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NIETZSCHES GESAMMELTE WERKE 



ERSTER BAND 



FRIEDRICH NIETZSCHE 
GESAMMELTE WERKE 



MUSARIONAUSGABE 



ERSTER BAND 

JUGENDSCHRIFTEN 

1858— 1868. 



MUSARION VERLAG MÜNCHEN 



FRIEDRICH NIETZSCHE 
GESAMMELTE WERKE 



ERSTER BAND 



DICHTUNGEN, AUFSÄTZE, VORTRÄGE, 

AUFZEICHNUNGEN UND 

PHILOLOGISCHE 

ARBEITEN 



MUSARI0N VERLAG MÜNCHEN 



Copyright ipzz by Musarion Verlag, München 




xan-"-^' 






INHALT DES ERSTEN BANDES 



Seite 

Vorwort zur Musarionausgabe X 

Knabenzeit 

(Dichtungen des 13 — i jjährigen Nietzsche) 

Pforta 3 

Saaleck 4 

Gruss 5 

Lebewohl ^ 

Trennung 7 

"Weihnachten 8 

Heimkehr 9 

Ohne Heimat '° 

Mailied ' ' 

Heimweh '^ 

In der Ferne • • • ^3 

Dornröschen H 

Alt Mütterlein i ? 

Verloren r ^^ 

Ein Brief an den Freund i7 

Rückkehr 18 



Jünglingszeit 

(Aufsätze, Vorträge und Dichtungen des 16- 19 jährigen Nietzsche) 
Die Kindheit der Völker (Germania- Vortrag März 1861) . . . . 21 



Seite 



I 



t 



Deutsche Sangeswonne 3» 

X Brief an meinen Freund, in dem ich ihm meinen Lieblingsdichter 

zum Lesen empfehle (Schulaufsatz Oktober 1861) 31 

Herbst 3<5 

Ueber die dramatischen Dichtungen Byrons 

(Germania- Vortrag Dezember 18 61) 37 

Napoleon IIL als Praesident (Germania -Vortrag Januar 1861) . . ja 

„Rein zur Höh, rein zu Thal!" y8 

y Fatum und Geschichte (Germania -Vortrag Frühjahr 1862) .... 60 

Willensfreiheit und Fatum (Germania -Aufsatz Ostern 1S62) ... 67 

Ueber das Christenthum (Fragment, April 1861) 7« 

Du hast gerufen — Herr, ich komme 7» 

Ludwig der Fünfzehnte 73 

Im Gefängniss 73 

Saint Just 7J 

Lieder 7^ 

Lass mich dir entfalten 78 

Schweifen, o Schweifen 79 

Junge Fischerin 80 

Der alte Magyar 81 

Zum 18. Oktober 8» 

Versuch einer Charakterschilderung der Kricmhild nach den 

Nibelungen (Schul- und Germania-Aufsatz Okt./Nov. i86a) . 84 

Verzweiflung 9^ 

Erster Abschied 9^ 

Heimkehr (Fünf Gedichte) 93 

Zweiter Abschied 9^ 

In wie fern ist den Soldaten in Wallensteins Lager an der Er- 
haltung ihres Feldherrn im Oberbefehl sehr gelegen? 

(Schulaufsatz Januar 1863) 97 

In wie fern ist der Ackerbau als die Grundlage aller gesetz- 
lichen Ordnung und Gesittung zu betrachten? (März 1863) loi 

VI 



Seite 

Wie ist der gocthischc Spruch zu erklären; „Sprichwort be- 
zeichnet Nationen, musst aber erst unter ihnen wohnen". 

(Schulaufsatz März 1863) io5 

Erinnerung 1 1 1 

Herüber — hinüber 1 1 1 

Vergeben, vergessen in 

Untreue Liebe 112 

Charakterschilderung des Cassius aus Julius Cäsar 

(Schulaufsatz Mai 1863) 113 

Vor dem Kruzifix 121 

Jetzt und ehedem 12 j 

Ueber fünfzig Jahre 127 

Beethovens Tod (Fragment) 132 

Die Gestaltung der Sage vom Ostgothenkönig Ermanarich bis 

in das 12. Jahrhundert (Herbst 1863) 

I Einleitung 1^6 

II Gestaltung der Sage im Norden 142 

III Die dänische Gestaltung der Sage 152 

IV [Verbreitung der Sage] Ij8 

V Die ursprüngliche Sage 163 

Ueber das Anregende und Belebende vaterländischer Geschichte 

(Schulaufsatz Januar 1864) 170 

In wie fern erleidet die Vorschrift, von den Todten dürfe man 

nur Gutes aussagen, Einschränkung? (Schulaufsatz März 1864) 176 

Ueber Stimmungen (Ostern 1864) . . 181 

Fantasie (Fragment; Sommer 1864) i8j' 

Gethsemane und Golgatha 187 

Shakespeare 189 

Nachtgedanken 192 

Vier Abschnitte einer Arbeit über das erste Chorlied aus dem 

Sophokleischen „König Oedipus" (1863 oder 1864) .... 194 

Die Wirkung der Tragödie und ihr Plan 19J 

Ueber den Prolog der Tragoedie 197 

vn 



V 



Seite 

Gedanken über die chorische Musik in der Tragoedie mit An- 
wendung auf dieses Chorlied 20 1 

De chorici carminis compositione 205 

De Theognide Megarensi (1864) 209 

I De Theognidis et de Megarensium illius aetate rebus . . 2 1 1 

II De Theognidis scriptis 223 

III Theognidis de deis, de moribus, de rebus publicis opiniones 

examinantur 243 

Dem unbekannten Gott ^54 



Studienzeit 

(Aufzeichnungen und philologische Arbeiten des 20— 24jährigen Nietzsche) 

Ein Sylvestertraum (1864) 257 

Zum Leben Jesu (1865-) 259 

Gedanken über das Christenthum (Ende 1865 oder Anfang 1866) 263 
Ueber die Jitterarhistorischen Quellen des Suidas 

(Vortrag im philologischen Verein zu Leipzig, Sommer 1866) . 266 

Aufzeichnungen überGeschichteundhistorischeWissenschaft (1867) 281 

Ideen zur Geschichte der litterarischen Studien (1867) . , . . 288 

Wirkung einiger Musikstücke (Wahrscheinlich Herbst 1867) . . 291 

Gedanken über Musik- Aesthetik (Herbst 1867) 292 

Aufzeichnungen über Philologie und Wissenschaftsbetrieb 

(Herbst 1867 bis Herbst 1868) 293 

De Laertii Diogenis fontibus (1867) 

I. De Diocle Magnete 299 

IL De Favorino Arelatensi 313 

IIL De Demetrio Magnete 3^8 

IV. De Demetrio Dioclis fönte 34^ 

V. De ceteris Dioclis fontibus 355 

VI. De Laertio et Hesychio 3<57 

Fragment einer Kritik der Schopenhaucrischen Philosophie 

(Wahrscheinlich Herbst 1867) 39* 

Der Stil in philosophischen Schriften (Frühjahr 1868) 402 

VIII 



Seite 

Ueber Ethik (Frühjahr 1868) 404 

Die Teleologie seit Kant (Frühjahr 1868) 406 

Ueber die Methode der philologischen C^ellenkritik 

(Fragment Herbst 1868) 429 

Anhang: 

Ausführliche Inhaltsangabe der Valedictionsarbeit De Theognide 
Megarensi 43 3 

Übertragung des Abschnitts III dieser Arbeit ins Deutsche 
(Prüfung der Anschauungen des Theognis über Götter, Sitten 
und öffentliche Angelegenheiten) •••439 

Nachbericht 449 



IX 



VORWORT 

ZUR 

MUSARIONAUSGABE 

Die vorliegende Ausgabe der Werke Friedrich Nietzsches 
hat den Vorzug, dass die vom Verfasser selbst ver- 
öffentlichten Schriften und der gesamte Nachlaß in zeitlicher 
Reihenfolge gebracht werden. Zwischen Werken und Nach- 
laß wurde nicht mehr unterschieden j jede Schrift, jedes 
Bruchstück einer Schrift, alle Entwürfe und Pläne wurden 
da eingeordnet, wohin sie der Zeit nach gehören, sogar der 
größte Teil der in der früheren Gesamtausgabe für sich 
stehenden Philologika. Nur da, wo die Förderung des 
Verständnisses oder Geschmacksrücksichten es erforderten, 
wurden leichte Verschiebungen der zeitlichen Reihenfolge 
zugestanden: es war unerläßlich, die einzelnen Bände dem 
Inhalt nach als in sich zusammenstimmende Einheiten zu 
gestalten. 

Einen weiteren Vorzug der Musarionausgabe bildet die 
Hinzufügung eines Jugendschriftenbandes als ersten und eines 
autobiographischen als letzten der Gesamtreihe. Abhand- 
lungen, Studien, Skizzen, Entwürfe, Vorträge, sogar Schul- 
aufsätze des jugendlichen Nietzsche, zum Teil in der Bio- 
graphie der Schwester schon veröffentlicht, vielfach aber noch 
unveröffentlicht, sind hier zum erstenmal zusammengestellt. 
Damit haben wir den jungen Nietzsche unmittelbar vor uns, 
mit der ganzen Fülle seiner Versuche nach verschiedenen 

X 



Richtungen hin, mit dem schon damals ihn kennzeichnenden 
Zusammenklang von Wissenschaft, Musik und Dichtkunst in 
seiner SeeJe. Und als Abschluß des Ganzen hören wir 
Nietzsche über sich selbst. Der letzte Band wird eine Samm- 
lung der autobiographischen Äußerungen Nietzsches enthalten, 
wie sie in seinen Schriften und Entwürfen verstreut sind, 
darunter gleichfalls bisher noch Unveröffentlichtes. 

Wir können also in dieser Ausgabe den Entwicklungsgang 
dieses großen Genius vom Philologen zum Kämpfer gegen 
die Kultur seiner Zeit, zum moralistischen Kritiker, zum 
neuschaffenden Denker, zum Antichristen und Immoralisten, 
zum Umwerter aller Werte, zum Dichterphilosophen besser 
als bisher Schritt für Schritt verfolgen. 

Philologie ist für Nietzsche niemals nur um ihrer selbst 
willen dagewesen. Die Frage, was kann das klassische Alter- 
tum unserer Zeit sein, war die Triebkraft der Tätigkeit des 
jungen Universitätslehrers in Basel. Und ein Mittel, sich 
selbst zu finden und zu enthüllen, das bedeutete ihm zugleich 
klassische Philologie. So sind Nietzsches Philologika nicht 
allein für den Philologen sondern allgemein wertvoll. Wenn 
auch umwuchert von fachmännischer Gelehrsamkeit kommen 
hier schon die Anschauungen zum Vorschein, die später so 
klar herausgemeißelt als selbständige Gestaltungen dastehen. 
Wir erkennen an den philologischen Schriften, woraus 
Nietzsche gewachsen ist, wie er wurde. Das klassische Alter- 
tum enthält die Keime der Hauptlehren des späteren Nietzsche, 
und die Strenge jahrelanger philologisch- wissenschaftlicher 
Zucht im Verein mit hoher künstlerischer Anlage, mit dem 
Sinn für Form, hat bewirkt, daß dieses aus fabelhafter Fülle 
der Gedanken heraus schaffende Genie nicht hemmungslos 
über die natürlichen Grenzen der Form hinausströmte, 
sondern seinen Gedankengehalt unwillkürlich immer zur 
berückenden Schönheit bändigte. 

XI 



Unmöglich aber konnte ein Nietzsche lange Zeit nur im 
Bannkreis der Philologie verweilen. Seine Grundrichtung 
ins Allgemeine trieb ihn bald zur Aufnahme der Kultur- 
probleme der Gegenwart als schaffender Kämpfer. Aber 
nicht nur die jugendlich hinstürmende Kraft des nach rechts 
und links mit dem Schwerte Dreinschlagenden, nicht nur 
die erstaunliche Fähigkeit, Dinge, die hart an der Grenze 
des Mitteilbaren liegen, mit sicher treffendem Wort und in 
prachtvoll bilderreiche Sprache zu fassen, machen die Schriften 
aus den Jahren der „Unzeitgemäßen Betrachtungen" zu einem 
großartigen Schauspiele der Erkenntnistätigkeit, sondern: hier 
schon finden wir allenthalben Grundanschauungen des reifen 
Nietzsche vor, wenn auch noch in einer Art Verpuppung, 
hier sind überall tiefe und feinsinnige Wahrheiten des 
Geistes- oder Gemütslebens zuerst ausgesprochen oder in 
neue Formeln gebracht, die noch auf lange Zeit hinaus 
Gültigkeit behalten werden. Alles Verneinende dieses Zeit- 
abschnittes wird, soweit es typisch ist, für Kulturbedürftige 
immer Verneinung bleiben. 

Von der sprudelnden Frische des mit erhobenem Haupte 
dahinfegenden Brausewindes nehmen wir Abschied, um uns 
in „Menschliches, Allzumenschliches,, von dem moralistischen 
Kritiker in die Stimmung nüchterner Durchforschung und 
Prüfung unserer herkömmUchen Begriffe und Wertschätzungen 
führen zu lassen. Eisige Luft umhaucht uns plötzlich. Der 
Gegensatz ist schroff. Aber wohltuend wirkt die Reinigung, 
die Befreiung des Himmels. Hell und licht wird es um uns, 
über uns. Viel Altes ist vergangen, zu Neuem sind wir 
bereit gemacht. Und wer deutlich durchzufühlen imstande 
ist, verspürt auch hier unter der Eisdecke den in der Tiefe 
rauschenden Glutstrom geistiger Leidenschaft, ohne den ein 
Nietzsche niemals denkbar ist. Die Zeit der Entstehung 
von „Menschliches, Allzumenschliches" ist eine notwendige 

XII 



Zwischenstufe in der Entwicklung Nietzsches vom Kultur- 
kämpfer, der noch umwunden ist von der Begeisterung für 
seine Vorbilder, zum selbständig Schaffenden. 

Unmittelbar danach treten wir mit der „Morgenröte" und 
der „Fröhlichen Wissenschaft" bereits in eine Welt geistiger 
Schöpfungen ein, die Nietzsche als neuschaffenden Denker 
auf die Rangstufe der Größten aller Zeiten erheben. Hier 
klingen die Töne der lebenbejahenden Grundlehren schon mit 
mächtigen Akkorden präludierend durch. Und der lautere 
Ewigkeitsgehalt der zahlreichen Einzelgedanken, die jenseits 
allen Kämpfens innerhalb des bestimmten Zeitabschnittes, in 
dem der Verfasser zufällig lebte, aus dem reinen Borne des 
Denkens geschöpft sind, zeigt, daß man es mit einem Geiste 
obersten Ranges zu tun hat. 

Aber noch hatte Nietzsche seine Höhe damit nicht erreicht. 
Der Bogen wird immer wieder straffer gespannt. Nietzsche 
wird zu dem Immoralisten und Antichristen. Jenseits von 
Gut und Böse steht er da. Die bisherige Moral der Kultur- 
menschheit, die platonische, die christliche, wird verworfen, 
von Grund aus abgetan 5 samt allen Folgerungen, soweit, daß 
die Möglichkeiten menschlichen Zusammenlebens überhaupt 
fast in Frage gestellt erscheinen. Die haben Nietzsche aller- 
dings immer mißverstanden und werden ihn mißverstehen, 
die Immoralismus als Unmoral deuten. Nur wenige schöpfe- 
rische Geister der Vergangenheit hat eine gleiche ethische 
Glut beseelt wie einen Nietzsche. Aus dieser tiefethischen 
Kraft ist Nietzsches Immoralismus geboren. Das Unfrucht- 
bare der bisherigen Moral allein, das nur künstlich noch 
erhalten wird, will er beseitigen. Ihm gilt seine hassende, 
kämpfende Leidenschaft. Nichts bleibt daher bestehen, was 
morsch ist, jede Unnatur wird verurteilt. Unerbittlichkeit 
ist das Merkmal dieser Kritik der Menschheitsgeschichte 
größten Stiles. Aber der Verneinung im Vordersatz tritt 

XIII 



schon die Bejahung im Nachsatz an die Seite. Zerstörung 
und Wiederaufbau gehen Hand in Hand. Daher wird auch 
der, dem die Ablehnung der Verbindlichkeit bisheriger 
moralischer Wertschätzungen bis zur Selbstverständlichkeit 
geläufig geworden ist, doch zugleich durch die überall durch- 
dringenden bejahenden Werte eine ungeheure Bereicherung 
seines geistigen und seehschen Besitzes erfahren. 

Von hier aus steigert sich Nietzsche endlich zum Um- 
werter aller Werte. Damit haben wir die vollständig monu- 
mentale Größe. Alle bisherigen Einzelheiten fügen sich 
schmiegsam in einen gewaltigen Zentralbau zukünftiger 
Menschheitskultur. In die fernste Vergangenheit fliegt der 
Blick zurück, wägend, kritisch beurteilend^ weit in die Zu- 
kunft der Menschheit eilt er voraus, wagemutig wollend, 
wünschend, fordernd, wie noch niemand es bisher versucht 
hat. Große Kulturbewegungen werden im Geiste voraus- 
gesehen und kühn geschildert, wie sie kommen werden, 
kommen müssen, auch schon gekommen sind. Neue Ideale 
von erschütternder Pracht werden als leuchtende Ziele hoch 
an den Himmel gemalt. Neue mit Leidenschaft gefühlte und 
mit ebenso starker Gefühlsglut zur Darstellung gebrachte 
Lebensanschauungen, die eine wuchtige Steigerung tatkräftiger 
Bejahung des Daseins bedeuten, werden als Wege zu den 
hohen Zielen der Zukunft gewiesen. Die heiße Liebe des 
Lebens erträumt, ersehnt, fordert stürmisch die Erschaffung 
eines neuen, höheren, reineren, stärkeren, freieren, besseren, 
wertvolleren, schöneren Typus Mensch. Ohne Zweifel, an 
der Riesenhaftigkeit dieser Rückblicke in die Vergangenheit 
und der Fernsichten in die Zukunft wird, muß die Mensch- 
heit allmählich zu neuer Größe emporwachsen. 

Alle diese geschilderten Gedankenschöpfungen sind kein 
streng gesondertes Nacheinander, sie sind ineinander ver- 
woben. Was zuletzt als klar umrissene Lehre dasteht, hat 

-XIV 



seine Vorbildung in den früheren Schriften, und in irgend 
einer Gestalt klingt es in allen Werken wieder. 

Nicht zeitlich aber begriffhch als Abschluß faßt Nietzsche 
die Fülle seiner Gesichte und Forderungen mit der ganzen 
Inbrunst seines dichterischen Fühlens zusammen in der 
Schöpfung „Also sprach Zarathustra", in einer Sprache, die 
jeden AugenbHck getragen ist von dem Hochschwung der welt- 
umspannenden, weltgeschichthch entscheidenden Gedanken- 
macht, in der Form neu und einzigartig, aber doch erinnernd 
an die durchgeistigte Befehlshabersprache der über die Jahr- 
hunderte hinweg verstreuten großen Kulturschaffer, deren 
Selbstbewußtsein immer nur ein Maßstab für die Einzigkeit 
der Aufgaben war, für die sie sich berufen fühlten. 

Für sich stehen, über das Gesamtwerk Nietzsches verteilt und 
oft: eingestreut mitten in das Allgemeine, seine Zeugnisse über 
sich selbst. Von früh an wechselte in ihm die gegenständliche 
Gestaltungstätigkeit, die im selbstvergessenen Genierausch 
hervorbrach, ab mit klar-kühler Selbstbetrachtung und Selbst- 
beschreibung. Zu einer bis dahin beispiellosen Bedeutung erhebt 
sich diese sich ihrer selbst bewußt werdende Geisteskraft in den 
Vorreden Nietzsches zu eigenen Werken und in „Ecce homo". 
Nirgends aber haben wir es dabei zu tun mit persönhchen 
Besonderheiten, deren Zufallscharakter man das Allgemein- 
interesse absprechen müßte. Immer sind die Selbstzeugnisse 
Nietzsches typische Erlebnisse des schaffenden Menschen. 
Ein umfänglicher BHck in die Werkstatt des Schöpfergeistes 
wird uns gewährt, und die Teilnahme, ja die Neugier für 
jede Mitteilung aus dieser Art Seelenleben wächst von Augen- 
bHck zu Augenblick} denn unmittelbar drängt es sich uns 
auf: niemals würde ein noch so stark zum Nach- und Sich- 
einfühlen Befähigter imstande sein, auch nur den kleinsten 
Bruchteil dieser weltgeschichtlichen Selbstenthüllungen des 
Genies zu geben. So werden wir durch diese Seiten von 

XV 



Nietzsches Werk emporgehoben in die gleiche Höhenlage 
des Schwebens gleichsam ausserhalb der bishengen und 
zukünftigen Menschheit, in der er seine sachlichen Gedanken- 
kreise zieht. Nietzsche vollendet mit allen Beschreibungen 
„Wie man wird, was man ist" sein Werk zur abgeschlossenen 
Einheit. 

Bonn, im Januar 1920. Richard Oehler. 



XVI 



Knabenzeit 

(Dichtungen des 13 — 15jährigen Nietzsche) 



I Nietzsche I 



Pforta. 

Bei Naumburg im freundlichen Thale, 
Da liegt manch reizender Ort, 
Der schönste doch aber von allen, 
Das ist mir die Pforte dort. 

Ich stand einst auf grünender Höhe, 
Vergoldet vom sinkenden Strahl, 
Da wurde mir plötzlich so wehe. 
Als 'nunter ich schaute in's Thal. 

Es tönte ein lieblich Geläute 
Und mahnte so sanft zur Ruhj 
Die Wiese im grünenden Kleide 
Deckt weisslicher Nebel still zu. 

Die Sterne, sie leuchten so helle, 
Sie ziehen in goldener Bahn, 
Wie himmhsche Wächter von droben, 
Und blicken so friedlich uns an. 

Es herrscht eine heüige Stille, 
Und Pforta liegt nebelumwallt, 
Beleuchtet vom düsteren Scheine, 
In geisterhafter Gestalt. 

Ich kann ihn nun nie vergessen, 
Den Eindruck so wunderbar: 
Es zieht mich an selbige Stätte, 
Warum? das wird mir nicht klar. 

Frühling 1858. 



Saaleck. 

Seliger Abendfrieden 
Schwebt über Burg und Thal, 
Goldlächelnd sendet die Sonne 
Hernieder den letzten Strahl. 

Die Höhen rings erglühen 
Und schimmern in Glanz und Pracht, 
Mich dünkt, die Ritter entstiegen 
Den Gräbern mit alter Macht. 

Und horch! Aus den Burgen ertönet 
Lautrauschend ein lustiger Schall. 
Die Wälder rings horchen und lauschen 
Dem wonnigen Widerhall. 

Dazwischen erkhngen viel Lieder 
Von Jagdlust, von Kampf und Wein, 
Hell schmettern die Hörner, es schallen 
Laut dröhnend Trommeten hinein. 

Da sank die Sonne: verklungen, 
Verhallet der freudige Klang. 
Und Grabesstille und Grauen 
Umhüllte die Hallen bang. 

Die Saaleck liegt so traurig 
Da oben im öden Gestein: 
Wenn ich sie sehe, so schauert's 
Mir tief in die Seele hinein. — 



1858. 



G r u s s. 

Ihr Vöglein in den Lüften, 
Schwingt mit Gesang euch fort 
Und grüsset mir den theuren, 
Den lieben Heimatsort! 

Ihr Lerchen, nehmt die Blüthen, 
Die zarten, mit hinaus! 
Ich pflückte sie zur Zierde 
Für's theure Vaterhaus. 

Du Nachtigall, o schwinge 
Dich doch zu mir herab 
Und nimm die Rosenknospe 
Auf meines Vaters Grab! 

1858. 



Lebewohl. 
Schirm dich Gott, mein Heimatsthal! 
Muss ich dich auch jetzt verlassen, 
Denk ich, wo ich fahr' mein Strassen, 
An dich wohl viel tausendmal. 

Lebe wohl! Lebe wohl! 

Lebe wohl, du stilles Thal! 

Schau' ich in das Thal hinab, 
Ist's, als schiede ich vom Leben 5 
Wandern soll ja Freude geben. 
Und mir ist die Welt ein Grab. 

Lebe wohl! Lebe wohl! 

Lebe wohl, du stilles Thal! 

Kehr' ich wieder über's Jahr, 
Wenn die Bäume neu erblühen. 
Dann wird erst der Gram entfliehen j 
Bin jetzt aller Freuden bar. 

Lebe wohl! Lebe wohl! 

Lebe wohl, du stilles Thal! 

Mich umjubelt Lerchenschlag, 
Blüthen fallen von den Bäumen, 
Und ich fahr' in bangen Träumen 
Meine Strass' in Schmerz und Klag'. 

Lebe wohl! Lebe wohl! 

Lebe wohl, du stilles Thal! 

Dunkel wird es um mich her, 

Abendglocken hör' ich schallen. 

Einsam bin ich, fern von Allen, 

Ach, mein Herz ist bang und schwer! 

Lebe wohl! Lebe wohl! 

Lebe wohl, du stilles Thal! 

Herbst 1858. 



Trennung. 

Und muss ich denn nun scheiden, 
So sei fein stilJ, mein Herz! 
Die Lieben all' zu meiden, 
Das macht mir doch viel Schmerz. 
Dass ich sie nicht mehr sehe, 
Wie thut mir's doch so wehe! 
Sei doch fein still, mein Herz! 

Wenn Seelen treu verbunden 
Sich scheiden, ist viel Leid. 
So oft ich denk' der Stunden, 
Der schönen, gold'nen Zeit, 
Da bluten meine Wunden, 
Ich kann nicht mehr gesunden 
Vor tiefer Traurigkeit. 

Und doch — ein Trost ist blieben, 
Der strahlt so hell, so licht: 
Wenn sich zwei Seelen Heben, 
So trennt die Fern' sie nicht. 
Kein Unglück, keine Leiden 
Vermögen uns zu scheiden! 
O holde Zuversicht! 



1858. 



Weihnachten. 

O Tag so schön, o Tag so mild, 
So wonnevoll, so wunderbar, 
So frei und luftig wie der Aar, 
Und wie der Quell, der dem Gefild 
Von Blümlein zart umrankt, entquillt, 
So sonnenhell, so frisch und klar! 

Mein Herz jauchzt auf, wenn es dich schaut, 
Und schwingt sich gleich der Lerch' empor. 
Mir ist's, als hört' ich Harfenchor, 
Der mir in ahnungsvollem Laut 
Manch süss Geheimniss anvertraut. 
Und voll Entzücken lauscht mein Ohr! 

1858. 



8 



Heimkehr. 

Das war ein Tag der Schmerzen, 
Als ich einst Abschied nahm; 
Noch bänger war's dem Herzen, 
Als ich nun wiederkam. 
, Der ganzen Wandrung Hoffen 
Vernichtet mit einem Schlag! 
O unglückseFge Stunde, 
O unheilvoller Tag! 

Ich habe viel geweinet 
Auf meines Vaters Grab, 
Und manche bittre Thräne 
Fiel auf die Gruft hinab. 
Mir ward so öd' und traurig 
Im theuren Vaterhaus, 
So dass ich oft, bin gangen 
Zum düstern Wald hinaus. 

In seinen Schattenräumen 
Vergass ich allen Schmerz; 
Es kam in stillen Träumen 
Der Friede in mein Herz. 
Der Jugend BJüthenwonne, 
Rosen und Lerchenschlag 
Erschien mir, wenn ich schlummernd 
Im Schatten der Eichen lag. 

1859. 



Ohne Heimat. 

Flüchtige Rosse tragen 

Mich ohn' Furcht und Zagen 

Durch die weite Fern'. 

Und wer mich sieht, der kennt mich, 

Und wer mich kennt, der nennt mich 

Den heimatlosen Herrn. 

Heidideldi! 

Verlass mich nie, 
^ Mein Glück, du heller Stern! 

Niemand darf es wagen. 

Mich darnach zu fragen, 

Wo meine Heimat sei. 

Ich bin wohl nie gebunden 

An Raum und flüchf ge Stunden, 

Bin wie der Aar so frei. 

Heidideldi! 

Verlass mich nie. 

Mein Glück, du holder Mai! 

Dass ich einst soll sterben, 
Küssen muss den herben 
Tod, das glaub' ich kaum. 
Zum Grabe soll ich sinken 
Und nimmermehr dann trinken 
Des Lebens duft'gen Schaum? 

Heidideldi! 

Verlass mich nie. 

Mein Glück, du bunter Traum! 

1859. 



10 



Mailied. 

Die Vöglein singen wonnig 
Weit in den Wald hinein j 
Die Fluren liegen sonnig 
In holdem Maienschein. 
Die Bächlein rauschen milde 
Durch blühende Gefilde, 
Und Lerchen jubeln drein. 
O kann's was Schönres geben 
Als den Mai, als den Mai allein? 

Was mir im Herzen traurig. 
Verzagt und trübe war. 
Was öde rings und schaurig, 
Das ist nun sonnenklar. 
Die Blumen hold entspriessen 
Auf blüthenreichen Wiesen, 
Und Immen summen drein. 
O kann's was Schönres geben 
Als den Mai, als den Mai allein? 

O unbegrenzte Fülle 
Von lauter Seligkeit! 
O Wonne, o umhülle 
Mein Herz mit seinem Leid! 
Lass schwinden und vergehen. 
Was nicht wie Frühlingswehen 
Dir rauscht in's Herz hinein! 
O kann's was Schönres geben 
Als den Mai, als den Mai allein? 

Ich möchte mich versenken 
In dieses Meer von Lustj 



II 



Ein süsses Dran- gedenken 
Erhebt schon froh die Brust. 
Ich möchte dich umfassen 
Und nicht mehr von mir lassen. 
O Frühling, zieh herein! 
Es kann nichts Schönres geben 
Als den Mai, als den Mai allein! 



Heimweh. 

Das milde Abendläuten 
Hallet über das Feld. 
Das will mir recht bedeuten, 
Dass doch auf dieser Welt 
Heimat und Heimatglück 
Wohl Keiner je gefunden: 
— Der Erde kaum entwunden, 
Kehr'n wir zur Erde zurück. 

Wenn so die Glocken hallen, 
Geht es mir durch den Sinn, 
Dass wir noch Alle wallen 
Zur ew'gen Heimat hin. 
Glücklich, wer allezeit 
Der Erde sich entringet 
Und Heunatlieder singet 
Von jener Seligkeit. 



1859. 



1859. 



12 



In der Ferne. 

In der Ferne, in der Ferne 
Leuchten meines Lebens Sterne, 
Und mit wehmuthsvollem Blick 
Schau' ich auf mein einstig Glück 
Ach so gerne, ach so gerne 
Wonneschauernd oft zurück. 
Wie auf Höhen Wandrer stehen 
Und die Ferne übersehen 
Und die blüthenreichen Auen, 
Wo die himmlisch süssen lauen 
Lüfte rauschen, und still lauschen 
Mit geheimniss vollem Grauen: 
Also breiten sel'ge Zeiten 
Sich vor mir aus und geleiten 
Meinen Geist weg von den Schranken 
Kahler, nichtiger Gedanken 
Hin zu jenen ew'gen Freuden. 

— Charons Nachen seh' ich schwanken: 
Mit der goldnen Leier Saiten 

Ruf' ich wieder, die versanken, 

— Und sie nahen und umfahen 
Mich mit ihrem Zauberlichte. 
Will sie fassen — sie erblassen 
Und ich muss sie sinken lassen: 
Meine Hoffnung ist zu nichte! 



1859. 



13 



Dornröschen. 

Im Walde, wo die Wipfel rauschen, 
Wollen wir lauschen: 
Da ruht ein holdes Königskind, 
Umsäuselt von lauem Frühlingswind, 
Blüthen fallen aufs gold'ne Haar. 
Schlummere, o schlummere weich und lind 
Im Waldesschlosse wunderbar, 
O Dornröschen, Dornröschen! 

Im Walde, wo die Eichen rauschen. 

Wollen wir lauschen: 

Da naht manch zarter Königsohn, 

Es blitzet der Purpur, es glänzt die Krön', 

Lieblich hallt goldner Saitenklang! 

Schlummere, o schlummere weich und lind, 

Du wunderschönes Königskind, 

O Dornröschen, Dornröschen! 

Im Walde, wo die Eichen rauschen, 
Wollen wir lauschen: 
Die Vöglein singen manch' süssen Schall, 
Die Wipfel rauschen wie Glockenhall. 
Leise tönet der Frühlingswind: 
Schlummere, o schlummere weich und lind, 
O wunderschönes Königskind, 
Dornröschen, o Dornröschen! 



14 



Alt Mütterlein. 

In Sonnengluth, in Mittagsruh 
Liegt stumm das Hospital; 
Es sitzt ein altes Mütterlein 
Am Fenster bleich und fahl. 

Ihr Aug' ist trüb, ihr Haar schneeweiss, 
Ihr Mieder rein und schlicht, 
Sie freut sich wohl und lächelt still 
Im warmen Sonnenlicht. 

Am Fenster blüht ein Rosenstock, 
Viel Bienlein rings herum. 
Stört denn die stille Alte nicht 
Das emsige Gesumm.^ 

Sie schaut in all' die Sonnenlust 
So sehg stumm hinein: 
Noch schöner wird's im Himmel sein, 
Du liebes Mütterlein! 

iS6o. 



Verloren. 

Dem edlen Geist ist diese Welt zu kleinj 

Auf Flügeln der Begeistrung schwingt er sich empor 

Hoch über diese Nichtigkeit des Lebens 

Und flüchtet sich in sel'ge, bessre Höhen, 

Wo Sterne neben ihm um Sonnen wandeln, 

Und sieht im Weltall den Unendlichen, 

Den Alldurchschauer walten. — 

Doch ein Gefühl ist's, das den ungestümen, 

Den wilden Drang des Herzens hemmt, 

Das ihm das Leben blüthenreich und voll 

Von Liebe und Erquickung macht — 

Es ist das herrliche Gefühl der Heimatliebe! 

O glücklich, wer in dieses Lebens Sturm 

Ein Haus weiss, wo er ruhen kann. 

Wo goldene Erinnrung ihn umfluthet 

Und ihn des Maies Wonne sanft umlacht. 

Da waltet Frieden, waltet sel'ge Lust, 

Und jede Brust fühlt Gottes heil'ge Nähe. 

Da zieht der hoffnungsvolle Jugendtraum 

Noch einmal an dem matten Herz vorüber: 

Des Lebens Blüthenmai jungt sich noch einmal 

Mit Nachtigallenschlag und Veüchenduft, 

Mit Lerchenjubel und dem Hoffnungsgrün. 

Und diese Heimat, wo du bist geboren. 

Wo du des Lebens Wonne reich genossen, 

Hast du verloren! 

i85o. 



16 



Ein Brief an den Freund. 

Sage mir, theurer Freund, warum du so lang nicht geschrieben? 

Immer hab' ich geharrt. Tage und Stunden gezählt. 
Denn ein gar süsser Trost ist ein Brief vom Freunde entsendet, 

So wie ein sprudelnder Quell durstige Wand'rer erquickt. 
Viel auch ist mir werth die Kunde von deinem Befinden: 

Habe auch ich doch einst ähnliche Wege gewallt, 
Habe so Freud' wie Leid mit dir zusammen genossen. 

Und im Freundesverein wurde das Schwerste uns leicht. 
Freilich weiss ich recht wohl: Schuljahre sind schwierige Jahre, 

Nie wird jegliche Last, Mühe und Arbeit gescheut. 
Oft auch möchte die Seele sich los von den hemmenden Fesseln 

Reissen, in Einsamkeit flüchten das fühlende Herzj 
Aber auch diesen Druck erleichtert die treuliche Freundschaft, 

Die sich stets voll Trost, voll von Erhebung uns naht. 
Unter Freunden ist nichts, was der Eine dem Andern verbürge: 

Alles theilen sie sich mit im vertrauten Gespräch. 
Ist auch der Eine entfernt, die Liebe durchsegelt die Lüfte, 

Und in Gestalt eines Briefs naht sie dem einsamen Freund. 
Theurer! Bald nahet der Tag, wo auch wir uns wieder erblicken 

Und des trauten Gesprächs, lang schon entbehrten, uns freun, 
Aber nur kurz ist die Freud' ! Denn bald enteil' ich von neuem, 

Nicht nach Pforta zurück, wo nur die Strenge regiert, 
Nicht nach dem Fichtelgebirg dem düsteren, nein, in die 

Heimath! 

Ach wohl zum letzten Mal grüss' ich den theuersten Ort! 
Doch — die Entfernung hemmt nicht der Seelen stete Ver- 
bindung, 

Et manet ad finem longa tenaxque fides! 

Pforta, den 6. März i8<Jo. 



2 Nietzsche I 



17 



Rückkehr. 

Die Lerchen jubeln mir voraus, 
Die Seele schwingt sich freudig nach. 
Zum Vaterhaus, zum Vaterhaus 
Bringt dich der helle Tag! 

Einst zog ich in die Welt hinaus, 

Da war ich auch in diesem Hagj 

Mein Herz war voll von Angst und Graus 

Vor dem, was vor mir lag. 

Es führte mich der helle Tag 
Weit weg, weit weg vom Vaterhaus. 
Die alten Lieder tönten nach, 
Die alte Lust war aus. 

O Nachtigall, nun sing' und sag'. 
Und sing's in alle Welt hinaus: 
Vorbei der Schmerz, vorbei die Klag' 
Im theuren Vaterhaus. 

iS6o, 



r8 



Jünglingszeit 

(Aufsätze, Vorträge und Dichtungen des i<5 — ipjährigen Nietzsche) 



Die Kindheit der Völker. 

(Germania -Vortrag März i 8 d i .) ^) 

Wenn wir die Kindheit der Völker betrachten wollen, ohne 
uns in ein Meer von Zweifeln zu stürzen, aus denen 
sich manche für Religion und Geschichte gefährliche Muth- 
massungen schliessen lassen, so müssen wir uns zuvörderst über 
eine Frage aufklären, auf der die Entwickelung der folgenden 
Betrachtung beruht. Die Kindheit der Völker — ein Zu- 
stand, der mehr aus Gründen eines allgemeinen Naturgesetzes 
gefolgert, als durch historische Thatsachen bewiesen werden 
kann, — führt uns in Zeiten zurück, die der Weltschöpfung 
oder wenigstens der MenschenerschafFung sehr nahe liegen. 
Sollen und dürfen wir nun annehmen, dass der Mensch, 
von Gott zugleich mit den ersten Keimen aller Bildung, mit 
Sprache und Religion beschenkt, ein Blüthenalter oder eine 
goldene Zeitperiode auf Erden gelebt, dann aber allmählich 
herabgesunken und uneingedenk seiner früheren Würde und 
Hoheit, in einen thierischen, zügellosen Zustand gerathen sei, 
aus dem herauszutreten nur wenigen mit besonderer geistiger 
Erregbarkeit begabten Völkern gelungen wärej oder seine 
geistige Bildung sich gewahrt und so wenngleich mit Ver- 
letzung der ursprünglichen Reinheit, die gebildetsten, kunst- 
reichsten und für Weltgeschichte bedeutungsvollsten Völker 



*) Näheres über die literarische Vereinigung „Germania", die der 
ij jährige Nietzsche mit Naumburger Freunden im Sommer 1860 gegründet 
hatte, enthält der Nachbericht. 



21 



aus sich gebildet habe? Dann wäre die Kultur vieler Völker 
etwas Ursprüngliches, die Roheit und geistige Niedrigkeit 
anderer Nationen ein Verfall ehemaliger Gesittung. Eine 
andere Ansicht lässt den Menschen aus einem thierahnlichen 
Zustand langsam zur hohen Vervollkommnung emporsteigen. 
Diese Ansicht ist allerdings einer gleichen Entwickelung des 
Menschen theilweise wenigstens entsprechendj wenn wir uns 
aber den thierischen Standpunkt näher vor Augen führen, 
so müssen wir verwundert fragen, wodurch überhaupt aus 
dem Niedrigen und Rohen sich die edelsten Blüthen der 
Kultur entwickeln können. Ist denn jemals ein Volk, das 
wir kennen, ohne fremden Einfluss aus einem natürlichen 
Zustand der thierischen Roheit zu höherer Kulturentwicke- 
lung hervorgetreten? Hiermit hängt nahe eine andere Frage 
zusammen, ob es überhaupt mögUch sei, dass aus einem 
Menschenpaar sich so ganz verschiedenartige Racen bilden 
konnten: Selbst wenn man diesen Zweifel mit Gründen der 
Naturwissenschaft unterstützen wollte, so ist damit noch 
nicht gesagt, dass die menschliche Form, die menschliche 
Bildung von jeher so ausgeprägt und fest war, dass sie nicht 
in den ersten Zeiten neue Eindrücke in sich aufnehmen 
könnte, die dann bei allmähUcher Verhärtung dauernd und 
bleibend sich auf allen künftigen Geschlechtern ausprägten. 
Eine Entscheidung dieser Frage herbei führen zu wollen, 
liegt weder in meiner Absicht, noch möchte es überhaupt 
möglich sein, einen so bedenklichen Streit zu schlichten} 
genug, ich entscheide mich für die erste Meinung, die den 
Menschen mit Kultur versehen schaffen und sich dann theils 
unter dem Einfluss grosser Weltereignisse und Revolutionen 
zur Barbarei wenden, theils weiter auf den begonnenen 
Pfaden der Kultur entwickeln lässt. Dieses Umkehren ist 
auch nicht so unnatürlich, wie es uns zuerst erscheint, be- 
sonders, wenn man in Betracht zieht, wie sich die Menschen 



22 



allmählich vereinzelten und auf dem ungeheuren Erdgebiete zer- 
streuten, wie dann nothwendig die ehemalige Bildung, deren 
die ersten Auswandrer noch eingedenk waren, bei einer aus- 
gebreiteten Nachkommenschaft allmählich schwinden und auf- 
hören musste, bis wieder neue Eindrücke, durch Berührung mit 
auswärtigen, schon gesitteten Nationen hervorgebracht, gleich- 
sam eine Erinnerung an etwas längst Geschwundenes in ihnen 
erweckte und sie wieder die ersten Grade der Kultur lehrte. 

Hienach wollen wir die Kindheit der Völker betrachten, 
zuvörderst bei denen, die eine ehemalige Bildung in sich 
bewahrten und sie zu einer herrlichen Blüthe entfalteten. — 

Was diese Völker also besassen, war erstens ihre Sprache, 
das Grundelement, was eine Anzahl Menschen zu einem 
Volke eint und die Grundlage aller späteren Entwickelung 
wird. Wir können und müssen nach der Art und Weise, 
wie sich die Menschen ausbreiteten, eine Ursprache annehmen, 
die in sich die Stämme aller übrigen Sprachen barg, selbst 
aber verschwunden ist, während ihre Nachkommenschaft sich 
unendlich fortpflanzt. Wir können über sie nur Vermu- 
thungen hegen j sicherlich war sie wortarm und enthielt nur 
die sinnlichen Begriffe 5 die ersten Abstraktionen, wie Eigen- 
schaften des Menschen, empfingen ihren Namen von ver- 
gleichbaren Gegenständen. Eine jegliche davon abstammende 
Tochtersprache vermehrte die Zahl der Wörter nach ihrem 
Bedürfniss, je nachdem ihr Charakter sich mehr zu stiller 
Beschaulichkeit und betrachtendem Tiefsinn hinneigte. 

Die Religion dieser Völker ist das zweite, was wir an 
ihnen betrachten wollen. Da ihr Verhältniss zu Gott sich 
so kindlich und innig gestaltete, ja sie wohl selbst den Namen 
Kinder Gottes trugen, so müssen wir uns auch ihren Gottes- 
dienst als einen sehr kindlichen vorstellen. Es erwachte in 
ihnen das Verlangen, ihrem Vater ein Wohlgefallen zu be- 
reiten} sie suchten aus, was ihnen das Theuerste, Werth vollste 

23 



ihrer Habe war und brachten es opferfreudig dar. Es be- 
drängte sie die Qual ihrer Vergehungen j mit Sühnopfern 
und Sühngebeten suchten sie den v'äterUchen Zorn zu ver- 
söhnen. Ihr Herz wurde ergriffen von den Wohlthaten ihres 
Gottes, von Rettung aus drohender Gefahr, von seiner all- 
gewaltigen Grösse und Macht, die mit Donner redet, deren 
Boten Blitz und Sturm sind, vor der die Berge erschrecken 
und die Hügel umfallen. Staunen und erhebende Schauer 
erfassen siej der Opferdampf steigt hoch in den blauen 
Aetherj ihr Mund schwillt über von Lob und Preis des All- 
waltenden. Und wieder ergreift sie Angst und Schrecken; 
eine drohende Gefahr schwebt vor ihren Augen, ihr Blick 
fällt sorgenvoll auf theure Familiengheder, auf ihre liebste 
Habe; ein Seufzer drängt sich aus ihrer Brust; sie erkennen 
ihre Ohnmacht, sie erkennen, dass sie schwach und hülflos 
sind. Ihre Bitten steigen auf zum Himmelsthron; ihr Flehn 
ruft den allmächtigen, barmherzigen Gott um Hülfe an. 

Die Anschauungen, die einem solchen Gottesdienst zu 
Grunde Hegen, sind so natürlich und ungezwungen, und 
entsprechen so dem nahen Verhältniss zu dem allmächtigen 
Schöpfer und gütigen Erhalter, dass wir uns ein innigeres 
Verhältniss Gottes zu den Menschen kaum vorstellen können. 
Dabei ist allerdings die Gestalt der Gottheit sehr sinnlich 
aufgefasst worden. Der so ungemein folgenreiche und inhalts- 
schwere Satz „Gott ist ein Geist" wäre ihnen, angemessen 
ihrer natürlichen Einfalt und geringen Begriffsentwicklung, 
ein verborgenes Geheimniss, ein unauflösbares Räthsel ge- 
wesen. Ein anderer Einfluss, den die Religion auf diese 
Völker ausübt, ist die Neigung zum Wunderbaren, zum 
Glauben an Erscheinungen, und zur Traumdeutung, Eigen- 
schaften, die man fast Grundzüge der menschlichen Natur 
nennen könnte, und die selbst eine weit fortgeschrittne 
Kultur nicht völlig verdrängen kann. Vielleicht ist dieser 

24 



Hang zum Uebernatürlichen nichts anderes, als ein gleichsam 
göttlicher Instinkt des Menschen, sein Trieb zu dem Jlimm- /^ 
lischen und Geistigen. Diese Richtung des Geistes war auch 
der Grund, dass diese so einfache Religionslehre nach und 
nach eine heidnische Beimischung erhielt, oder wohl gar all- 
mählich in einen Polytheismus übergieng. Wir sehen an 
den Juden, wie ihr reiner Gottesdienst im Umgang oder im . 
Krieg mit andern Völkern viele fremde Formen annahm, die im 
Lauf der Zeit sich fast als israelitische Glaubensregeln ein- 
bürgerten. Die Idee von Gott selbst wurde erhabener und 
dem vorgeschrittenen Volksgeist angemessener, aber auch 
immer unnahbarer. Nicht gar selten erscheint sogar der Ge- 
danke, von dem das ganze jüdische Alterthum gewissermassen 
durchdrungen war, dass Jehovah nur der Gott Israels sei und 
als höchster Gott über allen andern Göttern throne j sicherlich 
Anklänge an einen wenngleich unausgebildeten Polytheismus. 
Bei andern Völkern, die mit hohen Vorzügen des Geistes 
und vorzüglich philosophischem Tiefsinn begabt waren, ver- 
drängten die erhabenen Lehren eines hochfliegenden Geistes 
den einfachen Glauben an einen Gott. Die wilden Kräfte 
der Natur, die Erscheinungen des Jahres und der Zeit, be- 
sondre göttliche Eigenschaften, bildeten eine dunkle Vor- 
stellung von einer Menge übermächtiger Wesen, in deren 
Händen das Geschick jedes Einzelnen beruhe. Der Gedanke 
von bösen und guten Geistern erwachte. Die Sorge, die 
Guten für sich zu gewinnen, die bösen von sich abzuwenden, 
erfüllte die Brust jedes Menschen. Da traten tiefsinnige X 
M änner auf, die von den Schwingen ihrer ungezügelten Ein- 
bildungskraft getrageiTirch" als Gesandte der höchsten Götter 
ausgaben, einen neuen Göttercultus gründeten, und die sich 
daran anknüpfenden Grundsätze der Moral durch Lehre und 
Beispiel unter ihrem Volke ausbreiteten. Aehnlich sind sicher- 
lich die Religionen der geistreichsten Völker des Alterthums 

25 



entstanden, indem sie sich nach dem Charakter jeder einzelnen 
Nation gestalteten. Diese Götterlehren sind in ihrem Ur- 
sprünge noch völlig verschieden von den Mythologien 
späterer Jahrhunderte, wo die Grundlehren von einer Menge 
phantastischer Fabeln entstellt und erdrückt waren. Und so 
muss eine sich immer weiter entwickelnde Religion immer 
einmal auf einen Standpunkt fuhren, wo das Verlangen nach 
einer reineren, natürlicheren Lehre offenbar wird, wo erleuchtete 
Philosophen auf den einigen Gott als den Urquell alles Seins 
zurückweisen. Es ist die Aufgabe der christhchen Religion, 
diesen Entwickelungsgang zu beschleunigen und das Be- 
dürfniss nach geläuterten Lehren zu erwecken, nicht aber 
gewaltsam einzuschreiten und dadurch störend und zertheilend 
auf den religiösen Fortschritt einer heidnischen Religion zu 
wirken. Ebenso nothwendig aber ist es und angemessen dem 
Urgedanken des Christenthums, der Liebe, alle Völker so bald 
als möghch aus ihrem unseligen Zustand herauszuleiten und 
in die Arme der allein seligmachenden Kirche zu führen. 

Betrachten wir nun, wie sich die Staaten dieser Völker 
entwickelten und in welcher Folge die Regierungsform sich 
darstellt. Da müssen wir aber zuvor einige Worte über die 
allgemeine Lebensweise dieser Völker auf der geringsten 
Stufe ihrer Kultur vorausschicken. Ebenso abgeneigt gegen 
das rauhe Fischerleben als gegen die eintönige Lebensweise 
der Jägervölker suchen sie grasreiche, durchströmte Steppen 
auf, die sich vorzüghch zur Viehzucht eigneten. Hier gründen 
sie sich gemeinsam mit andern FamiHen feste Wohnsitze, 
indem sie durch eine gesellschaftliche Vereinigung sich mehr 
gegen Angriffe benachbarter Raubvölker geschützt glauben. 
Diese Verbindung wird durch Wechselehen noch befestigt, 
so dass diese Familien immer mehr in einander verschmelzen. 
Wie leicht entwickeln sich da alle die zartern Gefühle, die 
dem Menschen Heimath, Eltern, Verwandte und Freunde 

2(5 



ewig theuer und unvergesslich machen: Welche rührenden 
Beispiele eines innigen Verwandschafts Verhältnisses und eines 
milden menschenfreundlichen Sinnes finden wir nicht in den 
Schilderungen der heiligen Schrift, die uns ein so liebliches 
Gemälde von einem patriarchalischen Leben entwirft! Ein 
solcher Grad der Bildung äussert sich auch in der Gast- 
freundschaft, einer Tugend, die sich schon bei den ältesten 
uns bekannten Völkern zeigt und getreuer als jede andere uns 
eine milde Gesittung und hohe Menschenwürde vor Augen 
stellt. Ein besonderes Ansehen genoss das Alterj die greisen, 
ehrwürdigen Männer waren die Zierden ihrer FamiUen, die 
Rathgeber der Jugend, die vollziehenden Priester, die Richter 
der Streitendenj ihrem Segen mass man eine wundersame 
Kraft beij ihr Abscheiden w^ar mit einer allgemeinen Trauer 
verbunden, da alle ihren Vater verloren hatten. 

So lag die ganze Gewalt in den Händen der Patriarchen; 
und oft war diese nicht unbedeutend, besonders für jene 
Zeiten, wo fast jede Stadt einen König hatte, der mit den 
umliegenden Ortschaft:en in keinem Frieden leben konnte. 
Dieser Zustand gehört aber nur den ältesten Zeiten anj wenn 
wir von Israel absehen, das sich noch viele Jahrhunderte 
hindurch als eine Gottesherrschaft betrachtete und später 
erst, als die Kraft und Blüthezeit fast vorüber war, Herrscher 
mit fast orientalischer Pracht erwählte, so erhoben sich über- 
all meist schon sehr früh Könige, vorzüglich durch den 
Drang der Umstände hervorgebracht; denn nirgends erscheint 
es nothwendiger, dass sich viele Familien unter den Schutz 
eines bedeutenden Mannes begeben, als wenn Krieg und 
Mord verheerend und auflösend an den Grenzen entbrennen. 
Diese Könige wussten dann ihr Ansehen nicht nur während 
ihrer Regierung zu behaupten, sondern auch auf ihre Nach- 
kommen überzuleiten, so dass das Königthum oft viele Jahr- 
hunderte hindurch auf einem hervorglänzenden Geschlecht 

27 



ruhte. Unter einer solchen Regierung musste sich der Volks- 
geist viel stärker entwickeln, der Glanz ihrer ersten Kriegs- 
thaten feuerte zu neuen Unternehmungen anj die Berührung 
mit fremden Völkern übte einen wohlthätigen Einfluss auf ihre 
Lebensart ausj die Viehzucht blieb nicht ihre einzige Beschäfti- 
gung j der Ackerbau verbreitete sich, ein Beweis, dass der Geist 
nicht nur mit der Sorge für das Gegenwärtige erfüllt war, son- 
dern auch schon denkend und vorausschliessend auf die Zukunft 
zu schauen begann. Die ersten Spuren von Kunst zeigen sichj 
grosse Bauten, weniger durch ihre Schönheit als durch ihre 
riesenmässigen Formen wirkend, werden mit ungeheurer Mühe 
begonnen. Durch irgend etwas Grossartiges sich zu verewigen, 
mag wohl hauptsächlich die Veranlassung zu jenen Riesen- 
werken gewesen sein, die Jahrtausende überdauerten und 
noch jetzt Staunen vor den Kräften der Vorwelt einflössen. 

Wir wissen auch, dass die Musik diesen Völkern schon 
bekannt w^ar und dass sie bald zur Erheiterung, bald zur 
Erweckung wilder Kampflust, bald bei feierlichen Gottes- 
diensten angewandt wurde. 

Wir wissen auch, dass sich aus jenen Zeiten die Ur- 
anfänge der Dichtkunst herschreiben j wena etwas Ueber- 
mächtiges den noch ungeschliflTnen Geist erregte, wenn^^ich 
seine Einbildungskraft höher erhob, da fügte sich seine 
Y Sprache zu dem Rhythmus der Musik. In erhabenen Bil- 

dern und mit gewaltiger Kraft besang er das Lob des all- 
mächtigen Gottes, die Pracht der Natur, die Besiegung des 
stolzen Gegners. Der Mensch begann schon über den Bau 
des Weltalls nachzudenken 5 er erkannte die Bedeutung der 
Gestirne und glaubte einen Einfluss derselben auf sich zu be- 
merken. In die Stellung der Himmelskörper zauberte er wunder- 
same Systeme und Bedeutungen. Und neben vielem Fabelhaften 
machte er auch die wichtigsten Entdeckungen} er benutzte den 
Lauf der Sonne und des Mondes zu sinnreichen Berechnungen. 

28 



Der Handelsverkehr mit anderen Völkern, der bis jetzt 
hauptsächlich auf einem Tausch beruhte, wurde ungemein 
durch den Gebrauch der Metalle gehoben j und wie leicht 
ist es möglich, dass Hirten an dem Fuss erzreicher Gebirge 
zuerst diese glänzenden Steine auffanden, die durch ihre 
Härte und Schönheit bald allgemein Werth und Gültigkeit 
erhielten. Dass Erz und Eisen schon in den ältesten Zeiten 
bekannt waren, lehrt uns die heilige Schrift. Gold und Silber 
mögen erst viel später erfunden sein und trugen mehr zur 
Erweiterung der Kunst und des Wohllebens als zu einem 
praktischen Nutzen bei. 

So hoben sich Wohlstand, Gesittung und Handel immer 
mehrj das Bedürfniss erwachte, durch Aufschreibung die Kunde 
wichtiger Gesetze und Ereignisse für die Nachwelt zu bewahren, 
und den Glanz der gegenwärtigen Zeit zu verewigen. Wir 
stehen an einem Punkte, wo der menschliche Geist die 
wichtigste Erfindung macht, die erfolgreichste That des ganzen 
Alterthums vollbringt. Sobald ein Volk erst eine Schriftsprache 
hat, ist es aufgenommen in die Reihe der weltgeschichtlichen 
Völker und vermag durch Wort und That bedeutungsvoll 
auf den Entwicklungsgang der ganzen Menschheit zu wirken. 

Bis hieher! Was ich noch weiter über den Verfall der 
Kultur bei einzelnen Völkern zu sagen habe, behalte ich mir 
für spätere Zeiten auf. Wenn mir aber jemand in Betreff 
dessen, was ich gesagt habe, vorwerfen sollte, dass ich die 
Schattenseiten jener Völker zu wenig hervorgehoben habe, 
so bitte ich zu bedenken, dass wir uns mit Freude und 
Liebe in jene Entwickelungsperioden zurückversetzt haben, 
von denen sich ein Strom voll Licht und Segen auf alle 
Jahrhunderte ergiesstj nicht aber, um düstre Farben auch 
auf ein Gemälde zu zeichnen, das in lichtem Glänze und 
lebendiger Frische aus allen Zeiträumen hervorleuchtet. 



29 



Deutsche Sangeswonne 

Mag das französische Revier 

Von Säbeln und Kanonen strotzen, 

Das Kaiserreich mit Drachengier 

Auf uns als seine Opfer glotzen, 

Mag es sich richten schon zum Springen: 

Wir singen, singen, singen. 

Mag vom Vesuv sich bis Tirol 

Die unterird'sche Lawa drängen. 

Um Deutschlands Felsen Neides voll 

Im rechten Augenblick zu sprengen j 

Mag schon der Boden rings sich schwingen: 

Wir singen, singen, singen. 

Mag sich in Deutschland selbst der Streit 
Noch in Jahrzehnten nicht entscheiden. 
Ob Einheit oder Einigkeit, 
Und ob vielleicht auch keins von beiden, 
Und will die Kluft uns selbst verschlingen: 
Wir singen, singen, singen. 

i8di. 



30 



i/t 17 



Brief an meinen Freund, in dem ich ihm meinen 
Lieblingsdichter zum Lesen empfehle. 

(Schulaufsatz Oktober i8<$i.) 

Lieber Freund. 

Einige Aeusserungen aus deinem letzten Brief über Höl- 
derlin haben mich sehr überrascht, und ich fühle mich be- 
wogen, für diesen meinen Lieblingsdichter gegen dich in 
die Schranken zu treten. Ich will dir deine harten, ja un- 
gerechten Worte noch einmal vor Augen führen 5 vielleicht, 
dass du schon jetzt eine andre Meinung hegst: „Wie 
Hölderlin dein Lieblingsdichter sein kann, ist mir völlig 
unerklärlich. Auf mich wenigstens haben diese verschwom- 
menen, halbwahnsinnigen Laute eines zerrissenen, gebrochnen 
Gemüthes nur einen traurigen, mitunter abstossenden Ein- 
druck gemacht. Unklares Gerede, mitunter Tollhäusler- 
gedanken, heftige Ausbrüche gegen Deutschland, Vergöt- 
terung der Heidenwelt, bald Naturalismus, bald Pantheismus, 
bald Polytheismus, wirr durcheinander — dies alles ist seinen 
Gedichten aufgeprägt, allerdings in wohlgelungenen, grie- 
chischen Metren." 

In wohlgelungenen, griechischen Metren! Mein Gott! das 
ist dein ganzes Lob? Diese Verse (um nur von der äusseren 
Form zu reden) entquollen dem reinsten, weichsten Gemüth, 
diese Verse, in ihrer Natürlichkeit und Ursprünglichkeit die 
Kunst und Formgewandtheit Platen's verdunkelnd, diese 

31 



Verse, bald im erhabensten Odenschwung einherwogend, 
bald in die zartesten Klänge der Wehmuth sich verlierend, 
diese Verse kannst du mit keinem andern Wort beloben, als 
mit dem schaalen, alltäglichen „wohlgelungen?" Und das ist 
wahrlich nicht die grösste Ungerechtigkeit. Unklares Gerede 
und mitunter Tollhäuslergedanken! Aus diesen schnöden 
Worten leuchtet mir soviel ein, dass du erstens von einem 
abgeschmackten Vorurtheil gegen Hölderlin befangen bist, und 
zweitens vor allem, dass dir die Werke desselben nichts als 
unklare Einbildungen sind, indem du weder seine Gedichte 
noch seine übrigen Erzeugnisse gelesen hast. Ueberhaupt 
scheinst du in dem Glauben zu stehen, als ob er nur Ge- 
dichte geschrieben hätte. So kennst du denn also nicht den 
Empedokles, dieses so bedeutungsvolle dramatische Fragment, 
in dessen schwermüthigen Tönen die Zukunft des unglück- 
lichen Dichters, das Grab eines jahrelangen Irrsinns, hindurch- 
klingt, aber nicht, wie du meinst, in unklarem Gerede, son- 
dern in der reinsten sophokleischen Sprache und in einer 
unendlichen F ülle v on tiefsinnigen Gedanken. Auch den 
Hyperion kennst du nicht, der in der wohlklingenden 
Bewegung seiner Prosa, in der Erhabenheit und Schön- 
heit der darin auftauchenden Gestalten auf mich einen 
ähnlichen Eindruck macht, wie der Wellenschlag des er- 
regten Meeres. In der That, diese Prosa ist Musik, weich 
schmelzende Klänge, von schmerzlichen Dissonanzen unter- 
brochen, endlich verhauchend in düstren, unheimlichen Grab- 
liedern. — 

Aber das Gesagte betraf vornehmlich nur die äussere Form; 
erlaube mir nun noch, einige Worte über die Gedankenfülle 
Hölderlins anzufügen, die du als Verwirrtheit und Unklar- 
heit zu betrachten scheinst. Wenn dein Tadel auch wirklich 
einige Gedichte aus der Zeit seines Irrsinns trifft, und selbst 
in den frühern mitunter der Tiefsinn mit der einbrechenden 

32 



Nacht des Wahnsinns ringt, so sind doch die bei weitem 
zahlreichsten derselben reine, köstliche Perlen unsrer Dicht- 
kunst überhaupt. Ich verweise dich nur auf Gedichte, wie 
„Rückkehr in die Heimath", „Der gefesselte Strom", „Sonnen- 
untergang", „Der blinde Sänger", und führe dir selbst die 
letzten Strophen aus der „Abendphantasie" an, in denen 
sich die tiefste Melancholie und Sehnsucht nach Ruhe aus- 
spricht. 

Am Abendhimmel blühet ein Frühling aufj 
Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint 
Die goldne Weltj o dorthin nehmt mich, 
Purpurne Wolken! und mögen droben 

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! — 
Doch, wie verscheucht von thörichter Bitte, flieht 
Der Zauber. Dunkel wird's, und einsam 
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich. 

Komm du nun, sanfter Schlummer! Zu viel begehrt 
Das Herz, doch endlich, Jugend, verglühst du ja! 
Du ruhelose, träumerische! 
FriedUch und heiter ist dann mein Alter. 

In anderen Gedichten, wie besonders in dem „Andenken" 
und der „Wanderung", erhebt uns der Dichter zur höchsten 
Idealität, und wir fühlen mit ihm, dass diese sein heimath- 
liches Element war. Endlich ist noch eine ganze Reihe von 
Gedichten bemerkenswerth, in denen er den Deutschen 
bittre Wahrheiten sagt, die leider nur oft allzu begründet 
sind. Auch im Hyperion schleudert er scharfe und schnei- 
dende Worte gegen das deutsche „Barbarenthum". Dennoch 
ist dieser Abscheu vor der Wirklichkeit mit der grössten 

3 Nietzsche I 33 



Vaterlandsliebe vereinbar, die Hölderlin auch wirklich in 
hohem Grade besass. Aber er hasste in dem Deutschen den 
blossen Fachmenschen, den Philister. — 

In dem nicht vollendeten Trauerspiel „Empedokles" ent- 
faltet uns der Dichter seine eigne Natur. Empedokles' Tod 
ist ein Tod aus Götterstolz, aus Menschenverachtung, aus 
Erdensattheit und Pantheismus. Das ganze Werk hat mich 
immer beim Lesen ganz besonders erschüttert^ es lebt eine 
göttliche Hoheit in diesem Empedokles. Im Hyperion liin- 
gegen, ob er gleich von verklärendem Schimmer umflossen 
scheint, ist alles unbefriedigt und unerfüllt^ die Gestalten, 
die der Dichter hervorzaubert, sind „Luftbilder, die in Tönen, 
Heimweh weckend, uns umklingen, uns entzücken, aber auch 
unbefriedigte Sehnsucht erwecken." Nirgends aber auch 
offenbart sich die Sehnsucht nach Griechenland in reineren 
Klängen, als hierj nirgends auch tritt die Seelenverwandt- 
schaft Hölderhns mit Schiller und Hegel, seinem vertrauten 
Freund, deutlicher hervor. 

Nur zu wenig habe ich bis jetzt berühren können, aber 
ich muss es dir, lieber Freund, überlassen, aus den angedeu- 
teten Zügen ein Bild des unglücklichen Dichters dir zusammen- . 
zustellen. Dass ich dir die Vorwürfe, die du ihm wegen 
seiner widersprechenden Rehgionsansichten machst, nicht 
widerlege, musst du meiner allzu geringen Kenntniss der 
Philosophie zuschreiben, die ein näheres Betrachten jener 
Erscheinung im hohen Masse erfordert. Vielleicht unter- 
ziehst du dich einmal der Mühe, näher auf diesen Punkt 
einzugehn und durch die Beleuchtung desselben etwas 
Licht auf die Ursachen seiner Geisteszerrüttung zu werfen, 
die allerdings schwerlich hierin ihre einzigen Wurzeln 
haben. 

Du verzeihst mir gewiss, wenn ich mich in meiner Be- 
geisterung mitunter zu harter Worte gegen dich bedient 

34 



habej ich wünsche nur — und das betrachte als den Zweck 
mehies Briefes — , dass du durch denselben zu einer Kenntniss- 
nahme und vorurtheilsfreien Würdigung jenes Dichters be- 
wogen würdest, den die Mehrzahl seines Volkes kaum dem 
Namen nach kennt. 

Dein Freund 

F. W. Nietzsche. 



35 



Herbst. 

Herbstnebel rings j in grauen Duft 

Zerronnen 
Gleiten der Berge Gespenster vorüber. 
Rotäugig neigt die Sonne 
Trübe das Haupt und immer trüber 
Steigt sie in die Wogengruft. 

Herbstnebel rings ; in feuchtem Duft 

Nachtschaurig 
Flattert das Laub, das lebensmüde. 
Sommerlustig, herbsttraurig 
Ziehn die Vögel durch die Luft. 

Herbstnebel rings ; die Eule ruft, 

Beklommen 
Rauschen die Tannen, stöhnen die Eichen. 
In Nacht verschwommen 
Zittern die Nebelgestalten, die bleichen, 

Um Grab und Gruft. 

i8öi. 



^6 



üeber die dramatischen Dichtungen Byrons. 

(Germania -Vortrag Dezember i8<$i.) 

Der Hauptreiz der Byronschen Dichtungen besteht in dem 
Bewusstsein, dass in ihnen die eigne Gefühls- und Gedanken- 
welt des Lords uns entgegentritt, nicht in ruhiger, gold- 
klarer Fassung goethischer Poesie, sondern in dem Sturm- 
drang eines Feuergeistes, eines Vulkanes, der bald glühende > 
Lava verheerend einherwälzt, bald, das Haupt umdüstert von 
Rauchwirbeln, in dumpfer, unbeimücher Ruhe auf die blühen- 
den Gefilde herniederschaut, die seinen Fuss umkränzen. 
Die unglückliche Poesie des Weltschmerzes nimmt in Byron f 
ihren Ursprung und ihre genialste Entfaltung j und gerade 
darin, dass sich uns der Dichter in jedem Charakter, den er 
zeichnet, selbst vorführt, ohne jedoch in den Fehler grenzen- 
loser Einseitigkeit zu verfallen — denn Byron verstand es, 
alles Hohe und Edle, die zartesten und erhabensten Gefühle, 
in der grossartigen Universalität seines Geistes zu erfassen 
— gerade darin ruht der Zauber, der uns eine begeisterte 
Hinneigung zu ihm und seinen Dichtungen fühlen lässt. 
Wenn nun vornehmlich in Ritter Harolds Pilgerfahrt und 
in dem grenzenlos genialen Don Juan uns des Dichters 
eigenstes Wesen entgegentritt, besonders in dem letzteren 
Werk, das, wie Goethe sagt, menschenfeindHcb bis zur ,X 
herbsten Grausamkeit, menschenfreundUch, in die Tiefen 
süssester Neigung sich versenkend, wir dankbar geniessen 

37 



müssen, wie es uns Byron mit übermässiger Freiheit, ja mit 
Frechheit vorzuführen wagt, so sind doch auch seine übrigen 
kleineren, epischen Dichtungen herrliche Perlen der Poesie 
überhaupt, in dem wundervollsten Farbenglanz strahlend. 
Aber weder auf diese, noch auf die hebräischen Melodien, 
jene unendlich zarten, wehmüthigen Klänge der reinsten 
Lyrik will ich eure Aufmerksamkeit lenken; seine drama- 
tischen Werke, im höchsten Grade eigenthümlich durch die 
masslose Subjektivität des Dichters, sollen heute der Vorwurf 
meiner Abhandlung sein. 

Das erste seiner Trauerspiele ist der in der Schweiz 
und am Rhein begonnene Manfred, in dramatischer Be- 
ziehung ein Ungethüm, man möchte sagen, der Monolog 
eines Sterbenden, in den tiefsten Fragen und Problemen 
wühlend, er^ütternd durch die furchtbare Erhabenheit dieses 
geisterbeherrschenden Uebermenschen, entzückend durch die 
^ prachtvolle, wunderbar schöne Diktion, aber undramatisch 
im höchsten Grad. Seine Mussezeit in Ravenna im Januar 
1820 benutzte Byron zur Produktion seines Marino Faliero, 
den er am 4. April begann und am 16. Juni beendigte. Der 
Einfluss dieses Jahres, des glücklichsten seines Lebens, das er 
mit der Gräfin Therese von Gamba verlebte, lässt sich deut- 
lich an dieser Dichtung erkennen, besonders in den bezau- 
bernden Schilderungen venetianischer Nächte, in der fein 
gezeichneten Gestalt der Angiolina, deren Urbild jene schöne 
geistreiche Gräfin zu sein scheint, dann in dem kühnen, 
grossartigen Charakter des Marino Faliero, wenn auch gerade 
in diesem des Dichters eigne Persönlichkeit mit ihrer un- 
gestümen Freiheitsliebe, ihrer südländischen Reizbarkeit und 
Leidenschaft wieder deutlich hervortritt. Das Dramatische ist 
immer noch höchst unbeholfen; das Anhalten an französische 
Einheit des Ortes und der Zeit verleitet den Dichter zu 
MissgrifFen, besonders zu einem höchst weitschweifigen Dialog, 

38 



dann auch zu breiter Ausführung lyrischer Stellen, die 
allerdings zu dem Entzückendsten gehören, was je geschrieben 
worden ist. 

Byron, nicht ohne Theilnahme für die revolutionären 
Regungen, die damals Italien durchzuckten, entschloss sich 
endlich mit der Gräfin nach Ankona zu gehen, während er 
seine Tochter AUegra zur besseren Erziehung in ein Kloster 
that. Von dort sandte er Ende Mai 182 1 sein beendigtes 
Trauerspiel Sardanapal nach London ab, das dem berühmten 
Goethe gewidmet war, als Huldigung eines üterarischen 
Vasallen dem Lehnsherrn dargebracht, dem ersten aller jetzt 
lebenden Autoren, der die Literatur seines Vaterlandes ge- 
schaffen und die von Europa erleuchtet hat. Auf dieses Pro- 
dukt, ausgezeichnet durch die herrliche Frauengestalt der 
Myrrha, der Jonierin, folgten endlich die beiden Foskari, das 
Trauerspiel, bei dem ich jetzt länger zu verweilen gedenke; 
es wurde am 11. Juni 1821 begonnen und schon am 10. Juli 
desselben Jahres beendet. 

Die Feindschaft zweier venetianischer Patrizierfamilien, der 
Foskari und der Loredano bildet den Hintergrund der Dich- 
tung; Jakob Loredano, ein stolzer, ehrsüchtiger Charakter, 
entflammt von Todhass gegen die Foskari, da er glaubt, dass 
sein Vater und Oheim von jenen durch Gift aus dem Wege 
geräumt seien, verklagt den Jakopo Foskari, den Sohn des 
Dogen Francesco Foskari, dass er den vorigen Dogen Erizzo 
vergiftet habe. Trotzdem dass der Angeklagte durch die 
furchtbarsten Martern zu keinem Geständniss gebracht wird, 
trotzdem dass der wirkliche Mörder auf dem Todbett seine 
Unthat beichtet, wird er in die Verbannung nach Kandia 
gesandt. Der unglückliche Verbannte, der sich auf fremdem 
Boden, in Einsamkeit, vor Liebe zu seinem Vaterlande ver- 
zehrt, schreibt endlich, nur um wieder in seine Heimath zu 
kommen, einen Brief verrätherischen Inhalts an den Herzog 

39 



von Mailand, der auch, wie er beabsichtigt hat, aufgefangen 
wird. Zurückgeschleppt, in die Bleikammern geworfen, vor 
den Rath der Zehn geführt, entsetzlich gemartert, dann wie- 
der geheilt und von neuem gefoltert, immer in Gegenwart 
des Vaters, — das ist ein fürchterlicher Triumph für Lore- 
dano. Vor einem solchen Verhör treffen sich in der ersten 
Scene des Stückes Loredano und Barbarigo, gleichfalls ein 
Richter und ein Freund der Foskari. Während der Erstere 
immer zur Beschleunigung des Verhörs und der Folter an- 
treibt, sucht der zweite ihn mitleidig zu stimmen, damit der 
Angeklagte sich erst wieder von der gestrigen Qual erhole. 
Aber der eisigen Rache des Loredano sind diese Ermahnungen 
und Bitten nur ein neuer Stachel. Diese Scene ist für die 
Auffassung dieser beiden Patrizier zu wichtig, um nicht eine 
Stelle daraus anzuführen. 

Barbarigo. 

Ihr Loredano, 
Geht allzuweit in dem ererbten Hass. 

Loredano. 
Wie weit? 

Barbarigo. 
Bis zur Vernichtung. 

Loredano. 

Sind sie erst 
Vertilgt, dann saget so. — Kommt in den Rath. 

Barbarigo. 

Verzeiht, die Zahl der Herrn ist noch nicht voll 5 
Zwei fehlen, eh' die Sitzung wird eröffnet. 

40 



Loredano. 
Der Oberrichter auch, der Doge? 

Barbarigo. 

Nein — 
Er ist mit mehr als Römer-Stärke stets 
Der Erst' im Rath bei diesem trüben Handel 
Um seinen letzten, einzigen Sohn. 

Loredano. 

Wie wahr! 
Sein letzter. 

Barbarigo. 
Rührt Euch nichts? 

Loredano. 

Glaubt Ihr, qv fühlt} 

Barbarigo. 
Er zeigt es nicht. 

Loredano. 
Das merkt' ich wohl — der Wicht! 

Barbarigo. 
Doch gestern, hör ich, fiel der alte Mann, 
Als er auf seine Zimmer sich begab. 
Noch auf der Schwell' in Ohnmacht. 

Loredano. 

Wohl, schon wirkt's! 
Barbarigo. 
Das Werk ist Euer halb. 

Loredano. 

War' ganz es mein — 
Mein Vater und mein Oheim sind nicht mehr. 



41 



Barbarigo. 

Ich las auf ihrem Grabmal, dass an Gift 

Sie starben. 

Loredano. 

Als der Doge sprach, er könne 
Sich nicht als Herrn ansehen vor dem Tode, 
Des Peter Loredano: siechten beide 
Die Brüder schnell dahin: — nun ist er Herr! 

Barbarigo. 
Und mitleidswerth! 

Loredano. 

Was sollt' er sein, der Waisen 

Gemacht? 

Barbarigo. 

Macht Euch der Doge dazu? 

Loredano. 

Ja. 

Barbarigo. 

Doch der Beweis? 

Loredano. 

Betreiben Fürsten heimlich 
Ihr Werk, dann werden schwierig die Beweise 
Wie der Processj doch erstrer hab' ich solche. 
Die letztern wohl unnöthig machen werden. 

Barbarigo. 

Doch geht Ihr nach dem Recht? 

Loredano. 

Nach all den Rechten, 
Die er uns hess. 

Barbarigo. 

Die sind in unserm Staate 
So, dass sie die Vergeltung leichter machen, 

42 



Als unter andern Völkern. — Ist es wahr, 
Dass in den Büchern Eurer Handlung (diese 
Bereichert unsern höchsten Adel) steht: 
„Mir schuldet Doge Foskari noch wegen 
Des Marco und Pietro Loredano, 
Des Oheims und des Vaters Tod?" 

Loredano. 

So ist's. 

Barbarigo. 
Und streicht Ihr dies nicht aus? 

Loredano. 

Sobald's bezahlt. 

Endlich wird Jakopo wieder verbannt, aber er stirbt im 
Augenblick, da er aus den Armen seines Vaters und seiner 
Gattin zur Galeere geschleppt werden soll, die ihn nach 
Kandia getragen hätte. Und der unmenschliche Loredano 
überbringt nach diesem erschütternden Ereigniss dem Dogen 
seine Absetzungsurkunde. Der alte Mann, niedergeschmettert 
durch den gewaltigen Ton der S. Marcusglocke, die die 
Wahl seines Nachfolgers verkündet, sinkt nieder und stirbt, 
um die entsetzliche Rache Loredanos zu befriedigen. — 

Wenn wir nun jetzt diese Dichtungen uns vergleichungs- 
weise vorführen wollen, so dürfen wir, um nicht in's Mass- 
lose zu fallen, gewisse Gesichtspunkte nicht aus den Augen 
verheren, von denen aus wir an eine Zusammenstellung 
dieser Trauerspiele gehen können. 

Zuerst also kann man nicht leugnen, dass Byron kein 
Meister der Charakteristik ist. Es giebt im Allgemeinen für 
ihn nur einen einzigen Charakter, den er völlig und er- 
schöpfend zu zeichnen versteht: und das ist sein eigner. 
Alle andern Charaktere sind, so zu sagen, Theile seines 

43 



eignen Charakters, eine Erscheinung, auf die wir dann naher 
eingehen wollen. Ebenso muss man zugeben, dass Byron 
überhaupt kein Dramatiker war, indem seine Subjektivität die 
plastische Gestaltung zu dramatischer Einheit und Objek- 
tivität verhinderte. Auch sein Ideenkreis trotz seiner un- 
endhch scheinenden Gedankenfülle und Geistesblitze ist nur 
ein auf sein eigenstes Wesen beschränkter, relativ natürlich 
bei der Genialität seiner Weltanschauung ein von den 
weitesten Grenzen umsponnener. Aus denselben Quellen 
lässt sich seine wechselnde Diktion erklären, die gewisser- 
massen vöüig die Sklavin seiner Gefühle ist. Wenn man 
überhaupt behaupten kann, dass kein Dichter je in sol- 
chem Grade subjektiv gewesen ist, wie Byron, gewinnt 
man die vier Gesichtspunkte, von denen aus wir seine dra- 
matischen Dichtungen betrachten wollen, und zwar zuerst 
in Bezug auf die Charakteristik, dann auf das dramatische 
Element, dann in Bezug auf die Ideenfülle und endhch in 
Bezug auf die Sprache. 

Haben wir vorhin gesagt, dass Byron nur seinen eigenen 
Charakter zu zeichnen verstand, so klingt dies paradoxer als 
es ist. In den vier Charakteren Manfred, Marino Faliero, 
Jacopo Foskari und Sardanapal tritt uns trotz der scheinbar 
bedeutenden Verschiedenheit immer Derselbe entgegen, näm- 
lich Byron selbst in der Vielseitigkeit seines umfassenden 
Geistes. Während Manfred seine düsteren Grundzüge, seine 
höhnende Resignation, seine übermenschliche Verzweiflung 
hervorhebt, während Sardanapal seine sinnliche Natur mit 
den grellsten Farben ins Licht stellt, lodert uns in Marino 
Faliero sein glühender Freiheitsstrom entgegen, daneben aber 
auch die südliche Gluth seiner Affekte j als Jacopo Foskari 
malt er uns seine eigene Begeisterung für Venedig, seine 
edelste VaterlandsHebe. Und sind dies nicht die Grundtöne 
seines ganzen Wesens, die er uns wie ein Beichtbekenntniss 

44 



mit höhnender Weltverachtung und göttlichem Selbstbewusst- 
sein entgegenschleudert? Indessen fehlen doch noch zu 
diesem Bilde einige Züge, seine fast weibliche Zartheit der 
Empfindung und Feinheit im Erfassen edler weiblicher Cha- 
raktere, Gaben, die besonders in den wundervollen Frauen- 
gestalten, Myrrha, Angiolina und Marina hervorleuchten. 
Wenn man bedenkt, dass Byron frei von aller Religiosität, 
ja überhaupt von allem Gottesglauben ist, unbeständig in 
der Liebe, sinnliche Genüsse im Uebermasse schöpfend, 
wenn man diese ewigweiblichen Frauen betrachtet, von 
seiner Meisterhand mit den feinsten Grenzen umzeichnet, 
so muss man wahrhaftig die überaus grosse Genialität seines 
Geistes anstaunen. Und gerade der Umstand, dass wir die 
Vielseitigkeit seines Charakters bis in die tiefsten Tiefen 
seiner Seele kennen lernen, ersetzt uns die ungemeinen 
dramatischen Mängel, die seinen Dichtungen anhaften. Indem 
Byron die französische Einheit des Ortes und der Zeit 
verfolgt, und dadurch z. B. Verschwörungen an demselben 
Tage entstehen, sich ausbreiten und ausbrechen lässt, in- 
dem Byron sich sogar ausdrücklich gegen die Aufführung 
seiner Stücke verwahrt, gesteht er dadurch selbst die Un- 
zulänglichkeit seines Systems zu. Die sonderbarste Aus- 
geburt seines Hirns ist jedenfalls der Manfred, der in jeder 
Beziehung die Grenzen des Gewöhnlichen überschreitet 
und beinahe ein übermenschliches Werk zu nennen ist. Am 
meisten noch ist sein letztes Werk gelungen, die beiden 
Foskarij aber dennoch ist dies Drama trotz aller Einheit in 
sich zerrissen, es mangelt das stete gleichmässige Drängen 
zur Entwicklung, die Handlung geht vielmehr sprungweise 
vorwärts und zerfällt in sich selbst. Es ist eigenthche 
Dramatisirung der Geschichte mit allen Unregelmässigkeiten 
einer planlosen Erzählung. 
Das Grossartigste und zugleich Anziehendste ist Byrons 

45 



Ideenfülle in seinen Dramen, besonders in seinem Manfred, 
in dem der Sturmgang seiner Gedanken alles andre über- 
wiegt und alles Interesse an sich reisst. Es giebt in der 
That kein ideenreicheres Werk, das in solchem Grade trotz 
seiner dramatischen Mängel, trotzdem dass es eigentlich eine 
Gedankenanhäufung der Verzweiflung ist, den Leser mit 
Zaubergewalt bannt und in den Zustand der tiefsten Melan- 
cholie versetzen kann. Wenn in den folgenden Stücken 
die Ideenübermacht weniger hervortritt, wie besonders in 
den Foskari, so ist hierin ein dramatischer Fortschritt Byrons 
zu erkennen. Aber auch in diesem Trauerspiel bricht die 
düstere Weltanschauung Byrons in einem Monolog des 
Dogen hindurch, den ich mir vorzulesen, erlaube, da er 
wichtig für die Auffassung seines Charakters ist. 

[Das ist ein Räthsel.] 

Doge. 

Wie Alles für den Sterblichen j wer liest's. 

Als er, der schuf? Und können sie's, die wenigen 

Begabten Geister, welche lang studirt 

Das schwere Buch, den Menschen, und durchschaut 

Die schwarzen, blut'gen Blätter, Herz und Hirn, 

So lernen sie nur einen Zauber, der 

Sie selbst verfolgt: und jede Sünde, die 

Wir sehn an Andern, wird zu unsrer eignen j 

Air unsre Tugend hängt vom Glück nur ab; 

Es schenkt Geburt, Gesundheit, Reichthum, Schönheit. 

Und schelten wir das Schicksal, sollten wir 

Bedenken, dass das Glück nichts nehmen kann, 

Als was es gab — Was übrig ist, ist Nacktheit, 

Begierden, Lüste nur und Eitelkeiten, 

Das Erbtheil Aller, womit jeder kämpft 

4Ö 



So gut er kann — im niedrigsten Beruf, 

Wo Hunger alles Uebrige verschlingt, 

Am mind'sten, denn der Ursprung, dass der Mensch 

Im Schweiss sich nähre, scheucht die Leidenschaften, 

Bis auf die Furcht vor Hunger! Alles ist 

Verächtlich, eitel — Thon das erst' und letzte. 

Der Fürsten Urne, wie des Töpfers Napf. 

Der Menschen Ruhm ist Hauch, und unser Leben 

Noch w^enigerj das Dasein bilden Tage, 

Die Tage Monden, und das ganze Sein 

Etwas, was nicht wir seiht — So sind wir Sklaven, 

Der Grösste, wie der Kleinste — nichts beruht 

Auf unserm Willen, und der Wille hängt 

Nicht minder ab vom Strohhalm wie vom Sturm, 

Und glauben wir zu führen, führt man uns, 

Und immer zu dem Tod, ein Ding das kommt 

Ohn' unsern Willen, wie Geburt, auch scheint's. 

Wir sündigten in einer altern Welt, 

Und Höll' ist hier: am besten ist, dass sie 

Nicht ewig. — 

Wenn ich nun schliesslich noch auf die Sprachgewalt 
Byrons übergehe, auf den Zauber seiner Schilderungen und 
wunderbaren Malerei der Worte, so glaube ich meine Ab- 
handlung nicht besser schliessen zu können, als mit Vor- 
lesung weniger Stellen, die ich zu den schönsten Byron'schen 
Dichtungen rechne. 

Monolog des Lioni aus Marino Faliero: 

Lioni. 
Ich will zur Ruh, recht müde von dem Fest, 
Dem fröhhchsten, das man seit Monden sah, 
Und doch ward ich, weiss nicht warum, nicht frohj 
Es kam solch eine Last mir auf das Herz, 

47 



Die in des Tanzes leichtester Bewegung 
Und Aug' in Aug', und Hand in Hand vereint 
Der Dame meiner Liebe, schwer mich drückte, 
Und mir das Blut erstarrte, bis die Stirn 
Sich mir benetzte wie von Todesschweiss. 
Ich kämpft', es wegzulachen, doch umsonst. 
Durch die Musik, die mir das Ohr umbrauste, 
Klang einer Glocke Schall so klar und deutlich, — 
Zwar leis und fern, — wie Wogen Adria's 
Der Stadt Gesumme nächtlich übertäubten, 
Wenn sie das äuss're Bollwerk Lido's schlugen: — 
So dass vom Fest ich schied, eh's den Zenith 
Erreicht, — in meinem Kissen nun zu suchen 
Beruhigung, wo nicht Vergessenheit .... 

Ich will versuchen, 
Ob nicht die Luft beruhigt meinen Geist 5 
Die Nacht ist schön; der wolk'ge Wind, von Osten 
Herwehend, kroch zurück in seine Höhle, 
Und hell erglänzt der Vollmond. Welche Stille! 

(Er tritt an ein offenes Fenster.) 
Wie anders, als die Scene, die ich mied. 
Wo hoher Kerzen Strahl, der Silberlampen 
Verblasster Schein entlang der Teppichwände, 
Das scheue Dunkel, welches in den weiten 
Und trüb vergitterten Gemächern wohnt. 
Mit einem Lichtmeer künstUch überströmt. 
Das Alles sichtbar macht, jedoch verstellt. 
Dort trat das Alter, — im Bemühn Vergangnes 
Sich zu erneun, nach langem Kampf am Putztisch, 
Sich mühsam Jugendfrische zu erringen, 
Nach manchem Bück in den zu treuen Spiegel, — 
Prunkvoll einher in allem Stolz des Schmucks, 



48 



i 



Vergass sich selbst, und, trauend auf die Falschheit 

Nachsicht'gen Lichts, das zeigt und doch versteckt, 

Glaubt's auch vergessen sich und ward zum Spott. 

Die Jugend, nicht bedürftig eitler Hilfe, 

Vergeudete die echte Blut' und Schönheit 

Im widrigen Gedränge taumelnder 

Und wilder Zecher, und verschwendete 

Die Zeit der Ruh', im Wahne, dies sei Lust, — 

So treibt sie's fort, bis Sonnenaufgang strahlt 

Auf bleichen Wangen, matte Blicke, die 

Noch manches Jahr nicht so erscheinen sollten. — 

Musik, Banket und Wein — die Rosendüfte 

Und Blumen und Guirlanden, Flammenaugen 

Und Strahlenschmuck, die weissen Arme, wie 

Das Rabenhaar — die Flechten und die Spangen — 

Die Schwanenbusenj und das Halsband, selbst 

Ein Indien werth, und minder blendend doch 

Als das, was es umschlossj Gewänder, dünn. 

Wie Nebel schwimmend zwischen Aug' und Himmel 5 

Behende Füsschen, klein und sylphenartig. 

Die das geheim're Gleichmass ahnen lassen 

Der schönen Formen, die so reizend enden — 

Die ganze Täuschung dieser trunknen Scene, 

Ihr wahr- und falscher Reiz — Natur und Kunst, 

Die vor dem trunknen Auge schwammen, das 

Der Schönheit Anblick trank, so wie der Wandrer 

Das Trugbild lechzend in Arabiens Sand, 

Das helle Seen dem durstigen Blicke zeigt — 

Sie sind dahin — um mich nur Stern' und Wasser — 

Und Wolken sich im Meere spiegelnd — schöner 

Als Kerzen, die ein buntes Glas zurückwirft j 

Das Element (das für den Raum ist, was 

Das Meer der Erde) wölbt die blauen Tiefen, 

4 Nietzsche I 4P 



Durchsäuselt von des Frühlings erstem Hauchj 

Der hohe Mond wallt seine schöne Bahn, 

Rein strahlend auf die hohen Mauern jener 

Erhabnen, meerumgürteten Paläste, 

Wo Porphyrsäulen, prächtige Fa9aden 

Geschmückt mit morgenländischen Marmorbildern, 

Altären gleich, längs dem Canal sich reihn, 

Und wie Trophäen grosser Thaten scheinen. 

Der Fluth entstiegen, fast so wunderbar 

Als jene grössern, räthselhaftern Riesen 

Der Baukunst, jene Werke von Titanen, 

Die in Aegypten jene Zeiten künden. 

Die sonst verlöscht. — Es ist so still, nichts stört 

Die Ruh, und wer noch wandelt, schleicht dahin. 

Gleich einem Geist, um nicht die Nacht zu weckenj 

Fern schallt Guitarrenklang von schlummerlosen 

Verehrern, dargebracht der wachen Herrin, 

Und leises Fensteröffnen, das ihm zeigt. 

Er sei gehört, indess die junge Hand, 

Schön wie das Mondlicht, dessen Theil sie scheint. 

So zart und weiss, (sie zittert im Begriff 

Zu öffnen das verbot'ne Fenster, um 

Die Liebe durch Musik hereinzulassen,) 

Sein Herz den Saiten gleich erbeben machtj 

Der Ruder Phosphorglanz, und rascher Schimmer 

Der fernen Lichter auf den flinken Gondeln j 

Der wechselweise Chorgesang der Schiffer, 

Die Vers um Vers im Liede sich erwidern j 

Ein dunkler Schatten, den Rialto hüllend j 

Ein schimmernd Dach auf Thürmen und Palästen — 

Dies sieht und hört man nur in dieser Stadt, 

Der meergebornen Erdgebieterin! — 

Wie süss und mild ist diese Ruhestunde! 



50 



Dank dir, o Nacht! denn du hast mir verscheucht 

Das Ahnungsgrauen, das ich im Gedräng 

Zu bannen nicht vermochte: — mit dem Segen, 

Den gütig und beruhigend du leihst. 

Geh' ich zur Ruh, obwohl der Schlummer fast 

Zu tadein ist in einer solchen Nacht — ^ 



^) Die aus Manfred, den Foskari und Sardanapal vorgelesenen Stellen 
können nicht angeführt werden, da sie in der Handschrift nur mit Seiten- 
zahlen bezeichnet sind und es sich bis jetzt nicht hat feststellen lassen, 
welche Byron-Ausgabe Nietzsche für den Vortrag benutzt hat. 



4* 



Napoleon IIL als Praesident. 

(Germania -Vortrag Januar i8($2.) 

Dass das Genie von andern und höhern Gesetzen abhängig 
ist, als der gewöhnhche Mensch, von Gesetzen, die oft den 
allgemeinen Grundsätzen von Moral und Recht zu wider- 
sprechen scheinen, im Grunde aber doch dieselben sind, 
wenn auch unter den weitesten Gesichtspunkten aufgefasst, 
das ist eine Erscheinung, die das Endghed einer Kette bildet. 
In gleicher Weise nämlich, wie das Genie den Gipfelpunkt 
natürlicher und geistiger Harmonie bildet, von wo aus die 
Begabung des Menschen bis zu der beinahe thierischen Roh- 
heit wilder Völker herabsinkt, in gleicher Weise ist dieser 
scheinbare Widerspruch der Geniegrundsätze mit den all- 
gemeinen nur der äusserste Punkt einer allmählichen Er- 
weiterung, parallel fortlaufend mit den Fortschritten geistiger 
Entwicklung des Menschen. Diese ganze Wahrnehmung 
beruht wieder auf einem allgemeinen Grundsatz: dass näm- 
lich alles, was dem Menschen entgegentritt, nur unter dem 
Gesichtspunkt seiner geistigen Begabung aufgefasst werden 
kann. So ist alles für den Menschen eigentlich nur Schein j 
etwas natürlich muss Wahrheit seinj die Erkenntniss dessen 
ist für uns nur Wahrscheinlichkeit. — 

Auf jener zuerst ausgesprochenen Wahrnehmung wurzelt 
auch die Rechtfertigung jenes Satzes, dass das Ansichreissen 
einer Staatsregierung, die bisher in unwürdigen Händen war 
unter der Bürgschaft eines Herrschergenies und mit dem 

52 



Zwecke des Volksglückes, untadelhaft sei. An dem Erfolg 
erkennt man das Genie j denn es trägt eine verbürgende 
Gewährleistung für den glücklichen Erfolg in sich. Der ein- 
geschlagne Weg giebt nur Zeugniss für einen feinen Geist. 
Die Hauptbedingung ist das Eingehen auf den Volkswillen } 
auf das Volk ist ja jede Regierung, wenn sie nicht den Keim 
des Verderbens in sich tragen soll, zurückzuführen. Der Wille 
des Volkes macht den Herrscher} das Urbild eines freien 
Staates ist deshalb eine vom Volk bestimmte Praesidentur in 
der Mitte von Volksvertretungen. Ohne den Willen des 
Volkes ist eine Herrschaft unsicher und der Rache des er- 
wachenden Volksgeistes ausgesetzt. Da nun das Volk in sich 
grosse Mässigung trägt und sehr von der Gewalt des All- 
täglichen, Legitimen abhängt, da es dann abergläubische Vor- 
urtheile, wie Bedeutung einzelner Namen und Tage, mit 
ganz unvertilgbarer Sicherheit trägt, so ist ein Emporkömm- 
ling allen diesen Bedingungen zu genügen verpflichtet. Sehen 
wir nun einen Napoleon III., wie er, zuerst als unfähig ver- 
höhnt, mit sicherm, eisenfestem Schritte von einer Würde 
zur andern steigt, immer höhere Stafl^eln der Macht erklimmt, 
mit so heitrer Gewissheit eines glücklichen Erfolgs und so 
unglaublicher Mässigung vorschreitet, dass seine kühnsten 
Staatsstreiche wie der Wille der ganzen Nation erscheinen, 
wenn wir endlich sehen, wie er am Ziel seiner Bestrebungen 
auch wirklich den Erwartungen entspricht, die man an sein 
Aufsteigen knüpfte, sein Volk glücklich und wohlhabend, 
sein Heer ruhmreich macht und Frankreich zu einer einzigen 
Stellung im Völkercomplex erhebt, müssen wir diesem Manne 
nicht mit vollem Recht ein Herrschergenie zugestehn, so viel 
auch germanischer Frankenhass in ihm nur einen schlauen 
Hund erkennen will? — 

Es sei mir erlaubt, die wichtigste Periode aus dem Leben dieses 
Mannes, seine Praesidentur, mit kurzen Zügen zu zeichnen. — 

53 



Napoleon war in London. Von dort überschaute er die 
letzten Ereignisse und ihre Folgen: den Sieg Cavaignacs über 
die Socialisten und damit den Sieg des monarchischen Princips 
über die Republik, die Sehnsucht aller höhern Stände nach 
einer endlichen Ruhe, die gegenseitigen Verfeindungen und 
Anfechtungen der Häupter der Republik Blanqui, Louis Blanc, 
Ledru-Rollin, ihren selbstveranlassten Sturz, das allmähliche 
Zurücktreten Cavaignacs und Lamartines, endlich Thiers und 
andrer Intriguanten Bemühungen, in den Vordergrund der 
Ereignisse zu treten. Von fünf Departements in die Volks- 
versammlung gewählt, erschien er in Paris und trat mit einer 
kurzen Ansprache auf, ein Spott beinahe sämmtlicher Zeitungen, 
die ihn als ganz unfähig und beschränkt schilderten, eine 
Hoffnung der Armen, der Bauernschaft Frankreichs, die an 
seinen Namen die kühnsten Erwartungen knüpften. Der Ver- 
fassungsentwurf ist beendet: ein sehr abhängiger Praesident 
solle an der Spitze der Regierung stehen. Napoleons Kan- 
didatur, von dem Abgeordneten Thomas am 25. Okt. an- 
gefochten, wird von ihm mit den schönen Worten am fol- 
genden Tage vertheidigt: „Frankreich sieht in meinem Namen 
eine Bürgschaft für die Befestigung der Gesellschaft. Was 
thut mehr Noth als eine Regierung, welche die Uebel nicht 
mehr auf die Seite schiebt, sondern sie heilt? Man legt mir 
Schlingen: aber ich werde sie vermeiden und die Achtung 
dieser hochherzigen Nation erwerben." Schon traten zu 
seinem Anhange, wenngleich aus nichtswürdigen Gründen, 
die mächtige Intriguantenpartei aus der Zeit Ludwig Philipps, 
Thiers an der Spitze 5 auch viele Generäle wie Bugeaud und 
Girardin schlössen sich ihm aus Neid und Eifersucht gegen 
Cavaignac an. Auch der Kirche versäumte er nicht sich 
durch einen Brief verbindlich zu machen, ein Umstand, der 
Cavaignac Besorgnisse erregte. Diese waren begründet. Am 
10. Dez. sprangen für Napoleon etwa 5470000 Stimmen aus 

54 



den Wahlurnen. Die Massregeln des neuen Praesidenten, seine 
Ministerwahl, die Unterdrückung der Klubs, theilweise Auf- 
lösung der Mobilgarde, die Sendung des Marschall Oudinot, 
um den vertriebenen Papst wieder in Rom einzuführen, die 
Begegnung der persönlichen Angriffe Ledru-Rollins, die 
schnelle Beseitigung einer von der neuen gesetzgebenden 
Versammlung veranlassten Unruhe der Nationalgarde, die 
Unterdrückung der republikanischen Presse, endlich Rund- 
reisen in Ham, Tours, Angers, Rouen, alles Zeugnisse für 
einen feinen, vorsichtigen und massvollen Geist, vermehrten 
seine Macht, sicherten seine Unabhängigkeit von der wan- 
delnden Leiche der gesetzgebenden Versammlung und zogen 
ihm den Anhang der Jüngern und altern Orleanisten zu. 
Das Zutrauen und die Treue des Heeres steigerten auch 
seine ungeheuren Militärbankette, die er ähnlich wie Caesar, 
aus dem bedeutenden Gehalt von iidoooo Fr. bestritt. Neue 
Reisen Hessen ihn schon die wachsende Ruhe und Wohlstand 
Frankreichs spüren, die segensreichen Folgen seiner Regierung. 
In Kann war es, wo er sagte: „Jetzt, da der Wohlstand wieder- 
gekehrt ist, wäre es frevelhaft, das Bestehende wieder zu 
ändern. Kämen stürmische Zeiten wieder und das Volk wollte 
dem Oberhaupte der Regierung eine neue Bürde auflegen, 
so würde es frevelhaft sein, sich derselben zu entziehen." 
Das Bestreben, seiner Praesidentur Dauer zu geben, ist un- 
verkennbar. Im September suchte er durch glänzende Revuen 
bei Versailles sich seiner Armee zu versichern, um einen 
sichern Hintergrund für seine deutlicher hervortretenden 
Absichten zu haben. Die Entlassung Changarniers, der lezten 
Stütze der Republik, verschiedene Ministerwechsel, waren die 
Vorläufer eines kühnen Staatsstreichs. Seine Gesetzvorlage, 
betreffend die Revision der Verfassung, d. h. Wiederherstellung 
des Kaiserthums, wurde zweimal kurz aufeinander verworfen} 
die Umtriebe der Kammer wurden gefährlicher. In der Nacht 

SS 



zum 2. Dezember, dem Jahrestag des Kaiserthums von [804, 
wurden s'ämmtliche Häupter der Gegenparthei, wie besonders 
Cavaignac, Lamoriciere, Changarnier, Thiers, Viktor Hugo, 
Eugen Sue, verhaftet und nach Schloss Ham gebracht. In 
den grossen Maueranschlägen, die seine That dem Pariser 
Volke verkündigten, hiess es unter andern: „Es konnte nicht 
so bleiben. Die Nationalversammlung, anstatt Gesetze zum 
allgemeinen Wohl zu machen, wühlte und griff die mir vom 
Volke verliehene Macht an. Als der Erwählte von 6 Millionen 
habe ich ihre Umtriebe vernichtet. Ist das Volk damit nicht 
zufrieden, so wähle es einen andern. Schenkt es mk aber Ver- 
trauen, so gebe es mir auch die Mittel, meine grosse Mission 
zu erfüllen." Eine Volksabstimmung sollte entscheiden. Eine 
ungeheure Stimmenmehrheit erklärte sich für ihn, machte ihn 
zum Praesidenten auf 10 Jahre und ordnete ihm einen Senat 
bei. Die Armen, die er in einem Aufruf die Elite der Nation 
nannte, waren von ihm und allen seinen Plänen enchantirt. 
Der Widerstand von 252 Deputirten, die den Praesidenten ab- 
setzen und Oudinot den Oberbefehl über die Armee geben 
wollten, wurde durch Waffengewalt gebrochen. Ein heftigerer 
Aufstand der Demokraten in den Departements Cher, AUier, 
Nievre wurde schnell überwältigt. Als ihm Laroche am Vor- 
abend des Jahres 1852 den Erfolg der Abstimmung meldete, 
beinahe 8 Millionen, sagte er: „Frankreich hat erkannt, dass 
ich von der Bahn der GesetzHchkeit nur abgewichen bin, um 
die Bahn des Rechts zu betreten. Wenn ich mir zu einer 
so erstaunlichen Zustimmung des Volkes Glück wünsche, so 
geschieht es nicht aus Stolz, sondern weil ich mir die Kraft 
zutraue, so zu handeln, wie es dem Oberhaupt einer so grossen 
Nation geziemt." Die Freilassung seiner Feinde, die neue 
Verfassung, nach der bei ihm alle Gewalt, ihm zur Seite ein 
Staatsrath, ein notabler Rath und ein machtloser gesetz- 
gebender Körper standen, die Confiscirung der Güter des 

5^ 



Hauses Orleans, die Aufhebung der bisherigen Professoren- 
unabhängigkeit und Einsetzung ihrer Hauptschreier, die neuen 
Adler und ein ausnehmend glänzendes Napoleonsfest, alles 
Anzeichen seiner Macht und Vorzeichen des Kaiserthums. 
Eine neue Rundreise durch den Süden Frankreichs diente 
ihm, die Stimmung dieser Departements auszuforschen und 
seine Beliebtheit zu mehren. In Lyon enthüllte er die Reiter- 
statue Napoleons, „des legitimsten Herrschers Frankreichs," 
in Bordeaux sprach er jene stolzen Worte: „l'empire c'est 
la paix! Wenn Frankreich beruhigt ist, ist es auch die übrige 
Welt." Bei seiner Rückkehr nach Paris fand er die Stadt im 
Festschmuck: überall Kaiserembleme, überall das jubelnde vive 
l'empereur! Aber auch diesen kleinen Schritt wollte er auf 
gesetzlichem Boden thun. Am 4. November wurde über die 
Wiederherstellung des Kaiserthums berathen. Die Abstimmung * 
des Volkes sollte entscheiden. Die Frage war so gestellt, dass 
die vorigen Regierungen als illegitim angenommen waren: Ob 
die Nation das erbliche Kaiserthum, wie es unter Napoleon I. 
bestanden und durch dessen Abdankung rechtskräftig auf 
Napoleon IL übergegangen sei, nunmehr auf Napoleon IIL 
übertragen wolle? Das glänzende Ergebniss, eine Stimmen- 
mehrheit von 6 Miüionen, berechtigte ihn vollkommen, sich 
an dem bedeutungsvollen 2. Dezember zum Kaiser ausrufen 
zu lassen. — 



57 



„Rein zur Höh, rein zu Thal!" 

Im Tannengrund, um Mitternacht, 
Wenn scheu des Mondes fahler Schein 
Gespenstisch durch die Wipfel lacht, 
Sah ich dich stehn, einsam, allein. 

Kein Lautj es schleicht der leise Wind 
Dumpfrauschend aus dem Thal empor. 
Und Schilfgeflüster, schaurig lind, 
Tönt geisterstimmig aus dem Moor. 

Die Hand geballt, des Auges Gluth 
Hin auf den schroffen Fels gebannt. 
Dein Herz, es wogt wie wilde Fluth, 
Die Wellen schleudert an den Strand. 

Der Mauer Trumm, der Säule Pracht, 

Die Burg im grellen Mondenlicht 

Hohläugig zu ihm niederlacht 

Und grinst und grüsst und neigt und spricht: 

„Rein zur Höh, rein zu Thal! 

„Sonn' ertödtet, Mond belebt, 

„Was schaust du aufwärts, bleich und fahl? 

„Steig auf, wie alles lichtwärts strebt!" 

Er klomm hinauf, er steigt, er lauscht 
Des Flüstems, das das Schilf umirrt. 
Des Windes, der den Fels umrauscht, 
Der Eule, die die Höh'n umschwirrt. 

Und näher tönt es, Zauberklang, 

Und weht und rauscht wie Harfenschall, | 

Jetzt leise klagend, schmerzlich bang — 

Verklingen — erlöschen — versinken im All. 



58 



Es fasst sein Herz — er steigt und neigt 
Und breitet die Arme, umschlingt die Welt. 
Versinken — ertrinken — die Säule weicht, 
Verklingen — verhallen — erdwärts, zerschellt. 

Pforta, 30. Januar 18^2. 



59 



Fatum und Geschichte. 

(Germania-Vortrag Frühjahr 1862.) 

Wenn wir mit freiem, unbefangenem Blick die christliche 
Lehre und Kirchengeschichte anschauen könnten, so würden 
wir manche den allgemeinen Ideen widerstrebende Ansichten 
aussprechen müssen. Aber so, von unsern ersten Tagen an 
eingeengt in das Joch der Gewohnheit und der Vorurtheile, 
durch die Eindrücke unsrer Kindheit in der natürlichen 
Entwicklung unsers Geistes gehemmt und in der Bildung 
unsres Temperaments bestimmt, glauben wir es fast als 
Vergehn betrachten zu müssen, wenn wir einen freieren 
Standpunkt wählen, um von da aus ein unparteiisches und 
der Zeit angemessenes Urtheil über Religion und Christen- 
thum fällen zu können. 

Ein solcher Versuch ist nicht das Werk einiger Wochen, 
sondern eines Lebens. 

Denn wie vermöchte man die Autorität zweier Jahrtausende, 
die Bürgschaft der geistreichsten Männer aller Zeiten durch 
die Resultate jugendlichen Grübelns zu vernichten, wie ver- 
möchte man sich mit Phantasien und unreifen Ideen über 
alle jene in die Weltgeschichte tief eingreifenden Wehen 
und Segnungen einer Religionsentwicklung hinwegzusetzen^ 
Es ist vollends eine Vermessenheit, philosophische Probleme 
lösen zu wollen, über die ein Meinungskampf seit mehreren 
Jahrtausenden geführt ist: Ansichten umzustürzen, die den 
Menschen nach dem Glauben der geistreichsten Männer erst 

60 



? 



zum wahren Menschen erheben: Naturwissenschaft mit 
Philosophie zu einigen, ohne auch nur die Hauptergebnisse 
beider zu kennen: endhch aus Naturwissenschaft und Ge- 
schichte ein System des Reellen aufzustellen, während die 
Einheit der Weltgeschichte und die principiellsten Grund- 
lagen sich dem Geiste noch nicht offenbart haben. 

Sich in das Meer des Zweifels hinauszuwagen, ohne 
Kompass und Führer, ist Thorheit und Verderben für un- 
entwickelte Köpfe 5 die meisten werden von Stürmen ver- 
schlagen, nur sehr wenige entdecken neue Länder. Aus der 
Mitte des unermesslichen Ideenozeans sehnt man sich dann 
oft nach dem festen Lande zurück: wie oft überschlich 
mich nicht bei fruchtlosen Spekulationen die Sehnsucht zur 
Geschichte und Naturwissenschaft! 

Geschichte und Naturwissenschaft, die wundervollen Ver- 
mächtnisse unsrer ganzen Vergangenheit, die Verkünderinnen 
unsrer Zukunft, sie allein sind die sichern Grundlagen, auf 
denen wir den Thurm unsrer Spekulation bauen können. 

Wie oft erschien mir nicht unsre ganze bisherige Philo- 
sophie als ein babylonischer Thurmbauj in den Himmel 
hineinzuragen ist das Ziel aller grossen Bestrebungen j das 
Himmelreich auf Erden heisst fast dasselbe. Eine unendliche 
Gedankenverwirrung im Volke ist das trostlose Resultat; es 
stehen noch grosse Umwälzungen bevor, wenn die Menge 
erst begriffen hat, dass das ganze Christenthum sich auf An- 
nahmen gründet; die Existenz Gottes, Unsterblichkeit, Bibel- 
autorität, Inspiration und anderes werden immer Probleme 
bleiben. Ich habe alles zu leugnen versucht: o, niederreissen 
ist leicht, aber aufbauen! Und selbst niederreissen scheint 
leichter, als es ist; wir sind durch die Eindrücke unsrer 
Kindheit, die Einflüsse unsrer Eltern, unsrer Erziehung so in 
unserm Innersten bestimmt, dass jene tief eingewurzelten 
Vorurtheile sich nicht so leicht durch Vernunftgründe oder 

6i 



r&r^-ir 



/■ 



blossen Willen herausrelssen lassen. Die Macht der Gewohn- 
heit, das Bedürfniss nach Höherem, der Bruch mit allem 
Bestehenden, Auflösung aller Formen der Gesellschaft, der 
Zweifel, ob nicht zweitausend Jahre schon die Menschheit 
durch ein Trugbild irre geleitet, das Gefühl der eignen Ver- 
messenheit und Tollkühnheit: das alles kämpft einen unent- 
schiedenen Kampf, bis endlich schmerzliche Erfahrungen, 
traurige Ereignisse unser Herz wieder zu dem alten Kinder- 
glauben zurückführen. Den Eindruck aber zu beobachten, 
den solche Zweifel auf das Gemüth machen, das muss einem 
Jedem ein Beitrag zu seiner eignen Kulturgeschichte sein. 
Es ist nicht anders denkbar, als dass auch etwas haften bleibt, 
ein Ergebniss aller jener Spekulation, was nicht immer ein 
Wissen, sondern auch ein Glaube sein kann, ja was selbst 
ein moralisches Gefühl bisweilen anregt oder niederdrückt. 
Wie die Sitte als ein Ergebniss einer Zeit, eines Volkes, 
einer Geistesrichtung dasteht, so ist die Moral das Resultat 
einer allgemeinen Menschheitsentwicklung. Sie ist die Summe 
aller Wahrheiten für unsre Welt; möglich, dass sie in der 
unendlichen Welt nicht mehr bedeutet, als das Ergebniss 
einer Geistesrichtung in der unsrigen : möglich, dass aus den 
Wahrheitsresultaten der einzelnen Welten sich wieder eine 
Universalwahrheit entwickelt! Wissen wir doch kaum, ob 
die Menschheit selbst nicht nur eine Stufe, eine Periode im 
Allgemeinen, im Werdenden, ob sie nicht eine willkürliche 
Erscheinung Gottes ist. Ist nicht vielleicht der Mensch nur 
die Entwicklung des Steines durch das Medium Pflanze, 
Thier? Wäre hier schon seine Vollendung erreicht und 
läge hierin nicht auch Geschichte? Hat dies ewige Werden 
nie ein Ende? Was sind die Triebfedern dieses grossen 
Uhrwerks? Sie sind verborgen, aber sie sind dieselben in 
der grossen Uhr, die wir Geschichte nennen. Das Ziffer- 
blatt sind die Ereignisse. Von Stunde zu Stunde rückt der 

6i 



Zeiger weiter, um nach Zwölfen seinen Gang von Neuem 
anzufangen} eine neue Weltperiode bricht an. 

Und könnte man als jene Triebfedern nicht die immanente 
Humanität nehmen? (Dann wären beide Ansichten vermittelt.) 
Oder lenken höhere Rücksichten und Pläne das Ganze? Ist 
der Mensch nur Mittel oder ist er Zweck? 

Für uns ist Zweck, für uns ist Veränderung da, für uns 
giebt es Epochen und Perioden. Wie könnten auch wir 
höhere Pläne sehen? Wir sehen nur, wie aus derselben 
Quelle, aus der Humanität, sich unter den äussern Eindrücken 
Ideen bilden j wie diese Leben und Gestalt gewinnen; Ge- 
meingut Aller, Gewissen, Pflichtgefühl werden; wie der 
ewige Produktionstrieb sie als Stoff zu neuen verarbeitet, 
wie sie das Leben gestalten, die Geschichte regieren; wie 
sie im Kampf von einander annehmen und wie aus dieser 
Mischung neue Gestaltungen hervorgehn. Ein Kämpfen und 
Wogen verschiedenster Strömungen mit Ebbe und Fluth, 
alle dem ewigen Ozeane zu. 

Alles bewegt sich in ungeheuren immer weiter werdenden 
Kreisen um einander; der Mensch ist einer der innersten 
Kreise. Will er die Schwingungen der äussern ermessen, so 
muss er von sich und den nächst weitern Kreisen auf noch 
umfassendere abstrahiren. Diese nächst weitern sind Völker-, 
Gesellschafts- und Menschheitsgeschichte. Das gemeinsame 
Centrum aller Schwingungen, den unendlich kleinen Kreis 
zu suchen, ist Aufgabe der Naturwissenschaft; jetzt erkennen 
wir, da der Mensch zugleich in sich und für sich jenes 
Centrum sucht, welche einzige Bedeutsamkeit Geschichte und 
Naturwissenschaft für uns haben müssen. 

Indem der Mensch aber in den Kreisen der Weltgeschichte 
mit fortgerissen wird, entsteht jener Kampf des Einzelwillens 
mit dem Gesammtwillen ; hier liegt jenes unendHch wich- 
tige Problem angedeutet, die Frage um Berechtigung des 

63 



Individuums zum Volk, des Volkes zur Menschheit, der 
Menschheit zur Weltj hier auch das Grundverhältniss von 
Fatum und Geschichte. 

Die höchste Auffassung von Universalgeschichte ist für 
den Menschen unmöglich j der grosse Historiker aber wird 
ebenso wie der grosse Philosoph Prophet; denn beide ab- 
strahiren von inneren Kreisen auf äussere. Dem Fatum aber 
ist seine Stellung noch nicht gesichert; werfen wir noch 
einen Blick auf das Menschenleben, um seine Berechtigung 
im Einzelnen und damit im Gesammten zu erkennen. 

Was bestimmt unser Lebensglück? Haben wir es den 
Ereignissen zu danken, von deren Wirbel wir fortgerissen 
werden? Oder ist nicht vielmehr unser Temperament gleich- 
sam der Farbenton aller Ereignisse ? Tritt uns nicht alles im 
Spiegel unsrer eignen Persönlichkeit entgegen? Und geben 
nicht die Ereignisse gleichsam nur die Tonart unsres Ge- 
schickes an, während die Stärke und Schwäche, mit der es 
uns trifft, lediglich von unserm Temperament abhängt? 
Frage geistreiche Mediziner, sagt Emerson, wie viel Tempera- 
ment nicht entscheidet und was es überhaupt nicht ent- 
scheidet? 

Unser Temperament aber ist nichts als unser Gemüth, 
auf dem sich die Eindrücke unsrer Verhältnisse und Er- 
eignisse ausgeprägt haben. Was ist es, was die Seele so 
vieler Menschen mit Macht zu dem Gewöhnlichen nieder- 
zieht und einen höhern Ideenaufflug so erschwert? Ein 
fatalistischer Schädel- und Rückgratsbau, der Stand und die 
Natur ihrer Eltern, das Alltägliche ihrer Verhältnisse, das 
Gemeine ihrer Umgebung, selbst das Eintönige ihrer Heimat. 
Wir sind beeinflusst worden, ohne die Kraft zu einer Gegen- 
wirkung in uns zu tragen, ohne selbst zu erkennen, dass wir 
beeinflusst sind. Es ist ein schmerzliches Gefühl, seine Selb- 
ständigkeit in einem unbewussten Annehmen von äussern 



Eindrücken aufgegeben, Fähigkeiten der Seele durch die Macht 
der Gewohnheit erdrückt und wider Willen Keime zu Ver- 
wirrungen in die Seele gegeben zu haben. 

In höherm Massstabe finden wir dies alles in der Völker- 
geschichte wieder. Viele Völker, von denselben Ereignissen 
getroffen, sind doch auf die verschiedenste Art beeinflusst 
worden. 

Es ist deshalb Beschränktheit, der ganzen Menschheit irgend 
eine specielle Form des Staates oder der Gesellschaft gleich- 
sam mit Stereotypen aufdrucken zu wollen; alle socialen und 
communistischen Ideen leiden an diesem Irrthum. Denn der 
Mensch ist nie derselbe wieder^ sobald es aber möglich wäre, 
durch einen starken Willen die gan^e Weltvergangenheit 
umzustürzen, sofort träten wir in die Reihe unabhängiger 
Götter, und Weltgeschichte hiesse dann für uns nichts als 
ein träumerisches Selbstentrücktsein; der Vorhang fällt, und 
der Mensch findet sich wieder, wie ein Kind mit Welten 
spielend, wie ein Kind, das beim Morgenglühn aufwacht und 
sich lachend die furchtbaren Träume von der Stirne streicht. 

Der freie Wille erscheint als das Fessellose, Willkürlichej 
er ist das unendlich Freie, Schweifende, der Geist. Das 
Fatum aber ist eine Nothwendigkeit, wenn wir nicht glauben 
sollen, dass die Weltgeschichte ein Traumesirren, die unsäg- 
lichen Wehen der Menschheit Einbildungen, wir selbst Spiel- 
bälle unsrer Phantasien sind. Fatum ist die unendliche Kraft 
des Widerstandes gegen den freien Willen; freier Wille ohne 
Fatum ist eben so wenig denkbar, wie Geist ohne Reelles, 
Gutes ohne Böses. Denn erst der Gegensatz macht die 
Eigenschaft:. 

Das Fatum predigt immer wieder den Grundsatz: „Die 
Ereignisse sind es, die die Ereignisse bestimmen." Wäre dies 
der einzig wahre Grundsatz, so ist der Mensch ein Spielball 
dunkel wirkender Kräfte, unverantwortlich für seine Fehler, 

5 Nietzsche I Ö5 



überhaupt frei von moralischen Unterschieden, ein noth- 
wendiges Glied in einer Kette. Glücklich, wenn er seine 
Lage nicht durchschaut, wenn er nicht convulsivisch in den 
Fesseln zuckt, die ihn umstricken, wenn er nicht mit wahn- 
sinniger Lust die Welt und ihren Mechanismus zu verwirren 
trachtet! 

Vielleicht ist in ähnlicher Weise, wie der Geist nur die 
unendlich kleinste Substanz, das Gute nur die subtilste Ent- 
wicklung des Bösen aus sich heraus sein kann, der freie 
Wille nichts als die höchste Potenz des Fatums. Welt- 
geschichte ist dann Geschichte der Materie, wenn man die 
Bedeutung dieses Wortes unendlich weit nimmt. Denn es 
muss noch höhere Principien geben, vor denen alle Unter- 
schiede in eine grosse Einheitlichkeit zusammenfliessen, vor 
denen alles Entwicklung, Stufenfolge ist, alles einem un- 
geheuren Ozeane zuströmt, wo sich alle Entwicklungshebel 
der Welt wiederfinden, vereinigt, verschmolzen, all- eins. — 



66 



Willensfreiheit und Fatum. 

(Germania- Aufsatz, Ostern 1862.) 

Freiheit des Willens^ in sich nichts anderes als Freiheit des 
Gedankens, ist auch in ähnlicher Weice wie Gedankenfreiheit 
beschränkt. Der Gedanke kann die Weite des Ideenkreises 
nicht überschreiten, der Ideenkreis aber beruht auf den ge- 
wonnenen Anschauungen und kann mit deren Erweiterung 
wachsen und sich steigern, ohne über die durch den Bau 
des Gehirns bestimmten Grenzen hinauszukommen. Ebenso 
ist auch bis zu demselben Endpunkte die Willensfreiheit einer 
Steigerung fähig, innerhalb dieser Grenzen aber unbeschränkt. 
Etwas anderes ist es, den Willen in's Werk zu setzen j das 
Vermögen hiezu ist uns fatalistisch zugemessen. — Indem 
das Fatum dem Menschen im Spiegel seiner eignen Persönlich- 
keit erscheint, sind individuelle Willensfreiheit und individu- 
elles Fatum zwei sich gewachsene Gegner. Wir finden, dass 
die an ein Fatum glaubenden Völker sich durch Kraft und 
Willensstärke auszeichnen, dass hingegen Frauen und Männer, 
die nach verkehrt aufgefassten christlichen Sätzen die Dinge 
gehen lassen, wie sie gehen, da „Gott alles gut gemacht hat," 
sich von den Umständen auf eine entwürdigende Art leiten 
lassen. Ueberhaupt sind „Ergebung in Gottes Willen" und 
„Demuth" oft nichts als Deckmäntel für feige Furchtsamkeit, 
dem Geschick mit Entschiedenheit entgegen zu treten. 

Wenn aber das Fatum als Grenzbestimmendes doch noch 
mächtiger als der freie Wille erscheint, so dürfen wir zweierlei 

5* 6^ 



nicht vergessen, zuerst, dass Fatum nur ein abstrakter Begriff 
ist, eine Kraft ohne Stoff, dass es für das Individuum nur 
ein individuelles Fatum giebt, dass Fatum nichts ist als eine 
Kette von Ereignissen, dass der Mensch, sobald er handelt 
und damit seine eignen Ereignisse schafft, sein eignes Fatum 
bestimmt, dass überhaupt die Ereignisse, wie sie den Menschen 
treffen, von ihm selbst bewusst oder unbewusst veranlasst 
sind und ihm passen müssen. Die Thätigkeit des Menschen 
aber beginnt nicht erst mit der Geburt, sondern schon im 
Embryon und vielleicht — wer kann hier entscheiden — 
schon in Eltern und Voreltern. Ihr alle, die ihr an Unsterb- 
lichkeit der Seele glaubt, müsst auch an die Vorexistenz der 
Seele glauben, wenn ihr nicht aus etwas Sterblichem etwas 
Unsterbliches sich entwickeln lassen wollt, ihr müsst auch 
an diese Art der Seelenexistenz glauben, wenn ihr nicht die 
Seele in der Luft herumflattern lassen wollt, bis sie endlich 
in den Körper hineingepfropft wird. Der Hindu sagt: Fatum 
ist nichts, als die Thaten, die wir in einem früheren Zustande 
unseres Seins begangen haben. 

Woraus soll man widerlegen, dass man nicht seit Ewigkeit 
schon mit Bewusstsein gehandelt habe? Aus dem ganz unent- 
wickelten Bewusstsein des Kiades? Können wir nicht vielmehr 
behaupten, dass unsre Handlungen immer im Verhältniss zu 
unserm Bewusstsein stehn? Auch Emerson sagt: Immer ist der 
Gedanke vereint mit dem Ding, das als sein Ausdruck erscheint. 

Ueberhaupt kann ein Ton uns berühren, wenn nicht eine ent- 
sprechende Saite in uns ist? Oder anders ausgedrückt: können 
wir einen Eindruck in unserm Gehirn aufnehmen, wenn nicht 
unser Gehirn schon eine Aufnahmefähigkeit dazu besitzt? 

Freier Wille ist ebenso nur ein Abstraktum und bedeutet 
die Fähigkeit, bewusst zu handeln, während wir unter Fatum 
das Princip verstehn, das uns beim unbewussten Handeln 
leitet. Handeln an und für sich drückt immer zugleich auch 

6S 



eine Seelenthätigkeit aus, eine Willensrichtung, die wir selbst 
noch nicht als Objekt in das Auge zu fassen brauchen. Bei 
bewusstem Handeln können wir uns ebenso sehr von Ein- 
drücken leiten lassen, wie beim unbewussten, aber auch 
ebenso wenig. Man sagt öfters bei einer glücklichen That: 
das habe ich zufällig so getroffen. Das braucht keineswegs 
immer wahr zu sein. Die Seelenthätigkeit dauert fort und 
ebenso ungeschwächt, wenn wir sie auch nicht mit unsern 
geistigen Augen betrachten. 

AehnHch meinen wir oft, wenn ^ir im hellen Sonnen- 
schein die Augen geschlossen haben, dass für uns die Sonne 
nicht schiene. Aber ihre Wirkungen auf uns, das Belebende 
ihres Lichtes, ihre milde Wärme hören nicht auf, ob wir sie 
auch mit den Sinnen nicht weiter wahrnehmen. 

Wenn wir also den Begriff des unbewusst Handelns nicht 
blos als ein Sichleitenlassen von frühern Eindrücken nehmen, 
so entschwindet für uns der strenge Unterschied von Fatum 
und freiem Willen, und beide Begriffe verschwimmen zu der 
Idee der Individualität. 

Je mehr sich die Dinge vom Unorganischen entfernen und je 
mehr sich die Bildung erweitert, um so hervortretender wird 
die Individualität, um so mannigfaltiger ihre Eigenschaften. 
Selbstthätige, innere Kraft und äussere Eindrücke, ihre Entwick- 
lungshebel, was sind sie anders als Willensfreiheit und Fatum? 

In der Willensfreiheit liegt für das Individuum das Princip 
der Absonderung, der Lostrennung vom Ganzen, der abso- 
luten Unbeschränktheitj das Fatum aber setzt den Menschen 
wieder in organische Verbindung mit der Gesammtentwick- 
lung und nöthigt ihn, indem es ihn zu beherrschen sucht, 
zur freien Gegenkraftentwicklung 5 die fatumlose, absolute 
Willensfreiheit würde den Menschen zum Gott machen, das 
fatahstische Princip zu einem Automaten. — 



69 



üeber das Christenthum. 

(Fragment, April 1862.) 

.... Nur christliche Anschauungsweise vermag derartigen 
Weltschmerz hervorzubringen, einer fatalistischen liegt er 
sehr fern. Es ist nichts als ein Verzagen an eigner Kraft, ein 
Vorwand der Schwäche, sich mit Entschiedenheit selbst sein 
Loos zu schaffen. Wenn wir erst erkennen, dass wir nur 
uns selbst verantwortlich sind, dass ein Vorwurf über ver- 
fehlte Lebensbestimmung nur uns, nicht irgend welchen 
höhern Mächten gelten kann, dann erst werden die Grund- 
ideen des Christenthums ihr äusseres Gewand ablegen und 
in Mark und Blut übergehn. Das Christenthum ist wesent- 
lich Herzenssache j erst wenn es sich in uns verkörpert hat, 
wenn es Gemüth selbst in uns geworden ist, ist der Mensch 
wahrer Christ. Die Hauptlehren des Christenthums sprechen 
nur die Grundwahrheiten des menschlichen Herzens aus 5 sie 
sind Symbole, wie das Höchste immer nur ein Symbol des 
noch Höhern sein muss. Durch den Glauben selig werden 
heisst nichts als die alte Wahrheit, dass nur das Herz, nicht 
das Wissen, glücklich machen kann. Dass Gott Mensch ge- 
worden ist, weist nur darauf hin, dass der Mensch nicht im 
Unendlichen seine Seligkeit suchen soll, sondern auf der Erde 
seinen Himmel gründe; der Wahn einer überirdischen Welt 
hatte die Menschengeister in eine falsche Stellung zu der 
irdischen Welt gebracht: er war das Erzeugniss einer Kind- 
heit der Völker. Die glühende Jünglingsseele der Menschheit 

70 



nimmt diese Ideen mit Begeisterung hin und spricht ahnend 
das Geheimniss aus, das zugleich auf der Vergangenheit in 
die Zukunft hinein wurzelt, dass Gott Mensch geworden. 
Unter schweren Zweifeln und Kämpfen wird die Mensch- 
heit männlich: sie erkennt in sich „den Anfang, die Mitte, 
das Ende der Religion". 



71 



Du hast gerufen — Herr, ich komme. 

Du hast gerufen: 

Herr: ich eile 

Und weile 

An deines Thrones Stufen. 

Von Lieb entglommen 

Strahlt mir so herzlich, 

Schmerzlich 

Dein Blick ins Herz ein: Herr, ich komme. 

Ich war verloren, 

Taumeltrunken 

Versunken, 

Zur Höll und Qual erkoren. 

Du standst von ferne: 

Dein Bück unsäglich 

Beweglich 

Traf mich so oft: nun komm' ich gerne. 

Ich fühl' ein Grauen 

Vor der Sünde 

Nachtgründe 

Und mag nicht rückwärts schauen. 

Kann dich nicht lassen, 

In Nächten schaurig, 

Traurig 

Seh' ich auf dich und muss dich fassen. 

Du bist so milde, 

Treu und innig. 

Herzinnig, 

Lieb Sünderheilandsbilde! 



72 



Stiir mein Verlangen, 

Mein Sinnen und Denken 

Zu senken 

In deine Lieb', an dir zu hangen. 



Ludwig der Fünfzehnte. 

Es wüthet der Sturm mit entsetzlicher Macht, 
Es brauset ein Zug durch die Mitternacht. 

Ein Zug von Reitern, vom Blitz umloht. 
Ein Wagen voran, im Wagen der Tod. 

Die Rosse rasen, die Funken sprühn. 
Die Donner rollen, die Blitze glühn. 

Geseufz' von Ferne, rings Grabesduft, 
Und Nachtgespenster durchwirbeln die Luft. 

Die Reiter schauern: im fahlen Licht 
Grinst nieder das öde Hochgericht. 

Der Wandrer kreuzt sich, fällt auf die Knie: 
„Wohin der Richtzug?" „Nach St. Denys!" — 



Im GefUngniss. 

Ein Todtenmahl um Mitternacht: 
Rings um den Tisch die Girondisten. 



i8d2. 



i8(52. 



73 



Brissot springt auf: „Freunde, habt Acht! 

Im Moniteur die Sterbelisten! 

— Gerichtet gestern in Bordeaux, 

Guadet, Salles und Barbaroux." 

Sie schweigen. Leis ruft Vergniaud: 

„Wir folgen bald. Sie sind zur Ruh!" — 

„Roland durch Selbstmord." Klanglos spricht 

Die treue Schaar die Worte nach. 

Umdüstert starrt ihr Angesicht, 

Wie Wetternacht umhüllt den Tag. 

„Buzot und Petion verschwanden 

In tiefem Forst. Die Häscher fanden 

Zerfetzt die Kleider, blutbethaut." 

Sie Sassen stumm, kein Hauch, kein Laut. 

Da dringt gedämpfter Trommelklang 

Von fern heran, des Tods Signale. 

Ein Schauer streift die Männer bang, 

Sie stürmen auf, füll'n die Pokale. 

In ihren Augen glüht der Brand, 

Der ihre schwüle Zeit durchloht. 

Champagner sprüht. Hochauf die Hand! 

„Der Welt, die uns vergisst, den Tod!" 

Der Gläser greller Klang verhallt. 

Ein Traum durchwogt die Seelen schnell. 

Der Zukunft Vorhang niederwallt: 

Das Weltenmeer weit. Well' an Well'. 

Sie schauen hin, und wonnetrunken 

Umglühn sie der Begeist'rung Funken. — 

Am Fenster glänzt der blasse Tag. 

Von fern tönt dumpfer Trommelschlag. — 

Gorenzen, den ii. Juli iS6z. 



74 



Saint-just. 
Du kennst den bleichen, hagern Mann: 
Den Schultern schmiegt das schwarze Haar, 
Das lange, glatte leicht sich an. 
Und Blicke wirft er wunderbar. 
So tief und seltsam, schmerzdurchwühlt, 
Als hielt' sein Herz ein arger Bann. 
Und was das Auge weint und fühlt, 
Das lodert, wie ein Flammenstrom, 
Und glüht, ein schrecklich Opferfeuer, 

In seiner Rede stolzem Dom, 

Erst leise, fernher, wie ein scheuer 

Lichthauch die Wände übergiesst. 

Bis im hochrothen, grellen Schimmer 

Rings alles in- einander fliesst 

Und toll im Hexentanzgeflimmer 

Gliederverzerrt vorüberschiesst. 

Du stehst erstarrt und folgst von ferne 

Zum Abgrund, drein er ruft: Ihr müsst! 

Ueber dir schwinden schon die Sterne: 

Du folgst dem teuflischen Saint-Just. 

Pforta, II. August 18^2. 



IS 



Lieder. 

I. 

Mein Herz ist wie ein See so weit, 
Drin lacht dein Antlitz Sonnenlicht 
In tiefer, süsser Einsamkeit, 
Wo leise WelF an Well' sich bricht. 

Ist's Nacht, ist's Tag? Ich weiss es nicht. 
Lacht doch auf mich so lieb und lind 
Dein Sonnenlichtes Angesicht, 
Und selig bin ich wie ein Kind. 

n. 

Es ist der Wind um Mitternacht, 
Der leise an mein Fenster klopft. 
Es ist der Regenschauer sacht. 
Der leis an meiner Kammer tropft. 

Es ist der Traum von meinem Glück, 
Der durch mein Herz streift wie der Wind. 
Es ist der Hauch von deinem Blick, 
Der durch mein Herz schweift regenlind. 

III. 

Einsam durch den düsterblauen 
Nächt'gen Himmel seh' ich grelle 
Blitze zucken an den Brauen 
Schwarzgewölbter Wolkenwelle. 
Einsam loht der Stamm der Fichte 
Fern an duft'ger Bergeshalde. 



^6 



Drüber hin im rothen Lichte 
Zieht der fahle Rauch zum Walde. 
In des Himmels fernes Leuchten 
Rinnt der Regen zart und leise, 
Traurig, schaurig, eigner Weise. — 

In deinen thränenfeuchten 

Augen ruht ein Blick, 

Der schmerzlich, herzlich 

Dir und mir verwehte Leiden, 

Verlorne Stunden und zerronnen Glück 

Zurückrief beiden. — 

IV. 

In stillen Stunden sinn' ich oft. 
Was mir so sehnlich bangt und graut. 
Wenn unvermerkt und unverhofft 
Ein süsser Traum mich überthaut. 

Weiss nicht, was ich hier träum' und sinn', 
Weiss nicht, was ich noch leben soll, 
— Und doch, wenn ich so selig bin. 
Schlägt mir mein Herz so sehnsuchtsvoll. — 

1S62. 



77 



Lass mich dir entfalten. 

Lass mich dir entfalten 
Mein verschlossen Herz! 
Deiner Liebe heimlich Walten 
Ruht so gnadenvoll und mild 
Auf meinem kalten, 
Welteinsamen Schmerz, 
Dass Sehnsucht quillt 
In mir nach dir. 
Du lichte Hhmmelskerz' ! 

Lass mich dir erschliessen. 

Wie mich überthaut 

Deines Geistes heimlich Grüssen, 

Wenn du auf mich hingeblickt 

Zu deinen Füssen 

Und mich lieb und traut 

An dich gedrückt. 

Selig war ich, 

Mein Herz schlug mir so laut. 

i8(52. 



78 



Schweifen, o Schweifen! 

Schweifen, o Schweifen 
Frei durch die Welt so weit. 
Mit grünen Schleifen 
An Hut und Kleid. 

Schwing' ich das Glöcklein, 
Klingt es so lieb, so lind. 
Es flackern die Löcklein 
Um mich im Wind. 

Sehn mich die Rehe 
So herzig an im Wald, 
Wird mir so wehe, 
Vergess' es bald. 

Blühet ein Röslein 
Duftig im Hafdegras, 
Küss' ich das Röslein 
Und wein' etwas. 

Lustig, wie Wind zieht, 

Streift durch das Herz ein Traum, 

Fällt eine Lind'blüth 

Herab vom Baum. 

Schweifen, o Schweifen 
Frei durch die Welt so weit, 
Mit grünen Schleifen 
An Hut und Kleid. 

i8<52. 



19 



Junge Fischerin. 

Des Morgens still ich träume 
Und schau' den Wolken nach, 
Wie leise durch die Bäume 
Zittert der junge Tag. 
Die Nebel wogen und wallen, 
Das Frühroth drüber hin — 
O niemand weiss von allen, 
Dass ich so traurig bin. 

Die See wogt kühl und leise 
Vorbei ohn' Rast und Ruh, 
Mir schauert's eigner Weise, 
Ich drück' mir die Augen zu. 
Mag nicht die Nebel sehen, 
Das Frühroth drüber hin — 
O niemand kann verstehen. 
Was ich so traurig bin. 

Zugvögel lustig ziehen 
Und singen so lieb, so hold. 
Ich möcht' ich könnte fliehen 
Wohin mein Herze wollt. 
Die Nebel wogen und wühlen. 
Das Frühroth drüber hin — 
O niemand kann es fühlen, 
Was ich so traurig bin. 

Ich schaue hin und weine. 
Kein Segel weit und breit. 
So traurig, so alleine 
Bricht mir das Herz vor Leid. 



80 



Die Nebel wogen und wallen, 

Das Frühroth drüber hin — 

Er weiss allein von allen, 

Was ich so traurig bin. — 1862. 



Der alte Magyar. 
Da ich jung war, schien der Sonnenschein 

Ueber Herz und Haide hin. 
Da ich alt bin, geh' ich so allein, 

Hej Sonnenschein! 
Durch Haide und Wald hin. 

Da ich jung war, war mein liebes Lieb 

Ein frisch erblühtes Haidekind. 
Da ich alt bin, kalt das Herze blieb, 

Hej liebes Lieb! 
Wie eine Haide im herbstlichen Wind. 

Da ich jung war, war ich toll und kühn, 

Rossen warf ich um den Zaun. 
Da ich alt bin, lass ich sie weiter ziehn, 

Hej Rosse kühn! 
Sie kennen mich müden Wandrer kaum. 

Da ich jung war, war mein Aug' so hell, 

Wie die Sterne am Himmel der Pussta sind. 
Da ich alt bin, ist versiegt der Quell, 

Hej Auge hell! 
Man führt mich wie ein irrend Kind. 

Zum Fels hinauf, da ich jung einst war. 

Jung war, klein, kleiner Knabe war. 

Sprang ich mit flatterndem Lockenhaar, 

Hej jung einst war! 

Jetzt leg ich mich müd auf die Todtenbahr'. 

1062. 



6 Nietzsche I 



81 



Zum i8. Oktober. 

Ich denke einer trüben Zeit, 

Wo dich, mein deutsches Vaterland, 

In dumpfer Traumvergessenheit 

Der Knechtschaft schnöde Fessel band; 

Und wo du, deiner Schmach bewusst. 
Mit Schauder dachtest deiner Ahnen, 
Wenn leis hinein in Sund' und Lust 
Ertönte ihrer Stimme Mahnen. 

Da war's, als ob in Spott und Hohn 
Man deine alte Herrlichkeit 
Zu Grabe trug mit Glockenton, 
Zu Grabe trug für ew'ge Zeit. 

Da war's, als ob ein Meteor 
Dein helles Glühen ausgebrannt 
Und tief in gift'gem Sumpf und Moor 
Dein letzter blasser Glanz verschwand. 

Doch horch! Ein Brausen mitternächtig 
Zerreisst der Gräber stille Nacht, 
Dass vor dem Wetter, schwer und mächtig, 
Der Todten bleiche Schaar erwacht. 

Da stiegst du wieder, deutsche Kraft, 
Empor vom Traume lang und stumm. 
Und warfst dir, frei von schnöder Haft, 
Der Freiheit stolzen Mantel um. 

Und als die Nacht vergangen war, 
Und sich der Wolkenhimmel lichtet, 
Da standst du da, das Auge klar 
Hin auf der Zukunft Ziel gerichtet} 



82 



Auf deinem Banner blutigroth 
Bezeugt die ewige Verheissung: 
Der Wahrheit Sieg, der Lüge Tod, 
Der Freiheit heü'ge Jochzerreissung! — 

16. Oktober 186^2. 



83 



Versuch einer Charakterschilderung der Kriemhild nach 

den Nibelungen. 

(Schul- und Germania-Aufsatz Oktober/November i8(52.) 

Grosses und Erhabenes ist stets das Erzeugniss eines tiefen, 
vollen Herzens 5 die kleinen, schwächlichen Naturen, die, einer 
grossartigen Entwicklung von Kraft nicht fähig, in ihren 
Handlungen nur die eigne Beschränktheit wiederspiegeln, 
pflegen über die lebensvolle Gluth in leidenschaftlichen 
Charakteren zu spotten oder zu moralisiren ; mitunter auch 
zu erschrecken, wenn sie etwas von der dämonischen Gewalt 
ahnen, die durch Himmel und Hölle, durch die Abgründe 
von Liebe und Hass fortreisst und in grellen Gegensätzen 
hinstürmend bald das Erhabenste zertrümmert, bald das 
Kühnste verwirklicht. 

Wenige Menschen, in vollem Glück und innerer Zufrieden- 
heit zusammenlebend, werden plötzlich in den Strudel der 
Verwirrungen hineingezogen j sie erkennen schaudernd eine 
schwere, waltende und hemmende Schuld an, die in ihrer 
Selbstvermessenheit, in ihrer Gottverachtung wurzelnd all- 
mählich so entsetzliche Früchte getragen hat. 

Und wenn ihnen ihre Trostlosigkeit, ihre Verzweiflung 
die Augen verschliesst, dass sie sich von den rollenden 
Rädern eines ewigen Schicksals fortgerissen wähnen: immer 
werden Augenblicke kommen, wo der Mensch die Götter 
in ewig gleicher Ruhe, fern von Neid und Zerstörungslust 

84 



auf ihren Stühlen sitzend und sich selbst an seine Schuld 
gefesselt und von Reue zerfleischt erblickt. 

Eine solche tiefe Auffassung des Schicksals leuchtet, wenn 
auch nur für schärfer Blickende bemerkbar, aus jenen Volks- 
dichtungen hervor, in denen die Geistes- und Gefühlswelt 
einer ganzen Nation in ursprünglicher Grossartigkeit und 
Reinheit zu Tage tritt, in Ilias und Odyssee, in Ramajana 
und Mahabbarata, in den Nibelungen und in Gudrun. 

Gerade in den Nibelungen ist die Verwicklung dem 
deutschen Gefühl höchst entsprechend: die Schuld beruht 
auf der Verletzung einer deutschen Stammtugend, es ist der 
lügnerische Schein in dem Verhältnisse Günthers und Sieg- 
frieds den beiden Frauen gegenüber, der die Fäden des 
Verderbens um ein ganzes Geschlecht schlingt und selbst 
in einer in Liebe versunkenen Natur, wie die Kriemhildens 
ist, unermessliches Hass- und Rachegefühl anschüren kann. 
Es kann allerdings nichts mehr befremden, als ein Ver- 
gleich der Kriemhild, um die Siegfried wirbt, mit der, die 
ihren Bruder eigenhändig mordet, um ihrem entsetzlichen 
Hass volles Genüge zu thun. Hier die träumerische, schüch- 
terne, ahnungsvolle Jungfrau, die vor der Mannesliebe zurück- 
bebt, bis sie Siegfried gesehn, dann aber auch in dieser Liebe 
völlig aufgeht und in ihrer stillen Seligkeit aller weiteren 
Wünsche und Hoflriungen bar istj dort ihren sechsund- 
zwanzigjährigen Rachedurst in vollen Zügen ersättigend, 
diesem einen Gefühl so* nachgebend, dass sie den heiligsten 
Satzungen der Altdeutschen, der Sippenliebe und der Kindes- 
liebe Hohn spricht, dass sie nicht nur die Schuldigen, sondern 
auch alle, die mit ihnen verbündet sind, vernichtet, zuerst 
nicht einmal in offiiem Kampfe, sondern heimlich, meuch- 
lings, durch Ueberfall. 

Um diese fürchterlichen Uebergänge von Liebe zum Hass 
zu begreifen, müssen wir die feine, psychologische Malerei 

85 



beachten, mit der uns das Nibelungenlied den Kriemhilden- 
charakter zwischen ihrer Siegfriedliebe und der Rachekata- 
strophe vorführt. Gleich der erste Streit der Königinnen, 
wie tief, wie grossartig ist er erfunden. Kriemhild, wie sie 
ihren Gatten so herrlich vor den Helden hergehen sieht, 
„wie den Mond vor den Sternen", wallt in Liebe zu ihm 
auf: „Ich habe einen Mann, der es verdiente, dass alle diese 
Königreiche sein wären." Sie überhört die finsteren, scharfen 
Worte Brunhildens, sie ist trunken vor Sehgkeit, dass sie 
Siegfried angehört, und preist ihn vor allen Helden. Das 
Feuer ist angeschürt, auf dem Kirchgang der Königinnen 
lodert es zum ersten Male hoch auf. 

Kriemhild gereizt durch Brunhildens höhnende Rede, bricht 
in schhmme, un sühnbare Worte aus, doch setzt sie begütigend 
hinzu — ein schöner Beweis ihres liebevollen, versöhnlichen 
Sinnes — : „Zu treuer Herzensfreundschaft bin ich immer 
wieder bereit, mir ist der Streit immer leid, glaube es mir 
auf meine Treue." 

Siegfrieds Verderben ist beschlossen; Kriemhild arglos, ohne 
eine Ahnung des Bevorstehenden zu haben, gibt Hagen selbst 
dazu die Mittel in die Hand, sie zeigt ihm die Stelle, wo ihr 
Gatte verwundbar ist, sie befiehlt ihn seiner Mannestreue. 
Als sie aber Abschied von Siegfried nimmt, da durchschleicht 
ein banges Gefühl ihr Herz. Träume haben sie geängstet, wie 
zu ihrer Kindheit Tagen. Sie scheidet mit den Worten: „Dass 
Du von mir scheiden willst, das tfeut mir inniglich wehe." 

Siegfried ist todt. Kriemhild hört von einem Kämmerer, 
dass ein erschlagener Ritter vor dem Gadem liege; sie weiss, 
wer es ist, wer den Mord begangen hat. Mit einem ent- 
setzlichen Schrei stürzt sie vor und sieht die bleiche, blut- 
besprengte Gestalt des Vielgeliebten im Fackelschein da- 
liegend. „Du bist ermordet," ruft sie, „Dein Schild ist nicht 
zerhauen. Dem gilt es den Tod, der das gethan!" 

B6 



Den lügnerischen Worten Günthers, Siegfried sei von 
fremden Räubern erschlagen, entgegnet sie: „Ich kenne die 
Räuber wohl, und Gott wird es an ihnen rächen." Noch 
einmal, bevor Siegfried begraben wird, küsst sie ihren Gatten 
auf die bleichen Lippen j man trägt sie von dannen. 

Die Zeit des Leides hebt an. Nach drei Jahren wird eine 
Versöhnung mit ihren Brüdern vermittelt, mit Hagen nimmer- 
mehr. Durch reiche Spenden an Arme und Elende sucht sie 
sich in ihrem Leid zu trösten. Wieder tritt Hagen da- 
zwischen} er fürchtet, dass sie sich zu viel der Mannen 
durch ihre Geschenke gewinne, und räth zum Raube des 
Nibelungenhortes. Er nimmt die Schlüssel dazu an sich und 
versenkt den Hort später in dem Rhein. Die unheilvolle 
Kluft zwischen Kriemhild und Hagen wird dadurch noch 
erweitert. 

Vom Hunnenland kommen Boten, der edle Markgraf 
Rüdiger von Bechlarn an ihrer Spitze, um für König Etzel 
um die verwittwete Kriemhild zu werben. Kriemhild weigert 
sich höchst überrascht: „Euch soll Gott verbieten, dass ihr 
an mir Armen euren Spott übt. Was soll ich einem Manne, 
der von einem guten Weibe schon Herzensliebe gewonnen 
hat?" Das sind schöne, tief gefühlte Worte. 

Als sie aber von Etzels Macht und Reichthum hört, durch- 
zucken sie, wie blutige Schwerter, Gedanken der Rache, der 
vollen, masslosen Rache. Sie lässt sich von Rüdiger ewige 
Treue schwören und zieht mit ihm nach dem Osten, ungewisse 
Ziele verfolgend und sich vielleicht Vorwürfe machend. Unter 
dem Jubel und der Pracht der Hochzeit wird ihr Auge nass: 
sie gedenkt der Zeit am Rhein, die sie mit ihrem Manne 
verlebte. Ihr Leben im Hunnenlande ist scheinbar ein glück- 
liches} sie genass eines Sohnes, den sie Ortlieb nennt. 

Um sich überhaupt ihr Vermögen, sich einer so unend- 
lichen Rache hinzugeben, begreiflich zu machen, vergegen- 

87 



wärtige man sich ihre Lage: wie sie in eine Stellung gedrängt 
ist, wo ihr Herz nie Ruhe finden kann, w^nn es auch so 
scheinen muss; wie sie Etzel Liebe erweist und von ihm 
Liebe empfängt, nur den einen Siegfried im Herzen j wie 
der Zwiespalt, den sie dreizehn Jahre im Herzen trägt, ihre 
zarteren Gefühle vernichtet und sie zu einem vollen Erguss 
ihres Wesens nach so langer Verstellung hindrängen muss, 
zu dem Gegensatz ihrer früheren schönen Liebe, zum Hass 
und zur Rache. So ist es auch hier wieder der Schein, die 
Lüge, die das Verderben anspinnt, auch hier wieder treten 
Wahrheit und Geradheit als Grundzüge unserer Altvordern 
hervor, deren Verletzung die Seele erhärtet und dem wilden 
Treiben unedler Leidenschaften, — Neid, Hass, Rache, — 
die Thür öffnet. 

Unter dem Vorwande, ihre Magen wiederzusehen, nöthigt 
Kriemhild den Hunnenkönig, Boten nach dem Rhein zu 
senden. Ihre entsetzliche Freude, als diese mit glücklicher 
Botschaft zurückkehren, zeigt sich in ihren Worten zu Etzel: 
„Wie gefällt euch diese Nachricht, lieber Herr? Was ich je 
und je begehret habe, das soll nun vollendet werden." 

Ihre Verwandten kommen; sie sieht ihren Todfeind Hagen 
vom Fenster aus; zornige Thränen entströmen ihren Augen; 
sie fleht ihre Getreuen um Rache, sie will aus Hagens eignem 
Munde sein Schuldgeständniss. Er erwartet sie sitzend mit 
grässlichem Hohn, das Siegfriedschwert mit seinem goldenen 
Gehänge und rothgewirkter Scheide über das Knie gelegt. 

Ihre Magen empfängt sie kalt, ohne Kuss und Handschlag, 
ausser Giselher, den sie als blühenden Knaben verlassen hat. 
Ihrer Frage nach dem Nibelungenhort begegnet Hagen mit 
höhnender Bestimmtheit. Sie merkt, dass die Verwandten 
gewarnt sind; vor Dietrichs entschiedener Aeusserung ver- 
stummt sie, Racheblitze auf ihre Feinde schleudernd. Ihre 
Bemühungen, Einzelne zur Ermordung Hagens aufzureizen, 

88 



sind zuerst fruchtlos} und nur mit grossen Versprechungen 
überredet sie Blödelin zum Ueberfall der Dienstmannen. Der 
erste grosse Kampf schliesst sich hieran an. 

Immer noch ist es Hagen allein, dessen Tod sie auf alle 
Weise anstrebt} sie verheisst Etzels Schild dem mit Gold 
gefüllt zu geben, der ihr sein blutig Haupt überbrächte. 
Noch einmal taucht ihre ursprüngliche Milde in ihrer Seele 
auf, als Giselher so rührend die „schöne Schwester" um sein 
junges Leben bittet. Nur Hagen fordert sie} „Euch will ich 
leben lassen, denn ihr seid meine Brüder und einer Mutter 
Kind." Aber alle erklären, lieber sterben zu wollen, als von 
der Treue zu lassen. 

Das reizt sie zu furchtbarer Wuth. Sie lässt Feuer an den 
Saal legen, dass die Helden von unsäglichem Durst gepeinigt 
Blut trinken und mit ihren Schilden sich gegen die herab- 
stürzenden Trümmer decken müssen. 

Ein kühler Morgenwind kündet den letzten Tag der Helden} 
in verzweifeltem Todeskampfe sinkt einer nach dem andern 
hin. Die Stiege, die zum Saal führt, füllt sich von neuem 
mit unzähligen Hunnenleichen. 

Dietrich ist es schliesslich allein, der den beiden letzten Bur- 
gunden, Günther und Hagen entgegengeht} es gelingt ihm, 
beide gefesselt vor Kriemhild zu führen. Und diese? Sie 
verheisst Hagen das Leben, wenn er den Nibelungenhort 
zurückgebe, seiner Antwort gewiss, ob er gleich in schnöden 
Fesseln zu ihren Füssen hegt. „So lange einer meiner Herren 
lebt," sagt er, „sage ich nicht, wo der Hort ist." 

Da lässt sie Günther das Haupt abschneiden und trägt es 
an den Haaren zu Hagen. 

Hagens Antwort ist das Grossartigste, was ich kenne, 
niederschmetternd in ihrer Einfachheit. 

Kriemhild schlägt Siegfrieds Mörder mit dem Siegfried- 
schwerte nieder} das Maass ihrer Rache ist voll; alle ihre 

89 



Magen sind todt und sie selbst, von des ergrimmten Hilde- 
brandts Schlag getroffen, sinkt neben Hagen nieder. — 

Nur volle, tiefe Naturen können sich einer furchtbaren 
Leidenschaft so völlig hingeben, dass sie fast aus dem Mensch- 
hchen herauszutreten scheinen. Mir graut aber vor der 
Herzlosigkeit derjenigen, die den ersten Stein gegen solche 
Unglückhche aufheben können. „Menschen," sagt Gutzkow, 
„stellt dem Weltenrichter grossartige Aufgaben j Sprüche 
urtiefer Weisheit werden fallen im Gericht, nicht Schul- 
censuren." — 



yo 



Verzweiflung. 

Von ferne tönt der Glockenschlag, 
Die Nacht sie rauscht so dumpf daher. 
Ich weiss nicht, was ich thuen magj 
Mein' Freud' ist aus, mein Herz ist 'schwer. 

Die Stunden fliehn gespenstisch still, 
Fern tönt der Welt Gewühl, Gebraus. 
Ich weiss nicht, was ich thuen will, 
Mein Herz ist schwer, mein Freud' ist aus. 

So dumpf die Nacht, so schauervoll 
Des Mondes bleiches Leichenlicht. 
Ich weiss nicht, was ich thuen soll. 
Wild rast der Sturm, ich hör' ihn nicht. 

Ich hab' nicht Rast, ich hab' nicht Ruh, 
Ich wandle stumm zum Strand hinaus. 
Den Wogen zu, dem Grabe zu. 
Mein Herz ist schwer, mein Freud' ist aus. 

1S62, 



pt 



Erster Abschied. 

Die Sterne schreiten traurig 
Am kahlen Himmel hin, 
Die Winde fragen schaurig, 
Was ich so stille bin. 

Und durch das Fenster quillet 
Der volle Mondenschein, 
O liebe Strahlen, stillet 
Mein Herz und seine Pein! 

Weiss nicht, ob lachen, scherzen. 
Ob weinen ich hier soll — 
Mein Aug' ist voller Schmerzen, 
Auch bitt'ren Hohnes voll. 

Und meine Hände gleiten 
Fast zitternd hin und her. 
Und die Gedanken breiten 
Sich endlos wie ein Meer. 

Ich hört' die Glocken läuten 
Vor kurzem in Mitternacht. 
Auch jetzt will mich's bedeuten, 
Dass man ein Grab gemacht. 

Ein Jahr hat man begraben, 
Neujahr ist vor der Thür. 
Man hat mein Herz begraben, 
Und niemand fragt nach mir. 



i8(52. 



9* 



Hei 

(Fünf 

Wieder bin ich kommen, 
Wie ein Wandrer müd', 
Dem die Heimat leise 
Singt sein Abendlied. 

Herz, du ewig gleiches. 
Ruheloses Blatt, 
Sinke nun darnieder, 
Fasse Ruhestatt. 

Hand, du wilde Ranke, 
Schlinge dich herum 
Um der friedenstillen 
Heimat Heihgthum. 



m k e h r. 

Gedichte.) 

Auge unergründlich, 
R'äthselhaftes Kind, 
Blicke, wie ein Zauber 
Alles hier umspinnt. 

Herz und Hand und Auge 
Unter Tannenduft 
Ruhet still im Schleier 
Gold'ner Abendluft:. 

Wieder bin ich kommen, 
Ein verirrter Knab', 
Dem die milde Heimat 
Grab und Ruhe gab. 



Weiss nicht, ob die Stunde 
Meiner Lust verblüht j 
Traumhaft die Erinn'rung 
Singt ihr seltsam Lied. 

Weiss nicht, ob die Stunde 
Meines Weh's zerrann; 
Fernher, tief mitleidig 
Weht's mich lächelnd an. 



Unter Schutt und Trümmern, 
Unter Mondesblick 
Schloss sein glühend Auge 
Auf mein Lebensglück. 

Sonne, milder Gluthen 
Uferloser See, 
Sengt zu Staub und Asche 
Volles Glück und Weh. 



Weiss nicht, ob mein Leben Weiss nicht, ob verwelket, 

Seine Kelche schliesst, Blinden Auges mich 

Da die schattenhafte Schon der Hauch des Todes 

Nacht vorüberfliesst. Seltsam überschlich! 



93 



Wolken dort, ihr Segel, 
Weiss in Abendgluth, 
Da ihr aufwärts schwellet 
Ueber stürmischer Fluth! 

Meine Blicke haften 
Stumm an eu'rem Bild, 
Das vor mir, ein ewig 
Neuer Born, erquillt. 



Klamm're ich mich ängstlich 
Dann an dein Gewand, 
Hab' an einer Thräne 
Ich dein Herz erkannt. 

Tumm'le ich verwegen 
Mich in heisser Welt, 
Schau'r ich, wenn zornäugig 
Dein Bück niederfällt. 



Thränen und der Blitze Wolken dort, ihr Segel, 

Wundersamer Schooss, Tragt den leichten Kahn 

Nährst mich, deinen Jungen, Hin auf eu'rer sternen- 

Ewig hoffnungslos. Lichten WandVerbahn! 



Stand auf wald'ger Haide 
Abends, wegesmüd'. 
Wo die rote Nelke 
Und die Rose blüht. 

Düster und verschlossen, 
Fichtelnacht umhüllt. 
Schwebt an mir vorüber 
Wilder Höhen Bild. 



Schaut er wohl sehnsüchtig 
Nach dem Wand'rer müd'. 
Der im Abendscheine 
Wie ein Heil'ger glüht? — 

Auf dem Steine nieder 
Sass ich stundenlang. 
Lauschte der Erinn'rung 
Vollem Glockenklang. 



Aus dem Thale hebt sich Ob ich Mönch, ob Wand'rer, 

Leiser Glockenklangj Nimmer wusst' ich's mehr. — 

War's ein Mönch, der traurig Auf den Höhen schwebte 

Regt den Glockenstrang? Bleich der Mond daher. 



94 



Mondesnacht und Wolke, 
Haideneinsamkeit. 
Meines Herzens liebste 
Stätten, o wie weit! 

Keiner will mitgehen, 
Geh' drum ganz allein. 
Luft und Leid verwehen 
Stumm im Herzensschrein. 

Jahre, Monde, Stunden, 
Seh'n mich lächelnd an. 
Gehen still vorüber 
An mir armem Mann. 



Sterne auch mitleidig 
Wandeln hell, bald trüb'. 
Ihrer Augen Zucken 
Kündet ihre Lieb'. 

Süsseste Erinn'rung, 
Ew'ger Bilderquell, 
Meine einz'ge Heimat, 
Sprud'le kühl und hell! 

Ströme aus der Tiefen 

Schätze erden wärts: 
Manch' zerbroch'ne Krone, 
Manch' zersprungen Herz. 



9S 



Zweiter Abschied. 

Die Sonne blickt auf's Schneegefild, 
In meinem Auge die Thräne quillt — 
Vorüber! 

Vom Süden flüstert her ein Hauch — 
Ohn' Blatt und Blüthe Wald und Strauch. 
Vorüber! 

Eine Knospe morgens ist erwacht, 
Sie weinte am Tage, sie starb bei Nacht. 
Vorüber! 

O Sonnenschein, o südlicher Wind, 
Was täuschtet ihr das arme Kind? 
Vorüber ! 

Die Tanne schüttelt stumm ihr Haupt, 
Mein Herz ist wie mit Schnee bestaubt. 
Vorüber! 

Die Tanne rauscht ein Grabeslied, 
Die Sonne ist todt, der Wind entflieht — 
Vorüber! 



iSöj. 



96 



In wie fern ist den Soldaten in Wallensteins Lager an 
der Erhaltung ihres Feldherrn im Oberbefehl sehr gelegen? 

(Schulaufsatz Januar 1863.) 

Es ist eine Folge der geistigen Ueberlegenheit grosser 
Menschen, dass sie ihre Umgebungen mit sich fortreissen, 
so dass sich die Grossartigkeit ihrer Anschauungen und 
Handlungen in dem Geiste der ihnen nahe Stehenden gleich- 
sam wiederspiegelt. Aber doch ist dieser Abglanz oft nur 
ein leichter, flüchtiger Schein, der eben so leicht verwischt 
wird, als er entsteht. Es sind nämlich nur mehr die Aeußer- 
lichkeiten, nicht das Innerste eines grossen Geistes, es sind 
Einzelheiten, nicht die ganze, volle Seele, die sich dann in 
den Umgebungen wieder findet. Das Geheimnissvolle, das 
bedeutende Menschen umschleiert, die Ahnung der kühnen 
Pläne, die jene in sich bewegen, das Eigenthümliche und 
Neue, das sie selbst in Kleinigkeiten zeigen: alles dies reizt 
den Menschen und zwingt ihn zu einem unbestimmten Ge- 
fühl der Abhängigkeit von jenen. Wenn sie aber plötzlich 
mit ihrem eigensten Wesen hervortreten, wenn die ver- 
wegenen Folgerungen ihrer Grundsätze in hellem Licht er- 
scheinen: dann wendet sich der Mensch wie geblendet abj 
das Dunkle, Dämmernde war ihm lieber als der helle Tag. 
Und hier tritt dann der Fall ein, daß geistige Grössen plötz- 
lich verlassen und vereinsamt erscheinen, dass sie sich in 
einen Kampf mit dem Alltäglichen und Gewöhnlichen ver- 
stricken, aus dem sie selten als Sieger hervorgehnj denn das 

-7 Nietzsche I ^"^ 



Gewicht des Gewöhnlichen wird fast immer auch die be- 
deutendste Einzelmacht niederdrücken. 

Aehnliche Anschauungen sind es, auf denen Schiller das 
tragische Geschick Wallensteins beruhen lasst. Auch er, 
„der Schöpfer kühner Heere, des Lagers Abgott" geht an 
dem „ganz Gemeinen, dem ewig Gestrigen" zu Grunde. 

Und was für Soldaten sind es, die Schiller zeichnet, dass 
sie aus Furcht vor einem Nichts von ihrem Feldherrn ab- 
fallen, sie, die selbst Wallenstein, der feine Menschenkenner, 
noch da für „treu und sicher" erklärt, als die Empörung 
schon allgemein ist? 

Ein aus allen Ländern „zusammengeschneites" Gesindel, 
lüderlich, verschlagen, habgierig, ohne alle Rücksicht auf 
Menschenwürde und Sitte, das eigne Leben mit Verachtung 
preisgebend, dabei stolz und aufgeblasen, nicht ohne eine 
gewisse „Soldatenehre" und gutmüthig und gesellig im Um- 
gang mit ihres Gleichen. Und solche Menschen weiss Wallen- 
stein zusammenzuhalten und mit „schnellem Witz und rascher 
Hand" aneinander zu fügen, ja zu blindem Gehorsam, zur 
strengsten Disciplin, zur Begeisterung für sich einzunehmen. 
Und durch welche Mittel erreicht er dies? 

Nicht durch eine masslose Strenge j nur ein Verbrechen 
giebt es vielmehr in seinem Lager, „der Ordre fürwitzig 
widersprechen." Sonst herrscht die grösste Ausgelassenheit, 
ein Lagerleben in seiner Rohheit und Schwelgerei, mit 
„Soff, Spiel und Mädels", Schulden, Fluchen, Lügen und 
Betrügen, aber trotzdem die strengste militärische Genauigkeit. 
Oder ist es Wallensteins leutseliges Benehmen den Sol- 
daten gegenüber? Allerdings steht er seinen Lieblingsregi- 
mentern näher 5 er kennt die Namen und die Verdienste 
jedes Einzelnen und behandelt sie „als freie Männer". In 
der „Heereswoge" unterscheidet er aber nicht mehr „das 
einzelne Haupt" j „denn nur die Fahnen zählt der schnelle 

98 



Blick des Feldherrn". Um so mehr aber wkkt er mittelbar 
auf die Gesinnung seiner Soldaten einj seine Generäle, die 
er durch Freigebigkeit, Ehrenstellen und andre Gunstbezeu- 
gungen bis zur blinden Anhänglichkeit an sich zu fesseln 
weiss, verbreiten ihre eignen Ansichten unter ihren Unter- 
gebenen, — die auch wirkUch den Geist und die An- 
schauungen ihres Obersten genau wiederspiegeln — erzählen 
Geschichten von des Feldherrn Sonderlichkeiten wieder und 
glauben selbst an allerhand wunderbare Umstände, die das 
Leben des Fürsten begleiten. So erscheint Wallenstein den 
gemeinen Leuten gegenüber geheimnissvoll: er hat sich dem 
Teufel verschrieben, ist stich- und kugelfest, kann den Hahn 
nicht krähen hören, hat geheimen Umgang mit Geistern, 
„mit einem grauen Männchen" und sucht in den Sternen 
sein Geschick zu lesen. In seiner Umgebung muss es immer 
todtenstill sein; „denn er denkt gar zu tiefe Sachen". Gerade 
das Dunkle seiner Ziele übt auf den Soldaten so einen 
seltenen Zauber, ebenso die ungeheure Macht, mit der er 
jene Ziele durchsetzen konnte. Man spricht gern von seiner 
Stellung zum Kaiser^ in dessen Gegenwart hat er sein Haupt 
bedeckt; er kann Generäle ein- und absetzen, Münzen 
schlagen, ja er hat „sein eigen Volk und Land". 

Die etwas feindselige Stimmung, die im Lager gegen den 
Hof herrscht, entspricht der Stimmung Wallensteins, der 
„nach dem Kaiser der erste Mann ist" und wer weiss noch 
was alles erreicht, „da noch nicht aller Tage Abend ist". 
Ebenso wirkt sein Kriegsruhm blendend auf die kriegerischen 
Gemüther 5 unter seinen Fahnen fühlen sie sich als die 
Herren der Welt und schauen leicht herab auf das „Ge- 
hudel" unter ihnen. Dass sie bei den Bürgern und Bauern 
verhasst sind, ist ihnen ganz recht, ja mit einem gewissen 
Stolz betrachten sie ihre aller Welt feindliche Stellung. Die 
kalte Herzlosigkeit des Krieges, die „den Bruder, den eignen 



Sohn nicht schont, der im Wege liegt", sie wird wohl von 
den Soldaten erkannt, aber sie ist nicht zu ändern j denn 
jeder sucht das flüchtige Glück „mit beiden Händen zu 
fassen, da bald der Friede kommen kann", der „dem ganzen 
Wesen ein Ende macht". Alles dient ja im Kriege selbstischen 
Zwecken, und Wallenstein an der Spitze ist den Soldaten 
ein erhabenes Vorbild, wie man sich sein Glück selbst schafft. 
So ist es also Wallensteins kühne und verwegene Stellung, 
sein Kriegsruhm, seine in Dunkel gehüllte Thätigkeit, sein 
ganzes bisheriges Leben, was die Soldaten fortreisst und be- 
zaubert; sie merken, dass in seiner Nähe alles „einen grossen 
Schnitt" habe, und wie der „Feldherr über der Fürsten 
Haupt", so dürfen sie mit „beherztem Schritt über die Bürger 
kühn wegschreiten". Daraus entspringt ihnen die freie und 
kecke Stimmung und Weltanschauung, daraus jener todes- 
muthige Trotz und jenes rasche Ergreifen des Augenblicks, 
wie dies alles Schiller in dem letzten Gesang — allerdings 
etwas idealisiert — vorführt und zusammenfasse In ihm ist 
der Gegensatz des freien Kriegerstandes zu dem langweiligen, 
engherzigen Spiessbürgerthum scharf genug hervorgehoben. 
Aber nicht eines jeden Kriegerstandes; der Geist Wallen- 
steins muss in ihm weben und ihn mit sich fortreissen. 
So schliesst sich auch eng an den innigsten Wunsch der 
Soldaten: „Die Armee soll florieren!" der andre, der mit dem 
ersten aus einer Seele stammt: „Und der Friedländer soll sie 
regieren!" 



lOO 



In wie fern ist der Ackerbau als die Grundlage aller 
gesetzlichen Ordnung und Gesittung zu betrachten? 

(März 18(53.) 

Es ist ein weiter und beschwerlicher Weg, den ein Volk 
zu gehen hat, um die höchsten Güter der Bildung und der 
Sittlichkeit, seine staatliche Grösse, die bürgerliche Freiheit 
des Einzelnen, die Blüthe der Künste, eine volksthümliche 
Litteratur und viele andere Früchte einer gesunden und 
naturgemässen Entwicklung einzuernten. Die Anfänge dieses 
Weges fuhren durch Wildnisse 5 es sind die Zeiten, in denen 
der Einzelne durch rohe Gewalt, durch Raub und Jagd 
kümmerhch sein Leben fristet, wo alle edlen Neigungen 
und Beschäftigungen des gesitteten Menschen sich kaum in 
ihren ursprünglichsten Keimen wiederfinden, wo die Kraft 
des Geistes niedergedrückt liegt, und die Sinnlichkeit und 
der rohe Genuss ungezügelt ihre Herrschaft behaupten. Die 
Sorge für den AugenbHck, für Sättigung gegenwärtiger Triebe 
reisst den Menschen aus seiner Trägheit 5 die Zukunft 
kümmert ihn nicht und aus der Vergangenheit hat er sich 
keine Lehren entnommen, einige wenige ausgenommen, die 
sich unmittelbar auf seinen Lebensunterhalt beziehen. Die 
Rechte des Eigenthums kennt er nicht; die Menschen oder 
Thiere, auf die er trifft, sind seine persönlichen Feinde j er 
furchtet von ihnen für seine Ruhe und Sicherheit, für den 
ungestörten Erwerb seiner Lebensbedürfnisse. 

Schon weit milder, dem Stande der Gesittung weit näher 
ist das Leben der Nomaden, die durch die Viehzucht, durch 



lOI 



die Behandlung der Thiere als ihrer Ernährer ihren rohen 
Geist auf eine ruhige, gleichm'ässige Beschäftigung hinrichten, 
die nicht nur für ihren Unterhalt, sondern auch für den 
ihrer Herden und ihrer Familien — denn die Viehzucht 
begünstigt das Familienleben — , sorgen müssen, die also 
schon die Zukunft im Auge haben und dem Dagewesenen 
und Erlebten Lehren und Rathschlage entnehmen. Doch auch 
ihnen fehlt noch Heimath und Vaterland, auch ihnen mangelt 
noch das feste Grundeigenthum und alle die wichtigen Folgen, 
die sich an dessen Besitz anschliessen. Zu dessen Begründung 
aber that der Ackerbau die ersten Schritte. 

Der Erste, der ein Kraut pflanzte oder säete, eröffnete 
seinen Mitmenschen ein unermessliches Feld der Thätigkeit 
und legte den Grund zu einem viel höheren Grade der 
Erleuchtung und Milderung. Indem nämlich das Land zur 
Bepflanzung vorbereitet wurde, indem die Saat, die Frucht 
vieler Bemühungen, darauf emporwuchs, empfing der Bebauer 
des Feldes die Anrechte auf dessen Besitz j jeder Andere, 
der es eingenommen hätte, wäre ein unrechtmässiger Ein- 
dringling gewesen, der die Früchte des Fleisses und der 
Sorgsamkeit für sich beansprucht und seinen Mitmenschen 
beraubt und beleidigt hätte. Dies war also ein Grund, wo- 
durch ein Anderer von dem Besitz des Feldes ausgeschlossen 
wurde, wenigstens so lange, bis jener den Ertrag des Landes 
eingeerntet hatte. 

Es dauerte sicherlich lang, auch in glücklich gelegenen 
Gegenden, dass der Mensch bis zu diesem Punkte gelangte, 
der seine ganze Lebens- und Denkweise umgestaltete und 
die Grundlagen zu gesetzlicher Ordnung und Gesittung legte. 
Säen und Pflanzen setzt schon bedeutende Kenntnisse, lang 
gesammelte Erfahrungen voraus. Wie das Samenkorn sich 
fortpflanzt, wie es sich von ähnlichen unterscheidet, wie der 
hervorspriessende Keim behandelt werden muss, alles das 

102 



muss durch die ausgedehntesten Versuche und scharfe Be- 
obachtungen schon erkannt worden sein. Insbesondere muss 
der Mensch gelernt haben, seinen Blick mit Ruhe und Er- 
wartung auf die Zukunft zu richten, seine Vorräthe zu über- 
schlagen und den Verbrauch derselben mit Besonnenheit zu 
leiten. Als aber der Ackerbau sich nach sichern Wahrnehmungen 
zu bilden anfieng, als er sich auszubreiten begann, da traten 
mit ihm zugleich mehrere der folgenreichsten Veränderungen 
des bisherigen Unterhalts ins Leben. Der Mensch sah nun 
den Acker als den Grund seines Wohlstandes an. Ihn sorg- 
sam zu bebauen, seine Früchte sicher einzuernten und dann 
in Gewahrsam zu halten, zwang ihn seiner umherschweifenden 
Lebensweise gänzlich zu entsagen, feste Wohnsitze zu grün- 
den und sich selbst hinreichenden, dauernden Schutz für 
sich und seine Vorräthe zu schaffen. Das bewegUche Zelt 
wandelte sich in die feste, wohlverwahrte Hütte, die Un- 
sicherheit des Alleinlebens nöthigte die Menschen zu geselliger 
Vereinigung; wechselseitige Hülfsleistungen und nachbarUche 
Dienste, gegenseitige Anerkennung und Bewachung des 
Eigenthums, alles das milderte den bis jetzt an stolze Selb- 
ständigkeit gewöhnten Geist und lehrte ihn die weichern 
Neigungen des friedfertigen Zusammenlebens, hülfreichen 
Sinn und Gefälligkeit. Zugleich vermehrten sich die An- 
schauungen und Beobachtungen durch den regen Aus- 
tausch der Meinungen. Die Bedürfnisse steigerten und ver- 
feinerten sich; die Thätigkeit der Seele vermannichfaltigte 
sich immer mehr; die Folgen der Gewaltthätigkeit und Unter- 
drückung erschienen immer empfindlicher und drückender. 
Zu gemeinsamem Schutz gegen Angriffe schloss sich nun 
nicht nur Mensch an Mensch, sondern auch Geschlecht 
an Geschlecht, Stamm an Stamm, Volk an Volk. Die 
wohlthätige Abhängigkeit, in die sie dieses Aneinander- 
schliessen brachte, weckte von Tag zu Tag neue und an- 

103 



genehme Verhältnisse, stärkte Eriindungsgeist und Arbeitsam- 
keit und legte den Grund zu Gesetzen und Ordnungen, über 
die man übereinkam und die man als bindend und zwingend 
für alle anerkannte. So entstanden wie von selbst und durch 
Gründe einer naturgemässen Entwicklung ins Leben gerufen 
Gemeinden und Städte. Der Wohlstand einzelner Familien 
mehrte sich und regte ärmere zur Nacheiferung an. Man fieng 
an, untereinander nothwendige Bedürfnisse auszutauschen j man 
erw^arb sich mit Eifer und Fleiss schon mehr als zum noth- 
dürftigen Fristen des Lebens nöthig w^ar. So begann schon 
das Angenehme, das Leben Verschönernde neben dem Nütz- 
lichen eine Macht zu gewinnen und den Sinn für das Edle 
und Schöne, für die Reize des Daseins einzunehmen. 

Es ist natürlich, wie es auch durch die Geschichte nach- 
gewiesen ist, dass diese Vorgänge nur langsam von den 
Einzelnen zu dem ganzen Volke fortschritten, und es 
giebt Nationen, denen ein ungünstiges Geschick — etwa 
abgeschiedene Lage oder eingeschränkte Geisteskraft — , 
ewig in diesen Entwicklungszuständen zu verharren bestimmt 
hat. Schon zu der Bebauung des Ackers sind eine Menge 
Gegenstände und Werkzeuge nöthig, die, zuerst sehr roh 
und unbehülflich, sich erst mit Auffindung und Ver\^'endung 
der Metalle verfeinerten. Überhaupt gehen Erfindungen 
und deren Verbreitung sehr langsam vorwärts und viele, 
von einem Einzelnen gemacht, versinken mit dessen Tode 
in die Vergessenheit. — Dass aber gerade der Ackerbau zu 
ihnen immer und immer wieder anregte, dass er für ihr 
Bekanntwerden in weitern Kreisen durch die von ihm ver- 
anlasste Geselligkeit sorgte, dass er eben dadurch sie auch 
schnell verfeinerte und vervollkommnete, das denke ich in 
den vorigen Gedanken dargethan zu haben. 

Wie wir also auf jene Zeiten, in denen unsre Vorfahren 
das Land zu bebauen und damit die Grundlagen zu errichten 

104 



begannen, auf denen des Volkes geistliche und sittliche 
Fortbildung beruht, mit Dankbarkeit und Verehrung hinblicken 
müssen: so ziemt es uns auch, dem Bauernstande unsrer 
Zeit, in dem noch die Spuren jener natürlichen Sittenein- 
falt und jener ungeschwächten Kraft zurückblieben, aus 
denen alles Grosse und Bedeutende in der Weltgeschichte 
hervorgegangen ist, ihm, dem Hüter des Volksgeistes, aus 
dem sich die Nation immer wieder verjüngen muss, unsre 
Aufmerksamkeit, unsre Sorge, unsre Liebe zu schenken. 



105 



Wie ist der goethische Spruch zu erklären: 
„Sprichwort bezeichnet Nationen, 
Musst aber erst unter ihnen wohnen". 

(Schulaufsatz März 1863.) 

Die Eigenthümlichkeiten, die eine Nation vor allen andern 
kennzeichnen, treten in den mannigfaltigsten Erscheinungen 
hervor, ja fast in allem, was eine Nation denkt und thut, 
finden sich ihre Spuren. Natürhch also, dass in den unmittel- 
barsten Erzeugnissen des Volksgeistes, in Volkslied und Sprich- 
wort, sie sich am deutlichsten offenbaren und auch fremden 
Beobachtern leicht die Fäden zu einer richtigen Würdigung 
des Volkes in seiner ursprünglichen Begabung in die Hand 
geben. Es verschwindet nämlich die frische Kraft, aus der 
\^olksHed und Sprichwort hervorwachsen, mit der Entwick- 
lung einer Nation immer mehr, und es ist leicht möglich, 
dass die letzten Ausgänge eines Volkes einen ganz andern 
Anblick gewähren, als die der Wurzel nächste Zeit erwarten 
Hess. Sprichwort und Volkslied haben so viel Gemeinsames 
und Verwandtes, dass ihr Hervor wachsen aus gleicher Wurzel 
natürlich erscheint. Allerdings betrachtet das Sprichwort mehr 
mit nüchternem, verständigem Blick das Geschehene, Da- 
gewesene, während das Volkslied aus dem dichtenden, bilder- 
reichen Geiste entsprungen ist, in dem sich die Wirklichkeit 
spiegelt. Das Sprichwort will rathen, es bedient sich dazu 
auch des Bildes, aber es will nie ergötzen, wie es das Volks- 
lied thut. Der Ernst, der, in dem einen Volke mehr, in dem 
andern weniger, ein Grundzug seines Charakters ist, prägt 

106 



sich vornehmlich in dem Sprichwort aus, der Ernst seiner 
Weltanschauung, die Strenge seiner sittlichen Grundsätze, 
selbst das Düstere trauriger Lebenserfahrungen. Und selbst, 
wenn das Sprichwort scherzt, wenn es mit einem Vergleiche 
Vorgänge des Gemüths oder des Menschentreibens scharf 
und witzig erläutert, so blickt durch die Maske des Spottes 
und des mitunter niedrigen, aus der Natur und Alltagswelt 
entnommenen Bildes, der tiefe Ernst hindurch, der, wenn 
er auch nicht immer auf strenger Sitthchkeit beruht, doch 
immer auf einem höheren Standpunkte steht, von dem aus 
er die Thorheiten der Menge und des einzelnen Menschen- 
herzens verlacht. Nun können wir allerdings einen unmittel- 
baren Schluss auf die sittliche Natur eines Volkes machen, 
wenn es einen ursprünglichen Schatz von eBlen und tief- 
sinnigen Sprichwörtern hat, wir können mit Sicherheit seine 
angeborne Fähigkeit bestimmen, mit der es sich unter der 
Beihülfe des Christenthums sittlich entwickelt hat, oder sich 
hätte entwickeln können. Wenn wir hingegen das Sprich- 
wort bei einer andern Nation fast nur als ein witziges „Bon- 
mot" wiederfinden, das spöttelnd und mit einer gewissen 
Lust an der Unlust, die es erregt, bei den Leuten aus dem 
Volke ziemlich roh angetroffen wird und immer schärfer 
und vergeistigter als Würze der Unterhaltung bis zu den 
feinsten Gesellschaften aufsteigt: müssen wir nicht einer 
solchen Nation viel Scharfsinn, viel geistige Leichtigkeit und 
Schnelligkeit zugestehen, aber um so weniger sittliches Ge- 
fühl, um so weniger Herz und Gemüth, um so weniger 
tiefes, seelenvolles Leben? 

Das Sprichwort nämlich offenbart nicht nur, ob sich eine 
Nation von Natur zu einer ernsten Lebensauffassung, zu 
strenger Pflichterfüllung hinneigt oder ob sie mit freierem, 
leichterem Sinne die Bedenklichkeiten der Sittlichkeit durch 
witzige Einfälle überspringt: es spiegelt auch die geistige 

107 



Befähigung eines Volkes, wenn auch nicht so treu, wie seine 
sittliche wieder. Wir finden Sprichwörter, deren Sinn zuerst 
dunkel erscheint, bei näherer Betrachtung aber eine Fülle 
von Gedanken offenbart} wir finden andere, die mehr ober- 
flächlich eine Erscheinung des Lebens ebenso deutlich als 
scharf in einem Bilde verspotten. So bietet der Sprichwörter- 
schatz einer jeden Nation die mannigfaltigsten Seiten, bald 
Witz, Ernst, Laune, bald Wahrheit, mitunter auch eine scherz- 
hafte Verkleidung der Wahrheit, bald Leichtsinn und Gewissen- 
haftigkeit, bald Tiefe der Beobachtung und leichtes, ober- 
flächliches Urtheil, so dass es sehr erschwert wird, einen 
berechtigten Schluss auf die geistige Befähigung eines Volkes 
zu machen, besonders da blendende Gedankenspiele und 
geistreiche Einfälle einer beweglichen Nation oft die tiefen 
und bescheidenen Aussprüche einer andern überglänzen. Es 
liegen uns ausserdem noch so wenige Sammlungen von 
Sprichwörtern vor, und diese wenigen sind oft so flüchtig 
und leichtsinnig zusammengetragen, so reich an Verwechse- 
lungen und so ungenau in dem Eigenthume jeder einzelnen 
Nation, endlich so völlig unvollständig und unübersichtlich, 
dass ein Urtheil, das auf solche Sammlungen sich gründen 
wollte, bis jetzt nur höchst unsicher sein kann. Um so 
weniger können wir uns von einem einzelnen Sprichwort 
aus unsre Ansichten über ein Volk bilden: wir müssen viel- 
mehr schon die genauesten Kenntnisse eines Volkes mit- 
bringen und schon von den verschiedensten Seiten seine 
Eigenthümlichkeiten in's Auge gefasst haben, um in einem 
seiner Sprichwörter seine Seele mit allen ihren unterschei- 
denden Merkmalen wiederzufinden. 

Das ist es, wie es mir scheint, was Goethe in dem Spruch 
hat sagen wollen: 

„Sprichwort bezeichnet Nationen, 
Musst aber erst unter ihnen wohnen." 

io8 



Jedes Sprichwort hat nämlich in dem Volke, aus dem es 
hervorgegangen, noch seine eigenthümliche Auffassung, seinen 
besonderen Gebrauch, den man vor allem scharf zu beachten 
hat, wenn man in dem Sprichwort das Volk in seinen Unter- 
scheidungen von andern erkennen will. Um diese besonderen 
Auffassungen zu bemerken und richtig sich auszulegen, muss 
man innig mit dem Volkscharakter vertraut sein, muss man, 
ohne selbst ein Eingeborner zu sein — denn für diesen 
entschwinden die unterscheidenden Merkmale um so leichter, 
je mehr er an jene gewöhnt ist — den Geist eines Volkes 
so in sich aufgenommen haben, dass man seine Offen- 
barungen richtig versteht und empfindet und zugleich noch 
dem Volke so fern stehn, dass man unparteiisch vergleichen 
und prüfen und die Merkzeichen der Völker unter einander 
abwägen kann. Es ist hierzu nöthig, wie Goethe sagt, „unter 
fremden Nationen zu wohnen", sie in allen Schichten kennen 
zu lernen, ihnen, ohne sich von ihrem Glanz und äusser- 
lichen Schimmer blenden zu lassen, auch in ihre Tiefen zu 
folgen, die Ergebnisse und Erfahrungen zu ordnen, zu ver- 
gleichen, aus ihnen Schlüsse zu machen — dann erst wird 
es auch möglich sein, den Sinn eines Sprichwortes in dem 
Sinne des Volkes, dem jenes entsprungen, zu begreifen und 
mit ihm einen Blick auf die Eigenthümlichkeit der Nation 
zu werfen. 

Es ist also nicht die Aufgabe eines oberflächlichen Be- 
trachters, sondern eines tiefen, weitblickenden Weisen, das 
Sprichwort als eine der ursprünglichsten, reinsten Quellen, 
aus denen das Innere des Volksgeistes frisch und kühl her- 
vorquillt, zu erkennen und auf diese Erkenntniss ein sicheres 
und massgebendes Urtheil über die geistige und sittliche Kraft 
einer Nation zu gründen. 

Dass aber gerade Goethe diese Ansicht über das Sprich- 
wort so kurz und gedrängt, selbst als ein echtes Sprichwort, 

109 



aufstellt, — ■ wie ja überhaupt eine grosse Anzahl der volks- 
thümlichsten und sinnigsten Gedanken in einer dem Sprich- 
wort eng verwandten Form ihm entsprungen sind — dass 
er gerade das Wesen des Sprichworts so neu und eigen- 
thümlich erkannt und bezeichnet hat, das ist mir immer einer 
der deutlichsten und schlagendsten Beweise gewesen, dass in 
Goethe selbst der hohe und umfassende Geist der deutschen 
Nation, wie in einer schönen Blüthe, zur Erscheinung ge- 
kommen istj das ist mir zugleich auch die Bürgschaft dafür, 
dass die gesunde, deutsche Kraft noch unversiegt in dem 
Leben unsers Volkes wirkt und das Ewigwahre, über alle 
Zeit Erhabene noch immer neu aus sich heraus zu erzeugen 
vermag. — 



HO 



Erinnerung. 

Es zuckt die Lippe und das Auge lacht, 
Und doch steigt's vorwurfsvoll empor, 
Das Bild aus tiefer, tiefer Herzensnacht — ■ 
Der milde Stern an meines Himmels Thor. 
Er leuchtet siegreich — und die Lippe schliesst 
Sich dichter — und die Thräne fliesst. 



1863. 



Herüber — hinüber. 

Herüber, hinüber 

Fliegen der Blicke glänzende Funken j 
Trüber und trüber 

Wölbt sich mein Himmel, wehmuthtrunken j 
Lieber, ach lieber 

Bräche des Herzens zitternder Grund — 
Herüber, hinüber 

Zucken die Blitze — doch schweiget der Mund. 
Wolken Sammler, o Herzenskündiger, 
Mache uns mündiger. 



Vergeben, vergessen. 

Ich habe dir und mir vergeben und vergessen; 

Weh! Du hast dich und mich vergessen und vergeben. 

1S63. 



III 



Untreue Liebe. 

Die Hand, die herzlich dargebotene 
Zurückgegeben, zweifelhaften Auges, 
Und auf der Zunge wägend Silb' um Silbe, 
Das Herz, den aufgebrochnen Brief zurück 
Gewiesen, ungelesen, ungedeutet! 
Und das von Dir! 

Herum im Kreise staunten 
Und lachten Eintagsfliegen, flogen weiter 
Und summten ärgerlich Gesumm. Jedoch 
Ein Gott riss mich heraus, mit wilder Schwermuth 
Den Sinn umnachtend. — 
Und lächelnd schau' ich jetzt die Fäden an. 
Die durchgeriss'nen, durch die Hand mir gleitend, 
An denen es wie Blut und Thränen glänzt: 
Sie waren schön und sind es noch, und wie 
Des späten Sommers Schleier fliehn sie fort, 
Ein Windhauch spielt mit ihnen, und das Gold 
Der Abendsonne glüht und glitzert drinnen. 
Du nicht mehr mein! Es spielt mein liebster Traum 
Mit deinem Bild, und einsam steigst du auf 
Aus Herzenstiefen wie ein Stern, entglommen 
An meines Lebens nächt'gem Himmel — doch 

Schon ferne, ach zu ferne, schon versunken! 

18Ö3. 



112 



Charakterschilderung des Cassius aus Julius Cäsar. 

(Schulaufsatz Mai 1 8 (5 3 .) 

Brutus und Cassius sind durchaus nicht gleichartige Cha- 
raktere j ihre Verschiedenheit bedingt gewissermassen ihren 
Untergang. Die Zusammenstellung aber gerade dieser beiden 
Naturen, die sich gleichsam ergänzen, an deren einzelne 
Fehler aber sich die Missgunst der Verhältnisse anklammert, 
bekundet einestheils den tiefen Blick des Dichters in das 
Gesetz der Wahlverwandtschaft, sodann seinen kühnen, 
künstlerischen Griff, der sich gerade diese zwei Charaktere 
wählte, um an ihnen die zwei verschiednen Beweggründe 
in ihrer Wechselwirkung zu zeigen, die bei der Ermordung 
Cäsars thätig waren. Ist es nämlich bei Brutus wesentlich 
der Hass gegen alle Willkürherrschaft, der angeborne, alt- 
römische Freiheitssinn, der ihn sein Liebstes „opfern" lässt, 
so walten in den meisten Seelen seiner Mitverschworenen 
unedle und selbstische Motive vor: so auch in Cassius, der 
immer zu schwanken scheint, ob er den Tyrannen mehr 
hasse als die Tyrannei. Sicherlich hasst er beides, aber das 
drückende Gefühl, einer höheren und grossartigeren Persön- 
lichkeit gegenüber zu stehen, zwischen den Riesenbeinen 
dieses Kolosses zu wandeln, dabei das Bewusstsein einer 
grössern körperlichen Kraft, die Erinnerung an Cäsars 
Schwächen: alles das reizt sein cholerisches Gemüth zu un- 
versöhnlichem Groll. Er ist es auch, der die Verschwörung 

8 Nietzsche I Ilj 



einleitet, er ist der rechte Mann für die Bildung und Auf- 
reizung von Verschworenen. Sein Aeusseres lässt seine 
nimmer ruhende Seele durchblicken: ein hohler, hungriger 
Blick, eine hagere Gestalt, dabei die Stärke und Muskulosität 
seiner Glieder, die im Kriege abgehärtet sind, scharfes Ohr 
und scharfes Auge, ein bittres und seltnes Lächeln in den 
meist starren Zügen, das den Geist zu verachten scheint, 
der noch lächeln kann. Er schläft Nachts wenig, er liest 
viel und beobachtet fein, er verachtet die Vergnügungen 
des Lebens, spielt nicht, ist kein Freund der Musik, plaudert 
nicht beim Trunk und verbrüdert sich nicht mit Jedermann. 
Diese Andeutungen über sein Wesen werden uns theils von 
ihm selbst, theils von Cäsar gegeben, der ihn durchschaut 
und fürchtet, ja ihn fast allein fürchtet. Es sind dies indess 
mehr äusserliche Züge, nur Formen seines Geistes. Aber 
seine innere Natur lesen wir aus seinen Handlungen heraus, 
besonders aus seinem Umgang mit Brutus. 

Cassius bittet Brutus, den Hergang bei dem Wettlauf mit 
anzusehen; er will vielleicht durch das Schauspiel seine Ge- 
danken wecken. Brutus weigert sich, doch will er Cassius 
nicht hindern, wenn er zuschauen wolle. Cassius nimmt 
dies und sein ganzes Benehmen in letzter Zeit für fremd 
und störrisch und schliesst daraus auf eine Verminderung 
von Brutus' Liebe. Es ist sicher, dass ein ähnliches Be- 
nehmen des Cassius seinen Grund wirklich in einer Ab- 
nahme seiner Liebe haben würde j denn die Anschauungen, 
die Cassius von der Freundschaft hat, sind so edel und hoch 
gespannt, dass wir zu dieser Folgerung berechtigt sind. Es 
ist dies der versöhnende Zug in seiner Natur, bei so vielem 
Abstossenden und besonders auf den ersten Blick Be- 
leidigenden diese tiefe und erhabene Freundesliebe. 

Cassius sucht nun, da Brutus nicht dem Schauspiel bei- 
wohnen will, wo Cäsar die Krone aufgesetzt werden soll, 

114 



ihn selbst auf seine eignen Gedanken zu leiten j er hört von 
ihm, dass Regungen streitender Natur ihn in der letzten 
Zeit gequält haben. Der Weg, den Cassius nun geht, ist 
sehr vorsichtige er heisst Brutus selbst in seinem Innern 
suchen und betrachtet sich als Spiegel für das Freundesauge, 
worin dieser seinen eignen Werth sehn solle. Ehre ist der 
Inhalt seiner Rede, da er ein lebendiges Ehrgefühl als be- 
sonders mächtig in Brutus erkannt hat. Er will lieber nicht 
da sein, als in Furcht vor einem Wesen, wie er selbst ist, 
vor einem Wesen, das, obwohl schwächlicher der Natur 
nach, zum Gott geworden ist und nur noch nachlässig 
gegen ihn nickt. Cassius erkennt den erhabnen Geist Cäsars 
nicht an, er will lieber nach Körperstärke die Macht zuge- 
messen und verachtet einen Menschen, der bei einem Fieber 
wie ein krankes Mädchen zittert und wimmert. Dass aber 
ein solcher Mann die Welt wie ein Koloss beschreiten kann, 
das sei eben die Schuld des entnervten und verweichUchten 
Roms, das sei ihre Schuld, nicht die des Schicksals: Cäsar 
könne nicht der Wolf sein, wenn die Römer nicht zu 
Schafen geworden. 

Cassius hat seinen Zweck erreicht j drei Viertel des Brutus 
hat er schon sich in dieser Sache zu eigen gemacht j die von 
ihm angeregten Gedanken wühlen und nagen fort in der 
Brust des Freundes. 

Als nachher Caska eine Schilderung entwirft, wie Cäsar 
die Krone dreimal ausgeschlagen hat, da sind die zwei Fragen 
des Cassius bezeichnend für seinen scharfsichtigen und staats- 
männischen Geist: „Wer bot die Krone an?" und dann: 
„Was hat Cicero dazu gesagt?'* Letzterer gilt ihm viel als 
ehrenwerther Mann, der als Anhänger der Verschwörung 
ihr den Schein jugendlicher Schwärmerei nehmen werde. 

Um Brutus auf dem angegebenen Wege vorwärts zu 
treiben, scheut er kein Mittel j keine moralischen Bedenken 

8» 115 



machen sich geltend, als er sich vornimmt, durch eingeworfne 
Zettel Brutus aufzurütteln. Es ist ein härterer Stoff, aus dem 
die Natur und das Gewissen des Cassius gebildet sind, aber 
dieser Stoff" ist fest und gediegen und schwankt nicht unter 
dem Druck der Verhältnisse. In ihm gehen politische und 
menschenkundige Schlauheit und ein gerader und altrömischer 
Sinn neben einander her, fast ohne sich zu berühren und 
zu bekämpfen, was seinem Charakter das Gepräge der Halt- 
losigkeit aufdrücken würde. Seine Leidenschaft, sein Hass 
gegen Cäsar hält diese verschiedenen Eigenschaften ausein- 
ander. 

Ein Beweis dafür ist seine folgende Unterredung mit 
Caska, den er auf eine höchst geschickte Weise bei seinem 
Aberglauben fasst. Als er sieht, dass dieser dadurch aus 
seiner stumpfen Ruhe aufgeweckt werde, vergleicht er sein 
eignes Werk mit jener feurigen und fürchterlichen Nacht. 
Er weiss dem plumpen Mann Funken zu entlocken, indem 
er sich plötzlich unterbricht: 

„Doch o mein Gram! 
Wo führtest Du mich hin? Ich spreche dies 
Vielleicht vor einem wilFgen Knecht?" 

Er spricht feurig und stark, sein ganzes Herz wendet sich 
um, wenn er von Cäsar und der weibischen Gesinnung des 
Volkes spricht. Und doch scheint er dabei sich immer scharf 
bewusst, durch welche Mittel er die einzelnen Gemüther 
fessele. Selbst wie nothwendig Brutus und sein anerkannter 
Edelsinn für die ganze Verschwörung sei, nöthig aus poli- 
tischen Gründen, aus Gründen des Eigennutzes, das hat er 
tief erkannt und bestätigt es auch Caska gegenüber. Bei den 
Beschlüssen der Verschwornen macht er wenige, aber immer 
höchst zweckmässige Vorschläge : er will, dass man sich unter 
einander einen Eid ablege, er fragt: „Doch wie mit Cicero? 
Forscht man ihn aus?" Ueberall tritt ihm Brutus entgegen 

ii6 



und zwar nicht mit praktischen Bedenken, sondern mit 
idealer Begeisterung für sein gutes Werk, das durch nichts 
entweiht werden solle. Auch selbst darin, dass Cassius den 
Antonius zugleich mit Cäsar gemordet haben will, — sicher- 
lich ein in der Noth höchst berechtigtes Verlangen — tritt 
Cassius zurück, wenn gleich ungern j er mag erkennen, dass 
hierin das Verderben ruhej er misst völlig die Tragweite 
dieser politischen Sünde ab, aber Brutus gegenüber ist er 
nicht Cassius mehr oder wenigstens nicht derselbe Cassius, 
wie er sich den Andern zeigt. Er, der sich vor niemand 
beugt, kann der überlegnen, sittlichen Grösse seines Freundes 
nicht Widerstand leisten, er merkt, wie seine praktischen 
Gründe und Bedenken vor diesem Lichte erbleichen und 
reisst, nachdem er Brutus zu einem ungeheuren Irrthum ver- 
leitet hat, diesen mit in das Verderben, nicht mit Willen 
und Bewusstsein, sondern indem er den Standpunkt verlässt, 
von dem aus er die schweren Folgen dieses Irrthums allein 
noch abwehren kann. 

Vor und während der That ist er überall, rastlos, das 
Bedenkliche erspähend, das Widerstrebende bei Seite stossend, 
wie den Wahrsager Artemidorus, auf das Schrecklichste ge- 
fasst, mit dem Dolch in der Hand, um ihn gegen Cäsar 
oder sich zu kehren. Nach der Rednerbühne drängt er die 
Verschworenen hin, erkundigt sich nach Antonius, rühmt 
die That und ihre Urheber, heisst Brutus reden und sucht 
Antonius durch Würden für sich zu gewinnen, nachdem er 
weiss, dass Brutus ihn leben lassen will. Als aber dieser 
geschmeidige und reichbegabte Freund Cäsars zu dem Volk 
reden will, da nimmt Cassius Brutus bei Seite: „Ihr wisst 
nicht, was ihr thut! Wer weiss, was vorfällt! Ich bin nicht 
dafür." Wieder ahnt er mit richtigem Blick, wie hier ihr 
Verderben herannahe. Und wieder giebt er nach, denn 
Brutus will nicht auf ihn hören. 

117 



Das Drama naht sich seinem Ausgange. Das Unglück ver- 
folgt die Mörder Cäsars, es hat Brutus' ideale Träume ver- 
nichtet und ihn trübe und finster gestimmt^ es hat Cassius 
nicht niedergedrückt, der mit gleicher Geschmeidigkeit sich 
in seine Lage zu finden weiss und wieder, um sie erträglich 
zu machen, keine Mittel scheut. Nicht zu Brutus' Freude; 
die dadurch entstandene Gereiztheit veranlasst zwischen ihnen 
eine höchst leidenschaftliche Scene, in der sich beide hart 
und beleidigend aussprechen. In dieser Scene gipfelt sich 
das Drama } beide Naturen, zu dem Aeussersten geführt, 
offenbaren ihr eigenstes Wesen, das die Gewohnheit und die 
Kunst zu überkleiden pflegt. Cassius verliert seinen ganzen 
Halt auf dieser Welt, als er sich so behandelt sieht, er bricht 
zusammen, dieser starke Charakter, als ihm das einzig Süsse 
dieses Daseins, sein Freund, verloren scheint. „Man späht 
nach allen meinen Fehlern, ruft er wie vernichtet aus, 
zeichnet sie in ein Denkbuch, lernt sie aus dem Kopf, wirft 
sie mir in die Zähne." Sein Herz, „reicher als des Plutus 
Schacht, mehr werth als Gold," bietet er dem einstigen 
Freunde dar. Und das ist keine Uebertreibung des Augen- 
blicks j das echt Menschliche ist in seinem Charakter eine 
zwar tief vergrabene, aber eine um so kräftigere und saft- 
reichere Wurzel. Seine Liebe zu dem einzigen Freund ist 
auch seine Liebe zur Welt, wie in dem Kaufmann von Venedig 
Solanio von Antonio sagt. Und wie rasch ergreift Cassius 
die Worte des Brutus, in denen dieser sein bitteres Auf- 
treten zu entschuldigen sucht, wie schnell gesteht er selbst 
zu, dass er der Mutter rasche Laune ererbt habe! 

Hier folgt nun einer jener Meisterzüge Shakespeares, die er der 
Natur abgelauscht hat. Es tritt ein Poet auf, der die Feldherrn 
versöhnen will, eine scheinbar unnütze, überflüssige, zufällige 
Figur. Ich konnte mir lange sein Auftreten nicht erklären und 
auch jetzt weiss ich nicht, ob ich es mir richtig gedeutet habe. 

ii8 



Wie nämlich Freunde nach einem ernsten Zwiste sich in 
gegenseitigen Gefälligkeiten zu überbieten suchen: so ver- 
ändern hier beide gleichsam ihre Natur und sprechen aus 
dem Sinne des Andern. Der kunstliebende Brutus weist 
den Dichter seiner Wege, Cassius, der rauhe, ernste Krieger, 
entschuldigt ihn und bittet fiir ihn. Der Zug ist rührend 
und drückt die höchste Versöhnung aus, die völlige Schlich- 
tung des traurigen Streites. 

Die folgenden Scenen, wo beide Seelen gleichsam ineinander 
tauchen, wo Cassius voll von tiefem Mitgefühl für Brutus 
ist, voll von Stolz auf seinen gleichmüthigen Freund, wo 
beide ihre vorigen Verirrungen nicht begreifen können, 
dann jener Abschied in der Nacht, wo sie sich nur ungern 
trennen und sich immer wieder Lebewohl sagen, dann 
Brutus' Gespräch mit dem schlaftrunknen Lucius, in dem 
er so oft: seines „Bruders" Cassius gedenkt, bis hin zu der 
Erscheinung Cäsars als Geist, der letzten, schaurigen Mahnung 
an Vergangenheit und Zukunft — diese Scenen kommen 
mir vor, wie der letzte Theil einer Sinfonie, in dem dieselben 
Klänge, die in dem Allegro stürmten und zuckten, wieder 
erklingen, aber bald wie schmei^zliche Seufzer in Erinnerung 
an die durchlebten Wehen, bald wie verklärte und beruhigte 
Töne einer still gewordnen Brust. 

Der starre Trotz des Cassius gegen Götter und Menschen 
sinkt noch vor seinem Ende, sein epikurisches System wankt 
in ihm, er weiss, dass sein Tod nahe ist und glaubt auch 
an das Vorzeichen, das ihm diesen ankündigt. Er wider- 
strebt auch Brutus nicht, der eine günstige Stellung verlassen 
und in einer entscheidenden Schlacht alles auf's Spiel setzen 
will. „Seien uns die Götter heute hold, sagt er, indem er vom 
Freunde für immer Abschied nimmt, auf dass wir gesellt, 
in Frieden unserm Alter nahn." Aber er zweifelt an einem 
glücklichen Ausgang, und diesen Zweifel rechtfertigt die Folge. 

119 



Der Irrthum, „der Schwermuth Kind, gutem Ausgang 
misstrauend", veranlasst sein trauriges Ende, der Irrthum, 
der immer in sein Leben verhängnissvoll eingegrüFen, der 
noch zuletzt seine Freundschaft so leicht hätte vernichten 
können. „Mein Leben hat den Kreislauf vollbracht", ruft er 
aus, an seinem Geburtstag gedenkt er, „der Erdenschranken 
satt, das Leben zu entlassen." 

Seine letzten Worte sind eine Sühne seines ganzen Lebens; 
sie treffen den letzten dunklen Punkt seines Innern, den er 
sich nie gestehen gewollt hat, den er im Gespräch mit Andern 
nie andeutet, den Vorwurf, der auf seinem Herzen seit 
Cäsars Ermordung lastet. „Cäsar, du bist gerächt und mit 
demselben Schwert, das dich getödtet." Möglich, dass ihm 
diese dunkle Stelle erst in der letzten Zeit bemerkbar worden, 
möglich, dass sein Unglück seit jener verhängnissvollen That 
ihm die Augen geöffnet hat — sicherlich haben diese Worte, 
diese wenigen Worte, die ein plötzliches Streiflicht auf die ver- 
borgenste Falte seines Herzens werfen, etwas tief Bewegendes 
und Ergreifendes und tilgen aus unsrer Seele den letzten 
Unmuth, die letzte Abneigung gegen seinen Charakter. — 

Goethe erzählt in seiner italienischen Reise, welchen selt- 
samen Zauber der Gesang der GondoHere in Venedig auf ihn 
geübt habe: „als Stimme aus der Ferne, sagt er, kUngt es höchst 
sonderbar, wie eine Klage ohne Trauer; es ist darin etwas 
Unglaubüches, bis zu Thränen Rührendes." Ähnlich empfinden 
wir, wenn wir eine tiefe menschliche Leidenschaft durch die 
Fesseln, in die sie die Willenskraft des Menschen oder der 
Druck der Verhältnisse schlagen, gleichsam aus der Ferne 
hindurchklingen hören j es ist das Menschliche, das durch 
die Nacht trauriger Zeiten wie ein fernes Lied an unser 
Herz dringt. 

Eine Freundschaft zweier Männer, in den Wirren staat- 
licher Umwälzungen, die, hineingerissen in den Strudel von 



I20 



Parteibestrebungen, ihr Liebstes auf das Spiel setzen und opfern, 
der eine die innigste Liebe zu einem Manne, den der andere 
hasst, der andere seinen starken Willen und seine politische 
Weisheit, um dem Herzen des Freundes zu genügen: eine 
Freundschaft dieser Art, die beide mit Irrthum und Schuld 
belastet, beide ins Verderben zieht, hat ebenfalls etwas un- 
endlich Rührendes. Eine solche Freundschaft ist die des 
Brutus und Cassius, sie ist die Seele des ganzen Stückes, 
das, wie wir es sonst nicht bei Shakespeare finden, den Kampf 
allgemein menschlicher und sittlicher Motive mit politischen 
darstellt. Beachten wir überhaupt, welche Tiefe Shakespeare 
in die von ihm geschilderten Freundschaften legt: Bassiano, 
der „sein Leben, sein Weib und alle Welt opfern möchte, 
um Antonio zu befrein", und Cassius, der seinem starren 
Charakter und seiner Ueberzeugung untreu wird, wenn 
Brutus anders will, als er, — sie lassen uns einen Blick auf 
Shakespeares Gemüth werfen, das der Freundschaft, wie es 
auch geschichtlich feststeht, lebenslang sich offen erhielt. 



121 



Vor dem Kruzifix. 

„Steinblock da oben, blöder Narr, 

„Herunter! 

„Was willst du noch, was siehst du starr 

„Auf diese neuen Wunder? 

„Du hast nun ausgerungen — 

„Dein Arm ist steif, dein Kopf ist müd - 

„Sah ich, wie jeder vor mir kniet, 

„War selbst so müd, 

„War längst herab gesprungen. 

„Ich taumle hier vor dir in Staub 

„Und Asche — 

„Herunter! Bist du denn nur taub? 

„Hier hast du meine Flasche!" 

Er wirft sie hin zu Scherben, 

Das Glas zerklirrt, das Steinbild steht 

Noch unbewegt, am Kreuz erhöht, 

Sein Auge fleht 

Zu sterben, bald zu sterben. 

„Weiss Gott! Das ist ein rechter Tropf, 

„Bleibt oben, 

„Fürwahr, er hat 'nen harten Kopf, 

„Das Einz'ge, was zu loben. 

„Die Flasche ging in Splittern, 

„Verschüttet ist der herbe Trank — 

„Für Schwamm und Essig sagt er Dank, 

„Zum Tode krank, 

„Und wirft doch 'rab den Bittern. 

„Nun kommen sie mit Sang und Schall 
„In Haufen 

„Und lecken ab die Tropfen all 
„Die an dir niederlaufen. 



122 



„Sie küssen und sie herzen, 

„Und meinem süssen bittern Trank 

„Dem sagen sie — ein toller Schwank 

Den besten Dank 

Für deine Todesschmerzen. 



» 



„Und doch — der arme Kerl bleibt hier 

„AJleine 

„Und schaut mich an so bleich, so stier, 

„Mich dauern seine Beine. 

„Komm mit mir auf die Erden! 

„Du standst so lange — mag ich nicht! 

„Du schwiegst so lange — lieb ich nicht! 

„Du armer Wicht, 

„Wir wollen lustig werden." 

Er stieg hinauf, die Füsse schwer. 

Und reckte 

Sich mählich, lächelnd auf, bis er 

Die Augen sich bedeckte. 

Ein Schwindel fasst' ihn leise. 

Doch wieder sah er auf so stier. 

Rief gellend: „Christus, her zu mir! 

„Ich komm zu dir! 

„Glück zu der letzten Reise!" 

Er fasste nach dem kalten Fuss 

Und wankte 5 

Ihm war's, als ob mit eis'gem Gruss 

Der Heiland nieder dankte. 

Er riss den Leib, den matten. 

Empor und fasste nach der Hand, 

Der kalten Hand, der Eiseshand, 

Den Blick gebannt, 

Aufs Haupt voll düstrer Schatten. 



123 



Und lebt's? Und weint's? Die Thräne rinnt 

Am Steine; 

Er schlürft sie gierig und geschwind, 

Den Rest vom Brannteweine. 

„Du wirst mich retten, retten, 

„Ich reisse dich mit mir herab, 

„Reiss mich empor zu dir vom Grab, 

„Vom ew'gen Grab 

„Und von der Hölle Ketten." — 

Die Säulen standen todtenstumm, 

Erschrocken: 

Sie hörten's dröhnen rings herum. 

Des Weltgerichtes Glocken. 

Am Boden lag er — leise 

Umsummte eine Wespe sein 

Gebrochen Auge — starr Gebein — 

Sie war allein 

Und summte dumpfe Weise. — ■ 

Am Boden eine Münze lag, 

Verrostet, 

Darauf des Teufels Hand und Schlag 

Geprägt, was ewig kostet 

Im Himmel und auf Erden, 

Die Seele, die am Kreuze hängt. 

Und, tief in Sund und Lust versenkt, 

Sich selig denkt 

Und doch verdammt muss werden. 

1S63. 



124 



Jetzt und ehedem. 

So schwer mein Herz, so trüb die Zeit 

Und nie Genügen: 

Es zieht mich in den Strudel weit 

Wehmuth, Schmerz und Vergnügen. 

Ich kann den Himmel kaum mehr sehn, 

Den maienblauen: 

So überstürmen wilde Weh'n 

Mich jetzt mit Lust und Grauen. 

Ich hab gebrochen alter Zeit 

Vermächtniss, 

Das mir die Kindesseligkeit 

Mahnend rief ins Gedächtniss. 

Ich hab' gebrochen, was mich hielt 

In Kindesglauben: 

Mit meinem Herz hab' ich gespielt 

Und Hess es fast mir rauben. 

Und was es funden? Hin ist hin! 

Nur Thränen! 

Die Körner spielte leichter Sinn 

Hervor, nicht dumpfes Sehnen, 

Die Körner Goldes — war's nicht Schein? 

Sie glänzten kurze Weile, 

Doch schrieb der Tod ein mächtig Nein 

Auf jede, jede Zeile. 

Ich bin wie eine Münze alt. 

Vergrünet, 

Bemoost, Runzeln auf der Gestalt, 

Die einst zum Schmuck gedienet. 



125 



Der Zweifel Furchen tief und hart 

Darübergingen, 

Des Lebens Schmutz, grau und erstarrt, 

Sucht rings sie zu umschlingen. 

Und wer mir auch sein Herz geschenkt — 

Wohin die Lieben? 

Und wer mit Wasser mich getränkt — 

Wo sind sie alle bheben? 

Und jeder helle Sonnenblick, 

Der mich getroffen — ? 

Wer nahm den letzten Rest von Glück, 

Mein Träumen und mein Hoffen? 

Mein zuckend Herz, ich warf es hin, 

Zu rasten 

Und wälze drüber Lust, Gewinn, 

Schmerz, Wissen, Bergeslasten. 

Ob es sich quält und drückt und engt — 

In wilden Stunden 

Da schleudert's flammend und versengt 

Empor, was es gebunden. 

1863. 



126 



Ueber fünfzig Jahre. 

Er träumt nur, doch er schläft nicht: eingehüllt 

Im weiten Mantel und den grauen Hut 

Tief in die Stirn gezogen, wie ein Bild 

Von Marmor, sitzt er schweigend an der Gluth, 

Die hastig flackernd aus den Scheiten zittert: 

Auf seinem bleichen, fahlen Angesicht, 

Voll Runzeln, wie ein morscher Fels verwittert, 

Spielt träumend müdes Spiel das matte Licht. 

Doch diese Augen — geh'n sie nicht einher 
Wie irre Sterne, Wand'rer ruhelos? 
Sie suchen Kronen — finden sie nicht mehr, 
Und wühlten sie auch durch der Erde Schooss. 
Wie Traumesflitter Kranz und Glück vernichtet, 
Gestürzt die Throne und verwelkt manch Blatt: 
Er war der Schuld'ge, den das Glück gerichtet: 
O gönnt ihm eine letzte Ruhestatt! 

Die Adjutanten stehen scheu im Kreis, 

Rings Nebel, der das Schlachtenfeld umspinnt: 

Und klang es eben nicht wie Röcheln leis? 

Sie fröstelt: schaurig weht der Abend wind. 

Fern hört man rasseln: dumpfe, gleiche Schritte — 

Die Gardenreste ziehen durch das Feld — 

Der Eine, Einz'ge fehlt in ihrer Mitte — 

Der Kaiser träumt — es fiel der Herr der Welt. 

Doch still, doch still! Da zuckt es in den Zügen, 
Die Lippe schliesst sich dichter — ist es Schmerz, 
Der, ob die Augen starr und kalt es lügen. 
Empört durchzuckt das gramerfüllte Herz? 



127 



Er winkt und spricht: „Ist's nicht ein bitt'res Höhnen?" 
— Die Generale schauen fragend nieder — 
„Die Armen wissen nicht, warum sie stöhnen: 
In Kurzem künden es des Volkes Lieder. 

„Doch Jene, Jene, die dem gold'nen Traum 
Ein furchtbar blutig Opfer jetzt gebracht. 
Die um den trüg'risch schönen Freiheitsbaum 
Gekämpft drei Tage lang die Völkerschlacht — 
Sie wähnten den Tyrannen zu verjagen 
Und sehen nicht, was ihnen blieb zurück j 
Nun jauchzen sie, dass sie die Schlacht geschlagen: 
Nun kehre Friede, kehre Völkerglück! 

„Ja, freilich! Stumm wird's sein nun lange Zeit, 

Und die Geschichte kann sich schlafen legen j 

Der Dichter und der Philosophen Streit 

Kann sich von Neuem nun behaglich pflegen. 

,Auf, bringt die Becher, auf, lasst froh uns schwärmen!' 

So ruft wohl mancher und das Auge blinkt 

Voll wilder Lust: ,Was sollen wir uns härmen: 

Die neue Zeit uns heilverkündend winkt!' 



„Und wenn nach fünfzig Jahren man berauscht 
Von seiner Ahnen Thaten spricht und schwärmt: 
Da sitzt wohl mancher einsam, denkt und lauscht. 
Ob man auch wirklich handelt, nicht bloss lärmt. 
Und auch im Traume fasst er nach dem Schwert 
Und fragt: Wer ist's, wer hat es frech verschuldet, 
Dass man in Worten, kaum in Worten ehrt. 
Was jener Männer stolze Kraft erduldet? 



128 



„Man wird mich hassen — oder wird man's nicht? 
Und wird nach Jahren man den Hass verlernen? 
Ich werde sein — was anders? — ein Gedicht 
Von einem Helden aus der Vorzeit Fernen. 
Ich war es, Deutschlands und der ganzen Welt 
Und Gottes Geissei und der Völker Fluch 
— Nicht ein weichherz'ger, junger Modeheld — 
Ein Weltverfluchter und der Welt ein Fluch!" 

Des Kaisers Lippen regen sich im Traum, 
Die Züge fallen müd' und abgespannt, 
Die Augen schliessen sich — man ahnt es kaum, 
Welch' Scepter führte diese schlaffe Hand. 
Und ängstlich seh'n die Seinen auf den Mann, 
Der auf die morschen Trümmer hingesunken 
Des eig'nen Thrones, Träume spinnen kann. 
Umspielt von matten Brandes rothen Funken. 

Und doch, er träumt: ihn quält ein Traumgesicht, 

Das hinter seinen Schultern drohend steht 

Und flüsternd immer wieder zu ihm spricht: 

„Du lügst. Du lügst," und eiskalt ihn umweht: 

„Sieh weiter, weiter über fünfzig Jahre!" 

Da fährt er auf, da stöhnt er bang und schwer: 

„Nicht weiter, weiter über fünfzig Jahre: 

Ich mag nicht, will nicht, nimmer, nimmermehr." 

Am schwarzen Himmel zieht ein heller Streif 
Sich um das öde Land, wie Heirgenschein 
Um Bluteszeugen, wie ein gold'ner Reif 
Um eines Siegers Stirn, so hell und rein. 

Nietzsche I 129 



Von Leipzigs Thürmen hebt sich voller Klang, 

Ein Todtenlied am Allerseelentag, 

Ein Jubelton aus heissem Herzensdrang, 

Voll Lust und tiefem Weh in gleichem Schlag. 

Doch er, der Einzige, erhebt sich stumm 

Und winkt mit halb erlosch'nem Augenstrahle: 

Sie treten scheu im Kreis um ihn herum. 

„Vernehmen Sie es, meine Generale? — 

Es brach ein Dogenherz einst morsch und müd' 

Bei solcher Glocken stolzem Feierton; 

Mein Herz hört auch ein herzzerbrechend Lied: 

Soll's schmachvoll brechen?" fragt er voller Hohn. 

„Gebrochen war's zur Nacht, ich fühlte schon 
Des Todes Zucken j doch es konnte nicht 
Und wird nicht können, da der Zukunft Droh'n 
Es sah und schleichend nahen das Gericht. 
Fast war's gebrochen, denn ein grauser Sturm, 
Der Stürme schlimmster stürzte diese Nacht 
Mir alles nieder: und ein schwacher Wurm 
Ist selbst der Mensch in seiner grössten Macht. 

„Ich sah ihn steigen rings, den blut'gen Strom, 
Und tausend Blumen wuchsen himmelan 
Und wölbten sich zu einem stolzen Dom, 
Und Stimmen klangen wie ein Meer heran. 
Und Worte trafen mich, spitz wie der Pfeil 
Und stark und mächtig wie des Blitzes Schlag: 
„Deutschland," so rief es, „ein'ges Deutschland Heil!" 
Dass ich betäubt, voll Grau'n am Boden lag. 



130 



Da schritten sie heran mit hellem Schwert, 
Und Rhein und Donau flutheten zusammen, 
Herzen und Augen himmelwärts gekehrt 
In der Begeist'rung hellen Feuerflammen: 
Und diese Flammen, sie sind mein Gericht — - 
Drum bringt mir Sterbenden nun eine Bahre! 
Deutschland ward einig — und ich wollt' es nicht — 
Doch sah ich's kommen über fünfzig fahret" 

1863. 



9* 131 



Beethovens Tod. 

(Fragment.) 

Das raucht und knistert im Kamin, 
Es heult rings um die Fenster j 
Über dem alten heiligen Wien 
Jagen sich Wolkengespenster. 
Die Scheiben zittern im gelben Staub: 
Es wirbelt wie Schnee und Regen j 
Am Ofen sitzt ein Weib halb taub 
Und murmelt einen Segen. 

Sonst Schweigen nur im öden Gemach. 

Die Uhr geht langsam, grauHch: 

Es dröhnt vom Hin- und Widerschlag 

Die Diele morsch und faulig. 

Vor einem Bette hingestreckt, 

Das Haupt fast auf den Knieen, 

Ein Jüngling bis zum Tod erschreckt, 

Des Augen düster glühen. 

Wagt er's nicht, auf das Bett zu schau'n 

Und auf den Mann, den stillen? 

Und horcht er auf den Sturm mit Grau'n 

Und auf des Windes Schrillen? 

Ihm ist, als war' er fern entrückt, 

Sah' einen feurigen Wagen 

Und hätte darauf den Mann erbUckt 

Und aufwärts die Rosse jagen: 

Den Mann, den stillen, leichenhaft 
Die Augen eingesunken, 
Des Hand mit schlaffer, letzter Kraft 
Am Kissen spielt wie trunken. 



132 



Die Alte murmelt, der Jüngling scheut 
Des stummen Mannes Züge. 
Da tönt es her wie Sturmgeläut, 
Da zittert Haus und Stiege. 

Wagen und Rosse Zebaothl 

Der Blitz, der feurige Reiter! 

Das ist der Tod, das ist der Tod! 

Der jagt hier durch und weiter! 

Und hinter ihm der wilde Sturm, 

Der tobende Geselle, 

Von Haus zu Haus, von Thurm zu Thurm 

Wälzt sich die Hagelwelle. 

Das Fenster prasselnd niederbricht, 
Wolken von Schnee und Eise 
Wogen dahin im fahlen Licht 
Und folgen der Sturmesreise. 
Der Elemente langer Zug 
Reisst sich empor mit Brausen: 
So mancher Wiener sah's und schlug 
Ein Kreuz, ängstlich voll Grausen. — 

O Wetter, das vom Himmel fiel, 
Wen hast du mitgenommen? — 
Wen hobst du auf im Sturmesspiel, 
Von Blitzen hell umschwommen? 
Wer war's, der seinen Mantel kühn 
Sich schwang um seine Hüfte? 
Zum Himmel wollt' er aufwärts zieh'n 
Und nicht in's Grau'n der Grüfte. 



133 



— Es ragt ein Hügel dicht umrankt 
Von Epheu, niedrig, stille: 
Die Blätter flüstern rings, es schwankt 
Der Lilien weisse Fülle. 
Darüber endlos, vogelschnell 
Ziehen die Wolkenschichten, 
Indess der Sonne gold'ner Quell 
Zittert in tausend Lichten. 

Es ist ein heimisch süsser Ort: 

Der Wandrer steht voll Grausen 

Und hört in Lüften fort und fort 

Geheimer Töne Sausen. 

Nicht seufzt die Welt, — sie tönt ein Lied 

Auf Sonnenstrahlensaiten, 

Indess der Rose Auge glüht 

Und drüber die Wolken gleiten. 

O du, des Sang der Erd' entquoll, 

Du ew'ger Himmelsfahrer, 

O du, des Sang zum Himmel schwoll. 

Nun tönst du reiner, klarer. 

Du selbst ein Ton, der süss erklang. 

Auf Erden bald verklungen 



* 



Und wieder schau' ich stumm dich an 
Und möchte deine Augen fragen. 
Warum, du wunderselt'ner Mann, 
In mir die Pulse stürmisch schlagen, 



•34 



Wenn du in meiner Seele Wald 

Herumgehst, feurig und doch kalt 

So deutlich und doch unerdeutet, 

Wie Glocken in der Nacht geläutet, 

Mir nicht zu fassen, nicht zu sehen 

Und doch — ich fühl' dich schreiten, gehen. 

Wie oft, dass sich der Sinn, verirrt. 

Im Walde niederlegt zu Rosen, 

Dass süsses Tönen ihn umschwirrt, 

Dass Waldhornklänge ihn umtosen: 

Hier sei mein Grab, so tiefallein 

In Rosen und Blaublümelein j 

Da seh' ich's kommen dort von Weiten — 

Da seh' dich von ferne schreiten. 

Und über mir im Blau verhallen 

Die Zauber wie in Tempelhallen. 

Du winkst — und deinem Wink entquillt 
Rings dämmernde Gewitterschwüle j 
Du winkst — und Lüfte forschend mild 
Umwehen mich in leichtem Spiele j 
Du donnerst — und herniederschlägt 
Der Blitz, — ich starre unbewegt 
Und schaue dich mit lichten Scharen 
In weissen Kleidern aufwärts fahren 
Und fühle, wie die Ewigkeiten 
Vor mich sich endlos, zeitlos breiten. 



1863. 



135 



Die Gestaltung der Sage vom Ostgothenkönig Ermanarich 

bis in das 12. Jahrhundert. 

(Herbst 18(53.) 

I 

Einleitung. 

In der grossen sarmatischen Tiefebene, die nur gegen 
Sibirien hin von Asien abgetrennt erscheint, sonst aber durch 
die Verbindung der kaspischen und der turanischen Tief- 
länder gerade nach den ältesten Sitzen und Wohnstätten 
der Menschheit ihre Thore öffnet, haben sich seit unvor- 
denklichen Zeiten eine Menge Völker in buntem Wechsel, 
den verschiedenartigsten Stämmen und Sprachen angehörig, 
bald im Kampf miteinander, bald im freundüchen Einver- 
ständniss zusammengefunden, deren Namen kaum uns einen 
Schluss auf ihren Ursprung machen lassen, die sonst grössten- 
theils kamen und giengen oder sich in einer andern Nation 
verloren, fremd für die Geschichte und ohne Einfluss auf 
die Geschicke der gebildeten Völker. Grösstentheils sage 
ich, denn allerdings sind mehr als einmal gerade durch diese 
weiten Ebenen Völker aus dem Innern Asiens durchgedrungen, 
die die ganze übrige Welt bedrohten und mit ihren Horden 
zu überschwemmen begannen. Und gerade diese haben es 
veranlasst, dass in diesem Tiefland, wie die Natur hier alle 
Farbenwechsel üppiger Vegetation bis zu erstarrender Einöde 
durchläuft und die milde Luft Italiens, die Früchte des Südens, 

136 



die Wälder Deutschlands und Sibiriens Kälte in sich vereinigt, 
die Völker der verschiedensten Völkerfamilien sich unter das 
Joch eines mächtigen Eroberers beugten und an dessen Sieges- 
wagen gefesselt, zerstreut und zersprengt, ihrer Sprache und 
Sitte verlustig, bald völlig unter den herrschenden Völkern 
verschwanden. Und wenn so alles ordnungslos und zufällig 
hier durcheinander gegangen zu sein scheint: so bietet uns 
die Natur der Ebene wieder die Gesichtspunkte, unter denen 
wir die Hauptrichtungen dieser Völkerzüge erkennen. Im 
Allgemeinen ist nämlich, je weiter man sich dem urahschen 
Gebirge nähert, die Nähe Sibiriens und seiner Kälte zu emp- 
finden, und daraus erklärt sich leicht, wie aus dem Osten 
aus den Ebenen Turans die Völker immer weiter zogen 
nach wärmeren Klimaten. Dies im Allgemeinen; jedoch ist 
der Unterschied unermesslich zwischen den Gegenden am 
schwarzen Meer, die im Frühling einem Blumengarten gleichen, 
im Sommer zur öden Steppe verdorren: und jenen nördlichen 
Gestaden des Eismeeres, den traurigen Wohnsitzen der Samo- 
jeden. Sondern wie schon erwähnt — die Natur wird, je 
mehr man sich dem schwarzen Meer annähert, immer milder 
und freundlicher und hat deshalb schon in den ältesten Zeiten 
Völkern, die aus Skandinavien, einem Bienenschwarm gleich, 
herausbrachen, die Wege gewiesen bis hin zu den Gestaden 
des schwarzen Meeres. Wir unterscheiden also zwei Haupt- 
richtungen, in denen die Völker zogen, bedingt durch die 
Natur der Ebene, die eine aus dem Osten, in der besonders 
mongolische, überhaupt nicht indogermanische Stämme ge- 
kommen zu sein scheinen, die andere aus dem Norden, der 
wesentlich deutsche Völker gefolgt sind. 

Zur Zeit der Völkerwanderung treten diese beiden Rich- 
tungen, indem sie beide in ihrer stärksten Gewalt sich con- 
centrirten, in Kampf miteinander; gerade das Zeitalter vor 
dem Einfall der Hunnen hatte die ganzen Völkermassen zu 



einer Einheit verknüpft, deren Mittelpunkt im Süden der 
Ebene, in den Händen der Gothen lag, die von dort aus 
den ganzen Norden bis an die Meeresküste beherrschten, 
„alle deutschen und scythischen Stämme", wie Jornandes sagt. 
Es ist dies das Zeitalter Ermanarichs, des grössten und letzten 
Helden der Gothen bis zur Völkerwanderung, dessen Ge- 
schichte wirklich in die Geschichte gehört, wenn auch das 
Meiste, was wir über ihn aus den Quellen erfahren, nur als 
sagenhafte Einkleidungen geschichtlicher Ereignisse, oft noch 
getrübt durch den Hass, den er als Eroberer auf sich geladen, 
auf uns gekommen ist. Dass er aber eine geschichtlich be- 
deutende Persönlichkeit ist, scheint mir unumstösslich, da sich 
ge Wissermassen die ganze Völkerwanderung, die plötzliche 
und ungeheure Macht der Hunnen aus seiner Existenz, aus 
dem von ihm geschaffenen Reiche erklärt. Sobald die Gothen 
dem grossen Völkersturm unterlagen, waren die Hunnen 
Herren der sarmatischen Ebene, und es fehlte wieder nur 
ein ähnücher Mann wie Ermanarich, um diese Völkermassen, 
die hier wohnten, nicht nur äusserlich, sondern auch durch 
geistige Uebermacht zu fesseln und mit sich fortzureissen. 
Dieser Mann war Attila, (den auch im Gefühl der innern 
Zusammengehörigkeit beider Herrscher die spätere Sage in 
vielfacher Beziehung an Ermanarich knüpftj ja es scheinen 
einzelne Züge des Einen auf den Andern übergegangen zu 
sein, insbesondere ist die geschichtlich feststehende Kultur, zu 
der die Gothen sich zu Ermanarichs Zeit emporgeschwungen, 
vielfach in den spätem Sagen zurückgetreten und an ihre 
Stelle asiatische Rohheit und barbarische Leidenschaftlichkeit 
gerückt). 

Dies aber erscheint wunderbar, dass Ermanarich nicht im 
Stande war, den Hunnensturm aufzuhalten, dass das erste 
Zusammentreffen entscheidend und vernichtend für die Ost- 
gothen warj und hier ist der Punkt, wo die Sage eintrat und 

138 



ihren Lieblingshelden zu rechtfertigen suchte, — denn dies 
ist offenbar der erste Grund jener Sage — wo Ermanarichs 
Zurücktreten von der glanzvollen Bahn des Ruhms auf ausser 
ihm liegende Gründe zurückgeführt wurde. Es ist ursprüng- 
lich, wie ich nachher zeigen werde, nichts in der Sage, wo- 
durch Ermanarich angegriffen wirdj wohl aber hat die Sage, 
wie sie allmählich auf verschiedenem Boden fortgewachsen 
ist, immer neue Züge zu dem Bilde hinzugethan, das die 
alte Sage von Ermanarich entwirft, Züge, die den Charakter 
Ermanarichs immer mehr heruntersetzen, so dass deutlich in 
der spätem Sage eine Abneigung gegen ihn hervortritt: viel- 
leicht ist sie noch eine Nachwirkung des Hasses, den die 
unterworfnen Völker gegen Ermanarich hegten, vielleicht 
auch ist, wie ein grosser Theil der Eigenschaften Attilas 
durch die Sage auf Ermanarich übertragen sind, auch der 
Hass gegen diese Völkergeissel auf Ermanarich übergegangen, 
während Attila selbst in der Sage sehr herabgeschrumpft und 
verblasst, oft nicht mehr erkennbar erscheint. Dies ist aber 
eine Eigenthümlichkeit der Sage, dass ihr aus der Ferne die 
hohen Bergeshäupter in eins verschmelzen oder wenigstens 
nahe zusammengerückt sind, mögen in Wirklichkeit auch 
grosse Zeitstrecken zwischen ihnen liegen. 

Dies ist auch der Grund, dass die Sage von Ermanarich 
in ihrer Fortbildung sich an die Sage andrer Helden der 
Völkerwanderung angelehnt hat und mit ihnen verknüpft 
erscheint^ und zwar im Norden an den Sigurdsagenkreis, in 
Dänemark an Attila — durch Budli — in Deutschland an 
Theodorich. Von diesen Sagenkreisen hat der nordische nur 
Ermanarichs Tod, nichts über seine früheren Lebensverhält- 
nisse weiter gestaltet ; in den einzelnen Zügen aus Ermanarichs 
letzten Schicksalen vielfach übereinstimmend, durchaus neu 
und eigenthümlich in Ermanarichs früheren Geschicken er- 
scheint die dänische, wie wir sie aus Saxo Grammatikus 

139 



kennen j endlich hat die deutsche Sage, auf deren Dasein wir 
nur durch die Nachrichten von Chroniken schliessen können, 
sowie durch einzelne Stellen angels'ächsischer Gedichte, am 
meisten seine früheren Lebensgeschicke poetisch ausgebildet, 
ist aber um die Zeit des 12. Jahrhunderts, was die Sage von 
Ermanarichs Tod betrifft, schon abgestorben j so wie sich 
auch die spätem Gedichte noch vielfach mit Ermanarichs 
Kriegszügen, Treulosigkeiten und anderm beschäftigen, aber 
über seinen Tod keine sichere Kunde geben. In sich haben 
diese Sagen wieder ihre eigenthümliche Geschichte, und 
insbesondere die nordische gestattet es, ihr allmähliches 
Wachsthum in mehreren Jahrhunderten zu beobachten. Die 
wenigen Nachrichten, die wir über die deutsche haben, lassen 
schliessen, dass auch sie in verschiedenen Gegenden und 
Zeiten bald reiner, bald gemischter und unklarer sich erhalten 
habej aber einzelnes, das ganz andern Zeugnissen völhg 
widerspricht, scheint darauf hinzudeuten, dass einestheils die 
Mönche, die dies niederschrieben, manches verwechselt und ver- 
wirrt haben können, anderntheils, dass selbst diese Aufeeich- 
nungen vielfach verdorben und verfälscht auf uns gekommen 
sind. Beispiele für alles Erwähnte werde ich noch anführen. 
Es wird aber vor allem darauf ankommen, die Grundzüge 
der ursprünglichen Sage, aus der sich, je nach den Eigen- 
thümlichkeiten der Völker und ihrer Gegenden, alle späteren 
Sagen entwickelt haben, zu zeigen und wo sie verwischt 
sind, durch Vergleichung wiederherzustellen; nicht als ob 
ich meinte, dass die Sage in ihrem Wachsthum jemals stille 
stände oder dass ihre Ursprünglichkeit ein bestimmter Punkt 
in ihrer Entwicklung wäre} denn es wird immer unmöglich 
sein, aut die letzten Urgründe und Geheimnisse der Ent- 
stehung einer Sage zurückzugehn. Wohl aber lässt sich 
eine Form der Sage denken, ein Grad ihres Wachsthums, 
den sie auf ihrem heimischen, also hier gothischen Boden 

140 



erlangt, der deutlich auch in den Ausläufern der auf andren 
Boden versetzten Sage zu Tage trittj ich meine also in der 
Ermanarichsage das ursprünglich, was etwa der dürre Aus- 
zug des Jornandes bezeichnet, ausserdem aber auch, was, 
wie wir durch Vergleichen schliessen müssen, zu Jornandes' 
Zeit gleichsam das Fleisch, das dieses Gerippe umkleidet 
hat, gewesen ist, also kurz das Gemeinsame. 

Der Plan also, nach dem ich die ganze Sage betrachten 
will, ist ein ganz natürlicher und einfacher, indem ich zuerst 
die weitesten Ausführungen der Sage im Norden und in 
Dänemark behandle, dann zu den einfachen Auszügen aus 
deutschen Gedichten übergehe und endlich die gothische 
Sage des Jornandes bespreche und die einfachste Form der 
Sage wiederherzustellen suche. 

Noch gehört in die Einleitung, was überhaupt über 
Ermanarich geschichtlich feststeht. Die Bemerkungen des 
ziemhch gleichzeitigen Marcellin sind sehr spärlich und ge- 
denken seiner nur als eines kriegerischen und tapferen Königs j 
wichtig ist aber, dass er berichtet, Ermanarich habe sich bei 
der Annäherung der Hunnen selbst den Tod gegeben. 
Das ist also ein entschiedener "Widerspruch mit der Sage. 
Weshalb aber den Nachrichten des Jornandes über seine 
Kriegszüge zu misstrauen sei, sehe ich nicht ein, da erstens 
nichts Sagenhaftes in diesen trocknen Erzählungen sich findet, 
wodurch wir vermuthen könnten, auch hierin Ueberreste 
aus Heldengedichten zu haben 5 da zweitens kein bestimmtes 
Zeugniss eines Historikers den Angaben des Jordanes wider- 
spricht, im Gegentheil die Berufung des gothischen Schrift- 
stellers auf Ablavius deutlich dafür spricht, dass er hier nicht 
nach Sagen erzählt. Nach Jornandes aber scheint mir folgendes 
geschichtlich sicher. 

Ermanarich ist ein Wahlkönig aus dem Geschlecht der 
Amaler, das erst mit ihm ein Königsgeschlecht wird, aus 

141 



dem bis zu Theodorich alle folgenden Könige der Ostgothen 
stammen. Schon dies ist ein Beweis seiner einflussreichen 
Stellung, dass er von dem Geschlecht der Amaler, dem 
«delsten Geschlecht der Gothen, der edelste genannt wird, 
der in regelmässiger Folge im lo. Gliede von Gapt, dem 
Stammvater der Gothen, einem Gotte, wahrscheinlich Odin 
selbst, abstammt. Ermanarich folgt nach einem kurzen 
Zwischenraum auf König Geberich, der die Vandalen besiegt 
hat, um das Jahr ^i6y so dass also, angenommen, Geberich 
sei bald nach dieser That gestorben, Ermanarich mindestens 
in einem Alter von öo Jahren zur Herrschaft kam. Dem 
scheint nun allerdings die grosse Reihe der Völker, die als 
seine Unterworfnen aufgezählt werden, zu widersprechen. 
Aber hier muss man annehmen, dass diese Völker, an deren 
Spitze die Gothen genannt werden, theils schon unter den 
vorigen Herrschern zu dem Gothenreich gekommen waren, 
theils sich freiwillig unterwarfen. Denn Königszüge des 
Ermanarich werden nur erwähnt gegen die Heruler, gegen 
die Veneter und Austrer, so dass er also besonders die 
Küstenvölker an der Ostsee bekriegt haben mag. Diese Züge 
können wenig Zeit eingenommen haben j Jordanes geht des- 
halb kurz über sie weg und kommt zu dem Einbruch der 
Hunnen, dem Wendepunkt von Ermanarichs Glück. Dieses 
Glück und die weite unbestimmte Ausdehnung seines Reiches 
boten Vergleichungspunkte mit Alexander dem Grossen dar, 
und dieser Vergleich, von dem Jordanes spricht, ist sicher 
noch aus der Zeit vor diesem Wendepunkt. — 

II 

Gestaltung der Sage im Norden. 

Wie schon erwähnt, verknüpft die nordische Sage die 
Sigurdsage mit der Ermanarichsage; in welcher Zeit dies 

142 



zuerst geschehen, ist ungewiss, jedenfalls vor dem Ende des 
8ten Jahrhunderts, da schon aus dieser Zeit eine Erzählung 
Bragis des Alten denselben Stoff behandelt. Die vermittelnde 
Person ist Gudrun, die aber in der ältesten Sage gewiss 
ohne Zusammenhang mit der nordischen Gudrun war, son- 
dern vielmehr eine Zauberin gewesen zu sein scheintj an 
den Namen aber knüpfte die Sage an. 

In der sämundischen Edda sind zwei Lieder, Gudruns 
Aufreizung und Hamdismal, die deutlich das Gepräge des 
höchsten Alters auf sich tragen, nirgends mythologische 
Gelehrsamkeit und Uebertreibungen, sondern die grossartigen 
Züge, die den ältesten Liedern gemein sind 5 und gewiss 
ist von diesen das Hamdirlied das ältere, während Gudruns 
Aufreizung in seinem Verharren in einer Empfindung, im 
Zusammenfassen von Gudruns Lebensgeschicken wie hinzu- 
gedichtet erscheint, wie ein üppiger Spross an dem Baum 
der Volkspoesie. Voran geht eine kurze prosaische Einleitung, 
sicherlich aus einer späteren Zeit als die Lieder selbst. 

Gudrun gieng ans Meer, nachdem sie Atli getödtet hatte. 
Sie gieng in die See, um sich zu verderben, sie konnte aber 
nicht untersinken. Da ward sie von den Fluthen über den 
Sund getragen an das Land König Jonakurs. Der nahm sie zur 
Ehe. Ihre Söhne waren Sörli, Erp und Hamdir. Dort wurde 
Swanhilde, Sigurds Tochter erzogen und Jörmunrek dem 
reichen zur Ehe gegeben. Bei dem war Bicki; der gab den 
Rath, dass Randwer, des Königs Sohn, sie zur Ehe nähme. 
Das verrieth Bikki dem Könige. Da Hess der König Randwern 
henken und Swanhilden von Pferden zertreten. Als Gudrun 
dies hörte, reizte sie ihre Söhne. Hiermit beginnen beide 
Lieder. Die Söhne — Hamdir und Sörle — denn an diese 
beiden richtet sie nur ihre Aufreizung, entgegnen der Mutter; 
Hamdir wirft ihr vor, dass sie, wenn sie strafen wollte, sich 
selbst immer den grössten Schmerz bereite. „So sollte doch 

143 



ein Jeder gebrauchen des durchbohrenden Schwertes, Andern 
zu schaden, sich selber nicht." Sörli will nicht Worte mit der 
Mutter wechseln j „doch," sagt er, „du wirst dich, Gudrun, um 
uns auch grämen, wenn wir fern im Gefecht von den Rossen 
fielen." Nachdem Gudrun die beiden ausgerüstet hat, reiten 
sie aus dem Hofe, zum Kampf lärm bereit. Auf dem Weg 
finden sie Erp, der kühn auf dem Rücken des Rosses scherzt} 
sie schelten ihn den fuchsigen Zwerg und fragen höhnisch, 
was er ihnen frommen werde. Erp antwortet, „andrer Mutter 
Sohn" — im Widerspruch mit den Worten der Einleitung — : 
„So will ich euch Beistand leisten, wie eine Hand der andren 
hilft, ein Fuss dem Fuss will ich den Freunden helfen." 
Aus der Scheide reissen sie die scharfe Klinge j sie schwächten 
ihre Kraft selbst um ein Drittel, als ihr junger Bruder zu 
Boden stürzte. Nun fahren sie weiter unheimliche Wege, 
vorüber an dem windkalten Mordholz, wo sie der Schwester 
Stiefsohn geschaukelt am Baum sehn. In Jörmunreks Halle 
war es laut von lustigen Zechern j der sorgende Späher tönt 
ins Hörn, als der Hufschlag der Hengste herankommt; zu 
Jörmunrek eilen die Helden und fordern weislichen Rath. 
Dieser jedoch schmunzelt, streicht sich den Bart; nicht will 
er sein Streitgewand, denn er streitet mit dem Wein. Er 
schüttelt sein Schwarzhaupt und sah nach dem weissen 
Schild und kehrte keck den Kelch in der Hand. Mit höh- 
nischem Lallen empfängt er die beiden, die ein ungeheures 
Blutbad unter den zehnhundert Gothen, die in der Burg 
sind, anrichten. Da warnt der Erhabene, Waltende von hohen 
Stufen seine Verwandten. Aber schon liegen Jörmunreks 
Hände und Füsse abgehauen in der lodernden Gluth. Wie 
ein Bär hebt sich da der hohe Berather, den die Brünne 
birgt: Schleudert Steine, ruft er den Gothen zu, wenn Ge- 
schosse nicht haften. Jetzt naht den beiden Brüdern das Ver- 
derben. Ein Zwiegespräch beginnt unter Leichen. Gegenseitig 

144 



werfen sie sich Erp's Ermordung vor. Bis endlich Sörli zur 
Eintracht ermahnt. 

Nicht ziemt es uns nach der Wölfe Beispiel 

Uns selbst grimm zu sein, wie der Nornen Grauhunde, 

Die gefrässig sich fristen im oeden Forst. 

Schön stritten wir: wir sitzen auf Leichen, 

Von uns gefällten, wie Adler auf Zweigen; 

Hohen Ruhm erstritten wir, wir sterben heut' oder morgen. 

Den Abend sieht niemand wider der Nornen Spruch. 

Da sinkt Sörli an des Saales Ende, Hamdir findet hinter dem 
Hause den Tod. 

Dieselben Ereignisse werden in der Skalda erzählt, offenbar 
nach spätem Liedern und mit folgenden Abweichungen. 
Jörmunrek sendet seinen Sohn Randwer, für ihn um Swan- 
hild zu werben. Als dieser nachher gehenkt werden soll, 
nimmt er seinen Habicht, rupft ihm die Federn aus und 
sendet ihn dem Vater. Dann wird er gehenkt. Als der König 
den Habicht sieht, kommt es ihm in den Sinn, wie der 
Habicht flug- und federlos sei, so sei auch sein Reich ohne 
Bestand, denn er sei alt und erblos. Da lässt er, als er mit 
seinem Gefolge aus dem Wald von der Jagd geritten kam, 
und die Königin beim Haarwaschen sass, über sie reiten 
und sie unter den Hufen der Rosse zu Tode treten. — 
Gudrun giebt den Söhnen solche Brünnen, dass daran kein 
Eisen haften kann. Auch giebt sie ihnen den Rath, Nachts 
zu Ermanarich, wenn er schhefe, zu gehnj Sörli und Hamdir 
sollen ihm Hände und Füsse abhauen, aber Erp das Haupt. 
— Sie gedenken nachher Gudrun am übelsten zu thun, und 
tödten Erp, weil sie den am meisten liebt. Bald darauf 
strauchelt Sörli beim Gehn mit einem Fuss und stützt sich 
mit den Händen. Da sagt er: Nun half die Hand dem Fusse: 
besser wär's, wenn Erp lebte. Als sie aber Nachts zu dem 

lo Nietzsche I ^45 



schlafenden Jörmunrek kommen und ihm Arme und Füsse 
abhauen, erwacht er und ruft seinen Leuten. Hamdir sagt: 
Nun müsste auch der Kopf ab, wenn Erp lebte. Da stehn 
die Hofmänner auf, können die beiden aber mit Geschossen 
nicht bezwingen. Da rief Jörmunrek, sie sollten sie mit Steinen 
zu Tode werfen. Das geschah. 

ISIoch mehr erweitert erscheint die Sage in der Völsunga- 
saga. Auch nach ihr hat Gudrun drei Söhne von Jonakur, 
Hamder, Sörle und Erp. Dem Brautwerber Randwer wird 
Bike beigegeben, der Rathgeber Ermanarichs. Als Randwer 
gehängt werden soll und den Habicht schickt, befiehlt 
Jörmunrek, ihn vom Galgen herunterzunehmen. Bike hatte 
es aber so betrieben, dass derselbe schon todt war. Swanhilde 
bindet man im Burgthor, um sie von Rossen niedertreten zu 
lassen. Da sie ihre Augen auf sie richtet, die den scharfen 
Blick ihres Vaters haben, wagen sie nicht auf sie zu treten^ 
aber Bike lässt einen Sack über ihr Haupt ziehn. Gudrun 
reizt nun die beiden, Hamder und Sörle, auf und warnt sie, 
sich vor Steinen zu hüten. Von einem nächtlichen Überfall 
ist in dieser Sage nichts angedeutet. Zuletzt kommt ein 
alter Mann mit einem Auge, wie bei Saxo-Grammatikus 
offenbar Odhin, und sagt, man sollte sie mit Steinen todt 
werfen. 

In Snorras Edda kommen fünf Strophen aus Brage des 
Alten Gedicht auf Ragnar Lodbrok vor, worin er auch 
Sörles und Hamders Fall besingt. Auch hierin wird Jörmunrek 
im Schlafe überfallen, übereinstimmend mit der Skalda. 

Nun würde es freilich ein unüberlegter Schluss sein, nur 
die Züge, die das alte Hamdirlied Hamdismal in forno ent- 
hält, für echt und ursprünglich zu erklären j sicher ist vieles, 
was wir nur noch aus der Skalda oder der Völsunga kennen, 
ebenso alt und echt, wie jene Züge. Wir dürfen nämlich 
nie vergessen, dass jenes Gedichte,' dieses Erzählungen nach 

145 



Gedichten sind, dass es eine Eigenthümlichkeit nordischer 
und deutscher Urpoesie ist, nur einen bestimmten Punkt der 
Sage dichterisch darzustellen, in dem Bewusstsein, dass der 
ganze Zusammenhang jedem gegenwärtig ist: dass hingegen 
der Erzähler einer Sage die Züge aus den verschiedenen 
Gedichten entlehnt und gerade durch die Zusammenstellung 
der zusammengehörigen Sagenstoffe den ganzen Umfang einer 
Sage zu geben sucht. Also alle diese Ausfuhrungen von dem 
Rupfen des Habichts, von Swanhildens Bück, von der Lösung 
des Räthsels, welches Erp den Brüdern aufgiebt, sind gewiss 
echt und alt, und wir werden darin durch die überein- 
stimmenden Zeugnisse des Saxo Grammatikus bekräftigt. 
Anders ist es natürlich, wo sich die frühere und spätere 
Fassung der Sage offenbar widersprechen, so besonders 
in einem Punkt: Nach dem Hamdirlied wird Jörmunrek 
trunken in seiner Halle überfallen, nach den andern Quellen 
in der Nacht im Schlaf Was ist das Aeltere? — Das 
Uebereinstimmende in beiden Nachrichten ist, dass Jörmunrek 
nicht seiner Sinne mächtig ist, im Trünke oder im Schlaf, 
das eine ihm zum Vorwurf, das andre ohne jeglichen Vor- 
wurf. Nehmen wir nun noch eine entsprechende Stelle bei 
Saxo Grammatikus hinzu, nach der die Leute Jörmunreks 
bei dem Angriff der Brüder mit Blindheit und Verblendung 
geschlagen werden: so erkennen wir, dass die Nacht, die 
nach der einen Sage Jörmunrek umhüllt, nur ein Bild oder 
um so zu sagen eine vernunftmässige Auffassung jener 
zauberischen Verblendung ist, dass also die Nacht sicherlich 
nicht ursprünglich und der echten Sage gemäss ist. Ebenso 
erscheint freilich die Trunkenheit Jörmunreks als eine nüch- 
terne Auffassung jener Bezauberung, aber sie ist dem Sinne 
des Nordens sehr angemessen. 

Wenden wir uns jetzt zu der Charakterisierung der ein- 
zelnen Personen, die in dem nordischen Sagenkreis auftreten. 

a 

lo* * 147 



Jörmunrek steht im Schutz Odhins, der durch Rath und 
That sich als Verwandter erweist. Dies ganz im Einklang 
mit der gothischen Sage, wie überhaupt mit den Stammsagen 
aller Königsgeschlechter, die sich alle auf Odhin zurückführen. 
So auch das Geschlecht Sigurds. Hier ist es aber merkwürdig, 
dass hier ein Kampf beider Sagenkreise, des Sigurd- und des 
Ermanarichkreises stattfindet^ denn Sörle und Hamdir sind 
auch schliesslich verwandt mit Sigurd, dessen Geschlecht sich 
Odhin immer günstig erwiesen. Gegen sie tritt im Hamdir- 
lied offenbar Odhin feindlich auf, so dass also in diesem 
Zuge die gothische Sage vorwaltet; dieses Zugestandniss, das 
der nordische Dichter der üeberlieferung machte, zuwider 
seiner natürhchen Vorliebe für Sigurds Nachkommen, ist 
indessen auch das Einzige, w^orin der Einfluss von gothischer 
Vorliebe für Ermanarich noch zu spüren wäre. Sonst ist 
dessen Auftreten mit sichtlicher Abneigung, ja mit Hohn ge- 
zeichnet. So sein ganzes Gebahren als Trunkener, selbst seine 
klägliche Verstümmelung. Noch zu bemerken ist, dass er „der 
reiche" in der Prosaeinleitung genannt wird, worauf ich noch 
zurückkommen werde. Swanhild, die Tochter der „schwanen- 
weissen" Gudrun, die nach ihrer Mutter Bezeichnung wie 
ein Sonnenstrahl in den Sälen schien, mit scharfen, glänzenden 
Augen, die auch ihr Vater Sigurd gehabt, vor denen die 
Rosse zurückscheuen — sollte sie nicht nach der ursprüng- 
lichen Sage eine Valkyrie gewesen sein? Man erinnere sich 
erstens, dass öfters die Töchter berühmter Könige als Valkyrien 
betrachtet wurden, so z. B. im Völundurliede die Töchter 
Kiars von Valland Aelrun und Swanhwit. Dann deutet schon 
der Name darauf hin: Swanhild heisst Schwan-Kampf, eine 
gleiche Bildung wie Brynhilt. Gerade Schwanenhemden 
wurden den Valkyren gegeben j so wird in eben jenem 
Völundurlied erzählt, wie drei Brüder am Wolfssee drei 
Frauen fanden, die Flachs spannen; neben ihnen lagen ihre 

148 



Schwanenhemden. Sodann deuten einige wenige Züge in 
dem Gedicht selbst darauf hin: so vor allem, dass Gudrun 
sie mit guten Kriegsgewanden gudvetjom ausstattet, als sie 
nach dem Gothenlande fährt. Endlich weist das übermensch- 
liche Glänzen ihrer Augen auf ihre höhere Natur hinj so 
wie aus Gudruns Augen, als sie die Wunde Sigurds schaut, 
Gluth und Gift schäumt; wie Dietrich von Bern Feuer aus- 
haucht, wenn er in Zorn geräthj wie Sigurds Augen — auch 
in deutscher Sage — übernatürlich glänzen, so dass sich sein 
Mörder davor entsetzt. Ob nicht endhch in der letzten 
Scene, wie sie am Strom sitzt ihr Haar zu waschen, noch 
ein letzter Nachhall geblieben ist von ihrer ursprünghchen 
Schwan- und Schlachtjungfrauennatur? — 

Die nächst ihr interessanteste Person ist Erp, an dem 
mehrere Züge auf seinen deutschen Ursprung hinweisen. So 
vor allem sein Name, der unverändert aus der gothischen 
Sage in die nordische übertragen worden ist, da er nordisch 
nach Grimm's Bemerkung Oipr heissen würde, etwa „roth- 
braun". An ihn knüpft sich das Misslingen der Rache, und 
alle Zeugnisse des Nordens, des Saxo, der Chroniken, des 
Jornandes, die von der Verwundung Ermanarichs, nicht von 
seinem Tode reden, setzen ihn voraus, wenn sie ihn auch 
nicht erwähnen. Die spätere nordische Sage nennt ihn Gudruns- 
sohn, zusammen mit Sörli und Hamdir, und zwar schon die 
prosaische Einleitung zu den Eddaliedern. Das Lied von 
Hamdir nennt ihn ausdrückhch anderer Mutter Sohn; die 
beiden höhnen ihn als Bastard, als fuchsigen Zwerg, mit 
einer Hindeutung auf seinen Namen, vielleicht auch auf sein 
Haar. Jornandes lässt die Treulosigkeit, die Ermanarich stürzt, 
von einem Volke der Rosomanen ausgehen 5 sollte vielleicht 
in diesem Erp sich noch eine Erinnerung erhalten haben, in 
Erp, der also in der ältesten Sage nicht Gudruns Sohn ist, 
der also die Natur seines Vaters und seines Volksstammes 

149 



an sich getragen haben mag, im Gegensatz zu Sörli und 
Hamdir, die nach der ausdrücklichen Bemerkung der Skalda 
kohlschwarzes Haar, „wie alle Niblunge" haben? Für meine 
Vermuthung spricht noch, dass Gudrun nur Sörli und 
Hamdir zur Rache aufreizt j Simrocks Erklärung, Gudrun 
hätte aus Liebe zu ihrem echten Sohn Erp diesen nicht mit 
zur Rache aufgereizt, wohl aber ihre beiden Stiefsöhne Sörli 
und Hamdir — denn dafür nimmt sie Simrock, im Wider- 
spruch mit allen Ueberlieferungen — ist zu künstlich und 
unangemessen für das naturkräftige Zeitalter, aus dem diese 
Lieder stammen. Gudrun am wenigsten hätte ihrem echten 
Sohn die Rache für ihre echte Tochter erspart. Allerdings 
stützen Simrocks Vermuthungen die Bemerkungen in der 
Skalda, nach denen die beiden Brüder Erp erschlagen, um 
Gudrun zu kränken, weil sie den am meisten liebt j aber 
dieser Gedanke ist entschieden nicht ursprünglich, sondern 
verräth den reflektierenden Erzähler, der nach einem Grund 
sucht, weshalb die beiden Brüder Erp ermordet haben. Dieser 
Grund tritt allerdings in dem alten Liede nicht deutlich her- 
vor} Sörli und Hamdir finden ihn kühn auf dem Rücken 
des Rosses spielend j sie höhnen ihn; er antwortet mit einem 
Räthselj es scheint der Hass gegen ihn sich nur auf dem 
Gefühl seiner geistigen Ueberlegenheit zu begründen; die 
Sage nennt ihn edel, Sörli selbst bezeichnet ihn zuletzt als 
den tapfern, kühnen Recken j alles deutet darauf hin, dass er, 
in sich die Eigenschaften beider andren Brüder, Sörlis Weis- 
heit, Hamdirs Muth einigend, jedem von diesen ein Anstoss 
gewesen ist, besonders da schon seine Abkunft von einem 
Nebenweibe Jonakurs ihn schon den beiden entfremdet. Dass 
ihm der Auftrag wird, das Haupt Jörmunreks abzuhauen, 
scheint nicht ursprünglich j die Skalda erzählt es, indem sie 
wahrscheinlich die Worte des Handismal in forno auf diese 
Weise ausdeutete. Sörli: 

150 



Nun läge das Haupt, war Erp am Leben. 

Denn es ist offenbar, dass Erp nur hinzukommt, und ihnen 
seine Mithülfe zusichert j Sörli empfindet am Ende, dass gerade 
Erp, der tapfere und scharfsichtige Erp bei dem Kampfe die 
Entscheidung herbeigeführt haben würde: d. i. im Sinne der 
Sage: Während die beiden Brüder Arme und Beine ihm ab- 
schlagen, würde Erp vor allem sein Haupt abgeschlagen haben. 

Die Charaktere Sörlis und Hamdirs sind schon durch die 
Beinamen, die ihnen die Sage giebt, gekennzeichnet: Hamdir 
„mit hohem Muth", scharf und schneidig, ja ironisch der 
Mutter gegenüber^ ob er ihr schon Vorwürfe macht, weist 
er doch den Kampf, zu dem ihn diese aufreizt, nicht zurück. 
Auf seinen Bruder wirft er die Schuld, den Bruder Erp er- 
mordet zu haben: seinem Rathe sei er gefolgt. Stürmische und 
herbe Kampflust, ein stolzer Sinn, fern von Versöhnlichkeit und 
voll selbstsüchtiger Verblendung, ein Heldencharakter — das 
ist Hamdir, und nach ihm ist das Lied genannt, angemessen 
der Stimmung seiner heldenmüthigen Zeit und bezeichnend 
für das hohe Alter des Liedes. Sörli dagegen „mit weisem 
Sinne" will mit der Mutter nicht Worte wechseln j du wirst 
dich, sagt er nur, Gudrun, um uns auch grämen, wenn wir 
fern in dem Kampf von den Rossen fielen." Er ist es auch, der 
im Gegensatz zu Hamdir, seine Schuld bei der Ermordung 
erkennt j „den wir heilig halten sollten, den haben wir ge- 
fällt." Rühmend nennt er Erp „unsern tapfren Bruder den 
raschen Recken." Seine schönen, echt nordischen Schluss- 
worte, mit denen das Drama schliesst, geben einen Beweis 
seiner kräftigen, dabei edlen Gesinnung: Hohen Ruhm er- 
stritten wir, wir sterben heut oder morgen. Den Abend 
sieht niemand wider der Nornen Spruch. 

Ueber Gudrun und ihr Verhältniss zur ursprünglichen 
Sage will ich im nächsten Abschnitt handeln. 



151 



III 

Die dänische Gestaltung der Sage. 

Saxo Grammatikus lebte in der zweiten Hälfte des 12. Jahr- 
hundertsj er verräth nirgends eine Kenntniss des nordischen 
Sagenkreises, Nach ihm ist Jarmerich ein König von Däne- 
mark. Wir kommen hiermit also zu einer dänischen Sage, 
aus der Saxo Grammatikus geschöpft haben mussj denn die 
deutschen Lieder jener Zeit, die dieselben Stoffe behandeln, 
hatten in die Ermanarichsage schon unauflöslich fest Dietrich 
von Bern hineingewebt, der bei Saxo auch in keiner Be- 
ziehung zu Jarmerich steht. Und wenn ich nun zeigen werde, 
dass Saxo vielfach ältere und ursprünglichere Züge als die 
Edda überliefert hat, dass sonst die Sage bei ihm ein durch- 
aus eigenthümliches Gepräge hat, das von einer grossen Durch- 
bildung des Sagenstoffes und einer Ausarbeitung auch der 
feineren Theile zeugt: weshalb soll man da nicht eingestehen, 
dass die Sage dänisch ist, dass die ursprünglich gothische Sage 
auch in Dänemark ihre Wurzeln geschlagen hat und fort- 
gesprosst ist, oft in einfacherer und reinerer Art, als der Norden 
und die deutschen Sagen zeigen? Wilhelm Grimm findet es 
nicht unwahrscheinlich, dass hier eine Mischung nordischer 
und deutscher Sage stattfand, P. E. Müller in seinen Unter- 
suchungen über Saxo glaubt, er habe hier aus deutschen 
Quellen geschöpft. 

Saxo erzählt etwa Folgendes VIII p. 154 — 57. Jarmerik, 
König von Dänemark und Schweden, der sich aus der Ge- 
fangenschaft des slavischen Königs Ismarus befreit und seinem 
Oheim Budli das Reich wieder abgenommen hat, lässt auf 
einem hohen Felsen eine feste Burg mit vier Thoren nach 
den vier Weltgegenden prächtig und wunderbar erbauen 
und bringt dort seine Reichthümer in Sicherheit. — Auch 
hier werden also seine Reichthümer erwähnt, nach denen er 

152 



in dem Eddaliede den Zunamen „der reiche" hatte. — Dann 
geht Jarmerik in die See. Es begegnen ihm 4 Brüder, von 
Geburt Hellespontier, das sind nach Lachmanns Bemerkung 
Dänen von Hvenj der Oeresund heisst nämlich Hellespontus 
danicus. — Diese Brüder treiben Seeräuberei. Nach drei- 
tägigem Kampfe zwingt er sie, ihm ihre Schwester und die 
Hälfte ihrer Beute zu überlassen. Bikko, ein Königssohn, 
wird jetzt aus der Hellespontier Gefangenschaft befreit, hat 
aber nicht vergessen, dass dieser vordem ihn seiner Brüder 
beraubt hat. Nachdem Jarmerich die Svavilda geheirathet 
hat, zieht er mit einem Heere nach Deutschland und Hess 
durch Broder, seinen Sohn erster Ehe, die Königin bewachen. 
Seine Schwestersöhne werden in Deutschland erzogen, aber 
Jarmerich nimmt sie gefangen und lässt sie erdrosseln. Als 
Ermanarich aus Deutschland zurückkehrt, beschuldigt Bikko 
Broder eines verbrecherischen Umganges mit seiner Stief- 
mutter. Der König befiehlt Broder zu hängen, um aber nicht 
ein Kindesmörder zu heissen, müssen einige Leute ein Brett 
unter Broders Füsse halten, so dass, wenn diese aus Er- 
mattung das Brett fallen Hessen, der Mord nicht dem König, 
sondern ihnen zur Last fiele. Svavilda soll von Rossen 
zertreten werden, und da die ersten, gleichsam von ihrer 
Schönheit betroifen, stehen bleiben, und der König geneigt 
ist, ihre Unschuld anzuerkennen, lässt Bikko die Pferde um- 
wenden, worauf sie zertreten wird. Unterdessen kommt der 
Hund des Sohnes dahergelaufen und heult über seinem Herrn j 
sein Falke wird herbeigebracht und rupft sich selbst die 
Federn aus. Der federlose Falke erinnert den König, dass 
er bald kinderlos sein werde j er befiehlt daher unverzüglich, 
Broder herunterzunehmen. Bikko reist aus Furcht vor Strafe 
zu den Hellespontiern und verkündet ihnen das Schicksal 
ihrer Schwester. Ebenso benachrichtigt er Jarmerich, dass 
diese sich zum Kampfe gegen ihn richten. Indem die Brüder 

153 



die feste Burg umschliessen, entsteht in ihrem Heere bei 
einer Raubvertheilung ein Aufruhr, und sie hauen selbst einen 
grossen Theil ihrer Leute nieder. Zu schwach nun, um die 
Burg anzugreifen, berathen sie sich mit einer Hexe, die 
Gudrun heisst. Diese schlägt die Mannen des Königs mit 
Blindheit, so dass sie die Waffen gegeneinander wenden, 
während jene in die Burg eindringen. Aber im Getümmel 
kommt Odhin, entfernt die Verblendung und räth den Dänen, 
da die Hellespontier durch Hexenzauber gegen Schwerthiebe 
unverletzlich sind, sie mit Steinwürfen zu tödten. Die Männer 
fallen um auf beiden Seiten, und Jarmerich wälzt sich mit 
abgehauenen Händen und Füssen unter den Todten. 

Die O ertlichkeiten und Personen sind in dieser Sage ganz 
dänisch: Jarmerich ist ein König von Dänemark und erbaut 
sich dort eine feste Burg. Die Hellespontier, sowie die Hexe 
sind dänischer Abkunft, und selbst Odhin erscheint in seiner 
Eigenschaft als Stammvater der Dänen und der Dänenkönige. 
Dies widerspricht also der möglichen Annahme, dass nordische 
Seefahrer oder Sänger die Sage dorthin gebracht haben könnten. 
Dazu kommt vor allem, dass die Sage in ganz selbständiger 
Weise das frühere Leben Jarmerichs ausgebildet hat, und 
dass eine der Hauptpersonen der nordischen Sage, Gudrun, 
hier ganz fehlt oder vielmehr nur einen Namen hier ent- 
sprechend hatj etwas, was ganz unmöglich wäre, wenn durch 
mündhche Ueberlieferung des Nordens diese Sage hier ent- 
standen wäre. Zugleich ist aber wieder die Uebereinstimmung 
der nordischen und der dänischen Sage so gross, dass sie 
beide nothwendig auf eine gleiche Quelle hindeuten. 

In der Edda schickt Randwer seinem Vater einen feder- 
losen Habichtj dieser versteht die Andeutung und sendet 
hin, um ihn zu retten. Aber durch Bikkis List ist Randwer 
schon todt. Der Zug ist, wie Grimm urtheilt, sicherlich 
älter, als die Fassung der Sage bei Saxo, da die Sage überall 

154 



darauf hinweist, Ermanarich habe sein eigenes Geschlecht zu 
Grunde gerichtet. Hierhin gehört, dass Jarmerich seine 
Schwestersöhne in Deutschland morden lasst; gemeint sind 
offenbar die beiden Harlunge, Imbrecke und Fritilej und 
selbst die Verlegung ihres Wohnsitzes nach Deutschland 
scheint darauf hinzudeuten, dass dieser Zug von Saxo nach 
deutschen Quellen hinzugesetzt wurde. Ich möchte also nur 
behaupten, dass dem Saxo wahrscheinhcher Weise auch die 
deutsche Sage über Ermanarich bekannt war, die nordische 
hingegen gewiss nicht. Dass er aber nur nach deutschen 
Liedern die Sage aufgezeichnet haben sollte, dem widerspricht, 
wie erwähnt, die dänische Oertlichkeit und dann vor allem 
die Abwesenheit Dietrichs von Bern. Es ist schlechterdings 
unmögHch, dass Lieder zu den Zeiten Saxos diesen nicht in 
die Geschichte Ermanarichs verwebt hätten, da wir Zeug- 
nisse haben, dass es schon mehrere Jahrhunderte vorher ge- 
schehn ist. 

Indessen lässt uns die Fassung der Sage bei Saxo einen 
wichtigen Blick auf die Entstehung der nordischen thun. Ich 
schliesse folgendermassen: Ermanarich soll — so will es die 
Sage — unvermuthet und zauberisch geblendet überfallen 
werden j das ist nöthig, da durch die Ermordung Erps (od. 
bei Saxo durch die Niedermetzlung der Leute) die Macht der 
Angreifenden zu schwach geworden ist. Die zauberische 
Hülfe lehnt die Sage an eine Gudrun, eine Hexej die nor- 
dische reisst diesen Namen an sich und knüpft ihn an die 
wichtigste Gudrun, die sie in ihrem ganzen Umkreis hat, 
die Gemahlin Sigurds, nachher Atlis. Zugleich aber verbindet 
sie mit ihr Swanhild, indem sie diese zu ihrer und Sigurds 
Tochter macht und so das Interesse für diese erweckt. 
Ausserdem ist es ja leicht zu begreifen, dass die nordische 
Sage Swanhild und ihre berühmte Schönheit mit ihrem Lieb- 
lingshelden, dem schönen Sigurd, in Verbindung bringt. 

^55 



Diese Verschmelzung des gothischen Sagenkreises mit dem 
nordischen muss indess schon aus einer sehr frühen Zeit 
stammen, und es ist allerdings merkwürdig, dass bei Saxo 
die Zauberin Gudnm so allein und unzusammenhängend aus 
der ältesten Form der Sage übrig geblieben ist, ohne dass 
sich um sie eine neue Sage gesponnen hätte. Ebenfalls ist 
es eigenthümlich, dass erst die spätere Gestaltung der nor- 
dischen Sage davon weiss, dass Gudrun die Waffen der zwei 
Brüder bezaubert habe 5 freilich kann man wieder sagen, dass 
die Sage in forno dies zwar verschweigt, es aber gewiss 
enthalten haben wird, was man eben aus jenen spätem Er- 
zählungen der Skalda und der Völsunga schliessen könne. 
Alle diese Bedenken erschweren zwar etwas die Erklärung 
jener Verschmelzung der beiden Sagenkreise, lassen aber doch 
die Thatsache unversehrt stehn: dass die beiden Gudrunen 
der nordischen und der dänischen Sage nur den Namen und 
die Kraft des Bezauberns gemeinsam haben, sonst nichts. 
Dass aber eine Gudrun mit zauberischer Kraft in der ältesten 
Sage gewesen ist, das steht fest, sobald erwiesen ist, dass 
ein Erp oder dem etwas entsprechendes darin gewesen ist. 
Hier bei Saxo ist es offenbar, dass in der Selbstschwächung 
der Hellespontier durch die Niedermetzelung ihrer eigenen 
Leute noch eine dunkle Erinnerung an Erp hervortritt. 
Allerdings ist in der dänischen Sage Erp zu einem Heere 
geworden, wie die beiden Brüder Sörli und Hamdir auch 
verdoppelt erscheinen, wie überhaupt alle Züge verstärkt und 
verdoppelt sich in dieser Sage wiederfinden. Insbesondere 
ist Bikko schon völlig aus mythischer Dunkelheit und Un- 
bestimmtheit heraus gezeichnet, ja auch bei seiner Darstellung 
möchte man an eine Benutzung deutscher Quellen denken. 
Sein Hauptbestreben, auf alle Weise Jarmerich zur Ver- 
nichtung seiner eignen Familie aufzureizen, wird auf ein 
bestimmtes Motiv, das der Rache, zurückgeführt. Jarmerich 

156 



hat früher seme Brüder getödtet und er nimmt für sie durch 
List und Treulosigkeit Rache. Hier erscheint also die Blut- 
rache schon als Motiv aller Ereignisse, wie sie zum zweiten 
Male bei der Rache der Hellespontier auftritt. Die Sage 
wiederholt sich also gewissermassen; wem möchte hier nicht 
wieder einfallen, wie die Person und die Motive des Bikko 
sehr leicht erst durch die Bekanntschaft Saxo's mit dem 
deutschen Sibech sich so gestaltet haben mögen? — Auch 
in der Vilkinasage ist Odilias Misshandlung, wie hier Swan- 
hildens die Ursache von dem nachfolgenden Missgeschick 
Ermanarichs. — 

Zuletzt bemerke ich noch zu Saxos Erzählung, wie wichtig 
die kurze Bemerkung ist, dass Jarmerich seinem Oheim Budli 
das Reich abgenommen habe. Es ist sicher, dass hierin auch 
der Kern eines Liedes zu erkennen ist und zwar eines, in 
dem Jarmerich und Etzel, wie nach der deutschen Sage, 
Zeitgenossen gewesen sind. Oder sollte vielleicht dieser Budli 
hier derselbe sein, der gegen einen Dänenkönig Krieg führt, 
aber Bruder Budli's genannt wird Vols. 38? Dadurch würde 
allerdings ein merkwürdiger Zusammenhang zwischen Saxo 
und nordischer Sage hervortreten. 

Indem ich dies hinstelle, glaube ich doch behaupten zu 
können, dass alle Anzeichen dafür sprechen: dass Saxo wohl 
deutsche Lieder über dieselben Gegenstände gekannt, vielleicht 
sie auch bei seiner Erzählung etwas benutzt, dass aber der 
Grundcharakter seiner Lieder ein dänischer bleibt; dass es 
hingegen unmöglich ist, dass er nach rein deutschen oder 
nach rein nordischen Quellen erzählt habe, wie auch, dass 
er eine Vermischung beider Sagen nach eigner Willkür gebe: 
allen diesen drei Fällen widerspricht auf das Entschiedenste 
der dänische Grundcharakter dieser Sage. 



157 



IV 

Jemandes schrieb sein Buch aus dem Werke des Kassiodorus 
um das Jahr 552 zusammen. Dieses muss also aus der 
Regierungszeit Theodorichs des Grossen entstammen; die 
darin erzählten Sagen dürften also etwa die sein, die um den 
Anfang des 6. Jahrhunderts im Munde des Volkes waren. 
Wir kennen also die Sage, wie sie sich etwa nach 130 Jahren 
gebildet hatte. Etwa einen Zeitraum von 200 Jahren nach 
Kassiodor erinnern zum erstenmal wieder bestimmte Zeug- 
nisse an die Ermanarichsage. Und zwar finden wir diese bei 
den Angelsachsen. Während dieser Zeit mag also die Sage 
sich weiter verbreitet und besonders schon an den Küsten- 
ländern, vielleicht auch schon im Norden Eingang gefunden 
haben. Dafür sprechen einzelne Stellen aus dem Beowulfliede, 
sowie aus dem Lied vom Wanderer und der Handschrift 
von Exeter, die einzelne Züge der Sage schon als bekannt 
voraussetzen und darauf anspielen. Und zwar um gleich 
hier das Wichtigste zu erwähnen, erscheinen darin schon 
deutliche Beziehungen auf Ermanarichs Verknüpfung mit 
Dietrich 5 ausserdem steht Ermanarich umringt von einem 
Kreise von Helden, deren jeder einzelne schon der Mittel- 
punkt einer besonderen Sage geworden ist. Der Sänger, der 
in dem Liede von dem Wandrer die ganze Welt beschreibt 
die er durchzogen, stellt Ermanarich unmittelbar neben Attila, 
ein Beweis, dass damals schon das Bewusstsein der zeitlichen 
Trennung jener Männer im Volke verloren gegangen war. 
Mit ziemHcher Ausführlichkeit spricht er von der grossen 
Macht des Gothenkönigs, indem er ein Verzeichniss seiner 
Mannen aufstellt. Darunter finden wir die Harlunge Emerka 
und Fridla, so wie auch Sifeka, kein anderer sicherlich als 
Sibech. Was beweist jedoch die Nennung dieser Namen? 
Dass mit diesen Namen die damalige Sage schon bestimmte 

158 



Ereignisse verband j denn ein Name pflanzt sich nicht fort 
ohne eine dazu gehörige Geschichte j im Gegentheil ist erst 
das Ereigniss der Träger des Namens, so dass oft der Name 
sich erst aus dem Ereigniss bildet. In demselben Gedicht 
wird aber Ermanarich, „der zornige, treulose" erwähnt; dies 
sind Bezeichungen, durch die die bestimmte Sage durch- 
schimmert, die Sage von Ermanarichs Bosheit, der auf des 
treulosen Sifekas Anrathen gegen sein eignes Geschlecht 
wüthet. Seinen Sinn nennt die Handschrift von Exeter des- 
halb einen „wölfischen". Ermanarich wird in ihr geschildert: 

Es war ein grimmer König. 

Sass mancher Held von Sorgen gebunden 

In Unheils Erwartung, dem Kampfsitz zunächst, 

Dass er des Königsreichs überwältigt wäre. 

* 

Zugleich findet sich in diesem Gedicht eine deutliche 
Anspielung auf Dietrichs Flucht aus seinem Reiche, veran- 
lasst durch Ermanarichs Bosheit. Im Beowulfliede hören wir 
dagegen wieder von jenem berühmten Reichthum Ermanarichs 
etwas Ausführlicheres, als es bis jetzt die nordische und die 
dänische Sage andeuteten. 

Von keinem bessern unter dem Himmel 
Horte ich hörte, seit Heima forttrug 
Zu der heerglänzenden Burg der Brosinge Schatz, 
Geschmeid und köstliches Gefäss, hinterlistig 
Alles Gut Ermenrichs. 

Dies ist das einzige Ueberbleibsel der Sage, die von Heima's 
Raube handelt. Jener Schatz der Brosinge, der nach der Edda 
Seite 299 ein Halsschmuck der Freyja ist, scheint auf eine uns 
ganz verborgene Sage anzuspielen. Der grosse Reichthum 
Ermanarichs wird übrigens ausser den angeführten Stellen 
noch im Rein ecke Fuchs erwähnt, wie Grimm anfuhrt. Wo? 
weiss ich nicht. 

159 



Aus dem alten Hildebrandslied, wo zwar Ermanarich nicht 
genannt wird, die ganze Erzählung sich aber um Dietrichs 
Flucht vor Ermanarich dreht, geht hervor, dass die Ermanarich- 
und DietrJchsage, wie unter den Angelsachsen, so auch unter 
den Thüringern und Hessen ineinander verschmolzen war 
im 7. und 8. Jahrhundert. Ueberhaupt tritt hervor, dass während 
der Norden nur Ermanarichs unglückliches Ende, Saxo schon 
einige Züge aus seinem früheren Leben kennt, in der deut- 
schen Sage die Haupttheilnahme für Ermanarichs Lebens- 
geschicke vor diesem Wendepunkt sich zeigt. Eine andre 
Nachricht beweist auch, wie lebhaft noch um das Ende des 
9. Jahrhunderts die Erinnerung an Ermanarich war, wie 
historisch noch die ganze Sage damals genommen wurde. In 
einer Chronik nämlich (Flodoardi hist. ecclesiae Remensis) wird 
erzählt, dass Fulko, Erzbischof von Rheims den König Armulf 
in einem Schreiben ermahnt habe, redlich gegen Karl den 
Einfältigen, den letzten aus dem königlichen Stamme, zu 
verfahren 5 und „nach deutschen Büchern einiges über den 
König Ermerich beigefügt habe, der sein ganzes Geschlecht 
dem Tode bestimmt habe durch die schändlichen Eingebungen 
seines Rathes." Es ist hieraus auch deutlich, dass die Gedichte 
schon aufgezeichnet waren; ja es widersteht nichts, anzu- 
nehmen, dass Karl der Grosse schon die HeldenUeder über 
Ermanarich habe sammeln und niederschreiben lassen. 

Ein Jahrhundert später, um das Ende des 10. und Anfang 
des II. Jahrhunderts werden wir durch das Chronikon Quedlin- 
burgense etwas reichHcher über den damaligen Stand der 
Sage unterrichtet j nach dieser Chronik ist Ermanarikus ein 
Zeitgenosse Attilas, er herrscht über alle Gothen, astutior in 
dolo, largior in dono. ,, Dieser hängte nach dem Tode des 
Friederich, seines einzigen Sohnes, der nach seinem Willen 
vollzogen war, seine Neffen Embrika und Fridla an den 
Galgen." Eine andere Stelle daraus sagt: „Er zwang seinen 

160 



Vetter Theodorich, auf Anreizung seines Vetters Odoaker, 
bei Verona geschlagen zu Attila als Verbannter zu fliehen." 
EndHch berichtet die Chronik noch: „dass Ermanarich von 
den Brüdern Gernido, Serila und Adaokar, deren Vater er 
getödtet hatte, nachdem ihm Hände und Füsse abgehauen 
Wären, getödtet worden sei." Es ist deutlich, dass die letzte 
dieser drei Bemerkungen ein verstümmelter Ueberrest unserer 
vielbesprochenen Sage ist, da die Ermordung des Vaters 
unmöglich echt sein kann, da ebenfalls der Name Adaokar, 
wer weiss durch welche Verwirrung des Chronisten in den 
Text gekommen ist. Wichtiger ist hingegen, dass die Er- 
mordung, — denn diese folgt hier nach der Verstümmelung, — 
von drei Brüdern ausgeführt wird, es scheint also in der 
deutschen Sage dieser Zeit die Episode von Erps Ermordung 
gefehlt zu haben, und der Tod Ermanarichs, wie er vorher 
berathen ist, glücklich von den drei Brüdern beendet worden 
zu sein. Wie also überhaupt in der deutschen Sage das 
unglückliche Ende Ermanarichs ein weniger beliebter Sagen- 
stoff gewesen zu sein scheint, so ist es aus diesem Zeugniss 
deutlich, dass in den Liedern, die es darüber gab, die Begeb- 
nisse weniger reich ausgebildet, mit Episoden durchwebt, 
die Charaktere weniger scharf entgegengestellt waren. 

Woher nun diese Unterschiede zwischen dem Norden 
und Deutschland? Natürlich lassen sich nur Vermuthungen 
darüber aufstellen j doch will ich diese kurz zusammenstellen. 

Jörmunrek war der nordischen Sage eine ursprünglich 
fremde, dem Norden überhaupt nicht verwandte Persönlich- 
keitj war aber er einmal durch den Namen Gudrun an die 
nordische Sage angeknüpft worden, so Wieb doch die Haupt- 
theilnahme für Gudrun und Swanhild, und auf ihn wandte 
sich nur das Interesse, insofern er das Ziel der Rache für 
Swanhild war. Was ausserhalb dieser Geschichte lag, was 
nicht in seinem Leben durch den Strahl dieser Sage erleuchtet 

H Nietzsche I l5l 



wurde, das blieb im Dunkeln, das gab es für den Norden 
nicht. 

Für Deutschland hingegen war Ermanarich der Mittelpunkt 
eines Sagenkreises} es mochte hier noch ein Rest jener Furcht 
geblieben sein, von der Ammian Marcell. erzählt, die in Folge 
seiner Kriegsthaten sich weit in die Lande verbreitet hatte. 
Diese Furcht hatte das ganze Leben des Gothenkönigs 
erfinderisch ausgeschmückt, natürlich mit Zügen seiner Härte 
und Grausamkeit. Wie zur Strafe hatte die Volkssage ihm 
gleichsam einen bösen Engel beigegeben, jenen Sibech, der 
alle seine Schritte ins Verderben lenkt. Die Verwicklungen 
nun, in die ihn sein zorniger und arglistiger Sinn bringt, 
sind für die deutsche Sage der Hauptpunkt, nicht die einzelne 
Geschichte seines Untergangs; seine Charakterentwicklung 
und deren Folgen scheinen die Grundzüge der deutschen 
Sage gewesen zu sein. Dazu kam, dass der in seine Geschichte 
hineingeschlungene Theodorich das Interesse von seinem 
Ende nach dem Kampfe dieser beiden Helden wie zu einem 
Glanzpunkte der Sage hinzog} natürhch dass dadurch das 
Ende des einen etwas dagegen verblasstej in gleicher Weise 
übrigens, wie es auch mit dem Ende Theodorichs geschehn. 
So ist es denn begreiflich, dass in späteren deutschen Ge- 
dichten, besonders in Dietrichs Flucht Ermanarich zur Strafe 
für seine Sünden in eine unheilbare Krankheit gefallen ist: 
ebenso wie er nach der Vilkinasage in einer furchtbaren 
Krankheit halbtodt schmachtet, nachdem man zu seiner 
Heilung vergebens ihm den Leib aufgeschnitten hat. Eine 
noch spätere Sage im Anhange des Heldenbuches berichtet, 
der treue Eckhard habe ihn erschlagen, zur Rache für die 
jungen Harlunge, die seiner Pflege empfohlen waren. Daraus 
kann man nur entnehmen, wie abgestorben um die Zeit der 
Entstehung dieses Liedes jene alte Sage von Ermanarichs 
Ende war. 



Ich. stelle jetzt noch zusammen, was nach den angeführten 
Zeugnissen um die Grenzscheide des lo. und ii. Jahrhunderts 
über die Ermanarichsage bekannt gewesen sein mag. 

Ermanarich (Hermenrich, Emelrich), König von Deutsch- 
land, nach den Chronisten, denen Jornandes bekannt war, 
aller Gothen, dessen Burg auch in Deutschland lag (Gandarus?) 
hat zwei Brüder, deren einer Dietmar, der Vater des Theo- 
dorich, deren anderer seinem Namen nach immer wechselt, 
aber übereinstimmend der Vater der Harlunge, Imbrecke 
und Fritile, ist. Diese lässt er auf Sibichs Rath an den 
Galgen hängen, nachdem er zuvor seinen einzigen Sohn 
Friederich hat tödten lassen. Auf die Anreizung des Odoaker, 
seines Vetters, zwingt er Theodorich zu Attila zu fliehen. 
Sein Ende wird durch drei Brüder, deren Vater er getödtet 
hat, herbeigeführt. 

V 

Die ursprüngliche Sage. 

Wir lesen, dass bei den Gothen das Königsgeschlecht der 
Amaler die Thaten seiner Vorfahren in Liedern besungen 
habe. Cassiodor, der am Hofe Theodorichs des Grossen 
lebte, erzählte sicherlich in seiner Zweck- und Parteischrift 
über die Gothen nur Sagen, in denen die Vorfahren Theodo- 
richs in ein glänzendes Licht gestellt werden. Insbesondere 
muss Ermanarich, der Edelste der Amaler, der Glänzendste 
aller Gothenhelden, unter dem das Reich die weiteste Aus- 
dehnung erhielt, die es je gehabt, einen grösseren Raum in 
seinem Geschichtswerk eingenommen haben, wie es auch 
noch aus dem Auszuge des Jornandes erhellt, der mit ziem- 
licher Ausführlichkeit die Thaten dieses Königs bespricht 
und oft noch auf ihn zurückkommt. Es ist also einerseits 
ganz wahrscheinlich, dass Cassiodor, anstatt das geschichtlich 



Feststehende über den Selbstmord des Ermanarich zu erzählen, 
lieber die Volkssage heranzog, die sein Ende und sein unrühm- 
liches Zurücktreten anders erklärte j wie es andrerseits ein- 
leuchtet, dass die gothische Volkssage ihren Helden in ein 
vorth eilhaftes Licht zu setzen gewusst haben wird, da an ihn 
der Glanz des Gothennamens sich vornehmlich knüpfte. 
Die Furcht und der Hass, den er sich bei den unterjochten 
Völkern erweckt hatte, fehlten ja hierj an ihre Stelle traten 
Bewunderung und Vorneigung. So finden wir in dem Aus- 
zug des Jornandes nicht einen Zug, in dem wir einen Tadel, 
einen Vorwurf wieder erkennen möchten. Denn starke 
Leidenschaften sind für die Volkssage, so lange sie noch 
ursprünglich und rein liiesst, vielleicht Gegenstände des 
Grauns, aber nicht des Tadels; im Gegentheil verweilt sie 
bei solchen mit einer gewissen Vorneigung j wie Kinder sich 
an Schauermärchen ergötzen. Auch die grausame Todesarc 
der Sonilde ist den barbarischen Sitten jener Zeit angemessen, 
und nicht so unerhört, wie sie uns scheint.') Zerreissung 
durch Pferde ist als Strafe für Treulosigkeit ein in der 
ältesten Sage mehrerer Völker wiederkehrender sagenhafter 
Zug. Aehnliches ist aus der fränkischen und lateinischen 
Sage bekannt. 

Nach diesen Vorbemerkungen kann ich die Stelle des Jor- 
nandes selbst folgen lassen. Dieser erzählt Cap. 24: 

„Den König Ermanarich, der, ob er gleich viele Völker 
besiegt hatte, über die Ankunft der Hunnen Besorgnisse 
hegte, suchte der treulose Volksstamm der Rosomanen (Roso- 
monorum, Roxolanorum, Rasomonorum, Rosomorum) der 
ihm damals mit andern diente, bei solcher Gelegenheit zu 



') W. Grimm 361. „Gleichwohl liegt in dieser Grausamkeit, der 
eine gewisse tragische Würde nicht fehlt, keine eigentliche, widrige 
Rohheit." 

164 



täuschen. Denn als er ein Weib aus dem erwähnten Volke, 
Suanahild (Sonilda, Sunihil, Sanielh) geheissen, wegen ihres 
Gemahls betrügerischer Flucht im höchsten Zorn an wilde 
Pferde binden und zerreissen Hess, griffen die Brüder der- 
selben, Sarus und Ammius, um den Tod der Schwester 
zu rächen, Ermanarichen an und verwundeten ihn an der 
Seite. An dieser Wunde leidend brachte er sein Leben 
in Leibesschwäche zu. Dies gab den Hunnen Gelegenheit, 
im Lande der Gothen die Uebermacht zu gewinnen. 
Währenddem schied Ermanarich, sowohl den Schmerz dieser 
Wunde als auch die Einfälle der Hunnen nicht ertragend, 
im höchsten Alter und seiner Tage voll, iio Jahr alt aus 
dem Leben." 

Zuerst füge ich noch eine Stelle aus Ammian Marcell.') 
bei, in der er die Alanen, das Stammvolk der Rosolanen, 
also beschreibt: „Die Alanen sind fast alle von schlankem 
hohem Wüchse und schön, ziemlich blonden Haares, schrek- 
kend durch die, wenn auch gemässigte Wildheit des Blickes, 
behend in leichter Bewaffnung, den Hunnen fast in allem 
gleich, jedoch in Nahrung und Lebensart civilisirter." 

Ich glaube, dass auf einige Worte des Jordanes bis jetzt 
noch nicht genug Rücksicht genommen istj „während Er- 
manarich über die Ankunft der Hunnen Besorgnisse hegt, 
suchen ihn die treulosen Rosomanen bei solcher Gelegenheit 
zu täuschen (decipere)." Ettmüller übersetzt dies: „betrügerisch 
zu verderben" j das liegt aber gar nicht im Worte. — Die 
ganze Sache ist nämlich nur zu verstehen, wenn wir den 
Einfall der Hunnen und die Besorgnisse Ermanarichs mit ihr 
in Verbindung bringen. Die treulosen Rosomanen suchen 
ihn zu betrügen, indem sie sich verrätherisch zu den Hunnen 
■spenden, darauf bezieht sich auch die betrügerische Flucht des 

31,2. 

i6< 



Gatten der Swanhilt. Dies bemerkt Ermanarich, und nimmt 
im höchsten Zorn Rache an dem Weibe des Verräthers, der 
offenbar der Bikko des Nordens, der Sibech der deutschen 
Sage ist. Dass er zu dem Geschlechte der Rosomanen ge- 
hörte, wird nicht gesagt 5 es ist auch nicht anzunehmen, aber 
er mag grossen Einfluss auf die Rosomanen gehabt haben, 
aus denen er auch sein Weib hatte. Die Rosomanen nun 
sind offenbar der Beschreibung nach Indogermanen; ihre 
Schönheit, der stechende BUck ihrer Augen sind noch in 
der Person der Swanhild bewahrt. Auch das blonde Haar 
wird besonders in der nordischen Dichtung hervorgehoben; 
und vielleicht ist in dem Namen „Erp" noch eine Anspielung 
auf dasselbe. Der zweite Punkt, der mir noch zu wenig be- 
achtet scheint, ist der Schluss. Nach der Geschichte starb 
Ermanarich durch Selbstmord. Nach Jornandes scheidet er 
aus dem Leben, sowohl den Schmerz der Wunde als die 
Einfälle der Hunnen nicht ertragend, alt und seiner Tage 
voll." Es ist eine merk^^ürdige Unbestimmtheit in den 
Worten j die Worte: „sowohl den Schmerz seiner Wunde als 
die Einfälle der Hunnen nicht ertragend", lassen den Selbst- 
mord vermuthen; der Ausdruck, er schied aus dem Leben, 
vita defunctus est, ist zu allgemein, um jene Vermuthung 
zu widerlegen. Erinnern wir uns dann, dass Jordanes nach 
Cassiodor erzählt, dass dieser das Schimpfliche eines Selbst- 
mordes vielleicht auch durch einen unbestimmten Ausdruck 
verdeckt haben mag, ja verdeckt haben mussj was hindert 
uns, anzuerkennen, dass mit grösster Wahrscheinlichkeit die 
Geschichte zu Cassiodors Zeit das Ereigniss des Selbstmordes 
noch fest im Gedächtniss hielt, dass die Sage das letzte Ende 
des Königs noch nicht mit ihrer Dichtung umsponnen hatte, 
wohl aber, dass sie als Hauptmotiv zum Selbstmord ein grosses 
körperliches Leiden ersonnen hatte j denn von Ermanarich zu 
glauben, dass er sich nur aus Furcht und Besorgniss vor den 



Hunnen den Tod gegeben, wie Ammian erzählt, das war der 
Vo]kssage und ihrer hohen Meinung von Ermanarichs Helden- 
grösse nicht möglich. Diese Natur musste auch körperlich 
gebrochen und vernichtet erscheinen, um einen Selbstmord 
erklärlicher zu finden. Und selbst so scheint die Sage doch 
noch mit einer gewissen Scheu auf den ruhmlosen Tod ihres 
Helden hingeblickt zu haben, sie hat diesen Tod frühzeitig 
vergessen, wie weder die ältere nordische, noch die dänische, 
noch die deutsche etwas davon wissen. 

Erst die spätere Sage in Deutschland unterschied nicht 
mehr die Verwundung durch die Brüder und seinen spätem 
Tod, sondern zog beides zusammen, wie das Chron. Quedlinb. 
berichtet. Noch später bildeten sich eigne und durchaus ver- 
schiedenartige Schlüsse von Ermanarichs Heldenlaufbahn j 
seine Ermordung durch den treuen Eckhard habe ich er- 
wähnt. In der Vilkinasage scheint er durch die List Sibichs 
umzukommen, der nach seiner Krone trachtet. 

Sonach fällt also mit grösster Wahrscheinlichkeit der 
Widerspruch zwischen Sage und Geschichte weg, ja es 
dürfte jetzt die Frage aufgeworfen werden, wodurch be- 
rechtigt wir noch die Erzählung des Jordanes für eine Sage 
halten. Dass sie geschichtliche Wahrheit enthalte, dafür scheint 
folgendes zu sprechen: erstens, dass Cassiodor unmöglich 
eine völlig aus der Sage entnommene Geschichte über den 
grössten Gothenhelden in einem Werke, das an Theodorich 
den Grossen gerichtet war, erzählen durfte j zweitens, dass, 
wenn er überhaupt mythische Züge einmischte, wie es ja 
feststeht, er nur solche erwähnen durfte, in denen der Glanz 
der Amaler recht hervortrat^ nicht aber solche, in denen, 
wie in Swanhilds grausamer Niederreitung, ein nachtheiliges 
Licht auf die Geschichte des Amalerhauses fiel. Drittens 
kann vor allem gesagt werden, dass das geschichtliche Faktum 
des Selbstmordes aus reiner Furcht vor den Hunnen bei 

16-] 



Ermanarich nicht zu erklären istj daraus, dass aber Ammian 
darüber schweigt, folgt noch gar nicht, dass es nicht ge- 
schehen ist, sondern nur, dass er es wahrscheinlich nicht 
gewusst hat 5 und wenn er es wusste, er es für zu unwesent- 
Hch hielt, es zu erwähnen: denn er hat für die Erwähnung 
Ermanarichs kaum mehr als drei Zeilen. Endlich ein letzter 
Grund: Wo liegen in der Erzählung des Jornandes die An- 
deutungen und Züge, aus denen man auf eine Sage schliessen 
dürfte? Weder der Verrath der Rosomanen, noch der Zorn 
des Ermanarich, noch der grausame Tod Swanhilds, noch 
die Blutrache durch zwei Brüder, noch endlich Ermanarichs 
sieches Leben enthalten etwas, was nothwendig aus der Ge- 
schichte in die Sage gewiesen werden müsste. Ja man be- 
trachte nur, wie unsagenhaft die Verwundung in die Seite 
(latere) ist, während die spätem Sagen übereinstimmend 
erzählen, ihm seien Hände und Füsse abgehauen worden. 

Unter der Voraussetzung, dass meine Vermuthung richtig 
wäre, hätten wir das merkwürdige Beispiel, ja das einzige Bei- 
spiel, dass wir ziemlich genau verfolgen könnten, an was für 
geschichtliche Züge sich die Sage am frühsten und liebsten 
anschloss, wie sie in unserm Fall zuerst wohl den dritten 
Bruder heranzog, um zu erklären, weshalb die Blutrache nicht 
völlig gelang, dann vielleicht die Zauberin Gudrun, an die 
dann die nordische Sage anknüpfte, am spätesten wohl den 
Sohn Ermanarichs, dessen Name überall schwankt, wahrschein- 
lich nur, um den fürchterlichen Zorn des Ermanarich zu 
begreifen, da die Bezüge auf den Einfall der Hunnen schon 
längst vergessen waren. — 

Indem ich mit dieser Vermuthung schliesse: lege ich die 
Feder aus der Hand mit dem Bewusstsein, wenigstens ver- 
sucht zu haben, eine Reihe von Gedanken, die mich schon 
länger beschäftigt haben, zusammenhängend hinzustellen, mit 
dem Gefühl, mich in die alte Sage allmählich so hineingelebt 

iö8 



zu haben, dass ich jetzt fast mit einem gewissen Schmerz 
für länger von ihr scheide, endlich mit dem lebhaftesten 
Dank gegen die Männer, denen ich hierbei alles und jedes 
schulde, vor allem aber gegen die Gebrüder Grimm, die sich 
ein unvergängliches Ehrendenkmal in dem Herzen eines jeden 
Deutschen gegründet haben. 



i6g 



Ueber das Anregende und Belebende vaterländischer 

Geschichte. 

(Schulaufsatz Januar i8<54.) 

Zu keiner Zeit haben wohl mehr berufne und unberufne 
Redner, jene mit eindringlicher Wärme und fortreissender 
Leidenschaft, diese mit hohlen Klangwörtern und abgebrauchten 
Gemeinplätzen auf Bilder der Geschichte hingewiesen, die 
von selbst den Sinn zum Handeln entflammen, den müssigen 
Träumer emporraffen, den thatenlosen Denker beschämen 
und aufreizen — zu keiner Zeit wohl mehr als in der unsrigen 
und nirgends wohl häufiger als in unserm Vaterlande. Ohne 
irgendwie mich darüber auszusprechen, in wie fern dies jetzt 
und in Deutschland so noth\\endig erscheint, dass wir es 
vielleicht, wenigstens zeitweise, kaum entbehren dürften, 
ohne mir ein Urtheil anzumassen über eine Richtung, die 
des Guten und Verwerflichen genug mit sich führen mag — 
möchte ich, v^ie es mir aufgegeben ist, im Allgemeinen meine 
Gedanken über das Anregende und Belebende vaterländischer 
Geschichte zusammenstellen und ordnen, Gedanken, die 
nothwendig jugendliche sein \\ erden, wodurch auch dem an- 
dern Theile des vorgelegten Satzes Genüge geleistet wird, 
„in wie fern gerade der JüngHng durch die vaterländische 
Geschichte angeregt und belebt wird." 

Aehnlich wie das Sprachstudium bis in dieses Jahrhundert 
hinein nur Mittel zum Zweck war, ein Mittel, um den Geist 
herrlicher Schriftwerke sich anzueignen, bis endlich die gross- 

170 



artige Erscheinung der Sprache auch an und für sich ein 
Gegenstand der sorgfältigsten Untersuchungen geworden ist: 
ähnlich, glaube ich, ist die Geschichte fast zu allen Zeiten 
nur in Hinsicht auf ihren Nutzen und auf das aus ihr er- 
wachsende Vergnügen betrachtet worden, und die grössten 
Historiker haben als Zwecke ihrer Geschichtsschreibung einen 
von diesen beiden Gesichtspunkten im Auge gehabt. Für 
die gründliche Durchbildung eines Weltweisen, eines Redners, 
eines Staatmannes, wie fände sich eine tiefsinnigere und 
geistvollere Lehrmeisterin als die Geschichte, in der der eine 
ein wunderbares Ineinandergreifen von Ursachen und Wir- 
kungen, ja die Mittel und Zwecke höherer Gesetze und 
Mächte erblickt, in der der andre die reichste Fülle von 
grossen Männern und grossen Thaten findet, in der der 
Staatsmann die Fäden und Gewebe scharfblickender Geister, 
hineingesponnen in die Entwicklung der Völker, auszuspüren 
und mit geschickter Hand bis zu ihren Enden zu verfolgen sucht. 

Eine einfachere Anschauung will bei den Erzählungen ge- 
s chichtlicher Ereignisse nur von einer edlen und erhebenden 
Freude erfasst werden, sie erstrebt einen aesthetischen Genuss, 
der die Einbildungskraft anregt, das Gemüth entflammt und 
die Gedanken in eine fernerliegende Zeit, in ungewohnte 
Verhältnisse entrückt. 

Wären diese beiden Zwecke der Geschichte die einzigen, 
wären diese Gesichtspunkte überhaupt leitende Zwecke, so 
würde es auf die Wahrheit des Bildes, das die Geschichte 
entwirft, nicht mehr ankommen; es würde genug sein, 
wenn es einestheils einen bestimmten sittlichen Grundsatz 
oder überhaupt eine Lehre zur Darstellung brächte oder 
wenn es andrerseits genug anziehende und lebhafte Züge, 
wären sie auch der ausschmückenden Sage entnommen, in 
sich zu einem schönen Ganzen vereinigte. Diese Zwecke 
widersprechen also dem Wesen der Geschichte, insofern sie 

171 



die Vergangenheit treu wiederspiegeln sollj aber allerdings 
ist auch dies richtig, dass die echte Geschichtsschreibung 
immer auch lehren wird, ohne dies je als Zweck zu haben, 
dass sie ebenfalls immer einen aesthetischen Genuss bieten 
wird, ohne diesen Genuss selbst zu beabsichtigen. 

Sind dies die Wirkungen der Geschichte auf jeden Men- 
schen: so müssen sie noch unvergleichlich wachsen und sich 
erhöhen, wenn die Geschichte seines Vaterlandes auf ihn 
wirkt, in der sein eignes Herzblut strömt, in der ein Stück 
seiner Vorgeschichte, durch die Reihen seiner Voreltern 
hindurch, abgeschlossen hegt und wie ein Vermächtniss seiner 
Ahnen auf ihn überkommen ist; und noch mehr müssen sich 
diese Wirkungen steigern, wenn der durch sie angeregte 
Mensch noch jung ist und mit noch unermüdetem Auge auf 
eine thatenreiche Zukunft hinausschaut, wenn er noch glauben 
kann, dass erst in dem, was er wird und thuen wird, nicht 
in dem was er ist, und gethan hat, der Zweck seines Daseins 
sich erfüllen werde. 

Wir haben es selbst ein jeder an sich erfahren, wie mächtig 
die Gestalten aus vaterländischer Vorzeit oder einzelne gross- 
artige Thaten, wieder ins Leben gerufen durch den Geist 
eines Geschichtsschreibers unsre Gedankenwelt bestimmen 
und unser Nervenleben erregen. Feuriger leuchtet das Auge, 
erregter zuckt der Mund und ein gesteigertes Leben durch- 
dringt alle unsre Empfindungen und Worte. In solchen 
Augenblicken tritt vor die Seele das Bild eines grossen 
Mannes, bestimmt, deutlich, wir glauben mit ihm gleich zu 
empfinden, seine Thaten scheinen uns unsre Thaten, seine 
Worte unsre Worte 5 es ruht etwas Gemeinsames in ihm 
und uns, das uns diesen Mann unvergesslich macht, das sein 
Bild uns warnend und rathend auf unsern eigenen Lebens- 
wegen vorhält. In solchen Augenblicken sehen wir das 
Vaterland vor unsern Augen erwachsen, zuerst klein und 

172 



unscheinbar, oft hülflos, kaum seine spätere Kraft verrathendj 
dann durch Stürme und Klippen hindurch gerettet, darüber 
heitern Himmel, günstige Winde. Und indem wir das Vater- 
land als ein Ganzes erfassen, wirkt es wie eine sittliche 
Macht auf uns ein und mahnt uns, seinen Tugenden treu 
unsre Seele zu wahren und uns nicht von ihm weg zu 
wenden, noch weltbürgerlichen Träumen nachzuhängen. Vor 
allem aber erfüllt uns die Betrachtung vaterländischer Ge- 
schichte mit tiefer Achtung vor dem Bestehenden, dem 
Gegenwärtigen} wie sind die meisten Sitten und Einrichtungen 
so tief aus dem Geiste des Volkes hervorgewachsen und oft 
mit seinem Blute begossen, mit seinen Thränen getränkt 
worden: Wie kämpft und sträubt sich noch jetzt derselbe 
Geist gegen alles ihm Fremdartige, ihm Aufgedrungene, wie 
will er allem, was wächst, dieselbe Wärme, dieselbe Feuchtig- 
keit schenken, wie gönnt er der Frucht erst die nöthige 
Reife, bevor er sie erntet! Fern sei deshalb die Selbstüber- 
hebung des Einzelnen, der nach selbstgebildeten Grundsätzen 
sich das Gegenwärtige zurücklegen will und mit stürmischem 
Geschrei auf Niederreissung des Bestehenden dringt. Fern 
sei auch die Thorheit vieler, die die gute alte Zeit immer 
im Munde führen, ohne sie zu kennen, die was ihnen un- 
bequem, für gefährlich, was neu, für schädlich erklären. 

Aber erregt nicht auch die Geschichte andrer Völker 
ähnliche Empfindungen in uns und stärkt zu ähnlichen sitt- 
lichen Entschlüssen? Gewiss, sie kann es, aber sie thut es 
seltnerj es fehlt von unsrer Seite die warme, volle Hin- 
gebung, der verwandtschaftliche Zugj von ihrer Seite aber 
mangelt alles Gemeinsame j kein gleicher Tropfen Blutes rollt 
in ihren Adern j unnatürlich erscheint uns diese Gewohnheit, 
hässlich jene Sitte. Kalt schaut das Auge auf die aufgerollten 
Blätter fremder Geschichte, und lange sträubt sich das Herz, 
ehe es das Fremdartige nicht mehr als fremdartig empfindet. 

17? 



Ich habe in diesen Umrissen zu zeichnen gesucht, wie die 
vaterländische Geschichte lehrend auf den Menschen ein- 
dringt; nun noch einige Worte, wie sie ihm vor den Ge- 
schichten andrer Völker den grössten aesthetischen Genuss 
gewährt. Ebenso wie unsre Einbildungskraft in den Stätten 
unsrer Vergangenheit umherschweift und die Orte der Kind- 
heit mit den naiven Gedanken des Knaben, mit seinen 
muthwilligen Spielen und Vergnügungen in einen geistigen 
Zusammenhang bringt, wie wir gerade aus dieser Verschönerung 
und Ausschmückung entflohener Stunden das frischeste Quell- 
wasser für den Geist schöpfen: so spielt auch unwillkürlich 
unser Gedanke in den Räumen vaterländischer Geschichte 
seine seltsamen Spiele, er ist bei allem dabei, immer thätig, 
und zaubert Bilder auf Bilderj und ihm ist, als ob er sich 
den Ereignissen verwandt fühle, als ob ein Hauch seines 
Geistes dabei mit gewaltet habe. Um so klarer ihm wird, 
welche Sendung sein Volk zu erfüllen habe, welche Aufgabe 
ihm zu lösen gestellt worden sei, um so mehr wird ihm die 
vaterländische Geschichte als ein schönes Ganze erscheinen, 
als ein schöner Körper voll reicher Mannigfaltigkeit, aber 
zweckvoller Uebereinstimmung, nirgends mit Unnützem über- 
laden, oder durch Auswüchse verunziert, noch im kräftigsten 
Alter blühend und die reichsten Früchte verheissend. Indem 
Leib und Seele durch diesen aesthetischen Genuss ergriffen 
und geläutert werden, indem der Geist aus den Alltags- 
stimmungen herausgehoben und verklärt wird, ist die Thätig- 
keit und das Schaflfen des jungen Geistes eine gesteigerte, 
seine Lebenskraft eine erhöhte, und der Pulsschlag, der die 
Geschichte seines Vaterlandes durchdringt, treibt auch ihn 
zum Handeln. 

Noch breitet sich vor ihm eine weite Zukunft aus, noch 
hat sein Vaterland seinen Gipfelpunkt nicht erreicht und 
noch nicht alle Keime zur Reife gebracht, die in ihm ver- 

174 



borgen liegen. Die eigne Zukunft und des Vaterlandes Zu- 
kunft, sie verschlingen und vereinigen sich vor der Seele 
des Jünglings, und kaum schlägt sein Herz feuriger für die 
eine als für die andere j kaum sind seine Wünsche für diese 
heisser als für die des Vaterlandes. Vorüber sind die Spiele 
des Knaben j waren sie auch sinnvoll und bargen sie auch 
in unscheinbarer Hülle das ganze Trachten und Harren der 
Seele: sie sind jetzt abgestreift wie ein Gewand, das er ge- 
tragen, der Schauspieler auf der Kinderbühne j die Kraft, die 
er sinnig nachahmte, ist in ihm selbst erwachsen und stark 
geworden; die Mittel, die er zu seinem Spiele brauchte, 
gelten ihm nichts mehrj nach andern streckt er die Hände 
aus: denn ein höheres Ziel will er erreichen. 

Wohlan: Das Vaterland erwartet, dass er seine Pflicht thue. 



175 



Inwiefern erleidet die Vorschrift, von den Todten dürfe 
man nur Gutes aussagen, Einschränkung? 

(Schulaufsatz März 1864.) 

Sobald der Mensch ein altes, ihm liebgevvordenes Verhäk- 
niss aufgiebt und in ein neues eintritt, sei es, dass er einen 
Ort, an dem er heimisch geworden, verlässt oder einen 
Freund, mit dem gleiche Freuden und Leiden, gleiche Er- 
fahrungen und Bestrebungen ihn verknüpften, von sich gehen 
sieht, sei es, dass er selbst von einem Theile seines Lebens 
wie von einer lieben Stätte oder einem theuren Freunde 
scheidet: so entschwinden ihm, wenn er noch einmal zurück- 
bhckt, alle jene unangenehmen Züge und Flecken, die das 
Bild des Ortes, Freundes oder Lebensabschnittes, von dem 
er sich trennen muss, entstellen und trüben könnten. Und 
ähnlich wie ein Maler eine Gestalt, die er gesehen, in seiner 
Seele vergeistigt und die Natur durch die Kunst gleichsam 
verklärt, ist auch jeder Mensch mehr oder weniger Künstler, 
um das, was ihm einst heb war, in seiner Erinnerung zu 
verschönern und mit feineren Zügen und helleren Farben 
auszuschmücken. In alles, was der Mensch Hebt, legt er seine 
eigne Seele 5 und er liebt nichts mehr als das, was er ver- 
lassen muss. 

Aus diesem, der menschlichen Natur entnommenen Gesetz 
ist auch jene Verehrung, die wir den Todten bezeigen, her- 
zuleiten. Diese Verehrung äussert sich weniger in ihrer 

17(5 



feierlichen Bestattung, in der sorgfältigen Erfüllung ihrer letzten 
Wünsche als vor allem in jener frommen Scheu, mit der wir 
ihr ganzes Leben, ihre einzelnen Handlungen zu betrachten 
pflegen. Jedes tadelnde Wort halten wir ängstlich zurück, 
wir vergegenwärtigen uns ihre Züge, ihre Eigenthümlichkeiten, 
ihre Sitten und verehren in allen diesen Einzelheiten ihre 
liebevolle Seele und ihr reiches Gemüthsleben. Aus dieser 
Verehrung der Todten scheint mir auch jene Vorschrift her- 
vorgegangen, man dürfe über die Todten nur Gutes aus- 
sagen. Es Hegt auf der Hand, dass dieser Satz nur eine 
bedingte Wahrheit enthalte, und diese Bedingungen und Ein- 
schränkungen aufzusuchen, ist die Aufgabe, die ich lösen soll. 
In dem, was ich vorhin gesagt habe, bin ich von zwei Vor- 
aussetzungen ausgegangen, auf die ich jetzt zurückkommen 
muss. Nicht sowohl darin, dass wir einen uns lieb gewordenen 
Ort verlassen, als überhaupt in dem Scheiden von einer durch 
lange Gewöhnung uns gleichsam verivandten Stätte beruht 
jenes Gefühl, das die Vergangenheit in unserer Seele ver- 
klärt 5 ja man weiss, dass Gefangene aus ihren Kerkern, die 
sie jahrelang gefesselt hielten, mit Wehmuth und Schmerz 
heraustraten. So müssen auch die Todten, deren Leben wir 
mit solcher Schonung und Verehrung überblicken, mit uns 
in einem Grade von Verwandtschaft stehn, gleichviel, ob dies 
nun eine Verwandtschaft des Blutes oder der Gewöhnung 
ist, oder ob sie nur in einer geistigen Aehnlichkeit ihren 
Ursprung hat. Weniger ist es nöthig, dass dieses Verhältniss 
zu einander immer ein Verhältniss gegenseitiger Liebe und 
Freundschaft gewesen ist, und Beispiele sind nicht selten, 
dass einer seinen grössten Feind mit Thränen zu Grabe ge- 
leitet und durch seinen Tod versöhnt das vergangene Leben 
und die gegen ihn gerichtete Thätigkeit in einem neuen und 
milderen Lichte erbUckt. Jedenfalls muss aber der Todte 
Beziehungen zu uns im Leben gehabt haben, wenn wir ihn 



12 Nietzsche I 



/ 



177 



mit jener frommen Scheu beurtheilen sollen; sodann muss 
er — und dies war meine zweite Voraussetzung — dieser 
frommen Scheu auch in gewisser Beziehung mirdig sein, oder, 
um ein Bild zu gebrauchen, sein Gesicht muss schöne Formen 
und Grundzüge haben, wenn wir geringe Flecken vergessen 
sollen. Was wir an dem Todten lieben, ist eben jenes Schöne 
und Edle, das in seinem ganzen Leben hervortritt und einen 
verklärenden Glanz auf seine ganze Persönlichkeit wirft, das 
ist eben jenes allgemein Menschliche und Dauernde in seinem 
Wesen, im Gegensatz zu dem Ausdruck einer flüchtigen 
Stimmung, einer vorübergehenden Seelenbewegung. Unsre 
Verehrung gilt nicht sowohl dem Menschen — als einer 
zeithchen, unvollkommnen Erscheinung — als vielmehr den 
ewigen Wahrheiten, die in ihm Gestalt gewonnen haben j 
und es ist des Menschen würdig, wenn sein Auge in deren 
Betrachtung beruht und nicht durch das VergängUche und 
Zufällige äusserer Formen gestört wird. So oft wir grossen 
Männern Bildsäulen setzen, ist es unser Wunsch, dass der 
Eindruck, den der Mann in seinen Werken macht, dass der 
Geist, der in diesen lebt, auch aus dem Bilde uns in seelen- 
vollen Zügen anspreche. Aber wir setzen nur grossen, 
edlen, verdienten Männern Bildsäulen; und so wollen wir 
auch ausschliesslich nur über gute Männer nur Gutes aus- 
sagen. 

Alles Gefühl seelischer Verwandtschaft gründet sich aber 
auf der Gemeinsamkeit des Schönen oder einer schönen Idee, 
einer Wahrheit; und so möchten jene beiden Voraussetzungen, 
die ich machte, in eine überfliessen: nur wenn eine geistige 
Verwandtschaft zwischen uns und dem Todten ist, kann 
die Vorschrift gelten, von den Todten solle man nur Gutes 
aussagen. Wenn uns der Lebende fremd oder gleichgültig 
war, giebt es kein Band, das uns enger an den Todten 
knüpfen könnte. 

178 



Indessen tritt hierzu noch eine andere Beschränkung. Der 
aufgestellte Satz ist einzig dem Gefühl entsprungen j er 
würde sogleich als fehlerhaft und verwerflich erscheinen, 
wenn man zum Beispiel mit seinem Maassstabe die Männer 
der Geschichte messen wollte. Und es giebt auch genug 
Fälle im bürgerlichen Leben, wo das Wohl und die Sicher- 
heit der Lebenden oder auch ihre Begriffe über verdiente 
Ehre und Schande gefährdet würden, wenn man über die 
Fehltritte der Todten grundsätzlich schweigen wollte. Viel- 
leicht ist es nicht nur ein Bild, wenn ich sage, jenes weiche 
Gefühl mache aus dem Leben des Todten ein Kunstwerk. 
Aber, wie es ungereimt ist, aus einem Gedichte Pflanzen- 
kunde zu studieren, so darf man jener Verklärung des Lebens 
nicht Geschichte, nicht geschichtliche Wahrheit entnehmen 
wollen. Der schöne Schein der Kunst hat erst dann seine 
Berechtigung, wenn das wirkliche Sein des Lebens keine 
Ansprüche und Forderungen mehr erhebt. 

Aber gerade in unserer Zeit findet die Vorschrift, man 
solle von den Todten nur Gutes reden, eine solche sonder- 
bare und verdrehte Auslegung. Bei den Gedenktagen näm- 
lich, die wir zur Erinnerung an grosse Männer und ihre 
unsterblichen Thaten feiern, pflegen Redner, häufiger als 
man glaubt, anstatt ein treues und unverkennbares Bild der- 
selben zu entwerfen, nur ihre schönen und vollkommnen 
Züge hervorzuheben und miteinander zu vereinigen oder 
auch aus gelegentlichen Worten und Handlungen vieles Neue 
und dem Gesammtbilde jener Männer nicht Entsprechende 
hineinzutragen. Nun verlangen wir nicht von dem Dar- 
steller eines Menschen, sei es mit dem Pinsel, sei es mit der 
Feder, dass er jeden Flecken und jede Runzel wiedergebe. 
Aber wir wollen sein wahres Gesicht, die Seele oder den 
Ausdruck seines Antlitzes, nicht vorübergehende Bewegungen, 
sondern das Bleibende und Dauernde wiedererkennen, das 



uns so bekannt und so seelenvoll in seinen Zügen anspricht. 
Die Griechen pflegten denen, die sie besonders ehren wollten, 
nach ihrem Tode ikonische Standbilder zu setzen; und so 
wollen auch wir von unsern lieben Todten nicht Zerrbilder 
— denn die einseitige und übertriebene Hervorhebung ein- 
zelner Züge auf Kosten anderer giebt Zerrbilder — sondern 
wahre, lebenstreue Bilder haben. — 



180 



Ueber Stimmungen. 

(Ostern 18(54.) 

Man vergegenwärtige sich, wie ich am Abende des ersten 
Ostertages in einen Schlafrock eingehüllt zu Hause sitze j 
draussen regnet es fein; niemand ist sonst im Zimmer. Ich 
starre lang auf das vor mir liegende weisse Papier, die Feder 
in der Hand, ärgerlich über die wirre Menge von Stoffen, 
Ereignissen und Gedanken, die alle niedergeschrieben zu 
werden verlangen 5 und manche verlangen es sehr stürmisch, 
da sie noch jung und gährend wie Most sind; dagegen sträubt 
sich aber mancher alte, ausgereifte, geklärte Gedanke, wie 
ein alter Herr, der mit zweideutigem Blick die Bestrebungen 
der jungen Welt misst. Sagen wir es offen, unsre Gemüths- 
verfassung ist durch den Streit jener alten und jungen Welt 
bestimmt, und wir nennen die jedesmalige Lage des Streites 
Stimmung oder auch, etwas verächtlich, Laune. 

Als guter Diplomat erhebe ich mich etwas über die zwistigen 
Parteien und schildere den Zustand des Staates mit der Unbe- 
fangenheit eines Mannes, der Tag für Tag aus Versehn allen 
Parteisitzungen beiwohnt und denselben Grundsatz praktisch 
anwendet, den er auf der Tribüne verspottet und auszischt. 

Gestehn wir es, ich schreibe über Stimmungen, indem ich 
eben jetzt gestimmt binj und es ist ein Glück, dass ich 
gerade zum Beschreiben der Stimmungen gestimmt bin. 

Ich habe an diesem Tage viel die Consolations von Liszt 
gespielt, und ich fühle, wie die Töne in mich eingedrungen 

i8r 



sind und in mir vergeistigt wiederklingen. Und ich habe 
kürzlich eine schmerzliche Erfahrung gemacht und einen Ab- 
schied oder einen Nichtabschied erlebt, und nun merke ich, 
wie dies Gefühl und jene Töne sich miteinander verschmolzen 
haben, und glaube, dass die Musik mir nicht gefallen haben 
würde, wenn ich nicht diese Erfahrung gemacht. Das Gleich- 
artige also sucht die Seele an sich zu ziehen, und die vor- 
handne Masse von Empfindungen drückt die neuen Ereignisse, 
die das Herz treffen, aus wie eine Citrone, doch immer so, 
dass nur ein Theil des Neuen sich mit dem Alten vereinigt, 
dass aber doch ein Rest bleibt, der noch nichts Verwandtes 
in der Seelenwohnung findet und deshalb allein sich hier 
einlogirt, recht oft zur Unlust der alten Bewohner, mit 
denen er darum oft: in Streit geräth. Aber siehe! da kommt 
ein Freund, da öffnet sich ein Buch, dort geht ein Mädchen, 
horch! da Idingt Musik! — Schon strömen wieder von allen 
Seiten neue Gäste in das allen offenstehende Haus, und der 
eben allein Stehende findet viele und edle Verwandte. 

Aber es ist wundersam j nicht die Gäste kommen, weil sie 
wollen, oder nicht die Gäste kommen, wie sie sindj sondern 
es kommen die, welche müssen, und nur eben die, welche 
müssen. Alles, was die Seele nicht reflektieren kann, trifft sie 
nicht} da es aber in der Macht des Willens steht, die Seele 
reflektieren zu lassen oder nicht, triflt die Seele nur das, was 
sie will. Und das scheint Vielen w idersinnig, denn sie erinnern 
sich, wie sie sich gegen gewisse Empfindungen sträuben. Aber 
was bestimmt schliesslich den Willen? Oder wie oft schläft der 
Wille und nur die trüben Neigungen wachen! Eine der stärksten 
Neigungen der Seele aber ist eine gewisse Neubegierde, ein Hang 
nach dem Ungewohnten, und aus diesem erklärt sich, warum 
wir oft uns in unangenehme Stimmungen versetzen lassen. 

Aber nicht nur durch den Willen nimmt die Seele anj 
die Seele ist aus demselben Stoffe, aus dem die Ereignisse 

182 



gemacht sind, oder aus ähnlichem, und so kommt es, dass 
ein Ereigniss, das keine verwandte Saite trifft, doch mit der 
Last dir schwer auf der Seele liegt und allmählich ein solches 
Uebergewicht erlangen kann, dass es den andern Inhalt der 
Seele zusammendrückt und einengt. 

Stimmungen kommen also entweder aus innern Kämpfen 
oder aus einem äussern Druck auf die innere Welt. Hier 
ein Bürgerkrieg zweier Heerlager, dort eine Bedrückung des 
Volkes von Seiten eines Standes, einer kleinen Minorität. 

Ist mir's doch oft, wenn ich meine eignen Gedanken und 
Gefühle belausche und stumm auf mich achte, als ob ich 
das Summen und Brausen der wilden Parteien hörte, als ob 
ein Rauschen durch die Luft ginge, wie wenn ein Gedanke 
oder ein Adler zur Sonne fliegt. 

Kampf ist der Seele fortwährende Nahrung, und sie weiss 
sich aus ihm noch genug Süsses und Schönes herauszunehmen. 
Sie vernichtet und gebiert dabei neues, sie kämpft heftig 
und zieht den Gegner doch sanft auf ihre Seite zu inniger 
Vereinigung. Und das Wunderbarste ist, dass sie nie auf 
das Aeussere achtetj Name, Personen, Gegenden, schöne 
Worte, Schriftzüge, Alles ist ihr von untergeordnetem Werthe, 
aber sie schätzt das, was in der Hülle ruht. 

Das was jetzt vielleicht dein ganzes Glück oder dein ganzes 
Herzeleid ist, wird vielleicht in Kurzem nur noch das Ge- 
wand eines noch tiefern Gefühls sein und wird darum in 
sich verschwinden, wenn das Höhere kommt. Und so ver- 
tiefen sich immer mehr unsre Stimmungen, keine einzige 
gleicht einer andern genau, sondern jede ist unergründlich 
jung und die Geburt des Augenblicks. 

Ich denke jetzt an manches, was ich liebte 5 Namen und 
Personen wechselten, und ich will nicht behaupten, dass 
wirklich ihre Naturen immer tiefer und schöner geworden 
wären} wohl aber ist es wahr, dass jede dieser ähnlichen 

183 



Stimmungen für mich einen Fortschritt bedeutet, und dass 
es dem Geist unerträglich ist, dieselben Stufen, die er durch- 
schritt, noch einmal zu durchschreiten j immer mehr in Tiefe 
und Höhe will er sich breiten. 

Seid mir gegrüsst, liebe Stimmungen, wundersame Wechsel 
einer stürmischen Seele, mannichfach wie die Natur ist, aber 
grossartiger als die Natur ist, da ihr ewig euch steigert, ewig 
aufstrebt^ die Pflanze aber duftet noch jetzt wie sie am Tage 
der Schöpfung duftete. Ich hebe nicht mehr, wie ich vor 
Wochen liebte j ich bin in diesem AugenbHck nicht mehr 
so gestimmt, wie ich es beim Beginn des Schreibens war. — 



184 



Fantasie. 

(Fragment; Sommer 1864.) 

Ich versuchte es erst in Tönen: siehe es gieng nicht j 
weiter stürmte das Herzj und der Ton blieb todt. Ich ver- 
suchte es dann in Versen: nein, nicht Reime fassen's, nicht 
ruhige, gemessne Rhythmen. Fort Papier: ein neues her und 
nun kritzle schnell Feder, nun rasch Tinte! 

Weicher Sommerabend; dämmernd und blassstreifig. Kinder- 
stimmen auf den Gassen; in der Ferne Lärm und Musik; 
es ist Messe ; die Leute tanzen, bunte Laternen brennen, die 
wilden Thiere brummen, hier knallt ein Schuss, dort Pauken- 
gerassel, gleichmässig, durchdringend. 

Es ist etwas dunkel in der Stube; ich zünd' ein Licht 
an; doch blickt des Tages Auge neugierig durch die halb- 
verhangenen Fenster. O es möchte weiter sehn, mitten 
hinein in dies Herz, das heisser als Licht, dämmernder als 
der Abend, bewegter als die Stimmen aus der Ferne, tief 
innerlich zittert und schwingt, wie eine grosse Glocke, die 
bei einem Gewitter geläutet wird. 

Und ich erflehe ein Gewitter; zieht nicht das Glocken- 
lauten die Blitze an? Nun so nahe Gewitter, läutere, reinige, 
blase Regendüfte in meine matte Natur, sei willkommen, 
endlich willkommen! 

Sieh! Da zuckst du, erster Blitz mitten hinein in das Herz, 
und daraus steigt's wie ein langer fahler Nebel aufwärts. 
Kennst du ihn, den düstern, tückischen? Schon blickt mein 

185 



Auge heller, und meine Hand strecke ich nach ihm aus, um 
ihm zu fluchen. Und der Donner murrt, und eine Stimme 
erscholl: „Sei gereinigt." 

Dumpfe Schwüle 5 mein Herz schwillt. Nichts regt sich. 
Da ein leiser Hauch, am Boden zittert das Gras — sei mir 
willkommen, Regen, lindernder, erlösender! Hier ist's öde, 
leer, todtj pflanze du von neuem. 

Sieh: Ein zweiter Schlag! Grell und zweischneidig mitten 
in's Herz: Und eine Stimme scholl: „Hoffe." 

Und ein weicher Duft zieht aus dem Boden, ein Wind 
flattert heran, und ihm folgt der Sturm, heulend und seine 
Beute haschend. Abgeknickte Blüthen jagt er vor sich her. 
Der Regen schwimmt lustig dem Sturm nach. 

Mitten durch's Herz. Sturm und Regen! Blitz und Donner! 
Mitten hindurch! Und eine Stimme scholl: „Werde neu!" 



iS6 



Gethsemane und Golgatha. 

Des Mondes Helle zuckt in ungewissen, 
Zerstreuten Strahlen durch die Mitternacht j 
Die Wolken fliegen wie vom Sturm zerrissen, 
Ein aufgelöstes Heer nach wilder Schlacht, 
Der Kidron braust in ungestümem Drängen — 
Der Oelberg ruht auf stummen Felsenhängen. 

Herr, deine Jünger schlafen, hingestreckt 

Auf feuchtem Boden, und manch' ängstlich Bild 

Scheucht ihrer Seelen Ruhe und erschreckt 

Die Stille, die die Schlummernden umhüllt. 

Sie sehen dich im Traum zu ihnen treten, 

Sie sehn dich seufzen, sehn dich ängstlich beten. 

Doch du liegst einsam! Keine Welt erfasst 
Die Qualen, die dein grosses Herz umfluthen^ 
Du liegst gebeugt von ungemess'ner Last, 
Und alle Wunden brechen auf und bluten. 
Das ist dein letztes, schwerstes Todesringen, 
Und Erd' und Hölle will dich niederzwingen. 

Da steht vor deinem Blick ein Berg der Qual, 
Darauf ein Kreuz und frecher Spötter Fülle j 
Das ist dein Berg, dein Kreuz, dein Marterpfahl. 
Das ist dein Loos. — nein, 's ist dein eig'ner Wille. 
Und nicht genug — was nie ein Mensch kann sagen 
Die Hölle selber kommt dich anzuklagen. 

Du willst die Sünde tragen, und sie naht, 
Aus tiefster Finsterniss ans Licht gekrochen 5 
Da naht verstörten Blicks des Zweifels Saat, 
Und Greuel, stumm und tief, nie ausgesprochen! 



187 



Sie nahen dir mit drohender Geberde, 

Sie wolln dich niederziehn zu Tod und Erde. 

Du ringst gewaltig — blut'ger Thränen Fluth 

Sie künden deiner Seele tiefstes Wehe, 

„Vorüber geht er nicht, der Kelch voll Blut, 

„Du musst ihn trinken, Gott, Dein Will' geschehe I" 

Und wieder naht mit leisem Flügelschlage 

Ein Engel, wie an dem Versuchungstage. 

O Stätten heihgster Vergangenheit! 

Gethsemane und Golgatha! Ihr tönet 

Die frohste Botschaft durch die Ewigkeit, 

Ihr kündet, dass der Mensch mit Gott versöhnet, 

Versöhnet durch das Herz, das hier gerungen, 

Das dort verblutet und den Tod bezwungen! 

O Stätten heilig ernster Gegenwart! 

Zu denen sich die müde Seele führet 

Und still der ewigen Lebensfluthen harrt, 

Die auch noch jetzt ein Engel Gottes rühret. 

Es nah'n die Kranken — und der Himmel schliesset 

Sich auf, und Lebenswasser fliesset! 

O Stätten, ihr, der Zukunft Weltgericht, 
Der Frommen Hoffnung und der Sünder Grauen! 
Vor euch wird eitler Ruhm und Glanz zunicht, 
Von euch wird Segen auf die Welten thauen. 
So schaut ihr, vorwärts, rückwärts, auf die Zeiten, 
Merksteine in dem Strom der Ewigkeiten. 

1 854. 



i88 



Shakespeare. 

(23. April 1864.) 

Er starb und ward begraben. Kaum gekannt 
Inmitten grauer Steine und umschlungen 
Von Moose lag sein Grab. Sein Glück, sein Stand 
Sein Leben war in aller Mund verklungen j 
Kaum dass man selt'ne Kunde von ihm fand, 
Und diese selbst verwittert und zersprungen. 
Es gingen über ihn mit wilder Welle 
Der Zeiten buntbewegte Wechselfälle. 

Die Bühnen sind geschlossen. Heimlich kaum 
Bei Nacht und Stille sucht man mit Behagen, 
Wie König und Gefolg' auf engem Raum 
Und Witz und Ernst im Spiel vorüberjagen: 
Man sieht den langentbehrten, schönen Traum, 
Den Kirch' und Volk in enge Haft geschlagen. 
Als Werk des Teufels schmachvoll, ohne Rechte: 
Der Bühne Diener heissen Teufelsknechte. 

In Blut und Wirren starb der letzte Klang, 
Der noch von ihm aus jenen Zeiten tönte. 
Wo er, ein junger Adler, auf sich schwang 
Und seines Volkes Blüthentage krönte. 
Wo England frisch und stark, im Jugenddrang 
Zu Land und See die stolzen Feinde höhnte. 
Und über Meere seine Arme streckte 
Nach Schätzen, die ihm keine Ferne deckte. 

Doch jetzt vorüber! Finst'rer Zwang umhüllt 
Die strengen Seelen mit selbsteig'nen Nöthen. 
Sie tragen es — und keine Thräne quillt — 
Sie mögen lieber ihren König tödten. 



189 



Als auf der Bühne sehen Bild um Bild 

Und einen Scherz zu hören ohn' Erröthen. 

Die Leute sind zu ernst. Die Kunst wird flüchtig — 

Und wird in Frankreich prunkend, hohl und nichtig. 

Da kehrte Karl der Zweite. Es erstand 

Die Bühne, doch mit fremdem Schmuck und Prangen. 

Man sah den Helden reich mit Ordensband, 

Mit Degen und Perücke rings umhangen. 

Man sah ihn zierlich rühren Fuss und Hand, 

Doch so, wie höf'sche Sitten es verlangen. 

Nie toben, doch höchst würdig und gehalten 

In steifen Versen sein Gefühl entfalten. 

Da lag er eingesargt, vom Volk vergessen, 

Bald missgedeutet oder arg geschmäht! 

Man dürP ihn nicht nach diesen Zeiten messen, 

Da jene wüsten, rohen längst verweht. 

Man wolle nicht der Väter Eicheln essen — 

Es reiche süssVe Kost ja Seine Majestät. 

Und mancher sprach, ein unberufner Richter, 

Von ihm, dem rohen, ungefügen Dichter. 

Doch steht in hohen, ahnungsvollen Zügen 

Sein Bild in einer Seele ausgeprägt. 

In einer Seele, die zu hohen Flügen 

Die jungen, kaum erschloss'nen Schwingen regt: 

Ein Garrik ist's, der in erhab'nen Siegen 

Der Menge Stumpfsinn glorreich niederschlägt. 

Der Shakespeares Welt, dem Volk im Traum verloren, 

In seiner Seele Tiefe neu geboren. 

Und wie die Bergesgipfel, wenn das Thal 
Noch lange ruht von Nebeln dicht umzogen, 



190 



Am früh'sten trifft der morgendliche Strahl, 
Und auf den Höhen schweifen Lichteswogen: 
So haben auch den neuen Glanz zumal 
Die höchsten Geister in sich eingesogen: 
In Lessings und in Herders Geisteshöhen 
Schien einer Morgensonne Glanz zu stehen. 

Die nächt'gen Nebel fluthen immer wilder, 
Durchzuckt von Lichtesblitzen Well' auf Weil'} 
Es flüchten jählings all' die Schattenbilder, 
Und sieghaft blickt der Sonne Lichtesquell — 
Und neue Lüfte wehen, reiner, milder, 
Es blüht das Land im Schimmer goldenhell: 
Und alles will in neue Form sich giessen 
Und Erd' und Himmel in sich überfliessen. 

Dem Lebenden, des Grab verschlossen war. 
Auf dem der Vorurtheile Felsen lagen. 
Der unter uns auch wandelt wunderbar 
Und immer neu ersteht in diesen Tagen: 
Dem Lebenden, dem noch von Jahr zu Jahr 
Mehr Herzen jubelvoll entgegenschlagen, 
Nur ihm, dem Lebenden, nicht jenem Todten 
Sei heut' des Festes erster Gruss entboten. 



I 8(54 



191 



Nachtgedanken. 

Ich sah in's Licht, von einer Mücke leis 
Umschwirrt, in meinem Stuhl zurückgesunken: 
Durchlaufen hatt' ich den gewohnten Kreis, 
Gewohnte Freuden hatt' ich ausgetrunken, 
Das Haar dem Winde und die Brust der Fluth, 
Das Herz der Dämm'rung freundlich dargeboten 
Und sanft erregt das leicht beschwingte Blut, 
Der Todten eingedenk, der liebsten Todten. 

Ich sah sie stehen auf der Wolke Saum — 

Ich war allein und schaute hin und wieder. 

Sind's ihre lieben Züge? Merklich kaum 

Schwingt schauernd rings der Nachtwind sein Gefieder. 

Sie sind's, sie sind's. Und du auch mitten drin? 

Gestorben bist du mir, und warst doch Heber 

Als Alles meiner Brust? Auch du gingst hin? 

Nein, deine Liebe starb und ging hinüber! 

's ist still um mich. Durch's leicht verhängte Fenster 
Lugt blassen Angesichts des Mondes Schein. 
Was sucht er hier? Wie flüchtige Gespenster 
Umspielen Wolken ihn, duftig und fein. 
Sie fliehn an meiner Wand im Widerglanz 
Vorüber — und ich seh' sie gerne fliehen — 
Mir ist's, als seh' ich der Gedanken Tanz 
Um stille Gräber hin und wieder ziehen. 

Da hegen vor mir Bücher aufgeschlagen 
Und mitten drin ein vollgeschrieben Blatte 
Die Bücher sind so todt — doch ich voll Zagen 
Greif nach dem Brief: die Schrift ist matt, 

192 



Verblichen ist die Hand, die sie geschrieben, 
Das Herz ist todt, das dieser Hand befahl. 
An diesem Briefe haftet all mein Lieben, 
An diesen Zügen alle meine Qual. 

Und doch, ihr seid nicht todt, ihr dicken Bände, 
Ihr Bäuche voller Weisheit seid nicht todt — 
Da nehm' ich freundlich dich in meine Hände, 
Du gabst mir Trost, du gabst mir Wein und Brot, 
Mein Shakespeare, als mich Schmerzen niederzwangen j 
Vergessen darf dies meine Seele nicht: 
Wie Mondesschatten sind sie weggegangen, 
Du bliebst mir treu, tiefsinniges Gesicht! 

Fast eingebrannt das Licht — es flackert auf. 
Und heller wird's im Zimmer, in der Brust: 
Wach auf, mein Herz, steig aus der Gruft heraus 
Und bade dich in neuer Morgenlust. 
Noch ist dein Geistesöl nicht ausgebrannt. 
Noch kannst du weithin helle Funken werfen. 
Verrostet ruht dein Eisenschwert im Sand — 
Nimm Felsen, Blitze, Donner, es zu schärfen! 

Zusammenbrach des Lichtes letzter Schein, 
Des Mondes Schatten huschen hin und wieder. 
Das Fenster klirrt — die Nacht schaut bleich herein, 
Erseufzend schwingt der Nachtwind sein Gefieder. 
Die Hand erstarrt, des Schreibens endlich müd', 
Die Augen blicken düster, wehmuthtrunken. 
Die Mücke summt sich leis ihr Abendlied — 
Ich ruh' im Lehnstuhl, tief in mich versunken. 

18(^3/64. 



«3 Nietzsche I ip2 



Vier Abschnitte einer Arbeit über das erste Chorlied 
aus dem Sophokleischen „König Oedipus".') 

[Die umfangreiche, 64 Quartseiten umfassende, aus dem Jahre 
1863 oder 1864 stammende Schüler- Arbeit ist teils lateinisch, teils 
griechisch, teils deutsch geschrieben und folgendermassen gegliedert: 

Titel: Primum Oedipodis regis Carmen choricum 

commentario illustravit, 
dissertationibus adornavit 

Fr. Gu. Nietzsche. 

Vorwort (lateinisch). 

Erster Teil des Kommentars. 

I. Der der Tragoedie zu Grunde liegende Mythus (griechisch). 
II. Die ethische Idee der Tragoedie, oder 
Von der Schuld des Oedipus (griechisch). 

III. Die Wirkung der Tragoedie und ihr Plan (deutsch).* 

IV. Ueber den Prolog der Tragoedie (deutsch).* 

Zweiter Teil des Kommentars. 

I. Gedanken über die chorische Musik in der Tragoedie mit 

Anwendung auf dieses Chorlied (deutsch).* 
II. Das Schema des Chorliedes nach musikalischen Perioden 
(deutsch). 

III. Gliederung (lateinisch). 

IV. Ueber die in dem Chorlied erwähnten Götter (lateinisch). 
V. Schilderung der Pest in dem Chorlied (lateinisch). 



^) Die abgedruckten Abschnitte sind die mit * bezeichneten der Glie- 
derung. 

194 



VI. Ueber die Komposition des Chorliedes (lateinisch und 
deutsch).* 
Nachtrag dazu (deutsch).* 

Exegetische und kritische Anmerkungen (lateinisch).] 



^ Die Wirkung der Tragoedie und ihr Plan. 

Die Idee der Tragoedie ist also: „die Gottheit verhängt oft- 
mals dem Menschen Leiden ohne sein Verschulden, nicht nach 
Willkür, sondern zur Wahrung einer sittlichen Weltordnung". 

Selbst diese Leiden — die hier als unfreiwillige Schuld auf- 
treten — genügen einem höheren Plane: also selbst das 
Böse ist nach der Anschauung des Dichters nicht unbedingt 
böse, sondern erst der Gedanke macht es dazu. Der Oedipus 
König verlangt aber in seiner Idee nothwendig den Abschluss 
und die Versöhnung im Oedipus Coloneus; denn wenn 
Sophokles auch bei dem Dichten des Oedipus König darauf 
rechnen konnte, dass das Ende des grossen Dulders seinen 
Zuhörern bekannt war, und dass die Erinnerung daran die 
herbe Stimmung, in die der Schluss des ersten Oedipus ver- 
setzt, mildern müsse: so drängte doch bei der schliesslichen 
Aufführung des Stückes das fürchterhche Anwachsen des 
einbrechenden Unglückes über des Oedipus Haupt den Ge- 
danken an eine Versöhnung ausserhalb des Stückes, in der 
Idee, zu sehr zurück j die dargestellte Wirklichkeit Hess das, 
was nach der Sage nachfolgen musste, aber nicht zur Dar- 
stellung kam, erblassen; ja der Schein, dass Sophokles mit 
rücksichtsloser Schroffheit ein Willkürwalten der Götter habe 
zeichnen wollen, war zu mächtig und die dagegen gehenden 
Andeutungen zu gering oder zu schwer zu erfassen, dass 
wir es der attischen Kritik, wie auch jedem, der nach der 

13* 195 



/ 



ersten Lesung des Stückes sein Urtheil bildet, verzeihen, 
wenn missgünstige Urtheile gefällt werden. Der innere 
religiöse Sinn protestirt sicherlich gegen dieses Stück, wenn 
der aesthetische auch die vollste Befriedigung gefunden j er 
protestirt indess mit Unrecht und wird immer seine Protestation 
zurücknehmen, wenn ihm erst der Coloneus bekannt ge- 
worden und ihm die Fortsetzung und der Abschluss einer 
Idee durch diese Tragödie deutlich geworden ist. Interessant 
ist übrigens, dass auch der höchste aesthetische Genuss das 
Urtheil der Athener nicht gegen die ethischen und religiösen 
/ Momente verblendete, dass sie den religiösen Ursprung der 

Tragoedie immer im Auge behielten j die Wirkungen ihrer 
theatrahschen Vorstellungen waren deshalb weder die unserer 
Bühnen, noch die unserer Kirchen, aber sie waren aus beiden 
gemischte und in eins verschlungene. 

Dass der König Oedipus aber den höchsten aesthetischen 
Genuss gewährt, dass er die kunstvollste Tragoedie des 
Sophokles ist und alle die Feinheiten und Besonderheiten, 
die sonst ein Stück zum Liebhng des Volkes machten, in 
sich barg, das ist immer anerkannt worden. In ihr finden 
sich Peripetie-Erkennungs-Pathosscenen, geschmückte Berichte 
der Endboten j nichts, was die aristotehsche Poetik fordert, 
fehlt ihr, sie ist ihr darum die Tragoedie xai e^oxi^v. Der 
Plan aber ist, um ihn schematisch aufzustellen, folgender: 

— Allgemeine Bemerkung. 

Bis zum Höhepunkte: Die, welche Oedipus Angst einzu- 
flössen suchen, hüllen ihn immer mehr in Verblendung. 

Nach dem Höhepunkte: Die, welche Oedipus' Angst zu 
heben suchen, lichten ihm immer mehr den Schleier. 

Die Rolle des Oedipus ist der Kampf zwischen trotzigem 
Selbstgefühl und bodenloser Selbstverachtung j mit dem Höhe- 
punkte endet das erste, beginnt die zweite. 



Prolog. Voraussetzung: Theben unter Oedipus in 

Pestzeit. Erregendes Moment: Der Mord des 
Laios soll bestraft werden, damit die Stadt 
befreit werde. 

Erste Stufe. Teiresias, von Oedipus gerufen, weigert sich, 

den Spruch zu deuten und weist im doppel- 
sinnigen Wort auf den Mörder, im Zorne 
scheidend. 

Zweite Stufe. Streit des Oedipus mit Kreon, durch Jokaste 

geschieden. 

Höhepunkt. Unterredung des Oedipus mit Jokaste. 

Erzählung der Jokaste über den Tod des Laios. 
„O Weib, wie fasst es — 

Erste Stufe. Oedipus immer bedenkhch. Jokastes furchtbare 

Gewissheit. Oedipus nochmals getäuscht. 

Zweite Stufe. Der Hirt erscheint. Alles liegt klar zu Tage. 

Oedipus eilt ins Haus. 

Katastrophe, i. Botenscene: Tod der Jokaste, Blendung 

des Oedipus. 

2. Pathosscene zwischen Chor und Oedipus. 

3. Weicher und versöhnender Schlussakkord. 

Ueber den Prolog der Tragoedie. 

Eine kunstvolle und geschickte Einleitung in ein Drama 
ist eine keineswegs leichte Aufgabe j es müssen verschiedene 
Momente zusammenkom.men, um das, was zum Verständniss 
des Ganzen nothwendig ist, künstlerisch einzuflechten, um 
sodann die Hörer auf den Charakter des Dramas vorzu- 
bereiten und gleichsam die Akkorde anzugeben, aus denen 
sieb, wie aus einem musikalischen Thema, alle übrigen Motive 
mit Nothwendigkeit entwickeln. Meister in solchen charakteri- 
sirenden Akkorden ist anerkannt gerade Sophokles, dessen 

197 



grösste Kunst in dieser Hinsicht mir im Ajaxprolog zu liegen 
scheint^ sodann Shakespeare, dessen Romeo und Julia und 
insbesondere Hamlet hierin unerreichbare Muster sind. End- 
lich muss in die Einleitung vor allem das erregende Moment 
eingewebt sein, das nach dem ersten Chorgesange in der 
alten Tragoedie sofort die Handlung steigert. 

Fragen wir, wie diese allgemeinen Erfordernisse zu einer 
guten Einleitung im Oedipus König erfüllt sind: so erkennen 
wir erstens, dass dieser Prolog wie ein selbständiges Kunst- 
werk mit Exposition, Steigerung, Höhepunkt, Herabsinken 
der Handlung gearbeitet ist, dass also die Gesetze, auf denen 
der Bau der ganzen Tragoedie beruht, auch in diesem kleinen 
Theile sich wiederfinden, zweitens, dass fast alle Motive, 
Charaktereigenschaften der Haupthelden, Stimmung der unter- 
geordneten Rollen in ihm andeutungsweise vorhanden sind, 
dass er also die Grundstoffe des Handelns und des Fühlens, 
aus denen sich das Ganze entwickelt, in sich birgt. 

Das erste wird deutlich werden, sobald wir den Bau des 
Prologs näher betrachten. Er beginnt mit der plastischen 
Ruhe einer grossen Gruppe: um den Altar Jünglinge und 
Greise in schöner Symmetrie, Oelzweige in den Händen j 
es ist nach einer wahrscheinlichen Annahme Morgenfrühe, 
über dem Theater steigt die Sonne empor. Feierhch in 
höchster Ruhe beginnt die Tragoedie, aber doch beruhigt 
sich der Sinn des Zuschauers nicht mit dem Anschaun der 
Gruppe, er verlangt zu wissen, was diese Versammlung von 
Hülfeflehenden veranlasst. Oedipus tritt auf und spricht dies 
Verlangen aus, wie ein Vater zu seinen Kindern redet, theil- 
nehmend, ehe er weiss, was sie leiden j versprechend, ehe er 
erfährt, was sie erflehen. An den Priester, den durch Alter 
und Stellung Ehrwürdigsten, wendet er sich, voll des ruhigen 
Selbstgefühls, dass er, der überall berühmte Oedipus, helfen 
kann, wenn er will. In einer längeren, fünftheihgen Rede 

198 



antwortet der Greis j er weist auf die schon früher der Stadt 
geleistete Hülfe des Oedipus hin und verlangt von ihm, dem 
Weisesten der Sterblichen, Rettung vor der gegenwärtigen 
Noth, der Pest, die er ergreifend schildert. Oedipus entgegnet 
voll tiefen Mitgefühls, dass er ihre Leiden wohl kenne und 
schon Wege eingeschlagen habe, um ihnen abzuhelfen. Bis 
hierher war die Einleitung voll feierlicher Ruhe, die Gruppe der 
Hülfeflehenden verharrte in ihrer Stellung, Oedipus und der 
Priester sprechen würdevoll in längeren Reden, das Interesse 
an dem Grunde, der diese Versammlung veranlasst, ist nun 
erschöpft, aber schon ist das neue Motiv gegeben, das wieder 
die Aufmerksamkeit spannt: Was wird die Antwort des 
Orakels enthalten? Deshalb kommt jetzt Kreon, zuerst von 
dem Priester erschaut, der dem Thore, durch das er kam, 
näher steht als Oedipus. Sofort steigert sich die Lebendig- 
keit} zweizeilige rasche Fragen und Antworten folgen auf- 
einander bis zu dem Punkte, wo Kreon in vier Versen das 
erregende Motiv, den Orakelspruch verkündet. Das ist die 
Höhe der Einleitung, hier bestürmen das Gefühl Zweifel 
und Schwankungen über die Dunkelheit des Spruches, hier 
zeigt sich zuerst Oedipus betroffen} er überhäuft Kreon mit 
Fragen über die einzelnen Punkte des Orakels, besonders 
über LaioS} aus Kreons Antw orten wird die frühere Geschichte 
des Oedipus deutlich, zugleich aber wurd der Sinn des Zu- 
hörers wieder beruhigt, da die Fragen über vergangene Dinge 
das Interesse von dem Gegenwärtigen etwas ablenken: die 
Handlung ist also im Sinken und erreicht ihre Katastrophe, 
als Oedipus seinen Eifer, nach dem Mörder zu forschen, 
verspricht} damit findet die Handlung gewissermassen ihren 
Abschluss} die äusseren Verhältnisse haben im Gemüthe des 
Haupthelden einen bestimmten Entschluss und Willen hervor- 
gebracht. Hier ist also ein kleiner Stillstand, hier ist das 
Ende der Einleitung, da jede That des Oedipus, die jetzt 

199 



aus dem gefassten Willen entspringt, nun schon in das 
Gebiet der eigentlichen dramatischen Handlung gehört. 

Auch das Zweite, dass in dieser Einleitung die Charakter- 
züge der Hauptpersonen schon angedeutet, die Gnindzüge 
des ganzen Stückes skizzirt sind, ist leicht zu erkennen. Es 
treten sämmtliche Schauspieler auf, zuerst Oedipus und der 
Priester (der nachher die Jokaste spielt), der Protagonist und 
der Deuteragonist, der Hauptheld und der Spieler der An- 
gehörigen, Naheverwandten oder ihm wenigstens, wie hier, 
nicht Entgegenstrebenden, dann Kreon, der dritte Schau- 
spieler, der Gegensatz und das Widerspiel des Hauptspielers. 
Kreon tritt schon in der Einleitung in deutUchen Gegensatz 
zu Oedipus 5 vorsichtig für alle Fälle will er den Spruch nicht 
vor der Menge verkünden, Oedipus im Gefühl seiner Un- 
schuld gebietet es. Man hört aus Kreons Entgegnungen auf 
die Fragen des Oedipus die innre kalte Ruhe des Mannes 
heraus, der mit der grössten Schärfe und Bestimmtheit die 
drängenden und sich überstürzenden Fragen des Königs 
beantwortet. Diese Aufgeregtheit, dieser leichtentzündliche 
Eifer des Oedipus, sein Selbstgefühl, das sich allmählich zum 
Trotz steigert, sind Eigenschaften, die das ganze Stück 
bestimmen^ diesen entgegen ist die kalte Besonnenheit des 
Kreon scharf herhorgehoben. Auch die Doppeldeutigkeit in 
den Reden des Oedipus, die wesentlich das Graun, das wir 
beim Lesen dieser Tragödie empfinden, steigert, tritt auch 
schon im Schluss der Einleitung zu Tage, von dem Augen- 
blick an, wo Oedipus seinen Eifer zur Erforschung des Mör- 
ders verspricht. Es ist ein dämonischer Zug in diesem Eifer, 
der, je aufgeregter er das Wahre zu ergründen strebt, den 
König in immer tiefere Irrsale hineinreisst. 

Auf die Aufforderung des Königs ziehn jetzt die Hülfe- 
flehenden ab 5 von der andern Seite der Orchestra her 
erscheinen die Choreuten, die /wpac avaxxsc, umringen die 



200 



Thymele und beginnen das erste Chorlied, das auf das engste 
noch mit dem Prolog zusammenhängt. Während nämlich 
überhaupt die Chorlieder die lyrischen Seiten der Ereignisse 
herauskehren und die Erregung der Gefühle durch die Ereig- 
nisse umfassen: so sind auch die zwei Momente, aus denen 
das Chorlied besteht, der Einleitung entnommen: erstens 
die Klage über die fürchterliche Pest, von der die Stadt 
heimgesucht wird 5 zweitens die Unsicherheit und Zweifel 
über den Inhalt des Orakels, an dem die Rettung der Stadt 
hängt. Der Chor wendet sich also, in Leiden und Zweifel 
versenkt, an die Götter, und so ist das erste Chorlied, wie 
in vielen Tragödien ein Gebet. 



Gedanken über die chorische Musik in der Tragoedie 
mit Anwendung auf dieses Chorlied. 

Während sich das Drama der Germanen aus dem Epos, 
aus der epischen Erzählung rehgiöser Stoffe entwickelt hat, 
nahm das griechische Drama seinen Ursprung aus der Lyrik, 
vereint mit musikalischen Elementen. Diese Anfänge er- 
klären vieles aus der Geschichte und den Eigenthümlichkeiten 

beider. 

Noch in den altern uns erhaltenen Tragoedien des 
Aeschylus nimmt der Chor eine bei weitem überwiegende 
Stellung einj die Zwischenreden dienen oft nur dazu, um 
neue Motive einzuführen, die die Stimmungen des Chors 
umändern und einen Fortgang der Gefühle bedingen. All- 
mählich trat freilich der Chor zurück, als die Handlung immer 
mehr aus ihm heraus in die zwischenliegenden Theile gerückt 
wurde j er behielt seine Bedeutung nur, weil er die musi- 
kalischen Elemente zusammenfasste, die nothwendig zu der 
Tragoedie gehörten, wenn sie einen wirkHch tragischen 

201 



Eindruck machen sollte, üeber diesen tragischen Eindruck 
dachten die Griechen anders als wirj er wurde bei ihnen 
besonders durch die grossen Pathosscenen herbeigeführt, breit 
angelegte Gefühlsergüsse, grösstentheils musikalisch, in denen 
die Handlung nur eine geringe, die lyrische Empfindung 
dagegen alles warj hieraus begreifen wir, weshalb Euripides 
von Aristoteles der TpayixwxaTo? genannt wird. 

Der Chor und diese Pathosscenen umfassten also einen 
der wichtigsten und für den Erfolg des Dramas entscheidenden 
Momente, die Musik in der Tragoedie. Es ist sicherlich eine 
gegründete Vermuthung, wenn ich annehme, dass zur Blüthe- 
zeit der Tragoedie auch die musikalischen Elemente zusammen 
nach einem einheitlichen Plan geordnet, dass Ordnung und 
Ebenmass der musikalischen Glieder sowohl in der ganzen 
Tragoedie als in jedem einzelnen Chorliede herrschte. Dass 
letzteres der Fall, zeigt die Betrachtung jedes sophokleischen 
Chorliedes. Was ist Strophe und Antistrophe anders als 
musikalische Symmetrie, was ist durchgeführte Rhythmen- 
gleichheit anders als Melodiengleichheit? Ich erwähne hier 
nur aus den Choephoren das kunstvoll geordnete Gewinde 
von einzelnen Strophen und Antistrophen, das von dem 
eminenten Formensinn und der Eurhythmie des Aeschylos 
einen Beweis giebt. 

Da nun aber einer jeden Melodie zu einem Liede bestimmte 
Gefühle, die in ihm ausgedrückt waren, entsprachen, so musste 
auch die Grundstimmung der Antistrophe dieselbe sein, die 
es in der Strophe war: wir müssten denn annehmen, dass 
die feinfühligen Griechen zu dem Unsinn herabgekommen 
wären, in dem sich unsre Oper bis auf diese Tage — die 
genialen Reformpläne und Thaten Richard Wagners abge- 
rechnet — befindet, zu dem ungeheuerHchen Missverhältniss 
zwischen Musik und Text, zwischen Ton und Empfindung. 
Also Strophe und Antistrophe enthalten im Allgemeinen 

202 



gleiche Gefühle, weil gleiche Melodien j da nun aber jede 
Melodie aus Gliedern besteht, die Glieder der Musik aber 
bei vernünftiger Musik mit den Gliedern des Gedankens, 
der Empfindung im Einklang und innigen Zusammenhang 
stehen müssen, so bekommen wir als zweites Gesetz, dass 
die musikalischen Perioden und Glieder sich in Strophe und 
Antistrophe entsprechen müssen, dass also bestimmte Ge- 
dankeneinschnitte an gleichen Stellen sich wiederfinden. Diese 
musikalischen Perioden umfassen eine bestimmte Anzahl ver- 
schiedener Metren und sind also Systeme von Metren; es 
dürfte dies mitunter nicht ohne Einfluss und Wichtigkeit 
für das Conjicieren und die Erklärung sein. 

Aus der Folge dieser musikalischen Perioden, ihrer längern 
und kürzeren Ausdehnung kann man wieder Schlüsse auf 
die Eurhythmie des ganzen musikalischen Baues machen. 

Aus allen Bemerkungen erkennt man einen den Tragikern 
eigenthümlichen Vorzug: nicht nur, dass sie Dichter waren, 
sie waren auch Komponisten, und noch mehr, sie waren 
beides so, dass eins mit dem anderen Hand in Hand gieng; 
und wenn wir noch hinzunehmen, dass auch in den 
Gruppirungen und ihrer Folge, in der Orchestik, in der 
scenischen Kunst sie nach alten Zeugnissen eine grosse 
Meisterschaft bewährten, ja dass sie selbst Schauspieler, und 
zwar bedeutende, waren, die, wie Goethe sagt, ihr Metier 
und ihre Bretter kannten wie irgendeiner: so hätten wir in 
ihren Kunstwerken das, was die neuste musikalische Schule 
als das Ideal des „Kunstwerks der Zukunft" aufstellt, Werke, 
in denen die edelsten Künste sich zu einer harmonischen 
Vereinigung zusammenfinden, in denen die eine Kunst dazu 
dient, die andere in ihrem rechten Lichte erscheinen zu 
lassen, und alle zusammenwirken, um einen einheitlichen 
Kunstgenuss zu hinterlassen; so hätten wir endlich in ihnen 
so glücklich und göttlich organisirte Menschen, dass die 

203 



/ 



Strahlen aller Künste sich in den Brennpunkten ihrer Geister 
zusammenfinden. 

Was nun die oben erwähnte Einheit aller musikalischen 
Elemente in der ganzen Tragoedie betrifft, so müssen wir 
uns diese etwa so denken : alle lyrischen Gefühle, die in der 
Tragoedie geweckt werden, die also untereinander durch den 
Gefühlsgang des Ganzen verbunden sind, kommen zum 
Ausdruck in den Chören und Pathosscenenj ist also die 
Folge der Gefühle in der Tragoedie überhaupt eine natür- 
liche, so ist auch die musikalische Folge eine natürliche; und 
manches möchte uns da unnatürlich erscheinen, was in der 
That in der menschHchen Natur tief begründet liegt: sodass 
häufig der Katastrophe noch ein heiteres Tanzlied vorher- 
geht, das den seltsamsten Kontrast mit den folgenden Ge- 
fühlsstürmen bildet. Es ist dasselbe, wie wenn in den grössten 
Symphonien öfter vor den bewegtesten und leidenschaft- 
lichsten Ergüssen ein Scherzo in heiterer Laune dahinsprudeltj 
oder wenn Shakespeare das Fürchterliche durch den Gegen- 
satz des Lächerlichen, Trivialen um so greller hervorhebt. 
Im Allgemeinen ist als Regel anzunehmen, dass nie zwei 
musikalische Stücke von demselben Gefühlsinhalt aufeinander 
folgen; bei vielen Tragoedien ist es der Fall, dass die Kraft 
und die Leidenschaftlichkeit der Chöre mit dem Fortschreiten 
der Handlung sich steigert; in einigen finden wir auch ein 
Gegenspiel, indem der Chor in seiner Verblendung aus an- 
fänglicher Unruhe und Beängstigung sich zu immer grösserer 
Ruhe und Heiterkeit durchwindet, sodass dann die Kata- 
strophe um so erschütternder einbricht. So zum Beispiel in 
den Choephoren, wo die freudige Hoffnung der Choreuten, 
dass durch den Mord der Klytämnestra sich endlich das 
Haus im Sonnenscheine des Glückes emporheben werde, sich 
fürchterhch gegen die letzten Scenen abhebt, in denen der 
Sinn des Orestes allmählich aus der Bahn abgleitet und von 

204 



Schauern gepackt wird, so dass der Chor voll Verzweiflung 

ausruft : 

„Wo endet sie noch, wo findet sie Ruh, 

Die besänftigte Macht des Verderbens?" 

Wenden wir uns endlich zur Betrachtung unseres Chor- 
liedes: so drücken seine drei Haupttheile zuerst ängstliche 
und hülfeflehende Furcht aus, dann tiefes Leid und Weh, 
endlich eine lebhafte und sich steigernde Verwünschung 
der Pest und Herbeiwünschung der gnädigen Götter, ja 
der Schluss erlangt ein fast dithyrambisches Feuer im Ende 
der dritten Strophe und Antistrophe. Von diesen drei 
Theilen ist der erste am mannigfachsten zergliedert und aus 
den verschiedensten Metren zusammengesetzt, der zweite 
bewahrt die meiste Gleichförmigkeit in seinen traurigen 
Rhythmen, der dritte steigert sich zu grösster Lebhaftigkeit 
der Empfindung, etwas was den Schlusstheilen der ersten 
Chöre in der Tragoedie eigenthümlich ist. In ihnen wird 
häufig Bacchus erwähnt^ und hier haben sich Anklänge an 
bacchische Dithyramben erhalten. 

De chorici carminis compositione. 

Verba quibus summa generalis totius carminis expressa 
mihi videtur, ex ipso carmine sumere licet. 

Tcaiav 8e XdjXTrei oxovosaod te 7Y]pu; ofxauXo?. 

Et quidem stropha et antistropha prima paeanem, secunda 
lamentationem, tertia iterum paeanem complectuntur, ita ut 
paeanibus descriptio malorum pestilentiaeque circumdetur. 
Paean enim est Carmen canticum, quo dei aut laudantur aut 
implorantur aut una et laudantur et invocantur. Ab initiis 
ad Apollinem cantati postea etiam ad alios deos canuntur, 
ut inprimis mala impendentia averruncent. Sed deus Apollo 
per totum hoc carmen omnibus in partibus ter invocatus 

205 



(i-^iE AdXie Daidv, Ooißo? e/dpoXo?, Auxei avaQ significat genu- 
inum Paeanum genus hoc in carmine esse expressum. 

Oaiav autem XdjXTtei i. e. claris vocibus canitur, id quod 
inprimus sonus l'f] paeanibus proprium efficit. "OiiaoXo; non 
ad paeanem et YTjpuv est referendum, sed solum ad y^^P^^» 
cum carmina querula ad tibias cantata sint, non paeanusj 
Y^pü? 6|xaüXo? vero idem significat, quod alias etiam EuvotuXia 
vocatur, Carmen ad plures tibias cantatum^ veluti nomos 
Olympi (^uvauXia) Athenis satis notus erat, quo Aristophanes 
in equitibus utitur. — 

Wie schon erwähnt, waren die beiden lyrischen Momente 
der Einleitung, die in dem ersten Chorliede ausgeführt 
werden mussten, i. die Ungewissheit über den Inhalt des 
Orakelspruches, 2. der Schmerz über die Pest der Stadt. 
Das erste Moment, das am Ende des Prologs hervortritt, 
beginnt demnach das Chorlied, das zweite, das zu Anfang 
des Prologs eingeführt wird, bildet den Haupttheil des Chor- 
liedes als das stärker Bewegende von Beiden, und so rundet 
sich durch das Chorlied der Prolog ab zu einem Ganzen, 
dessen Anfang- und Schlussempfindung dieselbe ist. Beide 
Momente erwecken den Gedanken an die Ohnmacht des 
Menschen und die einzig von den Göttern zu erwartende 
Hülfe j beide Momente gehn deshalb, weil sie dieselben 
Empfindungen enthalten, sehr bald in einander über, und 
schon in der ersten Antistrophe ist der Zweifel über die 
Ungewissheit des Orakelspruches vor dem grösseren Leide 
der Stadt zurückgetreten, sodass die Choreuten nicht mehr 
um Lösung des Orakels, sondern im Allgemeinen um Hülfe 
vor der Pest flehen. 

Der Mittelpunkt des Ganzen, sowohl der Stellung als dem 
Gedanken nach, ist die Schilderung des Leides, in das die 
Stadt versunken ist, ich sage nicht Schilderung der Pest, denn 
diese wird eben nur in ihren Wirkungen höchst kunstvoll 

106 



beschrieben, während mit 'feinem Geiste der Dichter alle 
unangenehmen Einzelzüge der Pest ferngehalten hat. In 
dieser Schilderung ist alles mit tiefem Mitleid und Selbstleid 
dem Zuhörer vor die Seele geführt. Nicht die Seuche als 
solche, sondern der Schmerz über den allgemeinen Tod, die 
Hülflosigkeit menschlicher Kunst, die Frauen und Mütter 
am Akare hingelagert, das sind die Züge, die uns mit- 
empfinden lassen. Die Beschreibung in dem Mittelstrophen- 
paar wird veranlasst durch die Erwähnung jener Pest zur 
Zeit der Sphinx, aus der die Götter gerettet haben. Um zu 
zeigen, wie nothwendig auch jetzt wieder die Hülfe der 
Götter ist, folgt die Beschreibung des Unglückes. Diese 
bringt die Anschauung einer belagerten, von einem Feinde 
bestürmten Stadt nahe 5 die dritte Strophe fasst diese auf, 
bezeichnet den Xoijxo? als den wilden Ares, der ohne Speere, 
aber mit Fackeln die Stadt bedränge und endigt mit einer 
kräftigen Verwünschung dieses Gottes. Gegen diesen sollen, 
wie die dritte Antistrophe ausführt, die andern Hauptlicht- 
götter einen Kampf beginnen, und zwar in ihrer Eigenschaft 
als Lichtgötter, weil Ares die Stadt mit Fackeln bestürme, 
und dann in ihrer Eigenschaft als segnende, fruchtbringende 
Götter, weil sie so dem Ares natürliche Gegner sind. 

Der erste und der dritte Theil des Liedes führt uns unter 
die Götter, der mittlere unter die leidende Menschheit. Die 
Götterwelt des ersten Theiles ist eine unheilabwehrende, 
städteschirmende, die des dritten Theils eine bewegte, durch 
Wald und Berg streifende. Es entspricht dies dem ver- 
schiedenen Charakter der Theile, der auch in der Verschie- 
denheit des musikaUschen Periodenbaus hervortritt. — 

Nachtrag zu der Stelle Tiatav 5s \d\x7zei. 
Die Sinne des Sehens und des Hörens sind unter einander 
in ähnlicher Weise näher verwandt, wie etwa Geruch und 

207 



Geschmack. Dies mag in der Aehnlichkeit der Entstehung 
von Licht und Schall durch Schwingungen seinen Grund 
haben. In dem Volksmythus und in der Dichtung ist diese 
nähere Verwandtschaft mannigfach angedeutet. So ist Apollo ein 
Licht- und Sonnengott und zugleich der Töne Erfinder und 
Meister j und ganz im griechischen Geiste dichtete Hölderlin: 

Wo bist du? trunken dämmert die Seele mir 

Von aller deiner Wonne j denn eben ist's, 

Dass ich gelauscht, wie, goldner Töne 

Voll, der entzückende Sonnenjüngling 

Sein Abendlied auf himmlischer Leyer spielt^ 

Es tönten rings die Wälder und Hügel nach .... 

Eine ähnliche Anschauung Hegt zu Grunde, wenn die 
Sage meldet, dass die Sonne mit grossem Geräusch früh- 
morgens aufgehe, oder wie Goethe sagt: 

„Tönend wird für Geisterohren 
„Jetzt der neue Tag geboren." 

Auch die Sage von dem Tönen der Memnonssäule mag 
wohl im Grunde nichts anderes bedeuten. 

Das Umgekehrte, dass die Wirkung des Tones durch 
eine Lichtwirkung bezeichnet wird, ist vollständig durch- 
geführt in unsrer jetzigen musikalischen Terminologie. Sei 
es, dass unsre Sprache zu arm ist, um Schattirungen der 
Toneffekte auszudrücken, sei es überhaupt, dass wir, um die 
Wirkung von Schällen auf uns einem anderen vor die Seele 
zu führen, die fassHcheren und beschreibbareren Wirkungen 
des Lichtes als Medium gebrauchen müssen — wir reden 
von glänzenden, düstern, verschwommenen Harmonien, 
während wir in der Malerei von dem Tone des Gemäldes, 
von seiner Harmonie sprechen. 



:io8 



De Theognide Megarensi. 

(Valediktionsarbeit beim Abgang von Schulpforta, Herbst 18(^4)'). 

I. De Theognidis et de Megarensium illa aetate rebus. 

I. Conversiones reipublicac Megarensium sexto saeculo ad- 

umbrantur. 
1. Theognidis vitae anni computando explorantur. 

3. Singuli ejus vitae casus e carminibus ipsius possunt cognosci. 

4. Welckerus Theognidis vitam in alium ordinem redigit. 

II. De Theognidis carminibus. 

5. De ejus carrainum Fortuna et de veterum judiciis. 

6. Recentiorum hominum de Theognidea poesi judicia. 

7. Theognis carminibus ad Cyrnum compositis non inscripsit; 

8. Hae elegiae non sunt compositae certa et circumscripta vitae 
ejus parte. 

9. Theognis his elegiis affectus animique sensus exprimit, nunquam 
vero agit ut praecepta more magistri det. 

10. Item carmina convivalia non sunt ad certam ejus vitae partem 
rcferenda. 

1 1 . De quibusdam Theognideae poeseos artibus. 

12. Argumenta convivalium carminum exponuntur. 

13. De Cyrno et de elegiis ad eum compositis. 

III. Theognidis de deis, de moribus, de rebus publicis opini- 
ones examinantur. 



^) Ausführliche Inhalts-Uebersicht und Uebertragung des Abschnittes III 
ins Deutsche siehe Anhang. 

14 Nietzsche I 209 



'4* Qü^ factum Sit, ut ejus de rebus publicis, de deis, de hominibus 
arctis vinculis inter se cohaererent opiniones? 

15. Quibus in rebus nobilium Graeciae dignitas et auctoritas sit 
posita. 

1 6. Theognis num in opinionibus etiam in omnium rerum commu- 
tatione sibi constiterit? 

1 7. Quibus ex indiciis conici possit Theognidem senem a suis pris- 
tinis judiciis aliquid recessissc? 



Fr. Th. Welcker, qui in quaestionibus Theognideis adhuc 
suo jure primum obtinet locum, cum princeps carminibus 
transponendis et in meliorem ordinem digerendis operam 
dedit, tum diligentissime omnibus veterum testimoniis, saepe 
disjectis et discrepantibus, collatis summaque cum sagacitate 
perquisitis, bis ejectis, Ulis correctis, accuratius et rectius quam 
priores editores et de genere Theognideae poeseos et de poetae 
temporibus Megarensiumque civitate judicavit. Quas quaestio- 
nes ne quis a viro doctissimo jam absolutas credat et eo 
deductas, ut fere nihil novum adici possit: unum illud monen- 
dum est usque ad id temporis certamen philologorum prae- 
cipue de ratione critica, quae ad Theognidem adhibenda sit, 
non esse compositum, ita ut rectissime Bernhardy in quae- 
stionibus Theognideis latum patere et examinandi et con- 
jiciendi campum dixerit. 

Atque caetera Welckero me assentiri non abnuerim, sed 
illa duo vereor ut ei possim concedere: unum quod de 
Theognidis vita e carminibus perspicienda dixit, qua in re 
nescio an multum certius et rectius possit statui, alterum 
quod Theognidi magnam partem carminum, quae hodie ejus 
nomine ferantur, inprimis omnia carmina convivalia et 



210 



potoria abjudicanda esse censuit atque omnino genus ejus 
poeseos esse gnomicum plerumque demonstrare studuit. 
Praeterea nemo, quoad sciam, quanti momenti esset Theognis 
ad ethicam rationem ejus aetatis cognoscendam, exponere 
conatus est, quam quam in hac re Welckeri vestigia erant 
sequenda, qui summopere in bis quaestionibus versatus primus 
'de usu verborum aYotOo? et xaxö? civili novam rectamque 
protulit sententiam. 

Quare mihi primum tempora Theognidis civitatisque Me- 
garensium statum perscrutari liceat: dein de Theognidis 
scriptis quaerendum estj eorum genuinum nomen, formam, 
argumentum accuratius opus est examinemus: denique ethicae 
rationis ejus aetatis, qua floruerit poeta, ex illius carminibus 
explorandae faciam periculum. 

Cum vero me vix in litterarum quasi limine versantem 
pudor quidam deterreat, quominus cum viro praestantissimo 
certare eique in pluribus rebus adversari audeam: nihil habere 
me profiteor, quo me excusem, nisi illud quod ei, qui meum 
in Theognide Studium excitavit, gratias ita referre studeo, 
ut ejus viam, quam princeps ingressus sit, intento animo 
sequar et ubi deflectere mihi visa sit, modeste consignem. 



I. 

De Theognidis et de Megarensium illius aetate rebus. 

I. Etiam in Megarensium civitate, ut in fere omnibus 
Dorium civitatibus, nobiles, penes quos Imperium sacrorumque 
administratio erat, incolas antiquitus in his finibus insedentes 
et remotos ab urbe et paupertate pressos incultosque tenu- 
erant. Sed paulatim cum Megarensium mercatura magis 

14» 211 



effloresceret coloniis in uberrimis regionibus conditis, e quibus 
et opes et luxus ad originem redundarunt: dissensiones inter 
optumates et plebem exortae sunt, unde factum est ut 
Theagenes multitudine adjutus, cujus animos sibi concUiaverat, 
rerum potiretur, eadem astutia usus, qua fere omnes tyranni 
usi sunt. Arist. rhet. i, 2, 19. Polit. V, 4, 5. Si vero quo 
tempore id factum sit, quaerimus, nihil omnino pro certo 
haberi potest nisi eum tyrannidem exercuisse, cum Cylon 
Athenis regnum adfectasset. Neque constat, quo anno ab 
optumatibus expulsus sit, quamquam id verisimile est factum 
esse cir. ann. sexcent. a. C. n. 

Cum vero in hoc sextum saeculum major vitae Theognidis 
pars inciderit, primum opus est testimonia veterum colii- 
gamus, quibus de rerum Megarensium eo tempore statu ali- 
quid adferatur: quae scilicet pauca et parva sunt. 

Anno 570 bellum, quod inter Athenienses et Megarenses 
de insula Salamine exarserat et ancipiti eventu gestum erat, 
ita finitum est, ut utraque civitas Spartanos arbitros sumerentj 
qui concilio e quinque viris composito hanc insulam Athe- 
niensibus adtribuerunt, quamquam Megarenses et sanguine 
eis propiores et simili reipublicae gerendae genere cum eis 
erant conjuncti. 

Anno 559 — quem statuunt Clinton et Raoul Rochette — 
Megarenses coloniamHeracleamPonticam deduxerunt: ubicum 
multa alia ex Dorium institutis, tum phylae eodem modo, quo 
erant Megarae, divisae videntur demonstrare, id quod conjecit 
Plass de tyrannide I, 84, post expulsum Theagenem majorem 
partem optumatium a popularibus vexatam e finibus migrasse 
et novas sedes quaesivisse. Fortasse hac ratione aliquamdiu 
animi sedati sunt, cum plebs tot nobiles e patria cessisse vidisset. 

Summi vero momenti sunt tres loci Plutarchi et Aristotelis 
quos describamus opus est. Plut. Qoaest. Gr. 18. MeyapsT? 
Osayevr^ xöv Tupoivvov £xßaX6vT£<;, oXiyov ypovov eatofppovYjaav xatd 



212 



T'Jjv TToXixeiav slia ttoXXyjv xal axpaxov auxot? sXsüdspiav xuiv 
STjjiaYüjywv oivo5(oouvTu)v oiacpOapevxs? Ttavxdiraai, xd xs aXKa xoi? 
ttXouoiok; gosXyw? Tupoaecpepovxo xal Trapiövxe? ei? xa? oixia«; auxoiv 
Ol TuevYjxe? tj^ioüv laxiaaOoi xal oeiTcvstv '7roXüxeXw(; , si 8e (jly] 
xuYxd^ois'^5 Tipo? ßiav xal jxsd'ußpso)? ej^pwvxo Traoiv. TsXo? 3s 
ooyfia ■ösfievoi, xou? xoxoü? dvs-jrpdxxovxo Tcapd xwv SavsiaxÄv^ ou? 
o£8(ox6xe? iiü'^'/avo'^ , TcaXivxoxiav x6 Y£v6[i.svov irpo^ayopsuaavxss. 

Arist. pol. V, 4, 3. IlapaTrXYjaiü)? ol xal ev Msydpoi? xaxsXoÖYj 
8irjjj.oxpaxia. 01 yap or^iLaino^oX iva xp*^(jiaxa Ij^wai BYjjxeusiv, e^eßaXov 
TToXXoui; xwv Y'^o^P^F''"^''* ^"^^ TtoXXoo? eiroiYjaav «^eoYovxa?. Ol 8s 
xaxidvxs? evixYjoav |i,a}^6ji,evoi xöv Syjijiov xal xaxeoxTjaav x^jv oXi- 
Yapj(iav. V, 2, 5 xal *r) MsYapswv ÖTjjxoxpaxia SiscpOdp*/] 01' dxa- 
Siav xal dvap5((av TjXXtqösvxcüv. 

IV, 12, 10. ''H '(äp TCdvxe? ol TcoXtxai xaöiaxäaiv -q xive? xal 7^ 
EX irdvxwv 7^ Ix xivüDV dcptupiajJLSvcov olov 7) xi[jnr]oaai 7^ y^^^^ ''J 
dpex"^ •Jj xivi xoioux«) dXXtp (SoTCsp sv MsYdpoi? sx xwv ody^^"^^^" 
-^ovxwv xal aü[i[xa5(eaa[xsvü)v Tupös xöv ö^jxov. 

Ex his locis apparet haud multo post Theagenem expulsum 
optumatium cum plebejis novum exortum esse certamen vel 
ut accuratius dicam, dJvitum cum pauperibus, cum Theagene 
Imperium obtinente multi viderentur divitias assecuti esse 
etiam de plebe nati, contra vero multi nobiles agris et opibus 
privati essent. Quo in certamine plebem illam quidem vicisse, 
sed mox ab hominibus seditiosis corruptam et dissolutam 
factam esse, ita, ut TuaXivxoxiav instituerent, — qua decretum 
est, ut quod usuris pernumeratum esset debitoribus redderetur 
a creditoribus — ; ut in domos ingruerent et hospitium 
postularent; denique ut multos nobiles bonis spoliarent et e 
finibus ejicerent. Quos diu exulantes tandem in patriam 
congregatos rediisse et proelio commisso denuo imperium 
civitatis arripuisse et obtinuisse. Nihil vero statuas de tem- 
pore, quo id sit factum : id unum constat anno quingentesimo 
decimo jam fuisse optumates restitutos, cum hoc anno et 

213 



posteris Lacedaemonii non impediti saepius per Isthmum 
irenr, ut Hippiam ex regno, quod usurpaverat, expellerent: 
quod fieri non potuit, si id temporis penes populäres summa 
rerum fuisset. Optumates autem ab illo anno usque ad bella 
Persica et proxima tempora perpetuam obtinuerunt domina- 
tionem, quamquam ne hoc quidem certis testimonüs affirmari 
potest. Memoriae vero traditum est a. 4(58 iterum nobiles exules 
a plebe factos esse et multitudinis restitutum esse dominatum. 

2. In horum temporum spatium, cujus lineas quoad possim 
adumbrare conatus sum, incidit Theognidis vita, quam si ad 
hunc rerum ordinem, quem descripsimus, accommodamus, 
non nuUa accuratius definire possumus, quam ex illis paucis 
veterum testimonüs definiri licuit. Hanc autem vitam non 
est unde cognoscamus nisi ex paucis Suidae aliorumque 
scriptorum locis et inprimis ex ipsius poetae carminibus. De 
anno igitur, quo poeta natus sit, habet Suidas: 6. y^yo^oyc, h 
T1Q vd' 'OX. cui, si interpretamur „'(^'(Qviiiz natus", non est 
credendum. Est enim in Hieronymi chronico „Ol. 59 Theognis 
clarus poeta habetur" et chron. Paschal. Ol. 57 6. tcoitjtyj? 
eYvwpiCsTo. Cyrill. contra Juli. I, p. 13 Ol. 58 6. (wvofidCeTo. 
Suidas igitur aut erravit aut vocabulo -{t-^ovdiic. nihil voluit 
significare nisi „fuit eo tempore" vel „inclaruit". 

Cum igitur ex locis, quos attuli, pro explorato habendum 
sit c. Ol. 58 poetam primum inclaruisse, non crediderim id 
prius esse factum quam vicesimum annum ageret. Neque 
potest multo post eum annum factum esse, cum Theognis 
anno 479 admodum senex vixerit. Hac ratione statuimus poetam 
non multo ante annum vitae nonagesimum obiisse: quod for- 
tasse non videtur credibile, cum lones, ut e Mimnermi fra- 
gmento conicere licet, raro ultra septuagesimum annum vixisse 
videantur, Attici vero et fortasse etiam affines Megarenses non 
ultra octogesimum, id quod Solonis versus adhuc exstantes 
(Bergk, 20.) docent. Quare coacti sumus ut hunc annorum 

214 



numerum, quem statuimus, aliquid tamquam coarctemus et in 
angustiores fines coerceamus. 

Examinemus igitur opus est, num vere vixerit poeta a. 479; 
id vero unice potest concludi ex versibus 773—82, quibus 
poeta Phoebum implorat, ut ab urbe averruncet Persarum 
advenientem exercitum, ut populi ineunte vere hecatombas 
mittant et cantibus ludisque festum dei rite celebrent: sese 
vero timere discordiam (atdaiv Xao^pOopov) inter Graecos 
exortam. Quos versus non posse ad alium annum referri 
Duncker censet: sed quidni? 

Praeter hos versus etiam v. 757 — 768 videntur referendi 
esse ad bellum Persicum, quibus poeta hilariter et jocose ad 
bibendum invitat. 

(jLT^Sev Tov Mt^ocüv 0£i8i6t£? TuoXsfiov 
v6acpi (iEpi(xvd(üv eo^poouvüx; oidysiv 
Tepitojievou?, ty]Xou Se -/axd? aTco xTJpo? djiuvai 
'{Tipa.c, t' ouX6{ievov xal -^avaioio teXo?. 

Profecto num scripsit haec poeta instante bello periculo- 
sissimo? Tunc erat bibendum? Atque quid suppliciter rogat 
poeta? Ut dei averruncent senectutem. Id rogat poeta 
nonagenarius? Censeo igitur hos versus ad prorsus aliud 
tempus pertinere, ad Harpagi expeditionis tempus, quam eum 
suscepisse est verisimile a. 54<5. Tunc ille terror Graecis 
injectus est, quem memorat in loco laudato Theognis et 
etiam Herodotus notissimis verbisj tunc Graecae urbes in 
Europa sitae metuebant, ne Persae in occupandis urbibus 
pergerentj tunc discordiae inter gentes exortae sunt, ad quas 
referenda est oxdoi? Xao^Oopo^j tunc poeta admodum juvenis 
nihil antiquius habuit, quam ut pulcra frueretur juventute et 
ut quam longissime senectus et mors abessent. 

Sic nobis ab annis quos statuimus recedere licet, sed non 
ultra annum 484. quo Gelon Syracusarum tyrannus Megaram 

215 



Hyblaeam expugnavit. Est autem apud Suidam: 6. £x tü>v 
ev ZixeXia MsYapeuiv lypacf^ev eXeyeiav sU tou? owOevta? x&v 
!SüpaxoaLü)v ev x-jj TcoXiopxi(^. Quae verba Müller Dor. II, 509 
ita vult intellecta, ut Megara Hyblaea obsessa dicatur et täv 
2upaxooiü)v genetivus subjecti sitj id mihi valde placet, quam- 
quam verborum positionem esse inusitatam concedo. Haud 
enim recte illud Suidae de Gelone Syracusas occupante 
acceptum est; quem non vi potitum esse urbe constat, sed 
a populo sponte traditam in fidem accepit. Obsessa autem 
est Megara (Her. 7, 15(5) circ. Ol. 74,2 vel anno 483,84. Ergo 
Theognis 484 etiam vixit, fortasse etiam postero anno. Statu- 
imus igitur poetam inclaruisse c. a. 543, fortasse natum esse 
c. a. 5^3, obiisse a. 483 vel pauUo postea. 

Fuit vero Theognis inter exules optumates, cum ante 
exilium acerrime contra populäres eorumque instituta luctatus 
esset. Ipse memorat eo tempore, quo se jam fugere coepisset 
Juventus, se paupertate et acerbis maledicentium conviciis 
vexatum esse. 

OÖT£ Y^ l*'^'^ 'jrsviTjs düfjLocpdopou, Ol) jxeXeoaivü) 

OUT avSpÄv ej^OpÄv, 01 [jls Xeyowcji xaxÄ?. 
AXX' "^ß'/jv epaxYjv öXoip6po|i,ai, -^ jx' iTriXeiTrei, 
xXaiü) o'dpYGtXeov "(ripac, eTC£p)^6(i,evov. 

Quamquam his acerbitatibus eo tempore non tarn \ ehe- 
menter afFectum eum esse ex sedata voce, qua poeta in his 
versibus utitur, conicere possumus, quam eum alio tempore 
fuisse multa carmina docent. Videntur igitur hi versus in 
illius certaminis primordiis compositi esse, e quo victus 
bonisque privatus cessit et exulavit. Id vero unum apparet 
non ante tricesimum poetae annum i. e. 433 hoc Carmen 
scriptum esse (ob verba "^ßr^v spaxvjv -q [t eTriXsiTisi). Quare 
facere non possumus, quin intra a. 430 et 410 Theognidem 
et exulasse et Siciliam, Euboeam, Lacedaemonem peragrasse 
et in patriam rediisse statuamus. 

21(5 



Jam restat, ut ea, quae Theognis de Megarensium civitate 
et civilibus perturbationibus tradat, concinere doceam cum 
paucis Plutarchi et Aristotelis testimoniis. 

Quod facile est intellectu, si verba inter se comparanda 
juxta scripta aspexeris. 
V. 4, 3 Ol -(äp OT^(iaYu>Yol iva oixeicüv xepoeoov el'vsxa xal xpa- 

yp-z^ji-axa syoiev 87]jieueiv — ■ tso? — v. 4Ö 

xepBsa or^fxoai«) auv xaxA ipyo- 
{jLSva 50 
Q^i8 oiTrevT^xec — Trpö? ßiav xol /piQfAaxa apTcdCooai ßiT(j, xoajxo; 

(jted' ußpsü)? e^puivTo Träai — • «tcoXwXsv öyj 
teXo? 8s BoYfAa Oefievoi — oaojio? 8' ouxex lao? Yivsxai £? 

TcaXivxoxiav x6 [leaov 

0. 18 eaw^povYjoav — axpaxov daxol jiev ^ap e^' oiSs aaocppovss, 

aüxoi? IXeuöepiav xäv 87][xa- y]Y£(x6v£? Se v. 41 

Yü>Yü>v oivo5(oo6vx(üv oiacpOot- xsxpd^axai TuoXX-rjv I? xaxoxTjxa 

pevxe? Tcavxdicaai — Treaeiv. 

quib. V. conf. v. 44, 45. 

Licet versuum sententiae sint subobscurae, nunquam ob- 
liviscamur scriptos esse sub dominatione atrocissima, ut poeta 
indicüs uti cogeretur, cum libera vox et oratio terrore tamquam 
exciusa esset. Atque poeta ipse illud carmen, quo desperatum 
urbis stamm imagine na vis periclitantis depingit, ita finit: 
xouxd fioi 7jvi5(d(o x£xpu(jL{jLeva xoi? aYadotaiv 
Yivuiaxoi 5' dv xi? xal xaxo? 'qv aocpo? 'r^. 

Cum igitur tempora, quibus fiiit poeta, investigaverim 
annosque computando definire studuerim, cumque rerum 
Megarensium statum, quem Theognis carminibus attigit, paucis 
descripserim, accuratius singuli casus, quorum mentio fit in 
carminibus, inter se connectendi et ad certum ordinem diri- 
gendi sunt: quam rem quam vis gravem a Welckero praeter- 
missam doleo. 

217 



Constat jgitur Theognidem nobili genere ortum adole- 
scentem oblectationibus vacavisse, cum hac aetate Megarensium 
nobiles jam ab antiqua morum integritate degenerassent et 
luxuria mollitiaque quadam correpti essent. Ad hanc juve- 
nilem animi hilaritatem et levitatem spectant 

V. II 22 -^ßv] xal ttXouto) ^üfiöv iaivoftevo? — 

1153 eiT] jjLoi TuXoüTSüVTi xaxÄv aTcdiepöe {xEpi[i,vea)v 

Cüieiv aßXaßeo)? — - 
S6j f^^'q TspTrojJLSvo? izalCui — 

Sed jam ingruebant reipublicae tempestates neque jam ei 
licuit securam et jucundam agere vitam. In dies enim prae- 
cepta, quibus institutus jam a puero erat, non modo a ple- 
bejis illudi, sed etiam ab optumatibus neglegi observavit. 
Praesertim cum nobilem sanguinem novorum hominum con- 
jugiis contaminatum vidisset, summa cum indignatione cer- 
tamen contra ingruentia reipublicae mala suscepit et quacunque 
potuit acerbitate et degeneres nobiles castigavit plebejosque 
homines flagrantissimo cum odio perstrinxit. Nihil vero 
magis quandam ejus animi superbiam iramque infregit, quam 
quod, dummodo vitam servare vellet, ad plebem propius 
accedere ejusque studiis invitus favere cogebatur. Id unum 
dumtaxat eum ut sua bona sibi servaret, cum aliorum opes 
a popularibus arriperentur, aliquamdiu gratiam plebis aucupari 
studuisse: quod primum quidem succedere visum est, ut 
scriberet 

TTiaxei ypriit.a-: oXeoaa, dTciaxiTO 0' kaonaaa' 
YV(ü(jn(i 0' dp^^aXiT^ y^vs^ai diicpoiepcov. 

Tamen eum fefellit, cum adversarii, qui ejus nobilitatis 
Studium specie popularis animi male tectum perspexerunt, 
ei bona eriperent et ejus vitam in summum periculum 
vocarent. 

w [101 EYü) oeiXo? xal ot] xaid^apii-a {xev iybpoXz. 

218 



Summa igitur penuria pressus, ab inimicis illusus, molestus 
suis amicis, immo proditus ab amicis, quod valde queritur, 
fiigere constituit et primum dubitavit, num suam uxorem — 
si recte video — Argyrin secum duceret et ipsi adulescentulo 
Cyrno, quem paterno animo diligebat, proposuit, num forte 
secum itineris et fugae labores sustinere vellet. Non autem 
satis apparet, num hi eum secuti sint necne. In Boeotia vero 
benigne speravit se exceptum iri ab optumatibus Lebadeae 
urbis, cum nobiles Megarensium a. $$9 recordaretur in con- 
denda Heraclea Pontica a Boeotiis optume adjutos esse. ISum 
vere eo venerit, non adseverare ausus sim. Id vero, quod 
ipse memorat, certum est eum in Sicilia diu esse versatum 
et Suidae testimonio, quod jam attulimus, confirmatur et 
PJat. Legg. I, p. Ö30, qui eum tuoXittjv täv ev SixeXia Msyapewv 
vocat, unde error priorum Theognidis editorum fluxit, qui 
statuerent natum esse poetam Megarae Hyblaeae. Sed multis 
exemplis doceri potest eximios litterarum artiumque laude 
viros cives coloniarum et originum et fuisse et vocatos esse, 
veluti Arcbilochum Parium et Thasium, Protagoram et Heca- 
taeum juniorem Tejos et Abderitas, Terpandrum Boeotium 
et Lesbium, Mimnermum Colophonium et Smyrnaeum. 

In Sicilia exilium mediocriter toleravisse se ipse profitetur 
et si quis cupere velit, quae sit suarum rerum conditio, 
nuntiari jubet: 

Exilii molestia ea re inprimis videtur deminuta esse, quod 
exulantes optumates per mutua commercia communi consilio 
semper id agebant, ut in patriam restituerentur suamque 
pristinam dignitatem recuperarent. Ex Sicilia in Euboeam 
Theognis navi advectus esse videtur, cujus insulae nobiles, 
quibus erant opibus et luxu, magnifice et splendide exulem 
exceperunt. Ultimam vero exilii partem Spartae degit, ut ita 
dicam, in nobilitatis sede, unde maxime exules sperabant se 



auxilium contra suos malos cives accepturos esse. Quae spes 
eos videtur non fefellisse. Non enim est credibile hos exules 
sua sola vi, non ab aliis adjutos in patriam irrupisse, plebem 
vicisse, remm iterum potitos esse. 

Haec fere omnia, quae de ejus vita ante exilium et in 
exilio peracta explorata habeamus: restat, ut quae poeta de 
ultima vitae parte significaverit, perscrutemur, pauca scilicet 
neque gravia. In rebus publicis majore moderatione, quam 
antea versatus est, ita ut ipsa ejus in plebem indignatio et 
odium videretur consenuisse. 

Valde quidem doluit asperis calamitatibus, quibus optumates 
sibi amicissimi et in suam salutem bene meriti duarum urbium 
profligati sunt, Cerinthi et Megarae Hyblaeae, id quod jam 
commemoravimus. Ceterum a severis praeceptis, quibus suam 
juventutem aluerat, senex magis magisque recessit, cujus rei 
certa indicia deprehendere possumus. De morte jam diximus 
nihil constare: secutam esse verisimile est paulo post a. 484, 
cum de Megara a Gelone capta audivisset et dolore maesti- 
tiaque consumeretur. 

4. Cum igitur vitam Theognidis paucis adumbraverimus, 
Welckerum aggrediamur opus est, qui prorsus aliter singulas 
res disponat novamque rerum seriem connectat. Theognidem 
enim dicit, ut in libro suo abunde faciat palam, inter exules 
fuisse optumates et scripsisse eo tempore, quo principatus 
eorum post victam pugna plebem restitutus denuo populari 
statui cessisset, qui ad Ol. 89,1 usque teneret. Patrimonium, 
si cum reliquorum turba quod valde dubium una regressus 
esset, recepisset poeta, tunc certe ei iterum demptum esse. 
Quo dum possessores de plebe gaudere, dum honores man- 
dari hominibus a republica antea prohibitis et nobilem adeo 
sanguinem victrici factioni sponte concesso connubiorum 
jure, novorum hominum conjugiis maculatum videret, indi- 
gnationem videri versum fecisse. 



220 



Quid igitur fit? Nonne res mirum in modum discin- 
duntur? 

Profecto multae oriunnir difficultates, quarum gravissumam 
elegisse sufficiat. A. 510 imperium fuit penes optumatesj post 
hunc annum paulatim omnia illa mala irrepsisse in rem- 
publicam Welckerus censet, in quae acerbissime invectus est 
Theognis. At quid fecit poeta ante hunc annum? Nihilne 
scripsit? Sane scripsit: ex exilio misit elegias ad Cyrnum 
V. 1197. Et jam ante exilium 53 — 60: 

Küpvs, TToXi? (xsv 10' -/jSs TcoXic, Xool oE l\ aXXoi, 

Ol TrpoaO' oüie oixa? TJSeaav ouie vofiou?, 

aW ä\L^\ TuXeüpfjai oopa? ai^wv y.aTexpißov, 

eiu) S' toat IXa<poi x^aS' eve|xovTo -ttoXso? 

xal vov eW dyaöoi, IIoXuTCatÖT/ 01 oe irpiv eaOXoi 

vuv BsiXoi* Tia xev taui dvsj^oix eoopwvj 

Qui versus fieri non potest ut ad has dissensiones civil es, 
quas Welcker dicit, referri possint, cum eis plebeji ante has 
perturbationes rure pellibus amicti degisse dicantur, urbem 
haud minus quam cervi fugientes: quod cum ratione historica 
non quadraret quoniam plebeji jam prima reipublicae con- 
versione in urbem ingruebant et diu se in luxuriam et li- 
centiam efFundebant; his versibus apparet describi rerum 
statum, in quo urbs ante exilium Theognidis fuerit. Tunc 
igitur jam ol Trpw SsiXoi dignitatem täv dyaöÄv usurpaverant: 
tunc Theognidi bona vi erepta sunt: 34(5 XP'hV'^'^' Ixouai ßiiQ 
cuXi^aavTS«;. eyü) 8s xuwv eTuepaaa j^apdSpiQv ^(eiiidppo) 7coTa|i,ä> 
TcdvT dTToasiodjxevo?. Tunc Theognis summa penuria vexatus 
illas elegias composuit, quibus ireviTjv vehementissime exsecra- 
retur. 

Quid igitur demonstravimus? Eadem, quae poeta Welckeri 
quidem sententia post exilium perpessus est, jam ante exilium 
perpessum esse, ita ut omnes res tamquam iterarentur. 

221 



At qua necessitate coacti sumus, ut tarn contorte interpreta- 
remur? Num versus extant, quibus hanc rerum iterationem 
significare videatur poeta? Non extant, nuUa urguet necessitas. 
Quamquam non abnuerim cum ea ratione, qua ego vitam 
poetae descripserim, non prorsus congruere praeter Welckerum 
eorum, qui omnino vitam poetae, sive obiter, sive copiosius 
narraverint, judicia et rationem. Fere unusquisque eorum in 
hac illa re suam propriam secutus est viam, quam magis in- 
geniöse, quam acute et ad historicam veritatem accommodate 
nobis proposuit. Sic K. O. Müller: „Bei einer gewaltsamen 
Vertheilung des Grundbesitzes war Theognis, der gerade auf 
einer Seereise abwesend war, des reichen Erbes seiner Väter 
beraubt worden." Sed haec vauiiXiif] (1202), ex quo uno vo- 
cabulo fluxit haec conjectura, est ipsum exilium, quamquam 
nemo hoc e Mülleri verbis conicere potest. 

lam restat, ut coUigam et summatim repetam, de quibus 
rebus scriptum sit. 

a. 56^3? Theognis Megarae natus est. 
543? primum poeta inclaruit. 
533 certamen contra populäres incepit. 
^30—10 bonisque privatus penuriaque confectus exulavit, 
versatus est in Sicilia, Euboeae, Spartae, cum ceteris 
exulibus rediit, plebe proelio victa pristinam recu- 
peravit dignitatem. 
506 Cerinthi nobiles a plebe expulsos elegia questus est. 
484 in Megaram Hyblaeam a Gelone captam elegiam 
composuit. 
Haud multo post obiit. 



222 



II 

De Theognidis scriptis. 

5. Utnim veterum, inprimis Xenophontls et Isocratis de 
Theognidis poesi judicia sequerer an nostratum vestigia in 
re perquam controversa ingrederer, diu multumque dubitavi. 
Illos enim aetati ejus propiores nescio an verisimilius sit de 
eo rectius judicasse, quam nos recentiores viros: quibus non 
minus obstat, quod eis e misera carminum farragine conicien- 
dum est, non e totis integrisque carminibus, quam illud, quod 
apud veteres scriptores, ut docuimus, cum de ejus temporibus 
patriaeque conditione, tum de ejus vita manca et rata est 
memoria. 

Cum vero nuperrime in quaestionibus Theognideis diutius 
versatus essem et ipsius Theognidis reliquias identidem per- 
lustrassem, neque illis neque his omnibus in partibus suffra- 
gandum esse mihi persuasi. 

Ut enim paucis complectamur, quae veteres diversis anti- 
quitatis temporibus de Theognideae poeseos genere judica- 
verint: Isocratis aetas in eo magistrum morum severissimum 
viditj in ejus libro oüYYpafifxa Tcepl dv&paÜTCüJv vel icspl apstr^? 
■ml xaxia? (Xen. in Stob. Serm. 88, p. 499) (a. Rand: Piaton. 
cf. leg. I p. ^30. Isocrat. ad Nicoclem c. 12), qui über jam in 
puerprum discentium usum abiit, fortasse ne integer quidem, 
sed sententiarum excerpta, quae memoriae mandare discipuli 
jubebantur (a. Rand: Isoer. ad Nicocl. init. Aeschin. c. Ctesiph. 
p. 525 Reiske). Ex qua libri fortuna nescio an omnium veterum 
judiciorum, quae post Xenophontem prolata sint, caussae 
repetendae sint. Cum enim pueri litterarum adhuc rüdes ut 
Theognidi operam darent ediscendo coacti essent et ex eo 
quasi omnis doctrinae elementa haurire jussi essent: factum 
est ut Theognidis versus quidem in vulgarem et cotidianum 
usum abirent et saepissime in sermone citarentur, id quod 

223 



nos e veterum scriptis cogQOvimus, in quibus hie illic aliqua 
Theognidis sententia laudatur — poetam vero Theognidem, 
non magistnim fuisse mox obliti esse videntur veteres. Unde 
recte intellegi possunt Plutarchi verba in aud. poet. c. 2 p. lö, 
qui Theognidis dicit sententias (yvcDjxoXoYia;) esse Xo^ou?, qui 
ut solutam orationem effugiant metro et numero pro vehiculo 
{6y7i\i.a.) utantur. Accedit quod integra Theognidis carmina 
paulatim prorsus evanuerunt, cum pueris ex iis nihil utile esse 
censerent nisi has excerptas sententias: quis vero vir non se 
indignum habuit iterum ad puerorum rudimenta accedere? 
Id quod dilucidis verbis dicit Dio i p. 74: 09' wv (OeoYvioo?, 
<I>(üxüXiooi)) Ti äv üxpsXiQÖ^vai ouvaixo dv?jp intXv ojjloio?^ 

Ex hac carminum fortuna caussa est repetenda, cur nobis 
carmina in miserrima conditione, disjecta et interrupta, mixta 
cum parodiis aliorumque poetarum versibus tradita sint: Quo 
vero tempore homo sciolus, qui litteratum egit, versus Theo- 
gnidis ex aliis scriptoribus et ex illis sententiarum excerptis 
collectos in unum congesserit, de hac re id unum statuam 
jam Stobaeum librum in eandem formam redactum, qua nunc 
exstaret, manu trivisse: cui, quod a Bergkio accurate doctum 
est, etiam id addam nullo pacto id esse factum ante Cyrillum 
(433)5 hie enim Theognidem fatetur scripsisse ^P^'^iofiad^ 
^iXd xai xsxojX(|;£ü(i£va tizoid irsp av xal xiTÖai xupioi? xai [it]v 
xal TraiSaYcoyol (paiev av voudsxouviei; xa [isipdxia. Quibus ex 
verbis apparet quantopere ille Theognis quem Cyrillus tan- 
quam nutrimentum infantium censuit, ab hoc Theognide ab- 
horruerit, quem hodie, mixtum cum amatoriis, potoriis, quin 
etiam obscenis fragmentis, ex rudi et indigesta conflatum 
farragine habemus. 

Ut igitur, cur a veterum de Theognide judiciis recedendum 
esse censeam, paucis expromam: nemo, quoad sciam, tempora 
quibus floreret poeta ejusque vitam perscrutari studuit, nemo 
legit Theognidem, ut ejus poesi delectaretur, sed plerique ut 

224 



sententias morales ex eo carperent et ediscerent. Nemo 
denique operam dedit, ut carmina incorrupta et integra ad 
posteros transirent: Theognidi vero id contigit, quod Horatius 
a se deprecatur: Sat. i,io An tua demens Vilibus in ludis dictari 
carmina velis? Non ego. — 

6. Priusquam nostris temporibus memoria rerum antiquarum 
adhiberetur ad Theognidis reliquias recte intelligendas, fieri 
non potuit quin docti homines perverse de Theognide judi- 
carent: quamquam non tam perverse, quam eis judicandum 
esset, nisi pudor restitisset et nimia quaedam antiquitatis 
aestimatio quominus clarissimo Graecorum poetae obtrecta- 
rent. Unus omnium Goethe ingenue quid sibi ipsi visum 
sit de Theognide, ingenue hisce verbis profitetur (Goethe, 
ges. Werke, Band V, 549): So erinnre ich mich ganz wohl, dass 
wir uns in jüngerer Zeit mit dem Theognis zu wiederholten 
Malen abgequält und ihm als einem pädagogisch gesinnten, 
rigorosen Moralisten einigen Vortheil abzugewinnen gesucht, 
jedoch immer vergebens, deshalb wir ihn denn abermals bei Seite 
legten. Erschien er uns doch als ein trauriger griechischer Hypo- 
chondrist. Denn wie konnte wohl eine Stadt, ein Staat so ver- 
derbt sein, dass es den Guten durchaus schlecht, den Schlechten 
gewiss gut gienge, in dem Grade, dass ein rechtlicher, wohl 
denkender Mann den Göttern alle Rücksichten auf red- 
liches und tüchtiges Wollen abzusprechen verharrte? Wir 
schrieben diese widerwärtigen Ansichten der Welt einer 
eigensinnigen Individualität zu und wendeten unsere Be- 
mühungen unwillig an die heiteren und frohsinnigen seiner 
Landesgenossen. 

Sed ipse Goethe egregie, quantopere suam mutaverit sen- 
tentiam, cum res Megarenses poetaeque casus ex bonis histori- 
cis cognovisset, his verbis expromit: „Nun aber, durch treff- 
liche Alterthumskenner und durch die neueste Weltgeschichte 
belehrt, begreifen wir seinen Zustand und wissen den 

15 Nietzsche I 22C 



vorzüglichen Mann näher zu kennen und zu beurtheilen. Megara, 
seine Vaterstadt, durch Altreiche, herkömmlich Adlige regiert 
und im Laufe seiner Zeit durch Einherrschaft gedemüthigt, 
dann durch Volksübergewicht zerrüttet. Die Besitzenden, 
Gesitteten, häuslich und reinlich Gewöhnten werden aufs 
Schmählichste öffentlich bedrängt und bis in ihr innerstes 
Familienbehagen verfolgt, gestört, verwirrt, erniedrigt, be- 
raubt, vernichtet oder vertrieben, und mit dieser Klasse, zu 
der er sich zählt, leidet Theognis alle möglichen Unbilden. 
Nun gelangen dessen räthselhaften Worte zum vollsten 
Verständniss, da uns bekannt wird, dass ein Emigrierter diese 
Elegien gedichtet und geschrieben. Bekennen wir nur in 
ähnlichen Fällen, dass wir ein Gedicht wie Dantes Hölle 
weder denken noch begreifen können, wenn wir nicht stets 
im Auge behalten, dass ein grosser Geist, ein entschiedenes 
Talent, ein würdiger Bürger aus einer der bedeutendsten 
Städte jener Zeit, zusammen mit seinen Gleichgesinnten von 
der Gegenpartei in den verworrensten Tagen aller Vorzüge 
und Rechte beraubt ins Elend getrieben worden. 

Cui judicio cum in Universum suiFragandum esse censeam, 
non dubito quin in singulis hujus judicii partibus hoc illud 
accuratius atque clarius expromi possit: quin etiam error inest 
in verbis et ille quidem in ipsa re, quod Goethe omnes elegias 
ab exule poeta compositas esse arbitratur, cum ne major quidem 
pars earum in exilio scripta sit. Sed facile est intellectu, unde 
fluxerit hie error: et jam attigimus, quod copiosius explicare 
et in clariore luce ponere harum erit paginarum. 

In quatuor igitur locis deinceps explanandis primum versa- 
bitur nostra oratio: censeo enim 

1. Theognidem suis carminibus ad Cyrnum compositis non 
inscripsisse yvwjxoXoYiav neque Yvio^xa? izpbc, Kupvov, 

2. Has elegias non esse compositas certa et circumscripta 
vitae ejus parte, 

216 



3. Immo vero his elegiis poetam in omnibus vitae aetatibus 
afFectus suos animique sensus expressisse, nunquam autem id 
egisse, ut praecepta daret magistri loco, 

4. Item carmina convivalia et potoria non esse ad certam 
vitae ejus aetatem referenda. 

7. Primum quem dixi locum, quamquam jam Welcker eum 
propemodum ita expedivit, ut nihil mihi relinqueretur quod 
adjicerem, tarnen a Bernhardyo hisce verbis „überlieferter 
Titel YvÄjjiai izphc, Kupvov" perturbatum miror. Si vero quae- 
ritur, cur diutius in hac re levissima, quam significasse sufficiat, 
verser: cum poesin Theognideam non fuisse gnomicam de- 
monstrare conemur, primum inscriptionem solitam, qua vulgo 
libellus fertur, opus est avellamus, ne quis futilissimo hujus 
tituli argumento utatur ad demonstrandum, gnomicam esse 
ejus poesin. In brevi Suidae ad Th. adnotatione hae ad 
Cyrnum elegiae ter memorantur diversis semper nominibus 
„Yv&jjiai TCpo; Kupvov, YvwjjioXoYia, irapaiveasic", cujus testimonio 
nemo dubitabit quin nihil sit adtribuendum, cum sibi non con- 
stet et mirum in modum in hoc nomine fluctuet. A Plutarcho 
carmina Theognidea yvcojxoXoYiai vocantur, a Stephano Byzantio 
et Aphthonio icapaiveasic Ac redeundum est ad ea, quae de 
Theognideorum fato in hujus capitis initio dixi: his titulis 
(p&jjLai, YVü)|jLoXoYiai, Tzapaivia&iz) significantur illa sententiarum 
excerpta, quae memoravi. 

Antiquissimum de inscriptione controversa testimonium 
exstat apud Platonem in Menone p. 9$'- ^- ösoyviv t6v 
TtoiTjr?]v ola^' Sil Tauxa xauia Xsysi; M. ev icoioi? STreoiv; 
2. ev TOI? eXe^eioi?, et sequuntur versus, qui etiam nunc 

leguntur. 

De his verbis scrupulum injecit Schneidewin, cum ex inter- 
rogatione Iv ttoioic Itcsoivj et ex responso ev toi? eAeyeioi? 
conjiciendum esse diceret Theognidem etiam alius generis 
carmina praeter elegias scripsisse: quod valde dubium, immo 

15* 227 



vero rejiciendum est, dummodo recte interpretemur: ev tcoioi; 
Ittsoiv} in qualibus versibus? (ut Arist. Nub. 6ß) vel in quali- 
bus sententiis? (ut Ar. Thesm. 113, Av. 507). Si vero haec 
verba eam vim, quam Schneidewin vult, haberent, ofFenderem 
in ev 7:0101c sTueaivj scriberem potius „ev tcoiw vel ev xivi e7r£i"j 
„in quo poemate"? Scilicet non prorsus congruit responsumj 
sed haec respondendi ratio est usitatissima in familiari sermone. 

Cum igitur Plato, quem integra cognovisse carmina per- 
quam est verisimile, illa eXeysta vocet, non est cur dubitemus, 
quin hoc nomine ipse Theognis inscripserit sua carmina. 
Alios vero titulos jam recte vidit Welcker non indices esse 
libro alicui peculiares, sed varia gnomicae poeseos vocabula. 

8. Progredimur ad alterum locum, quem gravissimum puto, 
cum in eo plerumque peccatum esse videatur: ita ut ipse 
verear, ne in hac re contro versa peccem. 

Goethe — vel Weber, cujus sententiam secutus est — has 
ad Cyrnum elegias ab exule poeta compositas esse censet, 
Welcker ab aetate provecto ac laborante inopia, cum ex exiiio 
rediisset, simili modo Bernhardy: Dass Theognis die Gnomen 
im hohen Alter abfasste, darf man aus Stellen wie 527 nicht 
folgern, sondern nur nach dem Ton der geselligen Lieder 
1077 if. ii3ifF.j C. O. Müller post exilium, cum Theognis 
labores et certamina, quae multo ante perpessus esset, 
describeret. En, tanta est inter viros doctissimos de hac 
re judicii differentia. Unus omnium optime — Duncker, 
Gr. bist. — quamquam de Theognide non seorsum agit, 
videtur in eandem sententiam abire, quam ego valde probo 
et solam probabilem mihi persuasi: Theognidem per totam 
vitam facta sensaque singulis aetatibus consignasse et his 
elegiis mandasse. Quod facere non possum quin ita de- 
monstrem, ut elegiarum fragmenta, quas certa vitae aetate 
scriptas esse per se intellegatur, eligam et inter se connexa 
proponam. 

228 






ante exilium conscripti 



V. 53 — 58 ut jam docuimus 

183 — 90 
1109 — 14 

173 — 85 

833 — 3^ 
1103 — 4 

(elegi sola talia fragmenta, in quibus nomen Cyrni exstat, ne 
quis dubitet, num vere haec fragmenta ex illis ad Cyrnum 
elegiis sint sumpta) 

^' ^ y [in exilio conscripti 

1197 — 1202 j 

y- 549—54 ] 

805 — 10 J post exilium conscripti. 
783 — 88 i 

Maximam harum elegiarum partem bis temporibus esse com- 
positam non abnuerim, quibus Theognis acerbissimis calami- 
tatibus afflictus, de sua reipublicaeque salute desperans asperis 
urguentibus doloribus saepissime in poeseos tanquam portum 
confiigeret: i. e. ante exilium. 

9. His quae modo scripsi jam tertium iilud, quod proposui, 
breviter attigi, quod quidem, si recte video, sponte sequitur, 
dummodo alterum locum recte explanaverimus. 

Apud veteres Graecos carmina elegiaca ad modos tibiae 
vel etiam ad lyrae canebanturj fuit enim apud illos maxima 
poeseos cum arte musica conjunctio et necessitudo. Qui usus 
Theognidis aetate nondum evanuit, cum ejus carmina aiFectus 
et motus animi exprimerent ideoque cantui essent accommo- 
data. Habent igitur etiam Theognidis ampliora fragmenta id 
sibi proprium, ut ab animo commoto et affectibus incitato 
proficiscantur: in plerisque enim his reliquiis, in quibus non 
sola sententia moralis inest, expressum videris vel aliquem 
dolorem acerbissimum vel iram in plebejos inexstinctam vel 

229 



patriae exilio ademptae desiderium vel curam de Cyrni salute 
sollicitudinemque. Nunquam vero cognoveris magistrum 
severum morosumque qui id unum agit, ut praecepta dis- 
cipulum doceat. Id quidem non est infitiandum multas res, 
quas memoret Theognis, jam in se habere aliquam doctrinam; 
quin etiam nihil magis ille videtur metuisse, quam ne adules- 
cens Cyrnus, quem ut filium diligebat, ab optimatium prae- 
ceptis vitaequae genere degeneraretj qua re eum quam gravis- 
sime monet, ne unquam a via, quam semel ingressus sit, abscedat: 
sperat per hunc adolescentem vetera nobiUtatis instituta, quo- 
rum acerrimus est propugnator, propagatum iri neque ab- 
surdum nescio an videatur, quod Theognidem cum illo 
Schilleri Posa comparo, qui totus in rerum humanarum studio 
versatus in amico Carolo eum hominem adamet, quem ali- 
quando sua consiHa speret machinaturum esse: qua re non 
dubitat suam vitam hisce consiliis huicque amico devovere. 

Equidem cum talia in legendo Theognide animo volvere 
soleam, nullo pacto gnomicam invenio poesin: quamquam 
lubenter unumquemque concedo, qui non historiae cognitione 
institutus accedat ad Theognidem, aliquid simile se invenire 
putaturum esse, ac Salomonis proverbia, quibuscum re vera 
Julianus contulit Theognidea. Qua re non est supervacaneum 
Goethii verba describere, quae ad haec, quae dixi, pulcerrime 
pertineant: „Wir sind gewohnt, die Aeusserungen eines Dich- 
ters, von welcher Art sie auch sein mögen, ins Allgemeine 
zu deuten und sie unsern Umständen, wie es sich eben 
schicken will, anzupassen. Dadurch erhalten freiUch viele 
Stellen einen ganz andern Sinn, als in dem Zusammenhang, 
woraus sie gerissen j ein Sprichwort des Terenz nimmt sich 
im Munde des Alten oder des Knechtes ganz anders aus als 
auf dem Blatte eines Stammbuchs. 

Qua re longe a Plutarchi judicio abhorreo, quod nuper 
TeufFel his verbis approbavit: „doch hat schon Plutarch den 

230 



wesentlich prosaischen Charakter seiner Dichtung richtig er- 
kannt." Contra, si quid videtur in ejus reliquiis sententiosum 
— neque paucae esse videntur solius argumenti sententiosi — 
ego id doleo quod tales versus, ex connexu et ordine genu- 
ino separati, quando et quibus in casibus a Theognide com- 
positi sint, jam non potest perspici. 

10. lam ultima restat quaestio quamvis non levis, quae de 
carminibus convivalibus potoriisque agit. Id quidem facillime 
potest demonstrari haec carmina diversis temporibus esse con- 
scripta, si exceperis senectutemj e qua jam a natura plerum- 
que exclusa videtur jocosa hilaritas amorisque gaudia. 

v. 1119 — 22 



773 — 82 

1153 — 54 
1017 — 22 
1129 — 32 



ab adulescente compositi 



I ab adulto juvene 

^ c^ \ Spartae ab exule. 

879 — 84 j ^ 



In nuUo carmine convivali cum nomen Cyrni, percrebrum 
in Omnibus aliis elegiis, exstet, jam inde concludere possum, 
id quod Welcker concedit „non locum habuisse in gnomo- 
logia illa carmina": omnino autem poetae non licuit ad adu- 
lescentem, quem optimis praeceptis informare voluit, dedicare 
carmina potoria et amatoria. Sed Welcker ne seorsum qui- 
dem haec carmina edita esse, cum tota fere antiquitas de eis 
taceret, et Theognis a Dione, scriptore illo peritissimo, ab 
amatoriorum et convivalium carminum poetis aperte discerne- 
retur, affirmat. Narrat enim Alexandrum rogatum a patre, 
quid esset quod solum e poetis Homerum legerer, respondisse 
non omnem poesin regem decere. xa (xlv ouv aXXa Troi-^fxaia 
eY">"C2 "^Youixai, xa (jisv cjujjLTtoxixa aoxÄv, xa 8e epcoxixdt — tow; 
8*^ xiva auxÄv xai o"/][jLoxixa Xeyoix' äv, au[ij3ouX£uovxa xai izapai- 

231 



vouvxa Tot? TcoXXoi? xal iBiuiiai?, xadduep oI[xai ta OcdxuXISoü xat 
6£6yvi8o;. Sed etiam hoc Judicium referendum est ad illa ex- 
cerpta, quae sola ex toto Theognide nota erant: ita ut ex 
bis verbis nibil possit conici de convivalium carminutn fide. 
Neque tacet tota antiquitas de bis carminibus, cum Atbenaeus, 
ut erat antiquarum rerum diligentissimus scrutator, Tbeognidi 
adscribat v. 917 — 22 et v. 1057— (5o bis verbis usus: vjv Se xal 
6 Oso^vi«; TUEpl -^ouTrdOeia, (b? auxö? irepi aöiou cpirjai 8id to6tü)v. 
Scilicet nondum tunc erat omnium reliquiarum farrago in 
banc formam redacta, quia Atbenaeus si baecce fragmenta 
babuisset, quae nos babemus, e quibus multa melius probant 
Theognidem non abborruisse a voluptatibus, certe bis usus 
fuisset. Certa quidem argumenta id mibi confitendum est 
deesse mibi, quibus probem baec carmina convivalia vere 
profecta esse a Tbeognide: sed non est, cur omnino de bis 
dubitemus et pulcriorem fragmentorum partem abjudicemus, 
cum res esset perquam mira, quod carmina bilariora incerti 
auctoris Tbeognidi ipsi, quem babebant severum morum 
magistrum, adscripta fuissent. Valde igitur etiam Bernbardyum 
gaudeo fere in eandem sententiam locutum esse 11,457: Ausser- 
dem besitzt der sympotiscbe Tbeil eine Güte des Vortrags 
und eine solche Lebendigkeit, dass man ihn nur den jugend- 
lichen Jahren des Theognis zutrauen darf." E quibus verbis 
apparet hoc unum etiam Bernbardyum baec carmina Tbeo- 
gnidi auctori adtribuere. — Suo vero jure Welcker ultimam 
Theognideorum partem amatorii argumenti ex uno codice 
ceteris fragmentis additam adulterinam censuit, quoniam baec 
carmina incerti auctoris e Suidae verbis ,7vÄjxai irpö? Kupvov 
t6v 0s6yvi8o? £pu)|jLevov' Theognideis asserta sunt: a qua sen- 
tentia longe abhorreo. Cf. Welcker C. II, Bernhardy II, 458, 
C. O. Müller. 

II. lam de Theognideae poeseos ratione in Universum dis- 
putavi: pauca addam de artibus, quibus ille usus sit, ut 

232 



demonstrem non tarn jejunum, tarn frigidum, tarn aptum ad 
orationem solutam esse Theognidem, quam veteres et in- 
primis Plutarchus judicaverint. 

Primum colligam imagines similiaque e Theognide sumpta. 

114 malus portus (plebejus homo) 

105 in mare serere (x6v xaxov su iroietv) 

657 — 82 cf. 855 navis periclitans (res publica) — quod simile 
pulcerrime per singulas partes est expolitum. 

83 in una nave (facile omnes bonos complexus sis) 

970 navem evitare navem (falsus et subdolus amicus per- 
stringitur) 

457 — 60 navis, gubernaculum, ancora portus (feminae fides) 

575 gubernator scopulum vitat (ego inimicos) 

— Jure miraris tarn crebro poetam usum esse rebus nauticis 
in suis similibus: cujus rei causa ex florentissima Mega- 
rensium mercatura et navigatione repetenda est. 

^6 cervi (rustici quondam) 

949 cervus et leo (ipse post reditum) 

293 — 94 leo non semper carne vescitur (nobiles penuria pressi) 

1057 — öo asinus et mulus (duo stadiodromi) 

847 bestia, cui calcaria et jugum imponenda sint (plebs) 

257 equa loquitur (amica nobili genere) 

983 equi per agros frumenti plenos (tam celeriter fugit 

Juventus) 
811 volucris (puella amica) 

1097 ales ex lacu volitans (Cyrnus plebejum hominem fugiens) 
993 luscinia (clara voce canere) 
347 canis ex torrenti servatur (ipse ex periculis) 
602 serpens in sinu (subdolus amicus) 
537 non crescunt ex caepis rosae et hyacinthi (non e plebejo 

nobilis homo) 

— Megarenses clari erant caeparii Schol. Arist, Pac. 245. 
Plin. XIX, 5, 30, XX, 9, 40 

233 



— in agris Nisaeae multae rosae Nicandr. ap. Athenae- 
um XV, 491 

215 polypus (amicus dexter) 

$68 lapis et terra (homo sepultus) 

175 monstrum in mare jaciendum (penuria). 

Inducuntur a poeta ut personae: 

ilTzk ms ttlotk; 1137 ttXouto; 523, 1117 

aw^poauvT^ 1138 iroXi? (xusi) TCSvia 351 

oivoc 873 rn 9 OctXaoact 10. 

Loquentes facit Theognis: 

hominem plebejum Aithonem 

dilectam puellam — equam — . 

Hasce res fabulosas vel personas attingit poeta: 
UJixem 1123 Alcathoum, urbis heroa Rhadamanthyn 701 
Sisyphum 702 Nestorem 714 Harpyias 715 

Centauros 541 Boream 716 Castorem Pollucemque. 

12. Cum igitur paucis artes quasdam exemplis docuerimus, 
restat ut ad diversa ejus poeseos genera accuratius explicanda 
transeamus. In quo negotio sie versabimur, ut disserendi 
initium a carminibus convivalibus faciamus. 

Etiam apud Megarensium nobiles aeque atque Spartae sys- 
sitia antiquitus instituta videntur similesque in eis leges ob- 
servatae. 56}— 66, 309-12, c.Welcker prl. et Grote, bist, of 
Gr. Ex bis nobilium circulis quasi nata est Theognidea elegia: 
ita ut ex illius reliquiis imaginem talium conviviorum animo 
concipere possimus. Cum convivae cibo satiati sunt 994—1002, 
infundunt pocula, deis libant, inprimis Apollini preces et 
cantus adhibent 943—44. Dein illa sequitur convivii pars, 
quam -/c5[jlov dicunt, musicis artibus jocisque bilaribus omnino 
dedita. Singuli autem convivae deinceps ad modos tibiae 
elegias canere solent, in quarum numero paene omnes Theo- 
gnideae ponendae sunt. Videtur autem Theognis talium 
carminum argumenta — quae in varias et diversas classes 

234 



descripseris — de media vita communi et inprimis de medio 
convivio, ut ita dicam, desumpsisse, cum haec ad convivarum 
sensus afFectusque movendos essent accommodatissima. Etenim 
modo Theognis suaviter et urbane cum amicis jocatur, veluti 
cum eos ad convivia et compotationes invitat 1047 — 48, 
997 — 1002, 879 — 84, modo hymnos in deos canit vel preces 
facit 

I — 4 in Apollinem 5 — 10 iterum in Apollinem 

II — 14 ad Dianam 15 — 18 in Musas Charitesque 

337 — 40, 341 — 50 ad Jovem 757 — yöS ad Jovem et Apollinem 
773 ad Apollinem ad Castorem Pollucemque, 

quorum pulcerrimum est alterum Carmen ad Apollinem, quod 
descripsisse juvabit: 

Ootße ava^, oie [xev as Osa xexe tcotvicc Ayjtw, 

döavdTtov xdXXioTov, kizl xpoyo^ili'i Xifivi^, 

Traca \i.h IttXi^oöyj A'^Xo? drcsipsoiY] 
oZiLT^c, d(xßpoaiTj<;, eysXaaoe 8e yaXa TreXc&pTj, 

-f^ÖTTjasv OS ßa&u? ttovto? dXo? 7:0X1-^?. 

Modo vini usum suaviter comm.endat velut 929 aut omnino 
cohortatur ad juventutem ingenue fruendam 877, 983—88 vel 
ejus fugam acerbissime dolet 1017—22, 1129—32. Id vero, quod 
monui de connexu et necessitate poeseos cum musica, videtur 
omnino singularem in modum ad Theognidem pertinere, ut 
non ullum antiquitatis poetam sciam, qui subtilius de musicae 
efFectu scripserit. Unde factum est, ut haud minima convi- 
valium carminum pars in laudanda musica versata miram con- 
jungeret suavitatem et dulcedinem cum sententiarum vi et 
fervore. Veluti cum Orcum describit et in eo se musicam 
desideraturum maxime dolet ^y^ — 78. 531—32. 533 — 34. 944. 

Ad certamen inter convivas crebro exoriens referendi sunt 
V. 405—7, 993 — 9(5, 1087—90. 

235 



In conviviis erant usitatissima scoliorum et scirporum 
genera, quae quoque Theognidem tractasse documento sunt 
25S—56 

KdXXioTov TÖ Sixaioxaiov, X(I:otov 5' ÖYiaivetv, 
Tcp^YF""® ^^ TSpTuvoiaTov, Tou Ti? epa, xo Tuj^etv 
et 1229—30 ab Athenaeo servati 

"HSvj -(dp [Jie xexX'/jxe öaXdooio? oixaoe vsxp6?, 
TsdvYjxux; Cww cpd£YY<5{i.evo(; oiöfxaTi. 

Etiam in aliis versibus scirpum latere veluti 1209, 949—54 
sibi videntur investigasse docti viri: quamquam non est, quin 
hos versus simplici modo explicemus. 

Praeter has elegias, quarum argumenta in communi omnium 
conviviorum natura versantur, Theognis etiam elegias ad certos 
casus eventusque composuit, in quarum praestantissimis frag- 
mentis rem tractat amatoriam. Adamavit enim puellam, cujus 
parentes non ei, sed plebejo homini favebant: videntur igitur 
in eorum nobilium numero fuisse, quorum animum degene- 
rantem et solis opibus inhiantem acerbe Theognis perstrinxit. 
Nihilosecius puella nobilem virum quamvis pauperem praetulit 
et cum eo, quando aquam e fönte hauriebat, convenisse mihi 
videtur. Tum vero 

svOa [xsoYjV Tispl uaiSa ßaXu)V aYxwv' ecpiXirjaa 265 — 66 
Ssip-^v, 7] §£ Tepsv «pOsYT^"^' ^^^^ oTÖiiaio?. 
In hac elegia amatoria saepius puellam loquentem facit: 
"Itztzoc, k^di xaXv] xal dsöXiY], dXXa xdxiaxov 257 — 60 

dvSpa (fipo) xai {loi xoux' dviYjpoxaxov. 
HoXXdxi 8" 7](jLeXX"/]aa Biap^'^^aaa j^aXivöv 

(peuYSiv, ü)oa|jL£VY] x6v xaxov -^jvioj^ov. 
'Eyßaipia xaxov dvBpa, y.a'ku'ha\iirfi Se 7:dpsi[JLi 579 — 80 

ajjLixpTj? öpviOo? xoücpov lyouaa voov. 
Ol [xs 91X01 TupoSiSouai xal oux eOsXooai xi Souvai 861— Ö4 
dvopwv cpaivojjL£V(j)v. dXX' k'(oi auxo[JLdxYj 

236 



TJfxo? dXexTpu6v«)V cpdoyYo? eY£ipo[j.ev(üv. 

Eandem puellam nescio an postea in matrimonium duxerit : 
Jaudat quidem matrimonium cum nobili muliere initum. For- 
tasse ei nomen Argyridis erat. 

OuSev, Kupv', dyaOTJ? YXuxepc&Tspov eati yuvaixo?. 1225 — 16. 

{idpTU? lyu), Ol) S'e[xol yivoü ctXYjöoauvY]?. 
Mi^ (x' dipeXw? TcaiCooaa cpiXou? BevvaCe xox^a?, 

'ApY^pi' 001 (Jisv ydp 806X10V vjiiap eiri. 
'H[xiv 0' dXXa [xev eoti, yuvai, xaxd tcoXX', stcsI ex y^^ 

cpsuyofxev, dpyaXsY] S' oox Itti 8oüXoo6vy], 
Ou5' "^jfiac TCspvaoi. 7u6Xic ys (j,ev eati xal Tjfjitv 

xotX*^, Avjöaiü) xsxXifxevY] ireSico. 

Praeter hanc elegiam scripsit Theognis ante exilium do- 
minatione plebis depressus elegiam ad Simonidem, quam jam 
commeravimus, 66y — 82 eo tempore, quo statum reipublicae 
tecte significare et imaginibus circumscribere licuit. 

Bou? (101 em yXu>ao7j xpaxspoi iroSi Xd^ STtißaivwv 
layei xwiiXXetv xaiTtsp eTciaidfxevov. 

Exul Theognis ad Clearistum scripsit, qui ad eum penuria 
laborans venit et ab eo benigne exceptus est, 511 — 22. Alii 
exuli mare ingressuro omnia fausta precatur.öpi— 92. 

Democlem monet, ut paupertatem modice ferat, 923 — 30. 
Omnino videntur exules optumates ad vitae mollitiam luxum- 
que adsueti gravius tulisse opum angustias exiiiique acerbi- 
tates. 

Ar^fiÄva^, ab 8s iroXXd cpepsi? ßapu, oo ydp eTciaxiQ 
tout' IpSeiv, oxe 001 {Ji9] xctxa&ujxiov -^. 

597 — 98) 599 — <^o2 i^ amicos infideles invehitur, quorum 
animum subdolum verisimile est exulem expertum esse. 

Post exilium, ut jam diximus, nobiles Cerinthi a plebe 
victos elegia deploravit, cujus quatuor exstant versus 891—94. 

237 



Homo, aliquando popularis, post nobilium reditum in Theo- 
gnidis gratiam irrepere studuit, quem acerbe rejecit. 453—56. 

Quid significent v. 1209—10, adhuc a nullo interprete est 
explanatum. 

13. Denique, quod attinet ad elegias Cyrno dedicatas, ad 
quas nunc progredimur, non est dubium, quin poeta, cum 
singulas scriberet, nondum in mente habuerit, ut has collectas 
et in ordinem redactas postea aliquando ederet: id certo 
factum est: etenim versus extant (19 ss.), quibus Theo- 
gnis se tarn quam sigillum suis carminibus imprimere profite- 
atur, quo facile discernantur ab adulterinis. Accedit quod e 
Xenophontis ap. Stob, verbis conjiciendum est hos versus 
initium elegiarum fecisse itaque tamquam titulum esse in 
fronte totius libri positum. Quos versus a sene Theognide 
compositos et carminibus cum institueret ea in lucem pro- 
ferre additos crediderimj praesertim cum i) se aocpiC6[Jt£vov 
vocet, id quod solus senex sine arrogantia dicere debuit. 
Dein 2) non est dubium, quin nullo pacto adulescens scribere 
potuerit: Trdviac Be xai dvOpioTrou? dvojxaaio? daiotaiv 8r] outcü) 
Tcaaiv dSeiv Suvajjiai. Laudem poeticae virtutis non est verisimile 
jam ante exilium eum tota Graecia assecutum esse: accedit, 
quod illud outuw nondum eum sibi et optumates et populäres 
conciliasse significat, quod demum post exilium senex quaesivit. 

Priusquam autem argumenta, in quibus hae elegiae versen- 
tur, deinceps complectar, de Cyrni Theognidisque consuetu- 
dine pauca dicenda sunt. Welcker quidem Cyrni allocutionem 
ad solam libri formam pertinere dicit, cum Theognis K6pv£ 
non proprium, ut videatur, nomen, sed vetus appellativum, 
quo ipso fictio prodatur, frequentet. Ac profecto qui apud 
lyricos quoque poetas obtineret mos, ut amico blande com- 
pellando speciem quandam rei non lictae, sed verae efficerent, 
qua maxime moveretur affectus vel quo vellent animo sensa 
sua excipi significarent, quasi non alienissimo cuique, sed 

238 



amicis tantum penetralia pectoris aperientes, eum gnomicae 
poesi magis etiam convenisse. Mitigato enim per paternae 
benevolentiae significationem praeceptorum severitate facilius 
illa se in juvenum animos insinuare. 

Ab hac sententia quam longissime abhorreo, cum nihil minus 
ad hanc imaginem, quam nobis de Theognide informaverimus, 
aptiim sit, quam illud Welckeri. Non erat praeceptorum 
magister: non finxit personam, quam blande compellaret, ut 
hoc modo praecepta facilius se in adulescentium animos in- 
sinuarent: omnino non est habendus in gnomicorum poetarum 
numero: id quod jam demonstravimus. Contra multa sunt 
iUius interioris, quam dixi, consuetudinis iudicia. Quod enim 
Theognis modo patris, modo fratris, modo amici afFectum 
erga Cyrnum hie illic profiteri videtur, id referendum est 
ad diversas utriusque vitarum aetates, quoniam aliquando fit, 
ut ei, qui alter consulentis patris, alter adulescentis partes 
tamquam egerunt, seniores magis magisque hanc aetatis difFe- 
rentiam obliviscantur et amicitia inter se conjuncti paulatim 
tamquam annorum intervalla videantur coarctare. Cyrnus 
igitur erat, ut recentiores editores Welckero excepto con- 
sentiunt, Polypai filius FIoXuTCatSYj^j Welcker autem nomen 
proprium et patronymicum et in deorum invocationibus et 
in hominum alloquiis conjunctum dicit inveniri ut FXauxe 
AsTriivew Trdi, 'EpaajjioviSY) XapiXae apud Archilochum, FXaux' 
'EtcixuBsiSy] in oraculo apud Herod. VI, S6 et ahis locis. Id 
quidem fieri potest, non opus est, quod ex multis Homeri 
locis, TuoeiSv] IJ. E. i8, 134, 303 et sexcenties, AiYuoTidS-/) Solon. 
Diog. Laert. i, 66 intelligas. Primus demonstravit Schneidewin 
noXüTcatSr^v esse patronymicum Cyrni (del. Lyr. Graec. pol. 
ad Theog.). Fortasse etiam hoc non est omittendum, quod 
Theognis lusu verborum usus Cyrnum admonet, ut iroXuTrou 
opYTjv habeat, in quibus verbis est nominis significatio IloXuTrdoü 
vel IIoXuTroü. 

239 



Cyrnum vero in nobiJium circulis perquam fuisse dilectum 
et carum docent v. 6$$ — 6 aov aoi, Kupvs, 7ra86vTi xaxÄ? dviui- 
fieOa Tcdvxe?. 

Adulescens videtur aliquamdiu dubitasse, num se Theognidi 
ascisceret, ita ut ille nesciret, quid sibi esset faciendum, et 
miraretur, cur Cyrnus non ingenue, quae sentiret, profiteretur. 

M*^ (A eTceoiv [xev axipys, voov 8' ej^e xal cppeva? aXkac.j 

£1 (JL£ cpiXet? xai aoi Ttioxoc, eveaii voo?. 
dXXd cpiXei xaöapov {>£[j,evo? v6ov tJ jjl* d'iro£i7Cü)v 

iybaip, d|i<paoi7jv v£ixo? d£ipd(i,Evo<;. 
aXkd 001 dXXoipiov xyjSo? e(f)Y]|ji,£piov. 
aüidp eywv dXiyr^? Trapd 0£Ö ou xuyxdvü) ai8ou?, 

dXX' wa7C£p [xixpöv TcaiSa Xöyoii; (x' dTuata?. 

Cum ingruissent rei pubiicae tempestates, eum identidem 
admonuit, ut mediam inter partes viam sequeretur 331—32, 
219 — 20, neve gravius ferret rerum iniquitates. Sed ipse eo 
tempore tarrtum abest ut ea moderatione et temperantia in 
rebus publicis usus sit, ut in dies vehementissima ira incitatus 
et aiFectibus jactatus ad ipsum Cyrnum elegias mitteret, quem 
sedare voluit, quibus odium in plebem inexstinctum, inimi- 
citias adversus degenerantes nobiles gravissimas, despectum 
amicorum infidelium expromeret et aptis coloribus pingeret. 
De conubiis inter nobiles piebemque junctis 

183—90 537—38 193— 9Ö ^ 
de rerum publicarum conversione 
53—58 279—82 289—92 (^47— 48 1135—50 
de efFrenata plebis licentia 
39—42 43—5^ 66}— 64. 833—35 
de perniciosa divitiarum vi 
53—60 699 — 718 1109 — 14 719—28. 

Ac fortasse mireris, qui fieri potuerit ut Theognis tam 
acerbe, saepe tam inique in adversarios inveheretur et tamen, 

240 



ut docuimus, conaretur ut gratiam plebis sibi conciliaret bona- 
que et vitam inserviendo popularibus studiis servaret. Ad hoc 
pertinent ea, quae subtiliter monuit W. Teuffei (Pauly v. Th.) 
„zum Beweis, dass — durch trübe Erfahrungen seine Stimmung 
gegen das Volk eine erbitterte ist, und er die Theorie um 
so schroffer aufstellt, je mehr er in der Praxis Zugeständnisse 
machen muss, dass er gegenüber den Demüthigungen des 
Lebens den Stolz des Bewusstseins sich retten und durch 
dessen Darstellung im Worte für jene sich rächen möchte." 
Eodem tempore Theognis in summam egestatem delapsus 
est, quam sibi onus miserrimum et gravissumum esse multis in 
elegiis doluit: 

TcsviYj, inquit 268 — 70, ouie yap eU ayopr^v Ipj^eiai ouxs Sixac, 
ndviYj yotp TouXaaaov ej^si, TrdvTirj 8' e7r[|iuxtoc, 

Quare pauperem decere mori 181 — 2 vel certe in mare 
fugere, ut penuria solvatur 173 — 80. Maxime vero id questus 
est, quod egestas et necessitas hominem a recta via avocaret 
et eum turpia facinora doceret: quibus versibus nescio an 
tecte significet, quantopere se poeniteat, quod ipse aliquando 
invitus populärem egerit. (549—52. 

atüfjia xaiaia^uvei? xal v6ov fj{AeTepovj 
aiaxpot OS (X oux eOeXovTa ßiif] xaxa TroXXa SiSdoxeic, 

eaöXd {xex dvOptüTrwv xal xdX' STüiaiafisvov. 
cf. 351— 54. 619—30. 
Si earum elegiarum, quas exul composuit, argumenta spectas: 
inest in plerisque quaedam humanarum rerum contemptio et 
despicientia 425 — 28 

TrdvTwv jxev [X'/) <puvai eTTix^ovioiaiv dpiaxov 

{XT^8' eoiBsiv auyot? o^eo? :^eXiou' 
«puvia 8' oTTux; wxiaia uuXa? 'AtBao TTspr^aai 
xal xeTo&ai tcoXXyjv yyjv e7ra|XT^ad[Jievov. 

16 Nietzsche I 24 1 



TetXaöi' TÄv §£ xaXwv oöii au [xoovo; ipa?. 
441— 4d. 555— 5<^- 1117— 18. 1229—35. 
Maxime vero patriae desiderio se exulem laborasse profi- 

tetur ipse 787: 

aXV ouii? (101 rip^ic, iid 9peva? yjXOsv exsivtov. 
ouTcD? oüBev äp '^v cpiXtepov aXXo irdipYj«;. 
Fortasse etiam conjugem in patria reliquerat, quae illa Ar- 
gyris videtur fiiisse, de qua jam vidimus 1123—28 

liq (le xaxüiv [xi[jLvrjax£* Treitovöd toi oid x 'OBüoasu?, 

oox' 'AtSso) (ley^t 565(1,' v^XuOev e^avaSuc, 
8? 8-^ xal (xvr^(3i9]pac dveiXeio vY]Xei Ou(i,(I) 

nr^veXoTUTQ? e(i.cppti)v xoupiBiYj? aXo^ou, 
•^ (XIV Syjö' 67Te(Aeiv£ cpiXw irapa TcaiBl (xsvouaa, 
ö'fpot TS YYJ; e7re[3rj 8£i(i,aX£ou? ts (Aupu?. 
Dignissimum est etiam iliud Theognidis, quod in harum 
rerum connexu legatur, 

"Opviöoc cpwvYJv, IloXuTCatSr^, o^u ßotüaY]«; 

Yjxoua, Y]T£ ßpoToi? dyYsXo? ^jX^ dpoTou 
(bpGtiou' xai (Jioi xpaSiT^v eirdTa^e (leXaivav, 
oTTi (101 euavöei? aXXoi Ij^ouoiv dypou?, 
o68e (101 f^(iiovot xucptov' eXxouoiv dpoTpoo. 
Dum haec secum reputat, tam vehementer ira et odio in 
plebejos flagrantissimo rapitur, ut ultionem ajove postulet 
Teövair^v 8', ei [tri ti xaxwv d(i7cau(ia (i*pi(iv£u)v 

£6poi(iYjv, SoiT^v 8' avT dviÄv dvia?' 
TÄv £iY] (i£Xav ai(ia iriEtv 

'Av8p6? TOI xpaSiTj (iiv6&Ei (lEya Tr^(ia iradovxoc, 
K6pv', dTCOTivu(iEvou 8' au^sxai e^ottiow. 
Ante proelium, quo optumates plebem vicerunt, hi versus 
videntur compositi esse 

'E? TroXudp7]Tov xaxov "i5xo(i£v, hba (idXiaxa, 
K6pv£, aDva(i''foT£pou; (lotpa Xdßoi öavdTou. 

242 



Post hoc proelium (quo optumates plebem vicerunt) v. 949 
— 54, in quibus obscenum scirpum latere Welckerum putare 
satis miror. 

Restat fragmentum, quod verlsimile est post exilium com- 
positum esse: Cyrnum theori munere fungentem monet 
Theognis, ut diligenter jussa dei observet. — 

At si cui in bis argumentis enarrandis nimis diu versatus 
esse videor: id suppeditat, quo me excusem. Etenim in mente 
habui, ut tali modo ea, quae nuper Bergkius de argumentis 
Theognideorum scripsit, reflitarem: qui nihil de toto Theo- 
gnide jam extare nisi seriem interruptam sexcenties senten- 
tiarum excerptarum, cum affirmaverit, mihi valde videtur 
errare j atque id quidem me docuisse puto haud pauca esse 
in hac farragine vestigia, quibus ad certas res et facta, ad 
certos ejus vitae casus agnoscenda nullo negotio perducamur. 
Quamquam ipse lubentissime concedo mihi in talibus fra- 
gmentis eligendis et componendo nullo pacto me satisfecissej 
quoniam saepissime factum est, ut diversa diversi argumenti 
fragmenta in eadem pagina memoranda et describenda essent. — 



III 

Theognidis de deis, de moribus, de rebus publicis 
opiniones examinantur. 

Quoniam de Theognidis vita scriptisque jam satis dictum 
esse videtur, superest, quod tertium nobis proposuimus, ut 
quae Theognis de rebus divinis humanisque senserit, expli- 
candi faciamus periculum. Cum vero haud multi viri docti 
de hac re peculiarem ediderint sententiam, fortasse juvabit 
jam ab initio disserendi verba Bernhardyi legisse, quibus 
solita virorum doctorum persuasio breviter est exprompta. 

a6* ' 243 



11,457- 55^i^ Summa der Elegien ruht auf dem politischen 
und sittlichen Glauben der Dorier oder einer kastenartigen 
Tugendlehre, welche jeglichen Vorzug des Geistes und der 
geselligen Bildung, des Güterbesitzes und der Lebensklugheit 
an adlige Geburt knüpft, und der Dichter hat dort, be- 
stimmt von tiefem Abscheu vor dem regierenden Pöbel die 
unveräusserlichen Rechte der guten Männer in einem Kern 
gediegener Sätze und Erfahrungen bezeugt." 

Atque jam Welcker monuit, ne Theognidi auscultantes 
civem Doriensem et generosum loqui essemus immemores. 
Cui judicio unus omnium Grote (History of Grecs III c. 9) 
adversatur, qui sese in Theognideis non posse illam propriam 
Dorium vim et naturam invenire et agnoscere confitetur. 
Quamquam de hac re ilie non disputat uberius, tamen hoc 
Judicium est dignissimum quod perpendatur. 

Etenim Theognis ex vetere et illustri gente exortus per 
totam vitam tantopere in nobilitatis studio versatus est, ut 
in ea restituenda et dilatanda suas omnes cogitationes et vota 
fixa haberet. Verum tamen in ea rerum conditione fuit, qua 
genuina nobilitatis Doriensium vis penitus jam esset convulsa 
ejusque praecepta in omnium rerum conversione tamquam 
proculcarentur. Ex quo factum est ut ipse Theognis de qui- 
busdam ejus praeceptis dubitare novamque sibi informare 
persuasionem coepisset. Atque quam viam ingressus sit Theo- 
gnis, ut senex paullo liberius de republica et de rebus hu- 
manis divinisque judicasse videretur, e multis indiciis etiam 
nunc intellegere possumus. 

Habet enim Theognidea poesis id sibi proprium, quod 
opiniones de deis, de moribus arcto connexu conjunctae sunt 
cum Theognidis de rebus publicis judicio: ex quo non nobis 
haec et illa segregatim tractare licet. Hujus rei causa ex 
singulari Megarensis civitatis forma repetenda est, quae divisa. 
et discripta per certas quasdam classes sive castas quas dicunt 

244 



fieri non potuit, quin diversa diversarum classium de rebus 
humanis divinisque judicia gigneret et aleret. Cum vero 
certamen acerrimum inter has classes exortum esset et 
Theognis alterius optumatium classis sese atrocissimum prae- 
staret propugnatorem, etiam in carminibus ita populum dis- 
crevit, ut alteram partem tou? dya^ou? i. e. optumates, bonos 
viros diceret, quorum esset omnis erga deos relligio pietas- 
que et omnis in homines justitia virtusque, alteram xou? 
xaxou? vel lou? BeiXou? vocaret, in quibus omnis morum pra- 
vitas omnisque impietas et nefas inessent. Unde liquet, qui 
fieri potuerit, ut opiniones de rebus divinis humanisque apud 
Theognidem arcte cohaererent. 

Primum vero quaerendum est, quo jure Theognis hiaec de 
nobilitate et plebe judicaverit quibusque ex causis hoc Judi- 
cium repetendum sit. 

In quinque enim rebus artibusque, ut, quantum nobiles 
tum vahierint quantumque plebi praestiterint, complectamur, 
posita eorum est dignitas et auctoritas. Primum enim magni 
apud omnes generis vetustas claraque origo aestimabatur, 
praesertim cum haec origo saepe ad heroes et ipsos ad deos 
auctores referretur. Contra plebejus homo, qui tamquam ex 
inutili perniciosaque stirpe exortus est, obscuritate tegebatur, 
neque ejus nomen ultra vitam innotescebat. Quod duobus 
distichis acerbissime exprimit Theognis 

Tou? dyaöoL)? aXXo«; jjidXa [ji£[j,cp£xai, akXoc, ixaivst, 797 — p8 

OuTüOTS hoohi-q xscpaX-?] idstoc Trscpuxev, (535 — 38) 

äXX dal oxoXi?] x aü5(£va X6?ov ej^ei. 
OuT£ ydp £x axiXXr^t; p65a cpuExai ouB' udxivöo? 

OUT£ TTOT £X BouXt^? TSXVOV e^EuOspiOV. 

Dein nobiles, quoniam eis armorum usus erat bellique 
cognitio, praesertim cum antiquitus sibi munus imposuissent, 
ut rem publicam soli gubernarent neque ullum de plebe ad 

245 



eam administrandam admitterent : se in rebus publicis salu- 
briter et optimo successu versatos esse sibi semper persuaserunt 
068£|j,ictv TTU), Kupv, dyaöol ttoXiv wXeaav avhptc, — 

Et jam pergit 

aXK otav üßpiCeiv xotai xaxotatv aSifj 

8^[ji6v TS (p&eip»u)ai — 
ex T&v — ctdaie; xe xai e|xcpuXoi cp6voi dvSpÄv 

Accedit quod solis nobilibus erat juris cognitio legumque 
interpretatio} unde factum est ut Theognidi plebs videretur 
8ixa? 8i8övai dSixoioiv 45: 

£1x6? TÖv xaxov dvBpa xaxÄ? id Sixaia vojxiCsiv 
ji7j8£|i.(av xaioTTioO' dCöfxevov ve|X£oiv. 

His ultimis verbis plebejum nullis religionibus adstrictum 
non vereri deos iudicat poeta: id quod est tertium, quo suam 
auctoritatem positam esse crediderint: erat apud eos omni- 
um sacrorum administratio. Quare deos sibi propitios, succen- 
sentes plebejis fingebant. 

Hoc loco opinio memoranda hujus aetatis propria, qua 
Theognis fuit, vel ut rectius definiamus, ab antiquissimis 
Graecorum temporibus usque ad hanc Theognidis aetatem de- 
lata, quae dilucide, quantam dignitatem nobiles sibi vindica- 
verint, illustrat. Etenim deos cum hominibus foedus iniisse 
credebant, quo constitutum esset, ut dei, dummodo justos 
ab hominibus honores sacraque acciperent, sua bona bene- 
ficiaque in eos conferre deberent. Neque alia est sententia, 
quam Pindarus expromit (P. 2,73): si quis veri et rati viam 
ingressus sit, necesse esse ut divorum assequatur beneficia. 
Sed vereor ne jam priorem aetatem tarn ingenue quam 
Pindarum de hac, quam dicimus, £u8aijxoviqc et e^9po8aifAoviqc 
judicasse affirmem. Immo vero ipsa Sophoclis aetate, si illum 
Oedipum regem ad hanc quaestionen adhibemus, deos sibi, 
quem amarent suisque bonis afficerent, ex arbitrio eligere 
neque ullis artibus, ne pietate quidem, ad aUum amore 

246 



complectendum cogi posse, quem sibi non elegissent, in om- 
nium animis haec opinio defixa fuisse neque facile in dubium 
videtur vocata. Prior vero aetas, ut revertamur, unde pauUo 
defleximus, quantopere in bis opinionibus versata sit, ex 
multis Theognideis conici potestj unde apparet et virtutem 
et divitias et honorem non intellegi nisi conjuncta et artissimis 
vinculis conexa. 

653 — 54 Eü8a([Xü)v sTr^v xal ösoT? cpiXo? di)avdToiaiVy 

K6pv'- aptxf^(; h'äXkT^<; ouös(i,ia? £pa[iai. 
525 — 16 Kai '(dp TOI tcXoGtov \ih e^^siv ä'{abo\aiv eoixsv, 

Y] TieviY] oe xaxu> o6(xcpopo? dvBpl cpepeiv. 
171 — 72 öeoic zuyou, öeot? eaiiv Itti xpdTo?* ou xoi diep de&v 

yivexai dv9pi67coi<; out dyad' out£ xaxd. 
197 — 98 Xp^fJia 8', 8 jjLsv Ai6i>£v xal aov SixiQ dvSpl Y^vr^xai 

xal xaöapÄ?, del Trapixovijxov TeXe9ei. 
Ex egestate vero plebeji hominis Theognis nasci putat 
miseram necessitatem (djA-zj/aviav), qua ad scelus proripiatur. 



Trevir^v 



jxTjTsp' d[jnrjxavi7]? eXoßov . . . 

7] T MpG)-^ irapdyei dü[AÖv ec dfjtTcXaxiYjV, 
ßXdTTTOüo' ev oTT^Osaoi cppeva? xpaTsp"^? utc' ä-^d'{y.ri(; 



5(pY]jxoo6vir] el'xiüv, ^ Bt] xaxd TcoXXd SiBdoxsi 

(['euSed t k^aTzditac, x ouXojjieva? t epiSa?, 



■^ -(dp xal }(aXe7rY]v TixTei dfxr^^^aviTjv. 

Quanti vero momenti ad dignitatem assequendam sint 
divitiae victusque cultus et splendor: id etiam nostris tem- 
poribus percrebro potest observari. 

Accedit quod apud hanc quam dicimus Graecorum nobi- 
litatem vere cum divitiis conjuncta erat conformatio doctrinae 
honestarumque artium Studium, cum plebeji omnis eruditionis 
expertes et ignari miserrima vitae conditione uterentur: 

247 



Ol — ouTS Sixoi? Yj'Ssaav ouxe voijloü?, 
aW d|icpl TrXeupTrjai hopac, aiytov xaiSTpißov, 



Erat autem apud nobiles quaedam uberrima praeceptorum 
copia vitaeque recte et ad nobiliiim normam instituendae 
regularum ab avis liberis posterisque tradita, ita ut Theognis 
se Cyrno nihil aliud tradere confiteretur nisi 

— oid TTSp auToc, 
K6pv', a.Tzb Tü)V dyaOÄv Tzaic, Ix eo>v l|jiai)ov. 

Contra plebejus homo naturam et indolem a parentibus 
jam vitiosam acceptam non modo nullo pacto reficere et 
meliorem reddere potest, sed in malorum hominum usu et 
consuetudine adultus in dies magis corrumpitur. 

Toi xaxoi ou udvxoj; xaxol ex -{aarpoz Yeyovaoiv, 

dXX' dvBpsoai xaxoi? auvöejxsvoi cpiXir^v 
epya xe 8eiX' £(iaOov xai Itty] 86a'fY][jLa xal ußpiv. 

— 8i8daxü)v 
ouTToxe TTor^aeii; xov xa/ov ctvBp' dyaÖGV. 

Cum igitur in veteris originis claritate, in belli rei publi- 
caeque gerendae cognitione, in sacrorum administratione, in 
divitiarum cultusque splendore, denique in optimarum artium 
informatione posita sit nobilium dignitas, qua plebem subjectam 
et sibi obnoxiam continerent, quid est mirum, quod Theognis, 
cum tantum inter nobiles plebemque interesse sentiret, nobilem 
virum se omni ratione sejungere debere a plebis commercio 
dixit? Ac vereor, ne v. 343 et 347 de plebejis cogitandum 
sit, quibus nobiles ne in itinere quidem negotiandi causa 
suscepto comites se adjungere et cum eis consilia consociare 
vetentur. Quin etiam nihil esse vanius et inutilius quam 
plebejo homini prodesse censet, quoniam ille nunquam gratiam 
referre soleat. 

248 



AeiXotj? SU IpBovTi (xaTaiotdiY] X^P^^ eaxiv 
laov xal OTceipeiv tc&vtov dXo? tcoXitji;. 

OÖTS Y<^P ^'^ TTOVTOV aTTSipCÜV ßaftu X^lOV «(JLW? 

OUTE y.axou? eu Spwv su TudXiv dvxiXdßoi?. 

Si vero res postulent, ut homo nobüis plebejis utatur, verbis 
quidem et vultu se amicissumum praestare debet, semper 
autem re vera odio inexstincto in iUos flagrare. cf. TeufFel : 
„Unbedingtes Misstrauen und tief innerliche Verachtung muss 
die Stimmung gegen die dotoi sein, nur dass man zur Be- 
kundung seiner geistigen Überlegenheit gegen sie die glätteste 
herzlichste Miene annimmt. Diese nichtswürdige Lehre hat 
der Dichter die Naivetät mit der grössten UnverhüUtheit 
vorzutragen und als Gewandtheit zu empfehlen." 283. 213, 313. 
36s. V. 63. 

Habemus igitur illam superbam Doriensis nobilitatis persua- 
sionem, cujus judicia nemo in Theognide inesse negabit, 
quamquam dubitari potest, num Theognis in eadem semper 
perstiterit etiam eo tempore, quo discordiis civilibus omni- 
umque rerum conversione hujus persuasionis fundamenta, 
quae in illa £uSai|xovia posita erant, penitus concussa erant. 

16. Si enim quaerimus, quibus rebus factum sit, ut paulatim 
nobilium auctoritas infracta in dies magis delaberetur: prima 
et gravissima causa inde repetenda est, quod multi plebeji 
maxime in urbibus maritumis mercatura magna et copiosa suam 
rem augebant, nobiles celeriter divitiis adaequabant, sumptu 
luxuque antecedebant : quod iidem jam non ab omni politiore 
elegantia abhorrebant, sed operam in moribus pariter atque 
ingenio conformandis coUocabant, praesertim cum saepe ex 
longis itineribus scientia aucti redirent. Accedit quod nobiles 
neque antiquam retinebant morum integritatem, sed saepe 
luxuriae et voluptatibus se dederunt et ab armorum usu 
paulatim abaUenabantur, neque rem familiärem modice ad- 
ministrabant, sed aes alienum congerebant, ita ut nonnulli in 

249 



pudendam paupertatem delaberentur. Unde factum est, ut 
non jam nobiles prorsus se a plebe sejungerent, sed conjugiis 
mutuis initis opes quaererent, cum plebeji tali modo digni- 
tatem appeterent et assequerentur. „OXoGto? e[xi^e ^evo?" dick 
Theognis. 

Etenim omnia, quae de paulatim corrupta nobilitate et de 
efflorescente plebe diximus, etiam apud Megarenses post 
Theagenis dominationem evenerunt. Nihil vero nobilibus 
plus intulit detrimenti, quam ipsa Theagenis dominatio, qui 
illustri genere natus ahquamdiu populärem egit plebisque 
favore principatum assecutus est. MdXiaxa 8e, ut est apud 
Aristotelem pol. 5, 3, i, al oXqapj^iai [xexaßaXXoüoiv, oiav 1^ 

In hanc aetatem, quam paucis descripsimus, incidit Theognidis 
vita, instituti praeceptis nobilitatis a puero, quae adultus 
Omnibus partibus neglecta videret. Itaque fieri non potuit, 
quin de deorum justitia coepisset dubitare, id quod ipse 
ingenue confessus est 

373 — 380 ZeO ^iXe, öaujjLdCü) oe* o5 -^äp Tcdvieooiv dvdooet? 
Ti(jLY)v 06x6? e5((öv xal jjieYdXYjv Suvajiiv 



TCÄ? ÖY] oeö, KpoviÖY], ToX{xqc v6oc avBpa? aXirpou? 
ev xaoTiQ {Jioipq: lov ts Sixaiov ej^eivj 



xal TouT, döavdxwv ßaaiXeD, tcä? eaxi Sixaiov, 

spytov 5axi? dvVjp exxö? ewv dSixwv 
[JLT^ xiv' ÖTTsppaoiTjv xaxs/üiv [JiT^B' opxov dXixpov, 
dXXd Sixaio? ewv [iyj xd öixaia Tcaö-^j 
Praecipue vero id doluit, quod cum homines de plebe in 
amplissimis fortunis morerentur, non essent, qui illis poenas 
darent, nisi forte eorum liberi posterique paterna scelera 
poenis solverent. Qua re Jovi proposuit, ut suam viam, quam 
indicaturus esset, ad puniendos malos homines ingrederetur: 

250 



Zeö Trdxsp, eiöe -{ivoiTo Osot? cpiXot xot? [jiev aXitpoi? 

ußpiv dSetv xai acpiv rouTo Ye^oi"^o cpiXov 
Oü(xo>, o^eiXia epya (xeioi cppeaiv oaxi? dOeipyj? 

epYaCoixo Oewv jxr^Bev ÖTTiCofxsvo?, 
auTov eireita TcdXiv itoai xaxd [XYjBe x oTciaaio 

TzaxpQc, dxaaöaXiai Traial ■{hoi'ixo xax6v. 



xaux' £17] [xotxdpsoai OsoT? cpiXa* vuv S' 6 {Jisv epSwv 
excpeuYSi, x6 xaxov o' dXXo«; STreixa cpspsi. 
Si vero homines de deorum justitia coepissent dubitare, 
metuit Theognis ne viam et rationem nescirent, qua quis 
deorum gratiam se assecuturum speraret. 

Ou8e XI xsxpifxevov irpö? 8ai|xov6(; eaxi ßpoxoloiv 
ou8' 686v "^jv XI? iü)v ctöavdxoioiv ctSoi, 
unde factum iri ut homines in dies corrumperentur et a deis 
magis abalienarentur. 

Quam ob rem haud pauci extant versus, quibus non esse 
uUum hominum crimine prorsus vacuum doleat: 

'Avdp(ü7rü)v d'Jiexxoc 67:1 /Oovl ^ivexai ouSei? 799 
OoSeva 7ca[i7CT^BY]v oYaOöv xai {xexpiov dvSpa 6\$ — 16 

Tcüv vuv dvOpc&TTtüv YjsXioi; xa&opa 
OuSeva, Kupv', auYal ^aeoifißpöxou yjsXioio 1185 — 8d 
av8p' ecpopÄa, «> (xy) [jiäjjlo? sTrixpejxaxai. 
Accedit, quod etiam nobiles, inopia gravissima vexati, ut 
a recti via deflecterent, cogebantur, praesertim cum hoc 
paupertatis onus a plebejis ad optumates inclinatum his ita 
esset insuetum atque inauditum, ut eo quocunque modo 
poterant, liberare se studerent. 

(549—52 *A SsiX*?] TCSVIT] .... 

alay^pä — 

— \L oux eöeXovxa ßiifj'Ixaxd TtoXXd SiSdoxei? 
179 — 80 5(p-?j "{äp 6|xÄ<; ETcl Y^'^ '^^ ^^^^ eöpea vÄxa daXdaoT]«; 
öiCr^cOai j^aXeTTY]?, Kupve, Xuoiv Tcevir^?. 

251 



Tandem bonis patriaque privatus primum quidem de sua 
Salute paene desperasse et ipsam desiderasse mortem videtur. 

xeOvdjjievai, (piXe Kupvs, Trsvij^pw ßeXispov dvBpl 
7] Ctt)£iv y^aXzTZ'q T£ip6|ji£vov ttsvitq. 
cf. 425—29. 

Postea vero magis tempori cessit et omnia mala moderatiore 
tulit animo: quin etiam eo descendit, ut diceret 

444 — 46 di)avdTu)v — ooasi? " 

TravToiai i)vY]xoiaiv eTiep^^ovx', dXX' £7riToX(iav 
5(p7] öÄp' d&avdTu)v, ola 8i8ouaiv, e^^siv. 



(jLTjoe au y' aTTp'/^xToioiv etc epYfxaaiv ctXyo? de^wv 

öj(0£i fX7]o d)(öou (AYjSe cpiXoD? dvia 
{Ji7]8' £)(i}pouc su'fpaive. Osäv 8' eijxapfjieva Bwpa 

oux dv |^T|ioia)(; Övyjtoc dvrjp TupocpuYoi 
OUT dv Tropcpupev]? xaxaBu? kc, uuO(i£va Xi|i,v7]C 

ouO' oxoiv Qtuxov iy-q Tdpxapo? yjspoei:. 

17. Jam unus superest locus, de quo magis conjectura quam 
argumentis demonstrare liceat. Etenim Theognidem perquam 
est verisimile reversum in patriam vita jam ad finem vergente, 
cum in rebus publicis majore usum esse moderatione, tum 
omnino a suis pristinis de deis et de hominibus opinionibus 
aliquid recessisse et paulo liberius inprimis de plebeji hominis 
dignitate judicasse. Sane Cyrnum monet, ne cui paupertatem 
opprobrio vertat. 

MY|7rox£ xoL TreviTjV Ou(j,ocpi)6pov dvSpl j^oXcoOei? 
(XYj8' dypYjjJLoauvr^v ouXo[X£vyjv Tcpo^sps. 
Zeu? ydp xoi x6 xdXavxov eTuip^sTcet dXXoxe dXXw?, 
dXXoxs fxev irXouxetv^ dXXoxs [jitjSsv e^siv. 

Omnino in hac cogitatione videtur acquievisse et malum 
et bonum solis a deis hominibus adtribui planeque in eorum 
arbitrio esse positum. 

252 



OuoeU, Kupv', «TT^? xal xe'poeo; al'iio; aüio?, 
dXXa Ö£ol Touicuv oiüiops? dfx^poTepwv. 

ouO£ Ti? dvi)pcü7ru)v epY^Cstai, ev (fpsalv eiBu)? 
e? TsXo? eiT dyaöcv yivsTai eiie xaxov. 



dvdpiüTTOL hi [xdiaia vo[jiiCo(X£v, eiooxs? oüBev. 
Oeol Se xaxd acpsispov Tcdvia TsXouai voov. 

Jam redeo ad illud Grotii, unde profectus sum. Id unum 
me docuisse arbitror Theognidem, cum ejus vita in omnium 
rerum opinionumque conversionem incidisset, facere non 
potuisse, ut in eisdem opinionibus perstaret, quibus puer 
institutus esse videretur. Unde apparet, quid illud Grotii 
sibi velit: profecto ei concedendum est genuinam Doriensem 
vim et naturam jam illis temporibus imminutam et fractam 
in Theognide p erspiel. — 



253 



Dem unbekannten Gott. 

Noch einmal eh ich weiter ziehe 
Und meine BUcke vorwärts sende, 
Heb' ich vereinsamt meine Hände 
Zu dir empor, zu dem ich fliehe, 
Dem ich in tiefster Herzenstiefe 
Altäre feierlich geweiht, 
Dass allezeit 
Mich deine Stimme wieder riefe. 

Darauf erglüht tiefeingeschrieben 

Das Wort: dem unbekannten Gotte. 

Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte 

Auch bis zur Stunde bin geblieben: 

Sein bin ich — und ich fühl' die Schlingen, 

Die mich im Kampf darniederziehn 

Und, mag ich fliehn. 

Mich doch zu seinem Dienste zwingen. 

Ich will dich kennen, Unbekannter, 

Du tief in meine Seele Greifender, 

Mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender, 

Du Unfassbarer, mir Verwandter! 

Ich will dich kennen, selbst dir dienen. 

18(^3/^4. 



254 



Studienzeit 

(Aufzeichnungen und philologische Arbeiten des 
20 — 24jährigen Nietzsche.) 



Ein Sylvestertraum. 

(1864.) 

Es ist still in meiner Stube, dann und wann knistern die 
Kohlen im Ofen, ich habe die Lampe niedergeschraubt, und 
es ist keine Helle im Zimmer, nur dass einige feurige breite 
Streifen vom Ofen aus am Boden und an dem Mahagoni 
meines Pianinos hingleiten. 

Es sind die letzten Stunden vor Mitternacht^ ich habe bis 
jetzt in meinen Manuscripten und Briefen gewühlt, heissen 
Punsch getrunken und dann das Requiem aus dem Manfred 
Schumann's gespielt. Jetzt verlangt es mich, alles Fremde zu 
lassen und nur an mich zu denken. 

Drum schür' ich noch einmal das Feuer, stütze dann meinen 
Kopf auf die linke Hand und die Sophaecke, schliesse die 
Augen und denke nach. Der Geist durchfliegt schnell die 
ihm lieben Stätten und weilt in Naumburg, dann in Pforta 
und Plauen — und kehrt endlich zurück in mein Zimmer. 
In mein Zimmer? Doch was seh ich auf meinem Bett? Dort 
liegt jemand — er stöhnt leise, röchelt — ein Sterbender! 

Und nicht allein! Herum wie Schatten steht und schwebt 
es. Ja die Schatten sprechen. „Du böses Jahr, was hast du 
mir verheissen und was gehalten? Ich bin elender als je, und 
du sagtest mir, dass ich Glück haben sollte. Sei verflucht!" 

„Du liebes Jahr, du schautest mich zuerst so finster an, 
aber dein Mai tröstete mich, und dein Herbst war des Maies 
wehmüthiger Nachklang. Sei gesegnet!" 

l7 Nietzsche I 2.57 



„Du altes Jahr, viel Mühe hast du mir gemacht, aber hast 
mich auch entschädigt. Wir sind uns nichts schuldig, lebe 
wohl !" 

„Ich habe gewartet und sehnlich ausgeschaut, wann du 
meine Wünsche erfüllen wirst. Thue es jetzt, in deiner 
letzten Stunde, hilf mir!" 

Alles blieb stumm. Das alte Jahr röchelte leise, in genauen 
Zwischenräumen. Es klang wie ein Seufzer. 

Plötzlich wurde alles hell. Die Wände des Zimmers flogen 
zurück, die Decke schwebte empor. Ich sah nach dem Bett. 
Das Bett war leer. Ich hörte eine Stimme: 

„Ihr Thoren und Narren der Zeit, die nicht und nirgends 
ist ausser in euren Köpfen! Ich frage euch, was habt ihr ge- 
than? Wollt ihr sein und haben, was ihr hofft, worauf ihr 
harrt, so thut das, was euch die Götter als Probe vor den 
Kampfpreis gestellt haben. Wenn ihr reif seid, wird die Frucht 
fallen, eher nicht!" 

Da hob über mir der Zeiger aus, alles verschwand, es 
schlug zwölf, auf den Strassen rief man laut: „Hoch das 
neue Jahr!" 



258 



Zum Leben Jesu. 

(i8(55.) 

Voraussetzungslos kann keine historische Kritik in diesem 
Falle sein. Das Verhältniss Gottes zur Welt muss dem 
Forscher als feste Ansicht vorliegen. Daraus dann Ver- 
werfung oder Annahme des WunderbegrifFs. 

Nach der gläubigen Ansicht ist Gott als Lebensgrund und 
Hüter der Weltgeschichte berechtigt, ja genöthigt, in ihren 
Gang unmittelbar einzugreifen. Nach dieser Ansicht ist die 
Welt entgottet, aber unterworfen willkürlichen göttlichen 
Einwirkungen. Wird nicht Gott dadurch in den Bann der 
Zeit gethan? Ist ein solches Getrenntsein von Welt und 
Gott philosophisch zu begründen? 

Um das Leben Christi in ihre dogmatische Formel zu 
bringen, nehmen sie dessen Gotteslehre als Grundlage. Diese 
war aber, wenn uns die Schriften nicht täuschen, so mensch- 
lich-persönUch, dass wir weiter zu gehen berechtigt sind. 

Eine seltsame Erscheinung, dass ein ganzes epochemachen- 
des Leben je nach dem Standpunkte des Beurtheilenden voll- 
ständig in etwas je Verschiedenes zerfliesst. Kein Ereigniss 
hält fast Stand. 

Die Evangelienfrage muss etwas ruhn. Die Christuslehre 
der Episteln und der Offenbarung muss festgestellt werden. 
Worin z. B. ruhn die Differenzen zwischen der christo- 
logischen Lehre des Johannes und des Paulus? Sind über- 



haupt nicht die Verschiedenheiten des Johannes und der 
Synoptiker zu extrem dargestellt? 

Zur Auferstehungslehre. 

Wichtig Paulus. Die Auferstehung der Todten ist genau 
dasselbe wie die Auferstehung Christi j es ist nur der Erst- 
lingsfall. Dem Tod ist alles unterworfen, selbst „der Sohn". 
I. Corinth. C. 15, 28. 

Wie denkt sich nun Paulus die Auferstehung? 

Genau so, wie er sich die Auferstehung Jesu vorstellt, von 
der er weiss. 

. Es giebt himmlische Körper und irdische Körper, jeder 
mit besonderer Herrlichkeit. Es wird auferstehn unver- 
weslich. 

Hat man einen natürlichen Leib, so hat man auch einen 
geistigen Leib. Der erste Leib ist der natürliche, darnach 
der geistige. Der eine ist das Bild des Irdischen, der geistige 
das Bild des Himmlischen (Gottes). 

Kein Fleisch und Blut. Denn das Verwesliche kann nicht 
erben das Unverwesliche. 

Jesu Leib also nach der Auferstehung ist ein himmlischer^ 
geistiger, ein Bild Gottes, ohne Fleisch und Blut und unver- 
gänglich, das Gegentheil des natürlichen, nach dem Gegen- 
satze von Natur und Gott. FolgUch Jesu ist ein Gespenst. 

Darnach ist die Erscheinung Jesu auf dem Weg nach 
Damaskus zu beurtheilen. Nach Apostelgeschichte C. 22 ist 
es Mittag. Helles Licht vom Himmel. Er hört eine Stimme. 
Die Begleiter erschrecken vor dem Lichte, hören aber die 
Stimme nicht. Er wird blind vor dem Glanz. 

V. 17; Im Tempel betet er, ist entzückt und sieht ihn 
und hört ihn sprechen. 

Nach der Darstellung C. 9 hören die Begleiter eine Stimme 
und sehen niemand. 

260 



Die Begleiter erschrecken [nach dem ersten Bericht] vor 
dem Lichte, sie hören die Stimme nicht, nach dem andern 
Bericht hören sie eine Stimme und sehn niemand. 

V. 17, C. 9 : der Herr, „der dir erschienen ist auf dem 
Wegej" V. 27: „und erzählte ihnen, wie er auf der Strasse 
den Herrn gesehn." Also die Erscheinung ist eine nicht 
ganz rein sinnliche, Ton und Schein ist dabei auch andern 
sichtbar, aber die Gestalt und der Inhalt der Worte bloss 
einem. Also auch hier die gespenstische Mitte zwischen 
sinnlich und geistig. 

In beiden Berichten sieht er einen Lichtglanz; dass er eine 
Gestalt gesehn, wird nicht gesagt. Dennoch hat er den 
Herrn gesehn nach dem Ausdruck der Apostelgeschichte, 
folglich dachte man sich die Erscheinung Christi als einen 
Lichtglanz. In der Entzückung des Betens sieht er ihn und 
hört ihn sprechen (offenbar visionär). C. 23, V. 11: „in der 
Nacht stand der Herr bei ihm und spricht." Offenbar ent- 
weder im Traum oder in der Aufregung nächtlichen Denkens. 
C. 23, V. 9: Die Pharisäer sagen: „hat aber ein Geist oder 
ein Engel mit ihm geredet" — also die Erscheinung Christi 
dachte man sich gleich mit der eines Engels und Geistes. 

Nach dem dritten Berichte, C. 2(5, sehen alle das Licht 
und fallen alle nieder. Die nächste Erscheinung im Tempel 
ist hier mit hineingezogen. 

Gal. C. 1, 16 : „Dass er seinen Sohn offenbarte in mir, dass 
ich ihn durch das Evangelium verkündigen sollte unter den 
Heiden." Offenbar die Erscheinung im Tempel. 

Diese Erscheinungen sind dem Paulus ganz gleich mit den 
Aposteln. 

Wir erkennen darin nicht nur die Pauhnische, sondern 
die urchristlichen Anschauungen über Geistererscheinungen. 

Damit stimmen auch die Berichte der Evangelien. Nach 
Lukas zwar hat er Fleisch und Bein, fordert zu essen, 

261 



verschwindet, wenn er Lust hat, hat Wunden und Nägel- 
male. Sein Leichnam fehlt im Grabe nach allen Evangelien. 

Also ist eine Verwandlung vor sich gegangen. Der natür- 
liche Leib ist in den himmlischen verwandelt. 

Vergleiche die Christophanie des Johannes : Der war eines 
Menschen Sohn gleich, angethan mit einem Kittel, um die 
Brust begürtet mit einem goldnen Gürtel. Haupt und Haar 
weiss. Auge feurig. Stimme wie Wasserrauschen. Angesicht 
leuchtet wie die Sonne. Johannes fällt nieder. „Ich war 
im Geist an des Herrn Tage." „Ich war todt, und siehe 
ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit." 

Und sitzet zur rechten Hand Gottes. 

Die Verklärung. Er betet. Die Gestalt seines Angesichts 
ward anders und sein Kleid war weiss und glänzte. Moses 
und Elias erschienen in Klarheit. Und es fiel eine Stimme 
aus der Wolke, die sie überschattete. Die Jünger wie traum- 
trunken. Nach Matthaeus: sein Angesicht leuchtet wie die 
Sonne. Die Jünger fallen auf ihr Angesicht. 

Jesus sagt: „ihr sollt dies Gesicht niemand sagen bis des 
Menschen Sohn von den Todten auferstanden ist." Ebenso 
bei Marcus. 

Die Kleider wie Schnee. 

Die Auferstandenen sind gleich wie die Engel Gottes. — 



161 



Gedanken über das Christenthum. 

(Ende 1865 oder Anfang 1866.) 

Es ist bedauerlich, wie sich der Blick für das Zun'ächst- 
liegende, für die charakteristischen Zeichen der Gegenwart 
abstumpft, bedauerlich für den, der sich ohne vorurtheils- 
vollen Dünkel, sondern mit klarer Erkenntniss in seiner Zeit 
bewegt. Denn das Gemeine und Alltägliche erscheint ihm 
leicht zu bedeutungslos, als dass seine Aufmerksamkeit darauf 
haften bliebe; und doch tritt in diesem gerade die festgesetzte 
Masse der Gegenwart hervor. Vielmehr verweilt der Forscher 
mit Vorliebe auf einigen hervorstechenden Ereignissen und 
sucht aus diesen die Unterschiede und Vorzüge der Gegen- 
wart abzuleiten. Die nicht denkenden Menschen betrachten 
ihrer Mehrzahl nach das Daseiende als etwas Festes, dem 
Wechsel nicht Unterworfenes und bemühen sich daher, sich 
unter den gegebenen Verhältnissen ein leidliches Leben zu 
zimmern. Andre wenigere, besonders unkräftige oder durch 
Alter geschwächte Naturen setzen die Gegenwart als das 
Unvollkommene entgegen einer alten guten Zeit, indem sie 
die Erfahrung, dass die Erinnerung die Vergangenheit ver- 
klärt, zu einer Kritik des Weltlaufs verwenden. Folgerichtig 
müssten sie nun annehmen, dass vor dieser guten Zeit eine 
noch bessere gewesen sei. Hier hören sie jedoch auf zu 
schliessen. 

Im Gegentheil ist ein Glaube gemeinsam, dass im Ganzen 
doch die Menschheit unglaublich fortgeschritten sei} darin 

2(53 



liege das Verdienst des Christenthums. Man denkt mit 
Schauder an die sogenannte Barbarei des Mittelalters. Dass 
wir sogar einstmals Heiden gewesen sind, ist abscheulich. 
Ivlit diesem Namen umfasst man nämlich alles, was nicht 
jüdisch-christlich ist. Viel schroffer als die Griechen von 
ihren Barbaren reden wir von den Heiden. Man spricht 
ihnen die Moral und eine höhere Erkenntniss ab, während 
der Glaube herrscht, dass nur das „Licht der Vernunft" 
bei ihnen leuchten könne. Das Licht der Vernunft führt 
aber nicht zu einem Gotte, daher sind sie unmoralisch, da- 
her ist es nöthig ihnen Missionare zu schicken. Es liegt in 
diesem Zusammenfassen aller ausserchristlichen Völker zu dem 
Begriff der armen elenden Heiden eine fast lächeriiche Bar- 
barei. Zu Grunde liegt der ungeheure Denkfehler, Theismus 
und Moralität zu identificiren oder überhaupt die Moral 
abhängig zu machen von der Anschauung, die man von 
Gott hat. In den Händen der Priester wird nun diese Ver- 
wurrung der Begriffe zum zweischneidigen Schwert. Sie sind 
zum Theil selbst die Opfer dieser Verwirrung j indem sie 
das Selbstdenken in den Dienst der Ku-che geben, haben sie 
die Kraft verloren, ihre Moral anders als mit ihrem Theismus 
zu begründen. Sie müssen durch Drohungen und Be- 
lohnungen zu erreichen suchen, was ihnen durch Gründe 
nicht mehr möglich ist. Deshalb erklären sie das Gründe- 
suchen schon für einen Eingriff in ihren Theismus, und 
deshalb gilt Philosophiren, Unglaube, Unmoralität für ein 
und dasselbe. Dabei sind sie doch immer genöthigt, das 
Zwingende ihres Offenbarungsglaubens zu beweisen, dafür 
haben sie ihr Mittel in der Inspirationslehre, wonach wir 
auf ein Buch gewiesen werden, das einen übermenschlichen 
Ursprung hat. Fragt man nach der Begründung der letzten 
Lehre, so wird man auf Selbstzeugnisse dieser Schrift ver- 
wiesen. Leugnet man überhaupt deren Kraft, so giebt es 

264. 



jetzt drei Wege. Entweder man wird einfach des Unglaubens 
bezichtigt oder man wird an eine sogenannte Rehgions- 
philosophie gewiesen, die mit grösster Sicherheit immer das 
beweist, was man wünscht, oder man ruft den christUchen 
Staat um Hülfe. Grosse Dichter und Denker gelten für ver- 
kappte Heiden. Der Werth jeder PersönUchkeit wird nach 
dem Grade ihres Bekenntnisses gemessen. 

Kurz, die christliche Priesterschaft leidet an demselben 
Fanatismus, der jede Priesterschaft in der Welt beseelt hat. 
Ein unlogischer Grund, anmassUches Vordrängen in alle 
Verhältnisse, in Schule, Staat und Kunst, Machtsprüche ge- 
schleudert gegen Gründe, ungemessenes Selbstgefühl [der 
Priester] als solcher, an die die Seligkeit des Menschen ge- 
knüpft ist u. s. w., alles das findet sich überall wieder, und 
von einem Fortschritt, selbst nur von einer Gradverschieden- 
heit kann nicht die Rede sein. 

Die Priesterschaft ist immer nur der Ausdruck der sich 
allein berechtigt anerkennenden, sich selbst genügenden 
Religion. Der Stoff zu letzterer ist gleichgültig. 



26s 



Ueber die litterarhistorischen Quellen des Suidas, 

(Vortrag im philologischen Verein zu Leipzig, Sommer 1866.) 

Es ist ganz unvermeidlich, dass jeder, der eine Frage der 
griechischen Litteraturgeschichte selbständig behandeln will, 
den Suidas zur Hand nehmen und sich über ihn orientiren 
muss. Dies ist nun keineswegs leicht und bequem: Man 
braucht nicht bloss ein paar Seiten eines Handbuches durch- 
gelesen zu haben, um auf dem Standpunkte der Suidasfragen 
zu stehen. Vielmehr macht es schon Mühe, das Material 
zusammenzuschafFen, da dies in Programmen, Journalen, Ge- 
legenheitsschriften zerstreut liegt.') Sodann bietet keine dieser 
Forschungen etwas einigermassen Erschöpfendes, sondern alle 
behandeln einzelne Punkte, setzen also die Bekanntschaft mit 
den Suidasfragen schon voraus. Zudem rechnet fast jede 
dieser Untersuchungen mit einem Faktor, den die nächst- 
folgende als falsch nachweist. Es ist also nöthig, dass man 
bei dem Studium der Suidasfragen die dahin einschlagenden 
Schriften in ihrer historischen Reihenfolge kennen lernt. Ich 
dagegen suche in diesem Aufsatz nur den letzten Stand- 
punkt der Untersuchungen darzustellen und sie wohl noch 
etwas weiter zu führen. 



^) Kommentar des Suidas von Bernhardy. De Callimachi operum 
tabula von O. Schneider. De Suidae biographicis von D. Volkmann. 
De fontibus Suidae von C. Wachsmuth (Symbola Bonn.). Quaestiones 
Suid. von D. Volkmann (Symbola Bonn. II). Didymos von M. Schmidt. 
Fleckeisens Jahrbb. 1855, M. Schmidt (Recension von Bernhardys Suidas) etc. 

266 



Bevor ich aber zu den litterarhistorischen Artikeln des 
Suidas komme, handle ich über den Verfasser und seine Zeit, 
über die Form seines Lexicons, endlich über den Inhalt des- 
selben im Allgemeinen. 

Es steht nicht fest, ob Suidas der Verfasser des Lexicons 
ist, es ist nicht ausgemacht, ob Suidas wirklich die richtige 
Lesart ist, man weiss endlich gar nichts über die Person des 
Suidas. Die Autorschaft des Suidas beruht nämlich allein 
auf der Ueberschrift des Lexicons: t6 jasv izapov ßipXiov SouiBa. 
Das kann nämlich sehr wohl heissen „das vorliegende Buch 
ist Eigenthum des Suidas." Zwar citirt Eustathios das Lexicon 
des Suidas. Das will aber nichts bedeuten. Da Suidas sonst 
in der byzantinischen Welt obskur ist, so beweist auch das 
Zeugniss des Eustathios, der zwei Jahrhunderte später lebte, 
nichts, als dass er die Aufschrift des Lexicons ebenso ver- 
stand, wie sie noch jetzt gefasst wird. Die zwei besten 
Handschriften haben nicht Suidas, sondern 2o68a?. Nun ist 
zwar der Name Souiöa? nachweisbar als der Name eines 
thessalischen Historikers aus der Zeit der Gründung Roms 
(den Lilius Gyraldus und Brevignius für identisch mit 
unserem Byzantiner nahmen). Aber der viel gewöhnlichere 
Name SouBa? oder OeuBci? hat doch grosse Wahrscheinlich- 
keit für sich. Wiederum zwar hat Eustathios 2oui8a? über- 
liefert, so dass die Frage unerledigt bleiben muss. Wer 
Suidas war, wissen wir nicht. Joseph Skaliger hat ihn einen 
monachus genannt. Bernhardy hat ihn für einen Orthodoxen 
erklärt, weil ein Artikel gegen die Ikonomachen loszieht. 
Aber der monachus bleibt eine Vermuthung, und die Ortho- 
doxie fällt der Quelle zu, aus der Suidas den Artikel schöpfte. 
Dagegen steht die Zeit des Suidas oder vielmehr der Ab- 
fassung des Lexicons sicher. Die termini sind die Regierungs- 
zeit des Constantin Porphyrogenitos 911 — $9, weil Suidas 
Sammlungen wie die Cephalanische Anthologie genau kennt, 

26^7 



und Eustathios, c. 1180, weil dieser das Lexicon benutzt. 
Weiter kommen wir durch Bernhardys Nachweis, dass Suidas 
schon in dem Zeitraum 976 — iK^y interpolirt worden ist, also 
dass das Werk im Jahre 97^ schon in den Händen der Ge- 
lehrten war. Endlich wird Polygenitos, der 970 starb, als ein 
Lebender tüchtig ausgeschimpft. Mit dieser Zeitangabe stimmt, 
dass der letzte Autor, der den Suidas benutzt, Simeon Meta- 
phrastes Logotheta aus der i. Hälfte des 10. Jahrhunderts ist. 

Was die Form anbetrifft, so ist das Lexicon nach den Ge- 
setzen des byzantinischen Lieblingsalphabetes der dvTiotoixia 
geordnet. Zugegeben, dass man mitunter sich durch die uns 
ungewohnte Folge täuschen lässt, so war doch diese kleine 
Unbequemüchkeit für den Leser wahrlich kein Grund, dass 
Bekker in seiner Ausgabe das gewöhnhche Alphabeth her- 
stellte. Das ganze Geheimniss der dvxioToixta besteht darin, 
dass diejenigen Laute, die im Sprechen nicht geschieden 
wurden, neben einander gestellt werden, also ai neben s, 
ei neben -q und i, neben to, 01 neben u. Also hat man 
Trat nach Tca^^uiepov zu suchen.^) 

Das Lexicon enthält zwei grosse Massen: i. Xe^si?. 2. Histo- 
rische Notizen. Beides schöpfte er A. aus Lexicis, B. aus 
eigener Lektüre. Der Kreis der eigenen Lektüre ist der der 
byzantinischen Belesenheit überhaupt. Von Dichtern las man 
damals Homer, Hesiod, Pindar, Sophokles, Aristophanes, 
Babrias und die Anthologie. Von Profanschriftstellern Hero- 
dot, Thucydides, Xenophons Anabasis, Polybios, Josephos, 
Arrian, Procopios, Agathias, Joannes Antiochenosj dann 
einige Kirchenschriftsteller, von Philosophen Diogenes Laer- 
tius, Joannes Philoponos, Jamblichos, Philostratos, Damaskiosj 
endUch Synesios, Julian. 

') avTiaTor/i'a: ct. [i. 7. 0. ai. z. "(,. si. r]. t. ö. x. X. (x, v. ?. 0. o). tc. p. 
T. Ol. u. cp. y. ^. z. B. elxai'o zwischen £ixa;|j.evo; und s'i'xsXo;, IXeia; zwischen 
IXeij^ev und IXt], TOiä^Se zwischen rpoxf^ös^? ^n^ T6ava. 

2Ö8 



In Betreff der Lexica gab es eine alte Streitfrage, welchen 
Werth nämlich der Index verschiedener Lexica an der Stirn 
des Suidas habe/) Gleich nach den Worten xö jisv irapov 
ßißXiov 2ouiSa folgt nämlich oi Be aüvia^djxsvoi auxo avBpss und 
eine Menge Namen von Lexicographen. Man sprach diesem 
Index jeghchen Werth ab und glaubte darin die müssige 
Erfindung eines späteren Lesers zu erkennen. Moritz Schmidt 
hat aber in den Fleckeisenschen Jahrbüchern von 1855 den 
überaus schönen Nachweis geliefert, dass dieser Index von 
höchster Bedeutung sei. Indem er für Eudemos, Helladios, 
Eugenios, Zosimos, Caecilios und Vestinos die Benutzung 
des Suidas feststellte, kann man dem Rest des Index gewiss 
Glauben schenken, nämlich dass er auch Lupercus, Pacatos 
und Pollio benutzt habe: wo es nur unmöglich ist, den Grad 
der Benutzung zu zeigen. Dieser Index wird auch noch 
wichtig sein für die Feststellung der litterarhistorischen 
Quellen. 

Während dieser lexicographische Theil für uns von höch- 
stem Nutzen ist und für einzelne Schriftsteller, wie für 
Julian und Aeüan noch sehr viel aus Suidas gewonnen werden 
kann, ist das rein Historische für uns ohne jeghchen Werth. 
Hier erkennt man den jammervollen Zustand der byzanti- 
nischen Historiographie, das elende Wiederkäuen allbekannter 
Thatsachen oder Anekdoten. Die damaligen Geschichts- 
schreiber Georgios Cedrenos, Georgios Hermatolos, Joannes 
Malelas, Joannes Antiochenos, das Chronicon Paschale, sind 
alle gewissermassen nur Abschriften eines Codex, dabei ist 
zu bemerken, dass Suidas alle mythologischen Artikel ver- 
schmäht hat, jedenfalls aus Frömmigkeit. 

Um so wichtiger und erfreuUcher tritt dagegen der andere 
Theil des Historischen heraus, der litterargeschichtliche. 

^) [Randbemerkung:] Missgünstiges Urtheil über den Index von Nabers 
ed. Photii, der die Untersuchungen von M. Schmidt verwirft. 

26^ 



Jedermann weiss, wie hierin unerschöpfliche Fundgruben 
verborgen sind, und Jedermann schöpft hieraus. Man muss 
sich aber erst das ungeheure Paradoxon zu Gemüthe führen, 
das in dieser Wichtigkeit des Suidas Hegt. Suidas ist un- 
bestritten die bedeutendste Quelle für die klassische Zeit der 
griechischen Litteratur, obwohl er sie um i'/^ Jahrtausende 
überragt. Was würden wir sagen, wenn über die römische 
Kaisergeschichte die Hauptquelle ein Buch aus der Zeit des 
30 jährigen Krieges warej oder wenn die Anfänge der christ- 
lichen Kirche und ihrer Litteratur aus einer Schrift der 
Reformationszeit zu schöpfen wären! Und auch diese Ver- 
gleiche sind noch nicht ganz zutreffend. Wir dürfen nicht 
vergessen, in welcher Zeit das Werk des Suidas entstand. 
Wie beschränkt war der Kreis der gelehrten Studien, wie 
fehlte es vor allem an jeglichem historischem Sinne. Suidas 
ist ebenso ein Paradoxon in seiner Zeit, wie er es für die 
geschichtliche Betrachtung ist. 

Deshalb ist es ohne weiteres deutlich, dass auf die Quellen 
des Suidas alles ankommt. 

Und zwar gilt es, eine Hauptquelle zu finden, da es nicht 
im Plane des Lexicographen jener Zeit lag, mühselig sich 
erst das Material zusammenzutragen. Derselbe Suidas, der 
eine ganze Reihe von Lexicis excerpirte, hat offenbar ein 
litterarisches Compendium für seine Zwecke ausgeschrieben. 
Aus welcher Zeit dies sei, deuten verschiedene Merkmale an. 
Der Verfasser jenes Compendiums kannte nur einen Con- 
stantin, nur zwei Leone, während Suidas jedenfalls vier 
Leone und eine Menge Constantine kennen muss. Die Zeit 
von Justinian an ist sehr kärglich behandelt, die bedeutendsten 
Namen fehlen entweder oder sind mit Worten bezeichnet, 
die wir noch in einem kirchlichen Schriftsteller nachweisen 
können. Dagegen ist die Zeit Justinians auffällig beredt 
gezeichnet. Hier treten uns die Biographien von Agathias, 

270 



Christodor, Damascios, Eugenios, Mariaaus, Peter Magister, 
Procopius, Pribonianus und andere entgegen. Dieser Zeit 
also muss das litterarische Compendium angehört haben. Wir 
kennen aus ihr nur eins und zwar dies wiederum durch 
Suidas, nämlich den ovofAaxoXoYo? des Hesychius Milesios oder 
TTiva^ TÄv ev TCaiSsia 6vo|xa(3TÄv vel XaficjjdvTwv. Dass dieser 
und kein anderer die Quelle des Suidas ist, ist unabweisbar. 
In einem Pariser Cod. nämlich ist uns der schon oft genannte 
Index an der Stirn des Suidas vollständiger enthalten, und 
zwar vermehrt um eben diesen Hesychius Milesios. Darauf 
führt auch hin, was Suidas in seinem Artikel am Schluss 
sagt eU OS Tov Trivaxa täv ev TraiBeia Xotfi^dvitüv exxXr^aiaaxixÄv 
8i8aoxdX(üv ouSsvo? fxvYjfxoveuei, w? Ix toutou uttovoiov irapej^eiv 
jjtY] etvai auTov j(pioTiav6v, dXXd t^? 'EXXy]vixy]<; jjiaTaioTrovia? 
dvaTrXewv. Und wirklich fehlen im Suidas alle Kirchenväter. 
Eine andere Bewandtniss hat es mit der Notiz o5 eictTojjn^ 
eaii TouTo t6 ßißXiov. 

So gilt es denn als feste Thatsache, dass Hesychius Milesius 
die alleinige Quelle für litterarische Notizen des Suidas ist. 
Somit sind wir von 960 doch bis circa 500 gekommen. Der 
ovoixatoXoYo? des Pseudo-Hesychios, den wir haben, ist ein 
byzantinisches, sehr spätes Machwerk aus Suidas und Diogenes 
Laertius nach Lehrs' Nachweis. 

Hier erneuert sich nun dieselbe Frage: woher schöpfte 
Hesychius? Die Artikel über berühmte Gelehrte seiner Zeit 
gehören ihm natürlich selbst. Ebenso wenn es an ca. acht 
Stellen heisst „ich fand dieses oder jenes Werk nicht in der 
Bibliothek" oder ähnlich, so haben wir diese Worte eben- 
falls dem Hesychius zuzuschreiben. Versetzen wir uns nun 
in die Lage des Hesychius: Er hat vor, einen Index täv sv 
TuaiSsia 6vo(xaaTiüv zu schreiben j was für Quellen wird er 
benutzt haben oder vielmehr, was waren die umfassendsten 
Vorarbeiten, die er benutzen konnte? Wir fragen also nach 

271 



den namhaftesten Werken der Zeit vor ihm, die seinem 
Plan am förderlichsten waren. Darauf ist nun verschieden 
geantwortet worden. 

M. Schmidt im Didymos hat zu erweisen gesucht, dass das 
Werk Tuepl XüpixÄv, von dem uns einige Fragmente erhalten 
sind, nicht dem Chalcenteros, sondern dem Didymos Mouaixö? 
angehöre. Zugleich spricht er seine Vermuthung aus, dass 
die Suidasbiographien von Dichtern Ueberreste aus diesem 
Werke sind. Dies ist eine Vermuthung und Schmidt hat 
keine Spur eines Beweises nachfolgen lassen. Es giebt aber 
gewichtige Argumente dagegen. Wir kennen die Ansicht 
dieses Didymos über den Geburtsort des Theognis aus einem 
Plato-Scholion: Er kämpft sehr entschieden gegen diejenigen, 
welche den Theognis vom sicilianischen Megara abstammen 
lassen. Aber Suidas sagt ganz ausdrücklich: Oeoyvi? Meyctpeu? 
TÄv ev 2ixeXia Mt^dpwv. Schmidt weiss sich nicht anders zu 
helfen, als dass er einen grossen Ausfall annimmt. Er meint, 
es habe dagestanden Mey^ps^? «tto '^<*>^ izpoc, x-^j Attixtq MsYdpwv, 
TcoXiTY]? o£ Tü>v £v SixsXia Mv(dpw^; was ihm niemand zugeben 
wird. 

Doch ich habe noch einen zweiten Grund dagegen. Die 
Fragmente aus dem Werke irepl Xupixwv beschäftigen sich mit 
Fragen der elBoypacpia. So heisst es Et. M. 777,9 uixvoaxej^iopiaTat 
8e eYX(ü|j,iü)v xal Trpoctoöitov xal iicaivüiv ohy^ u)? xaxsivtov [jly] ovtüdv 
ufjLvwv dXX' dvTiSiaaxeXXovTai w? do-q Tupo? '(ivo<;. Sehen wir nun 
die einzelnen Indices der Lyriker bei Suidas an, so werden 
bei Pindar eYxwjjiict und ujivoi, — bei Timotheos ebenfalls, — 
als getrennte Werke aufgezählt. Didymos ist also nicht der 
Verfasser dieser Indices. Aber nach dem gerade fragen wir, 
denn die kurzen angehängten biographischen Notizen pflegten 
eben an solche Indices operum angeschlossen zu werden. 

Mit mehr Wahrscheinlichkeit ist eine Ansicht von Otto 
Schneider aufgestellt und von Curt Wachsmuth vertheidigt 

272 



worden. Sie behaupten, die laxopia {jtouoixi^ des Dionys von 
Halicarnass sei die QueUe der Dichter-vitae. Sie argumentiren 
so: Durch Excerpte des Sopator im Photios hören wir von 
einem Werke des Rufus, einer loiopia [aouoixtj. Nun schrieb 
auch Dionys von Halikarnass eine laiopia {jlouoixyjj höchst 
voluminös. Rufus und Dionys werden aber für eine Ansicht 
als Gewährsmänner angeführt. Folghch war die laiop. jjloü?. 
des Rufus die Epitome des Dionys. Der Schluss ist kühn. 
Lassen wir ihn gelten. Folglich, sagen sie, können wir uns 
aus der Beschreibung des Rufus-Werkes ein Bild von der 
lOTop. [xoüs. des Dionys machen. Dionys habe also verzeichnet, 
was jeder erfunden habe, welchen Königen er befreundet 
gewesen sei, in welchen Siegen er den Preis davon getragen. 
Nun stellte Wachsmuth Stellen der Suidas-vitae zusammen, 
aus denen sich diese drei Momente schliessen lassen. Aber 
unbefangen betrachtet, mussten diese drei Punkte in jeder 
Dichtergeschichte des Alterthums vorkommen. Also damit 
ist nichts erwiesen. Nun citirt zwar Suidas zweimal den 
Dionysius, aber gerade aus solchen Citaten ist zu entnehmen, 
dass der Citirte sicher nicht die Hauptquelle war. Diese 
wird gewöhnlich verschwiegen, aber einzelne gelehrte Citate 
sind beliebt. Ueberhaupt ist es sehr unwahrscheinlich, dass 
einer, der einen uiva^ täv h TraiS. övofx. schreiben wollte, 
zu einem Theile desselben ein Werk von 32 Büchern wie 
die loTopia [jlouoixt^ des Dionys von Halikarnass excerpirt hätte. 
Gab es kürzere Werke, so benutzte man diese. — Wahr- 
scheinlich ist die Vermuthung Wachsmuths, dass Hesychios 
das Werk des Hermippus Bergtius Tcepl täv h iraiSeia 
Siairpecj^dvTüDv 8o6Xü)v mit benutzt habe, das auch zweimal 
citirt wird. Natürlich ist dies aber nur von untergeordneter 
Wichtigkeit. 

Dagegen kommen wir einen tüchtigen Schritt weiter durch 
die Untersuchungen Volkmanns. Er zeigt nämlich einen 

18 Nietzsche I 273 



engeren Zusammenhang mehrerer vitae mit den Werken, 
als man bis jetzt erkannte. Diese vitae sind als Prolog oder 
Epilog in die Werke selbst eingeschrieben worden, wie ja 
dies an folgenden Beispielen ganz deutlich ist. Unter 
Mimnermus l^pa^t ßißXia lauta iroXXa, unter Callimachus eypa'jje 
xal tauia, wo die wichtigsten Sachen die kU^zXa, die Aiiia 
und die 'ExdXvj fehlen und andere Beispiele. Er meint, dass 
hierin die Alexandriner, vornehmlich Callimachus voran- 
gegangen sind. Wenn wir nun sicher erkannt haben, dass 
eine Reihe vitae dergleichen Epiloge und Prologe der Werke 
waren und dazu nehmen, dass die Anlage dieser vitae von 
höchster Gleichartigkeit ist, so müssen wir schliessen, dass also 
überhaupt diese vitae auf Bibliothekskataloge zurückgehen. 
Hier nun will ich meine Meinung kurz aussprechen: 
Hesychius benutzte als Hauptquelle direkt die Trivaxs? des 
Callimachus sammt ihren Nachträgen, die er dann vervoll- 
ständigt bis auf seine Zeit.') Dies begründe ich also: i. spricht 
schon der gemeinsame Name dafür. Der Titel der irivaxe? 
lautet vollständig bei Suidas: Tcivaxe? täv h TraaY] iraiSeia 
oiaXa(Jn}>dvTü)v xal äv auvi-(pa^av h ßißXioi? x xal p. Das Werk 
des Hesychius Tciva^ täv ev TcaiSeia Xa(j,^dvT(üv. 2. Wenn man 
nun überlegt, welch epochemachenden Eindruck die irivaxe? 
des Callimachus machten als wichtigste Quelle für Litteratur- 
geschichte, wie Athenaeus das Werk gehörig ausbeutet, wie 
jeder nachfolgende litterarische Forscher den Callimachus 
fortwährend berücksichtigte, so wäre es schon beinahe un- 
begreiflich, wenn Hesychius dies Werk nicht benutzt hätte, 
zumal es für ihn höchst bequem war. Natürlich aber war 
dies grosse Werk des Callimachus immer fortgesetzt worden, 
und indem es Hesychius bis auf seine Zeit vervollständigte, 

^) [Am Rande bemerkt]: natürlich ziehe ich jetzt diese Ansicht zurück, 
nachdem ich in dem Vortrag über die aristotelischen Trivaxe; die richtigere 
Einsicht dargelegt habe. August 1867. 

^74 



brachte er ein praktisches Handbuch zustande. 3. Nun aber 
giebt es noch einen schlagenden Beweis, dass dem Hesychius 
die irivccxe? des Caliimachus zu Grunde liegen. Bekanntlich 
giebt es zwei verschiedene Anordnungen der Pindarischen 
Gedichte, eine von Aristophanes von Byzanz, der alle Citate 
aller Grammatiker nach ihm gefolgt sind, und eine andere 
im Suidas allein erhalten. Dass dies die ältere sei, ist von 
Bergk schlagend nachgewiesen worden, ebenfalls dass sie 
aus den irivaxe; des Caliimachus stammt. Jetzt haben wir 
einen völligen Beweis: i. höchste Wahrscheinlichkeit, dass 
Hesychius die Tcivaxss des Caliimachus benutzt hatj 2. ein 
bedeutendes Beispiel, dass ein Index auf Caliimachus zurück- 
geht. Der Form dieses Index des Pindar (alphabethisch) ist 
vollkommen die der anderen analog. Wie ja von Volkmann, 
O. Schneider und Wachsmuth übereinstimmend die grosse 
Uniformifät in der Abfassung der einzelnen vitae und indices 
operum nachgewiesen worden ist. 

Entwerfen wir nun ein Bild der Trivaxs? des Caliimachus. 
Er hatte nach dem berühmten Scholion das Amt, den Büchern 
die Titel aufzuschreiben. Er fügte kurze biographische Notizen 
an. Dies alles aber zusammengeschrieben gab die berühmten 
TTivaxec, d. h. Bibliothekskataloge, iriva^ heisst nämlich Index, 
nämlich sowohl Titel des einzelnen Buches = dTTOYpacpYJ, als 
auch Catalog. 

Nun hat das ganze Werk 120 Bücher. Man erkennt so- 
gleich, dass dies fünf grosse Abtheilungen giebt, jede nach 
dem Alphabet 24 Bücher habend. Welches sind die fünf 
grossen Abtheilungen? Aus Citaten kennen wir die Ab- 
theilung der p'qxoptc, und der Spafiaxixoi (wenn nicht Unter- 
abtheilung von TToir^Tai) und icavioBaTra auYYpdfJtiAata. Die übrig 
bleibenden zwei sind sogleich zu errathen, es sind die laropixoi 
und die cpiXoaocpoi. Dass diese alle geschieden waren, will 
ich beweisen. Dazu muss ich auf Suidas zurückkommen. 

18* 275 



Das erste Werk, in dem der Suidas stark benutzt und aus- 
geschrieben sei, hat man immer behauptet, sei die 'Iwvia der 
Kaiserin Eudocia um 1050. Diese enthält mythologische Notizen 
und als Anhang die vitae von bekannten Männern des Alter- 
thums, die zum grössten Theile wörtlich mit Suidas über- 
einstimmen, oft noch etwas verkürzt sind. Ich behaupte nun, 
dass Eudocia nicht den Suidas ausschrieb, sondern beide eine 
gemeinsame Quelle benutzten, nämlich dem: ivaE des Hesychius. 
An und für sich war es natürlich der Eudocia bequemer, 
ein Werk wie den Hesychius auszuschreiben, als mühsam 
sich die einzelnen Notizen aus dem Wust der Xeiei? des 
Suidas zusammenzusuchen. Aber das Werk des Hesychius 
konnte in der Zwischenzeit 970—1050 verloren sein. An 
vielen Stellen giebt sie etwas Wesentliches mehr als Suidas. 
Aber das Exemplar des Suidas, das ihr vorlag, konnte voll- 
ständiger gewesen sein. Einige Stücke zwar, wo sie ganz 
namhafte Werke eines Mannes nachbringt, wäre dies schon 
schwer anzunehmen. Man wolle nur ja nicht an Zusätze 
eigener Gelehrsamkeit bei der Eudocia denken. Aber folgende 
Beweise kann niemand widerlegen. Unter KaXXiTnro? hat sich 
Eudocia versehen und aus Ki^T^c, weiter abgeschrieben. Um 
dies Versehen zu erklären, ist es durchaus nöthig, dass Keßrjc 
und KaXiTTTToc nahe aneinander standen, sodass der Blick von 
einem zum anderen nahe überschweifen konnte. Aber im 
Suidas sind sie weit getrennt, pag. 47 — pag. 190 bei Bernhardy. 

Theognis wird bei Eudocia in zwei Artikeln behandelt, 
Suidas hat dasselbe in einen zusammengezogen. Eigne Zu- 
sätze des Suidas fehlen bei Eudocia regelmässig, vergleiche 
besonders FIpoxXo?, wo er gleich an eTci/eip^iiaia m-ä xpiotiavojv 
anfängt zu schimpfen. 

Also aus Suidas schrieb sie nicht ab. Also ist ihre gemein- 
same Quelle Hesychius. Hier ist noch ein Bedenken. Wo 
Suidas also und Eudocia übereinstimmen — und das ist fast 

275 



überall — heisst das soviel als: sie schrieben eben wörtlich 
ab. Also ist Suidas nicht Epitome, sondern Abschrift des 
Hesychius. Aber nach der Anführung des iriva^ täv iv 
Tcaioeia Xa(j.'J^dvTü)v heisst es im Suidas o5 etcitojitj eaxi touto 
To ßigXiov. toGto t6 ßißXiov ist also nicht Suidas, sondern die 
gemeinsame Quelle. Also Eudocia und Suidas schrieben eine 
Epitome des Hesychius ab. 

Jetzt fragen wir: welches war die Form des iciva^ des 
Hesychius? Also: waren auch etwa fünf grosse Abtheilungen, 
oder waren alle berühmten Leute aller Classen in ein Alpha- 
beth untergebracht? Suidas giebt uns darauf keine Antwort, 
da alle Namen bei ihm nach der Form seines Lexicons 
untergebracht sind. Wohl aber Eudocia. Diese hat ihr Lexicon 
nach dem Alphabeth geordnet. In jedem Buchstaben aber 
scheidet sie die einzelnen Classen von berühmten Leuten 
und stellt erst die vitae der YpafxfjLaxixoi, die mit A anfangen, 
dann der ^-^xopsc, die mit A anfangen usw. zusammen. In 
diesen einzelnen Gruppen aber bewahrt sie keineswegs streng 
die Ordnung des Alphabeths, sondern versieht sich sehr oft. 
Ihr fallen die Abweichungen vom Alphabeth zur Last, da 
sie in der Vorrede verspricht xaxa oxoixetot dTroypdcj>o(xai. Wären 
nun im Hesychius die einzelnen Classen geschieden gewesen, 
so wäre ein solcher Irrthum gar nicht möglich: Sie hätte 
dann immer die Grammatiker unter A abschreiben können, 
dann die prixoptc, usw. Wären die einzelnen Classen im 
Hesychius geschieden gewesen, so hätte Eudocia diese nicht 
so planlos aufeinander folgen lassen, wie sie es thut, z. B. 
lax. j^Tjx. Ypa[X(x. cpiX. iroi., dann tax. lax. «piX. ^iqx. ttoi. Ypa[x[x., 
dann ^tjx. lax. iroi. yp- T^^- Unter H lässt sie alle berühmten 
Männer aus, aber sie konnte 'HpaxXeiÖY]?, 'HpdxXsixoc, 'HpoSoxo?, 
' HptüSiavoc, 'HaioÖo? und viele andere nennen. Aber sie hätte 
da auch 'Hao^io?, ihre Quelle, nennen müssen, darum liess 
sie lieber alle aus. 

277 



Also war der Hesychius nach e'metn Alphabeth geordnet 
und alle Männer aller Classen einrangirt/) Halten wir dies 
fest, so können wir auch die Frage beantworten, von der 
wir ausgiengen, nämlich: wie waren die Trivaxs? des Calli- 
machus in dieser Hinsicht beschaffen? Wenn 'Etcivixo? (einmal) 
eingeführt wird mit xal auxö; xcDjxuot;, so beweist dies, dass 
vor ihm ebenfalls ein xü)|jlix6? stand. Dem Alphabeth nach 
muss das 'EtciXuxo? sein. Aber im Hesychius stand dazwischen 
noch 'E7:i[A£vioYj? cpiXoaocpoc Also geht dies xal auxo? noch 
auf die Anordnung der Tcivaxe? des Callimachus zurück. 
Folghch waren dort die 91X600901 besonders behandelt. 
Darunter war natürlich auch ein Index der Werke des 
Aristoteles. Hertz meint, die Werke seien von Hermippus 
aufgezählt worden: er ist jedenfalls nicht auctor indicis, 
höchstens Vervollständiger. Verfasser des Index ist Ptolemaeus 
Philadelphus, de Aristot. vita morte scriptorum ordine (im 
Verzeichniss Dschemaluddins : indiculus, quem Ptolemaeus in 
libro ad Agallim repraesentat: leg. ad Callimachum). Tifxwv 
xal auTo? cpiXoaocpoc, also gieng Ti(jLaio? vorher. Aber im Hesychius 
stehen noch |5)TQxope? dazwischen, wie Ti|i6Xao; und TconrjTai 
wie drei Ti|x60eoi und TifioxX^c und Ti{jioxpeu)v und andre. 
Auf diese Weise habe ich denn erkannt'), dass in den 
irivaxe? des Callimachus die Troir^iai besonders behandelt 
wurden, und in ihnen wiederum die erixot, die Xupixoi, die 
xwfxixoi, die xpaYixoi u. s. w., dann 2. Abschnitt die loTopixoi, 

^) [Randbemerkung:] Darauf führt auch der Name Tiiva? hin, nicht 

=) [Randbemerkung:] Dies bestätigt auch die Schriftstellerei des Her- 
mippus Smyrnaeus, der sich seinem Lehrer streng anschliesst. Sein ganzes 
Werk hiess Trepl tüjv ev iraiSeia Xo:|xi/ravT(uv und einzeln citirt werden ßtoi 
TÄv cfiXoaocfcüv mit Unterabtheilungen wie ßioi twv eTUTCt oocptöv, dann ßi'oi 
xÄv pTjTopüiv; ßioi icTopixüiv und 7:oiT)Tüiv können geschlossen werden aus 
Mareen, vita Thuc. i8 Athen. VII. p. 327C. 

Bei Callimachus lag der Accent auf dem rl^aü der Schriften, bei 
Hermippus auf dem ßio;, aber keiner vernachlässigt das andere. 

278 



3. die ^T^Tops?, 4. die cpiX6ao<poi. Endlich der 5. Haupttheil 
der iravToSaTra ouYYpd|x(jLaTa umfasst z. B. solche, die über 
^ciTTva geschrieben, die v6{xoi verfasst hatten und dergleichen. 
Hier macht ein Citat bei Athenaeus Schwierigkeit. Er citirt 
nämlich einen vofjio? der FvaSaiva h xpiTto Tcivctxi täv v6|ji(ov. 
Diese Stelle ist belehrend über den Begriff iriva^ in dem Titel 
des Callimachischen Werkes: Tcivaxs? h p xotl x ßißXioi?. Man 
könnte nämlich denken, es hiesse Cataloge in 120 Büchern, 
also nach unserer Feststellung fünf Kataloge, so dass ein 
7riva6 24 Bücher umfasste. Dass dies nicht die richtige 
Auffassung ist, zeigt diese Stelle. Es heisst der 3. iriva^ iäv 
v6(X(ov. Also hat hier uiva^ nicht die Bedeutung „Katalog" 
wie in dem Werk des Hesychius. Auch zeigt es, dass nicht 
etwa jedes pißX{ov ein mva^ war. Denn mehr als 24 ßißXia 
giebt es nicht für die TravTooaTCoc aüYYpafijxaTa: Wenn aber 
nun die v6[xoi bei dem Buchstaben F im dritten Buche sind, 
so müssten allein die v6|jioi 24 Tuivaxs? haben. Also würde für 
die unermessliche Menge der anderen oüYYpa[Ji{i.aTa TcavioBaicot 
kein iriva^ übrig bleiben. Vielmehr ist Tcival „Aufschrift des 
einzelnen Werkes" = dvaYpctcp"^} so besonders im Tzetzes: 
u)v ßvßXwv TOI)? Tcivaxa? KaXXifxap«; a^f^pd^axo. Also im dritten 
-jtiva^ ist der v6{io? der FvdSaiva. Mit anderen Worten: Unter 
den verschiedenen v6(xoi ist der v6(jlo? der FvdSaiva der dritte. 
Man sieht also, dass die einzelnen Abtheilungen der ouYYpd[x(i,aTa 
TcavioBaird alphabethisch geordnet waren. Dies beweist ein 
Citat des Athenaeus schlagend: XIV, ^43 e oI8a 82 xal KctXXi- 
li.a.yov Iv Tto T<Sv TravioSaTTÄv 0üYYpö(i[xdTü)v irivaxi dvaYpd^ovxa 
TrXaxouvTOTcouxot auYYpd(Ji[xaTa AiYi[xiou xaVHYVjaiTTTcou xaiMYjTpoßiou, 
exi 8e ^aiatou. 

Wer die Tiivaxs? des Callimachos vervollständigte, ist 
unbekannt. Es wird daran jede Folgezeit gearbeitet haben j 
ein einziges Beispiel habe ich gefunden j nämlich Apollonios 
Tyrios, c. 60 v. Chr., verfasst nach Strabon XVI, pag. :'57 

279 



einen Tiiva^ töv cLixb ZiQvtovo? ^iXoooff äv xai täv ßißXitov. Warum 
von Zenon an? Weil es für die frühere Zeit einen mass- 
gebenden TTiva^ gab, nämlich eben den irtva^ (piXoooipÄv des 
Callimachos. Dass dieser nämlich gerade bis Zenon ging, 
ist höchst wahrscheinlich. Zenon lebte unter Antigonos 
Gonatas c. 280, Callimachus c. 260. Das ist ungefähr ebenso, 
als wenn man jetzt eine Geschichte der Philosophie schreibt 
und bei Hegel stehen bleibt. 

Von der Wichtigkeit dieser Erkenntniss, dass wir im Suidas 
die uivaxe? des Callimachus haben, brauche ich kaum zu 
reden. Denn, fragen wir nun weiter, woher schöpft Calli- 
machos? so giebt es gar keine andere Antwort als: aus den 
Schriften der Peripatetiker und vornehmlich des Aristoteles. 
Hier erkennen wir, wie richtig Volkmann sah, als er die 
eup-^fjLata bei Suidas auf den Aristoteles zurückführte, ins- 
gleichen die geschichtlichen Fortgänge des Dramas. 
Wie grossartig erscheint uns jetzt das Paradoxon, von dem 
ich sprach. Wir eilen mit drei Sprüngen über einen 1000- 
jährigen Zeitraum zurück und stehen mitten unter den ersten 
und geistreichsten Vertretern griechischer Gelehrsamkeit. 



280 



Aufzeichnungen 
über Geschichte und historische Wissenschaft. 

(1867.) 

Den grossen Gedanken produzirt nur der Einzelne. 

Massenüberzeugungen haben immer etwas Halbes und 
Verschwommenes. 

Dagegen sind die Triebe der Masse mächtiger als die des 
Einzelnen. 

Wer den Ideenkreis und -Verlauf ganzer Zeiten darzu- 
stellen hat, muss immer die Dummheit und die Furcht vor 
der Ganzheit in Rechnung ziehn. 

Völker leiten heisst, Triebe in Schwung zu bringen, um 
eine Idee durchzuführen. 

Dasselbe gilt auch in der Pädagogik. 

Was für die einen ein Trieb ist, ist für die andern oft 
eine Anschauung, ein Begriff. 



Eine Geschichte des Denkens im Gegensatz" zu einer 
Geschichte der Triebe. 



Das ethische Leben und die ethischen Vorstellungen haben 
keinen nothwendigen ParaUelismus. 



Eine Anzahl Anschauungen sind vom Triebe erzeugt, 
z. B. Gott u. s. w., d. h. vom Bedürfnisse. Hier ist der 
Irrthum fast nothwendig, aber eine begrÜfüche Widerlegung 



281 



nicht stark genug, die Anschauung aufzuheben. Es gilt, 
Bedürfniss durch Bedürfniss auszurotten. 

Dies gilt anch von der Geschichte. Das Bedürfniss, geistig 
thätig zu sein, treibt die vielen Menschen auf sie hin. Der 
Nutzen, den sie leistet, liegt zum grössten Theil in der 
Beschäftigung mit ihr. Im Ganzen steht es mit Philosophen, 
Naturwissenschaften u. s. w. nicht besser. Vor allem aber sind 
diese Studien dadurch nützlich, dass sie die Menschen vom 
Experimentiren mit den Menschen, von socialen Reformen 
u. derg. fernhalten. Auch sind diese Beschäftigungen im 
Ganzen billig. 

Es ist ein schrecklicher Gedanke, eine Anzahl mittelmässiger 
Köpfe mit wirkUch einflussreichen Dingen beschäftigt zu wissen. 

Das zeigt die Halbheit und Leidenschaft aller politischen 
Bestrebungen in der Menge. Aehnlich steht es mit theo- 
logischen Dingen. 

Immerhin aber ist es nützlich, der Wissenschaft ihren 
„überaus herrlichen" Mantel etwas vom Leibe zu ziehn. Ein 
gesundes Volk, wie die Griechen, kennt sie nur in geringem 
Grade. Wir leugnen nicht ihren Nutzen, aber der Volks- 
führer muss wissen, dass die Masse mit diesem Elemente 
nicht zu sehr getränkt werden darf Man führe Krieg gegen 
alles, was die Menschen beengtj aber ja nicht auf dem Wege, 
dass man sie lehrt, Bedürfnisse durch Anschauungen zu zer- 
setzen. Kurz, man bilde die Bedürfnisse um, die Befriedigung 
mag sich die Menge suchen, z. B. setze man die starken 
religiösen Bedürfnisse in sittliche um. Die poHtischen in wohl- 
thätige. Die Genussbedürfnisse in Kunstbedürfnisse. Aber 
langsam. Einem Branntweintrinker Sinn für schöne Statuen 
einflössen zu wollen, ist Unsinn. Aber Sinn für Bier und 
Politik. 



282 



Jeder, der ein Bedürfnis seiner Zeit befriedigt, darf auf 
deren Dank rechnen. 

Aber es giebt Bedürfnisse, die erst gepflanzt werden und 
deren Urheber gewöhnlich Unverstand und Undank ernten. 
Wer hiess sie auch, neue Bedürfnisse zu erzeugen? 

Man überschätzt gegenwärtig die Geschichte. Dass man 
sie treibt, ist natürlich. Denn ein Trieb ist der Ursprung 
ihres Daseins. Vielleicht lernt auch der Politiker oder der 
Diplomat etwas aus ihr. Wir andern fühlen recht wohl, 
dass die Entwicklung von Vorstellungen, die mit einzelnen 
Fakten hier und da belegt sind, etwas Schemenhaftes hat. 
Der historische Thatbestand hat etwas Erstarrendes, Medusen- 
haftes, das nur dem Auge des Dichters schwindet. Aus den 
Blöcken der historischen Thatsachen müssen wir uns erst 
Statuen heraushauen. 

Die Wissenschaft hat etwas Todtes. Insbesondere ist die 
Ethik schädlich den guten Eigenschaften des Menschen. 

Der Trieb, gut zu handeln, ist da: man darf ihn aber nicht 
bewusst anschauen. Siehe, das ist Amor und Psyche. 



Somit ist Geschichte, wie ich sie hier geschildert, nichts 
als Geschichte der Masse, für welche Geschichte die einzelne 
^Persönlichkeit nur soviel Einfluss hat, als sie auf die Masse 
eingewirkt hat. 

Im Allgemeinen aber ist Geschichte im Gegensatz zur 
Philosophie: Betrachtung der verschlungenen Bedürfnisse im 
Gegensatz zur Betrachtung des einzelnen losgelösten Bedürf- 
nisses. 

Doch dies hat sie mit den Naturwissenschaften gemein. 

Am Ende giebt es bloss eine Betrachtungsweise der Dinge, 
die wissenschaftlich ist. 

283 



Eine andere ist die, welche auf den Willen gerichtet ist. 
Z. B. ein Apfel für das Kind und für den Maler und für 
den Naturforscher. 

Die Dritte ist die für den Künstler. 

Der „organische" Geschichtsschreiber muss Dichter sein: 
es schadet jedenfalls etwas, wenn er nicht Dichter ist. 

Die historischen Gesetze bewegen sich nicht in der Sphäre 
der Ethik. Der „Fortschritt" ist überhaupt kein historisches 
Gesetz, weder der intellektuelle noch der moralische, noch 
der ökonomische. 



Die „Vorbereitungen des Christenthums in der Heiden- 
welt" ein Lieblingsthema für die Geschichtsconstruktoren. 



Gesetzmässigkeit existirt nur für den betrachtenden Geist, 
der es versteht, das Speziellste zu übersetzen. Dies ist keine 
vernünftige Gesetzmässigkeit, sondern nur der eine selbe 
Trieb, der in verschiedenem Material zur Erscheinung kommt. 

Die Aufgabe des Historikers ist es somit, Bedürfnisse zu 
erkennen, die der grossen Menge. Diese sind oft die durch 
starke Geister eingebornen Bedürfnisse. Diesen Werth haben 
dann die einzelnen Persönlichkeiten für: die einen als Be- 
weise der Massenbedürfnisse, die andern Wenigen als Erzeuger 
neuer Bedürfnisse. 

Die Ereignisse, weder die des Einzelnen noch die der 
Geschichte haben einen nothwendigen Gang, d. h. den Gang 
einer vernünftigen Nothwendigkeit. 

Es versteht sich, dass alles was ist, aus Gründen ist und 
dass diese Kette nicht abbricht. Diese Nothwendigkeit ist 
nichts Erhabenes, nichts Schönes, nichts Vernünftiges. 

Z. B. ein Mann, der ein Volk oder eine Familie beglücken 

284 



kann, fällt unter dem Sturz des Baumes. Hier ist Ursache 
und Wirkung, aber keine Vernünftigkeit. 

Den besagten natürlichen Gang der Nothwendigkeit zeigen 
kann kein Historiker. Denn wir können es nicht bei unseren 
einzelnen Erlebnissen. 

Einen grossen Gang der Nothwendigkeit wollen manche 
zeigen? es ist eine Täuschung. 

Wohl aber können wir Glieder der ersten Nothwendig- 
keitskette finden, die nach kurzem wieder abreisst. 

Nun finden wir einzelne Kettenstückchen im Ganzen 
häufig wieder. Diese nehmen wir zusammen und suchen 
uns die in der Bedürftiisslehre der Menschen vorkommenden 
Gründe, die solche Erscheinungen treiben. 

Kurz, wir wenden jetzt eine naturwissenschaftliche Methode 
an, wir erkennen eine Gesetzmässigkeit, die sich bei Betrach- 
tung des einzelnen Dinges nicht ergeben kann. 

Ebenso wie wir zur Einsicht der Gesetze unsres Handelns 
d. h. des Charakters durch Combination vieler einzelner 
Thatsachen kommen. 

Nur, dass der Irrthum einer Geschichtsbetrachtung näher 
liegt als einer Charakterbetrachtung. 

Aber vor allem betone man die Kleinheit der Ketten- 
stückchen. 

Der Skeptiker kann immer noch die Existenz von Gesetzen 
abstreiten. Es giebt, kann er sagen, keine gleichen Ursachen, 
darum keine gleichen Wirkungen. Das ist auch richtig. Jede 
Gleichheit ist imaginär. Ebenso doch ist es in der Natur, 
die trotzdem ihre Gesetzmässigkeit hat. 



Das Medium, durch das der Historiker sieht, sind seine 
eigenen Vorstellungen (auch die seiner Zeit) und die seiner 
Quellen. 

285^ 



Baur dagegen glaubt daran, dass der Prozess, der sich 
hinter der Geschichte entwickele, sich anschauen lasse, er 
will nicht nur die zwei Häute der Zeit- und Quellen- 
Vorstellungen zerreissen, sondern auch die dicke und un^ 
durchdringbare Haut, mit der die Dinge an sich umhüllt 
sind. 

Er will also mehr können als ein Philosoph bei einer 
Erscheinung, die sich vor seinen Augen entwickelt^ wenn 
dieser das Gras nicht wachsen hören kann, weil er taub wie 
alle Menschen ist, so will Baur es sogar noch wachsen hören, 
wenn ihm jemand davon berichtet, dass es dort und dort 
wachse. 

Wir haben genug zu thun, ja vielleicht zu viel zu thun 
als mögUch ist, wenn wir die „Subjektivität" unserer Er- 
scheinung und der der Quellen abzustreifen suchen: die 
„Objektivität", die wir erstreben können, ist weit entfernt, 
es zu sein. Es ist nichts als „Subjektivität" auf einer weiteren 
Stufe. 

Was ist Geschichte anders als der Kampf unendlich ver- 
schiedener und zahlloser Interessen für ihre Existenz? 

Die grossen „Ideen", in denen manche glauben, diesen 
Kampf aufzufassen, sind die abgeschwächten Reflexe grosser 
oder kleiner Ingenien auf dem verworrenen Meere schwim- 
mend. Sie beherrschen das Meer nicht, aber verschönern 
oft die Welle für das Auge des Zuschauers. Es ist aber 
gleichgültig, ob das Licht Mond-, Sonnen- oder Lampen- 
licht ist: Die Welle wird höchstens schwächer oder stärker 
beleuchtet. 

Der Gedanke will auch existiren. Nur sind oft und weit 
öfter als bei Trieben die Leiter dieser Art der Elektrizität 
schlecht. 

28Ö 



Bedürfnisse befriedigen heisst Erfolge haben und um- 
gekehrt. Aber in der Geschichte wie im Leben des Ein- 
zelnen wechseln die Bedürfnisse. Die Bedürfnisse, deren 
Befriedigung recht ostensibel ist und sich in Kriegen, 
Litteraturen u. s. w. zeigt, sind deshalb nicht die wichtigsten. 
Ein Stück Brod ist immer wichtiger als ein Buch. 



287 



Ideen zur Geschichte der litterarischen Studien. 

Eine Geschichte der litterarischen Studien mit speziellem 
Bezüge auf das klassische Alterthum ist eine Aufgabe, der 
sich ein ordentlicher und ideenreicher Philolog einmal unter- 
ziehn sollte. Ich meine eine deutliche Darlegung der frucht- 
bar gewordnen Gesichtspunkte, von denen aus man das 
Alterthum betrachtet, sammt allen Verkehrtheiten, kurz jene 
Grenzlinie zwischen den Philosophemen und der Litteratur- 
geschichte. Dazu ist nöthig eine Erkenntniss über die Kette 
von Theoremen, die man über Geschichte aufgestellt hat. 

Ein Satz daraus. Zu aller Zeit hat man den Dichtern und 
Schriftstellern der Vergangenheit denselben Rang und die- 
selbe Bedeutung beigemessen als den zeitgenössischen. 
Die litterargeschichtliche Forschung spiegelt die Bilder der 
gegenwärtigen Dichter wieder. — Zu beachten sind die 
Lieblingsautoren von Zeiten und Richtungen. 

Einflüsse auf die litterarhistorischen Studien: 

a) die zeitgenössischen Dichter, Schriftsteller u. s. w., ihre 
Stellung, ihre Bestrebungen, ihre ästhetischen Anschau- 
ungen. 

b) die herrschenden Philosopheme, vel Religionen vel Ethik. 

c) die gegenwärtige Art, Geschichte zu schätzen und zu 
treiben. 

d) die Stellung und die Studien der Litteratoren selbst. 

e) die grössere oder kleinere Fähigkeit eines Volkes, Fremdes 
und Vergangenes anzuerkennen. 

288 



Die Geschichte der Homerfrage ist durchzuführen durch 
alle Zeiten unter den 5 Gesichtspunkten. Insgleichen das 
Liebeslied. Das Volkslied. Das Drama. Neigung für indische 
Poesie. Mystischer Drang und Allegoriensucht. Rationalismus. 
Optimismus und Pessimismus. 

Der Gleiche erkennt den Gleichen. Es ist nachzuweisen, 
wie alle grosse litterarische Einsicht wieder auf die grossen 
verwandten Ingenien zurückgeht: was einen schönen Beweis 
für die Erbärmlichkeit des gemeinen Intellekts abgäbe. Er 
kann keine grossen Werke schaffen: ja er kann sie nicht 
einmal herauserkennen. Der grosse Kanon der Classiker ist 
allmählich von den Classikern gebildet. Die Durchschnitts- 
köpfe brauchen schrecklich viel Material, um ihre Dichter 
zu „verstehen": weil sie eben das Stoffliche verstehen wollen 
und eigentlich auch nur können. Daher die Ausdehnung 
der Litteraturstudien. Dann ist es weder ihre Absicht, noch 
können sie es, die Ingenien in gurgite vasto zu erkennen. 
Vielmehr neigen sie zur „historischen" Erkenntniss, d. h. 
sie reihen die grossen Köpfe in eine lange Reihe ein, die 
von Köpfen ihres Schlags gebildet ist. Sie wollen keinen 
absoluten Unterschied, sondern nur einen graduellen an- 
erkennen. Dann suchen sie die Existenz des grossen Kopfes 
als eine „nothwendige" d. h. aus Zeit und Umgebung nicht 
nur erklärliche, sondern zwingend sich ergebende nachzu- 
weisen: wobei sie das Ingenium unter eine hässliche Zwangs- 
gewalt beugen. Endlich wollen sie das Schwache, Vergäng- 
liche und Böse am grossen Individuum mögHchst erkennen j 
auch, wie sie sagen, um sie vollständig zu verstehen. In 
Wirklichkeit: um sie sich näher zu bringen. 

Es ergiebt sich 

a) Hypertrophie des Studiums (ebenso wie in der Herme- 
neutik). 

b) Mangel oder Unselbständigkeit der Grundeinsichten. 



^9 



Nietzsche I 289 



c) Betonung der persönlichen Schwächen, aber der all- 
gemeinen zeitlichen Tugenden und Kräfte. 
.Alle Wissenschaft entsteht, wenn man etwas, was Mittel 
ist, als Zweck betrachtet, z. B. Sprachwissenschaft. Dagegen 
ist es das Zeichen einer entarteten Wissenschaft, wenn sie 
den Zweck über den Mitteln aus dem Auge verliert z. B. in 
der Litteraturgeschichte oder in der Hermeneutik. Zunächst 
sucht man litterarische Data zu erfahren, um einen speziellen 
Dichter zu verstehen j dann fasst man die litterarischen Daten 
zusammen in's Auge zum Zweck einer litteraturgeschicht- 
lichen Erkenntniss. Wenn aber Einem oder einer Zeit die 
Fähigkeit fehlt, zusammenzuschauen, so entartet die litterarische 
Wissenschaft. 

Vom Einfluss der Geistesnahrung, der gelesenen Schrift- 
steller auf eine Zeit. 

Das Urtheil über gewisse Philosophen, Dichter u. s. w. ist 
immer charakteristisch für den einzelnen Menschen und für 
eine Zeit. Besonders wenn jene Männer charakteristisch 
auffallend sind, z. B. Heraklit, Schopenhauer, Sappho, Jean 
Paul. 



290 



Wirkung einiger Musikstücke. 

(Wahrscheinlich Herbst i 8 67.) 

Erhabenste üeberschwänglichkeit — Gloria in Beethoven's 
Messe. 

Verschwimmendes Ruhegefühl — Schumann, Abendlied. 

Genialer Champagnerrausch — Beethoven's Phantasie. 

Krystallne Entrücktheit — Gesang der seligen Knaben in 
Schumann's Faust. 

Lebensschwung mit eingestreuten Erinnerungsblättern — 
Letzter Theil der 7. Beethovenschen Symphonie. (Bacchisch- 
Orphisch.) 

Warmes Selbstmitleid — „Dir derUnberührbaren", Schumann. 

Diese Wirkungen machen mir ein Musikstück werth und 
unvergesslich. 



19* 291 



Gedanken über Musik -Aesthetik. 

(Herbst 1867.) 

Eine Aesthetik J der Musik hat auszugehen von Wirkungen 

A) I. eines Tons, 

2. einer Tonfolge, 

3. eines Tonsprungs, 

B) 4. des Rhythmus, 

C) 5. des Zusammenklingens von Tönen. 

A) Ursache des Tons. Eine Sprache des Affekts. Vgl. das 
Singen der Thiere. 

Ursprung also in Leidenschaften, im Willen. 

Parallele zwischen Sprache und Musik. Die Sprache besteht 
aus Lauten wie die Musik. 

Die Interjektion und das Wort. Erstere schon musikaüsch. 
Beim Wort ist das Musikalische (das Klangliche) verkümmert, 
aber sobald der Affekt kommt, tritt es hervor. Ursprüngliche 
Wurzel von Musik und Poesie. 



292 



Aufzeichnungen über Philologie und Wissenschafesbetrieb. 

(Herbst 1867 bis Herbst 1868.) 

Philologie und Sittlichkeit. 

In der Methode: Aufgeben des Egoismus, der subjektiven 
Launen und Neigungen etc. Absterben der Welt etc. (ge- 
meinsam mit jeder wissenschaftlichen Beschäftigung). 

Ethische Wendung der Studien. 

Zunächst liegt philologische Beschäftigung weiter von der 
Ethik ab als andre Studien, Jurisprudenz, Theologie, selbst 
Medizin und Naturwissenschaften. 

Sie kennen Welt und Menschen nicht. Ueberschätzen 
unbedeutende Bemühungen. Neigung zur Mikrologie. 

Das Beste, was uns die Geschichte giebt, ist nach Goethe 
der Enthusiasmus, den sie erweckt. 



Die Geschichte der Philologie zeigt eine übertrieben eifrige 
Hingabe an Dinge, deren Verständniss erst sehr spat aufgeht. 
Alle fast kauen mit stumpfen Zähnen an der Schale herum. 
Der Anblick ist lächerhch und traurig. Es ist unendüch viel 
Zeit und Kopf vergeudet worden. 

Es ist immer schwer, den Faden zu erkennen, der einen 
selbst an irgend eine überlieferte Gewohnheit knüpft. Um 
zur Schätzung und Wirkung des Alterthums zu kommen, 
machen wir zu viel Anstalten, lernen zu viel und denken 

293 



zu wenig. Was noch ausserdem die Beschäftigung mit dem 
Alterthum hervorbringt, ist eigentlich unnützes Zeug. Darum 
weil etwas gewesen ist, darf nichts untersucht werden, sondern 
w^eil es besser war als jetzt und also vorbildlich wirkt. 

Also eifrig Gegenwärtiges und Vergangenes vergleichen, 
aber nicht mit kalter Miene vergangene todte Dinge an's 
Licht ziehn! Immer zieht uns bloss an die Stellung zur 
Gegenwart. Wer frühere Perioden der Menschheit behandelt, 
hat immer sein Publikum: denn es ist anziehend, seinen 
eignen Dickkopf mit dem irgend eines Mikrocephalen zu 
vergleichen. 

Die Anfänge der Wissenschaft bei den Griechen sind eben 
so anziehend für die Wissenschaftlichen unsrer Zeit. Man 
beachte, was für wissenschaftliche Typen damals hervortraten. 
Wie z. B. der Begriff „Philosoph" oder „Philolog" sich aus- 
bildet. Welche Rolle der „Mathematiker" spielt. Die gesell- 
schaftliche Stellung der Philosophen. 



Es wird allmählich Zeit, nicht mehr über den Buchstaben 
zu hocken. Das Bestreben der nächsten Philologengeneration 
muss endlich sein, abzuschliessen und das grosse Verm.ächtniss 
der Vergangenheit anzutreten. Auch diese Wissenschaft muss 
dem Fortschritt dienen. 

Sein Leben würdig anzulegen muss das Bestreben junger 
Kräfte sein. Also stecke man sich entsprechende Aufgaben. 
Man nähere die Wissenschaft dem Streben der gegenwärtigen 
Menschen, man ziehe, was in der Rumpelkammer steht, nicht 
wieder hervor. Das Wiederkäuen muss aufhören. 

Vor allem aber bringe man das zügellos umschweifende 
Geschichtsunwesen in seine Grenzen. Der Mensch hat mehr 
zu thun als Geschichte zu treiben. Wenn er es aber thut, 
so suche er die bildenden Punkte. A^^enn ich auf's Genauste 

294 



prüfe und festzustellen suche, was ich am 20. Dez. 1S66 that, 
so ist dies eine Spielerei, eine Verschwendung des Scharf- 
sinns, besonders wenn dadurch Dinge constatirt werden sollen, 
welche die Betrachtung der Gegenwart viel schneller und 
anschaulicher lehrt. Und immer ist die Betrachtung an einer 
Person noch sicher und giebt Resultate. Die Geschichte aber 
ist ein Wissen von vielen Dingen und darunter einer Menge 
von zufälligen, das heisst durch zwecklose Verkettung ent- 
standenen. 

Auch die litterarischen Studien werden übertrieben. Man 
lese Shakespeare mehr als über ihn. Man befördere die 
Lektüre Plato's. 

Es fehlt in der Philologie an grossen Gedanken und daher 
in dem Studium an hinreichendem Schwung. Die Arbeiter 
sind Fabrikarbeiter geworden. Der Betrieb des Ganzen 
schwindet ihnen aus den Augen. 

Es ist an der Zeit, die rechten Werthgrade für die Schriften 
des Alterthums zu finden und den unnützen Ballast heraus 
zu werfen. 

Unsre Philologen sollen lernen, mehr im Grossen zu ur- 
theilen und das Feilschen um einzelne Stellen mit den grossen 
Erwägungen der Philosophie zu vertauschen. Man muss 
neue Fragen stellen können, wenn man neue Antworten 
haben will. 

Die vergangne Periode hat endlich die Texte methodisch 
hergestellt. Das war eine Hülfsarbeit. Es bleibt der Gegen- 
wart mehr zu thun als die Correktoren zu spielen. Erstaun- 
lich ist der Fortschritt der Sprachvergleichung. Hier entdeckte 
man Gesetze und trat in die Naturwissenschaften hinein. 
Hier schritt man bis in die Anfänge jeglicher Kultur zurück, 
hier suchte man einen Weg zu den Problemen des Denkens. 
Es bleibt noch viel zu thun. Die Gesetze der Litterar- 
geschichte müssen sich durch Vergleichung ergeben. 

295 



Das Princip auch der wissenschaftlichen Studien muss 
Arbeit für den Nächsten sein. 

Der volle Umschwung soll uns nicht unvorbereitet treffen. 
Die Philologie des Alterthums hat kein unendliches Objekt j 
und viel ist schon endgültig abgethan worden.- 

Die Macht einer strengen Methode ist immer noch selten 
unter Philologen. Nirgends wird solch ein Spiel mit Mög- 
lichkeiten getrieben. 

Die dichtende Kraft und der schaffende Trieb haben das 
Beste in der Philologie gethan. Den grössten Einfluss haben 
einige schöne Irrthümer erlangt. 

Es ist gewiss ein grosses Verdienst, eine total neue An- 
schauung zu fassen: aber das grössere ist, auf sie so zu 
schlagen, dass sie nach allen Seiten hin Funken giebt. Die 
Weisheit des stillen Denkens, die in der Studierstube ver- 
schlossen bleibt, hat in der Geschichte der Wissenschaft 
wenig Anrecht auf Werthsch'ätzung. 



Man neigt zu einer Ueberschätzung der Wissenschaft. Es 
ist nicht in erster Linie Pflicht, der Wissenschaft zu nützen, 
in zweiter sich selbst, sondern völlig umgekehrt. Man muss 
dies den Studierenden sagen, damit sie darnach ihre Studien 
einrichten. Hat jemand einen Ueberschuss von geistiger Kraft, 
so wird er, nachdem seine subjektiven Bedürfnisse befriedigt 
sind, sich nach den Bedürfnissen der Menschheit umsehn. 
Das Umgekehrte ist eine Grausamkeit und Barbarei. 

Die meisten Philologen sind Fabrikarbeiter im Dienste der 
Wissenschaft. Die Neigung erstirbt, irgend ein grösseres 
Ganze zu umfassen oder weitere Gesichtspunkte in die Welt 
zu setzen. Dagegen arbeiten die Meisten mit emsiger Be- 
harrlichkeit an einer kleinen Schraube. Es ist ihnen genug, 
in diesem engsten Bereich Meister zu sein, während in den 

29 ö 



übrigen Fragen selbst ihrer Wissenschaft, vollends aber der 
Philosophie, sie dem vulgus angehören. 



Die ausserordentliche Laxheit in litterarischen Unter- 
suchungen muss einmal gerügt werden. Es giebt hierin 
wenig Gesetze, dagegen zahllose Analogien für jede Er- 
scheinnng; das Beste, was man thun kann, ist eine bewusste 
poetische Neuschöpfung von Geistern, Ereignissen, Cha- 
rakteren u. s. w. Ob dies Bild mit der vergangnen Wirklich- 
keit zusammenstimmt, ist fraghch, aber möglich. 

Ein einzelnes historisches Ereigniss bedarf solcher sorg- 
fältigen Forschungen nicht, wenn es nicht weitere Fragen 
anregt. 

Oder: man rüge den schlechten Geschmack, der sich auf 
Untersuchung losgerissener Einzelheiten einlasst. Meine Me- 
thode ist, für eine einzelne Thatsache zu erkalten, sobald 
der weitere Horizont sich zeigt u. s. w. So ist unser Streben 
eine Wanderung in's Unbekannte mit der unsteten Hoffnung, 
einmal ein Ziel zu finden, wo man ausruhen kann. 

Solche Ziele sind aber nur Einsichten voll wesentlichem 
Einfluss auf uns selbst. Das Ergebniss einer Forschung erregt 
unsern Verstand, aber unser Wesenskern bleibt kalt. Aber 
endlich stösst man doch einmal an Auffassungen, Analogien 
u. s. w., die uns kräftig in Bewegung setzen. 

Es ist auch bei naturwissenschaftlichen Forschungen nicht 
anders. Das Treibende sind immer jene unbekannten fernen 
Gebiete, wo wir die Resultate des Forschens mit denen des 
Lebens im Einklang sehn. 

Manche bescheiden sich und sind mit dem Wege zufrieden j 
es genügt ihnen, nach Zielen zu wandern, sie sind zufrieden, 
ein Streben nach Zielen zu besitzen. 



297 



Wo steckt die Fruchtbarkeit der Philologie, dass wir uns 
einigermassen mit ihr versöhnen und zugeben, aus all dem 
unendlichen Bemühen seien doch auch Keime gesprosst? — 
Ueberall, wo ihre Studien ein Allgemein-Menschliches be- 
rühren. So ist ihr schönster Triumph die vergleichende 
Sprachforschung mit ihrer philosophischen Perspektive. 



298 



De Laertii Biogenis fontibiis. 

(Von der Universität Leipzig am 31. Oktober 1867 preisgekrönte 

Arbeit; veröffentHcht im Rhein. Mus. Bd. XXIII (i 868), S. ($3 2 — 65 3, 

Bd. XXIV (i8(55>), S. 181 — 228.) 

I. 

De Diode Magnete. 

Laertius Diogenes ut singularum solet philosophiae disci- 
plinarum decreta eis libri sui partibus explicare, ubi de earum 
auctoribus disserit, praecepta Stoicorum Zenonis vitae bis 
verbis usus subiecit VII. 38 xoiv^ os irepl TrdvTwv xäv ot^ixäv 
8oYfji,dTU)v ihoH {J-oi Iv tw Z'^vwvo? zItzsXv j5i(i) hiä t6 toutov 
xTiaxr^v Y^'^saOai xf^c, alpsasco?. saii |X£v ouv auxoö xal ict ttjoo- 
Y£Ypa(JLji,£va ßißXia tcoXXgc, sv oU eXdX'rjasv to? ouBsU täv aTojixwv. 
Ta hi SoYfAaTa xoivÄ? eati tdSs. \&\iyß(ü 8' eirl xscpaXottojv woTUcp 
xai em Tüiv dXXcDV ttoisiv £i(üi)a[jt£v. Cui proposito satisfacere 
ita instituit, ut primum de diversis apud Stoicos totius philo- 
sophiae partitionibus exponeret: quam tris in partes dividen- 
dam esse omnes consentiunt. Vehementer vero inter nobiles 
atque ignobiles Stoicos de iusto ordine dimicatum est, quo 
hae partes inter se deinceps sequerentur: quorum nominasse satis 
est Zenonem ipsum, Chrysippum, Panaetium, Posidonium eius- 
que discipulum Phaniam, Eudromum, Archedemum, Diogenem 
Babylonium, Eudemum, Diogenem Ptoiemaeum, Zenonem 
Tarsensem, denique Apollodorum Ephelum'), cuius partitio 
a Laertio servata est. 



') Omnes Codices verba 'ATtoXXdocopo; 6 "E'fiXXo; exhibent: nisi quod F 

299 



His praemissis totam Zenonis Stoicorumque de dialecticis 
sententiam inlustrat neque eam summatim exposuisse con- 
tentus est VII. 48 ev oov xot? Xoyuoi? lauid xe auxot? BoxsTv 
x£(paXaiü)5(j(i<;. xai iva xai xaia [lipoc, eiicoifxsv, xai xdSs airep 
auxüiv si? XYjv siaotYtoY^^"^'^ xeivsi xspvjv xai auxd sttI Xe^eox; 
xiÖYjoi AioxXyj? 6 May^'^l? s'-* t^^ liriSpoiATJ xäv cpiXooocptov XeYt«v 
ouxüx;- dpeoxei xoi? axwixoU xxX. Quid apertius quam Laertium, 
si Diocli xai xdBe se debere confiteatur, iam alia ex eodem 
fönte antea hausisse? Id vero quaeri potest, quantum valeat 
illud xai auxd: in quo si quis eandem vim inesse censet 
quam in xai xdSs vocibus, non me assentientem habebit. 
Immo illud xai auxd cum verbis sequentibus eirl Xe^ew? 
artissime cohaeret atque in hunc modum est interpretandum : 
„Vt etiam particularia referamus, Diocles Magnes in philo- 
sophorum percursione etiam haec, quoad ad artem (i. e. 
compendium) isagogicam quadrant, ea^ue ite-m ad verbum his 
verbis usus ponit". Singnificat igitur Laertius se iam antea 
Dioclem ad verbum descripsisse. Quae si recte sunt explicata, 
primum errare Laertii editores apparet, qui post xsx'^yjv vocem 
interpungunt, non interpungunt post ei7roi|jL£v: unde efficitur 
ut xai xdSs dTuep auxwv eU ty]v slaaYüJYtxYjv xsivei x£y^vY]v verba 
ab illo siTToifjisv pendere videantur. Quod cum facerent edi- 
tores simul existimaverunt Laertium unum omnino enun- 
tiatum de Diocle descripsisse. Cuius opinionis etiam signa 
luculenta in contextum intulerunt. Sed prorsus contrarium 
conligendum est ex nostra illius loci interpretatione, utpote 
quo ipse Laertius indicet, quaecumque de Stoicorum logicis 
speciatim afferrentur, de Diocle ad verbum esse desumpta. 
At Laertium tam impudenter descripsisse putas? Quidni 



(Laurent, plut. LXVIIII 13 saecul. XII membr.) IcpiXo;, N (cod. Burbon. 
Graec. n. 253 saecul. XII membran.) ecpTf]Xo; (r; ex i corr.) praebent. Sine 
dubio cum Burbonico scribendum est 6 lipiriXo; i. e. lentiginosus. 

300 



putem? Nonne idem cum tres summae amplitudinis epistolas, 
quibus Epicurus doctrinam tamquam compendio complexus 
est, integras in librum suum recepit, tum longiorem de 
Pythagoreorum symbolis ex Alexandri Polyhistoris com- 
mentariis descripsit disquisitionem? Haec eadem est im- 
pudentia: si cui Laertius impudenter egisse videtur, cum 
quae apud alios bene explicata videret, ipsis alienis verbis 
mallet adscribere, quam suis exponere minus dilucide. 

Laertius igitur iam antea de eodem Diocle alia ad verbum 
descripsit: quid verisimilius quam haec, quae Stoicorum logica 
xata (i-epo? antecedunt i. e. logica xscpaXaKüSw? et Stoicae 
philosophiae partitiones. Quae opinio eo stabilitur, quod ad 
easdem auctoritates, ad quas Diocles in Xoyixot«; xaia jjLspo? 
etiam scriptor illius de partitionibus commentationis provocat, 
ad Chrysippum, Apollodorum, Posidonium, Archedemum, 
Diogenem Babylonium, qui aetate Posidoni discipulos ibidem 
excitatos non suberant Antipatrum, Boethium, Phaniam. Vix 
enim mirum illud intellegi potest, unde factum sit, ut ex 
multitudine illa Stoicorum, qui deinceps floruerunt primo 
p. Chr. saeculo, in ipsis his Stoicorum decretis nullus men- 
tione dignus haberetur: nisi nobis conceditur auctorem, quem 
Laertius secutus est, ante illam seriem, sed post Posidonii 
discipulos vixisse. Hie tamquam digito monstratur Diocles. 

Sed accedit etiam aliud. In nonnullis enim figuris dialec- 
ticis ipsum Diochs nomen usurpatum est veluti Cr^ AioxXyj?. 
Vnde Laertius talia desumere potuit nisi de ipso Diocle? 
Iam videamus, quae sint consectaria. Vtimur autem demon- 
strandi genere, quod ad tales de fontibus alicuius scriptoris 
quaestiones necessario requiritur. A Diocle perspeximus et 
totius philosophiae partitiones et logica Stoicorum praecepta 
Laertium hausisse. Iam veri est dissimillimum, apud Dioclem 
omissas fuisse Stoicorum de moribus deque natura senten- 
tias: quin per se intellegitur has quoque Stoicae doctrinae 

301 



partes una cum ceteris decretis ab illo esse tractatas. Cum 
autem apud Laertium de ipsis Ulis ethicis et physicis disputetur 
sententiis: unde, quaeso, hae sumptae sunt nisi de eodem 
Diocle? Quid enim? An Laertium eundem fontem, quem 
modo exhauserat, sine ulla causa deseruisse putemus? Parum 
sane est veri simile Laertium ceteras Stoicae doctrinae partes 
ab a]io scriptore, ab alio tertiam petiisse, cum ei liceret 
eundem, qui duas illas partes praebuit, in tertia quoque sequi. 
Denique illud quo modo explicetur scire velim, quod Laertius 
ne uno quidem loco alios praeter Dioclem fontes indicat: 
quibus si usus fuisset, Laertius non is est, qui eos commemo- 
rare omisisset: quippe qui nulla re magis gaudeat, quam coa- 
cervata multitudine testimoniorum specieque profundae doc- 
trinae adfectata. 

Quae cum ita sint, ego nisi quis haec argumenta mea 
certa argumentatione infirmabit et diluet, in hac persto sen- 
tentia totam de Stoicormn doctrina commentationem de Diode 
ßuxisse. Accedit autem argumentum quoddam, quo haec 
sententia confirmetur. Stoicorum physicis i. e. postremae 
parti his verbis finis imponitur VII. ido lauia [xev xal ih 
cpuauct t6 oaov Tj(jlTv 01105(^7] otixo)? Ij(£iv Soxci axo^^aCofAevoi? Tvj«; 
ou[i(x£xpiac Tou auYyd(jL(jiaio?. Hoc loco quid est certius quam 
nosmet Laertium ad verbum describentem tamquam stc 
aOTocpwpü) deprehendere? Nonne totius libri aufifieipia ve- 
hementer est laesa, hoc nimio Stoicae philosopiae ambitu, 
quam editio Cobetiana XXVI paginis complectitur, cum 
Piatonis et Academiae decretis Villi, Aristotelis II, Pytha- 
gorae V, Pyrrhonis VII compleantur. Vnde haec verba 
somnolente a Laertio e Dioclis libro translata esse comprobatur. 

„Quae cum scripsisset, relicto Diocle alium petiit librum, 
ut Aristonis vitam sententiasque cognosceret, quas proximo 
capite enarrare voluit". Haec sane speciose excogitata. Alicubi 
enim Laertium in transcribendo constitisse res ipsa suadetj 

302 



ubi vero eum constitisse putemus nisi eo loco, ubi tamquam 
cardo vertitur novumque caput et simul novum incipit ar- 
gumentum? Haec igitur si quis sumit, aut concedenda sunt 
aut ut ex falsis profecta principiis improbanda. 

Sed mittamus haec in tempus, non ut divagemur, sed ut 
arma acquiramus, quibus illae aTtopiai dissecentur. Quid erat 
causae, cur Laertius historiam suam philosophorum in decem 
libros divideret? Vnde illa librorum decas orta est? Num 
forte haec partitio tanto opere sese commendat, ut nihil 
cogitari possit simplicius, commodius, elegantius? 

Laertius eorum sententiam secutus est, qui philosophiam 
graecam a duabus tamquam radicibus profectam in lonicam 
et ItaUcam dividerent. Huius sententiae et artificiosae neque 
sibi constantis quis auctor fuerit, hoc loco non quaeritur. 
lonicae philosophiae Laertius sex tribuit libros, Italicae tres: 
quibus unum librum praefixit praefationem et sapientum vitas 
continentem. Vnus quisque über a vita eius conditoris dis- 
ciplinae incipit, qua in enarranda totus versatur: quam legem 
certe in libro IL V. VI. VII. VIII. IX. X observamus. Iure 
nostro iam expectamus aequa ceterorum librorum forma 
inducti tertium librum Academiam eiusque ducem et prin- 
cipem Platonem amplexurum esse. Quae opinio nos prorsus 
falüt. Platonem enim tamquam a schola et sobole separatum 
et remotum non sine miratione videmus. An si Laertius 
Platonem eiusque scholam uno libro tractasset, hunc librum 
ambitu ceteros nimis superaturum fuisse putemus? At quid 
dicamus de septimo libro, ubi Stoici domicilia sua tanta 
exstruxerunt amplitudine, ut iam primum huius libri caput 
plus spati sibi vindicaret quam totus liber tertius. Laertius 
igitur aut summam suam Piatonis aestimationem inde voluit 
perspici, quod ei tamquam deo et numini separatum destinavit 
sacellum, aut ei displicuit opus in novem partes dissectum 
fabricasse, ut simplici adhibito artüicio sanctum et venerabilem 

303 



instauraret decadis numerum: veluti haud paiicae inveniuntur 
mulieres, quae novem vel undecim patinarum et culteilorum 
possessionem aegre ferant neque quidquam vehementius optent 
nisi ut iustus sanctusque compleatur numerus. 

Laertium autem re vera tali quam modo significavimus 
causa ad miram librorum distributionem motum esse, altera 
discimus computatione. In centum enim capita ille totum 
librum divisit: qui numerus efficitur, si ad nonaginta novem 
vitas addimus prooemium. Neque est difficile cognitu Laer- 
tium ipsum hunc in modum computari voluisse : qui prooemio 
in primo libro, non antea locum consignavit. At qua via, 
inquies, si operae non pepercisti capita post nos iterum 
computandi, qua via tibi evenerunt centum capita? Nimirum 
nihil ad hanc rem hae, quas manu terimus, Laertii valent 
editiones, quae capitum ordinem nescio a quo excogitatum 
secuntur longe a libris manuscriptis abhorrentem. Sed singu- 
lari fati favore accidit, ut nuper mdex capkumj quem duo 
servaverunt Codices Laurentianus et Marcianus, in lucem 
protraheretur (conf. Valentinus Rose in Herm. vol. I, 370), 
qui uno tenore illa nonaginta novem capita exhibet ne illic 
quidem deficiens, ubi über septimus maxima foedatus est 
lacuna. Cuius indicis vestigia presse quod scio Laurentianus 
ille et Burbonicus, duces facesque futuri Laertii editoris, 
relegerunt. Quis vero eo prodeat coniectandi libidinis, ut 
hunc inter decem libros et centum capita consensum non 
ex consilio scriptoris, sed solo casu ortum esse atque adeo 
hoc illud nomen in indice excidisse suspicetur? 

Nosmet igitur capitum ordine confisi, quem index ille et 
Codices suppeditant, eo revertimur, unde consulte paullulum 
defleximus. Si Laertium eo loco veri est simillimum Dioclem 
transscribere desiisse, ubi et Stoicorum decreta et caput 
Zenonium ad finem perducta essent novumque inciperet et 
Caput et argumentum: iam id solum quaeritur, num hie quem 

304 



circumscripsimus locus idem sit, ubi nostrae Laertii editiones 
Zenonis caput finiunt. Quod praefracte nego. Illic VII. löo 
neque Zenonis caput revera finitur neque tota Stoicorum 
philosophia iam est explicata. Tres enim Stoici, quorum vitas 
sententiasque editi Laertii contextus capite septimi libri U, 
III, IV enarrant, Aristo, Herillus, Dionysius a iusta rectaque 
Stoicorum via desciverunt, ita ut inter Stoicos ut eispoBo^oi 
male audirent. In hac autem ipsa placitorum discrepantia 
causa posita est, cur iuxta meram Stoicorum doctrinam eorum 
referantur sententiae adiectis nonnullis de vita victuque eorum 
notulis. Quod apertissime ipse Laertius bis iudicat verbis: 
a 8e Tivs? kB, auiwv [otwixäv] SiYjve^^ör^aav, lau idBs. 'Apiarwv 
6 Xto? 6 OdXavdo? sTcixaXoufjievo? 2sipY]v tsXo? s^r^asv stvai t6 
d8iacp6p(ü? iyovxa C^jv irpo? xd {xeta^ü dpsx^? xal xaxict? [lr^hk 
7]VTivouv ev auTot? TrapaXXaY'^v dTuoXsiTrovTa xtX. "HpiXXo? 8s 6 
Kap/T|86vio<; liXoc, elTce t7]v eTuioTi^fJtTjv oTrep eoxi C^^v del Trdvxa 
dvacfspovxa Tupo? x6 (xsx' £7riax-^[XT^<; CtjV xal ji"?] xtq aYvoia 8tap£- 
pXY]jX£vov xxX. Alovuolo? §£ 6 Msxad£|xevoc xeXo«; elTre x9]v yjSovTjV 
xxX. xal ouxoi |JL£v Ol Siev£)^8£vxsc. öiEÖs^axo §£ xov Z-/jva)va 

KXEdvÖT]?, TCEpl OU XexXSOV. 

His igitur postremis verbis Stoicae doctrinae imago prorsus 
confecta et conformata est. Cui opinioni adprime con- 
venit, quod de Laertii libris manuscriptis mecum liberalissime 
communicavit C. Wacbsmutbius: quos ille testatur caput 
Zenonis nomine inscriptum usque ad verba, quae modo 
ultimo loco descripsimus, continuare, ita ut Cleanthis vita 
vitam Zenonis excipiat, Aristoni autem Herillo Dionysio locus 
in Zenonis capite sit adsignatus. Haud quidem scio, cui novus 
capitum ordo, quem recentiores adhuc secuti sunt editores, 
debeatur: illud existimo genuinum esse et ab ipso Laertio pro- 
fectum eum, quem exhibeant Codices, index Laurentianus 
tueatur (Zr^viov KXsdvOTjc). Hie enim, cuhis fidem ex nostris com- 
putis comprobavimuSf omittit Aristonis Herilli Dionysii nomina. 

20 Nietzsche I 305 



Verum enim vero postquam Stoicorum doctrinam totam 
statuimus esse Dioclis, etiam illam Zenonii capitis extremam 
partem necessario conligitur e Diocle esse transscriptam. 
Quod inde haud mediocriter stabilitur, quod in hac ipsa 
parte Dioclis in hunc modum fit mentio TuapaßaXwv oe DoXs- 
[xoovi ('ApiatüDv), (fTjal AioxXtj? 6 MdyvTj?, fxsxeOsTo Ziqvtovo? 
dpptoaiia |i,axpa TrepiTrsaovio«;' (laXioia 8e upoasi^e okoixö) öoYixaTi 
T(j) TÖv aocpov dB6|aaTov elvai. Non solum igitur Aristonis 
Herilli Dionysii sententiae, sed etiam vitae e Dioclis libro 
in Laertium fluxerunt. Qua in re ne calidius progrediamur 
caveamus. Iure enim cogitari potest, inquies, Laertium ad 
hanc extremam Zenonii capitis partem extruendam et exor- 
nandam et Dioclem et alios auctores promiscue adhibuisse: 
veluti eum constat hoc loco, ubi de Aristone agit, epigramma 
e pammetro sua depromptum interposuisse. Quod si semel 
factum esse certum est, quo iure negabis tale aliquid non 
esse iterum vel saepius factum? Vt igitur minimum sumamus: 
Laertius, quidquid cum Aristonis Herilli Dionysii sententiis 
arte cohaeret, Diocli uni scriptori debet. Ex eis, quae adhuc 
probata et concessa sunt, non ausim disceptare, utrum librorum 
et homonymorum indices de eodem Diocle an de aliis 
fontibus sumpti sint. Eo autem certius hanc amplectimur 
sententiam, Laertium ab uno scriptore illam latissimam com- 
mentationem, quae a paragrapho XXXVIII usque ad CLVII 
extenditur, accepisse, paucis exceptis parvisque locis: si qui- 
dem excipiendi sunt. Hoc sane Laertius apertis verbis non 
fatetur: qui astutia, qua solent esse tales alienae sapientiae 
spoliatores, ad Dioclis auctoritatem semel vel bis provocat, 
ut lectorem in errorem inliciat, se hoc Diocle ut uno 
fönte ex multis usum esse. NuUa enim re für se magis 
tueri studet quam adfectata probitatis specie. lam vero 
nosmet semel moniti non ei sumus, qui Laertii captiunculis 
decipiamur et ei tantum tribuamus fidei, ut eum credamus 

306 



his solis locis Dioclis doctrinam in usum suum convertisse, 
ubi eius nomen usurparet. Immo quid est certius quam eum 
Dioclis nomen consulto saepius reticuisse quam appellasse, 
praesertim cum ex ipsis locis, ubi Diocle se esse usum fatetur, 
sat appareat, quantam rerum memorabilium copiam Dioclis 
über suppeditaveric. Ex eo enim de Xenophontis filiis, de 
Aristippi facetiis, de cynicis Diogenis vestimentis deque eius 
exilio, de Gratete opes suas in mare coniciente, de eiusdem 
poena, cum mordacior fiierit, de Menippo eiusque domino, 
de Chrysippi praeceptis miroque scribendi fervore, de Pyrr- 
honis patre, de Antisthenis cynicorumque decretis, de Epicuri 
sententiis Epicureorumque modico victu narrat Laertius. 
Quid mirum quod lubentissime libro usus est, in quo philo- 
sophorum parentes, praeceptores, casus, victus, facetiae, 
placita, omnia omnino inerant quaecunque ad philosophorum 
historiam pernoscendam necessario requiruntur. 

lam novam neque minorem proponimus quaestionem: quis 
hie fuit Diocles cuius über Laertio non ex aliorum memoria 
notus est, sed ipse ad manus fuit? Quando floruit? Cui ad- 
dictus erat philosophiae disciplinae? 

Nihil nobis respondent lonsius, I. Vossius, C. Muellerus. 
Hoc unum scimus eum Magnesiae esse ortum: utra in urbe 
ortus sit, disceptari non potest, quamquam Heckerus Batavus 
confidenter Magnesiam ad Sipylum sitam intellegit. Neque 
certius est, quod idem homo doctus suspicatur e schola 
Pergamena eum esse profectum. Toto vero caelo erravit 
cum ille tum Panzerbieterus in lahn. Ann. Suppl. V. (1837) 
p. 219, quod eum c. 200 a. Gh. n. floruisse dicit. Ex eis 
enim quae disputavimus apertum est eum post Posidonii 
discipulos sed non longo intervallo i. e. in priore primi p. 
Ghr. saeculi parte floruisse. At unde ille Heckeri error? 
Excitantur apud Laertium Sotionis AioxXeioi eXs^pi: hunc 
Sotionem sumpsit Heckerus, non demonstravit non fuisse 

20- 307 



diversum ab illo BiaBo/wv scriptore Alexandrino: sumpsit 
idem hos AioxXeiou? kii'aouQ referendos esse ad Dioclem 
Magnetem. Quae res paucis transigi potest. Ille enim Sotion, 
qui AioxXeiou? kU^iouc, scripsit, ex eorum erat numero, qui 
maledictis eos insectantur, a quibus de bonorum finibus 
aliisque philosophorum opinionibus dissentiunt. In libro ita 
ut diximus inscripto id egit, ut Epicuri vitam moresque in- 
vidia obmeret. Quo libro cum Dioclis cuiusdam sententias 
impugnaverit, hie Diocles inter Epicuri amicos habendus est. 
Atqui idem statuo de Diocle ßiwv cpiXoaocpwv scriptore: qui 
Epicuri eiusque scholae temperantiam victusque simplicitatem 
luculentis laudat verbis. Ergo eundem esse Dioclem in aperto 
est, qui philosophorum vitas scripserit et qui Sotionis odium 
inimicitiasque lacessiverit. Vnde efficitur ut Dioclis memoria 
reconcinnata Sotionis aetatem assequi possimus. Contra 
Heckerus de uno solo illo Sotione Alexandrino oiaBo/uiv 
scriptore cogitandum esse sumpsit atque inde Dioclis aetatem 
certis terminis circumscribere conatus est. lam etiam hoc 
apparet, cur Dioclem Pergamenae addictum scholae finxerit. 
At Laertii verba, a quibus haec argumentatio profecta est, 
intentis animi nervis examinemus. X. 3 Ai6ti{xo? 8s 6 oküixö? 
8uo|X£vc5<; £5((DV npo? auiov ('Eiruoupov) Tcixpötaxa auxov BiaßsßXrjXSv 
eTTiaToXd? cpepwv TrsvTTJxovxa doeXYst? u>? 'Eirixoupou xai xd si? Xpu- 
oiTTTCov dvacp£p6|x£va £7ciox6Xia tu? 'ETCixoupou ouvxd^a?. dXXd xal 01 
Tcspi noa£i8(6viov xov axwixov xal NixoXao? xal 2a>xi(üv ev xoi? 
öoüB£xa xÄv e7T:iYpacpojX£V(ov AioxX£iü)v iXi-^ytüv, ä saxi Tr£pl xoTc 
xS' xal Aiovuaio; 6 'AXixapvaaaEu?'). 

^) ToT<; NH (cod. Borbon, cod. Laurent, plut. LXVIIII 35 saec. XV 
membr.) 6cboexa H, a NHF (cod. Laur. plut. LXVIIII 13 saec. XII 

Ol!; 
membr.) xoT^ FN, Trji; N. Scrlbendum est a eoti Trepl t^^ elxcioo^ 
quod homines docti, qui morum et institutorum Epicureorum probe sunt 
gnari, lubenter mihi concedent. Ceterum dum haec scribo, non satis 
mihi constat, num primus hanc emendandi viam ingressus sim. 

308 



Quem haec acrius perscrutaiitem fugiet hac in Epicuri 
calumniatorum serie temporum ord'inem esse servatum? Dio- 
timus, sive Theotimum cum Athenaeo dicere mavis, SuUae 
erat aequalis: Posidonii discipuli in altera primi a. Chr. n. 
saeculi parte florebant. Nicolaus Peripateticus ex C. Muelleri 
computis a. 6^ a. Chr. n. natus est, anno autem sS Dionysius 
Halicarnassensis. Quem a. 20 p. Chr. superstitem fuisse constat: 
si quidem iure eum Suidas aequalem vocat Apionis, qui 
Tiberio Claudioque Caesaribus floruit. Certissimum igitur 
nancti sumus testimonium, quo adiuti Sotionem Augusti aetati 
vel primis Tiberi annis adsignaremus. 

At eiusdem aetatis Sotion aliunde nobis est notissimus. 
Quid? quod Seneca cuius „iuventae tempus in Tiberi Caesaris 
principatum inciderat" (conf. ep. 108, 22), haec in epist. 49, 2 
exhibet „apud Sotionem philosophum puer sedi". Idem est, 
quem Eusebius ad Olymp. 198 philosophum Alexandrinum 
praeceptorem Senecae vocat. Sotionis vero ipsius praeceptor 
fuisse videtur Potamo Lesbius, de cuius aetate conf. Blassius 
in eloqu. gr. histor. p. 16$, Plut. Alex 6\. Scripsit, ut disci- 
pulus Seneca, de ira, cuius libri fragmenta Joannes Stobensis 
servavit in floril. XIV 10. XX 58. LXXXIV ö— 8. 17. 18. 
CVIII 59. CXIII 15. Conf. cod. Cahirensis saec. X, de quo 
vide Tischendorfium in Anecd. Sacr. et Prof. p. 217 nov. 
ed. De titulo Ix täv Süjticovo? täv oTrojadSTjv Tcspl TuoTajjiüiv xal 
xpYjvÄv xal XijxvÄv TrapaSo^oXoYouiievcov ex falsa coniectura in- 
scripto nunc consule Valentinum Rose in anecd. gr. et 
gr. r. p. 7 SS. 

Neque alius est Sotio, quem Hieronymus in catalogo 
Sanctorum Stoicum vocat. Verendum autem est ne Hiero- 
nymus hac in re ab Eusebio destitutus mera coniectura eum 
Stoicum finxerit, Senecae inductus stoica philosophia. Mihi 
enim accuratius eos Senecae epistolarum locos pensitanti, 
ubi Sotionis nomen usurpatur, contigit ut hanc de Stoico 

309 



Sotione opinionem quam longissime reiceretn. Pythagoram 
enim Sextiosque imitatus eo prodiit, ut ab esu animalium 
abstineret ac discipulos non sine successu ad eandem ab- 
stinentiam incitaret. Neque abhorruit ab eorum sententia, 
qui animas per diversa corpora migrantes fingebant. Pro certo 
igitur adfirmo eum esse Qu. Sexti disciplinam secutum, quae 
Augusti temporibus Romae floruit. conf. O. lahnius in soc. 
ups. act. 1850 a. p. 227 SS. Quibus autem legibus eius 
sectatores inprimis se adstrinxerint, ex bis Q;_ Sexti verbis, 
quae Seneca tradit, intellegitur: „hac itur ad astra, hac se- 
cundum frugalitatem , hac secundum temperantiam, hac 
secundum fortitudinem". Apparet sane quaedam cum Stoi- 
corum decretis cognatio: qua re Seneca Qu. Sextium mag- 
num vocat Stoicum „licet neget", Stoicum igitur se esse 
negavit, negaverunt discipuli. Vnde apertum est, quo iure 
Hieronymi de Sotione Stoico testimonium impugnaverim. 

Non iam mirum videtur, quod Sotion qua erat abstinentia 
in Epicuri commoda placidaque doctrina vehementer oifen- 
debat. Quod vero eam hac ratione redarguere conabatur, 
ut eius auctorem calumniis insectaretur, commune hoc habet 
Vitium cum omnibus omnium temporum philosophis. 

Huius igitur Sotionis, cuius memoriam recuperavimus, 
inimicitias expertus est Diocles Magnes. Qui an merus fuerit 
Epicureus, haud scio: id est certissimum eum Epicuri et 
discipulorum vitam victumque laudavisse. Neque acri Sotionis 
impetu depulsus est. Cum enim vitas philosophorum con- 
scriberet, occasione data Epicuri calumniatores ipsumque 
Sotionem acerbissime perstrinxit. At unde, inquies, haec 
sumpsisti? E Laertio scilicet. Ordinem enim Epicuri calum- 
niatorum ipsarum calumniarum excipit summarium. Vnde, 
quaeso, Laertius et calumniatorum seriem et calumnias 
earumque confutationes desumere potuit nisi de Diocle, qui 
adversariis suis respondere debuit responditque, ut ex his 

310 



verbis conligendiim est, quae in ipsa hac decimi libri parte 
extant X, ir. AioxXtji; Es ev x-q Tpix-(j^) x^? £TCi8po|XYj(; cpYjaiv 
suieXeoTaia xal XiioTaia 8iaiT«){i£voü? (tou? 'ETTixoupsiou?), „KoiuXirj 

■yOUV, CpY]0iv, oiviOlOU YJpXOüVTO, t6 §£ TUaV uÖcop YJV aUTOl? TCOTOV. 

t6v TS 'Euixoupov |x-?] d^iouv eU t6 xoivov dvaxiOecöaL zäc, ouciac, 
xaöd'jrsp FIudaYopo''^ xoiva xd cpiXwv Xe^ovia* dTciaxouvKov ^dp elvai 
t6 ToiouTov, ei 8' dirioKov, ouSe cplXtov". Neque oblitterata sunt 
huius quam significavi originis indicia. Nota est Pythagorae 
sententia xoivd xd cpiXu)v, quam Diocles arrepta quodammodo 
occasione respuit, quippe qui Sextianos summum Pythagoram 
tamquam ducem deumque venerari sciret. Inde iam non mirum 
videtur, quod Laertius titulum AioxXsiwv eXeyxt"^ pleniorem 
exhibet, quam alibi assolet. Id quoque apertum est, cur Epicuri 
calumniatores tanta acerbitate insani vocentur „|j,e(xT^vaai 5' 
ouxoi". Denique clara diffunditur lux in locum, quem recte 
interpretari nemo adhuc potuerit -^xe BiaSo^Y] ('ETcixoupou), 
TxaaÄv 0)^e86v exXn:oua&v xäv dXXwv, e? dsl Siajxsvouoa xal 
vT^pld|Aou? oip-^äc, dTCoXuouoa dXXvjv i^ a.lXr^c, xäv YVü)pi|Xü)v. Vehe- 
menter omnes in bis verbis ofFenderunt. Quid enim? Scho- 
lamne Epicuri integra successionum serie usque ad Laertii 
tempora propagatam esse putemus? Cum omnes alias sectas 
iam Augusti aetate aut antea periisse constet? Atque quid 
est causae, cur nihil omnino de mira hac Epicureorum 
diuturnitate traditum habeamus? Iam quaestionis solutio est 
in promptu: dummodo non Laertii aetatem, sed Dioclis 
intellegamus. Quem Laertius tanta fide, quanta stupiditate 
descripsit. Dioclis igitur temporibus Epicuri schola superstes 
erat: cum vero luculento Senecae testimonio constet Qu. 
Sexti scholam inter ipsa initia iam periisse: perinde elucet, 
qua mordacitate Diocles illa verba scripserit. Sotionem enim 
Sextianum tecte ludit. 



^ Sic codd. excepto H, qui ev tä Tp(T(o praebet, 

311 



Ceterum haec Dioclis argumentatio prorsus esset inepta, 
si Sotion e Stoicorum fuisset numero: id quod Hieronymus 
nobis obtrudit. Stoicorum enim soboles sub primis Caesaribus 
validissime viguit, ita ut ipsis dominantibus haud parvas 
pararet molestias. 

lam ecce, quae ex accuratiore Dioclis cognitione sint 
consectaria. Cum demonstraverimus eum Stoicorum decreta, 
quibus non erat addictus, tanta copia, quanta doctrina ex- 
posuisse: norme est veri simillimum eum in Epicuri sen- 
tentiis inlustrandis etiam plus studi diligentiaeque cbllocasse? 
quoniam eius animus in Epicuri hortulis acquiescere maluit 
quam in frigida Stoa. lam vero apud Laertium extat commen- 
tariolus de Epicuri placitis et amplitudine et doctrina eximius. 
Inde repetendum est, quod fere omnes homines docti 
Laertium pro docto habebant Epicureo. Nobis vero non 
iam licet hunc errorem propagare: quippe qui certissima 
ratiocinatione ducti plenam huius libri doctrinam Diocli 
auctori vindicemus, qui promisit se Epicuri vitae probitatem 
ex ipsius Boyiiaai xal ^Vjixaai esse demonstraturum. Laertius 
autem iterum somnolenta describendi consuetudine eo prodiit, 
ut etiam haec Dioclis verba, quibus certam quandam personam 
adpellat, in librum suum transferre non dubitaret, X. 28. 
'E'TTLTOfAYjv OS QUTÄv (auYYpct|jLjjLdTü)v) El SoKsT Ex&sa&ai TTSipdaofxai 
ipsU sTTiaToXa; auiou Trapaöefisvoc, ev ai? ^aaav tyjv eauiou cpiXo- 
ao(fiav eTriTexjjLY^iau -ÖT^aofjiai ok xal xäc, xupioti; auiou 86Sa; xal 
ei Ti l8o?£v exXoY"?]? aSiu)? diref^öe^^öav, waie ae ^avia^^oöev 
xaiaixaöeiv töv dvBpa xd(jL£ xpivstv eiSevai. Vtinam Laertii 
iudicium tandem aliquando sentiamus. Immo manum impu- 
dentis imprudentisque deprehendimus furis, qui, quidquid 
hunc locum, quem modo descripsi, excipit, summa socordia 
expilavit, i. e. tota77i Epicuri doctrinaiu a Diocle expositam. 

Purissimus igitur ditissimusque Laertii fons detectus est: 
cui quantum debeat, adhuc magis divinare quam dinoscere 

312 



licet. Vltimo loco nos quaestio manet eaque minoris mo- 
menti, quae in Dioclis libri inscriptione indaganda versatur. 
Excitantur enim et Dioclis ßioi cpiXooo^wv et eTriopofxYj cpdoao^pojv. 
Quibuas titulis si diversos libros indicari cum Ritschelio in 
comm. de Gnomol. Vindobon. p. X (Opusculorum t. I p. 577) 
Heckeroque sumimus, id saltem pro certo habuerim sTriSpofji.Yjv 
(f iXoao^cov esse summarium amplioris vitarum voluminis : num 
„in praelectionum usum" confectum sit, id Heckero explo- 
randum relinquimus. Huic vero sententiae duo maxime 
adversantur argumenta: primum quod illa Stoicorum Epi- 
cureorumque placitorum expositio ex iTuiopoiAiQ desumpta 
hercule non redolet summarium. Dein nonne est parum 
verisimile et ampliorum vitarum librum simul et summarium 
ex eo factum Laertio praesto fuisse? Restat igitur, ut de 
uno eodemque libro cogitemus, a Laertio modo ampliore 
titulo, modo brevius excitato. Neque id abhorret a citandi 
ratione, quam Laertius eiusque aequales usurpaverunt. Velüti 
Athenaeus eundem Niciae Nicaeensis librum modo oiaSoy^d? 
(piXoao^wVj modo tyjv irspl tu>v cpiXoa6<pü)v taiopiav vocat. Quid 
quod ipse Laertii titulus diversissima ratione exhibetur ut 
a Suida s. v. xexpaXoYia — Aaspiiou Aio^evou«; Tuepl ßiwv cpiXoaocpcDv, 
ab Eustathio ad II. jx p. 854 6 AaepxYj? ev xoi? täv aocpiaxÄv 
ßioi?, a Stephano s. v. 'Eveioi — u>? AioYevvj? h o£UT£pq> 
«piXoaocpoü taiopia?, a Photio in bibl. cod. 161 cpiXoaöipaiv ßiov. 
Sed nemo rei usitatissimae exempla postulabit. Conf. Valen- 
tinus Rose in Ar. pseud. p. 194. 



II. 

De Favorino Arelatensi. 

Aulus Gellius in libri sui praefatione de ratione disserit 
quae inter Noctes Atticas et aliorum miscellaneae doctrinae 
commentarios intercedat: quibus tantum in ipsius inscriptionis 

313 



laude sese cedere confitetur, quantum in cura et elegantia 
scriptionis. Neque se abstinuit, quin talium titulorum elegan- 
tias plena manu funderet, Plinium imitatus naturali historiae 
praefantem. Quamquam hac in re suum probat iudicium, 
quod ad eos fere solos libros provocat, qui ei in Noctibus 
conscribendis et exornandis praesto fuerunt. Conf. L. Merck- 
linus in Fleckeiseni Ann. Suppl. III p. (^71. His vero quo 
liberius majorem tituli urbanitatem concedit, eo acriorem 
litem paullo post intendit his verbis usus „Uli omnes et 
eorum maxime Graeci multa et varia lectitantes, in quas res 
cunque inciderant alba ut dicitur linea sine cura discriminis 
solam copiam sectati convertebant (corr. cum Casaubono 
,converrebant'), quibus in legendis ante animus senio ac 
taedio languebit, quam unum alterumque reppererit, quod sit 
aut voluptati legere aut cultui legisse aut usui meminisse. 
Ego vero cum illud Ephesii viri summe nobilis verbum cordi 
haberem, quod profecto ita est iroXüjjiaOiY] ^^6ov ou 8i5daxsi" e. q. s. 
Eosdem etiam altero loco perstringit, qui neque usui nee 
voluptati legentium consuluerint in libris huiusce generis, 
quod Graeci uTuofjtvYjfiaTixov vocant atque ei librorum generi 
opponunt, qui unum certumque consilium (i. e. Iva oxottov) 
secuntur, auvxdyif.ara scilicet. In quarto enim decimo libro 
iterum quaestio proponitur, „cui modi sint, quae speciem 
doctrinarum habeant, sed neque delectent neque utilia sint". 
„Homo, ait Gellius, nobis familiaris, in litterarum cultu non 
ignobilis magnamque aetatis partem in libris versatus adiutum, 
inquit, ornatumque volo ire noctes tuas: et simul dat mihi 
librum grandi volumine doctrinae omnigenus praescatentem 
ut ipse dicebat, quem sibi elaboratum esse ait ex multis et 
variis et remotis lectionibus, ut ex eo sumerem, quantum 
liberet rerum memoria dignarum. Accipio cupidus et libens 
tamquam si Copiae cornum nactus essem et recondo me 
penitus ut sine arbitris legam." 

314 



Omissis in tempus miraculis, quae Gellius in hoc volumine 
invenit, statim finem huius sectionis adscribam. „Quem 
(librum) cum statim properans redderem, ovaio aou, in quam, 
doctissime virorum xauTY]? ty]? TroXüjxaöia? et librum hunc 
opulentissimum recipe nil prorsus ad nostras paupertinas 
litteras congruentem. Nam meae noctes, quas instructum 
ornatumque isti, de uno maxime illo versu Homeri quaerunt, 
quem Socrates prae omnibus semper rebus sibi esse cordi 
dicebat; 

oiTi TOI -/jv (xeYdpoioi xaxov x' dYaö6v ts Tsiu/xai." 

Nemo adhuc libri, qui verbis descriptis indicatur, auctoris- 
que nomen eruere conatus est: quamquam non desunt lucu- 
lenta indicia, quibus compositis suspitio in una certaque fixa 
haereat persona. Erat igitur e doctorum Gelli familiarium 
numero: ita ut ab illo honorüicis verbis „doctissime virorum" 
adpellaretur. Graeca usus lingua, ut ex excerptis comparet, 
librum grandis voluminis confecerat, ex multis et variis et 
remotis elaboratum lectionibus, quem ipse scriptor adfirmat 
omnigenae praescatere doctrinae. Neque tamen latinae erat 
expers linguae: siquidem Gellius re vera latine cum eo 
collocutus est, paucis tantum admixtis flosculis de Graecis 
litteris decerptis. Cum vero illum librum proxime ad eorum 
collectaneorum speciem accedere constet, quae Gellius Noc- 
tibus suis praefatus ut neque iucundas neque utilia adumbravit: 
nonne iure nostro hunc librum putabimus ei ante oculos 
obversatum esse, cum titulos talium voluminum congereret 
in praefatione. Quam post libros viginti confectos sese 
conscripsisse ipse confitetur. Qua consideratione eo adduci- 
mur, ut libri, cuius auctorem indagamus, nomen eo prae- 
fationis loco, quem indicavimus, extare suspicemur. 

Haec et talia indicia, si in uno eiusdem aetatis scriptore, 
qua Gellius floruit, deprehenduntur, eum non solum in 
suspitionem vocant, sed apertissime ut verum illius libri 

3^5 



patrem auctoremque convincunt. Atqui talem scriptorem 
tenemus: quippe qui Suida aliisque testibus TcoXuiJiaO-^? xaioc 
xaaav icaiSeiav summam litterarum et latinarum et graecarum 
sibi comparaverit laudem et artis amicitiae similiumque 
Studiorum vinculis cum Gellio coniunctus sit: qui librum 
conscripserit omnigena doctrina refertissimum eumque grandis 
voluminis: cuius nomen in illa titulorum serie non omissum 
est. Haec omnia insigniter quadrant ad Favorinum Are- 
latensem eiusque librum qui TravTooaTCT^ loiopia inscribitur. 

Postquam indiciorum monstravimus congruentiam, res ipsa 
quidem cbnfecta est. Alia tarnen ratione eiusdem coniecturae 
necessitatem licet assequij audiamus enim, quae Gellius ex 
illo libro sibi enotaverit. „At quae, inquit, ibi scripta erant 
pro luppiter mera miracula! Quo nomine fuerit, qui primus 
grammaticus adpellatus est: et quot fuerint Pythagorae nobiles, 
quot Hippocratae: et cuius modi fuisse Hcmerus dicat in 
Vlixis domo XaupYjvj et quam ob causam Telemachus cubans 
iunctim sibi cubantem Pisistratum non manu attigerit, sed 
pedis ictu excitaritj et Euryclia Telemachum quo genere 
claustri incluseritj et qua propter idem poeta rosam non 
norit, oleum ex rosa norit. Atque illud etiam scriptum fuit, 
quae nomina fuerint sociorum Vlixis, qui a Scylla rapti 
laceratique suntj utrum sv i-^ law daXdao"o Vlixes erraverit 
xax 'Apioiappv an ev tt] i^oy xaxa KpdtYjTa; item et istic 
scriptum fuit, qui sint apud Homerum isopsephi: et quorum 
ibi nominum Ttapaaxij^U reperiatur: et quis adeo versus sit, 
qui per singula vocabula singulis syllabis increscat: ac deinde 
qua ratione dixerit singulas pecudes in singulos annos terna 
parerej et ex quinque operimentis, quibus Achillis clipeus 
munitus est, quod factum ex auro est, summum sit an 
medium 5 et praeterea quibus urbibus regionibusque vocabula 
iam mutata sint, quod Boeotia ante adpellata fuerit Aonia, 
quod Aegyptus Aeria dicta est (corr. sit.), quod Attice 'Axx-^, 

31(5 



quod Corinthus Ephyre, quod Macedonia 'H(j,oiOia, quod 
Thessalia Ai(xovia, quod Tyrus Sarra, quod Thracia ante 
Sithonia dictast (corr. dicta sit), quod Paeston IToasiStoviov." 
His Gellii excerptis componamus dispersas uavtooaTi:-^? 
lOTopia? partes, quas alicunde novimus. Primum Favorinum 
constat in hoc libro supT^iiaxa consignasse, quorum plura 
apud Laertium sunt residua veluti VIII. 12. 47. 83. IX. 29. 
V. 9. III. 24. IL I. ir. 20. conf. Steph. Byz. s. v. Aidiocp. 
Ex hac igitur libri parte desumpta est primi grammatici 
mentio, cuius nomen prodit Clem. Alex. Strom. I. p. 133 
Sylburg. Eidem libro etiam homonymorum indices insertos 
fuisse proximo capite docebimus: quem ad locum referendi 
sunt Pythagorae Hippocrataeque nobiles a Gellio memorati. 
Neque ab Homericarum quaestionum nugis argutiisque ab- 
horruit Favorinus: si quidem serio cum GelJio disquisivisse 
dicitur (v. Noct. Att. III. 16), cur Homerus Neptunum 
virgini nuper a se compressae haec dicentem faceret: Odyss. 
XI. 248 SS. Huius CTQxVjjxaTo? prorsus sunt similia, quae 
Gellius ex omnigena historia excerpsit, maxime in rebus 
inanibus putidisque versantia, neque ab his quaestionibus 
diversa, quibus Tiberius Caesar in grammaticorum colloquüs 
laetatus est. Ceterum cum de toto CT^Tr^ixaKov '0|xYjpixÄv 
genere tum de Geüianis exemplis quidquid effici potest, 
efFectum est a Lehrsio in Aristarchi stud. homer. p. 210 ss. 
prior, ed. Vltimo loco Gellius nonnuUa ex ea Ubri parte 
excerpsit, ubi de regionum urbiumque nominibus eorumque 
mutationibus disseruit Favorinus: quem talem tractasse mate- 
riem in omnigena historia luculentis evincere licet testimoniis 
veluti Steph. Byz. s. v. 2^axT7)pia — exaXetio xal 2<faYia tb? 
Oapüipivo?. s. V. 'Qx£av6<; 6 noxaiioc, 6 irspie^tov tyjv yyjv. Oaßwpivo«; 
ev Tai? iravioSaTraT? laiopiat? „npoaayopsuouc 8e r^v liw ddXctTictv 
exsi (lev Ol tcoUoI täv papßdpwv 'Qxeavov, 01 8e t-?)v 'Aaiav oixoOvis? 
MsydXrjV daXaiiav, 01 8' ''EXXyjvs? 'AxXavTixöv TreXaYoc" (quocum 

317 



cognatam conferas quaestionem, utrum Vlixes ev ttjj eow öaXdaoY] 
erraverit xat 'Aplarapxov an ev t-^ I^(o mxä KpaxYjxa i. e. in 
Oceano. Vid. Lehrsium egregie de hac re p. 254 ss. dispu- 
tantem). Denique agedum xoXo^wva eiciöÄiiev xoö itavicx; exem- 
plum tertium proferentes eius generis, quo solo de nostra 
coniectura apertissime disceptetur: quäle habeas Stephani. 
Byzantii testimonium cum Gellii excerptis conlatum: 

Gellius: Stephanus: 

quod Attice 'Axx-^ (ante dicta s. v. 'Axxt^. oöxo)? -J] 'Axxix-^ exa- 
sit). Xeixo dico 'Axxaioo xivo?- ävrip ok 

Tjv auxo^Oojv (b? <I)aßtopivo? (in 

omnigena historia scilicet conf. 

s. V. Aüxapidxai — Oaßwpivo? 

h riavxoBaTCat?. s. v. XeXiSovia 

— Oaßtoptvo; h xai? TuavxoEaTxat? 

s. V. 'Qxsavo? — Oaßtopivo? ev 

xdic, TcavxooaTuaig laxopiai?. s. v. 

'AXe^dvSpsia cum nota Marresi, 

in dissertatione ceterum vix 

laudabili). 

Ad Favorini omnigenam historiam e Stephani Epitome 

multo plura redire constat, quam eius nomine insignita sunt. 

lam e ratiocinatione nostra nobis licet has notas ei vindicare 

auctori, quas apud Favorinum extitisse a Gellio edocti sumus. 

Gellius: Stephanus: 

quod Boeotia ante appel- s. v. BoKoxia — exaXeixo 8e 

lata fuerit Aonia — 'Aovia. 

quod Aegyptus Aeria — s. v. AiyoTcxo; — exX'^dir] xal 

— Aepia. 
quod Corinthus. Ephyre — s. v. KopivOo; — t] a\)x^ exa- 

Xetxo 'EcpupY] CLTzb 'EcpupY]? xxX. 
quod Macedonia 'HjxaOia — s. v. 'HjxaOia ttoXi? xal x^' 

pCov, -^ vuv MaxsSovia. 

318 



Gellius; Stephanus: 

quod Thessalia Aijjiovia — s. v. Atjiovia vj BsiiaXia oto 

AifAGvo?. Ai[jiü)v 8e uloc [xsv 
XXüipou Tofj IleXaaYou -jraxYjp 5s 
ösaaaXoö xiX. 

Favorinus, unde haec diversa nomina exorta sint, exponit. 
Conf. Phot. bibl. cod. i6i: (in Favorini libris) „Sid^popoi loiopiat 
xai Tü)v xaia xa övojjLaxa deaeiov aixtoXoYicti". 

Nemo quidem, qui hanc argumentorum coUectorum vim 
acriter perpenderit, nobiscum facere dubitabit: attamen si 
quis interiorem Gellii traxerit familiaritatem, non facile sane 
sibi persuaderi patietur, Gellium tale aliquid de Favorino 
optimo praeceptore scripsisse, quäle nosmet e nostra con- 
iectura ei imputamus. Quid, inquiet, Gelliumne putabimus 
speciem doctrinae Favorino exprobrasse, cuius amplam para- 
tamque copiam tarn crebro est expertus. At exprobravit 
utique, respondemus, idque quidem iam in prooemio. Quis 
enim est nisi Favorinus, qui in elegantium titulorum indice 
hunc in modum commemoretur „est qui TcavxoBairYJ? laxopia? 
(sc. titulum) fecerit". Reprehensio vero, in quam omnes 
ilü titulorum auctores incurrunt et maxime Graeci, nonne 
etiam in Favorinum eodem iure quo in ceteros cadit? Itaque 
si Gellium semel agnovimus libero iudicio de magistro usum 
esse, quid impedit, quominus idem etiam iterum fecisse 
sumamus? Hac igitur in re non est haerendum: immo 
quanta lenitate et urbanitate vituperationi Gellius inmiscuerit 
laudem, sane est quod observemus. Neque hoc solo casu 
factum est, ut Favorini nomen in utroque loco omitteretur: 
id quod modesto Gellii animo probe convenit. Denique 
ipsum hoc dici potest non tam Favorinum quam genus 
litterarum, cui se addlxit, reprehendi idque a Gellio bac 
illius capitis inscriptione significari, „cui modi sint, ^uae 

319 



speciem doctrinarum habeant sed neque delectent neque 
utilia sint". 

Cum igitur Gellius omnigenam historiam Favorino statim 
properans reddiderit, efficitur nulla alia ex ea excerpta in 
Noctibus nobis occurrere, nisi quae capite quod tractavimus 
comprehenderit. Si tarnen nonnunquam ad Favorini verba 
provocatur, haec aut ex sermone sumpta sunt aut ex alio 
eius libro: veluti X. XII. 9 — 10 „Nam et plerique nobilium 
Graecorum et Favorinus philosophus memoriarum veterum 
exequentissimus affirmatissime scripserunt simulacrum columbae 
e ligno ab Archyta ratione quadam disciplinaque mechanica 
factum volasse, ita erat scilicet libramentis suspensum et aura 
Spiritus inclusa atque occulta concitum". Licet hercle super 
re tarn abhorrenti a fide ipsius Favorini verba ponere 
,,'Apj(UTac Tapavxivo? xä aXXa xal [xTj^^avixo? oiv eTCoir^as Tüepiaxepav 
6i)Xiv7]v 7:£to|jLev7]v [yjv] ciroae xaöiaeiev ooxeti dviaiaio". 

Hac ipsa laude, qua Favorinus memoriarum veterum 
exequentissimus dicitur — cuius egregria vel divina memoria 
etlam XIII. 24. 5 commemoratur — nonne apertissime libri, 
unde sequentia sumpta sunt, indicatur dTCO(xvT^|xove6jjiaTa titulus? 
Neque scio cui libro illud Archytae tribuam nisi ei, quem 
dixi. Quod si conceditur, hac in re ponimus buius quem 
descripsimus loci vim pretiumque, quod ei distinctam talium 
d7ro{jivT;|jLov£U(i,dT(üv imaginem debemus, qualia Favorinus con- 
gessit. Tenendum enim est ipso titulo non posse diiudicari 
de illius libri forma, cum duo diversa dicopr^fjLovsuiJidKüv genera 
distinguenda sint, unum ad Xenophontis rationem compo- 
situm, alterum, cuius exemplum Valerii Maximi extant 
memorabilia. Erravit autem E. Koepkius, qui primum genus 
a Favorino esse expressum contendit. Quae opinio loco 
redarguitur, quem nosmet Favorini dTuopr^iJiovsufxaai vindica- 
vimus, non confirmatur testimoniis, ad quae ipse provocavit. 
Veluti La. III. 25 [h hk tä irptoio) täv aTropr^iJLoveujidKov 

320 



<I)aß(opivou cpsptiai oii] Mi&pi8drr^? 6 OspaTj? dvBpidvxa nXdiwvo«; 
dveOsTo eU XTiv dxa5Yj(JLiav xai £7r£7pot(}>£* MiOpiEctTr^? 6 ToSoßdioo 
nepoTj? Mouaai? sixova dveOexo nXdxwvo? -^^v SiXaviwv iTuoiYjae. 
vel. VI. 89 [x«P^s'' ^' auxou (Kpdxr^xo? 07]ßaiou) ^aßwptvo? ev 
Ssuxspo) xÄv dTCO(xv-/][Jtov£U{xdxü)V cpspsi- cpr^ai -^äp] OapaxaXÄv Tuspi 
Tou Tov '^uiivaoiap'/o') xäv io^^iojv auxoo yjttxsxo, dYavaxxoövxo? 3e 
Icp-/] Ti ydp ou^i x.al xaöxa ad eoxi xa&dirsp xal xd yovaxa; 

Remotis, quae uncis inclusimus, nonne iustam prioris 
generis formam instauravimus prorsus ad illius loci imaginem 
accedentem, quem e Gellii libro attulimus. Huc optime 
quadrant, quae ex Sereni dro[xv/j[iovsu|i,aaiv excerpsit Joannes 
Srobensis veluti III. p. 104. Mein. OaXf^v sU tov oupavov 
opÄvxa xal ejJLTCsaovxct eU tov ßdpaöpov ■?) OepdTraiva öpaixa ouoa 
oixaia Trai^stv Icfrj, 8? xd Trapd Tcoaiv ayvoÄv xd sv oupavu) eaxoTtsi. 
conf. III. p. 117 ApxsaiXdoL) ex xäv SepYJvoü d7co{i,vYj(i,ov£U{jidx«)v, 
unde sequentia quoque lemmata ^piaxtovo? Ssoxpixou Kapv£d5otj 
KXeixo[idxou 'Apiax(üvo? deprompta esse videntur. 

lam eo disputationis ventum est, ubi de discrimine, quod 
inter utrumque Favorini librum intercedat, est dicendum. 
Atqui primum constat et d7ro[xv7]tJLov£6jj.axa et iravxoBaTCvjv 
loxopiav, si summam spectas, uni eidemque litterarum generi 
adscribenda esse, 6TL0(jtvT^{jLaxix(j) scilicet. Veteres enim etiam 
conlectanea et excerpta, quae ex lectione sua aliquis colle- 
gerar, ut peculiaria scripta eaque excerptoris nomine insignita 
recensebant : id quod a consuetudine nostra prorsus abhorret. 
Gellius autem, qui de hoc litterarum genere in praefatione 
disserit, pro exemplo etiam libros memoriales Masuri Sabini 
et Favorini TTGtvxooaTuyjv laxopiav habet: unde efficitur, inter 
huius Favorini d7co(xvrj[xov£6{xaxa, quorum forma prorsus eadem 
est cum Sabini libris memorialibus, et inter TcavxoSaTTYjv laxopiav 
nullum gravius agnoscendum esse formae discrimen. Quod 
vero ad ambitum utriusque libri attinet, res longe aliter se 
habet. Cum enim numerus d7ro{xv-/]|jiov£ü{i,dx(ov Übrorum, ad 

21 Nietzsche I 3^^ 



quos Laertius saepe provocat, numquam supra quintum 
escendat, aperto Photii testimonio edocti sumus omnigenatn 
historiam ex XXIV libris esse compositam. Ex hoc autem 
numero tot tantaeque natae sunt turbae, ut Photü locum 
accuratius tractandi necessitas imposita sit. Postquam igitur 
Photius ea, quae Sopater duobus prioribus libris exXoYÄv 
amplexus est, breviter enarravit, tertii libri imaginem ita 

adumbrat: 

Phot. bibl. cod. i6i. 6 U xpixoz Xoyo? aolU-^^xai auicw ex xy]? 
Oaßcopivou 'Kavxoha^zf^z öXr^? ex te xoö v xal xou 8 xctl xaOeS^? 
ttXyjv xou X [xe/pt xou o). ev ots Sidcpopoi laxopiai xal xwv xaxa 
xa 6v6|jLaxa ^eaewv aixioXoYiat xal xoiauxa exepa. Adnotat 
C. Muellerus III, p. 577. „Historia omnigena ordine digesta 

erat alphabetico, ut colligitur e Photii codice 161 quae 

e libro octavo afFeruntur, de Piatone et de Pythagora sunt: 
adeo ut in hoc libro ad litteram FI auctor devenisse videatur". 

Lubentissime Sopatro largimur libertatem quidquid lubet 
excerpendi: at si cum Muellero — conf. L. Vrlichsius in 
Mus. Rhen. nov. XVI. p. 254, Heckerus in ep. crit. Philol. 
V. p. 432 inserta — hunc locum ita interpretaris, ut Sopater 
Favorini lexicon ad litterarum ordinem digestum totum per 
omnes litteras compilasse excepta una littera T, aut Sopatrum 
insanientem aut Muellerum de loci sententia falsum agnosco. 
Quid enim? Succensuitne Sopater huic litterae T? Res sane 
ridicula. Praesertim cum nihil impediat, quominus verba 
Photii in prorsus aliam partem accipiamus. Accedit, quod 
Muelleri sententiae ipsa fragmenta, quae aetatem tulerunt, 
acerrime repugnant. Narrantur enim III. 57 de Piatone et 
Pythagora nonnulla, quae Laertius e secundo TravxoSaTrv]? laxopia? 
libro desumpsit. Expectamus autem, si cum Muellero facimus, 
haec fuisse aut s. v. ÜXdxoDV aut s. v. üu^ayopa? inserta. Quid 
vero? Secundo igitur libro Favorinusne iam ad 11 litteram 
pervenit, quam etiam in octavo libro eum tractasse alia 

322 



docent fragmenta? Quälern hominem nobis informemus 
Favorinum, qui libro primo litteras A usque ad O, libris 
sequentibus II, III, IV, V, VI, VII, VIII unam solam com- 
plexus sit n Jitteram. Haec, quam inepta essent, etiam 
Muellerus perspexit: quare iv osüispo) vocabula mutavit in 
ev 6y86t(j. 

Vt mittamus Muellerum, de bis dicendum est, qui id 
quidem rectissime statuerunt librum Favorini non fuisse 
Xs^ixov, sed e XXIV libris compositum, secundum classicam 
illam Iliadis Odysseaeque normam, quam Grammatici in 
Orphei Upot? Xoyoic, in Panyasidis 'HpaxXeidSi in libros dis- 
ponendis secuti sunt. Conf. Theophrasti Oeasi? x8' et v6|xa)v 
xata oToixstov x8'. Ea autem in re non minus quam Muellerus 
erraverunt, quod Sopatrum finxerunt hos omnes libros com- 
pilantem praeter eum, qui littera T insignitus est. 

lam aliam indicavi viam, qua res facile expediretur. Con- 
sideres enim, quem locum in ordine litterarum N et T sibi 
vindicent: N scilicet prima est littera tertiae seriei, T quartae, 
si senas litteras in unam seriem coniunxerimus. Verba autem 
Tou X {xexp'- T^o'J tö a irX-qv particula pendent. lam si haec 
concessisti, hanc accipe totius loci interpretationem „über 
tertius excerpta continet e Favorini historia omnigena 
coUecta eaque ex Xllimo libro et sequentibus libris desumpta, 
exceptis libris XIX usque ad XXIV". Sopatro igitur conicio 
7ravTo§aTCY]v loTopiYjv in quattuor teu^t^ dissectum praesto fuisse: 
quibus qua ratione singuli libri dispertiti fuerint, ex hac 
tabula elucebit: 

Tsuxoc I. Tsup? n. teuxo? ni. 

Hb. I. 2. 3. 4. ^. 6. 7. 8. 9. 10. II. 12. 13. 14. 15- i<^- 17- 18. 

V. t 
TSU^O? IV. 
19. 20. 21. 22. 23. 24. 
T. 0). 



a. 



Tertium vero xsu^oc Sopater solum compilaverat i. e. sex 
tantum libros. 

lam est intellectum ampliore ambitu omnigenam historiam 
ab dTCO|ji,vYj[xov£U[xaai prorsus fiiisse diversam. Neque deerant 
aliae graviores discrepantiae. Non enim possum concedere 
TcavToSaTCYjv laxopictv, quam vidimus non fiüsse ad litterarum 
ordinem digestam, omni omnino caruisse ordine. Hac ipsa 
re, quod Favorinus solam copiam sectatus, ut cum Gellio 
loquar, alba linea in quas res cunque incidit converrebat, 
ordo quidam necessario evenit. Quisquis enim librum aliquem 
diligenter compilavit, rerum aequalitatem postea etiam in 
conlectaneis suis inveniet: si quidem in hoc libro ipso illa 
rerum aequalitas inerat. Hoc videtur Favorino contigisse. 
Veluti quae £6pYj[xaia ex omnigena bistoria excitantur, haec 
fere semper ex uno octavo sumpta sunt libro. Vnde cave 
ne conligas secundum argumenta rerum hunc librum fuisse 
dispositum. Immo hoc est veri simillimum omnia sopi^iiaxa 
Favorinum sumpsisse ex libro Trspl sup-zjfidTwv, qualem scripse- 
runt Ephorus eiusque adversarius Heraclides, Strato, Aristo- 
demus, Philostephanus alii. Quin adeo statui potest, cui 
Favorinus inventa omnia debuerit: si quidem totum locum 
de Protagorae inventis Villi. 50 — 54 constat ex omnigena 
historia esse sumptum. Vbi Timo Phliasius et Artemidorus 
dialecticus Chrysippi aequalis excitantur: conf. VIII. 47 
Eratosthenis testimonium. Consectarium est eum, cui Favo- 
rinus inventa debet, post Timonem, Eratosthenem, Artemi- 
dorum floruisse. Sed haud multo post: id quod ex his verbis 
elici potest Villi. 52 xotl (npcoiayöpac) t6 vuv i7ti7:6Xctiov ylvo? 
Tuiv epiaiixÄv eYsvvTjaev. Recentissimus vero Eristicorum videtur 
esse Philo, Pyrrhonis 7vtüpi[j.o? La. Villi. 67, Carneadis magister 
Hieron. I. adv. lovin. cf. lonsius p. 120. Quibus aetatis 
terminis adprime convenit Philostephanus Callimachi disci- 
pulus, qui sub regno Philopatoris (222— 20Ö) vel etiam postea 

3H 



librum iztpl supriixaicüv scripsit cf. C. Muellerus III. 28. Philo- 
stephano igitur omnia iiiventa, qiiae Favorini nomine feruntur, 
vindicanda sunt. Vnde haustum est, quidquid de primo 
grammatico, de Pythagora primo pugile VIII. 47 eodem, qui 
primus athletas carnibus nutriisse dicitur VIII. 12 de Piatone 
argumentationem per interrogationem introducente III. 24 
deque aliis inventoribus apud Laertium narratur. 

Atque etiam ex ratione, qua excerpta Gelliana inter se 
sequantur, conligendum est, homonymorum indices, Homerica 
C,r^x^fl^axa, nominum mutationes non fuisse inter se mixta et 
confusa, sed aequam semper materiem uno loco conlocatam 
fuisse. Quae ibi de Pythagoris Hippocratisque nobilibus dicta 
sunt, ex homonymorum summario deprompta sunt: com- 
munem originem omnes iiiae Homericae quaestiones sibi 
vindicant, item nomina regionum urbiumque mutata. Evicisse 
igitur nobis videmur Favorinum ex quattuor libris, ut minimum 
sumamus, historiam omnigenam conflasse, quorum nomina 
fuerunt: Philostephanus rspl vjp-qi).d-(ii'^. Dspl 6{i.(ov6(i,üDv. 
'0|ir^pixa CriTfi\i.a.xa. rsooypacpoufxsva. Sed etiam facta dictaque 
nobilium virorum non defuisse e lul. Val. de rebus Alex. i. 
c. 13 discimus. 

lam vero idem, quod modo de omnigena historia statui- 
mus, estne fortasse etiam de dTCO|j.vYj(jiov£6{jLaai dicendum? 
Nihil enim facilius est cognitu, quam nullum in eis ordinem 
observatum esse. Liber scilicet primus de Pittaco, de Xeno- 
phane, de Empedocle, de Socrate, de Piatone, de Demetrio 
Phalereo tradit, alter autem de Aristotele et Gratete, tertius 
de Piatone et Pythagora: ita ut nullus temporum ordo in 
hac philosophorum serie compareat. Ne hoc quidem factum 
est, ut uno loco omnia ad unam personam pertinentia com- 
prehenderenturj immo de Piatone et in primo et in tertio 
et in quinto libro disseritur. Neque hoc videtur spectasse 
Favorinus, ut materiam suam secundum argumenta disponeret: 

325 



si quidem eum constat de Lamia Demetrii amica in primo 
libro narrasse, de Cleone eiusdem viri puero delicato in 
altero. 

Restat igitur, ut idem eum fecisse sumamus in Memora- 
bilibus componendis, quod in omnigena fecit historia: excerpta 
eo ordine facta, quo totum librum oculis animoque perrep- 
tabat, integra deinceps in conlectanea sua transtulit. Quos 
vero libros usurpaverit, incertum est: nisi unum exceperis. 
E quinto enim d7co{AVYj{jLov£ü[xdTtov Laertius refert Halcyonem 
dialogum, qui Piatonis nomine fertur, esse revera Leontis 
cuisdam: eandem autem rem Athenaeus p. 5o<Jc narrat, qui 
ad Niciam Nicaeensem provocat testem. Nonne valde veri 
simile est, ex Nicia etiam Favorinum hausisse: id quod optime 
confirmatur conlato Laertio III, 48. AiaXoyou? toivüv cpaol 
TupÄTov Ypdcj^ai Z-^vcüva xov 'EXedxTQv. 'ApiaToieXT]? ö' ev TcptÄico 
Tuepl 7üoi7]TÄv 'AXs^ajAevov Sxupla 'q Tf^iov w? xal (^a^wptvoc Iv 
d7ropY]}jLov£U{xaaiv. et Athen, p. 505 b c supe t6 elSo? täv Xö^tov 
6 T-^io? 'AX£^a|jL£v6? (b? Nixia? 6 Nixaeo? loiopst xai Swiiwv. 
'ApioTOTeXYj? 8' ev xw irspl ttoiyjxäv ouxo)? -{pd^Bi- ouxouv ouSe 
£[i(jiexpoü(; xou? xaXoü{X£vou(; Swcppovo? |xi|xou? [ayj cpwfiEv £ivai 
XÖYou? xal |xi|jL-/]a£ic ^ xou? AX£^a(X£vou xoij Tyjiou xou? TupoxEpou; 
7pacp£vxa? xäv 2u)xpaxixÄv SiaXoywv. En fontem Favorini iterum 
deteximus Niciam Nicaeensem. Vnde exoritur suspitio, eius 
8ia8oxai?, quidquid ad historiam philosophorum pertinet in 
Favorini d7roji,v7]jj,ov£UjjLaai, deberi. 

Vtrumque igitur Favorini librum demonstravi eandem fere 
habuisse originem: e fontibus autem forma consilioque inter 
se diversis diversam utrumque praebuisse imaginem. In iüo 
maior rerum aequalitas, similibus semper rebus in unum 
locum congestis veluti inventis et cognominum indicibus. In 
hoc summa argumenti varietas nullo omnino ordine temperata 
hisque sohs adstricta legibus, quibus talia d7tojAVT^jxo\ȣU{iaxa 
solent adstringi. Quidquid enim in hoc libro extabat, eodem 

326 



iure etiam in omnigena historia extare poterat: non vero 
contrarium statui debet. Velut omne indicum genus ab 
dTro(xvrj|jLoveu{xdTu)v consilio dissidet, non ab omnigena historia. 
Quas discrepantias ut facile dispicias, componas, quaeso, 
animo Aeliani ttoixiXt^v loiopiav ad dTro(ji\»r^jjiovEU}xdT(ov formam 
expressam et Pünii naturalem historiam simili ratione con- 
flatam ac Favorini TiavT. iot. 

Verum enim vero, quo maxime hae de Favorino disputa- 
tiones valeant, nondum opus est explicemus. Hoc quidem 
per se est perspicuum, si distinctis coloribus utriusque Jibri 
imaginem depinximus, iam posse disceptari, quid huic aut 
illi tribuendum sit, quid non liceat. Ipsum autem Favorinum 
Laertio ad manus fuisse apertis verbis indicatur VIII. $i k^m 
8' eSpov Iv TOI? U7ro[Jiv*^|xaai Oaßwpivou, 5ti xai ßoijv löuoe 
ToT? dstopoi? 6 'EfATTsSoxX'^; ex [xeXiio? xal dX^ixcov xal dSsX^ov 
ea-/£ KaXXixpatiBr^v. Vt concedamus nosmet non diiudicare 
posse, uter über titulo uTTojAVTjfxdTcov significetur, quoniam et 
omnigena historia et d7ro(i,v7j[j,ovs6|xaTa 67rojjiv7][jiaTix6v sISo!; 
repraesentant, nihil moror: illud teneo Laertium utrumque 
librum manibus trivisse. Quod constaret, si forte eo testi- 
monio destituti essemus: si quidem in longa iUa scriptorum 
Serie, qui excitati apud Laertium extant, ultimum locum sibi 
vindicavit Favorinus neque hanc ob causam ex aliorum scriptis 
in Laertii librum irrepsisse potest. Qua consideratione magis 
proficimus quam ipsa illa formula^eya) 8' eupov h — in qua 
explicanda summa cautione nos uti iubet Ritschelius de Oro 
et Orione p. 32 ss. disputans. Mirum vero in modum ea 
abusus esse videtur Valentinus Rose p. 40 hisce verbis: „quae 
testamenta profert Diogenes non tamen ille unde et haec 
et indices librorum hauserit significans, nisi quod in Universum 
se alicubi seil, in scriptore aliquo reperisse monet (V^^^ ^^^" 
Tupjjiev V. Ö9 supov V. 51 cpepoviai V. 61. eadem formula usus 
fontem addit VIII. 53 £70) V eupov ev toi? Oapwpivoü inmerito 

327 



castigatus a Brandisio Arist. I p. 8ij epistolas quoque philo- 
sophorum sine fönte solet inferre velut ubi rursus illud 

eöpov I. 112. 63. cf. tarnen 7. (5" p. 44- «[ex hoc 

dTCo[ivT^[iovsujjiditüv libro] petivit [Laertius] — testamenta — ". 
Haec recte se habere concedo, si demonstrari possit ex uno 
omnino libro omnia hausisse Laertium, unius scilicet Favorini. 
Omnis vero huius conclusionis vis et fundamentum destruitur, 
si forte Laertius duobus vel pluribus usus est fontibus. 



III. 

De Demetrio Magnete. 

Quo acriore studio homines docti hac aetate in philo- 
sophiae historiam inquisiverunt, eo magis mirandum est, quod 
nemo adhuc dedita opera et peculiari instituto de Laertii 
fontibus disseruit. Quid id fieri potuerit, aegre sane intellegas, 
cum praeclaro nuper exemplo patefactum sit, quanto opere 
talis disquisitio, dummodo probe institueretur, universis anti- 
quitatis studiis prodesse posset. Laertium enim not um 
est singulis philosophorum vitis homonymorum indices adie- 
cisse: quos unde sumpserit, nemo iam dubitat, postquam 
Scheurleeri beneficio certaque ratiocinatione id effectum sit, 
quod coniecerat lonsius p. 12, Valentinus Rose p. 41 ad- 
firmaverat: Demetrii Magnetis TTpotyiAaieiav irspl 6|jLU)v6|Atov 
hos omnes suppeditasse indices. Conf. Guilielmi Antoni 
Scheurleeri Amstelodamensis disput. de Demetrio Magnete. 
Lugd. Bat. MDCCCLVIII. 

Hac re probata ansam nacti sumus, qua plures homines 
litteratos, poetas, artifices, musicos certis temporibus adsigne- 
mus, quorum memoria prorsus videbatur oblitterata. Hi 
enim indices nunquam illius Demetrii aetatem superant, cuius 
auctoritatem ipse Laertius duobus locis antestatur. Sat autem 

328 



commode huc convenit, quod in Demetriorum tabula V. 
83 — 85 huis Magnetis nomen non comparet, hac ipsa absentia 
inter alios praeminens. 

Vt vero ea dicam, quae in Scheurleeri disputatione desidero, 
haec habeas. Cum enim Laertius non solum in bis indicibus, 
sed etiam in ipsis philosophorum vitis ad Demetrium auc- 
torem idque multo saepius pro\ocet — conf. I. 114. II. 52. 
S6. 57. V. 3. 75. 89. VI. 79. 84. 88. VII. 31. 169. 185. VIII. 
84. 85. IX. 15. 27. 35. 36. X. 13. — in promptu est eum, qui 
indices ex homonymorum volumine desumpsit, etiam vitas 
ex eodem fönte locupletasse: quis autem hoc fecerit, utrum 
Laertius an eius auctor, suo loco suoque tempore discepta- 
bitur: iam sumamus Laertium. Qui sane non is est, qui 
unicuique loco, quem ex fontibus suis excerpsit, religiöse 
auctoris nomen adposuerit. Immo gravissimis causis in sus- 
pitionem adducimur, in Laertii libro multo maiorem Demetrii 
partem esse residuam, quam hucusque patefactum sit. Quod 
etiam Scheurleerus quin senserit, non dubito: at non eo 
processit ratiocinando, ut certa locorum genera distingueret, 
quae Demetrio auctori vindicanda essentj sed contentus erat 
ea omnia conligere, quae ipsius Demetrii nomine insignita 
deprehenduntur. Hac igitur in parte Scheurleeri opera 
supplenda est. 

Vni inprimis loco, qui fere integer aetatem tulit huius 
Tzpa-^i^axüac irspi 6jjl(üv6{jl(ov distinctam debemus imaginem, 
cum omnia fere alia pristinam formam copiamque amiserint 
atque excerptoris manus experta sint. lilum locum insignem 
Dionysius Halicarnassensis in Dinarchi vita servavit eo qui- 
dem consilio, ut industriam suam omnes priores ipsumque 
Demetrium superantem nobis probaret. Quo instituto factum 
est, ut Demetriani libri erroribus eximie infecta pars ad nos- 
tram aetatem perveniret. At caveamus, ne totum damnemus 
hac una parva parte perducti. Nam Demetrius in Dinarcheis 

3^9 



enarrandis ad versa usus est fortuna, cum hoc quidem loco 
fontibus, quos usurpare consuevit, prorsus destitueretur, par- 
camque memoriam suo Marte compensare conaretur. Quae 
vero de suo addiderit, facili opera ex verbis, quae transcribere 
iuvabit, eruemus: aXXa A7][jL-^Tpio? 6 Md'{vr^<; 8? ISo^e ysysoSai 
TcoXuiOKop, ev T*^ TTEpl TÄv 6jX(DVU(xu)v TupaYf^aTsia Xeywv xal Trspl 
TouToi) Tou av8p6? (Asivdp^^ou) xal uttoXtjcI^iv Tzapaaydiv wc, uspl 
aüTou Xe^cüv ii dxpißss, 8iecj;£uaÖY] tyj? §6^t^?* ouSev oe xcoXusi 
xal xd? Xe^si? Trapaöeoöai tou dvSpo;. eaii 8e xd utt' auxou -{pa- 
cpevxa xdoe. Äsivdp^^oi? o' ev£Xü;(o|x£v 8', wv eoxiv 6 jisv ex xäv 
^T^x6p(üv xüiv 'Axxixwv, 6 8e xd? TCEpl Kpr^xYjv auva^rjo^^u); (sie. 
Westerm.) (xuöoXoYia?, 6 8e Tcpeoßuxspoc {xev dji^fotv to6xoiv, 
AtqXio? 8e x6 yevoc, 7r£TrpaY(xaxei)|i,evo? xouxo [xev iizoc, xouxo Ss 
7rpaY(xa, xexapxo? 8' 6 Trepl '0{jnQpoü Xoyov oüvxedeixt6s. eöeXto oe 
7ip6? (xepo? irepi Ixdaxou SisXOstv xal TtpÄxov [jtev Tcspl xoO ^Yjxopoc. 
loxi xoivuv ouxo? xaxd y® "^"^"^ £{i7]v 86^av ouosv dTroXeiircov x^? 
'TTuepeiSoü 5(dpixo?, toax' eiTreiv xal v6 xev v^ TcapeXaoev. £v&6|irj(Aa 
Yap (pepei Triaxixov xal cj)(^[jLa TuavxoSaTcov 7riOav6xY]x6<; y® M^^ 
ooxto? eu TJxei, woxe uapioxaveiv xoi? dxououoi |i,Yj dXXco? y^T^'^^'^cii 
xö TtpdYjxa 7^ (0? auxo? XeYsi, xal vo{Aiaeiev dv xi? eui^Oei? eivat 
xou? uTToXaßovxa? xov Xoyov xov xaxd ÄYjixoadevoi)? elvai xouxoü. 
TtoXü •(äp äiziyti xou 5(apaxx7]po?. dXX" o[X(d? xoaouxov axoxo; eTii- 
TteTToXaxev, waxe xou? [xev dXXou? aoxou Xöyou?, aj^eoov irou uirep 
^' xal p' övxac, aYvoeiv au[xßeßT^xe, xov oe |jiy] "{pa^pivTa utt' auTotj 
[xovov exeivoo vofJiiCeaOai. -^ hi Xe^i? eaxl xou Aeivdp)^ou xupiü)? 
TjöixY], Tiddo? xivouaa oj^eSov x*^ uixpia jjlovov xal xw xovo) xou 
AY]|Jioodevixou j^apaxx'^po? Xei7ro|j.evrp xou oe Tri&avou xal xupiou 
{iTjBev evEeouaa. 

In bis sane omnia desiderantur, quae ad vitam rhetoris 
pertinent: unde efiicitur nuUum irepl ßiwv librum Demetrio 
in Dinarchi vita contexenda praesto fuisse. Neque difficile 
est exploratu, cur Dinarchus a vitarum scriptoribus tanto 
opere neglectus sit. Hi enim unicuique rhetori vel philo- 

330 



sopho locum in certa aliqua successione et schola consigna- 
bant: si quis vero nulla vi inseri se passus est, in periculum 
oblivionis abiit. Conf. grammat. in biblioth. Coisl. p. 597. 
Id quod Dinarcho accidit postumae tamquam Eloquentiae 
soboli. Vid. de eius magistris Plutarch. p. 850. Dionys. 
Dinarch. 2. Cuius memoriam Demetrius non nisi ex pina- 
cographis repetere poterat, qui eius necessario mentionem 
fecerunt. His igitur illum numerorum errorem, quem Dio- 
nysius acerbe perstringit, imputaremus, nisi alia ratiocinatio 
nos maiore uti cautione iuberet. Quid quod Dionysius in- 
credibilem illum numerum ?' xal p ut ficticium neque pinaco- 
graphorum memoria innisum his verbis significat xal wX^do? 
X6y«)v (Airjfji'^Tpioc) eiTCSv ouSsvl xwv ** a6[jicp(ovov, zi Bsi ** 8s 
TOüvavTiov. Quae etsi valde mutila esse largimur, tamen nuUam 
aliam ac diximus vim babent, cum Dionysius, antequam 
Dinarchi vitam composuit, et Callimachi et Pergamenorum 
indices se inspexisse ipse narret. Vnde tandem illum numerum 
Demetrium sumpsisse putabimus nisi ex indicibus aut Alexan- 
drinis aut Pergamenis? Si mihi credis et ex his et ex illis hanc 
in rationem, ut numeros orationum, quas notatas in utriusque 
bibliothecae indicibus invenit, computando in unam sum- 
mant coniungeret. Quod ideo conicio, quod Dionysius ex 
LXXXVII LX tantum orationes genuinas esse statuit. Has 
LXXXVII cum apud Demetrium non invenisset, aut e Calli- 
machi aut Pergamenorum indicibus deprompsit: cum autem in 
ingenti CLX orationum numero etiam has LXXXVII latere 
veri sit simillimum, eosdemque indices Demetrius usurpaverit, 
quos Dionysius, aTtopiav hac via videmur solvere, ut hos 
pinacographos LXXXVII, illos LXXIII notasse statuamus, 
Demetrium autem summam fecisse, cum diversas diversis 
bibliothecis orationes Dinarchi nomine ferri vidisset. 

Verum hoc quidem quocunque modo se habet, illud 
tenendum est Demetrium, si fontibus destitutus paucissima 

331 



notare cogeretur, unam rem utique notasse, scripta puto. Quod 
ex totius ofjLcovujjitüv libri indole et consilio sponte intellegitur. 
Cum enim Demetrius cognominum hominum litteratorum in 
dies augeri numerum variosque errores ex hoc 6(j,ü)vu|i.ia? 
fönte repetendos esse vidisset — conf. lonsius p. 12 et Val. 
Rose de Arist. libr. ord. p. 27 — , ita ut libri multi diversis 
non quidem nominibus, sed hominibus ab indoctis doctisque 
tribuerentur, separatim de hac 6(x(üvu|xia agere ac suum cuique 
restituere instituit, adprime pinacographorum opera adiutus. 
Hoc quod necessario e Demetriani libri consiJio est consec- 
tarium, reliquiis eius aperte confirmatur. Quae quamquam a 
breviatore nimis in artum coactae sunt, saepissime tarnen 
indicum vestigia retinent. Veluti 

IL 6^4 Aioj(iv7]? — oiuTtpoc, 6 xot; -£j(va? ysypocpo); xäc, (i-qzo- 
pixd?. n. 3 'Ava8i|J.£vr^c — 8? dBsXfp^i; ulo; vjv tou id? 'AXecdvopoi» 
Trpd^si? YSYpacpoTo?. IL 83 'ApiowKizoc, — Ssutepc; 6 xd mp\ Ap- 
xaBia? Y^Ypacpwc. V. 35 ApioioieXv]? — ou xal öixavixol cpepovtai 
/oyoi j(apiEVT£c. xpixo? Trspl 'IXidoo? Tztizpa^iiaziuiiivoc,. xexapxo? 
TTpo? xov 'laoxpdxou? TravYjYupixov dvxiysYP^^'f^' — exxo? y^TP^^?"*^ 
Trepi TToir^xix^? — öyBoo? — ou cpepsxai xsj^vy] TztpX 7rXeovaa|jLou 
quibus exemplis longum est octoginta vel plus addere, cum 
per se intellegatur, Demetrio indices fuisse notandos. Qua 
re perspecta hos consideramus indices, quos Laertius vitis 
inseruit. Quos unde sumpserit, non erit dubium, simulatque 
docui in eis nonnunquam Demetrii Magnetis nomen auctori- 
tatemque usurpari. IL 57 Ssvocpwv — auveypacj^e Be — xal 
'AÖ7]vai(üv xal Aaxe8ai{xoviu)v TuoXixsiav, -^v cpr^aiv oux slvai 
EevocpÄvxoc 6 MdyvY]? Avjfjf^xpio?. VIII. 85 xouxov (^iXoXaov) (yYjai 
AYjjjLTQxpioc £V 6(i.(ov6ji,oi? TTpÄxov exoouvai xa)v nuOayopixwv uspl 
(poosü)?, t5v Y] apyrfi r]o£- xxX. VIII. 84 cpYjal 8' auxov AYj|xi^xpio? 
ev 6(i(ov6{Aoi<; (jf/jSev xaxaXiTisiv a()-^ypa[L[ia. I. 112 cpspexai auxoD 
xal eTcioxoXy] 7rp6? 26Xo)va xov vo[xo9£XT|V Tr£pi£}(ouaa iroXiXEiav 
^v 8i£xa;£ Kpr^al Mivto?. dXXd Ir^iiqxpiot 6 Mdp'qc £v xot? '7r£pl 

33i 



6{xo)vu[xu)v TToiT^Tüiv TS xal auYYpacpstov oisXe'f/^^'^ Tczipäxai r^v 
ETTiaioXrjV (b? vsapdv xai [jl-?] t-(] Kpr^iix-i^ cpouvi^ Y^TP^^F'-P"^''*')''' 
'AxOiBi 81 xal lauTifj vsa. Demetrius Callimachi vestigiis 
institlsse in Tciva^iv initia scriptorum exhibentls etiam his 
exemplis proditur VI. 8i ysYovaoi oi AioYsvei«; ttevts- irpÄTo? 
^TCoXXwvidTT^«; cfuaixoc dp^"/^ 8* auxu) toö auYYpd{x|j.aTos f^Ss xiX 
VIII. 82 Y^Y^^^'*'^ ^' ^PX'^'^cti xeaaapE? — Ivioi xal '7t£[i7rtov 
dpyiiexTovd «faoiv ou cpepstai ßißXiov Tcspl [at^X^'.vy]? dp-/-rjv r/^v 
xauTT^v xxX. I. 119 'EpaToaOevYj? 8' sva [jlovov ((I)£pEx6oTjV Supiov 
'(^'{ovivai (pr^oX) xal siepov Aör^vaiov Y^veaXoYov. awCsxai os xou 
2upiou ToBe ßißXiov 8 auvi^pa'^^zv. ou q äp^ri xiX. V. 85 osuxepo? 

(AYj|Jl-^TptO?) ETTuiV TTOl'/JTTj? o5 (XOVa OwCsTai TTpo? TOO? CpOoVSpOU? 

£ipY](ji£va xdSs xtX. cf. VIII. 83. IX. 51. 52. 112. 

E Demetrii igitur libro omnes illos indkes% quos Laertius 
vitis philo sophor um suhhmxit, censeo esse repetendos: exceptis 
Piatonis Democritique indicibus, qui Thrasyllo adsignandi 
sunt auctori. De quibus vide infra. 



*) Id statuo etiam de hidice Aristotelis Laertiano, qui dici nequit 
quantas turbas excitaverit. Quem e Favorini libris esse sumptum Valen- 
tinus Rose in Arisr. pseud, p. 8 adfirmavic atque E. Heitzius p. 46^ ss. 
concessit: id quod suo loco suoque tempore reiculum erit. Vbi etiam 
illa corruet sententia, quam V. Rose tamquam fundamentum aedificio suo 
mirabili substruxit, quam etiam I. Bernaysius tuetur his ille verbis usus 
in Script, de Arist. dialogis p. 133. „Den Katalog der aristotelischen 
Schriften habe ich vermuthungsweise dem Rhodier Andronicus beigelegt, 
weil dieser Peripatetiker für den ersten Verzeichner und Ordner der 
aristotelischen Schriften einstimmig im späteren Alterthum gehalten wird 
[erravit Bernaysius] und seine Arbeit sicherlich die verbreitetste war." 
Val. Rose in Ar. pseud. p. 8 „nemo dubitare poterit, quin (Favorinus) 
eosdem illos indices vulgares secutus fuerit, quos Andronico tribuit Plu- 
tarchus eins aequalis". Contra Heitzius disputat p. 46. „Dagegen sind 
wir nicht im Stande, uns von der Unmöglichkeit zu überzeugen, dass 
Favorinus aus keiner andern Quelle als aus Andronicus, dessen Name 
nirgends bei Diogenes genannt wird, geschöpft haben soll". Remoto hoc 
de Favorini Laertiani indicis fönte gravissimo errore apparebit E. Heitzium 
ea in re verum adsecutum esse, quod Hermippum Callimacheum Aristotelis 
indicis auctorem significat p. 46 ss. Andronicum autem reicit. Diversas 

333 



lam via parata est, qua id, quod in Scheurleeri libello iure 
desideravimus, facillime possit suppleri. Cum enim saepissime 
apud Laertium Demetrii nomen aut excidisse aut omissum 
esse veri sit simillimum, certum iam iudicium tenemus, quo 
duce Demetrio sua restituamus. In bis enim Laertii partibus, 
quae certissime Demetrio debentur, i. e. in bomonymorum 
librorum indicibus bi excitantur Demetrii fontes 

A. in bomonymorum indicibus. 

Apollodorus in cbronicis VIII. 90. VI. loi. 

Antigonus IL 15. 

Aristoxenus V. 35. 

Hermippus Plut. Demostb. c. 28. 

Hippobotus V. 89 sq. IX. 39—40. 

Duris I. 38. 

Neantbes I. 99. 

Callimacbus IX. 17. 

Sotion (et Heraclides Lembus) I. 98. 

B. in librorum indicibus. 

Lobon Argivus I. 34. 
Dionysodorus IL 42. 
Peristratus Epbesius IL 60. 
Persaeus IL 61. 



Valentini Rose, Bernaysü, Heitzii rationes measque ipsas haec repraesentac 
tabula : 



Val. Rose. 

index Arist.Laert. 

ex 

Favorino 

ex 
Andronico 

\ 



Bernaysius. 

ind. Ar. La. 
ex 

Andronico 



Heitzius. 

ind. Ar. La. 

ex 

Favorino 

ex 
Hermippo 



Ego. 

ind. Ar. La. 

ex 

Diocle 

ex 

Demetrio Magnete 

ex 

Hermippo 



334 



Panaetius II. 54. 85. VII. 163. 

Sosicrates II. 84. VI. 80. VII. 163. 

Sotion II. 85. VI. 80. VIII. 7. 

Satyr US VI. 80. 

Callimachus IX. 23. 

Heraclides in Sotionis epitome VIII. 7. 58. 

Neanthes VIII. 58. 

Hieronymus VIII. 58. 

Hermippus VIII. 85. 88. 

Seleucus IX. 12. cf. III. 109. 

Aristoxenus IX. 40. 

Antigonus Garys tius IX. iii. 
En igitur Demetrii fontes eosque dirissimos Hermippum, 
Callimachum, Sotionem, Satyrum, Sosicratem, Hieronymum, 
Antigonum Carystium, Panaetium, Apollodorum, alios. Atqui 
idem scriptores etiam in vitis, ad quas componendas constat 
Demetrium esse adhibitum, saepissime excitati inveniuntur. 
Ergo omnia eorum testimonia censeo e Demetrio Magnete 
in Laertium fluxisse: qua re perspecta tamquam in arcem 
totius de Laertii fontibus quaestionis intravimus. Quanto 
vero opere sententia mea eo confirmetur, quod illi scriptores 
saepius una vel deinceps excitantur, ei intellegent, qui ex 
citandi ratione aliquid conligere didicerunt. Veluti I. 38 
ApoJlodorus in chronicis — Sosicrates, Demetrius Magnes. 
Duris. I. (58 Sosicrates — Satyr us — Herodotus. I. 74. 75 
Duris — Apollodorus — Sosicrates. I. 82 Satyrus — Duris 

— Satyrus. I. ^s. ^6 Sosicrates, Herodotus — Aristippus 
Tcepl TraXaia? TpucpYjc;. I. loi Sosicrates — Hermippus. cf. I. 106. 

— I. 119 Andron — Eratosthenes — Duris. II. 13 Hermippus 

— Hieronymus. II. i6 Satyrus — Hieronymus. III. 2. 3 
Apollodorus — Hermippus — Neanthes. IV. 45 Hermippus, 
Demetrius — Apollodorus. V. 2. 3. 4 Hermippus — Demetrius 

— Aristippus. V. 58 ss. Apollodorus — Demetrius. V. 78 

335 



Hermlppus — Heraclides in Sotionis Epitome, Demetrius. 
V. 89 Demetrius. V. 89 Demetrius — Hippobotus — Her- 
mippus. VI. 13 Neanthes Sosicrates. VII. 184 Sotion, Her- 
ixiippus — Apollodorus — Demetrius. VIII. 40 Heraclides 
in Satyri Epitome — Hermippus — Hippobotus — Heraclides. 
VIII. 51. s$ Hippobotus — Timaeus — Hermippus, Era- 
tosthenes, Apollodorus — Satyrus — Heraclides in Epitome. 
VIII. 58 SS. Hieronymus — Heraclides — Hieronymus — 
Neanthes — Satyrus — Apollodorus — Satyrus — Timaeus 
— Aristippus, Satyrus — Heraclides. VIII. 69 Hermippus — 
Hippobotus. Vin. 72 Timaeus, Hippobotus — Neanthes. 
VIII. 86 Callimachus — Sotion. IX. 26. 27 Heraclides in 
Satyri Epitome — Demetrius. — X. 14 Apollodorus — 
Hermippus. 

Eo igitur ventum est disputationis, ut maximam Laertii 
partem uni debert Demetrio Magneti iudicaremus. 

Sed non licet ratiocinando progredi, antequam quaestioni 
illi non responderimus gravissimae, quis esset scriptor, cuius 
irivaxac Demetrius integros recipere soleret: nisi quod eos 
nonnumquam collatis aliorum indicibus correxit et supplevit. 
Quem scriptorem non possumus indagare nisi Aristippi, 
Aristonis, Diogenis consideratis indicibus. 

Aristippi igitur libri hunc in modum enumerantur, ut e 
quattuor diversis r.bm^i desumpti videantur. II. 83 sqq. 

I) Tou Ik KupTjva'ixou cpiXoaöcpou cpspsiai ßißXia xpia (isv laxopia; 
Tu)v xaxa Aißur^v, dTC£aiaX[iEva Aiovuaitp. Iv Se, ev 0) SidXoYoi 
TTSvie xal euoaiv, 01 \ih) AtÖiSi, ol II AwpiBi SiaXexup ysypajxijiva: 
quorum index sequitur. 

II) evioi 8s xal Siaipißiov auiov cpaoiv H -^z^^n'^hai. 

III) ol 8' ou8' oXü)? ^{pai'h(t.\, wv lau xai Swaixpdir^c xal Flav- 
aiTio? 6 'P6810C. 

IV) xaxa 0£ StoTiwva ev osuxepo) eaxlv auiÄ auYYpdix|iaTa xaSe: 

quae secuntur. 
336 



Quae scripsi, partim e coniectura scripsi. Codices enim 
exhibent ol 8' ouo' oXw? Ypdcpar c&v eoti xal Swaixpdf/j; 6 P6810?. 
xaxd 81 2u)Tiü)va ev Bsuxepü) xai FlavaiTiov laxiv auToi auYYpd|x- 
jjiaTa xdBs. Mirum sane, qiiod hoc solo loco Sosicrati Rhodus 
patria adsignatur: in quo tarnen non haererem, nisi gravior 
ofFensio accederet, in xal HavaiTiov vocabulis posita. Quid 
quod aperto scimus testimonio Panaetium omnes Socraticorum 
dialogos ut spurios damnasse exceptis Piatonis, Xenophontis, 
Antisthenis, AeschiniSj de Phaedonis autem et Euclidis 
dubitasse. Quod cum ita sit, Panaetius in numero eorum 
habendus est, qui auiov ou8' oXco? ypd'hai adfirmabant. Qua 
re restitui: oüv eaiiv xal Swaixpd-cT]? xal Oavaitio? 6 T6810?. 
Delapsa enim sunt xal DavaiTioc vocabula in sequentem lineam. 
Hanc igitur habe corruptionis viam imagine expressam. 

1. Genuina forma wiv eaxi xal Swaupdir^? xal 

DavaiTio? 6 Toöio?- xaxd oi 
2(üxi(üva ev ß' 

2. neglegenter exhibita i5v eoxi xal ^waixpdxiq? 6 xal 

riavaixio? 
TöSioc* xaxd 8s ]^a>xi(i3va ev ß' 

3. librariorum errore ita uiv eaxi xal Swaixpdxr^? 6 
mutata T68io<;* xaxd 8e Süoxitova ev ß' 

xal riavaixiov 

Panaetius haud raro 6 T6810? appellatur ut ab Athenaeo 
556b, (534c cf. Epiph. adv. Haeres. III. 9. Suid. s. v. IloXejxoiv. 
Nihil igitur scripsisse Aristippum Sosicrates et Panaetius 
censent: quo iudicio adversantur pinacographis, qui ante eos 
scripserunt velut Sotioni. Sotion autem ipse ab illo indice, 
qui loco primario adfertur, discrepat, quod XIV dialogos 
aut ut spurios damnat aut ignorat, VI autem plures exhibet 
quam ille. Consentit vero de aüis VI. Aperto quidem 
testimonio non potest disceptari, uter index aetate prior sit, 

22 Nietzsche I 3^7 



utrum Sotionis an anonymi. Sed si nostram sequimur ob- 
servationem, novis pinacographorum curis studiisque numerum 
genuinorum scriptorum semper esse minutum: non dubito, 
quin Sotionis index iunior sit quam alter. Id quod optime 
probatur Biogenis indicibus VI. 80. 

I) (fiptxai 5' auTou ßißXia rdU: quae secuntur. 

II) 2u)aixpdrr^? 5' iv x<h TrpwTw ty]? EiaBox^; xal Idxopoc, h 
Tu) TSidpia) TÄv ßi(üv ouBev slvai Aioy^voü? «faoiv. xd xe xpayo)- 
Sdpid cpT^aiv 6 Sdxupo? <I)iXiaxou eivai xou AiYivVjxou, Yvcopifiou xou 

Aioysvoi)?. 

III) 2ü>xiu)v 8' ev xoj e386[X(o xoiuxa |x6va cpr^ai Aioyevoü? eivai: 

quae secuntur. 

In promptu est Sosicratem, Satyrum, Sotionem reiecisse 
indicem principe loco exhibitum, bunc ita, ut quaedam dam- 
naret, quaedam probaret, quaedam suppleret, illos ut omnia 
spuria haberent coniecturamque adderent de tragoediarum, 
quae Biogenis nomine ferebantur, auctore. Eadem fere 
ratio in Aristonis indicibus dispicitur VII. 16}. 
I) ßipXia 8' auxou «fspexat xdBs: quae secuntur. 

II) navaixio; hi y.aX Swaixpdxr^? [xova? auxou xd? eTiioxoXd? 
tpaai, xd 81 dXXa xou irspnraxTjxixou 'Apiaxtovo;. Priori igitur 
indici e Panaetii Sosicratisque sententia gravissimus inhaerescit 
error ex Aristonum 6|jiiovu{jli^. natus. 

Tribus igitur testimoniis innisi adfirmamus fuisse iam ante 
Satyri, Sotionis, Sosicratis aetatem philosophorum mvaxa?, 
quamvis saepius aut kcunosos aut erroribus infectos. Cuius 
fuerint hi indices, non est incertum. Erant Callimachi eiusque 
discipuli Hermippi. Illum philosophorum indices in ingenti 
TTivdxiov thesauro confecisse res ipsa suadet probantque aperta 
testimonia Laert. IX. 23. Harpocrat. s. v. "Iiov Suid. s. v. 
KaXXi[jLaxo^ "~ ''^^^^'^ "^^^ AYj(XQxpiiou auvxaYl^dxcDv. Hermippum 
autem vitis etiam indices inseruisse, haec produnt consignata 
documenta: 

338 



Laert. VIII. 88 (EuSo;oc) -(pd'hac, xot? iSioi? TioXiiai; v6{iol>? 
<ü? cpr^aiv "EpfxnrTTot; £v xsTdpiTj Trspi täv liriot aocpÄv, xal daxpo- 
Xoyoaixcva xal YS<ü[A£xpou(jL£va xal exsp dxxa d^ioXoya. 

Laert. VIII. 85 Yeypacpe (OiXoXaoc) 8s ßij3Xiov ev (^r^aiv ''Ep- 
{JL'.TTTCO? Xsysi'^ "^tva xüiv oüyyP^T^^'^ OXdxcDva xov cpiXoaocpov Txapot- 
Y£v6|ievov eU 2ix«Xiav izpoc, Aiovuaiov tovi^octadai xxX. 

Plin. nat. bist. XXX. i. 4 Hermippus, qui de ea (magica) 
arte diligentissime scripsit — indicibus quoque voluminum 
eius positis — 

Theophrasti Trspl cpüxÄv laxopioi? libro septimo in Vrbinate 
subscribitur: 

Gsocppdaxou TTspl cpüxÄv loxopiai; x6 '/]'. ''Epii.nzTzoc, oe irepl 
^poYcivixÄv xal TcouoStov, AvBpovixo? OS Tcspl cpuxÄv laxopia?. 

Theophrasti fragm. metaphysico subscribitur: 

xouxo xö ßißXiov 'AvSpovixo? [ih xat ''Ep(jinr7ro? ctYvoouaiv. ouös 
Yojp (Avsiav auxou oXw? TreTToiTjvxai sv x^ dvaYpot^"^ täv Osocppdaxou 
ßipXitüv. 

Theophrasti indicem Laertianum Vsenerus in Anal. Theophr. 
p. 24, Aristotelis Heitzius p. 4^ ss. Hermippo vindicant auctori. 

Postquam docuimus fuisse in Hermippi ßtoi? etiam indices, 
restat ut de ratione, quae inter hos ßiou? et Callimachi 
Ttivaxa? intercesserit, disseramus. Vt a Callimacho proficis- 
camur, eum constat e Suidae testimonio uivaxa? xwv sv TrdoTg 
xaiSsta oiaXa(ic}^dvx(üv xal uiv ouvsYpacpav confecisse in libris 
CXX. In quo numero quae vis insit, miror quod nemo, ne 
Wachsmuthius quidem, exponit. Toto vero caelo erravit, 
qui hunc numerum nescio quibus causis motus in x xal 8' 
mutandum esse censuit in Philo], vol. V. p. 433. 

Si quis eruere studet, quibus partibus generalibus illi cata- 
logi bibliothecae Alexandrinae constiterint: ei proiiciscendum 
erit ab illis partibus, quas scriptores veteres nominatim 
antestantur. Hae sunt 

I) dvaYpacp-/) xwv pYjxopixwv Athen. 66^6. 

i2* 339 



II) dvaYpacp"'] "^^'^ Tzo\.r^\}.di:(üv Etym. M. s. v. TtivaE cf. Wachs- 
muthius') in Phil. XVI. Heckerus quaest. Call. p. 29. 



^) C. Wachsmuthius p. 656 illum librum cum Tcivixiov opere non 
debebat confundere, qiai a Suida hoc titulo exhibetur 'TtJva? xal äsa-^patfri 
TÄv xaxa ^povou; xal dTi' ap-/^^ -yevoixevwv 6i5aaxdX(uv : iam ipso chronologico 
ordine haec dva-ypacpy) valde a catalogi in bibliothecae usum facti consilio 
et indole discrepat. Accedit, quod Suidas aperte eam a Trivdxcav libris 
CXX distinguit. Id sane est veri simillimum hac tabula chronologica 
Callimachum sese ad irivdxwv certam partem, quae carmina continebat 
omnis generis, praeparasse. Quae Wachsmuthius huic dvaYpacpTJ p. 656 
tribuit, maiore iure ad hanc irivaxcuv partem leferimus, quae inscripta 
erat ava^pacpr) twv 7rotri(xäT(uv, ad litterarum ordinem ut ceterae partes 
digesta — Cum priorum quattuor partium haec esset ratio ut scriptores 
secundum litterarum ordinem enumerarentur, in quinta parte, quae xd 
7:avTo6aTrd (juYYpd[jL|xaTa continebat, alia dominabatur distributio. Conf. 
Athen. XIV. p. 6436 olöa 6e xal KaXXi|Ji.a^ov ev tw täv TravToSair&v 
cuY7pajjL|xdTü)v nrivaxt dvaYpd^povxa TrXaxoüVTOTCoüxd (i\i-\i^a.]x.^axa. AIyi[Ji.ioo xal 
'HYTiaiTTTTou xal MY)Tpüß{ou xttl OaiGTou. Singula igitur litterarum genera 
veluti v6[j.oi, zXaxouvTOTcoüxd, hac in parte secundum litterarum ordinem 
sequebantur, ita ut omnes unius generis scriptores uno loco eique 
litterarum ordine (ut indicavi litteris maiusculis) conlocarentur. — Siquis 
post Prelleri et Lozynskyi conamina Hermippi reliquias denuo et proba- 
bilius disponere vult, eum hanc dispositionis rationem sequi iubeo. 

B(oi TÄv £v iratSeiet SiaXajJi,»];''^''^ (uv. 

I. BlOl TÄV UOlYjTüiv. 

Hipponactis Athen. 327 c. 

PSibyllae. Suid. s. v. Euripidis Vit. ap. West, p, 138. 

II. B(oi TuiV (^TjTOOJV. 

Gorgiae LX ap. Loz. 

Isocratis LXXVII. 

Isaei LXIII. LXIIII. 

Demosthenis LXV. 

Aesionis LXIX. 

Hyperidis LXX. LXXI. 

Euthiae LXXII. LXXIII. 

Theocriti LXXIV. 

Theodectis LXXV. 

Archiae LXXVI. 

Aeschinis. Schol. ad Aesch, de fals. leg. init. Etym. M. 118, 1 k 

III. ß(oi TuiV ItJTOpiXüiv. 

Thucydidis LXXVII. 
340 



III) mvai TCavToBaiTÄv aüYYpa|jL(xdT(«v Athen. 6^43 c, 244a. 
Certissima coniectura addimus IV) dvaypacpYjv laTopixwv Athen. 
70a et V) dvaypa'f^jv cpiXoa6<fü>v seil. QO'^'{pa[L[i.dx(i>v, cuius plura 
sunt relicua cf. Wachsmuthius p. 6$^. lam totum orbem 
diversorutn scriptorum emensi sumus, quem Callimachi irivaxs? 
amplexi sunt. Sexta enim pars neque usquam indicatur, 
neque quo in argumento versata sit, cogitari potest. En 
igitur bibliothecae catalogum in quinque partes dissectum: 
quarum unaquaeque ad litterarum ordinem erat digesta, ut 
omnium temporum consuetüdo et res ipsa suadet. 



IV. ßi'oi 



T(ov Maytuv 
Arnob. 



La. Diog. 
1.52. 



I. I. Plin. nat. bist. XXX. 2. 



ß(oi, TÖiv <?0^(JÜV. 

Solonis XVII. XIX. 
Thaletis La. I. 3 3 . 
Chilonis IL III. 
Mysonis IV. 

Anaxagorae XXL 
Heracliti XXXVIII. 
Zenonis LV. 
Democriti XXXL 
Socratis XLIX. 
Alexini XX. 
Menedemi XL. 
Stüponis L. 
Piatonis XLIII. 
Arcesilai XXIII. 
Aristotelis XXIV-XXVII. 
Theophrasti LI-LIV. 
Heraclidis XXXVII. 
Callisthenis XXVIIL 

V. Bioi TravToSaTcuiv au-jCYpa<pea>v. 

Bioi vofxodeTüiv, 

X. XL 
Triptolemi XII. 
Lycurgi XIV-XVI. 
Charondae XIII. 



Periandri V. 
Anacharsidis VIII. 
Epimenidis VI. VII. 
Pherecydis XLL 

Demetrii Phalerei XXX. 
Lyconis XXXIX. 
Athenionis XL VII. 
Antisthenis XXIL 
Philisci s. V. Suidas. 
Diogenis LVI. 
Menippi LVIL 
Chrysippi XXIX. 
Persaei LVIIL 
Pythagorae XLIV-XLVII. 
Philolai XLIL 
Diodori Aspendii XXXII. 
Empedoclis XXIII-XXV. 
Epicuri XXXVI La. X. $1. 



341 



lam si mihi credis, numerus CXX Jibrorum ita est in- 
tellegendus, ut unicuique parti spatium concessum sit XXIV 
Jibrorum, quisque autem über unam conti neat litteram. 
Nemo vero, qui bibliothecarum et catalogorum non est 
nescius, in hac re offendet, quod ambitum singulorum lib- 
rorum necessario fluctuasse dico. Totius autem catalogi ratio 
hac ante oculos ponitur descripta tabella: 

I. dvaypacp-r] twv TCoivjjxdxcüv A — Q = libri XXIV 

IL dvaypa^Yj tu>v pr^xopuiov A — Q = libri XXIV 

in. dvaypacpY] twv lotopixÄv A — Q = libri XXIV 

IV. dvaypacpY] t&v cpiXoaoi^tov A — Ö = libri XXIV 

V. dvaypacpY] täv TravTooairwv A — ö = libri XXIV 

Summa: libri CXX 

Hermippus autem, qui Titulum ipsum illius Callimachi 
catalogi vitis suis praefixit, Callimachi vestlgiis videtur anxie 
institisse, ita ut tot generales partes distingueret quot Calli- 
machus, id ille quidem mutans, quod non ad litterarum, sed 
ad temporum ordinem homines litteratos enumeravit. Id quod 
e Dionysii Halicarnassensis testimonio (ßioYpdcpoi Westerm. 
p. 200) et ex aliis indiciis conligere licet. 

Hoc autem loco etiam quaestio de Hermippi aetate per- 
stringenda est, de qua ne verbum quidem adicerem, nisi 
nuper ab Augusto Nauckio omnia iam pridem expedita te- 
mere transvorsum acta essent. Qui in Philol. vol. V. p. (^94 
ita disputavit: „Der Cyniker Menippus ist bedeutend jünger 
als irgend ein Schüler des CalUmachus. Da Menippus Sclave 
war, so werden wir nicht fehlgreifen, wenn wir dessen Er- 
wähnung zu dem Buche Tcepl t&v ev Tuaiösia oictTrpscpdvTwv 
5o6Xü)v ziehen. Nach Suidas s. v. 'Appwv und "EpfiiTUTro? ist 
aber dies Buch dem Berytier Hermippus beizulegen. Hier- 
aus dürfte sich dann weiter ergeben, dass Diogenes Laertius, 
der den Hermippus durchgängig d. h. mehr als 30 mal ohne 

342 



irgend eine nähere Bestimmung seiner Person citirr, auch 
an allen übrigen Stellen den Berytier im Sinne hat, dass 
demnach der Callimacheer der Berytier ist." Haec tota 
ratiocinatio inde proficiscitur, quod de victu et morte 
Menippi VI. 99 Hermippi auctoritas excitatur. At sane 
largimur videri Hermippum de Menippo Gadarensi Meleagri 
aequali loqui, sat longo totius saeculi intervallo a Callimacho 
eiusque discipulis remoto: si quidem recte Oehlerus in proU. 
ad Varr. Sat. p. 42 ss. floruisse eum demonstravit circiter 
olympiadem centesimam sexagesimam.. Haec enim apud 
Laertium VI. ^^ extant: xot 81 ßißXia aoiou tcoXXou xctTaYsXtoxo«? 
Yejjiei xai ti laov xot? MsXsdypoo xoS xax' auxöv YSvofJLevoUy 
cpr^ol 0' "EpfAiTTTCo? -rjfxepoBavsiaxYjv auxov xxX. Hoc igitur uno 
loco innixus eo progressus est Nauckius ut Hermippum 
Callimacheum Berytium esse adfirmaret. Esto quod' ille 
sumpsit: qui fieri potuit, ut Hermippum Berytium Hadriani 
aequalem excitarent homines multo antiquiores veluti losephus 
contra Apionem (ttoXXoI 8e xd irspl auxou [ITuOciYopo^] loxopT^xaoi 
xai xouxwv £7rio7][Ji6xax6? eoxiv "EpixiTCTTO?, dvijp Trspl Traoav loxopiav 
£7ri(xeXYj?) vel Dionysius Halicarnassensis de Isaeo c. i (ou8e 
Ycip 6 X06? |jia{)Y]xd? [seil. Isocratis] dvaypd^j^a? 'Ep[JinrTCo?) vel 
Demetrius Magnes Laert. VIII. 85. 88 vel Sosicrates La. I. 106 
(u)? cpTjoi Stoaixpdxr,? "Ep|Jii7r7uov 7:apaxii}£[j,£vo?). In promptu 
igitur est, Callimacheum Hermippum i. e. eum, qui Pytha- 
gorae, Isocratis eiusque discipulorum vitas scripsit, floruisse 
ante losephum, Dionysium, Demetrium, Sosicratem itaque 
non posse cum Berytio confimdi. lam ad Laertii locum 
redeo, ubi Hermippi de Menippo testimonium adfertur. 
Errorem alicubi latere indicavit Roeperus in Philol. XVIII. 
p. 420 ex Menipporum ofxwvufjiia ortum, cuius similes desi- 
gnavit in Luciani schol. pisc. tom. IV. p. 97 lac. Icaromenipp. 
I. p. ipd lac. At desunt certa indicia, quibus talis error 
prodatur. Immo si animum advertamus ad haec VI. ^s: 

343 



IxötOr^iai 8' auTou (i. e. Metroclis, Theophrasti Cratetisque 

discipuli) eSOJlßpOTO? Xal KX£0|JL£VYJ?, GsolxßpoIOO AY][17]Tpio; 6 

AU^a^hpBbQ, KXsofxevoo; Ti|J.apxo; 'AXe^avSpei); xai'ExexXTJc^'Ecpe- 
010?. ou jXTjv aXXa xal Tx^xX^? 6£0{Jißp6Tou Sn^/ouaev, ou Msve^fio?, 
7t£pi o5 XeSo|j.£v. eYevETo xal Mevnnüo? Sivcottsu? ev auxoi? 
ETTicpav-^?: ecce tenemus Menippmn Metroclis discipulum, 
Cynicum. Huius igitur vitam describere voluit Laertius vel 
eius auctor: quod consilium hac re luculenter adparet, quod 
de Menedemo post Menippum agit i. e. primum de Menippi 
Metroclis discipulo, dein de Menedemo Theombroti sectatore, 
qui Metroclem audiverat. Observavit igitur temporum or- 
dinem. lam vero cum materiem conquireret ad Menippi 
vitam conscribendam, Demetrium Magnetem usurpavit, qui 
hanc Menipporum seriem exhibet: i(t^6vaai U Msvitctuoi £^ 
7:pÄTo? 6 YP«i^a^ "^^p'^ Au8äv xal Sdvöov eTCixefiofievo?, SeuTspoc 
aüT6<; oÖTo?, tpixoc Sxpaxovixsu? Kap xxX. Demetrius autem, 
ut consuevit, de morte Menippi Hermippum consuluit, qui 
ei narratiunculam illam suppeditavit, quae VI. loo scripta 
extat. Veruum ut difficilem illum Laertii locum expediamus : 
non fere plus quam duarum litterarum mutationem nobis 
sumimus et unius vocis supplementum, si hoc a Laertii 
manu profectum esse conicimus: xot? MeXe^ypou xoö xal 
aoxou YEvojxevou xuvixou. Sedantur igitur hac ratione omnes 
turbae, quas Nauckius excitavit. 

Consentimus autem de Hermippi aetate prorsus cum 
Prellero, qui eum paullo post annum 204 a. Ch. scripsisse 
statuit. Quem terminum ut arctioribus circumscribamus finibus, 
hanc habeas scriptorum seriem, qui ita inter se secuntur: 

Hermippus post 204 scripsit. 

Sotion ante Heraclidem Lembum floruit, qui eius SiaBox«« 
in artum coegit. 

Satyrus Aristarchi discipulus ante eundem Heraclidem 
Lembum floruit. 



344 



Hi tres scriptores indices vitis philosophorum subiun- 
xenint diversum quisque consilium secuti. Hermippus enim 
Callimachios indices integros ut videtur recepit. Sotion 
autem eidem Peripateticorum cui Hermippus scholae addictus 
indices singulatim examinavit, correxit, a spuriis, quantum 
potuit, liberavit, nova bibliothecae incrementa notavit et 
addidit. Satyrus vero si recte video ßiou? suos esse voluit 
dvTiypa'f/jv Tupo; 'EpiiiTnrou ßious: ac princeps conatus est xpm- 
xc&xaTov Aristarchei ingenium probans ad omnia Diogenis 
et. Aristippi libros döen^oso)? signa adponere. Qua in iudicii 
severitate convenit ei saepius cum Panaetio Cratetis disci- 
pulo — qui etiam de Anaxagora ut notissimi dicti -(jBeiv 
ixi OvYjTÖv eyevvYjaa auctore consentiunt conf. La. 11. 13. Plut. 
de ira cohib. II. p. 463 Wytt. Aelian. V. H. III. c. 2. — 
qui Pergamenos cpiXoaocpcov Tuivaxa? confecisse videtur: cuius 
xavova de dialogis Socraticis iam attigimus. Confer Plut. 
Cimon. p. 431. Plut. Arist. vit. p. 335c. p. 3ipa. Athen. $$6b 
Arist. Ran. Schol. 1539. Anthol. I. 44. 4. Erraverunt, qui 
tales adnotationes ad Panaetii irspl alpsaswv librum referebant: 
quoniam quidquid hoc titulo Trepi alpsaetov insignitum erat 
veluti Theodori Clitomachi Panaetii Eratosthenis Hippoboti 
Apollodori scripta, non ad philosophiae historiam, sed ad 
ipsam philosophiam pertinere probare possum, hoc loco 
non probo. Vltimo loco inter scriptores, qui rei pinaco- 
graphicae operam navarunt, habendus est Sosicrates in- 
certae aetatis sed idem ante Demetrium Magnetem. For- 
tasse est Alexandrinus ille Academicus, cuius mentio fit ut 
Aristonis Alexandrini discipuli in altera coli. voll. Herculan. 
I. p. i83. 



345 



IV. 

De Demetrio Dioclis fönte. 

Eandem, quam Valentinus Rose et Scheurleems probarunt^ 
sententiam nos quoque amplectimur, omnes illos homony- 
morum indices in Laertii historia extantes ex uno fönte 
desumptos uni Demetrio Magneti vindicandos esse auctori. 
Restat quidem scrupulus ex quodam octavi libri loco natus, 
quem nemo adhuc probe expedivit quemque opus est 
expediamus, ne totius sententiae fides auferatur. VIII. 46 
Ysyo'^^*^'' ^^ nuSayopai xeTiaps? Trepl lou? auiou? j(p6vou<; ou tcoXu 
OTc' dXX*^Xü)v diziyovTBc,. si? jxev KpoTcoviaiY]? Tupavvixo? av&pco- 
TTos, eiepo? OXiaaio? ooj|iaaxr^TT^? [aXeiTTTT^? w? cpaoi xive?], xpiioc 
Zaxuvöioi;, TeiapToc auTo? outo? ou (paaiv slvai xaTcoppr^xa xy]? 
cpiXoao^ia? [auxÄv SiBdoxaXo?], ecp' ou xal x6 Auxc»? Icfa irapoiiiia- 
x6v eU Töv ßiov viXOsv. Ol 8e xal aXXov dvBpiavxoiroiöv Pyjyvvov 
YSYovevai cpaal IIuöaYopav, TcpÄxov Soxouvxot ^ud|xou xai au{JijX£xpia? 
iaxojdobai xal dXXov dvBpiavxoTToiov Sdfxiov xal Ixepov ^i^xopa 
{j.05(ÖT^p6v xal laxpov dXXov xd Tcepl xtqXt^? ■^s.'(pa^6xa xat xiva 
TTspl 'Ofi^i^pou auvxsxaY[i£vov xal exepov Acopixd TtSTrpaYfAaxeujxsvov 
MC, A'iovuaio? loxopst. En rem valde mirabilem! Duos diversos 
deprehendimus cognominum Pythagorarum indices, hunc 
sex Pythagoras, illum quattuor continentem. Vtrum ad 
Demetrii revocabimus memoriam? At quanta fide omnino 
est probatum alterum utrum ex hoc quem significavimus 
fönte fluxisse? Quid? Demetriumne in quattuor primis 
Pythagoris constitisse notandis putabimus eoque prodiisse 
socordiae, ut sex neque ei ignobilis exciderent? An hoc forte 
maiore cum probabilitatis specie cogitari potest, eum his 
sex solis locum in indicibus consignasse atque ipsum philo- 
sophum neglexisse? Mjnime quidem: ab his duabus viis 
eisdem fere rationibus avocamur. Ergo neque hie neque 
ille index Demetrio imputandus est? Ergo aliunde sumpti 

34(5 



sunt? At si hoc semel factum est, qua audacia negabimus 
id non saepius fieri potuisse. lam vero nonne factum est 
de illius sententiae fide, quam professi sumus? An bis in 
rebus enodandis temerius progressi sumus? 

Ac primum in priore illo indice plura neque obscura 
adparent vestigia, quae nos de Demetrio auctore cogitare 
vetant. Si quidem eius TcpayiiaTeiav Trepl öfxwvjjjLtov constat 
homines litteratos amplexam esse — id quod totius libri 
titulo, qui aetatem tulit, probatur — quid quaeso a tali 
consilio magis abhorret, quam quod in hoc priore indice 
etiam Uobayopaz Tupavvixo? avOpwTCo? refertur nullis litteris 
vel artibus notus. Neque minus est alienum, quod tertio 
loco adfertur Uui^a-^opac, Zaxuvöio?. Dissidet enim a Demetrii 
more eiusque libri consilio quod excepta patriae notatione 
omnia desiderantur, quae iure requiruntur, litterarum dico 
genus, quod excoluit, libri, quibus inclaruit, aetas, qua floruit. 
nie Pythagoras Zacynthius erat [j,ouaix6c: optime. At dici 
debuit. Item poscimus, ut de litterarum illius aü)(jiaaxT^Toi> 
fama aliquid indicetur: quoniam nemo nisi monitus atojxaoxr^- 
r/jv litteratum fingere solet animo. Quid quod Laerdus ipse 
excerptor ille in aliis rebus neglegentissimus non sibi in- 
dulsit talem neglegentiam : caveamus igitur, ne eam Demetrio 
imputemus. Denique nunquam non fuisse ofFensioni con- 
fiteor, quod hi quattuor Pythagorae, qui priore compre- 
henduntur indice, ae quäle s dicuntur. Temporum igitur af- 
finitas, non litterarum fama eum, qui hunc confecit indicem, 
movit, ut illos quattuor uno simul loco poneret. Vw^q 
sponte intellegitur, cur Tupawixo? avOpcDiro«; et awjiaaxT^Tr^? 
huic ordini inserti sint: item est apertum, cur patriae de- 
signatio hac in serie omitti debuerit. Vt enim paucis de- 
fungar verbis: non tenemus Pythagoras omnium temporum 
litteratos, sed nobiles coaetaneos cognomines philosophi. 
Itaque evicisse videmur non cogitandum esse de Demetrio 

347 



huius prioris indicis auctore. Quamquam id pro certo ha- 
bemus in genuino Demetrii indice neque philosophum neque 
musicum defuisse Pythagoram neque forte awfxaoxr^iYiv, cuius 
aXeiTTTixa ouYYpa|J^(Aata lamblichus de Pythagora c. S. memorat. 

lam eo devenimus, ut alterius indicis fidem et auctori- 
tatem examinemus. Qui duos statuarios, unum rhetorem, 
unum medicum, duos complectitur historicos. Quorum in 
enumeratione ea observatur lex, ut eiusdem litterarum 
generis homines eidem loco adsignentur. Quam legem in 
plurimis Laertii homonymorum indicibus licet dispicere. Si 
igitur ad forman huius indicis spectamus, eum cum Deme- 
trianis valde congruere non negabimus. In hac sola re ad- 
huc haeremus, quod ille tantopere a Demetrii eruditionis 
copia abhorret, ut neque musici neque ipsius philosophi 
mentio fiat. At non est, cur haereamus, dummodo verba, 
quibus ille index incipit, recte interpretemur: ol Se xal 
aXXov — cpaoi Uuba'(6pav. Laertius igitur hos solos Pythagoras 
ex aitero indice enotavir, quorum in priore nondum mentio 
facta erat: ita ut alterum indicem non possimus in pristinam 
formam revocare nisi nominibus Pythagorae philosophi, musici, 
aliorum e priore suppletis. Vt enim dicam, quod sentio: quo 
iure priorem indicem nihil cum Demetrio commune habere 
probatum est, eo alter index eidem est adiudicandus. lam 
quaestio nos manet, unde tandem ille prior desumptus esse 
videatur. 

Ne in hac quidem re Laertius nos destituit: qui cum 
alterius indicis ultimum Pythagoram xov Awpua TusTcpayixa- 
TEUfjisvov memoraverit, nullo verbo interiecto in hunc modum 
pergit: 'EpaiooöevY]? hi cpvjoi, xaöo xal OapiopTvo? ev ttj dySoTg 
TravTooaTTY]? laxopia? TcapaTiöetcti toutov slvai tov irpwxov hiii- 
vu)? TcuxxeuaavTa ezi x"^? oySoY]? xal xexxapaxoaxYJ? cXüiAiridSo? 
■/o[XT^x-/jv xal aXoüpYiBa 'fopouvxa. sxxpi&vjvai xe ex xwv uaiStov 
xal ^(Xsuaa&svxa auxixa TCpoaßyjvai xou; av8pag xal vix^oai. 

34B 



SyjXouv 5e TouTo Tou7riYpa|ji|jia xxX. Quid? Favorinumne pute- 
mus Pythagoram t6v Awpixd TcsTrpayiiaTeüiievov clarissimum 
fuisse pugilem censuisse? Minime quidem: qiii secundo 
adiuti casu disertum Laertii tenemus testimonium Favorinum 
in omnigena historia de Pythagora philosopho athletarum 
nutritore narrasse VIII. 12 Aey^'^Q'^ ^^ xal irpÄToc xpeaaiv 
daxYJaai döXv]!««; — xaddirep 6 auzoc, ^Daßcoptvo«; ev öySottj tckvio- 
BauTJ? laiopia? ^Tjaiv. 01 8e DudaYop«'^ dX^'nzxr^v xivct toutov 
oLTiaaL Tov TpoTCov, {JI-?) TOUTOV. Qua igitur ratione Laertiani 
loci sedandae sunt turbae? Nihil simplicius: dummodo con- 
cedas Eratosthenis de primo pugile Pythagora testimonium 
a Laertio ex Favorini TuavToBoiTu-i^ loTopia petitum esse: id quod 
apertis verbis indicatur. Idem autem Favorinus in hoc quem 
diximus libro etiam indicem nobilium Pythagorarum dederat: 
sicut ex illo Gellii capite discimus, quod supra tractavimus, 
XIIII. VI. 3: „At quae ibi scripta erant pro luppiter mera 
miracula! quo nomine fuerit, qui primus grammaticus appel- 
latus est, ^uot fuerint Pythagorae nobiles, quot Hippocratae." 
lam vero ille prior homonymorum index, in quo diversae 
originis sat adparent vestigia, nomine Pythagorae philosophi 
finitur illius quidem, cuius gymnasticas et athleticas artes 
Favorinus efFert, interposito illo altero indice. In promptu 
est, quo tendam: neque quisquam, si haec omnia reputaverit, 
nobiscum facere dubitabit. En igitur originem totius loci 
tabula, ut soleo, expressam: 

fons A: index homonymorum I ex Favorino desumptus. 
fons B: index II ex Demetrio petitus. 

fons A: 'EpaToaOsvT^? li cpr^ai, cb? xal Oaßwpivo? xtX. 

Hoc ipso igitur Laertii loco, quo primum totius disputationis 
fundamentum destrui videbatur, iam pro bono et strenuo 
utimur nostrae causae patrono. Nihil enim apertius, quam 
Laertium semel et contra consuetudinem duos e diversis 

349 



haustos fonribus dedisse indices, hunc quidem inde desump- 
tum, unde omnes ceteros deprompsit indices, illum ex Fa- 
vorini omnigena historia. Favorinus autem non enumera- 
verat omnes Pythagoras, sed ut Gellii verbis probatur 
nobiles tantum et aequales. Quamquam autem nonnulli ex 
nobilium numero etiam litterarum laude florebant, certo 
tamen non omnes litterati erant nobiles eidem. lam in 
aperto est, cur Favorinus in quattuor solis Pythagoris no- 
tandis substiterit atque in hanc seriem etiam Tupawixov avöpooTuov 
illum iniecerit. Vltimo loco Favorinus philosophum posuit 
€undem pugilem athletamque. 

lam videamus, quae sint ex probatis consectaria. Cum 
duorum indicum prior Favorino tanta confidentia vindicandus 
sit, quanta alter abiudicandus, cum hie alter cum aliis apud 
Laertium omnibus tantopere concinat, quantopere prior ab 
eis recedat: hos ipsos omnes indices facere non possumus 
q[uin ex Favorino non esse haustos statuamus, certe non e 
Favorini omnigena historia. Minimum enim sumere malimus, 
quam temeraria conclusione certae ratiocinationis viam dere- 
linquere. Eis igitur separatim respondebimus, qui rationibus 
nostris concessis de Favorino indicum auctore cogitare non 
desinunt. Qui unam sibi viam munire possunt neque hanc 
tutissimam. „Esto, inquient, quod tibi videtur. Id restat, 
ut Laertium dicamus indices ex Favorini dTro[xv/][xoveujxa(3L 
desumpsisse. Neque nosmet hac in re testimonio sumus 
destituti I. 79 yeyovs xal etspo? lliTTaxo? vofjLoöexY]?, w? «pr^at 
Oa|3ü)ptvo? ev d7ro|j,v7][jLov£U(i,dxa>v TTpwtu) xal Ar^ix-^xpio? ev ojxtovu- 
[xoi?. 8? xal ixixpo? TcpoavjYopsuOT]." Id quidem lubentissime 
concedo Favorino homini „memoriarum veterum exsequen- 
tissimo" Demetrii Magnetis hbrum et notum et usurpatum 
fuisse. Hoc existimo nihil tanto opere ab dTrojjivYjfjioveufjLdTwv 
natione, quam veteres observaverunt, abhorrere, quanto 
indicem homonymorum atque omnino indicem quemlibet. 

350 



Semper enim tenendum est, usum i. e. j^psiav et commemo- 
rationem i. e. d7i:o|xvT^(jL6v£ü(jLci solo ambitu, non notione inter 
se discrepare. Priscianus in praeexercit. Keil III. p. 433 
„interest autem inter usum et commemorationem hoc quod 
usus breviter profertur, commemorationes vero, quas Graeci 
d7ro[xvT^|xovEU|jLaTa vocant, longiores sunt". Ac profecto quis 
est, qui indicem insertum vel Xenophontis Memorabilibus 
vel Valerii Maximi animo informare possit? Ex aliorum 
autem d7ro|jLV"/)(jtov£u(xdta)v reliquiis, quae aetatem tulerunt veiut 
ex Sereni, quas loannes Stobensis servavit, nemo aliam sibi 
informabit imaginem atque nosmet fecimus. Quae si recte 
disputavimus, actum est de Favorino indicum cognominum 
fönte. 

Eo igitur redimus, ut duas solas patere vias iudicemus, 
quibus illi indices in Laertium irrepere possint. Aut enim 
e Demetrii Magnetis libro iam Diocles Magnes agros suos 
inrigaverat: quem Laertius descripsit. Aut ipsi Laertio in 
vitis contexendis praesto fuit Demetrii volumen. Iam quae- 
rendum est, utra sententia propius ad veritatem accedat: 
atque inde proficiscendum, ubi pedes in primo capite con- 
sistere iussi. 

Quantum Laertius Diocli deberet, ibi dictum est magis 
divinare licere quam certis circumscribere finibus. Iam ultro 
progrediendum est, postquam de altero Laertii fönte, quem 
ipse exhausit, certiorem nancti sumus cognitionem, Favorini 
dico variam historiam et dTropYjjioveuixata. E quo videmur 
efFecisse Laertium complura sumpsisse adnotamenta veluti 
inventa, facetias, alia, quibus vitas philosophorum tamquam 
interpolaret. Non vero Favorinus praecipuarum partium ut 
indicum, cognominum, placitorum, vitarum, fons habendus 
est. Quod de homonymorum tabulis hoc capite probatum 
est. Cum vero is, qui has quas diximus tabulas e Demetrii 
volumine in usum suum convertit, cum librorum indices tum 

351 



eas vttarmn partes, quas proximo capite Demetrio v'mdkavimus, 
simul e Demetrii volumine deprompserit: in hac quaestione 
tamquam cardo totius disputationis vertitur, utrum Demetrii 
Volumen ipsi Laertio praesto fuerit an Diocli. 

Dioclis autem liber singularum disciplinarum placita amplexus 
est: id quod de Stoicorum et Epicureorum placitis primo 
capite demonstravimus, certa vero ratione etiam de ceteris 
sectis sumendum est. Quod hanc ob causam pro certo 
affirmaverim, quod non potest dignosci, unde Laertius philo- 
sophorum sententias haurire potuerit nisi ex Dioclis libro. 
Cur enim eas non e Favorini sumere potuerit, in promptu 
est. Vt autem ponamus, Laertium Demetrio ipsum esse 
usum: hie certo eum in talibus rebus, quae a libri irepi 
6{jLüDvu{jL(ov consilio satis abhorrent, destituit. Accedit, quod 
de alio Laertü fönte nihil habemus exploratum: immo mox 
adparebit eum non posse alios usurpasse scriptores. Dioclem 
vero constat ei Epicureorum et Stoicorum doctrinam suppe- 
ditasse: idem de Cynicorum placitis statuendum est VI. 103 
'7rpoauT:oYpd^|>o(j.£v 6e xai xa xoiv^ dpsa/ovia aoToi? — apeaxsi ouv 
auToi? — xal oTcsp tivI«; kizX 2a)xpaT0üS, touto AioxXtj? iiri 
AioY^vou? avaypdcpsi xouxov (jidaxcov Xsysiv. Set C^xeiv 

oxxi xoi ev jjLSYdpoiai xax6v x' ctYCtöüV xs xsxuxxai. 
Tcapaixouvxai Be xai xd kr^Y.xiv.'kia [jiaÖTqji,axa xxX. 

Sed etiam in aliorum placitis certa Diocleae originis depre- 
henduntur vestigia. Quin adeo Dioclis ipsius fontem non- 
numquam licet detegere. Veluti haec omnia quae adscribam 
Dioclis sunt: id quod concedendum est, cum hoc inprimis 
loco manifestum Dioclis in Stoicos odium, in Epicurum 
Studium prodatur. VII. 181 xal 'ÄTCoXXoStüpo? Se 6 'AÖTjvaio? 
ev x*^ auvaY(OYT[j xwv ooY[Adxa)v j3ouX6[jl£vo? Tiotpiaxdvsiv Sxi xa 
'Eiuixoupoü oixeicjc ouvd|j,ei if^pa]i]iha xal drapd&sxa övxa (iüpi(p 
irXeiu) eaxl xwv XpuaiTCUou ßißXiwv (fr^alv oöxo)? auxTJ x-;^ Xe^ei. 
'Ei Y^P '^^^ d^peXoi xäv XpuoiTCTrou ßißXiwv 5?' dXXoxpia uapa- 

35^ 



TedsiTai, x£v6<; auim 6 yapxr^c xaxaXeXei^l^STai xal lauici jjilv 
A-iroAXoStopoc. -^ 8s Trapsopsuouoa Tupsoßöiic auxo) w? <:pr,oi. AioxX^? 
IXeysv (b? Trevxaxoaiou? ypdcpsi axij(ou? T,[j.spr^aiou?. Hie Apollo- 
dorus Epicuri probavit disciplinam: qua re Diocles ad eius 
auctoritatem etiam in 'E7rixo6pou aTroXoYia, quam decimo libro 
contra Sotionem scripsit, provocavit X. lo xal ^(aXsTrcoTdTcov 
xaiptov xaxaa^^ovTtov xr^vixdos xyjv 'EXXdoa, auxdi^t. xaxaßiuivai BU 
7] xal xpU xou? Tüspl xr^v 'Icoviav xottou? oiaBpajjtovxa Trpo«; xou? 
cpiXous, Ol xal Tuavxaji^oOsv Tcpo? auxov dcpixvouvxo xotl auveßiwv 
auxÄ ev x*?] x-^iro), xaöd <^T^ai xal lATCoXXoowpo?. 8v xal oYOo'^xovxa 
fjivÄv irpiaa&ai. AioxXvj? 8e xxX. Denique alio eiusdem libri 
loco simpliciter adpeilatur 'ETCixQupsio«;: ita ut ab altero 
Apollodoro Atheniensi, chronicorum scriptore, aperte distin- 
guatur. X. 13 xoöxov ['ETrixoupov] ÄiroXXoBiopo? ev ^(povixoi«; 
Nauoicpdvou? dxouaai cpYjoi xal FTpa^icpavouc. aoxo? hi ou cpr^aiv — 
(Leucippum philosophum extitisse) ouxe"Ep{Aapxo<;, 8v Ivioi 9aoL 
xal 'AiroXXoBtopo? 6 'ETrixoup£io<; 8i8daxaXov Ayjfxoxpixou Ysys^'^^iodau 
Quod contra Zumptium p. 106 über den Bestand der Philo- 
sophenschulen etc. dixi hos diversos Apollodoros miscentem, 
quorum alter Epicuri, alter Zenonis sectatus est disciplinam. 
Quo in errore ille nescius Laertii exemplum imitatus est. 

lam in promptu est, quo iure ad eundem Apollodorum 
Epicureum referam I. 60 xot? xe dvöpwTroi!; ouvsjSouXeuosv, w? 
ttT^aiv 'A7roXX68u)po<; ev xw uspl xwv cpiXoaocpwv alpeasuiv xdSs* 
xaXoxdyaOiav opxou Trioxoxepav l/e et quae alia secuntur Solonis 
praecepta. Eadem vel simili formula usus est Laertius vel, 
ut iam licet dicere, Diocles I. 87 ouveßouXsuae U wBe (Bia?) 
I. 92 auveßo'jXeus (KXsoßouXo?). Neque dubito, quin idem 
Apollodorus intellegendus sit II. 2 xwv 81 dpsoxovxtüv ahxC^ 
Tteiioir^xai xscpaXaKüBYj x-?]v IxOeoiv, "J^sp Ttspiexu^^s xal'ATcoXXoSwpo? 
6 AOr^vato?. At ojiwvufiia falsus Laertius sie pergit: °0? xai 
cpTjoiv aoxov ev xot? )(povixoi? xoj Beuxepto exei xt]? 7r£VXY]xooxYJ? 
ö^BoY]? öXüfxTTidBo? xxX. De Apollodoro Epicureo conf. La. 

23 Nietzsche I 353 



X. 2$. Quos vero auctores Diocles praeter ApoUodorum 
usurpaverit in vitis philosophorum enarrandis, non simili con- 
fidentia eruere possum. Panaetium, Clitomachum, Meleagrum, 
Hippobotum nomino, qui omnes Tispi alpeaewv scripserunc 
atque in his Laertii partibus, quas Diocli vindicavi, excitantur. 
lam ad hanc observationem animum advercas, persaepe 
pkcita philosophorum apud Laertium arto quodam vinculo 
cum scriptorum indicibus cohaerere: cuius rei exempla haec 
consignata habeas; 

III. 47 OiXoTrXdiu)vi Zi aoi Sixaiw? bizapy^oua-^ xal uap 6vtivoüv 
Ta Tou i^iXoaocpou SoYjxaia <:piXoTijxto? CifJTouaTQ avayxatov -rjYYjadfXYjv 
()Tzo^pd'\>ai xal t"?]v cpuaiv täv Xöytov xal xr^v xd^iv täv SiaXoYw^ 
xal TY]v ecpoBov x^c eTTaYu>YYJ<; ü)? oIov xe axoij^SKjoBd)? xal eirl 
xecpaXaitov Tzpoc, x6 [l)] djjLoipstv auxoö xäv 8oY|J.dx(ov xy]v uepl xo5 
ßioi) auvaYü>Y''i^' JtxX. 

- -V. 28 xal xoaauxa [X£v auxo) TCSirpaYjJ.dxeuxaL ßi^Xia ['ApiaxoxeXsi] 
ßouXexai oe ev auxoi? xdSe xxX. 34. TcoXXa 8e xal dXXa Tcepi ttoX- 
Xäv diTScp-^vaxo, aTiep [xaxpöv av el'ifj xaxapiöfistadai. -xoi? y^^P oXok; 
cpiXoTTovcüxaxo? xal eupsxixtüxaxo; k^i\tZQ w; S^Xov ex xäv irpo- 

Y^YP^'f^M'^'^^'^ oüYYpoilJ'P''^'^^''*' 

VII. 38 laxi [lev ouv auxou (ZiQvtüvo?) xal xd 7i;poYSYpajX(i,£va 

ßißXia iroXXd, ev 01? eXdXYjaev (o? ooSsl? xäv axwixÄv. xd oe 56y- 
jxaxa xoivüi; eaxi xdSe xxX. 

VIII. 9 ev oe xoi? xpial auYYpctM-ixaai xoi? TrpoeipYjfjievoi? cpepexai 
IluöaYopou xdSe xaOoXixw? xxX. 

IX. 6 xoaauxT^v 8e So^av ea/e xö o6YYpa|AjAO, (b? xal alpextaxd? 
ctc' aoxoö Y^^^^^^"- '^°'^' xXr^öevxac 'HpaxXeixsiou;. 'EBoxei 8e auxa» 
xa&oXixÄ; {lev xdSe. 

M'IX. 45 xal xaoxa (xev aux(J) eSoxei. xd 8e ßißXia auxou xal 
OpdauXo? dvaYeYpa'fe xaxd xd^iv ouxcüs (bairepel xol xd DXdxwvo; 
xaxd xsxpaXoYiav. 

X. 28 Epicuri index. 'Eirixo[i,Y]v oe auxÄv ei 6oxei ex&eoöat 
Tceipdaojjtai xpnc, eTctoxoXd? auxoü Trapadeixevoi; xxX. 

354 



Verl est simillimum, hanc conectendi rationem a Diode 
transilsse ad Laertium: id quod argumento confirmatur, quod 
vinci nequeat. Inter Epicuri enim Indicem et placita, quae 
Diocli restitui auctori, intercedit mira sane congruentia. Non 
enim omnes Epicuri iibri recensentur, sed electi, cum totus 
numerus omnes philosophos excepto Chrysippo superaverit. 
Electi autem sunt XLIV. Is vero, qui doctrinam Epicuri 
exposuit, ad viginti eius libros saepius provocavit: qui omnes 
ex illorum XLIV numero sunt. Concedas sane ex CCC 
Epicuri libris optimos eligere esse docti et in Epicureorum 
litteris diu versati hominis: iure nostro iam conligimus eum 
qui electorum indicem confecit et qui doctrinam docte et 
subtiliter exposuit unum esse eundemque. Atqui doctrinam 
exposuisse docuimus Dioclem Magnetem. Ergo idem indicem 
confecit. 

Iam uno certo testimonio efFecimus extitisse iam in Dioclis 
libro indices: id quod res ipsa suadet. Accedit autem 
alterum argumentum. Cum indices constet uni Demetrio 
Magneti deberi, excipiendi sunt Piatonis et Democriti, quos 
Ttirasyllus Platonicus Tiberii familiaris confecit. Thrasyllum 
autem Diocles usurpavit, non misellus ille Laertius. 

Iam vero in eo est, ut imaginem, quam mihi de Laertii 
fontibus informavi, distincte possim depingere. Laertius 
igitur duohus omn'tno scr'tptorihus usus est^ Favorino ^/^ Diocle. 
Dioclis l'thrum in artum coegit mterpositis nonnullis ^.? Favorino 
decerpüs narraüunculis. Vt igitur brevissime loquar: Laertius 
est Dioclis eTCiTO|iiQ. 



V. 

De ceteris Dioclis fontibus. 

Hanc totam de Laertii fontibus disquisitionem a certa 
quadam consideratione profecti incohavimus, quae si ab bis 

^t ■ 355 



qui in talibus rebus sapiunt reprobatur, operam nostram 
necessario prorsus frustratur. Quod non est verendum, 
dummodo concedatur nostrum de Laertio scriptore iudicum. 
Multum enim ab est, ut Laertius ipse ad fontes radicesque 
in historia philosophorum componenda redierit; unde res 
litterariae homini quidem historiam ad criticam artem exi- 
genti depromendae erant, non excerptori tertii p. Chr. saeculi. 
Luculentis vero testimoniis probatum est ei ad manus fuisse 
historica nonnulla quae vocant compendia. Quod vero in 
proximi capitis fine statui Dioclem et Favorinum solos esse 
eius fontes, non video qua ratione aliorum iudiciis probem 
nisi talibus compendiis, quotquot apud Laertium excitata 
extant, una tabula consignatis. 

AvTiYovo? ev ßioi? 

AvTiaOevY]? £V xai? öiaSoj^at«; 

'ÄTroXXoowpo? ev toi? /povixovc 

'ApiaTiTüTCo? TTSpl TraXaia? Tpucp-^? 

Ar^lAi^Tpio? MdYVTji; ev xot? 6|i(üv6ji,oi? 

AioxX-^? ev ßioi? <:piXoa6cpü)V 

"HpaxXeiByjC ev e7ciT0[XYj Scdtiiovoc; 
ev e7ciT0|x-^ Saiupou 

"IspcüVüixo? ev pioi<; 

'^iTTTCoßoTo«; ev Tifj TÄv cpiXooocptov dvaypoKpid 

NedvOr^c £v ßioi? 

Sdxupoi; ev ßioic 

^ü)Ti(üv ev 8ia8o5(ai<; 

StoaixpdtY]? ev SiaSo/at«; 

Oaßwpivo? ev TcavToSaTc*^ laiopia 
ev d7ro{ivYj(xoveu|Jiaoi. 
Quarto capite Demetrium non ipsi Laertio sed Diocli ad 
manum fuisse docuimus: prioribus autem disputationibus 
apertum est, unde Demetrius doctrinam suam multifariam 

IS6 



coJlegerit. Removendi igitur ex illa tabula sunt Demetrius 
eiusque auctores Antigonus, iVpollodorus, Heraclides, Ne- 
anthes, Satyrus, Sotion, Sosicrates, Hieronymus. 

Neque aliter de Aristippo Trspl TraXaiac; xpucp"^«; statueiidum 
est: de quo haec scripsit Valentinus Rose in comment. de 
ordine etc. p. 114 „Aristippi nomine hominis luxuria famosi 
librum insigniebant" secutus ille Luzaci iudicium. Quae 
sententia valde adridet: nihilominus examinemus, quae ex illo 
libro afFerantur. Quid quod V. 3 hie Aristippus de AristoteUs 
amoribus testis excitatur. Si vero fingimus fraudatorem, 
quanta eum putabimus fuisse socordia et ignorantia, ut tales 
errores Aristippo commenticio ingereret. Accedit argumen- 
tum ex VIII. 60 depromptum. yjv 5' 6 Uauaa^iac. ä? cpY]oiv 
'ApiaTiTtiTO? xal 2c(iüpo?, Ipwfxsvoc auioö ('Ejjnre^oxXeou?). De 
hoc citandi genere conf. Prellerus ad Polem. p. 1^.6. Merck- 
linus in Fleckeiseni Annal. Suppl. III. p. 650. O. Jahnius in 
Mus. Rhen. IX. p. 619. 

Narrantur igitur illa aut ab Satyro, qui Aristippum descrip- 
sitj aut ab Aristippo, qui ex Satyro hausit. Quod ut suma- 
mus: Aristippus erat iunior Satyro ideoque ab Aristippo So- 
cratico sive vero sive ficticio diversus h\i.ww[i6^ xi?. Non enim 
cogitari potest in libro Aristippo supposito nomen Satyri 
Alexandrini usurpatum esse. Vt vero primum sumamusj Sa- 
tyri fontem fuisse illum Trepl Tzakaiäc, TpucpYJ? librum^ certo in 
nullo Aristippi librorum indice hie titulus invenitur. Vnde 
elucet Satyrum eum spurium habuisse itaque ad Aristippi 
auetoritatem non potuisse provoeare: aut de alio cogitasse 
Aristippo nulla re nisi nomine cum Soeratico eonveniente. 
Iterum igitur ad Aristippum 6(it6vu|ji,ov ratiocinando dedueimur: 
quare evolvamus Demetrii indiees. In quibus haec scripta 
extant xsictpio? ('Apiaxnnroc) 6 sx r^? vscoiepa? axao-r]jiia?. Hie 
igitur erat libri irspl icaXaia? TpuffYjc auetor, quem tribus pri- 
oribus 6(xoDv6|i,oi? nequaquam possumus imputare: id quod 

357 



Bergkius quoque nupernme affirmavit in poet. lyr. ed. III. 

p. diy. 

Aristippus autem Academicus in primo libro de Periandro 
et Hermia Atarnensium tyranno tradidit, in quarto de So- 
crate, Xenophonte, Piatone, Polemone, Theophrasto, Empe- 
docle: qua re perspecta libri imaginem in hunc modum re- 
fingimus 

riepl Tzakaiäc, xpucp^c 
ä TCepi xpücpTji; ßaaiXstüv xal Topdvvtov 

p TCSpl TpUCpTj? p-/jT6pU)V? 

Y Tuspl Tpücp^? 7C0r/]TÄV? 

Z Tiepl TpuffTJ? (piXoaöcpiüv. 
Vltimo vero capite demonstrabitur hunc librum Demetrio 
non solum notum, sed ad manus fuisse. 

Simili modo etiam Hippobotus inter Demetrii auctores 
habendus est: cuius nomen saepius coniunctum cum Demetrio 
et eius fontibus hanc in rationem usurpatur IX. 40 6 hi Ay]- 
[xYjxpio? — Tauxa 5e xal 'iTncofloTÖc 9-/J01. V. 89. 90 (b? A7]|i.-/jTpio<; 
MdyvT^s £v 6(i,tt>v6fjioi<; — xauxa M cpr^ai xal 'iTCTroßoxo?. Ep{An:7ros 
o£ — IX. 115 u)? 3e 'I-TCTCÖpoxoc 'f7]ai xal Suixicov. VIII. (59 "Ep- 
[iATZTCoc, öe cpr^ot — Itttto^oxo; Ö£ cpT^ai — IX. 5 Swxitov 8e cp-rjot 
— xouxo o£ xal 'iTTiroßoxöc cpr^ai. Certius argumentum, quam 
hoc sola ex citandi ratione depromptum, dabitur, ubi etiam 
de Aristippo Demetrii fönte diiudicabitur. 

Restant in illa tabula duo nomina, Antisthenis et Alexan- 
dri. Si priorem Antisthenem ita coniunctum cum Demetrio 
videmus IX. 35 cp'/jol 8e AY](XTQxpio<; iv 6[jiü)vu(aoi<; xal 'Avxia^evY]'? 
£v Siaoo^ais: eadem suspitio exoritur, quam de Aristippo et 
Hippoboto modo indicavimus. Vt igitur ponatur Anristhenem 
e numero Demetrii fontium esse: opus est eius in 6|i.ü)vu[x(üv 
indicibus mentio facta sit. VI. 19 -{t-fo^^aai U xal dXXoi AvxioOe- 
vEi? xpetc 'HpaxXsixeioc tU, ixepot; 'Ecpeaio? xal 'P6B16? xi? 
loxopix6?. Atqui C. Muellerus et Scheurleerus Rhodium 

358 



scriptorem ttoXitixöv Polybii aequalem et adversarium ab hoc 
successionum scriptore secreverunt. Fuerit igitur idem cum 
Ephesio. 

At antequam hoc concedamus, acrius investigandum est, 
qua ratione 'AvxioOevY]; h hiaho^oX^ apud Laertium excitetur. 
Observamus autem eius testimonium saepius opponi Demetrii 
Magnetis auctoritati veluti IX. 27 A-^[JL-/jTpio? U cpr^aiv h xot^ 
6fX(i)v6[xoi? t6v fiuxTYipa giutöv diroipaYSiv. 'AvTiodivr^? 8e ev xat«; 
SiaSoxat? cpr^ai xtX. VI. 87. 88 ÄviioöevYj? ev hiatoy^aXc, — k^ap- 
7upioa[JL£v6v T£ TTjV ouoiav — d&polaavTot Trpo? xa exaxov Siaxoaia- 
xdXavxa xoi? ixoXixai? dvsivai xaöxa — cpr^al os AT^}j,-/jxpio? 6 
MdYVT^c xpausCixTfl tivi irapaxaxaxiOeaöai x6 dp^üpiov auv&e|a£vov, 
ei [X£v Ol TcaiSec; iBiÄxai ^evt^OeTev auxot? dtTroSouvai, £i o£ cpdo- 
oocpoi, x(ü 8i^[iu) oiavEijjiai. IX. 39 v6|iou §£ ovxo? xov dvaXtoaavxa 
X-/JV uaxpwav ouaiav [jl-?j d^iouadai xacp^? sv xi^ Tcaxpiöi, cpr^olv 6 
'AvxioOevY]?, ouv£vxa (Ar^|j,6xpixov) {jf?) utteu&ovo«; y£vt^Ö£i-/] icpo«; 
xtv(ov cpöovouvxü3v xal auxocpavxouvxwv, dvaYvuivai auxoTc x6v (X£Yav 
Aidxoofxov, 8? dTxdvxtov xäv auxou aüYYpctjxjjLdxiov Trpoexei- xal ttev- 
xaxoaioi? xaXdvxoi? xijiTjdyjvai, (JtY] [xovov 8e dXXd xctl ;(aXxat? eixoou 
xai xEXfiuxT^aavxa aux6v BYjfjiooia xacpr^vai ßiwaavxa uTirep xd sxaxov 
ix-/j. 6 Se AYj|jL-/ixpio? xou? auYYSVEi? auxou 9x^017 dvaYv&vai xov 
ji£Y^^ Aidxoa{i,ov, 8v |x6vov Ixaxöv xaXdvxcDv xi[x7jO-^vai. Hac igitur 
observatione innisi etiam testimonium primo loco adlatum 
IX. 35 cpr^oi §£ Ar^fAT^xpio? sv öfitövufxoi? xal 'Avxio&svr^? £v 
BiaSoxat? ita interpretamur, ut consensum putemus significari 
duorum scriptorum, qui ceterum diversam exhibuerint memo- 
riam. lam vero mittimus illum obscurum Ephesium et cogi- 
tamus de alio Antisthene, qui post Demetrium floruit. 

Atqui Phlegon in Mirab. 3 provocat ad Antisthenem 
Peripateticum quendam. Quem eundem esse, qui apud Plin. 
in nat. bist. XXXVI. 12 excitetur, probare possum. Quo 
loco omnes, qui de pyramidibus scripserunt, hi recensentur 
„Herodotus, Euemerus, Duris Samius, Aristagoras, Dionysius, 

359 



Artemidorus, Alexander Polyhistor, Butorides, Antisthenes, 
Demetrius, Demoteles, Apion". Hos rectissime C. Muellerus 
chronologico ordine sequi statuit: unde Antisthenem de 
pyramidibus i. e. de mirabilibus scribentem adparet inter 
Alexandrum Polyhistorem et Apionem Tiberii aequalem 
floruisse. Demetrium enim illic excitatum nemo confundat 
cum Magnete: immo idem est, qui Athenaeo teste p. 58oa 
Tcepi TÄv xax Aiyuriov scripsit. De quo ut in transitu moneam, 
mirum in modum ab hominibus doctis erratum est ut a 
Dalecampio in auct. ind. ad Athen, et a Schweighaeusero 
vel a C. Muellero III. p. 208. Cogitaverunt enim hie de 
Demetrio Scepsio, ilie de Demetrio Byzantio, tertius de illo 
Demetrio, qui sub Ptolemaeo Philopatore floruit et ab Alexan- 
dro Polyhistore compilatus est cf. pr. a. 1. Clem. Alex. p. 14Ö. 

En igitur Antisthenem Peripateticum inter Alexandrum 
et Apionem florentem! Nonne hie est noster sueeessionum 
seriptor, praesertim eum eonstet Peripatetieos inprimis hoe 
genus litterarum exeoluisse velut Hermippum Peripatecieum, 
Sotionem Peripateticum: eum praeterea hoc e Laertio VI. 77 
demonstrari possit eum non fuisse Stoieum, sed eis infensum. 

Aperui igitur si reete video novum Dioelis fontem: nam 
quis est, qui hunc Antisthenem ab ipso Laertio esse ursur- 
patum eoniciat? 

In toto tabula iam remanent Dioeles, Favorinus, Alexan- 
der Polyhistor, quorum duos priores ipsi Laertio praesto 
fuisse scimus: tertius vero aut Demetrii aut Dioelis aut Laertii 
fons erat. Qua re in eum acrius inquirendum est. 

Profieiseimur a philosophorum successionibus, quas Laertius 
secutus est. Mirum sane est, quod una Stoieorum suecessio 
ad ipsius Dioelis tempora perdueta est, eonf. ind. Laurent. 
in Herm. vol. I, aliarum vero sectaram multo ante interitum 
abrumpuntur. Quid quod nee Philo Larissaeus quartae Aeade- 
miae auctor (v. Cic. Brut. 89. de nat. deor. I. 3, 6) nee 

360 



Antiochus Ascalonites commemoratur, quem Cicero testatur 
politissimum fuisse et acutissimum omnium philosophorum. 
Neque hoc soll casui tribuam, quod Clitomachi mors non 
narratur. Atqui ipsius Laertii testimonio constat ad Cariieadis 
vitam componendam adhiBitum esse Alexandrum h Biaoo/ai?. 
Alexander autem Polyhistor aequalis fuit huius Clitomachi, 
cuius mors non narratur. 

In prooemio Laertii impugnantur Peripatetici Hermippus 
et Sotion, qui graecae philosophiae originem a barbaris 
repetiverunt. Talia enim studia Alexandriae efflorescebant, 
quibus postea Clemens Alexandrinus, lustinus Martyr, Eusebius, 
Theodoretus optime adiuti sunt. Contra Alexandrinos exorsa 
est schola Pergamena e Stoicis quantum video composita. 
Stoici sunt Crates, Athenodorus, Panaetius, Alexander Milesius, 
Polemo, de quo erravit Prellerus p. 9. Veluti cum Alexandrini 
Pythagorae praeceptorem fuisse statuissent Pherecydem Syrium, 
Alexander Cratetis discipulus, qui oiaoo/d? suas ävnYpacpYjv 
Tipbc. ScDxitüvoc oiahoxäc, esse voluit — ut Polemo Perga- 
menus Stoicus contra Istrum Callimacheum, Eratosthenem, 
Neanthem et Antigonum scripsit — Pherecydem audivisse 
Pittacum Mitylenaeum i. e. Graecum contendit. lam in 
prooemio Laertii initia philosophiae a Graecis quamvis infirmis 
argumentis repetuntur. Cuius auctor non Peripateticorum 
sententiam professus Stoicum se prodit: cuius rei etiam hoc 
extat testimonium, quod Aristoni, ut Panaetius docuerat, 
abiudicantur omnia scripta praeter epistolas: item quod totius 
philosophiae in tres partes partitio Stoicum redolet, certe 
non Epicureum. — lam hoc facile concedes prooemium a 
Laertio de Diocle esse haustum, quod uno sed certissimo 
docebo argumento: I. 21 haec scripta extant: hi hi irpo öXi^ou 
xal sxXexTixYj ti? aipsai? eiaVj^&Y] utcö noTd|xwvo? xou 'AXe^avSpeto? 
ExXs^ajjLevou xä apeaxovxa') k^ kmax-qc, täv aipsaswv xxX. Si quis 

^) Sic cod. F. Cett. apejavta. 

3ÖI 



ingentem et fere ridiculam de his verbis sententianim copiam 
— conf. Bruckerus — collegerit, quae hominibus doctis 
placuerunt, intelleget, quantum ille nimius Laertii suspectus 
studiis nocuerit. Nemo enim hoc sumpsit Laertium nonnun- 
quam res verbotenus descripsisse, quae optime ad auctoris 
aetatem quadrarent, non ad Laertii. Potamonem constat 
Suidae testimonio Augusti Caesaris aetate floruisse. Diocles 
igitur iure dicere potuit et dixi sti 5s ^pö öXiyoü, non 
debuit Laertius. At fecit. Quorum similia iam in primo 
capite attigimus: addimus, quod Apollonides Nicaeensis, qui 
commentarios in Timonis sillos Tiberio Caesari dedicavit, 
a Laertio IX. 109 dicitur 6 Tupö -^{awv, id quod Diocli dicere 
licuit, non licuit Laertio: nam quis non mirabitur, si quis 
dixerit „Scaliger, qui ante me floruit". — C. Wachsmuthius 
quidem aliter iudicat, qui 6 Tzap -^(iäv tuetur „municipem 
nostrum" interpretans: at hoc verba non significant. — Affinia 
exempla ex aliis eiusdem aetatis scriptoribus petita suppeditant 
Val. Rose in Anecd. gr. et gr. lat. p. 7. Arist. pseud. p. 712. 
Westph. ad Plut. de Musica p. 20 ss. 

Prooemium igitur Diocli vindicandum esse perspeximus: 
obscurum autem adhuc est, cui Diocles plurimum debuerit. 
Non enim Epicureum haec omnia sapiunt, sed Stoicum: 
ergo descripsit Diocles. Quem demonstravimus Demetrium 
Magnetem et Antisthenem Peripateticum usurpasse: sed ex 
duobus his illius prooemii lineae non possunt adumbratae 
esse. Requirimus igitur tertium Dioclis auctorem eumque 
Stoicum. 

Hie est Alexander Polyhistor: si quidem 'AXe^avSpo? ev 
Biaoo-/at<; is est, quem Polyhistorem vocare consuerunt veteres. 
Hoc quidem omnes praeter Reinesium coniecerunt, probavit 
nemo. 

Alexander in SiaSoxat? symbola Pythagoreorum ex eorum 
commentariis exhibuit: qua re conligimus eundem esse, qui 

3^2 



a demente Alexandrino p. 131 Sylburg. ita excitetur AXslavBpo? 
£v ztv TTEpl nuOayopixÄv aü|xp6Xü)v. lam vero nullum Alexan- 
drum scriptorem novit Clemens praeter Polyhistorem. At 
testimonium invenimus, quod rem conficit ap. Cyrill. adv. 
lul. p. 133 extans 'AXe^avSpo? 6 emxXr^v noXuiaxtop h tu) irepl 
DuOaYopixuiv au}jt|36Xtüv. 

lam omnes, ut ita dicam, partes singulis tributae sunt 
personis: nihil restat, nisi ut tabulae et imaginis artificio 
exprimamus, quod tot paginis explicare conati sumus. En 
igitur habe stemma tamquam genealogicum Laertii: 

Laertius 
Favorinus Diocles 



Antisthenes Alexander D emetrius Ma gnes 

Hippobotus 
Aristippus 
Panaetius 
Appollodorus 
Sosicrates 
Satyrus 
Sotion 
Neanthes 
Hermippus. 

lam nonnulla per saturam addam ad minores quaestiones 
expediendas pertinentia, quae in totius disquisitionis conexu 
et tenore non potuerunt locum habere. 

Eifulgescebat nuper mihi ahisque splendida illa spes ipsum 
quendum Laertii vel Dioclis fontem aetatem tulisse, cum 
prior novae coli. voll. Hercul. fasciculus ederetur. Continet 
enim reliquias hbri, qui successionem Academicorum exhibuit 
usque ad Luculli mortem i. e. usque ad ipsum interitum 
huius scholae. lam cognatio quaedam huius libri cum Laertio 
in aperto est: veluti collatis La. IV. 32 et Herc. vol. p. 179 

3<^3 



KpdiT^TO? 0£ sxXiTcovTo? xaxeo/^ Tov ßiov exXniovio? 

T"/]v csyoX'}]^ ex)(ü)pT^aavTo? auio) xaö' auTov exj^copiQoavTOs 

Su)xpaTi8ou Tivo;. auiÄi r?]«; SiaipißT]? Sto- 

xpaiiSou TLVo?. 
vel. La. V. 91 Herc. vol. p. 170—173, La. IV. 19 Herc. vol. 
p. 175, La. IV. 22. vol. p. Herc. iy6. 

At tarn mutila et truncata sunt omnia, praeterea ipsius 
repertoris socordia — conf. Minervinii praefat. — corrupta, 
ut ne Lynceo quidem contingat, ut ex his flosculis verborufn 
vel syllabarum reconcinnare possit narrationis ordinem. Hoc 
tarnen ex his miseris pannis elici potest errasse Spengelium 
in Philol. Suppl. vol. II. p. s^$ ss., qui fontem Laertii pri- 
marium sibi detexisse visus est. Neque ille über Laertio 
neque Diocli praesto fuit: id quod demonstratum est, si do- 
cuerimus eum esse neque Antisthenis Peripatetici neque 
Alexandri Polyhistoris hiaooiq^j. Cum Alexandro autem illa 
Academicorum oia5o)(Yj nihil habet commune, quoniam in ea 
res narrantur, quas ille superstes videre non poterat. A Peri- 
pateticorum autem sententia recedit illa scriptio hac in re, 
quod Heraclides in ea inter Platonicos et Academicos habe- 
tur, cum Sotion eumque secuti scriptores Peripatetici eum 
scholae Peripateticae adsignaverint. Conf. Krischius For- 
schung. Quoniam in ea aperte proditur animus Epicureis 
infestus, id quod iam Spengelius observavit, auctor illius 
hlahoyr^c, neque Peripateticus neque Epicureus erat. Erat 
igitur aut Academicus aut Stoicus ex illorum serie, qui post 
Alexandrum Polyhistorem floruerunt. Atqui nihil omnino 
exploratum habemus de ullo Academico BiaSoj^wv scriptore. 
Fortasse igitur cogitari potest de lasone Stoico Posidonii 
discipulo et successore conf. Suid. s. v. 'laawv. Hoc vero 
est verisimile eius libri auctorem sive lasonem sive alium 
hausisse ex eisdem fontibus, ad quos omnis fere Laertiana 
redit memoria, i. e. ex Alexandrinorum commentariis, in 

3(54 



primis ex Sotionis hiaZoiaXc,: unde repeti potest verborum 
sententiarumque congruentia cum Laertio, quam indicavimus. 

His missis adnotabo si quae de fontibus secundariis ex- 
plorata habeo. Primum tota nostra disputatione probatur 
omnia eorum scriptorum, qui post Dioclem floruerunt, testi- 
monia e Favorini libris fluxisse. Velut, ut paucis defungar 
exemplis, Phlegon Hadriani libertus I. in, Sabinus eius 
aequalis III. 47, Plutarchus Favorini familiaris IV. 4, IX. öo, 
Epictetus X. 6 excitati hac nostra ratione adhibita non du- 
bium est unde in Laertium transierint. Ab hoc Favormo 
repetenda est Sexti memoria IX. 87 t6v ewaiov Octßtopivo? 
öyooov (lluppüjvsiov xpÖTiov) Ss^To; xal Aiveai5Tj|JLo? osxaiov, dXXa 
xal Tov oexaiov H^xoc, öySoov cpyjai, Oaßo)pivo(; §£ Ivvaxov. Eidem 
debemus lustum Tiberiensem losephi aequalem IL 41 ex- 
citatum: atque Pamphilen, quam Favorinus diligenter in 
d7:o|xvrj(jLov£ü{xdxü)v usum compilavit cf. Steph. Byz. s. v. To- 
Tuei? lövo? ou fi£(Jtv7]Tai (Daptopivo? ev £TCIto(xi^ TSTaptiQ ty]? Ilafx- 
cpiXr^c. 

Eodem iure omnes illos scriptores Diocli aequales, qui 
excitantur apud Laertium, etiam a Diocle usurpatos esse 
comendo. Id quod iam de Thrasyllo et Apollonide Nicae- 
ensi demonstravimus. Huc referendi sunt Athenodorus Ti- 
berii praeceptor, Nicolaus Peripateticus Augusti familiaris, 
Phiiodemus Epicureus Ciceronis aequalis, Didymus xaXxevispo?. 

Timonis Phliasii silli ex Hermippi vitis in Demetrii homo- 
nymorum indices atque inde in Dioclem fluxerunt. Quod 
mihi ex his locis elucet X. 2 cpr^ol oe "EpiiiTzizoc, ^pa^iiiaxo- 
SiSdaxaXov auxov ('ETuixoupou) Ys^evr^aöai, sTreixct [xevxoi Trepixu- 
^6vxa xoi? ArjjjLoxpixou ßißXioi? im cpiXoao'fiav di^ai. Bio xal xov 
Tifiiüva cpdaxsiv Tispl aoxou xxX. cf. IL $$ dXXoc xal "Epp-iTTTCo? — 
Ti[i(üv S* £7riax(i)Tcx£i auxov xcX. VL 18 Antisthenis indicem 
ex Hermippo desumptum haec excipiunt xal xauxa (x£v eoxiv 
a oüV£Ypac);£v. 6 Ti{x(«v §£ 8id xö ttX-^Oo? eTiiTifxÄv xxX. 

3^5 



Similiter statuendum est de tescamentis Aristotelis, Theo- 
phrasti, Stratonis, Lyconis. Quorum primarius fons est Aristo 
V. 64 xai ai6£ [JLEV eioiv ai cpepofjisvai auiou öiafi^xai, xa&d tcou 
ouv-^Y^T^ ^^'^ ApioTcov. Sumpta sunt illa testamenta ex 
Aristonis dTCO|i.vYj(jiov£6(xaai, quae VII. 163 in indice recensen- 
tur. lam vero hunc indicem Aristonis Chii certissima ratio- 
cinatione Hermippo vindicavimus auctori: qui hac ipsa in 
re fere ridicule lapsus est, cum omnia scripta, quae Aristonis 
Chii nomine inscripsit, Aristonis essent Peripatetici: id quod 
princeps observavit Sosicrates. Cum igitur testamentum 
Stratonis ex Aristonis Chii scriptis enarretur, apertum est 
hanc testamenti mentionem ex Hermippi memoria explican- 
dam esse. Quod autem de fönte Stratonei testamenti con- 
iecimus, de Aristotelis testamento constat Athenaei testi- 
monio p. 589c &i <pY]aiv "EpjxiTTTco«; ev x(o Tuepi 'ApiaToxeXou? 
TcpwTo), eTCifxeXeia? ^daxtov tyj? Beouar]? TSXüj^Yjxevai ev xaXc, xoa 
9iXoa6<fou öiaöiQxaii;. 

Eidem Hermippo fere omnium philosophorum debentur 
mortes narratae, ad cuius auctoritatem nominatim provocat 
Laertius de morte Chilonis I. 72. Democriti IX. 43. Zenonis 
Eleatae IX. 27. Anaxagorae II. 13. Socratis IL 38. Piatonis 
III. 2. Arcesilai IV. 44. Alexini II. 109. Menedemi II. 142. 
Stilponis IL 120. Menippi VI. 99. Epicuri X. 15. Heraclidis 
V. 91. Demetrii V. 78. Chrysippi VII. 184. Haec omnia 
Diocles ex Demetrio Magnete exhibuit, qui diversorum scrip- 
torum de mortibus narrationes collegit velut Satyri de 
Anaxagora IL 12. de Pythagora VIII. 40. Sotionis de 
Anaxagora IL 12. de Menedemo IL 143. Neanthis de 
Piatone III. 3. 

Denique de Septem sapientum epistularum fundamento 
coniecturam addo. Vni quidem scriptori omnes deberi inde 
efficies, quod aequo consilio sunt compositae et inter se 
mirum in modum et rebus et sermone conspirant. Solonem 

366 



enim invitant Thaies Miletum, Blas Prienam, Pisistratus 
Athenas, Cleobulus Cnidum, Epimenides Cretam: en orbem 
quendam eiusdem argumenti, in quo Septem versantur epistu- 
lae. Dein Croesus septem sapientibus epistulas mittit, 
quibus respondent Solon, Pittacus, Anacharsis. Denique 
cum Periandro litterarum commercium habent Chilon, Solon, 
Thrasybulus. In bis omnibus epistulis certa deprehenduntur 
indicia, quibus ad Ephorum historicum ducamur bis epistulis 
fundamentum tamquam struentem. Anacharsis enim his in 
epistulis inter sapientum numerum habetur, quem locum ille 
Ephoro debuit, qui Mysonem a Piatone pro Periandro in- 
sertum reiecit. Gf. Strab. VII. Schol. Apoll. I. 1277. Senec. 
ep. XC. Sat convenit, quod Periander non ipsis adnumer- 
atur sapientibus, sed eandem dignitatem amici tutorisque 
sapientiae sibi vindicat quam Croesus. Accedit quod Ephorus 
primus sapientes apud Croesum convenisse excepto Thalete, 
qui inimicitias cum eo exercuit, cf. La. I. 25, testatur. Id 
quod Herodotus aut nescit aut reicit his verbis I. 29 diri- 
xveovtai e? 2dp8i? dxfjiaCouaa; TrXouttp aXXoi xe ot Tcdvxe? ex ttj? 
^EXXctSo« aocpiotal, 01 toüxov xöv ^^povov exuY^avov eovxe? to? 
£xaaxo? auxÄv aTCixveoixo xai 8y] xal 26X(üv. Tribus igitur 
indiciis ad Ephori revocamur memoriam, cuius historiis et 
aetati quamquam prorsus est aptum litteris commenticiis res 
factas exornare, a qua re ne Xenophon quidem abstinuit: 
tarnen has epistulas tribuere non conamur, quarum sermo 
recentiorem sapit originem. 



VI. 
De Laertio et Hesychio. 

Frequens est et inveterata doctorum opinio, si quae in 
Suidae philosophorum vitis reperiantur cum Laertio con- 

3^7 



gruentia, talem inter haec intercedere rationem, ut Suidas 
ea e Laertio deprompsisse videatur: quo fit, ut, quidquid 
et Laertii et Suidae nititur testimonio, non duplici sed una 
auctoritate niti' putetur. Qiiamquam haec quo iure statueren- 
tur, nusquam quoad sciam expositum est, tarnen haud diffi- 
culter huius opinionis fons fundusque aperitur, dummodo illam 
Suidae imaginem animo nobis refingamus, quae, nupera philo- 
logorum Opera tandem aliquando abstersa, antea omniutn 
obversabatur ingeniis. Priusquam enim certa ratiocinatione 
de proximo praecipuo fönte a Suida ad vitas contexendas 
adhibito exploratum est, Hesychium puto Milesium, una in 
re omnes convenerunt, quod de Laertio ut ditissimo vitarum 
Suidanarum fönte cogitabant, illa locorum frequentia inducti, 
qui apertissime quamvis nomine fere semper suppresso Laer- 
tium agnoscunt auctorem. Nam saepissime Suidam integras 
Laertii paginas descripsisse princeps L Casaubonus ad AHII 
libri § 107 observavit: quae observatio quantum valeat, nunc 
demum ex pleno Bernhardyi indice IV. p. 1959 dispicitur, 
quo Laertiana frustula in Suidae oceano natantia complexus 
est. Accuratius enim inquirentem non fugiet duo omnino 
harum adnotationum genera esse discernenda, alterum quod 
in vocis alicuius vi sententiaque versatur inlustranda ideoque 
ad Xeiei? pertinet'), alterum qüod vitis philosophorum appen- 
dicis instar subiungitur itaque historicam Suidae partem 
supplet'). Hoc vero utrumque genus commune habet, quod 
auToXs^sl Laertii verba produntur, cuius nomen semel tantum 
usurpatur s. v. TSxpaXoYia — xal £(feE'?i? ev xw pißXiüJ Aaepiioa 
ÄioYevoü? Tcspi ßi(i)v «piXooocpojv, a Bernhardyo omissum IV. p. 
1959. Qui vero Laertium etiam ad vitas ipsas conflandas 
esse adhibitum opinantur, novum quoddam idque a Suidae 



^) velut s. V. aipsatc, aapiTrou;, xp6[j,fxua, UTroßddpav etc. 

*) velut s. V, 'jixptüv, DuöaYopai, XpuaiTTTro«, Beootupo;, KpaTT)« etc. 



368 



consuetudine nil nisi ad verbum transcribentis prorsus ab- 
horrens fingant opus est. Suidam enim sumunt hanc illam 
notulam de Laertio decerpsisse atque e talibus disiectis 
membris illa conformasse vitarum corpuscula. Sed hoc liber- 
alioris Suidae studii documentum plane (lovTips? ferendum 
esset, nisi accederet, quod illos circulos prorsus turbaret. 
Non enim doceri potest — id quod doceri iubemus — 
singulas omnes Suidanarum vitarum partes ex singulis Laertii 
locis exortas esse: immo si speciatim Laertii et Suidae in- 
stitueris comparationem, prorsus alia tibi emerget rationis 
imago, quae inter utrumque intercedit. Quid quod ingens 
fere numerus Suidanarum notarum nulla via nee vi ad 
Laertium revocari in eumque potest intrudi? Quid quod 
saepissime ea, quae Suidae placent, a Laertii memoria liquido 
dissident, alia partim congruunt, partim in diversas abeunt 
sententias eaque haud raro ita, ut pleniora Suidas, decurtata 
Laertius exhibeat. 

Cuius argumenti acies ut hebetetur, nulla iam via patet 
nisi ea, qua totius illorum disputationis fundamentum pror- 
sus destruatur. Uli enim, qui inveteratae de Laertio Suida- 
narum vitarum fönte opinionis sunt participes, Suidae, re- 
spondebunt, et Laertium et alterum historiae philosophorum 
scriptorem praesto fuisse in vitis componendis: huic autem 
alteri, quidquid apud Laertium non extat, adsignandum esse. 
At si Suidam sumunt alterius scriptoris copiam exhausisse, quo 
iure omnino de Laertio singularum notarum auctore, quas 
et Laertius et Suidas convenienter exhibent, cogitant? An 
illum alterum fontem putemus constanter diversam a Laertio 
memoriam esse secutum? Si vero nobis conceditur — at- 
que est concedendum — notas omnes Suidanas i. e. vitarum 
particulas repeti posse ab hoc, quem ponunt, altero scrip- 
tore non iam cogimur ulla necessitate, ut de Laertio singu- 
larum particularum auctore cogitemus. 

24 Nietzsche I ^ÖO 



Haec cum dicta sint contra opinionem infirmis pedibus 
incedentem neque unquam perspicuis faltam ratlonibus, in- 
tcntius dimicandum est contra adversarium paratissimum, 
qualis extitit Valentinus Rose in comment. de Arist. libr. 
ord. p. 48 SS. Qui cum ratiocinationem suam Delphica qua 
assolet breviloquentia obscuroque sermone in unius enun- 
tiati spatium inferserit, ordinem, quo illius rationes secuntur, 
totum et si potero luculentum proferam. 

Vt igitur efficiat vitam Aristotelis quam vocant Mena- 
gianam scriptorumque indicem in ea extantem ad solam 
Laertii memoriam esse revocanda — qua in sententia anteit 
Krischius p. 273, secutus est I. Bernaysius de Arist. dial. 
p. 134 SS. — primum statuit vitam Menagianam prorsus cum 
Suidana Aristotelis vita congruere: nisi quod Suidas longum 
librorum indicem describere supersederit. Integrum igitur 
eius voluminis fragmentum aetatem tulisse, quo Suidas in 
vitis conscribendis uteretur. Cuius voluminis auctorem in 
Omnibus, ubi quidem fieri posset, vitis e Laertii libro hausisse 
ita ut aut illius narrationes in artum cogeret aut passim ad 
verbum describeret, testium nominibus semper suppressis 
ac placitis philosophorum dictisque resectis. Nonnumquam 
quidem eum nova aut paulo diversa eaque semper brevissima 
de suo addidisse: neque Suidam ipsum ab hac argumenti 
locupletandi opera abstinuisse. lam vero has vitas, quas 
Suidas illi uni auctori debeat, ad verbum congruere cum ex- 
cerptis, quae Hesychii nomen prae se ferant, ex eodem, quem 
integriorem servaverit Suidas, scriptore factis: atque ita factis, 
ut ipsum Laertii nomen in eis saepius usurpetur. Atqui 
Suidam s. v. 'Hauxio? ipsis verbis librum suum confiteri He- 
sychii esse eTCiTojjL"^v. Qua ratiocinatione probari vitam Me- 
nagianam simulque omnes Suidae vitas Hesychio lUustri 
Milesio esse vindicandas, qui scripserit 'Ovo|jLaxoX6Yov vj uivaxa 
TU)V ev TraiSeia 6vo(iaaTtüV. 

370 



Vt statim fragilem huius argumentationis locum designemus 
quamvis non ita comparatum, ut inde disputatio ad prorsus 
falsum eveniat finem: Lehrsii opera [in Mus. Rhen. XVII. 
p. 453 SS.] ac beneiicio tandem aliquando ille fraudulentus 
libellus, qui Hesychii nomine fertur, detectus est ut foetus 
miselli recentissimae aetatis Byzantini (nisi forte ut ipse 
suspicor ipsius Christophori Rufi, qui se hunc libellum in 
epistula ad Cosmum I Mediceum e tenebris eruisse testatur), 
qui excerptis suis a Laertio Suidaque factis Hesychii nomen 
superscripsit nobilissimum, haud nescius, quantopere in hac 
fraude Suidae verbis s. v. "Hauj^io? iuvaretur. In verbis enim 
enodandis ,,o5 eait touto tö ßißXiov £tcixo{x-^„ dici nequit, quan- 
tum se homines docti torserint cf. loan. Meursius in not. 
ad Hes. Mil. p. iio, Fabricius ed. Harl. V. p. 5(^7, Prellerus 
in Seeb. ann. vol. 17 p. 183, Naekius in Choer. p. 34 ss., 
C. Wachsmuthius in symb. Bonn. p. 133, D. Volkmannus ib. 
p. 729, denique vid. Mus. Rhen. XXII. p. 193 [cfr. supra p. 44]. 

Nihil igitur ex ea re conligendum est de vero illo He- 
sychio, quod haec Pseudohesychiana aperte ad Laertium pro- 
vocant fontem. Ex solo autem Suida diiudicari potest, num 
re Vera Laertius in Hesychii fontium numero habendus sit. 
Hoc enim tenendum est, Valentinum Rose de praecipuo 
Suidae fönte veritatem assecutum esse, quamvis vetita et ut 
ita dicam erronea compita. Neque aliter O. Schneidero in 
eadem re contigit: qui nimirum eo bene meruit, quod prin- 
ceps certas causas exposuit, quibus ad unum eundemque 
Hesychium omnium Suidanarum vitarum auctorem compelli- 
mur: ita ut C. Wachsmuthio in symb. Bonn. p. 138 nihil 
relinqueretur nisi ut spurias intermixtas rationes recideret 
liquidamque demum redderet argumentationem. 

Missis igitur Pseudohesychianis ad verum Hesychium 
animum convertimus i. e. ad vitas Suidanas atque examina- 
mus Valentini Rose öeaiv. Gsaiv dico, non probationem. Nam 

.4^ 371 



quas huius öeoeo? inseruit rationes, lenissima manu remo- 
vendae sunt. Veluti ut doceret Hesychium diversas Laertii 
sententias in unum confudisse, excitavit Suid. s. v. Kpair^?. 
La. Diog. VI. 87. 88. Scilicet hos locos comparari iubet, quos 
infra posui: 

Suid. s. V. KpaiY]? Laertius: 

8? l^apYupiaa«; ttjv ouaiav U- ('AvTiaöevYj? ev SiaSoxat? cpYjai) 
8(üxe Toc dpYupia TpaTreCixYj — i^apYupiodjievov t£ t-^jv ouaiav 
e'nrwv ei ol iraTBe? autö) cpiXo- — döpoiaavTa Tipoc xä exatöv 
aocp-^aouai, xA S-^jico öouvai, ei Biaxöaia TdXavia xoi? TroXiiai? 
Be jXY], ToTc Traioiv. dveivai Tauxa. — cpY]al 8e At^- 

jjLi^Tpio? 6 MdyvT]? TpaTTsCtTTj 
Tivl TrapaxaiaiiÖEaöai t6 dpyu- 
piov auv9e|A£vov, ei |i.£v ol uaiSe? 
iSiÄxaL yevoivxo, auxoic dTTooou- 
vai. £1 Be cpiXoaocpoi, xo> 8t^{iu> 
8iav£i(i,ai. 

Ratio, quae inter diversas Laertii narrationes intercedit, 
in hac re est posita, quod idem factum diversis exornatum 
coloribus enarratur. Si Antisthenem sequimur, Grates civi- 
bus suis pecuniam ex patrimonio vendito factam tribuit, si 
Demetrium, aut civibus aut liberis sub quibusdam condicioni- 
bus. Cur vero Hesychium V. Rose has duas narrationes 
confudisse opinetur, non dispicio: immo Hesychius presse 
Demetrii Magnetis instat vestigiis. Si vero V. Rose illa 
e^apYopioa? x'^v ouaiav verba Hesychium ex priore narratione 
mutuatum esse putaverit, respondebo etiam e Demetrio 
Magnete nullam aliam significari pecuniam nisi hanc e patri- 
monio solutam: quod diserte hoc x6 pronomine indicatur. 
Aequahtas autem verborum facilUme explicatur, si forte 
Laertio et Hesychio eidem vel cognati fontes ad manus fa- 
erint. Idem vero dicendum est de altero loco a V. Rose ex- 

372 



citato, quo demonstrare studet, Hesychium ad verbutn Laer- 
tium descripsisse s. v. Uubayopaq. La. Diog. VIII. 39. Con- 
cedo narrationem de Pythagorae morte eisdem verbis apud 
Laertium et Hesychium extare: non sequitur, quod ille 
consectarium esse voluit: immo cum duae aliae viae pateant 
ad hanc rem explicandam, tertia illa, quam ipse secutus est, 
nullam habet vim necessitatis. Primum enim cogitari potest 
de fontium cognatione, quos Laertius et Hesychius usur- 
paverunt. Deinde, quod mihi magis adridet, illa narratio a 
Suida ipso ad vitam Pythagorae Hesychianam appendicis 
loco addita esse potest: id quod ex ipsis V. Rose verbis 
p. 48 sumere licet „Suidam, adfirmantis, saepe plura ex 
diversis scriptoribus excerpta congregantem argumentum 
augere". Quae suspitio hac re valde stabilitur, quod Suidas 
re Vera longiorem de Pythagoreorum symbolis commenta- 
tionem s. v. Iludayopa«; adiecit e Laertio ad verbum de- 
promptam. 

His igitur duobus locis, quibus V. Rose öeoiv suam fulcire 
studet, cum nihil efFectum sit, nolimus immo ita agere, ut 
eum iam convictum esse clamemus: immo is est adversarius 
noster, qui optimas saepe causas consulto taceat atque lec- 
toribus relinquat, ut ipsi vim et probabilitatem decretorum 
suorum examinent. Qua re operae erit pretium, accuratam 
inter Laertium et Suidam instituere comparationem, ut lucu- 
lenter appareat, quantum Hesychius exhibeat, de quo apud 
Laertium ouBe ^po. 



373 



Parentes philosophorum ab Hesychio accuratius 

quam a Laertio traditi: 

Hesychius: Laertius: 

iApiaiiTTTco? 'Apizdhou. 

'Apx'^'^^^ TapavxTvoc; 'Ea-ciaioü Ap^^xa? MvYjaayopou Tapctvxivo?, 

ülo? -q MvY]adpxou 7^ Mva- w? 8e 'Apiaxo^svoc, Eaxiaioü. 

oaysxoü t] MvaaaYopou. 

'E7ci[jL£vi8r^? (Daiaxou y) Aoaidoou 'ETCiixevior^?, xaöct cpr^ai BeoTrojx- 

-q ÄYiaadp/ou ul6<; xal [xr^xpo? tto? xal dXXoi au5(voi, Traxpo? jxiv 

BXdaxa?. ^^v Oaiaxiou, ol 8s AioaidSou, ol 

8e 'A7Y]adpxou. 

'HpdxXsixo? BXuacüvoc yj Bdxxco- 'HpdxXeixo? BXuawvo? tj &c, xivs? 

po?, ol 8e 'QpaxLvou. 'Hpaxiovxo?. 

öeavw — Ouydx'/jp jjlsv Flu- ösavü) — Bpovxivou xoo Kpo- 

Owvaxxo? — xive? 8e Bpov- xiovidxou öuydxr^p, ol oi; ^uvarxct 

xivoü yuvaixa yp^^cpouai xai x6 [jlsv slvai BpovTivoü. 
ye-yo? Kpoxioviaxtv. 

Osocppaaxo? MsXdvxa yvacfsiou, Ösdcppaaxo? 'Epeaio? MsXdvxa 

Ol hk Aeovxo? äitb 'Epeaaou. xvacpsüx; uloc. 

Ssvoxpdxr^? AydOiüvo? vj 'Aya- Ssvoxpdxr^? AYa&-/]vopo?. 
Odvopoc 

rioXsjJKDv (piXooxpdxou -q $iXo- noXe(A(ov (I)iXoaxpdxou jjlIv olo? 

xpdxou?. "Jjv. 

2xpdx(ov — ■ uio? 8' ApxsaiXdou Sxpdxtov ApxsoiXdou. 
■3^ Apxsaioü. 

Cognati. 

A\;a^i|xav8po<; — ouyy^v-?]? xal 0aX^<; ou SiiQxouaev Ava^ijxav- 

(xa9Y]XT|<; xal 8id8oy(o<; GdXr^xoc. 8po?. 
Avvixepi«; — TJv 8s Xtt) Avvi- 
xepi8i xal dSsXffo? NixoxsXy]? 
6vo(xa cpiXoaocpo?, |jia&-/]x-^? 
8e auxoü sTcicpavY]? Hoaei- 
8(üVioc. 

374 



la/sv 'Apiji.v*A]Oiov xal Api|xvT^- 

0T7)V. 

A7j[i,6xpiio? — TOI? dBsXcpoi? auv- xpecpsodai t£ 8id ty]v (ZTCopiav 
Tjv 'HpoBoTo) xai AafidaTio. utto tou dSsXcpou Aajxdooü. 

'HpaxXeiSv]? — t6 hi yivoc, 
av(üÖ£v aTüo Ad[JLi8o<; evö? 
TÄv -rjYYjaajjtevtov tyj«; sU 
'HpdxXsiav ev Otj^äv OTroi- 

xia?. 

Bsavo) -- nüdayopou e^ ou sa/e liriropoTo? je xoi cpvjoi Xe^siv 

TTjXauYTjV xal Mv-^oap^ov xal 'EfjnrsSoxXea. Tr^XauYS? xXuxe 

Mutav xal 'ApiYvwTYjv. xoupe OeavoO? riuöaYopsü) xe. 

IluilaYopa? — tJ (5? xivs? MvVj- 

aapxo?5 xaxd 8s xiva? xal 

düYdxT^p Müia ovojJia, xaxct 

8' dXXou? xal 'ApiYV(üXY]. 

2u)xpdxY]? — (Mopxot) k^ ^? Mupxü) — e^ tj? Y^^saOai Sto- 

SYevexo Swcppoviaxo? xal Me- cppoviaxov xal Msve^svov. 

v£8y]|jlo? y] Msvs^svo?, (Ö? xiai 

OOXSl. 

Cognomina. 
AvxioösvY]? — oaxi? ITepiiüa- 

XTjXixo? exX-^öv] TupÄxov. 

AY]|17jXpiO? 0? X6 TCpÄXOV 

<I)avö(; sxaXetxo. 

A7]|i,6xpLXo? — eTC£xX-/jd-/] 8e 

2091a 6 AYj|j,6xpixo? xal Fe- 

Xaaivo«; 8id xo ^tXä^ Tzpbc, 
xd xsvoairoüBov xäv dvOpw- 

TCÜJV. 

Ösocppaoxo? — ouxo? lupoxspov xoOxov Tupxajiov XsYÖfiSvov Oso- 
exaXetxo Tupxap?, 8id Be x6 (fpaaxov Sid x6 XTJc cppdoeto? 

375 



Ö£i(o? cppdCsi-v 6tc' ApiotoieXou; ösaxeaiov ÄpiaToieXT]? {x*xü)v6- 
•exXt^Ot] EucppaaTo?, elxa 0e6- [jLaaev. 
cppaoTo;. 

KpdtY]? — Iit£xXt^'&7] 8s Bu- 
psTuavoLXTYj? 8id t6 dSsÄ? 
ETreiaievai ei? Travxö? ouirsp 
TjßouXeto oixov. 

Praeceptores et discipuli. 
Awuepi? — Dapaßdiou Yvwpi- 'E7i:iti(jl^87]i; Kupr^vaTo; — ou 
{xo; Tou 'ApiaxiTTTcou dxT^xo- riapaißdxTj«; ou 'll'{T^aiac, — xal 
6x0?. 'Avvixspi?. 

ApiiXcLoc, — [xou hi [xadr^xY]? 
SwxpdxY]?] Ol 81 xal EupiTCi- 
ÖTj? «faaiv. cod. Petropolit. Eu- 
pi7ri8Y]v, ut Kusterus coniecit. 
ApiaxoxeXy]? — SidSoxoi- 8' auxou 
T^? oj^oX-^? xaxd xdS<-v ey^^^'^'^^ 
oi8s Oeotppaaxo? ^xpdzwv Upa- 
^iteXt]? Auxtüv ApiaxoDv Au- 
xioxo? Opa^icpdvYjs lepwvu- 
{xo? ripuxavi; Oopfjticüv Kpi- 
ToXao?. 

'ETcixoupo? — xal 8ie{xeiv£v *?] 
auxou oj^oXy] £u)c Kaioapo? xou 
Tupcüxou IxY] oxc', £V Ol? oidoo- 
yoi aux^? eyevovxo i8'. 
""HpaxXeiSrj? — ex8r^(i-^aavxo? 8£ 
nXdxcDvo? eicSixeXiav Tcposaxdvai 
iric, aio'kyiz xaxeXei(f)ÖYj utc auxou. 

'HpdxXsixo? — 2(üXL(üv 8£ cpr^aiv eipY]x£vai xivd? 

xivec 8£ auxov Icpaaav oiaxouoai Ssvo^pdvou? auxöv dxr^xoevai. 
Esvocpdvou? xal 'iTrirdaou xou 
riuOaYopsiou. 



2y6 



Oeoocüpo? — 8? 'qxpodaaxo 
xouos 8s xal Bpuatüvo? xal 

YlupptOVOC, TOU 'EcpSXTlXOU. 

nXdTu)v — - xal SisSe^otvTo tt^v 
o)(oX-^v aoTou xa^ Iva oi8e. 
STreuaiTTTTo?, Sevoxpdir^?, IIoXs- 
[jL(ov, KpdvTcüp, KpdtY]?, 'Apxe- 
ai?vao?, AaxuSif]? EöavSpo? 
Owxasu?, Ad|jia)v Asovtsü? 
Moo)riü)v EuavSpo? AOr^vatoc, 
*^HYY]oivou<;Kapvedo7]?Xap(jLd8a?. 
nuOayopa«; — ouxo? T^xouas outo? T^jtouae [lev — OepsxuBou 

TrpÄTOV <I)£p£XuSoU TOU SupiOU TOU SupiOU, |XeTa 8s TY]V ixSLVOU 

ev 2c(|X(p, eiTa 'Ep|i,(i)8d|JLavTo<; tsXsuxyjv tjxsv ei? 2d(iov xal 

ev TT^ auTTQ 2d|i,ü) 8? ^v aTCo- Y^xouasv "EpfxoSdiiavTO? tou aTuo- 

yovo? KpscDcpuXou, eTt' 'Aßd- ^ovou KpstocpuXou, t^ot^ Tupsoßu- 

piBo? TOU "^YTcepßopsou xal Tspou. 

ZdpY]Toc TOU Mdyou. 

riuppouv — Sii^xouae Bpuawvo? Ouppcov — YJxouas Bpuatovo? tou 

TOU KXeivo[i,d5(ou (jtaörjTou. StiXtccüvo?. 

2(üxpdTY]? — Tive? 8e Bpu- 

awva ou SwxpdTou? dXX' 

EuxXsiSou dxpoaTY]v y^T^^" 

evai, TouTou 8e xal Iluppwv 

YjxpodoaTo. 

Z(i)xpdTY]<; — cpiXoaoi^ou? sip- 

YdoaTo — EuxXeiByjv — iSiav 

auaTYjadfxsvov a/oX-^v, "^ti? du 

auTou exXi^ÖY] Ms^apixi^ — otco AiaXsxTixYJ? (sc. TrposaTY]) KXsi- 

8s KXsivojxdxou tou {JLa&Y]Tou T6|xaj(o? Kapj^r^Sovio? (sie Co- 

EuxXsi8ou sxXt^Ot] AiaXsx- betusj equidem scribi iubeo 

TixT^ — 'AXxißid8Y]v, KpiTÖ- KXsivofiap? KaX;(Yj86vio?). 

377 



ßoüXov, H£vo|x"i^57]v, 'AttoXXo- 

Stopov 'AOvjvaiou«;, Iti os 

KpiKüva xal 2i(JL(üva, Ei)\i.apri 

T£ ^Xidaiov, ]Si|JL{xiav 6Y]ßaTov, 

TepcJ^iüiva Meyapixov, Eö- 

7]vov XaipscpÄvxa. 

Oepsxuor^C — SiBaj^övjvai o' utc' OepexuS*/]? IliTTaxoo Siax'^xoe. 

auiou Oudayopav Xoyo?, autov 

8' oux ea)(Y]X£vai xadr^yY]- 

Patriae. 

Aiaj(iv7]<; — Tivl? Se Auaaviou 
TraTSd cpaciv 'AOr^vaiov Scp'^x- 
Tiov. s. V. 2a)xpdi7]? — Ai- 
o)(ivYjv Auaaviou 2cp-^TTiov. 

'HpaxXsiB'/]? — 'O^üpoyx^'^'']«?- 'HpotxXeiSr^? — KaXXaxiavo? ■?) 

.AXe^avBpeu?. 

Mortes. 
Ava^ayopa? — eXöojv h Aajx- xal xeXo? dtTroj^wp'^aa«; eU Ad[i,- 
(Ldxü) exeioc xaiaoTpecpsi xov c|^axov auxoOi xaisoips^sv. 
ßiov dTToxapTsp'^oa«;. 
AioYEVY]? — xaTsaipscjje töv ßiov 
8Yj5(öeU 6t:6 xuvo? t6 oxsXo? xal 
dspaTueia«; uTrepiSwv. 

Ex his, quae adhuc comparavimus, hoc in aperto est, ea, 
quae Hesychius seorsum et cum discrimine exhibeat, multo 
esse plura, quam Valentino Rose visa sint: neque minus 
adparet haec esse ita comparata, ut Hesychius ea ex aliis 
fontibus in Laertiana interiecisse nullo modo putandus sit. 
Quis, ut exemplo mar, sibi persuadebit Hesychium non fuisse 
contentum Stratonis notasse patrem Arcesilaum, sed alios 
petiisse libros, e quibus Arcesii nomen adiceret? Quis enim 

378 



iussit eum accuratiorem esse Laertio? Omnino nonne parvo 
Hesychianarum vitarum ambicui convenientius est de uno 
auctore cogitare? An Hesychium putemus tantopere ab 
aequaJium grammaticorum more recessisse, qui excerpendo, 
breviando, compilando doctrinae famam sibi vindicabant, ut 
Tcivaxa täv sv iraiSeia ovofxaaTwv compoiieret ex notis undique 
collectis et omnia compendia et summaria repudiaret, in 
quibus tota materia iam erat congesta? Id quod ad Peri- 
pateticorum vel Alexandrinorum studia quadrat, non ad 
Byzantinos sexti saeculi magistellos. 

At omnino ut rem conficiamus, quid, quaeso, est cur de 
Laertio Hesychii fönte maiore iure, quam de alio aliquo 
historiae philosophorum scriptore cogitemus? An forte quod 
solus aetatem tulit fortunaeque favore — quam stultos adiu- 
vare notum est — ex tanto naufragio servatus est? Nam 
inde quod multa apud Hesychium congrua inveniuntur cum 
Laertio, nihil omnino sequitur: nisi forte doceri potest singuhs 
Hesychianarum vitarum particulis respondere singulos Laertii 
locosj id quod post nostram discrepantiarum enumerationem 
nemo docere conabitur. Vt igitur dicam quod sentio: eodem 
iure de Laertio Hesychii fönte cogitamus, quo de Hermippo, 
Sotione, Sosicrate, Diocle, Demetrio, ahis i. e. nullo iure. 

Accedit autem res quaedam, quam V. Rose ne verbo 
quidem tetigit. Hesychium usurpasse uberiorem Laertio 
fontem, non solum ea re probatur, quod multa in eius vitis 
extant, quorum apud Laertium nee vola nee vestigium est, 
sed etiam quod plures vitae ex eisdem philosophiae tem- 
poribus et disciplinis apud Hesychium produntur, quas 
Laertius plane omisit. Quod ut doceam, sat est nomina 
antestari Alcidamantis, Arignoti, Aristoxeni, Diagorae, Dicae- 
archi, Dionis, Hecataei, Hermagorae, Zenonis Sidonii, Theae- 
teti, Theanus Metapontinae, Theodori, lasonis, Hippiae, 
Callippi, Persaei, Tyrannionis, Phaniae, Philippi. Panaetii 

379 



et Posidonii nomina ex hac Serie hanc ob causam sunt 
removenda, quod Laertius etiam eorum vitas enarravit: quas 
excidisse cum aliorum Stoicorum vitis docet index Lauren- 
tianus. 

Nosmet igitur praefracte negamus in Hesychii vitis nil nisi 
umbram Laertii dispici, in quam sententiam Val. Rose abiit, 
ut nobis speciosam suam de Menagiana vita e Laertio repe- 
tenda opinionem obtruderet. Vnde autem re vera huius 
vitae origines repetendae sint, iam nobis quaerendum est. 
Quid quod E. Heitzius homo sobrii iudicii hoc de tota inter 
Laertianum indicem interque Menagianum intercedente ratione 
statuit p. 1(5 „Geht aus dem eben Gesagten mit hinreichender 
Sicherheit der Unterschied beider Verzeichnisse in Hinsicht 
auf den Umfang hervor, so ist er doch nicht ausreichend, 
um die nahe Verwandtschaft und den gemeinsamen Unter- 
schied [leg. Ursprung] beider in Zweifel zu ziehen. Zu einem 
ähnlichen Resultate gelangen wir, wenn wir die in beiden Ver- 
zeichnissen bei Aufzeichnung der einzelnen Titel beobachtete 

Reihenfolge vergleichen. Ungeachtet jedoch der sich in 

doppelter Hinsicht zwischen den Verzeichnissen ergebenden 
Uebereinstimmung tragen wir Bedenken, die von Rose aus- 
gesprochene Meinung zu billigen und einfach Diogenes als 
die Quelle des Anonymus zu bezeichnen". Qua in commen- 
tationis parte ab Heitzio praetermissum nollem, quod index 
Laertianus liquido haec sola scripta continet, de quibus non 
ämbigitur (V. 34 u)? SyjXov ex täv 'Kpo-{z^pai[i[Li^wv aüYYpaji.(i,d- 
T(ov, a TÖv dpiO|i6v ky{hc, f^xei xexpaxoaicDV, xä oaa ys ctvaiicpiXsxTa. 
TToXXd ydp xal aXka de, ctuiov dvacpepsxai cu-^'{pc,.\i[iaTa auiou xal 
dTüocpöeYfxaia dypdcpou cpcüv"^«; euaT0)(7i[j,aTa). Hesychius vero 
etiam cpeuosiriYpacpa ultimo loco adicit. Quod autem ad 
ordinem, quo tituli utriusque indicis secuntur, attinet, en 
conatum nostrum hac tabula expressum: qua demonstrare 
studemus, quomodo paulatim idem index per diversas libra- 

380 



riorum manus in has duas diversasque formas abierit, quas 
Laertius et Hesychius repraesentant. 

Genuina forma. 



Meve^evo?. | TcpoxpeTriixo?. | Trspl suyevsia?. 



epcDTixo?. I TTspl '^uyrqc 

Laertiana: 

Mevs^evo?. epcoTixo?, 
Tüspl ttXoutoi). irpoxpeTTTixoc. TT, 



oo(f>iafi^<;. 



I TTSpl -^SovY]«;. 

Hesychiana: 

aocpiOTiQ?. TTspl ttXootou. it. suj^^?. 
Mevs^svo?. TüpoipsTTT. 7c. guys- 
vsia?. epcDTixo?. uspl ^^uj^^?. 
Tiepl -^^8ov^<;. 

a librariis confusa: 

TTspl ttXoutoi). oocpiar^«;. tt. eux^^* 
Msve^evoc Trepl suysveia«;. epu)T. 

TUepi ^U)^YJ?. UpOTpSTTT. TTSpl 

His et aliis artibus fortasse genuina totius indicis forma 
recuperari potest. Quod cum aliis relinquam, eo redeo, ubi 
Heitzius pedibus subsistit. Quod enim optime ille de cogna- 
tione utriusque Aristotelis indicis observavit, omnino in omnes 
Hesychianos et Laertianos philosophorum indices valet. Quos 
instituta comparatione docebo ab eodem fönte stirpem de- 
ducere. Cuius cognationis vestigia in hac re agnoscenda sunt, 
quod Laertius Hesychiusque unum semper eundemque ex- 
hibent indicem sed suo quisque discrimine, ita ut modo hie, 
modo ille pleniora praebeat. Exempla vero haec consignabo: 

Hesychius: Laertius: 

Ava^i(iavBpoi; — eYpacj;£ Tcspi xai yy)? xai ^akdooric, Tr£pi- 

cp6o£a)C, Y^? TCEpioBov xal TC£pi {lExpov TupwTo? £Ypa^£v. aXXä xal 

TÄv dtTcXavÄv xal ocpatpav xal ocpatpav xai£ax£uao£. 
aXXa Tivd. 



381 



AiayJvT^S — SidXoyoi S' auiou 
MiXiidoTjC Kall'iac, Pivtov AoTra- 
oia AEioyo? TYjXa'JYYj«; A.Xxißid- 
Br^c, xal ol xaXou(X£voi dxecpaXoi: 
OaiScüV. no?;6aivoc. Apdxcov. 
'Epu^iac riepl dpex^c 'Epa- 
aiaxpaTo;. SxüOixou 



Avd^^apaic — eypacj'e v6(jiijia 
axü&ixd Ol' £tc(j5v. Flspl euxs- 

Xsia? TÄV eU TOV dvÖpWTTLVOV 

ßiov Itty] Tidvia Siaxoaiot. 

'AvTioöevT^c; — ouio? auv£ypa'];£ 
t6|xouc hixa- TipÄiov .... 
Mayixov. dcpY]Y£iTai oe uspi 
Ztopodaxpou xivoc Mdyou 
eupovxo? XYjv aocpiav, xouxo 
ti xivs? ApiaxoxeXsi, ot ol'Po- 
8up [cf. La. VI. 19] dvaxideaai. 
Ar^lioxpixo? — Y'^^i'^''^ ^' ot^xou 
ßißXia eiai ß', 6 x£ [leyac Aid- 
xoajj.0«; xal x6 Trspl cp6a£(o; xoa- 
[jLou. lypa'lie Be xal eTitaxoXd?. 



Ol h' OUV XÄV AlO)(lVOU X6 2(1)- 

xpaxixov Yjöo; d7ro|JL£[xaY(ievoi 
£ialv £7:xd. Tcpuixo? MiXxidBY]? 
KaXXia? A^iop? AaTuaaia AX- 
xipidSYj? TYjXauYTj?. Pivtov. 



V. OaiScov — Sxuöixou? Xoyou?. 
xal xüuxou; xive? Aioj^ivou <faaiv. 

8i£ßdXX£xo 6 AioxivY]? xal 
(idXiaö' uTTo Mev£B"i^(Jiou xou 
'Ep£xpi£to? (b? xou? TcXeiaxou? 
SiaXoyou; övxa? Stoxpdxou? utto- 
ßdXXoixo Xa|ipdvü)v Txapd Sav- 

ÖlTCTtYj?. WV Gl [J,£V XaX0UjJ,£V0l 

dx£cpaXoi. 

ouxo? eiToir^as xäv x£ irapd xoic 

SxuOai? vo|jiiji,(ov xal xuiv TCOtpd 

xoi? "EXXyjoiv £1? eux£X£iav ßiou 

xal xd xaxd x6v u6Xe[jiov 

Itty] 6xxax6aia. 

cpEpovxai B' auxou aüYYpd[X[xaxa 

xojJLoi Sex«. Trptoxo; xxX. 



cf. ind. Hes. Aristot. 
ETciYpacpa — (jiaYixov. 
xd 81 ßißXia auxoö xal 
dvaY£Ypo^'fs xxX. 



■ (|;£u8- 

da'jXo? 



382 



eTTÄv Tcepl cpuasto? täv övtwv xal oi xaöapfxoi ei? Itty] xei- 
PißXia y. xal loxiv Itcyj w? ,ß. vouoi TuevTaxio^iXta, 6 ol iaxpi- 
'laxpixa xaxaXoYaSYjv xal aXXa x6? Xoyos ei? euT] e^axoaia. 
TcoXXd. 

xal 8-/) oTi YP^cj^avTo? auxou 

xal aXXa Txoii^|xaxa xtqv xe 

xouHep^ou Sidßaaiv xal Trpo- 

oifjtiov ei? ^^.iroXXoDva — 

xaöoXoo Se cpirjaiv ('lepcovu- 

fio?) xal xpaywoia? auxov 

Ypdc|;at xal TroXixixd xxX. 

'EirifieviÖY]? — eypac];® 8s TuoXXd eTuoiYjoe 8e Koup-^xtov xa] Ko- 

eTuixÄ? xal xaxaXoydBifjv (xuoxtq- pußdvxtov yeveaiv xal BeoYoviav 

pid xiva xal xaöap(jiou? xal dXXa ctty] iievxaxia/iXia. "Apyou? vau- 

aiviYfxaxcüSr^ TryjYiav xe xal 'Idaovo? ei? KoX- 

j(ou? dTüoirXouv i'Kr^ e^axia;(iXia 
7revxax6aia. 

auvsYpa'jie 81 xal xaxaXoYdSyjv 

Trepl OuaiÄv xal xvj? ev KpT^xT(j 

TToXixeia? xal Ttepl Mivto xal 'Pa- 

8a{Advöüo? ei? eTXT] xcxpaxia/iXia. 

Eöoo^o? — e'Ypacj^e 8e TuXeioxa xov dxxaexYjpiSa xaxd xiva? ouy- 

xou £i8ou? xouxou xal dxxaexYj- ypd^ai — -{pd'^ac, xoi? iSioi? 

piSa, exi 8e 8i' eTcdiv daxpo- iroXixai? v6[j,ou? w? (pr^aiv "Ep- 

vofiiav. fjiiTCTüo? ev xexdpxirj uepl xäv 

eirxd aocpÄv xal daxpoXoYo6(X£va 
xal Y£o>{j!,expo6{i,eva xal exep' dxxa 
d^iöXoYa. 
Zi^vtov 'EXedxY]? — eYpac{^ev cpepexai y^^v auxou ßißXia tuoX- 
"EpiSa?, e^i^Y'']^^^ '^">"^ 'Efi,- Xv]? oüveaeo)? Y^H-o'^^ot- 
'7re8oxXeou?, Trpö? xou? cpiXo- 
o6(pou? Tcepl cpuoeu)?. 

383 



Qa-l-qc, — lypci^e 'Jrepi [lexeo)- xara hi xiva? Buo |x6va auv- 

ptüv ev lueai, Trepl laYjfiepia? eYpa(}^£, i^£pi tpoTTT]? xal iav]- 

xc(i aXXa xivd. jispia? — 

Ta 8s '(S.ypa[iiii'^a 6tc' aoxou, 
(p7]ai A6ßü)V 6 'Apygio*;, eU 
Itcy] xeivei Biaxooia. 

K^ßr^? — BictXoYoi aoxou cpe- Keßy]? — xal xouxou cpepovxai 

povxai xpst? 'Eßoö(i7] Opuvixo? BidXoyoi xpst?. Ulvat 'E^U[ir^. 

riiva^ (laxi 8s xwv sv 'Ai8oi> Opuvip?. 

Bn^YTjoi?) xal aXXa xivd. 

IlspiavBpo? — SYpa^sv uttoÖtq- STToir^as 8s xal uTco^-^xa? sU 

xa? sU xov dv&pwTüivov ßiov stty] 8io)(iXia. 

S7CY) p. 

riixxaxo? — sypacj^E vöpu? — stcoit^os 8s xal sXsysta sttt, s^a- 

STToir^as 8s xal iXs^sia etcy] ^ ^o<^^^ ^^'^ '^'^^P ^o|^"jv xaxaXoYa- 

xal uirsp v6{Jt(i)v xaxaXoydSYjv. 87jv xot? TCoXixai?. 

rioXsjxwv — xal TToXXd {jlsv — ixava auYYpd[i{iaxa xaxaXi- 

oüvsYpacj^s ßißXia, ouSsv 8' ttwv. 
auxou cpspsxai. 

riuöaYopa? — oüvsYpacps 8' 6 y^YP^^^*^«^ ^^ "^^ üüOaYÖpa auY- 

nu8aY6pa(; [xova xpia ßißXia. YP^f^l^^''^^ "^P^^ 7rai8£uxix6v tto- 

TiaiSsoxixov. TToXixixov. x6 8e Xixixov cpuoixov. x6 8s cpspo- 

^ep6(jL£vov xpixov w; ITudaYopou jxsvov «><; FIuOaYopou A6ai86c 

Auci86? saxi xou Tapavxivou — saxi xou Tapavxivou. 
xivs? dvaxidsaai auxÄ xal xd 
5(pü(3a Itcy]. 

SoXwv — SYpacj^s v6{xou<; AOt]- Y£Tpa<f£ os orjXov (xsv oxi xou? 

vaiot? — 7coi7]{ia 8i' sXsYsiwv vojaou? xal 8Y](j,YjYopia? os 

8 2aXa[jLU smYpd^sxai, utto- xal sU sauxov uTroö^Vixac 

^rpiac, 8i' eXsYsiwv xal aXXa. sXsYsta xal xd irepl 2aXa|jLivoc 

xal XT]? AOYjvaitüv tcoXi- 
xeia? S7CY] TC£vxaxia)^iXia. 
xal ld{i,ßou? xal 5^0)806?. 

384 



TSTpaxTuo? pißXia ö'. 

Oaiowv — BiaXo^oi 5' auxou AiaXoYou? 8e ouve^pa^J^e Yvr,- 
ZtüTTupo; Mt^oio? 2!l[A(ov 'AvTi- aiou? [lev Zcüirupov 21i[xu)va xal 
|xap? tJ Trpeaßurrj?, Nixia? oiOTaC6[i.£Vov Nixiav, M-^8iov 
2i{x(Jiiac !\XxißidoT^C Kpi- ov cpaai tivs? Aia/ivou, ol 
TÖXaoc öe riöXuaivou. 'AvTi[xapv y] 

Tcpeaßuxa?. xal outo? Sioxd- 
CsTai. Sxudixou? XoYou?. xal 
TouToui; Tiv£<; Aiaj^ivou cpaoiv. 
(^spsxüoY]? — lau h' ctTravta a atoCetai §£ tou Supiou xoie 
auv£Ypacj>£ Tauxot. £7cxd(Jiu-/o? vjxoi ßißXiov 8 oov£Ypa'|£v ou y] dpj^T] 
ÖEoxpaaia y] öeoYovia. laxi §£ xxX. 
ÖEoXoYia £v ßißXioi? i', iy^ooaa 
&£<j5v Y^v£aiv xal oiaSo^ou?. 

OiXiaxo? — £Ypa'|£ hial6^Quc, xct x£ xpaYtoSdpid (Aioy£vou?) 
Äv eaxi KoSpo?. cpTjaiv 6 Sdxupo? <I)iXiaxou el- 

vai xou AiYiv'^xoo. 

Aperuimus igitur interiorem horum indicum cognationem. 
Tantum enim abest, ut Hesychius Laertium descripserit et 
compilaverit, ut ab utroque ex uno fönte, sed cum discrimine 
haustum esse censeamus. lam vero hie communis fons in- 
dagandus est. Cum autem pro certo statuendum sit, vitas 
Hesy Chianas ex eodem fönte fluxisse, unde indices, ratio 
postulat, postquam edocti sumus Laertianorum indicum fon- 
tem eundem esse Hesychianorum, ut conligamus, quidquid ex 
Hesychii vitis ad singulos illos quos eruimus fontes Laertii 
referendum est. 

Hesychius: 
Ava^aYopa? — £cpuY£ ö' £8 Aör^vwv n£pixX£ou; = Sotion ap. 
aux(|> ouvEiTTovxo«;. xal eXöwv h Aajji^idxw £X£Tae La. 

xaxaoxpE^iai xov ßlov diioxapxepT^oai; — 



25 Nietzsche I 



385 



SioTi U7c' AOTjvaicüv eveß^Oy] ev Sea[ji(üTY]pi(ü oi- = Hermippus 

ativa xaivYjv So^av xoO ^eoö Tcapeiocpepwv. 

Ava6i|jLevY]? — Y^T°^^^ ^"^ '^^ ^®' 6Xu{i7rid8i [exe- = ApoUodorus 

XeuTYjas 8e suppl.] ev tifj SdpBstov aXcöosi öt£ 

Köpoc 6 riepo'/]«; Kpoiaov xaOsiXev. 

ApiaTiTCTTo? — irpÄTo? Se täv IlwxpaTix&v (xi- =^ Phanias II. 

odou; eirpa^axo. 6$. 

'ApiaxoTeXYj? — 6 8e Nix6|jLaxo? iaxp6? -/jv xou = Hermippus 

Tü)V AaxXTjTCiaöÄv yevouc, otto Nixo[jLd)(^oü xou Ni- V. i. 

xdovo?. 

— xpaoX6<; x-^jv cpwviQv — == Timotheus 

V.l. 

— e^ "EpTcuXXiBo? iraXXax^?, t?) TjYdYSxo |i.£xa = Demetrius 
DuOidBa xou 'Ep|ieiou xou Euvouj^ou, oaxi? -^v Magnes 
äpyuiv A.xapvE(ü? — EußouXou Be xou Biöuvou V. 3. 
SouXo? YEyovu)?. 

— eysvvi^^Y] 8e ev x-^ evv£V7]xoaxiQ evvdxiQ oXujjl- = ApoUodorus 
TtidSi — V. 9. 

— Ol 8e cpaai v6o(p auxov xeXeux^aai == ApoUodorus 

V. 10. 
Apj^uxa? — xouxöv cpYjai Oavia? 6 'Epeoio? (codd. == Phanias. 
cpavepÄc, emend. optime Bernhard.) yev^aöai 

BiSdoxaXov 'E[j!,7re8oxXeou?. 

Air][i.'i^xpio<; — 87]5(ö^£U uir' dairiSo? diue^^ave xal = Hermippus 
exdcpY] ev xä Bouaipixijj vojitp. V. 78. 

Airjjxoxptxo? — u)? Se xive?, xal Mdywv xal XaX- = Demetrius 
BaicDv xe xal OspaÄv. Magnes 

IX. 35. 

AioyevYji; — xaxd xy]v auxvjv 7][iepav, Sxe xal 6 = Demetrius 
Maxs8u)v AXeiavBpoi; ev BaßuXwvi OTCeOavev. Magnes 

VI. 79- 
'E{i,ic£8oxXYi«; — xpaywBiai auxou x8' = Heradides 

vm. 58. 

380 



'E[j,7C£SoxX7i? MsTtovo: = Hippobotus 

VIII. 51. 

== Apollodorus 
VIII. 52. 

— Ol hk 'E^aivETou = Satyrus 

vni. 53. 

— ouTo? 6 'E(XTC£8oxX-^? 0T£ji|xa l)(a)v IttI TV]? := Neanthes 
xscpaXY]? 5(pL>oouv xxX. Vni. 72. 

— IjDpi'Jisv eauTov sU xpax^pot irup^? xtX. == Hippobotus 

vm. 69. 

— eTCExX-^&Y] Be xal K(oXu(3ave|xa? xxX. = Timaeus 

VIII. 60. 

— Y^T^"^* ^^ TouToi) (xot&Tjr^? FopY^ct? 6 ^VJTwp = Satyrus 
6 Aeovitvo? — Vin. 58. 
*E'irixoupo? — TrpuiTov (xsv ev 2d[xu) SioiTpicJ^ai; = Heraclides 
ouv TOI? ■^o'i^uoi'i in Sotionis 

Epitome 
X. I. 

— axo6aa; Be Notuaicpdvou? tou AY][xoxpiT£ioo xal == Ariston X. 
najxcpiXou Tou nXdriovo? (la&Yjxou 14. 

— Y^T^'^^ ^® ^^'^ '^^'^ P^ 6Xu{XTCid§o? xtX. ^ Apollodorus 

X. 14. 
EuSo^o? — 6) Tpsi? i-^ivoy-zo OuYotTeps? AxtI? AeX- = Sotion VIII. 
rpXc, OiXti? 88. 

Z-^v(ov — xa&sXsiv 8s deXT^oa? Neappv, 01 8e = Heraclides 
Aio|X£8ovTa Tov 'EXea? Tupotvvov edX(o in Satyri 

Epitome 

IX. 26. 

— xal h oXfjiti) ßX-/]öeU auvsTpipT] TCTiaaofiEvoc. = Hermippus 

IX. 27. 
HpaxXsioT]? — o5xo? xal Spdxovxa lOps'I^s xal = Demetrius 
'^jixspwos xal £l)(£ auv8iaiTü)|ji£vov auTo) xtX. Magnes 

V. 89. 

^5* 387 



*^HpaxXsiTo<; — aXX' auio; ßoXßiiü) iplaac, oXov = Neanthes 
eauTÖv eiaoe ^vjpavdfjVai touto utto tou fjXiou xxX. IX. 4. 

— Tive? 8e auTov l<paaav Siaxouaai Eevocpdvou; = Sotion IX. 5. 

öeavu) — -^aiitxr^ Ss xoG jiSYdXou FIudaYopou eS = Hippobotus 

QU iayß, Tr^XauYTjv. VIII. 43. 

OeocppaoTo? — epwfisvov Be (eoj^ev) tov /\pioTo- = Aristippus 

xeXou? uiov TOU (fiXoo6(fou Nixoficij^ov V. 39. 

KpdiT^? — 8? e^apYupioa? ty]v ouoioiv xtX. = Demetrius 

Magnes 

VI. 88. 

nuOayopa? 2d{xio? ^= Hermippus. 

— ouTo? Tjxouas — ZdpYjTo? = Aristodemus = Alexander 
ToO lAd^ou cf. Hippol. Polyhistor 

philosoph. vid. Cyr. 

p. 38 Wolf. adv. lul. 

IX. 133. 
IIuppwv — xal Trpoxepov {jiev riv Co>Ypd'foc = Apollodorus 

IX. ör. 
StoxpdxTjc — Tcpoxepov ys^^^I^svoi; Xiöo^oo?, waxe = Duris IL 19. 
xai cpaoiv aüxou IpYov eivai xd? Aöi^vYjaiv evBe- 
Sujxeva? Xdpixa;. 

— dxouaai Ad|JLU)vo? = Alexander 

IL 19. 
!A.piox6^£vo? ^p^^eXdou = Aristoxenus. 

OiXiaxo? — auxö? 8' dxouaxY]? yjv xou xuvo? Aio- = Satyrus VI. 
Y^vou?. 80. 

xaxd 8' "EpfjuTüTTov SxiXttiovo? =: Hermippus. 

XpuaiTZTcoc, — Tapaeu? — = Alexander. 

VII. 179. 

— xal x£Xeux"^aa? 0' xal y' exwv uro xou irieTv = Hermippus 
dxpaxov xal iXiYYidaai. = VII. 184. 

Tenemus igitur Hermippum,. Satyrum, Duridem, Ari- 
stippum, Sotionem, Hippobotum, Heraclidem, Apollodorum^ 

388 



Neanthem, Timaeum, Aristoxenum, Demetrium Magnetem 
alios, e quorum memoria conformatae sunt Hesychii philo- 
sophorum vitae. Apertum vero est eum non omnes hos 
ipsum inspexisse: hoc potius quaerimus, quis sit ille unus 
scriptor, qui horum omnium rivulos in agrum suum deri- 
vaverit ideoque ab Hesychio commodissime potuerit com- 
pilari. 

Si quis vero hanc scriptorum seriem ocuhs perreptaverit, 
non dubitabit, quin suspitio in uno certoque haereat homine. 
Ex illorum scriptorum numero aetate recentissimus et Hesychii 
temporibus proximus est Demetrius Magnes, idem, qui cete- 
rorum scriptorum doctrinam iam in usum suum converterat. 
Atqui ex ipsa disputatione nostra adparet eosdem prorsus 
scriptores, ad quorum auctoritatem singulae vitarum Hesy- 
chianarum particulae redeant, a Demetrio Magnete esse 
usurpatos. 

Vt igitur dicam, quod consectarium est: Demetrius 
Magnes est tue unus fons, e quo Hesychius doctrinam suam 
hausit, Demetrii Magnetis color faciesque ex Hesychio 
tamquam e palimpsesto enitescit. 

Hoc novo adminiculo, quod modo assecuti sumus, certius 
effici potest, quod in quinto capite magis coniecerim quam 
probaverim, Demetrium Aristippi quoque irepl TtaXaiä? xpucpTj? 
librum usurpasse. Conf. Suid. s. v. Oeocppaaio?. Laert. V. 39. 
Idem de Hippoboto dicendum est cf. Suid. s. v. 'EixTceSoxX-?]«;. 
La. VIII. 51. 69. Suid. s. v. Oeavcu La. VIII. 43. Etiam hoc 
iam est in Hquido positum, epistulas sapientum et aliorum 
e Demetrio in Dioclem fluxisse cf. Suid. s. v. 'E'iui|x£viSt^<; 
cf. La. I. 0^4. 112. Suid. s. v. KXso^oüXo^; La. I. 93. Suid. s. v. 
iTTTioxpaiY]?. Etiam Timotheus in Demetrii fontium numero 
habendus est cf. Suid. s. v. 'ApiaroT£XYj<;. La. V. i. La. III. 
4. 5. Neanthes — Dicaearchus — Timotheus V. 1. 2. Her- 
mippus — Timotheus — Hermippus. — Non erat academicae 

389 



scholae addictus cf. La. III. 5. IV. 4. De Timaeo eiusdem 
Demetrii fönte cf. Suid. s. v. 'EjjtTreooxXvi? Lz.VUl.6o. Restat, ut 
etiam Alexandrum Polyhistorem censeam Demetrio praesto 
fuisse cf Suid. s. v. XpuanzTzoc, La. VII. 179. Suid. s. v. ScD/paiY]?. 
La. IL 18. Suid. s. v. Du^aYopat;. Cyr. adv. lul. IX. 133. 

lam extat uno vitarum loco nomen a librariis corruptum 
'Aypio^fuiv ev 'Ojjl(üv6|j,oi?, e cuius ductibus O. Schneiderus 
feliciter Äypearf äv eruit. Qui cum ad Apollonios Tyanenses 
excitetur, aiteri vel tertio p. Chr. saeculo adsignandus esse 
videtur. De cuius homonymorum tabulis non dubito: quid 
egit Argesiphon nisi ut Demetrii indices usque ad aetatem 
suam supplendo continuaret? Quam operam paullo socor- 
dius, si recte video, praestitit: si quidem constat eum 
Demetrii errores, a viris doctis post Demetrium detectos, 
integros in librum suum transtulisse. Id quod luculentis 
exemplis demonstrabo, si mihi copia fuerit hanc totam 
materiam cum pulvisculo exhauriendi.') 

Neque hoc neglegentiae vitium Argesiphon vitavit, quod 
nonnunquam ad verbum res descripsit, quas Demetrio quidem 
scribere licuit, non Hcuit homini multo recentiori. Vt uno 
defungar exemplo: nuUa ratione, nisi hac, quam modo indi- 
cavimus, haec Hesychi verba possunt expHcari s. v. 'Euixoupo? 
— xal oi£|A£iv£v 7] auTou oyoXri £(i>? Kaiaapo? toö Trpwxou Ity] 
axC, ev Ol? SictSo/oi aüx^? £Y£vovto 18'. Hoc loco innisi Zump- 
tius aUi anno XLUI a. Chr. n. Epicureorum scholam evanuisse 
sumunt: quod nobismet sumere non licet, quippe qui 
docuerimus eam etiam Tiberii Caesaris aetate integris et 
continuis successionibus floruisse. Turbae vero illo loco 



^) Haec, quae probavimus, non solum ad philosophorum, sed etiam ad 
poetarum, rhetorum, historicorum, medicorum vitas pertinere unusquisque 
dispicit. — Sed patet prorsus alia via, qua demonstrari possit, ex homony- 
morum indicibus profectum esse Hesychii compendium. Quod uno verbo 
notasse velim. 

390 



excitatae facillime sedantur, si nobiscum facis adfirmantibus, 
hoc ipso anno XLIII Demetrium Magnetem librum suum 
composuisse : id quod Scheurleeri computis optime convenit. 
Significavit igitur Demetrius Epicureorum scholam aetate sua 
fuisse superstitem: cuius nota integra transiitin Argesiphontem 
atque inde in Hesychium: quem descripsit Suidas. 

Hanc igitur accipe tabulam — ut tandem aliquando dis- 
putationi finem imponamus — qua totam rationem, quae 
inter Laertium Suidamque intercedit, adhibito stemmatis 
artificio exprimamus: 

Demetrius Magnes icepi ojjlwvujawv 
ArgesTphon Diocles 

Tcspi 6|ji,iüvu(x(üv ßioi cpiXoaotfwv 

Hesychius Milesius Laertius Diogenes. 

dvo[xaToX6Yo? 



Hesychii epitome 
non servata 

-^ — . 

Suidas Eudocia. 



391 



Fragment einer Kritik der Schopenhauerischen Philosophie. 

(Wahrscheinlich Herbst 1867.) 



I. 



Das Titelblatt der „Welt als Wille und Vorstellung" ent- 
hüllt uns bereits, was Schopenhauer durch dieses Werk der 
Menschheit geleistet zu haben beansprucht. Die sehnsüchtige 
Frage aller Metaphysiker, wie sie das Goethische Wort aus- 
spricht: „Ob nicht Natur zuletzt sich doch ergründe?" wird 
von ihm kühnlich mit Ja beantwortet, und damit die neue 
Erkenntniss wie eine Tempelinschrift weit und breit in die 
Augen falle, so hat er die erlösende Formel für das älteste 
und wichtigste Räthsel der Welt seinem Buche als Titel an 
die Stirn geschrieben: die Welt als Wille und Vorstellung. 

Um bequem aufzufassen, worin das Lösende und Auf- 
klärende dieser Formel zu suchen sei, empfiehlt es sich, sie 
in eine halb bildliche Form umzusetzen: 

Der grundlose erkenntnisslose Wille offenbart sich, unter 
einen Vorstellungsapparat gebracht, als Welt. 

Wenn wir von diesem Satze das subtrahiren, was als das 
Vermächtniss des grossen Kant auf Schopenhauer übergegangen 
ist, und was dieser jederzeit in seiner grossartigen Manier 
mit dem gebührendsten Respekt betrachtet hat: so bleibt 
das eine Wort „Wille" sammt seinen Prädikaten zurück, so- 
mit ein schwergemünztes, vielumschhessendes Wort, wenn 
anders mit ihm ein so bedeutend über Kant hinaus schreiten- 

392 



der Gedanke bezeichnet sein soll, dass sein Entdecker von 
ihm sagen konnte, er halte ihn für dasjenige, was man unter 
dem Namen der Philosophie sehr lange gesucht habe und 
dessen Auffindung ebendaher von den historisch Gebildeten 
für so unmöglich gehalten werde als die des Steins der Weisen. 

Dabei fällt uns zur rechten Zeit ein, dass auch Kant eine 
nicht minder fragwürdige Entdeckung, die altmodisch schnörkel- 
hafte Kategorientafel, als die grösste ergebnissreichste That 
seines Lebens erschien, obwohl mit dem charakteristischen 
Unterschied, dass nach Beendigung des Schwersten, was je- 
mals zum Behuf der Metaphysik unternommen werden 
konnte, Kant sich selbst wie eine gewaltsam hervorbrechende 
Naturkraft anstaunte und die Weihe empfieng, als Reformator 
der Philosophie aufzutreten, wogegen Schopenhauer allezeit 
für seinen angeblichen Fund der genialen Besonnenheit und 
anschaulichen Kraft seines Intellekts Dank weiss. 

Die Irrthümer grosser Männer sind verehrungswürdig, weil 
sie fruchtbarer sind als die Wahrheiten der kleinen. 

Wenn wir also gegenwärtig darangehen jenen vorhin auf- 
gestellten Satz, den Inbegriff des Schopenhauerischen Systems, 
prüfend zu zerlegen, so steht kein Gedanke uns ferner, als 
mit einer solchen Kritik Schopenhauer selbst auf den Leib 
zu rücken, ihm triumphirend die einzelnen Stücke seiner 
Beweise vorzuhalten und am Schluss mit hochgezogenen 
Augenbrauen die Frage aufzuwerfen, wie in aller Welt ein 
Mensch mit einem so durchlöcherten System zu solchen 
Prätensionen komme. 

2. 

In der That darf nicht geleugnet werden, dass auf jenen 
Satz, den wir als den Inbegriff des Schopenhauerischen 
Systems vorangestellt haben, von vier Seiten aus erfolgreiche 
Angriffe gemacht werden können. 

393 



1. Der erste und allgemeinste, gegen Schopenhauer nur 
insofern gerichtet, als er hier nicht, wo es nöthig war, über 
Kant hinaus gieng, hat den Begriff eines Dings an sich im 
Auge und sieht in demselben, um mit Ueberweg zu reden, 
nur eine versteckte Kategorie. 

2. Selbst aber Schopenhauer's Berechtigung zugegeben, auf 
jenen gefährlichen Pfad Kant zu folgen, so ist dasjenige, was er 
an Stelle des Kantischen x setzt, der Wille, nur mit Hülfe einer 
poetischen Intuition erzeugt, während die versuchten logischen 
Beweise weder Schopenhauer noch uns genügen können. 

3. Zudritt sind wir gezwungen uns gegen die Prädikate zu 
verwahren, die Schopenhauer seinem Willen beilegt, welche 
für etwas schlechthin Undenkbares viel zu bestimmt lauten und 
durchweg aus dem Gegensatze zur Vorstellungswelt gewonnen 
sind: während zwischen dem Ding an sich und der Er- 
scheinung nicht einmal der Begriff des Gegensatzes eine 
Bedeutung hat. 

4. Immerhin könnte man zu Gunsten Schopenhauer's gegen 
alle diese 3 Instanzen eine dreifache potenzirte Möglichkeit 
geltend machen: es kann ein Ding an sich geben, allerdings 
in keinem andern Sinn, als auf dem Gebiete der Transcendenz 
eben alles möglich ist, was jemals in eines Philosophen Hirn 
ausgebrütet ist. Dies mögliche Ding an sich kann der Wille 
sein: eine Möglichkeit, die, weil sie aus der Verbindung 
zweier Möglichkeiten entstanden ist, bloss noch die negative 
Potenz der ersten Möglichkeit ist, mit andern Worten schon 
einen starken Schritt nach dem andern Pol zu, der Unmög- 
lichkeit, bedeutet. Wir steigern diesen Begriff einer immer 
abnehmenden Möglichkeit noch einmal, indem wir zugeben, 
dass selbst die Prädikate des Willens, die Schopenhauer an- 
nahm, ihm zukommen können: eben weil zwischen Ding an 
sich und Erscheinung ein Gegensatz zwar unerweislich ist, 
aber doch gedacht werden kann. Gegen einen solchen 

394 



Knäuel von Möglichkeiten würde sich nun zwar jedes sitt- 
liche Denken erklären, aber selbst auf diesen ethischen Ein- 
wand könnte man noch entgegnen, dass der Denker, vor 
dem Räthsel der Welt stehend, eben kein andres Mittel hat 
als zu rathen, in der HoiFnung, dass ein genialer Moment 
ihm das Wort auf die Lippen legt, das den Schlüssel zu 
jener vor Aller Augen liegenden und doch ungelesenen 
Schrift bietet, die wir Welt nennen. Ob dies das Wort 
„Wille" ist? — Hier ist die Stelle, wo wir unser n vierten 
Angriff machen müssen. Das Schopenhauerische Grundgewebe 
verstrickt sich in seinen Händen: zum kleinsten Theil in 
Folge einer taktischen Ungeschicklichkeit seines Urhebers, 
zumeist aber, weil die Welt sich nicht so bequem in das 
System einspannen lasst, als Schopenhauer in der ersten 
Finderbegeisterung gehoift hatte. In seinem Alter klagte er, 
dass das schwerste Problem der Philosophie auch durch seine 
Philosophie nicht gelöst sei. Er meinte damit die Frage nach 
den Grenzen der Individuation. 

3- 

Fürderhin wird uns eine bestimmte Gattung jener Wider- 
sprüche, von denen das Schopenhauerische System durch- 
löchert ist, angelegentlich beschäftigen j eine Gattung von 
äusserst wichtigen und kaum vermeidlichen Widersprüchen, 
die gewissermassen noch unter dem Herzen der Mutter 
ruhend sich schon zum Kriege gegen sie rüsten und die, 
kaum geboren, ihre erste That thun, indem sie die Mutter 
tödten. Sie beziehn sich sämmtlich auf die Grenzen der 
Individuation und haben ihr irp&xov ^suoo? in dem unter 
Nummer 3 berührten Punkte. 

„Der Wille als Ding an sich", sagt Schopenhauer (W. a. 
W. u. V. I. Band, erstes Buch, § 23), „ist von seiner Erscheinung 
gänzlich verschieden und vöUig frei von allen Formen der- 

395 



selben, in welche er eben erst eingeht, indem er erscheint, 
die daher nur seine Objektität betreffen, ihm selbst fremd 
sind. Schon die allgemeinste Form aller Vorstellung, die des 
Objekts für ein Subjekt, trifft ihn nichtj noch weniger die 
dieser untergeordneten, welche insgesammt ihren gemein- 
schafthchen Ausdruck im Satz vom Grunde haben, wohin 
bekanntlich auch Zeit und Raum gehören, und folglich auch 
die durch diese allein bestehende und möglich gewordene 
Vielheit. In dieser letztern Hinsicht werde ich, mit einem 
aus der alten eigentlichen Scholastik entlehnten Ausdruck, 
Zeit und Raum das principium individuationis nennen". In 
dieser Darstellung, der wir in zahllosen Variationen in 
Schopenhauer's Schriften begegnen, überrascht der diktatorische 
Ton, der von jenem durchaus ausserhalb der Erkenntniss- 
p Sphäre liegenden Dinge an sich eine Anzahl negativer Eigen- 
schaften aussagt und somit nicht im Einklang mit der Be- 
hauptung bleibt, dass es von der allgemeinsten Form der 
Erkenntniss, Objekt zu sein für ein Subjekt, nicht getroffen 
werde. Dies drückt Schopenhauer selbst (W. a. W u. V. 
I. Band, erstes Buch, § 22) so aus: „Dieses Ding an sich, 
welches als solches nimmermehr Objekt ist, eben weil alles 
Objekt schon wieder seine blosse Erscheinung, nicht mehr 
es selbst ist, musste, ivenn es demjoch objektiv gedacht werden 
sollte, Na7nen und Begriff von einem Objekt borgen, von 
etwas irgendwie objektiv Gegebenem, folgUch von einer 
seiner Erscheinungen." Schopenhauer verlangt also, dass 
etwas, was nie Objekt sein kann, dennoch objektiv gedacht 
werden soll: auf welchem Wege wir aber nur zu einer 
scheinbaren Objektivität gelangen können, insofern ein durch- 
aus dunkles unfassbares x mit Prädikaten wie mit bunten 
Kleidern behängt wird, die einer ihm selbst fremden Welt, 
der Erscheinungswelt, entnommen sind. Die Forderung ist 
nachher, dass wir die umgehängten Kleider, nämüch die 

39d 



Prädikate, für das Ding an sich ansehn sollen: denn das 
bedeutet der Satz „wenn es dennoch objektiv gedacht werden 
soll, muss es Namen und Begriff von einem Objekt borgen". 
Der Begriff „Ding an sich" wird also, „weil es so sein soll", 
heimlich bei Seite geschafft und uns ein anderer in die 
Hand gedrückt. 

Der geborgte Name und Begriff ist eben der Wille, „weil 
er die deutlichste, am meisten entfaltete, vom Erkennen un- 
mittelbar beleuchtete Erscheinung des Dings an sich ist". 
Doch das geht uns hier nichts an: wichtiger ist für uns, 
dass auch die sämmtlichen Prädikate des Willens von der 
Erscheinungswelt geborgt sind. Freilich macht Schopenhauer 
hier und da den Versuch, den Sinn dieser Prädikate als 
gänzlich unfassbar und transscendent darzustellen, z. B. 
(W. a. W. u. V. IL Band, zweites Buch, Kapitel 25) „die Einheit 
jenes Willens, in welchem wir das Wesen an sich der Er- 
scheinungswelt erkannt haben, ist eine metaphysische, mit- 
hin die Erkenntniss derselben transscendent, d. h. nicht auf 
den Funktionen unsers Intellekts beruhend und daher mit 
diesen nicht eigentlich zu erfassen." Vgl. dazu W. a. W. 
u. V. I. Band, erstes Buch, § 23 u. 25. Wir überzeugen uns 
aber aus dem ganzen System Schopenhauer's, und besonders 
allerdings aus der ersten Darstellung desselben im ersten 
Bande der W. a. W. u. V, dass er, wo es ihm irgend passt, 
den menschlichen und durchaus nicht transscendenten Ge- 
brauch der Einheit im Willen sich erlaubt und im Grunde 
nur dann auf jene Transscendenz recurrirt, wo die Lücken des 
Systems sich ihm zu sichtlich darstellen. Es ist also mit dieser 
„Einheit" wie mit dem „Willen", es sind aus der Erscheinungs- 
welt genommene Prädikate des Dings an sich, unter denen 
der eigentliche Kern', eben das Transscendentale, sich ver- 
flüchtigt. Es gilt eben von den drei Prädikaten, der Einheit, 
Ewigkeit (d. h. Zeitlosigkeit), Freiheit (d. h. Grundlosigkeit), 

397 



was von dem Ding an sich gilt: sie alle sind sammt und 
sonders unzertrennlich mit unsrer Organisation verknüpft, 
so dass es völlig zweifelhaft ist, ob sie ausserhalb der mensch- 
lichen Erkenntnisssphäre überhaupt eine Bedeutung haben. 
Dass sie aber dem Ding an sich zukommen sollen, weil ihre 
Gegensätze in der Erscheinungswelt dominiren, das wird 
uns weder Kant noch Schopenhauer beweisen, ja nicht 
einmal wahrscheinlich machen können, letzterer vor allem 
deshalb nicht, weil sein Ding an sich, der Wille, mit jenen 
drei Prädikaten nicht auskommen und haushalten kann, son- 
dern fortwährend genöthigt ist, ein Anlehen bei der Er- 
scheinungswelt zu machen, d. h. den Begriff der Vielheit, 
Zeitlichkeit und der Causalität auf sich zu übertragen. 

Dagegen behält seine volle Richtigkeit, wenn er (I. Band, 
zweites Buch, § 17) sagt, dass „von aussen dem Wesen der 
Dinge nimmermehr beizukommen ist: wie immer man auch 
forschen mag, so gewinnt man nichts als Bilder und Namen'^ 

4. 
Der Wille erscheint; wie konnte er erscheinen? Oder 
anders gefragt: woher der Vorstellungsapparat, in dem der 
Wille erscheint? Schopenhauer antwortet mit einer ihm 
eigenthümlichen Wendung, indem er den Intellekt als eine 
jjLTjxav-^ des Willens bezeichnet (II. Band, zweites Buch, 
Kapitel 22). Die Steigerung aber der Gehirnentwicklung werde 
durch das sich immer mehr erhöhende und complicirende 
Bedürfniss der entsprechenden Erscheinungen des Willens 
herbeigeführt. Das erkennende und bewusste Ich sei somit 
im Grunde tertiär, indem es den Organismus voraussetzt, 
dieser aber den Willen (W. a. W. u. V. IL Band, zweites 
Buch, Kapitel 22). Schopenhauer denkt sich somit eine 
Stufenfolge von Willenserscheinungen mit fortwährend sich 
steigernden Existenzbedürfnissen: um diese zu befriedigen, 

398 



bediene sich die Natur einer entsprechenden Stufenfolge 
von Hülfsmitteln, unter denen auch der Intellekt vom kaum 
dämmernden Empfinden an bis zu seiner äussersten Klarheit 
seine Stelle habe. Bei einer derartigen Anschauung wird eine 
Erscheinungswelt vor die Erscheinungswelt gesetzt: wenn 
wir nämlich die Schopenhauerischen termini über das Ding 
an sich festhalten wollen. Auch schon vor der Erscheinung 
des Intellekts sehen wir das principium individuationis, das 
Gesetz der Causalität in voller Wirksamkeit. Der Wille 
ergreift das Leben in voller Hast und sucht auf alle Weise 
in die Erscheinung zu treten; er beginnt bescheidener Weise 
mit den untersten Stufen und dient gewissermassen von der 
Pike auf In dieser Gegend des Schopenhauerischen Systems 
ist schon alles in Worte und Bilder aufgelöst: von den ur- 
anfänglichen Bestimmungen des Dings an sich ist alles, fast 
bis auf die Erinnerung verloren gegangen. Und wo diese 
einmal dazwischen tritt, da dient sie nur dazu, den vollendeten 
Widerspruch in volle Tagesbeleuchtung zu stellen. Parerga, 
Band II, Kapitel VI § 87, zur Philosophie und Wissenschaft 
der Natur: „Die allem Leben auf der Erde vorhergegangenen 
geologischen Vorgänge sind in gar keinem Bewusstsein da- 
gewesen: nicht im eigenen, weil sie keines haben j nicht in 
einem fremden, weil keines da war. Also sie waren über- 
haupt nichtj oder was bedeutet denn noch ihr Dagewesen- 
sein? — Es ist im Grunde ein bloss hypothetisches: nämlich 
v)enn zu jenen Urzeiten ein Bewusstsein dagewesen wäre, so 
würden in demselben solche Vorgänge sich dargestellt haben: 
dahin leitet uns der Regressus der Erscheinungen: also lag es 
im Wesen des Dinges an sich, sich in solchen Vorgängen darzu- 
stellen." Sie sind, wie Schopenhauer auf derselben Seite sagt, nur 
Uebersetzungen in die Sprache unsres anschauenden Intellekts. 
Aber, fragen wir nach diesen besonnenen Ausführungen, 
wie war dann jemals die Entstehung des Intellekts möglich? 



399 



Das Dasein der letzten Stufe vor Erscheinung des Intellekts 
ist doch gewiss eben so hypothetisch als das jeder früheren, 
d. h. sie war nicht vorhanden, weil kein Bewusstsein vor- 
handen war. Auf der nächsten soll nun der Intellekt er- 
scheinen, d. h. aus einer nicht existirenden Welt soll plötzlich 
und unvermittelt die Blume der Erkenntniss hervorbrechen. 
Dies soll zugleich in einer Sphäre der Zeitlosigkeit und 
Raumlosigkeit geschehn sein, ohne Vermittlung der Causalität: 
was aber aus einer solchen ent weltlichten Welt stammt, muss 
selbst — nach den Schopenhauerischen Sätzen — Ding an 
sich sein: entweder ruht nun der Intellekt als ein neues 
Prädikat ewig zusammengeschlossen mit dem Ding an sich; 
oder es kann keinen Intellekt geben, weil niemals ein Intellekt 
werden konnte. 

Aber es existirt einer: folglich würde er nicht ein Werkzeug 
der Erscheinungswelt, wie Schopenhauer will, sein können, 
sondern Ding an sich sein, d. h. Wille. Das Schopenhauerische 
Ding an sich würde also zugleich principium individuationis 
und Grund der Necessitation sein: mit andern Worten: 
die vorhandene Welt. Er wollte das x einer Gleichung 
finden: und es ergiebt sich aus seiner Rechnung, dass es = x 
ist, d. h. dass er es nicht gefunden hat. 

Es ist zu beachten, mit welcher Behutsamkeit Schopenhauer 
der Frage nach dem Ursprung des Intellekts aus dem Wege 
geht: sobald wir in die Region dieser Frage kommen und 
im Stillen hoffen, dass es jetzt kommen werde, da verbirgt 
er sich gewissermassen hinter Wolken: obwohl es ganz 
ersichtlich ist, dass der Intellekt im Schopenhauerischen Sinn 
schon eine im principium individuationis und den Gesetzen 
der CausaHtät befangene Welt voraussetzt. Einmal, soweit 
ich sehe, liegt ihm dies Bekenntniss auf der Zunge : aber er 
würgt es auf eine so seltsame Weise herunter, dass wir 
hierauf näher eingeh n müssen. W. a. W. u. V. II. Band, 

400 



zweites Buch, Kapitel 22: „Gehen wir nun, in der objektiven 
Auffassung des Intellekts, so weit wir irgend können, zurückj 
so werden wir finden, dass die Nothwendigkeit, oder das 
Bedürfniss der Erkenntniss überhaupt entsteht aus der Vielheit 
und dem getrennten Dasein der Wesen, also aus der Individuation. 
Denn denkt man sich, es sei nur ein einziges Wesen vor- 
handen 5 so bedarf ein solches keiner Erkenntnisse weil nichts 
da ist, was von ihm selbst verschieden wäre, und dessen 
Dasein es daher erst mittelbar, durch Erkenntniss, d. h. Bild 
und Begriff, in sich aufzunehmen hätte. Es wäre eben selbst 
schon Alles in Allem, mithin bliebe ihm nichts zu erkennen, 
d. h. nichts Fremdes, das als Gegenstand, Objekt, aufgefasst 
werden könnte, übrig. Bei der Vielheit der Wesen hingegen 
befindet jedes Individuum sich in einem Zustande der 
Isolation von allen übrigen, und daraus entsteht die Noth- 
wendigkeit der Erkenntniss. Das Nervensystem, mittelst 
dessen das thierische Individuum zunächst sich seiner selbst 
bewusst wird, ist durch seine Haut begrenzt: jedoch, im 
Gehirn bis zum Intellekt gesteigert, überschreitet es die 
Grenze, mittelst seiner Erkenntnissform der Kausalität, und 
so entsteht ihm die Anschauung, als ein Bewusstsein anderer 
Dinge, als ein Bild von Wesen in Raum und Zeit, die sich 
verändern, gemäss der Kausalität." 

5. Idee. 

6. Charakter. 

7. Teleologie und Gegensatz. 
8.-) 



') [Lücke im Manuskript.] 



26 Nietzsche I 4*^1 



Der Stil in philosophischen Schriften. 

(Frühjahr i8<58.) 

Es kommt bei der Beurtheilung der Stilfrage darauf an, 
was man von dem Philosophen verlangt. 

Ob der Zweck die reine wissenschaftliche Erkenntniss ist 
oder das Populärmachen philosophischer Erkenntnisse. 

Ob er Belehrung oder Erbauung sei etc. 

Es ist dies das Zeitalter Schopenhauers j ein gesunder 
Pessimismus, der zum Hintergrund das Ideal hat, ein mannes- 
kräftiger Ernst, eine Abneigung gegen das Hohle, Substanz- 
lose und Zuneigung zum Gesunden und Einfachen. 

Im Gegensatz zu Kant ist Schopenhauer der Dichter, im 
Gegensatz zu Goethe ist er der Philosoph. 

Gegen Kant ist er naiv und klassisch. 

Er hat überhaupt einen Stil: während die meisten Philo- 
sophen ihn nicht haben und einige leugnen, dass Wissen- 
schaften wie Mathematik, Logik u. s. w. ihn haben können. — 

Man kann öfter beurtheilen, wo er neu ansetzt, wo er in 
Fluss und genialen Schwung geräth. 

Auch die Urtheile Schopenhauers haben eine klassische 
Ursprünglichkeit: vieles, was schon als Erbgut der Völker 
ganz abgeschhffen und flach geworden ist, tritt bei ihm als 
eine Neuschöpfung auf. Er hat verachtete Münzen gereinigt 
und ihren Goldglanz enthüllt. 

Schopenhauer ist der Philosoph einer wiedererweckten 
Klassicität, eines germanischen Hellenenthums. 

402 



Schopenhauer ist der Philosoph eines regenerirten Deutsch- 
lands, insofern stand er auch weit über seiner Zeit, die ihm 
jetzt anfängt näher zu kommen. Er ist nüchterner als seine 
Zeitperiode, zugleich gesünder, doch auch schöner und 
ideeller als selbe, vor allem aber wahrer. Er ist der wahrste 
Philosoph: der kräftigste Brustsauger aus den Philosophen. 

Für Schopenhauer ist Philosophie ein ungestümer Trieb. 



26" 



403 



Ueber Ethik. 

(Frühjahr 1868.) 

Man wirft der Schopenhauerischen Ethik vor, dass sie keine 
imperative Form habe: 

Das Ding, was die Philosophen Charakter nennen, ist eine 
unheilbare Krankheit. Eine imperative Ethik ist eine solche, 
welche mit den Krankheitssymptomen zu thun hat und, 
indem sie gegen diese kämpft, den Glauben hat, den einheit- 
lichen Grundstock, das Urübel zu beseitigen. Wer gar die 
praktische Ethik auf Aesthetik gründen will, der wäre wie 
ein Arzt, der nur die Symptome bekämpfte, welche hässlich 
und wider den guten Geschmack wären. 

Philosophisch betrachtet ist es gleich, ob ein Charakter 
sich äussert oder ob seine Aeusserungen zurückgehalten 
werden; nicht erst der Gedanke, nein schon die Constitution 
macht den Mörder, er ist schuldig ohne That. Es giebt 
eine ethische Aristokratie anderseits, wie es eine geistige 
giebt: in sie kann man weder durch Adelsverleihungen noch 
durch Heirath kommen. 

In wiefern ist nun Erziehung, Volksunterricht, Katechis- 
mus berechtigt, ja nothwendig? 

Der unveränderliche Charakter wird in seinen Aeusserungen 
durch seine Umgebung und Bildung beeinflusst: nicht in 
seinem Wesen. Eine Volksethik will also im allgemeinen 
Wohl die schlechten Aeusserungen möglichst unterdrücken 5 
ein Unternehmen, das viel Aehnhchkeit mit der Polizei hat. 
Das Mittel ist eine Religion mit Belohnungen und Strafen j 

404 



es kommt eben nur auf die Aeusserungen an: deshalb kann 
der Katechismus sagen: Du sollst nicht tödten. Du sollst nicht 
fluchen u. s. w. Unsinnig aber ist der Imperativ: „sei gut!" 
wie es jener andre ist „sei weise", „sei ein Talent". 

Das „allgemeine Wohl" ist nicht die Sphäre der Wahrheit 5 
denn die Wahrheit verlangt gesagt zu werden, auch wenn 
sie hässlich und unethisch ist. 

Zugegeben z. B. dass die Lehre Schopenhauer's (doch auch 
des Christenthums) von der erlösenden Kraft der Leiden 
wahr ist, so wäre es eine Sorge für das „allgemeine Wohl" 
die Leiden nicht zu mindern, ja vielleicht sie zu mehren, 
nicht nur für sich, sondern für andere. An dieser Grenze 
wird die praktische Ethik hässlich, ja consequente Menschen- 
quälerei. Aehnhch ist die Wirkung des Christenthums ent- 
nervend, wenn es gebietet, vor jeder Art von Obrigkeit 
Respekt zu haben etc., insgleichen jedes Leiden ohne Ver- 
such der Abwehr über sich ergehn zu lassen. 



405 



Die Teleologie seit Kant. 

(Frühjahr i8ö8.) 

Kant sucht zu erweisen, dass eine Nöthigung existire, uns 
die Naturkörper als prämeditirt d. h. nach ZweckbegrifFen zu 
denken. Ich kann nur zugeben, dass dies eine Art ist, sich 
die Teleologie zu erklären. 

Die Analogie der menschlichen Erfahrung stellt daneben 
noch die zufallige d. h. die nicht meditirte Entstehung des 
Zweckmässigen, z. B. in dem glücklichen Zusammentreffen 
von Talent und Schicksal, Lotterielosen etc. 

Also: in der unendlichen Fülle von wirklichen Fällen 
müssen auch die günstigen und zweckmässigen sein. 

Die Nöthigung, von der Kant spricht, existirt für unsre 
Zeit kaum mehr: man denke aber daran, dass selbst Voltaire 
den teleologischen Beweis für unbezwinglich hielt. 

Optimismus und Teleologie gehn Hand in Hand: beiden 
liegt daran, das Unzweckmässige zu bestreiten als etwas 
wirklich Unzweckmässiges. 

Gegen Teleologie im Allgemeinen ist die Waffe: Nach- 
weis des Unzweckmässigen. Dadurch wird nur erwiesen, 
dass die höchste Vernunft nur sporadisch gewirkt hat, dass 
es auch ein Terrain für geringere Vernunft giebt. Es giebt 
also keine einheitliche teleologische Weltj doch eine schaffende 
Intelligenz. 

Die Annahme einer solchen wird nach menschlicher Ana- 
logie gemacht: warum kann es nicht eine unbewußt das 

4o5 



Zweckmässige schaffende Macht d. h. Natur geben: man 
denke an den Instinkt der Thiere. Dies der Standpunkt der 
Naturphilosophie. 

Man legt also das Erkennende nicht mehr ausserhalb der 
Welt. Aber wir bleiben in der Metaphysik stecken und 
müssen ein Ding an sich heranziehn. 

Schliesslich kann auf streng menschlichem Standpunkte eine 
Lösung möglich sein: die empedokleische, wo das Zweck- 
mässige nur als ein Fall unter vielem Unzweckmässigem 
erscheint. 

Zwei metaphysische Lösungen sind versucht: die eine, 
grob anthropologische, stellt einen idealen Menschen ausser- 
halb der Welt, die andre, ebenfalls metaphysische, flüchtet 
in eine intelligible Welt, in der der Zweck den Dingen 
immanent ist. 

Naturphilosophisch. 

Die einfache Idee tritt in Vielheit der Theile und Zustände 
des Organismus auseinander, aber sie bleibt als Einheit in 
der nothwendigen Verknüpfung der Theile und Funktionen. 
Dies macht der Intellekt. 

Die Zweckmässigkeit des Organischen, die Gesetzmässigkeit 
des Unorganischen ist von unserm Verstände in die Natur 
hineingebracht. 

Dieselbe Idee, erweitert, giebt die Erklärung der äussern 
Zweckmässigkeit. Das Ding an sich muss seine Einheit 
zeigen in der Uebereinstimmung aller Erscheinungen. Alle 
Theile der Natur kommen einander entgegen, weil ein 
Wille da ist. 

Aber den Gegensatz zur ganzen Theorie bildet jener 
schreckliche Kampf der Individuen (die doch auch eine Idee 
manifestiren) und der Gattungen. Die Erklärung setzt also 
eine durchgehende Teleologie voraus: die nicht existirt. Das 

407 



Schwierige ist eben die Vereinigung der teleologischen und 
unteleologischen Welt. 

Die Stellung des Problems. 

Kant's Zurückweisung von Lösungsversuchen. 

Lösungen der Naturphilosophen. 

Kritik von Kant's Ansicht. 

Die Frage hat darin Aehnlichkeit mit der nach der Freiheit 
des menschlichen Willens, dass man ihre Lösungen im Ge- 
biete einer intelligibeln W^elt suchte, weil man eine coordi- 
nirte Möglichkeit übersah. 

Es giebt keine Frage, die nothwendig nur durch die 
Annahme einer intelligibeln W^elt gelöst wird. 

Teleologie: innere Zweckmässigkeit. Wir sehen eine 
complicirte Maschine, die sich erhält und können nicht 
einen andern Bau aussinnen, wie sie einfacher zu construiren 
sei. Das heisst aber nur: die Maschine erhält sich, also ist 
sie zweckmässig. Ein Urtheil über „höchste Zweckmässig- 
keit" steht uns nicht zu. Wir könnten also höchstens auf 
eine Vernunft schliessen, haben aber kein Recht, sie als eine 
höhere oder niedre zu bezeichnen. 

Eine äussere Zweckmässigkeit ist eine Täuschung. 

Dagegen ist uns die Methode der Natur bekannt, wie ein 
solch „zweckmässiger" Körper entsteht, eine sinnlose Methode. 
Demnach erweist sich die Zweckmässigkeit nur als Lebens- 
fähigkeit, d. h. als conditio sine qua non. Der Zufall kann 
die schönste Melodie finden. 

Zweitens kennen wir die Methode der Natur, wie solch 
ein zweckmässiger Körper erhalten wird. Mit sinnlosem 
Leichtsinn. 

408 



Die Teleologie wirft aber eine Menge Fragen auf, die 
unlösbar sind oder bis jetzt nicht gelöst sind. 

Der Weltorganismus, Ursprung des Bösen gehört nicht 
hierher. Aber z. B. die Entstehung des Intellektes. 

Ist es nöthig, der Teleologie eine erklarte Welt entgegen- 
zustellen? 

Es ist nur eine andre Wirklichkeit auf einem abgegrenzten 
Gebiete nachzuweisen. 

Gegenannahme : die sich offenbarenden logischen Gesetze 
können auf höheren Stufen höhere sein. Aber wir dürfen 
gar nicht von logischen Gesetzen reden. 

Zweckmässig. 

Wir sehen eine Methode zur Erreichung des Zweckes oder 
richtiger : wir sehen die Existenz und ihre Mittel und schhessen, 
dass diese Mittel zweckmässig sind. Darin liegt noch nicht 
die Anerkennung eines hohen, gar eines höchsten Vernunft- 
grades. 

Wir staunen sodann das Complicirte an und muthmassen 
(nach menschlicher Analogie) darin eine besondere Weisheit. 

Das Wunderbare ist uns eigentlich das organische Leben: 
und alle Mittel, dies zu erhalten, nennen wir zweckmässig. 
Weshalb hört in der unorganischen Welt der Begriff des 
Zweckmässigen auf? Weil wir hier lauter Einheiten haben, 
nicht aber zusammengehörige in einander arbeitende Theile. 

Die Beseitigung der Teleologie hat einen praktischen 
Werth. Es kommt nur darauf an, den Begriff einer höheren 
Vernunft abzulehnen: so sind wir schon zufrieden. 

Schätzung der Teleologie in ihrer Würdigung für die 
menschliche Ideenwelt. 



409 



Die Teleologie ist wie der Optimismus nur ein ästhetisches 
Produkt. 

Die strenge Nothwendigkeit von Ursache und Folge 
schliesst die Zwecke in der unbewussten Natur aus. Denn 
da die ZweckvorstelJungen nicht in der Natur erzeugt sind, 
müssen sie als ausserhalb der Causalität liegende hier und 
da eingeschobene Motive betrachtet werden j wodurch eben 
die strenge Nothwendigkeit fortwährend unterbrochen wird. 
Das Dasein ist mit Wundern durchlöchert. 

Die Teleologie als Zweckmässigkeit und Folge bewusster 
Intelligenz treibt immer weiter. Man fragt nach dem Zwecke 
dieses vereinzelten Eingreifens und steht hier vor der reinen 
Willkür. 

Ordnung und Unordnung giebt es nicht in der Natur. 
Wk schreiben dem Zufall die Wirkungen zu, deren Ver- 
knüpfung mit den Ursachen wir nicht sehen. 

Die Dinge existieren, also müssen sie existieren können d. h. 
sie müssen die Bedingungen zur Existenz haben. 

Wenn der Mensch etwas anfertigt d. h. existenzfähig 
machen will, so überlegt er, unter welchen Bedingungen 
dies geschehn könne. Er nennt die Bedingungen zur Exi- 
stenz am verfertigten Werke nachher ziueckmassig. 

Deshalb nennt er auch die Existenzbedingungen der Dinge 
ZToeckmassig: d. h. nur unter der Annahme, sie seien wie 
menschliche Werke entstanden. 

Wenn ein Mensch aus einer Urne ein Loos zieht und 
dies nicht das Todesloos ist: so ist dies weder unzweck- 
mässig noch zweckmässig, sondern, wie der Mensch sagt, 
zufällig d. h. ohne vorhergegangene Ueberlegung. Aber es 
giebt die Bedingung seiner Fortexistenz an. 

410 



„Die Organisation der Natur hat nichts Analogisches mit 
irgend einer Causalität, die wir kennen" (d. h. der Organis- 
mus), sagt Kant, Kritik der teleologischen Urtheilskraft (§ 6$). 

„Ein Organismus ist das, in welchem alles Zweck und 
wechselseitig auch Mittel ist" (§ 66).') 

„Jedes Lebendige, sagt Goethe, ist kein Einzelnes, sondern 
eine Mehrheit: selbst insofern es uns als Individuum er- 
scheint, bleibt es doch eine Versammlung von lebendigen 
selbständigen Wesen". (Goethe, Bildung und Umbildung 
organischer Naturen. Einleitendes.) 

Sehr wichtig Goethe (Zur Naturphilosophie im Allge- 
meinen, Anschauende Urtheilskraft) zum Ursprung seiner 
Naturphilosophie aus einem Kantischen Satze. 

Was der Verstand durch seinen Begriff von der Natur 
erkennt, ist nichts als Wirkung bewegender Kraft d. h. 
Mechanismus. Was nicht bloss mechanisch erkannt wird, 
das ist keine exakte naturwissenschafthche Einsicht. 

Mechanisch erklären heisst aus äusseren Ursachen erklären. 

Die Spezification ist aus äusseren Ursachen nicht zu er- 
klären. Nichts aber ohne Ursache. Also innere Ursachen 
d. h. Zwecke d. h. Vorstellungen. 

Eine Betrachtungsweise ist noch keine Erkenntniss. 

Das Princip einer solchen nothwendigen Betrachtungsweise 
muss ein Vernunftbegriff sein. Das einzige Princip dieser 
Art ist die natürliche Zweckmässigkeit. 

Durch den Begriff der mechanischen Gesetzmässigkeit kann 
der Weltbau^ aber kein Organismus erklärt werden. 

Es ist unmöglich, die natürliche Zweckmässigkeit vorzu- 
stellen als der Materie innewohnend. 

Materie ist nur äussere Erscheinung. 

^) [Die ohne nähere Titelangabe gebrachten Paragraphen beziehen sich 
auf Kants Kritik der Urteilskraft.] 

411 



Die Zweckmässigkeit der Dinge kann immer nur in Rück- 
sicht auf eine Intelligenz gelten, mit deren Absicht das Ding 
übereinstimmt. Und zwar entweder unsre eime oder eine 
fremdej die dem Dinge selbst zu Grunde liegt. Im letzten 
Fall die Absicht, die sich in der Erscheinung offenbart, das 
Dasein des Dings. Im andern Falle wird nur unsere Vor- 
stellung von dem Dinge als zweckmässig beurtheilt. Diese 
letztere Art von Zweckmässigkeit bezieht sich nur auf die 
Form (in der blossen Betrachtung des Objekts harmonieren 
Einbildungskraft und Intelligenz.). Nur die mechanische Ent- 
stehungsart der Dinge ist erkennbar. 

Eine Klasse von Dingen ist nicht erkennbar. 
Wir verstehen nur einen Mechanismus. 
Die mechanische Entstehung der Dinge ist erkennbar, aber 
wir können nicht wissen, ob es nicht eine total verschiedene 
giebt. 

Es ist in unsrer Organisation bedingt, nur eine mechanische 
Entstehung der Dinge zu verstehen. 

Nun giebt es auch (s. Kant) in unserer Organisation einen 
Zwang, der uns an Organismen glauben macht. 
Vom Standpunkt der menschlichen Natur: 

wir erkennen nur den Mechanismus; 
wir erkennen nicht den Organismus. 
Nun aber ist Mechanismus wie Organismus nichts dem 
Ding an sich zukommendes. 

Der Organismus ist eine Form. Sehen wir von der Form 
ab, ist es eine Vielheit. 

Der organische Körper ist eine Materie, deren Theile mit- 
einander zweckmässig verknüpft sind. Darum verlangen wir 
Ursachen, die im Stande sind, die Theile einer Materie 
zweckmässig zu verknüpfen, d. h. sagt Kant (§ 65, 66) 
„organisirende Ursachen, die gedacht werden müssen als 
wirksam nach Zwecken." 

412 



Darin liegt aber ein Sprung. Es ist nur nöthig, eine co- 
ordinirte Möglichkeit aufzuweisen, um das Zwingende der 
Vorstellung Kant's zu beseitigen. Der Mechanismus verbunden 
mit dem Casualismus giebt diese Möglichkeit. 

Das was Kant fordert, fordert er nach einer schlechten 
Analogie: da es nämlich nach seinem Bekenntniss „nichts 
dem Zweckmässigkeitsverhältniss des Organismus Aehnliches 

giebt" (§ 6s). 

Das Zweckmässige entstanden als ein Spezialfall des Mög- 
lichen: eine Unzahl Formen entstehn d. h. mechanische Zu- 
sammensetzungen: unter diesen zahllosen können auch lebens- 
fähige sein. Die Voraussetzung ist, dass das Lebendige aus 
Mechanismus entstehn könne. Das leugnet Kant. 

In Wahrheit steht nur fest, dass wir nur das Mechanische 
erkennen. Was jenseits unsrer Begriffe ist, ist völlig uner- 
kennbar. Die Entstehung des Organischen ist insofern eine 
hypothetische, als wir uns vorstellen, es sei ein menschlicher 
Verstand zugegen gewesen. Nun ist aber auch der BegrüF 
des Organischen nur menschhch: hinzuweisen ist auf das 
Analoge: das Lebensfähige entsteht unter einer Unmenge 
von Lebensunfähigem. Damit nähern wir uns der Lösung 
des Organismus. 

Wir sehen, dass vieles Lebensfähige entsteht und erhalten 
wird und sehen die Methode. 

Gesetzt die Kraft, die im Lebensfähigen und in dem 
Hervorbringenden und Erhaltenden wirkt, sei dieselbe: so 
ist diese sehr unvernünftig. Dies ist aber die Annahme der 
Teleologie. 

„Die Idee der Wirkung ist der Begriff des Ganzen" (§ 6$). 
„Im Organismus ist das wirkende Princip die Idee der zu 
erzeugenden Wirkung" (§ 6$). 

Der Begrüf des Ganzen ist aber unser Werk. Hier liegt 

413 



die Quelle der Vorstellung des Zwecks. Der Begriff des 
Ganzen liegt nicht in dem Dinge, sondern in uns. 

Diese Einheiten, die wir Organismen nennen, sind aber 
wieder Vielheiten. 

Es giebt in Wirklichkeit keine Individuen, vielmehr sind 
Individuen und Organismen nichts als Abstraktionen. 

In die von uns gemachten Einheiten tragen wir nachher 
die Zweckidee. 

Wir nehmen an, dass die Kraft, die Organismen einer An 
hervorbringt, eine einheitliche sei. Dann ist die Methode 
dieser Kraft, wie sie die Organismen schafft, erhält, zu be- 
achten. 

Hier erweist sich, dass wir zweckmässig nur nennen, was 
sich lebensfähig erweist. 

Das Geheimniss ist nur das „Leben". 

Ob auch dies nur eine in der Organisation bedingte 
Idee ist? 

„Die rasende Verschwendung setzt uns in Erstaunen". 
Schopenhauer (Welt als Wille und Vorstellung Band II, 
Zweites Buch. Kapitel 26) sagt: „Der Natur kosten die 
Werke keine Mühe" 5 darum ist die Zerstörung gleichgültige 
Natur. 

Schopenhauer meint, dass es eine Analogie zu dem Orga- 
nismus gebe (Vv^elt als Wille und Vorstellung a. a. O.). 
„Der Wille das Bewegende, was ihn bewegt, das Motiv 
(causa finalis)". 

Goethe's Versuche. 

Die Metamorphose gehört zu den Erklärungen des Or- 
ganischen aus der der ivirkenden Ursache. 

Jede lüirkende Ursache beruht schliesslich auf einem Uner- 
forschlichen. (Das eben beweist, dass dies der richtige mensch- 
liche Weg ist.) 

414 



Deshalb verlangt man nicht bei der unorganischen Natur 
nach den Endursachen, weil hier nicht Individuen, sondern 
Kräfte zu bemerken sind; d. h. weil wir alles mechanisch 
auflösen können und in Folge davon nicht mehr an Zwecke 
glauben. 

Ein falscher Gegensatz. 

Wenn in der Natur nur mechanische Kräfte walten, so 
sind auch die zweckmässigen Erscheinungen nur scheinbare, 
ihre Zweckmässigkeit ist unsre Idee. 

Die blinden Kräfte handeln absichtslos, also können sie 
nichts Zweckmässiges bewirken. Das Lebensfähige ist nach 
einer unendlichen Kette misslungener und halbgelungener 
Versuche gebildet. 

Das Leben, der Organismus beweist keine höhere Intelli- 
genz: überhaupt keinen durchgehenden Grad von Intelligenz. 
Das Dasein der Organismen zeigt nur blindwirkende Kräfte. 

1. Beseitigung der erweiterten Vorstellung von Teleologie. 

2. Grenzen des Begriffs. Das Zweckmässige in der Natur. 

3. Zweckmässig gleich existenzfähig. 

4. Organismen als Vielheiten und Einheiten. 

„Die Vorstellung des Ganzen als Ursache gedacht ist der 
Zweck" (§ 77). 

Das „Ganze" ist aber selbst nur eine Vorstellung. 

Kant (§ 77): 

„Möglich, dass Organismen rein mechanisch entstanden 
sind. UnmögHch, dass wir sie mechanisch ableiten können. 
Weshalb? Der Verstand ist diskursiv, nicht intuitiv j er kann 
das Ganze nur aus den Theilen begreifen und zusammen- 
setzen. Im Organismus aber sind die Theile durch das 

415 



Ganze bedingt. Nun sucht der Verstand vom Ganzen aus- 
zugehen, das ihm nicht in der Anschauung sondern nur in 
der Vorstellung gegeben ist. Die Vorstellung des Ganzen 
soll also die Theile bedingen: die Vorstellung des Ganzen 
als Ursache, d. h. Zweck". 

„Soll der Verstand das Ganze nur aus den Theilen be- 
greifen, so verfährt er mechanisch, soll er die gegebenen 
Theile aus dem Ganzen begreifen, so kann er sie nur aus 
dem Begrijfe des Ganzen ableiten. Kurz, es fehlt an Intuition." 

Naturgemässe Polemik. 

Es wird zuerst geleugnet, dass das Ganze im Organismus 
ein wirkliches ist, d. h. der Begriff der Einheit wird geprüft 
und auf die menschliche Organisation zurückgeschoben. 

Davon dürfen wir also nicht ausgehen. 

Im Organismus sind nicht nur die Theile durch das Ganze 
bedingt, sondern das Ganze auch durch die Theile. 

Also, wenn anders die Organismen mechanisch entstanden 
sind, so müssen sie auch ableitbar sein. 

Zugegeben, dass wir bloss eine Seite im Auge behalten. 

Nun werden die Theile zunächst betrachtet und in ihre 
Theile zerlegt: so kommt man z. B. zur Zelle. 

Unter der Voraussetzung, dass die Organismen mechanisch 
entstanden sind. Wenn aber auch ein Zweckbegriff mit thätig 
war, so geschah trotzdem die Schöpfung durch Mechanismus 
(wie Kant zugiebt). Es muss sich also ein Mechanismus 
nachweisen lassen. 

Zweckursachen ebenso wie Mechanismus sind menschliche 
Anschauungsweise. Rein erkennt man nur das Mathematische. 

Das Gesetz (in der unorganischen Natur) ist als Gesetz 
etwas den Zweckursachen Analoges. 

41Ö 



Was in der Natur nicht blos mechanisch verfasst ist, das 
ist kein Verstandesobjekt. 

Es lässt sich nur das streng Mathematische in der Natur 
erklären. 

Mechanisch erklären heisst aus äusseren Ursachen erklären 
(diese Definition wird eingeführt, um nachher die inneren 
entgegenzustellen). 

Mechanisch erklären heisst vielmehr .... 

„Nur so viel sieht man vollständig ein, als man nach Be- 
griffen selbst machen und zu Stande bringen kann." 

Also kann man nur das Mathematische vollständig ein- 
sehen (also formale Einsicht). 

Im Uebrigen steht man vor dem Unbekannten. Dies zu 
bewältigen erfindet der Mensch Begriffe, die aber nur eine 
Summe erscheinender Eigenschaften zusammenfassen, dem 
Ding aber nicht auf den Leib rücken. 

Dahin gehören Kraft, Stoff, Individuum, Gesetz, Organis- 
mus, Atom, Zweckursache. 

Dies sind keine constitute, sondern nur reflektirende 
Urtheile. 

Unter Mechanismus versteht Kant die Welt ohne Zweck- 
ursachen: die Welt der Causalität. 

Die Krystallisation können wir auch nicht ohne die Idee 
der Wirkung uns vorstellen. 

Die Entstehung und Erhaltung organischer Wesen — in- 
wiefern gehört sie zu den Zweckursachen? 

Zwecke der Natur: in Zeugung, Erhaltung des Individuums 
und der Art. Damit vergleiche § 61. Dann schiebt Kant den 
Begriff eines Dings unter (§ 63) und verliert die allgemeinen 
Formen der Zweckmässigkeit aus dem Auge. 



27 



Nietzsche I 4^7 



Die Zufälligkeit seiner Form in Beziehung auf die Ver- 
nunft (diese findet sich auch bei dem Krystall). 

„Ein Ding existirt als Naturzweck, wenn es von sich selbst 
Ursache und Wirkung ist" (Kant, § 64). Dieser Satz ist nicht 
abgeleitet. Ein einzelner Fall ist genommen. 

Die Ableitung, dass Organismen die einzigen Naturzwecke 
sind, ist nicht gelungen. In der Natur würde doch auch 
schon eine Maschine auf Zweckursachen führen. 

Begriff der Zweckmässigkeit 5 und der Existenzfähigkeit. 
Nichts ist damit ausgesagt über den Grad der darin offen- 
barten Vernunft. 

„Es ist etwas verschiednes, sagt Kant (§ (J7), ein Ding 
seiner innern Form nach als zweckmässig zu erachten und 
die Existenz dieses Dinges für Zweck der Natur halten. — 
Deshalb streitet die unzw^eckmässige Methode der Erhaltung 
und Fortpflanzung eines Organismus durchaus nicht mit der 
Zweckmässigkeit seiner selbst." 

Dagegen ist es dasselbe zu sagen: dieser Organismus ist 
zweckmässig und dieser Organismus ist lebensfähig. Also 
nicht: die Existenz dieses Dinges ist Zweck der Natur, 
sondern: was wir zweckmässig nennen ist nichts andres, als 
dass wir ein Ding lebensfähig finden und in Folge davon 
die Bedingungen als zweckmässig. 

Wer die Methode der Natur zur Erhaltung als unzweck- 
mässig schilt, der betrachtet eben die Existenz eines Dinges 
als Zweck der Natur. 

Der Begriff eines Naturzwecks haftet nur am Organismus. 
„Aber, sagt Kant, dieser Begriff führt nun nothwendig auf 
die Idee der gesammten Natur als eines Systems nach der 
Regel der Zwecke." (§ 6-]) „Durch das Beispiel, das die 
Natur in ihren organischen Produkten giebt, ist man be- 
rechtigt, von ihr und ihren Gesetzen nichts, als was im 
Ganzen zweckmässig ist, zu erwarten." (§ 67.) 

418 



Diese Reflexion kommt nur zu Stande, indem man 

1. das Subjektive des Zweckbegriffs ausser Acht lässt, 

2. die Natur als eine Einheit fasst, 

3. ihr auch eine Einheit der Mittel zutraut. 

„Wenn man also für die Naturwissenschaft und in ihren 
Context den Begriff von Gott hereinbringt, um sich die 
Zweckmässigkeit in der Natur erklärlich zu machen und 
hernach diese Zweckmässigkeit wieder braucht, um zu 
beweisen, dass ein Gott sei: so ist in keiner von beiden 
Wissenschaften innerer Bestand und ein täuschendes Diallele 
bringt jede in Unsicherheit, dadurch, dass sie ihre Grenzen 
in einanderlaufen lassen" (§ 68). 

Gap. I. Begriff der Zweckmässigkeit (als Existenzfähigkeit). 

„ 2. Organismus (der unbestimmte Lebensbegriff, der 
unbestimmte Individuumsbegriff). 

„ 3. Die angebliche Unmöglichkeit, einen Organismus 
mechanisch zu erklären (was heisst mechanisch?) 

„ 4. Die erkannte Zwecklosigkeit in der Natur im Wider- 
spruch mit der Zweckmässigkeit. 

Aus der Methode der Natur bei Erhaltung etc. der Orga- 
nismen auf die Entstehung der Organismen überhaupt zu 
schliessen, ist nicht die empedokleische Ansicht, aber wohl 
die epikurische. Sie setzt aber voraus, dass der Zufall orga- 
nische Wesen zusammenwürfeln könne: während hier gerade 
der streitige Punkt liegt. Aus Buchstaben kann sich eine 
Tragödie zusammenwürfeln (gegen Cicero), aus Meteor- 
stücken eine Erde : aber es fragt sich eben, was das „Leben" 
ist, ob es eben ein blosses Ordnungs- und Formprincip (wie 
bei der Tragödie) ist oder etwas ganz diverses. Dagegen ist 
zuzugeben, dass innerhalb der organischen Natur im Ver- 



27 



419 



halten der Organismen zu einander kein andres Princip exi- 
stirt als in der unorganischen Natur. Die Methode der 
Natur in der Behandlung der Dinge ist gleich, sie ist eine 
unparteiische Mutter, gegen, unorganische und organische 
Kinder gleichmässig hart. 

Es herrscht unbedingt der Zufall, d. h. der Gegensatz der 
Zweckmässigkeit in der Natur. Der Sturm, der die Dinge 
herum treibt, ist der Zufall. Das ist erkennbar. 

Hier kommt die Frage: ob die Kraft, die die Dinge macht, 
dieselbe ist, die sie erhält? etc. 

Im organischen Wesen sind die Theile zweckmässig zu 
seiner Existenz d. h. es würde nicht leben, wenn die Theile 
unzweckmässig wären. Damit ist aber für den einzelnen Theil 
noch nichts ausgemacht. Er ist eine Form der Zweckmässig- 
keit: aber es ist nicht auszumachen, dass er die einzig mögliche 
Form ist. Das Ganze bedingt mithin die Theile nicht noth- 
wendig, während die Theile nothwendig das Ganze bedingen» 
Wer das erste auch behauptet, behauptet die höchste Zweck- 
mässigkeit, d. h. die unter den verschiednen möglichen 
Formen der Zweckmässigkeit der Theile ausgesuchte höchste 
Zweckmässigkeit: wobei er annimmt, dass es eine Stufenfolge 
der Zweckmässigkeit giebt. 

Welches ist nun die Idee der Wh-kung? Das Leben unter 
den dazu nöthigen Bedingungen? Das ist: eine allen Orga- 
nismen gemeinsame Idee der Wirkung? Das Leben in einer 
Form unter den dazu nöthigen Bedingungen? Aber die 
Form und die Bedingungen fallen hier zusammen, d. h. wena 
eine Form als Ursache gesetzt wird, so wird auch der Grad 
der Zweckmässigkeit gleich mit in die Ursache hineingedacht. 
Denn Leben in einer Form ist eben Organismus. Was ist 
Organismus anders als Form, geformtes Leben? 

Wenn wir aber von den Theilen des Organismus sagen,. 

420 



sie wären nicht nothwendig, so sagen wir, die Form des 
Organismus ist nicht nothwendig: wir setzen mit andern 
Worten das Organische wo anders hin als in die Form. 
Aber ausserdem ist es bloss noch Leben. Also unser Satz 
heisst: zum Leben giebt es verschiedene Formen d. h. Zweck- 
mässigkeiten. Das Leben ist unter einer erstaunlichen Masse 
von Formen möglich. Jede dieser Formen ist zweckmässig: 
weil aber eine Unzahl von Formen existirt, so giebt es auch 
eine Unzahl zweckmässiger Formen. 

Im menschlichen Leben machen wir eine Stufenfolge im 
Zweckmässigen: wir setzen es gleich „vernünftig" erst dann, 
wenn eine ganz enge Wahl stattfindet. Wenn in einer 
complicirten Lage der Mensch den einzigen zweckmässigen 
Weg findet, so sagen wir, er handelt vernünftig. Wenn 
einer aber in die Welt reisen will und einen beliebigen Weg 
einschlägt, so handelt er zweckmässig aber noch nicht ver- 
nünftig. 

Eine Vernunft offenbart sich also in den „zweckmässigen" 
Organismen nicht. 

Dasjenige, was also als Idee der Wirkung Ursache ist, ist 
nur die Form des Lebens. Das Leben selbst kann nicht als 
Zweck gedacht sein, weil es vorausgesetzt wird, um nach 
Zwecken zu handeln. 

Wenn wir also von Zweckbegriflen und -Ursachen reden, 
so meinen wir: an einem lebenden und denkenden Wesen 
wird eine Form intentionirt, in der es erscheinen will. Wir 
rücken mit andern Worten durch die Endursachen gar nicht 
heran an die Erklärung des Lebens, sondern nur der Forf?j. 

Nun erfassen wir an einem Lebenden überhaupt nichts 
als Formen. Das ewig Werdende ist das Leben j durch die 
Natur unsres Intellekts erfassen wir Formen: unser Intellekt 
ist zu stumpf, um die fortwährende Verwandlung wahrzu- 
nehmen: das ihm Erkennbare nennt er Form. In Wahrheit 

421 



kann es keine Form geben, weil in jedem Punkte eine Un- 
endlichkeit sitzt. Jede gedachte Einheit (Punkt) beschreibt 
eine Linie. 

Ein ähnlicher Begriff wie die Form ist der Begriff Indi- 
viduum. Man nennt Organismen so als Einheiten, als Zweck- 
centren. Aber es giebt nur Einheiten für unsern Intellekt. 
Jedes Individuum hat eine Unendlichkeit lebendiger Indi- 
viduen in sich. Es ist nur eine grobe Anschauung, viel- 
leicht von dem Körper des Menschen zuerst entnommen. 

Alle „Formen" können ausgewürfelt werden, aber das 
Leben! 

Die Idee des Ganzen als Ursache: dadurch ist gesagt, dass 
das Ganze die Theile bedinge, nichts weiter: denn dass die 
Theile das Ganze machen versteht sich von selbst. Wenn 
man von Zweckursachen redet, meint man nur, dass die 
Form des Ganzen beim Bilden der Theile vorschwebte, dass 
eine Form nicht mechanisch entstanden sein konnte. 

Das Leben sammt Zeugung ist das nicht unter die Zweck- 
ursachen Eingeschlossne. Das „sich selbst Organisiren" ist 
bei Kant willkürlich abgeleitet. 

Braucht man die Zweckursachen, um zu erklären, dass 
etwas lebt? Nein, nur um zu erklären, wie es lebt. 

Brauchen wir die Zweckursachen, um das Leben eines 
Dinges zu erklären? 

ISIein, das „Leben" ist etwas völlig Dunkles, dem wir daher 
auch durch Zweckursachen kein Licht geben können. Nur 
die Formen des Lebens suchen wir uns deutlich zu machen. 

Wenn wir sagen „der Hund lebt" und jetzt fragen „warum 
lebt der Hund?" so gehört das nicht hierher. Denn hier 

422 



haben wir „leben" gleich „dasein" genommen. Die Frage, 
„warum ist etwas" gehört in die äussere Teleologie und liegt 
ganz aus unserm Bereiche. (Kindische anthropomorphische 
Beispiele auch bei Kant.) 

Wir können den Hund nicht mechanisch erklären j das 
macht, er ist ein lebendes Wesen. 

Die Form ist alles, was vom „Leben" an der Oberfläche 
sichtbar erscheint. 

Die Betrachtung nach Zweckursachen ist also eine Betrach- 
tung nach Formen. 

In der That sind wir auch genöthigt im aufschiessenden 
Krystall nach Zweckursachen zu fragen. 

Mit andern Worten: teleologische Betrachtung und Be- 
trachtung der Organismen fällt nicht zusammen, sondern 
teleologische Betrachtung und Betrachtung nach Formen. 

Zwecke und Formen sind in der Natur identisch. 

Wenn also die Naturforscher meinen, ein Organismus 
könne aus „Zufall" entstehen d. h. nicht nach Zweckursachen, 
so ist dies der Form nach zuzugeben. Es fragt sich nur, 
was das „Leben" ist. 

Cap.i. Teleologische Betrachtung ist Betrachtung nach Formen. 
„ 2. Formen (Individuen) sind der menschlichen Organi- 
sation zugehörig und entnommen. 
„ 3. Lebenskraft. 

Welches Recht haben wir, die Erscheinungsweise eines 
Dinges z. B. eines Hundes als vorexistirend zu fassen? Die 
Form ist für uns etwas. Denken wir sie als Ursache, so 
verleihen wir einer Erscheinung den Werth eines Dings 
an sich. 

„Zweckmässig" ist nur gesagt in Bezug auf das „Leben". 

423 



Nicht also in Bezug auf die Formen des Lebens. Also liegt 
im Begriff der Zweckmässigkeit nicht die Anerkennung der 
Vernünftigkeit. 

Was als Idee der Wirkung Ursache sein soll, kann nicht 
das „Leben" sondern nur die Form sein, d. h. eine Er- 
scheinungsweise eines Dings wird als präexistirend gedacht 
und als real. 

Ein Ding lebt — also sind seine Theile zweckmässig: das 
Leben des Dinges ist der Zweck der Theile. Um aber zu 
leben giebt es unendlich verschiedene Weisen d. h. Formen 
d. h. Theile. 

Die Zweckmässigkeit ist keine absolute, sondern eine sehr 
relative: von andrer Seite gesehn, oft UnZweckmässigkeit. 

Zweckursache heisst: die Idee des Ganzen wird als Ur- 
sache bezeichnet, d. h. eine Erscheinungsform wird als real 
und präexistirend bezeichnet. 

Der Begriff des Ganzen bezieht sich nur auf die Form, 
nicht auf das „Leben". 

1. Nicht „ein „Leben" soll erzeugt werden, also müssen Formen 
gesucht werden", 

2. sondern „unter folgenden Formen soll ein „Leben" er- 
scheinen". 

Es ist unmöglich den Begriff des Lebens zu fassen: also 
gehört er nicht in die Idee des Ganzen. 

Ueber die Möglichkeit einer Entstehung der Organismen 
aus „Zufall", „Zwecklosigkeit" (Mechanismus). 

Kant giebt die Möglichkeit zu, leugnet aber die Möglich- 
keit einer Erkenntniss. 

Die Methode der Natur ist im organischen wie un- 
organischen Reiche gleich. Wenn also die Möglichkeit des 

424 



Mechanismus da ist, so sollte doch auch die Möglichkeit der 
Erkenntniss da sein. 

Aber unser Verstand ist diskursiv. Aber das reicht nicht 
aus, wenn der Mechanismus erklärt ist. 

Individuum ist ein unzureichender Begriff. Was wir vom 
Leben sehn, ist Form 5 wie wir sie sehn, Individuum. Was 
dahint erliegt, ist unerkennbar. 

Die Zeugung ist nicht unter die Zweckursachen einge- 
schlossen, denn sie fragt nicht: zu welchem Zwecke soll 
ein Wesen werden? Dies gehört in die äussere Teleologie 
d. h. in ein System von Naturzwecken. 

Ein System von Naturzwecken hat folgende Sätze gegen sich: 

1. Das Subjektive des Zweckbegriffs in den Organismen ist 
objektiv genommen, 

2. die Natur ist als eine Einheit gefasst, 

3. und ihr eine Einheit der Mittel zugetraut. 

Ist ein Ding deshalb nicht zweckmässig, weil es mechanisch 
entstanden ist? Kant behauptet dies. Warum kann denn der 
Zufall nichts Zweckmässiges hervorbringen? Er hat Recht: 
das Zweckmässige liegt dann nur in unsrer Idee. 

Das „Leben" tritt auf mit dem Empfinden: also als Be- 
dingung für das „Organische" betrachten wir das Empfinden. 

Leben ist „bewusst" d. h. menschenähnlich zu existieren. 

Die Frage nach dem Organismus ist die: woher das 
Menschenähnliche in der Natur? Beim Mangel eines Selbst- 
bewusstseins? 

Wir können uns das „Leben" d. h. die empfindende, 
wachsende Existenz nicht anders vorstellen als analog dem 

425 



Menschlichen. Der Mensch erkennt einiges Menschen- 
ähnliche und Menschenfremde in der Natur und fragt nach 
der Erklärung. 

Ich habe beobachtet, dass man öfter auch im Schlafe an- 
haltend denkt: ein zufälliges Erwachen belehrt darüber, in- 
dem noch Fetzen des eben Gedachten im Kopfe hängen. 

Verstehn wir das bewusstlose Zusammenarbeiten einzelner 
Theile zu einem Ganzen? 

In der unorganischen Natur, z. B. in dem Bau des Welt- 
alls ist Gesetzmässigkeit und Zweckmässigkeit sehr wohl zu 
denken als Folge des Mechanismus. Kant sah darin eine 
planmassige Nothwendigkeit, das Gegentheil des Zufalls (Kuno 
Fischer, Geschichte der neuern Philosophie, Band III, Ka- 
pitel 7, Abschnitt 2). 

Höchst bemerkenswerthe Stelle „Mich dünkt, man könne 
in gewissem Sinne ohne Vermessenheit sagen: gebt mir 
Materie, ich will euch zeigen, wie eine Welt daraus ent- 
stehen soll — etc. (Kant, Allgemeine Naturgeschichte und 
Theorie des Himmels, Zweiter Theil, Vorwort.) 

Was Hamann von Kant's Optimismus (Versuch einiger 
Betrachtungen über den Optimismus) sagt, gilt überhaupt von 
dem Optimismus: „seine Einfälle sind blinde Jungen, die eine 
eilfertige Hündin geworfen .... Er beruft sich auf das 
Ganze, um von der Welt zu urtheilen. Dazu gehört aber 
ein Wissen, das kein Stückwerk mehr ist. Vom Ganzen also 
auf die Fragmente zu schliessen ist eben so, als von dem 
Unbekannten auf das Bekannte". (Brief Hamann's an Lindner 
vom 12. Oktober 1759. ^g^- Kuno Fischer, a. a. O., Kapitel 7, 
Abschnitt 4.) 

Er fällt Kant sehr schwer, sich in fremde Philosopheme 
zu versetzen: was für einen originalen Denker sehr cha- 
rakteristisch ist. 



426 



Schöne Worte gegen den theologischen Standpunkt bei 
Gelegenheit der Teleologie: 

„Denn es ist sehr was Ungereimtes, von der Vernunft 
Aufklärung zu erwarten und ihr doch vorher vorzuschreiben, 
auf welche Seite sie nothwendig ausfallen müsse. (Kr. d. rein. 
Vern. II. Abschn.) 

Zu lesen sind: 
Kant, Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels. 
Der einzig mögUche Beweisgrund zu einer Demon- 
stration des Daseins Gottes. 
Holbach, Systeme de la nature. 
Hume, Dialogues concerning natural rehgion. 
Schopenhauer, Ueber den Willen in der Natur. 
Treviranus, Ueber die Erscheinungen und Gesetze des or- 
ganischen Lebens. 
Czolbe, Neue Darstellung des Sensualismus. 

„ Die Grenzen und der Ursprung der menschlichen 
Erkenntniss. 
Mole Schott, Kreislauf des Lebens. 

„ Die Einheit des Lebens. 

Virchow, Vier Reden über Leben und Kranksein. 

„ Gesammelte Abhandlungen zur wissenschaftlichen 

Medicin. 
Trendelenburg, Logische Untersuchungen. 

„ Monatsberichte der Berliner Akademie, 

November 1854, Februar 185Ö. 
„ Historische Beiträge zur Philosophie. 

Ueberweg, System der Logik. 
Helmholtz, Ueber die Erhaltung der Kraft. 

„ Ueber die Wechselwirkung der Naturkräfte. 

Wundt, Vorlesungen über die Menschen- und Thierseele. 
Lotze, Streitschriften. 

427 



Lotze, Medicinische Psychologie. 

Herbart, Analytische Beleuchtung des Naturrechts und der 

Moral. 
Schelling, Ideen zu einer Philosophie der Natur. 

„ System des transcendentalen IdeaHsmus. 

Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Mensch- 
heit. 
Bichat, Sur la vie et la mort. 
Joh. Müller, Ueber das organische Leben. 

„ Ueber die Physiologie der Sinne. 

Fries, Mathematische Naturphilosophie. 
Schieiden, Ueber den Materialismus in der neueren Natur- 
wissenschaft (bei Schieiden mechanische Erklär- 
barkeit der Organismen). 
Kuno Fischer, Geschichte der neuern Philosophie. (Kant 

u. s. w.) 
C. Rosenkranz, Schelling, Vorlesungen. 

„ Geschichte der Kant'schen Philosophie. 

Sal. Maimon, Berliner Journal für Aufklärung, herausge- 
geben von A. Riem, Bd. VIII, Juli 1790. 
Oken, Die Zeugung. 

„ Lehrbuch der Naturphilosophie. 
Carus, Grundzüge der vergleichenden Anatomie und Physio- 
logie. 
Gustav Schneider, De causa finali Aristotelis. 



428 



Ueber die Methode der philologischen Quellenkritik. 

(Fragment, Herbst i8(58.) 

Gegen die üblichen und leider auch nothwendigen Me- 
thoden in derartigen Quellenuntersuchungen, wie sie hier 
unternommen werden sollen, herrscht unter exakt geschulten 
Naturforschern und Mathematikern unsrer Tage eine be- 
gründete Abneigung. Die allgemeinste Form dieser Methode 
und zugleich ihre Schwäche liegt nämlich darin, dass eine 
Hypothese, welche eine Reihe spezifischer Erscheinungen 
einheitlich lösen soll, schliesslich nur eine Möglichkeit ist, 
deren Ausschliesslichkeit und Verbindlichkeit erst dann er- 
wiesen wäre, wenn keine coordinirte Möglichkeit übersehen 
ist. Wir sehn ein Land in ewigem Nebel und wir zeichnen 
seine Karte mit dem Gefühl, vielleicht das Richtige getroffen 
zu haben, aber ohne Hoffnung uns Gewissheit verschaffen 
zu können. Alles was wir zu unserm Tröste sagen können, 
ist aber, dass nach dem vorliegenden Material eine andre 
Antwort unmöglich ist. Sodann aber ist das vorliegende 
Material mitunter so reich, die Aufklärung, die die gefundene 
Hypothese bringt, so in die Augen fallend und verschieden- 
artig, dass ein Schluss aus der Deutlichkeit und dem Reich- 
thum der Wirkungen auf die Richtigkeit der Ursache wenn 
nicht geboten so doch erlaubt sein muss. 

Auf rein diskursivem Wege ist es gar nicht mögUch in 
diesen Gebieten zum Ziele zu kommen, da das vorhandene 
Material sich nicht in die Form einer logischen Kette giessen 

429 



lässt, in der Ring auf Ring in gleich kräftigem Gefüge folgt: 
vielmehr hemmt alle Augenblicke schlüpfriger Boden unsren 
Weg, den wir im günstigen Falle mit Wahrscheinlichkeiten, 
im ungünstigen gar mit Möglichkeiten überbrücken müssen. 
Also ist hier das Bereich der Hypothese, jenes intuitiv ge- 
fundenen Bildes, in dem eine längere Reihe spezifischer und 
bisher vereinzelter Erscheinungen zusammengeschaut und als 
verschiedene Wirkungen einer Ursache an verschiednem 
Material erkannt wird. 



430 



Anhang 



Ausführliche Inhaltsübersicht der Valedictionsarbeit „De 
Theognide Megarensi". Übertragung des Abschnitts III 

dieser Arbeit ins Deutsche. 

Inhaltsübersicht. 

I. Über die Verhältnisse des Theognis und der Megarenser 
in seinem Zeitalter. 

1. Schilderung der Staatsumwälzungen in Megara im sechsten Jahr- 
hundert. 

2. Berechnende Untersuchung über Theognis' Lebensjahre. 

3 . Die Möglichkeit, seine einzelnen Lebensschicksale aus seinen 
eigenen Gedichten zu erkennen. 

A. Welcker bringt des Theognis' Leben in eine andere Aufeinander- 
folge. 

IL Die Gedichte des Theognis. 

5. Das Schicksal seiner Gedichte und die Urteile der Alten. 

6. Die Urteile der Neueren über Theognis' Dichtung. 

7. Theognis hat seinen Gedichten anCyrnus nicht den Titel „Denk- 
sprüche" (YV(ü(JioXoYia) gegeben. 

8. Diese Elegien sind nicht in einem bestimmten und abgegrenzten 
Teile seines Lebens verfaßt. 

9. Theognis bringt in diesen Elegien seine Empfindungen und Ge- 
fühle zum Ausdruck, niemals aber mit der Absicht, als Lehrer 
Vorschriften zu geben. 

I o. Ebensowenig sind seine Tischlieder einem bestimmten Abschnitt 
seines Lebens zuzuweisen. 

1 1. Gewisse Kunstmittel der Dichtung des Theognis. 

12. Inhalt seiner Tischlieder. 

1 3 . Cyrnus und die an ihn gerichteten Elegien. 

28 Nietzsche I 433 



III. Prüfung der Anschauungen des Theognis über Götter, 
Sitten und öffentliche Angelegenheiten. 

14. Über die Gründe des engen Zusammenhanges seiner Ansichten 
über öffentliche Angelegenheiten, Götter und Menschen. 

I 5. Worauf beruht die Würde und das Ansehen der Vornehmen 
Griechenlands? 

1 6. Ist Theognis seinen Ansichten auch bei den allgemeinen Um- 
w'älzungen treu geblieben? 

17. Aus welchen Anzeichen läßt sich schließen, daß Theognis 
im Alter von seinen früheren Urteilen sich etwas losgesagt 
habe? 



Zu I. Geschichte der politischen Umwälzungen inMegara von Anfang 
an, bezw. vom Emporkommen des Tyrannen Thcagenes bis 468. 

Zu 2. Untersucht werden die für Theognis' Leben in Betracht kom- 
menden äußern Data auf Grund der Angabe von Schriftstellern und 
Andeutungen in den eigenen Gedichten. Die Momente seines Lebens 
(etwa von 56} bis bald nach 484) sind zusammengefaßt. 

Zu 3. Nietzsche sucht die in den Gedichten erwähnten Lebensschick- 
sale untereinander zu verknüpfen und in bestimmte Ordnung zu bringen, 
was Welcker versäumt hat. 

Vornehme Geburt, in der lugend leichtlebig und dem Genuß er- 
geben. Dann erwacht in ihm größerer Ernst, da er sieht, daß die 
Grundsätze, in denen er aufgewachsen ist, nicht allein von der Volks- 
partei verspottet, sondern auch von den Vornehmen vernachlässigt werden. 
Er nimmt nach beiden Seiten hin den Kampf gegen die dem Staate 
drohenden Übel mit großer Entrüstung auf, in seinem Stolze besonders 
dadurch gekränkt, daß er die Bestrebungen der Volkspartei gegen seine 
Neigung zu begünstigen gezwungen ist. Um seinen Besitz zu retten, 
hascht er nach der Volksgunst, anfänglich, wie es scheint, mit Erfolg, 
doch täuscht er sich darin, da die Gegner, welche seine durch den 
Schein der Volksfreundlichkeit nur schlechtverhüllte Vorliebe für den 
Adel durchschauen, ihm Hab und Gut entreißen und sein Leben aufs 
äußerste gefährden. Von allen angefeindet, auch von seinen Freunden 
preisgegeben, beschließt er in der höchsten Armut, zu fliehen. (Ob seine 
Gattin und der von ihm geliebte Jüngling Cyrnus ihn begleitet haben, 

434 



ist ungewiß.) Er hofft auf freundliche Aufnahme bei den Vornehmen 
in dem böotischen Lebadea, doch ist es zweifelhaft, ob er wirklich 
dorthin gekommen ist. Es folgt ein langer Aufenthalt auf SiziUen in 
Mcgara Hybläa, wo er die Zeit seines Exils leidlich erträgt in der Hoff- 
nung, zusammen mit den übrigen Vornehmen die Rückkehr in das 
Vaterland und Einsetzung in die frühere Machtstellung wieder zu er- 
reichen. Von Sizilien geht er nach Euböa und wird von den dortigen 
Vornehmen glänzend aufgenommen. Letzte Zeit seiner Verbannung in 
Sparta, mit dessen Unterstützung, wie es scheint, er wieder nach Megara 
zurückkehrt und dort zur Macht gelangt. Hierauf hat er sich anschei- 
nend politisch größerer Mäßigung beflissen, und seine Erbitterung gegen 
die Volkspartei läßt nach. Das Mißgeschick der ihm befreundeten Vor- 
nehmen in Korinth und Megara Hybläa geht ihm sehr nahe. Vielleicht 
hat die Trauer um die Eroberung von Megara Hybläa durch Gelon 
seinen Tod beschleunigt. 

Zu 4. Die hauptsächlichste Differenz zwischen Welcker und Nietzsche 
ist folgende: Nietzsche glaubt gezeigt zu haben, daß das, was der Dichter 
nach seinem Exil erduldet hat, bereits in die Zeit vor letzterem fällt, 
so daß alle Ereignisse sich gleichsam wiederholt haben. 

Zu 5. Daß die Urteile des Altertums (Xenophon und Isokrates) und 
der Neueren über Theognis' Dichtung sehr voneinander abweichen, 
erklärt sich aus den Schicksalen, welche die Gedichte gehabt haben. 
Isokrates' Zeitalter sieht in ihm einen Lehrer der strengen Sitten. Sein 
Buch (auYYpaixjxa etc.), oder wenigstens ein Auszug seiner Denk- 
sprüche ist als Schulbuch für die Knaben benutzt. Infolge davon sind 
die Verse in den täglichen Gebrauch übergegangen und in der Unterhaltung 
häufig zitiert. Es wurde ganz vergessen, daß Theognis nicht ein Lehrer 
gewesen ist. Die vollen Gedichte sind allmähHch völlig verschwunden, 
da außer den Denksprüchen nichts in ihnen als der Jugend nützhch 
erachtet wurde. Darum sind uns die Gedichte im jämmerlichsten Zu- 
stande, zerstückelt und mit Versen anderer Dichter vermischt, überliefert. 
Wann sind die aus andern Dichtern und jenen Exzerpten der Denk- 
sprüche aufgelesenen Verse des Theognis zusammengefaßt? Schon Stobäus 
(saec. 5 oder 6) kennt die Dichtung nur in der heutigen Form. Doch 
ist es nicht vor Cyrill (433) geschehen. Der heutige Theognis ist ge- 
mischt mit Liebes- und Trinküedern, sogar mit Fragmenten anstößigen 

Inhaltes. 

Zu 6. Bevor man in neuerer Zeit die alte Geschichte zum richtigen 

28* 435 



Verständnis der Überbleibsel des Theognis herangezogen hat, haben die 
Gelehrten sehr verkehrt über ihn geurteilt und würden es noch mehr 
getan haben, wenn nicht eine gewisse Scheu vor dem Altertum sie da- 
von zurückgehalten hätte, einem so berühmten Dichter zu nahe zu 
treten. Goethe allein spricht sich freimütig darüber aus, wie er ihn zu- 
erst verkannt habe, dann aber, durch treffliche Altertumskenner und 
die neueste Weltgeschichte belehrt, anderen Sinnes geworden sei. Dabei 
irrt noch Goethe, wenn er annimmt, daß alle Elegien in der Zeit seines 
Exils von dem Dichter verfaßt seien. 

Zu 7. Die Titel YV(Ji)|i.ai izpoc, Kupvov, -^vwiioXo-^ia, Ttapaiveoei«;, 
welche den Gedichten beigelegt werden, haben sie in ihrem unver- 
sehrten Zustand niemals gehabt. Plato, welcher sie in diesem höchst 
wahrscheinlich gekannt hat, nennt sie eXsYsta, und wir haben keinen 
Grund, zu bezweifeln, daß dies der ursprüngliche Titel gewesen ist. 

Zu 8. Im Gegensatz zu andern Gelehrten, aber in wesentlicher Über- 
einstimmung mit Duncker sucht Nietzsche festzustellen, welche Frag- 
mente von Elegien der Zeit vor dem Exil, während desselben und 
nach ihm angehören; der größte Teil dürfte in die trübste Zeit seines 
Lebens vor dem Exil fallen. 

Zu 9. Die elegischen Gedichte, auch noch zu Theognis' Zeit gesungen 
unter Flöten- oder Leierbegleitung zum Ausdruck der Gefühle und Ge- 
mütsbewegungen, enthalten bei Theognis bitteren Schmerz oder Zorn 
gegen die Volkspartei oder Sehnsucht nach dem durch das Exil verlorenen 
Vaterland oder Sorge um Cyrnus, den er dringend ermahnt, niemals den 
eingeschlagenen "Weg zu verlassen, in der Hoffnung, durch ihn seine 
politischen Grundsätze zu fördern. Vergleichung des Theognis mit Posa 
bei Schiller. Nietzsche kann die Poesie des Theognis nicht als gnomisch 
erkennen. Aber aus dem Zusammenhang gelöst, erhalten viele Stellen einen 
andern Sinn. (Vgl. Goethe.) Zu bedauern, daß sich nicht feststellen läßt» 
wann und unter welchen Lebensschicksalen sie von Theognis verfaßt sind. 
Zu IG. Die Tafel- und Trinklieder sind zu verschiedenen Zeiten, 
außer im Alter, geschrieben. Unterschieden werden die in der Jugend, 
die von dem gereiften jungen Manne und die während des Exils in 
Sparta verfaßten. In keinem von ihnen kommt der Name des Cyrnus 
vor, da eben der Dichter sie nicht an einen Jüngling, den er mit den 
besten Ermahnungen unterweisen wollte, richten durfte. Die Frage, ob 
die Lieder wirklich von Theognis herrühren, bejaht Nietzsche in Über- 
einstimmung mit Bernhardy. 

43d 



Zun. Theognis ist nicht so nüchtern, kalt und prosaisch, wie die 
Alten, insbesondere Plutarch, ihn beurteilt haben. Einige der von ihm 
gebrauchten Kunstmittel mit Belegen; Bilder, besonders gern dem See- 
wesen entnommen, was sich aus dessen Bedeutung für Megara erklärt, 
Personifikationen, Einführung von redenden Personen, Erwähnung von 
mythischen Dingen oder Personen. 

Zu 1 2. Besprechung der einzelnen Arten seiner Poesie, zuerst der Tisch- 
lieder. Aus den Kreisen der Vornehmen bei den Syssitien ist gewisser- 
maßen Theognis' Elegie hervorgegangen, so daß man sich aus ihren 
Überresten ein ungefähres Bild von jenen machen kann. Bei den auf die 
Mahlzeiten folgenden Gelagen (xÄfio?) pflegten die Genossen zur Flöte 
Elegien zu singen, und hierhin gehören fast alle Lieder des Theognis; 
bald scherzt er mit den Freunden, bald singt er Hymnen auf die Götter, 
empfiehlt den Gebrauch des Weines, mahnt die Jugend zu genießen 
oder beklagt ihre Vergänglichkeit, feiert ganz besonders die Musik. 
Wettstreite der Tischgenossen, Rätsel. Andere Elegien beziehen sich 
auf bestimmte Ereignisse, namentlich auch auf ein Liebesverhältnis mit 
einem Mädchen, das er nachher vielleicht geheiratet hat. 

Auch andere Elegien beziehen sich auf bestimmte Vorgänge oder 
Verhältnisse. 

Zu 1 3 . Als Theognis die dem Cyrnus gewidmeten Elegien schrieb, 
hatte er nicht die Absicht, sie später einmal gesammelt und geordnet 
herauszugeben, wie er es bestimmt nachher getan hat. Cyrnus ist kein fin- 
gierter Name, wie Welcker annimmt, sondern, worin alle andern Neueren 
übereinstimmen, Sohn des Polypaus, Polypaides, in den Kreisen der 
Vornehmen sehr beliebt. Verhältnis des Theognis zu Cyrnus und Ein- 
wirkungen auf ihn, wodurch er auf den Inhalt der Elegien geführt wird. 
Auch der Widerspruch wird berührt, der darin liegt, daß Theognis auf der 
einen Seite seine Gegner so scharf angreift, andrerseits die Gunst des Volkes 
zu gewinnen sucht, um Leben, Hab und Gut zu retten. Überhaupt enthält 
dieser Abschnitt manches, was für die Charakteristik des Theognis 
wichtig ist. 

Zu IIL Nietzsche geht aus von einem Urteil Bernhardys über Theognis. 
Aus diesem spricht ganz und gar der dorische Vornehme, was nur Grote 
nicht anerkennt. 

Theognis, aus altem und vornehmem Geschlecht, geht ganz in der 
Parteipolitik der Nobilität auf. Doch war bereits die echte Kraft des 
dorischen Adels völlig erschüttert und seine Lehren über den Haufen 

437 



geworfen, so daß Theognis über manches zu zweifeln und sich eine 
andere Überzeugung zu bilden begann. Als Greis scheint er etwas frei- 
mütiger über den Staat sowie göttliche und menschliche Dinge geurteilt 
zu haben, was sich aus vielen Anzeichen auch jetzt noch erkennen läßt. 
In Theognis' Dichtung sind die Ansichten über Götter und Sitten aufs 
engste mit seinem politischen Urteil verbunden. Der Grund liegt in 
dem zu Megara herrschenden Kastenwesen. Als eifriger Vorkämpfer der 
Optimaten teilt er das Volk in die dyaOoi und die xaxoi; jenen schreibt 
er alle Götterverchrung und Frömmigkeit, alle Gerechtigkeit gegen die 
Menschen und Tugend, diesen alle Sittenverderbnis, Gottlosigkeit und 
Unrecht zu. Aus welchen Gründen ist dies Urteil abzuleiten? 

Die Machtstellung der Vornehmen gegenüber dem Volke beruht auf 
fünf Umständen : 

1. Achtung vor dem Alter und berühmten Ursprung des häufig auf 
Heroen und selbst Götter zurückgeführten Geschlechts, 

2. Kenntnis des Krieges und der Staatsleitung, Kenntnis des Rechtes 
und Auslegung der Gesetze, 

3 . Verwaltung des Kultus. Die Götter haben gewissermaßen mit den 
Menschen einen Vertrag geschlossen, nach dem sie gegen gewisse ihnen 
dargebrachte Ehren und Opfer derselben gewähren: 

, 4. Tüchtigkeit, Reichtum und glänzende Stellung, 

5 . Gelehrte Bildung und Verfeinerung durch Pflege der schönen Künste. 

Den Vornehmen war eine große Menge von Lebensregeln von alters 
her überliefert, die Theognis dem Cyrnus einpflanzt. Der gemeine Mann 
kann niemals besser werden, sondern sinkt nur immer tiefer. Der Vor- 
nehme soll jede Verbindung mit ihm meiden; es sei töricht, ihm nützen 
zu wollen, da derselbe niemals Dank abzustatten pflege. Erfordern es 
die Umstände, sich seiner zu bedienen, so solle er sich äußerlich freund- 
lich zeigen, im Herzen aber unauslöschlichen Haß bewahren. Man kann 
zweifeln, ob Theognis diesen Grundsätzen auch dann noch treu geblieben 
ist, als ihre Grundlagen durch innere Zwistigkeiten und allgemeine 
Umwälzung erschüttert waren. 

Zu I 6. Gründe für den Verfall der Macht des Adels: Viele Mindere 
gelangen, besonders in den Seestädten, durch Handel zu Reichtum und 
tun es den Adligen im Wohlleben gleich oder zuvor, erwerben auch 
größere Bildung, während der Adel sowohl an Sittenreinheit wie auch 
wirtschaftlich sinkt. Vermischung durch Ehen. Das tritt auch in Me- 
gara nach Theagenes ein. Dazu begünstigt Theagenes die Volkspartei, 

438 



um durch deren Gunst die Herrschaft zu erlangen. In diese Zeit fällt 
Theognis' Leben, der alle Grundsätze, in denen er aufgewachsen ist, 
vernachlässigt sieht. Er beginnt an der Gerechtigkeit der Götter zu 
zweifeln. Schmerzlich, daß, wenn Leute von niederem Stande in glänzen- 
den Verhältnissen sterben, niemand sie strafe, wenn nicht etwa Kinder 
und Nachkommen für die Verbrechen der Väter zu büßen haben. Jupiter 
soll zur Bestrafung der Bösen schreiten. Beginnen die Menschen an der 
Gerechtigkeit der Götter zu zweifeln, so fürchtet Theognis, diese 
möchten nicht wissen, wie man ihre Gunst zu erlangen hoffe, und die 
Leute würden den Göttern immer mehr entfremdet werden. Er beklagt, 
daß niemand völlig frei von Schuld sei. Auch die Adligen, durch die 
schwerste Mittellosigkeit belastet, waren gezwungen, vom Wege des 
Rechten abzulenken, zumal sie von dieser von dem gemeinen Manne 
auf die Vornehmen abgewälzten Last sich nicht frei machen konnten. 

Seines Besitzes und des Vaterlandes beraubt, scheint Theognis zuerst 
an seinem Heile verzweifelt und den Tod gewünscht zu haben; nachher 
aber fügt er sich der Zeit und erträgt die Übel mit Fassung. 

Zu 17. Es ist mehr zu vermuten, als mit Gründen nachzuweisen, daß 
Theognis, als er gegen Ende seines Lebens ins Vaterland zurückgekehrt 
war, sowohl in den öffentlichen Angelegenheiten sich größerer Mäßi- 
gung befleißigt, als auch von seinen früheren Ansichten über Götter 
und Menschen manches preisgegeben und etwas freimütiger über den 
Wert eines Volksmannes geurteilt hat, wie er auch Cyrnus ermahnt, 
niemandem die Armut zum Vorwurf zu machen. Bei solchen Gedanken, 
daß Gutes und Böses allein von den Göttern nach ihrem Ermessen den 
Menschen zugeteilt werde, scheint er sich beruhigt zu haben. Zum 
Schluß glaubt Nietzsche gezeigt zu haben, daß Theognis nicht umhin 
gekonnt habe, bei denselben Ansichten zu verharren, in denen er als 
Knabe unterwiesen war. An Theognis erkennen wir, wie Grote sagt, 
daß der Dorier ursprüngHche Kraft und Wesen zu jenen Zeiten bereits 
gebrochen war. 



Prüfung der Anschauungen des Theognis über Götter, Sitten 
und öffentliche Angelegenheiten. 

Nachdem über Theognis' Leben und Schriften, wie ich glaube, genug 
gesprochen ist, bleibt noch übrig, was ich als drittes in Aussicht 

439 



genommen habe, ein Versuch, seine Gedanken über die götthchen und 
menschlichen Dinge darzulegen. Da aber nicht viele Gelehrte eine 
eigene Meinung darüber kund gegeben haben, wird es sich vielleicht 
empfehlen, gleich im Anfang der Erörterung Bernhardys Worte zu lesen, 
in denen die gewohnte Überzeugung der Gelehrten kurz zum Ausdruck 
gebracht ist [Literaturgeschichte] II, 457: „Die Summa der Elegien ruht 
auf dem politischen und sittlichen Glauben der Dorier oder einer kasten- 
artigen Tugendlehre, welche jeglichen Vorzug des Geistes und der ge- 
selligen Bildung, des Güterbesitzes und der Lebensklugheit an adlige 
Geburt knüpft, und der Dichter hat dort, bestimmt von tiefem Abscheu 
vor dem regierenden Pöbel, die unveräußerlichen Rechte der guten 
Männer in einem Kern gediegener Sätze und Erfahrungen bezeugt". 

Schon Welcker hat darauf aufmerksam gemacht, daß, wenn wir dem 
Theognis zuhören, wir nicht vergessen dürfen, daß ein dorischer Bürger 
und Edler redet. Diesem Urteil widerspricht ganz allein Grote (Rand- 
bemerkung History of Grecs III, c. 9), welcher bekennt, er könne in 
den "Worten des Theognis jene den Doriern eigentümliche Kraft und 
natürliche Anlage nicht finden imd anerkennen. Obwohl er sich hier- 
über nicht ausführlicher verbreitet, verdient doch dies Urteil im höchsten 
Maße in Erwägung gezogen zu werden. 

Einem alten und angesehenen Geschlechte entstammend, hat Theognis 
sein ganzes Leben hindurch so sehr sich den Interessen des Adels ge- 
widmet, daß er auf dessen "Wiederherstellung und Machterweiterung 
alle seine Gedanken und "Wünsche gerichtet hielt. Doch lebte er unter 
solchen Verhältnissen, daß die angeborene Kraft des dorischen Adels 
schon völlig erschüttert war und dessen Lehren bei der in allen Ver- 
hältnissen eingetretenen Umkehrung gleichsam mit Füßen getreten 
wurden. Die Folge davon war, daß Theognis selbst an manchen seiner 
Lehren irre zu werden und sich eine neue Überzeugung zu bilden be- 
gann. "Welchen "Weg Theognis gegangen ist, so daß er in seinem Alter 
anscheinend etwas freimütiger über den Staat und die menschlichen wie 
göttlichen Dinge geurteilt hat, vermögen wir aus vielen Anzeichen auch 
jetzt noch zu erkennen. 

Denn eine Eigentümlichkeit der Dichtung des Theognis ist es, daß 
die Ansichten über die Götter und Sitten in engem Zusammenhang 
stehen mit seinem Urteil über die staatlichen Verhältnisse, weshalb wir 
nicht dieses und jene getrennt behandeln dürfen. Der Grund hierfür ist 
in der eigenartigen Gestaltung der Bürgerschaft von Megara zu suchen, 

440 



welche, nach gewissen Klassen oder sogenannten Kasten abgeteilt und 
gegliedert, notwendig gegensätzliche Ansichten der entgegengesetzten 
Klassen über göttliche und menschliche Dinge erzeugen und nähren 
mußte. Da aber der heftigste Kampf zwischen diesen Klassen entbrannt 
war und Theognis sich als trotzigsten Vorkämpfer der einen Klasse, der 
der Aristokraten, erwies, so schied er auch in seinen Gedichten das Volk 
so, daß er den einen Teil xobc, dya&ou?, d. i. die Aristokraten, die guten 
Männer nannte, denen alle Religiosität und Frömmigkeit den Göttern 
gegenüber und alle Gerechtigkeit und Tugendhaftigkeit im Verhältnis 
zu den Menschen eigen sei, den andern tou? xaxou? (die Schlechten) 
oder Tou? SeiXous (die Verächtlichen), bei denen jede Sittenverderbnis, 
jede Gottlosigkeit und Sünde zu Hause seien. Hieraus erhellt, wie die 
Ansichten über göttliche und menschliche Dinge bei Theognis eng haben 
zusammenhängen können. 

Zuerst aber muß die Frage aufgeworfen werden, mit welchem Rechte 
Theognis so über Adel und Volk geurteilt hat und aus welchen Gründen 
dieses Urteil abzuleiten ist. Fassen wir zusammen, was die Macht der 
Adligen und ihr Übergewicht über das Volk damals zu bedeuten gehabt 
hat, so sind es fünf Dinge und Mittel, auf denen ihre Würde und ihr 
Ansehen beruht. Erstens nämlich stand bei allen das Alter des Ge- 
schlechtes und der berühmte Ursprung in hoher Achtung, zumal letzterer 
häufig auf Heroen oder selbst Götter als Stammväter zurückgeführt 
wurde. Dagegen war der gemeine Mann, der gleichsam aus einem un- 
nützen und verderblichen Stamme erwachsen war, von Dunkel umhüllt 
und sein Name über das Leben hinaus unbekannt. Dies drückt mit 
großer Schärfe Theognis in zwei (sie!) Distichen aus; 

„Die Guten tadelt dieser laut und jener lobt sie, aber den Schlechten 
wird kein Gedächtnis zuteil." (V. J^jf.) 

„Niemals ist ein sklavisches Haupt emporgerichtet, sondern stets ge- 
beugt und der Nacken krumm." 

„Denn so wenig aus der Meerzwiebel Rosen hervorsprießen oder 
Hyazinthe, ebensowenig jemals aus der Sklavin ein Kind von 
freier Art." (V. 535 ff.) 

Sodann waren die Adligen, da ihnen der Gebrauch der "Waffen und 
die Kenntnis des Krieges zustanden, zumal sie sich seit alters die Aufgabe, 
den Staat allein zu regieren, zuerkannt hatten und zu dessen Verwaltung 
keinen gemeinen Mann zuließen, überzeugt, auf dem Felde der öffent- 

441 



liehen Angelegenheiten immer in heilsamer Weise und mit dem besten 
Erfolge sich betätigt zu haben. 

„Nie haben, Kyrnos, die guten Männer eine Stadt zugrunde ge- 
richtet." (V. 43.) 
Und dann fährt er fort: 
„Aber falls es den Schlechten zu freveln beliebt und sie das Volk 

verderben," (V. 44 f.) 
„Daraus entstehen Aufruhr und Morde an blutsverwandten Männern.'* 

Dazu verfügten allein die Adligen über die Kenntnis des Rechtes und 
die Auslegung der Gesetze, wodurch es kam, daß Theognis zu der An- 
sicht gelangte, das niedere Volk erleide von Ungerechten Strafe: 

„Es ist natürlich, daß der schlechte Mann, der vor keiner hinterher- 
folgenden Ahndung fromme Scheu hat, das Rechtswesen schlecht 
handhabt.« (V. 279 f.) 

Mit diesen letzten Worten urteilt der Dichter, daß der gemeine Mann 
frei von Gewissensscheu die Götter nicht fürchte, und das ist das dritte 
Moment, auf dem nach Meinung der Adligen ihr Ansehen beruhte: sie 
waren im Besitz der ganzen Kultusverwaltung. Darum stellten sie sich vor, 
die Götter seien ihnen selbst gnädig gesinnt, auf die Gemeinen aber erzürnt. 

An dieser Stelle ist eine dem Zeitalter des Theognis eigentümliche 
oder, um es richtiger zu bestimmen, von den ältesten Zeiten der Griechen 
bis auf dieses Zeitalter des Theognis herab dauernde Vorstellung zu er- 
wähnen, welche die Größe des Ansehens, das die Adligen für sich in 
Anspruch genommen haben, deutlich ins Licht setzt. Die Götter sollten 
nämlich mit den Menschen einen Vertrag geschlossen haben, durch den 
festgesetzt wäre, daß die Götter, sofern sie nur von den Menschen die 
gebührenden Ehren und Opfer empfingen, ihnen ihre Güter und Wohl- 
taten zuzuwenden hätten. Das ist derselbe Gedanke, den Pindar (am 
Rand: 2,73) äußert, wenn jemand den Weg des Wahren und Rechten 
eingesclilagen habe, sei es eine Naturnotwendigkeit, daß er die Wohl- 
taten der Götter erlange. Doch möchte ich nicht behaupten, daß schon 
eine frühere Zeit so aufrichtig wie Pindar über diese, ich nenne es, 
Freundschaft und Feindschaft der Götter (euBaifiovia et ej^OpoSaifiovia) 
geurteilt hat. Vielmehr scheint zu Sophokles' Zeit, wenn wir den König 
Oedipus zu dieser Untersuchung heranziehen, bei allen die Meinung ein- 
gewurzelt gewesen und nicht leicht in Zweifel gezogen worden zu sein, 
daß die Götter ihre Lieblinge, welche sie mit ihren Gütern ausstatten 

442 



wollten, nach Willkür sich aussuchten und durch keine Mittel, nicht 
einmal durch Frömmigkeit, sich zwingen ließen, einen andern, den sie 
sich nicht auserkoren, zu lieben. Wie sehr aber die frühere Zeit, um 
dorthin zurückzukehren, von wo wir soeben abgeschweift sind, in 
diesen Vorstellungen gelebt hat, läßt sich aus vielen Stellen bei Theognis 
schließen, aus denen erhellt, daß Tugend, Reichtum und Ehre nur in 
engster Verbindung miteinander verstanden werden können. 

„Gottgesegnet möchte ich sein, o Kyrnos, und lieb den Unsterblichen; 

nach keiner andern Trefflichkeit verlange ich." (V. (5 5 3 f.) 
„Denn Reichtum zu besitzen ziemt sich den Guten, aber Armut ist 

angemessen zu ertragen dem schlechten Manne." (V. 5 2 5 f.) 
„Zu den Göttern bete, bei den Göttern ist Stärke; wird doch ohne 
die Götter den Menschen weder Gutes noch Schlechtes zuteil." 
(V. i7if.) 
„Was von Zeus und mit Recht und rein einem Manne zuteil geworden 

ist, das bleibt ihm auf die Dauer." (V. 1 9 7 f.) 
Aus der Dürftigkeit aber des gemeinen Mannes, glaubt Theognis, 
entsteht die traurige Not (djir^ j^avta), durch die er zum Verbrechen 
hingerissen wird. 

„Die Armut empfing ich als Mutter der Not — sie verführt den Sinn 
der Männer zur Sünde, indem sie den Verstand in der Brust unter 
mächtigem Zwange verblendet, — der Notdurft weichend, welche 
eben viel Böses lehrt, Lüge und Trug und Unheil bringende Streitig- 
keiten, — denn auch schwere Not gebiert sie." (V. 3 84 ff.) 
Von welcher Bedeutung aber für Erlangung von Ansehen Reichtum 
sowie verfeinerte und glänzende Lebensweise sind, das kann man auch 
zu unserer Zeit sehr häufig beobachten. 

Es kommt hinzu, daß bei diesem griechischen Adel, von dem ich 
rede, in Wahrheit mit dem Reichtum gelehrte Bildung und Beschäftigung 
mit den edeln Künsten verbunden war, während die gemeinen Leute 
ohne Anteil an jeder Bildung und ohne Kenntnis von ihr unter den 
elendesten Umständen das Leben hinbrachten: 

,die weder von den Rechten noch von den Gesetzen etwas wußten, 
sondern um die Rippen Ziegenfelle zerrieben und außerhalb dieser 
Stadt wie Hirsche auf die Weide gingen." (V. 5 4 ff.) 
Es gab aber bei den Adligen eine ganz reichhaltige Menge von Vor- 
schriften und Regeln, wie man das Leben richtig und nach der Norm 
der Adligen einzurichten habe, die von den Ahnen den Kindern und 

443 



39* 



Nachkommen überliefert waren, so daß Theognis dem Kyrnos nichts 
anderes zu überliefern erklärte als 

„was ich selbst, o Kyrnos, noch als Kind von den Guten erlernt 

habe« (V. lyf.) 
Dagegen vermag der gemeine Mann nicht allein die von den Eltern 
schon fehlerhaft empfangene natürliche Anlage auf keine Art wieder- 
herzustellen und zu bessern, sondern der in den Sitten und Gewohn- 
heiten der schlechten Menschen Herangewachsene wird allmählich 
immer mehr verdorben: 

„Die Schlechten sind nicht gänzlich schlecht vom Mutterleib geboren, 

sondern mit schlechten Männern Freundschaft schließend, haben 

sie üble Werke gelernt und böse "Worte und Frevel." (V. 305 ff.) 

„Durch Belehrung wirst du niemals den schlechten Mann gut machen." 

(V. 437^0 
Da also auf der Berühmtheit des alten Ursprunges, der Kenntnis des 

Krieges und der Staatslcitung, der Verwaltung des Kultus, dem Glänze 
des Reichtums und der Lebenseinrichtung und endlich der Unterweisung 
in den edeln Künsten das Ansehen der Adligen beruht, mittels dessen sie 
das niedere Volk in Unterwürfigkeit und Gehorsam erhielten, so ist es 
nicht zu verwundern, daß Theognis bei dem von ihm wahrgenommenen 
großen Gegensatz von Adel und Volk es ausgesprochen hat, ein Mann 
von Adel müsse sich auf jede Weise von dem Verkehr mit dem Volke 
fern halten. Und so möchte auch bei den Versen 345 und 347 an die 
Leute aus dem Volke zu denken sein, da mit ihnen die Adligen nicht 
einmal auf einer Handelsreise sich zusammentun und zu gemeinsamen 
Plänen vereinigen dürfen. Ja, es gebe nichts Eitleres und Unnützeres, 
meint er, als einem gemeinen Manne förderlich zu sein, da dieser nie- 
mals Dank abzustatten pflege. 

„Wer den Schlechten wohltut, der empfängt eitlen Dank, gleich wie 
der, welcher des Meeres graue Salzfiut besät; denn so wenig du, 
wenn du das Meer besäst, wuchernde Garben erntest, so wenig 
empfängst du dafür Gutes, wenn du den Schlechten Gutes tust." 
(V. 105 ff.) 
Sollten es aber die Umstände erfordern, daß der Mann von Adel sich 
der Gemeinen bedient, so muß er zwar in Worten und Mienen sich 
ihnen als guter Freund erweisen, stets aber in Wirklichkeit von unaus- 
löschlichem Haß gegen sie brennen. Vgl. Teuffei: „Unbedingtes Miß- 
trauen und tief innerliche Verachtung muß die Stimmung gegen die 

444 



daioi (Mitbürger) sein, nur daß man zur Bekundung seiner geistigen 
Überlegenheit gegen sie die glätteste herzlichste Miene annimmt. Diese 
nichtswürdige Lehre hat der Dichter die Naivetät mit der größten Un- 
verhülltheit vorzutragen und als Gewandtheit zu empfehlen. 283. 213. 
513.365.63.« 

Wir haben hier also jene hochmütige Überzeugung des dorischen 
Adels, dessen Ansichten niemand bei Theognis verkennen wird, wie- 
wohl der Zweifel berechtigt ist, ob Theognis bei ebendenselben stehen 
geblieben ist auch zu einer Zeit, als durch die bürgerlichen Zwistig- 
keiten und die allgemeine Umwälzung die Grundlagen dieser Über- 
zeugung, die auf jener Freundschaft mit den Göttern beruhten, voll- 
ständig erschüttert waren. 

Fragt man nämlich, woher es gekommen ist, daß allmählich das An- 
sehen der Adligen gebrochen wurde und von Tag zu Tag mehr herabsank, 
so ist der erste und gewichtigste Grund darin zu suchen, daß viele Männer 
aus dem niedcrn Volke hauptsächlich in den Seestädten durch großen 
und wohlausgestatteten Handel Hab und Gut vermehrten, es den Adligen 
schnell an Reichtum gleichtaten und sie an Aufwand und Luxus über- 
boten, daß sie ferner nicht mehr jede geschmackvollere Feinheit ab- 
lehnten, sondern auf Bildung von Sitten und Geist Mühe ver- 
wandten, zumal sie häufig von ihren weiten Reisen mit reicherem Wissen 
zurückkehrten. Dazu bewahrten sich die Adligen nicht die alte Sitten- 
reinheit, sondern ergaben sich häufig der Schwelgerei und Genüssen, 
entfremdeten sich nach und nach der WafFenführung und verwalteten 
ihr Vermögen nicht mit Besonnenheit, sondern ließen Schulden auf- 
laufen, so daß manche in schimpfliche Armut herabglitten. Die Folge 
davon war, daß nun nicht mehr die Adhgen sich vöUig vom Volke ab- 
schlössen, sondern durch Eingehung von wechselseitigen Ehen, da die 
gemeinen Leute auf solche Weise Ansehen erstrebten und erlangten, 
Hilfsmittel zu erwerben suchten : „Reichtum vermischte die Geschlechter*' 
sagt Theognis. 

Alles nämlich, was wir über den allmählich in Verfall geratenen Adel 
und den aufblühenden Bürgerstand gesagt haben, trat auch in Megara 
nach Theagenes' Herrschaft ein. Nichts aber brachte den Adligen hier 
mehr Schaden als eben die Herrschaft des Theagenes, der, einer an- 
gesehenen Familie entstammend, eine Zeitlang den Volksfreund spielte 
und durch die Gunst des gemeinen Mannes die Gewalt errang. 
„Am meisten aber", so heißt es bei Aristoteles Pol. 5, 3, i „schlagen die 

445 



Oligarchien um, wenn eben aus der Oligarchie der Führer des Volkes 
hervorgegangen ist." 

In dieses mit wenigen Strichen gezeichnete Zeitalter fällt das Leben 
des Theognis, der von Kindheit an in den Lehren des Adels unter- 
wiesen war, die er, nun herangewachsen, in allen Stücken vernach- 
lässigt sah. So war es denn unausbleiblich, daß er an der Gerechtigkeit 
der Götter zu zweifeln begann, was er selbst freimütig ausgesprochen hat: 
„Lieber Zeus, ich staune dich an; denn du gebietest, selbst im Besitz 
der Ehre und großer Macht, über alle. — Wie doch unterfängt 
sich, Kronide, dein Sinn, über Frevler und Gerechte das gleiche 
Schicksal zu verhängen?" (V. 373 ff.) 
„Und ist dies, König der Unsterblichen, gerecht, daß ein Mann, 
der sich frei hält von ungerechten "Werken und durch kein Ver- 
gehen, keinen Falscheid belastet ist, sondern gerecht, nicht sein 
Recht erhält?" (V. 743 ff.) 
Vor allem aber tat es ihm wehe, daß, wenn Leute vom niederen Volke 
in glänzenden Verhältnissen stürben, niemand sie strafe, es sei denn, daß 
die Kinder und Nachkommen für die Sünden der Väter durch Strafen 
büßten. Daher stellte er Jupiter vor, er möchte doch seinen eigenen 
"Weg, den er angeben würde, zur Bestrafung der Schlechten gehen: 
„O daß es doch, Vater Zeus, den Göttern gefiele, den Frevlern die 
Überhebung zu vergelten, ja möchte es ihnen im Herzen gefallen, 
daß, wer unfreundlich in seinen Sinnen ohne Scheu v'or den Göttern 
verwegene Werke verrichtet, selbst darauf das Böse wieder büßt 
und nicht hinterher die Freveltaten des Vaters den Kindern zum 
Unheil ausschlagen." (V. 7 3 i ff.) ^ 

„Möchte doch solches den sehgen Göttern gefallen; jetzt aber geht 
der Täter leer aus, und das Leid trägt ein anderer hinterdrein." 
(V. 74if.) 
Wenn aber die Menschen an der Gerechtigkeit der Götter zu zweifeln 
anfingen, fürchtete Theognis, so möchten sie Weg und Mittel nicht fin- 
den, daß jemand hoffen könne, die Gnade der Götter zu erlangen. 
„Nicht ist von einem Gotte den Sterblichen etwas zuerkannt, auch 
nicht, welchen Weg jemand zu gehen hat, um den Unsterblichen 
zu gefallen." (V. 381 f.) 
Infolgedessen würden die Menschen von Tag zu Tag mehr herunter- 
kommen und den Göttern mehr entfremdet werden. 

.446 



Deshalb gibt es nicht wenige Verse, in denen er seine Betrübnis aus- 
spricht, daß nicht einer von allen Menschen von Schuld völlig frei sei: 
„Von den Menschen auf der Erde ist keiner frei von Tadel." (V. 799.) 
„Auf keinen völlig guten Mann, der das rechte Maß hält, unter den 

jetzigen Menschen schaut die Sonne herab." (V. 6 1 5 f.) 
„Keinen Mann, o Kyrnos, beschauen die Strahlen der den Menschen 

leuchtenden Sonne, dem nicht Tadel anhängt." (V. 1 1 8 5 f.) 
Es kommt hinzu, daß auch die Adligen, von schwerster Not heim- 
gesucht, oft vom Wege des Rechten ablenkten, zumal diese vom ge- 
meinen Mann auf die Vornehmen abgewälzte Last der Armut ihnen so 
ungewohnt und unerhört war, daß sie von ihr auf jede mögliche Weise 
sich frei zu machen strebten. 

„Ach, feige Armut, — häßliche, — ohne daß ich es will, lehrst du 

mich mit Gewalt viel Schlechtes." (V. 649. 651.) 
„Denn suchen muß man, Kyrnos, über die Erde hin wie über den 
weiten Rücken des Meeres Erlösung von der schweren Armut." 
(V. i79f.) 
Endlich scheint er, des Vermögens und des Vaterlandes beraubt, zu- 
erst an seiner Existenz verzweifelt und den Tod selbst ersehnt zu haben: 
„Sterben, lieber Kyrnos, ist für einen armen Mann besser als leben, 

von schwerer Armut gequält." (V. 181 f.) Vgl. 425 — 419. 
Nachher aber fügte er sich mehr den Umständen und trug alle Leiden 
mit größerer Fassung, ja, er verstand sich sogar zu dem Ausspruch 
„Allerlei Gaben der UnsterbHchen fallen den Sterblichen zu, aber 
Mut muß man fassen, die Geschenke der Unsterblichen so, wie 
sie sie geben, anzunehmen." (V. 443 ff.) 
„Halte dich frei von Kummer, indem du bei vergeblichem Tun den 
Schmerz nährst, werde nicht unwillig, betrübe nicht die Freunde 
und erheitere nicht die Feinde; den durch das Geschick bestimmten 
Gaben der Götter entgeht nicht leicht ein sterblicher Mann, weder 
wenn er in die Tiefe des dunkeln Meeres hinabtaucht, noch wenn 
ihn der finstere Tartarus umfängt." (V. 103 ff.) 
Es bleibt nun noch ein Punkt übrig, den mehr auf Grund einer 
Vermutung als bestimmter Beweismittel zu erörtern gestattet sein möge. 
Es ist nämlich überaus wahrscheinlich, daß Theognis nach seiner Rück- 
kehr in die Vaterstadt, da sein Leben sich bereits zum Ende neigte, 
überhaupt in den öffentlichen Dingen größerer Mäßigung sich befleißigt, 
besonders aber von seinen früheren Ansichten über Götter und Menschen 



447 



manches preisgegeben und etwas freier vor allem über die Würdigkeit 
eines Mannes aus niederem Stande geurteilt hat. Jedenfalls fordert er 
Kyrnos auf, niemandem seine Armut zum Vorwurf zu machen. 

„Niemals doch rücke im Zorne einem Manne die herzkränkende 

Armut, niemals die Unheil bringende Mittellosigkeit vor. Denn 

fürwahr, Zeus läßt die "Wagschale bald hier-, bald dorthin sich 

neigen, jetzt reich zu sein, jetzt nichts zu haben." (V. 155 ff.) 

Bei diesem Gedanken, daß sowohl das Böse wie das Gute allein von 

den Göttern den Menschen zugeteilt werde und ganz und gar in ihr 

Belieben gestellt sei, scheint er sich völlig beruhigt zu haben. 

„Niemand, Kyrnos, ist selbst an Schaden und Gewinn schuld, sondern 

die Götter sind die Geber von diesen beiden, und kein Mensch, 

der sich müht, kann wissen, ob es schließlich zum Glück oder 

zum Unheil ausschlagen wird." 

„Wir Menschen glauben an eitle Dinge und wissen nichts, die Götter 

aber vollbringen alles in ihrem Sinne." (V. 133 ff.) 
Ich kehre nun zu jenem Ausspruch Grotes zurück, von dem ich aus- 
gegangen bin. Dies eine glaube ich gezeigt zu haben, daß Theognis, da 
sein Leben in die Umwandlung aller Verhältnisse und Meinungen fiel, 
gar nicht anders gekonnt hat, als bei denselben Ansichten zu ver- 
harren, in denen er als Knabe unterwiesen zu sein scheint. Daraus er- 
hellt, was jener Ausspruch Grotes zu bedeuten hat, und man wird ihm 
in der Tat zugestehen müssen, man erkennt an Theognis, daß die den 
Doriern angeborene natürliche Kraft schon zu jenen Zeiten geschwächt 
und gebrochen war. 



448 



Die vorliegende Ausgabe der Werke Friedrich Nietzsches 
wird im Auftrage seiner Schwester veranstaltet. 

Herausgeber sind: Dr. Richard Oehier, Max Oeiiler und 
Dr. Friedrich Chr. Würzbach. 



Nachbericht. 

Abkürzungen : 

W. — Gesamtausgaben von Nietzsches Werken (Groß- 
u, Kleinoktav, die in Text und Seitenzahlen über- 
einstimmen; die Philologika hat nur die Groß- 
oktav-Ausgabe). 

Hds. = Im Nietzsciie-Archiv aufbewahrte Handschriften, 
die mit Buchstaben und Nummern bezeichnet 
sind (z. B. P XI). 

Br. = Gesammelte Briefe. 

Biogr. = „Das Leben Friedrich Nietzsche's" von Elisab. 
Förster-Nietzsche. 

Die Jugendschriften Nietzsches sind in verschiedener Hinsicht be- 
deutungsvolh Ihr hoher biographischer "Wert versteht sich von selbst: 
der glänzende Stilist, der zart und tief empfindende Lyriker (noch mehr 
vielleicht in einigen Prosaaufzeichnungen, als in den Gedichten), der 
kühn an die schN57ersten Probleme herangehende Denker, der unerbitt- 
liche Psychologe und Kulturkritiker — sie alle sind in den Jugend- 
produktionen zwar naturgemäß noch nicht zur Reife gelangt, aber kün- 
digen sich an. Was jedoch weit über das Biographische hinaus Wert 
und Bedeutung für die Erfassung der Gesamtpersönlichkeit Nietzsches 
und ihres Schaffens hat, sind die Arbeiten und Aufzeichnungen — oder 
auch nur Teile davon — in denen bereits keimhaft spätere Grund- 
anschauungen und -Neigungen hervortreten. Ist es doch keineswegs 
eine müßige Spielerei, den Jugendeindrücken und frühen Neigungen 
großer Menschen in ihren Wechselbeziehungen Beachtung zu schenken: 
sie sind bei der gesteigerten Empfindlichkeit und Aufnahmefähigkeit 
des Genies und seinem schon früh zu produktiver Verarbeitung des 

29 Nietzsche I 449 



Aufgenommenen drängenden Eigentrieb von größter, richtunggebender 
Bedeutung auch für das spätere Schaffen; wobei nur daran erinnert 
sein mag, daß die "Wurzeln des Faust — nicht nur hinsichtlich der Kon- 
zeption, sondern auch der späteren Ausgestaltung — bis in die Jünglings- 
und Knabenzeit Goethes mit ihren schon damals zutage tretenden pan- 
theistischen Neigungen und den damit eng zusammenhängenden mystisch- 
alchimistischen Studien hinabreichen. „Jugendeindrücke verlöschen nie", 
bekennt Goethe selbst. 

In diesem Sinne ist die Vorliebe des 17jährigen Nietzsche für Höl- 
derlin mit seinem Haß gegen den deutschen Fachmenschen und „Phi- 
lister", das deutsche „Barbarentum", mit seiner Begeisterung für Griechen- 
land und seiner unbefriedigten Sehnsucht nach griechischer Kultur, wie 
sie in dem Schulaufsatz zum Ausdruck kommt, außerordentlich be- 
deutungsvoll; und nicht nur die Gedichte Hölderlins, sondern auch das 
dramatische Fragment „Empedokles" (Nietzsches späterer Empedokles- 
versuch!) und der Roman „Hyperion, oder der Eremit in Griechenland" 
(Zarathustra!) zogen den Schüler Nietzsche mächtig an und gaben ihm 
die nachhaltigsten Eindrücke. Wichtig ist dabei, daß Nietzsche in der 
Hölderlin-Arbeit durchaus Eigenes gibt — bei Schulaufsätzen ist das 
bekanntlich nicht immer ohne weiteres anzunehmen — ; das geht, ab- 
gesehen von anderen Zeugnissen für Nietzsches Vorliebe für Hölderlin, 
schon aus der Zensurnotiz des Lehrers hervor: „Ich muß dem Verfasser 
doch den freundlichen Rat geben, sich an einen gesunderen, klareren, 
deutscheren Dichter zu halten." — 

Nicht weniger beachtenswert ist Nietzsches Vorliebe für Theognis, 
den ausgesprochenen Aristokraten unter den griechischen Dichtern, der 
die Masse verachtete, die Begriffe vornehm und gut gleichsetzte, den 
Unterschied von gut und böse leugnete und nur den von edel und ge- 
ring anerkennen wollte — Auffassungen, die für Nietzsches ganzes 
Denken bestimmend geblieben sind. 

Es soll hier nicht auf alle Beziehungen zwischen den Jugendschriften 
und dem späteren Schaffen Nietzsches im einzelnen eingegangen wer- 
den; — erleichtert doch die in dieser Ausgabe gewahrte zeitliche An- 
ordnung der gesamten Produktion Nietzsches, einschließlich der Jugend- 
schriften und philologischen Arbeiten, das Verfolgen der Entwicklungs- 
linie der einzelnen Schaffenstendenzen. Nur kurz sei noch auf einige 
besonders bemerkenswerte Punkte hingewiesen: so auf die bezeichnen- 
den Bemerkungen zur Psychologie des bedeutenden Menschen in den 

450 



Aufsätzen über Napoleon III., Kriemhild, WäJlensteins Lager und in 
den Aufzeichnungen zur Geschichte der literarischen Studien; so auf die 
Anziehungskraft, die der Byron'sche Manfred, „die furchtbare Er- 
habenheit dieses geisterbeherrschenden Übermenschen", bereits auf den 
17 jährigen Nietzsche ausübte; ferner auf die Parallelen, die schon der 
Primaner in der Arbeit über „König Oedipus" zwischen der aus der 
musikalischen Lyrik der Dionysien erwachsenen griechischen Tragoedie 
und dem Wagner'schen „Kunstwerk der Zukunft" zieht; und endlich 
auf die ausführlichen kritischen Niederschriften über Christentum und 
Ethik, Erziehung und Bildung, Philologie und "Wissenschaftsbetrieb, 
Schopenhauer und Kant. Ein aufmerksamer Leser kann in diesen zu- 
nächst nur für den Verfasser selbst bestimmten Aufzeichnungen „den 
ganzen Nietzsche" finden, — wenn man diese summarische Bezeichnung 
für die Grundkonzeption der Hauptgedanken gelten lassen will, die den 
Ausgangspunkt für die alsbald einsetzende öffentliche Bildungs- und 
Kulturkritik und die folgerichtig daraus entwickelten Umwertungs- 
tendenzen bildeten. In jedem Fall sind diese Niederschriften beweis- 
kräftige Belege für den Hinweis Nietzsches, seine Schriften seien eigent- 
lich alle zurückzudatieren. „Die originalen Ansichten, die unser ganzes 
späteres Leben ausführen, mit Beispielen und Erfahrungen belegen und 
bekräftigen soll, werden in den zwanziger Jahren geboren" (Nietzsche 
an Deussen Herbst i8ö6; Br^P, 51). „Die Erfahrung aller großen 
Genien zeigt, daß die Jahre von 20 bis 30 alle Keime ihrer eigensten 
Größe bereits tragen, meistens in strotzendem Daseinsdrange, roh, un- 
vollkommen, aber unendlich reich" (Nietzsche in der Vorlesung Ein- 
leitung in das Studium der platonischen Dialoge, i. Kap. § i). 



Der Vortrag über die Suidas- Quellen, die von der Leipziger Universität 
preisgekrönte und im Rheinischen Museum für Philologie veröffent- 
lichte Arbeit über Diogenes Laertius und die Aufzeichnungen zur 
Geschichte der literarischen Studien gehören in den Studienkreis der beiden 
ersten Leipziger Jahre (Herbst 1865 bis Herbst 1 8Ö7), der in dem Nach- 
bericht zum II. Bd. dieser Ausgabe eine zusammenhängende Darstellung 
gefunden hat; auf sie sei daher verwiesen. In zum Teil engem Zu- 
sammenhang mit jenen Studien stehen drei weitere im Rheinischen 
Museum für Philologie veröffentlichte textkritische Arbeiten: 

»9* 451 



Zur Geschichte der Theogn'tdeUchen Spruchsammlung. 
I. Die letzte Redaktion der Theognidea. 
IL Über Zweck, Zeit und Schicksale der Redaktion. 
III. Der Zustand der Theognidea vor der Redaktion. 

Beiträge zur Kritik der griechischen Lyriker (Dd-nzt-lÄt^ des Simonides). 

Analecta Laertiana. 

Sie sind in dem I. Bd. der „Philologika" (W. Bd. XVII) gedruckt, in 
diese Ausgabe aber nicht aufgenommen, um sie nicht übermäßig mit 
philologischen Facharbeiten zu belasten. Alle anderen in den drei Bänden 
„Philologika" veröffentlichten Aufsätze und Vorlesungen finden — das 
sei hier im voraus gesagt — in der Musarion-Ausgabe Aufnahme. 

Auf einige Briefstellen, die über Entstehung und Drucklegung dieser 
drei Arbeiten Aufschluß geben, sei hier verwiesen; 

Theognidea: Br. P, 24/15, 30, 34/55, 41, 44, 56, 78; III, 9, 22, 
24 ff., 64, 66/67; 

Danae-Lied; Br. P, 14, 107, 113; II, '^^1 <)<):, 63; III, 42, 45/47; 

Analecta Laertiana; Br. III, j6j y^. 

Über die Laertius-Preisarbeit und die damit eng verknüpften Suidas- 
Studien gibt neben dem bereits genannten Nachbericht zum IL Band vor 
allem der Briefwechsel mit Ritschi Auskunft (Br. III, 33/40, 42, 60); 
vergL auch Br. P, 24, 6 2, 6"/., Jl/j^ (an Deussen4. April 1867; „Meine 
Laertiusarbcit wird in diesen "Wochen niedergeschrieben. Mein Bestreben 
ist diesmal, das logische Grundgerippe nicht so sichtbar durchblicken 
zu lassen, wie dies in meiner mitfolgcnden Theognisstudie der Fall ist. 
Dies ist übrigens sehr schwer. "Wenigstens für mich. Ich möchte der- 
artigen Dingen ein etwas künstlerisches Kleid geben. Du wirst meinen 
Eifer lächerlich finden, mit dem ich Farben reibe, überhaupt mich an- 
strenge, einen leidlichen Stil zu schreiben. Aber es ist nötig, nachdem 
ich mich so lange vernachlässigt habe. Sodann vermeide ich möglichst 
streng die Gelehrsamkeit, die nicht nötig ist. Das kostet auch manche 
Selbstüberwindung. Denn manches superfluum muss hinweggeschnitten 
werden, das uns gerade sehr gefällt. Eine strenge Exposition der Beweise, 
in leichter und gefälliger Darstellung, womöglich ohne jeden morosen 
Ernst und jene zitatenreiche Gelehrsamkeit, die so billig ist; das sind 
meine "Wünsche. Das Schwerste ist immer, den Gesamtkonnex von 
Gründen, kurz den Riss des Gebäudes zu finden. Dies ist eine Arbeit, 
die im Bett und auf Spaziergängen sich oft besser macht als am Studier- 
tisch. Das grobe Material zusammenzuschafFen ist eine freundliche Arbeit, 



ob sie gleich oft etwas Handwerkmäßiges hat. Aber die Erwartung des 
endlich sich enthüllenden Zauberbildes hält uns munter. Am peinlichsten 
ist mir die Ausarbeitung, und hier reißt mir sehr oft die Geduld"); 
ferner ßr. V, 94; II, 6/j, 1Ö/17, 73 („Die zwei ersten Kapitel meiner 
Laertiana sind in dem letzten Hefte des Rheinischen Museums gedruckt 
und werden Dir in einem Einzelabzug nächstens zugehen. Ach wie 
widerwärtig mich diese ganze Arbeit berührt! Nonum prematur in an- 
num! Sonst ist's nichts! Diese eben ausgeheckte "Weisheit gleich drucken 
zu lassen ist allzu töricht, und ich habe nichts als Ärger davon. So vieler- 
lei ist geradezu falsch, noch mehr verwegne Stammelei und das Ganze 
unmündig ausgedrückt. Zu meiner Entschuldigung dient nur, daß ich 
erst am 15. Oktober d. Jahres mündig werde". — An Rohde 8. Okt. 
i8(58); ßr. II, 81/82 (Rohdes anerkennendes Urteil über die Arbeit). 
Schließlich seien hier noch zwei für die allgemeine Stellung Nietzsches 
zu seiner Wissenschaft charakteristische Briefstellen angeführt; sie zeigen, 
von wie widerstrebenden Empfindungen der junge Philologe hin- und 
hergezogen wurde: an Deussen schreibt er im Spätherbst \%66: ,Je 
mehr ich und je heller ich, in den Vorhöfen der Philologie stehend, in 
ihre Heiligtümer einblicke, um so mehr suche ich für sie Jünger zu 
gewinnen. Das ist ein Studium, bei dem es manchen Tropfen Schweißes 
kostet, das aber auch wirklich jede Mühe lohnt. Die kräftige und kräf- 
tigende Empfindung einer Lebensaufgabe stellt sich dem wirkHchen 
Philologen bald genug ein" (ßr. P, 5 2). Kaum ein halbes Jahr später 
heißt es in einem Brief an GersdorfF (6. April 1%6'j): „Wir wollen es 
nicht leugnen, jene erhebende Gesamtanschauung des Altertums fehlt 
den meisten Philologen, weil sie sich zu nahe vor das Bild stellen und 
einen Ölfleck untersuchen, anstatt die großen und kühnen Züge des ganzen 
Gemäldes zu bewundern und — was mehr ist — zu genießen. Wann, 
frage ich, haben wir doch einmal jenen reinen Genuß unsrer Altertums- 
studien, von dem wir leider oft genug reden. Überhaupt ist unsre ganze 
Art zu arbeiten entsetzlich. Die 100 Bücher vor mir auf dem Tische 
sind eben so viele Zangen, die den Nerv des selbständigen Denkens 
ausglühen" (ßr. P, 79). 



Auf die Schülerarbeiten nehmen naturgemäß nur wenige Briefstellen 
Bezug. Interessant sind einige Äußerungen über den Theognis- Aufsatz ^ 
so an die Jugendfreunde W. Pinder und G. Krug (12. Juni 1864; 

453 



Br. P, 2): Ich schreibe eine große Arbeit über Thcognis nach einer 
freien Wahl. Ich habe mich wieder in eine Menge von Vermutungen 
und Phantasien eingelassen, denke aber die Arbeit mit recht philolo- 
gischer Gründlichkeit und so wissenschaftlich als mir möglich zu voll- 
enden. Ich habe mir schon einen neuen Standpunkt bei der Betrachtung 
dieses Mannes errungen und urteile in den meisten Punkten verschieden 
von den gewöhnlichen Ansichten. Die besten Sachen, die darüber ge- 
schrieben sind, habe ich gründlich durchstudiert". — Es folgt dann die 
Bitte, ihm die Dissertation De Theognide Megarensi von Rintclen zu 
besorgen; doch gelang es den Freunden nicht, ihrer habhaft zu werden 
(B. P, 6). An Deussen schreibt Nietzsche unmittelbar nach der Voll- 
endung der Arbeit: „Ob ich damit zufrieden bin? Nein, nein. Aber ich 
hätte kaum etwas Besseres, selbst wenn ich mich noch mehr angestrengt, 
sagen können. Einige Partien sind langweilig. Andere sprachlich un- 
beholfen. Hier und da einiges überspannt, wie ein Vergleich des Theo- 
gnis mit Marquis Posa! Meine vorher angefertigten CoUektaneen über 
Theognis habe ich zum größten Teil ausgeschrieben. Argerlich ist mir, 
daß ich sehr oft habe Stellen abschreiben müssen. Zitiert habe ich 
Theognis so oft, daß sicher der größere Teil der Fragmente von mir 
zitiert ist" (Juli 18Ö4, Br. P, 8). 

Von den übrigen Schülerarbeiten wird nur die Abhandlung über die 
Ermanarich-Sage in den Briefen einmal kurz erwähnt (an Mutter und 
Schwester November 1863; Br. V, 47). Nietzsche bewertete sie unter 
allen seinen Jugendarbeiten am höchsten: in dem kurzen, der Valediktions- 
arbeit beim Abgang von Schulpforta vorausgeschickten Lebensabriß heißt 
es: „. . . In diesem Streben nach zunehmender Vertiefung stehe ich noch 
jetzt, und es ist natürlich, daß ich über meine eignen Leistungen meistens 
ebenso geringschätzend denke, wie oft auch über die anderer, weil ich fast 
in jedem zu behandelnden Stoff eine Unergründlichkeit oder wenigstens 
eine schwere Ergründlichkeit finde. Es sei darum auch meine einzige 
Arbeit erwähnt, mit der ich in meiner Schullaufbahn fast zufrieden 
war: meine Abhandlung über die Ermanarichsage." 

Der Ermanarich-Stoff hat durch Jahre hindurch große Anziehungs- 
kraft auf Nietzsche ausgeübt: bereits im Sommer 18Ö1 hatte er aus- 
eigenem Antrieb eine Arbeit: „Ermanarich, Ostgotenkönig; eine literar- 
historische Skizze" für die literarische Vereinigung Germania angefertigt, 
die einen ersten Versuch der zwei Jahre später erheblich weiter aus- 
geführten Behandlung des schwierigen Stoffs darstellt. Aus den ein- 

454 



leitenden Sätzen der noch erhaltenen Niederschrift geht hervor, daß 
Nietzsche bereits ein Jahr vorher, also als noch nicht i 6 jähriger, sich 
vorgenommen hatte, „den sagenberühmten Tod des Ostgotenkönigs 
Ermanarich in einem dramatischen Gedicht zu verherrlichen'-'-. „Da ich 
mich aber" — fährt er fort — „zu diesem Vorhaben noch nicht reif 
genug fühlte, mir auch die älteste Geschichte und Sitte der Goten nur 
in ihren allgemeinen Umrissen bekannt war, so mußte ich mich not- 
gedrungen nach den Quellenschriften umsehen, um aus ihnen Stoff und 
nähere Belehrung zu schöpfen. Das Resultat dieser Studien liegt vor 
mir — keine Tragödie, sondern eine trockene Abhandlung." Nietzsche 
reichte sie seinem Lehrer, Professor Koberstein, ein; über die Aner- 
kennung, die sie bei diesem fand, berichtet Freund Gersdorff in seinen 
Erinnerungen; „Ich wohnte als Extraneer beim alten Professor August 
Koberstein, dem bekannten Literarhistoriker, der auch in Untersekunda 
deutschen Sprachunterricht gab. Eines Tages hatte Nietzsche eine aus 
freiem Antrieb gefertigte kritisch- historische Arbeit über die Ermanarich- 
sage bei Koberstein eingereicht. Dieser war dadurch hocherfreut und voll 
des Lobes über die Gelehrsamkeit, Kombinationsgabe, den Scharfblick 
und die stilistische Gewandtheit seines Schülers. Koberstein sprach sonst 
bei Tisch wenig. Da er sich nun diesmal mir gegenüber so freudig erregt 
geäußert hatte, nahm ich Anlaß, Nietzsche davon Mitteilung zu machen." 
(Br. P, S. XX; Elisab. Förster-Nietzsche, „Der junge Nietzsche", S. 1 2 i). 
Im Herbst desselben Jahres (1861) ging dann Nietzsche daran, den 
in ihm durch die Beschäftigung mit der Ermanarichsage geweckten 
Empfindungen auch musikalisch Ausdruck zu verleihen. In der Ein- 
leitung zu den ein Jahr später niedergeschriebenen Erläuterungen zu dem 
damals geschaffenen Bruchstück heißt es; „Michaelis 1861 war es, wo 
ich in wenigen Tagen das vorliegende Bruchstück der Ermanarich- 
symphonie anfing und vollendete, für zwei Klaviere berechnet, nach 
dem Vorbild der Dantesymphonie, die ich kurz vorher hatte kennen 
lernen. Es war eine Zeit, in der der Ermanarichstoff mich heftiger als 
je bewegte, zur Dichtung war ich noch zu sehr erschüttert und noch 
nicht fern genug, um ein objektives Drama zu schaffen, in der Musik 
aber erfolgte der Niederschlag meiner Stimmung, in der sich die Erma- 
narichsage völlig inkarniert hatte." — Im Mai 1862 endlich verfaßte 
Nietzsche ausweislich des Verzeichnisses der von den Mitgliedern der 
Germania eingelieferten Beiträge ein Gedicht: „Ermanarichs Tod", von 
dem jedoch nur ein Bruchstück des Entwurfs erhalten ist. — 

455 



Zu der fragmentarischen Niederschrift über das Christen tu?Ji (Ende 
i8<55 oder Anfang i8<5ö) bildet eine Briefstelle ungefähr aus derselben 
Zeit eine beachtenswerte Ergänzung; am 7. April 18ÖÖ berichtet Nietzsche 
an GersdorfF; „Heute hörte ich eine geistreiche Predigt ... .'s über das 
Christentum, ,Der Glaube, der die Welt überwunden hat% unerträglich 
hochmütig gegen alle Völker, die nicht Christen sind, und doch wieder 
sehr schlau. Alle Augenblicke nämHch substituierte er dem "Worte 
Christentum etwas anderes, was immer einen richtigen Sinn gab, auch 
für unsre Auffassung. Wenn der Satz ,das Christentum hat die Welt 
überwunden' mit dem Satz ,das Gefühl der Sünde, kurz, ein meta- 
physisches Bedürfnis hat die Welt überwunden' vertauscht wird, so hat 
das für uns nichts Anstößiges, man muß nur konsequent sein und sagen, 
,die wahren Inder sind Christen' und auch; ,die wahren Christen sind 
Inder'. Im Grunde aber ist die Vertauschung solcher Worte und Be- 
griffe, die einmal fixiert sind, nicht recht ehrlich; es werden nämlich 
die Schwachen im Geiste vollends verwirrt. Heißt Christentum ,Glaube 
an ein geschichtliches Ereignis oder an eine geschichtliche Person*-, so 
habe ich mit diesem Christentum nichts zu tun. Heißt es aber kurz 
Erlösungsbedürftigkeit, so kann ich es höchst schätzen und nehme ihm 
selbst das nicht übel, daß es die Philosophen zu disziplinieren sucht; 
als welche zu wenige sind gegen die ungeheure Masse der Erlösungs- 
bedürftigen, zudem aus gleichem Stoffe gemacht." (ßr. i^, 26/27). 

Bei den Aufzeichnungen über die Teleologie seit Kant handelt es sich 
nicht um eine zusammenhängende, folgerichtig entwickelte Nieder- 
schrift, sondern um die erste, noch ungeordnete, nur in einzelnen Ab- 
schnitten bereits weiter ausgeführte Gedankensammlung, die in der 
Reihenfolge, wie das Notizenheft sie aufführt, abgedruckt ist. Die 
mehrfach eingestreuten Dispositionsentwürfe lassen erkennen, daß 
Nietzsche eine größere Ausarbeitung über dieses Thema plante; vgl. 
dazu Br. P, 101, an Deussen, Mai 1868; „Wenn Du übrigens Ende 
dieses Jahres meine Doktordissertation bekommst, so wird Dir mehreres 
aufstoßen, was diesen [vorher erörterten] Punkt der Erkenntnisgrenzen 
erläutert. Mein Thema ist ,der Begriff des Organischen seit Kant', halb 
philosophisch, halb naturwissenschaftlich, Meine Vorarbeiten sind ziem- 
lich fertig." Ähnlich an Rohde Anfang Mai i8ö8; Br. II, 45. — 



45^ 



Von den Gedichten und Schriften dieses Bandes ist nur die Preis- 
arbeit über Diogenes Laertius in einer der früheren Gesamtausgaben 
enthalten, und zwar in der Gr. Oct.-Ausgabe, Band XVII (Philologika 
Bd. I). An anderen Stellen sind gedruckt: 

1. Die Gedichte in den älteren und neueren Einzelausgaben der Ge- 
dichte und Sprüche, von denen die neuere die ersten Jugendgedichte 
nicht, dafür aber mehrere aus den Jahren 1860 — 1864 bringt, die die 
ältere Ausgabe nicht enthält. In beide Ausgaben nicht aufgenommen 
ist das in der Biographie (Bd. I, S. 150) gedruckte Gedicht „Rückkehr" 
(i8(5o). 

2. Eine Reihe von Aufsätzen ^ Vorträgen und Niederschriften ganz 
oder teilweise in dem Anhang zum I. Bd. der Biogr. 

3. Die Aufzeichnungen über Philologie und Wissenschaftsbetrieb in 
der Biogr., Bd. I, S. zSziF. 

Über die literarische Vereinigung „Germania", die der 1 6jährige 
Nietzsche mit den Jugendfreunden Wilhelm Finder und Gustav Krug 
im Sommer 1860 in Naumburg begründete, und die er später als Aus- 
gangspunkt für die Einkleidung der Vorträge über die Zukunft unserer 
Bildungsanstalten verwendet hat, ist das Nähere nachzulesen in der 
Biogr., Bd. I, S. i^zff,, sowie im „jungen Nietzsche", S. loiff.; dort 
findet man auch Verzeichnisse der von Nietzsche eingereichten Beiträge; 
sehr zu bedauern ist es, daß die Niederschriften der beiden im April 
und Mai i 8 <5 3 von ihm gehaltenen Vorträge „ Über das Dämonische in 
der Musik" sich bis jetzt nicht wieder haben auffinden lassen. 

Über den philologischen Verein in Leipzig, dessen Präsident Nietzsche 
war, vgl. Biogr. Bd.I S. 23 2fF.; „Der junge Nietzsche" S. i/öfF., sowie 
Br. P, 40, 4<$. 

Betreffs der Rechtschreibung und Interpunktion wurde von einer 
Vereinheitlichung abgesehen; die Schreibweise Nietzsche's wurde mit 
allen ihren Schwankungen beibehalten; es möge also nicht den Heraus- 
gebern zur Last gelegt werden, wenn dieselben Worte, oft in kurzer 
Aufeinanderfolge, verschiedene Schreibarten aufweisen. Die Interpunk- 
tion hat nur da Ergänzungen gefunden, wo es zur Verdeutlichung des 
Textes notwendig erschien. 

Im Text sind Verbesserungen nur da vorgenommen worden, wo es 
sich offensichtlich um Versehen handelt. Befremdende Wendungen, die 

457 



nicht selten sind und bei denen man oft fühlt, daß dem Verfasser ein 
anderer, besserer Ausdruck vorschwebte, sind unverändert geblieben. 
Die Entwicklung des Prosastils des Sprachkünstlers Nietzsche von den 
ersten Anfängen bis zur Meisterschaft im einzelnen zu verfolgen ist 
reizvoll und nutzbringend. "Wie ernsthaft er schon frühzeitig auch in 
dieser Richtung selbsterzieherisch bemüht war, zeigt neben dem bereits 
angeführten Brief an Deussen vom 4. April 1867 eine Briefstelle an 
Gersdorff vom 6. April 1867: „Ich will zu Deiner Belustigung gestehen, 
was mir die meiste Mühe und Sorge macht: mein deutscher Stil (vom 
lateinischen nicht zu reden: habe ich mich mit der Muttersprache aus- 
einandergesetzt, so sollen auch fremde Sprachen daran kommen). Mir 
fallen die Schuppen von den Augen: ich lebte allzulange in einer sti- 
listischen Unschuld. Der kategorische Imperativ ,Du sollst und mußt 
schreiben' hat mich aufgeweckt. Ich suchte nämlich, was ich nie gesucht 
hatte, außer auf dem Gymnasium: gut zu schreiben, und plötzlich er- 
lahmte die Feder in der Hand. Ich konnte es nicht und ärgerte mich. Da- 
zu dröhnten mir die Ohren von Lessing'schen,Lichtenberg'schen,Schopen- 
hauer'schen Stilvorschriften. Ein Trost war mir immer, daß diese drei 
Auktoritäten einstimmig behaupten, es sei schwer, gut zu schreiben, von 
Natur habe kein Mensch einen guten Stil, man müsse arbeiten und hartes 
Holz bohren, ihn zu erwerben. Ich möchte wahrhaftig nicht wieder so 
hölzern und trocken, nach der logischen Schnürbrust schreiben, wie ich es 
z. B. in meinem The ognisaufsatz getan habe: an dessen "Wiege keine Grazien 
gesessen haben (vielmehr brummte es aus der Ferne wie von König- 
grätz her). Ich '^äre sehr unglücklich, nicht besser schreiben zu können 
und es doch warm zu wünschen. "Vor allem müssen wieder einige 
muntere Geister in meinem Stil entfesselt werden, ich muß darauf wie 
auf einer Claviatur spielen lernen, aber nicht nur eingelernte Stücke, 
sondern freie Phantasieen, so frei wie möglich, aber doch immer logisch 
und schön" (Br. P, 77/78). 

"Weimar und Leipzig im Oktober 192 i. 

Max Oehler. Dr. Richard Oehler. 



458 



Diese einmalige Monumentalausgabe erscheint in 1 600 Exem- 
plaren: davon Nr. i — 15 auf Japan -Velin, Nr. 16 — 200 auf 
Hadernpapier, Nr. 201 — 1500 auf rein holzfreiem Papier. 
IOC Exemplare Nr. I — C gelangen nicht in den Handel. Den 
Druck besorgt die Offizin W. Drugulin in Leipzig. Gebunden 
werden Nr. i — 15 in Ganzleder und Nr. 201 — 1 5 00 in Halb- 
franz von P. A. Demeter in Hellerau, Nr. 16 — 200 in Ganz- 
pergament von der Großbuchbinderei Hübel&Denck in Leipzig. 
Entv^ürfe des Einbandes von Ottomar Starke in München. 

Dieses Exemplar trägt die Nummer l.Ly o 



&273 



m 4 1996