen Namen gibt! 

— so deute würdevoll auf das Sätzchen mit Zwar, und du 
bleibst ein ehrlicher Mann. 

Auf den Kak! Auf den Kakl 



Bd. I. S. 446. 

„Die reine Kunst fordert unbedingte Wahrheit, eine 
Wahrheit, die überall erkannt, begriffen und nachemp- 

325 



funden werden muß, wo es frei denkende und frei emp- 
findende Menschen gibt, nicht eine gebrochene, durch indi- 
viduelle Stimmungen vermittelte Wahrheit. Sie ist f e r - 
ner unprotestantisch, denn sie stellt die Ein- 
bildungskraft über das Gewissen." 

Das Setzerweib: Wenn ich ein Glas Wasser vor mir 
habe, so sagen mir meine gesunden Sinne, ob das Wasser klar 
und rein, oder ob es trübe, übelschmeckend und übelriechend 
ist. Von unreinem Wasser anzugeben, wodurch es verunreinigt 
ist, das geht zuweilen über mein bißchen Haus- und Küchen- 
chemie, denn das erfordert oft mannigfache Versuche und lang- 
wierige Arbeiten. Mit Ihrem Satze oben erging es mir ähnlich; 
ich sah, fühlte, daß er Unsinn enthalte, aber welcher besondere 
Unrat darin stecke und woher Sie denselben bekommen, das 
wußte ich nicht anzugeben. Ich zeigte also die Stelle unserm 
Studenten — Sie kennen ihn schon, Herr Schmidt, er ist ein 
braver Junge, keiner von den Brotstudenten, die schon auf der 
Universität von Gehalt und Karrieren reden. Der prüfte sie 
und gab mir diesen Bescheid: 

Herr Schmidt muß einmal bei einem Schüler Kants ein 
Kolleg über Ästhetik nicht gehört, sondern belegt, geschwänzt 
und nach den mitgeschriebenen Notizen eines Kommilitonen 
nachgeritten haben, aber nur die ersten Seiten. Da wird er denn 
etwa dies gelesen haben. Weil das Schöne ohne alles Interesse 
wohl gefällt, so muß es einen Grund des allgemeinen 
Wohlgefallens für jedermann enthalten und also nicht, 
wie das Angenehme, auf ein solches Sinnengefühl gegründet 
sein, wonach jeder seinen eigenen Geschmack hat. 
Und etwa dies : der Grund, daß man beim Schönheitsurteil um 
jedermanns Beistimmung wirbt, ist die Idee eines Gemein- 
sinnes, welcher als eine Wirkung des freien Spieles unserer 
Gemütskräfte nur durch das Gefühl und nicht durch Begriffe 
dasjenige bestimmt, was gefällt oder mißfällt. Solche Notizen, 
meint der Student, hätten Sie in einem Anfall von dem prote- 
stantischen Dummkoller, mit dem Sie behaftet seien, auf Ihre 
Weise zurecht gemanscht. Hätten Sie das Kolleg ordentlich 
bis zu Ende gehört, so würden Sie von Ihrem Kantischen Pro- 
fessor erfahren haben, daß die wahre Bildung des Geschmackes 

326 



die Entwicklung sittlicher Ideen und die Bildung des sittlichen 

Gefühles sei. 

Was sie gestern gelernt, das wollen sie heute schon lehren, 
Ach, was haben die Herren doch für ein kurzes Gedärm! 



Bd. I. S. 449. 

Immer noch die Jungfrau von Orleans. „Die Schilde- 
rung der Landesnot, die nur durch ein Wunder gelöst wer- 
den kann, ist unübertrefflich ; ebenso die Steigerung des 
Affekts bis zum höchsten Ausbruch und die Färbung 
des mittelalterlichen Kriegslebens. Diese lebendige Schil- 
derung des Wirklichen hebt die übersinnliche Macht um 
so glänzender hervor, und wenn es dem Dichter nicht ge- 
lungen ist, das Wunder real darzustellen, so 
schimmert doch in dieser Region, wo die Wirkung von der 
Ursache nicht bedingt wird, verklärend der Geist eines 
höheren Rechtes durch." 

Das Setzerweib: Ich verstehe das nicht; wer mehr? 



Bd. I. S. 258. 

Schillers Lied von der Glocke wird verarbeitet : ,,Die 
Symbolik der Glocke ist für ihn eine rein sinnliche, es ist, 
als ob die Glocke nur zufällig, wie ein Naturlaut, bei 
allen wichtigen Angelegenheiten des menschlichen Lebens 
ihr? eherne Stimme vernehmen ließe. Daß die Glocke ein 
Zeichen der Kirche, d. h. ein Symbol von dem Zusammen- 
hang der irdischen und der überirdischen Welt ist, wußte 
der Dichter wohl, aber eine eigentümliche Scheu hielt ihn 
ab, es darzustellen 1 ). Wo es auf griechische oder katho- 
lische Vorstellungen ankam, war er mit einer reichen 
Mythologie bald bei der Hand, gleichviel ob er daran glaubt 
oder nicht. Hier nun hätten sich die kirchlichen Vorstel- 
lungen von selbst aufdrängen sollen, aber er scheuchte 

327 



sie zurück, und bei dem ernsten sittlichen Inhalt ist es 
besser, daß der Dichter bei dem sinnlichen Klang eines 
Glaubens stehen blieb, der ihm innerlich fremd war, wenn 
auch seine Symbole ihn ahnungsvoll berührten, als wenn 
er sich künstlich in eine gemachte Stimmung versetzt 
hätte 2 ). Es war der damaligen Zeit nicht gegeben, die 
Neigungen des Gemüts mit den sittlichen Überzeugungen 
ins gleiche zu bringen; aus eigener Kraft ist es der Dich- 
ter überhaupt nicht imstande 3 ), und doch wollen wir auch 
diesen Ton der Glocke als eine warnende Stimme fest- 
halten, die in das griechische Schattenreich eindrang und 
die in süße Selbstvergessenheit gewiegten Künstler daran 
erinnerte, daß es noch eine Wirklichkeit gebe 4 ). 

1 ) Das Setzerweib: 

Hoch über'm niedern Erdenleben 

Soll sie im blauen Himmelszelt, 

Die Nachbarin des Donners, schweben 

Und grenzen an die Sternenwelt, 

Soll eine Stimme sein von oben, 

Wie der Gestirne helle Schar, 

Die ihren Schöpfer wandelnd loben 

Und führen das bekränzte Jahr. 

Nur ewigen und ernsten Dingen 

Sei ihr metaU'ner Mund geweiht, 

Und stündlich mit den schnellen Schwingen 

Berühr* im Fluge sie die Zeit. 

Dem Schicksal leihe sie die Zunge; 

Selbst herzlos ohne Mitgefühl, 

Begleite sie mit ihrem Schwünge 

Des Lebens wechselvolles Spiel. 

Und wie der Klang im Ohr vergehet, 

Der, mächtig tönend, ihr entschallt, 

So lehre sie, daß nichts bestehet, 

Daß alles Irdische verhallt. 

2 ) Im Schatten kühler Denkungsart 
Des Lebens Unverstand 

328 



Mit Wehmut zu genießen, 
Ist Tugend, ist Begriff. 

3 ) Wie schade, daß Sie nicht in der damaligen Zeit gelebt, 
Herr Schmidt! Sie hätten dem Dichter dazu verholfen, und 
vielleicht hätte ein anderer schon mir und meinem geplagten 
Mann diese abscheuliche Arbeit abgenommen. 

4 ) Bim bam ! Bam bim ! 



Bd. I. S. 521. 
„Bei den klassischen Dichtern aller übrigen Nationen 
gab das Gewissen des Volkes die Grundlage ihrer Emp- 
findungen. Sie suchten es zu läutern und zu verklären, aber 
nicht seinen eigentlichen Kern zu verwandeln. In unserer 
klassischen Zeit dagegen war der Idealismus der Wirklich- 
keit entgegengesetzt ; die Dichtkunst suchte ihre Ideale 
d. h. ihr ästhetisches Gewissen bei den Heiden, bei den 
Katholiken, bei den Griechen und Indiern, sie suchte 
es in den Lehrbüchern der Physik und Chemie, in den 
Mythen barbarischer Stämme, sie suchte es überall, 
nur nicht im eigenen Vo 1 k e. 

Das Setzerweib: Ich hatte mir in dem, was Sie über 
Schiller sagen, noch viele Stellen angestrichen. Aber, Herr 
Schmidt, ich habe Gardinen zu waschen, Kien in die Winter- 
kleider zu stecken und unser Gärtchen zu bestellen ; und so 
tief mich Dinge berühren mögen, die außerhalb vorgehen, das 
Haus, meine ich, ist und bleibt für die Frau das nächste. Ich 
will also mit der vorstehenden Stelle schließen und Ihnen ruhig, 
so entrüstet ich bin als deutsches Weib und als Mutter, Ihnen 
ruhig sagen, was ich von Ihrem Werke halte, und versuchen 
über den einen Punkt, den ich vollkommen verstehe, besser als 
Sie, Herr Schmidt, Ihnen in das „Gewissen" zu reden, von dem 
Sie so viel schwatzen. 

Ihr Buch oder jedes einzelne Kapitel desselben, das ich ge- 
lesen habe, erscheint mir wie ein Bofist. Sie kennen die Pflanze, 
Herr Schmidt? einen Pilz, der auf den Angern wächst, rund, 
gedrungen, fest aussieht, auch einer anstreifenden Berührung 

329 



widersteht. Tut man aber einen derben Schlag darauf, paff, 
platzt das Ding, heraus fliegt ein ekler, fauliger Staub, der 
dem Vieh die Lungenfäule und den Menschen, die etwas da- 
von ins Auge bekommen, Blindheit verursacht; und was übrig 
bleibt, wenn der Staub, der aus Millionen von Sporen, von 
Keimen des Unzeugs besteht, verflogen ist, das ist ein leerer 
Balg garstig anzusehen. 

Einen der Keime, mit denen Ihre Bofiste, ich meine, Ihre 
Kapitel gefüllt sind, habe ich unter der Lupe, während ich 
Ihnen ein paar Fragen vorlege. 

Was soll diese Glaubensinquisition, die Sie mit Schiller vor- 
nehmen? Hat er Ihnen nicht die Frage nach seinem Glauben 
vorweg beantwortet? 

— — „Welche Religion ich bekenne? Keine von allen, 
Die du mir nennst. — Und warum keine? Aus Religion." 
Weshalb schnüffeln Sie unaufhörlich an ihm herum nach 
Katholizismus, nach Popery? Und weshalb verfahren Sie so 
unehrlich dabei? Weshalb trachten Sie nach dem Ruhme, der 
Titus Oates der deutschen Literaturgeschichte zu sein? Sie 
beschnüffeln die Dichtungen Schillers, in denen katholische 
Personen, katholische Zeiten dargestellt werden, und rümpfen 
die Nase und zwinkern verdachtsvoll mit den Augen nach 
einem, leider nur zu stark besetzten Glaubenstribunale, wenn 
Sie Katholizismus gerochen haben. Aber nicht einmal alle 
Dichtungen der Art beriechen Sie darnach, den Don Carlos 
zum Beispiel nicht. Vollends von den Geschichtswerken Schil- 
lers, von dem ruhigen Urteil über den Katholizismus und der 
tiefen Entrüstung über seine Entartungen, die in dem Abfall 
der Vereinigten Niederlande auf allen Seiten hervortreten, 
nehmen Sie bei Ihrer Inquisition keine Notiz. Ist das ehrlich? 
Und wozu dieser wüste protestantische Spektakel ? Luther 
war ein Protestant, Calvin war ein Protestant, Wöllner war 
ein Protestant, Strauß ist ein Protestant, Humboldt war ein 
Protestant, Hengstenberg ist ein Protestant, der Steuerrendant 
Merz zu Greiz x ) ist ein Protestant, Sie sind ein Protestant, 
ich bin eine Protestantin. Alba war ein Katholik, Joseph II. 
war ein Katholik, Pio Nono ist ein Katholik, Cavour war ein 



1 ) Siehe Vossische Zeitung vom 13. April d. J., 1. Beilage. 
330 



Katholik, Garibaldi ist ein Katholik, Danton war ein Katholik. 
Was treiben Sie mit dem Doppelsinn des Wortes Protestantis- 
mus ein Spiel, das eine schlichte Frau, wie ich, durchschaut? 
Was verhetzen Sie die Konfessionen der Vergangenheit, an- 
statt an der Kirche zu bauen, sei es auch nur ein einziges 
Steinchen zuzutragen, zu der unsere großen Dichter den Riß 
gezeichnet, den Grund gelegt ? Sie sagen, unsere klassischen 
Dichter hätten ihre Ideale bei den Katholiken gesucht, überall, 
nur nicht im eigenen Volk ! Sie streichen ganz kühl die Katho- 
liken aus dem deutschen Volke aus ! Sind Sie denn so unwissend, 
daß Sie nicht einmal die Bevölkerungsstatistik Deutschlands 
kennen ? Und wenn Sie wissen, daß unter den 44 Millionen, 
die das Bundesgebiet bewohnen, 25 Millionen, also über die 
Hälfte, römische Katholiken und nur I8V2 Millionen Prote- 
stanten sind, wenn Sie das wissen, wie denken Sie sich dann 
Ihr gothaisches deutsches Reich eingerichtet ? Ich will den Ge- 
danken nicht weiter verfolgen, um nicht die Ruhe zu verlieren, 
mit der ich noch als Mutter zu Ihnen zu reden habe. 

Es ist heutzutage schwer, Kinder zu erziehen. Soll man sie 
in die Polkakirche schicken oder in die andere Kirche am ent- 
gegengesetzten Ende der Stadt, wo gepredigt wird, daß eine 
ehrbare Frau nicht weiß, wohin sie ihre Augen wenden soll ? 
Ohne Religion will man sie aber doch nicht aufwachsen lassen. 
Ich gebe ihnen daher früh Schillers Gedichte in die Hände, 
damit sie das Gute lieben und schön finden lernen; ich weiß, 
wie ich selbst als Kind das Buch mit Freude und Ehrfurcht 
angesehen. Und nun kommt einer und sagt, in der deutschen 
Literatur : 

— — — — gibt es kein Ding, als mich selber. 

Alles andere, in mir steigt es als Blase nur auf. 
Nun hätten die Kinder, wenn ich es nicht sorgfältig unter 
Schloß hielte, schon in diesen Tagen Ihr Buch in die Hände 
bekommen und erfahren, daß jemand Schillern wie einen 
dummen Jungen korrigiert, und dieser jemand Sie, Herr Schmidt, 
der sogar Erwachsene genug berückt hat. Gehen Sie in sich, 
Sie Mann mit dem protestantischen Sündenbewußtsein, recht- 
fertigen Sie sich durch gute Werke, kaufen Sie Ihr Buch auf 
und lassen Sie es einstampfen ! 



331 



Bd. I. S. 516. 

„Aus einem unendlich kleinen Vorrat des Stoffes 
hatte er (Schiller) eine sehr vielseitige Weltansicht ge- 
wonnen, die selbst die Kundigen (!) zuweilen durch 
ihre geniale Wahrheit überraschte. Daher seine lang- 
same Entwicklung, daher aber auch sein fester Glaube 
an die Gewalt des Geistes, dem die Wirklichkeit Unter- 
tan sei. 

Anm. d. Setzers. So, Herr Schmidt, nun wieder zu mir. Nicht 
wahr, varatio delectat? Aber was haben Sie zu meinem Weib- 
chen gesagt, Herr Schmidt? Ist es nicht ein Prachtweib? Die 
wahre Eumenide! Und ich bin überzeugt, noch lange werden 
Ihnen ihre Rachelieder ins Ohr tönen: 

Ein Erinnyen-Festgesang 
Tönt er. ohne Saitenspiel 
Dürre Seuch' in Julians Herz. 

(Nach Äschylos, Oresteia, V. 315.) 

Dafür werde ich nun milde sein und Sie nicht mehr lange 
Spießruten laufen lassen. Nur noch wenige Minuten gedulden 
Sie sich für ein paar Studien, die ich noch an Ihnen zu machen 
habe. 

Also so „unendlich klein", nicht nur so „klein", sondern 
so „unendlich klein" ist der Vorrat von stofflichem Wissen, 
über den Schiller verfügt und aus dem er sich seine Welt- 
ansicht bildete, die gleichwohl „selbst die Kundigen" — 
und zu den „Kundigen" gehören natürlich vor allen auch Sie, 
Herr Schmidt, Sie könnten ja sonst gar nicht wissen, daß 
sein Wissensvorrat so „unendlich klein" war! — zuweilen 
durch ihre geniale Wahrheit überraschte? 

Also der Verfasser Wallensteins und des Dreißigjährigen 
Kriegs, der Übersetzer des Euripides und der Kenner der an- 
tiken Tragödie, die er in seiner Braut von Messina wieder- 
zubeleben suchte, der gründliche Forscher der Schweizer- 
geschichte, die er in seinem Teil so meisterhaft gestaltet, und 
der Verfasser der Briefe über die ästhetische Erziehung hat 
nicht etwa einen achtungswerten und ausgedehnten Wisaens- 

332 



horizont, der nur hier und da etwas tiefer sein könnte, sondern 
er hat überhaupt nur einen „kleinen Vorrat" von stofflichem 
Wissen. Ja, nicht nur einen „kleinen", sondern selbst nur einen 
„unendlich kleinen Vorrat". Hm, hm! Ich begreife! Alles 
im Leben ist relativ, und so wird denn, Herr Schmidt, der 
Schillersche Wissensvorrat Ihnen nur deshalb so „unendlich 
klein" erscheinen, weil Sie dabei, wie natürlich, von dem Ver- 
gleichungsmaßstab Ihres eigenen unermeßlichen Wissensvorrats 
ausgehen, den wir so gründlich kennen gelernt haben. Welche 
Fernsicht sich also' dem Leser, der sich auf die Höhe jenes 
Satzes emporgearbeitet hat, von da aus auf die unübersehbaren 
Gletscherfelder Ihres eigenen Wissens eröffnen muß, wenn er 
sieht, wie daneben der Vorrat des Schillerschen Wissens zu 
einem „unendlich kleinen", zu einem kaum wahrnehmbaren 
Punkte, zur unendlich kleinen Größe verschwindet ! 

Je nun, Herr Schmidt, mit Ihrem Wissenshorizont, der 
sich, wie wir gesehen haben, gleichmäßig über alle Zeiten 
und alle Dinge erstreckt und alle mit derselben Nacht 
bedeckt — die sieben Weisen und den mittelalterlichen Schwa- 
benspiegel, die Geschichte Roms und die Geschichte Griechen- 
lands, die sich aus alten Nationalsagen entwickelt, den Arianis- 
mus und das orthodoxe Glaubensbekenntnis und die Aufklärung, 
den Dreißigjährigen Krieg und die deutsche Kulturgeschichte, 
die Philosophie Fichtes und die Philosophie Hegels und den 
indischen Pantheismus, die alte Symbolik und Mythologie, die 
historische Schule und die Vertragstheorie etc. etc. etc. — mit 
diesem Wissenshorizont wird sich allerdings nicht so leicht 
jemand vergleichen. Sie haben das Wissen billig, verehrter 
Mann! Sie könnten morgen über China schreiben und über- 
morgen über die Hieroglyphen! 

Aber wenn Sie nun schon einmal so ungroßmütig sind, sich 
dieses Ihres natürlichen Vorteils über Schiller bedienen zu 
wollen, begreifen Sie nicht wenigstens, daß es heißt, den Re- 
spekt, den wir den größten Geistern der Nation schulden, bis 
zur unerlaubtesten Schamlosigkeit verleugnen, wenn Sie 
einen formellen und positiven Gegensatz machen zwischen 
Schiller einerseits und den Kundigen andererseits. „Aus 
einem unendlich kleinen Vorrat des Stoffes hatte Schiller eine 
sehr vielseitige Weltansicht gewonnen, die selbst die Kun- 

333 



digen zuweilen durch ihre geniale Wahrheit überraschte." 
Schiller wird also in einen positiven Gegensatz zu den 
„Kundigen" gebracht; Schiller wird formell den Un- 
kundigen eingereiht! 

Indes, alle diese Fehler des Herzens wissen Sie doch wieder 
sofort durch die eigentümliche Tiefe Ihres Geistes gutzumachen ! 
„Daher — fahren Sie fort; also weil er sich seine geniale 
Weltansicht aus einem unendlich kleinen Vorrat von Stoff 
bildete — seine langsame Entwicklung." Überraschend er- 
staunlicher Geist, der Sie sind! Ich hätte bisher geglaubt, daß 
derjenige, der sich seine Weltansicht aus einem unendlich 
großen Vorrat von Stoff, aus einer genauen Detailkenntnis 
der Dinge bilden will, langsamer zur Entwicklung derselben 
käme oder kommen müßte, als derjenige, der sich begnügt, aus 
einem unendlich kleinen Vorrat von Stoff, der eigenen 
Genialität vertrauend, sie zu gewinnen. Sie wissen das ganz 
anders und viel besser: Je weniger einer seine Weltansicht 
auf gründliche Studien basiert, je mehr er sich dabei auf die 
eigene Genialität verläßt, desto langsamer kommt er zu 
einer fertigen Ansicht; je mehr einer darauf ausgeht, einen un- 
endlich großen Vorrat von stofflicher Kenntnis zu ge- 
winnen, um sich erst aus ihm seine Weltansicht zu bilden, 
desto schneller ist er fertig. Bon ! Aber das ist noch gar nichts 
gegen das nun Folgende! 

„Es hängt Gewicht sich an Gewicht." 
Sie fahren unmittelbar fort: „Daher — also immer wegen 
seines unendlich kleinen Vorrats von Wissen — daher aber 
auch sein fester Glaube an die Gewalt des Geistes, dem die 
Wirklichkeit Untertan sei !" 

Der Glaube an die Gewalt des Geistes, dem die Wirklich- 
keit Untertan sei, oder der Idealismus ist also die Frucht 
von — einem unendlich kleinen Wissen, wie wir früher 
bereits gesehen haben, daß er (S. 49) *) „die Frucht einer viel- 
jährigen Verbitterung" ist. Bald werden wir aber noch tiefer 
über das Wesen des Idealismus belehrt werden. 



- 1 ) S. 235 unserer Ausgabe. D. H. 

334 



Bd. I. S. 336. 

Bei Beurteilung des Wallenstein: „Nun ist es Schiller 
hoch anzurechnen, daß er der ästhetischen Objek- 
tivität niemals das Gewissen opfert, daß für ihn 
die Begriffe schön und gut immer zusammenfallen 1 ), 
allein ein Fehler ist es, daß er diesen Satz nicht in 
einem inneren dialektischen Prozeß darstellte 2 ), 
sondern s o , daß die idealen Gestalten, außerhalb der 
Handlung stehend, keinen anderen Ausweg wissen, als 
aus der Welt zu verschwinden 3 ). Die Liebesepisode 
wächst nicht organisch aus der übrigen Handlung, sie 
spricht zu sehr die persönliche Überzeugung (!) 
des Dichters aus. Solange nun Schiller sich dem gege- 
benen Stoff anschließt, charakterisiert er durch 
Farbe und Haltung die Zustände, aus denen seine 
Ereignisse herauswachsen 4 ), und die individu- 
elle Eigentümlichkeit der Personen so scharf wie Shake- 
speare, wenn es uns auch bei dem knappen Stil Shake- 
speares deutlicher wird 5 ). Allein wenn ihn sein Gefühl 
übermannt, so daß er gewissermaßen aus seinen Charak- 
teren heraustritt, so vernehmen wir wieder jene Stim- 
mender Natur (!!), die sich in den Räubern und in 
Don Carlos so außer allem Maß und Schick ausbreiteten. 
Der Idealismus, der die Wirklichkeit nicht 
achtet, schwärmt immer ins Blaue, er entfernt sich 
von den individuellen Zuständen und bezieht sich 
auf die hergebrachte Empfindungsweise der Zeit 6 ). 

*) Anm. d. Setzers. So? Das erscheint Ihnen also als eine 
besondere Eigentümlichkeit Schillers, daß er der 
„ästhetischen Objektivität" niemals „das Gewissen 
opfert", daß „für ihn" die Begriffe „schön und gut 
immer zusammenfallen". Das ist so eine zu lobende 
Schillersche Spezialität; denn eigentlich und bei andern 

335 



großen Dichtern — ergibt sich aus diesem Satze — sind dies 
Gegensätze, fallen nicht zusammen! O, Herr Schmidt, 
welche tiefe Kenntnis der Ästhetik birgt sich in den Falten 
dieses Ihres Satzes! Und welcher Einblick in Ihr eigenes 
Innere ergibt sich daraus! Denn wie gewissenlos muß Ihre 
eigene „ästhetische Objektivität" und wie unästhe- 
tisch muß Ihr Gewissen sein, wenn Sie das Zusammen- 
fallen beider für etwas Besonderes bei Schiller nehmen, 
nicht wissend, daß dasselbe vielmehr der unerläßliche ideale 
Boden aller wahrhaften Poesie ist. Wenn Sie doch nicht loben 
wollten, Herr Schmidt. Ihr Lob ist noch viel unerträglicher, 
als Ihr Tadel! 

2 ) Bim bam! Jetzt also kommt der Tadel nach: Das Lob 
war überhaupt nur voraus geschickt, um ihn einzuleiten. Also 
das ist „der Fehler" bei Schiller, daß er das Zusammen- 
fallen der Begriffe Schön und Gut nicht „in einem innern 
dialektischen Prozeß darstellt". Ob Sie wohl eine Ahnung 
haben mögen, Herr Schmidt, von dem heitern Unsinn, den Sie 
schreiben, um mit einem vornehmen Worte — „dialektischer 
Prozeß" — Parade machen zu können, dessen Bedeutung Sie 
nicht einmal verstehen? Wann würde denn das Zusammenfallen 
der Begriffe Schön und Gut „in einem innem dialektischen 
Prozeß dargestellt" sein? Dann, wenn ein Schönes, das 
bei seinem Auftreten zuerst als schön, aber als ein Nicht- 
Gutes, Schlechtes erscheint, sich zuletzt dennoch diesen 
Schein abstreifend auch als das Gute enthüllte. Oder 
dann, wenn ein Gutes, welches zuerst als gut aber als häß- 
lich erschienen, ebenso durch die allmähliche Entwicklung 
diesen Schein abwerfend sich dahin enthüllte, daß es auch das 
Schöne sei. 

In der Tat, ein ganz geeigneter Gegenstand für das Mär- 
chen, den Roman und manche andere Dichtung. Aber für 
das Drama, Herr Schmidt, welches es nicht mit Abstoßung 
eines falschen Scheines und Selbstenthüllung, son- 
dern mit Handlung zu tun hat, und noch dazu für das 
klassische Drama, Herr Schmidt, welch geeigneter Gegen- 
stand ! O Sie grundtiefer Ästhetiker ! 

3 ) Bim bam! Ist es denn aber wirklich erlaubt, Herr 
Schmidt, einen so grausamen Blödsinn zusammen zu schreiben: 

336 



Haben Sie denn gar keine Ahnung von der absoluten Gedanken- 
losigkeit, die sich in diese Wortflunkerei verbirgt ? Also : 
Schiller stellt — und das ist sein Fehler — das Zusammen- 
fallen der Begriffe von Schön und Gut nicht als einen dialek- 
tischen Prozeß dar, „sondern so" stellt er das Zusammen- 
fallen der Begriffe von Schön und Gut dar, „daß die idealen 
Gestalten außerhalb der Handlung stehend keinen anderen Aus- 
weg wissen, als aus der Welt zu verschwinden". Aber lieber Herr 
Schmidt, dadurch, daß „die idealen Gestalten aus der Welt 
verschwinden", wird doch nun und nimmermehr das Zusammen- 
fallen der Begriffe Schön und Gut dargestellt! Also so, 
„daß die idealen Gestalten aus der Welt verschwinden", hat 
Schiller überhaupt nicht das Zusammenfallen der Begriffe von 
Schön und Gut dargestellt oder darstellen wollen, sondern, 
Sie Ritter vom Blödsinn, etwas ganz anderes hat Schiller 
dadurch „daß die idealen Gestalten aus der Welt verschwin- 
den" dargestellt. Was dieses andere sei? Nun, eine ganz 
kurze Andeutung! Erstens hat er natürlich nicht ein Zusam- 
menfallen, sondern einen Gegensatz durch dieses Ver- 
schwinden der idealen Gestalten aus der Welt dargestellt. Und 
zweitens weder das Zusammenfallen noch den Gegen- 
satz der Begriffe von Schön und Gut, welche bei Schiller 
vielmehr immer von Haus aus ganz identisch sind, sondern den 
Gegensatz dieser identischen Begriffe von Schön oder Gut 
einerseits — und der Wirklichkeit andererseits. 

Wenn Sie die Schillerschen Tragödien begreifen wollen, 
Herr Schmidt, was nicht so leicht ist, so hätten Sie zuvor seine 
Gedichte begreifen müssen, was ebenfalls nicht so leicht ist. 
Dann würden Sie gefunden haben, daß dieses „Verschwinden 
der idealen Gestalten aus der Welt" in den Schillerschen Tra- 
gödien sich von selbst auf den Grundton zurückführt, der auch 
alle lyrische Poesie Schillers durchzittert, nämlich auf den 
Gegensatz des Schönen und Guten — des Idealen — 
und des Wirklichen. 

Dieser Gegensatz ist es, welcher die gesamte Schillersche 
Poesie charakterisiert und der eine Seite des eigentlichen 
Standpunkts Schillers ausmacht. 

„Was unsterbl.ch im Gesang soll leben, 
Muß im Leben untergehen." 

M Lassalle. Ge». ScLrift«. Band VI. 337 



Ver9e aus den Göttern Griechenlands, welche also ganz die- 
selbe Weltanschauung aussprechen, wie Thekla in ihrer Klage 
um den Tod ihres Geliebten: 

— Und wirft ihn unter den Hufschlag seiner Pferde, 
Das ist das Los des Schönen auf der Erde. 
Oder: 

Er ist dahin, der süße Glaube, 
An Wesen, die mein Traum gebar, 
Der rauhen Wirklichkeit zum Raube, 
Was einst so schön, so göttlich war. 
Und: 

„Nur der Irrtum ist das Leben 
Und das Wissen ist der Tod." 
Gerade so wie Wallenstein sagt, es sei ihm durch den Ver- 
lust von Max das Schöne, der Traum untergegangen und 
nur die gemeine Deutlichkeit der Dinge übriggeblieben. 
Doch fühl' ich's wohl, was ich in ihm verlor, 
Die Blume ist hinweg aus meinem Leben, 
Denn er stand neben mir wie meine Jugend, 
Er machte mir das Wirkliche zum Traum. 
Um die gemeine Deutlichkeit der Dinge 
Den goldnen Duft der Morgenröte webend — 
Im Feuer seines liebenden Gefühls 
Erhoben sich mir selber zum Erstaunen 
Des Lebens flach alltägliche Gestalten, 
— Was ich nun ferner auch erstreben mag, 
Das Schöne ist doch weg, das kommt nicht wieder. 
Und am einfachsten können Sie sich durch „die Ideale" 
hierüber unterrichten: 

„Wie tanzte vor des Lebens Wogen 
Die luftige Begleitung her. 
Die Liebe mit dem süßen Lohne, 
Das Glück mit seinem goldnen Kranz, 
Der Ruhm mit seiner Sternenkrone, 
Die Wahrheit in der Sonne Glanz. 
Doch ach, schon auf des Weges Mitte 
Verloren die Begleiter sich, 
etc. etc. etc. 

338 



Und wenn Sie nun diesen Gegensatz des Schönen und Guten 
und des Wirklichen bei Schiller tadeln wollten, so würden Sie 
mit diesem Tadel nicht dies und das bei ihm treffen, sondern 
Sie würden nirgends anders hintreffen als : 

,, — — in seines Wesens tiefste Wesenheit." 

(Platen.) 

Denn dies ist eben die eine Seite des Standpunktes, welchen 
Schiller in der Entwicklungsgeschichte des deutschen 
Geistes darstellt und bedeutet. Sie würden dann also 
tadeln, daß Schiller eben Schiller ist, daß er nicht Homer, 
Sophokles, Shakespeare, Goethe, oder auch Julian Schmidt ge- 
worden ist. 

Damit Sie nun aber nicht wieder hingehen und sagen: 
Schiller sei also nur ein Weltschmerzler gewesen, muß ich Sie 
doch noch darauf aufmerksam machen, daß dies, wie ich Ihnen 
bereits sagte, nur die eine Seite, das eine Moment des Schil- 
lerschen Standpunktes bildet. 

Die andere Seite ist nun die, daß es allerdings auch zu 
einer Versöhnung jenes Kontrastes bei ihm kommt. Diese 
Versöhnung ist für Schiller die Kunst und die Synonyma, 
unter welchen er diese darstellt: der Schein („Scheine das 
Schöne und flechte sich Kränze"), die Gestalt, die Form, 
das Bild, der Gesang. 

Aber frei von jeder Zeitgewalt 
Die Gespielin seliger Naturen, 
Wandelt oben in des Lichtes Fluren, 
Göttlich unter Göttern, die Gestalt. 



Od 



er 



Und 



Nicht der Masse qualvoll abgerungen, 

Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen 

Steht das Bild vor dem entzückten Blick. 

Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen 

In des Sieges hoher Sicherheit, 

Ausgestoßen hat es jeden Zeugen 

Menschlicher Bedürftigkeit. 

„Aber in den heitern Regionen, 
Wo die reinen Formen wohnen, 



«• 339 



Rauscht des Jammers trüber Strom nicht mehr. 
Hier darf Schmerz die Seele nicht durchschneiden, 
Keine Träne fließt hier mehr dem Leiden, 
Nur des Geistes tapfrer Gegenwehr", 
so daß hier ,, — — des Erden lebens 

Schweres Traumbild sinkt und sinkt und sinkt", 
woraus sich als Konsequenz der tiefere Sinn der Verse ergibt: 
„Wollt ihr schon auf Erden Göttern gleichen, 
Frei sein in des Todes Reichen, 
Brechet nicht von seines Gartens Frucht: 
An dem Scheine mag der Blick sich weiden, 
Des Genusses wandelbare Freuden 
Rächet schleunig der Begierden Flucht." 
Die Kunst selbst ist also nach Schiller die höhere und 
wahre Realität, in welcher jener Kontrast überwunden und 
versöhnt wird. 

Sie ist wahre und bleibende Wirklichkeit, denn: 
„Sehn wir doch das Große aller Zeiten 
Auf den Brettern, die die Welt bedeuten, 
Sinnvoll still an uns vorübergehn." 
Sie ist eine realere und bleibendere Wirklichkeit, 
als die gemeine Wirklichkeit; 

„Denn das ird'sche Leben flieht 
Und die Toten dauern immer." 
Und darum noch einmal : 

„Was unsterblich im Gesang soll leben. 
Muß im Leben untergehn." 
Doch — es soll mir nicht einfallen, Herr Schmidt: hier 
ernsthaft die tiefere Bedeutung Schillers zu entwickeln! Viel- 
leicht tue ich dies ein andermal, an einem würdigeren Orte. 
Aber in Anmerkungen zu Ihrem Gesudle — — es wäre fast 
Versündigung an Schiller selbst ! Zudem : 

„Mii werden, .sprach der Fiedler, des Panzers Ringe kühl, 
Ich spüre Morgenwinde, die Nacht reicht an ihr Ziel." 

(Nibelungenlied, 31.Abent.) 
4 ) Jedes Ihrer Worte, Herr Schmidt, könnte einem Nerven- 
schmerzen machen, jedes Ihrer Worte ist von der plumpsten 
Unwissenheit iber die gesamten Gebiete, über die Sie schreiben, 
gezeichnet! Sie lassen in Schillers Tragödien aus den „Zu- 

340 



ständen die Ereignisse herauswachsen". Dann wären 
es — Epopöen, Herr Schmidt, nicht Tragödien! 

Genau dies ist eben der Begriff des Epos! Die Tra- 
gödie aber, Herr Schmidt, kennt überhaupt keine „Ereig- 
nisse", sondern nur „Handlungen", und in ihr „wachsen 
die Ereignisse nicht heraus" („organisch?" nicht wahr?), son- 
dern sie entspringen aus der freien Innerlichkeit des 
subjektiven Entschlusses, und dann wachsen sie am wenig- 
sten „aus den Zuständen" heraus, gegen welche sie sich 
vielmehr richten, sondern sie entspringen aus der Freiheit der 
wollenden Menschen, jedes Ihrer Worte macht den Ein- 
druck, als wenn man einen Fuhrmannsknecht mit dicken, nägel- 
beschlagenen Stiefelabsätzen auf einer Statue von Phidias 
herumtrampeln sähe ! Und dann, die schönen beiden Hälften, 
in die Ihnen Schillers dramatische Meisterwerke zerfallen. Ent- 
weder er tritt, wie Sie bald darauf behaupten, „aus seinen 
Charakteren heraus", überläßt sich, wie Sie ihm vorwerfen, 
einem tadelnswerten subjektiven Idealismus, oder aber er 
„schließt sich dem gegebenen Stoff an". Ein schöner 
Dramatiker wäre das, und ich wüßte nicht, was schlimmer und 
undramatischer wäre! O, Herr Schmidt, Herr Schmidt, wenn 
ich nur nicht so müde wäre! 

5 ) Herr Schmidt! Ich bin müde, sterbensmüde! Meine un- 
sterbliche Seele ist bis auf den Tod ermattet von Ihrem Ge- 
wäsch! Aber mein Junge, der Bengel, kneipt mich, er will 
durchaus noch einmal zu Worte kommen. Er läßt Sie fragen, 
worauf denn jenes „es" geht? „Es wird bei Shakespeare deut- 
licher." Was wird deutlicher? Da in dem vorhergehenden Satz- 
teil, auf welchen das „es" zurückweist, kein Substantivum 
generis neutrius vorkommt, auf welches sich das „es" zurück- 
beziehen könnte, so greift, wie Ihnen bekannt sein sollte, dies 
„es" den ganzen vorhergehenden Satz selbst als das Subjekt 
auf, auf das es sich bezieht. Dieser vorhergehende Satz war, 
daß : „Schiller die Zustände und Personen ebenso scharf charak- 
terisiert wie Shakespeare." Indem nun das „es" auf diesen 
ganzen Satz sich zum Subjekt macht, so kommt nun folgender 
Sinn des Schlußsatzes streng grammatikalisch heraus: „Es wird 
uns bei dem knappen Stil Shakespeares deutlicher, daß 
Schiller ebenso scharf charakterisiert, wie Shakespeare." Ach, 

341 



Herr Schmidt, lernen Sie doch erst ein bißchen Grammatik, 
damit Sie uns Ihren Blödsinn über Schiller wenigstens in einer 
notdürftig richtigen Sprache vortragen können. 

6 ) Mir, Herr Schmidt, sagen die „Stimmen der Natur", 
daß es Zeit ist, zu Bette zu gehen und Ihnen gute Nacht für 
immer zu sagen. Darum will ich den Blödsinn, der im obigen 
enthalten, meinen Lesern selbst zur Verhöhnung überlassen. 
Ein Leser, der bis hierher gekommen und noch immer meiner 
Interpretation bedürftig wäre, wäre ohnehin nicht mehr wert, 
daß ich mir noch mit ihm Mühe gebe. 



Es geht unmittelbar nach den zuletzt angeführten Wor- 
ten weiter: , .Solche Stellen sind es, welche Schillers 
Dramen zuerst populär gemacht haben. Man hat sie in 
der Knabenzeit sich eingeprägt und dann so lange 
hin- und hergetragen, bis sie allen Gebildeten zum 
Ekel geworden sind, und wenn man dann den Dich- 
ter der Jugend lediglich aus dem Gedächtnis auffrischte, 
verfiel man wohl in den Wahn : jener phrasenhafte 
Idealismus sei das Charakteristische seiner Poesie." 

Der Setzer nimmt die Maske ab, tritt an den Rand der 
Orchestra und sagt ganz einfach und schlicht zum Publikum: 
Wenn ein Volk eine solche Versündigung an allen seinen 
edelsten und größten Geistern, wie sie in diesem Buch auf 
jeder Seite, von der ersten bis zur letzten, zu finden ist, von 
so jämmerlichen, unwissenden, sinn- und gedankenlosen Buben 
erduldet, ohne diesen in jeder gebildeten Gesellschaft mit Ent- 
rüstung die Tür zu weisen, so verdient es seinen Verfall. 
Denn es zeigt dann die schmählichste Gleichgültigkeit und Teil- 
nahmlosigkeit für alle geistige Größe der Nation. 



342 



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