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Full text of "Geschichte der alten russischen Heeres-Einrichtungen : von den frühesten Zeiten bis zu den von Peter dem Grossen gemachten Veränderungen"

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&hcuV AtS^^. 




ftarfaart Colleße übtats 



FROM THE 



SUBSCRIPTION FUND 



BEGUN IN 1858 



JL I \JiJir I^OD. 





Geschichte 



der 



alten Russischen 

Heeres - Einrichtungen 

Ton 

den frühesten Zeiten 

bis 

ZU den von Peter dem Grossen gemachten Veränderungen. 

Von 

BBIX, 

Bittmeiflier n. Escadronchef im Königlich Preoss. UUnen-Begiment No. 15. 




BERLIN 

B. Behr*s Buchhandlung (E. Bock) 

tlj Unter den Linden. 

1867. 



SXoA/^^O» 2^ 






y 



O-A^A^O-OJClA^uiNAA^^ A A 



A-A.A-4xA— 



^^ 



Seiner Majest&t 

dem Kaiser Alexander II. 

von Bussland 

in tiefster Unterthänigkeit überreicht 



den YerfiMMr. 



Vorwort. 



Interesse für eine Armee, welche mit der vaterländischen stets 
in einer besonders engen Gameradschaft vereinigt gewesen ist, ver- 
anlassten mich schon seit längerer Zeit, wie dem gegenwärtigen 
Zustande derselben, so auch ihrer Vergangenheit ein besonderes 
Stndinm zuzuwenden. 

Die Früchte der in ersterer Richtung gewonnenen Ausbeute 
sind dem militairischen Publicum in mehr oder minder ausgedehnter 
Oeffentlichkeit bereits in einer Reihe von Arbeiten bekannt gewor- 
den, die von der Critik nicht ungünstig beurtheilt wurden. Das 
Resultat der über die Geschichte der Russischen Armee ange- 
stellten Forschungen liegt zunächst in dem nachstehenden Werk vor. 

£s hat 13 Jahre angestrengter Studien gekostet, um es zu 
gewinnen; und Schwierigkeiten aller Art waren dabei zu über- 
winden: 

Zunächst in der fremden und für einen Westeuropäer so 
schwierigen Sprache an sich; dann in dem fast absoluten Mangel 
an Vorarbeiten, deren überhaupt nur einige wenige monographien- 
artige Zusammenstellungen existiren. Da sich übrigens auch diese 
bei näherer Betrachtung als nur von sehr bedingter Zuverlässig- 
keit erwiesen, so war ich genöthigt, ganz auf die Urquellen zurück 
zu gehen. Hierbei traten aber neue Hindernisse ein. Zuerst galt 
es, jene überhaupt nur erst zu ermitteln und in dem Staub der 
Bibliotheken und Archive zu entdecken; dann war es mit den 
gröss^ten Umständen und theilweise auch erheblichen Kosten ver- 
knüpft, sie in nur irgend genügender Weise zu erlangen; endlich 
aber stellten sie sich bei der Benutzung in so spröder Weise dar, 
dass es fast der Mühe des Erlernens einer neuen Sprache gleich 
kam, sie flüssig zu machen. Eine ganz eigenthümliche Schwierig- 
keit bot hierbei neben der Fremdartigkeit namentlich audb die 
grosse Armuth der damaligen Russischen Militairsprache, welcher 
fär die Bezeichnung vieler, oft sehr verschiedener Gegenstände 
häufig nur ein Wort zu Gebote stand, wodurch bei dem vollständigen 
Versagen aller Lexica Irrthümer und Missverständnisse ohne das 
tiefete Durchdringen und vollständiges Einleben in den Stoff fast 
unvermeidlich wurden. Genug es galt, eine absolut unbetretene 
und gänzlich pfadlose Wildniss zu durchforschen und der ersten 
Betraditung zugänglich zu machen. — Wolle man dies bedenken, 
wenn man auf der in der nachstehenden Arbeit gebrochenen Bahn 



— VI — 

die ruhige Gleichmässigkeit und tadellose VoUendung einer Chaussee 
vermissen sollte. 

Für die Darstellung musste es unabweislich erscheinen, sich 
an eine möglichst streng und consequent durchgeführte Disposition 
zu halten. Es haben sich zw^ir auch bei der gewählten Wieder- 
holungen nicht ganz vermeiden lassen, doch würden sie bei einer 
anderen Stoffvertheilung unzweifelhaft noch zahlreicher ausgefallen 
sein. Sollte man trotzdem bisweilen Mangel an Klarheit und Logik 
zu rügen finden, so möge man erwägen, dass es sehr schwer ist, 
solche in die Darstellung zu bringen , wenn der Stoff selbst der 
Natur des Gegenstandes nach ihrer völlig ermangelt. 

Hinsichtlich der in den Text eingedruckten technischen Bussi- 
schen Worte bemerke ich, dass für dieselben der Satz mit Latei- 
nischer Cursivschrift gewählt ist, weil die Russischen Lettern doch 
nur einem beschränkten Leserkreis verständlich gewesen wären, 
auch den schon kostbaren Druck erheblich vertheuert hätten. 
Durchweg sind die Worte dem Deutschen Gebrauch zur Folge mit 
den der Russischen Schreibart entsprechenden Buchstaben ohne 
Rücksicht auf die Aussprache gesetzt, welche übrigens im Allge- 
meinen wenig von jener abweicht. Der Eigenthümlichkeit der Russi- 
schen Sprache gemäss hat eine Unterscheidung zwischen dem schar- 
fen und dem weichen s stattfinden müssen, und ist ersteres überall, 
wo irgend ein Zweifel möglich war, durch ss ausgedrückt. Ebenso 
hat für die Bezeichnung des der Deutschen Sprache ganz fehlen- 
den Lautes des Französischen j oder g vor e und i der Doppel- 
buchstabe 8h eingeführt werden müssen. 

Was endlich die benutzten Quellen betrifft, so findet man 
dieselben in einem besonderen Verzeichniss angeführt, welches 
quantitativ eme ungefähre Idee von dem bewältigten Stoff geben 
kann. Sie sind mit Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit, wenn 
auch vielleicht nicht mit modemer Genialität benutzt. 

So sei denn diese Arbeit der Nachsicht der Leser empfohlen. 
Des Neuen wird sie Allen in reichem Maass bringen; ob auch des 
Interessanten? — das dürfte nicht allein von ihr abhängen. Der 
Armee aber, deren Vorgeschichte sie zum Gegenstand hat, möge 
sie ein Zeichen sein, dass der Bund, welchen in Glück und Un- 
glück treu zusammen verlebte Zeiten geschlossen. Arm an Arm 
durchfochtene Kämpfe gefestigt, gemeinschaftlich vergossenes Blut 
besiegelt, g^enseitige Hochachtung und Freundschaft der beider- 
seitigen Erhabenen Kriegsherren geweiht haben, auch in der Ge- 
genwart noch ungebrochen besteht; wie er auch allen Stürmen 
der Zukunft Trotz bieten möge bis in die fernsten Zeiten, zum 
Heil und Segen der Einzelnen, wie des gemeinsamen Ganzen. 

Perleberg im Februar 1867. 

Der Verftoser. 



Verzeichniss 

der benutzten Quellen etc. 



I. In RuBsisoher Sprache. 

A. Qaellenschriften. 

1. Wort über das Igorsche Regiment Igor^s Sswjatosslawitsch, des 
Enkels Oleg's, mit einer Uebertragung in Prosa nnd Anmerkungen. 
Moskan. 1856. 

2. Sammlang der Staatserlasse nnd Verträge, welche in dem Staats- 
coll^nm der auswärtigen Angelegenheiten aufbewahrt werden. 4 Bände. 
Moskau 1813—1826. 

3. Acten, gesanmielt in den Bibliotheken und Archiven des Rus- 
sischen Reiches, von der Archäographischen Expedition der Academie der 
V^ssenschaften. Vervollständigt und herausgegeben von einer Allerhöchst 
eingesetzten Commission. 4 Bände. St. Petersbui^. 1836. 

4. Historische Acten, gesammelt und herausgegeben von der Archäo- 
graphischen Commission. 5 Bände. St. Petersburg. 1841 u. 1842. 

5. SnlTplemente zu den historischen Acten, gesammelt und heraus- 
g^eben von der Archäographischen Commission. 6 Bände. St. Peters- 
burg. 1846 — 1857. 

6. Acten, die sich auf die Geschichte des Westlichen Russlands be- 
ziehen, gesammelt und herausgegeben von der Archäographischen Commis- 
sion. 5 Bände. St. Petersburg. 1846—1853. 

7. Briefe der Russischen Herrscher und anderer Personen der Za- 
rischen Familie, herausgegeben von der Archäographischen Commission. 
1. Band. Moskau. 1848. 

8. Die Auszüge der Herren Zaren und GrossfOrsten Michailo Feo- 
dorowitsch, Alexej Michailowitsch und Feodor Alexiewitsch , herausgegeben 
von der Archäographischen Commission. Moskau. 1844. 



— VIII — 

9. Bücher des Rasread, nach den offiziellen Verzeichnissen derselben, 
mit Allerhöchster Genehmigung herausgegeben von der 3. Abtheilung der 
Persönlichen Canzelei Sr. Kaiserlichen Majestät. 2 Bände. St. Peters- 
burg. 1855. 

10. Vollständige Sammlung der Gesetze des Russischen Reiches. 
Erste Sammlung von 1649 bis zum 12. December 1825. St. Petersburg. 
1830. Band I bis IV. 



B. Bearbeitungen. 

1. Wiskowatow. Geschichtliche Beschreibung der Bekleidung und 
Bewaffnung der Russischen Truppen, herausgegeben auf Allerhöchsten Be- 
fehl. St. Petersburg. 1840. Band I. 

2. Ssaweljew. Materialien zur Geschichte der Ingenieurkunst in Russ- 
land. St. Petersburg. 1853. 

3. Materialien zur Geographie und Statistik von Russland, gesammdt 
von den Offizieren des Geueralstabes. Das Land des Donschen Corps. 
Zusammengestellt von dem arbeitenden Mitglied der Kaiserlich Russischen 
Geographischen Gesellschaft, dem Stabscapitain des Generalstabes N. Kras- 
now. St. Petersburg. 1863. 

4. Fuchs, B. Die drei Bewaffnungen des Russischen Landes, dem 
Russischen Volk erzählt. St. Petersbui-g. 1856. 

5. Beljaew. üeber das Russische Heer unter Michailo Feodoro witsch 
und nach ihm bis zu den Reformen Peter 's des Grossen. Moskau. 1846. 

6. üstrjälöw, N. Das Russische Heer vor Peter dem Grossen. St. 
Petersburg. 1856. 

7. Gerbel, N. Das Isjumsche Slobodische Kasakenregiment (1651 — 
1765). St. Petersburg. 1852. 

8. Koschichin, G. üeber Russland unter der Regierung des Zaren 
Alexej Michailowitsch. Zeitgenössisches Werte. St. Petersburg. 1840. (Aus- 
gabe der Arch&ographischen Commission). 



C. Aufsätze in Journalen. 

1. Militairisches Journal, mit Allerhöchster Genehmigung Seiner 

Kaiserlichen Majestät herausgegeben vom militairwissenschaftlichen Comitet. 

St. Petersburg. 

1830. No. 1. pag. 56 bis 88. Nachrichten über die ersten Manöver unter 
Peter I. und besonders Aber den Koshuchowschen Marsch. 

1840. No. 6. pag. 1 bis 84. üeber die Cavallerie. 

1843. No. 2. pag. 119 bis 204. Ueber das Tschemomoriscbe Kasaken- 
Corps, von Q. L. Ob. I. 

1852. No. 1. pag. 146 bis 155. Lefort und der Spieldienst Peter's des 
Grossen bis zum Jahre 1689 von N. üstijälow. 

1852. No. 1. pag. 131 bis 145; No. 2. pag. 89 bis 104; No. 3. pag. 
103 bis 120; No. 4. pag. 136 bis 154; No. 5. pag. 97 bis 128; 
1853. No. 5. pag. 94 bis 110; No. 6. pag. 84 bis 106. Der Lif- 
ländische Feldzug des Zaren Johann Wassi^ewitsch des Schreck- 
lichen in den Jaiu'en 1577 und 1578. 



— IX — 

1853. No. 4. pag. 1 bis 86; No. 5. pag. 1 bis 64. Betrachtang der ge- 
schriebenen und gedruckten Denkmäler, welche sich anf die Kriegs- 
kunst in Russland bis zu dem Jahr 1725 beziehen. Yerfasst von 
N. Obrutschew. 

1856. No. 1. pag. 1 bis 78; No.S. pag. 65 bis 134; No. 4. pag. 1 bis 
48. Geschichte der Kriegskunst in Russland vom Anfange Russiens 
bis zu der Regierung des Zaren Alexej Michailowitsch. 

1867. No. 3. pag. 1 bis 74; 1858. No. 1. pag. 1 bis 44. Abriss der 
Geschichte des Generalstabes in Russland (2. Theil des Aufsatzes: 
Abriss der Geschichte des Generalstabes im Westlichen Europa und 
in Russland) von dem Generalmajor des Generalstabes Fürsten 
N. 0. GoUzyn VI. 

2. Militairisch^ Sammler, herausgegeben auf Allerhöchsten Befehl. 
St. Petersburg. 

1860. No. 1. pag. 49 bis 106. Der Koshuchowsche Marsch im Jahre 

1694 von Ssemewskij. 
1863. No. 12. pag. 315 bis 390. Geschichtlicher Abriss der Versorgung 

der entlassenen Militairchargen in Russland seit dem 14. bis zum 

Ende des 17. Jahrhunderts. 

3. Artillerie- Journal, herausgegeben von dem Artillerie-Gomitet. Re- 
dacteur J. Kusnezow. St. Petersburg. 

1865. No. 9. pag. 479 bis 549. Die Artillerie und in die Artilleristen 
im Vor-Peterschen Russland. (Historisch-characteristischer Abriss). 
von M. D. Chmyrow. 

II. In anderen Sprachen. 

A. Quellenschriften. 

1. Historica Russiae Monumenta ex antiquis extemarum gentium 
ardnvis et bibliothecis deprompta. Ab. A. J. Turgenevio. (Auch unter 
Russischem Titel.) 2 Bände. St. Petersburg. 1841 und 1842. 

2. Karamsin. Geschichte des Russischen Reiches. Nach der zweiten 
Originalausgabe übersetzt, herausgegeben von Bludow. 10 Bände. Riga 
und Leipzig. 1820—1833. 

B. Bearbeitungen. 

1. Plotho. lieber die Entstehung, die Fortschritte und die gegen- 
wärtige Verfassung der Russischen Annee, doch insbesondere von der 
In&nterie. Berlin. 1811. 

2. Schmidt, F. Darstellung des Ursprunges und Fortganges des 
regnlairen Kri^heeres und der Seemacht in Russland. Moskau. 1798. 

3. von Stein. Das Russische Heer, seine Geschidite und sein gegen- 
wärtiger Zustand. (Manuscript). 

4. Manstdn. Historische, politische und militauische Nachrichten von 
Russland in den Jahren 1727—1744. Leipzig. 1771. 

5. Hupel, A. W. Beschreibung der Russisch-Kaiserlichen Armee. 
Der nordischen Miscellaneen 5. und 6. Stück. Riga. 1782. 

6. Hnpd. Von den Kosaken. Der nordischen Miscellaneen 24. und 
25. Stück. Riga. 1790. 



— X — 

7. A. Y. B. Die Kosäken in ihrer geschichtlichen Entwicklung und 
gegenwärtigen Zust&nden. Berlin. 1860. 

8. von Engel. Geschichte der Ukraine and der Königreiche Halitsch 
und Wladimir. (Fortsetzung der Allgemeinen Welthistorie durch eine Ge- 
sellschaft von Gelehrten in Teutschland und England ausgefertiget 48. Theil.) 
Haue. 1796. 

9. Hammerdörfer, K. Geschichte der Ukrainescheu und Saporogischen 
Kasaken nebst einigen Nachrichten von der Verfassung und den Sitten 
derselben. Nach J. B. Scheerer's aus Russischen Handschriften übersetzten 
Annales de la-petite Russie etc. bearbeitet. Leipzig. 1789. 

10. Vs^Yolojsky, N. S. Dictionnaire g^ographique-historique de TEm- 
pire de Russie. 36me Edition. 2 tomes. St. Petersbourg et Leipsic. 1833. 

11. Mayerberg, A. Iter in Moschoviam. Augustini liberi baronis de 
Mayerberg et Horatii Gull. Caluuccii ab Romanorum imperatore Leopoldo, 

ad Tzarem Alexium Michalowicz, a. 1661 ablegatomm, cum Statutis 

Moschouiticis ex Russico translatis. s. 1. e. a. 

12. Ssumarokow. Der erste und wichtigste Aufstand der Strelitzen 
in Moskau im Jahr 1682. A. d. Russ. von AI. Riga. 1772. 

13. Journal de Pierre le Grand depuis Tann^e 1698 jusqu'ä la 
conclusion de la paix de Nystadt. 2 tomes. k Londres. 1773. 



Inhaltsverzeichniss. 



Erster Abschnitt 

Von den frühesten Zeiten bis zur Regierang des Zaren Micbailo Feodorowitsch. 

500—1613. 



1. Capitel. 

Die Kriegseinrichtniigon der alten Slawen. 500~r862. 

Seite 

I. Die südlichen oder Donauslawen 1 

II. Die westlichen Slawen 2 

m. Die Bulgarisehen Slawen 3 

IV. Die nordöstlichen Slawen 3 



2. Capitel. 

Die alten Banen ron der Ankunft Uiu'h bis xur Theilperiode. 862—1054. 

I. Die Bestandtheile des Heeres und Organisation derselben .... 5 

1. Die Drushina des Grossfürsten 5 

a. Die Bojaren 6 

b. Die Schwertträger 6 

c. Die Zeltw&chter 6 

d. Die Kinder und Knaben 6 

e. Die Richter 6 

2. Die Fürstlichen Drushinen 6 

3. Die Bojarendrushinen 6 

4. Die l&ndlichen Aufgebote 7 

6. Die Strelzen Oleg's 7 

6. Die Commandos 7 

II. Die Aufbringung der Truppen ^ . . . 8 

in. Die Bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung 9 

IV. Die Verpflegung 11 



— XII — 
8. Capitel. 

Die Theilperiode bü sur üntenrerfiing diucli die Mongobn. 1054—1243. 

Seite 

I. Die Bestandtheile des Heeres und Organisation derselben i . . . 13 

1. Die GrossfOrstlichen Drushinen 13 

2. Die Bojarendrushinen 14 

8. Die Drushinen anderer Völker 14 

4. Die ländlichen Aufgebote 14 

5. Das Artilleriewesen der Epoche 15 

6. Die technischen Truppen 16 

7. Die Gommandos 16 

8. Zustand des Kriegswesens in Nowgorod und Pskow 17 

II. Die Aufbringung der Truppen 19 

in. Die Bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung 19 

IV. Die Verpflegung 21 

4. Capitel. 

Von der Unterwerfang durch die Mongolen bis sa Johann III. 1243—1462. 

Einleitende Bemerkungen über die Tataren 24 

I. Die Bestandtheile des Heeres und Organisation derselben .... 26 

1. Die Bojaren 27 

2. Die Okolnitschi 27 

8. Die Stolniki und 27 

4. Die Streaptschi 27 

6. Die Adligen 28 

6. Die Bojarenkinder 28 

7. Die ländlichen Aufgebote 29 

8. Die Artillerie 29 

9. Die technischen Truppen 29 

10. Die Commandos . . ' 29 

II. Die Aufbringung der Truppen 31 

III. Die Bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung 31 

,IV. Die Verpflegung 34 

6. CapiM. 

Das Bnesieohe Kriegswesen Ton Johann III. bis xa Michailo Feodorowitsch. 1462—1618. 

I. Die Bestandtheile des Heeres und Organisation derselben .... 38 

A. Die Truppen 38 

Die Russischen Nationaltruppen 38 

1. Die Cavallerie 38 

a. Das Personal des Grossfürstlichen Hofes 38 

b. Die Tataren 42 

c. Die Stadtkasaken und Strelzen zu Pferde 42 

d. Die vom Lande gestellten Kämpfer 42 

e. Die Kasakentölker 43 

f. Die übrigen unterworfenen Völkerschaften 53 

2. Die Infanterie 54 

a. Die Adligen und Bojarenkinder zu Fuss 55 

b. Die Stadtkasaken uud Strelzen 55 

c. Die Tom Lande gestellten Kämpfer zu Fuss .... 59 

d. Die Freiwilligen 59 

3. Die Artillerie 59 

a. Die Bedienung der Artillerie 69 



— XIII — 

Seiie 

b. Die Bedeckung der Artillerie 60 

c. Die Stückgiesser 60 

4. Die iDgenieure 61 

5. Die Russischen stehenden Leibwachen jener Zeit .... 62 

a. Die Kynden 62 

b. Die Opritschniki • . . . . 63 

6. Die allgemeine Lfthdesbewaffnung von 1612 63 

Die ausländischen Truppen 64 

Die Organisation der Truppen im Kriege 70 

6. Die Commandos 72 

Die Verwaltung im Frieden 72 

1. Die niedere Instanz 72 

a. Die Stadtwoewoden 72 

b. Die Gehülfen der Stadtwoewoden 74 

1) Die Djaken • 74 

2) Die Podjätschen 74 

2. Die mittlere Instanz 74 

a. Der Cassenhof oder die Casse 75 

b. Der Schlossprikas oder das Schloss 75 

c. Die Kasansche Hütte 75 

d. Der Strelzenprikas 75 

e. Der Geschütz-, später Eanonierprikas 75 

f. Der Ausländerprikas 76 

g. Die Waffenkammer oder der Panzerprikas 76 

h. Der Gesandtschaftsprikas 76 

i. Der Lehnsprikas 76 

k. Der Rasreadprikas oder Rasread 76 

3. Die höchste Instanz 78 

Die Verwaltung im Kriege 79 

1. Die Truppencommandeure 79 

a. Die Truppencommandeure 1. Ranges 79 

b. Die Truppencommandeure 2. Ranges 85 

2. Die Stäbe der Regimentswoewoden 86 

a. Die Djaken 86 

b. Die Podjätschen 87 

c. Das Woewodengefolge 87 

d. Die Essaule 87 

3. Der Armeestab oder die Hauptverwaltung der Armee . . 87 

a. Die Aushebungscommissarien 87 

b. Die Besoldnngsbeamten 87 

c. Die Sendmannschaften 87 

d. Die Lager- und Quartiermeister 88 

e. Der Woewoda beim Zeug 88 

f. Der Wanderwoewoda 88 

g. Die ausländischen Ingenieure 88 

h. Der Woewoda bei der grossen Fahne 88 

i. Die Regimentsrichter 88 

, k. Die Regimentsärzte 88 

1. Die Regimentsgeistlichen und Kirchendiener .... 88 

II. Die Aufbringung und Ergänzung der Truppen 89 

1. Die Moskauschen Chargen, die Adligen und Bojarenkinder . . 89 

2. Die Tataren und zu ihnen gehörenden Völker 98 

3. Die Stadtkasaken und Strelzen 93 

4. Die vom Lande gestellten Mannschaften 94 

5. Die Freiwilligen 97 

6. Die Donschen und anderen Kasakenvölker d7 

7. Die Bedienungsmannschaften der Artillerie 97 



'— XIV — 

Seite 

8. Die Bedeckungsmannschaften der Artillerie 98 

9. Die Ausländer 98 

10. Die allgemeinen Aufgebote 98 

III. Die Bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung 99 

A. Beschreibung der Bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung im 

Allgemeinen ^ 99 

1. Die Bekleidung .'*'... ' . 99 

a. Die Leibbekleidung 99 

b. Die Kopfbedeckungen 102 

c. Die Fussbekleidung 103 

d. Die Haartracht 103 

2. Die Schutzwaffen 103 

a. Die Leibrtistungen 103 

b. Die Kopfbedeckungen 105 

c. Die Schilde . 106 

3. Die Trutzwaffen *. . 107 

a. Die Nahwaffen 107 

b. Die Fernwaffen 109 

1) Die alten Femwaffen 109 

2) Die Feuerwaffen 110 

a) Die Geschütze 110 

b) Die Handfeuerwaffen 116 

4. Die Ausrüstungsstücke 118 

5. Die Amtszeichen der Commandeure 119 

6. Die Pferde und deren Ausrüstung 119 

B. Die Bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung der einzelnen 

Truppenclassen 121 

1. Die Moskauschen Chargen, die Adligen und Bojarenkinder . 121 

2. Die Tataren 128 

. 3. Die Stadtkasaken und Strelzen 123 

4. Die vom Lande gestellten Kämpfer 124 

6. Die Donschen und anderen Kasakenvölker 125 

6. Die Artillerie 125 

7. Die Russischen stehenden Leibwachen jener Zeit 125 

8. Die Ausländer ..." 125 

C. Die Fahnen 126 

D. Die musikalischen Instrumente 127 

IV. Die Verpflegung 127 

A. Die Verpflegung im Allgemeinen 128 

1. Die Verpflegung durch Verleihung von Land zum Lehn . . 128 

2. Die Verpflegung durch Gewährung der Subsistenz .... 135 

3. Die Verpflegung durch Besoldung 141 

B. Die Verpflegung der einzelnen Truppenclassen 142 

1. Die oberen Hofchargen, die Adligen imd Bojarenkinder . . 142 

2. Die Neugetauften, Mursen, Tatarischen Fürsten und übrigen 

Tataren 145 

3. Die Stadtkasaken und Strelzen 145 

4. Die vom Lande gestellten Kämpfer 147 

6. Die Freiwilligen 148 

6. Die Donschen und anderen Kasaken Völker 148 

7. Die Artilleristen 149 

8. Die Ausländer 150 

C. Die Verpflegung auf Märschen und im Kriege 152 

D. Die Verpflegung der Verwundeten 153 

E. Die Bestimmungen über die Gefangenen 154 

F. Die Verpflegung der Fintlassenen, der Wittwcn und Waisen . . 157 

G. Die Belohnungen 163 



— XV — 

Zweiter Abseluitt. 

Das Russische Kri^wesen unter Michailo Feodorowitsch bis zu der durch 
Peter den Grossen bewirkten völligen Umgestaltung. 1613 — 1712. 

Soiie 

Einleitung 164 

1. Capitel. 

Die Organisation der Heeresmacht. 

I. Die Truppen 168 

A. Die yerschiedenen Truppentheile und ihre Organisation im Einzelnen 168 

Die Russischen Nationaltruppen alter f'ormation 169 

1. Die CaYallerie 169 

a. Die obersten Hofchargen 169 

1) Die Bojaren 1 . 170 

2) Die Okolnitschi und Bojaren 170 

3) Die Adligen und Okolnitschi der Duma .... 170 

4) Die Djaken der Duma 170 

6) Die Spahiiki 170 

6) Die Moskanschen Chargen 171 

7) Die Djaken 176 

b. Die Sibirischen, Kassimowschen und anderen Zarewitsche 177 

c. Die Adligen und Bojarenkinder 177 

d. Die Neugetauften, Mursen und Tataren 183 

e. Die Stadtkasaken zu Pferde 184 

Die Organisation der Stadtregiraenter 185 

f. Die Strelzen zu Pferde 186 

g. Die Yom Lande ausgehobenen Mannschaften zu Pferde 187 

h. Die Podjfttschen 187 

i. Die yerschiedenen KasakenvOlker 188 

1) Die Donschen Kasaken 188 

2) Die Wolgaschen Kasaken 191 

3) Die Kasaken am Kaukasus «... 191 

4) Die Jaikschen Kasaken 191 

Organisation der bisher genannten Kasaken Völker . 192 

6) Die Sibirischen Kasaken 194 

6) Die Kleinrussischen Kasaken 196 

Kurzer Abriss der Geschichte der Kleinrussischen 
Kasaken bis zu ihrem Uebertritt in Russische 

Dienste im Jahre 1654 196 

Die Kleinrussischen Kasaken als Theile der Kussi- 
schen Kriegsmacht, von ihrem Uebertritt bis zu 

den Reformen Peter's des Grossen. 1654—1700 . 212 

Organisation des Kleinrussischen Kasakencorps . . 216 
a) Das Saporogische Corps oder die Ukraine- 

sehen Kasaken 216 

Die Bewohner des Landes 217 

Die innere Eintheilung des Landes .... 218 

In militairischer Hinsicht 219 

Der Corpsstab oder die Corpsstarschina 220 

Die eigentlichen Kasakenregimenter . . 220 

Die Leibwache des Hetman 223 

Die städtischen u. freiwilligen Regimenter 224 

Die Corpsartillerie 227 

Einige besondere Truppenabtheilungen . 227 

Die Russischen Truppen in der Ukraine 231 



— XVI — 

Seite 
b) Das untere Corps, die eigentlichen Saporoger 

oder Ssetschkasaken 231 

7) Die Slobodischen Kasaken 237 

k. Die übrigen unterworfenen Völkerschaften besonderer 

Nationalität 241 

1) Die Tatarischen oder zu ihnen gehörenden Völker 241 

2) Die Kaukasischen Völkerschaften 242 

3) Die Sibirischen Völkerschaften 242 

4J Die Kirgisen oder Kirgis-Kaissaken 243 

5) Die Kalmücken 243 

6) Die Moldau und Wallachey 246 

1. Die Schljachtas der ehemals Polnischen Städte . . . 246 

2. Die Infanterie 246 

a. Die Adligen und Bojarenkinder zu Fuss 247 

b. Die Stadtkasaken zu Fuss 247 

c. Die Strelzen 247 

d. Die vom Lande ausgehobenen Mannschaften zu Fuss . 268 

e. Die Freiwilligen 268 

f. Die Podjätschen zu Fuss 268 

g. Die Fusstruppen der Kasakenvölker 268 

3. Die Artillerie 269 

Die ausländischen und die nach ihrem Muster formirten Russi- 
schen Truppen der ausländischen Ordnung '273 

1. Allgemeine Bemerkungen über die Ausländer im Russi- 
schen Heer 273 

2. Die Russische Cavallerie der ausländischen Ordnung . . 277 

a. Die Pikeniere und die Reiter 277 

b. Die Husaren 283 

c Die Dragoner 284 

d. Die regulairen Kasaken 286 

e. Die Pallaschiere und die reitenden Granatiere . . . 287 

3. Die Russische Infanterie der ausländischen Ordnung. . . 287 

a. Die Deutschen Soldatenregimenter 287 

b. Die Russischen Soldatenregimenter 290 

1) Die Russischen Soldatenregimenter der ersten Auf- 
stellung 290 

2) Die Russischen Soldatenregimenter der späteren 

Formationen 291 

a) Die angesiedelten Soldaten 291 

b) Die nicht angesiedelten Soldaten unter dem Aus- 
länderprikas 295 

c) Die Moskauschen Elitesoldaten 298 

4. Die Russische Artillerie nach ausländischer Organisation . 304 

6. Die ausländischen Ingenieure 306 

6. Die Aerzte und Apotheker 307 

Die Truppen für den localen Vertheidigungsdienst 307 

1. Die zur Besetzung und Vertheidigung der Städte bestimm- 
ten Mannschaften 307 

2. Die zur Besetzung und Vertheidigung der Linien bestimm- 
ten Mannschaften 310 

B. Die Organisation und Zusammensetzung der Heere 311 

1. Im Anfang dieser Periode 311 

2. In späterer Zeit 315 

8. Unter Peter 1 318 

11. Die Commandos und die Truppenverwaltung 323 

A. Die Verwaltung im Frieden 323 

1. Die niedere Instanz 323 



- XVII — 

Seite 

2. Die mittlere Instans 325 

a. Die Territorial -Yerwaltttngsbezirke 325 

b. Die Prikase 326 

1) Der Prikas der geheimen Angelegenheiten . . . 327 

2) Der Gesandtschaftsprikas 327 

3) Der Rasreadprikas oder Rasread 328 

4) Der Prikas des grossen Schlosses 329 

5) Der Strelzenprikas 380 

6) Der Prikas des Kasanschen Schlosses 330 

7) Der Sibirische Prikas 381 

8) Der Lehnsprikas 331 

9) Die grosse Einnahme 381 

10) Der Kanonierprikas 331 

11) Der Ausl&nderprikas 332 

12) Der Reiterprikas 333 

13) Der Waffenprikas 333 

14) Der Prikas von Eleinrussland 383 

15) Der Kasakenprikas 833 

16) Der Prikas für die Aushebung der Truppen und 

der vom Lande zu stellenden Kämpfer 884 

17) Der Prikas der Geldsammlung 384 

3. Die dritte und höchste Instanz 385 

B. Die Verwaltung im Kriege 336 

Die Organisation der Commandobehörden bis zu Peter dem Grossen 340 

1. Die unmittelbaren Truppencommandeure 341 

2. Die Chefs der einzelnen Regimenter und ihre Stäbe . . 341 

a. Die Regimentswoewoden 341 

b. Die Stäbe der einzelnen Regimenter 342 

1) Die jüngeren Woewoden 342 

2) Die Woewoden bei den Fahnen 348 

8) Das Bureaupersonal 848 

4) Das Woewodengefolge und die Essaule .... 348 

5) Die Regimentsärzte 344 

6) Die Regimentsgeisüichkeit 344 

3. Der Oberwoewoda und sein Stab 344 

a. Der Oberwoewoda 344 

b. Der Armeestab 346 

1) Der Gehfllfe des Oberwoewoden 346 

2) Der Chef der Soldauszahlung oder der Geldausiheiler 847 
8) Der Chef der Artillerie 348 

4) Die Woewoden der einzelnen Regimenter . . . 349 

5) Der Woewoda bei der Fahne 349 

6) Der Chef des Verpflegungswesens 349 

7) Das Bureaupersonal 849 

8) Die Aushebungscommissarien 350 

9) Die Besoldungsbeamten 350 

10) Das Woewodengefolge und die Essaule .... 350 

11) Die Send woewoden und Mannschaften 351 

12) Die Lager- und Quartiermdster 851 

18) Die ausländischen Ingenieure 351 

14) Die Richter 851 

15) Die Aerzte und Apotheker 351 

16) Die Feldgeistlichkeit 351 

17) Das Feldpostwesen 852 

18) Der Heeres- oder Regimentsmarschall 352 

19) Der grosse Okolnitschej oder der Okolnitschej des 

grossen Ranges 852 



— XVIII — 

Seito 

20) Der Anneepristaw des grossen Ranges .... 352 

4. Die localen Militairchefs 354 

Die Organisation der Commandobehörden in der Uebergangs- 

periode unter Peter dem Grossen 355 

2. Capitel. 

Die Aafbringting and Erg&nzung der Truppen. 

1. Die obersten Hofchargen 358 

2. Die MoskauBchen Chargen 359 

3. Di^ Adligen und Bojarenkinder 361 

4. Die Neugetauften, Mursen und Tataren 308 

5. Die Stadtkasaken 368 

Die Aushebung der Mannschaften der Stadtregimenter in Fall eines 

Krieges 368 

Die Enthissung der Mannschaften der Stadtregimenter 378 

a. Die Entlassung nach beendigtem Kriege ... ^ ... . 376 

b. Die wirkliche Entlassung 379 

6. Die Strelzen 382 

7. Die Yom Lande gestellten Kämpfer 385 

8. Die Freiwilligen 389 

9. Die verschiedenen Kasakenvölker 390 

a. Bei den Donschen Kasaken und deren Zweigen 390 

b. Bei den Sibirischen Kasaken 391 

c. Bei den Kleinrussischen Kasaken 391 

1) Die Ukraineschen Kasaken 392 

2) Die eigentlichen Saporoger 393 

d. Bei den Tscherkassisch-Slobodischen Regimentern 396 

10. Die übrigen unterworfenen Völkerschaften 897 

11. Die Schljachtas der ehemals Polnischen Städte 397 

12. Die Ausländer und die regelmässigen Truppen der ausländischen 

Ordnung 397 

a. Die ersten in Russland dienenden fremden Truppen 397 

b. Die Aufbringung der Regimenter der ausländischen Ordnung. . 398 

1) Die Reiter, Pikeniere und Husaren 898 

2) Die Dragoner 400 

3) Die regulairen Kasaken 401 

4) Die Soldaten 402 

6) Die Offiziere 407 

13. Die Artillerie 410 

14. Die Ingenieure 410 

15. Die allgemeinen Aufgebote 411 

8. CapiteL 

Di« Bokleidung, Ansrflstung und Berniffnung. 

I. Beschreibung der Bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung im Allge- 
meinen 413 

1. Die Bekleidung 413 

2. Die BewaflFung 414 

a. Das Artilleriematerial 414 

b. Die Handwaffen ^26 

3. Die Pferde und deren Ausrüstung 428 

II. Die Bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung der einzelneu Truppen- 

classen 430 



— XIX — 



1. Die obersten Hofchargen 430 

2. Die Moskauschen Chargen 431 

3. Die Adligen und Bojarenkinder 432 

4. Die Neugetauften, Mursen und Tataren 433 

5. Die Stadtkasaken 433 

6. Die Strelzen 433 

7. Die vom Lande gestellten Kämpfer 435 

8. Die Freiwilligen 436 

9. Die Podjfttschen 436 

10. Die Kasakenvölker 436 

11. Die übrigen unterworfenen Völkerschaften 439 

12. I)ie regulairen Truppen der ausländischen Ordnung .... 489 

a. Die Bekleidung 439 

b. Die Bewaffnung 439 

1) Die Pikeniere, Reiter und Husaren 439 

2^ Die Dragoner 440 

3) Die regulairen Kasaken 440 

4) Die Pallaschiere und reitenden Granatiere 440 

5) Die Soldaten 440 

13. Die Artilleristen und Ingenieure 443 

14. Die allgemeinen Aufgebote 443 

in. Dje Fahnen 443 

IV. Die musikalischen Instrumente 445 

4. Gapitel. 

Die Yerpflegnng. 

I. Die Art der Verpflegung 446 

A. Die Verpflegung im Allgemeinen 446 

1. Die Verpflegung durch Verleihung, von Land zum Lehn . . 447 

2. Die Verpflegung durch Gewährung der Subsistenz .... 467 

3. Die Verpflegung durch Besoldung 469 

B. Die Verpflegung der einzelnen Truppenclassen 474 

1. Die obersten Hofchargen 474 

2. Die Moskauschen Chargen 474 

3. Die Sibirischen, Kassimowschen und anderen Zarewitsche . 476 

4. Die Adligen und Bojarenkinder 476 

5. Die Neugetauften, Mursen und Tataren 483 

6. Die Stadtkasaken 484 

7. Die Strelzen 486 

8. Die Yom Lande gestellten Kämpfer 495 

9: Die FreiwUligen 495 

10. Die Podjätschen 495 

11. Die Kasakenvölker 496 

a. Die Donschen, Wolgaschen, Terekschen und Jaikschen 
Kasaken 496 

b. Die Sibirischen Kasaken 498 

c. Die Kleinrussischen Kasaken 498 

1) Die Ukraineschen Kasaken 498 

2) Die eigentlichen Saporoger 662 

d. Die Slobodischen Kasaken 503 

12. Die flbrigen unterworfenen Völkerschaften 504 

13. Die Schljachtas der ehemals Polnischen Städte 504 

14. Die Ausländer und die regulairen Truppen der ausländischen 

Ordnung 505 

a. Die ersten Ausländer 505 



— XX — 

. Seite 

b. Die Pikeniere, Reiter und Husaren 606 

c. Die Dragoner 508 

d. Die regulairen Kasaken , . . . . 509 

e. Die Soldaten 509 

1) Die Deutschen Soldatenregimenter 509 

2) Die Russischen Soldaten 512 

a) Die nicht angesiedelten Soldaten 512 

b) Die angesiedelten Soldaten 514 

c) Die Moskauschen Elitesoldaten 515 

15. Die Artillerie 515 

16. Die Ingenieure 517 

17. Die allgemeinen Aufgebote 518 

18. Die Aerzte und Apotheker 518 

C. Die Verpflegung der Verwundeten 519 

D. Die Bestimmungen über die Gefangenen 522 

1. Die Loskaufung der Gefangenen 522 

2. Die Entschädigungen für die Gefaugenscliaft ...... 523 

E. Die Verpflegung der Entlassenen, der Wittwen und Waisen . . 525 

1. Die Verpflegung der Entlassenen 525 

a. Durch gänzliche oder theilweise Belassung des Lehns . . 526 

b. Durch Gewährung der Subsistenz 528 

c. Durch Unterbringung in Armenhäusern 529 

d. Durch Eintheilung in die Klöster 531 

e. Durch Geldpensionen 533 

2. Die Verpflegung der Wittwen und Waisen 534 

a. Die Verpflegung durch Ernährungs- oder Pensionslehen . 584 

b. Die Verpflegung durch Geldpensionen 638 

c. Die Versorgung durch Unterbringung in Armenhäusern . 539 

II. Die Aufbringung der Verpflegung 539 

A. Die Aufbringung des Gehaltes 689 

1. Bei den Moskauschen Chargen und bei den Mannschaften der 

Stadtregimenter 589 

2. Bei den Strelzen 540 

a. Für die Moskauschen Strelzen 640 

b. Für die Stadtstrelzen 544 

c. Für die Klosterstrelzen 644 

8. Bei den Kleinrussischen Kasaken 544 

4. Bei den Slobodischen Kasaken 546 

5. Bei den Truppen in Sibirien 546 

6. Bei allen übrigen Truppen 545 

a. Die Aufbringung des Soldes 646 

b. Die Aufbringung des Proviants und der Fourage . . . 551 

B. Die Aufbringung der Entschädigungs- und Heilgelder für Wunden 564 

C. Die Aufbringung der Lösegelder für die Gefangenen 554 

III. Die Belohnungen 655 

Beilagei« 

Beilage No. 1. Stärke und Zusammensetzung des Russischen Heeres 
unter dem Zaren Johann Wassiljewitsch dem Schrecklichen auf 

dem Zuge nach Liefland im Jahre 1577 567 

Beilage Ko. 2. Stärke der Besatzungen in den Städten Russlands im 

Jahre 1626 672 

Beilage No. 8. Organisation und Bestand des zur Sicherung der Süd- . 
grenzen des Reichs gegen die Ukraine aufgestellten Heeres im 

Frühjahr 1626 576 



— XXI — 

Seite 

Beilage No. 4. Zahl und Yertlieilung der Stadtstrelzen in den ver- 
schiedenen Städten Russlands in den Jahren 1625 bis 1636 5|t 

Beilage No. 5. Stärke und Zusammensetzung des zur Belagerung von 

Smolensk bestimmten Heeres im Jahre 1632 584 

Beilage No. 6. Verzeichniss der Mannschaften und ihres Gehaltes in den 

Städten des Nowgorodschen Viertels in den Jahren 1647 und 1648 590 

Beilage No. 7. Verzeichniss der 'in verschiedenen Städten des Moskau- 
Sehen Reichs wohnenden Mannschaften der verschiedenen Classen, 
aus dem Lehnsprikas vom 21. Juny 1672 593 

Beil age No. 8. Verzeichniss der 14 in Moskau garnisonirenden Strelzen- 
prikase, die der Schwedische Gesandte Falmquist dort im Jahre 
1674 sah, mit Beschreibung ihrer Uniformen und Fahnen . . . 596 

Beilage No. 9. Stärke und Zusammensetzung des gegen die Türken 

und Tataren bestimmten Heeres im Jahre 1679 597 

Beil age No. 1 0. Verzeichniss der einzelnen zur Lieferung des Strelzen- 
getreides verpflichteten Städte mit Angabe der Zahl der Höfe und 
des Betrages der von jedem Hof und in Summa von jeder Stadt 
zu leistenden Abgaben, im Besonderen für die Besoldung der Mos- 
kauschen Strelzen; nach dem Steueransatz vom 19. December 1681 614 

Beilage No. 11. Verzeichniss der 26 Moskauschen Strelzenregimenter 
mit Angabe der Farbe ihrer Kaftans, ihrer Losungsworte und 
der Sloboden, in denen sie einquartiert waren 618 

Beilage No. 12. Organisation und Zusammensetzung der Russischen 
Truppen bei den Koshuchowschen Manövern in der Zeit vom 
28. September bis 18. October 1694 619 



Berichtigung. 



Durch ein unbemerkt gebliebenes Verseben des Setzers ist für die üeber- 
schrift auf pag. 116 Zeile 29 y. o. eine falsche Schriftart gew&hlt, während 
sie der Ueberschrift auf pag. 110 Zeile 81 y. o. entsprechend zu setzen ge- 
wesen wäre. 



Erster Abschnitt. 

Von den frühesten Zeiten bis zur Regierung des Zaren 

Michaile Feodorowitsch. 

500—1613. 



!• CaptteK 

Die Kriegaeinrichtungen der aiten Slawen. 
000^862. 

Die Urgeschichte Russlands verliert sich, wie die fast aller 
Länder, in das Dunkel einer sagenhaften Vorzeit. Das Land war 
von Völkern Slawischen Stammes bewohnt, die zwar unter sich 
eine allgemeine Nationalverwandtschaft als solche hatten, sonst 
aber im Speciellen doch so viele Verschiedenheiten darbieten, dass 
sie eine besondere Betrachtung erfordern. Es lassen sich hierbei 
besonders vier Gruppen von Völkern unterscheiden, die in sich 
Analogien genug haben, um sie gemeinschaftlich behandeln zu 
könnnen, nämlich: die südlichen oder Donauslawen, die westlichen, 
die Bulgarischen und die nordöstlichen Slawen. 

I. Die «Adllelieii oder DoiiAa«lAweii>). 

Sie treten zuerst aus dem, die Vorgeschichte des Landes 
bedeckenden Dunkel hervor und zwar etwa im 6. Jahrhundert, 
wo sie in vielfaltige, meist kriegerische Berührung mit den By- 
zantinern kommend, uns durch diese bekannt werden. 

Das Kriegswesen war bei ihnen in der Art geordnet, dass 
im Fall eines Krieges die gesammte waffenfähige Bevölkerung 
ms Feld rückte. Jeder Stamm bildete unter seinem Aeltesten 
oder Starschinen eine eigene Abtheilung, während die Leitung 
des Ganzen einem für die Dauer des Krieges gewählten obersten 
Führer oder Woewoden anvertraut wurde. Das war die erste, 



1) Oolisjn. QcKh. d. OenenlsUbs. Milit. Jouhl 1857. N. 3. paff. 8. — Prokopias, der KaiMr 
Kaiiritiiu, und die ftbrigen Byzantinlachen Chronisten, Nestor, Stritter, Falmeraier, Schafkrik, Wenelin, 
Kanmein, Moresebldn etc. 

Briz, OaMh. d. alt. R«u. Heer «••in rieht. \ 



— 2 — 

sehr einfache Ordnung und Führung dieser Völker. Durch die 
Ansiedlung im Byzantinischen Reich und die häufigeren Verbin- 
dungen mit demselben nahm, etwa seit dem 7. Jahrhundert, wie 
überhaupt die ganze Lebensweise, so namentlich auch das Kriegs- 
wesen und die Kriegsführung der Slawen, wenn sie auch im All- 
gemeinen auf dem ^ten Fundament beruhen blieb, doch allmählig 
geordnetere und festere Formen an. Zunächst zeigte sich dies 
in dem veränderten Zweck und Charakter der Kriege; nicht mehr 
Raubzüge, sondern bleibende Eroberung nahmen sie zum Ziel. 
Dazu war aber einmal eine grössere materielle Kraft nöthig, 
als sie die einzelneu Stämme zu entfalten vermochten, andrerseits 
eine festere Verbindung, als sie ihre bisherigen temporären Ver- 
einigungen gehabt hatten. Es schlössen sich daher die verschie- 
denen Stämme der südlichen Slawen, die Ghrobaten oder Chor- 
waten, die Ssorabi oder Sserbi, die Griechischen und Peloponne- 
sischen oder Moreotischen Slawen etc. fester aneinander und 
bildeten Kriegsbündnisse unter einem obersten Führer, dem sich 
die einzelnen Unterführer unterordneten. Im üebrigen blieb die 
Oliederung der einzelnen Stämme in sich ungeändert; sie standen 
in alter Weise unter selbst gewählten Stammältesten oder Star- 
schinen, oder unter Shupanen (jshupany), den Territorialverwaltem 
der einzelnen Kreise oder Shupanien (shupanija), in welche die 
Südslawischen Länder zu jener Zeit zerfielen. Diese Unterführer 
hatten übrigens sonach nicht nur die militairische Führung, son- 
dern auch die administrative Leitung der einzelnen Stämme unter 
sich; alle wichtigeren militairischen Angelegenheiten wurden aber 
durch die allgemeine Versammlung der Aufgebote entschieden, 
welche überhaupt die höchste entscheidende Instanz bildete. 



II« Die westllelieii Slawen >). 

Unter diesem Namen begreifen wir die Stämme Slawischer 
Nationalität, die in den Ländern von den Karpathen bis zum 
Baltischen Meer hinauf wohnten. Bei ihnen war das Kriegswesen 
ursprünglich dem ihrer südlichen Stammesgenossen gleich, wenn 
auch im Besonderen bei den einzelnen Stämmen in verschiedenem 
Maasse entwickelt. In den Kämpfen mit den Germanischen Völ- 
kern, besonders mit Karl dem Grossen, hob es sich aber rascher 
und bedeutsamer. Die oberste Militairgewalt hatte der Fürst, 
der im &iege die Volks- oder Landesbewaffnungen persönlich 
anführte. Ihm zur Seite stand seine Genossenschaft oder Drushina 
(drushina), die aus Personen der höchsten Volksclassen bestehend, 



n ibid, pa«. 5. Die wctUiehea ChronikeiiMhreilMr: Helmold, Koama tw Pnc, lUdlnlMk 
DtiuMch, Kromar, Stiykowik^, Kojalowitach «. A., and dia neoereii: Bandike, Barthold, BAUifor, 
Htffknoeh, Dain, DobrowaMJ, Kobbc, Krtgar, Naarb, Narnacbewitticb, Sebafkrik und Tiele Andere. 



— 3 — 

seinen Sath, seinen Hofstaat und gleiehzeitig seine ausgesuchte 
stehende Leibwache bildete. Erst in zweiter Reihe nach dieser 
folgten die besonderen Anführer der einzelnen Aufgebote, deren 
Rang und Namen sehr verschieden waren. 

Mit der fortschreitenden Germanisirung des Landes änderte 
sich das Kriegswesen der westlichen Slawen und nahm die feudal^ 
ritterlichen Formen des westlichen Europas an. 

III. Die BulsAriscken Slawen» 

Bei ihnen, die sich etwa gegen das Ende des 7. Jahrhun- 
derts an der unteren Donau ansiedelten, war die Verwaltung von 
Anfang an mehr monarchisch. Das Kriegswesen entwickelte sich 
demgemäss mit der steigenden Centralisation des Bulgarischen 
Reiches rascher, in sich geordneter und geschlossener, ohne in- 
dessen besondere characteristische Unterschiede darzubieten. 

WW. Die nordUstlieiien dlawen. 

Entfernter von den Berührungspunkten mit der damaligen civi- 
Hsirten Welt im Süden und Westai liegend, treten die nordöst- 
Uchen Slawen später als alle übrigen Slawischen Stämme in der 
Geschichte auf und bewahren, wie in ihrer ganzen Lebensweise, 
so auch namentlich in ihrem Kriegswesen die ursprünglichen 
Formen am längsten, üebrigens lässt Manches, so z. B. der 
Zustand Nowgorods schon unter den ersten Russischen Fürsten, 
darauf schliessen, dass die nördlicheren Stämme im Allgemeinen 
den südlichen voraus waren. 

Im Allgemeinen geht aus den Nachrichten der Byzantinischen 
und anderer Schriftsteller*) hervor, dass die Slawen, weit ent- 
fernt, im WaflFenhandwerk unerfahren zu sein, vielmehr als kühne 
und tapfere Krieger geachtet waren, die sich anfangs freilich 
weniger durch unternehmende Eroberungszüge, als vielmehr durch 
mannhafte und hartnäckige Vertheidigung ihres Landes auszeich- 
neten.*) Nur allein Jornandes, ein Lateinischer Schriftsteller des 
6. Jahrhunderts, schildert die Slawen als ungeschickt und un- 
glücklich im Kriegshandwerk, wogegen der Kaiser Mauritius sagt, 
dass sie sich im Kriege nicht nur durch persönliche Tapferkeit 
und Kühnheit, sondern auch durch gesunde Ueberlegung und 
besondere Gewandtheit in der Kriegskunst auszeichneten'), üebri- 
gens bestanden die Slawischen Kriegsschaaren zu jener Zeit 
ausschliesshch aus Fussvolk; die Reiterei wurde, wo sie überhaupt 



1) Obnitwhew. Betr. d. gwehr. n. ndr. Denkm&ler ttb. d. KriegslE. in Bnm\. Milit Jonn. 1868. 
H. 4. pns. 7. Kedrinva, Ztnmna u. A.; ftr»«r Prokopiu, lUnritiiu, Georg Seinlnl, Geng Aaurtol, 
CoMtsatiii VvrphyTOgenitaa, Leo HI. Diaoonu. 2) ibid. fag. 7 u. 8. 8) ibid. peg. 8. 

1* 



— 4 — 

Anwendung fand, aus geworbenen Ugriern und Petscheuägen 
gebUdet. 

Was die Bekleidung und Bewaffnung der alten Slawen 
betrifft, so ist darüber nicht viel bekannt. Jene bestand im 
6. Jahrhundert hauptsächlich aus weiten Hemden und Beinklei- 
dern, manchmal auch nur aus den letztem; darüber wurden Thier- 
felle, über die Schulter gehängt, getragen*). Die Waffen bestan- 
den aus Schwertern, kurzen Speeren zum Wurf (droti), hölzernen 
Bogen mit vergifteten Pfeilen und grossen langen Schilden'). 
Schon seit alten Zeiten wurden Fahnen geführt und in hohen 
Ehren gehalten. Sie waren von ungeheurer Grösse, in grell 
bunten Farben ausgeführt, und mit heidnischen Götzenbildern 
geschmückt*). An kriegerischen Instrumenten fanden sich 
schon im 6. Jahrhundert Dudelsäcke, dreisaitige Geigen (gudok), 
Rohrpfeifen und liegende Harfen (gussli) vor*). 



9. CaplteL 

Die äüen Bussen von der Ankunft Bu^s bis sur Theüperiode. 
862-^1054, 

Die Uneinigkeit der ersten Bewohner Russlands und ihre be- 
ständigen Kämpfe mit einander nöthigten sie, die Waräger-Russen 
übers Meer herbeizurufen. Diese brachten in das Slawische Leben 
ein neues — das Scandinavisch-Normannische — Element, dessen 
Einfluss sich bald, besonders in der Russischen Kriegsthätigkeit, 
geltend machte. Die Warägischen Knäsen oder Fürsten verpflanz- 
ten ihre heimische Kriegskunst nach Russland und richteten vor 
Allem ihr Bestreben dahin, die Kräfte und Anstrengungen ihrer 
neuen Unterthanen auf ein gemeinsames Ziel zu concentriren. 
Seit jener Zeit nahmen die Züge der Russen immer mehr den 
Character von Eroberungszügen an, und es zeigt sich immer deut- 
licher das Bestreben, die Grenzen des Reichs weiter nach Süden 
vorzuschieben; nach jenem reichen und berühmten Byzanz hin, wel- 
ches als bis jetzt noch unerreichtes Ziel, die Erfüllung der Sla- 
wischen Aufgabe in sich zu bergen scheint. Dieses Drängen nach 
Süden brachte die Waräger zuerst in feindliche Berührung mit 
den Völkerschaften, die den Raum zwischen Welikij Nowgorod 
und Kiew bewohnen und das Schwert, welches die Russischen 
Fürsten zu dieser zweiten Residenz führte, machte sie bald zu 



1) WUwwatew. G«MkidiU. BwekNiK d. Bekl. «. ItowaffB. d. Bnm. Trappen. I. 8) UU. 
Aab. 89. 8) tbid. Ahm. 207. 4) tbid. Aam. 186. 



gefahrlichen Nachbarn des Byzantinischen Kaiserreichs, dessen 
Truppen mehr als einmal vor dem gewaltigen Andränge der Nor- 
mannisch-Slawischen Drushlnen erzitterten*). 



I. Bie BeMtaMdtlieile des Heere« und Ori^Mtoation 

derselben« 

Bis zu den Zeiten Swjatoslaws, d. h. bis gegen Ende des 
10. Jahrhunderts, bestanden die Heere wie früher ausschliesslich 
aus Fussvolk; nur die Fürsten und einige hervorragende Chefs 
waren beritten'). Zu Pferde erschienen die Bussen nach dem 
2^ugniss von Kedrinus zum ersten Mal im Jahre 97 1 bei Dorostol 
(Silistria)'^); doch fiel dies Debüt ziemlich unglücklich aus. Trotz- 
dem wurde seit jener Zeit die Beiterei nach dem Muster der 
ügrier, Polowzer und Petschenägen bedeutend vermehrt*). 

Die allgemeine Benennung des Heeres war Wai, ein Wort, 
das als Wurzel des modernen toatsko,- d. h. Corps, zu betrachten 
ist. Gar bald wird daneben aber auch als identisch der Namen 
Regiment (polk) angewendet gefunden. Die Bestandtheile eines 
Heeres waren die Drushinen (drashiny) oder die Genossenschaf- 
ten und die ländlichen Aufgebote. Von jenen gab es drei Arten: 
die des Grossfürsten, die der Fürsten oder Knäsen und die der 
unabhängigen oder Landbojaren') (semskie). Die letzteren hiessen 
so zum Unterschied von den in die Dienste der Fürsten getre- 
tenen, so genannten Fürstenbojaren (knjasheskie) ; sie nahmen als 
Vertreter der Gremeinde {pbschtschma), oder des Landes {semsch- 
tschind), im Gegensatz zu den Fürsten eine mehr selbstständige 
Stellung ein und standen nicht direct unter denselben als deren 
Mannen, sondern mehr in der Art von grossen Vasallen, waren 
also auch nicht Mitglieder der fürstlichen, sondern Häupter eigener 
Drushinen"). 

1. Die Drushina des OroBSfürsten (dmshina tveliko-hnjashes- 
kaja) stand über allen andern Truppen. Sie war aus Männern 
von der vornehmsten Geburt oder von den ausgezeichnetsten Gaben 
oder Verdiensten — aus den so genannten Fürstlichen Mannen 
(mushi knjashie), — die zu dem Grossfürsten in naher Beziehung 
standen und sein unbeschränktes Vertrauen genossen, gebildet. 
Im Kriege umgab sie schützend seine Person, kämpfte unter seiner 
persönlichen Anführung, und theilte alle Beschwerden und Ge- 
fahren der Märsche und Gefechte mit ihm; im Frieden aber bildete 



1) Obrvtecbcw. Betr. d. gMchr. a. g«dr. Dtnkmftler flb. d. Kriegsk. ioBnMl. Milit. Jonrn. 1858. 
K. 4. pi«. 3—10. - OeKh. d. Kri«gak. in Biinl. Milit. Jonrn. 1856. N. 1. pag. 1-8. 2) Wkk*- 
wBtw. GeM^ichtl. BcKhNib. d. Bekl. n. BewaAi. d. Rom. Trappen. I. Anm. 9». 8) ibid. Ann. 100. 
- OeMh. d. Kvtegsk. in Bn«l. Milit Jmin. 1836. N. 1. ^tq. 8. 4) Wisk«wfttow. Anm. 10 1. 
5) eolisjn. GcMsh. d. Otnenlrtaka. MiUt Jonra. 1857. N. 8. p^;. 10. 6) Geaoliidiitl. AbrlM d. 
Vcnng. d. entlMi. Milit in Bwri. Milit Samml. 1868. N. 12. pag. 882, 888. 



— 6 — 

sie seine duma, oder seinen geheimen Rath, und unterstützte ihn 
bei der Verwaltung des Staates. 

Das Personal der Grossfürstlichen Drushina bestand aus den 
Fürstlichen Bojaren, oder Woewoden, den Schwertträgern, Zelt- 
wächtern, Kindern oder Knaben und den Richtern. 

a) Me Bi^jarea (hojary) nahmen die höchste Stelle ein, zu 
der sie vom Grossfürsten fiir besondere Dienste ernannt wurden. 
Als solche bekleideten sie die wichtigsten Militair- und Civilämter, 
besonders die von Statthaltern im Frieden oder von Truppenfüh- 
rem im Kriege, in welcher letzteren Eigenschaft sie dann, so 
lange sie ein solches Amt bekleideten, den Namen von Woewoden 
{woewody), d. h. eigentlich Führer des Woi, hatten. 

k) ile Sckwertlräger (metschniki) nahmen in der Grossfürst- 
lichen Drushina den zweiten Rang ein. Es waren das von den 
Grossfürsten aus den tapfersten Rittern ausgewählte Kämpen, die 
in der Folge für weitere Auszeichnung auch zu Bojaren befördert 
werden konnten. 

e) iie lellw&ckter {gridni) hatten ihren Namen von dem Schloss 
oder Zelt {gridnja) des Grossfürsten, in dem sie beständig die 
innere Wache versahen. Dem entsprechend bildeten sie überhaupt 
im Kriege die unmittelbare Leibwache des Grossfürsten, und 
wurden aus den Söhnen der Bojaren oder andern fürstlichen 
Mannen ausgewählt. 

i) iie liader (detesJct) und HaakeB (otrokt), wie die Gridni 
ergänzt, hatten verschiedene Hof&mter zu versehen, oder dienten 
— namentlich die ersteren — als Ordonnanzen des Grossfürsten 
zu Versendungen an die Statthalter in den Städten oder die Woe- 
woden im Heer. 

e) Bie Mekter (tiuny) hielten im Namen des Grossfürsten Ge- 
richt, sprachen das ürtheil und vollstreckten seine Befehle und 
Sentenzen. 

Von den Grossfürstlichen Drushinen war die berühmteste die 
des Grossfürsten Wladimir, welche aus den durch Geburt, Weisheit 
und Kriegsruhm ausgezeichnetsten Mannen, Rittern und Kriegern 
des Russischen Landes bestand. Bis Jaroslaw I (um 1019) wurde 
ein Theil der Grossfürstlichen Drushina aus geworbenen Warä- 
gern gebildet. 

2. Die Färstliohen Drushinen (drushiny knjashesJcijd). Hier- 
unter verstand man die Gefolgschaften der Fürsten vom Geschlecht 
Ruriks, der Söhne, Brüder, Neffen und sonstigen Verwandten 
des Grossfürsten. Sie waren analog den vorigen organisirt und 
bestanden ebenso aus den Fürstenbojaren, Schwertträgern, Zelt- 
wächtern, Kindern, Knaben und Richtern der Fürsten, den Hof- 
staat derselben bildend. 

3. Die Boj&rendrushinen (drushiny bojarskijd) bildeten das 
Heergefolge der unabhängigen Landbojaren. Auch sie waren je 



— 7 — 

nach dem Rang and Vermögen derselben mehr oder weniger den 
vorigen analog zusammengesetzt, bestanden indessen nur ans 
Schwertträgern, Knaben und Richtern*). 

4. Die ländlichen Aufgebote stiessen im Nothüall noch zu 
den verschiedenen Drushineu, bildeten aber keinen permanenten 
Bestandtheil der Heere, sondern wechselten nach Gefahr und an- 
dern Umstanden. Ihre Eintheilung fand nach dem Decimal- 
system Statt. 

Noch ist ein Bestandtheil des Heeres zu erwähnen, der 
schon mehr den Character einer besonderen Truppe an sich trug, 
nämlich 

5. das Corps der Strelaen oder Schützen, das Oleg, der 
rühmliche Administrator des Russischen Reiches während der Min- 
derjährigkeit des Zaren Igor von 879—913 aus den Ingrischen 
Unterthanen, die Rurik, dem Stifter des Nowgorod -Russischen 
Reiches, dahin gefolgt waren, zu seinem Schutze und zur Behaujp- 
tung des neu erworbenen Landes errichtet haben soll. Dasselbe 
ging indessen bald wieder ein, und findet sich in den nächsten 
Jahrhunderten nicht mehr erwähnt'). 

lieber die Zahl der damaligen Russischen Heere lässt 
sich Bestimmtes nicht ermitteln. Die Russischen Chroniken schwei- 
gen darüber fast gänzlich und sagen nur: ein grosser Woi wurde 
gesammelt; die Nachrichten der Griechen sind aber gänzlich un- 
zuverlässig. Als ungefährer Anhalt mögen die nachstehenden 
Beispiele dienen: So hatte Oleg 906 auf sänem Seezuge gegen 
Gonstantinopel 80,000 Mann Infanterie auf 2000 leichten Schiffen, 
ungerechnet die Reiterei, die zu Lande dahin zog. Nach den 
Chroniken lief Igor 941, im Kriege mit den Griechen, mit 
10,000 Schiffen ins schwarze Meer ein, was nach der Tragfähig- 
keit derselben über 300,000 Mann ausmachen würde. Als Swjatos- 
law 961 mit dem Griechischen Kaiser Joh. Zimiszes in Bulgarien 
kämpfte, zählte seine Heeresmacht 60,000 Mann, darunter aber 
nur wenig Cavallerie*). 

6. IHe Commandos. Die oberste Militairgewalt im Frieden 
und Kriege und besonders die Oberanführung der Truppen"^) hatte 
der älteste Fürst aus dem Geschlechte Ruriks, der Grossfürst 
genannt^). Ihm folgten dieWoewoden als zweite Anführer und 
dann die übrigen Chargen der Grossfürstlichen Drushina. 
Die untern Truppenführer waren, der Eintheilung des Heeres 



*) Ursprünglich theilte sich die höchste Reichsgewalt zwischen dem Fürsten 
nnd der Gemeinde (öbschtschina) oder dem Lande (semschtschifui) , welches 
letztere durch die Landbojaren repräsentirt wurde. Mit der Zeit gewann jedoch 
die fürstliche Gewalt mehr nnd mehr die Oberhand. 

1) OrikTB. GMck. d. GeMnlftftte. Milit. J««ni. 1867. N. 3. pag. 10—12. 2) Ptotho. Ueber 
d. EtaMvIk, d. Fbrinhr. «. d. Mgaw. YtTf. d. Biut. AnMeo. p««. 4. 8) U«ter die CftTaltorte. 
Vmt. Jona. 1840. N. 6. pa«. 4. 4) GoUsjn. Ocsch. d. OeMnüateU Milii Joon. 1867. N. 8. pi«. 9. 



— 8 — 

nach demDecimalsystem ^tsprechend, die Tausender (tyssjoalde), 
die Hunderter (ssotnüci) und die Zehner (ßessja(mk%)% 

II. Die Auf brinsuns «1er TruppeM. 

Sie beruhte zunächst vorzugsweise auf dem Princip der Dru- 
shinen, deren Idee im engen Zusammenhange mit der damaligen 
Eintheilung und den Bangverhältnissen des Volkes stand. Das 
ganze Volk wurde nämlich in zwei Classen getheilt: eine höhere, 
Mannen (mushi), und eine niedere, Leute (Ijudi), Einem höheren 
Mann oder dem Fürsten zu dienen, wurde nicht nur für verträg- 
lich mit der persönlichen Freiheit eines freien, edlen Mannes, 
sondern sogar für besonders ehrenvoll gehalten; vorzugsweise 
galt dies aber vom Kriegsdienst. Je angesehener und vornehmer 
ein Mann war, um so zsäüreicher waren die ihm dienenden Leute, 
die dann in ihrer Gesammtheit seine Drushina, d. h. seine Freunde, 
Gefährten, Cameraden und Gehülfen bildeten. Der Dienst der 
Drushina war häuslicher (damaschnjaja) oder Hofdienst {dworskaja 
ssltishba) und allgemeiner (obschtschestwennaja) oder Civil- und 
Kriegsdienst. Im Frieden bildete die Drushina den Hofstaat 
dessen, dem sie diente, und half diesem bei seinen Verwaltungs- 
geschäften; im Kriege focht sie als seine Leibwache unter dessen 
Anführung. 

Die Fürsten und Bojaren, welche Drushinen hatten, waren 
in der Auswahl ihrer Freunde und Genossen sehr vorsichtig; sie 
nahmen nach dem Ausdruck der Chroniken nur «gute, ehren- 
hafte, verständige und tapfere Männer» darin auf). Wie man 
sieht, hatte die ganze Einrichtung eine gewisse Aehnlichkeit mit 
den Lehnsverhältnissen des westlichen Europas und trug deren 
Mängel und Vortheile in sich. 

Ein zweites Moment, auf dem die Aufbringung Aisste, war 
der seit den frühesten Zeiten bestehende, für den gesammten 
Staatsdienst geltende Grundsatz der Erblichkeit aller Chargen 
und Aemter. Dieses Grundprinzip des Bussischen Militair- 
dienstes blieb sehr lange in Kraft; es ging in das Kriegsregle- 
ment Peters des Grossen, wenigstens hinsichtlich der nie- 
deren Chargen, über und wurde noch mehrmals erneuert. In 
Folge dessen nahm jeder in den Dienst Tretende ftlr sich und 
seine gesammte Nachkommenschaft die Pflicht zu demselben auf 
sich und trat damit vollständig unter die Disposition der Fürsten 
oder dos Landes 'V 

Die ländlicnen Aufgebote erfolgten nur unter besondern 
Umständen und wurden dann einfach durch Zusammenberufung der 



1) 0«iKh. d. Krifliric. in Runl. Milit. J«Qn. 1856. N. 1. pi«. 8. 3) O0U1711. 0<wdi. d. (H- 
neratetota. Millt. Jonrn. 1857. N. 8. PH- 10* 3) 0«Khiebtl. AlniM d. Venoif. d. entla«. Milit la 
BomL Milit Samml. 1863. K. 12. pa«. 382. 



— 9 — 

gesammten wehrpflichtigen Bevölkerung, oder eines TheUoB der- 
selben eingezogen. 

la. Die Bekleidunsy AiuirllstiiMi; und Bewalhiiin|;<). 

Die Nachrichten hierüber sind aas den ersten Zeiten sehr 
därftig and unbestimmt. Von den ältesten Waffen weiss man 
wenig mehr, als die bei ihrer Einfachheit freilich meist genagend 
bezeichnenden Namen, als Balken {brussi), Zangen (klewey\ 
Knüppel (psslopy), Keulen (jpalizy), die letzteren mit Eisen oder 
Nägeln beschlagen, Kurden (kurdy) etc.") Nach Nestor, dem 
ältesten einheimischen Chronikenschreiber, bestand die Bewaffnung 
der Russen im 9. und 10. Jahrhundert aus Schwertern, Piken, 
Schilden und Panzern*). 

Genauere Nachrichten aus dem 1 0. Jahrhundert finden sich 
bei Arabischen Geschichtschreibem jener Zeit. So versichert der 
Araber Ibn-Fosslan*), der 922 als Gesandter des Chalifen Muktedir 
nach der Wolga'schen Bulgarei kam und die Bussen an der Wolga 
sah, dass sie als Bekleidung statt des Hemdes oder andern Ober- 
kleides ein grobes Gewebe über den Schultern trügen, welches die 
eine Hand frei Hess. Ausserdem müssen auch Ober- und ünterbein- 
kleider, Stiefeln, Röcke — Kurta oder Kurtak genannt — , Kaftans 
and Zobelmützen in Gebrauch gewesen sein, da erzählt wird, dass 
man solche den Todten mit ins Grab gab. Uebrigens sagt er noch 
hinsichtlich der allgemeinen Erscheinung der Russen: «Nie sah 
ich Leute von entwickelterem Körperbau; sie sind hoch wie die 
Palmenbäume, fleischfarben und roth.» Ein anderer Araber, Ibn- 
Chaukala, der in der 2. Hälfte des 10. Jahrhunderts ebenfalls 
nach der Wolga'schen Bulgarei reiste, versichert, dass die Russen 
zum Theil Barte trugen, die sie mit Saffran gelb färbten*^). 

Was die Bewaffnung betrifft, so musste nach diesen Geschicht- 
schreibem im 10. Jahrhundert jeder Russe unfehlbar ein Beil oder 
eine Streitaxt, ein breites, wellenförmig gestreiftes, mit eingeätzten 
Figuren versehenes Schwert von Europäischer Arbeit und ein 
Messer haben*). Dagegen versichert Leo Diaconus, der die 
Rassen 970 und 971 während des Krieges mit den Bulgaren und 
Griechen an der Donau sah^ dass die Russen Panzerhemden von 
Ringen und Helme, dann Streitäxte, Schwerter, lange Speere, 
Wurfjpfeile, Messer, und spitze, bis zur Erde reichende Schilde, 
mit rothem Leder bezogen, führten^. Hinsichtlich der Beklei- 
dung theilt er mit, dass der Grossfürst Swjatoslaw bei der Confe- 
renz mit dem Kaiser Johannes Zimiszes ein weisses Gewand trug; 
sein Backenbart war beschnitten, das Kopfhaar bis auf eine Locke 
an der Seite abgeschoren; dagegen hatte er einen langen Schnurr- 

1) Wlskomtow. OeKkiehtl. BaKhxeib. d. Bekl. «. B«w»Ai. d. Bui. TtQppen. I. 2) lUd. 
Au. 181—188. 8) ibid. Anm. 90. 4) ibid. 5) ibid. Aam. o. 6) ibid. Ann. 91. 7) ibid. An«. 92. 



— 10 — 

hart und in den Ohren einen kostbaren Ring'), eine Sitte, die 
sich bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts erhalten hat. 

Durch die Normannischen Fürsten wurde die Normannische 
Bewaffnung, namentlich auch Rüstungen, eingeführt. Die Panzer- 
hemden bedeckten die Beine bis zum Knie und die Arme bis zu 
den Ellenbogen oder selbst bis zu den Handwurzeln; auch die 
Unterschenkel wurden mit Ringpanzern bekleidet. Die Helme 
waren spitz, mit fester, bis zur Oberlippe reichender Gesichts- 
maske, mit zwei Löchern für die Augen und Drahtnetzen zum Schutz 
des Halses, des Kinnes und des Nacken versehen. Die Schwerter 
waren lang und gerade; ausserdem wurden noch Beile, Piken 
und zum Theil auch Wurfpfeile geführt'). Auch auf die Beklei- 
dung blieb die Ankunft der Normannen, namentlich in Nowgorod 
und Kiew, keinenfalls ohne Einfluss; indessen findet sich darüber 
Nichts aufgezeichnet. Bedeutender wirkte in dieser Beziehung die 
Berührung mit den Byzantinern ein, in Folge welcher nament^ 
lieh reichere und prächtigere Gewänder eingeführt wurden "). Be- 
stimmtere, wenngleich noch immer dürftige, Nachrichten darüber 
finden sich aus dem 11. Jahrhundert. Es ergiebt sich aus den- 
selben, dass die Kleidung damals aus langen, bis an die Knie 
reichenden Hemden, Beinkleidern und spitzen Schuhen von ver- 
schiedenfarbigem Saffian mit runden oder vom spitz zugeschnitte- 
nen Schäften bestanden. Die gewöhnlichen Classen trugen Bastr 
schuhe (lapty), wie sie noch jetzt die Russischen Bauern haben, 
und Fusslappen (portjanki, ontäschiy). Das Haupthaar wurde 
nicht mehr geschoren, sondern lang und dicht oder doch nur 
kurz geschnitten getragen; ebenso trugen Einige vollständige 
lange Barte, Andere nur einen Schnurrbart*). 

Die nationale Reiterei, welche wie gesagt erst seit dem 
10. Jahrhundert vorkommt, war ganz Normannisch mit Geschirr, 
Sätteln mit Bügeln, zum Theil auch mit Sporen ausgerüstet; die 
Wafien waren wie bei der Infanterie ; nur wurden vorzugsweise Piken 
mit bunten Flaggen (praparayY) geführt; ausserdem kamen noch 
Messer, die hinten im Stiefel getragen wurden (sctssaposhnikiy), and 
endlich Säbel, wahrscheinlich von den Petsdienägen und Polow- 
zem entlehnt, vor*). 

Die Fahnen (stjagi) waren anfangs ungeheuer gross und oft 
von schreiend bunten Farben. Sie wurden in hohem Ansehen 
gehalten und zu jedem Kriege wie in jede Schlacht mitgeführt. 
Eine Fahne wurde immer bei dem Grossfilrsten als sein Leib- 
banner getragen'). 



1) ibid. Ab«. 7. t) iUd. Abb. M. 8) iUd. Ann. 9-11. 4) iUd. Anni. 70, 71. 5) I>14. 
Asm. IS. 0) iUd. Ajod. 102. 7) ibid. Abb. lOS. 8) ibid. Abb. 104. 9) ibid. Abb. 81L 



— 11 — 

IV. nie VerpflesunyO' 

Solange nach der, allen Slawischen Völkern gemeinsamen 
Organisation das ganze Volk am Kriegshandwerk Theil nahm, 
kam die Frage über die Verpflegung der Streiter nicht zur 
Sprache, sondern es fiel diese mit den allgemeinen Volks- und 
Lebensverhältnissen zusammen. Als sich aber mit dem Erschei- 
nen der ersten Warägischen Drushinen eine besondere Militair- 
kaste zu bilden begann, machte sich jene Frage sofort geltend. 
Das einfachste Mittel zum Unterhalt der militairischen Macht be- 
stand in der An Siedlung der Truppen auf gemeinsamem Lande, 
und in der That findet sich dies Mittel denn auch schon in den 
frühesten Zeiten der Russischen Geschichte angewendet.') Die 
Militaircolonisten behielten das so verliehene Land nicht nur so 
lange, wie sie ihre Dienstpflicht erfallten, sondern auch bei der 
Verabschiedung, da diese Besitzungen beständig weiter vererbten. 
Wahrscheinlich war diese Einrichtung von den Warägern aus 
ihrem Vaterlande mitgebracht, wo schon damals eine Art freier 
Landbesitzer unter den Namen bonda*) existirte. Ebenso finden 
sich bekanntlich in den ältesten Normannischen Gesetzen ähn- 
liche Bestimmungen über die Lehnsbesitzungen vor*). Aus der 
Anwendung dieser Gesetze, für deren Möglichkeit das «Russische 
Recht» (Rt^sJcaja Prawda) Jaroslaw's L als praktischer Belag 
dient, entnahmen die Waräger aller Wahrscheinlichkeit nach die 
Grundlagen für das damalige Lehnssystem. Eng verbunden mit 
diesem findet sich daneben schon seit den frühesten Zeiten in 
der Russischen Geschichte der Gebrauch der «Versorgung» 
{kormlenie) der militairischen Chargen, darin bestehend, dass 
dieselben zur Belohnung für ihre Dienste als Statthalter in die 
Städte und Gantone geschickt wurden, wo dann die Einwohner 
verpflichtet waren, ihnen ihren ganzen Lebensunterhalt durch 
Lieferung der dazu nöthigen Vorräthe in natura zu beschaffen*), 
üebrigens wechselte die Bedeutung dieses Wortes zu verschiede- 
nen Zeiten, so dass es sehr schwer ist, aus den Chroniken einen 
genaueren Unterschied darüber festzustellen, ob der Besitz eines 
Cantons etc. als Versorgung für geleistete, oder als Lehen für noch 
zu leistende Dienste aufzufassen ist. Was im Besondern die erstere 
betrifft, so kann man sagen, dass, wenngleich in der vorliegenden 
Periode die Anerkennung der Nothwendigkeit einer Belohnung 
der Dienstmannen nach dem Dienste noch nicht durchzudringen 
vermochte, so sich doch in den Chroniken jener Zeit einzelne 
Zeugnisse finden, aus denen man entnehmen kann, dass die Für- 
sorge überhaupt, wie im Speciellen die militairische, den damaligen 



1) OeMhiehtl. khrim d. Veraorg. d. entlMB. Milit in BimI. Milit Sunml. 1868. N. 18. 
fag. 321-823. 2) »id. fi«. 822. Innu 1. 8) iMd. Ann. 2. 4) iUd. Ann. 8. 6) iMd. Aam. 4. 



— 12 — 

Begriffen nicht fremd war. Indessen ist es bei der Verscbieden- 
artigkeit und Durcheinandermischung aller Elemente, aus denen 
sich das Staatsleben jener Zeit zusammensetzte, ausserordentlich 
schwer, mit Genauigkeit festzustellen, wie und wann die ersten 
Maassregeln der müitairischen Fürsorge getroffen wurden. In 
dieser Beziehung möchte noch die Sitte zu erwähnen sein, den 
Familien der im Kriege gefallenen Militairs eine Entschädigung 
zuzuwenden *) , wobei indessen ebensowohl allgemeine Interessen 
wie das Billigkeitsgefühl, maassgebend gewesen sein mögen. 

Im Allgemeinen lässt sich somit von der Verpflegung in die- 
ser Periode nur sagen, dass durchgehende Vorschriften fttr sie nicht 
bestanden, vielmehr Jeder für seine und seines Gefolges nöthige 
Verproviantirung selbst zu sorgen hatte. Die Drushinen waren 
hinsichtlich ihrer Verpflegung auf ihre Führer angewiesen, er- 
hielten von diesen ihren Unterhalt und für besondere Dienste 
Geld, Land, einen Theil der Beute und der Contributionen. Den 
schönsten Lohn aber finden sie in dem freundlichen und freund- 
schaftlichen Umgänge, dessen ihre Führer sie würdigten. So 
konnte Wladimir I. mit Recht von seiner berühmten Drushina 
sagen: «Mit Silber und Gold kannst du keine Drushina, mit der 
Drushina aber beides gewinnen»'). 

Als besondere Belohnungen wurden schon frühzeitig Me- 
daillen (jgritvnt) und Ketten gegeben, wie dies bereits unter Wla- 
dimir I. um 1025 vorkommt. Die Personen, denen solche Ehren- 
zeichen crtheilt waren, hiessen Goldträger (slatono8SJ!:y)^ aus wel- 
cher Benennung man schliessen kann, dass dieselben hauptsächlich 
von Gold waren. 

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass es in jener 
Periode hauptsächlich zwei Momente gab, die von dem entschie- 
densten Einfluss auf die Entwicklung des Russischen Lebens und 
im Speciellen des Kriegswesens waren: die Normannische Ein- 
wanderung und die Berührung mit den Byzantinern. Namentlich 
seit Einftlhrung des Griechischen Christenthums machte sich das 
Byzantinische Element immer mehr und mehr geltend und gab 
damit dem Russischen Reich in fortwährend steigendem Verhältniss 
eine dem westlichen Europa immer mehr entgegengesetzte Rich- 
tung. Nur in Nowgorod erhielt sich das alte Slawische Element 
am längsten, unberührt von Normannischen oder Russischen, noch 
weniger aber von Griechischen Elementen. Die von Jaroslaw 
dieser Stadt ertheilten Freibriefe sicherten ihr eine abgesonderte 
innere Verwaltung, die fast gar nichts Gemeinsames mit der der 
andern Russischen Fürstenthümer hatte. Dem entsprechend bü- 
dete sich auch das Kriegswesen in Nowgorod in ganz eigenthüm- 



1) ibU. Aam. 5. 2) GoU^ys. Oewk. d. OtmmMaka. MiUt Jmib. 1867. H. 8. ftg, 9-10, 



— 13 — 

lieber Weise aus, me dies in der nächsten Periode gezeigt wer* 
den wird*). 

S. CaplteL 

Die Theüperiade Ins eur Utitenoerfiing durch die Mongolen. 
1054-^1:243. 

Im Allgemeinen blieb das Kriegswesen in dieser Periode in 
der früheren Art geordnet und erlitt nur die Abänderungen, 
welche die neue politische Organisation, oder besondere locale 
Umstände erforderten. Wie sich in der politischen Zerstückelung 
des Reiches eine decentralisirende Richtung geltend machte, so 
Yerschwand natürlich auch in der mihtairischen Organisation die 
Einheit der Führung, und damit verminderte sich die Stärke der 
Heere intensiv und extensiv. Dass aber in allen Bruchstücken 
des zerfallenden Reichs im Allgemeinen die alten Entwicklungs- 
momente in der Hauptsache maassgebend blieben, wird die nach- 
folgende Betrachtung zeigen. 

I« Die BestaMdtlieile des Heeres und Or^iinisation 

derselben. 

Mit Ausnahme Nowgorod, von dessen eigenthümlichen Eriegs- 
einrichtungen nachher besonders gesprochen werden wird, be^ 
standen die Heere der einzehien Theilfürsten zu ihrem besten 
Theil aus den Drushinen, die sich aber jetzt auf zwei: die Gross- 
Alrsthchen und die der Landbojaren beschränkten, zu denen indess 
nach Unaständen noch die geworbenen oder verbündeten anderer 
Völker kamen. Die Drushinen waren zu Fuss oder zu Pferde; 
die ersteren bestanden aus Pikenieren und Schützen, die letzteren 
stiegen in Werth und Zahl immer mehr. Die Hauptmasse der 
Heere bildeten, um jenen Kern sich schaarend, die ländlichen 
Aufgebote, wenn sie überhaupt eingezogen wurden*). 

L Die OroBSfärBtlichen Drushinen. Jeder TheilfQrst hatte 
seine Dmshina, die im Allgemeinen, wie früher, aus den Fürst- 
lichen Bojaren, Schwertträgem, Zeltwächtem, Kindern und Knaben 
bestand. Seit dem Ausgange des 12. Jahrhunderts, seit den 
Zeiten des Grossfürsten Andrej des Gottgeliebten, kommt fQr 
diese Drushinen in den alten Chroniken hin und wieder der Na- 
men des Fürstenhofes (dwor) vor; dem entsprechend erhielten 
die in ihr Dienenden, mit Ausnahme der Bojaren, den Namen der 
Höflinge oder Adligen (dworjane). Namentlich gehen die frühe- 
ren Zeltwächter allmählig immer mehr in ihnen auf, und die 



1) iVid. pif; 18. 2) Gtoech. 4. Ericgtk. in BmsI« IßUi Josn. 1856. H. ]. pag. 10. 



— 14 — 

so entstehenden Adligen bildeten dann im Dienst des Fürsten 
seine Leibwache, sein eigenes, ausgewähltes, stehendes Corps, 
den besten Theil des Heeres. Die Grösse und Stärke der 
Drushinen variirte nach der Grösse und dem Ansehen der ein- 
zelnen TheilfQrsten und seinen materiellen Mitteln. Der bedeu- 
tendste Hof war der des Grossfürsten von Kiew, dann der von 
Ssusdal und endlich der von Wladimir. 

2. Die Bojarendrushinen blieben in der alten Art fortbe- 
stehen. Die in ihnen dienenden Chargen bildeten die untere 
Classe der Gehülfen der Landbojaren und Woewoden in der miU- 
tairischen Führung und innem Verwaltung. Sie bestanden aus 
den Schwertträgem, Zeltwächtem und Bojarenknaben*). Um die 
letzteren von den Knaben der Grossfürstlichen Drushinen zu 
unterscheiden, gab man ihnen auch den Namen der Stiefsöhne 
(passynki). In diesem Sinne gebraucht, ist der Namen schon 
sehr alt. So hiess schon zur Zeit Nestors eine Stelle in Kiew 
der Sammelplatz der Stie&öhne (jpasst^tschja bessedd)^ weil sich 
diese Mannschaften dort zu versammeln pflegten. Auch aus dem 
Jahre 1176 findet sich die Angabe, dass der von den Bojaren 
und Einwohnern von Rostow nach dem Tode des Grossfttrsten Mi- 
chailo's II. zur Nachfolge berufene Mstislaw von Nowgorod eine 
zahlreiche Drushina von Bojaren, Zeltwächtern und sogenann- 
ten Stiefsöhnen oder Bojarenkindern sammelte*). Der letztere 
Namen wurde später der allgemeinere. Die Zahl der Bojaren- 
kinder wuchs fortwährend mit der Zahl der Bojaren, so zwar, 
dass sie, wie die spätere Betrachtung zeigen wird, m der Folge 
eine zahlreiche besondere Classe der MiUtairhierarchie bildeten. 

8. Die Drushinen andrer Völker. Seit Jaroslaw I. (1019) 
finden sich nicht mehr Beispiele von dem Anwerben Warägischer 
Drushinen vor, dagegen ersetzte man sie durch die geworbenen 
oder verbündeten Drushinen der Petschenägen, Chasaren, Tarker, 
Polowzer, Ugrier, der schwarzen Klobuken, Brodniker etc •). 

4. Die ländlichen Aufgebote. Nur im Nothfall bewafifneten 
sich die Bürger der Städte, so z.B. 1185 die von Perejaslaw 
zur Unterstützung des, vor ihren Thoren fast den Polowzem 
erliegenden, Wladimir Glebowitsch; 1210 die Einwohner von Ssus- 
dal gegen die Nowgoroder*); für gewöhnlich stellten sie nur die 
Pferde für die Reiterei. Aufgebote des Landvolkes kamen da- 
g^en häufiger vor, doch suchte man auch diese nach Möglich- 
keit auf die Wintermonate zu beschränken, um so dem Landbau 
möglichst wenig Hände zu entziehen. Man bezeichnete diese 
Milizen mit dem Namen der Pflugmannschaft (possochd); wohl 
desshalb weil sie nach der Zahl der Pflüge (ssochi) ausgehoben 



1) (Mim. G«Kh. d. OenanlsUte. Milit Journ. 1B57. N. 8. pa«. 14, 15. 2) Kanmrio. UL 
PH* M* S) Omdk. d. Kritfik. !■ Bwil. miit jMrn. 185«. N. 1. pH> 10* 4) Kanntla. m. pag. 204. 



— 15 — 

wurden, unter welchem letzteren Namen man damals einen 
Flachenraum von 750 Tschetwerti Land verstand. 

5. Das Artüleriewesen der Spooke. Die Artillerie jener 
Zeit bestand in Bassland, wie damiQs im übrigen Europa, nur 
noch aus den Wurfmaschinen mechanischer Gonstruction. Die- 
selben zerfielen in solche zum Schiessen von Balken oder grossen 
Pfeilen, Matratzen (tjufjaki) genannt, und in solche zum Schleu- 
dern von Steinen: ScUeuderer (puskatschi), Oeschütze (puschki) 
and Taranen (tarany) genannt. Ausserdem gab es noch Maschinen 
zum Zerstören der Mauern: Mauerbrecher (poroki), Widder 
{barany)y und zum Ersteigen derselben : BelagerungsthOrme (i4H>s- 
gradyY). Ueber die nähere Einrichtung dieser Maschinen ist 
Nichts weiter bekannt. Dagegen verdient es Erwähnung, dass 
man dieselben schon damals in Bussland auch im freien Felde 
zu verwenden anfing, wenngleich anfangs nicht sowohl seitens 
der Bussen als vielmehr gegen sie. So hatte z. B- der Chan der 
Polowzer, Kontschak in der Schlacht bei Ghorol, die er 1185 (oder 
1184) gegen die vereinigten Fürsten Swjatoslaw von Kiew und 
Rurik von Belgorod verlor, nach dem Zeugniss der Chronik von 
Kiew in seinem Heere ungeheure Bogen, die von 50 Kriegern ge- 
spannt wurden*). Ebenso finden sich aus jener Periode die ersten 
Nachrichten über die Anwendung von Feuer Sätzen in Bussland 
bei derselben Gelegenheit, indem der eben genannte Chan in jener 
Schlacht auch einen Bessermenier oder Chasarischen (Chiwaschen) 
Türken bei sich fiüirte, der «mit lebendem Feuer» schoss"). Es 
ist hier wahrscheinlich von dem sogenannten Griechischen Feuer 
die Bede, dessen Bekanntschaft übrigens die Bussen, wenn auch 
hier zuerst im eigenen Lande, so doch bereits früher gemacht 
hatten, wie denn schon die bei Zargrad geschlagenen flüchtigen 
Krieger Igor's den Kiewem mit Entsetzen erzählten, dass «die 
Griechen wie Blitze des Himmels bei sich hätten und diese gegen 
sie Hessen; wesswegen sie dieselben nicht überwältigen konnten»^). 
Ebenso wurde durch die zerstörende Gewalt dieses Feuersatzes 
im Jahre 1043 die Flottille des Fürstensohnes Wladimir, des 
Sohnes Jaroslaw's, auf dem Schwarzen Meer auseinander geworfen^). 
Ueber die näheren Umstände und namentlich über die Zusammen- 
Setzung dieses Feuers ist Nichts bekannt. Jedenfalls war die letztere 
auch den Bussen ein Geheimniss, woher es wohl kam, dass 
diese, obgleich sie 1184 jenen oben erwähnten Bessermenier 
des Polowzischen Chanes Kontschak mit allen seinen Kunstfeuem 
gefangen nahmen, doch diese Erfindung durchaus nicht weiter 



1) Wkkowatow. 0«Mbiehtl. BeKhnlb. d. Bekl. «. BewaAL d. Rn«. Tnippra. I. 2) e«seh* 
^ Klink, fai BmL MUit. Jown. 1856. N. 1. V€, 10. 8) Clinjww. D. ▲rtlU«iie v. d. Artill». 
tMn Im Vw.PeteiwskM Baal. ArtUL Jown. 1866. K. 0. pag. 482. Aan. 1. ^ Aid. pag. 48L 
Am. 1. 5) iUd. Awa. 2. ^ . '^ 



— 16 — 

benutzten '), so dass diese Notiz die einzige aus jener Zeit bis in 
die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts ist. 

Noch ist zu erwähne, dass man schon unter Jaroslaw I. an- 
fing, zur Bedienung der Wurf- und Belagerungsmaschinen beson- 
ders dazu vorgebildete Leute — Mauerbrechmeister {porotschnye 
niastery) genannt — zu verwenden; dieselben hatten gleichzeitig 
die Anfertigung und Instandsetzung derselben zu besorgen*). 

6. Die teohniflohen Truppen. Auch von den Ingenieurtruppen 
finden sich schon die ersten Spuren unter Jaroslaw I. in den 
Städtebauern (garodniki) zum Erbauen der Stadtmauern, und den 
Brückenbauern (mostniki), die mit ihren Gehttlfen den Dienst der 
heutigen Pontoniere versahen. Im Anfange fanden sich die In- 
genieure und Kriegsbaukünstler besonders unter den Mönchen 
und Geistlichen; und schon die Chroniken des 12. Jahrhunderts 
thun solcher Erwähnung, wie z. B. des berühmten Baumeister 
Peter Miloneg in Kiew (1198), des Woewoden Boris Shidislawitsch, 
der Possadniks Paul und Olexa, welche viele Städte bauten und 
befestigten"). 

7. Die Commandos. Das Obercommando fährte gewöhnlich 
der Grossfürst selbst; unter ihm commandirten in erster Reihe 
die Bojaren, in zweiter die Adligen. Ausser den schon früher 
erwähnten militairischen. Civil- und Hofchargen bekleideten sie 
noch die nachstehenden Aemter: Als Hofmarschall {dworezkij) 
standen sie dem gesammtem Hofstaat und Dienst vor^ als Tau- 
sender {tyssjajzkie) nahmen sie die Stelle des obersten Woewoda 
des Fürsten, im Frieden in dessen Residenz, im Kriege beim Heer 
ein. Jeder Theilfarst und jede Stadt hatte ihren eigenen Tau- 
sender*) und ausserdem war bei jedem der ersteren noch einer 
der ältesten, angesehensten und ausgezeichnetsten Bojaren unter 
dem Namen des nahen (blishnij) als oberster Gehülfe im militai- 
rischen Commando und in der Militair- und Civiladministration 
angestellt. 

Noch ist zweier Personen zu gedenken, die zwar eigentlich 
erst etwas später erwähnt werden, aber dann sehr bald eine be- 
sondere Bedeutung gewannen, nämlich des Lager- oder Quartier- 
meister und des Metalnik. Der Lager- oder Quartiermeister 
(stanotüschtschik, saimschischik) hatte namentlich das Aufsuchen 
und Abstecken der Läger für die Truppen zu besorgen. Wie 
schon oben bemerkt findet sich zwar diese Charge eigentlich erst 
etwas später erwähnt, indessen lässt doch Manches darauf schlies- 
sen, dass sie schon in dieser Periode vorhanden war. Namentlich 
geht aus dem Testamente des Grossfürsten Wladimir Monomachus 



a. Krknk. in Bnal. Mllii. Jonn. 1856. N. I. pig. 8. 2) SMwe1j«w. Kater, c 
. K. in Soal. ptf. 104. Anm. 189. S) iUd. Mg. 105. An«. 192, 198, 194. 4)C]uoii1]e 
S. UL; BoML Bibl 186; Chronik t. Nowgorod 98; •. KvftiMin m. png. 204. 



— 17 — 

(am 1123) und aas den Beschreibungen der Bussischen Kriege 
and Schlachten jener Zeit hervor, dass bei den Russen schon £- 
mals bestimmte Vorschriften für die Anlage der Läger und die 
Unterbringung der Truppen in denselben, sowie für die Bewe- 
gung, den Gebrauch der Truppen im Felde und für das Gefecht 
existirten, und daher scheint wohl die Annahme berechtigt, dass 
für dieses Geschäft schon damals diese oder eine ähnliche Charge 
bestand, eine Annahme, die zwar durch die gleichzeitigen Berichte 
nicht bestätigt, aber auch durch die späteren nicht widerlegt 
wird. Der Metalnik {metalnik, metelnik) war zunächst der Ge- 
hülfe des obersten Criminalrichters (jvirnik), versah aber ausser- 
dem den Dienst der späteren Djaken, deren Beschäftigung sie, 
wie wir in der Folge sehen werden, in eine etwa den jetzigen 
Intendanturbeamten entsprechende Stellung setzten, wenigstens 
soweit als hier die Aehnlichkeit in Frage kommt. Der Namen 
dieses Beamten ist übrigens von dem Worte Meta herzuleiten, 
worunter man das Zeichen verstand, welches er zur Bezeichnung 
der von ihm einzusammelnden Griminalstrafe oder Wira auf seinem 
Kerbholz einzuschneiden pflegte. Der Namen des Djaken {djak, 
diaky dejak) kam für diesen Beamten zuerst unter dem Gross- 
fOrsten Wladimir Monomachus auf. Der Kreis seiner Arbeiten 
vergrösserte sich in dem Maasse als die Schreibekunst allgemeiner 
wurde. Er hatte dann nicht mehr bloss die Einsammlung der 
Geldstrafen zu besorgen, sondern es wurde ihm auch die Führung 
der gesammten Civil- und Militairschreiberei nach Art der Canzelei- 
beamten der Westeuropäischen Heere übertragen. 

Aus dem bisher Gesagten geht hervor, dass die Führung der 
Truppen und die Besorgung der gesammten Militairgeschäfte unter 
dem Fürsten drei Instanzen umfasste. Die erste oder oberste bil- 
deten die Bojaren und Woewoden, die zweite die Adligen und 
die dritte das Personal der Bojarendrushinen. In ihrer Gesammt- 
heit bildeten sie in jedem Theilreich und im ganzen Russland 
eine Art Generalstab der Armee; und hierin lässt sich, trotz der 
politischen Zerstückelung und Zerrissenheit des Landes, eine 
bemerkenswerthe Einheit und üebereinstimmung, nicht nur des 
Geistes, sondern selbst der Form nicht verkennen. 

Mit dem weiteren Umsichgreifen des Griechischen Ghristen- 
thums traten dann immer mehr Byzantinische Elemente in das 
Russische Staats* und Kriegswesen ein, und dem entsprechend 
entwickelte sich sowohl das Rangverhältniss, wie auch namentlich 
die Znsammensetzung der Fürstlichen Höfe, schärfer und in be- 
stimmteren, complicirteren Formen. Die einzigen Ausnahmen 
hiervon machten, wie schon mehrfach bemerkt, Nowgorod und 
Pskow, daher das Kriegswesen dieser Städte jetzt noch einer 
etwas eingehenderen Betrachtung unterworfen werden soll. 

8. Zustand des Kriegswesens in Nowgorod und Pskow. Streng 

Brlz, OMck. 4. alt. Roh. H««r«s«lnrlelit. 2 



— 18 - 

abgeschlossen gegen Byzantinische und andere Einflasse bUdete sich 
in diesen Städten sowohl die innere Organisation, als auch das 
Kriegswesen und die Militairverwaltung, auf den alten nationalen 
Grundlagen fussend, in ganz eigenthttmlicher Weise aus, welche 
sich bis zum Fall der Selbständigkeit, 1478 unter Johann III. 
erhielt. Die Hauptzüge dieser Organisation, die sich zuerst in 
Nowgorod entwickelte und von da in ganz gleicher Weise auf Pskow 
überging, waren folgende: 

Das Volk in seiner Gesammtheit, das Ewige (wetschje) ge- 
nannt, hatte die oberste Gewalt; es wählte den Fürsten (kt^jas) 
und den Bürgermeister (possc^dnik), controUirte ihre Thätigkeit, 
beschloss über Krieg und Frieden, und entschied alle wichtigen 
Geschäfte mit Einschluss der militairischen. Der in der Vo&s- 
Versammlung gewählte Fürst hatte, unter der Oberaufsicht der- 
selben und auf seine persönliche Verantwortung, für die äussere 
Sicherheit zu sorgen, zu welchem Zweck ihm beständig eine 
Drushina zur Disposition stand. Dieselbe bildete zugleich im 
Kriege seine Leibwache und hatte er dann, aber nur mit be- 
schränkter Gewalt, überhaupt das Commando über sämmtliche 
Streitkräfte Nowgorods. Dem Fürsten zur Seite stand der eben- 
falls vom Volke aus den angesehensten Bürgern der Stadt ge- 
wählte Bürgermeister, Possadnik genannt, als Gehülfe oder 
vielmehr Gefährte und College desselben, bei allen Geschäften, und 
wie jener für seine Dienstführung dem Volk verantwortlich. Den 
3. Bang endlich nahm unter den beiden vorigen der Woewoda 
von Nowgorod, Tausender (tyssjojgkij) genannt, ein. Unter diesen 
drei Personen standen in militairischer und zum Theil auch in ad- 
ministrativer Hinsicht die, ebenfalls vom Volke gewählten Bo- 
jaren, demnächst die Aeltesten (starasty) oder Vorsteher der 
fünf Stadtviertel (pjatiny) oder Enden (kongy), in die Nowgorod 
getheilt wurde, (das Wotzkische, Schelonskische, Derewsche, 
Beshezkische und Oboneshische) , und zuletzt die Aeltesten der 
zu Nowgorod gehörigen ländlichen Bezirke. 

Ausserdem befanden sich beim Fürsten, dem Bürgermeister 
und den Aeltesten ständige BathscoUegien und andere Gehülfen 
niedern Ranges für die Civil- und Militairadministration. Die 
speciellen Anführer der einzelnen Abtheilungen und die niedern 
Chargen wurden aus angesehenen und begüterten Bürgern besetzt. 

Im Ganzen war die Verwaltung und innere- Organisation 
Nowgorods, und nach ihm Pskows, wie man sieht mehr auf 
städtisch - democratischen Elementen basirt, dabei in ihrem 
Geist und ihren Formen einfacher, weniger complicirt und auf 
eine geringere Anzahl von Personen berechnet, als im übrigen 
Bussland '). 



1) Ooliiya. e«tek. d. e«Mntalate. Unit J«aB. 1867. V. 8l yi«. 16-19. 



— 19 — 

II. Die Aufbrlüi^iii; der Truppeii« 

Sie erlitt nicht wesentliche Veränderungen gegen früher, blieb 
vielmehr auf dem Gedanken der allgemeinen erblichen Wehrpflicht 
und dem Prinzip der Drushinen oder Gefolgschaften basirt. Brach 
ein Krieg aus, so ruhten alle Strafen {Epüamija) bis zur Been- 
digung desselben. Was die Ausbildung im Waffenhandwerk 
betrifft, so fiel diese mit der allgemeinen Erziehung zusammen. 
Die Kinder, namentlich die der Fürsten und Edlen, wuchsen 
im Felde und Heereslager heran; noch ehe sie mannbar waren, 
stiegen sie zu Pferde, lernten dieses tummeln und die Waffen 
gegen den Feind gebrauchen. Leider fand dieser kriegerische 
Geist nicht die richtige Leitung, sondern verzehrte sich in den 
Spaltungen der Theilfürsten und in den brudermörderischen 
Kämpfen derselben^). 

lO. Die BeUeiduns^ AusHIataiis und BeirttlVkittii0 *)• 

Im Allgemeinen blieb die Bekleidung und Bewaffiaung ebenso, 
wie sie in der vorigen Periode gewesen war,' nur wurde sie unter 
dem Einfluss Byzantinischer Muster reicher und prächtiger. 
Uebrigens lassen die vielfach mangelhaften Nachrichten nicht 
recht ersehen, wann die einzelnen Kleidungs- und Waffenstücke, 
die sich später finden, eingeführt sind. Es mag Manches davon 
schon damals getragen sein. Eine vollständige Beschreibung der 
Bekleidung und Bewaffnung, wie sie sich in der Folge entwickelten, 
wird im 5. Capitel folgen und mögen daher hier nur einige 
ganz allgemeine und kurze Andeutungen genügen. 

Die Tracht der Grossfürsten und Vomdbmen war im All- 
gemeinen die Griechische, also von ausserordentlicher Pracht. 
Eine sehr interessante, aber auch fast die einzige Quelle dafür, 
ist das Compendium (Isbomik oder Ssbomik), das 1073 für den 
Fürsten Swjatoslaw Jaroslawowitsch von Tschernigow, den Enkel 
Wladimirs L, geschrieben wurde, und das durch ein glückliches 
Ungefähr bis auf unsere Tage gekommen ist'). Es befindet sich 
darin ein colorirtes Bild des Fürsten, nach welchem derselbe ein 
grünliches Kleid, fast wie das Unterkleid eines Messgewandes, 
mit rothem Besatz, langen Aermeln und goldenen Armbändern 
trägt; darüber einen blauen Mantel, der auf der rechten Schulter 
mit einer goldenen Schleife und einem rothen Knopf geschlossen 
ist*). Der Schnurrbart ist lang, der Backenbart nur schwach. 
Als Kopfbedeckung trägt Swjatoslaw eine niedrige Mütze mit 
goldenem Deckel und Pelzbesatz, seine Söhne hohe, mit Bären- 
fell verbrämte Mützen. Die Fussbekleidung bestand in spitzen 



1) Kanmam. m. ptg. 285. 2) IHskowatoir. GMeblehtl. Baschnib. d. BAV v. BtwaAi. d. 1 
Tnippca. I. 8) Ibid. Aun. 18. 4) Ibid. Anm. 14. 

2* 



— 20 — 

Stiefeln, beim Fürsten von grüner, bei seinen Söhnen von rother 
Farbe. Die letzteren trugen übrigens ebensolche Kleider wie 
ihr Vater von Himbeerfarbe mit Elappkragen aus Goldstoff, mit 
goldenem Besatz und Schleifen und goldenen Gürtelspangen^). 
Dieses Kleid hiess kormo, Jcotsch oder ko£; und wurde lange Zeit 
in derselben Art getragen*). Als besondere Auszeichnung der 
Fürsten fanden sich schon frühe Diademe. Das berühmte des 
Fürsten Wladimir Monomachus, das in der Folge immer bei der 
Krönung der Zaren benutzt wurde, hiess barmy oder diadema'). 

Die Bekleidung der niedem Glassen blieb im Allgemeinen 
so, wie sie bereits in der vorigen Periode beschrieben ist. 

Die Bewaffnung bestand bei dem Fussvolk für die Pike- 
niere in Speeren und Schwertern, für die Schützen in Bogen 
und Armbrüsten. Die Kelterei, in der letzten Zeit nach dem 
Muster der Tatarischen bedeutend vermehrt, war wie diese, mit 
Säbeln und Dolchen, zum Theil auch mit Lanzen und Bogen be- 
waffnet. Die Schutzwaffen bestanden wie früher aus Panzern 
und Helmen, waren aber wegen ihrer Kostbarkeit nur den reiche- 
ren und vornehmeren Leuten zugänglich. Uebrigens verdient es 
noch Erwähnung, dass die Waffen nur unmittelbar zum Gefecht 
angelegt, auf Märschen selbst in nächster Nähe des Feindes aber 
beständig auf Wagen beim Gepäck mitgeführt wurden. Es ist 
daher nicht überraschend, dass bei dem Mangel aller Sicherheits- 
maassregeln, (Ue Truppen oft in vollständig wehrlosem Zustande 
vom Feinde überfallen wurden. So oft und hart sich aber auch 
dieser Missbrauch bestrafte, so dauerte er doch bis weit in 
das 16. Jahrhundert hinein fort*). 

Die Fahnen blieben gleichfalls im Allgemeinen ungeändert, 
nur stieg ihre Zahl sehr bedeutend. So hatte z. B. Nowgorod 
im Kriege mit dem Fürsten von Ssusdal im Jahre 1216 deren 13, 
diese aber 17 Banner {stjagiY). Wie es scheint, hatte überhaupt 
jedes Regiment, d. h. jede Heeresäbtheilung, eine grosse Haupt- 
fahne und einige kleinere Fahnen*). 

Was die militairischen Instrumente anbetrifft, so be- 
standen sie in dieser Periode aus Trompeten {truby), Pfeifen 
{S9urny\ Flöten (ssopeli) und kleinen Kesselpauken (nakry, Imbny). 
So gab es solche z. B. schon 1151 in Kiew auf beiden Seiten 0; 
in dem «Wort über das Regiment Igors» {sslowo o polJcu Igore- 
ioom), dem ältesten Denkmal Russischer Poesie, das die Zeit um 
1241 betrifft, ist ebenfalls von Trompeten die Rede'). Ebenso 
hatte Nowgorod bereits 1216 im Kriege mit Wladimir von Ssus- 
dal 60, dieser aber 40 Trompeten und Pauken*). 1220 hatten 
die Russen unter Swjatoslaw, dem Bruder des Grossfflrsten Georg 



1) Ibid. Abb. 16. 2) ibid. Anm. Ifi. 8) ibid. Anm. 52. 4) Qmcih. d. Eriegvk. in 
Killt. Jm». 1866. N. 1. PH. 10. 6) Wlikowatoir. <3«iebichU. BeKknib. d. Bekl. o. BmAi. d. 
Boa. Trappen. L Anm. 212. 6) ibid. 7) ibid. Anm. 187. > 8) ibid. Anm. 188. ») ibid. Anm. 18». 



— 21 — 

Wsewolodowitsch, im Kriege gegen die Wolga-Bulgaren Trompeten, 
Pauken, Pfeifen und Flöten beim Heer*). 

T¥* nie Verpllei^iis« 

Wie sich das Lehnssystem überhaupt in dieser Periode im 
Allgemeinen in den früheren Formen entwickelte*), so blieb auch 
fftr die Verpflegung im Grossen und Ganzen der frühere Grund- 
satz geltend, dass jeder Dienende dieselbe von denjenigen erhielt, 
in dessen Dienst er stand. Hierbei handelten aber die Fürsten 
als Vertreter der Staatsgewalt und die Bojaren als Vertreter der 
Gemeinde in sehr verschiedener Art. Das Interesse der Fürsten 
erforderte es, die Zahl ihrer Drushinenmannen nach Möglich- 
keit zu verstärken und sie in eine möglichst gleiche Lage mit den 
ländlichen Vertretern, die gleichzeitig den reichsten Grundbesitz 
repräsentirten, zu bringen, d. h. ihnen möglichst viel Land zum 
Lehen zu geben. Da aber bei dem damals ziemlich häufigen 
Uebergang der Fürsten aus einem Fürstenthum in ein anderes, 
auch ihre Drushinen mitzogen, so musste man daran denken, den 
Landbesitz von einem solchen Wechsel der Gewalt unabhängig 
zu machen. Hierzu boten sich den Fürsten zwei Mittel dar: 1) Er- 
werbung von Land zum persönlichen Eigenthum und 2) Verwen- 
dung des eroberten Landes, auf das die Gemeinde keinen Anspruch 
hatte '). Die Fürsten zögerten denn auch nicht, beide Mittel zu 
verwenden, und vergrösserten demnach allmählig nach Maassgabe 
der Verstärkung der fürstlichen Gewalt auch die Austheilung von 
Lehen. Für die Landbojaren war dagegen nur das erste Mittel, 
Erwerbung von möglichst vielem Erbbesitze, anwendbar, zu welchem 
Zweck sie anfangs nach Möglichkeit Land zu kaufen, später sich 
solches zum Schaden der unteren Glassen anzueignen strebten^). 
Zum Unterhalt ihrer Dienstmannen nahmen sie dann ihre Zuflucht 
wahrscheinlich zu demselben Lehnssystem wie die Fürsten, da 
bei der Seltenheit edler Metalle das Land als Hauptausdruck von 
Werth und Reichthum bestehen blieb. Die Fürsten schonten, 
nach dem Ausdruck der Chroniken. Nichts für ihre Drushinen, 
mit denen sie im innigen freundschaftlichen Verkehr standen und 
alle Ehre, sowie den im Kriege erworbenen Eeichthum theilten. 
Dagegen hatten die Bojaren einerseits in ihrem persönlichen Um- 
gange nicht jene hinreissende Gewalt der ehrenden Herablassung, 
andrerseits beschränkten sie das Gehalt ihrer Knaben und Unter- 
gebenen nach Möglichkeit zum eigenen Vorthell, wie dies zahlreiche 
Slagen der letzteren über schlechte Behandlung beweisen. Somit 
waren alle Vortheile hierin auf Seiten der Fürsten, wesshalb die 
Zahl der Mannen ihrer Drushinen, und somit ihre Macht, auf 



1) iUd. Ab». I9a 2) Q«Khielitl. Abrta d. Venorg. d. enklan. Milil in BunUnd. Milii 
BMal. 186& N. 18. png. 828. Anin. 6. 8) ibid. png. 882. Anm. 41. 4) ibid. pag. 888. Asm. 42. 



— 22 — 

.Kosten der Macht und des Einflusses der Gemeinde in beständigem 
Wachsen blieb *). 

Wenn sonach das Verhältniss der Drushinen zu ihren Füh- 
rern mehr auf patriarchalischer Gegenseitigkeit als auf bestimmten 
Bechtsgnmdsätzen basirt war, so ist es begreiflich, dass über 
die specielle Art der Verpflegung der einzelnen Leute und im 
Besondern über die Grösse des ihnen zu gewährenden Landbesitzes 
bestimmte Festsetzungen nicht existirten. Es wäre daher hier 
nur noch zu erwähnen, dass gewöhnlich die WafiTen von der Re- 
gierung gegeben, von ihr nach Beendigung eines Feldzuges, d. h. 
zum Winter, wieder eingezogen und bis zu einer neuen Unter- 
nehmung auifbewahrt wurden. Die Pferde hatten wie früher die 
Bürger, welche nur im äussersten Nothfall zum persönlichen Dienste 
verpflichtet waren, zu stellen. 

Eine Ausnahme hinsichtlich der Verpflegung machten nur die, 
grösstentheils aus Ausländern bestehenden technischen Trup- 
pen, bei denen anstatt der Belehnung mit Land eine mehr mo- 
derne Art der Verpflegung mit Geld, Proviant und Fourage in 
gewissen, meistens durch Gontracte festgestellten, Beträgen schon 
damals üblich war. Nach dem Reglement von Jaroslaw erhielten: 
die Städtebauer vor Beginn der Arbeit 1 Kuna*), bei derselben 
1 Nogata Sold; ausserdem an Proviant und Fourage wöchentlich 
T Brote, 7 Uboroki Hirse und 7 Lukoni Hafer für 4 Pferde, end- 
lich noch für die ganze Arbeitszeit 10 Lukoni Malz und Geld 
für Fleisch, Fische und Getränk*). Die Brückenbauer bekamen 
bei Neuarbeiten für jede 10 Ellen (lokti) 1 Nogata, bei Aus- 
besserungen für jeden im Wasser abgehauenen oder abgeschnit- 
tenen Stamm 1 Euna und ausserdem den nöthigen Unterhalt f&r 
sich und Hafer für 2 Pferde, da gewöhnlich jeder mit 1 Knaben 
oder Gehülfen ritt'). 

Was die Versorgung der invalide gewordenen Kämpfer 
betrifft, so blieben hierfar zunächst ebenfalls die alten Gebräuche 
bestehen, d. h. es fsmd noch keine Trennung zwischen der mili- 
tairischen und allgemeinen Fürsorge Statt, ein Umstand, der um 
so weniger in Verwunderung setzen kann, wenn man bedenkt, 
dass dies nicht nur während der ganzen folgenden Periode, son- 
dern auch bis zu den Zeiten der Kaiserin Katharina 11. so blieb^). 



*) Die Kuna war ein gestempeltes Stack Pelzwerk aus der Stirn oder 
Schnauze, das als MOnze etwa g^i Oriwna galt. Die Griwna bedeutete ursprüng- 
lieb eine gewisse Anzahl Marderfelle, später eine Münze im Werthe von 1 Pfd. 
Silber. Als solche enthielt sie dann 25 Kuni oder 20 Nogati. — Die Uboroka 
war ein kleines Maass; 1 Lukona ist = ^ Tschetwert. Siehe das Reglement 
Jaroslaw's in dem cRussischen Recht> pag. 87 und 6S. (Ssaweljew. Mater, 
s. Gesch. d. Ingen. K. in Russl. pag. 161. Anm. 1S4.) 

1) Ibid. PH* 888. 2) Snweljtw. Mater. ■. Gcwli. d. Tigm. K. in Raad. pw. 109. Anm. 184. 

alMd. Aul 186. 4) OcMhtektl. AMm d. Tcnoiv. d. eBtlMi. MUit In Bwd. lüli Sunnü. 1868. 
> IS. PH* 828. Aam. 7. 



— 23 — 

Mit Einfflhrang des Christenthnms entwickelte sich anfangs die 
PriTat-, später auch die Staatswohlthätigkeit und verbreitete 
sich ohne Unterschied auf alle Classen der Staatsbürger. Wla* 
dimir der Grosse verwandte namentlich eine besondere Aufmerk- 
samkeit auf die Entwickelung der Fürsorge seitens der Klöster 
und der Geistlichkeit, welche zahlreiche Dörfer und Cantone be- 
sassen und über grosse Einkünfte geboten^). Der zehnte Theil der 
Einkünfte der Fürsten wurde gewöhnlich zur Unterstützung von 
Kranken, von armen Wittwen und Waisen aufgewendet und an 
diese unter Aufsicht der Geistlichkeit vei*theilt. Durch das direct 
dem Griechischen Nomokanon entnommene Kirchenreglement Wla- 
dimir's wurde bereits die Einrichtung von Armen- und Kranken- 
häusern angeordnet, und dieser Befehl auch theilweise zur Aus- 
führung gebracht. So errichtete der Abt des Kiew-Petscherischen 
Klosters Theodosius bei seiner Wohnung einen besonderen Hof 
mit Kirche für die Armen und Verkrüppelten '). Indessen blieb 
dieses höchst interessante Beispiel vorläufig vereinzelt und fand 
lange Zeit hindurch an andern Orten des Reichs keine Nach- 
ahmung, wenigstens finden sich darüber in den Chroniken jener 
Zeit keine Angaben. In der späteren Zeit erfolgte die Einrichtung 
von Armenhäusern so unmerklich, dass es sehr schwer ist, den wirk- 
lichen Anfang derselben festzustellen, wie dies gewöhnlich bei Ein- 
richtungen, die nicht direct vom Gouvernement angeordnet, sondern 
allm&hlig durch den Bedarf hervorgerufen werden, der Fall zu 
sein pfl^'). Nach einigen Angaben kann man annehmen, dass die 
erste regelmässige Organisation dieser Anstalten vom Jahre 1203 
datirt, aus dem sich die Nachricht findet, dass alle Krüppel und 
Armen bei den Kirchen und Klöstern angesiedelt werden und von 
ihnen Unterhalt empfangen sollten. 1237 wurde dieser Befehl 
bestätigt und mehrere Einzelheiten festgestellt^). 

Die Belohnungen und Auszeichnungen für besondere 
Dienste blieben die früheren. 



4k. Capitel. 

Von der üfUenoerfung durch die Mongolen bis mu Johann IZ7. 

Wenn von der vorigen Periode gesi^ wurde, dass das Kriegs- 
wesen in Folge der politischen Verhältnisse sich immer mehr zer- 
splitterte, so tritt umgekehrt der allgemeine Character dieser Pe- 
riode in dem Streben nach Wiedergewinnung der politischen und 
damit militairischen Einheit hervor. Die Entwicklung des Kriegs- 



1) iUa. Abb. S. 2) IUI Abb. 9. 8) IVkU Abb. 10. 4) Ibid. fH- 8M. Abb. 11. 



- 24 — 

Wesens in dieser Periode characterisirt sich durch zwei Momente: 
den Einfluss des Tatarischen Elementes und das erste Auftreten 
der Feuerwaffen in Russland. Mit Eücksicht auf jenes Moment 
erscheint es nicht unangemessen, einige Worte über die damaligen 
Hauptfeinde der Russen, die Tataren, vorher zu schicken. 

Einleitende Bemerkungen über die Tataren. Obgleich 
die Tataren in Russland ein mehr sesshaftes Leben annahmen, 
so war das hervorragendste Moment ihrer Lebensweise doch das 
Nomadische. Von Jugend an lernten sie den Bogen führen und 
das Ross tummeln, Massigkeit in der Nahrung und Ausdauer in 
Frost, Hitze und Anstrengungen/ Ihr einziges Eigenthum mach- 
ten ihre ungeheuren Viehheerden aus, deren Fleisch ihr haupt- 
sächlichstes Nahrungsmittel bildete und die sie selbst im Kriege 
zur Sicherung ihrer Verpflegung mit sich führten. Daneben raubten 
und plünderten sie das Land aus, durch das sie zogen. Fanden 
sie Nichts weiter, so begnügten sie sich auch mit Wurzeln und 
den Erträgen der Jagd, der sie als einer Vorschule des Krieges 
stets mit Eifer und Vorliebe oblagen. So genügsam wie sie selbst 
waren auch ihre Pferde, die sich ihren Unterhalt auf freier Weide 
selbst suchten. Als fast ausschliessliches Reitervolk bestand ihre 
militairische Hauptkraft in ihrer leichten Reiterei. 

Bewaffnet waren die Tataren mit grossen Bogen, Speeren, 
Hakenstangen, um den Gegner vom Pferde zu reissen, langen 
Säbeln, Keulen und Streitäxten; als Schutzwaffen führten sie 
Helme, Panzer und leichte aus Holzruthen zusammengeflochtene 
Schilde; für Belagerung der Städte und gelegentlich auch zum 
Oebrauch im Felde hatten die Tataren auch immer Mauerbrecher 
und Wurfmaschinen beim Heer, die von erfahrenen Chinesischen 
und Persischen Ingenieuren bedient wurden. 

Die Kampfweise der Tataren war die stereotype, weil in 
den natürlichen Verhältnissen begründete aller leichten Reiter- 
vdlker. Ohne es zum eigentlichen Zusammenstoss, noch weniger 
aber zum Handgemenge kommen zu lassen, umschwärmten sie 
den Feind von allen Seiten, überschütteten ihn aus der Ferne 
mit einem Pfeilregen und jagten unerreichbar davon, wenn er auf 
sie ansetzte, aber nur um von Neuem wieder zu kommen und 
den Feind so lange zu necken bis die Ermüdung ihn besiegte 0* 

Gegen solche Feinde konnte die wenig zahlreiche Russische 
Reiterei nicht aufkommen, und auch das Fussvolk hätte nur dann 
einen Erfolg hoffen können, wenn es beständig geübt und ge- 
wohnt gewesen wäre, in geschlossener Ordnung zu kämpfen. Es 
ist aber schon in der vorigen Periode gelegentlich bemerkt wor- 
den und es gilt dies auch für diese, dass ein grosser Theil der 
Russischen Streitkräfte nur fiir die Dauer des Krieges ausgehoben 

1) a«Mli. d. Kri^k. in Bwl MUii Jona. 1856. N. 1. pH« ia> 



— 26 — 

und nach Beendigung derselben sobald wie möglich wieder At- 
lassen, aller dieser Bedingungen entbehrte. Nur die verhältniss- 
massig schwachen Drushinen der Fürsten bestanden auch im Frie- 
den in einer gewissen militairischen Organisation. 

So sehr diese mangelhaften militairischen Einrichtungen nun 
auch den Fortschritten der Tataren Vorschub leisteten, so muss 
man doch bei der unbestreitbaren Tapferkeit der Russen und 
relativ manchmal ziemlich bedeutenden Umsicht einzelner Führer 
die Gründe zu der so raschen Eroberung und so langen Knecht- 
schaft Russlands weniger in den militairischen als den politischen 
Zuständen desselben suchen, das in viele Theile zerstückt und 
von verschiedenen Interessen zerrissen, nie dazu kommen konnte, 
seine Kräfte gegen den gemeinsamen Feind zu vereinigen. Ge- 
lang es auch einmal einem Fürsten, hinlängliche Streitkräfte zu- 
sammenzubringen, so entrissen doch die Tataren in ihrer anfäng- 
lichen geschlossenen Einigkeit, der gegenseitigen Eifersucht und 
gewöhnlichen, trotz aller bitteren Lebren gebliebenen Selbstüber- 
schätzung jener unschwer den Sieg*). 

So fiel Russland. In der Zeit nach der Unterwerfung fingen 
aber die zersplitterten Kräfte allmählig an sich wieder zu nähern 
und es tritt, wie schon gesagt, auch in der militairischen Füh- 
rung und Verwaltung wieder eine gewisse Concentrirung ein. 
Die Gründe dafür waren hauptsächlich der allmählige Verfall des 
Theilungssystemes und die daraus hervorgehende Vereinigung 
der obersten Gewalt in einigen Fürstlichen Familien, namentlich 
seit der 2. Hälfte dieser Periode in der des Fürsten Johann Da- 
nilowitsch Kaiita von Moskau, demnächst die allmähUg sich ent- 
wickelnde numerische Vergrösserung und bessere Organisining 
des Grossfürstlichen Hofes, ebenfalls hauptsächlich seit Johannes 
Kaiita von Moskau, sowie die Vermehrung und bestimmtere Schei- 
dung der Rangclassen für den Hof-, Militair- und Civildienst. 
Dazu kamen, als besonders wichtig in militairischer Hinsicht, das 
Anwachsen der drei bedeutenden Classen der Bojaren, Adligen und 
Bojarenkinder; femer die bessere Organisation der von der länd- 
lichen Bevölkerung für den Krieg gestellten Aufgebote in Armeen 
(rati), die in Regimenter getheilt und ^angemessener befehligt 
wurden, sowie endlich noch einige andere Veränderungen und Ver- 
vollkommnungen in der militairischen Organisation Russlands, aus 
denen sich eine vermehrte Centralisation und Kräftigung der 
Grossfürstlichen Gewalt ergab'). 



1) ibid. pag. 11—18. 2) Golisyn. Qtach. d. OenenMal». Milit. Jonrn. 1657. V. 8. pag. 90. 21. 



— 26 — 

!• Die BestaiücltlieUe dies Heere« undl OrsAiiieattoii 

dereelben* 

Den hauptsächlichsten und fast ausschliesslichen Bestand der 
Heere machte die Cavallerie aus, deren Wichtigkeit und Bedeut- 
samkeit in dem Maasse wuchs, dass daneben die Infanterie fast voll- 
ständig verschwand, daher man wohl sagen kann, dass im 15. Jahr- 
hundert die Bussischen Heere, wie die Tatarischen, nur aus Ca- 
yallerie bestanden. Die Infanterie wurde nur zum Festungskriege 
benutzt und bestand aus einem Haufen Leute verschiedener Art, 
die oft erst während des Marsches der Truppen von den Schiffen*), 
dem Felde und wo man sie gerade fand, zusammengerafft und mit 
dem ersten besten Material bewaffnet wurden; eine zucht- und 
ordnungslose Masse, deren einzige Gleichartigkeit in ihrer gleich- 
massigen Unbrauchbarkeit zu Allem, was über die Pflichten der 
Trossbuben hinausging, bestand. Man rechnete sie auch gar nicht 
zum Bestände der Woewodenregimenter, sondern führte sie nur 
so gelegentlich mit auf. So heisst es in der Nikonowschen Chronik 
von 1444 nach Anführung der übrigen Truppen bloss: «Auch 
eine zahlreiche Streitmacht zu Fuss wurde gesammelt mit Stan- 
gen, Beilen und Speeren»'). Ebenso sagt Ghancelour ausdrücklich, 
und alle fremden Schriftsteller stimmen ihm darin bei, dass die 
Bussen keine Infanterie haben, «mit Ausnahme derer, die mit dem 
Zeug und den Arbeitern (the ordinance and labourers) gehen, und 
deren waren 30,000». Ausserdem gehörten aber noch zur Infan- 
terie alle die Leute, die sich wegen Armuth nicht beritten machen 
konnten und daher nicht zum Begiments- , d. h. Felddienst, son- 
dern zum Stadt-, d. h. Garnisonsdienst eingeschrieben wurden'). 
Selbst der Namen der Infanterie fehlte, indem die unberittenen 
Elemente der Heere, da man sie auf Märschen wenn irgend mög- 
lich zu Wasser (plaumym putem) transportirte, gewöhnlich Schiffs- 
truppe {rat sstidowajc^ und nur selten Fusstruppe (rat peschqja) 
genannt wurden^). 

Den wichtigsten Theil des Heeres bildete das Personal des 
Fürstenhofes, aus den Fürstenbojaren und obersten Hofbeamten 
bestehend. Dasselbe erhielt eine wesentliche Vermehrung dadurch, 
dass die ihrer Besitzungen beraubten Theilfürsten anfingen, in den 
Dienst der Moskauschen Grossfürsten zu treten, die ihnen nur 
unter der Bedingung persönlichen Dienstes Land gaben, wesshalb 
sie den Namen von Lehnsfürsten erhielten'). Ausserdem traten 
Tatarische Mursen, die sich bei den fortwährenden Zwistigkeiten in 
der goldenen Horde mit irgend einem Chan nicht vertragen konn- 
ten, sowie Pobiische und Litthauische Grosse, die wegen einer 



1) Akten d. Ar^. Bzpad. I. H. 814. 2)BelJMw. üeb. d. Bus. Heer. pag. 44. 8) Wtek»- 

j, OeHbiektl. BeMkrtib. d. BekMd. v. BemAi. d. Bom. Treppe«. I. Ann. 161. 4) iUd. 

5) a«Mliiehtt. ähwim d. Venoif . d. eniU«. MUtt. ia Boid. MiUl SumdI. 1868. H. 18. VH- 824, 
"- - 15. 



— 27 — 

wirklichen oder vermeintlichen Beleidigung ihre Heimath verliessen, 
in die Dienste des Reiches Moskau, wie sich denn überhaupt in dem 
Maasse, als sich dies über die anderen Theilftirstenthümer erhob, 
eine immer grössere Masse von Leuten zu seinem Dienst dräng- 
ten, die nur hierin eine Wiederherstellung der irgend wie ander* 
wärts verlorenen Bedeutung zu ßnden hofften'). 

Von den Grossfürstlichen Hofbeamten waren die wichtigsten: 
die Okolnitschi, Stolniki, Strjaptschi und die Adligen. Ausser 
diesen gehörten zu den permanenten Bestandtheilen des Heeres 
noch die Bojarenkinder, und endlich konamen als gelegentliche Be- 
standtheile noch die Aufgebote vom Lande hinzu. 

L Die Bojaren (bojare) nahmen wie früher die erste Stelle 
ein, bildeten die nächsten Gehülfen des Grossfürsten, sassen in 
seinem Rathe und wurden als Statthalter mit der Leitung der 
Civil- und Müitairgewalt in den grossen Städten beauftragt. 
Ausserdem fahrten sie im Kriege als Woewoden die Truppen. 
Eine besonders angesehene Stellung fingen schon gegen Ende dieser 
Periode die Moskauschen Bojaren einzunehmen an. 

2. Die Okolnitsohi (okölnitschie) folgten den Bojaren im Bange. 
Diese Würde datirt etwa aus der Mitte des 14. Jahrhunderts und 
entsprach anfangs den Oberreisemarschällen des westlichen Europas, 
später den Polnischen Gastellanen. Der Dienst dieser Beamten 
bestand nämlich anfangs besonders darin, bei den Beisen der 
Grossfürsten vor ihnen herzureiten, für Ruhe und Sicherheit auf 
den Wegen und um (pkolo) dieselben zu sorgen, ihre Ausbesse- 
rung und die Herstellung der zu passirenden Brücken, wo es 
nöthig war, zu veranlassen, die Einquartirung, den Vorspann zu 
besorgen und alles Nöthige in den Quartieren und Nachtlagern 
anzuordnen. In der Folge erweiterten sich ihre Geschäfte; sie 
wurden zu den Sitzungen der Duma oder des geheimen Rathes 
beigezogen, ihnen in der Givilverwaltung Aemter des 2. und selbst 
des 1. Ranges ertheilt und endlich im Heere die Stellen der un- 
teren, auch wohl der höheren Woewoden oder deren Gehülfen, 
aus ihnen besetzt, 

3. Die Stolniki (stolniki) und 

4. Die Streaptsom (strjapisckie) 

nahmen die beiden nächsten Rangstufen ein. Ursprünglich waren 
dies ausschliesslich Hofchargen, und zwar hatten jene die Gross- 
fftrstliche Tafel als Truchsessen und Mundschenken in einer Person 
zu versorgen; diese anfangs auf den Reisen als Gehülfen der Okol- 
nitsche zu fungiren, während sie in der Folge im Hofdienst das 
Amt der Back- und Küchenmeister versahen, im mUitairischen 
die Waffenträger des Zar^ waren. Später wurden aber auch 
beide Chargen zu verschiedenen miUtairischen Commandos und 

1) SMd. 



— 28 — 

Verwaltungs&mtern 2. Banges als Unterwoewoden im Heer und 
als Woewoden in den mittleren und sogar in grösseren Städten 
herangezogen. 

Diese beiden Chargen, wie die der Okolnitschi, scheinen übri- 
gens von den Russischen Grossfürsten ähnlichen Stellen des Byzan- 
tinischen Hofes entnommen zu sein. 

5. Die Adligen (dworjane) bildeten in der Militairhierarchie 
die 5. Stufe und umfassten mit Ausnahme der vier ersten Classen 
das gesammte, beim GrossfQrstlichen Hofe beschäftigte Personal. 
Ihr Dienst war gleichzeitig Hof- und MUitairdienst. In ersterer 
Beziehung versahen sie je nach ihrem Range verschiedene Hof- 
ämter, in letzterer bildeten sie die Leibwache des Fürsten und 
seines Hofes oder Pallastes. Schon damals fing man an, sie in 
Abtheilungen zu 100, Ssotnien (ssotni) oder Centurien, zu theilen, 
welche unter das Commando von Häuptlingen oder Oolowen {gdowy) 
gestellt wurden. Im Kriege rückten sie als stehendes Elitencorps 
zuerst mit dem Fürsten oder seinen Woewoden ins Feld, und fan- 
den auch zu verschiedenen militairischen Aemtem, in Ck)mmandos 
2. Ranges als jüngste Woewoden im Heere, so wie als Woewoden 
der mittleren und kleinen Städte in der Civiladrainistration, Verwen- 
dung. Im Laufe der Zeit wuchs ihre Zahl immer mehr an und 
in Folge dessen bildeten sie schon in dieser Periode eine besondere 
zahlreiche Militair - Classe , den ersten und besten Theil der 
Russischen Heere. Gegen Ende dieser Periode fingen die Moskau- 
schen, d. h. die beim Grossfürstlichen Hofe in Moskau dienenden, 
Adligen an, sich als eine besondere, höher angesehene Classe von 
den andern abzusondern. 

6. Die Bojarenkinder (ßeti bojarskie) nahmen den letzten 
Rang in der allgemeinen Hierarchie jener Zeit ein und bildeten 
eine zahlreiche und angesehene Classe der militairischen Streit- 
kräfte Russlands. Es waren Leute von adliger Herkunft, die 
colonisirtes Land als ererbtes Eigenthum (wotschind) oder zum 
Lehn (ptmtestje) besassen, auf dem sie für gewöhnlich lebten, da 
sie nicht zu dem fürstlichen Hofstaate gehörten. Sie wurden zu 
verschiedenen untergeordneten Militairämtern, als Subalterne im 
Heer und in der Civiladministration, hauptsächlich aber mit ihrem 
Gefolge zur Verstärkung der Grossfürstlichen Truppen benutzt. 

Die Adligen und Bojarenkinder bildeten der Zahl und Be- 
schaffenheit nach den besten und vorzüglichsten Theil der Streit- 
kräfte Russlands. Uebrigens genossen auch bei den letzteren die 
Moskauschen einen erklärten Vorrang. 

Ausser diesen Truppen, die man gewisser Maassen als stehende 
betrachten kann, bildeten sich auch noch allmählig durch Ansied- 
lungen an den verschiedenen Linien, die hier und da zum Schutz 
des dahinter liegenden Landes an den Grenzen errichtet wurden, 



— 29 — 

gewisse Grenzwachen heran, die aber erst in der folgenden 
Periode wichtig werden. 

7. Die ländlichen Anfgebote wurden, wie schon bemerkt ist, 
in dieser Periode besser organisirt, als in den früheren. Man 
theilte sie nach dem Vorbilde der Tataren nach dem Decimal- 
system in Abtheilungen zu 10,000^ 1000, 100 und 10, und gab 
ihnen erfahrene Woewoden, Adlige und Bojarenkinder zu And- 
rem 0. Uebrigens ist noch ausdrücklich zu bemerken, dass diese 
Aufgebote nicht zum Bestände der Woewodenregimenter gerechnet 
wurden, wie sie überhaupt nicht nothwendig zum Heer gehörten. 

8. Die Artillerie. Durch die gegen das Ende dieser Periode 
in Russland Eingang findenden Feuergeschütze erwuchs der Streit- 
kraft des Landes zwar eine neue Waffe, nicht aber eigentlich 
eine neue Truppe, wesshalb das über das Artilleriewesen jener 
Zeit zu Sagende einen angemesseneren Platz in dem Abschnitt über 
die Bewaffnung finden möchte. 

9. Die teohnisohen Truppen. Bei Urnen änderte sich wenig 
gegen die vorige Periode. So finden sich z. B. 1268 bei der 
Belagerung von Wesenberg durch die Russen wieder Mauer- 
brechermeister erwähnt. Geschickte Baumeister des 14. Jahr- 
hunderts waren die Possadniks Boris und Sselog Wassilej Eus- 
mm, der Erzbischof Wassilej von Nowgorod etc."). Neben diesen 
Russen kamen aber auch schon in demselben Jahrhundert aus- 
ländische Handwerker aller Art nach Russland, so dass schon 
unter Dmitrij Donskoj den Ausländem ganze Kreise zur Verwal- 
tung übergeben wurden'). 

Was die Eintheilung der Heere anbelangt, so waren auch 
hierin die Tataren die Lehrmeister der Russen, die nach dem 
Muster jener in ihrer Eampfweise und Kriegführung mehr und 
mehr geregelte Formen annahmen. Dem entsprechend theilte 
man das ganze Heer in 5 grosse Abtheilungen oder Regimenter 
(polkt) ein. Dieselben hiessen : das vordere Regiment (peredowcj 
p(>üs) oder die Avantgarde, das grosse Regiment (boUchcj pölK) 
oder das Gros, die rechte Hand (prawaja ruka) oder der rechte, 
die linke Hand (lewaja ruka) oder der linke Flügel, und das 
Wachregiment (storoshetvyj polk) oder die Reserve.*) So findet 
sich das Russische Heer schon unter Dmitrij Donskoj zum Marsch 
und zum Gefecht eingetheilt. In der Folge kam dazu noch eine 
6. Abtheilung, das Avertissementsregiment (ertaulnyj polk)^ eine 
leichte Reiterabtheilung, die noch vor der Avantgarde einher zog'^). 

10. Die GonunandoB. Nach fast 200jahriger Zersplitterung 
fing die oberste militairische Gewalt an, sich wieder in den Hän- 
den der Grossfürsten von Wladimir, vornehmlich in dem Ge- 



1) OolixTB. OcKh. d. Oencralttobt. MiUt. Joim. 1857. N. 8. ]»g 21-24. 2) Ssawaljew. 
Maftar. ■. QcMk. d. Ingm. K. in Bnssl. pw. 106. Anm. 195. 3) IMd. pag. 106. 4) Wiflk«w»toir. 
todiiehtl. BcKhieib. a. B«kl. «. BewiiRi. 1. Boa. Tnippcii. L 5} ibid« 



— 30 — 

schlecht des Johannes Kaiita von Moskau, zu concentriren und 
zu verstärken, während sie gleichzeitig in den Theilreichen zer- 
fiel. Unterstützt wurden die Grossfürsten dabei durch die Char- 
gen ihrer Fürstenhöfe, von denen namentlich der des Grossfürsten 
von Moskau seit dem eben genannten Herrscher die andern an 
Stärke, innerer Organisation und allgemeiner Bedeutsamkeit über- 
ragte'). Im Allgemeinen auf den früheren Grundlagen fussend, 
haben wir doch einige neue Chargen und Beamten verschiedenen 
Grades hinzukommen sehen. Die Chargen dieses Hofstaates und 
die Bojarenkinder bildeten neben ihren sonstigen Functionen auch 
noch die näheren oder entfernteren Gehülfen der Fürsten und ober- 
sten Woewoden bei der militairischen Führung und in der Ad- 
ministration. Der oberste Chef der Verwaltung im Frieden, der 
Obercommandeur der Truppen im Kriege war entweder der Gross- 
fürst selbst, oder in seiner Vertretung der oberste Woewoda. 
Derselbe befand sich beim grossen Regiment im Centrum des 
Gros; hier, im Mittelpunkt des Heeres, wurde auch die Gross- 
ftirstUche Fahne getragen, bewacht und geschützt von einer be- 
sonders dazu commandirten Schaar Adliger. 

Nächstdem nahmen die VToewoden den obersten Rang ein, 
und hatten als solche im Frieden das Gouvernement in den 
Städten, im Kriege das Commando im Heere. Jedes der vorhin 
bezeichneten fünf Regimenter hatte deren 2 oder 3, von denen der 
eine der ältere, und somit vornehmer als die anderen, diese aber 
seine Gehülfen waren. Zu jenen wurden gewöhnlich Bojaren oder 
auch wohl Okolnitschi genommen, während die Stellen von diesen 
mit Stolniki, Strjaptschi und selbst Adligen besetzt wurden. 

Die speciellen Anführer der einzelnen Corps und die nächsten 
Gehülfen der Woewoden waren: die Temniki (von dem Slawischen 
VTort tma^ d. h. 10,000), die Tausender (tyssjatschniki) , Hun- 
derter (ssotnüci) und Zehner (dessjatniki) ^ d. h. die AnfOhrer 
von 10,000, 1000, 100 und 10. 

Die Lagermeister (stanowschtschiJci)\mdQvLB,rtieTmeisteT 
(saimschtschtki) ^ deren schon in der vorigen Periode mit einem 
gewissen Vorbehalt gedacht ist, nahmen in dieser eine erhöhte 
Wichtigkeit ein. Es lässt sich wohl annehmen, dass jedes Corps, 
vielleicht gar jedes Regiment, einen solchen Beamten hatte, der 
aller Wahrscheinlichkeit nach aus den Adligen und Bojarenkindern 
dazu bestimmt wurde. 

Die Djaken (djcJ^i) hatten, wie sich mit aller Bestimmtheit 
sagen lässt, schon damals eine grosse Bedeutung und ungemeine 
Wichtigkeit. Sie waren die thätigsten Gehülfen der Fürsten und 
Woewiäen bei der militairischen Geschäftsführung und Correspon- 
denz im Frieden und Kriege, die schon damals einen so beträcht- 

1) GoUsyB. a«Mli. d. OcMnlfUta. Kflll Josra. 1959. N. 8. pH- 91- 



— 31 — 

liehen Umüang angenommen hatte, dass jeder Woewode oder höhere 
Commandenr 1 — 2 zu deren Bewältigung gebrauchte. 

In dieser Art versah der fdrsüiche Hofstaat in allen Ver- 
hiltnissen des Krieges und Friedens die verschiedensten Aemter. 
Er hatte in seiner Art eine für die damalige Zeit schon sehr 
geordnete Einrichtung und Verwaltung, jeder Charge war ihr 
genau abgegrenzter Wirkungskreis angewiesen und das Rangver- 
haltniss derselben unter sich und zum GrossfOrsten bestimmt 
geordnet. So trug er bereits alle Keime der vollständigen Entr 
Wicklung in sich, die wir ihn in der nächsten Periode erreichen 
sehen werden^). 



II. Die Aufbrlüffiiiis il^r Truppen. 



In Hinsicht der Beschaffung der personellen Mittel zum 
Kriege finden sich in der vorliegenden Periode wenig Aenderungen 
gegen früher. Die Hofchargen dienten schon im Frieden im 
Hofstaat. Wenn nun auch bei der stets steigenden Zahl derselben, 
und namentlich der Adligen, nicht immer alle dabei Verwendung 
fanden, so waren sie doch beständig dienstbereit, und bei aus- 
brechendem Kriege genügte eine einfache Benachrichtigung, um 
sie mobil zu machen. 

Dasselbe gilt von den Bojarenkindern. Zwar gehörten 
sie nicht zu den Hofchargen und wurden auch nur verhältniss- 
mässig selten und in geringer Zahl im Frieden zum Dienst her- 
angezogen; doch lebten audi sie auf ihrem Erb- oder Lehnslande 
in beständiger Kampfbereitschaft. Erfolgte ein Aufgebot, so 
sammelten sie ihre Leute, bewaffneten sie und eUten mit ihnen 
zum Sammelplatz des Heeres. 

Das Aufgebot vom Lande erfolgte wie in der vorigen Periode 
imd wurde gewöhnlich durch die Woewoden der Städte bewirkt. 



m. IMe Bckleldiuis, Ausrlkatuiis und BewttIVkiaiis*). 

Me BeUeMng der Bussen war im Anfang dieser Periode 
nicht wesentlich abweichend gegen früher. Der Mönch Rubruquis, 
welcher 1253 von dem Französischen Könige Ludwig dem Heiligen 
zu den Tataren geschickt wurde, versichert, dass die Russische 
Tracht der des westlichen Europas ganz ähnlich sei*). Unter 
der Tatarenherrschaft wurden dann einige Asiatische Kleidungs- 
stQcke angenommen, doch blieb im Allgemeinen die Kleidung 
ziemlich unverändert*). Die Russen trugen zu jener Zeit kürzere 
leinene Hemden mit rothem Oam oder Seide auf dem Rücken, 



_ 1) iUd. M. 84i S&. S) Wtekowiloir. GtMUehtt. B«Nkiilb. d. B4kL «. Brnrüh. d. Barn. 
rnpfm. h 8) Ibid. Ana. 17. 4} IMd. An. 18. 



— 32 — 

der Brust, den Achselnähten und an den Aermelprisen gestickt; 
Kragen, Aufschläge und Aermel waren ebenfalls mit rothem Garn, 
bunter Seide, bei den Reichen mit Silber, Gold, Perlen oder edlen 
Steinen besetzt. Dies Hemd wurde über den Hosen getragen und 
mit einem Gürtel zusammengehalten'). Die Beinkleider (schtany) 
waren von verschiedenem Stoff und Farbe und wurden über den 
Hüften zusammengeschnürt^); ftir die Reichen wurden sie aus 
Seide, Atlas oder Brockat gefertigt. Man unterschied übrigens 
kalte (cholodnye) , d. h. Winter-, und warme (teplye) , d. h. Som- 
merhosen'). 

Darüber trugen die unteren Classen noch Ob er kl eider aus 
Leinen (asjamy) oder dickem grauem Tuch (ssermjagi, sserm- 
jashnye kajftany), bis an die Knie reichend mit engen Aermeln, 
die vorn zugeknöpft wurden*). Die Oberkleider der höheren 
Classen waren zum Theil sehr prächtig, sie hatten sehr verschie- 
dene Fagons und Namen, wie dies in der nächsten Periode specieller 
besprochen werden wird. 

Als Kopfbedeckung wurden seit dem 13. und 14. Jahrhun- 
dert im Frieden ausschliesslich Mützen verschiedener Art getragen ; 
hohe, spitze von Filz oder Lammswolle '^), nach dem Muster der 
Tatarischen oder kleine, niedrige, viereckige nach dem Schnitt 
der Polnischen. Das Material war nach dem Rang und den Mitteln 
sehr verschieden. 

Als Fussbekleidung trugen die unteren Classen wie früher 
Bastschuhe und Fusslappen, die bessern allgemein spitze, oben 
zugeschnürte Halbstiefeln (tschobotyy) oder Stiefeln (ssapogi) von 
verschiedenen Farben und Stoffen. 

•ie Bewafliug wurde wesentlich nach Tatarischen Mustern 
geordnet. Demgemäss bestanden die Schutzwaffen aus Pan- 
zern, später auch Plattenharnischen, aus Helmen verschiedener 
Art und Form und aus runden oder eckigen Schilden. Die Trutz- 
waffen blieben im Allgemeinen ziemlich ungeändert, nur wurden, 
ebenfalls unter dem Einfluss Tatarischer Vorbilder, die Säbel fast 
allgemein als Hiebwaffe angenommen. Gegen Ende der Periode 
fanden dann auch die Feuerwaffen in Russland Eingang. Zum 
ersten Male sollen sie nach der Golizynschen Chronik im Jahre 
6897 (1389), im letzten Jahre der Regierung des Dmitrij Donskoj 
aus Deutschland eingeführt sein^). Zwar findet sich, wie theil- 
weis schon erwähnt, bereits aus früheren Zeiten der Gebrauch 
von pulverähnlichen Mischungen und ebenso von Geschützen in 
den Chroniken erwähnt, doch sind die Nachrichten darüber ver- 
worren und unbestimmt. So berichtet die Nikonowsche Chronik, 
dass im Jahre 1382 bei dem Einfall der Tataren unter Tochta- 



1) ibid. Aam. 21. 2) ibid. Amn. 22. 3) ibid. Aom. 23. 4) ibid. Aom. 24. 5) ibid. Anm. 57. 
6) ibid. Ana. 70-^72. 7) ibid. Abb. 105. 8) Ibid. Anm. 284. — Chioyiow. D. Artillerie ju d. 
ArttllerittCB in Vor-Petmebea Bnivt. Artill. Jonrn. 1865. N. 9. peg. 483. Anm. 1. 



— a3 — 

mysch, Moskau durch «Tüfjaki» und «Paschki» vertheidigt wor- 
den sei'). Mit diesen Namen wurden nun allerdings, wie in der 
Folge gezeigt werden wird, die ersten Feuergeschütze in Russland 
bezeichnet, wie denn namentlich das zweite Wort noch heute die 
ausschliessliche Bezeichnung für Kanonen bildet ; indessen ist be- 
reits in der vorigen Periode bemerkt, dass sie ebenso fllr die 
alten mechanischen Belagerungsmaschinen in Gebrauch waren. In 
dieser Eigenthümlichkeit, dieselben Namen, welche man für diese 
bereits hatte, gleich auf die neuen Feuergeschütze zu übertragen, 
mag eine Erleichterung für das Verständniss gelegen haben, in- 
dem man somit die neuen Dinge an ältere, schon bekannte Be- 
griffe anknüpfte; sie erschwert aber gleichzeitig für die jetzige 
Forschung (üe genaue Feststellung des Zeitpunktes, wann die 
Feuergeschütze zum ersten Mal in Russland angewendet wurden, 
ganz ungemein, weil man nie weiss, ob mit jenem Namen nun 
die alten Maschinen oder die neuen Geschütze gemeint sind. 
Uebrigens kommt es dabei auch wenig auf das Jahr an, man 
könnte sich sonst am Ende noch in Nachforschungen über das 
Datum der ersten Einführung oder Anwendung vertiefen. Hier 
genügt es in jedem Fall, das vorher angegebene Jahr 1389 als 
das anzugeben, in welchem die Feuergeschütze in Russland ein- 
geführt wurden. Die erste bestimmte Notiz über die Anwendung 
derselben findet sich aus dem Jahre 1408, wo der Tatarische An- 
führer Edigej den beabsichtigten Angriff auf Moskau aus Furcht 
vor den dort aufgestellten «Feuer schiessenden Mauergeschützen» 
aufgab'). In der Folge wuchs namentlich unter dem Zaren Was- 
silej Wassiljewitsch dem Düsteren (1425 — 1462) die Zahl der 
nach Russland eingeführten Geschütze so, dass 1451 bei dem 
Einfall des Tatarischen Zarewitsch Masowschi sämmtliche Mauern 
und Wälle des Moskauschen Kreml mit solchen besetzt waren'), die 
übrigens auch schon früher nicht allein in Moskau, sondern auch 
in anderen Städten — so z. B. 1450 in Galitsch*) — Anwen- 
dung fEoiden. 

Die ersten Feuergeschütze bezeichnete man in ihrer Gesammt- 
heit mit Arm ata, ein Wort das somit dem heutigen «Artillerie» 
entspricht, in welcher Bedeutung es bei den Kleinrussischen Ka- 
saken noch bis zu ihrer Umformung in regulaire Regimenter 
im Gebrauch geblieben ist. Diese Armaten der Chronisten waren 
schwere unbehülfliche Röhre mit kleinen Kammern ohne Zünd- 
löcher, an deren Stelle zum Entzünden der Ladung hinten Löcher 
angebracht waren ; dieselben waren auf schlecht construirten Ge- 
stellen befestigt, die mit Hülfe von beweglichen Balken elevirt 
und inclinirt wurden. Die Ladung erfolgte nach Deutscher Ma- 



1) MiUl Bncyel^p. Ux. II. pa|r. 584. 2) SMwe^Jew. Mater, x. OcMh. d. Ingm. K. in Bn«1. 
pag 7«. 3) Chmyraw. D. Artfllarie «. d. Artillerutm im Vor-Petsnehen RumI. Artill. J«vni. 1865. 
N. 9. pag. -kM. Anm. :(. 4; ibid. p«g. 4H4, 4S5. Attm. 1. 

Brts, 0«Mk. d. »lt. RttM. HMr«««liiHcbt. J 



— 34 — 

nier, laut welcher das Gewicht derselben neun Mal geringer sein 
musste, als das des Geschosses und wurde mit der Schaufel ein- 
gebracht. Als Geschosse wurden steinerne, eiserne, Feuer- und 
Stank- (wonjtitschijd) Kugeln angewendet, welche letztere 1385 
von dem Italienischen Apotheker Shreg erfunden waren'). Die 
Geschütze wurden in jener Periode ausschliesslich vom Auslande 
eingeführt, während das Pulver schon seit der Regierung Wassilejs 
Dmitriewitsch (1389 — 1425), dem Sohn des Doniers auch in 
Russland gefertigt wurde, wie dies unzweifelhaft aus dem Bericht 
einer Chronik hervorgeht, nach der um 1400 in Moskau von dem 
Auffliegen einer Pulvermähle eine Feuersbrunst entstand*). 

Eine nähere Beschreibung der in dieser Periode im Gebrauch 
gewesenen Waflfen wird in der nächsten Periode gegeben werden. 

Das Pferdezeug bestand aus Trensen mit Zügeln und 
hohen Sätteln, nach dem Muster der Tatarischen mit Bügeln, 
Vorder- und Hinterzeug. Bei den höheren Classen waren diese 
ausserordentlich prächtig und ebenso reiche und kostbare Decken 
darüber gebreitet'). Hinsichtlich der Details wird auch hier auf 
die nächste Periode verwiesen. 

Die Fahnen blieben im Allgemeinen in der früheren Art, 
doch finden sich seit dem 14. Jahrhundert noch besonders «grosse» 
d. h. Grossfürstliche Fahnen als specielle Feldzeichen der Gross- 
ftlrsten erwähnt*). Sie waren von Dammast, Taffet, Leinewand 
und verschiedenen anderen Stoffen gefertigt und mit dem Bilde 
des Heilandes, Josuas oder eines Heiligen geschmückt^). 

Die musicalischen Instrumente blieben gegen früher 
ungeändert. 

Iir. Die UferpUeguwkg. 

Im Allgemeinen blieb die Verpflegung in der Art geord- 
net, wie sie bereits in den früheren Perioden geschildert ist, nur 
darin machte sich ein Fortschritt bemerkbar, dass man die Ver- 
leihung von Land nicht anders als mit der Verpflichtung zum 
Dienste eintreten Hess. Es geht dies unzweifelhaft aus der geist- 
lichen Gramota des Johann Danilowitsch Kaiita und vieler anderer 
Fürsten hervor^). In dem Maasse als die Fürstliche Gewalt auf 
Kosten der Gemeinde wuchs und sich endlich definitiv über sie 
stellte, fuhren die Fürsten mit den dadurch vermehrten Mitteln 
fort, in dem alten Sinne zu handeln, d. h. sie vergrösserten be- 
ständig ihren eigenthümlichen Landbesitz durch Kauf und andere 
Weise. Dieses den Fürsten gehörige Land erhielt den Namen 



1) ibid. i»ag. 483. Anm. 8. 2) iUd. iMg. 484. Anm. I. - Ocneh.d. KriegMk. in Rottl. Milft 
Jonn. \>VS. N. 1. pa^r. 82 a. 33. ^) Wisk«inUow. flenefaichtl. Bensbreib. d. Bekl. v. Bewaffb. d. 
Buai. Trappen. I. 4) ibid. Anm. 214. 5) ibid. 6) Gachicktl. Abrin d. Veraorg. d. entlaai. Milii. 
in Rawl. Milit. äimml. 1863. N. 12. pftg. 320. Ann. 17. 



— 35 — 

des Fürstlichen (knjashja) Keller- (podkletnaja), später Schloss* 
landes {dicoreowaja semlja) und aus ihm wurden zunächst die 
Lehen der Dienstleute gewährt. Auch hierin waren die Fürsten 
in grossem Vortheil vor der Gemeinde, da die dieser gemeinschaft- 
Uch gehörenden oder so genannten schwarzen Ländereien unbe- 
rührt bleiben mussten, und weder als Lehen ausgegeben, noch 
von Privatpersonen eigenthümlich erworben werden konnten. Ein 
Gleiches galt von den, den Gemeinden zugefallenen Antheilen 
des eroberten Landes, von den so genannten wilden (dikie) Län- 
dereien. Mithin hatten dieselben zur Verausgabung als Lehen 
Nichts als das Erbland ihrer Bojaren disponibel, und auch dieses 
schmolz mit der Zeit immer mehr und mehr zusammen, da die 
Fürsten, in richtiger Erkenntniss der Verhältnisse, gerade auf die 
Erwerbung dieses eine besondere Aufmerksamkeit richteten und 
dasselbe bei fortwährender Vergrösserung ihres Eigenthums auch 
in immer bedeutenderer Zahl an sich brachten. 

Was die Verpflegung der einzelnen Personen der 
Kriegsmacht der Fürsten und Bojaren betrifft, so blieben darin 
im Allgemeinen die früheren Verhältnisse in Geltung. Da näm- 
lich auch während dieser Periode die Ausgabe von Lehen seitens 
des Staates zunächst nur an die Bojaren erfolgte, so waren die 
niederen Classen, d. h. zunächst die Adligen und Bojarenkinder hin- 
sichtlich ihrer Verpflegung auf jene angewiesen und erhielten 
von ihnen kleine Landstücke zum Lehen, deren Einkünfte ihr 
Gehalt bildeten*). Wenn man nun hierbei auch wohl annehmen 
kann, dass im Einzelnen für die verschiedenen Classen der Dienst- 
hierarchie gewisse Lehnsbeträge bereits festgesetzt waren, so 
existirten doch allgemeine geregelte Verhältnisse hierfür noch 
nicht. So lange übrigens die volle Freizügigkeit bestand, nach 
der die Dienstleute das unbeschränkte Recht hatten, von einem 
Fürsten zum andern zu gehen, bestimmten sich ihre speciellen 
Rechte und Pflichten durch besondere Verträge, die zwar im 
Wesentlichen gleich waren, im Einzelnen jedoch grosse Verschieden- 
heiten zeigten*). 

Was die Versorgung der Entlassenen betrifft, so 
bildeten sich auch hierin mit der Entwickelung tind Verstärkung 
der Macht des Grossfürstenthums Moskau, bessere und ordnungs- 
raässigere Verhältnisse heraus. Es wurden zu diesem Zwecke 
ausser dem Verleihen von Land, namentlich noch die Ein- 
künfte von den Wegen, Gerichten, Zöllen etc. angewiesen'), und 
endlich die frühere Art der Versorgung durch Anstellung bei der 
Civilverwaltung der Städte, Cantone etc.. die so genannte Sub- 
sistenzgewährung (kormlenie) beibehalten. Hinsichtlich der 
letzteren finden sich darüber in den Chroniken folgende Angaben : 

1) ibid. ytg. 338. Aiim. 45. 2) ibid. pag. 885. ii) ibid. p«g. 324. Anm. 12. 

3* 



— se- 
in der Vertragsgramota von Nowgorod mit dem Fürsten Michailo 
Jaroslawitsch von 1307 baten die Einwohner jener Stadt den 
Fürsten, dem Statthalter von Pskow keine Subsistenz aus ihrem 
Erbland zu gewähren, sondern ihm Gehalt aus eigenen Einkünf- 
ten anzuweisen'). In der geistlichen Gramota des Grossfürsten 
Ssemion Johannowitsch ist bestimmt, dass die Statthalter der 
Cantone die Hälfte der Einkünfte an die Grossfürstliehe Gasse ab- 
liefern, die übrigen selbst behalten sollten'). In der Vertragsgra- 
mota des Fürsten Dmitrij Johannowitsch mit dem Fürsten Wladimir 
Andreewitsch von 1362 ist endlich gesagt, dass, wenn irgend ein 
Bojar einem von ihnen nicht bis zu Ende diente, so solle er 
seine Ernährung nach seiner Besserung {po issprawe), nicht nach 
Beendigung des Dienstes erhalten'). 

Von den übrigen Maassregeln, die hinsichtlich der Fürsorge 
von den Fürsten der Moskauschen Periode getroffen wurden, ist 
nur noch der Errichtung von Armenhäusern (bogadelni) 
durch den Grossfürsten Johannes Danilo witsch Kaiita zu gedenken, 
der ein solches bei der Kirche des St. Stefan, die er nach seinem 
Schloss verlegte, gründete*). Ebenso errichtete der Grossfürst 
Wassilej Johannowitsch Krankenhäuser bei vielen Klöstern, von 
denen namentUch das Korniliewsche und das Petscherische in 
dieser Hinsicht berühmt sind*). Aber auch dort wurden, wie in 
der früheren Periode, diese Etablissements mit der Kirche ver- 
einigt, wie denn überhaupt alle früheren Anordnungen über die 
Eröfhung von ständigen Wohlthätigkeitsanstalten von dem her- 
vorragenden Antheil, den die Geistlichkeit an denselben nahm, 
Zeugniss ablegen. Mit dem Wachsen des Moskauschen Fürsten- 
thums und der Einrichtung einer staatlichen Ordnung in Russ- 
land, mussten zweifelsohne auch die Zahl und die Ausdehnung 
dieser Anstalten in beständigem Zunehmen bleiben, so dass im 
15. Jahrhundert die Regierung, um die Unterstützungen gerech- 
ter vertheilen zu können, bereits Maassregeln zur Beschränkung 
der Zahl derer, die eine Fürsorge von der Kirche erhielten, er- 
greifen musste'). 

Die Belohnungen. In dem System der Belohnungen fan- 
den einige Veränderungen Eingang. Der Namen Griwna für die 
zur Auszeichnung verliehenen Medaillen kam allmählig ausser 
Gebrauch. Dagegen wurden seit dem 15. Jahrhundert goldene 
Münzen oder Ducaten als Ehrenzeichen verliehen ; ebenso wurden 
auch Waffen und namentlich Kleidungsstücke zur Belohnung für 
geleistete Dienste und als Ehrenzeichen nicht selten vertheilt. 

1) ibid. v^. 327. Anro. 22. 2) ibid. Anm. 28. 3) ibid. pag. 327, 828. Ann. 24. 4) ibid. 
pAf. 391. Anm. 38. ö) Ibid. Ann. 39. 6) ibid. puf. 331. 



— 37 — 

ft« Capltel« 

Das Bussische Kriegswesen von Johann III bis zu MichaHo Feodorowitsch. 

1462^1613. 

Diese, etwa 1 \ Jahrhunderte umfassende Periode ist eine der 
wichtigsten für die Entwickelung des Russischen Kriegswesens. 
Frei vom Joch der Tataren, vereint unter einem Willen, ver- 
mochten die Kräfte des Russischen Reichs sich ungehindert zu 
entwickeln und gemeinschaftliche, einheitliche Formen anzunehmen, 
was sich namentlich in dem Kriegswesen in der günstigsten Weise 
bemerkbar macht. Schon Johann lü. legte in seiner langen Re- 
gierung (1462 — 1505) den Grund zu einer regelmässigeren und 
besseren Heeresorganisation, die zwar auf den bisherigen Grund- 
lagen basirte, aber doch im Einklang mit den Ansprüchen und 
Forderungen des wiedergeborenen, unabhängigen, selbstständigen' 
und einheitlichen Landes war. Seine Nachfolger und besonders 
Johann Wassiljewitsch der Schreckliche schritten in derselben 
Weise weiter fort und gaben seinen Einrichtungen nicht nur einen 
dauernden Bestand, sondern auch einen ergänzenden Abschluss, 
so dass das Russische Kriegswesen schon gegen Ende des 
16. Jahrhunderts ein vollkommen festes und geordnetes Ansehen 
gewonnen hatte. Zwar blieb in der grossen Masse des Heeres 
noch die alte Ordnung, aber es entstanden neben den bisherigen, 
doch immer nur mehr oder minder temporairen und milizartigen 
Formationen auch stehende Truppen und zwar neben den natio- 
nalen auch schon hin und wieder ausländische. In diesen Trup- 
pen herrschte eine geordnete Gliederung und Verpflegung, eine 
gleichmässige Ausrüstung und Bewaffnung und es finden sich bei 
ihnen sogar die ersten Anfänge einer beginnenden Ausbildung 
und die ersten Spuren taktischer Formen. In Folge dieser Ein- 
flüsse fing die Infanterie allmählig wieder an, in die Höhe zu 
kommen und die ihr gebührende Stellung neben der Gavallerie 
einzunehmen. 

Die Verwaltung der Truppen im Frieden und Krieg prägte 
sich schärfer aus, grenzte sich bestimmter ab; in der militairi- 
schen Hierarchie wurden die Subordinations-Verhältnisse fester 
geordnet und darin selbst bis in das Extrem gegangen. 

In der Bewaffnung wurden durch die rasch sich verbreiten- 
den Feuerwaffen wesentliche Veränderungen herbeigeführt. Es 
bildete sich in Folge dessen neben der CavaUerie und Infanterie 
noch eine dritte Waffe, die Artillerie, aus, und auch in Bezug 
auf Fechtart und Waffengebrauch, auf den Feld- und Festungs- 
krieg, und auf den Festungsbau ergaben sich in Folge dessen 
nicht unerhebliche Veränderungen. 

Mit einem Worte, in dem Russischen Kriegswesen dieser 



— 38 — 

Periode zeigten sich bereits die Anfange jener Formen, die es 
mit verhältnissmässig geringen Aenderungen bis zu den Umge- 
staltungen des grossen Zaren Peters I. bewahrt hat*). 

I. Die Bcfltandtheile de« Heere« und Ori;iini«ation 

der«elben. 

A. Die Trappen. 

Das Russische Heer bestand zu jener Zeit, wie schon er- 
wähnt ist, aus zwei Hauptelementen, nämlich aus nationalen und 
ausländischen Truppen, die man gesondert betrachten muss. 

Die Russischen Nationaltruppen. 

Dieselben zerfielen damals in drei Hauptwaffen: Cavallerie, 
.Infanterie und Artillerie, wozu noch die Anfänge von Ingenieuren 
kamen. Die Truppen waren entweder temporaire, d. h. nur für 
die Dauer eines Krieges gebildet oder permanente, die auch im 
Frieden schon in einer gewissen Organisation bestanden. Zu den 
letzteren gehörten ausser einigen Leibwachen, die in einem be* 
sondern Abschnitt behandelt werden, besonders die Strelzen, die 
Stadtkasaken, die Geschützbedienungen und die Ingenieure. 

1. Die Cavallerie. Sie bildete noch immer den Haupttheil 
des Heeres und bestand, wie schon früher aus dem Personal des 
Grossfürstlichen Hofes, d. h. den obersten Hofchargen der Adli- 
gen, aus den Bojarenkindern und den vom Lande gestellten 
Kämpfern zu Pferde. Dazu kamen in dieser Periode noch: die 
Tataren, die Strelzen und Stadtkasaken zu Pferde und die ver- 
schiedenen Kasakenvölker. Von den Leibwachen wird, wie ge- 
sagt, in einem besondem Abschnitt gesprochen werden. 

9u Bas Personal des 6r«ssfirsdicheB ■•fes. Wie die gesammte 
Staatsorganisation, so beruhte auch das Heerwesen noch immer 
auf den verschiedenen Graden der erblichen Staatschargen. Nach 
Maassgabe der Erweiterung der Grenzen Russlands, des An- 
wachsens seiner materiellen Mittel und der steigenden Gentralisi- 
rung der Gewalt, wuchs natürlich auch die Wichtigkeit und Be- 
deutung des Herrscherhofes {Gossudarew Dwor) und damit ver- 
mehrten sich die Chargen der Staatshierarchie, die nach ihrer 
Geburt, vornehmen und angesehenen Stellung und besonders nach 
ihren, dem Zaren und dem Lande geleisteten Diensten den Vor- 
rang vor den andern Glassen einnahmen und so das bildeten, 
was man seit Peter dem Grossen unter dem Gesammtnamen des 
Adels (dworjamtwo) verstand. Diese höheren Volksclassen dien- 



1) 0«lii7ii. 06Kh. d. G«nenlfltobf. Milit Jovra. 1857. N. 8. piig. 26, 27. 



— 39 — 

ten, an Zahl in fortwährendem und bedeutendem Wachsen be- 
griffen, dem Zaren in derselben Art, wie die früheren ♦Fürsten- 
mannen», Fürstendrushinen , Bojaren und Adligen. Sie waren 
im Allgemeinen in dreifacher Beziehung zum Dienst verpflichtet, 
nämlich zum Hof-, Militair- und Givfldienst und genossen ausser 
den allgemeinen Rechten und Vorzügen ihres Standes noch die 
besondem ihres Ranges in der allgemeinen Staatshierarchie, in 
der sie für gute Dienste von Stufe zu Stufe steigen konnten^). 
Solcher Stufen gab es anfangs 7, von denen die 3 ersten, die 
Bojaren, Okolnitschi und die Leute der Duma oder des Staats- 
rathes {dumnye Ijudi) die höchsten Staatsbeamten, die 2 näch- 
sten der Stolniki und Streaptschi vorzugsweise nur Hof- und die 
2 letzten der Adligen und Bojarenkinder eigentliche Militair- 
chargen waren. In der Folge kamen dazu, wie gleich näher ge- 
zeigt werden wird, noch 2 neue Classen, so dass die Zahl der 
Stufen der Militairhierarchie dann 9 betrug. Jede dieser Rang- 
classen hatte ihre ganz bestimmten Rechte im Hof-, Militair- und 
(Zivildienst. 

Die drei ersten Rangclassen wurden in militairischer 
Hinsicht meistens nur als Anführer oder im Rath des Fürsten 
unmittelbar bei seiner Person verwendet; eine besondere militairi- 
sche Bedeutung gewannen dagegen die Stolniki und Streaptschi, 
die in der Folge in Vereinigung mit den beiden neu entstehenden 
Glassen auch in geschlossenen Abtheilungen in den Bestand der 
Regimenter traten. Wie schon in der vorigen Periode gesagt ist, 
hatten nämUch unter den Adligen und Bojarenkindem allmählig 
die Moskauschen ein höheres Ansehen und eine bevorzugtere 
Stellung gewonnen. Dies entwickelte sich in der vorliegenden 
Periode noch schärfer und es entstanden dadurch 2 neue Glas- 
sen: die Moskauschen Adligen und die Shilzen. Die Er- 
richtung derselben muss man dem Zaren Johann IV. zuschreiben, 
und scheint man sie, wenigstens die der letzteren auf das, in 
vieler Beziehung für die militairische Organisation Russlands so 
wichtige Jahr 1550 anzusetzen zu haben, in welchem befohlen 
wurde, im Bezirk Moskau und in den umliegenden Districten aus 
allen Bojarenkindem des Fürstenthums Moskau und aus den Hof- 
und Stadtbojarenkindem von Nowgorod, Toropez, Rshewa und 
Luki, 1000, die sich im Dienst besonders ausgezeichnet hät- 
ten, auszuwählen'). In ähnlicher Art wurden wahrscheinlich auch 
die Moskauschen Adligen aus den ausgezeichnetsten und bewähr- 
testen Mitgliedern der Glasse der Adligen ausgewählt. 

Man kann nicht umhin, die Einrichtung dieser beiden Dienst- 
classen als eine ausserordentlich weise Maassregel der Russischen 



1) iUd. puff. 27, 28. S) Be^aew. UeK d. 'Bixua, Heer. unt. Mich. Feod. h. s. d. Bef. Pei d. 
Gr. pi«. 12. Ajud. 27. 



— 40 — 

Politik anzusehen. Es wurden dadurch die angesehensten Adels- 
familien des ganzen Reichs nach Moskau gezogen, sie fingen an 
den Dienst dort als eine Auszeichnung zu betrachten, und so 
wurde Moskau allmählig im Lauf der Zeit der militairische und 
politische Mittelpunkt des Russischen Reiches, um den sich die 
alten Theilreiche schaarten und den sie als gemeinschaftliche 
Heimath ansahen. Dadurch wurde der Grund zu der staunens- 
werthen Einheit Russlands gelegt, zu der kindlichen Pietät, die 
alle Russischen Städte gegen die gemeinsame Mutter Moskau, 
wie sie der Russe noch jetzt nennt, hegten und die in einem^ 
aus so vielen verschiedenen, bis dahin selbstständigen und sogar 
oft einander feindseligen Theüen, wie Rjäsan, Twer, Jaroslawl, 
Smolensk etc. — alle einst von gleicher Macht und gleichem 
Ansehen wie Moskau — zusammengesetzten Reich um so mehr 
überraschen muss'). 

Die beiden neu entstandenen Classen der Moskauschen Ad- 
ligen und Shilzen rangirten als Eliten der Adligen und Bojaren- 
kinder unmittelbar hinter den Stolniki und Streaptschi und bil- 
deten mit diesen gewöhnlich eine besondere Abtheilung im Heere, 
die man in der Folge mit dem gemeinschaftlichen Namen der 
Moskauschen Chargen (Moskowsshie tschiny) bezeichnete. Sie 
machte in der, unter dem Grossfttrsten oder Zaren selbst stehen- 
den Heeresabtheilung — dem sogenannten Regiment des Herr- 
schers (Gossudarew polk) als eine Eliten truppe seine specielle 
Leibgarde aus ; und wurde dem entsprechend dort zu den Wachen 
vor dem Zaren im Lager verwendet. So finden sich auf dem 
Marsche des GrossfQrsten Johann Wassiljewitsch des Schreck- 
lichen nach Lifland 1577 dazu 11 Abtheilungen, jede aus 1 
Golowa, 1 bis 2 Stolniki und Streaptschi und 6 bis 8 Shil- 
zen bestehend*). Uebrigens ist hierbei noch zu bemerken, 
dass hier überall das Epitheton der «Moskauschen» (Chargen 
und Adligen) nicht zu bedeuten hatte, dass sie alle in Moskau 
oder dessen Bezirk wohnten, wie dies in dem Abschnitt über die 
Aufbringung der Truppen näher erläutert werden wird. Auch 
im Frieden war ein Theil der Moskauschen Chargen, gewöhnlich 
die Hälfte, im Dienst, wobei sie sich nach bestimmten Verzeich- 
nissen in gewissen Zeiträumen — der Regel nach alle halbe Jahre — 
ablösten. Dieselben hatten als wirkliche Leibwachen bei Nacht 
sämmtlich in den Zimmern des Zaren zu sein und einen Posten 
von 1 Stolnik, 1 Streaptschej und 5 Shilzen zur Wache auf 
der grossen Treppe zu geben, wobei sie dann unter dem Za- 
rischen Bettmeister (postelnitschej) standen'). Bei ausserordent- 
lichen Gelegenheiten, feierlichen Aufzügen etc. erschienen immer 

1) ibid. Ann. 2H. -1) S. Bmlage N. I. S) Hist. Aden. II. N. 355. 



— 41 — 

50 — 100 and noch mehr Shilzen als Ehrenwachen bei dem 
Zaren'). 

Die Adligen und Bojarenkinder haben in ihrer ganzen 
Organisation so viel Analoges, das man sie wohl gemeinschaftlich 
betrachten kann. Der Zahl und dem Werth^ nach den Haupttheil 
des Heeres bildend, zerfielen sie in 3 Classen: die ausgesuchten 
{wybornye) oder als Elite (po wyhoru) dienenden, die Hof- 
(dwarowye) und die Stadt- (ßorodowye) Adligen und Bojarenkin- 
der. Wann diese Eintheilung zuerst aufgekommen ist, lässt sich 
mit Genauigkeit nicht mehr ermitteln; in den Jahren 1577 und 
1578 findet sie sich bereits vor'), und wird man sie daher, wie 
überhaupt den grossesten Theil der militairischen Verbesserungen 
jener Zeit, Johann dem Schrecklichen zuzuschreiben haben. Muth- 
maasslich erfolgte sie im Jahre 1556, indem eine neue und bes- 
sere Organisation der Russischen Truppen eingeführt wurde, die 
ihren Bestand fast verdoppelte'). Seit dieser Zeit vermehrte sich 
die Zahl derselben so bedeutend, dass Johann IV., der vor Kasan 
nur 150,000 Mann hatte, schon nach einigen Jahren bis zu 
300,000 Reiter und Fussgänger ins Feld stellen konnte*). 
Gegen das Ende dieser Periode betrug die Zahl der Bojarenkin- 
der allein nach den übereinstimmenden Angaben von Russischen 
und ausländischen Geschichtsschreibein'^) 300,000 Mann, unge- 
rechnet die Bewaffnungen der Landbewohner. Davon bildeten 
15,000, unter Johann Wassiljewitsch dem Schrecklichen 20,000, 
Adlige und Bojarenkinder als Drushina des Zaren den besten 
TheU des Heeres, 65,000 wurden alljährlich an der Oka zur Ver- 
theidigung der südlichen Provinzen des Reichs gegen die Einfälle 
der Tataren aufgestellt*). Die Adligen und Bojarenkinder einer 
Stadt oder eines Bezirks bildeten in ihrer Gesammtheit das Re- 
gister (dessjatnja) derselben; wurden sie aber zum Marsch aus- 
gehoben, so nahmen diese Abtheilungen, nach Städten und Be- 
zirken geordnet, den Namen der Regimenter dieser Städte an, 
und wurden dann in Genturien (ssotni) getheilt. 

Ausser den Bojarenkindern des Grossfürsten gab es auch 
noch solche der Grossfürstinn, wie z. B. deren schon in den Zu- 
satzartikeln zum Vermählungsceremoniell des Grossfbrsten Wassilej 
Johannowitsch vom 28. Januar 1526') mehrfach erwähnt werden. 
Ebenso hatten die hohen geistlichen Würdenträger — der Pa- 
triarch, die Mitropoliten und Erzbischöfe — Bojarenkinder auf 
ihrem Lande. Dagegen finden sich Bojarenkinder von unabhän- 
gigen oder Landbojaren nicht mehr vor, da diese selbst, die Ver- 



]) Wiskowatow. Geflchichtl. Besehrvib. d. Bekl. v. BewaAi. d. Ron. Truppen. I. Anm. 164. 
Bdla« N. 1. 8) Ueb. d. Oarall. Milit. Jonrn. 1840. N. 6. pag. 21. 4) ibid. pag. 21, 22. 
«mihi, da Kollo, Herbmatein etc. i. Oeacb. d. Kriefrnk. in BimI. Milii Joani. 1866. K. 1. 
8. 6) Üeb. d. Cavall. Milit. Jonrn. 1840. V. 6. paff. 36. - GolisTn. G^ch. «1. Gerneralataba. 
Jonn. 1867. N. 8. pag. 97. 7) Snpplem. s. d. biet. Aden. I. N. 24. 



— 42 — 

treter der einst mit den Fürsten gleich berechtigten Gemeinde, 
mit der definitiven Herstellung der souverainen Alleinherrschaft 
der Grossfürsten in die Dienste derselben übergegangen waren. 

Ii. Bie TaUurea. Als unter Johann Wassiljewitsch dem 
Schrecklichen die Ghanate Kasan und Astrachan dem Russischen 
Reiche einverleibt wurden, erwuchs diesem damit eine nicht un- 
bedeutende Vermehrung seiner Wehrkraft durch die kriegerischen 
Bewohner der Städte derselben. Diese waren als eine städtische 
Miliz organisirt unter der Führung der Nachkommen ihrer alten 
Chane, die nach der Russischen Terminologie den Namen der 
Zarewitsche trugen und der diesen im Range folgenden Für- 
sten und Mursen. Eine besondere Classe von ihnen bildeten 
die so genannten Neugetauften (nowokreschtscheny) d. h. die- 
jenigen Angehörigen heidnischer Völker, welche das Griechische 
Ghristenthum angenommen hatten und deren es somit nicht nur 
Tatarische, sondern auch von andern Völkern, namentlich in Sibi- 
rien, wie z. B. unter den Wogulen, Ostjaken etc. gab. Sämmt- 
liche in einer Stadt lebenden Städtetataren bildeten eine beson- 
dere Abtheilung, unter dem Namen derselben. So finden sich 
z.B. 1611 in Perm Wyschersche, Petschersche, Kotymsche, Los- 
winsche, Koswinsche, Tschussowasche, Ssilninsche, Irensche und 
Tanibsche Tataren erwähnt') und später gab es Astrachansche, 
Baramynzische, Beltirszische, Itschikinskische, Kasansche, Kassi- 
mowsche, Katschinskische , Kundurowsche , Meschtscherjakische, 
Nogaische, Obsche, Sajansche, Sibirische, Ssagaizische, Taurische 
oder Krymsche, Tobolskische, Tscharische, Ufasche und Werchne- 
Tomskische Tataren*). 

Was die Zahl der Städtetataren anbetrifft, so kann dieselbe 
nicht unbedeutend gewesen sein, da sich z. B. 1577 bei dem 
gegen Lifland in Marsch gesetzten Russischen Heer schon 
4227 Tataren nach den Listen einbeordert finden"). 

c Bie Staitkasakea ud Streliea in Pferde. Da die Mehrzahl 
dieser Truppen, namentlich der Strelzen, zu Fuss dienten, so 
wird von ihnen bei der Infanterie im Zusammenhang die Rede sein. 

dl. Bie r«M Laade gestellten ftM^fer änderten sich in ihrer 
Formation und ganzen, Landsturm ähnlichen Einrichtung am 
wenigsten; nur wurde ihre Aushebung regelmässiger geordnet. 
Sie erhielten in dieser Periode allgemein die Benennung von 
Datotschenleuten (datotschnye Ijudi)^ d. h. gestellte Leute, und 
finden sich unter diesem Namen zum ersten Male 1545 in den 
alten Russischen Chroniken bei der Aushebung eines Heeres 
gegen Kasan erwähnt*). Ihre Organisation erfolgte in alter Art 
durch Eintheilung in Centurien von je 100 Mann, die unter be- 



1) Hiator. Acten. Tl. N. 828. 2) Vatfvolojsky. Oicüoin. gtfogr.-hut. da l*Bmpire de U Buaie li. 
PK- 242-261. 3) S. BtiUc» N. 1. 4) BelJHew. ücl. d. Bom. Heer nnt Mich. Feod. !>. i. d. Bef. Pet 
d. Or. pef. 89. kam. 85. 



— 43 — 

sondere Golowen (golotoy) oder Chefs gestellt wurden. Gewöhn- 
lich geschah ihre Aushebung zur Hälfte zu Pferde, zur Hälfte zu 
Fuss, und der Regel nach nur von den Bewohnern des platten 
Landes. Die Kaufleute und Bürger bewafifheten sich nur im 
äussersten Nothfall, namentUch zur Vertheidigung der eigenen 
Städte, wo dann natürlich ohne Rücksicht auf Rang oder Alter 
Alles, was nur Waffen tragen konnte, dieselben ergriff. 

Gewöhnlich fanden die Datotschenleute ihre Verwendung bei 
der Artillerie und beim Train, oder zum Bau von Schanzen, 
Lagern und zur Bewachung derselben; also mehr zu Noncom- 
battanten-Diensten. Ihre Zahl richtete sich nach dem Bedarf und 
besonderen Umständen; nach dem Zeugniss Herberstein's und 
da EoUo's konnte das Reich damals im Ganzen 60,000 ländliche 
Kämpfer ins Feld stellen*). 

e. Me laMkeBvUker. Ohne in eine specielle Untersuchung 
über die Entstehung und frühere Geschichte der Kasaken 
einzugehen, an der schon so viele Historiker ihren kritischen 
Schaifblick geübt und ihre wissenschaftlichen und etymologischen 
Forschungen ermüdet haben, scheint es doch angemessen, dieselbe 
nach den besten vorhandenen Quellen in kurzen Zügen zusammen 
zu stellen. 

Als Volk betrachtet reicht der Ursprung der Kasaken bis 
in die erste Zeit des Auftretens der Slawen in Russland, d. h. bis 
ins 5. und 6. Jahrhundert zurück, in jene Zeit, wo sie von der 
Donau durch die Bulgaren und Wallachen verdrängt nach Nord- 
osten zogen. Eine Colonie ging damals an den Dnepr und er- 
baute Kiew; eine andere liess sich am Wolchow und der Ladoga 
nieder und baute Nowgorod'). Von jener, die man als Stamm- 
mutter der Ukraineschen oder Kleinrussischen Kasaken ansehen 
kann, wird hier nicht weiter die Rede sein, da diese Kasaken 
erst in der nächsten Periode dauernd unter Russische Herrschaft 
traten; die letztere dagegen, welche im allgemeinen Sinn als 
Wurzel des Donschen Kasakenvolkes zu betrachten ist, kommt 
schon in dieser Periode in Betracht. Dieselbe breitete sich in 
der Folge immer mehr nach Süden hin aus, wo nach den Angaben 
des Historikers Boltin*) bereits seit den frühesten Zeiten Tatarische, 
Sarmatische und Slawische Völker unter verschiedenen Namen 
wohnten. Dieselben hatten in der Mehrzahl ein sesshaftes Leben, 
wohnten in Städten und Dörfern und standen unter geregelten 
Verwaltungen. Von ihnen zogen sich indessen in der Folge Einige 



♦) Der Generalmajor Iwan Boltin war unter Katharina II. Pr&sident des 
fieofrraphischen Departements und von dieser Kaiserin mit Nachforschungen 
nber die alte Geschichte und Geographie von Russland beauftragt. (Ueb. d. 
Tschernom. Kas. Corps. Milit. Joum. 1853. N. 2. pag. 119.) 

I) G«Rli. d. Kriegik. in BumI. Milit. Jonrn. 1856. N. 1. png. 38. 2) Hap«1. Y. d. Kos. 
F«. «4. 



— 44 — 

von ihren Wohnorten «ins Feld» (w pole), d. h. nach der Aus- 
drucksweise der Russischen Chroniken jener Zeit, in die Steppen, 
welche das Grossrussische Reich von der Krym und dem Kau- 
kasus trennen^), zurück. Sie bildeten hier einen besonderen 
Haufen, der von Jagd, Fischfang und Plandeining lebte, und nach 
der Art ihrer Lebensweise von den Tataren den Namen der Ka- 
saken, d. h. heimathlose Herumtreiber*), erhielt. Der Reich- 
thum der von ihnen besetzten Gegenden und das ungebundene 
Leben dienten als Lockung für ^e Abentheurer und Personen 
von verfehltem Beruf oder verdorbener Existenz, durch welche 
diese Gemeinschaft eine beständige Vermehrung erhielt'). Einen 
anderen Zuwachs bekamen sie durch Ai% Einwanderung eines 
Tatarischen Volkes, das nach dem Zeugniss der Russichen Chro- 
niken von dem Kaukasischen Gebirge aus der heutigen Kabarda 
kam und sich am Don und an der Wolga niederliess '). Nach- 
dem sie durch alle diese Zuzüge alhnählig auf mehrere 1000 an- 
gewachsen waren, theilten sie sich in verschiedene Ulusse und 
nahmen die ganze Steppe zwischen dem Schwarzen und Caspischen 
Meer ein*), welcher Raum schon im 9. Jahrhundert durch den 
Griechischen Kaiser Constanün Porphyrogenitus, Kasachia genannt 
wird*). Die Kasaken wurden mit der Zeit nützliche, nach Um- 
ständen aber auch gefahrliche Nachbarn. Im Frieden musste 
man ihnen schmeicheln und Geschenke machen, damit sie nicht 
die Heerden wegtrieben, die Dörfer plünderten oder zerstörten; 
im Kriege dagegen waren sie als kampfgeObte, oder besser ge- 
sagt, an Einfalle und Raubzüge gewöhnte Leute sehr gesucht. 
Zu Zeiten richteten sie auch Colonien und Ackerbau bei sich 
ein; ihr Hauptreichthum bestand aber immer in Vieh'). 

Bei der unmittelbaren Nachbarschaft der Kasaken und Russen 
entwickelten sich gar bald mehrfache Beziehungen zwischen bei- 
den. Die erste Berührung, von der die Geschichte weiss, war 
feindlicher Art und erfolgte 1021 mit dem Grossfürsten Mstislaw 
von Tmutorakan, der sie darauf 1023 zur Bekämpfung seines 
Bruders Jaroslaw benutzte. Demnächst wurden sie in den Jah- 
ren 1064 und 1065 durch den Fürsten Jaroslaw von Temrjuk — 
dem heutigen Taman — der Russischen Herrschaft unterworfen^. 



*) Nach Hupel. (V. d. Kos. pag. 27) bedeutet Kosak in der Tatarischen 
Sprache einen leicht bewaffneten Kriejrsmann, einen der mehr durch Streiferei 
als durch wirklichen An^ff dem Feinde zu schaden sucht, einen der sich 
zum Kriege dingen ,lfts8t, einen der mit geschorenem Kopfe einher geht — Alles 
Bedeutungen, die auf die Kasaken passen. 

I) Mater, i, Oeofr. v. SUtist. Boml. D. Land d. Don. Corp«, t. Krwnow. pag. 9. 2) UeV. d. 
IWhomom. Kaa. Corps. Mllil Jonm. 1M4S. N. 2. pa«. 119, 120. - Ya^Tolojaky. INct g^r.- 
hini. d. I. Bnaiie. I. pag. 117. 3) Hupol. V. d. Kot. pag. 27. 4) üeb. d. TMhoniom. Kai. Gorpa. 
Milit Jonm. IS43. N 2. pag. 120. .'>) iWd — Hopel. V. d. Koa. pag. 2«. - Vao'Tolojaky. Dict. 
goegr.-hiai d. 1. Bnaiie. I. pag. 118. 6) üeb. d. Tncheriioin. Kaa. Corps. Milit Jovn. 184«. N. 2. 
pag. 120. 7) Hnpel. Y. d. Koa. pag. 26, 27. — Ya^ToloJaky. Diet gtfogr.-Ust d. L BiiMia. I. pag. iis. 



— 45 — 

Während der beständigen Kriege der Russischen Gross- und Theil- 
fQrsten mit einander und mit den Grenzyölkern wurden sie bald 
auf dieser Seite, bald auf jener in Sold genommen, und machten 
sich unter dem Namen der Polowzer*), mit dem sie in den 
Russischen Chroniken jener Zeit allgemein bezeichnet wurden 
und unter dem sie bereits im Vorigen mehrfach erwähnt sind, 
als leichte Reiter geachtet und gefürchtet. 

Als die Tataren 1240 in Russland einfielen, zerstörten sie 
die Wohnungen der Polowzer bis auf den Grund; sie selbst wur- 
den zum grossesten Theil getödtet, der Rest gefangen und an 
verschiedene Orte zerstreut*). Während der Herrschaft der Ta- 
taren über Russland hielten die von ihnen in den einzelnen 
Russischen Städten eingesetzten Baskaken oder Steuereinnehmer 
bei sich zur eigenen Bewachung und zu Verschickungen je einige 
100 Mann berittener und bewaffneter Tataren, nach Art der 
Polnischen Haiducken oder der Ungarischen Husaren, und nannten 
sie E[asaken; denn sie alle waren hauslose Leute und lebten nur 
von ihrem Gehalt. Nach dem Muster derselben wurden in fast 
allen, besonders aber in den Grenzstädten, Kasaken zur Benutzung 
bei Versendungen etc. eingerichtet und ihnen später an einigen 
Stellen disponible Ländereien zur Colonisirung angewiesen, damit 
sie ohne Gehalt im Frieden leben und bestänäg zum Dienst 
bereit sein konnten. Aus diesen Elementen bildeten sich später 
die so genannten Stadtkasaken. Zu gleichem Zweck rief 1282 
der Tatarische Baskak des Fürstenthums Kursk Tscherkassen 
aus Beschtau oder Pjätigorien — dem heutigen Pjätigorsk in der 
Provinz Kaukasien — herbei und besetzte mit ihnen unter dem 
Namen von Kasaken verschiedene Sloboden. Die Plünderungen 
und Räubereien dieser neuen Ankömmlinge gaben aber zu so 
vielen Klagen Veranlassung, dass endlich Oleg, der Fürst von 
Kursk, mit Erlaubniss des Chan ihre Wohnplätze zerstörte und 
sie selbst tödtete oder zerstreute. Ihre Reste vereinigten sich 
mit Russischen Flüchtlingen, plünderten lange Zeit auf allen 
Strassen und verbargen sich vor etwaigen Angriffen in den Wäl- 
dern und Schluchten. In der Folge ging ein zahlreicher Haufen, 
der auch so nicht mehr Sicherheit fand, nach Kanew zu dem 
dortigen Tatarischen Baskaken, der ihnen Wohnorte am Dnepr 
unterhalb jener Stadt anwiess. Hier bauten sie am Ende des 



*) Nach der damaligen Sitte, die fremden Benennungen ins Russische zu 
übersetzen, nannte man die im Felde (pc^) d. h. in der Steppe ohne bleibenden 
Wohnsitz sich Herumtreibenden Polowzer. (üeb. d. Tschemom. Kas. Corps. 
Milit Joum. 1843. N. 2. pag. 121.) Eine andere Ansicht leitet diesen Namen 
von dem Worte lowey d. h. Jäger oder eigentlich Fänger ab. (Vs^volojsky. 
Dict g^gr.-hist d. 1. Russie. I. pag. 117). Die Tataren nannten diese Völker 
aber immer Kasaken oder Kaissaken (Boltin). 

1) üeb. ä. TtajIiernoiiL Kas. OorpiL MfHt. Jonni. 1S43. N. 8. pag. 121. 



— 46 — 

13. Jahrhunderts ein Städtchen und nannten es Tscherkassy, 
weil ein grosser Theil von ihnen von Geburt Tscherkassen war *). 
Es wird auf diese Ansiedlung in der nächsten Periode bei der 
Betrachtung der Entstehung der Kleinrussischen Easakenschaft 
wieder zu kommen sein. 

So lange die Tatarische Herrschaft auf Russland lastete, gab 
es keine Russischen Easaken; aber von dem Augenblick, als jene 
zu Ende ging, nahmen diese ihren Anfang. Die Nothwendigkeit, 
die Russischen Grenzen vor den räuberischen Einfällen der Nach- 
barvölker zu bewahren, gab schon sehr früh Veranlassung zu 
der Bildung freiwilliger Drushinen von leichten Reitern, welche 
unter dem Namen der Brodniker, d. h. Herumslreifer, nicht nur 
bei den Russischen Fürsten, sondern auch bei ausländischen 
Herrschern in Dienste traten'). Daneben finden sich dann auch 
früh Tatarische Easaken in Russischen Diensten, namentlich unter 
Wassilej Johannowitsch, der sie unter Anderem zu Verschickungen 
nach der Erym brauchte. Von diesen Tatarischen Easaken haben 
nun wahrscheinlich, etwa im Anfange des 16. Jahrhunderts, die 
Russischen ihren Namen angenommen oder bekommen, wie man 
sie denn überhaupt auch in Bezug auf ihre Wohnplätze und 
kriegerische Organisation als die Nachkommen jener betrachten 
muss. Es entwickelte sich nämlich nunmehr unter gleichen Be- 
dingungen wie bei der ersten Entstehung der Easaken oder Po- 
lowzer, ein ähnlicher Bildungsprocess wie damals. Russische 
Unterthanen, anfangs einzelne Flüchtlinge, wanderten, wie es 
scheint, neuerdmgs in jene Gegenden ein, vermischten sich mit 
den dort befindlichen Tatarischen Elementen und bildeten so all- 
mählig ein besonderes Volk, das neben dem alten Namen der 
Easaken auch noch den der Tscherkassen erhielt, welchen letzte- 
ren man indessen in der Folge mehr auf den nicht kriegerischen 
Theil desselben beschränkte'). Von dem ihre Ländereien durch- 
fliessenden Don nannte man diese Russischen Easaken nunmehr 
Don sc he. Unter diesem Namen geschieht ihrer zum ersten 
Mal im Jahre 1549 Erwähnung, wo eine Elage des Nagaischen 
Tatarenfiirsten Jussuf*) über gewisse «Easaken-Ssewrjuken, die 
am Don stehen» vermuthen lässt, dass sich dort schon damals 
eine selbstständige und ziemlich starke Gemeinschaft gebildet 
hatte, die ihre beginnende Organisation auch dadurch zeigte, dass 
sie, wie aus einem andern Schreiben jenes selben Jussuf hervor- 
geht, bereits an vier Stellen Städtchen gegründet hatten und 
unter einem gemeinsamen Ataman — er hiess Ssaryasman — 
standen. Einen eigentUchen Mittelpunkt erhielt das Donsche 
Easakenthum aber erst im Jahre lööO*^) durch die Anlage von 



1) ibid. iMg. 122. 2) OflKh. d. Kriegsk. in BumI. Milit Jooni. 1850. N. 1. p^r- 38. 3) Hapel. 
V. d. Kos. yag. 29>-3l. 4) Mater, z. OMgr. n. Statist t. Bnaal. D. Land d. Don. CoipH. t. Kimoow. 
pag. 12. Anm. 1. 5) ibid. pa(. 12. 



— 47 — 

Basdory, einem Städtchen am Ufer des Don, auf einer von diesem 
Floss und einem Arm des Donez gebildeten Insel, bei der heutigen 
Rasdorsskischen Staniza ')• Hier kamen alle die Leute zusammen, 
welche des herumschweifendeu Lebens «im Felde» müde waren 
und bildeten eine besondere Genossenschaft, ohne dass übrigens 
damit jene Lebensweise nun ganz aufgehört hätte, welche viel- 
mehr daneben noch lange fortdauerte. 

Fast gleichzeitig mit der Organisation des Donschen Kasakeu- 
thums in Rasdory scheinen sich die Kasaken dem Zaren Johann 
Wassiljewitsch dem Schrecklichen zum Dienst angeboten zu haben, 
der sie, ihren Nutzen richtig erkennend, gern unter seinen Schutz 
nahm. Er verwendete sie 1554 zum ersten Mal in den Reihen 
des Russischen Heeres, zu dem sie seit jener Zeit ununterbrochen 
bis jetzt gehört haben, wenn auch anfangs nicht in derselben 
strengen Zusammengehörigkeit wie die übrigen Bestandtheile des- 
selben, sondern mehr in dem Character freiwilliger Verbündeter. 

Als im Jahre 1569 die Türken vor Astrachan erschienen, 
kamen von den am Dnepr lebenden Polnischen Kasaken etwa 
5000 Mann unter dem Fürsten Wischnewezkij zur Unterstützung 
der Denier herbei, und erfochten mit ihnen vereint einen grossen 
Sieg über die Türken zu Lande und zu Wasser'). Von jenen 
blieben etwa 4000 überhaupt am Don und wurden die dortigen 
Kasaken durch diesen Zuwachs und jenen Sieg so kühn, dass sie 
bereits 1570 nur 60 Werste von der starken Türkischen Festung 
Asow entfernt, eine Stadt anlegten, die sie nach dem Hauptort 
der Niederlassung am Dnepr Tscherkask nannten — noch jetzt 
die Hauptstadt des Donschen Corps'). Ausser dieser Stadt gab 
es damals schon sechs befestigte Stanizen. Wiederholte Wider- 
setzlichkeit und Raubanfälle auf die Russischen Caravanen erbit- 
terten indessen den Zaren Johann den Schrecklichen so, dass er 
1577 unter dem Stolnik Iwan Muraschkin ein Heer gegen sie 
schickte, das sie ganz auseinander warf^). Im Jahre 1578 kamen 
aber neue Zuzüge vom Dnepr, wodurch ihre Zahl wieder so 
wuchs, dass 1579 auf dem Zuge nach Lifland bereits wieder 
3000 Donsche Kasaken bei dem Russischen Heer waren. Bis 
zum Anfang des 17. Jahrhunderts war ihre Zahl schon so ge- 
stiegen, dass sie dem ersten falschen Demetrius im Ganzen 
11,000 Mann zur Unterstützung schicken konnten*). 

Die Donschen Kasaken zerfielen gleich von Anfang an in die 
oberen (werchowye^ werchnie) und in die unteren [nisowye. 
nishnye), welche Ausdrücke mit Bezug auf den Don aulzufassen 
sind. Anfangs lebten die einen wie die anderen in wenig zahl- 



1) ibid. piff. 32. 2) Ueb. d. Tsehernom. Ku. GoTp«. Milii Jonrn. 184S. N. 2. pa^. 128 
3) ibid. ptt^. 124. - Hup«]. Y. d. Kos. pair* 54. — A. ▼. B. Die KoMken. pa«. 81, 120, 121. 4) Hn- 
pel. y. d. Kos. ptt^. 60. — A. t. B. Die Konken. pa«. 121. - t. Engel. Geeeh. d. Ukraine, pag. 81. 
5) Mater, s. Oeogr. n. SUiiet t. Buel. D. Land d. Don. Corpe. t. Krasnow. pag. 18. 



— 48 — 

reichen, Käuberbanden ähnlichen Gemeinschaften unter selbst 
gewählten Chefs oder Atamanen*), ohne Zusammenhang unter 
einander und ohne gemeinsames Ziel. In der Folge aber began- 
nen sich bei den unteren Kasaken allmählig geordnetere Verhält- 
nisse herauszubilden, während die oberen noch lange in der alten 
regel- und gänzlich formlosen Ungebundenheit fortlebten. 

Die Hauptgrundzüge der Organisation des Kasaken* 
thums, wie sie sich, wie bereits bemerkt, etwa seit der Mitte 
des 16. Jahrhunderts auszubilden begann und im Wesentlichen 
unverändert bis zu den Reformen Peters des Grossen bestanden 
hat, waren folgende^): Die oberste Verwaltung ging direct 
von dem gesammten Corps aus, welches in der Versammlung 
aller seiner waffenfähigen Mitglieder den Corpskreis (iwissko- 
wyj krug) bildete. In dieser, meist stehend auf offenem Markt 
abgehaltenen, Volksversammlung hatte jeder Kasak gleiches Recht, 
gleiche berathende und entscheidende Stimme; was aber von der 
Majorität des Kreises festgesetzt wurde, war verbindlich für Alle. 
Dem Kreise stand die gesetzgeberische, richterliche und Strafgewalt, 
in vollster Ausdehnung, das Recht über Krieg und Frieden und die 
Vertheilung des Landes und anderer Nutzniessungen zu. Zur Aus- 
führung seiner Beschlüsse wählte er aus seiner Mitte einen Corps- 
ataman {woisskowoj ataman), der dieselbe auf seine Verantwortung 
zu bewirken und zu leiten hatte; sonst aber in der Versammlung 
kein anderes Recht als das eines jeden andern Kasaken besass. Als 
Gehülfen desselben wurden zwei Corpsessaule (woisskowye essatdy) 
- einer für die Einkünfte und das Polizeiwesen, der andere für 
die Criminalpflege und Stadtwachen — gewählt, deren Pflichten 
sie als ein Mittelding zwischen den modernen Generaladjutanten 
und Generalen du jour erscheinen lassen. Die schriftlichen Ge- 
schäfte verwaltete der Corpsdjak (woisskowoj djak). Die Corps- 
starschinen kamen erst später auf. Alle die genannten Chargen 
waren gleichzeitig für die Civilverwaltung des Corps im Frieden 
und für die Befehlführung im Kriege bestimmt; für den letzteren 
wurde für die Oberführung jeder der ins Feld rückenden Abthei- 
lungen ein Marschataman (poehodnij ataman) als Vertreter des 
Corpsataman gewählt. 

Eine bestimmte taktische oder administrative Organisation 
und Gliederung des Corps in Unterabtheilungen von analoger 
Stärke und Formation existirte noch nicht; vielmehr zerfiel das- 
selbe nach der Zahl der Niederlassungen oder Stanizen in Unter- 
abtheilungen , welche, aus der mehr oder weniger zahlreichen 



*) Von dem Normannischen Wort watman, umgebildet in watamana, wo- 
her wataga. Diese Bemerkung ist von P. M. Stroewoj in seiner «Sammlung 
der KloBteracten> gemacht. (Mater, z. Geogr. u. Statist, v. Russl. D. Land 
d. Bon. Corps, v. Krasnow. pag. 10.) 

1) Ibid. VH' 50-55. 



— 49 — 

streitbaren Mannschaft derselben bestehend, daher von verschiede- 
ner Stärke, ebenfalls den Namen von Stanizen*) führten, übrigens 
aber ohne eine gewisse Selbstständigkeit der ganzen Masse der 
Kasaken einverleibt wnrden. Eine weitere Eintheilung fand nicht 
Statt, denn auch die in Centurien scheint erst später aufgekommen 
zu sein. Die Organisation der Stanizen in beiden Bedeutungen 
des Wortes war analog der des ganzen Corps. Wie für dieses der 
Gorpskreis, so drückte der Stanizenkreis (stanitschnij krtig) in den 
einzelnen Kasakenstädtchen und Stanizen die Selbstverwaltung im 
weitesten Sinn aus. Jede dieser Spccialverwaltungen stand unter 
einem Stanizenataman (stanitschnij ataman) und einer Anzahl Es- 
saule, die ebenfalls gleichzeitig Civilbeamte der Niederlassungen 
im Frieden und Führer der Truppenabtheilungen im Kriege waren. 
Die Feldzüge der Kasaken geschahen zu Lande (ssfAchoptUnye) 
und zur See ()norssl'ie, ssudotvye); die letzteren galten für die 
wichtigeren, besonders die Expeditionen auf dem Asowschen und 
Schwarzen Meer. Plötzlichkeit und Schnelligkeit der Anfälle, ver- 
bunden mit Uebereinstimmung der Ausführung waren die Haupt- 
ursachen ihrer glücklichen Erfolge. Zur Verbergung des Mar- 
sches vor dem Feinde wurden strenge Vorsichtsmaassregeln 
angewendet, die Anfälle auf die feindlichen Wohnorte selbst grosse- 
sten Theils bei Nacht ausgeführt. Zu den Seezügen wandten die 
Kasaken kleine Ruderfahrzeuge an, die je 30 — 50 Mann fassten; 
auf diesen streiften sie längs der Küsten, plünderten die Ufer- 
striche, und fuhren auch zum Anfall auf feindliche Schiffe ins 
offene Meer, welches sie so gut kannten, dass sie selbst bei Nacht 
und heftigen Stürmen ohne Compas ihren Weg zu finden wussten. 
Zur Schnelligkeit der Landmärsche trugen besonders die Kasa- 
kischen Steppenpferde Tatarischer Race bei, welche Ermüdung 
nicht kannten und selbst nach Zurücklegung grosser Räume nur 
einer kurzen Rast und des kärglichen Steppenfutters bedurften, 
um ihre Kräfte vollständig wieder herzustellen. Nach Umständen 
bildeten die Kasaken auch eine Fusstruppe, besonders in den 
Kämpfen mit den Asowem und Nogaizen, ihren nächsten Feinden; 
wie denn namentlich mit den ersteren ein ewiger Krieg bestand. 
Unter dieser beständigen Gefahr brauchten die Kasaken tüchtige 
Kundschafter, die sie zeitig von den Absichten ihrer Feinde in 
Kenntniss setzten. Daher unterhielten sie nicht nur in Asow, in 
der Krym und am Kuban Agenten, sondern sandten auch alljähr- 
lich einige Streifparthien «auf Nachrichten» (dlja jasyTcow) dahin 
aus, und waren dadurch so gut bedient, dass die Russischen 
Woewoden aus Astrachan, Zarizyn, Tambow und Woronesh um 
Nachrichten nach Tscherkask schickten. 



*) Unter Staniza verstand man überhaupt jede Gemeinschaft von Kasaken, 
die sich fftr irgend einen Zweck sammelte oder in einem besondem Orte bei 
einander lebte. 

Brlx, acMlk d. «lt. Rbm. H«OTW«liirtchl. 4 



— ^0 — 

Das Land der Donsehai Kasaken war im Allgemeinen die 
grosse Steppe, welche sich za beiden Seiten des Don Yon der 
Grenze des Moskaoschen Reiches bis gegen das Schwarze und 
Asowsche Meer hin erstreckte. Aof diesem Raum befanden sich 
am Ende des 16. Jahrhunderts längs der Ufer des Don, von der 
Einmfindnng des Choper bis znm Akssaj auf einer Entfernung 
Ton 80oWerste die Kasakenstädtchen und Winterlager in 
Terschiedenen Abstanden von einander zerstreut; einige solcher 
Ansiedlungen befanden sich auch am Donez. der Qbrige zwischen 
beiden Flössen liegende Raum blieb leer. Die Stadtchen {gorodki) 
und Winterlager [siniomschtscha, simownikt) unterscheiden sich 
dadurch von einander, dass die ersteren beständige Wohnorte 
waren, die letzteren aber nur provisorische Zufluchtsorte, namentr 
lieh fbr den Winter bildeten. Jene waren ringsum mit einer 
Dmfiissung aus doppeltem Flechtwerk oder einem Pallisadenzaun, 
innen mit Erde bestampft, umgeben. 

Die Wohnungen selbst bestanden anfangs aus Erdhütten 
(sendjanki), in der Folge fingen aber die Kasaken auch an, hölzerne 
Häuser zu bauen. Uebrigens waren die Städtchen wenig bevölkert, da 
die Kasaken, die Kriegsauiregung liebend, sich zu Hause langweilten 
und unablässig auf Gefahren und Beute in Feindesland ausgingen. 

In den unteren Stanizen wogte eine ewige Thätigkeit, nament- 
lich in Tscherkask. Ausser den Kasaken, welche die dortige 
Garnison bildeten — es standen dort in der Folge immer 2 bis 
5000 Mann — befand sich daselbst immer eine grosse Zahl Han- 
delsleute aus den Ukraineschen Städten mit Getreide, Wein, Ho- 
nig und anderen Vorräthen. Der Zusammenfluss des Volkes ver- 
grösserte sich bei der Ankunft von Woewoden mit Zarischem Gehalt, 
oder von Saporogem, welche sich zu gemeinschaftlichen Seeexpe- 
ditonen bei den Doniern einfanden. Noch bunter wurde dies 
lebendige Bild später durch die fast alljährlich mit zahlreichen 
Suiten ankommenden Türkischen und Krymschen Gesandten, so 
wie durch die zu ihrem Empfang und ihrer Geieitung nach Mos- 
kau und zurück nach Tscherkask geschickten Russischen Grossen. 

Das Privatleben der Kasaken war im Vergleich mit ihrem 
kriegerischen sehr einförmig. Ihre ganze Beschädigung zu Hause 
bestand in der Jagd und dem Fischfang, auf deren Ertrag sich das 
Corps behufs seiner Verpflegung um so mehr angewiesen sah, 
als der Ackerbau als unvereinbar mit dem Kasakischen Leben 
strenge verboten war. Während des Lebens in den Ansiedelun- 
gen verbrachten die Kasaken den grossesten Theil ihrer Zeit auf 
dem Marktplatz (Maidan) oder in der Stanizenhütte (stanitschnaja 
isba) d. h. dem Gemeindehaus. Hier, im Kreise sitzend, beschäf- 
tigten sie sich mit dem Stricken von Fischemetzen und Jäger- 
garnen, wobei sie von ihren Thaten erzählten, oder darauf be- 
zügliche Heldenlieder sangen. Die jungen Kasaken schössen unter 



— 51 — 

Anleitang der alten mit Bogen und Flinten nach der Scheibe, 
oder jagten auf muthigen Pferden umher. 

Der Character der Kasaken bildete ein Gemisch von Tu- 
genden und Fehlem, wie dies bei Leuten natürlich ist, die den 
Eri^ zu ihrem Lebensziel gemacht haben. Auf der einen Seite 
gierig nach Beute, die zu ihrem Leben fast nöthig war, und 
schonungslos im Anfall auf die Länder des Feindes, waren die 
Kasaken anderer Seits unter sich in brüderlicher Cameradschaft 
verbunden, und theilten Alles, was ihnen in mehr oder weniger 
gewaltsamer Weise zur Beute ward. Ihre Gemeinden zerfielen 
dazu in Taschen (ssumy) zu je 10 — 20 Mann, die Alles gemein 
hatten. Während Raub und Plünderung im fi*emden Lande ihr 
sehr gewöhnliches Geschäft waren, verabscheuten sie den Dieb- 
stahl daheim und bestraften ihn in derselben strengen Weise wie 
den Yerrath, die Feigheit und den Todschlag mit: «In den Sack, 
und ins Wasser.» In späterer Zeit wurde die Todesstrafe durch 
Erschiessen mit dem Bogen oder dem Feuergewehr auf offenem 
Markte oder im Felde vollstreckt. 

Auf Expeditionen raubten die Kasaken sehr oft Frauen, von 
denen sie die vornehmen gegen Lösegeld frei Hessen, während sie 
die übrigen gewöhnlich selbst heiratheten. Einige Hessen sich 
hierbei nach kirchHchem Ritus trauen, Andere beschränkten sich 
auf eine einfache Erklärung vor dem Volk. Uebrigens stand das 
eheüehe Leben bei den Kasaken in keinem hohen Ansehen, wie 
denn auch die Frauen überhaupt keiner besonderen Achtung ge- 
nossen und bei der Begegnung eines bewaffneten, dienenden Ka- 
saken vom Wege abtreten und sich bis zum Gürtel verneigen 
mussten. Trotzdem galt die Keuschheit wie die Tapferkeit für 
eine der höchsten Tugenden. 

Aus den Donschen Kasaken zweigten sich bereits in dieser 
Periode einige Genossenschaften ab, die sich später zu besonderen 
Corps entwickelten. Die ersten waren 

Die Wolgaschen Kasaken, welche sich schon um die Mitte 
des 16. Jahrhunderts abtrennten. Zur Besetzung der Grenzen nach 
Osten gegen die Tataren waren nämlich gleich von Anfang an all- 
jährUch Kasaken nach der Wolga in die Gegend von Ssamara und 
Ssaratow commandirt worden, die zunächst nur im Sommer dort zu 
bleiben hatten. Bald nahmen sie aber daselbst ihren bleibenden 
Wohnsitz und siedelten sich bei den genannten und anderen an der 
Wolga liegenden Städten an*). Sie verstärkten sich hauptsächHch 
seit der Eroberung der Zarenthümer Kasan und Astrachan, nament- 
lich durch Zuzttge der oberen Donschen Kasaken, obgleich den- 
selben durch den Corpskreis bei Todesstrafe verboten war, 
Rauhens halber nach der Wolga zu gehen. Sie wählten dann 



1) Hop0]. V. d. Kot. pag. .59. - A. ▼. B. d. KMakeo. iMff. 164. — Vi^Toloitlcy. XML g^o^r.- 
kitt d. 1. Boasie. 1. pag. 120. 

4* 



— 52 — 

einen eigenen Ataman, blieben aber vorläufig noch in einer ge- 
wissen Abhängigkeit vom Donschen Corps, und somit in einem 
gewissen, wenn auch losen Dienstverhältniss zum Moskauschen 
Reich, wie denn z. B. bereits 1591 von ihnen 1000 Mann zum 
Dienst nach Astrachan einberufen wurden'). Das hinderte sie 
übrigens nicht im Mindesten, die durch jene Gegenden reisenden 
Russischen und Persischen Kaufleute auszuplündern, wodurch 
sich in der Folge der Moskausche Hof veranlsst sah, sechs Pos- 
tirungen (sastatvy) zwischen Zarizyn und Astrachan anzulegen, 
die mit Strelzen besetzt wurden'). 

Die nächste Auswanderung richtete sich nach dem Kau- 
kasus. Hier hatte Russland schon am £nde des 15. Jahrhun- 
derts am Terek seine befestigten Plätze, die mit Stadtkasaken 
besetzt, aber in der Folge verlassen und verfallen waren"). Im 
16. Jahrhundert drangen 400 Donier unter dem Ataman Andrej 
von der Wolga aus durch die Nogaische Steppe gegen den un- 
teren Terek vor und setzten sich dort in einem jener verlassenen 
Forts, das sie Andreewsk nannten, fest. Hier behaupteten sie 
sich mitten im Gebirge gegen die wiederholten heftigen Angriffe 
der Kumyken und Tawlier und gründeten eine Gemeinschaft, die 
von dem Gebirgskamm (j^reben) den sie besetzt hatten, den Na- 
men der Kamm- oder Grebenschen Kasaken erhielten. Im 
Jahre 1566 schickte Johann der Schreckliche eine Truppenab- 
theilung nach dem Kaukasus, welche die Stadt Terki gründete 
und sie mit Strelzen, Donschen und jenen Grebenschen Kasaken 
besetzte. Als später die Russischen Truppen jene Stadt räum- 
ten, blieben die Kasaken dort zurück und bildeten in der Folge 
eine zweite Genossenschaft unter dem Namen der Terekschen 
Kasaken, zu denen man bisweilen im weiteren Sinne auch die 
Grebenschen rechnete. Beide Abtheilungen bildeten, von der 
Russischen Regierung vorläufig beständig verläugnet und von 
ihren Stammesbrüdern abgeschnitten, zwei besondere Corps, die 
sich von den übrigen Kasaken dadurch wesentlich unterschieden, 
dass sie fast ausschliesslich zu Fuss fochten, wie dies natürlich 
durch die Beschaffenheit des Terrains bedingt war^). 

Das Jahr 1577, in welchem die Donschen Kasaken, wie be- 
reits besprochen, von dem Stolnik Muraschkin auseinander ge- 
jagt wurden, gab Veranlassung zu dem Entstehen von zwei neuen 
Stämmen, den Jaikschen und den Sibirischen Kasaken. 
Ein Theil der zersprengten Donier zog sich nämlich unter Netschaj 
nach dem mit dichtem Wald bedeckten Jaik, dessen Mündung 
dieser bereits 1574 auf einer Irrfahrt im Gaspischen Meere ge- 
fonden hatte*^). Dort fanden sie schon die Ueberreste einer alten 

1) Hinter. Aden. I. N. 290. 2) Mater, s. Qtogr, n. Stotbl ▼. Bnnl. D. Lud d. Don. Corp«. 
T. KnMtBow. pag. 37. 3) ibid.iwg. 17. 4) Hupel. V. d. Koa. pag. 65. 66. - A. r. B. Die Konkra 
pag. 822-824. - Va^Toloisky. Ofct grfogr.-hUt. d. 1. Rvaaie. I. pag. 121. 5) A. t. B. Die K*- 
8ak«B pag. 19S. 



— 53 — 

Kasaken- Niederlassung vor, die nach einer bei ihnen mündlich 
fiberlieferten Tradition bereits am Ende des 14. oder zu Anfang 
des 15. Jahrhunderts von 30, auf Seeräuberei nach dem Caspi- 
sehen Meere ausgegangenen, Kasaken gegründet sein soll'). Hier 
erbauten sie nun unweit der Mündung des Jaik an einer, für den 
Fischfang vortheilhaften Stelle im Jahre 1584 ein Städtchen, und 
legten so den Grund zu dem Jaikschen — dem gegenwärtigen 
Uralschen — Easakencorps. üebrigens war die Zahl der Jaik- 
schen Kasaken in jenet Zeit nicht sehr gross, was daraus her- 
Yorzugehen scheint, dass 1591 nur 500 Mann von ihnen nach 
Astrachan zum Dienst einberufen werden konnten'). 

Der andere grössere Theil der verjagten Donier, 6—7000 
Mann stark, zog nach der Kama und Permien, wo 1579 von 
ihnen zunächst 540 Mann unter Ermak oder Jarmolaj in die 
Dienste der Stroganows traten. In diesem Yerhältniss rückten 
sie, durch spätere Nachzüge bis auf 840 Mann verstärkt*) und 
mit Geschützen verschiedenen Kalibers wohl versehen*), im Jahre 
1581 die Tschussowaja aufwärts und über den Ural in Sibirien 
ein. Hier unterwarfen sie die Wogulen und einen Theil der 
Ostjaken und drangen bis zur Mündung des Irtysch in den Ob 
vor, welche Länder sie 1583 dem Zaren abtraten, damit Verge- 
bung ihrer früheren Vergehungen gewinnend. Nach dem Tode 
Ermaks 1584 wurde der Krieg von Seiten der Russen fortgeführt 
und neue Kasaken vom Don etc. dahin geschickt, welche, immer 
weiter nach Osten vordringend, allmählig das ganze Land in 
Besitz nahmen*^). 

Die Organisation aller dieser Kasakenvölker war 
ganz analog der des Donschen Corps, mit Ausnahme der Sibiri- 
schen Kasaken, die kein geschlossenes Corps, sondern in jeder 
Stadt eine besondere Abtheilung, mit der Organisation bildeten, 
wie sie bei den Stadtkasaken noch näher geschildert werden wird. 

f. Me iMgei mterw«rfMei Vftlkersckaftei. Mit der Erobe- 
rung von Kasan unterwarfen sich auch die dort lebenden, früher 
den Tataren tributairen Völker der Mordwinen (Morduanen), 
Tschuwaschen und Tscheremissen den Russen, denen dadurch 
namentlich auch durch die als sichere Schützen berühmten Bie- 
nenjäger {bortniki) eine werthvoUe Vermehrung ihrer Streit- 
macht erwuchs. Die Zahl derselben war nicht unbedeutend, denn 
man rechnete bereits am Ende des 16. Jahrhunderts zu den Zei- 
ten des Zaren Feodor Johannowitsch im Jahre 1589 dieser alten 
Unterthanen des Kasanschen Zarenthums etwa 2000 Kasanier 
und Tscheremissen und 8000 Tataren und Mordwinen*). In gleicher 

l) Hopel. V. d. Kon p^. 78. 2) Hittor. Aet«n. T. N. 2.m 3) Mater, z. OMgr. o. Stotkt. 
▼. BqmL D. Luid d. DoB. Gorpt. ▼. Kmooir. pag. 16. 4) Cbmjroir. D. Artillerie v. d. Artille- 
TietCB in Ver-PetorKhen Buil. Artill. Joinm. 1865. N. 9. paff. 506, 607. Anm. 1. 5) A. t. B. 
Die Keeakea peg. 171—177. - Hopel. Y. d. Kos. m«. 89, 90. — Tii^oleislcy. Diet. gA)gr.-lilrt. d. 1. 
Bwie. a peg. 122. 6) üeb. d. GaTaU. MUii Joum. 1840. N. 6. pag. 87. 



— 54 — 

Weise unterwarfen sich 1574 auch die damals noch wenig zahl- 
reichen Baschkiren, so wie die im heutigen Gouvernement 
Nishnij Nowgorod lebenden, etwa 2000 Familien zählenden Meschtr 
scherjaken. 

Die Eroberung Astrachans brachte im Süden und namentlich 
am Kaukasus einen ähnlichen Eindruck hervor, indem zahlreiche 
Tscherkessische Fürsten sich beeilten, dem Zaren ihre Unter- 
würfigkeit zu erklären und sich taufen zu lassen. Auch leisteten 
sie bereits 1556 und 1557 nützliche Dienste gegen den Chan der 
Krym und bewogen auch die zwischen dem Schwarzen und Cas- 
pischen Meer nomadisirenden Horden der Nogai-Tataren, unter 
die Russische Herrschaft zu treten. Als sich 1559 auch der Tscher- 
kessische Fürst von Tjumen in der Nähe der Terdc-Mündung unter- 
worfen, wurde, wie bereits bemerkt, 1566 in der Nähe dieser Stadt 
mit Hülfe der dort vorgefundenen Grebenschen Kasaken Terki, 
hauptsächlich zum Schutze der unterworfenen beiden Kabardas ge- 
bautO* Dieselben erwiesen sich bei mehreren Gelegenheiten als treue 
Unterthanen und marschirten selbst mit den Russischen Truppen 
nach Lifland gegen die Schwertritter*). Im Jahre 1587 stellte 
sich auch der König von Grusien unter Russischen Schutz, 
worauf 1594 ein Heer unter dem Fürsten Ghworostynin nach 
Terki gesendet wurde, das zwar Tarku, die Hauptstadt des Scham- 
chals derKumyken, nicht zu nehmen vermochte, aber die Werke 
von Terki verstärkte und ein neues Fort Koissu im Dagestan an- 
legte'). In Folge des Erscheinens der Russen unterwarfen sich 
noch in demselben Jahre verschiedene Tscherkessische Fürsten, 
und selbst der König von Georgien leistete den Lehnseid. Wäh- 
rend der heftigen Erschütterungen im Anfang des 17. Jahrhun- 
derts wurde der Russische Einfluss auch am Kaukasus schwächer, 
und nach der Niederlage eines Heeres unter Buturlin am Terek 
1604 gingen alle Besitzungen jenseits desselben wieder verloren. 
Indessen blieben zwei Elemente zurück, an denen Russland später 
wieder kräftige Stützen hatte, nämlich das Ghristenthum und die 
Kasaken. 

Auch in Sibirien erwuchsen dem Russischen Reiche neue 
Unterthanen, von denen die Wogulen und Ostjaken bereits 
erwähnt sind. Von den übrigen möchten noch die Kirgisen, 
oder Kirgis-Kaisaken, welche sich 1606^), und die Teleuten, 
Telenguten oder weissen Kalmücken, welche sich 1609 unter- 
warfen*^), anzuführen sein. 

2. Die Infanterie. Mit der Entwickelung des Militairwesens 
überhaupt, begann sich auch die Infanterie, die in der vorigen 
Periode qualitativ und quantitativ fast auf Null reducirt war, 



1) A. T. B. Dia KMaken. pag. 223. — VstfToloJsky. Dict gA)gr.-hi0t d. 1. Rusie. L pag. 60, 98. 
S) Vi^TOl^j. Diet gtfogr.-liirt. d. 1. Rurie. L pc«. 98. 8) il>id. - A. ▼. B. Die Konken pH- 224. 
4) Ve^1<i(jaky. Dict g4ogr..hiei d. 1. Roieie. I. peg. 248. 5) ibid. U. pi«. 271. 



— 65 — 

allm&hlig wieder zu dem Range einer Waffe zu erheben, nament- 
lich unter dem Einfluss der neu eingeführten Feuerwaffen. Ihre 
erste regelmässigere Entwickelung erhielt^ sie analog dem west- 
lichen Europa in den Städten, wie denn z. B. schon 1510 Pskow 
fQr den Marsch gegen Smolensk 1000 Flintenträger (piscJUschcUmki) 
stellen konnte*). Eine gleiche Zahl wurde 1545 in Nowgorod, zu 
Fuss und ebenso viele zu Pferde, für den Marsch nach Kasan 
ausgehoben, welche dort, wie sich aus den damaligen Kriegsver- 
zeichnissen ergiebt, eine eigene Gemeinschaft mit besondem 
Rechten, und wahrscheinlich auch unter eigener Verwaltung, bil- 
deten'). Aus diesen Elementen, theilweise auch nach ihrem 
Muster, wurde dann etwa um die Mitte des 16. Jahrhunderts 
durch Johann Wassiljewitsch den Schrecklichen die nationale 
Truppe der Strelizen oder Strelzen errichtet, welche bis zu Peter 
dem Grossen den Hanpttheil der Russischen Infanterie gebildet 
hat. Ausser ihnen setzte sich das Fussvolk in dieser Periode aus 
den Adligen und Bojarenkindem zu Fuss, aus Stadtkasaken, den 
vom Lande gestellten Mannschaften und aus Freiwilligen zu- 
sammen. 

a. lie AdligeB u4 B^JareiUttder ii ffus. Dieselben kamen 
nur selten, überhaupt erst gegen Ende der Periode, z. B. 1578 
in Witoa*^ vor, und zwar nicht als eine organisatorisch einge- 
richtete Truppenclasse, ^sondern als ein Nothbehelf da, wo Adlige 
und Bojarenkinder so verarmt waren, dass sie nicht mehr zu 
Pferde dienen konnten. Solche wurden dann aber nicht zu den 
Feldtruppen gezählt, sondern zum Garnisonsdienst bestimmt. 

b. lie Stadtkasakei u4 SireheB. Diese beiden Truppen- 
arten haben in ihrer ganzen Organisation so viel Analoges, dass 
es sehr schwer ist, ihren characteristischen Unterschied festzu- 
stellen. Da man sie häufig in denselben Abtheilungen organi- 
satorisch neben einander gestellt, und oft bald unter dieser, bald 
unter jener Benennung erwähnt findet, so möchte man überhaupt 
versucht sein, den Unterschied zwischen beiden als nur im Namen 
liegend anzusehen. Es wurde bereits in dem Abschnitt über die 
Kasakenvölker nachgewiesen, wie sich nach dem Muster der, von 
den Tatarischen Steuereinnehmern gehaltenen, Leib- und Ordon- 
nanzkasaken in den Russischen Städten die Truppenclasse der 
Stadtkasaken bildete. Yermuthlich reihte man ihnen alsbald die 
neugebildeten Strelzen an, deren Einrichtung man, wie so viele 
Verbesserungen in dieser Periode, dem Zaren Johann Wassil- 
jewitsch dem Schrecklichen zuschreiben und auf das Jahr 1547*) 
ansetzen muss. Ihre erste Formirung scheint in Nowgorod erfolgt 
zu sein, wo sich auch in den daselbst bereits existirenden regu- 



1) WUmrstow. O«0ehiehi1. Beechnlb. d. Bell. n. Bewaffn. d. Bqm. Trappen. I. Anm. 144. 

2) iUd. - Bc1Ja«w. Ueb. d. Bim. Heer out. Mich. Feod. b. z. d. Bef. Fet. d. Or. pi«. 45. Amn. 100. 

3) Svpplciii. X. d. biet. Acten. I. N. 121. 4) Ueb. d. CnTall. Milit Jonn. 1840. N. 6. peg. 22. 



— 56 — 

laireren Fusstruppen am meisten brauchbares Material vorfand. 
Dort wird auch bereits 1555 der Strelzen und Stadtkasaken als 
einer fest stehenden Einrichtung Erwähnung gethan'). 

Was zunächst den Namen betrifft, so ist über den der 
Kasaken bereits gesprochen, der der Strelzen aber bedeutet ein- 
fach Schützen {strelzy). Gleich bei der ersten Errichtung wurden 
die Strelzen sowohl, wie die Stadtkasaken, in reitende und in 
solche zu Fuss eingetheilt. Da diese Behauptung namentlich 
hinsichtlich der Strelzen der bisherigen Auffassung, nach welcher 
diese als eine ausschliessliche Fusstruppe angesehen werden, direct 
widerspricht, so möchte schon hier eine kurze Begründung der- 
selben, deren weitere Ausführung übrigens dem Verlauf dieser 
Darstellung aufbehalten bleiben muss, geboten sein: Gleich jene 
vorher erwähnten Strelzen in Nowgorod vom Jahre 1555 scheinen 
zum Reiterdienst bestimmt gewesen zu sein, da ihnen unter An- 
dern 1556 von den Pferden der Kasanschen Fürsten 56 Stück 
«unter die Strelzen» überwiesen wurden'). Wenn diese Notiz 
aber auch nicht ganz klar erscheinen sollte, so finden sich doch 
z. B. 1578 in Jurjew und Wilna reitende Strelzen ganz bestimmt 
erwähnt*); und ebenso sah Paede bei seiner Ankunft in Moskau 
am 11. May 1606 daselbst 2000 reitende Strelzen*). Ausserdem 
wurden die Strelzen gleich bei ihrer ersten Formirung in Strelzen 
des Zaren, Strelzen aus den Hofstädten und Strelzen vom 
Lande*) getheilt, von denen die ersteren beiden für einen be- 
stimmten Sold an Geld und Naturalien dienten, die letzteren aber 
mit Land betheilt waren. Später findet sich eine Unterscheidung 
in Moskausche und Stadtstrelzen, von denen jene, wie über- 
haupt der Moskausche Dienst, für vornehmer galten, in der That 
auch einige Vorzüge hinsichtlich des Dienstes und der Besoldung 
hatten. Von dem Unterschied der Strelzen nach ihrer Verpfle- 
gung wird bei dieser die Rede sein. 

Die Strelzen bildeten im Frieden die Garnisonen von Mos- 
kau und andern, besonders Grenzstädten, wo sie im Vereine mit 
den Stadtkasaken zu verschiedenen Polizeidiensten, als Boten, 
Amtleute, Zollwächter etc. benutzt wurden. Die Moskauschen 
dienten gewissermassen als Garden zum persönlichen Schutz des 
Zaren, wozu beständig, Tag und Nacht, 100 Mann im Schloss 
auf Wache waren'); auch paradirten sie beim Empfange fremder 
Gesandten und bei andern feierlichen Gelegenheiten. Im Kriege 
bildeten die Strelzen und Stadtkasaken eine regulaire Reiterei, 
namentlich aber den Kern des Fussvolkes. 

Die taktische Eintheilung der Strelzen und Stadtkasaken 
erfolgte zunächst nach den Städten, deren jede je nach ihrer 

1) Snpplem. «. d. hliit. Acten. I. N. 68. 80. 2) IWd. I. N. 107. 8) ibid. I. W. 121. 4) Bel- 
JMw. üeb. d. Bub. Heer. nnt. Mich. Feod. b. s. d. Bef. Pet. d. Gr. pftg. 4«. 5) B. Beilag« N. 1. 
6) Rirtor. Acten. II. N. 855. 



— 57 — 

Grösse und "Wichtigkeit eine bestimmte Anzahl dieser Mann- 
schaften hatte, welche von 20, der kleinsten vorgefundenen 
Zahl, bis zu mehreren 1000 variirte. Die kleineren Ab- 
theilungen bis zu 100 Mann aufwärts standen unter 1 Centurio 
(ssotnik), die grösseren wurden in taktische Einheiten von be- 
stimmter Starke und Organisation getheüt. Die erste Benennung 
derselben war Pribor, welches Wort eine vollständige Ausrüstung, 
eine complette Garnitur bezeichnet. So findet sich im Jahre 1555 
in Nowgorod ein Pribor des Timofej Teterin von 250 Strelzen'), 
und ein Pribor des Iwan Beskunnik von 150 Toropezschen Ka- 
saken') angegeben. In der Folge, und zwar sehr bald, kam an 
Stelle dieses Wortes fittr die Bezeichnung solcher Abtheilungen 
der Namen Prikas auf. Dieses Wort bezeichnet gleichzeitig 
eine höhere Administrationsbehörde und einen Erlass und möchte 
diesem dreifachen Sinne entsprechend am Besten, wenn auch 
nicht ohne einigen Zwang, durch «Commando» zu übersetzen 
sein. So gab es, wie in der Folge gezeigt werden wird, einen 
Strelzenprikas als höchste Verwaltungsbehörde, oder Obercom- 
mando aller Strelzen, und verschiedene Prikase oder Commandos 
Strelzen in den Städten. Die Normalstärke eines Prikases war 
500 Mann, die in fünf Centurien (ssotni) zu 100, in Abtheilungen 
zu 50 (Züge), und in Zehntmannschaften (Corporalschaften) ge- 
theüt wurden. Jede Centurie stand unter einem Centurio oder 
Hunderter (ssotnik), der ganze Prikas unter einem Golowa {golowa, 
d. h. Kopf) oder Chef. Ausser diesen Offizieren bestanden die 
im Etat befindlichen Unteroffizierchargen aus einem Fünfziger 
{pjatidessjatniJc) für jede 50 und einem Zehner (dessjatnik) für 
jede 10 Mann, so dass die normale Zusammensetzung eines Pri- 
kases war: 1 Golowa, 5 Centurionen, 10 Funfeiger, 40 Zehner 
und 450 Gemeine = 506 Mann. Natürlich war die wirkliche 
Stärke bisweilen anders. Die gemeinen Strelzen zerfielen in Pi- 
keniere (kopeischtschiki) und Schützen {streUy\ von denen die 
ersteren eine Art Elite bildeten. Jeder Prikas hatte seine Fah- 
nen, Trommeln und Regimentsgeschütze. Die Zahl der letztem 
scheint anfangs normalmässig 5 gewesen zu sein, mit einem be- 
sonderen Commando Kanoniere (jmschkari) zu ihrer Bedienung. 
Die Prikase bestanden grösstentheils ausschliesslich aus Strelzen; 
jedoch waren einige aus Strelzen und Easaken, und nur wenige 
bloss aus Kasaken gebildet. In den kleineren Abtheilungen der 
minder wichtigen Städte standen aber die Strelzen und Stadt- 
kasaken in der unmittelbarsten Verbindung neben einander. 

Die Moskauschen Strelzen waren sämmtlich in Prikase ge- 
tbeilt, und zwar betrug ihre Zahl: 1 reitenden oder Bügelprikas 
(stremjannifj)^ so genannt, weil er auf Märschen «beim Bügel» 



1) Sapplen. i. d. hiik Aeten. I. N. 68. 2) ibid. N. 80. 



— 58 — 

des Zaren sein musste, yon 2000 Mann und 11 Prikase zu Fuss 
k 500 Mann. Von den Stadtstrelzen waren nur die bedeutende- 
ren Abtheilungen in den grösseren Städten in Prikasen formirt; 
die kleineren dagegen bestanden aus Centurien, oder bildeten 
überhaupt nur eine Abtheilung. In welchen Städten bereits in 
dieser Periode Prikase existirten und wie viel, darüber ist nur 
wenig zu ermitteln gewesen. Unzweifelhaft aber gab es schon 
im Jahre 1610 in Smolensk 2 Prikase Smolenskischer Strel- 
zen des Feodor Subow^) und des Iwan Oboleschew'); 1611 einen 
Strelzenprikas in Nischnij Nowgorod, der damals nach Wolodimir 
kam, und einen Kasakenprikas des Timofej Scharow in Nowgo- 
rod, der im März nach Jaroslaw verlegt wurde •^, etc. In der 
nächsten Periode, wo die Quellen reichlicher messen, werden 
hierüber speciellere Angaben gemacht werden. 

Die Bezeichnung der Strelzen und Stadtkasaken erfolgte zu- 
nächst nach dem Ort, in dem sie gebildet waren; die Prikase 
wurden ausserdem noch nach dem Namen ihrer Golowen benannt 

Ueber die Gesammtzahl der Strelzen und Kasaken in je- 
ner Periode ist Näheres nicht bekannt; sie wechselte auch fast, 
alljährlich durch Abgang und neue Formationen. Im Jahre 1577 
hatte der Zar Johann der Schreckliche auf seinem Marsch gegen 
Lifland bereits 5700 Strelzen und 1440 Kasaken in seinem Heere, 
unter jenen 2 Prikase des Grossfürsten und 2 Moskausche*). 
Im Jahre 1584 soll es 12,000 Strelzen und 6,000 Kasaken ge- 
geben haben ^), welche Zahl auch unter Boris Godunow als die 
Totalsumme angegeben wird"). Davon zählten die Moskauschen 
Strelzen, wie vorher angegeben, in 12 Prikasen 7500 Mann. 

Die Strelzen standen nicht immer an den Orten, wo sie ge- 
bildet waren und deren Namen sie führten; vielmehr wurde es 
schon früh üblich, sie zur Dienstleistung, meistens auf ein Jahr, 
nach anderen Orten als «Jährlinge» (godowalschtschiki) zu com- 
mandiren. Bei den Moskauschen Strdzen, von denen gewöhnlich 
nur 5 Prikase in Moskau selbst standen^, wo sie allwöchent- 
lich im Dienst abwechselten, erfolgten diese Gommandos nach an- 
dern Städten, wie z. B. nach Wologda etc. der Regel nach auf 
zwei Jahre. Es kam auch vor, dass Strelzen oder Kasaken von 
einem Orte «zum ewigen Leben» [na wetschnoe shitje) d. h. blei- 
bend, nach einem anderen verlegt wurden. Dieselben behielten 
dann noch eine Zeit lang ihren alten Namen z. B. als Moskausche 
«Weggeführte» {ssweden£y)\ mit der Zeit aber nahmen sie den 
Namen ihrer neuen Garnison und Heimath an. Auch hierüber 
werden detaillirtere Angaben der nächsten Periode vorbehalten. 

1) Hiftor. Aetoa. n. N. 290. 2) Acten s. QmA. d. ir«rtl. Road. IT. N. 18S. 8) Sanial. d. 
StMtMrl. n. Vertr. IJ. N. 241. 4) S. Beila« N. 1. 5) üeb. d. CaTtll. Milit. Jonn. 1840. N. 6. 

r. 36. 6) OcMh. d. Kri«gi1c. in BumI. Milit Jonrn. 1856. N. 8. pi«. 97. 7) Hiftor. Acten. IL 
865. 



— 69 — 

c Me'fMi Lamle gesIdlteB Ktepfer (datotschnye Ijudi) zu Fuss. 
Von denselben gilt alles, bereits von den berittenen Streitern 
dieser Art Gesagte, und ist Neues darüber nicht anzuführen. 

L Me PreiwUUgei finden sich noch ausser den übrigen Fuss- 
truppen erw&hnt, doch lässt sich von ihnen Nichts weiter sagen, 
als dass sie in besondere Centurien unter eigenen Hundertern ge- 
theilt, und gewöhnlich keiner bestimmten Heeresabtheilung zuge- 
wiesen wurden. 

3. Die Artillerie. Indem die über das Material dieser Waffe 
zu machenden Angaben dem Abschnitt über die Bewaffnung vor- 
behalten werden, soll hier nur von dem Personal und seiner Or- 
ganisation die Rede sein. Dasselbe kann man in die zu seiner 
Bedienung, seiner Bedeckung und seiner Erzeugung bestimmten 
Mannschaften eintheilen. 

a. Me ledicBug der Artillerie. Im Anfang wurden die Ge- 
schütze in Russland wie im westlichen Europa auf handwerks- 
mässige Weise durch zünftig gelernte Meister, Gesellen und 
Lehrlinge bedient. Später finden sich für diesen Zweck besondere 
Truppenclassen, allerdings noch von einem ziemlich gildenmässi- 
gen Zuschnitt, vor und zwar die Pischtschalniki für die Bedie- 
nung der Rohr-, und die Puschkari ftlr die Wurfgeschütze. Es 
sind keine Notizen • darüber erhalten, ob unter den ersten Artille- 
risten auch Russen waren und ob dieselben dem Zeug nur pro- 
visorisch je nach Bedarf zugetheilt wurden, oder ob sie sich schon 
beständig bei demselben befanden. Das Erstere möchte wahr- 
scheinlicher sein, wenn auch die Angabe, dass im Jahre 1510, 
bei der endlichen Vernichtung der Selbstständigkeit von Pskow, 
der Zar Wassilej den Einwohnern jener Stadt neben 1000 dortigen 
Bojarenkindem auch 500 Pischtschakiiki beliess*), die Berechtigung 
nimmt, das Letztere bestimmt in Abrede zu stellen. Auch die 
im Jahre 1511 erfolgende Einrichtung der Stelle des Waffenmei- 
sters {orushnitschej) wirft kein näheres Licht auf die Frage, 
welche somit als eine offene belassen werden muss. Erst seit 
den Zeiten Johann's IV. Wassiljewitsch — der zuerst es verstand, 
aus der Mitte des eigenen Volkes wirkliche Artilleristen zu bilden, 
wie denn überhaupt unter seiner Regierung die Organisation 
des Artilleriewesens in Russland auf einer so hohen Stufe stand, 
wie nie wieder tor Peter dem Grossen*) — etwa um das Jahr 
1545 erscheinen die ArtUleristen bleibend für den Dienst beim 
Zeug bestimmt'), und wurden sie dann auch im Frieden zur Ver- 
waltung und theilweise auch zur Herstellung des Artilleriemate- 
rials verwendet. Ebenso erhielt unter diesem Fürsten, wie das 
gesammte Russische MiUtairsystem, so auch das Artilleriewesen, 



1) ChmjTOw. D. Artillerie u. d. ArtJll«rid«D im Vor-Petenebea RimbI. Artill. Jon». 1865. 
H. a IK- 4«, 4««. Aun. 1. 2) ibid. ptg. 607. S) iUd. ptg. 688. 



— 60 — 

ein geordneteres, regelmässigeres Ansehen. Seit jener Zeit finden 
sich dann in dem Personal der Artilleriebedienung bereits alle 
die Glassen, welche dasselbe überhaupt in der Zeit vor Peter 
dem Grossen bildeten, nämUch die Puschkari, deren Namen, dem 
mehr zurücktretenden der Pischtschalniki gegenüber, nunmehr 
gleichbedeutend mit Kanonier wurde; die Satinschtschiki, deren 
Namen von satin d. h. Batterie, Stückwall, Bastion, auch Ladung 
abgeleitet ist; die Schmiede (kusneay) und die Zimmerleute 
(plotniki). Eine Eintheilung in Feld- und Festungs -Artilleristen 
bestand nicht, nur scheint der Namen der Satinschtschiki seiner 
eben erwähnten Etymologie nach darauf hinzudeuten, dass sie 
hauptsächlich zu den letzteren bestimmt waren, wie sie sich denn 
auch in der That bei den Feldtruppen nur selten erwähnt finden. 

Was die Stärke der Bedienung der einzelnen Geschütze 
betrifft, so war dieselbe nicht feststehend und wie es scheint nur 
sehr gering. So hatten z. B. von den 1609 auf den Mauern 
von Smolensk befindlichen 25 Geschützen 13 (1 — 12, 5 — 6 und 
7— Ipfdge. Pischtschali) je nur 1 Puschkar, 3 (2— 4pfdge. Pischt- 
schali und 1— 4ipfdger. TüQak) je 1 Puschkar und 3 Pischt- 
schalniki, und 9 Wallpischtschali je 1 Satinschtschik oder 4 Stadt- 
leute 0. Bei den Feldgeschützen wai* die Zahl der Bedienungs- 
mannschaften grösser, wie denn z. B. ein im Jahre 1555 von 
Moskau nach Nowgorod gesendeter kleiner Park von 3 Geschüt- 
zen eine Begleitung von 19 Puschkari, 2 Schmieden und 2 Zim- 
merleuten hatte*). Uebrigens verdient es noch eine besondere 
Erwähnung, dass diese Mannschaften für den genannten Marsch 
beritten gemacht wurden; also, wenn man will, die ersten, aller- 
dings noch rohen Spuren einer reitenden Artillerie. 

h. lie Bedeckug itt Artillerie. Zu diesem Zweck wurde für 
den Feldkrieg ein unregelmässiges Aufgebot vom Lande bestimmt, 
das von der Art seiner Aushebung nach der Zahl der Pflüge 
(ssochi) das Pflugaufgebot (passocha) genannt wurde'). Dasselbe, 
welches sich in dieser Art der Verwendung zum ersten Mal im 
Jahre 1519 auf einem Zug gegen Litthauen erwähnt findet*), 
war oft sehr zahlreich und betrug z. B. auf dem Feldzug gegen 
Lifland in den Jahren 1577 und 1578 bei 54 Geschützen 
4124 Mann zu Pferde und 8600 zu Fuss. Ausserdem war da- 
mals noch ein besonderes in drei Abtheilungen organisirtes Re- 
giment von 453 Mann «beim Zeug» eingetheilt, welches der 
Hauptsache nach aus dem Grossfürstlichen Jagdpersonal bestand*). 
In den Festungen wurde dii^ Bedeckung der Artillerie durch die 
Wächter (storoshi) und Thorwächter (worotniki) bewirkt. 

c lie Stiekgiesser (puschetschnye mastery) sind ebenfalls zu 



1) ibid. i»g. 515. Aom. I. - Hidor. Aeten. IT. K. 259. 2) Snpplem. i. d. bist. Acten. I. N. 78. 
8) OoMh. d. Kricgik. io Rwl. Miltt. Jonra. 186«. N. I. p«ff. 87. 4) ChmTfow. D. Artlllwto «.d. 
ArtillerMra im Vor-P«lerteh«B Biud. ArttU. Joun. 1866. N. 9. pH- 495. 5) 8. Bdli«t N. 1. 



— 61 — 

dem Personal der Artillerie zu rechnen. Abgesehen von den im 
Aaslande geworbenen, von welchen später (üe Kede sein wird, 
finden sich auch schon seit sehr frühen Zeiten geschickte Bus- 
sische Giessmeister. Die berühmtesten derselben waren N. Tupizyn 
und J. Botschkatschew (1500), J. Moskwitin in Wologda (1509), 
B. Nougorodow |(1513), Ignatij (1542), St. Petrow (1553), Bogdan 
(1563), K. Ganussow (1564), A. Tschochow (1568—1577), P. Kus- 
min (1577), Ss. Dubinin (1586—1591), F. Ssaweljew (1594), 
P. Fedorow (1605) u. s. w/) 

Im Allgemeinen lässt sich hier noch von der Artillerie sagen, 
dass sie sich bereits in dieser Periode allmählig zu dem Bange 
einer Waffe zu erheben anfing, wenn ihr auch noch viel Bür- 
gerlich -Handwerksmässiges anklebte. Es zeigte sich jenes auch 
dadurch, dass ihr bestimmte militairische Chefs vorgesetzt wur- 
den. Solche waren zunächst der Waffenmeister (ortishnitschej), 
dessen Stelle — wie bereits bemerkt 1511 eingerichtet — ihm 
die Oberaufsicht über Alles anwiess, was Waffe hiess oder dazu 
gehörte und der somit nach üspenskij dasselbe war, wie später 
der Generalfeldzeugmeister*); demnächst die der Artillerie einer 
Armee seit dem Easanschen Marsch von 1552 im Kriege in der 
Zahl von 1, 2 oder selbst 3 beständig zugetheilten besonderen 
Chefs des Zeuges (ncdschainiki nareadu); und endlich die seit 
1559 eingefOhrten Golowen beim Zeug (ffolotoy u nareadaY), Im 
Jahre 1576 wurde den Chefs des Zeuges zum ersten Mal auch 
das Commando über den Train anvertraut; aber für diesen und 
jenes eigene Golowen bestimmt^). 

Eine besondere Sorgfalt wurde der Artillerie, wie bereits 
angedeutet, unter Johann lY. zugewendet. Ebenso beschäftigte 
sich der erste falsche Dmitrij (Grigorij Otrepiew) vielfach mit 
ihr, indem er nach seiner eigenen Anweisung Geschütze giessen 
und in seiner Gegenwart erproben liess*^). So kam es, dass die 
Russische Artillerie nach dem übereinstimmenden Zeugniss vieler 
Ausländer in ihrer Organisation keiner anderen in Europa nach- 
stand, und sie an Zahl sogar übertraf'). 

4. Die Ingenieure. Sie wurden anfangs ausschiesslich aus 
dem Auslande nach Kussland gezogen und dort rasmpsU ge- 
nannt, was eine ziemlich wörtliche Uebersetzung jenes Wortes ist. 
Bald bildeten sich aber auch Bussische Ingenieure heran, nament- 
lich seit Johann dem Schrecklichen, von denen die bekanntesten 
in jener Zeit folgende waren: Adaschew, Kurbskij, Fürst Ssere- 
brjanij, Wyrodkow, Uschatow, der Djak Mamyrew, Kuleschin, 



1) 0«Mh. d. Krieipile. Id Bnnl. Milll Jonrn. 1866. N. 1. pag. 84. — Wiakowatow. 0«MliiobU. Be- 
•ehniK d. BekL n. Bewaffia. d. tkam, Trappen. I. Anm. 292—820. — Cbmvrow. D. Artillerie n. d. Artil- 
ImtMcb im Voi^PetenKhen Rowl. Artill. Journ. I865. N. 9. WS. 4VI4, 503. 2) Chmyrow. D. Artil- 
teria ■. d. ArtiUerictdB in Vor-Peterwhen Ba«1. Artill. Jovni. 1865. N. 9. pi«. 498. Anm. S. 8) ibid. 
pag. fiOl. Aam. 1. 4) ibid. pag. 501. Anm. 2. 5) GeMh. d. Kriegak. in Rnaal. Milit. Jotuu. 18M. 
H. 3. pag. 98. 6) Saaweljeir. lUter. z. Oeach d. Ingen. K. in Bnasl. pag. 50. 



— 62 — 

SagrjaBhskij, Bobrow, Worotynskij a. A.'). Der Zar selbst war 
ein tüchtiger Ingenieur und leitete manche Belagerung mit Ge- 
schick, doch konnte auch er die Ausländer nicht ganz entbehren. 
Die Zaren Feodor Johannowitsch und Boris Godunow fuhren in 
derselben Weise fort; namentlich bekümmerte sich der letztere 
persönlich viel um den Festungsbau. Von den Enssischen Bau- 
meistern seiner Zeit waren besonders Konon, Fedorow, J. Palew, 
N. Ogarew, Kolzow, Mossalskij, F. Ssaweljew etc. bekannt*). 

5. Die Russischen stehenden Leibwachen jener Zeit Es ist 
bereits in den firüheren Betrachtungen von einzelnen Truppen- 
theilen die Rede gewesen, welche vermöge ihrer speciellen Be- 
stimmung zur Bewachung der Zarischen Person auf den Namen 
einer Garde Anspruch machen können. Namentlich gehören hier- 
zu die Moskauschen Chargen, die Adligen und Bojarenkinder der 
Drushina des Zaren, die Moskauschen Strelzen, und ins Besondere 
der sogenannte Bügelprikas. Ausserdem finden sich aber noch 
andere Truppen, welche ausschliesslich zu dem Zwecke einer 
Leibgarde der Zaren bestimmt waren, und dafür permanent bei 
demselben gehalten wurden. Dazu gehören an national Russischen 
'Formationen die Runden und die Opritschniki, beide zu Pferde 
dienend. 

a. Me Ejiden (ryndyy). Sie wurden bereits unter dem 
Zaren Wassilej Johannowitsch (1505 — 1533) errichtet, fast aus- 
schliesslich aus den Stolniks erwählt und als eine Art Pagen zur 
nächsten und unmittelbarsten Leibwache des Zaren und seiner 
Söhne bestimmt. Im Frieden bildeten sie eine glänzende Pallast- 
truppe, standen bei grossen Versammlungen, öffentlichen Audien- 
zen, beim Empfang fremder Gesandten etc. zu beiden Seiten des 
Zarischen Thrones, gewöhnlich zwei auf jeder Seite^). Im Kriege 
begleiteten sie den Zaren und dessen Söhne als Waffenträger, 
wobei sie von je 2, 3 oder 4 Unterrynden (podryndy) oder Assi- 
stenten (jpoddatni) unterstützt wurden. Die volle Zahl der Ryn- 
den des Zaren auf dem Marsch betrug 7, welche beziehungsweise: 
den grossen Bogen, einen zweiten Bogen, die Lanze, den Wurf- 
spiess, den kleinen Bogen, den Speer und das Feuergewehr des 
Zaren zu tragen hatten. Der Zarewitsch hatte, wenn er beim 
Heer war, seine eignen Rynden und Assistenten, deren volle 
Zahl 6 betrug. Diese trugen der Reihe nach den grossen Bogen, 
die Lanze, den zweiten Bogen, den Wurfispiess, den dritten Bo- 
gen und den Speer. In dieser Weise finden sich die Rynden 
z. B. 1577 auf dem Zuge Johann des Schrecklichen nach Lif- 
land eingetheilt, wo ihnen ausserdem 19 resp. 21 Assistenten 
beigegeben waren'). Nicht immer wurde indess die volle Zahl 



1) iMd. paff. 118. Aam. 289. 2) ibid. pi«. 115. Anm. 847. 8) 0«Msk. d. Kritfik. in BmA. 
MiUt J«iira. Ibö6. N. 1. pi«. 41, 42. - Wiakmnrtow. GMchichftl. BoMsbralb. d. Bekl. o. BeitaAi. d. 
Rm. Trappen. I. 4) Bbcber d. Rmrend. I. paff* 81. 5) S. Beilaff« K. 1. 



— 63 — 

der Rynden mitgenommen, wo dann jeder mehrere StQcke der 
Bewaffiinng des Zaren zu tragen hatte. Bei 3 Rynden trug z. B. 
der l! den grossen Bogen und die Lanze; der 2. den zweiten 
Bogen, die zweite Lanze und den Wurfspiess; der 3. den drit- 
ten Bogen, den Speer und die Rüstung^). 

Zu den Rynden wurden nur die schönsten und edelsten 
Jünglinge aus den vornehmsten Geschlechtern ausgewählt und 
bildeten sie somit weniger eine eigentliche Truppe, als sie viel- 
mehr, wie bereits bemerkt, mehr den Pagen des westlichen Eu- 
ropas entsprachen. Ihre Einrichtung hat sich übrigens bis zu 
Peter dem Grossen erhalten. 

k Bte •prltscbriU^ d. h. die Abgesonderten, die Ausgenomme- 
nen, wurden unter Johann dem Schrecklichen l56ö errichtet und 
bildeten eine Garde, die sich doch trotz ihrer kurzen Dauer — 
sie wurde bereits 1572 wieder aufgelöst — einen gefürchteten 
Namen machte*). 

6. Die allgemeine Landesbewafhung von 1612. Gegen das 
Ende dieser Periode kam bekanntlich Russland nach dem Aus- 
sterben des Rurikschen Mannsstammes lö98 in eine beklagens- 
werthe Lage. Ohne einen allgemein anerkannten Herrscher, von 
äussern Feinden umdroht und von innem Zwistigkeiten zerrissen, 
schien das Land seinem vollständigen Zerfall entgegen zu eilen. 
Namentlich bei Beginn des Jahres 1611 war seine Lage eine 
wirklich verzweifelte geworden: Moskau war in den Händen der 
Polen, Smolensk wurde von ihnen, Nowgorod von den Schweden 
aufs Aeusserste bedrängt; die gewöhnlichen Streitmittel des Lan- 
des waren fast vernichtet, seine finanziellen Kräfte erschöpft. 
Es blieb nur noch eins übrig, die allgemeine Bewaffnung des 
ganzen Landes. Der Nothsclu'ei von Smolensk, der Aufruf des 
Patriarchen Hermogen, und die aufopfernde Thätigkeit des Dja- 
ken Prokopij Ljapunow brachten in 25 Städten des Reiches eine 
solche Bewaffnung zu Stande'); und bereits im Frühling 1611 
zogen die Kämpfer derselben, eingetheilt nach alter Art in Drus- 
hinen, zur Vertreibung des Feindes nach Moskau^). Aber ihre 
Anstrengungen vermochten denselben nicht zu überwinden; sie 
wurden abgewiesen und fast gleichzeitig erlag Ljapunow dem 
Dolch eines, von den Polen gedungenen Meuchelmörders, fielen 
Smolensk und Nowgorod'). Die Lage Russlands war Ende 1611 
verzweifelter als je. Aber seine Kinder zeigten sich ihrem Un- 
glück überlegen, und als das Jahr 1612 in das Land kam, da 
brauste der Sturm der Begeisterung durch dasselbe und wie ein 
Mann erhob sich das ganze Volk. Von Nishnij Nowgorod, von 



1) Wbktfwatow. GeKhiebti. Beschreib, d. Bekl. u. Bewmffn. d. Rats. Trappen. I. Anm. 162. 
2) ibid. Aam. 167. 168. — OcMh. d. Kriegsk. in Rwil. Uilit. Joarn. 1856. N. 1. paff. 38. — Hillt. 
J«iinL 1846. N. 4.p««. 125. 3) Facht. D. 8 Bewaffn. d. Bati. Landet, pa«. 10-12. 4) Ibid. pag. 16. 
5) ibid. pag. 2^ 



— 64 — 

einem einfachen Borger dieser Stadt, dem Fleisch«^ Kosma Minin 
(Ssnchorskij), «dem erwählten Manne des ganzen Bussischen Lan- 
des»'), ging der erste Anstoss aus, und auf seine schlichten 
Worte erhob sich seine Vaterstadt, bewaffnete sich ganz Buss- 
land, in einer Begeisterung, einer Opferfreudigkeit, wie sie die 
Geschichte dieses Landes nur noch zwei Mal — 1812 und 1855 — 
gesehen hat. Anknüpfend an die heroischen Erinnerungen der 
Vorzeit, wurde auch dieses Mal das allgemeine Aufgebot nach 
den einzelnen Städten geordnet und in Drushinen getheilt. Unter 
der Fahrung des kriegserfahrenen Fürsten Dmitrij Michailowitsch 
Posharskij zogen sie gegen Moskau und entrissen diese heilige 
Mutter des Beiches den Händen der Polen und Litthauer. Buss- 
land war befreit*). 

Die ausländischen Truppen. 

Bereits in sehr frühen Zeiten war es üblich, Ausländer in 
Bussischen Diensten anzustellen. So ist in der vorigen Periode 
gezeigt worden, dass schon im 14. Jahrhundert ausländische 
Handwerker aller Art nach Bussland gezogen wurden. Dies 
dauerte auch während dieser Periode fort; namentlich wurden, 
wie davon weiter unt^n näher gesprochen werden wird, auch aus- 
ländische BQchsenmeister und Ingenieure ins Land gezogen. Aber 
auch Kriegsleute fanden in dieser Zeit willige Aulaahme in 
Bussland, und formirte man aus ihnen besondere Truppen. Schon 
Johann UI. stellte einige 1000 Deutsche und Litthauische Ge- 
fangene ins Bussische Heer ein') und bildete ein kleines Heer 
von 2000 Ausländem^). Unter Wassilej IV. wurde nach der 
Eroberung von Smolensk im Jahre 1514 ein Theil der dortigen 
Polnischen Garnison in Bussische Dienste genommen, und nach 
den Tatarischen und Sibirischen Städten geschickt, wo man ihre 
Nachkommen noch bis in die zwanziger Jahre des 17. Jahrhun- 
derts unter den alten Namen der Haidudcen (z. B. inUrshum)'^) und 
der Pacholken (in Swijashsk)") erwähnt findet. Im Laufe der 
Zeit verschwanden diese Namen; man bezeichnete jene Leute 
nur noch als Polen, und da jeder Nachschub ausbUeb, so starben 
sie endlich ganz aus. Von den Schljachtas von Smolensk, Bos- 
lawl und anderen Polnischen Städten wird erst in der folgenden 
Periode zu sprechen sein, da diese, einst Polnischen Besitzungen, 
ganz am Schluss dieser Periode noch einmal wieder für längere 
Zeit unter Polnische Herrschaft kamen. 

Johann der Schreckliche nahm eine Anzahl Kalmücken 



1) Ibid. Mf. 24. 2) ibid. {«ff- 88. 3) 0«wh. d. Krimk. in Buil. Mllit Jon». 1856. N. I. 
Mf. 88. 4) ObratMh«w. Betr. d. gmekr. v. gedr. DenkmUer ftbar d. Kriccik. in Baal. MiUt 
J»ora. 1853. N. 4. pag. 16. 5) Bflcber d. Banwd. I. pif. 1144, 1S51, 1356. 6) ibid. pif. U45, 1252. 



^ 65 — 

in Sold'), behielt aber die schon existirenden ausländischen Dru- 
shinen bei. Letztere — aus Schweden, Deutschen und Engländern 
gebildet — findet man seit jener Zeit beständig in den Bussischen 
Heeren. Am Ende des 16. Jahrhunderts (1584), unter dem Zaren 
Feodor Johannowitsch, dienten in der Russischen Infanterie 
bereits 4300 Deutsche und Polen, 4000 Litthauische Kasaken, 
150 Schotten und Niederländer, 100 Dänen, Schweden und 
Griechen*). Unter Boris Godunow wurde eine regulaire 
Fremdendrushina von 2500 Mann — grösstentheils aus Polen 
und Lifländem, aber auch aus Schotten, Dänen, Schweden, Kai-' 
serlichen, Franzosen und Griechen bestehend — gebildet'), zu 
deren Werbung unter Anderen der Djak Wlassjew nach Oester- 
reich geschickt wurde. Diese Drushina zerfiel in mehrere Com- 
pagnien, die unter eigenen ausländischen Bittmeistern standen, 
Yon denen besonders der Franzose Jakob Margeret und der Lif- 
länder Walther von Bösen bekannt geworden sind*). Sie hatte 
aber keinen langen Bestand, sondern wurde nach dem Tode des 
Boris Godunow wieder aufgelöst. Der erste falsche Demetrius 
(Grigorej Otrepiew) formirte im Jahre 1605 eine Leibgarde aus 
Ausländem, die mit ihm stand und im May 1606 mit ihm fiel. 
Dieselbe bestand aus 3 Gentui^en oder Gompagnien von 100 Mann, 
und zwar die 1. aus Franzosen unter dem schon oben erwähnten 
Jakob Margeret, die 2. aus Engländern unter dem Lif- oder Chur- 
länder Matthias Knutsen, die 3. aus Schotten unter dem Hauptmann 
Albert Vandemon — nach anderen Angaben Lantä — . Die 
Mannschaften der ersten Compagnie waren Partisaniere, die der 
beiden andern Hellebardiere*). Ausserdem zog der falsche De- 
metrius noch so viele Deutsche und Lifländer, wie er bekommen 
konnte, an sich, da er auf die Nationalrussen sich nicht verlassen 
durfte. Unter dem Zaren Michailo Wassiljewitsch Skopin- 
Schuisskoj wurden zur Ausbildung der Bussischen Truppen haupt- 
sächlich Schwedische Offiziere ins Land gezogen, so namentlich 
der Chef Somme. Dieser übte die neu geworbenen Bussischen 
Krieger täglich nach den in Holland von dem Prinzen Moritz von 
Nassau eingeführteü Begeln, stellte Manöver an, unterrichtete sie 
in der Handhabung der Waffen, im Schanzen- und Festungsbau 
etc.*) Ausserdem wurden im Jahre 1608 wieder grössere Abthei- 
lungen ausländischer Truppen angeworben, und zwar von zwei 
Hauptfeinden Busslands, den Schweden und den Krymschen Ta- 
taren. In den Wirren des Zwischenreiches, wo es in Buss- 
land keinen allgemein anerkannten Herrn gab, wandten sich näm- 



1) Ftotho. üaK d. BAtotob.« d. Forticlur. n. d. gegenw. Verf. d. Bnm. ArmMB. paff. 5. 2) UeK 
d. CkTsU. MUit. Joorn. 1840. M. 6. pw. 86. 8) ü«tij&low. D. Buii. He«r Tor Peter d. Gtoimb. 
pag. 10. 4) ibid. paff. 11 Anm. 1. 5) ibid. paff. 11. Anm. 2. - Wiskoirftioir. QeMhIehtl. Beschxeib. 
d. BeU. V. BnraAi. d. Kam. Toppen. I. Anm. 169. 6) Smreljew. Mmtar. i. Oeaoh. d. logen. K. in 
fioMl. pag. 120. Ann. 255. 

Brijt, 0«Mh. d. ftit. K«M. H««MMlBrieht. 5 



— 66 — 

lieh die Augen eines Theils der Rassen auf die Feinde, die es 
am gefährlichsten bedrohten, die Schweden und die Polen, und 
erbaten sich, in der verzweifelten HoflFhung, sie dadurch zu ent- 
waffnen, von dort einen neuen Regenten. Im Norden knüpfte 
namentlich Nowgorod unter dem Fürsten Wassilej Johannowitsch 
Schuisskoj Verhandlungen mit Schweden an'), in Folge deren 
sich Carl IX. bereit erklärte, den Russen Hülfstruppen in Sold 
zu geben'). Nach einem Brief von 3. Januar 1609 an Nowgorod, 
sandte er seinem „grossen Kriegswoewoden,'' dem Grafen Joachim 
Friedrich Mansfeld, Vollmacht zum Unterhandeln'), der in Folge 
dessen seinen Secretair, den Mönch Martynow, nach Nowgorod 
schickte. Hier wurde Ende Februar 1609 ein Contract aufge- 
setzt, in welchem Carl IX. sich gegen den Zaren Schuisskoj ver- 
pflichtete, ihm gegen einen bestimmten Sold 2000 Reiter und 
3000 Mann Infanterie unter Axel Kurk, dem Marschall Christian 
Ssum oder Schur, Andreas Boie und Eduard Hom zur Hülfe zu 
schicken; auch wollte er auf Verlangen noch mehr umsonst stel- 
len. Dagegen machte sich der Zaar seinerseits zu einer gleichen 
Leistung verbindlich*) und trat die Stadt Korel mit ihrem Gebiet 
an Schweden ab*). Zum Empfang dieser Truppen und zur Füh- 
rung derselben nach Nowgorod wurden der Stolnik Golowin und der 
Djak Wassiljew abgeschickt®). Von Wyborg aus rückten dieselben 
am 3. März mit 8000 Reitern und 4000 Fussgängern ein'). Aus 
Söldnern aller Nationen, als Schweden, Schotten, Dänen, Fran- 
zosen, Engländern, Holländern, Brabantem etc. bestehend, waren 
diese Truppen in 4 Abtheilungen oder Regimenter getheilt*), 
und zwar 2 Regimenter Reiter unter A. Kurk und Ch. Schur, 
und 2 Regimenter Infanterie unter A. Boie von 2200 und E. Hom 
von 1800 Mann; das ganze Corps kommandirte der bekannte 
Schwedische General Jakob Pontus de la Gardie"). 

Später kamen dazu noch 3643 Franzosen und Schotten unter 
C. Boie und 0. H. Farmener und endlich noch 2000 Mann unter 
dem Grafen von Mansfeld '"), so dass die Gesammtzahl der von 
Schweden gestellten Kriegsmacht 17,643 Mann betrug. Da die 
zerrütteten Verhältnisse des Russischen Reiches es aber unmög- 
lich machten, den ausbedungenen, wie später gezeigt werden 
wird, ziemlich bedeutenden Sold zu zahlen, und da die genannten 
Anführer auch ernstlich auf die Wahl eines Schwedischen Prinzen 
zum Russischen Zaren drangen, während anderer Seits die Russen 
nur auf Bewahrung ihrer Unabhängigkeit bedacht waren, so 
scheinen diese Soldtruppen in Russland wenig Dienste geleistet 
zu haben. Ueberhaupt ist das ganze Verhältniss etwas unklar, 

1) Acten d. Arck. Exped. I. N. 94. 2) ibid. N. 9d. 3) Samml. d. Staatoerl. q. Vertr. IT. 
N. 108. 4) HUtor. Acten. 11. N. 158. 5) ibid. N. 160. 6) Acten d. Arch. Exped. 1. N. 113. 
7) ibid. N. 112. S) ibid.N. 108, Uh. 9) ibid. N. 13,^), 186. — Hietor. Acten. II. N. 263. - Samml. 
d. 8taatMrI. n. Vertr. II. N. l^fl. 10) Acten d. Arch. Exped. I. N. 13:). 136. 



— 67 — 

da sich die Angaben der Qaellenschriften vielfach widersprechen. 
Schliesslich gebehrdete sich de la Gardie im Norden vollständig 
russenfeindlich und begann Eroberungen im Schwedischen In- 
teresse. 

Gleichzeitig mit den Schv^eden hatte auch der Krymsche 
Chan Ssalamet Girej Hülfstruppen an Russland versprochen, die 
er in der Zahl von 40,000 Fürsten, Mursen und andern Mann- 
schaften unter seinem Sohne Kalga in Russischen Sold geben 
wollte^). Die Sache scheint aber noch resultatloser abgelaufen 
zu sein, wenigstens ist von diesen Truppen nirgend wieder die 
Rede. 

Bei den Erfahrungen, die Russland in jener Zeit mit den 
Ausländern machte, kann man sich nicht wundern, dass in der 
Folge derartige Anerbietungen zum Eintritt in den Russischen 
Dienst nicht besonders günstig aufgenommen wurden. So hatten 
im Februar 1612 A. Freiherr aus Fladorf, A. Aston aus Turnal 
und J. Gilja durch P. Hamilton dem Fürsten Posharskij, welcher 
damals das allgemeine Nationalaufgebot im Norden zum letzten 
Befreiungsversuch concentrirte, von Hamburg aus ihre Dienste 
gegen die Polen und Litthauer angeboten. Wie sie selbst sagten, 
flihrten sie «grosse Capitaine und Soldaten». Dieses erste An- 
gebot scheint nicht angekommen zu sein, wenigstens schickten 
sie am 19. Mai ej. a. den schon mehrmals erwähnten Margeret 
von Hamburg nach Archangel, um dort einen Mietbscontract ab- 
zuschliessen, worauf sie dann mit ihren Truppen im Herbst auf 
Englischen und Niederländischen Schiffen nach Archangel kommen 
woUten. Margeret war aber vielleicht der ungeeignetste Bote, 
den sie hätten senden können. Denn abgesehen davon, dass die 
eifrigen Russen ihm seine, dem falschen Dmitrij geleisteten Dienste 
nicht verziehen, war er nach Auflösung der Garde des Letztern, 
bei der er bekanntlich gedient hatte, in Polnische Dienste ge- 
treten und hatte hier, anfangs als Lieutenant in einer Deutschen 
Compagnie unter P. Borkowskoj im Heere des A. Gassewsky, 
später als Rathgeber des Polnischen Königs, Russland manchen 
Nachtheil zugefügt. Wenn aus diesem Grunde seine Botschaft 
ohne Erwiderung geblieben zu sein scheint, so muss doch den 
genannten Herren viel daran gelegen haben, in Russische Dienste 
zu treten; denn sie schickten zu gleichem Zwecke noch einen 
dritten Boten, den Hauptmann J. Schaff. Darauf erwiderte dann 
der Fürst Posharskij, dass man vorläufig fremde Soldtruppen nicht 
mehr anwerben wolle, da die nun vereinigten Nationalkräfte, und 
die schon von früher her im Moskauschen Reich dienenden Lit- 
thauer und Deutschen — die sogenannten Ausländer des alten 
Auszugs {inosemzy starago wyesdu) — zur Bekämpfung der 



1) Ramml. d. SUateerl. ü. Verir. 11. K. 1B6. — Histor. Acten. II. N. 268. 

ö* 



— 68 — 

Feinde ausreichend erschienen. Sollten diese aber in der Folge 
sich nicht als genügend erweisen, so wollte man auf ihre Aner- 
bietungen zurück kommen und dann auch das Nöthige wegen des 
monatüchen oder vierteljährlichen Soldes festsetzen. 

Zu den ausländischen Heereselementen jener Zeit sind auch 
noch die aus dem Auslande herbeigezogenen Artilleristen, Ge- 
schützmeister und Ingenieure zu rechnen. 

Ausländische Artilleristen wurden besonders im Anfang dieser 
Periode ins Land gezogen, namentUch befanden sich unter den 
Zaren Wassilej Johannowitsch und Johann Wassiljewitsch viele 
Böhmische und Deutsche Artilleristen, wie z. B. Stefan, der Mos- 
kausche Puschkargolowa Nikolas aus Speyer, Jordan aus Inspruck 
u. a. in Russischen Diensten^), und ebenso wurden während der 
ganzen Periode fortwährend Büchsenmeister und Ingenieure aus 
dem Auslande herbeigezogen. So wurde 1473 ein besonderer 
Gesandter, Ssemen Tolbusin, nach Italien zu dem Dogen von Ve- 
nedig geschickt, um einen geschickten Baumeister, der gleichzeitig 
auch ein tüchtiger Giessmeister wäre, zu erkunden und nach 
Russland einzuladen. Unter mehreren Andern, die jener mit- 
brachte, ist besonders Alberti Fiorawanti aus Bologna zu erwäh- 
nen, der damals wegen seiner als Wunder angestaunten Bauwerke 
eine Europäische Berühmtheit, von dem Ungarischen König für 
den Bau einer ungewöhnlichen Brücke zum Ritter ernannt, vom 
Sultan Mahmud n. nach Constantinopel berufen und so allgemein 
bekannt war, dass man ihn, wie eine Chronik sagt, » seiner Klug- 
heit wegen Aristoteles nannte«. Dieser berühmte Mechaniker, 
Ingenieur und Architect kam 1473 oder 1474 mit seinem Sohn 
Andreas und einem anderen Verwandten Peter nach Moskau, wo 
er zunächst durch den Bau der Uspenskischen Gathedrale seinen 
Namen auch für Russland berühmt machte, dann aber alsbald 
daselbst die erste Geschützgiesserei einrichtete, und endlich auch 
als praktischer Artillerist auftrat, indem er 1485 bei dem Zuge 
Johanns HI. nach Twer das ganze »Feuergeschütz -Zeug« com- 
mandirte"). 

Im Jahre 1482 wurde ebenso der Djak F. Kurizyn nach 
Ungarn zu dem König Matthias Corvinus geschickt, um dort Ge- 
schützmeister zum Giessen und Bedienen von Geschützen, Inge- 
nieure und Handwerker aller Art anzuwerben, doch kam dies 
nicht zur Ausführung, da jener bei seiner Rückkehr in Belgrad 
von den Türken aufgehalten wurde"). 1485 findet sich in Russ- 
land ein Giessmeister Jakob erwähnt, von dem eine damals ge- 



1) a^weljew. Mater. %. Qmih. d. Ingen. K. in Bnari. pif. 100, 110. - ChmjrrQW. D. Artilleri« 
a. d. Artill«riit«n im Vor-Petaraeben Rwl. Artlll. Jonn. 1866. N. 9. pa«. 4M. 2) anwe^cw. 
Mater, s. Qmdh, d. Ingm. K. in Bnaal. paf. 107. — Chmjrow. D. Artillerie n. d. Arülleriaten im 
Vor-Petor«dien BnaiL ArtilL Jonm. 1866. N. 9. pa<p. 486. Anm. 1 und 2; paf. 48». Ann. 1. — Gtaeh. 
d. Kriegrt. in Boeal. MiUt Jenn. 1866. N. 1. ptf. 88. 3) ChnTrow. D. ArtiUerie o. d. Artillcriattn 
im Vor>IVtencken Bnad. Artill. Jonm. 1866. K. 9. paf. 488. Anm. 8. 



— 69 — 

gossene 2pfdge. Pischtschal noch jetzt als ältestes bekanntes Stück 
existirt^). Ebenso goss 1488 der Yenetianer P. de Bols in Mos- 
kau ein ungeheures Rohr — das Zar-Geschütz — , welches aber 
nicht mit dem noch jetzt unter diesen Namen vorhandenen, aus 
einer späteren Zeit herrührenden, und daher in der Folge noch 
zu erwähnenden zu verwechseln ist'). Im Jahre 1489 wurde der 
Grieche G. Trachaniot zu dem Deutschen Kaiser Friedrich III. und 
seinem Sohn Maximilian geschickt, um dort unter Anderen einen 
Meister anzuwerben, «welcher Städte anzugreifen», und einen an- 
dern, «der aus den Wurfgeschützen zu schiessen verstände»'). 
Im Jahre 1490 kamen mit den, aus Italien zurückkehrenden 
Russischen Gesandten D. und M. Paläologus Ral der Architect 
P. A. Frjasin, sein Gehülfe Samantoni, ein zweiter Geschütz- 
meister Jakob und andere Mauer- und Pallastmeister nach Mos- 
kau^). 1493 wurden zwei neue Gesandten, der Grieche M. An- 
gelow und D. Mamjrrew, nach Venedig und Mailand geschickt, 
die im folgenden Jahr den berühmten Mauermeister Alewis und 
den Stückmeister Peter Antonij mitbrachten*). Auch 1499 wur- 
den nochmals zwei Gesandten, der Grieche D. P. Ral und 
M. F. Karatscharow nach Italien und A. Sabolozkij nach der 
Krym geschickt, die bei ihrer Rückkehr nach Moskau in den 
Jahren 1504 und 1505 viele Mauer- und Geschützmeister mit- 
brachten*). Alle diese gössen dann in Russland selbst Geschütze. 
Auch Handwaffen fing man schon an, in Russand zu fertigen; 
unter den Waffenschmieden dieser Periode sind z. B. M. Dawydow 
und Ssawin in Moskau, und die Büchsenmacher G. Wjätkin und 
T. Lutscheninow bekannt. 

Jeder nach Russland kommende Geschützmeister oder Inge- 
nieur bekam seine Gehülfen zugetheilt und musste diese in sei- 
ner Kunst unterrichten. Sie nahmen eine sehr angesehene Stel- 
lung ein und wurden als «schlaue, in der Städtezerstörung er- 
fahrene Leute» bezeichnet^- 

Unter Johann dem Schrecklichen bildeten die ausländischen 
Ingenieure eine besondere Gesellschaft; sie hatten ihre Lehrlinge 
und bauten in Gemeinschaft mit Russen Festungen, deren An- 
griff und VertheicUgung sie gleichfalls lehrten und leiteten. Er- 
fahrungs- und kenntnissreicher als die Inländer, geben sie dem 
Festungskrieg eine neue Wendung, den dazu nöthigen Arbeiten 
ein geordnetes Ansehen und eine wohl überlegte Ausführung^). 



1) Wiskowatow. OeMhichtl. Bewhreil». d. B«kl. n. BawftAi. d. Bum. Trappen I. 2) GcKh. d. 
Krkgdc. iB BqmI. MUit Jonrn. I8ö4. N. 1. pag. 38. - Chmyiow. D. Artillerie a. d. Artilleristen im 
y«r-PMenehen BsmI. Artill. Jonrn. 1865. N. 9. v^. 489. Arno. 8. 3) Snweljew. Mater, i. Oenh. 
d. Ingen. K. In Bn«l. pag. 107, 106. Anm. 217. 4) ibid. pag. 108. Anm. 218. - Cbmyrow. D. Aiw 
tillerie n. d. Artillerieten im Tor- Peteieehen Boari. Artill. Jonrn. 1865. N. 9. pag. 489. Anm. 4. 
6) flnwnUew. Mater, s. OeKh. d. Ingen. K. in Banl. pag. 108. Anm. 219. — Chmjnm. D. ArtUlerie 
n.d. ArtUleristen im Yor-Peteiaehen BoaaL Artill. Jonrn. 186ö. N. 9. pag. 490. Anm. 3. 6) 8«tirel. 
jew. Maler, i. OeKh. d. Ingen. K. In Bn«l. pag. 108. Anm. 220. 7) ibid. pag. 108, 109. Anm. 222. 
8} iUa. pag. 110. 



— 70 — 

Trotz der stets wachsenden Zahl der Baumeister Russischer Na- 
tionalität, konnte man doch die Ausländer auch später noch nicht 
entbehren. So schickte auch Johann der Schreckliche den in 
Russland lebenden Sachsen Schutt nach Deutschland, um von 
dort verschiedene Handwerker, namentlich Steinarbeiter und Ar- 
chitekten, nach Russland zu ziehen. Dies dauerte auch während 
dieser ganzen Periode fort, indem man beständig neue Inge- 
nieure etc., namentlich aus Deutschland, England und Holland, 
herbeizog*). 

Endlich ist bei der Betrachtung der ausländischen Elemente 
in den Russischen Heeren jener Zeit noch der, aus der Fremde 
berufenen, Aerzte zu gedenken, obgleich sich darüber nicht viel 
sagen lässt. Ihre Engagirung erfolgte ganz in der oben erwähn- 
ten Art, wie z. B. im Jahre 1600 ein gewisser R. Beckmann 
nach Lübeck geschickt wurde, um dort einen Arzt für den Russi- 
schen Dienst zu gewinnen')- 

Hiermit schliessen wir die Betrachtung über die während 
der vorliegenden Periode in Russland dienenden Ausländer, und 
bemerken nur noch in sprachlicher Beziehung, dass man damals 
alle die, welche aus dem Abendlande kamen, mit dem allgemeinen 
Namen der Deutschen (nemey) zu bezeichnen pflegte, wo es dann 
nach der damaligen Ausdrucksweise Englische, Schwedische, Dä- 
nische etc. Deutsche gab. 

Ausser allen in dem Vorigen angeführten Truppen, welche 
vorherrschend für den Feldgebrauch bestimmt waren, kommen 
auch noch andere, nur für die Vertheidigung ihrer Vaterstadt 
bestimmte Mannschaftsclassen vor, die man mit den Garni- 
sonstruppen einer spätem Zeit um so mehr vergleichen kann, als 
sie zum wesentlichen Theil aus den nicht mehr Felddienst fähi- 
gen Individuen der verschiedenen Dienstclassen gebildet wuiden. 
Ein näheres Eingehen auf diese Truppen der nächsten Periode 
vorbehaltend, ist hier nur noch zu bemerken, dass man sie in 
ihrer Oesammtheit Sassada, d. h. eigentlich Hinterhalt, später 
Ossada, d. h. Belagerung, nannte. 

Die Organisation der Truppen im Kriege. 

Was die Organisation der Heere im Kriege betrifft, so ist 
darüber Folgendes zu bemerken: Jedes grössere Heer wurde in 
5 Abtheilungen oder Regimenter getheilt: das Wachregiment 
(storoshewoj pclk) bildete die Avantgarde; das grosse Regiment 
(bolschoj polk) das Centrum, das Regiment der rechten Hand 
(polk prawoj rukt) den rechten, das Regiment der linken Hand 
(polk lewoj ruki) den linken Flügel des Gros; endlich das Hin- 

1) ibid. iNiff. 114. Ann. 241. 2) fUäUn. AetoB II. N. 84. 



— 71 — 

terhaltsregifnent (sassadnoj polk) die Reserve. Ausserdem gab es 
noch eine besondere Abtheilung unter dem Namen des Avertisse- 
ments (Jartatd) oder des Avertissements- Regiments (jartaulnoj 
polk), welches als leichte Abtheilung vor der Avantgarde mar- 
schirte. Letzteres hatte gleichzeitig die Sicherung des Marsches 
gegen den Feind, die Instandsetzung der Wege, Aufräumung der 
Hindernisse, sowie die Einrichtung der Brücken und üebergänge 
zu besorgen. Später trat in der Benennung der einzelnen Re- 
gimenter insofern eine Aenderung ein, als die Avantgarde den 
Namen des vorderen Regiments {peredowyj polk) erhielt, während 
der frühere Namen derselben, Wachregiment, auf die Reserve 
übertragen wurde. 

Nahm der Zar selbst am Marsche Theil, so wurde als Garde 
dessielben noch ein besonderes Regiment unter dem Namen des 
Herrscher-Regiments (Gossudarew polk) gebildet. Zu demsel- 
ben gehörten zuerst die obersten Hofchargen, die zur Begleitung 
des Zaren bestimmt waren, demnächst die Rynden des Zaren und 
seines Sohnes mit ihren Assistenten, dann sechs Abtheilungeu 
k 5 Mann zum Besetzen der Ehrenwachen beim Zaren unter vier 
Inspecteuren, weiter eine Anzahl Bojarenkinder als Ordonnanzen 
unter zwei Bojaren oder Okolnitschi, die Fahnenwache für die 
grosse Zarenfahne, endlich einige Abtheilungen Bojarenkinder ver- 
schiedener Städte und eine Anzahl Strelzen. 

Jedes der fünf Regimenter des Heeres bestand aus 2 bis 3 
Abtheilungen Bojarenldnder nach der Zahl der Woewoden, einer 
Abtheilung Strelzen, einer Abtheilung Easaken, und nach Um- 
ständen auch noch aus einer Abtheilung Tataren*). In der Folge 
vertheilte man auch die in Russland lebenden Ausländer in be- 
sonderen Abtheilungen an die verschiedenen Regimenter. Die Ar- 
tillerie wurde anfangs dem Bestände des grossen Regiments 
zugetheilt; später — zum ersten Male im Jahre 1519 auf dem 
Zuge gegen Litthauen — erscheint das Zeug als activer Theil ver- 
schiedener Truppenabtheilungen die mit ihm aus verschiedenen 
Städten ausrückten*), und endlich — etwa seit 1552 — bildete 
es im Heere eine eigene Abtheilung unter emem oder mehreren 
Chefs (Woewoden)'), ohne indessen den Namen eines Regiments 
zu führen. Dieselbe wurde nach der Zahl der Woewoden in 
2 bis 3 Unterabtheilungen eingetheilt und bestand gewöhnlich ausser 
den eigentlichen Bedienungs - Mannschaften aus dem Zarischen 
Jagdpersonal, dem bisweilen noch einige Bojarenkinder zugefügt 
wurden. Die als Bedeckungstruppen der Artillerie zugetheilten 



*) Nach der Geschichte von Kasan bestanden die einzelnen Kegimenter 
aus 6000 Bojarenkindern, 1000 Strelzen und 7 oder 800 Kasaken. (Ssaweljew. 
Mater, z. Gesch. d. Ingen. E. in Russl. pag. 60). 

1) Chmyrow. D. Artillerie iL d. Artilleristen im Vor-Petenchen BubL Artill. Joum. 1866. 
H. «. PH. 494. 2) iUd. ps«* SOO, 601. 



— 72 — 

Pflug-Leute (possoschnye Ijudt) oder die Possocha standen ausser- 
halb dieser Abtheilung für sich. 

Als Beispiel von der Organisation der Heere in dieser 
Zeit, ist in der Beilage No. 1. die Organisation und Zusammen- 
setzung des Heeres gegeben, mit welchem der Zar Johann Wassil- 
jewitsch der SchreckUche in den Jahren 1577 und 1578 gegen 
lifland zog. 

Wurde eine Theilung der Armee für nöthig gehalten, so 
führte man dieselbe in verschiedener Weise aus. Für Detachi- 
rungen auf kürzere Zeit commandirte man wohl ein ganzes Ee- 
gimfent, z. B. das Wachregiment oder die eine Hand (Flügel). 
Dauerte aber das Gommando voraussichtlich längere Zeit, so 
störte man durch eine solche Detachirung nicht gern die orga- 
nische, auf die damalige Kriegführung berechnete, Gliederung der 
Armee, sondern man formirte durch Abgabe einzelner Theile der 
Regimenter, wobei man oft bis zu den geringsten Einheiten, ja 
selbst bis zu den Mannschaften der einzelnen Städte herunter 
ging, ein anderes Corps, das sich nach seiner Stärke und Bedeu- 
tung mehr oder weniger der Organisation der Hauptarmee näherte. 
War es erheblich kleiner, so formirte es auch wohl nur ein grosses, 
ein vorderes und ein Wachr^iment, während die beiden Flügel 
und die besondere Abtheilung für die Artillerie ausfielen; war es 
aber annähernd ebenso stark, so wurde es auch in fünf Regimen- 
ter und eine Abtheilung für die Artillerie getheilt 

B. Die Commandos')- 

Die Verwaltung und Befehligung der Truppen im Frieden 
und im Kriege unterschieden sich zu jener Zeit so wesentlich 
von einander, dass beide eine abgesonderte Betrachtung erfordern. 

Die Verwaltung im Frieden. 

Diese fiel mit der allgemeinen Landesverwaltung zusammen 
und hatte drei Instanzen; eine niedere, die in den einzelnen Städ- 
ten für locale Zwecke ausgeübt wurde, eine mittlere in den Pri- 
kasen und andern Gentralbehörden, und eine höhere in dem 
Staatsrath in Moskau. 

1. Die niedere Instanz. Sie wurde aus den Verwaltungs- 
beamten der Bezirke und aus den Stadtbehörden gebildet. Zu 
den in militairischer Hinsicht zu erwähnenden Beamten gehörten 
zunächst: 

a. Ble StadltwMw^deB. Es gab von ihnen drei Glassen, von 
denen die der 1. Classe Regiments- und Belagerungswoe- 



1) Ooliiyn. Q«Mb. d. GMenlit. Milit. Jonrn. 1867. M. :i. pag. 26 bis 42. 



— 73 — 

wo den (poUcowye i ossadnye woewody) hiessen. Dieselben hatten 
sowohl die für die Feldarmee, als auch die für die Besatzungs- 
truppen bestimmten Mannschaften ihres Bezirks, sowohl in mili- 
tairischer als in bürgerlicher Hinsicht unter sich, und können 
also ungefähr den heutigen Civil- und Militairgouvemeuren ent- 
sprechend angesehen werden. Sie wurden aus den Bojaren und 
den Okolnitschi bestimmt. 

Die 2. Glasse bildeten die blossen Belagerungswoewoden 
{ossadnye woewody), aus den Okolnitschi oder Stohiiki ernannt, 
welche — den modernen Festungscommandanten entsprechend — 
das Commando über die Festungen, besonders an den Grenzen, 
und über die in ihnen stehenden Truppen führten. 

Die 3. Classe endlich bildeten die eigentlichen Stadtwoe- 
wodfen (ßorodowye woewody). Sie befanden sich in allen den Städ- 
ten, wo dienstpflichtige Leute wohnten, die im Fall eines Feldzuges 
dem Heer zugeschickt werden mussten. In der Regel wurden 
sie aus den Dienstclassen der Stohüki, Streaptschi und Adligen 
bestimmt; hatten im Frieden in ihren Städten die Justiz über 
die Mannschaften derselben zu verwalten, im Kriege die Aus- 
4iebung der aus ihrem Bezirk zum Marsch designirten Leute und 
die Absendung derselben zum Heere zu bewirken. Ihre Functionen 
waren somit nicht eigentUch militairischer Art; vielmehr lassen 
sie sich eher mit den Civilgouvemeuren, Landräthen, oder höch- 
sten Stadtbeamten der Neuzeit vergleichen. 

Unter diesen drei Chargen standen sämmtliche, in den Städten 
oder auf dem Lande auf ihrem Lehns- oder Erbgut lebenden, 
dienstpflichtigen Mannschaften, mit {Jleiniger Ausnahme der Strel- 
zen. üeber aUe diese führten die Woewoden genaue Verzeich- 
nisse, in welchen Namen, Stand, Wohnort, Vermögen, Zahl der 
Kinder etc. von jedem einzelnen Mann genau angegeben war, um 
danach bestimmen zu können, wie jeder im Fall eines Krieges 
»beritten, bemannt und bewaffnet« (kok kto konen, Ijuden i oru- 
shen) zum Heere zu stossen habe, und um ferner die rechtzei- 
tige und ordnungsmässige Heranziehung der heranwachsenden 
Kinder danach zu bewirken. Was die Strelzen betrifft, die auch 
im Frieden sich in den Städten im activen Dienst befanden, so 
erfolgte ihre Verwaltung durch die Stadtwoewoden in Gemein- 
schaft mit den Golowen derselben. Im Kriege hatten die Stadt- 
woewoden die von ihnen geführten Listen den zur Einberufung 
der Mannschaften von Moskau geschickten Aushebungscommis- 
saren mitzutheilen, oder, falls solche nicht besonders gesendet 
wurden, die Aushebung selbst zu bewirken. 

Anfangs wurden die Woewoden und Statthalter für einen Zeit- 
raum von drei Jahren ernannt; später wurden die Stellen einfach 
verkauft und denen gegeben, die dafür am meisten beim Basread 
boten, oder sie wurden als Sinecuren verdienten Leuten an Stelle 



— 74 — 

der Pension verliehen*). Die Woewoden der letzteren Art nannte 
man versorgte (Jcormowye woewody) . 

Bei Ausfährang ihrer Geschäfte standen den Stadtwoewoden 
bestimmte Gehülfen zur Seite. 

b. iie CehilfeM der 8tadtw«ew«deM waren die Djaken und 
Podjätschen, deren Zahl sich nach der Maoht, Wichtigkeit und 
Bedeutung der Städte richtete. Sie wurden gewöhnlich aus Per- 
sonen von geringerem Range, oder doch wenigstens jüngerem 
Dienstalter, ausgewählt, und ist Folgendes über sie zu bemerken : 

Die Djaken (djaki, diaki, dejaki) bildeten in jener Zeit 
eine besondere und sehr wichtige Beamtenclasse, standen in glei- 
chem Range mit den Adligen und hatten die Führung der dienst- 
lichen Correspondenz und überhaupt die Bureaugeschäfte unter 
sich. Ausser Lesen, Schreiben, Rechnen mussten sie auch die 
Gesetze und Geschäftsführung kennen, und ihre Stellung galt in 
Folge dessen für so wichtig, dass kein einiger Maassen bedeutendes 
Geschäft ohne sie abgemacht wurde. Demnach nahmen sie in jener 
Zeit unbestritten die erste Stelle bei den verwaltenden Behörden 
und Gonmiandos ein und versahen nicht selten sogar die Stellen 
ihrer Chefs. Nach modemer Terminologie könnte man sie somÄ 
als Geheimsecretaire oder Bureauchefs der Woewoden bezeichnen. 

Die Podjätschen {podjatschie) oder Unterdjaken waren 
die Gehülfen der vorigen. Sie zerfielen in drei Classen: jüngere, 
mittlere und ältere. Von den letzteren wurden die verdientesten, 
erfahrensten und kenntnissreichsten gelegentlich zur Vertretung 
kranker oder fehlender Djaken verwendet, bei besonderer Geeignet- 
heit auch wohl zu den Stellen derselben befördert. Im Allge- 
meinen hatten aber die Podjätschen die Dienste der jetzigen Can- 
zelisten und Schreiber zu versehen. 

2. Die mittlere Instanz. Bei der Verwaltung im Frieden 
bildeten diese Instanz die Prikase und anderen Verwaltungsbehörden 
in Moskau. Die Prikase (prikasy) wurden zuerst von Johann HI. 
als bestimmte Behörden mit einem gewissen Wirkungskreis und 
genau festgesetzten Rechten und Pflichten eingerichtet, unter seinen 
Nachfolgern aber vermehrt und verbessert. Ihre abschliessende 
Form erhielten sie erst im 17. Jahrhundert. Jeder Prikas, d. h. 
also jede Verwaltungsbehörde, stand unter einem Bojaren, Okol- 
nitschej oder anderen hohen Beamten als Vorsitzenden, 1 bis 2 Ge- 
fährten desselben, 1 bis 3 Djaken und einer unbesimmten Anzahl 
Podjätschen. Eine solche Behörde hatte ihre ganz bestimmten, auf 
den Hof, die Gesandtschaften, Civiladministration , Justiz etc. be- 
züglichen Geschäfte, die aber vielfach auch in die Militairverwal- 
tung übergriflTen, abgesehen von den vorherrschend militairischen 
Prikasen. Die Zahl der Prikase wechselte zu verschiedenen Zeiten. 



1) 0«Khiolitl. Abri« d. VoMif . d. fliiili«. MUii in Bosl. mm. BmubI. 1868. N. 12. PK- 8». 



- 75 — 

Nach einem, gegen Ende dieser Periode auf Veranlassung der 
Polnischen Regierung in den Jahren 1610 his 1613 für den Polni- 
schen Kronprinzen Wladistaw, den man damals zum Russischen 
Zaren machen wollte, verfassten Verzeichniss'), gab es 27, von 
denen folgende in militairischer Hinsicht besonders wichtig waren: 

1. ier Cassenh^f (kasennoj dwor) oder die Gasse (kasnja). 
Sie stand unter einem Rechnungsführer (kasnatschef) nebst 2 Dja- 
ken, und hatte die Verausgebung gewisser Verpflegungscompetenzen 
mit Ausnahme des eigentlichen Soldes und Proviantes, also z. B. des 
Tuches, an alle dienenden Mannschaften nnter sich. Ebenso scheinen 
ihr vor der Einrichtung des Kanonierprikas auch die ausländischen 
und Russischen Giessmeister untergeordnet gewesen zu sein*). 

b. ier SdÜMsprikas {dworzowyj prikas) oder das Schloss 
{dworez) stand unter dem Hoftnarsdhall (dworezkoj) und 2 Djaken. 
Er hatte die Verwaltung über alle dem Hofe gehörenden Dörfer, 
das (Getreide und alle Einkünfte des Hofes und über die Kosten 
der Hofhaltung unter sich. In militairischer Hinsicht unterstanden 
ihm die Woewoden und sonstigen Beamten, die Strelzen und Stadt- 
kasaken zu Fuss und zu Pferde, die Puschkari, Satinschtschiki 
und Oberhaupt alle Mannschaften der unter der Hofverwaltung 
stehenden Städte und Bezirke. 

c iie Kasaiisehe Hotte {Kasanskaja Isha)^ später das |Ka- 
sansche Schloss {Kasanskyj Dworez) und zuletzt Kasanscher 
Prikas genannt, stand unter einem Bojaren und 2 Djaken und 
hatte alle untern, d. h. die am untern Lauf der Wolga gelegenen 
Städte, in militairischer Hinsicht also die Woewoden, Djaken, 
Adligen, Bojarenkinder, Strelzen, Kasaken, Tatarische Fürsten, 
Mursen und Neugetauften, mit einem Worte alle Mannschaften 
derselben unter sich. 

d. ier Streltenprikas, anfangs die Strelzenhütte (Strelezkaja 
Isba), d. h. nach der damaligen Bedeutung des Wortes Gerichtshof 
der Strelzen genannt, wurde m der zweiten Hafte des 16. Jahr- 
hunderts errichtet. Derselbe stand unter der Verwaltung eines 
Bojaren und 2 Djaken und bildete die oberste Verwaltungsbehörde 
für die Strelzen, zum Theil auch fttr die Stadtkasaken in Moskau 
und den übrigen Städten. 

e. ier KaiMiierprikas (Puschkarskij Prikas), der auch schon 
in dieser Periode, z.B. 1611 vorkommt*), wurde unter dem ur- 
sprünglichen Namen des Geschützprikas (Puschetschnij Prikas), 
wie es scheint, schon unter Johann IV. Wassiljewitsch*) — keinen- 
falls früher*) — errichtet. Er stand unter einem Bojaren und einem 
Djaken, und hatte die gesammte Artillerie, die Geschütze, das Pulver 

I) Hittor. Aetmi. 11. N. a&6. 3) Chnyrow. Die Artillerie a. d. Artillerieten im Vor-Petei^ 
•ebe» BiMri. ArtQl. Joun. 1865. V. 9. pa^. 503. Ann. 2. 3) Hiitor. Acten. II. N. 814. 4) Chmj- 
rew. n. Artillerie «. d. Artillerisleii. im Vor-PeterKhea Bnsil. ArtiU. Jenm. 1865. N. 9. pw. 901» 502. 
5) ibid. peg. 546. 



— 76 — 

Bowie alles Feuerwerk (boi wognennoj) in Moskau und den übrigen 
Städten unter seiner Verwaltung. 

f. Ber Aisluderi^rlkaft (Inosemskij Prikcts) wurde im Jahre 
1528 errichtet und hatte alle in Russischen Diensten stehenden 
Auslander unter seiner Jurisdiction. 

g. Ble Waffeikumer (Orusheinaja Paiaia) oder der Panzer- 
prikas (Brannyj Prikas) wurde um das Jahr 1573 errichtet"), 
stand unter einem Bojaren und einem Djaken und hatte die An- 
fertigung und Verwaltung der Waffen aller Art zu bewirken. 
Ebenso standen alle dazu erforderlichen Handwerker in Bezug auf 
Verpfl^ung, Besoldung und Rechtspflege unter ihm. 

In dem vorher erwähnten Verzeichniss der Prikase in der 
Zeit von 1610 — 1613 fehlen noch drei Prikase, die gerade für 
das Militairwesen von besonderem Interesse sind, nämlich der Ge- 
sandtschafts-, der Lehns- und der Rasreadprikas. 

k Ber lieBMdtschaftsprUuM (Passolskij Prikas) hatte in militai- 
rischer Beziehung die belehnten und versorgten Woewoden, die 
Strelzen, Artillerie- und sonstigen Mannschaften und alle Beamten 
der diesem Prikas zugetheilten Städte und Kreise unter sich. 

L Ber Lehtq^rikas {Pomestnyj Prikas) hatte die Oberaufsicht 
über das Lehnsland und aUe sich an dasselbe knüpfenden Pflichten 
und Dienstleistungen. 

k. Ber Baareadprikis (Rasrjadnyj Prikas) oder Rasread 
(Rasrjad) War bereits in jener Zeit (JUe wichtigste militairische 
Behörde, weshalb es angemessen erscheint, von demselben etwas 
ausführlicher zu sprechen'). Seinen Namen hatte er davon, dass 
die unter ihm stehenden Mannschaften in Rasreade oder Kate- 
gorien getheilt wurden auf Grund besonderer darüber geführten 
Bücher, der sogenannten Rasread-Bücher (Knigi Rasrjadnyja). 
Hiermit bezeichnete man in der alten Russischen Verwaltungs- 
sprache diejenigen Bücher, in welche alle, den Dienst betreffenden 
Anordnungen in der Reihenfolge eingetragen wurden, in der sie 
im Verlauf eines Verwaltungsjahres vom 1. September bis 31. August 
erlassen wurden. Der Zeitpunkt des ersten Entstehens dieser 
Bücher lässt sich nicht mehr genau feststellen. Aller Wahrschein- 
lichkeit nach war es das Ende des 12. oder der Anfang des 
13. Jahrhunderts. Die ältesten bis auf unsere Zeit gekommenen 
Abschriften reichen zwar nur bis in die zweite Hälfte des 14. Jahr- 
hunderts zurück, doch finden sich in den Chroniken Hinweisungen 
auf noch ältere Rasreade. Auch musste die ganze Staatseinrich- 
tung, wo der Dienst im engen Zusammenhange mit den Rangver- 
hältnissen der einzelnen Familien stand, schon sehr früh das Be- 



1) Ocaeh. d. Krlegsl. In BqmI. Milii Jonra. 186«. N. 4. piff. 6. 2) Obratoehcw. B«tr. d. 
Mehr. n. gedr. DenkmUcr ftb. d. Kricffdc. in Kamh Milit Joom. 185S. N. 4. |Mff- 69 Ui 72. - Vorw. i. d. 
SehlMveades, BAcherd. Banread. Yorw.BelJMws bei HersiuffalM d. 8 BasroideTOB 1615 bis iei7 In Jakrb. 

d. Kai«. M oek. Qcaelltch. f i.r GeKh. n. Alterth. - QoUitii. 0«Mh. d. Genenüat. MUit Joun. 1857. N. 3. 

M. 88,84. 



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dflriniss solcher Bücher erzeugen, in denen jene ofGciell verzeichnet 
wurden. Anjfanglich enthielten die Basread -Bücher fast nur die 
Namen der zum Dienst einberufenen Personen; mit der allmähligen 
Entwickelung der Staatsverwaltung änderte sich aber ihr Gharacter, 
und es wurde nun AUes darin eingetragen, was auf das Heer und 
die Eriegsereignisse Bezug hatte. So wurden sie gewisser Massen 
ein offidelles Verzeichniss aller Anordnungen der Regierung und 
somit eine wichtige Quelle für die Organisations- und Kriegs- 
geschichte. Leider haben sich diese officiellen Materialien nicht m 
der wflnschenswerthen Vollständigkeit erhalten, viehnehr ist in den 
vielfachen Bränden und Zerstörungen, denen Moskau unterlag, so- 
wie durch eine sorglose Aufbewahrung viel kostbares Material ver- 
nichtet Dessen ungeachtet sollen sich aus den Resten der offi- 
ciellen und der zahlreichen von Privatpersonen gemachten Abschrif- 
ten noch die vollständigen Texte der Rasreade zusammenstellen 
lassen. Unglücklicher Weise ist aber diese Arbeit, die eine we- 
sentliche VervoUständigung der Russischen Geschichte von Johann in. 
bis zu Feodor Alexeewitsch, besonders in militairischer Hinsicht ge- 
statten würde, bisher nicht gemacht, und nur zwei Bände solcher 
Bücher, die Jahre 1614 bis 1637, 161} und 16}{ umfassend, sind 
veröffentlicht. 

Die Führung dieser Bücher und aller Dienstverzeichnisse war 
anfangs Sache der Djaken des Grossfürsten und wurde beim Hofe 
desselben be¥mrkt, da alle dienstlichen Erlasse direct vom Herrscher 
und aus seinem Rath erflossen. Der GrossfOrst ertheilte Rang 
und Amt, und an seinem Hofe, ja selbst in seinem Zimmer wurden 
die dessfkllsigen Verfügungen getroffen. Als aber der Geschäfts- 
gang verwickelter und vielseitiger wurde, als die emzelnen, einst 
im Zarenhof vereinigten Verwaltungszweige mehr und mehr selbst- 
ständigen Behörden mit eigenem Geschäftskreis, besonderen Rechten 
und Pflichten übertragen wurden, da bildeten auch die, die Ein- 
theilung zum Dienst im Allgemeinen betreffenden Geschäfte den 
Wirkungskreis einer besonderen Behörde, die den Namen des Ras- 
read erhielt. Zu welcher Zeit dies stattfand, ist bisher noch nicht 
ermittelt, doch lässt sich mit ziemlicher Bestimmtheit sagen, dass 
diese Bdliörde später als die meisten andern Verwaltungszweige 
der unmittelbaren Leitung des Zaren entzogen wurde, da die Ver- 
ordnungen und Bestimmungen über den Dienst noch in ziemlich 
später Zeit direct von ihm erflossen, wie er z. B. allein Bojaren, 
Okohiitschi, Stolniki, Woewoden, Statthalter eta ernennen konnte. 
Im Allgemeinen kann man die Entstehung des Rasread als einer 
selbstständigen Behörde etwa auf die erste Hälfte des 16. Jahr- 
hunderts ansetzen, doch blieb er auch dann noch beständig in un- 
mittelbarer Beziehung zum Herrscher, was schon daraus hervor- 
vorgehen möchte, dass er nie, wie die andern Prikase, einen Bo- 



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jaren oder Okolnitschij, sondern immer einen Djaken der grossen 
Doma oder des Staatsrathes zum Vorsitzenden hatte. 

Als besondere Behörde gewann der Rasread bald eine ausser- 
ordentliche Macht und Bedeutung, so dass er unbestritten die 
erste Stelle unter den Prikasen einnahm. Das ganze Reich un- 
terstand ihm in dienstlicher Beziehung; er schickte den andern 
Prikasen Befehle zu, bestimmte ihre Chefs, ordnete Untersuchun- 
gen über die Personen an, die das von der Regierung in sie ge- 
setzte Vertrauen nicht rechtfertigten, und fällte das Urtheil über 
sie. Auf den Kriegsdienst im Speciellen war sein Einfluss noch 
umfassender. Alle Grenzstädte mit ihrer Bevölkerung, alle Fes- 
tungen mit ihren Woewoden und Besatzungsgolowen standen un- 
ter ihm ; er führte die Rasreadbücher und überhaupt alle Dienst- 
verzeichnisse so wie die Listen der zum Dienst eingeschriebenen 
Mannschaften im ganzen Reich von den Stolniki abwärts, da die 
Bojaren und Okolnitschi zu dem Rath des Zaren gehörten; be- 
stimmte das Gehalt an Geld, Naturalien oder Lehensland, und 
die Classe in der Jeder dienen, «wie Jeder beritten, bemannt und 
bewaffnet», d. h. mit welchem Gefolge und in welcher Ausrüstung 
er zum Dienst erscheinen musste, und verzeichnete dies in jenen 
Listen ; er führte alle Berechnungen über den Militairdienst der 
einzelnen Chargen, bestimmte danach, wie viele und welche Leute 
zu einem Feldzuge einzuberufen seien, und vertheilte sie an die 
einzelnen Regimenter oder Heeresabtheilungen ; er erliess die all- 
gemeinen Anordnungen bezüglich des Unterhalts der Truppen im 
Bjiege, und wies das für die Besoldung derselben nöthige Geld 
den Regimentswoewoden, oder den zur Auszahlung des Soldes be- 
stimmten besondem Beamten an. In ihm flössen von der einen 
Seite alle Erlasse des Zaren und semer Duma, von der andern 
alle Meldungen und Berichte der Woewoden und Heerführer über 
die Resultate der Aushebung und Inspicirung der Mannschaften, 
den Gang der Kriegsoperationen, die Nachrichten vom Feinde etc. 
zusammen. Alle diese Daten wurden im Rasread zusammengestellt, 
verglichen und danach nähere Anweisungen für die Truppen er- 
lassen, neue Woewoden und Mannschaften zur Ablösung oder Ver- 
stärkung der alten bestimmt etc. So war sein Wirkungskreis und 
seine Wichtigkeit sehr bedeutend und überstieg in mancher Hin- 
sicht noch die eines modernen Kriegsministeriums, wenn er auch 
in anderer Beziehung, namentlich in der Centralisirung der Ge- 
schäfte, wieder dahinter zurück blieb. 

Das Personal des Rasread bestand übrigens ausser dem schon 
erwähnten Vorsitzenden Djaken der Duma aus mehreren Gehülfen 
desselben, Djaken und Poc^ätschen. 

3. Die höchste Instanz der Truppenverwaltung im Frieden 
und Kriege bildete der grosse oder Staatsrath, oder die Duma in 
Moskau. Dies war der Rath des Zaren, bestehend aus den Bo- 



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jaren, Okohütschi und den andern «Leuten der Duma» (dumnye 
Ijudi). Unter den letzteren verstand man die Stolniki, Adligen 
und Djaken, die wegen persönlicher Verdienste oder besonderer Ge- 
schaftskenntniss zu Mitgliedern des Staatsrathes ernannt waren. 
Es gab somit Adlige und Djaken der Duma, von den letzteren 
gewöhnlich vier, von denen einer Gesandtschaftsdjak, ein anderer 
Djak des grossen Moskauseben Rasreads, d. h. Vorsitzender dieser 
Behörde, der dritte Djak des Nöwgorodschen Rasreads und der vierte 
Djak des Lehnsprikas hiess. Die Bojaren, Okolnitschi und Djaken der 
Duma mussten beständig beim Zaren in Moskau sein : sie versam* 
melten sich unter seinem Vorsitz, um über alle wichtigen Staats- 
geschäfte der Civil- und Militairverwaltung zu berathen, «über die 
der Zar Bericht verlangt und wie es dem Reiche Moskau nöthig 
ist». Ausserdem hatten sie die oberste Controlle aller übrigen 
Behörden und Verwaltungsinstanzen zu bewirken. 

Die Verwaltung im Kriege. 

Die Führung und Verwaltung im Kriege war wesentlich an- 
ders als die im Frieden. Vor jedem Feldzug wurde, ausser den 
gewöhnlichen Anordnungen für das Aufgebot der Mannschaften, 
der Angabe des Termins und des Ortes, zu welchem und wo die 
Stellung zu erfolgen hatte, jedes Mal noch eine besondere Verfü- 
gung über die Zusammensetzung, Emtheilung und innere Organi- 
sation der Armee -Abtheilungen {rati) geti-offen, und alle Chargen 
sowohl der Ober- wie der Untercommandeure ernannt, mit einem 
Worte die Verwaltung der Armee organisirt. Unter den bei dieser 
angestellten Personen kann man besonders zwei Classen unterschei- 
den, nämlich die wirklichen Truppencommandeure und die beim 
Corps und seiner Hauptverwaltung stehenden Chargen, d. h. die, 
welche nach moderneren BegrifiFen die Corpsstäbe bildeten. 

1. Die Truppenoommandeure zerfielen in folgende zwei Classen: 
I« Hie Trappenc«MBAndeiure 1. Raiges (perwostepennye). Es 
waren dies die R^imentswoewoden, deren jedes der 5 Regimenter, 
in welche die Armee normalmässig getheilt wurde, 2 bis 3 hatte. 
Von letztem kommandirte der älteste das Regiment im Allgemei- 
nen, und einen grösseren Theil desselben, meistens { oder i noch 
im Speciellen, während die übrigen als seine Gehülfen einen klei- 
neren, etwa halb so starken Theil führten. Rückte der Zar selbst 
ins Feld, so wurden auch filr sein R^iment 2 Woewoden aus den 
Bojaren seiner nächsten Umgebung bestimmt — die sogenannten 
Hofwoewoden (dworatvye woewody), — Die Ehrencommandos in 
jedem abgesonderten Regiment kamen nach dem Zaren selbst, zu- 
nächst seinen Brüdern und Söhnen zu; dann folgten die Kasan- 
schen und andern Tatarischen Zaren und Zarewitsche, die in der 
militairischen Hierarchie über allen Bojaren- und Knäsengeschlech- 
tem standen, und nach diesen die aus den Bojaren gewählten 



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Woewoden. Von letzteren waren die Yomefamsten die eben genann- 
ten Hofwoewoden, falls deren bei Anwesenheit des Zaren im 
Heer überhaupt bestimmt wurden. Dieselben hatten als solche 
auch die Auüsicht über alle den Zaren b^leitenden Hofchargen 
und bekleideten somit gewisser Maassen gleichzeitig die Stelle der 
modernen Oberhofmarschälle. In diesen Eigenschaften fungirten die 
genannten Beamten hauptsachlich in der Zeit bis zu Johann dem 
Schrecklichen, wo sich z. B. auf dem Zuge dieses Herrschers nach 
Lifland im Juny 1577 2 solche Woewoden als Gommandeure des 
Regiments des Herrschers befanden*). In späterer Zeit war die 
Stelle des Hofwoewoden nur ein Titel, der nur höchst selten und 
als grosseste Auszeichnung verliehen wurde, wie denn z. B. unter 
dem Zaren Feodor Johannowitsch der Bojar Boris Godunow als 
einziger seit langer Zeit denselben führte. 

Bei der Vertheilung der übrigen Regimentswoewoden galt 
folgendes Rangverhältniss : Den vornehmsten Rang hatte der 

1. Woewoda des grossen Regiments; dann folgten der Reihe nach 
die 1. Woewoden der rechten Hand, des vordem und des Wach- 
regiments, der linken Hand, und nun in derselben Reihenfolge die 

2. Woewoden dieser Regimenter. Es ergaben sich somit acht 
Rangdassen, deren ^ede eine Stufe unter der nächst höheren stand. 
So standen z. B. die Woewoden des vorderen und des Wachregi- 
ments zwei Stufen unter dem 1., aber eben so viel Stufen über 
dem 2. Woewoden des grossen Regiments. Die Woewoden des 
vordem und des Wachregiments waren zwar gesetzlich gleich ge- 
stellt, wie dies auch bei Rangstreitigkeiten wiederholentlich ausge- 
sprochen wurde, indessen galt doch im Allgemeinen das Commando 
des ersteren für ehrenvoller als das das letzteren"). 

Unter Johann dem Schrecklichen wurde diese lange Rangord- 
nung, die noch länger wurde, wenn auch noch 3. Woewoden bei 
den Regimentern waren, etwas vereinfacht. Es wurde nämlich 
1550 bestimmt, dass die drei Theile des Gros, d. h. das grosse 
Regiment und die beiden Hände oder Flügel in gleichem Range 
und einen Pas über dem vordem und Wachregiment stehen soll- 
ten*), femer, dass die Woewoden des vordem Regiments, der bei- 
den Flügel und die 1. Woewoden des Wachregiments unter dem 
1. Woewoden des grossen Regiments stehen sollten. Der 2. Woe- 
woda des grossen Regiments sollte mit dem grossen Woewoda der 
rechten Hand «ohne Stelle» (hes niest), d. h. im gleichen Range 
sein, wogegen die Woewoden der linken Hand unter denen der 
rechten stehen sollten*). Gleichzeitig wurde über den Dienst der 
grossen Adligen und Bojarenkinder bei den Fürsten festgestellt, 
dass derselbe ohne Rücksicht auf die Vaterstadt zu geschehen 
hätte, doch dürfte dieser daraus kein Nachtheil erwachsen, viel- 

1) & Bcilace V- 1- 2) 0«eb. d. Krtogak. in BomI. MiUt Jottm. 1850. M. 1. p^. 43. 3) 
ActeD. I. K. 154. 4) Samml. d. StaatKrl. n. Vertr. IT. K. 39. 



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mehr wurde ausdrücklich befohlen, dass, wenn einmal grosse Ad- 
lige unter kleinen Woewoden gestanden hatten, und nachher selbst 
ak Woewoden mit ihnen im Dienst oder auf Gesandtschaften zu- 
sammentrafen, dann ihr gegenseitiges Rangverhältniss sich nach 
dem Range ihrer Vaterstadt regeln sollte, unbeschadet der frühe- 
ren Dienstverhältnisse'). Es geht aus dieser Bestimmung hervor, 
dass auch unter den einzelnen Städten noch eine gewisse Rang- 
ordnung bestand, wodurch bei der fast krankhaften Eifersucht je- 
ner Zeit, das ganze Verhältniss nur noch verwickelter wurde. 
Endlich wurde unter Johann dem Schrecklichen und seinem Sohne 
Feodor noch befohlen, und in der Folge mehrfach bestätigt, dass 
die 2. Woewoden des grossen mit den 1. des vordem und des 
Wachregiments und umgekehrt «Geschäft und Abrechnung», (dela 
i sstschciu) und ebenso die beiden letztem unter einander «Stellen» 
{mest) nicht haben, d. h. dass alle drei im Range gleich sein 
sollten"). 

Aus diesen verschiedenen Bestimmungen, die, wie man sieht, 
übrigens nicht ganz klar, theilweise sogar widersprechend sind, 
scheint indessen doch so viel hervorzugehen, dass es in der Folge 
unter den Regimentswoewoden nur drei Glassen gab; und zwar 
wurde di l. Glasse aus dem 1. Woewoda des grossen Regiments 
gebildet, der gleichzeitig grosser oder Oberwoewoda des ganzen 
Heeres war, und deren es je nach der Zahl der gleichzeitig selbst- 
ständig operirenden Heere mehrere geben konnte; die 2. Classe 
bestand aus dem 2. Woewoden des grossen und den 1. Woewoden 
der beiden Flügelregimenter, während zur 3. Glasse endlich die 
jüngsten Woewoden des grossen, des rechten und linken Flügel- 
und alle Woewoden des vordem und Wachreghnents gehörten. 
Ausser den zuletzt genannten wurden auch noch verschiedene an- 
dere, den Regimentswoewoden gleichgestellte, Gommandeure zur 
dritten Glasse gerechnet, wie namentlich der Woewoda des leich- 
ten Vortmpps, des Ertaul {ertoulnyj woewoda); der Woewoda 
von oder bei dem Zeuge {woewoda ot^ w. narjadu, ssnarjadu); d. h. 
der Obercommandeur der Artillerie*); femer der Wanderer (ffuljatn) 
oder der Wander- oder Streifwoewoda {guljawyjy rasesdnyj woe- 
woda) oder der Wagenmeister, der die Wagenburg**) unter sich 



*) Wenn der Zar selbst beim Heere war, so stand die gesammte Artillerie 
desselben bisweilen anch unter dem Waffenmeister (artuheinitschij , orushni- 
tseh^)^ der gleichzeitig die Staatszeugh&user unter sich hatte und somit, wie 
bereits froher angegeben, nach modemer Terminologie etwa als Feldzeug- 
meister zu bezeichnen ist. (Golizyn. Gesch. d. Generalstabs. Milit. Journ. 1857. 
N. 3. pag. 36.) 

♦♦) Die Wagenburg oder Wanderstadt (guJjai, gvljai-gorod) war eine Art 
transportabler Befestigung und bestand aus Wagen oder im Winter aus grossen 
Schlitten, die mit starken hölzernen Planken benagelt waren, in welchen sich 
Schiessscharten befanden. Die Wagen oder Schlitten wurden zum Angriff in 

1) ibid. 2) Bfteh. d. Bancfla. L VH- 67^ 677. 
Brlz, ««««h. d. alt. E«m. H««rM«iBrieht. 6 



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hatte; der Woewoda bei der grossen oder Zarenfahne, meist ein 
Stolnik; und endlich die sogenannten Sendwoewoden (possylnye 
woewody), ebenfalls meist Stolniki. Unter letztere verstand man 
die Commandeure von Abtheilungen, welche nur auf kurze Zeit 
vom Gros detachirt waren, oder — nach emer andern Auffassung — 
besonders ausgewählte, tapfere und erfahrene Leute, die gelegentlich 
zur Recognosdrung des Feindes vom Corps abgeschickt wurden')- 

Die Woewoden beim Zeug scheinen kein Rangverhältniss 
zu den übrigen Woewoden gehabt zu haben, wenigstens finden sich 
unter der Masse der Rangstreitigkeiten jener Zeit zwar Fälle vor, 
wo Personen, die gleichzeitig zum Zeug bestimmt waren, über ein- 
ander, aber nicht ein einziger, in welchem sie über Woewoden 
anderer Heeresabtheilungen Klage geführt hätten. Somit unterlag 
ihre Bestimmung weniger als die der übrigen dem Einfluss der 
geschlechtlichen Nachrechnung, und hing fast einzig von der per- 
sönlichen Wahl des Herrschers ab'). 

Die übrigen Regimentswoewoden hingegen wurden vom Zaren 
vorzugsweise aus den Personen von alter und berühmter Herkunft 
mit Rücksicht auf das Rangverhältniss ihrer Familien und ihrer 
Person ausgewählt, daher es bei der Bestimmung der Truppen- 
Gommandeure inmier erst nöthig war, die im Rasread geführten 
Rangverzeichnisse zu Rathe zu ziehen. Alle Aemter der Woewoden 
wurden nämlich in die schon vorher erwähnten Rasreadbücher ein- 
getragen. Der Rang, den em Woewoda danach im Verhältniss zu 
einem andern hatte, erbte in der Familie fort und legte den Nach- 
kommen die Verpflichtung auf, denselben geeigneten Falls geltend 
zu machen. Hatte so z. B. ein Woewoda ein höheres Gommando 
gehabt, als ein anderer, so stand damit semen Kindern und Nach- 
kommen auch der Vorrang vor denen des andern zu und jene 
durften nie unter diesen dienen. Hierbei kam es aber noch wieder 
auf den Grad der Verwandtschaft an, indem auch die Geschwister, 
wie die Geschlechter in einem gewissen Rangverhältniss zu einan- 
der nach dem Alter standen. Hatte z. B. eme Person einen Rang- 
pas vor einer andern, so stand auch dem ältesten Sohne jener ein 
Pas vor dem ältesten Sohn dieser zu, der aber dem zweiten Sohne 
jener Person gleich stand u. s. w. 

In diesen Rangverhältnissen mag zuerst die noch jetzt übliche 



einer langen Reihe neben einander gegen den Feind aufgefahren und durch 
die dahinter stehende Infanterie, die durch ihre Scharten feuerte, ayancirend 
vorgeschoben, wenn die CavaUerie, die immer den ersten Angriff machte, nicht 
reussirt hatte. Nach Polnischen Quellen, wo sich diese Einrichtung unter dem 
Namen Kulgrota erwähnt findet, gehörten zu jedem Wagen oder Schlitten 
10 Htrelzen. (Ibid. pag. 37. — Gesch. d. Kriegsk. in Russl. Milit. Joum. 1866. 
N. 1. pag. 83. — Ssaweljew. Mater, z. Gesch. d. Ingen. K. in Russl. pag. 87.) 

1) Goliiyn. Qetck. d. OeaerabUl». Milit. Joum. 1857. H. 8. piff. 86, 87. 2) Chmjrow. D. 
Artillerie «. d. ArtillerieUa in Tor-Peteneiieii Kneel. Artill. Jeora. 1865. M. ff. peff. 501. 



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Sitte begründet sein, dass die Kinder neben ihrem Vor- und Ge- 
schlechtsnamen auch stets noch den Vornamen ihrer Väter mit der 
Endung witsch y d. h. Sohn, führen; ohne dieses Htüfsmittel würde 
die Entscheidung vieler Rangstreitigkeiten Yöllig unmöglich gewesen 
sem, da sich in einer Familie manche Vornamen woU oft wieder- 
holen mochten. 

Das Rangverhältniss in allen seinen verschiedenen Nüan- 
cirung^ nach Amt, Stellung, Geschlecht, Verwandtschaftsgrad und 
Heimath wurde mit der äussersten Eifersucht beobachtet, und zur 
Controllirung und fortwährenden Feststellung desselben führten die 
einzelnen Geschlechter noch ihre besonderen Rasreadverzeichnisse, 
in denen sorgfältig alle Rangstellungen, in welche Mitglieder des- 
selben zu andern gekommen waren, notirt wurden. Ein Woewoda 
oder sonstiger Beamter, der em niedrigeres Amt einnahm, als 
ihm nach der Stellung seiner Vorfahren andern Geschlechtem ge- 
genüber, oder nach seinem Range im eigenen zukam, verlor nach 
der damaligen Auffassung nicht nur selber alle Achtung, sondern 
erniedrigte sein ganzes Geschlecht, indem er dadurch andern Ge- 
schlechtem die Möglichkeit gewährte, aus diesem momentanen 
Verhältniss in der Folge immer einen Superioritätsa,nspruch her- 
zuleiten. Auf Gmnd dieser, in den damaligen Volksbegriffen wur- 
zelnden und durch Herkommen und Gesetz geheiligten Ueberzeu- 
gung, hielt sich ein Woewoda, der ein niedrigeres Gommando er- 
hielt, als ihm nach seiner Meinung rechtmässig zukam, sittlich 
und moralisch für verpflichtet, dagegen zu remonstriren und um 
Verleihung der ihm zukommenden Stelle zu bitten. Da übrigens 
die verschiedenen Stellen im Heere nicht einen absoluten, sondern 
nur einen relativen Rang unter einander hatten, so liefen diese 
Gesuche in der Regel nicht sowohl darauf hinaus, eine andere 
Stelle zu beanspruchen, als vielmehr zu erklären, dass man unter 
einem andem, dem eine höhere Stelle zu Theil geworden, nicht 
glaube dienen zu können. So konnte beispielsweise ein Woewoda 
ganz gut die unterste Stelle einnehmen, f£Üls nur die hohem Stel- 
len von andem besetzt waren, die nach den Adelsverzeichnissen 
im Range über ihm standen; dagegen konnte er aber ein bedeu- 
tend höheres Gommando nicht annehmen, wenn ein anderer, der 
jenen Verzeichnissen nach emen niedrigeren Rang hatte als er, ein 
noch höheres Gommando führte; vielmehr musste er in solchem 
Falle erklären, dass er nicht unter diesem stehen, oder, wie man 
damals sich ausdrückte, nicht weniger als dieser sein könne. An- 
träge dieser Art wurden beim Zaren und bei dem Patriarchen in 
Moskau angebracht, der als allgemeiner Vater betrachtet und auch 
so genannt wurde. Man nannte dies «eine Bittschrift auf einen ein- 
reichen». Glaubte dieser, dass der Beschwerdeführer Unrecht habe, 
so reichte er nun seinerseits wieder eine Klage g^en jenen em, 
«dass dessen Beschwerde ungerechtfertigt sei, dass er ihn dadurch 

6* 



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entehre und dass der Zar ihm den Beweis für seine Behauptung 
auferlegen möge». 

Die Entscheidung solcher Streitigkeiten lag einem, 
aus den höchsten Bojaren gebildeten Ehrenrath ob, der dazu den 
Rang der Streitenden oft auf eine sehr complicirte Art auszurech- 
nen genöthigt war, da man nicht selten zur Ermittelung der Ver- 
hältnisse auf viele Generationen zurückgehen, dabei fortwährend den 
Verwandtschaftsgrad der einzelnen Descendenten im Auge behalten, 
und auch auf den Rang der Geburtsstadt etc. Rücksicht nehmen 
musste. Manchmal mussten selbst, wenn sich ein directes Verhält- 
niss zwischen den Familien der beiden Streitenden nicht ermitteln 
liess, noch andere Familien, die vielleicht zu yerschiedenen Zeiten 
mit jenen in directe oder indirecte Rangbeziehungen getreten 
waren, mit. in die Berechnung gezogen werden, wodurch natürlich 
die Sache nicht einfacher wurde. 

Das Gesagte wird reichlich genügen, um emen B^riff von der 
Complicirtheit dieses ganzen Verhältnisses zu geben. Jede wich- 
tige Begebenheit, jeder Festtag, jedei: Ausgang, beinahe jede Mahl- 
zeit des Zaren gaben Veranlassung zu solchen Rangstreitigkeiten, 
denn dieselben Verhältnisse, welche bei den militairischen Stellen 
stattfanden, gelten auch für die Hof- und Civilämter. In der That 
geben auch die Rasreadbücher jener Zeit fast fortwährend Beispiele 
von solchen Zwistigkeiten. Am imangenehmsten machten sich aber 
natürlich die Folgen dieser Verhältnisse im Militairwesen geltend; 
denn, wenn die Woewoden für einen Feldzug bestimmt wurden, so 
machten sie sich, anstatt dem Befehl zum Ausmarsch Folge zu 
geben, vor allen Dingen erst daran, ihre Privatrasreade über ihr 
Rangverhältniss zu den übrigen zum Marsch bestunmten Woewoden 
zu Rathe zu ziehen; ja selbst im Angesicht des Feindes stritten sie 
oft noch über ihre wirklichen oder vermemtlichten Rechte, und ver- 
klagten sich gegenseitig beim Zaren. Solche Klagen blieben manch- 
mal ohne Erfolg; sehr häufig aber brach der Zar, überdrüssig der 
ewigen Streitigkeiten, dieselben auf die nach unsem Begriffen ein- 
fachste Art ab, indem er den Sti-eitenden befahl, bis zum Ende 
ihres Dienstes, als der Zeit wo sie die ihnen anvertrauten Aemter, 
den Grund des Streites, wieder niederlegten, «ohne Rang zu sein». 
Dessen ungeachtet wurde die Beschwerde des Zurückgesetzten, falls 
sie für begründet erkannt wurde, in die officiellen Rasread-Bücher 
eingetragen und diente dort gleichsam als Protest für spätere Zeiten, 
gewisser Massen zum juridischen Beweis, dass die betreffende Person 
durch erzwungene Annahme eines Amtes unter einem, im persön- 
lichen Range unter ihm stehenden Woewoden, den Rechten seines 
Geschlechtes Nichts vergeben habe. 

Es kam auch bisweilen vor, dass, wenn in einer Familie ein 
jüngeres MitgUed für persönUche Tapferkeit oder zur Belohnung 
besonderer Verdienste einem altem im Range vorgesetzt wurde, 



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dann jenes sich durch Annahme eines anderen Namens absonderte, 
um zu verhindern, dass andere Geschlechter in der Folge auf seine 
frühere niedrigere Stellung in der eigenen Familie Bezug nehmen 
konnten. 

Ungerechtfertigte Beschwerden über Zurücksetzung 
im Range wurden sehr strenge mit Geldbussen, Gefangniss, selbst 
mit Stod^- und Knutenhieben, oder in einer Art bestraft, die ebenso 
eigenthümlich war, wie das ganze Verhaltniss. Die letztere Strafe, 
«Auslieferung mit oder auf den Kopf» {wydatscha golowcju, na 
gdoum) genannt, bestand nämlich darin, dass der Schuldige, Yon 
emem Djaken oder Po^jätschen und mehreren Gerichtsdienem be- 
gleitet, dem Beleidigten auf den Hof gebracht wurde, wo er am 
Fuss der Treppe stehen bleiben rausste. Der von der Ankunft 
dieses seltsamen Aufzuges benachrichtigte Besitzer kam dann auf 
die Treppe, worauf der Djak erklärte, dass er ihm seinen Gegner 
«auf den Kopf übei^ebe». Während dessen konnte dieser letztere 
nach Belieben schelten und schimpfen, so viel er wollte. Der 
Hausherr, mit der Schaustellung völlig befriedigt, kümmerte sich 
darum nicht weiter, sondern entliess ihn zu Fuss nach Hause, be- 
schenkte den Djaken reichlich und fuhr am nächsten Tage zum 
Zaren, um sich bei ihm für die gewährte Genugthuung zu be- 
danken*). 

Alle Strafen waren aber unzureichend, das Vorurtheil wurzelte 
so tief in den Ansichten des Volkes, dass Viele sich lieber hätten 
das Leben nehmen lassen, als sich einem im Range unter ihnen 
Stehenden unterzuordnen, da sie damit nach damaliger Auffassung 
ihr ganzes Geschlecht entehrt hätten. Die Beseitigung dieses Miss- 
brauchs erfolgte erst am Ende des 17. Jahrhunderts. 

k. Me TrippeBMBHMdewe 2. Raiges (wtorostepennye). Hierzu 
gehörten m den nationalen Russischen Formationen be- 
sonders die Golowen {golowy) oder Chefs und die Ssotniks 
oder Hunderter. Jene führten in der Reiterei die Centurien der 
Adligen und Bojarenkinder, aus denen das eigene Regiment des 
Zaren bestand, und wurden dazu gewöhnlich aus den Stolniki, 
Streaptschi oder den besten Moskauschen Adligen ausgesucht. 
Ebenso standen die aus den Adligen und Bojarenkindern der ein- 
zelnen Städte und Districte gebildeten Abtheilungen, die so ge- 
nannten Stadtregimenter, unter Golowen, welche aus den besten 
Adligen und Bojarenkindern der betreffenden Städte ausgewählt 
wurden. Femer Wessen bei den Strelzen und Stadtkasaken die 
Gommandeure der Prikase oder überhaupt der grösseren Abthei- 
lungen über 100, Golowen; dieselben wurden, analog den Golowen 
im Regiment des Zaren, aus den Stolniki, Streaptschi und besten 
Adligen genommen. Ebenso gab es bei der Artillerie Golowen, 



1) G«Kb. d. Kricgtk. in Boiil. MUit. J<ram. 1856. N. 1. piig. 45, 46. 



— Se- 
als Führer der einzelnen Abtheilongen derselben; im Speciellen 
«Golowen von oder bei dem Zeug» (ßolowy ot oder u na- 
rjadu, ssnarjadu) genannt, welche meist aus den Stolniki ernannt 
wurden. Dann gab es beim Heer noch Golowen bei der Fahne 
(u snameni), bei der Rüstung (u daspechu), bei den Feuenv 
{u ognei)^ beim Gepäck {u obosu), deren Aemter aus ihren Be- 
nennungen hervorgehen. Ebenso hiessen in den Festungen die 
Ck>mmandeure der einzelnen Abtheilungen der Besatzungstruppen 

— Besatzungsgolowen (ossadnye), die vom Lande gestellten 
Kämpfer standen unter Districtsgolowen (uesdnye) und die zur 
Sicherung der Grenzen, grösstentheils aus Verhauen bestehenden 
Linien, unter Yerhaugolowen (sassetschnye). Endlich fanden sich 
auch bei den Tataren, Mordwinen, Tschuwaschen, Tscheremissen 
etc. GolQwen, wie dies Wort überhaupt schon seiner Bedeutung 

— Kopf — nach die allgemeinste Bezeichnung Air die Comman- 
deure von Abtheilimgen war. 

Die Ssotniks (ssotniki), Genturionen oder Hunderter, befeh- 
ligten ihrem Namen entsprechend, bei der Gavallerie imd Infan- 
terien die Centurien (ssotni) oder Abtheilungen von 100 Mann, 
sowie bei der Artillerie die untern Befehlshaberstellen mit ihnen 
besetzt wurden*)- 

Die niederen Chargen der Fünfziger (pjatidessjatnihi) und 
Zehner (dessjatniki)^ welche namentlich bei den Strelzen und 
Stadtkasaken vorkamen, wurden nicht zu den Offizieren, sondern 
zu den Gemeinen gerechnet. 

Die Donschen und übrigen Kasakenvölker hatten ihre 
eigene Verwaltung (üprawa) und wählten sich ihre Anführer 
selbst. Sie standen zu jener Zeit entweder gar nicht unter dem 
Rasread, oder doch nur in einem sehr losen Subordinationsverhält- 
nisse zu demselben. Von ihren Anführern ist bereits früher die 
Bede gewesen. 

Die Ausländer endlich hatten die Offizierchargen des west- 
lichen Europas und standen somit unter Rittmeistern oder Ca- 
pitainen, Lieutenants und Fähnrichen. 

2.* Die Stäbe der Regimentswoewoden. Sie wurden aus den 
nachstehenden Personen gebildet. 

I. Me IJakem (djaki) waren nach den GoUegen der Woewoden 
die wichtigsten Personen bei denselben und wurden häufig selbst 
zu Gefährten (iowarischtschi) bei ihnen bestimmt. Jeder Regi- 
mentswoewoda natte nach seinem Range, seiner Macht, Bedeutung 
und Wichtigkieit 1, 2 oder 3 Djaken für die Führung der schrift- 
lichen Geschäfte und dienstlichen Gorrespondenz. Dieselben hatten 
ausserdem die Gasse des Regiments zu verwalten, die Auszahlung 
des Soldes zu bewirken und alle Erlasse der Woewoden zu con- 

1) O0II17B. 0«Kk. d. OcMnlitete. MlUt. J«iin. 1857. M. S. pay. 8& 



— 87 — 

trasigniren. Manchmal wurden sie auch selbst mit der Führung 
von Truppen betraut. Ihrem Amte nach entsprachen die Djaken 
theils den Stabs -Chefs, theils den Kriegscommissaren der neue- 
ren Zeit. 

k Me P^iUitseheB {jpodjatschie) waren die Gehülfen der Dja- 
ken m den R^imentem, von denen jeder eine grosse Anzahl von 
jungem, mittleren oder altem hatte, deren Beschäftigung besonders 
in der Anfertigung der schriftlichen Arbeiten, Führung der Listen, 
Bücher, Journale und Rechnungen bestand. Ausserdem wurden sie 
auf dem Marsch und im Gefecht auch als Ordonnanzen der Woe- 
woden benutzt, zu welchem Zweck sie gleich den Combattanten 
beritten und bewaffiiet waren. 

c Um WMW^dengefdge (sawoewadtschiki). 

i. Me KssAile (essauly). 

Diese Chargen entsprsichen etwa den modemen Adjutanten 
und Ordonnanzoffizieren, in so fem sie direct bei der Person der 
Regimentswoewoden standen und deren Befehle zu überbrmgen 
hatten. Die ersteren, Söhne der angesehensten adligen Familien, 
ritten gewöhnlich hinter, die letzteren, gleichfalls Mitglieder ad- 
liger aber weniger vornehmen Geschlechter, aber vor den Woewo- 
den. Die Zahl beider war sehr wechselnd und richtete sich theils 
nach dem Range und Ansehen der Woewoden, theils nach der Be- 
deutung ihres Commandos. Bisweilen belief sie sich auf 20 und 
noch mehr. 

3. Der Armeestab oder die Hauntverwaltung der Armee. 
Hierzu gehörten, mit Ausnahme des Obercommandeurs , folgende 
Personen : 

I« Me Aithekugte^wMlsMriem (ssborscfUschikt). Man verstand 
darunter vornehme Adlige, die im Falle eines Krieges aus Mos- 
kau nach den einzelnen Städten zur Aushebung der von diesen zu 
stellenden Mannschaften geschickt wurden. Sie hatten dieselben 
nach dem ihnen angewiesenen Sammelplatz zu führen oder abzu- 
senden und dort den Regimentswoewoden zu übergeben. Von hier 
aus b^aben sie sich dann nach Moskau oder in das Hauptquar- 
tier des obersten Woewoden, in welchem letzteren Falle sie dem- 
selben während des Feldzuges für besondere Aufträge zur Disposi- 
tion gestellt blieben. 

b. Me BeMUugsbeaMtei (okladtschiki) kamen nur bei der 
Reiterei vor. Man begriff darunter die aus angesehenen Familien 
ausgewählten Adligen, welche bei der Aushebung der Leute und 
bei der Eintheilung neuer Mannschaften zum Dienst dieselben nach 
dassen verzeichnen, dem entsprechend Jedem sein Gehalt festset- 
zen und darauf sehen mussten, dass ein Jeder seiner Classe ge- 
mäss «beritten, bemannt und bewaffiiet» kam; auch Niemand vor 
seiner Entlassung aus dem Dienst ging. 

c Me Seiiwttitchaftem (jpassylnye Ijt/idi) wurden aus den 



— 88 — 

Adligen, namentlich aber aus den Shilzen und Bojarenkindern aus* 
gesucht. Ihre Bestimmung bestand darin, zu Verschickungen aller 
Art, sowie beim Recognosciren des Feindes zur Begleitung und 
Unterstützung der Sendwoewoden zu dienen; daher sie etwa den 
jetzigen Feldjägern, Botenjägem, Stabswachen, Guiden etc. ent- 
sprachen. 

i. 9it Lager- uii tiartiersebter (stanowschtschiki , sdimsch- 
tschiki) blieben in derselben Art bestehen, wie sie schon in der vori- 
gen Periode besprochen sind. Sie wurden gewöhnlich aus den 
Shilzen ausgewählt und hatten hauptsachlich die Lagerplätze für 
die Truppen auszusuchen. 

e. Her W«ew«dA keia Zeig (woewoda ot oder u narjadu oder 
ssnarjadu) oder der Obercommandeur der Artillerie. 

f. ler W«iiierwMW«dA {guljawyj woewoda) oder der Oberwa- 
genmeister. Von diesen beiden Chargen ist schon bei den Woe- 
woden gesprochen. 

g. Hie auliBiiltdieB Iigeiienre {Rosmyssli is inosemzew) mit 
ihren ausländischen und Russischen Gesellen und Lehrlingen wur- 
den bei den Belagerungen der Städte benutzt und smd bereits 
früher besprochen. 

L Her W«ew«da M lier gnssen fahie ist schon bei den Woe- 
woden erwähnt. 

i. Me tegtaentoriehter {PöOcowye ssudji) wurden von den Re- 
gimentswoewoden ernannt imd hatten während des Marsches die 
Justiz und Rechtspflege bei der Armee zu handhaben, in der Art 
der jetzigen Corps- und Divisionsauditeure. Jeder hatte dazu eine 
bestimmte Anzahl Podjätschen unter sich. 

k. Me tegiMentsinte {Polkowye Lekarjn), Die Aerzte wur- 
den damals meist aus dem Auslaiide herbeigezogen imd finden 
sich schon früh in Russland erwähnt. So existirt z. B. eine vom 
11. März 1556 datirte Ordre über die Besorgung emes Arztes für 
einen Verwundeten in Nowgorod'), aus welcher hervorgeht, dass 
sich das Gouvernement schon damals um die Heilung der im 
Staatsdienst zu Schaden gekommenen Mannschaften speciell be- 
kümmerte. 

L Me tegfaieBtsgeittUeheB ud Ibrehendiener {Polkowye stojasch- 
tschenniki i eerkowno-slushiteli). Bereits in sehr frühen Zeiten 
hatten die Russen Feldkirchen beim Heer. Die älteste Notiz, 
die darüber vorgefunden ist, bezieht sich auf den Zeitraum von 
1419—1430. Es existirt nämlich aus jener Zeit ohne bestimmtere 
Angabe des Datums eine Instruction des Mitropoliten Photius über 
Einweihung emer Marschkirche (jpochodnaja ptUnaja zerkoxo)^ die 
der Grossfürst Witowtoj für die rechtgläubigen Krieger eingerichtet 
hatte «). 



1) Snvplem. i. d. hiit Acten I. N. 110. 2) iUd. I. H. 18S. 



— 89 — 

Ausserdem kann man zum Armeestab noch die beim Stabe 
des grossen Regiments befindlichen Djaken, Podjätschen, Woewo- 
denfolger und Essaule rechnen, da der Regel nach der 1. Woewoda 
des grossen Regiments gleichzeitig Obercommandeur der Armee 
war. War dies aber nicht der Fall, d. h. existirte ein besonderer 
Höchstcommandirender , etwa m der Person des Zaren selbst, so 
wurden jene Beamten noch besonders dem Armeestab zugefügt. 
Im letzteren Falle hatte z. B. der Zar allein bis zu 70 Essauls. 

Alle hier genannten Personen bildeten m ihrer Gesammheit 
bei jeder für sich operirenden Armee eine abgesonderte, selbst- 
ständige Oberverwaltung, dem entsprechend, was man jetzt eben 
unter dem Namen des Armeestabes versteht. Sie standen übrigens 
insofern unter dem Rasread, als dieser überhaupt die höchste mili- 
tairische Behörde im Frieden und Kriege war, und dass ihm nach 
Beendigung eines Krieges alle von und bei ihnen geführten Bücher, 
Rechnungen, Listen imd sonstigen Acten der operirenden Truppen 
zugeschickt werden mussten^). 



II« Hie AuniriiiipuiiiP und ^rglknmwäwkg der Truppen* 

Die Aufbringung der Truppen fand zu jener Zeit bei den ver- 
schiedenen Mannschaftsclassen in verschiedener Weise statt; durch 
Aushebung, Anwerbung oder freiwillige Gestellung. Da die Be- 
stimmungen darüber des Weiteren erst in der nächsten Periode 
ihren vollständigen Abschluss erhielten, so genügt es hier, sich 
auf die allgemeinsten Angaben zu beschränken und hinsichtlich 
der specielleren Notizen auf die letzte Periode zu verweisen. 

Im Allgemeinen bildeten die damaligen Wehrkräfte des 
Russischen Reichs eine Art erblicher Kriegerkasten, die sich 
somit durch den natürlichen Zuwachs der Nachkommenschaft er- 
gänzten. 

t Bei den Moskaaschen Chargen, den Adligen und Bojaren- 
kindeni ruhte die Verpflichtung zum Dienst auf dem Lande, 
das sie von der Regierung zum Lehen erhalten hatten, und zwar 
bezog sich diese Verpflichtung auf persönlichen lebenslänglichen 
Dienst zu Pferde mit Waffen und Leuten, für dessen gewissen- 
hafte ErfüUung sie bei der Einschreibung zu demselben Bürgen 
zu stellen hatten. Diese Dienstpflicht erbte vom Vater auf den 
Sohn fort und dauerte vom 15. Lebensjahre an, von welchem 
Alter ab die zum Dienst herangewachsenen jungen Leute als 
Nowiki (notviki) oder Neulinge verzeichnet wurden, bis zum Tode 
oder bis zur völligen Dienstunfahigkeit. Im Allgemeinen hatte 
nach den, schon unter Johann IV. erlassenen, Bestimmungen je- 



1) G«liz7iL GtMh. d GeiwTalgtote. Milii Jonrn. 1857. N. 3. VH- 88-41. 



— 90 — 

der Besitzer von 100 Tschetwerü'*') nutzbaren Ackerlandes per- 
sönlich zu Pferde und in Rüstung ins Feld zu ziehen^) und von 
jeden weitem 100 Tschetwerti einen vollkommen gerosteten und 
bewaffneten Reiter zu stellen. Stand ein langer Marsch bevor, 
so musste jeder Krieger auch noch ein Reservepferd bei sich 
führen. Unter Boris Godunow wurde diese Leistung auf die Hälfte 
herabgesetzt und befohlen, von je 200 Tschetwerti Ackerland 
einen Reiter auszuheben ; seine Nachfolger aber stellten die Ver- 
pflichtung wieder wie früher auf einen Reiter von je 100 Tschet- 
werti fest'). Im Nothfalle mussten alle Bojarenkinder mit ihren 
bewaffneten Leuten ins Feld rücken, üeber die Verpflichtun- 
gen der einzelnen Adligen und Bojarenkinder wurden im Ras- 
read genaue Listen geführt, aus denen hervorging, wie jeder mit 
Leuten, Pferden und Waffen versehen im Fall eines Aufgebots 
zu erscheinen hatte. Von den zum Gefolge bestimmten Leuten 
musste ein Theil beritten und gerüstet für das Gefecht erscheinen, 
ein anderer, weniger gut gerüstet, blieb beim Gepäck. In dem 
Abschnitt über die Bekleidung etc. wird man einige Proben über 
das Gefolge der Bojarenkinder aus jener Zeit mitgetheilt finden. 
Dies Gefolge musste beständig vollzählig gehalten und auf Erfor- 
dern zum Dienste gestellt werden; erwies sich aber einmal aus- 
nahmsweise die Unmöglichkeit, der Verpflichtung in natura nach- 
zukommen, so musste dafür an die Staatscasse eine gewisse Steuer 
gezahlt werden*). 

Sollte eine Aushebung für einen Feldzug stattfinden, so 
wurden aus Moskau nach allen Städten, von denen die Mann- 
schaften zum Dienst bestmmt waren, Aushebungscommissarien 
(ssborschtsehiki) geschickt. Dieselben erhielten eine, von dem Dja- 
ken des Rasread unterzeichnete und mit dem Siegel des Zaren 



*) Unter der Benennung Tschetwert verstand man damals eine Fläche 
Land von solcher Ausdehnung, als man mit 1 Tschetwert Aussaat bes&en 
konnte. Dieselbe kam so etwa | Dessj&tine gleich. Indessen wurde die Tschet- 
wert nicht zur geometrischen Bestimmung der Grösse des Landes als Fl&cben- 
maass, sondern mehr nach Art des Catasters zur normalen Berechnung der 
Bodeneinkflnfte benutzt, um danach die Abgaben und sonstigen Leistungen 
festzustellen. Um sich eine Vorstellung von dem Bodenraum zu machen, den 
man unter der Bezeichnung Ton 1 Tschetwert zu verstehen hat, muss man 
übrigens noch berücksichtigen, dass der Russischen Oeconomie fast durchgängig 
die Dreifelderwirthschaft zum Grunde liegt, mithin repr&sentirt 1 Tschetwert 
in Wirklichkeit einen 3 Mal grössern Fl&chenraum als oben angegeben, d. h. 
etwa 1| Dessjätinen in 3 Feldern. Als wirkliches Flächenmaass wurde übri- 
gens schon damals die Dessjfttine angewendet, worunter man einen Raum von 
80 Ssashenen Länge und 30 oder 40 Ssashenen Breite, d. h. von 2400 oder 
8200 QSsash. Inhalt zu verstehen hat. (Gesch. d. Eriegsk. in Russl. Milit 
Joum. 1856. N. 1. pag. 86. — Geschichtl. Abriss d. Versorg, entlass. Milit. in 
Rnssl. Milit Samml. 1868. N. 12. pag. 839.) 

1) ütb. d. GbT»IL Milit J«orB. 1840. N. 6. pay. 21. 2) Omsk. d. KricgA. in Bwl. Milit. 
Jm». 18M. N. 1. pi«. 86, 87. 8) ibid. pH- M. 



— 91 — 

versehene AnweisuDg über die Zahl und Art der auszuhebenden 
Mannschaften. In den bet^pffenden Städten angekommen, Hessen 
sie sich von den Woewoden oder Djaken derselben die nöthige 
Zahl von Criminalstarosten {guhnoj starosta) Stadtamtleuten {goro- 
dowoj prikasschtschik) und Boten überweisen, um die Notificirung 
der Emberufungsordre in den zu der Stadt gehörenden Dörfern 
und Gütern zu verbreiten. An dem bezeichneten Tage hatten 
dann alle einberufenen Mannschaften sich in den Städten, zu de- 
nen sie geschrieben waren, einzufinden. Hier wurden sie von 
dem Aushebungscommissar verlesen, gemustert und nach einer 
vorläufigen Eintheilung in Marschabtheilungen nach dem für ihr 
Eegiment bestimmten Sammelplatz in Marsch gesetzt. Waren 
alle einbeorderten Mannschaften zur rechten Zeit da, so führte 
er sie selbst dorthin, andernfalls bestimmte er für die rechtzeitig 
Eingetroffenen provisorische Golowen und schickte sie unter die- 
sen ab. Er selbst blieb zurück, um die nicht angekommenen 
Leute, die mit der grossesten Strenge ausgehoben und mit der 
Knute bestraft wurden, zu sammeln und dann ebenfalls dem 
Heere zuzuführen. Leute, die sich der Aushebung ganz entzogen 
und gar nicht kamen, wurden als «Neiner» (Neti, Nettschiki) no- 
tirt, an ihrer Stelle ihre Kinder und. Leute eingestellt und ihr 
Lehnsland so wie ihr ganzes Gehalt zum Yortheil des Zaren ein- 
gezogen; sie selbst wurden, wenn man ihrer habhaft werden 
konnte, mit der Knute oder selbst mit dem Tode bestraft*). 

Was die Entlassung betrifft, so war es ursprünglich dem 
Belieben emes Jeden anheimgestellt, ob er überhaupt in Dienst 
treten, wie lange er darin verbleiben, und wann er ihn verlassen 
wollte; im letzteren Falle verlor er aber sein Lehen"). Später 
konnten jedoch die Mitglieder des Adels den Zarischen Dienst 
nur in Folge einer regelmässigen Entlassung aufgeben. Dieselbe 
erfolgte in doppelter Art: entweder als zeitweilige Beurlaubung 
zum Heilen von Wunden oder Krankheiten, zur Wiederherstel- 
lung der in Folge des Dienstes oder von Gefangenschaft zerrüt- 
teten Oekonomie etc., oder als vollständige Verabschiedung für 
vollkommene Unfähigkeit zur Fortsetzung des Dienstes, also we- 
gen unheilbarer Krankheit, sehr hohen Alters etc. Im letzteren 
Falle erhielt der Entlassene eine so genannte Entlassungsgramota 
(ptstaumaja gramota). Bisweilen liess man den so Verabschiede- 
ten auch dann noch keine Ruhe, sondern bestimmte sie zur Be- 
kämpfung und Ergreifung der Räuber, eine Maassregel, die Sso- 
lowjew zwar mit Recht sehr lächerlich findet, die sich aber doch 
bis auf Peter dem Grossen erhielt*). Da femer die Dienstpflicht 
keine persönliche, sondern an dem Grund und Boden haftende 



I) Sopploo. d. kiti. Aetop. I. H. 124. 2) a«KhichtI. Alirifls d. Venoig. d. entlun. Milit in 



. flttninl. 1868. H. 18. pi«. 837. 3) iMd. pttg. 888. Anm. 57. 



— 92 — 

war, so mussten statt der solcher Gestalt entlassenen Mannschaf- 
ten, sofort die Kinder oder sonstigem Verwandten derselben, in- 
sofern sie das dienstpflichtige Alter bereits erreicht hatten, ein- 
gestellt werden; waren solche nicht vorhanden, so mussten die 
Entlassenen, da die Dienstpflicht nicht iiihen durfte, im Falle 
eines Aufgebots von Datotschenleuten zu demselben nach den 
allgemeinen Regeln stellen. 

Ausser den Aufgeboten für besondere Eriegsfölle fand all- 
jährlich ein solches zur Bewachung der südlichen Grenzen des 
Landes gegen die Krymschen Tataren Statt. Zu diesem Zwecke 
wurde alle Frühjahr ein Heer, vorzüglich aus Mannschaften der 
Ukraineschen Städte*) bestehend, in der Ukraine aufgestellt, und 
zwar in der Art, dass die eine Hälfte der dazu bestimmten 
Mannschaften vom Frühling bis zum 1. July, die andere von da 
bis zum 1. October, oder «bis zu den grossen Schneen», d. h. bis 
zum Eintritt des Winters zu dienen hatte. Ausser den Mann- 



*) Die St&dte Russlands wurden in dieser Periode zur Erleichterung der 
Uebersicht nach ihrer geographisdien Lage in gewisse Gruppen getheilt. So 
gab es Transmoskansche, Nördliche, Polnische, Ukrainesche, Untere (d. h. am 
untern Lauf der Wolga gelegene), Küsten- (d. h. am nördlichen Eismeer lie- 
gende) Hind Sibirische Städte. * Nach dem schon einmal erwähnten, für den 
zum 2laren von Russland bestimmten Polnischen Kronprinzen zusammengestellten 
Verzeichniss aus den Jahren 1610 — 1613 (Histor. Acten II. N. 355), waren die 
Städte Russlands damals in folgender Art yertheilt: 

Städte im Zarenth um Moskau: Wolodimir, Ssusdal, Murom, Kasslmow, 
Elatma, Temnikow, Alatar, Arsamas, Kurmysh; an der Wolga abwärts: 
Nishnij Nowgorod, Balachna, Tscheboxary, Wassil-Gorod, Kokschagsskoj-Gorod, 
Zarew-Gorod, Kusmoden^ansk, Swijashsk, Kasan, Tetjuschi, Ssaratow, Ssamara, 
Astrachan, Terki-Gorod und eine Stadt an der weissen Woloschka im Tscher- 
kessenlande. 

Städte der Krymschen Ukraine: Koluga, Olexin, Sserpuchow, Koschira, 
Kolomna, Pereslawl-Rjäsansskoj, Tula, DedUow, Epifan, Donkow, Gorod Nikoli 
Sarasskogo (Sarasskoj), Wenewa, Liwni, Waluika, Osskol, Woronesh, Bel-gorod, 
Elez, die neue Stadt des Zaren Boris (Borissow), Orel, Nowossil, Mzensk, 
Brjäslawl, Kromy, Nowgorod-Ssewersskoj, Starodub, Karatschew, Putiwl, Tßcher- 
nigow, Rylsk, Brjansk, Bolchow, Lichwin, Peremyschl, Worotynsk, Odoew, 
Trubtschewsk, Roslawl, Smolensk, Dorogobush, Wjäsma, Moshaesk, Dmitrow, 
Subzow, Rshewa-Wolodimirowa, Rshewa-Pustaja , Belaja, Luki-Welikie, Newl, 
Toropez, Potschep, Cholm. 

Von Moskau gegen Mitternacht (Nördliche Städte): Nowgorod- 
Welikij, Jam, Koporje, Ladoga, Iwangorod, Oreschok, Korel, Pskow, Opotschok, 
Krassnoj, Wyschegorod, Staraja Russa, Ssebesh, Twer, Kaschin, Klin, Sweni- 
gorod, Stariza, Borowsk, Meschtschowsk, Koselsk, Rusa, Medyn. 

Von Moskau nach Osten: Pereslawl-Salesskoj, Rostow, Jaroslawl, 
ügletsch, Kostroma, Wologda, Ustjug-Welikij , Totma, Wytschägda, das I^and 
Wjätka mit 4, Perm mit 6, und Sibirien mit 3 Städten, mit Tjumen, Tobolsk, 
Werchoturje, Pelym, 4 Städte am Ob und jenseits des Ob 1 Stadt in Mangascja, 
Jugra, Kolmaki und Tschaty. 

An der Küste des nördlichen Oceans (Küstenstädte): Archan- 
gelsskoj -Gorod, 60 Werste, eine Stad^auf einer Insel im Meer; das Ssolowezsche 
Kloster, Lop, Ssamoed, Pustoosero, Beloosero. 

Städte in der Nähe von Ssusdal: Schpja, Luch, Gorochowez. 



— 93 — 

Schäften der Ukraineschen Städte wurden auch noch solche aus 
den Transmoskauschen aufgeboten und zwar alljährlich eine Hälfte, 
die aber während der ganzen Zeit vom Frühling bis zum 1. Octo- 
ber diente, dann aber das nächste Jahr, wo die andere Hälfte 
ebenso heran kam, ganz Ruhe hatte. Der Termin, zu dem diese 
Mannschaften einberufen wurden, war gewöhnlich der Tag Maria 
Verkündigung. 

2. Die Tataren und zu ihnen gehörenden Völker unterlagen 
einer ganz bestimmt geregelten Dienstpflicht und Aushebung. Sie 
zahlten ihre festgesetzten Abgaben, den Jassak, und mussten im 
Allgemeinen von je 3 jassakpflichtigen Höfen einen Mann zum 
Dienst stellen. Ausserdem fand aber auch eine Aushebung nach den 
Familien statt, z. B. 1609, wo die Tscheremissen von jeder Familie 
{dym — heisst auch Bauernhaus) eioen Mann stellen mussten*). 

3. Bei den Stadtkasaken und Strelzen erfolgte die Ergän- 
zung in nachstehender Art. Die Strelzen wurden bei ihrer 
ersten Formirung aus den ft'eien Bewohnern der Städte und des 
platten Landes, die nicht steuerpflichtig waren, und also dem 
Staat noch keinen directen Nutzen brachten, angeworben. Man 
kann wohl annehmen, dass Johann der Schreckliche gerade diese 
Classe der Bevölkerung hauptsächlich deshalb zum Kriegsdienst 
heranzog, um sich dadurch ein Gegengewicht gegen die mächti- 
gen Classen der Adligen und Bojarenkinder zu verschaffen. 

Die Strelzen waren persönUch und mit ihren ganzen Fami- 
lien zum lebenslänglichen Dienst verpflichtet, wenigstens solange, 
bis sie in Folgen hohen Alters, von Krankheiten oder Wunden 
unbrauchbar wurden. Aus dieser Verpflichtung ergab sich dem- 
nach für die Strelzen dieselbe natürliche Art der Ergänzung, wie 
bei den Adligen und Bojarenkindem , d. h. durch ihre heran- 
wachsenden Söhne, Brüder, Neffen und sonstigen Anverwandten. 
Nur wenn diese Art des Ersatzes, z. B. bei der Formation neuer 
Abtheilungen oder bei ganz ungewöhnlichem Abgang, nicht aus- 
reichte, schritt man in der Folge auch wieder zu der ursprüng- 
lichen Art der freien Anwerbung. 

Da die Strelzen, wie in der späteren Darstellung gezeigt wer- 
den wird, sehr viele Vorzüge genossen, so sollte man glauben, 
dass es nie an Freiwilligen für dieselben hätte fehlen können. 
Dem scheint indessen durchaus nicht so gewesen zu sein, wenigstens 
kamen häufig Fälle vor, wo Neuformirungen angeordnet wurden 
und es Jahre lang dauerte, ehe die festgestellte Zahl zusammen 
kam; selbst alte Prikase konnten manchmal viele Jahre lang, 
trotz wiederholter Befehle zur Completirung, ihre Manquements 
nicht ersetzen. Man muss daher wohl annehmen, dass die Classe 
der freien, noch Niemand dienstbaren Leute in Russland nicht 



'. Acten II. N. 145. 



— 94 — 

gross war. Dazu kam allerdings noch der Umstand, dass bei 
der Annahme der Freiwilligen zu Strelzen mit grosser Strenge 
verfahren wurde. Die Strelzengolowen durften nur solche Leute 
zum Dienst einschreiben, filr welche einige alte gute Strelzen die 
Bürgschaft übernahmen, dass sie ihre Dienste richtig thun und nicht 
desertiren würden. Dem Wortlaut der Vorschrift nach sollten zu den 
Strelzen genommen werden: «freie, freiwillige Leute, von den 
Vätern die Kinder, von den Brüdern die Brüder, und von den 
Oheimen die Neffen; gute und schneidige Leute, die aus den 
Pischtschali tüchtig schiessen können; aber schlechte und junge, 
unerwachsene und unfreie Leute aller Art, sowie steuerpflichtige 
Bewohner der Vorstädte oder Bauern vom Acker, sollen nicht 
unter die Strelzen eingetheilt werden; für den Dienst und die 
Desertion haben sie gegenseitig Bürgen mit schriftlicher Verpflich- 
tung zu stellen und sind dazu gute Strelzen zu nehmen, denen 
man vertrauen kann»*). 

Diese Art der Aushebung galt für die Strelzen zu Pferde, 
wie für die zu Fuss, doch ergänzte man bisweilen auch jene aus 
diesen; namentlich an solchen Orten, wo beide Arten sich vor- 
fanden. 

Die Stadtkasaken wurden bei der ersten Formirung eben- 
falls aus freiwilligen, abgabefreien Leuten, besonders auch Tage- 
löhnern ohne Land, Batraken oder so genannten Kasaken ange- 
worben. In der Folge griff jedoch bei ihnen eine ganz gleiche 
Art der Ergänzung Platz, wie bei den Strelzen. 

4 Die vom Lande gestellten HannBohaften {datotschnye 
Ijudi) wurden im Fall eines Krieges von den jfrohnpflichtigen, 
nach Umständen auch von den nicht frohnpflichtigen Vorstadts- und 
Bauernhöfen ausgehoben ; ferner von den geistlichen und Kloster- 
gütern und von dem Erb- und Lehnslande der nicht im per- 
sönlichen Dienst befindlichen Adligen und Bojarenkinder, sowie 
der Wittwen solcher Leute, für die noch keine Söhne zum Dienst 
herangewachsen und notirt waren, mit einem Worte von alle dem 
Lande, bei welchem die Dienstpflicht aus irgend welchen Grün- 
den momentan ruhte oder nicht in Anspruch genommen war. 

Die Grösse der Aushebungsquoten richtete sich nicht 
nach allgemeinen Regeln, sondern nach dem augenblicklichen Be- 
dürfniss, wonach sie jedes Mal in der Art festgesetzt vmrde, dass 
die Umlegung entweder der Grösse des Landbesitzes, oder der 
Zahl der Höfe, Häuser oder Personen gemäss erfolgte. Hierbei 
wurde der Landbesitz, nach den Provinzen verschieden, entweder 
nach Tschetwerti, oder nach Pflügen {ssoscha)% kleinen Pflügen 



*) Ueber die Bedeutung des Pfluges als Flächenmaass varüren die An- 
gaben sehr bedeutend. Nach einer Angabe (Gesch. d. Kriegsk. in Russl. 

1) Acten d. Aitta. Exped. I. H. S4. - Hittor. Acten II. M. 46 etc. 



— 95 — 

Usoschki)*) oder Portionen (toyti)**) berechnet und danach die 
Grösse der Leistung bestimmt. Auch nach Loosen (sherebt) ge- 
schah die ümlegung, eine Bezeichnung, unter welcher wahrschein- 
lich der Antheil zu verstehen ist, den jeder Mann einer Gemeinde 
von dem gemeinschaftlichen Lande derselben für seine temporaire 
Benutzung erloost hatte, um einen Begriff für die Grösse der 
Aushebungsquote zu geben, folgen hierbei einige Beispiele: 

Im Jahre 1545 wurde in Nowgorod von je 3 weissen oder 
steuerfreien und je 5 steuerpflichtigen Höfen ein Mann ausgeho- 
ben, und zwar die Hälfte zu Pferde, die HtOfte zu Fuss, was von 
1111 resp. 8013 Höfen 1973 Mann ergab, ungerechnet 1000 Pisch- 
tschalniks zu Fuss und ebenso viel zu Pferde, die man in den 
Vorstädten von Nowgorod aushob*). 

In demselben Jahre forderte man von je 6 Popen mit, oder 
von je 10 Popen ohne Einkünfte die Gestellung von 1 Mann und 
2 Pfund Pulver*). 

1607 hob Wassilej Johannowitsch Schuisskoj in Beloosero 
vom Pfluge 6 Mann (3 zu Pferde und 3 zu Fuss)"), 1608 aber 
10 Mann aus^). 

1608 wurde durch Erlass vom 8. October den Klöstern, 
Dörfern, sowie dem Lehns- und Erblande der Bojarenkinder des 
Zaren die Gestellung eines Mannes von jedem Bauernhause (dym, 
auch Familie) aufgegeben'). Ebenso setzte der Erlass vom 6. De- 
cember desselben Jahres für Perm, Ssol Wytschegozk und den 
Ussolischen Bezirk eine Aushebung von 10 Mann vom kleinen 
Pflug fest«). 

1609 stellten die Einwotner von Tscherdyn bei Perm von 
5 Loosen 100 Mann. In demselben Jahre wurden f&r die Ver- 
theidigung von Smolensk daselbst von dem Erb- und Lehnslande 
der Adligen und Bojarenkinder, und vom Kirchenlande von jedem 
Pflug 6 Mann ausgehoben, was im Ganzen 507 austrug'). 

1611 endlich sollte das Tichwinsche Kloster von seinen 16 Por- 
tionen je 4 Mann geben, doch stellte es nur 2 Mann per Portion*^. 



Milit Jonrn. 1856. N. 1. pag. 37.) betrug er 750 Tschetwerti, nach einer an- 
deren (Histor. Acten IT. K. 254.) 133| Tscheti; nach einer dritten (ibid. III. 
N. 132.) wurde der Pflug beim Lande der weltlichen Chargen zu 800, bei dem 
der Geistlichkeit und Klöster = 600 Tschetwerti gerechnet; eine vierte setzt ihn 
gleich 150 Dessj&tinen (Geschichtl. Abriss d. Versorg, d. entlass. Milit. in Russl. 
Milit. Samml. 1868. N. 12. pag. 384.) oder 64 Höfen (ibid. pag. 385. Anm. 197.): 
nach einem Erlass Yom Jahre 1645 endlieh wurde der Pflug = 392 Höfen 
gerechnet (Acten d. Arch. Exped. IV. N. 6.). 

*) Der kleine Pflug (seoschka) wurde = 80 Tschetwerti Land gerechnet, 
(ibid. n. N. 94.) 

**) Die Portion {wyta) rechnete man zu 6—7 Höfe; am 28. Februar 1705 
wurde ihre Grösse auf 7 Höfe normirt. (Ges. Samml. lY. N. 2037.) 



1) AdiB a. Axch. Biped. I. N. aod. 2) iMd. 8) iUd. H. N. 78. 4) iUd. N. 91. 5) 
i n. K. W. 6) iUd. K. 109. 7) HMor. Acten II. N. 254. 8) Aetan d. Aicb. Brped. I. 



— 96 — 

Dagegen stellten die Einwohner aber auch häufig mehr, als 
verlangt wurde; so z. B. Perm 1609 einen doppelten Satz mit 
20 Mann von dem kleinen Pfluge*); ebenso die Bewohner der 
Vorstädte von Ssol Galizk und die Bauern des üssolischen Be- 
zirks 100 Mann vom Pfluge für das Heer, und noch weitere 50 
zur Bewachung des Shilinschen Verhaus auf dem Wege nach 
Moskau'). 

Bisweilen wurde an Stelle der Aushebung von Leuten in 
natura eine Geldabgabe, z. B. 6 Rubel pro Mann, erhoben 
und dafür Freiwillige angeworben. So z. B. bestimmte ein Erlass 
vom 26. März 1607, dass aus Perm und den dazu gehörenden 
Städten sofort Mannschaften oder Geld zum Dienste zu schicken 
seien; und ein anderer vom 10. December, dass diese Städte 
(Perm, Tscherdyn, Kaigorodok, üssolje Kamsk) statt der 70 Kämpfer, 
die sie zu stellen hatten, Geld zahlen sollten, und zwar fQr 
3 Wintermonate mindestens je 2 Rubel; für dieses Geld sollten 
in Moskau Freiwillige geworben werden^). 

Was das Alter und die Eigenschaften der Datotschen- 
leute betrifft, so gab es darüber in dieser Periode noch keine 
festen Bestimmungen. Im Jahre 1545 ist darüber gar Nichts 
gesagt; dagegen wurde 1592 bei der Aushebung von 100 Mann 
in Orel und Tschussowaja gegen die Sibirischen Tataren ver- 
langt, dass es «gute, junge und geduldige Leute, die schiessen 
können und das WaflFenhandwerk verstehen» sein sollten*). Ebenso 
forderte man 1607 von den Datotschen, dass sie «gut, jung und 
feurig sein, auch mit Bogen und Flinten umzugehen wissen» 
sollten*). 

Die Länge der Dienstzeit richtete sich nach dem Bedarf 
und nach der Dauer des Krieges, konnte daher gewöhnlich nicht 
vorher bestimmt werden. Im Jahre 1607 wurde dagegen die 
Aushebung gleich auf nur 2 Monate angeordnet. Bei lange dau- 
ernden Märschen fand auch wohl eine Ablösung Statt. 

Die Bewirkung der Aushebung war in dieser Periode 
meist Sache der Provinzialstatthalter, welche die gestellten Mann- 
schaften nur auf Bürgschaft sicherer Bürger oder Kreiseinsassen 
annehmen durften. In dieser Hinsicht sagt die Instruction über 
die Aushebung von 1607: «Und sind nur Mannschaften zu neh- 
men, die an sich gut, jung, feurig sind, von den Vätern die Söhne, 
von den Brüdern die Brüder, vom Onkel die Neffen,» (d. h. also 
unter Bürgschaft der Verwandten) «aber Tagelöhner, fremde An- 
kömmlinge und Würfelspieler sollen nicht genommen werden, und 
sind für die Angenommenen Bürgschaften von den besten Acker- 
bauern und den Gantonsbauem aus Perm zu stellen, dass sie 



1) Hifltor. Acten. H. N. 149. 2) Ibid. V. 177. 3) ibid. N. 70, 84. 4) Sapplen. s. d. 
Aeten. I. N. ISA. 5) Acten d. Arch. Bxped. U. V. 70. 



— 97 — 

nnsem Dienst dienen, und vor der Entlassung nicht fortgehen 
werden». 

Im Jahre 1609 erfolgte die Aushebung der Datotschen aus 
Smolensk in der Art, dass nach jedem Gut und Canton des Stadt- 
bezirks ein Bojarensohn als Aushebungscommissar mit einem Pod- 
jätschen geschickt wurde ^). 

5. Die Freiwilligen wurden durch Anwerbung aufgebracht, 
und zwar eriblgte dieselbe in der Begel für das Geld, welches, wie 
oben bemerkt, an Stelle einer Aushebung von Mannschaften er- 
hoben wurde. Diese Art der Ergänzung fand namentlich bei 
einem Theil der Truppen in Sibirien Statt. 

6. Die Donsohen und anderen Easakenvölker standen unter 
ihrer eigenen Verwaltung und unterlagen keinen bestimmten Aus-* 
bebungsmodalitäten seitens der Russischen Regierung. Im Be- 
darfsfalle wurden sie durch besondere Erlasse der Zaren, die zwi- 
schen Bitte und Befehl eine weise Mitte hielten, zur Theilnahme 
an den kriegerischen Operaticmen, event. zur Stellung einer ge-» 
wissen Streitmacht aufgefordert. Die Ausfülurung derselben wurde 
dann durch die Corps selbstständig nach ihren eigenen Commandir- 
rollen angeordnet, da im Rasread keine Listen über diese Truppen 
geführt wurden, üeberhaupt behandelte man sie — mächtig, 
wie sie waren, und gefährlich, wie sie sein konnten und auch oft 
wurden — stets mit grosser Vorsicht seitens der Russischen Be- 
hörden. 

In welcher Weise und aus welchen Elementen diese Easaken- 
völker sich in sich bei ihrer ersten Formation und in ihrer spä* 
teren Entwickelung bildeten und ergänzten, ist bereits in der 
früheren Betrachtung gezeigt und daher hier nur noch hinsicht- 
lich der Bestimmung der Anführer und Chargen zu erwähnen, 
dass dieselbe überall aus der Mitte der Kasaken durch allge- 
meine Wahl nach der Stimmenmehrheit auf ein Jahr oder für 
die Dauer eines Feldzuges erfolgte, nach Verfluss welcher Zeit 
die Gewählten ohne irgend welchen Unterschied wieder in die 
Zahl der Kasaken zurücktraten. 

7. Die Bedienungsmannsohaften dar Artillerie. Aus was £ür 
Leuten sich die Gemeinschaften der zur Bedienung der Artillerie 
gehörigen ArtUleriemannschaften bei ihrer ersten Entstehung als 
solche bildeten, ist schwer mit Sicherheit festzustellen. Nach 
einer Angabe sollen es Datotschenleute, die schon früher als solche 
zum Dienst beim Zeug ausgehoben waren und solche freiwillige 
Leute gewesen sein, welche «gar sehr zu schiessen» wussten*). 
Doch scheint es wahrscheinlicher, dass sie gleich von An&ng an, 
ganz wie die Strelzen, aus freien, nicht steuerpflichtigen Leutei\ 



1) Hiator. Aetea. II. N. 254. 2) Chnyrow. D. Artillerie n. d. Artilleristen im YoT-PeterBchen 
Bwal. Artill. Jonm. 1865. N. 2. pag. 588, 589. 

Briz, GMch. d. Ali. Bus. HMr«s«litflcht, . 7 



— 98 — 

angeworben wurd^. Ihre Einstellung erfolgte dann ganz wie bei 
diesen nur auf Grund einer schriftlichen Bürgschaft (porutsdmaja 
sapiss) schon dienender Puschkari, und waren sie, Malog den- 
selben, für ihre Person und ihre Familien zum beständigen, lebens- 
l&nglieh^ Dienst verpflichtet, so dass ihre regelmässige Ergän- 
zung daher ebenfalls zunächst auf natürlichem Wege durch Nach- 
wachsen ihrer Kinder und sonstigen Angehörigen erfolgte. Da 
dies aber bei der beständigen Vermehrung der Geschützzahl nicht 
überall genügte, so musste man audi in der Folge noch häufig 
auf die alte Art der Anwerbung zurückgreifen. 

In späterer Zeit ergänzte man die zur Bedienung der Artil- 
lerie bestimmten Mannschaften bisweilen auch wohl durch erfah- 
rene Strdzen*); namentlich geschah dies bei den Artilleristen der 
Strelzenprikaae. Die für einen Marsch bestimmten Puschkari 
wurden gemeinlich aus den in den Festungen befindlichen aus- 
gesucht und dazu nach emem Erlass vom 29. November 1555 
Leute genommen, die schiessen konnten und an sich feurig waren'). 

8. Die Bedeckon^smannsohaften der Artillerie wurden im 
Fall eines Marsches wie die Datotschenleute vom Lande, gewöhn- 
lich nach der Zahl der Pflüge, ausgehoben, und nach Beendigung 
desselben wieder entlassen. 

9. Die Ausländer. Ihre erste Aufbringung erfolgte durch 
Anwerbung im Aus- oder Inlande, und blieb diese Art der Er- 
gänzung für sie auch beständig im Gebrauch. Die Ausländer, 
welche völlig und auf immer in Russische Dienste traten und in 
Folge dessen mit Land betheilt wurden, hatten für dasselbe ganz 
in der Art wie die Adligen und Bojarenkinder zu dienen, wurden 
auch ebenso wie diese ergänzt und zum Dienst eingezogen. Was 
im Speciellen die aus dem Auslande herbeigezogenen Giessmeister 
und Ingenieure betrifi't, so erfolgte deren Anwerbung meistens 
durch freie contractliche Vereinbarung für eine bestimmte Zeit. 

10. Die allgemeinen Aufgebote. Ausser den gewöhnlichen 
Einziehungen und Aushebungen, fand noch manchmal in beson- 
deren Fällen ein allgemeines Aufgebot aller waffenfähigen Mann- 
Schäften eines bestimmten Bezirkes oder einer ganzen Provinz 
Statt. Ersteres erfolgte namentlich bei der Vertheidigung von 
Festungen, wo dann alle im Bezirke derselben wohnenden Leute, 
ohne Rücksicht auf Alter, Stand und Geschlecht in die Stadt 
Eiehen mussten. Hier wurde die waffenfähige Mannschaft dann 
nach den einzelnen Thoren und Festungswerken in Abtheilungen 
getheüt und unter erfahrene Golowen gestellt. 

Ein allgemeines Aufgebot der gesammten Landesbevölkerung 
kam in jener Periode li^kanntlich nur einmal, im Jahre 1612, 
zur Befreiung des Landes von den Polen und Aufrührern und zur 

1) Supplam. X. d. hist Aden. I. N. 92. 2) Histor. Acten. I. N. 73. 



— 99 — 

Rettung seiner Selbstständigkeit vor. Bei dieser allgemeinen 
Landesbewaffnung wurde Alles, was nur die Waffen zu tragen 
yermochte, aufgeboten, und selbst alle dienstfälligen Diener der 
Geistlichkeit und Klöster mit Waffen und Yorräthen gesammelt; 
nur die ganz Alten und Schwachen blieben zurück^). 

III« nie BeMleldunip, AusrAstuitip und BewaflPkiUitip'). 

Im Allgemeinen bildete sich im Laufe dieser Periode die 
Bekleidung, Ausrüstung und Bewaffnung der Bussischen Truppen 
vollständig in der Art aus, wie sie mit verhältnissmässig geringen 
Aenderungen bis zu den Reformen Peters des Grossen geblieben 
ist. Die Kenntniss derselben kann man, da die nationalen Quellen 
überhaupt bis zum 18. Jahrhundert nur sparsam fliessen, nicht 
sowohl aus diesen, als vielmehr aus den Berichten fremder Rei- 
senden, wie Herberstein, Guanjini, Fletcher, Petrejus, Olearius, 
Mayerberg, Lisek, Tanner u. A. schöpfen'). Die Nachrichten 
dieser Schriftsteller reichen bis zum Anfange des 16. Jahrhun- 
•derts zurück, und umfassen die Zeit von da bis zum Ende des 
17., d. h. also die beiden letzten Perioden dieser Arbeit. Um- 
ständlich und detaillirt wie sie sind, geben sie eine ziemUch ge- 
naue Kunde von dem vorliegenden Gegenstand. Mit Rücksicht 
hierauf scheint es sich zu empfehlen, zuerst eine Beschreibung 
der zu jener Zeit in Russland üblichen Bekleidungs-, Bewaffliungs- 
und Ausrüstungsstücke im Allgemeinen zu geben; und danach 
anzuführen, in welcher Art die einzelnen Truppen damit betheilt 
waren. 

A. Beschreibung der Bekleidung, Ausrüstung und Bewiltiiiuig 

im Allgemeinen. 

1. Die Bekleidung. Die militairische Kleidung der Russen 
unterschied sich zu jener Zeit nicht wesentlich von der bürger*^ 
liehen, namentlich gab es Uniformen, wie überhaupt dazumal, so 
auch in Russland im Allgemeinen noch nicht. Nach allen vor*- 
her angeführten Qudlen war die Russische Kleidung jener Zeit 
die Griechische*) in folgender Weise: 

a. Me LeibbeUeidug. Sie bestand aus Hemden, Beinkleidern 
und Obergewändem verschiedener Art. 

1) Die Hemden (ssorotschki) waren wie in der vorigen 
Periode von Leinewand gdiertigt und auf dem Rücken wie auf 
der Brust mit rother Seide oder Garn durchnäht; von derselben 
Farbe waren die Achselstücken (lastowhi, lastowizy) der Aermel. 



1) FnehB. Die S Bewaflh. d. Bqm. UndM. 2) Wiikowatov. OetcbiehtL B«Klinf¥. d. BekK. 
u. Bewaflh. d. Bon. Trappen. I. 8) ibid. Anm. 19, 105. 4) ibid. Anm. 20. 

7* 



— 100 — 

Der Kragen (psherelje)^ die Aufschläge und die Aermelprisen 
{sarukawja) waren mit rotbem Garn, bunter Seide, auch mit 
Silber- und Goldtressen durchnäht, und bei den Kelchen und 
Vornehmen noch manchmal mit Perlen und Edelsteinen besetzt. 
Das Hemde wurde über der Hose getragen, und mit einem bunten 
Gürtel um den Leib gehalten*). 

2) DieBeinkleider (isspodnizy) wurden von verschiedenen 
Stoffen und Farben gefertigt, und über den Hüften mit einer 
Schnur zusammengezogen'); die Kelchen trugen Pantalons (schiany) 
von Seide, Atlas oder Brockat, und zwar «kalte» (cholodnye) für 
den Winter, und «warme» {teplye) für den Sommer*). 

3)DieOberkleider. Die einfachste A rt des Obergewandes, 
wie es die untern Classen trugen, hiess Asjam {Asjam) oder Sserm- 
jak (ssermjag^ ssermjashnyj haftan). Jener war aus Leinewand, 
dieser aus dem dicken grauen Tuch, dessen Namen er trug, ge- 
fertigt; beide wurden vorn zugeknöpft, reichten bis ans Knie und 
hatten sdir enge Aermel*). 

Der Kaftan (Jcaftan) war ein eng anschliessendes Klei- 
dungsstück von Seide, seltener von Tuch, mit langen faltigen 
Aermeln; er ging bis zu den Knien und hatte hinten einen hohen 
Stehkragen Qcosyr), der als Gegenstand eines besonderen Luxus 
betrachtet und daher aussen von Atlas, Sammet oder Brockat 
gefertigt, und mit Silber, Gold, Perlen und Edelsteinen besetzt 
und verziert war; auch der Kaftan selbst wurde mit Gold- und 
Silbertressen oder buntem Bande benäht nnd eingefasst; ebenso 
waren die Aermelprisen mit Band-, Kiemen-, oder Metallau^chlägen 
versehen, und mit Perlen und edlen Steinen geschmückt*). Der 
Kaftan wurde, vom durch Knebel oder Knöpfe geschlossen, na- 
mentlich im Hause oder als Unterkleid getragen und entsprach 
somit etwa dem späteren Camisol. 

Beim Ausgehen zog man darüber ein anderes, bis zu den 
Knöcheln reichendes Oberkleid ohne Taille und Kragen, mit lan- 
gen fast bis zur Erde reichenden Aermeln, Feresi, Ferjäs oder 
Fereseja genannt, das aus Baumwolle, Tuch, Sammet, Seide oder 
Brockat gefertigt war und vorn zugeknebelt wurde*); die ärmeren 
Classen trugen es, meist von weisser oder blauer Farbe, unmit* 
telbar über dem Hemde*). 

lieber dieses Gewand wurde dann noch ein ähnliches, noch 
längeres und weiteres Kleid getragen, das entwedar einen grossen 
viereckigen, fast bis auf die Mitte des Kückens herabhängenden, 
oder gar keinen Kragen hatte. Im ersteren Fall hiess es Ocha* 
ben und wurde von Moor, Atlas, Sammet oder Brockat gefertigt; 
in der zweiten einfacheren Gestalt wurde es von Tuch, Kirsay 



1) Ibid. Amn. 21. 8) fUd. Anm. 2& 8) ibid. Amn. 28. 4) Ibid. Anm 24. 6) ibU. 
AuD. 25. t) ibid. Aus. 26. 7) ibid. Anm. 27. 



— 101 — 

oder andern Wollenstoffen gemacht und Odnorjadka genannt. 
In beiden Arten entsprach es dem modernen PaUetot oder Man- 
tel, indem es angezogen oder bloss umgehängt getragen werden 
konnte^). 

Die Pelze, die selbstverständlich nur im Winter getragen 
wurden, waren in jener Periode Russische oder Türkische. Jene*) 
wurden von Hasen-, Eisfuchs-, Fuchs-, Marder-, Zobel-, Biber- und 
Hermelinfellen gefertigt, und mit Tuch, Dammast, Atlas, Sammet 
oder Brockat überzogen, im Schnitt des Ochaben, auch mit eben 
solchem Elappkragen gemacht und vom mit Knöpfen oder Kne- 
beln geschlossen. Diese, nur in den Aermeln anders, wurden 
ausschliesslich von den höheren Classen getragen*), während das 
gemeine Volk wie noch jetzt Schafpelze (tülupy) trug, die bei 
Regenwetter verkehrt angezogen wurden*). 

Ausser diesen, für den gewöhnlichen Gebrauch bestimmten 
Oberkleidem gab es noch besondere Hofgewänder von sehr 
verschiedener Art: der Terlik war der Feresi ähnlich, nur 
hatte er engere und kürzere Aermel*) und wurde bisweilen mit 
Pelz gefüttert*); die Türkischen Kaftans waren, sehr lange 
Gewänder ohne Kragen und Haken, die nach Art der Schlafröcke 
vom über einander geschlagen und nur am Hals und auf der lin- 
ken Seite zugeknöpft wurden'); der Sipun, im Schnitt dem Kaf- 
tan ähnlich, unterschied sich von ihm dadurch, dass er Knöpfe, 
aber keinen hängenden, sondern nur manchmal einen stehenden 
Kragen, mit Perlen und Steinen besetzt, hatte'); der Leib- oder 
Lagerkaftan {sUmowoj iaftan) war dem Türkischen ähnlich, 
hatte aber breitere und kürzere Aermel; er wurde meistens ohne 
Futter aus Seide gefertigt und über den Sipun gezogen*). Das 
Platno hatte Aehnlichkeit mit der Feresi, aber kürzere Aermel, 
und statt der Knebel Knöpfe; dem Stoff nach wurde es von 
Sammet oder Brockat gefertigt, und mit Perlen und Edelsteinen 
besetzt über den vorigen gezogen'*^). Der Opaschen war ähn- 
lich, aber mit kürzeren, viel weiteren Aermeln und wurde als 
Mantel getragen"); ebenso war der Koshuch nur mit Pelz ge- 
füttert *■). Uebrigens wurden die vier zuletzt genannten Kleidungs- 
stücke nur von den Zaren und den Personen ihres Hofstaates 
getragen. 

Ausser den genannten Oberkleidern finden sich noch andere 
mit verschiedenen Namen (Bugai. Portischtsche, Tentenja, Tschjuga, 
OrmjcOschok etc.) erwähnt, deren Schnitt und Einrichtung aber 
nicht weiter bekannt ist"). Bei Trauer wurden «Friedenskleider» 
(ssmimoe platje) von schwarzer, kirschrother, nelkenbrauner oder 
purpurner Farbe angelegt'^). 



l) iM4. Anin. 28. 2) iUd. Aim. 81. 3) iMd. Asm. S2. 4) iUd. Asm. 84. 5) iUd. 
Anm. 86. 6) ibid. Aam. 86. 7) ibid. Anm. 87. 8) iUd. Ann. 88. 9) Ibid. Ann. 8«. 10) ibid. 
Aon. 40i 11) ibid. Anm. 41. 12) ibid. Aun. 48. 18) ibid. Aam. 48. 14) ibid. Absi. 44. 



— 102 — 

4) Die Gttrtel wurden in doppelter Art getragen. Die ge- 
wöhnlichen (pojassy) waren von Leder, Seide oder Sammet, mit 
Gold- und Silberstickerei, Perlen und Edelsteinen geschmflckt*), 
hatten herabhängende Troddeln {kontorgi, tusluki) und eine kleine 
Tasche (Ära/tto)'); die Passe {kuschaki) dagegen bestanden aus 
mehr&ch zusammengelegtem buntem Seidenzeuge'). Die Gürtel 
wurden nur über dem Kaftan und dem Sipun getragen, zu den 
andern Oberkleidem aber nicht angelegt^). 

Sonst wären zur Leibbeklcidung noch folgende Stücke zu 
rechnen: Ausser den stehenden oder liegenden Kragen der Ge- 
wänder, trugen die Zaren noch lose umgelegte, an deren Ausputz 
Alles verschwendet war, was die Zeit an Luxus und Geschmack 
kannte'). Als Putz trugen die Bojaren bei Hofe zwei Ketten 
{tschepi, eepi) von Goldringen über den Schultern, die sich auf 
der Brust kreuzten'); der Zar dagegen trug eine solche Kette 
mit einem Kreuz um den Hals^. Ausserdem schmückte man die 
Hände vielfach mit Ringen'). 

Endlich wurden noch allgemein von allen Klassen Hand- 
schuhe -r je iiäch der Jahreszeit «kalte» oder «warme» ge- 
tragen, die von Leder, Saffian oder Sammet, bei den Beiehen 
noch ausserdem mit Gold und Silber aufs Kostbarste gestickt 
waren'). 

k lie Itpfhe^kugei. Seit dem 13. und 14. Jahrhundert 
wurden ausschliesslich Mützen verschiedener Form getragen, die 
man im 16. Jahrhundert bisweilen mit Pelz verbrämte und dwn 
Kolpaks {kolpaki) nannte. Im 17. Jahrhundert wurde dagegen 
wieder die Mütze- (schapka) in ihrer einfachsten Form allgemein. 
Das Material derselben war je nach den Mitteln und der Jahres- 
zeit verschieden. Während sie bei den Armen im Sommer aus 
weissem Fihs oder Lammsfell, im Winter aus dickem Tuch be- 
standen, hatten die mittleren Classen sie aus feinem Tuch oder 
Sammet ohne Verzierungen, die höheren aber aus noch kost- 
barerem Stoff, mit Silber und Gold gestickt, und mit Perlen und 
Edelsteinen besetzt '°). 

Einzelne der verschiedenen vorkommenden Arten waren fol- 
gende: die Murmolka {schapka Murmolka) eine hohe, sich 
nach oben etwas erweiternde Mütze mit flachem Deckel von 
Sjammet oderBrockat, mit Pelz besetzt^^; die Halspelzmützen 
(schapki gorhUnyja), aus dem Halspelz von Füchsen, Zo- 
beln, Mardern etc."). bisweilen aber auch aus Sammet oder 
Brockat gefertigt, hatten eine Quaste von Seide, Silber, Gold 
oder Perlen, waren am Kopf etwas enger und durften nur von 
dem Zaren oder Leuten der Duma getragen werden. Die Bauch- 



1) iW«. äxn. M. 2) iUd. Abb. 47. 8) iUd. Amn. 4a 4) ibid. kam. 46. 5) ibid. 
AuB. 60, 61. e) iUd. Aam. 68. 7) ibid. Ann. 64. 8) Ibid. Ann. 66. ») iUd. Amm. 6«. 
10) iUd. Abb. 66. II) Ibid. Ann. 61. 12) IUd. Ann. 68. 



— 108 — 

Pelzmützen (schapki tscherewji) unterschieden sich von iimw 
nur dadurch, dass das Pelzwerk für sie von dem Bauchfell der 
Thiere genommen war^). Alle diese Mützen hatten übrigens in 
der Mitte einen Knopf von Perlen oder Edelsteinen und einea 
Busch von weissen Federn oder Perlenschnüren*). Die gewöhn- 
liche Mütze des Zaren hiess Tafja, sie war von Tuch oder At- 
las, Sammet oder Brockat gefertigt und reich mit Silber, Gold, 
Perlen und Edelsteinen geschmückt^); als Zeichen seiner Würde 
trug derselbe bei feierlichen Gelegenheiten des Diadem (diadema, 
diadima). 

c Me PisskeUeM««. Die ursprünglichste Fussbekleidung be- 
stand, wie bereits früher gesagt, aus Fusslappen (portjcwki, 
muischi) und Bastschuhen (lapty), wie sie die niedem Clas* 
sen auf dem Lande noch heute tragen^). Ausserdem trug nuoi 
ganz allgemein Stiefeln (tschobottf^ ssapogi) mit spitzen Schnä- 
beln, oben zugeschnürt von schwarzem, gelbem, grünem, meist 
aber rothem Saffian oder Sammet, mit Gold und Silber ge8ticli;t 
und mit Perlen und Edelsteinen besetzt. Die Schafte waren ver- 
schieden, unter den Absätzen waren kleine eiserne oder süberne 
Hufeisen*). 

Seit dem 17. Jahrhundert kamen auch verschiedenfarbige 
Schuhe aus Juften, Saffian oder Sammet und Strümpfe von 
Seide oder Garn in Gebrauch. 

Sporen trug man nur selten*), dafür aber ziemlich allge- 
mein Kantschuhe die am kleinen Finger der rechten Hand 
hingen"). 

i. Me laartrackl. Das Haupthaar wurde im Allgemeinen 
kurz geschnitten und von Manchen sogar auf den Wirbel ganz 
geschoren. Langes Haar trugen nur die Geistlichen und die 
in Ungnade Gefallenen^). Die Backenbärte, die anfangs 
nicht lang genug sein konnten, pflegte man im Amfang des 
16. Jahrhunderts ganz abzuschneiden, bis dies Johann Wassiljo- 
witsch der Schreckliche aufs Strengste verbot'). 

2. Die Sohutswaffen zerfielen in Leibrüstungen, Kopfbedeckun- 
gen und Schilden. 

a. Me Leibristwigei bestanden entweder aus Panzern, Har- 
nischen, oder aus einer Mischung beider, und wurden in Bing- 
und Schienenrüstungen^^) mit sehr verschiedenen Namen getheilt; 
die niederen Classen trugen auch gesteppte Wämser"). 

1) Die Panzer^ oder Ringrüstungen (dosspechi höh 
tschatiffd)") wurden besonders in drei Formen getragen: der Pan- 
zer {panssyr), ein Hemd mit Aermeln aus Eisen- oder Silber- 
ringen, um den Hals und am Schooss bogenförmig ausgeschnitten, 

1) i^M. Ann. 65. 2) mL Anis. 66. S) ibid. Anm. 67. 4) iUd. Ana. 70. 71. 5) ibid. 
Ann. 72. 6) ibid. Aim. 15$. 7)' ibid. (Herbenttin). 8) ibid. Anm. 78. 9) ibid. Aam. 76. 
10) ibid. Anm. 106. 11) ibid. Anm. 119. IS) ibid. Anm. 117. 



— 104 — 

mit oder ohne Kragen*); der Ringpanzer {koltschjuga, hol- 
tschuga) in derselben Form nur mit enger gedrehten Ringen'); 
die Baidana (baidana) aus noch engeren Ringen mit flachem, 
nicht runden Querschnitt, die, wenn sie nur bis zum Gurt und 
Ellenbogen reichte Halbbaidana {poliihaidand) genannt wurde"). 

2) DieSchienenrtistungen (dosspechi doschtschatyja). 
Hierunter verstand man nicht nur die ganzen Harnische, sondern 
alle Rüstungen, bei denen an Stelle der Drahtringe Metallplatten 
(dosski) als Schutz angewendet waren*). Es gab derselben fol- 
gende sieben Arten: Der B achter 6z oder Becht6rez, ein Panzer- 
hemd mit einigen, auf der Brust, dem Rücken und an den Seiten be- 
festigten Reihen kleiner Eisen- oder Messingplatten*); der Kalan- 
tdr, ein aus zwei Haupttheilen (Brust- und Rückenstück) bestehen- 
der Harnisch ohne Aermel, der aus mehreren kleinen, durch Ringe 
verbundenen Platten gebildet war und zum Schutz des Unter- 
leibes einen am Gurt befestigten Schurz aus Drahtnetzen hatte'), 
wie er denn überhaupt meist über einem Panzerhemd getragen 
wurde; der Juschman oder Jumschan, ein Panzerhemd mit 
Aermeln und Metallplatten auf der Brust, dem Rücken und an 
den Seiten, ähnlich dem Bechterz'); der Kujak, ein dem vori- 
gen in der Form ähnliches Rüststück, nur dass die einzelnen Plat- 
ten nicht auf einen Panzer gesetzt, sondern — manchmal sogar 
auf beiden Seiten — auf ein Kleid von Tuch, Dammast oder 
Sammet genäht waren, bisweilen hatte er auch zwei grosse Plat- 
ten — Schilde (schtschiti) — die fast die ganze Brust resp. den 
Rücken deckten'), war auch manchmal mit Pelzwerk verbrämt; 
der Spiegelharnisch {ser^alo), ein meist sehr schön gearbei- 
teter Harnisch, dessen Brust- und Rückenstück, ähnlich dem 
Kalantar, aus einzelnen Platten zusammengesetzt war, die durch 
Chamiere oder untergesetzte Drahtnetze verbunden wurden •); 
der Harnisch (laty), ähnlich dem modernen Cuirass der 
Cuirassiere, aus einem ganzen Brust- und Rückenstück beste- 
hend, die durch breite Achselbänder über den Schultern und 
nnd Haken an den Seiten verbunden wurde, übrigens nur selten 
im Gebrauch**^); endlich der Cuirass Qciriss), worunter man da- 
mals die volle Ritterrüstung vom Kopf bis zum Fuss verstand"). 
Von diesen Harnischen wurden der Bechterez, der Kalantar, der 
Spiegel- und der gewöhnliche Harnisch entweder direct über dem 
Kaftan getragen, in welchem Falle die Arme ungerüstet blieben, 
oder erst noch ein Panzerhemd darunter gezogen**). 

3) Der gesteppte Panzer (tegiljm) wurde von den ärme- 
ren Classen getragen und bestand aus einem bis über das Knie 
reichenden Kleid von Tuch mit kurzen Aermeln und Stehkragen, 

l) ibid. Anm. 107. 2) ibid. Anm. 108. 3) ibid. Anm. 109. 4) ibid. Ann. 117. 5) ibid. 
Anm. 110. 6) ibid. Anm. 111. 7) ibid. Anm. 113. 8) ibid. Anm. 118. 9) ibid. Anm. 114. 
10) ibid. Arnn. 116. 11) ibid. Anm. IM. 12) ibid. Anm. IIB. 



— 105 — 

das mit Baumwolle oder Werg gestopft und manchmal auch 
noch mit Panzerstücken benäht und zum vorne Zuknöpfen ein- 
gerichtet war*). 

Ausserdem gehörten zu der Leibesrüstung noch folgende 
Theile*) : 

4) Der Halsberg (barmüa), aus einem oder mehreren 
Stacken bestehend, umgab den Hals und sicherte zugleich die 
Schultern. 

5) Die Armschienen (naruischi) bestanden aus zwei un- 
gleichen, an der einen Seite durch drei Biemen verbundenen, flach 
gebogenen eisernen Platten, von denen die kürzere die untere, 
die grössere die obere Seite des Unterarms deckte und häufig 
bis über den Ellenbogen hinaufreichte; beide Theile wurden an 
der äusseren Seite des Armes durch Schnallen und Strippen ge- 
schlossen und ausserdem der obere Theil noch mittelst eines be- 
sonderen Riemens um den Unterarm geschnallt. 

6) Die Aufschläge (sarukawja) bestanden aus* zwei durch 
Riemen verbundenen Theilen, und umgaben da, wo die Aermel 
des Panzers oder die Armschienen aufhörten, das Handgelenk 
und die Faustwurzel. 

7) Die Handschuhe (rukawizy) waren aus einem Draht- 
netz gebildet, das man über die äussere Fläche der Hand streifte 
und das unten mit zwei ledernen Oesen für den Daumen und 
für die vier anderen Finger versehen war, mithin die Hand nur 
von aussen schützte. 

8) Die Knieschienen (naJcolenJci) bestanden aus mehreren, 
auf einem Drahtnetz befestigten Theilen, die wie bei einem Erebs- 
schwanz über einander griffen. 

9) Die Beinschienen (ponoshi, huturhjki, batdrlyki), 
welche das Bein vom Knie abwärts deckten, waren aus einer nach 
der Form des Beins gebogenen Schiene, oder drei durch Draht- 
netze verbundenen Theilen für die vordere und die beiden Seiten- 
flächen des Unterschenkels gebildet. 

b. Me kpflieieclLugeii. Zum Schutz des Kopfes wurden 
theils eiserne Helme oder Sturmhauben mit sehr verschiedenen 
Namen, theils baumwollene Hüte benutzt. Die ersteren waren 
entweder dick gefüttert, oder man trug dicke Mützen unter den- 
selben. Die verschiedenen vorkommenden Arten der kriegerischen 
Kopfbedeckungen waren folgende: 

1) Der Helm (schSlom, schelom) war eine aus Eisen ge- 
schmiedete Sturmhaube mit einem Drahtnetz, das die Backen und 
den Hals bis zum Kinn umgab, während das Gesicht bis zum 
Munde durch eine Eisenmaske geschützt war. Letztere hatte 
zwei Löcher für die Augen und eine Auskehlung für die Nase, 



1) iUd. Anm. 119. 2) iVid. Anm. 120-122. 



— 106 — 

80 dass also nur der Mund und das Kinn unbedeckt waren. Es 
gab übrigens auch Helme, die mit Ohrenstücken, Sturmri^sken 
oder Schuppenketten versehen waren und zum Schutze des Gre- 
sichts kein Yisir, sondern nur einen eisernen Nasenpfeil hatten, 
der in einer Fuge des Helms auf und nieder zu schieben und 
durch Schrauben festzustellen war*). 

2) Der Kolpak (kolpak) war ein spitzer Hut mit Metall- 
verzierung, der das Gesicht frei liess, während die Backen, der 
Nacken und der Hals durch frei herabhängende Drahtnetze ge- 
schützt waren*). 

3) Die Pickelhaube (schischak) bestand in einer Sturm- 
haube mit langer Spitze, oder Pickel (schick), wovon sie ihr^ 
Namen führte. Sie reichte mit einem eisernen Visir über das 
Qesicht und hatte ebenfalls Drahtnetze zum Schutz des Halses 
und des Nackens; an der Spitze waren bisweilen kleine Fähn- 
chen angebracht'). Die Pickelhaube wurde manchmal noch über 
dem Helm getragen^). 

4) Die Sturmkappe (missjurkd). Darunter verstand man 
eme flache aus Eisen geschmiedete Kappe mit Drahtnetzen und 
Ohrenstücken. Von dieser Kopfbedeckung gab es zwei Arten: 
die eine (prilbüy) ging bis zur Stime, während die andere (na- 
pleschnik) nur aus einer flachen, fast kreisförmigen eisernen 
Platte bestand, die den Wirbel des Kopfes bedeckte und an der 
die Drahtnetze befestigt waren*). Beide Arten, namentlich aber 
die letztere, wurden gewöhnlich unter dem Helm aufgesetzt. 

5) Die Eisenkappe (schapka shelesnaja), aus einem 
eisernen Kopfe ohne Nasenpfeil, mit Ohrenstücken, Nackenschirm 
und Halsberg bestehend, war die einfachste und billigste Art des 
Helmes. 

6) Die Messingkappe (schapka medjanaja) war von ähn- 
licher Gestalt, hatte aber gewöhnlich einen Nasenpfeil. 

7. Die Erichonka (Erichanka), der Helm der Zaren und 
höchsten Woewoden, war gewöhnlich aus StaU gefertigt, mit 
Silber und Gold eingelegt und mit Perlen und Edelsteinen besetzt*). 

8) Die baumwollenen Hüte (^rftopÄ^ &tima^Anj(;a) waren 
in dreieckiger Form aus Filz oder Tuch gefertigt, mit Baumwolle 
oder Werg gepolstert und mit Eisenstücken belegt; ausserdem 
hatten sie zum Schutze des Gesichtes gewöhnlich noch einen 
Nasenpfeil. 

c Me SdiiMe (schtschity) wurden in sehr verschiedener Form: 
flach oder gewölbt, eckig oder rund, und aus sehr verschiedenem 
Material: Leder, Eisen, Messing und Stahl gefertigt, bei den 
Reichen mit Einlegearbeit von Gold und Silber geschmückt, auch 



1) ibid. Anm. ISS. 2) iUd. Anm. 124. 8) ibid. Ajim. 12.-). 4) ibid. Anm. 186. 5) ibid. 
Aam. 127. 6) ibid. Anm. 128. 



— 107 — 

mit Perlen und Edelsteinen besetzt. In der Mitte hatten sie 
einen Backel oder Knopf (jabloko); die innere Seite, manchmal 
auch der Hand, wurden je nach dem Beichthum des Besitzers 
mit Leder, Tuch, Atlas oder Sammet gefüttert. Auch waren 
innen zum Schutz des Armes gegen den Stoss der Hiebe gepol- 
sterte Kissen angebracht, während zwei lederne oder metallene 
Binge für den Arm und die Hand zum Tragen des Schildes 
dienten^). 

Eine besondere Art der Schilde, die aber wohl nur in und 
vor Festungen gebraucht wurde, waren die Tartschen (tartschi), 
grosse runde Schilde, in der Mitte zum Durchstecken des linken 
Armes mit einer Oeffnung, und zum Schutze desselben mit einer 
completten Armschiene versehen. Letztere endigte aussen in einem 
concay gewölbten, zur Deckung der Hand bestimmten Stück, 
welches auf der inneren Seite eine Lederöse zum Durchstecken 
der Finger. hatte, während auf dem Arme selbst noch eine lange, 
scharfe, verstählte Spitze angebracht war. Beim Gebrauch sass 
die Tartsche somit dicht vor dem Ellenbogen des linken Armes, 
während der Unterarm in der Schiene nach Aussen zu heraus- 
trat und der Stachel in der nämUchen Richtung vorgestreckt war. 
Da die Tartschen übrigens so gross waren, dass sie nach Oben 
das ganze Gesicht deckten, so befand sich am oberen Rande der- 
selben ein Loch zum Durchsehen'). 

3. Die Trutzwaffen. Dieselben wurden schon in der frühe- 
sten Zeit in Nah- und Femwaffen eingetheilt; doch legte man bis 
zu Peter dem Grossen einen besonderen Werth auf die ersteren. 

a. Me Nabwaffei. Von den ältesten Waffen dieser Art (hurdy, 
brussi, plewzyY) ist bereits gesprochen; später kamen Stangen 
(osslopi) und Keulen {jpaHzyY) auf, die bei allgemeinen Bewaff- 
nungen in Ermangelung besserer auch noch damals hervorgeholt 
wurden. Die eigentlichen blanken Waffen dieser Periode aber 
bestanden aus Seitengewehren aller Art, Schwertern, Pallaschen, 
Säbebi, Messern, Streitkolben, Speeren, Lanzen etc. Die Einrich- 
tung der hauptsächlichsten Hiebwaffen war folgende: 

1) Das Schwert {metsch) war die Hauptwaffe des Fuss- 
volkes und bestand aus einer breiten, zweischneidigen Klinge von 
Eisen oder Stahl, mit einer oder mehreren Blutrinnen versehen. 
Jenachdem die Schärfe glatt oder gezackt war, unterschied man 
glatte (ßladUe) und gezahnte (subtschatye) Schwerter, deren Hand- 
griffe nur einfache Parirstangen hatten. Sie wurden in einer 
Scheide mit zwei Ringen um den Leib, bisweilen auch über der 
rechten Schulter getragen^). 

2) Der Säbel {ssablja), seit der Tatarenzeit allgemein im 



1) ibid. AnxB. 129. 2) ibid. Anm. 180. 3) ibid. Anra. 181, 182. 4) ibid. Anm. 188, 
5) iUd. Abb. 184. 



— 108 — 

Gebraach, hatte eine gekrQmmte, unten breitere, mit einer Blut- 
rinne versebene Klinge von Eisen oder Stahl, und wurde in einer 
ledernen oder metallenen Scheide am Gürtel getragen; am Gefass 
war ein Faustriemen befestigt, der beim Gebrauch über die Hand 
gestreift wurde. 

3) Der Pallasch {palasch) war fast doppelt so lang wie 
das Schwert, bisweilen auch unten breiter als oben und wurde 
in einer Scheide um den Leib oder links am Sattel befestigt ge- 
tragen. Auch er hatte einen Faustriemen. 

4) Das Seitengewehr (tessak) hatte die Gestalt des 
Schwertes, aber nur eine Schneide. 

Die zu diesen Waffen gehörigen Scheiden bestanden aus 
verschiedenen Stoffen, wie Tuch, Leder, Saffian, Sammet, Eisen, 
und waren theilweise aufs Prächtigste mit eingeigter Arbeit von 
Silber und Gold, mit Perlen und edlen Steinen geschmückt. 

Die Koppel und Säbelgurte für die Scheiden, sowie die 
Faustriemen waren von Leder, Seide, Sammet etc., mit Silber- 
und Goldfäden durchzogen. 

5) Die Schlagkugel (histen) bestand aus einem kurzen 
Schaft, an dessen einem Ende vermittelst eines Riemens oder 
Kettchens eine metallene Kugel, oder auch nur ein grosser Stein, 
an dem anderen aber eine Handschlaufe befestigt war, mit welcher 
diese, übrigens sehr verbreitete Waffe, gewöhnlich hinten am Leib- 
gurt getragen wurde*). 

6) Die Beile wurden hauptsächlich in zwei Arten geführt: 
als Hellebarde (berdysch) bei der Infanterie auf einem langen 
Schaft mit Eisenschuh, und als Streitaxt (tapor, t&porok) bei 
der Cavallerie. Die letzteren, mehr zum Schmuck als zur Wehr 
bestimmt, waren oft sehr zierlich gearbeitet; die Schneide meist 
von Silber oder Gold, und der Stiel mit Tuch, Atlas und Sammet 
umwunden. Eine besondere Att der ersteren waren die soge- 
nannten Gesandtenbeile (jpassoUskie topory), grosse st&hleme 
BeQe mit silbener oder goldener Schneide, auf einem langen Schafte. 

Die Stosswaffen hatten folgende verschiedene Einrich- 
tungen : 

7) Der Degen (kontschar, kantseher, kantschan) war noch 
länger als der Pallasch, hatte eine schmale drei- oder vierkantige 
Klinge nach Art der jetzigen Stossrappiere, und ein GeflLss mit 
Parirstange und Stichblatt; er wurde in einer Scheide an der 
rechten Seite des Sattels getragen'). 

8) Der Dolch (kinshal) hatte eine ziemlich lange, drei- 
kantige, etwas gekrümmte Klinge, einen Griff mit Faustriemen 
und wurde in einer Scheide mit Riemen oder Schnüren links am 
Gürtel getragen. 

1) ibid. Anm. 187. 3) ibid. Anm. 186. 



— 109 — 

9) Die Messer (nosh{) kamen hauptsächlich in drei Arten 
vor: Das Gürtelmesser (pojassnyj) war ein kurzes, zwei- 
schneidiges Messer, welches mittelst eines Hakens an dem Leib- 
gurt befestigt wurde. Das Unterbögenmesser (podssaidasch- 
nyif), länger und breiter als das vorige, mit einer einschneidigen, 
etwas gebogenen Klinge und einem Säbeltroddel versehen, hatte 
seinen Namen davon, dass es an der linken Seite des Gürtels 
unter dem Bogenfutteral getragen wurde. Dem analog hiess eine 
dritte Art, die in einem besonderen Futteral an der hintern Seite 
des rechten Stiefelschaftes getragen wurde, Hinterstiefel- 
messer (sassaposhnyf). Dasselbe war dem vorigen sehr ahn* 
lieh, hatte eine gekrümmte Klinge und einen Faustriemen. 

10) Die Lanze {kopje) bestand aus einem langen Schaft, 
der oben eine flache, drei- oder vierkantige Spitze von Stahl oder 
Eisen, unten aber einen eisernen oder messingenen Schuh hatte. 

11) Der Speer {rogatina) unterschied sich von der Lanze 
dadurch, dass die breite und flache Eisenspitze nur zweischneidig 
geschliffen, und der Schaft mit ledernen Riemen, Seidenband, 
Gold- oder Silbertressen umwickelt war. Eine besondere Abart 
(ssaumja) hatte eine sensenartig gekrümmte, einschneidige Spitze. 

12) Die Hellebarden (aZcfcardy) und Partisanen (jpro* 
tasany), welche seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts in Gebrauch 
kamen, unterschieden sich nicht von den im Westlichen Europa 
gebräuchlichen Waffen dieser Art. Die ersteren waren häufig, 
die letzteren immer mit seidenen, silbernen oder goldenen Quasten 
an der Spitze versehen, und die Schäfte wie bei den Speeren mit 
Biemen, Band oder Tressen bewickelt. 

An allen Arten der Lanzen und Speere wurden gezackte 
Fähnchen (kapeinyja sncUschki, praporzy) von Dammast oder an- 
deren Stoffen, meist mit fiildem geziert, oder metallene Embleme 
verschiedener Art getragen. 

k. Me renwaffei. Zu den bereits seit früher existirenden 
Waffen dieser Art, kamen in dieser Periode noch die neu einge- 
fahrten Feuerwaffen. 

1) Die alten Fernwaffen. 

Der Wurfspeer {ssuliza) war ein kurzer und leichter 
Speer; gewöhnlich führte man ihrer drei in einem gemeinschaft- 
lichen Futteral, manchmal aber ausserdem noch, oder auch an 
Stelle des einen Speers ein Messer oder Seitengewehr. Eine 
solche Garnitur von Wurfspeeren, resp. Messer nannte man 
Dshide (dshidy)'). 

Der Bogen (ssaidah, ssaadah, ssagodak) wurde in einem 
Futteral auf der linken Seite unter dem Arm getragen, während 
der Köcher mit den Pfeilen auf der rechten Seite hing*). Die 



1) ibid. Amm. 188. 2) ibid. Anm. ISO. 



— 110 — 

letzteren wurden von Rohr, Schilf, Birken-, Apfelbaum-, Cypres- 
sen- oder Cedemholz gefertigt, und hatten an dem ^en Ende 
eine Spitze, an dem anderen eine Einkerbung für die Bogensehne. 
Der Köcher und das Bogenfutteral waren gewöhnlich von Leder 
oder Saffian gefertigt, bei den Reichen mit Atlas, Sammet, Brockat 
oder anderen kostbaren Stoffen aberzogen, bisweilen auch mit 
Edelsteinen besetzt; auf dem Marsche wurden dann zum Schutz 
lederne Ueberzüge (tochtui) darüber gezogen, die aber madimal 
nicht weniger prächtig waren. 

Die Armbrust, Selbstschuss (ssamostrel) genannt, wurde 
selten im Felde, gewöhnlich nur bei der Yertheidigung der Städte 
und Festungen benutzt. Ihre Einrichtung bot nichts Besonderes 
dar, sie war durch eine Hebelvorrichtung zu spannen und abzu- 
drücken und schoss grosse, schwere Pfeile oder kleinere Stane'). 

Ebenso dauerten auch bei der Artillerie neben den neuen 
Feuergescbützen anfangs noch die alten Maschinen fort, und 
erst unter Johann LD. fingen sie allmählich an zu verschwinden, 
namentlich seitdem man gegen das Ende des 15. Jahrhunderts die 
Möglichkeit erkannte, auch in die Feldschlachten Feuergeschütze 
mitzunehmen'). Zum ersten Mal soll dies übrigens seitens der 
Russen nach dem Zeugniss von Ausländem bei der Belagerung 
und Einnahme von FeUin im Jahre 1482 geschehen sein'), was 
sehr wahrscheinlich ist, wenngleich die Russischen Chroniken des- 
selben nicht gedenken. 

2) Die Feuerwaffen. Es ist bereits in der vorigen Pe- 
riode erwähnt, dass die Feuerwaffen schon seit dem Ende des 
14. Jahrhunderts in Russland bekannt waren, aber erst seit der 
Mitte des 16. Jahrhunderts wurde unter Wassilej Johannowitsch 
ihr Gebrauch allgemeiner, verbreitete sich dann aber sehr rasch. 
Was zuerst 

Die Geschütze und überhaupt dasMaterial der Artille- 
rie betrifft, so ist darüber Folgendes zu sagen: Statt des in der 
früheren Periode gebräuchlichen Wortes Armata kam in dieser far 
das gesammte Artilleriematerial der Namen «Zeug» (narjad) in 
Gebrauch, und zwar theilte man dasselbe in das leichte (legkoj)^ 
das grosse (bolschoj) Zeug und den Krauthof (seleinoj dwor) d. 
h. die Pulverfabrik^). Der allgemeine Namen für die Ge- 
schütze war zuerst Pischtschali ; in der Folge beschränkte 
man denselben aber auf die Geschütze mit gleicher Seelenbohrung 
d. h. auf die Kanonen, während man das für diese gegenwärtig üb- 
liche Wort — puschka — gerade umgekehrt für die Wurfge- 
schütze anwandte. 

Die Kanonen {pischtschaU) zerfielen ihrem Zweck nach in 



1) ibid. Anm. 140. 2) ChnTmw. D. Artilleri« u. d. ArtilleriflMi im V«r-F«t0neb«n Bii«l. 
.Journ. 1865. H. ». päg. iOa "' "" * " .. ^ »»-^ »-.^ * »«- *-w 

WiMi^. d. SehmkL 1577 a. 1578. 



ArtilL Journ. 1865. H. 9.'p^. 485. 8) ibid.'p^. 488. Aiint S. 4) D. Licfl. Feldng d. Zar. Jok. 
— - - --- MilitJ«««. 1862. ».4. p«g. 146; M. 6. p«g. 101. 



— 111 — 

drei Arten: die Belagerungs- oder Breschkanonen (stenobitnyja, 
stenolonmyja) waren von sehr grosser Länge — 1^ bis 2 Ssashe- 
nen — nnd von sehr bedeutendem Kaliber — bis zu 2| Pud 
oder 100 Pfund — ; die Festungs- und Bastionskanonen {satinnyja, 
auch ismagovmizy^) genannt) hatten ein mittleres Kaliber und 
waren zum Theil selbst f&r den Gebrauch aus freier Hand nach 
Art der heutigen Wallgewehre geschäftet; die Feld- oder Regi- 
mentskanonen (jpolkowyja) endlich hatten kürzere Röhre mit einem 
Gewicht von 6 bis 10 Pud'). Mittelgrosse Geschütze nannte man 
in wörtlicher Uebersetzung auch Schlangen (stneika, smeek)*)^ 
die kleineren und kürzeren dagegen in theils verstümmelter, 
theils übersetzter Form Falkonette (wolkomeiki^ tcolkanety, sso- 
kotkiY). Unter der Bezeichnung von schnellschiessenden Kano- 
nen (sskorostrelnyja pischtschali) verstand man im Allgemeinen kür- 
zere Geschütze, die demgemäss leichter gehandhabt werden konn- 
ten*). Ausserdem gab es noch glatte (ßladkijd) und anderthalb 
bige (polutomyja) Kanonen, die meist nur ein Kleineres Kaliber 
hatten. 

Die Wurfgeschütze (puschki) zerfielen in Mörser und 
Haubitzen. Die Mörser hatten damals sehr verschiedene Namen: 
Mortiere (mortiry, mashshiry), Feuer- (ognennyjd) oder Verticalge- 
schütze (werchowyja puschki) und ein Kaliber von 3 Pfund bis 
zu 21 Pud; die Haubitzen nannte man anfangs Hauffnits (gafu- 
ntjsy), später, als sie in einer verbesserten Form von Neuem 
eingeführt wurden, Hagelstücke oder Streubüchsen {drohowikif). 
Sie waren etwas länger als die Mörser, hatten ebenfalls ein sehr 
verschiedenes, gewöhnlich von j^ bis zu 6 Pud variirendes, in 
einzelnen monströsen Exemplaren, wie z. B. dem nachher er- 
wähnten berühmten «Zar -Geschütz» von 1586 mit 120pudiger 
Seelenbohrung, aber erheblich grösseres Kaliber und waren haupt- 
sächlich zum Werfen von kleinen Steinen und Eisenbruchstücken 
(schtscheben) bestimmt. 

Auch Orgelgeschütze {organy), d. h. mehrere Röhre 
kleinen Kalibers auf einer Lafette, fanden sich schon in den 
ersten Zeiten dieser Periode, so z. B. auf dem Zuge nach Twer 
im Jahre 1485 0- 

Die Geschütze, anfänglich ausschliesslich vom Auslande be- 
zogen, wurden sehr bald auch im Lande selbst gefertigt, wozu, 
wie bereits angedeutet, die erste Geschützgiesserei (jmsche- 
tschnaja isla) im Jahre 1474 von Alberti Fiorawanti in Moskau 



1) Ckaiyrow. D. Artillerie n. d. Artlltorintoii im Vor-Petersdien R««l. Arfcill. Joara. IMlö. 
N. 9. vMg. 517. Anm. 1. 2) Wiskowatow. Oeachiehtl. Beachreib. d. ßekl. n. BewalTn. d. Ban. Tnip- 

ri I. 3) ibid. Anm. 286. 4) ibid. Anm. 287. 5) Oeneb. d. Kriegsk. In Ruil. Hilit. Joarn. 1856. 
1. pi«. 84, 35. 6) Wiskowatow. GeMhicbtl. BaKlirvib. d. B«kl. «. Bewafti. d. Rom. Truppen. I. 
Anau 288. 7) ClimTxvw. D. Artillerie n. d. ArtiUerirten im Vor-Pfterwhen RomI. ArtiU. Jonni. 
I%5. N. A. pag. 409. 



— 112 — 

eingerichtet wurde. Dieselbe lag bei den drei Brücken ans dem 
Frolowschen (Uspenskischen) Thore in die China-Stadt, war aber 
zunächst nur vom Jahre 1480, wo die ersten Geschützrohre auf 
ihr gegossen wurden, bis 1488, wo sie abbrannte, im Betrieb'). 
Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts — 1556 — goss man auch 
in Moskau broncene Geschütze, für welche das Material in Now- 
gorod angekauft werden sollte*). Ebenso wurden auch schon in 
anderen Städten Geschützgiessereien eingerichtet, wie denn 1609 
eine solche von iwan Moskwitinoj in Nowgorod bestand'). 

Das beim Guss der Geschütze, beobachtete Verfahren 
ist, dank der Geheimnisskrämerei jener Zeit, wenig bekannt. Im 
Allgemeinen wurden dieselben zuerst ohne Zapfen, Henkel und 
Traube, und zwar, wie es scheint, betreffenden Falls der Theil 
mit dem Flug und der mit der Kammer für sich, auf eisernen 
Spillen über dem Kern gegossen, dann die innere Fläche der 
Seele durch Nachbohren geglättet, und endlich beide Theile mit 
einander verbunden^). Das Geschützmetall bestand aus einem 
Gemisch von Kupfer, Zinn und Zink, oder aus Gusseisen; kleinere 
Stücke wurden bisweilen auch aus Schmiedeeisen gefertigt. Beim 
Gusse selbst wurden keinerlei bestimmte Regeln beobachtet son- 
dern jeder Giesser verfuhr dabei hinsichtlich der Gestalt, des 
Kalibers, der Länge und des Gewichts der Geschütze*), vollstän- 
dig willkührlich nach den empirischen Grundsätzen seiner per- 
sönUchen Erfahrung. Da nun sonach eine Classificirung und Be- 
nennung der Geschütze nach dem Kaliber nicht mögUch war, so 
gab man anfangs jedem einzelnen Stück zu seiner Bezeichnung 
und Unterscheidung von den anderen einen besonderen Namen, 
gewöhnlich den eines Thieres oder anderen Wesens, welches 
gleichzeitig als Emblem (sateiUwoe isobrashenie), auf der Ober- 
fläche des Bohres, am Bodenstück oder langen Feld ausgemeisselt, 
angebracht war; so z. B.: Löwe, Bär, Wolf, Einhorn, Affe, 
Schwein, Eber, Adler, Falke, Sperber, Nachtigall, Schlange, halbe 
Schlange, Natter, Basilisk, Bauer, wilder Mann, Mädchen, Singe- 
rinn, Achilles, Troilus, Pars, Pfeil etc. oder eine eigenthümliche 
Bezeichnung wie: die Geringte, die Geöhrte u. s. w. Es gilt dies 
namentlich von den grossen Kanonen und Wurfgeschützen, kam 
indessen auch bei den kleineren häufig war. Die Theile des Rohres 
hiessen, von hinten gerechnet: die Kammer oder der Boden 
(kasnja), die Mitte (ssredina), die Mündung (dulo); am Rohr- 
körper befanden sich die Schildzapfen (wertljugi)^ die Henkel 
oder Ohren (uschi) und die Friesen (pojassy)] die Seele nannte 
man Lauf (stwoiy). 

Die Entwicklung der Artillerietechnik stand im engen Zu- 



1) OcRch. d. KrUgsk. in BomK Hilii Jovra. 1856. N. 1. p^. 83. 2) ChmTrow. D. Artflkrit 
11. d. ArtilleristcB im Vor-P»tench«B KomI. AriUl. Jovrii. 1866. N. 9. p«g. 506, 506. Ann. 1. 
8) ibid. paff. ..14. Anm. 3. 4) ibid. pag. 4»7. Anm. 2. 5) ibid. p«g. 604. 6; ibid. p«g. 505. 



— 113 — 

sammenhange mit dem Bergbau. Die erste Notiz der Chroni- 
ken aber denselben in Russland findet sich in dem Jahre 1491, 
in welchem zwei Ausländer, Iwan und Victor, unter Begleitung von 
zwei Russen A. Petrow und W. I. Boltin zur Aufsuchung von 
Minen nach der Petschora geschickt wurden'). Diese Leute irrten 
aber i Jahr in den wilden Thälern und steilen Bergen umher 
und fanden endlich am Fluss Zilma eine Silber- und dann auch 
eine Kupfermine «und seit jener Zeit» — sagt Karamsin — 
«fingen wir an, selbst zu gewinnen, um Metalle zu schmelzen»'). 
Einen far die Entwickelung des Artilleriewesens in Russland 
wichtigen Dienst erwies der Grossfftrst Wassilej demselben da- 
durch, dass er die Ausfuhr von Eisen verbot*). Ebenso erhielt 
unter Johann IV. der Bergbau in Russland eine wesentliche Ver- 
mehrung durch die von dem Russischen Gesandten N. Wolog- 
shanin im Jahre 1557 bewirkte Herbeirufung von Bergleuten aus 
England, und durch die den Engländern in den Jahren 1567 bis 
1569 ertheilte Erlaubniss, eine Bergbau - Colonie an der Wy- 
tschegda anzulegen*). Uebrigens konnte die Technik des Geschütz- 
gusses sich zu jener Zeit nicht besonders heben, weil z. B. das 
Eisen, welches damals schon in dem Eorelschen Lande in Kar- 
gopol und am Ustjug gewonnen wurde, doch nur brüchig war. 
Die gewonnenen Erze wurden in Töpfen geschmolzen, wobei das 
Gebläse durch Handblasebälge ausgeführt und die erhaltenen 
Pratzen {Tcriey) ebenfalls mit Handhämmem zerschlagen wurden*). 
Trotz alle dem wurde der Geschützguss in Moskau eifrig 
betrieben und sind als Musterstücke folgende Erzeugnisse 
der damaligen Meister geblieben, welche als Beispiele der übrigen 
Leistungen angeführt werden*). 

1) Das älteste bekannte Stück ist ein unter Johann Wassil- 
jewitsch dem Schrecklichen am 30. September 6993 (1485) von 
Jakow aus Bronce gegossenes zweipfüncüges Kanon. Dasselbe ist 
etwa 4|' lang, 4 Pud 26 Pfund schwer und hat, ohne Zapfen, 
Henkel, Traube oder irgend eine äussere Eintheilung, die Gestalt 
eines einfachen glatten Cylmders mit Friesen am langen Felde 
und Bodenstück. 

2) Ein ipudiges Streustück aus dem Jahre 1542, 3' 2" lang, 
5 Pud 80 Pfund schwer mit einem 5zölligen Kaliber, übrigens 
ebenfalls ohne Zapfen, Henkel und Traube. 

3) Ein 5i pfundiges Wurfgeschütz mit der Jahreszahl 7071 
(1563) welches bei einer beiläufigen Länge von 9' 6^" bereits 
eine äusserliche Eintheilung des Rohrkörpers in Boden-, Zapfen- 
stück und langes Feld zeigt, wie es auch Zapfen, Henkel und 
Traubenknopf hat. 

1) ibid. pag. 489. 490. Ann. 1. 2) ibid. kam. 2. 3) ibid. pag. 497. Anm. 4. 4) ibid. 
Mff. 606. Anm. 2. 6) ibid. pag. 610. Anm. 1. 6) ibid. pog. 487, 498, 603, 604, 610 Wa 613. - 
Wiäkowatow. G«Rhicht1. BeMhreiK d. Bekl. v. BewaiHii. d. Rnat. Truppen. I. Anm. 292 bis 31 9. - 
a«Kb. d. Kriegak. in Bnaal. Milit Journ. 1866. N. l. pag. 34, 86. 

Briz, a«Mh. d. alt. B«m. H««M*«iaiieht. 8 



— 114 — 

4) Ein 68pfündige8 Kanon «das Einhorn», 17' lang, 453 Pud 
35 Pfund schwer, 1577 von A. Tschochow gegossen. 

5) Ein 1 pudiges Kanon «der wilde Esel», 14' 4" lang, 
312 Pud 27 Pfund schwer, 1581 von Kusmint gegossen. 

6) Das 1586 von A. Tschochow gegossene Hagelstück «Zar- 
Geschütz»; dieses Monstrerohr hat bei einer Länge von 17' 9" 
einen Seelendurchmesser von etwa 3' oder ein Kaliber von 120 
Pud und ein Rohrgewicht von 2400 Pud. Zu seiner Handhabung 
sind an den Seiten vier Krammen angebracht, da es sonst weder 
Zapfen, noch Henkel, noch Traube hat. 

7) Ein Mörser von 15 pudigem Kaliber aus dem Jahre 
1587, 4' 4" lang, 774 Pud schwer mit Zapfen und einer Kugel 
von 6i Pud Gewicht. 

8) Fünf Geschütze aus dem Jahre 1590, nämlich: a. ein 
41pfündiges «der Löwe», 34^ Pud schwer; b. ein 24pfündiges 
«Sskoropega», von 220 Pud Schwere; c. ein 52pfündiges «Troilus», 
8' 4" lang und 430 Pud schwer; d. «die Natter» 270 Pud 
schwer; sämmtlich von Tschochow gegossen; und e. ein 38pfün- 
diges «der Baer», 16' 10" lang und 290 Pud schwer. 

9) Ein 40pfündiges Kanon «die Papierrolle» (sswitok), 1591 
von Ssemen Dubinin gegossen, 15' 5" lang und 290 Pfud 28 Pfd. 
schwer. 

10) Ein Mortier im Gewicht von 116 Pud 32 Pfund; am 
26. September 1605 von Andrej Tschochow gegossen. 

11) Em 21 pudiger Mörser, am 27. September 1605 von 
Pronja Fedorow gegossen, 2' 3" lang. 

Die Laffetirung war in jener Periode ebenso mannigfal- 
tig in der Gestalt und eben so plump und theilweise ungeheuer- 
lidi in den Abmessungen wie die Röhre. Es gab Räderlaffeten — 
Gestelle (stanki) genannt — ftü: die Kanonen, und KlotzlafiFeten — 
Klötze (kolodi) — für die Wurfgeschütze. Jene waren von An- 
fang an Wandlaffeten mit sehr einfachen Beschlägen, von welchen 
besonders die Schlepphaken zu erwähnen sind, welche an den 
Enden der Wände angebracht waren, um daran das Geschütz 
mittels Seile fortzuschaffen'). Dasselbe geschah im Gefecht durch 
die Mannschaften, während für den Transport auf Märschen von 
der Geistlichkeit oder vom Lande gestellte Pferde benutzt wur- 
den'). Die Anspannung derselben erfolgte anfangs unmittelbar 
an den Li^eten, welche dazu mit Gabelbäumen versehen waren; 
nur die grösseren Geschütze hatten besondere Protzen*). 

Das Pulver — Kraut (selie) — wurde bereits seit der vori- 
gen Periode im Lande gefertigt, und schon seit dem Anfang der 
vorstehenden nicht mehr in Staubform, sondern in gekörntem 



1) Ooeb. d. Krimk. ia BimbI. Milit Jooni. 18M. N. 1. pac. 8& 2) ChmyTOw. D. ArtiltorS* 
«. a. Arüllerteten im Vor-P«toneheii Bniri. ArtiU Jonrn. 1865. N. 9. piff. 495. Aam. 8. 8) tbM. 
paff. 489. Anm. 2. 



— 115 — 

Zustande — «in Stücken» (kusskami) — angewendet^. Man 
unterschied «vierzigstes» (ssorokotvoe) für Geschütze und Hand- 
kraut (rtUschnoe selie) für die Gewehre. Uebrigens waren die 
Ladungen far die grossen Geschütze meist kugelschwer, für die 
kleineren schwächer, aber in unbestimmtem Verhältniss. Ihre 
Entzündung erfolgte durch eine eiserne Zündruthe (shagr<i), d. h. 
einen Luntenstock von 2^ Arschinen Länge mit einer Lunte, die 
bisweilen sehr künstlich durch eine Röhre gezogen wurde, welche 
Adler, die an dem oberen Theil des Schaftes ausgearbeitet wa- 
ren, in ihren Schnäbeln hielten'). 

Was übrigens die Art der Pulveranfertigung im Specielleren 
betrifft, so ist darüber nichts Näheres bekannt; dieselbe war 
aber schon unter Johann Wassiljewitsch dem Schrecklichen so 
im ganzen Lande verbreitet, dass die Beschaffung des Pulvers 
im Wege einer ländlichen Lieferung erfolgen konnte, wie dies 
z. B. 1545 für den Marsch nach Kasan mit 1 Pud von je 20 
Höfen stattfand'). 

Die Geschosse waren anfangs von Stein, später wurden, 
wahrscheinlich durch Vermittelung der Hansa, die 1520 in Bres- 
lau erfundenen schmiede- und gusseisemen Kugeln eingeführt^), 
welche man dann fiir die Kanonen benutzte, während die steiner- 
nen — entweder einfach, oder mit einer Bleiumhüllung versehen 
{okowannyja sswimom) — bei den Wurfgeschützen Anwendung 
fanden. Femer gab es Kartätschen, die aus geflochtenen, mit 
Brucheisen oder Bleistücken gefüllten Körben bestanden, für die 
Hagelgeschütze; und endlich Bomben — damals Zeugkugeln 
(narjadnyja jadra) oder Töpfe mit Kraut (kuwschiny ss seliem) 
genannt — , und Feuerkugeln (pgnennyja) für die Mörser*). Die 
Bezeichnung der Geschosse erfolgte nach ihrem Grewicht in Pfun- 
den (griwenki); ihre Anfertigung geschah schon seit den frühe- 
sten Zeiten in Russland, namentlich gab es in Moskau Fabriken 
zum Schmieden und Giessen der eisernen Geschosse; — erstere 
Art der Herstellung war übrigens die gewöhnlichere. 

Bei der Ausrüstung der Festungen und der Belagerungsparks 
rechnete man normalmässig auf jedes Geschütz 100 Kugeln. 
Dabei musste man natürlich mit Rücksicht auf die grosse Ver- 
schiedenheit der Geschützkaliber fOr jedes erst die dazu passen- 
den Geschosse aus den vorhandenen Beständen aussuchen, was 
mit Hülfe von Leeren geschah, die aber natürlich oft einen sehr 
bedeutenden Spielraum gestatteten. 

Auch zusammengesetzte Schüsse wurden in dieser Periode 
schon angewendet, wie sich denn noch viele andere Gegen- 
stände der verschiedensten Art in den Festungsdepots und Be- 



l) ib%L ptf. 48a 2) ibid. pw- 606- 8) iUd. ptff. 499. 4) iUd. 9«^. 496. 5) ibid. 
piff. 506. — OMdL d. Kriiffdi. in BomL MiUt Joun. 1856. N. 1. puff. 85. 

8* 



— 116 — 

lagerungsparks vorfanden. So bestand z. B. ein im Jahre 1555 
von Moskau nach Nowgorod geschickter kleiner Park, nach einem 
Yerzeichniss vom 29. November^), aus drei anderthalbigen Ka- 
nonen, jedes mit 5 Pferden bespannt, 100 Kugeln für jedes, 
60 Pud Geschütz- und 3 Pud Gewehrpulver, 10 Kartuschbeuteln 
von Leinewand, 300 Bogen Papier, 22 Gebinden Flachs, 8 Hanf- 
strängen, 8 Körben für Kugeln, 8 Bastseilen, 8 rohen Schaaf- 
fellen (vermuthlich für die Wischer) und 20 Pfund Blei für die 
Handwaffen der Artilleristen. 

Was endlich die Zahl der Geschütze betrifft, so war 
diese schon sehr bedeutend. Namentlich unter Johann Wassilje- 
witsch dem Schrecklichen wurde die Artillerie, wie sie überhaupt 
mehr und mehr als Hauptmittel der Stadtvertheidigung an Wich- 
tigkeit zimahm, überall, besonders an den Grenz- oder Ukraine- 
schen Städten, wie in guter Ordnung, so auch in nicht geringer 
Zahl gehalten*). Dasselbe gilt von der ins Feld mitgeführten 
Artillerie. So hatte der genannte Zar bei der Belagerung von 
Kasan im Jahre 1552 bereits 150 schwere Geschütze verschie- 
denen Kalibers, ohne die kleinen von H Ssash. Länge und ohne 
die Regimentsgeschütze, welche um die Zelte des Zaren standen, 
während die Stärke des Russischen Heeres etwa 150.000 Mann 
betrug*). Bei der Belagerung von Dorpat im Jahre 1560 zählte 
die Russische Artillerie 40 Belagerungs- und 50 Regiments- 
geschütze, und 1563 beim Einfall der Russen in Litthauen wa- 
ren gar 200 schwere Geschütze beim Heer*). In den Arsenalen 
und Depots wurde nach dem Zeugniss von Augenzeugen beständig 
ein fertiger Vorrath von nicht weniger als 2000 Geschützen aller 
Art gehalten*). 

k. Wie laBdfeierwtffeM. Dieselben scheinen zuerst in den Städten 
Pskow und Nowgorod eine allgemeinere Verwendung gefunden 
zu haben. So stellte Pskow sdion im Jahre 1510 zum Heere 
vor Smolensk 1000, Nowgorod 1545 zur Belagerung von Kasan 
2000 Mann mit Feuerwaffen'). In der Folge fanden sie dann 
rasch eine weitere Verbreitung, so dass z. B. die Russen in der 
Schlacht bei Nishnij Nowgorod am 20. Januar 1605 gegen den 
ersten falschen Demetrius (Grigorij Otrepiew) bei 40 Kanonen 
bereits 10,000 Feuerröhre hatten 0- 

Der erste Namen für die Handfeuerwaffen war derselbe, wie 
für die Rohrgeschütze der Artillerie: Pischtschal (pischtschal)] zur 
Unterscheidung von den letzteren, namentlich von den, wie bereits 
gesagt, zum Theil auch geschäftisten Festungsgeschützen, nannte 
man sie umgehängte (sawessnyja), weil sie gewöhnlich beim Marsch 

I) Sapplem. z. d. bist Acten. I. V. TS. 2) Cbmyrow. D. Artillerie n. d. Artilleristen im Vor- 
Ptteraehen Bnail. Artill. Jonm. 1H65. N. 9. pn«. 498. 3) ibid. png. 606. - SMwelJew. Hnter. i. 
a«Kb. d. Ingen. K. in Bwsl. pn«. 50, 52. 4) ibid. 5) Cbmyrow. D. Artillerie n. d. Artilleriiten 
im Vor-PeteiKben Bnatl. Artill. Jonra. 1MA5. N. 9. pag. 606. Anm. & 6) Wiikowafeow. Geeebichtl. 
BeMbreiK d. Bekl. n. BewaAi. d. Bqm. Trappen. 1. Anm. 144. 7) v. EngcL Qeaeh.d, Ukraine pag. 109. 



— 117 — 

mit Hülfe eines Riemens auf dem Rücken getragen wurden. Später 
nannte man die Handfeuerwaffen Handstücke (rutschnijzy) oder 
Selbstschüsse (ssaniopalyY), welches letztere Wort man noch spä- 
ter auf die Luntenflinten ohne Schloss beschränkt zu haben scheint; 
auch das ursprünglich für eine, der Katapulte ähnliche Wurf- 
maschine und dann für die ersten Feuergeschütze angewendete 
Wort TüQak (tjufjak), was gegenwärtig Matratze bedeutet, wurde 
bisweilen, aber nur in der allerersten Zeit, auch für die kleinen 
Feuerwaffen angewendet. 

Was die Einrichtung der Handfeuerwaffen jener Periode 
betrifft, so bestanden sie aus einem eisernen Lauf, der mit Schrau- 
ben und Ringen in einem Schaft von Birken-, Apfelbaum-, Nuss- 
baum- oder Sandelholz mit Kolben befestigt war. Die Entzün- 
dung der Ladung erfolgte zuerst durch eine, in der freien Hand 
gehaltene Lunte, später kamen die Englischen oder Radschlösser 
(samok ss köloworotam) und noch später Luntenschlösser mit 
Schnapphähnen auf. Die Gewehre waren übrigens noch so schwer, 
dass sie beim Schiessen nicht aus freier Hand abgefeuert, sondern 
auf eine Gabel oder eine andere Unterstützung (bei den Strelzen auf 
die dazu in die Erde gesteckte Streitaxt) gelegt werden mussten. 

Seit dem Ende des 16. und dem Anfang des 17. Jahrhun- 
derts wurden auch Carabiner und Pistolen, und zwar mit einem 
oder mit zwei Läufen eingeführt. Die Carabiner hatten wie jetzt 
eine Laufstange mit LauMng, zur Befestigung an dem Bandelier. 
Eigentliche Bajonettgewehre gab es zu jener Zeit und noch ziem- 
lich lange nicht, doch fanden sich sowohl Handstücke als Pistolen, 
welche, der Idee des Bajonetts in anderer Form Rechnung tra- 
gend, vom mit einem Beil versehen waren. Ebenso gab es auch 
damals schon gezogene Gewehre (wintowdlnyja pischtschali) und 
Gewehre mit mehreren Läufen, von denen dann einer bisweilen 
gezogen war'). 

Die Beschaffung der Handfeuerwaffen erfolgte theils durch 
Ankauf im Auslande, theils durch Fertigung im Lande selbst. 
Zur Bestreitung der dafür erforderlichen Kosten wurde eine be- 
sondere Steuer, die sogenannten Gewehrgelder (jnschtschdlnyja 
dengi) erhoben. Dies erhellet unter Anderem aus einem Erlass 
vom 8. Januar 1556'), nach welchem in Nowgorod von den le- 
benden, d. h. bewohnten, Höfen des Grossfürsten in den Vor- und 
Zustädten von Nowgorod (d. h. in den behuf« der Verwaltung 
unter Nowgorod stehenden Städten Ladoga, Porchow, Staraja 
Russa etc.) und in den Dörfern 5236 Rubel 30 Altyn, 8 Dengi*) 
Gewehrgelder gezahlt und nach Moskau geschickt werden sollten. 

♦) Der Rubel wurde damals in 200 Den^n getheilt, deren 6 = 1 Altyn 
waren; das Yerhftltniss zwischen Altyn und Kübel ist somit durch eine ganze 

1) WUkowBtow. Ocfchiditl. Beschreib, d. Bekl. q. Bewsffin. 4. Bqm. IVappeii. I. Ann. 146. 
2) ibid. Anm. 147. S) Sopplem. b. d. hist. Acten. I. N. 88. 



— 118 — 

Was die Beschaffenheit der Russischen Waffen in jener 
jeriode anbetrifft, so loben die ausländischen Schriftsteller nicht 
nur ihre Güte, sondern auch die Gewandtheit der Leute im Ge- 
brauch derselben. So sagt z. B. Petrei 5. 84: «Etliche haben 
Pistolen ond andre lange Röhre mit Lunten ond Schnapphähnen, 
sampf Copien ond Lantzen. Welches Sie nur für etlichen Jahren 
gelemet haben, ond seyn damit so behend und geübet, dass Sie 
keinem Frembden etwas nachgeben»'). Im Allgemeinen waren die 
Waffen sehr prächtig und wurden mit Rücksicht darauf in ver- 
schiedene Classen (narjady) eingetheilt. Auf dem Marsche wurden 
sie zu ihrer Schonung in, zum Theil auch sehr kostbaren Ueber- 
zügen getragen, die von Sammet, Taffet, Tuch, Saffian oder Leder 
gefertigt und mit goldenen oder silbernen Tressen besetzt waren'). 

Um einen Begriff von dem Preise der Waffen in jener Zeit 
zu geben, folgen hier aus einer Beschreibung der in dem Mos- 
kauschen Zeughause befindlichen Waffen einige Zahlenangaben, 
wobei indess noch zu bedenken bleibt, dass der Werth des Geldes 
damals ein bedeutend höherer war, als jetzt. So kostete z. B. 
ein Eujak 2 bis 53 Rubel, ein Helm 3 und 4 Rubel, ein Kolpak 
20 Rubel, eine einfache Pickelhaube 1, eine Sturmkappe 4, 5 
und 7, eine Erichonka 40, eine Tartsche mit Arm 15, ein Schwert 
in sammetner Scheide mit Silber beschlagen 45, ein Pallasch in 
roth sammetner Scheide mit roth seidenem Gurt 230, ein mit 
einem Smaragd und acht Rubinen besetztes Messer 15 Rubel, 
ein ganz einfaches 6} Altyn, eine Lanze 2, 2^, auch 3j Rubel, 
ein Speer 4J bis 10, eine Streitaxt 10 Rubel, ein Bogen 23) Altyn 
bis 3 Rubel, ein Pfeil 3J Altyn bis 1 Rubel 6} Altyn"), ein 
Feuergewehr mit Russischem Schloss 10 Rubel*), ein üeberzug 
dazu 2 Rubel 13 Altyn, ein anderer für Carabiner 10 Rubel, für 
Pistolen 10 Altyn etc.'). 

4. Die AusrüstnngBStücke. Ausser den bereits erwähnten 
Ueberzügen für die Waffen, die man bei den Garabinern und 
Pistolen schon damals Holftern (olstry) nannte, gehörten hierzu: 
Mantelsäcke und Taschen fär die Verpackung von Effecten, 
für Pferdefutter und Proviant; Butten von Leder und Holz*), 
oder Flaschen von Blech, Kupfer, Zum, Silber etc. für Wasser, 
Wein und andere Getränke'); Bandeliere (berendeiki) mit 8 
oder 10 hölzernen, mit dunklem Leder beUebten Patronenkap- 
seln; Pulverhörner von Holz, Knochen, Perlmutter, Kupfer 
oder Silber in runder oder länglicher Gestalt; Luntentaschen 



Zahl nicht anszudrücken , Tielmehr war 1 Rubel =: 3S Altyn 2 Dengi. Als 
spftter unter Peter dem Grossen die Eintheilung des Rubels in 100 Kopeken 
aufkam, war 1 Altyn = 8, 1 Denga = } Kopeke. 

1) Wiik0WBt«w. GMCbiebtl. B«chr«ib. 4. B«kl. v. Bewtffa, d. Bni«. Truppen. I. Anm. 14a 
%) ibid. Anm. 148. 8) ibid. Inm. 148. 4) ibid. Anm. 147. 6) ibid. Anm. 150. 6) ibid. 
Anm. 141. 7) ibid. Anm. 142. 



— 119 — 

und Kttgelbeutel. Die Preise dieser Gegenstände waren bei- 
spielsweise: für einen Mantelsack 3), 18} Altyn, 1, 2 bis 3 Ru- 
ber); fiir ein Pulverhorn 10, 20, 26|, 40 Altyn, I4 Rubel etc. 

5. Die Amtszeiohen der Commandeure wurden zu jener Zeit be- 
sonders in drei Arten getragen: der Gommandohammer (tsche- 
kan)^ ein hinten zugespitzter Hammer auf einem Schaft, in wel- 
chem zuweilen ein Dolch einzuschrauben war'); die Sechsfeder 
(schestoper), ein Stab mit einem metallenen Schuh an dem einen, 
und sechs ganzen oder gespaltenen Federn am anderen Ende, 
bisweilen auch mit mehr Federn (pernat, pematsch, hysdychan)\ 
und der Gommandostab {hdawa), das Würdenzeichen für die 
höchsten Woewoden, die Hetmans der Kasaken und den Zaren 
selbst, ähnlich wie die Sechsfeder gestaltet, nur mit einer Engel 
oder einem Yielkant an Stelle der Federn. Diese Insignien der Gom- 
mandeurwürde wurden aus edlen Metallen gefertigt, mit Perlen und 
Edelstemen dicht besetzt, und auf den Märschen an der rechten 
Seite des Sattelknopfes hängend getragen. Der Preis war z. B. für 
einen Ck>mmandostab 60, für eine Sechsfeder aber 300 Rubel'). 

6. Die Pferde und deren Ausrüstung. 

a. AllgeMetae leMerkugen aber die Nerde in Jener Zeit Die 
ältesten Benennungen filr das Pferd waren ausser den bei- 
den noch jetzt gebräuchlichen (k(m, loschad), noch komm*) und 
far, welches letztere Wort namentlich auf Arabische Pferde an* 
gewendet wurde^). Seit dem 15. Jahrhundert kam für die 
grossen Türkischen und Polnischen Schlachtrosse der Namen 
Argamaki auf, während man unter Bachmaty einen kleineren, 
kurzen und ausdauernderen Pferdeschlag verstand. Mit dem ge- 
genwärtig allgemein gebrauchten Wort kofii bezeichnete man die 
wilden, scheuen und unlenksamen, aber so ausdauernden Nagai- 
schen Pferde, dass sie nach dem Zeugniss Margerets im schärf- 
sten Laufe 7 bis 8 Stunden in einem Athem fortjagen konnten, 
dann aber freilich nicht selten 4 bis 5 Monate brauchten, um sich 
wieder zu erholen. Die eigentlichen Russischen Pferde bezeich- 
nete man mit dem Worte Merin, welches jetzt einen Wallachen 
bedeutet. Es war dies damals wie noch jetzt eine kleine, aber 
ruhige und ausdauernde Pferderace. Auch Tscherkassische Hengste 
wurden geritten, die sich durch schöne Formen auszeichneten, 
aber sehr weich waren*). Von den Farben der Pferde war be- 
sonders die weisse in jener Zeit sehr beliebt. 

Was den Werth und Preis der Pferde anbetrifft, so war 
derselbe natürlich sehr verschieden. Nach Margeret kostete ein 
gutes, schönes Tatarisches oder Landespferd 20 Rubel, während 
ein Türkischer Argamak mit 50,, 60, ja selbst bis zu 1000 Ru- 
beln bezahlt' wurde'). 

1) iUd. Anm. 14S. 2) Ibid. Inm. 188. 3) ibid. Ann. 148. 4) ibid. Anm. 152. 5) ibid. 
Abb. 168. 8) ibid. Anin. 154. 7) ibid. 



— 120 — 

b.. Ble Pferdefturiistug^) war wie die Waffen zu jener Zeit 
von ausserordentlicher Pracht; ihre wesentlichsten Theile waren 
die nachfolgenden: 

Die Sättel waren sehr hoch gebaut, mit zwei Gurten und 
mit Bügeln versehen, die gewöhnlich sehr kurz geschnallt wurden. 
Der Sattelbaum wurde mit Leder, Tuch, Sammet oder Brockat 
bezogen und bisweilen noch mit Perlen und Edelsteinen, nament- 
lich Türkisen geschmückt. Es gehörte dazu ein Vorder- und 
ein Hinterzeug, von denen jedes gleichfalls oft mit Tuch-, 
Sammet- oder Seidenstoff überzogen, mit Edelsteinen besetzt, und 
mit wollenen, seidenen, silbernen oder goldenen Franzen und 
Quasten verziert war. Unter und über dem Sattel wurden kost- 
bare Decken, manchmal 3 bis 4 über einander gelegt, getragen. 
Die ersteren, einfach Tücher (platy) genannt, waren von Tuch, 
Sammet oder Brockat; die letzteren, Sdiabracken {tschaprdki) ge- 
nannt, bestanden aus denselben Stoffen, reich gestickt und mit 
Tressen besetzt; bisweilen wurden an ihrer Stelle auch Tiger- 
oder Leopardenfelle über den Sattel gelegt. Zum weiteren Aus- 
putz des Sattels gehörten goldene oder silberne Ketten, die 
unter dem Namen von Zügelketten (powodnyja tschepi) von dem 
Vorderzwiesel nach dem Gebiss, und als klirrende Ketten (grem- 
jatschija) um den Pferdebauch gingen. 

Die Zäumung war sehr reich gearbeitet, mit Sammetstoff, 
seidenen, silbernen oder goldenen Tressen bezogen und mit sil- 
bernen oder goldenen Beschlägen, Perlen und Edelsteinen ge- 
schmückt. Sie bestand aus einer Trense mit Stirn- und Nasen- 
riemen und Zügeln; auf dem Kopfstück wurden lange, wallende 
Straussenfedem oder Reiherbüsche, in silbernen oder goldenen Röh- 
ren steckend, getragen. Die Beschläge auf dem Stim- und Nasen- 
riemen Wessen Blässen (lyssina, reschma), während die an den 
andern Theilen befindlichen einfach Beschläge (kowanisy) genannt 
wurden. Ausserdem waren an dem Nasenriemen noch kleine 
Puscheln (morchi) von Wolle, Seide, Silber oder Gold befestigt, 
während um den Hals eine grosse Troddel (naus) von gefloch- 
tenen Silber- oder Goldfäden getragen wurde; die letztere bestand 
bei den Aermeren auch aus Wolle oder Seide, gewöhnlich von 
weisser und rother Farbe, in welche Gestalt man sie Bauem- 
quaste (bobolew kutas) nannte. 

Ueber die Mähnen der Pferde wurden Netze von seidenen, 
silbernen oder goldenen Fäden gezogen, Gold- oder Silber- 
platten schmückten als Kniestücke (naJcolenki) das Knie, und 
auf Tuch oder Sammet aufgenäht als Buckelbeschläge (tschan- 
dary, tschdldary) Rücken, Flanken und Brust des Pferdes. Um 
die Beine wurden über dem Vorderknie und über dem Sprung- 



1) iMd. Ann. 80 bii 87. 



— 121 — 

gelenk, sowie um die Fesseln kleine Ketten von Silber oder.Gold 
getragen, und ebenso waren solche von Eisen hinten am Ballen 
der Hufe angebracht, so dass sie auf der Erde nachschleppten. 
Die letzteren, deren Zweck nicht wohl einzusehen ist, da selbst 
die Idee eines jedenfalls sehr schlecht angebrachten Putzes durch 
das Material, aus dem sie gefertigt waren, ausgeschlossen er- 
scheint, die aber das Pferd beim ruhigsten Gange namentlich an 
den Yorderfassen ausserordentlich incommodirt haben müssen, 
nannte man sehr richtig Gefängnisse (pstrogi). 



B. Die Bekleidung, Ausrüstung und Bewaibung der einzelnen 

Truppendassen. 

Eine Gleichmässigkeit der Bekleidung und Bewaffnung exi- 
stirte zu jener Zeit im Allgemeinen noch nicht; nur bei den 
Leibwachen war eine solche schon damals eingeführt. 

1. Die HoskauBohen Chargen, die Adligen und Bojarenkin- 
der, sowie das feudale Gefolge der Bojaren, Okolnitschi etc. klei- 
deten sich nach ihrem Range und ihren Mitteln. Eine willkühr- 
liche Auswahl fand indessen hierbei insofern nicht Statt, als ein- 
zelne Theile der Bekleidung, wie bereits bemerkt, nur bestimmten 
Classen gestattet waren. Im Allgemeinen war die Kleidung 
ebenso prächtig, wie die Waffen, worin alle ausländischen Ge- 
schichtsschreiber einstimmig sind; sie war übrigens im Kriege 
die nämliche wie im Frieden, nur kam die Rüstung noch hinzu, 
die gewöhnlich über, manchmal aber auch unter der Kleidung 
getragen wurde. Die letztere bestand im Specielleren aus den As- 
jams oder Ssermjaks und Kaftans als Unterkleidern, über welche 
die Feresi als Obergewand, nach Bedarf auch noch Mäntel ge- 
tragen wurden^). Als Kopfbedeckung wich die friedliche Mütze 
dem kriegerischen Helm, der Eisenhaube, Sturmkappe etc. 

Was die Bewaffnung betrifft, so wurde dieselbe bei jeder 
Aushebung von Truppen zum Marsch nach den im Rasread ge- 
führten Listen für jeden Adligen und Bojarensohn und für jeden 
Mann seines Gefolges aufs Genauste festgesetzt'). In gleicher 
Weise wurde auch mit den höheren Classen der Shilzen, Streap- 
tschi, Stolniki, ja selbst der Okolnitschi und Bojaren verfahren. 
Alle fremden und einheimischen Quellen stimmen darin überein, 
dass die Russen zu jener Zeit sich und ihre Pferde mit Waffen 
förmlich überluden. Mancher Krieger begnügte sich nicht mit 
einer, sondern trug zwei Rüstungen, z. B. einen Panzer und 
darüber einen Kujak oder Spiegelharnisch; dazu einen Hehn 
und eine Pickelhaube, Bogen mit Pfeilen, Säbel, drei Messer, 



1) iMd. Aiim. 158. 2) iUd. Aiim. 166. 



— 122 — 

einen Dolch und eine Schlagkagel. Andere trugen dagegen keine 
Rüstung, aber eine Fülle von AngrifiGswaffen : Bogen, Säbel, eine 
Flinte, manchmal sogar deren zwei etc. Die einfachste Rüstung 
eines Mannes aus dem Gefolge dieser Kriegerclassen bestand in 
einem gesteppten Wamms, einer Eisenkappe, Lanze oder Speer 
und Wurfspiess. 

Von den Schutzwaffen wurden besonders Panzerhemden und 
Ringpanzer, femer Halsberge, Helme, Eolpaks, Pickelhauben und 
Sturmkappen getragen ; der Kalantar, Juschman, Eujak, die Tür- 
kischen und Messingkappen waren seltener. Spiegelharnische 
und Harnische gehörten fast und die Erichonka ganz ausschliess- 
lich zur Bewafhiung der höchsten Rangclassen, namentlich der 
Woewoden. Diese erschienen meistens in voller Rüstung von 
Kopf bis zum Fuss, d. h. in doppeltem Panzer, oder Spiegelharnisch 
mit Panzer, vollständigen Arm- und Beinschienen, die Erichonka 
auf dem Haupt, Alles aufs Kostbarste mit Gold und Silber aus- 
gelegt und mit Perlen und Edelsteinen besetzt. Sie ritten auf 
stolzen, feurigen Türkischen oder Polnischen Schlachtrossen, tru- 
gen in den von Perlen und Edelsteinen starrenden Gürteln Mes- 
ser, Dolch und Säbel und in der rechten Hand als Zeichen ihrer 
Würde den Hammer, die Sechsfeder oder den Commandostab^); 
am Sattel endlich hatten sie zum Geben gewisser Signale kleine 
Kesselpauken (ttdumbasy)*). 

Um eine VorsteUung von der Ausrüstung der übrigen zu 
dieser Kriegerciasse gehörigen Personen und ihres Gefolges zu 
geben, folgen hierbei einige Beispiele aus den Musterungsberich- 
ten und Verzeichnissen über dieselben aus dieser Periode'): 

Vom Jahre 1Ö53: Ein Bojarensohn zu Pferde in voller 
Rüstung mit Pickelhaube, Helm, Arm- und E[nieschienen ; zwei 
Pferde. Sein Gefolge: 4 Mann beim Regiment mit je 2 Pferden, 
und zwar 1 in Panzer und Helm, 2 in gesteppten Wämmsem mit 
Helmen, 1 ebenso mit Messingkappe und Speeren ; 3 Mann beim 
Gepäck (ss jüki). 

1554: Ein Bojarensohn mit 2 Pferden in einer unter der 
Bekleidung gezogenen Rüstung und Kappe; sein Gefolge: 4 Mann, 
davon 2 gerüstet, 2 in gesteppten Wämmsem mit Eisenkappen 
und je 2 Pferden. 

1556: Ein Bojarensohn zu Pferde mit Panzer und Helm; 
sein Gefolge: 4 Mann im Regiment, davon 1 mit Ringpanzer und 
Türkischer Kappe, die 3 anderen in gesteppten Wämmsem und 
zwar 2 mit Eisenkappen, 1 mit einer baumwollenen, Bogen, Sä- 
bel und 2 mit Lanzen, 2 mit Speeren; 1 Nagaisches und 1 Rus- 
sisches Pferd. 

Ein Bojarensohn zu Pferde mit Rüstung; sein Gefolge: 

]) ibU. iBOL 161. 2) ibid. Anm. 198. 8) iMd. Aam. 16«. 



— 123 — 

3 Mann zu Pferde, und zwar 1 im Panzer, 1 im Bechterz, 1 im 
Eujäk und noch 1 im gesteppten Wamms; sie führen 3 einfache 
Pferde; 2 Mann beim Gepäck. 

Ein Bojarensohn auf einem Argamak, in Rastung, Pickel- 
haube und Helm mit einem sammetnen Mantel über der ersteren ; 
hinter ihm: 3 Mann in Panzern, 1 in Bechterz mit Speeren, 
5 in dicken gesteppten Wämmsern, davon 3 mit Speeren, der 4. 
mit Lanze. Als Kopfbedeckung hatte 1 einen Helm, 6 aber 
Messingkappen. 3 einfache Pferde. 

Ein Bojarensohn zu Pferde in Bechterz ohne Halsberg, mit 
Eisenkappe; sein Gefolge: 3 Mann zu Pferde, 2 in dicken Stepp- 
röcken, 2 mit einfachen Lanzen und Speeren und 1 mit Halsberg 
zu Pferde. 

1577: Ein Bojarensohn zu Pferde m Panzer und Spiegel- 
hämisch, Hehn, Arm- und Beinschienen mit Bogen und Säbel; 
bei ihm: 3 Mann zu Pferde in Panzern und Eisenkappen mit 
Bogen und Säbeln. 

Ein Bojarensohn im Juschman mit Sammetmantel darüber, 
Helm, Bogen, Säbel und Lanze; seine Leute: 2 Mann auf Na- 
gaischen Pferden in Panzern, Eisenkappen, mit Bogen, Säbeln 
und Streitäxten, 1 mit blosser Lanze; 1 Mann auf einem Russi- 
schen Pferde mit Streitaxt, und noch 1 solches Pferd für das 
Gepäck. 

Aus diesen, zufällig nur Bojarenkinder betreffenden Angaben 
der Rasreadverzeichnisse, die sich übrigens wie man sieht weniger 
durch Klarheit als durch SpeciaUsirung der Notizen auszeichnen, 
kann man einen ungefähren Anhalt auch für die Ausrüstung der 
Adligen und übrigen Mannschaften dieser Classe gewinnen. 

Es ist dazu nur noch zu erwähnen, dass die Shilzen, wenn 
sie im Frieden in Moskau als Palasttruppe figurirten', eine sehr 
prächtige Kleidung aus verschiedenfarbigen Terliks von Sammet, 
Moiree oder Attas bestehend, und Mützen von Goldbrockat mit 
Bärenpelz besetzt trugen; als Waffen führten sie dann Hellebar- 
den und Partisanen. Im Kriege aber trugen sie Kleidung und 
Waffen nach Analogie der eben gegebenen Beispiele. 

2. Die Tataren und zu ihnen gehörenden Mannschaften wa- 
ren auf Morgenländische Art noch ungefähr ebenso bekleidet und 
bewaffnet wie in der vorigen Periode, doch begannen sie auch 
schon in dieser Hinsicht, sich allmählig zu russificiren. 

3. Die Stadtkasaken und Strelzen. Wie in jeder Beziehung, 
so wai'en auch in dieser diese beide Glassen der Russischen 
Wehrkraft jener Zeit ziemlich gleich gestellt, namentlich in Be- 
zug auf die Bewaffnung. Was die Bekleidung betrifft, so war 
dieselbe der Willkühr jedes Einzelnen überlassen und unterschied 
sich somit nicht wesentlich von der bürgerlichen, wenigstens ist 
darüber Nichts bekannt. Im Anfange des 17. Jahrhunderts tru- 



— 124 — 

gen die Streken lange Tuchkleider, der Feresi ähnlich mit um- 
geklapptem Kragen. Gleichzeitig fing sich eine gewisse üniformi- 
tät an, bei ihnen bemerklich zu machen, wenigstens bei den 
Moskauschen Strelzen. So erschienen nach dem Zeugniss Paedes, 
die 2000 Strelzen zu Pferde, welche er am 11. May 1606 in Mos- 
kau sah, sämmtlich in rothen Tuchkaftans'), während bei den Fuss- 
strelzen von einer solchen Regelmässigkeit noch nicht die Rede 
war. Was die Bewaffnung anbelangt, so bestand dieselbe gleich 
von Anfang an hauptsächlich aus Feuergewehren (piscJUschali, 
ssamopaly), daneben aus Säbeln und Streitäxten; nur ein ver- 
hältnissmässig kleiner Theil der Strelzen, die Pikeniere, waren 
ausschliesslich mit blanken Waffen, Piken und Schwertern, aus- 
gerüstet. Die Streitäxte waren bei den Fussstrelzen mit längeren 
Schäften versehen und wurden im Frieden ohne die Feuerwaffe in 
der rechten Hand, bei Märschen mit vollständiger Bewaffnung 
aber auf der Schulter getragen. Bei der Aufstellung in Reihe 
und Glied steckte jeder Mann seine Streitaxt vor sich in die 
Erde und legte beim Feuern sein Gewehr darauf"). Die Streit- 
äxte der reitenden Strelzen waren kleiner; ausserdem führten 
dieselben nach dem Zeugniss Paerles die Flinten rechts am Sat- 
tel hängend und Bogen'). Die Feuerwaffen der Fussstrelzen be- 
schreibt er als sehr lang und sämmtlich roth geschaltet, daneben 
trugen alle weisse Bandeliere. Als Kopfbedeckung wurden fast 
allgemein eiserne Kappen getragen. Die Offiziere der Strelzen 
führten Säbel und Rohrstöcke ^). 

4. Die vom Lande gestellten Kämpfer kamen selbstver- 
ständlich in ihrer bürgerlichen Kleidung zum Heer. Bei dem 
Aufgebot gegen Kasan im Jahre 1545 wurde darüber nur be- 
stimmt, dass dieselbe aus Ssermjaks und Odnorjadki bestehen 
sollte, Farbe und Schnitt blieb aber Jedem überlassen'). Ihre 
Bewaffnung erhielten sie bisweilen vom Staat, manchmal auch 
von den Klöstern, der Regel nach aber von den Gantonen, von 
denen sie ausgehoben waren, welche auch die Verpflegung und die 
Pferde der beritten zu stellenden liefern mussten. Feste Re- 
geln für die Art der Bewaffnung existirten damals allgemein noch 
nicht, sondern Jeder brachte mit, was er hatte. Doch wurde be- 
reits im Jahre 1545 gefordert, dass die so gestellten Mannschaf- 
ten Feuergewehre haben sollten*). Im Jahre 1592 wurde bei 
einer Aushebung von 100 Datotschen in Orel und Tschussowaja 
gegen die Emfalle der Tataren befohlen, dass dieselben mit Hand- 
stücken, Bogen, Speeren und sonstiger Bewaffnung versehen sein 
sollten, und zwar die 50 zu Fuss mit Flinten, Speeren etc., die 



1) Beliiew. üeb. d. Bn«. Heer ut. Micb. Feod. b. i. d. Bef. Pet. d. Or. pif. 46. 2) Wie. 

- leir. Oeeehtebtl. Beeebrdb. d. BeM. a. BewiA, d. Bw* Troppea. I. Aml 170. 8) iUd. 

Abb. 171. 4; BeÜMW. üeb. d. Bae^ Heer «at. Miob. Feod. b. i. d. Bef. Pet d. Qr. pig. 46. 
5) Ibid. PH. 40. 6) ibid. 



— 125 — 

50 berittenen aber nur mit Flinten^). Ebenso wurde im Jahre 
1607 festgesetzt, dass die vom Lande zu stellenden Mannschaften 
Bogen, Flinten, Beile, Speere oder sonstige Bewafihung führen 
sollten"). 

5. Die Donsohen und anderen Easakenvölker waren ohne 
jede bestimmte Regel mit Säbeln, Piken, Pistolen und Flinten 
bewafihet und hatten ausserdem noch ihre eigene Artillerie. Im 
Allgemeinen liebten die Kasaken, eitel wie sie waren, durch Pracht 
der Kleidung und Luxus der Zierraihen zu glänzen. Sie trugen 
sammetne oder Gamlot-Kaftans mit kostbaren Türkischen oder 
Persischen Gürteln und Shawls umwunden; ebenso waren ihre 
Waffen mit Silber und Gold ausgelegt und die Handgriffe der 
Säbel bei vielen mit kostbaren Steinen besetzt*). 

6. Die Artillerie. Bie zur Bedienung derselben gehörenden 
Mannschaften waren anfangs mit Handstücken, später mit Fisch- 
tchaU, die Bedeckungsmannschaften aber wie die Batotschen be- 
waffnet. 

7. Die Russischen stehenden Leibwachen jener Zeit hat- 
ten eine ganz bestimmte imd gewissermassen auch gleichmässige 
Art der Bekleidung und Bewaffiiung. 

Bei den Rynden bestand die erstere aus Türkischen Kaf- 
tans und Oberkleidern (feresi) von rothem, gewöhnlidi aber weissem 
Atlas, Bammast, Brockat oder Sammet, oft mit einem breiten 
Besatz von Hermelin; dazu Mützen von weissem Ludisfell und 
weisse Stiefeln. Im Kriege führten sie die verschiedenen Theile 
der Bewaffnung des Zaren, während sie im Frieden mit Schwer- 
tern, Sechsfedern und den so genannten Gesandtenbeilen bewaffiiet 
waren; bei Audienzen hatten die am Thore stehenden Rynden das 
gezückte Schwert oder das Beil auf der Schulter. Ausserdem 
trugen sie dann noch zwei goldene Ketten kreuzweise über die 
Brust geschlungen^). 

Bie Opritschniki waren mit langen schwarzen Röcken 
und hohen spitzen Mützen (schlyki)^ darunter die Ta^a') unheim- 
lich und drohend bekleidet, und ritten mit Hundeköpfen und Be- 
sen am Sattel, zum Zeichen, wie die damaligen Geschichtsschrei- 
ber sagen, «dass sie die dem Zaren Uebelwollenden beissen und 
Russland fegen». 

8. Die Ausländer. 

Bie Leibwache des falschen Bemetrius, wie schon gesagt 
aus Ausländem bestehend, war vollständig uniformirt mit Röcken 
und Mänteln, welche Kleidungsstücke für die Parade aus Sammet, 
für den Wachtdienst aus Tuch bestanden. Ihr Schnitt ist nicht be- 



1) 8iippI«iiL E. d. bist. Acten. I. N. 188. 2) Aeten d. Aich. Bxped. II. N. 70. 8) Mater, i. 
. o. Statist. T. Biuil. D. Land d. Don. Oorpa t. Krunow. pag. 54, 55. 4) Wiakowatow. Ga- 
•chiditL Beachnib. d. B«kL a Bewaffli. d. Boaa Trappaa. I. Anm. 168. 5) ibid. inm. 163. 6) ibid. 
Anm. 167. 



— 126 — 

kaimt, dagegen war die Farbe bei der 1. Centurie roth mit reicher 
Goldstickerei, bei den beiden andern violett oder kastanienbraun, 
und zwar bei der 2. Centurie mit rothen, bei der 3. mit grünen 
dammastenen Aermeln und Sammetschnüren. Die Bewaffnung be- 
stand für die 1. Centurie aus Partisanen, für die beiden andern 
aus Hellebarden, deren Schäfte mit rothem Sammet bezogen, mit 
silbernen Nägeln beschlagen und mit Silberdraht umwunden wa- 
ren. Die Spitzen der Partisanen enthielten das Zarische Wappen 
in Gold und unter denselben, sowie unter dem Beil der Parti- 
sanen, befanden sich an den Schäften seidene, silberne oder gol- 
dene Quasten^). 

Die übrigen Ausländer kleideten sich wie die grosse 
Masse der Russischen Truppen nach Willkühr. Einige behielten 
ihre aus der Heimath mitgebrachte Kleidung bei, andere nahmen 
die Russische ganz oder zum Theil an. BUnsichtlich ihrer Be- 
waffnung weiss man nur, dass sie fast durchgängig aus Feuer- 
gewehren bestand. 

G. Die Fahnen. 

Die Fahnen wurden aus Dammast, Taffet, Leinewand oder an- 
deren Stoffen gefertigt; seit dem Ende des 16. Jahrhunderts fing 
man an, Adler, Sonnen, Monde, Sterne, Wappen, Thiere oder 
andere Gegenstände darauf zu sticken. Die Schäfte von verschie- 
dener Farbe, mit Knopf und Spitze, Bändern und Troddeln ver- 
sehen, wurden für. gewöhnlich in üeberzügen von Tuch, Leder etc. 
getragen*). Meistens wurden die Fahnen vom Zaren geschenkt, 
bisweilen aber auch von den Truppen selbst beschaffl^ Sie waren 
manchmal so gross, dass sie nur von mehreren Leuten getragen 
werden konnten, und wurden m hohen Ehren gehalten. Weniger 
war dies merkwürdiger Weise mit ihren Trägem der Fall, viel- 
mehr galt der Ausdruck «Fahnenträger» (ßnamenonossez) selbst 
bis weit in die nächste Periode für ein Schimpfwort, ein Vorur- 
theil, das sich wohl nur dadurch erklären lässt, dass die Func- 
tionen derselben als solcher sie dem eigenen persönlichen Kampf 
entzogen. 

Die Fahne des Grossfürsten wurde in der Mitte des grossen 
Regiments, umgeben von den Zarischen Waffenträgem (Rynden) 
getragen. In ihr befand sich das Bild Josuas, wie er der Sonne 
Halt gebietet, oder das Bild des Heilandes. Zwei Golowen waren 
mit einer besonderen Abtheilung Bojarenkinder — 1577 z. B. aus 
29 bestehend — zur speciellen Bewachung dieser Fahne bestimmt. 



1) ibid. Aun. leo. 2) ibid. 



— 127 — 

D. Die mnmkalisohen Instrnmente. 

Die musikalischen iBStrumente waren im Allgemeinen die- 
selben, wie in der früheren Periode, und bestanden somit aus 
Pauken, Trompeten und Flöten, wozu neuerdings noch die Trom- 
meln kamen. 

Die Pauken finden sich hauptsächlich in zweierlei Gestalt 
vor: die Heerpauke (nabcU) war von ungeheurer Grösse, von 
Kupfer gefertigt und auf vier in einer Reihe neben einander 
gehenden Pferden verladen; zum Schlagen waren 8 Mann erforder- 
lich'). Jeder Woewoda hatte eine solche Pauke, so dass man diese 
Benennung bisweilen an Stelle des Wortes Regiment oder Corps 
gebraucht findet. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist dieses Instru- 
ment von den Tataren entnommen. Daneben kommen dann noch 
die Kesselpauken (pubny, nakry) vor, kleine, kupferne, halbkugel- 
formige Schaalen mit einer Thierhaut überzogen, die bei den Rei- 
tern an der rechten Seite des Sattels befestigt, bei den Fussgän- 
gem in der linken Hand getragen wurden; zum Rühren derselben 
bediente man sich eines Schlägels mit ledernem Kopf (wogshaga)^. 
Eine kleinere Art {tulmibas, ttdumbass) wurde, wie bereits erwalmt, 
als Signalinstrument von den Woewoden am Sattel getragen'). 

Die Trommeln (barabany) kamen in ihrer gegenwärtigen 
Gestalt erst seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts in Gebrauch. 
Sie waren von Holz gefertigt, vergoldet und bemalt, hatten zwei 
Reifen und zwei Trommelfelle, und wurden an emem breiten Rie- 
men oder Bande auf der rechten Schulter getragen; auf Märschen 
versah man sie mit einem leinenen Ueberzuge. 

Die Trompeten (truhy) wurden anfangs ganz gerade, später 
zwei Mal in der Form eines N gebogen^) und endlich in ihrer 
jetzigen Gestalt gefertigt'). Eme besondere Art war die Zinke 
(ssumä), eine ganz gerade Röhre in der Form einer grossen Pfeife. 
Für den Marsch wurden die Trompeten in ledernen Ueberzügen 
getragen*). 

Die Flöten (ssqpelt) endlich hatten die Gestalt der jetzigen 
Schallmei^ und wurden auch wie diese geblasen. 

WW. Die ITerpilesuiis* 

Die Verpflegung der im Zarischen Dienst stehenden Personen 
fand ursprünglich in der alten Weise Statt. Im Laufe der Pe- 
riode entwickelte sich aber das Lehnssystem mehr und nahm re- 
gelmässigere Formen an, während gleichzeitig auch der Gebrauch, 
für geleistete oder zu leistende Dienste einen gewissen, in Geld, 



1) iUd. Ana. t02. 2) iUd. Ann. 197. 8) iUd. Ann. 198. 4) ibid. Aom. 198. 6) ibtd. 
Anm. 194. 6) iWd. Anin. 195. 



— 128 — 

(Getreide oder anderen Naturalien, Tuch, Pulver etc. bestehenden 
Sold zu zahlen, in Bussland Eingang fand. 

A. Die Verpflegung im Allgemeinen. 

L Die Verpflegung durch Verleihung von Land zum Lehne'). 
Es ist bereits in der vorigen Periode bemerkt worden, in welcher 
Weise die Russischen GrossfOrsten ihren Besitz an Land fortwäh- 
rend zu vermehren wussten. Die consequente Durchführung des 
hierbei beobachteten Verfahrens setzte sie denn auch bald in den 
Stand, die Vertheilung von Lehnsland, welche bisher nur für die 
Bojaren üblich gewesen war, noch auf eine andere Glasse der zu 
den Grossfürstlichen Drushinen gehörenden Mannschaften, auf die 
Bojarenkinder, auszudehnen. Hiermit machten sie im Jahre 1488 
den ersten Versuch, der dann in der Folge mehrfach wiederholt 
wurde. Indessen vermehrten sich die Landerwerbungen seitens der 
Grossfürsten in solchem Grade, dass zu den Domainenbesitzungen 
Johanns IV. bereits nicht mehr bloss Dörfer, sondern ganze Can- 
tons und Städte mit ihren Districten, wie z. B. Rusa und Sweni- 
gorod, gehörten. Aus diesem grossen Vorrath erfolgte 1050 eine 
Verleihung von Land in einem Maasse, welche alle früheren Be- 
lehnungen weit überstieg. Bei der endlichen Verschmelzung des 
Fürstlichen Drushinen- und des ländlichen Dienstes, d. h. beim 
Aufgehen der Gemeinde in der Person des Grossfdrsten, fing man 
auch an, das der ersteren gehörige, so genannte schwarze Land 
zu Lehen auszugeben, und zwar nicht bloss an die Moskauschen 
Dienstchargen; in Folge wessen sich eine besondere Art von Land 
unter dem Namen des Lehnslandes {pomestnyja semli) bildete*). 
Hier beginnt nun das eigentliche Lehnssystem im engeren Sinne, 
zu dessen näherer Betrachtung wir demnächst übergehen. 

Das Wort Lehen (pomestje) kam überhaupt zum ersten Male 
unter Johann III. bei der Landvertheilung von 1488 in Anwen- 
dung, und zwar bezeichnete man damit den Landbesitz, der von 
dem Eigenthümer — Herrscher, Fürst, Patriarch, Kloster etc. — 
seinen Dienstleuten zur zeitweiligen Benutzung überlassen wurde, 
aber nicht anders als mit der Bedingung, dafär während des gan- 
zen Lebens bis zum höchsten Alter oder bis zur vollständigen 
Untauglichkeit') Dienste zu leisten. Dieses Land konnte weder 
verkauft, noch verpfändet, noch auf irgend eine andere Weise sei- 
nem Zwecke entfremdet werden^); dagegen galt der Besitz nicht nur 
für die ganze Dauer des wirklichen Dienstes, sondern auch nach der 
Entlassung und ging in der Folge durch natürliche Vererbung selbst 
auf die Wittwen, jungen Söhne und unverheiratheten Töchter des 



1) Qai^oktt. AM« d. Vtnoir. d. «ntlMi. Milit i« BwL Milit Sunml. 1868. N. 12. 
PH- 315 bU 300. 2) ibid. pag. 934. Inm. 46. 3) ibid. p^* 385. Ijim. 47. 4) Ibid. Ana. 48. 



— 129 — 

ersten Besitzers^), in weiterer Folge auch auf die Enkel über; ja 
selbst Neffen und andere Seitenverwandten konnten das Lehn ihrer 
Vorfahr^^ erhalten, wenn sie im Dienste an deren Stelle traten'). 
Ueberhaupt blieb unter Johann ni. das einmal einer Person verb- 
liebene Lehn so lange in dem Geschlechte derselben, als sich in 
diesem noch Leute vorfanden, die dem Zaren Dienste leisteten. 
Bestimmte und allgemein gültige Regeln über das Verbältniss der 
Lehnsbesitzer zu ihrem Lehn gab es übrigens unter Johann lü^ 
und überhaupt bis zu den Zeiten Johann's lY. noch nicht. Aus 
den wenigen Notizen, die sich darüber in den Chroniken zerstreut 
vorfinden, kann man indessen schliessen, dass das Lehnssystem zu 
jener Zeit einfach und wenig complicirt war; dass es sich anfangs 
nur auf die im Dienst befindlichen Fürsten und wichtigeren Bo- 
jaren erstreckte und erst später auch auf die anderen Glassen, 
namentlich die Bojarenkinder überging; endlich dass es durch viele 
Generationen forterbend, in gewisser Weise den alten Militair- 
Ansiedlungen ähnlich war, mit dem einzigen Unterschiede, dass 
sich hier die Unterhaltung und Beaufsichtigung der Truppen, die 
jeder Lehnsbesitzer über die auf seinen Ländereien lebenden Leute 
auszuüben hatte, vereinigt fanden''). Aber dieses System der B^ 
aufsichtigung erwiess sidi bald als unausführbar, weil die von den 
Lehnsbesitzem abhängigen Leute wegen Armuth derselben weder 
während des Dienstes noch nachher gut versorgt werden konnten. 
Daher änderte die Regierung das ursprüngliche System in der Art 
ab, dass sie mit der Vermehrung der Zahl der Lehnsträger die 
Grösse der Lehne zu vermindern anfing, indem sie gleichzeitig jeden 
zwang, selbst für sich und die wenigen ihm untergebenen Leute 
zu sorgen. Hierbei stellte sich aber ein anderer Uebelstand her- 
aus, nämlich der Mangel einer genügenden ControUe, welcher bei 
der Nothwendigkeit, eine grosse Truppenzahl zu halten, sehr kost- 
spielig zu werden drohte. 

Ein anderer Mangel des alten Lehnssystemes war die be- 
schränkte Ausdehnung desselben; indem es sich zunächst nur auf 
die Bojarenkinder erstreckte, blieben noch zahlreiche Glassen des 
Dienstpersonals, wie z. B. die Neugetauften (Hordenbewohner), 
die Stückknechte (deljusw), und überhaupt die Artilleristen etc., 
von den Wohlthaten desselben ausgeschlossen. 

Diese Umstände, im Verem mit den übrigen Bedingungen des 
damaligen Dienstes, veranlassten den Zaren Johann IV. theil- 
weise wieder auf das ursprünglich iu der Zeit, wo man nur die 
Bojaren mit Land belehnte, beobachtete Verfahren zurückzugehen: 
die Lehne wurden vergrössert, es wurde, wie dies weiterhin im 
Specielleren gezeigt werden wird, mehr Aufmerksamkeit auf die 
Verpflegung der Entlassenen verwendet und als zweite controlli- 



1) ibid. Anm. 4». 2) ibid. pikg. 326. Adid. 20. 8) ibid. Anm. 21. 
Brlz, OMoh. d. alt. H««b. H««rw«lnrtalit. 



— 130 — 

rende Instanz im Militairwesen die Stellen der Besoldungsbeam- 
ten ioMadtschiki) und Schiedsmänner (rasborscktschiki) eingeführt. 
Gleichermaassen wurde auch der Mangel der in der beschränk- 
ten Anwendung des alten Lehnssystems lag, abgestellt'). 

Demnach galten für die Belehnung der einzelnen Mannschafts- 
classen unter Johann IV. folgende Regeln: Der Eintritt in ein 
gewisses Amt oder überhaupt in den Dienst, mit welchem nach 
Gresetz oder Brauch der Besitz von Lehnsland verknüpft war, gab 
dem Betreffenden anfangs ein Recht auf sofortigen Empfang des- 
selben, später aber nur die Anwartschaft darauf, aus den Staats- 
ländereien eine gewisse Menge Land als Lehn zu empfangen. 
Wahrscheinlich war das Ausmaass desselben schon von früher 
her für jedes Amt oder jede Dienstclasse genau festgesetzt. So- 
lange übrigens die Dienstleute das Recht hatten, von einem Für- 
sten zum anderen zu ziehen, wurden ihre Rechte und Pflichten 
durch besondere Verträge bestimmt, die zwar im Allgemeinen 
gleich, in den Details aber sehr verschieden waren. Die Menge 
des Uindes, die den einzelnen Chargen zum Lehn verabreicht 
wurde, mag somit anfangs wohl sehr verschieden gewesen sein*). 
Bestimmte Angaben finden sich erst seit den Zeiten Johanns IV. 
und zwar seit dem Jahre 1550, dann aber kommen darüber un- 
unterbrochen Notizen vor. Jedem Range, dem höchsten wie dem 
niedrigsten, waren bestimmte Beträge an Land zugewiesen. 

Die Belehnung mit Land fand in zwei verschiedenen Haupt- 
arten Statt, nämlich entweder mit blossem Lehnsland, oder mit 
den gesetzlichen Kategorien (ukasnyja statß), welche den ver- 
schiedenen Rangclassen das Recht gaben, ausser dem aus den 
allgemeinen Staatsländereien angewiesenen Lande noch eine ge- 
wisse Menge aus den Staatsländereien einer bestimmten Art zu 
empfangen. Solche Kategorien wurden bestimmt in den Ländern 
des Districtes Moskau und später noch in den so genannten 
wilden (dihie) oder wüst liegenden Ländereien der Ukraineschen 
Städte'). 

Alles Lehnsland war in Bezug auf den Staat in gleicher Lage 
mit dem übrigen unbeweglichen Privatbesitz, d. h. es wurden von 
demselben die nämlichen Abgaben erhoben, und zwar Steuern 
(dannyja dengi), Post- (jamskija) und Gefangengelder {pohnjani- 
tschnyja dengt), sowie die «Besoldung vom Pflug» {possoschnyj 
iorm), eine Art Grundsteuer in Naturalien. Dagegen war es aber 
von allen städtischen und sonstigen Lasten frei^). In Bezug auf 
den Zaren galt alles Lehnsland als dessen persönliches Eigen- 
thum und fielen daher alle erledigten Lehen bis zur Wiederver- 
leihung an denselben zurück*). Selbst im Besitz des Lehnsträgers 



1) ibid. PH. S97. 2) Ibid. ]Mg. 336. Aain. 51. 3) Ibid. Anm. 52. 4) Ibid. PH- ^2. Ann. 64. 
6) ibid. Anm. 65. 



- 131 - 

war das Lehn der Disposition des Herrschers nicht entzogen, 
indem dieser ohne Jenen in seinen zeitweiligen Rechten zu be- 
schränken, gleichzeitig über einige Einkünfte desselben zum Nutzen 
anderer Personen verfügen konnte 0- Eine Ausnahme hiervon fand 
nur bei denjenigen Lehen Statt, auf welche unter Johann IV. so 
genannte Freigerichtsscheine {nessudimyja gramoty) ausgestellt 
wurden, die dem Lehnsträger ganz die Rechte des erblichen Eigen- 
thümers gaben'). Das Recht des Lehnsträgers auf Benutzung 
des besteUbaren (pachotnaja) Landes beschränkte sich auf die 
Einziehung und Verwendung derjenigen 6eld% Getreide- und son- 
stigen Lehnseinkünfte, die dem Fiscus oder dem Zaren zustanden 
und von diesem jenem abgetreten waren*). Uebrigens wurde 
strenge darauf gehalten, dass der momentane Besitzer des Lehns 
nicht etwa das Land ruinirte; namentlich durften ohne besondere 
Erlaubniss des Lehnsherren keine Wälder geftUt, Gebäude abge- 
tragen werden, etc/). Dagegen konnte der Besitzer des Lehns 
dasselbe vertauschen, wenngleich anfangs nur unter grossen Be- 
schränkungen. So durfte nur Lehn gegen Lehn, nicht aber 
gegen Erbland oder gegen ein, an Stelle eines Lehns in na«» 
tura gewährtes Geldgebalt zum Tausch kommen. Ebenso durfte 
ein solcher nur zwischen Personen derselben Dienstkategorie und 
überhaupt nur aus wichtigen Gründen erfolgen, z. B. wenn das 
einzutauschende Land mit dem anderweitigen Besitz des Petenten 
grenzte, also der Lehnsbesitz mehr arrondirt wurde. Ferner 
wurde bei dem Tausche selbst strenge darauf gehalten, dass die 
beiden gegen einander umgewechselten Landparzellen in Qualität 
und Quantität möglichst gleich waren^). In jedem Falle wurd^ 
das eingetauschte Land wiederum Lehnsland und trat in allQ 
auf demselben ruhenden Pflichten und Lasten ein. 

Die Lehnsträger siedelten auf den ihnen überwiesenen Be* 
Sitzungen nach Möglichkeit Bauern und Colonisten an, und wur- 
den somit Gutsbesitzer. Diese Bauern waren aber, wie dies au9« 
drOcklich hervorgehoben zu werden verdient, zu jener Zeit nicht 
nur persönlich frei, sondern genossen auch das Recht der Frei- 
zügigkeit im unbeschränktesten Maasse. Dadurch kam es, dass 
die Besitzer von nicht ganz gutem Lande keineswegs darauf rechnen 
konnten, dasselbe stets bearbeitet zu sehen, indem bei dem da* 
mals noch herrschenden Ueberfluss an Land, die Bauern zu ihrer 
Ansiedlung immer nur das beste auszuwählen pflegten, üeber- 
haupt war das Verhältniss der Gutsherren zu ihren Bauern ein 
völlig patriarchalisches. Die letzteren hatten zwar im Allgemeinen 
jenen gehorsam zu sein, wie sie auch in der Verwaltung und Rechts- 
pflege unbedingt unter ihnen standen, dagegen waren sie zwar 
manchmal*), aber bei Weitem nicht in den meisten Fällen, ver- 

1) ibid. Aam. 6d. 2) iWd. pM. 84«. Anm. 67. S) ibid. Anm. 68. 4) ibid. Aan. 60. 
9j ibid. Anm. 70. 6) Histor. Acten I. V. 18.% 201. 

9* 



-- iä2 - 

pflichtet, Land für den Besitzer zu bearbeiten; jedoch hatten sie 
ihm gewöhnlich nur für das Recht der Benutzung des von ihnen 
bestellten Landes einen vertragsmässig festgesetzten Zins zu be- 
zahlen, der übrigens nach den auf uns gekommenen Angaben nur 
sehr niedrig bemessen war^. Eine andere Art der dem Besitzer 
zu gewährenden Bezahlung erfolgte für die Verwaltung von Dör- 
fern, was man die Schlüsselbezahlung (kljutschnitschnaja plata) 
nannte. 

Die Einkünfte der Lehen waren sehr verschiedenartig und 
wurden theils in Gelde, theils in Getreide, Vieh und anderen Lan- 
desproducten entrichtet. Um* einen ungefähren Begriff von dem 
Ertrage zu geben, den in damaliger Zeit ein Lehn gewährte, 
braucht man nur ein beliebiges Beispiel aus dem Gehaltsbuch (olda- 
dnaja kniga) von Nowgorod zu entnehmen. Auf pag. 266 desselben 
ist z. B. der Canton Nila wie folgt beschrieben: «Im Ganzen beträgt 
die Zahl der Dörfer dieses Cantons 20, die der Obshi*) 52. Das 
alte Einkommen mit dem Schlüsseigeide belief sich auf 50 Rubel 
3 Griwni 6 Dengi, und an Getreide auf 1 Tschetwert 79 Körbe 
Roggen, 611 Körbe Hafer und 60 Körbe Gerste». Wenn man 
dies auf heutiges Geld berechnet**), so würde das etwa 290 Ru- 
bel ergeben, nämlich 142 baar, 78 fllr Roggen, 30 fttr Hafer und 
40 für Gerste"). 

Betrachtet man das Lehnsystem, wie es sich nach der im 
Vorigen gegebenen Darstellung unter Johann IV. entwidcelt hatte, 
so lassen sich allerdings erhebliche Verbesserungen nicht verkennen; 
dagegen litt es aber doch noch an manchen Uebelständen. Der 
Hauptmangel desselben lag zunächst hinsichtlich der Sicherstel- 
lung der Lebensexistenz der Lehnsträger darin, dass es kein be- 
stimmtes Gesetz für die Gewährung der Subsistenzmittel gab. 
Da das Lehn beständig Eigenthum des Herrschers blieb, so musste 
man vor Allen um die Verleihung desselben als eine besondere 
Gnade bitten, was nicht immer Erfolg hatte. Daneben gab der 
Besitz selbst nur einen sehr ungewissen und selbst für die dama- 
lige Zeit kaum genügenden Ertrag, mit Rücksicht auf die Menge der 
an jedem Lehn haftenden Lasten. Hierdurch kam der zeitweilige 
Besitzer oft in eine schwierige Lage, wenn er alle seine Verpflich- 
tungen mit Genauigkeit erfüllen wollte; denn die Vernachlässi- 



*) Die Obsha ist ein in jener Zeit übliches Fl&chenmaass. Nach der 
Yermessangsinstruction von 1766 sollte sie = 10 Tschetwerti oder 5 Dessjä- 
tinen in einem Felde gerechnet werden, d. h. bei der Russischen Dreifelder- 
wirthschaft 3 Mal mehr. (Geschichtl. Abriss d. Versorg, d. entlass. Milit. in 
Russl. Milit. Samml. 1863. N. 12. pag. 339. Anm. 59.) 

♦♦) l Nowgorodacher Rubel galt 216 Dengi, l Griwna = 14 Dengi: 10 Dengi 
sind = 1 jetzigen Rubel gerechnet, (ibid. pag. 344. Anm. 72.) 

1) OcMshiehU. Abri« d. Venory. d. eaftliM. Milii in Bwl. Milii SubibL 1863. N. 12. piff. 344. 
2) iMd. Abb. 72. 



— 138 — 

gong derselben setzte ihn der Gefahr eines sofortigen Verlustes 
des Lehns aus. Ausserdem schloss, wie bereits oben bemerkt, 
das Recht auf den, einem gewissen Range entsprechenden, Lehns- 
betrag noch nicht die Gewissheit der sofortigen Gewähr in sich. 
Namentlich traten die Kinder eines im Dienste Beamteten, fOr 
welche mit Erreichung des 15. Lebensjahres die Verpflichtung 
zum Dienst, mithin auch der Ajispruch auf das entsprechende 
Lehn begann, fast niemals sogleich in den wirklichen Genuss des- 
selben, vielmehr erfolgte die eigentliche Verleihung immer erst 
frQhestens bei der nächsten Musterung und Emtiheilung (wer- 
stanje) der Mannschaften. Da nun diese zu unbestimmten, und 
namentlich im Anfang ziemlich weit auseinander liegenden Ter- 
minen statt fanden, so konnte es kommen, dass ein Berechtigter 
unter Umständen sich recht lange mit der blossen Anwartschaft 
begnügen musste. Dieser Uebelstand veranlasste die zum Dienst 
heranwachsenden Jünglinge häufig, eine vorläufige Belehnung mit 
unbebaut daliegendem Lande von dem Lehn des Vaters nachzu- 
suchen. Gewöhnlich wurden sie aber, ohne eine solche besondere 
Betheilung, für die erste Zeit ihres Dienstes und bis zur Rea- 
lisirung ihrer rechtlichen Ansprüche auf eigenen Besitz auf das 
Lehn der Väter oder anderer Verwandten mit angewiesen (j>ripus8' 
kalis), d. h. sie hatten zunächst um das nämliche Land zu dienen, 
welches ihre Väter etc. bereits besassen. Eine solche Art der 
Belehnung für den Dienst war gleich unangemessen für die eigent- 
lichen Inhaber, wie fQr die junge Mannschaft; denn während die 
letztere, in beständiger Abhängigkeit von den ersteren, stets er- 
heblich w.eniger erhielt, als ihr eigentlich zustand; hatten auch 
jene, je länger sie dienten immer weniger von ihrem Lehn, sahen 
vielmehr die ihnen verbleibenden Mittel für die Ableistung des 
Dienstes und für die Sicherstellung ihrer Existenz nach erfolgter 
Entlassung sich fortwährend vermindern. Für die neue Mann- 
schaft wurde diese Benachtheiligung des väterlichen Landes durch 
Belastung mit doppelten Verpflichtungen zwar bald durch Anwei- 
sung eigenen Besitzes gehoben, jedoch für den eigentlichen Be- 
sitzer entsprang daraus ein bleibender Nachtheil, falls diesem nicht 
auch ein neues Lehn zugetheilt wurde'). In der That geschah 
dies in vielen Fällen, und zwar in der Weise, dass nach Maass- 
gabe, wie die Söhne eines Lehnsträgers heranwuchsen und zu 
dienen begannen, dem Lehn des Vaters eine gewisse Fläche 
Landes hinzugefügt wurde, die zwar erheblich geringer war, als 
die Summe des, allen erwachsenen männlichen Familiengliedem 
zustehenden Betrages, immerhin aber doch eine gewisse Entschä- 
digung für die erhöhte Belastung des ursprünglichen Besitzthums 
gewährte. Diese Zulage wurde aber nur für die Zeit bewilligt, 

1) tUd. PH* 846. Abu. 7S. 



-^ 184 — 

während welcher die Kinder vom väterlichen Lehen mit zu dienen 
hatten. Da sie aber bei einer späteren Betheiligung derselben mit 
dem ihnen gesetzlich zustehenden Lande ihnen auf dasselbe in 
Anrechnung gebracht wurde, ho erwuchs dem eigentlichen Inhaber 
des alten Lehens aus dieser Zulage nur eine geringe Erleichterung 
der ihm auferlegten übermässigen Belastung, keineswegs aber ein 
vollständiger Ersatz für die ausserordentlich erhöhten Opfer, die 
er während der Dauer jener vermehrten Leistung hatte bringen 
müssen. Das Drtlckende und eigentlich Unberechtigte dieses — 
man kann es kaum anders nennen — als durch eine hergebrachte 
Unsitte eingerissenen Missbrauches waren übrigens so in die Augen 
springend, dass man unter den späteren Regierungen nicht umhin 
konnte, die ungerechten Beschränkungen der Lehnsrechte durch 
£infahrung einer besseren Administration bei den Lehnsangelegen* 
heiten zu beseitigen. Solange indess der erwähnte Gebrauch oder 
Missbrauch bestand, kann man sagen, dass die wirklichen Lehns- 
beträge nicht sowohl den einzelnen Personen, als vielmehr den 
Familien und Geschlechtem im Ganzen zu Gute kamen. Diese ge- 
schlechtliche (rodoiooe) Bedeutung der verliehenen Beträge ge- 
wann im Laufe der Zeit in so fem noch mehr Gewicht als bei 
dem Tode eines Lehnsträgers, dessen Wittwe ihren Unterhalt aus 
dem Lehn des Grossvaters oder ihres eigenen Vaters erhielt*), 
woraus sich auch das beständige Streben der Mitglieder eines 
Geschlechtes erklärt, bei der geringsten Veranlassung das Lehn 
eines Verwandten an sich zu bringen, ein Bestreben, das sich in 
der Folge mit der verminderten Grösse des Lehnslandes überhaupt 
nur noch verstärkte. 

Unter den Nachfolgern Johannas IV. erfolgten zwar einige 
nicht unwesentliche Veränderungen in den Details der Lehnsbe- 
Btimmungen, deren an anderer Stelle gedacht werden wird; da- 
gegen blieben die Grundlagen im Allgemeinen bis zum Schluss 
der Periode fast ganz ungeändert. In seiner äusseren Gestaltung 
verfiel das Lehnssystem während der Unruhen und Wirren des 
nach dem Aussterben von Ruriks Mannstamm erfolgenden Inter^ 
regnums, da in dieser Zeit des Kampfes, der Empörung und des 
Verrathes die Belehnung, wie jede andere Gewährung von Rech- 
ten, nicht zur Entschädigung für geleistete oder zu leistende or- 
dentliche Dienste, sondern zur Beförderung persönlicher Interessen 
und zur Begünstigung eigennütziger Bestrebungen verwendet wu]> 
den. An die Stelle gesetzlicher Bestimmungen traten somit per- 
sönliche Laune und tyrannische Willkühr, durch welche Russland — 
wie in politischer und militairischer Hinsicht — so auch in dieser 
Beziehung an den Rand des vollständigen Verderbens geführt wurde. 

Es dürfte hier noch zu erwähnen zu sein, dass, um die Ver- 

1) ibid. PH» ^^ Anm. 75. 



— 135 — 

theilung des als Lehn * bestimmten Landes und überhaupt die 
Bestimmung der auf demselben ruhenden Dienstpflichten und 
Leistungen zu erleichtem, bereits unter Johann lY. dem Schreck* 
liehen zum ersten Male eine Aufnahme und Vermessung 
des Russischen Beiches unternommen wurde, ein Unter- 
nehmen, welches indessen wahrscheinlich nur theilweise zur Aus* 
führung kam, und dessen Ergebniss nur in sehr bedingter Weise 
zuverlässig war'). Gleichzeitig wurde die, unter dem Namen der 
grossen Zeichnung (Bolschcj Tschertesh) bekannte, älteste geogra- 
phische Karte von Russland entworfen und um 1600 unter Boris 
Godunow vollendet. Zu derselben wurde dann später im Jahre 
1627 unter dem Zaren Michailo Feodorowitsch eine Erklärung 
unter dem Titel: «Buch, welches die grosse Zeichnung bespricht» 
{Kniga, glagokmaja Bolschoj Tschertesh) veröfi'entlicht, die als 
eine der wichtigsten Quellen für das Studium der alten Russischen 
Geographie anzusehen ist. Unter Feodor Johannowitsch, dem Sohn 
und Nachfolger des Schrecklichen, wurde das Land an der Dwina» 
zu beiden Seiten der Wolga, wahrscheinlich auch noch an einigen 
anderen Stellen, vermessen und beschrieben. Ebenso wurde unter 
der Regierung des Boris Godunow von seinem Sohn Feodor, der 
eine damals in Russland ungewöhnliche Europäische Bildung er- 
halten hatte, eine geographische Karte von Russland entworfen 
und gezeichnet, welche 1614 unter seinem Namen von dem Aus* 
länder G^rard — vielleicht sein Lehrer — herausgegeben wurde; 
dieselbe führte den Titel: Tabula Russiae ex autographo, quod 
delineandum curavit Feodor, filius Tzaris Boris, desumpta etc.*). 
Nach diesen, allerdings noch ziemlich rohen Materialien wurde 
das für den Dienst gewährte Lehnsland vertheilt und die von ihm 
zu leistenden Pflichten festgesetzt. 

2. Die Verpflegung durch Gewährung der Snbsistenz (korm- 
lenieY) erfolgte in doppelter Art, entweder dadurch, dass die dazu 
berechtigten Mannschaften mit auf das Lehn eines andern ge- 
schrieben wurden, oder durch Anstellung der betreffenden Per- 
sonen bei der Verwaltung der Städte, Dörfer etc. mit Ueberwei- 
aung der Einkünfte aus denselben nach Art der modernen Civil- 
versorgungen. 

Von der ersten Art dieser Verpflegung ist bereits vorher, 
gelegentlich der Verpflegung der zum Dienst herangewachsenen 
Mannschaften bis zu ihrer selbstständigen Betheilung mit Lehns- 
land die Rede gewesen, und wird bei der Verpflegung der Ent- 
lassenen noch einmal darauf zurückzukommen sein, wesshalb hier 
nur einige allgemeine Angaben zu machen sein möchten. 

Das Prinzip dieser Art der Verpflegung bestand einfach darin. 

1) GoKijn. Gesell, d. GenenlttelNi. Milit. Jonrn. 1857. N. 3. pag. 67. 2) ibid. pag. 68. 
3) OcKhiebtl. AVii« d. Ynwug. d. entlan. Milit in Biuil. Milii Surnil. 1868. N. 18. ftg. 9S» 
bifl 89a 



— 136 — 

dass man dem Lehnsträger die Verpflichtung auferlegte, fttr den 
Unterhalt aller seiner Angehörigen, insofern diese nicht mit eige- 
nem Lehnslande versehen waren, zu sorgen. Diese Art der Un- 
terhaltung war auf der gegenseitigen Achtung und Liebe der Fa- 
milienglieder oder Geschlechtsverwandten basirt, und ging von der 
Selbstverständlichkeit der Erfüllung solcher natürlichen Pflichten 
aus; sie hatte daher weiter keine rechtliche Regelung, als dass 
sie die Vernachlässigung derselben mit dem Verluste des Lehns 
bedrohte. Wahrscheinlich hatte man diese jedenfalls einfachste 
Art der Verpflegung in Folge der UnvoUkommenheit der dama- 
ligen Administration in Anwendung gebracht, da es sehr häufig 
vorkam, dass die Podjätschen bewilligte Lehen aus Eigennutz 
entweder gar nicht, oder nicht vollständig verabfolgten. Ein 
Gleiches fand bei dem strafweisen Einziehen von Lehen Statt, 
welches manchmal in betrügerischer Weise nicht den Schuldigen, 
sondern einen ganz unschuldigen und verdienstvollen Mann betraf. 
Einen ferneren Grund für diesen Gebrauch bot unstreitig das Be- 
streben dar, die Grösse des Landes, von w^elchem die Dienstpflicht 
ruhte — wie dies z. B. bei Entlassenen ohne erwachsene Söhne 
der Fall gewesen wäre — nach Möglichkeit zu beschränken*). 
Jedenfalls hatte dieses System den Uebelstand, dass es von der 
Voraussetzung einer Uneigennützigkeit und gegenseitigen Opfer- 
willigkeit beider Interessenten ausging, die sich doch, wie leider 
gesagt werden muss, selbst bei den nächsten Verwandten nur als 
seltene Ausnahme findet. Uebrigens darf anderer Seits auch nicht 
verkannt werden, dass dadurch den Lehnsbesitzern, bei den ohne- 
hin kaum für ihren eigenen Dienst zureichenden Erträgen ihres 
Landes, eine Last aufgebürdet wurde, die sie selbst mit dem be- 
sten Willen schwerlich hätten ertragen können. 

Was die andere Art der Verpflegung durch Gewährung 
der Subsistenz aus den Einkünften einer Givilstellung bei der 
Verwaltung von Städten, Cantonen etc. betrifft, so ist von den 
aus jener Periode auf uns gekommenen Bestimmungen über die- 
Belbe zunächst eme im Jahre 1499 von dem Grossfürsten er- 
lassene Gnadengramota zu erwähnen, in der diese Subsistenz «mit 
dem Recht» {ss prawdoju) gegeben wurde*). In einer anderen 
Bestimmung vom Jahre 1516 wurde ein Fürst «mit dem Gericht 
und den Abgaben» {ssudom i danju) begnadigt; «die Abgaben aber 
werden von Jahr zu Jahr nach den Pflügen in demselben Betrag 
erhoben, wie sie fttr den Herrscher von seinen Städten Borowsk 
und Moshaisk genommen werden»*). Ausserdem sind noch ver- 
schiedene Einführungs- {wwodnyja) oder Dienstvorschriften {po- 
sslushnyja gramoty) auf uns gekommen, wie sie bei Verleihung sol- 
cher Civilposten gegeben wurden. Die vorliegende Art der Sub- 

1) Ibid. PH. 841 bli S4S. 2) ibid. PH- S28. Ana. 25. 8) ibid. Abb. M. 



— 137 — 

scstenzgewähmiig erfolgte in verschiedener Weise. Gewöhnlich wnrde 
sie mit dem Rechte des Gerichtes, öfters jedoch auch ohne dasselbe, 
ertheilt'). In den betreffenden Erlassen wurden die Einwohner, 
▼on denen die Subsistenz zu entnehmen war, angewiesen, den Statt- 
halter zu ehren und ihm, der die Einkaufte nach einem festgesetzten 
Yerzeichniss erhob, gehorsam zu sein; meistens wurden audi gleiche 
zeitig die Mauth, Fährgelder, Zölle und sonstigen Emkünfte mit- 
gegeben'). Ueber diese Einkünfte wurde im Rasread eine genaue 
Berechnung geführt, und danach die Bezahlung für die amtlosen 
Dienstleute bestimmt'^). Das Einkommen eines Statthalters bestand 
anfai^s, als überhaupt diese ganze Art der Subsistenzgewährung 
noch in sehr roher Form auftrat, in der Nutzniessung der Hälfte 
der Einkünfte einer Stadt oder eines Gantons; später unter Jo- 
hann m. wurde es vergrössert und der Summe der jährlichen 
Staatsauflagen gleichgesetzt. Wahrscheinlich hat man dasselbe 
auch unter dem Ausdruck «Gehalt zur Subsistenz» (shtdowanja 
na kormlenii) in dem Gesetzbuch (Sstulebnik) dieses Fürsten zu 
verstehen, wenngleich auch die Annahme Etwas für sich hat, dass 
dieses Gehalt direct aus dem Hauptprikas der grossen Gasse ge- 
geben wurde, wie dies später Johann lY. einführen wollte. Uebri- 
gens waren in dem oben erwähnten Gesetzbuche die Einkünfte der 
Statthalter im Speciellen m der Weise festgesetzt, dass bei einer 
Privatklage jeder Beschwerdeführer vom Rubel 2 Altyn*), «von 
den rechten und Entlassungsgramoten» aber per Rubel 1^ Altyn 
an die Woewoden und Statthalter zu zahlen hatte; ausserdem stand 
diesen noch das Haupteinkommen aus der Zeit der jährlichen Feste, 
Weihnachten und Ostern zu*). Anfangs wurden die Stellen der 
genannten Beamten auf drei Jahre verliehen; später aber fing man 
an, sie einfach zu verkaufen und demjenigen zuzuschlagen, der am 
meisten an den Rasread bezahlte^. Andere Arten der Subsistenz- 
gewährung bei den Woewodschaften waren folgende: Die Ver- 
leihung von Lehen oder Verabfolgung von Gehalt bis zum Tode, 
letztere namentlich bei Unbelehnten und Ausländem'), und die 
Ueberweisung der «Reise- und Einführungsgebühren». Was die 
letzteren betrifft, so verstand man unter dem Namen der Reise- 
Bojaren (putnye) solche, welche in die Provinzen zur Beaufsiditi- 
gung der Fürstlichen Einkünfte geschickt wurden'^), während Em- 
fübrungsbojaren (wwedenye) diejenigen waren, welche mit Umgehung 
der Statthalter und Cantonsverwalter mit dem Gericht und der 
Criminaljustiz begnadigt waren, oder die zu ihrer Versorgung als 
Collegen, resp. Gehülfen, der Hauptwoewoden geschickt wurden'). 
Endlich bestand noch eine Art der Subsistenzgewähr in der üeber- 

1) iUd. Anm. 27. 2) I1»id. Ann. 38. 3) ibid. Ann. 29. 4) ibid. ÄMm. 80. 5) Ibid. 
AJim. 31. 6) ibid. Anm. 88. 7) ibid. Anm. 38. 8) ibid. ^mg, 328, 829. Ann. 34. 9) ibid. 
pAf. 829. Ann. '^'^. 



— 138 — 

tragnng des Rechtes der Gerichtsbarkeit, der Erhebung von Han* 
delszöUen etc. 

Betrachtet man die in dem Vorigen angeführten Angaben der 
Chroniken und viele andere, die hier aus Mangel an Raum nicht 
weiter erwähnt sind, so wird man auf den Schluss kommen, dass die 
vorstehende Art der Verpflegung durch Gewährung der Subsistenz, 
wie sie vor Johann IV. l^tand, fast ausschliesslich nur nach 
dem Dienste in Gestalt einer Belohnung gegeben wurde, dass sie 
sich nur auf die höchsten Glassen des Dienstpersonals, d. h. auf 
die Bojaren und zum Theil auch auf die Bojarenkinder erstreckte, 
und endlich dass für die Art ihrer Gewährung keinerlei bestimmte 
Normen existirten, sondern Alles von dem persönlichen Belieben 
des Fürsten abhing. Es unterliegt keinem Zwcdfel, dass diesem 
Gebrauch der Gedanke einer Pensionsgewährung im modernen 
Sinne zum Grunde lag; als Quelle der militairischen Fürsorge kann 
aber eine solche Art der Versorgung nur als sehr ungenügend be* 
zeichnet werden. 

Es ist übrigens nicht schwer, sich die Gründe für eine der- 
artige Befriedigung der Dienstleute klar zu machen. Bei der Un- 
Vollkommenheit der damaligen Administration ging das Bestreben 
der Verwaltung zunächst darauf hinaus, jede CentraUsation der 
Staatseinkünfte zu vermeiden, und alle Bedürfoisse für die Ver- 
waltung einer Provinz etc. aus den localen Einkünften- zu decken. 
Selbst in noch viel späterer Zeit kamen nach dem Zeugniss Koschi- 
chins in allen Prikasen nur die allerunbedeutendsten Summen zur 
Ablieferung, während die übrigen Einkünfte von den Localverwal- 
tungen für locale Zwecke ausgegeben wurden. In Folge dieses 
Umstandes erachtete man es damals für vortheilhafter, die Mittel 
für die Versorgung der Beamten nicht aus den Haupteinkünften 
des Staates, sondern aus den verschiedenen, von den Einwohnern 
zu leistenden Abgaben zu entnehmen, namentlich in solchen Fällen, 
wo die von denselben erworbenen Vortheile derartige Erhebungen zu 
rechtfertigen schienen, also z. B. bei Prozessen, Erbschaften, Ver- 
wendung von Luxusg^enständen etc. Hierbei verfiel man aber in 
den Fehler neuerer Theoretiker, zu vergessen, dass solche Erhe- 
bungen immerhin eine, wenn auch indirecte Auflage waren, daher 
die Gesammtmasse des steuer&higen Gapitals verminderten. Ausser- 
d«n war ihre Erhebung mit vielen, in der Natur der Sache liegenden 
Debelständen und Missbräuchen verknüpft. Um diese abzustellen, 
beabsichtigte man zwar eine gesetzliche Feststellung des Betrages 
der Einkünfte von den Statthaltereien; allein einmal war eine solche, 
der Besehaflfenheit dieser Einkünfte nach, überhaupt nicht wohl 
möglich, dann aber wäre es selbst nach bewirkter Festsetzung 
schwer gewesen, zu verhindern, dass die Statthalter nicht doch 
überflüssige Steuern erhoben und die Einwohner der von ihnen 
verwalteten Provinzen etc. bedrückten. Dazu kam noch, dass es 



— 1S9 — 

der Begienmg damals überhaupt weniger um die wirkliche Yersor* 
guiis ihrer Beamten, als vielmehr nur darum zu thun gewesen zu 
sein scheint, Ansprüche, deren Berechtigung sie nicht abläugnen 
konnte, möglichst wohlfeil los zu werden. Anders lässt es sich 
wenigstens nicht erklären, dass bei der Eitheilung solcher Stellen die 
Einkünfte derselben fast immer höher geschätzt wurden, als sie sich 
nachher in Wirklichkeit erwiesen. So führt z. B. Tatischtschew einen 
Fall an, wo ein Statthalter, der eine Stadt mit einem auf 600 Ru« 
bei abgeschätzten Einkommen zur Versorgung erhalten hatte, davon 
in Wirklichkeit kaum 300 erhielt und daher um Versetzung bat'). 
Die Missbräuche der Statthalter dagegen lassen sich aus zahlreichen 
Klagen von Privaten nachweisen. 

Der Mangel an detaillirten Angaben macht es unmöglich, den 
vorliegenden Gegenstand von allen Seiten zu beleuchten; so bleibt 
es z. B. unerklärlich, warum die Versorgung durch Gewährung 
eines Gehaltes, nach Art der jetzigen Pensionen, nur den unbe- 
lehnten Mannschaften zu Theil wurde. 

Die anderen Arten der Versoi^ung hatten denselben Character 
und litten an denselben Uebelständen. Die schwachen Seiten die- 
ser Einrichtung entsprangen hauptsächlich aus den Gründen, die 
schon vorher bei der Betrachtung des damaligen Lehnssystems an- 
geführt sind, d. h. aus dem Jene Zeit characterisirenden Betreben, 
mit einer und derselben Massregel verschiedene Zwecke zu errei* 
eben, ohne sich dabei klar zu machen, ob man in Wirklichkeit 
auch nur einen erreichte. So zeigt sich z. B. in einer und der- 
selben Anordnung der Wunsch, die Landesadministration zu ver- 
einfachen und gleichzeitig die Lage der Verabschiedeten zu ver- 
bessern. Bei einer solchen fehlerhaften Anlage des ganzen Systems 
konnten natürlich die erreichten Resultate nur sehr mangelhaft 
sein, trotzdem dass demselben einzelne sehr gute Gedanken nicht 
abzusprechen sind. So kann man z. B. nicht umhin, in admini- 
strativer Hinsicht die Bestimmung, welche den Einwohnern der 
Städte und Cantone das Recht gab, sich aus mehreren Candidaten 
selbst einen Statthalter auszuwählen'), für ganz zweckmässig zu 
erklären. 

Die Mängel des ganzen Systems der in Rede befindlichen Art 
der militairischen Versorgung erreichten endlich unter Johann IV. 
einen so hohen Grad, dass dieser Zar im Jahre 1566 der Bojaren- 
duma vorschlug, die Stellen der Statthalter und Cantonsvorsteher 
ganz abzuschaffen, und den Stadt- und Landgemeinden die voUste 
Selbstverwaltung zu geben'), womit natürlich die Abschaffung des 
Gebrauchs, Städte und Cantone zur Subsistenzgewährung zu ver- 
leihen, im unmittelbaren Zusammenhange gestanden hätte. Indes- 
sen kam diese Maassregel nicht überall zur Ausführung, und die 



1) ibid. pag. SSO. Anm. 86. 2) ibid. pt«. 380, 331. Anm. 87. 8) ibid. pi«. SM» Ja«. JH- 



— 140 — 

Stellen der Statthalter behielten im Allgemeinen ihren Character, 
d. h. sie wurden hauptsächlich als Yersorgungsposten verliehen')- 
Eine wesentliche Verbesserung wurde aber doch in so weit einge- 
führt, dass eine Festsetzung über den, dem Statthalter zu gewäh- 
renden Unterhalt getroffen wurde. Demselben wurden nämlich, 
ausser den Steuern von den Gerichten, die eine bestimmte Berech- 
nung nicht erlaubten*), zugewiesen: 1) eine Einzugsgabe «wie sie 
Jeder brachte» (wesshij korm^ kto ischto prinesset\ nach Art des 
alten Gebrauchs, gemäss welchem ein neues Stadthaupt (goradni- 
tschij) bei seiner Ankunft in der Stadt von den Einwohnern der- 
selben begrttsst wurde; 2) ein jährlicher Unterhalt, der von den 
Einwohnern alljährlich in drei Terminen, zu Weihnachten, in der 
heiligen Woche und am 29. Juny am Tage Petri, darzubringen 
war, und der jedes Mal aus einer Geldzahlung von ^ Griwna von 
je 10 Pflügen, so wie aus verschiedenen Naturallieferungen bestand. 
Die letzteren betrugen bei dem Weihnachtstermin: 1 Speckseite, 
10 Brote, 1 Korb Hafer und 1 Fuhre Heu; in der heiligen Woche: 
1 Speckseite und 10 Brodte, und am Tage Petri: 1 Widder und 
10 Hennen von jeden 10 Pflügen. Auch konnte der Statthalter 
an Stelle dieser Naturalien nach einer bestimmten Taxe Geld 
nehmen. Eine ähnliche Subsistenzgewährung, wenngleich in gerin- 
gerem Maasse, erhielten die Unterbeamten des Woewoden, wie 
namentlich der den District verwaltende Tiun und die Gantons- 
aufseher, welche den ominösen Namen der Denuncianten (dowod- 
tschiki) hatten*). 

Wie bereits bemerkt, schaffte Johann IV. an einigen Orten 
die Versorgung durch Ueberweisung der Gerichtskosten ab, und 
bestimmte den Statthaltern ein festes Gehalt, wozu von den Städten 
und Cantonen eine allgemeine Auflage nach der Zahl der Pflüge 
erhoben wurde'). Jeder Pflug hatte dabei etwa 100 Rubel nach 
jetzigem Gelde zu zahlen. Uebrigens waren diese Einkünfte der 
Woewoden an verschiedenen Orten ungleich bemessen, auch 
gewährte man ihnen bisweilen an Stelle des Gehaltes, die Nutz- 
niessung von Schenken, Seen, Salzsiedereien etc. Ausser dem 
Gehalt bekamen die Statthalter auch noch Quartier und je 
200 Fuhren Brennholz jährlich. War ein geeignetes Quartier 
nicht vorhanden, so mussten die Einwohner der Städte ein solches 
bauen, und zwar standen dem Statthalter 3 Stuben, 1 Kttche, 

1 Waschhaus, 1 Stall und 2 Heuschuppen; den Tiunen aber 

2 Stuben, 1 Waschhaus, 1 Stall und 1 Heuschuppen zu^). 



*) Nach einer Angabe vom Jahre 16t | (7117) bestanden die gewöhn- 
lichen Gerichtszölle aus 1 Griwna Tom Rubel (also 10 1) Steuer {posehUn^) 
2 Griwni Gerichtsspesen (peressuda) fOr jedes gef&llte ürtheil und 4 Dengi 
rechtem Zehnten {prawoj desßjatoky (Histor. Acten. HI. K. 92. Y.) 

1) iUd. Anm. 196. 2) iMd. v^. 384, 886. Ana. IM. 8) ibid. p«f. 886. Amn. 197. 4) ibid. 
mr. 166. Aa& 198. 



— 141 — 

Nach dem Tode Johanns IV. wurden die Statthalterposten, 
Uer etwas früher, dort etwas später, in alter Art wieder herge- 
stellt und ihnen kraft ihres Amtes, das Recht auf gewisse 
gesetzlich bestimmte Einkünfte ertheUt. So erhielt z. B. 1581 
eine Person zu ihrer Subsistenzgewährung eine bestimmte Stadt 
zugewiesen^). 

Es findet sich dies dann wieder unter dem früheren Namen 
unter der Regierung des Zaren Feodor Johannowitsch, während 
welcher z. B. dem Fürsten Iwan Petrowitsch Schuisskoj die Stadt 
Pskow zur Versorgung gegeben wurde"). 

Mit dem Ende des 16. Jahrhunderts kam indess das Wort 
«Subsistenzgewährung» in diesem Sinne ausser Gebrauch, indem es 
durch die Ausdrücke: «in der Woewodschaft und bei den Prikaseü 
sitzen» ersetzt wurde, ohne dass die Bedeutung dadurch eine 
andere wurde. Man bestimmte zu solchen Aemtem besonders 
die aus der Ge&ngenschaft zurückgekehrten oder verwundeten 
Kämpfer, was bisweilen den einmüthigen Protest der Einwohner 
hervorrief, da diese wohl nicht mit Unrecht fürchteten, dass 
solche alte und verkrüppelte Krieger schwerlich die nöthige 
Kraft haben möchten, um Ruhe und Ordnung im Districte auf- 
recht zu erhalten. 

8. Die Verpflegung durch Besoldung kam erst gegen Ende 
dieser Periode in Gä)rauch, beschränkte sich aber nur auf wenige 
Classen der militairischen Gesellschaft. Wie bereits bemerkt, 
bestand dieser Sold nicht bloss in Geldzahlungen, sondern auch 
in Verabreichung von Getreide und anderen Naturalien, wie Tuch, 
Schiessbedarf etc. Bisweilen wurde er auch durch Ueberweisung 
gewisser Regalien, wie z. B. der Schenkgerechtigkeit, der Handels- 
freiheit, oder der Nutzniessung von Seen, MüUen, Salzsiedereien 
etc. gewährt. Im Ganzen war, wie aus dem vorher Gesagten 
zur Genüge hervorgeht, die Idee des in einem bestimmten Geld- 
gehalt bestehenden Soldes zu jener Zeit noch eine der Russischen 
Auffassung und den Verhältnissen des Landes fremde und unge- 
wohnte, welche eigentlich erst durch die aus der Fremde herbei- 
gezogenen Ausländer in Russland Eingang gefunden hatte. Dem- 
gemäss waren es zuerst auch besonders diese, welche ihre Ver- 
pflegung durch Sold erhielten, und erst von ihnen ging dieser 
Gebrauch auf andere Truppenclassen der Russischen Heeresmacht 
über. Indessen trat er bei denselben nicht in reiner, unge- 
mischter Gestalt als alleiniges Aequivalent für geleistete oder 
zu leistenden Dienste auf, sondern hatte in der Regel nur die 
Bedeutung, neben der Verpflegung durch Lehnsland, als eine 
Subvention für den nicht ausreichenden Ertrag desselben zu 
dienen. Die eigentliche Soldgewähr war entweder eine bleibende, 



1) Ibid. PH« 885. Aböl 199. 2) ibid. p«y. 385. Abid, 200. 



— 142 — 

nach Art des jetzigen Gehaltes; oder sie trat, nur für gewisse 
Zeiten, z. B. für die Dauer eines Krieges, einer bestimmten 
Arbeit oder sonstigen Thätigkeit ein, und trug dann, nach Ein* 
heiten des Tages bemessen, mehr den Charakter eines Tage- 
lohnes an sich. Die Details dieser verschiedenen Arten der 
Besoldung werden an den betreffenden Stellen angegeben werden. 

B. Die Verpflegung der einzelnen Tmppenclassen. 

1. Die oberen Hofohargen, die Adligen und Bojarenkindef 
erhielten ihre Verpflegung im Allgemeinen durch Gewährung von 
Lehnsland, für welches sie persönlich und mit ihrem Gefolge, 
vorschriftsmässig bewaffnet und gerüstet zum beritteUen Dienst 
erscheinen, unb die für sie selbst und ihre gesammte Mannschaftv 
während des ganzen Marsches nöthigen Yorräthe beschaffen 
musstea Es ist bereits erwähnt, dass ursprünglich nur die 
obersten ^angelassen mit Lehen bedacht waren und erst später 
auch die Bojarenkinder solche erhielten. Es war im Jahre 1488 
nach der Unterwerfung von Nowgorod, dass zum ersten Mal 
47 Familien Moskauscher Bojarenkinder, die als eine Art Garnison 
dahin übersiedelt wurden, in dem Wjätkaschen Fünftel (pjatina) 
der Stadt mit Lehen betheilt wurden'). Wie es scheint, erfolgte 
dieses Arrangement gleich in einem ziemlich bedeutenden Umfang. 
Wahrscheinlich fand dieser Gedanke Anhänger beim Hof des 
Grossfürsten, denn schon zwei Jahre später vertheilte Johann III. 
mit Zustimmung des Mitropoliten Ssemion alles Nowgorodsche 
Kirchenland als Lehn an die Bojarenkinder'). Von der weiteren 
Ausdehnung dieses Systems ist bereits in dem allgemeinen Theil 
die Rede gewesen; ebenso ist schon angeführt, dass nicht alle 
Grossfürstlichen Beamten und Bojarenkinder Lehen erhielten, 
sondern einigen die Rechtspflege in den Städten und Cantonen 
übertragen wurde, damit sie dort als Statthalter von den Gerichts- 
sportein und Zöllen leben könnten, dass dieser Gebrauch aber in 
Folge der zahlreichen Missstände, zu denen er Veranlassung 
gab, unter Johann IV. abgeschafft wurde, welcher alle Beamten 
und Bojar^ikinder nach ihrem Werthe und Verdiensten in gleich- 
massiger Art mit Geldgehalt und Lehnsland betheilte'). 

Anfangs war sonach die Grösse des den einzelnen Chargen 
zugetheilten Lebnsdandes sehr verschieden; doch fehlt es an 
bestimmteren Angaben darüber, namentlich aus den Zeiten 
Johanns in. und Wassilejs IV. Auch unter Johann IV. finden 
sich nur Nachrichten über das Gdialt der Nowgorodschen Bo- 
jarenkinder, aber ohne Eintheilung in Gassen, überhaupt, ohne 



1) iUa. pag. 826. Anm. 18. 2) lUd. Anm. 19. 8) ü«b. d. CftTall. MUlt Jown. 1840. N. t, 
PH. «1. 



— 148 — 

dass sich bestimmen Hesse, ob man es dabei mit den arsprOnglidi 
normirten Beträgen ganzer Classen zu thun hat, ob sie überhaupt 
alle einer Zeit angehören und erst im Laufe des Dienstes durch 
Erhöhung für persönliche Auszeichnung diese Verschiedenheit 
angenommen haben, also nur für bestimmte Personen galten, 
oder endlich, ob sie aus yerschiedenen Zeiten herrühren, in welchen 
diese Beträge selbst eine Aenderung erfahren hatten. Die Grösse 
dieser Beträge nariirt von 5} bis zu 50| Obshi*) ; die dazwischen 
Yorkommenden Zahlen sind durchaus verschieden und bieten 
keinerlei geregelte Aufeinanderfolge, geeignet, auf eine durch- 
gehende gleichmäasige Steigerung für höhere ][langclassen schliessen 
zu lassen. 

Im Jahre 1650 am 1. October wurde mit Zustimmung der 
Bojaren an 1000 Bojarenkinder der besten Dienstclassen (Iw 
tschschim sslugam) im Moskauschen District, in Dmitrow, Rusa, 
Swenigorod Lehnsland ertheilt, und zwar aus den Ländereien der 
Tschisljaken (?), der Ordynzen (Hordenbewohner) und aus dem 
60 bis 70 Werste von Moskau hegenden Obrok- Pflichtigem 
Lande. Ausserdem erhielten noch die Bojaren und Okolnitadii, 
wekhe keinen Landbesitz in der Nähe von Moskau hatten, solchen 
in dem District dieser Stadt zugewiesen. Die den «nzehieii 
CSassen gewährten Beträge waren folgende: 

ft lid Ifojuei nd OkihHiey : 200 Metveiü k«telktfei Ackeilui« nd 200 IMer iMwisiei. 
„ ,, SqmkM.d.l.GlMM:200 „ „ „ „200 „ 

n n >» >» ^' >» ■*'^ ?» « >i »1 ^"^ " V 

t» n V ?» 3* j» '■^ M »> I» 1» ^^ n » / 

Die Beträge der Nowgorodschen Bojarenkinder variirten 
dagegen nach den obigen Angaben zwischen 54 und 504 Tsebet- 
werti (81 bis 756 Dessjätinen)'), während der Lehnsbesitz der 
Adligen sich auf 100 bis 1500 Tschetwerti bestellbaren Ackers 
beli^*). Jene Beträge scheinen dann später die allgemein für 
die Grossfürstlichen Bojarenkinder gültigen geworden, und auch 
auf die Adligen übertragen worden zu sein, während sidi bei 
den Bojarenldndem der geistlichen Würdenträger auch später 
die Maasseinheiten der Obsbi (in Beträgen zu 5, 6}, 7, 10, 10^, 
30 etc.) und Portionen (z. B. 5, 12 etc.) erhielten. 

Uebrigens waren die oben für die Moskauschen Bojaren- 
kinder ai^egebenen Beträge nur die ursprünglich festgesetzten, 
und blieb es der höchsten Gewalt unbenommen, solche nach Um- 
stände und Verdiensten für einzelne Peisonen auch ohne Ver- 
setzung in eine höhere Glasse zu erb(ttien'). Schon seit der Mitte 
des 16. Jahrhunderts geschah dies in bedeutendem Maasse, und 

1) OwaMrttl. Abffi« d. Ycnoig. d. «nftan. Millt. ia Bwri. Mttii SammL 1808. N. 13. F«. SM. 
AnoL 6«. 2) ibid. p^t. 8B7. iBm. «4. 8) iUd. HC- 889. 4) Qmek. d. KriMsk. ia RomL Mlltt. 
Jmn. IBM. K. 1. pi«. 86. 5) GcMhiolitl Abxia d. Ymng. d. mÜMm. Milit ia RomI. MUlt 
aanuil. 1868. H. 18. puff. 387. 



— 144 — 

in Nowgorod betrugen zu jener Zeit die gewöhnlichen Betrftge 
100 bis 250 Tschetwerti; der höchste Betrag überstieg indessen 
nicht 500 Tschetwerti in einem, oder 750 Dessjätinen in 3 Feldern'). 
Manchmal wurden solche Zulagen bei besonderen Ereignissen au<m 
ganzen Classen der Dienstleute gewährt, d. h. der Lehnsbetrag 
aller Chargen überhaupt, oder derer einer bestimmten Kategorie, 
vergrössert*). Ebenso fanden auch umgekehrt zur Strafe Ver- 
minderungen Statt, wie denn selbst solchen Leuten, die dem an 
sie ergangenen Aufgebot zum Dienst nicht folgten, sondern sich 
demselben entzogen, ihr ganzes Lehn genommen werden konnte"). 
Bisweilen wurde auch ein Theü des Lehnslandes zur Belohnung 
für besondere Verdienste in Erbland (woUschina) umgewandelt 
und dem Besitzer zur völlig freien Disposition übergeben, was in 
der Folge sogar beinahe nach jedem Feldzug in einem bestimmten 
Procentyerhältniss Statt fand. Alle bisher angegebenen Beträge 
standen übrigens den einzelnen Classen und Personen in dieser 
Grösse nur rechtlich zu; der wirkliche Besitz war dagegen in 
Folge der Theilung der Lehen zwischen den Gliedern einer 
Familie und der seltenen Termine für die Musterung und Belehnung 
der herangewachsenen Dienstpflichtigen, fast immer erheblich 
geringer*). 

Seit den Zeilen Johann's des Schrecklichen fing man auch 
an, den Adligen und Bojarenkindem auf dem Marsch Verpflegungs- 
gelder (kormotvyja dengi), Proviant und Salz zu geben, wovon sie den 
Namen der verpflegten Truppen (kormowoe woissko) annahmen'). 
Auch wurde unter diesem Herrscher den verwundeten Kriegern 
zuerst ärztlicher Beistand geleistet*). Boris Godunow zahlte den 
Truppen ausser dem Landbesitz noch einen bestimmtea Sold, der 
bei den Bojaren und Okolnitschi 200 bis 700 Rubel, bei den 
Adligen und Bojarenkindem seiner Zarendrushina 12 bis 100 Rubel 
betrug; ausserdem erhielten die letzteren auch noch eine Brot- 
portion 0- 

Ueberhaupt wurde den Adligen und Bojarenkindern, ausser 
dem ihnen vom Staat gewährten Lehn, noch von ihrer Stadt ein 
gewisser Sold gezahlt. Wie bereits bemerkt, waren diese beid^ 
Truppengattungen schon seit Johann dem Schrecklichen in drei 
Gehaltsclassen eingetheilt, in welche die zum Dienst herange- 
wachsene junge Mannschaft bei ihrer Einmusterung (werstanje) 
zu demselben von den Besoldungsbeamten (okladtschiki) je nach 
ihrer Geeigentheit und ihren Verhältnissen eingeschrieben wurden, 
wobei es übrigens noch einen Unterschied machte, ob der Betreflende 
bereits längere Zeit unbelohnt Dienste geleistet hatte (sslushiwyj) 

1) Ibid. pH«. 889. 2) lUd. pig. 387. Anm. 66. 8) Sipplen. b. d. hkt Adan. I. N. 100. 
4) Ooehlehtl. AMm d. Ttnorf. d. entlui. Mlllt in B«nl. KiHt Saaml. 1808. K. 12. Mg* »B. 
6) G6Mh. d. Krlegtk. in BnmA. Killt Jo«rii. 1866. K. 1. pH- 87. 6) Ibid. - Sopplcn. i. d. \Mn, 
Acten. I. M. 110. 7) G«Kb. d. Kriagtk. in Bn»!. Milit. Jonrn. 185C. H. 1. pH- 37. 



— U5 — 

oder nicht (nesslushitoye). lieber die Grösse der Memach jedem 
Einzelnen zustehenden Competenzen an Land und Sold wurde im 
Jahr 1606 eine neue Festsetzung getroffen, nach welcher die- 
selben far die Neulinge (nowiki), d. h. für die neu zum Dienst 
eingeschriebenen Söhne der Adligen und Bojarenkinder in folgender 
Grösse bemessen wurden: 

Für die bereits Dienenden: Für die noch nicht Dienenden: 

FOr die l. Classe 300 Tschetw. Land u. 8 Rbl. 250 Tschetw. Land u. 7 Rbl. 

»» » 2. „ 260 „ „ „ 7 „ 200 „ „ „ 6' ,, 

« „ 3. „ 200 „ „ „ 6 „ 150 „ „ „ 6 „'). 



Während der Wirren des Interregnums kamen die Lehns- 
Angelegenheiten in eine so vollständige Zerrüttung, dass bestimmte 
Beträge für das den Dienstleuten zu gewährende Land überhaupt 
nicht mehr festgehalten, sondern dasselbe im Allgemeinen nur so 
bemessen wurde, «dass man davon satt sein könne»*). 

2. Die Neugetauften, Mursen, Tatarischen Fürsten und übri- 
gen Tataren standen hinsichtlich ihrer Verpflegung im Allgemeinen 
m ähnlichen Verhältnissen, wie die Bojarenkinder; d. h. sie besassen 
Lehns- und Erbland, von dem sie ganz in derselben Weise, wie 
diese, zu dienen hatten und erhielten auf den Märschen Gehalt 
für sich und Verpflegungsgelder für ihre Pferde, die sie sich, wie 
Überhaupt ihre ganze Ausrüstung und Muüdvei-pflegung, selbst an- 
schafien mussten. Was die Verpflegungsgelder für die Pferde be- 
trifft, so betrugen diese z. B. im Jahre 1555 bei dem Einfall eines 
Russischen Heeres in die Schwedischen Provinzen für die Kasan- 
schen Fürsten täglich 2 Dengi, die sie aus der Zarencasse erhiel- 
ten'). In der Folge gab es auch besoldete (kormowye) Tätaren, 
die an Stelle des Lehnslandes einen gewissen Sold erhielten. 

3. Die Stadtkasaken und Strelzen zerfielen hinsichtlich der 
Verpflegung in zwei Classen; die eine diente «vom Lande» (ss se- 
meT)y d. h. für das ihnen gewährte Lehnsland, die andere ♦vom 
Geld- und Getreidegehalt» {ss deneshnago i chlebnogo skalowanja), 
d. h. für einen aus Geld und Getreide bestehenden Sold. Ausser- 
dem genossen sie aber noch mancherlei andere Vorzüge. Im All- 
gemeinen lebten sie im Frieden mit ihren Familien auf dem, ihnen 
vom Staat überwiesenen Lande, in Häusern, die ihnen ebenfalls 
der Staat baute, oder für deren Errichtung sie pro Mann eine 
Subvention von 1 Rubel erhielten*), welche ihnen jedes Mal von 
Neuem gewährt wurde, wenn sie nach einer anderen Stadt über- 
gesiedelt wurden. In vielen Städten bewohnten die Strelzen be- 
sondere Viertel oder Sloboden, namentlich war dies in Moskau 



1) Bteher <L BMread. I. ptg. 126, 126. 2) OeMhiehU. Abrin d. Venofg. d. enÜMi. MUit. in 
Bofld. MiUl BunmL 1863. N. 12. pag. 348. Ann. 84. 8) Siippl«m. i. d. bltftor. Acten. I. N. 107. 
4) HtatM^ Aoten. U. N. 24. 

Bvix, Ottselk d. alu ftvM. H««r«t«itirieht. \0 



— 146 — 

selbst der Fall. Hier beschäftigten sie sich im Frieden mit dem 
Handel und verschiedenen Industriezweigen und genossen dabei 
des Vorzuges einer eigenen Gerichtsbarkeit und vielfältiger anderer 
Begünstigungen. Zur festen Regelung derselben wurden unter 
dem Zaren Wassilej Johannowitsch (Schuisskoj) im Jahre 7117 
(16g 8) bestimmte Festsetzungen getroffen, nach denen die Strel- 
zen sowohl bei Streitigkeiten unter sich, als auch mit Leuten an- 
dererClassen, nur von den Commandeuren ihrer Prikase gerichtet 
werden sollten; nur wenn es sich um Baub handelte, hatte die 
Untersuchung im Räuberprikas zu erfolgen. Bei solchen Strei- 
tigkeiten waren die Strelzen von allen gerichtlichen Sportein und 
Steuern frei, insofern das Object, wegen dessen ein Strelze klagte, 
resp. verklagt und schuldig befunden wurde, 12 beziehentlich 100 
Rubel nicht überstieg; bei höheren Beträgen aber unterlagen die 
Strelzen den gewöhnlichen Gerichtssteueni. Eine gleiche Vergünsti- 
gung genossen auch die Kinder, Brüder und Neffen der Strelzen, 
die mit ihnen «auf einem Brote» (n-a odnom chlebe), d. h. auf 
denslben Höfen lebten. Gleicher Maassen wurde bestimmt, dass 
alle Strelzen mit den Erzeugnissen ihrer Handarbeit oder In- 
dustrie Handel treiben durften; und zwar konnten sie Gegenstände 
bis zum Werth eines Rubels im Wege des Hausirhandels zoll- 
und steuerfrei (bestamoshno i besposchlmno) verkaufen. War aber 
der Werth ihrer Handelsobjecte grösser, oder fand der Verkauf 
in Läden oder Buden Statt, so hatten sie analog den übrigen 
Handeltreibenden das Ladengeld (polawotscJmoe) und die sonstigen 
Handelssteuem an die Staatscasse zu entrichten*). Dagegen waren 
die Strelzen von allen städtischen Leistungen und Auflagen unbe- 
dingt frei. 

Es findet sich nirgends angegeben, wie gross der Landbetrag 
der «vom Lande» dienenden Strelzen war; vermuthlich ist er nicht 
sehr bedeutend gewesen und mag sich wohl nicht weit über das 
Gehöft hinaus erstreckt haben. Dagegen giebt es über die 
Grösse des Soldes der mit solchem betheilten Strelzen und Stadt> 
kasaken schon aus den frühesten Zeiten Angaben. So erhielten 
z. B. 1555 die 150 Toropezschen Kasaken des Pribor Iwan Bes- 
kunnikow in Nowgorod je i Rubel Gehalt'), die 250 Strelzen des 
Pribor Timofej Teterin eben dort ein gleiches Gehalt und ausser- 
dem an Proviant noch die Fünfziger 2J, die Zehner und gemeinen 
Strelzen je 2 j Tscheti Roggen neuen Maasses für den Kriegsdienst 
Eben so viel sollten die anderen Strelzen aus Belaja, Opotschok, 
Luki Welikie, Ssebesh, Sawolotschje, Toropez, Welish etc. er- 
halten'). 

Im Jahre 1598 wurde ein Kasaken- Ataman aus Tobolsk nach 
der neuen Stadt Werchoturje geschickt, um dort die Verwaltung 



1) ibid. ni. N. 92. V. 2) Supplem. s. d. hittor. Acten. I. N. SO. S) ibid. I. N. 68. 



— 147 — 

der Strelzen zu übernehmen. Derselbe hatte bis dahin jährlich 
11 Rubel und 9 Tscheti Getreide erhalten; nach dem Erlass vom 
7. September wurde aber seine Besoldung für künftig auf 11 Bu- 
bei Gehalt, 7 Tscheti ßoggenmehl, 1 Tschet Grütze und 1 Tschet 
gedörrtes Hafermehl festgesetzt^). 

Unter Boris Godunow erhielten die Strelzen und Stadtkasaken 
einen Sold von 7 Rubeln und ausserdem 1 Brotportion'). 

In den letzten Zeiten dieser Periode betrug das Gehalt der 
Stadtstrelzen far 

den Ssotnik oder Centurio: 10 Rubel. 

,f FonßEiger 2| ,, und je 7 Tscheti Roggen und Hafer. 

1» Zehner 2i „ „ „ 6i „ „ „ 

„ gemeinen Strelzen . . 2 „ „ „ 6 „ „ „ „ «). 

Die Verpflegung der Kasaken dagegen berechnete sich nach 
einer Angabe vom Jahre 1612 fi\T jeden Mann monatlich auf 
1 Osmina (= ^ Tschetwert) Mehl, eben so viel Zwieback, i Pud 
Fleisch, J Pud Salz, und je y'„ Tschetwert Grütze und gedörrtes 
Hafermehl; ausserdem für die Pferde 1 Tschetwert Hafer und 
1 Fuhre Heu. Der Essaul bekam 1 j, der Ataman 2 Mal so viel; 
überdiess erhielt jeder Kasak noch einen Pelz*). 

Bei der Aufbringung neuer Strelzen und Kasaken wurde ihnen 
bisweilen, wenn sie ausdrücklich darum baten, ein gewisser Theil 
ihres Gehaltes vorschussweise gegeben. Derselbe betrug z. B. nach 
einem Befehl von 1604 für die in Ssurgut und Werchotuije für 
die erstere Stadt zu werbenden 150 Strelzen und Kasaken 1 Rubel 
Geld, 1 Osmina Mehl, i Osmina Grütze und ^ Osmina gedörrtes 
Hafermehl, was ihnen nach ihrem Wunsch auf Anrechnung ihres 
Gehaltes gegeben werden sollte*). 

Was endlich die Beschaffung der Pferde für die reitenden 
Strelzen betrifft, so scheint es fast, als wenn dieselben manchmal 
erst im Fall des wirklichen Bedarfes beschafft worden wären. So 
findet sich aus dem Jahre 1556 eine Angabe, nach der von den 
Kasanschen Fürsten 56 Pferde entnommen und dem Strelzengolowa 
Timofej Teterin in Nowgorod «unter die Strelzen für das Deutsche 
Land», d. h. zum Marsch ins Ausland — in diesem Fall nach den 
Schwedischen Provinzen — g^eben wurden*); ebenso wurde im 
Jahre 1578 bei einem Einfall der Lifländer von Kolywan aus be- 
fohlen, dass die von Jurjew und Wilna gegen sie entsendeten 
Strelzen mit Pferden, die aus den Sloboden des Bezirkes Wilna 
nach der Zahl der Pflüge auszuheben waren, beritten gemacht 
werden sollten'). 

4. Die vom Lande gestellten Kämpfer erhielten vom Staat 
weder Sold noch Verpflegung, sondern mussten von den Personen 



1) HMor. Acten. U. K. 8. 2) Gneb. d. Kriegik. in Koni. MIHI Jonrn. 1856. N. 1. jm«- 87. 
8) Aetea d. Areh. Rzped. HI. N. 148. 4) ibid. L N. 216. 5) Hlntor. Acten. H. N. 46. 6) Snpplem. 
K. d. hbtor. Acten. I. K. 107. 7) ibid. M. 181. 

10* 



— 148 — 

oder Gemeinden, die sie zu stellen hatten, wie mit Bewaffnung 
und Ausrüstung, so auch mit Verpflegung für sich und ihre Pferde 
während der ganzen Dauer ihres Aufgebotes versorgt werden; eme 
Verpflichtung, die den Betreffenden nicht unerhebliche Opfer auf- 
erlegte. So gaben z. B. die Einwohner von üssolje den 20 Mann, 
die sie im Jahre 1608 nach Wologda zum Dienst stellten, als Sold 
für 4 Monate 162 Rubel 30 Altyn 2 Dengi; der Golowa erhielt 
7 Rubel 20 Altyn, und ausserdem noch für Vorspann 11 Rubel 
20 Altyn. Der Sold der Mannschaften betrug für 14 Mann auf 2 Mo- 
nate 56 Rubel, also für jeden Mann monatlich 2 Rubel; der für einen 
dabei befindlichen Zimmermann aber nur 1^ Rubel monatlich^). 

5. Die Preiwilligen bekamen gewöhnlich Sold und Verpfle- 
gung vom Staate: Wie schon an anderer Stelle gesagt ist, wurden 
namentlich für Sibirien häufig Freiwillige angeworben und erhielten 
sie daselbst an Geld, Getreide und Salz das nämliche Gehalt wie 
die übrigen dortigen Truppenclassen. Gewöhnlich gab man ihnen 
bei der Anwerbung einen Theil ihres Soldes zur Beschaffung der 
nöthigsten Bedürfnisse und Einrichtung ihrer Oeconomie als Hand- 
geld im Voraus. So erhielten z. B. die 50 Mann, deren Anwer- 
bung in Tomsk und Werchoturje am 24. Februar 1605 angeordnet 
wurde, einen Vorschuss von 2^ Rubel, 1 Tschet Mehl, i Osmina 
Grütze und ^ Osmina gedörrtes Hafermehl*). Bisweilen wurden an 
Stelle des Soldes auch Tuch, Pelze und andere Waaren geliefert. 
Uebrigens erfolgte die Aufbringung der für die Verpflegung der 
Sibirischen Mannschaften erforderlichen Mittel durch eine allgemeine 
Reichssteuer, während das nöthige Getreide von den Städten üst- 
jug Welikij, Ssol Wytschegodskaja, Wjätka, Perm Welikij und 
dem Wymaschen Lande beizustellen war. Bis zum 4. May 1599 
fand diese Lieferung nach dem in Perm üblichen, von dann aber 
nach Moskauschen Staatsmaass Statt'). 

^ 6. Die Donsohen und anderen EasakenTÖlker erhielten, als 
eine freiwillig dienende Truppe, im Allgemeinen keinen bestimm- 
ten Sold, sondern waren dafür von allen Steuern und Auf- 
lagen frei, und zwar erstreckte sich dies Vorrecht anfangs nicht 
nur auf das eigene Land der Kasaken, sondern sie durften auch 
im Moskauschen Reich steuerfrei Handel treiben. Das Letztere 
aber wurde unter Boris Godunow, der überhaupt dem Kasaken- 
thum nicht geneigt war, abgeschafft*). Häufig gab man indessen 
den Kasaken auch auf Märschen und Kriegszügen einen gewissen 
Sold, bisweilen auch Tuch zur Bekleidung, Salpeter, Blei, Getreide, 
und zu anderen Zeiten auch Wein. So erhielten z. B. 1000 Wol- 
gasche und 500 Jaiksche Kasaken, die im Jahre 1591 zum Dienst 
nach Astrachan einberufen waren, je | Tschetwert Mehl, ^'^ Tschet- 



1) Acten d. Areh. Exped. 1. K. 151. 2) Hlrtor. Acten. II. N. 52. 3) Ibid, N. 27. 4) Mftt«r. 
B. QtogT, u. SUtiet. V. Boml. D. Ijuid. d. Don. CoTpe ▼. Kraraow. pag. 18. 



— 149 — 

wert Graupe und Grütze, und die berittenen überdiess noch je 

1 Tchetwert Hafer; ausserdem sollten sie im Fall der Bedürftigkeit 
auf ihre Bitte um Geld noch je \ Rubel bekommen; femer sollten 
13 Atamanen und 560 Kasaken von der Wolga, die sich bei der 
Gefangennahme räuberischer Tataren besonders verdient gemacht 
hatten, ebenso pro Mann 1 Rubel, jeder Ataman aber noch 1 Stück 
Tuch erhalten. Endlich bekam jeder Easak noch 1 Pfund Pulver 
und 1 Pfund Blei^. 

7. Die ArtilleriBten. Die Verpflegung der Puschkari und 
sonstigen Bedienungsmannschaften der Artillerie er- 
folgte durch einen in Geld und Naturalien bestehenden Sold, neben 
welchem sie noch analog den Strelzen gewisser Vorrechte genossen. 
Was zunächst den Sold betrifft, so war derselbe im Allgemeinen 
nicht hoch und überstieg z. B. unter Johann IV. nach einer An- 
gabe vom Jahre 1555 für die Moskauschen Puschkari nicht 2 Ru- 
bel an Geld, j bis 1 Osmina Roggenmehl und l Pud Salz oder 
statt dessen 1 Griwna an monatlichem Proviant, wozu im Fall 
eines Ausmarsches noch eine einmalige Gewähr von je i Osmina 
Hafergrütze und gedörrtes Hafermehl kamen'). Nach einer anderen 
Notiz vom Jahre 1556 sollten die in der neuerbauten Stadt Newl 
bei dem dortigen Geschützpark befindlichen Artilleriemannschaften 
(10 Pischtschalniki, 2 Thorwächter, 2 Wächter, 2 Schmiede und 
3 Zimmerleute) jährlich je 1 Rubel, eine Geldentschädigung für 

2 Pud Salz nach den localen Marktpreisen und an Proviant 
24 Körbe (korobi) oder Tschetwerti Roggen und Hafer — von 
beiden gleichviel — in natura oder ebedalls in Gelde erhalten. 
Das Gehalt sollte jährlich am Tage Ssemens des Sommerbringers 
in Nowgorod gezahlt werden und dafür der früher auf jeden Hof 
gegebene Rubel wegfallen'). Ausserdem erhielten die Moskauschen 
Artilleristen, welche man, wie überhaupt den Moskauschen Dienst, 
immer für angesehener als die städtischen erachtete, noch jährlich 
per Mann ein gutes Tuch im Preise von 2, oder ein mittleres 
zu 1 Rubel, oder em Roslawsches zu 4 Griwni*). Die Vor- 
rechte, welche die Artilleristen schon seit Alters her genossen, 
bestanden darin, dass sie in den Städten, in denen sie auf ihnen 
zur erblichen Benutzung angewiesenen Landparzellen in besonderen 
Sloboden angesiedelt lebten, bei ihrer Beschäftigung mit dem Han- 
del und versdiiedenen Industriezweigen von emigen Auflagen, wenn- 
gleich nicht von der Verpflichtung zur Stadtarbeit, ausgenommen 
waren. Ebenso konnten sie für ihren Gebrauch eine bestinmite 
Menge Getränk steuerfrei brauen und hatten ausserdem im be- 
schränkten Maasse, d. h. für alle Streitigkeiten unter einander, 
ihre eigene, von ihren Golowen oder ihrem Prikas ausgehende Ge- 



1) Hirtor. Acten. I. N. 280. 2) Snpplem. z. d blator. Acten. I. K. 78. 8) ibM. H. 91. 
4) CbmyTOw. D. Artillerie n. d. Artnierieten im Vor-Petenehen Bneel. Artill. Jonm. 1865. N. % 
PH- &80> 540. Ann. 8.; pag. 54d. Ann. i. 



— 150 — 

richtsbarkeit, während sie bei Angelegenheiten mit anderen Per- 
sonen in Criminalfallen den Gerichtsstarosten und Geschworenen, 
in gewöhnlichen dem Gericht der Ortswoewoden und deren Golowen 
unterstanden. Uebcrdiess konnten die Kanoniere und Festungs- 
Artilleristen als Mitglieder der Stadtgemeinden zu Stempelgolowen 
oder Geschworenen gewählt werden'). 

Die zur Bedeckung der Artillerie bestimmten Pflug- 
mannschaften waren während ihrer provisorischen Dientleistung als 
solche von verschiedenen Auflagen, selbst von denen, welche den 
Klöstern zustanden, frei'); hinsichtlich der Thorwächter und Wächter 
hingegen wird auf das eben Gesagte Bezug genommen. 

8. Die Ausländer. Die in Russland lebenden Ausländer bil- 
deten im Allgemeinen im ganzen Reich eine eigene Gesellschafts- 
classe, welche der Wirkung besonderer Gesetze unterlag. So hat- 
ten sie die Freiheit der Ankunft und Abreise, der ungehinderten 
Ausübung ihrer Religion und verschiedene Rechte, wie namentlich: 
den Besitz von Häusern in den Städten oder noch nicht coloni- 
sirten Ländereien zu erwerben, eigene Genossenschaften zu bilden, 
Russen in die Lehre zu nehmen, den Innungsfonnalitäten nicht 
unterworfen zu sein und in eigenen Angelegenheiten unter eigener 
Gerichtsbarkeit zu stehen, während sie bei Streitfällen mnerer oder 
criminaler Art mit anderen Personen von den Mitropoliten gerichtet 
wurden. Daneben unterlagen sie aber auf Reisen denselben Wege-, 
Brücken- und üeberfahrtszöllen wie alle anderen Einwohner. Uebri- 
gens hing das Geschick der Ausländer in Russland bei Mangel an 
allgemeinen und speciellen gesetzlichen Bestimmungen, fast einzig 
und allein von der Willkür des Grossfürsten ab, die sich oft genug 
in einer furchtbaren Weise geltend machte. So wurde unter Jo- 
hann IIL 1485 der Deutsche Anton, welcher den Sohn eines der 
dienenden Tatarischen Zarewitsche zu Tode curirt hatte, auf Be- 
fehl des Grossfürsten den Tataren ausgeliefert, welche den Unglück- 
lichen unter der Moskworezkischen Brüdce abschlachteten; und ebenso 
liess 1490 der Grossfürst selbst den getauften Jüdischen Meister 
Leon, dem es trotz seines eidlichen Versprechens nicht gelungen 
war, den Sohn jenes, Johann den Jüngeren, zu heilen, mit dem 
Tode bestrafen*). 

Was im Speciellen die Verpflegung der im Zarischen Dienst 
stehenden Ausländer betrifft, so waren dafär allgemeine R^ebi 
nicht gtütig, vielmehr machten sich dieselben in den Gapitulationen, 
die sie meist für eine bestimmte Dienstzeit eingegangen waren, 
auch die ihnen zu gewährende Verpflegung und Besoldung con- 
tractlich aus. Im Allgmeinen war das Gehalt derselben im Ver- 
gleich zu den übrigen Soldsätzen jener Zeit und dem damaligen 
Werth des Geldes ziemlich hoch bemessen. So hatte sich z. B. 



1) ibid. pig. 589, 540. Anm. 1 ; pH- 544, 545. 2) iUd. pH- 496. Ann. 8. 8) iUd. pH* 491. 491. 



— 151 — 

der Ingeoieur Alberti Fiorawanti bei seiner Engagirung für den 
Rassischen Dienst ein monatliches Gehalt von 10 Rubeln — d. h. 
wie Karamsin bemerkt, ungefähr 2 Pfund Silber — ausbedungen*), 
während hingegen der Hauptmann Margeret nach einer von ihm 
für das Jahr 7112 (16$ |) ausgestellten Quittung ein jährliches 
Gehalt von 80 Rubeln bezog'). Einzelnen Ausländern, die sich 
besonders ausgezeichnet und die Absicht für immer in Russland 
zu bleiben, kund gethan hatten, wurde auch bisweilen Lehns- 
land gegeben. Somit gab es schon in dieser Periode mit Bezug 
auf die Verpfl^ung 2 Hauptclassen der Ausländer: besoldete 
(kormotüye) und belehnte {pomestnye). Dieselben lebten in den 
einzelnen Russischen Städten, wie es scheint namentlich im nörd- 
licheren Theile des Landes in der Gegend von Kolywan und Ru- 
godiwa in grösserer Zahl. Sie dienten hier entweder in besonderen, 
nur aus Ausländem bestehenden Truppenabtheilungen, oder auch 
in den Abtheilungen der Bojarenkinder, der Strelzen und Stadt- 
kasaken mit diesen gemeinschaftlich, in welchem Fall sie dann in 
densdben Rechten und Pflichten wie diese standen. 

Die von dem Zaren Johann Wassiljewitsch dem Schrecklichen 
in Sold genommenen Kalmücken sollen ein Gehalt von 1 Rubel 
und einen Schafpelz jährlich erhalten haben'). 

Bestimmtere Angaben finden sich über die Soldsätze vor, 
welche die in den Jahren 1608 bis 1611 für den Russischen Dienst 
engagirten Schwedischen Truppen erhalten sollten. Nadi 
einem Verzeidmiss vom 27. August 1609 waren *für die Deutschen 
Woewoden, Rittmeister, Golowen und Mannschaften zu Fuss und 
zu Pferde» monatlich folgende Beträge angesetzt: 

2000 Reiter ä 25 Albrechtstlialer 60,000 Albrechtsthaler*) 

3000 Fussg&nger h 12 Albrechtsthaler 36,000 „ „ 

Der grosse Woewoda und Graf (de la Gardie) . . 5,000 „ „ 

2 Woewoden für die Reiter und für die Fussgänger 4,000 „ ,, 

Die Rittmeister, Golowen und Chargen 6,000 „ „ 

Summa 100,000 „ „ *)• 



*) Der Albrechts-, Albarthsthaler oder Efimok wurde damals und bis in 
die Mitte des 17. Jahrhunderts = } Rubel gerechnet (Samml. d. StaatserL 
u. Vertr. IIL N. 87. — Ges. Samml. I. N. 212.); später zu Koschichins Zeiten, 
d. h. um 1666 galt er 4 Griwni oder 14 Altyn Silber (d. h. 40 bis 42 Kopeken), 
wurde dann aber = 21 Altyn 2 Dengi (64 Kopeken) gesetzt (Koschichin. 
TJeb. Russl. unt. Alex. Mich. pag. 83.). Im Verhältniss zu anderen damaligen 
Münzsorten rechnete man ihn im Werthe = 3 Polnischen (Samml. d. StaatserL 
u. Vertr. IV. N. 14, 43, 67, 93 bis 187. — Ges. Samml. I. N. 119, 447, 573; 
II. N. 1245.) oder ^ Stettiner Ducaten (Briefe d. Russ. Herrsch. I. N. 371. 
Anm. 38.). Mithin ist sein damaliger Werth etwa «=11 jetziger Rubel zu 
veranschlagen. 

1) n>id. pag. 48«. — 8nw8lJ«w. Mater, t. OcBcb. d. Ingen. K. in Bvnl. pag. 107. Aun. 215. 
2) Ufltij41«w. D. Run. HMr tot Pttor d. Or. pi«. 11. 3) Plotbow Ueb. d. Entitak., d.FortMlur. o. 
4. gegenw. Yeif. d. Bn«. AnMea. pag. 5. — Mamitein. Etat, pollt u. mitil Naebr. ▼, BoaiL 
pag. 556. 4) Hktor. Aetan. U. M. 258. - SarninL d. StaatoarL n. Vertr. IL H. 190. 



— 152 — 

Die Mannschaften, welche bis nach Moskau kommen würden, 
sollten das Doppelte erhalten ; dagegen sollten sie für den Ankauf 
des Proviants und der Fourage selbst sorgen, ihnen dabei aber 
nur die wirklichen Marktpreise berechnet werden. Für die In- 
fanterie und Artillerie sollte von der Grenze bis nach Nowgorod 
und von da bis Moskau für den Hin- und Rückweg umsonst 
Vorspann geliefert, und ebenso den Reitern, die unberitten an- 
kamen oder ihre Pferde verloren, auf Anrechnung ihres Soldes 
nach Möglichkeit Pferde in Nowgorod gestellt werden'). 

Die übrigen, von Schweden gestellten Hülfstruppen wurden 
nach denselben Bedingungen besoldet und verpflegt. 

Die Aufbringung der Mittel zur Bezahlung dieses Soldes er- 
folgte theilweise durch freiwillige Beiträge von Geld, Tuch, Dammast, 
TaflFet und Pelzwerk, theilweise durch ausgeschriebene Lieferungen, 
vorzugsweise in den zunächst betheiligten nördlichen Theilen des 
Reichs*). So wurde im September 1609 in Perm und den zu- 
gehörigen Städten eine vorschussweise Geldumlage von 50 Rubel 
per Pflug angeordnet, die durch spätere Anrechnung auf die 
Steuern erstattet werden sollte*^; ausserdem sollte auch noch 
Tuch «nicht vom theuersten und nicht vom schlechtesten», Dammast 
und Taff'et geliefert werden*). Auch dieses, sowie die noch sonst 
freiwillig dargebrachten, nicht unbedeutenden Beiträge sollten nur 
als geliehen betrachtet und auf die Staatsabgaben angerechnet 
werden*). Hierauf gaben die Tscherdynzen freiwillig 7 Zimmer 
(ssoroki) Zobelfelle, die Permier aber von je 2 Mann 1 Zimmer 
und einer derselben noch einen schwarzen Fuchs, ausser dem 
Gelde'), welches am 30. Dezember 1609 erlassen wurdeO- Im 
Jahre 1611 wurden für die Besoldung dieser Truppen der Obrok, 
die für den Ankauf von Gewehren bestimmten Pischtschalgelder 
und die Gerichtssteuem in Nowgorod angewiesen, und ausserdem 
noch von jeder Obsha 1 Rubel und von je 2 ein Pelz erhoben; 
die Klöster hatten von jeder Obsha 1 Pelz oder statt dessen 
10 Arschinen Tuch zu geben*). 



C. Die Verpflegung auf Märeolien und im Kriege. 

Was im Besonderen die Verpfl^ung auf Märschen und im 
Kriege betriflFt, so lässt sich darüber Folgendes angeben: Beim 
Ausbruch eines Krieges, oder beim Eintritt eines Commandos von 
Mannschaften nach einem bestimmten Ort, namentlich zu dem 
Observationscorps, welches gegen das Ende dieser Periode all- 



1) Htotor. Aden. II. N. 168. 2) Aid. N. 268. — SuimL d. StMliarl. «. V«rtr. O. N. 186. 
S) Aetra d. Aioh. Bzped. L N. 187. - Hiator. Acten. IL N. 968. - SamnL d. SUatwl. «. Y«rlr. 
II. N. 186. 4) Aden d. Ank. Eipad. L H. 187. 5) ibid. 6) ibid. N. 140. 7) ibid. N. 158. 
8) Supplem. i. d. hidor. AeteiL I. N. 161. 



— 153 — 

jährlich zar Yerhinderimg vob Einfällen der Krymschen und 
Nagaischen Tataren in der Ukraine angestellt wnrde, erhielten 
die Mannschaften, die ihre Verpflegung fär sich und ihr Gefolge 
für den ganzen Marsch selbst zu beschaffen hatten, rechtzeitig 
eine Anweisung darüber, wohin sie die dazu nöthigen Vorräthe 
im Voraus zu schicken hätten. Für die anderen Mannschaften, 
die ihre Verpflegung vom Staat bekamen, erfolgte die Beschaffung 
und Ergänzung der dafür erforderlichen Gegenstände durch An- 
kauf, freiwillige Lieferung oder Aushebung im eigenen Lande. 
Was den Transport betrifft, so trugen zunächst die Mannschaften 
einen Theil der Verpflegung, für mehrere Tage ausreichend, in 
Gestalt von einigen Pfunden gedörrten Hafermehls und Speckes, 
sowie etwas Pfeffer und Salz bei sich. Die übrigen Vorräthe 
wurden dem Heere auf Wagen und Pferden nachgeführt, die nach 
der Zahl der Pflüge vom Lande gestellt werden mussten. Zur 
Beaufsichtigung dieser Verpflegungscolonnen wurden besondere 
Chefs ernannt, und so z. B. am 7. Juny 1579 bei dem Zuge 
Johann's des Schrecklichen nach Lifland 5 Personen für ver- 
schiedene Städte bestimmt. 

Standen die Truppen im Feindeslande längere Zeit auf einer 
Stelle, wie dies z. B. bei der Belagerung von Städten häufig vor- 
kam, so wurde ihre Verpfl^ung durch Requisitionen in der Um- 
gegend beschafft, und zu diesem Zwecke besondere Fouragircom- 
mandos nach allen Seiten ausgesendet. 

D. Die Verpflegung der Verwundeten. 

Unter den früheren Regierungen hatte man auf die im 
Kriege verwundeten Kämpfer von Staatswegen keine Sorgfalt ver- 
wendet, sondern Jeden hinsichtlich der Heilung auf seine eigenen 
Hülfsmittel angewiesen. Erst unter dem Zaren Johann dem Schreck- 
lichen fing man an, den Verwundeten ärztlichen Beistand zu leisten, 
wofür sich das frühste Beispiel in einem Erlass vom 11. März 1556 
über Besorgung eines Arztes für einen Verwundeten in Nowgorod 
findet'), unter dem Zaren Boris Feodorowitsch Godunow wurde 
im Jahre 1604 bestimmt, dass die verwundeten Bojarenkinder auf 
2 Jahre von der Stellung von Datotschenleuten von ihren Lehen 
befreit sein sollten'). Darauf baute unter Schuisskoj das Sser- 
giew-Troizkische Kloster besondere Häuser und Lazarethe für die 
kostenfreie Behandlung verwundeter Krieger*); und gab während 
der denkwürdigen Belagerung dieses Klosters stets die besten 
Zellen für die Verwundeten her, wie diese überhaupt denn von 
Seiten der Zarischen Woewoden sich einer ausserordentlichen 



1) n»id. N. 110. 2) 0«MfaiditI. llrriM d. Veraoi«. d. entlaß Mttii in Bwl. Milit. Samml. 
N. -' — ■ " - 



1868. N. 12. pi«. 882. Ann. 188. 8) iUd. Amm. 184. 



— 154 — 

Fürsorge zu erfreuen hatten*). Im Jahre 1611 wird in der Re- 
glementsgramota , welche die Landeseinwohner an den Saruzkij, 
Ljapunow und Trubezkoj erliessen, des Urastandes Erwähnung 
gethan, dass die bei der Belagerung von Moskau verwundeten 
Krieger zur Entschädigung besondere Lehen oder Stellen von 
städtischen Woewoden, Steuererhebem etc. erhielten und dass 
ihre Verdienste in den Büchern des Rasread notirt würden, * da- 
mit künftig aller kämpfenden Leute Dienst nicht in Vergessenheit 
käme**). 

E. Die Bestimmungen über die Gefangenen. 

Zu allen Zeiten und in allen Ländern ist dem Schicksal der 
Gefangenen eine hohe Theilnahme von Staats- und Privatw^en 
zugewendet, und ihre Ausl(>sung hat immer einen besonderen Theil 
der internationalen Thätigkeit ausgemacht. Verschiedene Geschichts- 
schreiber rechnen die Loskaufung der Gefangenen nicht zu den 
Maassregeln der allgemeinen Fürsorge, aber andere stimmen ihnen 
darin nicht bei, so dass man dies als eine noch offene Frage 
betrachten kann. Indessen möchte es doch Schemen, wenn man 
sich in den Geist der damaligen Zeit versetzt, als ob die letztere 
Auffassung die berechtigtere wäre. Nach unsem modernen Begriffen 
würde man allerdings die Regelung der Verhältnisse der Gefiangenen 
nicht als Fürsorge, sondern als einen Theil des Völkerrechtes an- 
sehen, aber zu jener Zeit war es anders, und bei der historischen 
Darstellung einer Frage muss man sich nach Möglichkeit auf den 
Standpunkt der Zeitgenossen stellen. Uebrigens ist zu bemerken, 
dass eine ähnliche Auffassung damals nicht bloss in Russland, 
sondern auch in anderen Ländern existirte, und dass die Loskaufung 
ihre Bedeutung erst im 18. Jahrhundert verlor, wo sie zuerst in 
Frankreich durch Decret von 1793 abgeschafft wurde. In der 
vorliegenden Periode galt der Kriegsgefangene nicht als im Dienst 
befindlich, wie jetzt, sondern er wurde vollständig von demselben 
getrennt und auch juridisch zu den Mitgliedern eines anderen 
Reiches gerechnet, woselbst er zu der besonderen Classe der 
gefangenen Leibeigenen gehörte. Die materielle Unterstützung, 
die iiun vom Staate zur Erleichterung seines Geschidces zuge- 
wendet wurde, ist daher nichts Anderes als die heutige Fürsorge, 
die sich insofern zunächst als eine allgemeine charaktersiren würde, 
als die Gefangenen nach ihrer Rückkehr nur sehr selten wieder 
in Dienste traten'); indessen lag eine scharfe Trennung der all- 
gemeinen und der speciell militainschen Fürsorge nicht in dem 
Geiste jener Zeiten des Kampfes Eines gegen Alle und Aller gegen 
Emen, und somit machten auch die gesetzlichen Bestimmungen 



1) ilid. Abb. 186. 2) iUd. Aiim. 18«. 8) iUd. pif. 876. Anm. ISO. 



— 155 — 

aller Rassischen Zaren dieser Periode wenig Unterschied zwischen 
militairischer und allgemeiner Füi-sorge, vielmehr erstreckte sich 
die letztere gleichmässig auf die militairischen Genossenschaften 
und alle übrigen Bevölkerungsclassen der Städte und Dörfer. 
Letzteres findet auch seine natürliche Erklärung, wenn man erwägt, 
dass abgesehen von der geringen Zahl der ausgesuchten und 
Moskauschen Adligen, welche die Elitendrushinen der Grossfilrsten 
bildeten*), und der Strelzen, die übrigen Militairclassen vollständig 
mit der Bevölkerung zusammenflössen. 

In dem alten Russland hatte die Loskaufung der Gefangenen 
eine hohe Bedeutung, und erschien dort als ein Geschäft der 
allgemeinen christlichen Barmherzigkeit; namentlich wurde aber 
eine besondere Sorgfalt auf die Auslösung der Kriegsgefangenen 
verwendet. Der Grund dafür lag einmal in der allgemeinen 
Ansicht, nach welcher die von den Ungläubigen Gefangenen als 
Märtyrer des Glaubens angesehen wurden, andrerseits in den 
besonderen Beziehungen Russlands zu den Tataren, die es in den 
Zeiten vom 13. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts aufs Schreck- 
lichste verwüsteten. Selten endete ein Einfall derselben anders 
als mit Gefangennehmung einiger 1000 Russen aller Classen, 
manchmal schleppten sie sogar deren 50,000 und mehr weg. 
Somit fand das Geschick der von den Tataren Gefangenen sehr 
viel Theilnahme in ganz Russland und das gesammte Land war 
bereit, ftir ihre Befreiung *das Herz aus dem Leibe zu geben» 
(duschu sswoju poloshitch)^). Es spricht nicht sehr für die 
Furchtbarkeit der Russischen Waffen, dass es nicht nur bis zum 
15., sondern selbst bis zum Ende des 17. Jahrhunderts kein 
anderes Mittel für die Befreiung der Gefangenen gab, als die 
Loskaufung. Somit wurde diese schon in der ersten Hälfte des 
16. Jahrhunderts eins der wichtigsten Staatsgeschäfte, während 
sie als Gegenstand der Privatwohlthätigkeit bereits im 15. existirte. 
Anfangs war die Loskaufung Sache der Adligen und der Geist- 
lichkeit, zu welchem Zweck von jenen freiwillige Beiträge, von 
den Besitzungen dieser aber regelmässige Abgaben in Form einer 
Landsteuer erhoben wurden*). Mit diesen Mitteln wurden z. B. 
1551 allein ans Kasan 60,000 Russische Gefangene ausgelöst. 
Da die Tataren so viele Sclaven wie sie Gefangene machten gar 
nicht gebrauchen konnten, so stellten sie dieselben zwar gerne 
zum Verkauf, jedoch war das Geschäft noch nicht ordentlich 
geregelt, und deshalb wurden die Russen trotzdem nicht selten 
wieder in die Sclaverei geschleppt. Dieser Uebelstand in Ver- 
bindung mit den gewältigen Verhältnissen, welche der Gegenstand . 
bei den unaufhörlichen Raubzügen der Tataren annahm, machten 
eine regelmässige Organisation des Geschäfts der Loskaufung 



1) iUd. pig. 872. Anm. 151. 2) iUd. piifl;. 376. Anm. leo. 8) ibid. pif. 377. Asm. 



IM. 



— 156 — 

nöthig. Zu diesem Zweck brachte Johann IV. auf der Kirchen- 
versammlung der hundert Gapitel (stoglatvyj ssobar) auch die 
Frage über die Auslösung der Gefangenen und über die Regelung 
ihres Geschickes zur Sprache. Die Väter des Kirchengesetzes 
der hundert Gapitel stellten darauf fest, dass die Mittel fär die 
Loskaufung durch eine allgemeine Staatssteuer aufgebracht werden 
sollten, «sintemalen solche Auslösung allgemeine Sache ist, wird 
sie Barmherzigkeit genannt»^). Diese Bestimmung wurde auch 
zur Ausfahrung gebracht'), die unausgesetzten Einfälle der Krym- 
sehen Tataren und die innere Zerrüttung des Reiches vergrösserte 
aber die Zahl der Gefangenen so, dass die ursprünglich festge- 
setzten Erhebungen nicht ausreichten. 

Ausser in der Krym wurden auch aus Litthauen Gefangene 
losgekauft. So hatte Russland schon unter dem Zaren Johann 
Wassiljewitsch dem Schrecklichen lange Verhandlungen über die 
Auswechselung der Gefangenen mit Stefan Bathory, an welchen der 
Zar mehrere Male eigenhändig schrieb, um ihm eine Loskaufung 
anzubieten'). Obgleich sich die Russischen Gesandten bei den 
Friedensverhandlungen lange gegen die Forderungen der Polen 
sträubten, so zahlte doch Russland endlich für die Auslösung der 
Masse der Gefangenen 54,000 RubeP), ohne die bedeutenden 
Summen für die wichtigen Gefangenen. Aber damals, wie auch 
später, beschränkte sich die Loskaufung fast ausschliesslich auf 
den Adel und die Bojarenkinder, während die übrigen Mann- 
schaften nicht ausgelöst wurden*^). 

Was die Grösse der Lösegelder betrifft, so gab es 
dafür zu jener Zeit noch keine bestimmten Festsetzungen; es 
war eben ein Geschäft, bei welchem sich der Preis nach Angebot 
und Nachfrage richtete und beide Theile denselben nach Mög- 
lichkeit zu steigern resp. herabzudrücken suchten. Indessen 
finden sich doch einige Notizen darüber vor. So schrieb z. B. 
der Zar Johann Wassiljewitsch an den in Gefangenschaft gerathenen 
Adligen Grjasnoj, dass er aus besonderer Gnade einwülige, den 
Tataren für ihn ein Lösegeld von 2000 Rubel zu geben , «aber 
bis anher waren solche nur zu je 50 Rubel»*). 

Die christliche Ansicht über die Gefangenschaft zeigt sich 
auch darin, dass die Waisen der Gefangenen vom Staat erzogen 
wurden, worüber sich sehr häufig Notizen vorfinden'), sowie 
femer in den für dieselbe gewährten Entschädigungen und in dem 
besonderen Schutz, den man ihnen angedeihen liess. Schon in 
dem Gesetzbuch Johannas IIL findet sich die Festsetzung, dass 
der gefangene Leibeigene nach seiner Rückkehr die Freiheit 
erhalten sollte, und das Gesetzbuch Johann's IV., sowie später 



1) ibid. Anm. 168. 2) iUd. Anm. 164. 8) iUd. pag. 880. Anm. 178. 4) iUd. 
6) WAL AiuB. 176. 6) iUd. pi«. 87a Aiim. 167. 7) iUd. pi«. 876. Inm. 161. 



174. 



— 157 — 

der Codex (tdoshenie) des Zaren Alexej Michailowitsch (XX. §. 34.) 
bestätigten dies*). 

F. Die Verpflegung der Entlassenen, der Wittwen nnd Waisen* 

t Die Verpflegung der Entlassenen. Da Niemand seine 
definitive Entlassung anders als bei yöllig nachgewiesener Un- 
fiLhigkeit zur Fortsetzung des Dienstes erhielt, so waren sämmt* 
liehe Entlassene Invaliden, und als solche bei gleichzeitiger Er- 
werbsunfähigkeit und Mittellosigkeit auf die Verpflegung des 
Staates angewiesen. Dieselbe wurde ihnen zu jener Zeit in drei 
verschiedenen Arten zu Theil: durch gänzliche oder theilweise 
Belassung ihres Lehns, durch Gewährung der Subsistenz und 
durch Unterbringung in Armenhäusern. Was zunächst 

tu Me MiMmg de» Lehm betrifft, so ist bereits an anderer 
Stelle gesagt, dass unter Johann m. die Lehen der Begel nach 
auch nach der Entlassung im vollen Bestände belassen wurden. 
Unter Johann IV. erfolgte dies dagegen gewöhnlich nur theilweise 
und richtete sich das Ausmaass des dem Verabschiedeten belassenen 
Quantums danach, ob die Entlassung nur wegen Unbrauchbarkeit 
oder wegen Vergehen erfolgt war*). Die Festsetzungen Johann's IV. 
über die aus dem Lehnslande zu gewährenden Pensionen sind in 
den Gesetzen Aber die sogenannten Ernährungslehen (proshi- 
Mschnyja pamestja) enthalten, unter welchem Namen man eben 
jene nach der Entlassung gewährten Lehne verstand. Als Grund- 
lage zur Bestimmung der Grösse der Emährungslehen diente der 
rechtliche Betrag des Lehnsgehaltes oder die wirkliche Grösse 
desselben bei der Entlassung, insofern sie jenen überstieg. Gewöhn- 
lich war aber aus den bereits besprochenen Ursachen dies nicht 
der Fall, sondern der wirkliche Besitz geringer als der berechtigte. 
Die Kegeln für diese Abmessung sind nicht genau bekannt; mit 
Rücksicht auf das directe Zeugniss einer Angabe, nach welcher 
die wegen Alters vom Dienste entlassenen Mannschaften ihr 
ganzes Lehn zur Nutzniessung behidten, kann man dies um 
so mehr als die Regel ansehen, als sich mit Ausnahme eines 
Falles, wo einem Entlassenen nur \ seines Lehns zur Ernährung 
belassen, der Rest aber zwischen seine im Dienst befindlichen 
Söhne getheilt wurde '\ das Gegentheil nirgends angegeben findet, 
während doch specielle Regeln über die Emährungslehen der 
Wittwen und Waisen vorhanden sind. Nimmt man also jenes 
als richtig an, so würde sich die Grösse der liehnspensionen unter 
Johann IV. normalmässig auf 300 Dessjätinen für die Bojaren und 
Okolnitschi, 300, 225 resp. 150 Dessjätinen für die Moskauschen 

1) ibid. Inf. 380. 2) i\Ad. p^f. 837, 338. Anm. 56. 3) ibid. jMf. 838. Ann. 58. 



— 158 — 

Bojarenkinder der 1., 2. resp. 3. Glasse und 81 bis 756 Dessjätinen 
für die Nowgorodschen belaufen haben'). 

Hinsichtlich der Bestimmung des Unterhaltes aus den Beträgen 
des Lehnslandes wurden die ersten Aenderungen unter Feodor 
Johannowitsch getroffen. Später, als im Anfange des 17. Jahr- 
hunderts die trüben Zeiten des Interregnums über Russland herein- 
brachen, wurden die Rechte der Entlassenen erheblich' beschränkt; 
man liess ihnen nur den unbedeutendsten Theil ihrer früheren 
Lehen'), und machte die Grösse desselben völlig von dem Belieben 
des Fürsten abhängig. Ausserdem wurden solche Pensionslehne 
auch noch von der Regierung anderen Personen «zum Leben» 
(w poshitch) verliehen, was einer vorläufigen Belehnung gleich kam. 
Noch bei Lebzeiten des eigentlichen Besitzers erhielt somit ein 
Anderer ein Recht auf sein Lehn , ja oft sogar das Lehn selbst 
unter der Verpflichtung, jenen bis zu seinem Tode zu ernähren. 
Manchmal blieb aber auch das Lehn in dem Besitz dessen, der 
es zur Versorgung erhalten hatte und der Andere erhielt nur 
die Anwartschaft darauf, es irgend einmal wirklich in Besitz zu 
bekommen*). 

b. Me TerMrgug der BitlMgeiei durch fiewahrng der StMsteu 
erfolgte in doppelter Weise: entweder durch die Verpflichtung 
der neuen Lehnsträger, die früheren Besitzer zu unterhalten, 
oder durch Gewährung von Ruheposten bei der Civilverwaltung. 
Was die erste Art der Versorgung angeht, so bestand sie der 
Regel nach darin, dass mit dem Ausscheiden der Entlassenen 
ans dem Dienst ihre Lehen auf andere Personen , gewöhnlich den 
ältesten dienstfähigen Sohn, in soweit dieser noch kein eigenes 
Lehnsland besass, übertragen wurden, mit der Verpflichtung, 
dafür die Entlassenen und ihre Familien zu unterhalten. Diese 
Art der natürlichen Verpflegung, welche Aehnlichkeit mit dem 
noch heute an einigen Orten üblichen Gebrauch des Ausgedinges 
hatte, war ihrem Charakter nach sehr ungerecht und schwankend, 
wesshalb man auch fortwährende Klagen seitens der Väter darüber 
findet, dass ihre Söhne sie nicht ernährten oder gar aus dem 
Lehn trieben*). Es bleibt noch festzustellen, wann diese Art 
der Versorgung gegeben vrurde. Da alle Lehen hauptsächlich 
fiJßr lange Dienste*) und für Wunden gegeben wurden, so kam 
diese Regel wahrscheinlich auch hier zur Anwendung; d. h. die- 
jenigen Entlassenen, welche lange gedient hatten oder verwundet 
worden waren, bekamen ihre Versorgung durch eigene P^isions- 
lehne, während die übrigen auf die Verpflegung durch die Ver- 
wandten angewiesen wurden, mit Ausnahme der Falle, wo diese 
ihren Verpflichtungen nicht nachkamen. Dann wurde ein kleiner 



1) ibid. piff. 889. 2) ibid. im«- 349. 360. Inm. 92. 3) ibid. pag. 350. 4) ibid. pt«. 841. 
5) ibid. VH' 342. Aiim. C2. 



— 159 — 

Theil des Lehns wahrscheiiilich zur eigenthümlichen Verwaltung 
den Entlassenen übergeben, in ähnlicher Weise, wie dies bei der 
Verpflegung der Wittwen und Waisen geschah. Es lässt sich dies 
um so melir annehmen, als eine solche Bestimmung in Russland 
bis zum Anfange des 17. Jahrhunderts existirt hat*); es wäre 
auch ungerecht gewesen, alte und verdiente Militairs einer Für- 
sorge zu berauben, deren sich die Wittwen und Waisen bereits 
seit der Mitte des 16. Jahrhunderts zu erfreuen hatten. 

lieber die zweite Art der Subsistenzgewährung , nämlich 
die aus den Einkünften einer Civilstellung nach Art der modernen 
Civilversorgung, ist bereits in dem Abschnitt über die Verpflegung 
im Allgemeinen ausführlich gesprochen worden, wesshalb hier nur 
darauf Bezug genommen wird. 

ۥ Me feiMrpig dwch Uaterbrlipiig ii AraieihMgenL Das 
Moment, welches die Verpflegung in der vorliegenden Periode be- 
sonders eigenthümlich characterisirt, dass man nämlich damals 
keinen Unterschied machte zwischen allgemeiner und militairi- 
scher Fürsorge, spricht sich vorzüglich deutlich in dem Verfahren 
aus, die Versorgung der Armen und Bedürftigen durch Unterbrin- 
gung in Armen- resp. Krankenhäusern zu bewirken. Es wurde be- 
reits in der vorigen Periode erwähnt, dass die Sorge für diese 
Anstalten und die Ueberwachung derselben hauptsächlich Sache 
der Geistlichkeit war, wie sie denn auch local sich meist in un- 
mittelbarer Verbindung mit den Kirchen, Klöstern und anderen 
geistlichen Stiftungen befanden. Diese Einrichtung blieb nicht bloss 
im Laufe dieser Periode bestehen, sondern der Gedanke, die Ver- 
sorgung der Alten und Armen der Kirche zu überlassen, ist noch 
bis tief in das moderne Russland hinein ein leitender gewesen. In 
dem Gesetzbuch Johann's IIL von 1447 fljadet sich in dem Ab- 
schnitt über die Ausländer bei der Bestätigung des Wladimirschen 
Reglements über die Unterordnung der Armen unter die Geistlich- 
keit die Bestimmung: «welche Wittwe aber im eigenen Hause lebt, 
die steht nicht unter dem geistlichen Gericht». Es bedeutet das 
den bereits bekannten Grundsatz des Kirchenreglements Wladi- 
mir's I.: wer nicht dem Gericht der Kirche angehört, kann auch 
nicht unter der kirchlichen Verwaltung stehen, mithin auch keine 
Unterstützungen von der Kirche oder aus den Klöstern erhalten. 
In der Folge wurde diese Beschränkung der Gerichtsbarkeit der 
Kirche über verschiedene Leute auch in dem Gesetzbuch Johann's IV. 
bestätigt*). Unter der Zahl der Fragen, die dieser Fürst im Jahre 
1551 der damals berufenen geistlichen Versammlung vorlegte, be- 
£»nd sich auch die über die Volksfürsorge und sprach der §. 12. 
seine Ansichten über die Nothwendigkeit einer Vergrösserung der 
dafür angewendeten Mittel aus: «Alljährlich» — so heisst es darin — 



1) ibid. Ann. 63. 2) ibid. PH- ^1* 



— 160 — 

«wird aus unserer Gasse das Jahresgehalt an Brot, Geld und 
Bekleidung an die Armenhäuser und in alle Städte abgelassen, 
aber trotzdem giebt es viele Arme, die von Hunger, Frost, Hitze, 
Schmerz und Entblössung getrieben, unfreiwillig der Leibeigen- 
schaft verf allen, Hoder, auf den Strassen mit Frau und Kind um- 
herirrend, nicht selten ohne Theilnahme und Bedauern umkom- 
men; überalt verabscheut man sie und Niemand will sich um sie 
kümmern. Wer sonst als die Zaren und GeistUchen soll über diese 
wichtige Frage nachdenken?»*) 

Zur Beantwortung dieser Frage wurde in dem Gesetzbuch der 
100 Capitel {Stoglaw) folgende Bestimmung getroffen: In allen Städ- 
ten und an allen Orten sollen sämmtliche Kranken und Verkrüppelten, 
welche keinerlei Subsistenzmittel haben, aufgeschrieben und überall 
Armenhäuser fllr Männer und Frauen unter der Aufsicht von Ge- 
schworenen oder städtischen Leuten errichtet werden. Zur Bedie- 
nung und Wartung sollen eigene Leute und Köchinnen angestellt, 
sie das erste Mal mit Kleidung und Nahrung versehen, der wei- 
tere Unterhalt aber aus Privatbeiträgen beschafft werden. Die 
specielle Oberau&icht über diese Armenhäuser soll die Geistlich- 
keit haben, wesshalb die Geistlichen von Zeit zu Zeit jene Häuser 
besuchen und die dort Versorgten in der Religion und Gottesfurcht 
unterweisen sollen. Gesunde Leute dürfen aber nicht in den Ar- 
menhäusern Aufnahme finden, sondern diese mögen ihren Unter- 
halt durch Almosen von den Gottesforchtigen selbst sammeln, 
«gehend von Haus zu Haus» (chodjcUschi po dworom tcÄ)*). 

Leider kam die von Johann IV. vorgeschlagene Organisation 
der Armen- und Krankenpflege nicht zur Ausführung, wenigstens 
muss man dies daraus schliessen, dass kein darauf bezüglicher 
Ukas im Namen des Mitropoliten oder Zaren an die Bischöfe ge- 
schickt wurde, während doch sonst damals alle durch die aUge- 
meine Stimme bestätigten Entscheidungen jener Versammlung in 
der Gestalt von Erlassen des Mitropoliten oder von Zarischen 
Ukasen versendet wurden. Wenn es somit allerdings keine schrift- 
lichen Beweise dafür giebt, dass die Absicht der Versammlung 
verwirklicht wurde, so finden sich doch andererseits ganz unzwei- 
felhafte Zeugnisse darüber, dass zu jener Zeit bei den Kirchen 
und Klöstern kleine Armenhäuser wirklich existirten. So trifft 
man z. B. in den geschriebenen Büchern {pisszowyja knigi) der 
Schlossdörfer und Orte des Nishegorodschen Districtes vom Jahre 
1558 folgende Notiz an: «Dorf Ssosnowskoe, in demselben eine 
alte Kirche .... auf dem Hof ein Küster und fünf Zellen, in 
denselben wohnen Arme, sie werden von der Göttlichen Kirche 
unterhalten». Aehnliche Angaben finden sich auch an anderen 
Stellen jener Bücher vor'). Uebrigens richteten zu jener Zeit 



1) ibid. p«f . 87a Inm. 152. 2) ibid. iMf • 373. Ann. 153. 8) ibid. pay. 878, 374. Amm. 154. 



— 161 — 

auch das Troizko-Ssergiewsche und das Kyrillo-Beloserskische Klo- 
ster auf eigene Hand Armen- und Krankenhäuser ein. 

Aus den Zeiten Boris Godunows und des Interregnums sind 
keine bestimmten Angaben über den vorUegenden Gegenstand 
vorhanden, wenigstens nicht bis auf unsere Zeit gekommen. 

2. Die Verpflegung der Wittwen und Waisen. Nach dem 
Tode eines im Zarischen Dienste stehenden Mannes erstreckte sich 
die ihm vom Staate zugewendete Sorge auch auf das Geschick 
seiner hinterlassenen Wittwe und Waisen, und gewährte ihnen 
die für ihre Subsistenz nöthige Verpflegung. Die ersten genaueren 
Angaben über die Art und Grösse derselben finden sich in 17 aus 
dem Jahie 1555 herrührenden Erlassen*), aus denen sich allge- 
meine Regeln allerdings nicht entnehmen, aber wenigstens folgende 
Schlüsse ziehen lassen: Die Wittwen bekamen nur dann beson- 
dere Pensionen, wenn keine Söhne oder andere Verwandte da 
waren, welche sie sonst bis zum Tode ernähren mussten; oder 
wenn dieselben dieser Pflicht nicht nachkamen. Sie erhielten 
dann ihre Versorgung bis zum Tode, bis zur Wiederverheirathung 
oder bis zum Eintritt in ein Nonnenkloster. Die Töchter erhielten 
nur dann besondere Theile, wenn die Mutter starb oder sie er- 
wiesener Maassen vernachlässigte; in jedem Fall wurde die Ver- 
waltung der Einkünfte einem näheren Verwandten als Vormund 
übergeben. Uebrigens wurde das den Töchtern gewährte Land 
ihnen nur bis zum 15. Jahre, d. h. bis zu dem zum Heirathen 
geeigneten Alter belassen, wesshalb die Brüder und nächsten Ver- 
wandten bis dahin für eine Versorgung sich zu bemühen hatten. 
Das Ausmaass der den Wittwen und verwaisten Töchtern zu ge- 
währenden Versorgung hing zunächst von der Grösse des Lehns- 
landes des verstorbenen Mannes oder Vaters ab, und varürte von 
^', bis zu J, wobei die Wittwen stets etwas mehr als die Töchter 
bekamen. 

Ueber die Grösse des Versorgungsgehaltes kleiner verwaister 
Kinder männlichen Geschlechtes finden sich anfangs bestimmte 
Nachrichten nicht vor. Im Allgemeinen behielten sie das Lehen 
des Vaters nach dessen Tode, bis sie selbst erwachsen waren, 
entweder ganz oder wenigstens zum grössten Theile; vor Allen 
hatten aber die Söhne, deren Väter im Kriege gefallen waren, 
das Recht auf das ganze Lehn des Vaters. In beiden Fällen lag 
ihnen dabei die Verpflichtung ob, ihre Mütter und Geschwister 
zu erhalten. So lange die Dienstpflicht ruhte, d. h. vom Tode 
des ehemaligen Lehnsträgers bis zum Erwachsen seiner Söhne, 
wurden die Einkünfte des Lehns vom Staate eingezogen, mit 
Ausnahme derjenigen Theile desselben, die als Emährungs- oder 
Pensionslehen verliehen waren*). Dieser unläugbar grosse Uebel- 



1) ibid. pag. 839. 2) ibid. pag. 341. Anm. 61. 
Brix, OMoh. d. ftit. Bau. H««r«B«iaiieht. 11 



— 162 — 

stand wurde erst unter dem Zaren Feodor Johannowitsch abge- 
stellt, indem dieser bestimmte, dass die Söhne nach dem Tode 
ihres Vaters die ganzen Einkünfte des väterlichen Lehns behalten 
sollten'). 

Im Jahre 1611 wurden neue Regeln über die Rechte der 
Familien der Dienstmannschaften auf den Genuss von Lehen fest- 
gestellt und dabei bestimmt, dass die Söhne von im Dienst Ge- 
storbenen alles Lehn ihres Vaters mit der Verpflichtung erhal- 
ten sollten, davon ihre Mutter und Schwestern zu versorgen. 
Waren keine Söhne vorhanden, so erhielten jene einen Theil des 
Lehns, das übrige wurde an andere Mitglieder der Familie, aber 
nicht an Fremde ausgetheilt*). Ueber das Maass des den Witt- 
wen gewährten Theils heisst es, dass «es nach dem Muster von 
früher, wie man es vordem gab, zu geben» wäre. 



Fragt man sich nun am Schluss dieser Betrachtung, in wie fem 
das damals in Russland übliche Verpflegungssystem das Geschick 
der Dienstleute während ihres Dienstes und nach ihrer Entlas- 
sung sicher stellte, so ergiebt sich nach dem im Vorigen Ent- 
wickelten die Antwort dahin, dass dies nur in sehr beschränkter 
Weise geschah. Die Gründe dafür lagen in den Mängeln und 
Ungerechtigkeiten des ganzen Systems an sich, sowie überhaupt 
in den beschränkten Auffassungen der Zeit, und sind theils an 
gehöriger Stelle bereits angeführt, theils springen sie von selbst 
in die Augen. Am Besten kamen bei dem damaligen Lehnssystem 
noch die Wittwen fort, denn wenn auch die ihnen gewährten Be- 
träge nicht gross waren, so unterlagen sie doch im Allgemeinen 
keinen Veränderungen und verblieben ihnen bis zum Tode. Die 
Töchter dagegen hatten diesen Vorzug nicht, da sie, wie bereits 
gesagt, nur bis zu ihrem 15. Jahre eine Versorgung erhielten — 
ein Mangel, der sich in der späteren Gesetzgebung nicht mehr 
jBndet'). 

Noch ungünstiger als die übrigen Classen waren in vielen 
Beziehungen die entlassenen Strelzen gestellt. Mit ihrer Entlas- 
sung aus dem Dienst hörte natürlich ihr Gehalt sofort auf, und 
wenn sie sich daher während desselben nicht Etwas erspart, oder 
wenigstens eine kleine Wirthschaft eingerichtet hatten, von deren 
Ertrag sie leben konnten, so blieb ihnen Nichts übrig, als betteln 
zu gehen*), üebrigens galt dies nur von den Gemeinen, wogegen 
die Centurionen und Golowen hinsichtlich ihrer Verpflegung in 
ganz gleichen Verhältnissen mit den übrigen Lehnsleuten standen. 



1) ibid. paff. 349. Anm. 91. 2) iUd. piig. 351. Inm. 100. 3) ibid. iMf. 346. 4) ibid. 
g. 861. Anm. 100. 



— 163 — 

Q. Die Belohnungen'). 

Die Belohnungen bestanden zu jener Zeit in gnädigen Worten, 
indem der Zar den Personen oder Truppen, welche sich .ausge- 
zeichnet hatten, durch einen besonderen Gesandten seine Gnade 
bezeugen liess. Es geschah dies in der Weise, dass der Zar sich 
nach der Gesundheit derselben erkundigen (o sdrawii sprossitsch)^ 
sie grüssen (poJclonitsdissja) liess, oder ihnen die Erlaubniss gab, 
sich eine Gnade auszubitten {fschelom udaritch)^^ worauf durch 
den Gesandten die Belobigung erfolgte, gewöhnlich mit der Auf- 
forderung, auch künftig so weiter zu dienen. Die Woewoden ab- 
hielten bisweilen auch schriftliche Belobigungserlasse (j^ochivalnyja 
gramoty). Fernere Belohnungen waren die Ertheilung einer Zu- 
lage zu dem Solde oder Lehnsland, oder später die Verwandlung 
eines Theils des letzteren in Erbland ; die Beförderung im Range 
bei den Woewoden, oder die Versetzung in eine höhere Gehalts- 
classe bei den Adligen und Bojarenkindem. Endlich wurden gol- 
dene Medaillen, goldene und silberne Becher, Commandostäbe, 
Rüstungen, Waffen und Ehrenkleider, namentlich Türkische Kaf- 
tans und Pelze aller Art verliehen. Die höchste Belohnung für 
einen Anführer war aber die Ertheilung des Namens Zarendiener 
(sslnga Zarskij), welchen während des ganzen 16. Jahrhunderts 
nur die Fürsten Ssimeon Rjapolowskij, dessen Vater den jungen 
Zaren Johann III. vor den bösen Anschlägen Schemjakins schützte, 
Iwan Michailowitsch Worotynskij für den Sieg an der Wedroscha 
(14. July 1500) über die Litthauer und Polen unter dem Hetman 
Konstantin Ostroshskij, und sein Sohn Michaile für die Besiegung 
der Krymschen Tataren und die Eroberung Kasans erhielten'). 



1) Oenh. d. Krieget, in Bnssl. Milit. Jovrn. 1866. N. 1. pag. 47. 2) ibid. - Aotoa d. Ank 
Exped. n. N. 77. 3) Oascb. d. Kriegsk. in Bnal. Milit Jonrn. 1856. N. 1. |wg. 47, Anm. 



11* 



Zweiter Absehnitt. 

Das Rassische Eri^swesen unter Michailo Feodorowitsch 

bis zu der durch Peter den Grossen bewirkten. 

ToUst&ndigen Umgestattnng. 

1613—1712. 



Ktnlettiuii^. 

In dieser, das 17. Jahrhnndert um&ssenden Periode nahm 
das alte Rassische Kriegswesen seine höchste Entwickelang an 
nnd erreichte mit derselben sein Ende. Durch Peter I., den 
grossen Reformator Rasslands, wurde es von Grund aus umge- 
staltet, die alte nationale Grundlage verschwand und die Organi- 
sation des Russischen Heeres wurde vollständig auf Europäische 
Weise eingerichtet. Aber die alten Einrichtungen konnten nicht 
gleich mit einem Schlage vernichtet werden, vielmehr hielten sie 
sich bis weit in die Regierung des genaonten Zaren hinein, so 
zwar, dass das völlige Erlöschen der alten Russischen Kriegs- 
ordnung, wie man in der Folge sehen wird, nicht fQglich vor dem 
Jahre 1712 angesetzt werden kann'*'). Ein bestimmter Termin 
fUr die Abschaffung derselben existirt überhaupt nicht. Wo aber 
bei einigen Formationen ein solcher sich genannt findet, da bezog 
er sich entweder, wie bei den Strelzen, nur auf einzelne Theile 
derselben, oder man kehrte, wie bei den Moskauschen Rang- 
classen, den Adligen und Bojarenkindem, doch später wieder 
ein Mal auf die alten Einrichtungen zurück. Die Reste derselben 
erhielten sich noch viel länger, bis selbst zu den Kaiserinnen 



*) Noch in diesem Jahre wurde n&mlich durch Erlass des dirigirenden 
Senats vom 6. November (Ges. Samml. lY. N. 2608) bestimmt, dass im Gou- 
Temement Asow die Mannschaften des Stadtdienstes, die Pikeniere, Reiter, 
Dragoner, Soldaten, Strelzen, Kasaken, Stanitschniki, Puschkari, Worotniki und 
Staatsschmiede ausser den Auflagen auf die wirkliche Zahl ihrer Höfe noch 
in alter Art zum Wacht- und Ordonnanzdienst herangezogen werden sollten. 



— 166 — 

Anna und Elisabeih, unter denen sie noch zur Formation neuor 
Truppen, wie z. B. von LandmiUzregimentem, verwendet wurden. 

Natürlich gingen diesem gänzlichen Aufhören der alten Heeres- 
einrichtungen die theilweisen Formationen der neuen Armee schon 
lange voran, wie denn die ersten Schritte dazu bereits gegen 
das Ende des 17. Jahrhunderts erfolgten. Doch liegt die nähere 
Erörterung dieses Gegenstandes für jetzt noch ausser dem Kreise 
unserer Betrachtungen, da diese nach dem Plane des vorliegenden 
Werkes nur zum Zweck haben, das alte russische Kriegswesen, 
wie dasselbe sich allmählig entwickelt und bis zur Zeit Peter'« 
des Grossen bestanden hat, zur Anschauung zu bringen. Die von 
diesem Zaren bewirkte Umwälzung (Reorganisation) der ganzen 
Militairverwaltung darzulegen, möge einer spätem Arbeit über 
die Geschichte der modernen Russischen Armee vorbehalten 
bleiben. 

Was nun im Besondern die jetzt in Rede befindliche Periode 
betrifft, so unterlag in derselben das Russische Heerwesen, das 
wir seit dem Zaren Johann in. alhnählig festere und geordnetere 
Formen haben annehmen sehen, sehr wesentlichen Umänderun- 
gen und Ergänzungen. Veranlassung dazu gaben die traurigen Er- 
fahrungen, die man in der langen trüben Zeit des, nach dem 
Tode Boris Godunow's über das Reich hereingebrochenen, Inter- 
regnums gemacht hatte. Die Erzählung der heftigen Erschütte- 
rungen, welche Russland in jener Zeit durch Usurpatoren, inneren 
Aufruhr und äussere Feinde bis an den Rand des Abgrundes 
brachten, und in denen es seine Rettung vor dem gänzlichen 
Untergange nur jener bekannten zähen Ausdauer verdankte, 
welche, wie einerseits ein Haupthemmniss , so doch andrerseits 
auch einen besonderen Vorzug des Slawischen Charakters aus- 
macht, und jenen «Russischen Gott», auf den das Land mit 
Recht so sicher zu vertrauen gewohnt ist , gehört der politischen 
Geschichte an. Hier genügt es zu sagen, dass jene fast zehn- 
jährigen gewaltsamen Kämpfe wesentlich dem Mangel eines regel- 
mässigen stehenden Heeres zugeschrieben werden mussten. Die 
neue Russische Regierung sah dies auch sehr wohl ein und 
begriff recht gut, dass zur Unterdrückung der noch an vielen 
Theilen des Reiches glimmenden Empörung und zur Abwehr der 
äusseren Feinde vor Allem eine numerische Verstärkung und 
bessere Organisation des Heerwesens nöthig sei. Die vollständige 
Erschöpfung der materiellen Mittel des Reichs, vielleicht auch 
das in Folge der Regeneration bedeutend gesteigerte National- 
bewusstsein machten aber eine gänzliche Umgestätung, wie sie 
später zur Ausführung kam, für damals so unthunlich wie unnöthig. 
In Folge dessen blieben die alten Grundbestandtheile und haupt- 
sächlichsten Einrichtungen des Heerwesens zwar unverändert; 
man gab ihnen aber eine festere und geregeltere Organisation 



— 166 — 

und YerwaltuBg, und fügte ihnen dann in der Folge einige neue 
Elemente von mehr regehnässiger Gestalt hinzu, die man zum 
Theil durch Anwerben von Ausländem direct aus dem Abend- 
lande herbeizog, zum Theil durch Formirung von Russischen 
Trappen nach dem Muster der im Westlichen Europa bestehen- 
den Organisationen, denselben nachbildete. Mit einem Worte 
man versuchte, mit einem Theile des Heeres das zu thun, was 
nachher Peter der Grosse mit dem ganzen durchführte, nämlich 
dasselbe auf Europäischen Fuss zu bringen, oder wie es damals 
genannt wurde, «die Deutsche» resp. «ausländische Stellung» 
oder «Ordnung» einzuführen. 

Zu diesem Zwecke wurden zunächst in immer grösserer Zahl 
Ausländer ins Land gezogen. Hinsichtlich derselben verfuhr 
schon der erste Zar aus dem Hause Bomanow, Michailo Feodo- 
rowitsch, mit der grossesten Umsicht und Klugheit. Indem er 
«6 gldch von Anfang an nicht sowohl als fremde Söldner, sondern 
vielmehr als wirkliche Russen behandelte, suchte er sie mehr und 
mehr mit ihrem persönlichen Interesse an Russland zu fesseln 
und siedelte sie desshalb auch zum Theil zur Belohnung für 
gdeistete Dienste im Lande selbst an. Seine Nachfolger, auf 
dem von ihm betretenen Wege fortfahrend, kamen so, wie dies 
die weitere Darstellung zeigen wird, bereits dahin, eine beträcht- 
liche Zahl Europäisch organisirter Truppen zu Pferde und zu 
Fuss zu bilden. Aber leider &nden so vemOnftige Bestrebungen 
weder im eigenen Volk, noch in den dazu herangezogenen, wohl 
häufig nicht gerade zur besten Sorte gehörenden, ausländischen 
Elementen diejenige Unterstützung, welche sie so wohl verdient 
hätten. Dazu kam noch, dass man nach der damals eben im 
Abendlande herrschenden Anschauungsweise, das Wesen der 
Kriegskunst hauptsächlich in verwickelten taktischen Formen zu 
finden glaubte, die alle mögtichen und viele unmöglichen mathema- 
tischen Figuren mit Bataillonen und Regimentern darzustellen such- 
ten, was dem Russischen Charakter um so weniger zusagte, als die- 
ser seiner Natur nach allen Künsteleien entschieden abhold ist. 

Aus allen diesen Gründen konnten daher die neuen Ein- 
richtungen nicht dauernd Wurzel fassen und nur unter der 
strengsten Aufsicht überhaupt Bestand gewinnen. Das zeigte 
mh gleich, als mit dem Tode Feodor's UI. Alexeewitsch dieselbe 
aufhörte, indem während der Minderjährigkeit Peters und der 
Verwaltung der Zarewna Sofia fast das ganze Russische Heer, 
die Ausländer an der Spitze, die Wafiien fortwarf und ausein- 
ander lief. Die letzteren, die überhaupt zum grossen Theil nur 
ihres persönlichen Yortheils wegen gekommen waren, fanden es 
bequemer , ihr Gehalt, in dessen Weiterbezug allein sie sich einer 
groasen Gewissenhaftigkeit befleissigten, ohne Anstrengungen zu 
beaehen, als die ihnen untergebnen und zum Theil von ihnen 



— 167 — 

formirten Truppen in Zucht und Ordnung zu halten. Sie ver- 
Hessen somit ohne Weiteres ihre Pflichten und Aemter, und 
beschäftigten sich mit Handel, Industrie, Landwirthschaft , kurz 
mit allem Möglichen, wozu sie keinen Beruf hatten. Was etwa 
noch blieb, drückte und peinigte Landvolk und Bürger auf eine 
wahrhaft erschreckliche Weise. Die alten Russischen Truppen 
folgten mit acht Slawischem Nachahmungsgeiste dem gegebenen 
schlechten Beispiel, indem sie zum Theil nicht nur ihre Pflicht 
vernachlässigten, sondern sogar in wiederholten, blutigen Empö- 
rungen ihre Waiffen gegen den eigenen Kriegsherrn wandten. 

Aus diesen kurzen Andeutungen werden die Gründe hervor- 
leuchten, warum die alten Russischen Heereseinrichtungen zu 
Grunde gehen mussten. Es fand dies auch so vollständig Statt, 
dass aus den vor Peter dem Grossen bestandenen Formationen 
nur sehr wenige in das neue von ihm gegründete Heer über- 
gingen. Abgesehen von einigen Strelzenabtheilungen, die in mehr 
oder weniger geschlossenem Bestände zu Gamisonstruppen um- 
gebildet wurden, sowie von den Kleinrussischen und Slobodischen 
Kasakenregimentern , die zum grossesten Theil noch jetzt als 
regulaire Cavallerieregimenter bestehen, waren es nur zwei Fuss- 
regimenter der sogenannten Moskauschen Elitesoldaten, welche, 
zu modernen Truppen umgestaltet, die schmale Brücke zur Ver- 
bindung der neuen von Peter I. formirten Armee mit dem vor 
ihm bestandenen Heere bildeten. 

Die übrigen militairischen Einrichtungen der Zeit vor Peter 
dem Grossen lössten sich wie gesagt theils selbst auf, theils sah 
sich dieser Fürst zu ihrer gewaltsamen Vernichtung gezwungen, 
um ihrem hartnäckigen Widerstände gegenüber Platz für seine 
Verbesserungen zu gewinnen. Letzteres war namentlich bei den 
Strelzen nöthig, während die übrigen militairischen Formationen 
grossen Theils durch anfangs nur erlaubte, später aber geforderte, 
Geldleistungen allmählig abgeschafft wurden*). 



*) In dieser Hinsicht wurde z. B. am 15. März 1699 bestimmt, dass die 
Moskauschen Bangclassen, die Adligen und Bojarenkinder des Centuriendienstes, 
die Husaren, Pikeniere, Reiter, Kasaken und Neugetauften der Städte des Now- 
gorodschen Regiments, die in ihrem Lehns- oder Erbbesitz weniger als 10 Höfe 
hatten, an Stelle des persönlichen Dienstes Geld geben sollten, und zwar für 
ihre eigene Person IJ, für jeden Mann ihres normalmässigen Gefolges aber 
i Rubel per Hof. (Ges. Samml. II. N. 1681.) — Ebenso wurde am 80. Octo- 
ber 1699 festgesetzt, dass die Mannschaften des Belgorodschen Regiments statt 
der Dienstleistung Geld zahlen sollten, und zwar die Pikeniere und Reiter je 
1| Rubel, ihre Kinder je 70 Kopeken, die Soldaten des Stadtdienstes, die 
Strelzen, Kasaken, Puschkari und sonstigen Leute dieses Dienstes dagegen fOr 
sich je 1, für jedes ihrer Kinder oder anderen Angehörigen | Rubel. Ausser- 
dem sollten alle genannten Mannschaften für ihre Bauern per Hof 25 Kopeken 
zahlen, (ibid. N. 1710.) Femer wurde am 6. December desselben Jahres 
angeordnet, dass die Mannschaften, welche nicht persönlich in den Krieg ziehen 
wollten, bei einem Besitz bis zu 50 Höfen 100, bei grösserem Eigenthum aber 



— 168 — 

Es soll nun in der folgenden Darstellung versucht werden, 
so vollständig als es die zugänglich gewesenen Materialien 
gestatten, die verschiedenen Entwicklungsstufen zu schildern, 
welche die alten Russischen Heereseinrichtungen im Laufe dieser 
Periode bis zu ihrer völligen Auflösung durchzumachen hatten, 
wobei jedoch für die wenigen, in den Bestand der neuen Russischen 
Armeen übergejienden Elemente im Allgemeinen das Jahr 1700 
den Abschluss der vorliegenden Betrachtung bilden wird. 



t. Capttel» 

Die Organisation der Heeresniacht. 

Bei der Betrachtung der Organisation der Russischen Heeres- 
macht in der vorliegenden Periode wird zuerst die Zusammen- 
setzung der einzelnen Truppen beschrieben und dann von der 
Einrichtung der Commandoverhältnisse und von der Truppen- 
verwaltung gesprochen werden. 

I« Die Truppen. 

A. Die versohiedenen Truppentheile und ihre Organisation im 

Einzelnen. 

Wie bereits in der Einleitung bemerkt ist, blieben im Allge- 
meinen hinsichtlich der Truppenorganisation die alten Einrichtungen 
in Geltung, nur vermehrte sich im Laufe der Zeit das ausländische 
Element allmählig immer mehr und fing sich sogar an auf die 
Russen selbst zu übertragen, so zwar, dass neben die alten 
Russischen Formationen zuerst ausländische traten und dann 
nach dem Muster der letzteren auch solche aus nationalen Ele- 
menten gebildet wurden. Somit gab es im Laufe dieser Periode 
eigentlich dreierlei verschiedene Truppenarten in Russland, näm- 
lich: nationale, ausländische und aus nationalen Elementen nach 
ausländischen Mustern gebildete Truppen. Die beiden letzteren 
Arten betrachtete man zu jener Zeit als auf gleichem Fusse 
stehend und werden sie daher auch in der vorliegenden Betrachtung 
zusammen abgehandelt werden, nachdem zuerst die Russischen 



pro Hof 2 Rnbel für jeden Mann zahlen sollten, (ibid. N. 1729.) — - Endlich 
worde am 9. August 1700 den Moskauschen Rangclassen, die zum Kriege gegen 
Schweden einberufen waren, gestattet, an Stelle der persönlichen Dienstleistung 
einen Geldbetrag zu zahlen, der fftr einen Besitz bis zu 60 Höfen auf 125, bei 
mehr aber auf 2| Rnbel pro Hof und dienstpflichtigen Mann fixirt wurde, 
(ibid. IV. N. 1811.) 



— 169 — 

Trappen nationaler Zusammensetzung und Organisation bespro- 
chen sind. 



Die Russischen Nationaltruppen alter Formation. 

Dieselben zerfielen, den Waffen nach,' wie früher, in Infanterie, 
Cavallerie, Artillerie und technische Truppen. 

1. Die Gavallerie. Sie bestand zunächst aus den feudal- 
artigen Lehnsaufgeboten der obersten Hofchargen, der Sibirischen 
und anderen Zarewitsche, der Adligen und Bojarenkinder und 
der unterworfenen Tatarischen Völkerschaften; ferner aus den 
reitenden Stadtkasaken und Strelzen, aus den Datotschenleuten 
zu Pferde, und aus den verschiedenen Kasakenvölkern, zu welchen 
bereits früher bestehenden Elementen, dann noch die Kalmücken 
und endlich die Schljachtas der ehemals Polnischen Städte kamen. 
Von den nach Westeuropäischen Mustern gebildeten Cavallerie- 
trappen mehr regulairer Organisation wird, wie bereits erwähnt, 
an anderer Stelle gesprochen werden. 

a« Ife «bersteii H«fchargeii. In alter Art zum Dienst ver- 
pflichtet, bildeten sie mit ihrem oft sehr zahlreichen Gefolge eine 
prächtige irregulaire Reitertruppe, dem Rang und Ansehen, wenn 
auch nicht der railitairischen Wichtigkeit nach, die erste Classe 
der Russischen Nationalcavallerie. In absteigender Rangordnung 
bestanden sie aus den einfachen Bojaren, aus den Bojaren die 
zugleich Okolnitschi waren, ferner aus den Adligen und Djaken 
der Duma, den Spalniki, den Stolniki, Streaptschi, Moskauschen 
Adligen, Djaken und Shilzen. Von diesen zehn Classen gehörten 
die fünf ersten bis einschliesslich der Spalniki zum grossen Staats- 
rathe, der sogenannten Duma, und wurden daher als solche, mit 
alleiniger Ausnahme der Bojaren, die einen besonderen Werth 
darauf legten nur dieses zu sein, mit dem Gesammtnamen 
«Leute der Duma» {clumnye Ijudi) bezeichnet. In dieser Eigen- 
schaft mussten sie an den gewöhnlichen Sitzungen derselben Theil 
nehmen und daher beständig in Moskau anwesend sein, falls sie 
nicht vom Zaren Urlaub erhalten hatten. Zu den geheimen Sitzun- 
gen der Duma waren hingegen nur die Bojaren und die soge- 
nannten «nahen Okolnitschi» (Okolnitschie blishnie) , welche letz- 
tern vom Zaren aus der Classe der Spalniki ausgewählt wurden, 
berufen'). Dagegen bildeten die vier Classen der Stolniki, 
Streaptschi, Moskauschen Adligen und Shilzen unter dem CoUectiv- 
namen der Moskauschen Chargen (Moskowsskie tschiny) eine 
besondere, zur persönlichen Leibwache der Zaren bestimmte 
Truppengattung. 



1) KowUchin. üeb. BiwL unt. Alex. Mich, pi^r- 10. 



— 170 — 

lieber die genannten Glossen ist im Einzelnen nach den 
vorhandenen Quellen etwa noch Folgendes zu berichten: 

1) Die Bojaren (Bojare). Ursprünglich hatte man unter 
diesem Namen nur die Mitglieder der alten Grossfürsten- und 
Bojarengeschlechter verstanden, von denen aber im Laufe der 
Zeit bis zu der vorliegenden Periode viele bereits erloschen 
waren, wesshalb man später diese Bezeichnung auf alle die 
Bojaren ausdehnte, die, überhaupt von jenen Geschlechtem her-. 
stammend, diese Würde durch Geburt besassen, nicht durch 
Dienste erworben hatten, wie die nächste Classe. Solcher Bojaren 
gab es zu den Zeiten des Zaren Alexej Michailowitsch nur noch 
16 Familien, von den 12 gleichzeitig den Fürstentitel trugen'). 

2) Die Okolnitschi und Bojaren (Okolnitschie i bojare) 
waren das letztere nur in Folge ihrer Stellung als erstere und 
bildeten somit im Gegensatz zu dem höchsten Geburtsadel der 
blossen Bojaren, die höchste Spitze des Dienstadels. Solcher 
Familien gab es unter Alexej Michailowitsch 15, darunter 7 fürst- 
liche*). Was übrigens ihr Amt betrifft, so möchte sich das viel- 
leicht am Besten mit dem der damaligen Polnischen Castellane 
vergleichen lassen. 

3) Die Adligen und Okolnitschi der Duma (dutnnye 
dworjane i okolnitschie). Hierunter verstand man solche Mitglieder 
der vornehmen, mittleren und sonstigen adligen Geschlechter, die 
einen höheren Rang nicht bekleideten. Uebrigens gab es ausser 
ihnen noch viele andere hohe und angesehene Familien, die aber 
diesen Rang nicht hatten , weil sie nicht im Dienst standen , oder 
aus irgend anderen Gründen"). 

4) Die Djaken der Duma (ßumnye djaJci). Wie bereits in 
der vorigen Periode gezeigt, gab es deren 4; dies war aber nur 
die äusserste Zahl, während gewöhnlich nur 3 vorhanden waren. 
Der höchste war der Gesandtschaftsdjak (jpossoUkij) , dann folgte 
der des grossen Moskauschen Rasreads, und als jüngster der 
Landdjak (semskij); den 3. Rang hatte, falls er vorhanden war, 
der Djak des Nowgorodschen Rasread's. Die Geschäfte der Djaken 
lassen sie am besten mit den damaligen Polnischen Reichsreferen- 
darien*), d. h. etwa mit den jetzigen Staatsräthen vergleichen. 

5) DieSpalniki (Spalniki) sind etwa den jetzigen Kammer- 
herren vergleichbar, da ihr Dienst darin bestand, den Zaren an- 
zukleiden und die Nacht in seinem Zimmer zu schlafen, wovon 
sie ihren Namen hatten. Dazu waren beständig vier von ihnen 
immer auf 24 Stunden unmittelbar bei der Person des Zaren im 
Dienst*), wobei sie unter dem im Range eines Okolnitschej stehen- 
den und als Oberkammerherr fungirenden Bettmeister (Postelnik^ 
Postelnitsckej) standen*). 



l) ibid. png. 18. 2) ibid. 3) ibid. 4) ibid. VH- 18* 60, 75. 5) ibid. pag. 19. 6) 
PK- 22. 



ibid. 



— 171 — 

6) Die Moskauschen Chargen {Moskowsskie Tschiny) 
bestanden aus den vier Rangclassen der Stolniki, Streaptschi, 
Moskauschen Adligen und Shilzen, über welche Folgendes zu 
bemerken ist: 

Die Stolniki vereinigten als Hof Chargen, wie bereits in 
der vorigen Periode bemerkt, in ihrer Person das Amt des Truch- 
sessen mit dem des Mundschenken; denn ihr Dienst bestand im 
Wesentlichen darin, den Zaren bei Tafel zu bedienen, bei offi- 
ciellen Mahlzeiten Speisen und Getränke aufzusetzen etc., so dass 
man sie also, zugleich mit Rücksicht auf die ethymologische Ablei- 
tung ihres Namens, als Tafelmeister bezeichnen könnte. Ausserdem 
fanden sie aber noch in vielfachen anderen Aemtern Verwendung, 
indem sie zu den Gesandtschaften commandirt, bisweilen selbst 
als Gesandte verschickt, zu Woewoden, Untersuchungsrichtern be- 
stimmt wurden, auch vielfach in den Prikasen oder Verwaltungs- 
behörden zu Moskau angestellt waren. Eine besondere, nament- 
lich in militairischer Hinsicht wichtige, Verwendung fanden sie 
später noch als Obersten der Regimenter der ausländischen Ord- 
nung, namentlich bei den Reitern, sowie als Commandeure der 
Moskauschen Strelzenregimenter, in welchem Falle sie den Namen 
von Stolniki und Obersten führten. Ihre Gesammtzahl war nicht 
zu allen Zeiten gleich; in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts 
betrug sie etwa 500 Mann')- 

Ausser den Stolniki des Zaren gab es noch solche der Za- 
rin, und anfangs auch des Patriarchen. Die ersteren waren 
Knaben im Alter bis zu 10 Jahren, Söhne der Bojaren, Okol- 
nitschi und «nahen Leute», welche nach Erreichung des 15. oder 
17. Lebensjahres als Stolniki oder selbst Spalniki zum «Zarenrang» 
übertraten; ihre Zahl betrug normalmässig 20^). Die Stolniki 
des Patriarchen Filaret, deren es im Jahre 1633 bei dem zur 
Ablösung der vor Smolensk stehenden Truppen geschickten Heere 
in dem Regiment des Fürsten Posharskoj 227 gab'), wurden nach 
dem Tode desselben unterm 18. December 1633 in den Dienst des 
Zaren übernommen, und als Stolniki, Streaptschi, Moskausche 
Adlige oder Shilzen einrangirt*). 

DieStreaptschi versahen im gewöhnlichen Hof dienst das 
Amt der Küchen- und Backmeister (faecialii et culhme procura- 
toriy); ausserdem hatten sie dem Zaren bei seinen Ausgängen 
das Scepter vorzutragen, in der Kirche Mütze und Obergewand 
zu halten, während sie ihm im Kriege bisweilen Panzer, Säbel 
und Bogen tragen mussten*). Ueberdiess wurden sie zu denselben 



♦) Die Rynden, die in" der vorigen Periode als Waffenträger des Zaren 
seine nächste Leibwache gebildet hatten, existirten zwar auch in der gegen- 

I) ibid. pag. 20. 2) ibid. pag. 25. 3) Bftcher d. lUaread. I. pag. 551. 4) ibid. pag. 559 
560. 5) Majwbeig. Itn- in MorahOTiam. 



— 172 — 

Posten wie die Stolniki verwendet, mit alleiniger Aasnahme der 
von Woewoden und Gesandten. Ihre Zahl belief sich unter Alexej 
Michailowitsch auf etwa 800 Mann*). 

Die Moskau sehen Adligen, unter welchem Namen man 
in dieser Periode vorzugsweise diejenigen verstand, welche in dem 
Gebiet von Moskau Landbesitz hatten, wurden, als Elite des ge- 
sammten niederen Adels, ebenfalls auch in den nicht militairischen 
Yerwaltungszweigen zu den wichtigsten Geschäften benutzt, als 
Woewoden mit der Administration von Provinzen und Kreisen 
betraut, zu Gesandtenposten bestimmt, mit wichtigen Untersu- 
chungen beauftragt und in den Prikasen zu Moskau verwendet. 
In militairischer Hinsicht wurde ihnen, abgesehen von ihrer Ver- 
wendung als Truppe, auch die Führung von kleineren Corps über- 
tragen, wie sie denn später namentlich auch als Obersten zum 
Gommando der nach ausländischem Muster formirten R^menter, 
sowie als Golowen der Strelzenprikase angestellt wurden"). 

Die Shilzen verhielten sich, wie bereits bemerkt, zu der 
Classe der Bojarenkinder, wie die Moskauschen Adligen zu den 
Adligen überhaupt. Im Allgemeinen blieb ihr Yerhältniss gegen 
früher ungeändert, und fanden sie demnach im Zarischen Hof- 
dienst nicht sowohl als Beamte, wie vielmehr als unmittelbare 
Leibwache des Zaren, in Art einer Palasttruppe, Verwendung. 
Beständig, sowohl auf dem Marsch wie im Frieden, mussten 40 
von ihnen in der unmittelbaren Umgebung des Zaren sein, der sie 
auch vielfach zum Ordonnanziren benutzte. Ausserdem wurden 
sie auch zu den verschiedenen Chargen bei den Cavallerie- und 
Infanterietruppen, in der Folge auch zu Offizieren bei den regu- 
lairen Reiter- und Soldatenregimentern verwendet. Ihre Zahl be- 
rechnet Koschichin auf 2000 Mann'), später gab es aber erheb- 
lich mehr. 

Was den eigentlichen militairischen Dienst der vier unter 
dem Namen der Moskauschen Chargen b^riffenen Rangclassen 
angeht, so hatten sie, analog den fdnf höchsten Classen, aber in 
grösserer Zahl und in militairisch brauchbarerer Form und Orga- 
nisation, mit ihrem berittenen und bewaffneten Gefolge eine be^ 
sondere Gardeabtheilung, das so genannte Regiment des Herr- 
schers (Gossudarew Polk) zu bilden. Dasselbe begleitete den 
Zaren in den Krieg, falls er persönlich daran Theil nahm, oder 



wärtigen noch, wie sie denn Oberhaupt bis zu Peter dem Grossen bestanden 
haben; aber nur mehr als eine Art Kammer- und Hofpagen. Aus den Kin- 
dern der drei höchsten Hofchargen ausgewählt, standen sie beim Empfange 
fremder Gesandten zu 4 auf beiden Seiten des Zaren, in Kleidern von weissem 
Dammast, mit Hermelin besetzt, mit weissen hohen Mützen und Stiefeln, in der 
Hand die früher beschriebenen, mit Gold und Silber ausgelegten Beile. (Ko- 
Bchichin. pag. 49.) 

1) KooolüeliiB. U9b. Rud. nnt Alex. Mich. pH* 80- 8) iUd. 8) iliiA. pH* 80. 



— 173 — 

versah einen gleichen Elitendienst bei der Person des Oherwoe- 
woden und den übrigen Truppencommandenren, da es üblich war, 
anch dann, wenn der Zar nicht selbst sich beim Heer befand, 
den einzelnen Corps oder Regimentern desselben eine besondere 
Abtheilung Moskanscher Chargen als Leibwache der betreffenden 
Woewoden zuzuordnen, bei den grösseren Corps und vornehmeren 
Woewoden aus allen vieren, bei den kleineren aber nur aus den 
drei letzten Rangclassen bestehend. 

Das Regiment des Herrsdiers wurde in Centurien (ssotni) 
nach den vier Classen der Moskauschen Chargen eingetheüt, so 
dass es also in demselben besondere Stolnik-, Streaptschen-, adlige 
und Shilzen-Centurien gab'), bestehend aus den betreffenden Char- 
gen und ihrem zum activen Dienst bestimmten Gefolge. Das letz- 
tere, dessen Grösse sich nach dem Besitz der einzelnen Würden- 
träger richtete und danach 5, 6, 10, 20, 30 und 40 Mann be- 
trug, ausschliesslich der bei dem Gepäck befindlichen Leute*), 
wurde somit denselben Centurien zugetheilt, in denen sich ihre 
Herren befanden und stand in der Front unmittelbar hinter den- 
selben'), so zwar, dass jeder derselben als ächter Lehnsherr an 
der Spitze seiner Mannen zu k&npfen hatte. Jede Centurie stand 
unter einem Golowa (golowa) oder Chef, und hatte ihre Lieute- 
nants (partMschiki) und Fabnenträger (snamenschtschihi) , sowie 
eine Anzahl von Trompetern und Paukern, die zumeist aus dem 
Hofgesinde der Golowen entnommen waren. Als Feldzeichen führ- 
ten die Centurien grosse Reiterfahnen. Uebrigens hatten diese 
Truppen kein Exercitium und kannten auch keine Fechtordnung, 
sondern Jeder marschirte und kämpfte nur unter der Fahne, der 
er zugeschrieben war*). — Viel Volk, wenig Soldaten. — 

Wie viel Centurien es von jeder der vier verschiedenen Arten 
gab, ist nicht bekannt; nach den oben angegebenen Zahlen würde 
man unter Alexej Michailowitsch 5 Stolnik-, 8 Streaptschen-, 
? adlige und 20 Shilzen- Centurien zu rechnen haben. Im Jahre 
1658 waren beim Empfang des Grusischen Zaren Teimuras 8 Cen- 
turien Moskauscher Chargen commandirt, und zwar: die 3. und 
4. Stolnik- Centurie des Fürsten A. A. GoUzyn und des Stolnik 
M. W. Scheremetjew, die 2. und 3. Streaptschen- Centurie unter 
R. M. Streschnew und dem Stolnik J. B. Miloslawskoj, die 5. adlige 
Centurie des Stolnik Fürsten A. A. Lykow, die 5. 7. und 8. Shil- 
zen-Centurie des 0. I. Ssukin, des M. L. Pleschtscheew und des 
Fürsten L N. Borjatinskij*). 

Aus den Moskauschen Chargen seines Regiments wählte der 
Zar 1000 gute und zuverlässige Leute aus, die als seine unmit- 



1) Be^lMV. Ueb. d. Rn«. Heer «ai Hioh. Faod. b. x. d. Raf. Pat d. Gr. pH- ^ 2) Ko- 
•ehiehin. ü«b. Rom], «at Aln. Hieb. fag. 108, 104. 8) Rflober d. RMmd. II. pa«. 1168. 4) K»- 
■eblehfai. üab. Raul, vat Ales. Mieh. VH. 108. 6) Reljaew. üeb. d. Rim. Heer nnt. Hieb. Fteod. 
b. X. d. Ref. Pek d. Gr. pag. 0. Aam. 80. 



— 174 — 

telbare Leibgarde in und ausser dem Gefecht seine Person be» 
ständig zu umgeben, und namentlich auch das Hauptbanner des 
Heeres, die Zarenfahne, zu bewachen hatten. Ebenso wählten die 
Bojaren und Woewoden aus ihren Regimentern «zur eigenen Ehre 
und zur Bewachung der ihnen vom Zaren verliehenen Zaren- und 
ihrer eigenen Bojarenfahnen» je 100 Mann nach ihrem Belieben 
ausO- Diese Mannschaften scheinen dann besondere Eliten-Cen- 
turien gebildet zu haben, wie sich denn z. B. im Jahre 1679 
Stolniki der ausgesuchten Centurie (stolniki wybomye ssofni) 
erwähnt finden'). Wahrscheinlich bezieht sich auf diese Truppe 
auch das, was der Dänische Ministerresident Magnus Gei erzählt, 
dass er nämlich im Jahre 1673 in dem gegen die Türken und Ta- 
taren bestimmten Heere eine ausgesuchte Centurie der Stolniki, 
Hofleute und Falkoniere gesehen habe, die er als eine vorzügliche 
Cavallerie lobt'). 

Unter Feodor IH. Alexeewitsch wurde im Jahre 1682 eine 
wesentliche Veränderung in der Organisation der Moskauschen 
Chargen eingeführt, nach welcher dieselben zwar wie bisher zum 
activen Kriegsdienst verpflichtet blieben, aber ihre Eintheilung nicht 
mehr in Centurien, sondern in Compagnien von je 60 Mann 
erhielten, welche an Stelle der früheren Golowen unter Rittmeistern 
und Lieutenants stehen sollten; je 6 Compagnien hatten ein Re- 
giment unter dem Commando des ältesten Rittmeisters zu bilden*). 
Diese regulairere Organisation scheint wirklich zur Ausführung 
gekommen zu sein, denn im Jahre 1689 standen auf dem Zuge 
Golizyns nach der Krym die daran Theil nehmenden Moskauschen 
Chargen in der That unter Rittmeistern und Lieutenants, wäh- 
rend ihre übrigen Chargen die Fähnriche (chortmshie), Wagen- 
meister {obos^tye dosorschischihi), Quartiermeister {sdimschtschiki) 
und Lagermeister {storoahcstawzy) waren*). 

Im Frieden figurirten die Moskauschen Chargen bei verschie- 
denen Ceremonien und Hoffestlichkeiten, beim Empfang von Ge- 
sandtschaften oder Fürstlichen Personen, als ein ausgesuchtes 
Mustercorps, dessen vorzügliche Gewandtheit und glänzende Er- 
scheinung alle Ausländer jener Zeit, welche Gelegenheit hatten, 
sie zu sehen, nicht genug loben können. Bisweilen wurden auch 
Abtheilungen dieser Truppen zur Begleitung von Russischen Ge- 
sandtschaften nach anderen Ländern commandirt. Im Allgemeinen 
war im Frieden nur ein Theil der Moskauschen Chargen im Dienst, 
und zwar wechselten sie darin anfangs alle halbe Jahre in der 
Art ab, dass während die eine Hälfte in Moskau Dienste that, 
die andere auf ihren Gütern lebte, bis die Tour an sie kam oder 
ein grösseres Aufgebot erfolgte*). Unter Alexej Michailowitsch 

n KoKhkhiB. üeK Rud. nnt AI«. Mick. piff. 108, 104. 2) Bttcher d. BMrwd. TL 

n. 1279. Ann. 1. 8^ Sapplem. c d. klst Actoo.yi. N. 04. 4) Gct.8aaaLU. H. 905. - SuftmL 
{feuteri. a. Vartr. IV. H. 130. h\ 0«. Samml. UL N. 1343. 6) Be^MW. Ueb. d. Bwiii Hmt 
ut. Mkh. Feod. K i. d. Ref. P«t. d. Gr. pag. 0. Anm. 21. 



— 175 — 

wurden im Jahre 1653 alle Stolniki, Streaptschi, Moskauschen 
Adligen und Shilzen für den Friedensdienst in vier*), und unter 
Peter I. am 17. Juny 1683 in fünf Ablösungen eingetheilt, mit 
der Bestimmung, dass jede derselben der Reihe nach immer drei 
Monate in Moskau im Dienst sein sollte'). 

In späterer Zeit fing man an, bei den Stolniki und Streaptschi 
den Militair- und Civildienst zu trennen, so dass dann nur ein Theil 
derselben, die so genannten Marsch- (jpochodnye) Stolniki resp. 
Streaptschi, im Gegensatz zu den amtirenden {tschinoivnyey\ 
ausschliesslich dazu bestimmt waren, den Zaren auf den Kriegs- 
zügen zu begleiten, zu welchem Zweck sie in drei Abtheilungen 
fOr Sommer-, Herbst- und Wintermärsche getheilt wurden*); ausser- 
dem zerfielen die Stolniki dann noch in Kammer- (komnatnye) und 
nicht Kammer- (neJcomnatnye) Stolniki*)- 

Hinsichtlich der Gesammtzahl der Moskauschen Chargen 
liegen genaue Angaben nicht vor. Beispielsweise befanden sich 
im Jahre 1633 bei dem zur Ablösung der Truppen vor Smolensk 
bestimmten Heer 461 Stolniki, 125 Streaptschi, 761 Moskausche 
Adlige und 591 Shilzen mit einem Gefolge von 1943 Mann*). 
Ebenso waren im Jahre 1679 in dem gegen die Türken und Ta- 
taren in der Ukraine aufgestellten Heer, bei dem der Zar sich 
nicht befand, 211 Stolniki, 538 Streaptschi, 897 Moskausche 
Adlige und 2728 Shilzen^. Nach dem Verzeichniss der Regi- 
menter aus dem letzten Jahre der Regierung Feodor's HI. Alexee- 
witsch gab es im grossen Regiment 3761, im Moskauschen Ras- 
read aber 2336, im Ganzen also 6097 Moskausche Chargen und 
11,830 Mann ihres Gefolges*). 

Zur Ermittelung dieser Zahlen, sowie überhaupt zur Control- 
lirung und Musterung der Chargen, wurden von Zeit zu Zeit Re- 
vuen angestellt. So war z. B. am 19. November 1675 eine solche 
vor dem Grossfürsten in Moskau für alle Stolniki, Streaptschi, 
Moskauschen Adligen und Shilzen des Regiments des Grossherm 
und der Regimenter der Bojaren und Woewoden angesagt**); ebenso 
wurde eine solche am 20. März 1677 angeordnet, und zwar für 
die Stolniki und Streaptschi zum 21., für die Adligen zum 22. 
und für die Shilzen zum 23. März*'). Auch am 23. May 1700 
wurden alle Zarischen Stolniki und Streaptschi, die Stolniki der 
Grossfürstinnen -Zarizen und die Shilzen, welche an Erb- und 
Lehnsland 40 und mehr Bauerhöfe besassen, für den 1 5. Juny zu 
einer Musterung nach Moskau einberufen"). 

Die Einrichtung der Moskauschen Chargen bestand bis ins 



1) G«8. Samml. T. N. 100. 2) ibid. 11. N. 102.3. 3) Bftcher 4. Bosread. II. pag. 107&. 
4) Om. Samml. O. K. 1850, 1504, 1524, I5:)7. 5) Sramewakij. D. Koataacbowsche Manch. Milit 
SammL IS60. N. 1. pag. 59, 67. 6) Btteher d. Boaraad. IL pag. 550 bia 55(>. 7) ibid. pag. 1192 
bia 1200. S. Beilage N. 9. 8) üat^ftlow. D. Boas. Heer vor Peter d. Gr. pag. 10. 9) Qm. Samml. 
I. N. «12. 10) ibid. II. N. 685. 11) ibid. IT. N. 1782. 



— 176 — 

18. Jahrhundert hinein. Im Jahre 1700 am 9. August zum Marsche 
gegen die Schweden nach Nowgorod aufgeboten^), fochten sie bei 
Narwa mit; ebenso wurden sie am 17. März 1702 nach Pskow, 
Ladoga und Dorogobush zu den Heeren Scheremetjew's, Apraxin's 
und Schachowskoj's'), und am 1. Februar 170G nach Pensa zu 
dem Kriegszug gegen Persien einbeorderf*). In demselben Jahre 
wurde aber durch Erlass vom 29. März die Aufhebung ihres bis- 
herigen Dienstes und ihre Einstellung als Offiziere oder Gemeine 
bei den regulairen Cavallerietruppen angeordnet*). Indessen kam 
dieser Befehl nicht sogleich zur Ausführung; vielmehr wurden sie 
am 11. Juni bereits wieder in Anspruch genommen und dabei in 
drei Classen getheilt, von denen die 1. nach Smolensk, die 2. 
nach Brjansk gehen, die 3. aber von je 50 Höfen einen Reiter als 
Rekruten stellen sollte^). Am 13. Juny 1707 wurde es dem Be- 
lieben der Moskauschen Chargen anheim gestellt, ob sie noch 
weiter dienen wollten oder nicht*), und am 5. Januar 1708 der 
Befehl vom Jahre 1706 über die Aufhebung ihres alten Dienst- 
verhältnisses wiederholt^). Wenngleich nun auch im April®) und 
May*) dieses Jahres noch einmal Aufgebote derselben gegen die 
Bulawinschen Rebellen erfolgten, so war dies doch nur eine durch 
den Drang der Umstände und die momentane Verlegenheit er- 
zeugte Massregel, die ihre beschlossene und decretirte Auflösung 
nicht mehr abwenden konnte, welche vielmehr nun zur definitiven 
Ausführung kam. 

7) Die Djaken {djaki), von denen bereits in der vorigen 
Periode gesprochen ist, waren zunächst nicht sowohl Mitglieder 
des Combattantenstandes, als vielmehr militairische oder über- 
haupt Canzeleibeamte. Im Range zwischen den Moskauschen Adli- 
gen und Shilzen stehend, wurden sie den Bojaren, Okolnitschi, 
Duma- und nahen Leuten bei allen ihren verschiedenen Dienst- 
functionen als Truppenführer, bei den Gesandtschaften, in den 
Stadtverwaltungen und Prikasen als Geliülfen und selbst als Stell- 
vertreter beigegeben*"^). Später formirte man aus ihnen auch be- 
sondere Compagnien zu Pferde, wie sich denn 1694 bei dem so 
genannten Koshuchowschen Marsch in der Abtheilung des Fürsten 
Buturlin 

2 Compagnien Djaken unter dem General Iwan Goltz und 

dem Generalmajor Andreas Zei 
befanden, deren jede ausserdem noch 1 Lieutenant hatte''). 
Ebenso wurde noch am 9. Juny 1707 bestimmt, dass die Djaken, 
welche in Moskau in den Prikasen oder sonst beschäftigt waren, 
sowie auch die nicht angestellten, mit vollständiger Reiterrüstung, 



1) ibid. N. 181 1. 2) ibid. N. 1013. 3) ibid. N. 2090. 4) ibid. N. 8100. 5) ibid. N. 2111, 
2112, 2114. G) ibid. N. 2152. 7) ibid. N. 21S3. s) ibid. N. 21v7. 0) ibid. N. 2n»9. 10) Ko- 
lehichin. Ueb. Bunl. unt Alex. Mich. pi«. 20. 11) Saemevskij. D. Koabnchowache Manch. Milit. 
Samml. m60. N. ]. pag. 59. - Nachr. t. d erat Man. not. Peter I. Milit Joarn. 1H30. N. 1. pag. 63. 



— 177 — 

WafFen und Leuten im Regiment sein sollten; die Zahl ihres Ge- 
folges wurde auf 200 Mann excl. der bei der Bagage festgesetzt, 
welche sie selbst unter sieh zu vertheilen hatten*). 

Die Gesammtzahl aller Djaken in den Prikasen, in den Stadt- 
verwaltungen und bei den Woewoden belief sich übrigens auf 
etwa 100 Mann*). 

b. lie Sibirischen, Kassln^wscbeii unii anilereii Zarewitsche. Unter 
den beiden ersteren verstand man die zum Christenglauben über- 
getretenen Nachkommen der ehemaligen Sibirischen Chane, die 
nach der Eroberung dieses Landes durch Ermak seit dem Jahre 
1582 unter Russische Botmässigkeit gekommen waren. Dieselben 
hatten für ihre Person einen höheren Rang als die Bojaren, 
Sassen aber nicht in der Duma. Ihr Dienst bestand darin, den 
Zaren beim Kirchgang zu begleiten und sich alle Tage zur Be- 
zeugung der Ehrfurcht persönlich bei ihm einzufinden*); auch 
wurden sie ihrem Range und ihren Fähigkeiten entsprechend zu 
den höheren Commandostellen beim Heer verwendet*), zu dessen 
streitbarer Mannschaft dann noch Leute ihres Gefolges stiessen. 
So befanden sich unter den Truppen, die an den Koshuchowschen 
Manövern 1694 Theil nahmen, auch 

1 Compagnie Hofleute des Kassimowschen Zarewitsch Iwan 
Wassi^ewitsch mit 2 Lieutenants, 

2 Compagnien zu Pferde des unter dem Sibirischen Zare- 
witsch Wassilej Alexeewitsch stehenden Kishelskischen Ras- 
reades.*) 

In ähnlidien Verhältnissen befanden sich die Grusischen und 
Imeretischen Zaren, die im Laufe dieser Periode meistentheils aus 
freien Stücken unter die Russische Oberhoheit traten*); ihnen 
wurden in Russland die Ehren eines Zarensohnes erwiesen'). 

c Bfe AdligeB uil lijareiikiiiiier. Diese beiden Classen, die in 
der vorigen Periode an Zahl und Werth den Hauptbestandtheil 
der Russischen Heere ausgemacht hatten, kamen im Laufe dieser 
Periode allmählig immer mehr herab. Eines Theiles war ihre 
Zahl in den früheren Kriegen, eben weil sie als Haupttheil des 
Heeres vorzugsweise die Lasten und Gefahren des Dienstes zu 
tragen gehabt hatten, bedeutend zusammengeschmolzen; anderen 
Theils befand sich ihr Landbesitz in Folge langer Abwesenheit 
der Herren im Dienst und in der Gefangenschaft in einem so ver- 
wahrlosten Zustande, oder war durch wiederholte Theilung bei 
der Vererbung so zerstückelt, dass viele Angehörige dieser Classen 
ihren früheren Dienstverpflichtungen nicht mehr genügen konnten. 
Da aber nichts desto weniger diese Pflichten und überhaupt die 



1) G«f. Samml. IV. N. 2151. 2) Kocchichin. üeb. Banl. niit Alex. Mich. pag. 92. 8) ibid. 

C«. 21. 4) Bflcber d. Baaread.. H. pag. 10B3, 1093. 5) Saemewilcij. D. Kosbnchowiebe Manch, 
tut Samml. 1800. N. 1. pag. 60, 62. — Naohr. t. d. erst Man. ant. Peter I. Milit Joim. 1880. 
N. 1. pag. 67. — S. Beilage H. 12. 6) Acten d. Aroh. Exped. IV. K. lOa — Ges. Samml. I. N. 44, 
98, 568. 7) KoMshichin. Ueb. BumI. mit Alex. Mich. pag. 21. 

Briz, OMch. d. alt. Rvm. HMrasaInrichi. 12 



— 178 — 

an sie gemachten Ansprüche beständig die alten blieben, so konnte 
nur ein verhältnissmässig geringer Theil der Adligen und Bojaren- 
kinder noch im Felde in der früheren Art Dienste thun, während 
die übrigen sich auf den Stadtdienst zu Fuss beschränkt oder 
zum Eintritt in die neuen Formationen der ausländischen Ord- 
nung genöthigt sahen. Jene ersteren gehörten aber dann über- 
haupt nicht mehr zu den Feldtruppen, sondern traten in das Ver- 
hältniss localer oder Besatzungstruppen, wesshalb sie dann auch 
den Namen der Besatzungs- (ossadnyc) Adligen und Bojaren- 
kinder erhielten. Es wird von diesen und den übrigen derartigen 
Elementen an einer andern Stelle noch näher die Rede sein. 

Was dagegen die zum eigentlichen Felddienst bestimmten 
Adligen und Bojarenkinder betrifft, die man zum Unterschied von 
den Moskauschen Chargen auch wohl «städtische» {ßorodowye) 
im weiteren Sinne des Wortes nannte, so zerfielen dieselben, ab- 
gesehen von ihrer Eintheilung in Gehaltsclassen, von der bei der 
Verpflegung zu sprechen sein wird, in drei Kategorien: aus- 
gesuchte (wyhoniye)^ Hof- (dworowyfi) und Stadt- (gorodo- 
ivye) Adlige und Bojarenkinder, die letztere Bezeichnung im en- 
geren Sinne gebraucht. Hiervon hatte die erste Classe den höch- 
sten, die letzte den geringsten Rang, so zwar dass Versetzungen 
in eine höhere Classe als Belohnungen, in eine niedrigere als Be- 
strafung angesehen und verftlgt wurden. 

Im Allgemeinen blieb die Einrichtung und der Dienst 
der Adligen und Bojarenkinder ganz in der alten Art geordnet. 
Demnach bildeten diese beiden Classen im Kriege, analog den 
Moskauschen Chargen, wie schon in der vorigen Periode, beson- 
dere Truppenabtheilungen in den Russischen Heeren, die stadt- 
weise zusammengestellt und in Centurien eingetheilt wurden, 
welche unter Golowen standen. Hierbei wurden gewöhnlich die 
ausgesuchten Adligen und Bojarenkinder der zu einem Marsch 
aufgebotenen Städte in besonderen Eliten -Abtheilungen formirt, 
während andere aus den Hof- und Stadtadligen und Bojarenkin- 
dern gebildet wurden, wie dies in der Folge bei der Organisation 
der Stadtregimen tcr noch näher besprochen werden wird. 

Ausser dieser Verwendung als fechtende Truppe wurden aber 
die Mitglieder der genannten Classen noch zu Anführern von klei- 
nen Truppenabtheilungen aller Art bestimmt, namentlich auch zu 
Golowen der gleich nachher zu besprechenden Streif- und stehen- 
den Wachen, die man gegen den Feind sendete; zu Anführern 
der Mannschaften, welche zur Besetzung und Vertheidigung der 
Städte und Verhaulinien aufgeboten wurden, zu Golowen und 
Centurionen der Strelzen, zu Commandeuren der in Sibirien be- 
findhchen Truppen verschiedener Art; die besseren auch zu Go- 
lowen der aus ihnen selbst gebildeten Centurien. Später benutzte 
man sie namentlich auch zu den Offizierchargen bei den neuen 



— 179 — 

regulairen Truppen. Ferner wurden noch besonders aufigesuehte 
A^ge und die besten Bojarenkinder als Ordonnanzen und Cou- 
riere der Woewoden und anderen Anführer verwendet, in welchem 
Verhältniss sie, wie es mehrfach in den Instructionen darüber 
heisst, «in allen Verschickungen reiten und umsonst im Dienst 
nicht leben» sollten. Im Uebrigen war aber der Dienst aller drei 
Classen ganz gleich, wie denn wiederholentlich ausdrücklich befoh- 
len wurde, dass die höheren Classen auf Kosten der niedrigeren 
im Dienste durchaus nicht bevorzugt werden sollten. 

Eine besondere Art der Adligen und Bojarenkinder, die in 
der vorigen Periode noch nicht bestanden hatte, waren die so 
genannten Stanizen-Bojarenkinder (stanitschnye deti bo- 
jarskie, stanitschniki) ^ besonders zur Ausübung des Recognosci- 
rungs- und Kundschaftsdienstes, zur Vertheidigung der Grenzen 
und zum Führen der Truppen im Felde bestimmte Mannschaften. 
Da nämlich Russland, welches zu jener Zeit der eigentlich stehen- 
den Truppen noch entbehrte, fortwährend im Süden von den Ein- 
fallen der Tataren sich bedroht sah, so kam es vor allen Dingen 
darauf an, diese Einfalle so zeitig zu entdecken, dass man noch 
Zeit hatte, zur Abwehr derselben die nöthigen Truppen zusammen 
zu ziehen, ehe jene die bewohnten Gegenden des Reiches erreichten- 
Zu diesem Zwecke wurden alljährlich im Frülqahr aus den an den 
südlichen Grenzen des Reiches liegenden Städten gewisse Abthei- 
lungen in die denselben vorliegenden Steppen gesendet, um dar 
selbst für die Dauer des Sommers bis zum Eintritt des Frostes 
ein grossartiges Vorpostensystem zu bilden. Während nämlich 
einzelne dieser Abtheilungen — Wachen (storoshi) genannt — sich 
an bestimmten Punkten, in Art von Feldwachen bleibend etablir- 
ten, gingen andere — Stanizen {stanijsy) — von der durch 
jene gebildeten Basis weit in die Steppen hinein vor, und durch- 
streiften dieselben nach allen Richtungen, um rechtzeitig etwa 
beabsichtigte Einfälle der Nogaischen oder Krymschen Tataren zu 
entdecken. Von der Bezeichnung dieser Gommandos als Stanizen, 
unter welchem Namen man übrigens zu jener Zeit überhaupt eine 
Streifparthie verstand, die im Kriege zur Recognoscirung des Ter- 
rains, Ermittelung der Stellung, Stärke und Marschrichtung des 
Feindes in der Richtung gegen denselben vorgesendet wurde, 
nannte man eben die Bojarenkinder, welche sie bildeten, Stanizen- 
Bojarenkinder*). 

üeber Zweck und Einrichtung dieser Stanizen {staniay) 
giebt es einen ziemlich speciellen Erlass des Zaren Michaile Feo- 
dorowitsch vom 1. März 1623'), in welchem aufs Genauste ange- 
geben ist, wann und wohin die einzelnen Streifwadien zu geh^ 



1) Golbytt. OaKh. d. OffMmMftbas. MUit Journ. 1867. N. 8. pi«. 66. %) Bftekw i 
i. pi«. 941 Ufl 97& 

12* 



— 180 — ^ 

hatten. Solcher Stanizen gab es danach in Belgarod 40 — welche 
Zahl seit dem Jahre 1632 bis auf 33 vermindert war*) — und 
in Oskol 20, von welchen der eine Theil von der Eröflfnung der 
Operationen an während der ersten Hälfte, der andere aber wäh- 
rend der zweiten Hälfte des Sommers bis zum Eintritt des Win- 
ters die Ukraineschen Steppen zu durchstreifen hatte. Jede dieser 
Abtheilungen bestand aus 10 Bojarenkindern, nämhch 1 Golowa, 
1 Ataman, 6 Reitern (esdoki) und 2 Führern {woshi) oder Aus- 
rückenden (ivyesshiey). Hierzu wurden 1625 noch 24 Stanizen 
in Woluika errichtet, je aus 1 Ataman und 5 Reitern bestehend"). 
Die Einrichtung der letzteren war bis 1626 vollendet, und blieben 
die Stanizen dann in dieser Art bis zum Jahre 1636, dem letzten 
Zeitpunkt, bis zu welchem fortlaufende Rasreade erhalten sind. 
Die Gesammtzahl der Stanitschniki betrug somit zur Zeit ihrer 
grössten Stärke, d.h. von 1626 bis 1633, 784 Mann, nämlich 
60 Golowen, 84 Atamanen, 480 Reiter und 120 Führer in 84 Sta- 
nizen. Nach einem Verzeichniss vom Jahre 1672*) gab es dag^en 
in 8 Städten noch 503 Mann solcher Bojarenkinder. 

Hinsichtlich des Dienstes dieser Truppen ist anzufilhren, dass 
jeder Staniza ein bestimmter Raum, den sie zu durchstreifen, und 
ein Ort, bis zu dem sie vorzudringen hatte, vorgeschrieben war. 
Trafen die Mannschaften hierbei auf marschirende feindliche Ab- 
theilungen, so mussten sie dieselben umschwärmen und zu ermit- 
teln suchen, wie stark sie waren, welchem Volk sie angehörten 
und wohin sie ihren Marsch richteten. Von dem Resultat dieser 
Forschungen war durch 2 bis 3 Mann Meldung nach dem Orte, 
von wo sie ausgesendet waren, zu schicken, worauf von diesen die 
Nachrichten weiter nach den übrigen Städten der Ukraine imd 
nach Moskau befördert wurden. Die mit der Ueberbringung solcher 
Nachrichten beauftragten Boten mussten Tag und Nacht bis zu 
ihrem Bestimmungsort reiten, und dazu beständig ein Handpferd 
zum Wechseta mit sich führen, wie denn überhaupt jeder Mann 
dieser Stanizen mit zwei guten Pferden beritten sein musste*). 

Die Wachen (storoshi), über deren specielle Einrichtung, Orga- 
nisation und Aufstellung ebenfalls der Erlass vom 1. März 1623*). 
bis in die geringsten Details Vorschriften ertheilt, wurden zwar 
nicht ausschliesslich mit Bojarenkindern, sondern zum Theil auch 
mit Stadtkasaken besetzt, doch dürften sie der Vollständigkeit 
wegen gleich hier mit besprochen werden. Je nachdem dieselben 
aus mehr oder weniger weit entfernten Städten vorgesendet 
waren, unterschied man weite (dalnyja) und nahe (Ukhnija) 
Wachen; ausserdem theilte man sie noch in gemischte (ssmessnye), 
zu denen die Mannschaften aus zwei oder mehreren Städten 



1) ibid. II. pag. 679. 2) ibid. I. pa«. 948,951. 3) ibid. pag. 1138. 4) 0«.8miiiiI. I. N. 622. 
a Beilage N. 7. 5) Bftclier d. Baaread. I. pag. 943 bia 946, 950 bis 9öS. 6; ibid. pag. 941 bis 978. 



— 181 — 

gegeben wurden, und ungemischte (nessmessnye) ^ die nur aus 
Mannschaften einer Stadt bestanden. Die Wachen sollten «Tag 
and Nacht fest, vorsichtig und unablässig stehen, und zwischen 
ihnen häufige Patrouillengänge sein, um die Einfalle der Tataren 
und Tscherkessen zeitig zu entdecken». Zu ihrer Inspicirung 
sollten häufig aus den Städten, zu denen sie gehörten, gute 
Bojarenkinder abgesendet werden. Wachen, die ohne Ablösung 
ihren Posten verliessen, wurden ebenso wie solche Stanizen, 
welche nicht bis zu dem ihnen bestimmten Ort vorgingen, nach 
Maassgabe ihrer Schuld bestraft. 

Was die Zahl, Stärke und Zusammensetzung der einzelnen 
Wachen betriflft, so war dieselbe in folgender Art bemessen: 
In Belgorod gab es 15 Wachen, von denen eine aus Mann- 
schaften von Belgorod und Kursk gemischt, die übrigen unge- 
mischte waren. Davon bestanden: eine aus 6 Posten, 6 aus je 
4, 7 aus je 3 und eine aus 2 Posten; im Ganzen 53 Mann. In 
Oskol gab es 13 ungemischte Wachen, deren Besetzungsstärke 
nicht angegeben ist, und von denen 8 erst 1623 errichtet waren. 
In liwni, wo die Wachen gegen Ende des 16. Jahrhunderts zur 
Beobachtung der damals noch zu Polen gehörenden Kleinrussi- 
schen Kasaken errichtet waren*), gab es 1623 17 ungemischte 
Wachen, und zwar 4 zu je 3, die übrigen 13 zu je 2 Bojaren- 
kindem und ebenso viel Kasaken; im Ganzen also 38 Bojaren- 
kinder und 38 Kasaken = 76 Mann. In Kropiwna: 4 Wachen, 
davon nur eine zu 3 Kasaken eine ungemischte, während von den 
andern 2 aus je 6 eine aus 15 Kasaken bestanden; im Ganzen 
30 Kasaken. In Epifan: 5 gemischte Wachen von unbekannter 
Stärke. In Rjasskoj: 16 Wachen, davon 4 gemischte; die Stärke 
betrug bei 2 Wachen je 6, bei 4 je 4 Mann, 3 bestanden aus 
je 3 Bojarenkindern und 2 Kasaken und 7 aus je 1 Bojarensohn 
und 2 Kasaken; zusammen 16 Bojarenkinder, 20 Kasaken und 
28 Wachposten, oder im Ganzen 64 Mann. In Mzensk: 9 Wachen 
zu 4 Posten = 36 Mann. In Woronash 11 Wachen, wovon eine 
aus 10 unberittenen Leuten auf Schiffen, eine zweite aus 4, eine 
dritte nur aus 1, und die übrigen aus je 3 Wachposten bestanden ', 
im Ganzen also 39 Mann, zu welchen noch bei zwei Wachen je 
1 Centurie kam. Ausserdem waren im Jahre 1623 noch 7 
neue Wadien mit 137 Mann zwischen den Flüssen Don und 
Be\juk gegen die Nagai -Tataren aufgestellt und zwar 3 Wachen 
zu je 3 Wachposten und 4 weite gemischte von je 32 Mann. In 
Dedilow gab es 8 theils nahe theils weite Wachen, deren Stärke 
nicht bekannt ist. In Nowossil: 12 Wachen, davon 5 gemischte, 
deren Stärke bei einer 12, bei 4 je 4, bei 2 je 3 Bojarenkinder 
und Kasaken betrug, bei den übrigen nicht angegeben ist. In 



1) Swweljew. Ibter. i. GMcb. d. Ingm. K. in Buml pig. 26. 



— 182 — 

Donkow: 10 Wachen, von denen jedoch eine im Jahre 1623 
in Folge der Änsiedlung eines Dorfes an ihrem Standort ein- 
ging; Ton den übrigen waren die 1. mit 10, die 2. mit 8, die 
3. mit 2, die 6 übrigen mit je 4 Wachposten besetzt; im Gan- 
zen 44 Mann. In Elez: 8 Wachen, weldie wie die in Liwni 
bereits seit dem Ende des 16. Jahrhunderts existirten^); davon 
waren die 3 ersten gemischte und wie die 4 folgenden mit je 2 
Bojarenkindern und 2 Kasaken besetzt, während auf der 8. die 
K2töaken vom weissen Lande des Prikas Bousch Marakuschew 
standen. In Kursk: 25 Wachen, von denen 4 gemischte; 3 
Wachen bestanden aus je 3 Mann, alle übrigen aus je 3 Bojaren- 
kindem und 1 Kasaken; im Ganzen 97 Mann. In Woluika: 
8 Wachen, davon eine mit 4, alle anderen mit je 2 Wachposten 
besetzt, und 2 weite Wachen mit 4 Mann; im Ganzen 26 Mann. 
In Putiwl gab es von früher her 5 alte Wachen, darunter eine 
gemischte zu 10 und 4 ungemischte zu je 5 Mann; dazu kamen 
1623 noch 3 neue Wachen in gleicher Stärke; im Ganzen also 
8 Wachen mit 45 Mann. In Rylsk 5 Wachen mit 32 Mann, 
nämlich 3 zu je 4, die beiden andern zu je 2 Bojarenkinder und 
Kasaken. 

Im Ganzen gab es somit an den bezeichneten Orten im Jahre 
1623 182 Wachen, deren totale Besatzungsstärke mit Rücksicht 
darauf, dass 150 derselben mit 775 Mann besetzt waren, auf etwa 
930 Mann zu veranschlagen sein möchte. Die einzelnen Wachen 
waren übrigens i bis 300 Werste von der zugehörigen Stadt und 
1 bis 150 Werste von einander entfernt. 

Noch eine andere Art der Bojarenkinder waren die der 
Zarin, welche derselben fttr den Ehren- und Sicherheitswacht- 
dienst und als Ordonnanzen zugetheilt waren; ebenso gab es 
auch noch Bojarenkinder bei den geistlichen hohen Würden- 
trägern bis selbst zu den Bischöfen hinab; welche letzteren in 
3 Classen getheilt und auch unter Umständen zum Kriegsdienst 
herangezogen wurden. 

Im Frieden lebten die Adligen und Bojarenkinder in den 
verschiedenen Gegenden Russlands zerstreut, entweder in den 
Städten selbst, oder im Gebiet derselben auf ihren Erb- oder 
Lehnsgütern, theils mit ihrer eigenen Oeconomie beschäftigt, 
theils bei der Civilverwaltung angestellt, in welcher dieselben in 
den verschiedensten Aemtem Verwendung fanden. Letzteres gilt 
namentlich von den Adligen, die als Stadtwoewoden , Gerichts- 
starosten {gubnye starosty) sowie zu den verschiedenen Ehren- 
posten bei den Polizeibehörden und Statthalterschaften verwendet 
wurden, während die Bojarenkinder vornehmlich als Polizei- 
inspectoren (pristawy)^ Land- (semskie) und Gerichtsstarosten, 

1) lUd. 



— 183 — 

Geschworene (juelowalniki) etc. Anstellung fanden. Ausserdem 
wurden beide Classen noch als Couriere (rossylschtschiJci) bei den 
Woewoden zu Verschickungen aller Art benutzt. 

In Bezug auf die Gesammtzahl der Adligen und Bojaren- 
kinder ist im Allgemeinen zu bemerken, dass dieselbe aus den 
bereits früher angegebenen Gründen sich nicht nur erheblich gegen 
ehemals vermindert hatte, sondern eigentlich in beständigem Ab- 
nehmen begriffen war. So gab es z. B. 1625 in den 106 Städten, 
von deren Besatzungsstärke die Beilage Nr. 2 detaillirte Angaben 
enthält, nur 17,533 Adlige und Bojarenkinder zu Pferde und 
1485 zu Fuss. Nach einem Verzeichniss der Truppen verschie- 
dener Städte vom Jahre 1672 (s. Beilage Nr. 7) gab es in 77 
Städten nur mehr 3921 Bojarenkinder im Regiments- und 14,432 
im Stadtdienst-, während endlich nach einem Verzeichniss der 
Regimenter aus den letzten Jahren der Regierung Feodor's EI. 
Alexeewitsch*) in den 9 verschiedenen Corps, in welche das 
Russische Heer damals getheilt war, die Gesammtstärke der 
Adligen und Bojarenkinder des Regimentsdienstes auf 9712 
berechnet wird. 

Analog den Moskauschen Chargen fanden auch bei den jetzt 
in Rede stehenden Truppenclassen von Zeit zu Zeit Musterungen 
Statt, von denen im 2. Capitel bei der Ergänzung der Truppen 
specieller die Rede sein wird. Ueberhaupt hatte die ganze Ein- 
richtung der Adligen und Bojarenkinder wesentlich dieselben 
Grundlagen und Formen wie die der Moskauschen Chargen, 
wesshalb sie in ihrer letzten Verwendung und endlichen Auflösung 
unter Peter dem Grossen fast ganz dieselben Phasen wie jene 
durchzumachen hatten. Mit Rücksicht auf das darüber bereits 
bei jenen Gesagte, kann man daher auch für sie das Jahr 1708 
als dasjenige betrachten, welches diese altnationale Heeresein- 
richtung Russlands definitiv beseitigte. 

d. Me NeHgetaaften , lursen und Tataren bildeten die 4. Ab- 
theilung der Russischen Cavallerie. Dieselbe bestand aus den 
kriegerischen Bewohnern der schon in der vorigen Periode unter- 
worfenen Chanate Kasan und Astrachan, und zerfiel in zwei Ab- 
theilungen, eine höhere und eine niedere, von denen die der 
ersteren zugehörigen: Neugetaufte und Mursen des Moskauschen 
Ranges hiessen'). Im Uebrigen wohnte ein Theil nach Art der 
Adligen und Bojarenkinder in oder in der Nähe der verschiedenen 
Städte des Russischen Reiches, ein anderer nomadisirte in den 
Steppen von Astrachan in alter Art herum. Jene wurden nach 
den betrefl'enden Städten, z. B. Romanowsche, Jaroslawsche, 
Perejäslawsche etc., diese von den Jurten oder Filzzelten, die 



I) Uitrjiloiv. D. BoflB. Heer tot Peter d. Gr. pag. 10. 2) Beljaew. Ueb. d. Bon. Heer nnt, 
Hieb. Feod. b. s. d. Bef. Fet. d. Gr. pag. 17. Anm. 40, 



— 184 — 

ihre einzige Wohnung bildeten, Jurten- (Jurtowsskie) Tataren 
genannt. Die einen wie die anderen standen hinsicntlich der 
Verwaltung ihrer innem Angelegenheiten unter ihren Zarewitschen 
oder früheren Chanen, den Fürsten {knjasy), Mursen {mursy), 
Usdenen {usdeni)^ Golowen, die bei den nomadisirenden Ta- 
taren Tabungolowen (tabunnye) Wessen, und Atamanen, welche 
Chargen gleichzeitig ihre Anführer im Kriege waren. Die 
gesammte Streitkraft der Tataren belief sich im Jahre 1625 (s. 
Beilage Nr. 2) auf 4013 Mann. Eine besonders bevorrechtigte 
Classe waren die Tarchanen (tarchany), deren Zahl sich 1625 
auf 180»), 1636 aber auf 131*) belief. Im Fall eines allgemeinen 
Aufgebotes im Lande rückten dieselben unter eigenen Golowen 
und Centurionen ins Feld. 

Von den übrigen Völkern Tatarischen Stammes, die zu jener 
Zeit theils Russland schon gehorchten, theils erst unterworfen 
wurden, wird an einer anderen Stelle gesprochen werden, da ihr 
Verhältniss zum Russischen Reich, namentlich in militairischer 
Hinsicht, ein wesentlich anderes war. 

e. Me Stadtkasaken lu Pferde kommen in dieser Periode in 
zwei wesentlich verschiedenen Arten vor. Ein Theil derselben 
hatte, anfangs nur für die Kriegszeit angeworben, allmählig für 
seine geleisteten Dienste Land zum Lehn erhalten, und war so 
namentlich auch hinsichtlich der kriegerischen Leistungen in die 
Rechte und Pflichten der Adligen und Bojarenkinder getreten. 
Es waren dies die sogenannten Reg im entskasak en {polkowye 
hasaki) , die fast ausschliesslich zu Pferde dienten und von denen 
wahrscheinlich auch diejenigen Mannschaften entnommen wurden, 
welche, wie bereits bemerkt, mit den Stanizen-Bojarenkindern zu- 
sammen zur Ausführung des Sicherheits- und Kundschaftsdienstes 
auf den Wachen verwendet wurden. 

Der andere Theil, die eigentlichen Stadtkasaken im 
engeren Sinne, stand in gleichen Rechten und Dienstverhältnissen 
mit den Strelzen und hatte in seiner ganzen Organisation so viel 
Analoges mit denselben, dass es schwer zu sagen ist, worin der 
Unterschied zwischen beiden eigentlich bestand. Nicht nur, dass 
sie namentlich in den kleineren Städten mit den Strelzen oft in 
denselben Abtheilungen unter gemeinschaftlichen Anführern stan- 
den, sondern sie wurden auch nicht selten durch einfache Um- 
änderung des Namens in solche verwandelt. In manchen Städten, 
namentlich in den grösseren, bildeten sie freilich auch besondere 
Abtheilungen, aber dieselben waren ganz ebenso wie die der 
Strelzen eingerichtet und führten auch bisweilen, wie bei diesen 
den Namen von Prikasen*). Die eigentlichen Stadtkasaken zer- 



1) ]»cb«r d. BMTcad. I. iMg. 1145 bis 1147. 2) ibid. U. p«g. 926 bi« 930. 3) B«cber d. Bamiid. 
g. 92, 93, 663, 669, 660, 970; II. ptg. 347. 



— 185 — 

fielen in reitende und Fusskasaken, was indessen keinen scharfen 
Unterschied begründet zu haben scheint, da sich bisweilen in 
einer Stadt eine bestimmte Anzahl von Easaken das eine Jahr 
als berittene, das andere als zu Fuss in den Rasreadverzeich- 
nissen angegeben findet. Hinsichtlich der Verpflegung zerfielen 
sie in belehnte (jpomestnye) und besoldelte (kormotvye). Eine 
besondere Art der ersteren waren die sogenannten Kasaken vom 
weissen — d. h. steuerfreien — Lande (behmestnye) ^ wahr- 
scheinlich solche, denen zur Belohnung fiir geleistete Dienste die 
Steuern von ihrem Lehnslande erlassen waren. Ausserdem gab 
es noch sogenannte Wachkasaken (storoshetoye) , worunter man 
diejenigen verstehen zu müssen scheint, welche zur Bewachung 
der verschiedenen Befestigungslinien, mit denen sich Russland 
namentlich im Süden gegen die Ein&Ue seiner unruhigen Nach- 
barn zu schützen suchte, bestimmt waren; wenigstens war dies 
unter Alexej Michailowitsch der Fall, und rechnete man ihre 
Zahl damals auf 15,000 Mann*). 

Die Organisation und die Chargen der Stadtkasaken 
waren bei den zwei Hauptarten derselben verschieden; die Regi- 
mentskasaken wurden analog den Adligen und Bojarenkindem in 
Centurien, bisweilen auch in Stanizen unter Golowen, Atamanen 
und Jassaulen eingetheilt, während die eigentlichen Stadtkasaken 
wie die Strelzen in Centurien, bisweilen auch in Prikasen unter 
Golowen und Centurionen organisirt waren. 

Die Adligen, Bojarenkinder, Tataren, und die in den Rechten 
der ersteren stehenden Stadtkasaken hatten im Allgemeinen eine 
gleiche Organisation und bildeten in den verschiedenen Städten, 
zu denen sie gehörten und nach welchen sie benannt wurden, 
die sogenannten Stadtregimenter derselben. 

•ie trganisatfoii der StadtreglMenter. Alle Mannschaften der 
Stadtregimenter zerfielen zunächst in zwei Hauptabtheilungen, 
nämlich: 1) in solche, die zum Ausmarsch ins Feld bestimmt 
waren, und 2) in solche, die als Besatzung in der Stadt zu 
verbleiben hatten. Von den letzteren, die also ihrem Zwecke 
nach den heutigen Garnisonstruppen entsprechen würden, wird 
an einer anderen Stelle noch näher gesprochen werden. Die 
zum Feld- oder, wie man damals sagte, zum Regimentsdienst 
bestimmten Truppen der Stadtregimenter hatten im Frieden 
keine feste Organisation oder taktische Eintheilung, sondern 
standen im Allgemeinen unter den Civilbehörden , wenngleich im 
Rasread specieUe Stammlisten über sie geführt wurden. In den- 
selben waren sie anfangs in drei — eine grosse, mittlere und 
kleine — , später in fünf Verpflegungsclassen eingetheilt, welche, 

1) 8nw6lj0w. Mtter. %. 0«Bch. d. Ingoi. K. in BnasL pig. 81. 



— 186 — 

abgesehen von dem Unterschiede ihrer Gehaltscompetenzen, sonst 
in ganz gleicher Art dienten. Ausserdem wurden die Mann- 
schaften der Stadtregimenter fttr gewisse regehnässig wieder- 
kehrende Dienstleistungen, z. B. bei dem im Anfang dieser Periode 
alljährlich in der Ukraine aufgestellten Observationscorps, in zwei 
Hälften oder Ablösungen — eine 1. und eine 2. — eingetheilt, 
die bei den Mannschafben der Ukraineschen Städte nach Verlauf 
der halben Campagne, also am 1. July, bei den Truppen der übri- 
gen Städte aber alle Jahre im Dienst abwechselten. 

Wenn im Fall eines Krieges die Mannschaften eines 
Stadtregiments einberufen wurden, so standen sie von dem Moment 
ihrer Aushebung an bis zu ihrem Eintreffen auf dem Sammel- 
platz des Heeres unter der Führung des Aushebungscommissars 
{ssbarschtschik) und der von diesem provisorisch ernannten Go- 
lowen. Nach ihrer Ankunft beim Heer wurden sie dann von dem 
obersten Woewoden desselben in drei Theile getheilt: wer beim 
Vorreiten (w podesdach), d. h. bei den Streif- und Recognos- 
cirungscommandos ; wer in den Centurien {w ssotnjach), d. h. 
beim Gros des Heeres; und wer bei der Bagage (m koschej) sein 
sollte, und för jede dieser Abtheilungen die Anführer bestimmt; 
wobei nach Möglichkeit die alten Golowen benutzt wurden. 
Die zu dem Gros des Heeres designirten Mannschaften eines 
jeden Stadtregiments wurden dann nach den verschiedenen Dienst- 
kategorien, aus denen sie bestanden, jedoch ohne Rücksicht auf 
die Gehaltsciasse zu der sie eingeschrieben waren, in Abtheilungen 
zu 100 Mann eingetheilt; und zwar bildete man, wie bereits 
früher erwähnt, zunächst besondere Elitecenturien, nach Art der 
modernen reitenden Grenadier- und Carabiniercompagnien , aus 
den ausgesuchten Adligen und Bojarenkindcm; demnächst wurden 
die übrigen — die Hof- und Stadtadligen und Bojarenkinder — 
für sich in Centurien getheilt und ebenso die beiden andern Dienst- 
kategorien der Stadtregimenter — die Tataren und Kasaken — 
in solchen formirt. 

Nach dieser Organisation in Abtheilungen zu 100 nannte 
man die Mannschaften derselben allgemein Centurienleute (ssotennye 
Ijudi), welcher Namen im weiteren Sinne dann auch die anfangs 
in gleicher Weise eingetheilten Moskauschen Chargen, mithin die 
eigentlichen Russischen Cavallerietruppen im Gegensatz zu den 
Streken und regulairen Mannschaften, bezeichnete. 

Die Mannschaften eines Stadtre^iments bildeten im Heer 
keine zusammenhängende Abtheilung; vielmehr wurden die drei 
verschiedenen Elemente desselben — Adlige und Bojarenkinder, 
Tataren, Kasaken — in jedem Corps für sich in gleichartige Ab- 
theilungen zusammengezogen, wie dies bei der Besprechung der 
Organisation der Heere näher angegeben werden wird. 

f, Me Strelsen m Pferde. Da dieselben in ihrer Einrichtung 



— 187 — 

und Organisation in jeder Beziehung den Strelzen zu Fuss völlig 
gleich standen, so Tvird von ihnen am Besten bei diesen gleich 
mit zu sprechen sein. 

g. Me TMi Lande a«sgeh«beieii laBUchafteii ni Pferde (konnye 
datotschnye ^udi). Diese Glasse der Russischen Reiterei war 
ganz in derselben Art wie früher organisirt, nur dass hinsichtlich 
üirer Aufbringung, Ausrüstung und Verpflegung bestimmtere 
Regeln erlassen wurden, die an den betreffenden Stellen anzu- 
füllten sein werden. Im Allgemeinen mag daher über diese 
Truppenclasse hier nur bemerkt werden, dass die Russischen 
Zaren dieselbe, da sie der Bedingungen einer regelmässigen Orga- 
nisation am meisten entbehrte, dagegen am schärfsten den land- 
sturmartigen Charakter an sich trug, nach Maassgabe der fort- 
schreitenden Regularisirung der übrigen Truppen, immer weniger 
als ein eigenthümliches und selbstständiges Element benutzten. 
Einer Seits wurde es daher immer allgemeiner, anstatt der Stellung 
solcher Mannschaften in natura vom Lande eine gewisse Geldab- 
gabe zu erheben, anderer Seits verwendete man dieselben, wenn 
sie wirklich noch ausgehoben wurden, nicht sowohl zur Formation 
selbstständiger Abtheilungen, als vielmehr zu Rekruten oder Er- 
gänzungsmannschaften für die Completirung der anderen, nament- 
lich der auf Europäischem Fuss organisirten Heerestheile, worüber 
das Nähere in dem Capitel über die Aufbringung und den Ersatz 
anzugeben sein wird. 

k Sie Pe^lttseheii (podjatschie). Sie gehörten nicht eigent- 
fich zu dem Combattantenstande der Russischen Truppen jener 
Zeit, hatten vielmehr in den verschiedenen Prikasen oder Regi- 
mentern, sowie bei den Commandeuren und Golowen zunächst den 
Canzeleidienst zu versehen. Doch waren sie, wie dies aus einer 
Instruction vom Jahre 1646 hervorgeht, im Fall eines Aufgebots 
auch zum activen Kriegsdienst verpflichtet, zu welchem Zweck 
sie beständig mit den nöthigen Waffen versehen sein mussten; 
und zwar hatten die berittenen dann in den Genturien, die zu 
Fuss in den Städten bei den Golowen Dienste zu thun*). Sie 
zerfielen in drei Classen — eine grosse, mittlere und kleinere") 
— und beliefen sich in ihrer Gesammtzahl, mit Einrechnung aller 
in den verschiedenen Prikasen, in den Städten und bei den Woe- 
woden befindlichen Leute, zur Zeit Koschichins auf etwa 1000 
Mann'). In späterer Zeit formirte man die Podjätschen für den 
Dienst als fechtende Truppen in besonderen Abtheilungen — Gen- 
turien oder Oompagnien — . So findet sich der Podjätschencenturien 
als einer feststehenden Einrichtung bereits 1679 Erwähnung 
gethan, indem damals über sie bestimmt wurde, dass sie wie im 
vorigen Jahre sein sollten*). Unter dem Zaren Peter Alexee- 

1) BeljMW. üeb. d. Rn«. Hmt «ai Mich. Feod. b.i. 4. Bef. Pet d.Or. iMf. 115. lnm.236. S) iUd. 
3) KoKhiehin. üeb. Bqnl. not Alex. Mich. jMf. 82. 4) Bftcher d. Baemd. II. ]»f. 1297. Aaau 1. 



— 188 — 

witsch wurde diese Einrichtung noch mehr erweitert und auch 
die Podjätschen zu Fuss zum Felddienst herangezogen. So befanden 
sich z. B. 1694 bei den Koshuchowschen Manövern 

11 Compagnien Podjätschen zu Pferde, jede zu 70 oder 80 

Mann, unter 1 Rittmeister und 1 Lieutenant etatsmässig; *) 
und 

920 Podjätschen zu Fuss unter dem Obersten Wassilej 

Woronezkoj mit 2 Oberstlieutenants, 1 Major, 1 Capitain, 

1 Lieutenant und 1 Fähnrich'), die ebenfalls in Compagnien 

zu je 40 Mann eingetheilt waren*). 

I. Bie TerscUedenen tasakeiiTdlker. Im Allgemeinen unter- 
lagen die bereits in der vorigen Periode besprochenen Easaken- 
Völker im Laufe des 17. Jahrhunderts nicht wesentlichen Aende- 
rungen, wenngleich auch bei ihnen sich Spuren geordneterer 
Verhältnisse nicht verkennen lassen. Es sind daher hier nur einige 
Worte über diesen Gegenstand zu sagen. 

1) Die Donschen Kasaken. Durch ihre lebhafte Betheiligung 
an den Unruhen und Kriegen des Interregnums und besonders 
durch ihre ausharrende Partheinahme für die falschen Dmitrij's 
waren die Donschen Kasaken in ihren ganzen Verhältnissen, 
namentlich aber in ihrem numerischen Bestände, so herab gekommen, 
dass es im Jahre 1613, ihrer eigenen Angabe zufolge, am Don 
nur noch 1888 Mann gab^). Nachdem mit diesem Jahre in 
Russland sich wieder verhältnissmässig Ruhe und Ordnung her- 
stellten, machten die Donschen Kasaken keine weiteren Versuche, 
die noch fortdauernden Kriege Russlands mit Schweden und Polen 
und die Erschöpfung jenes Reiches für sich auszubeuten. Sie 
wandten sich vielmehr wieder gegen ihre alten Feinde, die Türken 
und Tataren'), denen sie sich von Tag zu Tag furchtbarer 
machten, so zwar, dass sie 1637 mit Beihülfe einer Verstärkung 
von 6000 Ukraineschen Kasaken, welche nach der Niederwerfung 
eines g^en Polen versuchten Aufistandes ihr Land verlassen 
hatten und eigentlich nach Persien gehen wollten'), sogar Asow 
eroberten, und sich in der Absicht, es dauernd zu behaupten, 
dort mit der Hauptmacht ihres Corps einrichteten. Obgleich sie 
nun diesem kühnen Plan durch die ruhmvolle Vertheidigung jener 
Stadt im Jahre 1641 mit nur 3367 Mann gegen 250,000 Türken 
das Siegel aufdrücken zu wollen schienen, so räumten sie dieselbe 
doch 1643 auf Anrathen des Zaren Michailo Feodorowitsch wieder'). 
Im Jahre 1646 wurde dem Donschen Corps durch zwei Woewo- 
den eine aus der Ukraine, in Astrachan und am Kaukasus 
geworbene Verstärkung von 4000'), und ebenso 1648 eine weitere 

1) SsemewakU. D. Kothnchoivaehe Manch. Hilit. Samml. 1860. N. 1. pag. 50. 2) ibid. 
pag. 58. 3) ibid. ^Mg. 75. 4) Mater, s. G«ogr. n. Statist t. Basel. D. Land d. Don. Corps t. 
Knsaow. pag. 2a Inm. 1. 5) i. t. B. Di« Kos&kea. pag. 130. 6) ibid. pag. 53, 180. 7) ibid. 
pag. ISO bis 132. 8) Matsr. i. Oeogr. n. Slattsi ▼. Bnssl. D. Land d. Don. Covps ▼. Krasaow. pag. 38. 
Aam. 2. 



— 189 — 

von 1000 Mann unter dem Adligen Lasarew zugeführt*), wogegen 
sie 1654 bei einem enieuten, aber unglücklichen Angriff auf Asow 
wieder über 1500 Mann einbüssten*). Trotzdem war ihre Zahl 
um jene Zeit bereits so gestiegen, dass sie gegen 20,000 waffen- 
fähige Männer stellen konnten'). Im Jahre 1656 nahmen die 
Donschen Kasaken an dem Kriege gegen Schweden und 1659 bis 
1667 gegen Polen Theil. Bei dem Aufstand des Stenka Rasin 
1667 bis 1671 bewahrte die Mehrzahl des Corps die Treue und 
stellte 1673 eine Abtheilung von 5000 Mann zu der Expedition 
gegen die Kalantschinskischen Thürme an der Mündung des Don 
ins Asowsche Meer*). Im Jahre 1676 schwur das Donsche Corps 
bei der Thronbesteigung des Zaren Feodor Alexeewitsch — zum 
ersten Male bei einer solchen Gelegenheit — demselben ewige 
Treue*) und bewährte dieselbe 1678 bei den Tschigirinschen 
Märschen des Fürsten Romodanowskij , an denen es mit 2000 
Mann Theil nahm, sowie in den Jahren 1687 bis 1689 auf den 
Zügen Golizyns gegen die Krym. Ebenso nahmen die Donier 
1694 und 1696 an den beiden Belagerungen von Asow Theil und 
leisteten dort die erspriesslichsten Dienste'). 

Allmählig kehrten im Lauf dieser Periode geordnetere Ver- 
hältnisse im Donschen Corps ein , namentlich befestigten sich auch 
die Beziehungen zu ßussland dadurch, dass bereits seit 1618 
alljährlich eine Gesandtschaft von 20 bis 30 Mann vom Don nach 
Moskau geschickt werden musste'), sowie durch die vom Jahre 
1641 ab getroffene Einrichtung, einen Russischen Woewoden mit 
einer Strelzenabtheilung in Tscherkask zu installiren®) , und andere 
weise Verfügungen des Zaren Alexej Michailowitsch. Während 
sich in Folge dessen bei den sogen'ännten unteren Kasaken — 
dem Haupttheil des Corps — allmählig ruhigere und sesshaftere 
Verhältnisse heranzubilden begannen, hörten die oberen, trotz 
der strengsten Verbote des Corpskreises und der angedrohten 
Todesstrafe nicht auf, immer noch Theil an den Raubzügen längs 
der Wolga und im Caspischen Meer zu nehmen und legten sogar 
1627 an einer versteckten Stelle des Don bei Tschir zwischen- 
der Panschinskischen und Bowlinskischen Staniza ein Städtchen 
an, das sie mit 600 Mann besetzten und wo sie sich vor Ver- 
folgungen verbargen. Obgleich der Corpskreis diese Zufluchts- 
örter zerstörte, so hörten doch die Räubereien nicht auf, sondern 
nahmen vielmehr seit 1650, besonders aber während des Stenka 
Rasinschen Aufstandes, immer grössere Ausdehnungen an^). 
Trotzdem hatten sich im Lauf dieser Zeit die Kasakischen Nieder- 
lassungen schon so vermehrt, dass man im Jahre 1672 bereits 



1) ibid. pa«. 34. 2) ibid. pa«. 35. 3) A. v. B. Die Koealcen. i>ag. 13.S. — KiMchichin. Ueb. 

. nat /* '"' * ' ^. -. - -._..._ 

mow. p 

pi«. 37, 38. 



i; iDia. pag. 94. 2; iDia. pag. sö. 9) A. v. 0. uie üoeaicen. pag. \a», — lUMciiiciiin. ueD. 
BumL nnt JLlez. Hieb. pag. 59. 4) Mater, s. Geogr. n. Statist, t. BiimI. D. Land d. Don. Oorpa 
T. Kranow. pa«. .38. 5) ibid. pag. 41. 6) ▲. y. B. Die Kflsaken. pag. 133 bis 137. 7) ibid. pa«. 130. 
8) ibid. pag. 182. 9) Katar, x. Geogr. n. Statist ▼. Rnasl. D. Land d. Don. Corps. ▼. Kramow. 



— 190 — 

48 Kasakenstädtchen zahlte. Eine noch grössere Vermehrung 
derselben erfolgte gegen das Ende des 17. Jahrhunderts durch 
die damals in bedeutender Zahl aus den Gross- und Kleinrussischen 
Städten Flüchtenden verschiedener Art, so dass schon 1692 
Tscherkask allein in 11 Stanizen zerfiel') und die Kasakischen 
Niederlassungen oder Stanizen, deren es in jener Zeit bereits 
130 gab*), sich längs der Zuflüsse des Choper, der Medwediza 
und des Donez, verbreiteten. 

Das Hauptcorps hielt, soviel bekannt ist, folgende Punkte be- 
setzt: anfangs wie früher ßasdory, dann von 1622 ab Monastyrsk 
am Don, 6 Werste unterhalb des heutigen Alt- Tscherkask; von 
1636 bis 1643 Asow; darauf bis 1645 Machinostrow (Alt-Machin) 
auf dem linken Ufer des Don unterhalb Alt-Tscherkask, 5 Werste 
von der jetzigen Olginskischen Staniza; und endlich Tscherkask, 
das heutige Alt-Tscherkask bis 1805*). Diese Stadt enthielt be- 
ständig 2 bis 5000 bewafihete Kasaken und war ausser einem 
Erdwall noch von einer dreifachen Linie mobiler Beobachtungs- 
posten umgeben, welche in Gemeinschaft mit den näheren und 
weiteren Streifwachen dieselbe vor unvorhergesehenen Anfällen be- 
wahrten*). 

Einen eigenthümlichen Gegensatz zu dieser fortschreitenden 
Sesshaftwerdung des Donschen Kasakenthums bildet es, dass noch 
immer der Ackerbau vom Corps bei Todesstrafe verboten war, 
ein Brauch, den sich die oberste Verwaltung bis zu Peter I. auf- 
recht zu erhalten bemühte. Noch im Jahr 1690 wurde in einer 
den Städten am Choper und der Medwediza zugeschickten Gramota 
des Corpskreises ausdrücklich verboten, das Feld zu beackern 
oder Getreide zu säen, mit der Strafandrohung: «wenn sie ackern 
würden, so soll der zu Tode geschlagen und geplündert werden»*). 

Indess verfehlte doch die engere Verbindung mit Russland, 
in Folge deren Russische Kaufleute dauernd ihren Aufenthalt in 
Tscherkask nahmen, auch Kasaken häufiger nach Moskau gingen, 
ihres Einflusses auf die Sitten und Anschauungsweisen der letzteren 
nicht. Ihre angesehenen Atamanen lebten nicht selten, geschmeichelt 
von der Moskauschen Verwaltung, längere Zeit in der Russischen 
Hauptstadt und übertrugen dann die Sitten, Gewohnheiten und 
Lebensweisen der Russischen Vornehmen jener Zeit auf den hei- 
mathUchen Boden'). Einen besonderen Einfluss in dieser Beziehung 
übte namentUch die Regierung Peter's des Grossen, dessen allge- 
meine Reformen sich auch auf das Land des Donschen Corps 
erstreckten. Er belohnte zwar die Kasaken für ihre geleisteten 
Dienste und bewiesene Tapferkeit, beschränkte aber ihren Eigen- 
willen und die Unordnungen in ihrer Verwaltung, so dass seine 



l) ibid. pM. 68. 3) Hnp«l. V. d. Km. ]Mg. 52. 3) Maler, t. Oee«. n. Stettot ▼. Rnal 
D. LmUL d. DonTOoipt ▼. Knmow. pi«. 82. Abb. 4) ibid. pi«. 52. 58. 5) ibid. pi«. 54. 6) iUd* 



PH- 65 



— 191 — 

Regierung auch hier den Uebergang von der veralteten Organi- 
sation zu den modernen Verhältnissen bildete'). 

2) Die Wolgaschen Kasaken. Bei ihnen herrschten im All- 
gemeinen noch Ungehorsam und wilde Sitten, die erst dann einer 
grösseren Ruhe und Ordnung wichen, als nach Besiegung des 
Stenka-Rasinschen Aufstandes am Don bessere Verhaltnisse ein- 
traten und der Zar Alexej Michailowitsch die Festungen Dmi- 
triewsk (jetzt Kamyschin) und Krasnoj Jar bauen Uess. Trotz 
ihrer Roheit und Unbändigkeit müssen aber die Wolgaschen Ka- 
saken doch bereits damals eine grosse Sicherheit gegen die 
Tataren gewährt haben, denn die öden Ufer der Wolga, an 
welchen bis dahin von Kasan bis Astrachan nur Ssaratow und 
Zarizyn lagen, belebten sich durch neue Ortschaften, die aus ehe- 
maligen Kasaken -Stanizen entstanden, wie z. B. Tschemoj Jar, 
Enotaewsk etc.*) 

3) Die Kasaken am Kaukasus. Während der Unruhen des 
Interregnums waren die Grebenschen und Terekschen Kasaken 
sich selbst aberlassen geblieben, hatten sich aber gegen die 
wachsende Macht der Tscherkessen und Tataren zu behaupten 
gewusst. Auch Michailo Feodorowitsch sah sich ausser Stande, 
kräftig zu ihren Gunsten einzuschreiten, liess aber 1643 Terki 
statt der bisherigen Holzbefestigungen durch den Holländischen 
Ingenieur Cornelius Klausen mit Mauern und Wällen versehen. 
Durch diese Werke, welche unter Alexej 1670 der Schotte 
Thomas Bayley vermehrte und verbesserte, wurde der Russischen 
Herrschaft in jenen Gegenden eine festere Basis geschaffen'). 

Die Zahl der Kasaken am Kaukasus ist nicht bekannt, scheint 
aber nur geringe gewesen zu sein. Nach den Rasreadverzeichnissen 
wohnten am Terek an freien Kasaken: 1628^) 40 Atamanen mit 
310 Kasaken; 1629«^) gab es 500, 1630*) nur 222, 1631 und 
1633«) 220, 1635*) und 1636'") aber 356 freie Atamanen und 
Kasaken. 

4) Die Jaikschen Kasaken, welche bisher dem Russischen 
Reich gegenüber eine ziemlich unabhängige, oft sogar feindliche 
Haltung beobachtet hatten, unterwarfen sich etwa um 1614 frei- 
willig dem Zaren Michailo Feodorowitsch") und fingen an, sich in 
ihren jetzigen Besitzungen anzubauen; namentlich gründeten sie 
in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Jaizk (später Uralsk) 
und Gurjew"). Sie wurden dann auf den Fuss der Donschen 
gesetzt, bekamen die Erlaubniss, gegen eine geringe Abgabe die 
ergiebige Fischerei auf dem Jaik-Fluss zu treiben, ihr Salz unent- 
geldlich aus den nahen Salzseen zu holen, Branntwein zu brennen 



1) ibid. Pag. 48. 2) 1. ▼. B. Dk K«t«ken. ptf. 165. 3) ibid. pag. 225, 295. 4) Bteher 
d. Rumd. n. p«ir. 87. 5) ibid. pag. 191. 0) ibid. pi«. 286. 7) ibid. pag. 852. 8) iUd. 
paff. 741. 9) ibid. paff. 817. 10) ibid. paff. 920. 11) Hnpel. Y. d. KoMiken. paff. 78. ^ A. y. B. 
Pia Koaaken. paff. 199. 12) A. ▼. B. Die Koaakeiu paff. 199. 



— 192 — 

«tc.^) Bereits 1631 wurden von ihnen 814 Atamanen, Essaule 
und Kasaken für den Polnischen Krieg zum Heer einberufen'). 
Ebenso nahm ein Theil von ihnen 1655 an dem Zuge nach Polen 
Theil, wie sie denn auch 1683 bei dem Aufstande der Baschkiren 
die wesentlichsten Dienste leisteten"). 

Organisation der bisher genannten Kasakenvöl- 
ker. Alle bisher genannten Kasakenvölker standen zwar im Allge- 
memen als Abkömmlmge des Donschen Corps in einem gewissen 
colonialen Abhängigkeitsverhältniss zu demselben, hatten aber 
doch ihre eigene, ziemlich selbstständige Verwaltung, die übrigens 
in den Hauptpunkten bei allen dieselbe war, wenigstens eine 
gewisse Aehnlichkeit nicht verläugnen konnte. Die gesammte 
Verfassung basirte in der bereits früher geschilderten Weise auf 
dem Kasidcenthum, d. h. auf dem ewigen Kriegszustande, war 
also wesentlich militairisch. Jedes der 5 genannten Corps stand 
unter einem Chef, der gleichzeitig oberster Verwaltungsbeamter 
und höchster Truppenbefehlshaber war. Derselbe wurde bei den 
kleineren Corps schlechthin Ataman genannt, während er bei den 
Donschen Kasaken Corps- oder Hauptataman (woisskowcjy 
glaumoj ataman) hiess*). Im Kriege wurde zur Vertretung des 
letzteren noch ein Viceataman (nakasnyj ataman) gewählt, der 
nach Anweisung des Corpsataman entweder an Stelle desselben 
im Corpsbereich zurückblieb, oder für ihn ins Feld zu rücken 
hatte. Neben dem Corpsataman stand als sein permanenter 
Rath und Generalstab die sogenannte Generalstarschina (General- 
naja Starschina), d. h. der Rath der Alten, gebildet für gewöhn- 
lich aus dem Generalwagenmeister {Obasnij) oder Chef der Corps- 
artillerie, dem Fahnenträger {Chorunshij) , dem Richter (Ssudja) 
dem Schreiber (Pissar) oder Canzleichef und dem Corpsessaul 
(essaul). Ausser diesen Chargen kam in der Folge bei den Do- 
niem noch das Amt der Corpsstarschinen (woisskowye starschiny) 
oder Aeltesten auf, welches anfangs den vom Commando abge- 
tretenen Atamanen gegeben, später aber allen den Personen, 
welche Kasakische Abtheilungen unter ihrer Verwaltung hatten, 
zugetheilt, oder auch vom Corps oder durch Allerhöchste 
Bestimmung filr Verdienste \erliehen wurde, so dass dann ehr- 
geizige Kasaken eifrig danach strebten*). Bei den Grebenschen 
Kasaken standen neben dem Ataman nur 1 Corpsstarschina und 1 
Secretair (rf;o*)*), während bei den Jaikschen jener Rath aus 
den 20 Starschinen zusammengesetzt wurde'), neben denen noch 
2 Essaule und 1 Schreiber bei dem Ataman angestellt waren'). 

Jede Staniza stand in militairischer und administrativer 



1) Http«L T. d. KoMkcii. Mg. 78, 79. 2) Bücher d. BMmd. U. pa«. 386. 3) A. ▼. B. 
Die Koaken. pi«. 200. 4) HnpeL Y. d. KoMkeii._pi«. llfi. 5) Mater, l QMgr. n. Stetirt. t. BumI. 
O. LMd d. Don. Oon» t. Kraiaow. piig 51. 6) HiipeL V. d. KMaken. pa«. 66. 7) ibid. pi«. 72. 



— 193 — 

Hinsicht unter einem Ataman, 2 bis 3 Essaulen und einer ver- 
schiedenen Anzahl von Centurionen*); mehrere Stanizen — 10 
bis 35 — wurden später von einem Starschina beaufsichtigt. 

Die Kasaken hatten grosse Vorrechte und Freiheiten, von 
denen bei der Verpflegung näher gesprochen werden wird. Eine 
der hauptsächlichsten war die Selbstverwaltung und Rechtspflege, 
die in der niedern Instanz völlig unabhängig von der fiussischen 
Regierung durch die Atamanen und Starscbinen ausgeübt wurde 
und selbst das Recht über Leben und Tod der Corpsangehörigen 
in sich schloss. 

Die höchste Instanz in der Verwaltung .bildete wie früher 
der Corpskreis, dessen Zusammentritt bei den Jaikschen Kasaken 
durch Anschlagen einer grossen Glocke signalisirt, bei den übrigen 
Corps aber bereits am Abend vorher durch die Essaule angesagt 
wurde. Die Gewalt dieser, auf durchaus democratischen Prinzipien 
beruhenden, Volksversammlung war eine despotische, und entzog 
sich jeder Controle. Sie führte dadurch zu so vielen Missstän- 
den, dass der Nutzen des Ganzen dadurch häufig empfindlich 
litt. Dies veranlasste Peter den Grossen, zunächst bei den Don- 
schen Kasaken, derselben dadurch eine Grenze zu setzen, dass 
die allgemeine Volksversammlung, der Kreis, nur bei besondem 
Veranlassungen und erst dann einberufen werden sollte, wenn 
die Atamanen und Starschinen es f[lr nöthig hielten, während 
für gewöhnliche Verhältnisse an Stellen jener nur die Atamanen 
der Stanizen und 2 weise Häupter von jeder derselben zusammen 
traten, um gemeinschaftlich mit dem Corpsataman über die Ver- 
waltung der laufenden Geschäfte zu verhandeln*). Aehnliche 
beschränkende Reformen wurden etwas später auch bei den Jaik- 
schen Kasaken eingeführt. Bei diesen hatte sich übrigens der 
allgemeine Kreis schon früher von selbst eingeschränkt, indem 
es bei der weiten Ausdehnung des von ihnen besetzten Landes 
— ihre Stanizen, hauptsächlich am rechten Ufer des untern Jaik 
gelegen, erstreckten sich auf einen Längenraum von über 1000 
Wersten — unmöglich war, alle Berechtigten zu den Volksver- 
sammlungen in Jaizk heranzuziehen. In Folge dessen setzte sich 
bei ihnen der Kreis meist nur aus den Bewohnern des Hauptortes 
zusammen, wodurch die dortigen Beamten nicht nur ein grösseres 
Ansehen erhielten, sondern allmählig auch aus ihrer Mitte aus- 
schliesslich die Starschinen erwählt wurden. Durch diese Um- 
stände fing sich zuerst bei den Jaikschen Kasaken, und zwar viel 
früher als bei allen andern, eine Art Aristokratie zu bilden an, 
welche sich von der Masse des gemeinen Volkes absonderte. Eine 
Ausnahme machten nur die m der Stadt Ilezk, der einzigen am 



1) Hnptl. V. d. Ko«keii. png. 54. 3) A. y. B. Die Kofaken. pag. 188. 
BrU, 0«seb. d. *lt. H«m. Be«rM«lnri«lit. 13 



— 194 — 

linken Ufer des Jaik gelegenen, wohnenden Kasaken, die wegen 
ihrer sehr exponirten Lage mit noch zwei kleineren Stanizen eine 
besondere Verwaltung unter dem Bezirksataman von Ilezk hatten, 
dem eine eigene Canzelei, 2 Essaule, einige Centurionen und 1 
Schreiber zur Seite standen'). 

Der Zweck aller bisher genannten Kasakenvölker war zunächst 
die Sicherung der südöstlichen llieile des Russischen Reichs gegen 
die Einfalle der Türken, Tataren, Kaukasischen Beiigvölker, Kal- 
mücken, Kirgisen etc. Ausserdem wurden sie auch bisweilen in 
den sonstigen Kriegen Russlands zu den Heeren mit herangezogen; 
aber immer nur in verhältnissmässig geringer Zahl, da ßie im 
eigenen Lande meist vollauf Beschäftigung fanden. Sie wurden 
dann ihrer Gewandtheit und Findigkeit wegen besonders zu Streif- 
zügen, Recognoscirungen , Ueberfällen, Aufhebung der feindlichen 
Vorposten, zum Versehen der eigenen etc. benutzt. 

Mit Ausnahme der Grebenschen und Terekschen Kasaken, 
die des bergigen Terrains und der Kampfweise ihrer Feinde wegen, 
damals noch meist zu Fuss fochten, bestanden die übrigen Kasaken- 
völker fast nur aus Reiterei; doch finden sich auch bisweilen 
kleine Abtheilungen zu Fuss. So gab es z. B. nach den Basread- 
verzeichnissen seit 1625 bei Woronesh zwei Sloboden — die Tschi- 
showsche und die Wypolsowsche — jede von 20 bis 30 Donschen 
Kasaken zu Fuss bewohnt, welche im Sommer die dortige Gegend 
zur Recognoscirung des Feindes zu durchstreifen hatten*); ebenso 
gab es eine «Donsche Ehrencenturie» (sslawetnaja Donsskaja ssotnja) 
zu Fuss, die bis 1677 beim Kleinrussischen Kasakencorps stand*). 
Gleicher Maassen fochten auch die Donschen Kasaken auf dem 
Tschigirinschen Marsch 1678, wahrscheinlich in Folge des Ver- 
lustes ihrer Pferde, zu Fuss*). Ueberdiess hatte jedes Corps noch 
seine Artillerie, die aber nur aus verhältnissmässig wenig Geschützen, 
meistens ausrangirte Russische Stücke, bestand, und, hauptsächlich 
in den grösseren Städten zur Vertheidigung derselben bestimmt, 
im Feldkriege wenig zur Anwendung kam. Sie bestand bei den 
Donschen Kasaken, als sich dieselben 1636 zur Belagerung von 
Asow rüsteten, im Ganzen nur aus 4 Falkonetten*), wogegen sie 
1646 bereits 36 Stück «broncene und eiserne grosse und kleine 
Sdiiffskanonen» zählte^). Sonst ist über die Zahl und Einrichtung 
derselben Nichts bekannt. 

5) Die Sibirischen Kasaken setzten im Laufe dieser Periode 
ihren Eroberungszug durch das nördliche Asien weiter fort, unter- 
stützt durch die sogenannten Industriellen (jproniyschlenmki), 
welche hauptsächlich nur aus Passion zur Jagd ihnen folgten, 
nebenbei aber auf ihren Pferden allerlei ViTaaren mit sich führten, 



1) ibid. p«g. 200 bis 202. 2) Bflchor d. Bttraad I. pag. 112H, 1236, 1844; U. p^r- 75, 345, 676, 
734, 805, 915. 3) Acten %. Qnch. d. wettl. BqmI. T. N. 107. 4) Mater. «, Qtftgr. n, Statiat. ▼. 
Baal. D. Und d. Don. Corp«, v. Knanow. pag. 52. 5) ibid. pag. 27. 6) ibid. pag. 33. Anm. 2. 



— 195 — 

die sie an die meist nomadisirenden dortigen Völker vertauBchten, 
dieselben dadurch neue Bedürfnisse kennen lehrten und somit, 
analog den Pionieren und Squattem Amerika's, der nachfolgenden 
Cultur vorarbeiteten. Kasaken und Industrielle drangen immer 
weiter nach Osten, jene mehr in südlicher, diese mehr in nörd- 
licher Richtung, und unter ihrem Schutz entstanden neue Ort- 
schaften, wieKusnezk, Enisseisk, Irkutsk, Sselenginsk, Nertschinsk etc. 
Alle diese Orte wurden theils durch verheirathete Kriegsleute, 
theils durch Ukrainesche Kasaken, welche ihre Heimath in Folge 
der religiösen Streitigkeiten daselbst verlassen hatten, bevölkert, 
mit Holzbefestigungen versehen, unter geisthche Bezirke vertheilt 
und im Handel auf jede Art begünstigt. Von Nertschinsk wurde, 
künftigen Eroberungen weit vorauseilend, sogar am Amur, 700 
Werste von jenem Orte entfernt, Albasin gegründet und be- 
setzt, 1639 der Ochozkische Meerbusen entdeckt und bis zur 
Mitte des 17. Jahrhunderts fast alles Land bis zum stillen Oeean 
erobert. Ja selbst in Daurien drangen die Kasaken ein*) und 
knüpften eine Verbindung mit China an, in deren Folge bereits 
1654 eine Gesandtschaft von Tobolsk nach Peking ging; 1689 
wurde mit diesem Reich ein Friedensvortrag geschlossen, durch 
den zum ersten Mal die beiderseitige Grenze regulirt wurde"). 

1696 wurden die ersten Kasaken nach Kamtschatka geschickt, 

1697 das Land in Besitz genommen und bis 1706 völlig entdeckt 
und erobert*). Somit war bis zum Ende dieser Periode das 
ganze nördliche Asien unter Russischer Botmässigkeit. 

Bei der grossen Ausdehnung des Landes und der sehr schwachen 
Bevölkerung lagen die einzehien Städte und Flecken sehr weit von 
einander entfernt. Zu ihrer Besetzung wurden die Kasaken, unter 
deren Schutz sie gegründet waren, bestimmt und dieselben theils 
durch Nachschübe vom Don und aus der Ukraine, theils durch 
entlass^ie Soldaten und Deportirte ergänzt. Diese Kasaken hatten 
in Folge der Verhältnisse gleich von Anfang an die alte Kasakische 
Verfassung aufgegeben, und dafür die der Russischen Stadtkasaken 
und Strelzen angenommen. Sie bildeten somit kein geschlossenes 
Corps unter einem gemeinschaftlichen Oberanführer, sondern die 
einzelnen Ortsgenossenschaften standen unter eigenen Localan- 
führern, die bald Golowen oder Atamanen, gewöhnlich aber nach 
ihrem Rang und früheren Dienstverhältniss Adhge oder Bojaren- 
kinder hiessen. Ausserdem waren ihre übrigen Chargen, wie bei 
den Stadtkasaken die Centurionen, Fünfziger und Zehner, ohne 
dass diese übrigens besondere Vorrechte vor ihren Mitbrüdem 
gehabt hätten. 

1) A. r. B. Me KMAken. p«f. 176« 177. 2) HopcL V. d. KMAken. pag. 90. - Vatfrotojcky. 
Dict g^.-hjst. d. 1. Baaie. I. p«g. 122. 3) A. v. B. Die Kowken. pig. 178, 179. 4) Vttf- 
▼olojdcy. Diet. g^ogT.-libt d. L Biurie. I. p^f, 76. 

13* 



— 196 — 

Ausser den bisher besprochenen, schon seit der vorigen Pe- 
riode bestehenden Kasakenvölkern erhielt das Russische Easaken- 
thum in der vorliegenden noch einen wesentlichen Zuwachs durch 
zwei neue Elemente, nämlich durch die Kleinrussischen und durch 
die Tscherkassisch-Slobodischen Kasaken. Bei der grossen Wich- 
tigkeit und hohen Bedeutung dieser beiden, im Wesentlichen aus 
denselben Wurzeln hervorgegangenen Stämme möchte eine etwas 
ausführlichere Besprechung derselben hier um so mehr am Orte 
sein, als beide in Folge späterer Umformungen in den Bestand 
der modernen Russischen Armee übergingen und somit in beste- 
henden Regimentern noch gegenwärtig existiren. 

6) Die Kleinrussischen Kasaken. Bevor wir in eine 
Betrachtung der Kleinrussischen Kasaken als Bestandtheile der 
Russischen Heeresmacht jener Periode eintreten, dürfte ein kurzer 
Ueberblick ihrer Entwickelung bis zu diesem Moment, weder un- 
berechtigt noch interesselos sein. 

Kvner Abriu der G^Bohiohte dei EleinmBBiBohen Kuaken big la Ihrem üebertritt in 
BiiMiBohe Dienite, im Jahre 1654. 

Bereits in der vorigen Periode ist bei der Darstellung der 
Entstehung der Kasaken erwähnt, dass, als im 5. und 6. Jahr- 
hundert die Slawen durch die Bulgaren und Wallachen von der 
Donau verdrängt wurden, eine Colouie an den Dnepr ging und 
dort — nach Polnischen Angaben um 430*) — Kiew erbaute. 
Diese Colonie ist als die Stammmutter des Kleinrussischen Volkes 
anzusehen. Wann dasselbe aber die Kasakische Verfassung ange- 
nommen, ist mit Genauigkeit nicht festzustellen. Ihren eigenen, 
ziemlich mythischen Angaben nach fällt der Ursprung der Klein- 
russischen Kasaken in das Jahr 800, und ihre erste kriegerische 
Versammlung in das Jahr 948*). Indessen möchte es scheinen, 
als wenn man dafür überhaupt keinen bestimmten Zeitpunkt an- 
nehmen könnte, da das Kleinrussische Kasakeuthum so wenig wie 
das Donsche, in Folge Decretes irgend eines Fürsten an einem 
bestimmten Tage organisirt wurde, vielmehr die Kasaken sich an- 
fangs nur aus dem Gebot der Nothwendigkeit allmählig zusammen- 
schaarten, ohne ein bestimmtes Bewusstsein oder die Absicht, ein 
besonderes Ganze§ bilden zu wollen. Die Veranlassung zu seiner 
äitstehung fand das Kasakenthum nämlich auch hier in der Noth- 
wehr gegen die Tataren, und somit kann man dieselbe als ziem- 
lich gleichzeitig mit dem Auftreten dieser letzteren ansetzen. In 
welcher Art sich dann überhaupt die späteren Russischen Kasaken 
aus den schon seit längerer Zeit bestehenden Tatarischen bildeten, 
wurde bereits in der vorigen Periode ang^eben und auch schon 



1) ibid. pag. 23k. 2) HammerdArfer. Geach. d. Ukr. n. Sapor. Kaa. pag. 9. 



— 197 — 

darauf hingedeutet, dass das Kasakenthum sich gleich von Anfang 
an in zwei verschiedenen Hauptstämmen — den Donschen und Klein- 
russischen Kasaken — entwickelte^ Welcher von diesen beiden Stäm- 
men zuerst die Kasakische Form angenommen hat, ist mit Sicher- 
heit nicht festzustellen; da dies jedoch nicht füglich vor dem Zu- 
rückdrängen der Tataren geschehen konnte, letzteres in dem Lande 
der spätem Kleinrussischen Kasaken aber früher erfolgte als am 
Don, so kann man wohl jene als die älteren ansehen. Erwiesener 
Maassen hat auch die Bildung, oder wenigstens die erste Ent- 
wickelung des Donschen Kasakencorps unter Beihülfe und mit 
Zuwachs Kleinrussischer Elemente stattgefunden, wie dies bereits 
in der vorigen Periode angegeben ist. 

Die Ukraine war ein Hauptsitz des Russischen Volkes und 
Lebens von dem Grossfürsten Igor an bis zum Jahr 1157, wo 
der Grossfürstliche Sitz von Kiew nach Wladimir verlegt wurde. 
1240 eroberte der Tatarische Chan Batu die Stadt Kiew, doch 
behielt dieselbe Regenten aus eigenem Volke, wenngleich unter 
Tatarischer Oberherrschaft. Aber der Grossfürst Gedemin von 
Litthauen machte 1320 dieser und der Russischen Herrschaft über 
Kiew dadurch ein Ende, das er das ganze Land für sich eroberte'). 
Wahrscheinlich gab dies einen neuen Impuls der Bildung des 
Kleinrussischen Kasakenthums*), das somit ähnlich wie das Donsche 
unter gleichen Verhältnissen zu verschiedenen Zeiten wiederholte 
Büdungsprozesse durchzumachen hatte. Damals, also im Anfang 
des 14. Jahrhunderts verliessen nämlich viele Landeseinwohner, 
fliehend vor der Fremdherrschaft, ihren Heerd imd suchten ein 
Asyl in den unteren Gegenden des Dnepr, wo sie sich m bestän- 
digen Kämpfen mit Polen, Litthauem und Tataren, zu dem krie- 
gerischen Volk ausbildeten, das sie früher nicht gewesen waren'). 
Bis gegeti das Ende des 13. Jahrhunderts hatten sich diese Ele- 
mente bereits so weit zusamraengeschaart und geordnet, dass sie, 
wie schon in der vorigen Periode angegeben, unter Zuhülfenahme 
Grossrussischer Ankömmlinge das Städtchen Tscherkassy am un- 
teren Dnepr erbauen konnten'). 

Aus dem 14. Jahrhundert sind keine Nachrichten über eine 
weitere Entwickelung des Kleinrussischen Kasakenthums vor- 
handen; dagegen finden sich dergleichen aus dem 15. vor, in wel- 
chem dasselbe eine bedeutende Vermehrung nach der zweiten Zer- 
störung Kiew's durch die Tataren im Jahre 1415 erhielt ); ein 



*) Auch die Sammlung Russischer Geschichte jdes Staatsrathes Gerhard 
MaUer B. IV. St. 5. pag. 365 seq. (Hupel. V. d. Kosaken pag. 36.) giebt im 
Einklang mit Vs^volojskij (Dict. g^gr.-hist. d. 1. Russie I. pag. 122.) das 
Jahr isäo als Anfang der Kleinrussischen Kasakenschaft an. 

1) Hnpel. V.d. Kotaken. pa«. 192. 2) ibid. pag. 192, 193. - Ya^rolojak^. Did g^ogr.-liiat. 
d. 1. Rasai«. I. pag. 122, 12S. 3) üeb. d. TVhernom. Kaa. Corps. Milit. Jonra. 1843. N. 2. pag. 122. 
4) Httpal. y. d. toaaken. pag. 193. — Ya^Tolojakij. Dick, g^.-hiat jd. 1. Bnaaie. I. pag. 123. - 
T. Engel. Oaaeli. d. Ukraine, pag. 29, SO. (Letsterer giebt daa Jahr U16 an.) 



— 198 — 

Gleiches fand Statt, als 1471 das Fürstenthum Kiew durch den 
König Casimir dem Polnisch- Litthauischen Reiche einverleibt wurde*). 
Damals, d. h. zu Ende des 15. Jahrhunderts, flohen nämlich Ein- 
wohner von Tscherkassy, Brjazlaw, Kanew, Otschakow, so wie 
überhaupt aus den südöstlichen Provinzen des Polnischen Reiches, 
um den fürchterlichen Raub- und Plünderungszügen der Tataren 
zu entgehen, denen sie die Polnischen Könige schutzlos überliessen, 
nach den unterhalb von Tscherkassy bis Otschakow hin gelegenen 
Inseln des Dnepr, befestigten sich dort und vertheidigten sich er- 
folgreich gegen ihre Dränger. In der Folge kamen hierzu noch 
Polnische und Litthauische Bauern aus den ursprünglich Russi- 
schen Nebenlanden Polens, die von Frohnen und Abgaben erdrückt 
und durch die Plackereien der Polnischen Edelleute zur Verzweif- 
lung getrieben waren. Auch viele schlechte Subjecte, Schulden- 
macher, Verschwender, überhaupt Leute, deren Existenz aus irgend 
einem Grunde im alten Vaterlande unmöglich geworden war, so 
wie Abentheurer und Glücksritter aller Art, kamen dort zusam- 
men. Da dieselben an der herrlichen Gegend, dem freien, unge- 
bundenen Leben und an den Streif- und Beutezügen gegen die Ta- 
taren Geschmack fanden, Hessen sie sich daselbst nieder und ver- 
mehrten so die Zahl der dortigen Ansiedler, welche, von Jagd, 
Fischerei und der den Tataren abgenommenen Beute lebend, in 
den beständigen Scharmützeln mit ihren Feinden immer abgehär- 
teter, kühner und unternehmender wurden*). 

Im Jahre 1511 wurden alle diese, bis dahin zucht- und ord- 
nungslos neben einander lebenden Elemente durch den Starosten 
von Tscherkassy und Kanew, Ostafej Daskiewicz, vereinigt und 
organisirt. Derselbe theilte sie in Regimenter und Compagnien, 
setzte ihnen Offiziere und Unteroffiziere vor, versah sie statt ihrer 
bisherigen unordentlichen Bewaffnung mit Feuergewehren und Schwer- 
tern, und bestimmte die Insel Chortiza im Dnepr zum Waffenplatz, 
um den Tataren die dortige gute Ueberfahrt zu versperren. Er 
führte femer eine ganz Römische Kriegszucht ein, die sich auf der 
Ertragung aller Mühseligkeiten, Verachtung des Lebens, blindem 
Gehorsam gegen die Vorgesetzten, gleichmässiger Vertheilung der 
Beute und freier Wahl der Offiziere gründete. Kleinere Vergehen 
Hess er ungestraft, denn die Bestimmung der Kasaken rief sie 
gerade zu Räubereien, zu listigen und lustigen Streichen; woge- 
gen Desertion und Ungehorsam mit den härtesten Strafen belegt 
wurden*). 

Nachdem so erst einmal ein regelmässiger Grund gelegt war, 
wuchs diese Gemeinschaft durch Zuzug von Ukrainern, Podoliem, 
Wolyniern und Polen von Tag zu Tag an Zahl und Macht. In- 



1) ibid. — T. Eng«l. Getob. d. übimine. pag. 87. 2) ▼. Engel. Qmch, d. Ukraine, peg. 42 
bis 44. 3) ibid. pag. 49, 50. 



— 199 — 

dessen fehlte ihr noch ein gemeisamer ^aine; das Jahr 1516 
brachte ihnen auch diesen*). 

Als nämlich in diesem Jahre der Krieg zwischen Polen und 
Russland ausbrach, wurden die Tataren von jener Macht aufge- 
fordert, in Russland einzubrechen. Beständig auf solche Unter- 
nehmungen vorbereitet, waren ihre Schaaren bald vereinigt; um 
so langer dauerten dagegen die Polnischen Rüstungen. Da aber 
die Tataren allein mit den Russen nicht anzubinden wagten und 
ihnen der moderne Begriff einer Mobilmachung ohne Krieg abging, 
so fielen sie einstweilen zum Zeitvertreib in Podolien ein und raub- 
ten und plünderten dort, wie in Feindesland. Polnischer Seits 
hierüber zur Rede gestellt, entschuldigte sich der Tatarchan da- 
mit, dass dies heimlich und gegen seinen Willen geschehen wäre. 
Da verband sich Daskiewicz mit dem Starosten von Chmielnick, 
Prädislaw Lanskoronski, der ausser einer vom Könige ihm zuge- 
theilten regulairen Compagnie noch einige, aus den Mitteln der 
dortigen Einwohner aufgebrachte und in strenger Mannszucht ge- 
übte, Freiwillige befehligte, und beide übten nun mit ihier kleinen, 
etwa 1200 Mann starken Schaar das Wiedervergeltungsrecht, nicht 
nur hinsichtlich der Raubzüge, sondern auch in Betreff ihrer Ent- 
schuldigung. Um nämlich die Polnische Regierung nicht zu com- 
promittiren, nannten sie sich ebenfalls mit dem Tatarischen Na- 
men Kasaken, d. h. freie und eigenwillige, leichte, räuberische 
Leute «und so ward jener, nachher so berühmte, so gefürchtete 
und verabscheute Name zum ersten Mal gehört»').*) 

Im Jahre 1532 verlangte Ostafej Daskiewicz auf dem Reichs- 
tage zu Petrikow die Unterhaltung von 2000 thätigen Leuten an 



*) Die Nachträge zur Chronik von Hypatiew (Gesch. d. Kriegsk. in Rusal. 
Milit. Journ. 1856. N. 1. pag. 38 bis 40.) erzählen über den Ursprung der Ka- 
saken Folgendes: «In dem erwähnten Jahre (Hfl) hielt sich der König (von 
Polen) in Moskau auf und Mindikirej (der Tatarchan) nahm Besitz von unserem 
Lande. Der König Shigmont (Sigismund) schickte zu Mindikirej einen Ge- 
sandten und Hess ihm sagen: warum besetzest Du mein Land, da wir doch 
Frieden haben? Mindikirej aber antwortete : das ist gegen meinen Willen von 
einigen Landläufem geschehen, die ich nicht hindern konnte. König Shigmont, 
um sich für diesen Spott zu rächen, sandte den Perezlaw Ljanskorunskij in 
die Ukraine, um dort Mannschaften zu sammeln und gleichzeitig den Tataren Ab- 
bruch zu thun. Dieser aber vereinigte einige 100 Freiwillige, rückte mit ihnen 
vor Belgorod (das heutige Ackerman in der Provinz Bessarabien), brachte eine 
Menge Waaren, Pferde, Tatarische und Türkische Schaafe zusanunen und kehrte 
mit ihnen zurück. Die Tataren und Türken aber sammelten sich ihrer Seits, 
jagten ihm nach und erreichten ihn bei Otschakow am See Owid. Es entstand 
ein Gefecht, in dem die Unseren sie aber schlugen und mit grosser Beute heil 
zurückkehrten. Darauf wählte dies kriegslustige Volk, das nun einmal die 
Beute gekostet hatte, aus seiner Mitte einen Stareischin (Aeltesten) Namens 
Kosak, nach dem sie selbst den Namen Kosaken annahmen. Sie fielen nun 
oftmals in die Tatarischen Länder ein und brachten reiche Beute von da zu- 
rück. Von Tag zu Tag vermehrten sie sich und vermehren sich noch immer 

1) iMd. pag. 62. 2) iUd. pag. 58. 



— 200 — 

den Wasserfällen und auf den Inseln des Dnepr zur Verhinderung 
des Ueberganges der Tataren. Zu deren Bedeckung und zum 
Transport von Lebensmitteln forderte er nur 500 Reiter; ausser- 
dem sollten auf den einzelnen Inseln kleine feste Plätze angelegt 
werden*). Obgleich er nun mit diesen Vorschlägen nicht durch- 
zudringen vermochte, so fuhr er doch beständig fort, die Zahl 
der unter seinem Commando stehenden Freiwilligen zu vermehren. 
Im Sommer lebten dieselben ganz bequem unter freiem Himmel 
auf den Inseln, im Winter liefen zwar Einige wieder nach Hause, 
der grössere Theil aber blieb zusammen und wurde in Tscher- 
kasy, Kanew, so wie in den, dem Daskiewicz neu geschenkten 
Schlössern Krzyczow und Ciciersko untergebracht. So konnte der 
letztere schon 1535 mit 3000 Kasaken in das Moskausche Gebiet 
einfallen*). 

Unter dem Schutz mehrerer Schlösser legten die Kasaken nun 
auf ihren Inseln Wohnorte — Koschen und Ssetschen*) genannt — 
an; auch liessen sich mehrere arme, auf Abenteuer ausgehende 
Polnische Edelleute in ihre Listen einschreiben, und so gewann 
diese Einrichtung einen immer festeren Bestand. Zu dieser Zeit 
entstand auch dicht an den Wasserfällen die Stadt Tschigirin als 
Hauptüberwinterungsplatz der Kasaken und späterer Sitz eines 
Regiments. 

Was die damalige Fechtweise der Kasaken') betrifft, so 
war dieselbe nach den beiden verschiedenen Arten, auf welche sie 
ihre Kriegszüge einrichteten, nämlich zu Lande und zu Wasser, 
verschieden. Zu Lande hatten sie, um sich gegen die Tatarische 
Reiterei zu sichern, der sie — zu jener Zeit ausschliesslich zu 



und hören nicht auf, den Tataren und Türken Abbruch zu thun. Zum Sta- 
reischin w&hlen sie aus ihrer Mitte einen muthigen und verständigen Mann 
nach ihrer alten Gewohnheit; sie leben beständig an den Wasserföllen, wo sie 
Fische fangen, die sie ohne Salz an der Sonne trocknen. Im Winter gehen 
sie auseinander, ein Jeder in seine Stadt, bis auf einige 100, die in der Kurene 
bleiben, um die Bogen und Nachen in Stand zu erhalten; im Sommer aber 
finden sie sich wieder zusammen. Und so ist der Ursprung der Kasaken. > 

Wenngleich diese Nachricht auch bezüglich der Facta im Allgemeinen mit 
dem oben Gesagten übereinstimmt, so weicht sie doch hinsichtlich der ethymo- 
logischen Erklärung des Namens wesentlich davon ab. Es kann nicht im 
Plane dieser Arbeit liegen, die mehr oder minder geistreichen Forschungen, 
die von verschiedenen älteren und neueren Schriftstellern über die Entstehung 
des Namens der Kasaken angestellt sind, weiter zu verfolgen. Wer sich dafür 
interessirt, der wird Näheres darüber in der < Kritischen Apologie dieser vor- 
stehenden Art, die Entstehung des Kasakennamens zu erklären» auf pag. 58 
bis 67 der Geschichte der Ukraine von v. Engel finden; sowie in dem, was 
andere Forscher, wie Hupel in seinem Aufsatz: Von den Kosaken, Haxthausen 
in seinem Werk: Die Kriegsmacht Kusslands. Vs^volojskij I. pag. 117 u. A. 
Ober diesen Gegenstand geschrieben haben. 

♦) Kosch ist ein Tatarisches Wort und bedeutet Lager, Ssetsch dagegen 
ist Russischer Abstammung und heisst einfach Sitz. 

1) ibid. PH. 62. 2) ibid. VH- ^ 3) ibid. p«g. 08 bii 65. 



— 201 — 

Fass kämpfend — eine gleiche Waffe nicht entgegensetzen konnten, 
eine eigene Kampfesart erfunden. Sie marschirten nämlich bestän- 
dig in einer Wagenburg, Tabor, die aus 8 bis 10 neben einander 
fahrenden Wagen in Front und Queue, und einer wechselnden An- 
zahl auf den Flanken bestand; ausserhalb derselben marschirten 
nur einige wenige Schildwachen. Prellte nun ein Haufe Tataren 
an, so zogen sich sämmtliche Kasaken in die Wagenburg und 
empfingen jene mit einem Kugelregen, ohne dass ihnen die Ta- 
taren, welche nie von den Pferden stiegen und auch damals noch 
yerhältnissmässig wenig Feuerwaffen führten, Etwas anhaben konn- 
ten. Gaben diese sich aber einmal eine Blosse, so brachen die 
stets darauf lauernden Kasaken aus der Wagenburg hervor und 
jagten ihnen die gemachte Beute wieder ab. Im Laufe der Zeit 
vervollkommnete sich ihre anfangs rohe Kriegsweise immermehr, 
es wurden dann Kriegslisten aller Art, nächtliche Ueberfalle 
angewendet; auch lernten die Kasaken den Gebrauch von Ver- 
schanzungen kennen, sie vervollkommneten sich im Scharfschiessen 
und wandten endlich bei ihren Kriegszügen auch leichte Kano- 
nen an. 

Zu Wasser war der Kasak in seinem eigentlichen Element, 
denn jeder musste mit seinem Nachen alle Wasserfälle, deren es 
ohne die Strudel, Wirbel und Kreise 13 gab, von denen manche 
7 bis 8' hoch hinabstürzten, durch- und vorbei geschwommen sein, 
ehe er in der Genossenschaft für ebenbürtig galt. Die Kasakischen 
Fahrzeuge, Tschaiken genannt, waren etwa 60' lang, 10 bis 25' 
breit imd bestanden aus einem ausgehöhlten Baumstamm, dem 
durch lauwarmes Wasser, Annäherung an Feuer und eiserne Reifen 
eine gewisse bauchige Breite und Vertiefung gegeben wurde, wor- 
auf man ihn an der Sonne trocknete und an den Seiten mit Bret- 
tern benagelte. Zur Sicherung dieser einfachen Fahrzeuge vor 
dem Umschlagen bei hochgehender See befestige man an den Sei- 
ten dichte Bündel von Schilf oder Kräuterstengeln, die gleichzeitig 
einen gewissen Schutz gegen kleinere Kugeln gewährten. Um die 
Böte dem Auge mehr zu entziehen, wurden sie gewöhnlich schilf- 
grün angestrichen. Als später die Seezüge bis ins schwarze Meer 
gingen, vergrösserte man die Schiffe so weit, dass sie 50 bis 60 
Mann mit dem nöthigen Proviant aufnehmen konnten. Bewegt 
wurden sie gewöhnlich durch zwölf und mehr Ruderer, doch be- 
nutzte man bei günstigem Winde auch Segel, die aber aus sehr 
armseligem Material bestanden. War es nun auf einen Seezug 
abgesehen, so sammelten sich zu einem bestimmten Zeitpunkte 
4 bis 5000 Mann — zahlreicher waren ihre Schaaren zu jener 
Zeit selten — ; innerhalb weniger Wochien wurden dann 80 bis 
100 Tschaiken ausgerüstet und der aus Zwieback, gekochter Hirse 
und gegohmem Teig mit Hirse gemischt, bestehende Proviant ein- 
genommen, während Branntwein aus leicht erklärlichen Gründen 



— 202 — 

nicht mitgeführt werden durfte. Die Bewaffnung jedes Mannes 
bestand aus zwei Flinten und einem Säbel; ausserdem war jedes 
Schiff noch mit 5 bis 6 Falkonetten, zuweilen auch wohl mit zwei 
leichten Kanonen armirt. So rückten die Kasaken, meist im letz- 
ten Mondviertel, um sich nicht den bei Otschakow stationirten 
Türkischen Wachtgaleeren zu verrathen, in geschlossenen Kahn- 
reihen den Fluss hinab. Der Zweck solcher Züge war damals 
gewöhnlich nur auf das Kapern der grösseren Türkischen Handels- 
schiffe gerichtet, denen sich die Kasaken im Laufe des Tages auf 
ihren niedrigen Barken ungesehen bis auf eine Meile näherten. 
Um Mittemacht griffen sie dann von allen Seiten an, enterten und 
plünderten das Schiff; die Mannschaft, so viel sie deren fortbringen 
konnten, wurden gefangen mitgeführt, die übrigen aber mit dem 
eroberten Schiff versenkt. Hierbei kam es bisweilen vor, dass die 
Kasaken irrthümlich Kriegsschiffe angriffen, eine Verwechselung, die 
ihnen gewöhnlich theuer zu stehen kam, da in einem solchen Falle 
meistens der grosseste Theil ihrer Flottille in den Grund gebohrt 
wurde. In späteren Zeiten dehnte man die Streifzüge weiter aus, 
indem die Kasaken wohl an den Europäischen und Asiatischen 
Küsten der Türkei landeten und die offenen Städte und das platte 
Land ausplünderten. Fanden sie bei ihrer Rückkehr die Einfahrt 
in den Dnepr durch die Türkischen Galeeren verlegt, so fuhren 
sie entweder nach Otschakow, zogen ihre Schiffe durch den oft 
nur {' tiefen Liman und kamen so nach 2 bis 3 Tagen in den 
Strom; oder sie schifften durch die Strasse von Kertsch in das 
Asowsche Meer, dann den Liman des Don aufwärts, zogen ihre 
Tschaiken über Land etwa eine Meile weit in die Tatschawoda, 
die sie bis zu ihrem Einfluss in die Ssamara herabfuhren, und 
erreichten auf diesem Wege unterhalb Kodak den Dnepr wieder. 
Bisweilen wählten sie auch zum Auslaufen den nämlichen Weg, 
besonders dann, wenn ihre Flottille nur klein und die Mündung 
des Dnepr durch zahlreiche Türkische Schiffe bewacht war. 

So hatte das Kleinrussische Kasakenthum bereits eine gewisse 
Organisation erreicht, als der Tod des Daskiewicz 1536 Alles wieder 
in Frage zu stellen schien. Die Kasaken Hessen viele Jahre Nichts 
von sich hören und verliefen sich auch zum Theil') . Wenshik 
Chmelnizkij und der Fürst Demetrius Wischnewezkij folg- 
ten im Gommando. Der letztere schlug seinen Wohnsitz auf der 
Insel Ghortiza auf, gab ihr seinen Namen, befestigte demnächst 
die Insel Tomahawka, und lehrte die Kasaken, aus der Haut von 
Auerochsen Tschaiken zu machen'). Da wegen des Friedens zwi- 
schen Polen, Türken und Tataren die grösseren Unternehmungen 
ruhen mussten, und der kleine Krieg an den Grenzen den Kasaken 
nicht genügte, so zogen sie anfangs nach der Wallachey und traten 



1) ibid. fif. 66. 2) iMd. f^[, 67. 



— 203 — 

dann in die Dienste des Orossfürsten Johann I. von Moskau. Dies 
dauerte jedoch nur bis zum Jahre 1562, wo der zwischen Buss- 
land und Polen ausgebrochene Krieg sie veranlasste, wieder nach 
Hause zurück zu kehren*). Als indessen 1569 die Türken Astra- 
chan belagerten, gingen 5000 Kasaken vom Dnepr dahin, ver- 
einigten sich mit den Donschen und besiegten die Türken in einer 
grossen Schlacht zu Wasser und zu Lande*). Von den Theilneh- 
nehmem an dieser Expedition blieb die Mehrzahl am Don, wäh- 
rend die Zurückkehrenden, denen die Polen inzwischen Tscher- 
kassy, Kanew und Perewolotschna wieder abgenommen hatten, 
ausser Tschigirin noch einige andere Städte, sowie die Kasakische 
Ssetsch auf dem rechten Ufer des Dnepr, 35 Werst unterhalb 
Perewoloschna anlegten'). Da sie indessen zu Hause noch immer 
kein Feld für ihre Thätigkeit fanden, so waren sie nahe daran, 
ganz auseinander zu laufen, als im Jahre 1574 der Moldausche 
Fürst Ivonia sie für seinen Dienst anwarb*). Diesem Ruf folgte 
ein kleines Corps von 1200 Mann unter Johann Swerchowskij, 
welches aus 

7 schwachen Regimentern, nämlich 5 unter Swerchowskij, Ber- 
san, Koslow, Stasen und das Brazlawsche zu je 200, und 
2 unter Jantschi und Sokolowsky zu je 100 Mann 
bestand*). 

In der Schlacht bei Bialogrod, der sie beiwohnten, wird ihre 
Taktik und Bewaffnung folgender Maassen geschildert: Von 
den 3 Abtheilungen, in die sie sich theilten, standen in erster 
Linie 400 Mann mit runden Schilden und den mitgebrachten klei- 
nen Kanonen, dazu bestimmt, den ersten Anprall der Türkischen 
Reiterei abzuhalten; auf dem rechten Flügel standen 400 Mann 
unter Swerchowskij mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, und ebenso 
viele mit Lanzen und Wurfspeeren auf dem linken, zum Empfang 
der Türken bereit, während die Wallachen über den Flügeln vor- 
brechen sollten^). Diese Aufstellung beweist, dass man die Ka- 
saken als die besten Truppen ansah. Sie rechtfertigten dieses 
Vertrauen auch durch die That, denn, als die ganze Expedition, 
trotz ihres anfänglichen glücklichen Verlaufs, ein schlechtes Ende 
nahm, kamen nur 12 Kasaken wieder nach Hause zurück; die 
übrigen blieben auf dem Felde. Indessen mehrte sich in den spä- 
teren Kriegen, dem Lebenselement des Kasakenthums, ihre Zahl 
wieder rasch, so dass dieselbe schon im nächsten Jahre wieder 
mehrere 1000 betrug'). 

Stephan Bathory (1576 bis 1586), der sehr wohl die 
Brauchbarkeit der Kasaken, aber auch das Gefährliche ihrer da- 
maligen unordentlichen Organisation erkannte, Hess es eine seiner 

1) ibid. pag. 67, 68. 2) üeb. d. Twtaeraom. Kas. Con«. MUit. Journ. 1848. N. 2. pag. 138. 
8) ibid. pag. 124. 4) t. Engel. Qmh, d. TTInrafake pag. 71. 5) ibid. pag. 72. 6) ibid. pag. 78. 
7) ibid. pag. 74. 



— 204 — 

ersten Sorgen sein, die wachsende Macht der Saporoger — d. h. 
der hinter den Wasserfilllen lebenden — Jugend, wie sich die Ka- 
saken damals nannten, dem Reiche dienstbar zu machen. Er dis- 
ciplinirte sie daher bereits 1576 und gab ihnen eine regelmässige 
Organisation, nach der sie aus: 

6 Regimentern: dem Perejäslawschen, Belozerkowschen, Ka- 

newschen, Korssunschen, Tscherkassyschen und Tschigirin- 

schen*) zu je 1000 Mann 
bestanden. Jedes Regiment wurde in Centurien (ssotni) zu je 100, 
und diese wieder in Decurien zu 10 Mann eingetheilt. lieber die 
Mannschaften wurden fortlaufende Register geführt, wonach die 
wirklich zum Dienst notirten Kasaken den Namen der r^istrirten 
(kctöaki reestrowanye) erhielten, den sie noch lange nachher führ- 
ten. Der Oberanführer bekam den Titel Hetman — der erste 
war Fürst Bogdan Ruzinsky — und als Zeichen seiner Würde 
einen Coramandostab, eine Fahne, einen Rossschweif und ein Corps- 
siegel mit dem Kasakischen Wappen: einem Reiter mit Flinte 
und grossem Kaipak mit hinten herabhängender homförmiger 
Schleife. Der Hetman stand unter dem Kronfeldherm und hatte 
zur Seite die Starschina oder den Corpsstab, aus 2 Wagenmeistern 
(obosni), 2 Richtern (ssudji), 2 Schreibern (pissari) und 4 Jas- 
saulen (jassauly) oder Adjutanten bestehend. Die Regimenter 
wurden von Obersten (polkomiiki), die Centurien von Centurionen 
(ssotnihi) geführt, die Zehntmannschaften standen unter Atamanen; 
ausserdem hatte jedes Regiment noch einen Stab — die Regiments- 
starschina (polkowaja starschitia) — , der aus 1 Unterrichter, 
1 Schreiber und 1 Jassaul bestand. 

Dem Corps wurde gestattet, für die Aufbewahrung seiner, 
den Türken abgenommenen Artillerie und der Kriegsbedürftiisse 
ein eigenes Zeughaus zu halten. Der Sold wurde für jeden Mann 
auf einen Ducaten, einen Pelz und eine Ochsenhaut*) jährlich fest- 
gesetzt. Als Winterquartiere erhielten die Kasaken die Stadt und 
das Kloster Terechtemirow, nebst einem Landstrich von 20 Meilen 
auf dem östlichen Ufer des Dnepr angewiesen; der Corpsstab 
hatte seinen Sitz in jener Stadt, die somit, statt Tscherkassy, 
nunmehr der Hauptort wurde. 

Im Frieden waren nur 2000 Kasaken zur Bewachung der 
Inseln im wirklichen Dienst, die übrigen 4000 — aus den Söhnen 
von mit vielen Kindern begabten Bauern genommen — blieben 
zu Hause, waren von allen dem Grundherrn zu leistenden Roboten 
und Auflagen frei, hatten sich aber in der Führung der Waffen 
zu üben und beständig zum Ausmarsch bereit zu halten'). 

Diese geregelte Organisation behagte den Kasaken keines- 



1) A. T. B. Die Koaken. pag. 83, 34. 2) VttfTolojak^. Dict. g^orr.-hist. d. L Bnarisi 
puff. 124* 3) ▼. BDgel. Gesch. d. TTknine. png. 77, 78. 



— 205 — 

wegs, noch weniger konnten sie sich in eine strenge Disciplin 
finden; trotz dem Befehl Stephan Bathory's setzten sie ihre Raub- 
und Streifzüge fort und reizten diesen dadurch so, dass sie es 
1578 für gerathener hielten, vor seinem Zorn an den Don ztt>ent- 
weicben'). Ungeachtet dessen und obgleich wiederholt von den 
Tataren dazu aufgefordert, konnte sich aber der genannte Fürst 
nicht zur Abschaffimg der Kasaken verstehen; vielmehr bewog er 
die Mehrzahl der Flüchtlmge schon zu Anfang 1579, wieder nach 
dem Dnepr zurück zu kehren. Hauptsitz der Kasaken wurde jetzt 
die Insel Tomahawka, wo sich beständig 2500 Mann derselben 
aufhielten'). Als im Jahre 1581 nach Beendigung des Krieges 
zwischen Kussland und Polen die Polnischen Truppen entlassen 
wurden, gingen viele Mannschaften derselben zu den Nisowiem, 
wie sich die Kasaken damals nannten, über'). Dadurch stieg ihre 
Zahl und ihre Kühnheit rasch und von 1585 an begannen ihre 
grösseren Unternehmungen zur See*). 

Im Jahre 1590 erhielten die Kasaken eine neue Verfas- 
sung, nach der sie unter dem obersten Kronhetman stehen und 
ihre Offiziere von diesem aus dem Polnischen Adel erhalten soll- 
ten. Ueber die Zahl der Kasaken sollte der Hetman beständig 
ein namenthches Verzeichniss führen, und ohne sein Wissen Nie- 
mand bei ihnen aufgenommen werden, namentlich keine verur- 
theilten Verbrecher oder Deserteure aus der Polnischen Armee. 
Nächstdem sollten die Kasaken schwören, sich aller Raubzüge zu 
Wasser und zu Lande zu enthalten, und zu diesem Zweck keiner 
ohne einen Erlaubnissschein seines Centurio in eine Stadt gelassen, 
noch ihm Pulver, Salpeter, Waflfen oder Lebensmittel verabfolgt 
werden. Auf die Ausführung dieser Bestimmungen hatten die 
Starosten und Beamten der Königlichen und adligen Güter, sowie 
die Gutsherrschaften bei kriegsrechtlicher Strafe zu achten; für 
die Aufrechthaltung der Ordnung an den Grenzen wurden zwei 
besondere Aufseher mit 300 Fl. Besoldung ernannt. Der Sold der 
Nisowschen und Donschen Kasaken sollte noch später bestimmt 
und vorläufig nur so viel von den Provisoren besoldet werden, 
als der Kronfeldherr aufbieten würde*). 

An diese Bestünmungen kehrten sich die Kasaken nicht im 
Geringsten, vielmehr nahmen sie auf, wer nur kam, und rückten 
noch in demselben Jahr wieder zu Raubzügen ins Schwarze Meer 
aus. Zu solchen Kriegszügen gegen die Türken wurden sie auch 
fortwährend von den Malthesem*), ja selbst von auswärtigen Für- 
sten angereizt, so z. B. 1594 vom Kaiser Rudolph IL, der ihnen 
zu diesem Zweck Fahnen, silberne Trompeten und Subsidiengelder 



1) il»id. paff. 81. 2) ibid. ]M«. 88. 3) ibid. paff. 86. 4) ibid. pK- 87. 5) ibid. pag. 89, 90. 
e) VatfToloJsky. Dict gi^.-bi«t d. L Bnarie. 1. pag. 128. 



— 206 — 

schickte'). Uebrigens war ihre Zahl damals bereits so gestiegen, 
dass schon 1590 die Polen im Fall eines Krieges auf 20,000 Ka- 
saken rechnen zu können glaubten'). 

Beim Abschluss des Friedens zwischen Polen und Türken 1590 
bedangen sich die letzteren in einem besonderen Artikel die Auf- 
hebung der Kasaken aus, welche die Polen nunmehr mit Gewalt 
durchfahren wollten. Dagegen setzten sich aber die Kasaken 
mit YoUer Kraft, und sie, die so oft Schutzengel der Polen ge- 
wesen waren, wurden nun deren Geissein. Im Jahre 1596 schlug 
der Polnische Feldherr Zolkiewski von den vier Haufen der Ka- 
saken drei derselben, welche etwa 8000 Mann stark mit 34 Ka- 
nonen ins freie Feld gerückt waren, und zwang sie zur Erge- 
bung'); der vierte Haufen, die eigentlichen Saporoger, war auf 
den Inseln geblieben, wo ihnen schwer beizukommen war. Da 
diese sich überdiess 1600 im Kriege mit der Wallachey sehr aus- 
zeichneten, so wurden sie 1601 vom Polnischen Reichstag wieder 
hergestellt*). 

In dieser Zeit fingen die Kleinrussischen Kasaken allmählig 
an, sich aus einer Fusstruppe zu einer leichten Reiterei umzu- 
bilden. So befanden sich z. B. 1604 bei dem Zuge des ersten 
falschen Demetrius gegen Moskau unter den 12,000 Saporo- 
gem desselben 8000 Reiter und 4000 zu Fuss mit 14 Feld- 
stücken. Die ersteren wusste Boris Godunow auf seine Seite 
zu ziehen, während die 4000 Fussgänger in der Schlacht bei 
Nishny Nowgorod am 20. Januar 1605 sämmtlich niedergehauen 
wurden'). 

Im Jahre 1607 sollte die Verfassung von 1590 wieder in 
Ausführung gebracht werden; da sich die Kasaken aber gutwillig 
nicht fügten und ein Rokoss oder Soldatenaufstand, wie es damab 
in Polen an der Tagesordnung war, die Anwendung von Gewalt- 
massr^ehi unmöglich machte, so blieb nicht nur Alles beim Alten"*), 
londem die Zahl der Kasaken vermehrte sich immer mehr, wie 
daraas erhellet, dass sich z. B. 1609 wieder 30,000 Mann unter 
Olowcinko bei dem Heere Sigismunds III. befanden 0. Im Jahre 
1613 wurde abermals die Auflösung der Kasaken decretirt, 
aber mit ebenso wenig Erfolg wie früher^), so zwar, dass 1618 
auf dem Zage nach Moskau wieder 20,000 Saporoger unter Ko- 
■nschewitflch beim Polnischen Heer waren'). In Folge der guten 
Dienste derselben wurde 1619 wieder zugegeben, dass eine ge- 
wisse, vom Reichstag festzusetzende Zahl von Kasaken im Solde 
der Bepublik bleiben, die übrigen aber auseinander gehen und ihre 



1) T. Bo««!. GMch. d. UltniB«. pag. M. 2) iUd. pag. 98. 8) ibid. 
9H' 107. 6) iMd. pif. 108. lOa 6) ibid. pi«. 110. 7) ibid. pag. 
9) ibid. p^. 114. 



pa«r. 101 bii 103. 4) ibid. 
111. 8) ibid. pag. HS. 



— 207 — 

Fahnen ausliefern sollten*). Im Jahre 1620 wurden aber sämmt- 
liche Kasaken, ohne ihre Zahl festzi^stellen, zu Söldnern der 
Republik erklärt und unter den Oberbefehl des Kronhetmans ge- 
stellt^. 

Die Verfassung der Kasaken war zu jener Zeit nach 
Sobieski folgende'): Das Obercommando hatte der Hetman, der 
als Zeichen seiner Würde einen Rohrstab — die Bulawa — führte. 
Sdne Wahl fand in ziemlich tumultuarischer Weise durch Zuruf 
und Hochwerfen der Mützen Statt. So lange er im Amte war, 
hatte er das Recht über Leben oder Tod, doch war seine Gewalt 
sehr precär und konnte ihm jeden Augenblick wieder entrissen 
werden. Nach ihm folgten 4 Jassaule als Adjutanten und Kriegs* 
räthe und 1 Vice- oder Instructionsataraan {naJcasnij ataman)\ 
demnächst der Quartierraeister, der Feldzeug- oder Wagenmeister 
(pbosnif), die Obersten {polkaumiki) ^ Centurionen {ssotniki) und 
der Schreiber {pissar\ Der letztere führte die Rechnungen, so- 
wie unter Mitwirkung eines Rathes Griechischer Mönche die öffent- 
lichen Verhandlungen und die dienstliche Correspondenz. Der 
Mttelpunkt der ganzen Kasakenschaft war in Terechtemirow, wo 
sie auch ihre Fahnen, Privilegien, Kanonen und die erbeutetmi 
Trophäen aufbewahrt hielten. Hier fanden auch in der Regel die 
allgemeinen Versammlungen — Ruds oder Rada genannt — Statt, 
die zur Entscheidung wichtiger Fragen vom Hetman zusammett- 
berufen wurden, und denen er selbst verantwortlich war. Ohne 
Genehm^ung derselben durfte der Hetman keine Geschenke an- 
nehmen oder wichtige Anordnungen treffen; dagegen hatte er das 
Recht und die Pflicht, die geeigneten Massregeln in Vorschlag zu 
bringen, indessen geschah dies immer sehr kleinlaut, fast unter- 
würfig, und zwar stehend, während die auf ihre Souverainetät eifer- 
süchtige Menge sitzend seinem Vortrage meist still und aufmerk- 
sam zuhörte, nachher bei der Berathung aber um so lauter lärmte 
und schrie. 

üebrigens standen die Kasaken schon damals, wie auch schon 
seit den Zeiten der falschen Demetrius im Verkehr mit Russland; 
so erhielten sie z. B. unterm 21. April 1620 von dem Zaren Michailo 
Feodorowitsch auf ihr Ansuchen 300 Rubel und das Verq)recben 
eines weiteren Soldes für ihre gegen die Tataren zu leistenden 
Dienste*). 

Im Jahre 1622 wurde Polnischer Seits wieder ein Versuch 
gemacht, die Zahl der Kasaken einzuschränken, das Einzige, was 
aber 1624 nach heftigem Kampf erreicht wurde, beschränkte sich 
darauf, dass die damals aus 25,000 Mann bestehenden Kasaken 
sich gegen eine Soldzulage verpflichteten, keine Streifzüge mehr 

1) ibid.iMtg. 115, 116. 2) ibid. pag. 117. 8) ibid. pag. 117. q. 4) Samml. d. Staateerl. v. 
Vartr, nl. N. 61. 



— 208 — 

ins Türkische zu machen'), ein Versprechen, das sie übrigens so 
wenig hielten, wie die früheren. 

In den Jahren 1627 und 1628 wurden die Easaken auf glei- 
chen Fuss mit den sogenannten Quartianem*) gesetzt und ihnen 
die Bewachung der Grenze gegen die Ukraine übertragen'). Ihre 
Zahl wurde wieder auf 6000 beschränkt und gleichzeitig festgesetzt, 
dass nur die Bewohner der Inseln, Wassei-fillle und des Districtes 
von Terechtemirow Kasaken sein sollten, die der übrigen Ukraine 
aber nicht'). Diesen Einschränkungen wollten sich die Kasaken nicht 
unterwerfen, sondern widersetzten sich 1629 denselben, 26 bis 
30,000 Mann stark unter dem Hetman Taras, mit gewaffoeter 
Hand und mit Glück*). 

Im Jahre 1635, als die Polen einmal Ruhe vor äusseren 
Feinden hatten, dachten sie sofort an die Einschränkung der Ka- 
saken. Es wurde daher ein Befehl erlassen des Inhaltes: die Ka- 
saken sollten bei Verlust ihrer Vorrechte dem Heidenthum, d. h. 
den Türken und Tataren, keinen Anlass zur Klage geben; die 
Starosten und städtischen Behörden sollten verhindern, dass sie in 
ihren Bezirken Schiffsbauholz fällten und zurichteten, oder Lebens- 
mittel und Kriegsbedarf zu Seezügen einkauften; kein Edelmann 
sollte seinen Söhjien den Eintritt bei den Kasaken gestatten. Um 
ihren beständigen Klagen wegen Beschränkung ihrer Zahl in Etwas 
zu genügen, wurde dieselbe auf 7000 Mann erhöht und ihnen die 
Errichtung 

eines 7. Regiments*) 
gestattet; mehr sollten es aber durchaus nicht sein und diese ihren 
Sold beständig in Kanew erhalten. Auf Ungehorsam wurde die 
Strafe der Ausstossung und des Enthauptens gesetzt^). 

Diesen Bestimmungen schienen sich die Kasaken anfangs fügen 
zu woUen, im December 1637 standen aber auf einmal wieder 
18,000 Mann gegen Polen unter den Waffen. Sie wurden aber 
besiegt und ihnen nun 1638 auf dem Reichstage alle ihre Pri- 
vil^ien und Ehrenunterschiede genommen. Zwar sollten 6000 
registrirte Kasaken beibehalten werden, dieselben aber nicht 
mehr unter einem selbstgewählten Hetman, sondern unter einem 
aus dem Polnischen Adel ihnen vorgesetzten Commissar stehen, 



*) Die Qiiartianer waren eine, 1562 vom König SijErismund II. eingerichtete 
Polnische Miliz von 10,000 Mann zu Fuss und 20(X) Reitern, die ihren Namen 
davon hatte, dass zu ihrem Unterhalt der 4. Theil der Einkünfte der König- 
lichen Güter angewiesen war. Diese Miliz war aus den Einwohnern von 
Witebsk, Smolensk etc. gebildet, und wurde auch wohl Witebsker Kasaken. 
nannt (v. Engel. Gesch. d. Ukraine, pag. 68. — Hammerdörfer. Gesch. 
d. Ukr. u. Sapor. Kas. pag. 14.) 

1) T. Bngd. OeKh. d. Uknina. mg. 120, 121. 9) ibid. pw. 121. 8) ibid. p«f. 185. 
4) iUd. yag . 126. 6) A. t. a Dl« Konfon. png. 68. 6) t. Bngd. Qmk. d. ükraiDe. pif. 189. 



— 209 — 

dem zwei Kasakische Jassaule beigegeben wurden. Die übrig be- 
lassenen Kasaken wurden in 

6 Regimentern: dem Perejäslawschen, Belozerkowschen, Kanew- 
schen, Korssunschen, Tscherkassyschen und Tschigirinschen 
organisirt, deren Obersten, Centurionen und sämmtliche Atamanen 
von einer Polnischen Commission ernannt wurden. Der comman- 
dirende Commissar sollte dem König und der Republik Treue 
schwören, auch dem Krongrossfeldherrn unbedingte Folge leisten. 
Sein Sitz sollte in Terechtemirow sein, für die übrigen Kasaken 
aber ein Bezirk um Tscherkassy, Kanew und Korssun von be- 
stimmten Commissaren abgegrenzt werden, ausserhalb dessen kein 
Kasak irgend ein Besitzthum haben durfte, damit sich unter kei- 
nem Vorwande andere Leute zu ihnen halten konnten. Ein Re- 
giment nach dem anderen sollte abwechselnd die Inseln und Wasser- 
fiüle des Dnepr bewachen, um sowohl Einfillle der Tataren abzu- 
weisen, als auch Raubzüge der Kasaken ins Schwarze Meer zu 
verhindern. Sonst durfte sich bei Todesstrafe kein Kasak ohne 
einen Pass des Commandeur-Commissars dahin begeben. Zur Auf- 
rechthaltung dieser Vorschriften war eine Polnische Besatzung in 
der Citadelle von Kodak, welche der Polnische Feldherr Koniek- 
polski im Jahre l(i35 durch den Französischen Ingenieur Beauplan 
auf einem Felsen im ersten Wasserfalle nach Kiew zu hatte an- 
legen lassen, installirt. Wenn ein Einfall der Tataren drohte, so 
hatten 2 Regimenter den sogenannten schwarzen Pass zu besetzen, 
bei wirklichem Kriege aber sollten alle Kasaken den Befehlen des 
Kronhetmans gehorchen. Für Streitigkeiten unter sich hatten die 
registrirten Kasaken eigene Gerichtsbarkeit, wogegen Streitfälle 
mit den Umwohnern der Entscheidung gemischter Gerichte unter- 
lagen. Als Gehalt wurden für die beiden Jassaule je 600, für die 
Centurionen je 200 und für die Atamanen je 60 Fl. bestimmt*). 

Zehn Jahre lang ertrugen die Kasaken, wenn auch murrend, 
diese Beschränkungen, sowie die viel schwereren Bedrückungen und 
Unbilden, denen sie in Folge derselben von Seiten der überraüthi- 
gen Polen ausgesetzt waren. Dann aber erhoben sie sich 1648, 
nicht ohne Vorwissen des Königs Wladislaw unter Bogdan Chmel- 
nizkij, die Herstellung ihrer alten Rechte und die Erhöhung ihrer 
Zahl auf 12,000 Mann verlangend. Der plötzliche Tod des Kö- 
nigs') vereitelte indess ihre Hoffnungen, indem der Polnische 
Reichstag ihre Wünsche zurückwiess. Bei dieser Entscheidung 
glaubten indess die Kasaken, welche damals 

35 Regimenter 
stark waren*), sich nicht beruhigen zu dürfen, und da die Polen 
den Gehorsam erzwingen wollten, so kam es zum Kriege, der aber 
für die letzteren so unglücklich begann, dass diese schon im näch- 

1) ibid. pag. ISl, l.*t2. 2) ibid. pog. 146. 3) ibid. pag. 153. 
Biix, OcBob. d. alt. Rom. HearMcInAcht. 14 



— 210 — 

sten Jahre sich bereit erklärten, den Kasaken eine Zahl von 12 
bis 15,000 Mann zu bewilligen*). Damit waren aber die letztern, 
welche damals unter 30 Obersten mit je 10,000 Mann, im Ganzen 
also 300,000 Bewaffnete*) mit 70 Kanonen gezählt haben sollen, 
wozu noch 160,000 Tataren stiessen'), nicht mehr zufrieden, son- 
dern yerlangten nunmehr die Erhöhung ihrer Zahl auf 40,000 
Mann'). Unfähig der gewaltigen Macht der vereinten Kasaken 
und Tataren zu widerstehen, schlössen die Polen am 19. und 
20. August 1649 mit jenen den Vertrag von Zborow*). Durch 
denselben wurden die alten Privilegien der Kasaken wieder her- 
gestellt und ihre Zahl auf 40,000 Mann gesetzt. Das Register 
soDte der Hetman sofort anfertigen und dem Könige überreichen; 
allen tauglichen Unterthanen von Privatbesitzern und des Kön^s 
sollte es freistehen, sich darin einschreiben zu lassen, doch muss- 
ten sie dann in die, den Kasaken überwiesenen Landstriche über- 
siedeln. Die letzteren lagen zwischen dem Horyn und der Mos- 
kauschen Grenze, woselbst sie auf dem rechten Ufer des Dnepr 
die Städte Dimer, Gornostaipol, Korosteschew, Pawolotschi, Pogre- 
bischtschi, Priluki, Winniza, Brjazlaw und den Raum von da bis 
Janpol; auf dem linken Ufer aber die Städte Ostreja, Tschemi- 
gow, Neshin und Romen bis zur Moskauschen Grenze umfassten. 
In diesem Gebiet sollten kein Magnat oder Adlicber sich em Recht 
anmassen, keine Truppen in Winterquartiere gelegt und keine 
Juden geduldet werden. Die Starosteien von Tschigirin und Bar 
wurden als AUodien, jene dem Kasaken-, diese dem Kronhetman 
übergeben. Der Hetman sollte beständig Griechischer . Religion 
sein, direct unter dem Könige stehen und daher nur diesem 
schwören, auch wurde ihm der Rang eines l^olnischen Edelmannes 
ertheilt. Als Insignien seiner Würde waren ihm bereits unterm 
16. Januar ein mit Saphiren besetzter Commandostab, eine rothe 
Fahne mit dem weissen Polnischen Adler und dem Namen Johann 
Casimir's, sowie ein Patent über diese Stellung übersendet wor- 
den*). Endlich wurde der jährliche Sold für jeden Kasaken auf 
10 Fl. und eine Tuchmontur festgesetzt. Auch wurde nachträg- 
lich noch zugegeben, dass auch über die Zahl von 40,000 Jeder, 
der wollte, sich zu den Kasaken einschreiben lassen durfte; diese 
überzählige Mannschaft erhielt den Namen der «freiwilligen Trup- 
pen» (ochotnyja woisskay). 

Nach Vollendung der Kasakenregistrirung ergab sich, dass 
die Gesammtzahl der Kasaken zur Formation von 15 Regimentern 
ausreichte, deren Namen, Commandeure und Stärke nach dem am 
8. May 1650 dem König in Warschau überreichtem Verzeichniss 
folgende waren'): 



*) Sonte da nicht eine Null zu viel sein? 

1) ibid.iMg. 157. 2) ibid. pag. 159. 3) ibid. pag. l&i. 4) ibid. pi«. 162 bis 164. 
d.8taAtoerl.ii.Yertr.III.N. 137. 6 j v.Engvl. Geach.d. Ukraine, pag. 157. 6) ibid.pac^. 167. 7 J ibid. 



— 211 — 

Xo Namen Namen der Obersten. Zajil der Mannschaften 

der Regimenter. uc» v/uciowc«. „achd.Annal.») n.Kochowski. 

1. Das Tschigirinsche. Fedor Jakubowski. 3189 3189 

2. „ Tscherkassysche. Iwan Worotschenko. 2989 2989 

3. „ Kanewsche. Ssemen Powicki. 3120 3120 

4. ,, Korssonsche. Lukian Mosyra. ,3472 3472 

5. „ Umiansche. Josef Gluch. 3830 3083 

6. ,, Brazlawsche. Danilo Netschai. 2802 2072 

7. „ Kalinskische. Iwan Fedorenko. 2046 2046 

8. „ Kiewsche. Anton Adamowitsch. 2080 2008 

9. „ Perejäslawsche. Ferko Loboda. 2150 2016 

10. „ Kropiwjansche. Filon Dschedschelej. 2053 2053 

11. „ Ostrzaneche. Timosch Nosatsch. 1958 1958 

12. „ Mirgorodsche. Maxim HJadki. 3158 3158 

13. ,, Poltawasche. Martin Puschkarenko. 2783 2783 

14. „ Nesliinsche. Prokop Schumejko. 983 983 

15. ,, Tschernigowsche. Martin Njebaba^;^ 936 996 

• Summa 37,549 35,925 

Ausserdem gab es noch eine grosse Menge Volont^irs. 

Der Vertrag von Zborow, den die Polen nur im Drange des 
Augenblicks eingegangen waren, beendigte die Kasakischen Wir- 
ren nicht, vielmehr brach der Krieg schon 1651 wieder mit er- 
neuter Wuth los. Dieses Mal war der Ausgang den Polen gün- 
stiger, so dass sie in dem am 18. September 1651 abgeschlosse- 
nen Vertrag von Belaja Zerkow*) wesentlich günstigere Be- 
dingungen durchsetzten: Die Stärke des Saporogischen Heeres 
wurde auf 20,000 Mann herabgesetzt, ihre Wohnsitze auf die Kö- 
niglichen Güter des Kiewer Palatinats beschränkt, wohin also alle 
diejenigen überzusiedeln hatten, die sich zu den Kasaken einschrei- 
ben liessen; und die Vorrechte der Kasaken nur den Mannschaften 
bewilligt, die sich in der vom Hetman unterzeichneten Matrikel 
befanden, während alle übrigen Einwohner den allgemeinen Lasten 
unterworfen sein sollten. 

In Folge der Beschränkungen dieses Vertrages wanderten 
viele Kasaken, die nicht Aufnahme in dem registrirten Corps finden 
konnten, nach Kussland aus, wo sie der Zar Alexe] Michailowitsch 
mit Freuden auftiahm und ihnen Wohnsitze in der Gegend von 
Belgorod gegen die Krymsche Steppe hin anwiess^ unter Bewilli- 
gung fast aller Freiheiten der Ukraineschen Kasaken. Diese Aus- 
wanderer bildeten dort die Grundlage zu den späteren Tscherkas- 
sisch - Slobodischen Kasaken"), von denen weiter hin näher ge- 
sprochen werden wird. 

Die Einschränkungen des Vertrages von Belaja Zerkow ge- 
nügten den Polen aber nicht, vielmehr gingen sie auf nichts Ge- 
ringeres aus, als die Kasaken ganz aufzuheben und unter die 
regulairen Truppen zu stecken*). Dieses Aeusserste warteten aber 

1) B. auch HammerdArfbr. Oeach. d. Ulcr. n. Sapor. Kaa. pag. 97. — A. t. B. Die Koaaken. 
M. 258. 2) T. Ea««]. Oeacb. d. Uknine. pag. 180, 181. - SamBl. d. Staataerl. «. Vertr. HI. 
N. 143. 3) ▼. Engel. Qeacli. d. Ukraine, pag. 188. 4) ibid. pag. 189. 

14* 



— 212 — 

jene nicht ab, sondern warfen sich nunmehr den in Sprache, 
Glauben und Sitten ihnen nahe stehenden Russen in die Arme. 
Nachdem nämlich bereits schon seit früheren Zeiten mehrfach Be- 
ziehungen zwischen beiden Völkern stattgefunden hatten, waren 
dieselben, namentlich durch den damaligen Hetman Bogdan Chmel- 
nizkij schon bei seiner ersten Erhebung gegen Polen 1648 wieder 
angeknüpft; auch war er seitdem in beständiger Verbindung mit 
dem Zaren Alexej geblieben, welche bis zum Jahre 1652 so weit 
gediehen war, dass er ihm im März dieses Jahres seine völlige 
Unterwerfung anbieten Hess*). Die Unterhandlungen darüber zo- 
gen sich bis tief in das Jalir 1653 hinein'), und veranlassten 
endlich den Zaren am 1. October 1653 eine grosse Versammlung 
geistlicher und weltlicher Würdenträger von Russland zusammen 
zu berufen, um über die Anträge Chmelnizkij's zu berathen*). 
Das Resultat derselben war, dass die Aufnahme der Kasaken 1t)e- 
schlossen wurde, worauf der Hetman am 28. December dem Zaren 
zunächst für sich den Fidelitätseid leistete*). In einer grossen 
Versammlung oder Rada der Kasaken zu Perejäslaw am 8. Ja- 
nuar 1654 folgte das gesammte Saporogische Corps dem Beispiel 
seines Anführers und unterwarf sich den Russen*), denen damit 
eine schöne, fruchtbare Provinz und 60,000 Mann kräftiger und 
kriegsgeübter leichter Truppen zuwuchsen. Freilich kostete es 
noch Zeit und Anstrengungen, ehe Alles zum völligen Abschluss 
kam, aber das Resultat blieb dasselbe. 

Die KlfiiiiniBsiioheii Kasaken als Theile der Enssisohen Kriegsmaobt, Ton ihiem Üebeitritt 
bis n den Keformen Feters des Grossen. 1664—1700. 

Mit dem im Jahre 1654 erfolgten Uebertritt des Saporogi- 
schen Kasakencorps zu den Russen, waren die Geschicke Klein- 
russlands noch keineswegs definitiv entschieden, vielmehr fingen 
die Wirren in der Ukraine jetzt erst recht an, indem sich je nach 
den obwaltenden Verhältnissen und der jedesmaligen Gesinnung 
der Hetmans entsprechend, die Kasakenschaft bald mehr Polni- 
schen, bald wieder vorherrschend Russischen Einflüssen hingab, wo- 
zu in der Folge auch noch Türkische Hinneigungen kamen. Gleich 
nach dem Tode des Bogdan Chmelnizkij sagte sich sein Nachfol- 
ger Wigowskij wieder von Russland los und schloss am 16. Sep- 
tember 1658 mit Polen den Vertrag zu Hadiatsch, nach wel- 
chem die Palatinate Kiew, Tschernigow und Brazlaw zu einem 
besonderen Kasakischen Herzogthum vereinigt wurden, das unter 
der Oberleitung des Hetmans von einer besonderen Herzoglichen 
Canzelei verwaltet werden sollte; ausser mehreren Senatorener- 



1) 8«raml. d. Steaiwrl. v. Vartr. III. N. 148. 2) lUd. N. IM. a) ibid. K. 167. 4) ibid. 
H. 15\). 5 ibid. N. 160, 161, 16^ 163. — G«h. SMoml. I. N. 104, 115. 



r 



— 213 — 

nennungen wurden 100 Kasaken in den Adel erhoben, die Zahl 
der registrirten Kasaken auf 30,000 gesetzt und ausserdem die 
Errichtung einer besoldeten Truppe von 10,000 Mann decretirt*). 

Aber nicht alle Kasaken waren dem Beispiel ihres Hetmans 
gefolgt, namentlich war das Poltawasche Regiment Russland treu 
geblieben und konnte erst nach mehrfachen Wechselßlllen der 
neuen Ordnung der Dinge gewaltsam zugewendet werden. Letztere 
war übrigens nur von kurzem Bestände, indem bereits 1659 Wi- 
gowskij von den Kasaken abgesetzt und Georg Chmelnizkij zum 
Hetman bestimmt wurde, der sich sofort im Vertrage von Pe- 
rejäslaw am 17. October 1659 unter den alten Bedingungen wie- 
der an Russland anschloss']). In Folge dessen entbrannte von 
Neuem der Krieg zwischen diesem und Polen (1659 bis 1667). An- 
fangs waren die Polnischen Waffen so glücklich, dass sich bereits 
1660 die Kasaken gezwungen sahen, wieder die Polnische Ober- 
herrschaft anzuerkennen, wobei zwar im Allgemeinen der Hadja- 
tscher Vertrag zu Grunde gelegt, das Herzogthum aber abge- 
schafft wurde. Dadurch war die ganze Ukraine wieder Polnisch, 
und nur Kiew blieb vorläufig noch in den Händen der Russen"). 
Aber schon 1661 gewann der Koschewoj Samko das Land auf 
dem linken Ufer des Dnepr — die Russische Ukraine, wie man 
es seitdem zu nennen anfing — wieder für Russland, und wurde 
1662 zum Hetman derselben erwählt; wobei ihm Baturin zur Re- 
sidenz, Hadiatsch als Einnahmequelle überwiesen wurden*). In 
den Jahren 1663 und 1664 errangen die Polen wieder grosse Vor- 
theile und erobferten selbst bedeutende Theile der Russischen 
Ukraine, mussten aber doch endlich wieder zurück. 1665 und 
1666 lähmte der in Polen ausgebrochene Bürgerkrieg alle Maass- 
regeln der Republik, so dass die Polnischen Kasaken sich selbst 
überlassen waren. Demnach fasste der Hetman derselben, Peter 
Doroschenko, den Gedanken, die ganze Ukraine von Polen und 
Russland zu emancipiren und aus derselben unter Türkischer Ober- 
hoheit ein selbstständiges Reich zu gründen. Dem zu begegnen, 
und die von Muharaed IV. gemeinsam drohende Gefahr abzuwen- 
den, schlössen die Russen und Polen am 30. Januar 1667 den 
Friedensvertrag zu Andrussow ab. Nach den Bedingun- 
gen desselben sollten Smolensk und Tschemigow, sowie die Rus- 
sische Ukraine (auf dem linken Ufer des Dnepr) sammt Kiew bei 
Russland bleiben, die letztere Stadt aber nach 2 Jahren an Polen 
zurückgegeben werden; die Saporoger sollten als Schutz und 
Schirm beider Reiche ihnen gemeinschaftlich unterworfen sein*). 

Sofort nach Abschluss dieses Vertrages erfolgte Türkischer 
Seits die Kriegserklärung an Polen und die Eröffnung der Feind- 



1) A. ▼. B. Die KoMken. pag. 74. 2) ibid. pag. 76. 8) ibid. pag. 76. 4) ibid. pag. 80. 
5) ibid. pag. 63. 



— 214 — 

Seligkeiten durch 24,000 Kasaken und 80,000 Tataren. Anfangs 
im Vortheil, wurden die Tataren aber gar bald durch einen Ein- 
fall der, Polen treu gebliebenen, Ssetscliakasaken in die Krym zum 
Abzug veranlasst, worauf die Polen durch Bewilligung der frühe- 
ren Privilegien an die Kasaken vorläufig die Ruhe wieder herstell- 
ten*). In den Jahren 1668 und 1669 waren die Russischen Ope- 
rationen durch den Aufstand des Stenka Rasin, die Polnischen 
durch das nach der Abdankung Joliann Casimir^s eingetretene In- 
terregnum gelähmt. Unter diesen günstigen Umständen nahmen 
die beiden Kleinrussischen Hetmans, der Russische Bruchowezkij 
und der Polnische Doroschenko, den bereits früher von diesem 
gehegten Plan, sich der Oberherrschaft des Sultans als des be- 
quemsten Schutzherren zu unterwerfen, wieder auf, fanden aber 
darin von Seiten der Kleinrussischen und Saporogischen Kasaken 
einen so lebhaften Widerstand, dass der erstere darüber Amt und 
Leben verlor. Sein Nachfolger Mnogogreschnoj trat sofort wieder 
zu den Russen über*). 

Im Jahre 1670 wurde Polnischer Seits der Vertrag von An- 
drussow bestätigt und mit dem Sultan und den Kasaken Unter- 
handlungen angeknüpft, die aber zu keinem Resultat führten. Je- 
doch begannen die • Türkischen Operationen erst 1672 mit Nach- 
druck, aber dann mit solchem Glück, dass ihnen im Frieden 
von Buczacz am 8. October 1672 ganz Podolien und die Ober- 
herrschaft über die Kasaken abgetreten werden musste*) Wäh- 
rend dieser Wirren in der Polnischen Ukraine erfreute sich die 
Russische einer ungestörten Ruhe und Zufriedenheit, so zwar, dass 
sich die Polnischen Kasaken, nachdem 1673 die Türken endlich 
von den Polen zurückgeschlagen waren, im Jahre 1674 veranlasst 
sahen, gleichfalls unter Russische Hoheit zu treten, worauf noch 
in demselben Jahre ein neuer Krieg zwischen Polen und Russland 
begann. Gleichzeitig rückte auch Muhamed IV. abermals in die 
Polnische Ukraine ein, in welcher gleichfalls der seit 1668 al^e- 
setzte, ehemals Polnische Hetman Doroschenko noch mit einigen 
Anhängern von Tschigirin aus sein Unwesen trieb. Dieselbe wurde 
nun so verwüstet, dass eine fast allgemeine Flucht der Bewohner 
derselben nach der Russischen Ukraine erfolgte^). 

1675 griffen die Russen von Neuem die Polnische Ukraine 
an und eroberten diese, sowie endlich 1676 auch Tschigirin, wo- 
mit Doroschenko seine, dem Lande so unheilvolle Laufbahn endete. 
Die Polnisch gesinnten Kasaken unter dem neuen Hetman Gogol 
wurden einstweilen nach Litthauen übergeführt*). Unter dem Drang 
dieser Umstände schloss Polen zunächst am 27. October 1676 
einen Frieden mit der Türkey, worin die Ssetsch und Tschigirin 
sammt Umgegend, also etwa J der Ukraine, an dieselbe abgetre- 

1) ibid. p«g. 84. 2) ibid. pH- 85. 3) ibid. pag. 86. 4) ibid. pag. 88, 89. 5) ibid. pag. 89. 



— 215 — 

ten wurde, während die andern ] jenen verbleiben sollten. Vor- 
laufig war aber Alles in den Händen der Küssen*), daher es nun 
zwischen diesen und den Türken zum Kriege kam, in welchem die 
ersteren zwar Sieger blieben, aber doch mit dem Besitz des linken 
Dnepr- Ufers sich begnügend, den Polen das rechte überliessen'). 
Ein 1681 zwischen den Zaren und dem Sultan abgeschlossener 
Frieden r^elte jedoch die Verhältnisse der Art, dass der letztere 
seinen bisherigen Antheil an der Ukraine und Kiew und einigen 
anderen Orten auf dem rechten Dnepr -Ufer, sowie die Schutz- 
herrschaft über die Saporoger behielt^). 

In den Jahren 1684 und 1685 machte der neue Polnische 
Hetman Mogila wiederholte Anstrengungen, in den den Türken 
abgenommenen Orten seine Kasaken ansässig zu machen und eine 
der alten ähnliche Organisation wieder herbeizuftlhren, wofür die 
Polnische Regierung die alten Privilegien bewilligte, auch Tuch 
und Sold für 15,000 Mann anwiess; doch kamen nur wenig Ka- 
saken zusammen. Endlich fanden die Verhältnisse zwischen Polen 
und Russland ihre definitive Regelung durch den am 5. May 1686 
abgeschlossenen, so genannten ewigen Frieden, in dem die Pol- 
nische Ukraine bis gegen Brazlaw hin an Russland abgetreten und 
damit nach mehr als 300jähriger Trennung Kiew, die Wiege des 
Pussischen Reichs, wieder mit diesem vereint wurde*). 

Im J^hre 1687 nahmen von den nunmehr unter Russischer 
Herrschaft wieder vereinigten Kleinrussischen Kasaken 60,000 an 
dem Zuge Golizyns nach der Krym Theil, dessen unglücklicher 
Ausgang den Sturz ihres, als Opfer benutzten Hetmans Ssamoilo- 
witsch und seine Ersetzung durch Masepa zur Folge hatte*). 

1691 versuchte man auf Polnischer Seite noch einmal die 
Wiederherstellung der Kasaken, deren neu ernanntem Hetman 
Sanuscha die Stadt Miniza als Residenz angewiesen wurde®), jedoch 
kam die Formation nicht mehr zu Stande. 

An den Kriegen Peter's des Grossen 1695 und 1696 
nahmen die Ukraineschen Kasaken thätigen und ruhmreichen An- 
theil, und gehörten sie mit zu den ersten, die in Asow eindrangen. 
Ebenso halfen sie 1698 Perekop und die Krymschen Linien er- 
obern. In Folge dessen schloss die Pforte mit Russland einen 30jäh- 
rigen Waffenstillstand, in dem sie Asow und die Dnepr-Festungen 
abtrat und alle Ansprüche an die Ukraine aufgab'). 

Mit diesem Moment, der die Alleinherrschaft Russlands über 
fast die ganze Ukraine staatsrechtlich feststellte, schliessen wir 
die Darstellung der Geschichte der. Kleinrussischen Kasaken , da 
dieselbe in ihrem weiteren Verlauf nicht mehr in den Bereich 
dieser Arbeit gehört, und wenden uns nun zur Betrachtung der 

1) ibid. ptg. 90. 2) ibid. p^. 91. 3) ibid. 4) ibid. pag. 92, 98. 5) ibid. pag. 93. 
6) ibid. p«g. 9& 7) ibid. p«g. 96. 



— 216 — 



Orguiisation des EleinraBsischen Easakenoorps. 

Das Kleinrussische Kasakencorps zerfiel zu der Zeit, von 
der hier die Rede ist, in zwei verschiedene Elemente. Die 
grössere und wichtigere Masse, die eigentlichen Kleinrussischen, 
Ukraineschen oder Hetmanschen Kasaken, hiess der damaligen 
offiziellen Bezeichnung nach das Saporogische Corps {Sapo- 
roshsskoe ivoissko). Davon zu unterscheiden sind die eigentlichen 
Saporoger, d. h. die an den Wasserfallen wohnenden, oder die 
Ssetschakasaken, welche man damals offiziell das untere Corps 
(Nisowoe woissko) nannte. 

9u Bu Saptrtgische €trpB tder die llkraiieschen Kuakei bildeten 
ursprünglich nur ein, während der Theilung der Ukraine zwischen 
Russland und Polen aber zwei Corps, jedes unter einem eigenen 
Hetman und mit einer besonderen Verwaltung, jedoch im Wesent- 
lichen von gleicher Organisation. Dieselbe beruhte im Allge- 
meinen zunächst auf der alten, bereits mehrfach besprochenen 
Einrichtung des Kasakenthums *) , und auf den späteren mit der 
Polnischen oder Russischen Regierung abgeschlossenen Verträgen. 
Jener ist bereits in der Geschichte der Kasaken gedacht, von 
diesen sind als besonders wichtig zu erwähnen : die Capitulations- 
punkte von Moskau vom 12. März, urkundlich bestätigt am 
27. März 7162 (13. März 1654), enthaltend die Bedingungen, 
unter denen Bogdan Chmelnizkij und seine Kasaken zu Russland 
übertraten'); die neuen Capitulationspunkte von Perejäslaw vom 
17. October 7168 (1659), welche gelegentlich der Rückkehr der 
abgefallenen Kasaken unter dem Hetman Georg Chmelnizkij fest- 
gesetzt wurden"); die Capitulation von Baturin, im Jahre 7173 
(1664) mit dem Saporogischen Hetman Iwan Brjuchowezkij abge- 
schlossen*); die Baturinsche und Moskausche Capitulation vom 
22. October 7174 (1665) mit demselben''); die Gluchowschen Capi- 
tulationspunkte von 1669 nach der Wahl des Hetman Damian 
Mnogogreschnoj'); die 10 Konotopschen Punkte vom 17. Juny 7180 
(1672) festgesetzt für die Kasaken des linken Dnepr -Ufers bei 
der Wahl des Iwan Ssamoilowitsch zum Hetman derselben 0; die 
20 Capitulationspunkte, unter denen sich am 17. März 7182 
(1674) 10 Kasakenregimenter des rechten Dnepr-Ufers in Pereslawl 
der Russischen Herrschaft unterwarfen *) , endlich die Wahlcapitulation 
des Hetman Iwan Masepa am 25. July 7195 (1687)»). 

Nach Inhalt dieser Urkunden war Folgendes die allge- 



1) ibid. pafr. 69b1fi78. 2) t. Koffcl. Oench. d. Ukraine, jag. 192 bin ]94. — Oea. 5teinml. I. 
K. 119, 262. - Samml. d. Staatnerl. u. Vertr. III. N. I6H, 170; IV. N. 14. 3) Ges. Samml. I. 
K 26'i. - Samml. d. Staataerl. ü. Yertr. IV. K. 14. 4) Oea. Samml. I. N. SB^. 5) ibid. N. 376. - 
Samml. d. 8taatMrl. n. Vertr. IV. N. 41, 43. 6) Oea. Samml. I. N. 447. pag. 775 bia 777. — Samml. 
d. Staataerl. v. Vertr. IV. K. 67. 7) Oet. Samml. I. N. 519. - Samml. d. Staataerl. a. Vertr. IV. 
N. 80. 8) Oea. Hamml. I. N. 573. — Samml. d. Staataerl. u. Vertr. IV. N. 03. 9) Oea. Samml. n. 
N. 1SÖ4. - Samml. d. Staataerl. «. Vertr. IV. N. 187. 



— 217 — 

meine Einrichtung des Corps. Das ganze Land bildete 
einen völlig abgesonderten Verwaltungsbezirk für sich, der 1654 
den Namen Kleinrussland erhalten hatte, bisweilen auch Regiment 
oderReiment des Hetroans genannt wurde ^); bis zum Jahre 1687, 
wo befohlen wurde, dass diese Bezeichnung künftig wegfallen und 
das Land mit Russland ein Reich ausmachen solle. 

Was zunächst die Bewohner des Landes betriflft, so 
fanden sich in demselben folgende Stände vertreten: 

Die Adligen. Sie waren nur geduldet, wenn sie Griechischer 
Confession waren, während Catholische in dem alten von Bathory 
überwiesenen Gebiet gar nicht, und sonst nur auf Grund ganz 
besonderer Nachweise zugelassen wurden. Sie genossen besondere 
Vorrechte, wie z. B. das der freien Disposition über ihre durch 
Zarische Donationsbriefe bestätigten Güter, die Berechtigung zur 
Anlage von Dörfern, Theilnahme an der Berathung von Landes- 
sachen etc. 

Die Geistlichkeit stand unter dem Mitropoliten von Kiew, 
der seinerseits bloss unter dem Segen, nicht aber unter dem 
Gericht des Erzbischofs von Moskau stand. Auch ihr war ihr 
Besitzthum zugesichert und durch Zarische Eigenthumsurkunden 
bestätigt, üebrigens gingen die ünterthanen der geistlichen Güter 
das Corps Nichts an, und durften nicht als Kasaken registrirt 
werden. 

Die Kasaken mussten von ihren Grundstücken den Besitz- 
titel, ob von der Krone oder einem Hetman erhalten, nachweisen. 
Dann aber waren diese heilig und unantastbar, standen zur völlig 
freien Disposition der Besitzer und gingen beim Tode derselben 
auf deren natürliche Erben über. 

Die Adligen und Kasaken waren abgabenfrei, aber zum 
Kriegsdienst verpflichtet. 

Die Bürger standen unter selbst gewählten Beamten oder 
Aufsehern (nrjadniki), welche den Namen von Vögten (woiti)^ 
Bürgermeistern (hurmistry) und Raizen führten. Sie hatten Ab- 
gaben zu leisten, denen auch die Kasaken unterworfen waren, 
sobald sich dieselben in einer Stadt niederliessen. 

Die Bauern, Pospoliten oder auch Kmeten genannt, waren 
Kleinrussischen Stammes und meistens aus Podolien, Wolynien etc. 
in den Corpsbereich eingewandert, wo sie als Pächter der adligen 
oder Kasakischeu Grundbesitzer lebten, wie es früher in ganz 
Russland Sitte gewesen war. 

Die Leibeigenen waren entweder Hörige von Adligen oder 
von Kasaken. Zur polnischen Zeit gaben sich bei den Revisionen 
auch häufig freie Kasaken als solche aus, um dadurch die wirk- 
liche Zahl jener zu verbergen. 

1) Aeten s. OcKh. d«t wcftt. BomL V. K. 18Ö. 



— 218 — 

Das gesammte Volk des Kasakenlandes zerfiel in drei höhere 
und drei niedere, vollkommen getrennte Classen *). Die höheren 
Classen, oder die militairische und geistliche «Herrschaft» 
(jpanstwo) , theilten sich nach dem Wohnort in die in den Städten 
lebenden Personen, wozu die Obersten der Regimenter, einige 
andere Beamten und die Geistlichkeit gehörten; in die in den 
Sloboden und Vorwerken wohnenden Gutsherren (pomeschtschiii), 
welche nicht zum Kriegsdienst verpflichtet waren; und in die, 
unmittelbar bei den Mannschaften wohnenden Chargen. Das 
gemeine Volk zerfiel ebenso in die im Kriegsdienst stehenden 
Mannschaften oder registrirten, zum beständigen Dienst ver- 
pflichteten Kasaken; in die Stadtbewohner: Handwerker und 
Handelsleute; und in die Colonisten auf den Sloboden und Vor- 
werken. 

Hinsichtlich der Rechte und Pflichten kann man ferner das 
ganze Volk in zwei Kategorien (rasrjady) eintheilen. Zur 1. Ka- 
tegorie gehörten der Adel der Szlachcici (schljachetswo) und die 
einfachen Herren {pani), von denen nur die ersteren d. h. die 
Offiziere und die Geistlichkeit, Bauern haben konnten, während 
die letzteren nur zeitweilig Kasaken zum Dienst annehmen durften, 
was sie indessen nicht hinderte, dieselben ganz wie Bauern zu 
behandeln. Die zweite Kategorie, das einfache Volk, zerfiel 
in freie Kasaken und herrschaftliche Bauern. Die Feststellung 
darüber, wer zu diesen oder jenen gehören sollte, war Sache des 
Corps. Die ersteren besassen eigenes Land und alle seit Alters 
her existirenden Kasakischen Freiheiten, wofttr sie den Kriegs- 
dienst zu leisten hatten; die letzteren lebten auf dem Lande der 
Gutsherren und mussten für diese arbeiten, sowie die gewöhnliche 
Schuldigkeit dem Zaren entrichten. 

Die innere Eintheilung des Landes war mit Rücksicht 
auf die kriegerische Bestimmung desselben völlig militairisch. Das 
ganze Land zerfiel in Regimentsbezirke, deren sich im Laufe 
dieser Periode zu verschiedenen Zeiten 25 erwähnt finden, näm- 
lich : Starodub, Tschemigow, Ssosniza, Neshin, Priluki, Hadiatsch, 
Perejäslaw, Lubni, Mirgorod, Sinkow (Snikow), Irkleew, Poltawa, 
Owrutsch, Kiew, Pawolotsch, Belaja Zerkow, Kanew, Korssun, 
Kalnizk, Tscherkassy, Brjazlaw, Uman, Torgowiza, Tschigirin, 
Podolien-Mogilew. Davon waren die 12 ersten auf dem linken, 
die 13 letzten, auf dem rechten Dnepr -Ufer gelegen. Im Laufe 
der Zeit verminderte sich die Zahl dieser Bezirke bis auf 10, 
welche bis zur Auflösung des Corps bestanden haben. Jeder 
Regimentsbezirk zerfiel in Centurien- oder Gompagniebezirke, 
der^ Zahl in den einzelnen Regimentern sehr verschieden war, 
jedoch genau nicht bekannt ist. Durch mehrfache Vergleichungen*) 

1) G«rbeL D. I^JunMcli« Slob. Km. Bgt. 2) S, Om. SAinml. I. N. 447 bis 519; II. N. 1254. - 
Simml. d. Stuteerl. n. Vertr. IV. N. 67, 80, 187. 



— 219 — 

hat sich bei den zuletzt gebliebenen 10 Regimentern folgende 
Zahl von Centurienbezirken ermittelt, die aber möglicher Weise 
nicht ganz vollständig ist: 

Im Regimentsbezirk Tschemigov^ 16 Centurienbezirke von: 
Tschernigow, Beloussow, Wibel, Sslabin, Ljubesk, Ssibir, 
Ssednew, Gorodnik, Beresan, Mensk, Ssosniza, Stoljan, 
Kisselew, Ssingaw, Wolinsk, Ponumizk. 
Im Regimentsbezirk Neshin 21 Centurienbezirke von: Neshin, 
Baturin, Choroschee Osero, Nossow, Werteew, Kobis, Mrinsk, 
Olschew, Dewiz, Prochor, Börsen, Schapowjalow, Bachmak, 
Iwangorod, Nowomlinsk, Konotop, Gluchow, Korop, Boshestwa, 
Krolewez, Woronesh. 
Im Regimentsbezirk Ptiluki 9 Centurienbezirke von: Priluki, 
ßarwin, Itschen, Ssrebrjansk, Krasnjansk, Iwaniz, Shuraw, 
Monastyr, Korabotow. 
Im Regimentsbezirk Hadiatsch 12 Centurienbezirke von: Ha- 
diatsch, Senkuw, Oposchan, Wepriza, Grunsk, Kotelwen, 
Kusemin, Ljuten, Burkow, Raschew, Komischan, Kowaljuw. 
Im Regimentsbezirk Perejäslaw 15 Centurienbezirke von: Pere- 
jäslaw, Baryschew, Baryschpolsk, Woronkow, Bassan, Beresan, 
Gelrajasow, Solotonosch, Kropiwna, Irkleew, Peschtschan, 
Domontow, Bubnow, Lepljow, Jagotin. 
Im Regimentsbezirk Lubni 15 Centurienbezirke von: Lubni, 
Lukom, Dubrow, Pinjatin, Jablunow, Tschemussk, Gorodez, 
Lochwiza, Snetin, Ssenez, Glin, Romen 1 und 2, Ssmelow, 
Kostjantinow. 
Im Regimentsbezirk Mirgorod 4 Centurienbezirke von: Mirgorod, 

Ssorotschin, Urzetiwiz, Chorol. 

Im Regimentsbezirk Poltawa 17 Centurienbezirke von: Poltawa, 

Budjan, Sharow, Nowoshansharow , Belikow, Kobiljak, Sso- 

kologur, Kischin, Perewolok, Kaberdjansk, Oposchljan, Sin- 

kow, Schischalow, Jurashow, Belozerkow, Ostapow, Gowtjan. 

Im Regimentsbezirk Starodub 8 Centurienbezirke von: Starodub, 

Potschep, Pogarsk, Baklan, Nowgorod, Scheptakow, Mglin, 

Topalsk. 

Im Regimentsbezirk Kiew 8 Centurienbezirke von: Kiew, Ko- 

selsk, Ostrik, Bobrowik, Gogolew, Jugowlew, Morow, Murafej. 

Der Oberst eines Regiments, zugleich Chef des Bezirks, 

wohnte in der Hauptstadt desselben, der Centurio im Hauptort 

seines Centurienbezirks und ein Ataman mit den Aeltesten oder 

weisen Häuptern bildete den Vorstand in den Dörfern. Jede 

Stelle war doppelt besetzt, damit bei einem Ausmarsch des einen 

Beamten, sofort ein Stellvertreter da war. 

In mil itairischer Hinsicht zerfiel das Kleinrussische Ka- 
sakencorps in folgende Theile: 

Der Hetman mit dem Corpsstab. 



— 220 — 

Die eigentlichen Kasakenregimenter. 

Die liäbwache des Hetftian. 

Die städtischen und freiwilligen Regimenter. 

Die Corpsartillerie. 

Einige besondere Truppenabtheilungen. 

Endlich kann man zur Streitmacht des Corps noch die blei- 
bend in der Ukraine dislocirten Russischen Truppen rechnen. 
Der Corpsstab oder die Corpsstarschina (woisskowaja 
Starschina) bildete unter dem Hetman die höchste Commando- 
und Verwaltungsbehörde des Corps. Sie bestand aus einem Corps- 
feldzeug- oder Wagenmeister {woisshowoj Obosnij) als Chef der 
Artillerie, 2 Corpsrichtern {woisskowye ssudji) filr die Justiz, 2 
Corpsjassaulen {woisskowye jassauly) als Adjutanten und Räthe 
des Hetman, 1 Corpsschreiber (woissJcowoj pissar) als Chef der 
Canzelei des Corps mit 4 bis 6 Canzeleigehülfen {kan.eeljamye pod- 
pisski), 1 Rossschweiftrg^er {buntschjmhnoj) und 1 Fähnrich 
(chorunshij, chornshij) des Hetmans als Träger der höchsten Feld- 
zeichen des Corps und 1 Corpsschatzraeister (podsskarbij woissko- 
woj) als Vorstand des Cassenwesens. 

Die eigentlichen Kasakenregimenter standen unmittel- 
bar unter dem Hetman. Was zunächst die Zahl derselben be- 
trifft, so ist dieselbe mit Genauigkeit nicht bekannt, war auch 
zu verschiedenen Zeiten verschieden. Wie bereits vorher ange- 
geben, finden sich in den betreffenden Quellen jener Zeit im Gan- 
zen 25 Regimentsbezirke erwähnt, von denen jedoch einzelne 
mehrere Regimenter desselben Namens stellten, wie z. B. 1658 
die beiden Regimenter von Neshin und zwei dergleichen von Sta- 
rodub sich erwähnt finden*). Nach dem Frieden von Andrussow 
zählte die Russische Ukraine, nachdem das Ssosnizasche Regiment 
dem Tschemigowschen , das Sinkowsche dem Poltawaschen und 
das Irkleewsche dem Perejäslawschen einverleibt waren — wenigstens 
fanden sich später in den letzteren Regimentern Centurien jener 
Namen — nur noch 

8 Regimenter: das Tschemigowsche , Neshinsche, Prilukische, 

Hadiatschsche, Perejäslawsche, Lubnische, Migorodsche, Pol- 

tawasche'). 
Dazu wurde als neuntes 

das Starodubsche Regiment 
hinzugefügt, weil der Bezirk desselben sich in demjenigen Theil 
von Ssewerien befand, der schon seit langer Zeit die Russische 
Ukraine hiess, sowie der dort bestehenden, noch aus den Zeiten 
Johann'sIV. herrührenden, Kasakischen Einrichtungen wegen; aus 
welchen Gründen die Verbindung sich leicht bewerkstelligen liess'). 
Alle diese 9 Regimenter lagen auf dem linken Ufer des Dnepr 



1) Hammerdöifer. GeMh. d. ükr. n. 8»por. Kas. pi^. 123, 124. 2) Hapel. V. d. KoMken. 
PH* 201. - A. ▼. B. Die KoMken. pag. 84. 3) A. ▼. a Die Konkoi. pag. 84. 



— 221 — 

und hiessen daher nach Russischer Bezeichnung diesseitige (ssee 
storany). 

Von den auf dem rechten Ufer befindlichen «jenseitigen» (toj 
storony) Regimentern der Polnischen Ukraine traten im Jahre 1674 
folgende 

10 Regimenter: das Pawolotschsche, Belozerkowsche, Kanewsche, 

Korssunsche, Kalnizsche, Tscherkassysche , Brazlawsche, 

Umansche , Torgowizasche , Podollen - Mogilewsche ') , 
zu Russland über. Ebenso eroberten die Russen 1676 auch den Bezirk 

des Tschigirinschen Regiments, 
so dass sie nunmehr, da auch das Land 

des Kiewschen Regiments 
schon seit längerer Zeit in ihren Händen war, factisch 

21 Kleinrussische Kasakenregimenter 
unter ihrer Herrschaft vereinigt hatten. Von diesen Regimentern 
wurde aber zunächst das Kanewsche im September 1678, als den 
Einfällen der Krymschen Tataren zu sehr ausgesetzt, auf das 
linke Dnepr-Ufer in den Bezirk des Perejäslawschen Regiments 
übergeführt und diesem einverleibt'). Ebenso wurden 1679 die 
Einwohner des Korssunschen und Tscherkassyschen Regiments- 
bezirks in die Russische Ukraine übergeführt*), wie denn über- 
haupt Russland aus der jenseitigen Ukraine eine wüste Steppe zu 
machen beabsichtigte, um dadurch eine Scheidewand gegen die 
Türken herzustellen*). So kam es, dass, als im ewigen Frieden 
zwischen Russland und Polen am 6. May 1686 fast die ganze 
Ukraine von diesem an jenes abgetreten wurde, seitens der Russen 
von allen Regimentern auf dem rechten Dnepr -Ufer nur das 
Kiewsche wieder hergestellt wurde, während das Brazlawsche und 
die übrigen Podolischen Regimenter in den Händen der Polen und 
Türken blieben, die andern aber so verödet und entvölkert waren, 
dass sie nicht wieder aufgerichtet werden konnten^). 

Demnach belief sich nunmehr die Zahl der unter Russischer 

Botmässigkeit befindlichen Kleinrussischen Kasakenregimenter auf 

10 Regimenter: das Tschemigowsche, Neshinsche, Prilukische, 

Hadiatschsche , Perejäslawsche , Lubnische, Mirgorodsche, 

Poltawasche, Starodubsche , Kiewsche, 
welche bis zum Jahre 1684, wo sie in regulaire Carabinierregi- 
menter umgebildet wurden, unter diesen Namen in der Russischen 
Armee fortbestanden haben, und in zwei Dragonerregimentem, 
nämlich dem 6. Gluchowschen Ihrer Kais. Höh. der Grossfürstin 
Alexandra Josifowna und dem 12. Starodubschen Sr. Kais. Höh. 
des Prinzen Peter von Oldenburg, noch gegenwärtig existiren*). 
Was die Organisation der Kasakenregimenter betrifft, so 



1) Oes. Samml. I. N. 573. - Samml. d. SUatoerl. v. Veiir. lY. N. 92. 2) Aeten s. Gesch. 
d. westl. Bo0b1. V. N. 116. 3) t. Encel. Gcaeh. d. Ukraine, pag.274. 4) ibid. ««.275. 5) ibid. 
pag. 283. - A. T. B. Die Kosaken, pag. 92, 93. 6) derbel. D. Isjnmache Slob. Kas. Bgt 



— 222 — 

bestand jedes derselben aus dem Stab und einer gewissen Anzahl 
Centurien. 

Der Kegimentsstab oder die Regimentsstarschina (polkowaja 
Starschina) umfasste folgende Personen: 1 Oberst (j^olkownik) 
als Commandeur des Regiments und oberster Verwaltungschef 
des Bezirkes desselben; 1 Uegimentsyr agenmeister (polkowqj oba^if), 
der Vertreter des Obersten und Chef der Regimentsartillerie , als 
welcher er auf Märschen die Oberaufsicht über das gesammte 
Material derselben und über die Bagage hatte; 1 Regimentsrichter 
(polhowyj ssudja) zur Besorgung der Justizgeschäfte; einer ver- 
schiedenen Anzahl (1 bis 5) Regimentsjassaule (polkowye jassatdy), 
welche als railitairische Beistände des Obersten und Vollstrecker 
seiner Befehle eine Stellung einnahmen, die etwa die Mitte zwischen 
der eines modernen Adjutanten und etatsmässigen Stabsoffiziers 
hielt; 1 Regimentsfahnrich {polkowoj chorunshif), der die soge- 
nannten Fahnenkasaken commandirte, die Musik unter sich hatte 
und auf Märschen die Regimentsfahne trug; endlich 2 Regiments- 
schreiber (polkowye pissari), der eine für die milita irischen, der 
andere für die Givilgeschäfte. 

Die Regimentsstarschina besorgte unter dem Vorsitz des 
Obersten die gesammte militairische und Civilverwaltung des Re- 
giments, wobei sie sich für jene als Regimentsversammlung oder 
Rada, für diese als Regimentsgericht {polkowaja ratuschd) con- 
stituirte. Bei der ersteren war der Wagenmeister, beim letzteren 
der Richter Geschäftsführer ; der Oberst hatte zwei, jeder Andere 
nur eine Stimme. Bei wichtigen Angelegenheiten nahm die ganze 
Kasakenschaft des Regiments an den Versammlungen Theil; die- 
selben waren dann meist sehr stürmisch und endeten nicht selten 
in Streit und Unfrieden, manchmal sogar mit blutigen Kämpfen, 
in denen die adligen Familien ihre Bauern gegen einander bewaff- 
neten und selbst von ihren Hausgeschützen Gebrauch machten*). 

Die Anzahl der Centurien war in den einzelnen Regimentern 
sehr verschieden, und betrug: 

Nach d«n vorher gegebenen Yeneichnia^^ , __ ,,^ 
derCeninrialherirke, 1669, 1672. 1687 1). Nach Hupel*). 



Beim Tschernigowschen 
„ Neshinschen 


Regiment 


16 


U 


f< 


21 


10 


„ PrilukiBchen 




9 


7 


„ H&di&tschschen 




12 


9 


„ Perejftsl&wschem 




15 


16 


„ Lubnischen 




16 


12 


„ Mirgorodschen 




4(?) 


15 


„ Poltawaschen 




17 


16 


„ Starodubflchen 




8 


6 


„ Kiewschen 


?» 


8 


8 



1) Ibid. 2) Qei. SammL I. N. 447, 51«; IL N. 1264. - Samnl. d. Stutaerl. a. Vertr. IT. 
N. 67, SO, 1»7. 8) Hnpel. V. d. Keeaken. pag. 201. 



— 223 — 

Jede Centurie führte den Namen des Ortes, in dem ihr Stab 
lag und stand unter dem Commando eines Centurionen (ssotnik)^ 
der gleichzeitig Vorstand und Verwalter des Landbezirks derselben 
war. Das übrige Chargenpersonal bestand aus dem Ssotniei\jas- 
saul {ssotennyj jassauT), dem Fähnrich {ssotennyj chorunshij), 
Schreiber (ssotennyj pissar) und den Atamanen, deren es auf je 
10 Kasaken einen gab. Davon hatten der Jassaul und Fähnrich 
die Militairgeschäfte zu versehen, und ausserdem sass jener mit 
den Atamanen in den Centuriengerichten. Die Zahl der Kasaken 
in einer Centurie betrug normalmässig 100 Mann. Die Gesammt- 
zahl der Kasaken zerfiel in drei Classen: die Centurienkasaken 
(ssotennye kasaki) bildeten das eigentliche Regiment, die Fahnen- 
kasaken (chorumhowye) machten als besondere Eliten eine Art 
Garde des Obersten aus, und die Artilleristen (jmschkari) bilde- 
ten die Geschützbedienung in den Festungen*). 

Ausser den Centurien muss man zum Bestände der Kasaken- 
regimenter noch die geworbenen Leibcompagnien (kumpanii) rech- 
nen, welche sich die Obersten bisweilen als ihre persönliche Leib- 
wache hielten. Dieselben waren nach Westeuropäischer Art auf 
völlig regulairem Fuss organisirt, .wurden aber im Jahre 1672 auf 
Ansuchen der Kasaken selbst abgeschafft*). 

Es ist nicht bekannt, bis zu welcher Zeit der Uebergang der 
Kasaken von einer Fusstruppe, aus der sie anfangs ausschliesslich 
bestanden, zu der leichten Reiterei, die sie nachher bildeten, voll- 
endet war. Die Quellen jener Zeit widersprechen sich darin. Wäh- 
rend Engel gelegentlich des üebertritts der Kasaken zu Russland 
1654 ausdrücklich sagt,.dass dieses Land damit 60,000 Mann tapfe- 
ren Fussvolkes gewann'), auch Augenzeugen jener Zeit, so z. B. 
Dalerac, rücksichtlich der Kasaken von der alten Tapferkeit die- 
ser Lifanterie^) sprechen, findet sich eine Bekanntmachung Bogdan 
Chmelnizkij's vom 15. Januar 1655, in welcher erwähnt wird, 
dass die ganze Saporogische Kriegerschaft sich darüber beklage, 
dass sie in Folge der Verwüstung ihres Landes ausser Stande sei 
«weder ihre Pferde, auf denen sie im Kriege dienen, noch sich 
selbst zu ernähren*''). Merkwürdiger Weise hat keiner der bis- 
herigen Geschichtsschreiber über die Kasaken diesen wichtigoi 
Umstand einer näheren Betrachtung unterworfen. Es lässt sich 
indessen wohl annehmen, dass jener Uebergang der Kleinrussischen 
Kasakenschaft vom Fuss- zum Reiterdienst von der Zeit an be- 
gann, wo die grösseren Seeoperationen aufhörten*), und dass er 
sich unter dem Druck der Verhältnisse im Laufe dieser Periode 
allmählig weiter durchführte und vollzog. 

Die Leibwache des Hetman. Dieselbe war zuerst von 



1) Oerbel. D. I^JnniMhe 8I0K Km. Kgt. 2) Gas. Sminl. L N. 678. — SammL d. StaatwrI. 

rto. TV. H. 08. P. 18. S) t. Bneel. GmcIi. d "" " ' 

5) A. T. B. Die KoMkan. pttg. 78. 6) ibid. pag. 79. 



11. Verte. IV. K. 08. P. 18. S) t. Bneel. GmcIi. d. Ukraine, pag. 1&4. 4) ibid. pag. 277 etc. 
"* ■^' Koaaken. pag. 78. 6) Ibid. ] 



— 224 — 

Bogdan Chmelnizkij unter dem Namen der Sserdjuken-Compagnie 
errichtet und wurde von seinen Nachfolgern nicht nur beibehalten, 
sondern auf den Bestand mehrerer Regimenter gebracht'). Nach 
dem Muster derselben errichtete später auch der Polnische Het- 
man Doroshenko eine aus mehreren Regimentern bestehende Leib- 
wache unter dem Namen der Sserdenjaten'), die im Jahre 1674 
auf Russische Seite trat und dann aufgelöst wurde*). Dagegen 
haben sich die Sserdjuken bis zum Jahre 1708 gehalten, wo sie 
nach der Eroberung von Baturin, das sie unter ihrem Obersten 
Tschetschel*) mit ausdauernder Tapferkeit vertheidigt hatten, zum 
grossen Theil aufgelöst wurden, so dass nur 
1 Regiment Scholdaken oder Füsiliere 
als Garnison von Gluchow übrig gelassen wurde*). 

Die Organisation und Stärke dieser Regimenter ist nicht 
näher, sondern nur in soweit bekannt, dass sie nach Art der 
Westeuropäischen Truppen auf regulairem Fuss, theilweise sogar 
aus geworbenen Ausländern, formirt und im Gegensatz zu den 
eigentlichen Kasakenregimentern als stehende Truppen beständig 
im Dienst waren. 

Die städtischen und freiwilligen Regimenter waren 
ebenfalls stehende Regimenter, die zur Erleichterung des Dienstes 
und zur Schonung der eigentlichen Kasakenregimenter formirt wur- 
den, um gegen innere Unruhen und zur ersten Abwehr äusserer 
Feinde benutzt zu werden. Bereits in dem Vertrage von Sborow, 
am 19. und 20. August 1649, war den Kasaken gestattet, auch 
über der ihnen damals bewilligten Zahl von 40,000 Mann noch 
so viel Leute zum Kasakendienst anzunehmen, als sich dazu ein- 
schreiben lassen wollten, und zwar sollten diese überzähligen 
Mannschaften den Namen der «freiwilligen Truppen* (ochotnyja 
waisska)') erhalten. 

Als 1654 Bogdan Chmelnizkij zu Russland übertrat, wurden 
an beständig im Dienst befindlichen Truppen nur 400 Kasaken 
als Garnison für die vom König Wladislaw am Ausfluss des Dnepr 
erbaute Stadt Kodak bestimmt^). 

In einem Verzeichniss vom Jahre 1663 fanden sich bei dem 
Hetman Iwan Brjuchowezkij ausser den Obersten von 10 Kasa- 
kenregimentern noch: 

1 Oberst der Saporoger Kasaken zu Pferde A. Martynow, und 
4 andere Obersten: St. K. Bakscht, G. Godunenko, St. Tscher- 
nez, E. Sserdenja*). 
erwähnt, die wahrscheinlich solche stehende Regimenter comman- 
dirten. 

Im Jahre 1668 warb der spätere Hetman Mnogogreschnoj 

1) ibid. p^r. 71. 2) 0«. SmbbI. I. N. 578. — Ssmml. d. Stwta«rl. v. Vertr. IT. N. 93. 
3) ibid. 4) 0«. SuimL IV. N. 2212. 5) t. Engel. OoMh. d. ülmine. p«g. 838. 6) ibid. 
pag. 167. 7) ibid. pag. 198. a) 13. 8) Bftcher d. Baareitd. U. pag. 999. 



— 226 — 

gegen Sold freie Leute an und formirte daraus für den activen 
Dienst im Kasakenlande 

5 Regimenter^). 
Bei der am 6. März 1669 zu Gluchow erfolgten Wahl des- 
selben, befanden sich unter den dabei betheiligten Kasakischen 
Würdenträgem auch 

1 Oberst zu Pferde, M. Kijaschko, und 

1 In&nterieoberst, I. Berlo*). 

Bei derselben Gelegenheit wurde festgesetzt, dass zur Auf- 
rechthaltung der innem Ruhe und Ordnung im Corps ein beson- 
derer Oberst angestellt werden sollte, unter dem beständig 1000 
Kasaken aus der registrirten Zahl im Dienst sein mussten, die 
sich alle Jahre abzuwechseln hatten'). Dieser Befehl wurde 1687 
bei der Wahl des Masepa von Neuem wiederholt^). 

Da die Namen der unter den vorhin genannten Obersten ste- 
henden Truppen nicht bekannt sind, so wäre wohl möglich, dass 
dies Sserdjukenregimenter der Leibwache des Hetman waren. Da- 
gegen findet sich der Namen der freiwilligen Companeizen- (ochotsche- 
kompaneiskie) oder auch bloss freiwilligen {ochotnükie) Regimen- 
ter, bisweilen auch schlechthin Companeien (homnaneja) genannt, 
zum ersten Male 1676 erwähnt, wo unterm 16. July I. Nowizkoj 
zum vollen Obersten eines solchen ernannt wurde '^). 

Im Jahre 1677 finden sich dann 6 derartiger Regimenter, 
nämlich : 

2 freiwillige Reiterregimenter: L Nowizkoj, J. Pawlowskij; 
2 freiwillige Fussregimenter : G. WassUenko, Jassykow; und 

2 ausgesuchte Stadtregimenter (wybornye gorodowye polki): 
J. Shurachowskij, D. Ruban*). 
Im Jahre 1687 gab es bei der Wahl des Hetman I. Masepa: 

2 freiwillige Reiterregimenter: I. Nowizkoj, G. Paschkowskoj ; 
4 freiwillige Fussregimenter: Jaworskoj, Garassimowoj, Iwanee- 

woj, Koshuchowskij'). 

Damals wurde auch gestattet, dass solche freiwillige Regi- 
menter zu Pferde und zu Fuss in dem Maasse, wie sie für die 
Yertheidigung Kleinrusslands nöthig sein würden, auch künftig 
wie beim vorigen Hetman gehalten werden sollten. 

Demgemäss finden sich denn auch im Jahre 1690 im Ganzen 
6 freiwillige Companeizenregimenter erwähnt, nämlich: 

3 Regimenter zu Pferde: I. Nowizkoj, G. Paschkowskoj, M. Kus- 

mowitsch; 
3 Regimenter zu Fuss: P. Koshuchowskoj, J. Andreewitsch, 
St. Jaworskoj^). 

1) ▼. Stdn. D. Kon. Hw, a. Gewli. «. •. gegenw. Zxmt, (Mamwor.). 2) G«8. Smmml. I. 
H.447. - SammL d. StwtHrl. a. Yertr. IV. N.67. 8) Gea. Saminl I. pag. 775 bta 777. P. 22. - 
Acten s. Gcaeh. d. westl. Biu>1. Y. K. 209. 4) Ges. Samml. IL N. 12.>4. — Samml. der Sioataerl. 
Q. Yertr. lY. M. 187. 5) Acten i. OeMli. d. wertl. Bnsri. Y. N. 97. 6) ibid N. 106. 7) Gee. 
Samml. II. K. 1264. - Samml. d. StaatmL n. Yertr. lY. N. 187. 8) Acten t. Geach. d. weofL 
BiMl. Y. H. 90», 211, 214. 

Brlx, 0«Mli. d. »lt. RsM. BMr«Mlari«bt. 15 



— 226 — 

Aach auf Polnischer Seite gab es dergleichen Regimenter, wie 
sich denn ebenfalls 1690 der frühere Oberst des Belozerkowschen 
Kasakenregiments Ss. Palej als Oberst eines freiwiUigen Regiments 
zu Pferde der Königlichen (d. h. Polnischen) Seite angegeben fin- 
det, mit dem er sich damals dem Kriegszug der Russischen Ka- 
saken gegen die Tataren anschloss*). 

Die Russischen Regimenter dieser Art bestanden bis zum 
Jahre 1708, wo sie nach der Eroberung von Baturin, zu dessen 
Yertheidigung Masepa namentlich viele Kasaken der Stadtregimen- 
ter verwendet hatte, bis auf 

3 Gompaneizenregimenter 
aufgelöst wurden*). Dieselben haben als solche bis zum Jahre 
1775 bestanden, wo sie in regulaire Chevauxlegers- Regimenter 
umgewandelt wurden, von denen das eine noch gegenwärtig als 
9. Kiewsches Husarenregiment Sr. Kais. Hob. des Grossfürsten 
Nikolaj Maximilianowitsch existirt. 

Ueber die Organisation und Stärke der städtischen und 
freiwilligen Regimenter ist wenig bekannt, doch scheint jene im 
Allgemeinen eine aus Europäisch regulairen und Kasakischen Ele- 
menten gemischte gewesen zu sein. So bestanden bei den im 
Jahre 1669 erwähnten Regimentern des M. Kijaschko zu Pferde und 
des I. Berlo zu Fuss die Chargen ausser den Obersten aus Ritt- 
meistern resp. Capitainen, Lieutenants und Corporalen; daneben 
hatte aber das letztere noch 1 Koschewoj und 5 Chorunshi. Bei 
anderen Regimentern, bei denen die KasaJdsche Organisation mehr 
vorherrschte, bestand das Chargenpersonal aus den Obersten, Cen- 
turionen und Corporalschafts- oder Kurenenatamanen {kurennye 
atamany)\ die Gemeinen derselben Messen Cameraden {iowari- 
schtschi) und der ganze Mannschafbsstand, die sogenannte Camerad- 
schafl (towaristtvo)^ zerfiel m eine ältere und eine jüngere'). Das 
freiwilUge Companeizenregiment des I. Nowizkoj, das bekannteste 
dieser Art, hatte im Jahre 1679 einen Stab von 1 Oberst, 1 Wa- 
genmeister, 1 Jassaul, 1 Chorunshij oder Fähnrich, 1 Schreiber, 
1 ünterjassaul, 2 Trompetern, 1 Pauker (dobysch) und 1 Barbier, 
während das Chargenpersonal der Centurien aus CenUirionen und 
Atamanen bestand*). Die Stärke dieses Regiments betrug im 
Jahre 1693 im Ganzen 658 Mann''). 

Die städtischen und freiwilligen Regimenter hatten keine be- 
stimmten Garnisonen, sondern befanden sich da, wo sie nöthig 
schienen; war augenblicklich kein Bedarf, so lagen sie in weiten 
Cantonnirungen vertheilt. So stand z. B. das bereits mehrfach 
genannte R^unent Nowizkoj im Jahre 1676 in dem Bezirk des 
Tschemigowschen und Starodubschen Regiments®); 1693 aber war 
es im Lubnischen in folgender Art vertheilt: 308 Mann in Lubni, 

1) ibid. N. 209. 2) ▼. Engel. OtMh. d. Uknin«. wS- 833. 3) Acten s. Oewh. d. 
wertl. Ra»1. V. N. 97, 212, 218. 4) ibid. N. 127. 5) ibid. N. 24& 6) ibid. N. 9S. 



— 227 — 

6 in Tschigirin -Dubio w, 24 in Lukomla, 65 in Lochwiza, 16 in 
Ssetschka, 23 in Perjatin, 56 in Tschornuschi, 38 in Glinssk, 
102 inRomen, 20 Mann mit der Fahne in Smeloj Constantinow*). 
Die Corpsartillerie. Wenn sich auch jeder Kasak selbst 
bewaffnen musste, so waren doch Waflfenvorräthe für besondere 
Fälle, namentlich aber ein gewisses Geschützmaterial nöthig. Letz- 
teres bestand anfangs nur aus solchen Geschützen, welche die Ka- 
saken in ihren zahlreichen Kriegen erbeutet hatten; später fügte 
die Russische Regierung, die beim ersten Uebertritt der Saporoger 
eine besondere Sorgfalt für die Beschaffung und Unterhaltung der 
Artillerie versprochen hatte, hin und wieder noch einzelne Stücke 
hinzu, wie sie z. B. im Jahre 1670 (7178) dem Corps auf seine 
Bitte 5 Kanonen mit Zubehör, Pulver und Blei überwies'). Das 
gesammte Artilleriematerial und alle Kriegsvorräthe fasste man 
unter dem Namen der Corpsarmata (tvoisskowaja armata) zusammen. 
Dieselbe stand imter dem Corps- oder Generalwagenmeister (ohosfiif) 
und umfasste nach dem 1659 festgesetzten Etat ein Personal von 
191 Köpfen, nämlich: 
1 Wagenmeister, 1 Jassaul, 1 Fähnrich, 1 Schreiber, welche 
Chargen zum Unterschied von den Corps-, Regiments- und Cen- 
turienchargen gleichen Namens Armata- (armatnij, garmatnoj) 
Chargen hiessen, 80 Kanoniere {puschkari)^ 80 Artilleristen 
(armaty)^ 4 Hufschmiede (schiposchniki), 12 Handwerker, 6 Trei- 
ber (stadniki), 1 Barbier, 2 Pauker (dobyschi), 2 Churschmiede'). 
Dieses Personal war zur Bedienung der eigentlichen Corps- 
Artillerie, namentlich auch für den Feldkrieg bestimmt : ausserdem 
hatten aber, wie bereits bemerkt, die einzelnen Kasakenregimenter 
noch besondere Artilleriecommandos zur Bedienung der Geschütze in 
den Städten ihres Bezirks. Als Standort der Corpsarmata war ur- 
sprünglich Korssun bestimmt*), 1663 wurde Lochwiza dafür angewie- 
sen'^), und seit 1669 hatte sie im Hetmanssitze Baturin zu stehen*^). 
Einige besondere Truppenabtheilungen. Ausser den 
bisher erwähnten eigentlichen Bestandtheilen des Corps sind noch 
einige Abtheilungen zu erwähnen, die man nicht gut zu einer der 
vorher besprochenen rechnen kann. Dahin gehören zunächst die 
am 26. September 1677 aufgelösste „Donsche Ehrencenturie" 
{sslawetnaja Donskaja ssotnja) zu Fuss'), von der übrigens weiter 
Nichts bekannt ist, und dann die so genannten Watagen. Unter 
den letzteren, die erst seit dem Jahre 1694 auftraten, verstand 
man einzelne kühne Partheigänger, welche Freicompagnien oder Re- 
gimenter warben und mit ihnen auf eigene Faust am Dnepr oder 
Dnestr herumstreiften, um die von ihren Raubzügen zurückkehren- 



1) ibid. N. 248. 2) Ges. Samml. 1. N. 478. — B»mml. d. Staatserl, u. Vertr. IV. N. 70. - 
Snpplem. s. d. hiiit. Acten. V. N. 51. a) Oes. Samml. I. N. 262. - Samml. d. Staatoerl. n. Vertr. IV. 
N. 14. P. 7. 4) ibid. — ▼. EngeL Oescli. d. Ukraine, pag. 193. 5. 5) Bücher d. EMread. II. 
pag. 1013. 6) Ges. Samml. L N. 447; II. N. 1254. - Samml. d. StaatKrl. n. Vertr. IV. N. 67, 187. 
7) Acten x. Qesch. d. wertl. BitmL V. N. 107. 

15* 



— 228 — 

den Tataren anzufallen, Gefangene zu befreien und ihnen die ge- 
machte Beute wieder abzunehmen*). Näheres über die Organisation 
und Stärke dieser Freischaaren, die übrigens ihren „Fischergesell- 
schaft" bedeutenden Namen*") von der liebsten Fri^ensbeschäfti- 
gung der Kasaken, der Fiscnerei, entnommen hatten'), ist nicht 
bekannt; jene mag wohl ziemlich lose und wie diese nach Zeit und 
Umständen wechselnd sehr verschieden gewesen sein. 

Was die Gesammtstärke des Kleinrussischen Easa- 
kencorps betriflft, so war dieselbe 1654") beim Uebertritt dessel- 
ben zu ßussland, überhaupt während der Zeit, wo man Russischer 
Seits noch glaubte, das ganze Corps behalten zu können, auf 
60,000 Mann normirt, selbst zuletzt noch in den Jahren 1663*) 
und 1664*). Nach dem Frieden von Andrussow 1667 wurde die 
Zahl der Russischen Kasaken durch die Gluchowsche Gapitulation 
vom 6. März 1669 auf 30,000 Mann festgesetzt*). Dazu kamen 
im Jahre 1674 noch 10 Transdneprsche Regimenter, deren Zahl 
nach den mit ihnen am 17. März abgeschlossenen Capitulations- 
punkten auf 20,000 Mann registrirte Kasaken bestunmt wurdet- 
Nachdem ein Theil dieser Regimenter aber 1686 wieder abgetre- 
ten war, wurde die Gesammtstärke der registrirten Ukrainischen 
Kasaken des Russischen Antheils 1687 wieder auf 30,000 Mann 
festgestellt"). Rechnet man hierzu aber noch die zahlreiche Sserd- 
juken-Leibwache des Hetmans, die städtischen und freiwilligen Re- 
gimenter, so wird man die Gesammtstreitkraft des Ukrainischen 
Kasakencorps auf Russischer Seite mit 50,000 Mann nicht zu hoch 
veranschlagen, selbst wenn man die in diesem Jahre als anwesend 
bei der Russischen Armee angegebene Zahl von 60,000 Kasaken*) 
auf Rechnung der Uebertreibungen jener Zeit setzen will. 

Das Kleinrussische Kasakencorps stand sowohl in bürgerlicher 
als in militairischer Hinsicht unter der Verwaltung seines Het- 
mans oder Regimentars (reimentar), der seinen Sitz anfangs in 
Tschigirin, seit 1662 aber in Baturin hatte. Indessen waren seine 
Rechte Nichts weniger als unbeschränkt, vielmehr nach zwei Sei- 
ten durch den Russischen Zaren und die eigene Volksversammlung 
oder Rada begrenzt. Obgleich ursprünglich völlig unbeschränkt, 
erlitt dieselbe seit dem Uebertritt zu Russland in manchen Punk- 
ten eine wesentliche Vermindeining, wie denn namentlich das Corps 
durch jenen Uebertritt sich der Souveränitätsrechte begeben hatte. 
In Folge dessen war ihm namentlich der directe Verkehr mit 



*) üeber eine anderweite Ableitung des Namens Wataga s. die Anm. auf pag. 48. 

1) T. Engel. G«Kh. d. UkniM. pag- 291. 2) A. t. B. D. KonkoB. jß%. 95. 3) t. Bngtl. 
1. Üknine. pag. 192. Anm. a. P. 8; pag. 193. 4. — Ges. Samml. I. N. 119, 262. — Samml. d. 
Staaiaerl. n. Vertr. III. N. 168, 170; IV. N. 14. 4) Bfieher d. Raaread. II. pag. 996. 5) Oea. 



Geacb. d. Ukraine, pag. 192. Anm. a. P. 8; pag. 193. 4. — Ges. Samml. I. N. 119, 262. — Samml. d. 
Staaiaerl. n. Vertr. III. N. 168, 170; IV. N. 14. 4) Bfieher d. Raaread. II. pag. 996. 5) Ges. 
Samml. I. N. 368. — Samml. d. Staataerl. n. Vertr. I?. N. 36. 6) Oea. Samml. I. N. 447, pag. 776. 



777. — Samml. d. Staataerl. v. Vertr. IV. N. 67. 7) Ges. Samml. L N. 573. - Samml. d. StaatMiL 
n. Vertr. IT. N. 93. 8) Ges. SammL H. N. 1354. — Samml. d. Staataerl. n. Verti. IV. H. 187. 
9) A. T. B. Die Kosaken, pag. 96. • t. EngeL Qm^ d. Ukraine, pag. 884. 



— 229 — 

fremden Mächten zuerst erheblich beschränkt, nachher aber ganz 
verboten worden, so zwar, dass das Corps nicht nur keine Gesandte 
von ausländischen Mächten annehmen, sondern auch von solchen 
ankommende Briefe nicht eröffnen durfte, die einen wie die andern 
vielmehr nach Moskau senden musste. Ebenso durften die Easa- 
ken auch weder Gesandte noch Briefe an fremde Potentaten sen- 
den, sondern mussten^ falls eine Veranlassung dazu war, diese 
dem Zaren anzeigen, der die etwa nöthige Correspondenz dann 
anordnen wollte. Namentlich strenge waren Beziehungen mit 
den Polen, Türken und Tataren untersagt, und hatte sich der 
Verkehr des Corps mit ihnen auf Beobachtung eines friedlichen 
Benehmens, so lange sie nicht mit Russland im Kriege waren, zu 
beschränken. Ebenso hatte das Corps das Becht der Kriegser- 
klärung und Friedensschliessung verloren. In ersterer Beziehung 
musste es sich jeder Einmischung in fremde Händel enthalten, und 
durfte weder im Ganzen, noch mit Begimentem oder einzelnen 
Leuten, fremden Reichen zu Hülfe zuziehen; wogegen derHetman 
und das Corps beständig bereit sein mussten, sei es mit einzelnen 
Regimentern, sei es mit seiner ganzen Streitmacht, dahin zu rücken, 
wohin der Zar es be&hl. In letzterer Hinsicht war ihnen jede Theil- 
nahme an den Friedensverhandlungen durch eigene Gesandte ver- 
wehrt und wurde ihnen das, was von den etwa geschlossenen Ver- 
trägen sie anging, brieflich mitgetheilt. Auch das Recht über Tod 
und Leben der Corpsangehörigen stand dem Corps nicht mehr zu; 
nur wenn offener Aufruhr im Lande herrschte, konnte der Hetman 
im Verein mit der Starschina das Todesurtheil verhängen. 

Im Uebrigen hatte das Corps aber seine eigene Gerichtsbar- 
keit für alle Adligen, Kasaken und Bürger der grossen Städte, 
basirt auf dem Magdeburgischen Recht, welches „dem Handel, so- 
wie der Miliz gleich gemäss, den Process kurz dauern liess'*'. 
Dieselbe wurde von den Kasaken selbst durch ihre Starschinen 
und Cameraden — wo drei Kasaken versammelt waren, konnten 
zwei über den dritten richten — ausgeübt, ohne dass sich ein Za- 
rischer Beamter darin zu mischen hatte; ausgenommen in casu 
deferentiae per querelam, wo die Revision den russischen Woewoden 
zustand. Jedes Regiment, jede Centurie und jedes Dorf hatte ein 
besonderes Gericht: Der Instanzenzug ging vom Dorfgericht an 
das Centurien- und von diesem an das Regimentsgericht; die 
letzte Instanz war der Hetman, der die Entscheidung durch den 
Corpsrichter fällen Hess, übrigens aber selbst für die von ihm 
begangenen Fehler und Vergehen dem Kasakischen Recht unter- 
stand, welches er auch keinem Angehörigen des Corps oder der 
Pospolita zum Schaden, umgehen durfte. 

Einige allgemeine Abgaben, z. B. Fährgelder, waren schon 
früher in eine besondere Gasse — den Corpsschatz oder Skarb 
{sshxrh) — geflossen. In Folge der vielen Kriege wurden noch 



— 230 — 

anderweitige Mittel nöthig, zu deren Beschaffung die Hetmans 
Auflagen auf Mühlen, auf Branntwein- und Methschank legten; 
Damm- und Brückengelder, sowie eine leichte Abgabe von frem- 
den Kaufleuten erhoben ; auch die Städte hatten bestimmte Steuern 
zu leisten, wie z. B. Maass- und Wagegelder, Jahrmarktsabga- 
ben etc. Ausser diesen und anderen, in dem Abschnitt über die 
Verpflegung näher zu erwähnenden Steuern und Auflagen, welche 
der Gesammtheit des Corps zu Gute kamen, wurden auch noch 
von den nicht im Kasakenverzeichniss stehenden Leuten Abgaben 
an Geld und Getreide für die Zarische Gasse eingezogen, theils 
durch die selbstgewählten Kommunalbeamten — Vögte, Burge- 
meister und Raizen ^, theils in den nicht ausschliesslich von Ka- 
saken bewohnten Ortschaften der Ukraine durch besondere Zarische 
Beamte. Zur Empfangnahme dieser Erhebungen wurden alljähr- 
lich vom Zaren besonders damit beauftragte Leute nach Kiew und 
Perejäslaw geschickt. 

Die Art des Verkehrs zwischen dem Kleinrussischen Corps 
und den Grossrussischen Reich anlangend, so erfolgte derselbe an- 
fangs durch die Woewoden in Putiwl. Ausserdem schickten aber 
nicht nur der Hetman, sondern auch die Obersten der Regimenter 
alljährlich Gesandte nach Moskau, und zwar jener Obersten, diese 
Centurionen oder Jassaule, begleitet von 20, 30, 50 bis 100 Ka- 
saken, welche anfangs sehr häufig, jährlich wohl 20 Mal geschickt 
wurden*). Da aber diese Gesandtschaften während ihrer Reise und 
Anwesenheit in Moskau vom Zaren ausser der Verpflegung, ge- 
wöhnlich auch noch ziemlich bedeutende Geldgeschenke bekamen, 
somit demselben nicht unerhebliche Kosten verursachten, da ferner 
ihre Einquartierung und die Gestellung des Vorspanns und der 
Führer für sie, dem Corps viele Last machten, so wurde 1674 
bestimmt, dass vom Hetman und dem Corps ein Beamter ausge- 
wählt werden solle, der mit 5 bis 6 Mann auf einem besondem 
Hofe in Moskau Wohnung nehmen, und den gesammten Verkehr 
des Corps und der Woewoden in den Kleinrussischen Städten mit 
dem Zaren vermitteln sollte. Nur bei sehr wichtigen Angelegen- 
heiten, namentlich wenn sich das Corps in seinen Rechten gekränkt 
glaubte, sollten besondere Gesandte von demselben nach Moskau 
geschickt werden, jedoch nicht zu häufig, sondern jährlich nur 2, 
3, höchstens 4 Mal. Dieselben durften nur 2 bis 3 Diener mit- 
nehmen und erhielten für sich je 3, für ihre Diener je 1, im Gan- 
zen nicht über 20 Vorspannpferde und 1 Führer. Die gewöhn- 
liche Correspondenz wurde durch Couriere, die mit einem Gefolge 
von nicht über 2 Mann reisen durften und 3 Vorspannpferde er- 
hielten, oder durch die von Kiew auf dem linken Ufer des Dnepr 
nach Neshin und Baturin eingerichtete Post befördert. 



1) Eofchichin. Ueber Ra»I. «nt. Alex. Mich. pag. 



— 231 — 

Ausser den eigenen Truppen des Kasakenkorps lagen theils 
zu seiner Unterstützung, theils zu seiner Ueberwachung noch 

Russische Truppen in der Ukraine, von denen noch Eini- 
ges beizubringen ist. Gleich beim Uebertritt im Jahre 1654 be- 
dangen sich die Kasaken aus, dass zu ihrem Schutze gegen die 
Polen 3000 Mann Russischer Truppen an den Grenzen aufgestellt 
würden, sowie auch festgesetzt wurde, dass nur in Kiew und Tscher- 
nigow Zarische Woewoden sein sollten. 1659 wurde ausgemacht, 
dass in den Städten Perejäslaw, Neshin, Tschernigow, Braalaw 
und Uman Russische Woewoden und Truppen stationirt werden 
sollten. Im Jahre 1665 wurde die Zahl der in der Ukraine auf- 
zustellenden Russischen Truppen auf 11,900 Mann fixirt, die in 
folgender Weise zu vertheilen waren: 

In Kiew 5000 Mann, davon 300 in Westro (Ostro), 800 in Motowilowka. 

„ Perej&slaw 2000 „ „ 500 abwechselnd in Eanew. 

„ Neshin 1200 „ 

„ Tschernigow 1200 „ 

„ Nowogorodok 300 „ 

„ Poltawa 1500 „ „ 1000 in der Saporogischen Ssetsch. 

„ Krementschug 300 „ 

„ Kodak 300 „ 

Beim Hetman 100 „ 

In den Jahren 1669 und 1687 wurde endlich festgesetzt, dass 
nur in Kiew, Perejäslaw, Neshin, Tschernigow und Ostra Russische 
Woewoden und Truppen und ausserdem in dem letzt genannten 
Jahre noch, dass in Baturin als Leibwache des Hetman beständig 
ein Regiment Mokauscher Strelzen stationirt sein sollten. 

Der Zweck dieser Truppen beschränkte sich im Allgemeinen 
auf die Vertheidigung der genannten Städte, wobei aber Ausfalle 
ausdrücklich erlaubt waren. Musste indessen im Fall eines Krieges 
der Hetman ins Feld rücken, ehe Truppen aus Russland zur 
Hülfe herbei eilen konnten, so waren ihm von jenen Russischen 
Garnisonen aus Kiew, Neshin und Tschernigow berittene und Fuss- 
abtheilungen zuzutheilen, die er dann aber auf seine Kosten zu 
transportiren und zu verpflegen hatte. 

b. Bas uitere Ctrps, iit eigentlkhei Saporoger oitr SsetsdikasaF 
kei. Um das Land der Kleinrussischen Kasaken gegen die häu- 
figen Einfiälle der östlichen und westlichen Tataren zu decken, 
wurde zu Anfang des 16. Jahrhunderts ein Theil der jungen Mann- 
schaft mehr gegen Süden nach der Mündung des Dnepr hin com- 
mandirt. Wie diese sich im Lauf der Zeit allmählich von der 
grossen Masse des Saporogischen Corps absonderten, darüber ist 
in den, dem Aufhebungsdecret der Ssetsch vom Jahre 1775 vor- 
angeschickten BegrOndungen Folgendes gesagt*): In den vielen 
Kriegen mit Polen sei es versäumt worden, die zur Bewachung 

1) T. EngeL Gasoh. d. Ukimine. pag. 194. 



— 232 — 

der Inseln im Dnepr commandirten Easaken abzulösen. In Folge 
dessen bauten sich diese auf der Insel MUdtin, 30 Werste von 
dem vorigen Inselsitz Tomahawka, eine Ssetsch oder ein Dorf von 
festen Hütten. Um sie wachsamer und freier zur Ausübung ihres 
Dienstes zu machen, hatte man den Mannschaften früher verboten, 
ihre Weiber und Kinder mit nach den Inseln zu nehmen ; da sie 
aber nicht abgelöst wurden, so gewöhnten sie sich an das ehelose 
Leben, machten es sogar zum Gesetz, und blieben nun ganz in ihrer 
Ssetsch. Im Jahre 1654, behn Uebertritt der Eleinrussischen Ea- 
saken zu Russland, waren sie noch so wenig zahlreich und bedeu- 
tend, dass, als der zur Abnahme des Huldigungseides nach Pere- 
jäslaw geschickte Russische Gesandte Buturlin den Hetman Chmel- 
nizkij fragte, warum er nicht auch diesen Inselmännem den Eid 
abgenommen habe, derselbe antwortete, sie wären viel zu arm und 
unwichtig. Im Laufe der Zeit stieg aber mit ihrer Zahl auch 
ihre Wichtigkeit, und es war daher kein unwesentlicher Zuwachs 
zur Russischen Macht, als sich die Ssetsch im Jahre 1675 Russ- 
land unterwarf. 

Die Organisation der Ssetschkasaken war ziemlich die 
der Ukrainischen, nur im Eleinen, wie dies aus der nachstehenden 
Skizze der Ssetsch und deren Verfassung*) hervorgeht- 

Die Ssetscha oder Ssetsch bestand aus einer Anzahl höl- 
zerner oder Erdhütten, ohne Ordmmg neben einander gestellt, da- 
her nur wenig Aehnlichkeit mit Häusern darbietend. Ein massi- 
ger Erdwall umgab diese Niederlassung, deren Hauptschutz der 
Dnepr und die Brust ihrer Bewohner war. Später wurde von den 
Russen eine ordentliche Citadelle dabei errichtet, von der aus ein 
Russischer Offizier mit einer Besatzung regelmässiger Truppen 
die stets unruhigen und meuterischen Nisowier im Zaum hielt. 
Die Zahl der Hütten in der Ssetsch betrug selbst in der letzten 
Zeit ihres Bestehens nicht über 400, in deren jeder 40 bis 50 Ea- 
saken zu wohnen hatten, was also eine Gesammtstärke von 
16 bis 20,000 Mann ergeben würde. Davon befanden sich im 
Winter beständig 4000 Mann in der Ssetsch zu ihrer Bewachung, 
während die übrigen Easaken sich entweder in der Umgegend in 
Dörfern und einzelnen Häusern angebaut hatten, oder Höhlen in 
die Erde gruben — bedeckt mit einer Art Dach, das nur wenige 
Fuss über den Erdboden hervorsah — um diese als Wohnungen 
oder Vorrathshäuser zu benutzen. Da in den ersten Zeiten des 
Bestehens der Ssetsch alle Easaken sich zur Eriegsberdtschaft 
den Sommer über auf den Inseln be&nden, so wurden die Woh- 
nungen auf dem festen Lande längs der Ufer des Dnepr nur im 
Winter benutzt und hiessen daher auch Winterlager (simourniki). 
Als später aber die Eriegsunternehmuugen überhaupt seltener 



]) ibid. WS' 238 bif 246. - A. r. B. Di« KMOca». p^T- 7« bis 80i 



— 233 — 

wurden, befanden sich im Sommer selten mehr als je zwei Mann 
in den Hütten der Ssetsch, während viele Kasaken Jahre lang die 
Winterquartiere, theilweise mit Weibern und Kindern bewohnten. 
Die letztem mussten sie aber zu Hause lassen, wenn sie die Ssetsch 
besuchten, denn diese selbst durfte nach einem strengen Gesetz 
von keinem Frauenzimmer betreten werden. 

Der schöne und ziemlich ausgedehnte Landstrich der Wasserfall- 
kasaken erstreckte sich in den letzten Zeiten ihres Bestehens gegen 
Norden von der Stadt Orel am Bug bis nach Perewolotschna, von 
da längs der alten Linien oder Landwehr bis nach Bachmut, wandte 
sich dann längs des Kalmyus mit der neuen Landwehr von der 
Krym her nach Kisikermen und stiess von da aus, etwas unter- 
halb Orel, wieder an den Bug. 

Die Ssetsch war in 38 Feuerstellen oder Kurene getheilt, 
deren jede aus einem grossen und mehreren kleinen Häusern be- 
stand, die in einer Gruppe zusammen standen. Jeder Kasak musste, 
so lange er in der Ssetsch war, in dem ihm zugetheilten Kuren 
wohnen und sich überhaupt zu demselben halten. Jeder Kuren 
hatte einen Namen, der entweder von dem Namen oder Vaterland 
des ersten Stifters, oder des damaligen Koschewoj der Ssetsch 
hergenommen war. Diese Namen waren folgende: 

1. Lewuschkowskoj, 2. Plastunowskoj, 3. Diadkowskoj, 4. Biju- 
chowezkoj, 5. Wedmedzkij, 6. Katnirowskij, 7. Paschkowskij, 
8. Kuschtschowskij, 9. Kislakowskoj, 10. Iwanowskqj, 11. Kone- 
lewskoj, 12. Ssergeewskoj, 13. Donskij, 14. Krylowskij, 15. Ka- 
newsky, 16. Baturinskij, 17. Popowitschewskij, 18. Wasurinskij, 
19. Wesamanowskij, 20. Irkleewskoj, 21. Stscherbmowskij, 
22. Titarewskoj, 23. Schkurenskoj , 24. Kureniwskoj, 25. Ro- 
gowskoj, 26. Korssunskoj, 27. Kanibalozkoj , 28. Umanskoj, 
29. Derewankowskoj, 30. Steblizkoj-Nishnij, 31. Steblizkoj- 
Werchnij, 32. Scher alowskoj, 33. Perejäslawskoj, 34. Poltawskoj, 
35. Michastowskoj , 36. Minskij, 37. Timoschewskij , 38. We- 
litschkowskoj. 
Ueber die Organisation der einzelnen Kurene, welche gleich- 
zeitig auch die taktischen Einheiten bildeten, lässt sich nur wenig 
sagen. Jeder derselben stand unter emem Kurenenataman, der 
das Eigenthum aller dazu gehörenden Kasaken, namentlich der 
abwesenden, unter seinem Gewahrsam hatte, für die Beschaffung 
der Lebensmittel, des Holzes etc., für die Vermiethung der dem 
Kuren gehörenden Buden und Flussfahrzeuge (duby) sorgte, das 
einkommende Geld sammelte und im Kriege seine Mannschaften 
anführte. Alle Kasaken eines Kurens assen zusammen und auf 
gemeinschaftliche Kosten, sofern sie nicht eigene Haushaltungen 
in den Sloboden hatten. Es wurden täglich zwei Speisen bereitet, 
nämlich die sogenannte Sselamata, ein dicker Mehlbrei, den die 
Gemeinen an Stelle des nur dem Ataman gewährten Brotes 



— 234 — 

erhielten und Teterä, eine Suppe von Fischbrühe oder Kwass, mit 
Reiss und Mehl dünn angerührt und gekocht. Zur Zubereitung 
dieser Speisen hatte jeder Kuren einen Koch, der aus der gemein- 
schaftlichen Gasse 2 Rubel und ausserdem von jedem Kasaken 5 Ko- 
peken erhielt. Wollten einzelne Kasaken noch Fleisch oder Fische 
essen, so thaten sie sich in Arteis oder Tischgemeinschaften zusam- 
men, und schafften es auf eigene Kosten an. 

Der oberste Vorsteher der ganzen Ssetsch und des dazu ge- 
hörenden Landstrichs, sowohl in militairischer als in bürgerlicher 
Hinsicht, war der Koschewoi-Ataman oder auch bloss Koschewoi, 
welcher aber in dieser Stellung beständig dem Kuren zugetheilt 
blieb, zu dem er vor seiner Wahl gehört hatte und in den er 
auch später wieder zurücktrat. Im Kriege war seine Macht unum- 
schränkt, im Frieden hatte er sie aber mit der Starschina und der 
allgemeinen Volksversammlung zu theilen, wo dann nicht viel für 
ihn übrig blieb. So konnte er nicht einmal die Kasaken wUlkührlich 
verschicken, vielmehr geschah dies nur nach einer bestimmten Rei- 
henfolge, wozu über die einzelnen Kurene und jedes Mitglied der- 
selben eine CommandirroUe geführt wurde. Sollte dann eine Ab- 
theilung auf Beute ausgehen, so wurde die dazu erforderliche Zahl 
von Kasaken aus allen Kurenen, wie die Reihe an ihnen war, ge- 
nommen. 

Die Starschina der Ssetschkasaken bestand aus einem Ge- 
neral- oder Corpsrichter, der ohne geschriebene Gesetze nach 
eigener Anschauung und nach dem Herkommen, in schwierigen 
Fällen mit Beihülfe des Koschewoi und der übrigen Starschinen 
Recht zu sprechen hatte; einem Schreiber, dessen Functionen sich 
auf das Vorlesen der einlaufenden Briefe und Befehle beschränkten, 
da die Kasaken selbst Nichts schriftlich verhandelten; einem 
Jassaul oder Essaul als Generaladjutanten; einem Puschkar oder 
Artilleriedirector. Auch der Pauker (dobysch, poliiawrschtschik)^ 
welcher mit den beständig auf dem öffentlichen Platz stehenden 
Heerpauken die Signale zu geben hatte, wurde zu den Offizieren 
gerechnet. Alle diese verschiedenen Chargen hatten auch in der 
Ssetsch ihre Stellvertreter. 

Die höchste Gewalt hatte die allgemeine Volksversammlung 
oder die Rada, welche nur des Nachmittags abgehalten wurde. 
Die gewöhnlichste fiel auf den 1. Januar jeden Jahres und wurde 
durch ein 8 Tage dauerndes Herumzechen bei den Starschinen 
und reichen Kasaken eingeleitet. Dabei wurden dann die Flüsse, 
Bäche und Seen im Saporogischen Gebiet behufs des Fischfanges 
an die verschiedenen Kurene verloost und gleichzeitig die Com- 
mandostellen neu besetzt. Nächst dem waren noch das Fest Jo- 
hannis des Täufers und der 1. October als Tag der Vorbitte der 
heiligen Jungfrau, der die Kirche der Ssetsch gewidmet war, zu 
solchen Versammlungen bestimmt, auf denen dann noch über Feld- 



— 235 — 

Züge, Streifereien u. s. w. berathen wurde. Aber auch ausserdem 
konnten Versammlungen zu jeder beliebigen Zeit berufen werden, 
zu welchen Zwecke eben die Pauken als Allarminstrument auf dem 
öffentlichen Platze standen. Freilich befanden sich die Schlägel in 
der Obhut des Paukers, aber die Stelle derselben konnte der erste 
beste Knüttel, oder auch die blosse Faust ersetzen, so dass jeder 
Einzelne in jedem Augenblick — allerdings auf seine Gefahr hin, 
denn ohne Noth Hessen sich die Saporoger nicht stören — die 
ganze Gemeinschaft zusammen berufen konnte. 

Kamen in den späteren Zeiten Zarische Befehle zur Bekannt« 
machung, über die nicht berathen werden durfte, so wurde nur eine 
Schodka, d. h. eine Versammlung der Starschinen und Kurenen- 
atamans, zusaramenberufen und dieser der betreffende Befehl vor- 
gelesen; durch die letzteren erfolgte dann die Publication in den 
einzelnen Kurenen. 

Was die Einkünfte der Verwaltung betrifft, so bestanden 
dieselben in den üeberfahrtsgeldeni, im Zoll für fremde Waaren, in 
emem Antheil an dem durchgeführten oder in der Ssetsch verkauf- 
ten Wein und Branntwein, in Klagegeldern und in freiwilligen Ge- 
schenken von der Beute zurückkehrender Streifpartheien. 

Die Kriegskunst der Saporoger, wenn man eine ganz unge- 
ordnete Fechtart so nennen kann, war sehr einfach. Raubzüge, 
nicht militairische Erfolge, waren ihr Zweck, ungesehen nahten 
sie sich in ihren niedrigen Barken, der von ihnen ausgesuchten 
Beute, griffen ohne Ordnung in hellen Haufen an und eilten ebenso 
rasch und ordnungslos wieder zurück, sobald sie unvermuthet auf 
Widerstand stiessen. Mit dem Aufhören der Seezüge kam bei den 
Saporogem der Reiterdienst um so mehr in Aufnahme. Sie eigne- 
ten sich dabei mehrfach Tatarische Sitten an, so den Gebrauch, 
dass jeder Reiter zwei Handpferde bei sich hatte, wie sie sich die- 
selben denn auch hinsichtlich der stürmischen Heftigkeit ihres 
ersten Angriffs zum Muster nahmen; wurde derselbe aber abge- 
schlagen, so hielten sie rasche Flucht für keine Schande. Einmal 
im Kampf verwickelt, standen sie an Muth und Tapferkeit den 
übrigen Kasaken in keiner Hinsicht nach; im Uebrigen aber 
waren ihre Begriffe von militairischer Ehre sehr gering. Manns- 
zucht und militairische Strenge beobachteten sie nur im Kriege und 
gegen einander; im Frieden und gegen Feinde, oder auch nur 
Fremde, war davon keine Rede; vielmehr galt das Bestehlen der 
letzteren sogar für verdienstlich. Dagegen wurden Diebstähle unter 
einander sehr strenge bestrdt: das erste Mal mit 3 bis 5tägiger 
öffentlicher Ausstelluqg, wobei neben den Dieb ein Knüttel gelegt 
und zwei Töpfe mit Wasser und mit Branntwein gestellt wurden, 
damit jeder Vorübergehende ihn nach Belieben mit jenem prügeln 
oder mit diesen erquicken konnte; im Wiederholungsfall aber traf 
den Schuldigen der Galgen. Der Mörder eines Kasaken wurde 



— 236 — 

unter dem Sarge des Ermordeten lebendig begraben. Insolvente 
Schuldner wurden auf dem Markt an einen Karren gefesselt, bis 
sie bezahlten oder einen Bürgen fanden. War der Verbrecher be- 
sonders beliebt, so konnte die Strafe, wie dies zum Theil in ihrer 
Art lag, ermässigt werden. 

Von den Sitten der Ssetschkasaken ist wenig Rühmliches 
zu sagen; Trägheit, Lust und Freude waren das Endziel ihres 
Strebens. Hatten sie gute Beute gemacht, so waren sie die gast- 
freisten Menschen von der Welt, bis sie, was gewöhnlich nidit 
lange zu dauern pflegte, Alles durchgebracht hatten. Im Uebrigen 
lassen sich bei den ganz verschiedenen Elementen aus denen dies 
sonderbare Volk bestand, allgemeine Characterzüge nicht angeben. 
In der That waren die Nisowier ein Gemisch aller möglichen Na- 
tionen und Racen; denn ausser den Russen und Polen, welche 
freilich die Hauptzahl ausmachten, fanden sich unter ihnen auch 
Franzosen, Deutsche, Italiener, Türken, Tataren und andere Völ- 
ker vertreten. Meist waren es Leute, die von der Justiz verfolgt, 
wegen Schulden oder schlimmerer Ursachen aus ihrem Vaterlände 
geflohen waren, oder unbändige, ungezähmte Naturen und Wild- 
fänge aller Art, die sich zu Hause in geordnete Verhältnisse nicht 
finden konnten. 

Im Anfang bestand die einzige Beschäftigung der Easaken 
in Raubzügen oder in den Vorbereitungen dazu, höchstens noch 
in der Jagd und im Fischfang. In späterer Zeit legten sie sich, 
in der Ssetsch selbst, auf Vieh-, namentlich Pferdezucht, Han- 
del und Handwerke aller Art, und gab es dann Kasaken, die bis 
60,000 Stück Rindvieh und über 100 Pferde besassen. Ebenso 
lebten später auch Leute unter ihnen, die nicht selbst Kasaken 
waren, namentlich Juden; indessen durften dieselben nicht in die 
eigentliche Ssetsch hinein, sondern bewohnten eine besondere Vor- 
stadt oder Sloboda derselben. Die Knechte, welche auf den Fel- 
dern des Saporoger Gebietes die den Kasaken gehörigen Herden 
hüteten, Heidamaken genannt, waren ein wildes, räuberisches 
Gesindel, das nicht nur einzelne Reisende beraubte, sondern zuwei- 
len ganze Dörfer ausplünderte und weite Landstriche verwüstete. 

Wie bereits angegeben, stellte sich die Ssetsch im Jahre 
1675 unter Russischen Schutz. Ihr Koschewoi wurde darauf 
dem Hetman der Ukraine untergeordnet, während die Kurenenata- 
mans den Obersten der Kleinrussischen Regimenter unterstanden, 
nach denen ein Hauptkuren benannt war. Indess^ blieben die 
Saporoger doch unbändig und wild, wie immer. 140 Jahre hat- 
ten sie unter Polnischer Herrschaft, immer ehelos oder in wilder 
Ehe, als wahre Strassenräuber und Seepiraten gelebt; unter Rus- 
sischer machten sie es nicht besser. Im Frieden bestand ihre 
einzige Beschäftigung in Spielen, Saufen und Balgereien; die 
Zarischen Ukase befolgten sie nur, soweit sie Lust dazu hatten, 



— 237 — 

oder wenn sie von Geschenken an Wein, Tuch oder Geld begleitet 
waren; wobei die mit ihnen ankommenden Gesandten in steter 
Lebensgefahr schwebten. Die Eurenenatamans gehorchten den 
Kleinrussischen Obersten, denen sie zugetheilt waren, gar nicht, 
wogegen sie nicht nnterliessen, von denselben die jährlichen Ge- 
schenke an Fracht und besonders Wein einzufordern. Sie beunruhig* 
ten nicht bloss die ihnen zur Beschützung anvertrauten Grenzen 
selbst, sondern plünderten die nach Russland handelnden Griechi- 
schen Kaufleute aus, zerstörten die Zarischen Salpetersiedereien, 
stahlen Vieh und bereiteten durch ihre unaufhörlichen Streifzüge m 
die Nachbarlande dem Russischen Reich fortwährend ernstliche 
Verlegenheiten. Dazu kam, dass sie durchaus unzuverlässig waren 
und sich eintretenden Falls gar nicht genirten, mit offenkundigen 
Feinden Russlands gemeinschaftliche Sache zu machen, was sie 
u. A. durch den Uebertritt zu Carl XII. von Schweden bekundeten. 
Somit gewährten diese unruhigen Gesellen dem Russischen Reich 
keineswegs die Yortheile, die sie bei ihrer, wenigstens zuletzt ziem- 
lich bedeutenden, Zahl und unleugbaren Tapferkeit und Kriegsge- 
wöhnung zu leisten vermocht hätten; namentlich veranlasste aber 
der zuletzt erwähnte Uebertritt im Jahre 1708 die Zerstörung 
ihrer Ssetsch, die jEun 19. May 1709 durch den General Jakowlew 
erfolgte. Der Wiederaufbau derselben unter Tatarischem Schutz 
noch in demselben Jahre, und die späteren Schicksale dieser Ge- 
nossenschaft bis zu ihrer definitiven Auflösung unter Katharina 11. 
gehören einer viel späteren Zeit an. 

7) Die Slobodischen Kasaken^). Die Tscherkassisch-Slobo- 
dischen Regimenter sind durch Auswanderung aus den Kleinrussi- 
schen Kasaken entstanden. Das von ihnen bewohnte Land war 
ursprünglich eine grosse Wüste gewesen, bedeckt mit undurch- 
dringlichen Wäldern, Sümpfen, oder üppigen Graswiesen. Schon 
Johann Wassiljewitsch der Schreckliche liess dort gegen die Ein- 
fälle der Tataren die Stadt Tschuguew bauen, Boris Godunow 1599 
den Grund zu dem nach ihm benannten Zareborissow legen und 30 
bis 40 Werste südlich davon einen Verhau mit Wall aufführen, 
dessen Spuren noch jetzt bei der Stadt Slawjansk zu sehen sind. 
Unter Mchailo Feodorowitsch wurde 1630 eine 30 Werste lange 
Linie von der Worskla zum Don gebaut und an ihr die Städte Wolnij, 
Chotmishsk, Nishegon u. a. m. angelegt, ohne dass jedoch diese Be- 
festigungen die Einfalle der Tataren abzuwehren vermocht hätten. 

So war die Lage der Slobodischen Ukraine beschaffen, als 
in der ersten H&lfte des 17. Jahrhunderts die traurigen Zustände 
der Kleinrussischen Kasaken, welche bald darauf zum Abfall der- 
selben von Polen und zu ihrem Uebertritt nach Russland führten, 
viele Einwohner von Kleinrussland zur Auswanderung nach dem 

1) G«rb«). Dm Iirjnnaeh« Slob. Em. Bflf. 



— 238 — 

Russischen Reich veranlassten, wo sie von den Zaren bereitwilligst 
aufgenommen und unter Gewährleistung der Kasakischen Freihei- 
ten in der Gegend von Belgorod gegen die Krymsche Steppe hin 
angesetzt wurden. 

Diese Uebersiedlungen begannen im Jahre 1640 und dauer- 
ten während eines Zeitraums von 20 Jahren fast unausgesetzt fort. 
Doch lassen sich hauptsächlich fünf grössere Auswanderungen unter- 
scheiden. Die erste erfolgte zwischen 1640 und 1645 und umfasste 
8 bis 10,000 Colonisten, die zum Theil von jenseits des Dnepr 
von den Tscherkassischen Inseln herkamen, woher auch der Name 
der Tscherkassischen Sloboda genommen ist. Die zweite Golonie, 
welche zu Anfang der Regierung des Zaren Alexej um 1645 — 1647 
einwanderte, bestand aus 1247 Familien und 2000 einzelnen Ka- 
saken. Darunter befanden sich viele adlige Familien, wie die 
Kwitki, Schidlowski, Sacharshewski , Krasnokutski, Kowalewski, 
Eondratjewski, Lessewizki u. a. m. Dieselben besetzten das Land 
von der oberen Ssula bis Oskol und Bereka und bauten dort einige 
Befestigungen, namentlich Ssewemij-Donez in der Nähe des heu- 
tigen Isjum. Die dritte Auswanderung erfolgte um 1650 in Folge 
des Vertrages von Sborow 1649. Unzufrieden mit der Bedingung 
desselben, nach welcher wieder Polnische Gutsherren sich in der 
Ukraine ansiedeln durften, dabei sich selbst als unschuldig Ver- 
triebene ansehend, verliessen viele Kasaken der Regimenter von 
Kiew, Belaja Zerkow und Perejäslaw ihre Heimath und schlugen 
sich mit bewaffneter Hand nach dem Donez durch, wo sie sich 
in unbewohnten Gegenden in Golonien oder Sloboden ansiedelten 
die den Grund zu dem späteren 

Rybinskischen Slobodischen Kasakenregiment 
bildeten. Die vierte Auswanderung fand Anfangs 1651 Statt, als 
in dem Vertrag von Belaja Zerkow die im Jahre 1649 auf 
40,000 Mann festgesetzte Zahl der Kasaken auf 20,000 herabge- 
setzt wurde. Diese neuen Haufen setzten sich, wie die vorigen 
in Sloboden auf dem rechten Ufer des nördlichen Donez so wie 
zu beiden Seiten des Isjumez an, bauten die Isjumsche Linie und 
bildeten zur Bewachung derselben ein stehendes Corps, welches 
in einer ziemlich ungeordneten Gemeinschaft vereint, von den 
Kleinrussischen Chronisten übereinstimmend 

das Isjumsche Regiment 
genannt wird. Die fünfte und letzte bedeutende Uebersiedlung 
erfolgte zu Ende des Jahres 1651. Die Stärke dieser Colonie ist 
zwar nicht bekannt, kann aber nicht unbeträchtlich gewesen sein, 
da sich allein 500 Kasaken ohne Familie dabei befanden. Diese 
Einwanderer siedelten sich an der Ssula, Pssela und Worskla auf 
Kleinrussischen, so genannten Bulawinschen — d. h. dem Hetman 
als Allodialbesitz gehörigen — Ländereien an und bauten daselbst 
zahlreiche Sloboden, die den Grund zu 



— 289 — 

3 neuen Slobodischen Begimentern: dem Ssumischen, Adityr- 
kaschen und Charkowschen 
bildeten. 

So entstand auf Ländern, die noch 1640 wüst und leer wa- 
ren, eine Bevölkerung, welche bereits nach 14 Jahren 80 bis 
100,000 männUche Seelen zählte. Dies war der Ursprung der 
fünf Slobodischen Kasakenregimenter, welche über ein Jahrhundert 
den Hauptschutz Russlands gegen die Tataren ausmachten, seit 
1765 aber auf regulairen Fuss gesetzt, mit Beibehalt ihrer Namen 
fünf Feldhusarenregimenter bildeten, die sich zum grossen Theil 
noch gegenwärtig in der Russischen Cavallerie befinden.*) 

Später kamen noch neue Einwanderer hinzu, namentlich als 
sich 1650 der Hetman Wigowskij den Polen wieder unterwarf; 
sodann während der zweiten Hetmanschaft des Georg Chmelnizkij, 
wo zahlreiche Colonisten von den Ufern des Dnepr, Pripet und 
der Sslut^ha mit seiner Erlaubniss die Slobodischen Regimenter 
verstärkten. Trotz dieser Vermehrung der Gesammtzahl wurde 
indessen die Zahl der Regimenter um eins vermindert, indem das 
Isjumsche nach kurzem Bestände, seiner unregelmässigen Organi- 
sation wegen, dem Charkowschen Regiment einverleibt wurde. Im 
Jahre 1668 wurde dieses letztere, seiner weiten Ausdehnung we- 
gen, wieder in zwei Theile getheilt und aus den südlichen Colo- 
nien desselben ein eignes Regiment mit gleichen Rechten wie die 
übrigen gebildet, das den früheren Namen des Isjumschen wieder 
erhielt, während die nördlichen Golonien das neue Charkowsche 
Regiment bildeten. Somit gab es also nun wieder 

5 Slobodische Kasakenregimenter : das Rybinskische (Ostrogosh- 

skische), Ssumische, Achtyrkasche, Charkowsche, Isjumsche. 

Die Organisation der Regimenter war ganz analog der der 
Kleinrussischen, so dass also jedes aus dem Stabe und einer ver- 
schiedenen Anzahl Centurien bestand. Den Stab bildeten: 1 Oberst, 
1 Wagenmeister, 1 Richter, 1 Jassaul, 1 Fähnrich und 2 Schrei- 
bern, von letztem einer für die militairischen, einer für die Civil- 
geschäfte bestimmt. Die Pflichten dieser Starschinen waren im 
Allgemeinen dieselben wie bei den Kleinrussischen Kasaken, mit 
Ausnahme des Obersten, der erheblich grössere Rechte besass. 
Denn dieser ernannte nicht bloss die Starschina, und verwaltete 
das Land seines Regiments, sondern vertheilte auch die wüsten 



*) Die noch existirenden ehemaligen Slobodischen Kasakenregimenter 
sind: das 1. Ssumische Husarenregiment des Kronprinzen Ton Dänemark, das 
11. Isjumsche Husarenregiment des Kronprinzen TonPreussen, das 12. Achtyr- 
kasche Uusarenregiment Sr. Königl. Höh. des Prinzen Friedrich Karl von 
Preussen, das 4. Charkowsche Ulanenregiment Ihrer Kais. Höh. der Gross- 
fürstin Alexandra Petrowna; ungerechnet die anderen aus diesen hervorge- 
gangenen Truppen, wie z. B. das aus dem Isjumschen Regiment gebildete 
Leibgarde -Ulanenregiment etc. 



— 240 — 

TheOe and sonstigen Pertinenzien durch von ihm ausgefertigte 
und unterschriebene Universale an seine Untergebnen nach deren 
Verdienst als erbliches Eigenthum; ja als oberster Gerichtsherr 
hatte er sogar das Recht über Leben und Tod seiner Unter- 
gebnen. 

Die Zahl der Genturien in den einzelnen Regimentern ist 
nicht bekannt; das Isjumsche hatte bei seiner Wiederformirung 
im Jahre 1688 ursprünglich fanf, von denen aber später drei we- 
gen ihrer Stärke getheilt wurden, so dass es dann aus 8 Gentu- 
rien bestand. Die Organisation der Genturien und die Eintheilung 
der dienstthuenden Kasaken in Genturien-, Fahnenkasaken und 
Artilleristen war wie bei den Kleinrussischen. Die nicht im Kriegs- 
dienst befindlichen Kasaken zerfielen in zwei Glassen, von denen 
die erste die Familien und Angehörigen der dienenden Kasaken 
umfasste, die zweite aber aus den Familien der übrigen Kasaken, 
Gompaneizen oder Untergehülfen (podpomaschtschniki) genannt, 
bestand. Aus der 1. Glasse ergänzten sich die im Dienst stehen- 
den Kasaken, während die 2. ihnen bei der Beschaffung ihrer Aus- 
rüstung und sonstigen Bedürfiiisse zu helfen, auch während eines 
Feldzuges den Proviant zu liefeiii hatte. 

Die Stärke der einzelnen Regimenter ist nicht genau bekannt, 
scheint aber sehr bedeutend gewesen zu sein. Im Jahre 1679 
zählten die vier damals bestehenden Regimenter, welche sich bei 
dem gegen die Türken und Tataren aufgestellten Heer befanden, 
zusammen 14,137 Mann, nämlich: 

das Ssninigche unter dem Obersten Garassim Eondratjewj qq-q ^«-«1,^« 

„ Achtyrkasche „ „ „ Iwan Perekrestow I 

„ Ostrogoshskische „ „ „ Feodor Sserbin 1624 „ 

„ Charkowsche „ „ „ Grigorej Donez 3544 „ *) 

Mithin kann man die gesammte Streitkraft der Slobodischen 
Regimenter nach Wiederformirung des Isjumschen auf etwa 15 
bis 16,000 Mann veranschlagen. 

Die innere Organisation der Golonien war mit Rück- 
sicht auf ihre kriegerische Bestimmung durchaus militairisch und 
im Allgemeinen ganz auf Kasakischer Grundlage eingerichtet, 
wesshalb das bei den Kleinrussischen Kasaken darüber Gesagte 
zum grossen Theil auch hier gilt. Namentlich war die Einthei- 
lung des Volkes in drei höhere und drei niedere Glassen nach den 
Wohnorten, und in zwei Kategorien nach den Rechten und Pflich- 
ten ganz so, wie sie bereits bei jenen geschildert ist. Ueberhaupt 
standen die Slobodischen Kasaken ursprünglich auch unter der 
Jurisdiction des Kleinrussischen Hetmans. Am 19. Februar 1668 
wurden sie zwar dem Gesandtschaftsprikas zugewiesen, indessen 
erreichten sie ihre vollständige Abtrennung von dem Kleinrussischen 

1) BAolier d. Bamad. II. pae- 1199. 1200. 



~ 241 — 

Corps erst 1687 nach der Absetzung des Hetmans Ssamoilowitsch. 
Seit dieser Zeit entbehrten sie einer gemeinschaftlichen localen 
Oberleitung gänzlich, und es standen dann die einzelnen Regi- 
menter als selbstständige Truppenkörper und Verwaltungsbezirke 
ausschliesslich unter der Leitung ihrer Obersten. 

L Bie iMgei Mterw^rreMeM Yölkersckaftm beMiderer NtttMaltttt 

1) Die Tatarischen oder zu ihnen gehörigen Völker. 
Dieselben waren theils schon seit der vorigen Periode Russland 
unterworfen, theils traten sie erst jetzt unter dessen Botmässigkeit. 
Zu den ersteren gehörten die Mordwinen, welche in den Bezir- 
ken von Alatar, Eadom und Temnikow 2291 Höfe bewohnten, von 
denen sie 797 Mann zum Dienst stellen konnten'); ausserdem 
gab es in Nishnij Nowgorod noch 482 Mann dieses Volkes'). Fer- 
ner die Tscheremissen — eingetheilt in eine Berg- (Nagornaja) 
und eine Wiesen- (Lugawaja) Tscheremissa — die in den jetzigen 
Gouvernements Wjätka, Kasan, Ssimbirsk, Orenburg und Perm 
auf beiden Ufern der Wolga und an der Mündung der Kama') 
in den Städten und Bezirken von Tscheboxari, Zywilsk, Zarew Kok- 
schasskoj, Zarew Ssantschjurskoj, Urshum, Eransk und Kurmisch 
wohnten^); die Tschuwaschen in. Kasan, Swijashsk, Kusmo- 
demjansk, Jadrin, Kokschaskoj; und die Wotjaken im Kasanschen 
District, welche drei Völker im Jahre 1625 zusammen 20,556 Höfe 
bewohnten, und eine Streitmacht von 6,852 Mann repräsentirten^); 
eine Zahl, die sich bis 1636 auf 26,639 Höfe und 8,880 Mann 
erhöht hatte'). Endlich die Baschkiren, welche, im östlichen 
Theil des Uralgebirges im Ufaschen District wohnend, anfangs 
wenig zahlreich waren — 1629 vermochten sie 888 Mann^), seit 
1635 aber von 2217 Höfen nur 739 Mann') zu stellen — später 
durch Incorporation Finnischer und Tatarischer Auswanderer ver- 
mehrt wurden*); und die Meschtscherjaken. 

Alle diese Völker leisteten meist nur locale Dienste, für die 
ihre Wehrhaftigkeit kaum ausreichte; indessen wurden sie bis- 
weilen auch zu Eriegszügen ausserhalb ihrer Grenzen verwendet, 
wie z. B. 1634 von den Mordwinen. Tscheremissen und Tschuwa- 
schen aus Kasan und den dazu gehörigen Städten 3153 Mann 
zum Marsch nach Smolensk'^, und ebenso 1675 1000 Baschkiren 
zu dem Feldzuge gegen die Krym aufgeboten wurden")- 

Zu den in dieser Periode den Russen sich neu unterwerfen- 
den Tatarischen Völkerschaften gehörten die Gebirgstataren, 
welche sich 1616 zugleich mit der östlichen Horde der Sajanen- 
Tataren unter Russische Botmässigkeit stellten"); femer die 



S) Ywtnhjßkij, Diet. g^ogr.-hiiit 



1) iUd. I. pflg. 1148; n. ptf. 091. 2) ibid. II. p«g. 168. 266, 888. 662, 794. 889. 

~ dl. BoMi«. II. p«g. 266. 4) B5el»«r d. Itaireiid, L II. 

, J) ibid. U. paff. 924 bi» 980. 7) Ibid. pag. 192. 290, 866, 744. 

8) ibid. p«f. 820. 928. 9) VarfvokjtkiJ. Dict g^ogr.^hiflt d.l.BiiHle. I. pag. 82. 10) Btteher d. Ba»- 
read, II. pag. 668. 11) Gea. 9tmnL L N. 614. - SammL d. SlaatMri. «. Vertr. IV. II. 101, 102. 
12) Va^lojikij. Diet. gtfogr.-liiat d. L Bwaic II. pag. 243. 

Briz. e«Mh. d. alt. Um—, BMrM«lnHelit. 16 



— 242 — 

kleineren Stämme der Sibirischen Tataren von Tschary, 
Tobolsk und Werchne-Tomsk*); die Barabinzen*), Beltir- 
zen'), Biriussen*), und die Burjäten oder Brüdertataren^). 
Auch von den Nagai-Tataren traten allmählig verschiedene 
unter die Russische Herrschaft, so z. B. im October 1651 meh- 
rere Mursen, die dafür zu Fürsten befördert wurden*), am 6. Sep- 
tember 1660 aber eine grössere Zahl, welche für den Winter die 
Steppen der Nagaischen, für den Sommer aber die der Krymschen 
Seite des nördlichen Donez zu ihren Nomadenzügen angewiesen 
erhielten^), woselbst sie in ihren Ulussen oder Nomadenlagem un- 
ter eigenen Mursen in alter Art fortlebten. 

2) Die Kaukasischen Völkerschaften. In den Wir- 
ren des Interregnums war der Russische Einfluss am Kaukasus 
erheblich vermindert, doch waren die dort angeknüpften Beziehun- 
gen nicht ganz abgerissen, namentlich bewahrten die unter die 
Herrschaft der Krymschen Chane gekommenen Einwohner der bei- 
den Kabardas Russland die Treue und wandten ihm wieder 
ihre Hoffnungen zu, als unter Michailo Feodorowitsch geordnete 
Verhältnisse eintraten. Bereits 1614 schickten sie ein Glückwunsch- 
schreiben an den neuen Zar und leisteten den Eid der Treue, den 
sie 1616 wiederholten. Dagegen wurde die Verbindung mit Gru- 
sien und Georgien in dieser Periode dauernd nicht wieder her- 
gestellt, vielmehr hatten bald die Perser, bald die Türken hier 
die Oberhand'). 

3) Die Sibirischen Völkerschaften. Auf dem Erobe- 
rungszuge der Kasaken durch das nördUche Asien unterwarfen 
dieselben mehr oder minder vollständig alle dortigen Nomaden- 
völker. Zu den bereits in der vorigen Periode bezwungenen Wo- 
gulen und Ostjaken kamen in dieser noch, mit Ausnahme der 
bereits früher genannten Tatarischen Stämme, die Ssamojeden, 
die Jakuten — seit 1620 Russland unterworfen, seit 1630 tri- 
butair*) — , die Tungusen — etwa um die Mitte des 17. Jahr- 
hunderts, wenngleich unvollständig unterworfen'*) — , die Juka« 
giren und endlich in den letzten Jahren des Jahrhunderts seit 
1696 die Kamtschadalen'^). Militärisch waren diese Völkerschaf- 
ten damals nur von geringer Bedeutung, wenngleich sie im localea 
Dienst schon Verwendung fanden, wie sich denn z. B. an der 
Eroberung von Kamtschatka auch 200 Jukagiren freiwillig bethei- 
ligten"). Uebrigens war die Zahl dieser Völker nicht gerade 
unbedeutend, denn nach den Steuerbüchern von 1668 bis 1674^*) 
gab es im Jakutskischen District 12,236 Jassak- oder steuer- 
pflichtige Jakuten, Tungusen und Jukagiren, von denen 3991 in 

1) iMd. ptg. 250, 251. 2) iUd. I. pi«. 40. 8) ibid. pag. 47. 4) ibid. p«f. 61. 
5) Ibid. Mf. 59. d) SMiml. d. StaatMrl. n. Vcrtr. IIL N. 144, 145. 7) ibid. lY. N. 17. — Geh 
Suunl. f. N. 281. 8) A. T. B. Die KoMkctt. iMff. 226. 9) YNTOlojikU. Diet g^^^.-biat d. I. 
Swiie. L pftff. 345. 10) ibid. a pag. 894. 11) ibid. I. pa«. 76. 12) ibid. 18) Sapplen. ■. 
d. HM. Acten. VI. N. 136. 



~ 243 — 

einem kleinen Ostrog und 22 Winterlagern, 8245 Jakuten aber 
in 35 Gantonen um die Städte lebten. Im Jahre 1675 betrug 
die Zahl jener 3988, dieser 6699, im Ganzen also 10,687 Mann. 
Dieselben zahlten eine Steuer, Jassak, die in dem 10. Theil des 
Ertrages ihrer Ja^d bestand, so dass sie von je 10 erlegten Pelz- 
thieren das beste abzugeben hatten; gewöhnlich wurde dieselbe in 
Zobelfellen entrichtet, an deren Stelle jedoch die Aermeren auch 
eine gleiche Anzahl schwarzer oder grauer oder die doppelte Anzahl 
rother Füchse geben konnten. Je nach dem Ertrage variirte die von 
den Einzelnen zu leistende Abgabe zwischen 5, 10, 15, 20 bis 30 
Zobelfelle'). Der Gesammtbetrag dieser Steuer war fllr damalige 
Verhältnisse ziemlich bedeutend, indem er sich z. B. för das Ver- 
waltungsjahr 16} f allein von Jakutsk undNertschinsk auf 28,205 Bu- 
bel nach dortiger, oder auf 20,723 Rubel nach Moskauscher Ab- 
schätzung belief *). Zur Einsammlung derselben wurden alljährlich 
besondere Beamte in die einzelnen Districte geschickt, welche die 
Erhebung nach bestimmten Jassakbüchem gegen gesiegelte Quit^ 
tungen bewirkten. Die Fürsten und besten Leute der Ulusse oder 
Nomadenläger, welche die innere Verwaltung dieser Völker leite- 
ten, hatten dann die auf ihren Uluss entfallenden Beträge durch 
die steuerpflichtigen Leute der Reihe nach an den betreffenden 
Annahmeort abzi^hren. Die Abnahmebeamten waren gleichzeitig 
Schiedsriditer in Streitigkeiten über Objecte bis zu 5 Rubel, für 
Welche sie für jedes (bricht ^ Rubel einzuziehen hatten; über 
grössere Beträge, oder schon länger als 5 Jahre alte Fälle, hat- 
ten hingegen die Stadtwoewoden zu entscheiden'). 

4) Die Kirgisen oder Eirgis-Kaissaken. Obschon be- 
reits seit der vorigen Periode nominell dem Russischen Reich un- 
tertfalnig, waren sie doch ziemlich unsichere Unterthanen desselben, 
gegen das sie sich häufig mit den benachbarten, nicht unterwor- 
fenen Völkerschaften verbanden. Namentlich hatten die Tataren 
von Krassnojarsk, Tsehulumsk, Altaisk und die Barabmzen von 
ihnen zu leiden, bis sie sich nach mehreren Niederlagen von Sei- 
ten der Kalmücken mehr nach Süden und Osten gegen den Ob 
zogen. Von irgend welchem militairischen Nutzen für Russland, 
wenn auch nur zu Zwecken der Localvertheidigung, war bei ihnen 
keine Rede, da sie sich völlig unzuverlässig, mindestens ebenso 
gefährlich wie ihre räuberischen Nachbarn, die Truehmenen und 
die Usbeken von Chiwa erwiesen*). 

5) Die Kalmücken. Ursprünglich aus der grossen Tatarei 
stammend, waren sie anfangs sehr zahlreich und namentlich zu 
den Zeiten Ds^ingis und Batu Ghanas weit und breit gefürchtet. 
Im 16. Jahrhundert hiessen sie AMors, bei den Mongolen Allid, 
und zerfielen in verschiedene Horden, von denen die vier bedeu- 

1) HM*r. Aefeen. V. N. 11«, 134. 2) ibid. V. 862. 8) ibid. K. 119, 124. 4) Vftfrolojsktl. 
DieL grfofr.-liM. d. L Buriah I. fH* 248 bk 948. 

16* 



— 244 — 

tendsten: die Ereten, die Tscholten, die Tymats and die 
Burga-Borats waren. Nach ihrer Vereinigung nahmen dieselben 
den Namen der Erben-Oretes, d. h. die vier Vereinigten an. 
Einige Stämme hatten sich aber dieser Vereinigung nicht ange* 
schlössen, wesshalb sie von den Mongolen Eletes, von den Tataren 
aber Skalimaken, d. h. die Uebriggebliebenen, genannt wurden, 
woraus der heutige Name Kalmücken entstanden ist'). Die letz- 
teren, welche ursprünglich die westiichen Zweige des Altat bewohn- 
ten, von wo sie sich weiter verbreiteten, waren ihrer Religion 
nach Schamanen, bis sie wie alle Mongolen im 12. Jahrhundert 
die Lehre des Indischen Propheten Fol oder Schigi Muni annahmen. 
Die Kalmücken theilten sich in vier verschiedene Horden: die 
Torgoden oder Torgo-uten, d. h. die Riesen, welche ursprüng- 
lich die Garde Dschingis Chan's gewesen waren, die Dürbeten, 
d. h. der rechte Flügel; die Dsungaren oder Süngoren, d. h. 
der linke Flügel; und die Choschoten oder die Muthigen'). 
Von diesen kam die Dsungarische Horde zuerst mit den Rus- 
sen in Beziehung, indem ein Stamm derselben, die Tele-uten, Te- 
lenguten oder weissen Kalmücken ibereits 1609 Russland den Eid 
der Treue leistete. In Wirklichkeit wurden sie erst um die Mitte 
des 18. Jahrhunderts und auch nur zum Theil unterworfen*), 
während die Hauptmasse der Dsungaren noch später, erst unter 
Katharina IL in flüchtige Verbindung mit Russland kam*). Bald 
darauf, um 1618, trat eine andere Kalmückische Horde, die Kol- 
mazische, unter dem Bogatyr Taischa*) und am 25. May 1620 
der Uluss des Karakul Taischa unter Kussische Botmässigkeit"). 
Diesen kleineren Abtheilungen folgte alsbald die Torgodische 
Horde, welche 1630 an der Wolga erschien, die kleine Horde 
der Nogaier besiegte und sich dann aus religiösem Hass gegen 
die Tataren häufig mit den Ukraineschen und Donschen Kasaken 
gegen dieselben verband^. Zur Zeit des Zaren Alexej unterwar- 
fen sich die Torgoden in Folge einer, 1655 abgeschickten Gesandt- 
schaft^) und eines 1660 mit den Donschen Kasaken abgeschlosse- 
nen Schutz- und Trutzbündnisses') in den Jahren 1660 und 1661") 
dem Russischen Scepter, wobei ihnen Ländereien an der mittleren 
Wolga zum Nomadisiren angewiesen wurden. Unter treulosen An- 
führern machten sie aber wiederholt Einfalle in Russisches Ge- 
biet und betheiligten sich 1681 bis 1683 an dem Aufstande der 
Baschkiren, bis sie mit Waffengewalt in die ihnen an den Ufern 
der Ssamara, des Sok und Fok in den heutigen Gouvernements 
Ssimbirsk und Orenburg angewiesenen Steppen zurückgedrängt 
wurden, wo ihnen dann die Anlage der Zarizynsdien Linie und 



1) ibid. I. iMg. 69. 2) iUd. - A. r. B. Di« Konkea. iMff- 1^ 3^ Vt^voWjtlriJ. Met 
g^.-birt. a. 1. Bnasie. IT. pur. 271. 4) k. r. B. Di« Kosaken. pAg. 142. 3) Samml. d. StaatoerL 
Q. Vertr. III. N. 37. 6) ibid. V. 68. 7) A. r. B. Die Komken. par. 140. 8) Gea. Samml. L 
V. 146. ~ Samml. d. Staataerl. n. Yartr. III. N. 181. 9) Mater, i. Oeon. «. Siitlat r. Bnaal. D. 
Land d. Donachen Corpa. r. Knano«. pag. 35» 36. Ana. 1. 10) Hialor. Aden. IT. M. 164. 



— 245 — 

eine anderweitige Organisation der Wolga-Kasaken weitere Ueber- 
schreitungen unmöglich machten. 

Die Dürbetische Horde war lange Zeit der Dsungari- 
schen unterworfen, bis sie 1673 in der Stärke von 5,000 Kibit- 
ken oder Familien zu dem damals noch am Flusse Jaik hausenden 
Chan der Torgoden kam und sich Russland unterwarf. Ebenso 
kamen von der Horde der Ghoschoten, die in der Mitte des 
17. Jahrhunderts 50,000 berittene Krieger gezählt haben soll, 
etwa 15,000 Eibitken im Jahre 1675 nach Eussland, während 
der grössere Theil derselben in China blieb'). 

Endlich wurden am 21. May 1687 noch die sogenannten 
schwarzen Kalmücken in den Russischen Unterthanenverband 
aufgenommen') und am 15. Januar 1689 durch Russische Ge- 
sandte mit sechs, an der Chinesischen Grenze wohnenden Mongo- 
lischen Taischen ein Vertrag abgeschlossen'), in Folge dessen sie 
am 12. März mit allen ihren Leuten — Tabunitische Ssaiten da- 
bei genannt — sich für ewig der Russischen Botmässigkeit unter- 
warfen*). 

In militairischer Hinsicht erwuchs den Russen aus allen die- 
sen Uebertritten im Wesentlichen kein anderer Vortheil, als der 
der localen Sicherung ihrer Grenzen. Zur Verwendung auf ande- 
ren Kriegstheatem waren diese Völker zu entfernt, zu unzuver- 
lässig und militairisch zu wenig brauchbar. Desshalb wurden sie 
nur selten zu den Russischen Heeren herangezogen und höchstens 
zu den schon damals beginnenden Vorwärtsbewegungen nach dem 
mittleren Asien und gegen den Kaukasus benutzt, in welchen Fäl- 
len sie unter der Führung ihrer Taischen und Ulussältesten ins 
Feld zogen. 1679 hatte man sie indessen zu dem in der Ukraine 
gegen die Türken und Tataren gesammelten Heer aufgeboten*^), 
in welchem sie unter dem Chan Ajukaj und anderen Taischen 
eine besondere Abtheilung bildeten, der zur grösseren Festigung 
einige regulaire Truppen — das Smolenskische Reiterregiment und 
4000 Pikeniere, Reiter und Soldaten, ungerechnet die Schljachtas 
verschiedener Städte — • zugetheilt waren'). 

Endlich schien dem Russischen Reiche noch eine weitere Ver- 
grösserung gegen Süden hin durch die Erwerbung der 

6) Moldau und Wällachey erwachsen zu wollen. Nach- 
dem nämlich schon früher mit diesen Ländern Beziehungen theils 
direct, theils durch die Kasaken angeknüpft waren, in Folge 
deren bereits 1656 der Moldausche Woewoda und Herrscher Stefan 
mit dem ganzen Lande in den Russischen Unterthanenverband 
aufgenommen waren'), wurde am 28. December 1688 eine Gra- 
mota an den Moldauschen Woewoda und Herrscher Scherban 



1) A. T. B. Di« KoMken. pag. 140 Ui 142. 2) Qm. SMuml. U. N. 124& — SamaU cL 
StMtaerL v. Verir. IV. N. 184. 3) 0«s. Srauiil. m. M. 1329. 4) ibid. N. 1836. 5) Bftofaer d. 
BMTfliid. II. pikg. 1177. 6) ibid. yg. 1170. 7) Gel. Samml. I. N. 180. 



— 246 — 

Kantakusino Aber Annahme seiner and aller ihm unterstehenden 
Länder unter Russische Botmässigkeit*), und am 16. May 1698 
eine andere an den Hetman erlassen, nach welcher den Moldau- 
schen Gesandten erklärt war, dass Russland die Moldau und die 
Wallachey unter seine Herrschaft nähme'). Indessen kamen diese 
Erwerbungen nicht über die Phase der schriftlichen Behauptung 
hinaus und hatten daher eine wirkliche Vermehrung der politischen 
und militairischen Macht des Russischen Reichs nicht zur Folge. 
Die letzte Abtheilung der Russischen Cavallerie bildeten endlich 

1. Me Sek^acktas iti tktwuh P^lilscheM Staate ^ die im Laufe 
dieser Periode von den Russen im We^e der Unterhandlung oder 
Eroberung gewonnen wurden. Es war dies eine Art adliger Stadt- 
miliz, die in allen bedeutenderen Polnischen Städten bestand, ge- 
bildet aus dem niedem Adel der Szlachcici derselben und ihrer 
Bezirke, und die im Fall der Eroberung einer solchen Stadt in 
ihrer Eigenschaft als Localtruppe mit zu dem neuen Besitzer 
überging. So trat schon 1654 nach der Einnahme von Smolensk 
die Schljacbta dieser Stadt mit 4 Rittmeistern (Denissowitsch, 
Stankeewitsch, Baka und Woronez) fast in ihrem ganzen Bestände 
zu Russland über'*); ebenso findet sich 1658 die Schljachta von 
Wilna und anderen Kreisen in einer Stärke von 3891 Mann^), 
und 1659 die von Polotsk mit ihren Obersten und Rittmeistern*) 
aufgeboten. Ausser den genannten gab es noch Schljachtas von 
Belsk, Roslawl und Dorogobush, die sich mit der Smolenskischen 
z. B. 1679«) gegen die Türken und Tataren, 1696^ und 1697«) 
aber zum Heer Scheremetjew's einbeordert finden. 

Die specielle Organisation und Stärke dieser Stadtmilizeu ist 
nicht genau bekannt; im Allgemeinen scheinen sie auf Europäi- 
schem Fuss eingerichtet gewesen zu sein, wenigstens weisen ihre 
Chargen — ^ Obersten, Rittmeister, Lieutenants und Fähnrichs oder 
Chorunschi — auf eine solche Einrichtung hin. Die bedeutendste 
Schljachta war die Smolenskische, deren Gemeine in vier Classen 
zerfielen*). Dieselbe scheint aus mehreren Regimentern bestan- 
den zu haben, deren jedes unter einem Obersten stand, während 
die ganze Schljachta von einem General commandirt wurde'*). 

2. Die Infanterie. Die nationalen Infanterietruppen bestanden 
in dieser Periode wie früher aus den Adligen und Bojarenkin- 
dem zu Fuss, den Strelzen und Stadtkasaken, den Datotschen- 
leuten, Freiwilligen und Landsturmaufgeboten zu Fuss. Dazu 
kamen neuerdings noch die Fusstruppen der verschiedenen Kasa- 
kenvölker, namentlich des Eleinrussischen Corps, und endlich die 
nach ausländischem Muster auf regulärem Fuss gebildeten Russischen 



1) Ibid. in. N. 1824. S) iUd. N. 1688. 8) Hiitor. Acten. IV. M. 91. 4) ibid. 
V. 181. 6) Qm. Samml. I. N. 965. 6) BAcher d. BMrad. II. m«- 1069. 7) Gm. SunaL III. 
V. 1689. 8) ibid. N. 1566. 9) ibid. t N. 66d. 10) 8. d. Erlui Tom 80. Dtebr. 1701. Om, 
Bmml. IV. M. 1885. 



— 247 — 

Soldatenregimenter, von welchen letzteren aber bei den ausländi- 
schen Trappen die Rede sein wird. 

a. Me AdUlgeM mai ■•JareakMer f« fus. Bereits* bei der Be- 
sprechung der gleichnamigen Truppenclassen der Gayallerie wurde 
darauf hingewiesen, wesshalb diese ursprünglich zum Reiterdienst 
bestimmten Glassen, im Laufe der Zeit allmählig so herab kamen, 
dass viele von ihnen, in der Unmöglichkeit die Kosten des Reiter- 
dienstes zu bestreiten, sich auf den Dienst zu Fuss angewiesen 
sahen; auch ist bereits gesagt, dass sie in diesem Fall nicht zu 
den Feld-, sondern zu den Localtruppen der betreffenden Städte 
gerechnet, und später vielfach zur Errichtung der neuen regulai- 
ren Truppen verwendet wurden. In welchem Maasse die Anzahl 
derselben, und somit die Verarmung jener Glassen zunahm, kann 
man daraus entnehmen, dass, während es nach den Rasread- 
verzeichnissen von 1625*) in sämmtlichen Russischen Städten nur 
1493 Mann derselben gab, die Zahl der im Stadtdienst befindlichen 
Adligen und Bojarenkinder 1672*) in 77 Städten sich auf 14,432 
belief, ungerechnet der Vielen, die schon in den neuen Truppen 
Aufiiahme gefunden hatten. 

h. Me Stadtkaaakea n Hm. Von diesen gilt Alles das, was 
bei der Cavallerie von den Stadtkasaken der zweiten Art, d. h. 
den in den Rechten der Strelzen stehenden, gesagt ist, und wird 
daher hier lediglich darauf Bezug genommen. 

c lie Strebei. Diese Truppe, welche bereits aus der vori- 
gen Periode ihre Entstehung datirt, trug von allen bisher be- 
trachteten national Russischen Formationen am meisten den Gha- 
racter einer regelmässigen, stehenden an sich. Im Allgemeinen 
auf den früheren Grundlagen ruhend, entwickelte sich dieses 
nationale Gorps in der vorliegenden Periode sehr bedeutend, in- 
dem die Russischen Fürsten bis zu Peter dem Grossen nicht nur 
seine Zahl beständig vermehrten, sondern ihm auch immer mehr 
eine regulaire Formation zu geben strebten. Das Letztere glückte 
aber nicht, vielmehr widersetzten sich die Strelzen mit der aus- 
dauerndsten Zähigkeit allen darauf gerichteten Versuchen. Ihre 
wiederholten Rebellionen, in welchen sie sich den Römischen Prä- 
torianem, den Türkischen Janitscharen und ähnlichen privilegirten 
Corps der alten und neuen Zeit würdig an die Seite stellten, sind 
durch vielfache Erzählungen ziemlich bekannt geworden; sie ver- 
wilderten dadurch immer mehr und wurden zuletzt so übermtithig, 
eigenwillig, zucht- und .ordnungslos, dass selbst die feste entschlos* 
sene Energie Peter's des Grossen sie durch Anwendung der blutig- 
sten Strenge wohl zu unterdrücken, aber nicht zur Ordnung zu 
bringen vermochte. So fand diese Truppe keinen Platz in dem 
modernen Russischen Kriegsheer, das jener grosse Fürst auf den 



1) S. Beil««« R. 9. 2) & Beilftg« N. 7. 



— 248 — 

Trümmern der früheren Einrichtungen schuf. Bestandtheile von 
ihnen traten wohl in die späteren Formationen über; im Grossen 
und Ganzen schlössen sie sich ihnen aber nicht an, so zwar, dass 
kein Regiment der modernen Russischen Armee seinen Ursprung 
von einem Strelzenprikas oder Regiment herleitend, die mit Blut 
und Aufstand besudelten Erinnerungen derselben in seiner Ge- 
schichte zu verzeichnen hat 

Zu Anfang dieser Periode waren die Strelzen im Allgemeinen 
so eingerichtet, wie sie in der vorigen bereits geschildert sind. 
Sie bildeten somit ein stehendes Corps, das im Frieden in Mos- 
kau und anderen, besonders Grenzstädten garnisonirte. Die Stärke 
der Abtheilungen der einzelnen Städte war ganz verschieden und 
wurde nach den Listen des Strelzenprikases bestimmt. Die Ein- 
theilung der Strelzen in reitende und Fuss-, Moskausche und 
Stadtstrelzen, sowie nach den verschiedenen Arten ihrer Verpfle- 
gung blieb wie früher. Ebenso war die Organisation der ein- 
zelnen Abtheilungen die bereits besprochene, nach der die Strelzen 
einer jeden Stadt ein besonderes Corps bildeten, das in Abthei- 
lungen zu 10, in Centurien, oder wenn sie sehr zahlreich waren 
in Prikase eingetheilt wurde. Die innere Einrichtung dieser 
Prikase war anfangs, und bei den Stadtstrelzen überhaupt bis 
zu Ende ganz die frühere ; d. h. sie bestanden normalmässig aus 
je 5 Centurien (ssotni) mit einem Personal von 1 Golowa als 
Commandeur, 5 Centurionen (ssotniki) als Führern der Centurien 
und 500 Strelzen, unter welcher Zahl die ünteroffizierchargen, 
nämlich 10 Fünfziger (jpjatidessjatniki) — Unteroffiziere — und 
40 Zehner (dessjatniki) — Corporate oder Gefreite — mit ge- 
rechnet waren*). Ausserdem gehörte zu den Chargen der Strelzen 
dann noch in jedem Prikas 1 Schultheiss (pristaw) zur Unter- 
stützung des Golowa bei der Handhabung der Rechtspflege'). 

In dieser Weise blieben die Prikase der Stadtstrelzen im 
Allgemeinen bis zuletzt organisirt, mit der einzigen Abänderung, 
dass bisweilen ihre Stärke vermindert wurde, wie sie denn z. B. 
in Astrachan im Jahre 1672 etatsmässig auf je 3 Centurien mit 
300 Mann herabgesetzt wurden'). 

Dagegen fanden bei den Moskauschen Strelzen im Lauf 
der Periode nicht unwichtige, theilweise sogar sehr 'erhebliche 
Aenderungen Statt. Zunächst wurde die Stärke ihrer Prikase, 
die mit Ausnahme des 20 Centurien zählenden Bügelprikases anfangs 
normalmässig auch aus je 5 Centurien bestanden hatten, vermehrt, 
so dass es später Prikase von 6, 7, 9, 10, 12 und 14 Centurien 



*) Nach dem Zeugniss von Mayerberg pag. 90 soll es auch noch Char* 
girte über je 4 Mann, also Fünfer, gegeben haben, indessen finden sich solche 
in Bussischen Quellen nirgends erwähnt. 

1) Snpplem. s. d. hist. Acten. IIL M. 16. 2) Hiitor. Aden IV. N. 227. 



— 249 — 

gab^). Mit der Yergrösserung der Zahl der Genturien wurden 
dann auch die Offizierchargen vermehrt und zur Unterstützung 
der Golowen in der Führung und Leitung der Prikase zunächst 
unter ihnen die Zwischenstelle der Halbgolowen {polwjclovoy) oder 
Fünfhunderter {pjatissotennye), nach Art der modernen Oberst- 
lieutenants oder Majore eingeführt. Dem analog kann man die 
Golowen selbst als Obersten, die Centurionen aber als Capitains 
ansehen, wie sie denn diese Namen in der Folge auch bei den Mos- 
kauschen Strelzen erhielten. Nachdem nämlich in der zweiten 
Hälfte des 17. Jahrhunderts bei ihnen für die Anführer der Pri- 
kase die Bezeichnung von «Obersten und Golowen» (poUcotoniki 
i golowy) — diesen Titel führten z. B. 1663 A. Lopuchin') und 
Ss. Poltew, 1668 A. Matweew") u. a. m.*) — , und, insofern sie 
Stolniki waren, die von «Stolniki, Obersten und Golowen* {stol- 
niki^ polkomiiki i golowy) — so hiess z. B. 1674 der Anführer 
des 1. Prikases der Moskauschen Strelzen J. Lutochin — aufge- 
kommen war, liess man allmählig den letzteren Namen der Go- 
lowen ganz fort und nannte die Gommandeure der Moskauschen 
Prikase nur noch Obersten resp. Stolniki und Obersten. Indessen 
scheint dies damals eine mehr usuelle als gesetzlich vorgeschrie- 
bene Bezeichnung gewesen zu sein; welches Letztere sie erst 1680 
wurde, nachdem der Erlass vom 25. May bestimmt hatte, dass 
die Golowen, Halbgolowen und Centurionen der Moskauschen 
Strelzen künftig Obersten, Halbobersten resp. Capitains heissen 
und ganz in der Art, wie die entsprechenden Chargen bei den 
regulairen Cavallerie- und Infanterieregimenten! dienen sollten'). 
Eine weitere Bestimmung vom 26. April ergänzte die vorige dahin, 
dass die Golowen, welche gleichzeitig Stolniki waren, «Stolniki 
und Obersten», die übrigen aber einfach Obersten heissen, die 
Halbobersten (jpolupdkoumiki) aber OberstUeutenants {podpolr- 
koumiki) benannt werden sollten*). Diesen Bestimmungen, welche 
deutlich auf eine grössere Regularisirung der Moskauschen Strel- 
zen hinausliefen, scheint von denselben, im instinctivem Vorgefühl 
ihres Zweckes, nicht gleich Folge gegeben zu sein; wenigstens 
wurden sie auf der grossen, zur Revision des gesammten lüriegs- 
wesens niedergesetzten Versammlung am 12. März 1682 erneuert 
und bestimmt, dass «bei den Strelzenregimentern» — die- 
sen Namen erhielten also zugleich die früheren Prikase — «künf- 
tig Obersten sein und diese nicht mehr Golowen genannt werden, 
die Centurionen aber nunmehr Capitains heissen sollten»'). 

In demselben Jahre wurde bei der Ausrufung der Zarewna 
Sofia zur Mitregentin des Reiches neben ihren beiden Brüdern 
Johann und Peter, in Folge des ersten blutigen Aufstandes der 



I) S. Beilag« N. 13. 2) Bftcber d. Basread. II. pag. »30. 3) SamnL d. SUatnarl. a. 
Vartr. IV. N. 63. 4) Ges. SamniL II. N. 663, 671. 6) ibid. N. 812. 6) ibid. N. 819. 
7) SamniL d. Staataerl. n. Vertr. IV. N. 130. 



— 250 — 

Moskauschen Strelzen, durch Erlass vom 28. Juny denselben der 
Name der «Hofinfanterie* (Nadwornaja Pechotd) beigele^ 
und gleichzeitig den grösseren taktischen Abtheilungen derselben 
an Stelle der früheren Bezeichnung der Prikase noch einmal aus- 
drücklich die von Regimentern und zwar mit dem Zusätze der 
Hofinfanterie {pdTci Nadwornyja PechotyY) gegeben. Jener Name 
— der Hofinfanterie — wurde auf das Gesuch der Strelzen am 
17. December 1682 zwar wieder gegen die alte Benennung der 
Strelzen umgetauscht, ihre Abtheilungen aber behielten den neuen 
Namen der Regimenter — Strelzenregimenter {streletzkie polki) — 
bei, «weil sie schon seit früher nicht mehr unter Grolowen, son- 
dern unter Obersten standen»*). Im Uebrigen aber blieb die 
Organisation derselben die frühere, d. h. sie zerfielen m eine 
verschiedene Anzahl — 6 bis 14 — Centurien, und diese in ün- 
terabtheilungen zu 50 (Züge) und 10 (Corporalschaften); auch 
behielten die ünteroffizierchargen ihre alten Benennungen der 
Fünfziger und Zehner bei. 

Alle jene besprochenen Veränderungen in dem Namen der 
Strelzenabtheilungen und ihrer Offizierchargen bezogen sich, wie 
ausdrücklich zu bemerken ist, nur auf die Moskauschen Strelzen, 
und erstreckten sich im Allgemeinen auf die Stadtstrelzen nicht, 
vielmehr wurden die letzteren nach wie vor da, wo überhaupt 
eine solche Eintheilung stattfand, in Prikase eingetheilt, und ihre 
Offizierchargen behielten die alten Russischen Namen der 6olo- 
wen und Centurionen. Die einzige Abweichung, die sich davon 
vorfindet, besteht darin, dass eine im St. Petersburger Arsenal 
aufbewahrte Fahne die Inschrift trägt: «des Jahres 7203 (1694) 
im September am 2. diese gehorsame Fahne des 3. Regiments 
der Astrachanschen reitenden Strelzen»'), wonach es also scheinen 
möchte, als wenn die grösseren taktischen Abtheilungen der Strel- 
zen in Astrachan später den Namen von Regimentern und nicht 
mehr von Prikasen geführt hätten; indessen finden sich andere 
Angaben, aus denen unzweifelhaft hervorgeht, dass sie noch 1696 
mit dem letzteren Namen bezeichnet wurden*), so dass jene In- 
schrift als eine irrthümliche angesehen werden muss. 

Wie schon früher zerfielen die Strelzen jeder Abtheilung in 
fikeniere (hopeiscMschiki) und Schützen (s^rrfje^y)*), von denen 
die ersteren als Elitesoldaten betrachtet wurden und in den Pri- 
kasen und Regimentern die ersten Centurien gebildet zu haben 



*) Hierbei ist zu bemerken, dass sich von einer solchen Eintheilung, 
wie sie in den neben beeeichneteu Werken angegeben ist, in den Russischen 
QueUen jener Zeit weder in den Yorachnflen über die Aufbringnng noch in 
denen Aber Bewaffnung oder Verpflegung irgend Etwas findet, was auf das 
Bestehen Ton Pikenieren unter den Strelzen hindeutet. 

1) 0«i. baml. n. N. 976. 2) ibM. 8) BcliMw. Ü«K d. Bui. Hctr «nt Hieb. VmI 
b. I. d. W. P«t d. Gr. pi«. 47. 4) Hiitor. AoUa. Y. N. 9». 



— 251 — 

scheinen^). Ebenso hatte jeder Prikas und jedes Regiment ein 
besonderes Gommando von Artilleristen zur Bedienung seiner 
Geschütze'); welche anfangs ausser dem Etat standen, später 
missbräuchlich aus den Strelzen genommen wurden. Da dies aber 
bei dem grossen Aufstand von 1682 einen der wesentlichsten Be- 
schwerdepunkte der Strelz^ ausmachte, so wurde ihnen damals 
versprochen, zu den Regimentsstücken wieder besondere Artille- 
risten zu bestimmen und Strelzen femer nicht dazu zu verwenden'). 
Die Starke dieser Commandos richtete sich nach der Zahl der 
Geschütze, scheint aber nur sehr schwach gewesen zu sein. So 
befanden sich z. B. 1614 in Beloosero bei der aus drei Centu- 
rien bestehenden Abtheilung des Golowa B. Marakuschew 15^); 
1679 bei einem aus Belgorod zum Heer gestossenen Moskauschen 
Prikas von 754 Mann nur 16^); bei dem 1686 aus Abgaben der 
Moskauschen Regimenter gebildeten, fQr Sibirien bestimmten Re- 
gimente F. Skripizyn von 1000 Mann gai- nur 6 Artilleristen •). 

Was die Zahl der bei jedem Prikas oder Regiment befind- 
lichen Geschütze betrifft, so war dieselbe nach der Stärke 
jener verschieden. Nach manchen Angaben möchte es scheinen, 
als wenn sie gleich der Anzahl der Genturien gewesen wäre, 
so dass die Prikase in der Normalstärke von 500 Mann etats- 
mässig je 5, die stärkeren aber je 6, 8, 9 und 10 Geschütze ge- 
habt hätten. In der That betrug z. B. im Jahre 1679 bei dem 
gegen die Türken und Tataren aufgestellten Heer die Geschütz- 
zahl der Moskauschen Strelzenprikase des Ss. Griboedow auf 
10 Genturien mit 1092 Mann 9^; des A. Dochturow auf 9 Gen- 
turien mit 932 Mann') und des A. Parassukow auf 10 Genturien 
und 915 Mann*) je 8; des A. Karandeew auf 10 Genturien und 
988 Mann 6 Stücke '*'); während 2 Prikase der untern Städte 
des Ss. Brenkowskij und I. Bugaiskoj von 500 resp. 631 Mann 
je 5 Geschütze hatten"). Alle diese Geschütze waren Kanonen 
( pischtschcUi) mit broncenen Röhren von einem 2 pfundigen Kali- 
ber, welches daher das normalmässige für solche Stücke gewesen 
zu sein scheint. 

Endlich hatte jeder Prikas und jedes Regiment der Strelzen 
noch seine Fahnen, aus einer Obersten- (polkoumitschje) und 
mehreren Genturien- (ssotennyja) oder Brüderfahnen (bratskija) 
bestehend, sowie seine Trommeln"). 

Die Bezeichnung der Strelzen erfolgte wie früher, zu- 
nächst nach den Orten, wo ihre Aufstellung ursprünglich statt- 
gefunden hatte. Dies war aber nicht immer auch ihr beständiger 

1) B«ljaew. UeK d. Bim. Heer nnt Mich. Feod. b. %. d. Ref. Pet. d. Gr. pag. 47. - Wieko- 
wmtow. GeeehiehtL BewAreil». d. JttW. «. BewaAi. d. Rom. Trappen. 1. 2) Aetoa d. Ardi. Bzped. lY. 
M. 262. - Histor. Aalen. V. N. 96. 8) Acten d. Arch. Ezped. lY. H. 26&. 4) Sapplem. s. d. 
biet. Acten. II. N. 17. 5) Bftcher d. Banreed. Ü. peg. 1198. 6) HIttor. Acten. V. N. 186. 
7) BAcher d. BairauL II. peg. 1108, 1814. 8) ibid. png. 1198, 1816. 9) ibid. pw. 1198, 1816, 1817. 
10) ibid. pM. 1819, 1821. 11) ibid. 12) BelJMW. Ueb. d. Bmi. Hetr nnt lieh. FML b. i. d. 
Bei. Fet. d. Gr. pi«. 66. 



— 252 — 

Garnisonsort, da man den bereits in der vorigen Periode erwähnten 
Gebrauch beibehielt, einzelne Abtheilungen und Prikase aus ihrem 
Heimathsorte auf kürzere oder längere Zeit — 1 Woche, 1, H, 
2 Monate, 1 und 2 Jahre — nach einem andern zu commandiren, 
nicht bloss in der Absicht, dessen Besatzung, von welcher manch- 
mal eine ebenso starke Abtheilung nach einem dritten Ort ge- 
sendet war, zu verstärken, sondern wohl auch, um die Truppen 
vor einem zu festen Anwachsen an einem Orte und an einander 
zu bewahren. Ausser der Benennung nach dem Ort, bezeichnete 
man die Strelzenprikase und Regimenter noch mit dem Namen 
ihrer Anführer und da wo ein Ort mehrere solcher Abtheüun- 
gen hatte, wie namentlich also die Moskauschen, mit fortlaufenden 
Nummern, welche feststehend waren. Dieselben dienten gleich- 
zeitig zur Bezeichnung der Rangordnung der verschiedenen Ab- 
theilungen, so dass die 1. zugleich die angesehenste war, wess- 
halb die Nummerirung ohne Rücksicht darauf erfolgte, ob die 
Prikase oder Regimenter zu Pferde oder zu Fuss dienten, eine 
Aenderung derselben aber nach Umständen einer Belohnung oder 
Bestrafung gleich kam. Uebrigens wurden die Nummern &r ge- 
wöhnlich nicht genannt, sondern die Abtheilungen nur durch die 
Namen ihrer Gommandeure unterschieden. Endlich hatte jedes 
Moskausche Strelzenregiment noch sein Losungswort (Jassak)^ 
in dem Namen eines Menschen, Thieres oder einem kurzen Zu- 
ruf bestehend*). 

Die Zahl aller Strelzen war nach Zeit und Umständen 
sehr verschieden. Da es aber zu weitläufig werden würde, die 
Geschichte aller einzelnen Abtheilungen in den sämmtlichen Städ- 
ten, wo solche existirten, zu verfolgen, so beschränkt sich die 
vorliegende Arbeit bloss auf diejenigen Strelzen, welche in den 
grösseren Städten zu Prikasen formirt waren. Aber auch hier 
stösst man bei dem Mangel fast aller Vorarbeiten und der Unge- 
nügendheit der zugänglichen Quellen auf die erheblichsten Schwie- 
rigkeiten, wesshalb die nachfolgende Betrachtung mehr eine 
chronologische Zusammenstellung einzelner Notizen ist als eine 
zusammenhängende 
Geschichte der Strelzenprikase und Regimenter. 
Die Moskauschen Strelzen. Anfangs gab es in Mos- 
kau an Strelzen 
12 Prikase, von denen der 1. aus 20, jeder der anderen aber 

aus je 5 Genturien bestand, was somit eine Gesammtzahl 

von 7587 Mann — 2021 des 1. Prikas zu Pferde, und 5566 

zu Fuss — ergab. 

Der 1. Prikas war besonders ausgesucht und hiess Bügel- 
prikas {stremjannoj), weil er «beim Bügel sein»'), d. h. den Zaren 

1) & Beil^ N. IS. 2) B«|iiMW. üeb. d. Bm. Heer attt Mich. Feod. b. s. d. Bef. Pel d. 
Or. pi«. 55. 



— 253 — 

und die Zarin auf allen Märschen als Leibwache (dlja obereganija) 
begleiten mosste, wofbr er von allen Abcommandos nach anderen 
Städten, so wie von jedem sonstigen Dienste, mit Ausnahme der 
gewöhnlichen Wachen, frei war'). Jene anfangliche Zahl der Mos- 
kauschen Strelzen wurde später bedeutend vermehrt, nament- 
lich unter dem Zaren Alexej Michailowitsch, der die Nachtheile 
der mangelhaften Zusammensetzung des Bussischen Heeres, in 
welchem die Cavallerie noch immer überwog, sehr richtig erkannte. 
So wurden unter Anderem im Jahre 1660 in den Städten Rjäsan, 
Sarasskoj, Gremjatschej, Michailow, Pronsk, Ssaposhok und Pe- 
tschemiki drei Strelzenprikase zu 500 Mann ausgehoben, zu wel- 
chem Zweck sich ein Streaptschej am 15. December nach den ge- 
nannten Orten begab'). Ausser der Anzahl wurde auch schon 
damaJs die Stärke der Moskauschen Prikase vermehrt, so dass 
es um das Jahr 1666 bereits in Moskau, selbst im tiefsten Frie- 
den, beständig 

20 Prikase, jeden von 1000 oder 800 Mann, manche auch 
etwas schwächer 
gab, darunter 1 Bügelprikas'). Im Jahre 1672 fand eine weitere 
erhebliche Vermehrung der Moskauschen Strelzen Statt wie dies 
aus der bedeutend erhöhten Auflage an Naturalien, die seit jenem 
Jahre zur Beschaflfüng des Proviants für dieselben erhoben wurde, 
zu ersehen ist^. Im Jahre 1674 sah der Schwedische Gesandte 
Palmquist in Moskau folgende 

14 Prikase: 1. E. Lutochin, 2. I. Poltew, 3. W. Buchwostow, 
4. F. Golowlinskij , 5. F. Alexandrow, 6. N. Kolobow, 
7. St. Janow, 8. T. Poltew, 9. P. Lopuchin, 10. F. Lo- 
puchin, 11. D. Woronzow, 12. I. Narmazkij, 13. Lagowskin, 
14. A. Lewschin*), 

deren Uniformirung er ganz genau beschreibt'). 

Im Jahre 1679 waren zu dem gegen die Türken und Tataren 
in der Ukraine zusammengezogenen Heer an Moskauschen Strelzen 

15 Prikase unter den Stobiki und Obersten: St. Janow, 
A. Dochturow, G. Titow, Ss. Griboedow, A. Karandeew, 
M. Weschnjakow, M. Borissow, F. Meschtscherinow, M. Ko- 
lobow, M. Lupandin, A. Taneew, W. Tjäpkin, und unter den 
Golowen A. Parassukow, L. Isjedinow, der Namen des letz* 
ten findet sich nicht angegeben ; in einer Gesammtstärke von 
12 Halbgolowen, 122 Genturionen und 13,692 Gemeinen'). 

commandirt. Im Jahre 1681 gab es nach einem Yerzeichniss des 
Strelzenprikas 

20,000 Moskausche Strelzen 
im Ganzen im Dienst*). 

1) KoKbicbin. Ueb. Roflil. nnt. Alex. Mich. pac. 71- 2) Qes. Samml. I. N. 288. 3) Ko- 
Mhldite. t«b. Bonl. «ni Alex. Mich. pag. 71. 4) Actan d. Anh. Acped. IV. K. 18H. 5) Wia- 
k«mittw. G«KkiditL BwehRib. d. Bakl. a. Bewalh. d. B««. IVappen. I. 6) S. Bailag« N. 8. 
7) S. Bdlag« N. 0. 8) Acten d. Aich. Exped. IV. K. 243. 



— 254 — 

Bei dem grossen Strelzenau&tand von 1682') betrug die 
Gesammtzahl der Moskauschen Strelzen 

30 Regimenter, die wie folgt, vertheilt waren: 
In Moskau 19 Regimenter: M. Glebow (das Bügebregiment), 
Ss. Griboedow, I. Poltew, M. Kolobow, A. Karandeew, W. Wo- 
robin, G. Titow, A. Dochturow, P. Chlebow, M. Borissow, 
M. Weschnjakow, I. Nelidow, I. Schtschepin, W. Perchurow, 
A. Taneew, I. Konitschew, K. Erom, W. Ljapuchin, I. Du- 
row mit 14,198 Mann; 
in Kiew 6 Regimenter: B. Dementjew, T. Kischkin, W. Borkow, 

Ss. Ssergiew, M. Filossofow, I. Narmazkoj; 
in Baturin das Regiment L. Ssucharew; in Perejäslaw: M. Po- 
luechtow; in Trubtscbewsk: A. Mertwoj; in Tschemigow: 
P. Borissow; in Brjansk: A. Narmazkoj. 
Nach der Unterdrückung des Aufstandes liess Peter der Grosse 
aus den in Moskau stehenden Regimentern alle unzuverlässigen 
und schlechten Subjecte entfernen und formirte daraus Anfangs 
1683 zwei so genannte ausgeschriebene (wypissnye), d. h. 
nach der heutigen Ausdrucksweise Disciplinar- oder Strafregimen- 
ter, denen im Monat März Pskow und Menselinsk als Garnisonen 
angewiesen wurden'). Hierdurch vermehrte sich die Gesammt* 
zaU der Moskauschen Strelzen auf 
32 Regimenter. 
Noch in demselben Jahre erfolgte durch Ukas vom 25. und 
30. December eine neue Organisation der Moskauschen Strelzen'), 
welche darauf berechnet war, der Wiederholung eines aolchen 
Aufstandes vorzubeugen. Zu diesem Zwecke wurden ans sänunt- 
lichen Regimentern derselben alle unzuverlässigen und untaug- 
lichen Mannschaften ausgesondert und ans diesen und anderen 
Abgaben 

2 neue Disciplinarregimenter unter den Oberstlieutenants E. Ar- 
pow aus Moskau und K. Ssawrossow aus Kiew 
formirt, welche flbrigens, mit alleiniger Ausnahme dessen, dass 
sie nie in Moskau garnisoniren sollten, sonst ganz in der Art wie 
die anderen Moskauschen Strelzen organisirt und verpflegt waren. 
Diese Formation folgt als einziges, aus jener Zeit übrig geblie- 
benes Beispiel einer solchen Bildung nachstehend im Specielleren. 
Das Regiment K. Arpow, dem ausser diesem Obersten noch 
ein Oberstlieutenant und die Gapitaine von Moskau zugetheilt 
wurden, erhielt: 

An Unzuverlässigen und Ungeeigneten von den nach 
Moskau bestimmten Regimentern R. Osta^ew aus Kiew 
191, I. Narmazkoj ebendaher 159, L. Ssucharew aus 



1) ibU. IV. R. 954» S66» 8«2. S6S, 866. 206, 208, V. N. 0«. — SramMfanr. D« oüt mmk 
wiobti«t# AaMMa der Stralan In IMku. Big» 1778. 2) Ad« d. Anh. EsftL IV. M. 880. 
8) IblX 



— 255 ~ 

Baturin 96, M. Poluechtow aus Perejäslaw 84, im 

Ganzen also 530 Mann. 

wozu noch die vom Regiment Ss. Ssergiew etwa aus- 
zuscheidenden Leute kamen. 

Ausserdem wurden zur Formation des Regiments 
noch diejenigen Strelzen bestimmt, die von verschiedenen 
Regimentern in den nachstehenden Städten commandirt 
waren, nämlich: aus Kaluga von den Regimentern 
S. Woeikow 96, P. Jewlew 1, M. Poluechtow 5; aus 
Polatow von den Regimentern des Bügels 1, S. Wotsch- 
kow 7, P. Borissow 2, B. Demen^ew 3, I. Morew 1, 
L. Ssucharew 1 , M. Poluechtow 5, W. Koschelew 1, A. Mer- 
twoj 1 ; aus Zarew Borissow von den Regimentern des Bü- 
gels 1, S. Woeikow 1, M. Poluechtow 6, I. Durow 1 ; aus 
Isjum vom Bügelregiment 1 ; aus Ssa^ansk von den 
Regimentern P. Borissow 1, A. Narmazkoj 1, L Mo- 
rew 1, S. Ogibalow 1 ; aus Walki von den Regimentern 
P. Jewlew 1, B. Golowin 1, M. Poluechtow 5; aus 
Ssokolskoj von den Regimentern P. Borissow 1 , P. Jew- 
lew 1, M. Poluechtow 5; aus Merechwa von den Regimen- 
tern P. Jewlew 1, S. Ogibalow 1, M. Poluechtow 5; 
aus Ssawinsk vom Regiment W. Koschelew 1; aus 
Oschel vom Regiment I. Durow 1 ; aus Wyssokopolje, 
Neu-Perekop und vom Heuwenden von dem Regiment 
M. Poluechtow je 5; im Ganzen also: 176 „ 

Dazu endlich noch vom Regiment S. Woeikow 

schon früher beorderte 7 „ 

Mithin betrug die Gesammtstärke des Regiments K. Arpow 7 1 BMann. 

Das Regiment K. Ssawrossow erhielt seine Zusammenstel- 
lung aus den nach den Verzeichnissen der Regimenter in Kiew, 
Brjansk und Tschemigow als ungeeignet ausgesonderten Indivi- 
duen derselben, nämlich aus Kiew von den Regimen- 
tern B. Dementjew 121, T. Kischkin 15; aus Brjansk 
von dem Regiment A. Narmazkoj 139; aus Tschemigow 
vom Regiment P. Borissow 202 ; im Ganzen also . . 477 Mann. 

Ausserdem sollten aber noch ferner an untaug- 
lichen Mannschaften aus Kiew von den Regimentern 
T. Kischkin 57, W. Borissow 72; zusammen also . . 129 „ 
für die Formation dieses Regiments au sgesucht werden. 
Mithin betrug d. Gesammtstärke d. Regim. K. Ssawrossow 606 Mann. 

Da durch die Entfernung der, zur Formation dieser beiden 
Regimenter benutzen Mannschaften der Bestand der übrigen Mos? 
kauschen Regimenter sehr geschwächt war, so wurde festgesetzt^ 
dass zu einer noch zu bestimmenden Zeit 4 Regimenter — es 
wurden dazu später die Regimenter Ss. Kapustin, B. Schtscher- 



— 256 — 

batschew (damals Ss. Ssergeew), W. Borkow, A. Mertwoj bestimmt — 
aufgelöst und unter die andern behufe Completirung derselben ver- 
theilt werden sollten. Somit belief sich nunmehr die Anzahl der 
Moskauschen Strelzen auf 

30 Regimenter 
far welche gleichzeitig folgende neue Dislocation festgesetzt wurde: 

In Moskau sollten künftig 12 Regimenter stehen, und zwar 
nur durchaus zuverlässige. Es wurden daher von den bereits 
früher dort gestandenen die 7 besten ausgewählt, die man da- 
durch noch mehr zu gewinnen suchte, dass man den 4, die sich 
bei dem Aufstande am wenigsten betheiligt hatten, das Verspre- 
chen gab, sie beständig in Moskau zu belassen und nie zum Dienst 
nach anderen Städten zu commandiren. Es waren dies das 1. oder 
Bügelregiment I. Zickler, das 2. Ss. Woeikow, das 3. D. Shukow 
und das I. Morew, welches dazu die N. 5 erhielt, und somit un- 
mittelbar dem 4. P. Borissow folgte, das damals in Tschernigow 
stand; ferner das 6. A. Narmazkoj, dazumal in Brjansk und das 
8. B. Dementjew. Ausserdem wurden noch nach Moskau gezo- 
gen : aus Kiew 3 Regimenter R. OstaQew (früher M. Filossofow), 
das gleichzeitig die N. 7 erhielt, Ss. Ssergiew, I. Narmazkoj; 
und aus Baturin und Perejäslaw die 2 Regimenter L. Ssucharew 
resp. M. Poluechtow, welche 5 neuen Regimenter alle ihre unzu- 
verlässigen und untauglichen Mannschaften in Ssewsk zurückzu- 
lassen hatten. 

In Kiew sollten auch femer 6 Regimenter verbleiben und 
daher an Stelle der 3 nach Moskau verlegten 3 andere dahin 
kommen. 

Ausserdem wurde noch nach Tschernigow, Baturin, Perejäs- 
law, Brjansk, Smolensk, Luki, Astrachan und Zarizyn je 1 Regi- 
ment als Garnison bestimmt. 

Von den Disciplinarregimentern kämen die beiden bereits be- 
stehenden von Pskow und Menselinsk nach Welikij Nowgorod resp. 
Kasan, während von den beiden neu formirten K. Arpow und 
K. Ssawrossow, jenes nach Kursk, dieses nach Ssewsk in bleibende 
Garnisonen verlegt wurden. Nach Moskau kamen diese 4 Regi- 
menter niemals. 

Von den 26 übrigen Regimentern standen nur 4, welchen dies 
wie bereits bemerkt als eine besondere Auszeichnung und Bevor- 
zugung versprochen war, beständig in Moskau, während die an- 
dern sich nur zeitweilig dort befanden und von da, wie sie die 
Reihe traf, auf ein Jahr — nur das Commando nach Astrachan 
dauerte, der weiten Entfernung dieses Ortes wegen, immer zwei 
Jahre*) — nach den anderen von den Moskausdien Strelzen be> 
setzten Garnisonen commandirt wurden. 

1) ibid. K. 255. 



— 267 — 

Was die Stärke der 30 Moskauschen Regimenter betrifft, so 
berechnete sich dieselbe damals, wie folgt: 

Die 7 alten Regimenter in Moskau .... 6056 Mann. 

„ 5 neu dahingekommenen 8486 ,, 

„ 14 übrigen Regimenter 8361 ,, 

,, 2 bereits bestehenden Disciplinarregimenter 918 ,, 
„ 2 neu formirten Disciplinarr egimenter . . 1819 ,, 

Summa: 20,135 Mann. 

Alle alten entlassenen Strelzen, die nach Aussage der Ober- 
sten und Mannschaften zwar gut waren, aber in Moskau Nichts 
taugten, wurden von dort entfernt, indem sich unter denselben 
viele befanden, die zu neuen Aufständen nur zu sehr geneigt wa- 
ren. Diejenigen, von welchen Kinder bei den nicht in Moskau 
garnisonirenden Regimentern standen, sollten nach den Garnisons- 
orten dieser Regimenter geschickt, die anderen in die Klöster ver- 
theilt werden; ihre noch nicht erwachsenen Kinder mussten sie 
begleiten und wurden in alljährlich erneuten Listen geführt, um 
sie in dem Maasse, wie sie heranwuchsen, zur Ergänzung der 
nicht in Moskau befindlichen Regimenter zu verwenden. 

Die Absichten, welche man bei dieser neuen Organisation und 
Vertheilung der Moskauschen Strelzen hatte, werden in dem be- 
treffenden Ukas wie folgt bezeichnet. Man hoffte dadurch neuen 
Aufständen vorzubeugen, indem man annahm, dass die in Moskau 
bleibenden Regimenter sich aus Dankbarkeit dafdr ordentlich füh- 
ren und die wenigen, nach der Purifikation etwa noch in ihnen 
befindlichen Unzuverlässigen überwachen würden; von den nach 
anderen Städten verlegten Regimentern, welche fast alle einen 
thätigen Antheil an dem Au&tande genommen hatten, glaubte man, 
sie würden im Bewusstsein ihrer Schuld, sich freuen, so gelinde 
fortgekommen zu sein, zumal sie in ihren neuen Garnisonen nicht 
von dem Argwohn ihrer besseren Gefährten zu leiden hätten; 
man dachte, sie sollten in den fremden Städten, wo man sie vor- 
läufig mit dem Bau ihrer Häuser und der Einrichtung ihrer Wirth- 
scha^ genug beschäftigt glaubte, die übermüthigen Gedanken ver- 
lieren. Die Erfahrung zeigte aber bald, wie sehr man sich hierin 
getäuscht hatte, denn die Strelzenaufstände wiederholten sich seit 
der Zeit fast unaufhörlich. 

Im Jahre 1686 wurden 500 Moskausche Strelzen nach Dau- 
rien in Sibirien geschickt und zu diesen durch Erlass vom 9. Fe- 
bruar noch 1 Oberstlieutenant, 5 Capitains, 500 Strelzen ver- 
schiedener Moskauscher Regimenter und 6 Artilleristen gefügt, 
welche 

1 Regiment unter dem Stolnik und Obersten F. Skripizyn 
bilden sollten^). 



1) Hktor. ActoL Y. N. 186. 
BrU, OMch. d. «lt. KSM. BMraMlnrlebt. 17 



— 258 — 

Im Jahre 1689') erfolgte ein neuer Strelzenaufstand und 
ebenso andere 1697*) und 1698'), welche endlich die Gatastrophe 
herbeiführten. In dem letzteren Jahre hatten nämlich vier Mos- 
kausche Strelzenregimenter F. Kolsakow, L Tschemow, A. Tschju- 
barow, T. Gundermark, welche, nachdem sie im Corps des Fürsten 
Romodanowskij auf dem Zuge gegen Asow gewesen waren, im 
Jahre 1697 den Befehl erhielten, von Toropez aus in die ihnen 
angewiesenen neuen Garnisonen Wjäsma, Rshew-Wolodimirow, Be- 
laja resp. Dorogobush abzurücken, diesem Befehl nicht Folge ge- 
leistet, sondern rebellirt. 

In Folge dessen wurden nicht nur sie aufgelöst, sondern 
noch in demselben Jahre durch den Zaren Peter, welcher sich 
nunmehr nach wiederholten bitteren Erfahrungen von der Unver- 
besserlichkeit der Strelzen überzeugt hatte, in einem von Asow 
erlassenen Befehl die Aufhebung sämmtlicher in Moskau und bei 
dem Heer vor Asow befindlichen Strelzenregimenter angeordnet. 
Ihre Mannschaften sollten in das bürgerliche Verhältniss der In 
den Vorstädten lebenden Leute {w possad)^, in welche Stadt sie 
wollten, mit Ausnahme von Moskau*), entlassen werden; ihr Land 
in Moskau wurde an die Bewohner der dortigen Vorstädte ver- 
auctionirt, wie dies z. B. am 9. Janur 1699 ftlr das Besitzthum 
der 9 Strelzenregimenter F. Kolsakow, I. Tschemow, A. Tschju- 
barow, T. Gundermark, I. Speschnew, I. Uschakow, I. Netschaew, 
I. Skripizyn, M. Ssucharew angeordnet wurde*). Auch die ent- 
lassenen Strelzen, sowie die Kinder und Wittwen von solchen, 
wurden nach einem Erlass vom 17. Januar 1700 von sämmtlichen 
20 Moskauschen Regimentern — soviel scheint es also zuletzt 
noch gegeben zu haben — aus Moskau entfernt und nach anderen 
Orten geschickt, in welchen sie für das Civilverhaltniss einge- 
schrieben waren^). 

In den schweren Bedrängnissen des Schwedischen Krieges griff 
Peter der Grosse noch einmal auf das überlebte und bereits be- 
seitigte Element der Strelzen zurück, indem er bei dem Marsche 
nach Kolmogory am 25. May und 25. Juny 1702 anordnete, dass 
von den früheren Strelzen alle im Alter von 18 bis 50 Jahren 
befindlichen wieder zum Strelzendienst eingeschrieben werden 
sollten. Diesem Befehl zur Folge wurden denn auch in Dorogo- 
bush wieder 

2 Strelzenregimenter ä 1000 Mann*) unter den Obersten Ne- 
tschaew und Protopopow*) 
formirt, und nach Smolensk und Polen geschickt, während man 
die übrigen Strelzen in Ssewsk sammelte und in die Strelzenregi- 
menter des G. Annenkow und W. Koschelew eintheilte"); indessen 

1) 0«. SmobiI. m. H. 1847blfllS60, 18ft2, 1859, 1862. S) ibid. H. 157&, 1577. 8) ibid. 
H. 1684, 1688, 1648, 1667. — HMor. Acten. V. N. 278. 4) Om. SuDinl. IV. N. 1»7&, 2562. 
5) ibid. H. 1746. 6) ibid. IH. N. 1667. 7) ibid. IV. N. 1746. 8) ibid. N. 1070. 0) Jonitt. 
de Pierre le Gr. L i»g. 05. 10) Qm. SMnnl. IV. N. 1070. 



— 259 — 

war dies nur eine vorübergehende Maassregel, welche die schon 
früher angeordnete Aufhebung der Strelzen nicht mehr rückgängig 
machte. Immerhin haben sich aber einzelne Reste derselben noch 
einige Jahre erhalten, namentlich bestand das in Nowgorod be- 
findliche Moskausche Disciplinarregiment (Moskowskie wypismye 
strelzy) daselbst noch im Jahre 1708*). 

Die Stadt strelzen. Wie bereits gesagt, waren dieselben 
nicht überall in Prikasen organisirt, vielmehr war dies nur in 
den grösseren und bedeutenderen Städten der Fall. Nach Ko- 
schichin") sollen in den grossen Städten, die eine aus Bojaren 
und Woewoden mit Djaken bestehende Verwaltung hatten, gewöhn- 
lich 2 bis 3 Prikase, in den andern aber nur einer gestanden 
haben ; indessen ist diese Angabe ungenau, indem manche Städte 
eine grössere Zahl von Prikasen besassen, während bei andern die 
Zahl ihrer Strelzen bei Weitem nicht die Stärke eines Prikases 
erreichte. In solchen Städten wurden dann, wie schon in der vori- 
gen Periode gewöhnlich auch die in dem Verhältniss von Strel- 
zen dienenden Stadtkasaken mit jenen unter gemeinschaftlichen 
Golowen in gemischten Abtheilungen vereinigt, welche dann nicht 
selten gleichzeitig aus derartigen Mannschaften zu Pferde und zu 
Fuss, und von verschiedenen Verpflegungsarten bestanden. 

Die Städte, welche mehrere Strelzenprikase besassen, waren 
folgende : 

1) Archangel. Hier finden sich zum ersten Mal im 
Jahre 1628*) 

2 Prikase in der vollen Etatsstärke von je 506 Mann 
angegeben, welche sich auch 1648*) noch daselbst befanden und 
bis zuletzt existirt haben. 

2) Astrachan. Diese Stadt hatte nach Moskau die bedeu- 
tendste Anzahl von Strelzen, indem es dort nänüich schon 1625*^). 

5 Prikase — 2 zu Pferde und 3 zu Fuss — zu 5 Centurien 
und 506 Mann 
gab. Von diesen wurde beständig ein Fussprikas, alle Jahre ab- 
wechsetaid, nach Terki commandirt, an dessen Stelle ebenso all- 
jährlich ein Prikas aus Kasan nach Astrachan zum Dienst kam. 
Im Jahre 1628*) wurde noch ein vierter Prikas zu Fuss und 1635 
noch 2 neue Fussprikase*) in der obigen Stärke und Zusammen- 
setzung formirt, so dass es also dann in Astrachan 

8 Prikase — 2 zu Pferde und 6 zu Fuss — von je 5 Centu- 
rien und 506 Mann, 
im Ganzen also 4048 Strelzen — 1012 zu Pferde, 3036 zu Fuss — 
gab. Davon war, wie früher 1 Prikas, alljährlich zur Dienstleistung 



1) G«i. SuamL IV. N. 2194. 2) KMohichlo. Ü*V. BiimL nat. AI«. Mich. pag. 72. 
8) Bftehff d. BMMid IL pa«. 98. 4) 8«ppl. i. d. Utt Acten. III. N. 86. 5) Bfteher d. BMread. 
I. ptg. 1142. 6) ibUL II. v^. 190 7) ibid. p^;. 818. 



17* 



— 260 — 

nach Terki commandirt, wofür aber seit jenem Jahr beständig 
2 Prikase aus Kasan, nebst Abtheilungen aus anderen Städten, 
zusammen 16 Centurien mit 1770 Strelzen zu Fuss, nach Astra- 
chan commandirt wurden*). 

Nach dem Aufstande des Stenka Rasin, dem sich, wie ganz 
Astrachan, so auch fast alle Strelzen dieser Stadt angeschlossen 
hatten, wurde im August 1672 die Zahl der Astrachanschen Strel- 
zen auf 

4 bis 5 Prikase — 2 zu Pferde und 2 bis höchstens 3 zu 
Fuss — jeder von 3 Centurien und 304 Mann 

herabgesetzt, welche Zahl durchaus nicht überschritten werden 
sollte*), wesshalb alle überflüssigen Strelzen und sonstigen Truppen 
mit den Moskauschen Prikasen, die gegen Stenka Rasin gedient 
hatten, aus Astrachan abrücken mussten. Später wurden die rei- 
tenden Prikase auf je 4 Centurien und 405 Mann vermehrt, 
während die zu Fuss ungeändert blieben '). Im Jahre 1696 zähl- 
ten sie zusammen 1428 Mann — 663 zu Pferde und 765 zu 
Fuss — und wurde damals ihre Completirung auf 

5 Prikase — 2 zu Pferde ä 4 Centurien und 405 Mann, 3 zu 

Fuss von je 3 Centurien und 304 Mann, 
im Ganzen also 1722 Strelzen — 810 zu Pferde und 912 zu 
Fuss — angeordnet*). 

Die Astrachanschen Strelzen bestanden noch im Jahre 1705, 
wo sie sich durch eine versuchte Empörung bemerklich machten*), 
die wahrscheinlich ihre demnächstige Auflösung zur Folge hatte. 

Noch ist zu erinnern, dass seit 1683 beständig ein Moskau- 
sches Strelzenregiment in Astrachan commandirt war, das alle 
zwei Jahre abgelöst wurde; im Jahre 1696 war es das Regiment 
des Stolnik und Obersten I. Netschaew*). 

3) Kasan. In Kasan befanden sich im Anfang dieser Periode 
1 Centurie reitender und 4 Prikase Fussstrelzen ä 5 Centurien 
die im Jahre 1625 zusammen 1885 Mann — 101 zu Pferde und 
1784 zu FussO — zählten, welche Zahl bis 1635*) auf die etats- 
mässige Stärke von 2125 Mann — 101 zu Pferde und 2024 zu 
Fuss — completirt wurde. Davon waren beständig ein, seit 1635 
aber zwei Fussprikase*) auf ein Jahr zur Dienstleistung nach 
Astrachan commandirt, und an deren Stelle, ebenfalls seit 1635, 
alljährlich zwei Prikase aus Moskau in Kasan '°). Später wurde 
dieses Commando eingezogen, dagegen kam 1683, wie bereits be- 
merkt, eins der Moskauschen Disciplinarregimenter nach Kasan in 
Garnison. 

Im Jahre 1697 betrug die Anzahl der Kasanschen Strelzen 
l Centurie reitender und 5 Prikase Fussstrelzen von je 5 Centurien 



1) ibid. pif. 818. 981. 8) Htotor. Adm. TV. V. 227. S) ibid. V. N. 262. 4) iUd. 
6) Jovni. d« Pi«m le Or. I. piy- 172. 6) Histor. Aetoo. V. N. 207. 7) Bflch« d. Bunad. I. 
ptg. 1148. 8) ibid. n. W[. 820. 9) ibid. pag. 821. 10) ibid. v^. 820. 



— 261 — 

mit zusammen 2631 Mami — 101 zu Pferde, 2530 zu Fuss — . 
Ausserdem standen dort noch 2 Moskausche Strelzenregimenter 
von zusammen 1200 Mann.*) Von den Kasanschen Strelzen wa- 
ren beständig 2 bis 3 Fussprikase nach Astrachan commandirt, 
die sich alljährlich mit den in Kasan selbst stehenden abwechselten'). 
4) Nowgorod Welikij. Hier befanden sich schon 1617 
nach der Abtretung von Schweden 

2 Prikase zu Fuss : A. Onitschkow, I. Protopopow 
mit 8 Centurionen und 687 Strelzen aus Nowgorod, Iwangorod, 
Jam und Koporje'). Im Jahre 1629 betrug die Gesammtzahl der 
dortigen Strelzen m 10 Genturien 783 Mann, und wurde damals 
ihre Gompletirung auf die etatsmässige Stärke von 506 Mann 
per Prikas angeordnet'). In dieser Zahl und Organisation be- 
standen die Nowgorodschen Strelzen auch 1648^). Ebenso zählten 
sie 1672 

2 Fussprikase: J. Lutochin, B. Lutochin, 
von denen der letztere damals in Pskow stand, während an seiner 
Stelle der Moskausche Prikas W. Resanow in Nowgorod comman- 
dirt war*). Im Jahre 1676 sollten für Steuerreste früherer Jahre 
von den Aemtern und Dörfern des Districts Olonez 1000 Mann 
als Strelzen für Nowgorod ausgehoben werden*); indessen erbaten 
die Einwohner derselben, durch fsist unerschwingliche Auflagen und 
Leistungen schon beinahe erdrückt, die Zurücknahme dieser Be- 
stimmung, die in Folge dessen auch nicht zur Ausführung ge- 
kommen zu sein scheint, wenigstens wurden im Jahre 1700 von 
dort nur 

2 Strelzenprikase : S. West, M. Baschew 
zur Division des Fürsten Trubezkoj gezogen')- Die Nowgorod- 
schen Strelzen bestanden noch bis 1708, baten aber damals selber 

*) Zu diesem Resultat kommt man durch nachstehende Betrachtung. In 
der Instruction an den zum Woewoden yon Kasan bestimmten Fürsten Lwow 
Tom 30. M&rz 1697 (Ges. Samml. III. N. 1579.) ist im Punkt 18 gesagt, dass 
die Gesammtzahl der in Kasan befindlichen Strelzen etatsm&ssig 3800 betrage, 
nämlich 100 zu Pferde und 3700 Moskausche und Kasansche Stadtstrelzen zu 
Fuss. Wie yiel es yon diesen und jenen waren, ist nicht gesagt; indessen 
wird bei der Berechnung des Gehaltes dasselbe fQr „die Obersten und die 
Golowen'^ angegeben und für die Capitaine und Centurionen mit 394 Rubel aus- 
geworfen. Aus dem Ersteren scheint heryorzugehen, dass mehr als 1 Moskau- 
sches Regiment in Kasan stand, da ja nur deren Commandeure den Namen 
yon Obersten hatten, während das Gehalt der letzteren Chargen für 12 Capi- 
taine ä 12 und 25 Centurionen ä 10 Rubel — die damaligen chargenmässi- 
gen Beträge dieser Offiziere — passen würde. Da nun nach Punkt 41 der 
genannten Instruction die Kasanschen Strelzen ganz in alter Art in Prikase 
zu 500 Mann organisirt waren, so ergiebt dies 2500 Kasansche und nach Ab- 
zug derselben 1200 Moskausche Strelzen, welche Ziffern wieder mit der Zahl 
der Centurionen resp. Capitains stimmen. 

l) 0€t. Saminl. HI. N. 1679. 2) BOch«r 4. BMXwd. L pw. 890. 8) ibid. IL sag. 184. 
4) Snpplmi. I. d. bist. Acten. tU. N. 86. 5) iUd. TL N. 67. 6) BMn, Aeteo. T. N. 18. 
7) Jomnud d« Pitm 1« Gr. I. pag. 28. 



— 262 — 

darum, sie unter Berttcksichtigung ihrer Dienste zu Soldaten zu 
erklären und ihnen das Gehalt des Moskauschen Disciplinarregi- 
mentes, welches bekanntlich dort seit dem December 1683 stand, 
anzuweisen^). Wenngleich ihnen nun das Letztere zwar gewährt, 
Ersteres aber vorläufig noch abgeschlagen wurde, so scheinen sie 
doch bald darauf in regulaire Truppen, wahrscheinlich in Gami- 
sonsregimenter, verwandelt zu sein. 

5) Pskow. Schon im Jahre 1617 befanden sich in Pskow 
2 Prikase zu Fuss von je 5 Centurien und 506 Mann 

in der completten Etatsstärke von zusammen 1012 Mann'). Da- 
zu wurde 1632 durch Erlass vom 10. März die Errichtung noch 
eines 

3. Prikases von 5 Centurien 
angeordnet'), indessen betrug die Stärke desselben 1648 in 3 Cen- 
turien nur 304 Mann^). Im Jahre 1683 kam im März, wie be- 
reits bemerkt, eins der damals formirten Disciplinarregimenter der 
Moskauschen Strelzen nach Pskow, welches aber bereits im De- 
cember seine neue Garnison in Nowgorod angewiesen erhielt. Im 
Jahre 1700 wurden wie von diesem Orte, so auch von Pskow 

2 Strelzenprikase : G. West, Rosodarlew 
zur Division des Fürsten Trubezkoj gezogen*), welche sich nach- 
her noch 1704 in Pskow erwähnt finden •). 

6) Smolensk. Hier hatte es schon, wie früher bereits be- 
sprochen, in der vorigen Periode Strelzen in grösserer Zahl gege- 
ben, wie sich denn dort bereits 1610 ein Prikas F. Subow^ nnd 
ein Golowa I. Oboleschew*), welcher mit 5 Centurionen und 184 
Smolenskischen Strelzen zu dem Sohn des Königs von Polen, den 
ein Theil der Russen damals zum Zaren gewählt hatte, gesendet 
wurden, erwähnt finden. 

Bekanntlich ging in den Wirren jener Zeit Smolensk für 
Russland verloren und wurde erst 1654 wieder erobert. In dem 
festen Entschluss, diese alte Russische Stadt unter keinen Um- 
ständen mehr aufzugeben, liess der Zar Alexej in derselben noch 
vor abgeschlossenem Frieden bereits 1666 die Sloboden oder Quar- 
tierbezirke für 

2 Moskausche Prikase: M. Efimjew, W. IJäpkin, 
die dort künftig in Garnison liegen sollten, erbauen*). Als dann 
im Frieden von Andrussow 1667 Smolensk definitiv von Polen ab- 
getreten wurde, schritt man sofort zur Ordnung der dortigen Gar- 
nisonsverhältnisse. Zu diesem Zwecke wurden die damals schon 
bestehenden 

2 Smolenskischen Prikase : B. Bobaew, D. Tschernzow 



1) Gti. Suanl. IV. M. 2194. 2) BAch« d. BmntA. I. piy- 891. 8) Acten d. Areh. 
bpcd. III. N. 199. 4) Snpplem. i. d. hiat. Aetea. UL N. 86. 6) Jonrsiü de Piem 1« Gr. I. 
Mg. 28. 6) ibid. psf. 14«. 7) Histor. Acten. II. N. 290. 8) Acten t. Geeeh. d. wcefl. Iln«l. 
IT. N. 182. 9) Sopplem. n. d. hiei Acten. V. K. 17. 



— 263 — 

mittelst Erlasses vom 25. September 1667 durch die in Polozk 
befindlichen Strelzen des Prikases B. Ssucharew auf die Stärke 
von 5 Genturien mit resp. 536 und 526 Mann zu completiren be- 
fohlen, wobei gleichzeitig das Gommando des ersteren dem Golowa 
B. Ssucharew übertragen wurde; ebenso wurden 70 in Polozk an- 
wesende Moskausche Strelzen dem gleichfalls in Smolensk stehen- 
den Moskauschen Prikas E. Naryschkin zur Ergänzung zugewie- 
sen*). In Ausführung dieser Bestimmung formirte der Woewoda 
von Smolensk, Fürst Prosorowsky, die dortigen Stadtstrelzen in 

2 Prikasen: B. Ssucharew (früher B. Bobaew), D. Tschemzow 

von je 5 Genturien mit resp. 499 und 484 Gemeinen, 
im Ganzen also 995 Mann Smolenskischer Strelzen'). 

Diese beiden Prikase blieben auch in der Folge, natürlich 
unter wechsehaden Golowen, bis zuletzt in Smolensk stehen, wäh- 
rend die Moskauschen Strelzen später dort sich nicht mehr er- 
wähnt finden; erst 1683 kam bei der neuen Vertheilung dersel- 
ben wieder ein Moskausches Strelzenregiment nach Smolensk in 
Garnison. 

7) Terki. Am Terek standen schon im Jahre 1625 

3 Prikase — 1 zu Pferde, 2 zu Fuss — , jeder zu 4 Genturien, 
von denen der erstere 375 Strelzen, die beiden letzteren zusammen 
nur 455 Strelzen und Easaken zählten"). Ausserdem wurde all- 
jährlich noch ein Prikas aus Astrachan nach Terki commandirt. 
Im Jahre 1658 wurde befohlen, am Terek 1379 Strelzen und Ka- 
saken aus den Städten an der Linie anzusiedeln und sie zu rei- 
tenden und Fussstrelzen zu bestimmen. Da sie beständig dort 
bleiben sollten, so wurden ihnen ihre Frauen und Kinder, sowie 
ihr ganzes bewegliches Vermögen nachgeschickt*). Im Jahre 1664 
bestanden die Terekschen Strelzen aus folgenden 

3 Prikasen: 1 reitenden I. Subow und 2 zu Fuss Ss. Protopo- 
pow, D. ürbenew; 
ausserdem stand damals noch der Astrachansche Prikas M. Mol- 
tschanow in Terki in Garnison*). Durch die gegen Ende des 
17. Jahrhunderts wüthende Pest war die Zahl der Terekschen 
Strelzen 1696 auf 

186 Mann — 75 zu Pferde und 109 zu Fuss — 
herabgeschmolzen, wesshalb ihnen zur Wiedercompletirung 326 Sol- 
daten von den ausgeschriebenen oder schwarzen Regimentern in 
Ssimbirsk zugewiesen wurden'). Auch war in dem genanten Jahre 
noch das Moskausche Strelzenregiment des Stolnik und Obersten 
I. Spiridon in Terki commandirt'). 

Emzelne Prikase der Stadtstrelzen finden sich noch in nach- 
stehenden Orten erwähnt: 



1) iUd. N. 68. 2) ibid. 3) B&eher d. BMrwd. I. mg. 11 
N. 141. 6) Sapplem. %. d. hirt. Adtn. IV. N. 164, 172. 6) Hirtor. Acsten. V. N. 252. 7) ibid. 
M. 207. 



— 264 — 

8) In Brjansk, wo sich schon vor 1616 3 Gentarien mit 
304 Stxelzen befanden, die allmahlig auf 177 Mann herabgekom- 
men waren*); bis 1625 hob sich diese Zahl wieder auf 445 Strel- 
zen*), und wurde dann in diesem Jahre ihre Completirung auf die 
volle Etatsstärke eines Prikases von 5 Centurien angeordnet und 
bis 1629 zur Ausführung gebracht'). Ausserdem wurden schon 
seit 1628 alljährlich kleinere Strelzenabtheilungen von 2 bis 3 Cen- 
turien aus Moskau^) nach Brjansk commandirt, 1683 aber ein 
ganzes Regiment dorthin verlegt. 

9) In Kaluga. Hier wurde die Errichtung eines Prikases 
von 5 Centurien 1625 durch Completirung der damals dort befind- 
lichen 466 Strelzen angeordnet*) und bis 1629 bewerkstelligt*). 

10) In Kola (Kolskoj Ostrog) findet sich ein completter 
Prikas seit 1629 erwähnt^) welcher sich auch 1648 noch dort 
befand*). 

11) In Eolmogory bestand bis 1635 ein Prikas von 5 Cen- 
turien und 506 Mann, der damals nach Tjumen übergeführt wurde"), 
wo bis dahin nur eine uncomplette Centurie von 72 bis 75 Mann 
gestanden hatte. 

12) In Michailow. Dorthin wurde 1617 der ehemalige 
Moskausche reitende Prikas F. Earpow geschickt'^), dessen Zahl 
aber, von Anfang an uncomplett, bis 1635 auf 1 Golowa, 4 Cen- 
turionen und 300 reitende Strelzen herab kam. 

13) In Nishnij Nowgorod war schon 1611 ein Prikas, 
der damals nach Wolodimir kam, indessen ist es nicht ersichtlich, 
ob dies nicht vielleicht ein Moskauscher war; dagegen befand 
sich dort 1619 ein Nishegorodscher Prikas P. Saizow von 5 Cen- 
turien in complettem Stande"), der daselbst auch noch im Jahre 
1648 erwähnt wird'*^ und bis zuletzt da blieb. 

14) In Swijasnsk befand sich ein completter Prikas seit 
1625"); 

15) in Tjumen seit 1635, wo er, wie oben bemerkt, von 
Kolmogory dahin übergeführt wurde; 

16^ in Toropez seit 1629"); 

17) in Welikie Luki seit 1630, wo die Verstärkung der 
bis dahin dort befindlichen 3 Centurien auf den Bestand eines 
completten Prikases von 5 Centurien angeordnet **) und bis 1635 
zur Ausfiihrung gebracht wurde"). Ausserden wurde 1683 noch 
ein Moskausches Strelzenregiment hierher verlegt. 

18) InWjäsma befand sich ein unvollständiger Prikas, des- 
sen Stärke in den Jahren 1625 bis 1636 bei 3 bis 4 Centurien 
zwischen 362 und 404 Mann schwankte")- 



1) Btteher d. Banttd. I. ]wg. 19^. 2) Ibid. psf. 1124. S) ibid. U. pty. 179. 4) ibid. 
psff. 72, 179, 276, 841, 842, 678. 5) ibid. I. pag. 1117. 6) ibid. n. pag. 178. 7) ibid. i«i;. 
201. 8) Sopplen. s. d. biat AetoD. m. N. 86. 9) Bftcher d. Baaread. II. pag. 829, 984. 10) ibid. 
I. pag.397. 11) ibid. paf. 649. 12) Sopplem. a. d. biat. Aetta. m. N. 86. 13) Bfteber. d. Baaiaad. 
h paf. 1145. 14) ibid. 11. pag. 1S6. 15) ibid. paff. 849, 850. 16) ibid. pag. 816. 17) a Bdlage N. 4« 



— 265 — 

19) InWologda war endlich im Anfang dieser Periode ein 
completter Prikas von 5 Genturien'), dessen Stärke aber seit 1618 
beständig abnahm, so dass es 1633 dort in 3 Centarien nur noch 
266 Strelzen gab'). 1635 und 1636 finden sich in den Rasread- 
verzeichnissen sogar gar keine mehr'), und 1648 nur 1 Genturio 
und 149 Strelzen^) erwähnt. 

Von den kleineren Abtheilungen der Strelzen kann hier 
selbstverständlich nicht weiter die Rede sein; ihre Zahl, Stärke und 
Yertheilung wechselten fast alljährlich durch Auflösungen und Neu- 
formationen, natürlichen Abgang und Wiedercompletirung und durch 
Translocationen nach anderen Orten. Die Beilage N. 4. giebt ein 
Yerzeichniss sämmtlicher bestandenen Stadtstrdzen -Abtheilungen 
in den Jahren 1625 bis 1636, nach reitenden und Fussstrelzen und 
für das letzte Jahr auch nach den Yerpflegungsarten geschieden. 
Nach diesen Darlegungen würde sich die Gesammtzahl 
der Strelzen zu Anfang dieser Periode, im Jahre 1625, in fol- 
gender Weise berechnen lassen : 

12 Prikase — 1 zu Pferde, 11 zu Fuss — Moskausche Strelzen. 
23 „ 4 „ „ 19 „ „ und 95 kleinere Abthei- 
lungen — 11 zu Pferde, 84 zu Fuss — Stadtstrelzen. 
Die numerische St&rke der er- 
Bteren betrug nach dem bereits vor- 
her Gesagten 7587 Mann — 2021 zu Pferde, 5566 zu Fuss. 

Die Gesammtstärke der Stadt- 
strelzen ergiebt sich nach der Bei- 
lage N. 4 gleich 20,785 „ 2671 ,, ,, 18,114 „ „ 

Summa: 28,372 „ 4692 „ „ 23,680 „ „ 

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts (1659) soll die Gesammt- 
zahl der Strelzen gegen 40,000 Mann betragen haben, von denen 
etwa I in Moskau stand, während die übrigen in den Grenzgar- 
nisonen vertheilt waren'^). 

Im Jahre 1683, in welchem die Anzahl der Strelzen übrigens 
nicht gerade am grossesten war, betrug dieselbe: 

30 Regimenter — 1 zu Pferde, 29 zu Fuss — Moskausche 

Strelzen. 
30 Prikase — 3 zu Pferde, 27 zu Fuss — Stadtstrelzen, ohne 
die kleineren Abtheilungen. 
Die Stärke der ersteren belief sich nach der früher gemachten 

Berechnung auf 20,135 Mann. 

Dagegen enthielten die 80 Prikase nach den Etats, fflr die 
Astrachanschen zu Fuss ä 8, zu Pferde k 4 und für die 

25 übrigen k 5 Centurien 14,372 „ 

Rechnet man hierzu noch die kleineren Abtheilungen, beispiels- 
weise nach der Stärke vom Jahre 1686, dem letzten der 

Rasreadverzeich nisse, angenommen, mit 12,697 „ 

so erhält man als Summe aller Moskanschen und Stadtstrelzen : 47,204 Mann. 



1) BftcbMT d. BMiwd. I. pw. 527. 2) ibid. II. v^. 740. 8) ibid. ]Wg. 814, 898. 
4) Bopplem. t, d. birt. Aelea. DI. N. 86. 6) lUTUrberg. Iter in MoMboriam. ptg. 90. - MftMleiii. 
Hirt. pol. «. mil. Nacbr. ▼. BubI. pag. 552. 



— 266 — 

Mithin kann man die Gesammtsumme aller Strelzen zur Zeit 
ihrer höchsten numerischen Entwickelung in runden Zahlen auf 
gegen 
50,000 Mann — davon etwa 5000 zu Pferde und 45,000 zu 
Fuss — 
veranschlagen. 

Der Dienst der Strelzen war in dieser Periode im Allge- 
meinen derselbe, wie früher. Im Frieden versahen sie sowohl 
einzeln als in geschlossenen Abtheilungen verschiedene Gamisons- 
und Polizeidienste, indem sie namentlich die in den Städten er- 
forderlichen Sicherheits- und Ehrenwachen gaben; im Kriege 
bildeten sie, später im Verein mit den neu formirten Soldaten- 
regimentern, die regelmässige Feldinfanterie. Der Wachtdienst 
dauerte immer 24 Stunden. In Moskau war beständig 1 Oolowa 
mit 500 Strelzen im Pallast auf Wache, welche die dort nöthigen 
Posten zu besetzen und den Zaren oder die Zarin bei deren Aus- 
gängen zu begleiten hatten. Sie erwarteten dieselben, an Stelle 
der Musketen mit Ruthen versehen, um das herandrängende 
Volk zurückzutreiben, dann an der so genannten Erdstadt und 
bildeten, zu beiden Seiten derselben gehend, Spalier. Die übrigen 
Wachen waren hauptsächlich Thorwachen und wurden, je nach 
ihrer Wichtigkeit und der Anzahl der zu gebenden Posten, von 
5, 20, 30 und mehr Mann bezogen^). Ausserdem erhielten die 
fremden Gesandten Ehrenwachen, und zwar die Botschafter (passlff) 
1 Genturio mit 100 oder 50 Strelzen, die Gesandten (posslanniki) 
30 oder 20, und die einfachen Besidenten (gcney) 10 bis 12 Mann*^. 

Femer wurden die Strelzen in den verscUedenen Städten als 
Ordonnanzen der dortigen Woewoden zu Verschickungen aller Art, 
zum Escortiren von Geld-, Lebensmittel-, Arrestanten- und an- 
deren Transporten, sowie zur Begleitung der Russischen Gesandt- 
schaften auch ausser Landes benutzt. In letzterer Beziehung ist 
zu bemerken, dass bei den nach Schweden geschickten Gesandten 
unter Anderem auch beständig 200 Strelzen, bei den nach Polen 
aber ein ganzer Prikas sich befanden, welche Abtheilungen in voll- 
ständig kriegsmässiger Ausrüstung und mit ihren Regimentsge- 
KChützen versehen, zu diesem Dienst ausrückten"). Endlich hatten 
die Strelzen noch, namentlich in Moskau, den Feuerlösch- und 
Sicherheitsdienst zu versehen, zu welchem Zwecke sie bei aus- 
brechendem Feuer sofort mit Beilen, Eimern, Spritzen und Feuer- 
haken nach der Brandstätte eilen und dort beim Löschen und 
beim Bergen der Sachen helfen mussten. Nachher wurden sie 
dann zusammengezogen und revidirt, damit sich Niemand bei sol- 
cher Gelegenheit Etwas widerrechtlich aneignen konnte ; wer dann 
fehlte, wurde aufs Strengste mit Stockschlägen bestraft^) 

1) KMChiehln. üeb. Bwl. «at. A]«x. Mieta. iwr. 71, 78, 101. 2) Ibid. pw. 64. 8) ibid. 
PH- 48- 4) i1>id- M. 79- 



— 267 — 

Im Kriege wurde gewöhnlich jeder Heeresabtheilong der 
Bojaren und Woewoden je nach der Stärke derselben und der Art 
des Krieges eine gewisse Anzahl Strelzenprikase, anfangs 2 bis 3^), 
später auch mehrere: 4, 5, 6 etc. zugetheilt. 

Hinsichtlich der Verwaltung ist zu bemerken, dass die Strel- 
zen und die mit denselben zusammen dienenden Stadtkasaken im 
Frieden zunächst unter der Leitung ihrer Golowen standen. Diese 
hatten') beim Antritt ihres Commandos von den Stadtbehörden 
die namentlichen Verzeichnisse ihrer Centurionen und Strelzen, so- 
wie von den früheren Golowen die Acten, namentlich die erledig- 
ten und die noch schwebenden Gerichtsverhandlungen, die Bürg- 
schaftsverzeichnisse der einzelnen Strelzen und die vorhandenen 
Mannschaften und Waffen zu übernehmen. Fanden sich dabei Man- 
quements an der etatsmässigen Zahl, oder traten solche später 
ein, so hatten die Golowen, da sie für den vollzähligen Bestand 
ihrer Abtheilungen zu sorgen verpflichtet waren, sofort die Com- 
pletirung nach den gesetzlichen Bestimmungen zu veranlassen. 
Dagegen durften sie eigenmächtig keinen Strelzen entlassen, son- 
dern mussten, wenn solche durch Alter, Wunden oder sonst wie 
dienstuntauglich wurden, darüber den Stadtwoewoden zur Weiter- 
meldung Anzeige machen. Die Golowen waren fdr die Ordnung 
und den guten Zustand ihrer Abtheilungen verantwortlich, wess- 
halb sie die Centurionen und die Unteroffizierchargen dazu anzu- 
halten hatten, alle Morgen und Abend die Strelzen zu inspiciren; 
auch mussten sie selbst häufig Revisionen vornehmen. Kein Strelze 
durfte ohne Urlaub seine Sloboda verlassen und über Nacht aus- 
bleiben. Fehlte bei den Früh- oder Abendappells ein Strelze, so 
war der Zehner in dessen Corporalschaft (dessjafka) er stand, ver- 
pflichtet, ihn herbeizuschaffen; sonst erhielt er einen Tag Arrest, 
der fehlende Strelze aber öffentlich Stockschläge und 2 bis Stägigen 
Arrest. Diese Strafen verfügten die Golowen, welche gleichzeitig 
die niedere Gerichtsbarkeit in ihren Abtheilungen hatten, während 
die höhere den betreffenden Verwaltungsprikasen zustand. Ueber 
Diebstahl und Raub hatten die Stadtwoewoden allein, über Strei- 
tigkeiten zwischen Strelzen und andern Leuten in Gemeinschaft 
mit den Golowen der ersteren zu entscheiden. Die Golowen hatr 
ten ferner das für den Dienst verabfolgte Pulver und Blei zu über- 
nehmen, unter ihrem Siegel und Verschluss zu halten und nur im 
Nothfall bei drohender Gefahr auszugeben. Bei dieser und über- 
haupt bei jeder Verausgabung von Geld, Getreide etc. an die 
Strelzen mussten die Golowen persönlich zugegen sein, die gesetz- 
lich vorgeschriebenen Bürgschaften — mindestens 10 für jeden 
Strelzen — nehmen und Alles in den betreffenden Büchern ein- 
tragen. Endlich aber hatten sie darauf zu achten, dass in den 



i; ibid. 2) 9appl«m. i. d. hJfi Acten, m. N. 16. 



— 268 — 

ihnen untergebenen Abtheilungen jeder Offizier und Gemeine seine 
Pflicht that und die Gesetze beobachtete, namentlich aber dass 
die unter den Strelzen etwa befindlichen Handwerker') — und es 
gab deren, besonders in den Moskauschen Prikasen, viele und reiche, 
sowie auch Handelsleute') — von den Genturionen nicht zu eige- 
nen Zwecken benutzt wurden, wie sie sich auch selbst eines sol- 
chen Missbrauchs zu enthalten hatten. Ebenso sollten die Go- 
lowen eine besondere Aufmerksamkeit darauf richten, dass 
die Strelzen ohne Erlaubniss Niemand in ihren Sloboden über 
Nacht beherbergten, dass sie keine Hexen und Wahrsager unter 
sich duldeten, und sich von Diebstahl und jeder Gewaltthätigkeit 
fem hielten. Schliesslich mussten die Golowen aber den Befehlen 
der Stadtwoewodcn, welche als höchste Commandeure in den Städ- 
ten auch die freie Disposition über die Strelzen derselben hatten, 
unbedingt Folge leisten, insoweit diese über ihre Verwendung 
etwas anordneten. 

d. Me T*H Lude usgek^benen laanschiften {datotschnye Ijudi) 
in Fhbs« Von ihnen gilt ganz dasselbe, was bereits von den rei- 
tenden gesagt ist. Sie wurden im Allgemeinen in Genturien unter 
dem Gommando von Golowen eingetheilt und gewöhnlich bei der 
Artillerie und dem Gepäck zur Bewachung desselben verwendet, 
oder zur Anlage und Yertheidigung von Verhauen, zum Befestigen 
der Läger etc. benutzt. Nach Beendigung des Krieges kehrte Jeder 
wieder nach Hause zurück. In späterer Zeit formirte man diese 
vom Lande ausgehobenen Fusskämpfer nicht mehr in besonderen 
Abtheilungen, sondern verwendete sie als Rekruten filr die neuen 
Soldatenregimenter der ausländischen Ordnung. 

e. lie PreiwUUgen (wolnye ochotschie Ijudi). Sie wurden noch 
ausser den bisher genannten Abtheilungen der Bussischen Fuss- 
truppen manchmal zur Verstärkung derselben angeworben. Kei- 
ner bestimmten Glasse angehörend, waren sie in eigenen Gentu- 
rien formirt, die unter dem Gommando besonderer Golowen und 
Genturionen standen, welche aus den Adligen ausgewählt wurden. 
Uebrigens erfolgte die Aufstellung von Freiwilligen -Abtheilungen 
zwar nicht gerade häufig, war aber der allgemeinen Vorstellung 
so geläufig, dass z. B. 1642 vorgeschlagen wurde, zur Unterstüt- 
zung der Donschen Kasaken in der Behauptung von Asow solche 
anzuwerben"). 

f. Me P^iUatseken !■ Fu8« Von ihnen gilt Alles das, was über 
diese nur bedingungsweise zu den fechtenden Truppen zu rech- 
nende Glasse bereits bei der Gavallerie angegeben ist, wesshalb 
hier lediglich darauf Bezug genommen wird. 

g. Me f ustrappei der RasakeHvölker. Wie bereits bemerkt, 
gab es bei den Donschen, Terekschen, Wolgaschen und Jaikschen, 

1) IMd. 2) Koeohlchin. ü«b. RmL mt Alex. Mich. p«g- 71. 8) Steaml. d. StutMrI. 
n. V«rtr. UI. M. 118. 



— 269 — 

sowie bei den Sibirischen Easaken auch einzehie unberittene Gen- 
turien und andere Abtheilungen, namentlich fochten aber die Gre- 
benschen Easaken damals noch fast ausschliesslich zu Fuss. Ebenso 
bestand bei den Elehirussischen Kasaken, deren Umbildung von einer 
Fusstruppe zu einer leichten Reiterei sich überhaupt erst im Laufe 
dieser Periode vollzog, ein Theil ihrer Regimenter, namentlich die 
Leibwache des Hetman sowie mehrere städtische und freiwillige 
Regimenter, aus Lifanterie. Von diesen Abtheilungen ist bereits 
ausführlich die Rede gewesen und daher hier nicht noch einmal 
darauf zurück zu kommen. 

8. Die Artillerie. Das Personal der Artillerie bestand wie 
früher aus den Kanonieren (puschkari), den Wallartilleri- 
sten {satinscMschihi) , Thorwächtern {worotniki)^ Schmieden 
und Zimmerleuten, wozu in späterer Zeit noch die Granatiere 
(granattschiki) kamen. Eine bestimmte Theilung dieser Mann- 
schaften für den Feld- und den Festungsdienst existirte damals 
noch nicht, denn selbst die Wallartilleristen, deren Name sie eigent- 
lich auf den letzteren zu beschränken schien, wurden auch im 
Felde zur Bedienung der die Truppen begleitenden Geschütze be- 
nutzt, wie sich solche z. B. 1679 bei dem aus Ssimbirsk zur 
3. Abtheilung des grossen Regiments des gegen die Türken und 
Tataren bestimmten Heeres gezogenen Prikas Brenkowskij erwähnt 
finden^). Nur die Classe der Thorwächter scheint nie an den 
Märschen und Operationen im Felde Theil genommen zu haben, 
sondern auf den artilleristischen Wachtdienst in den Festungen be- 
schränkt gewesen zu sein. Im Uebrigen war der Dienst aller 
dieser Mannschaften, sowohl bei den Geschützen als auch sonst, 
ziemlich derselbe, nur dass die Granatiere ausschliesslich zum 
Werfen von Granaten, sowohl aus freier Hand als aus den Wurf- 
geschützen benutzt wurden. 

Die in einer Stadt oder bei einer Heeresabtheilung befindli- 
chen Artilleristen wurden in Abtheilungen zu 100 (ssotni) und 
10 (dessjatki) eingetheilt; ihre Chargen waren die Centurionen 
(ssotnikt), Fünfziger (jpjatidessjatniki) , Zehner {dessjainiki, dess- 
jatski)*) und die Kanonierstarosten (jmschkarsskie starostyY), 

Im Frieden befanden sich die Mannschaften der Artillerie 
in den verschiedenen Städten des Reichs vertheilt, wo sie die Auf- 
sicht über die Geschütze und sonstigen Vorräthe an Material, 
Munition und Kriegsbedarf zu führen hatten. Ausserdem wurden 
sie wie die Strelzen, nach deren Art sie im Allgemeinen auch leb- 
ten, zu verschiedenen Stadt- und Gamisonsdiensten, welche häufig 
wenig genug mit ihrer militairischen Bestimmung zu thun hatten, 
verwendet. Im Kriege benutzte man sie nach Bedarf zur Besetzung 



1) a Beftefe N. 9. - Bfkelier d. BMrwd. 11. pi«. 1819. 9) Chmjnw. D. ArtiU«ri« n. d. 
ArtiUeritten im Vor-PMezMhen BosbI. ArtiU. Jonrn. 1865 N. 9. pag. 542. Anm. 9. 8) ibid. pi«. 542, 
548. Asm. 1. 



— 270 — 

und Bedienung der bei den Heeren eingetheilten Feld- und Bela- 
gerungsgeschütze, zu welchem Zweck sie nach Umständen aus den 
einzelnen Städten und Festungen abcommandirt wurden. Eine Aus- 
nahme machten nur die zur Bedienung der Regimentsstücke der 
Strelzenprikase und Abtheilungen bestimmten Artilleristen, die 
ihnen permanent zugetheilt waren und auch nicht zur Artillerie, 
sondern zu jenen gerechnet wurden. Später scheint dies auch 
mit den Soldatenregimentern ähnlich gewesen zu sein. 

Zu den Artilleriemannschaften kann man femer noch das bei 
den verschiedenen Artillerie -Etablissements beschäftigte Personal, 
namentlich die Geschützgiesser (jpuschetschnye litsy)*)y die 
Waffenschmiede und sonstigen Artilleriehandwerker rechnen, 
obgleich dieselben eigentlich reine Civilpersonen waren, und in 
keiner Hinsicht den Character von Militairhandwerkem hatten. 

Zur Bedeckung der Artillerie im Felde wurden entweder 
die Datotschenleute verwendet, oder man hob dazu besondere 
Leute von den Vorstädten und schwarzen, d. h. steuerpflichtigen, 
Gemeinden sowie vom Lande nach der Zahl der Pflüge aus. Jene 
nannte man danach Vorstadts- (possadnye)^ diese aber wie früher 
Pflugleute (possoschnye Ijudi^ possocha). 

Ein besonderes Corps zum Transport der Artillerie und 
sonstigen Fahrzeuge nach Art der modernen Train- oder Fuhr- 
wesencorps gab es in dieser Periode bei den Bussen noch nicht, 
vielmehr erfolgte jener Transport, wie es weiterhin näher gezeigt 
werden wird, in anderer Art auf verschiedene Weise. 

Die Zahl der Artilleristen war, wie dies bereits bei den 
Strelzen gesagt ist, überhaupt im Yerhältniss zur Anzahl der Ge- 
schütze eine sehr unbedeutende. So zählte z. B. bei dem 1633 ge- 
gegen Smolensk geschickten Heere — s. Beilage N. 5, — die 
gesammte Bedienung der aus 151 Kanonen und 7 Mörsern be- 
stehenden Artillerie nur 184 Kanoniere, 5 Schmiede und 5 Zim- 
merleute, wozu noch 1987 Pflugleute als Bedeckung kamen^). 

Die Gesammtzahl des Artilleriepersonals belief sich im Jahre 
1625 in den verschiedenen Städten des Russischen Reichs, den 
Basreadverzeichnissen zufolge, auf 1405 Kanoniere, 661 Wall- 

*) Unter den QeschQtzgiessern jener Zeit finden sich besonders erwähnt: 
die Meister A. Tschochow (1617), I. Maximow (1621), A. Danilow and A. Ja- 
kimow (1622), K. Michailow (1626), B. Wassiljew (1627), 6. Naumow und 
Falk (1628), der Eleve Peter (1648), die Meister E. Danilow (1650—1680), 
T. Woin und F. Anikin (1660), E. Danilow (1652), der Eleve, sp&ter Meister 
J. Duhinin (1658 bis 1685), die Meister A. Neithard (1661), A. Grigorjew (1665), 
Gh. Iwanow (1668), M. Ossipow (1668 bis 1698), J. Nikiforow (1672), A. Jaki- 
mow und J. Gawrilow (1673), P. Jakowlew (1674), 0. Iwanow, J. Leontjew 
und F. Martorin (1679) u. a. m. (Chmyrow. D. Artillerie u. d. Artilleristen 
im Vor-Peterschen Rossl. Artill. Journ. 1865. N. 9. pag. 619, 620, 629, 
582, 655.) 

1) Bftcber d. ÜMraiid. U. pif . 439, 440 



— 271 — 

artilleristen, 316 Thorwächter, 60 Schmiede, UBd 96 Zimmerleute 
= 2538 Mami'); im Jahre 1631 in 82 Städten im Ganzen auf 
3573 unter dem Kanonierprikas stehender Leute, wovon 479 in 
Moskau.') In letzterem Ort befandet^ sich später etwa 600 Ar- 
tilleristen und Handwerker aller Art'), so dass sich die Gesammt- 
zahl der zur Artilleriebedienung gehörigen Mannschaften in jener 
Periode auf etwas über 

3600 Mann 
belaufen möchte. 

In späteren Zeiten fing man an, auch die Artillerie nach 
ausländischem Muster in mehr regelmässiger Form zu organisiren, 
wie dies in der Folge bei den Truppen der ausländischen Ordnung 
noch näher gezeigt werden wird. 

Ueber die Artillerie der verschiedenen Easakenvölker ist schon 
früher nach Maassgabe der vorhandenen Quellen Auskunft gegeben. 

4. Die Ingenieure und teohnisohen Truppen. Das Russische 
Ingenieurcorps bestand in jener Zeit zum grossesten Theil aus Aus- 
ländern; doch gab es auch damals schon Russische Baumeister 
— so z. B. der Zimmermannsstarosta {plotnitschnyj starostd) oder 
Architect P. Issaew*) — , welche ihre Eleven (jpodmasterja) und 
Zeichner (tscherteshniki) — die heutigen Conducteure — hatten*). 

Eigentliche Ingenieurtruppen existirten vor Peter dem Grossen 
nicht, wenngleich diejenigen, welche bereits in den vorigen Perio- 
den als die Anfiüige zu solchen angeftthrt sind — die Städte- und 
Brückenbauer — auch gegenwärtig noch bestanden, jedoch weniger 
als technische Truppen, denn vielmehr als gewöhnliche Handwer- 
ker. Die letzteren erhielten eine bessere Einrichtung dadurch, 
dass zur Beaufsichtigung sämmtlicher Brückenarbeiten besondere 
Beamte unter dem Namen Brückengolowen {mostowyja golowy) 
angestellt wurden*^). 

In der Regel wurden aber die gegenwärtig den besonderen 
Ingenieurtruppen zufallenden Arbeiten von den andern Mannschaf- 
ten, namentlich der Infanterie, ausgeführt; so besorgte dieselbe 
z. B. alle bei der Ausbesserung der Wege, der Verstärkung 
von Oertlichkeiten und bei dem Angriff und der Vertheidigung 
von Städten vorkommenden Arbeiten, zu welchem Zwecke Beile, 
Spaten, Hacken und andere Kriegsarbeitsgeräthe für die Sappeur- 
und Mineurarbeiten in dem grossen Park der Armee nachgeführt 
wurden'). 

Was ms Besondere die Ueberschreitung von Flüssen be- 
trifft, so benutzte man dazu entweder die bereits vorhandenen 
Uebergänge, oder man liess, was natürlich nur im eigenen Lande oder 



1) 8. Beltac« ^' 2- 9) ChmjMW. D. Artillerie n. d. Artillerifteo im Vor-PertersclieB 
Buil. AiiilL Jooni. 1865. K. «. pay. 521. Anm. l. 8) Kowsbicbin. üeb. Buil. xmU Alex. Mich, 
pef. 88. 4) SenreUeir. Mater, s. GeMsh. d. Ingen. K. in BqmI. Anm. S71. 6) ibid. png. 124. 
Anm. 264. 6) ibid. pag. 108, Anm. 186. 7) Koaehidiin. Ueb. Baari. nnt. Alex. Mlcb. pag. 109. 



— 272 — 

fern vom Feinde geschehen konnte, an den Punkten, wo ein üeber- 
gang beabsichtigt war, schon im Voraus besondere Kriegsbrücken 
herstellen. So wurden z. B. 1679 die Woewoden in Putiwl ange- 
wiesen, daselbst viele Flösse und Prahme bereit zu halten, damit 
die Truppen des Fürsten Tscherkasskoj ungehindert übergehen 
könnten^). Ebenso wurden in demselben Jahre zum Bau einer 
Brücke bei Kiew von Brjansk und Trubtschewsk aus 115 grosse 
und 300 leichte Schiffsgefasse mit Seilen, Ankern und allem son- 
stigen Bedarf unter dem Stolnik und Strelzenobersten St. Janow 
abgeschickt und zur Ausführung des Brückenschlags selbst drei 
Strelzenprikase der Armee voran gesendet*), üebrigens verdient 
es noch ausdrückliche Erwähnung, dass bei allen derartigen Ope- 
rationen, sofern sie im Süden des Reiches zur Ausführung kamen, 
die Kleinrussischen und namentlich die eigentlichen Ws^sserfall- 
kasaken, als kühne und ganz auf dem Wasser zu Hause seiende 
Seefahrer, die nützlichsten Dienste leisteten. 

Die Ausbesserung der alten und der Bau neuer Festungen 
und Befestigungen, worauf damals in Russland eine ganz besondere 
Wichtigkeit gelegt wurde, erfolgte zu jener Zeit theils durch ge- 
miethete Leute, theils zog man dazu die sämmtlichen Einwohner 
der betreffenden Stadt und der zu ihr gehörenden Districte heran, 
wobei die Landbesitzer das nöthige Bauholz heran zu fahren, auch 
das Schanz- und Handwerkszeug zu liefen hatten. 

Zur Beaufsichtigung der Arbeiter wurden entlassene Adlige 
oder Bojarenkinder als Arbeitsgolowen angestellt, während die 
Oberleitung Sache der Woewoden war"). Ausser dieser Art der 
Bauausführung, welche man „nach Pflügen arbeiten '^ {delatch 
ssochami) nannte, wurden die erforderlichen Arbeiten zuweilen auch 
an freiwillige Unternehmer verdürben*), wenn man zu deren Aus- 
führung nicht die Mannschaft »elbst benutzte. Das Letztere pflegte 
namentlich, im Kriege zu geschehen, wie denn z. B. im Jahre 
1679 Kiew durch die Truppen befestigt worden ist*). — Zur 
Erbauung massiver Befestigungen, die eine mehr kunstgerechte 
Ausführung erfordern, engagirte man aber Steinmetze, Maurer etc. 
in verschiedenen Städten und sandte dieselben nach Moskau an 
den Steinprikas, der sie demnächst den betreffenden Orten 
zuwiess. 

In ganz ähnlicher Art wurden auch die das Reich namentlich 
im Süden und Südosten deckenden Linien gebaut und ausgebes- 
sert. Welche Kräfte übrigens diese Arbeiten in Anspruch nahmen, 
kann man daraus sehen, dass für den Bau der Ssimbirskischen 
Linie, die der Zar Alexej von der Wolga zum Don führen liess, 
sechs Jahre erforderlich waren, während welcher Zeit täglich 

1) Bfieber d. Bttnread. H. pag. 1107. 2) iUd. pag. 1172. S) Snweljew. Mater, s. QeMh. 
d. Ingen. K. in Biub!. pag. 124, 126. Ann. 261, 265. - Hiator. Acten IV. K. 216. - Snpplea. >. 
d. hiat Acten. IV. N. 75, «1. — Kcacbiehin. pag. 102. 4) 8«weUew. pag. 186. Anm. 266. — Hktor. 
Acten, in. N. 140. 6) B&char d. Baaread. II. pag. 1846, 1878, 1888. 



— 273 — 

3326 bis 4898 Mann daran arbeiteten^). Bisweilen wurden zur 
Ausbesserung der Verhaue besonders dazu bestimmte Bojaren oder 
Fürsten mit «Meistern des Verhauwerks» (mastery sassetschnago 
dela) und Zeichnern, oder fremde Ingenieure mit den erforderlichen 
Dolmetschern abgesendet'). 

Die ausländischen und die nach ihrem Muster formirten 
Russischen Truppen der ausländischen Ordnung. 

1. Allgemeine Bemerkungen über die Ausländer im Russischen 
Heer. Schon in den früheren Perioden hatten, wie bereits besprochen, 
sowohl einzelne Ausländer, als auch ganze, aus solchen geworbene 
fremde Truppen in den Russischen Heeren existirt, eine Muster- 
karte der verschiedensten Nationalitäten Europas bildend, in wel- 
cher jedoch die Litthauer, Polen, Tscherkassen und Deutschen am 
zahlreichsten vertreten waren. Hierbei ist indessen zu bemerken, 
dass man damals in Russland unter dem letzteren Namen über- 
haupt alle Ausländer zusammenfasste , die aus dem westlichen 
Europa dahin gekommen waren, so dass es nach der Ausdrucks- 
weise jener Zeit Schwedische, Dänische, Englische, Schottische, 
Irländische, Lübecksche, Rigasche etc. Deutsche gab. Ausserdem 
befanden sich aber noch Griechen, Serben, Wallachen, Moldauer, Ar- 
menier und selbstTürken unter den in Russland dienenden Ausländern. 

Es ist in der vorigen Periode bereits gezeigt, dass die da- 
mals bestandenen, ganz aus Ausländern formirten Fremdtruppen 
aufgelöst wurden und dass man neue während der Zeiten des 
Interregnums nicht wieder anwarb, da die von Schweden in Sold 
genommenen Mannschaften nicht füglich als Russische Sold-, son- 
dern vielmehr als Schwedische Hülfstruppen anzusehen sind. Da- 
gegen gingen die übrigen, schon von früher her in Russland be- 
findlichen Ausländer aus der vorigen Periode in diese über. Diese, 
welche man später «Ausländer des früheren» oder «alten 
Auszugs» {inosemey preshnogo^ starogo wyesdu) nannte, bildeten 
keine besonderen Fremdencorps, sondern lebten, theils nach Art 
der Bojarenkinder, theils nach der der Strelzen und Stadtkasaken 
organisirt, im ganzen Lande zerstreut. Zar Michailo Feodoro- 
witsch sammelte sie bald nach seinem Regierungsantritt wieder, 
formirte aus ihnen besondere Compagnien unter ausländischen 
Rittmeistern und Capitainen, und zog ausserdem noch weitere 
Mannschaften aus dem Auslande herbei. So nahm er die Aus- 
länder, welche bereits in der vorigen Periode, im Jahre 1612, dem 
Fürsten Posharskij ihre Dienste wiederholentlich angeboten hat- 
ten, in seinen Sold. Ihr Anführer, der schon früher genannte 
Engländer Arthur Aston, erhielt den Titel eines Russischen Fürsten 



1) Sflaweljew. Mater, i. Gewsh. d. Ingen. K. in Boad. pa«. 81. 2) ibid. paf. 88. 
Briz, G«Mh. d. «lt. Raas. B«ttrw«lBrleht. 18 



— 274 — 

und wurde zum Chef aller im Dienste Russlands stehenden Aus- 
länder ernannt^. Im Gleichen finden sich die ebenfalls schon 
früher genannten Offiziere P. Hamilton und J. Schaff bereits in 
den ersten Jahren der Regierung des Zaren Michailo — 1615 und 
1616 — als Rittmeister resp. Capitain und Commandeure von 
ausländischen Compagnien in den Diensten dieses Zaren. 

Diese neuerdings nach Russland gekommenen Ausländer nannte 
man im Gegensatz zu den bereits vor 1613 in Russische Dienste ge- 
tretenen Fremden «neuausgezogene» (nowotoyesshie) oder «Aus- 
länder des neuen Auszugs» (inosemzy nowogo wyesdu). Im 
Frieden lebten sie wie die übrigen Truppen des Russischen Reichs 
in den einzelnen Städten vertheilt, theils nach Art der Adligen 
und Bojarenkinder auf ihrem Lehnslande , theils wie die Strelzen, 
Stadtkasaken etc., mit dem kleinen Handel und verschiedenen 
Handwerken oder Industriezweigen beschäftigt; jedoch waren sie 
zum grossesten Theil in Compagnien eingetheilt, über welche die 
commandirenden Rittmeister oder Capitaine namentliche Verzeich- 
nisse führten, so dass ihre Einziehung im Fall eines Krieges kei- 
nerlei Schwierigkeiten hatte. Für gewöhnlich wurde alljährlich die 
Hälfte von ihnen zu dem in jedem Frühjahr gegen die Tataren in 
der Ukraine aufgestellten Corps, und zwar zu dem grossen Regi- 
ment desselben in Tula eingezogen, während die andere Hälfte zu 
Hause blieb, sich aber bereit halten musste, um im Fall einer 
dringenden Gefahr sofort zur Verstärkung nachrücken zu können. 

Die Mehrzahl der ausländischen Compagnien scheint berit- 
ten gewesen zu sein, was ausserdem, dass sie in den Rasread- 
verzeichnissen jener Zeit fast immer unter der Cavallerie aufgeffthrt 
werden, auch daraus zu schliessen sein dürfte, dass die meisten 
ihrer Führer Rittmeister Wessen, worunter man schon damals die 
Chefs von reitenden Compagnien verstand, im Gegensatz zu den Ca- 
pitainen als Anführern der ebenfalls vorhandenen Fusscompagnien. 
Im üebrigen war die Organisation beider Truppenarten ganz 
Europäisch und Messen demnach ihre anderen Offiziere auch Lieu- 
tenants. Ein taktischer Verband über der Compagnie existirte 
für sie noch nicht, denn die Stelle des Fürsten Aston, als Chef 
aller ausländischen Truppen, war nur ein inspicirendes Ehrenamt 
ohne directes taktisches Commando. Ebenso wenig hatten die ein- 
zelnen Compagnien einen bestimmten Etat, vielmehr bestand eine 
jede aus der Anzahl von Leuten, die ihr einmal zugethcilt war, 
daher ihre Stärke durch den Tod oder die Einstellung von Kin- 
dern der in ihr dienenden Mannschaften fast alljährlich wechselte. 

Die Anzahl dieser ausländischen Compagnien ist nur theilweise 
bekannt; in den Jahren 1619 bis 1633 finden sich folgende, zu ver- 
schiedenen Zeiten zumRasread der Ukraine aufgebotene Compagnien : 

1) B«ohOT d. BMTMd. I. pi«. 9e. 9& 



— 275 — 




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1) BftdMT d. BMNftd. L pif. 449. 2) ibid. paf. 48, 986, 1174. 8) ibid. pa«. 1284; H. 
pi«. 17, 108, 118. 4) ibid. 1. pH- SS«! 861, 878, 888, 89«, 987, 1044, 1174, 1268, 1284; IL p«ff. 17, 
103, 118. 5) ibid. I. pi«. 889, 449, 622, 886, 878, 887, 896, 1060, 1166, 1283; IL pa«. S, 112, 212. 
6) ibid. L p«g. 889, 449, 622, 1174, 1266, 1284; IL pi«. 17, 108, 118, 218, 806. 7) ibid. L pif. 
886, 877, 1282; IL p«g. 1, 112, 212, Ö51. 640. 8) ibid. L pif. 887, 1060, 1168. 9) ibid. L p«g. 
809, 449, 886, 878, 986, 1044. 10} ibid. IL pig. 811, 688, 694, 758. 11) ibid. U. vag. 811, 651, 
688. 12) ibid. I. pag. 1266; IL pi«. 17, 108, 118, 218, 806, 811, 688, 694. 13) ibid. L pi«. 896, 
980, 1060, 1169, 1288; n. pag. 2, 551, 640. 14) ibid. U. pag. 640. 16) ibid. pag. 17, 108, 113, 
218, 806, 807. 16) ibid. pag. 112, 212. 



18* 



— 276 — 

Als man im Jahre 1631 ausländische Regimenter anwarb und 
nach deren Muster auch Bussische formirte, blieben diese Compag- 
nien vorläufig fortbestehen. So waren im Jahre 1633 von den- 
selben bei dem unter Schein zur Belagerung von Smolensk ge- 
schickten Heer 
4 Compagnien Polen und Litthauer mit 896 Mann'), nebst 81 besol- 
deten Griechen, Serben und Wallachen des alten Auszugs*); 
bei den Ende 1633 zur Verstärkung dieses Heeres gesammelten 
Truppen des Fürsten Tscherkaskoj befanden sich 162 Ausländer, 
nämlich Griechen, Serben, Wallachen und Moldauer 

der 7 Compagnien des M. Mustofin 22, des P. Myschewsky 
22, des G. Wraslawskg 20, des J. Kulakowskij 31, des 
M. Sheliborskij 22, des L. Krassowskij 8, des £. Sbura- 
kowskij 1 Mann und noch 36 besoldete Griechen, Serben 
und Wallachen*); 
endlich waren gleichzeitig noch, wie oben angegeben, 

2 Compagnien des C. Rtilskij und P. Kremskij mit je 119 
Mann*) 
bei den in der Ukraine befindlichen Truppen commandirt, so dass 
danach 1633 im Ganzen 

13 Compagnien Ausländer, excl. der regulairen B^imenter, 
bestanden hätten. Wahrscheinlich wurden jene Compagnien gldch- 
zeitig mit diesen Regimentern im Jahre 1634 aufgelöst und ihre 
Mannschaften in der Folge zur Formirung der neuen regulairen 
Regimenter mit benutzt, wenigstens geschieht ihrer nach dem 
Jahre 1633 nicht mehr Erwähnung. 

Was die Gesammtzahl der in Russischen Diensten befind- 
lichen Ausländer im Anfange dieser Periode betrifft, so ist dieselbe 
nicht bekannt, scheint aber nicht gerade unbedeutend gewesen zu 
sein. So konnten z. B. schon 1615, als im October zwei Heere 
unter dem Fürsten M. Borjatinskij und unter den Fürsten Turenin 
und Ismailow gegen den Polnischen Hetman Lissowskij gesammelt 
wurden, diesen 921 Ausländer zugetheilt werden, und zwar dem 
ersteren 319 Mann, unter dem Fürsten Aston und 3 Hauptleuten*), 
dem zweiten 602 belehnte und besoldete Litthauer und Deutsche 
des alten Auszugs aus den Städten Jaroslawl, Kostroma, jGalitsch, 
Roslowl, Poschechonje, Ugletsch und Beshezkoj Werch*). Im Jahre 
1625 belief sich die Gesammtzahl aller Ausländer in den Städten 
des Russischen Reichs auf 1374 Mann'), und eine ähnliche Zahl 
kommt für die im Jahre 1633 bestehenden 13 Compagnien heraus, 
wenn man dieselben mit Rücksicht auf die vorige Tabelle im 
Durchschnitt zu je 100 Mann annimmt. 

Wie bereits mehrfach bemerkt und später noch genauer zu 



1) ibid. pw. Sm. 2) ibid. ptg. SdC 3) ibid. pag. 551. 4) ibid. png. 694. 5) ibid. 
I- VH' M, 97. t) ibid. pag. 101. 7) 8. Beilage N. 2. 



— 277 — 

besprechen ist, wurden im Jahre 1631 ganze Regimenter aus 
Ausländern angeworben. Wenngleich dieser Versuch nicht so 
ausfiel, dass man sich zur Wiederholung desselben veranlasst sah, 
so fuhren doch die Kussischen Zaren und namentlich Alexej Michai- 
lowitsch während dieser ganzen Periode eifrig und unablässig fort, 
so viel als möglich einzelne Ausländer aus dem wesüichen 
Europa ins Land zu ziehen. Besonders zahlreich kamen fremde 
Militairs von dort nach Russland, als daselbst nach Beendigung 
des 30jährigen Krieges erhebliche Reductionen und vielfache Ver- 
abschiedungen erfolgten, durch welche eine grosse Menge von 
Offizieren und Soldaten ihre weitere Existenz in Frage gestellt 
sah. Ebenso nahm der Zar Alexej über 3000 Engländer und 
Schotten^) auf, die 1649 nach der Hinrichtung Garl's I. nach 
Russland kamen, und erlaubte ihnen, sich im Lande anzusiedehd. 
Viele von diesen Einwanderern nahmen Kriegsdienste, wodurch die 
Zahl der Ausländer im Russischen Heer auf 8000 Mann stieg'), 
welche Truppen fttr gewöhnlich nicht in Moskau, sondern bei Tula 
standen'). Im Jahre 1654 traten bei der Uebergabe von Smolensk, 
ausser den dortigen Localtruppen der Schljachta, Kanoniere und 
Stadtkasaken, auch die daselbst stehenden Deutschen Truppen, 
Haiducken etc. in Russische Dienste. Von den letzteren wurde 
ein grosser Theil nach Sibirien und den sogenannten Seestädten 
verl^t, wo sich z. B. 1672 in Kolmogory noch Haiducken er- 
wähnt finden*). 

Alle diese Elemente wurden zur Errichtung und Ausbildung 
der neuen regulairen Truppen benutzt, die man nach dem Muster 
der 1631 im Auslande angeworbenen Regimenter seit jener Zeit 
in Russland zu formiren begonnen hatte. 

Was nun diese Truppen selbst betrifft, so nannte man diesel* 
ben ohne Rücksicht darauf, ob sie aus Fremden oder aus Russen 
bestanden, Truppen «der ausländischen Ordnung» oder 
Stellung (inosemnago stroja)^ wie sie denn auch sämmtlich unter 
einer gemeinschaftlichen Verwaltung, dem Ausländerprikas standen. 
Sie zufielen in Cavallerie und Infanterie; gegen das Ende der Pe- 
riode begann man auch die Artillerie nach ausländischen Mustern 
SU formiren, während das Ingenieurcorps schon seit früher fest 
ausschliesslich aus Ausländern bestand. 

2. Die Russische Gayallerie der ausländischen Ordnung. 
Dieselbe wurde gebildet aus den Pikenieren und Reitern, den Hu- 
saren, Dragonern und regulairen Kasaken. 

a. Me Pikeiiere {kopeischtschiki) «nil die Beiter (reitary). Die 
erste nach dem Muster der im westlichen Europa bestehenden 



1) Ploih«. ü«1». d. btsteh., d. FortBchr. «. d. gegenir. Verf. d. Sa«. ArmeeD. pag 6. " 
KaBfltoiB. Hlsi p«). «. nil. Naelir. t. Biuri. pi«. 656. 2) Schmidt. Dmtell. d. ünpr. v. Fort?, 
d. tegnh Kricgtb. L Knal. pog. 9, 10. 3) ib!d. pag. 10. - Hnpel. Bnchreib- 4- Bon, Kais. Annee» 
pag. 15. 4) SoppleB. z, d. hUL Acte«. VI. N. 57. 



— 278 — 

Einrichtungen gebildete regulaire Cavallerie waren die Beiter, und 
erst später kamen zu diesen als eine Art Elite derselben die Pi- 
keniere hinzu, welche dann gewöhnlich mit ihnen in denselben 
Abtheilungen zusammen gerechnet wurden. Der Name der Rei-~ 
ter findet sich zum ersten Male 1633 erwähnt, in welchem Jahre 
sich bei dem Heere, das damals unter dem Bojaren Schein zur 
Belagerung von Smolensk abgeschickt wurde, 

1 Reiterregiment von 2700 Mann unter dem Deutschen Ober- 
sten S. Ch. Deebert oder Delbert*) 
befand, welches unter ausländischen Offizieren aus Adligen und 
Bojarenkindern verschiedener Städte formirt war, die in demselben 
als gemeine Reiter dienten. Nach der Catastrophe von Smolensk*) 
im Jahre 1634 zählte es nur noch 165 Chargen, 17 Handwerker, 
1213 Reiter, und ausserdem waren noch 95 Dragoner bei ihm 
eingetheilt'). Dieses erste regulaire Cavallerieregiment der Russi- 
schen Armee wurde zwar bereits 1634 wieder entlassen, gar bald 
aber im ganzen Reich zu neuen Formationen von solchen Regimen- 
tern geschritten, und diese Maassregel einige Jahre später auch 
auf Sibirien ausgedehnt. Im Jahr 1661 erhielt nämlich der Oberst 
D. Poluechtow den Befehl, daselbst regulaire Reiterregimenter aus- 
zuheben *), von denen bereits 1663 eins, für welches 200 Reiter in 
Tomsk angeworben waren, dem von Moskau mit drei Lieutenants 
dahin geschickten Obersten J. von der Heyden übergeben 
wurde*). 

Die Organisation der regulairen Reiterregimenter war ganz 
auf Europäischem Fuss eingerichtet, daher auch ihre Offizierchar- 
gen die damals im westlichen Europa gebräuchlichen Namen hatten, 
wie sie denn anfangs ausschliesslich durch Ausländer besetzt wa- 
ren. Später wurden aber auch Russen dazu genommen, nament- 
lich fUr die Commandeurstellen, welche dann wie bei den Strelzen 
«Stolniki und Obersten» genannt wurden und, um sie von jenen 
zu unterscheiden, noch die Bezeichnung «der Pikenier- und Rei- 
terordnung» (piheinogo i reitarsskago stroja) erhielten. Jedes Re- 
giment bestand aus dem Stabe und einer verschiedenen Anzahl 
von Compagnien"^); gewöhnlich 10, doch gab es auch Regimenter 
von 5, 12, 14 und 1679 in dem grossen Regiment des gegen di« 
Türken und Tataren aufgestellten Heeres selbst zwei von je 26 



*) Bekanntlich missglttckte die Belagerung yon Smolensk nicht nur voll- 
kommen, sondern die Russischen Truppen vor dieser Stadt wurden ihrer Seits 
nach mehreren unglOcklichen Gefechten von dem Polnischen König Wladislaw 
so in die Enge getrieben, dass sie nur durch eine sehr nachtheilige Capitula- 
tion dem völligen Untergange sich zu entziehen vermochten. 

**) Die Angabe Mayerberg's, dass jedes Reiterregiment in 11 Geschwa- 
dern 2000 Mann gezählt habe, ist nicht richtig. 

n B(keh«r des BavMd. II. pi«. 88«, 491. 2) Aeten d. Arch. Esptd. III. N. 246. 8) Alle 
Bibllotk. lU. jMff. 106. 4) ibid. pa«. IH 1»«- - Sapplem. s. d. Ust Acta«. IV. N. 12S. 



— 279 — 

Gompagnien'). Die letzteren scheinen aber, wie dies bei ihrer 
grossen Stärke auch nicht gut anders möglich war, in je 2 ünter- 
abtheilungen zu 13 Compagnien getheilt gewesen zu sein, wenig- 
stens hatten sie das doppelte Stabspersonal ; indessen sind darüber, 
80 wie über die Benennung dieser Unterabtheilungen, bestimmte 
Nachrichten nicht vorhanden. Der Regimentsstab bestand bei 
den Regimentern von 10 Compagnien aus 1 Oberst, 1 Oberstlieu- 
tenant, 1 Major, 1 Gapitainlieutenant, 1 Quartiermeister, 1 Adju- 
tanten und 1 Wagenmeister als Chef der Regimentsartillerie; bei 
12 Compagnien waren gewöhnlich 2 Oberstlieutenants; die Regi- 
menter von 26 Compagnien hatten 1 Oberst, 4 Oberstlieutenants, 
4 Majors, 2 Capitainlieutenants, 2 Quartiermeister, 2 Adjutanten 
und 2 Wagenmeister*). Ausserdem gehörten zum Stabe noch die 
Regimentsschreiber, Trompeter und Pauker und die Kanoniere und 
Granatiere der Regimentsartillerie. Das Offiziercorps einer Com- 
pagnie bestand aus dem Commandeur derselben, 1 Lieutenant und 
1 Fähnrich. Als Compagniefiihrer fungirten die sämmtlichen 
Stabsoffiziere für ihre Compagnien, während die übrigen von Ritt- 
meistern commandirt wurden; wenn der Oberst das Commando 
des Regiments übernahm, so wurde seine Compagnie von dem Ga- 
pitainlieutenant geführt. Somit bestand das gesammte Offizier- 
corps eines Regiments : bei einer Stärke von 10 Compagnien aus 
34, bei 12 Compagnien aus 40, bei 26 Compagnien aus 86 Per- 
sonen'); ebenso hatten die Regimenter von 5 und 14 Compagnien 
beziehungsweise 18 und 47 Offiziere*). 

Hinsichtlich des Mannschaftsstandes der Compagnien und Re- 
gimenter gab es keinen bestimmten Etat ; auch befanden sich die 
Unteroffiziere und Gemeinen der einzelnen Regimenter im Frieden 
für gewöhnlich nicht bei der Fahne, sondern lebten in den einzel- 
nen Städten des Reichs zerstreut. Doch waren die Einrichtungen, 
wenigstens später, derartig getroffen, dass jeder der grossen Ver- 
waltungsbezirke der Regimenter oder Rasreade, in welche das 
Russisdie Reich dann getheilt war, eine bestimmte Anzahl von 
R^imentern zu stellen hatte, deren Offiziere, Unteroffiziere und 
Mannschaften in den zu jenen Bezirken gehörenden Städten leben 
mussten. Einzelne grosse Städte stellten auch für sich allein ganze 
Regimenter, so z. B. Rjäsan zwei, Galitsch und Kostroma je eines, 
Smolensk ausser der Schljachta ebenfalls ein Regiment. Aus den 
in den andern Städten lebenden Mannschaften wurden im Falle 
des Bedarfs die einzelnen Regimenter nach den genauen Listen 
des Rasreads zusammengesetzt und dabei gewöhnlich alle Pikeniere 
eines Verwaltungsbezirkes dem ersten Regiment desselben zugetheilt, 
in welchem sie dann wahrscheinlich besondere Elitecompagnien bil- 
deten, während die anderen Regimenter nur aus Reitern bestanden. 

1) BftdMT d. Buread. JL p«. 121«. — & Beilagen N. 9 iu 10. 2) 8. Beilag« V. 10. 
8) ibid. 4) S. Beilage V. 9. 



— 280 — 

Natürlich massten bei einem solchen Yerfa}iren, auch abgesehen von 
der verschiedenen Compagniezahl, die einzelnen Begimenter in ihrer 
numerischen Stärke sehr verschieden ausfallen, und in der That 
schwankte dieselbe auch von unter 1000 bis über 2500 Mann. So 
zählte z.B. 1679 bei dem gegen die Türken und Tataren aufgestellten 
Heere das schwächste Regiment 722, das stärkste aber 2597 Mann'). 

Hinsichtlich der Vertheilung der Pikeniere und Reiter in Re- 
gimenter wurde 1680 die Aenderung verfügt, dass dieselbe stadt- 
weise nach Classen erfolgen sollte*). 

Jedes Reiterregiment hatte seine Fahnen, im Allgemeinen eine 
per C!ompagnie, seine Trompeten und Pauken, gewöhnlich 3 Paar, 
und seine Regimentsgeschütze. Die Fahnen wurden bei dem Ober- 
sten, die Regimentsvorräthe beim Major aufbewahrt*). 

Die einzelnen Regimenter wurden mit dem Namen ihrer je- 
weiligen Obersten bezeichnet, bisweilen auch, namentlich w^nn 
sie ganz von einer Stadt gestellt waren, nach deren Namen. Sodann 
erhielt jedes Regiment im Kriege in seinem Rasread eine Nummer, 
die innerhalb desselben fortlief und so lange das Regiment bestand, 
dieselbe blieb. Die einzelnen Pikeniere und Reiter wurden nach 
'den Orten genannt, in welchen sie lebten. 

Wie bereits bemerkt, waren die Regimenter im Frieden für 
gewöhnlich nicht beisammen, sondern die Offiziere und Mannschaf- 
ten lebten dann in den verschiedenen Städten des Verwaltungsbe- 
zirkes, von wo sie zu stellen waren, vertheilt und wurden alljähr- 
lich nur für die Dauer eines Monats, gewöhnlich im Herbst nach 
Beendigung der Emdte, zu militairischen Uebungen eingezogen. 
Letztere fanden unter der Leitung der betreffenden Obersten Statt, 
welche, durch Denkschriften aus dem Ausländer- und Reiterprikas 
dazu aufgefordert, sich in die Gantons begaben, in welchen die 
ihnen zugewiesenen Regimenter lagen, und dort die zu denselben 
gehörigen Offiziere und Mannschaften einzogen. Alsdann muster- 
ten sie diese, sowie deren Pferde, Waffen und Rüstungen, gaben 
die Uebungsmunition — pro Mann 1 Pfiind Pulver — aus, und 
übten demnächst die Regimenter im Exerciren und Manövriren*). 
Hierbei wurde ein bestimmtes, allgemein gültiges Reglement nicht 
zu Grunde gelegt, sondern jeder Oberst verfuhr nach seiner eigenen 
Methode. Zwar wurde, wahrscheinlich unter der Regierung des 
Zaren Feodor Alexeewitsch , eine Uebersetzung des Werkes von 
Pluvinel: Instruction du Roy en Texercice de monter ä cheval. 
Paris 1629. unter dem Titel: «Anweisung wie Pferde zu reiten» 
(tUschenie kaJco obes^shati loschadei) veranstaltet, doch scheint die- 
selbe mehr für den Handgebrauch des Zaren, als zu einer all- 
gemeinen Reitinstruction bestimmt gewesen zu sein, denn sie 



1) & Beilagni N. 9 «nd la 9) 0«i. SarnnL n. N. 8i4. 8) üittjümr. D. Boas. Heer 
Tor Peter d. Qr. pag. 18. 4) ibid. 



— 281 — 

existirt nar in einem Exemplar als Manuscript^). Nachdem die 
für die Hebungen bestimmte Zeit verstrichen war, verkündigten die 
Obersten ihren Regimentern den Zarischen Ukas, wonach diese 
auch künftig für den Dienst mit vollständigen Waffen und guten 
Pferden bereit sein sollten, und entliessen sie sodann mit Wissen 
der Woewoden bis zum nächsten Herbst nach Hause'). 

Neben diesen Uebungen fanden sich bisweilen noch andere 
Veranlassungen zur Zusammenziehung einzelner Reiterabtheilungen 
im Frieden. Eine solche gab u. A. die Begleitung von Russischen 
Gesandtschaften ins Ausland^ wie denn namentlich bei den nach 
Schweden und Polen bestimmten, ausser den Strelzen beständig 
auch 200 resp. 500 Reiter mit vollständiger Eriegsausrüstung und 
mit ihren Geschützen commandirt waren^). 

Die Zahl sämmtlicher Reiterregimenter war natürlich zu ver- 
schiedenen Zeiten sehr verschieden. Bei der ersten Errichtung 
solcher Regimenter im Jahre 1633 gab es, wie bereits gesagt, nur 

I Regiment des Obersten S. Ch. Deebert oder Delbert, von 

2700 Mann*). 
Nach einem Yerzeichniss der in verschiedenen Städten des 
Russischen Reiches lebenden Mannschaften vom 21. Juny 1672, 
das aber lange nicht alle umfasste, enthielten dieselben 
1330 Pikeniere und 10,658 Reiter'). 

Auf dem Marsche gegen Tschigirin im Jahre 1676 waren 
über 22,000 Reiter 
zum Heeresdienst einberufen^). Am bedeutendsten aber war ihre 
Zahl im Jahre 1679, denn damals befanden sich in dem gegen 
die Türken und Tataren aufgestellten Heere 
4 besondere Gompagnien Pikeniere, 

II Pikenier- und Reiterregimenter, 
15 Reiterregimenter, 

1 aus Pikenieren, Reitern, Dragonern und Kasaken combinirtes 
Regiment, 
mit einigen kleineren Abtheilungen zusammen 3,684 Pikeniere und 
36,091 Reiter zählend. Diese regulairen Cavallerietruppen ver- 
theilten sich auf die einzelnen grossen Verwaltungsbezirke in fol- 
gender Weise'). 
Im grossen Regiment: 6 Regimenter, nämlich das 1. Pikenier- 
und Reiterregiment des Stolnik und Obersten F. Sykow von 
26, und 4 Reiterregimenter unter ausländischen Obersten: 
das 2. J. Goltz von 12, das 3. I. Tur, das 4. P. Menesijus, 
das 5. W. Reuter von je 10 Gompagnien, sowie endlich das 
Smolenskische Reiterregiment des Obersten W. Schwykowskij 



1) Obrataehtw. Betr. d. ««Mlir. v. (tdr. DenlkmilOT «b. d. Kricffik. im Bm. MUit. J««ni. 
1868. N. 4. pag. 46. 2) üttijUow. D. Basa. Heer Tor Peter d. Qr. iMg. 18. 8) Koechiebin. 
Ueb. Bnnl. iiiil Alex. KJck. pag. 42. 4) Bftcher d. Beereed. IL ptflr. 886. 5) Oee. SmbibI. I. 
N. 522. S. Benage K. 7. 6) Uatijilow. D. Bub. Heer ror Peter d. Qr. pag. 19. Anm. 8. 7) 9. 
BeUagen N. 9 mid 10. 



— 282 — 

von 12 CompagDien, welches letztere als nicht unter dem 
Ausländerprikas stehend, keine Nummer hatte. 
Im Rasread von Nowgorod: 4 Compagnien Pikeniere und 3 

Regimenter Reiter. 
Im Rasread von Kasan: 4 Regimenter, nämlich das 1. Pike- 
nier- und Reiterregiment des Stolnik und Obersten M. Be- 
klemyschew von 12 , das 2., 3. und 4. Reiterregiment der 
ausländischen Obersten J. von Howen, M. Lyzkin und D. Pulst 
von je 10 Compagnien. 
Im Rasread von Rjäsan und im Ssewschen Regiment: 5 Regi- 
menter, nämlich das 1. Pikenier- und Reiterregiment des 
Stolnik und Obersten I. Tschemyschew von 12, das 2. und 
3. Reiterregiment der ausländischen Obersten F. Goltz und 
Th. Koch von je 10 Compagnien; ferner eui nicht unter 
dem Ausländerprikas stehendes Pikenier- und Reiterregiment 
von 26, und endlich das aus Pikenieren, Reitern, Dra- 
gonern und Kasaken combinirte Regiment des Obersten 
A. Dei von 18 Compagnien. 
Im Belgorodschen Regiment: 9 Regimenter unter dem General- 
lieutenant Franz Ulf, nämlich 7 Pikenier- und Reiterregimen- 
ter: das 1. M. Dromont, das 2. T. Kanbrecht, das 3. 
K. Goltz, das 4. P. Rüder, das 5. P. Stromitschewskij, das 
6. J. Marlet, das 7. I. Barow; und 2 Reiterregimenter: 
das 1. des Obersten M. Gopt von 14, das 2. des General- 
lieutenant F. Ulf von 5 Compagnien. 
Im Ganzen also 27 Regimenter, von denen 25 unter dem 
Ausländerprikas standen. 

Ebenso befanden sich in dem Bestände der 9 Corps, die es 
nach einem im letzten Jahre der Regierung des Zaren Feodor 
Alexeewitsch (1682) festgesetzten Verzeichniss gab 

25 Regimenter berittener Pikeniere und Reiter 
und eine gleiche Zahl sammelte die Zarewna Sofia 1686 für den 
Marsch nach der Krym')» für welche im Ganzen aber nur 

20,000 Pikeniere und Reiter 
einbeordert waren*). 

Im Ganzen lässt sich somit die Gesammtzahl der Pikeniere 
und Reiter in den letzten Zeiten dieser Periode unter der Regierung 
der ZarenFeodor und Peter, mit Rücksicht auf das bisher Gesagte, auf 

27 Regimenter, davon 25 unter dem Ausländerprikas 
angeben, deren Totalstärke in runden Zahlen mit 

40,000 Mann, wovon etwa 4,000 Pikeniere 
picht zu hoch veranschlagt sein möchte. 

Von allen diesen Regimentern ging aber fast keins in die 
moderne Russische Armee über, vielmehr verschwanden sie meist 
alle mit der Errichtung derselben; nur ein einziges Reiterregiment 

1) Uatij&low. D. Bm. Hmt t. Ptter d. Gr. pig. 17. 2) 0«. Sunml. IL M. 1210. 



— 283 — 

der Zeit vor Peter dem Grossen, nämlich das Smolenskiscbe, über- 
dauerte nicht nur die Reformen dieses Fürsten, sondern auch 
alle folgenden, so dass es noch gegenwärtig als 3. Smolenski- 
sches ülanenregiment Sr. Kais. Höh. des Thronfolgers Zesare* 
witsch besteht. 

Zum letzten Male finden sich die Reiter in ihrer alten Orga- 
nisation im Jahre 1694 auf dem berühmten Koshuchowschen 
Marsche oder Manöver erwähnt, wo sich in der Abtheilung des 
Fürsten F. J. Romodanowskij 

2 Reiterregimenter der Obersten Ch. Rigeman und M. Treyden 

von je 8 Compagnien 
befanden*). Wahrscheinlich wurden sie aber dann bald auch gänz- 
lich aufgelöst, wie man überhaupt jene Manöver als den letzten 
Versuch Peter's des Grossen, mit den ihm überlieferten alten For- 
mationen ansehen kann. 

b. Me IvaareH {gussary), Sie kamen als eine besondere Art 
der Reiter ziemlich gleichzeitig und in unmittelbarer Verbindung 
mit ihnen auf, waren aber weder sehr zahlreich, noch finden sie 
sich häufig erwähnt. Zum ersten Male kommt ihr Name im Jahre 
1634 vor, wo in dem grossen Regiment des alljährlich in der 
Ukraine zur Abwehr der Tataren aufgestellten Heeres in Tula 

735 Husaren und Reiter unter dem Rittmeister Ch. Rylskij 
angeführt werden*). Ebenso ist im Jahre 1665 bei den Truppen 
des Rasreads von Nowgorod, des Ssewschen und des Belgorod- 
schen R^iments auch von Obersten der Husaren-, Pikenier- und 
Reiteror(iQung die Rede'). Ueberhaupt finden sie sich hauptsäch- 
lich in dem Rasread von Nowgorod erwähnt, wie u. A. 1678, als 
die Inspicirung der zu demselben gehörenden Truppen angeordnet 
wurde*). Ebenso befanden sich auch 1679 bei dem gegen die 
Türken und Tataren aufgestellten Heer in jener Abtheilung 

5 Compagnien Husaren mit 417 Mann excl. der Offiziere*), 
welche sich ebendort auch in dem Verzeichniss von 1681 mit 465 
Mann angegeben finden^). 

Zum letzten Male geschieht dieser Waffe in der alten Russi- 
schen Armee ebenfalls 1694 bei dem Koshuchowschen Manöver 
Erwähnung, an denen in der Abtheilung des Fürsten Romodanowskij 

3 Compagnien Husaren unter dem Obersten A. Scharf und 

2 Rittmeistern 
Theil nahmen^. 

Für gewöhnlich scheinen die Husaren nicht in besonderen 
Abtheilungen organisirt gewesen zu sein, vielmehr ähnlich den rei- 



1) SMmewtMj. D. Koshnobowaoli« Ifftncb. Milit. Sftmml. 1860. K. 1. pag. 66, 67. — Naehr* 
T. d. ent. Ifui. nnt PeUr I. Millt Jonrn. 1880. N. 1. paff. 6». 2) BQcher d. BMreftd. H. ptf . 758. 
8) G«s. Suunl. I. N. 870. 4) ibid. II. N. 745. 5) Bfleher d. Basread. II. ptf. 1194. 8. Beilage 
N. 9. 6) UsnjUow. D. Bom. Heer Tor Peter d. Qr. pag. 19, 20. 7) fiKmewikij. D. Keebvcbow- 
iQbe Manch. Milit. SunmL 1860. N. 1. pag. 65. — Nacbr. t. 0. enten Mmn. «nl Peter I. Milit. Jovra. 
ISaa K. 1. pag. 69. 



— 284 — 

tenden Pikenieren in unmittelbarer Verbindung mit den Reitern 
gestanden zu haben. Ueberhaupt hat man sich hierbei unt^ der 
Benennung von Husaren nicht sowohl leichte Reiter nach der ün* 
garischen Bedeutung des Wortes, also in der Art zu denken, wie 
man es gegenwärtig allgemein versteht, vielmehr waren damals 
die Husaren in Russland, wahrscheinlich in Nachbildung der Pol- 
nischen Truppen dieses Namens, eine eigene Abtheilung besonders 
schwer geharnischter Reiter, wie sie nachher in der Russischen 
Armee nicht wieder bestanden haben. 

c Me •rnstner (draguny) erschienen fast gleichzeitig mit den 
Reitern in den Russischen Heeren. Theilweise aus geworbenen 
Ausländem bestehend, wurden sie aber auch wie diese gleich von 
Anfang an aus Russen unter ausländischen Offizieren formirt. Die 
Dragoner waren theils in besonderen Regimentern organisirt, theils 
wurden sie, wie dies bereits bei den Reitern angedeutet ist, den 
Regimentern derselben zugetheilt^), .bei welchen sie dann wahr- 
scheinlich besondere Dragoner compagnien bildeten. So befan- 
den sich im Jahre 1634 bei dem vor Smolensk befindlichen regu- 
lairen Reiterregiment Deebert auch eine Anzahl Dragoner — am 
Ende des Feldzuges noch 95 Mann') — ; ebenso waren 1679 den 
4 Pikenier- und Reiterregimentern des Rasreads von Kasan 216 
Dragoner zugetheilt'), wie sich denn auch femer bei dem, zu den 
Truppen des Rasreads von Rjäsan und des Ssewschen Regimaits 
gehörigen, combinirten Gavallerieregiment A. Dei 77 Dragoner 
befanden^). Daneben wurden aber auch gleich von Anfang an 
ganze Dragonerregimenter aufgestellt, wie es denn schon 1634 

1 Dragonerregiment des Obersten A. Qordon von 1567 Mann 
gab, das im October dieses Jahres zur Unterstützung der vor 
Smolensk befindlichen Tmppen dorthin geschickt wurde*). Nach 
dem unglücklichen Ausgang dieser Unternehmung scheint dies Re- 
giment mit den übrigen Truppen entlassen worden zu sein ; jedoch 
wurde bereits im Jahre 1639 in Uglitsch die Anwerbung von 
Dragonem im Lande wieder angeordnet^) und damit später fort- 
gefahren. 

Unter dem Zaren Alexej Michailowitsch wurde eine besondere 
Art von Dragonem durch Ansiedlung derselben in Militaircolonien 
gebildet. Dieselbe erfolgte hauptsächlich an zwei Orten, in der 
Ukraine und gegen die Schwedische Grenze. Von diesen Drag o- 
nercolonien scheinen jene in der Ukraine die ersten gewesen 
zu sein, wie sie auch zweifelsohne die bedeutenderen waren. 
Diren Anfang kann man auf das Jahr 1646 verlegen, in welchem 
gemäss Befehls vom 14. September in Wjäsma freie, freiwillige 
Leute aller Art zum Dragonerdienst angeworben, und mit Flin- 



1) KflseklekiB. Utlm SnaL ut. Atez. Mick. jm«. 10«. 2) Aekm d. Aieh. Kzpcd. ni. 
9. 846. 8) BftehOT d. Bumd. O. pa« . 1902. 4) ibid. pag. 1891. 6) ibid. pif . 551. 6) Aetea 
d. Anh. Bxpcd. III. H. 387. 



— 266 — 

im, Pferdea and Sold Tersehen, nach der Ukraine geschickt wur- 
den'). Dagegen erfolgte die Einrichtung angesiedelter Dragoner 
an der Schwedischen Grenze erst im Jahre 1648, kidem die 
Einwohner der Olonezschen und Transonegaschen DOrifer des Be- 
zirks von Nowgorod zu colonisirten Dragonern bestimmt wurden. 
Uebrigens waren in diesen letzteren Colonien die Dragoner mit 
angesiedeUen Soldaten untermischt. 

Die angesiedelten Dragoner waren in Regimenter getheilt, 
deren sich an der Schwedischen Grenze im Jahre 1656 eins unter 
dem Oberste A. Potemkin von 900 Mann erwähnt findet'), wäh- 
rend es in der Ukraine deren vier gab, welche — nach den von 
ihnen bewohnten Cantonen die Kamarizschen genannt *«- 1672 
einen Totalbestand von 4164 Mann hatten'). Diese angesiedelten 
Regimenter bezeichnete man in der Folge auch als die alten^), 
im Gegensatz zu den Dragonern, welche später in der früheren 
Art wie die Reiter angeworben, und entweder denselben zugethetlt 
oder in besondem Regimentern formirt wurden. AehnMche An- 
werbungen fanden dann anch in Sibirien Statt, und wurden dort 
die Dragoner in die einzelnen Befestigungen und Sloboden ver- 
theflt, wobei auf jede nur ein kleines Gommando, auf einzelne so- 
gar nur wenige — 2, 3, 4 bis 5 — Mann kamen '^). 

Die Organisation der Dragoner war ganz ähnlich der der 
Reiter; ihre Chargen waren dieselben, mit der einzigen Ausnahme, 
dass sie keine Rittmeister sondern statt deren Capitame hattm, 
wie dies noch jetzt in der Russischen Armee üblich ist. Die Re- 
gimenter zerfielen in Compagnien, gewöhnlich 12*), ganz analog 
den Reitern mit 40 Offizieren und einer ungleichen Zahl von Ge* 
meinen, fdr welche es ebenfEiUs keinen bestimmten Etat gak 
Jedes Regiment hatte seine Fahnen und zwar, da die Dragoner 
zum Dienst zu Pferde und zu Fuss bestimmt waren, von zweierlei 
Art: die eine Hälfte für das Exercitium zu Pferde, wie bei den 
Reitern, die andere fiir die Evolutionen zu Fuss, wie bei den Sol- 
daten'). Ebenso hatten die Dragoner zweierlei Spielleute, fttr 
jenen Dienst Trompeter, für diesen Tamboure, sowie eine ge- 
wisse Anzahl Regiments- und Compagnieschreiber analog den Rei- 
tern. Endlich hatte jedes Dragonerregiment noch seine Regiments- 
geschatze, welche von einer besonderen Abtheilung Artilleristen 
(puschkari) bedient wurden*). 

Die Bezeichnung der Dragoner und ihrer Regimenter 
stimmt mit der bei den Reitern übUchen aberein. 

Was die Gesammtzahl der Dragoner betrifft, so war die- 
selbe im Verhältniss zu den Reitern immer nur unbedeutend. Bei 



1) Snyplem. «. d. kM. Aeioi HI. K. 21. 9) iM4 IV. N. 146. S) Ges. Suiml. 1. N. 62S 
S.. Btilage N. 7. 4) KMoklehin. ütK BiinL «ni Akz. M)«h. pa«. lOft. 6) Histor. Acten V. N.47. 
6) a Beilage K. 10, 7) KMcbicbin. Ucb. Biunl. mit. Alex. Mich. pag. 106. 8) S. Beilage N. 10. 



— 286 — 

der ersten Formation im Jahre 1634 gab es, wie bereits oben' 
bemerkt, nur 

1 Dragonerregiment des A. Gordon von 1567 Mann*). 

Im Jahre 1655 werden bei dem Einzug in Moskau nach Been- 
digung der Polnischen Gampagne 

7 Compagnien «nöthiger» (nushnych) Dragoner*) 
erwähnt. Nach dem Verzeichniss des Lehnsprikases vom 21. Juny 
1672 gab es in 14 Städten 

6469 Dragoner, incl. 1818 im Stadtdienste dreier Städte"). 
Im Jahre 1676 befanden sich auf dem Marsch nach Tschigirin 

4500 Dragoner*). 
Dagegen waren 1679 zu dem gegen die Türken und Tataren 
aufgestellten Heere, mit Ausnahme einiger kleineren, bei den Rei- 
tern eingetheilten Abtheilungen 

6 Regimenter Dragoner 
einbeordert, von denen aber 4, die zu den angesiedelten Dragonern 
in der Ukraine gehörigen, sogenannten Kamarizschen Dragoner 
des Ssewschen Regiments, welche nach dem Verzeichniss von 1672 
4164 Mann zählten, ohne ihre Offiziere als Trainfahrer für die 
Regimentsgeschütze, den grossen Geschützpark und überhaupt 
das gesammte Fuhrwesen und die Bagage einberufen waren*^). 
Es blieben somit für den eigentlichen Waffendienst als Doppel- 
kämpfer nur die bei dem Rasread von Rjäsan und Ssewschen Re- 
giment stehenden 

2 Dragonerregimenter: das 1. und 2. unter den ausländischen 

Obersten M. West und J. Kuper von je 12 Compagnien 
übrig, wekhe mit den bei den Reitern eingetheilten kleineren Ab- 
theilungen zusammen ohne die Offiziere 3894 Mann zählten^). 
Rechiet man hierzu die in dem Verzeichniss von 1672 angegebenen 
Dragoner, so würde dies zusammen 10,363 Mann ergeben. Ausser* 
dem war aber 1679 fllr Sibirien noch die Formation von 1000 
und einigen Dragonern angeordnet^); mithin lässt sich die Gesammt- 
zahl aller Dragoner zu jener Zeit in runder Zahl auf etwa 

11,500 Mann 
veranschlagen. 

d. Me regritireB Kastke«. Im Anfang der Regierung des Za- 
ren Alexej Michailowitsch, etwa um die Mitte des 17. Jahrhunderts, 
wurden an den westlichen Grenzen des Reiches zur Deckung der- 
selben gegen Polen hin nach Art der colonisirten Dragoner Kasa- 
ken angesiedelt. Dieselben waren wie die Reiter in Regimentern 
organisirt und hatten auch deren Chargen, daneben aber auch 
noch Golowen, Atamanen, Centurionen und Jassaule aus Adligen. 



1) Bftcher d. Kasread. IT. pag. 551. 2) Samml. d. Staataerl. n. Vertr. III. N. 184. 3) Qm. 
SammL I. N. 522. 8. Beilage N. 7. 4) Usti;^low. Das Haiv:. Beer vor Peter d. Gr. pag. 19. Anm. 3. 
5) Bftcher d. Baaread. II. pag. 1352, 1962 etc. 6) 8. ftoilagen 19. 9 und 10. 7) Hiator. Aetaa. 
V. K. 47. 



— 287 ^ 

Die Zahl derselben betrag vor dem Rossisch-PolniscbeQ Kriege 
von 1659 bis 1667 

5000 Mann, 
von denen aber nach Beendigung desselben nur wenige übrig 
waren*). 

e. Ausser den bisher betraditeten Arten der regulairen Ca- 
vallerie wurden von Peter dem Grossen noch einige andere er- 
richtet, die man, in soweit als sie nicht in die später von ihm er- 
richtete moderne Armee übertraten, immer noch zu den alten 
Russischen Heereseinrichtungen rechnen kann. So finden sich 1694 
bei den Koshuchowschen Manövern in der aus mehr regelmässi- 
gen Elementen zusammengesetzten Abtheilung des Fürsten Bomo* 
danowsk^ unter den Cavallerietruppen desselben noch 

1 Compagnie PalUseUere (pcdaschniki) unter dem Rittmeister 

Fürsten A. Tscherkasskoj ; 
1 Compagnie reiteaier dranatiere (konnye granattschiki) unter 
dem Rittmsister I. Kulum 
erwähnt*), die sich später unter den Neuformationen, welche als 
Grundlage der gegenwärtigen Russischen Armee anzusehen sind, 
nicht befanden. 

3. Die RusaiBohe Infanterie der analändisohen Ordnung. 
Dieselbe bestand aus d6n sogenannten Soldatenregimentern (ssal- 
daakie polki)^ die bei ihrer ersten Formation theils als Fremd- 
truppen im Auslande geworben, theils nach dem Muster derselben 
und unter Beihülfe ausländischer Offiziere im Lande selbst aufge- 
stellt wurden. Danach unterschied man bei dem ersten Auftreten 
der Soldaten in Russland ausländische, oder wie man sie damals 
gewöhnlich nannte, Deutsche (nemeekie) und Russische Soldaten- 
regimenter. 

a. Me BeitsekeB S«MalearegüieBter. Was zunächst die im Aus- 
lande im vollen Bestände ganzer Fremdenregimenter angeworbenen 
Soldaten betrifft, so erfolgte die erste und gleichzeitig die einzige 
Aufstellung solcher im Jahre 1631'). Als nämlich damals die 
Verhältnisse zwischen Russland und Polen eine immer drohendere 
Gestalt annahmen, wurde der Oberst Alexander Leslie, ein 
gebomer Schotte, welcher 1630 für eine gewisse Zeit in Russische 
Dienste getreten war, zur Anwerbung von ausländischen Regimen- 
tern nach dem westlichen Europa geschickt. Nach der ihm unter 
dem 25. Januar 1631 ertheilten Instruction*), sollte er zunächst 
nach Schweden gehen, um vom König Gustav Adolph im Auftrage 
des Zaren die Erlaubniss zu erbitten, in diesem Reich und dessen 
Deutschen Nebenlanden Werbungen für den Russischen Dienst 



1) Konhiebin. üeb. BimrI. unter Alex. Hieb. pif. 106, 107. 2) Sfemembij. D. Konbvcbow- 
Mbe Mancb. Millt. Samml. 1860 N. 1. pag. 66. — Ntchr. r. d. ent Man. nnt. Peter I. MilH. Jonm. 
1880. N. 1. paf. 69. 8. Beilage N. 18. 8) Briefe d. Buaa. Herracber L N. 871. Anm. 38; N« 878.. 
- Samml. d. StaateerL «. Yertr. IlL N. 81, 88, 84, 87. 88. Scbwed. Acten Ton 1681. Comp. 28. N. 4. 
4) Samml. d. Staataerl. iL Vertr. UL N. 88. 



— 288 — 

veranstalten zu dürfen. Es sollten 5000 Mann angeworben und 
dieselben in 3 oder 4 Regimentern, für deren Commandeure Leslie 
3 Blanquets zu Bestallungsbriefen für Obersten bei sich führte 0^ 
mit der im westlichen Europa üblichen Zahl von Gapitainen und 
sonstigen Chargen formirt werden. Zur Bestreitung der Anwer- 
bungskosten erhielt Leslie 4300 Ducaten und 3000 Efimki*), etwa 
17,400 heutiger Rubel, baar und Anweisungen auf Hanburg und 
Amsterdam im Betrage von 110,000 Efimken, im Ganzen also 
über 182,000 Rubel nach heutigem Gelde, sowie die Berechtigung, 
im Nothfall noch weitere Summen bei den Staaten oder Eaufleu- 
ten auf Russische Rechnung aufzunehmen, zu welchem Zwecke 
ihm ein Beglaubigungsschreiben in Russischer und Deutscher Aus- 
fertigung mitgegeben war'). 

Am 13. Februar 1631 reiste Leslie von Nowgorod nach Schwe- 
den ab. Hier hielt er sich ziemlich lange in Stockholm auf, so 
dass er erst im May nach Pommern kam, wo sich Gustav Adolph 
damals mit seinem Heere bereits befand. Nachdem dieser in einer 
Audienz am 14. Juny seine Erlaubniss zur Ausführung der An- 
werbung gegeben hatte, ging Leslie zur Bewirkung derselben nach 
Stralsund*), wo bereits am 25. Juni der erste Bestallungsbrief auf 
den Namen des Deutschen Obersten Hans Friedrich Fuchs ausge- 
fertigt wurde, mit dem Leslie an diesem Tage einen Gontract 
wegen Anwerbung eines Regiments Infanterie abgeschlos- 
sen hatte, welches sobald wie möglich in Stralsund oder Golberg 
aufgestellt werden sollte. Der Stab des Regiments sollte beste- 
hen aus: 1 Oberst, 1 Oberstlieutenant, 1 Major, 1 Quartiermeister, 
1 Regimentsschultheissen, 1 Secretarius, 2 Popen, 4 Aerzten, 
1 Gerichtsschreiber, 1 Gerichtswaibel, l Profoss, 1 Gerichtsdiener 
{pristaw) und 1 Steckenknecht =17 Personen; jede Gompag- 
nie — ihre Zahl ist nicht angegeben, vermuthtieh waren es 8 — 
aus l Ghef {golotoa), 1 Lieutenant, 1 Fähnrich, 2 Sergeanten, 
1 Gapitaindarmes, 1 Führer (fjurer), 1 Fourier (furir), 1 Muste- 
rungsschreiber, 3 Tambouren, 8 Corporalen, 24 Rottenmeistem, 
32 Unterrott^meistem und 128 Gemeinen = 204 Mann. Die 
Anwerbung des Regiments sollte vorläufig auf ein Jahr erfol- 
gen und bei längerem Bedarf desselben nachher ein neuer Con- 



*) Die Efimka wurde in Rossland oack ihrem Silberwerth = 4 Griwni 
oder 14 Altyni apgenommen, aber im Lande selbst ihr ein Zwangscours von 
21 Altyni 2 Dengi gegeben, so dass der Zar bei jeder 7 Altyni 2 Dengi Profit 
machte. (Koschichin. üeb. Russl. unt. Alex. Mich. pag. 82.) Da der Rubel 
3s SS Altyni 2 Dengi war, so hatte also die Efimka einen reellen Werth Ton 
{, nominell aber von fast } Rabel. Im Donrchschnitt rechnete man sie zu jener 
Zeit = } Rubel (Ges. Samml. I. N. 212), was gegenwärtig etwa = 1| Rubel 
sein möchte. 

Der Ducaten galt damals =- 2 Efimken (Briefe d. Russ. Herrscher. I. 
N. 871), also etwa 1 Rubel nach damaligem oder 3 Rubel nach jetzigem Werth. 

1) ibid. K. 84. 2) ibid. 8) Briefi d. Bmb. Htmehtr I. N. 871. Absl 88. 



_ 289 — 

tract aufgestellt werden, aber Niemand zum Weiterdienen ver- 
pflichtet sein'). 

Die Contracte mit den übrigen Obersten sind nicht erhalten, 
wenigstens in den zugänglichen Quellen nicht aufzufinden gewesen. 

Gleichzeitig mit dem Obersten Leslie wurde auch der Oberst- 
Ueutenant Heinrich van Dam mit der Anwerbung von Deut- 
schen Truppen beauftragt*). Dieser Offizier war von Geburt ein 
Holsteiner, aus der Gegend von Hamburg und hatte bereits früher 
in Französischen und Venetianischen Diensten gestanden. Auf die 
Nachricht davon, dass in Russland Werbungen beabsichtigt wür- 
den, meldete er sich und erbot sich unterm 1. Januar 1631 zur 
Aufstellung eines Regiments von 1600 freien, im Auslande ange- 
worbenen Deutschen, indem er gleichzeitig für seine Person auf 
Lebenszeit in Russische Dienste trat. Unterm 7. Februar wurde 
ihm durch den Fürsten Tscherkasskoj die Erö&ung gemacht, dass 
der Zar auf sein Anerbieten eingehen und ihm die Anwerbung 
eines ausländischen Infanterieregiments übertragen wolle. Das- 
selbe sollte aus 8 Compagnien, jede zu 1 Gapitain, 1 Lieutenant, 
1 Fähnrich, 3 Fünfzigern (pjaticUssjatniki), 1 Gapitaindarmes 
(kapitan ssamas «auf Russisch ein beamteter Mann, welcher das 
Gewehr annimmt»), 1 Quartiermeister (saimschtschik «belegt die 
Höfe»), 1 Adelsacdfseber (narjadtschik nad schljachtoju), 1 Schrei- 
ber, 6 Unterfun&igern (podpjatidessjatniki), 1 Arzt, 3 Tambouren 
und 200 Gemeinen; im Ganzen 220 Mann bestehen"); von den 
Gemeinen jeder Gompagnie sollten 8 für Ordonnanzdienste etc. 
bestimmt sein^ die übrigen zu zwei Drittel — 128 Mann — aus 
Musketieren, zu einem Drittel — 64 Mann — aus Pikenieren 
bestehen; für das Gefecht sollte die Gompagnie, ausschliesslich 
der Offiziere, in drei Abtheilungen zu 69 Mann getheilt werdep*). 

Bereits im Februar reiste van Dam zur Bewirkung der An- 
werbung von Moskau über Pskow nach Riga und \on da zu Schiffe 
nach Holstein, doch ist über den Erfolg Nichts bekannt geworden, 
und möchte es fast scheinen, als ob die beabsichtigte Anwerbung 
nicht zu Stande gekommen sei, wenigstens findet sich des Ober- 
sten van Dam nie wieder Erwähnung gethan. 

Dagegen hatte die durch den Obersten Leslie geleitete For- 
mation ausländischer Soldtruppen ein besseres, wenn auch nicht 
ganz das beabsichtigte Resultat. Im Ganzen wurden damals 
4 Deutsche Soldatenregimenter unter dem Obersten A. Leslie 

zu 946, J. Lübert zu 935, H. Fuchs zu 679 und Th. San- 

derson zu 923 Mann*^), 
zusammen also 3483 Mann aufgestellt. Die genannten Regimen- 
ter nahmen 1633 an der Belagerung von Smolensk Theil, wobei 
sie über 1300 Mann verloren, indem sie am Ende derselben nur 

1) SumiL 4. StMtMrl. «. Vertr. IIL N. 87. 2) ibid. N. 82, 85. 8«. 3) ibid. N. 86. 
4) ibid. N. 82. 5) Bftcher d. BMiead. II. VH» 887. a Btilag« M. & 

Bris, a«Mk. 4. Alt. Bbm. B««r«««lBrtekt. 19 



— 290 — 

DO€h 2U0 Köpfe, darunter 364 Kranke, zahlten*). Sie wurden 
dann nach ihrer Rückkehr verabschiedet, doch blieb ein Theil der 
Mannschaften in Russland zurück und wurde in der Folge zur 
Formation und Ausbildung Russischer Soldaten benutzt, theilweise 
auch später den angesiedelten Soldaten zugetheilt'). 

Nach diesem ersten Versuch mit regulairen Fremdenregimen- 
tern kehrte die Russische Regierung nicht wieder zu dem Prinzip 
zurück, ganze geschlossene Truppenabtheilangen im Auslande 
anzuwerben, wenngleich sie unablässig bemcät war, einzelne 
Ausländer nach Russland zu ziehen, wie dies bereits finher ge- 
zeigt ist. 

b. Bie Bauischen S«MatenregiMenter. 

1) Die Russischen Soldateniregimenter der ersten 
Aufstellung. Die erste Aufstellung Russischer regulairer Infan- 
terieregimenter erfolgte gleichzeitig mit der Anwerbung ausländische 
Soldaten durch Aushebung im Lande unter der Leitung Deutscher 
Offiziere. So gab es 1633 bei der Belagerung von Smolensk neben 
jenen 4 Fremdenregimentem bereits 

6 Russische Soldatenregimenter') unter den ausländischen Ober- 
sten : F. Faldam, Th. Bille oder Bailie, V. Rosform, A. Krar 
fert*), W. Kit, G. Matthison (Maitesson). 

Dieselben waren in ihrem fechtenden Mannsehaftsstande 
zum grossesten Theil aus Russen gebildet, denen man indessen 
auch einige «Deutsche Mannschaften yerschiedener Länder», welohe 
sich bereits von früher her in Russland befanden, zngetheilt hatte. 
Ebenso bestand ein Theil der Corporate und Spiellente aus Rus- 
sen, die übrigen Chargen aber, und namentlich alle Offiziere, aus- 
schliesslich aus geworbenen Ausländem. Die Organisation der 
Regimenter ist mit Genauigkeit nicht bekanftit, doch scheinen auch 
sie, analog den Deutschen^ au^ je 8 Gompagnten bestanden 2u ha- 
ben, wenigstens geht aus der Zahl der Chargen onzweifelhaft her- 
vor, dass vier derselben zusatnm^ 33 Gomt>agnien zählten*). 
Der Stab eines Regiments bestand aus: 1 Oberst (polk&miil^^ 
1 grossen Regimentslieutenant (bolschij polkawyj porutschik)^ 1 Ma- 
jor (maior) oder grossen Regimentswaditmeister (bolschij polkowyj 
storoshe8tawejs)y 1 Regimentsquartiermeister {kwurtermeister % ia- 

*)-£s ist nicht genau zu ermitteln gewesen, ob dies Regiment von diesem 
oder von dem Obersten J. Werdul geführt wurde , wie es Überhaupt scheinen 
möchte, als ob die 4 erst genannten Regunenter ausser den oben genannten 
Obersten, noch unter den C-ommandeuren der 4 Dentschen Soldatenregimenter 
gestanden hätten, in der Art, dass jeder derselben neben seinem im Auslände 
geworbenen Regiment nach dem Muster desselben noch ein Russisches Regi- 
ment formirte, welches unter seiner Oberleitung dann der speciellen Führung 
eines andern Obersten — - eben der oben genannten 4 — anvertraut wurde. (S. 
Beilage N. 6.) 

1) Acten d. Arch. Bzpad. 111. N.246. 2) Sapplem. s. d. htat. Acten HI. N. 58. 8) Bfteher 
d. Banreed. 11. pag. 9S7, aS8. — Acten d. Areh. Exped. in. N. 246. — Sapplea. i. d. büt. Acten, 
ni. N. 68. 4) Bücher d. Bamnd II. pn«. 887. - 8. Beilege N. 5. 



— 291 — 

piian, bolsMj polkowyj okolmtschij) ^ 1 Regimentsrichter und 
Schreiber, 1 Wagenmeister als Chef der Regimentsartillerie, 1 Popen, 
1 Qerichtsschreiber und 1 Profoss; die etatsmässige Stärke und 
Zusammensetzung der Gompagnien findet sich nirgends ange* 
geben, in Wirklichkeit zählten sie: 1 Commandeur (Oberst, 
Stabsoffizier oder Oapitain), 1 Lieutenant, 1 Fähnrich, 2 bis 3 
Fünfziger (jpjatidessjatniki) oder Sergeanten, 1 Fahnenträger, 
1 Waffenaufseher (nad rushjam dosorschtschik) , 2 Deutsche und 
5 bis 6 Bussische Corporale (kaporoly)^ 2 bis 3 Deutsche und 
Russische Tamboure {nabaUschiki) und Pfeifer (sswirelschtsehiki), 
1 Compagniepodjätsche oder Schreiber und 196 bis 205 Gemeine. 
Die effective Gesammtstärke der 6 Russischen Soldatenregi-> 
menter betrug beim Beginn der Gampagne vom Jahr 1633: 

in den Regimentern W. Kit und G. Matthison 846 Chargen und 8282 Gemeine 
„ „ 4 übrigen Regimentern .... . 656 „ ,V 6283 „ ') 

1001 „ „ 9565 „ 

also im Ganzen 10,566, oder per Regiment im Durchschnitt 1761 
Köpfe. Davon waren bei der Aufhebung der Belagerung von 
Smolensk 1634 ausschliesslich 1221 Kranker nur mehr noch 3092 
Mann'), d. b. nicht ganz 30^ des ursprünglichen Bestandes übrig. 

Auch die Russischen Soldatenregimenter wurden nach Been- 
digung Jenes Feldzuges wieder nach Hause entlassen; indessen 
schritt man sehr bald wieder zu neuen Aushebungen von Soldaten, 
wie denn bereits 1639 eine solche in Ugiitsch Statt fand"). 

2) Die Russischen Soldatenregimenter der späteren 
Formationen. Dieselben hatten im Wesentlichen den Character 
jener ersten Russischen Soldatenregimenter, d, h. sie wurden unter 
Beihülfe von Ausländern, namentlich für die Offizierstellen, in ihrem 
Mannschaftsstande fast ausschliesslich aus nationalem Material 
gebildet. Da man aber, wie bereits bemerkt, in der Folge nicht 
wieder ganze Regimenter aus Fremden anwarb, so hörte der bei 
der ersten Au&tellung der Soldaten gemachte Unterschied zwischen 
Deutschen und Russischen Regimentern auf, wogegen unter dem 
Zaren Alexej Michailowitsch ein solcher zwischen angesiedelten 
und nicht angesiedelten Soldaten aufkam, von denen die letzteren 
wieder in die unter dem Ausländerprikas stehenden, und in die 
sogenannten Moskauschen Eliteregimenter zerfielen. 

a) Die angesiedelten Soldaten. Wie bereits bei den Dra- 
gonern bemerkt, ordnete der eben genannte Zar gleich im Anfange sei- 
ner Regierung auch die Colonisatiou voü Fusstruppen^) an. Dieselbe 
begann im Jahre 1649 und wurde, wie es scheint, schon im 
nächsten Jahre zum Abschluss gebracht. Diese Soldatencolo* 
nien lagen in der Gegend von Nowgorod Welikij und erstreckten 
sich längs der Schwedischen Grenze von Staraja Russa bis zur 



1) lUd. 2) Aetn d. Aith. Bzped. III. N. 246. 8) iUd. N. 287. 4) Histor. Acten 
IV. N. 89, 74. - Sapplem. i. d. hiaL Aettn HL N. 4«, 66, 67, 82, 146. 

19* 



— 292 — 

Onega. Sie zerfielen in zwei durch den Ladoga See getrennte 
Ansiedlungsrayons, von denen der eine im Bezirk von Staraja 
Russa die Ssamerschen und Staropolschen Gantons (wol^fsti) um* 
fasste, der andere aber die Transonegaschen und Lopschen Dörfer 
{jpogosty) des Bezirkes Ol onez in sich begriff, in welchem letzte- 
ren sich neben den Soldaten auch Dragoner angesiedelt befanden. 
Die Anlage dieser Golonien erfolgte, was später in dem 2. Ca- 
pitel über die Aufbringung und Ergänzung näher angegeben wer- 
den wird, wie bei den dort angesiedelten Dragonern in der Art, 
dass man an den betreffenden Orten ganze Bauemdörfer mit ihren 
sämmtlichen Einwohnern zum Soldatendienst bestimmte, und aus 
ihnen eine gewisse Anzahl angesiedelter Regimenter formirte. 

Die Organisation derselben war ganz Europäisch und analc^ 
den ersten Russischen Soldatenregimentern, von denen sie sich indes- 
sen einmal durch die grössere Bestimmtheit ihres Ergänzungsbezirks, 
dann aber auch dadurch unterschieden, dass sie ausschliesslich 
aus Musketieren^) bestanden und keine Pikeniere enthielten. Jedes 
angesiedelte Regiment zerfiel in eine gewisse Anzahl — 8 oder 
10 — Gompagnien, deren jede aus 100 Mann*), Corporate und 
Gemeine, bestand ; ausserdem hatte jede Gompagnie 1 Gommandeur 
(Stabsoffizier oder Gapitain), 1 Lieutenant, 1 Fähnrich, 1 bis 2 Ser- 
geanten, 1 Gapitaindarmes und 1 Tambour'). Der Regiments- 
stab zählte 1 Oberst, 1 Major, 1 Regimentsquartier-, 1 Wagen- 
meister, 1 bis 2 Schreiber und 1 Arzt*). Sämmtliche Offiziere, 
sowie ein Theil der Unteroffiziere und Tamboure waren, wenigstens 
anfangs, Ausländer, während die übrigen, namentlich die niedem 
Ghargen der Gorporale und der Gemeinen, Russen und aus der 
Bevölkerung der Golonien gebildet waren. Jedes Regiment hatte 
seine Fahnen, Trommeln — per Gompagnie je 1*) — und wie es 
scheint auch seine Regimentsgeschtttze, und wurde für gewöhnlich 
mit dem Namen seines Gommandeurs, bisweilen auch nach dem 
Ansiedlungsrayon, zu welchem es gehörte, bezeichnet, während die 
einzelnen Soldaten und Militaircolonisten nach den von ihnen be- 
wohnten Orten als Ssamersche, Staropolsche, Transonegasche, 
Lopsche, Olonezsche etc. benannt wurden. Später nannte man 
die angesiedelten Regimenter, im Gegensatz zu den nach ihnen 
formirten nicht angesiedelten, schlechthin alte Soldatenregimenter^. 

Die Bestimmung dieser Militaircolonien war eine doppelte, 
nämlich einmal eine locale — Deckung der nordwestlichen Grenzen 
des Russischen Reidis von Pskow bis zum Eismeer gegen Schwe- 
den — und dann eine allgemeine — Verwendung im Feldkriege 
auch auf andern Kriegstheatern — . Für den ersteren Zweck war 
auch im Frieden beständig ein Theil der angesiedelten Soldaten, 



I) Sapplem. z. d. htot Aeten. III. N. 65. 2) iUd. 3) ibM. H. 49, 65. 4) ibid. N. 49. 
5) ibid. N. 65. 6) KoMhicblm. Ueb. Buri. nt Ataz. Miok. pag. 106. 



— 293 — 

fttr gewöhnlich höchstens die Hälfte abwechselnd im Dienst^), und 
theils in den Blockhäusern und Befestigungen, welche längs jener, 
gegen 1000 Werste langen Grenze angelegt waren, im unmittel- 
baren Grenzdienste, theils in grösseren Abtheilungen in Pskow, 
Staraja Hussa, Noi^orod oder Olonez als Reserve in Bereitschaft. 
Dieser «Dienst war ein sehr angestrengter und mühsamer, da die 
Soldaten dabei oft 2, 3, 4 bis 500 und mehr Werste von ihrer 
Heimath entfernt und in ihrer sehr isolirten Stellung, namentlich 
im hohen Norden, feindlichen Anfällen und Entbehrungen aller 
Art ausgesetzt waren*). Ausser dem Dienst an der Grenze wur- 
den die Soldaten der Militaircolonien im Frieden auch noch im 
Bayon ihrer Ansiedlungen in dem Dienst ihrer Waffe geübt, und 
zwar fanden diese Exercitien anfangs täglich, später aber — 
für die Transonegaschen Soldaten seit dem 4. April 1650*) — , 
um die Mannschi^en nicht zu sehr vom Ackerbau und von ihrer 
Oeconomie abzuhalten, nur wöchentlich 1 bis 2 Tage Statt, sowie 
dann auch nicht jedes Mal alle Leute zu denselben herangezogen 
wurden. Im Kriege fanden die angesiedelten Soldaten auch zu 
Märschen und Campagnen ausserhalb des Rayons ihrer Colonien 
Verwendung, doch war filr eine solche niemals auf ihre gesammte 
Wehrkraft zu rechnen, indem für alle Fälle immer } ihrer Zahl 
zur Bewachung der Grenze und ihrer Wohnungen in den Ansied- 
lungen zurückbleiben musste^). 

Hinsichtlich der Verwaltung der colonisirten Soldaten ist 
zu bemerken, dass jeder der genannten beiden Ansiedlungsrayons 
einen eigenen Administrationsbezirk unter einem besonderen Woe- 
woden bildete, welcher dieselbe ganz und ausschliesslich auf Grund 
der ihm darüber ertheilten Instruction*) leitete. Demgemäss hatte 
dieser Woewode bei der ersten Einrichtung der Colonien die früher 
dort befindlichen Givilverwaltungschefis abzulösen und von den- 
selben alle Erlasse, alle schwebenden Geschäfte, die Schreiber-, 
Polizei- und Zahlungsbücher, die Gasse und das vorhandene Amts- 
personal an Podjätschen und Boten zu übernehmen, und darüber 
an den Zaren und das Nowgorodsche Viertel zu berichten. Ihm 
stand femer die gesammte Rechtspflege in den betreffenden Co- 
loniebezirken zu, und nicht nur alle Streitigkeiten der Soldaten 
unter einander, sondern auch die zwischen diesen und anderen 
Personen hatte er zu entscheiden, und dafür die gewöhnlichen 
Gerichtsspesen — von jedem Rubel 1 Griwna (10 g) als Steuer, 
und 7 Altyni 2 Dengi (228) Sportein und rechten Zehnten — 
einzuziehen und in einem besonderen Buch zu verzeichnen. 

Die Zahl der colonisirten Soldaten war nicht zu allen Zeiten 
gleich, scheint aber k^nenfalls sehr bedeutend gewesen zu sein. 



n Samlem. i. d. hi«t Aden. IT. N. 146. 2) ibid. 3) Hittor. Acten. TV. N. 39. 4) Ko- 
•eUflhin. ü«b. BqmI. nat Ahx. Midi. v^g. 105. 5) Bist. Actos. IV. N. 89. — Sn^plem. s. d. hist. 
Aden. m. N. 66, 67. 



— 294 — 

Bei der ersten Errichtung der Golonien iwurden in den Transr 
onegaschen und Lopschen Dörfern des Bezirkes Olonez 

2 angesiedelte Soldatenregimenter unter den Obersten A. Ha- 
milton (Gamoltow) und W. Karmichel von je 8 Üompagnien 
mit 1 reitenden Compagnie von 79 resp. 75 Pferden 
gebildet und bereits ani 18. Februar 1649 diesen Offizieren über- 
geben*). Im Jahre 1658 findet sich hier ausser diesen noch ein 

3. Regiment unter dem Obersten Th. Krafert 
erwähnt, und die Gesammtzahl der daselbst angesiedelten Soldaten 
auf 1700 angegeben, von denen 705 Mann in den Ostrogen an der 
Korelischen Grenze standen^). In dem Bezirk Staraja Ruasa 
wurde dagegen aus den Ssamerschen und Staropolschen Gantons nur 

1 angesiedeltes Soldatenregiment unter dem Halbobersten F. von 
Samen zu 10 Compagnien und 1000 Mann 
formirt*). Im Ganzen lässt sich somit die Totalzahl der ange- 
siedelten Soldaten in runder Ziffer auf höchstens 

3000 Mann 
veranschlagen. 

Wie es scheint, entsprachen diese Militaircolonien den bei 
ihrer Einrichtung gehegten Erwartungen nicht völlig. Sie lieferten 
zwar in den späteren Kriegen ein ziemlich brauchbares Material 
an Truppen von einer gewissen regelmässigen Organisation und 
Ausbildung, vermochten aber doch den allerdings ziemlich hohen 
Anforderungen, welche an sie in Bezug auf die Zahl der zu ge- 
stellenden Mannschaften gemacht wurden^), auf die Dauer nicht 
zu entsprechen. Unredlichkeiten und Ungerechtigkeiten der Ad- 
ministrationsbeamten und Offiziere kamen hinzu'), so dass diese 
Golonien mehrfach der Schauplatz sehr bedenklicher Excesse und 
Ruhestörungen geworden zu sein scheinen. Dabei verödeten sie 
theils in Folge der bedeutenden in Anspruch Nähme ihrer Leistun- 
gen, theils durch Desertionen und Auswanderungen') immer mehr, 
kurz es zeigten sich Erscheinungen, die bei ähnlichen Veranlassun- 
gen auch in einer uns näher liegenden Zeit nicht ausgeblieben 
sind. Es lässt sich nicht bestimmen, wann diese Golonien wieder 
aufgehoben wurden; zur Zeit Koschichin's, d. h. um das Jahr 1(^66, 
waren sie noch in einem ziemlich blühenden Zustande und mit 
nicht unbedeutender Wehrkraft vorhanden'), und im Jahre 1667 
erhielten sie sogar noch eine weitere Fortsetzung nach Süden, 
indem im August dieses Jahres eine Abtheilung von 4 Sergeanten, 
12 Unteroffizieren und 123 alten Soldaten aus Dünaburg und 
Ljuzin in Krassnoj (Gorod) angesiedelt wurden"). Ebenso finden 
sich im Jahre 1679 bei dem gegen die Türken und Tataren auf- 
gestellten Heer im Rasread von Nowgorod noch 1000 Ssamersche 

1) Supplem. L d. htat Acten, m. N. 4». 2) Ibid. IV. K. 14«. 8) IMd. IIL H. 65. 
4) ibid. IV. N. 146. 6) ibid. - Hi«tor. Acten. IV. N. 74. 6) Sopplem. i. d. hiiH Acten HI. 
N. 82. 7) Keeehichin. Ueb. Ba»l. mit. Alex. Micb. ptg. 105. 8) Snpplem. s. d. biet Acta. V. 

N. 85. 



— 205 — 

Soldaten erw&hnt*), wie denn auch im November 1680 die Bezirke 
der Mtgesiedelttti Soldaten dem Rasread-Prikas untergeben wurden*), 
womit wahrscheinlich ihre Aufhebung als solche ausgesprochen war. 
b) Die nicht angesiedelten Soldaten unter dem Aus- 
länderprikas. Neben den angesiedelten Soldaten wurden auch spä- 
ter noch in ähnlicher Weise, wie die ersten Russischen Soldatenregi- 
menter, für die Zwecke des Feldkrieges andere formirt, welche man 
zum Unterschied von jenen auch als die neuen Soldatenregimenter 
bezeichnete. Dieselben bildeten dann in der Art, wie dies bereits 
bei den Reitern beschrieben ist, eine regulaire Miliz, welche für 
gewöhnUch nur im Fall eines wirklichen Bedarfes zusammengezogen 
wurde, sonst aber in den Städten, denen sie zugeschrieben war, 
▼ertheilt lebte. Indessen standen diese Mannschaften doch, da sie 
nicht durch locale Dienstleistungen in Anspruch genommen waren, 
immer mehr zur Disposition der Verwaltung, und ausserdem schei- 
nen sich auch wohl einige Regimenter selbst im Frieden beständig 
im Dienst befunden zu haben. Die Organisation dieser Sol- 
datenregimenter war- ganz Europäisch, daher auch die bereits 
mehrfjBtch erwähnten Europäischen Offizierchargen bei ihnen vor- 
kamen. Sie zerfielen in Gompagnien, deren Anzahl jedoch in 
den einzelnen Regimentern und zu verschiedenen Zeiten nicht 
gleich war. Zuerst betrug sie gewöhnlich 8; später gab es Re- 
gimenter von 9, 10, 12 und mehr, aber auch solche von nur 4 
und 6 Gompagnien'). Das Offiziercorps eines Regiments bestand 
ans 1 Oberst, 1 Halboberst (polupolkotonik) oder Oberstlieutenant 
(podpdkownik), 1 Major, 1 Kegimentsquartier-, 1 Regimentswagen- 
meister und per Gompagnie aus 1 Chef, 1 Lieutenant und 1 Fähn- 
rich. Als Gompagniechefs fungirten zunächst die drei Stabsoffiziere 
für eine gleiche Anzahl von Gompagnien, während die übrigen von 
Gapitainen commandirt wurden^). Somit zählte beispielsweise das 
Offiziercorps eines Regiments von 10 Gompagnien 32 Personen*), 
und analog war es bei den- schwächeren oder stärkeren Regimen- 
tern. Bisweilen commandirte 1 Oberst auch zwei Regimenter, 
selbst von verschiedenen Waffen , so z. B. unter Alexej Michailo- 
wit«ch ein Schgtte ein Gavallerie- und ein Infanterieregiment, und 
ausserdem noch »in jedem seine Stabscompagnie^). Die Offiziere 
bestanden anfangs ausschliesslich aus Ausländern, später wurden 
aber auch Russen dazu genommen, wenngleich dies bei den Sol- 
daten viel seltener der Fall war, als bei den Reitern. Die Ge- 
meinen zerfielen in Musketiere und Pikeniere, im durchschnittlichen 
Zahlverhältniss von 2:1. Die numerische Stärke der Gompagnien 
und Regimenter war durch keine etatsmässige Festsetzung geregelt, 
daher in dieser Beziehung wenig Uebereinstimmung stattfand. 



1) B«Gher d. BanMd. II. pM. 1194. 8. Bdlage V. 9. S) Gef. Sunml. II. N. 844. 8) 8. 
Btlli«« M. 0. 4) Hirt. Acten. IV. N. 120. 5) ibid. 6) Hiip«L BeMbieib. d. Bum. KmUb. kmm, 
m- 15. 



— 296 — 

Im grossen Durchschnitt betrug die Zahl der ersteren 100 bis 
110 Mann^); doch gab es auch schwächere Compagnien von 70 
und einigen Mann*), und stärkere bis gegen 200 Mann'). Hier- 
nach yariirte die Totalstärke der Begimenter mit Rücksicht auf 
ihre verschiedene Zusammensetzung von unter 700 bis gegen 
2000 Mann^). Jedes Soldatenregiment hatte seine Fahnen , deren 
Zahl sich nach der Anzahl der Compagnien richtete, seine Trom- 
meln und seine fiegimentsartillene, deren Stärke bei den einzelnen 
Regimentern je nach ihrem numerischen Bestände verschieden war 
und gewöhnlich 6 bis 8 Stttck betrug, welche von besonders dazu 
bestimmten Artilleristen bedient wurden'). 

Was die Bezeichnung der nicht angesiedelten oder neuen 
Soldatenregimenter angeht, so erfolgte dieselbe, analog den übrigen 
regulairen Truppen, nach dem Namen ihres jedesmaligen Conunan- 
deurs, bisweilen auch nach den Städten, in denen sie lebten, wie 
z.B. als Bylskisches, Elezsches^), Koslowsches'), Wyborgsches') 
etc. Soldatenregiment. 

Die Zahl aller neuen Soldatenregimenter unter dem Auslan- 
derprikas war zu verschiedenen Zeiten ganz verschieden, ist aber 
nicht genau bekannt. Bei der ersten Formation in den Jahren 
1631 bis 1634 gab es, wie bereits gesagt, 6 im Lande aufgestellte 
Russische Soldatenregimenter*). Diesen folgten später neue For- 
mationen im grosseren Maassstabe, so dass die Zahl der Russischen 
Soldaten in beständigem Wachsen blieb. Aus Mangel an Vorar- 
beiten jeder Art und wegen ungenügender Beschaffenheit der zu- 
gänglich gewesenen Quellen, ist es nicht möglich, einen auch nur 
annähernd vollständigen Ueberblick über die allmähliche numerisdie 
Entwicklung der Russischen regulairen Infanterie j^ier Zeit zu 
geben, wesshalb hier nur einige Notizen darüber folgen, mehr als 
Beispiele, wie zur Fixirung bestimmter Entwicklungsmomente. So 
gab es bereits 1654 in der Russischen Armee wieder 

7 auf Europäischem Fuss organisirte Regimenter '°). 
von denen 1655 eins in Mogllew und fünf in dem damals neu 
eroberten Smolensk standen"). Ebaiso befanden sich im Jahre 1656 
bei der Belagerung von Riga 

7 Soldatenregimenter unter den Obersten Sickler (Sinclair?), 
Straffort, Howen, Almock, Jungmann und Staden.**) 
Im Jahre 1658 werden in Wilna 

9 Soldatenregimenter unter den Obersten D. Krafert, G.Kit, 
Th. Bailie, K. Jander, A. Hochwart, TL Daliel, W. Kuning- 
ham, Th. Falder, 0. Angler 



1) S. Bella«« N. 9. S) Htetor. Acten. IV. K. 180. 8) 8. Beili^e 9. 9. 4) IbM. 

5) Uetij&low D. ROM. Heer vor Peter d. Or. peg. SO. 6) ibid. 7) Ge>. SmuhiI. 1. N. 614. - 
Samml. d. StaatMrl. u. Yertr. lY. N. 101, 102. 8) Chmyrow. D. Artillerie «. d. Artillerielni im 
Vor-PeterMhen Bveel. Artill. Jonra. IHOd. K. 9. M. 636. 9) S. Beilage N. 7. 10) PIoCli«. 

Üeb. d. Enteteh.« d. Fort«:br. n. d. gegeaw. Verf. d. Roan. Armeen, pag. 6. 11) Aden d. Arak. 

Ezped. lY. N. 86. 12) Heawe^ew. Mater, z. tieach. d. Ingen. K. In Knaal. pag. 70. 



— 297 — 

erwähnt^), von welchen die beiden letzteren in Folge des Todes 
ihrer genannten Gommandeure an die Obersten W. Kaschkin resp. 
6. Defrom übergingen'), während die sechs ersteren in einer sum- 
marischen Stärke yon 4656 Unteroffizieren und Gemeinen, aho 
durchschnittlich per R^ment 776 Mann ausschliesslich der Offiziere, 
der gegen die Polen bestimmten Heeresabtheilung des Fürsten 
J. Dolgorukow zugetheilt wurden'). Im Jahre 1663 wurde die 
Aushebung von Soldatenregimentem auch auf Sibirien ausgedehnt 
und zu deren Formation der Oberst D. Pohiechtow nach Tobolsk 
geschickt^). In dem Yerzeichniss des Lehnsprikas vom Jahre 1672 
befanden sich zwar nur 

4710 Soldaten 
angegeben^); dagegen verordnete der Erlass vom 19. November 
1678 die Aufstellung neuer Soldatenregimenter zur Verstärkung 
der schon bestehenden, behufs Sicherung des Beichs gegen die 
Türken und Krymschen Tataren*). Dem zu Folge finden sich denn 
auch im nächsten Jahre bei dem gegen diese feindlichen Völker 
in der Ukraine auj^estellten Heere an nicht angesiedelten Soldaten 
unter dem Ausländerprikas 

8 Siddatenregim^ter 
erwähnt, welche mit einigen, nicht m Regimentern formirten Ab- 
theilungen zusammen einen Bestand von 10,795 Mann excl. der 
Offiziere hatten. Diese Regimenter vertheilten sich auf die ein- 
zelnen grossen Verwaltungsbezirke in folgender Weise: 
im Basread von Nowgorod 2169 Soldaten der früheren Wer- 
bungen; 
im Rasread von Rjäsan und im Ssewschen Regiment 1 R^iment 

aus den Städten des letzteren von 9 Gompagnien; 
nn Belgorodschen Regiment 7 Regimenter: das 1. unter dem 
Generallieutenant F. Ulf, das 2. des Obersten A. Schnitter, 
das 3. E. Crow, das 4. M. Boldwin, das 5. unter einem 
Halbobersten des Regiments S. West, und 2 Regimenter ohne 
No. der Obersten S. West von 4 und A. Rosform von 
6 Compagnien; 
endlich noch 1126 nicht in Regimentern formirte Soldaten des 
Ssewschen und des Belgorodschen Regiments^). 
In dem Bestände der 9 Corps, welche durch ein Verzeichniss 
des Zaren Feodor Alexeewitsch im letzten Jahre seines Lebens 
festgesetzt wurden, befanden sich — vermuthlich unter Hinzurech- 
nung der angesiedelten und der Moskauschen Elitesoldaten — 

38 Soldatenregimenter zu Fuss 
ang^eben, und ebenso viele sammelte die Zarewna Sofia fitr den 
Zug gegen die Krym^). 

1) Hiat ActoB. lY. K. 110, Hl, 119, 130, 136, 139. 8) ibid. N 189. 8) ibid. N. 180. 
4) Alte Bibli»tii. UL pw. 195. 5) 0«i. Sanunl. L N. 628. 8. Bdlwe N. 7. 6) Histor. Adm. 
V. N. 29. 7) Bteber d. BMiMd. II. p»g. 1194 bis U99. & Bei]i«e N. 9^ 8) Uil^ow. D. Bmb. 
H«er TW Pater d. Qr. pif. 17. 



— 298 — 

Von allen diesen Bc^mentern ttberdauerte aber keins die 
Beformen Peter's des Grossen und trat als geschlossener Trappen* 
theil in die neue, von diesem Fürsten gegründete Armee Aber, 
vielmehr gingen sie sämmtlich in dem Maasse, wie die Neufor- 
mationen desselben ihren Fortgang nahmen, mit dem Ende des 
17. Jahrhunderts ein, so dass man das Jahr 1699, welches als 
das Geburtsjahr der modernen Bussisehen Armee zu betrachten 
ist, zugleich als dasjenige ansehen kann, welches auch diese Ver- 
suche einer Begularisirung der Bassischen In&nterie auf den alten 
Grundlagen endgültig beseitigte. 

c) Die Moskauschen Elitesoldaten. Es ist nun noch im 
Besonderen von den beiden sogenannten Moskauschen Eliteregimen- 
tem der Soldatenordnung (Moskowskie wybornye polki ssaldatzhogo 
stroju) zu sprechen, nicht nur, weil sich dieselben in ihrer Stärke 
und Organisation nicht unwesentlich von den vorigen unterschieden, 
sondern auch desshalb, weil dies die beiden einzigen Begimenter 
der alten Bussischen Infanterie sind, weldie bei den Neuformationen 
Peter's des Grossen zu neuen Begimentem umgestaltet wurden, 
und die somit die schmale Brücke bilden, welche die alten Bussi* 
sehen , vor jenem Fürsten bestandenen Infanterieformationen mit 
dem trefflichen Eriegsheer verbindet, welches Bussland jetzt mit 
gerechtem Stolz das seine nennt. 

Wenngleich auch für diese Begimenter die Quellen au einer 
vollständigen Geschichte nicht ausreichen, so finden sich doch 
über sie verhältnissmässig mehr Notizen vor, als über die anderen, 
wesshalb sich von ihnen etwas ausführlicher sprechen lässt. Auch 
existiren bereits seit 1675 fortlaufende Verzeichnisse beider Begi- 
menter, die aber leider nicht zugänglich gewesen sind. Was zu- 
nächst ihre Errichtung betrifft, so ist dieselbe zwar nicht mit 
Genauigkeit festzustellen gewesen, doch lässt sich jedenfalls soviel 
mit Bestimmtheit sagen, dass beide Begimenter überhaupt zu den 
ältesten der Bussischen regulairen Infanterie vor Peter dem Grossen 
gehörten, indem sie nach Angabe der «Chronik der Bussisehen 
Armee* bereits 1642 von dem Zaren Michaile Feodorowitsch auf- 
gestdlt worden sein sollen. Auch existiren von dem 1. Elite- 
regiment bereits alte Verzeichnisse vom Jahre 1648'), wo es 
unter dem General W. Drummond oder Dromont stand. Nach 
demselben wurde es einem Bussen, dem «General der Soldaten- 
Ordnung» {genercä ssaldalzkofjo stroju) A. A. Schepelew über- 
geben, welcher os, obgleich jener erst im Jahre 1665 den Bussi- 
sehen Dienst verliess*), doch schon 1661 commandirte *). unter 
diesem nahm es in den Jahren 1675^) und 1679^) an dem Marsch 



1) Plotiio. Utb. d. Batstoh., d. r«rtMlir. «. d. gegenw. Verf. d. Bwi. AnMMi. p«g. 6. — 
lUiMtein. Hirt. pol. a. nil. Haebr. ▼. RonL pag. A56. 2) n«nmL d. StMtNrl. «. Vertr. IV. N. 89. 
8) Acten d. Anh. Exped. IV. N. 12«. 4) 0«i. 9tmm\. L N. 614. 5) BAcber d. Baaread. IL pag. 
1062. 1158. 1198. 1385 etc. 



— 299 — 

nach der Kryin Theil und wurde dann 1692 dem Admiral und 
General Franz Lefort gegeben*), der es 1697 gegen Asow*) und 
in die neue Armee überführte. Dieses Regiment führte gewöhnlich 
den Namen seines jedesmalige Gommandeurs, ausserdem hiess 
es aber noch 1. Moskausches*^), oder mit Eücksicht darauf, dass 
das andere gewöhnlich das Butyrskische genannt wurde, auch bloss 
das Moskausche oder gar nur das Eliteregiment ^). 

Das 2. Regiment stand seit seiner Errichtung im Jahre 1642^) 
zuerst unter dem Obersten Alciel, wurde aber sehr bald einem 
Russen, dem Generallieutenant M. 0. Krowkow übertragen. Dieser 
führte es 1679 gegen die Türken und Tataren <*) und behielt es 
bis zum Jahre 1682, in welchem er bei Gdegenheit des ersten 
grossen Strelzenaufstandes, an dem sein Regiment gleichfalls Theil 
genommen hatte, abgesetzt und durch R. Shdanow ersetzt wurde'). 
Im Jahre 1685 stand es unter dem Stolnik und Obersten A. Bjust 
und wurde endlich 16 1? (7195) dem General Peter Gordon über- 
geben^), unter dem es 1697 an dem Zuge gegen Asow Theil nahm*), 
und zu einem Regiment der modernen Russischen Armee umge- 
bildet wurde. Auch dieses — das 2. Moskausche Eliteregiment 
— führte den Namen seines jedesmaligen Commandeurs; ausserdem 
wurde es aber gleich von Anfang au nach einem Dorf in der 
Nähe von Moskau, in dem es seinen Sammelplatz gehabt zu haben 
scheint, das Butyrskische genannt, welchen Namen es bis zuletzt 
beibehdten hat. 

Was die Organisation dieser beiden Regimenter betrifft, 
so trugen dieselben zwar den Namen von Soldatenregimentem"), 
scheinen aber, wenigstens anfilnglich, mehr Analogie mit den 
Strelzen gehabt zu haben , mit denen sie auch eine lange 2eit 
hindurch unter der nämlichen obersten Verwaltungsbehörde, dem 
Strelzenprikas, standen"). Auch führten sie ihren besonderen 
Namen der Moskauschen Eliteregimenter desshalb, weil sie — 
wenigstens war dies später der Fall — durch aus den Moskau- 
schen Strelzen ausgewählte Mannschaften ergänzt wurden. Im 
Uebrigen war aber ihre Organisation fast ganz auf dem regulairen 
Milizfuss der anderen Infanterie- und Cavallerieregimenter der 
ausländischen Ordnung eingerichtet: Sie wurden wie diese in 
Gompagnien eingetheilt und ihre Offizierchargen waren ebenso 
die Europäischen der Obersten, Halbobcrsten oder Oberstlieute- 
nants, Majore, Gapitains, Gapitainlieutenants, Lieutenants und 
Fähnriche; auch zerfielen ihre Mannschaften, wie bei den übrigen 
mcht angesiedelten Soldaten, nach dem allgemeinen Verhältnisse 

1) Ges. Samml. IIL N. 1466. 2) ibid. N. 1566. 8) Bfteher d. Basratd. II. pag. 1181. 
4) Ges. Samml. III. N. 1716. - SaemewskU. D. Koabnchowache Manch. Milit. Samml. 1860. H. l. 
pacr. 62, 63. — 'Huckt. v.d.«rat Man. imi Petor I. Milit Jonrn. 1880. N. 1. pa«. 68, 69. 5) Chronik 
d. Bon. Armee. — Manatein. Bist pol. n. roil. Nachr. t. Rnarijiae. 555. 6) Bficher d. Baarcad. 
U. pa«. 10fi2, 1158, 1198, 1385. 7) Acten d. Areh. Ezped. TV. N. 254. 8) Oes. Samml. lU. 

H. 1711. 9) ibid. N. 156«^ 10) BOcber d. Basread. IL pag. 1(^2, 1168, 1 193, 1885 €«c. 11) ibid. 
pag. 1070, 1158, 1160. - Histor. Acten. V. N. 9. 



— 300 — 

von 2:1, in Musketiere und Pikeniere. Hinsiditlich der Zahl der 
Gompagnien bestand aber ein erheblicher Unterschied zwischen 
den Moskauschen Elite- und den übrigen Soldatenregimentem, 
indem dieselbe bei jenen gleich von Anfang an bedeutend grösser 
war, als bei diesen. Beide Regimenter wurden nämlich bereits 
bei ihrer Errichtung in einer Stärke von 52 Gompagnien ä 100 Mann 
aufgestellt'), welche Zahl später sogar bis auf 60 erhöht wurde. 
Bei einer so bedeutenden Starke der Regimenter war eine ander- 
weitige Eintheilung, als bloss in Gompagnien, für ihre administra- 
tive Leitung und taktische Führung gleichmässig nöth^. Dieselbe 
wurde dadurch hergestellt, dass man jedes derselben nach Art der 
heutigen Bataillone in grössere taktische Einheiten theilte, die man 
aber, da der Russischen Militair- Terminologie jenes Wort noch 
fremd war und überhaupt für die Bezeichnung von höheren und 
niederen taktischen Einheiten kein anderer Name als der des 
R^imentes zu Gebote stand, wieder Regimenter nannte, jedoch 
ohne Beifügung des Epithetons von Eliten. Dass eine solche 
Unterth^ung der grossen Eliteregimenter in kleinere Regimenter 
bestand, geht, wenn auch eine definitive Bestimmung darüber nicht 
nachzuweisen ist, unzweifelhaft daraus hervor, dass im Jahre 1679 
ausdrücklich von mehreren solchen Regimentern des Moskausdien 
Eliteregiments des General Schepelew die Rede ist, von denen 
das 1. unter dem Stolnik und Obersten Ss. Woeikow in Brjansk 
stand*), von wo es im May zu dem Heer nach Kiew gezogen 
wurde, während gleichzeitig ein an4eres unter dem Obersten 
J. Ssucharew erwähnt wird'). Ebenso befand sich 1689 auf dem 
Marsch gegen die rebellischen Strelzen ein Butyrskisches Re- 
giment*). 

Die Anzahl dieser kleinen Regimenter betrug in jedem Mos- 
kauschen Eliteregiment 6, wie dies aus einem Verzeichniss der 
Offiziere des Regiments A. Schepelew vom Jahre 1685 , im Spe- 
ciellen aus der dort angegebenen Zahl der Obersten — ausser 
jenem commandirenden General noch 5*) — hervorgeht, deren jedes 
aus 10 Gompagnien, darunter später l Grenadiercompagnie*), bestand. 

Die Organisation der kleinen Regimenter war ganz analog 
der der Soldatenregimenter unter dem Ausländerprikas ; ihr Offi- 
ziercorps bestand im Stabe aus 1 Obersten, der häufig ein Stolnik 
war und dann wie bei den Strelzen und Reitern auch diesen Titel 
neben dem seiner Gbarge führte, 1 Halbobersten oder Oberstiieu- 
tenant, 1 Major und per Gompagnie 1 Gommandeur (Stabsoffizier 
oder Gapitain), 1 Lieutenant und 1 Fähnrich; ausserdem noch 
1 Gapitainlieutenant für die Stabscompagnie des Obersten^). 



1) Plotho. Ueb. d. Entsteh., d. Fortschr. n. d. g«g«ikw. Verf. d. Biue. Armeen, peg. 6. ^ Mm* 
•kein. Hiet pol. «. mii. Kaehr. t. Kaeel. pag. 566. 2) BAcher d. Beerend. II. peg. 1181. 8) iUd. 
pag. 1894. 4) G«s. Samml. lY. V. 2042, 2L72. 5) iUd. III. N. 1711. 6) SeemcweVy. D. Keehn- 
ekoweobe MmmIu HiUt Sftmml. 1360. N. 1. peg. 62, 63. 7) tiee. SemmL IIL N. 1711. — Btteh« 
d. Baerced. II. peg. 1886. 



— 301 — 

Jedes Eliteregiment stand unter einem General oder Generallieute- 
nant, der gleichzeitig eins der kleinen Regimenter als dessen Oberst, 
sowie die Stabscompagnie desselben commandirte, in seinem Stabe 
aber noch 1 Quartiermeister*), 1 Wagenmeister') für die Regiments- 
artillerie, und später noch 1 Regimentsadjutanten hatte'). Jedes 
Eliteregiment führte seine Fahnen, per Compagnie 1, seine Trom- 
meln, per Compagnie 2^), und seine Regimentsgeschütze, deren 
Zahl aber erheblich grösser als bei den übrigen Soldatenregimen- 
tem war und sich z. B. 1679 bei dem Regiment des M. Krow- 
kow auf 20 bronceAe 2pfttndige Kanonen belief'); ausser den 
Trommeln hatten diese Regimenter später auch Pfeifen und Schal- 
meien (ssiposchiy). 

Die Mannschaften der Moskauschen Eliteregimenter waren 
für gewöhnlich nicht beständig bei der Fahne, sondern lebten im 
Frieden analog den übrigen Soldaten, wenn auch in einem con- 
centrirteren Rayon in verschiedenen Städten des Reiches, und zwar 
die des 1. Regiments in Moskau selbst'), die des 2. in Perm, 
Tscherdyn und Ssolikamsskoj'). Die Stäbe beider Regimenter be- 
fanden sich in Moskau und ebendort wohnten auch die Gomman- 
deure und ein Theil der Offiziere*). 

Was die numerische Stärke der Moskauschen Eliter^i- 
menter betrifft, so war der Mannschaftsstand jeder Compagnie 
auf 100*^), mithin der eines Regiments im beschränkteren Sinne 
des Wortes auf 1000 Mann") bemessen. Demnach belief sich die 
etatsmässige Gesammtstärke bei der ersten Errichtung in 

2 Regimentern k 52 Compagnien auf zusammen 10,400 Mann, 
während sie sich später auf 

2 Eliteregimenter zu 6 Regimentern ä 10 Compagnien und 
1000 Mann, also im Ganzen auf 12,000 Mann 
berechnen würde. Die wirkliche Effectiystärke, in der die Regi- 
menter ganz oder zum Theil zum Kriege oder zur anderweitigen 
Verwendung aufgeboten wurden, richtete sich nach dem Bedarf und 
den Umständen. So wurden z. B. 1679 beide Regimenter in einer 
Gesammtstärke von 206 Offizieren und 10,000 Unteroffizieren und 
Gemeinen zum Marsch nach der Polnischen Ukraine einberufen*';, 
von denen am Ende der Campagne noch 184 Offiziere und 7118 
Mann") vorhanden waren. Bei dem Strelzenaufstand von 1689 
waren zur Bekämpfung desselben auch zwei Moskausche (kleine) 
Regimenter: des Obersten Weide von 1100 und das Butyrskische 
von 1000 Mann, nach dem Troizko-Ssergiewscheu Kloster einge- 



1) Bftcher d. Banretd. II. pag. 1385. 2) Oe». Saminl. III. N. 1711. 3) Swmewskij. D. 
Koshvchowwli« Maraeh Milit. Samnl. 1860. N. 1. pa«. 62, 63. 4) Btkcher d. Baaread. II. pag. 1813. 
a Beilaga N. 11. 5) ibid. 6) 9mid«wsUJ. D. Koahvebowsebe tfaracb. tfil. Sanial. 1860. N. 1. 
pag. 68 7) Oaa. Sam«!. 111. N. 1711. 8) Acten d. Areb. Ezped. IV. N. ISfi. 9) G«8. Saaml. 
III. N. 1711. 10) Plotbo. Ceb. d. Bntateh., d. Fortacbr. a. d. g«genw. Vtirf. der Rom. Armeen, 

pag. 5. — Vaaatala. Hial poL n. miL Naebr. ▼. Bnaal. pag. 665. II) Oea. Samml. IV. N. 2M2, 
8172. — Bteber d. Baartad. IL pag. 12M. 12) BMiar d. Banaiid. U. pag. 1198. 18) iUd. pag. 
1885. 8. Bailaga N. 10. 



.- 302 — 

zogen'). An den Koshuchowschen Manövern im Jahre 1694 nah- 
men ebenfalls nur zwei kleine Regimenter Theil, und zwar vob 
dem Eliteregiment des General Lefort 1 kleine Gompagnie Gre- 
nadiere und 8*), nach anderen Angaben 5*), Compagnien der älte- 
sten und erfahrensten Soldaten dieses Regiments, mit 17 Offizieren 
unter dem Obersten G. Lima; von dem Butyrskischen Soldaten- 
regiment des General P. Gordon: 1 Grenadier- und 9 andere 
Compagnien unter dem Obersten A. Jarenew mit 2 Oberstlieute- 
nants , 2 Majoren, 9 Gapitains, 1 Adjutanten, 1 Quartiermeister, 
1 Capitainlieutenant und 19 Lieutenants*). Im Jahre 1697 end- 
lich waren beide zum Dienst g^en Asow bestimmte Moskausche 
Eliteregimenter in einer Gesammtstärke von 14,088 Mann, näm- 
lich 2000 Soldaten aus Moskau, und 12,088 Mann aus vei*schie- 
denen anderen Städten, einschliesslich 3074 Mann, die von der 
Abordnung nach Taganrog übrig blieben, einbeordert'). 

Wie bereits gesagt, wurden diese beiden Moskauschen Elite- 
regimenter bei der Formation der neuen Europäischen Armee 
durch Peter den Grossen nicht gleich den übrigen, vor ihm be- 
standenen Soldatenregimentern aufgelöst, sondern zu 2 moder- 
nen Regimentern umgestaltet, und zwar in der Art, dass man 
aus jedem derselben, wahrscheinlich durch Auswahl der besten 
Mannschaften, 1 Regiment von 10 Compagnien zu 1000 Mann bil- 
dete. Wann diese Umformung vor sich gegangen ist, hat sich mit 
Genauigkeit nicht feststellen lassen; bei den Eoshuchowschen Manö- 
vern scheint sie schon vollzogen gewesen zu sein, jedoch wohl noch 
nicht völlig und definitiv, da ja, wie oben bemerkt, noch im Jahre 
1697 die Moskauschen Eliteregimenter wieder in ihrem alten, un- 
geheuerlichen Bestände zum Dienst einberufen wurden. Man kann 
daher auch für ihre neue Gestalt das Geburtsjahr der modernen 
Russischen Armee — 1699 — als den Anfang ansehen. Wenn- 
gleich diese Regimenter somit in Folge directer Umbildung in die 
neue Organisation übergingen, so haben sie sich doch in derselben 
in ununterbrochener Gontinuität des Bestandes bis auf heute nicht 
2u behaupten vermocht*). Nachdem sie nämlich na^h vollbrach- 



*) £8 bestehen zwar auch gegenwärtig noch Kegimenter unter dem Na- 
men Moskau und Butyrsk, und zwar das 8. Moskausche Grenadierregiment 
des GroBsherzogs Friedrich von Mecklenburg, das 65. Moskausche und das 
66. Butyrskische Infanterieregiment, dieselben haben aber keinerlei Zusammen- 
hang mit den beiden ehemaligen Moskauschen Eliteregimentern, vielmehr ist 
daa erstere, sowie das mit ihm aus gleicher Qnelle stammende Pawlowscbe 
Leibgarderegiment aus einem Regiment hervorgegangen, welches 1790 aus dem 
8. Bataillon des im Jahre 1726 errichteten Tenginskischen Infanterieregiments 
ursprünglich als Musketierregiment gebildet und 1791 zum Moskauschen Gre- 
nadierregiment umbenannt wurde; w&hrend das zweite von einem unter Peter 
dem Grossen 1699 formirten Infanterieregiment dieses Namens herstammt, wel- 

1) Oe«. SMinl. lY. N. 2042, 2172. 2) Nachr. t. d. ent Uam. «nl Peter I. Mlllt. Joun. 
isao. N. l. peff. 68. S) SMmeWBkiJ. D. KeehMhowsehe Marnh. MlUi. 8«ttmL 1860. N. I. pe|f. 62, 68. 
4) ibid. pecr. 68, S. Beilnge N. 12. 6) Oea. Samml. III. N. 1566. 



ter Umgestaltung zunächst ihre bisker am meisten üblichen Namen 
Lefort und des Butyrskischen beibehalten hatten, wurde jenes 
1727 zum 1. Moskauschen Infonterie-, 1785 zum Moskauschen 
GreiAdierregiment umgetauft, unter dieser Benennung 1791 dem 
Ekaterlnoslawschen Orenadierregiment einverleibt, und nach Wie>- 
darabtrennung Ton demselben im Jahre 1792 zur Formation der 
Grenadiercompagnien verschiedeuer In&nterieregim^ter aufgetöst. 
Das alte Butyrskische Regiment hingegen bestand in unveränder- 
ter Benennung bis zum Jahre 1784, wo es mit zur Formation 
des Kubanschen Jägercorps benutzt wurde; aus diesem wurden 
1796 Aas 17. und 18. Jägerbataillon mit formht, welche 1798 zu 
Begimeniem umgebildet^ 1800 die No. 16 resp. 17 erhielten, und 
unter dem Kaiser Nikolaus dem Krementschugschen, resp. Brja)ns- 
kischen Jägerregiment einverleibt wurden. Diese Regimenter be- 
stehe noch gegenwärtig als 32. resp. 35. Manterieregimenl in 
der Rusaiachen Armee und können somit, wenn auch nicht direct, 
als aus jenem alten Butyrskischen Eliteregiment hervorgegangen, 
angesehen werden, während von dem anderen Eliteregiment, wie 
eben ge&seigt, ein gegenwärtig bestehendes Russisches Regim^t 
seine Abstammung selbst m indirecter Weise nicht mehr herzulei>« 
ten berechtigt sein mödtte. 

Alle vor PetBr dem Grossen bestandenen Sddatenregimenter 
hatten in ihrer Organisation das Gemeinsame, dass sie tticht be- 
ständig faeiaaminen waren, sondern dass ihre Offiziere und Mann^ 
Schaft^ im Frieden für gewöhnlich in den Dörfern und Gantonen 
ihrer AiuKiedlungsrayons, oder in den Städten des Verwaltungsbe- 
zirks lebten, von dem ihre Regimenter gestellt wurden. Indessen 
worden auch sie, wie dies bereits bei den Reitern näher gezeigt 
ist, itn Frieden von Zeit zu Zeit zu militairischen Uebungen 
herangezogen, für deren Leitung schon im Jahre 1647 eme Art 
Reglement unter dem Titel : «Anweisung und List der Kriegsstel^ 
lung für Fussleute» (utschenie i chitrost ratnago stroja pechoU 
H^eA Ijttdei) — beiläufig bemerkt das erste militairische Buch, 
welches in Russischer Sprache auf einer Moskauschen Druckerei 
gedruckt ist -- herausgegeben wurde. Allein ohne Rücksicht auf 
diese Anweisung, in der freilich mit wenigen Abänderungen nur 
eine Uebersetzung des Kriegsreglements Garl's V. zu erkennen 
ist'), verfiihr auch hier ziemlich jeder Oberst nach seiner erlern- 



ches ton 1727 bis 1785 die Benennung des 2. Moskauschen Regiments trug. 
Das gegenwftitig unter detn Namen des ßutyräkiachen existirende 66. Infanterie- 
rogiment der Bitseischen Armee endlioh ist erst 1796 a«s 2 im Jaäre 1784 
bei dem Orenburgschcn Corps formirten Feldmusketierbataillonen — N. 1 und 
6 — errichtet worden. 

l) OhniaAew. Betr. d. getdir. •. «wir. D0ii]ni&l«r Qb. d. Kriegak. ia Bnari. Hilil Joarn. 
I85S. N. 4. pag. 2» bis 44. 



— Sei- 
ten oder selbst erdacht» Manier und nadi eigenem Betteben, 
welches sich nicht immer, vielleicht sogar nur selten, innerhalb 
der Grenzen einer ehrenhaften Pflichterföllung erhielt; ein Um* 
stand, aus welchem im Verein mit dem losen Verbände einer miliz- 
artigen Organisation ttberhaupt, es sich allein erklaren lässt, dass die 
weise erdachten und mit Consequenz durchgefährten Verbesserungs^ 
versuche der Russischen Zaren vor Peter dem Grossen zu ein^n 
so wenig günstigen Resultat führten. 

Noch ist zum Schluss zu bemerken, dass es, wie bei den 
Moskauschen Strelzen, so auch bei den Soldaten Strafregimen- 
ter gegeben zu haben scheint, wenigstens findet sich ein Befehl 
vom April 1696'), nach d^n aus den Städten 598 Soldaten von 
den «ausgeschriebenen und schwarzen Regimentern» (wypissnye % 
tschemye poUci) zur Gompletirung der Strelzen in Astrachan und 
Terki abg^eben werden sollten. Der Name «ausgeschriebene» 
R^;imenter bezeichnete aber, wie bereits bei den Strelzai ange- 
geben ist, solche, die nach Art der modernen Straf- oder Bis- 
ciplinarregimenter aus den schlechtesten und unzuverlässigsten 
Mannschaften der andern Regimenter formirt waren, welche Be- 
deutung noch durch die Bezeichnung der «schwarzen»* verstärkt 
wird, da dieses Wort im Russischen mdir als in jeder anderen 
Sprache den Nebenbegriff des schlechten hat. 

4. Die Rnsflisohe Artillerie naoh analändiaoher Organisation. 
Die sehr erheblichen Verbesserungen, welche, wie bereits vorher 
angedeutet ist, auch die Artillerie während dieser Periode erfuhr, 
verdankte dieselbe hauptsächlich dem Einfluss ausländischer Ele* 
mente. Schon unter Michailo Feodorowitsch war es beabsichtigt, 
das Russische Artilleriewesen wieder Fremdmi anzuvertrauen'), 
noch mehr geschah dies aber unter der Regierung des Zaren Ato^ 
Michailowitsch und erwiess sich hierbei besonders der im Jahre 
1657, anfangs auf eine Dauer von drei Jahren in Russische Dienste 
beurlaubte Dänische Oberst Nikolaus Baumann thätig. Obgleich 
1663 abberufen, blieb dieser Offizier dennoch bis 1671 in Russ- 
land und erdiente sich dort den Rang eines Generalmajors, welche 
Charge damals dem jetzigen vollen General entsprach, insofern 
sie über dem GeneralUeutenant stand'). Diesem Manne verdankt 
die Russische Artillerie jener Zeit die wesentlichsten Fortschritte 
und Verbesserungen, sowohl hinsichtlich ihres Materials als auch 
ihres Personals. In letzterer Beziehung wurde auch sie analog 
den übrigen Waffen nach ausländischem Muster auf einem mehr 
militairisch-regulairen Fuss organlsirt, unter ausländische Offiziere 
gestellt und wie bei den Cavallerie- und Infanterietruppen der 
Regiments- und Compagnieverband eingeführt. Wann dies zum 



1) Hintor. AetMi. V. N. 262. 2) Glmyiow. D. ArUUcrie u. d. ArtiUerMtea im YoiwPetor- 
•chen BqmI. ArtilL Jonn. IdCfi. N. 9. iwg. 585, 586. 8) Supplcm. s. d. taist. Acten. Y. N. 28. 



— 305 — 

ersten Mal geschehen ist, lässt sich nicht genau ermitteln ; in den 
zugänglich gewesenen (gellen findet sich eine derartige Organi- 
sation des Artilleriepersonals zum ersten Mal im Jahre 1679 bei 
dem damals gegen die Türken und Tataren aufgestellten Heer er- 
wähnt, in welchem in dem Rasread von Rjäsan und dem Ssew- 
schen Regiment die Artillerie in 

1 Kanonierregiment von 12 Ck)mpagnien unter dem ausländischen 
Oberst I. Gast 
formirt war'), welcher Offizier schon seit längerer Zeit in Russi- 
schen Diensten stand und bereits 1675 das Koslowsche Infanterie- 
regiment auf dem Zuge gegen die Krym geführt hatte*). Der 
Stab dieses Regiments bestand aus 1 Oberst, 1 Oberstlieutenant 
2 Majoren, 1 Capitainlieutenant als Führer der Oberstencompag- 
nie, 1 Quartiermeister, 1 Adjutanten und 1 Wagenmeister zur 
Beaufsichtigung der Bagage und des Gepäcks. Jede der 12 Com- 
pagnien zählte 1 Compagniechef, 1 Lieutenant, 1 Fähnrich und 
durchschnittlich 105 Unteroffiziere und Kanoniere. Im Ganzen 
bestand das Regiment aus 39 Offizieren und 1261 Mann, unge- 
rechnet die Regiments- und Compagnieschreiber und die Spiel- 
leute*). Auch hier hatte sowohl der Oberst, wie jeder andere 
Stabsoffizier seine Gompagnie, so dass nur 8 Capitains vorhanden 
waren; die Stabscompagnie des ersteren wurde für gewöhnlich 
von dem beim Stabe befindlichen Capitainlieutenant geföhrt. 

Dies erste bekannte Artillerieregiment der Russischen Armee 
war übrigens so wenig ein stehendes, wie die anderen nach aus- 
ländischem Muster formirten Regimenter der Cavallerie und Infan- 
terie; vielmehr wohnten die Mannschaften desselben während des 
Friedens in den verschiedenen Städten des Landes zerstreut, wie 
sie denn z. B. 1679 aus nicht weniger als 59 Städten in Abthei- 
lungen von 1 bis 70 Mann zu dem bezeichneten Regiment emge- 
zogen werden mussten*). 

Indessen scheint auch die Artillerie bereits in jener Zeit bis- 
weilen zu Uebungen und Musterungen zusammengezogen worden 
zu sein, wie dies aus einem «Tagebuch über die vorgefallene 
Musterung der Artillerie und des Geschützschiessens», die in Ge- 
genwart des Zaren Alexej Michailowitsch und verschiedener frem- 
der Gesandten zu Moskau abgehalten wurde, hervorgeht, welches 
Buch sich in den dem Grafen A. S. üwarow gehörigen «Materia- 
lien für die Militairgeschichte des Moskauschen Reiches, gesam- 
melt von N. Lebedew», befindet*). Die zahlreichen, unter dem 
Zaren Peter veranstalteten artilleristischen Hebungen der Bom- 
bardiere etc. fallen, wie diese Truppen selbst, nicht mehr in den 



1) Bteher d. Bamad. II. ptg. 1196. 2) Qm. Suaml. I. N. 614. - Samml. d. Staataerl. n. 
Vartr. IV. N. 101, 102. 8) Bikeher d.Ra8read. II. pag.1218, 1806. S. BeUafen N. 9. 10. 4) Bftetaar 
d. Baanad. II. pag. 1805. S. Belage N. 10. 6) Obrut^chew. Batr. d. geaohr. xu gedr. Dankmller 
fib. d. Kriagak. in Bvaal. Hilit Jonm. 1858. H: 4. pag. 67. 

Briz, OvMli. d. alt. Bat«. BMrM«iari«ht. 20 



— 306 -- 

Kreis dieser Betrachtung, da dieselben schon als Anfange der 
Neuformationen dieses Fürsten, und somit als einer Geschichte der 
modernen Russischen Armee angehörend zu betrachten sind. 

5. Die ausländischen Ingenieure ')• D^ Russische Ingenieur- 
corps bestand in jener Zeit fast ausschliesslich aus Ausländem. 
Dieselben theilte man in drei Classen: die erste Classe der Stadt- 
meister {gorodowye 7na$tery), Stadtingenieure, Stadtbauer etc. 
waren die eigentlichen Baumeister; die zweite, Minenmeister 
(j>odkopnye mastery) genannt, leiteten den Bau der unterirdischen, 
namentlich der Minenarbeiten bei dem Angriff und der Verthei- 
digung und die Anlage der Festungen; und die dritte Oasse, 
Petarden- oder wie man damals das Wort corrumpirte, Pinar- 
denmeister {jpinardnye mastery)^ hatten die Sprengarbeiten, 
das Einschlagen von Thoren, Ruiniren von Brücken etc. zu bewir- 
ken. Neben jenen drei Bezeichnungen kommt aber auch schon 
der Name von Ingenieuren (hishenety) vor, wie z. B. im Jahre 
1G56 ein Holländischer Ingenieur Coucheron'), 1660 der Ingenieur- 
oberst G. Dekempin'), und 1673 der Ingenieurhalboberst oder 
Oberstlieutenant I. Palmstrunk^) in Russische Dienste genommen 
wurden. Andere bekannte Namen ausländischer Ingenieure aus 
jener Zeit sind die des Pallastmeisters I. Tidler '^); des im Octo- 
ber 1630 aus Kaiserlichen Diensten ttbergetretenen Stadtbauers 
Gh. Dalhammer*); des 1631 in Russische Dienste getretenen Hol- 
ländischen Stadtmeisters J. C. van Radenburg ^); des Deutschen 
Stadtingenieurs J. Matson oder Monsson*), welcher im Jahre 1631 
durch den Stolnik Plemjannikow angeworben, 1632 die eine Seite 
von Nowgorod Welikij befestigte; des Petardenmeisters E. Kan- 
gesser (Kannegiesser?)*), welcher schon 1633 mit vor Smolensk 
war; des HoUändischen Ingenieurs. C. Klaussen'^), der unter der 
Regierung des Zaren Michailo Feodorowitsch Terki am Kaukasus 
befestigte; des Hamburgers P. MarsseUis"), welcher sich in der 
Folge durch die mit seinen Brüdern gemeinschaftlich in Russland 
angelegten grossartigen Eisengiessereien bekannt machte; femer 
W. Scharf""), R. Martis'*), Th. Bailie"), welcher schon 1633 als 
Oberst una Commandeur eines der ersten Russischen Infanterie- 
regimenter vor Smolensk erwähnt ist; endlich die im Jahre 1673 
aus Polnischen Diensten in Russische übergetretenen Minenmeister 
N. und G. Klimow aus Candia'*^) etc. 

Unter diesen und vielen anderen ausländischen Ingenieuren 
standen dann die Russischen Ingenieure (^insiienery) mit ihren Ge- 
sellen (podmasterja)y Zeichnern (tscherteshniki) und Handwerkern, 
welche in jedem einzelnen Falle einem bestimmten ausländischen 



1) 8MweIj0W. Maler, i. GcmIi. d. Ingen. K. in Bwl. jMf. 12«. 2) ibid. pi«. 12«. Ann. 276. 
3) ibid. Anm. 272. 4) SMnml. d. 8UatMrl. n. Vmrtr. IV. N. 84. 5) 8Mw«^ew. lUter. i. 0«Kk. 
d. Ingm. K. in BumI. p^ 126. 6) Ibid. Ana. 275. 7) ibid. Anin. 274. 8) ibid. Ana. 268. 
9) ibid. Anm. 279. 10| ibid. Ann. 269. 11) ibid. (wg. 126. 12) ibid. Anm 270. 18) ibid. 
Anm. 271. 14) ibid. Anm. 278. 15) ibid. Anm. 278. 



— 307 — 

Ingenieur zugetheilt wurden. So war z. B. am 11. August 1633 
der Ingenieur J. C. van Radenburg mit der erforderlichen Zahl 
Deutscher Ingenieure, 40 Russischen Zimmerleuten und 12 Schmie- 
den zum Heer vor Smolensk*) geschickt, wo dieselben so zu sagen 
die technischen Truppen bildeten. Ebenso wurde derselbe Inge- 
nieur im Jahre 1635 mit einem Hülfspersonal von 2 Gesellen, 
1 Dolmetscher und 1 Zeichner dem Fürsten W. P. Schtscherbatoj 
beigegeben, welchem die Befestigungsarbeiten an den Linien zu 
Tula, Wenew und Koschira übertragen waren*). 

6. Die Aerzte und Apotheker. Das Medizinalwesen war zu 
jener Zeit in Bussland schon erheblich besser organisirt als früher. 
Das Sanitätspersonal bestand aus Doctoren (dochtury), Aerzten 
(lekari) und Chirurgen (kostoprawy), neben welchen sich noch 
Okulisten und Alchymisten erwähnt finden'); femer aus Apothe- 
dem (aptekary) und Eleven der Heilkunde (utscheniki lekarsshogo 
delaY), Die Aerzte und Apotheker waren meistentheils Ausländer, 
später gab es aber auch Russen in diesen Stellen, so zu Koschi- 
chin's Zeiten (um 1666) 20 Mann*^). Das ganze ärztliche und 
pharmazeutische Personal stand im Frieden und überhaupt bis es 
zur directen Verwendung kam unter dem Apothekerprikas, von 
dem es im Falle eines Krieges oder sonstigen Gebrauches nach 
Bedarf den Truppen zugetheilt wurde. Die Gesammtzahl der 
Doctoren und Aerzte im Russischen Dienst belief sich zu Eoschi- 
chin's Zeiten auf 30 Mann^). 

Die Truppen für den localen Vertheidigungsdienst. 

Ausser den bisher genannten Truppengattungen, welche alle 
zum Ausmarsch ins Feld und zu mobilen Operationen verwendet 
werden konnten, existirten schon in dieser Periode besondere Ab- 
theüungen, deren Zweck hauptsächlich in der localen Vertheidigung 
bestand, wobei sie nach Umständen durch das allgemeine Aufge- 
bot {pogölownoe opoltschenie) der städtischen und ländlichen Be- 
völkerung unterstützt wurden. Diese locale Vertheidigung fand zu 
jener Zeit in Russland hauptsächlich in doppelter Weise Statt: 
einmal durch Sicherung der von einem feindlichen Angriff bedroh- 
ten Städte und dann durch Besetzung der einen District oder 
eine Provinz deckenden Linien. 

1. Die zu dem ersteren Zweck — Besetzung nnd Verthei- 
dignng der Städte — bestimmten Mannschaften nannte man 
in der wörtlichen üebersetzung nach der heutigen Bedeutung 
der Worte die Belagerungsleute {ossadnye Ijudi) oder bloss 
die Belagerung (ossadd) der betreffenden Stadt, was also da- 



1) iUd. Aikin. 281. 3) ibid. Anin. 282. S) Hiator. Aeleii. III. N. 936. - Savplem. i. 
d. kist. Aetan. IlL K. 2. 4) Bftcher d. Raiireftd U. pag. 1117. 6) EoMhiehin. Ueb. Bm»L nnt. 
Al«x. Miflh. pig. 80. 6) ibid. 

20* 



— 308 — 

mals die dem gegenwärtigen Sprachgebrauch gerade entgegenge- 
setzte Bedeutung von Besatzungstruppen resp. Besatzung hatte. 
Diese Truppen bestanden im Allgemeinen nur aus Fussvolk und 
Artillerie, indem die wenigen Reiter, welche sich bisweilen in den 
Verzeichnissen dieser städtischen Localtruppen vorfinden, mehr zum 
Ordonnanziren als zum eigentlichen Cavalleriedienst bestimmt ge- 
wesen zu sein scheinen. 

Zu den localen hsstrappen der Städtebesatzungen gehör- 
ten zunächst, wie bereits angedeutet ist, von den Mannschaften 
der im Vorigen erwähnten Feldtruppen diejenigen, welche aus 
irgend einem Grunde den Felddienst nicht mehr oder noch nicht 
leisten konnten; also namentlich die Adligen und Bojaren- 
kinder, die sich wegen Armuth ausser Stande sahen, den diesen 
Classen eigentlich zustehenden Reiterdienst zu vergehen, oder 
die wegen zu hohen oder zu geringen Alters, in Folge von Krank- 
keit oder Wunden zum Felddienst untauglich geworden und daher, 
ohne definitiv verabschiedet zu werden, zum Stadtdienst einge- 
schrieben waren. Dieselben nannte man hiernach entlassene (pt- 
stawnye), zum Stadtdienst eingeschriebene oder Besatzungs- 
(ossadnye) Adlige und Bojarenkinder, und theilte sie in jeder 
Stadt in Centurien (ssotni) unter der Führung von so genannten 
Besatzungsgolowen {ossadvyja golowy) ein. Ferner gehörten hier- 
zu die zu alten, vom Felddienst entlassenen Strelzen und 
Kasaken, sowie die zu jungen, noch nicht zu demselben einge- 
schriebenen Kinder, Verwandten und Angehörigen derselben, dann 
die in gleichen Verhältnissen sich befindenden Ausländer, und 
ausserdem alle in der Stadt und im Gebiet derselben lebenden 
waffenfähigen Leute, die dann eben durch ein allgemeines Auf- 
gebot einberufen wurden, sowie ein feindlicher Angriff drohte. 
Zu diesem Zwecke waren in allen Städten die Bürger, Handel- 
treibenden und Handwerker zu einer Art National- oder Com- 
munalgarde organisirt und bereits im Frieden in gewisse Ab- 
theilungen — Centurien, Halbcenturien oder Sloboden — eingetheilt. 
So gab es in Moskau 1 Handels- (gostinnaja) und 1 Tuch- 
(ssukonnaja) Centurie von zusammen etwa 200 Mann*); 9 schwarze 
(tschomye) oder steuerpflichtige {tjaglye) Centurien, welche grosse- 
sten Theils nach den Thoren — die Arbatzkische, Dmitrowsche, 
Mjasnitschsche, Nowgorodsche, Ordynsche, Pokrowsche, Stretensche, 
Tschertolsche und Ustjugsche — benannt, in verschiedener Stärke 
zusammen gegen 1100 Mann stellen konnten*); 3 schwarze Halb- 
centurien — die Koshewnizsche, Mjasnitschsche und Ustjugsche — 
von je 70 bis 100 Mann, mit einer Gesammtstärke von etwa 



I) Bfteher d. Basmd T. VHS. 199 VI« 205, 506 bis 619, 666 bis 576; IL ««. 517 bis 587. — 
K«iehiehiii. üeb. Bnssl. «nt. Alex. Mich. p«^. 111. 2) Bflcher d. RMKad T. ptc. 199 bi« 206 

506 bia 619, 566 bis 576; U. pa«. 517 bis 527. - Sunml. d. Stwtssrl. b. Ysrtr. m. N. 118, 129. ' 



— 309 — 

250 Mann*); und endlich eine wechselnde Zahl — im Jahre 1633 
gab es z. B. 40*) — von schwarzen Sloboden, die in verschiede- 
ner Stärke immerhin 3500 bis 4000 Mann stellen konnten, so 
dass sich die Totalzahl der Moskauschen Bürgerwehr auf etwa 
4 bis 5000 Mann beziffern möchte. Dem analog waren auch in 
den andern Städten die in den Possaden oder Vorstädten 
wohnenden Leute ebenfalls in Sloboden eingetheilt'). Alle diese 
Mannschaften zerfielen in dreiClassen: die 1., grosse oder beste, 
die 2. oder mittlere, und die 3., kleine oder geringe; sie standen 
theils unter der Anfahrung angesehener Bürger und Handelsherren 
(gosti), theils waren ihnen Besatzungsgolowen oder Bojarenkinder 
vorgesetzt. 

Zu dem Landsturm des städtischen Gebiets gehörten alle 
Bauern, Dienstleute, Ministerialen etc. von sämmtlichen geistlichen 
und weltlichen Chargen und von den Klöstern, ja selbst die 
Kirchensänger {petvzy) und Küster (pmamari) waren von dieser 
Dienstpflicht nicht ausgeschlossen. Endlich wurden in Moskau im 
Nothfall noch die Hofleute, Stallknechte, Jäger, Hundewärter, Pi- 
queure und Falkoniere des Zarischen Jagdpersonals zur Ver- 
theidigung der Stadt herangezogen^), sowie auch bisweilen aus 
den zahlreichen Po djät sehen oder Canzelisten der Yerwaltungs- 
prikase besondere Centurien formirt*). 

Hinsichtlich der zur Vertheidigung der Städte besimmten 
ArdUerieMaiDMliafitoii ist etwas Besonderes nicht mehr zu sagen; 
es gehörten dazu eben alle derartigen Leute in der Stadt, 
welche zu Feldoperationen nicht abcommandirt waren. Dieselben 
zerfielen in dieselben Classen, wie sie bereits früher angegeben 
sind; von denselben machten die Kaxioiiiere (jmschkari) und Wall- 
artilleristen (satinschtschiki) die eigentliche Bedienung der Ge- 
schütze aus, während die Thorwächter (worotniki) und Wachen 
(storosht) den artilleristischen Wachtdienst versahen, die Zimmer- 
leute und Schmiede endlich die nöthigen Arbeiten und Ausbesse- 
rungen auszuführen hatten. Ausserdem gab es noch vereidigte 
Aufseher bei den Blei- und Pulverdepots (zelowdlniki seleinyja i 
sswimowyja kasnyY). 

In jeder Stadt wurden bei den Woewoden derselben genaue 
Verzeichnisse über die Leute gefuhrt, welche zu ihrer Besatzung 
gehörten. War bei Gelegenheit eines Krieges ein Ausmarsch von zu 
Feldoperationen bestimmten Truppen nöthig, so mussten immer so 
viele Strelzen, Kasaken, Tataren, Ausländer etc. in der Stadt zu- 
rückbleiben, «um im Fall einer Belagerung sicher und unbesorgt 
sein zu können». Alle diese Mannschaften wurden dann von den 
Stadtwoewoden bereits im Voraus nach den Thoren, Thürmen, 



1) ibid. 2) Bftelier d. Btsraftd. II. pag. 517 bii 527. 8) KMchichin. V0I». RvmI. a&t 
Alex. Vieh. pa«. lll. 4) Bteh« d. Rasread. I. jm. 505 bi« 619. 5) iUd. L pag. IM; II. paff. 
1270.') 6) 8«iweljew. Mater, x. OMch. d. Ingen. K. in Boatl. pag. 198, Ana. 259. 



— 310 — 

Blockhäusern und sonstigen Befestigungswerken mit Rücksicht auf 
die Zahl der vorhandenen Scharten — wobei man in dem unteren 
{nishnijy podoschtvennyj) und mittleren Geschoss (sserednij bqf) auf 
jede, in dem oberen «zwischen den Zinnen» (w werchnem bqju 
. fiiesh suhzow) aber nur auf je 2 Scharten 1 Mann excl. der Re- 
serve rechnete*) — , oder auf die Länge ihrer Umfassungsmauern 
— z. B. 1 Mann auf je 1, 2, 3 oder 4 Ssashenen derselben ohne 
die Roserve*) — eingetheilt und Jedem der Platz angewiesen, den 
er für den Fall eines Angriffs einzunehmen hatte. 

2. Zur Besatzung und Verthei^gung der Linien, welche ein- 
zelne, namentlich die südlichen und südöstlichen Grenzen deckten, 
wurde der Landsturm von den benachbarten Dörfern und Kreisen, 
gewöhnlich in einem Umkreis von 25 Wersten*), aufgeboten. Mit 
Rücksicht darauf, dass ein grosser Theil dieser Linien aus Ver- 
hauen bestand, nannte man diese Mannschaften Verhauleute 
{sassetschnye Ijudi). Einen besonderen Theil derselben bildeten 
die Verhauwachen (sassetschnyja storoshi\ welche beständig Tag 
und Nacht bei den Verbauen auf Wache waren und beim An- 
rücken des Feindes durch Feuer- oder Rauchsignale den Allarm 
gaben. Diese Mannschaften standen unter besonderen Verhaugo- 
lowen {sassetschnyja golowy) und Amtleuten (pristawy), welche 
in Gemeinschaft mit den Verhauaufsehern {sassetschnye dosor- 
schtschiki) gleichzeitig die Beaufsichtigung und Instandhaltung der 
Linien zu besorgen hatten, wozu unter anderen auch die Bewachung 
der so genannten verbotenen (zapowednye) oder Verhauwälder 
gehörte, welche, da sie einem feindlichen Anmarsch sehr hinder- 
lich waren, nicht gefällt oder gelichtet werden durften*). Ebenso 
wenig durften Wege durch dieselben gebahnt oder durch die Ver- 
haue geführt werden, vielmehr waren nur die dringend nothwen- 
digen Communicationen gestattet und durch Thore geschlossen, 
an denen sich besondere Woewoden «zur Benachrichtigung» (jpo 
westjam) befanden*). 

In späterer Zeit, bereits unter dem Zaren Alexej, wurde die 
weitere Existenz eines Theils dieser Linien durch den Uebertritt 
der Kleinrussischen und die Ansiedlung der Tscherkassisch-Slo- 
bodischcn Kasaken unnöthig, indem diese nunmehr in Gemein- 
schaft mit dem sogenannten Wachcorps (storoshewoe woissko)^ 
die Sicherung der südlichen Grenzen übernahmen. Sie wurden 
dabei durch die ziemlich in derselben Zeit in der Ukraine auf den 
Heerstrassen und an der Linie angesiedelten Dragoner unterstützt, 
während die Schwedische Grenze in ähnlicher Weise durch colo- 
nisirte Dragoner und Soldaten, die Polnische aber durch neu ge- 
bildete Kasakenregimenter geschützt wurde. Daneben blieb aber 



1) Btteher d. RMmd. I. pa« 609 bis 519. 2) iUd. n. pa^. 518 bte 526. S) SsawelJew. 
- 0«wh. d. Ingen. K. in Bwal. png. 28. Anm. 6P - - - - - - 

W(>lj«ir. M»tfr. ^ QphA. d, Ing^n. K. in BqmI. yng. 85. 



Unter. X. 0«wh. d. Ingen. K. in Bwal. png. 28. Anm. 68. 4) Gm. Snmnl. IL N. 7S8. 5) J 

•' - ^ ■ • in Buil. 



— 311 — 

für einen Theil der Linien noch die alte Art der Sicherung durch 
die Wachen (siorosJn) und den nach den Feuerstellen ausgehobe- 
nen Landsturm {pody^nownye Ijudi) der nahen Dörfer und Ort- 
schaften bestehen'). 

B. Die Organisation und Zusammensetzung der Heere. 

Auch in der Organisation und Zusammensetzung der Heere 
lassen sich in dieser Periode drei Momente unterscheiden. In dem 
ersten, welcher den Anfang derselben bis etwa zum Jahre 1633 
in sich begreift, blieben diese wie jene fast ganz auf den alten 
nationalen Grundlagen, wie sie bereits in der vorigen Periode ge- 
schildert sind, bestehen ; in dem zweiten Moment, die spätere Zeit 
bis zu dem ersten selbstständigen Eingreifen Peter's des Grossen, 
etwa bis 1689, umfassend, nahm mit der Einführung und allmäh- 
ligen Entwickelung ausländischer Elemente in dem Bestände und 
der Zusammensetzung der Truppen auch die Heeresorganisation 
eine andere, mehr Europäisch -abendländische Form an; und in 
dem dritten Moment, welcher die ersten Jahre der Selbstthätig- 
keit Petcr'sl. bis etwa zum Schluss des 17. Jahrhunderts in sich 
begreift, wurde der Versuch gemacht, die alten Russischen Ein- 
richtungen im Wege friedlicher Umgestaltung ganz in diese neue 
Form überzuführen. 

1. Im Anfang dieser Periode unterschied sich die Heeres- 
organisation, wie bereits gesagt, nicht wesentlich von der früher 
dargestellten. Sollte also die Aufstellung eines grossen Heeres 
erfolgen, so wurde dies im Allgemeinen ganz in derselben Art zu- 
sammengesetzt und gegliedert wie bisher, d. h. es erhielt seine Ein- 
theilung in 5 bis 7 grosse Abtheilungen oder Regimenter (jpolki) 
nach Art der heutigen Corps, welche ebenfalls die früheren Be- 
nennungen führten. Es hiessen also die fünf gewöhnlich vorkom- 
menden Heeresabtheilungen : 
das grosse Regiment {bolschoj polk) oder das Gros, 
das vordere Regiment (peredowoj polk) oder die Avantgarde, 
das Regiment der rechten Hand (polk prawoj rtdci) oder der 

rechte Flügel, 
(las Regiment der linken Hand (polk lewoj ruki) oder der linke 

Flügel, 
d9syf3ßhregment(storoshetvoj polk), die Arrieregarde oder Reserve. 

Zu diesen 5 Regimentern trat dann bisweilen noch: 

das Avertissementsregiment (jartaulnyj polk) oder bloss das 

Avertissement (jartauC), welches als eine besondere leichte 

Abtheilung noch vor der Avantgarde marschirte, nach Art 

des verlorenen Haufens im westlichen Europa, 

und endlich, falls der Zar selbst am Marsche Theil nahm, noch: 

1) iUd. pag. 34, 35. 



— 312 — 

das Herrscher- oder Herrenregiment (gossudareto polk\ d. h. 
nach modemer Bezeichnung das Gardecorps. 
Diese vollstHndige Organisation kam aber im Laufe dieser 
Periode faktisch nicht mehr vor, und auch die Eintheilung in 5 Re- 
gimenter scheint zum letzten Male 1629 auf dem Zuge gegen die 
Krym angewendet worden zu sein'). An Stelle dessen wurden 
dann die Armeen gewöhnlich nur in drei Hauptabtheilungen : Gros, 
Avantgarde und Arrieregarde oder Reserve eingetheilt,. welche wie 
früher die Namen des grossen, des vorderen und des Wachregi- 
ments führten. Dem entsprechend waren z. B. die alUikrlich iir 
Abwehr der Einfälle der TatareD in der Ukraine anfgestellten Tnppen 
anfangs in 3 Regimentern*): 

das grosse Regiment in Tula, 

das vordere Regiment in Mzensk, seit 1619 in Dedilow"), 

das Wachregiment in Nowossil, seit 1619 in Kropiwna*), 
organisirt. Ausserdem befanden sich bereits seit 1616*) noch in 
einigen anderen Städten kleinere Truppenabtheilungen, die zu dem 
oben genanten Heere gehörten und gleichsam kleinere Detache- 
ments desselben bildeten. Diese Orte waren nicht alle Jahre die- 
selben, 1616 fanden sich solche Abtheilungen in Resan, Michailow, 
Pronsk, Sarasskoj, Rjasskoj, Donkow, Schatzkoj*); 1619 aber in 
Pereslawl-Resanskoj, Michailow, Pronsk und Mzensk^. In dieser 
Art blieb es dann in den nächsten Jahren, nur dass bisweilen 
statt des letzteren Nowossil belegt gewesen zu sein scheint. Im 
Jahre 1623 kam zu den obigen drei Regimentern noch ein viertes, 
das sich früher nie erwähnt findet, indem nämlich seit dem ge- 
nannten Jahre die in Mzensk befindliche Abtheilung mit dem Na- 
men des hinzugekommenen Regiments (pribyloj polk) bezeichnet 
wird'). Somit war also seit 1623 dieses zur Sicherung der süd- 
lichen Reichsgrenzen aufgestellte Heer aus 4 Regimentern, näm- 
lich aus: 

dem grossen Regiment in Tula, 

dem vorderen Regiment in Dedilow, 

dem Wachregiment in Kropiwna, 

dem hinzugekommenen Regiment in Mzensk, und 

3 besonderen Abtheilungen in Pereslawl-Resanskoj, Michailow 
und Pronsk 
zusammengesetzt. Jedes dieser Regimenter und jede Abtheilung 
stand in der früheren Art unter zwei Wocwoden, einem grossen 
und einem kleinen. Uebrigens waren diese Truppen nur im 
Sommer zusammengezogen und wurden während des Winters wie- 
der entlassen, so dass die Bildung der Regimenter und Abthei- 
lungen alle Frühjahre von Neuem erfolgen musste, wie denn auch 

n Oolizjn. Goch. d. Oeneralstabn. Milit Jonrn. 1857. N. 3. pag. 4R. — B«IJmw. VeK d. 
Kav. Heer vnt. Mich. Feod. b. x. d. Ref. Pek d. Gr. pag. 105. Anm. 216. 2) Bftcber d. BatimL 
L p«f . 86, 36. 119 etc. 3) ibid. pttg. 620. 4) ibid. pag. 621. 5) ibid. pag. 120 baa 121. 

6) ibid. 7) ibid. pag. 621. 8) ibid. pag. 886. 



— 313 — 

in jedem Jahre neue Woewoden für sie bestimmt wurden. Da 
aber das Ganze mehr den Gharacter einer Präventivmaassregel 
hatte , so waren auch während des Sommers für gewöhnlich nicht 
alle, zur Abwehr eines wirkUchen Einfalls der Tataren erforder- 
lichen, und dafür zu den Begimentern bestimmten Mannschaften 
bei denselben präsent; vielmehr war die Einrichtung so getrof- 
fen, dass «bei kleinen Nachrichten» (po menschim westem) d. h. 
bei geringer. Gefahr oder in den gewöhnlichen Fällen, nur die 
Hälfte der designirten Truppen und bei jedem Regiment ein 
Woewoda anwesend sein mussten. Hierbei wechselten sich dann 
die aus den Ukraineschen Städten gezogenen Bojarenkinder und 
sonstigen Mannschaften während der Dauer einer Campagne in 
der Art ab, dass die eine Hälfte von dem Einberufungstermin bis 
zum 1. July, die andere von da bis zum 1. October oder «bis zu 
den Schneen» oder «Frösten» (do ssnegow, morosow)^ d. h. bis 
zum Einbruch des Winters, zu dienen hatte. Die Bojarenkinder 
der Transmoskauschen Städte lössten sich dagegen alljährlich 
ab, so dass jede Hälfte eine ganze Campagne hindurch im Dienst 
war, in der nächsten aber Ruhe hatte. Trat besondere Gefahr 
ein, so erfolgte «bei grossen Nachrichten» (jpo bolchim westem) 
oder beim Allarm die sofortige Einbeorderung der augenblicklich 
nicht im Dienst befindlichen Hälfte der Truppen zum Heer nach 
der Ukraine. War mit dem 1. October die Campagne noch nicht 
beendet, d. h. der Winter noch nicht eingebrochen, so wurden manch- 
mal auch noch besondere Truppen einberufen, die dann mit Ab- 
lösungen in bestimmten Abtheilungen, welche alle 14 Tage wechsel- 
ten, bis zum Eintritt von Schnee- oder Frostwetter dienten. Die- 
selben standen gewöhnlich unter den jüngeren Woewoden des 
Jahres, während die älteren den Sommer über das Commando 
fahrten. 

Die Organisation und Zusammensetzung der einzel- 
nen Regimenter dieses Heeres betreffend ist zu bemerken, 
dass jedes derselben in drei bis vier Abtheilungen, den modernen 
Divisionen vergleichbar, zerfiel, welche in sich wieder aus kleine- 
ren Unterabtheilungen bestanden, in denen die verschiedenen Trup- 
pen in der Weise organisirt waren, wie dies bereits früher ange- 
deutet ist. Die 1. Hauptabtheilung (Division) der Regimenter 
(Coi-ps) bestand nämlich gewöhnlich aus den ausgesuchten Stadt- 
adligen, formirt in zwei Eliteabtheilungen (Regimentern), von denen 
die eine aus den Adligen der Ukraineschen, die andere aus denen 
der Transmoskauschen Städte gebildet war; femer aus einem 
Theil der Hof- und Stadtadligen und Bojarenkinder, ebenso in 
zwei Unterabtheilungen nach den zusammen gehörigen Städten ge- 
theilt; und endlich aus den Ausländern verschiedener Art. Die 
2. Hauptabtheilung bestand aus dem Rest der dem Regiment 
zugetheilten Hof- und Stadtbojarenkinder, ebenfalls wie oben in 



— 314 — 

zwei Unterabtheilungen. Während so diese beiden ersten Haupt- 
abtheilungen ausschliesslich aus Gavallerie bestanden, war die 3. 
aus gemischten Waffen gebildet, indem sie die Strelzen, Tscher- 
kassen, Stadt- und anderen Kasaken zu Pferde und zu Fuss ent- 
hielt. Die 4. Hauptabtheilung endlich war aus den Besatzuugs- 
truppen der Stadt, in der das Regiment seinen Sammelplatz hatte, 
gebildet, gehörte aber nur in so fem und so lange zu demselben, 
als es diese Stadt nicht verliess. Geschah dies, zu Feldoperationen 
ausrückend, aber, so gingen nur die drei ersten Hauptabtheilungen 
als mobile Truppen mit, während die vierte in jenem Ort zur 
speciellen Vertheidigung desselben zurückblieb. Die Artillerie 
war bei diesem Heere bei den einzelnen ünterabtheilungen der 
Regimenter so vertheilt, wie dies bereits bei der Organisation der 
verschiedenen Truppen angegeben ist. 

Aehnlich wie diese Heere waren überhaupt alle Russischen 
Armeen im Anfang dieser Periode zusammengesetzt, weshalb in 
der Beilage N. 3 eine spezielle Zusammensetzung der Truppen 
des Ukraineschen Rasread — diesen Namen führte jedes zu einem 
bestimmten Zweck aufgestellte Heer hinsichtlich seiner Operationen 
als besondere Truppenabtheilung mit Bezug auf ihr Operations- 
object, so dass z. B. ein vor Smolensk operirendes abgesondertes 
Truppencorps ebenso mit dem Namen des Smolenskischen Rasread 
etc. bezeichnet wurde*) — vom Jahre 1625 als Muster einer sol- 
chen Organisation gegeben ist. 

Die Aufnahme ausländischer Elemente in grösserer Zahl und 
regelmässigerer Form seit dem Jahre 1631 brachte anfangs in der 
Organisation der Russischen Heere keine wesentlichen Aenderungen 
hervor ; man fügte diese neuen Truppen in den Regimentern oder 
Corps da ein, wo die früheren ausländischen Truppen gestanden 
hatten und auch eine Weile noch standen. Dagegen findet sich 
in dem tasslMh - Pdrischeii biege tm Ittl Ut MS4 die alte 
Eintheilung des Heeres in Abtheilungen, die nach ihrer takti- 
schen Bestimmung oder ihrem Platz im Heerverbande benannt 
wurden, nicht mehr vor, vielmehr operirten von den vier gegen 
Polen aufgestellten Corps unter dem Bojaren M. Schein vor Smo- 
lensk, unter dem Fürsten S. Prosorowskij in Rshew Wolodimirow, 
unter dem Stolnik B. Nagoj in Kaluga und unter Eropkin in Sse- 
wersk das letztere ziemlich unabhängig, während die drei andern 
zusammen unter dem Oberbefehl von Schein standen, ohne indes- 
sen gerade eine einzige Armee zu bilden. Von diesen Abtheilun- 
gen, die einfach nach dem Namen ihrer Woewoden und nach ihrem 
Sammelplatz bezeichnet wurden, bestand die 1. aus Cavallerie und 
Infanterie gemischt, und zwar war die erstere gebildet aus 3 Ab- 
theilungen Stadtadliger und Bojarenkinder, 1 Abtheilung Knäsen, 

1} BelJMw. Ueb. d, BvM. Heer vnter Mich. Feod. b. t. d. Fff. Prt. d. Or. jmg. fUi, 9«. 



— 315 — 

Mursen UBd Tataren, aus 2 Abtheilungen Stadt-, 1 Abtheilung 
Donscher und 1 Jaikscher Easaken, aus 1 regulairen Reiterregi- 
ment und einigen früheren Ausländern, während die Infanterie 
aus 4 Deutschen und 6 Russischen Soldatenregimentem, 4 Gom- 
pagnien Polen und Litthauern und 2 Moskauschen Strelzenprika- 
sen bestand. Die beiden andern Abtheilungen waren erheblich 
schwächer und bestanden fast ganz aus Cavallerie — Stadtadligen 
und Bojarenkindem, Neugetauften und Tataren und Kasaken — , 
neben welcher nur bei der 3. noch 100 Strelzen zu Fuss waren. 
Bei dem Heere befand sich ein Artilleriepark von 7 Mörsern und 
151 Rohrgeschützen, welcher ausser der dazu gehörigen Munition 
auch einen Vorrath von Waffen, sowie eine bedeutende Menge 
Schanzzeug für die Bclagerungsarbeiten mit sich führte. Als be- 
sonders interessant ist noch bei diesem Heer zu erwähnen, dass 
sich hier zum ersten Male die Einrichtung von Verpflegungsbe- 
hörden findet, namentlich waren die Geldangelegenheiten und das 
Proviantwesen des Heeres bereits unter eigene Chefs gestellt. 
Die Beilage N. 5. giebt die specielle Zusammensetzung der drei 
Regimenter vor Smolensk. 

Wenngleich nun bei diesem Heer die alte nationale Einthei- 
lung in nach ihrem Platz in der ordre de bataille benannte Re- 
gimenter nicht Statt hatte, so war diese doch noch nicht beseitigt, 
wie dies unter Anderem daraus hervorgeht, dass z. B. im Jahre 
1654 noch Fahnen für die Artillerie des grossen, fttr das Wach- 
und das Avertissementsregiment angefertigt wurden'). 

2. In späterer Zeit, als in den Truppen das regulaire Ele- 
ment immer mehr anwuchs, nahm auch die Organisation der 
Heere immer mehr die abendländischen Formen an, ja man kam 
— was als ein Vorsprung, den das Russische Kriegswesen jener 
Zeit vor allen andern hatte, anzusehen und zu erwähnen ist — 
dann sogar so weit, der Verwaltung des Landes im Frieden be- 
reits die Heeresorganisation und Eintheilung im Kriege zu Grunde 
zu legen. Dies geschah dadurch, dass man, wie es später noch 
genauer angegeben werden wird, das ganze Land bleibend in ge- 
wisse Administrationsbezirke eintheilte, von denen jeder unter 
einer Centralverwaltung stehend, alle die Städte umfasste, deren 
Mannschaften im Kriege zur Bildung einer der grossen Heeres- 
abtheilungen (Corps) bestimmt waren. Diese militairischen Ter- 
ritorialabtheilungen, die sich mit den modernen Landesgeneral- 
commandos oder Militairkreisen vergleichen lassen, nannte man 
theils wie früher Regimenter {polki), theils Rasreade {rosrjady), 
unter welchen Namen man also gleichzeitig die einzelnen Verwal- 
tungsbezirke der Landeseintheilung im Frieden und die von ihnen 
gestellten Hauptabtheilungen oder Corps der Heeresorganisation 



1) Wiskowaiow. Otfiehichtl. BcKhrtib. 4. Bekl. «. BemAi. d. Bon. Trapp« I, 



— 316 — 

im Kriege bezeichnete. £s ist nicht bekannt, von wann diese Ein- 
richtung datirt, im Jahre 16?} (7187) existirte sie bereits in völlig 
abgeschlossener Weise und gab es damals von solchen Abtheilun* 
gen 7 Regimenter oder Rasreade, nämlich: 

das grosse Regiment (bolschij polk), 

das Ssewsche Regiment (Ssewskij polk), 

das Belgorodsche Regiment {Belgorozkij polk\ 

das Nowgorodsche Regiment oder Rasread (Nowgoroekij polk 
rosrjad\ 

der Tulasche Rasread (Tulskij rosrjad). 

der Kasansche Rasread (Kasanskij rosrjad), 

der Resansche Rasread {Resanskij rosrjad)^) 
Dem analog war auch die Eintheilung des in jenen Jahren 
gegen die Türken und Tataren zusammengezogenen Heeres geord- 
net, wesshalb eine nähere Betrachtung der Organisation desselben 
als Gegenstück zu den beiden oben beschriebenen von Interesse 
sein möchte. Aus sechs der oben genannten Laudesabtheilungen 
gebildet, zerfiel dieses Heer ausser einigen kleinen Abtheilungen 
seinem Hauptbestandtheil nach in fünf Corps, nämlich: 

das grosse Regiment, 

der Nowgorodsche Rasread, 

der Kasansche Rasread, 

der Rjäsansche Rasread und das Ssewsche Regiment, 

das Belgorodsche Regiment. 
Jedes dieser 5 Corps war aus 2 bis 3 Abtheilungen, den 
modernen Divisionen entsprechend, gebildet, welche aus Infanterie 
und Cavallerie bestanden; nur die Truppen des Nowgorodschen 
Rasreades waren in einer Abtheilung organisirt. In den einzelnen 
gemischten Abtheilungen oder Divisionen, wenn man sie so nennen 
will, war die Cavallerie von der Infanterie getrennt, und bei jeder 
Waffe wieder die einzelnen Gattungen derselben von einander ge- 
sondert, und in der bereits früher beschriebenen Art in Unterab- 
theilungen — Regimenter oder Centurien — organisirt, welche 
ohne eine weitere commandirende Zwischenbehörde direct unter 
dem Woewoden der Abtheilung (Division) standen. So gab es bei 
der Cavallerie eine Abtheilung von Stadtadligen und Bojarenkindem, 
die beide in sich wie früher in Centurien eingetheilt waren, eine 
Abtheilung von Mursen und Tataren ebenso oi^anisirt, eine Ab- 
theilung von Truppen des Ausländerprikases, aus den regulairen 
Pikenier-, Reiter- und Dragonerregimentern gebildet, und nach Be- 
finden noch eine oder einige Abtheilungen Kasaken, während die 
Infanterie des Heeres ausschliesslich aus Strelzen und Soldaten 
bestand, die in der bereits früher geschilderten Weise in Prikasen 
resp. Regimentern etc. organisirt waren. Die 1. Abtheilung jedes 

1) Bftehcr d. RMrcftd. IL pag. 104« wid folfr. 



— 317 — 

Corps, die unter dem speciellen Befehl des ältesten, dasselbe com- 
mandirenden Woewoden stand , war immer die stärkste und ent- 
hielt ausser den oben erwähnten Elementen noch eine Abtheilung 
von Leuten der Moskauschen Chargen in Art einer Corpselite 
als Leibgarde des Woewoden; bei dem grossen Begiment waren 
ihr überdiess noch die Schljachtas und Reiter des Smolenskischen 
Regiments zugetheilt. Die übrigen mehr unregelmässigen Trup- 
pen der damaligen Russischen Armee waren, wo sie gerade am 
besten hinein passten, zwischen die anderen Formationen einge- 
schoben'). Jedes Corps hatte seinen besonderen Artilleriepark, 
und zwar waren die leichteren Feld- oder Regimentsgeschtttze un- 
mittelbar bei den Truppen — Strelzen, Soldaten- und Dragoner- 
regimentem — eingetheilt, während die schwereren Geschütze in 
Erfüllung des doppelten Zweckes einer Corps-Artilleriereserve und 
eines Belagerungsparks in jedem Corps einen Park für sich bilde- 
ten. Zur Bedienung dieser Geschütze war ein, bei der 1. Abtheilung 
des Rjäsanschen Rasreades und Ssewschen Regimentes eingetheiltes 
Artillerieregiment bestimmt. Ausser den Geschützen wurden in 
den Artillerieparks noch Kriegsbedürfnisse aller Art an Munition, 
Feuerwerkskörpem, Materialien, Vorrathssachen, Handwerkszeug, 
sowie auch ein Vorrath von Waffen mitgefbhrt; ebenso befanden 
sich in denselben für den Angriff von Festungen, für Minen- und 
andere Belagerungsarbeiten die nöthigen Yorräthe an Spaten, 
Hacken, Beilen und sonstigen Arbeitsgeräthen '). Auch hatte jedes 
Regiment und jeder Rasread seine Kriegscasse. seine völlig einge- 
richtete Canzelei mit allen Vorräthen und Bedürfoissen versehen, 
seine Feldapotheke mit allen Geräthen und Medicamenten der da- 
maligen Arzeneiwissenschaft und seine Feldkirche, wovon bei der 
Organisation der Verwaltung und Truppencommandos noch näher 
zu sprechen sein wird. Endlich war auch das Marketender- 
wesen bereits in einer gewissen Weise geregelt, indem jedem 
Heere, ausser den Mannschaften seines Combattantenstandes, noch 
aus Moskau und anderen Städten eine gewisse Anzahl von Non- 
combattanten als Bäcker, Pastetenbäcker, Fleischer, Kwassma- 
cher etc., ftlr jedes Corps etwa 50 bis 70 Mann, zugetheilt wur- 
den. Dieselben erhielten kein Gehalt, sondern lebten von dem 
Verkauf ihrer Waaren, die sie entweder aus Moskau mitbrachten, 
im Felde aufkauften oder auch wohl umsonst erhielten, wobei die 
Preise so regulirt waren, dass sie ohne Uebervortheilung der Trup- 
den einen massigen Gewinn hatten, der ihre Existenz sicher zu 
stellen genügte'). 

In dem letzten Jahre der Regierung des Zaren Feodor 
Alexeewitsch wurde die gesammte Russische Armee in 9 Corps 



1) 8. BeÜBfe N. 9. 2) 8. Beilag« N. 10, 8) KoMhichin. Ueb. Run], nnt. Akz. Hieb. 
g. 109. 



— 318 ~ 

getheilt, von denen noch Verzeichnisse existiren*), die aber leider 
nicht zugänglich gewesen sind. 

Das Gesagte wird in Verbindung mit den Beilagen N. 3, 5 
und 9 hinreichen, um zu zeigen, in welcher Weise die Heeres- 
organisation in dieser Periode bis zu Peter dem Grossen sich 
entwickelte, und um erkennen zu lassen, dass auch in dieser Hin- 
sicht schon vor dem genannten Fürsten wesentliche Verbesserungen 
eingeführt waren. 

3. Unter Peter I. blieb in den ersten Jahren seiner Regie- 
rung die in dem Vorigen geschilderte Einrichtung der Gesammt- 
Organisation der Russischen Heere im Allgemeinen in unveränder- 
ter Art bestehen. Auch als dieser grosse Reformator Russlands 
nach erlangter Volljährigkeit und faktischer Alleinherrschaft die 
bessernde Hand an die von ihm übernommenen Einrichtungen zu 
legen begann, wurden, wie in der Organisation der Truppen im 
Einzelnen, so auch in der der Heere, nicht gleich radicale Um- 
bildungen durchgeführt, sondern zwar mannigfaltige Verbesserun- 
gen nach Westeuropäischen Mustern vorgenommen, jedoch im 
Allgemeinen die alten Grundlagen noch beibehalten, wie sich denn 
überhaupt der erste Theil der Regierung dieses Fürsten bis etwa 
zum Jahre 1699 durch das Bestreben characterisiren lässt, die 
alten Russischen Einrichtungen in Staat und Heerwesen ohne ge- 
waltsame Beseitigung allmählig in die neuen, für nöthig erkannten 
Formen überzuführen. Dieser Kampf des widerstrebenden Alten 
mit dem immer energischer und unabweisbarer auftretenden Neuen 
fand seine abstracto Spitze, und seine den sämmtlichen TheUneh- 
mern zum Bewusstsein kommende concrete Darstellung in dem so- 
genannten Koshuchowschen Marsch im Jahre 1694'), manö- 
verartige Uebungen, welche als Uebergangspunkt aus dem Alten 
zum Neuen einer Geschichte der alten Russischen Heereseinrich- 
tungen und der modernen Russischen Armee gleichmässig ange- 
hören, und daher auch für den vorliegenden Gegenstand von ho- 
hem Interesse sind. Der Bedeutung und Bestimmung dieser 
Manöver entsprechend war die Organisation der an ihnen Theil 
nehmenden beiderseitigen Truppen eine, im Allgemeinen zwar 
gleiche, ihre Zusammensetzung im Einzelnen dagegen eine wesent- 
lich verschiedene. Auf der einen Seite kämpften nämlich gerade 
die alten Heereseinrichtungen in ihren noch überwiegend bestehen- 
den Elementen, repräsentirt in der Hauptsache durch die Strelzoi, 
während auf der anderen Seite die von Peter dem Grossen ver- 
besserten alten Formationen — Reiter und Soldaten — und 
seine directen neuen, bereits der modernen Armee angehörigen 



1) Uitijilow. D. Rum. Heer tot Peter d. Gr. pag. 17. Knnea Veneich dJm d. lU&iMek., tw- 
vriehn. 7189 (1681) in Reg. n. d. Rasr., im Areh. alt Acten. Abgedr. ▼. Iwanow in d. Beiehnib. d. 
BnCT.-Areh. M. 1H42. pag. 71. 2) Sasmawik^. D. Koihnchowiche Manch. Mllit. Snoml. isrx). V. 1. 
pag. 49 hi« 106. - Nachr. t. d. errt. Mas. nnter Peter I. Milit. Jonrn. 1830. M. I. pag. 56 bis 88 



— 319 — 

Schöpfungen — die sogenannten Spieltruppen (^wteschnye) und 
die Bombardiere (bombardiry) — fochten. Der Bestand und die 
Zusammensetzung beider Abtheilungen gehen aus der Beilage 
N. 12 hervor. 

Wie sich bei diesen Manövern in der Organisation der Heere 
die alten und neuen Elemente gemischt befanden, so war dies 
auch in den beiden nächsten Jahren beim Emstgebrauch auf den 
Zügen gegen Asow der Fall. Indessen machten sich hier die 
neuen Formen der Heeresorganisation schon bemerkbarer, indem 
man bei dieser Gelegenheit zum ersten Male in der Kussischen 
Armee den Namen von Divisionen fttr die grösseren Heeres-Unter- 
abtheilungen findet. 

Die Organisation des Bussischen Heeres bei dem 
1. Zug gegen Asow im Jahre 169 5 war nämlich in folgender 
Weise geordnet^). Die gesammten dazu bestimmten Streitkräfte 
zerfielen in zwei ganz getrennte Theile, von denen der erste 
unter den Bojaren Boris Petrowitsch Scheremetjew aus den Trup- 
pen der alten Organisation bestand und 120,000 Mann, grossesten 
Theils Reiterei zählte. Die Organisation und Eintheilung dieser 
Abtheilung, zu welcher noch die Kleinrussischen Easaken süessen, 
war ganz die frühere. Die zweite Abtheilung dagegen war aus 
den Truppen der neuen Organisation — den Spielregimentem — , 
aus Soldaten, Strelzen etc. gebildet, und zählte 31,900 Mann, 
folgendermassen in eine Avantgarde und zwei Divisionen eingetheilt : 
Die Avantgarde unter dem General Gordon zählte etwa 1 1 ,900 
Mann, nämlich: 

das Butyrskische Regiment (das Gordonsche), 

4 Regimenter Tambowscher Soldaten, 

7 Regimenter Moskauscher Strelzen. 
Die 1. Division unter dem General Golowin: 

2 Spielregimenter (poteschnye): das Preobrashenskische und 
das Ssemenowsche. 

6 Regimenter Strelzen. 
Die 2. Division unter dem General Lefort: 

das Soldatenregiment Lefort, 

Abtheilungen von Zaredworzen, 

Einige Strelzenregimenter. 

An dem zweiten Zuge gegen Asow 1696 nahmen die- 
selben Truppen Theil. Es war dies das letzte Mal dass Russische 
Heere in ihrer alten Organisation auftraten, denn in dem Nordi- 
schen Kriege waren im Jahre 1700 zwar noch 18,784 Mann der 
alten Truppen — 16,600 Mann der irregulairen Adelsreiterei und 
2184 Strelzen in 4 Regimentern (2 aus Nowgorod. 2 aus Pskow)*) 
— bei dem Heer, dasselbe bestand aber nicht nur vorherrschend 

1) Oolnya. Gmh, d. GenenlsUbea MUit Jonn. 1868. N. 1. paf. 9 vad 10. 2) Jran. d« 
Pi«rre 1« Gr. 1. paff. 26. 



— 320 — 

aus den neuen Soldatenregimentern der modernen Armee, sondern 
war auch bereits ganz Europäisch in Divisionen organisirt. 

Was die Zahl der Heere Jener Zelt betrifft, so war die- 
selbe natürlich nach dem jedesmaligen Zweck verschieden, aber 
unter Umständen schon sehr beträchtlich. Im Allgemeinen be- 
liefen sich die Regimenter der einzelnen Woewoden auf 7,000, 
10,000, 15,000 bis 20,000 Mann mit 50 bis 80 Geschützen 
(4 per 1000); das Regiment des Zaren war aber erheblich stär- 
ker und zählte bis zu 30,000 Mann aller Classen mit gegen 
200 Belagerungs-, Regiments- und Granatgeschützen, also beinahe 
7 Stück auf 1000 Mann'). Die effective Stärke der Heere in 
einzelnen concreten Fällen geht aus dem vorher Gesagten und aus 
den Beilagen No. 3, 5, 9 und 12 hervor. 

•ie fiesammtiaM der KvBsischeB Streitkräfte lässt sich mit Ge- 
nauigkeit nicht bestimmen, war auch natürlich zu verschiedenen 
Zeiten verschieden gross. Im Anfang dieser Periode er- 
reichte sie in Folge der materiellen Verluste, der physischen 
Erschöpfung und Zerrüttung des Reiches bei Weitem nicht die 
Zahlen, welche in der vorigen Periode die Wehrhaftigkeit Russ- 
lands repräsentirten. So betrug z. B. im Jahre 1625 die Ge- 
sammtzahl aller in den Städten des Reiches, mit Ausnahme von 
Moskau, vorhandenen Mannschaften nach Ausweis der Rasread- 
verzeichnisse jenes Jahres nur 85,511 Mann*), so dass sich die 
Totalzahl unter Zurechnung der Moskauschen Strelzen und der 
sonstigen Mannschaften des Moskauschen Verzeichnisses nicht füg- 
lich auf mehr als 
100,000 Mann 
berechnen lässt, von denen nur etwa 66,000 Mann als zu Feld- 
operationen verwendbar zu erachten sein möchten*). Mit der Zeit 
nahm aber unter ruhigeren Verhältnissen durch die weisen Maass- 
regeln der ersten Romanows wie die Brauchbarkeit, so auch die 
Zahl der Russischen Truppen wieder zu. 

Der Zustand des Russischen Heerwesens um die Mitte 
des 17. Jahrhunderts geht am Besten aus der Beschreibung 
hervor, welche der Stolnik J. J. Tschemodanow , der Russische 
Gesandte bei der Republik Venedig, im Jahre 1657 davon dem 
jungen Cosmo Medici in Florenz machte, wesshalb derselben hier 
ein Platz zu gönnen sein möchte: 

«Bei unserm Grossen Herren, Seiner Zarischen Majestät, ist 
«gegen Allerhöchst dessen Feinde eine starke und schier 
«zahllose Streitmacht versammelt; deren Stellung und Aus- 
«bildung gar mannigfach und verschieden sind. Zuerst sind 

1) Koschichin. üeb. Bud. nat Alex. Mich. (Mg. 109. 2) Bftcher d. Kurcad. I. pi«. 1106 
bu ll&S etc. S. Beilage N. 2. 3) GeMhicbtl. Abriae d. Veneiy. d. entlaae. Milit. in Bnaal. Mm 
SanmL 1868. N. 12. pag. 870. Ann. 149. 



— 321 — 

«viele 1000 der Pikencompagnien nach Husarenmanier ein- 
«gerichtet; andere viele 1000 zu Pferde, so mit Feuergeweh- 
«ren bewaffnet nach der Reiterordnung eingerichtet; und 
«andere viele 1000 sind nach dem Dragonerreglement mit 
«grossen Musketen organisirt; und andere viele 1000 nach 
«dem Soldatenreglement: und über alle diese sind Anführer 
«geordnet: Generale, und Obersten, und Oberstlieutenants 
«und Majore und aller Art Anführer nach dem Range. Auch 
«die untere Streitmacht, die Kasansche, Astracjiansche und 
«Sibirische und von vielen anderen Staaten Seiner Zarischen 
«Majestät sammelt man als eine starke unberechenbare 
«Truppenzahl und kämpfen sie zu Pferde mit dem Pjogen; 
«auch der grossen und kleineu Nagai Tataren und die 
«Baschkiren und Kabnücken kämpfen ebenso mit dem Bogen: 
«aber der Moskauschen Strehsen giebt es in Moskau 40,000 
«ungerechnet der in den Städten: und kämpfen sie nach 
«dem Soldatenreglement. Dann die Donschen und Terek- 
«sehen und Jaikschen Kasaken fechten mit Feuergewehren; 
«die Saporogischen Tscherkassen mit dem Bogen und dem 
«Feuergewelvr. Femer aus den Städten des Zaren die Adligen 
«und Bojarenkinder und aller Art Leute, die kämpfen nach 
«verschiedenem Gebrauch: mit dem Bogen und dem Feuer- 
«gewehr und wie Jeder sonst gewohnt ist. Aber von Seiner 
«Zarischen .Majestät Regiment die Spalniki , Stolniki und 
«Streaptschi, die Moskauschen Adligen und die Shilzen; die 
«kämpfen auf ihre Art; nur das ist bei ihrem Gefecht, dass 
«ihre Schlachtrosse feurig , auch ihre Säbel scharf sind , wo 
«sie auch hinkommen, können keine Regimenter gegen sie 
«bestehen: So ist bei unserm grossen Herren die Ordaung.^) 
In ähnlicher Weise äusserten sich auch die übrigen Russischen 
Gesandten und Agenten im Auslande, und noch grossartigere Ein- 
drücke empfingen die Russland in jener Zeit bereisenden und die 
dort accreditirten Ausländer. Wollte man den allerdings über- 
einstimmenden oder sich vielmehr immer noch überbietenden An- 
gaben derselben Glauben schenken, so müsste man zu dem Schluss 
kommen, dass Russland bereits lange vor Peter dem Grossen nicht 
nur eine zahlreiche — die Angaben aus jener Zeit gehen immer 
in die Hunderttausende*) — sondern auch eine wenigstens zum 

♦) So sagt der ungenannte Verfasser einer in Italienischer Sprache ge- 
schriehenen «Bcschreihung Russlands dem Cardinal Altieri gewidmet yon G. 
M. V. D. C. D. G.> (Histor. Acten auf Russl. bezügl. aus fremd. Arch. n. 
Biblioth. IL N. (;XVIII. Ritratto della Moscovia), nachdem er die Angabe des 
Gesandten Bernstein, nach welcher der Grossfürst in 40 Tagen 800,000 Reiter 
und 100,000 gute Feuer- und Bogenschützen ins Feld stellen könne, für über- 
trieben erklärt hat: „Cheche si sia della brevitä o lunghezza del tempo, nel 
1) 06Kli. d. KricgBk. In BimI. Miltt. J«iini. 1856. V. 4. paff. 88, 24. - Beljmew. Ueb. d. 
Bmr. Hmt iiDt. Mieh. F«od. b. i. d. Bef. P«t. d. Qr. VH- 72« 78* - Uttij&low. D. Korn. Heer vor 
Peter d. Qr. peg. 8, 4. — Alte Bnai. Biblioth. Th. 8. piv* 198- 

Brix, OMch. d. nlU Bvm. BMreMlnrieht. 21 



— 322 — 

Theil regulaire Kriegsmacht gehabt hätte. In Wirklichkeit war 
es aber doch etwas anders*). 

Beim Tode des Zaren Feodor IIL Alexeewitsch belief 
sich die Russische Kriegsmacht auf 

über 200,000 Mann schlagfertiger Truppen; 
und zwar: gegen 60,000 Mann der Russischen, gegen 90,000 Mann 
der ausländischen Ordnung, gegen 15,000 Tscherkassen der Ukraine 
(Slobodische Kasaken), gegen 50,000 Tscherkassen des Hetman- 
Regimentes (Kleinrussisdbe Kasaken); ausserdem gab es noch 
einige Tausend Donscher, Terekscher, Jaikscher und Sibirischer 
Kasaken und die ganze Horde der Kalmücken'). 

Nach den im Vorigen gemachten Angaben würde sich dage- 
gen die Gesammtstreitkraft des Russischen Reiches zur 
Zeit ihrer höchsten Entwicklung nach ihren einzelnen Waffen 
und Gattungen in runden Zahlen etwa wie folgt herausrechnen: 
1. Die Cavallerie. 
a. Der Russischen Ordnung: Moskausche Char- 
gen mit Gefolge gegen 20,000; Adlige und 
Bojarenkinder excl. desselben 10,000; Neu- 
getaufte, Mursen und Tataren etwa 5000; 
Stadtkasaken zu Pferde etwa 5000 ; Strelzen 
zu Pferde 5000; Kasaken etwa 108,000 
— nämlich Donsche 20,000, Wolgasche ?, 
Kaukasische vielleicht 500, Jaiksche ebenso 
1000, Sibirische ?, Kleinrussische gewiss 
50,000, Ssetsch- 16 bis 20,000, Slobo- 
dische 15 bis 16,000 — ; übrige unter- 
worfene Völkerschaften gewiss 50,000 — 
nämlich Mordwinen gegen 1300, Tschere- 
missen, Tschuwaschen,Wotjaken 9000, Basch- 
kiren etwa 1 000, Tatarische, Kaukasische und 
Sibirische Völkerschaften nicht bekannt, Kir- 



„radunare si gran massa, egli ^ certo, che in questi ultimi anni contro il R^ 
„Casimiro il Gran Duca presente ha condotto tr^ e quattro cento mila com^ 
„battenti'' . . . und weiter hin „Hör, oome s'ö detto, puo il G. Duca nodrire 
^esserdti di 400 mila combattenti , e conducti anco fuori della stato a danno 

„de suoi nemici Egli ^ certo, che nelle frontiere di Polonia, Livonia, 

„Ueraina, Tartaria, Prccopense et Asiatica, come anco a quelle del Persiano, 
„tiene il Gran Duca sotto le insegno, anco in tempo di pace, per i necessarii 
„presidii, et per assicurarsi delle straniere incursioni. piü di 100 mila fanti, 
„oltre ad an amisurato numero di cavalli. Afferma rablegato poco fk nomi- 
^ato" (Paul Menes^us. Gesandter des Zaren bei Papst Clemens X., dem 
Deutschen Kaiser Leopold und der Republik Venedig) „che neUa cittä e borghi 
„di Moscua, tiene yicino k 50 mila combattenti, e forsi piü, dieci mile de 
„quali piü scelti e valorosi sono per la guardia della sua sola persona '^ 

1) üitijAlow. D. Boa. Hern vor Patw d. Or. pag. 4. 2) ibU. Xnn. 8. K«nM YemiehB. 
d. MuMdi., TcrMiehn. 7189 (1681) ia Heg. n. d. Rmt., im Arch. alt Acten. Abe^r. ▼. Iwaaow 
in d. BeKhreib. d. RMr.-Arch. M. 1842. ptf. 71. 



— 323 — 

gisen ?, Kalmücken etwa 25,000 — ; Polnische 
Schljachtas etwa 4000; im Ganzen also . . 207,000 Mann, 
b. Der ausländischen Ordnung: Reiter 36,000; 
Pikeniere 4000; Husaren 500; Dragoner 

11,500; im G anzen also 52,000 „ 

Summa der Cavallerie 259,000 Mann. 

2. Die Infanterie. 

a. Der Russischen Ordnung: Adlige und Bo- 
jarenkinder zu Fuss gegen 15,000; Stadt- 
kasaken zu Fuss 4000; Strelzen zu Fuss 

45,000; im Ganzen also 64,000 Mann. 

b. Der ausländischen Ordnung: angesiedelte 
Soldaten 3000; nicht angesiedelte gegen 
21,000; Moskausche Elitesoldaten 14,000; 

im Ganzen als o 38,000 „ 

Summa der Infanterie 102,000 Mann. 

3. Die Artill erie. Im Ganzen etwa. .- 3,600 „ 
Gesammtzahl der Russischen Streitmacht 364,600 Mann. 

II. IMe Cemmmides und die Truppenverwultiiiis. 

Wie schon in der vorigen Periode, so war auch in dieser die 
Verwaltung der Russischen Truppen im Frieden und im Kriege 
eine so wesentlich verschiedene, dass man sie gesondert betrach- 
ten muss. 

A. Die Verwaltung im Frieden')- 

Die Friedensverwaltung hatte zu jener Zeit in Russland ur- 
sprünglich dieselben drei Instanzen wie früher*): eine niedere, 
mittlere und höhere, die in den einzelnen Städten begannen, sich 
dann in den Prikasen oder höheren Verwaltungsbehörden concen- 
trirten und endlich in dem Zarischen Staatsrath, der sogenannten 
Duma, und in der Person des Zaren selbst gipfelten. Ausserdem 
kam aber in späterer Zeit, etwa in der 2. Hälfte des Jahrhun- 
derts, noch eine vierte Instanz der Administration als Zwischen- 
instanz zwischen den Stadtverwaltungen und den Prikasen hinzu, 
durch die unter den Namen von Rasreaden oder Regimentern be- 
reits erwähnten grösseren Verwaltungsbehörden. 

1. Die niedere Instanz. Sie wurde durch die in den einzelnen 
Städten befindlichen Woewoden und andern Beamten (jmkasnye 
Ijudi) im Allgemeinen in derselben Art wie früher ausgeübt* Unter 

1) GtfcYi. d. Xriegsk. in Buml. Milit. Jonrn. 1856. N. 4. pag. 4 bis 6. — Oolizjn. Geicb. d. 
Oeaeralstabe«. Milit Jonrn. 1857. N. 3. pag. 42 bis 48. — B«1JMW. üeb. d. Barn. Heer nnt. Hieb. 
Feod. b. s. d. Ref. Pet d. Or. pag. 73, 84. 2) Oolizjn. OeRcb. d. Oeneratetabes. MiUt. Jonrn. 1867. 
N. 8. pag. 48. 

21* 



— 824 — 

ihr standen alle die Mannschaften, die nach beendigtem Kriege in 
ihre Heimath entlassen, dort wieder in ihre alten Givilverhältnisse 
zurücktraten und bis zu einem neuen Kriege oder sonstigen Auf- 
gebot zum Dienste in den einzelnen Städten oder in der Nähe 
derselben lebten; also die Moskauschen Rangclassen, die Adligen, 
Bojarenkinder, Stadtkasaken, Neugetauften, Mursen und Tatarischen 
Fürsten, mit einem Wort alle die Mannschaften der Russischen 
Ordnung, welche in jeder Stadt das sogenannte Stadtregiment 
derselben bildeten. Da diese Truppenclassen im Frieden vollständig 
aufhörten, Militairs zu sein, so waren sie während desselben ganz 
und in jeder Beziehung der Verwaltung der Stadtwoewoden unter- 
geben , welche über sie genaue Verzeichnisse und Listen fttr den 
Fall eines Marsches zu führen und bisweilen beim Ausbruch eines 
Krieges selbst das Aufgebot zu veranstalten hatten. Ebenso stan- 
den später im Frieden unter der Verwaltung der Stadtwoewoden 
die in den einzelnen Städten zerstreut lebenden Pikeniere, Reiter, 
Dragoner, Soldaten, sowie auch die zur Artillerie gehörigen Mann- 
schaften. Ausgenommen von derselben, oder vielmehr nur bedingt 
ihr angehörig, war^n dagegen alle die Truppen, welche auch im 
Frieden eine gewisse militairische Organisation hatten; also vor- 
zugsweise die Strelzen, über deren Verwaltung durch ihre Golo- 
wen etc. bereits früher das Nähere angegeben ist. 

Den Stadtwoewoden, deren es in den grösseren Städten 
je zwei, in den kleineren aber nur einen gab, standen wie früher 
die Djaken und Podjätschen zur Seite. Die Zahl der erste- 
ren betrug je nach der Grösse der Stadt 1 bis 2, die der letzte- 
ren dagegen richtete sich nach dem Bedürfhiss und war sehr ver- 
schieden. Uebrigens gab es nicht in jeder Stadt Djaken oder 
Podjätschen, vielmehr bildeten in einigen Städten die Stadtwoe- 
woden das einzige Verwaltungspersonal. Ausser den Djaken und 
Podjätschen kommen bisweilen noch an Stelle der letzteren, na- 
mentlich in den Sibirischen Städten, sogenannte Schreibechefs 
{pissmennye gohwy) vor, und endlich gab es in einigen Städten 
noch Stadtamtleute (ßorodatoye prikasschtschihi), Stadtvögte 
(gorodnitschie) ^ Griminalstarosten (guhnye starosty)^ Besat- 
zungsgolowen (ossadnye golotey), und Golowen der Schar- 
wache {gdlowy objesshej), von welchen die letzteren namentlich 
in Moskau, mit der polizeilichen Sicherheit der Stadt gegen Feuers- 
und Diebsge&hr betraut waren. 

Die Stadtwoewoden hatten sich bei der Verwaltung der ihnen 
anvertrauten Städte nach der ihnen darüber ertheUten Instruction 
zu richten, welche in grosser Ausftlhrlichkeit abgefasst, in jedem 
einzelnen Falle bis in die geringsten Details einging, Zahlreiche 
vorhandene Beispiele^) beweisen, wie speciell sich die Regierung 

1) & 1. B. G«. Staal. in. N. 1540, 1548, 1570, 1585, 1.594. 1505, 1670; IV. N. 1792, 1928, 
1885, 1836. 



— 325 — 

mit diesem wichtigen Zweige der Verwaltung beschäftigte. Der 
allen diesen Instructionen gemeinsame Inhalt bestand gewöhnlich 
in der Anweisung, dass der Woewoda bei seiner Ankunft in der 
ihm überwiesenen Stadt, bei seinem Vorgänger die Stadtschlüssel, 
das Zeug (die Geschütze), das Kraut und Blei und überhaupt 
alles Artilleriematerial in den Depots üb\rnehmen sollte; ebenso 
alle Getreidevorräthe in den Speichern, das Geld..., die Verzeich- 
nisse der Criminalstarosten, Kanoniere, Wallartilleristen und Thor- 
wächter. Bei der Revision des Zeugs und der zugehörigen Vor- 
räthe mussten der Stadtamtmann und einige der besten Artilleri- 
sten, «denen man glauben kann>, zugegen sein. Die Vorräthe 
an Pulver und Blei musste der Woewoda in dem Verwaltungs- 
büreau (jprikasnaja isba) unter seinem Verschluss und Siegel ha- 
ben, damit ausser den bezeichneten Leuten — dem Stadtamtmann 
und einigen der besten Artilleristen — Niemand den Bestand der 
Artillerievorräthe wisse ') . . . 

Der Dienst des übrigen städtischen Verwaltungspersonals geht 
theils aus dem Namen hervor, theils — so namentlich bei den 
Djaken und Podjätschen — hatte er sich gegen früher nicht ge- 
ändert, theils endlich war er wesentlich unmilitairischer Art, so 
dass darüber hier Nichts weiter anzuführen sein möchte. 

Z. Die mittlere Instanz bestand anfanglich nur aus den Pri- 
kasen, später kamen aber als eine Unterinstanz derselben, zwischen 
ihnen und den städtischen Localverwaltungen, noch die grossen 
Territorialbezirke der Friedeusadministration des Landes und der 
Kriegseintheilung des Heeres auf, von denen hier somit zunächst 
die Rede sein wird. 

a. Me Territorial -TerwaltaBgsbeiirke. Der Gruppen, in denen 
man eine Anzahl zusammen liegender Städte unter einem gemein- 
schaftlichen Namen zusammen zu fassen pflegte, ist bereits in der 
vorigen Periode Erwähnung geschehen. Dieselben scheinen mehr 
den Zweck einer übersichtlichen Classificirung zur Erleichterung 
der Bezeichnung und Ausgleichung der Leistungen, als den einer 
höheren Verwaltungsbehörde gehabt zu haben, wie sie denn auch 
eine solche überhaupt nicht bildeten. Anders verhielt sich dies 
dagegen mit den unter Alexej Michailowitsch eingeführten Terri- 
torial- Verwaltungsbezirken der Rasreade und Regimenter. Wie 
bereits früher angedeutet, bildeten dieselben schon im Frieden 
stehende Verwaltungsinstanzen, die eine bestimmte Anzahl bei ein- 
ander liegender Stidte umfassten, und deren Mannschaften im 
Kriege je ein besonderes Corps zu bilden hatten, welches densel- 
ben Namen trug, wie die Verwaltungsbehörde, aus deren Kriegern 
es bestand, so zwar, dass sie sich in ihrer doppelten Bestimmung 
mit den modernen Landes-Generalcommandos oder Militairkreisen 



1) Siaweljeir. M»Ur. s. Q«8eh. d. Ingen. K. in Bn«l. pag. 127, 128. 



— 326 — 

vergleichen lassen möchten. Solcher Behörden gab es dann 7 Re- 
gimenter oder Rasreade, nämlich : das grosse, das Ssewsche, das 
Belgorodsche Regiment, den Nowgorodschen, Tulaschen, Kasan- 
schen und Rjäsanschen Rasread'); das in ähnlicher Bedeutung 
bisweilen erwähnte Smolenskische Regiment scheint dagegen nur 
eine Unterabtheilung des grossen gewesen zu sem*). Diese Ver- 
waltungsbezirke umfassten nicht dieselben Städte, die man früher 
unter den oben erwähnten gemeinschaftlichen Namen nach geogra- 
phischer Gi-uppirung bezeichnet hatte; sondern jener Landesein- 
theiluug lag eine ganz andere Abgrenzung der Rayons zum Grunde. 
So gehörten z. B. zu dem grossen Regiment ein Theil der Trans- 
moskauschen, der Ukraineschen und Rjäsanschen Städte; zu dem 
Belgorodschen ein Theil der Ukraineschen und Polnischen; der 
Rasread von Kasan umfasste einen Theil der Transmoskauschen 
und die unteren; der von Rjäsan mit dem Ssewschen Regiment 
endlich die nördlichen, Transokaschen und einen Theil der Ukrai- 
neschen Städte.*) Uebrigens behielt man neben dieser neuen Ein- 
theilung auch später noch jene alte geographische Gruppirung der 
Städte bei, und finden sich z. B. 1674 folgende derartige Com- 
plexe angegeben : Transmoskausche , Ukrainesche , Rjäsansche, 
Transokasche, nördliche, untere Städte und Städte des Nowgorod- 
schen, Ssewschen und Belgorodschen Regiments'). 

Jeder dieser Territorialbezirke der Rasreade oder Regimenter 
stand im Frieden unter einem besonderen Chef, der alljährlich 
die zu demselben gehörenden Städte zu bereisen und die in ihnen 
wohnenden Mannschaften zu inspiciren hatte. Diese Musterungen 
erfolgten nach Listen, in denen die Pikeniere, Reiter und Solda- 
ten nach den einzelnen Städten in Regimentern verzeichnet, die 
Adligen und Bojarenkinder aber nach ihren Dienstverhältnissen 
im Regiment, als Gefolge der Woewoden (satcoewodtschiki) ^ Es- 
saule oder in den Genturien notirt waren; ebenso waren in den- 
selben die Kinder, Brüder und Anverwandten dieser Mannschaften, 
die zur Unterstützung der in den Regimentern dienenden zu Hause 
geblieben waren, nach ihrem Alter und ihrem Besitz an Erb-, 
Lehnsland oder Bauerhöfen aufgezeichnet. Diese Listen waren be- 
ständig in dreifacher Ausfertigung vorhanden, und zwar befand 
sich ein Exemplar derselben in dem Rasread in Moskau, eins in 
dem Sitz des Territorial -Verwaltungsbezirkes, der in dem Ort 
war, dessen Namen das Regiment oder der Rasread führte, und 
eins in der betreifenden Stadt*). 

k Bie FrlkaM. Diese Behörden der mittleren Instanz der 
Friedensverwaltung, welche bereits in der vorigen Periode eine 

*) Die einzelnen zu jedem Regiment oder Rasread gehörenden St&dte 
gehen aus den Beilagen N. 9 und 10 hervor. 

1) B«ck«r a. RwTMd. II. pa«. 104« i wq. S) 8. JUkUft N. 9. 8) Qm. SubbL I. N. »90. 
4^ iUd. n. N. 1148: HI. N. IQOS. 



— 327 — 

gewisse Entwicklung erhalten hatten, vermehrten sich in dem 
vorliegenden Zeitabschnitt so bedeutend , dass es unter Alexej 
Michailowitsch im Jahre 1G61 in Moskau 33 Prikase^) gab, welche 
Zahl sich im Jahre 1665 bis auf 42 erhöht hatte, wobei die 
Stadt- und Patriarchenprikase und die Zollämter noch nicht mit 
gerechnet waren*). Von denselben befanden sich 7 in dem Zari- 
schen Schlosse selbst, die übrigen in der Stadt'). Jeder Prikas 
stand wie früher unter einem Chef, dem eine Anzahl von Djaken 
und Podjätschen als Büreaupersonal beigegeben war. Die Ge- 
sammteinkünfte, welche der Zarischen Casse aus diesen Prikasen 
zuflössen, beliefen sich für den ganzen Staat, mit Ausnahme des* 
sen, was in den Städten verausgabt wurde und der Sibirischen 
Gasse, auf 1,311,000 Rubel ^), welche Summe also den Totalbetrag 
der Kettoeinnahme in jener Zeit repräsentiren würde, während 
die Bruttoeinnahmen von ausländischen Schriftstellern jener Zeit 
auf 22,000,000 Escudos geschätzt wurden*^). Von den Prikasen 
hatten einige ausschliesslich, andere theilweise, und noch wieder 
andere gar nicht mit den militairischen Angelegenheiten zu thun. 
Von den ersteren waren folgende die wichtigsten^): 

1) Der Prikas der geheimen Angelegenheiten (Prikas 
Tainych Del) mit einem Personal von 1 Djaken und 10 Podjät- 
schen, welche letztere den Gesandtschaften und im Kriege den 
Woewoden zur Aufsicht zugetheilt wurden. Dieser erst unter Alexej 
Michailowitsch errichtete Prikas hatte in militairischer Hinsicht 
namentlich die bei der Anfertigung und dem Gebrauch der Gra- 
naten beschäftigten Handwerker, sowie das ganze Granatenwesen 
und die Fabriken, in denen sie gegossen wurden, unter sich; 
und wurden die dafür erforderlichen Kosten aus verschied^en 
andern Prikasen gedeckt'). 

2) Der Gesandtschaftsprikas (Possolskij Prikas) hatte 
ein Personal von 1 Djaken der Duma, 2 bis 3*) anderen Djaken, 
14 Podjätschen, 50 üebersetzern und 70 Dolmetschern*). Unter 
ihm standen ausser den früher angegebenen Personen etc. noch 
die getauften und nicht getauften Tataren, die in früheren Jahren 
aus den Ghanaten Kasan, Astrachan, Sibirien und Kassimow ge- 
fangen und in den in der Nähe von Moskau liegenden Städten 
angesiedelt wurden^; ebenso die Loskaufung der Gefangenen; 



*) Nach dem noch jetzt in Russland üblichen Sprachgebrauch unter- 
scheidet man Üebersetzer (perewodtachiki) und Dolmetscher (icimateehi) ^ tob 
denen jene der fremden Sprache in Wort und Schrift, diese aber nur in ersterer 
Beziehung mächtig sind. 

1) Oolisyn. QeKb. a. Gensnlstebee. MUit. Jmni. 1857. N. 3. pag. 46. 2) KoMhichin. ü«b. 
BosBl. not. Altt. Mieb. piig. 92. 8) ibid. 4) ibid. pi«. 97. 6) Hbtor. Acten anf B«Bl.bMftfl. 
an» fMmd. Aieh. n. Bibliotb. H. N. GXYIII. «) Getcb. d. Kriegsk. in BumI. Milit Jonn. 1856. 
N. 4. pog. 4 Ms 6. — OoMsyn. OcMb. d. GenenUtab«. Milil J«ani. 1867. M. 8. pi«. 46 Mi 48. 
— KoMhtebin. Ueb. Rani, not Al«z. Mich. pag. 67 bis 97. - BsUmw. üeb. d. RnsB. Heer not Mich. 
Feod. b. 1. d. Sef. Pei d. Gr. pag. 115 bis 118. 7) Kosebicbin. Ueb. Bnasl. mnU Alex. Mick. pag. 68. 
8) Bftcber d. Baenad. 11. pag. 1834. 9) Koeebicbin. Ueb. Biwl nnt. Alex. Mich. pag. 68, 6\i>. 



— 328 — 

ferner seit dem September 1614') bis zu EinrichtuDg des Kasa- 
kenprikases und nach der Aufhebung desselben im Jahre 1646 
die Donschen*), sowie seit dem 19. Februar 1668 auch die Tscher- 
kassisch Slobodischen Kasaken'). Endlich wurden ihm im May 
1668 auch die grossen Eisenfabriken des Peter Marssellis in Tula 
und Koschira zugewiesen*). Der Prikas bestand unter seinem 
obigen Namen bis 1718, wo er durch Erlass vom 12. December 
zum CoUegium der fremdländischen Angelegenheiten umbenannt 
wurde*). 

3) Der Rasread-Prikas {Rosrjadnyj Prikas) oder Ras- 
read (Rosrjad)^) stand unter 1 Okolnitschej, 1 Djaken der Duma 
und 2 bis 3 anderen Djaken'). Die bedeutende Wichtigkeit die- 
ser Behörde, von welcher schon in der vorigen Periode die Rede 
gewesen, vermehrte sich auch in der vorliegenden bis zu ihrer, 
im Jahre 1711 bei Errichtung des Senats erfolgenden Aufhebung') 
nicht nur, sondern es erweiterte sich der Kreis ihrer Geschäfte 
sogar intensiv und extensiv noch mehr. Unter dem Rasread stan- 
den in dieser Periode zunächst die Bojaren und alle obersten 
Hofchargen, die Moskauschen Rangclassen, die Adligen, Bojaren- 
kinder, Kasaken und Soldaten in allen dienstlichen Angelegenhei- 
ten^ mit Ausnahme der Gegenstände, die sich auf den Landbesitz 
bezogen'^); ebenso unterstand ihm die Entscheidung aller Rang- 
streitigkeiten und die Führung der darauf bezüglichen Bücher. 
Ausserdem wurde ihm unter dem Zaren Alexej noch die allge- 
meine Oberaufsicht über alle militairischen Angelegenheiten, wie 
der Bau, die Ausbesserung, Armirung und Besetzung der Festun- 
gen und Städte, die Bekleidung, Ausrüstung, Belohnung und Be- 
strafung, überhaupt die Gerichtspflege über alle im Dienst befind- 
lichen Mannschaften ausdrücklich übertragen"); ebenso wurden 
ihm am 10. Februar 1665 die Obersten der Husaren-, Reiter-, 
Dragoner- und Soldatenordnung des Belgorodschen , Ssewschen 
und Nowgorodschen Regiments nebst den Chargen ihrer Regimen- 
ter zugetheilt"). 

Als unter dem Zaren Feodor am 12. November 1680") eine 
neue Eintheilung der Mannschaften angeordnet wurde, erhielt der 
Rasread aus dem Prikas des Kasanschen Schlosses alle ausge- 
wählten, Hof- und Stadtadligen und Bojarenkinder, die Ausländer, 
Mursen, Tataren, und Tarchanen des Regimentsdienstes von Ka- 
san und andern unteren Städten bis nach Ssimbirsk, sowie von 
Ssimbirsk, Ssaransk und den Städten an der Ssimbirsker Linie 



1) Hat«. s.G«ogr. «.Statlat. ▼. BomL D. Unä d. Don. Oorpi ▼. Kmmw. p«. 81. 2) K«- 
■ehlehin. ücb. Biud. qbI AIaz. Mich. pa^. 68, 69. 3) Oarbel. D. Ivifuuehe Slobod. Km, Bgl 
4) Sopplcm. s. d. kill. Acten V. N. 77. 6) 0«. SammL V. N. 32&5. 6) Obnittehew. Betr. d. 

gwchr. •. gedr. Dankmiler Ab. d. Kricfik. in Bwri. Milit Jonrn. 1858. H. 4. pi«. 66 bit 72. 
7> KoMUehiB. Uab. Bwil. nnt Ata. Mich. pi«. 69. 8) Om. Samml. lY. M. 8821. 9) KMehichia. 
Ucb. Boari. nat Alex. Mich. pag. 69. 10) Oaaeh. d. Kricnk. in Hoad. Milit. Jawra. 1856. N. 4. 
PH. 4* 11) i^id. PH- «. ö. 12) GCB. Samml. L N. 870. 18) ibid. IJ. V. 844. 



— 329 — 

nach den YerzeicbnisseQ überwiesen, und ausserdem sollten ihm 
auch von den Mannschaften der andern unteren Städte, die jenem 
Prikas zugetheilt blieben, Notizen über ihre Zahl überschickt wer- 
den. Ferner wurden ihm zugewiesen alle Chargen, Gemeinen, 
Reiter, Grundkasaken {yruntotoye kasaki) und sonstigen Mann- 
schaften der Schljachtas von Smolensk, Belsk und andern Städten; 
alle Leute des Regimentsdienstes und die nicht als Pikeniere oder 
Reiter dienenden Ausländer von Tambow und den beiden Lomow 
hinsichtlich des Dienstes und aller Regimentsgeschäfite ; dann 
die Adligen, Bojarenkinder, Husaren, Pikeniere, Reiter, Dragoner, 
Soldaten, Strelzen, Kasaken und alle Artilleriemannschaften des 
Regimentsdienstes der Städte des Ssewerischen, Nowgorodschen, 
Belgorodschen und des Tambowschen Rasreades, welche dort künf- 
tig als Soldaten verzeichnet werden sollten. Endlich wurden ihm 
in Gemeinschaft mit dem Ausländerprikas noch die Mannschaften, 
Soldaten, Strelzen und Kasaken von Ostrow, Staraja Russa, Ssa- 
mersk und allen andern dortigen, unter dem Nowgorodschen Pri- 
kas stehenden Orten, d. h. also namentlich die Bezirke der an- 
gesiedelten Soldaten, unterstellt. Ueber alle diese Mannschaften, 
sowie überhaupt über den Dienst, das jährliche Gehalt an Geld 
und Getreide, oder über die Grösse des Landbesitzes und sonsti- 
gen Gehaltes, kurz über alle Gompetenzen der gesammten Mann- 
schaften hatte der Rasread genaue Verzeichnisse zu führen, zu 
welchem Zwecke ihm die betreffenden Pi*ikase die nöthigen Anga- 
ben durch Denkschriften (parnjati) mit Dienstlisten und Stanmirollen 
üb^senden mussten. Ausserdem sollten im Rasread zwei besondere 
Abtheilungen oder Tische (stoly) für Kasan und Smolensk einge- 
richtet werden, an welchen die Geschäfte der beiden Rasreade dieses 
Namens, insoweit sie die Mannschaften des Regimentsdienstes die- 
ser und der dazu gehörigen Orte betrafen, überzugehen hatten^). 
4) Der Prikas des grossen Schlosses (Prikas Bolschago 
Dworza) unter 1 Bojaren, 1 Dworezkoj, 1 Okolnitschej, 1 Beam- 
ten der Duma und 2 bis 3 Djaken. Sein nächster Zweck war, 
in der Art eines modernen Hofmarschallamtes, die Zarische Hofhal- 
tung zu leiten, wozu ihm zur Bestreitung der Kosten 40 Städte 
unterstellt waren'). Eine militairische Bedeutung gewann er eigent- 
lich erst 1680, wo ihm bei der eben besprochenen neuen Einthei- 
lung der Mannschaften die auf den Landbesitz und Sold der Leute 
des Regimentsdienstes und der Ausländer zu Pferde, mit Aus- 
nahme der Pikeniere und Reiter, von Tambow und den beiden 
Lomow bezüglichen Angelegenhäten zugewiesen wurden'). Ausser- 
dem hatte dieser Prikas aber noch in den ihm untergebenen 
Städten das filr die Verpflegung der Moskauschen Strelzen be- 



1) ibid. 2) KMcbichin. Ueb. Rii«l. vat. Alex. Mich. pag. 70. 8) Geg. 8»mml. U. 

N. 844. 



— 330 — 

gtimmte Geld oder Getreide zu erheben und dem Strelzenprikas 
zu übersenden'). 

5) Der Strelzenprikas {ßtrelezkij Prikas) unter 1 Bojaren, 
1 Djaken der Duma und 2 andern Djaken') fllhrte diesen Namen 
ausschliesslich erst seit 1629, während er früher auch Strelzen- 
hütte (isbay), geheissen hatte. Am 28. Juny 1682 wurde er zum 
Prikas der Hofinfanterie (Prikas Nadwortioj Pechoty) umb^uinnt^), 
erhielt aber bereits 1683 seinen alten Namen wieder zurück^). 
Nach Aufhebung der Strelzen änderte Peter I. im Jahre 1701 
seine Bestimmung, indem er ihm durch Erlass vom 23. Juny den 
Namen des Prikases der ländlichen Angelegenheiten (Prikas Sem- 
skich Del), gab"). Ausser seiner eigentlichen Bestimmung als 
oberste Verwaltungsbehörde aller Strelzen und der mit ihnen zu- 
sammen dienenden Stadtkasaken zu Pferde und zu Fuss, wurden 
ihm später auch die Moskauschen Elitesoldaten untergeben, die 
sich in diesem Verhältniss von ihrer Errichtung um 1642 an, bis 
zum Jahre 1680 befanden, wo sie dem Ausländerprikas zi^ewie- 
sen wurden'). Bei der grossen Zahl der Strelzen lässt sieh die 
bedeutende Wichtigkeit dieses Prikases leicht ermessen; während 
der ganzen Zeit seines Bestehens war er eine der einflussreichsten 
Militairbehörden, deren Functionen auch vielfach noch in andere, 
wie z. B. in den Postprikas übergriflfen*). 

6) Der Prikas des Kasanschen Schlosses (Prikas Kar 
sanskago Dworza) unter 1 Bojaren, 1 Djaken der Duma und 2 
bis 3 andern Djaken, hatte nicht bloss die Verwaltung der Zaren- 
thümer Kasan und Astrachan und aller unteren Städte, deren es 
in diesen beiden Reichen 30 gab, zu besorgen, sondern in mili- 
tairischer Hinsicht lagen ihm namentlich auch die Anordnungen 
zur Sicherung der Grenzen gegen Persien, die Türkey und gegen 
die Kalmücken und Baschkiren ob*). Die Mannschaften seiner 
Städte scheinen dagegen, eine Zeit lang wenigstens, zum Theil 
auch andern Behörden zugetheilt gewesen zu sein, denn am 12. July 
1672 wurde befohlen, dass die Adligen, Bojarenkinder und alle 
Mannschaften der Russischen Ordnung in den unteren Städten, 
sowie die Mursen und Tataren, die Tschuwaschen, Tscheremissen, 
Mordwinen und alle Jassak Pflichtigen Leute jener Gegend allein 
unter ihm stehen sollten'^). Ausserdem hatte er auch gewisser 
Maassen die Remontirung der Russischen Armee unter sich, in- 
sofern er die Pferde aus den Nagaischen und Tatarischen Tabunen 
in Kasan und Astrachan besorgen und ihre Absendung nach Mos- 
kau überwachen musste"). Bei der neuen Vertheilung der Mann- 
schaften im Jahre 1680 wurde ihm indess die Verwaltung der 



1) Acten d. Areh. Bzpad. IV. N. 248. 9) KoMhieliiii. Vtb. RomI. mni Al«c. Mkdi. w. 
71. 72. 8) Oolltyn. OqkIi. d. GMaratoUbes. MItil Jonrn. 1867. N. 8. p«f. 46. 4) Gm. SamaL 
11. V. 975. 5) ibid. «) ibid. IV. N. 1839. 7) ibid. 11. N. 844. 8) GeKb. d. Krt«gik. in 
Bnaiil. Mint. Joarn. IS56. N. 4. pw. 5. 9} KMohioliin. üeb. Riinl. «ni. Alex. Mich. PH- 72. 78- 
10) Gee. Sftmml. 1. N. 526. 11) KoMshichin. üeb. Banl. nnt. Alex. Mich. pag. 73. 



— 331 — 

Mannschaften eines Theils seiner Städte abgenommen und dem 
Rasread überwiesen; dagegen blieben ihm alle Mannschaften der 
unteren Städte von Ssamara bis Terki und Ufa, die Kasanschen 
Strelzen aller Prikase und «der untere Dienst von Astrachan aber 
nicht der obere» untersteilt*). 

7) Der Sibirische Prikas (Saibirskij Prikas) stand untw 
demselben Bojaren der den vorigen verwaltete Oi bisweilen aber 
auch unter einem eigenen Okolnitschej'), und 2 Djaken. Er hatte 
die Verwaltung des Zarenthums Sibirien mit allen seinen Städten, 
deren es unter Alexej Michailowitsch bereits über 40 grosse und 
mittlere gab, und die in denselben stehenden Truppen unter sich^), 
wie ihm denn auch die dortigen Völkerschaften der Tataren, Ja- 
kuten, Tungusen etc. in dem Maasse, wie sie dem Kussischen 
Einfluss unterlagen, zugetheilt wurden. 

8) Der Lehnsprikas {Pomestnoj Prikas): 1 Okolnitschej, 
1 Djak der Duma und 2 andere Djaken. Er hatte alle, das 
Lehns- und Erbland im ganzen Moskowitischen Reich betreffenden 
Angelegenheiten unter sich und übte so einen gewissen Einfluss 
auf alle diejenigen Mannschaften aus, die mit Land belehnt waren^). 
In seiner alten Art blieb er bis 1712 bestehen, wo er unterm 
12. August"), ohne indessen seinen Namen zu ändern, dem Senate, 
1718 aber dem JustizcoUegium') einverleibt wurde. 

9) Die grosse Einnahme (Bolschcj PricJwd) unter 1 Okol- 
nitschej und 2 Djaken"), 1679 unter 1 Bojaren, 1 Okolnitschej, 
1 Duma- und 2 andern Djaken^), hatte die Auszahlung der täg- 
lichen Verpflegungsgelder an die zum Empfang derselben berech- 
tigten Ausländer und anderen Mannschaften, namentlich auch an 
die Donschen, Saporogischen und Tscherkassischen Kasaken zu 
bewirken*^); nicht minder hatte sie die Versorgung der Truppen 
mit Büreaubedürfnissen — Papier, Dinte, Licht etc. — , so wie mit 
Bäckern und Kocheinrichtungen zu leiten"). 

10) Der Kanonierprikas (Puschkarskqj Prikas) mit 1 Bo- 
jaren und 1, seit 1627^') aber 2 Djaken, wozu seit 1636 noch eine 
Anzahl Zeichner (tscherteshniki) kamen"), hatte die Aufsicht über 
die gesammte Artilleriewaffe in personeller und materieller Hin- 
sicht, mit alleiniger Ausnahme des dem Prikas der geheimen 
Angelegenheiten zugewiesenen Granaten wesens'^). Ebenso unter- 
standen ihm die Geschützgiessereien in Moskau und den anderen 
Städten, die Pulver-, Schwefel- und Salpeterfabriken und über- 
haupt alle zur Erzeugung des Artilleriematerials bestimmten tech- 



1) Qm. Samml. II. N. 844. 2) Kowhicbin. Ueb. BomI. nnl Alex. Mieh. pag. 73. 8) Hktor. 
Acten. V. N. 1. 4) Koachldilii. Ueb. RdmI. nnt. Alex. Hieb. pa«. 73, 74. ö) ibid. pa«. 74. Ib. 
6) Oes. Samml. lY. N. 2570. 7) ibid. V. N. 3284. 8) Koecbichin. Ueb. BaaiL nnt. Akx. Mlek. 
pag. 83. 9) BQcber d. Rasread. ir. pu«. 1080. 10) Kotsehiebln. Ueb. Rnaal. nnt. Alex. Mieh. pag. 
83. 11) Bftoher d. Raaread. II. pag. 1097. IIOO. 12) Chmyrow. D. Artillerie n. d ArtiUeriete« 
im Vor-Petemchen Rani. Ariill. Jonrn. 1865. K. 9. pag. 546, 547. Anm. 1. 18) ibid. 14) Ko- 
schicbin. Ueb. Knal. nnt. Alex. Mich. pag. 83. 



— 332 — 

nischen Anstalten mit ihrem gesammten Aufeichts-, Yerwaltungs- 
und Arbeitspersonal 0. Auch die grossen, von Peter MarseUis 
gegründeten Eisengiessereien in Tula und Koschira, welche früher 
eine Weile unter dem Wafifenprikas gestanden hatten, wurden am 
19. Februar 1667 dem Kanonierprikas wieder zugewiesen, von 
dem sie aber schon im May 1668 an den Gesandtschaftsprikas 
übergingen*). Ausser der Artillerie umfasste die Verwaltung des 
Kanonierprikases noch Theile des Ingenieurwesens, wie ihm denn 
auch die Verhaulinien an den südlichen Grenzen des Reiches mit 
ihren Golowen unterstanden'). Zur Bestreitung seiner Ausgaben 
waren ihm die Einkünfte gewisser Städte zugewiesen, aus denen 
er etwa 2500 Rubel jährlich zog^). Im Jahre 1700 erhielt die- 
ser Prikas den Namen des Artillerieprikases und 1706 den der 
Artilleriecanzelei *). 

11) Der Ausländerprikas {Inosemnoj, Inosemskij Prikas) 
stand unter demselben Bojaren, der auch dem Strelzenprikas vor- 
stand, 1 Stolnik oder Adligen und 2') bis 3') Djaken. Er hatte 
die in Russland dienenen Ausländer und alle in den Truppen der 
ausländischen Ordnung dienenden Mannschaften jeder ^t unter 
sich, führte über sie genaue Verzeichnisse, welche er dem Ras- 
read einzuschicken hatte"), besorgte das Avancement bei densel- 
ben, soweit es sich der Zar nicht allein vorbehalten hatte, und 
leitete die monatlich stattfindende Auszahlung der Verpflegungs- 
gelder, die in der grossen Emnahme und anderen Prikasen erfolgte*). 
Wie bereits bemerkt, wurden ihm am 10. Februar 1665 die Ober- 
sten und Chargen der Husaren-, Reiter-, Dragoner- und Soldatenord- 
nung des Belgorodschen, Ssewschen und Nowgorodseben Regiments 
abgenommen und dem Rasread untergeben^®), wogegen er am 
12. November 1680 die beiden Moskauschen Eliteregimenter, 
sowie die Einwohner von Moskau überwiesen erhielt, über welche 
ihm der Strelzenprikas die namentlichen Verzeichnisse mit Angabe 
des Betrages des jährlichen Soldes oder der monatlichen Verpfle- 
gnngsgelder nach den Regimentern, dem Range und den Städten 
geordnet zu übergeben hatte. Was für Geschäfte ihm dabei gleich- 
zeitig noch in Gemeinschaft mit dem Rasread übertragen wurden, 
ist bei diesem schon erwähnt"). Im Jahre 1693 wurde durch Er- 
lass vom 3. Juny wieder die gesammte Rechtspflege der Generale, 
Obersten, Chargen, Russen und Ausländer aller Regimenter der 
Husaren-, Pikenier-, Reiter- und Soldatenordnung wie früher unter 



1) OMoh. d. Krienk. in Biml. MlUl Jonrn. I8M. N. 4. PH- 5, 6. - Oolfttyn. 0«ick. d. 
OcMnlafaibes. Milit Jonrn. 1857. N. 8. pag. 47. 2) Supplcm. i. d. kkl. Acten. V. N. 77. 

S) a«a6li. d. KritMk. in BqmL MUit. Jovrn. 1856. N. 4. pi«. «. - OoHsrn. G«0eb. d. CtenuditobM. 
MUli Jovrn. 1857. N. 3. paff. 47. 4) Kowhicliin. Vab. Knad. nnt Alex. Mich. pi«. 8S. 5) QmIi. 
d. Krienk. In Biual. Milil Jonn. 1856. N. 4. pi«. 5. 6) Kwdkidiin. üeb. BomI. nni. Altf. Miek. 
piff. 85. 7) BikchOT d. Bamcad. II. pw. 1215. 8) Oolisyn. OcKb. d. OwMnlstabw. Milit Javn. 
1857. M. 8. VH- 47. 9) KMöklehin. U«k. BohI. nnt Alex. Mick. p^^. 85. 10) Gm. Samal. I. 
N. 870. 11) ibid. II. N. 844. 



den Ausländerprikas gestellt*). Dieser Prikas bestand bis zum 
Jahre 1700, wo er aij^ehoben wurde'). 

12) Der Reiter prikas (Reitarskqj Frikas) stand mit dem 
vorigen unter demselben Bojaren, 1 Adligen und 2 Djaken')- Er 
wurde im Jahre 1651 gegründet^) und ihm die Errichtung, Ver- 
pflegung und gesammte Verwaltung der in den regulairen Caval- 
lerieregimentem der ausländischen Ordnung dienenden Mannschaf- 
ten ohne Rücksicht auf ihre Nationalität ttbertragen. Hierbei 
griffen seine Functionen vielfach in und durch die des Ausländer- 
prikases, mit dem er überhaupt in so enger Beziehung stand, dass 
eigentlich eine genaue Trennung ihrer Geschäfte, wenn sie über- 
haupt statt gefunden hat, sehr schwer festzustellen ist. 

Beide Prikase wurden im Jahre 1700 durch Erlasa vom 
18. Februar aulgehoben und aus ihnen eine besondere B^örde 
unter dem gleichzeitig zum Generalcommissar ernannten Bojaren 
Fürsten J. Dolgorukoj gebildet^), welche, wenn auch in der Folge 
bisweilen noch Ausländerprikas genannt'), am 23. Juny 1701 den 
officiellen Namen des Prikases der Militairangelegenheiten erhielt'). 

13) Der Waffenprikas (Orusheinoj Prikas), unter dem 
Okolnitschej und Waffenmeister (Orttsheinitschejf) und 1 Djaken 
stehend^), hatte zu verschiedenen Zeiten versdiiedene Namen. 
Ursprünglich als Panzerprikas oder Waffenkammer gegründet*), 
führte er seit 1659 den Namen Waffen- und Laufprikas (Orushei- 
ncj i Stwcincj Prikasy^) oder auch bloss wie oben Waffenprikas, 
und seit 1669 wieder den der Waffenkammer (Orusheinaja Pdlatay^) 
oder des Zeughauses. Unter ihm standen wie früher die WalSen- 
fabriken und Staatszeughäuser, sowie alle bei der Anfertigung 
der Gewehre nöthigen Handwerker'*); auch waren ihm eine Zeit 
lang die Eisengiessereien in Tula und Eoschira untergeben''). 

14) Der Prikas von Kleinrussland {Prikas Maiye Bossii) 
hatte zum Chef einen Bojaren mit einem Personal von 1 Djaken 
der Duma und 1 bis 2 andern Djaken. Unter ihm stand ganz 
Eleinrussland, das Saporogische Easakencorps, die Städte Kiew 
und Tschemigow und Alles, was dieselbeai betraf'^). 

Neben den bisher genannten Prikasen, die fast alle während 
der ganzen vorliegenden Periode bestanden haben, gab es noch 
einige andere, deren Bestehen aber nur eine mehr oder minder 
kurze Zeit dauerte, und zwar: 

15) Der Kasakenprikas {Kasatschij Prikas) soll von 
1628 bis 1646 bestanden haben "^), findet sich aber schon 1626 

1) ibid. ni. N. 1469 2) iVid. IV. M. 1766. 8) KoMhiehin. ü«b. Busl. not. Dez. Mklu 
piV* 85. 4) Qmch, a. KrtogilE. In BimL MiUt Joan. 1856. N. 4. jm«. 5. — Ooliiya. Qmk. d.Q«- 
MratotobM. MSIlt Jovtb. 1857. N. 8. pur. 47. 5) 0«. Sunvl. IV. K. 1766. 6) ibid. N. 1852. 
7) ibid. K. 1859. 8) KoMbiehiB. Ueb. &hi1. nnt. Alex. Mich. paff. 86. 9) OMcb. d. Kriegsk. in 
Bmil. Milit Jo«ni. 1856. N. 4. pag. 6 10) G^lisyn. ««aeb. d. Oeiiemlstobet. MUit. Jonrn. 1857 M. 8. 
paff. 47. 11) ibid. 12) Koaebicbin. Ueb. finad. «Bt. Al«c. Mich, pag.86. 18) Sapplem. s. d. bist 
Actea. V. N. 77. 14) Koaebicbin. Utb. Bnail. nnt. Alex. Micb. pag; 88, 89. 15) Qeaeb. d. Kriegak. in 
. Uilit Joani. 1856. N. 4. pag. 5. - Goliiya. Oeaeb. d. OeBaralatebet. MUit. Jon». 1857. N. 8. pag. 47. 



— 334 — 

erwähnt*). Unter ihm standen während der Zeit seines Bestehens 
die besoldeten Kasakencorps und die Kasaken vom weissen Lande, 
die in den Fuss- und reitenden Regimentern in Moskau und den 
Städten dienten. 

16) Der Prikas für die Aushebung der Truppen und 
der vom Lande zu stellenden Kämpfer {Prikas ssboru rat- 
nych u datotschvyeh Ijudef) bestand von 1637 bis 1650 und hatte 
in dieser Zeit die Aushebung der Truppen der Russischen Ord- 
nung und der sogenannten Datotschenleute unter sich*). 

17) Der Prikas der Geldsammlung (Prikas deneshnogo 
ssboru) findet sich im Jahre 1679 erwähnt, wo er unter 1 Okol- 
nitschej mit 4 Djaken stand und die Einsammlung der für die 
Besoldung der Truppen erforderlichen Gelder zu bewirken hatte'). 

Ausser den genannten Prikasen, die mehr oder minder einen 
ausschliesslich militairischen Character hatten, griffen auch noch 
einige andere Prikase in die militairischen Verhältnisse ein; so 
die Prikase des Nowgorodschen, üstjugschen, Ko- 
stromast^hen und neuen Viertels (Prihasy Nowgorodskaja^ 
Vstßishskija, Kostromskaja, Noivaja Tschetwert), das Galizsche 
Viertel {Galizkaja Tschetwerty) und der Smolenskische 
Prikas (Smolenskij Prikas) für die Mannschaften der unter ihnen 
stehenden Städte; der Apothekerprikas {Aptekarskij PHkasY) 
hinsichtlich der den Truppen beizugebenden Aerzte und Apothe- 
ker; der Patriarchen- (Patriarschy) und der Klosterpri- 
kas (Monastyrskoj Prikas)^ fainsichtlicn der vom Kirchen- und 
Klosterlande zu leistenden Verpflichtungen und der Anstellung der 
Geistlichen etc. bei den Feldkirchen; der Postprikas {Jamskoj 
PrikasY) hinsichtlich des von der Postverwaltung zu gestellenden 
Vorspannes*); und noch einige andere minder wichtige Prikase. 
Eine besondere Wichtigkeit in militairischer Hinsicht gewann zu- 
letzt die goldene Kammer (Solataja Palata), der nach dem 
Erlass vom 22. September 1701 alle Kämpfer und die Dragoner, 
die in den unteren und Transmoskauschen, den Transokaschen, 
Ukraineschen und den zum Smolenskischen Rasread gehörigen 
Städten aus Pikenieren, Reitern und Unerwachsenen dazu bestimmt 
waren, sowie die Chargen dieses Dienstes und die Stadtadligen 
mit ihren Kindern «im Dienst, Gericht und Verwaltung» (sslush- 
hojuy ssudom i uprawqju) und in allen Geschäften unterstellt wur- 
den, ohne dass andere Prikase in Moskau oder die Stadtwoewoden 
mit ihnen, ihren Leuten und Bauern femer etwas zu thun haben 
sollten"). 



1) Bftclwr d. llMresd. II. m^t. 1138. 2) QoVnyn. Ocnek. d. 0«ii«ra1iitMbcii. MUli Jmi«. 
1857. N. S. PH* 47. S) Btehcr d. BmkwI II. pH- 1075. 4) Koflehiehfo. Ufb. Rani. niit. Alex. 
Mich. pair. 85. N«. 5) ibid. PK- 86* «) Bfteh«r d. Banraid. II. pag. 1097, 1U98, 1104- 7) K». 
Mhiehin. ITfb. Kmal. unt Alex. Mieh. pa;. 8A, K7. 8) ibid. pag. 87. 9) KAch«r d. RanrMd. II. 
f^[. 1097. 10) Qm. SaaiBl. IV. N. 1x09. 



— 335 — 

8. Die dritte und höehste InstaiUB der Truppenverwaltung im 
Frieden bildete wie früher der Zar mit dem Beirath seiner Duma 
oder des Staatsrathes in Moskau, dessen Zusammensetzung sich 
gegen früher nur insofern etwas geändert hatte, als er nunmehr 
nur aus den 5 ersten Rangclassen bis zu den Spalniki herab, 
welche mit Ausnahme der 1. der Bojaren dem entsprechend als 
Leute der Duma bezeichnet wurden, gebildet war. Ausser diesem 
stehenden Rath der Duma wurden bei besonders wichtigen Ver- 
aidassungen noch eigene Rathsversammlungen aus den hoch« 
sten geistlichen und weltliehen Würdenträgem und Deputirtcn der 
untern militairischen Classen, des Handelsstandes, der Städte und 
des Landes nach Moskau einberufen. Als die wichtigsten derar- 
tigen Versammlungen sind hauptsächlich zwei hervorzuheben : ein- 
mal diejenige, wdche 1 648 zur Prüfung und Bestätigung des da- 
mals zusammengestellten neuen Gesetzbuches (uloshenie) tagte; 
nächst dem die am 24. November 1681 zu einer genauen Revi- 
sion der bisherigen Fechtart zusammenberufene Versammlung, um 
festzustellen , was von den alten Einrichtungen noch brauchbar 
sei, was aber durch Anderes ersetzt werden müsse, «da die Feinde 
jetzt neu erdachte Listen (nowotvymyschlennyja chitrosti) anwen- 
den, um die Oberhand zu gewinnen». Jene war gebildet aus dem 
Patriarchen, den Bojaren und Abgeordneten der Städte und des 
Landes, und zwar von den Moskauschen Chargen jeder Classe 2, 
von den Adligen und Bojarenkindem aus Nowgorod 5, aus den 
übrigen grossen Städten je 2, aus den kleinen je 1, von den Kaufleuten 
3, aus der Handels- und Tuchcenturie je 2 und aus den steuer- 
pflichtigen oder schwarzen Genturien, den Sloboden und Städten 
je 1 Mann^); diese bestand unter dem Vorsitz des Bojaren Für- 
sten Wassilej Golizyn aus 6 Mitropoliten, 2 Erzbischöfen, 3 Archi- 
mandriten, 41 Bojaren, 28 Okolnitschi. 19 Adligen und 10 Dja- 
ken der Duma, und 23 Kammerstolniks, wozu an ausgewählten 
Leuten noch 23 Stohiiki, 2 Generale, 2 Reiter- und 4 Strelz^- 
obersten, 3 Streaptschi, 4 Moskausche Adlige, l Shilze und De-» 
putirte der Stadtadligen und Bojarenkinder kamen'). Ausser die- 
sen beiden wurden aber auch solche Versammlungen noch für 
ganz specielle Veranlassungen, zur Berathung und Beschlussfas- 
sui^ über wichtige militairische Begebenheiten, zur Abschliessung 
wichtiger Verträge, zur Entscheidung über Krieg und Frieden etc. 
einberufen; so z. B. am 3, Januar 1642 eine solche, bestehend 
aus 10 Stolniki, 22 Moskauschen Adligen, 4 Strelzengolowen, 
12 Shilzen, 2 Djaken, 112 Stadtadligen und Bojarenkindern als 
Vertreter von 42 verschiedenen Städten, 3 Kaufleuten und 29 De- 
putirten der verschiedenen schwarzen Centurien und Sloboden 
von Moskau, zur Berathschlagung darüber, ob man das 1637 von 

1) SainiD]. d. StaatMrl. und Vertr. III. N. 129. 2) ibid. IV. N. J30. 



~ 886 — 

den Donschen Easaken den Türken abgenommene Asow behalten 
solle*); ferner am 1. October 1653 zur Entscheidung der Frage, 
ob die Kleinrussischen Kasaken, welche damals ihren Uebertritt 
unter die Bussische Botmässigkeit angeboten hatten, unter die- 
selbe angenommen werden sollten*); am 12. April 1678 eine an- 
dere aber Feststellung der Mittel, den Türken und Tataren bei 
ihrem Einfall in Bussland Widerstand zu leisten') u. s. w. Es 
werfen diese, fast bei jeder wichtigen Veranlassung zusammenbe- 
rufenen Versammlungen von Vertretern des Landes ein eigenthüm- 
liches Licht auf eine Zeit, die man gewöhnt ist, als eine solche 
zu betrachten, in der der unbeschränkteste Absolutismus und die 
eigenmächtigste Willkühr nach Orientalisch -Türkischem Zuschnitt 
geherrscht haben; während im Gegentheil fast kein Erlass jener 
Zeit aus eigener Zarischer Machtvol&ommenheit erfloss, ohne dass 
wenigstens die Zustimmung des Patriarchen und die Einwilligung 
der Bojaren dazu eingeholt und jedes Mal ausdrücklich als gege- 
ben vermerkt wurde*). Ob dies als ein Vorzug oder ein Mangel 
der damaligen Staatsverfassung anzusehen ist, mag dem specu- 
lativen Wortgefecht modemer Theoretiker anheim gegeben werden; 
hier interessirt nur das Factische. 

Die 3. Instanz der Friedensverwaltung befand sich beständig 
in Moskau, wesshalb in dem Falle, dass der Zar diese Stadt auf län- 
gere Zeit verliess, dort immer 1 Bojar, 2 Okolnitschi, 2 Adlige und 
Djaken der Duma zurückblieben, um alle vorkommenden Angele- 
genheiten, mit Ausnahme der geheimen, durchzusehen und dem 
Zaren nachzuschicken*). 

B. Die Verwaltung im Kriege 0* 

Die eben geschilderte ziemlich verwickelte Verwaltung, in der 
die einzelnen Behörden und Personen derselben in ihren Functionen 
vielfach in und durch einander griffen, hörte mit dem Beginn des 
Krieges sofort auf. Indem der Krieger die Waffen in die Hand 
nahm, trat er aus allen bürgerlichen Verhältnissen heraus und 
völlig unter die Verwaltung seiner militairischen Vorgesetzten. 
Während der Dauer seiner kriegerischen Dienstleistung war er 
vor jeder gerichtlichen Untersuchung sicher; jeder Process wurde 
bis zu sBner Bückkehr in das bürgerliehe Verhältniss suspendirt, 
und nur wo es sich um Mord, Strassenraub oder Einbruch han- 
delte, wurde der Lauf der Gerechtigkeit nicht gehemmt'). 

Oleichzeitig mit der Kriegserklärung wurde ein besonderer 



1) iUd. m. K. HS. S) Ibid. K. 167. 8) 0«. SMrnnl. IT. 9. 72S. 4) Bftchar d. Bm- 
Ntd. n. p«ff. 1078, 1074. 5) KiMchiehiii. Ueb. Bnnl. nnt. Alei. Mich. p«ff. 2'. 6) GcMh. d. 
Kriegik. in KnmI. Hilii Joorn. 1856. N. 4. pag. 6 bis IG. - GoHxyn. Ocwh. d. G«iiera1«Ube«. Milit 
jOTirn. 1857. N. X p«ff. 48 bia 5«. — Be^MW. üeb. d. Biu*. H«er mit Hieb. Feod. b. s. d. Bef. P«t 
d. Or. pa«. 85 bb 118. 7) BdjMw. U«b. d. Bnm. Beer nst Hieb. Fe«d. b. x. d. Bcf. IVt 
d. Or. p^^. 85. 



— 837 — 

Obercommandeur für die zu dem bevorstehenden Feldzug bestimm- 
ten Truppen ernannt und demselben ein Gefahrte (towarischtsch) 
und das erforderliche Büreaupersonal beigegeben; ebenso wurden, 
im Range ihm folgend, ein Generalzahlmeister, ein Chef für die 
Artillerie, em Zahhneister für die Mannschaften der Deutschen 
Ordnung, und endlich die Chefs der abgesondert operirenden und 
der zum Bestände des Hauptcorps gehörenden Regimenter oder 
Corps bestimmt*). Von den genannten Chargen führten der Ober- 
commandeur und die Commandeure der einzeben Regimenter als 
eigentliche Truppen- oder Heerführer de;i diesem Begriff entspre- 
chenden Titel von Woewoden (woewody), welcher ebenso dem 
Chef der Artillerie und dem zur Bewahrung der Heerfahne com- 
mandirten Beamten zukam. Die Bezeichnung als Woewoda be- 
dingte kein Rangverhältniss und war ebenso wenig bleibend, viel- 
mehr hörte sie mit der Beendigung des Krieges oder mit dem 
Rücktritt des Betreffenden wieder aiö, und dieser wurde dann das, 
was er früher war und nie aufgehört hatte zu sein und zu heissen : 
Bojar, Okotoitschej, Stolnik, oder welchen Rang er sonst im Hof- 
oder Staatsdienste bekleidet hatte, falls er nicht für seine gelei- 
steten Dienste zu einem höheren befördert wurde'). Zu den 
Woewoden wurden auch die seit Alexej Michailowitsch bei den 
regulairen Truppen der Deutschen Ordnung vorkommenden Gene- 
rale gerechnet, die anfangs als solche auf längere oder kürzere 
Zeit aus dem Auslande in den Russischen Dienst traten und dann 
den Stolniki im Range gleich gestellt wurden. Später ernannte 
man aber auch Russen zu diesen Stellen, und zwar wieder haupt- 
sächlich aus den Stolniki'). Die ersten Bussischen Generale finden 
sich übrigens bei den Moskauschen Eliteregimentem. Was die 
Stellung der Hofwoewoden betrifft, die in der vorigen Periode 
als Commandeure des Regiments des Herrschers, oder, mit einem 
modernen Namen bezeichnet, als Chefs des Gardecorps, den höchsten 
Rang unter den Woewoden eingenommen hatten, so findet sich 
dieselbe in dieser Periode nur noch als ein Ehrentitel, etwa gleich- 
bedeutend mit den späteren Generalissimi oder Feldmarschällen. 
Sie wurde in dieser Bedeutung vor Peter dem Grossen überhaupt 
nur zwei Mal verliehen, nämlich unter dem Zaren Alexej an den 
Bojaren Fürsten J. K. Tscherkasskoj und während der Regentschaft 
der Zarewna Sofia an den nahen Bojaren Fürsten W. W. Golizyn, 
den letzten, der ihn in diesem Sinne trug^), da die späteren unter 
Peter dem Grossen vorkommenden Hofwoewoden, me weiterhin 
gezeigt werden wird, eine wesentlich andere Bedeutung hatten. 

Bei der Ernennung der Woewoden für die Befehligung eines 
Heeres und seiner Regimenter oder Corps musste bis gegen das 



1) ibid. pur 87 bi« 90. - a«Kli. d. Kriegak. in RomI. Milit. Jonrn. 18M. N. 4. pag. 7. 
2) Be^Mir. Utb. d.1iaas. R«r out Mieh. Ftod. b. t. d. B«f. Pet. d.Gr. pag. 91. 8) G^lisyn. Oaaeb. 
d. Geaeratotobaa. Milit Jonni. 1869. N. 8. pag. 52. 4) ibid. 

Biiz, a«Mh. d. alt. RVM, B««r«Mlwrl«h«. 22 



— 388 — 

Ende dieser Periode mit der strengsten Beobachtung der persön- 
lichen und dienstlichen Rangverhältnisse verfahren werden, wie 
dies in der vorigen Periode bereits gezeigt ist. Es konnte daher 
keine Anstellung einer Person erfolgen, ehe nicht vorher die 
Bücher des Rasread darüber zu Rathe gezogen waren, ob dieselbe 
auch mit ihrem persönlichen Range in die Stellung passte, für die 
sie über oder unter den andern Woewoden bestimmt war. Nichts 
desto weniger waren damit die früher schon mehrfach erwähnten 
Rangstreitigkeiten nicht vermieden, ganz abgesehen davon, dass 
die Zaren in dem Maasse, wie die Regularisirung der Truppen 
fortschritt, sich immer weniger geneigt fdhlen mochten, diesem 
lächerlichen und in seinen Consequenzen geradezu schädlichen 
Vorurtheil femer Rechnung zu tragen. Von diesem Gesichtspunkt 
aus wurde zunächst eine Verminderung der Rangclassen und eine 
Vereinfachung der Rangordnung durchgeführt, und so bereits im 
Jahre 1620 unterm 30. März der schon unter den Zaren Johann 
Wassiljewitsch und Feodor Johannowitsch gegebene Befehl erneuert^ 
dass der 2. Woewoda des grossen und die 1. Woewoden des vor- 
deren und des Wachregiments in gleichem Range stehen, und 
ebenso die beiden letzteren Regimenter als gleichstehend gelten 
sollten'). Demnach war die Militairhierarchie, da die Regimenter 
der rechten und linken Hand fast nicht mehr vorkamen, auf fol- 
gende drei Classen beschränkt: 

Der '1. Woewoda des grossen Regiments. 

Der 2. Woewoda des grossen und die 1. Woewoden des vorderen 
und des Wachregiments. 

Die 2. Woewoden des vorderen und des Wachregiments. 
Auf die Erneuerung der alten Rangstreitigkeiten war strenge 
Strafe gesetzt, namentlich, wenn eine darüber erhobene Be- 
schwerde sich als ungegründet erwies. Dergleichen Strafen be- 
standen wie früher in körperlicher Züchtigung mit der Knute oder 
dem Stock, in «Herausgabe mit dem Kopf des Schuldigen an den 
Gekränkten» d. h., wie früher bereits des Genauem angegeben, 
in zwangweiser Gestellung des ersteren vor dem letzteren, und 
Einsperren ins Gefängniss, in welchem letzteren Falle der Bestrafte 
zu Fuss nach demselben gehen musste. Auch Geldstrafen wur- 
den für ungerechtfertigte Beschwerden verhängt, wie denn z. B. 
1632 der Fürst B. Sykow dem Fürsten D. Tscherkasskoj wegen 
einer solchen 1200 Rubel Entschädigung zahlen musste'). Wer 
auf Grund semer behaupteten Rangverhältnisse mit einem Ande- 
ren nicht dienen wollte, wurde ebenso mit Gefängniss, Stockschlä- 
gen, Geldbussen, ja selbst mit Degradation, Vermögensconfiscation, 
mit der Knute und ewiger Verbannung nach Sibirien unter Ein- 
schreibung zu den dortigen Kasaken oder Bojarenkindem bestraft*). 

1) BtdMr d. BmmiL U, VH- 676. 896. 2) iUd. IL pag. 877. 8) KMehiohii. üeb. 
BoaL ut AI«. Mich. PH- 8S bli 86. 



— 339 — 

Später wurde, um gleich von vorne herein Rangstreitigkeiten vor- 
zubeugen, beim Beginn eines Marsches festgesetzt, wer oberster 
Anführer sein sollte; alle übrigen Woewoden hatten dann unter 
diesem «ohne Stellen» (bes mest) zu sein, d. h. ohne Rücksicht 
und unbeschadet ihres persönlichen Ranges zu dienen. Wer dann 
aber die alten Streitigkeiten wieder aufe Tapet brachte, der sollte 
Rang und Ehre verlieren und ausserdem noch hart bestraft werden '). 
Es ist schon in der vorigen Periode angedeutet, dass es 
ausser dem persönlichen und dem dienstlichen Rangverhältniss 
auch noch unter den einzelnen Reichen und Städten 
von Russland eine besondere Rangordnung gab, die ein 
gewisses Superioritäts- oder Subordinationsverhältniss ihrer Ein- 
wohner bedingte. Dieselbe war nach einer, im März 1680 auf 
Grund der früheren Festsetzungen erlassenen Bestimmung für die 
Bojaren, Okolnitschi, Leute der Duma, Stolniki und AcQigen bei 
Gesandtschaften und Unterhandlungen in der Art geordnet, dass zu- 
nächst die einzelnen Grossfürstenthümer in folgender Reihe rangirten: 
Moskau, Kiew, Wladimir, Nowgorod, Kasan, Astrachan, Sibirien, 
Pskow, Smolensk, Twer, Jugorien, Perm, Wjätka, Bolgarien, 
die unteren Lande Nowgorods, Tschernigow, Rjäsan, Rostow, 
Jaroslawl, Beloosero, üdorien, Obodorien, Kondinsk. 
Nächst dem war noch für folgende Städte die nachstehende 
Rangordnung bestinmit: 

Ssusdal, Wologda, Kolomna, Kostroma, Galitsch, Bijansk, 
Murom, Putiwl, Belgorod, Uglitsch, Tula, Starodub, Swijashsk, 
Dorogobush, üstjug, Kolmogory, Rshew-Wolodimirow, Nowo- 
Torshok, Kaluga, Koschira, Schazkoj, Rjasskoj, Jurjew-Polskoj, 
Kaschin, Moshaäsk, Swenigorod, Borowsk, Pereslawl - Salesskoj, 
Alatar, Sserpuchow, Romanow, Kurmish, Tscheboxary, Roslowl, 
Koselsk, Medyn, Kadom, Elatma'). 

So wesentlich nun auch das Rangverhältniss in manchen Be- 
ziehungen gegen früher vereinfacht war, so blieb es doch noch 
complicirt genug, daher es sich leicht denken lässt, wie häufig 
hier CoUisionen vorkommen mussten. Das Uebel war endlich der 
Art, dass sich seine Beseitigung nicht mehr abweisen liess. Den- 
noch erfolgte dieselbe erst unter Feodor Alexeewitsch im Jahre 
1682. Damals war nämlich, wie bereits mehrfach erwähnt, eine 
aus den höchsten geistlichen und weltlichen Würdenträgem zusam- 
mengesetzte Commission unter dem Bojaren Fürsten W. Golizyn 
zur Revision der Militaireinrichtungen niedergesetzt, die, durch 
Erwählte der anderen Classen verstärkt, am 12. Januar 1682 eine 
grosse Sitzung hielt*). Dieser Commission wurde unter Anderem 
auch der Plan vorgelegt «zum vollen Vortheü und zur besseren 
Einrichtung des MUitair-, Gesandtschaftswesens etc.» die ganze 

1) Bfteher d. BMfwid. H. iMg. 1078. 2) SammL d. StaatMrL Q. V«rtr. IV. N. 116. 8 iMd. 
N. 180. - Qm, SuBmI. D. N. 906. 

22* 



— 340 — 

alte Rangordnung der Stellen und Aemter mit ihren Streitigkeiten 
abzuschaffen and ein für alle Mal den verschiedenen Chargen 
anzubefehlen, in allen Fällen ihrer dienstlichen Verwendung «ohne 
Rang zu sein», d. h. nur dei^enigen Rang einzunehmen, der ihnen 
in Folge ihrer jedesmaligen militairischen oder anderweitigen Stel- 
lung zu ihren CoUegen, nicht aber nach ihrem persönlichen Adel 
zukam. Mit diesem Vorschlag erklärte sich die ganze Versamm- 
lung einstimmig einverstanden, worauf sich der Zar alle darüber 
von ihm und den früheren Herrschern geführten amtlichen Ras- 
readbücher bringen, und dieselben noch an dem nämlichen Tage 
in den Vorhöfen des Zarischen Schlosses öfifentlich verbrennen 
liess. Gleichzeitig wurde befohlen, dass alle von Privatpei-sonen 
geführten Bücher und Verzeichnisse bei schwerer Leibes- und 
Kirchenstrafe dem Rasread zur Vernichtung eingeliefert werden 
sollten. Den Abschluss fand diese Angelegenheit demnächst durch 
die vom Zaren ausgesprochene Erklärung, «dass künftig die Boja- 
ren, Okolnitschi, Duma- und nahen, und aller Chargen Leute 
zu Moskau in den Prikasen, bei den gerichtlichen, und in den Re- 
gimentern bei den kriegerischen und bei den Gesandtschafts- und 
überall bei allen Geschäften alle unter einander ohne Rang sein», 
und die alten Streitigkeiten durchaus nicht wieder anfangen soll- 
ten. Zur Belohnung für die bei dieser Gelegenheit bewiesene 
Willfährigkeit aller Adligen, ihre alten eingebildeten Vorrechte 
aufzugeben, befahl der Zar dagegen die Adelsbücher wie früher 
im Rasread zu führen und zu vervollständigen^). — Damit fanden 
endlich die Rangstreitigkeiten, welche Jahrhunderte lang ihren 
schädlichen Einfluss in Russland geübt hatten, ein Ende. 

Was nun die Organisation der Kriegsverwaltung 
im Speciellen betrifft, so möchte hier zunächst von derselben bis 
zu der ersten reformatorischen Thätigkeit Peter^s des Grossen zu 
sprechen sein, da dieselbe, wenngleich sie noch nicht definitiv mit 
den alten Einrichtungen brach, doch Momente enthielt, die sich 
nicht ohne Zwang in eine Beschreibung derselben einfügen lassen. 

Die Organisation der Commandobehörden bis zu 
Peter dem Grossen. 

Dieselbe blieb im Allgemeinen in der früher bereits geschil- 
derten Art bestehen, entwickelte sich jedoch im Speciellen mehr 
und in schärfer ausgeprägten und abgegrenzten Formen. Danach 
gab es bei den einzelnen Truppencommandeuren der Kriegsorga- 
nisation in den ersten Zeiten dieser Periode ebenfalls drei Instan- 
zen, nämlich die der unmittelbaren Commandeure und Chargen 
der Truppeneinheiten als die niedrigste; die der Regimentswoewo- 

1) ibid. 



— 341 — 

den und ihrer Stäbe als die zweite, und endlich die des Oberwoe- 
woden und seines Stabes als die höchste Instanz. Ausserdem 
existirten noch besondere Chefs för die Truppen des localen Ver- 
theidigungsdienstes. 

1. Die unmittelbaren TrunpenoommandeureO bestanden aus 
den Offizier- und Unterofiizierchargen der einzelnen Truppenclas- 
sen, von denen bereits bei der Beschreibung der Organisation 
derselben die Rede gewesen und desshalb hier nicht noch einmal 
zu sprechen ist. 

2. Die Chefs der einzelnen Regimenter und ihre Stäbe. Die 
Chefs der einzelnen Regimenter waren wie früher die Rc^iments- 
woewoden. Ihnen zur Seite standen für die Leitung ihrer Corps 
eine Anzahl Offiziere und Militairbeamten, welche in ihrer 6e- 
sammtheit das bildeten, was man gegenwärtig mit dem Namen 
eines Corpsstabes bezeichnen würde. 

a. Me leglneitsweeweiei (polkotvye woewody). Dieselben 
entsprachen dem eben Gesagten nach den modernen Corpscom- 
mandeuren und zerfielen wie diese in solche, welche zum Bestände 
der Hauptarmee gehörten und in solche, welche abgesondert von 
derselben opefirten. Die letzteren standen als detachirte Corps- 
commandeure zu ihren Truppen ganz in dem Yerhältniss selbst- 
ständiger Führer, während die ersteren dem Obercommandeur ge- 
genüber sich in der Stellung der modernen Commandeure nicht 
abgesonderter Corps zu dem General en chef befanden. Jedes 
Regiment oder Corps hatte gewöhnlich zwei Woewoden, von denen 
einer, der ütere, der eigentliche Commandeur war, der andere 
als sein Gefährte fungirte. Dieselben theilten sich in der Art in 
das Commando der Truppen, dass jener die grössere Hälfte bis 
zu } derselben, dieser den kleineren Rest unter seiner speciellen 
Leitung hatte. 

Die Woewoden erhielten bei ihrer Bestimmung zu dieser 
Stellung in der Regel eine Instruction {nakas) über ihr Ver- 
halten, in welcher gewöhnlich Folgendes angegeben war: die 
Zusammensetzung ihres Regiments, der Sammelplatz desselben und 
des grossen Regiments sowie dessen Führer, die Orte zur Empfang- 
nahme der Artillerie und der sonstigen Marsch- und Kriegsbe- 
dürfnisse, der Operationsplan im Allgemeinen und die Jedem in 
demselben zufallende Rolle ; ferner Vorschriften über die Behand- 
lung feindlicher Ueberläufer, Gefangener und der Landeseinwohner. 
Die meisten dieser Vorschriften athmen schon im Anfange dieser 
Periode eine gewisse Milde und Humanität, namentlich zeichnen 
sich die über die Behandlung der feindlichen Einwohner in dieser 
Richtung aus'). Weniger lässt sich das von den über die Behand- 

1) GcMli. a. Kriagtk. in SimbI. Milit Jonra. 1867. N. 4. pag. 10. - Beljatir. üeb. d. RvM. 
Haw ut Mieh. Feod. b. i. d. Bef. Pei. d. Gr. pa«. 105 bii 114. S) OMeh. d. Kriagil. in BmL 
MUii JowB. 18Ö6. N. 4. pa«. 7. ~ B«\JMW. Utb. d. Bub. Heer lut. Mteh. Feod. b. i. d. BaT. Pe*. 
d. Gr. pag. 92. 



— 342 — 

lung der Gefangenen sagen, von denen man unter allen Umstän- 
den Nachrichten verlangte und die man, im Falle sie solche ver- 
weigerten, härter als die Deserteure behandelt, ja selbst mit der 
Folter nicht verschont zu haben scheint'). Endlich wurden noch 
in Fällen, wo die Anwerbung von Freiwilligen vorauszusehen war, 
die dabei zu beobachtenden Regeln in den bezeichneten Instructio- 
nen vorgeschrieben*). 

. Im Allgemeinen standen die Chefs der einzelnen Regimenter 
unter dem Oberwoewoden der Armee, mussten nach seinen An- 
weisungen und in Uebereinstimmung mit ihm handeln und ihm 
von Allem, was bei ihnen vorging, Bericht erstatten. Indessen 
war ihnen doch, selbst in strategischer Hinsicht ein gewisser 
Spielraum zum Handeln auf eigene Verantwortlichkeit gelassen, 
so lange als sie noch nicht wirklich zu dem Corps des Oberwoe- 
woda gestossen waren; wogegen sie von diesem Augenblick an 
unter dem letzteren standen und dann nur noch eine begrenzte 
taktische Selbstständigkeit bei der Ausführung seiner Befehle 
hatten"). 

Die Commandeure der verschiedenen Regimenter der Armee 
bildeten zusammen einen permanenten Kriegsrath des Oberwoewo- 
den und fahrten in dieser Beziehung den Namen von zusammen- 
kommenden oder Versammlungs-Woewoden {sschodnye woetvody); 
für ihre Sitzungen befand sich bei jeder Armee ein besonderes 
Berathungszelt, das Regiments- (polkowyj) oder Rasreadzelt (ras- 
rjadnyj schater) genannt*). 

b. fie Stabe der eiiseliei leglneiter bestanden unter der 
Oberleitung der älteren Woewoden aus folgenden Personen: 

Die jüngeren Woewoden. 

Die Woewoden bei der Fahne. 

Das Büreaupersonal. 

Das Woewodengefolge und die Essaule. 

Die Regimentsärzte. 

Die Regimentsgeistlichen. 

1) Die jüngeren Woewoden, von denen bereits die Rede 
gewesen ist, bildeten mehr die Gefährten und Stellvertreter der 
älteren als ihre Untergebenen, wenngleich sie in einem bestimm- 
ten Subordinationsverhältniss unter denselben standen^). Man kann 
sie so am Besten mit den noch jetzt in der Russischen Armee 
existirenden Gehülfen (pomoschtschniki) oder mit den Generalen 
ad latus anderer Armeen vergleichen. Als Führer der einen Ab- 
theilung der Regimenter nahmen sie ausserdem zu den dieselbe 
im Ganzen führenden älteren Woewoden die Stellung der heuti- 
gen Divisionschefs zu den Corpsconunandeuren ein. 



1) B«flh«r d. Biaratd. II. pa«. 406. 2) Beljaew. Ueb. d. Snv. Heer vnt Mich. Fcod. K 
I. d. Bef. Pet d. Gr. peif. 103, 108. 8) ibid. im«. 102 bis 104 4) Bftcher d. Baeieni. II. p«g. 1096^ 
1363, 136a, 1378, etc. ft) Ooliijn. Oesoh. d. Generaletobee. Milit. Jonrn. 1858. N. 4. peg. 61. 



— 843 — 

2) Die Woewoden bei den Fahnen {woewody u sna- 
meni). Als sein Hauptfeldzeichen führte jedes Regiment eine be- 
sondere Regimentsfahne, die demselben beständig aach im Frieden 
verblieb. Bei dieser Fahne befand sich ein eigener Woewoda, 
welcher mit einem Golowa und einer bestimmten Abtheilung aus- 
gesuchter Leute — in dem Regiment des Herrschers von 1000, 
in den andern Regimentern zu je 100 Mann — dieselbe zu be- 
wachen hatte'). 

3) Das Büreaupersonal. Da die Verwaltungsstäbe der 
Regimenter keine Djaken hatten, so bestand das Büreaupersonal 
derselben nur aus Podjät sehen (podjatschie) und Büreau- 
wächtern (storoshi). Im Allgemeinen dienten diese Personen 
in ähnlicher Weise wie in der vorigen Periode; doch beschränkte 
sich der Dienst der Podjätschen nicht allein auf die Besorgung der 
schriftlichen Geschäfte und die Führung der verschiedenen Bücher, 
Verzeichnisse und Rechnungen, sondern sie hatten auch auf dem 
Marsch und im Gefecht die Befehle der Woewoden zu überbringen*). 
Zu diesem Zwecke waren sie, wie überhaupt alle Mitglieder der Ver- 
waltungscanzeleien, vollständig für den activen Dienst zu Pferde 
bewaffnet und ausgerüstet. Die Zahl der Podjätschen und Btlreau- 
Wächter war übrigens unbestimmt, und von der Stärke des Corps 
so wie von dem Umfange der Geschäfte abhängig. So betrug sie 
z. B. 1679 bei dem etwa 16,000 Mann zählenden Easanschen Rasread 
1 älteren, 3 mittlere, 4 jüngere Podjätschen und 2 Wächter"). 
Für die Bureaus der einzelnen Regimenter oder Rasreade wurden 
alle erforderlichen Gegenstände an Mobiliar, Schreibmaterial und 
sonstigen BedürMssen auf zweispännigen Telegen mitgeführt; und 
für die kleinen Unkosten zur Unterhältung derselben gewisse Pau- 
schalsummen Bis Büreaugelder «für alle Regimentsausgaben» (na 
wssjakie polkotoye rasschody) angewiesen, welche sich z. B. in dem 
eben genannten Jahre für das Nowgorodsche Regiment, den Ea- 
sanschen und Rjäsanschen Rasread auf je 300 Rubel beliefen^). 
Ausserdem befanden sich bei den Bureaus der Regimenter biswei- 
len noch die zum Fertigen des Granatensatzes erforderlichen Ge- 
räthe*^), wahrscheinlich weil man dieselben, geheim wie man Alles 
hielt, was sich auf diese Geschosse bezog, dem Artilleriepark nicht 
anvertrauen mochte. 

4) Das Woewodengefolge (sawoewodtschiki) und die 
Essaule (essauly) hatten im Allgemeinen dieselben Functionen 
wie früher, d. h. analog den heutigen Adjutanten und Ordonnanz- 
offizieren der Gorpsstäbe. Ihre Zahl war nicht unbedeutend und 
belief sich für jeden Bojaren und Woewoden auf 20 Essaule, 



1) KoKhiehJn. Utb. BaaL not. Alex. Mich. p«g. 108, 104. S) BsUmw. ü«b. d. Rui. H«0r 
«nt Mfeh. Feod. b. s. d. Btf. P«i d. Or. pw. lU. 8) Btteher d. BMfwd. H. pag. 1102. 4) ibid. 
PH- 109&« lOM. 8. Beilage N. 0. IV. 5) Bftchtr d. Bwresd. n. pag. 1102, 1103. 



— 344 — 

welche von jenen selbst aus guten jungen Leuten ausgewählt 
wurden '). 

5) Die Regimentsärzte und das Medizinalwesen der ein- 
zelnen Regimenter. Gegen das Ende der Periode hatte jedes 
Armeecorps — Regiment oder Rasread — in seinem Verwaltungs- 
stabe ein besonderes ärztliches Oberpersonal, dessen Zahl schon 
ziemlich beträchtlich war. So betrug dasselbe z. B. 1679 bei dem 
gegen die Türken und Tataren aufgestellten Heer für das grosse 
Regiment 5 ausländische und 2 Russische Aerzte und 2 Eleven'); 
für den Kasanschen Rasread aber 1 Chirurgen, 4 ausländische 
Aerzte und 3 Eleven'). Apotheker scheint es bei den einzelnen 
Corps zwar nicht gegeben zu haben, doch hatte ein Jedes seine 
besondere Feldapotheke, welche 1679 bei den eben genannten beiden 
Heeresabtheilungen einen Arzeneivorrath im Werthe von 298 Rubel 
1 Altyn 4 Dengi*) resp. 218 Rubel 17 Altyni 2 Dengi") enthielt. 
Der Transport dieser Voträthe erfolgte in der Art, wie es beim 
Material der Artillerie näher angegeben werden wird. 

6) Die Regimentsgeistlichkeit und das Kirchenwesen 
der einzelnen Regimenter. Im Fall, dass eine Armee ins Feld 
rückte, wurde jedem Regiment etc. eine Feldkirche zugetheilt*), 
die aus einem entsprechend eingerichteten Zelt mit verschiedenen 
Bildern, den nöthigen Messgeräthen und Kirchenutensilien bestand'). 
Bei derselben waren nicht bloss die nöthigen Geistlichen, sondern 
auch die erforderlichen Handwerker zum Aufschlagen des Zeltes 
und zur Instandhaltung desselben und seiner Geräthe commandirt 
Zum Transport der Feldkirche und ihres gesammten Zubehörs 
dienten 1 bis 2 besonders dazu eingerichtete Telegen. 

3. Der Oberwoewoda und sein Stab. Der oberste Befehls- 
haber oder General en chef einer, aus mehreren Regimentern 
(Corps) bestehenden Armee führte, falls nicht der Zar selbst com- 
mandirte, den Titel des Oberwoewoden. Demselben waren fftr die 
oberste Leitung der Armee eine Anzahl höherer Offiziere und Mili- 
tairbeamten zugeordnet, welche seinen Verwaltungsstab nach Art 
der modernen Armee- oder Oberstäbe bildeten. 

a. fer tberw«ew«da (Glaivnyj woewoda). Wie schon früher 
gesagt, wurde bei einem bevorstehenden Feldzug gleichzeitig mit 
der Kriegserklärung ein Oberwoewoda ernannt und ihm als Ge- 
hülfe ein jüngerer Woewoda beigegeben. Gleichzeitig mit dem 
Oberbefehl über die gesammte zu einem Zweck zusammengezogene 
Armee führten dieselben gewöhnlich noch eins der Regimenter oder 
Corps, aus denen diese bestand, und zwar war dies immer das 
grosse Regiment als das vornehmste. Der Oberwoewoda erhielt 



1) KoMhichin. Ueb. Boa*], mii A1«z. Mich. pag. 104. 2) Bftcher d. BumA. II. pag. 111&, 
1119. 8) ibid. ]M(|. nie, 1117. naO. 4) ibid. PK* 1116, nie. & Beila« N. 9. Y. 5) ibid. 
mg. 1117, 1119. 8. Beilage N. 9. V. 6) Beljaew. Ueb. d. Boea. Heer nnt. Mieh. Feod. b. s. d. Bef. 
Pet d. Qt. pag. 86. Anm. 185. 7) Bfteher d. Baaread. IL pag. nil bia 1118. & Beilage N. 9. Tl. 



— 345 — 

bei seiner Ernennung zum Commando von dem Zaren eine In- 
struction über sein Verhalten im Kriege, in der gewöhnlich Fol- 
gendes angegeben war^): der Grund und die Ursache des Krieges, 
gleichsam eine Art Rechtfertigung desselben enthaltend; die Zu- 
sammensetzung des Heeres, die Zahl seiner Regimenter und die 
Namen der dieselben führenden Woewoden ; die Sammelplätze der 
einzelnen Regimenter oder Corps; die Bestimmung der Personen 
fQr den Armee- oder Oberstab; die Liste der zum Marsch auf- 
gebotenen Mannschaften der verschiedenen Truppenclassen nach 
den einzelnen Städten, wozu aus dem Rasread, dem Ausländer-, 
Reiter-, Strelzen-, Kanonier- und anderen Prikasen specielle na- 
mentliche Listen über die Leute und umständliche Verzeichnisse 
über das Artillerie- und sonstige Kriegsmaterial beizufügen waren ; 
die genaue Anweisung, wie die angekommenen Mannschaften ge- 
mustert, eingetheilt verzeichnet und zum Dienst angehalten, wie 
mit den zu spät Kommenden und Ausbleibenden ver&hren und 
welche Berichte darüber dem Zaren und dem Rasread erstattet 
werden sollten ; die Marschrichtung und der muthmaassliche Gang 
der Operationen, dem Zweck des Krieges entsprechend*), wobei 
der Natur der Sache nach nur ganz allgemeine Anweisungen ge- 
geben und so abgefasst werden konnten, dass dem Obercomman- 
deur die Hände nicht gebunden waren. Und in der That war es 
demselben ausdrücklich überlassen «innerhalb der Instruction nach 
Umständen» (po Gossudarewy nakasu i ssmotrja po tatnoschnemy 
delu) auf eigene Verantwortlichkeit zu handeln «wie es fär die 
Angelegenheiten des Zaren am besten und vortheilhaftesten wäre» 
(kaJc Gosst4darewu delu luUsche i pribylnee), «wie der gnädige Gott 
Hülfe geben» (sskolko milosserdij Bog pomotschi podast) «und wie 
Gott ihn dazu verständigen und anweisen würde» (t kok was na 
to delo Bog wrasumit i nastawity). Femer enthielten die In- 
structionen noch Vorschriften über die Behandlung von Ueberläu- 
fern und Deserteuren, die nach ihrer Ausforschung unter schrift- 
licher Mittheilung der dabei gemachten Aussagen dem Zaren 
zugeschickt werden mussten y über den Verkehr mit dem Feinde, 
die Behandlung und Auswechslung der Gefangenen und endlich 
über die Behandlung der Einwohner des Landes. 

Ausser jenen, in fast allen Instructionen wiederkehrenden 
Vorschriften finden sich bisweilen, namentlich in späteren Zeiten, 
noch speciellere Anweisungen für besondere Verhältnisse, z. B. 
über die Beschaffung des Vorspanns*), über den Verkehr und die 
Beziehungen mit den Kleinrussischen Hetmans'), den Fürsten und 



1) BeljMw. U«K d. Bim; Heer nnt. Mich. Feod. Ik s. d. Bef. Pei. d. Gr. pag^. 91, 93. — 
Bttcber d. Banread. II. pag. 82, 37, 51, 67, 97, 101, 107, 111, J28, 186, 146, 157, IM, 218, 231, 258, 
2«2. 842, 355. 859, 878, eUx etc^ namentliok aber pag. 577, 585; II. 891 bis 426, 557, 568, 1151 bis 
1177. - Acten d. Arch. Exped. IIL K. 206, 207, 220, 223, etc. etc. 2) Be^aew. Ueb. d. Bim. Heer 
mit. Mich. Fcod. b. %, d. Bef. Pet. d. 6r. pag. 91. 92. 8) B&cher d. Baanad. I. pag. 1001. — II. pi«. 
26 eta. etc. 4) ibid. II. pag. 1160, 1161. 5) ibid. pag. 1190, 1191. 



— 346 — 

Taischen der Ealmttcken'), über die Benutzang der Feldpost'), die 
oberste Leitung der Terpflegungsmaassregeln etc. 

k fer Ameestob. Die Organisation desselben war im An£BUig 
dieser Periode nicht wesentlich anders wie in der vorigen, machte 
aber dann bald sehr bedeutende Fortschritte. So findet man 
schon im Jahre 1631 bei dem Potaischen Kriege ausser dem frü- 
heren Personal in demselben einen Chef für das Geld- und Gas- 
sen- und einen anderen für das Yerpflegungswesen ernannt. Später 
vervollkommnete sich die Organisation der Ober- und Armeestäbe 
so weit, dass man schon unter Feodor Alexeewitsch in denselben 
die meisten der jetzt in ihnen enthaltenen Elemente vertreten findet, 
so eine Operationscanzelei, ein Auditoriat, ein geordnetes Medicinal- 
wesen, geordnete Gassen- und Verpflegungseinrichtungen, eine Feld- 
geistlichkeit mit Feldkirchen und selbst Feldposten. Es bestand so- 
mit der Haupte oder Oberstab einer Armee aus folgenden Personen: 

Der Gefahrte des Oberwoewoden. 

Der Ghef der Soldauszahlung. 

Der Ghef der Artülerie. 

Die Woewoden der einzelnen Regimenter. 

Der Woewoda bei der Fahne. 

Der Ghef des Verpflegungswesens. 

Das Büreaupersonal. 

Die Aushebungscommissarien. 

Die Besoldungsbeamten. 

Das Woewodengefolge und die Essaule. 

Die Sendwoewoden und Mannschaften. 

Die Lager und Quartiermeister. 

Die ausländischen Ingenieure. 

Die Richter. 

Die Aerzte und Apotheker. 

Die Feldgeistlichen. 
Die Stellung und Functionen dieser Ghargen waren im Speciellen 
folgende: 

1) Der Gefährte (totoarischtsch) des Oberwoewoden 
war sein nächster Gehülfe in Allem, was die Befehligung und Ver- 
waltung der Armee im Allgemeinen und des grossen Regim^ts 
derselben im Speciellen betraf, von welchem letzteren er der Regel 
nach einen besondem Theil () bis i) selbst zu fahren hatte, wobei 
er indess immer in directer Abhängigkeit zu dem Oberwoewoden 
stand und beständig mit ihm im Einverständniss handeln musste. 
Er entsprach in mancher Hinsicht dem Römischen magister equitum 
in einem Gonsular- oder Dictatorheer, oder dem damaligen West- 
europäischen Generallieutenant (lieutenant-g^n^ral) d. h. dem Stell- 
vertreter des General en chef*). 



1) iMd. PH- 1177 bis 1179. 2) Ib&d. pi«. 1244 bii 1246. 8) GoUiym. QeMh. d. GMtnI- 
■tobM. Mibt Jmin. 1867. N. 8. VH. 52, 58. 



— 347 — 

2) Der Chef der Soldaaszahlung (Natschdinik rasdatschi 
deneshnogo shalowanja) oder der Geldaustheiler (Deneshnyj Bos- 
dawezY) nahm im Range die nächste Stelle nach dem Oherwoe- 
woden ein und hatte das Amt des modernen Generalkriegszahl- 
meisters. Demselben stand eine Anzahl Djaken und Podjätschen 
zur Seite und bisweilen wurde ihm auch ein Gefahrte (towarischtsch) 
als Gehülfe zugetheilt'). Im Anfang wurde ein solcher Beamter 
nur bei ganz besonders verwickelten und lange dauernden Opera- 
tionen ernannt, während sonst seine Geschäfte mit zu den Func- 
tionen des Oberwoewoda und dessen Djaken gehörten ; in späterer 
Zeit scheint dagegen diese Stellung eine fixirte geworden zu sein*). 

Der Chef der Soldauszahlung erhielt bei seinem Abgange zum 
Heer eine bestimmte Instruction über sein Verhalten*) und die 
Kriegscasse mit genauen Listen über die Competenzen der ein- 
zelnen Chargen und Truppenclassen an Gehalt und Verpflegungs- 
geldern. Beim Heer angekommen empfing er von dem Oberwoe- 
woden die namentlichen Verzeichnisse der präsenten Mannschaften, 
und zahlte nach denselben und den obigen Zahlungslisten den 
Leuten das ihnen Zustehende aus. Allmonatlich hatte er den Ab- 
und Zugang in den Listen zu verzeichnen und von seinem Djaken 
unterschreiben zu lassen, welcher mit ihm die Verantwortlichkeit 
für die ordnungsmässige Auszahlung und den richtigen Bestand 
der Gasse theilte, und gemeinschaftlich mit ihm für jeden Verlust 
persönlich aufzukommen hatte. Die Kriegscasse wurde in versie- 
gelten Körben*) auf Staatsvorspann befördert und enthielt gewöhn- 
lich eine 2 bis 3 monatliche Deckung für das Gehalt. Zur Er- 
gänzung der verausgabten Gelder, welche von Moskau aus erfolgte, 
wurden die erforderlichen Summen nach Bedarf durch einen Be- 
amten und einige Podjätschen dem Heer nachgefdhrt. 

Unter dem Chef der Soldauszahlung — Oberzahlmeister — 
standen bisweilen noch zwei besondere Zahlmeister für das 
Regiment des Herrschers und für die Truppen der ausländi- 
schen Ordnung, von denen der erstere nur dann ernannt wurde, 
wenn der Zar selbst sich beim Heere befand, da ja sonst ein 
solches Regiment überhaupt nicht formirt war. Derselbe hatte 
festzustellen, wer von den Stolniki, Streaptschi, Moskauschen 
Adügen und Shilzen ohne Gehalt dienen könnte und wer wegen 
geringen oder ganz fehlenden Landbesitzes desselben bedurfte, wozu 
er aus dem Rasread die genauen Verzeichnisse über die Grösse 
des den einzelnen Personen gehörigen Landes erhielt, nach der 
sich die Höhe des etwa zu beziehenden Soldes richtete. Dieser 
wurde noch vor dem Ausmarsch aus Moskau gezahlt und ftlr jede 
Abtheilung in besonderen Büchern verzeichnet, die mit allen Listen 



1) ibid. pftff. 40. 2) ibid. pa«. 52, 53. 8) ibid. pag. 49. — BeliMW. üeb. d. Rom. Ben 
QBt. Miob. F6«d. b. z. d. Ref. Pet. d. Or. p^r. 89. 4) Bftcber d. BMmd II. pM. 442, 5) BeljMW. 
Ueb. d. Rum. Heer «nt. Mieh. Feod. b. a. d. Ref. Pti d. Qr. ptig. 102. 



— 348 — 

dem Rasread zuzuschicken waren. Zur Führung dieser Listen 
und überhaupt zu seiner Unterstützung hatte der Zahlmeister des 
Herrscher-Regiments 1 Djaken und einige Podjätschen bei sich*). 

Der Zahlmeister für die Mannschaften der Deut- 
schen Ordnung (ncUschulnik rasdatschi shalowanja inosemnomu 
woissku i wssem Ijudjam Nemezkajo strqja) hatte die Beschaffung, 
Aufbewahrung und Austheilung des Gehaltes an die ausländischen 
oder iü den Truppen der ausländischen Ordnung dienenden Russi- 
schen Mannschaften unter sich. Seine speciellen Verpflichtungen 
und Dienstfunctionen dabei waren ganz analog denen des Ober- 
zahlmeisters. Ausserdem stand aber noch während des Kri^es 
unter ihm die Gerichtsbarkeit dieser Mannschaften, welche durch 
die Obersten und Regimentscommandeure in der Art ausgeübt 
wurde, dass die Ausländer nach ihrem besondem, die Russen aber 
nach Russischem Recht gerichtet wurden. Dieser Beamte hatte 
für die Führung der Bücher immer 1 Djaken und für die Auf- 
stellung der Rechnungen und Aufbewahrung der Gelder gewöhn- 
lich eine bedeutende Anzahl von Podjätschen bei sich'). 

3) Der Chef der Artillerie (natschalnik narjadu) nahm 
in der Russischen Militairhierarchie den 3. Rang ein. Im Anfang 
dieser Periode hatte er nicht den Titel eines Woewoden, später 
aber bekam er denselben wieder als Woewoda vom oder beim 
Zeug (woewoda ot [u\ narjadu). Die Art seiner Functionen und 
überhaupt seiner Stellung geht aus seinem Namen hervor und ent- 
sprachen dieselben dem eines modernen General der Artillerie 
beim Armeestab. Auch er hatte 1 Djaken als Büreauchef bei 
sich und später in seiner Eigenschaft als Woewoda noch eine Ab- 
theilung der Moskauschen Chargen'). 

Im Speciellen hatte er nach der vom Zaren erhaltenen In- 
struction und nach den vom Oberwoewoden empfangenen Verzeich- 
nissen unter Assistenz seines Djaken das gesammte Arülleriema- 
terisd an Geschützen, Pulver, Blei, Geschossen und sonstigen 
Vorräthen zu übernehmen. Ebenso erhielt er die zur Bedienung etc. 
nöthigen Mannschaften mit ihren Golowen und Centurionen vom 
Kanonierprikas, sowie alle andern, dem Artilleriepark zugetheilten 
Gegenstände, als Waffen, Trommeln, Schanzzeug etc. aus den ver- 
sclüedenen Prikasen überwiesen. Femer hatte der Chef der Ar- 
tillerie für die Beschaffung des nöthigen Vorspanns aus dem Post- 
oder anderen Prikasen zu sorgen, auch den Transport aller 
genannten Gegenstände nach dem Sammelplatz des Heeres zu 
leiten und persönlich zu überwachen. Nach seiner Ankunft bei 
demselben musste er dem Oberwoewoda über Alles Bericht er- 
statten und ihm während des Marsches als oberster Commandeur 

I) ibid. pBS. 97 bis 99. 2) ibid. ptf. 100 bi« 102. ~ GeKh. d. Kriffik. In Bad. MUit. 
Jown. 1857- H. 4. paff. 8, 9. - OolisyB. 0«Kh. d. Geaenlftabet. Milit Jonrn. 1866. », 8. ptg. 51. 
8) Btteher d. Rwmd. II. ptg. 1103. 8. BeUig« N. 9. ni. 



— S49 — 

und Verwaltungschef des gesammten Artilleriepersonals und Ma- 
terials zur Seite stehen, dessen Anordnungen hinsichtlich des letz- 
tem entgegen nehmen und zur Ausführung bringen. Mit Beihülfe 
seines Djaken führte er endlich die namentlichen Listen über das 
Personal und die Rechnungen, sowie besondere Bücher über den 
Ab- und Zugang des Materials der Artillerie während der Dauer 
des Marsches^). In späterer Zeit finden sich, namentlich bei 
grösseren Heeren, auch zwei Woewoden bei der Artillerie*). 

4) Die Woewoden der einzelnen Regimenter. Von die- 
sen und von ihrem Verhältniss zum Oberwoewoden ist bereits 
die Rede gewesen. 

5) Der Woewoda bei der Fahne hatte in der früheren 
Art für die Bewachung der grossen oder Heerfahne zu sorgen, 
für welchen Zweck ihm gewöhnlich 1 Golowa mit einer ausge- 
suchten Abtheilung beigegeben war. 

6) Der Chef des Verpflegungswesens. Auch diese 
Charge, welche der der modernen Oberproviantmeister entsprach, 
wurde anfangs nur bei voraussichtlich langwierigen Kriegen be- 
setzt, namentlich, wenn die letztem sich lange in einer Gegend 
zu halten versprachen, also bei Belagerungen von Städten. So 
war z. B. in dem Polnischen Kriege von 1631 bis 1634, der sich 
hauptsächlich um die Belagemng von Smolensk drehte, ein Chef 
(natschalnik) und 1 Djak «für die Getreide- und Fleischvorräthe» 
ernannt'). 

7) Das Büreaupersonal bestand wie früher aus den Dja- 
' ken, Podjätschen und Büreauwächtem. 

Die Djaken (djaki) waren zwar zunächst nur die Canzelei- 
chefs oder Büreauvorsteher; doch Riffen ihre Functionen auch 
in manche Geschäfte der jetzigen Stabschefs ein. Jede besonders 
für sich operirende Heeresabtheilung — Armee oder Corps — , also 
jeder Oberwoewoda hatte 2 Djaken bei sich; ausserdem waren 
noch 1 oder 2 bei dem Chef der Soldauszahlung für die Mann- 
schaften der Russischen Ordnung und je 1 bei den Zahlmeistern 
für das Regiment des Herrschers und für die Mannschaften der 
Deutschen Ordnung, falls solche Personen vorhanden waren, sowie 
bei dem Chef der Artillerie^), event. bei dem des Verpflegungs- 
wesens. Die Djaken hatten «die Zarischen Regiments- und tJle 
Untersuchungsgeschäfte» (gossudarewyja polkowyja % wssjaJeija 
rassprawwnja dela) d. h. die gesammte innere Einrichtung der 
Trappen und die Führang der Gorrespondenz, sowie, falls kein be- 
sonderer Chef für das Cassen- und Rechnungswesen emannt war, 
auch die Bewachung der Kriegscasse und die Auszahlung des 



1) Omtik. d. Kritgik. in Rud. MlUt Joun. 1858. N. 4. ptf. 0. — OoKxjn. GMoh. d. GtM- 
»Mab«. MUit Jmum. 1858. N. 8. pi«. 60. - BdIJMw. U«h. d. Ruml Heer uter Mioh. Feed. b. i. d. 
Ref. Pct d.Or. pa«. 99, 100. 2) Bfteher d. Ruretd. IL pag. 1155. & BeilH« N. 9. lU. 1. 8) BHoker 
d. Raivemd. n. pn«. 995. 4) Oolisjn. Oeeeh. d. Ueaenletobee. Milit Joon. 1868. N. 8. ptff. 58. 



— 350 — 

Soldes unter sich. Sie unterzeichneten die Erlasse der Woewoden 
mit und vertraten dieselben sogar bisweilen in ihrer Stellung als 
Truppenlührer*). Ein besonders wichtiges Geschäft der Djaken 
wat aber die Führung der Marschjournale und Operationstage- 
bücher. Jeder abgesonderte Heerestheil hatte nämlich in seiner 
Eigenschaft als besonderer Rasread, d. h. als eine selbstständige 
und isolirte Verwaltungsbehörde, gewisse Bücher zu führen, in 
denen Alles, was sich auf den Dienst der Truppen, den Gang des 
Krieges, die Operationen des ganzen Heeres und der einzelnen 
Corps, überhaupt auf die gesammte Heeresorganisation und 
Kriegführung bezog, sowie alle Erlasse der Woewoden eingetragen 
wurden*). Für diese Geschäfte befend sich bei jeder Armee, be- 
ziehungsweise bei jedem abgesonderten Corps, eine besondere Feld- 
abtheilung des Rasread unter dem Namen der Rasread - Hütte 
{Riisrjadnaja Isba) eingerichtet, was also etwa den gegenwärtigen 
Feldbüreaus oder Operationscanzeleien entsprechen würde. Die- 
selbe stand unter einem Djaken, der dann Djak des Rasread 
{rasrjadnyif) hiess. Befand sich der Zar selbst beim Heer, so war 
diese Operationscanzelei grösser und dann befanden sich auch 
mehrere Djaken bei ihr'). Die in diesen Bureaus der Oberwoe- 
woden geführten Feld-Rasreadbücher mussten nach der Beendigung 
des Krieges unter Beifügung aller vom Zaren erhaltenen Befehle, 
der sämmtlichen Verzeichnisse der Mannschaften, welche an dem 
Marsch Theil genommen hatten, und aller Rechnungen, Liquida- 
tionen und Beläge dem Rasreadprikas in Moskau eingereicht wer- 
den, wo sie revidirt und asservirt wurden*). 

Die Podjätschen (podjatschie) und BüreauVächter (sto- 
roshi) hatten im Allgemeinen ganz analoge Functionen wie bei 
den Corpsstäben. 

Auch das Bureau des Obercommandos einer Armee, welches 
gewöhnlich gleichzeitig als das des grossen Regiments functionirte, 
war mit allem Nöthigen wohl versehen und mit einem Pauschal 
für die Bestreitung der Canzeleikosten analog denen der einzelnen 
Regimenter, jedoch in höherem Ausmaasse — so z. B. 1679 bis 
zum Betrage von 600 Rubel') — bedacht. 

8) Die Aushebungscommissarien (ssborschischiki) und 

9) Die Besoldungsbeamten (oJdadtschiki) blieben in der- 
selben Art wie in der vorigen Periode bestehen und ist daher hier 
um so weniger von ihnen zu sprechen, als in den Capiteln über 
die Aufbringung und über die Verpflegung ihrer noch näher zu 
erwähnen sein wird. 

10) Das Woewodengefolge und die Essaule hatten 

l)~d«ieh. d. Kriagik. in BomL Milit Jovn. 1857. N. 4. iMf. 8. — BcIJmw. üeb. d. Bow. 
Hmt ut Mich. F^. V s. d. BtT. P«t. d. Gr. pi«. 8R. 2) IMJMW. üeK d. Bnai. Heer ut Mick. 
ftod. k. B. d. Bef. Pct. d. Or. paff. 86. 8) ObratMhew. Betr. d. geMhr. n. gvdr. Dttkmiter Ab. d. 
KricfO. ia Bii«l. MUit. Jootb. 1868. N. 8. VH- 74. 4) lUd. - B«IJmw. Üeb. d. Btan. H«rr ut 
Hieb. PMd. b. B. d. Bef. P«i. d. Gr. pay 87. 5) Bftehtt d. BMmd. II. ptf 1095, 1096. a Bei- 
lege N. 9. IT. 



— 861 — 

ebenfalls bei dem Armee -Oberstab ganz dieselbe Bestimmung wie 
bei den Stäben der einzehien Regimenter. Ihre Zahl war immer 
sehr bedeutend und stieg, wenn sich der Zar selbst beim Heer 
befand, bis auf 60 Essaule 0. 

11) Die Sendwoewoden und Mannschaften {possylnye 
woewody i Ijudi). 

12) Die Lager- und Quartiermeister (statmoschtsehiki^ 
saimscJUschiki). 

13) Die ausländischen Ingenieure. 

Diese 3 Classen des Personals der Armeestäbe blieben ganz 
wie in der vorigen Periode bestehen. 

14) Die Richter (ssudp). Die bei den Armeestaben befind- 
lichen Richter sind ihren Functionen nach mit den modernen 6e- 
neralauditeuren zu vergleichen. Jeder active, fttr sich operirende 
Heerestheil erhielt nämlich als besonderer Rasread wie seine eigene 
Verwaltungs-, so auch seine besondere Gerichtsbehörde unter dem 
Namen der Polizei- oder Versammlungshütte (Ssesshaja Isbd)y 
eine Art Feldauditoriat. Die Verwaltung desselben wurde von 
dem Zaren oder Oberwoewoda gewöhnlich einem der beim Armee- 
stabe befindlichen Djaken übertragen und demselben eine aus- 
reichende Anzahl Podjätschen zur Unterstützung beigegeben. 
Dieser Djak übernahm dann als oberste Gerichtsperson der Armee 
die Aufsicht über die gesammte innere Organisation derselben. 
Ausgenommen von seiner Gerichtsbarkeit waren indessen alle 
Mannschaften in den Truppen der ausländischen Ordnung, deren 
oberste Rechtspflege wie bereits gesagt unter dem Zahlmeister 
derselben stand. 

15) Die Aerzte und Apotheker. Ausser den bei den 
einzelnen Regimentern einer Armee eingetheilten Aerzten befand 
sich noch als oberste Medicinalperson bei dem Oberstab derselbeu 
ein besonderer Doctor*), der also die Stelle eines modernen Ge- 
neralarztes einnahm. Ebenso war dem Armee-Oberstab auch noch 
ein Apotheker') und eine eigene Feldapotheke zugetheilt, die ge- 
wöhnlich reichlicher bedacht als die der Regimenter, einen Reserve- 
vorrath an Arzneien enthielt. Dass derVC^erth derselben 1679 im 
Ganzen 300 Rubel*) betrug, mag beispielsweise hie