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Full text of "Geschichte der Augenheilkunde"

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THE LIBRARY 

OF 

THE UNIVERSITY 

OF CALIFORNIA 

LOS ANGELES 



GIFT OK 

Howard H. Stone, M.D. 



^^ \ Preis M. 20. 



' ' */, HANDBUCH DEE 

GESAMTEN AUGENHEILKUNDE 

BEGRÜNDET VON A. GRAEFE UND TH. SAEMISCH 

FORTGEFÜHRT VON C. HESS 

HERAUSGEGEBEN UNTER MITARBEIT VON 

C.ADAM-Berlin, K-BEHR-Kiel, ST.BERNHEIMER-Wien, A.BIELSCHOWS- 
KY-Mabburg, A. BIRCH-HIRSCHFELD-Königsberg i.Pr., A. BRÜCKNER- 
Berlin, A. FICK- Zürich, S. GARTEN -Leipzig, R. GREEFF- Berlin^ 
A. GROENOUW-Breslau, E. HERING-Leipzig, E. HERTEL-Strassbürg, 
C. VON HESS-MÜNCHEN, E. von HIPPEL-Güttingen, J. HIRSCIIBERG-Berlin, 
F. HOFMANN-Marburg a.l., E. KALLIUS-Greifswald, J. KÖLLNER-Würz- 
BURG, E. KRÜCKMANN-Berlin, E. LANDOLT-Paris, E. LANGENHAN-Han- 
NOVER, H.LAUBER-Wien, TH.LEBER-HEiDELBERGf, F.MERKEL-Göttingen, 
J.W. NORDENSON-Upsala, M. NUSSBAUM-Bonn+, E. H. OPPENHEIMER- 
Beblin, A. PETERS-Rüstock, A. PÜTTER-Bonn, M. von ROHR-Jena, 
H. SATTLER-Leipzig, G H. SATTLER-Kö.mgsberg i. Pr., G.vonSCHLEICH- 
TüBiNGEN, H.SCHMIDT-RIMPLER-Halle A/s.i, L. SCHREIBER-Heidelberg, 
0. SCHULTZE-Würzburg, R. SEEFELDER-Leipzig, W. STOGK-Jena, 
A. VON SZILY-Freiburg, W. UHTHOFF- Breslau, HANS VIRCHOW-Berlin, 
A.WAGENxMANN- Heidelberg, K. WESSELY- Würzburg, M. WOLFRUM- 

LEirzin 

VON 

TH. AXENFELD und A. ELSCHMG 

ZWEITE, NEÜBEARBEITETE AUFLAGE 
274. bis 283. Lieferung: 

IL Teil, XXIII. Kapitel, XIV. Band, 7. Abt. 

Geschichte der Augenheilkunde VIII vou J. Hirschberg, Professor in Berlin 

Drittes Buch, 13. bis 23. Abschnitt 

Bogen 1—26, nebst Titel, Inhalt und Bandtitel XIV, 5.— 7. Abt. 

Mit 47 Figuren im Text und 1 Tafel 



BERLIN 

VERLAG VON JULIUS SPRINGER 
1918 



Erscheinungsweise und Einteilung. 

Die zweite Auflage erscheint in Lieferungen und in Bänden. Der Preis 
jeder Lieferung beträgt bei einem Umfang von 3—4 Bogen oder einer ent- 
spreclienden Anzahl von Tafeln M. 2.—. Um ein schnelles Erscheinen zu er- , 
möglichen, wird mit dem Druck der einzelnen Kapitel, gleichviel welchem ! 
Bande sie angehören, sofort nach Einlieferung des Manuskripts begonnen. ; 
Die dritte Auflage erscheint nur in Kapiteln. 

Die Kapitel sind unter die Mitarbeiter wie folgt verteilt: 

Erster Teil. Anatomie und Physiologie. 

Band I, I.Abteilung. (Vergriffen.) 

Kap I- Makroskopische Anatomie des Auges. Prof. MerfcW in Göttingen und Prof. Kallius 

' in Greifswald. (Lieferung 29/31 [Schluß].) 
II- Mikroskopische Anatomie der äußeren Augenhaut und des Lidapparates. Prof. 
" Hans Virchow in Berlin. (Lieferung 103/104, 126/127, 184/187 [Schluß].) 
Anhang: Verhalten der Kammerbucht bis zur Geburt. Prof./?. Seefelder inliti^^xig. 
(Lieferung 195 [Schluß].) 

Band I, 2. Abteilung. 

III: Mikroskopische Anatomie des Uvealtractus und des Glaskörpers. Prof. Wolfrum 

in Leipzig. 
IV: Mikroskopische Anatomie der Linse und des Strahlenbändchens. Prof. Oscar 

Schnitze in Würzburg. {Lieferung 17 [Schluß].) 
V- Mikroskopische Anatomie des Sehnerven und der Netzhaut. Prof. Greeff in 
" Berlin. (Lieferung 17, 20/22 [Schluß].) 

VI: Die Wurzelgebiete der Augennerven, ihre Verbindungen und ihr Anschluß an 

die Gehirnrinde. Prof. Bernheimer in Innsbruck. (Lieferung 15/16 [Schluß].) 
VII: Mikroskopische Anatomie und Physiologie der Tränenorgane. Prof. Schirmer. 
(Lieferung 75/76 [Schluß].) 

Band II, I.Abteilung. (Vergriffen.) 

, VIII: Entwicklungsgeschichte des menschlichen Auges. Prof. Nussbaum in Bonn, 

(Lieferung 14/15 [Schluß].) (In 3. Auflage erschienen, s. dort.) 
, IX: Die Mißbildungen undangeborenen Fehler des Auges. Fiof .von Hippelin Göttingen. 

(Lieferung 18/19 [Schluß].) 
, X: Organologie des Auges. Prof. Pütter in Göttingen. (Lieferang 162/166 [Schluß].) 

(In 3. Auflage erschienen, s. dort.) 

Band II, 2. Abteilung. (Vergriffen.) 

XI: Die Zirkulations- und Ernährungsverhältnisse des Auges. Prof. Leber in Heidel- 
berg. (Lieferung 52/58 [Schluß].) 

Band III. 

„ XII: Physiologische Optik (Lichtsinn, Farbensinn). Prof. Hering in Leipzig. (Bit jttzt 
erschienen: Lieferung 101, 115, 212.) Anhang: Die Veränderungen der Netzhaut 
durch Licht. Prof. Garten in Gießen. (Lieferung 119/121, 128/129 [Schluß].) 

„ Xlir. Physiologische Optik (Raumsinn). Prof. Hofmann in Königsberg. 

„ XIV: Technik der histologischen Untersuchung des Auges im normalen und patholo- 
gischen Zustand. Prof. L. Schreiber in Heidelberg. 

Zweiter Teil. Pathologie und Therapie. 

Band IV, I.Abteilung. (Vergriffen.) 

, I: Die Untersuchungsmethoden. Dr. Landolt in Paris. Anhang: Semiologie der 

Pupillarbewegung. Dr. Heddaeus in Eisenach. (Lieferung 50/51, 59/60, 63/66, 72/74 
[Schluß].) (3. Auflage im Druck.) 

Band IV, 2. Abteilung. 

, II: Operationslehre. Erscheint 1918/19 in 2 Bänden, bearbeitet von Th. Axenfeld, A.Birch- 

Hirschfeld, R. Cords, A. Elschnig, B. Fleischer, E. Franke, K. Granert, 0. Haab, L. Heine, 
J. van der Hoeve, J. Igersheimer, J. Köllner, H. Kuhnt, R. Kiimmell, G. Lenz, W. Löhlein, 
H. Pagenstecher, C. F. Sattler, K. Stargard, K. Wessely. 

„ III: Augenärztliche Heilmittel. Frof. Snellen jr. in Utrecht. (Lieferung 100 [Schluß].) 

Nachtrag I. Die nicht medikamentöse Therapie der Augenkrankheiten. Prof. 

Hertel in Straßburg. (Lieferung 176/177.) 

Nachtragll: Abriß der Brillenkunde. Dr. OppenAeimerinBerlin. (Lieferang 102 [Schluß].} 
Nachtrag III: Ophthalmopharmakologie. Dr. Robert Salus und Prof. Dr. W. Wieehowsky 
in Prag. 

Band V, 1. Abteilung, 1. Teil. (Vergriffen.) 

, IV: Krankheiten der Conjunctiva. iProf.Saemisch in'Bonn.(Lieferung 77/80, S4/90 [Schluß].) 

Band V, I. Abteilung, 2. Teil. 

y, IV: Krankheiten der Cornea und Sklera. fProf. Saemisch in Bonn und Prof. Aartl 
V. Szily in Freiburg i. Br. 

Band V, 2. Abteilung. (Vergriffen.) 

, V: Krankheiten der Augenlider. tProf. von Mj'cftW in Berlin. {Lieferang 148/159 [Schluß].) 

Fortsetzung auf der dritten Seite des Umschlags 



// 



HANDBUCH 



DER 



GESAMTEN AUGENHEILKUNDE 

ZWEITE, NEÜBEARBEITETE AUELAGE 

VIERZEHNTER BAND 

FÜNFTE BIS SIEBENTE ABTEILimG 



/ 



HANDBUCH DEK 

GESAMTEN ÄÜGEKHEILKÜBDE 

BEGRÜNDET VON A. GKAEFE UND TH. SAEMISCH 

FORTGEFÜHRT VON C. HESS 

HERAUSGEGEBEN UNTER MITARBEIT VON 

C.ADAM-Berlin, K.BEHR-Kiel, ST. BERNHEIMER-Wien, A.BIELSCHOWS- 
KY-Marburg, A. BIRCH-HIBSCHFELD-Königsberg i.Pr., A. BBÜCKNEB- 
Berli.n, A. FICK- Zürich, S. GARTEN -Leipzig, R. GREEFF- Berlin, 
A. GROENOUVV- Breslau, E. HERING-Leipzig, E. HERTEL-Strassburg, 
C. VON HESS-MüNGHEN, E. VON HIPPEL-GöTTiNGEN, J. HIRSCHBERG-Berlin. 
F. HOFMANN-Marburg a.l., E. KALLIUS-Greifswald, J. KÖLLNER-Würz- 
BURG, E. KRÜCKMANN-Berlin, E. LANDOLT-Paris, E. LANGENHAN-Han- 

NOVER, H.LAUBER-WiEN, TH.LEBER-HEIDELBERGi, F. MERKEL-GÖTTINGEN, 

.1. W. NORDENSON-Upsala, M. NUSSBAUM-BoNNf, E. H. OPPENHEIMER- 
15ERLIN, A. PETERS-RosTOCK, A. PÜTTER-Bonn, M. von ROHR-Jena, 
H. SATTLER-Leipzig. C. H. SATTLER-Künigsberg i. Pr., G.vonSCHLEIGH- 
Tübingen. H.SCHMIDT-RIMPLER-HALLEA/s.f. L. SCHREI BEB-Heidelberg, 
0. SCHULTZE -Würzbürg, R. SEEFELDER-Leipzig, W. STOCK-Jena, 
A. VON SZILY-Freiburg, W. UHTHOFF- Breslau, HANS VIRCHOW-Berlin, 
A. WAGENMANN-Heidelberg, K. WESSELY-Würzburg, M. WOLFRUM- 

Leipzig 

VON 

TH. AXENFELD und A. ELSCHNIG 



ZWEITE, NEÜBEARBEITETE AUFLAGE 

VIEßZEHXTEß BAND 

Fünfte bis siebente Abteilung 

J. HIRSCHBERG, GESCHICHTE DER AUGENHEILKUNDE VllmVIfl 

DRITTES BUCH, 11. BIS 23. ABSCHNITT 
MIT 85 FIGUREN IM TEXT UND 2 TAFELN 



BERLIN 

VERLAG VON JULIUS SPRINGER 
1915—1918 



INHALTSVERZEICHNIS 

^Italiens Augenärzte 1800 bis 1850 

^ Amerikas Augenärzte im 19. Jahrhundert 
Die Augenärzte der Schweiz . . 1800 bis 1875 
Die Augenärzte Belgiens .... 1800 bis 1875 
Niederländische Augenärzte . . . 1800 bis 1875 
Die Skandinavischen Augenärzte, 1800 bis 1875 
Die Augenärzte Rußlands . . . .1800 bis 1875 
Polnische Augenärzte im 19. Jahrhundert 
Die Augenärzte in der Iberischen und der Balkan- 
Halbinsel, sowie in den Außereuropäischen Län- 
dern während des Neunzehnten Jahrhunderts. 



Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. 
Copyright by Julius Springer, 1918. 



Kapitel XXIII. 

(Fortsetzung.) 

Die Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Von 

J. Hirschberg, 

Professor in Berlin. 
Mit 5 Figuren im Text. 



Eingegangen im August 1915. 

Drittes Buch. 

Dreizeliuter Abschnitt. 
Die Augenärzte der Schweiz, 1800 bis 1875. 

§ 769. Einleitung. 

Das wissenschaftliche Leben und Schaffen ist weniger nach staatlichen 
Einheiten, als nach Sprachgebieten abgegrenzt. 

So war während des uns beschäftigenden Zeitraums von 1800 — 18751) 
die deutsche Schweiz in innigerem Verkehr mit Deutschland, die fran- 
zösische mit Frankreich, erstlich schon durch den natürlichen Aus- 
tausch von Professoren und Studenten, sodann durch Betheiligung an der 
Literatur des bezüglichen Nachbar-Landes. 

Die Universität zu Basel. 
Die deutsche Schweiz hat nur eine alte Universität, die zu Basel, 
welche 1460 gegründet wurde, also 41 Jahre zuvor, ehe die »Freistadt« 
des deutschen Reiches als neunter Ort in die Schweizer Eidgenossenschaft 
aufgenommen wurde. 



1) Gelegentlich werden wir auch hier, wie in früheren Abschnitten, die Grenze 
überschreiten, wenn es zur Vervollständigung des Bildes nothwendig erscheint. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXIII. Kap. /[ 



2 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800—1875. 

Die zweite Hälfte des 1 6. Jahrhunderts war die Zeit der grüßten Blüthe 
für die Universität; da wirkten in der medizinischen Fakultät Theodor 
Zwinger, ferner Felix PlaterI), Kaspar Bauhin. 

Im 16. Jahrhundert wurden zu Basel von Werken griechischer 
Ärzte verschiedene Ausgaben gedruckt, was zur Neubelebung der ärztlichen 
Studien wesentlich beigetragen hat 2). 

Im \ 8. Jahrhundert bringen die Leistungen der Mathematiker Bernouilli 
und Euler 3j der Universität neue Lorbeeren. 

Von den Folgen der französischen Revolution und der Theilung des 
Kanton Basel (1833) ist sie zwar empfindlich getroffen worden, hat sich 
aber seit zwei Menschenaltern wieder merklich gehoben und 1910 mit 
Glanz das Jubiläum des 450jährigen Bestehens gefeierf*). 



Der augenärztliche Unterricht an der Universität zu Basel. 

Herr Prof. Albrecht Burckhardt, Vorsteher des hygienischen Instituts der 
Universität Basel, der z. Z. eine Geschichte der medizinischen Fakultät zu Basel 
schreibt, hat mir am 30. August 1912 durch den Kollegen Mellinger^) die 
folgenden Nachrichten zugesendet: 

Aus den Lektionskatalogen der med. Fakultät zu Basel. 

Vorlesungen über Augenheilkunde (Augenkrankheiten, Augen-Ope- 
rationen) werden zum ersten Male angekündigt im Jahre 1823. (Prof. 
C. G. Jung "^ und 2 Privatdocenten.) Von dieser Zeit an erscheinen sie alle 
Paar Semester (von verschiedenen Professoren und Docenten, z. B. C. Streck- 
eisen und August Burckhardt und J. Hoppe''). 

Ganz regelmäßig erst seit 1863. (IL Scuiess.) 
Augenpoliklinik: Zum ersten Male und nur vorübergehend 1854. 

(J. Hoppe.) Häufiger und dann regelmäßig erst von 1865. (IL Schiess.) 
Augenklinik: Zum ersten Male 1867. (H. Schiess.) 
Kurse (Untersuchungen und Operationen): Zum ersten Male 1863. 

(H. Schiess.) 

Der erste Augen-Spezialist in Basel war also H. Schiess. 
Vorher wurden Augenkrankheiten von allen Ärzten behandelt. 



1) § 307 (B. XIII), S. 295. 

2) Vgl. § 86 U. § 87, S. 146 U. S. 147 (B. XU. 

3) § 452, S. 392 (B. XIV, I). 

4) Vgl. Minerva, H. d. gelehrt. W. 1911, I, S. 147. 

5) Beiden bin ich zu besondrem Dank verpflichtet. 

6) (1793—1864), stammte aus Mannheim, war seit 1824 Prof. der Anatomie 
zu Basel. (Biogr. Lex. III, 427.) 

7) 1811 zu Großbartloff, Reg.-Bezirk Erfurt, geboren, studirte zu Berlin Philo- 
sophie und Medizin, war preuß. Militär-Arzt, ging 1852 als a. o. Prof. nach Basel. 
(Biogr. Lex. III, 273.) 



Basel. H. Schiess. 3 

Als Operateure waren mein Großvater und Vater weitherum ge- 
sucht. 

I. JoH. Rudolf Burckhardt, geb. 1774, gestorben 1829, seit 1804 
Prof. der Medizin, als Star-Operateur bekannt. 

i. AuciusT BuiiCKHAUDT, geb. 1809, gestorben 1894. Docent von 1838 
bis 1 808 (mit Unterbrechung). Er hatte sich in Berlin (unter Graefk d. V.) 
und in Paris (unter Demouiis in Augen-Operationen geübt und hatte (von 
1833 — 1860) viele Slar- und Schiel-Operationen zu machen. 1853 demon- 
strirte er in der Xaturforschenden Gesellschaft den Augenspiegel '). 

Ein eigentlicher Lehrauftrag für Augenheilkunde ist bis jetzt noch nicht 
ertheilt worden. Doch wird seit 1867 Augenklinik und Augenspiegel-Kurs ab- 
gehalten, auch theoretische Augenheilkunde gelesen. Der erste Lehrer war Prof. 
Heixhigh Schiess-Gemuseus (geb. 1833), 1867 a. 0., 1876 o. Professor. lin 
Jahre 1896 trat er in Ruhestand. Sein Nachfolger ist Prof. Karl Mellinger, 
dessen Arbeilen über die Wirkung unter die Bindebaut gespritzter Kochsalz- 
lösungen (1896), über die Behandlung der Aderhaut-Enlzündung an der Macula 
(1898), über schädliche Wirkung des Cocain, über einen neuen Lid-Sperrer 
(1899), über den Innenpol-Magneten (1908) u.a. bereits den Anfang des 
20. Jahrhunderts erreicben und überschreiten. 

Die Augen-Ilcilanstait Basel-) erhält eine staatliche Unterstützung für die kli- 
nischen Vorlesungen, 

§ 770. Heinrich Schiess-Gemlseus, 

geb. am 3. Januar 1833 zu Heiden, Kanton Appenzell; 

gest. in s. Hause zu Grabs, Kanton St. Gallen 3). 

Heinrich Schiess erhielt seine Vorbildung auf dem Gymnasium in 
St. Gallen und studirte Heilkunde an den Universitäten zu Basel und zu 
Würzburg. Im Jahre 1856 bestand er die kantonale Arzt-Prüfung und 
erhielt die Doktor-Würde zu Basel. 

Zuerst praklicirte er als Arzt in St. Gallen. Aber der Drang zu wei- 
terer Forlbildung brachte ihn 1858 nach Berlin. Dort führten ihn seine 
Landsleute und Freunde Hor>er und Baekziger bei Albrecht v. Graefe ein, 
dem er mit Begeisterung sich anschloß. 

Hierauf kehrte er heim und ließ sich als Arzt in Reuten, nahe bei 
Heiden, nieder. 

Da Albrecht v. Graefe seine Sommer-Erholungszeit in Heiden zuzu- 
bringen pflegte, hier aber von vielen Kranken aufgesucht wurde; so war 



4) Vgl. § 781. 

2) Um 1836 war die Einwohner-Zahl des Kantons 60 000; der Stadt 17 000 
Um 1900 waren die Zahlen 181500, bezw. 112 800. 

3) Biogr. Lex. V, 222. Pagel's biogr. Lex. S. 1496. Karl Mellingeb, Klin. 
Monatsbl. 1913, Januar. J. Hirschberg, Centralblatt für jjraktische Augenheil- 
kunde 1915, Februar. 

Meine eigene Darstellung habe ich zu Grunde gelegt. 

1* 



4 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, ISOO — 1875. 

es sehr natürlich und für Heinrich Scbiess sehr fürdersam, daß sein 
großer Lehrer ihn zur Unterstützung in der Behandlung der Kranken her- 
anzog. 

So wurde er mehr und mehr für das Sonderfach begeistert, folgte 
1861 dem Rathe Graefe's, der Augenheilkunde seine ganze Kraft zu wid- 
men, und ließ sich als Augenarzt in Basel nieder. 



Fi":, i. 




Prof. Dr. med. Schiess. 



Im Jahre 1 863 habilitirte er sich hier als Privat-Docent für Augen- 
Heilkunde. Die Habilitation erfolgte spät, im 30. Lebensjahr; aber die Pro- 
fessur ließ nicht lange auf sich warten, da vor dem Auftreten von Schiess 
ein regelmäßiger Unterricht in der Augenheilkunde an der Universität Basel 
nicht ertheilt worden war. 

Im Jahre 1867 wurde H. Schiess a. o., 1876 o. ü. Professor der Augen- 
heilkunde und Direktor der Augenklinik. 



H. Schiess. 5 

Mit der letzten halle es eine eigene Bewandlnis. ScniESs hat sie ge- 
gründet, 1864, in einer Miethswohnung, mit nur 8 Betten, und so den 
Kanton Basel mit der ersten Augen-Heilanstalt beschenkt. Ganz allmäh- 
lich ist sie gewachsen, durch die unermüdliche Thalkraft des Leiters. 

In Übereinstimmung mit der Spitals-Behürdo und mit der Universität 
konnte 1877 der Neubau mit 48 Betten liezogen werden; aber es bestand 
eine Schuldenlast von 75 000 Franken, die erst 1887 getilgt war. Dies ent- 
nehme ich dem 188*.), anläßlich des 25jährigen Bestehens, verülTenllichten 
Jubiläums-Bericht. 

Derselbe giebt zuerst die Geschichte der Anstalt und eine Übersicht 
über das Wachsthum. (1878: B. Kr. 402, A. Kr. 1282. 1888: B. Kr. 540, 
A. Kr. 2162.) Sodann folgt eine Übersicht über 1100 Star-Ausziehungen 
von 1865 — 1888. In den einzelnen Hunderten war die Zahl der Fälle 
von Pantophthalmie 6, 6, 5, 3, 4, 2, 2, 1, 2, 0, 0; von schleichender Ent- 
zündung 13, 5, 4, 15, ^2, 8, 2, 8, 4, 0, 2; der guten Erfolge (Prozent- 
Zahlen) 80, 84, 90, 87, 82, 8Ö, 96, 91, 92, 98, 91. Fürwahr eine ein- 
fache Darlegung redlicher Arbeil im Dienste der Menschheit. Schiess war 
einer der ersten, der Anlisepsie bei Augen-Operationen anwandte. (Klin. 
Monatsbl. 1874, S. 435.) Den Schluß des Jubiläums-Berichtes machte eine 
Abhandlung des damaligen Assistenten und späteren Professors und Nach- 
folgers von Schiess, Dr. Karl Mellinger, über das Auftreten von Augen- 
krankheiten in bezug auf Alter und Geschlecht, in Basel sowie in der 
übrigen Schweiz. 

Sein Lehramt hat Schiess mit großem Erfolge ein ganzes Menschen- 
Aller hindurch, von 1863 — 1896 verwaltet: dann trat er in den Ruhestand. 
Seine wissenschaftliche Thätigkeit umfaßt den Zeitraum von 1863 — 1912, 
also nahezu ein Halbjahrhundert. 

Schiess war eine starke Natur, ein fester Charakter, allem Schein- 
wesen abhold, nur der Wahrheit zugänglich. 

Freude an den Schönheilen der Natur machten ihn zu einem eifrigen 
Bergsteiger, (befähigten ihn auQh, über Verhütung der Schneeblindheit [12] 
aus eigener Erfahrung zu schreiben,) und führten ihn zu großen Reisen 
nach dem Norden und nach dem Süden. Er war auch Kunstliebhaber und 
Freund der Künstler. 

Lange ist er frei geblieben von den Beschwerden des Greisen-Alters. 
Dann berührte ihn Frau Sorge, — er erblindete: zuerst auf dem linken 
hochgradig kurzsichtigen Auge durch Netzhaut-Ablüsung , dann auf dem 
rechten, gleichfalls stark kurzsichtigen durch allmählich zunehmende Linsen- 
trübung. Die 1913 vorgenommene Star-Operation konnte anfangs nur theil- 
weise Besserung bringen, wegen Erkrankung des Sehnerven. Aber in seinen 
letzten Lebensmonaten hatte Schiess die große Freude, von seinem väter- 



6 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800 — 1875. 

liehen Hause zu Grabs aus die heimathlichcn Berge wieder sehen zu 
können 1). 

Mit SceiEss ist in der Schweiz der letzte Schüler A. v. Graefe's da- 
hingegangen. 

Liste der Arbeiten von H. Schiess. 
A. Bücher. 

1. Beiträge zur Therapie der Myopie. Basel 1872. (Atropin-Kur.) 

2. Kranke Augen, in 30 Bildern makroskopisch dargestellt und beschrieben. 
Basel 1876. 

3. Leitfaden der Refraktions- und Akkommodations- Anomalien. Wiesbaden 
1893. Eine zweite vermehrte Ausgabe hat der 80jährige im Jahre 1912 her- 
ausgegeben und darin erklärt: »Unsre alten Anschauungen haben sich nicht 
geändert.« 

B. Im Archiv für Ophthalmologie. 

4. Zur PanOphthalmitis. IX, 1, 22—40, 1863. 

.j. Zur pathologischen Anatomie des Keratoglobus. IX, 3, 171 — 198. 

6. Aderhaut-Geschwülste. X, 2, 47—83. 

7. Zur pathologischen Anatomie des Staphyloma ant. XI, 2, 47 — 83. 

8. Versuche über Lederhaut-Verletzungen und Einbringen von Fremdkörpern. 
XIII, 2, 339—352. 

9. Zur Pathologie des Auges und der Augenhöhle. XIV, 1, 73—96. 

10. Über Knochen-Bildung in der Aderhaut. XIX, 1, 202—220. 

11. Kurzer Bericht über 200 Star-Ausziehungen aus Lederhaut-Schnitt. XXI, 1, 
47—67. 

12. Über Schneeblindheit. XXV, 3, 173—178. 

13. Angeborene Anomalien des Auges. XXX, 3, 191—210. 

14. (Mit M. Roth.) Metastatisches Sarkom der Paiiille. XXV, 2, 177—192. 

15. Über angeborene Linsen-Anomalien. XXXI, 4, 53—58. 

16. Ophthalmologische Mittheilungen. XXXIV, 3, 226—254; 4, 59—80. (Myxo- 
sarkom des Sehnerven, ausgerottet mit Erhaltung des Augapfels. Kaver- 
nöses Angiom der Aderhaut. Schwielige Neubildung auf dem Strahlen- 
körper. Zur sympathischen Augen-Entzündung. Absceß in der Netzhaut, 
Gliom vortäuschend.) 

17. Über bandförmige Hornhaut-Trübung. XXXVIII, 1, 149—159, 1888. 

Die Arbeit von Schiess für das Archiv für Ophthalmologie reicht also 
von 1863—1888. 

C. In den Klinischen ]\Ionätsblätt8rn. (Hauptsächlich kasuistische 

Mittheilungen.) 

18. Durchbohrende Lederhaut-Wunde. ... IV, 88. 

19. Periodisches Doppeltsehen, Rücklagerung. V, 79. 



1) Von allen Schicksals-Schlägen, die einen Augenarzt treffen können, gehört 
die Erblindung zu den schwersten. Zum Glück ist sie nur selten in der Geschichte 
unsres Faches erwähnt. Zuerst wohl bei Ar-Razi, den die Grausamkeit eines jäh- 
zornigen Tyrannen des Augenlichtes beraubte. 

Aus unsrer Zeit wissen wir von Ritterich, Quaglino, Waldhauer, die alle 
drei im Berufe, durch Ansteckung von Augenkranken, nahezu oder fast vollstän- 
dig erblindeten. (Vgl. § 793.) Wir alle kennen das traurige Geschick von Javal, 
der durch Glaukom vollständig erblindete. Rau wurde blind durch Nierenleiden, 
kurz vor seinem Tode. 



H. Schiess. Fr. Hosch. 7 

20. Leder- und Hornhaut-Verletzung. ... V, 82, 83. 

21. Aneurysma der Orbita. . . . VIII, 56. 

22. Neurit. o. bei Hirn-Geschwulst, Sektion. VIII, lOO. 

23. Kataplasmen gegen Iritis. VIII, 1<JS. 

24. Akute Erblindung, Wiederherstellung. VIII, 212. 

25. Gliom. VIII, 213. 

26. Iridocyklitis. VIII, 214. 

27. Eintritt der ganzen Linse in die Vorderkammer, nach Discission, bei 9j. 
VIII, 2151). 

is. Star mit Glaskörper-Verflüssigung. . . . VIII, 217. 

2'J. Amaurose nach Verletzung, mit Lähmung der Augenmuskeln. . . . VIII, 218. 

30. Eitrige Periostitis der ürbita. . . . VIII, 219. 

31. Skieros. Hornhaut-Entzündung. ... VIII, 220. 

32. Parenchymatöse Hornhaut-Entzündung. . . . VIII, 223. 

33. Sklerose der Hornhaut. VIII, 225. 

3 4. Angeborener Linsen-Defekt. IX, 99. 

35. Dakryoadenitis. . . . IX, 100. 

36. Ödem der Bindehaut. X, 1. 

37. Glaucoma simplex, allgemeine Hornhaut-Trübung. X, 232. 

38. Ödem des Oberhds. XI, 2H. 

39. Bleph. ciliar. XII, 43. 

40. Retinitis pigmentosa. . . . XIII, 200. 

41. Dermoid der Karunkel. XV, 135 und XVI, 484. 

4 2. Tenonitis. XVI, 305 und 309. 

43. Neuroretinitis. XVIII, 380. 

44. Eisensplitter in der Netzhaut. XVIII, 383. 

45. Traumatische Myopie. XIX, 384. 

46. Langwierige Bläschen-Bildung auf der Hornhaut. . . . XIX, 386. 

47. Magnet-Operation. XIX, 458. 

48. Lid- und Iris-Kolobom. XXV, 8. 

Die Thätigkeit von Schiess für die Klinischen Monatsblätter reicht von 
18G6 bis 1887. 

D. H. Schiess hat regelmäßig Jahresberichte über seine Anstalt 
veröflentlicht und darin von seinen Beobachtungen und Ergebnissen Rechen- 
schaft abgelegt. 

§ 771. Friedrich Hosen 2j, 
geb. zu Basel am 13. Okt. 1847, gest. ebendaselbst am 19. Dez. 1905. 
Sludirt hat Hosen in Basel, in Tübingen und in Utrecht; 1870 — 1872 
war er in seiner Vaterstadt Assistent an der Augenklinik, 1 883 hat er sich 
habilitirt vind 1890 wurde er zum a. o. Professor ernannt. 

Zu seinen wichtigsten Arbeiten gehören mikroskopische und experi- 
mentelle Studien: Über das Epithel der vorderen Linsenkapsel. (Arch. f. 
0. XX.) Experimentelle Studien über Iris-Kysten. (Virchow's Arch. GXXXIX.) 
Über Ehrlich's Methylen -Blau-Verfahren und seine Anwendung auf das 



1) Auflösung erfolgte r. in 102, 1. in 179 Tagen. — Ich habe sofort Aus- 
ziehung angeschlossen. 0. Fehr mußte, bei 2j., nach 2 Tagen, wegen Druck- 
steigerung, die Ausziehung verrichten. Vgl. § 780, 5. (Maunoir. Sofortige Aus- 
ziehung.) 

2) C. Bl. f. A. 1906, S. 28. 



8 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800—1875. 

Auge. (Arch. f. 0. XXXVII.) Über den Bau der Säugethier-Netzhaut, nach 
Silber-Präparaten. (Arch. f. 0. XLI.) 

Bemerkenswerth ist sein »Grundriß der Augenheilkunde«, Wien und 
Leipzig 1897. (504 S., mit 82 Holzschnitten.) Das Buch will das Wissens- 
werthe und Sichergestellte lehren, und zwar in leicht faßlicher Form. 

Abgesehen von Werdmüller's Zusammenstoppelung aus dem Jahre 1849, 
ist es wohl das einzige, von einem Schweizer verfaßte Lehrbuch 
der Augenheilkunde aus dem 19. Jahrhundert, vor den Werken von 
Prof. Haab in Zürich. 

§ 772. Hochschule u. Augenheilkunde in Bern. 

In Bern war die städtische Latein-Schule nach Einführung der Refor- 
mation (1528) durch eine theologische Lehranstalt ergänzt, und dazu im 
Laufe des i 8. Jahrhunderts für Jurisprudenz, Mathematik und Physik Lehr- 
stühle eingerichtet worden. Nach den Stürmen der französischen Revo- 
lution entstand die Akademie neu, im Jahre 1805, mit allen Fakultäten; 
1834 wurde sie in eine Hochschule (Universität) umgewandelt^). 

Rudolf Abraham Schiferli2) aus Bern (1773 — 1837), der als Schüler 
des Prof. Loder^) zu Jena mit einer Dissertation de Cataracta 1796 den 
Doktor erworben, wurde 1805 zu Bern als Professor der Chirurgie an- 
gestellt. 

In seiner deutschen Bearbeitung der Dissertation »Theoretisch- 
praktische Abhandlung über den grauen Starr« (Jena u. Leipzig 1797) 
lesen wir den folgenden Bericht: 

»Vor einigen Jahren lebte zu Bern der durch die ganze Schweiz, 
Frankreich und Italien als ein vortrefflicher Augenarzt bekannte Jutzeler, 
ein Schüler des unsterblichen Desallt^). 

In seinem besten Alter wurde er schwindsüchtig; man befürchtete 
seinen Tod als einen unersetzlichen Verlust für das ganze Land. 

Der Gesundheitsrath zu Bern wünschte, daß mit seinem Tode nicht 
auch seine Kenntnisse verloren gingen, und gab daher Hrn. Jutzeler den 
Auftrag, daß er nach seiner Wahl zwei junge Männer unterrichten und in 
den Operationen üben solle. . . . 

Jutzeler nahm mich zu seinem Schüler an^). . . . Seine Lehre be- 



1) Minerva, H. d. gelehrt. W. 1911, S. U9, 

2) § 435. 

3) § 48-2, S. 8. 

4) Aber da Desault nur die Niedeiiegung übte, mußte Jutzeler, der auch 
die Ausziehung regelmäßig verrichtete, wohl noch andre Lehrer gehabt haben. 

5) Da das 18. Jahrhundert nur sparsame Einrichtungen für den öffent- 
lichen Unterricht in der Augenheükunde besaß; so suchte man durch private 
Ausbüdung das dringende Bedürfniß zu befriedigen, — ebenso in der Schweiz, 
wie in Österreich. (Vgl. § 356, S. 2; § 468, S. 488; § 516, S. 264.) 



Bern. Jutzeler. Das Insel-Spital. 9 

ruhte auf geläuterten medizinischen Grundsätzen und stützte sich auf seine 
vieljährige Erfahrung. 

Er hatte eine klinische Anstalt errichtet, wo alle armen Augenkranken 
aufgenommen und auf Kosten des Staats verpflegt wurden. 

Nicht lange vor seinem Tode hatte er mir alle seine Krankengeschichten, 
die er sich aufgezeichnet, geschenkt.« 

Jutzeler's genau geführte Statistik spricht zu Gunsten der Ausziehung 
und gegen die Niederlegung, wie Schifkrli am Schluß seines Buches aus- 
drücklich hervorhebt. (Wir haben die Zahlen in § 607, 9 angeführt.) 

Um so seltsamer berührt es uns, daß Sciiifeuli später in seiner eignen 
Wirksamkeit die Ausziehung erheblich gegen die Rücklagerung einge- 
schränkt hat. 

Von seinen weiteren Beiträgen zur Augenheilkunde ist noch eine Be- 
obachtung über Blei-Amaurose zu erwähnen. 

Später wurde Sciiikerli Leibarzt der Großfürstin Anna, wirklicher 
Staatsrath und geadelt und ist am 3. Mai 1S37, an den Folgen der Grippe, 
verstorben M. 



»Geschichte der Augenheilkunde, speciell der Augenkliniken 
und deren Direktoren in Bern« 
ist ein Prachtwerk von Prof. Dr. A. Siegrist'-), — Sonder-Abdruck aus der 
Fest-Schrift zur Eröffnung der neuen Augenklinik in Bern, 1910. 

Sie ist für mich, wie überhaupt, die wichtigste Quelle. 

Das 1360 durch milde Stiftung begründete Spital, 1531 in das so- 
genannte^) Insel-Kloster verlegt, wurde 1718 — 1724 neu gebaut, das be- 
rühmte Insel-Spital zu Bern, eine eigne Stiftung unter obrigkeitlicher 
Aufsicht. Aus der Reform-Ordnung vom Jahre 1583 geht hervor, daß da- 
mals in dem Spital thätig waren zwei Ärzte, zwei Schärer (Wundärzte), ein 
Bruch-Schneider oder Star- Würger. Nach der Ordnung vom Jahre 1658 
wurde der letzlere für die Einzel-Leistung bezahlt; er erhielt »für das Ab- 
würgen von einem Starren« fünf Pfund*). 



1) Biogr. Lex. V, S. 222. Vgl. den Nekrolog in der Schweizerischen Z. f. Med., 
Chir. u. Geburtsh. 1842, No. 3, S. 92—96. Auszug A. d'O. XXX, S. 87. 

2) Für freundliche Sendung bin ich Hrn. Kollegen Siegrist sehr verbunden. 

3) Es lag nicht mehr auf einer Insel der Aar. 

4) Durch die Güte des Hrn. Kollegen Siegrist erhielt ich von Hrn. H. Thüren, 
Verwalter des Staats -Archivs vom Kanton Bern, die folgende Nachricht (vom 
29. JuH 1912): 

»Das Pfund, eine Rechnungsmünze = 7V> Batzen = 1/2 Gulden, hatte einen 
Metallwerth von 1 Fr. 36, um 1658. Da der Taglohn eines gelernten Arbeiters da- 
mals 6 — 7 Batzen betrug, muß man die Kaufkraft des Geldes zu jener Zeit 4 bis 
5 mal höher bewerthen, als heute. Ein Pfund von 1632 entspricht also 5 Fr. 50 bis 
7.80 unsres heutigen Geldes.« 



10 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800—1875. 

Wer in Bern mit Aufmerksamkeit nur die Schilder' auf den Straßen be- 
trachtet, findet freudig zahlreiche deutsche Namen erhalten, die wir in 
Norddeutschland zu Gunsten von fremdsprachigen Ausdrücken aufgegeben 
hatten. 

Star-Würger ist natürlich nicht mit Oken's Schwalben-Wüi'ger (von ahd. 
wurgan), sondern mit dem mhd. schuochwürhte (Schuhmacher) zu vergleichen. 
Unser Zeitwort wirken war ahd. wirchan (wurchan), mlid. wirken (würken): so 
verstehen wir die Schreibarten würchen, würgen aus dem Beginn der 
Neuzeit. 

»Staar würken« steht bei G. Bartisch (15S3, fol. 47). 

Star-Wirker wäre ein treffliches Wort für Star-Operateur. 

Als 1805 die Akademie mit drei Lehrstühlen begründet wurde, kam 
es zur Verschmelzung des Insel-Spitals mit der Akademie. Prof. Schiferli 
erhielt den Lehr-Auftrag für Chirurgie und Geburtshilfe. 

Als 1825 der Privat-Docent Isensciimid um die Erlaubniß bat, über 
Augenheilkunde lesen zu dürfen, erwiderte die Fakultät, das sei überflüssig. 
Aber am 8. Sept. 1834, nach Begründung der Hochschule, wurde 
Dr. Rau, Privat-Docent in Gießen, zum a. o. Prof. der Medizin, insbeson- 
dere für Augen- und Kinder-Krankheiten, mit einer Besoldung von 
1600 Franken, angestellt. 

§ 773. Wilhelm RauI), 
als Sohn des llofraths und Homöopathen Ludwig Bau (1779 — 1840) zu 
Gießen, im Jahre 1804 zu Schlitz in Oberhessen geboren, studirte von 
1822 an in Erlangen, Tübingen, Gießen, Heidelberg, erlangte 1826 in Gießen 
den Doktor, 1827 die Privat-Docentur. 

Im Jahre 1834 wurde er als a. o. Prof. der Augen- und Kinderheil- 
kunde 2) nach Bern berufen, im Jahre 1855 zum o. Professor ernannt; 
doch erhielt er erst 1858 das Mindestgehalt eines solchen mit 2000 Franken. 

Im Jahre 1861 erlag Bau, während seines Dekanats, einer chronischen 
Nieren-Entzündung, nachdem er, der so vielen das Augen-Licht erhalten 
oder wiedergegeben, selber fast erblindet war. 

Rau's Lehrthätigkeit in der Augenheilkunde war ein Marterthum. 

Er mußte sich auf die theoretische Vorlesung beschränken. Die Augen- 
kranken, welche Aufnahme erheischten, wurden auf die chirurgische Kli- 
nik des Insel-Spitals aufgenommen und von den dortigen Chirurgen be- 



ll Biogr. Lex. IV, S. 076. Vgl. Siegrist, a. a. 0., S. 9 fgd. 

Wir haben Rau schon kennen gelernt i. bezüglich der Einführung der mit 
Höllenstein-Lösung getränkten Darm-Saiten in den Thränenkanal, § 361, XIV, I, 
S. 34; 2. bezüglich der Staphylom-Lehre, §544, XIV, II, S. 417; 3. bezüglich der 
Augen-Pflege, § 470, XIV, I, S. 530. 

2) Als Ophthalmiatrices et paidiatrices Professor in literarum 
Universitate Bernensi bezeichnet er sich selber im Jahre 1844. 



Willielm Rau. 



11 

bleiben 



handelt und operirt; und diejenigen, welche in ihrer Behausun 
konnten, von dem Leiter der Poliklinik, Prof. FL'ter, berathen. 

Der letztere, ein verständiger, wohlwollender Mann, erklärte der Berner 

daß, abgesehen von den Ausen- 



Regierung bereits im Nov. 1834 ganz offen 



Fig. 2. 




Prof. Dr. Rau. 



Operationen, die Augenkranken im Insel-Spital keineswegs nach den Grund- 
sätzen der neueren Augenheilkunde behandelt würden; und verlangte die 
Errichtung einer Spital-Augenklinik. 

Aber diese ward Rau nicht besehieden; er mußte zufrieden sein, eine 
Augen-Poliklinik zu erhalten. 



12 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1S00 — 1875. 

Von seinen Zeitgenossen wurde Rau sehr günstig beurtheilt. Talent, 
Wissen, Ehrlichkeit hat Fallot ihm nachgerühmt, (A. d'Oc. XIII, S. 40, 
1841.) 

Warnatz nennt ihn 1845 »einen der aller achtbarsten Ophthalmologen 
unsrer Zeit«. 

Seine Veröffentlichungen in Ammon's Zeitschrift und v. Graeke's Archiv 
wurden in den A. d'Oc. sorgfältig wiedergegeben, ja fast wörtlich über- 
setzt. 

Mit Augen-Operationen war er zurückhaltend, wie ich aus seinen 31il- 
theilungen ersehe. Er verwirft die Punktion bei Descemilitis, die Gefäß- 
Durchschneidung bei Pannus. 

Vom Augenspiegel spricht er nicht, — auch da nicht, wo man es 
erwarten könnte, bei Synchysis scintillans, im Jahre 1855. (11.) 

Die ■wissenschaftlichen Veröffentlichungen^) von W. Rai" umfassen die 
allgemeine Pathologie, die Kinderkrankheiten, die Ohrenleiden, die Augen- 
krankheiten. Zu denen der letztgenannten Gruppe gehören die folgenden: 

•1. Über die Erkenntniß, Entstehung und Heilung der Staphylome des mensch- 
lichen Auges. Ein Versuch von Wilhelm Rau. Heidelberg und Leipzig 
4828. Vgl. § 344, S. 417.) 

2. De l'usage ophthalmique du lactucariumS), par W. Rau, Prof. ä l'ecole de 
med. de Berne. A. d'Oc. I, S. 154—157, 1837. 

Zwei bis drei Gran auf drei Drachmen Wasser [0,1 bis 0,13 auf 12,0 , 
2 — 3 Mal täglich eingeträufelt, helfe gegen katarrhalische Ophthalmie mit 
Reizung, — besser, als Opium-Tinktur. Innerlich sei das Mittel nützlich 
gegen Reizungs-Amblyopie hysterischer Frauen. 

3. Ophthalmologische Miscellen. Ammon's Monats-Schrift I, S. 461 — 473. 

I. Über die Anwendung des Lactucarium in der Augenheilk. (Vgl. 2.) 
II. Merkwürdige, der Xerosis ähnliche Entartung der Bindehaut. Bei 
einem lOj. war bds. die Hornhaut an ihren Rändern mit einem ringförmigen, 
matten, 1V2'" breiten Saume von der Dicke eines Kartenblatts bedeckt. 
Die welligen scharf begränzten Ränder auf der Hornhaut schienen sich nach 
innen umzuschlagen. Mit der Lupe keine Gefäße zu entdecken. (Dies dürfte 
die erste Beschreibung des Frühjahrs-Katarrhs darstellen.) 
III. Xerose der Bindehaut. 

4. Bemerkungen über die Entzündung der DEscEMET'schen Membran. Ammon's 
Monats-Schrift, II, S. 431— 460, 1839. 

5. Beobachtungen über ßildungsfehler des menschlichen Auges. Ebendas. III, 

S. 36—69. 

(Angeborenes Fehlen beider Augäpfel; Fehlen der Iris, Kolobom der 
Iris; Thränen-Fistel; schwammiger Auswuchs des Bindehautblättchens der 
Hornhaut, erfolgreich exstirpirt.) 

6. Die Entzündung der Regenbogenhaut. Bern u. St. Gallen 1844. 

7. De syndesmitide varicosa. Scripsit Guilelmus Rau. Bern und St. Gallen 
1844. 



1) Die Liste von Siegrist habe ich noch vervollständigt aus A. d'Oc. und 
Ammon's Monats-Schrift. 

2; L., ein getrockneter Milchsaft vom Gift-Lattich (lactuca virosa), galt als 
Beruhigungs-Mittel. Rau hat übrigens lactucarium parisiense gallicum) verwendet, 
>das schwächer ist«, — es wurde eben aus unsrem Kopf-Salat (Lactuca sativa) 
hergestellt. 



Wilhelm Rau. 13 

8. Die Nerven- und Organisations-Krankheiten nebst den ursprünglichen Bil- 
dungs-Fehlern der Regenbogenhaut. Bern u. St. Gallen 1843. 
s». Übersicht der in der ophthalmiatrisch-otriatischen Poliklinik in Bern von 
dem Jahre 1839 bis iSi.i behandelten Krankheitsfälle, nebst Bemerkungen, 
von Prof. Dr. Rau. 

1390 Augenkranke. Bei Pannus übt R. das Einblasen von Calomel, 
nicht aber die Gefüß-Durchschneidung. 

iö. KoUodion gegen Entropion. Schweizerische Z, f. Med., Chir. u. Geburtsh. 
1849, A. dO. XXX, S. 106. 

II. Ophthalmologische Miscelien. Arch. f. Ophth. I, 2, 18ö5. 

^2. Über die Sinnes-Organe überhaupt und über die Pflege des Auges insbe- 
sondere. Eine öffentliche Vorlesung. Bern 1839. 

13. Über die Behandlung des grauen Stares durch pharmazeutische Mittel. Vgl. 
Siegrist a.a.O., S. »3. (Besserung durch innerlichen Gebrauch von Jod- 
kalium.) 

(4.) »Die unter dem Namen der DESCEMET'schen Membran bekannte, 
seröse Auskleidung der vorderen Kammer bildet nach den Resultaten der 
neuesten anatomischen rnlersuchungen keinen geschlossenen Sack, setzt 
sich nicht durch die Pupille fort, sondern endet, die vordere Fläche der 
Iris bekleidend, in der Nähe des Pupillar-Randes. . . . Die Entzündung 
kann sich auf den t'berzug der inneren Hornhaulfläche beschränken, die 
Bekleidung der Iris ausschließend, oder beide gleichzeitig, gewöhnlich suc- 
cessive, befallen. 

Die erste Form zeigt raufhig»^ Trübung der inneren Fläche der Horn- 
haut. Die punktförmigen Flecke fehlen anfangs und sind auch später nicht 
konstant. Die zweite Form charakterisirt sich durch Verfärbung der Iris; 
die in ihren Bewegungen träge Pupille verliert ihre Schwärze und regel- 
mäßige Form, erweitert sich oder bleibt von mittlerem Durchmesser. 

Die angegebenen Erscheinungen kennzeichnen die auf die DESCEMEx'sche 
Haut beschränkte Entzündung bis zu ihrem Höhe-Punkt. Tritt keine Kunst- 
hilfe ein, so kommt es zur Ausschwitzung. 

Die Streitfrage, ob es eine ursprüngliche Entzündung der DESCEMEr'schen 
Haut gebe, muß ich liejahen; am häufigsten ist sie aber sekundär. Idio- 
pathisch entsteht sie nach Scleronyxis '). Nie im kindlichen Alter, wohl 
aber nach der Pubertäts-Entwicklung bei nicht getilgter skrofulöser Anlage 
ist die idiopathische Form nicht selten. Die von der Aderhaut ausgehende 
Form ist häufiger im vorgerückten Alter; und hängt ausnahmslos mit Ple- 
thora abdominalis zusammen. (Hämorrhoiden, Gicht, Amennorrhöe, Auf- 
hören der Menstruation.) Nie nach Merkurial-Mißbrauch2), obschon Haffner 
dies behauptet. < Im Gegentheil ist Merkur Hauptmittel, obwohl nicht 
alleiniges. Einträuflung von Belladonna-Lösung und Punktion seien nicht 
zu empfehlen. 



1) Vgl. Schindler (1819), § 304, S. 203. 

2) Vgl. § 636, S. i33. 



14 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800 — 1875. 

(7.) »Die Syndesmitis varicosa, die man nicht mit der Ophthal- 
mia varicosa der älteren noch mit der Cirsophthalmie und venüsen Oph- 
thalmie der neueren Schriftsteller verwechseln darf, ist eine besondere 
Krankheit der Bindehaut, ein entzündliches Leiden der Augapfel- 
Bindehaut und des darunter liegenden Zellgewebes, begleitet von einer 
großen Erweiterung und Vermehrung der Blutgefäße, welche in den be- 
troffenen Theilen eine nur wenig empfindliche Schwellung hervorruft.« 

Der Referent in den A. d'Oc. (XIII, S. 45, 1845] möchte die Krank- 
heit zur chronischen Bindehaut- Entzündung rechnen; Ammom ^j zu seiner 
Subconjunctival-Ophthalmie, die wir ja heute als Scleritis auffassen. 

(11.) I. Atzung des verengerten Nasenkanals durch Darmsaiten, die 
in Hüllenstein-Lüsung getränkt sind. (Vgl. § 361, XIV, I, S. 34.) 

2. Behandlung der Thränensack-Eiterung mittelst Einspritzungen durch 
den Nasen-Kanal. Also von unten her, mittelst eines Guttapercha- 
Katheters, der nach den Ausmessungen des silbernen von Gensoul herge- 
stellt ist. (Vgl. XIV, I, S. 37.) Eine kleine, unten angesetzte Glas- Spritze 
genügt vollkommen, um die Flüssigkeit in den Thränenkanal zu treiben, 
so daß sie nicht selten in feinem Strahl aus den Thränen-Pünktchen her- 
vorspritzt. Von 7 Fällen wurden 2 vollkommen geheilt. 

3. Bei Insufficienz der Thränenklappe entsteht eine durch Lufteintritt 
beim Ausathmen bedingte Aufblähung des Thräncnsacks. (Sehr seilen.) 

4. Behandlung des Entropium durch Ligatur, ohne Ausschneidung 
eines Ilautstücks. 

§ 774. W. Rau's Nachfolger, Zehender, Dor, Pklüger, Sieghist. 

Nach lUu's Tode wurde am 28. Apr. 1862 Medizinalrath v. Zehendeu 
aus Rostock nach Bern berufen, als ordentlicher Prof. der Augen- und 
Ohrenheilkunde, mit einem Gehalt von 3000 Franken. Da aber seine be- 
rechtigte Forderung der Errichtung einer Augenklinik keine Berücksichti- 
gung fand, so verzichtete er am 5. Sept. 1866 auf seine Professur in Bern, 
zu Gunsten von Rostock. 

Als nun die Fakultät die Gründung einer Augenklinik forderte, wurde 
von der Regierung im Hause der früheren Slaats-Apotheke das erste und das 
zweite Stockwerk für eine Augenklinik angewiesen, während Prof. Klebs 
das dritte für sein pathologisches Institut erhielt! 

Dr. Henri Dor aus Vevay wurde am 29. März 1867 zum ordent- 
lichen Prof. der Augenheilkunde und Direktor der Augenklinik (von 
20 Betten) ernannt mit einer Besoldung von 3000 Franken. 

Da er die Noth-Ehe zwischen Augenklinik und pathologisch-anatomi- 
schem Institut nicht trennen konnte, so gab er am 2. Mai 1876 seine Ent- 
lassung und ging nach Lyon. 

1) Deutsche Klinik 1S52, No. 11. 



W. Zehender. H. Dor. 15 

Sein Nachfolger (als a. o. Prof.) wurde Dr. Ernst Pflüger, Augenarzt 
in Luzern. Schon am 5. Dez. 1876 und am 7. Febr. 1877 beklagte er 
sich bei dem Erziehungs-Direktor: »Seit meinem Amtsantritt am 15. Ok- 
tober abbin sind auf der Klinik 5 schwere und 6 leichtere Fälle von Rolh- 
lauf vorgekommen.« 

Pfllüeu erhielt dann 1878 im alten Amtshause eine neue Augenklinik, 
wieder von 20 Betten. Aber das Kinderzimmer ist nicht unterkellert. Vier 
Kinder erkranken am großblasigen Ausschlag, jedes verliert ein Auge durch 
metastatische PanOphthalmie, das erste auch das Leben. 

Am 5. Dez. 1879 wird Pflüger zum o. Prof. gewählt, im Herbst 1884 
bezieht er die neue Augenklinik in dem gewaltig vergrößerten neuen Insel- 
Spital. 

Doch hatte man aus Sparsamkeit die Augenklinik schlecht eingerichtet, 
ohne Operations-Saal, ohne Arbeitszimmer, ohne poliklinische Räume; mit- 
telst Boden-Betten mußte für öO Kranke Unterkunft geschaffen werden in 
einer Anstalt mit Luft-Raum für '■)(). 

Pf.'s Antrag auf Umbau fand Billigung an demselben Tage (30. Sept. 
1 903), an welchem ein Herzschlag den unermüdlichen Lehrer und Forscher 
dahin raiTte. 

Sein Nachfolger war Dr. A. Siegrist, der Vf. der von uns benutzten 
Geschichte der Augenklinik in Bern, welche zeigt, daß die Regierung einer 
Republik ebenso knauserig und kurzsichtig sein kann, wie die verschie- 
dener monarchischer Staaten, von denen wir schon ähnliches zu melden 
hatten. 

Aber das Berner Volk und seine Regierung hat dann im Jahre 1905 
eine neue Augenklinik bewilligt und, mit Benutzung der Studien von 
Prof. Siegrist, dann auch (für 672, 92() Franken und 46 Cts.) aufgerichtet, 
eine Augenklinik, um welche nicht nur Prof. F. Lagrange in Bordeaux ^), 
sondern auch manch' Andrer den Kollegen in Bern beneiden könnte, — 
wenn nicht freudige Bewunderung jede Empfindung von Neid vollständig 
unterdrücken müßte. Vgl. Die neue Augenklinik in Bern von Prof. 
Dr. A. Siegrist. (4^, 89 S. mit 58 Fig., S.-A. aus der Festschrift zur Er- 
öffnung der neuen Augenklinik in Bern, Bern 1910.) 



Für Zehender stellt die Professur in Bern nur eine Episode dar; wir 
werden seine Wirksamkeit später schildern, bei der Betrachtung der Graefe'- 
schen Schule. 

Auch Henri Dor (1835 — 1912) hat in Bern kaum 9 Jahre gewirkt, in 
Lyon noch 37 Jahre. 



1) Vgl. § 549, S. 15. 



16 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800—1875. 

Aber Pflüger, dessen ganzes Lebenswerk der Augenklinik in Bern ge- 
widmet war, verdient hier eine kurze Erörterung, obschon ja seine Wirk- 
samkeit über den Rahmen unsrer Betrachtung hinausragt. 



§775. Ernst Pflüger (1846 — I903)i). 

Geboren am 1. Juli 1846 zu Büren an der Aar, bildete E. P. sich zu 
Bern, Utrecht und Wien unter Dou, Donders und Arlt aus, wurde 1870 
Doktor, 1876 a. o. und 1879 o. Prof. der Augenheilkunde zu Bern, ent- 
faltete eine reiche Thätigkeit als Arzt, als Lehrer und als Forscher und ist 
in bester Schaffenskraft am 30. Sept. 1903 durch einen Herzschlag hin- 
weggerafft worden. 

Zum Ruhm der Berner medizinischen Fakultät hat er redlich beige- 
tragen und die augenärztliche Wissenschaft durch zahlreiche, z. Th. recht 
bedeutende Arbeiten bereichert. 

Aus seinen Berichten über die Berner Augenklinik, die er von 1878 
bis 1886 herausgab, entnehmen wir die Einführung der Borsäure als mil- 
des Desinfektions-Mittel der Bindehaut, während das später eingeführte 
Sublimat bald wider aufgegeben und durch Jodtrichlorid und Quecksilber- 
cyanür (nach Chibret) ersetzt wurde. 

Für das aufrechte Bild entwarf Pflüger 1882 sein Refraktions- 
Ophthalmoskop; 1884 bearbeitete er Guignet's Retinoskopie, die er 
Schattenprobe (Skiaskopie) benannt hat. Ebenso bemeisterte er Javal's 
Ophthalmometer; seine Schüler veröffentlichten wichtige Beiträge auf 
diesem Gebiete, namentlich Dr. Steiger: Beiträge zur Physiologie u. Patho- 
logie der Hornhaut-Refraktion 1895. 

Auch der Gesundheitspflege des Auges und der Kurzsichtigkeit 
widmete Pflüger seine besondere Aufmerksamkeit, wie die Rektorats-Rede 
vom Jahre 1886 »Kurzsichtigkeit und Erziehung«, sowie Jankowski's Diss. 
»Beitr. zur Myopie-Frage«, 1893, ferner die Seh-Proben von Pflüger (1882, 
1 896) mit Erörterungen über Sehschärfe und die Seh-Proben von Steiger 
(1892) beweisen. 

Auch den Lichtsinn und den Farbensinn, für die Mitte und für die 
Peripherie, hat Pflüger sludirt, das Flor-Kontrastverfahren eingeführt (1880, 
1882) und die totale Farbenblindheit (1898) erschöpfend abgehandelt. 

Von den klinischen Fragen, die ihn besonders fesselten, stand 
obenan die über das Glaukom. Von Tonometrie handelte schon seine 



1) I. C. BI. f. A. 1903, S. 314— 315. 

II. Prof. Siegrist, Gesch. d. Augeah,eilk., spec. der Augenklinik zu Bern u. 
deren Direktoren, 1910, S. 74 fgd. 

Prof. Siegrist hat hier seinem Vorgänger und Lehrer ein herrliches Denkmal 
gesetzt. Seiner Darstellung will ich mich eng anschließen. 



Ernst Pflüger. 



17 



Dissertation aus dem Jahre 1871: weitere Beiträge folgten i880 und 1887 
(von Dr. Fii. Stock, A. f. 0. XXXIII, I). 

Fi?. 3. 




Prof. Dr. Pflüger. 



Das Glaukom betrachtete er als ein Ödem; für chronisches Glaukom 
schlug er, um malignen Ablauf zu verhüten, die periphere Iridektomie vor. 

Handbucli der Augenheilkunde. 2. Aufl. XlV.Bd. (Yll.) XXIII. Kap. 2 



18 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800—1875. 

Durch Anwendung des Fluorescein auf das Auge hat er die Ernäh- 
rungs-Verhältnisse des letzteren zu studiren versucht, für die Einspritzungen 
unter die Bindehaut neben der Lösung von Kochsalz auch die von Jod- 
natrium und von Hetol empfohlen, namentlich gegen tuberkulöse Prozesse. 

Überhaupt hat er den Allgemein-Leiden, welche Augenstörungen ver- 
ursachen, große Aufmerksamkeit gewidmet: 1890 veröffentlichte er seine 
Beobachtungen über Augen-Erkrankungen nach Influenza, 1 896 über Kera- 
titis parenchymatosa, während sein Schüler Salo Cohn 1890 die Disser- 
tation »Uterus und Auge« herausgab. 

Dauernd verblieb seine Aufmerksamkeit den Fehlern der Einstellung 
und Einrichtung: er hat sich um die Einführung der torischen und Doppel- 
focus-Gläser bemüht (1893), ist kühn an die Operation des Astigmatismus 
herangetreten und hat 1899 (durch seinen Bericht an die französische 
ophth. Gesellsch.) zu der damaligen Verbreitung der Kurzsichtigkeits- Ope- 
ration i) beigetragen. 

Eine der wichtigsten Arbeiten Pflüger's ist der Bericht für den 
13. Internat, med. Kongreß, zu Paris 1900, über Enukleation und ihre 
Ersatz-Verfahren. 

Sehr verdienstvoll sind auch die von ihm angeregten statistischen 
Dissertationen: Die Blennorrhoea neonat, u. deren Verhütung in der Schweiz, 
von Heim, 1 895. Medizinisch statistische Untersuchungen über die Blinden 
in der Schweiz, von Dr. L. Pally, 1900. (Die vollständige Liste der 
Arbeiten Pflüger's, welche die Zahl Hundert überschreiten, siehe bei 
Siegrist a. a, 0.) 

§ 77(). Emil Emmert (1844— 1911) 2». 

Am 1. Dez. 1844 zu Bern geboren, als Sohn des Prof. Karl Emmert, 
bestand E. E. sein Staats- und Doktor-Examen 1868. 

Nach größeren Studien-Reisen, auf denen er sich bei A. v. Graefe, 
Arlt, Bader, Donders und Snellen weiter ausbildete, ließ er sich 1870 in 
seiner Vaterstadt als Augenarzt nieder, wurde Docent der Augenheilkunde 
und später a. o. Professor. 

Von seinen größeren Arbeiten seien erwähnt : . 

1. Auge und Schcädel. 1880. 

2. Refraktions- und Akkommodations-Verhältnisse des menschlichen Auges. 
1887. 

3. Schul-Untersuchungen und Schul-Hygiene. 1887. 

Ferner nenne ich noch: 

4. Blindenstatistik. 1874. 

3. Jahresbericht der Poliklinik. 1878. 



1) Ihre Blüthe liegt allerdings schon wieder hinter uns, — wie ich persön- 
lich glaube, zum Heile der Menschheit. 

2) C. El. f. A. 1911, S. 217. 



Eminert. Troxler. — Zürich. 19 

6. Häufigkeit der gewühnl. Augenkr. zu verschied. Jahreszeiten. <886. 

7. Trachom in der Schweiz. 1897. 

Bis in sein«' letzte Lebenszeit ist er in seinem Lieblingsgebiet der 
Wissenschaft unermüdlich thätig geblieben. Dem Centralbl. f. Augenh. war 
er ein treuer Mitarbeiter. 

Zusatz. Eines merkwürdigen Mannes haben wir schon im § 453 
(S. 391) gedacht, des 

Ignaz Paul Vit.^lis Troxler (1780—1866)1». 

Geboren zu Bero-Münster (Kanton Luzern), studirte er Medizin in Jena, 
Güttingen, Wien, schrieb in naturphilosophischem Sinne über Medizin 
und wurde nach äußerst Wechsel vollen Schicksalen 1834 zum Prof. der 
Philosophie an der Universität zu Bern ernannt. 

Im Jahre 1803 hat er in der ophthalmologischen Bibliothek von 
lIiMLY und Schmidt »Über Iris-Bewegung«, »Präliminarien zur physio- 
logischen Optik«, »Über Einfachsehen, Schielen und Doppeltsehen« ge- 
schrieben: worauf wir später noch zurückkommen werden. 

§ 777. Zürich, 
die Heimat des Wundarztes Jon. Konrad Freitag (um 1721), der als Er- 
neuerer der Star-Ausziehung in zahllosen Lehrbüchern, Encyklopädien und 
Sonderschriften gepriesen worden, von denen jede aus der vorigen den 
Text kritiklos übernommen, bis wir sein Verdienst auf den wirklichen Werth 
beschränkt habend), ist nur erst spät in die Bewegung ein- und nicht son- 
derlich hervorgetreten vor dem Beginn der Reform-Zeit. 

Das »Praktische Handbuch der Augenheilkunde zum Gebrauch 
für Ärzte und Studirende, von Otto Werdmlller, Arzt zu Aster 
im Kanton Zürich«, Z. 1849 (244 S.) 
hat keinen besonderen Eindruck hinterlassen. 

Vf. meint, daß die besseren Werke über Augenheilkunde theils wegen 
des hohen Preises, theils wegen der Weitläufigkeit den Ärzten und Studi- 
renden fast unzugänglich sind, und daher ein großer Theil der Ärzte sich 
nur wenig um Augenheilkunde bekümmert. Das Werkchen von S. L. Weiss 
in Berlin (1844) sei ungenau und lasse die Ergebnisse neuerer Forschung 
unberücksichtigt. 

Er selber habe es unternommen, mit Benutzung der älteren und neueren 
Literatur in gedrängter Kürze die Augenheilkunde möglichst vereinfacht 
wiederzugeben, und zur Eintheilung das natürliche System benutzt. 



1) Biogr. Lex. VI, 8. 

2) § 330, S. 397 (B. XIII); § 339, S. 433, No. 28; § 345, S. 468. 

2* 



20 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800—1875. 

Er theilt die Augenkrankheiten in zwei Hauptklassen: I. Krankheiten 
des Blut-Systems, Hämatosen; II. Kr. des Nervensystems, Neurosen, — wäh- 
rend er des genialen Schönlein dritte Klasse, die Morphosen, nicht zuläßt i). 

I. theilt sich I. in die idiopathischen Entzündungen (Phlogosen), 2. in 
die specifischen , 3. in die Folgekrankheiten, woselbst in der Gruppe 3a 
plötzlich der Star erscheint. 

In I, 1, 3 giebt der Vf. sich große Mühe, die Krankheitsbilder der 
Entzündung von Bindehaut, von Hornhaut, von Regenbogenhaut, von Strahlen- 
körper, Aderhaut, Netzhaut zu entwerfen. Aber seine Behandlung der Neu- 
geborenen- Augeneiterung, der gonorrhoischen, der syphilitischen Iritis ist 
schwächlich und unzureichend. 

»Die Star- Ausziehung . . . bringt die bedeutendste Verletzung des Auges 
mit sich . . . Sie wird daher gegenwärtig nur selten noch wirklich aus- 
geführt.« 

Den Markschwamm der Netzhaut sah er einmal angeboren. »Die ein- 
zige Hilfe besteht in der frühzeitigen Exstirpation des Augapfels.« 

Die Darstellung des Schielens nebst der Behandlung, auch durch Ope- 
ration, ist leidlich; aber die Augen-Muskel-Lähmungen worden noch in 
Bausch und Bogen abgehandelt. 

Den Schluß macht eine Sammlung von 34 Arznei- Vorschriften. 

Das Handbuch von Werdmüller ist gleich nach seinem Erscheinen 
(1849, A. d'Oc. XXH, S. 93—95) höchst abfällig beurtheilt worden. 

Aber der ungenannte Kunstrichter thut ihm Unrecht, wenn er ihm 
die elende Zusammenstoppelung von Weiss noch vorzieht, und wenn er 
mit dem Tadel schließt: »Die Wissenden werden darin vergeblich eine 
Menge wichtiger Thatsachen suchen.« Denn W. wollte nur für Anfän^-er 
schreiben. 

Anfänger haben ihn auch gelesen. In dem von mir benutzten Exem- 
plar hat ein solcher Hunderte von Strichen gemacht und schüchterne Ver- 
besserungen, mit Fragezeichen, beigefügt. 

Das Buch konnte schon besser sein und wäre besser geworden wenn 
der Vf. die Werke von Ruete (1845), Desmarres (1847), Hasner (1847) be- 
nutzt hätte. 

Im Jahre 1852 erschien eine zweite Auflage (264 S.), welche erheb- 
liche Abänderungen und Erweiterungen nicht erkennen läßt. 



Die Hochschule Zürich wurde durch den großen Ralh des Kantons 
am 28. Sept. 1832 in's Leben gerufen. Nach der fünfundzwanzigjährigen 
Stiftungsfeier 1859 wurde das Hochschul-Gesetz verbessert und den kli- 
nischen Instituten besondre Sorgfalt zugewendet 2). 

1) Über die Namen vgl. § 838. 

2) Minerva, H. d. gelehrt. W. I, S. 154. 



Der augenärztliche Unterricht in Zürich. 21 

Über den aiigenärztlichen Unterricht in Zürich hat mir Herr 
Prof. Haab, dem ich dafür zu besondrem Dank verpflichtet bin, die fol- 
genden Miltheilungen gesendet: 

»Aus der Zeit vor der Gründung der Hochschule (1833) konnte ich 
Genaueres über Lehren und Lernen in Augenheilkunde nicht in Erfahrung 
bringen. Wie weit das im Jahre 1782 gegründete ,medicinisch-chirurgi- 
sche Institut', das im Jahre 1804 als Staats-Institut anerkannt wurde, sich 
mit dem Lehren der Augenheilkunde befaßte, konnte ich nicht klarlegen. 
Es war eine Bildungs-Stätte für schlichte Landärzte und eine Vorschule für 
Mediciner und Chirurgen, die nachher durch den Besuch von Hochschulen und 
Kranken-Anstalten des Auslandes vollständigere Ausbildung sich erwarben. 
In der dieses Institut hauptsächlich beschreibenden Monographie von Meyer- 
A II RENS, welche in der Denkschrift der Medicinisch-Chirurgischen Gesellschaft 
dos Cantons Zürich, Zürich I8G0, erschien und betitelt ist: ,Geschichte des 
medicinischen Unterrichtes in Zürich von seinem ersten Anfang bis zur 
Oiründung der Hochschule', wird die Augenheilkunde nicht erwähnt. 

Auch in der , Kurzen historischen Skizze der medicinischen Fakultät 
der Zürcherischen Hochschule seit ihrer Errichtung im Jahre 1833 bis 
Ende des Semesters 18Ö9 '60' von Prof. Locin;K-B\LitKR, in derselben Denk- 
schrift erschienen, wird die Augenheilkunde nicht erwähnt, obschon Locher- 
Balber selbst Augenheilkunde docirte. (Habil. 1835.) 

Nach Gründung der Universität 1833 hat wohl der Prof. ord. der 
Chirurgie und Direktor der Chirurgischen Klinik Locber-Zwingli die Augen- 
heilkunde gelehrt, aber wie? ist mir nicht eruirbar gewesen. Nach dem, 
was BiLLROTH sagt (,Briefe', S. 41), hat er wohl, wie auch Billroth selbst, 
die Ophthalmologie links liegen lassen. 

Es haben ferner in den ersten Decennien unsrer Hochschule Dr. Hein- 
Kicii Giesker (1835—58), der Chirurg der Poliklinik, und der bereits ge- 
nannte Dr. Locher-Balber (von 1835 an), der zugleich Propädeutik und 
Heilmittellehre las, und Dr. L. vo\ Muralt (von 1833 an) Augenheilkunde 
docirt. Der letztgenannte beherrschte das Feld, bis er von Houneu abge- 
löst wurde, der rasch dominirte, und dem auch Billroth gern Platz machte. 
(Vgl. , Briefe', S. 41 und 42, besonders den Passus: ,Denn ich halte die 
Trennung der Ophthalmologie von der Chirurgie, so wie die Sache jetzt 
einmal steht, für ganz zweckmäßig und würde nie durch irgend welche 
Maßregeln einen tüchtigen Kollegen in der Ausübung seiner Specialilät 
stören.' Ferner: ,Was die Ophthalmologie betrifft, so habe ich mich da- 
mit in Berlin zwar viel beschäftigt und stand mit Gräfe stets in wissen- 
schaftlichem Verkehr; doch hier habe ich keine Freude an diesem Feld 
gefunden. Zwar habe ich zwei Augen-Säle, doch im ganzen Jahr vielleicht 
20 Kranke darin, sodaß ich sie stets mit chirurgischen Kranken belege 
u. s. w.') 



.22 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800 — 1875. 

Diese zwei Kranken-Säle hatte dann Horner, so lange er thätig war, 
und ich noch bis 1895, wo die neue Augenklinik bezogen wurde. Der 
eine Saal war für Männer, der andre für Weiber. Es waren Säle des all- 
gemeinen Krankenhauses des Kantons, das 1842 eröffnet wurde und etwa 
400 Betten enthält. Scbönlein hatte den sehr guten Plan entworfen. 

Die officielle Lehre der Augenheilkunde beginnt in Zürich mit Horner, 
der am 21. Mai 1856 sich habilitirte, 1862 Extraordinarius und 1875 Or- 
dinarius wurde.« 

»In seiner Autobiographie (die leider nur bis 1859 reicht,) sagt Horner 
(S. 55): , Außerdem gab mir die Specialität der Augenheilkunde bald eine 
separate Stellung. Viele Arzte nehmen sich zwar der kranken Augen an: 
Prof. LocHER-ZwiNGEi cx officio, Prof. GiESKER, bei welchem ich selber 
zuerst Augenheilkunde und Operationskurs gehört hatte, Dr. L. 
V. Muralt 1), der als Specialist beschäftigste , dessen schöne Staar-Extrak- 
tionen ich im Anfange meiner klinischen Epoche bewunderte.'« — — — 

Horner's Nachfolger wurde, im Frühjahr 1886, sofort als Ordinarius, 
0. Haab, der Urheber des Riesen-Magneten und der so verbreiteten At- 
lanten der Ophthalmoskopie, der Augen-Operationen, der äußeren Augen- 
Erkrankungen. 

§778. Jobann Friedrich Horner (1831—1886)2), 
geboren am 27. März 1831 zu Zürich, studirte daselbst seit 1849, wurde 
1854 Doktor, wandte sich hierauf nach Wien und Berlin, war ein Jahr lang 
Assistent Albrecht's von Graefe, mit dem ihm eine innige Freundschaft bis 
zu dessen Tode verband, ging dann noch zu kurzem Aufenthalt nach Paris, 
zu Desmarres, und ließ sich 1856 in Zürich als Augenarzt nieder, wo er 
an der Universität sich sogleich für Augenheilkunde habilitirte. Im Jahre 
1862 wurde er a, o., im Jahre 1875 o. Professor der Augenheilkunde und 
hat dies Amt ruhmreich und mit größtem Erfolge verwaltet, bis 1 885 ein 
Herz- und Nierenleiden 3) ihn nöthigte, seine Lehrthätigkeit aufzugeben. 
Trotz vorübergehender Besserung starb er am 20. Dez. 1886 in Folge 
eines Hirnschlags. 



1) Nicht habilitirt. (Haab.) 

2) I. Biogr. Lex. III, 280 u. VI, 359. (Horstmann.) 

[Pagel's Biogr. Lex. hervorragender Ärzte des XIX. Jahrh., 1901, S. 781— 782.] 
IL Deutsche med. W. 1886, S. 948. (HoRSTMAN^^) 
IIL Klin. M. BI. XXV, 95—103. (Düfour.) A. d'Oc. XCVH, 125—136. Da- 

FOÜR.) 

IV. Arch. d'Opht. VII, S. 31—64. (E. Landolt.) 

3) Dies begann sehr heimtückisch. Ich besinne mich, daß einst in den 70 er 
Jahren zu Heidelberg, als Horner von heftigen Kopfschmerzen befallen wurde, 
0. Becker ganz ahnungslos sagte: »Ja, ihr Kurzsichtigen, ihr habt doch immer 
über Kopfweh zu klagen.« — Mir selber hat Horner, da ich zu den Schülern seines 
eignen Meisters gehörte, stets das größte Wohlwollen entgegengebracht. 



Fr. Hiirner. 



23 



»IIoRNEn war einer der vielen jungen Gelehrten, die in den fünfziger 
Jahren, der GiiAEKE'schen Schule entsprossen, nach allen Seiten hin die 
tiefere Ergründung, die genauere Untersuchung und die rationelle Behand- 
lung des großen Meisters wie eine frohe Botschaft mit sich brachten. An 
Eifer und an Leutseligkeit dem Meister nachfolgend, stolz auf die erstaun- 
lichen Forlschritte ihrer Wissenschaft, traten sie ihre Laufbahn an, und 

Fiff. 4. 




Prof. Dr. Horncr. 

überall, wohin sie kamen, brachten sie mit sich ein entschieden klareres Licht 
über die Augenleiden, eine höhere Macht, schärfere Waffen, um das Übel 
zu bekämpfen !).< 

Friedrico IIorner war gleich hervorragend auf allen drei Gebieten, die 
wir bei den Vertretern unsres Faches hauptsächlich zu betrachten haben, 
in der augenärztlichen Kunst-Cbung, als Lehrer der angehenden Ärzte und 
als Förderer der Wissenschaft. 



^) DUFOUR. II. 



24 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800 — 1875. 

Sein durchdringender Blick, die Geschicklichkeit seiner Hand und sein 
menschenfreundliches Herz befähigten ihn, das Vertrauen der Kranken zu 
gewinnen, die von nah und fern herbeiströmten, — Arme und Reiche: mit 
gleicher Liebe und Sorgfalt widmete H. sich dem Tagelöhner, wie dem 
Fürsten eines der benachbarten Staaten. Um die Mitte der siebziger Jahre 
gründete er sich eine private Augen-Heilanstalt, den Hottinger Hof*), und 
hat dieselbe 20 Jahre lang verwaltet. 

HoRNER war seinen Kranken viel, — vielleicht noch mehr seinen Schü- 
lern. Sein eindringlicher Eifer, die vollendete Klarheit seines Vortrags, der 
immer den vorgestellten Fall genau und nach allen Richtungen erörterte, 
seine hohe Allgemein-Bildung, welche ihn befähigte, alle Wechselbeziehungen 
zwischen Augen- und Kürperkrankheiten zu entwickeln, die Liebe zur Heil- 
kunde im allgemeinen und zur Augenheilkunde im besondren, die er seinen 
Schülern einzuflößen sich bemühte, — alles dies wirkte zusammen, um das 
innigste Band zwischen Lehrer und Hörer herzustellen und dem angehen- 
den Arzt jene dauernde Belehrung einzuprägen , die durch kein Bücher- 
Studium ersetzt werden kann. 

Obwohl HoRNER leider nicht dazu kam, alles, was er wirklich zu sagen 
hatte, der wissenschaftlichen Welt mitzutheilen; so hat er doch schon 
durch das, was er veröffentlicht, höchst bedeutende Beiträge zur Aus- 
gestallung der rcformirten Augenheilkunde geschaffen. 

Er war der erste, welcher die Antiseptik auf das Gebiet der Augen- 
Operationen planmäßig anwandte und ihren Nutzen auch durch über- 
zeugende Zahlenreihen nachwies. Von 186T — 1870 hatte er bei 211 
Star- Ausziehungen 6,6^ Verluste gehabt; dann unter Befolgung antisep- 
tischer Vorsichten von 1870 — 1875 nur 1,5^ bei 391 Ausziehungen und 
sogar nur 1,1^, von 1875 — 1880, bei 346 Ausziehungen unkomplicirter 
Alter-Stare 2 1. 

HoRNER lehrte uns Begriff und Kenntniß der Hornhaut-Herpes^); 
den Zusammenhang des Schicht-Stars mit der rhachilischen Zahn-Ver- 
bildung^i; den Pilz-Ursprung von Hornhaut-Geschwüren^). 

Ein vorzügliches Lehrbuch der Augenkrankheiten des Kindes- 
Alters hat er verfaßt; und, wenn er es auch nicht vollenden konnte, so 
gab er uns doch darin eine meisterhafte Schilderung der Bindehaut- und 
Hornhaut-Erkrankungen. 

1; Hier spielt die Erzählung »Brigitte« von Berthold Auerbach, der selber 
längere Zeit in der Anstalt zugebracht hatte. 

2) a) Die Antisepsis bei Augen-Operationen. Internat, med. Kongreß Lon- 
don 1881. b) Die Star-Extraktionen der ophthalm. Klinik in Zürich. 1870—1880. 
Dissert. von Carl von Muralt. Zürich 1881. 

3) Klin. M. El. 1871, S. 321. Dissert. von Josephine Kendall. 1880. 

4) Dissert. von Sophus Davidsen. 1863. 

5) Klin. M. ßl. 1873, S. 442. 



Fr. Horner. 25 

i. Gerhardfs Handbuch der Kinderkr. V, 2, 1879: Die Krankheiten des Auges 
im Kindes-Alter von Dr. Fr. Horner, Prof. in Zürich. 

(S. -203 — 37 8. Abgeschlossen wurde das Werk von Prof. J. Michel. 
1889. [S. 383— G34.]) ' 

Ich möchte diese Gelegenheit benutzen, um die Werke gleichen In- 
halts anzuführen. 

2. Die Augen -Erkrankungen im Kindesalter von Prof. Dr. Eversbusch in 
München. Leipzig 1912. 

S. .'i.i3 — 902. Mit zahlreichen Text-Abbildungen und mit farbigen Tafeln 
auch der Augengrunds-Bilder. — S.-A. aus dem VI. ß. des Handbuchs der 
Kinderkr. von Prof. Pfaundler und Dr. Schlossmann. 

3. Die Augenkrankheiten des Kindes-Alters . . .von Dr. Emil Guttmann, Ass. 
a. d. Augenklinik von Prof. Magnus in Breslau. Berlin 1900. (132 S.) 

4. Die Pathologie u. path. Anatomie des Auges im Kindesalter von Prof. Peters 
in Rostock. Wiesbaden 191.1. (S.-A. aus dem Handbuch d. allg. Path. u. 
path. Anatomie des Kindesalters von H. Brünig und E. Schwalbe in 
Rostock. 

Anm. Daß Razi in s. Schrift von den Kinderkrankheiten ein Kapitel 
von den Augenkrankheiten der Kinder uns überliefert, habe ich bereits im 
§ 280, S. 187, erörtert. 

»HoRNEu's Symptomen-Komplex'< kennzeichnet die Sympathicus- 
Lähmung. (Lidfall, Pupillen-Enge, Rüthung der entsprechenden Gesichls- 
hälfte, Zurücksinken des Augapfels.) 

Horner hat seine Lebensbeschreibung verfaßt; 20 Monate vor 
seinem Tode begann er, kam aber nur bis zum Jahre I85!>; Landolt liat 
die Beschreibung fortgeführt'): 

Dr. J. F. Hohner. Ein Lebensbild, geschrieben von ihm selbst, er- 
gänzt von Dr. E. Landolt. Mit dem Bildniß Hornbr's. Frauenfeld 1887. 
(138 S.) 

Liste von Fr. Horneu's Veröffentlichungen, 
die in der bisherigen Darstellung noch nicht angeführt worden sind: 

A. Klin. M. B1.2). 
Zur Retinal-Erkr. bei Morb. Brightii. 
Periost, orb. u. Perineur. n. opt. 

Tumor retinae. 

Fremde Körper in der Iris. 

5. II, 186. Carcinom der Dura, Exophth., Gare, der Recti, allgemeine Carci- 
nose. 

6. II, 190. Kolobom des Augenlids. Zahlreiche Dermoid- Geschwülste. Vgl. 
III, 32. 

7. IV, 257. Entzündung beider Thränen-Drüsen. 

8. IV, 259. Zur Kasuistik der Membr. pup. persev. 

9. VII, 129. Eine kleine Epidemie von Diphth. conj. 
10. VII, 139. Zur Behandlung des Keratoconus. 
n. VII, 193. Eine Form von Ptosis. 
12. IX, 1. Tumoren in der Umgebung des Auges. 



1. I, 


11. 


2. I, 


71. 


3. I, 


341, 


4. I, 


393, 



1) Vgl. C. Bl. f. A. 1887, S. 524. 

2) Im A. f. 0. hat Horner nichts veröffentlicht. 



26 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800— -1870. 

4 3. XI, 34. Herpes corneaUs. 

14. XI, 488. Refraktions-Änderungen. 

15. XII, 4 32. Desinficirende Behandlung einiger Hornhaut-Erkr. 

16. XII, 462. Anatom. Befund bei entzündhchem Kapsel-Star. 

17. XIII, 442. Keratitis mycotica. 

18. XVI, 3-20. a) Über nasse Salicyl- Verbände. 
b) Über Erblichkeit des Daltonismus. 

B. Correspondenz-Blatt für Schweizer Ärztei). 

19. 1873. Zwei Fälle von Trigeminus-Lähmung mit sekund. Augen-Affektionen. 

20. 1875. Über Entstehung und Beschaffenheit des Flügelfells. 

21. 1876. Strabism. converg. bei Myopie. 

22. 1877. Indikationen und Contra-Indik. von Atropin und Calabar. 

23. 1878. Über Intoxikations-Amblyopien. (Vgl. die Dissertation von Eris- 
mann, Zürich 18G7, >Über J. A.«) 

2i. 1879. Über die Verbreitungs-Wege der sympath. Entzündung. 

C. Revue möd. de la Suisse Romande 1881. 
25. De la myopie congönitale. 

D. Über Brillen aus alter und neuer Zeit. Zürich 1885. 
Vgl. § 303, S. 283, No. 18. 

E. Beiträge zur Ophthalmologie, als Festgabe Friedrich Hörn er zur 
Feier des 23jährigen Jubiläums seiner akademischen Lehrthätigkeit gewidmet 
von Marc Dufour in Lausanne, Otto Haab und Max Knies in Zürich, 
Julius Michel in Würzburg, Wilhelm Schoen in Leipzig und 0. F. Wads- 
worth in Boston, U. S. A. Wiesbaden 1881. (177 S., mit Abbildungen.) 

1. J. Michel, Das Verhalten des Auges bei Störungen im Circulations- 
Gebiet der Carotis. 2. M. Knies, Über systematische Augen-Erkrankung. 
3. 0. F. Wadsworth, The fovea centralis in Man. 4. M. Dufour, Sur 
Taction de Tiridectomie dans l'hydrophthalmus congenitus. 5. W. Schoen, 
Der Aplanatismus der Hornhaut. 6. O.IIaab, Anatomische Untersuchung 
eines 27 j. Anophth. 7. 0. Haab, Der Mikrokokkus der Blennorrhoe neo- 
natorum. (Über den Inhalt dieser Festschrift vgl. C. Bl. f. A. 1881, S. 491 
bis 492 und S. 280.) 

§ 779. In der französischen Schweiz 
hat die Republik Genf 1559 eine Academie gegründet, die zuerst durch die 
Theologie, im 1 8. Jahrhundert auch durch die Naturwissenschaften glänzte, 
von 1798 — 1814, als Genf unter französischer Herrschaft stand, die geistige 
Unabhängigkeit der Stadt Galvin's rege erhielt, aber erst im Jahre 1873 
zur Universität sich erweiterte und auch eine medizinische Fakultät 
erhielt 2]. 

In Lausanne wurde die 1536 gegründete Academie 1806 und 1834 
erweitert, 1888 mit einer medizinischen Fakultät ausgestattet und 1891 zu 
einer Universität erhoben 2j. 



1) Ein »General-Register« der ophthalmologischen Arbeiten im Corre- 
spondenzblatt für Schweizer Ärzte, I. Lieferung 1871 — 1908), hat Dr. med. Albert 
DuToiT, Augenarzt in Burgdorf, 1909 zu Basel herausgegeben. 

2] Minerva, H. d. gelehrt. W. 1911, I, S. 151, 153. 



Genf und Lausanne. J. P. Maunoir. 27 

l'ber den augenärztlichen Unterricht in Genf und I^ausanne hat Herr 
Kollege IIaltenhokf zu Genf, dem ich zu besondrem Dank verpflichtet bin, 
mir (am 24. Tl. 1912) die folgende Nachricht gesendet. 

»In der französ. Schweiz ist, bis zur Gründung der zwei medizinischen Fakul- 
täten, in Genf 1876 und in Lausanne 1890, die Augenheilkunde nicht gelehrt 
worden. 

Bis I8*)l waren in Genf die Lehrer Privat-Docenlen. (Barde, Arzt des 
Hospitals Rothschild für Augenleidende, und ich selber die ersten D. 

Am 10. Juni 1891 bekam ich den Lehr-Auftrag als Extraordinarius, aber 
ohne officielle Einrichtung. Ich hielt den klinischen Unterricht in meiner Privat- 
Khnik^j ab, die durch ein besuchtes Ambulatorium ziemlich viel Material hatte. 

Am 24. Febr. 1903 wurde ich Ordinarius und erhielt eine Ambulanz im 
Lokal der mediz. Poliklinik; aber erst im Mai 1910 endlich eine vom Kantons- 
Spital eingerichtete und abhängige Abtheilung im früheren Hause der Frauen- 
klinik. 

In L ausanne wurde sofort, bei Gründung der Fakultät, Marc Dufour, zu- 
erst als Extraordinarius, bald darauf als Ordinarius, mit dem ophthalmologischen 
Lehrstuhl betraut. 

Dank einem Vertrag zwischen der Regierung des Kanton Waadt und dem 
Direktorium des xVsile des aveugles^j^ konnte er das reiche Material des mit 
dieser Privat-Anstalt verbundenen, längst berühmten Augen-Spitals für seinen 
Unterricht verwenden. Dieser Vertrag erlosch mit seinem Tode. Seitdem ist für 
seinen akademischen Nachfolger, Eperox, im Kantons-Spital eine eigene Abtheilung 
für die Augenkranken eröffnet worden. 

Dr. August Dufour, Makc Dufour's Neffe, bisher zweiter Arzt am Augen- 
krankenhaus des Asile, ist zum ersten vorgerückt. < 

§ 780. Lange, ehe der Staat für die Förderung der Augenheilkunde 
etwas gethan, nämlich schon im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts, 
wirkte in Genf ein Mann, der Bedeutendes für unser Fach geleistet hat. 

Jean-Pierre Maunoir (1768 — LSGI)-*', 
geboren zu Genf im Jahre I76S, studirte in Paris unter Desault und in 
England, wo er 1797 den Doktor-Grad gewann. 

Nach seiner Heimat-Stadt zurückgekehrt, lehrte er eine Zeit lang 
Anatomie an der Akademie ^j und war als Star-Wirker thätig und bald 
sehr berühmt: von weit her, aus Deutschland und aus Frankreich, kamen 



1; Das vom Baron Adolf von Rothschild dem Kanton Genf gestiftete Augen- 
Krankenhaus wurde am 3. Okt. 1874 eröffnet. Erster Bericht von Dr. August 
Barde, Genf -1876; achter, für das 18.— 20. Jahr, 1895. 

2) Erster Bericht, Genf 1878; zweiter 1881 ; dritter 1883. 

3) Vor mir liegen die 10 Berichte (Rapports presentes au Conseil general 
de l'Asile des aveugles), Lausanne 1890 — 1900. 

4) Biogr. Lex. IV, 170 (Pagel). 

3) In 1. bezeichnet er sich als Prof. en Anatomie de TAcad. Imperiale de 
Geneve. 



28 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800—1875. 

die Blinden, um von seiner sicheren Hand die Sehkraft wieder zu er- 
langen. 

Eine innige Freundschaft verband Maxjnoir mit Antonio Scarpa i) : 
»Mein Briefwechsel mit Ihnen«, schreibt Maunoir in der Widmung seines 
Markschwarams (2.) an Scarpa, ist »eine von den Thatsachen meines 
Lebens, die am meisten dazu beiträgt, mir Liebe zu iiieinem Beruf einzu- 
flüfäen.« 

Maunoir erreichte das hohe Alter von 93 Jahren und ist am 21. Jan. 
I8CI verstorben. 

In der Chirurgie hat er sich verdient gemacht um die Torsion der Arterien. 
Von seinen äugen ärztlichen Abhandlungen ist die bekannteste: 

1. Über die künstliche Pupillen-Bildung (Iris-Zerschneidung): Mömoires 
sur Torganisation de l'iris et l'operation de la pupille artificielle par J. P. 
Maunoir, Dr. en chir., Prof. en Anatomie de TAc. Imp. de Genöve. Paris 
et Geneve 1812. (§ 3U. S. 4öö u. 4.tG, No. 22, 22a, 22b.) Vgl. auch 4. und 7. 

Von weiteren Arbeiten sind noch zu nennen: 

2. Memoire sur les fongus hematode et medullaire. Paris 1820. 

3. Einfluß der Star-Operation auf Lebens-Glück und -Dauer der Operirten. 
A. d'Oc. II, 127, 1839. 

4. PapillenSperre, Operation. A. d'Oc. V, S. 17. 

5. Über die Ursachen des Mißerfolgs bei der Star-Ausziehung u. über die Mittel 
zur Abhilfe. A. d'Oc, 2e vol. supplementaire, S. 179—230, 1842. 

Diese Arbeit stammt aus dem Jahre 1834, wie aus den Angaben auf 
S. 202 u. 203 über den Brief, den M. an seinen Freund Scarpa geschrieben, 
mit Sicherheit zu erschließen ist. 

6. Einrichtung des Auges für verschiedene Entfernungen. A. d'Oc. IX, S. 1 4, 
184 3. (Weil ein 17.]. Star-Operirter mit demselben Glas schießen und lesen 
konnte, sollte die Krystall-Linse nichts mit der Akkommodation zu schaffen 
haben!) 

7. Memoires sur les amputations. Thydrocele, et Torganisation de l'iris, 
par J. P. Maunoir l'aine, Prof., D. C. Genöve et Paris 1825. (S. 135—159, 
mit 3 Abbildungen.; 

8. De l'organisation de l'iris. A. d'Oc. XI, S. 147, 1844. 

Anm. Die in §551 erörterte Dissertation »Quelques points de l'histoire 
de la cataracte . . .«, Paris 1833, ist nicht von unsrem Maunoir, sondern 
von seinem Bruders-Sohne Th^odore-David-Eugene M. (1806—1869), der 
gleichfalls in Genf prakticirte. 

2. Maunoir's Abhandlung über den Mark- und Blut-Schwamm, vom 
Jahre 1820, hatte ich bereits 1869 (in m. Markschwamm der Netzhaut^ 
S. 241,) beurtheilt, und zwar nicht sehr günstig. 

Meine zweite Lesung vom Jahre 1912 ertheilt der von Scarpa be- 
lobten und von der Künigl. Gesellschaft für Chirurgie zu Bordeaux am 
1. Sept. 1819 mit ihrer Billigung beehrten 2) Abhandlung die nämliche Be- 



il § 717; § 635, S. 120. 

2) »Cet Essai que la Sociale Royale de M6decine de Bordeaux a honore 
d'une approbation.« (Einleitung von 2.) Der amtliche Ausdruck der Gesellschaft 
lautet: Le memoire, portant pour Epigraphe: Pueris senibusque nocebit a 
rempli l'attente de la Societe. 



J. P. Maunoir. 29 

urtheilung, wie 1869: daß diese Arbeit bedeutend überschätzt worden, 
nicht blos von den Zeitgenossen, sondern auch von Forschern unsrer Tage, 
z. B. A. V. Graefe. (1868, Arch. f. 0. XIV, 2, S. lOöD.) 

Maunoir beginnt folgendermaßen: »Unter dem Namen Blutschwamm 
(fungus haematodes) hat man zwei verschiedene Krankheiten zusammen- 
gefaßt. Die eine beruht auf Entartung der Organe in hirnähnliche Masse 
oder genauer in einem Erguß der Nerven-Substanz 2). Diese nenne ich 
Fungus medullaris, während ich den Namen Fungus haematodes den 
wirkUch blutigen und gefäßartigen Geschwülsten vorbehalte, d. h. denen, 
die ganz aus einem unentwirrbaren Netz von Blutgefäßen bestehen, mittelst 
schlaffen Zellgewebes zu einem schwammigen Gebilde vereinigt.« 

Aber die Noth der Verwechslung war nicht so groß gewesen''). Das 
muß Mauxoir selber zugestehen. 

3. »Wenn die Star-Kranken die Ansicht des Dr. X. läsen, daß die 
Star-Operation, auch wenn sie glückt, Gemüths-Verstimmung und frühen 
Tod nach sich zieht; so würden sie vorziehen, blind zu bleiben.« 

Ein einziger der von M. Operirten hatte Anfälle von tiefster Traurig- 
keit, — wie schon vor der Operation! Andre sind heiter, selbst im Alter 
von 92 Jahren, 18 Jahre nach glücklicher Star-Ausziehung. 

Von frühzeitigem Tode ist keine Rede. 

4. Ein armer Blinder zeigte beiderseits die Folgen schwerster Iritis, 
die Pupille auf Stecknadelkopf-Grüße verengt und verstopft durch die ge- 
trübte Kapsel, die flächenhaft mit der Regenbogenhaut verwachsen war. 
Dabei Lichtschein. Operation des linken Auges"*). Ein Lappenschnitt 
von 5/12, wie zur Star-Ausziehung, wurde am unteren Rande der Hornhaut 
angelegt, die Iris-Schere eingeführt, ein wenig geöffnet, die spitze Klinge 
1 2'" oberhalb des unteren Umfangs in die Iris eingestochen, während die 
geknöpfte zwischen Iris und Hornhaut verblieb; hierauf beide senkrecht 
nach oben geschoben bis VV" unterhalb des oberen ümfangs, dann, die 
Schere geschlossen, so daß Iris und Kapsel-Verdickung durchschnitten und 
eine Katzen-Pupille gebildet war: endlich die halbtrübe Linse ausgezogen. 
Gute Sehkraft, keine Entzündung. Aber als man nach 8 Tagen das Auge 
aufband, war die Sehkraft wieder aufgehoben, die schöne, schwarze Pupille 
verschwunden oder vielmehr durch einen milchweißen Erguß ausgefüllt. 
Das rechte Auge wurde ebenso operirt und blieb geheilt und sehkräftig. 
»Die Verschiedenheit des Ausgangs verstehe ich nicht.« 



1) F. LAGRANCiE erwähnt von Maunoir nur, daß er den Namen Fungus hae- 
matodes durch F. medullaris ersetzt habe. Tumeurs de l'oeil I, S. 600, 1901.) 

■i] L'une qui consiste principalement dans la degenerescence des organes ea 
une matiere c^rebriforme ou, en termes moins vagues, dans l'epanchement de la 
substance nerveuse. Je la nommerai Fongus medullaire. 

3) Vgl. die genaue Darlegung § 628, S. 37. 

4) Oeil droit (S. 18, Z. 7) ist Druckfehler. 



30 XXIII. Hirschberg. Die Augenärzte der Schweiz, 1800 — 1875. 

1 4 Tage nach der ersten Operation des linken Auges wurde eine 
zweite auf demselben unternommen. Hornhautschnitt halb so groß, wie das 
erste Mal; Iris-Schnitt, der ein schräges Kreuz (sautoir) mit dem früheren 
darstellte: eine reine Pupille wurde gebildet, die sich gehalten hat, in den 
6 Monaten, die seitdem verstrichen sind. 

Bei einer jungen Frau aus Karlsruhe mit nur einseitigem Star des 
linken war nach der Zerstücklung der Linse eine Pupillen-Sperre zurück- 
geblieben. Diese wurde durch einen Schnitt am Hornhaut-Rande (von ^12) 
und senkrechte Iris-Zerschneidung gleichfalls geheilt ; die Kranke erhielt eine 
schöne elliptische Pupille; das Auge vermag mit einem Sammelglas ge- 
wöhnlichen Druck zu lesen. 

»Diese beiden Beobachtungen scheinen mir neu (?) zu sein in der 
augenärztlichen Wissenschaft. « 

5. Zu den hauptsächlichen Ursachen der Miß-Erfolge nach Star- 
Aus Ziehung rechnet M. : 1. Einen zu großen Hornhaut-Schnitt, 2. einen 
ZU kleinen, 3. Verletzung der Iris, 4. Iris-Vorfall, 5. Glaskörper-Austritt, 
6. Verletzung der Karunkel und der Bindehaut, 7. Einsinken und Faltung 
der Hornhaut, 8. Abbrechen des Messers in der Vorderkammer, 9. die ver- 
schiedenen Komplikationen des Stares, welche die Operation erschweren 
und den Ausgang unsicher machen. 

Die schlimme unheilbare Reaktion, die Tags nach der Operation deut- 
lich ist, mit gelbweißer Trübung der Hornhaut, ist Gangrän der letzteren 
und Folge eines zu großen Schnittes. Die richtige Größe sei Y12 ^ßs Um- 
fangs oder ein wenig darüber. Seitdem M. die Schnitte über ^j^^ ver- 
mieden, hat er jenen Unfall nicht mehr gesehen. 

Wenn aber bei leichtem Druck der Star nicht austritt, muß man den 
Schnitt vergrößern, mit einem vorn abgerundeten Messerchen. 

Wenn der Glaskörper vorfällt, ehe die Linse ausgetreten, muß man 
die letztere mit einem Löffel von 3'" Breite holen. 

Ist trotz aller A'orsicht unter der natürlichen noch eine künstliche 
Pupille geschnitten worden, so muß man erst die Brücke durchschneiden, 
ehe man die Linse auszieht *). 

Ist gleich nach der Operation der Iris- Vorfall nicht zurückzubringen, 
so senkt M. die spitze Klinge der Schere in den Mittelpunkt des Iris- Vor- 
falls, und, mit der stumpfen zwischen Iris und Hornhaut bis zur Pupille 
vordringend, schneidet er mit einem Schlag den Theil der Iris zwischen 
dem Einstich und der Pupille durch. Die Iris tritt augenblicklich zurück. 
Eine große Pupille bleibt zwar, aber das ist nicht so schlimm, wie ein 
großer Iris- Vorfall. Man mag bei dieser Operation auch auf einen mäßigen 
Glaskörper-Vorfall gefaßt sein. 



1) Dies thaten auch schon Andre, z. B. Quadri 1827. Vgl. § 736, S. 92. 



J. P. Maunoir. 31 

(jlaskürper-Vorfall soll man zu vermeiden suchen. Ist er doch ein- 
getreten, so muE man durch Verband einen ganz leichten Druck ausüben. 
Ein großer Glaskörper- Vorfall beraubt die Netzhaut ihrer Stütze. Vielleicht 
faltet sie sich sofort. Wenn auch Wundheilung eingetreten, so folgt Blind- 
heit nach. 

Die Verletzung der Bindehaut und der Karunkel stört nur, wenn Blut 
in die Kammer eintritt und die Pupille deckt. Man wartet, unter kalten 
Umschlügen, eine kurze Zeit und vollendet dann die Operation. 

Was man ä priori nicht erwartet, — nach Austritt des Kammerwassers 
und der Linse bewahrt das Auge seinen Umfang und seine Form. Aber 
doch nicht immer. In seltnen Fällen ist die Hornhaut eingesunken 
und gefaltet, so daß die Wundlcfzen abstehen; aber nur bei Greisen. 
M. hat zwei Fälle beobachtet, mit Ausgang in Schrumpfung. In einem 
Falle füllte M. den Hublraum der Orbita mit erwärmtem destillirtem Wasser, 
ließ die Lider öffnen, hob sanft den Hornhaut -Lappen, so daß das laue 
Wasser eindrang: Ausgang in lloilung. Er zieht das Augen-Bad der Ein- 
spritzung von lauem Wasser in die Vorderkammer vor^). 

Der reisende Augenarzt Ducbelard^) hatte, vor 20 — 25 Jahren, die 
abgebrochene Spitze des Starmessers in der vorderen Kammer '/o Stunde 
lang gesucht : das Auge ging verloren. M. hingegen hat mit einem andren 
Messer die Star-Ausziehung vollendet, um die abgebrochene Spitze des 
ersten sich nicht gekümmert: das Auge blieb erhalten. 

»Es ist wahrscheinlich, daß das kleine Eisenstück sich oxydiren und 
auflösen wird, ohne Zufälle zu bewirken.« (Das ist freilich gar nicht so 
sicher, nach unsren heutigen Kenntnissen.) 

Die Ausziehimg des Stares ist jedenfalls der Verlagerung vorzuziehen. 
Doch kann man die letztere nicht ganz entbehren. 

Bei dem syrup-ähnlichen Star genügt die ()ffnung der Kapsel. Bei 
dem angeborenen Kapsel-Star muß man warten, bis die Kinder älter und 
verständiger geworden. Zerstücklung paßt nur für die weichen Stare der 
jugendlichen Individuen. 

Als einmal bei einem solchen Versuche die ganze Linse in die Vorder- 
kammer fiel, hat M. sie sofort aus einem Hornhautschnitt ausgezogen 3). 

(Ich kenne kaum eine zweite französisch geschriebene Arbeit über Star- 
Operation aus dieser Zeit, — um 1835, — die auf so gründlicher Erfah- 
rung beruht und so brauchbare Vorschriften mittheilt.) 



<) Vgl. XIV, I, S. 2», § 359; ferner H. Knapp, Über Einspritzung schwacher, 
steriler Kochsalz-Lösung in koUabirte Augen. Arch. f. Augenh. XL, S. 174, 1900. 
C. Bl. f. A. 1900, S. 12-2.) § 759, S. 1^8, No. 103. 

2) Dieser >sehr geschickte Operateure fehlt in unsrer Liste der irrenden 
Ritter, § 436—442. 

3) Vgl. § 770, S. 7, Anm. \. 



32 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1SO0— 1875. 

7. Maunoir hält seine Beschreibung der Iris-Muskulatur (Sphinkter und 
Dilatator) aufrecht und berichtet den folgenden Fall von Pupillen-Bildung. 
Eine 65j. war vor 22 Jahren auf dem linken Auge vom »irrenden« Ritter 
Tadini 1) mittelst der Ausziehung operirt worden. Der Ritter reiste ab. 
Die Sehkraft ging verloren, durch Iris-Vorfall. Es folgte sehnige Pupillen- 
sperre. Als das zweite Auge stockblind geworden, wandte die Kranke sich 
an Maunoir. Dieser machte unten, in der Narbe, den Schnitt von 1/4 des 
Hornhaut-Umfangs und brachte der Iris, mit einer Schere, einen Schnitt 
durch den ganzen Durchmesser bei, nach außen oben. Da dieser Schnitt 
hnear blieb, fügte Maunoir, von demselben Ausgangspunkt, einen zweiten 
Schnitt durch die ganze Iris hinzu, nach innen oben, so daß beide Schnitte 
die Seiten eines spitzwinkligen Dreiecks beschrieben. Augenblicklich zog 
sich der dreieckige Lappen zurück, »durch die Thätigkeit des strahlen- 
förmigen Muskels«. Es entstand, ohne Ausschneidung, eine viereckige Pu- 
pille. Die Sehkraft wurde befriedigend. 

Bei einem Maurer, dessen rechtes Auge durch Mörtel eine Hornhaut- 
Trübung erlitten, welche die Pupille vollkommen deckte, machte Maunoir 
einen Schnitt von 3'" am oberen Hornhaut-Rande, führte die Schere mit 
den beiden geknöpften Armen ein, um Verletzung der Linse zu vermeiden, 
schnitt unten die Iris zwei Mal ein, wie im vorigen Fall, und erhielt eine 
viereckige Pupille und gute Sehkraft. 

Also die Iridotomie simple des Herrn vox Wecker, aus dem Jahre 
1872 (A. d'Oc. LXX, S. 1 37 f.) hat eine lange Vorgeschichte. 

1. Pellier hat sie 1783 empfohlen. § 343, S. 446. 

2. Scarpa hat sie 1816 empfohlen und wohl auch ausgeführt. § 718, S. 20. 

3. Maunoir hat sie neu ersonnen, ausgeführt und 18-20 in französischer 
Sprache beschrieben. 

Alle drei sind Herrn von Wecker entgangen, obwohl er sich damit brüstet, 
»d'avoir secouo un peu la poussiere des vieux bouquins et des Manuscrits de 
rAcademie de Medicine«. (1893, Archives d'Opht. XIII, S. 222.) 

§781. Drei Männer sind noch zu erwähnen, welche in der fran- 
zösischen Schweiz während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, oder 
ein wenig darüber hinaus, auf unsrem Gebiet thätig gewesen sind, Pre- 
YOST, Mayor, Cornaz. 

I. Als Zeitgenosse von Maunoir lebte zu Genf ein Mann, der an einer 
wichtigen Entdeckung zur Physiologie des Seh-Organs betheiligt ist. 

Jean Louis Prevost (1790 — 18ö0)2), 
geboren zu Genf, studirte erst Theologie, dann Heilkunde zu Paris, London, 
Dublin, machte 1820 sein Staats-Examen und ließ sich zu Genf als Arzt 

1) Vgl. § 442. 

2) Biogr. Lex. IV, 623. 



Prevost. Mayor. Cornaz. 33 

nieder; doch beschränkte er seine bedeutende Praxis seit 1837 und wid- 
mete sich chemischen und physiologischen Studien. 

Im Jahre 1810 zeigte Prevost i), daß nicht, wie bisher gewühnUch^) 
angenommen, das Augen leuchten gewisser Thiere, z. B. der Katze, durch 
eigne Licht-Entwicklung erzeugt werde; daß es niemals in vollkommener 
Dunkelheit und weder willkürlich noch durch Affekte hervorgebracht wird, 
sondern stets nur durch Reflexion von einfallendem Lichte entstehen kann. 
(Vgl. GauiTnuiSEX, § 850.) 

IL Zu Lausanne wirkte von 1803 — 1846 als Oberwundarzt des Kanton- 

Ilospitals 

Mathieu-Louis -Mayor (1775 — 1846), 

Urheber von einigen verdienstlichen, einigen rohen und abenteuerlichen 

Verfahren. 

Nach der Ätzung der Bindehaut des Oberlids, mit Hüllenstein- oder 
Kupfer-Stift, bringt er einen Baumwollenbausch ein zwischen Lid und Aug- 
apfel. (A. d'O. VII, 273, 1842.) 

III. Zu NeufchateP) wirkte seit 1855 als Ilaupt-Wundarzt des 
Krankenhauses, 

Eduard Corxaz, 
der 1848 zu Bern den Doktor erlangt hatte mit der Dissertation 4) 

Des abnormites congenitales des yeux et de ses 
annexes (8", 168). 
Die fleii3ige Zusammenstellung berücksichtigt die verschiedenen Fehler nach 
ihrem Sitz, nicht nach der Art. 

Im Jahre 1830 hat der Vf. (A. d'Oc. XXIII, S. 24—52) Zusätze dazu geliefert; 
und weitere 1852 (ebendas. XXVI, S. 85—119): 

Materialien für eine Geschichte der angeborenen Abnormitäten 
der Augen und ihrer Umgebungen. 

Diesem Gegenstand hat er auch noch weiterhin seine Aufmerksamkeit ge- 
widmet: 

Über Albinismus. A. dOc. XXXII, S. 288. 

Über die Behandlung des Albinismus. XLIII, S. 52. 

Über die vergleichende Häufigkeit der Iris-Färbung. XXXI, 251. 

Anomalien der Iris-Färbung. XXXV, 138. 

Ferner schrieb er äugen ärztliche Analekten, d.h. geordnete Berichte 
aus der Fach-Literatur, i A. d'Oc. XXXIt bis XL.) 



1) Bibliotheque britaniiique, I, 45. Vgl. Helmholz. Physiologische Optik, 
1867, S. 189. 

2) Aber BiDLoo hatte schon vor 1715 das Richtige durch Versuche erwiesen. 
(Vgl. § 762.) 

3) Hat seit 1866 eine Universität, ohne medizinische Fakultät. 

4) Vgl. § 518, S. 291. Es ist nicht die erste Abhandlung über diesen Gegen- 
stand in französischer Sprache. Schon 1830 hatte C. Billard (d'Angers) 
in seiner franz. Übersetzung der Vorlesungen von W. Lawrence (§ 637, S. 138) 
einen Abriß der pathol. Anatomie des Auges gegeben und darin (S. 453—469) die 
angeborenen Fehler behandelt. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VIL) XXIILKap. 3 



34 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800 — 1875. 

Im Jahre 1832 (A. d'Oc. XXVIII, S. 3—67) veröffentlichte C. eine Übersicht 
der vorhandenen Augenheil- Anstalten , eine Erweiterung der Arbeit von 
W. Stricker 1) aus Frankfurt a. M. (Walther und Ammon's J. d. Chir. und Augenh. 
XXXVII, 372—384, 1847.) 

Endlich hat C. zwei Hefte einer Revue ophth. Suisse (Übersicht über die 
augenärztlichen Leistungen Schweizer Ärzte) in den A, d'Oc. veröffentlicht: 

XXX, 83—116, 1853; 
XXXn, 131, 177, 1854 2). 

Hieraus möchte ich einige Bemerkungen entlehnen, die zur Kennzeichnung 
der Schweizer Augenheilkunde aus der ersten Hälfte des 1 9. Jahrhunderts dienen 
können. 

Die Verhandlungen der (1810 gegründeten) med. chir. Gesellsch. des 
Kantons Zürich aus den Jahren 1826/27 enthalten die Geschichte eines erfolglos 
operirten Markschwamms vom rechten Auge einer 65j., von Dr. Locker Balber, 
und die eines krebsigen Leidens der Lider und der Orbita, von Dr. Rahx. Heilung 
einer Neugeborenen-Augeneiterung durch stündliche Einträuflung einer Lösung 
von Zink-Sulfat und Blei-Acetat, von Dr. Ruepp (Aargau). 

In den Verhandl. der vereinigten ärztl. Gesellsch. der Schweiz 
(1828—33) empfiehlt Volmar aus Freiburg Jodkali gegen Hornhaut-Flecke, Favarnie 
Einträuflung von Chlorkalk (0,3:60,0) gegen Augen-Eiterung. Dr. Schinz, Stiftsherr 
in Zürich, bespricht den Augentrost (Euphrasia). 

In der Schweizer Zeitschr. f. Natur- und Heilk. (V, 1, 1838, S. 113) 
hat Prof. Füter3) aus Bern einen Fall von Blei-Amaurose bei einem Maler mit- 
getheilt. Titus Tobler (aus Appenzell) berichtet über Ägyptens Ophthalmie, nach 
eigenen Beobachtungen. Dr. C. Diebold (Baden, Aargau) beschreibt ausführlich 
einen Fall von Kalk-Verätzung des Auges. 

Aus den Berichten über das Krankenhaus Pourtales zuNeufchatel ersehen 
wir, daß Dr. Castella grundsätzUch die Niederlegung der Ausziehung vorzieht. 
In der chirurgischen Klinik des Prof. Locher-Zvvingli zu Zürich wurden 5 Star- 
Fälle der Niederdrückung (8 Mal) unterzogen, einer der Aufbrechung. Eine 64 j. 
verfiel nach der Star-Operation in Geisteskrankheit. 

Wir lernen Dr. J. J. Jenni aus Ennenda (Glaris) kennen, dessen Arbeit über 
Entzündung der Vorderkapsel (Capsitis) aus der Schweizerischen Zeitschrift für 
Med. Chir. und Geburtsh. (1842, No. 8) ausführlich wiedergegeben wird; ebenso 
wie sein Bericht über 1228 Augenkrankheiten, die er binnen 10 Jahren behandelt 
hatte. (Ebendas. i844, No. 8.) Im Jahre 1849 war die Zahl auf 1143 gestiegen. 
(Ebendas. 1850, 2, 146— 148.1 

In den Verhandl. der naturforschenden G. zu Basel (IV, 24—28, 1840 und 
VII, 90 — 100, 184 7) berichtet Dr. Aug. Burkhardt*) über das Mücken-Sehen im 
physiologischen Zustand und über die Wahrnehmung der kleinen, im Augen-Innern 
gelegenen Körperchen. 

§ 782. Von den Augenärzten der französischen Schweiz aus der 
Reform-Zeit habe ich zwei zu erwähnen, deren Laufbahn bereits ab- 
geschlossen vor uns liegt: 

L Marc DuFOuit, 
geb. den 21. April 1843 zu Villeneuve bei Montreux, gest. den 29. Juli 
1910 zu Lausanne- 



1) § 340. 

2) Der 2. Bericht enthält die älteren Mittheilungen. 

3) § 773. 

4) Vgl. § 769. 



Marc Diifour, 



Sö- 



Fij 



Seine Studien maclite M.vuc DuFoun zu Lausanne, Bern und Zürich 
und promovirte an letztgenannter Universität im Jahre i86o. Seinen ärzt- 
lichen Bestallungsbrief vom Kanton Waadt erhielt er am 5. März 1867. 

Schon frühzeitig entschied er sich für das Sonderfach der Augenheil- 
kunde und betrieb eifrige Studien bei IIoiiner in Zürich, Liebreich in Paris 
und bei A. v. Guaefe in Berlin und assistirte jedem seiner drei Lehrer, 
hii Jahre 1 8G6 wurde er nach Lausanne berufen , um im Blinden-Asyl 
Herrn Dr. Recohdox zu unterstützen. Als dieser sehr bald sich zurückzog 
wurde Marc Dcfour Leiter dieser Anstalt und des damit verbundenen 
Augon-Krankenhauses. Eine kurze Unterbrechung fand diese Thätigkeit 
durch den Krieg vom Jahre 1870, wo M. D., als Arzt der Schweizer Ambu- 
lanz dem ö. französischen Armee-Korps zugetheilt, 
den Zug nach Sedan mitmachte. Nach seiner Rück- 
kehr widmete er sich wieder seiner augenärztlichen 
Thätigkeit und konnte am 10. Juni 1909 das Fest 
seines 40 jähr. Dirckloriats der Augen-Ilcilanstalt 
feiern. 20 000 Kranke hatte er im Hospital behan- 
delt, die Zahl der Konsultationen in der augenärzt- 
lichen Poliklinik stieg jährlich auf 1 000. Dazu kam 
eine hervorragende Privat-Praxis, der Fremde aus 
allen Ländern zuströmten. Von den in der Privat- 
Praxis erworbenen Mitteln stiftete er einen Fonds- 
Dufour, aus dem 1895 eine Arbeits-Stätte für blinde 
Frauen und kürzlich ein Heim für erwachsene Ar- 
beiter, das Asyl Dufour, errichtet werden konnte. 

Als die (1537 gegründete) Akademie zu Lausanne 1890 in eine Uni- 
versität umgewandelt wurde, war es Marc Dufour, der die Professur der 
Augenheilkunde erhielt und dieselbe zum Ruhme der Universität bis zu 
seinem Tode verwaltet hat. Im Jahre 1904 war er Vorsitzender des inter- 
nationalen Kongresses der Augenärzte zu Luzcrn. 

Seine Thätigkeit war umfassend, seine Arbeitskraft wunderbar, auch 
noch im vorgerückten Lebensalter. 

Erholung (und Belehrung) suchte er auf Reisen. Vor wenigen Jahren 
erhielt ich von ihm eine Postkarte aus Japan. In Jahre 1910 war er 
eben erst zwei Tage von einem Ausflug nach Spitzbergen zurückgekehrt, 
als ihn der tödliche Schlaganfall ereilte. 

3L\nc Dufour, mit großer Beredsamkeit begabt und mit einem Herzen, 
das warm schlug für das Wohlergehen seiner Mitbrüder, hat sich auch in 
hervorragender Weise an den öffentlichen Angelegenheiten betheiligt, als 
Stadtrath zu Lausanne 1874 — 1886, als Abgeordneter zum Großen Rath 
1882 und 1884, als Mitglied der Konstituante vom Jahre 1885. Aber, 
wie es den Weisen und Menschenfreunden nicht selten im Rate der Völker 




Marc Dufour. 



36 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800—1875. 

zustößt, er drang nicht durch mit seinem An- und Absichten und erklärte, 
daß er in den Volksversammhingen des Landes nicht wieder erscheinen 
würde, und hat sein Wort gehalten. 

Natürlich fehlte es auch dem Republikaner nicht an äußeren Ehren. 
Im Jahre 1903 wurde er zum Ehrenbürger von Lausanne erwählt, 1906 
zum Offizier der Ehrenlegion ernannt, 1908 wurde ihm sein von Charles 
GiRON gemaltes Portrait feierlich überreicht. 

Marc Dük(iur war ein edier Charakter; er vereinigte in sich nicht 
bloß die Wissenschaft, sondern überhaupt die besten Seiten der beiden 
Nachbar-Nationen, der französischen und der deutschen, mit seiner Schweizer 
Eigenart. Seinen Kranken zeigte er die größte Herzensgüte, seinen Fach- 
genossen und allen, mit denen er zusammenkam, eine bezaubernde Liebens- 
würdigkeit^. 

Ich schließe mit einer Liste seiner hauptsächlichen Veröffent- 
lichungen, indem ich seine hervorragende Mitwirkung an der französischen 
Encyklopüdie der Augenheilkunde noch besonders hervorhebe. 

1865. La constance de la force et les mouvements musculaires. These de doc- 
torat (Zürich). 

1870. Un cas de triplopie monoculaire. A. d'Oc. LXVI, 252. 

1871. Embolie de l'artere centrale de la rötine. Bulletin de la Societ6 Mödicale 

de la Suisse Romande. 

1 875. Rupture du ligament suspenseur du cristallin et möcanisme de l'accomo- 

dation. Ebendas. 

1876. Guerison d'un aveugle-ne. Ebendas. Vgl. § 455, S. 413, No. 2ü. 

1879. Affection retinienne produite par un öclipse du soleil. Ebendas. 

1880. Sur la transplantation conjonclivale. Ebendas. 

Sur l'action de riridectomie dans l'hydrophtalmus congenilal. Festschrift 
für Homer. 
1885. De l'aimante dans la therapeutique oculaire. Rev. Med. Suisse Romande. 
1888. Sur la vision rouge ou erythropsie. Ebendas. 
Sur deux cysticerques enlevös d'un meme oeil. 

Traitement de la sclerite par le salicylate de lithion. A. d'Oc. XCIX, 211. 
1890. Des cataractes secondaires au point de vue operatoire. Bulletin de la 
Soc. frauQ. d'ophtalmologie. 

1892. Cecitö totale pour les couleurs. Recueil inaugural de TUniversite de 

Lausanne. 

1893. Injections sousconjonctivaies de sublimö. Association fran^aise pour Tavan- 

cement des Sciences, Besannen. 

1894. A propos de la theorie de la vision des couleurs. A. d'Oc. 
Hemorragies retrochoroidiennes apres les Operations. Ebendas. 

1897. UlcOre rongeante de la cornee. Bulletin de la Soc. franc;. d'ophtalmologie. 
La diplopie monoculaire dans le mecanisme de Taccommodation. A. d'Oc. 

p. 379. Congrfes de Moscou. 

1898. Op. de cataracte par lambeau inferieur. Bulletin de la Soc. fran9. d'oph- 

talmologie. 



1) Mir persönlich war er ein lieber Freund, seit den Tagen von 1868, wo ich 
die V. GRAEFE'sche KHnik verließ, und er sich mit Swanzy in die von mir bis da- 
hin verwaltete Hospital-Abtheilung theilen konnte. 



Marc Dufour. Georg Haltenhoff. 37 

1900. Sur les traitements des complications oculaires de la variole. Rev. Med. 

Suisse Romande. 
1906. Trait^ des maladies de la retine. Encyclopödie frang. d'opht. (Avec 

E. Gonin.) 
■1907. Hypertonies passagires. A. d'Oc. CXXXVIII, 403. 

1908. Traite des maladies du nerf opt. (Avec E, Gonin.) Encyclop. fran?. 

dophtalmologie. 

1909. Sur un procede pour les Iridectomies difficiles. La cecite de Milton. 

Rennion dOxford, Juli 4 909. 

§ 78;{. II. Geohg Hamknuoff (1842—1915)!'. 

Geboren im Nassauischen 2, am 8. Juni 1843, kam G. H. jung nach 
Genf, studirte zunächst daselbst, sodann in Würzburg, Zürich, Paris, 
Berlin 3], Heidelberg, gewann 1866 den Doktor zu Zürich und ließ sich 
1872 als Augenarzt in Genf nieder. 

Im Jahre 1872 habilitirte er sich in Genf als Privat-Dozent für Augenheil- 
kunde, 1 8*J1 erhielt er den Lehr-Auftrag als a. o. Professor, aber ohne klinische 
Einrichtung; 1903 wurde er o. Professor, erhielt eine Poliklinik, aber erst 
im Mai 1910 eine Augen-Abtheilung, — im Alter von 67 Jahren, als seine 
Schaffenskraft zu versiegen begann. Nicht lange konnte er sich der Ver- 
vollkommnung seiner Unterrichts-Einrichtungen erfreuen. Am 24. April 
1915 ist er nach längerer Krankheit verstorben. 

G. Haltenhoff war ein fleißiger Arbeiter, auf verschiedenen Gebieten 
unsrer Fach-Wissenschaft, der Klinik, auch der vergleichenden, der Hy- 
giene, der Optik und der Physiologie. 

1873. 1. Memoire sur la cröation d'une division ophthalmique ii Thöpital cantonal 
de Genüve. G. (23 S.) 

1873. -1. Retinitis haemorrh. bei Diabetes mellitus. Klin. M. El., S. 291—298, 

und A. dOc. LXII, S. 20—31. 

3. Cataracte traumatique luxöe, resorption spontanöe. Bull, de la Soc. 

Med. de la Suisse Romande, No. 12. 

4. Fragment de bois dans la cavite orbitaire. Ebendas., No. 10. 

1874. .5. C. R. de quelques travaux röcents sur les cavitös lymphatiques de l'ap- 

pareil visuel. A. d'Oc. LXXI, S. 208—212. 
6. Apparat zu optischen Demonstrationen. Klin. M. El., S. 198—200. 

1876. 7. La Strychnine dans la therap. oculaire. Soc. mäd. de Geneve. G. (24 S.) 

1877. 8. Ätiologie und Prophylaxe der Myopie. Intern, med. Kongreß zu Genf. 

A. d'Oc. LXXVIll, S. 106 und 132. 
9. Aphakie et aniridie traumatiques permettant Pobservation du fonds de 
Fajil sans ophtalmoscope. Ebendas. LXXVI, S. 139. 

1878. 10. Resume des travaux publies sur le pourpre visuel. Arch.de sc. phys. 

et nat. de Geneve LXI. 



1) C. El. f. A. Juni 1913. ;J. Hirschberg.] — Vgl. Biogr. Lex. III, 36. 1886. 
(Horstmann.) Wörtlich übernommen in Pagel's biogr. Lex., 1901, S. 682. 

2) Nach Horstmann, in Genf. Doch hat mich Prof. Axenfeld darauf auf- 
merksam gemacht, daß dies ein Irrthuin sei. 

3) Hier machte ich seine Bekanntschaft. Wir sind dauernd in freundschaft- 
lichen Beziehungen geblieben. — H. hat ja natürhch des Französischen für seine 
Veröffentlichungen sich bedient; aber sein Deutsch nicht vergessen und noch 
1908 deutsch geschrieben. 



1880. 


14. 




15. 




16. 


1881. 


17. 



38 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte der Schweiz, 1800 — 1875. 

11. Premier rapport de la clinique, 

12. De l'hygiene de la vue au point de vue industriel. J. Suisse d'horlo- 

gerie, März. 
1879. 13. Note sur un cas d'aphakie. 

Bindehaut-Blutung bei einem Neugeborenen, Hämophilie, Tod. R. sur 

les travaux de la Soc. med. de Geneve. 
Angeborener Star, an einem 7i/:>jähr. Mädchen operirt. Ebendas. 
Neurotomia opticocil. Bull, de la Soc. Med. Suisse Rom. 
Sarcome melanot. de la conj. ocul. Rev. Med. Suisse Rom., No. 3, 
18. Deuxieme rapport de la clinique. 

1882. 19. Prävention de la cecite. 4. Congr. Internat, d'hygiene et de demogr. 

1883. 20. Ankylobleph., greffe animale . . . Rev. Med. Suisse Rom. 

21. Jequirity. Ebendas. 

22. Epitheliom des Lids. Ebendas. 

23. Troisieme rapport de la clinique opht. du Molard. 

1884. 24. Conj. gonorrh. ohne Inokulation. Arch. f. Augenh. XIV. S. 103 (und 

Arch. of Ophth. XV, S. 169). 
25. Notice bist, sur Daviel. Rev. Möd. Suisse Rom. 
1883. 26. Une extraction de cysticerque du Corps vitro. A. d'Oc. XCIV, S. 236. 

27. a) Diabet. Star bei einem Hunde, b) Erbliches Entropium in einer 
Hunde-Familie. Zeitschr. f. vergl. Augenheilk. III, 65. 

1886. 28. Necrol. deProf. Horner. Rev. Med. Suisse Rom. (§ 346, S. 478u.S355,No. 4.) 

1887. 29, Vertige paralysant. Recueil d'Opht., S. 408 und Progres möd., No. 26. 

1888. 30. Kerat. parenchym. beim Hunde. Zeitschr. f. vergl. Augenheilk. VI, S. 71. 

1889. 31. Observ. clinique. A. d'Oc. CII, S. 108. 

1893. 32. Keratite dendrit. traumat. A. d'Oc. CIX, S. 238. 
33. Deux cas rares de zona opht. Ebendas., S. 260. 

1894. 34. Du traitement des cataractes traumatiques. Rapport pr. ä la Soc. fr. 

d'opht. (31 S.) 

1895. 33. Prolapsus träum, de la glande lacrim. orb. A. d'Oc. CXIII, S. 319. 
1898. 36. Operation de la cataracte chez le chien. Ebendas. CXXI, S. 129. 
1902. 37. Un cas de tötanus cephalique avec paralysie faciale et oculaire. 

Guerison ... A. d'Oc. CXXVUI, S. 467. 
38. Gas de lepre avec localis, ocul. Ebendas. 

1905. 39. Die Berger'sche Binokular-Lupe. Ophth. Klinik, Xo. 22 und Clinique 

opht., S. 281. 

1906. 40. HerMo-syph. ä la troisieme generation. Rev. Med. Suisse Rom. XXXVI, 

No. 6. 
41. Double conj. diphtheroide. Ebendas. 
1908. 42. Ophtalmoplegie externe double nucleaire. A. d'Oc. CXXXIX, S. 290. 

43. Mercure ä prendre pour combattre l'ophtalmie des nouveau-nes. Eben- 

das. CXL, S. 394. 

44. Welches sind die gesetzlichen Maßnahmen, die in der Schweiz zur Be- 

kämpfung der Augen-Entzündung der Neugeborenen zu ergreifen 
sind? St. Gallen. 
1910. 43. Lesions ocul. tabetiques. Revue g^n. d'Ophtalm., S. 426. 

§ 784, Die Berichte über die Wirksamkeit 

der Augenkliniken und Augen-Heilanstalten 

stellen einen besonderen Abschnitt der Fach-Literatur dar, der für die Ent- 
wicklung der Wissenschaft gewiß nicht ohne Bedeutung geblieben, obwohl in 
diesen Veröffentlichungen neben wichtigen auch minderwerthige einhergehen. 
Diese Schriftstücke sind der Mehrzahl der. Fachgenossen nicht so leicht zugängHch; 



Berichte über Augenkliniken. 39 

ihr Inhalt ist auch nicht immer in die Jahresberichte und in die referirenden 
Zeitschriften ') übergegangen. 

Ich will deshalb für die Schweiz eine Übersicht dieser Berichte, soviel in 
meiner Bücher-Sammlung vorhanden sind, zu geben versuchen, zumal mein 
Streben dahin gerichtet ist, durch meine Darstellung den Fachgenossen eine 
möglichst vollständige Bibliographie der Augenheilkunde vorzuführen. 

I. Basel. 

1 . Prof. Schiess-Gemlseus hat regelmäßig Jahresberichte veröflentlicht. Der 
Jubiläums-Bericht anläßlich des 2üj. Bestehens, vom Jahre 1889, enthält 
auch eine kurze Geschichte der Anstalt. (Vgl. § 771.) 

2. Prof. Dr. Kahl Mellixger hat die Jahresberichte fortgesetzt. Aus dem 
35., für 1898, entnehme ich: B. Kr. 609, A. Kr. 2883; Operationen 225 
(Star-O. 79); Ausgaben etwa 63 000 Frcs. 

Über die klinischen Mittheilungen vgl. C. Bl. f. A. 1899, S. 306—307. 

Zusatz: Die Festschrift z. 75j. Prof.-Jubil. von Schiess-Gemiseis, (1893) 
h. V. Mellinger, enthält von dem letztgenannten: Schädlicher Einfluß des 
Cocain, mur. auf die erste Vereinigung von Hornhaut-Wunden , ferner einen 
neuen Lidsperrer. Ferner Bethke, Magnet-Operation; G.\LLKX(iÄ, Aderenze am- 
miotiche all' occhio ; Speiser, Ret. prolif. u. a. 

n. Bern. 

1 . Compte Rendu Statistique de la clinique ophthalmologique de l'Univ. 
de Berne (1867 — 1876) par le Dr. II. Dor (ä Lyon), Prof. hon. de l'Univ. de 
Berne, ist als Suppl. der Klin. M. f. A. XVI, 1878 erschienen. 

2. Prof. Pflüger hat regelmäßige Jahresberichte von 1878 — 188 6 ver- 
öffentlicht. (§ 77 ö.) 

3. Das Prachtwerk von Prof. Sieghist haben wir bereits erwähnt. (§ 77 4.) 

4. Der erste Bericht der Privat-Poliklinik von Dr. Fmmert ist 1878 erschienen. 

III. Zürich. 

1 . Miltheilungen aus der ophthalmologischen Klinik, von Prof. Dr. Horner 
in Zürich, 1878. S.-A. aus dem amtlichen Bericht über die Verwaltung des 
Medizinal-Wesens im Kanton Zürich f. d. Jahr 1876. (Nasse Salicyl- Verbände, 
Die Erblichkeit des Daltonismus. Vgl. C. Bl. f. A. 1878, S. 160—161.) 

2. Paracelsus, Neues Privat-Krankenhaus und Augenkrankenhaus. I. Be- 
richt 1896 — 98, e. v. Dr. Kaelix-Bexziger, 1899. 

IV. Genf. 

1. Premier Rapport de la clinique pour le traitement des maladies des 
yeux par le Dr. G. Haltexhoff, Prof. libre d'Ophth. h l'Univ. de Genöve, 1878. 

2. Fondation Rothschild. Ilöpital ophthalmique ä Geni-ve. Rapport . . . 
par le Aug. Barde (5 Oct. 1874 — 31 Dcc. 1875). Geni've 1876. 

187 4 wurde diese erste Augen-Heilanstalt des Kanton Genf gestiftet; 2 
Betten, unentgeltl. Verpflegung. A. Kr. 1124, B. Kr. 286. 
Weitere Berichte folgten, für 1 wie für 2. 

V. Lausanne. 

Rapport ... de l'Asile des Aveugles . . . pour l'annee 1889, L, 1890. 
Directeur Th. Secretan, med. en chef Marc Dufour. 



1) Das C. Bl. f. A. hat über die wichtigen stets Bericht erstattet. 



Kapitel XXIir. 
(Fortsetzung.) 



Die Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Von 

J. Hirschberg, 



Professor lu Berlin. 

Mit 12 Figuren im Text. 



Eingegangen im August 1915. 



Drittes Buch. 

Vierzehnter Absclmitt. 
Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875. 

§ 785. Vorbemerkungen, 
Die Theilung nach Sprachgebieten tritt in den Niederlanden noch 
deutlicher zu Tage, als in der Schweiz. 

\m Jahre 1348 hatte der Kaiser Karl V. die 17 Provinzen zu einer staats- 
rechtlichen Einheit, dem nur lose mit dem Deutschen Reich vereinigten burgun- 
dischen Kreise, zusammengefügt. Nach dem glücklichen Aufstand gegen die 
Spanier gründete sich die Republik der Vereinigten Niederlande, welche die nörd- 
lichen Provinzen umfaßte, während die südlichen, die spanischen Niederlande, 
beim Hause Österreich verblieben, bis sie in Folge der französischen Revolution 
in Frankreich einverleibt wurden. Im Jahre 1813 kamen sie, zusammen mit 
Holland, als Königreich der Vereinigten Niederlande, unter das Haus Oranien. 
Die Einführung der holländischen Amts-Sprache gehörte wohl mit zu den Um- 
ständen, welche die Unzufriedenheit der überwiegend französisch gesinnten Be- 
völkerung in den südlichen Provinzen en*egte. Nach der Juli-Revolution 18 30 
kam es zum Aufstand und zum Abfall: Belgien wurde eine konstitutionelle 
Monarchie unter Leopold von Sachsen-Koburg. 

Als ich vor einiger Zeit meinen werthen Freund Daxiel van Duyse zu 
Gent ersuchte, mir über die Augenärzte Belgiens im 19. Jahrhundert eine 
Liste zu liefern, auf die ich meine geschichtliche Darstellung aufbauen 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXIIL Kap. 3a 



42 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, ^ 800— 1875. 

könnte; ist er sofort an die Arbeit gegangen, die ihn mehr und mehr be- 
geisterte und ein Werk hervorrief, das nicht nur eine Erleichterung dieses 
Theiles meiner Aufgabe darstellt, sondern auch seinen Landsleuten große 
Freude und der wissenschaftlichen Welt Belehrung und Befriedigung ge- 
währt : 

Coup d'oeil sur l'histoire de l'ophtalmologie en Belgique au XIX® siecle 
par le Docteur van Duvse, Professeur de clinique ophtalmologique ä 1' Uni- 
versite de Gand. Gand 1912. (291 S.) 

So war der Rahmen für meine Darstellung gewonnen. Natürlich, 
den thatsächlichen Inhalt der augenärztlichen VerüfTentlichungen belgischer 
Ärzte mußte ich selber aus der einschlägigen Literatur schupfen i). Wo es 
nöthig oder zweckmäßig schien, hat meine Erörterung die Zeitgrenze (das 
Jahr 1875) überschritten. 

§ 786. Belgiens Universitäten. 

Belgien besaß eine alte Universität 2), die der Rath der Stadt Loewen 
(Louvain) im Jahre 1426 gegründet und durch seine Freigebigkeit zu einer 
glänzendsten des ausgehenden Mittelalters machte. 

Allerdings, nach den Stürmen der französischen Revolution, war sie 
nur noch ein Schattenbild; sie wurde 1797 unterdrückt, zusammen mit 
allen medizinischen Kollegien und Wundarzt-Schulen, gemäß dem Konvents- 
Beschluß von 1792 3); — denn 1795 war ja Belgien mit Frankreich ver- 
einigt worden. 

Die Folge dieser Maßregel war in Belgien, wie im eigentlichen Frank- 
reich, zunächst eine vollständige Anarchie 4) auf dem Gebiet des ärztlichen 
Unterrichts. 

Aber hier, wie dort, wurden bald wieder Medizin-Schulen gegründet, 
1804/5 zu Brüssel, Gent, Antwerpen und Brügge, 1806 eine Wundarzt- 
Schule in Lüttich. 

Nachdem die Kriege ausgetobt, gründete Wilhelm, König der Ver- 
einigten Niederlande, 1816 die drei Universitäten zu Gent, Lüttich und 
Loewen. Die letztere verschwand wieder in der belgischen Revolution von 
1830, welche »die Freiheit des Unterrichts« verkündigte. 

Die beiden staatlichen Universitäten zu Gent und Lüttich blieben 
erhalten, trotz mancher Schwierigkeiten; 1835 wurden sie neu geordnet, und 
dazu noch zwei freie Universitäten gegründet, die katholische zu Loewen 
1835, vom belgischen Episkopat, die liberale 1834, von der Stadt Brüssel. 



■1) Prof. VAN DuYSE hat in seinem völkischen Werke Wirken und wissen- 
schaftliche Leistung auch der Lebenden erörtert, die ich in meiner geschicht- 
lichen Darstellung höchstens andeuten kann. 

■2) Minerva, Handbuch der gelehrten Welt, 1911, I, S. 308. 

3) § 549. 

4) § 356, § 549. Vgl. auch § 789. (Fallot.) 



Belgiens Universitäten. Ursprung der belg. Augenlieilk. 43 

§787. Der l'rsprung der belgischen Augenheilkunde, 
die militärische Ophthalmie. 

Bis 1820 hat die ophthalmologische Literatur Belgiens nur 4 Disser- 
tationen aus Loewen (de Ophthalmia, de Cataracta, de amaurosi, de iritide) 
zu verzeichnen, sowie die Schrift von Kllyskens, Diss. sur l'ophthalmie 
contagieuse qui regne dans quelques bataillons des Pays-Bas, 1819. 

Die bittre Noth der ansteckenden Augenkrankheit, welche 
seit 1815 Belgien heimsuchte und als die militärische bezeichnet 
wurde, zwang zum Studium der Augenheilkunde, — geradeso wie 
in England i). 

Von 1819 — 1840, von Kllyskens bis Decond6, sind 78 Abhandlungen 
über die militärische Ophthalmie in Belgien erschienen. 

Von 1815 — 1834 hat die Augenkrankheit 2) schrecklich in der belgi- 
gischen Armee gewüthet; heftiger seit 1830, nach den Truppen-Bewegungen 
der Revolution. Von der Armee ging sie über auf die bürgerliche Be- 
völkerung. 

Der Name »militärische Ophthalmie« wurde bekämpft von Vle- 
MiNCKx, GouzEE uod Thiry. Vleminckx schuf die Bezeichnung Conjuncti- 
vitis granulosa^), welche 1838, als die Annales d'Oculisti(iue gegründet 
wurden, schon allgemein eingeführt w^ar. 

Die Ansteckungsfähigkeit wurde fast allgemein anerkannt. Prof. 
Hairiox zu Loewen, Bataillons-Arzt, erklärte 1839: Die Verbreitung ge- 
schieht 1. durch unmittelbare Kontagion, d. h. durch Übertragung des an- 
steckenden Princips von einem kranken Auge auf eine gesunde Bindehaut; 
2. durch mittelbare Kontagion, d. h. durch Berührung mit besudelten Gegen- 
ständen; 3. durch miasmatische Ansteckung, wenn ein gesundes Individuum 
in dieselbe Atmosphäre eingetaucht ist, wie die Kranken. 

Hieraus leitete er seine Vorschläge ab, die Überfüllung der Kasernen 
zu vermeiden, die Gesunden von den Kranken und Verdächtigen zu tren- 
nen, nicht blos die Kasernen, sondern auch alle darin befindlichen Gegen- 
stände zu desinficiren. 

Prof. JüNGKEN aus Berlin, 1834 von der belgischen Regierung beru- 
fen, gab den Rath, die leidenden und die verdächtigen Soldaten in ihre 
Heimat zurückzusenden'*). Die Ausführung dieses Rathes hatte ver- 



1) § 624. 

2) VAN DuYSE, a. a. 0. S. 19. 

3) Granum heißt das Korn; das Verkleinerungswort granulum, ein Körn- 
chen, kommt vor bei Claud. Mamert. (de statu animi I, 21), 468 oder 469 n. Chr. 
Granosus, körnig, findet sich bei Pliniüs; granulosus ist neugebildet, ebenso 
granularis. 

4) § 487, S. 60. JüxGKEx, der von der Ansteckungsfähigkeit der Granulatio- 
nen überzeugt war, wußte, daß in Preußen die wegen ansteckender Augen- 
Entzündung entlassenen Soldaten zu Hause von den Kreis-Physikern über- 

3a* 



44 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800 — 1875. 

hängnißvolle Wirkung. Die bürgerliche Bevölkerung wurde in einer bis 
dahin unerhörten Ausdehnung ergriffen. 

Dr. Caffe aus Paris, der 1838 im Auftrag des französischen Mini- 
steriums eine Reise unternahm, um die in Belgien herrschende Ophthalmie 
zu studireni), sagt in seinem Bericht vom 15. Jan. 1839, daß »von 1814 
bis jetzt 100 000 Soldaten befallen worden, und daß man 1838 noch 5 000 
an Augen-Entzündung leidende Soldaten in einer Armee von 50 000 zählen 
mußte«. 

»Von 1814 — 1839 sind über 10 000 Unglückliche dem öffenthchen 
Schatz zur Last gefallen, abgesehen von den zahlreichen Opfern unter der 
bürgerlichen Bevölkerung«, heißt es A. d'Oc. II, S. 222. 

Von 1 838 ab verlor die militärische Ophthalmie ihren akuten Cha- 
rakter. Fünfzehn Jahre später wurden die Hornhaut- Betheiligungen sel- 
tener, die eitrige Augen-Entzündung war jetzt in der Armee kaum noch 
bekannt, das Trachom allerdings noch nicht ganz geschwunden. (Vgl. 
§ 791.) 

Zur Behandlung der Granulationen wurde (1838, von Fallot), 
der Stift aus Höllenstein dem aus Kupfer vorgezogen; 1839^ von Buys, 
das Pulver von Blei-Acetat empfohlen; später (1850) auch das Tannin 
gelobt. Die Inokulation wurde von J. van Roosbroeck (1853) zur Hei- 
lung des Pannus gepriesen. 

§ 788. Das Plombiren der Bindehaut (Plombage2)). 

Da die Behandlung mit dem Blei-Pulver vielfach als belgisches 
Verfahren bezeichnet wird, so möchte ich doch genauer, als van Duyse 
es gethan, darauf eingehen, obwohl — oder grade deshalb, weil es heut- 
zutage nur noch geschichtlichen Werlh besitzt. 

A. I.A. d'Oc. n, S. 224, 1839. (Bericht von Cünier.) Dr. Buys 3), 
Garnison-Arzt in Brügge, hat es durchgesetzt, daß Versuche mit seinem 
erfolgreichen Verfahren gemacht wurden. Er nimmt krystallisirtes essig- 
saures Blei, das in allerfeinstes Pulver verwandelt ist, und bringt mittelst 
des Spatels eine Schicht auf die granulöse Bindehaut; dann fährt er mit 
einem in Oliven-Öl getauchten Pinsel über die so bedeckte Bindehaut ; es 



wacht wurden; er wußte nicht, daß in Belgien eine solche Einrichtung fehlte. — 
>Lui a-t-on laisse ignorer l'abandon des granuleux rendus ä leur famille?« (van 
Duyse, S. 108.) Vgl. übrigens noch § 800. 

1) § 574. Caffe wird von va:x Duyse nicht erwähnt. 

2) Plombage, action de garnir de plomb. (Dict. de l'Acad. Francaise. 11, 
442, 7. Ausg. 1884.) Die belgischen Ärzte haben dies Wort in besondrem Sinn 
gebraucht, nach Analogie mit tan nage, das Gerben. 

3) Über sein Leben und Wirken ist kein Wort zu tinden, weder bei van 
Duyse noch im biogr. Lexikon. — 1867 ist er, im Alter von 74 Jahren, zu Brüssel 
verstorben. (A. d'Oc. LVII, S. 20 3.) 



Die militärische Ophthalmie. Plombage. 45 

bildet sich eine gips-artige Masse, die an der Bindehaut haften bleibt. 
Wiederholung alle 4 — 5 Tage, dann alle 3 Tage bis zur völligen Heilung. 

CüxiER , von dem diese Mittheilung herrührt , und der niemals eine Prio- 
rität gelten läßt, es sei denn seine eigene, behauptet, daß dies Verfahren mit 
dem Hleizucker schon in Tittmaxn's »topischen Arzneimitteln gegen Augen- 
krankheiten« (1804, § 83, vgl. unsren § 486, S. 52) erwähnt sei. Aber da- 
selbst ist, ebenso wie in C. F. Gk.\efe's Rcpertorium augenärztlicher Heilformen, 
aus dem Jahre 1817, lediglich von der Lösung des ßleizuckers, nicht von 
dem Pulver, die Rede. 

Was aber keiner von den belgischen Ärzten wußte, obwohl sie es in dem 
lateinischen Tractatus de oculis des Jesu Hau (p. 4, 1500) hätte lesen 
können, die alten Araber hatten bereits eine ganz ähnliche Radikal-Kur 
des Trachoms durch Aufstreuen von Gallapfel-Pulver. 

In unsrer Augenheilkunde des .\li b. Isa (um 1000 u. Z., II. c, 4] Gndet 
sich ein besserer Text: »Man hat auch behauptet: wenn man das Lid um- 
stülpt und staubförmiges Pulver von Galläpfeln aufstreut, und dann das 
Lid drei Stunden umgestülpt läßt, oder noch einen Verband darüber legt, 
während es umgestülpt ist; so rottet dies die Krätze (d. h. das Trachom) 
radikal aus, und das Lid nimmt nachher keine Materie mehr an, — so 
wirksam sei dies Verfahren.« Vgl. unsre arabischen Augenärzte, I, S. 61, 
■woselbst auch erwähnt ist, daß nach Rasis' Continens (fol. 39*^) diese Vorschrift 
aus dem Sauiuielbuch der Augenärzte stammt. (Das arabische Mittel war 
besser, als das belgische!] (Vgl. ij 277, S. 12 4.) 

2. A. d'O. XXII, 44, iN'il). BuYS entschloß sich schwer zum Schrei- 
ben. Aber im Jahre 18i9 gab er seine Erfolge kund: De Temploi de 
l'acetate de plomb solide dans le traitement de Tophthalmie granuleuse, 
Bruxelles 184 9. (8", 31 S., Auszug aus den Arch. beiges de med. niilit.) 

3. A. d'O. XXIV, 114, 18.50, erklärt Buys, daß die glücklichen Er- 
folge, die er in mehr als 15 .lahren erzielt, ihm zum Gesetz machen, auf 
dem betretenen Wege fortzuschreiten. Bei harten Granulationen dauert die 
Heilung lange. Auch die gonorrhoische Augen-Entzündung wird durch 
diese Anwendung günstig beeinflußt. 

4. A. d'O. XXV, 191, 1851, berichtet Büys über seine Untersuchungen 
und Beobachtungen. Bei den blasigen Granulationen genügen zwei oder 
drei Anwendungen des Blei-Pulvers, mit einem Zwischenraum von einigen 
Tagen. Die weichen Granulationen, gegen welche die Ätzungen machtlos 
sind, verschwinden nach einer gewissen Zahl von Anwendungen, indem 
sie eine unversehrte Schleimhaut zurücklassen. 

Die harten werden bei dieser Behandlung erst weicher, um dann 
schließlich zu schwinden. 

Bei der einfachen Bindehaut-Entzündung genügt eine einzige An- 
wendung. Bei der blennorrhagischen wird eine zarte Lage von Blei-Acetat 
auf alle erreichbaren Partien der l>indehaut aufgetragen. 



46 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875. 

»Das fein gepulverte Blei-Acetat wird auf die frei gelegte Bindehaut 
aufgetragen, mit Hilfe eines vorher befeuchteten Pinsels^), den ich zu 
wiederholten Malen darüber hinführe, mit leichtem Druck auf die berührte 
Partie, um das Mittel in eine gleichförmige Lage auszubreiten; der Über- 
schuß wird von den Thränen fortgespült.« »Es ist eine irrige Annahme, 
daß die Bindehäute unvertilgbar mit Blei-Acetat überkrustet blieben; nach 
einer gewissen Zeit haben meine Kranken keine Spur mehr von demselben 
gezeigt. « 

5. Im Jahre 1S54 berichtet Buys (Arch. beiges de med. milit. XI, 
S. 201, A. d'Oc. XXXII, S. 237], daß die granulöse Ophthalmie in die Re- 
form-Schule von Ruysselede eingeschleppt worden und von den 474 Schü- 
lern 310 ergriffen hatte; die Krankheit war heftig, bei vielen zeigte sich 
Absonderung von Schleim-Eiter und Betheiligung des Augapfels. »Am 
ersten Tag wurden bei den 48 in schwerster Form Ergriffenen die vier Lider 
mit Blei-Acetat bedeckt. Am folgenden Tag beschäftigte man sich mit den 
andren. Von diesem Augenblick an war das Übel gebannt.« 

B. 6 — 12. Zu Gunsten des Verfahrens sprachen sich aus Dr. Cunieh^) 
(A. d'Oc. XXI, 229, 1849); Prof. Ansiaux, Dr. Deval (A. d'Oc. XXII, 96, 167; 
XXIII, 189); Regimentsarzt Dr. van Lil in Ypern (ebendas., S. 215), Dr. Boge- 
MAN in Amsterdam (ebendas. XXIII, S. 180); Prof. Roosbroeck (1853, § 809), 
sowie De Cond£ (A. d'O. XXIV, S. 2, 206, 1850). Endlich 1857 noch 
Bend/ in Kopenhagen. (§ 862.) 

13. Üble Zufälle beobachtete Garnison-Arzt Gouzee (A. d'Oc. XXIII, 
S. 171). Ein Soldat war am 25. Okt. 1849 im Quartier mit dem Blei- 
Acetat behandelt worden. Am 30. kam er in das Militär-Hospital mit stärk- 
ster Lidschwellung. Ausgang: Verlust des Auges. — Zwei Mal fand G., 
daß eine fleischige Wucherung der obern Umschlagsfalte, von Oliven-Größe, 
zurückgeblieben. 

14 — 15. Gegen das Mittel hat Dr. Rivaud Landrau zu Lyon sich aus- 
gesprochen (A. d'Oc. XXIX, S. 291); Warlomont hingegen dafür, in den 
geeigneten Fällen. 

Noch 1879 hatte Prof. Zehender in seinem Lehrbuch (S. 57) das bel- 
gische Verfahren genau beschrieben; jedoch in denjenigen Fällen wider- 
rathen, wo bereits Epithel- Verluste oder Geschwürs-Bildungen in der Horn- 
haut aufgetreten sind. In den Sonderschriften und Lehrbüchern unsrer 
Tage wird dasselbe Verfahren kaum noch erwähnt, auch nicht in Wood's 
großem System of Ophth. Therap., 1909. 

C. Heutzutage pflegt man die Einpinselung einer Lösung des essig- 
sauren Blei-Oxyds (0,5 — 1 : 25) vorzuziehen. Vgl. meine Abhandlung über 
die Kürnerkrankheit, Klin. Jahrb. XIII, 1904. 

1) Also etwas anders, als in Cunier's Bericht (1). 

2) § 793. 



I 



Das Plombieren der Bindehaut. — Fallot. 47 

§ 789. Zwei Namen sind unzertrennlich mit der (Jlescliichte der 
militärischen Ophthalmie Belgiens verbunden, der von Fallot und der 
von VleminckxI). 

Louis-Salumon Fallot (1783—1872)2' 
entstammte einer französischen Familie aus dem Languedoc, welche 1685, 
wegen der Aufhebung des Edikts von Nantes, das freie Holland aufge- 
sucht; und wurde am II. März 1783 im Haag, als Sohn und Enkel eines 
Arztes, geboren. 

Sein Jugendleben war ungeregelt, da seine Mutter lange an Schwind- 
sucht daniederlag und schon 1797 verstarb. Im Alter von 15 Jahren 
hatte F. seine Vorbildung vollendet und begann das Studium der Philo- 
sophie, mit großem Erfolge. 

Er sprach lateinisch mit Leichtigkeit und liebte es, an den Doktor- 
Promotionen sich zu betheiligen. 

Für die Gottesgelahrtheit war er bestimmt, doch zog er die Heil- 
kunde vor und bestand, zu seiner eignen Überraschung, schon 1806 die 
ärztliche Prüfung, bei welcher zu jener Zeit in Frankreich — also auch 
in der balavischen Republik (1795 — 1806), und im Königreich Holland 
(1806 — 1810), die Frankreichs Gesetze und Einrichtungen bis in's Kleinste 
nachgeahmt hatten, — überhaupt Niemand durchfallen konnte. 

üie Doktor-Dissertation mußte unser Fallot allerdings, der Kosten 
wegen, bis auf glücklichere Zeiten vertagen. Aber er erhielt das Recht, 
Uniform und Degen zu tragen, worauf er besonders stolz war, und wurde, 
nachdem er in Paris einige Monate lang in der Anatomie, mit Unter- 
stützung von G. L. Bayle3), und in der Klinik seine Kenntnisse vervoll- 
ständigt hatte, Okt. u. Dez. 1807 zeitweilig als holländischer Militär-Arzt 
beschäftigt. Am 8. Juni 1808 erwarb er den Doktur zu Leiden. 

Im April 1809 wurde sein sehnlicher Wunsch, in die Armee als Arzt 
einzutreten, erfüllt; er ging mit Napoleon's Heer nach Deutschland. 

In den fünf Jahren von 1809—1814 hat L. S. Fallot das merk- 
würdige und an Wechselfällen reiche Leben eines bonapartischen Officiers 
geführt, das ihn zum Manne schmiedete, aber für wissenschaftliche For- 
schungen keinen Raum ließ. Die Schlacht von Wagram (am 5./6. JuH 1809) 



i] Auf einige andre werden wir im Laufe unsrer Erörterungen, namentlich 
auch im § 818, noch zurückkommen. 

2) L WARL0M0^'T, A. d'Oc. LXX, S. 92— M9. — II. van Düyse, a. a. 0., 
S. 28. (1773 als Geburtsjahr ist ein Druckfehler.} — III. Biogr. Lex. II, 336. — I. ist 
Hauptquelle, auch für die ganz kurze Darstellung in IL; und enthält Abschnitte 
einer von Fallot selber verfaßten Lebensbeschreibung. 

3) 1774—1816, Arzt an der Charite, Verf. von >Recherches sur la phthisie 
pulmonaire*, Paris 1810, 



48 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800 — 1875. 



hat er mitgemacht. Im Winter 1809/10 wurde er vom Fleck-Typhus 
heimgesucht; vier Monate lang mußte er vom Dienst fern bleiben. 

Am 25. April 1810 nach Portugal gesendet, gerieth er zu Coimbra 
am 7. Okt. 1810 in Kriegsgefangenschaft, wurde von den Engländern 
grausam behandelt, am 13. Dez. 1810 nach England überführt und zu 

Fig. 1. 




Louis-Salomon Fallot. 



Spithead auf einem ausgemusterten spanischen Kriegsschiff bis zum 25. Jan. 
1812 in härtester Gefangenschaft gehalten i). Dann wurde er in verschie- 
dene Lager-Bezirke gebracht und endlich am 9. Jan. 1813 auf einer elenden 
Barke nach Frankreich abgeschoben. 



<) Fast zwei Menschen-Alter sollten noch verstreichen, ehe (durch die Genfer 
Konvention vom Jahre 1864; die Feldärzte für neutral — erklärt wurden. 



L. S. Fallet. 49 

Nach kurzer Riilie in Paris als ordentlicher Militär-Arzt ange- 
stellt, ward er nach Magdeburg und Berlin gesendet, dann der Garde zu- 
getheilt. In der Schlacht bei Bautzen (20. und 21. Mai 1813) hat Fallot 
unerschrocken den Dienst in seiner vom feindhchen Feuer bestrichenen 
Ambulanz geleistet und machte danach den schwierigen Rückzug auf Paris 
mit. Nach Napoleon's Rückkehr aus Elba ging Fallot erst nach Yenloo, 
dann nach Namur, Sept. 1814. 

Zu Namur 1 81 7 als königlich-niederländischer, seit der Trennung Bel- 
giens von Holland (1830) als belgischer Militär-Arzt angestellt, verbheb er 
hierselbst bis zum Ende seiner militärischen Laufbahn, im Jahre 1848. 
(1819 Chirurgien-Majeur, 1830 Vorsteher des Hospitals, 1831 General-Arzt.) 

Am 23. Mai 1817 hatte Fallot sich verheirathet und das abwechs- 
lungsreichste, ja abenteuerlichste Leben der früheren Jahre mit dem häus- 
lichsten vertauscht. Mit Feuer-Eifer warf er sich auf die Studien, die er 
in den Kriegsläuften halte vernachlässigen müssen. Er richtete im Kranken- 
haus eine kleine Klinik *) ein, und übte sich, seine Gedanken mit Klarheit 
auszusprechen. 

Im Alter von 56 Jahren nahm Fallot 1848 seinen Abschied und lebte 
von da an in glücklicher Unabhängigkeit zu Brüssel, hauptsächlich der 
Wissenschaft, als Mitglied der belgischen Akademie (seit ihrer (Gründung 
1841), der ärztlichen Prüfungs-Kommission, als Vorsitzender der Schrift- 
leitung der Annales d'Oculistique. 

Ausgezeichnet durch zahlreiche Orden — von Belgien, Frankreich, 
Griechenland, Portugal, Rußland, — und durch die Wahl zum korrespon- 
dierenden Mitglied der Akademie der Medizin zu Paris, empfing er als 
74 jähriger Greis, 1857, die größte Auszeichnung seines Lebens durch den 
Vorsitz im ersten Ophthalmologen-Kongreß zu Brüssel. 

Die ersten zehn Jahren seiner Muße hatte er beglückt im Kreise seiner 
Familie verlebt. Da verlor er, Schlag auf Schlag, seine Frau, seinen 
Enkel, seinen Sohn; zog sich völlig zurück, scliwach und gebrochen; mußte 
aber noch 15 Jahre einsam weiter leben: am 11. Febr. 1872 ist er, im 
Alter von 90 Jahren, verstorben. 



Fallot's Schriften: 

Fallot war ein ausgezeichneter Schriftsteller, der Gründlichkeit mit Schön- 
heit der Darstellung zu verbinden verstand, besonders in seinem Aper9U de 
la medecine, den er 1832 für eine populäre Encyklopädie verfaßt hat: hier 
tritt seine Jugendliebe ziu^ Philosophie deutlich zu Tage. 



1) Fondateur d'une clinique ophtalmologique k Namur, heißt es bei van 
DuYSE. Aber dieses B eiwort läßt sich nicht als zutreffend erweisen; auch nicht 
durch die Nachforschungen, die Dr. Bribosia jr. auf unsre Bitte zu Namur 1912 
angestellt hat. 

Handbucli der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXIII. Kap. 4 



50 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800 — 1875, 

A. Von Sonderschriften zur Augenheilkunde sind zwei hervorzuheben: 

1. Recherches sur les causes de Tophthalmie qui regne dans quelques garni- 
sons de Tarmöe des Pays-Bas, et sur les moyens d'y remedier, par Fallot 
et Varrez, Bruxelles 1829. (1 20, 192 S.) 

2. Nouvelles recherches physiologiques et statistiques sur l'ophthalmie des 
armöes, Bruxelles 1837. (8», 67 S.) Vgl. A. d'Oc. I, S. 40—44. 

B. Von Abhandlungen zur Augenheilkunde, die sämtlich in den Annales d'Oc. 

erschienen sind, erwähne ich die folgenden -. 

3. Über die Ätzung der Lid-Granulationen. I, S. 45, S. 205, 1838. 

4. Fleischiger Pannus, durch Höllenstein geheilt. V, S. 127, 1841. Jeden 
zweiten Tag wurden einige Gefäßbündel, welche Fortsetzungen auf die 
Hornhaut abgeben, mit dem Stift geätzt. 

5. Epidemische Blennorrhoe im Saal der Granulösen des 9. Regiments zu Na- 
mur, 1841. VI, S. 53, 1842. 

G. Über die im Militär -Hospital zu Namur beobachteten Augenleiden. VII, 
S. 271, 1842. 

7. Über die Augen-Entzündung, welche epidemisch in der Garnison zu Namur 
herrscht. IX, S. 152, 1843. 

8. Brief an Cunier über die Gefahr bei der Anwendung einiger Kollyrien. 
XI, S. 153, 1844. 

9. Mydriasis ohne subjektive Erscheinungen. XII, S. 89, 1844. (39 j. mit mitt- 
lerer Mydriasis des r. Auges, das aber für fern und nah gute Sehkraft be- 
sitzt.) 

10. Intermittirende Regenbogenhaut - Entzündung. XII, S. 169, 1844. Es war 
eine sympathische. 

11. Vollständige Erblindung durch fleischigen Pannus auf beiden Augen, Inoku- 
lation, theilweise Wiederherstellung der Sehkraft. XVIII, S. 19, 1847. 

12. Über Inokulation bei Pannus. XX, S. 91, 1S48. 

Erhebt sich dagegen, daß man als strafbar und unsittlich das Ver- 
fahren von Jäger und Pierin ger bezeichne, das ihm selber in verzwei- 
felten Fällen gute Erfolge geliefert. 

13. Über Aderhaut-Entzündung. (Nach A. Jacobi).) XX, S. 133, 1848. 

14. Über die Unterscheidung des Augen-Trippers von den andren akuten Eiter- 
flüssen des Auges. (Gegen Henrotay.) XXIV, S. 229, 1850. 

15. Heftige Kontusion des Augapfels. XXIX, S. 207, 1853. 

Zahlreiche Besprechungen augenärztlicher Werke hat Fallot in den Ann. 
d'Oc. veröffentlicht, stets gründlich und gerecht, aber öfters etwas redselig. Hier 
fanden die Gedanken einen Abfluß, die. da ihm ein Lehrstuhl versagt war, in ihm 
sich aufgestaut hatten. 

(Vgl. § 567, über Sichel's Iconographie; § 598, über Guepin's Philosophie 
des neunzehnten Jahrhunderts; § 593 u. § 594, über Desmarres' Lehrbuch.; 

1. u. 2. In seiner ersten Abhandlung über die militärische Augen- 
Entzündung, vom Jahre 1829, kämpft Fallot mit jugendlicher, angriffs- 
freudiger Lebhaftigkeit für die Ansteckungsfähigkeit der militärischen 
Augen-Entzündung. Über die direkte Ansteckung lassen die Thatsachen 
keinen Zweifel. Über die indirekte ist er weniger sicher, doch denkt er 
an Luft-Veränderung in überhäuften Kasernen und leitet davon hygienische 
Maßregeln ab. Damals (1829) erschien ihm die Entzündung in der Armee 
nur als eine einfache Steigerung der katarrhalischen Augen-Entzündung. 

1) § 706. 



L. S. Fallot. J. F. Vleminckx. 51 

In seiner zweiten Abhandlung, vom Jahre 1838, bekämpft er selber 
diese Ansicht i) und erklärt die militärische Augen-Entzündung für eine 
specifische (speciale), die der katarrhalischen nahe steht, aber nicht mit 
ihr vereinigt werden darf. 

Seine Behandlung bestand in der Ätzung der ganzen granulösen Bin- 
dehaut, mittelst des Kupfer- Stiftes. 

3. Aber schon im folgenden Jahr erklärt er, nach vergleichenden 
Untersuchungen, daß die Atzung mit dem Hüllenstein-Stift besser, 
sicherer, rascher wirke. Doch muß man kräftig ätzen, auch die obere 
Übergangs falte. Vom 1. April bis I. Sept. 1837 konnte er aus seiner 
Augen-Abtheilung 181 Granulöse, die ausschließlich mit dem Höllenstein 
behandelt waren, in ihre Regimenter zurücksenden 2). 

5. Von den 35 Mann mit chronischen Granulationen, die in einem 
Saale untergebracht waren, wurden binnen zwei Tagen 31 von akutem 
Eiterfluß befallen. Hauptmittel war Hüllenstein. 19 sind völlig geheilt, 
1 hat das rechte, 3 das linke Auge verloren durch Leukome, 2 haben 
rechts, 2 links Iris-Vorfall u. s. w.^). 

6. Hüllenstein -Stift ist das beste Mittel gegen Gefäß-Pannus. Bei 
akutem Eiterfluß darf man nicht zügern, die Anwendung bei jedem Kran- 
kenbesuch zu wiederholen, wenn Absonderung wieder eingetreten. Das ist 
auch die Ansicht von Ricord, während Sichel den Stift fast ganz verwirft. 
(Vgl. § 588 u. 567.). 

§ 790. Jean Francois Vleminckx (1800 — 1876)4'. 
Am 3. Nov. 1800 wurde J. Fr. Vlemincxx zu Brüssel geboren, stu- 
dirte Heilkunde zu Loewen, woselbst er 1822 promovirte, ging dann 
zu seiner weiteren Ausbildung nach Paris, wo er besonders Broussais 

■I) Fallot hat es stets offen eingestanden, wenn er, auf Grund von Erfah- 
rungen, alte Anschauungen aufgegeben und neue, bessere gewonnen. (A. d'O. I., 
S. 43; V, S. 127 u. a. a. 0.) 

2) Fallot gebraucht zwei Namen, die in den medizinischen Wörterbüchein 
unsrer Tage nicht erwähnt werden und somit ein Wort der Erklärung heischen: 
I) Sei de Venus. Das ist Kupfer-Salz. Die Insel Kypros war die Heimat der 
Aphrodite und des Kupfers. (Cupri oleum, frz. Huile de Venus; aes ustum s. 
crocus Veneris.) 

II. Caustique lunaire d. i. Höllenstein. 
Luna, der IMond, war den Chymikern das Silber. 

3) Diese Art der Statistik ist undurchsichtig. 

4 I. Warlomont, A. d'Oc. LXXVII, S. 263—293. 
II. Horstmann, im Biogr. Lex. VI, S. 133. 

III. VAN DüYSE, S. 29. (I. ist Quelle, auch für II. und III.; bringt auch 
handschriftliche Aufzeichnungen von Vleminckx und berichtet ausführlich über die 
Schwierigkeiten seiner Gymnasial-Zeit.) 

4* 



52 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875. 



folgte; kehrte nach Brüssel zurück, vermählte sich und arbeitete für die 
in seiner Stadt soeben gegründete Bibliotheque medicale. 

Im Jahre 1825 veröffentlichte er, zusammen mit seinem Freunde van 
MoNS, Essai sur l'ophthalmie des Pays-Bas. [S^, 125 S.) 

Diese Schrift erregte Aufsehen. 



Fig. 2. 




Jean Francois Vleminckx. 



»Die Soldaten unsres Heeres, welche von der Augen-Entzündung be- 
fallen sind, tragen alle einen Halskragen (col), der hart, ohne Ausschnitt, 
fest um den Hals geschnürt ist. Andrerseits sind sie bedeckt mit einem 
Helm (Shako), der wegen seiner Gestalt und seiner Bestand-Theile einen 
unmittelbaren und unablässigen Druck auf die Stirn ausübt. Daraus ent- 
steht nothwendiger Weise ein Kongestiv- Zustand der Seh-Organe. « 



J. F. Vleminckx. 53 

Diese Ansichten waren ja nicht ganz neu und wurden von eUichen 
Militär-Ärzten getheilt. Ich nenne G. F. Graefe (1823), Seutin (1824), 
Vaxsevendonk (Loewen 1823), de Goirtray (1827)^'. 

Befremdlich war aber in der genannten Schrift die Übertreibung, 
mit welcher diese ungünstigen, äußeren Umständen als alleinige Ursache 
der militärischen Augen-Entzündung hervorgehoben wurden. Vleminckx u. 
VAN MoNS erklärten, daß ein Übel, welches so lange Zeit nur eine bestimmte 
Menschen-Klasse heimsuchte, auch eine dauernde Ursache in den dieser 
Klasse eigenthümlichen Verhältnissen besitzen müßte. 

So erhob sich der Kampf der Kompressionisten, gegen die da- 
mals schon mächtigen Kontagionisten-^) und hat lange und heftig ange- 
dauert. 

Im Jahre 1830 stürzte sich Vleminckx in die Politik und wurde unter 
der provisorischen Regierung Haupt des MiUtär-Gesundheitswesens. Diese 
gewaltige Thätigkeit nahm ihn ganz in Beschlag: 34 Jahre lang blieb er 
an der Spitze des ärztlichen Militär-Dienstes, den er vollständig neu ein- 
gerichtet hat. 

Zahlreiche Ämter fielen ihm zu. 

Im Provinzial-Landtag von Brabant setzte er 1848 die Gründung 
des augenärztlichen Instituts von Brabant durch. 

Im Jahre 1867 war er Vorsitzender des augenärztlichen Kongresses 
zu Paris. 

Nachdem er sein Ilaupt-Aint niedergelegt, hat er als Volksvertreter 
rüstig für die öffentliche Gesundheitspflege, für den höheren Unterricht, 
für das Wohl der Armee noch weiter gekämpft. 

Er war eben eine Kämpfer-Natur. 

Am 1 8. März 1 876 ist er zu Brüssel verstorben. 

Große medizinische Schriften hat er nicht hinterlassen, aber thatsäch- 
liche Leistungen. 

§ 791. Die Gründung der augenärztlichen Institute Belgiens^). 
Im Jahre 1834 waren 2000 Soldaten mit Granulationen in ihre Hei- 
mat-Stätten geschickt worden; sie verbreiteten rasch die Krankheit unter 
die bürgerliche Bevölkerung, namentlich unter die Armen. Diese Noth 
schuf die belgische Augenheilkunde und die augenärztlichen Institute 
Belgiens 4), 

1) GouzEE hat sich dagegen ausgesprochen und, allerdings erst 1842, eine 
gründhche Widerlegung geliefert. 

2) Vgl. § 630, § 719, S. 27, U. § 780. 

3) VAN DuYSE, a. a. 0. S. 41 fgd. 

4) Genaue Nachrichten über dieselben bringt Cornaz, A. dOc. XXVIII, S. 20 
bis 41, 1852. Vgl. § 781, III. 



54 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1 800— 1875. 

1. Das der Provinz Brabant wurde zu Brüssel im Sept. 1849 er- 
richtet, und mit der Leitung Florent Gümer betraut. 

Bis zu seinem Tode (1853) hat er dies Amt verwaltet. 

Seine Nachfolger waren van Roosbroeck (mit Bosch und Warlomoivt), 
Warlomom, Lebrüx. Älit dem Tode des letzteren (1900) ist die Anstalt 
eingegangen. 

(Auf Leben und Wirken dieser Männer werden wir noch zurück- 
kommen.) 

2. In Loewen hatte der Holländer 

VAN Onsenoort (1818 — 1822) 
Augenheilkunde an der Universität gelehrt und eine augenärztliche Sprech- 
stunde im Militär-Hospital abgehalten. Sein Nachfolger wurde Hairion, 
der 1839 das augenärztliche Institut der Armee zu Loewen einrichtete, 
welches auch der Bürgerschaft zugänglich war. Im Jahre 1880 wurde es 
neu eingerichtet und 

CONSTANT LOISEAU d. S. (1838 — 1890) 
anvertraut »dessen Namen mit dem Optometer verbunden bleibt« und der, 
für Befreiung vom Militär-Dienst, den Grad von 6 Di H. wie M. einführte. 
Seine Nachfolger wurden Arexs (1890), Gyszelynck (1899). 1906 wurde 
das Institut nach Brüssel verlegt. (R. Warlomont, 1907.) 

3. Das augenärztliche Institut von Lüttich und Limburg ist aus 
einer Poliklinik des Prof. Ansiaux zu Lüttich hervorgegangen und von 
diesem bis 1867 geleitet worden. 

Seine Nachfolger waren Jamain (1868 — 1900) und Butten. 

4. Im Hennegau zu 3Ions wurde schon 1836 ein Provinzial-Augen- 
krankenhaus gegründet und FRANgois-ANXoiNE Sti£venart (1796 — 1879) 
anvertraut, der große Verdienste um die Heilung der Augenkranken und 
die Pflege der Blinden sich erwarb. Nach seinem Tode wurde die Anstalt 
wieder geschlossen. 

St. hat viel gethan, aber wenig geschrieben. Jährlich machte er etwa 
50 Star-Operationen, erst mittelst der Niederlegung, später mittelst der 
Ausziehung. 

Drei Arbeiten hat er in den A. d'O. veröffentlicht: 1. Über Zündhut- 
Stückchen in der Linse (I, 299); 2. Über ererbte Hemeralopie (XVIII, 163); 
3. Statistik der Blindheit im Hennegau (XX, 107. Unbrauchbar). 

5. Die Provinzial-Augen-Heilanstalt zu Namur wurde 1848 begründet. 
Leiter derselben waren der Regiments-Arzt Loiseau d. V. 1848 — 1868^), 

FRANrois Bribosia d. V. 1868 — 1890, 

Edmund Bribosia 1890 — 1898. Sein Nachfolger ward Baivy. 



t) Derselbe hat regelmäßige Berichte über dies Institut und mehrere Arbeiten 



Gründung der augenärztl. Institute Belgiens. 55- 

6. Für Ost-Flandern kam die Universitäts-Augenklinik zu Gent in 
Hetraclit. Dieselbe war im 19. Jahrhundert nicht gut eingerichtet; aber 
im Jahre 1908 ist ein prachtvoller Neubau entstanden i). 

Das Augen-Institut zu Sablon, das eine Unterstützung seitens der 
Provinz erhielt, stand von 1 888 — \ 905 unter der Leitung von Albeuic Jean 
Marie RoGMAN (1850—1905). 

7. West-Flandern besaß zu Ypern gegen die Mitte des 19. Jahr- 
hunderts ein Provinzial-Augenkrankenhaus. Mehrere dieser Einrichtungen 
hatten nur kurzen Bestand. So auch das von Limburg, das 1835 ge- 
gründet, 1840 wieder aufgehoben wurde. 

8. Das zu Antwerpen ist erst 1875 eingerichtet, besteht aber noch 
heute. 

Wenn auch heutzutage die militärische Ophthalmie aus der Armee 
Belgiens geschwunden ist, trotzdem man die Trachomatüsen nicht ganz 
zurückgewiesen'^), — das Trachom besteht in der Bevölkerung 
Belgiens und erreicht hohe Ziffern. 

1881 fanden sich in den Pohkliniken von Gent 18 — 22^, in Brüssel 
12^, in Loewen lö^, in Antwerpen 10^ 3j 

Um 1900 war die Zahl der Erkrankten vielleicht nicht geringer, wohl 
aber die Schwere der Folgezustände. 

Die Blinden -Ziffer Belgiens für 1835 wird A. d'O. XXII, 1894) auf 
l : 1302 angegeben; für 1871 auf 1 : 1685. (Preußen hatte damals 
1 : 1950.) 

1850 wurde ein Blinden-Hospiz zu Brüssel errichtet. Bis heute giebt 
es in Belgien noch keine öffentliche Anstalt zur Erziehung der Blinden. 

§ 792. Die Annales d'Oculistique 
sind im Jahre 1838 von dem belgischen Militär-Arzt Florent Cunier be- 
gründet worden. 

In das Jahr 1914 sind sie mit ihrem 151. Band eingetreten. 



über die Granulationen und ihre erfolgreiche Behandlung mittelst der Ätzung 
veröffentlicht. 

A. A. d'O. 1847—1852, XVIII, 30, XX, 34, XXI, 248, XXIV, 44, XXVI, )01, 
XXVII, 188. B. Memoire sur Tefficacite de la cauterisation des granulations 
palpebrales, Gand 1838. Sur les granulations de l'armee. Bruxelles 1838. 

1) La nouvelle clinique ophtalmologique de l'Univ. de Gand par le Prof. van 
DuYSE, Gand 1908. (20 S., mit elf Tafeln.) Ich habe diese Anstalt 1913 besucht. 

2) >Sonst hätten einzelne Provmzen ihren Pflicht-Antheil nicht stellen können; 
auch hätten viel junge Leute das Trachom sich einimpfen lassen, um der Gestellungs- 
pflicht zu entgehen.« van Duyse, S. 34. 

3) Das sind beträchtliche Zahlen. Vgl. J. Hirschberg, Deutsche med. W. 
1897, No. 27 fgd. (Die mittlere Erkrankung rechne ich bis zu ^% der Augen- 
kranken.) 



56 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875. 

Diese Zeitschrift hat der Entwicklung und Förderung der Augenheil- 
kunde die wichtigsten Dienste geleistet, nicht blos für das französische 
Sprachgebiet^). 

Denn diese Annalen brachten von vorn herein neben den Original- 
Mittheilungen, unter denen viel Werth volles sich findet, auch Berichte 
über die gesammte Literatur unsrer Fach-Wissenschaft, die zwar 
nicht alles umfaßten, aber sehr vieles, und auch eingehend waren, so 
daß sie, bis zum Erscheinen des Jahresberichts von Nagel (1870) und 
des Centralbl. f. Augenheilkunde (1877), betreffs der Welt-Literatur der 
Augenheilkunde fast die einzige Quelle darstellten, deren Brauchbarkeit noch 
dazu durch die fünfjährigen Inhalts- und Namen- Verzeichnisse bedeutend 
erhöht wurde. 

In der Vorrede zum ersten Bande der »Annales d'Oculistique publiees 
par Florent Cünier«^), Bruxelles 1838 (316 S.), erklärt der Herausgeber, 
»daß er den Zweck verfolge, die Augenärzte der beiden Länder, Belgien 
und Frankreich, auf dem Laufenden zu erhalten über die Fortschritte der 
augenärzthchen Wissenschaften in den andren Gegenden, und gleichzeitig 
die Fortschritte des Faches bei diesen beiden Völkern zu verzeichnen«. 

Als Mitarbeiter werden genannt: 7 aus Deutschland^' (Ammon, Beger, Bur- 
KARD Eble, Canstatt, Kneschke, Warnatz, Werneck); 7 aus Belgien; 7 aus 
Frankreich (darunter Petrequin, Sichel u. Stöber); einer aus Holland (van 
Onsenoort). — 1848 bis 1858 ist noch fast dieselbe Zahl aus Deutschland 
genannt, aber unter Sachsen, Preußen, Baden, Bayern vertheilt. 

In den Jahren 1868 u. 18(59 erscheint wieder der Name Deutschland mit 
5 Mitarbeitern, 1870 bis 1878 ist er verschwunden, (obschon die Türkei ihren 
Mitarbeiter hat,) ebenso 1888; 1898 ist unser Vaterland durch 2 Mitglieder 
(unter den 74) vei'treten, durch Schön u. Zirm ; seit 1908 nur durch einen ein- 
zigen, den letztgenannten. 

Wie mitleidig müßten die Gelehrten späterer Jahrhunderte über den Nie- 
dergang der deutschen Augenheilkunde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun- 



1) Ich darf wohl ein persönhches Wort hinzufügen: für die Darstellung der 
Geschichte unsres Faches im 19. Jahrhundert waren die A. d'Oc. mir ganz un- 
entbehrlich; vielleicht hätte mein Leben nicht zur Fertigstellung dieses Theiles 
hingereicht, wenn ich nicht zu Hause in meiner Bücher-Sammlung ein vollständiges 
Exemplar besessen. 

2) Zuerst war dieses Buch unter dem Titel Annales d'Oculistique et 
de Gynecologie 1837/38 in Quart erschienen! Nach dieser Ausgabe sind im 
Register-Band (für I bis XXX, 1838—1853) die Seitenzahlen; und so werden sie 
getreulich von den Kompüatoren wiedergegeben, — unbrauchbar für uns, denen 
doch heutzutage immer nur die nachfolgende Ausgabe des ersten Bandes, in 
Oktav, zur Verfügung steht. Ich habe stets die brauchbaren Seitenzahlen der 
letzteren angeführt. 

3) L'Allemagne, veritable berceau de la science ophthalmologique. A. d'O. 
XXIX, S. 163, 1853. — Ammon, Cunier's einziger Mitbewerber als Herausgeber einer 
augenärztlichen Zeitschrift, hat sofort das Erscheinen der A. d'Oc. freudig be- 
grüßt. (Zeitschr. f. Augenh. u. Ch. I, S. 673, 1838.) 



Die Annales d'Oculistique. 57 

derts, also im Zeitalter von Helmholtz u. A. v. Graefe, urtheilen, — falls 
ihnen aus dem letzteren nichts als diese Listen erhalten geblieben! 

Nach dem Tode von Florent Cünier (1854) wurde die Leitung der 
Annalen durch einen Ausschuß von 5 Mitgliedern fortgesetzt: Fallot, Bosch, 
Hairion, VAX R(tosBROECK, Warlomunt, von denen der letztere als verant- 
wortlicher Herausgeber zeichnete. Im Jahre 18S4 waren nur noch Hai- 
rion und Wari.omom am Leben, 1889 nur noch der letztere. 

Derselbe erklärt in der Vorrede dieses .hibel-Bandes (C I); La Belgi- 
que eut, par ses Annales d'Oculistique, le merite ... de guider l'ophtal- 
mologie vers la voie scientifique oü eile se meut aujourd'hui, radieuse et 
respectee. Elle ne l'a pas creoe . . . ., mais eile a a son aclif .... la 
gloire d'en avoir ete la colonisatrice.« 

Nach dem Tode von Warlomont (1891) wurden die Annalen von 
seiner Familie nach Paris verkauft. Die Leiter sind seitdem Valude und 
Sulzer, denen seit 1898 noch Murax sich hinzugesellt hat. 

Die Annales d'Oculistique stellen die älteste aller heute bestehenden 
Zeitschriften unsres Faches dar: ihr Verdienst ist besser durch unser vor- 
her ausgesprochenes Urtheil, als durch Warlomont's Schönrederei ge- 
kennzeichnet. 

Zusätze. 1. Da Frankreich ein »Absatzgebiet« darstellte, hat F. Cü- 
nier, unmittelbar vor der Herausgabe seiner Zeitschrift, eine Geschäfts- 
Reise dorthin unternommen. (§ 549, S. 7, habe ich seine Worte an- 
geführt.) 

2. Fünfzehn Jahre hindurch behaupteten die belgischen Annalen 
die Alleinherrschaft in dem französischen Sprachgebiet. 

Da erhob sich der Wettbewerb, durch die französischen Archives 
d'Ophthalmologie par M. A. J.vmain (Paris 1853). Aber diese Zeit- 
schrift mußte bereits 1855, mit dem vierten Band, ihr Erscheinen ein- 
stellen, — zu großer Genugthuung der Schriftleiter des älteren Unterneh- 
mens. (»Les Archives d'ophthalmologie, fondees ä Paris, sans autre objet 
que de creer aux Annales d'Oculistique une concurrence qui ne fut pas 
heureuse, et ne repondant ä aucun besoin reel, cesserent de paraitre apres 
trois annees.< A. d'Oc. XLIX, S. 6, 1803.) 

Erst 1881 hat dann Prof. Panas zu Paris, mit E. Landolt u. F. Poncet, 
unter dem alten Titel (Archives d'ophtalmologie) eine neue Zeitschrift 
begründet, »um den Fortschritt der Augenheilkunde in Frankreich zu 
fördern«. Dieses Archiv war lebensfähig und fruchttragend, bis zu uns- 
ren Tagen. 

§ 793. 1. Florent Cunier (1812—1852). 

l. A. d'Oc. XXIX, S. 16 5 — 164. (Joseph Bosch.) II. Biogr. Lex. II, S. 114. 
(H. Magnus.) III. D. vax Din-SE fa. a. 0., S. 68). 



58 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgienß, 1800—1875. 

I. berücksichtigt die wissenschaftUchen Leistungen C.'s zu wenig; 11. ist 
dürftig; III. bringt nur wenige Zeilen. 

Niemand hat es bisher der Mühe für werth gehalten, ein vollständiges 
Bild der wissenschaftlichen Leistungen von F. C. zu entwerfen. Diesen Zoll der 
Dankbarkeit möchte ich dem bedeutendsten belgischen Fachgenossen 
aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an dieser Stelle abstatten 
— mit Liebe und mit Gerechtigkeit. 



Fig. 3. 




Florent Cunier. 



Geboren 1812 in dem Dorfe Beloeil (Hennegau), studirte F. C. unter 
VAN O.NSENOüRT, waF zuefst Militär-Arzt, eröffnete dann 1840 eine Augen- 
klinik zu Brüssel, wo er nicht blos wirkte, sondern auch lehrte; erhielt 
die Leitung der 1849 zu Brüssel errichteten Augen-Heilanstalt der Provinz 
Brabant und muß als einer der hauptsächlichsten Förderer der Augenheil- 
kunde in Belgien bezeichnet werden. 



Florent Cunier. 59 

Als er nach einem Leben voll Arbeit und Mühe eben anfing, die Frucht 
seiner Thätigkeit zu ernten, hat ihn inn Alter von nur 5 Jahren eine 
tückische und schmerzhafte Krankheit hin weggerafft, die ihn schon lange 
bedrohte. 

Die Ämter und Ehren, die ihm zu Theil geworden, sind auf dem Titel- 
Blatt des letzten i XXVII.) Bandes seiner Annales d'Oculistique verzeichnet: Che- 
valier de rOrdre niilituire de Leopold, Möd. Oc. de L. L. A. A. R. R. le Duc de 
Brabant et le Comle de Flandre, Chir. en Chef de l'Institut Ophth. de la Prov. 
de Brabant, Ancien Mi'd.-Militaire, Membre des Acadrmies et Soc. de Med. 
d'Amsterdam, Angers, Anvers, Athenes, Baden^ Barcelone, Batavia, Berlin, Bor- 
deaux, Breslau, Bruges, Bruxelles, Copenhague, Corogne, Dresde, Erlangen, 
Gand, Halle, Hambourg, Heidelberg, Hoorn, Jena, Leipzig, Liege, Lille, Lisbonne, 
Londres, Lyon, Madrid, Malines, Montpellier, Nantes, Nismes, Nouvelle Orleans, 
Palma de Mallorca, Paris, Poilieis, Puerto de Santa Maria, Rio de Janeiro, 
Rotterdam, Saragosse, Strasbourg, Valence, Vervier, Yienne^) etc. 

Bekannt ist Cunier hauptsächlich als Schriftsteller. Er war aber 
auch ein tüchtiger Arzt und Wundarzt. 

Mehrere Verfahren hat er eingeführt und verbessert, z. B. die subku- 
tane 2) Durchschneidung des Orbikular-Muskels der Lider bei krampfhafter 
Einstülpung (A. d'Oc. V, 264, 1841); und auch um die Ausgestaltung der 
Schiel-Operation sich verdient gemacht. 

Ferner hat er etliche Instrumente angegeben: einen Lidsperrer^) 
(1\, S. 31, 1843), einen gekrümmten Haken zur Entfernung von Fremd- 
körpern aus der Hornhaut (VIIF, S. 279). 

Groß war die Zahl seiner Schüler, auch aus der Fremde. 

Die Titel seiner Veröffentlichungen füllen vier Seiten des Werks von 
D. VAN DüvsE. (238 — 242.) Begonnen hat Cumer seine Schriftsteller-Lauf- 
bahn schon als 22j;ihriger, mit seiner Arbeit über di(^ Augen-Entzün- 
dung in der Armee, vom Jahre 1834, und 1836 (mit van Kriss) 
Blrkard Eble's Schrift über die in der belgischen Armee herrschende 
Augenkrankheit (Wien 1836) in's Französische übersetzt. 

Schon im ersten Bande seiner Annalen (S. 159 — 170) wendet sich C. 
^egen die ausgedehnten und tiefen Höllenstein-Ätzungen der Bindehaut- 
jranulationen. 

Der ansteckenden Augen-Entzündung in der Armee und in der ärmeren 
ind Arbeiter-Bevölkerung Belgiens sowie den Mitteln zur Ausrottung dieser 
jeißel hat er stets seine ärztliche und menschenfreundliche Aufmerksam- 
lieit gewidmet (A. d'Oc. 1845, 1846, 1847. Vgl. XXHI, S. 52, die Ophlh. 



I 1) Ein wenig wird F. C. wohl nachgeholfen haben. Es ist doch ein 

irilück, daß wir heutzutage diese Anhängsel an den Namen nicht mehr drucken. 
' 2) Haut-Schnitt und Ausschneiden einiger Fasern des Muskels hatte schon 
!Cey geübt. (Lancet, 5. Nov. 1823.) 
' 3) Vgl. § 643, S. 188. 



60 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800 — 1873. 

in der portugiesischen Armee; XXVIII, S. IST, in der dänischen; XXV, 
S. 215, in der Provinz Antwerpen). 
In seinen 

Recherches statistiques sur la nature et les causes des 
Maladies oculaires observees en Belgique, et en particulier dans 
la province de Brabant, Rapport adresse a M. Liedts, Gouverneur 
du Brabant, Bruxelles 1847 (8", 332 S.) 

betont C, daß in der Armee, durch die Bemühungen von Fallot und 
LoisEAU d. V. die Atzung der Granulationen mit dem Höllenstein-Stift sich 
bewähre. Aber sie erfordert einen geschickten Wundarzt. Die bürger- 
liche Bevölkerung sträubt sich gegen diese Art der Behandlung. Cunier 
hat deshalb die Ätzung mit der Höllenstein-Lösung empfohlen; auch die 
mit dem gemilderten Höllenstein-Stift (A. d'Oc. XX, 157): aber 
beide sind weniger wirksam. 

Im Jahre 1849 (A. d'Oc. XXI, 231 f.) kommt C. auf das Verfahren von 
Dr. BuYS, Garnisons-Arzt in Brügge, (aus dem Jahre 1839) zurück'). 

Einige Militär-Ärzte hatten Widerspruch erhoben. Vergleichende Ver- 
suche, von BüYS angeboten, vom Chef des Militär-Sanitätswesens Vleminckxs 
genehmigt, entschieden zu Gunsten des Verfahrens. Ebenso die eigne 
Erkrankung von Cunier, der, bei der Untersuchung eines Auges mit schleim- 
eitriger Entzündung, sich selber angesteckt hatte 2). Conier hat das Ver- 
fahren in 1 00 Fällen mit Erfolg angewendet. Blei-Überkrustungen der 
Hornhaut hat er nicht beobachtet, auch wenn die letztere geschwürig war. 

Der Höllenstein soll nicht aufgegeben werden ; doch ist er in vielen 
Fällen durch das Verfahren von Buys zu ersetzen. 

Der zweite Gegenstand, dem Cunier seine Aufmerksamkeit zuwandte, 
war die Schiel-Operation. (Vgl. § 494, 495.) Sein thatsächliches Ver- 
dienst bestand in der Vernähung der Bindehaut-Wunde bei der 
Operation des Einwärtsschielens, um das häßliche Einsinken der Thränen- 
Karunkel und das Klaffen der Lidspalte zu vermeiden. (A. d'Oc. III, 122, 
V, 135, 200, 266, 95, VI, 49, IX, 30.) Seine Prioritäts-Forderung 
ist gescheitert und wurde von ihm selber aufgegeben. (A. d'Oc. III, S. 1 22, 
126, V, 39, 1. vol. suppl. S. 266, 1842.) 



1) Mit dem Pulver aus essigsaurem Blei. Vgl. § 788. 

2) Auch G. B. QuADRi hatte durch Ansteckung einen Eiterfluß der Augen sich 
zugezogen und wurde durch sein concentrirtes Laudanum geheilt. (§736,^ 
S. 94.) Jeder von beiden lobt das am meisten, was ihm geholfen. 

Durch Ansteckung im Beruf hat Deneffe für zwei Jahre seiner Amtsthätig- 
keit entsagen müssen , ferner Ritterich einen Theü der Sehkraft eingebüßt, 
QuAGLiNO und Waldhauer fast völhge Erblindung erhtten. (§ 802, § 525, S. 325; 
§ 721, S. 43.) 

Zahlreiche Augen praktischer Ärzte sind durch solche Ansteckung ver-{ 
loren gegangen; das hat Jeder von uns beobachtet. (Vgl. z. B. § 816.) 



Florent Cunier. 61 

Von den mehr kasuistischen Mittheilungen C.'s möchte ich einige 
hervorheben, die auch heute noch nicht ihren Werth verloren haben: 
Farbenblindheit, seit 5 Generationen vererbt (I, S. 285 f.); erbliche Mi- 
krophthalmie und Taubstummheit (XIII, 30); Cysticercus unter der 
Bindehaut (VI, S. 271). 

Verdienstvoll war auch Cunier 's »Bemerkung über die Anwendung 
des Atropin, Hyoscyamin und Daturin in der Augenheilkunde« (XVII, 
S. 25—29, 1847), die bereits (in § 482, S. 11) erwähnt und gerühmt 
worden. 

Ferner die systematische Übung sehschwacher Augen mittelst der 
Konvex-Gläser (VII, 82, 1842), die gleichfalls schon (§ 754, S. 62) hervor- 
gehoben worden. 

Weniger bedeutend ist sein Versuch über die Äther-Betäubung bei 
Augen-Operationen. (XVII, S. 205.) 

Cunier liebte es, über neue Verfahren sofort seine eigne Meinung 
der Welt kund zu thun, auch wenn er noch nicht genügende Er- 
fahrungen gesammelt hatte: seine Zeitschrift gewährte ihm ja die Möglich- 
keit der raschen Verr»irentlichung. 

Durch eine hingeworfene Zeile am Schluß einer Lieferung (XXIII, 
S. 248) sucht er sich die Priorität der Anwendung des Tannin bei Augen- 
leiden zu sichern, — wenigstens gegenüber seinen Landsmann Hairion^). 

Als Desmarres {A. d'Oc. XX, 157, 1848) die Herstellung der ge- 
milderten Stifte, aus Höllenstein und Salpeter, beschrieben, fügt 
Cunier eine Note hinzu, daß er selber — schon einige Jahre früher solche 
Stifte habe anfertigen lassen. Aber nicht die nachträgliche Erklärung, 
sondern die Zeit der ersten Veröffentlichung sichert die Priorität; 
diese hat hier Hasner von der Artha (1847)2'. 

Bezüglich der Priorität des Lidsperrers bleibt eine Lücke be- 
stehen: es ist mir nicht gelungen, die Zeit festzustellen, wann der von 
Kelley-Snow'den veröffentlicht ist. (§ 645.) 

Der von Cixier, welcher an den von Lisardi sich anlehnte und an einer 
Pinzette befestigt war, ist von Cunmeh selber in den A. d'Oc. IV, S. 27, Okt. 
1840, abgebildet (s. Fig. 4) und folgendermaßen beschi'ieben worden: 

>Mein Speculum, wie das von Lisardi, besteht aus einem eiförmigen Ringe, 
dessen oberer Arm doppelt ist 3). 

.... Aber, statt auf einem Handgriff mit Schraube angebracht zu sein 
und aus einem Stück zu bestehen, setzt sich mein Speculum aus zwei krummen 

1) Vgl. §812. 

2) Vgl. § 592, XIII, S. 212. 

3) Die folgenden Worte sind unklar: sa division posterieure plus elevee 
refoule la peau palpebrale sous l'orbite; l'inf örieure, moins elevee, s'oppose ä 
ce que la peau intrasourciliaire en se rabatte en avant. Vielleicht ist antörieure 
zu lesen. 



62 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800 — 1875. 



Klappen (valves) zusammen, die an ihren Enden sich berühren und von denen 
die untere befestigt ist an dem einen der beiden Arme einer Druck- und Feder- 
Pinzette : indem man die letzte zusammendrückt, entfernt man die beiden Seg- 
mente des Ringes . . . Ein Zahn-Kamm ist an dem einen Arm befestigt und 
geht durch den andren« . . . 

Im Jahre 1841 spricht Cunier (A. d'Oc. VI, 271) von Kelley-Snowden's 
Lidsperrer. Dieser besteht ja aus einem gebogenen Draht, ohne Stiel oder 
Handgriff. (Fig. 8 und 9.) 

Im Jahre 184 3 erklärt F. Cunier, daß das Speculum ihm angehöre und 
von Kelley-Snowdex nur modificirt sei. 

(Mon speculum, tel qu'il a ete modifie par M. Kelley-Snowdex. A. d'Oc. 3* 
vol. suppl., S. 295.) 

Das Instrument, welches er daselbst abbildet, gleicht der Fig. 9 ; nur hat 
es außer dem End-Bälkchen noch ein zweites, an der Mitte des Lidbogens. 
A. d'Oc. IX, S. 31, 18 43, sind die oben erwähnten Worte und die Figur 
wiederholt. A. d'Oc. VII, S. 135, 1842, wird von Dr. van der Broeck diese 
Modifikation Hrn. Luer zugeschrieben und auch hervorgehoben, daß Cunier sein 
ursprüngliches Modell nach Art einer Zuckerzange abgeändert hatte. 

Eis. 4. 




Wir können also Hrn. Cunier nicht beistimmen. Lidsperrer mit Hand- 
griff und veränderlicher, stellbarer Spreizung waren schon seit Cheselden 
bekannt. (Fig. 6.) 

Selbsthätige Spreizer, ohne Handgriff, aus einem federnden Draht, 
dürften von Kelley-Snowden herrühren. 



Gumer's größtes Verdienst war zweifellos die Gründung der An- 
nalen; mit Eifer und Beharrlichkeit hat er die Zeitschrift fortgeführt, bis 
der Tod ihn zwang, die Feder niederzulegen. 

Er besaß alle Fertigkeiten für dieses Unternehmen: einen flüssigen 
Stil, Anpassungs-Fähigkeit an fremde Menschen und Verhältnisse, — sogar 
an Gegenstände, die er wissenschaftlich nicht recht beherrschte ; er hatte 
geschäftliche Gewandtheit, wie er sie in der Versuchs-Reise durch Frank- 
reich und in der Aussetzung von Preisen') für die Bearbeitung von wich- 
tigen Kapiteln der Augenheilkunde (Star, Glaukoma) bewiesen. 

Dagegen waren ihm in minderem Grade die höheren Eigenschaften 
zu Theil geworden: Pünktlichkeit, Sachlichkeit, Unparteilichkeit 2). 



1) § 520, § 540, § 548. 

2) Vgl. § 494. 



Florent Cunier. 



63 



Fig. 5. 




Ambroise Pare's 
Speculum oculi. 



Fig. 6. 





Das Instrument von Cheselden. 



Fig. 7. 




Fig. 8. 



Fig. 9. 



Fig. 10. 





64 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800 — 1875. 

Sein Benehmen gegen Dieffenbach verdient die härteste Verurtheilung. 
Gegen seinen Fachgenossen und hauptsächlichen Mitstreber, den Prof. van 
RoosBROECK zu Gent, hat er in den Annalen von ihrem ersten Beginn an einen 
nörgelnden Kampf eröffnet, dem der Angegriffene ein eisiges Schweigen 
entgegen setzte. 

F. GüNiER verschmäht es auch nicht, mit fremdem Kalbe zu pflügen. 
In einem stolzen Leitartikel vom Mai 1840 (A. d'Oc. III, S. 77 — 79) wird 
die Priorität der drei Reflex-Bilder Hrn. Sanson genommen und Hrn. Pur- 
kinje zuertheilt; aber mit keiner Silbe erwähnt, daß diese Priorität soeben, 
Okt. Nov. 1839, (in v. Ammon's bekannter Monats-Schrift II, S. 478) von 
Prof. Rau verölTentlicht und vom Herausgeber (F. v. Ammon) durch Hinzu- 
fügung von Purkinje's eignen Worten ergänzt worden war. Dies Citat 
V. Ammon's beginnt mit zwei zur Sache belanglosen Sätzen, die aber 
Hr. CuNiER getreulich abgeschrieben hat. Er verließ sich, wie so viele 
nach ihm, auf die für das französische Sprachgebiet so bequem erweisliche 
Unkenntniß der deutschen Literatur. 

Zusatz: Die Schiel-Operation 

fand von vorn herein in Belgien große Beachtung. 

Schon am 7. Juli 1840 hat die ärztliche Gesellschaft zu Gent eine 
Erörterung der neuen Operation veranstaltet, die sehr lebhaft war^). 

Von Bearbeitern der Schiel-Operation, von denen auch Verbesserungen 
eingeführt wurden, nenne ich 

1. F. CüNiER, von dessen Verdiensten ich soeben gesprochen. 

2. Jules Gü^rin-' (am 11. März 1801 zu Boussu in Belgien geboren, 
am 25. Jan. 1886 zu Hyeres gestorben,) hat 1826 den Doktor zu Paris 
erworben und wirkte daselbst einerseits als Orthopäde, mit solchem Erfolge, 
daß er 3 Mal den Monthyon-Preis gewann; andrerseits als Journalist, indem er 
1830 die Gazette medicale de Paris gründete und 40 Jahre lang mit größtem 
Erfolge leitete: er gilt für den Urheber des medizinischen Feuilletons. 

GuERiN hat schon Okt. 1840 die subkutane Muskel-Durchschneidung 
gegen Schielen empfohlen und erzielte (seit Sept. 1841) durch die Faden- 
Operation Heilung der von Andren bewirkten Sekundär-Divergenz ^j. 

3. Charles Philips^), geb. 1811 zu Lüttich, wurde daselbst Doktor, 
prakticirte zuerst in seiner Vaterstadt, verweilte von 1834 an in Paris, 
von 1839 an in Berlin bei Dieffenbach und ging 1840 nach Petersburg, 



1) § 493, S. lai. 

2) Biogr. Lex. II, 688 und VI, 830. 

3) Vgl. § 493, S. 123, woselbst seine Abhandlungen angeführt sind. Sein 
Memoire sur Tetiologie generale du Strabisme ist 1843 in zweiter Auf- 
lage erschienen. — Vergeblich versuchte er, gegenüber Donders und A. v. Graefe 
die Priorität für den Astigmatismus und die musculäre Asthenopie zu 
behaupten. (A. d'Oc. XLVIII, S. 296— 310, 1862.) 

4) Biogr. Lex. IV, 5S7. 



Die Schiel-Operation in Belgien. — Joseph Boscli. 65 

woselbst er 300 Schielende operirt haben soll. Im Jahre 1841 erschien 
seine Sonderschrift Du strabisme. Seine Darstellungen sind voll Be- 
geisterung und nicht immer rein sachlich '). 

§ 794. 2. J. J. Joseph Bosch (1794—1873)2), 
geboren zu Maestricht, studirte zu Douai, Straßburg und Paris, wurde 1815 
Dr. der Heilkunde zu Leiden, war 20 Jahre lang Haupt- Wundarzt des 
Krankenhauses zu Maestricht, Prof. der Geburtshilfe und Lehrer der Ana- 
tomie und Chirurgie. Im Jahre 1826 hat B. zu Sneek in Friesland voll 
Tliatkraft und Aufopferung die Typhus-Epidemie bekämpft. Er war nach- 
her wirklich »der Dupuytrex von Limburg«. 

Leider ließ er sich durch seine Familie verleiten, 1838 die Verwaltung 
einer Zucker-Fabrik zu übernehmen: nach fünf Jahren hatte er nicht nur 
sein Vermögen verloren, sondern sogar eine gewaltige Schulden-Last sich 
aufgeladen. 

So ging er 1 845 nach Brüssel, wo man ihm schon zwei Jahre zuvor zum 
Mitglied der belgischen Akademie gewählt hatte, wurde als beigeordneter 
Vorstand an dem Augenkranken-Institut von Brabant angestellt und 1847 
zum Armen-Arzt ernannt. 

Nach 15 Jahren harter Arbeit, von welcher der grüßte Theil den 
Armen zu Gute kam, hatte er soviel erworben, um sich auf's Land zurück- 
zuziehen. Er ging nach Fauquemont (Ilerzogthum Luxemburg), wo er 
noch eine Sprechstunde für Arme abhielt, und zwei Jahre später nach 
Vaals, woselbst er 1873 gestorben ist. 

J. Bosch war ein tüchtiger Chirurg, um die Rhinoplaslik und Litho- 
thripsie hoch verdient; der Erste, welcher 1847 zu Brüssel die Ather- 
Beläubung ausführte. Die nach dem Tode Cumer's ihm angebotene 
Oberleitung des Augenkranken-Instituts lehnte er ab, da er in seinem 
Alter (von 57 Jahren) dem neuen Aufschwung der Augenheilkunde sich 
nicht gewachsen fühlte, auch die hohe Stellung, die er als Arzt und Wund- 
arzt erworben, einzubüßen fürchtete; blieb aber als zweiter Vorstand an 
dem Institut thätig und nahm Theil an der Herausgabe der Annalen. 

J. Bosch war ein edler, hochsinniger Mann, bescheiden und menschen- 
freundhch. Seine literarischen Arbeiten sind von geringem Umfang. 

Für uns kommen nur drei in Betracht: 

1. Notes sur les maladies oculaires observees dans la classe pauvre 
de Bruxelles. A. d'O. XXIV, S. 95, 1850. 

2. De l'opacite de la capsule crystallinienne. XXX, S. 225, 1853. 

3. Notice necrologique sur Cunier. XXIX, S. 182, 1853. 



1) Vgl. § 492, S. 121. 

2) A. d'Oc. LXXI, 282; van Duyse, S. 48; Biogr. Lex. VI. S. 525. 
Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXIII. Kap. 5 



QQ XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800 — 1875. 

§795. 3. EvARiSTE Warlomont (1830 — 1891)1), 
die Seele der Annalen von 1853 — 1891, war ein hervorragender Jour- 
nalist, kein Gelehrter: über alles wußte er zu schreiben, nicht blos 
über Augenheilkunde, sondern auch über Impfung, über Zulassung fremder 
Ärzte, über die stigmatisirte Louise Lateau^). 

Geboren zu Aubel bei Lüttich, am 26. Nov. 1820, studirte W. zu 
Lüttich, war von 1845 — 1852 Militär-Arzt, — ein Amt, an das er später 
nur mit Mißbehagen sich erinnerte; besuchte die Augenklinik von Cunier 
und erhielt alsbald eine Anstellung an dem Augen-Institut von Brabant zu 
Brüssel sowie die Leitung der Annalen. 

32 Jahre lang widmete er seine Arbeit dem Augen-Krankenhaus, von 
1869 ab als Vorsteher, und fand dann eines Tages (1883), als er von 
seiner Erholungs-Reise zur Mittelmeer-Küste zurückgekehrt war, seinen 
Platz von einem Andren besetzt. 

Schnell entschlossen gründete er das internationale Augen-Institut von 
San Remo, mit Dr. Borbonk, das er bis zu seinem Tode verwaltete und 
das noch heute besteht. 

Die Annalen brachte er zur höchsten Blüthe. 

Am 17. Jan. 1891 ist er zu Brüssel, an Gangrän des rechten Schen- 
kels, verstorben. 

Zu seinen wichtigsten Leistungen gehörte die Anregung zu dem ersten 
internationalen augenärztlichen Kongreß zu Brüssel 1857. Er hat 
auch den Bericht über diesen Kongreß in einem stattlichen Bande (von 
492 S., 1858) herausgegeben; ferner die Berichte über die beiden folgen- 
den Kongresse, Paris 1862 und 1867, sowie eine Übersicht über die Ver- 
handlungen des augenärztlichen Kongresses zu London, 1 872. 

Zu seinen Leistungen von allgemeinerer Bedeutung gehört auch noch 
die französische Ausgabe des Lehrbuchs von Mackenzie, die er mit A. Tes- 
TELiN^) in 2 Bänden 1856/57 veranstaltet hat. (§ 681.) 



1) Biogr. Lex. VI, 1036. (van den Corput.) A. d"Oc. CV, S. 83 f. (J. P. Nuel). 
VAN DuYSE, a. a. 0. S. 68. 

Ich habe W. noch gut gekannt. Er war sehr liebenswürdig; aber in der 
Eitelkeit hat er, selbst für einen Arzt und Zeitschrift-Leiter, das zulässige Maß 
überschritten. Ebenso in seiner Taktlosigkeit gegen Deutschland. (§ 644, S. 181.) 
W. war chauvinistisch und oft sehr ungerecht. (Vgl. A. d'Oc. XXXIX, S. 187.) 

2) Seine Landsleute rühmen ihn, daß er (1874) »die Wahl zwischen Wun- 
der und Betrug bei Seite ließ und auf Krankheit schloß«. Wir denken anders. 
Hat doch auch der Papst 1880 Louisens Beschützer, den Bischof Dumont, als 
irrsinnig abgesetzt. 

3) A. Testelin, 1814 zu Lille geboren, erst Militär-Chirurg, 1837 Doktor zu 
Paris, ließ sich in seiner Vaterstadt nieder. Im Jahre 1849 wurde er in die ge- 
setzgebende Versammlung gewählt, nach dem Staats-Streich des Landes verwiesen; 
1859 amnestirt, nahm er die Praxis zu Lille wieder auf. 1870 Präfekt des Nord- 
Dep., 1871 Mitglied der National-Versammlung, 1875 Senator. 



E. Warlomont. P. D. Lebrun. Unterricht u. Prüfung i. d. Augenheilk. 67 

Von seinen yVbhandlungen sind die Kompilationen — Cataracte, 
Ciliaire (muscle), Chalazion, Conjonctive, Lacrymales (voies), Ophthalmie, 
Retine, aus den Jahren 1872, 1873 und den folgenden, in dem Pariser 
Dictionnaire encycl. des sciences medicales, — fast wichtiger, als 
die originalen, da Originalität ihm abging, und dieser Mangel auch durch 
den glänzendsten, journalistischen Stil nicht ersetzt werden konnte. 

Die folgenden Arbeiten W.'s verdienen Erwähnung: 

■1. Pannus und seine Heilung durch Inokulation. A. d'üc. XXXII, ö3, 101. 149, 
1854, und XXXIII, 7. 

2. L'ophthalmie dite militaire ä l'Acad. d. Med. Belgiijue, 1858. (8", 366 S.) 
Vgl. A. d'Oc. XXXIX, S. 193. 

3. Über die sympathische Augen-Entzündung. (Ophth. -Kongreß zu London, 
187-2.) Vgl. dazu noch A. d"Oc. LXXV, S. 29, 187G. 

4. Die Star-Ausziehung, 25 Jahre ihrer Geschichte. A. d'Oc. XCV, S. 5, 1886. 
(Vgl. LXXI, S. 3, 1874.) 

Für-die Geschicht-Schreibung halte W. zu wenig Sachlichkeit und zu viel 
Chauvinismus. »Von A. v. Graefes Verfahren wird bald nichts übrig sein, als das 
Messer; oder auch das nicht einmal. € Vgl. unsren § 353, S. 532. 

Ausgezeichnet sind seine Nekrologe: Roosbi;oeck, Vleminckx, Hairion, Des- 

MARRES, A. V. GUAEI-E, MacKENZIE, CrITCHETT U. A. 

§796. 4. PiEURi; Or-siRfi Lebrun (1836—1900), 
geb. zu Renlies, gest. zu Brüssel. Doktor zu Loewen, besuchte er die 
Kliniken von Sichel, Desmarres, ("uassaignac zu Paris und die von Bowman 
und Critchett zu London. Er wurde Warlomont's Nachfolger in der 
Leitung des augenärztlichen Instituts von Brabant. 

»Im Jahre 1868 hat L., als erster, das Leukosarkom (?) der Iris be- 
schrieben« (A. d'Oc. LX, 197); im Jahre 1875 zur Star-Ausziehung einen 
kleinen Lappenschnitt ohne Iridektomie angegeben, dessen Grundlinie im 
wagerechten Durchmesser der Hornhaut liegt, die Mitte 3'" darunter. 

Im Jahre 1877 sah ich in London, daß G. Critchett i) dies Verfahren, 
welches er Brüssels nannte, öfters ausgeführt hat. 



§ 797. Über Unterricht und Prüfung in der Augenheilkunde 

an den Belgischen Universitäten. 

An den Staats-Universitälen muß der Professor der Augenheilkunde 

noch einen andren Zweig der Heilkunde lehren. Das Gesetz über den 

höheren Unterricht vom Jahre 1876 schreibt eine theoretische und eine 

klinische Prüfung in der Chirurgie nebst Augenheilkunde vor. 

Seit 1890 gehört die Augenklinik zum Lehrplan, die Augenheilkunde 
zum Kurs der chirurgischen Pathologie. 

1) Vgl. § 642. 



68 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1873. 

§ 798. Zu Gent 
wurde die Staats-Universität durch Erlaß des Königs Wilhelm I. der Nieder- 
lande, vom 25. Sept. 1816, mit den vier Fakultäten gegründet i). 

Nach der Revolution von 1830 hatte die neue, reaktionäre Regierung 
alsbald (am 16. Dez. 1830) die naturwissenschaftliche und die philosophische 
Fakultät aufgehoben, wodurch auch die rechtswissenschaftliche und die 
medizinische Fakultät zerstört worden wären, wenn nicht einige aufrechte 
Männer freie Fakultäten eingerichtet hätten. 

Im .Jahre 1835 stellte die Regierung die unterdrückten Fakultäten 
wieder her. 

Den Unterricht in der Augenheilkunde leiteten: 

J. J. VA\ RoosBROECK, 1838 — 1869, 
Victor Deneffe, 1869 — 1899, 
Daniel vax Düyse, seit 1899. 
Physiologische Optik lehrten Joseph Plateau (1801 — 1883), Professor der 
Physik in Gent von 1 835 — 1 87 1 ; und sein Sohn Felix Plateau (1 841 — 1 91 0), 
seit 1 870 Prof. der Zoologie in Gent. 

§799. 1. Jean-Julien van Roosbroeck (1810—1869)^1, 
geboren zu Loewen am 9. Juli 1810, studirte daselbst, gewann den Doktor 
1833, nachdem er schon als Student sehr wichtige Dienste zur Bekämpfung 
der Cholera geleistet, und widmete sich danach in Berlin unter Jüngken, in 
Wien unter Fr, Jager dem Studium unsres Sonderfach, erlangte auch zu 
Wien 1835 die Würde eines Magister der Augenheilkunde^). 

Da die Verwüstungen, welche die granulöse Augen-Entzündung in der 
belgischen Armee anrichtete, um 1834 besonders schlimm hervortraten, 
wandte sich die Regierung an van Roosbroeck, der grade in Berlin bei 
Jüngken weilte, berief den Professor zur Berathung der belgischen Militär- 
Arzte tmd gab ihm den Doktor van Roosbroeck zum Gehilfen. 

Bald danach kam die Regierung zu der Einsicht, daß die Augenheil- 
kunde in Belgien gar zu sehr vernachlässigt worden sei. Ein Lehrstuhl 
dieses Faches wurde 1838 zu Gent begründet, van Roosbroeck damit ver- 
traut, als a. 0. Prof., und ihm eine Augen-Abtheilung im bürgerlichen 
Krankenhaus überwiesen. 

Allerdings ward ihm die Hygiene als Hauptfach auferlegt, später die 



1) Minerva, I, ^Q8, 1911. 

2) A. d'Oc. LXII, S. 81, 1869; van Düyse a. a. 0. S. 107—109; Biogr. Lex. VI, 78. 

3) V.R. war stolz auf diese Errungenschaft und setzte 1843 auf den Titel 
seiner Schrift (3): »maitre es-art ophthalmiatrique«. Sein Kritiker Carron du 
ViLLARDS, der das nicht verstand, machte dazu ein Frage- und ein Ausrufungs- 
zeichen (!?). Übrigens hatte P. Vallez (§ 801) dieselbe Würde am Josephinum 
zu Wien erworben. 



Die Universität Gent. J. J. van Roosbroeck. 



69 



gerichtliche Medizin und ferner noch die Klinik der Kinderkrankheiten 
dazu aufgepackt. 

VAX Roosbroeck zeigte sich allen diesen Aufgaben gewachsen, aber 
die Augenheilkunde blieb sein Lieblings-Fach. Er bewährte sich in der 
Augen-Abtheilung des Hospitals als klinischer Lehrer und als Wundarzt. 



Fi?. 12. 




Jean-Julien van Roosbroeck. 



Im Jahre 1853 wurde ihm die Leitung des Augen-Instituts von Bra- 
bant anvertraut; er nahm sie an unter der Bedingung, daß er nur zwei 
Mal wüchentlicli einen Besuch in Brüssel zu machen hätte, und daß Joseph 
Bosch als beigeordneter Vorstand angestellt wurde. In dieser Arbeits- 
Theilung verwaltete er das Amt bis zu seinem Tode, der am 1. Juli 1869 
erfolgt ist. 

V. R. besaß zwei rechte Hände, die zwar von Natur kurz, aber durch 
Übung, nach den Grundsätzen der Wiener Schule, fest und geschickt ge- 
worden: so vollzog er den unteren Lappenschnitt, am rechten Auge mit 
der linken, am linken mit der rechten Hand, indem er vor dem sitzenden 



70 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875. 

Kranken aufrecht stand; mit großer Geschicklichkeit wirkte er die Pupillen- 
Bildung durch Ablösung der Iris. Die Heilung des dicken Pannus durch 
Einimpfung des Eiterflusses hat er von Fr. Jäger aus Wien nach Belgien 
gebracht. 

Liste der Arbeiten van Roosbroeck's. 

1 . Amaurose produite par une tumeur cerebriforme comprimant le corps stri6 
et les couches optiques. Observat. möd. b. 1834. (4 S.) 

2. Coup d'o?il sur Toperation de la pupille artificielle. Arch. möd. beige, Brux. 
1840. (97 S.) 

3. Precis de I'ophthalmie purulente des nouveaux-nös. Bruxelles 1843. (12°, 
IX und 159 S.) Nicht für die gebildeten und Fach-Ärzte, sondern zur Ver- 
theilung an die kleinen Landärzte und Hebeammen bestimmt. (Herb be- 
urtheilt von seinem Gegner Carron du Villards, A. d'Oc. XIII, S. 136.) 

4. Resultat d'une mission ophthalmologique. A. d'Oc. XX, S. 118, 1848. Im 
Auftrag des Ministers der Justiz mußte v. R. sich in die Haupt-Orte einiger 
Provinzen begeben, die armen Blinden untersuclien, die operablen auch 
gleich operiren, die Nachbehandlung den Ärzten des Orts überlassen. Von 
107 Star-Blinden haben 97 die Sehkraft wieder erlangt. 

5. LeQons cliniques sur le pannus. A. d'Oc. XXIX, S. 262, 1853. 

6. Resultat de quelques recherches sur les ophthalmies contagieuses. A. d'Oc. 
XXX, 44, 171, 1853. 

7. Inflammation du corps ciliaire. A. d'Oc. XXXII, S. 230, 1854. (3 bis 7 aus 
seinem Lehrbuch.) 

8. Considerations sur la myopie. A. d"Oc. XLV, S. 130—178, 1861. Eine ver- 
dienstvolle Arbeit. 

»Die Kurzsichtigkeit ist, in der großen Mehrzahl der Fälle, nicht 
ein physiologischer Zustand des Auges, sondern die Folge einer Ver- 
längerung der Seh-Achse, welche durch ein hinteres Slaphylom her- 
vorgebracht wird.« .... »Jede Kurzsichtigkeit, die nach dem gewöhn- 
lichen Termin (dem .30. Jahre) fortschreitend bleibt, muß als schlimm 
für die Zukunft betrachtet werden.« . . . 

»Es ist nützlich für die Kurzsichtigen, die zur Fernsicht passenden 
Brillen zu tragen; nur bei sehr starken Graden etwas schwächere.« 
Man muß durch Hygiene der Arbeit und der Beleuchtung den Fort- 
schritt der Kurzsichligkeit zu verhüten suchen. 
V. R.'s Hauptleistung ist das Lehrbuch, das wir im folgenden Paragraphen 
betrachten wollen. 

§ 800. Lehrbücher der Augenheilkunde, von belgischen Ärzten. 
1 . Cours d'ophthalmologie enseigne ä l'Universite de Gand ou Traite 
theorique et pratique des maladies des yeux, par J. van Roosbroeck, chev. 
de Tordre de Leopold, Medecin-Ocuhste de S. M. le Roi des Beiges, chir. 
titulaire de l'höpital et des hospices civils de Gand, prof. a l'Univ. de la 
meme ville etc. Gand 1853. (2 B. 8», 1340 S.) 

Das erste, von einem Belgier geschriebene Lehrbuch der Augenheil- 
kunde machte gerechtes Aufsehen. A. Testelin ') hat sofort eine ausführ- 

\) § '95. 



Lehrbücher der Augenheilk. I. Das von J. J. van Roosbroeck. 71 

liehe Beurlheilung in den A. d'Oc. (XXX, S. 237—244) verüffenllicht; aber 
er war seiner Aufgabe nicht vüHig gewachsen. 

Er lobt -wohl mit Recht v. R.'s Standpunkt, daß die Krankheiten des Auges 
denen der übrigen Theile des Körpers entsprechen, daß die Behandlung der 
Augenkrankheiten auf den gleichen Grundsätzen, wie die der übrigen Theile be- 
ruhen müsse. 

Er tadelt aui:h mit Recht den Vf., daß er, »in Folge seiner deutschen 
Ausbildung«, im Auge ein Miniatur-Bild des Organismus sehen, in ihm ein Ana- 
logon der drei großen Kurper-Höhlen finden wolle. Aber, wenn er ihm 
eine ganz eigne Eintheilung der Augenkrankheiten zuschreibt, in Mor- 
phosen, Ilämatosen, Neurosen; so enthüllt er seine Unbekanntschaft mit 
den wichtigsten Lehrbüchern deutscher Sprache: dies ist ja die Eintheilung, 
welche Theodor Ruete ^), gestützt auf die Lehren der naturhistorischen Schule 
des großen Klinikers Lucas Schonlein, seinem bekannten Lehrbuch vom Jahre 
1845 zu Grunde gelegt hatte. 

Rcete's Namen sind: Ilämatonosen oder Krankheiten des BluUebens 
(von a'tua, Blut, und i'öoog, Krankheil ; Neuronosen oder Krankheiten des 
Nervenlebens (von rtUQO)', Nerv); Morph onosen oder Krankheiten der Form 
und Bildung (von iioQ(f)]j Gestall). 

Die Namen v. R.'s (Morphosen, Ilämatosen, Neurosen), die übrigens auch 
auf Schöxleix's Schule zurückgehen, sind nicht gut gewählt: udgcfcoaig heißt 
die Gestaltung; cuuürvjai'^ die Verwandlung in Blut (Galen); Neurosis ist von 
CiLLEX für »Nervenleiden eingeführt worden. 

(Jedenfalls hätte "Warlomont's Wort-', v. R.'s Buch sei nicht ein ab- 
solut originales Werk •, auf den bescheidenen Vf. selber einen sonderbaren 
Eindruck hervorgerufen. Er wäre zufrieden gewesen mit dem, was wir ihm 
zugestehen, — einige eigne Gedanken entwickelt, einige treffliche Abschnitte 
geliefert zu haben.) 

Wenn Testelix schließlich dem Werk einen gerechtfertigten und dauer- 
haften Erfolg vorhersagt (Okt. — Nov. 1853); so beweist dies, daß die 
Morgendämmerung der neuen Zeit des Augenspiegels für ihn noch nicht auf- 
gegangen war-^), ebenso wenig wie dem Vf. selber, dessen Vorrede vom April 
1853 datirt. 

Ganz im Gegentheil zu Testelix finde ich, daß vax Roosbroeck's Lehrbuch 
keine Zukunft haben konnte; es theilte das unglückliche Schicksal, schon 
veraltet zu sein, ehe es fertig geworden, mit den meisten Lehrbüchern, die 
in diesem so ungeheuer rasch fortschreitenden Zeitabschnitt erschienen sind, wie 
z. B. die 2. Auflage des Werkes von Whartox Jones (1855), das Lehrbuch von 
Ph. v. Walther (1849), das von Cappelletti (1 845 — 1850), — ein Schicksal, 
von dem nur diejenigen Werke jener Zeit einigermaßen verschont geblieben sind, 
welche durch eigne, ursprüngliche Forschungen auf den schon früher zu- 
gänglichen Gebieten sich auszeichnen, wie die von Desmarres und von Hasner 
aus dem Jahre 1847, vollends das von F. Arlt (1831 — 1856), der schon mit 
Kräften sich bemühte, die neuen Errungenschaften zu bemeistern. 



\) § 483. Vgl. Übrigens § 777. (Werdmüller.) 

2) A. d'Oc. XLI, S. 85, 1869. 

3) Man vgl. die zweite Auflage des RuETE'schen Lehrbuchs, dessen Vorrede 
gleichfalls im April 1833 geschrieben ist. 



'1 

72 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875. ! 

In der That, wo wird das umfangreiche Lehrbuch van Roosbroeck's heut- 
zutage noch angeführt? Es ist so, als wäre es nie geschrieben worden. 

Wenn ich selber nunmehr daran gehe, den Inhalt dieses Lehrbuchs 
auseinander zu setzen, — mir stand das prachtvoll gebundene Exemplar 
2ur Verfügung, das der Vf. dem Generalstabsarzt der preußischen Armee 
Dr. Grimm verehrt i) hatte; — so möchte auch ich die anatomische Be- 
schreibung des Seh-Organs, womit der Vf. beginnt, gebührend loben: sie 
ist ausführlich genug (auf 168 S.), recht genau und gut lesbar. 

Hierauf giebt v. R. die Unterabtheilung seiner ersten Klasse, der Mor- 
phosen: 

1. Dysmorphosen, angeborene, 2. Hypertrophien, 3. Atrophien, 4. Ek- 
tasien, 5. Stenosen, 6. Ektopien, 7. Adiaphanosen ^), Verdunklungen, 8. Ver- 
letzungen. ■ 

Die Regel, die er selbst gesetzt, genau befolgend, handelt er nunmehr 
von den angeborenen Fehlern des Augapfels, der Orbita, der Lider, der 
Thränendrüse, der einzelnen Theile des Augapfels. 

Dann folgen die Hypertrophien; bei den Pseudohypertrophien auch 
der Hydrops, die Geschwülste. Danach die Atrophien des Augapfels, der 
verschiedenen Augentheile, der Hornhaut, der Lederhaut, der Iris und Ader- 
liaut, der Netzhaut. 

Man kann nicht behaupten, daß dieses Aneinander-Reihen der Gegen- 
stände zweckmäßig sei. Dabei ist es für den Studenten fast ebenso schwierig, 
die Hauptsachen zu behalten, wie für den angehenden Praktiker, in einem 
zweifelhaften Fall die Diagnose aus dem Buch zu schöpfen. 

Allerdings, die Darstellung der einzelnen Krankheits-Zustände ist 
einfach und klar, durch mikroskopische Untersuchungen und klinische Er- 
fahrungen gestützt. Besonders eingehend finde ich die Erläuterung der 
krebsigen Augenleiden. Unter dem Namen des Augapfel-Krebses 
vereinigt v. R. die beiden Formen, die wir als Netzhaut-Markschwamm > 
der Kinder und als melanotisches Aderhaut-Sarkom der Erwachsenen heute 
von einander trennen, und die auch um die Mitte des 19. Jahrb. schon 
von Vielen getrennt worden waren. 

Wegen der schlechten Prognose der Operation möchte v. R. den Ein- 
griff ganz unterlassen, will ihn aber doch für gewisse Fälle beibehalten. 

Unter den Stenosen ist die wichtigste die Atresie der Pupille. Sehr 
genau ist die Darstellung der Pupillen-Bildung. Offenbar hatte v. R. eine 
reiche Erfahrung auf diesem Gebiet. Er betont, daß die Operation nur 
dann erfolgreich gemacht werden könne, wenn A^orderkammer besteht. Die 



1) Gewidmet war v. R.'s Buch seinem Könige, wie dies einst zur Zeit der 
großen Araber üblich gewesen. 

2) Diese Wortbildung, die auf liiucpavin (durchsichtig; zurückgeht, ist un- 
möglich. 



Das Lehrbuch von J. J. van Roosbroeck. 73 

Iris-Zorschneidung durcli Lederhaut-, ebenso wie durch Ilornhaut-Stich 
oder Schnitt hat nur wenige Erfolge geliefert, v. R. macht die Iridekto- 
mie, nach Beer, wo sie ausführbar ist; die Operation von Wenzel, wenn 
gleichzeitig Linst-ntrübung besteht; die Ablösung der Iris nebst Aus- 
schneidung (h-idektome-Dialysis), wenn nur ein kleiner Theil der Hornhaut 
durchsichtig geblieben. 

Bei der Schiel-Operation zeigt v. R. sich als trefflicher Wundarzt: 
er gebraucht nur eine einfache Pinzette und eine grade, vorn abgestumpfte 
Schere. In mehr als 600 Fällen hat er kein Unglück erlebt. 

Von den Adiaphanosen sind zwei Abschnitte bemerkenswerth, der über 
Pannus und der über Star. 

Gegen den hartnäckigen Pannus empfiehlt v. R. erstlich einen tiefen 
Einschnitt in die Augapfel- Bindehaut rings um die Hornhaut, der alle Blut- 
gefäße trennt, danach Atzung dieser ganzen Rinne mit der feinen Spitze 
des Hüllenstein-Slifies, so daß die beiden Enden aller durchtrennten Blut- 
gefäße vom Brandschorf eingehüllt sind i). Die Oberfläche des Auges wird 
mit einer Schicht feinen Öls bedeckt. Am folgenden Tag sieht das Auge 
schrecklich aus; aber, unter kalten Umschlägen, klingt die Entzündung 
ab: die Hornhaut wird durchsichtig. 

Noch wirksamer ist die Inokulation, nach Fr. Jäger; v. R. nimmt 
Eiter von Neugeborenen, von militärischer oder von gonorrhoischer Oph- 
thalmie oder aus — der Urethra und pflegt den Kranken gegenüber den 
Eingriff als hiipfung (Vaccination) zu bezeichnen. Bei mehr als 100 Fällen 
wurde vollständige Heilung des Pannus erzielt. Nur in zwei Fällen, wo 
das andre Auge ein Hornhaut-Geschwür hatte, und di<' Bindehaut-Eite- 
rung zufällig diesem sich mittheilte, trat Durchbohrung der Hornhaut ein. 

Der zweite Abschnitt betrifft den Star. v. R. zieht die Ausziehung 
durch unteren Lappenschnitt vor, verwirft nicht ganz die Niederlegung, 
läßt die Discission (broiement) nur für weiche Stare zu. 

Die Besprechung des Glaukomes bietet nichts besonderes, die der 
Verletzungen ist ziemlich kurz. 

Bei den Hämatosen unterscheidet v. R. nur zwei Unterarten, die 
Phlogosen oder Entzündungen und die Hämasthenosen^), d. h. Krank- 
heiten durch Auflösung des Blutes oder Schwäche des Kreislaufes (Skor- 
but ^\ Chlorose). 



i] Diese Operation ist Vorläufer von Fürnari's Tonsura conjunctivalis 
mit Ätzung der bloßgelegten Lederhaut, aus dem Jahre 4 862. Vgl. § 280 (S. 272) 
und § 737, IIL 

2) V. R. leitet dieses Wort ab von cdua, Blut, und ccßf^ei'io), schwach sein; er 
hat keine glückliche Hand in diesen Wortbildungen. Hämasthenie müßte es wenig- 
stens heißen. 

3) V. R. hat diese Erkrankungen nicht beobachtet, sondern den Schilde- 
rungen von Dr. Thieliianx, Ass. am Hosp. Peter Paul zu St. Petersburg, entlehnt, 



74 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800 — 1875. 

Die Entzündung des Auges wird erst im Allgemeinen betrachtet, 
nach Zeichen, Ursachen, Behandlung; dann folgen die Entzündungen nach 
ihrem Sitzen in den verschiedenen Theilen des Auges, Conjunctivitis, Kera- 
iitis, Iritis, Cyklilis, Chorioiditis, Retinitis, Ophthalmitis, d. h. Entzündung 
des ganzen Augapfels: hierauf werden noch die Entzündungen des Auges 
nach ihren Ursachen abgehandelt, die traumatische Ophthalmie, die ka- 
tarrhalische, rheumatische, skrofulöse u. s. w. Auch diese Anordnung ist 
nicht sehr glücklich. 

Aber ein guter Abschnitt ist der von den ansteckenden (eitrigen) 
Augen-Entzündungen. Die Ansteckung erfolgt meist durch direkte Über- 
tragung des Eiters; aber die durch die Atmosphäre will v. R. nicht ganz 
leugnen. Er besteht auf der Einhei-t der ansteckenden Augen-Entzün- 
dungen. Bei der akuten Form empfiehlt er im Stadium der Hydrorrhöei) 
die Antiphlogose und sehr bald die Einträullung von Hüllen stein- 
Lösung (0,1 — 0,2:30), stündlich oder halbstündlich; bei der Phlegmato- 
rhöe steigert man die Stärke der Lösung (auf 0,2 — 0,3 : 30); bei der Pyo- 
rhüe auf 0,75 — 1,0:30 und pinselt damit die ganze Bindehaut ein, die 
der Lederhaut so gut wie die der Lider: was man mehrmals täglich wieder- 
holt. Nach einem oder zwei Tagen bemerkt man eine beträchtliche Ände- 
rung in den Erscheinungen der Krankheit. 

Bei der chronischen Form muß man die Granulationen nicht zerstören, 
sondern auflösen. Hiezu paßt der Tannin-Schleim von Hairion (1 : 15) oder 
die Silber-Lösung von 1 : 30,0, jeden Tag angewendet, oder das essigsaure 
Blei nach Buys. 

Für die Augen-Eiterung der Neugeborenen sei Weißfluß der 
Mutter die häufigste Ursache, aber nicht die einzige. Die Verhütung ist 
wichtig. (Sofortiges Waschen der Augen des Neugeborenen mit Chlorkalk- 
oder Sublimat- Lösung.) Zur Behandlung genügt Tannin-Schleim oder 
Höllenstcin-Einträuflung (0,1—0,2 : 30,0). 

Die gonorrhoische Oplithalmie entsteht durch Kontagion, aber 
auch durch Sympathie und durch Metastase. 

Ein junger Mann zeigte in 6 Jahren 5 mal Ausfluß aus der Harnröhre 
für einige Tage, dann plötzliches Aufhören desselben, gleichzeitig Schwel- 
lung der Bindehaut der beiden Augen, die schrecklich aussieht, aber am 
nächsten Tage geheilt ist, während schmerzhafte Schwellung beider Knie- 



auf die wir in einem späteren Abschnitt (§ 888) zurückkommen werden. Der damals 
(•1833) in Belgien lebende Franzose Dr. Testelin, später (1875) Senator der fran- 
zösischen Republik, schrieb in den A. d'Oc. (XXX, S. 246, 1853) das folgende: 
»Esperons que nous n'observerons jamais non plus ces tristes accidents qui sont 
actuellement speciaux ä la Russie, cette terre classique du despotisme et de la 
barbarie, qui, il faut bien l'espörer, ne prevaudront jamais plus en Europe.« 
1) Vgl. über diese Namen und Begriffe den § 486. 



II. Das Lehrbuch von Vallez. 75 

gelenke ihn an"s Bett fesselt, und zwar für 1 — 2 Monate. (Natürlich ist 
dies eine metastatische Entzündung.) 

»JüNGKEN war überzeugt, daß der Herd der Augenkrankheit in der 
Armee sich befände, und rieth (1834) alle Granulösen in ihre Heimat zu 
entlassen . . . Die Folgen waren nicht glücklich . . . Nach einem Jahre 
verlangte der General-Inspektor Vleminckx die Zurücknahme dieser Maß- 
regeln und die Vereinigung der Granulösen in Sammelplätzen, unter be- 
sondrer Überwachung. Man bewilligte diese; verbot aber, die kranken 
Augen anzurühren. Mit Thatkraft setzte Vleminckx die Behandlung durch. 
Sämmtliche Hogiiuents-Arzte wurden nach Namur gesendet, um die rich- 
tige Behandlung (mit dem Hüllenstein-Stift) bei den Doktoren Fallot und 
LoisEAu kennen zu lernen. Dann wurden die Sammelplätze aufgehoben, in 
jedem Truppenkürper eine Stolle für die Behandlung der Granulösen ein- 
gerichtet, nur die akuten Fälle den Hospitälern überwiesen. So steht es 
noch heute (1853). Die Ophthalmie ist nicht erloschen, aber erheblich ver- 
ringert. Es giebt Regimenter (z. B. das der Ingenieure) ohne einen einzigen 
Granulösen.« 

Im 3. und letzten Kapitel, dem der Neurosen, werden di(^ Lähmungen 
der verschiedenen Nerven schon ziemlich genau beschrieben, die des Tro- 
chlearis nach Szokalski. 

Einen großen Abschnitt bildet die Lehre von den Amaurosen, die 
erst nach ihrer Natur, ob sie sthenisch, asthenisch oder organisch sind; 
dann nach ihrem ursprünglichen Sitze, ob in der Netzhaut, im Sehnerv, 
im Gehirn, Rückenmark, in den Ganglien des Unterleibs, im Trigeminus; 
und endlich nach ihrer l'rsache unterschieden werden, — schier endlose 
Theilungen, wie sie vor den Ergebnissen des Augenspiegels üblich gewesen. 

§ 801. 2. Traite theorique et pratique de medecine oculaire, compre- 
nant l'historique de l'ophthalniologie, l'anatoraie descriplive, la phjsiologie, l'hj- 
gione, la palhologie et la therapie des parties Constituantes de Iceil; par P.-J. 
Vallez, Doct. cn med., en chir. et accouch. de l'Univ. de Louvain ; Maitre-es- 
art ophthalmiatrique de l'Ac. J. R. de Vienne; Ancien chef de clinique oculaire 
ä Paris; Med. chir. de Tinstitut. ophlh. gratuit a Bruxelles; Med.-oculiste de la 
Societe St. Vincent-de-Paul; Membre des Soc. de med. de Gllrne, de Boom, 
d'Anvers . . . etc. Bruxelles 1853. (590 S.) 

Über das Leben und Wirken des Vf.s kann ich nichts melden; die zu- 
gänglichen Quellen versagen: auch van Duyse schweigt vollständig. Hairion hat, 
in s. Bericht an die K. Akademie von Belgien, über die augenärztliche Thätig- 
keit in Belgien von 1841 — 1866, unter den Förderern der Augenheilkunde auch 
unsren Vallez genannt. 

Aus der Vorrede von V.'s Lehrbuch (2.) ergiebt sich, daß er Paris, Rom, 
München, Prag, Leipzig, Wien, Berhn, Leiden und London besucht hat. In der 
Vorrede seines zweiten Buches (2 a, 1838) hat er noch Venedig, Hamburg, 
Amsterdam hinzugefügt und erklärt, daß die Augenheilkunde stets seine Spezia- 
lität gewesen, daß er die empfangenen Lehren in seinem Vaterland seit 2 4 Jahren 



76 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800— -1875. 

den Mitbürgern zur Verfügung gestellt. Seine Klinik werde jährlich von iOOO 
bis 1200 Kranken besucht und diene auch zum klinischen Unterricht, den er 
einigen Ärzten auf ihr Verlangen ertheile. 

Sein Werk i) über Augenheilkunde stand mir zur Verfügung in demjenigen 
Prachtbande, welchen der Vf. dem König von Preußen 2) verehrt, und der vom 
König am 6. Nov. 1854 der Bibliothek des med.-chir. Friedrich-Wilhelms-Insti- 
tuts geschenkt worden. 

Das Buch ist eine unbedeutende Kompilation, — er sagt es ja selber, »wir 
haben es gemacht wie die Biene, Honig saugend von Blume zu Blume« ^). Als 
eigen nimmt er in Anspruch die Ordnung des Stoffes. Darin hat er Recht. 
Dem Anfänger war die anatomische Eintheilung bequem und faß- 
lich. 

V. beginnt mit einer Skizze der Geschichte unsres Faches (4 S.), — diese 
ist lächerlich. Dann folgt eine kurze Anatomie und Physiologie des Seh-Organs, 
sowie eine Hygiene. Sehr ausführlich ist das Kap. XIl, über die Ophthalmo- 
skopie. 

Dies Wort bedeutet aber, im Sinne von Himly^' (1806) die systematische 
Untersuchung des ganzen Auges. Der Augenspiegel von Helmholtz aus dem 
Jahre 18S1 wird von Vallez in seinem Buche aus dem Jahre 18 53 überhaupt 
nicht genannt. 

Bei der Behandlung der Augenkrankheiten erwähnt V. den Höllenstein 
und »eine neue Art der Ätzung mit dem Stift, durch ein Streifchen Musselin 
hindurch, das nöthigenfalls vorher befeuchtet wird« ^i. 

Die Beschreibung der Augenkrankheiten erfolgt nach anatomischer Ord- 
nung: Zuerst kommen die Krankheiten der Bindeliaut, die einfache Conjuncti- 
vitis, die papulöse (lymphatische), die papilläi-e (katarrhalische), die purulente. 

Danach folgen die Krankheiten der Ledei'haut, der Aderliaut, der Netzhaut, 
der Hornhaut, Iris, Linse, des Glaskörpers, des ganzen Augapfels (Phlegmone, 
Glaukoma). 

Endlich kommen angeborene Fehler, Nervenkrankheiten des Seh-Organs, 
Brillen, die Schwindeleien der Rekruten. (Les subterfuges des conscrits) *". 

Wie der Anfang, so ist auch der Schluß lächerlich, — eine Liste von ge- 
wiß 400 Ärzte-Namen, ohne Hinzufügung, für welche Entdeckung oder Thatsache 
sie citirt werden: Bartisch und Hippocrates sind genannt, Helmholtz und Dox- 
DERS fehlen. 

Die Chirurgie des Auges ist nicht behandelt. Diese hat der Vf. einem be- 
sondrem Werke vorbehalten : 



1) Gewidmet dem Grafen von Lannoy, Haushofmeister des Herzogs von 
Brabant. 

2) Die Sendung des Buches an den Kaiser von Rußland brachte dem Vf. den 
Stanislaus-Orden ein, wie er selber (2a, XVII) mit Entzücken bekannt hat. 

3) Diese Redensart findet sich schon in der Einleitung des Werks von 
Paulus Aegineta, von Ali b. Isa und bei andren. 

4) § 482, S. 13. 

ö) Dies Verfahren hatte er in einer besondren Schrift (Xouvelle methode de 
guerir Tophthalmie purulente . . ., 1846) beschrieben. Dasselbe hat in den A. d'Oc. 
(1846, XVI, S. 134) die folgende Beurtheilung (von Henrotay) erfahren: >Wenn 
Hr. V. nichts besseres uns vorschlagen konnte, hätte er seine Schrift nicht schreiben 
sollen.« 

6) Der Dienst lastete auf den ärmeren Klassen. 



Die Augen-Chirurgie von Yallez. 77 

2 a. Traite Iheorique et pratique de la Chirurgie de ra?il et de ses depen- 
dances, par P. J. Vallez, Chev. de l'Ordre J. A. de St. Stanislas, Docteur . . . 
Prof. particulier de clinique et de Chirurgie oculaires ä Bruxelles . . . Bruxelles 
1S58. 42 S. »'. 

Auch für diesi's Werk konnte ich dasjenige Exemplar benutzen, das der 
Vf. dem König von Preußen gesendet hatte. 

In der Vorrede erkläi-t V., daß sein neues Buch die Ergänzung des 
alten darstelle, und daß unter den belgischen Ärzten ihm die Pflicht aufgelegen 
hätto, dasselbe zu veröffentlichen. »Der Erfolg, den das erste Werk in der 
•wissenschaftlichen Welt gewonnen und ganz besonders das Zeichen hohen Wohl- 
wollens, das es ihm von Seiten des Russischen Kaisers eingetragen, gehören zu 
den Haupt-Ursachen, die ihn zur Yerötlentlicliung des zweiten veranlaßt haben.« 

Das letztere zerfällt in 3 Thcile, Instrumente, Operationen am Augapfel, 
Operationen an den Umgebungen des Augapfels. 

Der erste Abschnitt (S. 1 — 21) ist wenig brauchbar, da der Vf., statt Ab- 
bildungen zu geben, auf die von Deval(1844) verweist 2). Einen Lidhalter mit 
Gewinden iPalpebrostat (i charnieres) hat er 1856 angegeben. 

Der § II, vom Augenspiegel, zeigt eine das Gewöhnliche weit überragende 
Unwissenheit; >Den Namen Augenspiegel hat Helmholtz einem Polarisations- 
Apparat gegeben, dessen er sich am Lebenden bedient, um die tiefen Theile des 
Auges zu erforschen .... 

In den letzten Jahren haben nach der Zeitfolge einen brauchbaren Augen- 
spiegel geliefert: A. v. Ghaefe, W. Cummixg^)^ Brücke, Helmholtz, Follin und 
Nachet, Riete, Jägeh, Coccius, Anagnostakis, Desmarres.« 

Der zweite Abschnitt beginnt mit der Star-Operation. »Dieselbe ist 
sehr all, wie die Werke von HirpoKitATEs, Galen und Celsis beweisen.« (Der 
Hinweis aus Hippokrates steht auf derselben Höhe, wie die Bemerkung, daß 
Abülquasim in Persien die Aussaugung des Stars geübt-*); oder daß Brisseau 
den oberen Hornhaut-Schnitt zur Star-Ausziehung angegeben habe.) 

»Von den 3 Verfahren, der Niederlegung, der Zerstückelung, der Ausziehung, 
darf keine ausschließlich vorgezogen werden.« 

Da jedes Verfahren mit allen Abänderungen und Vorschlägen angeführt 
wird, so wird der Anfänger schwerlich aus der Darstellung großen Nutzen 
schöpfen. 

Das gleiche gilt von der Pupillen-Bildung, für welche ebenfalls drei Ver- 
fahren, das Einschneiden der Iris, das Ausschneiden, die Ablösung beschrieben 
werden. Dem zweiten giebt Vf. den Vorzug, wenn es bequem ausführbar ist. 
Das vierte Verfahren ist die Pupillen-Verlagerung. 

Bei der Ausrottung des Augapfels wird die Operation von Bonxet wenig- 
stens angedeutet. Bei der Schiel- Operation beschreibt der Vf. ein eignes Ver- 
fahren, das aber nichts eignes hat, außer seinem Lidhalter. 



1) Die Widmung des Buches an den Grafen Joseph-Romain Louis de Kerck- 
hove-Varent ,S. V— XIV) erreicht den Gipfel der Geschmacklosigkeit. Ich kann 
mir nicht vorstellen, daß jener treffliche, damals schon hochbetagte Vf. des Traite 
d'hygiene militaire (Maestricht 1815; und des Memoire sur lophthalmie 
observee dans I'armee des Pays-Bas Amsterdam 1825) von dieser krieche- 
rischen Lobhudelei entzückt gewesen. (Vgl. Biogr. Lex. III, 480.) 

2) § 589. 

3) § 650. 

4) § 276, § 284. 



78 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875. 

Bei der Lid-Bildung giebt er C. F. Graefe (1817) die Ehre und beschreibt 
die Verfahren durch Lappen-Drehung und Lappen-Neigung, 

Bei den Operationen der Thränen-Fistel ist er mit den Erfolgen der 
verschiedenen Verfahren nicht sonderlich zufrieden, und meint, daß noch eine 
Frage der Physiologie und Therapie zu prüfen wäre. 

Ich will nicht leugnen, daß die beiden Bücher von Vallez dem, der gar 
nichts von diesen Gegenständen wußte, Belehrung spenden konnten; aber bes- 
ser konnte er sie z. B. aus dem 1847 erschienenen Lehrbuch von Desmarres 
schöpfen. 

Zusatz 1. Von sonstigen Arbeiten des Dr. J. P. Vallez erwähne ich: 

1. Hornhaut-Verbrennung, durch Cigarre, mit Verlust des Auges. A. d'Oc. XIV, 
135, 1845. 

2. Rheumatismus der Augen-Muskeln. Ebendas. 

3. Doppelt-Sehen, mit einem oder mit beiden Augen. Ebendas., S. 134. 

4. Nouvelle methode de guerir l'ophthalmie purulente contagieuse, suivie d'une 
appreciation critique de Temploi du nitrate d'argent par P. F. Vallez . . . 
Bruxelles 1846. (8", VI u. 48 S.) Siehe oben. 

5. Subconjunctivaler Lederhaut-Schnitt, um eine reklinierte Linse auszuziehen 
Ebendas. XVII, S. 90, 1847. 

Zusatz 2. Nach Roosbroeck hat kein Belgier des 19. Jahrh. es unter- 
nommen, ein wirkliches Lehr- oder Handbuch der Augenheilkunde heraus- 



egeben. 



geg 



Als Ersatz von solchen wären noch zu nennen: 

Ophthalmologie. Le^ons donnees ä l'Univ. de Bruxelles par M. J.-H. Thiry, 
recueillis par le Dr. L. Marcq. Bruxelles 1864 u. 1868. (Zwei Theile.) 

Precis ... de pathol. chir. speciale, y compris rophthalmologie par M. J.-A. Borlde, 
Liöge 1872. (Zwei Bände.) 

Zu dem Abrege de pathologie chirurgicale des Prof. Haan hat L. Noel 
(1874) die Kapitel über Augenheilkunde geschrieben. 



§ 802. Der Nachfolger van Roosbroeck's an der Universität zu Gent war 

Victor Deneffe (1835— 1908) i>. 

Doktor seit 1864, hat Deneffe die folgenden Fächer gelehrt: Geschichte 

der chirurgischen Wissenschaft, Geburtshilfe, chirurgische Krankheitslehre, 

die chirurgischen Operationen, theoretische und praktische Augenheilkunde. 

Den Lehrstuhl der Augenheilkunde hatte er von 1869 — 1897 inne, die 
chirurgischen Operationen lehrte er noch bis 1905, wo er in Ruhe- 
stand trat. 

Deneffe, auf den Desmarres und Sichel einen großen Einfluß geübt, 
war ein ausgezeichneter Redner. Ein großes Verdienst hatte er um 
Sammlung und Beschreibung antiker Instrumente der Chirurgie und beson- 
ders der Augenheilkunde 2). Von seinen augenärztlichen Veröffentlichungen 



4 



1) VAN DUYSE, S. 109. 

2) Les Oculistes Gallo -Romains au Ille siecle, 1896 (183 S., .1 Tafeln) und 
A. d'Oc. CXVI, 3 68. 



Deneffe. D. van Duyse. J. M. Rogman. 79 

verdienen Erwähnung die über Cocain, Protargol, Eucain und Jequirity, 
über die Vervollkommnung des Farbensinns beim Menschen. 

Für die seit 75 Jahren vom Trachom heimgesuchten Arbeiter Belgiens 
hat er 1890 ärztliche Aufsicht erkämpft; er selber hatte 1877 im Dienst 
seiner »Brüder«, wie er sie nannte, diese Krankheit sich zugezogen und 
war bis 1879 seiner Thätigkeit entzogen. 

Als er 1899 aus Gesundheits-Bücksicht den Unterricht in der Augen- 
heilkunde niederlegte, wurde vax Dutse sein Nachfolger. (Die Poliklinik 
erhielt Dr. G. Glaeys.) 

§ 803. Daniel va\ Duyse, 
geboren am 20. März 1852 zu Gent, wurde 1876 Doktor, vervollkommnete 
sich in der Augenheilkunde 1877/78 zu Paris, Wien, London, 1881 zu 
Berlin und Heidelberg, 1883 in der pathologischen Anatomie zu Straßburg, 
erhielt 1 89 1 den Lehr-Auftrag der patholojzischen Anatomie und Histologie 
an der T'niversität zu Gent und 1899 noch dazu den der Augenheilkunde 
und Augenklinik. 

Seine Arbeiten beginnen mit dem Jahre 1881; sie sind sehr zahlreich und 
bedeutsam. Ich nenne nur Embryologie de ro'il. Teratologie de roeil. 
Encvcl. franc. d'O. II, S. 144—610, 1905. — Vgl. auch § 785. 

§ 804. Zu Gent wirkte auch 

Jean Marik Rogman (1851 — 1905)»), 
der bis 1 887 in der Provinz allgemeine Praxis mit der Augenheilkunde ver- 
einigte, 1888 aber zu Gent die Leitung der Privat-Augon-Heilanstalt von Sa- 
blon, als Nachfolger von Lieurecht, übernahm. Er war ein ausgezeichneter 
Arzt und Operateur, ein liebenswürdiger Charakter, uns von den Kon- 
gressen her sehr wohlbekannt, ein eifriger Forscher, der sich an allen 
wichtigen Fragen lebhaft betheiligte; selbstverständlich schrieb er franzö- 
sisch, hat aber auch die deutsche Literatur mit besondrer Liebe verfolgt 
und gewürdigt'-). 

Von seinen Arbeiten wollen wir die folgenden hervorheben: 

1884. Hämorrhagisches Glaukom. C. Bl. f. A., S. 286. Enukleation bei sympath. 

Ophthalmie. A. d'Oc. 

1885. Heilung des Verletzung-Stars durch Aussaugen. A. d'Oc, September— Ok- 

tober. 

1889. tJber Struktur u. Operation gewisser Star-Formen. Ebendas. Gl, S. 93. 

1890. Hyphäma nach Operationen. Ebendas. Septbr.— Oktbr.; C. BI. f. A., S. 472. 



1) Vgl. C. Bl. f. A. 1906, S. 29. (J. H.) 

2) Vgl. seine Anzeige des ersten Theils der Einführung in die Augenheil- 
kunde, La Belgique med. 4. März 1897; ferner der Geschichte der Augenheilkunde 
im Alterthum, 13. Juni 1899. 



80 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875. 

1893. Neue Symblepharon-Operation. C. Bl. f. A,, S. 493 und Arch. d'Opht. 1892, 

XII, 30, S. 627. Sublimat-Einspritzungen unter die Bindehaut. Eben- 
das., S. 497. 

1894. Sehstörung bei stillenden Frauen. A. d'Oc. Sept.; C. Bl. f. A., S. 420. Filaria 

im Auge. C. Bl. f. A., S. 322. Thioform in Augen-Praxis. Ebendas., 
S. 530. 
1893. Krebs des Limbus. Ebendas., S. 579; A. d'Oc, März. Heilbarkeit der sym- 
path. Ophthalmie. Ebendas., August. Bindehaut-Cysten. Arch. d'Opht., 
August. 

1896. Über trockne Verbände und Augenpulver. A. d'Oc, März; C. Bl. f. A., S. 375 

u. 719. Angeborene Linsenveränderung. Arch. d'Opht., Oktober. 

1897. Angeborene Linsenveränderung. Arch. d'Opht., Juli. Die lokalen Anästhe- 

tica. Ophth. Klinik, No. 1 u. 3. Linsen-Kolobom. C. Bl. f. A., S. 246; 
Arch. d'Opht. 1896, Mai, und Rev. gen. d'Opht. 1896. 

1898. Hyaline Entartung der Lider. C. Bl. f. A., S. 269 u. A. d'Oc, August. Lipom 

unter der Bindehaut. A. d'Oc, Februar, und C. Bl. f. A. 1897, S. 427. 
Cysten unter der Bindehaut. Arch. d'Opht., August, und C. Bl. f. A. 
1897, S. 121 u. 23Ö. 

1899. Myopie-Operation. C. Bl. f. A., S. 87 u. 276, und A. dOc, Januar. Dacryops. 

Ebendas., S. 213 und A. d'Oc, Juni. Erbliches Glaukom. Ebendas., 
S. 310, und Ophth. Klinik. 

1900. Geschwülste der Thränendrüse. C. Bl. f. A. 1900, S. 51, und A. d'Oc, Januar. 

Iridektomie bei Glaucoma simpl. La clin. opht. und C. Bl. f. A., S. 186 
u. 4 70. Über extraocul. Komplikation der sympath. Ophthalmie. La 
clin. opht. 1900, und C. Bl. f. A. 1901, S. 249. Scheinbare Akkommo- 
dation bei Aphakie. C. Bl. f. A., S. 366, und A. d'Oc. 1899. 

1901. Amblyopie durch Nichtgebrauch. A. d'Oc, August — September. Epibulbäre 

Geschwülste. A. d'Oc. und C. Bl. f. A. 1900, S. 422. 

1902. Über Tumoren und Pseudotumoren des Auges. C. Bl. f. A., S. 44 und 

A. d'Oc 

1903. Gefahren der Enukleation bei intraokularer Tuberkulose. A. d'Oc, August- 

September und C. Bl. f. A. 1903, S. 362. Perithelial-Sarkom der Iris. 
C. Bl. f. A., S. 73 und A. d'Oc, Januar-Februar. Orbital-Cyste mit 
Mikrophth. C. Bl. f. A., S. 387. 

1904. Epicanthus- Operation. A. d'Oc. B. 131, S. 464 und C. Bl. f. A. 1904, S. 39. 

Präventive Serotherapie bei Star-Ausziehung. C. Bl. f. A. 1904, S. 392. 

1905. Über die Heilbarkeit der Verrostung des Augapfels. B. de la Soc Beige 

d'Opht. 

§ 805. JosEPn Plateau i) hat nicht nur eine allgemeine Theorie der 
Gesichts-Erscheinungen verüfTenllicht (1834), sondern auch sehr zahlreiche 
und wichtige Versuche zur physiologischen Optik angestellt, — über 
Farbenmischung, Irradiation, Dauer des Licht- Eindrucks, über strobosko- 
pische Scheiben, über das Anorthoskop, über Nachbilder und Kontrast- 
Erscheinungen. 

Am bequemsten zugänglich sind diese Arbeiten in Helmholtz' physiol. Op- 
tik, 1867, S. 307, 322, 326, 334, 340, 851, 344, 349, 345, 352, 364, 372, 
383, 386, 416, 605, 621. 

Plateau hat seinen Nov. 1832 verfertigten Apparat mit dem Namen Phän- 
akistoskop belegt: ffaipco, ich zeige; tö/.iGvog^ sehr schnell, o/.OTtög, der 



1) Einen ausgezeichneten Nachruf hat ihm J. N. Nuel in den A. d'Oc. XC, 
S. 150—160, 1883, gewidmet. 



Joseph Plateau. Felix Plateau. — Univ. von Lüttich. 81 

Späher, sind die Bestandtheile dieses unheilbar verdorbenen Wortes. (Vgl. m. 
Wörterbuch d. A., 18 87, S. 79.) Aber aus diesem Spielzeug ist der Kinemato- 
graph hervorgegangen. Stampfer hat im Dez. 1832 einen ähnlichen Apparat 
verfertigt und Stroboskop benannt. (Von azQÖßog^ das Wirbeln, OTQofiiKog^ 
der Kreisel.) 

Die Beschreibung Plateaus stammt vom '20. Jan. 1833, die Stampfer's vom 
Juli 1833. 

Um die Folgen einer starken Netzhaut-Reizung zu studiren, hat P. 1 829 
die leuchtende Sonnenscheibe 20 Sekunden lang fixirt. Eine Erblindung 
folgte, die mehrere Tage andauerte; Skotome und Leucht-Erscheinungen 
quälten den ebenso tapferen wie unvorsichtigen Forscher für längere Zeit. 

Im Jahre 1843 trat vollständige Erblindung ein. Aber wie Faust, am 
Ende seiner Laufbahn, ließ er sich nicht davon überwältigen: »Die Nacht 
scheint tiefer tief hereinzudringen. Allein im Innern leuchtet helles Licht.« 

>Die Schärfe seines Geistes«, sagt Faraday, »schien nur zu wachsen 
und führte ihn, mit Hilfe seiner Mitarbeiter, zu den glänzendsten Entdeckungen, 
welche der belgischen Wissenschaft unsterblichen Ruhm erwarben.« 

»J. Plateau«, erklärt J. N, Nübl, »gehört zu den glänzendsten Ruhmes- 
Erscheinungen in der Wissenschaft Belgiens und der Universität Gent.'; 

Feli\ Plateau d. S. hat wichtige Versuche angestellt über das Sehen 
der Amphibien und Fische (1866)", der Insekten, der Arthropoden. 

§806. Die Universität von Lüttich (Liege) wurde 1817 eröffnet, 
durch die Ereignisse von 1830 in ihrem Bestände bedroht, aber durch 
das Gesetz von 1835 neu eingerichtet 2). 

Lehrer der Augenheilkunde waren 

NicoLAS-JosEPB-ViCTOR Ansiaux, von 1838 — 1800, 
JosEPo-AuGusTiN BoRLtE, von 1858 — 1880, 
Ernst Fücbs (aus Wien) von 1881 — 188ö, 
J. P. NüEL, von 1 885 bis jetzt. 

§ 807. I. N. J. V. A.\SL\ux, 

geboren zu Lüttich 1802, als Sohn von Nicolas N. A. J.Axslvux (1780 — 1834), 
der 1806 mit Comhaire eine Schule der Chirurgie begründet, die Wiege 
der medizinischen Fakultät von Lüttich; gewann 1834 den Doktor mit der 
Dissertation De fistula lacrimali, wurde sogleich Stellvertreter seines 
Vaters an der chirurgischen Klinik, 1838 o. Professor, gab Kurse über 
chirurgische Operationen, über Verbände, über theoretische und praktische 
Augenheilkunde. 



1) 1882 von mir mit Hilfe des Augenspiegels berichtigt. (Arch. f. Physiol., 
S. 493—526; C. El. f. A. 1882, S. 504—506. Vgl. Ausgewählte Abb., S. 810 fgd., 1913.; 

2) Minerva, 1911, I, S. 309. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. SIY. Bd. (VII.) XXIII. Kap. 6 



82 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 4 800—1875. 

Die gewöhnlichen Quellen schweigen von ihmi). Aus (1) ersehe ich, 
daß er Assistent von J. Sichel in Paris gewesen ist. 

In (2) nennt er sich Chirurgien du Dispensaire ophthalmique 
de Liege. 

Von seinen Arbeiten seien die folgenden erwähnt: 

1. Lidbildung, 1841. A. d'Oc. V, S. 130. (Nach Dieffenbach's Verfahren.) 

2. Fremdkörper im Auge. Ebendas. VIII, S. 91 — 95. Die Waffen-Fabrikation in 
Lüttich liefert viele Fälle. Eisensplitter aus der Hornhaut versuchen die 
Arbeiter selber auszuziehen, gelegentlich mit dem Magneten. Ein Schrotkorn 
hatte die Bindehaut 5 mm vom äußeren Hornhautrande getroffen, die Leder- 
haut nur gestreift und lag bei der Karunkel unter der Bindehaut: dasselbe 
wurde leicht entfernt und hinterließ keine üblen Folgen. Ein Tropfen Löth- 
Metall war im Auge, durch die Thränen, unschädlich erstarrt zu einem 
PIättchen2), Vgl. XXXI, S. 294, 1854: Ausziehung eines Eisensphtters, der 
1 1 Wochen im Auge verweilt hatte. 

3. Hydatide der Orbita, operirt. XXXII, S. 91, 1854. 

4. Subconj. Linsen-Luxation. Ebendas., S. 92. *• 

5. Berichte über die Augenklinik, 1845—1850, XV, 145; XVII, 216, XIX, 3, 234; 
XXI, 170; XXIII, 181, XXVI, S. 58. 

§808. II. JOSEPH-AÜGUSTIN BORLfiE (1818 — 1907)3). 

A. 0. Professor seit 4 845, erhielt B. nach und nach die Lehr-Aufträge 
für chirurgische Pathologie, für Anatomie, für Augenheilkunde, für Wund- 
arznei-Kunst, für Augenklinik. Im Jahre 1890 trat er in Ruhestand. Als 
er 1907, 90 jährig, verstarb, hatte man ihn so vollständig vergessen, daß 
ihm kein Nachruf gespendet wurde. 

Dabei war B. ein fleißiger Schriftsteller gewesen, besonders auf chirui'gischem 
Gebiet : 

Precis clinique et pratique de path. chir. speci^ile, y compris las mala- 
dies des yeux. Liege 1872. (Zwei Bände.) 

Chirurgique conservatrice, 1876, 1878. 

Seine augenärztlichen Abhandlungen sind sparsam und wenig bedeutend: 
über die skrofulöse, über die rheumatische Augen-Entzündung, über die Be- 
handlung der eitrigen; und die letzte noch aus dem Jahre 189 3, über die 
Einspritzungen unter die Bindehaut. (Bull. Ac. Med. Beige VII, S. Sgö"*).) 

§ 809. III. Ernst Fucbs aus Wien 
war 1 881 — 1 885 Prof, der Augenh. zu Lüttich. Von den zahlreichen (etwa 20) 
Arbeiten, die er in dieser Zeit verüfTentlicht hat, sind zwei in franzüsischer 
Sprache: La prophylaxie de l'ophtalmie du nouveau-ne. A. d'Oc. Gl, S. 187, 
1S84. Etüde microscopique sur le nerf optique. Arch. d'O. 1885, S. 173. 



1) VAN DuYSE (S. 147) gibt das Jahr seiner Geburt, aber nicht das seines Todes. 

2) Wir kennen diesen Vorgang, der an den Leidenfrost'schen Tropfen (1796) 
erinnert, aus zahlreichen klinischen Fällen. 

3) Biogr. Lex. VI, 526. van Duyse, S. 148. 

4) Der Titel dieser Abhandlung ist in dem NACEL-MiCHEL'schen Jahresbericht 
fünf Mal ganz genau abgedruckt, aber an keiner Stelle etwas von dem Inhalt 
mitgetheilt. 



Ansiaux. Borlee. E. Fuchs. Nuel. — Univ. Loewen. 83 

§ 810. IV. Jean Pierre Nuel, 
1847 zu Tetange, im Gr. H. Luxemburg, geboren, war Prof. der Augenheil- 
kunde in Loewen 1877 — 1880, der Physiologie in Gent (1880—1885) und 
ist Prof. der Augenheilk. und der Physiologie der Sinnes-Organe zu 
Lüttich seit dem Jahre 1885. Durch zahlreiche Arbeiten, die mit dem 
Jahre 1875 anheben, hat er zum Fortschritt der Wissenschaft beigetragen. 
Die Liste derselben s. bei van Duyse, S. 156 und 263. 

§811. Zu Loewen (Louvain) 
gründete der Rat der Stadt 1426 eine Universität. Durch die Franzosen 
wurde sie 1797 aufgehoben; 1811 wieder hergestellt, verschwand sie von 
Neuem in der belgischen Revolution 1830. Im Jahre 1835 faßte der bel- 
gische Episkopat den Entschluß, die im Jahr zuvor zu Mecheln gegründete 
Katholische Universität nach Loewen zu verlegen. Eine medizinische 
Fakultät ist vorhanden i). 

Professoren der Augenheilkunde: 

L FrCd^ric Hairion, von 1837 — 18742), 

2. LfioN NoEi., von 1874 — 1877, 

3. Emile (]n. Vennemann, von 1880 — 1906, 

4. VAN DER Straeten, vou 1906 ab. 

§812. I. Fri>d£ric Hairion (1809— 1788) y). 

Geboren zu Beaumont im Hennegau, studirte H. in Löwen, errang da- 
selbst 1832 den Doktor, studirte auch in Paris, war schon 1830/31 in 
Brüssel einer Ambulanz zugetheilt und half in Paris 1832 im Dienst gegen 
die Cholera. 

Nach Belgien zurückgekehrt, trat er in die Armee ein, 1835 wurde 
ihm in Loewen am Militär-Hospital die .^btheilung für Syphilis und Haut- 
krankheiten, später auch die für Augenkrankheiten übertragen. In dieser 
Stellung erwirkte er die Errichtung eines Instituts für augenkranke Soldaten 
(Institut ophthalmique militaire', an dessen Spitze er 1841 gestellt wurde. 

Gleichzeitig begann er an der Universität Loewen seine Lehrtätigkeit. 
(»II garda la toge et ne rendit pas les armes <;, sagt Warlomont in seiner 
geschwollenen Sprache.) 

Im Jahre 1826 wurde er Prof. agrege, 1838 a. o., 1840 o. Professor. Er 
lehrte Hygiene, Syphilidologie, Augenheilkunde, seit 1843 auch Dermatologie. 

Im Jahre 1853 trat er in den Ausschuß zur Leitung der Annales d'Oc, 
ein und bewirkte zusammen mit den andren Leitern den Zusammentritt 

1) Minerva, I, S. 308, 1911. 

2) van Duyse hat S. 167 das Jahr 1872, S. 172 aber 187 4, in Übereinstimmung 
mit dem Nekrolog von Noel, A. d'Oc. LXXVII, S. 320, 1877. 

3) A. d'Oc. C, S. 1 05, 1 888. (Warlomont.) van Duyse, S. 1 69. Biogr. Lex. III, 22. 



:84 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875, 

des ersten internationalen Ophthalmologen-Kongresses (zu Brüssel), der ja 
sehr eingehend mit der granulösen Augen-Entzündung der Soldaten sich 
beschäftigte. Hairion war Vorsitzender der Abtheilung für die militärische 
Augen-Entzündung. Im Jahre 1 875 war er Vorsitzender der augenärztlichen 
Abtheilung des internationalen Kongresses der Heilkunde zu Brüssel. 

Hairion hat seine Lebens-Arbeit der militärischen Augen- 
Entzündung, dem Trachoma, gewidmet. 

\. Eine seiner ersten Veröffentlichungen über diesen Gegenstand, ist 
bereits die Frucht ausgedehnter Erfahrung: Considerations pratiques et 
recherches experimentales sur le traitement de l'ophtalmie qui regne dans 
larmee beige. Louvain 1839. (102 8.) 

Vom 1. März 1836, wo er im Militär-Hospital die Behandlung der 
Augenleidenden erhielt, bis zum I.Jan. 1839 sind 1084 Fälle militärischer 
Ophthalmie eingetreten, — 856 im chronischen (primären oder sekun- 
dären) Zustand, 82 im blennorrhagischen und 146 im blennorrhoTschen. Das 
wirksamste Mittel gegen chronische iGranulationen ist der Hüllenstein- 
Stift. (Gelegentlich kommt Skarifikation, Ausschneidung, Kupfer-Stift in Be- 
tracht.) Bei der blennorrhagischen Entzündung, Einspritzung von Ghlor- 
kalk-Lüsung (120—250 : 1000), viertelstündhch ; dazu 4—5 Mal täghch Ein- 
träuflung von Höllenstein-Lösung (0,1 — 0,2:30). Zur Kauterisation und 
Excision soll man nur schreiten, wenn die Eiterung überreichlich, und die 
Hornhaut bedroht ist. 

Prophylaxe. »Die militärische Ophthalmie hat nichts Spezifisches (?), 
sie ist ansteckend und endemisch: sie fährt fort, in der Armee zu herrschen 
(nach Jüngken), da sich in ihr Granulations-Träger befinden. «• Die 
erste Anzeige fordert die Entfernung dieser Individuen, ihre Behandlung in 
Augen-Abtheilungen u. s. w.; die zweite, unsre Soldaten den Ursachen der 
Ophthalmie zu entziehen. 

Die Ophthalmie der Armee ist dieselbe wie die ägyptische, dieselbe wie 
die katarrhalisch-eitrige Augen-Entzündung. Die Ansteckung ist entweder 
eine unmittelbare, vom kranken Auge zum gesunden; oder eine mittelbare, 
durch Berührung mit besudelten Gegenständen; oder eine miasmatische (?), 
wenn das gesunde Individuum in dieselbe Atmosphäre eintaucht, wie die 
kranken. Überfüllung der Kasernen ist zu meiden. Gebäude samt In- 
halt sind zu desinficiren. 

2. Die verschiedenen granulären Zustände der Bindehaut dürfen nicht 
verwechselt werden mit dem der in der Armee besonders beobachteten 
Augen-Entzündung. Der letztere hat, als unterscheidendes Kennzeichen, 
das blasige Aussehen (l'aspect vesiculaire), das außerordentlich langsame 
Wachstum und den langen Bestand in der Schleimhaut hinter dem Lid- 
knorpel und nahe dem äußeren Lidwinkel. Wiederholt (1850, 1870) hat 
Hairion diese Blasen oder blasigen Granulationen erörtert. Dieselben 



Hairion. Das Tannin. 85 

stellen kleine Kysten dar, welche sich in der Dicke der B^aser-Lage der Binde- 
haut entwickeln. (Später sagt er »an der Oberfläche und in der Dicke«.) 
H. hält sie für Neubildungen exotischen (ägyptischen) Ursprungs. Durch 
Reizung der Bindehaut können papilläre Granulationen zu den vesiku- 
lüren hinzutreten. (Anatomie path. des granulations palpebr. An. d'Oc. 
XXIII, 109. Des gran. palp. Ebendas. LXIII, S. 5, 1870.) 

3. Über die Behandlung der Granulationen hat H. 1848 ausführlich, 
auf Grund seiner reichen Erfahrung, berichtet. (A. d"Oc. XX, 17, 83, 93.) 
Bei frischen Granulationen vorwendet er die Ilüllenstein-Lüsung, auch den 
Kupfer-Stift. Sind die Granulationen mit chronischer Entzündung der Binde- 
haut vergesellschaftet, so wird die Lösung stärker genommen und kräftiger 
angewendet. 

Bei wuchernden Granulationen kommt die Ausschneidung in Be- 
tracht, aber nur für die Übergangs-Falte. Bei der akuten eitrigen Augen- 
Entzündung') verlangt er die kräftigste Antiphlogose (Aderlaß, Brechweinstein, 
Salpeter 2', Calomel); örtlich kalte Umschläge, Bähungen mit Lösungen von 
Silber, Kupfer, Zink, und, sowie die Eiterung ausgesprochen ist, Spaltung 
der Chemose nach Tyrrel und Atzungen der Bindehaut mit Hüllenstein- 
Lösungen. Später hat er die Atzungen ersetzt durch Einspritzungen einer 
Lösung von Chlorkalk (30—60 : 500). 

4. Eingehend hat Hairion sich auch mit der Wirkung und augenärztlichen 
Anwendung des Tannin beschäftigt. (A. d'Oc. XXIV, 119, 1850; XXVI, 
216; XXVII, 148. Memoire sur les effets physiologiques et therapoutiques 
du tannin, envisage surtout au point de vue de ses applications en Ophthal- 
mologie, par le docteur ERtofiRic Hairion, medecin mililaire, prof. ord. a 
rUniv. de Louvain, Bruxelles 1856. [81.]) 

H. hat das Tannin als Salbe (in dickem Schleim), als feines Pulver 
und auch in starker Lösung (I : 3) angewendet, gegen akuten und chroni- 
schen Eiterfluß, wuchernde Granulationen und Pannus. (Cünier fällt sofort 
über Hairion her und erklärt im Anschluß an dessen erste Mittheilung, 
daß schon andre, wie Lan(;enbeck 1847 und Warren 1845, das Mittel 
gebraucht, daß er selber seit einem Jahre das Pulver verwende, daß aber 
das neue Mittel weder den Höllenstein -Stift noch das Blei ersetze. [A. 
d'Oc. XXIV, 121.] Natürlich ist Hairion ihm die Antwort nicht schuldig 
geblieben.) 

In seiner Sonderschrift erklärt H.: 

»1. Das Tannin, in Berührung mit einer entzündeten Bindehaut, bewirkt 
sofort Gerinnung der eiweißhaltigen Flüssigkeit, welche die Schleimhaut 
bedeckt. 2. Nach Art der zusammenziehenden Stoffe, aber in geringerem 



1) Vgl. auch Hairion"s Sonderschrift »De Tophth. gonorrhoüjue, Louvain I84G. 

2) »Un hyposthönisant cardiaco-vasculaire, suivant le langage de l'ecole 
italienne.« Vgl. § 719, S. 719, Anm. I, 



36 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875. 

Grade, bewirkt das Mittel ein vorübergehendes Ansteigen der Reizung. 
3. Danach folgt eine Besserung in den entzündlichen Erscheinungen und 
in der örtlichen Empfindlichkeit; das ist eine Folge Wirkung, die unabhängig 
ist von der physischen Wirkung und aus der dynamischen, hyposthenisirenden 
Thätigkeit des Mittels hervorgeht.« 

H. nennt diejenigen, welche vor ihm das Mittel gebraucht, und empfiehlt 
es für die eitrige Augen-Entzündung, für die Hornhaut-Entzündung, die 
Granulationen und zwar als Tannin-Schleim: Tannin 5, dest. Wasser 20, 
arab. Gummi 10. 

5. Wenn auch das Trachom und alles, was damit zusammenhängt, das 
eigentliche Lebensw^erk von Haibiox darstellt, so hat er doch noch andre 
Arbeiten zur Augenheilkunde, ferner zur Hygiene, zu den Hautkrankheiten 
veröfTentlicht. 

Seine Versuche über den Augenverband bei katarrhalischer Bindehaut- 
Entzündung und dem Verschluß der Lidspalte durch Kollodium haben wir 
schon im § 563 (S. 88) beurtheilt. (A. d'Oc. XXI, S. 57, 1849.) 

Zusatz. Geschichtliche Übersicht über die Anwendung der 
Tannin-Präparate in der Augenheilkunde. 

1. Bei den Griechen wird die Anwendung der Galläpfel gegen Tra- 
choma nicht genauer erörtert. Galen, von den einfachen Mitteln VII, c. 22, 
ricpl xTjy.iooc, über den Gallapfel, hat nichts darüber. Allerdings heißt es 
in der Arzneimittel-Lehre des Dioscurides (I, 107)i': -/al a-riAXoust Xslai 
Tot; u-öpaao/.ojjsic, Gallapfel-Pulver zieht Fleisch-Auswüchse zusammen. 
Hiermit stimmt überein die Stelle in Galen's Schrift von den örtlichen 
Mitteln, IV. c. 5 (XII, S. 721): toT; -rzpoc ouxiu'aEic v.ai tuXou; . . . . xivi; 
e7i£i3aXov y.ai -/rj-/i'oa;, acpoopuic otu'^ov cpapjxaxov. »Den Mitteln gegen Feig- 
bildungen und Narben haben Einige auch Galläpfel hinzugefügt, ein stark 
zusammenziehendes Mittel.« Es soll übrigens nicht unerwähnt bleiben, daß 
dies ganze Kapitel 5 von den Kräften der Augen-Heilmittel handelt. (Anagno- 
STAKis hat diese Stelle schon 1 862, auf dem zweiten ophthalmologischen 
Kongresse, hervorgehoben. C. K., S. 110.) 

Wie die Griechen Galläpfel nebst Chalkanthos zur Färbung der Horn- 
haut-Weißflecke benutzten, haben wir in § 241 gesehen. 

2. Die alten Araber benutzten Gallapfel-Pulver zur Radikal-Kur des 
Trachoma (§ 788). 

3. In den Augenheilmittel-Lehren von Tittman (1804) und G. F. Graefe 
(1817) werden die Galläpfel nicht erwähnt. 

4. In A. V. Graefe's Klinik wurde Tannin-Lösung (0,5 — 1,0 : 30,0) gegen 



1) Der Ausgabe von M. Wellmann, Berlin 1907; I. c, CXLVI der Ausgabe von 
C. Sprengel, Leipzig 1 829. 



Noel. Vennemann. 87 

Granulationen eingepinselt, wenn das reizbare Auge nicht einmal die Blei- 
Mittel vertrug (A. v. Guaefe's Klin. Vortr. 1871, S. 71 )i). 

ö. Gaset A. Wood, Ophth. Therapeutics, Chicago 1909, S. 567: »Dieses 
zusammenziehende Mittel wird selten angewendet, wegen seiner reizenden 
Wirkung und, da es durch kräftigere Mittel vordrängt ist.« 

§813. Leox Noel (1845—1877)2) 
wurde 1874, als IIairio.n das Lehramt niederlegte, der Nachfolger seines 
Meisters und hat durch klaren Vortrag, geschickte Operation und praktischen 
Sinn seine Pflicht erfüllt, obwohl ihm noch dazu die Klinik für Haut- 
Krankheiten und für Syphilis aufgebürdet wurde, — bis ihn 1877, im Alter 
von 32 Jahren, ein frühzeitiger Tod hinwegraffte. 

Seine klinischen Beobachtungen (A. d'Oc. LXXII, 201, 1874) 
enthalten einen Fall von Enchondrom an der Schädel-Grundlläche. 

In dem Grundriß der Chirurgie von Prof. Haan hat er die Kapitel 
über Augenheilkunde den Studenten kurz und klar auseinandergesetzt. 

Im Jahre 1875 untersuchte er die Fernsicht der Kurzsichtigen, die 
keine Gläser tragen, mit Rücksicht auf die Militär-Brauchbarkeit derselben. 
(Bull. Ac. Med. Belg., No. II, S. 1207). 

Im Jahre 1876 verüfTentlichte er eine Studie über die Wirkung des 
Atropin. (J. des sc. med. de Louvain, S. 99.) 

§814. III. Emile Vennemann (1850 — 1906)3) 
geboren zu Zele in Flandern am 23. Juni 1850, wurde 1879 zum Prof. der 
Anatomie, 1 882 zum Prof. der Augenheilkunde zu Loewen ernannt und ist 
am 13. Nov. 1906 daselbst ganz plötzlich an einem Herzleiden verstorben. 

Mit Bruylants hat V. nachgewiesen, daß die Wirkung des Jequirity 
einem nicht organisirlem Ferment, einem pflanzlichen Gift-Eiweiß, dem 
Jequi ritin zuzuschreiben ist. (.\nn. d'Oc. XCI, S. 93, 1884.) 

Für die Encyclop. fran^. hat er die Bearbeitung der Krankheiten des 
Uveal-Tractus geliefert (VI, S. 1 bis 488, 1906). Von sonstigen Arbeiten 
erwähne ich noch die über Histologie des Trachoma (A. d'Oc. CIX, 459, 
1893); über chirurgische Behandlung der Granulationen (Ebendas. 1894); 
über die Ophthalmie des Congo (Chorioret.), 1896. 

§ 815. In Brüssel hat die freisinnige Partei 1830 die Gründung 
einer freien Universität angeregt. Durch öffentliche Sammlungen und durch 
städtische Beiträge wurde sie 1 834 begründet. Ihre Anfänge waren schwierig^). 



1) Vgl. auch Ed. Michaelis, Handwörterbuch der Therapie, Leipzig 1883, S. 24 0. 
Ferner J. Hirschberg, Einführung, I, 1892, S.lO und Körnerkrankheit, 1904, S. IS. 

2) VAN DuYSE, S. 171. A. d'Oc. LXXVn, 319— 322. (E.Hubert.) 

3) VAN DUYSE, S. 173. C. Bl. f. A. 1906, S. 383. 

4) Minerva, I, S. 305, 1911. 



88 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800 — 1875. 

Lehrer der Augenheilkunde: 

Andre Uytterhoeven, 1848 — 1856, 

Jean Hubert Thiry, 1856 — 1890, Prof. der chir. Pathologie, ein- 
schließlich der Augenheilkunde; 1885 wurde Thiriar sein 
Vertreter, 

Jean CoppEz, 1876 — 1905, Prof. der Augenheilkunde seit 1890, 

Emile Gallemaerts, von 1905 ab. 

§816. I. ANDRfi Uytterhoeven (1799— 1868)1), 
;:;eboren zu Brüssel, als Sohn des berühmten Chirurgen J. B. Uy., 1825 
Doktor, 1837 Wundarzt am Hop. St. Jean, erhielt später eine chirurgische 
Klinik. 

Er war ein ebenso unterrichteter wie vorsichtiger Praktiker, a'oU 
Herzensgüte und Sanftmuth, der erste Vorsitzende der belgischen G. vom 
rothen Kreuz. Über Augenheilkunde scheint er nichts veröffentlicht zu haben. 

n. Jean Hubert Thiry (1 81 7—1 890 ?) 2), 
1840 Doktor, 1847 Wundarzt des Hop. St. Pierre zu Brüssel, 1850 Prof. 
der äußeren Pathologie; 1849 begründete er die Presse med. beige. 
Von seinen augenärztlichen Veröffentlichungen nenne ich: 
■). Les granulations; recherches nouvelles sur la nature, les causes, les 
symptömes et le traitement de l'ophthalmie contagieuse, Bruxelles 1849. 
(Vgl. auch A. d'Oc. XXI, 108 u. 189.) 

2. Les Granulations conj. Identite entre l'ophth. militaire et l'ophth. blenorrh. 
A. d'Oc. XXII, 103, 1849. 

3. Identite de Fophth. militaire et celle des nouveau-n^s. XXIII, 225, 1850. 

4. Ophthalmologie. Lecons donnees ä l'Universite de Bruxelles...; recueill. 
par le Dr. Leon Marcq. 1865, 1868. (Zwei Bände.) Diese Vorlesungen waren 
nicht recht zeitgemäß. »II ne faut plus des Oculistes, dans le sens restreint 
du mot, qu'il ne faut des pulmonistes.« Die Ophthalmien werden eingetheilt 
in einfache, specielle und specifische. Die nothwendigen Operationen werden 
aufgezählt, aber nicht beschrieben. 

1 — 3. Verschiedene europäische Armeen, und unter ihnen besonders 
die belgische, zeigten seit den letzten Kriegen eine schreckliche Augen- 
krankheit . . . Zuweilen hatte sie einen langsamen Verlauf , . . Aber plötzlich 
erhielt sie eine akute Form, Eiterfluß trat ein und das Auge verfiel der 
fast sicheren Zerstörung... Nach zahlreichen Untersuchungen einigten sich 
die meisten Schriftsteller, ihr als Vaterland Ägypten, als Ursache die An- 
steckung, als pathognomonisches Zeichen die Bindehaut-Granulationen und 
als Behandlung die Ätzung mit dem Hüllenstein zuzuschreiben. Die Granu- 
lationen sind eine neue Bildung von ganz besonderer Art und ansteckend 3), 



1) Biogr. Lex. VI, S. 52. van Duyse hat Uytterhoeven und sogar Thiry voll- 
ständig übergangen! 

2) Biogr. Lex. V, S. 658. 

3) NachT. nehmen sie ihren Ursprung in den letzten Haargefäß-Verzweigungen 
der Bindehaut. 



Univ. zu Brüssel. Thiry. 89 

-;inz verschieden von Papillen, Schleimdrüsen, Bläschen; nur zu vergleichen 
, mit den Wund-Knüpfen. Man muß die akuten und die chronischen Granu- 
j lationen, die primären und die sekundären unterscheiden. Fängt die Krank- 
heit gleich ganz akut an , so erscheinen die Granulationen nicht sofort, wohl 
I aber später. 

Die blennorrhagische Augen -Entzündung ist die Folge einer einzigen 
Ursache, des Schleim-Eiters einer ansteckenden Blennorrhagie, sei es der 
Harnröhre, sei es der Scheide, sei es des Auges. Die Ansteckung kann 
direkt geschehen, z. B. wenn eine Person mit Tripper den Eiter au das 
eigne Auge bringt; oder indirekt, durch Wäsche u. s. w. Findet man diese 
Augen-Entzündung bei einem Soldaten, so sagt man, es sei eine militärische 
Ophthalmie. Die akute Entzündung erscheint schon einige Stunden nach 
der Ansteckung. Nach einigen Tagen verringern sich die Erscheinungen, 
Granulationen erscheinen auf der Bindehaut. Nimmt man den Schleim-Eiter 
einer chronischen Blennorrhagie des Auges oder der Urethra und bringt ihn 
auf eine gesunde Bindehaut; so kommt es nicht zu der akuten Entzündung, 
wenn nicht große Empfänglichkeit der Bindehaut bei der angesteckten Person 
besteht: es kommt zu Granulationen, welche sich allmählich entwickeln. 

(Das dürfte doch nicht so sicher sein. Versuche führt Th. niclit an.) 

Wie für den Soldaten, hat man auch für den Neugeborenen eine be- 
sondere Ophthalmie aufgestellt. 

Für die letztere muß man den Ansteckungs- Stoff bei der Mutter 
suchen. 

Den gelungenen Versuch der Übertragung des Eiters von Auge 
auf die Harnrühre hat Tu. erst I8641) verüüentlicht. 

Von dem Eiter des echten Augen-Trippers bei einem Manne nahm er 
etwas und brachte es in die Harnrühre eines andren Mannes, der frei- 
willig zu dem Versuch sich erboten: nacli 48 Stunden hatte sich eine 
heftige Entzündung der Harnrühre mit eitriger Absonderung ausgebildet. 

Zusatz. Aber schon 182 hatte John Vetch solche Versuche veröffent- 
licht: Der Eiter von der eilrisfen Augen-Entzündung eines Mannes, an die Harn- 
röhre eines Andren gebracht, bewirkte heftigste Entzündung der letzteren 
binnen 3 6 Stunden. (Vgl. § 629, S. 66.) 

J, M. A. Schön hat dann (183 4) mitgetheilt, daß er einen solchen Ver- 
such gesehen. (§ 515.) 

Fr. Pauli hat zwei Versuche, 18 47 an der Harnröhre eines Mannes und 
1854 an der Scheide eines öffentlichen Mädchens angestellt, die beide dazu 
erkauft waren: am 3. Tage zeigte sich der Tripper. (Vgl. § 533, S. 369.) 

Das ärztliche Intelligenzblatt f. Bayern (1855, No. 17) enthält, aus den 
Verhandlungen d. V. pfälzischer Ärzte, die folgende Nachricht: Ein Arzt zog 
sich, bei Behandlung von Augen-Eiterung eines Neugeborenen, Ansteckung eines 



1) Recherches nouvelles sur les affections blennorhagiques, S. 60. 



90 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875, 

Auges zu, das verloren ging. Der Eiter dieses Auges wurde an den atrophi- 
schen Augapfel eines Mannes gebracht und bewirkte hier Eiterfluß. Diese 
Absonderung wurde in die Harnröhre eines Kretin übertragen und erzeugte 
Tripper. Von diesem wurden noch zwei Harnröhren geimpft, binnen 2 Tagen 
war Tripper erfolgt. Von der Absonderung des letzteren wurde schließlich auf 
die Schleimhaut eines durchbohrten Auges gebracht, und hierdurch Eiterfluß 
verursacht. 

Es ist von Wichtigkeit, diese Beobachtungen zu sammeln, da heutzutage 
solche Versuche nicht mehr gemacht werden. 

§ 817. III. Jean CoppezI). 
Geboren 1840, erhielt G. den Doktor zu Brüssel 18G7, studirte weiter 
in Paris unter Desmarres, Wecker, Ed. Meyer; wurde Agrege der Universität 
zu Brüssel im Jahre 1870, erhielt 1876 eine Augenklinik im Krankenhaus 
und wurde 1890 zum Professor der Augenheilkunde ernannt: dies Amt 
verwaltete er bis 1905, wo er die Altersgrenze erreichte. Im Jahre 1896 
hatte er, als erster Vorsitzender, die belgische augenärztliche Gesellschaft 
eröffnet. 

Von seinen Arbeiten erwähne ich zunächst seine Habilitations-Schrift: De 
l'ophthalmie neuroparaljtique, Bruxelles 1870. Weiter kommen in Betracht: 
Herpes Zoster (1870, 1876), Neuer Lidhalter (1 870), Klinischer Bericht (1870), 
Neugeborenen-Augenentzündung (1880), Neuralgie durch Nervendehnung geheilt 
(1882), Jequirity (1885, 1890], Aussaugung des weichen Stars (1885), Diphth. 
Bindehaut-Entzündung (1887), Netzhaut-Gliom (1887), Behandlung der Netz- 
haut-Abhebung (1887), Neue Fortschritte in der Star-Operation (1887), Über 
die Eingrifl"e bei Augen- Verletzung mit eingedrungenem Fremdkörper. (189 0, 
Bericht an die franz. augenärztl, Gesellsch.) 

Sein Sohn H. Goppez hat sich, durch zahlreiche Arbeiten unsres 
Fachs, seit 1893 ausgezeichnet, (van Duyse bringt die Liste, S. 234 — 235.) 

Gallemaert's Arbeiten beginnen mit dem Jahre 1 889. Sein Sidero- 
skop hat er schon 1890 auf dem internationalen med. Kongreß zu Berlin 
uns vorgeführt, (van Duyse bringt die Liste, S. 252.) ^ 

§ 818. Die Königliche Akademie der Heilkunde Belgiens^) 
wurde 1841 begründet und hatte gleich zu Mitgliedern die folgenden, um 
die Augenheilkunde verdienten Männer: Fallot, Gouzee, Kllyskens, Seutin, 
VAN MoNS, Vleminckx. Der letzte war Vorsitzender der Akademie in den 
ersten 25 Jahren ihres Bestehens. 

In den Verhandlungen der Akademie während dieser Zeit erscheinen 
einige wenige Arbeiten unsrer Fachwissenschaft: Über den Bau der Binde- 
haut (yan Kempen), über die sogenannte militärische Augen-Entzündung 
(Hairion, Vleminckx, Tbiry), über Lidverschluß mittelst des Kollodion 



1) van Duyse, a. a. 0., S. 102—104. 

2) VAN Duyse, S. 79. 



Die Kgl. Akademie der Heilkunde. — van Sevendonck. 91 

H\iaiON), über Kurzsichtigkeil, über die Inokulation (van Roosbuoeck;, 
ülier den Augenspiegel und die Calabar-Bohne (Warlomont), über Behand- 
lung der Granulationen mit essigsaurem Blei-Oxyd (Bu¥s). 

Im Jahre 1866 wurde Hairion von der Akademie mit einem Be- 
riiht über die augenärztliche Thätigkeit in Belgien während der 
Jahre 1841— 1866 betraut. 

Hairion nennt die folgenden Namen: »van Sevendonck, Vleminckx, 

MvItlNUS, FaLLOT, GcUZCE, DECONDt, BlNARD, LoiSEAU, SOTTEAU , DeCAISNE, 

MiYNXE, die alle mit der Augen-Entzündung der Armee sich beschäftigt 
halten; van Roosbroeck , Vallez, Tuiiiy, die Lehrbücher der Augenheil- 
kunde verfaßt, Warlomont, der ein solches übersetzt hat; Ansiaux, Bohle£, 
VAN BiERVLiET^j, IIairiox, die verschiedene Arbeiten zur Augenheilkunde 
geliefert. « 

Die meisten dieser Alänner haben wii- schon gewürdigt. Aber Einige 
sollen hier noch kurz besprochen werden. 

§ 819. I. VAN Sevendonck, ein Militär-Arzt, über den in den gewöhn- 
lichen Quellen und auch bei v.vn Duyse nichts weiter mitgetheilt wird, ist 
einer der ersten Schriftsteller über die .\ugen-Entzündung der bi-lgischen 
Armee, und zwar in lateinischer Sprache: Specimen politico-me- 
dicum, aetiologiam prophylaximcpic genuinas sistens ophlhalniilidis, in 
Belgarum exercitu jam dudum grassatae. Auetore M. Vansevendonck. M. C. 
in eodem exercitu medico. Lovani, 1823. (60 S.)^'. 

Die schlimme Augenkrankheit wüthet seit 1816, pflegt aber, auljer 
den Soldaten, namentlich der Infanterie, Niemanden zu befallen. Der Vf. 
glaubt, daß der Druck auf die äußeren Drossel- Venen von Seiten der 
Uniform-Theile^j die Bindehaut mit Blut überfülle und so empfindlich mache, 
daß der kleinste Reiz eine Entzündung hervorrufe. 

Vom ägyptischen Ursprung dieser Augen -Entzündung hält er gar 
nichts. 

1828 hat er Animadversiones in Ophth. Belgico-castrcnscm 
veröffentlicht (Loewen, 34 f.): ferner zwei Briefe 1824 und 1828, sowie 
eine kurze Mittheilung über die Ophthalmie der Armee, 1834. 



1) De rophthalmoscopie chez le cheval, ä propos de rophthalmie periodique, 
par le Dr. A. vax Biervliet et J. van Rooy, v<5terinaire de i^e classe au 1 reg. de 
cuirassiers. A. d'Oc. XLVI, S. lasfgd., 1861. Vgl. van Biervliet u. van Rooy, 
über Retinitis pigmentosa beim Pferde, Arch. f. Ophth. X, 1. 81—88; und vAn Bier- 
vliet, die periodische Augen-Entzündung beim Pferde, ebendaselbst, S. 87—89. 
A. d'Oc. LVII, S. 124. 

VAN Biervliet, sur TOphthalmologie comparee, A. d'Oc. LI, 255. 

2) Das Exemplar meiner Bücher-Sammlung hat einst dem Prof. G. F. B. Adel- 
mann gehört. 

3) Vgl. § 790. 



92 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800— 1875. 

§ 820. II. Jean-Romuald Marinüs (1800—1874)1), 
geboren 1800 zu Tiibize (Süd-Brabant), 1830 Doktor zu Gent, lebte zu! 
Brüssel, als bescheidener Gelehrter. Er gründete 1834 das Bull. med. 
Beige, war Herausgeber der Encyclographie des sc. med. (1834- — 1839), 
Leiter des J. de med. de Bruxelles. Seine Arbeit »Über Verhütung des 
Fortschritts der Syph.« (1836) wurde preisgekrönt. Für unser Fach kom- 
men in Betracht: 

Recherches sur l'Ophth. qui regne dans I'armee des Pays-Bas., Brüs- 
sel 1827. 

CuNiER hat verschiedene Briefe an Marinus über die Behandlung der 
Granulationen verüfYentlicht. (§ 793.) 

§ 821. III. H. P. GouzfiE war General-Arzt der Armee in Antwerpen. 
Er empfahl gegen die Granulation vorsichtiges Atzen mit Höllenstein, 
am oberen Lid (A. d'Oc. I, 134, 1838), pries auch das Ätzen mit Höllen- 
stein gegen die gonorrhoische Augen-Entzündung (IV, 149, 1840, V, 193), 
und zwar nach dem ektrotischen Verfahren. 

^E-KTQcoriy.og (Plutarch, Mor. p. 974), Ausstoßung, d. h. Frühgeburt, ver- 
ursachend = abortivus (Plin. nat. h. 7, 42). 

De Conde erklärt, daß dies Verfahren von Kerst in Utrecht popularisirt 
sei ; tadelt aber die Ätzung des Augapfels und des Tarsal-Theils der Bindehaut. 
(A. d'O. XXI, 1 9.) 

Übrigens soll die ektrotische Methode keineswegs besagen, daß eine 
einzige Ätzung hinreicht, wie das von Gouzfi in seiner ersten Mittheilung 
vom Jahre 1838 empfohlen wird. (Snabilik, A, d'O. XVI, S. .302, 1846.) 

Arlt hat 1851 (Lehrbuch I. ,58) als ektrotische Methode das Ver- 
fahren von Chassaignac^) (1847) bezeichnet, bei Neugeborenen-Eiterung erst 
die verlängerte Dusche, dann Höllenstein-Einträuflung anzuwenden. 

In seiner berühmten Arbeit »Über diphth. Conj. und Heilwirkung des Cau- 
sticum« (1854, A. f. 0. I, I, S. 204) vergleicht A. v. Graefe die Anwendung der 
kaustischen Höllenstein-Lösung (0,5 : 30,0) auf ein Auge mit akuter Conjunc- 
tivitis und auf ein andres mit Blennorrh. gonorrh. » Im ersten Fall ist die 
Heilwirkung eine wahrhaft abortive, es braucht die Kauterisation nicht wieder- 
holt zu werden .... Im zweiten Fall ist die Wirkung nur dann eine hei- 
lende, wenn die Kauterisation vor erfolgter Bekrudescenz wiederholt wird ... bis 
zur vollständigsten Erschöpfung des Krankheits-Processes. Es irrt demnach, wer 
glaubt, das Atzmittel in den genannten Krankheiten sei unbedingt ein Abortiv- 
Mittel . . . 

»Es ist noth wendig,« sagt Gouzee, »um einen vollen Erfolg zu er- 
halten, daß die Bindehaut-Oberflächen der Lider in ihrer ganzen Ausdeh- 



1) Biogr. Lex. IV, ISö. (van den Corput.) 

2) § 577, S. 153. 

Ektrotische oder Abortiv-Methode (sofortiges Abschneiden der Krank- 
heil) findet sich noch nicht in den älteren Wörterbüchern der Medicin (Castelli, 
Kühn), wohl aber in den neueren (z.B. bei Guttmann, 1913). 



Marinus. Gouzee. Die eklrotische Methode. 93 

luing geätzt worden; daß vor Allem die schleimhäutigen Anseh wellungen 
der oberen Lider .... der Einwirkung dieses mächtigen Umstimmungs- 
Miltels nicht entgehen, daß die Hornhaut von der Beeinträchtigung seitens 
dos Ätzmittels geschützt werde, und daß endlich das zweite Auge'), wel- 
ches auscheinend noch gesund geblieben, ebenso und gleichzeitig derselben 
üchandlung unterworfen werde« . . . 

»Nach dieser Atzung, welche je nach der Schwere des Falls mehr 
oder weniger stark zu machen die Erfahrung lehrt, thun wir nichts . . . 
außer häufigen Waschungen mit warmem Wasser .... Niemals sahen 
wir, daß die Atzung furchtbare Entzündungs-Erscheinungen verursacht; sie 
licw'irkt eine kürzere Gegenreizung, die zwar sehr lebhaft, aber nur 
augenblicklich ist und die krankhafte, so gefährliche Heizung ablüst,«, .2). 
Am 2. oder 3. Tage vertauschen wir das warme Wasser mit einer glcich- 
tills warmen Sublimat-Lösung (0,05 : 250,0); später mit einer Lid-Salbe 
;aus rothern Präcipitat 0,2 : 1,2).« Kann das obere Lid nicht umgedreht 
werden, so wird Höllenstein-Lösung (I : 30) eingespritzt, — >ein Tropfen 
Oliven-Öl, vorher über die Hornhaut gebreitet, wird diese Haut gegen die 
Einwirkungen des Ätzmittels schützen können«, — oder ein gedeckter 
Ätzmittel-Träger (nach Art des von Lallemand) angewendet. Bei Chemosis 
leichte Ausschneidungen. :>Eine einzige gut gemachte Atzung genügt, 
um das (bei zu hemmen, — wenn es nicht seine Verwüstungen schon 
zu weit ausgedehnt hat.« 

»Nach den Blut-Entziehungen sahen wir die Erscheinungen (Horn- 
haut-Geschwüre u. s. w.) eintreten, die wir durch jene hatten verhüten 
wollen 3). € 

Acht Fälle werden mitgcthcilt, mit sechs Heilungen. 

Zwölf Jahre später (1853, A. d"0. XXX, 207) hat G. seine Ansichten 
erheblich geändert, — ohne diese Änderung ausdrücklich hervorzuheben. 
>Wird die Krankheit gleich im Anfang gefaßt, so genügt die Atzung, um 
sie zu unterdrücken (faire avorter) oder ihren Fortschritt zu hemmen. . . . 
Bei reichlicher Absonderung eines dicken Eiters ist die Atzung gleichfalls 
allmächtig: sie genügt, um das Übel in seinem Fortschritt zu hemmen: 
zwei Mal am Tage wiederholt, oder täglich, oder alle 2 Tage, — 



1) Drei Viertel eines Jahrhunderts trennen uns von dieser Ver- 
irrung. — In der zweiten Abhandlung erklärt G., daß die Ätzung des zweiten 
Auges entbehrlich ist, wenn die Bindehäute nur leicht geröthet und sammt- 
artig sind. 

2) »Die Heilwirkung der Ätzung kann zur Stütze des Grundsatzes der Homöo- 
pathie herbeigezogen werden.« (Die unverständlichen Buchstaben [V, 199] sollen 
heißen oitoioy iru&o^.) 

3) Später hat G. diesen letzten Satz zurückgenommen. (A. d'Oe. XXX, S. 2H, 
1803.) Er hält sie noch für unnütz, wenn die Krankheit auf die Schleimhaut be- 
schränkt ist; aber für nützlich, wenn mit starker Spannung heftige Schmerzen 
verbunden sind. Vgl. übrigens § 629 A u. § 488. 



94 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800— 1875, 

immer wenn sie die Neigung hat, die Oberhand zu gewinnen, führt sie 
schließlich die gonorrhoische Augen-Entzündung über in den Zustand der 
einfachen Bindehaut-Entzündung . . . Die Ätzung wird gemacht mit einem 
Pinsel, der leicht benetzt ist mit einer Hüllenstein-Lösung in Wasser, 
zu gleichen Theilen.« 

Gouz£e's Hauptwerk 

De l'ophthalmie qui regne dans l'armee beige et des moyens d'arreter 
la propagation de cette maladie dans toute agglomeration d'individus, 
Bruxelles 1842 (271 S.) , war 1839 von der Soc. des sc. med. et na- 
turelles zu Brüssel preisgekrönt worden und hat 1844 eine Übersetzung 
in's Holländische erfahren, durch Dr. J. H. van den Broek. 

G. räth die Überfüllung der Kasernen zu vermeiden, die Kranken ab-j 
zusondern, in besondren Hospitälern zu sammeln und vollständig auszu- 
heilen. Die Heilung beruht auf Blut-Entziehungen und Ätzung mit dem 
Höllenstein. In einem geschichtlichen Kapitel (X, S. 204 fgd.) betont G., 
daß die Granulationen den alten Griechen wohl bekannt gewesen, daß im 
Anfang des 18. Jahrb. Vetch dieselben wieder beschrieben, und daß den 
belgischen Militär-Ärzten Jüngken 1834 dieselben gezeigt und ihre Wich- 
tigkeit hervorgehoben habe. 

§ 822. De CoNDfi*) hat zahlreiche Abhandlungen über die Oph- 
thalmie der Armeen veröffentlicht. 

1. Die erste einleitende Abhandlung von 1841 (A. d'O. IV, 184, 279) 
untersucht die Umstände, welche die Augen-Entzündung in der belgischen 
Armee ungünstig oder günstig beeinflußt haben. 

2. Geschichte der Ophthalmie in den französischen Armeen. 
(A. d'O. VIII, 61, 233, 1843.) Vor der Expedition nach Ägypten unbekannt; 
nach derselben nicht erloschen, — nur nicht erörtert von den Franzosen; 
aber nicht zu epidemischer Verbreitung angestiegen. (Mehr bei den ita- 
lienischen Soldaten der Expedilions-Armee Napoleons ausgebreitet.) 

3. G. d. 0. in den italienischen Staaten. (A. d'Oc. X, 49, 115, 
1844. Vgl. § 719.) 

4. Beziehungen zwischen den Ophthalmien in Italien und denen in 
Österreich und Preußen. (A. d'Oc. XIV, 5, 49, 1845. — Vgl. § 719, 
S. 25 — 31; § 736, S. 95.) Die österreichische Armee hat die Krankheit 
von den Italienern empfangen. Von Italien aus hat sich die Krankheit 
auf die Bevölkerung von Kärnthen, Steiermark, Kroatien und Dalmatien 
verbreitet. 



1) Über sein Leben u. Wirken schweigen die Quellen. In seiner ersten Ar- 
beit nennt er sich: Docteur De Conde, med. de regiment au 3e chasseurs ä pied, 
etc., ä Liege. 



De Condö. 95 

Auch die preußischen Truppen sollen 4813 die Krankheit von den 
Italienern der großen Armee, in deren Standorte sie einrückten, erhalten 
haben i). Im Rheinland ging die Ophthalmie auf die bürgerlichen Bevöl- 
kerung über. 

5. Geschichte der Ophthalmie in den Armeen von Rußland und 
Schweden. (A. d'Oc. XVI, 5, 1846.) 

6. Geschichte der Ophthalmien in den englischen Armeen von 
Gibraltar, Malta und in dem vereinigten Königreich selber; auch in Sicilien 
und Hannover. (A. d'Oc. XVII, 5, 52.) 

Die hannoverschen Truppen hatten die Krankheit von den englischen, 
mit denen sie vereint waren; aber erst 1825 zeigte sie sich' zu Osna- 
brück, 1836 zu Göttingen, auch in der bürgerlichen Bevölkerung dieser 
Stadt und des Eichsfcldrs. 

7. (iesch. d. Ophth. in der spanischen Halbinsel. (A. d'O. XIX, 177, 
1848.) 

Wenngleich man nicht alle Schlußfolgerungen de Co\d£'s annehmen 
kann, so ist seine fleißige Zusammenstellung doch noch heute sehr wichtig. 

Von andren Abliaudlungen desselben, die diesem Gebiet angehören, 
erwähne ich die fcilgenden: 

I. Über die Ansteckungsfähigkeit der militärischen Augen-Entzündung. 
(A. d'Oc. I, 26!i, 1838.) De Gom)£ hat zahlreiche Versuche an jungen Hun- 
den, mit Einimpfung auf die Bindehaut, gemacht, und schließt aus den- 
selben, daß die militärische Ophthalmie um so ansteckender ist, je mehr 
Absonderung vorhanden ; daß sie jedoch ansteckend bleibt, auf allen ihren 
Stufen. 

Auch die Einimpfung von Tripper-Eiter auf die Bindehaut von Hun- 
den bewirkt Ophllialmie und, nach deren Verschwinden, »prachtvolle 
Granulationen«. Die Zusammendrückung des Halses bei Hunden erzeugte 
keine Granulationen, ja sie vermehrte nicht einmal die vorhandenen. 

II. Memoire sur quelques questions qui se rattachent a l'ophthalmie 
des armees, 1842. 

HI. Hygiene de l'ophthalmie dite des armees, Liege, 1844. (60 S.) 
Die Ophthalmie der Armee könnte heute die des Volkes genannt 
werden, da violleicht ^;^ der belgischen Bevölkerung'^), d. h. 600 000 Menschen, 
davon angesteckt ist. De CoNDfi giebt, in Form von 145 Aphorismen, 
die genauesten Vorschriften, um das libel in der Armee, in Anstalten, wo 
Menschen sich anhäufen, in der Bevölkerung zu beschränken oder ganz 
auszurotten. Er erstreckt seine Vorsichten auch auf Verhütung der 
gonorrhoischen Augen-Eiterung und derjenigen der Neugeborenen. »Soll 



1) Aber im 17. Abschnitt werden wir das von Einschleppung aus Ägypten 
unabhängige Trachom Rußlands kennen lernen. 

2) Das Konvers. -Lexikon von 1837 nennt eine Einwohner-Zahl von 3S07 000. 



96 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 180 0—1875. 

man nicht unmittelbar nach der Geburt die Augen der Neugeborenen mit 
dünner Ghlorkalk-Lüsung auswascheni)?« 

IV. Zur Behandlung der Granulationen hat De Cond£ mehrere Mit- 
Iheilungen gemacht : 

a) -1840 (A. d'Oc. III, 261) über einen besondren Ätzmittel-Träger. 

b) i850 (XXIV, 205) über die Behandlung der Granulationen in Bel- 
gien. Die Anwendung des neutralen essigsauren Blei-Oxyds in Pulver-Form 
lobt De Conde ganz ausnehmend; allerdings hat er einige Male gewaltige 
Blei-Überkrustungen gesehen, wenn — Andre dicke Haufen des Pulvers auf- 
getragen hatten. Der Hüllenstein wird weiterhin von Einigen als das 
geeignetste Mittel betrachtet werden. 

c) Mit dem Blei-Pulver hat De CoNDfi auch das Flügelfell erfolgreich 
behandelt. (A. d'Oc. XXVIII, 181, 1852.) 

d) Über gonorrh. Ophth. (A. d'Oc. I, S. 237.) 

V. Die andren Abhandlungen unsres Vf.s sind weniger bedeutend und 
z. Th. selbst anfechtbar, z. B. 

a) Über den Bau der Bindehaut, mit Rücksicht auf Pathologie und 
Therapie. (A. d'Oc. XXI, 5, 1849.) 

ß) Über einäugiges Doppeltsehen. (IX, 121, 1843.) 

/) Über Weitsichtigkeit. (A. de la Soc. de mrd. d'Anvers 1843. A. d'Oc. 
XIII, 140, 1845.) 

d] Über Farbenblindheit. (XX, 52, 1848.) 

§ 823. 4. Dr. Felix Binard, Reg.-Arzt in Mecheln, 
hat auch »einige Worte über Lid-Granulationen« gesagt (A. d'Oc XXIX, 
157, 1853); aber dieselben sind nicht bedeutend: ferner die in Deutschland 
über die Augen-Entzündung der Armeen verfaßten Arbeiten zusammenge- 
stellt. (A. d'Oc. XIII, 234.) Hauptsächlich hat er Übersetzungen und 
Kritiken veröffentlicht; auch seine Arbeit über Indischen Hanf gegen 
rheumatische Augen-Entzündung (A. d'Oc. XXIII, 49, 1850) ist nur ein 
Referat mit Hinzufügung eines eignen Falles. 

• 5. Descaisne, Reg.-Arzt, erklärt (A. d'Oc. VI, S. 44 und V, 105, 1841), 
daß die erste Ursache der Ophthalmie nicht in der Armee sich findet, 
sondern abhängt von der Einstellung granulöser Rekruten. Die franzö- 
sischen Soldaten sind frei von Granulationen, selbst in den Regimentern, 
die von Algier zurückkehren, wie er persönlich sich überzeugt hat. Gegen 
die Ophthalmie empfiehlt er, wie Florio (1841), Blutentziehung bis zur 
Ohnmacht (!), gegen die Granulationen den HüUenstein-Slift. 

6. Dr. Me¥x\ne (A. d'Oc. XXXH, 2, 239, 1854) spricht sich gegen 
ägyptischen Ursprung und gegen kontagiüse Verbreitung aus, sowie für 
die Behandlung mit Blei-Acetat. 



1) Vgl. § 420 U. § 676, 3. 



Die belgische Gesellschaft der Augenheilkunde. Schluß-Bemerkung. 97 

7. Nicht genannt ist in Hairion's Liste Hr. Lutens, d. j., Regimenls- 
Arzt zu Antwerpen. Derselbe hat schon 1838 im ersten Bande der A. d'Oc. 
(I, S. 135—146) ziemlich gründlich über die Ausschneidung bei der 
Behandlung der Bindehaut-Granulationen gehandelt. 

Zunächst hat er im unteren Lid die geschwollene Traube hinter dem 
Knorpel ausgeschnitten, ohne jeden Nachtheil, zur erheblichen Abkürzung 
der Heildauer. Aber bei der Ausschneidung der oberen Umschlagsfalte 
liat er ernste Folgezustände Iteohaclitet, vier Mal schwere Phlegmone, 
die zwei Mal zur unheilbaren Erblindung führte. Später hat er die Pinzette 
aufgegeben, eine kleinere und weniger gekrümmte Schere gewählt, und den 
Wulst mit einem Scheren-Schlage abgelragi^n: so hat er viele Operationen 
ausgeführt, ohne daß die geringste Reizung erfolgt ist. 

Diese Arbeit von Lutens ist vielfach besprochen worden, nicht blos von 
F. CuNiER, in seinen Briefen an Marinus und a. a. ()., sondern auch von 
RiBERi in Turin. (§ 726.) 

§ 824. Die belgische Gesellschaft der Augenheilkunde (So- 
ciete Beige d'Ophtalmologio) wurde am 20. Dez. 1896 begründet, und die 
Berichte über ihre Verhandlungen regelmäßig verüfl'entlicht: zuerst, nach 
dem deutschen Bericht des Schriftführers Pergens, im Gentralbl. f. Augenh. 
1897, S. 121, 244, 426; dann erschien 1898 das erste 

Bulletin de la Soc. beige d'Opht, 
Bruxelles, (58 S.) und danach die weiteren: im Jahre 1913 No. 35 (35. Ver- 
einigung, zu Brüssel, am 27. April 1913) und No. 36, Compte rendu ana- 
lytique des Communications faites ä la trente-sixieme röunion de la Soci6t6, 
ä Gand, les 2 — 3 aoi'it 1913 >). L^eunion extraordinaire Internationale.] 
(114 S.) 

§ 825. Schluß-Bemerkung. 
Den Zustand der Augenheilkunde in Belgien, um die Mitte des 
I 19. Jahrhunderts, zu schildern, hat ein hervorragender Belgier selber 
i unternommen, und zwar derjenige, der als erster in unsren Erörterungen 
! genannt wurde, Dr. Fallot-). Er betrachtet den Gegenstand unter drei 
I Gesichtspunkten, dem der Verwaltung, dem der Ärzte und dem der 
Wissenschaft. 

In ersterer Hinsicht gebe es wenige Länder, die mit Belgien wetteifern 
können. Es giebt, abgesehen von den Augen-Abtheilungen der allgemeinen 
Hospitäler, noch zahlreiche provinziale Augen-Heilanstalten für die Armen 3). 



1) Ich hatte die Ehre des Vorsitzes in der ersten Sitzung. 

2) Congres d'Ophth. d. Bruxelles, 1857. Compte rendu, Paris 1858, S. 375— 379. 

3) Vgl. § 79i. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXIII. Kap. 7 



98 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Belgiens, 1800—1875. 

In zweiter Hinsicht stände es weniger gut; es finden sich wohl tüchtige 
Ärzte, welche diesen Zweig der Kunst pflegen, aber zu wenig Augenärzte, 
In dritter Hinsicht ist Gelegenheit, sich in der Augenheilkunde zu unterrichten, 
reichlich vorhanden; die seit einem Vierteljahrhundert veröffentlichten 
Arbeiten über Augenheilkunde sichern Belgien einen ehrenvollen Platz. 

Wenn auch heutzutage in Belgien die Augenheilkunde durch Auf- 
nahme in den Unterricht und in die Prüfung i) als wichtiges Fach anerkannt 
worden; so hat sie doch ihre Selbständigkeit noch nicht errungen, da der 
Professor der Augenheilkunde stets noch ein zweites Lehrfach mit über- 
nehmen muß. 

1) § 797. 



Kapitel XXIII. 

(Fortsetzung.) 

Die Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Von 

J. Hirschberg, 

Professur in P.irlin. 

Drittes Buch. 

Fünfzehnter Absclinitt. 
Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

Mit 3 Figuren im Text. 

Eingegangen im August 1915. 



ä Vorbemerkungen. 

§826. Die Geschichte der Augenheilkunde im 19. Jahrhund<'rt war 
nicht zu schreiben ohne zuverlässige Angaben über Einrichtungen, Männer, 
Anstalten. Solche konnten aus den verschiedenen Ländern nur von Ein- 
heimischen gehefert werden. In der richtigen Einsicht; daß zum allgemei- 
nen Nutzen die bereits dem Abschluß sich nähernde Darstellung gefördert 
werden mußte, haben die Fachgenossen fast aller Länder mich in dan- 
kenswerther Weise unterstützt, wie ich dies auch stets an der betreffenden 
Stelle anerkannt habe. 

Aber die tJnterstützung, die ich in Bezug auf das Königreich der 
Niederlande, — durch gütige Vermittelung des Hrn. Prof. W. Koster Gzn. 
zu Leiden, — am ö. Okt. 191 I von Hrn. Dr. J. van der HoeveM aus Utrecht 
erhalten habe, ist so umfassend und eingehend, daß ich die Verpflichtung 
fühle, ihn öffentlich als Mitarbeiter dieses Abschnitts anzuerkennen, dem 
sogar das größere Verdienst zukommt. 



1) Jetzt Prof. der Augenheilkunde zu Groningen. 



100 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

Prof. W. Koster's schon im § 431 erwähnte Abhandlung »Über die 
Entwicklung der Ophthalmologie in den Niederlanden« i) hat mir gleichfalls 
gute Dienste geleistet. 

»De oogheelkunde in Nederland«, eine Rede 2), die Dr. F. D. A. C. van 
Moll am 12. Juni 1892 zu Rotterdam gehalten, bringt kurze Bemerkungen 
über Blankaart, Boerhaave, Camper, Ruysch und Leeuwenhoek und erörtert 
dann ausführlich die großen Verdienste von F. C. Donders. 

Die Eröffnungs-Rede 3) des 9. internationalen ophthalmologischen Kon- 
gresses, zu Utrecht am 15. Aug. 1899, vom Vorsitzenden Prof. H. Snellex 
d. V., führt uns in lebhafter Darstellung einen Vergleich zwischen Boer- 
nAAVE und Donders vor. 

Sehr vortheilhaft fand ich noch endlich, daß C. E. Danikls zu Amster- 
dam, als Mitarbeiter des biographischen Lexikon von August Hmscn*), 
auf dem Gebiet der niederländischen Ärzte ebenso vollständig wie gründlich 
gearbeitet hat. 

Einleitung. 

§ 827. I. Im 18. Jahrhundert (und am Ende des 17.) war Niederlands 
Ruhm auf unsrem Gebiete durch zwei Männer begründet, durch Hermann 
Boerhaave und durch Peter Camper, die beide für ihre Zeit vortreffliche 
Vorlesungen über Augenheilkunde gehalten, wenn auch nicht selber heraus- 
gegeben haben. Der Inhalt dieser Vorträge ist in unsren § 432 und § 433 
(1908) genau mitgetheilt worden. 

Inzwischen ist das Werk des zweiten von ihnen in einer Pracht- 
Ausgabe erschienen: Opuscula selecta Neerlandicorum fasciculus secundus 
quem Guratores Miscellaneorum quae vocantur Nederlandsch Tijdschrift voor 
Geneeskunde collegerunt et ediderunt. Amstelodami. Apud F. F. van Rossen 
MCMXIII. Petri Camperi de oculorum fabrica et morbis. (411 S., mit Titel- 
bild des Vf.s und zahlreichen Holzsclinitten.) Die deutsche Übersetzung 
von Dr. Zeeman ist dem lateinischen Text gegenübergestellt^). 

Übrigens haben außer den beiden genannten noch zwei andre Ge- 
lehrte während des 18. Jahrhunderts in den Niederlanden Tüchtiges zur 
Augenheilkunde geleistet ; 

I. Bernhard S. Albinus(1697 — 1770)6), p^of. der Anatomie und später 
der Medizin zu Leiden''), hat in seinen Vorlesungen auch über Augen- 
krankheiten (über Thränenfistel , über Star, über Star-Ausziehung] ge- 



1) Zeitschr. f. Augenh. II, S. 10 9—125, 1899. 2) »Nicht im Buchhandel.« 

3) Discours d'ouverture. (20 S.) 4) Wien und Leipzig, VI Bände, 1884—1888. 

Zur Bequemlichkeit des Lesers citire ich dieses Lexikon, nicht die niederlän- 
dischen Quellen. 5) C. Bl. f. A. 1913, S. 197. 6) § 462. 7) So schreiben 
es die holländischen Fachgenossen; in deutschen Büchern findet man öfters 
Leyden. Im Mittelalter hieß es Leithen, d. h. an der Wasser-Leite, 



Einleitung. Die niederländischen Universitäten. 101 

handoll, wie der Augenarzt Mensert berichtet, der 1843 im Besitz von 
A.'s üictatum chirurgicum gelangt ist. A. kannte schon den »Schlemm- 
schen« Kanal. 

II. GovERT BiDLOo (1649 — 1713), seit 1694 Prof. der Medizin und 
Chirurgie zu Leiden, hat nicht unbedeutende Beiträge zur augenärztlichen 
Literatur geliefert. 

Unter den 20 anatomisch -chirurgischen Abhandlungen, welche in 
seinen gesammelten Werken^) enthalten sind, finden sich acht, die zur 
Augenheilkunde gehören: I. De phlyctaena. i. De oculo purulento (Hypo- 
pyo). Entleerung des Eiters wird empfohlen. 3. De panno. (Kann nicht 
von der Adnata abgetragen werden.) 4. De ungue (pterygio). 5. De en- 
canthide. 6. De prolapsu oculi. 7. De leucomate. 8. De amaurosi. (Hier 
wendet sich B. gegen Blut-Entziehungen, Abführungen u. dgl.) 

In diesen Abhandlungen liest man, daß Bidloo selbst Hand anlegte; 
auch 1690, als er General-Inspektor der Zivil- und Militär-Hospitäler in 
Holland war, den durch Lanzenstich zerstörten Augapfel eines Soldaten 
eigenhändig entfernt und ein künstliches Glasauge eingesetzt hat. (6.) 

Schließlich erwähne ich noch seine Schrift »De oculis et visu va- 
riorum animalium observationes physico-anatomicae. « 

Kein Thier entbehre der Augen. B. beschreibt das des Maulwurfs 
und der Blindwühle, Gaecilia serpens. Kein Thier sende Licht aus 
dem Auge. »Felem in obscuro loco coUocatam, observavi exacte; de 
oculis autem emissi luminis mihi apparuit nihil.« Für diese wichtige Be- 
obachtung, die gewöhnlich den Forschern aus dem Beginn des 1 9. Jahr- 
hunderts, Prevost und Gruithuisen, zugeschrieben wird, hat Bidloo un- 
zweifelhaft die Priorität, und zwar um 100 Jahre. 

§ 828. II. Die niederländischen Universitäten haben eine merk- 
würdige Geschichte. 

Zu der 1426 in Loewen2) begründeten ersten und einzigen Univer- 
sität der damals noch vereinigten ^Mede^lande kam in den Stürmen der 
Befreiungs-Kriege, die wir als Abfall der Niederlande von Spaniens Herr- 
schaft zu bezeichnen gewohnt sind, 1575 die Gründung einer »freien und 
öffentlichen Schule zu Leiden« 3), welche auf Antrag von Prinz Wilhelm I. 
durch die Provinzial-Staaten von Holland und Zeeland beschlossen und 
ausgeführt wurde. 

Sie war eine Pflege-Stätte des protestantischen Glaubens. Im 17. und 



i) GoDEFRiDi Bidloo Opera omnia anatomico-chirurgica edita et inedita. 
Lugduni Batavorum 1713. 

2) Vgl. § 786. 

3) Minerva, I, S. -164, 1911. (Handelt nur von denjenigen Universitäten, die 
noch heute bestehen.) 



102 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

18. Jahrhundert gelangte sie zu hoher Blüthe, auch auf dem Gebiete der 
medizinischen Wissenschaften. 

König Louis erhob sie 1807 zur königlichen Universität von Holland; 
aber nach der Einverleibung Hollands in das Napoleonische Reich (1810) 
wurde sie ihrer eignen Gerichtsbarkeit beraubt und 1811 als »Akademie« 
mit fünf Fakultäten zu einem Theil der Universite de France gemacht, — 
doch nur für wenige Jahre. 

Während und nach dem niederländischen Befreiungs-Kriege, besonders 
in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, wo Holland (»die Republik der 
Vereinigten Niederlande«) in höchster Macht und Blüthe stand, erwuchsen 
Hochschulen in Menge i) — 1585 die Universität zu Franeker, 1614 die 
zu Groningen, 1636 die von Utrecht, 1648 die von Harderwijk; 
1629 bekam 's Hertogenbosch eine hohe Schule mit medizinischem Unter- 
richt, 1650 Middelburg, 1630 Deventer, 1632 Amsterdam (das 
Athenaeum illustre), 1646 Breda. Alle diese Hochschulen gingen 
wieder unter, in und nach der französischen Revolution, jedenfalls durch 
die Verfügung Napoleons, vom Jahre 1811. 

Nach dem Wiener Frieden wurden auf Anregung von Wilhelm I., 
König der vereinigten Niederlande, durch das im Jahre 1815 erlassene 
»Gesetz für den höheren Unterricht« drei vollständige Reichs-Hochschulen 
zu Leiden, Utrecht und Groningen errichtet. 

Im Jahre 1877 wurde das Athenaeum zu Amsterdam in eine freie 
Universität umgewandelt, mit gleichen Einrichtungen und Berechtigungen, 
wie sie die staatlichen Universitäten besaßen. 

§ 829. HL Der Unterricht in der Augenheilkunde 
ist auch in den Niederlanden während der ersten größeren Hälfte des 

1 9. Jahrhunderts zumeist in den Händen der Chirurgie-Professoren und 
Lehrer geblieben. 

Zum ersten Mal, in den damals vereinigten Niederlanden, ist 
1818 ein Lehrer der Augenheilkunde an einer Universität angestellt 
worden, van Onsexdort zu Loewen ; derselbe war übrigens gleichzeitig 
Chirurg und Lehrer der Chirurgie und Augenheilkunde an der militär- 
medizinischen Schule in der nämlichen Stadt. Der erste Docent, welcher 
sich der Augenheilkunde allein widmete, war H. Snellen zu Utrecht, 
seit 1862. Die erste Professur der Augenheilkunde wurde 1869 zu 
Leiden errichtet und D. Doyer anvertraut. 

Noch im Jahre 1843 beklagte Willem Mensert^), zu Amsterdam »Stadt- 
Operateur für Star«, z. Z. der einzige bekannte Augenarzt Hollands, daß 
es in Holland keinen Ort gebe, wo Jemand sich zum praktischen Augen- 
arzt ausbilden könne. 



1) W. Koster, a. a. 0.; vgl. § 431. 2) Ned. Lancet 1842/3. 



Der Unterricht in der Augenheilkunde. 103 

So kam us, daß die Augen-Praxis vielfach Pfuschern anheim fiel, 
von denen zwei besonders großen Ruf hatten, der Pfarrer J. L. A. Kkemer 
und der Optiker G. A. Hess zu Middelburg •). 

Dem bekannten Augenarzt Carrgn du Villards aus Paris wurden von 
den Gemeinden zu Nijmegen , Amsterdam u. a. ISii und 1845 Räum- 
lichkeiten zur Behandlung und Operation von Augenkranken zur Verfügung 
gestellt und seine Anwesenheit als eine Wohlthat betrachtet'-^). 

Kein Geringerer als Dondeks klagte I.S5I, daß es z. Z. in ganz Hol- 
land nicht einen einzigen Augenarzt gäbe, der des allgemeinen Vertrauens 
sich zu erfreuen habe^^. 

Um 1852 gab es keine Augen-Klinik, keine Augen-Heilanstalt in ganz 
Holland"). 

Do.NüEKs und S>Ei.LE> haben hier Wandel geschaffen und Himly's 
Forderung erfüllt: -Jeder Augenarzt soll Arzt sein, jeder Arzt Augenarzt.« 
Es giebt seitdem keinen Arzt in den Niederlanden, der nicht in seiner 
Prüfung gezeigt, daß er theoretischen und praktischen Unterricht in der 
Augenheilkunde erhalten hat. 

Im Anfang des von uns betrachteten Zeitabschnitts, d. h. im Jahre 
1800, konnte man die ärztlichen Studien entweder in einer der vielen 
Universitäten und Hochschulen (Leiden, Franeker, Groningen, Utrecht, Harder- 
wijk), im Athenaeum zu Amsterdam vollenden, oder an einer der zahlreichen 
klinischen Schulen (zu Rotterdam, Middelburg, Haarlem u. a.) oder an 
der militär-medizinischcn Schul»' zu Utrecht. 

Während der fünfziger Jahre lehrte M. Poi.anu Augenheilkunde in der 
klinischen Schule zu Rotterdam; in der 1828 gestifteten zu Amsterdam hat 
G. B. TiLANüs in besondren Stunden Unterricht in der Augenheilkunde ertheilt. 

Das Gesetz über die Ausbildung der Ärzte vom Jahre 1865 hob diese 
Schulen auf und setzte fest, daß Ärzte nur in Leiden, Utrecht, Groningen 
und Amsterdam ausgebildet werden können. 

Die medizinische Militär-Schule zu Utrecht wurde damals dem Athe- 
naeum zu Amsterdam einverleibt, das dann 187(3 zur Universität erhoben wurde. 

1) § 852. 

2) Vgl. unseren § 068, S. HO; A. d'Oc. XII, S. 3-2 und XIII, S. 286. 

Die letztgenannte Stelle lautet: »La Haye. M. Carron du Villards est en 
ce moment a Nymegue. On se ferait difficilement une idöe du nombre prodi- 
gieux d'ophthalmiques indigents qui ont ete soignes gratuitement par cet oculiste, 
tant ä Nim^gue. qu'ä Amsterdam, Brielle, Bois-le-Duc, Maastricht, oü il a sejourne 
anterieurement. La pr^sence de M. Carron en Hollande est consideree comme 
un vöritable bienfait par les malheureux auxquels il vient en aide, et par les 
chirurgiens qui sinstruisent ä son contact. 

Aussi le gouvernement ne n^glige-t-il rien pour lui faciliter lesmoyens . . . Xz.< 
Ich glaube, daß Hr. Carron dem Hrn. Xz etwas von diesem Text ein ge- 
hl äsen hat. 

13) van Onsenoort war 184'! verstorben; Mensert 1848. 
4) A. d'Oc. XXVm, S. 44. (GoRNAz.) 



104 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

Das Gesetz von 1867 über den Hochschul-Unterricht bestimmte auch, 
daß wenigstens an einer Universität Unterricht in der Augenheilkunde zu er- 
theilen sei. 

Die Hochschulen der Niederlande. 
Ihre Leistungen für die Augenheilkunde des 19. Jahrhunderts. 

§ 830. Die Friesische Hochschule zu Franeker, 1585 gestiftet i), 
1811 aufgehoben, ist wohl den meisten Ärzten unsrer Tage, namentlich 
außerhalb Hollands, kaum dem Namen nach bekannt, — ebenso wenig das 
7 km von der Nordsee gelegene, alterthümliche Städtchen, welches 1901 
nur 7187 Einwohner zählte. 

Aber in der Geschichte der Heilkunde ist die Universität berühmt. 
GovERT BiDLOO hat 1682 hier studirt und den Doktor erworben. Der 
berühmte Peter Camper war hier Professor, von 1749 — 1755. 

1796 wurde diese Universität neu eingerichtet, wie ich aus der Vor- 
rede von Ens' Diss. schließen muß. 

Hier wurde, am 15. Mai 1769, Johannes Mülder (1)2) geboren, der 
1790 zum Doktor der Philosophie und Febr. 179i zum Doktor der Heil- 
kunde promovirt, schon im März desselben Jahres zum Lector der Anato- 
mie, Chirurgie und Geburtshilfe in Leeuwarden ernannt und 1797 als 
Professor nach Franeker berufen; dann 1808 von König Louis in Groningen 
als Prof. der Anatomie, Chirurgie, Geburtshilfe und Physiologie angestellt 
wurde, aber bereits im Nov. 1810 gestorben ist, in der Blüthe des Lebens. 

Mulder war ein ausgezeichneter Wundarzt und Gelehrter, hat aber 
sehr wenig geschrieben. 

Sehr berühmt war er wegen seiner Geschicklichkeit in Augen-Opera- 
tionen. Zur Ausziehung bediente er sich eines kleineren Messers und der 
Fliete; er verwirft Beer's Ausziehung innerhalb der Kapsel 3), verurtheilt 
VAN Wy's Star-Schnepper^) und will die Auflösung (Discission) nur für 
Kinder gelten lassen. 

Ihm gelang es, bei enger und nicht zu erweiternder Pupille^) erst 
der Iris mittels einer feinen Schere zwei wagerechte und zwei senkrechte 
Schnitte beizubringen, die Zipfel zu entfernen, dann den Star herauszu- 
ziehen und schheßlich die getrübte Kapsel fortzunehmen, — mit vollkom- 
menem Erfolge. 

Vgl. Overzigt van de voornaamste gevallen, welke in het heel- en vroed- 
kundig academiseh ziekenhuis te Groningen van 1809 — 1810 door Johannes 
Mulder zijn waargenomen, door Claas Mclder, Amsterdam 1824. 



1) § 431, S. 260. 

2) Biogr. Lex. IV, 310 — 311 (C. E. Daniels). 

3) Vgl. § 469. 

4) § 845. 

sj § 350, § 51 6, J. Daviel ; § 378, S. 89, J. Janin ; § 424, S. 223 u., A. G. Richter. 



Die Hochschule zu Franeker. Jo. Mulder (I), S. Ens. 105 

Johannes Muldkk (I), 1769 — 1810, Prol. der Chir. zu Franeker und Gro- 
ningen, hatte einen berühmten Sohn: Claas Mulder (1796 — 1867), Arzt und 
Prof. der Botanik, Chemie, Pharmaeie zu Franeker, seit 1841 Prof. der Chemie 
zu Groningen. 

GERAitbis Johannes .Mulder M 802 — 1 8 80), Arzt und seit 1841 Prof. der 
Chemie zu Utrecht; und Jan Andiues Mulüeu (II), (1807 — 1847), seit 1841 
Lector und seit 18 46 a. o. Prof. der Chir. zu Utrecht, waren Söhne eines 
Wundarztes zu Utrecht. 

Märten Edsge Mlldeu (III), geb. 1847, wurde 1878 Privatdocent, 1880 
Leclor, 1890 Prof. der Augenheilkunde zu Groningen. 

Die drei mittelst römischer Zillern von mir unterschiedenen Männer haben 
auf unsrein Gebiet sich hervorgethan. Der Name Mulder ist sehr häufig in 
den Niederlanden.) 

Nach Mensert (1827) war Johannes .AIuldkr der erste Niederländer, 
der am lebenden Auge eine künstliche Pupille gebildet. 

Als .lo. Mulder 1808 nach Groningen gegangen, blieb seine Stelle erst 
unbesetzt, weil viele das Amt ausschlugen, bis am 5. März 1801) Sicco 
Ens (1779 — 1842)^' die Professur übernahm. 

Am 22. Oktober 1811 wurde die Universität zu Franeker durch Kaiser 
Napoleon aufgehoben, 1815 als Schule zweiten Hanges (Alhenaeum) wieder 
eröffnet. An dieser wirkte Ens als Prof. der Medizin, Wundarzneikunst und 
Geburtshilfe bis zu seinem Tode (18 i2), und beschäftigte sich auch mit der 
Ausbildung der Land-Wundärzte (plattelands-heelmeesters). Im folgenden 
Jahre wurde das Athenaeum endgültig aufgehoben. 

Sicco Ens war der Sohn eines Dorf-Predigers, hatte 7 Jahre studirt, 
bis zu st'iner Promotion, hauptsächlich unter Muloer und Allard. Außer 
seiner Dissertation und drei Rektorats-Reden hat er nichts verütVentlicht. 
Nach Daniels hatte er »großen Ruf als Arzt und Operateur, obwohl er 
ein roher, unangenehmer Mann war«. 

Seine wichtigste Veröffentlichung war Historia extractionis cata- 
ractae, Autore Siccone Ens, Worcumi Frisiorum, 1803. (313 S. mit 
Tafeln 2).) 

In der Vorrede erklärt er, daß er diese Operation oft von seinem 
Lehrer Mulder ausführen sah, daß dieser ihm die Quellen angab und zur 
Verfügung stellte 3) und bei schwierigen Punkten der Arbeit seine Hilfe 
gewährte. 

Der erste Theil der Abhandlung umfaßt die Geschichte. Daviel er- 
hält, mit Recht, die Palme. Dann folgt die Beschreibung der Verfahren 

1) Biogr. Lex. VI, 751. (Daniels.) 

2) Für gefl. Übersendung dieser in unsrer Univ.-Bibl. nicht vorhandenen 
Dissertation bin ich Herrn Kollegen van der Hoeve zu besondrem Danke ver- 
pflichtet. 

3) Bemerkenswerth scheint mir der Bücher-Reichthum einer so kleinen Uni- 
versität. 



106 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

von Garengot (viereckiger Lappen), La Faye, Poyet, Sigwart, Sharp, War- 
ner, YoüNG, Tenon, Berenger (mit Messer und Gabel), ten Haaf, Palucci 
(Nadelmesser), Pellier, W£nzel, Colombier, A. G. Richter, Grandjean, 
Pamard, Acrel, Vogel, Reichenbach, Jericho, de Witt, Guerix, Lobstein, 
Jung, Janin, Hellmann, Durand, van Wy, Casaamata, Mohrenheim, Mursinna, 
Siegerist, Butter, Bell, Wathen, Gleize, Phipps, Cline, Ware, Barth, 
Schmidt, Schiferli, Beer (intracaps.), Arnemann, Helling. 

(Da alles Wesentliche dieser Verfahren schon von uns erörtert ist, 
brauchen wir hier auf Einzelheiten nicht einzugehen.) 

Der zweite Theil von Ens' Arbeit enthält die Epikrise, d. h. dasjenige, 
was nach seinem Urtheil das beste scheint. 

Von Augenhaltern empfiehlt er am meisten den Lidheber von Pellier 
aus Draht oder den von Jericho, der eine gebogene Metall- Platte darstellt; 
und den DsMOURs'schen Ring mehr, als den BERENGER'schen Doppelhaken. 

Der Schnitt umfaßt die untere Hälfte der Hornhaut. Das RicHTER'sche 
Messer ist das beste. Ein geschickter Wundarzt bedarf keines 
Schneppers. Von den Cystitomen scheint das von la Faye am sicher- 
sten zu wirken. Der Linsen-Austritt soll langsam geschehen. 

Die BEER'sche Ausziehung des Stars in seiner Kapsel wird nicht ge- 
billigt. 

Als Dissertation eines angehenden Wundarztes verdient die Schrift von 
Ens das höchste Lob. Sie war auch für ihre Zeit verdienstvoll, sogar 
neben Pellier's^) Operations-Kurs von 1789/90, den Ens nicht gekannt, 
und lehrreich durch die Abbildung zahlreicher Instrumente; ja sie ist noch 
heutzutage interessant in geschichtlicher Hinsicht. 

Daß sie aber, wie C. E. Daniels anführt, »noch heute als klassische 
Arbeit gilt«, dürfte doch zu viel gesagt sein. Originales vermag ich darin 
nicht zu entdecken. 

§ 831. Die Geldern'sche Hochschule in Harderwijk, 
die 1648 gestiftet worden, niemals sehr blühend gewesen und 1811 der 
Auflösung verfiel, hatte im Anfang des 1 9. Jahrhunderts 

Pieter Jacobus van Maanen (1770 — '1854)2» 
als Professor der Medizin, Anatomie, Chirurgie und Geburtshilfe. 

Derselbe hatte in Leiden und London studirt, war 1794 promovirt, 
1796 zum Professor nach Harderwijk berufen und wirkte hier zehn Jahre 
lang. Im Jahre 1806 zum Professor in Groningen ernannt, mußte er auf 
Befehl des Königs Louis diese Wahl ablehnen und 1 808 als General-Kommissar 
der ärztlichen Dienste und Leibarzt nach Amsterdam übersiedeln. Im 
Jahre 1810 nahm er am dortigen Athenaeum die Professur der Chirurgie 



1) Vgl. § 381. 2) Biogr. Lex. IV, 73 (C. E. Daniels) 



Ens, Über Star-Aasziehung. — Harderwijk, Groningen. 1(J7 

.n, legte dieselbe aber IH13 nieder, da er die nothwendigen Verbesse- 
•ungen nicht durchsetzen konnte, und lebte der ärztlichen Praxis. Hoch- 
jetagt ist er 1854 verstorben. 

Im Jahre 1794 gewann er eine Preis-Denkmünze von der Bataafschen 
Gesellschaft zu Rotterdam, mit der Abhandlung 

»Ovcr het gebruik van hrillen en oogglazen«, 
he 1798 zu Rotterdam erschienen ist. 

In den ersten beiden Kapiteln handelt er vom Augf im gesunden und 
m kranken Zustand; darauf von dem Einfluß der Brillen-Gläser, v. M. 
vvarnt vor zu häufigem Gebrauch von Brillen und vor der Unsitte der 
Lorgnetten: er räth, niemals eine Brille zu kaufen, ohne einen tüchtigen 
\rzt zu Hilfe zu ziehen. Also war v. M. vielen seiner Zeit-Genossen und 
Nachfolger in dieser wichtigen Frage weit überlegen'). 

Sein Nachfolger in Harderwijk war GERHARnis Franciscus Sueümann 
1783—1862)2), der nach Aufhebung der Universität (1811) der ärztlichen 
Praxis sich widmete, bis er (I8I61 nach Utrecht berufen wurde. 

§ 832. An der IC14 gestifteten 

Universität zu Gioningen 
war 1800 Professor der Anatomie, Chirurgie u. s. w. 

Wtxgldus Munniks (1744 — 1806)'», 
und von 1808—1810 Johannes Muldbr (I). (§ 830.) 
Als Prof. der inneren Medizin wirkte von 1794 — 1831 

EvERT Jan Thomassen ä Thuessink (1762 — 1832)*', 
der Begründer des klinischen Unterrichts an der Universität Groningen. 
In seinem Bericht über die im akademischen Krankenhaus beobachteten 
Krankheiten (1805) hat er von der Ophthalmie ausführlich gehanrlelt. 

Nach JoH. Mulder's Tode (1810) übernahm sein Assistent, der ehe- 
malige 

Militär-Arzt Petrus Hendricksz (1779 — 1843)^) 
einen Theil der "Vorlesungen; wurde 1815 zum Lector, 1818 zum a. 0., 
1829 zum ordentlichen Professor der Chirurgie und Geburtshilfe ernannt. 

Von 1828 an hielt er Sonder- Vorlesungen über Augen-Heilkunde. 

1832 trat er freiwillig zurück, um sich ganz der augenärztlichen 
Praxis zu widmen, und lebte auf seinem Landgut Zuijderburgh bei Haag, 

1) Vgl. m. Einführung, I, S. 84. 
i] Biogr. Lex. II, 579. 

3) Biogr. Lex. IV, 316. 

4) Biogr. Lex. V, 662. 

5) Biogr. Lex. III, 148. 



108 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

das er als Augen-Heilanstalt einrichtete. Er gewann großen Beifall. 1843 
ist er gestorben. 

Geschrieben hat er wenig. In seinem Bericht über die 1815 — 1817, 
im akademischen Krankenhaus vorgenommenen Operationen (Amsterdam 
1823) zieht er die Star-Ausziehung vor, für die er eines verbesserten 
Star-Schneppers sich bediente. 

Die A. d'Oc. verzeichnen ihn als Mitarbeiter für Holland, doch ent- 
halten sie keine Mittheilung von demselben. 

Nachfolger von Hendricksz wurde 

AüGUSTUs Arnoldus Sebastian (1805—1861)1', 
Sohn von T. J. Ch. Sebastian, ehemaligem Lector an der miUtär-medizinischeni 
Schule in Leiden, späterem Professor der Medizin in Heidelberg, wurde Lecton 
für Anatomie und Physiologie an der militär-medizinischen Schule in Ut- 
recht und hatte in Groningen Anatomie, Physiologie, Pathologie, patholo- 
gische Anatomie, theoretische und praktische Chirurgie zu lehren. 

Er hielt auch Sonder- Vorlesungen über Augenheilkunde. 

Da ihm 1849 die Anstellung eines Hilfslehrers, die er wegen seiner 
Kränklichkeit beantragt hatte, verweigert wurde; so nahm er seinen Ab- 
schied und ließ sich als Arzt in Amsterdam nieder. 

Sebastian hat lateinische Lehrbücher über allgemeine und specielle' 
Physiologie geschrieben (1835, 1839), aber nichts über Augenheilkunde uns 
hinterlassen, abgesehen von zwei Dissertationen, aus den Jahren 1843 und 
1844: 

J. T. E. ScHAEPMANN, De Ophthalmia periodica. M. Spree, De cor- 
poris vitrei in oculo humano ossificatione. 

Auch Sebastian steht in den A. d'Oc. (vom 12. Bande ab) als Mit- 
arbeiter für Holland, hat aber nichts darin veröffentlicht. 

Sein Nachfolger wurde 

Jan Hissink Jansen (1816—1885)2' 
der die Professur der Anatomie und Physiologie von 1850—1879 ver- 
waltete. Auch er hielt Sonder-Vorlesungen über Augenheilkunde. 

Jansen gab mit Donders »Nederlandsch Lancet« heraus und hat 
zahlreiche Werke (von Roser, Wunderlich, Günther) in's Holländische über- 
setzt; aber nur unbedeutende Beiträge zur Augenheilkunde geliefert. 

Aus einem klinischen Bericht für 1850—1852 (N. Lancet 1852 — 53) 
ersehen wir, daß er in diesen Jahren nur 22 poliklinische und 22 klini- 
sche Fälle von Augenkrankheit behandelte. Unter den letzteren waren elf 
Stare, die er, nach besondrer Wahl, mittelst der Niederdrückung oder der 
Ausziehung, beseitigte. Für die letztere benutzte er den Star-Schnepper. 

1) Biogr. Lex. V, 334. (C. E. Daniels.) 

2) Biogr. Lex. III, 385. 



Martin Edsge Mulder (III). 109 

§ 8.}3. Als Jansen 1879 zurücktrat, war schon ein Augenarzt in 
ii Illingen wirksam, ein Schüler von Donders und Snei.len, 

Märten Edsge Mulder (III) (geb. 1847). 

Derselbe schrieb 1874 seine Doktor-Arbeit über die llollbewegungen 
I - Auues, di.' auch im Arch. f. 0. (XXI, I, S. 68—124, 1875) erschie- 
iL'ii ist. 

(M. untersuchte die Grüße der Rollungen der Augen um die Gesichts- 
inie bei seillichen Neigungen des Kopfes, im Anschluß an die früheren 
j'ntersuchungen von Nagel und Skrebitzky, indem er von der Primär- 
jtellung ausgeht, die Bewegungen des Kopfes ausschließlich um eine auf 
1er Mitte der Grundlinie errichteten Normale als Achse ausführen läßt. 
)ie Rollbewegung der Augen nimmt ungefähr proportional der Neigung 
les Kopfes zu ; sif liefert bei seitlicher Neigung einen Faktor für unsre 
Vorstellung über die Richtung.) 

Im Jahre 1 875 ließ M. sich in Groningen nieder, wurde 1 878 Privat- 
)ocent, 1880 Lector und 1890 Professor der Augenheilkunde. 

Lehrmittel fehlten vollständig. 

Aber es gelang M. E. Milder, 1879 eine Einrichtung für minderver- 
nügende Augenlcidende zu gründen, die 1884 und 1900 vergrößert wurde 
jnd jetzt, mit 3i Betten, zur Behandlung und zum Unterricht ausreicht. 

M. E. Mulder hat verschiedene Abhandlungen veröffentlicht und Dis- 
sertationen angeregt. 

A. 

I. Eenige beschouwingen omtrent het onderwijs in de oogheelkunde, Gro- 
ningen 1890. (32 S.) 

2. — 4. Melanosarkom der Aderhaut, sympathische Entzündung des Sehnerven, 
hinterer Polar-Star beim Kaninchen. Niederländische Gesellsch. d. 
Augenärzte, 13. Dez. 1896; A. dOc. LXVII, S. 52. 

5. Ein Fall von Lenticonus posterior, anatomisch untersucht. Klin. M. El. 
XXXV, 409, 1897. 

6. De la rotation compensatrice de Toeil . . . Arch. d'Opht. XVII, 465, 1897. 

7. Nastaar-Operatie. Nederl. oogheelk. Bijdragen, zesde aflevering, 1898. 

8. Jahresberichte der Augen-Heilanstalt lür 1898, 1899 u. s. w. 

9. Bleph. ciliar, und demodex. Ned. Tijdschr. v. Gen. II, 803, 1899. 

10. Exophth. mit Pulsation des Auges. Intern. Ophth. -Kongreß zu Utrecht. 
Z. f. Augenh., Beilageheft II, 1899. 

11. Blepharo-sphinkterektomie gegen Kerat. trachom. u. scrof. Klin. M. Bl. f. 
A. 1900, S. 727. 

12. Unser Urteil über Vertikal bei Neigung des Kopfes nach rechts oder links. 
Groningen 1898. 

13. Über intermittirende Exophthalmus mit Pulsation des Auges. Klin. M. 
Bl. 1909. 

14. Retinitis pigmentosa bij doofstommen. Tijdschr. v. Geneesk. 19ö2. 

15. Ein neuer Astigmometer. Klin. M. Bl. 1903. 

16. Prophylaxe in de Oogheelkunde, Redevoering 1908. 

17. Bibliotheca Ophthalmologica van de Inrichting voor ooglijders te Groningen 
1904 en 1910, 



I 



110 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, < 800— 1875, 

B. 

1882. Reddingius (R. A.), Ophthalmologische Untersuchungen von Schülern am 
Institut für Taubstumme in Groningen. 

1884. Daubanton (J. D.), Exenteratio bulbi nach Dr. Mulder. 

Kremer (H. J.), Die Augen der Schüler von der höheren Bürgerschule und 
vom Gymnasium in Groningen. 

1885. Kremer (H.), Die Augen der Studenten der Reichs-Universität in Groningen. 
1892. Wiers (H. C.), Über den Ruhestand der Augen. 

1894. Reddingius (R. A.), Über Mikropie. 

1895. Bekenkamp, (H. H.), Die Ursachen für Blindheit in der Provinz Gro- 

ningen. 
1907. H. J. Kuinders, Extirpation des Thränensackes. 

Im Jahre 1913 trat Mülder freiwillig zurück; sein Nachfolger wurdej 

J. VAN DER HOEYE. 

§ 834. In der Universität zu Leiden, der ältesten Hollands, die 
schon 1 575 begründet worden, war 

Meinard Simon du Püij (1754—1834)1) 
seit 1791 a. o. und seit 1795 o. Professor der Chirurgie und Geburtshilfe,! 
bis 1826. I 

Im Jahre 1810 empfahl er die Niederlegung des Stars. (HoU. Maat-i 
seh. V. Wetensch. I, 149.) 

Sein Nachfolger war 

Jacobus Cornelis Broers (1795 — 1847)2» 
von 1826 — 1847. Derselbe bewährte sich als ausgezeichneter Lehrer; doch 
hatte er im Jahre 1827 nur 5 Augenkranke im akademischen Kranken- 
hause, — darunter 2 mit Hornhautflecken, die er mit Einträuflung von 
Land. liq. Syd. erfolgreich behandelte. 

Sein Nachfolger wurde (1847 — 1869) 

Frederik Willem Krieger (1805 — 1881)3). 

Aus der Dissertation von H. F. van de Ven (1851) entnehmen wir, 
daß Krieger von 1849 — 1851 unter 111 Augenkranken 24 Stare hatte; 
seine Operation war die Niederdrückung. 

Gegen centrales Leukom verrichtete er die Iridektomie, in 4 Fällen, 
wie die Dissert. von W. T. Büchner aus dem Jahre 1858 nachweist. 

§ 835. Als Krieger 1869 wegen schwerer Erkrankung (Melancholie) 
seine Entlassung nehmen mußte, wurde, als erster in Holland, ein Pro- 
fessor der Augenheilkunde angestellt. 



1) C. E. Daniels (biogr. Lex. IV, 634) schreibt du Püi. 

2) Biogr. Lex. I, 583. 

3) Biogr. Lex. III, 552. (C. E. Daniels.) 



Leiden. Derk Doyer. 111 

Derk Doybr (1827—1896)1), 
schon in der militär- medizinischen Schule von dem noch sehr jungen 
DoNDERS unterrichtet, 1851 promovirt, wurde als Militür-Arzt nach Indien 
gesendet, und zwar dem großen Hospital zu Batavia zugetheilt, wo er 
nicht blos Kranke zu behandeln hatte, sondern auch an der Schule für 
javanische Arzte (siehe §851A) Anatomie, Physiologie und Chirurgie (in 
malayischer Sprache) zu lehren hatte. 

Die Nachricht, daß Donders zum Professor der Physiologie in Utrecht 
ernannt worden und unter dem überwältigenden Eindruck der Erfindung 
des Augenspiegels sich der Augenheilkunde zugewendet, veranlaßte D. 
Doyer einen Urlaub zu erbitten. Im .lahre 1860 kehrt er nach Utrecht 
zurück, folgt mit Entzücken dem theoretischen und praktischen Unterricht 
in der Augenheilkunde, wie er am »Gasthuis« gegeben wurde, macht sich als 
Hilfsarzt bei der Abfertigung der Kranken nützlich und betheiligt sich mit 
Eifer und Geschick an den Messungen mit dem HKLMHOLTz'schen Ophthal- 
mometer 2), die DoNDKRS zur Untersuchung des Astigmatismus und der 
andren Refraktions-Stürungen begonnen hatte; und erforschte auch, zu- 
sammen mit seinem Meister, die Lage des Drehpunkts'). 

Nur ungern sahen Donders und Snellkn ihn scheiden, als er, nach 
272Ji'itirigem Aufenthalt zu Utrecht, wieder nach Batavia zurückkehren 
mußte. Aber er blieli dort nicht lange im Militär-Dienst, da dieser enge 
Wirkungskreis ihm nicht zusagte. Er erbat, unter Verzicht auf Ruhege- 
halt und auf die nahe bevorstehende Beförderung, seinen Abschied und ließ 
sich in Batavia nieder, wo er bald eine glänzende Praxis gewann. In kurzer 
Zeit erringt er seine wirthschaftliche Unabhängigkeit; es treibt ihn der 
Ehrgeiz und das Verlangen, in Europa auf (irund der Augenheilkunde sich 
eine neue Lebensstellung zu schallen. 

Im Alter von 42 Jahren, am 15. Jan. 1869, tritt er die Heimfahrt 
an; schon auf der Reede von Nieuwediep erfährt er, daß er bei der Re- 
gierung für eine außerordentliche Professur der Augenheilkunde an der 
Reichs-Universität zu Leiden in Vorschlag gebracht worden ist. 

Mit Eifer, ja mit Leidenschaft hat er sich diesem Amt*) gewidmet. 
Er lebte und arbeitete nur für seine Schüler und seine Kranken. 

1872 übernahm er noch dazu den Unterricht in der Ohrenheilkunde; 
1877 wurde er zum ordentlichen Professor ernannt. 

^) Biogr. Lex. VI, 711. (C. E. Daniels.) Bei Helmholtz und in den A. d'Oc. 
ist DoiJER gedruckt, auch in den Klin. M. Bl. 1897 (H. Snellen). — In Memoriam 
Prof. Dr. D. Doijer, von H. Snellen, Klin. M. Bl. f. A. 1897, S. 65—70. (Ein Denk- 
mal der Freundschaft und Liebe. Für mich die Haupt-Quelle.) 

2) Vgl. die Anomalien der Refr. und Akkommod. von F. C. Donders, i866, 
S. 159 u. 392. 

3) Jaarverslag v. h. N. gasthuis v. o., Utrecht 1862. 

4) Seine Antritts -Vorlesung behandelte »Die Entwicklung der Augenheil- 
kunde«. 



112 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

Dabei hatte er stets mit Unzulänglichkeit der Hilfsmittel und der ihm i 
zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten zu kämpfen. Es gab weder einen ' 
besonderen Operations-Raum noch eine Arbeits-Stätte. Wegen beschränkter 
Zahl der Hilfsärzte mußte er ganz aufgehen in die tägliche Arbeit der 
Klinik. So fehlte es an Zeit und an Hilfsmitteln zu wissenschaftlicher 
Arbeit. 

Große Willenskraft, unantastbare Ehrenhaftigkeit und treue Anhäng- ; 
lichkeit an seine Freunde sind die Eigenschaften, die Snellen ihm beson- ; 
ders nachrühmt. 

Am 2. Okt. 1894 feierte Doyer sein 25 jähr. Professoren-Jubiläum, ,i 
unter den Huldigungen seiner Schüler aus beiden Fächern. Danach be- 
gann seine Kraft nachzulassen. 

Anfangs 1895 nimmt er seine Entlassung, am 21. Dez. d. J. ist er 
sanft entschlafen. 

DoYEK hat also als Professor nur einige kleinere Arbeiten veröffentlicht 
und mehrere Dissertationen veranlaßt. 



1. Zur Brillen-Frage. Festschrift für Donders, 1888, S. 60 — 75. 

2. Embolie der Central-Arterie der Netzhaut. Niederländ. Ges. d. Augenh. 

1894, A. d'Oc. CXI, 137, 

3. Boerhaave's Leben. Ebendas. CXIII, 192. 

B. 

1870. Hartog (C), Das Auge im Verhältnis zur Refraction. 

J. van der Hoeven, Conjunctivitis diphteritica. 

Vermande (L.;, Über Iridemia congenita. 
1873. van Deinse (B.l, Über Keratoconus. 

van Rhyn (A. J.), Conjunctivitis und Trachoma. 
1875. Hui sh off (S. K.), Die Augenkrankheit im Heiligen Geist-Waisenhaus '/.u 
Leiden. 

1879. van Haaften (M. W.), Die Bestimmung von Astigmatismus. 
Bylsma (R.), Über die Anwendung von Eserin bei Maculae corneae. 

1880. Jaarsma (W.), Über die Wirkung von einigen Mydriatica und Myotica auf 

die Akkommodation und Größe der Pupille. 

1881. Pauw (W.), Etwas über Enucleatio bulbi. 

1882. de Glopper (J. C. L.), De hydrobromale homatropini. 

1883. Jelgersma (A. J.j, Die Untersuchung der Sehschärfe der Männer, ange- 

wiesen zum Militärdienst in Niederland, von 1816 bis jetzt. 

1884. van Anrooy (H.), Die Augen der Studenten an der Reichs-Universität in 

Leiden. 

1885. Römer (J. A.), Hydrochloras cocaini. 

1886. Hocke (L), Fremdkörper im Auge. 

1891. Werndly (L. A. H. C), Keratitis diffusa und Hutchinson's Zähne. 

1892. Falkenburg (J.), Die normale Refraktion und ihre normale Schwankung. 

1893. Steenhuizen, Recidivirende Oculomotorius-Lähmung. 

Zusatz. Volkmann ermittelte (1836) den Drehpunkt des normalen 
Auges etwa 5,C"' hinter dem Hornhaut-Scheitel. (Burow fand [1842] 5,42".) 



Utrecht. 113 

DoNDERS und DoYEK bestimmten 1862 diesen Abstand für E auf 13,5 Mm; 
bei M bis 15,86; bei H (als kleinstes) 12,32 Mm. 

Vgl. Helmholtz, Phjsiol. Opt. 1867, S. 458, 527; Donders, Acc. u. Refr., 
1866, S. 156. 

DoYERS Nachfolger, W. Koster Gzn., erhielt eine bessere Augenklinik, 
als Abtheilung des Reichs-Universitäts-Krankenhauses, mit 26 Betten. 

Dies ist die einzige Reichs-Augenklinik in den Niederlanden; die Augen- 
klinik zu Amsterdam ist Eigenlhum der Stadt, die zu Utrecht und Groningen 
sind Wohlthätigkeits-Anstalten. 

§ 836. An der 1636 zu Utrecht gestifteten Universität war um 
1800 Prof. der Anatomie, Physiologie, Chirurgie und Geburtshilfe 

Jan Bleuland (1756—1838)1», 
ein Arzt von hüchstem Verdienst. 

Als er 1826 sein Amt niederlegte, wurde sein Nachfolger, als Prof. der 
Anatomie und Physiologie, 

JaCOBUS LUDOVICI'S CONRADUS ScHRGEDER VAN DER KoLK (1 797 1862)2», 

der große Verdienste um die Augenheilkunde sich erworben durch seine 
Abhandlung 

»Anatomisch-pathologische Bemerkungen über Entzündung an einigen 
Theilen des Auges, insbesondere über Chorioiditis als Ursache von Glau- 
koma3).<. 

Man muß verstehen, die inneren Entzündungen des Auges zu trennen von 
den äußeren. Die Blutgefäße der Bindehaut haben keine direkte Verbindung 
mit den inneren. Eine innere Entzündung oder Entartung kann lange be- 
stehen, ohne die äußeren Theile zu erreichen. Die Aderhaut hat die meisten 
Blutgefäße und Nerven und ist deshalb am meisten zur Entzündung geneigt. 
Aber, da sie verborgen liegt, werden ihre Erkrankungen meist nicht am Le- 
benden erkannt. Die Entzündung der Aderhaut, sogar die akute, ist bisher 
noch nicht als bestimmte Krankheit bescluieben worden. Das Glaukom scheint 
eine chronische Entzündung der Aderhaut mit Ausschwitzung von Lymphe 
zwischen dieser und der Netzhaut darzustellen. 

(Diese Abhandlung war wichtig für die Ausbildung der pathologischen 
Anatomie des Auges, — weniger durch thatsächliche Ergebnisse für das Glau- 
kom, als durch die allgemeinere Betrachtungsweise und die angestrebte Ge- 
nauigkeit.) ScHROEDER V. D. K. vcraulaßte auch Dissertationen auf unsrem Gebiete 
wie 1832 Luchtmans, De mutatione axis oculi secundum diversam distantiam 
objecti. — 1836 van Gerth, De plexibus chorioidei. 



<) Biogr. Lex. I, 485. 

2) Biogr. Lex. IH. 5-27. 

3) Verhandeling van het genootschap tot bevordering der genees- en heel- 
kunde te Amsterdam, Utrecht 1841. Vgl. A. d'Oc. XI, S. 274. Von Stricker in's 
Deutsche übersetzt, J. der Chir. u. Augenh. 1843, S. 33 fgd. Vgl. unsren § 521, 
S. 308. 

Handbuch der Augenheilknnde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXIU. Kap. 8 



114 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 4 800—1875. 

Gerardus Franciscüs Suerman (1783 — 1862, § 764) war 1816 von Har- 
derwijk nach Utrecht berufen worden und lehrte daselbst Anatomie, Patho- 
logie und Chirurgie, und als Theil der letzteren, auch Augenheilkunde. 

Nach VAN Onsenoort (1838) hat S. die Exstirpation des Augapfels*), 
bei welcher er sich eines gebogenen Messers bediente, verbessert. 

§ 837. In seinen späteren Jahren fand S. Unterstützung durch 
Jan Andries Mulder (II) (1807—1847)2). 
Geboren zu Utrecht 1807, studirte M. daselbst, unter Suerman und Schroe- 
DER van der Kolk; legte, auf Verlangen seines Vaters, 1830 das Examen 
als » Stedelijk Heel- en Vroedmeester « ab , und war danach auch thätig 
als Privat-Docent der Chirurgie und Geburtshilfe ; kurze Zeit darauf wurde 
er als Freiwilliger zum Militär-Arzt im Spital zu Utrecht ernannt. 1832 
kehrte er zur Civil-Praxis zurück und war während der Cholera-Epidemie i 
als Armen-Arzt thätig, ohne jedoch dazu berechtigt zu sein. 

Deshalb fing er an, regelrecht Medizin zu studiren und promovirte 
1841 mit einer Dissertation De strabismo, die 1841 von van der Lith 
ins Holländische übersetzt und von Donders sehr gepriesen wurde, weil 
darin die erste in Holland (von dem Vf. der Dissertation selber) vorge-j 
nommene Schiel-Operation ausführlich beschrieben ist. 

Noch in demselben Jahre wurde J. A. Mulder Lector der Chirurgie 
und Geburtshilfe, 1842 h. c. Doctor chirurgiae et artis obstetriciae, 1846 
auch a. o. Professor. Aber seine Laufbahn wurde schon 1847 durch den 
Tod beendigt; er starb am Typhus. 

J. A. Mulder war ein ausgezeichneter Operateur und Lehrer, der 
erste in Holland, welcher theoretischen und praktischen Unterricht in der 
Augen- und Ohrenheilkunde ertheilte, die damals noch nicht in dem Uni- 
versitäts-Lehrplan standen. 

Er eröffnete ein Ambulatorium für Augenleidende, das erste an einer 
holländischen Universität des 19. Jahrhunderts. Leider konnte M. durch 
Mangel an Raum und an Hilfsmitteln seine Lehr-Begabung nicht voll 
entfallen. 

Im Jahre 1849 wurde zum a. o., 1857 zum o. Professor der Chirur- 
gie und Geburtshilfe ernannt 

Louis Christiaen van Goudoever 1820 — 1894)3), 
geboren 1820 zu Utrecht, promovirt zum Dr. med. 1845, und 1847 zum 
Dr. obst., 1849 Dr. chir. h. c. Im Jahre 1866 gab er die Professur der 
Geburtshilfe an Gusserow ab, um sich ganz der Chirurgie zu widmen. 

>!) Vgl. § 3f.9. 

2) Biogr. Lex. IV, 312. (Daniels, Nach F. C. Donders, Levensschets van 
J. A. Mulder, Utrecht 1848.) 

3) Biogr. Lex. II, 610. 



J. A. Mulder (II;. V. C. Donders. 115 

GouDOEVER fuhr fort, Augen-Operationen zu verrichten, auch nach- 
dem Donders und Snellen ihro gedeihliche Thätigkeit schon längere Zeit 
geübt; er war eben der Meinung, daß Augen-Operationen zur Chirurgie 
gehören. 

Unter 1 4 Star-Operationen G.s waren 13 Niederdrückungen und nur 
eine Ausziehung i). 

GouDOEVER selbst schrieb 2) u. a. über die eitrige Augen-Entzündung der 
Neugeborenen. Es sei eine besondere Erkrankung, die durch Ansteckung 
seitens der Mutter entsteht und durch Einspritzung einer i — 2^ Hüllen- 
stein-Lüsung sicher geheilt wird. 

§ 838. Jetzt tritt 

Franciscüs Cornelius Donders (1818 — 1889) 

auf den Plan, für unser Gebiet (und für viele andre) der größte Genius 
Hollands im 19. Jahrhundert. 

Wenn ich zu meinem letzten Abschnitt komme, der Reform der Augen- 
heilkunde, werde ich ihm und seinen Leistungen einen besonderen Platz, 
zwischen Helmholtz und A. v. Graefe, anweisen: hier will ich nur soviel 
anführen, als zur vollständigen Darstellung des Unterrichts und der 
Praxis in der Augenheilkunde gehört. 

F. C. Donders wurde 1840 Militär -Arzt, 1842 an der mihtärischen 
Medizin-Schule zu Utrecht Docent für Anatomie, Histologie, Physiologie; 
1847 a. 0. Prof. an der Universität zu Utrecht. Er hielt Vorlesungen 
über Hygiene, Medizinal-Polizei und gerichtliche Medizin, Anthropologie, 
allgemeine Biologie, pathologische Anatomie und über Physiologie des 
Gesichtsinns. 

■ Im Jahre 1851 ging Donders nach London, zur Welt-Ausstellung, 
machte hier die Bekanntschaft von Bow.man und A. v. Graefe. Von Lon- 
don reiste er nach Paris. 

Seitdem widmete er einen großen Theil seiner Zeit der Augenheil- 
kunde und hatte bald einer bedeutenden Praxis sich zu erfreuen. Er 
hielt eine Ambulanz ab, außerhalb des Krankenhauses; konnte aber nur 
wenige Kranke aufnehmen, bis es ihm 1858 gelang, als Wohlthäligkeits- 
Anstalt, nach englischem Muster, das >Nederlandsch Gasthuis voor 
ooglijders« zu gründen, mit 30 Betten, und mit Herman Snellen als 

I erstem Assistenten. 

Als Donders 1858, in Nachfolge von Scbroeder van der Kolk, zum 
ordentlichen Professor der Physiologie ernannt wurde, gab er seine Stelle 



1) A. D. Renema, Diss. de depressione et extractione cataractae inter se 
comparatis, Utrecht 1835. 

2) Nederl. Lancet 185l/ä2 uit. Ned. Tijdschr. van Verloskunde, Jg. III. 

8* 



116 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, i 800— -1875. 



Fig. 1. 




F. C. Donders. 117 

als Primar-Arzt am Gasthuis ab an Snkllkn, blieb aber Direktor und 
Konsulent. 

Die Stiftung war sehr erfolgreich. 

In den ersten zehn Jahren waren 12592 A. Kr., 3130 B. Kr. behan- 
delt i) und 2885 Operationen ausgeführt worden. 

Die Geschichte des Gasthuis voor ooglijders ist die der mo- 
dernen Augenheilkunde in Holland. Die Berichte desselben bilden eine 
stattliche Bibliothek, deren Inhalt für den wissenschaftlichen Augenarzt un- 
entbehrlich ist. 

Von Anfang an diente dies Augen-Krankenhaus dem Unterricht, 
für Einheimische wie für Ausländer. Zeugniß legen ab die zahlreichen 
Dissertationen und Abhandlungen, die aus dieser Arbeits -Stätte hervor- 
gegangen sind. 

Früh hat auch die Regierung den Werth des Gasthuis gewürdigt. 
Im Jahre 1860 sandte sie H. Snbllen und W. M. Gunxfng nach der 
»Rijksgestichten te Veenhuizen und Ommerschans, die von Augenkrank- 
heit durchseucht waren-)«. Sie fanden von den 5000 Insassen des Ar- 
beitshauses DUO an Trachom erkrankt. Drei junge Ärzte wurden zur täg- 
lichen Behandlung angestellt, und Snei.lk.n zum Inspektor. Derselbe trat 
aber zurück^ als die Regierung knausern und mit einem Arzt auskommen 
wollte. Sie mußte nachgeben, um S.vellen's Hilfe wieder zu gewinnen. 
So wurde der gefährliche Trachom-Herd, von dem aus die Befallenen 
nach beendeter Strafzeit die Krankheit über das ganze Land verbreiteten, 
endgültig beseitigt. 

Im Jahre 1884 trat D^nders zurück; Snellen wurde Direktor des 
Gasthuis. Im Jahre 1888 mußte Donders, nach dem Gesetz, als TOjähri- 
ger, seine Professur niederlegen. Im folgenden Jahre ist er gestorben. 

F. C. Donders hat nicht nur durch seine Schriften der ganzen wissen- 
schaftlichen Welt, sondern auch mündlich im Hörsaal und im Laboratorium 
seinen besonderen Schülern Unterricht, wie in der Physiologie, so auch in 
der Augenheilkunde ertheilt und die Schule von Utrecht gestiftet. 

§ 831). Herman Snellen (1834—1908)3). 
Als Sohn eines hochgeschätzten Arztes bei Utrecht geboren, studirte 
Herman Snellen an der Universität zu Utrecht unter Mulder, Schroeder 
VAN der Kolk und Donders; promovirte 1857 mit der bedeutenden Dis- 



1) A. Kr. = Außen-Kranke; B. Kr. = Binnen-Kranke. 

2) Vgl. § 506, V. 

3) Nach C. El. f. A. Jan. i908. (J. Hirsghberg.j — In den Klin. M. Bl. f. A. 
(1908, I, S. 170 — 172) hat Prof. Straub einen Nachruf auf Snellen veröffent- 
licht. Vgl. ferner Zeitschr. f. A. XIX, S. 293; Wiener Klin. W. No. 5, D. med. W. 
1908, S. 841; Recueil d'Opht. 1908, S. 140; Ophth. Review 1908, S. 32, u. Ophthal- 
moscope, S. 219. 



118 



XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 



Fiff. 2. 



sertation >Experimentelle Untersuchungen über den Einfluß der Nerven auf 
die Entzündung« 1); seit 1862, wo er aus der allgemein-ärztlichen Praxis sich 
zurückzog, war Snellen der erste Docent der Augenheilkunde in Hol- 
land, der sich ganz der Augenheilkunde widmete, und Primär-Arzt an dem 
von DoNDERS begründeten Niederländischen Gasthaus für Augenleidende, 
dessen stolzen Neubau 1899 auf dem internationalen Kongreß der Augen- 
ärzte zu Utrecht wir alle zu bewundern Gelegenheit hatten. Im Jahre 1 877 
wurde er Professor der Augenheilkunde an der Universität. Seine Antritts- 
rede behandelte »die Methoden der klinischen Ophthalmologie«. Zweiund- 
zwanzig Jahre wirkte er in dieser Stellung und entfaltete eine hervor- 
ragende Thätigkeit als Lehrer, Operateur und Forscher. 1899, im «65. Jahre 

seines Lebens, legte er seine Professur 
nieder, blieb aber Direktor der Augen- 
Heilanstalt bis 1 903 : in beiden Ämtern 
ward sein Sohn Herman der Nachfolger. 
Mit DoNDERS verband unsern Snellen 
die wärmste, herzlichste Freundschaft. 
Ein glückliches Familienleben war ihm 
beschieden, gesegnet von einer stattlichen 
Zahl rüstig emporwachsender Kindei . 
In der Blüthezeit seines Lebens war er 
ein hervorragend schöner Mann. 

Sein Name wird in der Wissenschaft 
unvergessen bleiben. Schon 1864 veröffent- 
lichte er seine ausgezeichnete Arbeit 
Ȇber die neuroparalytische Augen- 
Entzündung nach Durchschneidung des 
N. trigeminus«, worin er die traumatische 
Natur dieses Leidens nachwies und die 
Herman Snellen. Verhütung desselben durch Schutz-Be- 

deckung anempfahl. 
Seine zweite, berühmte Veröffentlichung enthält die Optotypi ad 
Visum determinandum, die seit 1862 in zahlreichen Auflagen und 
Sprachen erschienen sind 2). 

Es folgten 1866 die Lösung der vorderen Synechie, 1874 die Rich- 
tung der Haupt-Meridiane des astigmatischen Auges, die SxoKEs'sche Linse 
mit konstanter Achse, über Durchschneidung des Ciliarnerven bei anhal- 




1) »De invloed der zenuwen op de ontsteking proefondervindelijk getoetst.« 

2) Die letzte Auflage vom Jahre 1902 ist für uns wieder brauchbar gewor- 
den, da die deutsche Schrift Berücksichtigung gefunden, die in früheren gefehlt 

hatte. — Snellen's Formel V = j, wurde zum Losungswort der neueren Augen- 
heilkunde und fehlt in keinem Lehrbuch der Reform-Zeit. 



d 



Herman Snellen. HQ 

tender Neuralgie eines amaurotischen Auges. Die drei letztgenannten 
Arbeilen hat er in Graefe's Archiv für Ophth. deutsch verüfTentlicht, 
während seine vorher genannten Arbeiten holländisch erschienen sind. 
Deutsch verüfTcntlichte er auch 1876/7 in Zehender's Klin. Monatsbl. f. Augen- 
heilk. »Das Pliakometer« und »Gleichzeitige monokulare Prüfung beider 
Augen mittelst farbiger Sehproben«. 

Zusammen mit E. Landolt verfaßte er 1874 den wichtigen Abschnitt 
von der Funktions-Prüfung des .\uges, für das Handbuch von Graefe- 
Saemiscii. (Für die zweite Auflage desselben Handbuchs hat er noch 1902 
das Kajiitel von den Augen-Operationen geschrieben, das allerdings schon 
Spuren der sinkenden Kraft erkennen läßt und nicht fertig geworden ist.) 

1881 schrieb er über sympathische Ophthalmie, 1888 über Glaukom- 
Behandlung und Geschichte, 1 8'.M über Beschränkung der Akkommodation 
und Konvergenz bei seitlichem Blick, 1892 über Nachbilder, 1893 über Glau- 
kom-Operation, 1894 über subkonjunklivale Behandlung von Wunden der 
Hörn- und Lederhaut, 1896 die Bowman-Vorlesung über Sehen und 
Netzhaut-Wahrnehmung: 1897, auf dem Brüsseler Kongroß (franzüsisch) 
>Über die zahlenmäßige Bestimmung des Farbensinns«; über die Behandlung 
des Keratokonus und über Erythropsie; 1900 die Prüfung der Sehschärfe, 
für NoRRis' und Oliver's »System of Diseases of the Eye« i). 

Wir verdanken Herman S.nei.i.en auch bedeutungsvolle Verbesserungen 
von Lid-Operationen, gegen Ein- und Ausstülpung und gegen Haarkrankheit. 

1899 erlebte er die stolze Freude, den 9. internationalen Kongreß der 
Ophthalmologie in Utrecht zu erülVnen und zu leiten 2). 

Noch die letzten Jahre brachten wichtige Arbeiten des unermüdlichen 
Forschers. Im Jahre 1 900, auf dem internationalen Kongreß der Medizin, 
empfahl er, in seinem Referat über die Enukleation, die doppehvandigen 
Reform-Augen, welche sich ja recht bewährt haben. 

Also die letzte originale Leistung von Snellen war ebenso gut, wie 
die erste. 

§ 840. Zu Amsterdam 
war an dem Athenaeum illustre, das 1632 begründet worden, seit 1771 
Prof. der Anatomie und Chirurgie 

Andreas Bonn (1738—1817)3), 
der auch Augenheilkunde lehrte, ferner den Chirurgen Henning Nissen zum 
Augenarzt ausbildete und ihm die Augen-Operationen, besonders die Aus- 
ziehunsr des Stars, überließ. 



i) II, S. H— 29. (In's Englische übersetzt von G. A. Berry zu Edinburg.) 
Vgl. § 766, S. -109. 

2) Hierbei hat er leider nicht eine glückliche Hand bewiesen, so daß die 
Rückkehr zu den bewährten Grundsätzen der früheren Kongresse empfohlen 
werden mußte. Vgl. C. El. f. A. 1899, S. 286. 

3) Biogr. Lex. I, 521. C. E. Daniels.) 



120 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

Gerardus Vrolik (1775— 1859) i\ 
der 1797 Prof. der Botanik geworden, erhielt 1798 noch die Anatomie,? 
Physiologie und Geburtshilfe dazu, und 1812 die Chirurgie; 1820 verzich- 
tete er auf Anatomie, Physiologie und Chirurgie. 

Im Jahre 1801 hat er die erste genaue Untersuchung eines Kry- 
stall-Wulstes angestellt 2). Noch im Aller von 70 Jahren berichtigt er 
(1845) Stricker's Behauptungen betreffs John Taylor 3) dahin, daß 1749 die 
Stadtärzte von Amsterdam nach sorgfältiger Prüfung meist unglückliche 
Folgen der Operationen des irrenden Ritters festgestellt und sich ent- 
schlossen hätten, vor jenem ausdrücklich in den Zeitungen zu warnen. 

Hendrik Boscha (1791—1829), 
seit 1820 Prof. der Anatomie, Physiologie und Chirurgie, bemühte sich 
eifrig um die Errichtung einer klinischen Schule, die auch wirklich 1828 
zu Stande kam. 

Sein Nachfolger 

Gerard Conrad Bernard Suringar (1802 — 1874) 4*, 
ein großer Gelehrter, studirte Augenheilkunde bei Jüngken; er vertauschte 1 830 
seine Professur mit derjenigen der Medizin an der klinischen Schule. 

Willem Vrolik (1801 — 1863)^', Gerard's Sohn, vorzüglich bekannt als 
Zoolog und Anatom, schrieb über Cyklopie^) und über den Kamm (Pec- 
ten) im Auge des Reihers (Ardea Virgo). 

An der klinischen Schule (deren ordentliche Professoren zugleich außer- 
ordentliche am Athenaeum waren, und umgekehrt,) wirkte seit ihrer Stif- 
tung (1828) als Professor der Chirurgie 

Christiaan Bbrnard TiLANüs(1796 — 1883)71. 

T. übte und lehrte auch die praktische Chirurgie, die bis dahin in 
Amsterdam hauptsächlich in den Händen der niederen Wundärzte ge- 
wesen war. 

Er gab auch Sonder- Vorlesungen über Augenheilkunde, führte selber 
Augen-Operationen aus und lieferte einige Mittheilungen zur Augenheilkunde: 

1. Tonica, z. B. Chinin -Sulfat, wirken günstig bei Augen-Entzündungen s). 

2. Eiterfluß hellt den Pannus auf. 3. Bei Irideremie widerräth er Star- 
Operation, wegen des später zu starken Lichteinfalls ^). 



1) Biogr. Lex. VL 156. (C.E.Daniels.) 2) Vgl. § 539. 3] § 437. 

4) Biogr. Lex. V, 582. 

5) Biogr. Lex. VI, 153. 

6) K. Ned. Inst. 1834. 

7) Biogr. Lex. V, 68-2. 

8) N. Weekbl. v. Geneesk. 1851. 

9) 1843, Genootsch. ter bevord. d. Geneesk. te Amsterdam 1843. Vgl. zur 
Sache § 517, S. 284, und die Widerlegung von T.'s Befürchtungen in A. d'Oc. XII, 
44, 1844, und im C. Bl. f. A. 1901, S. 173—175. 



Amsterdam. W. M. Gunning. 121 

Eine Dissertation über Iritis schrieb A. G. van den Hout 1842, unter 
der Leitung von Tilanus. 

§841. Seit \ 862 wirkte zu Amsterdam als Augenarzt 

Willem Marinus Gunning i 1834— 1912) i>. 

1834 zu Hoorn geboren, studirte G. unter Donders zu Utrecht, errichtete 
1862 zu Amsterdam eine Poliklinik für Augenleidende, wurde 1868 Lector 
der Augenheilkunde am Athenaeum und, als dieses 1877 zur Universität 
erhoben wurde 2), a. o. Professor an derselben, später ordentlicher. 

Als G. 1 868 seine Lehrthätigkeit übernahm, fand er ungünstige Ver- 
hältnisse für die Augenleidenden, für die weder gesonderte Räume noch 
eignes Pflege- Personal vorhanden waren; deshalb bemühte er sich um 
Gründung eines Augen-Krankenhauses, das auch 1874 eröffnet wurde und 
dessen Vorstand er bis 1891) geblieben. Bemerkenswerth scheint, daß in 
dieser Anstalt jeder Augenarzt seine Kranken klinisch behandeln und Poli- 
klinik abhalten darf: diese freisinnige Eigenart ist der »Inrichting voor 
Ooglijders« bis heute geblieben. 

Gunning schrieb (1865) ^i über Trachom, das er 1860 in der Arbeits- 
Anstalt in Veenhuizen und ferner zu Amsterdam, wo es unter der 
israelitischen Bevölkerung sehr verbreitet ist, genau kennen gelernt ; er 
leugnet die direkte Übertragbarkeit des Trachom. 

Im Jahre 1885 berichtet er zu Heidelberg'*), daß bei den armen Juden 
von Amsterdam das Trachom außerordentlich häufig sei, bei Kindern noch 
häuflger, als bei Jünglingen und jungen Mädchen. 

Im Jahre 1872 erörtert er »die gallertigen Ausscheidungen in der 
Vorderkammer«. (3 Fälle, 2 mit Syphilis. Im ersten wurde die Aus- 
schwitzung zunächst für die verschobene Linse gehalten. — Heilung.)^' 

Im Jahre 1881 (Klin. M. Bl. 1882) zeigte G., daß mit der Ausathmungs- 
Luft Bakterien aus dem Körper nicht ausgeführt werden. 

Von den Dissertationen, die unter seiner Leitung entstanden sind, er- 
wähne ich die von H. G. W. Plantenga (1885) über Jequirity-Behandlung 
und die von E. E. Blalüw (1894)*'^ über Wesen und Bekämpfung des 
Trachoma. 



1) Biogr. Lex. II, 703. ' 

2) Das Gesetz von 1876 über den höheren Unterricht gab der Stadt Amster- 
dam die Erlaubniß, das Athenaeum in eine Universität umzuwandeln, die mit den 
Reichs-Universitäten gleichberechtigt sein sollte. (Minerva, 1911, I, S. 162.) 

3) Tijdschr. v. Geneesk. 

4) Bericht d. H. G. f. A. 1885, S. 198. 

5) Klin. M. Bl. X, S. 7—11. 

6) Vgl. § 761, S. 138 u. 139. — B. prakticirt in Buffalo. 



122 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, < 800— 1875. 

Als GuNNiNG 1894 von der Professur zurücktrat, wurde sein Nachfolger 

M. Straub. 
Dieser konnte 1905 in eine neue und zeitgemäße Augenklinik mit 80 Betten 
einziehen i). 

§842. Die Schule für Militär-Ärzte. 

1817 wurden medizinische Schulen für Militär -Ärzte begründet, zu 
Loewen und zu Leiden; 1822 beide vereint, nach Utrecht, und 1868 nach 
Amsterdam, an das Athenaeum, verlegt. 

Also bestand von 1822 — 1868 zu Utrecht, neben der Universität, noch 
eine medizinische-chirurgische Akademie^) für Militär-Ärzte. Die- 
selbe ist von großer Bedeutung für die Entwicklung der Augenheilkunde in 
den Niederlanden gewesen: aus der Akademie gingen Männer hervor, die 
wir unter den hervorragenden Professoren der Universitäten schon ange- 
führt haben, Doyer und — Donders. Überhaupt hat diese Schule eine 
Menge Professoren an die Universitäten abgegeben; wir trafen schon 
Sebastian, Janssen u. a. 

§ 843. I. Der erste Direktor der Schule war ein merkwürdiger Mann, 
dem auch ein sehr wechselvolles Schicksal zu Theil geworden, 

Anthonius Gerardus van Onsenoort (1782 — 1841)3). 

In einem Waisenhaus erzogen, begann er als Tischler, war dann 
Schüler bei einem Wundarzt und wurde 1804 Assistenz-Militär-Arzt am 
Spital im Haag. 

Im Jahre 1806 zum Leibarzt des General-Statthalters von HoUändisch- 
Ost-Indien ernannt, wurde v. 0. zwei Mal hintereinander mit seinem Schiff 
durch die Engländer gefangen genommen, so daß er 1809, ohne Indien er- 
reicht zu haben, nach Holland zurückkehrte, wo er bald wieder als Militär- 
Arzt eine Stelle erhielt. 

1811 ging er mit der französischen Armee nach Portugal und Spanien 
und wirkte als Wundarzt während der großen Schlachten. Als 1814 die 
Fremden aus der französischen Armee entlassen wurden, kehrte er nach 
Holland zurück und war 1815, nach der Schlacht bei Waterloo, in ver- 
dienstvoller Weise an den Lazareten von Loewen tliätig: zusammen mit 
dem Kriegsgefangenen Dr. Baron von Larrey behandelte er Tausende von 
preußischen Verwundeten und erhielt, auf Vorschlag des General-Chirurgen, 
Prof. C. F. Graefe, das Ritterkreuz des rothen Adler-Ordens. 



1) Vgl. »Die neue Amsterdamer Augenklinikc von Prof. Dr. M. Straub. (Mit 
6 Abbildungen.) Klin. M. Bl. f. A. 1907, II, S. 2öl . 

2) Vgl. § 471, die Josephinische medizinisch-chirurgische Akademie zu Wien. 

3) Biogr. Lex. IV, 425. — Nekrolog von F. Cunier, A. d'Oc. VII, S. 192—200. 



Die Schule für Militär-Arzte. A. G. v. Onsenoort. 123 

1818 wurde v. 0. zum Lector der Chirurgie und Augenheilkunde am 
Militür-Spital zu Loewen ernannt, gleichzeitig zum Lehrer der Augenheil- 
kunde an der Universität, — also war er der erste Universitäts-Lehrer 
der Augenheilkunde in den Niederlanden. 

Seine Antrittsrede handelte von der Geschichte der Augenheil- 
kunde. 

V. 0. hatte viele Schüler, von denen der bedeutendste Fl. Cunier ') 
war; und veranlaßte auch augenärztliche Dissertationen zu Loewen: 
H. D. TnüMPFER, De Ophthalmia. 1819; 
Manhaeters, De Iritide. 1820; 
NoiRSAirr, De Amaurosi. 1820. 

Von 1822 — 1827 leitete van Onsenoort die militär-medizinische Schule 
zu Utrecht, dann trat er zurück 2) und widmete sich der Praxis sowie der 
Literatur bis zu seinem Lebens-Ende; bereits im Alter von 59 Jahren wurde 
er vom Tod hinweggeratlt. 

Unabhängig, aufrichtig, der Schmeichelei abhold, hart gegen Nach- 
lässige, kein tindiges Genie, aber mit chirurgischem Sinn begabt; stets be- 
reit, Fehler, die er gemacht, offen einzugestehen und zum Fortschritt zu 
benutzen; kein großer Redner, aber ein planmäßiger Lehrer, der den An- 
dren stets ihr Recht ließ, lebte er in harter Arbeit und in Armuth, nachdem 
er seine besten Jahre im Felde zugebracht, und dort das rheumatische 
Leiden sich zugezogen, das sein frühzeitiges Ende herbeiführte, grade 
acht Monate, nachdem sein König ihm den für gute und treue Dienste 
geschuldeten Ruhesold endlich bewilligt hatte. Kein holländischer Arzt hat 
seine Lebensbeschreibung verfaßt; dies war seinem dankbaren belgischen 
Schüler F. Cunier vorbehalten. 

VAN Onsenoort 's Werke. 

A. 1. Operatieve Heelkunde. 1822 — 1824. Natürlich bringt er darin auch augen- 

ärztliche Erörterungen. 

2. Geneeskundige Heelkunde. 1825. 

3. De Militaire Chirurgie. 1829. 

B. 4. Verhandelingen over de grauwe Star. Amsterdam 1818. (Holländische 

Ausgabe seiner Doktor-Schrift.) 
5. Bijdragen tot de geschiedenis der vorming van eenen kunstigen Oogappel 
. . . Utrecht 1829. 

Eine Geschichte der Pupillen-Bildung i. a., mit besonderer Berück- 
sichtigung der holländischen Leistungen, auch der eignen des Vf.s. 

Dies sind zwei Verfahren: 

1. Eine Zerschneidung der Iris mit Einklemmung, welche F. Cunier 
18413 als genial bezeichnet hat; 



1) § 793. 

2) Er wurde zum Rücktritt gezwungen, da, in Folge niedriger Verläum- 
dungen, die Regierung ihn von Utrecht als ersten Garnison-Arzt nach Nimwegen 
versetzen wollte. 

3) A. d'Oc. V, 202, — VAN Onsenoort bezeichnet dieselbe als Iridotomenkleisis, 
von loig-, Regenbogenhaut; tou?';, Schnitt; 'iyxXeiai^, das Einsperren. 



124 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

2. eine Iridektomie von der hinteren Augenkammer aus, bei vollstän 
digem Pupillen-Abschluß, schon 1812 von dem Urheber beschrieben i). 

6. De Kunst om de oogen wel te verplegen . . . Utrecht 1829. Die erste hol 
ländische Schrift über Hygiene des Auges. 

7. Geschiedenis der Oogheelkunde . . . Utrecht 1838. (72 S. Text.) 

8. Genees- en Heelkundig Handboek over de Oogziekten en Gebreken. Amster- 
dam 1839 — 1840. (2 Theile mit 4 farbigen Tafeln.) , 

Prof. Wützer2j in Bonn hat die Geschichte der Augenheilkunde (7] 
in's Deutsche übertragen (Bonn 1838, 88 S.) und F. A. v. Ammon (Zeitschr; 
f. M. Aug. u. Chir. I, S. 672, 1838) dem Büchlein ein besonderes Lob ge- 
spendet. Ich selber habe (in meinem § 1, 1899) erklärt, daß es als Gen 
schichte der Augenheilkunde überhaupt nicht angesehen werden könne. 

Um dieses Urtheil meinen Lesern einleuchtend zu machen, will ich 
wörtlich das anführen, was v. 0. über die holländische Augenheilkunde des 
1 9. Jahrhunderts anführt : 

»In den Niederlanden wird dieser Zweig in Verbindung mit der Ghi-i 
rurgie gelehrt, z. B. in Leiden von Broers, in Utrecht von Suerman, in 
Groningen von Sebastian, während Tilanus in Amsterdam mit dem Unter-j 
rieht der angehenden Stadt- und Land-Chirurgen beschäftigt ist. 1 

Außerdem wird er hier durch verschiedene namhafte Männer ausge- 
übt, worunter zu nennen sind: Mensert, Haan, Wächter, Hendriks, Logger 
d. V., u. a.« 

Aus dem Vorwort des Vf.s möchte ich noch die folgenden Sätze her- 
vorheben: ■ 

»Eine langwierige Krankheit, wie sie oft Viele befällt, die in mühe- 
vollen und langen Kriegszügen den Entbehrungen, Mühseligkeiten und Klima- 
Veränderungen ausgesetzt sind, und an der ich kürzlich und heftig litt, hat 
Veranlassung zur Herausgabe dieses Werkchens gegeben. Unter den Hand- 
schriften, die ich durchsah . . . war auch meine Rede über Geschichte der 
Augenheilkunde aus dem Jahre 1818. Ich habe dieselbe bis jetzt (1838) 
fortgeführt . . .« 

Das Lehrbuch der Augenheilkunde (8) ist alsbald, und sehr freund- 
lich, beurtheilt worden in Ammon's Monatsschrift (II, S. 588) sowie in Gunier's 
Annal. d'Oc. (II, S. 194), den beiden einzigen Zeitschriften der Augenheil- 
kunde jener Tage. 

In der ersteren heißt es, daß kein Organ und keine Krankheits-Ursache 
bei der Schilderung der Augenkrankheiten vergessen sei ; auch werden die 
guten Schilderungen der verschiedenen Formen und die richtig gewählten 
Namen, von denen viele neu erscheinen, gelobt, und nur bedauert, daß Vf. 
aus eigner Erfahrung so wenig hinzugesetzt hat. 

In der zweiten wird die Ordnung und die richtige Vertheilung des 



1) Annales de la med. physiol. de Broussais, IL 

2) § 509. 



van Onsenooit. 125 

Stoffes und die genaue Berücksichtigung der Therapie anerkannt; der \{. 
stehe auf der Höhe der Wissenschaft : nur werden gewisse Einzelheiten aus 
der feineren Anatomie und Physiologie vermißt. 

Wir müssen heutzutage anerkennen, daii dieses Werk für sein Vater- 
land, als erstes und einziges holländisches Lehrbuch der Epoche von 1800 
bis 1850, gewiß von höchstem Werth gewesen; daß es aber für die Welt- 
Literatur weniger in Betracht kam, einmal, weil die originalen Beiträge des 
Vf.s zu gering waren, sodann weil leider die holländische Sprache, außer- 
halb ihres Sprachbezirks, sogar in germanischen Ländern, zu wenig ver- 
standen wird. 

Zusatz. Vor van Onsenüoht's Werk ist ein vollständiges Lehrbuch der 
Augenheilkunde in holländischer Sprache nicht erschienen. 

Das >Handboek van de Oogheelkunde« . . . von P. J. Blüm, prakt. Medi- 
ziner in Utrecht, U. 1837, ist über den ersten Theil (von 300 S.) nicht hinaus- 
gekommen und enthält außer Literatur-.\ngaben (der Niederländischen Leistungen 
von tSOO — 1836) und einleitenden Bemerkungen nur die Lehre von den 
Augen-Entzündungen. 

Wenn also das Buch van ünsenoort's das einzige wirklich brauchbare 
holländische Lehrbuch der Augenheilkunde aus der ersten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts gewesen, welche Übersetzungen standen denn den holländischen 
Ärzten zur Verfügung? 

1844 — 1847 erschien das treffliche Lehrbuch von Chelils') übersetzt durch 
P. VAX Genderex Stoht (II von einem Andren, mit Zusatz über Muskeldurch- 
schneidung); 18 46 das bemerkenswerte von Ruete^), übersetzt von Donders. 
So war die Übersetzung von Mayrs magerem Kompendium durch van Campen 
(1852) eigentlich überflüssig gewesen. 

t856 gab I.MANS eine Übersetzung des Handbuches von Seitz heraus. 

A. Ilcken, Wundarzt zu Deventer, schrieb 1860: Beknopt Handboek der 
Oogheelkunde, eine freie Bearbeitung von ScHAiEXBURr.'s mittelmäßiger Oplitlialiii- 
iatrik, vermehrt mit Auszügen aus Arlt, Donders, Ritterich, Seitz, Winther, 
Zander u. a. — Diese wenig originelle Arbeit war F. C. Donders gewidmet. — 

9. Ein großes Verdienst erwarb sich van Onsenoort durch Gründung 
einer besonderen holländischen Zeitschrift für praktische Chirurgie und 
Augenheilkunde: Nederlandsch Lancet. 

Nach dem Tode des Begründers wurde daraus eine Zeitschrift für die 
gesamte Heilkunde, die aber auch weiterhin wichtige Beiträge zur Augen- 
heilkunde lieferte: ich erinnere nur an die treffliche, unter Donders' Lei- 
tung gearbeitete Dissertation van Tright's über den Augenspiegel (1853). 

Seit dem Jahre 1845 gehörten Donders und Jansen zu den Heraus- 
gebern der Zeitschrift. 

C. Von Abhandlungen v. O.'s enthält das Hippokrates Magazijn 
von 1819 eine Bemerkung zu Chamseru's Forschungen-^) über die ägypti- 
sche Ophthalmie, ferner eine über Wagner's Star-Nadelzange. 

<) § 535. 2) § 483. 3) Vgl. § 533. 



126 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—4 875. 



1 



In N. Lancet (I, 17) empfiehlt v. 0. das Kreosot gegen Hornhaut-Flecke, 
beschreibt (I, 1 8) die Verschiebung der Linse unter die Bindehaut, wogegen 
er Höllenstein-Lösung empfiehlt (I, 22); ferner einen Wasserbruch (Hydro- 
cele) des Thränensacks, Erschlaffung der Bindehaut des Oberlids, Fettge- 
schwülste an den Lidern, u. a. ; erklärt auch (H, 241), daß die Granulation 
nicht immer Folge der militärischen Ophthalmie sei. 

Es ist klar, daß ein so eifriger Schriftsteller, tüchtiger Wundarzt und 
von seinen Schülern geliebter Lehrer, wie van Onsenoort, einen großen 
Einfluß im ganzen Lande ausüben mußte. 



1 



§ 844. Sein Nachfolger als Lehrer an der Militär-Schule war 
IL J. F. Kerst (1800 — 1874)1), 
der gleichfalls neben der Chirurgie die Augenheilkunde eifrig bearbeitete. 

Im Jahre 1830 wurde er nach Antwerpen versetzt, wo er die Laza- 
rete und Ambulanzen vortrefflich einrichtete, und war 1831 am Feldzug in 
Belgien betheiligt. 

1835 nahm er seine Vorlesungen wieder auf, nachdem er inzwischen 
von der medizinischen Fakultät in Groningen zum Ehren-Doktor ernannt 
worden; 1842 wurde er Oberhaupt der neu eingerichteten militärischen 
Medizin-Schule und verblieb in dieser Stellung 16 Jahre. Dann nahm er 
seine Entlassung und ist 1874 gestorben. 

Kerst hat verschiedene Beiträge zur augenärztlichen Literatur geliefert. 

In seinem Bericht für 1829 über die chirurgische Abtheilung (Utrecht 
1830) erwähnt er auch die Augen-Fälle und räth bei Operation gegen Ein- 
stülpung und Senkung des Lids die Nähte schon vor der Abtragung der 
Haut-Falte anzulegen. In demselben Jahre schreibt K. über Bildung einer 
neuen Pupille durch Verziehen der alten. (Geneesk. Bijdragen u. s. w.) 

In den »Heelkundige Mengelingen« (Utrecht 1835) erklärt K., daß die 
sogenannte militärische Augen-Entzündung auch bei Givilisten vorkommt; 
sie sei »atmosphärisch-epidemisch, gelegentlich endemisch, jedenfalls ka- 
tarrhalisch und kontagiös«. Um Weiterverbreitung zu verhüten, sind die 
Kranken abzusondern. Zur Behandlung empfiehlt er Ätzung der ganzen 
Bindehaut, sowohl der Lider als auch des Augapfels, mit Höllenstein in 
Substanz 2). Wenn nüthig, ist die Lidspalte schläfenwärts zu erweitern. 
Die Ätzung muß wiederholt werden. ■ 

K. beschreibt auch eine Orbital-Cyste, die den Augenbrauen ähn- 
liche Haare enthielt''). 

Bezüglich der Bildung eines neuen Thränenweges meint er, daß 
die Durchbohrung des zu dünnen Thränenbeinchens sich öfters wieder ver- 
lege, und räth die des Stirnfortsatzes vom Oberkiefer zu versuchen,. 

i) Biogr. Lex. III, 46i. (E. E. Daniels.) 

2} Vgl. A. d'Oc. XIV, 119 und unsren § 840. 3) Vgl. A. d'Oc. XII, 41. 



J. F. Kerst. 127 

der unter o7 Schädeln wenigstens 27 mal so hoch sich erstreckte i), daß 
der Versuch gelang. 

In seinen »Bijdragetot de behandeling der Ophthalmia purulenta« 
(Utrecht 1836) empfiehlt er Hüllenstein in Substanz, Lösung, Salbe und 
Ausschneidung der zurückbleibenden Granulationen. 

SiNABiLif;2] schreibt Kerst das Verdienst zu, die Ätzung mit dem Hüllen- 
stein als Heilmittel der eitrigen Augen-Entzündung in Holland bekannt 
gemacht zu haben. 

In N. Lancet (1842/1843)3) giebt K. neue Instrumente an: 1. Eine 
elfenbeinerne Platte, welche bei Atzung der Lider die Hornhaut schützen 
solH). 

2. Einen Lidspreizer, der bei Ätzung der Hornhaut die übrigen Theile 
des Augapfels schützen soll. 

3. Einen Ätzmittelträger. \ und 2 besitzen einen Stiel; 3 ist ähnlich 
dem von De Cond£. (§ 823.) 

Im Jahre 1847 schrieb K. über die PuRKiNJE-SANSON'schen Bilder s). 

Schleppende Thränensack-Entzündung heilt er durch Anlegung 
einer Fistel mittelst Hüllenstein-Ätzung; dann werden Einspritzungen an- 
gewendet, Darmsaiten, mit Hüllenstein bestrichene Bougies^), Rührchen : 
schließlich die Fistel geschlossen , oder der Sack verüdet. (N, Lancet 
1847.) Kkrst schrieb auch über Exstirpation der Thränendrüsen. 

In einem Brief an Donders erwähnt Kerst, daß die Drüsenschwel- 
lung vor dem Ohr (Bubo praeauricularis) nicht, wie Hairion meint, patho- 
gnomonisch sei für gonorrhoische Augen-Entzündung. 

In einem Brief an Cümer (vom 9. März 1845) hat Kerst zuerst die 
Aufmerksamkeit auf die leichten Grade der Kurzsichtigkeit gelenkt, 
die bis dahin in keinem Buche beschrieben worden ''). 

Also auch Kerst, von dem heutzutage kaum noch die Rede ist, war 
ein fleißiger Arbeiter, der einiges von Werth geschaffen. 

Unter den übrigen Lehrern dieser Schule ist noch zu nennen J. A. Fles 
(1819 — l'JOo), welcher eines großen Rufes als Augenarzt sich erfreute und 
ein ausgezeichneter Lehrer war. Im Jahre 1860 erüffnete er eine Poli- 



1) A. d'Oc. XII, 41. 

2) A. d'Oc. XVI, 30i, 1846. 

3) Vgl. A. d'Oc. IX, 89. 

4) Solche sind in unsren Tagen wieder — erfunden worden. (Paulsen u. 
Auerbach in Altona bedeckten vor der Ätzung die Hornhaut mit einem Stück 
Gummi-Papier. [Klin. M. Bl. 1877, S. 328 fgd.^ Später zogen sie Schälchen aus 
entkalktem Elfenbein vor [ebendas. S. 331]. Ich habe solche erhalten, aber 
nie angewendet.) — Kerst hatte übrigens einen Vorgänger in Hairion. (1839.) 

5) N. Lancet, Sept. 1847; A. d'Oc. XXI, 172. 

6) Solche hat K. schon 1839 in s. Waarnemingen beschrieben, ist also 
der Vorgänger von Raü's mit Höllenstein getränkten Darm -Saiten. (1843.) 

7) A. d'Oc. XVII, 190, 1847. Vgl. unsren § 333, II. 



128 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—4 875. 

klinik für Augenkranke. In demselben Jahre gab er seine bekannte 
Spiegel-Einrichtung zur Entlarvung von Simulation einseitiger Blindheit an. 
(Ned. Tijdschr. voor Geneeskunde.) 

§ 845. Von denjenigen Medizinern, welche, ohne zu den Lehrern 
an Hochschulen zu gehören, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
die Augenheilkunde geübt, bezw. gefördert haben, verdienen einige 
noch eine kurze Erwähnung. Übrigens hat der eine und der andere doch 
eine gewisse Lehrthätigkeit ausgeübt; so schon der erste, 

Gerrit Jan van Wy (1748—1810)1', 
den ich als Star-Schnepper bezeichnen möchte. 

Seine Haupt-Thätigkeit fällt übrigens noch in das 18. Jahrhundert. 
1748 zu Arnhem geboren, 1772 in Amsterdam zum Wundarzt befördert, 
wurde van Wy 1788 in seiner "Vaterstadt zum Stadt-Chirurgen und Geburts- 
helfer sowie zum Lector der Anatomie und Chirurgie ernannt. 

Seine drei Veröffentlichungen, die für uns in Betracht kommen, sind 
die folgenden: 

4. Waarneeming van eene zonderlinge en gedeeltelijke herstelling van het ge- 
zigt. Amsterdam 1777. 

2. Nieuwe manier van cataract- of staarsnijding Arnhem 1792. (120 S., 80.) 

3. Neues Star-Messer. Geneesk. Mag. II, 1., 1802. 

In 1. versuchte v. W. eine gewissermaßen aus der Niederdrückung und 
der Ausziehung zusammengesetzte Operation, nämlich die Linse erst mit 
der Nadel loszutrennen und zu zerstückeln, hernach durch ein kleines in 
der Hornhaut angelegtes Loch herauszuziehen. Der Versuch mißlang, 
weil der Kranke das Auge immer heftig bewegte; doch bekam derselbe 
einige Sehkraft wieder, da der Star größtentheils niedergedrückt war. 

In 2. beschreibt v. W. einen Star-Schnepper, der dem gewöhnlichen 
Aderlaß-Schnepper ähnlich ist. Das Verfahren wird in Richter's chirurgischer 
Bibliothek (XIII, 254) mit Recht getadelt. Der große Künstler Joseph Beer 2) 
äußert sich mit Heftigkeit gegen dies unkünstlerische Verfahren: »Wahrlich, 
wenn sich einer meiner Schüler bei seiner ersten Operation so anstellte, 
wie sich Hr. v. W. bei dieser benommen, — ich würde ihm dringend rathen, 
die Star-Operation auf immer aufzugeben . . , « 

»Man geräth in die Versuchung zu glauben, daß es dem Hrn. Prof. 
sogar an dem gemeinsten Menschen-Verstand fehle.« ^ 

Nach V. W.'s erster Operation mit dem Schnepper blieb der Kranke 
blind, »weil der graue Star mit dem schwarzen komplicirt war«. Der 
zweite Kranke lernte »einige Gegenstände, wiewohl undeutlich« erkennen. 



1) Biogr. Lex. VI, 343. 

2) Repert. III, 188, 1799. 



1 



G. J. van Wy. Der Star-Schnepper. 129 

3. V. W.'s neues Star-Messer besteht aus einer Klinge, die der 
BBRANGER'schen 1) ähnlich ist, und einem ausgehöhlten elfenbeinernen Stil, 
der eine Spiralfeder enthält: wenn man die letztere durch Druck losläßt, so 
jwird die Klinge mit großer Kraft hervurgeschleudert. 

§ 816. Der Star-Schnepper 

; beruht also auf dorn Aderlaß-Schnepper. Der letztere besteht aus einem 
i viereckigen Metall-Gehäuse, das innen die von einer Metall-Feder zurückgehaltene 
iFliete birgt, und außen einen Druckhebel besitzt, dessen Bewegung die Fliele 
'hervorschnellen läßt. 

GuKRix hat schon J769 einen solchen Star-Schnepper beschrieben'^) und 
um 1785 eine Verbesserung desselben angegeben^): ein Ring umfaßt die Ilorn- 
jliaut und festigt den Augapfel; eine Fliete, dicht an der Vorderseite des Rings, 
Iwird durch den Mechanismus des Star-Schneppers vorgetrieben, durchschlägt die 
: Hornhaut, so weit sie aus dem Ring hervorragt, und macht eine halbmond- 
förmige Öffnung derselben. 

VAN Wv behauptet, daß er das Instrument schon vor Gl'erin angewendet. 

Auch Ec.KHoi.n, Dumoxt, Bkcmuet haben Verbesserungen angegeben. 

Diese Verirrung hat nur wenige Nachahmer gefunden. So 1792 Assalix) ■*) 
in Italien; T.R.Williams zu London, 1830^); zwei in Holland: Die Professoren 
Hendricksz und Janssen haben noch mit dem Schnepper gearbeitet, der erstere 
Iwobl bis gegen 1845, der letztere jedenfalls noch in den .lahren 1850 — 1852. 
I Doch fehlte es auch in Holland nicht an Gegnern. Joh. Muluer (I), 1808 

bis 1810 Prof. zu Groningen, ein überaus geschickter .Mann, und S. Exs, Pro- 
fessor zu Franeker, haben das Verfahren verurtheilt. 

Das encyklopädische Wurterbuch der med. Fakultät zu Berlin") erklärte 
schon 1836, daß diese Augen-Schnepper nur noch geschichtliche Erwähnung 
verdienen. Doch hat das Instrument wenigstens zur Staphvlom- Ab tragung 
bis in die Mitte des t9. Jahrhunderts sich erhalten'. 

§ 847. 2. F. BlciiNER^), Stadiarzt zu Amsterdam, zeigte sich in drei Ab- 
handlungen (1790, 1801, 1813) als begeisterter Anhänger der Niederlegung 
des Stars und hat auch (1829) ein Kompressorium des Thränensacks, nach 
Art des Bruchbandes, angegeben. 

3. Wilhelm Friedrich BüECHNER (1780— 1855) o>. 
Im Jahre 1780 zu Reinheim (Hessen-Darmstadt) geboren, mit 15 Jahren in 
den holländischen niilitärärztlichen Dienst getreten, wurde B. 1799 Ghirurgijn- 



i) % 351, Fig. 68. 

2) § 377 und 331. 

3) Richter's chir. Bibl. VIII, 689 (1785), mit Abbildung. 

4) §719, S. 24. 

5) § 636. S. 259. 

6) Vn, S. 22. 

7) Ritterich, Augen-Op., 1859, Taf. XVII, Fig. 3. 

8) Er hat Vrolik's Befund eines Krystall-Wulstes 1801 veröffentlicht. Vgl. 
§539, S. 397. 

9) Biogr. Lex. VI, 571. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV.Bd. fVII.) XXIIL Kap. 9 



130 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800 — 1875. 

majoor, nahm 1800 Theil an dem Feldzug nach Deutschland, promovirte 
1801 an der Universität von Würzburg, wo er in Garnison lag, zum Dr. 
med. et chir., nahm nach dem Frieden von Amiens (1802) seine Entlassung 
und wirkte als Arzt zu Gouda, wo er eines großen und weitreichenden 
Rufes sich erfreute. In seinem »Geneeskundig Handboek« (1822 — 1829, 
Amsterdam) hat er die Augen-Entzündungen sehr ausführlich besprochen. 

4 — 7. Bemerkenswerth scheint mir, daß es um 1800 zu Amsterdam 
einen Stadt-Operateur für Star gegeben, den von Prof. A. Bonn aus- 
gebildeten Hennig Nissen i), welchem 1807 C. H. Bünk im Amte folgte. Beide 
haben nichts veröffentlicht. 

Im gleichen Amte wirkte zu Rotterdam van Onzelen, der 1814 im 
Hippokrates-Magazyn zwei Fälle geheilter Lähmung des Oberlids mit- 
getheilt hat. 

Der Stadt-Chirurg von Dordrecht van Ingen hat Beer's »Methode, den 
grauen Star mit der Kapsel auszuziehen« 2), vom Jahre 1799, in's Hol- 
ländische übertragen. m 

§ 848. 8. Der bekannteste, ja berühmteste Augenarzt aus der ersten 
Hälfte des li). Jahrhundert, neben van Onsknoort, den er allerdings in wis- 
senschaftlicher Hinsicht nicht erreicht hat, war 

Willem Mensert (1780—1848)3). 
Geboren im Haag, am 1. April 1780, wurde er 1795 Lehrling des be- 
kannten Wundarztes Damen, kam 1799 an das Spital zu Rotterdam, zog 
1800 mit der Armee nach Deutschland, kehrte aber im folgenden Jahre 
zurück, kam zu dem Wundarzt Schuuring, bestand 1803 seine Prüfung 
als »Ghirurgijn« und wurde durch seine Gönner nach Paris geschickt, um 
am HOtel-Dieu in der Chirurgie sich weiter fortzubilden. 

Darauf studirte er noch einige Zeit in Duisburg, wo er den Titel 
eines Chirurgiae Doctor erwarb, und ließ sich dann (1805) in seinem 
Geburtsort nieder ; siedelte jedoch 1 808 nach Amsterdam über, wo er im 
wesentlichen als Augenarzt thätig war, von 1812 — 1831 als Stadt-Ope- 
rateur für Star und später auch als Privat-Arzt augenärztliche Praxis 
ausübte. 

Im städtischen Krankenhaus hat er mehr als 120 Star-Operationen 
ausgeführt. 

Im Jahre 1844 erhielt er vom König Wilhelm I. die große goldne 
Reichsmedaille mit der Inschrift »Ophthalmiatria, industria et humanitate 
bene merito«. 



1) § 840. 

2) § 469, S. 499. 

3) Biogr. Lex. IV, 205. (C. E. Daniels.) 



W. Mensert. 131 

Seine Titel, die er selber 1Si2, in 7, anführt, lauten: Ridder der 
Orde van de Nederlandsche Leeuw, Ghirurgiae Dr., Oculist van S. M. 

Mensert gehörte zu den besten und beschäftigsten Augenärzten Hol- 
lands; er hat viel geschrieben, darunter auch manches, was nützlich war. 
In seiner letzten Zeit soll er von Charlatanismus sich nicht frei gehalten 
haben; das lesen wir in Daniki.'s Bemerkungen: aus den Schriften Mensert's 
geht es eigentlich nicht hervor. 

Von den letzteren sollen die folgenden Erwähnung linden: 

1. Nutzen der Pocken-Impfung, bewiesen durch den Nachtheil der 
in der Kindheit erworbenen Pockenkrankheit für die Augen i). 

2. Mißbrauch der Brillen, 1811. 
(Verhandeling over het misbruik der brillen.) 

Das war ein Lieblings- Gegenstand unsres Menskrt, auf den er wieder- 
holt noch zurückgekommen ist. 

18;{l verfaßte er eine Schrift von 1!l9 Seiten über Gebrauch und 
Mißbrauch der Brillen und ließ noch 1846 eine zweite Auflage erscheinen. 
(. . . Gebruik cn misl)ruik der brillen.) Menseut's letzte Abhandlung, aus 
dem Jahre 1846, behandelt auch die Brillen in Bezug auf Alters- und 
Kurzsichtigkeit sowie auf Sehstörung. 

3. Im Jahre 1812 übersetzte M, die 1811 erschienene »Keralonyxis« 
von BicuHouN^) und hat auch I81G eine eigne Schrift über dies Verfahren 
veröffentlicht, worin er über 17 Operationen berichtet. Er war der erste, 
der sie in Holland ausgeführt. (Verhandeling over de Keratonyxis, Am- 
sterdam 1816.) Im Jahre 1831 schrieb er eine geschichtliche .\bhandlung 
über Keratonyxis. 

4. Über Pupillen-Bildung, 1827. 

(Geschiedkundig verhandeling over de operatie tot vorming van een 
kunstigen oogappel. Auch als Sonderschrift, Amsterdam 1823; und fran- 
zösisch 1829.) Er beschreibt eine neue Weise der Operation, mittelst einer 
Doppel-Schere. 

Auf dies Diplotom^) ist er 1842 3 (N. Lancet V, 1) wieder zurückge- 
kommen, und benutzt das Instrument nicht blos zur Pupillen-Bildung, 
sondern auch zur Staphylom- Abtragung, zur Entfernung von Augenlid- 
Geschwülsten. 

5. Beschreibung der in den Niederlanden herrschenden Augen- 
krankheiten, nebst Tabellen über 1450 von ihn in den Jahren 1821 bis 
25 behandelten Augenkranken und über 810 von ihm in den Jahren 1806 
bis 1825 durch Ausziehung behandelten Staren. (Geschiedkundig over- 



1) Vgl. Beer, § 444, S. 332; § 469, S. 524 ; Weller, § 524, S. 321. 

2) § 352 und § 635, R. 

3) Vom (i'in}.6o^, doppelt, und louo^, schneidend; oder vom Hauptwort to- 
fievs, da M. Diplotomise schreibt. 



132 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

zieht omtrent de heerschende en voorkomende oogziekte in Nederland, 
Amsterdam 1827.) 

6. Übersetzung von K. Sprengel's Abhandlung über Geschichte der 
Star-Operation 1835. 

7. Rathschläge zur Erhaltung der Sehkraft. (Wees toch voorzichtig met 
de oogen . . . , Amsterdam 1842 [62 S.].) 

Ist eine Streitschrift wider den Kurpfuscher Pfarrer Kremer. 

8. In den Augenheilkundigen Mittheilungen knüpft M. an seine 
frühere Erörterung über die Augenheilkunde in Holland an und bestrebt 
sich zu erweisen, daß noch heute seine Landsleute, betrefTs dieses Sonder- 
faches, dessen Wichtigkeit er klarlegt, nicht hinter den übrigen Völkern 
zurückstehen. 

Danach beschreibt er einige neue Instrumente: 1. einen Augenlid- 
halter (ooglidhouder), eine Verbesserung desjenigen von PkllierI). Eine 
Nadel-Pinzette 2) zur Ausziehung des Nachstars oder zur Pupillen-Bildung. 
3. Die Nadel von Baratta (1848)3) zur Niederlegung des Stars und zur 
Iris-Ablösung : es ist dieselbe, die Lusardi *) als sein Eigenthum beschrieben. 

Den Schluß macht die IJberselzung von Beger's Abhandlung: Das 
Auge vom Standpunkt der Medizinal-Polizei betrachtet, sowie einige Be- 
merkungen über den Unterricht der Augenheilkunde in Holland. 

(Beschouwingen en mededeehngen betreffende de oogheelkunde. Lan- 
cet V, 1842/43. Auch als Sonderschrift, Utrecht 1843, 80, XH -j- 98 S. 
mit 3 Tafeln. Im Auszug A. d'Oc. XII, 97—98, 1844.) 

In der N. Lancet (VII, 1844/45) kommt M. noch einmal auf seine 
einfache und seine zusammengesetzte Star-Nadel zurück. 

9. In seinem »Bedenken und Mittheilungen über Schiel-Operation« 
(oogspierdoorsnijding), vom Jahre 1845 warnt ÄIensert vor zu großen 
Erwartungen und übersetzt — Nevermann's Abhandlung »llias post Ho- 
merum«^). Da hätte er sich allerdings etwas Besseres aussuchen können. 

9. G. H. Wächter, Chirurg von Willem I. und Willem II., promovirte 1810 
zu Groningen (»de pupilla artificiali«), schrieb eine specielle Chirurgie, worin 
auch die Augen-Operationen abgehandelt sind, und gab das Hippocrates Magazijn 
heraus, welches viele augenärztliche Abhandlungen enthielt. 

10. Logger (1759 — 1841), Chirurg zu Leiden, erhielt 1809 einen Preis 
für seine Abhandlung »Über den schwarzen Star«. 

§849. 11. Louis Philipp Jacob S^ABILIfi (1797—1865)6' 
war Militär-Arzt von 1814 an, wurde 1853 General-Inspektor der militär- 
ärztUchen Dienste und 1860 General-Major. 



1) § 645, S. 189 und § 381, S. 99. 2) § 345, S. 467. 

3) § 723, S. 53. ' 4) § 442, S. 323. 

ö) § 499, S. 131. 6) Biog. Lex. VI, 1007. 



L. P. J. Snabilie. 133 

Den Doktor erwarb er IS20 zu Groningen. Er hat verschiedene Ab- 
handlungen zur Augenheilkunde verfaßt. Seine Wertschätzung ergiebt sich 
aus der Thatsache, daß er nach van Onsenoort's Tode als Mitarbeiter an 
den Annales d'Oc. erscheint. 

1. In seinen praktischen Wahrnehmungen berichtete er 1X30 
(Prakt. Tijdschrift) über Heilung von 1 litis durch Hyoscyamus, über Be- 
handlung der Amaurose mittelst Blut- Entziehungen. 

2. Übor die Behandlung der gonorrhoischen Bindehaut-Eiterung schrieb 
er in der N. Lancet \HSH und tSiS: er macht die Atzung und danach den 
Aderlaß; und ruft den Tripper wieder hervor, wenn seine Unterdrückung 
als Ursache der Augen-Entzündung zu betrachten sei'). 

Verschiedene Miltheilungen betreflon die in der niederländischen 
Armee herrschende Augen-Entzündung. 

3. J)ie militärische Ophthalmie ist ganz erheblich verringert. Man trilVt 
wohl noch, von Zeit zu Zeit, Granulationen, aber meist ohne Absonderung: 
sie weichen dem Tuschiren mit Höllenstein. Rekruten mit Augenleiden 
werden nicht uK^hr eingestellt. (A. d'Oc. VH, 40, 1842.; 

S. hält die Krankheit für eine eigenartige, nämlich für eine gemilderte 
Form der ägyptischen, die früher geherrscht. Er läßt nur zwei Arten 
zu, die akute und die chronische. 

Der granuläre Zustand der Lider bei einigen Soldaten unterhält das 
Leiden in den Regimentern. Der Hüllenstein ist das beste Mittel. 

Von den Komplikationen der militärischen Ophthalmie erwähnt er die 
gonorrhoische. (Bijdragen tot de Kennis der heerschende Oogziekte in 
het Nederlandsche Leger, Breda 1840. [S«, VI u. 150 S.] Französischer 
Auszug im Journal medical de la Neerlande, 1845.) 

Gegen die abfällige Kritik seines Werkes, die Henrotav, nur nach dem 
französischen Auszug, verüfTenllicht hat 2), erhebt sich sofort SNABii.iß^), 
namentlich auch gegen die ihm zugeschriebene Nichtachtung der belgischen 
Veröffentlichungen und betont, daß Kerst schon 1836 den Höllenstein-Stift 
gegen eitrige Augen-Entzündung empfohlen habe*). 

5, (A. d'Oc. XII, 34, 1844.) In den Garnisonen zu Breda und Geertrui- 
denberg herrschte 1843, Juni bis Sept., eine heftige Epidemie von eitriger 
Augen-Entzündung; 82 Fälle, kein Verlust: Höllenstein-Ätzung, Aderlaß 



1) Dies wird verworfen von S.'s Kritiker HE^'ROTAY, A. d'Oc. XV, 60, 1846. 
Empfohlen von Hairion, noch 1848. Vgl. § 444, S. 333 (J. Beer). 

2) A. d'Oc. XVI, 59, Juli 1846. 

3) Ebendas. Nov., S. 301. 

4) Vgl. § 844. Fallot's erste Arbeit ist vom Jahre 1838. Vgl. § 789. 



134 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

bei dpn Kräftigen , keine Ausschneidung mehr aus der geschwollenen 
Bindehaut. 

6. Intermittirende Iritis, bei einem 35j. Leutnant, der in Zeeland 
an Wechselfieber gelitten. Antiphlogistische Behandlung, Einträuflung von 
Belladonna-Lüsung; nach einigen Tagen Chinin (0,05; 2 stündlich, für 5 
Tage,) wonach erhebliche Besserung eintrat. (N. Lancet, A. d'Oc. XVI, 
S. 226, 1846.) 

7. Verletzung durch Säbelhieb, Trennung des Frontal-Nerven^): chro- 
nische Keratitis, amaurotische Amblyopie, beginnende Schrumpfung des 
Augapfels. (A. d'Oc. XIX, 109, 1848.) 

8. Die Blau säur e2^ (Acide hydrocyanique) hat weder in Dampf- 
Form noch als Waschung, Einträuflung, Salbe bei Hornhaut-Trübung, 
Amblyopie, Star den geringsten Nutzen gezeigt. (N. Lancet, A. d'Oc. IX, 
79, 1848.) 

9. Im .lahre 1849 hat S. seine hauptsächlichen Abhandlungen in einem 
Schriftchen vereinigt und hiermit seine Veröffentlichung abgeschlossen. 
(Waarneniingen en Mededeelingen uit het gebied der Oogheelkunde, Haag 
1849.) i 

12. E. F. IIovACK, der 1848 zu Leiden promovirte (de chorioitide«) 
übernahm 185G die (1853 von J. W. R. Tilanus) errichtete Poliklinik, 
schrieb 1858 über operative Behandlung des akuten Glaukoms (Ned. 
Tijdschr.), ist aber leider schon 1865 verstorben. ■ 

§ 850. Gelehrte, welche Beiträge zur Anatomie und Physiologie 
des Seh-Organs geliefert. 

1. Franz Gruithuisen (1774 — 1852)3), 

nach Namen und Abstammung ein Holländer, durch Geburls-Ort, Er- 
ziehung und wissenschaftliches Wirken Deutschland*) angehörend, hat 1810, 
gleichzeitig mit Prevost'^) und unabhängig von demselben, gefunden und 
veröffentlicht, daß das Leuchten der Thier-Augen nur durch Reflexion von 
einfallendem Licht entstehen kannß). 



i] § 506, S. 223, § 604. 

2) Vgl. Turnbull, § 629 A, Vose Solomon, § 689. 

3) Biogr. Lex. II, 670. (Diese Lebensbeschreibung ist auch nicht von Daniels 
sondern von Seitz.) 

4) Nach den, in Amerikas Augenärzten, § 7 59, entwickelten Grundsätzen 
sollte er in den deutschen Kreis einbezogen werden. 

5) Vgl. § 744 und § 827, woselbst auch gezeigt ist, daß die Priorität dem 
Holländer Bidloo (1649 — 1713) zukommt. 

6) Beiträge zur Physiognosie und Eautognosie, 1810, S. 199. Vgl. Helmholtz, 
Physiol. Optik, 1867, S. 189. 



P. Karting. A. Gramer. 135 

2. PiicTKR Haiitim; 1812— 18851 i\ 
<843 ;ils Prof. nach Utrecht hcrufen, wo er mikroskopische Anatomie und 
von 185() — 1882 Zoologie und vergleichende Anatomie lehrte, Verfasser eines 
Lehrbuchs vom Mikroskop i Bände 1848—1854, deutsch von Thi:ii.k 1859, 
<866, hat im Jahre 1845 eine Arbeit über den Bau der Krystall-Linse 
verfaßt^. Er untersuchte Form, Wachslhum und Zahl der Linsenfasern, 
die Kerne der letzteren, die er hei Neugeborenen viel zahlreicher fand, als 
bei Erwachsenen. 

3. Nicht vergess(>n wollen wir den genialen 

Amo.mi: Cuamkr 1822 1855 3) 
der in der kurzen, ihm vom Schicksal g(^währten Laufbahn so Großes ge- 
leistet hat: 1. 1851 über den Stand der Iris; 2. 1852 über das Akkom- 
modations- Vermögen; 3. 1853 über Czermak's Orthoskop; i. 185;{/i über 
Irradiation. 

2. Hei Accommofialievermogen der oogen. Physiologiscli loegelicht. Door 
A. (aiAMKii, Med. Chir. et Art. Obst. Dr. te Groningen .... 

Den '2 1 Mei door de Hollandsche Maalschaitpij der Wetenschappen le Haar- 
leni met de goudcn Medaille en de prcinic van 150 Gulden bekroond. Haiwlein 
18Ö3. (4", 20 Fig. auf 8 Tafeln.) 

2a. A. Ghamkm, Med. Chir. et Art. Obst. Dr. zu (Ironini,^en, rhjsiologische 
Ahhandliuig über das Accommodalions-Verniögen der Augen, unter Redaction 
des Alltors vermehrt und aus dem Holländischen übersetzt von Dr. Dooex, 
bandphvsikus zu l-eer, eingeführt durch Stellwac. von Cariox, Gekrönte Preis- 
Schrift. Leer 1855. (4", 182 S., 20 + V Figuren.)"»' 

Gramer geht aus von der Betrachtung der drei PuRKiNjE'schen Bilder •''>), 
und zwar mittelst eines Fernrohrs, wie Donders 1849^) vorgeschlagen hatte; 
in einem passenden Apparat, den er Ophthalmoskop nannte, sieht man, 
wenn das untersuchte Auge für die Nähe akkommodirt, — a das von der 
Hornhaut, b das hinterste, von der Vorderfläche der Linse abstammende, 
und dazwischen c das mittlere, von deren Hinterfläche erzeugte; und läßt 
nun das untersuchte Auge für die Ferne akkommodiren: so sind a und c 
an ihren Stellen geblieben, aber b hat sich an c ansrenähert. 



4) Biogr. Lex. HI, 65. Mever's Konv. Lex. VI. Aufl. I'jO'i, VIII, 840. 

2) VAN DER HoEVEx's Zeitschrift, XII. 

3) Biog. Lex. III, S. 100. 

4^ Die holländische Darstellung besitze ich seit meiner Jugend und habe 
mir in derselben durch zwei Zeichnungen (nach den Grundsätzen der graphischen 
Optik; die Ergebnisse erläutert. Die deutsche Übersetzung erwarb ich »E libris 
F. Th. Frerichs« nach dessen Tode (1885), — sie war nicht aufgeschnitten. 
ScHAUExBURGS un volls t äu dig 6 Übersetzung, »Das Acc.-Vermögen der Augen, 
nach Dr. A. Gramer und Prof. Donders *■, Lehr 1854, hat unsrem Gramer sehr 
mißfallen. 

5) § 573, S. UO. 

6) Ned. Lancet, bl. 146. 



136 



XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 



Wird wieder für die Nähe akkommodirt, so tritt der frühere Zustand 
ein. Also, die Linse ist an ihrer Stelle geblieben; die Akkommodation 
für die Nähe beruht auf stärkere Wölbung der vorderen Linsen- 
fläche. (Die Ursache dieser Krümmungsvermehrung suchte C, nach 

Versuchen am Seehund-Auge, in 
Fig. 3. einer Thätigkeit der Iris.) 

Gramer wahrt seine Priorität 
gegen Helmholtz, durch einen Zusatz 
in der deutschen Ausgabe, S. 42 : 

»Während ich bereits 1851 
(Tijdschr. d. N. Maatsch. tot bevord. 
d. Geneesk. D. II, bl. 1 1 5) den Grund 
des Akkommodations-Vermögens in 
der Kürze angedeutet hatte, auch 
meine Untersuchungen schon zu der- 
selben Zeit durch Donders (N. Lancet, 
2. Serie, D. I, bl. 529) besprochen 
waren, wies Helmholtz (Monatsber. d. 
K. Preuß. Ac. d. Wiss. Febr. 18.^3, 
S. 137) last gleichzeitig mit dem Er- 
scheinen der Original-Ausgabe dieser 
Abhandlung, noch unbekannt mit 
meinen Mittheilungen, gleicherweise 
den Grund des Akkommodations- 
Vermögens nach einer von der 
meinigen etwas verschiedenen Me- 
thode nach« .... 

In seiner ausführlichen Ver- 
öiTentlichung aus dem Jahre 1855 
(A. f. 0. I, 2, S. 1) hat Helmholtz 
bereitwillig Hrn. Gramer die Ehre der 
Priorität zugestanden. Aber der letztere unterschätzt wohl das Vorverdienst, 
das M. A. Langenbeck (1849) sich auf diesem Gebiet erworben (vgl. § 484, S. 36), 
und hat die Versuche von Thomas Young (1801, vgl. § 460, S. 462) und von 
Alexander Hueck (1828, 1839 nicht berücksichtigt. 




Antonie Gramer. 



4. Dr. J. A. Moll in Utrecht 
hat anatomisch-physiologische Untersuchungen über die Augenlider der 
Menschen in Donders' Laboratorium angestellt und in holländischer Sprache 
verüffentlicht; den ersten Theil, welcher von den Augenlidern i. A. handelt, 
hat er im Arch. f. Ophth. III, 2, S. 25« — 268 mitgetheilt. 

Sein vergrößerter Lid-Durchschnitt (Taf. III, Fig. 1 ) war zu meiner Lehr- 
zeit uns allen sehr werthvoll; ich meine, er hält den Vergleich aus mit 
dem in der ersten Ausgabe unsres Handbuchs (I, 1, S. 64, 1874) und so- 
gar mit dem in der zweiten. (I, 1, S. 89, 1910.) 

In der letzteren (wie in Güttmann's Terminologie, 1913, S. 797) werden 



Akkommodations-Theorie. — Moll. — Augen-Heilanstalten. 137 

die in die Wimper-Bälge einmüiideiideu Talg- Drüschen als Moi.L'sche Drüsen 
bezeichnet, obwohl M. sie nicht entdeckt, sondern nur genauer beschrieben hat. 

Die Zahl der Wimpern beträgt nach Moi.l's Zählungen im oberen 
Lid 104 — 150, im unteren 50 — 75. 

(Über die Entwicklung und den Wechsel der Wimpern hat Donders 
selber [A. f. 0. IV, 1, S. 286f., 1858] uns werthvolle Mittheilungen gemacht.) 

§ 851. Augen-Heilanstalten. Die augenärztliche Gesellschaft. 
Das lleispiel von Donkkrs, der 1858 in Holland die erste Augen-Heil- 
anstalt gegründet, hat natürlich Nachahmung gefunden : 

I8üf) durch Du. .1. 11. de Haas' zu Rotterdam. 

(Neubau, mit 28 Betten, im Jahre 1874. Klin.M.Bl. 1877, 
S. 86.) 
1874 durch Dr. Günning zu Amsterdam. 
1870 durch Dr. Mulder zu Groningen. 

1870 durch Dr. van Mcti.i. - zu Rotterdam. ■ — Diese Einrich- 
tung erhielt 1015 einen monumentalen Neubau, die 
Frau Blankenhcym-Stiftung. 
187U durch Dk. Bol'mn im Haag. 
I8*.K) durch Du. Swakt-Ahrahams/ zu Maastricht. 
11)03 durch Dr. Nicolai zu Nijmogen. 
In den letzten Jahren ist auch Arnhem gefolgt durch Dr. Piekema. 
Übrigens sind an vielen Krankenhäusern Augen-Abtheilungen eingerichtet. 
Nicht vergessen wollen wir die zu Bandoeng auf Java 1003 von der 
Königin begründete Augen-Heilanstalt ^^ 

Von Jahresberichten jaarlijksch Verslag , die von allen Augen- 
Heilanstalten herausgegeben werden, erwähne ich die folgenden: 

1. Die des Gasthuis zu Utrecht, mit ihren wissenschaftlichen Beilagen. 

2. Die der Einrichtung für Augenleidende zu xVmsterdam. Der 4. Be- 
richt vom Jahre 1 877 nennt als Direktor Dr. Gunmng, als Ärzte da Costa 
GoMEz DE LA Penha, Gori, Glnnixg, JuDAj der 27., für 1800, als Arzte 
JuDA, VAN RiJNBERK, JiTTA, VissER, W. Snellen, Schoute ; eben dieselben 
finden sich in dem Bericht für 1013, doch ohne Jitta. 

3. Die Vereinigung zur Hilfe von armen Augenleidenden zu Rotterdam 



i] Seine Dissert. aus dem Jahre iS62, > Geschichtliche Untersuchung über 
Hypermetropie und ihre Folgen«, ist von Mooren ausführlich erörtert in den 
Klin. M. Bl. I, S. 51—39. 

Ebendas. XX, S. 219—230, 1882, findet sich seine Abhandlung: Umsetzung 
von Licht in Erregung zum Sehen. 

2) Über Wunden der Ciliar-Gegend, Klin.M.Bl. XXIV, S. 299, 1884. Die 
örtliche Behandlung von Erkrankungen nicht oberflächlicher Gewebe. Ebendas. 
XXX, 329, 1892. 

3) C. Bl. f. A. 1913, Febr. 



138 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

nennt im H. Jahresbericht für 1877, wie im 34. für 1899, als Vorsitzenden 
Dr. J. H. de Haas. 

4. Die Einrichtung für Augenleidende zu Rotterdam, Vorsitzender 
Dr. f. D. A. C. van Moll. 

5. Einrichtung für Augenleidende, in 's Gravenhage, vom Jahre 1 892. 
Im Jahre 1892 wurde >Het Nederlandsch oogheelkundig gezel- 

schap«' begründet, die sich einer großen Mitgliedschaft erfreut und zwei 
Mal jährlich Sitzungen abhält. 

§ 851 A. Niederländische Kultur-Arbeit in Ost-Indien^, 
auf unsrem Gebiet, ist bedeutend. 

Mehrere Männer haben diesem Dienst ihre besten Jahre theilweise oder 
ganz gewidmet. Einen, den ich persönlich gekannt, will ich als Beispiel an- 
führen 3;. 

Christian Hermann August Westhoff (1849 — I91.3i 
ist Schüler von Dondkrs. Er wirkte zuerst als praktischer Arzt auf Java, 
dann als Augenarzt zu Amsterdam, begann um 18S6 seine wissenschaft- 
liche Arbeit den Fachgenossen milzutheilen und gründete bald darnach eine 
Augen-Heilanstalt zu Amsterdam. Schon in reiferen Jahren, verließ er die 
behagliche Hauptstadt von Holland, um in der niederländischen Haupt- 
Kolonie Java den Eingeborenen seine ganze Kraft und Thätigkeit zu widmen. 
In einem Brief, den er am 11. Dezember 1905 aus Bandoeng (Java) an 
mich gerichtet hat, und der im Centralblatt für Augenheilkunde 1906, 
S. 60/61 veröffentlicht ist, heißt es folgendermaßen: 

»Wie Sie wissen, war ich in Amsterdam. Als meine Kinder nach 
Java gingen, beschloß ich mitzugehen und habe mich hier in einem herr- 
lichen Berg-Klima Bandoeng liegt 600 m über dem Meeresspiegel,! als 
Augenarzt niedergelassen. Ich bin beauftragt, unterrichtete Javanen zu 
Augenärzten auszubilden, welche äußere Augenkrankheiten behandeln dürfen'). 
Es kommen hier viele Augenkranke vor, und augenärztliche Hilfe fehlt 
gänzlich. Überdies habe ich hier eine Blinden-Anstalt gegründet, die erste 
auf Java.« 

Aus seinem Schwanen-Gesang, der erst Februar 1913, gleichfalls in 
unsrem Centralblatt abgedruckten Abhandlung über Augenkrankheiten 
auf Java, ertönen, wenn auch unausgesprochen, die Worte, die Faust am 

1) Vgl. über augenärztUche Gesellschaften § 762. 1 

2) E. Z. des Königreichs der Niederlande 6 212 000; in Niederländisch Ost- 
Indien 38 Millionen, davon sind 35 M. Mohamedaner. 

3J C. BI. f. A., Mai 1913. — Auch Visser, Steiner u. a. wären zu nennen. 

4) Diese Sender-Schule mit 6 monatlichem Kurs hat keinen Beifall gefunden 
und ist bald wieder aufgehoben worden. Eine allgemeine Medizin -Schule für 
Eingeborene besteht zu Weltevreden seit der Mitte des 19. Jahrhunderts; I87ö wurde 
sie neu eingerichtet, 1891 besondre Lehrer der Augenheilkunde angestellt. 
Minerva bringt keine Andeutung dieser Schule. 



i 



Ost-Indien. — Pfuscher. 139 

■Schluß seiner gewaltigen und erfolgreiclien Arbeit ausspricht: »Zum Augen- 
blicke dürft" ich sagen, verweile docli, du bist so schün.« Sie lauten, in 
Wbstuoff's bescheidener Sprache: »In Bandoeng ist durch Ihre Majestät 
die Königin vor 4 Jahren eine prachtvolle Anstalt für Augenkranke ge- 
gründet worden, wo z. B. im vorigen Jahre :{736 Patienten behandelt 
wurden; es wurden 717 Kranke verpflegt, 806 Operationen vorgenommen, 
worunter 122 Star-Operationen.- Ja, Wksthoff's Andenken wird gesegnet 
bleiben, und seine Schöpfung wird weiter bestehen! 

Im ()ö. Lebensjahre, auf der Rückreise von Europa nach Java, ist er 
am 25. März 191 5 zu Sydney verstorben. Sein Nachfolger war P. Wvn. 

Das Central blal I für Augenheilkunde bericlilet ül)er die folgenden Arbeiten 
von Westhoff, von denen die mit * als Original-MiUheilungen erschienen, die 
andren aus verschiedenen, holländischen oder französischen, Zeitschriften refe- 
rirl sind : 

1. Trachom-Behandlung. 188C, S. ;;0:>. Vgl. lSGä,S. 276. 

2. ConJ. membranacea, mit Zinnober behandelt. 1887, S. 5'iO. 

3. Erythropsie bei Apliakie. (Festscluift für Donders., 1888, S. 4/i7. 
'i. Erster Jahresbericht der Augenheilanstalt. 1889. S. 460. 

5.* Variköse Netzhautvenen-Kntzündung. 1804, S. 166. s 

6.* Abducens-Parese und Pneumonie. I8!i;i, S. 0. 
7.* Hereditäre relro])ulbäre Neuril. opt. 189.;, S. 168. 
8 — 10.* a) Iritis suppur. nach Gebrauch von Jodkali, b; Angeborenes Staphyloma 
com. am linken und Atroph, bulbi am rechten Auge, c) Pigmentation der 
Bindehaut. 1898, S. 27:i. 
It.* Angeborener familiärer Star. 1898, S. iS'i. 
12.* Distich. cong. hered. 1899, S. 180. 

13. Doppelseitige Linsen-Luxation. 1900, S. 146. (Vgl. 1889, S. 375.) 

14. Protargol in der Augenheilkunde. 1900, S. 151. 
15.* Melanosarcoma bulbi. 1906, S. 61. 

16.* Ophthalmoplegia total, dupl. 1908, S. 356. 

17. Salvarsan in der Augenheilkunde. 1911, S. 247. 

18.* Keratitis punctata tropica (Sawah-Keratitis;. Oktober 1912. 

19.* Augenkrankheiten auf Java. Februar 1913. 

§ 852. Pfuscher, irrende Ritter der .\ugenheilkunde. 
Nach dem Drama folgt das Satyr-Spiel. Auch die Auswüchse der 
Augenheilkunde müssen erwähnt werden, um das Bild der letzteren zu 
vervollständigen, 

1. Der protestantische Pfarrer Kremer, der in dem Dorf te lleeze 
wirkte und eine Gemeinde von 51 Personen verwaltete, fand, daß sein 
Einkommen bei weitem nicht seine Bedürfnisse befriedigte, warf sich auf 
die Augenheilkunde und bereitete aus Lösungen vom göttlichen Stein i), 
von Kupfer- oder Zink-Sulfat ein Allheilmittel gegen alle Augenleiden, 
Bald fanden sich Zeitungen, die von Wunder-Kuren berichteten. Der 



1) § 359, S. 12; Einführung I, S. 13. 



140 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800—1875. 

Pastor half nach durch reichliche Vertheilung eines Büchleins vom klein- 
sten Format, mit dem Titel: De genezing der Oogziekten, door der 
weleerwaarden heer J. L. A. Kremer Az., hervormd-predikant, te Heeze 
Der Pastor verkündigt, daß er Star und Amaurosen geheilt habe. Mar 
glaubt es ihm. Die Dampfschiffe und die Post erlassen den Pilgern die 
Hälfte des Fahrgeldes. Die Regierung duldet den Wunderthäter. Das 
Dorf te Heeze kann im Sommer die Zahl der Gäste kaum fassen. Oft 
waren über 300 da.i 

Natürlich, — Ruhe, Landaufenthalt, passende Diät genügen ja schon, 
manche Augenleiden, z. B. skrofulöse, zu bessern. Der kluge Pastor fügt 
einigen Hokus-Pokus hinzu, mit Augenwässern und Pflastern und wirft 
in den Konsultationen mit Redensarten aus Cauron du Villards, seinem 
Lieblings -Schriftsteller, um sich^). Dies ist das Bild, welches durch die 
Streitschrift von Mensert (i? 848 und die A. d'Oc. uns überliefert worden. 

Ungleich günstiger urtheilt Hr. Prof. J. van der Hoeve 2) : 

»Dr. J. G. A. Kremer (1798 — 1867 hatte schon früh als Dilettant sich 
einige Kenntnisse in der Chemie und Medizin verschafft und bemühte sich, 
dieselben während seiner Studien-Zeit in Utrecht zu erweitern: er las hol-i 
ländische, deutsche und französische Zeitschriften der Heilkunde. 

Zufälliger Weise kam er dazu, im Jahre 1834 einen Augenkranken 
zu heilen. Bald gewann er großen Ruf, zumal in dieser Zeit tüchtige 
Augenärzte in Holland sehr sparsam waren. 

Im Jahre 1836 wurde ihm die Praxis von der Regierung untersagt; 
aber in Folge vieler Gesuche wurde das Verbot wieder aufgehoben. Der 
General-Inspektor des militär-medizinischen Dienstes setzte sich mit ihm 
in Verbindung; König Wilhelm II. soll ihn konsultirt haben. 

Die Behandlung wurde kostenlos gewährt, meist auch die Arzneien. 

Die Behandlung war hauptsächlich eine hygienisch-diätetische. 

Sein Rath über eine militärische Ophthalmie wurde eingeholt und hatte 
gute Folgen und verschaffte ihm (am 6. Dez. 1841) den Orden des Nieder- 
ländischen Löwen. 

Obwohl die Ausübung der Praxis ohne gesetzmäßige Befugnis ja ver- 
urtheilt werden muß, so hat dieser Mann in einer Zeit, wo es wenige 
Augenärzte gab, wahrscheinlich Gutes geleistet.« 

2. Der »Optiker und Okulist« C. A. Hess zu Middelburg hat in seinem 
Handbuch der mechanischen Augenheilkunde") vom Jahre 1842 
behauptet, daß viele Ärzte ihm Augenkranke zuschickten. 

1) § 568. Übrigens hatte er in Brüssel einen katholischen Priester, den Abbö 
Hennus, zum Mitbewerber. _.'M 

2) Nach Dr. Nicolai, Ned. Tijdschr. voor Geneesk. 1903 II. bl. 953. ^ 

3) Theoretisch en practisch Handboek der mechanische Oogheelkunde, 4 842. 

(80, 273 S.) 



Rückblick. 141 

Das war ja auch nicht wunderbar, da zu jener Zeit die meisten Ärzte 
nit der Brillenwahl sich nicht befaßten. 

Das erste Kapitel des Handbuchs handelt vom Sehen und ist nicht 
iiiz frei von Fehlern. Das zweite bespricht die Störungen, welche durch 
Uillen zu bessern sind. 

Der Kritiker in den A. d'Oc. (IX, 58, 1845) hält mit seinem Lob nicht 
uiiick und zii'ht das Buch von Hkss dem von Ciikvai.ikrI) vor. 

Ich glaube übrigens, daß man Hrn. Hess nichts weiter vorwerfen 
vann, als die Anmaßung des Augenarzt-Titels. 

;{. Reisende Augenärzte, meist Franzosen, durften Verträge auf 
:00 — 1000 Gulden für Star-Operation abschließen, während den geprüften 
lull indischen Wundärzten verboten war, mehr als 150 Gulden dafür zu 
j in lern 2]. 

4. Dem reisenden Star-Schneider Jean Üiiristiaen aus Rotterdam liaben 
»vir schon in § 442 genügende Aufmerksamkeit gewidmet. Im Jahre 1840 
Aiude er nach Modena berufen. Da hat er etwas Gutes und Bleibendes 
Aiiiigslens — veranlaßt. Die Haltung, in weiche er, vor dem sitzenden 
Kranken stehend, den Hornhaut-Schnitt verrichtete, um den Star ohne 
Kapsel-Spaltung auszuziehen ^j, hat ein großer Künstler, Adeoü.vk» Mai.atesta, 
'II 'inem herrlichen Tobias-Bild benutzt, dessen Kupferslich ich meinem 
I 1 imde G. Albertotti verdanke. 

§ 853. Rückblick. 

Es läßt sich nicht leugnen, daß Holland, sonst so fruchtbar an großen 
Gelehrten und ausgezeichneten Arzlen, in der ersten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts keinen Mann hervorgebracht hat, der auf unsrem Gebiet 
so Bedeutendes geleistet, wie im 18. Jahrhundert Boerhaaye und Peter 
Camper. 

Die medizinischen Fakultäten thaten damals wenig für die Augenheil- 
kunde, die Regierung eigentlich gar nichts, so daß auch die Augen- 
heil-Anstalten erst durch private Thätigkeit in's Leben gerufen werden 
' mußten. 

Drei Männer sind allerdings zu nennen, die Achtungswerthes geleistet, 
VAN Onsenoort, Kerst, Mensert. Keiner von ihnen kann als genial be- 
zeichnet werden. 

Dafür hat die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts volle Entschädigung 
gewährt. Da trat Donders auf. Seine Leistugeen gehören zur Welt- 



1) § 470, S. 533, No. 77. 

2) N. Lancet 1845, I, No. 7. 

3) A. d'Oc. XIII, S. 181 — 184, 184 5. 



142 XXIII. Hirschberg, Niederländische Augenärzte, 1800 — 1875. 

Literatur: sie haben, neben denen von Helmholtz und A. v. Graefe die 
Reform der Augenheilkunde herbeigeführt und sollen später noch aus- 
führlich geschildert werden. Seinem Andenken habe ich diesen Abschnitt 
meiner Geschichte gewidmet. 

DoNDERS war der Lehrer der Völker, auch seines eignen. Durch 
seinen Antrieb wurden Augen-Heilanstalten in den Niederlanden ge- 
gründet und die Universitäten mit Professoren der Augenheilkunde aus- 
gestattet. 



Kapitel XXIII. 

(Fortsetzung.) 



Die Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Von 

J. Hirschberg, 



Professor in Berlin. 

Drittes Buch. 

Sechzehnter Abschnitt. 
Die skandinavischen Augenärzte, 1800—1875. 

Mit 2 Figuren im Text. 



Eingegangen im August 1915. 



§ 854. Einleitung. 
Die drei nordischen (skandinavischen) Reiclie, Dänemark, Schweden, 
Norwegen, stellen durch Sprachverwandtschaft kulturgeschichtlich eine Ein- 
heit germanischen Stammes dar, die auf unsrem Gebiet sogar durch eine 
gemeinschaftliche Zeitschrift 

Nordisk ophthalmologisk Tiddskrift 
(herausgegeben von E. Hansen-Grüt zu Kopenhagen, 1888 — 1892) 
einen offenkundigen Ausdruck gefunden hat. Sie sollen deshalb zusammen 
abgehandelt werden. 

Ich werde zuerst die Universitäten anführen i], dann (in § 856) be- 
züglich der Einführung des Universitäts-Unterrichts in der Augenheilkunde 
Hrn. Privat-Docent Dr. Hennig Rönne in Kopenhagen das Wort lassen, 
und hierauf selber über die hervorragenden Vertreter unsres Faches noch 
kurze Mittheilungen machen. 



1) Nach Minerva, I, 171—194, 1911. 



144 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800—1875. 

§ 855. Die skandinavischen Universitäten. 

I. Dänemark 

Die Universität 1) Kopenhagen, 1478 begründet, nach den Wirren der 
Reformation 1537 wieder geschaffen, nach dem furchtbaren Stadt-Brand von 
Kopenhagen (1728) neu eingerichtet, hatte im 1 1). Jahrhundert unter den 
Professoren die glänzenden Namen von Oehlenschläger, Rask, Madvig, 0rsted 
aufzuweisen. 

Die Universität hat fünf Fakultäten, die theologische, die rechts- und 
staatswissenschaftliche, die ärztliche (laegevidenskabelige^)) Fakultet, die 
philosophische, die naturwissenschaftliche. 

Das ärztliche Studium dauert 7 Jahre; nach Ablegung der Amts- 
Prüfung kann der »Licentiat* durch Vorlegung einer gedruckten Dissertation 
den Doktor-Grad erwerben. Es gi^bt o. und a. o. Professoren, besoldete 
Docenten; aber keine Privat-Docenten in unsrem Sinne: jeder in Kopen- ' 
hagon diplomirte Doktor hat das Recht, in den Universitäts-Räumen Vor- 
lesungen zu halten. 

(Die Universität Kiel ist immer, auch unter der dänischen Oberhohcil, 
d.h. von 1774 — 1864, deutsch gewesen und somit schon, im § 513, ab- 
gehandelt.) 

In Islands Hauptstadt Reykjawik giebt es seit 1876 eine Ärzteschule 
(Loeknasköli) : 5 jähriger Kurs, in dem auch Augenheilkunde gelehrt wird •*). 

II. Schweden. 

Staats-Universitälen : Lund, Upsala. Außerdem Hochschulen in Gothen- 
burg und Stockholm. Den Universitäten gleichgestellt ist das Karolinska 
mediko-kirurgiska Institutet in Stockholm. 

Die Universität zu Upsala wurde 1475 begründet, 1580 geschlossen, 
1595 neu erüflnet, 1620 durch eine medizinische Fakultät (mit zwei Pro- 
fessoren) vervollständigt. 

Die Universität zu Lund wurde 1666 begründet^): 1872, 1876, 1908 
erhielt sie neue Statuten. 

In Stockholm wurde 1815 verschiedene ältere Lehranstalten für Heil- 
kunde (Colleg. med., Seraphimer-Lazaret u. a.) zu einem neuen vereinigt, 



1) Die chirurgische Akademie aus dem 18. Jahrh. (§ 429, S. 231) bestand auch 
noch im Anfang des 19. (§ 860); wurde aber (bald nach 1830) mit der medizini- 
schen Fakultät verschmolzen. 

2) Laege (engl, leech), 1. Blutegel, 2. Arzt. Vgl. § 4 88, S. 74. 

3) Als ich 1908 den mir wohlbekannten Augenarzt Dr. Björn Olafson zu 
Reykjawik aufsuchte, war er — zu Schiff auf Praxis. 

4) >Um die in Roeskilder Frieden 1658 von Dänemark abgetretenen Land- 
schaften zu svezisiren«, (Minerva, a. a. 0., S. 179); »um die neugewonnenen, süd- 
lichen Provinzen Schwedens dem geistigen Einfluß von Dänemark zu entziehen<. 
(Rossander, § 839.) 



Die skandinavisclien Universitäten. 145 

das 1S22 seinen jetzigen Namen »Karolinisches niediko-chinirgi- 
sches Institut« bekam; die Aufgabe zugewiesen erhielt, »geschickte Ärzte 
für alle Zweige des Medizinal- Werkes auszubilden« und 1874 vollkommene 
Gleichberechtigung mit den medizinischen Fakultäten zu Lund und Upsala 
errungen hat. 

Nach 3j. Studium erste Prüfung, Medicine Gandidat; nach weiterem 
Studium von 4 — 4^2 Jahren, zweite Prüfung, Medicine Licentiat. 

Der Doktor-Grad wird für die Praxis nicht gefordert und nur von 
einem geringen Theil der Ärzte erworben: Verfassen einer Abhandlung und 
öffentliche Vertheidigung derselben ist Bedingung. 

§ 856. III. Norwegen. 

Die Universitas Regia Fredericiana zu Cliristiana ist 1811 be- 
gründet. Es giebt 0., a. o. Professoren, fest augestellte Lehrer und üni- 
versitäls-Stipendiateii, die unsreuPrivat-Docenlon entsprechen, ein Stipendium 
von 1200 — 1500 Kronen erhalten und für ein Jahr ernannt werden, ge- 
wöhnlich bis zur Dauer von 5 Jahren. 

Studien-Dauer in der medizinischen Fakultät (cand. med.) 14 — 16 Se- 
mester. Die Doktor-Würde entspricht der deutschen Habilitation. Seit 
1884 sind die weiblichen Studenten gleichberechtigt. 

IV. Finland. 

1640 wurde von der schwedischen Regierung eine Universität in Abo 
errichtet. 1721, während des großen Krieges, begaben sich die Professoren 
nach Schweden; 1722 wurde die Universität wieder eröffnet; 1809, als 
Finland unter russische Herrschaft gekommen, die Zahl der Professoren 
erhöht. Nachdem eine Feuersl)runst 1827 Abo zerstört hatte, wurde die 
Universität nach Helsingfors, der Hauptstadt des Landes verlegt. 

(»Helsingfors ist eine durchweg skandinavische Universität, wenn gleich 
sie nicht zu den drei nordischen Reichen gehört.« Henning Rönne, Brief 
vom 21. Mai 1911.) 

§857, Einführung des Universiläts-Unt errichts in der 

Augenheilkunde an den skandinavischen Universitäten 

im 19. Jahrhundert. 

Von 

Privatdocent Henning Rönne, Kopenhagen^). 

1. Dänemark. Der Unterricht in der Ophthalmologie war, wie an 

andren Orten, ursprünglich mit dem chirurgischen Unterricht vereinigt; seit 



<) Die hier mitgetheilten Daten sind auf Anforderung des Prof. J. Hirschberg 
gesammelt. Die Auskünfte über die Verhältnisse an den verschiedenen Universi- 
täten verdanke ich u. a. den Docenten F. Ask, Lund, S. Falck, Christiania, und 

Handbucli der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. fVII.) XXIII. Kap. 4 Q 



146 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800—1875. 



1 



dem Jahre 1840 — 41 wurde eine Reihe von Vorlesungen über Ophthal- 
mologie als Sonderfach von F. G. Haügsted gehalten, dessen Vorlesungen, 
als Lehrbuch der Augenkrankheiten, im Jahre 1843, später 1853 und in 
den folgenden Jahren von Professor Melcqior und darauf von H. M. Sax- 
TORF herausgegeben sind. 

Erst im Jahre 1873 wird eine Docentur in dem Fache errichtet, die 
mit A. V. Graefe's Schüler Edm. Hansen Grut besetzt wird, dem Manne, 
der in Dänemark die Ophthalmologie von einem chirurgischen Nebenfach 
zum besonderen Spezial-Studium erhob. 

9 Jahre später (1882) wurde die Docentur in eine ordentliche 
Professur umgewandelt. 

In einer langen Reihe von Jahren war der ophthalmologische Unter- 
richt nicht an eine von der Universität oder dem Staat eingerichtete 
Kranken-Abtheilung, sondern an Professor Grut's private, jedoch staatlich 
unterstützte große, ambulante und stationäre Klinik geknüpft; und diese 
eigentümliche Ordnung, daß der öffenthche Unterricht in einem rein pri- 
vaten Institut vor sich ging, wurde sogar bis zum Jahre 1910 aufrecht 
erhalten. 

Freilich wurde im Jahre 1 876 in dem Staats-Hospital zu Kopenhagen 
eine ophthalmologische Abtheilung eingerichtet, diese aber wurde theil- 
weise als chirurgische Abtheilung weiter geführt, so daß es — fast als 
ein Kuriosum — angeführt werden kann, daß Überreste der alten Vereinigung 
von Ophthalmologie und Chirurgie sich in Dänemark bis zum Jahre 1906 
erhielten, in welchem Jahre die eigentliche Trennung stattfand. 

Erst im Jahre 1910 wird eine besondere Universitätsklinik für die 
ophthalmologische Professur eingerichtet. 

2. Finland. An der Universität zu Helsingfors ist der Unterricht in 
Ophthalmologie gleichfalls zuerst noch im Zusammenhang mit dem Unter- 
richt in Chirurgie gewesen ; Augenkranke wurden auf den chirurgischen Ab- 
theilungen behandelt. 

Als Lehrer in Augenkrankheiten wirkte so z. B. gegen das Jahr 1860 
der berühmte Chirurg J. A. Estlander, dessen Interesse für die Ophthal- 
mologie durch eine Reihe größerer und kleinerer Abhandlungen auf diesem 
Gebiete zu Tage tritt. 

Eine a. o. Professur der Universität in Ophthalmologie wurde im 
Jahre 1871 errichtet und war mit der pharmakologischen Professur ver- 
einigt: Prof. Franz Josef v. Becker wurde damit betraut, unter dessen 



V. Grönholm, Helsingfors. In zwei Abhandlungen (A.Key: Jubjutningsprogramm 
durch WiDMARKs Installation, Stockholm 1892; und A. Dalen: Oftalmiatriska 
Klinik, in Karolinska medico-kirurgiska Institutets Historia, Stockholm 1910) findet 
man sehr ausführliche Auskünfte über den ophthalmologischen Unterricht in 
Schweden durch das 19., Jahrhundert. 



I 



Unterricht in der Augenlieilkunde. 147 

Leitung im Jahre 1(S73 eine neu errichtete ophthalmologische Kranken- 
Abtheilung und eine damit vereinigte Augen-Pohklinik eröffnet wurde. 

Im Jahre 1 887 ging die Professur als eine rein ophthalmologische an 
Prof. K. B. Wahlfors über. 

[Derselbe hat sein Amt 23 Jahre lang verwaltet; 1910 trat er zurück. 
Sein Nachfolger ist Prof. Groenholm.] 

3. Norwegen. Ophthalmologie ist zuerst an der Universität zu 
Christiania im Jahre 1829 vom Lector C. Heibeik; vorgetragen worden, der 
dann im Jahre 1836 Professor der Chirurgie und Ophthalmologie wurde; 
seit dem Jahre 1844 ist Ophthalmologie Prüfungs-Gegenstand an der Uni- 
versität gewesen. 

Im Jahre 1873 wurde eine neue; Professur für Ophthalmologie und 
Chirurgie (Professor Iljoiaj errichtet; gleichzeitig auch am Ueichshospital 
eine Abtheilung für die nämliciien beiden Fächer, sowie eine besondere 
Poliklinik für Augenkrankheiten, eingerichtet. 

Im Jahre 1897 wurde eine rein oplitlialmologisclie Professur errich- 
tet, gleichzeitig auch die Augen -Abtheilung als eine besondre Anstalt ab- 
getrennt, deren erster Leiter Prof. Hj. Schiutz wurde. — [Privatdocent 
Holth zu Christiania ist bereits in unsrem § G44 erwähnt worden, Dr. 
Olk Bull in § 637. — Der Name Scni0TZ ist untrennbar verknüpft mit 
dem so wichtigen Tonometer und mit Javal's Ophthalmometer. H.' 

« 

4. Schweden. Man weiß, daß an der Univeisilät in Lund schon in 
den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts ein verhältnißmäßig umfassender 
und sehr guter Unterricht in der Augenheilkunde durcli A. H. Flormanx 
[1761 — 1844] (Anatomiae, Chirurgiac et artis veterinariae professor) ertheilt 
wurde. Als ein besondres Fach wird die Ophthalmologie im Jahre 1858 
erwähnt, indem Cari. Jacob Ask in diesem Jahre zum Professor der Chi- 
rurgie, Obstetrik, Gynäkologie und Ophtlialmiatrik ernannt wurde. Der 
Anfang einer auch persünhchen Trennung von Chirurgie und Ophthalmo- 
logie wird im Jahre 1867 gemacht, wo M. K. Lüwegren zum Privatdocenten 
ernannt wurde, und später zum Adjunkt der Chirurgie mit Augenheilkunde 
als Hauptfach. Im Jahre 1 883 wurde er zum Professor der Augenheilkunde 
ernannt, — der erste Professor unsrer Fachwissenschaft in Schweden. 
Seit 1868 Krankenhausarzt zu Lund, wurde er auch Schöpfer und der 
erste Vorsteher der ersten AugenkHnik Schwedens. 

Am Karolinischen Institut in Stockholm wurden systematische 
Vorlesungen über Augenkrankheiten schon in der ersten Hälfte des 19. 
Jahrhunderts von C. J. Ekströmer (genaue Jahreszahl unbekannt), später 
(18.57 — 58) von Rossander gehalten, unter dessen Leitung im Jahre 1857 
eine »Klinik für äußere Krankheiten und Augenkrankheiten« eröffnet wurde. 



148 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800—1875. 

Als Rossander später (1863) a. o. Professor der Chirurgie wurde, hielt 
er jedes Jahr bis zum Jahre 1 885 Vorlesungen über Krankheiten der Seh- 
und Bewegungsorgane. 

Indessen wurde die Verbindung zwischen Ophthalmologie und Chirur- 
gie immer lockerer, und das Bedürfniß eines besondren Unterrichts in 
Augenkrankheiten beständig fühlbarer; also wurde im Jahre 1888 ein ob- 
ligatorisch klinischer Unterricht in Augenkrankheiten eingeführt, und an 
E. J. WiDMARK übertragen, der schon seit 1884 Docent der Ophthalmiatrik 
am Karolinischen Institut gewesen. — Erst einige Jahre später, 1891,, 
wurde Widmark zum Professor der Ophthalmiatrik ernannt, gleichzeitig ; 
eine besondre Abtheilung zur poliklinischen und stationären Behandlung 
von Augenkrankheiten errichtet. 

An der Universität in Upsala wurde im Jahre 1894 eine oph- 
thalmologische Professur errichtet, die mit Allvar Güllstrand besetzt 
wurde. Gleichzeitig wurde eine Universitätspoliklinik für Augenkrankheiten 
eingerichtet. , 

[Im Jahre 1913 erhielt Allvar Gullstrand eine persönliche Professur 
der Optik. Sein Nachfolger in der Professur der Augenheilkunde wurde 
G. Lindahl, im Frühjahr 1915.] 

§ 858. Reiseberichte, 
wie für Deutschland, Frankreich, England, Italien i), habe ich für die 
skandinavischen Reiche nicht aufgefunden; wohl aber zwei Rechenschafts- 
Berichte der beiden amtlichen Vertreter von Dänemark und von 
Schweden-Norwegen auf dem augenärztlichen Kongreß zu Brüssel, im 
Jahre 1857 2). 

I. Über den Zustand der Augenheilkunde in Dänemark ■ 
berichtet Dr. Melchior aus Kopenhagen. % 

Er beginnt mit einer Statistik der 3408 Augenkranken, die während 
der letzten 5 Jahre in seiner Klinik behandelt wurden^ sowie der 408 aus 
dem allgemeinen Krankenhaus (Prof. Larsen) und der 398 (1854 — 1856, 
Prof. Buntzen). 

Die Augen-Entzündungen scheinen in Dänemark, und überhaupt im 
Norden Europas, weniger häufig zu sein, als im Süden. Die Blindenziffer 
in Dänemark ist 1 : 2400, gegen 1 : 1400 im Süden oder im Zentrum von 
Europa. 

Praxis und Unterricht in der Augenheilkunde finden in einem Lande 
mit so wenig beträchtlicher Bevölkerung, wie Dänemark, nicht die genügen- 



§ 549, S. 5; § 556; § 625; § 715. 

2) Congres d'Ophth. de Bruxelles, Compte rendu, Paris 1858, S. 379 und 421, 



Bericht über Dänemark von Melchior, über Schweden von Rossander. 149 

den Vorbedingungen. Es giebt daselbst eigentlich keine Spezial-Arzte 
und keine Spezial-Kurse. 

Der verstorbene Dr. Witousbn, der über dreißig Jahre für den einzigen 
Augenarzt Dänemarks gegolten, verwaltete den Lehrstuhl der operativen 
und klinischen Wundarzneikunst an der Universität. Dieses Amt und die 
über den ganzen Norden ausgedehnte Praxis haben ihm nicht gestattet, 
ausführlicher über seine langjährige Erfahrung zu berichten. 

>Als das Alter ihn an die bevorstehende Nachfolge mahnte, er(')ffneten 
andre Professoren Kurse der Augenheilkunde, sei es an der Universität, — 
sei es privatim, wie ich selber seit vier Jahren.« 

Aber bisher gab es keinen Lehrstuhl der Augenheilkunde an der Uni- 
versität von Kopenhagen. 

In den letzten Jahren hat der Professor der chirurgischen Klinik am 
großen K. Friedrichs- Hospital besondre Säle für Augenkranke eingerichtet. 
Im letzten Jahre sind besondre Hospitäler für die militärische Augen- 
Entzündung eingerichtet; aber sie gelten als vorübergehende Einrichtungen. 

»Zwei Polikliniken für Augenleidende bestehen in Kopenhagen, eine, 
die von der Gemeinde unterhalten wird, und die meinige <£. 

§ 85y. II. Über die Augenheilkunde in Schweden berichtete 

Dr. Ross.\>'nER. 

Leider giebt es in Schweden keine Sonder-Einrichtung für Augenheil- 
kunde. In den beiden Universitäten (Upsala, Lund) sind die Naturwissen- 
schaften erfolgreich gepflegt worden, weniger die Heilkunde, zumal die 
praktische. Stockholm mußte eintreten, zumal für die Chirurgie, hat aber 
noch nicht volle Rechte erlangt. 

Unsre Spezialisten iMinton und Eckstivn sind dem Unterricht fremd 
geblieben. Die Professoren der beiden Universitäten und die zu Stockholm 
konnten nur von Zeit zu Zeit diesen Zweig der Wissenschaft vortragen. 
Im letzten Jahre ist eine Poliklinik für Augenkranke errichtet und dem 
Vortragenden anvertraut worden. 

»Nach den großen Kriegen im Anfang des Jahrhunderts hat auch 
' unser Heer seinen Antheil an der militärischen Augen-Entzündung bekom- 
men ; aber das ist bald geschwunden : unsre Soldaten, obwohl auf Lebens- 
zeit, bleiben Bauern im Frieden, von einander ganz getrennt, und werden 
nur für drei Wochen im Jahre einberufen.« 

Augenärzte und Förderer der Augenheilkunde in Dänemark. 

§860. I. Carl Christopher Withusen (1779 — 1853)1». 

Geboren in Kopenhagen 1779, studirte W. an der dortigen chirurgischen 

Akademie, diente als Reserven-Chirurg einige Jahre, studirte 1807 — 1810 

1) Biogr. Lex. VI, 307. (Petersen.) 



150 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800 — 1875. 

noch weiter im Ausland, besonders unter Astley Gooper in London, und 
wurde 1811 Adjunkt, 1816 a. o., 1819 o. Professor an der chirurgischen 
Akademie ^). 

Gleichzeitig wurde er Mitglied des Gesundheits-Amtes und Oberwund- 
arzt am Friedrichs-Hospital; in letzterer Stellung verblieb er bis 18.J0, 
Danach wurde er Hof- Wundarzt und, nach der Verschmelzung der Aka- 
demie mit der medizinischen Fakultät, Prof. an der Universität und waltete 
dieses Amtes bis zu seinem Tode: am IG. Juli 1853 erlag er der Cholera. 

WiTHusEN war ein feiner Diagnostiker, ein mustergiltiger Operateur 
und Lehrer, dazu der eigentliche Gründer der Augenheilkunde in Dänemark. 
Literarisch hat er nur in beschränkter Weise , durch Abhandlungen in 
Zeitschriften, gewirkt. 

n. Nathan Gerson Melchior (1811—1872)2) 
war in Kopenhagen geboren, studirte daselbst, wurde 1841 Doktor mit 
der Dissertation De myotomia oculi und war danach bis zu seinem Tode 
als Augenarzt in Kopenhagen thätig. Um das Jahr 18ö3 begründete er 
eine Poliklinik für Augenkranke. Auch für die Blinden in Dänemark war 
er unermüdlich thätig; die Neuordnung der Blinden-Anstalt zu Kopenhagen 
wurde großentheils durch seine Mitwirkung vollführt. 

Drei Arbeiten von Melchior habe ich zu erwähnen: 

1. Seine Dissertation über Schiel-Operation, die bereits berück- 
sichtigt worden ist 3). 

2. Studien über die Mydriasis und die Pupillen-Erweiterung 
im allgemeinen. (A. d'Oc. XII, S. 5—22 und 101—110, 1844.) 

Dieser Gegenstand ist in den Lehrbüchern noch nicht genügend er- 
läutert worden; die Abhandlung von Canstatt (1839)'** hat M. zu seiner 
eignen Studie angeregt. 

Mydriasis zeigt sich 1. als einfache Form- Veränderung, ohne Beein- 
flussung der Sehkraft, 2. als besonderes Leiden der Regenbogenhaut, 3. als 
Symptom andrer Leiden, sei es des Auges, sei es des ganzen Körpers. 

1. kann angeboren sein, ein- oder doppelseitig. Bei einer Frau zogen 
die sehr weiten Pupillen sich stark zusammen bei dem Nahesehen. 2. Die 



1) Nevermann sagt, in der Anzeige von Haugstedt's Lehrbuch der Augen- 
heilkunde, vom Jahre 1834: »Erfreuhch ist es, daß Dänemark in Betreff der 
Augenheilkunde endlich aus seinem Winterschlaf erwacht, nachdem es dem Prof. 
WiTHüSEN, als erstem Okulisten, gefallen, seit 9 Jahren einmal jährlich einen 
kurzen Vortrag über die Augenheilkunde an der chirurgischen Akademie zu 
halten.« (Ammon's Monatsschrift I, 319, 1838.) 

2) Biogr. Lex. IV, 198. (Petersen.) 

3) § 498, S. 122. 

4) § 532, V, v. 



Dänemark. W ithusen, iMelchioi, Lehmann. 151 

idiopathische Mydriasis setzt Sehstürungen, die durch Anwendung einer 
künstlichen Pupille (wir sagen »Lochbrille«,) verschwinden. 

[M. erwähnt die hauptsächlichen Dissertationen über Mydriasis: von 
A. Meniolf, Paris 1662, von Batuier, Basel 1679, von Vater, Wittenberg 
1706, von Mauchaiit, Tübingen 1743 (die beste); von Böhmer, Halle 1780, 
von KuENHARDT, Erlangen 1832; endlich die Abhandlung von Canstatt, 1839.] 

Die Pupille ist nicht vollständig kreisfürmig und nicht vollständig in 
der Mitte der Regenbogenhaut, sondern ein wenig mehr nach der Nasen- 
seite belegen 1). Träufelt man Belladonna ein, so bleibt unten ein breiterer 
Theil der Regenbogenhaut, als ob(^n. 

Die physiologischen Grundlagen, die M. ausluhrlich erörtert, waren 
damals noch nicht hinreichend gefestigt. 

3. iJber Entwicklung des Stars bei Diabetes^). (Verband], der 
Ophlh. -Versammlung zu Heidelberg, Sept. 1863, Zehender's Kl. M. Bl. 1863, 
S. 499—500.) 

Die Fälle von Star bei Diabetes sind viel zu häufig, als daß man sie 
für zufällig betrachten könne. Die Frage aber ist, wie das Verhältniß 
zwischen beiden anzusehen sei. Bei einem Schuster, der seit zwei Jahren 
2^ Zucker im Urin gehabt, in letzter Zeit keine Diät gehalten und mit 
entwickeltem Linsen-Star im rechten Auge zurückkehrte, fand Mei.cbiok 6^ 
Zucker im Harn. In einer Familie, in welcher Zucker-Harnruhr erblich, 
und Vater wie Sohn daran gestorben, fand er zu seinem Erstaunen bei 
drei Schwestern und einem Bruder beginnenden Star, und beim Bruder 
11/2^ Zucker. 

In der Nordischen Zeitschrift für Augenheilk. (HI, 118, 1890) wird 
Melchior als Übergangs-Ophthalmologe zu der großen Zeit bezeichnet, 
— ebenso der folgende. 

HL Georg Karl HEiNRicn Lehmann (181.) — 1890)3'. 
Geboren zu Kopenhagen, studirtc H. L. in seiner Vaterstadt und bildete 
sich danach im Ausland unter Sichel, Jä(;er, v. Graefe und Arlt zum 
Augenarzt aus; promovirle 1846 mit einer Dissertation über Physiologie 
und Pathologie des Kammerwassers, begründete die erste Augenklinik in 
Kopenhagen und war als Arzt am Blinden- und Taubstummen -Institut 
thätig. 

Er hat augenärztliche Beiträge in dänischen, deutschen und englischen Zeit- 
schriften veröffentlicht. 



1) Vgl. § 337, S. 419. 

2) Vgl. § 502, 13. 

3) Biogr. Lex. III, 658. (Petersen.) — Nordisk Ophth. Tiddskrift III, 2, S. H?, 

1890. 



152 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800—1875. 

1. Seine Dissertation, aus dem Jahre 18 46, handelt >De rationibus phj- 
siologicis et patholog. humoris aquei oculi humani«. 

2. Im Jahre 18 49 sprach er in der K. Gesellsch. der Ärzte zu Kopenhagen 
über den Werth der anatomischen Zeichen specifischer Augen-Entzündungen. 

3. In der Gesellschaft für Philiatrie zu Kopenhagen über eine schwere 
Augen-Verletzung. 

2 und 3 sind in der Bibl. for Laeger veröffentlicht. 

§8G1. IV. Andreas Buntzen (1812 — 1880) t), 
Lehrer der klinischen Chirurgie zu Kopenhagen von 1854 — 1866, Gründer 
und langjähriger Leiter der Hospitals Tidende, schrieb 1852 (Bibl. for 

Laeger 2') über 

Ophthalmoblenorrhöe. 

Diese Krankheit wurde 1851 und 1852 von den dänischen Militär-Ärzten 
bei Soldaten beobachtet, die während des Krieges in Schleswig gedient 
hatten, während die übrigen Dänen davon frei blieben. Aber, als die Epi- 
demie erlosch, und die Granulationen an ihre Stelle traten, haben sich die 
let/iern um so mehr unter den Truppen verbreitet. 

§ 862. V. Der hervorragendste Schriftsteller über die militärische 
Augen-Entzündung in Dänemark war 

Jacob Christian Bendz (1802—1858)3). 

Im Jahre 1802 zu Odense geboren, bestand B. 1825 die Wundarzt-Prüfung, 
machte 1827 — 28 Reisen in's Ausland, wurde 1829 Hilfs-Wundarzt am 
K. Friedrichs-Hospital, 1831 Regiments- Wundarzt, 1836 Doktor der Medizin 
zu Kopenhagen und wirkte während des ersten schleswigschen Krieges als 
Korps-Stabsarzt der dänischen Armee. 

Er war auch Korrespondent der A. d'Oc. In diesen (XXIII, S. 164 
bis 176, 1855) veröffentlichte Bendz eine Abhandlung über die militärische 
Augen-Entzündung in Dänemark, deren versprochene Fortsetzung dort nicht 
erschienen ist. Dagegen findet sich in dem Bericht über den augenärzt- 
lichen Kongreß zu Brüssel vom Jahre 1857 (S. 229 — 258) eine ausführliche 
Mittheiluns unsres Vf.s: 



>De l'ophthalmie militaire en Danemark.« 
I. Geschichte. 
Kein dänischer Arzt hat vor 1851, wo sich die inneren Wirren von 
1848 endigten, unter der Bevölkerung unsres Landes diese Krankheit be- 
obachtet. Dabei hatten 1807 die Engländer zur Belagerung von Kopen- 
hagen 30 000 Soldaten gelandet, in deren Reihen die Augenkrankheit 
herrschte: von 1815 — 1818 nahm eine Abtheilung von 5000 Dänen an der 



1 



1) Biogr. Lex. I, S. 620. (Petersen.) 

2) Vgl. A. d'Oc. XXXV, 290, 1856. 

3) Biogr. Lex. I, S. 387. (Petersen.) 



d 



Buntzen, Ben dz. Die militärische Ophthalmie in Dänemark. 153 

Ht'setzung Frankreichs theil, umgeben von Engländern und Russen, die eine 
Ließe Zahl von Augenleidenden zählten; 1842 — 1844, beim Bau der Eisen- 
lialin von Kiel nach Altona, litten die fremden Arbeiter (aus Deutschland) 
viel daran, aber sie hinterließen keine Spur der Krankheit in dieser 
Provinz. 

Im Kriege 1848 zeigte sie sich bei den Truppen des Deutschen Bundes, 
ebenso in der holsteinschen Armee i), die frühere Soldaten aus Deutschland 
! einstellte. Unter den Kriegsgefangenen zu Kopenhagen litten mehrere daran. 
Aber die dänische Armee blieb frei. 

hn Beginn des Jahres 1851, nach Beendigung des Krieges, hob die 
Regierung im Großherzogthum Schleswig Rekruten aus, von denwi eine 
große Zahl in der holsteinischen Armee gedient hatte, und nahm sie in die 
Besatzung von Kopenhagen auf. Bald gelangten Granulöse und Ophthal- 
mische in das Garnisons-Hospital; sie erklärten von selber, schon in der 
andren Armee dies Leiden gehabt zu haben. Bei allen war das Übel sehr 
gutartig, — Granulationen, ohne Eiter-Ajjsonderung. 

Die Militär-Ärzte waren verschiedener Ansicht: einige leugneten die 
Identität mit der lange bekannten kontagiüsen oder ägyptischen Augen- 
Entzündung, andre behaupteten dieselbe. Diese Meinungs-Verschiedenheit 
hatte das traurige Ergebniß, daß nichts geschah, um die Weiterverbreitung 
unter den Truppen und der Bev<Jlkerung zu verhüten. 

Im Jahre 1852, als die Truppen des Deutschen Bundes Holstein ver- 
lassen hatten, befahl der Kriegs-Minister, daß die Korps, die aus Dänemark 
ihre Mannschaften bezogen, nach den Herzogthümern, und nach der Haupt- 
stadt und den andren Städten des Königreichs die Rekruten aus den Her- 
zogthümern verlegt würden. Hierdurch wurde das Leiden über das 
ganze Land verbreitet. 

Eine vom Kriegs-Minister eingesetzte Kommission fand 1853 in der Garni- 
son von Kopenhagen 1156 Granulöse unter den 6171 Mann; eine andre 1856 
an 1437 Granulöse unter 6371 und von den 2674 Rekruten aus allen Pro- 
vinzen des Königreichs 320 Granulöse, so daß die bürgerliche Bevölkerung 
schon eine erhebliche Ansteckung zeigte. 

Von den 33 Korps waren nur 4 — 5 frei geblieben. Allmählich stei- 
gerte sich auch die Heftigkeit. Von Zeit zu Zeit brachen Blennorrhöen 
aus, welche in wenigen Tagen die Sehkraft zerstörten. 

Jetzt schwand die Meinungs-Verschiedenheit über die Identität 
der Krankheit mit der sog. ägyptischen Augen-Entzündung, — man stritt 
aber über die Ansteckungsfähigkeit der verschiedenen Stufen, über die rein 
kontagiöse oder epidemische Beschaffenheit, über den pathologischen Werth 
der Granulationen, über die Behandlung. 

1) Vgl. Ross, Augenblenn. in der schlesw.-holst. Armee 1849/50, Güschen's 
Deutsche Klinik 1851, S. 475, 496, 503. 



154 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800—1875. 

II. Pathologie und Therapie. 

Der Vf., der binnen 5 Jahren die Augen einiger Tausend derartig 
Kranker besichtigt und mehr als 600 selbst behandelt hat, betrachtet die 
ansteckende oder militärische Augen-Entzündung als ein örtliches Leiden, 
das in der Lid-Bindehaut (und zwar zunächst in den Schleimbeutelchen) 
seinen Sitz hat und auf einem Ansteckungs-Stoff beruht, dessen Natur und 
Vehikel uns unbekannt sind. 

Meist geschieht die Ansteckung durch die Luft, — wie schon J. B. 
Müller 1821 und A. F. Wasserfuhr wieder 1857 es ausgesprochen, seltner 
unmittelbar; in unsrem Klima wird das Leiden nie epidemisch, kann also ,i 
nicht von selber entstehen. Es ist als Adenoconjunctivitis palpebrarum 
specifica zu bezeichnen. Diese Geißel ist durch die Expedition nach Ägypten 
(1798 — 1801) über Europa gebracht worden. 

Die Uniform hat in Dänemark keinen Einfluß auf das Leiden. 1855 
gab es 110 granulöse auf 400 Soldaten, heute (1857) kaum 10: die Uni- 
form ist nicht geändert worden. 

Vf. unterscheidet drei Formen: die trachomatöse , die katarrhalische, 
die blennorrhoTsche. 

Für die Behandlung kommt erstlich die Verhütung in Betracht. 
Die Granulationen muß man gleich im Beginn behandeln, mit dem Kupfer- 
Stift; oder mit dem neutralen essigsauren Blei nach Buys^), das für B. 
unentbehrlich ist. 

Gegen die eitrige Augenentzündung gebraucht B. häufige Ausspritzungen, 
Eis-Umschläge (in einer kleinen Blase auf das Oberlid angewendet), Ader- 
laß, Blutegel, innerlich Quecksilber u. a.; aber, sowie die Absonderung 
fester und schleimig geworden, Einpinsclung von Höllenstein. (0,6 : 30,0, 
d. s. 2X-) 

(Panu-m tadelt »die subjektive und polemische Färbung, die in einer 
Discussion B.'s über die ansteckende Ophthalmoblennorrhoe bei Soldaten 
besonders hervortritt«. Ich möchte diese Abhandlung für recht tüchtig 
und brauchbar erklären, trotz der so anfechtbaren Schleim-Bläschen und 
der behaupteten Ansteckung durch die Luft. 

Die letztere wurde übrigens sogleich und gründlich widerlegt durch Dr. Nue, 
ehemaligen Militär-Arzt zu Wordinburg, der nachwies, daß in jedem Zimmer 
der Kaserne 15 — 20 Mann auf ein Waschbecken angewiesen waren; und 
der im Mai 1856 an die augenärztliche Kommission eine Eingabe zur 
Abstellung solcher Mißbräuche gemacht hat 2']. 



4) § 788. 

2) C. R. Congres de Bruxelles, 1858, S. 265. 



Die mililärische Ophthahnie. Ilaugsledt, Larsen. 155 

§863. VI. Frbderik Christian Haugstedt (1804— 1866)«, 
studirte von 18->3 an zu Kopenhagen, wurde 1831 Lic. und 1832 Dr. med. 
mit zwei trefflichen Schriften über die Anatomie, pathol. Anatomie und 
Physiologie der Thymus-Drüse und machte danach wissenschaftliche Reisen. 

Bereits iiu Jahre 1834 verüffentlichto er eine Kompilation über Augen- 
krankheiten : Laeren om Oejets Sygdomme . . . (331 S., mit einer Kupfer- 
tafel.) 

Hierüber urtheilt Xeverman.n (Ammon's Monats -Schrift I, 319, 1838) 
folgendermaßen: »Der Vf. wird sich gewiß bei seinen jungen Landsleuten, 
den bis dabin die Ophtalmologie aus deutschen Werken zu erlernen, öfters 
ein Stein des Anstoßes gewesen, verdient machen. Das Werk ist nur für 
Studenten bestimmt und kann daher, obgleich Prof. Witblsen dasselbe 
durchgesehen und verbessert, auf Vollständigkeit sowie auf lirauchbarkeit 
für ältere Arzte keinen Anspruch machen ; aber dies lag auch nicht in der 
Tendenz des Vf.s. . . . 

Sodann hielt Hau(;stedt 1840/1 als Privat-Docent an der Univ. zu 
Kopenhagen Vorlesungen über Augenkrankheiten, die er alsbald im Druck 
erscheinen ließ: 

Uddrag af en Uoekke Foreloesniger over Oien sygdommene, holdtc 
ved Kjoebenhavns Universität i. Vintersemcster 1840/41. 

»Voilesungen über Augenheilkunde, gehalten an der Univ. z. K. wäh- 
rend des Wintersemesters 1840/41«, K. 1841 — 1844. (80, VI -f 500 S.) 

Dies »erste dänische Werk; wird wegen seiner Klarheit von 
Melchior 2) sehr gelobt. Er betrachtet es als die zweite Ausgabe des vor- 
her genannten ; erklärt, daß es für junge Studenten bestimmt und eine sehr 
gute Übersicht der besten deutschen, französischen und englischen Schriften 
über Augenheilkunde enthalte. 

Der letzte Herausgeber dieses Lehrbuchs, Mathias IIiero.nymls Saxtorf, 
wurde 1855 Lector und 1862 Prof. der Cbir. in Kopenhagen. 

§864. VII. Sc'iREN EsKiLDSEx Larsen 3), 
1802 zu Kjerteininde (Fünen) geboren, wirkte 1843 — 1863 als Oberwund- 
arzt am allgemeinen Krankenhaus (Almindelig Hospital) und war besonders 
berühmt durch plastische Operationen. Als Mitherausgeber der Zeitschrift 
»Hospitals-Meddelelser« war er von 1848 — 1853 thätig. 

Im Jahre 1848 beschrieb er einen Fall von sogen, expulsiver Blu- 
tung^) bei der Star-Ausziehung an einer 66j.; die Reklination war mit 

lj Biogr. Lex. VI, 846. 

2) A. d'Oc. XVI, S. 61, 1846. 

3) Biogr. Lex. III, 615. 

4) § 607 A, XII; § 638, S. 158. 



156 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800 — 187 5. 

Erfolg auf dem andren Auge verrichtet worden. (Philiatrien's Forhand- 
linger, A. d'Oc. XIX, 34.) 

Im Jahre 1856 empfahl er, das ätherische Wachholder-Ül auf die 
Lidhaut zu streichen, gegen skrofulöse Augen-Entzündung, gegen Entzün- 
dung (der DECEMEx'schen Haut) nach Star-Operation. 

§865. VIII. Edmund Hansen Grut (1831— 1904) t' 
wird mit Recht als »Vater der modernen dänischen Augenheil- 
kunde« bezeichnet. 

In seiner Vaterstadt Kopenhagen machte er 1854 sein Staats-Examen 
und errichtete, nach umfassenden Studien-Reisen, auch daselbst 1863 eine 
Augenklinik. 

Grüt war ein begeisterter Schüler Graefe's, einer der hervorragend- 
sten Arzte Dänemarks, eine imponirende Persönlichkeit, gleich groß als 
Lehrer, Operateur und Forscher. 

Seine schriftstellerische Thätigkeit beginnt mit der Dissertation über 
den Augenspiegel (Om Ojenspejlet), vom Jahre 1857, und erstreckt sich \ 
hauptsächlich auf klinische Gegenstände. Seine Arbeiten über Keratitis 
bullosa traumatica, über Keratitis ramificata, sowie die über Stra- ' 
bismus (BowMAN 21- Vorlesung, 1889) sind als klassisch zu bezeichnen. 

In Grut's Klinik haben fast alle in Dänemark wirkenden Arzte, die 
meisten dänischen Augenärzte und viele aus den skandinavischen Ländern ' 
ihre Ausbildung gewonnen. 25 Jahre hat er in seiner Klinik gelehrt, 1871 
bis 1882 als Privat-Docent, 1882 — J 888 als einstweiliger Lehrer, und, 
nachdem es seinem kraftvollen Wirken gelungen war, den fortschrittfeind- 
lichen Widerstand der Fakultät zu überwinden, in den Jahren 1888 — 1896 
als ordentlicher Professor der Augenheilkunde. 

Seine Rede war lebhaft, eindringlich und vollendet in der Form, ebenso 
vor seinen Studenten, wie vor seinen Fachgenossen in den Wortkämpfen 
der Kongresse, wo er manchen Hieb ausgetheilt, der gut saß. 

Als Diagnostiker, Therapeut, Operateur war er hervorragend. Seine 
mächtige Persönlichkeit gewann das Vertrauen der Kranken. Jahrzehnte 
lang war er der herrschende Augenarzt der skandinavischen Reiche. 

In der Blüthe seiner Kraft nahm der 65jährige seinen Abschied, um 
einem Jüngeren Platz zu machen; hat uns aber auf den Kongressen noch 
bewiesen, daß er selber noch jung geblieben. 



1) i. Biogr. Lex. II, S. 673. 2. C. El. f. A. 1907, S. 318. 3. Klin. M. BI. f. A. 
1907, II, S. 250. (Dr. K. K. K. Lundsgaard.) 4. A. d'Oc. 1907, CXXXVIII, S. 401 
bis 402. (JoH. WiDMARK.) — Mir persönlich war Hansen Grut ein lieber Freund. 
Ich hatte auch mit ihm wegen seiner Zeitschrift gelegentlich Briefwechsel. 

2) § 647, S. 20 3. — Wem das englische Original in der Transact. Ophth. Soc. 
U.K. (X, 1, S. 1 — 41) nicht zugänglich ist, der findet einen ausführlichen Auszug 
im C. Bl. f. A. 1889, S. 462—464. 



E. H. Grut. Nordisk ophthalmologisk Tiddskrift. 



157 



Er war Ehren-Mitglied der englischen und der Kopenhagener 
a ligenärztlichen (iesellschaft. 

Ein großes Verdienst um die skandinavischen Länder, das seltsamer 
, Weise weder von Lundsgaabd noch von Widmark erwähnt wird, hat 
j Hansen Gkut sich erworben durch Begründung und Herausgabe der 

Nordisk ophthalmologisk Tiddskrift, 

{von der 1886—1892 zu Kopenhagen fünf Bände erschienen sind. Leider 
I war die Zahl der Abnehmer zu gering, so daß die Zeitschrift ihr Erscheinen 
i einstellen mußte. 

j Da den meisten Fachgenossen diese Zeitschrift nicht zugänglich, manchem 

! nicht einmal bekannt ist; so ninchte ich hier eine kurze rbersicht über iliren 
■ Inhalt beifügen. 

Als Mitherausgeber zeichnen Dr. J. Ujeiuum, Kjöbcnhavn; Dr. G. Ndhd.max, 

• Helsingfors: Dr. Hj. Schi0tz, Christiania; Dr. .1. Widmark, Stockholm. 
Das \. und 2. Heft enthalt: Eom. 
Hansex Giu t, Beili-. zur Lehre der Patho- 
genie des Schielens. Hj. Schiotz, Beitr. 

j zur Lehre von den Muskel-Verhältnissen 
des Auges. M. Tscherning, Beitr. zur 

I Dioptrilv des menschlichen Auges. J. Wid- 

1 mark. Zur Kenntniß der Ophthalmia 
neonatorum in Schweden. J. Bjerrlm, Be- 
merkungen über Verkleinerung der Seh- 
schärfe nebst klinischen Beobachtungen 
über das Verhüllniß zwischen Sehschärfe, 
Klarheitssinn und Farbensinn. Edm. Han- 
sen Grit, Conj. aestivalis, Frübjahrs- 
Katarrh. J. Widmark, Einige bakteriolo- 
gisch-ophthalmiutrisclie Studien. J. Bjer- 
RUM, Statistik über Entzündungs- Fälle 
nach Star-Auszieliung. {Ausführlicher Aus- 
zug im C. Bl. f. A. 1888, S. 374 bis 
381, von Dr. Gordon Norrie in Kopen- 
hagen.) Den Schluß macht eine Literatur- 
Übersicht. 

Das 3. Heft (l 888) bringt den Schluß 
von Widmark's Arbeit über Ophth. neon. 
und von Schu)Tz's Arbeit über die Muskel- 
Verhältnisse d. A. Gordon Norrie, Über 
Nystagmus, Hippus, akut. Linsen-Astigm. 
externa. Dr. Adolph Gad, Besorptio catar. senil, inlracapsularis. 

11. B.: Chr. Grauer, Ophthalmoplegia exterior perfecta bilateralis congenita. 
J. Bjerrum, Bemerk, aus der tägl. Praxis; Iridocyklitis mit spontanem Arterien- 
Puls in der Netzhaut; Hemiamblyopia. J. Widmark, Augen-Symptome bei peri- 
pherischer Trigeminus-Affektion, A. Gullstrand, Praktisches Verfahren zur Be- 




Edmund Hansen Grut. 



Knüd PontoppidanI), Ophthalmoplegia 



1] Geb. 1853, Nerven-Arzt. 



158 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800—1875. 

Stimmung des Hornhaut-Ast. Lyder Borthen, Refraktions-Augenspiegel. J. Bjerrum, 
Gesichtsfeld-Untersuchungen, das G. F. bei Glaukom. 

III. B. : A. GuLLSTRAND, Brenn-Linicn bei Ast. Gordon Norrie, Tuberkulose 
der Bindehaut, Nystagmus, Mumps der Thränen-Drüse, Xerosis cj. Edm. Jensen, 
Die mit Central-Skotom verbundenen Augenleiden. J. Widmark, Durchlässigkeit 
der Augen-Medien für ultraviolette Strahlen. C. M. Hansen, Akute retrobulbäre 
Neuritis. J. Bjerrum, llemianopsia partialis. Lyuer Borthen, Orbital-Abszeß nach 
Influenza. 

IV. B.: Gordon Norrie, Star- Niederlegung in Skandinavien während der 
2. Hälfte des 18, Jahrh. C. M, Hansen, Iritis. J. Widmark, Ophth, neon, zu 
Stockholm, 1884 — 1890; Augen-Symptome bei periph. Trigeminus-Leiden. J. Vi> 
lander, Abbrechen der Starmesser-Spitze. J. Bjerrum, Iridochor. Lyder Borthen, 
Pupillen- Starre. A. Güllstrand, Hornhaut-Kegel mit Pulsation. J. Bjerrum, Em- 
bolie der Netzhaut-Schlagadei*. Nordische Literatur zur Augenheilkunde f. 1891. 

V. B.: EiGiL Schmidt, Centrirte opt. Systeme. A. Gullstrand, Lenticonus 
posterior. C. M. Hansen, Fremdkörper in Vorderkammer. J. Widmark, Netzhaul- 
Blendung. J. Bjerrum, Glaukom. L. Borthen, Melanotische Augapfel-Geschwülste. 
— Ich habe es aufrichtig beklagt, ilaß diese Arheits-Stätte für nordische Männer 
germanischen Stammes geschlossen werden mußte. 

Die Zeitschrift ])rachte auch Übersichten über die nordische Lite- 
ratur der Augenheilkunde. Übrigens hat auch das Centralblatt für Augen- i 
heilkunde von 1879^) an Jahresberichte über die augenärztliche Literatur der j 
skandinavischen Länder veröffentlicht, die, allerdings mit einigen Unterbrechungen, ,, 
bis auf den heutigen Tag fortgesetzt worden sind. 

Hansen Grut's Nachfolger war J. Bjerrum, dessen Haupt-Arbeiten in i 
diesem Paragraphen verzeichnet sind. (Seine Anleitung zum Gebrauch des 
Augenspiegels [1890] wird im letzten Abschnitt unsrer Darstellung Be- 
rücksichtigung finden.) 

Auch B.IERRUM ist in der Blüthe seiner Jahre zurückgetreten. Sein 
Nachfolger ist M. Tscherning, Vf. von Optique physiologique (1898) 
und von Oeuvres ophth. de Thomas Youm;, 1894. (Vgl § 459, S. 441.) 

Zusatz. Waldemar Krenchel ''^), 

geb. am 18. März 1844 in Kopenhagen, bestand an der Universität seiner 
Vaterstadt 1868 das Staats-Examen, widmete sich der Augenheilkunde unter 
Hansen Grut sowie unter Donders in Utrecht, erlangte 1876 den Doktor 
und wirkte als Privat-Docent an der Universität sowie als Assistent und 
von 1877 als Mit-Direktor an der Klinik von Hansen Grut. Leider ist der 
ausgezeichnete Gelehrte schon in der Blüthe des Lebens, am 1 9. März 1 885, 
hinweggerafft worden. 

Seine Dissertation handelte von der Amblyopia centralis. 
Das Archiv für Ophth. bringt von ihm die folgenden Arbeiten: 
1. Über die krankhaft herabgesetzte Fusionsbreite als Ursache des Schielens. 
XIX, 1, 142—155, 1873. 

1) S. 369—371. (J. Heiberg.) 

2) Biogr. Lex. III, 550. (Petersen.) 



J. Bj errum, W. Kren che 1. Schweden. P. G. Ceders chiöl cl. 159 

2. Die Theorie der Schiel-Operation. (Kritisch.) XIX, 2, 273 — 286. 

3. Über die Folgen der Opticus-Durchschneidung beim Frosch. XX, \, 127 bis 
134. 

4. Die Wirkung des Muscarin auf Accommodation und Pupille. XX, 1, 135 
bis 130. 

5. Über die Hypothesen von Grundfarben. XXVI, 1, 91—102, 1880. (Auch dä- 
nisch als Sonderschrift >0m Grundfarver«, 1880.) 

6. In den Klin. Monatsbl. (XVIII, 47—56, 1883) veröffentlichte er einen eigen- 
thümlichen Fall von Amblyopie. (Abschwächung des Unterscheidungs- 
vermögens für mittlere Beleuchtungs-Intensitäten.' 

Augenärzte und Förderer der Augenheilkunde in Schweden. 
§866. I. Per Gustaf Cederscbiöld (1782— 1848)1', 
^rof. der Entbindungskunst am Karolinischen Institut und Direktor des Ent- 
)indungs- Krankenhauses zu Stockholm, hat eine ausgezeichnete und be- 
•ühmle Arbeit über die Ätiologie der Augen-Eiterung bei Neuge- 
)orenen verüfTentlicht^). 

Um festzustellen, wieweit die Krankheit von einem Ausfluß aus den 
nütterlichen Gebär-Organen verursacht sein könne, ließ er im Jahre 1 832 
die Mütter, die behufs Entbindung in das Krankenhaus eintraten, über 
Ausfluß befragen. 360 Frauen wurden entbunden. Nach Abzug der Mütter 
,'on Todlgeborenen oder in den ersten Lebenstagen Verstorbenen, blieben 
128 Frauen, deren Kinder beobachtet werden konnten. Von diesen 328 
brauen waren 137 mit Ausfluß aus den Gebär-Theiien behaftet und 181 
rei davon. 

30 Kinder wurden von der eitrigen Augen-Entzündung befallen; 20 
itaramten von Müttern mit Ausfluß und 10 von solchen, die frei davon 
varen. 

Hieraus folgt, daß erstlich Ausfluß aus den Gebär-Theilen selir häufig 
st bei Schwangeren, daß zweitens die Behafteten nicht nothwendiger Weise 
hren Kindern die Ophthalmie bringen, und daß endlich die Ophthalmie bei 
vindern auftreten kann, deren Mütter frei waren, — zum Beweise, daß 
iiese Ophthalmie auch andre Ursachen haben kann. 

Aber, wenn man berücksichtigt, daß 20 Kinder von 137, geboren von 
klüttern mit Ausfluß, oder 1 : 7, die Ophthalmie zeigten; während nur 10 
ron 181, oder 1 : 18, geboren von Müttern ohne Ausfluß, dieselbe Krank- 
leit darboten, so daß also das Verhältniß der ersten Reihe fast dreimal so 



11 Biogr. Lex. I, 685. 

2) Medical Gazette XXVII, S. 382, London 1840. Bequem zugänglich in 
•N. Mackenzie's »Diseases of the Eye«, 4. Ausg., 1854, S. 472, sowie in der fran- 
sösischen Übersetzung dieser Ausgabe von Warlomont und Testelin, Paris 1356, 
3. 738. 

Merkwürdiger Weise fehlt diese Arbeit sowohl in dem Literatur -Nachweis 
über Conj. blennorrh. von Tu. Saemisch, unser Handbuch V, 1, S. 290, 1904, als 
auch in dem entsprechenden von V. Morax, Encycl. fr. d'Opht. V, S. 687, 1906. 



160 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800 — 1875. 

groß ist, als das der zweiten: so darf man versichern, daß die Thatsach( 
eines genitalen Ausflusses bei der Mutter eine häufige Ursache jener Oph- 
thalmie darstellt, wenn gleich nicht die einzige. 

II. Arvid Henrik Florman (1761 — 1840)1», 
seit 1801 Prof. der Anatomie, Chirurgie und Veterinär-Kunst zu Lund 
war ausgezeichnet als Arzt, als Lehrer und Forscher, dabei sehr wolil- 
thätig, und besuchte in seinen späteren Jahren nur arme Kranke. 

Von augenärztlichen VerüfTentlichungen desselben vermochte ich nichts 
aufzufinden. 

III. Auch nicht von Prof. Carl Jakob Ask (geb. 1825)2», der 1858 zi 
Lund neben der Chirurgie und üeburlshilfe auch die Augenheilkunde zu 
vertreten hatte. 



IV. Michael Kolmodin Loewegren^), 
1836 zu Lund geboren, wurde 1868 daselbst Doktor der Heilkunde undi 
nachdem er Augenheilkunde bei Hansen Grut in Kopenhagen und bei 
Albrecht von Graefe in Berlin studirt hatte, 1867 Docent der Chirurgie 
und Augenheilkunde an der Universität zu Lund, in demselben Jahr Ad- 
junkt der Chirurgie mit Augenheilkunde als Hauptfach, 1883 a. o. Prof. der 
Augenheilkunde. 

Von seinen Schriften sind zu erwähnen Über Kurzsichtigkeit, 1867, 
über Refraktions-Zustände des Auges, 1870, 2. Aufl. 1881; ein Lehr- 
buch der Augenheilkunde. 

Im Jahre 1i)04 trat er zurück; er widmete seine Muße einer schwe- 
dischen Übersetzung der hippokratischen Schriften. 

Sein Nachfolger ist Prof. Gustaf Ahlström. 

V. Karl Jakob Rossander (1828—1901)*), jj 

1828 zu Stockholm geboren, Doktor der Heilkunde zu Upsala 1854, Ad-' 
junkt der Chirurgie am Karolinischen Institut zu Stockholm 1 855, a. o. Prof. 
1863, 0. 1886. 

Von seinen Veröffentlichungen, die unser Fach betreffen, erwähne ich 
die folgenden : 

1. Über die Augenheilkunde in Schweden, 1857. (Vgl. § 859.) 

2. Kritik der Star-Operations-Methoden. Med. Archiv, h. von den 
Lehrern des Karolinska Institutet, 1863. (Vgl. Klin. M. Bl. II, 118—122,; 
1864.) j 

1) Biogr. Lex. VI, 782. (Hedenius.) 

2) Biogr. Lex. I, 211. (Hedenius.) Nur drei Zeilen. 

3) Biogr. Lex. IV, 30.' (Hedenius.) 

4) Biogr. Lex. 5, 88. (Hedenius.) 1857 gehörte Dr. Rossander zu denjenigen, 
die Desmarres in Paris eine silberne Medaille überreichten. (§ 591, S. 208.) 



A. H. Florman, M. K. Loewegren. K. J. Rossander. 161 

3. Beiträge zur Lehre von der sympathischen Ophtlialmie. (Bidrag 
ill lüran oui de sympalisca oplilhahiiierna, Stockholm 1876, 52 S., S. A. 
li. Nord. med. .\rkiv VIII, 1. Vgl. A. d'Oc. LXXV, 301—305.) 

4. Das antiseptische Verfahren. Stockhohii 187*.). Vgl. A. d'Oc. 
AXXII, 2IW. 

2. »Es ist schmerzlich, — aber kaum 54^«'^ unsrer Star-Ausziehun- 
Mi waren glücklich. In den letzten 10 Jahren wurden im Seraphimer Spital 

GS Extraktionen uemacht: davon waren 510 mit gutem Erfolge, 20 mittel- 
niißig und 58 i) ganz unglückliche. In ganz Schweden (mit 4 Millionen 
Anwohnern) wurden jährlich nur etwa 50 Stare operirt. 

R. bevorzugt präparatorische Iridektomie und danach einen kleineren 

i^appen, von 4"' innerer Grund-Linie. In 7 Operationen ging nur ein Auge 

Verloren . (Vgl. 4.) 

3. Im Seraphimer Hospital sowie in der Privat-Praxis hat R. 1)0 2) 
"älk' von sympathischer Ophthalmie beobachtet. 

Nicht blos die Cyklitis, sondern vielmehr jede verlängerte Reizung der 
\>(ntlichen Theile des Augapfels könne sympathische Ophthalmie her- 
(irrufen. 

4. Das antiseptische Verfahren bei Augen-Operation hat R. seit Juli 
^TN begonnen um! erfreuliche Ergebnisse beobachtet. Unter 27 Star- 
»perationen gab es keine Vereiterung mehr. 

i^ 807. VI. Der erste Professor der Augenheilkunde am Karolinischen 
in'd. chir. Institut zu Stockholm wurde 

JoiI.VX WlD-MAHK (1850— li)0!>)3'. 

J. \\'ii)MAi!K wurde am 2G. August 1850 geboren. Nach seinen im 
lahre 1881 vollendeten Examen-Studien widmete er sich hauptsächlich der 



1) Das sind 36 % Verluste. Eine ähnliche Verlust-Ziffer haben wir, gleich- 
falls aus dem Norden, von Brain in Moskau ^A. f. 0. XI, 1, 200—208; 1865: 45?,;, 
— aber durch Verabreichung von Alkohol auf 6 ?^ vermindert! 

2) Diese Zahl scheint mir groß. (Doch trennt R. die sympathische Reizung 
aicht von der Entzündung! Ich hatte unter 12 500 klinischen Kranken, von 1869 
ois 1904, im ganzen 48 Fälle von sympathischer Entzündung. (Steindorff, in der 

'Festschrift 1905, S. 277—287. Vgl. meine Ausgewählten Abh., 1913, S. 732.) Vor 
33 Jahren kam die sympathische Entzündung 3 mal so häufig vor, wie jetzt; die 
j Abnahme erfolgte durch Prophylaxe, d. h. mögUchst frühzeitige Enukleation. 

3j Aus C.Bl.f. A. 1910, S. 93—94. (Ernst Forsmack.) Vgl. auch Mitth. aus der 
Augenklinik des Karolin. Instituts zu Stockholm, elftes Heft, 1910. — Widmark's 
'Nachfolger ist Prof. Johan Albin Dalen. — In Stockholm wirkt auch Dr. Erik 
NoRDENSEN, Vf. des Werks Über Netzhaut- Ablösung, vom Jahre 1887; sowie Salo- 
MON Eberhard Henschen, Prof. d. inneren Medizin, Vf. von >Klin. u. anatom. 
Beiträgen zur Pathologie des Gehirns:. (3 Th. 1890 — 1896.) 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXIII. Kap. 4 \ 



162 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800—1875. 

Chirurgie, ging aber bald zur Augenheilkunde über, die er auf einer in 
den Jahren i 882/83 vorgenommenen Reise sludirte, wobei er Wien, Halle, 
Utrecht, London und Paris besuchte. Nach Hause zurückgekehrt, dispu- 
tirte er über eine Abhandlung »Die Jequirity-Ophthalmie« und begann im 
Jahre darauf, 1884, als Privat-Docent der Ophthalmologie am Karolinischen 
Institut seine Thätigkeit als Lehrer. Die Ophthalmologie war in Schwe- 



Fig. 2. 




yT'C}^ a^'T..<.^-'€t^cC''I^'t^ 




den damals noch ein mit der Chirurgie verbundener Lehrgegenstand. Als 
1889 am Karolinischen Institut eine besondere Professur dafür errichtet 
wurde, wurde Widmark mit der Vertretung derselben beauftragt und im 
Jahre 1891 zum ordentlichen Professor ernannt. Dieses Amt bekleidete er 
bis zu seinem Tode. 

In dem Vierteljahrhundert, während dessen es somit Widmark ver- 
gönnt gewesen war, als Lehrer zu wirken, verwendete er eine unermüd- 



Johan Widmark. 163 

liehe und sehr verdienstvolle Arbeit auf die Entwicklung und Ausbreitung 
der Augenheilkunde in Schweden, eine Arbeit, die um so bedeutungsvoller 
war, als der wesentliche Theil des klinischen Unterrichts bis in die 
letzten Jahre in die Klinik, der er vorstand, verlegt war. Ein großer 
Theil der schwedischen Augenärzte hat auch von ihm seine hauptsächlichste 
Ausbildung erhalten. Diese seine früheren Assistenten werden stets mit 
warmer Dankbarkeit seiner einsichtsvollen Leitung gedenken, seines Stre- 
bens, ihnen seinr^n eignen Hang wissenschaftlicher Forschung beizubringen 
und ihnen dabei auf alle Weise behilflich zu sein, seiner treuen Freund- 
schaft, die sie auch weiter begleitete, wenn sie die Klinik verlassen hatten. 

Trotz der beständigen Zunahme der Arbeit, die ihm der Unterricht, 
die Pflege der Klinik und eine bedeutende Privatpraxis verursachten, eine 
Arbeit, die schon allein die Kräfte eines gewöhnlichen Menschen vollstän- 
dig in Anspruch genommen hätte, konnte WrDMARK eine umfangreiche und 
vielseitige wissenschaftliche Thätigkeil entfalten. Die Erklärung hierfür 
liegt theils in seiner außerordentlichen Arbeitskraft, vor allem aber in der 
starken Lust zur Forschung, die ihm eine derartige Arbeit zu einem Be- 
dürfnis, zu einer Enjuickung machte. 

Leider ist er jung verstorben, am 15. Dez. lUO'.). Die Todes-Ursache 
war ein Intestinal-Krebs, der sch(»n ^[2 Jahr, wie sich bei dem Bauch- 
schnitt zeigte, ein(^n solchen Umfang gewonnen hatte, daß Hadikal-Opera- 
tion unmöglich war. 

Von den ersten Arbeiten Widmark's sind die meisten bakteriologischen 
Inhalts. Dazu gehören, außer seiner schon erwähnten Inaugural-Disser- 
tation, seine werthvollen Untersuchungen über die Pathogenese der Dacryo- 
cystitis, des Ulcus serpens und der Biepharoadenitis, ferner über die puru- 
lente Conjunctivitis, besonders die gonorrhoische, und ihren ätiologischen 
Zusammenhang mit der Vulvo-vaginitis bei Mädchen. Nach einigen Jahren 
wurde ind(!ssen sein Interesse zu der Frage über die Entstehung der sog. 
Schneeblindheit und damit zum Studium der pathogenen Einwirkung des 
Lichtes auf das Auge und die Haut hingelenkt. Durch zahlreiche Folgen 
gut geplanter und zielbewußt durchgeführter A'ersuche konnte Widmark 
nachweisen, daß sowohl die Schneeblindheit und die elektrische Ophthal- 
mie, wie auch das Sonnen-Erythem und das elektrische Haut-Erythem auf 
einer direkten Einwirkung der ultravioletten Strahlen des Lichtes beruhen. 
Zu derselben Untersuchungsreihe gehören seine Arbeiten über die Einwir- 
kung der eben erwähnten Strahlen auf die Linse, über die Grenze des 
sichtbaren Spektrum nach der violetten Seite und über die Blendung der 
Netzhaut. Diese vom wissenschaftlichen Standpunkt aus außerordentlich 
interessanten Untersuchungen haben später durch die therapeutische An- 
wendung jener Lichtstrahlen nach Einsen eine vermehrte praktische Be- 
deutung erhalten. 

11* 



164 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800— -1875. 

Von den übrigen zahlreichen Arbeiten Widmark's gehurt ein Theil, 
wie seine Aufsätze »Über den Musculus dilatator pupillae des Menschen, 
Ein Fall von Netzhautgliom, Über die Lage des papillo-raakularen Bün- 
dels« der normalen und pathologischen Anatomie an; die meisten sind jedoch 
klinischen oder statistischen Inhalts. Von diesen seien hier nur einige ge- 
nannt: Beobachtungen über Augen-Symptome bei peripheren Trigeminus- 
AfTektionen, Die operative Behandlung unreifer und partieller stationärer 
Stare, Zur Ätiologie der Kurzsichtigkeit, Über die Behandlung der sympa- 
thischen Augen-Entzündung mit Natron salicylicum. Die statistischen Ar- 
beiten behandeln u. a. das Vorkommen der Ophthalmia neonatorum in 
Schweden, die Blindheit und ihre Ursachen in den skandinavischen Län- 
dern und in Finland zu verschiedenen Zeiten, das Vorkommen der Kurz- 
siclitigkeit in den schwedischen Lehranstalten, In Bezug auf die Bekämpfung 
der Schul-Kurzsichtigkeit betont Widmark kräftiger, als irgend jemand vor 
ihm, die Bedeutung stärkenden Frciluftlebens während der Schulzeit; er 
sieht in der Lust der schwedischen Jugend hierzu eine der hauptsäch- 
lichsten Ursachen dafür, daß die Häufigkeit der Kurzsichtigkeit in den 
schwedischen Schulen während der letzten 20 — 25 Jahren um 50^ ab- 
genommen hat. 

Die meisten der Schriften Widmark's sind auch in deutscher Über- 
setzung erschienen, ein Theil in seinen »Beiträgen zur Ophthalmologie« 
ISQ!, andre in den »Mittheilungen aus der Augenklinik des Karolinischen 
Instituts«, die er seit 1898 herausgab i). — 

Unsre Fachwissenschaft schuldet Johan Widmark noch dafür besondren 
Dank, daß er seine Arbeiten in deutscher Sprache erscheinen ließ, die, selbst 
außerhalb Deutschlands, den meisten Fachgenossen bequemer zugänglich ist, als 
die schwedische. 

Beiträge zur Ophthalmologie, Leipzig 1891. (XVIII Arbeiten von 1883 bis 
1891, VIII 4- 50i S., 7 Tafeln.) 

Mittheilungen aus der Augenklinik des Carolinischen medico-chirurgi- 
schen Instituts zu Stockholm, Jena !898. Erstes Heft 1898, elftes Heft 1910. 
Enthält auch Arbeiten seiner Gehilfen und Schüler. 

(Der Inhalt dieser Schriften ist in den entsprechenden Jahrgängen des 
Centralbl. für Augenheilkunde sorgfältig ausgezogen worden. Seit Widmark's 
Tode hat das Erscheinen dieser Mittheilungen aufgehört.) 

§ 868. VII. Allvar Güllstrand, 
zu Upsala Professor der Augenheilkunde 'I8i)i — 1913, seitdem Prof. der 
Optik. 

1 ; »Im Privat- Verkehr außerordentlich sympathisch, einfach, wohlwollend und 
treu, genoß Widmark einen in weiten Kreisen geliebten und verehrten Namen.« 
Ernst Forsmack. 

Auch ich habe seine Freundlichkeit erfahren. 



Allvar GiiUstrand, A. F. Holmgren. 165 

i. Das Handbuch der physiol. Optik von H. v. Helmhol tz. Dritte Auflage, 
ergänzt und herausgegeben von Prof. A. Gullstrand (Upsala), Prof. Dr. J. 
von Kries (Freiburgi, Prof. Dr. W. Nagel (Rostock). I.Band. Die Dioptrik 
des Auges h. v. Prof. Dr. A. Gullstrand. Hamburg u. Leipzig. 1909. 

Darin linden sich, S. 2-26 — 376, die »Zusätze von A. Gullstrandc; 
1. Die optische Abbildung. 11. Brechung der Strahlen im Auge. Abbil- 
dungsgesetze erster Ordnung. 111. Die Refraktion. IV. Der Mechanismus 
der Akkommodation. V. Die monochromatische Abweichung des Auges. 

■>. Bidrag tili Astigmatismens Teori. Afhandhng som med Tillständ af Karo- 
linska Inslitutets Lärarekollegium for Vinnande af Medicine Doktors- 
grad tili oiTentlig granskning framställes af A. Gullstrand, Med. Lic. 
Stockholm 1890. (102 S., 1 Taf.) 

Auch deutsch, im Skandin. Arch. II, S, 269 — 253: Beitrag zur 
Theorie des Astigmatismus. 

:i. Photographisch -ophthalmometrische u. klinische Untersuchungen über die 
Hornhaut-Refraktion. Von Allvar Gullstrand. Mit 7 Tafeln. Stock- 
holm 1896. Fol., 64 S.) Verhandl. der K. Schwed. Ak. d. Wiss. XXVIII, 7. 

'i. Die reelle optische Abbildung von A. G. Mit 2 Textfiguren. Stockholm 
1906. (Fol., 119 S.) Verhandl. d. Schwed. A. d. W. XLI, 3. 

5. Thatsachen u. Fiktionen in der Lehre von der optischen Abbildung. Von 
A. G. Arch. f. Optik I, 1907. (97 S.) 

6. Die optische Abbildung in heterogenen Medien u. die Dioptrik der Kristal- 
Linse des Menschen. Von A. G. Mit 4 Text-Figuren. Upsala u. Stockholm 
1908. (Fol., 58 S.) K. Schwed. Ak. d. W. XLIH, No. 2. 

7. Allgemeine Theorie der monochromatischen Aberrationen u. ihre nächsten 
Ergebnisse für die Ophthalmologie. Von A. G. (Mitgetheilt der K. G. d. 
Wissensch. zu Upsala, am 21. Sept. 1900.) Upsala 1900. (Fol., 204 S.) 

8. Einführung in die Methoden der Dioptrik des Auges des Menschen von A. G. 
Mit 20 Fig. im Text. Leipzig. S. Hirzel. 1911. 180 S.) 

9. Das allgemeine optische Abbildungs-Systeni. Stockholm 1915. (4", 139 S.) 

E. Landolt hat in einer besondren Abhandlung (Archives d'Opht. 
1913, S. 1, 65, 129ff.) Gullstrand's Werk erörtert, d. h. die optisch-phy- 
siologischen Arbeiten dieses Forschers erläutert u. gewürdigt. 



§ 869. VIII. Ai.AuiK Frtfhiok Holmgren (1831—1897)1) 

von 18ü4 bis zu .seinem Tode Professor der Physiologie zu Upsala, Vf. 
des wichtigen Werkes 

Die Farbenblindheit in ihren Beziehungen zur Eisenbahn und der 
Marine von F. H Deutsche autorisirte Übersetzung. Mit 5 Holz- 
schnitten u. \ Tafel. Leipzig 1878. (162 S. 2») 

(Zuerst 1876 schwedisch veröffentlicht in Upsala läkaref. , Für- 
handl. XH.) 



1) Biogr. Lex. III., S. 261—262. 
Pagel's biogr. Lex., 773 — 774. 
C. Bl. f. A. 1907, S. 312. 
Klin. M. Bl. 1907, S. 322. 

2) Ausführlicher Auszug C. Bl. f. A. 1878, S. 152—154. Ebendas., S. 177 bis 
182: »Zur Entdeckung der Farbenblindheit bei Massen-Untersuchungen, von Frit- 
HioF HoLMGREEx\, Prof, de Phys. zu Upsala«:. (Vereinfachung seiner Wahl-Probe.) 



166 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, <800 — 4 875. 

De la cecite des couleurs dans ses rapports avec les chemins de 
fer et de la marine par F. Holmgren, Prof. de physiol, ä TUniv. d'Upsal. 
Stockholm'». (144 S.) 

Zur Sache vgl. in unsrem Handbuch IV, I, Abschn. VI, Prüfung des 
Farbensinns von Dr. A. Brückner. 

Holmgren hat eine ganze Literatur angeregt, aus der wir Joy 
Jeffries' »Color Blindness«, 1876, schon erwähnt haben. (§ 765, S. 158.) 
Aber er hatte Vorgänger, erstlich Seebeck, der zuerst (1837, Poggendorff's 
Ann. XLII) die Wahl-Proben angegeben ; sodann 

Researches on Colour-Blindness 

with a Supplement on the Danger attending the present System of railway i 
and marine coloured signals. By George G. Wilson, M. D., F. R. S. E., , 
Regius Prof. of technology and Director of the industrial Museum of Scot- 
land. Edinburgh 1845. (180 S.) Merkwürdiger Weise fehlt dieses Werk 
in Prof. Brückners sorgfältiger Literatur-Übersicht, welche 357 Nummern 
(von 1829—1903) umfaßt. 

Zur Ergänzung dieser Literatur-Übersicht erwähne ich noch die neue- 
sten Werke. 

1. Colour-blindness and colour-perception by F. W. E dridge-Green, M. D., 
F. R. CS. Second Edition, London 1909. (322 S.) 

2. Die Störungen des Farbensinns, ihre klinische Bedeutung u. ihre Diagnose 
von Dr. Hans Köllner, Privatdocent an der Univ. Berlin, Ass. d. Un.- 
Augenklinik. Mit .S3 Abbild, im Text u. drei farbigen Tafeln. Berlin 1912. 
(428 S.) 

3. Diagnostik der Farbensinn-Störung von Prof. Stargardt u. Prof. Oloff in 
Kiel. Berlin 1912. (45 S.l 

4. Pseudo-isochromatische Tafeln zur Prüfung des Farbensinns nebst 4 Ta- 
feln zur Bestimmung der Farbensinnschärfe von J. S tillin g, Geh. Med.- 
Rath, Prof. a. d. Univ. Straßburg. 14. Aufl. Leipzig 1913. 

5. On cases of accident to shipping and on railways due to defects of Sight 
by E. Nettleship. F. R. CS., F. R. S. . . . London 1913. (54 S.) 

6. Anleitung zur Feststellung der Farbentüchtigkeit von Dr. Rosmanit, Chef- 
arzt der österreichischen Südbahn in Wien. Mit 8 Abbild, i. T. u. 6 litho- 
gr. Tafeln. Leipzig u. Wien 1914. (193 S.) 

Augenärzte und Förderer der Augenheilkunde in Norwegen. 

§ 870. L) Christen Heiberg L (1799 — 1872)2). 

Am 28. Nov. 1 799 zu Bergen geboren, studirte H. in Ghristiania und 
machte, nachdem er die Prüfungen bestanden hatte, eine Reise in's Aus- 
land, um in Chirurgie und Augenheilkunde sich weiter auszubilden: na- 



1) Prof. Brückner giebt der französischen Ausgabe das Jahr 1877. Dieselbe 
ist aber ohne Jahreszahl gedruckt. Auf meinem Exemplar, das die schriftliche 
Widmung des Vf.s trägt, habe ich mit eigner Hand 1878 verzeichnet. 

2) Biogr. Lex. III, 112. 



Die Farbenblindheit. Norwegen. Die Heiberg's. 167 

iiitntlich nach Kopenhagen und nach Bedin. An letzteren Urte waren 
lUsT, C.F. Graefe, JüNGKEiN uod Heim seine Lehrer. 
I 1824 nach Bergen zurückgekehrt, prakticirte er daselbst bis 1826, 

übernahm dann als Reserve-Arzt die Haupt-Ablheilung im Reichs-Hospital 
zu Christiania und erwarb 1830 den Doktor, mit einer Dissertation über 
l'upillen-Bildung. 

1826 wurde er Lector, 1836 Professor der Chirurgie und 
Augenheilkunde und Ober-Wundarzt am Reichs-Hospital und hat diese 
Ämter bis zu seinem Tode (1872) verwaltet. 

Seine Dissertation 

Dr. Chr. Heiberg, in Univ. regia Fredericiana Mcdicinae Lector, Gora- 
iiientatio de Coremorphosi, Christianiae 1829. 

i-f eine ausführliche Sonderschrift in zwei Theilen. Der erste Theil be- 
si liäftigt sich mit der Begriffs-Erklärung der Pupillen- Bildung, mit den 
Krankheiten, bei welchen diese Operation angezeigt ist, mit der Prognose, 
il 'n Vorbereitungen, mit der Iridotomie und Iridektomie. Im zweiten Theil 
werden die verschiedenen Arten der Pupillen-Bildung abgehandelt. 

Im J. d. (Ihir. u. Augenheilk. von C. F. v. GitAEFK und Pii. v. Wal- 
TUKR (XVII, S. 518, 1831) ist diese Dissertation angezeigt. 

II.) JoHAN Fritzner Heiberg IL (1805—1883)", 
war seit 1S53 General-Chirurg der norwegischen .\rmee und hat sich um 
das Militär-Sanitätswesen seines Vaterlandes große Nerdienste erworben. 

III.) Hjalmar Heirgr); III.^), Christen's Sohn, 1870 zum Prof. der 
pathologischen Anatomie und allgemeinen Pathologie an der Univ. zu 
Christiania ernannt, hat zahlreiche und wichtige Beiträge zur normalen 
und pathologischen Anatomie des Seh-Organs geliefert. 

Zur Anatomie der Zonula Zinnii, C. Bl. f. d. med. Wissensch. 1865; 
Über die Neubildunii des Hornhaut -Epithels, M. .lahrb. d. k. k. Gesellsch. 
d. Arzte zu Wien, 1871; Panophthalniitis pucrperalis, bedingt durch 
Mikrokoklcen, C. Bl. f. d. med. W. 1874; Die Malignität des Glioms (zu- 
sammen mit Hjout), A. v. Graefe's A. f. 0. 1869, XV, I, 18 4 — 193. 

IV.) Jacob Munch Heiberg IV. (1843—1888)3), 
Sohn des General-Chirurgen H. IL, war 1867 — 1869 als Assistent im 
Reichs-Hosp. und im Gebärhaus thätig, auch als Prosektor, sodann wäh- 
rend des deutsch -französischen Krieges 1870 in Berliner Lazareten und 



1) Biogr. Lex. HI, 113. 

2) Biogr. Lex. HI, 113; Pagel's biogr. Lex., S. 702. 

3) Biogr. Lex. III, 1U; Pagels Biogr. Lex., S. 703. 



168 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800 — 1875. 

auf einem nach Frankreich gehenden Sanitäts-Zug; studirte 1871 in Berlii 
unter Reichert Anatomie, war 1871 — 1873 Assistent an der chirurgische! 
Klinik zu Rostock unter König und an der zu Königsberg unter Schü> 
born; konkurrirte 1872 um die durch den Tod seines Oheims erledigt* 
Professur; errichtete in Ghristiania eine Augenklinik und wurde auch zun 
Schriftleiter des Norsk Magazin f. Laegev. erwählt. 

Außer zahlreichen chirurgischen Arbeiten hat er die folgenden , zui 
Augenheilkunde, veröffentlicht: 

1. Über Krankheits-Processe in der Hornhaut, Ghristiania 1873, Probe-Vor 
lesung. 

2. Über extrabulbäre Geschwülste der Orbita, 1873. 

3. Über Behandlung von Excoriationen am Augenwinkel, 1873. 

4. Über Verpflanzung von Kaninchen-Bindehaut, 1875. 

(1 — 4 sind in norwegischer, 5 in deutscher Sprache.) 

5. Methodik der ophthalmologischen Untersuchung, ein Leitfaden für Anfängei 
von Dr. med. Jacob Heirerc, Stipendiaten an der Königl. norweg. Fredriks- 
Univ. zu Ghristiania, Ghr. 1875. (34 S.) Ich habe das Büchlein vom Vf. 

In der Blüthe der Jahre ist er hinweggerafTt worden, — wo die 
meisten erst anfangen, ihr Bestes zu bringen. 

Für das G, Bl. f. Augenh. (und für die deutschen Fachgenossen) hiil 
Jacoi» Heibehg sich noch ein besonderes Verdienst erworben, da er 1<S7'.) 
(S. 36i)) den Jahresbericht über die ophthalmologische Literatur der 
skandinavischen Länder begonnen, den 1 880 Dr. W. Krenciiel in Kopen- 
hagen (S. 532) fortgesetzt hat. (Ferner 1881, S. 470; 1882, S. 4 03; 188:1, 
S. 394, ist dann Dr. Gordon Norrie eingetreten und hat 1884, S. 40N; 
1885, S. 385 fgd.; 1886, S. 385 fgd. berichtet.) >) 

§ 871. Nebst der Familie der Heiberg's kommt die der H.iort's in 
Betracht. 

V.) Jens Johan Hjort L (1798 — 1873)2', 

1826 Brigade-Arzt, 1847—1853 stellvertretender General-Chirurg, 1841 bis 
1873 Oberarzt und klinischer Lehrer in der Hautkranken-Abtheilung des 
Reichs-Hospitals, hat allerdings hauptsächlich auf dem Gebiet der Syphilis, 
des Aussatzes und der Haut-Krankheiten Bedeutendes geleistet; aber in 
seiner Jugend doch zwei vortreffliche Dissertationen über die Netz- 
haut geschrieben: 

De Functione Retinae particula prima et secunda. Commentatio quam 
pro licentia summos in arte medica honores rite obtinendi die XV. & VI. Febr. 



1) Diese für die beiden Sprachgebiete ersprießliche Einrichtung, die übri- 
gens auch auf Rußland, Polen, Spanien, Ungarn, ausgedehnt wurde, ist später 
aus dem Gentralblatt in andre Zeitschriften übernommen worden. 

2) Biogr. Lex. III, S. 225. 



Die Hjort's. 169 

1820 el 18:50 publice defensurus est auclor Janüs Joannks IIjürt, Medicinae 
candidalus (dein) Licentiatus, in exercitu norvegico medicus Legionai'ius et in 
nosocomio Norvegiae publico medicus subsidiarius, respondente Joann. Anduea 
Albert, collega scholae Chdslianensis. Christianiae, Pars I, I82G (Hl S.), 
P. II. 1830 (IHI S., 8", 2 Tafeln). 

Eino ausgezeichnete Arbeit, die unsren Neid erwecken könnte, wenn 
nicht — in Norwegen die Doktor-Würde iinsrer Habilitation entspräche. 
Der Vr. theilt seinen Gegenstand in zwei Abschnitte, den physischen oder 
formalen, und den vitalen oder dynamischen. 

Zunächst bringt er die Meinungen der Alten und Neuen von Pytha- 
(iORAs bis Kepler, Scbeinkr, Cartesils. Keplers Anschauung macht er 
zu der seinen. 

Nur drei einfache prismatische Farben nimmt er an, Blau, Gelb und 
Weinrolh. Das Licht sei keine Materie, solidem eine Bewegung. 

Im zweiten Teil behandelt er die Wirkung des Lichts auf die Netz- 
haut. Sobald eine der drei Farben längere Zeit auf die Netzhaut einge- 
wirkt, wird die entgegengesetzte Farbe hervorgerufen. Dann bespricht er 
die galvanische und die mechanische Einwirkung auf die Netzhaut und das 
Licht sowie die Farben, die aus innerer Ursache entstehen. 

Das Abwechseln des Schwarzen mit dem Weißen beruhe auf einem 
.\nt;igonismus im Leben der Netzhaut. Die Funktionen der Netzhaut 
stimmen mit keinen Kräften der Natur mehr überein, als mit denen des 
Lichts. (Man erkennt hier eine gewisse Vorahnung der HERiNci'schen 
Theorie.) 

§872. VL) JuHAN Storm Aubert H.iort IL (1835— 1905)i>. 

Zu Christiania am 10. Dez. 1835 geboren, als Sohn von Jens Joh.in 
IL, studirte Johan H. in seiner Vaterstadt, war seit 1860 in den dortigen 
Krankenhäusern thätig, machte 1864 den Feldzug in der dänischen Armee 
mit; begab sich 1865 in's Ausland, auch zu A. v. Graefe, wurde 1867 
Kompagnie- Chirurg, 1872 Korps-Arzt, 1873 Professor der Chirurgie 
und Augenheilkunde zu Christiania sowie Oberarzt der chirurgischen 
Abtheilung des Reichs-Hospitals. 

Außer mehreren Abhandlungen zur Chirurgie hat er aucii einige zur 
Augenheilkunde im Norsk Mag. veröfTentlicht : Über Iris-Mangel. Norwegens 
Blinden-Statistik. Über Sehpurpur, Über Glaukom. Über Ablösung der Ader- 
haut. Über Magnet-Operation 2). Der Arbeit, die er, mit Hjalmar Heiberg III, 
über die Bösartigkeit des Glioms verfaßt, haben wir soeben gedacht. 

In deutscher Sprache schrieb II. über offene Wund-Behandlung, C. Bl. 



1) Biogr. Lex. 226; Pagel's b. L., S. 751; C. BI. f. A. 1905, S. 93. (Hirsch- 
berg. Ich habe Johan Hjort sehr gut gekannt.) 
2j Vgl. C. Bl. f. A. 1884, S. 408. 



170 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800 — 187;>. 

r. A. 189 7, S. 138 u. 329, endlich »Hundert Star-Extraktionen mit offener Wund- 
Behandlung«, ebendas. 1898, S. 33. Die beiden letztgenannten Arbeiten sind schon 
in unsrer Geschichte des Augen- Verbands (§ 563, S. 85) erörtert worden. 

Augenärzte und Förderer der Augenheilkunde in Finland. 

§ 873. I. Jacob August Estlander (1831—1881)1), 
geb. am 24. Dez. 1831 zu Helsingfors, Lic. der Medizin 1858, Doktor der 
Medizin und Chirurgie 1860, besuchte Paris und London 1858—1859 und 
erhielt die Berufung zum Prof. der Chirurgie in Helsingfors am 22. Febr. 
1860. Er verwaltete sein Amt sehr erfolgreich. Aber seine Gesundheit 
begann zu leiden, er ging nach dem Süden und ist zu Messina am 4. März 
1881 verstorben. 

Seine bedeutendste Leistung auf unsrem Gebiet ist die Arbeit 

Über Chorioiditis nach febris typhosa iccurrens. Arch. f. Ophth. 
XV, 2, 108—143, 1869. 

Es ist eine der wichtigsten Arbeiten über diese Erkrankung, nach den 
Andeutungen von Wallace in Irland (1825) und der kurzen Beschreibung 
von Mackenzie (1844), der sie nur als Ophthalmitis postfebrilis be- 
zeichnet 2)^ sowie nach der richtigeren Darstellung von Blesskj^) jeden- 
falls die erste Sonderschrift, die Jeder schätzen muß, der, wie ich selber, 
einige Fälle dieser Krankheit beobachtet hat. (Vgl. § 884, 902, 903.) 

Die genaue Darstellung derselben und die weitere Literatur findet sich 
in unsrem Handbuch XI, I, § 294. (Prof. Groenouw)^). 

§ 874. II. Franz Joseph von Becker (1823—1890)-'^), 
geb. in Abo (Finland) am 19. Juni 1823, studirte in Helsingfors, dann 
weiter in Jena und in Göttingen und wurde Licentiat der Heilkunde 1850; 
Prof. der Pharmokologie 1854 und dazu a. o. Prof. der Augenheilkunde 
1871, wonach er die Augen-Abtheilung nebst Poliklinik im Stadtkrankenhaus 
begründete. 

Als Augenarzt und Operateur stand er in hohem Ansehen; dabei 
war er wohlwollend und bescheiden. Er hat auch für Unterricht, Wissen- 
schaft und Hygiene, weiter über sein Fach hinaus, viel geleistet. 

1 885 trat er zurück. In seinem stillen Heim beschäftigte er sich mit 
Ölmalerei; in der Kunst fand er Trost für die Einsamkeit, zu der er 
durch seine zunehmende Ertaubung verurtheilt war. 



1) Biogr. Lex. II, S. 308. (D. Hjelt.) 

2) Vgl. unsren § 681, S. 34, 10. Groenouw citirt nur die französische Aus- 
gabe a. d. J. 1856. 3) Klin. M. Bl. 1867, V, S. 291. 

4) K. F. VON Willebrand, 1856 — 1874 Prof. d. Med. zu Helsingfors, hat 1854 
A. f. 0. I, 319) Miosis durch Sympathicus-Lähmung beschrieben. 

3) Biogr. Lex. I, 355; Pagel's b. L., 144. Klin. M. Bl. 1891, S. 81—84. 



Finlaiid. J. A. Estlander, F. .I.v. Becker, M.W. af Schulten, K.B.Wahlfors. 171 

Seine augenärztlichen Arbeiten hat er hauptsächlich in A. v. Graefe's 
Arch. f. Uphth. verülVentlicht: 

1. Über den Bau der Linse. IX, 2, 1—42, 1869. 

2. Über Ritter's Entdeckungen in der Anatomie der Linse. XIII, I, 
75—83, 1867. 

3. Kall von Dislocatio bulbi. XII, 2<S9— 295, 1866. 

4. Aderhaut- Kolobom ohne Iris-Spaltung. XXIII, 3, 221—228, 1876. 

5. Ferner in den Klin. M. Bl. (1870, S. 375—378) über Blinden-Stati- 
stik in Finland. (N'gl. das Programm von 1870 »Om blindhet och 
trachom med lastadt afseende pa fmska für hällanden«.) 

Von seinen schwedischen VerülTentlichungen seien noch genannt: 
1868, Om när syndhet; 1870, Om gra starr; 1877 Amyloid-degeneration 
af tarsi. 

§ 875. IIL MAXI.MUS Wedkkind af Schulten (1847—1899)1), 
1883 a. 0., 1892 o. Prof. der Chirurgie zu Helsingfors, einer der bedeu- 
tendsten schwedischen Chirurgen des 1*.». Jahrhunderts, hat zwei wichtige 
Abhandlungen zur Augenheilkunde veröffentlicht: 

1. Eine Methode, um den .\ugengrund unter hochgradiger Vergröße- 
rung zu beobachten. ^En metod alt under höggradig förstoring 
observera ögonbotten.) Finska läkaresällsk. handl. XXII, S. 499. 
Vgl. C. Bl. f. A. 1881, S. 174. 

2. Untersuchungen über den Hirndruck mit besonderer Berücksichti- 
gung auf seine Einwirkung auf die Cirkulations- Verhältnisse am 
Auge. Arch. f. klin. Ghir. XXXII; sowie Arch. f. Ophth. XXX, 3, 
S. 1—76 u. 4, S. 61 — 102, 1884. (Vgl. C. Bl. f. A. 1884, S. 618.) 

Auch dieser bedeutende Forscher ist in der Blüthe der Jahre hinweg- 
gerafl't worden. 

§ 876. IV. Von K. B. Wahlfors, 

über dessen Leben und Wirken ich nichts ermitteln konnte, habe ich die fol- 
genden Arbeiten gefunden : 

1. Über die Pathogenie der Stauungs-Papillen. Acad. Afh. Helsingfors -1880. 
i. Über Druck und Druck-Messungen im menschh Auge. Bericht des VII. in- 
ternal. Ophth. -Kongresses zu Heidelberg, S. 268, 1888. 

3. Stauungs-Papille mit ringförmigem Skotom. Finska läkaresällsk. handl. XXI, 
S. 425, 1889. 

4. Ein Fall von Irido-chorio-neuroret. Ebendas., S. 306. 

5. Bericht über 130 Star-Ausziehungen. Finska L. H. XXXIII, S. .333, 1891. 

6. Vom Schielen und den Ursachen desselben. Arch. f. A. XXVII, S. 207, 
1893. Auch Schwedisch, Finska L. H., S. 267 u. 321. 



1) Pagkl's biogr. Lex., S. 1347. 



172 XXIII. Hirschberg, Die skandinavischen Augenärzte, 1800— 1875. 

§ 877. Schlußwort. 

An den skandinavischen Universitäten ist die Selbständigkeit unsrer 
Fachwissenschaft erst spät anerkannt worden; die ordentliche Professur der 
Augenheilkunde wurde erst in den Jahren 1882 — 1894 eingerichtet. 

Die Leistungen der nordischen Gelehrten aus den letzten Jahrzehnten 
des 1 9. Jahrhunderts sind, wie in den andren Wissens- Zweigen, tüchtig 
und gediegen, sowohl auf klinischem Gebiete, als auch namentlich auf 
theoretischem, samt der Anwendung auf die Praxis. 



\ 



Kapitel XXIII. 

* (Fortsetzung.) 

Die Augenheilkunde in der Neuzeit 

Von 

J. Hirschberg, 

Professor in Lerliii. 

Drittes Buch. 

Siel »zehnter Abschnitt. 
Die Augenärzte Rußlands, 1800 — 1875. 

Mit 17 Figuren im Text. 



Eingegangen im Oktober lOin. 



Einleitung. 

§ 878. Ursprung und Entwicklung der Augenheilkunde in Rußland. 

Ebenso, wie 1724, als Peter der Große >) die erste russische Univer- 
sität zu gründen versuchte, sowohl die 17 Professoren als auch die 8 Stu- 
ienten aus dem Ausland verschrieben wurden^); wie der erste Professor 
1er Chirurgie in Rußland, von dem wir, aus den Jahren 1780 und 1783, 
lugenürztlichc Leistungen zu melden hatten, J. J. von Mohrenbeim-'), aus 
Wien nach St. Petersburg berufen worden; so ist auch der erste bedeu- 
tendere Vertreter der wissenschaftlichen Augenheilkunde im 
Elußland des 19. Jahrhunderts, Wilhelm Lercbe, 1791 in Braunschweig 



1) Die Hof-Okulisten seines Vorgängers Alexei Michailowitsgh, der 1645 — 1676 
regierte, hießen David Bruhn und Johann Maiilhorn. (Dr. A. Reutlinger, Zur 
aesch. d. Med. Rußlands im XVII. Jahrh. — Westnik Ophth. 1907, S. 117—118; 
C. Bl. f. A. 1907, S. 128.) 

2) Minerva I, S. 367, 1911. 

3) § 430. »Da die jungen Leute, die sich daselbst (d. h. in St. Petersburg) 
ier Wundarzneikunst widmen, meistens Deutsche oder von deutschen Eltern ge- 
boren sind; so wird aller Unterricht deutsch gegeben.« 



174 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

geboren und 1812 in russische Dienste*) getreten; ihm ist die Gründung 
der Petersburger Augen-Heilanstalt (1824) zu danken, von der 
eigentlich in Rußland die Augenheilkunde ausgegangen ist. 

Seine Nachfolger waren, bis zum Ende des Jahrhunderts, Deutsch- 
Russen aus Petersburg oder den Ostsee-Provinzen. Die Mittheilungen 
der Petersburger Augen-Heilanstalt (1877 — 1899) sind in deutscher 
Sprache erschienen. 

Als erster Lehrer der Augenheilkunde an der militärärztliclien 
Akademie zu St. Petersburg war 1818 Dr. Grubi aus Erlangen berufen 
worden. Der erste Professor der Augenheilkunde an dieser Akademie 
wurde der Deutsch-Russe Dr. Junge aus Riga, im Jahre 1860. 

Den ersten augenärztlichen Unterricht an der Universität Moskau 
ertheilte 1806 Tu. Hildebrandt aus Worms. Sein Nachfolger wurde Ewe- 
Nius, dessen Vater aus Berlin eingewandert war. Der erste Professor 
der Augenheilkunde an der Universität Moskau, Gustav Braun (1860), war 
in Ost-Preußen geboren. Der Gründer der Moskauer Augen-Heilanstalt 
(1824) war Dr. Brosse aus Riga. 

Die ersten Professoren der Chirurgie und Augenheilkunde an der Uni- 
versität Dorpat waren Kauzmann aus Schwabach in Franken, Jociimann 
aus der deutschen Stadt Pernau in Livland, Balk aus Königsberg in 
Preußen, Moier i einer holländischen Familie entstammend) aus Reval; dann 
folgte der in Dorpat ausgebildete National-Russe Pirogoff: hierauf Adelmann 
aus Fulda, Garus aus Leipzig, Öttingen aus Dorpat. Der letztere wurde 
1867 der erste Professor der Augenheilkunde zu Dorpat. Ihm folgte 
E. Rählmann aus Westphalen, 1S79 — 1900. 

Zu Kiew wirkten als Professoren der Chirurgie und Augenheilkunde, 
von 1844 an, Dr. Becker, ein sächsischer Unterthan, Zilchert und Hübbenet, 
Deutsch-Russen aus den Ostsee-Provinzen. 

In Charkow hat der Italiener T. Vanzetti als Chirurgie-Professor der 
Augenheilkunde den Weg gebahnt; der erste Professor des Faches war der 
Deutsch-Russe Hirschmann. 

In Odessa hat der Deutsch-Russe H. Stieda 1875 die Augen- Heilan- 
stalt begründet; seine Nachfolger waren Dr. Wa(;nei!, ein Bürger des deut- 
schen Reiches, und Dr. Walter. 

Zu Anfang der sechziger Jahre hatte die russische Regierung eingesehen, 
daß sie, um russische Professoren zu gewinnen, junge befähigte Russen 
in's Ausland zur Ausbildung senden müsse. 



1) Die russische Regierung gebrauchte auch im 19. Jahrhundert noch fremde 
Ärzte und forderte in ärztlichen Zeitschriften (z. B. englischen) zum Eintritt in 
die Armee auf. 

Von italienischen Ärzten, die in Rußland Stellung errangen, kennen wir 
aus der Mitte des 1 9. Jahrhunderts bereits Florio, Generalarzt, und T. Vanzetti, 
Prof. der Chir. zu Charkow. (Vgl. § 719, S. 30 und § 722, S. 47.) 



Ursprung und Entwicklung der Augenheilkunde in Rußland. 175 

Zu den merkwürdigsten Erinnerungen aus meiner medizinischen 
Studien-Zeit der Jahre 1863 — 1805, wo icli als Famulus in dem patho- 
logischen Institut von Rudolf Virchow thätig war, gehurt die unermüdliche 
Thätigkeit des großen Nicolai Iwaxow itsch Pirogoff : im Beginn jedes 
Sommer-Semesters erschien er bei uns und brachte aus seinem ausgedehn- 
ten, aber mit den Einrichtungen zum Studium der Heilkunde noch nicht 
genügend versehenen Vaterlande eine Reihe von jungen, lernbegierigen 
Landsleuten in das Institut, deren Eifer unsre Bewunderung erregte. 

Alle bedeutenden Lehrer und Forscher Rußlands auf dem Gebiete der 
Augenheilkunde aus dem letzten Drittel des I *.». Jahrhunderts sind im Aus- 
land ausgebildet worden, Woinow, Krickow, Adamück, Iwanokf, Chodin, 

DOBROWOLSKY, BkLLARMINOFF. 

Sie haben ihre Arbeiten zunächst und hauptsächlich in deutscher 
Sprache verüfTentlicht. 

Erst im letzten Drittel des 11). Jahrhunderts beginnt eine rus- 
sische Literatur der Augenheilkunde. 

Im Jahre 18C8 erscheint die erste Lieferung von Braun's Handbuch 
der Augenkrankheiten: sie ist kurz, klar, zeitgemäß. 18 Bogen, mit 
20 Abbildungen, die Krankheiten der Lider, der Thränen-Werkzeuge, der 
Bindehaut umfassend. Von der Militär-Medizinal-Verwaltung wird 
das Buch herausgegeben; das ist kennzeichnend'. 

Im Jahre 1871 verülfentlichl A. N. Maklakoff einige Abhandlungen 
zur Augenheilkunde in russischen ärztlichen Zeitschriften. 

In den Jahren 1876 7 erschienen in russischer Spraclie die ophlhal- 
mologischen Beobachtungen von Ämilian Adamück, 1881 der Kursus der 
Augen-Operationen von Chodin, 1882 dessen praktische Ophthalmologie, 
1884 das Lehrbuch der Augenheilkunde von A. Adamück, zehn Jahre 
später das von Adrian Kuückow, welches sieben Auflagen erlebte. Auch 
E. Mandelstamm schrieb in russischer Sprache »Klinische Vorträge über 
Augenheilkunde«. 

Im .lahre 1884 wird die erste russische Zeitschrift der Augen- 
lieilkunde, »der augenärztliche Bote« (Westnik Ophthalmologij) von 
TaioDiN begründet. Dieselbe ist bis auf unsre Tage gekommen. 

Da die russische Sprache außerhalb Rußlands nicht verstanden wird, 
so hat das C. Bl. f. A. von 1 880 ab Jahresberichte der russischen augen- 
ärztlichen Literatur veröffentlicht. 

Zusatz. Ich möchte hier eine Liste derjenigen Russen, welche während 
der Reform-Zeit (und danach bis gegen den Schluß des Jahrhunderts) in aus- 
wärtigen Laboratorien gearbeitet, sowie ihrer Veröffentlichungen anschließen. 



i) Ebenso, daß der Vf. ein Deutscher. (Auch Chr. Salomon, der schon 184 
ein russisches Handbuch der operativen Heilkunde verfaßt, war ein 
Deutscher.) 



176 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— -l 875. 

(Dies empfiehlt sich um so mehr, als einige von diesen jungen Russen nachher 
in unsrer Literatur nicht weiter zum Vorschein gekommen sind.) 

Als Einleitung benutze ich ein schönes Wort von Th. Leber, aus der Fest- 
sitzung zu Heidelberg, vom 6. September 1896^): 

»Die Einrichtung von Arbeits-Laboratorien, in welchen sich junge Gelehrte 
jeder Nationalität zur Förderung der Wissenschaft zusammenfinden, ist so recht 
eine Errungenschaft unsrer Zeit, für welche in Deutschland, Dank der Einsicht 
der maßgebenden Kreise, unstreitig das Meiste geschehen ist. Doch sind grade 
für unsre Wissenschaft schon längst auch im Auslande, insbesondere in Hol- 
land 2] und später in Frankreich 3) Institute entstanden, deren hervorragende 
Leistungen, vermöge der besondren Richtung, welche sie vertreten, die unsrigen 
in glücklichster Weise ergänzen und geradezu unentbehrlich zu nennen sind.« 

Liste. 
Zu den ältesten russischen Arbeitern in Deutschland gehört: 

1. Alexander Babuchin*). Geb. 1835 im Gouv. Orel, studirte B. in Mos- 
kau bis 1809 und wurde 1865 daselbst Prof. der Histologie. Im Jahre 18C3 
hat er in der Würzburger naturwissenschaftlichen Zeitschrift (IV, S. 71 fgd.) 

Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Netzhaut 
veröffentlicht; ebendas. (V, 4l) 186 4 vergleichend histologische Studien; und 
1871 in Stricker's Gewebelehre das 36. Kapitel, die Linse, verfaßt. 

1\ In Heidelberg bei Helmholtz, Kirchhoff und Bunsen und in Leipzig bei 
Ludwig und Hupi'Ert hat Jan von Dogiel gearbeitet, später Prof. in Kasan, 
Vf. wichtiger Arbeiten zur Anatomie und Physiologie des Seh-Organs. (Vgl. 
§ 924.) 

Im Archiv für Ophthalmologie I bis XX [und XXI bis L] finde 
ich die folgenden: 

2. u. 3. Adamück und Woinow 1. Über Akkommodation der Presbyopen. 

XVI, 1. (Aus dem Heidelberger physiologischen Laboratorium von Prof. 
H. Helmholtz.) 2. Über negative Nachbilder. XVII, 1. 

3. Über Pupillen-Veränderungen bei der Akkommodation. XVII, 1. (2 und 3 
in Berlin, bei H. Helmholtz gearbeitet.) 

4. A. Dobrowolsky, Beitr. z. physiologischen Optik. XVIII, 1. (Laborat. v. 
Helmholtz zu Berlin.) 

5. J.Junge, Ophth. mikrosk. Notizen. V, 2. (Bei A. v. Graefe.) 

6. A. Iwanoff, Beitr. zur normalen und path. Anatomie des Auges. XV, 1. 
(H. Müller in Würzburg.) 

7. A. Krückow und Th. Leber (Göttingen), Über die Resorptions-Verhält- 
nisse der Netzhaut. XX, 2. 

A. Krückow, Angeborenes Hornhaut-Staphylom. XXI, 2. (Unter Prof. 
0. Becker in Heidelberg.) 

8. S. Lamansky, Grenzen der Empfindlichkeit des Auges für Spektral-Farben. 

XVII, 1. (Prof. Helmholtz in Heidelberg.) 

9. E. Mandelstamm, Zur Ophthalmometrie. XI, 2. Zur Physiologie der 
Farben. XIII, 2. (Physiol. Laborat. von Prof. Helmholtz in Heidelberg.) 



I 



1) Bericht der XXV. Sitzung der ophthalmologischen Gesellschaft, S. 30. 

2) Vgl. Skrebitzky, No. 16. 

3) Das Laboratorium in der Sorbonne wurde erst 1877 begründet. (1909 wie- 
der aufgehoben.) Vgl. § 549, S. 13. 

4) Biogr. Lex. VI, S. 4 34. 



Ursprung und Entwicklung der Augenheilkunde in Rußland. 177 

10. L. Mandelstamm (und Schöler), Bestimmung der optischen Konstanten 
des Auges. XVIII, 1. (Physikalisches Laboratorium von Prof. Helmholtz 
in Berlin.) 

L. Mandelstamm, Zur Lage der korrespondirenden Netzhaut-Punkte. 
XVIII, 2. (Ebendas.) 

11. Mitrophon Memorsky, russ. Regimentsarzt, Über den Einfluß des in- 
traokularen Drucks auf die Blutbewegung im Auge; experiment. Beiträge 
zur Diffusion des Auges. XI, 2i). 

12. M. Reich, üphthalmometrische Messungen. XX, ). (Laboratorium von 
Prof. Helmholtz in Berlin.) 

Zur Thränen-Absonderung. XIX, .3. Labor, von Prof. Brücke in Wien.) 
Histologie der Hecht-Netzhaut. XIX, 3. lEbendas.) 

13. B. Rosow, Zur Ophthalmometrie. XI, 2. (Physiologisches Laboratorium von 
Prof. Helmholtz zu Heidelberg.). 

14. C. Schalygen, Über Hornhaut-Epithel. XII, 1. (Würzburg, anatomisches 
Institut von Prof. Kölliker, pathologisches Institut von Prof. v. Reck- 
1 inghausen.; 

15. J. Setschenoff, Über Fluorescenz der Augen-Medien. V, 2. (Physiologi- 
sches Laboratorium von Prof. Helmholtz zu Heidelberg.) 

16. A. Skiebitzky, Über Augenbewegungen. XV^III, I. (Prof. Donders in Ut- 
recht.) — Woinows weitere Arbeiten brauche ich nicht anzuführen. 

17. A. Chodin,Das Weber-Fechner'sche Gesetz. XXIII, l . (Prof. Preyerin Jena.) 

18. G. Denisse nko, Netzhaut der Quappe. XXVIIl, i. (Wien 1881.) 

19. M. Gur witsch-;, Anastomosen zwischen Gesichts- und Orbital-Venen. XXIV, 
2. ^L'nter Prof. Leßhaft.i 

20. L. Bellarminoff, Intermittirende Netzhaut-Reizung. XXXV, 1. (Prof. 
Helmholtz, Berlin.) 

21. Koslenitsch, Path. anatom. Untersuch, über Zündhütchen-Verletzung des 
Auges. XXXVII, 4. (Laborat. d. Univ.-Augenklinik zu Heidelberg.) 

22. E. Neese, Verhalten des Epithels bei der Verheilung von Hornhaut- Wunden. 
XXXIIl, 1. Prof. 0. Becker in Heidelberg.) 

23. N. Andogsky, Das Verhalten des Sehpurpurs bei Netzhaut -Ablösung. 
XLIV. (Labor, des Prof. Tb. Leber in Heidelberg.) 

24. E. Niesamoff, Filtration und Sekretion des Kammerwassers. XLII, 4. 
(Labor, des Prof. Th. Leber in Heidelberg.) 

Dies mag genügen, um eine Übersicht zu gewähren. 

§ 879. Oll eilen. Die Berichte von Dr. von Poppen, Dr. E. Blessk;, 
Dr. VON Krüdener, Dr. M. Reich. — Dr. v. K.^b.vt's Bericht aus 
dem Jahre 1857. 
Für eine Geschichte der Augenheilkunde im Rußland des 19. Jahr- 
hunderts fehlt es gänzlich an Vorarbeiten. 

A. Hirsch (S. 402) hringt ganze acht Zeilen, über W. Lerche und die 
Titel ^bei Leibe nichts über den Inhalt,) seiner Abhandlungen. 

P. Pansier S. 53) hat A, Hirsch's Mittheilungen auf drei Zeilen zu- 
sammengepreßt. Horstmann erfreut uns (S. 521) mit vier Zeilen für die 

1) Wo die Versuche angestellt wurden, ist nicht angegeben. Ich besinne 
mich noch auf den Hrn. Memorsky aus dem Jahre 1864, wo ich als Student 
Graefe's Klinik besuchte. M. ließ sich schwer überzeugen und hat oft die Geduld 
von A. v. Graefe auf die Probe gestellt. 

2) Später Augenarzt zu Rostow am Don. 

Handbucli der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXIII. Kap. 12 



178 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

erste Hälfte des \ 9. Jahrhunderts und für die zweite mit drei viertel Seiten 
(S. 550). H. Frenkel erwähnt, in ^4 Zeilen, einige Namen russischer Pro- 
fessoren. 

Es giebt auch keine Literatur-Nachweise, aus denen ich die Entwick- 
lung der Augenheilkunde, und namentlich die Einführung des augenärzt- 
lichen Unterrichts an den Universitäten, hätte entnehmen können. Dies 
mußte neu geschaffen werden. 

Ich wandte mich also rechtzeitig an meinen alten Freund Prof. Bel- 
larminoff in St. Petersburg. Im Verlaufe einiger Jahre gelang es mir, von 
seinem Assistenten Dr. von Poppen zuverlässige Angaben über die Univer- 
sitäten und die Augenkliniken zu erhalten, dazu noch die Berichte von 
Dr. E. Blessig, Baron Dr. von Krüdener, Prof. Bellarminoff, Dr. M. Reicb; 
sie haben mir meine Arbeit ermöglicht, die, wie ich hoffe, den Fachge- 
nossen eine neue und durch das mir überlassene Material auch anziehende 
Übersicht gewähren wird. Allen diesen Herren bin ich zu besondrem 
Danke verpflichtet. 

In manchen Paragraphen bin ich sogar nur der Herausgeber, was 
ich immer besonders und dankbar angemerkt habe. 

Reiseberichte, wie für Deutschland, Frankreich, England, Italien, 
giebt es nicht für Rußland, wohl aber einen Bericht des russischen 
Militär-Arztes Dr. J. von Karat über den Zustand der Augen- 
heilkunde Rußlands aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, den 
ich, da er einzig dasteht, hier wörtlich übersetzen werde*). 

»Rußland besitzt sechs Universitäten, jede mit einer medizinischen 
Fakultät, in Moskau, Kasan, Charkow, Kiew, Dorpat und Helsingfors; 
außerdem in St. Petersburg eine Akademie der Medizin. An jeder Univer- 
sität giebt es einen theoretischen Kurs der Augenheilkunde. Außerdem 
giebt es Sonder-Kliniken für den praktischen Unterricht^). Die 
Akademie zu St. Petersburg hat eine Augen-Abtheilung des Militär-Hospitals 
zu ihrer Verfügung, mit jährlich 5000 Kranken und 200 Operationen. 

Berühmt durch ihre Leistungen auf dem Gebiet der Augenheilkunde 
sind die Professoren Grubi, Salomon, Savenkoff, Pirogoff, Rklitzky(?) 
Zabtotski zu St. Petersburg, Hildebrandt, Inozemzoff, Bp.osse zu Moskau, 
Vanzetti in Charkow, Kobrowajeff (?) zu Kiew. jjjt 

Außer diesen Professoren besitzt Rußland noch die folgenden ausge- " 
zeichneten Augenärzte: Thielmann, Froebelius, Denicke und Lerche zu 
St. Petersburg, Süchtchinski zu Moskau u. a. 



1) De l'etat de rophthalmologie en Russie. Congres d'üphthalm. de ßruxelles 
1837; C. R. 1858, S. 520. 

2) Dieser diplomatische Satz muß richtig verstanden werden. Nicht an allen 
sechs Universitäten gab es damals solche Kliniken. 



Kabat's Bericht vom Jahre 1837. — Die Universitäten Rußlands. 179 

2. Es giebt Sonder-Anst;ilten für die Behandlung von Augenkranken 
in den großen Städten, z. B. St. Petersburg und Moskau. 

3, Wegen der Ausdehnung des russischen Reiches und der Verschieden- 
heit des Klimas in den verschiedenen Provinzen ist es schwer die vor- 
herrschonden Kranklieiten festzustellen^. Doch könnte man sagen, daß 
die Einwohner des südlichen Rußlands mehr den akuten Augen-Entzün- 
dungen und der Star-Bildung unterliegen. Die der nördlichen leiden melir 
an rheumatischen Entzündungen. 

Unter den Dorfbewohnern des Nordens trifft man die Haarkrankheit 
sehr häufig. Die skrofulöse Augen-Entzündung, besonders der Kinder, im 
nördlichen Rußland, l)ietet große Schwierigkeiten einer glücklichen Heilung.« 

Auf dem zweiten Ophthalmologischen Kongreß, zu Paris 18622 , sprach 
Dr. .1. VON Kabat über die mihtärische Ophthalmie, die er in St. Peters- 
burg wie an den Ufern des schwarzen Meeres, in der Krim, in Warschau, 
Kiew und Kateiinoslaw, in Moskau und Kasan beobachtet hatte, und von 
der er selber drei Mal, zwei Mal durch direkte Ansteckung, heimgesucht 
worden. 

§ 880. Die Universitäten Rußlands :'. 

Die erste russische Universität wurde 1724 von Peter dem Großen-* 
an der Akademie der Wissenschaften zu Petersburg begründet. Sie be- 
stand bis !7G:{. 

Im Jahre 1753 wurde die Universität zu Moskau gestiftet. Dann 
folgten im 19. .labrhundert : Dorpat IS02, Kasan und Charkow 1804, 
St. Petersburg 1819, Kiew 1833, Odessa 1865, Warschau 1869, Tomsk 
1888 und Saratow 1909. 

Helsingfors ist 1640 von den Schweden gegründet worden'^). 

§881. Die Gründung der Augen-Heilanstalt zu St. Petersburg. 
Das wichtigste Ereigniß zur Förderung der Augenheilkunde in ganz 
Ilußland während des 19. .Jahrhunderts war die Gründung einer 
Augen-Heilanstalt in St. Petersburg^). 

1) Ich möchte als vorherrschend das Trachom und als eigenartig die 
skorbutischen Augenleiden bezeichnen. Vgl. § 930 und § 889, 890. 

■2] CR. S. 2-26—229. Paris 1863. 3) Minerva I, S. 367fgd., 1911. 

4) Wie sehr Peter d. G. für Heilkunde, namentlich für Anatomie und Chi- 
rurgie, sich interessirte, ist in der (deutschen med. Zeitung Rußlands, 1844, 
No. 1, geschildert worden. 

Er trug stets ein chirurgisches Besteck bei sich, legte auch selbst Hand an. 
1723 machte er einen Bauch-Stich.) 

1717 ließ er zu Paris, in seinem Hotel, einen blinden Soldaten durch Wool- 
housE am Star operiren. 

5; Ihre Schicksale und Leistungen haben wir bereits kennen gelernt. (§ 833, 
§ 873.; 

6; Vgl. Mitth. aus der St. Petersburger Augen-Heilanstalt, Heft II, 1888: 

12* 



180 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, -1800— -1875. 

Die ersten Versuche, eine Sonder-Anstalt für Augenkranke zu St. Peters- 
burg zu gründen, gehen bis auf das Jahr 1806 zurück, und betrafen, wie 
ich finde, eigenthch das erste Sonder-Krankenhaus für Augen- 
leidende: das zu London (Moorfields) wurde allerdings schon 1805 be- 
gründet, aber für Augen- und Ohrenleidende, und erst 1807 auf 
Augenleidende beschränkt ') ; das zu Gottingen von K. M. Langenbeck in's 
Leben gerufene klinische Institut war für Chirurgie und Augenheilkunde 
bestimmt 2); ebenso das zu Berlin von C. F. Graefe 1817 begründete 3] ; 
die Augenklinik zu Wien wurde 1812 eingerichtet und Joseph Beer an- 
vertraut^). Die ersten Augen-Heilanstalten in der V. St. von Amerika sind 
1817 und 1820 eröffnet worden ^j. 

Also im Jahre 1806 hat die »medico-philanthropische Gesell- 
schaft« zu St. Petersburg ein Augenkranken-Institut eröffnet, mit 17 Betten 
und einem Ambulatorium. Aber, obwohl der treffliche Wilhelm Lerche, 
sowie er 1816 zu St. Petersburg sich niedergelassen, die Leitung über- 
nommen und seine ganze Kraft dafür eingesetzt, ist die Anstalt doch schon 
im Jahre 1823 aus Mangel an Mitteln wieder eingegangen ß). 

Da entschloß sich Dr. Lerche, den Kaiser Alexander I. durch den 
Fürsten A. N. Golitzin auf das dringende Bedürfniß einer solchen Anstalt 
aufmerksam zu machen. Der Kaiser spendete einen jährlichen Zuschuß 
von 3000 Rubeln^); andre Mitglieder der kaiserlichen Familie noch 4800 Ru- 
bel; Adel und Bürger folgten mit einmaligen und jährlichen Beiträgen. 

Nachdem der Bestand der Anstalt gesichert war, bildete sich ein Aus- 
schuß unter dem Leibarzt Dr. Stoffregen. In einer Miethswohnung wurde 
die Anstalt am 1. Mai 1824 erülVnet, mit 10 Betten und einem Ambula- 
torium, unter Leitung von Dr. Lerche. 

Bereits im Jahre 1827 konnte, dank der Überweisung von 40 000 Ru- 
beln durch den Kaiser Nicolas I., und der Sammlung von 60 000 Rubeln 
im Schöße des Ausschusses, ein eigenes Haus erworben , ausgebaut und 
mit 40 Betten eingerichtet werden. 

Bereits nach lOj. Bestehen war die Jahreszahl der A. K. auf 5700 
gestiegen, die der B. Kr. auf 314. Obwohl die Zahl der Betten um 6 er- 
höht wurde, entsprach das Haus nicht mehr den Ansprüchen. 



I) Zur Gesch. der St. Petersburger Augen-Heilanstalt und Organisation der An- 
stalt, von Direktor Dr. Graf Magawly. 

(Einer sehr ausführlichen schriftlichen Mittheilung von Dr. E. Blessig, dem 
jetzigen Direktor, konnte ich einen Zusatz entnehmen. Herrn Kollegen E. Blessig 
bin ich auch für die schönen Bilder der St. Petersburger Augenärzte sehr verbunden.) 

■1) § 633. 2) § 484. 3) § 486. 4) § 468. ö) § 745. 

6) Den letzten Bericht Lerche's, über die Zeit vom 1. Januar bis zum 1. Juli 
i823, der das Eingehen der alten Anstalt meldet und das Entstehen einer neuen 
für den I.Mai 1824 verheißt, finde ich in den »Vermischten Abb. . . . der Ärzte 
zu St. Petersburg«, III. 

7) Ein Rubel banco galt damals 25 Kopeken Silber, also 78 Pf. 



Die Augen-Heilanstalt in St. Petersburg. 181 

Nachdem der Kaiser Nicolas I. wieder 40 000 Rubel gespendet und 
der Reichsbank befohlen, die Sumni«^ von 250 000 Rubeln der Anstalt leih- 
weise vorzustrecken, konnte der Neubau in der Mochowaja 1837 begonnen, 
und im Oktober 1840 die neue Anstalt mit 60 Betten eröffnet werden. 

Das alte Haus wurde in einer Lotterie für die Summe von 200 000 
Rubeln verspielt, und damit sowie mit andren Beiträgen die Schuld bis auf 
15 000 Rubel gedeckt; und dieser Rest 1846 vom Kaiser erlassen. 

Im Jahre 1847 erlitt die Anstalt einen herben Verlust durch den Tod 
ihres ersten Leiters Dr. W. Lerche *). 

Zum Nachfolger wurde Dr. Salomon, Prof. der medico-chirurg. Akade- 
mie, gewählt; schon 1850 folgt ihm Dr. Lerche jun., der Sohn des Gründers. 

In den ersten 25 .Tahren waren 153695 Kranke behandelt, darunter 
9Ö2I unentgeltlich verpflegt worden. Die Anstalt erhielt 1857 seitens des 
Vormundschaftsraths- eine jährliche Unterstützung von 6000 Silber-Rubeln, 
die 1851 auf 9000 Rubel erhöht wurde. 

Nach dem Tode von Lkrche jun. wurde 1863 Dr. Robert Blessig, ein 
Schüler A. v. Graeke's, zum Leiter ernannt. Unter Blessig entwickelte sich 
die Anstalt zu hoher IMüthe. Nach 10 .lahren (1873) war die Zahl der A. Kr. 
auf 12400 von 0600) und die der B. Kr. auf 673 von 491), die Zahl der 
Star-Operationen auf 103 von 40) angestiegen. 

1868 war ein NeuJjau mit 5 Betten für zahlende Kranke hinzuge- 
kommen. 

In den ersten 50 Jahren waren 349 418 Kranke behandelt worden, 
davon 20 745 B. Kr. An Star-Operationen waren 2312, Iridektomien 2153 
angeführt; und von 1858, wo Blessig in die Anstalt eintrat, bis 1874 an 
1001 Star-Operationen und 2038 Iridektomien. 

Im Jahre 1878 erlitt die Anstalt einen schweren Verlust durch das 
Hinsclieiden von Robert Blessig. Sein Nachfolger wurde Graf Magawlv. 

In den letzten zehn Jahren ;I879 — 1888 lietrug die Zahl der 
Kranken 154 000, davon II 4 21 B. Kr.; die der Star-Operationen 1909, 
der Iridektomien 2936. 

1879 wurde die Anstalt, auf Befehl des Kaisers Alexander II, in eine 
staatliche umgewandelt; Verbesserungen wurden 1887 vorgenommen, die 
Zahl der Betten auf 91 erhöht 3). 



1) Den Ordinator Dr. W. Fuss hatte die Anstalt ^838 verloren: Fuss war im 
Jahre KS31 von den in Folge der Cholera auf dem Heumarkt meuternden Bauern 
am Kopf schwer verletzt worden, erblindete 1838 und starb schließlich im Irrsinn. 

2) So heißt »die Verwaltungsbehörde der von den allerhöchsten Herrschaften 
unterhaltenen Wohlthätigkeits-Anstalten«. 

3) Es ist also eine der größten Augen-Heilanstalten. Moorfields in 
London hatte 1899 an 138 Betten. (§ 633, S. 98.) Die Augenklinik zu München, 
1909 mit MO Betten eröffnet, hatte 170, im September 1915. Die zu Tübingen 
(1909) 110 Betten. Die Bettenzahl in H. Knapp's Mem. Eye Hosp. ist nicht ange- 
geben. (§ 760, S. 131.) 



182 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

Die Einnahmen für 1887 betrugen 25 718 Rubel i), darunter 11 401 
von der Verwaltung der öffentlichen Wohlthätigkeits-Anstalten ; die Aus- 
gaben 25 557 Rubel, davon 3400 Rubel für ärztliche Gehälter 2), 5000 für 
Beköstigung der Kranken, 1252 für Unterhaltung der Hauskirche. 

Zusatz. 

Wenn auch gegenwärtig die Anstalt nicht mehr ausschließlich für 
Unbemittelte bestimmt ist, so hat sie doch ihren Grund-Charakter als 
Wohlthätigkeits-Einrichtung bewahrt. 

Die steigende Besuchs-Ziffer erhellt aus den Anstalts-Berichten, die seit 
den achtziger Jahren in zwangloser Folge erscheinen. 

Gegenwärtig werden jährlich gegen 30 000 A. Kr. und 1 500 B. Kr. gezählt. 

Seit Gründung der Anstalt sind rund 1 000 000 A. Kr. und 70 000 
B. Kr. behandelt worden. 

Der Ärzte-Stab besteht aus einem Chef-Arzt (Direktor), drei Primär- 
und drei Sekundär-Ärzten. Dazu kommen noch drei außeretatmäßige Ärzte, 
außerdem (in wechselnder Zahl) zeitweilig mitarbeitende Volontär-Ärzte. 

Seit 1 885 werden von den Anstalts-Ärzten fast regelmäßig in jedem 
Jahr, bezw. Semester, ophthalmologische Fortbildungs-Kurse für 
praktische Ärzte abgehalten. Jahres-Budget der Anstalt für die letzten 
Jahre durchschnittlich ca. 50 000 Rubel; davon etwa die eine Hälfte durch 
eigene Einnahmen, die andere durch staatlichen Zuschuß gedeckt. 

Direktoren (zugleich Chefärzte) der St. Petersburger 
Augen-Heilanstalt waren : 
1824 — 1847 Leib-Okulist Dr. Wilhelm Lerche sen. (f 1847). 
1847 — 1850 Dr. Salomon, Professor an der medico-chirurgischen 

Akademie. 

1850—1863 Dr. Wilhelm Lerche jun. (f 1863). 

1863 — 1878 Dr. Robert Blessig (f 18781 

1878—1900 Leib-Okulist Dr. .John Graf Magawly (f 1904). 

1900—1903 Dr. Theodor v. Schroeder (f 1903). 

1903 — 1905 Prof. Dr. Jesofej W. KosT/miTSCH, zugleich Professor am 

klinischen Institut der Großfürstin Helene Pawlowna 

(i 19051 

Seit 1906 Dr. Ernst Blessig. 

Als Primär-Ärzte wirkten u. v. A. längere Zeit an der Anstalt: Tu. Doenicke 

(von 1840—1860), W. Froebelius (1842 — 1846, später Oberarzt des St. 

Petersburger Findelhauses, f 1886), F. Weyst (1862— 1903 f). Fr. Sartisson 

1) Aber der Rubel galt 1886 vielleicht 3 Mal so viel als 1824. (1914 = 216 
Pfennige.) 

2) Es ist etwas, aber ein bischen wenig für — Direktor, drei ältere und 
drei jüngere Ordinatoren. 



Die Leiter der Anstalt. W. Lerche seil. 



183 



(1868— lS77t , H. DoiiNBERG 1875—1890, danach Professor am klinischen 
Institut der Großi'ürslin Helene Pawlowna. starb IDüOi. 

Die Leiter der St. Petersburger Aug en-IIeilanstalt. 
§ 882. I. Theodor Heinrich Wilhelm Lerche sen. ^*, 
geboren am :?ö. Februar 1791 zu Frankenstein am Harz (Braunschweig), 
gestorben am 9. Oktober 1817 zu St. Petersburg. 

Fiff. 1 . 




Geheimrat Dr. W. von Lerche. 

Schon als Jüngling (18081 kam Wilhelm Lerche nach St. Petersburg. 
Er studirte Medizin von 1809 — 181^ an der Universität zu Dorpat und 
erlangte daselbst im Jahre 1812 die Doktor-Würde. 



1) L Biogr. Lex. III, 617. iL. Stieda.; II. Mitth. der Petersburger Augen- 
Heilanstalt, II, 18S8, S, VI. III. Schriftliche Mittheilung von E. Blessig. 



184 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

Sofort i181i) trat er als Regiments- Arzt in die russisch-deutsche Legion 
ein und zog in den Krieg. Nach dem Friedens-Schluß bereiste er Deutsch- 
land und die Niederlande ; besuchte auch Paris und Wien, um sich in der 
Heilkunde weiter fortzubilden. 

In Wien schloß er sich besonders dem Prof. Joseph Beer an: da er 
selbst in der Kindheit auf dem einen Auge erbUndet war'), hatte er der 
Augenheilkunde stets besondere Beachtung geschenkt. 

Im Jahre 1816 ließ er sich zu St. Petersburg nieder, beschäftigte sich 
vornehmlich mit Augenheilkunde und wurde leitender Arzt einer Augen- 
Heilanstalt, welche schon 1806 von einem »medico-philanthropischen 
Komität« begründet worden, aber 1823, aus Mangel an Mitteln, seine 
Thätigkeit einzustellen genöthigt war. 

Sofort begründete Lerche im Jahre 1821 eine neue, die gegenwärtige 
St. Petersburger Augen-Heilanstalt, die seiner unermüdlichen Thatkraft ihre 
rasche Entwicklung verdankte. Von 1824 — 1847, d. h. bis zu seinem 
Tode, hat er, zum Segen der augenleidenden Bevölkerung von St. Peters- 
burg und von Rußland überhaupt, dieses Krankenhaus geleilet. 

Wilhelm Lerche wurde kaiserlicher »Leib-Okulist« und Geheimrath. 
Er hatte auch Verdienste um die Gründung der Petersburger Gesellschaft 
praktischer Ärzte und gehörte von 1821 — 1835 zu den Schriftleitern der 
»Vermischten Abhandlungen aus dem Gebiete der Heilkunde, herausgegeben 
von einer Gesellschaft praktischer Ärzte in St. Petersburg«, welche in 
deutscher Sprache erschienen. 

Wilhelm Lerche hat deutsch geschrieben. 

1. (Vermischte Abb. . . ., St. Petersburg.) Bericht über die private 
Augen-Heilanst. in St. P., für 1841—1846, von Dr. W. Lerche. 32 000 Kr., 
2924 Op. 12 Pupillen-Bildungen, 204 Star-Op. an 105 Kranken). — 20 Aus- 
ziehungen durch unteren Lappen-Schnitt, 20 Niederlegungen, 142 Zerstück- 
lungen, an 91 Augen; Versuch mit Galvanismus 12 Mal, an 9 Augen. 
Die Ligatur a palpebralis (3) wurde 196 Mal erfolgreich angewendet 
bei schwammiger Wucherung der Bindehaut, chronischer Hornhaut-Entzün- 
dung, langdauerndem Lidkrampf, beträchtlicher Erschlaffung der Lidhaut. 

2. (St. Petersburger Zeitung 1847, No. 133.1 Dreiundzwanzigster Jahres- 
bericht über die Privat-Heilanstalt für Augenkranke zu St. Petersburg, 
1846—1847. 6708 A. Kr., 535 B. Kr., 681 Operationen, 54 wegen Star, 
1 42 gegen Einstülpung und Haarkrankheit, 77 Ligat. plp. 

3. Die Ligatura palpebralis hat Lerche (Vermischte Abb. ... IV 



1) Wie William Hey (§ 694) und Pridgin Teale d. V. (Ebendas.) 



W. Lerche 's Schriften. Der Galvanismus bei Augenleiden. 185 

und \I empfohlen gegen chronische Entzündung des Augapfels mit Er- 
schlalfung des Oberlids, Hornhautgeschwür und beginnenden Pannus ^i 

Eine Hautfalte des Oberlids wird durchstochen, und der doppelle 
Baumwollenfaden an die Stirn geklebt, so daß der Augapfel nicht mehr 
vom Lid berührt wird. 

4. Med. Zeitung h. v. Verein für Heilk. in Preußen 1841, No. i4 und 
No. 37, S. 109 und 171. i Über die Heilwirkung des Galvanismus in 
einigen organischen Augenleiden 2). 

Durch das Schreiben des Dr. Crisell aus Finnland an die Kaiserliche 
Akademie der Wissenschaften aufmerksam gemacht, beabsichtigte L. die 
an (lebenden Thier-Augen gemachten galvanischen Versuche zu wiederholen. 
Da kam C. nach St. Petersburg. 

E. beschloß, mit seiner Beihilfe die Versuche anzustellen. Der Appa- 
rat war eine einfache Kette, aus einer Zink- und einer Kupfer-Platte, die 
in verdünnte Schwefelsäure eintauchten. 

Der von der Kupfer-Platte ausgehende-Draht (»Kupl'er-Pol«) wurde mit dem 
centralen Leukora eines 68 j. verbunden, der Zink-Pol mit der Zunge, für 2 
Minuten. Nach ,3 Tagen wurde der Versuch wiederholt. Vortheilhafte Ver- 
änderungen des Leukoma, vermehrte Licht-KmpHndung des Auges, 

Im Aiigen-lnncrn wollte L. nicht gleich operiren, ohne vorhergehende Thicr- 
Versuche. Einem Ferkel wird die am Zink-Pol befestigte Star-Nadel durch die 
Hornhaut in die Krystall-Linse des r. Auges eingestochen, der Kupfer-Pol in 
das äußere Ohr. Nach 4 Minuten begann die Pupille sich zu trüben. Ebenso 
am 1. Auge. Nach etlichen Tagen war das Schweinchen durch Linsen-Star 
erblindet. 

Bei entgegengesetzter Einwirkung der Pole mußte diese Trübung wieder 
aufgehoben werden. Nach \ Tagen wurde diese Operation vorgenommen. 
Nach 3 Minuten langer Einwirkung schien unter Entwicklung von Gas-Bläschen 
der Auflösungs-Prozeß vor sich zu gehen. iS'ach 4 Tagen hatten die Pupillen 
größtentheils ihre Beinheit wieder erlangt: das Gesicht des Thieres schien 
wiederhergestellt. 

Einem 40 j. war der 1. Star schon vor längerer Zeit erfolgreich operirt 
worden: auf dem r. war die niedergedrückte Linse wieder aufgestiegen, die 
darnach versuchte Zerstücklung nicht gelungen. 

Die am Kupl'er-Pol befestigte Star-Nadel wurde in die Mitte des Stares 
eingestochen, der Zink-Pol auf die Zunge gelegt; binnen einer Minute blähte 
sich der Star und zerbarst in 3 Theile. Es erschien ein schwarzer, dreieckiger 
Spalt, das Auge erkannte die Finger. 

Der Versuch, der erste am lebenden Menschen-Auge, wurde unter- 
brochen. Vielleicht kann man in solchen Fällen, wo der Star bisher für nicht 
operirbar galt, hiei-durch doch noch Hilfe schaffen. — Die Aufsaugung ei'folgte 
langsam, aber ziemlich vollständig. 

1) Ungefähr in derjenigen Absicht, in welcher man heute die Lidfuge erwei- 
tert. Vgl. übrigens § 720, S. 40. 

2 Vgl. § 505, S. 209. (Ph. V. Walthers Versuche an den Augen eben guillo- 
tinirter Menschen, vom Jahre 1803.) 



186 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

Bei dern Kapsel- und Linsen-Star eines 40j. mit hinterer Verwachsung 
war die Discission ohne Erfolg geblieben. Ein Becher-Apparat wurde verwen- 
det, 2 Minuten lang; der Kranke klagte über Schmerz, wähi*end der Star sich 
blähte. Es erfolgte entzündliche Reaktion. Wiederholung mit schwachem Ap- 
parat. Schheßlich Durchschneidung von Kapsel-Resten mit der Nadel, und 
befriedigende Sehkraft. Ein dritter Fall verlief ähnhch. Bei einem vierten hat 
das Verfahren wenig genützt. 

[Das Verfahren blieb unfruchtbar. Dr. MansieldI) erklärte 1841 auf i 
der deutschen Naturforscher-Versammlung zu Braimschweig, man könne damit 
Stare erzeugen, aber nicht auflösen: ein Urtheil, des Th. Ruete^) zu dem 
seinigen gemacht.] 

5. Zahlreiche kasuistische Mittheilungen von Dr. W. Lerche sen. linden sich 
in V. Ammons Zeitschr. f. Ophth. Die meisten aus den Abh. von deutschen in 
Rußland lebenden Ärzten I, Hamburg 1825, wörtlich abgedruckt. 

a) Dreifache Pupille im I.Auge eines I7j. I, 258, 1830. 

b) Extraktion einer Cataracta unter sehr complicirten Erscheinungen. 
V, S. 329. 

Dicker Pannus, Haarkrankheit. Operation gegen Einstülpung, Klärung des 
i'annus; «loch blieb reiches Gefäßnetz. Während des llornhautschnitts nach 
unten quoll Blut hervor; Kapsclspaltung im Dunklen''). Guter Erfolg. 

c) Cataracta lactea punctata. V, 3 33. 

d) Symblepharon. V, 335. 

e) Cilien im Auge. V, 337. 

Nach Verletzung. Die Ausziehung gelang nicht. 
fj Besondere Atrophie des Auges. V, 330. 
g) Schwierige Kapsel-Extraktion. V, 340. 

§ 883. II. Über Dr. Lerche jr. konnte ich nichts ermitteln. 

III. Christian Salomon^) 

zu St. Petersburg, war Dr. med., Stabsarzt, Hofrath, Adjunkt-Prof., später 

ord. Prof. der chir.-raed.-ophth. Klinik an der med.-chir. Akademie, Koliegien- 

Rath, Mitglied des Medizinal-Rathes und Akademiker. 

1825 1) erklärt er, daß eine besondere Liebe für die Augenheilkunde 
gewonnen habe. Er hat eine Studien-Reise nach London gemacht (1). 
In russischer Sprache verfaßte er ein Handbuch der operativen Heilkunde, 
1840; seine Arbeiten zur Augenheilkunde hat er deutsch geschrieben. 



1) Schmidt's Jahrb. XXXIII, S. 143. Vgl. Magnus, Gesch. d. grauen Staares, 
187G, S. 129—133. Ferner die Versuche von Kabat, § 892. 

2) Lehrbuch, 1845, S. 234. 

3) Von ähnlichen Erfahrungen aus andren Trachom-Ländern, z. B. Ägypten, 
habe ich gelegentlich vernommen und Verwandtes gelesen. (Vgl. auch unsren 
§ 983, Dr. RiGLER in Konstantinopel.) — Arlt, Kr. d. Auges, I, 179, 1851. 

4) Biogr. Lex. V, S. 156. (Das Jahr seiner Geburt und das seines Todes wird 
nicht erwähnt.) Wir haben Chr. S. schon (§ 527) mit einer Arbeit über Melanose 
des Augapfels kennen gelernt. 

Er ist wohl zu unterscheiden von dem gleichzeitig wirkenden und schreiben- 
den S.Jakob Salomon (1801 — 1862) zu Schleswig. In den Registern damaliger 
Journale werden beide zusammengeworfen. 



i 



Christian Salomoii. Zur Anatomie des Auges. 187 

1. Briträue zur Anatomie des Auges, von Dr. Salosk», Adjunkl-I'rof. 
a. fl. k. med.-chir. Akad, zu St. Petersburg. (Journal der Chir. und Augenh. 
V. C. V. Graefe und Ph. v. Walther, B(>rlin 1825, VII, S. 436— 4()i.) 

Vf. beginnt mit allgemeinen Bemerkungen. Einzelne Organe erlangen 
bei niedriger stehenden Thieren bisweilen eine höhere Bildungs-Stufe, z. B. 
das Auge der Vögel, gegenüber dem der Säugethiere. Die Entwicklung 
des menschlichen Auges im Embryon entspricht der des Organs in der 
Thier-Reihe. 

Aus der iolgi-nden Beschreibung des menschlichen Auges will ich nur 
die Sätze hervorheben, in denen der Vf. eigne Ansichten ausspricht. 

Die Forlsetzimg der Bindehaut über die Hornhaut werde fälschlich 
geleugnet. (Macerations-Präparate , Pannus.) Die Augapfel-Bindehaut sei 
sowohl eine seröse, als auch eine Schleim-Haut. Nie beginnt in ihr die 
Augen-Blennorhöe. Die Wasserhaut setze sich nicht nur über die vordere, 
sondern auch über die hintre Fläche der Regenbogenhaut fort; aber sie 
verbinde sich nicht mit der Linse. An der inneren (nasalen Seite) des 
Augapfels ist der Ciliar-Körper kürzer, weil die Netzhaut an dieser Seite 
weiter nach vorn sich erstreckt, als an der äußeren. Die Netzhaut be- 
steht aus drei Schichten, der JACOB'schen Haut, der Nerven-Pulpe und der 
Ausbreitung der Gentral-Arterie. 

2. Beschreibung einer im .1. 1823 zu Oranienbaum beobachteten kon- 
tagiösen Augen-Entzündung. (Mit Sawenko.) Petersb. vermischte Abh. d. 
Heilk. III, 1825. Die Zahl der aus dem militärischen See-Hospital nach 
Oranienbaum überführten Augenkranken lietrug 35(8, die Mehrzahl litt an 
der sogenannten ägyptischen Augen-Entzündung. Aderlaß, Brechweinstein, 
kalte Umschläge, Adstringentien, Chinin waren die Heilmittel. 

3. Beob. mehrerer Medullar-Sarkome. Ebendas. 

i. Behandlung der Syphilis in England. Ebendas. 
ö. Melanosis bulbi. Z. d. Chir. und Aug. XXXH, 229, 1848. (Vgl. 
§ Ö27.) 

§884. IV. Robert Blessig (1830 — I878)i' 
wurde am »s. Febr. 1830 zu St. Petersburg geboren, als Sohn eines Groß- 
kaufmanns, der aus Straßburg i. E. eingewandert war; studirte in Dorpat 
(1848 — 1854), promovirte daselbst 1855, unter Bidders Leitung, mit der 
Dissertation »De retinae textura disquisitiones anatomicae«. 

In dieser sehr fleißigen Arbeit suchte B. die Stützgewebe von den 



St. Petersburger med. Wochenschrift -1878, No. H. fC. Bl. f. 
Augenh. 1878, S. 1 16; Klin. M. Bl. f. A. 1878. S. 240; Biogr. Lex. I, 484.) Mitth. aus 
der St. Petersburger Augen-Heilanstalt, II, S. IX, 1888. (Graf Magawly.) Schrift- 
liche Mittheilung seines Neffen, Dr. E. Blessig. 

Ich habe Robert Blessig ganz gut gekannt. 



188 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 



nervösen Theilen abzugrenzen, wobei er allerdings den ersteren zu viel! 
eingeräumt hat, und gab genaue Messungen für die Dicke der verschiedenen 
Schichten. 

Hierauf ging B. für 3 Jahre auf Reisen, um sich in der Augenheil- 
kunde auszubilden, die damals grade in glänzendem Aufschwung begriffen 
war: er arbeitete fleißig in Berlin bei A. v. Graefe, in Wien bei Arlt, in 
Paris bei Desmarres und Sichel; studirte auch in Würzburg, wie in Ber- 
lin, unter Virchow pathologische Anatomie. 

Fig. 2. 




Dr. Robert Blessig. 



So kam er im Herbst 1858, mit vielseitigem, gründlichem Wissen 
ausgerüstet, nach St. Petersburg zurück und wurde sofort an der Augen- 
Heilanstalt als Arzt angestellt. 

Im Jahre 1863 erhielt er die Leitung und widmete der Anstalt seine 
ganze Kraft bis zu seinem Tode, mit dem allerbesten Erfolge. 

Außerdem war er noch Konsulent an den Wohlthätigkeits-Anstalten 
der Kaiserin Maria und erfreute sich einer ausgedehnten Privat-Praxis aus 
allen Kreisen der Petersburger Gesellschaft. 

Während so die Tages-Stunden vollauf in Anspruch genommen waren. 



Robert Blessig. — Iridochor. durch Rückfalls-Fieber. 189 

benutzte er die Abende zum Studium und zur Förderung des wissenschaft- 
lichen Lebens. 

Im Jahre 1 8')fl beiheiligte er sich an der Gründung des allgemeinen 
Vereins St. Petersburger Ärzte, in dem er dann viele Jahre als Schriftführer 
und als zweiter Vorsitzender thätig war. Später wurde er auch Mitghed 
der Gesellschaft Deutscher Arzte und war gleichfalls in dieser eine Zeit 
lang Schriftführer. 

hu Jahre 1878 wurde er vorzeitig seiner segensreichen Thäligkeit 
entrissen. Durch einen seiner Kranken war der Fleck-Typhus in die 
Augen-Heilanstalt eingeschle|>pt worden. Binnen kurzer Zeit wurden 17 
Kranke auf der männlichen Abtheiiiuig und außer IJlessig noch ein jüngerer 
Arzt, Dr. 0. Lan(.e, befallen. .\lle genasen, — außer Blessk;. 

Im Jahre 1879 ist auf Beessig's Namen durch freiwillige Beiträge die 
erste »Anstalt zur Ausbildung erwachsener Blinder« in Rußland 
begründet worden. 

R. Blessig hat eine Reihe von Aufsätzen und Abhandlungen verülTent- 
licht, von denen einige unsre Fachwissenschaft erheblich gefördert haben. 

I. Dazu gehören seine Beobachtungen »über die Iridochorioiditis 
durch Rückfalls-Fieber«, die er 1867 auf dem dritten Ophthalmologen- 
Kongreß zu Paris vorgetragen '). 

1:27 Fälle hat B. beobachtet. Davon waren 5 Fälle unmittelbar, 23 
zwei Wochen, 24 vier Wochen nach dem Beginn des Fiebers aufgetreten, 
die meisten aber erst nach zwei Monaten. Die Krankheit begann mit 
Röthung und Ilypopyon^ ; dann folgten Glaskörper-Trübungen. Es ist eine 
Iridochorioitis, die wohl auf Embolie beruht. 

In der Petersburger Med. W. hat B. die folgenden Arbeiten veröHentlicht: 

1861, Glaskörperleiden bei konstitutioneller Syphilis. 1863, Über Netzhaut- 
Blutung. 1864, Vergleichende Kasuistik der einfachen und der mit Iridektomie 
verbundenen Star-Ausziehung. 1865, Bericht über die B. Kr. der St. P. Augen- 
Heilanstalt, für IS63— 1866; Sehnerv-Entzündung. 1866, Xerose des Bindehaut- 
Epithels und Hemeralopie. 1867, Kavernöse Geschwulst der Augapfel-Bindehaut, 
geheilt durch Einspritzung von liquor ferr. sesq. i 868, Bericht über die 1864 bis 
1866 in der St. P. Augen-Heilanstalt ausgeführten Star-Op. I87,"j, dgl. für 1869 
bis IST,"!. 1877. Aneurysma träum, der Karotis int. sin., Unterbindung, Tod durch 
Nachblutung. 



1) CR. 1868, S. 114 — 117. Klin. M. Bl. V, S. 114 — 115. Vor Blessig hatten 
wir darüber nur eine kurze Mittheilung von W. Mackenzie kennen gelernt. (§ 681, 
S. 340.) Nach Blessig haben Estlander 1869 und Logetschnikoff 1870 davon 
gehandelt. (§ 873, § 902, § 903.) Vgl. unser Handbuch, XI, 1, § 296 und 297 
(Groenouw), 1904. 

2) Für mich war zur Diagnose wichtig das reizlose Hypopyon. »Sie 
hatten Rückfallsüeber«, sagte ich einem Kranken, der aus der Charite kam. 
»Nein, Recurrens«, erwiderte derselbe. Vgl. übrigens Trompetter, 1880, Klin. M. 
BI. XVIII, S. 123 — 131. (»Hypopyon neben dem Mangel entzündlicher Er- 
scheinungen«. . . .1 



190 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— -1875. 

2. Einen Fall von Embolie der Netzhaut-Schlagader, als 
zweiten, 1 Jahr nachdem A. v. Graefe^> 1859 den ersten beschrieben, 
hat Blessig (A. f. 0. VIII, 1, 216—226) mitgetheilt2). 

§ 885. Das Werk von R. Blessig wurde fortgesetzt von seinem Nach- 
folger in der Leitung der Augen-Heilanstalt 

V. John Graf Magawly (1831—1904)3). 
Geboren am 7. Juli 1831 auf Gummingsdorf bei Riga, woselbst sein Vater, 
gebürtig aus Irland und deutscher Reichsgraf, Vice-Gouverneur von Livland 
war, erhielt J. Magawly seine Schulbildung auf der KRÜMMER'schen Anstalt i 
in Werro (Livland), sowie auf dem BiRKENRun'schen Gymnasium und be- i 
zog im Jahre 1849 die Universität Dorpat, um zuerst Philosophie und vom 
Jahre 1850 — 1855 Medizin zu studiren. 185G wurde er zum Doktor 
promovirt. Während seiner Studienzeit war Magawly Mitglied der Dorpater 
Landsmannschaft Livonia und nahm unter seinen Kommilitonen eine her- 
vorragende Stelle ein. Im Sommersemester 1 855 war er Assistent an der 
therapeutischen Klinik zu Dorpat. 

Nach seiner Promotion begab er sich zur weiteren Ausbildung ins 
Ausland und setzte seine Studien in Würzburg, Wien, Prag, Paris und 
Berlin fort, wobei er besonders in Berlin unter Albrecht v. Graefe mit 
großem Eifer dem Studium der Ophthalmologie oblag, die sein vollstes 
Interesse in Anspruch genommen hatte. — 1859 kehrte Magawly nach 
Rußland zurück und ließ sich als Augenarzt in St. Petersburg nieder. 
Noch im selben Jahre wurde er als außer-etatmäßiger Ordinator an der 
St. Petersburger Augen-Heilanstalt angestellt, die schon damals ein polikli- 
nisches Material von jährlich 6000, ein stationäres Material von 450 Patienten 
aufzuweisen hatte. 

Von 1861 — 1878 war Magawly etatmäßiger Ordinator der Anstalt 
und von März 1 878, nach dem Tode Robert Blessig's, mit dem er seit 
der Studien-Zeit aufs Innigste befreundet gewesen, Oberarzt und Direktor 
derselben. Seit 1861 war Magawly Konsulent für Augenkrankheiten bei 
der St. Petersburger philanthropischen Gesellschaft, seit 1 863 an der Maxi- 
milian-Anstalt, seit 1865 an den Erziehungs-Instituten des Ressorts der 
Kaiserin Maria. 1874 wurde er zum Leib-Okulisten des Kaisers von Ruß- 
land ernannt, 1 882 wurde er Mitglied des Medizinal-Conseils des Ministerium 
des Innern. Außerdem war er Präsident des Komites der BLESSiG'schen 
Blindenanstalt. 



^) A. f. 0. V, 1, S. -136. 

2) Der dritte Fall war von Schxellfr, A. f. 0. VIII, 1, 271. 

3) Nach C. Bl. f. A. 1904, S. 313—315. (0. Lange in Braunschweig.) Vgl. 
Biogr. Lex. IV, 93. Der NAOEL-MiCHELSche Jahresbericht erwähnt keinen andren 
Nachruf. 



John Magavvly, 



191 



Im Mai 1901 hat Magawly, in Folge geschwächter Gesundheit, — so 
schwer es ilmi auch wurde sich von seiner, durch ihn groß gewordenen 
St. Petersburger Augen-Heilanstalt, die er geliebt, wie nur ein Vater sein 
Kind lieben kann, zu trennen und seinem Beruf als Arzt für immer Lebe- 
wohl zu sagen, — alle seine Ämter niedergelegt und zog nach Leutzsch 

Fig. a. 




Geheimrat Dr. Graf J. Magavvly. 

bei Leipzig, woselbst sein ältester Sohn Prediger ist. Auf dem Friedhof 
in Leutzsch hat er seine letzte Ruhestätte gefunden, nachdem er am 
29. August 1904 zu Salzungen an Lungen-Entzündung verstorben. 

Wie sehr die Zahl der in der St. Petersburger Augen-Heilanstalt be- 
handelten Kranken unter Magawly's Direktorat ständig wuchs, trotz der 
vielen während derselben Zeit neuentstandenen Augen-Polikliniken an den 
verschiedenen Spitälern der Stadt, mögen folgende Zahlen beweisen. Als 



192 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

Magawly die Direktor -Stelle der Anstalt im März 1878 antrat, betrug 
die Zahl der A. Kr. etwa 14 250 im Jahr, die der B. Kr. etwa 730; bis 
zum Jahre 1901 war die Zahl der ersteren auf die gewaltige Ziffer von 
etwa 45 000 im Jahr, die der letzteren auf etwa 1 400 gestiegen, ohne daß 
die Zahl der Betten vergrößert worden war. — In Folge der sehr um- 
fangreichen, zeitraubenden Hospitals-Thätigkeit und der ausgedehnten Privat- 
Praxis, die ihn sehr bald nach seiner Niederlassung in St. Petersburg 
in Anspruch nahmen, nicht zum Geringsten aber auch in Folge seiner 
Bescheidenheit, ist Magawly literarisch nur wenig hervorgetreten; um so 
mehr betheiligte er sich aber an den wissenschaftlichen Diskussionen in dem 
Verein St. Petersburger Arzte, dessen Schriftleiter er durch eine Reihe von ■ 
Jahren gewesen ist. 

Magawly und sein leidernurzu früh verstorbener StudienfreundRoB.BLEssiG 
waren die Begründer der modernen Ophthalmologie in Rußland^). 

Sie waren die ersten, die das in Rußland so häufig vorkommende 
Glaukom durch Iridektomie heilten. Magawly war einer der populärsten 
Augenärzte, den Rußland je besessen, sein Ruf hatte sich bald über das 
große Reich verbreitet und aus allen, auch den entferntesten Theilen des- 
selben kamen die Augenkranken und Blinden mit der begründeten Holfnung, 
bei ihm Hilfe zu finden. 

Für die Jüngeren, die als seine Assistenten und Schüler das Glück 
hatten, lange Jahre unter ihm und mit ihm zu arbeiten, wird es stets 
unvergeßlich bleiben, in wie liebevoller, eingehender Weise er sich mit 
jedem einzelnen seiner Kranken abmühte. Magawly war Aristokrat des 
Geistes vom Scheitel bis zur Sohle, als wahrer Ritter ohne Furcht und 
Tadel ist er durchs Leben gegangen: geehrt und geliebt von jung und alt, 
von hoch und niedrig; von der St. Petersburger Ärzteschaft hoch verehrt 
und geachtet wie wenige, von seinen zabh-eichen Patienten vergöttert; 
überzeugungstreu bis zum letzten Blutstropfen, dabei bescheiden und von 
herzgewinnenden, leichten Umgangsformen, ein echter Sohn der livländischen 
Erde. — ■ Selbst begeisterungsfähig für alles Schöne, Große und Wahre 
hat er die Jüngeren für unsren Beruf begeistert; sich seihst gegenüber 
rücksichtslos in der Pflichterfüllung, hat er sie zur Pflicht erzogen. 

Magawly's wissenschaftliche Arbeiten sind alle in der (deutschen) 
St. Petersburger medizinischen Wochenschrift erschienen: 1. Über Tarsi- 
tis syphilitica. St. Petersburger med. Wochenschrift Bd. XII, Heft 4. — 
2. Amblyopie in Folge von Kontusion des Kopfes. 1878, S. 5. — 3. Fälle 
von Tumoren des Auges. 187U, S. 52. — 4. Ein Fall von Eserin-Ver- 
giftung. 1881, S. 166. — 5. Über Thränenfistel-Operation. 1883, S. 230. — 
6, Über Antiseptik in der Augenheilkunde. 1884, S. 200. — 7. Lepra - 



1; Ich möchte als ihren Vorläufer doch noch W. Froebelius (§ 887) anführen. 



Th. V. Schröder. 



193 



Knoten der Hornhaut. 1885, S. 9 und 313. — 8. Ein Fall von Cysti- 
cercus im Glaskörper. 1890, S. I. 

§ 88C. VI. Theodor vo>- Schröder (1853 — I903)i). 
Th.v. Schröder war am 3. März 1 853 in Dorpat geboren, begann 1 870 seine 
Studien. Während des Türkenkrieges war er unter Prof. v. Wahl Assistent 

Fig. 4. 




Dr. Theodor von Schröder. 



-1) Nach C. Bl. f. A. 1903, S. 377 (Th. Germanx, St. Petersburg,) und sclirift- 
. liehen Mittheilungen von E. Blessig. Ich habe Th. v. Schröder sehr gut gekannt. 
I Im NAGEL-MiCHEL'schen Jahresbericht wird ein Nachruf auf Th. v. Sch. nicht 
angedeutet. 



Handtuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bil. (Vn.) XXIII. Kap. 



13 



194 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

am Evangelischen Hospital zu Sistowo; von 1878 — 1881 Assistent an der 
Augen-Heilanstalt in St. Petersburg. 1879 promovirte er zu Dorpat. 

1881 und 1882 unterbrach Schröder seinen Dienst in St. Petersburg, 
um bei Dr. Landolt in Paris i) zu assistiren. Zurückgekehrt, bekleidete 
er bis 1888 das Amt eines jüngeren Ordinators, und von 1888 — 1900 das 
eines älteren. 

Als Dr. Magawly im Februar 1900 zurücktrat^ wurde Scbröder, sein 
Schwiegersohn, Direktor und Oberarzt der Augen-Heilanstalt. 

Schröder war ein vornehmer, offener und treuer Mensch, dazu viel- 
fach begabter und anregender Gesellschafter. Mit ihm ist einer der besten 
Vertreter der alten deutschen Universität Dorpat dahingegangen. Seine 
ganze Kraft hat er der Augen-Heilanstalt gewidmet. Wissenschaftliche 
Vertiefung der praktischen Arbeit, Menschenfreundlichkeit gegen die Kran- 
ken, Entwicklung der Lehrthätigkeit an dem reichen Material, — das waren 
seine Ziele, die er trotz mehrfacher, ihm in den Weg gelegter Hinder- 
nisse unentwegt verfolgte. 

Schröder's wissenschaftliche Arbeiten — es sind ilirer i. G. 19 — be- 
handeln Fragen der praktischen Augenheilkunde: Über Iritis syphilitica. 
Über die Behandlung von Augenleiden mit Pilocarpin. Über bleibende 
Folge-Erscheinungen des Flimmerskotoms. Über Amblyopia saturnina. Zur 
chirurgischen Behandlung des follikulären Trachoms. Augen-Symptome bei 
Herd-Erkrankungen des Gehirns. Über Keratalgie. Über THiER'sche Haut- 
transplantation bei Lid-Operationen. Die operative Behandlung 
hochgradiger Kurzsichtigkeit. Über Aktinomykose der Thränen- 
rührchen u. a. m. 

Ausgebreitete Arteriosklerose nebst Thromben- und Infarkt-Bildungen 
führten seinen vorzeitigen Tod herbei, am I.Dezember 1903. 

§ 887. Ein älterer Zeitgenosse des dritten Direktors (Robert Blessig) 
und eine Zeitlang an der Augen-Heilanstalt thätig war 

AViLHELM Froebeliüs (1812—1886)2). 

Am 5. Februar 1812 zu St. Petersburg deutschen Eltern geboren, be- 
suchte W. F. die Universität Dorpat und begab sich darauf, von 1838 an, 
nach Paris, Zürich, Wien, Prag, Berlin. 

Von April 18i2 — 1846 war er im St. Petersburger Augenkrankenhaus 
beschäftigt, 1863 wurde er Oberarzt am Findelhaus; auch Mitglied des 
Medizinal-Rathes und vieler gelehrten Gesellschaften. 

Froebeliüs gehörte für Rußland zu den Bahnbrechern der Reform 



1) So schreibt er auch einiges französisch: der erste, von dem wir dies 
zu melden haben. 

2) Biogr. Lex. II, 451 und VI, 805. 



Wilhelm Froebelius. 



195 



in der Augenheilkunde: 1852 veröffentlichte er die ersten, dort angestellten 
Augenspiegel-Untersuchungen, ISöT machte er in Rußland die erste glück- 
liche Glaukom-lridektomie. 

Fig. ö. 




Dr. Wilhelm Froebelius. 

Am 30. Mai 1886 ist er in Bad Merrekull (Estland) verstorben. 

Auch Froebelius hat deutsch geschrieben: 

1. Iridoncus und Iridelcosisi).J.d.Chir.u.Augenh.N.F.VII,2. (1848). 



1) Klemmer, Diss. de iridoncosi, Dresdae 1836. [Iqis, Regenbogenhaut; oyxos, 



196 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, ^ 800— 4 875. 

Vf. vermochte bisher an Veränderungen der Regenbogenhaut ein 
charakteristisches Zeichen der Syphilis noch nicht zu entdecken. 

2. Bericht über die Ophthalmia neonatorum in dem kaiserlichen 
St. Pelersburgischen Erziehungshause (Findelhause)". Von Dr. Froebelius, 
ord. Arzt dieser Anstalt. St. P. 1850. (8«, IV + 33 S.) 

A'om I.Sept. 1846—48: 882. Fälle, 474 Knaben, 408 Mädchen. Die 
Krankheit wird meist vom 4. — 8. Lebenstage an beobachtet. Sie dauert 
14 — 40 Tage. Die Häufigkeit ist den schlimmen häuslichen Verhältnissen 
zuzuschreiben. Die Einrichtung der Anstalt ist gut. 

Von den 88 zu früh Geborenen ließ »kein einziger die Ophthalmie 
in ihrer höchsten Entwicklung beobachten . . ., aber in den bedeutenderen 
Fällen zeigte sich ungewöhnlich rasch eine Erweichung der Hornhaut«. 

Hatte sich die Geschwulst der Augenlider vermindert, aber dicke Eiter- 
absonderung eingestellt; so wurde Lösung von Höllenstein (0,05 — 0,1 : 30) 
oder von Lap. div., 2 — 3 Mal täglich angewendet. 

»Von den (36) zugleich an Syphilis leidenden erblindeten 20 %. 
Obgleich nur Y25 ^ller Kinder an Syphilis litten, waren doch ^/g aller Er- 
blindeten von dieser Krankheit heimgesucht.« 

3. Zweiter Bericht über die Ophth. neonat, und die Ophthalmia 
purulenta der Ammen. St. Petersburg 1855. 

Die Einträuflung von Höllenstein-Lösung, nebst wiederholten Wasser- 
Einspritzungen, hat sich bewährt bei beiden Erkrankungen. Im Jahre 1856 
(G. R. de l'Acad. de Med. de Paris) ist F. hierauf zurückgekommen und legt 
Verwahrung ein gegen den Verschluß der Lider^j. 

4. Über Diagnostik und Behandlung der Hornhaut-Geschwüre. 
(Med. Zeitung Rußlands 1852, No. 15.) 

Das Reflex-Bild der Hornhaut hilft dazu, die fortschreitenden Ge- 
schwüre von den in Rückbildung begriffenen zu unterscheiden. 

Bei den letzteren ist der Übergang ganz allmählich. Hier ist abwar- 
tende Behandlung angezeigt. 

Das erstere, wenn es gereizt ist, erfordert schleimige oder ölige Mittel, 
dazu Kälte, Blutegel; wenn torpid, Einträuflungen von Höllenstein und 
Sydenham's Laudanum. 

5. Über den Augenspiegel. (Ebendas. 1852, No. 46.) 

F. fand den Spiegel von Helmholtz zu lichtschwach und verwandte 
ein Prisma mit Durchbohrung: sowie eine Dreh-Scheibe mit vier Konkav- 



Wulst; byxojais-, Wulstung. EX7.0;, Geschwür; i">.xw(T<>-, Verschwärung. Vgl. mein 
Wörterbuch der Augenheilk. S. 49.) 

\] Es war ein Findelhaus, von der vorurtheilsfreien Kaiserin Katharina IL 
vortrefflich ausgestattet; durfte aber nicht so genannt werden! 

2) Vgl. § 563, Zusatz 2, S. 80. 



Froebelius. K. U. Thielmann. 197 

Linsen. (Ein ähnlicher Prismen-Spiegel von Meyerstein ist 1853, in llenle 
und Pfeuüer's Z., S. 310, beschrieben. ^ 

ü. Über Chalazion. (Ebendas. 18ö2, No. 52, und 1853, No. 1.) 

7. Über intermiltirende Trübung des Kammerwassers. (Ebendas. 1853, 
Nu. 15.) 

8. Oculomot. Lähmung und Amaurose des linken Auges; Durchschnei- 
ilung des äußeren Graden; Heilung. (Ebendas. 1853, No. 28.) 

9. Über den Nutzen der stenopäischen Brillen. (Ebendas. 1858, No. 28.) 

10. Zur Technik der Iiidektomic bei Glaukom. lArch. f. Ophth. VII, 
:', 118—123, 1860.) 

Kontrapunktions-Schnilt mit Schmal-Messer, das 13 mm lang, bis 
-' mm breit, am IlandgrilV unter einem Winkel von 05" befestigt ist. 
Solches Messer und solches Verfahren ist mehrmals neu erfunden worden. 

»Statt der Lanze das Linear-Messer zu verwenden, entweder ausschließ- 
li' h, oder nur in gewissen Fällen, haben empfohlen A. v. Graefe (1866), 
\ Wix.KEu (1869), Zehrxder (1869), Mo.xgyer (1870), Scherk (1873), De- 
III \NE (1888) u. a.«. 'Czeumak-Elschnk;, II, S. 216, 1908.] — Mongyer 
\ ilangt die Priorität, da er das Linear-Messer seit Mai 1867 benutzt habe. 

Die Arbeit von Froebelius, im A. f. 0. 1860 verülfentlicht, hat keine 
I'' achtung gefunden. ^ 

I L Angeborener Star. (St. Petersb. med. Z. 11, 281, 1863.) 

12. Über die Behandlung des Glaukoms. (Ebendas. III, 155.) 

i< 888. Ein sehr verdienstvoller Schüler des ersten Direktors 
AV. Lerche, aber heutzutage fast ganz aus dem Gedächtniß der Fach- 
^> nossen geschwunden, auch der russischen, war 

Kahl Heinricb Tiiielmann (1802—1872)". 

Geboren zu Nicolai in Oberschlesien, unter dürftigen Verhältnissen 
aufgewachsen, studirte Tn. seit 1820 in Breslau, erst Philologie, dann 
Medizin; war wegen Betheiligung an einem unglücklichen Duell gezwungen, 
vor Beendigung seiner Studien Breslau zu verlassen, wurde Hauslehrer bei 
Geh. Rath Dr. Lercue in St. Petersburg, bildete sich daselbst weiter aus, 
namentlich in der Augenheilkunde-), und erw^arb 1832 zu Dorpat den 
Doktor. 

Hierauf erhielt er die Stelle eines Marine-Arztes und, nachdem er eine 
epidemische Augen-Entzündung in den Militär-Hospitälern mit Erfolg behan- 
delt hatte, eine Anstellung am Militär-Hospital zu Oranienbaum^), 



-1) Biogr. Lex. V, 649. 

2) Sein Schicksal war also ähnlich dem von M. E. Bloch. ;§ 426, S. 238. 

3) Städtchen im Gouv. St. Petersburg, Lieblings-Aufenthalt des Kaisers 
Peter III., Gemahls der Prinzessin Sophie Auguste von Anhalt-Zerbs t, späteren 



198 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— 1873. 

wurde 1837 zum Oberarzt dee Peter-Paul-Hospitals, 1850 zum Ehren- 
Leib-Okulisten des Kaiserlichen Hofes, später zum Geh.-Rath ernannt. 

Wiederholte Verdrießlichkeiten in der Verwaltung seines 
Hospitals veranlaßten ihn, 1868 seinen Abschied zu nehmen. 

Weisen gestörter Gesundheit zog er sich mehr und mehr von der 
Praxis zurück und ist am 14. August 1872 verstorben. 

Thielmann hatte sich der unbegrenzten Liebe seiner Kranken, Unter- 
gebnen, jüngeren Fachgenossen zu erfreuen. Trotz ausgedehnter, prak- 
tischer Thätigkeit war er auch literarisch sehr fleißig. Er gründete 1844 
(mit Krebel und Heine) die medizinische Zeitung Rußlands und 
leitete dieselbe bis 1860, indem er auch durch eigene Mittheilungen über 
Augenheilkunde und innere Krankheiten selbstthätig mitwirkte. 

§ 889. Für uns kommt eine Arbeit i) Th.'s in Betracht: 
Über die skorbutischen Augen-Entzündungen. (Med. Zeitung 
Rußlands 1844, No. 1 und 2.) 

Scorbutus ist das latiuisirte Scharbock; nicht aber von a-/.eXoTVQl:it], 
Schenkelschwüche, herzuleiten. (Plin. XXV, 20: stomacacen medici vocant et 
sceloturben.) Vgl. mein Wörterbuch, S. 94. 

»Scharbock, eine Krankheit, erst seit dem Ende des 1 6. Jahrh. bezeugt, 
= ndl. scheurbuik, engl, scurvj, frz. scorbut. Als Quellwort der Sippe gilt das 
ndl. scheurbuik oder vielmehr dessen ältere Formen mit Dental in der Ableitung 
■wie im mlat. scorbutus (ndl. scheur, Riß, Spalte, — bot, Knochen); nndl. scheur- 
buik müßte auch Umdeutung sein nach buik, Bauch, hin«. (F. Kluge, Etym. 
W. B. d. deutschen Spr., 8. Aufl. 1915, S. 384.) 

Ob die griechischen, römischen , arabischen Ärzte den Skorbut gekannt, 
ist keineswegs ausgemacht. Während der Kreuz-Züge wurde das Leiden sicher 
beobachtet. Genauere Kenntnisse gewann man erst im 15. Jahrhundert, zur 
Zeit des Aufschwungs der Schiff-Fahrt. Im Anfang des I 6. Jahrhunderts lernte 
man auch den Land-Skorbut kennen. 

Der Professor Exricius Cordus aus Hessen hat in s. Botanologicon (Colon. 
1534, 24) zuerst das Wort Scharbock gebraucht. (Vgl. A. Hirsch, Hist.-geogr. 
Pathol. I, S. 521 fgd., 1860.) 

»Seit Joseph Beer's^) Beschreibung der skorbutischen Augen-Ent- 
zündung scheinen die augenärztlichen Schriftsteller wenig Gelegenheit gehabt 



Kaiserin Katharina IL), hat den Namen von dem Städtchen in Anhalt, Kreis 
Dessau, erhalten und — neuerdings wieder eingebüßt. 

i; Wir haben sie schon § 753 erwähnt. — Prof. Groenouw (in unsrem Hand- 
buch, XI, 1, S. 328) gedenkt ihrer nicht; seine Literatur beginnt erst mit dem 
Jahre 4 871. 

Aber sie ist auch Hrn. Dr. Fialkowski in Dünaburg entgangen, der 1880 im 
C. f. A. (S. 247 — 252) über skorbutische Augen-Erkrankung geschrieben. 

(Man hätte sie bequem auffinden können, in Ruete's Lehrbuch, 2. Aufl., 11, 
S. 373.) 

2) Vgl. s. Lehrbuch, I, S. 631—636, 1813, und unsren § 444, S. 335, nebst 
meiner Anmerkung. 



Thielmann, Über die skorbutischen Augen-Entzündungen. 199 

zu haben, diese Krankheit selbst zu beobachten. Aber J. Beer, der diese 
Krankheit wohl nur auf ihrer höchsten Stufe und zwar in Verbindung mit 
Land-Skorbut beobachtet zu haben scheint, entwirft ein so gräßliches Bild 
von ihr, daß man sie für das fürchterlichste Augen-Übel zu halten 
-eneigt wird. Ganz anders jedoch, und zwar unendlich milder, gestaltet 
>irh die Krankheit auf ihren niedrigeren Stufen und in Verbindung 
mit See-Skorbut, den wohl Beer nicht gesehen haben mag, weshalb der 
Artikel , skorbutische .Vugen-Entzündung' einer Berichtigung bedarf.« 

>Der Verfasser der nachstehenden Arbeit, welcher mehr als vier Jahre 
lue zahlreichen Augenkranken der Kaiserlich Russischen Flotte im dem jetzt 
aufgehobenen Oranienbaumschen See-Hospital (300 Betten, die fast stets mit 
Auirenkranken besetzt waren,) behandelte, hatte damals die beste Gelegenheit, 
diese Krankheit in allen ihren Nuancen kennen zu lernen, und zeichnete daher, 
um die in den ophthalmologischen Handbüchern befindliche Lücke 
^ i gut als möglich auszufüllen, das nachstehende Bild derselben: 

Beschreibung der Krankheit. 

Die skorbutische Augen-Entzündung ist eine durch <lie skorbulische Dyskrasie 
ebenso modificirte und eigenthümlich gestaltete Augen-Entzündung, wie die 
skrofulöse, arthritische, syphilitische u. s. w. durch die ihnen zu Grunde liegen- 
den Dvskrasien. 

Sie kommt theils rein, theils, und zwar am häufigsten, mit den meisten 
sogenannten spezifischen Augen-Entzündungen komplicirt vor. 

\. Skorbutische Augenlid-Entzündung. 
Oft ohne alle Empfindung, oft mit gelindem Brennen, röthet sich die 
Lid-Bindehaut. 

Die Maschen des Gefaßnetzes werden enger. Die Bindehaut schwillt auf, 
ihre Oberfläche nimmt eine gleichmäßig rothe Farbe an, die der Schnittfläche 
des rohen Fleisches sehr ähnlich ist. 

Als charakteristisch bemerkt man. bald nach dem Beginn der Entzündung, 
Blut-Ausschwitzungen aus den Wänden der Gefäße, wodurch dieselben ein 
zottiges Aussehen bekommen, wie bereifte Baum zweige. 

Von einem Tag zum andern bemerkt man Vereinigung mehrerer Zotten 

benachbarter Gefäße zu kleinen, theils rundlichen, theils länglichen Blutflecken, 

( die, durch weitere Vereinigung, der Bindehaut ein gestreiftes oder geflecktes Aus- 

I sehen geben. In seltnen Fällen breiten sich diese Blut-Austritte über die ganze 

Bindehaut gleichförmig aus; dann ist meist ein bedeutender Grad der skorbu- 

^ tischen Dyskrasie vorhanden, die Farbe schwärzlich roth. 

; Die geschwollene Bindehaut ist meist so mürbe, daß schon bei Berührung 

oder durch Umstülpen des Lides eine (übrigens leicht zu stillende) Blutung entsteht. 

Die äußeren Decken schwellen nur in den höheren Graden der Entzündung 

des Augapfels selbst an; nicht selten bemerkt man dunkel-violette Blut-Austritte 

an denselben. Mitunter bemerkt man fleischwasser-ähnliche Thränen. 

Beginnt die Entzündung nachzulassen, so findet in der Regel Absonderung 
eines weißen Schleimes statt, der zuweilen durch Beimischung von Blut eine 
röthliche oder bräunliche Farbe annimmt. Die Kranken werden davon wenig 
oder gar nicht belästigt. 



200 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

2. Skorbutische Augapfel-Entzündung. 

A. Taraxisi) scorbutica. Die Oberfläche des Augapfels wird entweder ( 
gleichzeitig mit der Innenfläche der Lider oder erst nach längerer Zeit ergrifl'en. i 
Es zeigt sich in der Bindehaut des Augapfels ein Gefäß-Netz; bald darauf ein 
tieferes, in Form von Baum-Asten gegen die Hornhaut zu gerichtet. 

In dem oberflächlichen entstehen gleichfalls zottenförmige Blut -Aus- ( 
schwitzungen. 

Die Blut-Austritte vereinigen sich und nehmen die ganze Augapfel-Bindehaut i 
ein. Meist aber beschränken sie sich auf den für gewöhnlich von den Lidern ; 
bedeckten Theil; es bleibt beiderseits von der Hornhaut ein blasseres Dreieck, i 
mit der Spitze nach dem entsprechenden Augenwinkel. 

Mit den beschriebenen Blut-Austritten verwechsle man nicht jene, welche ; 
ohne Entzündung eintreten und von der Farbe des hellsten Roth bis zu der 
des dunkelsten Braun wechseln. Sie nehmen oft bedeutende Flächen der Aug- :, 
apfel-Bindehaut ein und geben dem Auge, besonders wenn sie schwärzlich sind, 
ein fürchterliches Aussehen, ohne jedoch seinen Bestand je zu gefährden. 
Gewöhnlich verschwinden sie ohne Zuthun der Kunst. Wenn die skorbutische 
Entzündung der Augapfel-Oberfläche unkomplicirt ist, so klagen die Kranken 
höchstens über ein gelindes Brennen. 

B. Chemosis scorbutica. Steigert sich die Taraxis, so kommt es zu 
serösem oder Ij'mphatischen Erguß in das Zellgewebe der Augapfel-Bindehaut. 
Diese bekommt ein fleischartiges Aussehen und erhebt sich wallartig über die 
Hornhaut, bedeckt auch Theile der letzteren, die sich rauchartig trüben. 

Die geschwollene Bindehaut blutet leicht. Karunkel und halbmondförmige 
Falte nehmen immer Theil. Die Lider schwellen oft bedeutend an , bis zur 
Größe der Faust eines Neugeborenen; ihre äußere Fläche verfärbt sich, wie 
vorher beschrieben. Dabei besteht Lichtscheu, Thränen, Schleim-Absonderung, 
Spannung und Druck, verminderte Sehkraft, auch Schmerzen. 

Vermindert sich die Entzündung, so nimmt die Geschwulst ab, entweder 
plötzlich oder allmählich. 

Die Blut-Austritte hinterlassen noch lange einen gelben Fleck auf der 
Augapfel-Bindehaut. Steigert sich aber die Entzündung noch mehr, so entsteht 

C. Keratitis scorbutica. Das Bindehaut-Blättchen trübt sich rauchartig. 
Dann die Hornhaut selber; sie lockert sich: es entstehen Phlyktänen, Keratocele, 
Iris- Vorfall ; auch gelegentlich Hypopyon. 

Es kommt auch zuweilen vor, daß die ganze Hornhaut sich in einen 
weißlichen oder gelbUchen Absceß verwandelt, welcher gewöhnhch mit völliger 
Vereiterung derselben und Zerstörung des Augapfels endigt. 

Durch die Hornhaut-Entzündung scheinen die Schmerzen nicht bedeutend 
vermehrt zu werden. 

D. Iritis (nebst Capsulitis) scorbutica. Auch- diese Entzündung tritt 
entweder mit Taraxis oder mit Chemosis auf und zeigt einige Eigenthümlich- 
keiten. Die Iris wird unbeweglich und ändert ihre Farbe; die blaue wird grün, 
die braune dunkler, nicht selten ins Röthliche spielend. Der kleine Kreis schwillt 
auf, der fasrige Bau der Regenbogenhaut verwischt sich.' Die Pupille wird 
ungleich und winklig; rothes Blut führende Gefäße gehen auf die Kapsel über. 

Dunkelrothe Klümpchen sitzen im kleinen Kreis, selten an andren Stellen. 

1) VgL § 236. 



Thielmann, Über die skorbutischen Augen-Entzündungen. 201 

Aus ihnen finden wirivliche Bhilungen statt, nach dem Boden der Vorderkammer. 
Das ergossene Blut sieht violett aus, das Kammerwasser gelblich oder bräunlich. 

Jetzt klagt der Kranke, über Sehstörungen, über Schmerzen, die Abends 
diler Nachts heftiger werden und mehrere Stunden andauern. Während dieser 
Schmerz-Anfälle bilden sich Blut-Austritte in der Iris oder freie Blutung in die 
\ Orderkammer. 

Bei der Verringerung der Entzündung kehrt die natürliche Faser-Anordnung 
und Farbe der Regenbogenhaut wieder, die Verwachsungen lösen sich, nament- 
lich unter Einträuflung von Belladonna. Das ergossene Blut saugt sich sehr 
rasch auf, bei zweckmäßigem Veriialten. 

Die von uns beobachteten unglücklichen Ausgänge beschränkten sich 
auf theilweise oder gänzliche Verwachsung der Regenbogenhaut mit der Linsen- 
kapsel oder auf völlige Verschließung der Pupille. 

Diese Krankheit findet sich nur bei Skorbutischen; aber nicht selten 
lici noch gesundem Zahnfleisch und bei Abwesenheit der charakteristischen Flecke 
au den unteren Extremitäten, als einziges Zeichen der beginnenden, skorbuti- 
srlien Dvskrasie. Doch fehlt dann selten die Abneigung gegen körperliclie An- 
strengungen, die dunkle Farbe iles aus den Venen gelassenen Blutes, die 
si hmutzige Farbe des Gesichts. 

Bei der Behandlung ist zunächst die skorbutische Dyskrasie zu bekämpfen. 
Dies geschieht am besten durch eine gemischte Ernährungsweise, aus frischem 
fleisch, (iemüsen, Früchten, Milch, säuerlichen Getränken (Kwas ^'j , Bier und 
ilurch hinlänglichen, mit Bewegung verbundenen Aufenthalt im Freien, wobei 
man den Kranken Augenschirme und Klappen gewährt. 

Die Lid-Entzündung wird so sehr oft schon von selbst heilen. Meist passen 
kalte Umschläge, Einträufelung von Höllenstein (0,05 : 30). Bei Chemosis müssen 
diese Einträufelungen häufiger gemacht, auch Ritzungen hinzugefügt werden. 
Bei Hornhaut-Entzündung Tinctura opii crocata, bei offenen Geschwüren Höllen- 
stein-Stift, bei drohendem Durchbruch Einträufelung von Extr. Belladonn. oder 
Hyoscyam. (0,3 : 8,0); gegen Iritis dieselben Einträufelungen und innerlich Jod- 
kali, gegen nächtliche Schmerzen Chinin.« 

Dies ist eine vortreffliche Arbeit, — die erste richtige und, wenn wir 
von den damals (184i) unerkennbaren Augengrunds -Veränderungen ab- 
sehen, auch ziemlich vollständige Beschreibung der skorbutischen Augenleiden. 

Beer hat wohl skorbutische Kranke mit Augenleiden beobachtet; aber, 
was er als Hauptform der skorbutiscTien Augen-Entzündung beschreibt und 
abbildet, gehurt vielleicht gar nicht hierher. 

Es wäre nützlich gewesen, wenn die neuesten Bearbeiter der auf 
Allgemein-Zuständen beruhenden Augenleiden 2) Thielmann's Arbeit benutzt 
hätten. 



l) Alkohol-armes russisches National-Getränk , aus Mehl oder Brot unter 
Zusatz von Zucker und obergäriger Hefe bereitet. 

Meine russischen Freunde lobten es sehr. Ich konnte ihm keinen Geschmack 
abgewinnen. 

2 Groenouw 1904, a. a. 0.: Schmidt-Rimpler (1905, S. 423); Knies (1893, 
S. 448). — Die Encycl. fran^. (IV, S. 122) hat über skorbulische Augenkrankheiten 
— sechs Zeilen. 



202 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, < 800— -1875. 

In ältere Lehrbücher halte sie Aufnahme gefunden, allerdings nur nach 
dem Auszug der A. d'Oc.^): so in dasjenige von van Roosbroeck2) zu Gent, 
der hinzugefügt (1853), daß er diese Erkrankungen aus eigner Beobachtung 
nicht zu schildern vermöge. Bei der Besprechung dieses Werkes erklärt 
Dr. Testelin ') aus Lille, daß z. Z. die skorbutischen Krankheiten nur dem 
Russischen Reich eigenthümlich angehörten. 

In der That stammen auch noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts die meisten Veröffentlichungen über skorbutische Augenleiden aus 
Beobachtungen russischer Arzte. 

§ 890. Die skorbutischen Augenleiden, hauptsächlich nach Mit- 
teilungen russischer Ärzte. 

A.) I . Die skorbutischen Augen-Erkrankungen von Dr. Fialkowskv, 
Augenarzt in Dünaburg, Rußland. (C. Bl. f. A. 1880, S. 247—252.) 

Seine Beobachtungen hat F. auf der Augen-Abtheilung des Dünaburger 
Militär-Hospitals 1877 — 1880 gemacht. Augenleiden bei Skorbut sind selten, 
sie betreffen 3,5^ der Fälle von Skorbut. Verhältnißmäßig am häufigsten 
beobachtete er Befallensein der Augapfelbindehaut, danach des subkonjunk- 
tivalen Zellgewebes, der Lid-Haut und Schleimhaut, am seltensten der Horn- 
haut und Regenbogenhaut. Nur einmal Stauung in den Blut-Adern der 
Ader- und Netzhaut, bei fast normaler Sehkraft. Niemals Erkrankung der 
Krystall-Linse und des Glaskörpers. 

Am häufigsten beobachtete er d<'n Blut- Erguß, sowohl unter der 
Haut, als unter der Schleimhaut, von gesättigt dunkel-violetter Farbe. 
Zuweilen nach geringfügiger Gelegenheits-Ursache, Druck, Schlag, Husten, 
Pressen beim Stuhlgang. Zuweilen trat der Blut-Erguß hinzu zu hart- 
näckigem Trachom und machte dasselbe noch hartnäckiger. 

In 80^ der Fälle war blos die Augapfel-Bindehaut befallen, in der, 
meist an der äußeren Seite, ein dunkelvioletter Blut-Erguß auftrat. Reizung 
gering oder gar nicht vorhanden. Aufsaugung binnen 4 — 5 Wochen. 

Bei der Lid-Erkrankung erstreckt sich der Blut-Erguß gewöhnlich 
unter die Haut des ganzen oberen, sehr selten des unteren Lids; und 
unterscheidet sich von dem gewöhnlichen nach Verletzung nur durch die 
längere Dauer der Auflösung. 

Die Hornhaut-Entzündung entsteht entweder selbständig oder in Be- 
gleitung der Blut- Austritte ; und heilt binnen 6 — 7 AVochen. Selten ist Mit- 
betheiligung der Regenbogenhaut. (In zwei Fällen schwersten Skorbuts kam 
es 5 — 6 Tage vor dem Tode zu Vereiterung beider Hornhäute.) 



1) XII, 175; XIV, 84, 1844, 1845. 

2) § 753. 

3) A. d'Oc. XXX, 248, 1853. 



Die skorbutischen Augenleiden, hauptsächlich nach russischen Ärzten. 203 

Hemeralopie^) tritt zuweilen auf, entweder selbständig, oder mit 
skorbutischen Bindehaut- und Hornhaut-Leiden. Im ganzen ist die Vor- 
hersage günstig. Gute Nahrung die Hauptsache. 

»Hinsichtlich der Ätiologie kommen wir auf die alten und doch 
ewig neuen schlechten hygienischen Verhältnisse zurück. Trotz ihrer Form- 
verschiedenheit in den verschiedenen Gegenden und Zeiten bleiben sie doch 
in ihrer Wirkung immer dieselben. Bald sind sie als schlechte, enge und 
feuchte Kasernen, bald als schwerer Soldatendienst (usw.) Ursache des 
Skorbuts. Im Jahre 1877 wurde bei uns die Entwicklung des Skorbuts 
auf ungenügende Säure im eingemachten Kohl (einer Hauptnahrung unsrer 
Soldaten) zurückgeführt. Durch den in diesem Jahre zu früh eingetretenen 
Frost erfror der Kohl in den Gärten und konnte nachmals, im Fasse ein- 
gemacht, nicht mehr recht sauer werden. Auch stehen die Soldaten- 
Löhnungen, welche sie zur Deckung ihrer täglichen Bedürfnisse von Fleisch 
und dergleichen Kost bekommen, in einem grellen Mißverhältnisse zu den 
Theuerungen, die seit den letzten Jahren bei uns herrschen. Jeder Sol- 
dat bekommt nämlich auf obengenannte Ausgaben 3,7 Kopeken für den 
Tau, während ein Pfund Fleisch 12^13 Kopeken kostet. Fügt man nun 
noch den schweren Soldaten-Dienst hinzu, das unbeständige, windige, kalte 
und feuchte Klima Dünaburgs, die engen Kron-Kasernen, die mangelhafte 
Lüftung in den meisten Privat-Häusern, wo die Soldaten zeitweise einquar- 
tirt werden : so sind die meisten Formen der schlechten hygienischen Ver- 
hältnisse, welche nach allgemeiner Annahme Skorbut in ihrer Folge haben 
können, in die .\ugen springend. — Wer mit dem unerquicklichen Soldaten- 
Dienst bei uns nur einigermaßen vertraut ist, wird wohl kaum bei der 
Angabe der Ursache des Skorbuts noch zu einem muthmaßlichen speci- 
fischen skorbutischen Gift seine Zuflucht zu nehmen oder gar den Skorbut 
zu den Infektions-Krankheiten zu zählen Veranlassung finden, wie es wohl 
Manche in der letzten Zeit zu thun ver.suchten. Bei uns mangelt es wahr- 
lich an Verhältnissen nicht, welche Blutmischung und Blutbildung auch ohne 
specifisches Gift zu verderben im Stande sind.« 

2. Landschafts-Arzt I. P. Drozdoff (im Samara'schen Gouv.) fand, bei 
epidemischen Skorbut, unter 200 Skorbut-Kranken 28 Fälle von Augen- 
leiden 2). 

3. BELJ.A.WSKI, Die funktionellen Störungen im Auge bei Skorbut. 
l Inaug.-Diss. St. Petersburg, 1894 3). Die Untersuchungen waren an 100 Fällen 
t von Skorbut-Krankheit des Nikolai'schen Militär-Hospitals angestellt. 

4. EwMEMEw, Über die Einwirkung der Miß-Ernten von 1891 und 



4) F. meint Nacht-Blindheit. Vgl. unsren § 53. 

2) C. El. f. A. 1881, 488. 

3) C. El f. A. 4 896, Suppl.-Heft, S. 704. 



204 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—4 875. 

1892 auf die Augen-Erkrankungen bei der Bevölkerung des Ostrogoshski- 
schen Kreises, Gouv. Woronesh'). Die Zahl der Erkrankungen und der 
Blinden vergrößerte sich; besonders merkbar wurde es im Frühjahr 189'2, 
als im Kreise eine Skorbut-Epidemie entstanden war. ( 1*^000 Kranke.) 
Bemerkenswerth war die Häufigkeit der Hemeralopie und einer bösartigen 
Form von Keratitis. Im Zentrum der Cornea konnte man bei Beginn der t 
Affektion einen kleinen grauen Punkt bemerken, der die Tendenz hatte, 
nach der Peripherie hin sich auszubreiten und schließlich mit einem Zerfall 
des Gewebes zu enden; manchmal kam Hypopyon und PanOphthalmitis 
hinzu; der Verlauf war ein kurzdauernder, in 4 — G Tagen war die Horn- 
haut vereitert. Die Krankheit befiel meistens bleiche, magere, herunter- 
gekommene Individuen ; oft war auch Xerosis conj. vorhanden. Die Therapie 
war machtlos. 

5. Skorbut-Erkrankungen der Augen von Dr. Woskresexki'^j. Charak- 
teristische Merkmale sind im Anfang der Erkrankung kupfer-rothe Färbung 
der Lederhaut, dann Blut-Ergüsse in die Bindehaut, hauptsächlich in die 
des Augapfels, von dunkelrother, fast brauner Farbe. Das Leiden hält 
4 — 6 Wochen an, ohne daß die Hornhaut oder das Sehvermögen beschädigt 
werden. Auch zuweilen vorkommende Iris- Veränderungen heilen ohne 
schädliche Folgen. Die Prognose ist somit stets günstig. Örtliche Behand- 
lung ist zu unterlassen, weil sie nur verschlimmern kann ; auch allgemeine 
stärkende Behandlung ist nur von geringer Bedeutung. Auffallend raschen 
Erfolg hat Vf. damit erzielt, daß er seine Kranken in einem nahen See 
zweimal täglich baden ließ. 

(6. Über recidivirende Orbital-Blutungen bei Skorbut hat A. Kp.ückgw 
zu Moskau geschrieben. A'gl. § 900.) 

B.) Was hat diesen russischen Veröffentlichungen das übrige 
Europa gegenüberzustellen? 

1. Adler in Wien beschreibt 1874 einen Fall von Hämophthalmos 
bei skorbutischen Allgemein-Leiden"'). 

2. H.4.NS Wegscheider zu Berlin fand 1877 in einem Falle von spon- 
tan entstandenem Skorbut bei der Sektion punktförmige Blutungen in der 
Nähe der Papille ■*). 

3. Magnus 5) in Breslau sah 1878 bei einem schwächlichen Kind von 
1 i Monat skorbutisches Zahnfleisch, Vortreibung des rechten Augapfels mit 
Blut-Unlerlaufuns; der Lidhaut. 



1} VI. Kongreß der russ. Arzte in Kiew, 1896, augenärztl. Abth. — C. Bl. f. A. 
4 897, Suppl.-Heft, S. 45Ü. 

2) Med. Obosrenie 4 897, No. ö. D. Med.-Ztg. 4 897, No. 4 02. C. Bl. f. A., Suppl.- 
Heft 4 897, S. 637. 

3) Bericht über die Augenkranken im Krankenhaus Wieden, 1874, S. 22. 

4) Deutsche med. W. 4 877, No. 4 8. 

5) Ebendas. 4 878, No. 29. 



Skorbut. Augenleiden. — Mittheil. d. St. Petersburger Augen-Heilanstalt. 205 

4. Demg' in iMünohen fand 1895 bei einem Skorbut-Kranken ein 
Bild, ähnlich der Netzhaut-Veränderung bei Eiweiß-Harnen. 

5. Generalarzt Dr. Seggel in München berichtet über einen Fall von 
leichtem Skorbut mit Augengrund-Veränderungen 2]. 

Das sind ganze fünf Fälle aus Deutschland und Österreich, von 
1S77— 1899. 

6. Stephen Mackenzie in London berichtet 1880 über einen tödlichen 
Fall von Skorbut mit Netzhaut-Blutungen-^). 

7. Hole White fand 1883, unter zwanzig Fällen von Skorbut, in 
einem Netzhaut-Blutung^). 

Anmerkung. 
»Bei weitem am häuflgsten trat der Skorbut in Rußland auf. Von 4 43 
Land-Epidemien, die A. Hirsch aus den drei Jahrhunderten 1556 — 1877 zu- 
siinmenstelite, fanden .3.5 in Rußland statt. Die Ostsee-Provinzen und einige 
Histrikte in Süd-Rußland sind die Gegenden, wo in Europa noch jetzt der 
"^Iv^rbut stellenweise epidemisch vorkommt. Im russischen Heere wird die 
llauligkeit neuerdings (1881) auf 1,8^ veranschlagt.« (L. Riess 1899^*.) 

§891. Ehe wir den Kreis der St. Petersburger Augen-Heilanstalt 
verlassen, müssen wir noch eines literarischen Unternehmens gedenken, 
das der Anstalt zur Zierde und ihren Leitern zum Ruhme gereicht: 

Mittheilungen aus der St. Petersburger Augen-Heilanstalt. 
Heft I bis VI, 1887— 1899. 

Das erste Heft (1887) enthält: \. Die Organisation der Ambulanz, 
vom Direktor (Dr. Graf Magawly). Bericht über die Ambulanz für 1883 
und 1884, von Dr. Theod. Gbrhann. — Einen Auszug dieses Berichtes 
bringt das C. Bl. f. A. 1887, S. 245—246. 

Das zweite Heft (1888) enthält: 1. Zur Geschichte der St. Petersburger 
Augen-Heilanstalt und Organisation der Station, vom Direktor. (Vgl. oben, 
§ 881.) 2. Statistik der behandelten Augenkranken und ausgeführten 
Operationen, von Dr. Th. von SchrJjder. 3, Therapeut, und kasuist. Mit- 
theilungen . . . von demselben. 4. Zur Behandlung der mit Entropium 
verbundenen Trichiasis und Distichiasis, von Dr. Th. Germann. (Mit 3 
Tafeln.) 

Das dritte Heft (1889) hat den folgenden Inhalt: 1. Statistik der A. Kr. 
von Dr. E. Blessig. 2. Statistik der B. Kr. und Operationen, von Dr. Th. 
CiiRMANN. 3. Behandlung der syphilitischen Augenkrankheiten mit intra- 



i) Münch. med. W. 1895, No. 34—36. 

2) Klin. M. Bl. f. A. -1899, S. 298. 

3) Transact. 0. S. of the United K. I, S. 51—55, 1880. 

4) Lancet 1883, I, 346 und Med. Times and Gaz. I, 396. 

5) Eülenburg's Real. Encycl. III. Aufl.. XXII, S. 211. 



206 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 4 800—1875. 

muskulären Injektionen, von Dr. Th. Germann. 4. Über Glaukom, von Dr. 
0. Lange, Augenarzt in Braunschweig, früher Assist, an der St. P. Augen- 
Heilanstalt. (Vgl. C. BI. f. A. 1892, S. 32.) 

Das vierte Heft (1893) bringt Zahlenberichte über A. Kr. (1889—1891) 
und über B. Kr. und Operationen; sowie eine Abhandlung über Verletzungen 
des Auges, von Dr. E. Blessig. (Vgl. C. Bl. f. A. 1893, S. 182 und 498.) 

Das fünfte Heft (1898) enthält, außer den zwei Zahlenberichten: 
3. Das Krankheitsbild imd die Behandlung der Keratalgia traumatica und der 
recidivirenden Hornhaut-Erosionen, von Dr. Th. von Schröder. 4. . . . Orbital- 
Erkrankungen durch Empyem der Nebenhöhlen, von Dr. Tu. Germann. 
5. . . . Orbitale Verletzung des Sehnerven, von Dr. E. Blessig. 6. Über 
Glaukom bei Retinitis pigmentosa und Myopie, von Dr. Alexander Natanson. 
(Ausführlicher Bericht im C. Bl. f. A. 1898, S. 377—378.) 

Das sechste, das Jubiläums Heft zum 75jährigen Bestehen der An- 
stalt, giebt nur die Beschreibung der Anstalt, Einrichtung, des Budgets, 
des Besuchs, der Lehrthätigkeit, ein Personal-Verzeichniß und eine Biblio- 
graphie, dazu Abbildungen, welche zeigen, daß die modernen Regeln der 
Asepsie streng befolgt sind. 

Gesammtzahl der Betten 78, Ausgaben 33 000 Rubel. 
Warum haben diese, so wichtigen und lehrreichen , in deutscher 
Sprache verfaßten Mittheilungen aufgehört? Weil »Deutsch« gegen Ende 
des vorigen Jahrhunderts in den maßgebenden Kreisen Rußlands nicht 
mehr — beliebt war. 

(Aus einer schriftlichen Mittheilung vom Kollegen E. Blessig entnehme 
ich, daß 1909 wieder ein Bericht, für das Jahrzehnt 1899 — 1908, er- 
schienen ist, — in russischer Sprache. Davon meldet kein Jahresbericht, 
keine augenärztliche Zeitschrift in deutscher, englischer, französischer 
Sprache.) 

§ 892. Die Augenklinik an der Militär-Medizinischen 
Akademie zu St. Petersburg i). 
Am 1 8. Dezember 1 798 erließ Kaiser Paul I. den Befehl, in St. Peters- 
burs; eine medico-chirurgische Akademie zu eröffnen 2). 



1) Nach dem schriftlichen Bericht (v. 9. Nov. 1912;, für welchen ich Hrn. Dr. 
VON Poppen zu Dank verpflichtet bin, ist dieser Paragraph ausgearbeitet und von 
mir mit Zusätzen versehen. — Bis ISS-l hieß die Anstalt >medico-chirurgische 
Akademie«. * 

Aus Minerva I (S. 377—383, 1911) füge ich hinzu: 1. daß die kaiserliche 
St. Petersburger Universität keine medizinische Fakultät besitzt; 2. daß schon 
1733 die beiden ersten Medizin-Schulen an den Militär-Hospitälern von St. Peters- 
burg eröffnet wurden. 

2] Über frühere Anstalten dieser Art fin Preußen, Sachsen, Dänemark, Üster- , 
reich) vgl. § 409. S. 169. 



Die Augenklinik der Mil.-Med. Akademie. — Kabat. 207 

Der Chirurgie-Professor Busen, der auch die Augenheilkunde mit zu 
vertreten hatte, drang auf SchatVung einer besonderen Prof. der Augen- 
heilkunde, die dann auch im Jahre 1818 dem Dr. Grubi übertragen wurde. 

Joseph Ernst Grubi (1775?— 1834, D. 
Doktor der Medizin und Chirurgie, der Theologie und der Philosophie, 
Mitglied der Erfurter gelehrten Gesellschaft, wurde, auf Grund eines 
Empfehlungs-Schreibens von Prof. J. Chr. II. Harless (1773 — 1853] zu Er- 
langen, am 13. Dezember 1813 als Arzt erster Kategorie an der ersten 
russischen Armee angestellt; 1817 erhielt er den russischen Doktor, 1828 
den Titel eines Akademikers; 1831, zur Zeit der Cholera-Epidemie, das 
Amt eines Medizinal-Inspektors. In der Augenheilkunde vertrat er die 
Lehren von Joseph Beer. Gedruckte Arbeiten hat er nicht hinterlassen. 
Er starb am 4. Juli 1834, kurz nachdem er seinen Abschied eingereicht. 

Als Adjunkt an dem aügenilrztlichen Lehrstuhl wirkte Osip Kai.inskv 2) 
(geb. 1792) von 1822 — 1829, danach S.wknko (geb. 1795), bis 1830: beide 
4 Jahre lang im Ausland ausgebildet. 

Als Grubi 1834 erkrankte, vertrat ihn Peter Pawlonmtsch Pblechin, 
der auch sein Nachfolger wurde, aber nur bis 1835: dann wurde die 
Professur der Augenheilkunde aufgehoben und die Vorlesungen dieses Faches 
der Chirurgie wieder zuertheilt. 

1842 erhielt Prof. Dibonvitzky den Lehrstuhl für theoretische Chi- 
rurgie und Augenheilkunde; 1852 folgte ihm Saboi.otsky-Detjatowsky, bis 
<860: wo ein besonderer Lehrstuhl für Augenheilkunde eingerichtet wurde. 

Seit 1835 mußten die Studenten der letzten Semester einen prak- 
tischen Kurs der Augenheilkunde am Militär-Hospital durchmachen, unter 
Leitung des Oberarztes. .\ls solcher wirkte seit 1840 Dr. Kabat. 

Johann Kabat (1812— 1884) »• 
studirte an der medico-chirurgi.schen Akademie 1827 — 1833 und wurde 
sogleich danach als Assistent am Militär-Hospital zu St. Petersburg ange- 
stellt; 1835 erhielt er den Rang eines Medico-Chirurgen ; 1840 wurde er 
Oberarzt. 

Kabat beschäftigte sich eifrig mit Augenheilkunde und hat großen 
Nutzen gestiftet, namentlich durch Einrichtung von Mihtär-Sanitäts-Stationen 
für Augenkranke in Südrußland. 

Nach dem Vorgang von Crusel-*) versuchte er die Elektricität gegen 
Augenkrankheiten, zuerst »ohne Erfolg«. 



<) Fehlt im biogr. Lexikon. 

2) Auf der Kiewer theologischen Akademie vorgebildet. 

3) Biogr. Lex. VI, S. 843. (O.Petersen.) Vgl. § 879A. Französisch schreibt 
er sich J. de Kabath. 

4) Vgl. § 882. 



208 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, < 800— 1875. 

In der That sind die Versuche i) nicht verlockend: 1. Bei dem Kontusions- 
Star eines Garde-Soldaten wurde die am Zink-Pol befestigte Star-Nadel in die 
verdunkelte Linse gestoßen. Heftiger Schmerz. Keine Veränderung. 2. Bei 
einem ameurotischen Soldaten wurde die Nadel durch die Lederhaut gestoßen, 
um sie der Netzhaut zu nähern. Schmerz. Star-Bildung, keine Verbesserung 
der Sehla-aft. .3. Gegen Star eines Schwindsüchtigen. Vereiterung des Augapfels. 

Dann verwandte er den Galvanismus und hat 1844 »zufriedenstellende 
Ergebnisse« mitgetheilt. 

Im Jahre 1856 begab Kabat sich in's Ausland, besuchte Deutschland, 
Frankreich und England, war auch einer der drei Vertreter Rußlands auf 
dem augenärztlichen Kongreß zu Brüssel, im Jahre 1807. Er brachte den 
ersten Augenspiegel) aus Deutschland in die Akademie. 

Kabat hat auch A. v. Graefe's Arbeit über die Iridektomie gegen 
Glaukom, aus der Handschrift, in's Russische übersetzt und zugleich mit 
einem Briefe A. v. Graefe's im militär-medizinischen Journal veröffentlicht. 

Am 25. August 1883 wurde das 30jährige Dienst-Jubiläum Kabat's 
mit großem Pompe gefeiert; aber bereits am 15. April 1884 ist er zu 
St. Petersburg verstorben. 

Der Chirurgie-Professor Peter Dubowizki (1815 — 1867)-^^ der schon 
1 843 für die Nothwendigkeit einer besonderen Lehrkanzel der Augenheil- 
kunde sich ausgesprochen, wurde 1851 Präsident der med. -chir. Akademie 
und setzte 1860 die besondere Professur, 1861 die Augenkhnik durch. 

§ 893. Die Professur erhielt Dr. Junge, der übrigens schon 1859 s 
dem Kultus-Minister Kowalewsky einen Bericht vorgelegt, in dem er für 
die Augenheilkunde das akademische Bürger-Recht beanspruchte. 

Eduard Junge (1832—1898)4) 
ein Deutsch-Russe, am 12. Nov. 1832 zu Riga geboren, auf dem dor- 
tigen Gymnasium vorgebildet, studirte an der medizinischen Fakultät der 
Universität zu Moskau, bestand 1 856 das Arzt-Examen und bildete sich in 
Deutschland weiter aus, unter Helmholtz, R. Virchow, H. Müller; und 
als Schüler A. v. Graefe's in der Augenheilkunde. 

1860 nach Rußland zurückgekehrt, erwarb er den Doktor-Titel mit 
der Dissertation: >Beiträge zur pathologischen Anatomie der getigerten 
Netzhaut«. (Diese Arbeit war schon 1859, in A. v. Graefe's Arch. f. Ophth. 
V, 1, 49 — 95, deutsch gedruckt worden. Vf. erklärt: »Die Retinal- Ver- 



1) Gesundheitsfreund 1841, No. M; Schmidts Jahrb. XXXIII, S. 97. 

2) Aber schon 1852 hatte Froebelius, von der Petersburger Augen-Heilanstalt, 
über den Augenspiegel berichtet. 

3) Biogr. Lex. VI, 715. (0. Petersen.) 

4) l. Biogr. Lex. III, 428. (0. Petersen.; IL Klin. M. Bl. f. A. 1898, 8.413— 414. 
(J. Talko. Haupt-Quelle.) HL Pagel's Biogr. Lex., S. 831. 



Prof. Junge. 209 

änderungen glaube ich als Produkt von drei verschiedenen pathologischen 
Veränderungen betrachten zu müssen: einer durch die Chorioiditis bedingten 
Retinitis, der Sehnerven-Atrophie und dem mit der allgemeinen Gefäß-Ent- 
artung zusammenhängenden Atherom der Netzhaut-Gefäße.« 

In demselben Archiv [V, 2, 191—11)9, 1859] verüfTentlichte .1. auch 
noch ophthalmologisch-mikroskopische Notizen: Keratitis mit Tri- 
geminus-Parese, Argyrose der Conjunktiva, Mikrographie des Hypopyon.) 

Bereits im Dez. des Jahres 1860 wurde E. Junge zum ordentlichen 
Professor der Augenheilkunde ernannt und hat dies Amt bis 1882 ver- 
waltet. Er wurde auch Konsulent der Ober-Militär-Medizinal-Behörde und 
Mitglied des Mililär-Medizinal-Komitees. 

Die Akademie hat ihm die Einrichtung einer zeitgemäßen Augenklinik 
zu verdanken. 

Im Jahre 1861 reiste J. nach Ägypten, um die dort herrschenden 
Augen-Entzündungen zu beobachten. 

Als 1869 das Militär-Hospital in die Verwaltung der Akademie über- 
ging, übernahm Junge auch noch die bis dahin von Kabat verwaltete Augen- 
Abtheilung des Hospitals. 

Jungk war ein tretl'iicher Lehrer und hat ,:;ute Augenärzte ausgebildet. 
(DoBROWOLSKv, Cbodin, Reicü u. a.) 

Unter seiner Beihilfe entstanden die Arbeiten von B. Hosow über Augen- 
Pigment und von Pelkchin über den Schlemm'schen Kanal, die in Graefk's 
Archiv (IX, 3 und XIII) verütTenllicht worden sind. 

Aber Junge selber hat als Professor fast gar nichts mehr geschrieben, 
nur eine Arbeit, in russischer Sprache, über das mechanische (len- 
trum des Auges vcrüffentlicht ^j. 

Dank Prof. Junge's Einfluß wurden an allen russischen Universitäten 
Lehrstühle für Augenheilkunde begründet und in jedem Militär- 
Bezirk ein Kreis-Okulist angestellt. Die Militär-.\rzte gebrauchen seine 
Seh-Proben. (Nach Snellen.) 

»Aus unbekannten Gründen* gab Junge 1882 die Professur und Privat- 
Praxis auf, übernahm 188.3 die Leitung der PETRowsKi'schen Akademie für 
Forst- und Landwirthschaft bei Moskau; als diese 1892 wegen der Stu- 
denten-Unruhen geschlossen wurde, übersiedelte er auf sein Gut Koktebel 
bei Feodosia in der Krim. 

»Seitdem bekümmerte er sich nicht mehr um Augenheilkunde, erschien 
auch nicht mehr in Heidelberg; alles spricht dafür, daß er vergessen zu 
sein wünschte.« iIL; Natürlich war er Geheimer Staatsrath. Am 27. Sept. 
1898 ist er in Jalta gestorben. 



<) Vgl. Helmholtz, Phys. Optik, 1867. S. 526. 

HanGltnch der AugenheilVnnde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXIII. Kap. 1 4 



210 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— «873. 

§ 894. Wladimir Iwanowitsch Dobrowolsky (1838 — 1904)i^ 
Sohn eines Priesters, wurde D, im Seminar zu Rjasan vorgebildet, studirte 
in Moskau ein Semester, dann weiter an der medico-chir. Akademie zu St. 
Petersburg, bis 1865; erhielt in diesem Jahr den Doktor-Titel und bald 
auch die Privat-Docentur. Er arbeitete in der Klinik von Junge. 

Dann wurde er zur Ausbildung auf 3 Jahre ins Ausland geschickt und 
arbeitete hauptsächlich bei A. v. Graefe, Ari.t und Stellwag, Snellen, Don- 
DERS, Helmholtz und Krause. 

Nach seiner Rückkehr wurde D. Assistent Junge's und 1882 sein 
Nachfolger, als o. Prof. 

Seine Arbeiten betreffen hauptsächlich die Anomalien der Akkommo- 
dation und Fragen der physiologischen Optik. 

»In den Kreisen seiner Kollegen war er als ehrenwerther Charakter, 
dessen inneres Wesen .sich freilich gerne unter einer rauhen Außenseite 
verbarg, allgemein hochgeschätzt.« (II.) 

1893 gab er sein Amt auf. Sein Nachfolger wurde Bellarminokf. 

Liste der hauptsächlichen Arbeiten von Dobrowolsky, der sich 
der deutschen Sprache bediente. 

I. Arch. f. Ophth. 

1. XIV, 3, 51— 105, 1868. Über die verschiedenen Veränderungen des Astigm. 
unter dem Einiluß der Akkommodation. 

2. XVIII, 1, ü3 — 103, 1872. Beiträge zur physiologischen Optik. (1. Über Rol- 
lung der Augen bei Konvergenz und Akkomm. 2. und 3. Empfindlichkeit 
des Auges gegen verschiedene Spektral-Farben, gegen die Licht-Intensit. 
versch. S. F. 4. Über gleichmäßige Ab- und Zunahme der Licht-Int. ver- 
schied. S. F. bei gleichm. Ab- und Zunahme der Lichtstärke des Gesamt- 
Lichtes. 5. Empfindl. d. Auges gegen Farbentöne.) 

3. XXXII, 1, 9—32. Empfindl. d. Aug. gegen Farbentöne auf der Peripherie 
der Netzhaut. 

4. XXXIII, 2, 213—228, 1887. Über die Ursachen der Erythropsie. 

II. Klin. Monatsbl. f. A. 

ü. Beitr. z. L. von der Anomal, d. Akk. und Refr. VI. Band. (2 Beilage-Hefte.) 

6. Z. Behandl. d. Iridochor. VI, 239. 

7. Hyperästh. d. Ciliarmuskels. VI, 224. 

8. Größe und Beleuchtung des G. F. im h. und m. Auge, bei der Unters, i. 
umgek. B. IX, 352. 

9. Abstand zwischen Fovea und Centrum des blinden Flecks bei verschied. 
Refraktion. IX, 437. 

10. Größe des G. F. X, 139. 

■11. Operat. des latenten Divergenz-Schielens. XIX, 61. 

12. Langjähriges, einseitiges Einwärtsschielen ohne Amblyopie. XIX, 120. 

13. Diffuse Netzhaut-Entz. bei hochgrad. H. XIX, 156. 

14. Neuroret. durch Thränendrüsen-Geschwulst. XIX, 1.">9. 



1) I. C. Bl. f. A. 1904, S. 189—192. (L. Bellarminoff.) Vgl. 11. Klin. M. Bl. XLIT. 
I, S. 463. 



Dobrowolsky. Bellarminoff. 



211 



iS. Ätzung der Bindehaut mit Kali caust. XIX, 161. 

16. Entstehung der M. XXIV, 324. 

17. Verbreitung der Erblindung in Rußland. XXIV, 324. 

(Hierüber hat er eine ausführlichere Arbeit in russischer Sprache veröffent- 
licht, und zwar auf Grund amtlicher Mittheilungen.) 

»8. Verschwinden des Akkomm. -Krampfes durch Eserin-Anwendung. XXXVII, 
216, 183. 
Die Gesamtzahl der Arbeiten von D. beläuft sich auf 40 Veröffentlichungen 
und umspannt einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren (1868 — 1899). 

§ 895. Leomd GKORGiEwiTSt.H Bellarminoff'). 
Am 17. Februar I8ö!) wiird(> B. als Sohn oiiips Dorfgeistlichen im 
Saratow'schen Gouvernement geboren. Unter den größten Schwierigkeiten 

Fig. 6. 








1) Auszug aus dem Lebensbild, das zu seinem 30 j. Arzt-Jubiläum, auf Wunsch 
des russischen Ausschusses, von J. Hirschberg verfaßt und im Westnik ophth., 
Dez. 1913, abgedruckt ist. — Von meinem Grundsatz Nil de vivis bin ich hier, 
aus dem § 732, S. 80, angeführten Motiv, abgewichen; und ebenso in § 909. 

14* 



212 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

und Entbehrungen konnte er das klassische Gymnasium in Saratoff 
(1870 — 1878) und später die Akademie durchmachen. 

Als er 1 883 seine Prüfung cum eximia laude bestanden, wurde er 
unter die sieben (von den 300) versetzt, die zur Vervollkommung ihrer 
Ausbildung bei der Akademie verbleiben konnten, und arbeitete 3 Jahre 
unter der Leitung von Dobrowolsky und vom Fürsten Tarciunow. Nach- i 
dem er 1 886 seine Doktor-Schrift vertheidigt, wurde er von der Regierung 
zu seiner weiteren Ausbildung in's Ausland geschickt und genoß die Unter- 
Weisungen von Helmholtz, Leber, Sattler, Wecker, Schnveigger, Schüler, 
Hirschberg u. a., auch von de Wecker. 

Im Jahre 1889 wurde er zum Privat-Docenten gewählt; im Jahre 
1893 erreichte er das Ziel seines Strebens: er wurde als Nachfolger seines 
Lehrers Dobrowolsky, der in den Ruhestand trat, zum Professor der 
Augenheilkunde an der Kaiserlich-Militär- Medizinischen Akademie zu St. . 
Petersburg ernannt. 

Bedeutend war seine Lehrthätigkeit: über SOOO Studenten hat Bellar- ! 
MINOFF unterrichtet und genoß die reine Freude, daß Männer bedeutender ' 
Leistung aus seiner Klinik hervorgegangen sind. 

Erfolgreich war Bellarminoff auch in der Leitung der wissenschaft- 
lichen Arbeiten von Ärzten. 

So sind ihm denn auch zahlreiche Ehrungen für sein wissenschaft- 
liches Wirken zu Theil geworden. 

Sehr verdienstvoll war die Gründung einer besondren Abtheilung der 
Blinden-Fürsorge der Kaiserin Maria Alexandrowna. In den 19 Jahren, 
von 1897 — 1912, sind in den fliegenden Lazareten 937 284 Augenkranke 
behandelt und 297 806 Operationen ausgeführt, und in den ständigen i 
Krankenhäusern 3 216 279 Kranke berathen und 821 518 Operationen ver- 
richtet worden. Die jährlichen Ausgaben betragen 200 000 Rubel. 

Arbeiten von Prof. Bellarminoff. 

1. Zur Frage über die Wirkung des Cocain auf das Auge. Klin. M. Bl. f. A. 
1883; Russkü Wratsch i) 1883, No. 33. 

2. Anwendung der graphischen Methode bei Untersuchung der Fupillenbewe- 
gungen, Photocoreograph-). Arch. f. d. ges. Phys. 1883. 

3. Über Brauchbarkeit und Genauigkeit der Tabellen zur Bestimmung der Seh- 
schärfe. Arch. f. A. 1886. 

4. Versuch der Utüisirung der graphischen Methode des intraoculären Druckes 
und der Pupillenbewegung. B. d. Ophth. Ges. zu Heidelberg 1887. 

3. Demonstration von Injektions-Präparaten des Hunde- und Katzen-Auges. 

Bericht über d. VII. period. internation. ophth. Kongreß 1888 und Russkaja 

Medizina 1888. 
6. Zur Technik der Corrosion von Celloidinpräparaten. Anat. Anz. 1888, No. :22, 



1) Wratsch = Arzt. 

2) Von ^m, Licht; xöqt], Pupille; yi^ücpM, ich zeichne: eine nicht sehr glück- 
liche Wortbildung. 



Das klinische Institut. Dohnberg. 213 

7. Demonstration einer neuen Art der ophthalmoslcopischen Untersuchung, 
Berlin 1888. 

8. Über intermittirende Netzhaut-Reizung. A. v. Graef e's Arch. f. Ophth. 1889, 
XXXV, 1. 

9. Die kalorimetrische Methode der Untersuchung über die Diffundirung in die 
vordere Kammer. Russkii Wratch 1892. 

10. Pigmentirte Retinitis compliciit durch Glaukom. Arch. f. A. 1893. 

M. Über die Wirkung des Scopolamins auf das Auge. Russkii Wratsch 1893. 

12. Über die Organisation der Vorbeugungsmittel gegen die Erblindung, 
Petersburg 1893. 

12a. Über die Tluätigkeit der fliegenden Kolonnen. Russkii Wratsch 1894. 

12b. Über die Thätigkeit der fliegenden Kolonnen im Jahre 1894. 

I2c. Sur les niesures prises contre la cöcite en Russie par la Societe Marie 

pour le bien des aveugles. Internat. Kongreß in Moskau 1897. 
\id. Statistisches Material über die bestcändige oculistische Hülfe in Rußland, 

1901. 

13. Über die Diffundirung in's Auge bei verschiedenen pathologischen Erschei- 
nungen. Westnik Ophth. 1894. 

14. Über die Tätowirung der Hornhaut und der Conjunctiva. Internat. Kongreß 
1897. 

\ö. Demonstration des Projections-Apparates zu Unterrichtszwecken, Moskau 

1897. 
Iß. Ein seltener Fall von Verletzung beim Kampfe mit einem Bären, 1900. 
17. Ein Fall von langem Verbleiben eines Fremdkörpers im Auge. Vorträge d. 

Ophth. Ges. 1902. 

15. Neue Untersuchungen über die Pathogenese der sympathischen Ophthalmie. 
Arch. f. A., Bd. 44. 

B. hat deutsch und russisch, gelegentlich auch französisch geschrieben. 

§ S!>6. Klinisches Institut der (jiroßfürstin Helene Pawlowna 

in Petersburg!). 

Im Mai 1S8I3 wurde ein Institut zui' Fort])ildung von Ärzten gegründet. 
An der Einrichtung nahm regen Anlhcil Prof. Eiciiwald, die Mittel aber 
stiftete die Großfürstin Helene Pawlowna. Anfangs bestand nur eine thera- 
peutische und eine chirurgische Abtheilung: jedoch schon im ersten Semester 
erwies sich die Nothwendigkeit besondrer Kurse in der Augenheilkunde. 

Als Lehrer wurde Dr. Hermann Dohnberg berufen und für die Augen- 
kranken in der chirurgischen KHnik vier Betten bestimmt. Trotz des 
kleinen Kranken-Materials war der Unterricht der Arzte von Anfang an 
sehr erfolgreich, zumal da man Dohnberg erlaubt(!) hatte, seine Privat- 
Augen-Heilanstalt mit zu benutzen. 

Im Jahre 1890 und 1891 wurde die Abtheilung auf 23 Betten er- 
weitert. Im Dezember 1900 nach dem Tode Dohnberg's wurde an seiner 
Stelle Prof. Kostenitsch ernannt, der aber schon nach 5 Jahren starb. 

§ 896 A. H. Doiinberg^) war 1852 zu Liebau in Kurland geboren, wo er 
auch das Gymnasium 1869 beendete. 1874 machte er an der Dorpater medi- 

1) Herrn Dr. A. v. Poppe bin ich für die Nachrichten des § 896 zu Dank verpflichtet. 

2) Vgl. den Nachruf im C. Bl. f. A. 1900, S. 223. (Dr. Germann.) 



214 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

zinischen Fakultät seinen Doktor. In seinem letzten Studienjahre wirkte 
er zu gleicher Zeit auch als Assistent an der chirurgischen Klinik von Prof. 
E. V. Bergmann. Nach Beendigung seiner Studien wurde er Volontär-As- 
sistent an der Petersburger Augen-Anstalt, 1877 jüngerer Arzt und 1878, 
unter Magawlv's Oberleitung, Ordinator. 1890 wurde er als »Professor« an 
das klinische Institut berufen. 1900 starb er an den Folgen einer Wunde, 
die ihm ein russischer Kapitän Ghekker zugefügt halte ^]. 

Arbeiten von Dohnberg. 

1. Über Temperatur-Beobachtungen am Auge. Diss. v. J. 187(5. Vgl. unsern 

§ 499, S. 174. 

2. Über Eserin-Gebrauch in der Augenheilkunde. St. Petersb. med. W. 1881. 
C. BI. f. A. 1881, S. 6^2. 

3. Operative Behandlung der Trichiasis. Westnik üphth. 1884. C. BI. f. A. 
1884, S. 385. 

D. hat auch einen Trachom-Quetscher und ein Reib-Eisen gegen Trachom 
angegeben. 

§ 897. Die Augenheilkunde an der Universität Moskau^). 

Die erste Nachricht über augenärzllichen Unterricht am klinischen Institut 
zu IMoskau stammt aus dem .Jahre 1806 und ist an den Namen 1Iildei;i!ANDT 
geknüpft. Derselbe hielt hn Sommersemester einen theoretischen Kurs über 
Augenheilkunde ; er lehrte auch Chirurgie : das klinische Material war unbe- 
deutend, da die chirurgische Abtheilung nur über sechs Betten verfügte. 

Theodor Hildeurandt (1773 — 1845)-^', 

1773 zu Worms geboren, erhielt dort auch seinen ersten Unterricht. Nach 
dem Tode seines Vaters kam er nach Moskau zu seinem Onkel, J. Hildebrandt, 
Prof. der Anatomie und Physiologie an der medico-chir. Schule^) zu Moskau, 
studirte an dieser Schule 1786 — 179 2, und wurde an derselben zum Lehrer 
der Chemie und Botanik ernannt, diente auch gleichzeitig als Wundarzt am 
Militär-Hospital. 

180 4 wurde er als Prof. der Chirurgie an die Univei'sität berufen, ohne 
sein Amt an der Akademie aufzugeben , und trug auch hier Augenheilkunde 
vor. An der Universität blieb H. bis 1830, an der Akademie bis 1839 und 
ist 18 45 gestorben. 

Ein zweiter Hinweis auf Unterricht in der Augenheilkunde stammt 
aus dem Schuljahr 1823/4; diese Sonder- Vorträge wurden im klinischen Audi- 
torium gehalten und dauerten bis 18 45/6. Der Lehrer war 

1) Th. Germann sagt in seinem Nachruf: »Er starb als Opfer einer feigen 
Rache.« Nach meinen Erkundigungen war Kapitän Ghekker ein Hochstapler, und 
seine That als Mord zu bezeichnen. Ich habe D. gut gekannt und 1897 seine 
Gastfreundschaft erfahren. 

^) § 897 ist nach dem Bericht von Dr. von Poppen gearbeitet, mit Zusätzen. 

3) Nicht im Biogr. Lex. 

4) >In den vierziger Jahren wurde die Moskauer medizinisch-chirurgische 
Akademie mit der Universität verschmolzen.«' (Minerva I, 376, 1911.) 



Moskau. P. Brosse. 215 

Dr. med. Ewenius'). 

Sein Viller, ein Pharinaceut, stammte aus Berlin, war in den siebziger Jahren 
des 18. Jahrhunderts nach Nowgorod übersiedelt und hatte dort die ei'ste 
Apotheke eingerichtet. 

Den ersten Unterricht erhielt unser E. im väterlichen Hause; 1811 trat er 
in die medizinische Fakultät der Moskauer Universität ein, beendete 1814 seine 
Studien, wui'de Arzt 2. Klasse an dem Tiraspoler Jäger-Regiment und erwarb 
1818 den Doktor. 

Hierauf ging K. nach Deutschland, Frankreich, England zu seiner weiteren 
Ausbildung, wurde 182 3 Adjunkt an der med. Fakultät und trug Augenheilkunde 
bis 18 46 vor, ferner Meclianurgie u. a. 

1846 wurde die theoretische Augenheilkunde von der praktischen getrennt, 
und die erstere dem Adjunkt Dr. Alionsky zuertheilt, der 1817 seine Disser- 
tation De Kcratonyxide vertheidigt hatte. 

1848 wurde sein Nachfolger Dr. Barsoif, Adjunkt der Chirurgie, mit dem 
Auftrage, Augenheilkunde vorzutragen: dies that er bis 1854; dann wurde er 
durcii Prof. Matschischenkoii ersetzt. 

Die praktische Augenheilkunde wurde dem Dr. Bhossk überwiesen, 
durch dessen Bemühung um 1824, nach dem Beispiel von Petersburg, 
auch in Moskau eine Augen-Heilanstalt begründet worden. 

ij897A. Pkter Bkosse (1793— 1857)2' 

1793 zu Riga geboren, studirte in Dorpat; wurde, nachdem er in den 
Kriegs-Hospitälern 1812 Dienste geleistet und dabei schwer am Hospital- 
Typhus erkrankt war, 1814 in Dorpat Doktor, machte dann eine mehr- 
jährige Studien-Reise nach Österreich, Rallen, Frankreich, Deutschland, 
kam 1(S20 nach St. Petersburg, war 3 Jahre lang Arzt im Tschernigow'schen 
Gouvernement, und wurde 1 823 als Ordinator am Galitzyn'schen Hospital 
zu Moskau angestellt. 

An dem auf seinen Betrieb gegründeten und allmählich sich vergrößern- 
den Augen-IIospilal zu Moskau wurde er 1826 Direktor und Olierarzt 
und stand demscllicn 31 Jahre lang vor, bis zu seinem Tode. 

In dieser Zeit wurden daselbst 14 216 Augen-Operationen ausgeführt, 
darunter 2354 Star-Operationen und 411 Pupillen-Bildungen. 

Im Jahre 1846 wurde er zum Prof. der praktischen Augenheil- 
kunde ernannt und sein Hospital zur Augenklinik der Universität erklärt. 

1849 erhielt er den Rang eines wirklichen Staatsrathes. Unter den 
28 Abhandlungen, die er theils in deutscher, theils in russischer Sprache 
verüffentlicht hat, sind auch einige augenärztlichen Inhalts. 

§ 898. Erst im Jahre 1860 wurde an der Universität endlich ein 
a. 0. Professor für Augenheilkunde ernannt, Dr. Junge, der aber noch 



1) Nicht im Biogr. Lex. 

2) Biogr. Lex. VI, S. 556. (Gürlt. Sehr brauchbar.) 



216 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

in demselben Jahre nach Petersburg berufen wurde; nach kurzer Zwischen- ; 
zeit wurde sein Nachfolger 

i 
Gustav Braun (1827—1897)1). 

In Ostpreußen 1827 geboren, hat G. B. in Moskau 1852 seine Studien 
beendigt; diente dann bis 1856 als Militär-Arzt, worauf er unter A. v. Graefb 
zum Augenarzt sich ausbildete, 1862 zum a. o. Professor der Augenheil- I 
künde an der med. Fakultät der Universität zu Moskau und 1864 zum 
Oberarzt des Moskauer Augen-Hospitals ernannt wurde. »33 Jahre lang 
hat er in Moskau Augenheilkunde gelehrt.« 

Der Titel seiner Dissert. (vom Jahre 1858, Moskau) lautet: De corneae j 
fabrica ac functione quaedam. 

Sonstige Arbeiten B.'s sind: 

1. Bau und Funktion der Netzhaut, 1861. 

2. Über Accommodation u. deren Anomalien. 

3. tJber Glaukom. Arch. f. 0. IX, 2, 222—227, 1863. 

4. Zur Heilung des harten Stares. XI, 1, 200—208, 18ßö. 

5. Beitrag zur Nachstar-Operation. Klin. M. Bl. f. A. XI, 142, 1873. (Quere 
Durchschneidung des ganzen Nachstars. Eigentlich genau nacli dem Ver- 
fahren von Cheselden. Vgl. § 342.) 

6. B. hat auch ein Lehrbuch der Augenheilkunde in russischer Sprache ge- 
schrieben. (§ 878.) 

3. Die Amaurose mit Sehnerven-Aushöhlung ist eine besondere 
Form des Glaukoms. B. beobachtete zwei Männer von einigen 60 Jahren. 
Bei jedem war ein Auge schon vor einigen Jahren vollkommen erblindet, 
das andre noch sehfähig. Die erblindeten Augen steinhart, die Hornhaut |j 
mäßig getrübt, mit ausgefallenen Epithel-Zellen u. s. w. Die Augen waren 
allmählich erblindet, ohne Verdunklungen, ohne Regenbogen-Sehen, ohne 
akute Anfälle. Die noch sehfähigen Augen zeigten Sehnerven-Aushöhlung, 
Beschränkung des G.-F., der Akkommodation: Iridektomie bewirkte geringe 
Verbesserung, die bis jetzt, d. h. 18 Monate lang, andauert. 

4. Bei der Star-Operation mittelst des Lappenschnitts hatte 
B. 45^ Verluste; diese wurden auf 6^' verringert, seitdem er den 
Kranken nach der Operation Alkohol verabreicht. 

§ 899. Von 1864 — 1892 war der ganze ophthalmologische Universi- 
täts-Unterricht in der Moskauer Augen-Heilanstalt gehalten worden; dann 
aber, im Jahre 1892, wurde eine neue Universitäts-Augenklinik er- 
öffnet, unter Leitung von Prof. Maklakoff; sowie eine Augen-Abtheilung 
am Katharinen-Krankenhaus, unter Prof. Krückow. 



1) Biogr. Lex. I, 563 u. VI, 548 (kurz); Pagel, Biogr. Lex. S. 232; Klin. M. BI. 
■1897, S. 212. (J. Talko. Derselbe schreibt: >Wegen seiner gütigen Gesinnung und 
großen Liebenswürdigkeit war B. allgemein behebt.«) 



Braun. Maklakoff. 



217 



Alexei NicoLAJEWiTSce Maklakoff (1837—1895)*' 

1 wurde zu Moskau als Sohn eines Arztes im Jahre 1837 geboren. Seine 

erste Ausbildung erhielt er am I. Moskauer Gymnasium, bezog darauf die 

Universität seiner Vaterstadt und widmete sich dem Studium der Medizin. 

Der Grad eines Arztes wurde ihm im Jahre 1860 verliehen und dar- 
auf im Jahre 1866, nach Einreichung der Inaugural-Dissertation Ȇber die 
traumatische Entzündung der Netzhaut des Auges« der eines Dr. der 
\ Medizin. 

Im Jahre lS6i erhielt Fig. 7. 

er einen Ruf an die Mos- 
kauer Augen-Heilanstalt, in 
welcher er bis an sein 
Lebens-Ende verblieb. 

Außerd<'m bekleidete 
er vom Jahre 1 87 1 das 
Amt eines Prival-Docenten : 
im Jahre I8U0 wurde er 
zum Professor ernannt. 
Seine Vorlesungen trug er, 
sowie auch die Praktika mit 
den Studenten in seiner 
Abiheilung in obengenann- 
ter Augen-Heilanstalt vor, 
vom Jahre \S9i an aber 
in der neuerbauten Augen- 
klinik. 

Auf die Organisation 
und Einrichtung dieser 
Klinik verwandte Prof. 
M.vKi.AKOFF viel Arbeit, Mühe 
und Sorgfalt und widmete 
sich ihr mit ganz besond- 
rer Liebe. 

Wiederholt in der Woche verbrachte er daselbst buchstäblich den 
ganzen Tag, wobei er sich mit dem einfachen Mittag- Essen begnügte, das 
allen Kranken gereicht wurde, und die Klinik erst um 11 — 12 Nachts ver- 
ließ. Nach den Operationen und Vorlesungen begab er sich gewöhnlich 




Prof. A. N. Maklakoff. 



1) Nach C. Bl. f. A. 1893, S. 331. (S. Golowin.) — A. d'Oc. CXIII, 384. (Nur 
Todes-Anzeige.) Auch die Arch. d'Opht., denen er so manche Arbeit gewidmet, 
bringen (XV, 400) auf 9 Zeilen nur ein Paar Redens- Arten: »La Russie pleure 
en lui un de ses professeurs les plus eminents. 



218 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— 1875. 

in das Laboratorium der Klinik, wo er mit fieberhaftem Eifer seinen Ar- 
beiten oblag. 

In wissenschaftlicher Hinsicht hatte für ihn die physikalische Seite der 
Ophthalmologie ein ganz besondres Interesse, da die Physik (Ijesonders 
die Lehre von der Elektricität) sein Lieblings-Studium war. Darum be- 
handelt auch der größte Theil seiner wissenschaftlichen Arbeiten dieses 
Thema, so z. B. von der Ophthalmo-Tonometrie (Arch. d'Opht. 181)2), 
von dem Einfluß des Lichtes des VoLTA'schen elektrischen Bogens auf die 
Haut und das Auge, von der Anwendung des Elektromagneten als Massage 
bei Augenkrankheiten u. s. w. (Seine Arbeiten veröffentlichte M. in rus- 
sischen Zeitschriften und in den französischen Arch. d'Opht.^') 

Bei aller Liebe zu seinen wissenschaftlichen Arbeiten im Laboratorium 
gehörte Dr. Maklakoff doch nicht zu den Gelehrten, denen das Leben, 
und die dem Leben fremd sind. 

Öftere Reisen ins Ausland und ein beständiger lebhafter Verkehr mit 
einem zahlreichen Freundes- und Bekannten-Kreise, zu dem viele hervor- 
ragende Gelehrte Deutschlands, Frankreichs und Italiens gehörten, ließen 
ihn mit stets regem Interesse allen beachtenswerthen Ereignissen und Strö- 
mungen des europäischen Geisteslebens folgen. 

Ein leidenschaftlicher Naturfreund, beschäftigte er sich in seinen Muße- 
stunden mit Naturwissenschaften, mit der Bienenzucht und mit der Malerei. 

Selbst dem Gemeinwesen seiner Heimat widmete er ein warmes Inter- 
esse und arbeitete auch auf diesem Felde nach Kräften, als Glied der 
Semstwo (der Landes-Stände) und als Stadtverordneter in der Duma (dem 
llath) von Moskau. Hier erscheint er unter andren als kühner Verfechter 
der Gerechtsame der Abgeordneten in den Epochen, wo denselben eine 
Beschränkung drohte. So machte seine feurige Rede in der Sitzung der 
Duma im Jahre 1 892 einen tiefen Eindruck, eine Rede, welcher seine De- 
mission auf dem Fuße folgte. . . . Am 6. Mai 1895 ist er verstorben-). 

Liste von A. N. Maklakoff's Arbeiten. 

i81\. ]. Fall von außergewöhnlicher Excavation. Russisch. S. B. der phys.-med. 
Ges. zu Moskau. 
2. Kurzsichtigkeit bei Schulkindern. Russisch. Ebendas. 
1872. 3. Natrum bicarb. bei Pannus. Russisch. Ebendas. 

1874. 4. Über das Chiasma. Jahrb. der Chir. Ges. zu Moskau. (R. Halbblindheit 

und Anästhesie d. r. Körperhälfte bei einem Syphilitischen.) 

1875. 4 a. Über das Chiasma. Russisch. Ann. d. chir. Ges. zu Moskau. 

ö. Cysticercus im Auge. Ebendas. 
6. Kapsel-Ausziehung. Ebendas. 



1) Mein Freund Maklakoff war der einzige russische Fachgenosse, mit dem 
ich französisch sprechen mußte. H. 

2) In Minerva XXI, S. 842, 1911/12 ist sein Sohn Alexei Alexevic M. als a. o. 
Prof. der Augenheilk. zu Moskau verzeichnet. 



Adrian Krückow. 219 

».S7ü. 7. Orbital-Geschwülste. Ebendas. 

1877. 8. Ätiologie der Sehnerv- u. Netzhaut-Kr. ^Seh-Schwund bei 2 — 1 ajähri- 
gen neben Hyperostose an der großen Fontanelle.) C. Bl. f. A., 
März 1898. 

1882. 9. La sphincterectomie et le sphincterectome. Arcli. dOphth., S. 230. Fer- 
ner im C. Bl, f. A. 1882. S. 122, aus dem franz. Manuskript übertragen 
von J. IL, mit Abbildung. 

Das Instrument besteht aus der Iris -Schere und einem Iris- 
Häkchen: es ersetzt einen Gehilfen. 
1884. 10. Über Fixirung des Augapfels bei Operationen. Russisch. Westnik 
Ophth., Juli— Okt. 
10 a. Französisch. Arch. d'Opht.. S. '»65. 

11. Le perimütre de precision. Arch. d'Opht, S. 83. 

12. L'ophthalmomyotomie. Ebendas., S. 239. 

13. Procedö operatoire de la cataracte. Ebendas., S. 242. 

14. Pr. op. contre le tricliiasis. Ebendas., S. 24.3. 

1887. 15. Notice sur la valeur du peroxyde dhydrogene comme remede therapeu- 
tique et diagnostique. Arch. d'Upht. VII, 198. »Antisepticum.« Vgl. 
C. Bl. f. A., S. 276. (Auch Russisch. Russkaja Medicina, No. 'i.) 

1889. 16. Linfluence de la lumii-re voltaique sur les teguments du corps humain. 
Arch. d'Opht , S. 97, (Reizung der Hörn- u. Bindehaut durch die che- 
mischen Strahlen, wogegen gelbe Gläser empfohlen werden. C. Bl, 
f. A,, S. 248— 2,j0. — Auch Russisch, Westnik Ophth. VI, 3, S. -213.) 

1892, 17. Contribution ä rophthalmotonometrie. Arch, d'Opht,, S. 321. Ausführ- 

lich referiert im C. Bl. i. A. 1892, S, 463, Abbildung u, Beschreibung 
von M.'s Tonometer lindet sich in unsrem Handbuch IL 2, S. .117 
1903, Th. Leber 1. 
18. Contribution ä l'etude de lintluence de la lumicre 61eclr. sur la peau. 
Arch. d'Opht,, S, 129: C, Bl. l A., S. 4ö9, 

1893, l'j, La plunie electricjue d'Edison dans I'ophtalmologie, Arch. dOphl, 

XIII, .330, Auch Russisch. Chirurgitscheskaja Ljeotopissij HI, 6, 
Ausführlicii referiert im C. Bl. f. A, 1893, S, 31, 
1893, 20. Ophthalmoskopische Bilder auf Glas. Russisch. Chir. Ljet. V, 316, 

21. Sehnerven -Kolobom. Westnik Ophth. XII, 2, 228; C. BL f. A. 1.893, 

S. 475. 

22. Kolobom der Macula. Westnik Ophth., S. 238. 

§900. Adrian Krückow (1849 — 1908)". 

Im Gouvernement Saratow 1849 geboren, studirte K. in Moskau, be- 
endigte die Universität 187i und vertheidigte 1873 seine Dissertation 
»Über die Farben-Empfindung in der .Netzhaut-Peripherie«, Hierauf ging 
er in's Ausland, wo er 1874 — 1876 in Güttingen, Heidelberg, Berlin und 
Paris arbeitete. Unter Leber's Leitung führte er Untersucliungen über 
Resorptions-Verhältnisse der Hornhaut, über Keratitis und Ilornhaut-Sta- 
phylom aus, Otto Becker hatte in ihm einen tüchtigen Mitarbeiter bei 
der Herausgabe der »photographischen Abbildungen von Durchschnitten 
gesunder und kranker Augen«. 



1) Nach C. Bl. f. A. 190S, S. 332, (A, Natanson,) — Vgl. Klin, M. Bl. XLVI, 
II, 447 u, 639. Ferner Clinique opht. 1908, S. 365. 



220 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— 1870. 



Seine Thätigkeit in Moskau begann Krückow als Assistent des talent- 
vollen WoiNow. Nach dem Ableben Woinow's ging dessen Privat-Augen- 
klinik in Krückow's Hände über. In dieser Anstalt, die sich eines vor- 
trefflichen Rufes erfreute, hielt Krückow' seit seiner Habilitation (1886) 
seine Vorlesungen. 1892 erlangte er die a. o. Professur und eine Abthei- 
lung im Neuen Katharinenspital als Klinik. 

Fig. 8. 




Prof. Adrian Krückow. 

1895 wurde ihm die ordentliche Professur und die Leitung der drei 
Jahre zuvor von seinem Vorgänger Maklakoff eröffneten, neuen Universi- 
täts-Augenklinik übertragen. 

Als akademischer Lehrer hat K. bald die führende Rolle in Rußland 
gewonnen und bis zu seinem Tode behauptet: sein russischer »Kursus der 
Augenkrankheiten« i) hat in diesem Zeitraum, trotz jahrelanger Unter- 
brechung jeglichen akademischen Lebens im Lande, sieben Auf- 

1) Moskau 1894 (320 S., 152 Fig.). Dies Exemplar be.sitze ich, mit der Wid- 
mung des Vf.s. 



A. Krückow. 221 

lagen erlebt, — ein für ein russisches medizinisches Handhuch ungewöhn- 
licher Erfolg; auf sämmtlichen medizinischen Fakultäten Rußlands haben 
viele Generationen von Ärzten aus diesem Buche ihre augenärztlichen 
Kenntnisse geschöpft. 

Nicht minder verbreitet sind seine 1907 in G.Auflage erschienenen 
Sehproben mit Lesebuch in russischer, armenischer, grusinischer, hebräischer 
und tatarischer Sprache. 

Seine sonstigen VerülTentlichungen sind in russischen und deutschen 
Zeitschriften und in den Sitzungsberichten der Gesellschaften erschienen. 
Dieselben beziehen sich auf verschiedene Fragen des Faches, u. a. : Aus- 
ziehimg von Eisensplittern aus dem Aug(\ operative Behandlung des Glau- 
koms, intraokulare Tumoren, Orbital-Affektionen (darunter wiederkehrende 
Orbital- Blutungen bei Skorbut), angeborene Anomalien (darunter Fehlen 
des M. rectus ext.), Retinitis proliferans, Cysten der Iris, knötchenförmige 
Hornhaut-Trübung, spontane Aufsaugung des Greisen- Stars, Wiederauf- 
hollung des Wundstars. 

Die üi)erwiegende Äfehrzahl der Mittheilnngen und Beobachtungen aus 
seiner reichen Erfahrung ist jedoch in .Artikeln, Vorträgen und Demonstra- 
tionen seiner zahlreichen Schüler (meist in der Moskauer augenärztlichen 
Gesellschaft) enthalten. Eine stattliche Anzalil großer Beobachtungs- und 
Untersuchungsreihen aus seiner Klinik (Dioptrik, Ophthalmometrie, Schiel- 
und Myopie- Operationen) gelangte in gediegenen Dissertationen an die Offenl- 
lichkeit. 

Viele Jahre hindurch gab K. im C. Bl. f. .\. als ständiger Mitarbeiter 
systematische Berichte über die russische ophthalmologische Literatur her- 
aus. 1904 übernahm er die Redaktion des von Prof. Chodin in Kiew ge- 
gründeten »Wcstnik Ophthalmologii« (d. h. augenärztlicher Bote) und scheute 
keine Mühe und keine materiellen Opfer, um dieses einzige russische augen- 
ärzUiche Blatt in seiner Entwicklung zu fördern. 

Eine lange Reihe von Jahren waltete er mit Eifer und Arbeitsfreudig- 
keit seines Amtes als Vorsitzender der Moskauer augenärztlichen Gesell- 
schaft. Mit Genugthuung konnte er auf seine organisatorische Thätigkeit 
beim internationalen Kongreß in Moskau 1X97 zurückblicken; seine J\Iühe- 
waUung um den Erfolg der ophthalmologischen Sektion, seine Gastfreund- 
schaft, seine überaus einnehmende, gemüth volle PersönHchkeit haben die 
verdiente Anerkennung der Fachgenossen aus dem Westen gefunden, die 
damals in der alten Hauptstadt des Landes in großer Zahl sich versam- 
melten. Auch im Auslande war er auf Kongressen imd Versammlungen 
ein gern gesehener Theilnehmer: in den letzten Jahren, als zunehmende 
Kränklichkeit ihn zwang, in deutschen Heilstätten zu weilen, besuchte er 
regelmäßig die Versammlungen der Ophthalmologischen Gesellschaft in 
Heidelberg, der er seit Jahrzehnten angehörte. 



222 XXIII, Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

Am 19. Okt. 1908 ist er einer Lungen-Entzündung erlegen^). 

Die russische medizinische und wissenschaftliche Welt hat in Krückow 
einen um so schwereren Verlust erlitten, als hier die Reihen der gut aus- 
gebildeten Gelehrten und Ärzte in den letzten schweren Jahren mehr ge- 
lichtet worden sind, als je. Die Menschheit hat in ihm einen ihrer Besten 2) 
verloren. 

§ 901. Neben den drei ordentlichen Professoren (Braun, Maklakoff, 
Krückow) sind aus Moskau noch vier Fachgenossen als Förderer der Augen- 
heilkunde zu erwähnen. 

1. M. WoiNow'') 
studirte Heilkunde in Rußland, physiologische Optik bei IIelmholtz in 
Heidelberg, Augenheilkunde bei 0. Becker, bei Arlt in Wien und auch ein 
Semester lang in Berlin'*), ließ sich in Moskau nieder, begründete eine 
Privat-Augenklinik, erlangte großen Ruf als Augenarzt und Lehrer (Privat- 
Docent) unsres Fachs, ist aber sehr jung verstorben, um 1875. 

WoiNOw war ein sehr fruchtbarer Schriftsteller. In deutscher 
Sprache^) hat er drei Sonderschriften verfaßt: 

1. Ophthalmometrie. Wien 1871. (130 S.) Die erste Sonderschrift 
über diesen Gegenstand. — Unter den 40 Nummern der Literatur ist der 
Name Javal noch nicht verzeichnet. 

Das Büchlein ist H. Helmholtz gewidmet und entwickelt dessen Art 
der Ophthalmometrie. 

2. Vorher waren schon erschienen: 

Ophthalmometrische Studien von Dr. Aug. Reuss, Ass. an der Augen- 
klinik der Wiener Univ. [des Prof. Arlt] u. Dr. M. Woinow aus Moskau. 
Wien 1869. (59 S., 5 Holzschnitte.) 

Enthält Untersuchungen über Hornhaut-Astigmatismus nach Star-Aus- 
ziehung, über den Winkel « und einen neuen Apparat von Woinow zur 
ophthalmometrischen Messung. 

3. Über das Verhalten der Doppelbilder bei Augenmuskel-Läbmungen 



1) GoLowiN wurde sein Nachfolger. 

2) Mir war Krückow ein Freund, nicht erst seit 1897, wo wir sein Haus be- 
wohnten, in seiner Troika fuhren, in seiner Datscha speisten. Als meinen wissen- 
schaftlichen Enkel liebte ich ihn zu bezeichnen, da er Schüler Woinow's, und 
dieser der meinige gewesen. Kuückow war vor seiner Erkrankung ein Bild männ- 
licher Schönheit, dazu von jener unendUchen Herzensgüte, wie wir sie aus Tur- 
genjew und Tolstoi kennen, von unerschütterhchem Pflichtgefühl, angebetet von 
seinen Kranken. J. H. 

3) A. d'Oc. 1875, S. 292. 

4) Hier hörte er meine Vorlesungen. (1871/72.) Ich war mit ihm gut be- 
freundet. 

.5) Die er aber nicht gut bemeisterte. 



Woinow. Logetschnikoff. 223 

in 15 Tafeln dargestellt. Wien IS70. (Gleichfalls H. Helmholtz ge- 
widmet.) 

Von WoiNOAv's Abhandlungen, die alle in deutscher Sprache geschrieben 
sind, erwähne ich die folgenden. 

A. Archiv f. Ophth. 

1. Zur Bestimmung der Sehschärfe bei Ametropie. XV, ä, U4 — U."), 1869. 

2. Das Sehen mit dem blinden Fleck u. seiner Umgebung. XV, 2, 153 — 160. 

3. Über die Akkommodation. XV, 2, 167—172. 

4. (Mit ADAMi'iK.; Über die Akk. des Presbyopen. XVI, 1, 144—153. 

5. Über den Wettstreit der Sehfelder. XVI. 1, 194—199. 

6. Zur Lehre vom binokularen Sehen. XVI, 1, 200—211. 

7. Zur Farben-Empfindung. XVI, 1, 212—224. 

8. Zur Kenntnis des Winkels «. XVI, 1, 225—242. 

9. Über den Drehpunkt des Auges. XVI, 1, 243— 2.i0. 

10. Über die Intensität der Farben-Empfindung. XVI, 1, 2:>1 — 264. 

11. (Mit Adamük.) Zur Lehre von den negativen Nachbildern. XVII, 1, 135 
bis 157. 

12. Über die Pupillen-Veränderung bei der Akkommodation. XVII, 1, l'iS — 168. 

13. Zur Lehre von den Augenbewegungen. XVII, 2, 233—240. 

14. Zur Diagnose der Farbenblindheit. XVII, 2, 241-248. 

15. Der Einfluß der optischen Gläser auf die Sehschärfe. XVII, 1, 349—355. 

16. Strychnin bei Amblyopien. XVIII, 2, 38 — 48. 

17. Bemerkung zum Brillengebrauch. XVIII, 2, 49— .15. 

18. Akkomm.- Vermögen bei Aphakie. XIX, 3, 107 — H8. 

19. Beiträge zur Farbenlehre. XXI, 1, 223—250. 

B. Klinische Monatsbl. f. A.»). 

Von der Krystall-Linse. VII, 411. 

Ophthalmometr. Messungen der Linse. VII, 476. 

Winkel «. VII, 482. 

Diagnose der Farbenblindh. IX, 377. 

Rad-Drehung des Auges. IX, 387. 

Astigm. bei Slar-Operirten. IX, 466. 

Ophthalmometr. Messungen an Kinder-Augen. X, 280. 

Brechungs-Koefücienlen der verschiedenen Linsen-Schichten. XII, 4u7. 

Kreuzung der Sehnerven. XIII, 424. 

In französischer Sprache veröfTentlichte W. eine Übersicht russischer 
augenärztlicher Literatur aus dem Jahre 1871, A. d'Oc. LXVII, 259 fgd. ; 
und hat auch in russischen Zeitschriften über seine Arbeiten berichtet. 

§ 902. 2. S. N. Logetschnikoff (1838—1911)2). 

hii Jahre 1838 geboren, bestand Logetschnikoff 1858 sein Doktor- 
Examen und arbeitete sodann in den Hochschulen von Berlin, Wien und 
Paris, wo er Augenheilkunde bei v. Arlt, v. Graefe, v. Jäger und Des- 
MARRES studirte. 1865 wurde er ordinirender Arzt und 1897 Direktor der 



1) Kürzere Mittheilungen über die Gegenstände seiner Archiv- Arbeiten. 
2] Nach C. Rl. f. A. 1911, August— Sept. (A. Natanso.x jun., Moskau.) 



224 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— 1875. 



Moskauer Augen-Heilanstalt, mit welcher er in 45 jähriger Thätigkeit un- 
unterbrochen verbunden war. 

LoGETSCHNiKOFF Veröffentlichte grundlegende Arbeiten, welche sehr 

wichtige Fragen der Augenheilkunde berührten. Seine erste größere Ar- 

p-^ beit (A. V. Graefe's Archiv XVI, 

1, 353—363, 1870) behandelte 
die Entzündung des Giliarkörpers 
bei Rückfallfieber 1). In dieser, 
73 Fälle umfassenden Arbeit gab 
LocETSCHNiKOFF eine klassische 
Beschreibung der Krankheit. Als 
sehr werthvoU müssen bezeichnet 
werden die Beobachtungen Lo- 
(iETSCHNiKOFF's Über Zusammen- 
hang zwischen Katarakt und 
Tetanie, seine Arbeiten über ein 
neues Augen- Symptom der dif- 
fusen Sklerodermie, über ope- 
rative Behandlung der Embolie 
der Gentralarterie, über trau- 
matisches Glaukom. 

Alle Arbeiten Logetschni- 
koff's zeichnen sich aus durch 
scharfe Beobachtungskunst, ein- 
gehende Beschreibung des klini- 
schen Bildes und durch kritisches 
Verhalten zur vorhandenen Lite- 
ratur. 

In der Person Logetsciini- 
koff's verlor die russische Ophthalmologie eine große Kraft . . . 

Als Mensch erfreute sich Lo(;etschnikoff einer allgemeinen Sympathie 2) ... 




Dr. S. N. Losetschnikoff. 



§ 903. 3. A. Natanson senior (1862—1909)3) 

sludirte in Dorpat 1883 — 1888, war dann Gehilfe an der St. Petersburger 
Augen-Heilanstalt, danach an der Augenklinik des klinischen Instituts, hier- 
auf Ordinator an der allgemeinen Anstalt. '^ 

Im Jahre 1896 übersiedelte er nach Moskau und wurde von der medi- 
zinischen Fakultät einstimmig zum Docenten srewählt; aber trotz der Be- 



ll Vgl. § 884 (R. Blessig) u. § 903 (A. Natanson). 

2) Ich hatte zu ihm die besten Beziehungen. (Oft versuchte er, mir die weiche 
Aussprache des g, das in seinem Namen vorkommt, beizubringen.) 

3) Nach C.Bl. f.A. 1910, S. 94. (J. Hirschberg.) Vgl. Khn. M. BI. XLVIII, 1, 199. 



A. Natanson sen. Katharina Kastalsky. 



225 



mühungon von A. Kri'ckow inulUe er volle zehn Jahre warten, da wogen 
seines jüdischen Glaubens die Bestätigung vom Kultus- Minister nicht zu 
haben war. 

Endlich im Jahre 1896 erlangte er die Möglichkeit einer akademischen 
Thütigkeit, der er nur so kurze Zeit sich erfreuen sollte. 

Von seinen werthvollen Arbeiten seien die über l'rühjahrs-Katarrh in 
Rußland, über Spontan-Auflüsung des Stars, über Iridochor. nach Rück- 
falls-Fieber i) erwähnt. 

^904. i. Katiiarkna Kastalsky (1864 — 1899). 

Am 9. März 1861 zu Moskau als Tochter eines Oberpriesters geboren, 
studirte sie am zweiten Mädchen-Gymnasium, das sie aber, ohne der Ab- 

Fig. 10. 




Dr. Katharina Kastalsky. 



gangs-Prüfung sich zu unterziehen, im Mai 'ISSS verließ, aus leidenschaft- 
lichem Trieb zur Wissenschaft; studirte dann vier Jahre an der natur- 

1) S. B. des Moskauer ophth. V. 1896; C. Bl. f. A. -1897, S. 4 60; ferner Klin. 
M. Bl. 1909, XLVII, II, 250. 

Ilimdluich -ler Aiigenlieilkuiule. 2. Aufl. XIV. r.d. (VlI.) XXIII. Kap. -)3 



226 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

wissenschaftlichen Abtheilung der philosophischen Fakultät für Frauen und 
ging, da es in Rußland für Frauen damals keine Möglichkeit des Medizin- 
Studiums gab, nach Bern, wo sie volle 13 Semester Heilkunde studirte 
und \HS'6 ihr Doktor-Diplom erhielt, mit der gründlichen Dissertation über 
die Ätiologie der Cystitis. 

Hierauf arbeitete sie an der Augenklinik der Universität zu Moskau, 
1897 auch in dem nach Weliki Ushüg (Wologda) gesandten fliegenden 
Lazaret, und bearbeitete mit Erfolg eine Reihe theoretischer Fragen der 
Augenheilkunde, besonders über pathologische Anatomie und Bakterio- 
logie. 

Ihr Wunsch, vollberechtigter Arzt zu werden , stieß auf Hindernisse. 
Ihr Gesuch, eine Prüfung in der lateinischen Sprache abzulegen und später 
dem Staats-Examen sich zu unterwerfen, wurde 1896 und 1898 abgelehnt; 
endlich erzwang sie, auf Grund der Gesetze, die Zulassung zum CoUoquium 
für auswärtige Ärzte und erhielt Juli 1 898 die sehnsüchtig erstrebte Be- 
rechtigung. 

Diese Aufregungen sowie anstrengende Studien hatten ihre Thatkraft 
geschwächt. Im Jan. 1899 wurde sie von Unterleibs-Typhus, mit nach- 
folgender Endocarditis, befallen. Nach 8 monatlichen Leiden ist sie am 
26. Sept. 1899 verstorben. 

Vor mir liegt ein Buch 

»Gesammelte Abhandlungen von Katharina Kastalsky, Dr. med. Nach 
dem Tode der Verfasserin herausgegeben.« Moskau 1900^). (151 S. Die 
meisten Arbeiten sind in deutscher Sprache; die russische Übersetzung 
ist beigefügt.) 

Es ist eine Todten- Klage, aus warmen Herzen der Freunde, wie 
Goethe's Euphrosyne oder Schiller's Naenie. Die hauptsächlichsten Ar- 
beiten sind: Zur Ätiologie der Panophth. (Westnik Ophth. 1897; C. Bl. f. A. 
1898, S. 611.) Aktinomykose des Thränen-Rülirchens. (Deutsciimann's Beilr., 
H. 30.) Ein Fall von doppelseitigem Golobom der Macula lutea. (Arch. 
f. A. , Bd. 36.) Über hyaline Kugeln beim Trachom. (Ber. des Moskauer 
Kongr. ; C. Bl. f. A. 1898, S. 43.) Die Forscherin hat nachgewiesen, daß 
nicht-pathogene Bakterien beim Menschen Ursache der eitrigen Pant- 
ophthalmie sein können. Ihr ist die Rein-Kultur des Strahlen-Pilzes aus 
den Absonderungen der Thränen-Röhrchen zuerst gelungen. »Den Sinn des 
Lebens sah sie im uneigennützigsten Dienst der Wissenschaft und des 
Nächsten 2).« 

Wir besitzen ein weitschweifiges Werk: 

Die Verdienste der Frauen um Naturwissenschaft, Gesundheits- u. Ileil- 



1) Vgl. C. Bl. f. A. 1901, S. U. (J. Hirschberg.) 

2) Jeder, der Prof. Krückow's Klinik zur Zeit des Moskauer Kongresses be- 
sucht hat, wird ihr ein sympathisches Gedenken bewahren. 



Augen-Heilanstalten zu Moskau. 227 

künde . . . von der ältesten Zeit bis aui' die neueste . . . von Dr. Chr. Harless 
. . . Güttingen I8H0. (XVI + 296 + 8:3 S.) 

Ferner Bauuoin, Les femmes-medecins, Paris 1901; Lu'Inska, Hisloire des 
fenimes medecins. 

Auf unsreni Sondergebiet sind wir bisber Frauen nur selten begegnet. Vgl. 
tj 2G6, S. 28; § :U9, S. 330; § 778, S. 2 4, AnmT 3; § 527, S. 338 (Rosa 
Kerschbauuier). 

§905. Augen-Heilanstalten zu Moskau ^). 

1. Der Bau der Universitäts-Augenklinik wurde unter Prof. Bratn be- 
gonnen, unter Prof. Maklakoff beendigt; die ErütYnung fand statt am 
4. Nov. 1892. 

Die Klinik besteht aus der Ambulanz, der stationären Abtheilung (mit 
:Ji Betten) und dem Laboratorium. H. Kr. (vom 1. Dez. 1895 bis zum 
1. Dez. 189()) = 292; A. Kr. = 3209, Operationen 335, darunter 80 typi- 
sche Star-Operationen. 

Eine Mappe von Lichtbildern erläutert die Einrichtung dieser treff- 
lichen Anstalt 2). 

2. Die Moskauer Augen-Heilanstalt 
wurde von Dr. Bkosse (§ 897 A) im Jahre 1826 gegründet und 31 Jahre 
lang geleitet. Von 18(15 — 1911 hat Lo(;etschmkoff ihr seine ganze Kraft 
gewidmet. 

Die große und gut eingerichtete Anstalt, die ich aus eigner Anschau- 
ung kenne, hat auch zum Unterricht in der Augenheilkunde gedient, bis 
zum Jahre 1S92. 

3. Im Jahre 1900 wurde, durch ein Vermächtnis von 250 000 Rubel 
seitens der Frau R. Alexieff, das municipale Augen-Hospital zu Moskau ge- 
gründet und von der Gemeinde unterhalten. 

(47 Betten, und 4 Zimmer für zahlende Kranke.] In den ersten 
3 Jahren belief sich die Zahl der A. Kr. auf 45 000, der B. Kr. auf 2500, 
der Operationen an den letzteren auf 2000 3). 



i) Les cliniques de PUniversite Imperiale de Moscou. Ouvrage accomp. de 
33 Plans. Moscou 1897. (234 S. — Clinique ophtalmologique, par la Dr. S. S. 
GoLOViNE, chef de clinique, S. 168—173.) 

2) Zur Zeit des Kongresses (Aug. 189") schrieb ein französischer Fachgenosse 
in das neue Buch der Klinik: »Cette clinique est trfes belle, meme pour un Fran- 
gais.c (Dabei gab es in Frankreich damals keine, die mit ihr verglichen werden 
konnte.) Ein Deutscher schrieb darunter: »Diese Klinik gehört zu den besten und 
schönsten, die ich in vier Erdtheilen gesehen.« 

3) L'hOpital municipal opht. d'ÄLExiEFF de Moscou, M. 1903. Dr. Adelheim. 
»Dr. Adelheim, auf Lebenszeit angestellt, mußte nach 3 jähriger Wirksamkeit 

die von ihm geschaffene Anstalt verlassen, — in Folge von Mißverständnissen mit 
dem Hospital-Rath.« 

15* 



228 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1 800— 1875. 

§ 906. Dorpat (Jurjew). 

Die Stadt wurde 1030 von dem russischen Großfürsten Jaroslow I. be- 
gründet und Jurjew benannt. Aber die Esthen machten sich wieder frei, bis 
1224 die Esthen-Burg von den Deutschen erobert wurde. Im demselben Jahr 
entstand das Bisthum Dörpt. Die Stadt schloß sich der Hansa an und nahm 
1525 die protestantische Lehre an. 1558 wurde sie von Iwan dem Schreck- 
hchen erobert, mußte aber 1582 an Polen abgetreten werden. 1625 kam sie 
an Schweden, 170 4 wurde sie von den Russen erobert, 170 8 fast zerstört, 
17 63 und 1775 von großen Bränden heimgesucht. Erst im 19. Jahrhundert 
ist sie durch die Universität wieder aufgeblüht. 

1893 erhielt sie laut kaiserlichen Befehls wieder den Namen Jurjew. 
Aber in der Geschichte der Wissenschaft lebt »die deutsche Universität 
Dorpat«. (Vgl. die unter diesem Titel 1882 zu Leipzig erschienene Sonder- 
schrift von Neanüer.) 

Die wechselnden Schicksale der Stadt sprechen sich auch in der Ein- 
wohner-Zahl aus. 

In der ersten Hälfte des 1 6. Jahrhunderts, als Mitglied des Hansa-ßimdcs, 
hatte Dorpat mehr als 30 000 Einwohner. 

1787: 3421. 

1821 : 8088. 

1836: 12 175. 

1867: 207801). 

1897: 42421. 

191 1 : 44 000. 

Die erste Universität^) zu Dorpat (Academia Gusta vi an a) wurde 
unter der scliwedischen Herrschaft gegründet und die Stiftungs-Urkunde 
vom König Gustav Adolf im Feldlager bei Nürnberg am 30. Juli 1G32 unter- 
zeichnet. 

Als 1656 die Russen der Stadt sich bemächtigten, zerstoben Profes- 
soren und Studenten. Erst 1690 wurde die Universität als Academia 
Gustaviana Carolina wiederhergestellt; aber 1699, wegen des nordi- 
schen Krieges, nach Pernau verlegt, verödete sie allmählicli. 

In der ersten Periode waren die Professoren meist Deutsche, in der 
zweiten meist Schweden; in der ersten von 1016 Studenten 553 Schweden, 
in der zweiten von 586 etwa 230. 

Während der nun folgenden russischen Herrschaft, von 1704 ab, 
hatten die Deutschen der Ostsee-Provinzen ihre akademische Bildung auf 
deutschen Universitäten erhalten. Nachdem im Jahre 1798 sämtliche in 
fremden Ländern studirenden russischen Unterthanen zurückberufen worden, 
war man darauf bedacht, eine deutsche Universität zu gründen, die denn 



1) Geschichtl. u. statistische RückbUcke auf die Augenklinik ... zu Dorpat 
von ihrem Beginn bis zum Jahre 1867, von Dr. Georg Adelmann, emerit. Prof. 
d. Chir. u. Augenheilk. (Deutsch. Arch. f. Gesch. d. Med. u, med. Geogr. 1881.) 

2) Minerva I, S. 372, 1911. 



Dorpat. Die Augenheilkunde in D. 229 

auch im Jahre IS0''2, unter Kaiser Alexander 1., eröffnet wurde. In den 
Jahren 1828 — 1838 bestand an der Universität zu Dorpat ein besondres 
Institut zur Heranbildung von Professoren für die übrigen Universi- 
täten des russischen Reiches. 

Bis zum Anfang der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts war die 
Dörpter Universität eine rein deutsche, die Professoren fast ausschließlich 
deutscher Geburt (etwa die Hälfte von ihnen aus Deutschland). Seitdem 
machten sich Bestrebungen geltend, die Universität Dorpat mit den üljrigen 
des Reiches auf gleichen Fuß zu stellen. Verschiedene deutsche Professoren 
nahmen ihren .\bschied, weil sie nicht russisch vortragen wollten. 

Die Augenheilkunde!) 
war in der zweiten Universität zu Dorpat, von der Gründung (1802) an 
bis zum Jahre I8ü7, nicht von der Chirurgie getrennt. 

Derselbe Professor lehrte Chirurgie und Augenheilkunde; die Augen- 
Kranken lagen zusammen mit den chirurgischen. 

Den Lehrstuhl für Chirurgie und Augenheilkunde verwalteten: 

1. Michael Ehrexheich Kauzmann, von <803 — 1811," 

2. Johann Ludwig Jochmann, von 18H — 18H; 

3. Daniel Georg Balk, 1810, I8H, \8\i^); 
i. Johann Christian Mojer, von 1815 — 1836; 

5. Nicolas Pirogoff, von 1836 — 18 40; 

6 . Georg Adelmann, von 18 41 — -1871. 

Im Jahre 184 4 wurde sowohl für innere Medizin wie auch für Chirurgie 
eine zweite Professur eröffnet, für die letztere Prof. Ernst Carus (7.) aus Leipzig 
berufen; und zwischen ihm und Adelmann die Abmachung^) getroffen, daß die 
chirurgisch-ophlhalmologische Klinik von den beiden Professoren der Chirurgie 
abwechselnd, jährlich oder halbjährlich, geleitet werden sollte. So wirkte 
zusammen mit Prof. Adelmann erst Prof. Carls von 1841 — 18 54, d. h. bis zu 
seinem Tode; dann Prof. Georc; von Öttingen von 1855 — 1867, d. h. bis zur 
Abtrennung der Augenheilkunde von der Chirurgie. 

Im Jahre 1867 wurde eine neue Augenklinik errichtet und Geoki; 

VON Öttingen zum Prof. der Augenheilkunde und Direktor der 

Augenklinik ernannt. 

Er verwaltete dies Amt Ins 1879. Seine Nachfolger waren 

Eduard Raehlmann, von 1879 — 1900; und Fegdor Orestowitz Ewetzky, 

von 1900 — 1909. 

Von M. E. Kalzmanx (1769 — 1816), geboren zu Schwabach (in Mittel- 
franken), von J. L. JocHMANx (1787 — 1814), geboren in der deutschen Stadt 
Pernau (Livlandi, von D. Balk (1764 — 1826), geboren zu Königsberg in Preußen, 



1) Nach Adelmann a. a. 0. 

2) Vgl Adelmann a. a. 0. — Von diesem ist der zweckmäßige Vorschlag aus- 
gegangen. 



230 



XXIll. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 



von J. Chr. Mojer (1786 — 1858), geboren zu Reval, von E. A. Carus (1791 bis 
1858) sowie endlich von dem großen Chirurgen N. J. Pirogoff (1810 — 1881), 
geboren zu Moskau, dem einzigen echten Russen in der ganzen Reihe, der aber ^ 
in Dorpat unter Mojer sowie in Berlin und Göttingen ausgebildet worden, — 1 
von all' den Genannten sind augenärztliche Leistungen nicht zu vermelden. 



§ 907. Georg Franz Blasius Adelmann (1811 — 1888)i', 

als Sohn von Vincenz A., Mitglied des Med. Kollegiums zu Fulda und Pro- 
fessor zu Fulda, am 28. Juni 1811 geboren, erhielt seine Erziehung auf 
dem Gymnasium zu Fulda, vollendete seine klassische Bildung und erwarb 
sich naturwissenschaftliche Kenntnisse auf der damals noch holländischen 
Universität zu Loewen, studirte Heilkunde in Marburg seit 1828, dann in 



Würzburg; kehrte 1832 nach Marburg zurück 



wo er am 22. August 1832 



Fig. 11. 



zum Doktor der Heilkunde befördert 
ward. Dann wirkte er als Hilfsarzt 
an der medizinischen Klinik, als 
praktischer Arzt zu Fulda 1835 bis 
1837, als Assistent Ullmann's an dci 
chirurgischen Klinik zu Marburg für 
2 Jahre, habilitirte sich Sept. 1837 
und wurde 1840 auf einer Reise 
mit Chelius bekannt, der ihn für 
die durch Pirocoff's Versetzung er- 
ledigte Professur der Chirurgie in 
Dorpat empfahl. 

Adelmann übernahm diese Pro- 
fessur im Jahre 1841 und hat die 
chirurgische Klinik 30 Jahre lang, 
bis 1871, verwaltet, die damit ver- 
bundene ophthalmologische Khnik bis 
1867. (1860 wurde er Staatsrath.) 
Nach seinem Rücktritt lebte er in 
Berlin 2) und ist daselbst am 6. Juli 
1888 verstorben. 
Adelmann ist der erste der Dörpter Chirurgie-Professoren von dem wir 
Mittheilungen zur Augenheilkunde besitzen: 

1. Geschichtliche und statistische Rückblicke auf die Augenklinik der k. Russ. 
Univ. zu Dorpat von ihrem Beginn bis zum Jahre 1867 von Dr. Georg 




Prof. Georg Franz Blasius Adelmann. 



1) Biogr. Lex. I, 59 — 60. (Gurlt.) Pagel's biogr. Lex. S. 10. — Seinen Vetter 
Heinrich A., a. o. Prof. zu Würzburg, haben wir im § 531 kennen gelernt. 

2) Bei seinem Schwiegersohn E. v. Bergmann habe ich ihn öfters getroffen, 
ebenso in der Hufeland'schen Gesellschaft, deren Vorsitz ich damals für einige 
Jahre geführt. 



G. F. B. Adelmann. 231 

Adelmann, emerit. Prof. der Chir. und Augenh. [S. A. aus d. Deutsch. Arch. 

f. Geschichte der Med. und med. Geogr. IV, 1 — 4, 1881.) 
2. üphthalmologische Reise in Belgien 1858. (Im russ. militär-ärztl. J.} 
:». Über endemische Augenkrankheiten der Esthen in Livland und verwandter 

Stämme im russischen Reiche. (Tageblatt der 51. V. deutscher Naturforscher 

und Ärzte zu Kassel 1878.) 
1. Aus den Tabellen will ich nur das Fokende hervorheben: 



Jahr 


Zahl der Mediziner 


Gesamtzahl der 


Kran 


ken 


Zahl der 






der 


chir 


. ophth 


. Khnik 


Augenkranken 


IS06 


38 






33'J 






200 


1816 


78 






87 






34 


1836 


131 






384 






167 


183G 


1. 313 II. -J61 






538 






233 


1846 


177 171 






878 






295 


1856 


310 318 






960 






442 


1866 


19-2 184 






968 






599. 



>Die Studirenden bestehen hauptsächlich aus l)(nitschredendcn, vor- 
zügHch aus Kurland, Livland, Esthland, aus Sl. Petersburg, aus den deut- 
schen Kolonien in Rußland, in welchen deutsche Familien wohnen. Auch 
die Russen, Polen, Armenier unter den Studenten müssen der deutschen 
Sprai-he mächtig sein, weil die Vorträge an der Universität fast nur in 
deutscher Sprache gehalten werden. 

Die Kranken sind zumeist E.sthen und nur ihrer Sprache mächtig. 
Darauf folgen nach der Zahl die Deutschen, die Russen, und zuletzt 
die Leiten, die auch nur ihrer Volks-Sprache mächtig sind. . . Die Esthen 
gehören dem linnischen Volksstamme an, der den Übergang von der mon- 
golischen zur kaukasischen l^assc vermittelt. . . Die Letten, im südlichen 
Theilc Livlands, in Kurland und in einem Theile des Gouv. Witebsk, gehören 
dem indogermanischen Stamm an, was nicht nur aus dem Knochenbau, 
sondern auch aus ihrer dem Sanskrit vorwandten Sprache hervorgeht.« 

Das Verhältniß von 8001 äußeren Krankheilen des Sehorgans zu S\H\ 
inneren hängt mit dem in den Ostsee-Provinzen endemischem Trachom 
zusammen. 

3. »Die Zahl der Augenkranken lieträgl fast die Hälfte aller Aufge- 
nommen (Li 000 : 32 000, von 1805— 1867: 9000 : 19 600 von 1843—1867.) 
Die Ursache hegt in der Häufigkeit des Trachoms. 

Die seit Jahrhunderten andauernde Krankheit hat unter dem 
Landvolk eine Reihe von Gebräuchen aufkommen lassen. 

In den meisten Gemeinden findet sich ein und die andre alte Frau 
mit langgewachsenen Nägeln, mit deren Hilfe sie die Wimpern bei Haar- 
krankheit auszieht oder abbricht. . . 

Die Granulationen werden von Volks-Ärzten nicht selten mit einem 
Stück Zucker abgerieben. . . Die Wohlhabenheit (und Reinlichkeit) der Bauern 
ist in den letzten 20 Jahren gestiegen. Doch ist die Prognose für das 
Trachom vorerst noch eine trübe.« 



232 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1873. 

Also hier haben wir einen europäischen Landstrich, wo Trachom 
lange vor Napoleon's Kriegszügen verbreitet gewesen. 

Bestätigung liefert, wenn es nöthig wäre, eine alte Dörpter Disserta- 
tion, die ich in meiner Bücherei besitze: Dissert. inaug. medica de praecipuis ; 
oculorum morbis inter Esthones obviis . . . Auetor Gar. Joann. de Seidlitz^), 
Dorpati Livonorum 1821. 

Der Vf. bringt eine ausführliche Darstellung der von den esthnischen Bauern 
selber geübten Behandlung der Augenkrankheiten : 

»Ebenso blasen sie das Pulver von blauem Vitriol in die Augen oder 
tuschiren mit einem Stückchen desselben das Auge oder wenden die Lösung 
an. Sogar einen Lapis für das Auge bereiten sie sich selber aus Alaun, 
weißem Vitriol, Galmei, Bleiweiß. . . Mit dem Rasir-Messer schaben sie die Lid- 
Innenfläche, wenn die Meibom'schen Drüsen angeschwollen sind und zum Vor- 
schein kommen. Sie halten dieselben für Schlacke und Schmutz, die zu ent- 
fernen seien. . . Aber ihre Haupt-Operation ist . . . das Ausrupfen der Wimpern. 
Diese verrichten sie nicht IjIos bei Haarkrankheit und Einstülpung, sondern auch 
bei ganz andren Entzündungen und Leiden der Augen. 

Ausgeführt wird diese Operation hauptsächlich von alten Weibern und 
von Schmieden, mit Pinzetten, die sie selber machen, oder mit Hilfe eines 
Messers oder des Zeigefinger-Nagels, den man zu diesem Zwecke lang wachsen 
läßt. . .« 

Ich habe diese Angaben aus dem Jahre 1821 immer, und schon vor der 
1881 erschienenen Arbeit Adelmann's, als sicheres Zeugniß fiu' die Thatsache 
angesehen, daß bei den Esthen in den russischen Ostsee-Provinzen schon seit 
Menschengedenken, d. h. lange ehe Napoleon in der Welt erschienen, das | 
Trachom in endemischer Verbreitung geherrscht hat. 

§ 908. 8. GEOR(i VON Öttinoen^), 

entstammt einer alt<'n livländischen Familie, wurde bei Dorpat am 24. Nov. 
1824 geboren, studirto zu Dorpat, namentlich unter Reichert, Volkmann 
d. V., BiDDER, wurde 1848 Doktor, und nach wissenschaftlicher Arbeit im 
Ausland (Berlin, Prag, Wien, Paris, London, Edinburg, Dublin, Nord- 
Amerika) 1854 Docent, 1855 a. o. Prof.; war dann 1857— 1S78 ordent- 
licher Professor der Chirurgie und Augenheilkunde: 1867 wurde er zum 
Professor der Augenheilkunde und Direktor der Augenklinik in 
Dorpat ernannt, später zum wirklichen Staatsrath. 1877/78 verwaltete 
er ein Etappen-Lazaret in Bulgarien. 1878 nahm er seinen Abschied und 
wirkte als Stadthaupt in Dorpat. 

1) Am l7.Märzi798 zu Reval geboren, studirtev.S. 1815—1821 zu Dorpat (unter 
MojERj, wurde Marine-Arzt, studirte 1826—1828 weiter in Paris, Montpellier, Genf 
und Pisa, war 1829 während des russisch-türkischen Krieges Oberarzt des Haupt- 
quartiers und von 1837—1847 Prof. der med. Klinik an der med.-chir. Akademie zu 
St. Petersburg. Er schrieb auch einen Beitrag zur Geschichte der ägyp- 
tischen Augen-Entzündung in der russischen Flotte. Nach seinem 
Rücktritt zog er nach Dorpat und lebte dort bis zu seinem Tode, den 19. Februar 
1885. (Biogr. Lex. V, 348. L. Stieda. 

2) Biogr. Lex, IV, 411. 



Bindehaut-Amyloid. G. v. Öttingen. 233 

Üttinükn hat bedculende Verdienste um die Augenheilkunde sich er- 
worben. 

\. Zusammen mit Guido Hermann von Samson-Himmelst.iekna i] , seit 
■1845 Prof. der Staats-Arzneikunde zu Dorpat, hat Ö. eine Statistik der 
Augenkrankheiten und Erblindungen in Livland herausgegeben, — die 
erste Arbeit dieser Art in Rußland, 

2. Eine neue Krankheits-Form, die amyloidc Entartung der 
Bindehaut, hat er in seinem Bericht über 

Die ophthalmologische Klinik Üorpats 
in den 3 ersten Jahren ihres Bestehens (Dorpater med. Zeitschrift II, 
1871) aufgestellt. 

In diesem Bericht giebt n. zunächst eine genaue Schilderung des in 
Livland so häutigen Trachoma. Nach 20j. Erfahrung lindet er keine be- 
stimmte Grenze zwischen dem echten Trachom und der sogen, ägyptischen 
Ophthalmie, die mit akuter Hyperämie einhergeht und durch kontagiöse 
Ursaclien hervorgerufen wird: allen diesen Erkrankungen liegt die lym- 
phoide Wucherung zu Grunde. 

Durch die Napoleonischen Feldzüge ist Trachom, bezw. ägyptische 
Augen-Entzündung nicht erst nach Europa eingeschleppt ; es ist eine uralte 
Erkrankung, die nur durch besonders begünstigende Umstände zu unge- 
wöhnlicher Entwicklung gelangte. In Livland betrugen die Trachom-Kranken 
1,3 (bis 2)^ der Bevölkerung. (In sumpfigen Gegenden bis 4Y2^-) Auch 
bei Kindern im ersten Lebensjahre wurde Trachom beobachtet. Unter 1640 
Fällen von Trachom binnen 3 Jahren wurde das akute nur 23 Mal ver- 
zeichnet. In o.'s Therapie spielt Silber- Nitrat die Haupt-Rolle. 

Als ausnahmsweisen Ausgang des Trachoms bezeichnet (Jitingkn 
nun einen eigenthümUchen, von ihm zuerst beschriebenen Zustand amy- 
loider Entartung. 

Bei einem 5öj. Russen bestand eine starke Verdickung des linken 
unteren Lid-Knorpels nebst der Bindehaut. 

Die Verdickung ist hart, gefäßarm, weißem Wachs an Farbe und Härte 
ähnlich, mit leicht körniger Oberfläche. Von der Bindehaut-Wucherung 
ziehen ein paar flügel feil-ähnliche Fortsätze über die Hornhaut fort. 

Am oberen Lid bestand schrumpfendes Trachom und Haarkrankheit; 
ebenso am andren Auge. 

In dem verdickten Knorpel und der Bindehaut- Wucherung fand sich 
amyloide Entartung der Masse, jedoch nicht bis zum Papillen-Körper, und 
auch die Meibom'schen Drüsen frei lassend. 



i ; Biogr. Lex. V, 1 62. (Stieda.) 



234 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— 187Ö. 

Diese Entartung fand sich bei zwei sonst gesunden Individuen. (Wie 
man sieht, ist die erste Beschreibung schon ganz vollständig.) 

Über diese seltne Erkrankung vgl. Th. Saemisgh, in unsrem Handbuch V, 
I, p. 266 — 275, 1904. Derselbe giebt an, daß bis dahin 70 genauer mit- 
getheilte Beobachtungen vorlagen, von denen die Mehrzahl in Rußland und zwar 1 
hauptsächlich in den Ostsee-Provinzen gemacht wurden. (Öttingen, 
Raehlmann, Kuhli, — ferner Kamocki, Braun, Adamück d. V., Mandelstamm u. A.) ; 
Aber auch in Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien, Belgien, Amerika wurde 
sie beobachtet. (Vgl. besonders Tr. Leber, A. f. 0. XIX, i und XXIV, 1 .) 

Die Literatur bei Saemisch reicht bis 190:L Weitere Beiträge bringt das 
C. El. f. A, : 1903, S. 56 (Allemann, Amerika); 1904, 3.3 (bei Malayen, Steinei;, 
Java); 1905, 82, 298, 39 4; 1906, 354 (Adamück d. S.), 271 (v. Michel] ; 
1907, 431; 1908, 451 (Schieck, Göttingen), 395; 1909, 192; 1910, 451; 
1912, 42 3; 409 (Deltschmann) ; 1913, 410, 183, 345. 

3. Die erste Sonderschrifl ihrer Art ist das Buch: 

Die indirekten Läsionen 
des Auges bei Schuß-Verletzungen der Orbital-Gegend. Nach Aufzeichnungen 
aus dem russisch-türkischen Kriege (1877 — 1878) von Dr. G. v. Ottingen, 
Stuttgart 1871) (85 S.). 

Die Aderhaut-Risse werden eingehend behandelt. 

Zusatz: 1. Öttingen, Observationes (juaedam de cataraclae operatione, 
cxlractionis ope instituenda. Comment. veniam legendi def. i) Dorpali 1854. 
(57 S., 80.) 

»In allen größeren Kliniken und von den meisten Heroen der Augen- 
heilkunde wird die Ausziehung als das zweckmäßigste Verfahren geübt.« 

2. Von den zu Öttingen's Zeit erschienenen Dissertationen erwähne 
ich die von P. Blumberg Ȇber die Augenlider einiger Hausthiere mit be- 
sondrer Berücksichtigung des Trachoms«, Dorpat 1867. 

Der Vf. wirkte später in Tiflis und hat von dort 186Ü im Arch. f. O. 
(XV, 1, 129 — 158) eine Arbeit »Über das Trachom vom cellularpalhologi- 
schen Standpunkt aus« veröffentlicht. 

§ 909. 9. Eduard Raehlmann^), 

geb. am 19. März 1848 zu Ibbenbüren in Westphalen, studirte in NVürz- 
burg, Halle, Straßburg und an ausländischen Hochschulen, promovirte 1 872, 
war hauptsächlich Schüler Alfred Graefe's in Halle, von 1875 — 1879 
Privat-Docent in Halle, und wurde 1879 als o. Prof. und Direktor der Univ. 
Augenklinik nach Dorpat berufen. 



1) O.Becker hat in der ersten Ausgabe unsres Handbuches (V, 1, S. 400 
No. 754) die Schrift irrthümlich als Inaugural-Dissertation bezeichnet. 

2) Biogr. Lex. IV, 659. Vgl. die Anm. 1 zu § 895. 



Die indirekten Läsioiien. — Raelilmann. 235 

■1\ Jahre lang hat er sein Amt verwallet und als Arzt, Lehrer, For- 
siher erfolgreich gewaltet. Im Jahre 1882 wurde die Augenklinik bedeutend 
V lurüßert, R. zum wirkl. Staatsrath ernannt. Im Jahre 1900 nahm er 
seinen Abschied »wegen der Hussificirung der Universität Dorpati)«, zog 
nach Weimar und widmete sich kunstwissenschaftlichen Studien. — Sein 
Nachfolger wurde Ewetzkv. (§911.) 

E. Rakblmann ist ein fruchtbarer Schriftsteller. Vor mir liegt 
die Liste seiner .Arbeiten. Von den 172 Abhandlungen will ich nur die 
wichtigsten anführen. 

Arbeiten von E. Raeiilmax.n; 

1. Beiträge zur Lehre vom Daltonismus und seiner Bedeutung für die Young- 
sche Farbenllieorie. A. v. Graefe's Arch. f. Ophth., Bd. XIV. 3, S. 88—106. 
Vgl. XX. I, 15; XX, 1, 233; XXI, 2, 27; XXII, 1, 29. 

2. Über die parenchymalüse Keratitis, eine experimentell-pathologische Studie, 
mit 3 lithogr. Tafeln. Arch. f. exp. Path. v. Klebs u. Schmiedeberg, 
Jahrg. 1877. 

3. Über atypische Augenbewegungen. Arch. f. Anat. u. Physiol. v. Du Bois- 
Reymond 1877. S. 454—471. 

4. Zur Histologie der Cornea. A. v. Graefe's Arch., Bd. XXIII, 1, S. lf>3— 192. 

5. Über das Verhalten der Pupillen im Schlafe, nebst Bemerkungen ziu- Inner- 
vation der Iris. Arch. 1. Anat. u. Physich v. Du Bois-R eymond, Jahrg. 
1877. 

6. Über den Nystagmus und seine Ätiologie, eine vergleichend klinische 
Studie. A. v. Graefe's Arch.. Bd. XXIV, 4, S. 237—317. 

7. Hyperbolisch geschliffene Linsen bei Keratoconus. Klin. M. Bl. f. A., Jahrg. 1882, 
S. 11—13. u. Febr. -1898. 

8. Über die neuropathologische Bedeutung der Pupillen-Weite. Samml. kl. Vortr. 
v. Richard Volkmann, No. 185. 

9. Über hyaline und amyloide Degeneration der Conjunctiva des Auges. Vir- 
chow's Arch., Bd. LXXXXII, S. 325—370. Vgl. Arch. f. A. XI, 402 u. X, 138. 

10. Pathologisch-anatomische Untersuchungen über die follikuläre Entzündung 
der Bindehaut des Auges oder das Trachom. A. v. Graefe's Arch. f. Ophth., 
Bd. XXVII, 2, S. 73—166. 

1 1 . Über Trachom. Deutsche med. Wochensch. 1890, No. 4 1 ; Ref., erstattet dem X. 
Internat, med. Kongreß in Berlin. 

12. Über die ätiologischen Beziehungen zwischen Pannus und Trachom, mit 
Tafeln. A. v. Graefes Arch. f. Ophth., Bd. XXXVIII, 2. 

13. Über die ophthalmoscopische Diagnose sclerotischer Erkrankungen der Netz- 
hautgefäße. Zeitschr. f. A.. Bd. VII, H. 6 u. Fortschr. d. Med. 1889, No. 24. 

14. Über Marginoplastik mit Transplantation von Lippenschleimhaut zur Be- 
seitigung der Trichiasis bei Trachom. Bericht über d. 27. Vers. d. ophth. 
Gesellsch. 1899 bei J. Bergmann. Wiesbaden. 

15. Über die Nosologie des Trachoms in Preußen und ein Programm zur Aus- 
rottung der Krankheit. Klin. Jahrb., Bd. IX, 1902. 

16. Ultramikroskopische Untersuchungen von Farbstoffmischungen und ihre 
physikalisch-physiologische Bedeutung. Verhandl. d. deutsch, physik. Ges., 
Jahrg. V, No. 1 8 u. 1 9. 

17. Über Trachom. Histologische, ultramikroskopische u. physiologisch-chemische 
Beiträge zur Entzündungslehre. Beitr. z. Augenh., H. 62, S. 1 — 87 mit Tafeln. 



1) Unsere Zeitgenossen von A. Z. Degener, 1912, S. 1253. 



236 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

Besonders erschienen: 

18. Über Mikrophthalmos, Coloboma oculi und Hemimicrosoma, mit "2 Tafehi. 
Bibhotheca medica (H. 1 0) 4" gr., Stuttgart, Verlag v. Erwin Nägele. 

1 9. Über den Heilwert der Therapie bei Trachom, mit 9 Abb, in 2 Tafeln. Ver- 
lag V. Fischer's med. Buchhandlung, Berlin W. 33, 1898. 

20. Über Farbensehen u. Malerei, mit 6 farbigen Tafeln. München, Verlag v. E. 
Reinhardt. 

21. Über relativen und absoluten Mangel des Farbensinns. Verlag v. S. Kar- 
ger, Berlin 1900. 

22. Zur vergleichenden Phsysiologie des Gesichtssinns, mit 1 3 Textfiguren. Ver- 
lag V. Gumav Fischer, Jena 1907. 

Von den Dissertationen, die unter R. erschienen, 
will ich nur die letzte erwähnen: 

Johann Göldner, Kasuistische Beiträge zu Farbenblindheit, 1900. 

Die Promotion von Göldner (6. April 1900) war die letzte, welche in 
deutscher Sprache an der Universität Dorpat stattfand. 

Mit der Umwandlung der deutschen Universität Dorpat in die russische 
Jurjew hatten auch die auf russischen Universitäten damals herrschenden 
Studenten-Unruhen ihren Einzug gehallen. 

»An diesem Tage hatten die aufrührischen Studenten die Vorlesungen 
verhindert und die Aula der Univei-sität umstellt. Die Promotion mußte in 
dem Auditorium der Augenklinik stattfinden. 

Das Auditorium war voll von Russen, besonders auch von Damen. 

In dem Hörsal der Augenklinik, während draußen der Tumult der studie- 
renden Jugend hörbar war, verklangen am 6. April 1900 die letzten offiziellen 
deutschen Laute an der alten alma mater Dorpatensis.« 

§ 910. Zu den Dörpter Schülern gehören die beiden Jäsghe's. 

1. Georg Emanuel Jäsche (1815 — 1876)i), 
geboren am ib. Febr. 1815 zu Dorpat, wo sein Vater Prof. der Philoso- 
phie war, studirte von 1835 ab in seiner Vaterstadt, wurde 1838 Dr. der 
Heilkunde, machte eine wissenschaftliche Reise in's Ausland (nach Paris, 
Wien, Prag, Berlin), ging erst als praktischer Arzt nach Minsk, dann nach 
Pensa als Oberarzt am dortigen Stadtkrankenhaus, zuletzt in gleicher 
Stellung nach Nischni-Nowgorod, wo er eine reiche chirurgische Thätigkeit 
entfaltete. Hier ist er am 50. Dez. 1876 verstorben. 

Bekannt wurde G. E. Jäsche, der ältere, besonders durch seine Opera- 
tion gegen Haarkrankheit, die später als ARLx-JÄscuE'sches Verfahren 
in die Lehrbücher übergegangen ist. 

Im Jahre 1844 hat er, in der medizinischen Zeitung Rußlands, seine 
Operation beschrieben: »Ein neues Verfahren bei der Operation von Disti- 
chiasis und Trichiasis«; und in der Petersburger med. Zeitschrift (Bd. VHI) 
von Neuem besprochen. 



1) Biogr. Lex. VI, S. 867. (L. Stieda.) 



Die beiden Jäsche's. 237 

F. Arlt hat 1845 das Verfahren etwas abgeändert^). 

Aber G. E. Jäsciik's jüngerer Bruder meinte, daß das JÄscHE'sche Ver- 
fahren von dem ARLx'schcn wesentlich verschieden sei, und hat ersteres 
noch einmal 1873 2) genau beschrieben. Dasselbe besteht in drei Akten: 
\ . Abtrennung des Ciliar-Randes vom Lide in seiner ganzen Länge bis auf 
zwei Verbindungsbrücken, Ausschneiden eines bogenfürmigen Hautstückes 
aus dem Lide. 2. Anheftung des getrennten Lid-Randes in der neuen Lage. 

Daß die Verpflanzung des Haarwimper-Bodens bei der Haar- 
krankheit den Vorzug verdiene vor dem rohen Abtragen der gesammten 
Dicke des haartragenden Lidrandes, wie sie von Bartisch und Heister 
(1583, 1719) geübt worden, und vor der Abtragung des wimpertragenden 
Lidhaut-Streifens, nach Fr. .lÄtiicR (1818), Fi.arer (1828)'^* u. a., war ja leicht 
zu verstehen. 

Weniger leicht verständlich scheint, wie man so lange übersehen 
konnte, daß die Verpflanzung des Haarwimper-Bodens schon von 
den alten Griechen als Empornähung [dvauoaff)]) am Oberlid und als 
Herabnähung {/.araouaffi]) am Unterlid ganz genau beschrieben worden ist-*). 

Allerdings, zu der Zeit, wo gelehrte Arzte die griechischen Texte 
lasen, gegen Ende des 16. und im 17. Jahrb., lag die Chirurgie in den 
Händen ungelehrter Wundärzte. Als dann später die studirten Ärzte allmäh- 
lich die (Ihirurgie sich zurückerobert hatten, im 18. und in der ersten Hälfte 
des 19. Jahrb., begnügten sich auch die Gelehrteren meistens — und so 
bis auf den heutigen Tag, — mit den lateinischen Übersetzungen. 

Aber, wer diese für die betreffenden Stellen aus Paulos Ag. oder 
aus Aetios zur Hand nimmt, muß bald erkennen, daß man danach die 
Operation nicht begreifen kann. 

Wenn Einer jedoch sowohl das Operiren versteht, wie auch die 
griechische Sprache, dann wird er sofort^) zu der richtigen Ein sieht 
gelangen, daß die alten Griechen ein vortreffliches, von dem Jäsche-Arlt- 
schen nicht wesentlich abweichendes Verfahren besessen, geübt, beschrie- 
ben haben. 

2. Emanuel Jäsche^'), 
1821 zu Dorpat als jüngerer Bruder von Georü E. J. geboren, studirte 
gleichfalls in seiner Vaterstadt, wurde 1847 Doktor, war von 1847 — 1856 



1: Prager Vierteljahrsschrift VII. Vgl. Lehrb. 1, S. I'ifi, 18."jI; unser Handbuch, 
I. Aufl. III, S. 447. 1874. 

2) Klin. M. Bl. XI, S. 97— lol. 

3) § 720, S. 38. 

4) Vgl. unsren § 253 und 234. 

3) Wie zuerst mein alter Freund Anagxostakis zu Athen, von dessen Auf- 
fassung die meinige nur in wenigen Kleinigkeiten abweicht. Vgl. sein Werk: La 
Chirurgie oculaire chez les Anciens, Athenes 1872. 

6) Biogr. Lex. VI, 867. 



238 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

im russischen Militär-Dienst, machte den Krim-Krieg mit, begab sich dann 
in's Ausland und besuchte die Augenkliniken von A. v. Graefe, Arlt und 
Desmarres. Von 1858 — 1873 war er Arzt am Findelhaus in Moskau und 
ließ sich dann als Augenarzt in Dorpat nieder. 
Seine Arbeiten sind: 

A. i. Das räumliche Sehen, Stuttgart 1879. 

2. Das binokulare Sehfeld. Dorp. med. Zeitschr. VI, 8.354, 1877. 

3. Das Grundgesetz der Wissenschaft, Heidelberg 188.'i. 

B. In A. V. Graefe's Arch. f. Ophth. (X, 2, 16G— 180, 18G4.) 

4. Zur Behandlung der Thränenschlauch-Verstopfungen. 

C. In Zehender's Klin. M. Bl. 

5. Die erwärmenden Umschläge in der Augen-Praxis. XI, 1 05. 

6. Zur Trachom-Behandlung. XXXIV, 155. 

7. Trichiasis-Operation. XIX, 40. i 
(Bedeckt die fieihegende Wundfläche, oberhalb des Lid-Randes, mit Epider- 

mis-Blättchen.) 

8. Entrop.-Op. XX, 452. 

(Naht und Ausschneiden, für das untere Lid.) 

D. Knapp's Arch. f. A. (XV, 3—5, 1884.] 

9. Zur Ruhelage des Auges. 

1. Em. Jäscbes Schrift vom räumlichen Sehen (1879) ist in der 2. Auflage 
von Helmholtz's physiologischer Optik (1896) nicht berücksichtigt, nur 
im Literatur-Anhang citirt worden. Aber das begreift man schon aus dem 
Vorwort Jäsche's: »Die in dieser Abhandlung dargelegte Auffassung vom 
Sehen schließt sich nicht durchweg den Ergebnissen an, welche bisher 
durch die wissenschaftliche Forschung gewonnen wurden. Sie geht von 
einem andren Standpunkte aus und kommt auch mehrfach zu andren 
Resultaten, . . . Die Schrift sucht sich einen größeren Kreis. . . . Deshalb 
mußten Vergleiche mit abweichenden Ansichten unterbleiben. c 

4. Bei den Thränenschlauch-Verstopfungen ist die von Stellwac. v. 
Carion noch in seinem Lehrbuch von 1864 empfohlene Verödung zu ver- 
werfen; angezeigt sind Beseitigung des Hindernisses auf raschem, sicherem 
und wenig verletzendem Wege und möglichst vollständige und dauerhafte 
Wiederherstellung der Thränenleitung. 

J. vervollständigt das BowMAN'sche Verfahren durch Anwendung einer 
Rinnen-Sonde nebst Strikturen-Messer von 1'" Breite und 9'" Länge. > 

Zu Einspritzungen gebraucht er übrigens eine Ballon-Spritze i). y 

5. Die warmen Umschläge macht J. mittelst des nassen Verbandes, 
der alle 3 Stunden erneuert wird, bei Gersten- und Hagel-Korn, Vereiterung 
des Thränensacks, tiefsitzender Hornhaut-Entzündung. 

6. Zum Ausdrücken der Trachom-Kürner bedient er sich einer beson- 
dren gefensterten Zange. 



1) J. hat die Priorität vor Wecker. 



F. 0. Ewetzky. 



239 



§ i)||. 10. Feodor Orestowitscb Ewetzky (1851 — 1909)^^ 

1851 im Gouv. Jekaterinoslaw geboren, begann E. seine Studien an der 
med. Akademie zu St. Petersburg, setzte dieselben aber schon vom i. Jahre 
an im Auslande fort, in Zürich, Heidelberg, Halle und Wien, erlangte den 
Doktor-Grad in Heidelberg, machte das russische Staats-Examen, ließ sich 
in Moskau nieder; nachdem er 1 886 auch noch in Dorpat promovirt, habilitirte 
er sich in Moskau 1 893 und wurde erster Assistent Maki.akokf's in der neu 
erbauten Augenklinik. 

Fig. 12. 




Prof. F. 0. Ewetzky. 



Nach dem Ableben Maklakoff's zum a. o. Professor befördert, über- 
nahm er die Leitung der Poliklinik und des Laboratoriums und ertheilte 
seit 1895 den klinischen Unterricht in Gemeinschaft mit dem Direktor der 
Klinik, Prof. Krückow, gab auch Kurse der pathologischen Gewebe-Lehre 
des Auges, die großen Zuspruchs sich erfreuten. 

Im Jahre 1900 wurde E. als Nachfolger von Raeblmann nach Dorpat 
berufen. »Seine Rechtlichkeit, seine unabhängige, parteilose Stellungsnahme 



1) Klin. M. Bl. f. A. 1909, S. «47—650. (Alex. Natanson.) C. B1. f. A. 1909, 
S. 185. (Ich habe E. gut gekannt.) 



240 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— 1875. 

in der bisher deutschen, nunmehr aber — nicht zu ihrem Vortheil — 
russificirten Alma mater Dorpatensis haben allerseits die verdiente Aner- 
kennung gefunden ij.« Leider ist er schon am S.Mai 1909 einem Schlag- 
anfall erlegen. 

EwETZKY war ein unermüdlicher Forscher. Sein Name ziert die Mehr- 
zahl der russischen medizinischen Blätter und sämtliche deutsche Fach- 
zeitschriften. Auf dem Gebiet der Entwicklungsgeschichte, der angeborenen 
Mißbildungen und der pathologischen Anatomie des Auges hat er Hervor- 
ragendes geleistet. 

A. Entwicklung der Lider, Arch. f. Augenh. VIIl, 1879; des Thränen- ■ 
Nasengangs, A. f. 0. XXXIV, 1888. Lid-Kolobome, C. Bl. f. A. 1897. Kolobom- 
Kysten, Diss. Dorpat 188 6. Teratome der Orbita, Westn. 0. 18 86. Ilaut- 
Horn, Moskauer augeniirztl. (i. 1900. Halbmondförmige Lipodermoide, G. Bl. 
i: A. 1898. 

Hyaline Entartung, Westn. 0. 1893. Sklerom, Deutscbmann's Beitr. 1896. 
Sarkome der Bindehaut, Westn. 0. 1886. Syphilome des Ciliarkörpers, Berlin 
1903. Dissemination intraok. Sarkome, A. f. 0. XLII, 1896. Sarkome in 
atrophischen Augen, A. f. 0. XLV, 1898. Ret. pigm., Westn. 0. 1890. Netzhaut- 
Ablüsung undGlaukom bei Ret. albumin., Klin. M. Bl. 1 898. Sehnerven-Geschwülste, 
Ges. d. russ. Ärzte in Moskau 1882, Med. Obow. 18 83. Bacilläre Panophth. 
ebendas. 1896, mit Berestnew. Aktinomykose des Thränenröhrchens, Arch. 
d'Ophth. 1896. Fliegenlarve in Vorderkammer, Zeitschr. f. A. 1904, mitKennel. 

B. Von klinischen Veröffentliclmngen seien erwähnt: Trachom im 
Kindes-Alter, Westn. 0. 1897. Behandlung der Bindehaut-Diphtherie mit Serum, 
Berlin. Klin. W. 1896. Intraokulare Desinfektion mit Jodoform, Klin. M. Bl. 1902." 
Bindehaut-Xerose und Star-Bildung bei Glasbläsern, Westn. 0. 1890. Kyklitis 
bei Affen nach Impfung mit Recurrens, C. Bl. f. A. 1897. Panophth. und Chor. 
metast.. Med. Obow. 1888. Recid. Ret. centr. syph., C. Bl. f. A. 1892. Sch- 
störung nach Kopf-Verletzung, Med. Obow. 1883. Gummöse Erkr. d. Chiasma, 
ebendas. 1895. Lähmung der äuß. Augen-Muskeln nach Diphth., Arch. d'Oplitli. 
1887. 

C. Die Mittheilungen aus der Augenklinik in Jurjew hat Ewkt/jcy in 
deutscher Sprache veröffentlicht. 

Das erste Heft (Berlin 1904) enthält seine eigne Arbeit über das Syphilom 
des Ciliarkörpers; das zweite (1905) Arbeiten seiner Schüler: .T. Rubert, Augen- ,i 
grund-Veränderungen bei Lepra. A. Engelman, Tonometr. Untersuchungen. 

Th. Wernicke, Zur Onkologie des Auges ; Beitr. zur Aniridie. G. Hollmann, 
G. F. -Veränderungen im Alkohol-Rausch. M. Sesülinsky, G. F. -Veränderungen 
nach Vergiftung mit Nitrobenzol und Stickstoff-Oxydul. 

Ewetzky war Mitherausgeber der russischen augenärztlichen Zeitschrift 
Westnik Ophth. und Gründer der Moskauer augenärztl. Gesellsch. 1899, die aus 
dem bescheidnen Ophthalmologcn-Kränzchen vom .lahre 1888 hervorgegangen. 

1) Natanson, a. a. 0. 



Die Augenheilkunde in Riga. 241 

§ 012. Die .\ugenheilkunde in Riga^). 
Bis zur Mitte des lU. Jahrhundeiis gab es in Riga keine Arzte spe- 
(i'Uer Ausbildung für Augenheilkunde. Im Jahre 1857 begann Dr. C. 
\\ ALDHAL'Eit seine augenärztliche Thätigkeit in Riga unter Erüilnung einer 
l'rivalklinik mit einigen Betten. Im Jahre 1K70 Dr. J. Stavenhagen und 
IS74 Dr. L. Mandelstamm. 

Stave.nbagen, Job. Eugen, geb. 6. Okt. 1842 zu Riga, studirte in Dorpat 
IStil — 1866; promovirto daselbst zum Dr. med. 1868 (mit der Dissertation : 
Klinische Beobachtungen aus der Wittwe Reime rs'schen Augen-Heilanstalt 
zu Riga*): war 1867 — 1869 Assistenz-Arzt der Reimers'schen Augen-Heil- 
anstalt zu Riga; setzte das Studium der Augenheilkunde IS6*.) — 1870 in 
ßtrlin unter A. v. Graefe und in ^^■ien unter .\iu.t fort und ließ sich 1870 
in Riga nieder. Seit April 1880 Direktor und Oberarzt der Reimers- 
S( heu Augen-Heilanstalt. 

NN'ittwc W. Uoimers'schc .\ugen-Hoilanstalt für Unbemittelte 

zu Riga. 

Frau Wilhelmine Reimers (geb. 1792, gest. 1858,] vermachte testamen- 
tirisch einen großen Theil ihres Vermögens zum Zwecke der Begründung 
einer Augen-Heilanstalt für Unbemittelte. Der Bau wai- im Sommer 1803 
li'-endet. Für den Betrieb der Anstalt verbliel) nur die Rente eines Kapitals 
\<>n 60 000 Rbl., so daß das Wohlthätigkeits-Institut sofort auf Erwerb 
durch zahlende Kranke angewiesen war und den Willensmeinungen der 
Kiblasserin nur durch einige Freibetten, durch niedrige Verpilegungspreise 
lind die kostenfreie ambulatorische Behandlung entsprechen konnte. 

Dr. C. Waldhauer eröffnete den Betrieb der Anstalt am 4. Jan. 1864 
und leitete sie mit bestem Erfolge bis zum April 1880. Ihm folgte als 
Olierarzt und Direktor, durch Wahl der Gesellschaft prakt. Arzte, der Dr. 
med. J. Stavenhagen. Zahl der Betten 60, A. Kr. 6000, B. Kr. 400. 

Zusatz. Klinische Beobachtungen aus der Wittwe W. Reimers'- 
schen Augen-Heilanstalt zu Riga im Jahre 1 867. Eine zur Erlangung der Würde 
eines Doktors der Med. (zu Dorpat) verfaßte Abhandlung von Joiin Eugen 
Stavenhagen. Riga 1868. (95 S.) Behandelt die Kr. der Lider, der Binde- 
haut, der Hornhaut und die Verletzungen. 

Unter den 2135 Kranken des Jahres 1867 betreffen 244 d. i. 11,4^ 



1) E. Z. (1907) 256 000; 46?» Deutsche, 20X Russen, 20% Letten; den Rest 
bilden Esthen und andre Nationalitäten. 1911: 328 000, so daß Riga jetzt die 
sechstgrößte Stadt des russischen Reiches geworden. — In Riga wirkten Herder 
und Richard Wagner. — 

Für die Nachrichten über Riga bin ich Hrn. Kollegen Dr. H. Baron Krüdener 
zu Dank verpflichtet. Der Paragraph 9i2 entstammt der Feder des Hrn. Kollegen 
Stavenhagen, ist aber von mir einerseits gekürzt und andrerseits mit einem Zu- 
satz versehen worden. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VH.) XXIII. Kap. 4 6 



242 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, -1 800— 1875. 

die Augenliderj und davon die Hälfte, also 5,5^ die Haarkrankheit. 
(In Düsseldorf nur 0,8^, in Heidelberg 0,67^, in Wiesbaden 0,6^, in 
Wien bei Arlt 0,33^ der Gesamt-Krankenzahl.) 

§ 913. Die Todten Riga's. 

I. Carl Waldhauer (1820 — 1899) t). 

Im Dez. 1820 zu Sallenen in Kurland geboren, studirte W. in Königs- 
berg und in Halle, bestand sein Examen in St. Petersburg, wirkte zuerst als 
Landarzt in Kurland, unternahm dann im Jahre 1855 eine Reise nach 
Berlin und nach Paris, um sich bei A. v. Graefe und bei Desmarres in der 
Augenheilkimde weiter auszubilden, ließ sich 1857 in Riga als Augenarzt 
nieder und leitete von 1863 — 1880 die Wittwe Reimers'sche Augen- 
Heilanstalt. 

Hier entfaltete W. eine segensreiche, praktische Thätigkeit, hat auch 
eine Reihe von Augenärzten herangebildet. Später zog er nach Mi tau, 
mußte aber schließlich wegen eines schweren Augenleidens der Thätigkeit 
entsagen. 

W.'s Veröffentlichungen beziehen sich auf Fragen der praktischen 
Augenheilkunde, besonders auf die Operation der im trachom-reichen Kur- 
land so häufigen Haarkrankheit und auf interessante Krankheitsfälle und 
Augen-Verletzungen. W. war ein echter Deutscher, in Gestalt und Wesen. 

»Seine markante Art sich zu geben, seine an längst vergangene Tage 
anklingende, urwüchsige Natur, in der die rauhe Außenschale ein treues 
Herz und ein weiches Gemüth zu verbergen suchte, machte ihn, besonders 
in seiner Heimath Kurland, zu einer im besten Sinne populären Persön- 
lichkeit.« (II.) 

Im Folgenden gebe ich eine Liste seiner hauptsächlichen Veröffent- 
lichungen : 

Über Cataract. punct., Arch. f. Ophth. XXXI, 1. Tumoren des Auges und der 
Augenhöhle, Petersb. med. W. -1877 (C. El. f. A. -1878, S. 168). L'Operation du trichia- 
sis, Arch. d'Ophth. i882, Novbr. bis Dezbr. Eine Iris-Anomalie, Klin. M. Bl. -1886, 
Mai. Zur Op. der Ptosis, Petersb. med. W. 1886, 16 u. 17. Ein Fall von sympath. 
Ophth., Klin. M. Bl., Okt. 1883. 4 Fälle von diabet. Cataract, St. Petersb. med. W. 
1884, No. 51 u. 52. Eine Augenverletzung, C. Bl. f. A. 1885, S. 41. Fremdkörper 
in der Orbita, D. Z. f. Chir. XXIX, C. Bl. f. A. 1889, S. 433. Zur Operation der 
Trichiasis, Klin. M. Bl. 1897, S. 377. 

IL Leopold Mandelstamm H (1839—1913)2), 
geb. am 16. Mai 1839 zu Szagarren (Gouv. Kowno), studirte erst in Dorpat, 



1)1. C. Bl. f. A. 1899, S. 254—255. (J. HlRSCHBERG.) II. Klin. M. Bl. 1899, 
S. 229—230. 

W. hat mich öfters besucht, ich habe ihn sehr gut gekannt. 

2) C. Bl. f. A. 1913, S. 332. (J. Hirschberg.) — Mändelstamm I werden wir in 
Kiew kennen lernen. 



Waldhauer, L. Mandelstamm, Poetschke, Zwingmann. 243 

dann in Berlin und Heidelberg. Er arbeitete im Laboratorium von Helm- 
HOi.Tz und besuchte die Kliniken von Lebkr, Hirschbbrg, Pagbnstechbb. 
Im Jahre 4 874 ließ er sich in Riga als Augenarzt nieder, entfaltete eine 
bedeutsame, praktische Thätigkeit und erhielt den Charakter als Staatsrath. 
In den letzten Jahren lebte er zurückgezogen in Berlin und ist hierselbst 
am 5. Juli 1913 verstorben. 

V e r ü f f e n 1 1 i c h u n g e n. 

1. Diss.: Beobachtung doppelsinniger Leitung im Ram. lingualis nervi trige- 
mini, Dorpat 1864. — 2. Zusammen mit Dr. H. Schoeler: Eine neue Methode 
zur Bestimmung der optischen Constanten des Auges am Lebenden. Graefe's 
Arch., Bd. XVIII. — 3. Beitrag zur Lehre von der Lage der korrespondirenden 
Netzhautpuncte. Graefe's Arch., Bd. XVIII u. XIX. — 4. Ein Fall von seltener und 
schwerer Augenverletzung mit relativ günstigem Ausgange. St. Petersb. med. 
Wochenschrift 1884. No. 22. — Casuistische Beiträge im C. f. A.. Klin. M. Bl. f. A. 
:1878) und in der St. Petersb. med. Wochenschr. 

III. Otto Hugo Poetscbke, 
geb. zu Annenhüf in Kurland am 30. März 1852 als Sohn des dortigen 
preußischen Bürgers Gottfried P., machte seine Universitäts-Studien auf 
deutschen Hochschulen, 1878 Dr. in Berlin, während er gleichzeitig als 
Freiwilliger bei den Gaide-Dragonern sein Jahr abdiente; 1881 hat er in 
Dorpat noch einmal den Doktor erworben. 

Zunächst ließ er sich zu Bershof in Kurland nieder, wo er 1883 — 1887 
prakticirte und eine Augen-Heilanstalt verwaltete. Von 1888 — 1891 prakti- 
cirte er zu Schlok in Livland, wo er ebenfalls ein Lazaret für Augenkranke 
errichtete, und war vom April 1892 bis 1. Oktober 1893 als Dr. Wald- 
hauer's Nachfolger Augenarzt am Diakonissen-Hause zu Mitau, zugleich all- 
gemeine Praxis ausübend. Am 3. Mai 1894 ist er verstorben. 

Berliner Diss. (nach Hirschberg's Material): Beiträge zur Diagnostik und 
Prognostik der Amblyopien durch die Gesichtsfeldprüfung. — Dorpater Diss.: Um- 
arbeitung der ersten Schrift: Die Verwertung der Gesichtsfeldprüfung für die Dia- 
gnostik und Prognostik der Amblyopien. 

§914. Die Lebenden Riga's. 

I. Lothar Fkiedrich Zwingmann, 
geb. in Riga am 26. September 1851, besuchte 1871 — 1877 die Universität 
Dorpat, promovirte Oktober 1879, war 1877 — 1879 Assistent der Dorpater 
Universitäts-Augenklinik, lebt seit September 1880 als frei prakticirender Augen- 
arzt in Riga. In Folge eines Scblaganfalles, im März 1913, hat er seine 
Praxis aufgegeben. 

Veröffe ntlichungen: 

1. Diss.: Die Amyloid-Tumoren der Conj., Dorp. 1879. — 2. Conjunctivitis diph- 

therica mit tüdtlichem Ausgange durch akute Lymphdrüsenschwellung am Halse. 

St.Petersb. med. Wochenschr. 1883, No. 5. — 3. Refraktion und Sehschärfe der Augen 

' der Schüler des Stadtgymnasiums. Im Programm des Stadtgymn. zu Riga 1884. 

16* 



244 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, < 800— 1875. 

II. MiRON Eliasberc, 
geb. in Minsk 186'3, Doktor 1893, vom I . September 1893 bis 23. September 
1896 a. 0. Ordinator an der St. Petersburger Augen-Heilanstalt. Seit 1896 
praktischer Arzt in Riga, wo er 1896 eine Privat-Augenklinik begründete. 

V e r ö f f e n tl i c h u n g e n : 
1. Bericht über die augenärztliche Expedition im Gouvernement Pensa 1895 
(russisch, Riga 1896). — 2. Chinin -Amaurose. (Vgl. G. Bl. f. A. 1898, S. 44t.) — 
3. Offene Wundbehandlung. (Ebendas. 1900, S. 192.) — 4. Behandl. skrof. Augen- 
Entz. fKl. M. BI. 1904.) — 5. Tay-Sachs'sche Kr. (Z. f. Aug. 190ö.) — 6. Augen- 
Verband (WolfTberg's W. 1911 und Petersb. M. Z, 1912). — 7. Ret. prolif. (G. BI. 
f. A, 1904, S. .383.) 

III. Heinrich Emanuel Baron Krüdeneh, 
geb. 17. April 1864 zu Pujat bei Fellin, studirte 188 4 — 1890 in Dorpat. 

Arzt im Mai 1890, Dr. med. 12. Mai 1892; war 1890 — 1893 Assistent 
an der Universitäts-Augonklinik zu Dorpat, setzte seine Studien bis Mai 1894 
in Berlin fort, unternahm im Sommer 1895, im Auftrage des St. Petersburger 
Blinden-Kuratoriums, eine okulistische Expedition ins Gouvernement Smolensk, im 
Sommer 1895 eine solche auf die Inseln Ösel und Moon und 1896 ins Gou- 
vernement Simbirsk. 

Ein Jahr lang hielt er sich als wissenschaftlicher Assistent an der Uni- 
versitäts-Augenklinik in Königsberg auf, ist seit 1895 praktischer Augenarzt m 
Riga, wo er September 1898 eine Privat-Augenklinik begründete. 

Veröffentlichungen : 
1. Diss.: Zur pathologischen Anatomie der Amyloid-Tumoren, Dorpat 1902. — 
2. Über die Tensionsveränderungen des Bulbus beim Aderhautsarcom. Knapp- 
Schweigers Archiv 1896. — 3. Zur Pathologie der Stauungspapille und ihrer Ver- 
änderung nach der Trepanation. Graefe's Archiv 1907, Bd. LXV. — 4. Erblindung 
durch Atoxyl, Methylalkohol, Schwefelkohlenstoff und Fihx Mas. Zeitschrift für 
Augenheilkunde 1907. — ö. Über Trachom und Zellparasiten bei Trachom 1895. 
<908, No. 52; 1909, No. 19 u. 24. St. Petersb. med. Wochenschr. 

Erst in Riga, später in Libau wirkte als Augenarzt 

IV. G. Isr.HREVT, 

von dem zahlreiche Veröffentlichungen vorliegen : 

A. f. 0. LVI, 677, 1898, Zur Mechanik der Sclera. LVIII, 384, Anatom, u. 
physik. Untersuchung der Rinder-Scieren; 506, Faserverlauf der menschl. Liderhaut. 
XLIX, 512. Elast. Fasern der Sclera. XLVIII, 694 Tonometrie. A. f. A. LXIV, 
1009, Beziehungen zwischen Glaukom u. Myopie. St. Petersb. med. Wochensch. 
1910, Vorstufen des primären Glaukoms u. viele a. 

§ 915. Augenärzte in Revali). 

Bis zum Jahre 1853 hat es in Reval, bezw. in der Provinz Esthland, keine 
speciahstisch ausgebildeten Augenäi'zte gegeben. Der erste war: 

Eduard Paul Hoerschelmann (183 3 — 1883), 

der 1863 als frei-practicirender Arzt^ vorherrschend Augenarzt, in Reval sich 
niederließ. 



1) Nach dem Bericht des Herrn Kollegen Dr. von Poppen. (Gekürzt.) 



Eliasberg, Krüdener, Ischreyt. — Kiew. 245 

Der zweite 

Theodou Feriiinanü Uofkmanx, 

geb. 8. Mai 18 40 in Esthland, seit 1860 practicirender Arzt, vorherrscbend 
Augenarzt, in Reval. 

Der erste Arzt^ der lediglicli mit Augenheilkunde sich beschäftigte, war 

3. Max vun Middendori-, 

[ geb. am 8. December 1861 in Livland, studirte Heilkunde in Dorpat 1880 — 1888, 
' -war als Student Volontär-Assistent an der Augenklinik in Dorpat unter Prof. 
Raehl.ma.nx, 1889 an der St. Petersburger Augen-Heilanstalt unter Graf Magawly, 
besuchte verschiedene Universitäten Deutschlands. Seit 1890 Augenarzt in Reval. 
Begründete 18 93 im Verein mit mehreren Ärzten eine Ambulanz für alle Disci- 
pHnen der Medicin, in der er die Abtheilung für Augenkranke übernahm. Ist 
Ordinator der Abtheilung für .Vugenkranke an der Diakonissen-Anstalt in Reval. 

4. Frieiihich Akei., 

geb. 2 4. August 187 1 in Livland, esthnischer Nationalität. Seit 1902 Special- 
arzt für Augenkrankheiten in Reval. Eröffnete 19 12 ein kleines Privat-Hospital 
für Augenkranke, 

§9161). Djg Universität in Kiew. 

[Nach der ersten polnischen Empörung wurde 1831 das Lyceum zu Kreme- 
nentz und 1832 die Universität zu Wilna geschlossen; jedoch, an Stelle der 
med. Fakultät, eine medizinisch-chirurgische Akademie belassen.] 

Im .Jahre 1833 wurde dann die Universität in Kiew gegründet; doch die 
medizinische Fakultät konnte erst 1840, nach Schließung der Wilnaer Medico- 
Qiirurgischen Akademie, eröffnet werden. 

Bis zum Jahre 18 69 war die Augenheilkunde von der Chirurgie nicht ge- 
trennt und wurde der theoretische Theil mit der theoretischen Chirurgie vor- 
getragen, außer in den ersten 1 '2 Jahren, wo Prof. Kahawa^eff Augenheil- 
kunde las. 

Von 18 44 — 18 45 trug Prof. Becker die Ophthalmologie zusammen mit 
der theoretischen Chirurgie vor. Er war sächsischer Unterthan, in Reval 
178 8 geboren, und hatte seine medizinischen Studien an der Dorpater Uni- 
versität gemacht. Nach Kiew wurde er für den Lehrstuhl für allgemeine The- 
rapie und Pharmakologie berufen. 

Seine Stelle wurde dann von Prof. Zilchert eingenommen. Zilchert war auch 
deutscher Herkunft und in einer der Baltischen Provinzen 1815 geboren. 
Seine Studien machte er ebenfalls in Dorpat und blieb darauf als Prosektor 
daselbst an der Universität bis zum Jahre 1845, wo er als Extraordinarius für 
Chirurgie und Ophthalmiatrie nach Kiew berufen wurde. Leider konnte er nicht 
lange dieses Amt verwalten, schon 1848 starb er am Typhus. 

Vom Jahre 1848 — 1850 tritt eine Pause ein, die Augenheilkunde ist wohl 
in dieser Zeit überhaupt nicht vorgetragen worden; in der zweiten Hälfte des 
Jahres 1851 wird Prof. vox HCbbexet zum a. 0. Professor ernannt. 



1) §916 ist nach dem Bericht des Dr. von Poppex, mit wenigen [einge- 
klammerten! Zusätzen von mir gearbeitet. — Dr. von Poppen schreibt Kieff; wir 
sind an Kiew gewöhnt. 



246 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— 1870. 

Christian von Hübbenet war 1822 in Livland geboren. Seine medi- 
zinischen Studien machte er an der Dorpater Universität, bis 1844. Da- 
nach arbeitete er einige Zeit in Kasan unter Leitung Prof. Blossfeld's auf 
dem Gebiet der gerichtlichen Medizin. 1847 wurde er als Adjunkt nach Kiew 
berufen und \ 850 erhielt er daselbst die a. o. Professur für theoretische und 
praktische Chirurgie, einschließlich der Ophthalmologie, welche er bis zum 
Jahre 1869, der Eröffnung eines besondren Lehrstuhles für Ophthalmolo- 
gie, vortrug. Bei einer Studien-Reise, die Prof. Hübbenet 1852 ins Ausland 
unternahm, lernte er die Ophlhalmoskjopie und brachte das erste Oph- 
thalmoskop^) und eine Sammlung künstlicher Augen nach Rußland mit. 
Bis zum Jahre 1870 blieb er auf seinem Posten, darauf siedelte er nach 
Petersburg über und ist 1873 am Typhus gestorben. 

Prof. IICbbenet hat keine großen wissenschaftlichen Arbeiten hinter- 
lassen; aber mehrere seiner Schüler erlangten später einen weiten Ruf. In 
seinen Vorlesungen verstand er seine Zuhörer hinzureißen und für sein 
Fach zu interessiren. Seine operative Technik wai- keine hervorragende. 
[Vgl. Biogr. Lex. III, 298.) — 1854/55, während des Krim-Krieges war H. 
in Sebastopol äußerst thätig und hat seitdem der Militär-Hygiene große 
Aufmerksamkeit zugewendet, besonders nach seinem Rücktritt: auch mehr- 
mals Deutschland besucht. 

In der Gesellschaft der Hospital-Ärzte zu Paris sprach H. am 26. Sep- 
tember 1860 über Hemeralopie. Er leitet diesen Zustand von mangel- 
hafter Ernährung, z. B. während der Fastenzeit, ab und sieht in der Rinds- 
leber, welche die niederen Klassen dagegen anwenden, nur ein fibrinhaltiges 
Nahrungsmittel: er beobachtete dabei auch eine Trockenheit der Ober- 
fläche des Augapfels, Schüppchen in der Bindehaut desselben. (A. d'Oc. 
XLIV, 293, 1860.)] 

Die ophthalmologische Klinik befand sich vom Jahre 1844 — 1869 
unter der Leitung von Prof. Karawajeff. Bis zum Jahre 1852 war sie 
von der chirurgischen nicht getrennt: zur Verfügung für Augenkranke 
standen nur 9 Betten. 

Wladimir Karawa.ieff war in Wjatka 1811 geboren; 1831 beendete 
er seine medizinischen Studien in Kasan und wurde zum Ordinator an das 
Petersburger JMilitär-Hospital berufen. Im Jahre 1834 unternahm er zu 
weiterer Vervollkommnung eine Reise ins Ausland und studirte Chirurgie 
in Berlin und Göttingen, dann von 1835 — 1838 noch weiter in Dorpat, 
machte auch dort seinen Doktor. Mit der Eröffnung einer medizinischen 
Fakultät in Kiew 1840 wurde er als Professor der Chirurgie dorthin 
berufen. 



1) [Dies hat wohl nur örtliche Bedeutung. Von Kabat und Froebelius 
wird dasselbe gerühmt.] 



Hübbenet. Karawajeff. Iwanoff. 247 

Prof. Karawajeff begann bei der Star- Operation die Fixations-Pinzette 

/u benutzen und die Ausziehung nach oben zu machen. Dank seinen Be- 

I tnühungen wurde ein besonderer ophthalmologischer Lehrstuhl mit einer 

Klinik im Jahre 1869 an der Kiewer Universität eröffnet und zum Leiter 

derselben Prof. Iwanoff ernannt. 

[^In dem Nachrufe an Karawajeff von Talko') heißt es: »Bis zum 
,l;ihre 1859, als auf den neu erricliteten Lehrstuhl der Augenheilkunde 
Dr. Junge nach Petersburg und Dr. Braun nach Moskau berufen wurde, 
hatte nur Einer Ruf in ganz Rußland als vorzüglicher Augenarzt, das 
war Karawajeff. Besonders berühmt war er durch Star-Ausziehung nach 
nhen. (Jäger's Verfahren, mit dem BEER'schen Messer ausgeführt.) Seinen 
kiinstgeübten Händen hatte sich die Schwester des Kaisers Nicolaus, Helene 
l'awlowna, anvertraut; die Gattin des Kaisers, Alexandra, nahm seinen 
liath in Anspruch ... . Im Jahre 1890 feierte er sein 50 jähriges Jubiläum 
und erhielt den Titel eines wirklichen Geheinirathes. 51 Jahre (!' lang hat 
er seiner Professur vorgestanden. Im Alter von 81 Jahren ist er (1893) 
an Lungen-Entzündung verschieden« .... — VerüfTentlicht hat er in deut- 
scher Sprache »Chirurgische Krankheits-Fälle« Opfenheim's Z. f. d. ges. 
Med. XXII) und außerdem kasuistische Mitteilungen in verschiedenen 
nissischen Zeitschriften 2).] 

§917. Alexander Iwanoff (1836—1880)3). 

Im Jahre 1836 geboren, besuchte J. anfangs das Gymnasium in Kursk 
und studirte später bis 1 859 Medizin in Moskau. Schon zu dieser Zeit litt 
er am Blutsturz. Bald nach der Beendigung des Universitäts-Kursus ging 
er ins Ausland, wo er in Montpellier die Bekanntschaft von A. Pagenstecher 
machte, der ihn überredete, sich der Ophthalmologie zu widmen, welche 
damals Dank den Arbeiten des unvergeßlichen Albrecht v. Graefe und 
von Donders mit Riesenschritten fortzuschreiten begann. 

In dem Laboratorium des berühmten Prof. H. MIller in Würzburg 
ist er auch mit den Fragen aus dem Gebiete der pathologischen Anatomie 
des Auges bekannt geworden, welche am meisten einer wissenschaftlichen 
Erforschung bedurften. 

Was die praktische Ophthalmologie anbetriftt, so hat er sich damit 
schon in der Klinik von Knapp in Heidelberg bekannt gemacht; darauf 
arbeitete er eine längere Zeit in der Klinik von Pagenstecher und 
auch in den Wiener Kliniken und zwar hauptsächlich in der des Prof. 
Arlt. Ich muß übrigens hinzufügen, daß er, bei seinen häufigen Reisen, 
nicht allein die Bekanntschaft der bedeutendsten Kliniker Deutschlands, 



1) Klin. M. ßl. 1892, S. 327. 

2) Biogr. Lex. III, 494. 

3) Nach C. f. A. 1881, S. 125 — 128. (DOBROWOLSKY.; 



248 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, -1800—1875. 



insbesondere Berlins'), machte, sondern auch derjenigen von Paris und 
von London. 

Im Jahre 1 867 machte er das Doktor-Examen zu Petersburg. Sein Wunsch 
aber, eine Stelle an der medico- chirurgischen Akademie zu erhalten, ging 
nicht in Erfüllung, wiewohl der verstorbene Präsident derselben, Dubowitzky, 

Fig. 13. 



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Prof. A. Iwanoff. 



sich für ihn verwandte. Derselbe ernannte ihn zum Ordinator in der Augen- 
Abtheilung des Kriegs -Hospitals in Kiew und sandte ihn auf Kron-Kosten 
für 2 Jahre ins Ausland, um seine wissenschaftlichen Studien fortzusetzen. 

1869 erfolgte seine AVahl zum Professor der Ophthalmologie in Kiew. 

Die Reichhaltigkeit des klinischen Materials gab ihm die Müglichkeit, 



<) Mir gereichte es zu besondrer Freude, daß er auch meine Anstalt be- 
suchte und manches sich zeigen ließ, was für die Praxis von Wichtigkeit ist. H. 



Alexander Iwanoff. 249 

«eine Vorlesungen vielseitig zu gestalten. (Kiew ist ein Wallfahrts-Ort, 
wiihin Pilger aus allen Gegenden Rußlands strömen, unter denen auch viele 
lüinde sich befinden.) 

A. IwANOFK hatte sehr geschickt dieses Material zu benutzen verstanden, 
indem er auswirkte, daß die Augenklinik im Sommer nur einen Monat, 
nicht, wie früher gewöhnlich, für die ganzen Sommer-Ferien geschlossen 
wurde. .Vußerdem richtete Iwanuff theils auf Koston der Stadt, an die er 
>i(:li deshalb gewandt hatte, theils auf seine eigenen, im Sommer zeitweilige 
Krankenhäuser für diejenigen Kranken ein, welche einer operativen Be- 
h mdlung bedurften. Diese uneigennützige Thätigkeit erwarb ihm eine 
i;roße Popularität im ganzen Süden von llußland. 

Leider hatte in Kiew der Blutsturz bald sich wieder eingestellt, so 
(laß J. am Schlüsse des Jahres 1871 und zu Anfang 1872 seinen Aufent- 
halt in einem wärmeren Klima Europas zu nehmen gezwungen war. Im 
Allfange des Jahres 1876 verließ er wieder Kiew krankheitshalber und 
kihrte nicht wieder zurück. Die letzten Jahre seines Lebens brachte er 
im Süden Europas zu, meistens in Mentone und theilweise in Nizza. 

Jedes Jahr wurde sein Urlaub ins Ausland verlängert; im Jahre 1880 
erhielt er einen zweijährigen Urlaub. 

A. Iwanoff ist in Mentone am 15. Oktober 1880 gestorben. 

Wenn wir die Reihe seiner wissenschaftlichen Arbeilen überblicken, 
können wir Iwanoff unsere Achtung nicht versagen, besonders da er 
an Blutstürzen litt und des folgenden Tages nie sicher war. 

Viele für die Ophthalmologie wichtige Fragen aus der pathologischen 
Anatomie hat er bearbeitet, und zwar als Erster und in einer gründlichen 
Weise. So z. B. über die Entzündung der Netzhaut und des Sehnerven, 
über den Pannus trachomatosus, über die Ablösung des Glaskörpers u. s. w. 
\.v erkannte zuerst den Unterschied von Form und Struktur des M. ciliaris 
liei Augen verschiedener Refraktion. Auch beschrieb er zuerst die Ver- 
änderungen bei der Entwickelung der Granulationen in der Binde- und 
llurnhaut, welche von Andern übersehen worden waren. 

Das Zutrauen zu seinen Forschungen war so groß, daß viele patho- 
logische Prozesse im Auge von den hervorragenden Handbüchern im Geiste 
seiner Anschauungen beschrieben wurden ; auch schickten berühmte Fach- 
genossen ihm enukleirte Augäpfel zur Untersuchung zu. In Folge dessen 
konnte er eine seltene und in ihrer Art fast einzige Sammlung anlegen. 
Wie groß die Anerkennung seiner Leistungen bei den Gelehrten war, be- 
weisen die Worte, die Prof. 0. Becker in Heidelberg bei einer Vorlesung 
im Jahre 1870 an seine Zuhörer richtete: »Für pathologische Anatomie 
des Auges hat Iwaxoff mehr geleistet, als wir Alle zusammen.« 

Wir können der Meinung des Prof. Hirschberg in Berlin beistimmen, 
die er bei der Nachricht vom Tode Iwanoff's aussprach: »Iwanoff ist eine 



250 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

gleiche Zierde für Rußland, wo er geboren, wie für Deutschland, in dessen 
Sprache er seine Arbeiten schrieb.« 

Leider muß ich das Geständniß hinzufügen, daß die Ver- ) 
dienste des Verstorbenen in Deutschland unvergleichlich mehr \ 
anerkannt wurden, als in Rußland. 

Wir führen die Arbeiten Iwanoff's in der Reihenfolge an, wie er sie selbst 
für die Kiew'sche Universität zusammengestellt hatte, und fügen die nöthigen 
Ergänzungen hinzu. 

I. Cornea. 1. Beitrag zur patholog. Anatomie des Hornhaut- und Linsen- 
epithels. Klin. Beobacht. a. d. Augenheilanstalt zu Wiesbaden, 1866. 2. Über , 
Conjunctivitis und Keratitis phlyctaenularis. Klin. M. Bl. f. Augenheilk. 1868. 3. Zur 
patholog. Anatomie des Trachoms. Ber. d. ophth. Vers., 1878, Heidelberg. 

II. Lens crystallina. 4. Zur normalen und patholog. Anatomie der Linse. 
Doktor-Dissertation, 1867, in russischer Sprache; theilweise auch in deutscher 
Sprache, in d. Klin. Beobacht. zu Wiesbaden 1866, veröffentlicht. 

III. Corpus vitreum. 5. Zur Anatomie des Glaskörpers. Klin. M. Bl. 1864. . 

6. Zur normal, und patholog. Anatomie des Glaskörpers. Arch. f. Ophth. Bd. XII. 

7. Trois cas de decollement de l'hyaloide. Compt. rend. du congrfes Internat, d'ophth. 
1868. 8. Beiträge zur Ablösung des Glaskörpers. Arch. f. Ophth., Bd. XVII. 
9. Beitr. z. norm, und patholog. Anatomie des Frosch-Glaskörpers. Centralbl. f. 
d. med. Wiss. 1868. 10. Glaskörper. Stricker's Handbuch d. Lehre v. d. Ge- 
weben, 1872. 

IV. Retina und Nervus opticus. 11. Über die verschiedenen Entzün- 
dungsformen der Retina. Klin. M. Bl. 1864. 12. Zur Pathologie der Retina. 
Arch. f. Ophth., Bd. XII. 13. Perivasculitis retinae. Klin. M. Bl. 1865. 14. Das Ödem 
der Netzhaut. Arch. f. Ophth., Bd. XVII. i.j. Bemerk, zur patholog. Anatomie 
des Glioma retinae. Arch. f. Ophth., Bd. XV. 11. 16. Über Neuritis optica. Klin. 
M. Bl., 1868. 

V. Iris, Corpus ciliare und Chorioidea. 17. Zur Ablösung der Chorioidea. 
Arch. f. Ophth., Bd. XI, 1. 18. Communication sur un cas de Myome. Congrös 
periodiq. Internat, d'ophth., 1867. 19. Ein Fall von Sarkom, der in ophthalmiatr. 
Beobachtung, von Mooren 1867 beschrieben ist. 20. Über Chorioiditis dissemi- 
nata. Klin. M. Bl. 1869. 21. Bemerkungen zur Anatomie der Iris-Anheftung und 
des Annulus ciliaris, von A. Iwanoff und A. Rollet. Arch. f. Ophth., Bd. XV, i. 
22. Beiträge zur Anatomie des Ciliarmuskels. Arch. f. Ophth., Bd. XV, 1. 23. Tu- 
nica vasculosa. Handbuch, d. Lehre v. Geweben Stricker's, 1872. 24. Uveal- 
Tractus. Handbuch d. ges. Augenheilk. v. Graefe u. Sämisch. 1874. 

§ 9181). In Folge seiner beständigen Reisen in's Ausland mußte 
Prof. Iwanoff oft von Andren vertreten werden, so in den Jahren 1875 
bis 1880 von Doc. Dr. E. Mandelstamm, im Jahre 1881 von Doc. Rusticky: 
erst mit der Ernennung Chodin's zum Professor (1881) war das Aushilfs- 
Verhältniß beseitigt. 

A. Chodin war der Sohn eines Don'schen Kosaken und 1847 geboren. 
Die ersten drei Semester studirte er Medizin an der Charkower Universität, 
ging aber dann auf die Medico-Chirurgische Akademie in Petersburg über, 
die er 1871 verließ. J 

1) Nach Mittheilungen von Dr. A. von Poppen. —Der Zusatz ist von J. H. 



Chodin. Der augenärztliche Bote. 251 

Nach Beendigung seiner Studien wurde er als Assistent an der Aka- 
lemie belassen. Seit der Zeit widmete <'r sich ausschließlich der Augen- 
heilkunde, arbeitete unter der Leitung von Prof. Junge, wurde darauf i875 
auf 2' 2 Jäl^i' ^"^ Vervollkommnung ins Ausland geschickt und besuchte 
li na, Paris, Wien und Heidelberg. 

Im Jahre 1878 wurde A. Ciiodin zum Privat-Docent der med.-chir. 
Akademie g«'w;ihlt und •'} Jalire darauf, 1881, erhielt er den Ruf nach Kiew. 

Wissenschaftlich beschäftigte er sich mit theoretischen und physio- 
In-ischen Theilen der Augenheilkunde; so haben seine Arbeiten über die 
[•arben-Emplindung, die Veränderungen der Netzhaut unter dem Einilusse des 
Lichtes, über denj Drehpunkt und andre mehr bis zum heutigen Tage ihr 
Interesse nicht verloren. Eine besonders große Verbreitung erhielt aber 
111 Lehrbuch der Augenheilkunde, das bis jetzt schon in der fünften Auf- 
l.l^e erschienen ist, und die Zeitschrift »Westnik Ophthalmologii«, die er 
IS84 begründet hat. 

Die Augenkhnik verfügte anfangs über einen äußerst ungenügenden 
Kaum; es standen ihr nur 10 Betten in der chirurgischen Abtheilung zur 
Verfügung, der Hörsaal diente zu gleicher Zeit auch als Empfangs- und 
^^ arte- Raum. Erst im Jahre 1880 wurde die neue Klinik mit 16 Betten 
emirnet: al)cr schon nach 6 Jahren mußte sie um weitere 1) Betten ver- 
gii'ißert werden. 

Bis zum Jahre l'.)02 verblieb Prof. Cbodix auf seinem Posten, trotz 
finster Nerven-Krankheit. Am 18. März 1905 ist er zu Kiew verstorben*). 
Sein Nachfolger wurde Prof. Schimanowsky. 



Zusatz. Also gegen Ende des 19. Jahrb., 1884, wurde die erste 
russische Monatsschrift für Augenheilkunde, Westnik Ophthalmologii, d. h. 
der augenärztliche Bote, begründet"-). Dieselbe hat zur Entwickelung der 
russischen augenärztlichen Literatur mächtig beigetragen. 

Als Prof. GuoDiN mir von seinem Unternehmen Mittheilung machte, 
ersuchte ich ihn, dem Schluß jedes Heftes eine kurze Übersicht des Inhalts 
in deutscher oder französischer Sprache beizufügen. Dies ist nicht ge- 
schehen. Wohl aber sind, seit Prof. Krickow die Leitung übernahm, we- 
nigstens die Titel der Abhandlungen in französischer Sprache am Schluß 
jedes Heftes gedruckt worden. 



1) Im C. Bl. f. A. 1905, S. 148, gedachte ich der Freundlichkeit, die er uns 
auf dem Kongreß zu Moskau erwiesen. — Manches, was weniger schön war, 
will ich mit seiner Krankheit entschuldigen. — Michel's Jahresbericht erwähnt 
keinen Nachruf auf Chodin. Doch ist ein solcher im Westnik 0. (März— April 
1905), aus der Feder seines Nachfolgers, erschienen; ein zweiter, allerdings recht 
kurzer (von E. Blessig) in den Klin. M. Bl. -1905, I, 518. H.) 

2) Vgl. C. Bl. f. A. 1883, S. 379. — Der Bericht über den Inhalt des ersten 
Jahrgangs (von Kkückow steht im C. Bl. f. A. 1884, S. 385—392. 



252 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, isoo— 1873. 



§ 919. Max Emanuel Ma>delstamm I (1839—1912)*». 
1839 im Kowno'schen Gouvernement geboren u. einer jüdischen Kauf- 
manns-Familie entstammend, erhielt E. M. eine ausgezeichnete deutsche Er- 
ziehung und Vorbildung, studirte auf der damals rein deutschen Universität 
Dorpat und beendigte seine Studien in Charkow 1860. Zuerst prakticirte er 
in Tschernigow, dann ging er 1864 nach Deutschland, um die Augenheil- 
kunde zu erlernen; er hörte die Vorlesungen von A. v. Graefe in Berlin, 
arbeitete bei IIelmholtz in Heidelberg und besuchte die Klinik von Knapp, war i 
dann Assistent bei Alexander Pagenstecher in Wiesbaden und kehrte 1 868 | 

in seine Heimat zurück. , 

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Prof. Max Emanuel Mandelstamm. 



Nachdem er mit einer Dissertation über Ophthalmometrie zu St. Peters- 
burg den Doktor-Grad erworben, habiMtirte er sich in Kiew für Augenheil- 
kunde und leitete von 1875 — 1880 den ganzen augenärztlichen Unterricht 
mit größtem Erfolg, — als Vertreter des kranken Prof. Iwanoff. Nach 

^) C. Bl. f. A. 1912, Juni-Heft. (J. Hirschberg.) 



Emanuel Mandelstamm. Die Popow'sche Augen-Heilanstalt. 253 

dessen Tode wurde er von der Fakultät zum a. o. Professor »^rwühlt, aber 
wegen seines Glaubens-Bekenntnisses vom Universitäts-Hat nicbt bestätigt. 

Nunmehr legte er die Docenlur nieder, gründete eine Privat-Augcn- 
iHeilanstalt und lebt«' der Wissenschaft, Praxis und IMenschenliebe i). 
' Mandelstamm's Lehr-Talent war höchst bedeutend. Davon zeugen 

.luch seine russisch geschriebenen ^Klinischen Vorträge über Augenkrank- 
heiten«, die er eben für die 2. Auflage durchsah, als ihn der Tdd ereilte. 
S> ine wichtigsten Untersuchungen hat er deutsch geschrieben und in 
A. V. (ikaeke's Archiv f. Ophth. verülVentlicht : 1. Zur Ophthalmometrie. 
IM. XI, 2, 259—265. 2. Zur Physiologie der Farben. Bd. XIII, 2, 39*) 
In- i06. 3. Über Sehnerven-Kreuzung und Hemiopie. Bd. XIX, 2, 39 — 58. 
1 . Kin Fall von Ektropium sarcomatosum , nebst einigen Notizen über 
Tiachom. Bd. X\\ II, 3, I 01 — lOS. .i. Der trachomalöse Prozeß. Bd. XXIX, 
I, "j^ — 102 und 2, 312. 6. (Mit Hocuwitscii.) Amyloid der Bindehaut. 
Bd. XXV, 1, 24H— 253, 18792). 

Nachdem die Lehrkanzel unsrem Mandelst.\5i.m versagt worden, wart 
er sich, ohne Erbitterung und voll Thatkraft, auf die Praxis der Augenheil- 
kunde und hat ein .Menschenalter hindurch, zusammen mit IIirschmann 
in Charkow, in Süd-Kußland die segensn'ichste Tbätigkeit entfaltet. Er war 
Volks- .\rzt und Volks-Freund, ein Befreier und Better, der stets an seine 
Kranken, nie an sein Einkommen dachte. 

Gleichzeitig trat er für die Befreiung und Erhebung seiner Glaubens- 
Genossen in die Schranken und erfreute sich ihres unbedingten Vertrauens. 

Als Mensch war Mvndei.stamm nicht blos von den edelsten Gesinnungen 
beseelt, den höchsten Zielen nachstrebend, sondern auch von der größten 
Liebenswürdigkeit. 

i^ 920. Die Poi'ow'sche .Vun en-lleilanstalt 
von 1881 — 1884 und von 1806—1894. Dreizehn Jahre klinischer Tbätig- 
keit von Dr. E. Neese^), dirigirendi-m Arzte. Kiew 1896. Mit (5 Licht- 
drucktafeln in Folio. 188 S. (KHn. M. Bl. 1896, August-IIeft.) 

In dem Vorwort weist Verfasser auf die traurige Thatsache hin, daß 
in seinem Vaterlande Rußland die Zahl der Blinden (zweimalhunderttausend 
Köpfe!) nicht nur absolut, sondern auch relativ diejenige sämtlicher 
übrigen europäischen Staaten übertrifft, indem auf jedes Zehntausend Ein- 
wohner gerade doppelt so viele Blinde als im westlichen Europa kommen 

i) Diese war selbst den Huligan's des Kiewer Progroms aufgedämmert. 

2) Es sind fast 36 Jahre her, seit MA^'DELSTAMM seine Untersuchung über 
Trachom am lebensfrischen Material, das er durch Ausschneidung gewonnen, an- 
gestellt und veröffentlicht hat. Noch ist mir die Erinnerung lebhaft an die 
staunenswerthen Präparate, mit denen er mich damals erfreut hat. 

3) Ich habe seine Bekanntschaft gemacht, kann aber über sein Leben nichts 
mittheilen. — Vgl. übrigens § 878, Zusatz, No. 22. 



254 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

(20 bis 22 auf 10 000)'). Nichtsdestoweniger könne die Thätigkeit der Re- 
gierung, behufs Bekämpfung dieses so verbreiteten Volks -Übels und zur 
Herabsetzung dieser gewaltigen Blindenzahl, nicht als befriedigend be- 
zeichnet werden, indem die Augenkliniken an den iO Universitäten mit 
ihrer verhältnißmäßig höchst beschränkten Zahl von Betten, bei der un- 
geheuren Ausdehnung des Reiches und bei den großen Entfernungen durch- 
aus nicht genügen. 

Auch die von dem Marien-Kuratorium für Blinde jährlich entsendeten 
okulistischen fliegenden Kolonnen können wegen ihrer nur zeitweisen Thätig- 
keit nicht als taugliche Mittel im Kampfe gegen das furchtbare Volks-Übel 
betrachtet werden. 

Somit bliebe denn der privaten Wohlthätigkeit und Initiative auf die- 
sem Gebiete ein großes und dankbares Feld der Thätigkeit. 

In der Entstehungsgeschichte der obenerwähnten Augen-Heilanstalt 
wird berichtet, wie dieselbe aus kleinen Anfängen, mit 10 Betten in einem 
kleinen, hölzernen Privathause, im Laufe der Jahre zu einer Anstalt von 
54 Betten in einem eigens erbauten Steingebäude sich entwickelt hat, dank 
der ausschheßUchen Freigebigkeit einer russischen Kaufmannsfamilie, des 
Herrn N. Popow nebst Gemahlin, welche die Anstalt durch ein Kapital von 
100 000 Rubel für alle Zeiten sichergestellt haben. 

In dem Abschnitte »Die Kranken« wird erwähnt, daß die Zahl der- 
selben in den 13 Jahren 18 411 Personen betragen hat, davon 14 911 A. Kr. 
und 3500 B. Kr. 

§ 921. Ophthalmologie an der Universität zu Charkow^). 
Im Jahre 1804 wurde in Charkow eine Universität eröffnet. Die 
medizinische Fakultät konnte erst im Jahre 1811 eröffnet werden; 1815 
entstanden die ersten Kliniken, die therapeutische und die chirurgische. Über 
den Unterricht in der Augenheilkunde ist bis zum Jahre 1835, wo das 
allgemeine Gesetz für die russischen Universitäten eingeführt wurde, nichts 
bekannt: von diesem Jahre an w^urde die Ophthalmologie zusammen mit 
der operativen Chirurgie von Prof. Vanzetti vorgetragen. 

Vanzetti war 1809 zu Venedig geboren, hatte in Padua Medizin 
studirt, danach in Wien an der Medizinisch-Chirurgischen Joseph-Akademie, 
worauf er die Fürstin Naryschkin als Arzt nach Rußland begleitete. In 
Odessa erwarb sich Vanzetti bald eine große Privat-Praxis. Nach einigen 
gut ausgeführten Operationen wurde ihm vom General-Gouverneur von 
Noworossisk, Grafen Woronzoff, vorgeschlagen, in die Krim zu reisen und 
dort eine Augen-Heilanstalt einzurichten. Im Laufe eines Monats hatte er 



1) Vgl. § 927. 

2) § 921 ist nach dem Bericht von Dr. vo:s: Poppen, mit Zusätzen von mir, 
gearbeitet. 



Die Augenheilkunde in Charkow. Vanzetti. 255 

dort 100 Star-Operationen gemacht. Zurückgekehrt nach Odessa, erregte 
er den Neid seiner Kollegen durch den großen Andrang von Kranken. Nach- 
dem er das Doktor-Examen bestanden, wurde ihm der unterdessen frei- 
gewordene Lehrstuhl für operative Chirurgie und Ophthalmologie in Char- 
kow angeboten, den er auch annahm. 

Die chirurgische Klinik war Anfangs nur auf 4 Betten eingerichtet, 
i Vanzetti gelang es 1835, sie bis auf 35 Betten zu erweitern; für die Augen- 
kranken gab es keine besondren Räume, sie lagen mit den übrigen zu- 
sammen, nur durch einen schwarzen Vorhang verdeckt, da nach der da- 
maligen Ansicht die Einwirkung des Lichts auf Augenkranke für schäd- 
lich galt. 

Vanzetti war sehr für das Aderlassen eingenommen; er behandelte 
. sogar den Star damit. Als Arzt war er sehr aufmerksam gegen seine 
I Kranken. 

Seine Vorlesungen hielt er in lateinischer Sprache, die er vollständig 
beherrschte. Sein Vortrag war so interessant, daß die Professoren und 
Studenten von den andren Kursen herbeikamen, um ihm zuzuhören. In 
dem Auditorium machte er auch seine Operationen, die er mit großer 
Schnelligkeit und Geschicklichkeit vollführte. Besonders gut gelangen ihm 
die plastischen Operationen an der Nase, an den Augen und den Lippen. 

Im Jahre 1844 gingen die 6 Jahre zu Ende, für welche er die Er- 
laubniß von seiner Regierung hatte, in Rußland zu bleiben. Seine Gegner 
benutzten die Gelegenheit, um an seine Stelle Dr. Naranowitsch zu setzen, 
jedoch nicht auf lange, da Vanzetti nach einem Jahr wieder zurückkehrte. 

Jetzt heilte er den Star nicht mehr, wie früher, durch Niederlegung, 

sondern durch Ausziehung aus einem unteren Hornhaut-Schnitt. Bis zum 

Jahre 1855 bekleidete V. den Lehrstuhl: als der Krim-Krieg anfing, und 

Italien gegen Rußland focht, kehrte er endgültig nach seiner Heimat 

' zurück. 

[Nach seiner Heimkehr übernahm V. die Professur der Chirurgie in 
Padua, die er bis 1884 verwaltete. 1888 ist er verstorben. 

Im Jahre 1857 schlug er, auf der 33. Versammlung deutscher Natur- 
forscher u. Arzte, die Digital- Kompression als Normal-Behandlung der 
äußeren Aneurysmen vor, wofür er später den Älonthyon-Preis erhielt. 

V.'s Veröffentlichungen, die unser Fach berühren, sind die folgenden: 

i. Excursion en Crimee faite dans l'automne 1835, Odessa -1836. 

2. Annales scholae clinicae chirurgicae Caesareae Universitatis Charcoviensis 

.... T. Vanzetti, Chirurgiae practicae et Ophthalmojatriae Prof. p. ord. 

Charcoviaei) 184G. (8^, 358 S. mit 2 Tafeln.; 

Die Zahl der Augenkranken im letzten Jahre betrug 450. Star-Opera- 



-1) Die Stadt hatte damals U 000 Einwohner, 1903 aber 170 000. 



256 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 

tionen 32, davon 20 durch Ausziehung, 12 durch Niederdrückung. 7 Miß- 
erfolge gegen 25 Erfolge, 

3. Secondo caso di aneurisma dell' arteria ottalmica guarito colla coinpres- 
sione digitale della carotida. Padova 1862. (Vgl. § 722, S. 47.) 

Vanzetti schrieb italienisch, französisch, lateinisch; aber nicht russisch.] i 

Nach Vanzetti's endgültigem Abgang eihielt wiederum Prof. P. A. Narano- 
wiTSCH den Lehrstuhl. Seine medizinische Bilduni;- hatte er an der Militär- 
Medizinischen Akademie in Petersburg gewonnen, an die Charkower Universität 
kam er als Professor der Anatomie. In Vertretung Vanzetti's, während des 
Jahres 1843, erwarb er sich den Ruf eines guten Chirurgen. Nach Abgang 
Vanzetti's hat er die Professur von 1853 bis 1858 verwaltet. 

Im Jahre 1853 wurde die Ophthalmologie getlieilt in praktische und theo- 
retische, letztere wurde der theoretischen Chirurgie zugetheilt und von Prof. 
Struve für das vierte Semester vorgetragen. 

Im Jahre 4 8 59 wurde auf den chirurgischen Lehrstuhl nebst Klinik Pi'of. 
Grube berufen, der auch die praktische Ophthalmologie vortrug. Nach einem 
Jahre wurde der theoretische Theil von Dr. Sariiun übernommen. 

Im Jahre 18G8 hat dann Privat-Docent Hirscbmann die beiden Theile 
vereinigt. Hirschmann erhielt 2 Betten von den 25 der chirurgischen 
Klinik. Erst 1871 gelang es ihm, eine besondre Augen-Klinik mit 10 Betten 
einzurichten, die Räume waren jedoch äußerst beschränkt. 1872 wurde 
er a. o. Prof., 1880 konnte er ein Haus für eine Klinik von 20 Betten 
errichten. 

§ 922. Leonard Hirschmann i), 

geboren zu Tuckum (Kurland) am 13. März 1839, besuchte die Universität Char- 
kow, bestand die Arzt-Prüfung 18 60 und ging in's Ausland zur Fortbildung. 

H. arbeitete in den Laboratorien von Brücke in Wien, von du Bois Rey- 
MOND u. Kühne in Berlin, von Helmholtz in Heidelberg, besuchte die Kliniken von 
E. Jäger, A. v. Graefe u. H. Knapp und wirkte auch als Assistenz-Arzt in der 
Augen-Heilanstalt von A. Pagenstecher zu Wiesbaden. 

Heimgekehrt erwarb er 1868 den Doktor der Heilkunde und habilitirte 
sich in dem nämlichen Jahr als Privat-Docent der Augenheilkunde an der Uni- 
versität Charkow, wurde 1872 zum a. o., 1884 zum o. Professor der Augen- 
heilkunde und zum Direktor der Augenklinik ernannt. 

Leonard Hirschmann hat wichtige Arbeiten zur theoretischen und prak- 
tischen Augenheilkunde veröffentlicht (zur Wirkung der pupillenerwciternden u. 
verengernden Mittel, zur Physiologie der Farben-Empfindung, zur Behandlung 
des Trachoms, 1863 bis 1873); er hat zahlreiche Schüler gebildet: aber seine 
Haupt-Bedeutung liegt darin, Helfer und Retter seines Volks zu sein. Uner- 
müdlich und mit ungeschwächter Kraft steht er an jedem Tag, bis tief in die 
Nacht hinein, den Armen und Ärmsten zur Verfügung, — von Allen verehrt, 
ja fast angebetet 2). 



i; Biogr. Lex. III, 220; Pagel's b. L., S. 746. — Ich habe seine persönliche Be- 
kanntschaft in Berlin gemacht. 

2) In Minerva XXI, f.l9ll/l2, S. 300 steht: Prof. emerit. L. Hirschmann; Pavel 
NiKOLAJEvic Barabasew, Prof. d. Ophthalmologie. 



Leonhard Hirschmann. Kasan. 257 

i? 923. Die Augenheilkundo in Kasan*). 

In Kasan, das, bei den damaligen Verkehrs- Verhältnissen, in last uner- 
leichharer Ferne lag, wurde 180 2 eine Iniversität gegründet: aber erst 18.'{0 
war die medizinische Fakultät einigermaßen in Ordnung. 

Im Jahre 1807 kam nach Kasan Johann Baptist Huavn als Prof. der 
Anatomie, Physiologie und gerichtlichen Medizin; später trug er auch Chirur- 
i:ie und Ophthalmologie vor: konnte aber nicht viel bieten, da nicht einmal 
1 liinirgische Instrumente vorhanden waren. 

Das gleiche gilt von Adam Aknmoi-d, seit ISIO Prof. der Chirurgie. 

1832 trug der IS2i angestellte (Ihirurgie-Prof. Fogel Augenheilkvmde vor; 
.1 war aber wohl nur Theoretiker: denn in den 17 Jahren seiner Lehrthätig- 
ktit ist keine Augen-Operation in der Klinik verrichtet worden. 

FoGEi.'s Nachfolger wurde 18;^i F.latschicii, ein guter Chirurg, der aber 
Aiii.'en-Operationen nur ungern verrichtete und den Star immer nur niederlegte. 
1838 — 1839 wurde Augenheilkunde von Prof. Di howitzky gelehrt, 1839 — 1841 
wieder von Ei.ATsr.Hic.ii und 18il — 1843 von Kvteh. 

Im Anfang der fünfziger Jahre erhielt Prof. Beketofk^j den Lehrstuhl 
der Chirurgie un«l Augenheilkunde. Er gewann große Praxis, wodurch seine 
i,ilirlhätigkeit zu kurz kam. 

Augenheilkunde trug er nach Jünckkn's Lehrbuch vor. Bis 1870 wirkte 
er an der Universität. 

Doch schon 18G7 wurde ein besondrer Lehrstuhl der Augenheilkunde 
eingerichtet und zeitweilig vom Chirurgie-Prof. Nikoi.skv verwaltet, da der 
dazu ausersehene Privat-Docent .Adamick zu seiner Vervollkommnung im 
Ausland verweilte •'). 

Adamück hatte ungeheure Schwierigkeiten zu überwinden, um sich eine 
Klinik und das nüthige Personal zu schaffen. 

Er w'ar ein beliebter und erfolgreicher Lehrer. Im Jahre 1900 mußte 
er wegen geschwächter Gesundheit zurücktreten. 1906 ist er gestorben. 

§ 924. ÄMii-iAN Adamück (1839—1906)41. 
Geboren am 23. Juni 1839 in Litthauen (Gouv. Grodno), studirte A. in 
Kasan 1858 — 1863 und war 1863 — I86K Assistent an der chirurgischen 
und Augen-Abtheilung des Landschafts-Krankenhauses daselbst. 1 867 mit 
einer Dissertation »Zur Lehre vom intraokularen Blutkreislauf und Druck« 
promovirt, wurde er 1868 zum Privat-Docenten ernannt und ins Ausland 
>abkommandirt«, wo er in den Laboratorien und Kliniken Deutschlands, 
Österreichs, der Schweiz, Frankreichs und der Niederlande arbeitete. 1871 
zum a. 0., 1872 zum o. Prof. der Augenheilkunde befördert, setzte Adamück 

1) § 923 ist nach dem Bericht von Dr. v. Poppen gearbeitet, mit Abkürzungen. 

2) Biogr.Lex. VI, 472. Er war auch literarisch thätig, aber nicht auf unsrem Gebiet 

3) V. Poppen sagt >I870<; aber im Winter-Semester 1871/72 hat Adamück 
meine Vorlesungen und klinischen Demonstrationen besucht. 

4 Nach C. Bl. f. A. 190 6, S. 380—382. (A. Natanson.) 

Vgl. ferner ebendas. S. 316. J. Hirschberg.) Biogr. Lex. I, 56. Pagel's 
biogr. Lex. S. 8. — Die russischen Fachgenossen schreiben »Adamjuk«. 

Haiidljufli der Augenheilkunde. 2.Anfl. XIV. Bd. (VII.I XXIIL Kap. /( 7 



258 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—1875. 



die Einrichlung einer Augen-Klinik an der Universität Kasan, zunächst mit G, 
hierauf mit 10 und mit 15 Betten durch, in der er volle 30 Jahre wirkte. 
1900 trat er in den Ruhestand. (Sein Nachfolger ist Prof. Agababow.) — 
Ungemein fleißig und rege, vermochte A. neben seiner ausgedehnten kli- 
nischen und wissenschaftlichen Thätigkeit noch eine enorme Privat-Praxis 
zu besorgen, als erste augenärztliche Autorität für Ost- Rußland, mit Einschluß 
des ganzen Wolga-Gebietes, und für Sibirien. 

Fig. 15. 




Prot. Ämilian Adamück. 



Die Früchte seiner wissenschaftlichen Arbeiten und reichen praktischen 
Erfahrung hat Adamück in seinem »leider nur in russischer Sprache«*) 
herausgegebenen »Praktischen Handbuch der Augenkrankheiten« (Kasan 
1884 und 1897), sowie in seinen »Ophthalmologischen Beobachtungen« 
(Kasan 187G, 1878, 1880) niedergelegt. 

Von seinen übiügen Veröffentlichungen in russischer, deutscher 2), franzö- 
sischer, enghscher und holländischer Sprache seien hier die wichtigsten in 
chronologischer Reihenfolge aufgezählt. 



1) Dies sind die Worte des russisclien Facbgenossen ! 

2) Auch im C. f. A. 



Ämilian Adamück. 259 

I. Über die Wirkung des N. sympathicus auf den Intraokular-Druck. Centralbl. 
f. d. med. Wissensch. I8»)6. 

i. Manometrische Bestimmung des intraokularen Druckes. Ebendas. 186G; Zu- 
satz i8G9. 

3. De Tetiologie du glaucome. A. d'Oc. 1867. 

4. Einige Bemerkungen über den Intraokul. -Druck. Zehender's Klin. M. Bl. 
1868. 

3. Over de innervatie de oogbewegingen, Utrecht 1869. 

6. De laction de l'atropine sur la pression intraoculaire. A. d'Oc. 1870. 

7. Zur Frage über den Mechanismus der Akkomodation. Centralbl. f. d. med. 
Wissensch. I87ü. 

8. Zur Frage über die Akkommodation der Presbyopen. In Gemeinschaft 
mit Woinow. Zehender's Klin. M. Bl. 1870. 

9. Beiträge zur Lehre von den negativen Nachbildern. In Gemeinschaft mit 
Woinow. Graefe's Archiv 1870. 

IG. Über die Pupillen -Veränderungen bei der Akkommodation. In Gemein- 
schaft mit Woinow. Ebendas. 1870. 

11. Zur Frage über die Kreuzung der Nervenfasern im Chiasma n. opt. des 
Menschen. Ebendas. 187ä. 

12. Über die Gültigkeit der Katarakt-Extraktionsmethoden. Zehender's Klin. 
M. Bl. 1873. 

13. Einige Bemerkungen in Beziehungen der Arbeit von Mensen und Völ- 
ckers »Über den Ursprung der Akkommodations-Nerven«. C. f. A. 1878. 

14. Beiträge zur Pathologie der Linse. Arch. f. A. 1878. 

15. Über das Glaukum. Ebendas. 1878. 

16. Ein Fall motorischer Innervations-Abwesenheit der Augen. C. f. A. 1878. 

17. Ein Fal! von Ru})tur der Chorioidea. Ebendas. 1878. 

18. Amyloid-Erkrankung des Auges. Ges. d. Arzte in Kasan 1879. 

19. Das Chinin bei Glaukom. C. f. A. U80. 

20. Zur oj)erativen Behandlung der Skleritis. Ebendas. 1881. 

21. Zur Ätiologie der Chorioiditis disseminata. Ebendas. 1881. 

22. Einige Beobachtungen über Geschwülste des Auges. Arch. f. A. 1881. 

23. Jequirity-Ophthalmie. Gesellsch. d. .Vrzle in Kasan 1883. 

24. Zur Frage der Schul-Kurzsichtigkeit. Westnik Ophth. 1886. 
2ö. Zur Ätiologie des Trachoms. Wratsch 1887. 

2G. Zur Frage über die Transplantatio corneae. Klin. M. Bl. 1887. 

27. Zwei Fälle von Glaukom in aphakischen Augen. Westnik Ophth. 1888. 

28. Über eine merkwürdige Motilitäts-Anomalie der Lider und Augen. Klin. 
M. Bl. 1888. 

29. Über einen Fall von Retinitis haemorrhagica albuminurica mit Ausgang in 
Genesung. C. f. A. 1889. 

30. Drei Fälle von knöchernen Orbitaltumoren. Ebendas. 1889. 

31. Zur Pathologie der Tabes dorsalis. Arch. f. A. 1889. 

32. Zur Kasuistik der Amaurosis transitoria. Ebendas. 1890. 

33. Trauma und Eiterung bei der Star-Extraktion. Klin. M. Bl. 189o. 

34. Behandlung der Tränensack-Erkrankungen. Wratsch 1812. 

35. Hornhautnaht. Westnik Ophth. 1892. 

36. Heilbarkeit der Netzhautablösung. Ebendas. 1892. 

37. Ätiologie der Hemeralopie. Ebendas. 1892. 

38. Zur Frage über den Einfluß der Chorioidea auf die Ernährung der Netz- 
haut. Arch. f. A. 1893. 

39. Zwei Fälle von Neubildung des N. opticus und der Orbita. Ebendas. 1894. 

40. Etwas zur Pathologie des N. opticus. Ebendas. 1894. 

41. Über Augen-Affektionen bei typhösen Prozessen. Wratsch 1894. 

42. Zwei Fälle von (ilaucoma malignum. Ebendas. 1896. 

4 3. Zur Kasuistik der Fremdkörper in der Orbita. Khn. M. Bl. 1896. 

17* 



260 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— -ISTo. 

44. Über traumatische Netzhaut-Degeneration. Arch. f. A. 1897. 

4.5. Über die sog. Jäsche- Arlt'sche Operation. Westnik Ophth. 1898. 

46. Über Neuritis retrobulbaris. Ebendas. 1898. 

47. Über die rezidivierende Keratitis. Ebendas. 1898. 

48. Zur Trachom-Frage. VII. Kongreß russ. Ärzte, Kasan 1899. 

49. Geschichte des ophthalmologischen Unterrichts an der Universität Kasan. 
(Im Druck, 1 906.) 

Der letzte im Mai — Juni-Heft des Westnik Ophth. 1906 veröilentlichte 
Artikel »In Anlaß der Äußerungen Dr. Wyijouski's über die Behandlung des 
Glaukoms« erklärt zum Theil Adamück's besondres Interesse für diese Krankheit. 
Er litt seit dem 36. Jahre an Glaukom-Anfällen, welche durch Eserin rasch ge- 
hoben wurden; er ließ sich nicht operiren und hat bis an sein Lebensende 
normales Sehvei'mögen bewahrt. 

Mit Adamück ist einer der begabtesten und gewissenhaftesten russischen 
Hochschul-Lehrer dahingegangen. Von seinen zahlreichen Schülern wirken die 
meisten erfolgreich im Osten Rußlands und in dem riesigen Gebiel Siljiricns. 

Zusatz. In Kasan wirkte 

Jean von Do(JIEL^). 
Geboron 1830 zu Zalesco (Litthauen), 1863 Doktor der Medizin zu Mos- 
kau, 1865 vom Unterrichts-Minister in's Ausland abkommandirt<:. D. 
arbeitete zuerst unter Helmholtz, Kirchhoff und Bunsen, dann 2 Jahre in 
Leipzig unter G. Lmwn; sowie unter Huppeut; wurde 1868 Privat-Docent 
der Physiologie in St. Petersburg, 1869 Prof. der Pharmakologie in Kasan 2). 

Von seinen zahlreichen Arbeiten sind für unser Fach wichtig: 1. Zur 
Lehre der Iris-Bewegung (mit Bernstein). Verhdl. des Naturhist.-med. V. 
zu Heidelberg 1866. 2. llber den Muse, dilatator pupillae bei Säugethieren, 
Menschen und Vögeln. Arch. f. mikrosk. Anat. 1870 u. 1886. 3. Die 
Betheiligung der Nerven an Schwankungen der Pupillen-Weite. Pflüger's 
Arch. LVI, 1899. 4. Von dem Verhalten des Albumin der lichtbrechenden 
Medien des Auges. Pflü(;er's Arch. XIX, 1879. 5. Die Neuroglia in der ] 
menschlichen Netzhaut. Arch. f. mikrosk. Anat. XLI, 1873. 6. Über die 
Netzhaut des Menschen. Internat. Monatsschr. f. Anat. u. Hist. 1884. 
7. u. 8. Über die nervösen Elemente in der Netzhaut des Menschen. 1. Tb. 
Arch. f. mikr. Anat. XXXVIII, 1891. 2. Th. Ebenda.s. XL, 1892. (Vgl. 
übrigens § 956, Ramon y Gajal.) 

§ 925. Die neurussische Universität zu Odessa, 
1864 begründet, hat erst 1897 eine medizinische Fakultät erhalten 3). 



1) Biogr. Lex. von Pagel, S. 403, 1901. 

2) 1900 schrieb Pagel, daß er jetzt noch thätig ist. In Minerva von 190G 
finde ich seinen Namen nicht mehr. 

3) 1911 nannte Minerva (I, 944) Sergei Selivan Golovin als Prof. der Augen- 
heükunde. Doch ist derselbe inzwischen nach Moskau versetzt. Die Universität 
Tomsk (West-Sibirien) wurde 1888 begründet. TuEOpmL Jeropheph war Prof. der 
Augenheilkunde. 1905 ist derselbe 61 jährig verstorben. Lobanoff wurde sein 



Dogiel. — Odessa. Stieda. W. Wagner. 261 

Odessa gewann erst \Hßl einen geübten, in Deutschland ausgebildeten 
Augenarzt, Heinrich Stieda; durch seine Bemühung und mit Unterstützung 
des General -Gouverneurs Kotzebue wurde die städtische Augen-Heil- 
anstalt zu Odessa 1875 begründet. 

Nach Stieda's Tode (1889) wurde Doktor Wagner sein Nachfolger, 
und die Anstalt auf 80 Betten erweitert. 

Das April-Heft 1915 des C. Bl. f. A. bringt über W. die folgende 
Nachricht : 

Am Palmsonntag d. J. ist zu Berlin im 79. Lebensjahre verstorben 
Dr. med. Wilhelm Wac.ner, Oberstabsarzt d. L. a. D., Ritter des Eisernen 
Kreuzes von 1870/71. Als deutscher Staatsbürger hat er Jahrzehnte lang 
zu Odessa eine hervorragende Stellung als Augenarzt eingenommen und von 
1889 ab viele Jahre hindurch die dortige Augen-Heilanstalt geleitet, bis das 
hereinbrechende Alter ihn vcranlaßte, seine Thätigkeit aufzugeben und nach 
Berlin zu übersiedeln. 

Im Jahre 1 896 hielt er auf dem Kongreß zu Moskau einen Vortrag 
über Glaukom. Nach 600 ausgeführten Iridektomien erklärt er diese 
Operation für das sicherste Heilmittel, wenn sie frühzeitig gemacht wird. 
Als Beispiel führt er sich selbst an. Vor 19 Jahren bei vollem Sehver- 
mögen links iridektomirt, sieht er auch heute normal und ist von Anfällen 
ganz verschont geblieben i'. (C. Bl. f. A. 1898, S. 435.) 

Als jetziger Leiter der trefflichen Augen-Heilanstalt zu Odessa, die ich 
aus persönlicher Anschauung kenne, wirkt Dr. Walter. 

Der Jahresbericht für 1890 ergiebt A. Kr. 4134, B. Kr. 444, Opera- 
tionen 304: darunter 139 Iridektomien, 95 Extraktionen mit 3 Verlusten 2), 

§ 926. Warschaus). 

Die Universität*) wurde 1816 gestiftet, nach der Revolution (von 1830) 
aber im Jahre 1832 wieder aufgehoben. 1857 Errichtung einer med.-chir. 
Akademie; 1861 einer »Hauptschule«, die 1869 in eine russische Uni- 
versität mit russischer Vortrags-Sprache umgebildet wurde. 

Professor der Augenheilkunde wurde 1871 Rudnew, Assistent von Prof. 
Jun(;e. Derselbe trat bereits 1872 zurück. 

Sein Nachfolger war E. von Wolfring, der im Jahre 1885 es durch- 
setzte, daß die bis dahin ganz unzulängliche Augenklinik in dem ophthal- 

Nachfolger) Die Univ. zu Saratow wurde 1909 begründet. Minerva (19H, I, 
S. M95) nennt keinen Professor der Augenheilkunde. 

1) Aber doch nicht für die Dauer. 

2) Westnik Ophth. 4891; C. Bl. f. A. 1891, S. 4G1. 

3) Vgl. den folgenden Abschnitt. 

4) Minerva I, S. 378, 1911. 



262 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800 — 1875. 



mologischen Institut des Fürsten Ljubomirski untergebracht wurde. 1906 
ist er verstorben. 

1911 wird Emeljan Andrej. Neznamow als Prof. der Augenheilkunde 
genannt i). 

Emil von Wolfring (1832—1906)2). 

Kollege Wolfring's ragende Gestalt und ausdrucksvolles Antlitz war 
uns, da er häufig von seiner Universität Warschau nach Berlin und Heidel- 
berg kam, ebenso wohlbekannt, wie seine eingehenden Arbeiten, die kli- 
nische Erfahrung mit anatomischer Kunst vereinigten. 

Fig. 16, 




Prof. Emil von Wolfring. 



Bereits der erste Band des C. Bl. f. A. (1877, S. 68) brachte seine Arbeit 
über die Ätiologie des Pannus. Von seinen weiteren Veröffentlichungen wollen 
wir die folgenden hervorheben: 

Über Ciliarneuralgie und Bedeutung des Morphin für die Therapie der Augenkrank- 
heiten. C. BL f. A. 1879, S. 368. 

1; Minerva II, S. 1.S3Ö. 

2i C. Bl. f. A. 1906, S. 30. (J. Hirschberg. 



Warschau. Wolfring. — Die tiiegenden Kolonnen. 263 

Über die Wirkung des fein zertheilten (Quecksilbers auf die Bestandtheile des 
Auges. Ebendas. 1880, S. 378. 

Physiologische Beziehungen der Blutgefäße zu den Muskeln des Oberlids. Pam. 
Towarz. Lek. Warschau LXXX. 

Zur Lehre von den Drüsen des Lidknorpeis. Westnik Ophth. 1885. 

Zur Anatomie der akuten infekt. Katarrhe der Bindehaut. C. Bl. f. A. 1886, S. 95. 

Anatomischer Befund bezüglich der KuAUSE'schen Drüsen und ihre Betheiligung 

an pathologischen Prozessen. VII. internationaler Ophthalmologenkongreß, 

Heidelberg ISS8, S. -298, und C. Bl. f. A. 1880, S. 167. 
i Ijcr den Mechanismus des Ectrop. sarc. Arch. f. A. XXX. 3 und C. Bl. f. A. 1895, 

S. iiO. 

§ '.127. Um das Bild der Augonheilkunde in Rußland zu vervoilstän- 
liigen, muß ich noch drei Gegenstände erörtern, die diesem Reich eigen- 
Ihümlich sind, die fliegenden Kolonnen, die Militär-Augenheilkunde 
und das Trachom in Rußland. 

I. Apercu des mesures prises contre la cecite en llussie par la »So- 
ciete Marie pour Ic bien des aveugles«. Prof. L. Bei.i.aumingh- i). 

Die Gesellschaft für das Wohl der Blinden wurde 1881 begründet. 
Dieselbe hat folgende Leistungen aufzuweisen: 

1. Errichtung von Schulen für blinde Kinder, :i2 in lö Jahren, mit 
600 Schülern. 

2. Errichtung von Werkstätten und Zufluchts-Orten für erwachsene 
Blinde: zwei Anstalten dieser Art sind in Wirksamkeit. 

3. Unterstützung von erwerbsunfähigen Blinden ; drei Zulluchts-Stätten 
für sehr alte Blinde sind eingerichtet. 

I. Druck von Büchern mit erhabenen Buchstaben (System Braille) 
für Blinde: 30 Bücher, i. G. 10000 Bände. 

5. Druckschriften über die Blinden, zur Aufklärung des Publikums. 

6. Blinden-Statistik. 

7. Maßregeln zur Verhütung der Blindheit. 

1886 wurde vom Ministerium festgestellt, daß in Rußland 20 Blinde 
auf 10 000 Einwohner kommen, d. i. mehr als das Doppelte des Verhält- 
nisses im übrigen Europa. (^ 10: 10 000.) Aber diese Statistik war un- 
genau, weil man bei ihrer Erhebung die Ärzte nicht hingezogen hatte. 

Seitdem haben Arzte Untersuchungen angestellt, die folgende Ergeb- 
nisse lieferten. 



1 Vortrag in der augenärztlichen Sektion des internal, med. Kongresses zu 
Moskau 1897. Vgl. die Verhdl. der a. S., S. -247—2(31. 

Prof. Bellari\u.\off hat in dankenswerther Weise die Tabellen bis zum Jahre 
1911 fortgeführt und mir zur Verfügung gestellt. Das vollständige Material ist 
also an dieser Stelle zum ersten Mal veröfTentlicht. 



264 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—18' 



Name des Arztes und des Gouvernements 



Zahl der unter- 
suchten Personen 



Zahl der Zahl der 

doppelseitig Blinden auf 

Blinden 10000 Einwohn. 



Aliantchikoff, Gouv. Twer . 
J. S. IsATCHiK, Nowgorod . . 
M. J. IsATCHiK, Kalouga . . . 

RouDiNE, Jaroslaw 

BoNDAREV, Kiew 

Weinstein, Samara 

Beivel, Orenburg 

KoMARoviTCH, Nijni-Nowgorod 



23392 


74 


11423 


34 


4177 


13 


6762 


13 


27012 


68 


12979 


28 


10238 


55 


14320 


100 



31 
30 
30 
19 
25 
21 
55 
69 



Summe 



110289 



385 



35 



Die Abtheilung zur Verhütung und Behandlung der Blindheit hat schon 
von 1881 — 1891 einiges geleistet. 

1891 — 1892 erüHnete die Gesellschaft auf ihre Kosten eine Ambulanz 
in Taschkent und ein Hospital in Tiflis. Man erkannte aber, daß die Zahl 
der Augenärzte in Rußland ungenügend war, es kam 1892 (bei 115 Mil- 
lionen Einwohnern) ein Augenarzt auf 272 000 Einwohner M. 

Dabei fanden die oben genannten Arzte, daß in der Landbevölkerung 
20^ (ja 30 — iO) an Augenkrankheiten leiden. Nach Ma<;nus, Bremkr, 



Jahr 


Zahl der Ent- 
sendungen 


Zahl der Kranken 


Krankheits-Forraon 


<893 


7 


7 694 


11 935 


1894 


21 


35 053 


58 477 


1895 


24 


41 696 


64 990 


4 896 


21 


30 350 


44 221 


1897 


33 


53 828 


90 903 


1898 


36 


50 222 


89 028 


1899 


32 


56 795 


105 304 


4900 


32 


57 195 


122 507 


1901 


31 


.■)5 075 


1 29 21 7 


1902 


2<J 


48 830 


104 607 


1903 


30 


65 762 


14 499 


1904 


16 


39 557 


50 870 


1905 


8 


4 7 922 


33 038 


1906 


49 


51 737 


97 340 


1907 


28 


56 467 


106 557 


1908 


31 


68 471 


123 657 


1909 


32 


63 401 


411 986 


4910 


34 


70 039 


134 830 


1914 


30 


67 193 


128 941 


Ges. -Summe 








in 1 9 Jahren 


491 


937 284 


1 652 917 



1) Also 420 A.A. — 596 in Deutschlands Groß-Städten, 1913. 



I 



Die fliegenden Kolonnen. 



265 



Jahr 


Zahl 
der Operationen 


Zahl der 
nnheilhar Blinden 


Zahl der Ärzte und 
Studirenden, die 
Theil genommen 


1893 


1 4G6 


517 


10 

64 Ärzte 






• 


6 Stud. 


1894 


9 554 


2 925 


70 

67 Ärzte 
15 stud. 


1S9Ö 


12 334 


3 188 


82 

80 Ärzte 
14 Stud. 


1896 


9 193 


2 320 


94 


1897 


16 0-29 


4 813 


150 


1898 


17 092 


3 702 


135 


1899 


16 467 


3 871 


87 


1900 


iO 469 


4 404 


107 


1901 


17 853 


3 635 


112 


1902 


18 155 


2 738 


11 1 


1903 


30 374 


3 365 


1 87 


1904 


12 337 


1 387 


' 47 


1905 


ö 093 


898 


22 


1906 


13 288 


1 973 


84 


1907 


18 656 


2 397 


i '''^ 


1908 


21 902 


2 554 


\ 91 


1909 


18 564 


3 122 


85 


1910 


20 237 


3 003 


86 


1911 


18743 


2 399 


7.'? 



Ges.-Summe 
in 19 Jahren 



297 866 



53 21 1 



1590 



Stefian, Fuchs waren iO^ der unheilbaren Blindheit vermeidbar gewesen; 
für viele Gegenden Rußlands ist jedoch die heilbare Erlilindung identisch 
mit der unheilbaren, wegen der Unmöglichkeit sachgemäßer Behandlung. 

Im Jahre 1893 entschloß sich die Gesellschaft zur Aussendung von 
fliegenden Kolonnen, mit je einem erfahrennn Augenarzt. 

Die Tabellen auf S. 264 und 265 geben die Übersicht über das bisher 
Geleistete. 

Also haben während 19 Jahren 491 Entsendungen in die verschiedenen 
Gouvernements stattgefunden: 

937 284 Kranke sind behandelt, 297 806 Operationen ausgeführt und 
53 211 unheilbar Blinde festgestellt worden. Es hat sich auch heraus- 
gestellt, daß in Rußland über 60^ der Blindheiten vermeidbar ge- 
wesen wären; die schlimmste Ursache war Neugeborenen-Eiterung. 

Auch die stationären Einrichtungen wurden allmählich vermehrt und 



266 



XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, ) 800— 1875. 



erweitert, von 1894 — i9IO wuchs die Zahl derselben auf 138: darunter 
sind 21 große Augenkliniken i). 



Jahr 


Zahl der 

ständigen 

Einrichtgn. 


Zahl der 
Kranken 


Krankheits- 

Formen 

• 


Zahl der Ope- 
rationen 


Zahl der un- 
heilbar Erblin- 
deten 


Zahl der 

Ärzte und 

Studironden 


1893 


4 


4 021 


_ 


597 


_ 


5 


1894 


11 


3 938 


— 


490 


— 


6 


1895 


14 


10 785 


— 


1 998 


261 


28 


1896 


24 


24 386 





4 322 


— 


33 


1897 


37 


35 181 


36 OÜO 


G 334 


733 


37 


1898 


46 


40 835 


43 369 


7 327 


1 133 


48 


1899 


70 


82 304 


78 689 


18 630 


1 778 


110 


1900 


98 


105 207 


107 914 


22 782 


1 846 


121 


1901 


M8 


133 596 


153 338 


29 257 


2 657 


131 


1902 


127 


144 335 


167 74 3 


31 257 


2 733 


155 


1903 


141 


141 700 


161 127 


33 363 


2 586 


155 


1904 


14-2 


130 514 


169 611 


37 240 


2 '.84 


149 


1903 


1 1 •■) 


160 932 


183 741 


36 200 


2 765 


137 


1906 


119 


181 888 


202 838 


39 334 


3 139 


136 


1907 


112 


177 043 


200 808 


42 193 


2 624 


142 


1908 


1 1 9 


187 293 


218 ir.3 


4 4 627 


2 507 


137 


1909 


130 


211 243 


234 290 


4 6 444 


2 871 


. 152 


1910 


188 


238 027 


265 990 


47 499 


3 263 


162 


18 Jahre 





2 033 250 





432 133 


33 402 






§ 928, Zur Geschichte der Militär-Augenheilkunde in Rußland, 
von Dr. M. Reich 2). 

»Es ist höchst wahrscheinUch, daß epidemische Augenkrankheiten im 
russischen Heere schon vor 1782 sehr bekannt waren. Divisionsarzt 
ScBULLEu schrieb 1824 3)^ daß die ,Blepharophthalmia Grimensis mucosa' in 
der Infanterie viel häufiger war, als in der Flotte, und zwar in den Truppen, 
die in der Krim noch vor dem Feldzuge nach Frankreich sich befanden. 

Seidlitz^) schrieb, daß schon 1808 starke Augen-Epidemien in Kron- 
stadt herrschten. 

1819 — 1824 erkrankten im Krim-Gebirge unter den Truppen 8260 
Mann, von denen 75 (0,9 ^) ganz erblindeten, auf einem Auge 100 (1,2^). 



1) Vgl. § 711, Augen-Heilanstalten in Deutschland und in England; § 768, 
Augen-Heilanstalten in den Vereinigten Staaten. 

2) Den § 928 hat Dr. M. Reich, a. o. MitgUed des wissenschaftlichen Komitees 
der Haupt-Militär-Sanitätsverwaltung in St. Petersburg, ein alter Bekannter von 
mir aus unsren jungen Tagen (1871), mir freundlichst zur Verfügung gestellt. 

3) Im russischen militärärztlichen Journal 1824, III. Theil, S. 208. 

4) Vermischte Abhandl. aus d. Geb. d. Augenheilkunde. 3. Samml. 1825. 



Geschichte der MiUtär-Augenheilkunde in Rußland. 267 

Ansteckende Augenkrankheilen wüthelen in Pelcrshurg (IS3.") — 1837, 
Fi.oi!io): im Warschauer Garnison-Lazaret erblindeten (1819 — 1821) von 

Fig. 17. 








2096 Augenkranken auf beiden Augen 58, d. h. 2,8^; auf einem Auge 
56, d. h. 2,7 % ; im ganzen 5,5 % ! 

1837 fand Kabat öOOO Augenkranke. 

In das Petersburger Militär-Hospital sind, von 1835 bis Sept. 1838, 9863 



268 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800—187 5. 

Augenkranke aufgenommen. [Von diesen sind, unter Florio, nur 9 blind 
geworden und 12 haben ein Auge verloren. Vgl. § 719, S. 31. Der ita- 
lienische Chef-Arzt hatte gute Erfolge!] 

Sogar noch 1 873 waren im Warschauer Ouyazdow-Spital von 832 
Augenkranken 90 mit Diphtherie! 

1872 fand Reutlinger in der Odessaer Garnison bis 34^ Augen- 
kranke, in Beßarabien 31 ^, und entwarf uns die traurigsten Schilderungen. 

1874 erkrankten von den Krim-Truppen 40,3^, von denerv 328 mit 
,eitertriefender Entzündung'. (Damalige Nomenklatur der Augenblennorrhöe.) 

Der allerhöchst kommandirte Leib-Okulist Rabat empfahl Zerstreuung 
der Augenkranken aus verseuchten Gegenden in gesunde und Isolirung 
Augenkranker in speciellen sanitären Sommer-Augen-Stationen (zu Odessa, 
Eupatoria, im Baidar-Thal u. a.), zum Theil im schönen bewaldeten Hügel- 
land der Krim. (Diese Maßnahme wurde im Karabinier-Regiment in Peters- 
burg schon J832 angewandt, in dem von 100 Blenorrhöe-Kranken i3 ganz 
oder fast ganz erblindeten. [Lerche.]) 

187Ö in die Krim kommandirt, fand ich persönlich verschiedene 
Truppentheile mit 24—36 % Augenkranker, abgesehen von den nach Heil- 
anstalten Gesendeten. 

Bei den damaligen hygienischen Zuständen in den Truppen und der 
oft hilflosen Stellung der Militär-Ärzte, deren augenärztliche Kenntnisse nur 
unbedeutend, war das oben Beschriebene ziemlich verständlich *). 

Eine besondere Lehrkanzel für Ophthalmologie erhielt die Militär- 
Medizinische Akademie erst am Ende der 60 er Jahre des 19. Jahrhunderts 
(Prof. Junge) 2>; aber Lehrkanzel und Armee waren einander fremd. 

Von praktischer Ausbildung der Militär-Ärzte in der Augenheilkunde 
oder von besondren Fortbildungs-Kursen war noch keine Rede. 

Die in verschiedenen Theilen Rußlands unter den Truppen immer 
währenden, nicht selten epidemischen Augenkrankheiten in hoher Zahl (bes. 
Trachom und Conj. folHcul.) bewog 1876 die militär-medizinische Haupt- 
verwaltung zur Einführung von speciellen Bezirks-Okulisten in vier 
der am stärksten befallenen Militär-Bezirke [Kaukasus-Bezirk — Dr. Reich; 
Odessaer Bezirk — Dr. Mitkewitsch; in Warschau und Wilna — Wolf- 
ring und ZiwiNSKYj. — Laut einer ausführlichen, vom militär-medizinischen 
wissenschaftlichen Komitee bearbeiteten Instruktion wurden die Bezirks- 
OkuHsten verpflichtet, wenigstens einmal im Jahre den Augen-Zustand in 
allen Truppen und Heilanstalten persönlich zu kontrolliren, darüber ge- 

1) Noch bis 1907 wurde in die Armee jeder mit Trachom (einschließlich Conj. 
follicul.) eingestellt, so lange der Augenzustand noch keinen ersichtlichen Einfluß 
auf die Sehschärfe ausgeübt und keine unheilbaren Folgen nach sich gezogen hatte. 

[2) Vielmehr 1860. (Vgl. §893.) Im Jahre 1869 ging das MiUtär-Hosp. in die 
Verwaltung der Mü.-med. Akademie über.] 



Militär-Augenheilkunde. 269 

iiaue Berichte einzureichen und für Hebung des augenärztlichen 
Wissens unter den Militär-Ärzten des Bezirkes zu sorgen. 

Die vier jungen, wissenschaftlich auch im Auslande ausgebildeten Augen- 
äizte waren die ersten Pioniere der Augen-Hygiene, Prophylaxe und The- 
iMpie im Heere (durch Beispiel, Wort und Abhandlungen in Zeitschriften) 
und in den Heilanstalten, was auch aus ihren Berichten zu ersehen ist. 

Sofort wurden als außerordentlich wichtig anerkannt : 

1 . Besondere Beachtung hygienischer Maßregeln in den Truppen- 
llieilen. 

2. Einführung monatlicher Augen-Untersuchung der ganzen Mannschaft 
iiiies jeden Truppentheiles und genaue Notirung des Zustandes eines 
l'MJen Mannes in besondren Augen-Listen. 

3. Womöglich strenge Isolirung ansteckender Augenkranker. (Auch 
diT Verdächtigen.) 

4. Sofortige Entlassung aus den Beihen in die Heilanstalten aller, die 
nicht im llevier behandelt werden können. 

5. Hebung der praktischen augenärztlichen Ausbildung der Militär-Arzte 
ilurch periodische Kommandirungen derselben zu größeren Hospitälern, wo 
die Bezirks-Augenärzte die Leitung hatten. 

Die Thätigkeit der vier Bezirks-Augenärzle war auch aus ihren Druck- 
arbeiten ersichtlich ') und hatte augenscheinliche Erfolge. 

Im Laufe der Jahre wurde die Zahl der Be/.irks-Augenärzte vermehrt, 
so daß gegenwärtig ein solcher in jedem der 12 Militär-Bezirke thätig 
ist. Alle liefern in die militärische Haupt-Medizinalverwaltung ihre aus- 
führlichen Jahresberichte,' über welche ein besondres Mitglied des 
wissenschaftlichen Komitees der Haupt-Medizinalvervvaltung dem Komitee 
einen Bericht erstattet, aus dem Auszüge auch gedruckt werden. 

Durch Hebung der augenärztlichen Professor-Leistung an der Kaiserl. 
Militär-Medizin. Akademie und durch Specialisirung an großen Militär-Heil- 
anstalten der Militärbezirke bekommt die Armee mit jedem Jahre eine An- 
zahl neuer, sehr gut ausgebildeter Augenärzte. 

Eine sehr große Anzahl von Hospitälern und Lazareten hat heutzu- 
tage in den Augen -Abtheilungen eine gute Einrichtung für Augen- 
Behandlung. Die Augen -Abtheilungen der zentralen Militär -Heilanstalt 
eines jeden Bezirkes haben eine wissenschaftliche Ausstattung an Appa- 
raten und Instrumenten zu Untersuchungsmethoden, zu Operationen und 
zur Therapie, welche der einer Klinik nicht nachsteht. 

Diese Augen -Abtheilungen stehen unter der Leitung ausgebildeter 
Augenärzte, mit häufiger Konsultation des Bezirks-Augenarztes. 



V Theils im russischen >Militärärztlichen Journale theils aucli in ausländi- 
schen Zeitschriften. 



270 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte RulSlands, 1800 — 1875. 

Der Prozent-Satz der Trachomatösen in den Reihen verschiedener Heeres- | 
theile ist zwar noch ziemlich bedeutend (0,5 — 3,8^), der Zugang zu den 
Heilanstalten mit Conjunctivitis trachomatosa i) aber nur 0,2 — 0,95^. 

Die kolossalen Erkrankungs- und Erblindungs-Zahlen, die noch im 
dritten und vierten Viertel des '1 9. Jahrhunderts in den Truppen beobachtet 
wurden, sind vergessen. Der allgemeine Zugang aller Augenkranken ist 
im Mittel für die Armee auf 1,6^ der Ist-Stärke gesunken; kleine Epide- 
mien von Augenkrankheiten, — meist katarrhalischer oder follikulärer Con- 
junctivitis, — gehören zu den seltenen Ereignissen und werden genau stu- 
dirt und bald bekämpft. 

Die starke Trachom- Verseuchung einiger Theile Rußlands (der westlichen 
und östlichen Gouvernements, des Wolga -Gouvernements u. a.), die sehr 
primitive Volks-Aufklärung über Hygiene überhaupt und über Augen- 
Hygiene im besondren, und die sehr ungenügende beständige ärztliche 
Hilfe — das sind Ursachen, vermöge welcher Einstellung Augenkranker 
und überhaupt der Augenkranken-Zugang in der russischen Armee größer 
ist, als in den meisten europäischen Armeen. 

Der ziemlich große okulistische Aufschwung in Rußland und die Thätig- 
keit der fliegenden Kolonnen der auch für Blindheit- Prophylaxe wirken- 
den Abtheilung des Blinden-Patronats der Kaiserin Marie sichern uns, unter 
Bedingung genügender Volks-Aufklärung, auch im Kampfe gegen die Augen- 
krankheiten im Volke eine baldige erfolgreiche Zukunft.« 



§ 929. Ich möchte die wichtigen Erörterungen des Herrn Kollegen 
M. Reich durch einige Zahlen ergänzen. 

A.) Behandlung der Blepharophth. purulenta im Militär-Hosp. zu Uias- 
dow in Warschau, m. v. Oberarzt desselben, AVirkl. Staatsrath Dr. von 
Magazinek. (Med. Z. Rußlands 1844, No. 26.) 



IS;}? erblindeten von 0019 Augenkranken auf beiden Augen 53 

1838 4890 59 

1839 2106 23 

1840 3742 31 

1841 2485 10 

1842 2138 6 

1843 2966 5 



1) Die Statistik über Trachom ist natürlich nicht sehr genau, denn nicht 
alle Ärzte und sogar nicht alle Augenärzte sind reine Dualisten; vielmehr rechnen 
sie zum Trachom auch jede follikuläre Bindehaut-Veränderung. 



Trachom in Rußland. 271 

Die glücklicheren Erfolge der letzten beiden Jahre wurden der neuen 
lUJKindlung zugeschrieben, mit Einstreuen von Kalomel 'j. 

B.) Aus dem Jahresbericht des Warschauer Militärbezirks- Augenarztes, 
\nn Dr. Tai.ko. (Gazela Lekarska 1880; C. Bl. f. A. 1880, S. 379.) 

hn ganzen Bezirk waren 1878 an 131242 Soldaten, darunter 5646 
Aiii;enkranke (319 blennorrhoTsche) ; von diesen genasen 5186, wurden an 
ht iden Augen beschädigt 50, verloren ein Auge 60, beide Augen 30. 

Im Jahre 1879 waren unter 122 557 Soldaten 5713 Augenkranke, von 
welchen 5126 genasen, an beiden Augen beschädigt wurden 124, ein Auge 
verloren 49, beide Augen 13. 

C.) 1 890 betrug die Gesanuntzahl der Trachomatüsen in der russischen 
Armee 62 955 = 75,7 pro Mille des Bestandes. (Talko, Kl. M. Bl, f. A. 
IS93, S. 147.) 

§ 930. Über die V'erbreitung des Trachoma in Rußland-). 

... Da uns absolute Zahlen nicht zur Verfügung stehen, müssen wir 
uns mit relativen begnügen: sie geben die Zahl der Kürnerkranken, 
die unter je 1000 Augenkranken in den Augen-Heilanstalten der 
verschiedenen Bezirken gefunden sind. Die Fehlerquellen, die solchen 
Zahlen anhaften, sind einleuchtend und auch schon öfters hervorgehoben . . . 

Ich nenne eine Gegend trachomfrei (0), wenn die einheimische Be- 
völkerung nicht mehr Trachom-Fälle, als I — 2%q (pro mille) der Augen- 
kranken für die betreuende Augen-Heilanstalt liefert; dagegen leicht be- 
haftet (1), wenn die Zahl der Trachom-Kranken (möglichst nur aus der 
einheimischen Bevölkerung) auf lO^lö^oo der Augenkranken ansteigt. Die 
mittlere Erkrankung (II) rechne ich bis zu 50%q; die starke (III) ver- 
bleibt den noch höheren Zahlen, 100%o, 2000/(,q und darüber. Diese 
Eintheilung ist eine künstliche, wegen des allmählichen Übergangs; doch 
scheint sie mir nützlich zur ersten Übersicht. 

Am besten steht es in Europa mit der Schweiz. Frankreich und Eng- 
land sind ähnlich daran, wie Deutschland, daß nämlich einige Bezirke 
oder Provinzen mehr oder weniger an Körnerkrankheit leiden, Österreich 
zeigt in Galizien und Ungarn starke Erkrankung, Rußland in vielen Gou- 
vernements, von denen ich Nachricht erhielt; stark leiden die drei süd- 
lichen Halbinseln Europas. Wenig erkrankt sind die drei nordischen Reiche: 
Dänemark, Schweden, Norwegen. Sehr stark Belgien, theilweise auch Hol- 
land. Die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, Brasilien in Süd-Ame- 

1) Diese Kalomel-Behandlung rührt von Dupuytren her, was v. M. nicht an- 
gemerlct hat. Vgl. unsren § 55-2, S, 24, und § 334, S. 378. 

2) Nach J. Hirschberg, Die Bekämpfung der Volkslcr. Trachoma. Referat in 
der 3. Sitzung der ophth. Sektion des XII. internal. Kongresses zu Moskau, den 
9. Aug. 1897. Bericht der Sekt. XI, S. 76— 81. (Vgl. m. Gesammelten Abh. 1913, 
S. 760 llsd. 



I 



272 XXIII. Hirschberg, Die Augenärzte Rußlands, 1800— 1875. 

rika, die englischen Kolonien in Australien, alle sind von der Plage der 
Kürnerkrankheit heimgesucht. . . . 

Als drittes und letztes Beispiel wähle ich das große Reich, dessen 
Gastfreundschaft wir uns auf diesem Kongreß zu erfreuen haben. 

Mit gewohnter Liebenswürdigkeit haben die russischen Herren Kollegen 
mich mit ihrem Zahlen-Material versehen, so daß ich in der Lage bin, 
Ihnen die folgende Übersicht zu geben. Moskau 24 — 40 %o, Rostow 6O0/00, 
Petersburg 96 %o, Helsingfors 102 00, Saratow M 4 0/00, Lodz H 6 0/00, 
Warschau 124 0/00, Libau 121 0/00, Reval 146 0/00, Dorpat ISO -350 0/00, Riga 
2000/00, Odessa 1580/00, Charkow 200 0/00, Kasan 180— 220 0/00, Kiew 250o/(,o. 

Landstriche, die gar nicht oder wenig behaftet sind, konnte 
ich aus Rußland nicht in Erfahrung bringen, obwohl sie doch vor- 
kommen, wie ich durch mündliche Nachrichten erfahren. 

Also mittlere Erkrankungs-ZifTer zeigt diese alte Hauptstadt des Reiches. 
Alle andren Zahlen gehören der starken Erkrankung an. Ich weiß, daß 
ich den russischen Fachgenossen damit nichts Neues sage. 

Aber eine so vollständige Zusammenstellung, wie die oben erwähnte, 
habe ich in der Literatur nicht gefunden. 

Zusatz 1. Für die Trachom-Durchseuchung Rußlands ist der tata- 
rische Antheil der russischen Bevölkerung zu berücksichtigen ^j. Vgl. 
P. Lang, Über die in der Krimm herrschende Augen-Entzündung. (Ver- 
mischte Abb. . . . pr. Ärzte zu St. Petersburg III, 1825.) A'on 1782—1805 
zeigten sich 2 Mal ansteckende Augen-Entz. in der Krimm, haupts. bei den 
Soldaten. Sporadisch kommt die Augen-Entz. immer vor, besonders in der 
ärmeren Klasse der Tataren. Sie lassen sich von ihren Weibern be- 
handeln.« Vf. will die Augenkrankheit von den Mekka-Pilgern ableiten, die 
über Ägypten reisen. Aber »die ägypt. Augen-Entz. verdient eher den 
Namen der asiatischen, da sie in ganz Asien herrscht«. (Adams, 1818; vgl. 
unsren § 631.) 

2. Über die seit Jahrhunderten bestehende Trachom-Durchseuchung 
der finnischen Esthen vgl. oben § 907, 3. 

3. Über Finnland haben wir die lapidaren Sätze von F. J. von Becker 
zu I lelsingfors 2j : Ende des Jahres 1865 betrug in Finnland die Zahl der 
Blinden 5187, d. i. 1 : 348 und der Halbblinden 7617, d. i. 1 : 237 . . . 
Bekanntermaßen ist es das Trachom mit seinen Folge-Krankheiten, wo- 
durch am allerhäufigsten hier zu Lande das Sehvermögen verloren geht. 
Es kommt in manchen Gegenden so häufig vor, daß man kaum eine 
Bauern-Stube findet, wo nicht Jemand daran leidet. . . . Das Trachom 



1) »Im europäischen Rußland bilden die Tataren mit I9.'i3l55 Köpfen nach 
den Russen und den Polen die stärkste Bevölkerungs-Gruppe.« (Meyer's Konvers. - 
Lex. XVI, S. 294, 1907.) 

2) Zeiiender's Klin. M. El. f. A. 1870, i?. 37."). 



Schluß-Betrachtungen. 273 

wird am häufigsten von Quacksalbern unter den Bauern behandelt, am 
meisten durch reizende Mittel (Einblasen von pulverisirtem Zucker, Alaun), 
sowie auch durch Umkehren der Lider und Reiben mit scharfen Gegen- 
ständen, gewöhnlich mit Hopfen-Blättern i). ... 

§ 931. Schluß-Betrachtungen. 

Die .\ugenheilkunde in Rußland beginnt mit der Gründung der Augen- 
Heilanstalt zu St. Petersburg, im Jahre 1824. 

Von den Leitern der Anstalt im 19. Jahrhundert war der erste 
(W. Lerciib) ein Deutscher, die folgenden (Salomon, Lkrche jun., R. Blessig, 
Magawly) Deutsch-Russen. Sie haben deutsch geschrieben. 

Von den ersten Professoren der Augenheilkunde war Braun in Moskau 
ein Deutscher, Junge in Petersburg, v. Üttingen in Dorpat, Hirschmann in 
Charkow Deutsch-Russen, Iwanoff in Kiew, Adamück in Kasan Russen : sie 
schrieben deutsch, auch russisch. 

Die Russen, welche im letzten Drittel des 1 9. Jahrhunderts auf dem 
Plan erschienen, Maklakoff, Woinow, Krlckow, E. Mandklstamm, Iwanoff, 
Chodin, Dobrowolsky, Bellarminoff, Adamück u. A., sind, vielleicht mit 
Ausnahme des ersten, alle im Auslande ausgebildet. Sie betheiligten sich 
rüstig am Ausbau der theoretischen und praktischen Augenheilkunde. 

Mit Ausnahme des ersten, welcher russisch und französisch schrieb, 
haben sie alle deutsch, (gelegentlich französisch,) und russisch geschrieben. 

Eine national-russische Literatur der Augenheilkunde entwickelt sich 
erst in den siebziger Jahren. 

Wirkliche Genies unter den Russen, wie Iwanoff, sind auf unsrem Gebiet 
sparsamer, als in dem der Poesie, der Musik und der bildenden Künste. 

Professuren der Augenheilkunde an den russischen Universitäten wur- 
den von 1860 — 1872, also verhältnißmäßig früh, eingerichtet. Aber die 
Gründung von brauchbaren Kliniken ließ länger auf sich warten. 

In praktischer Hinsicht waren diese Augenkliniken, selbst zusammen 
mit den weil größeren Augen-Heilanstalten der Städte (St. Petersburg, 
Moskau, Odessa, Kiew, Riga u. a.), für die Bedürfnisse des ungeheuren 
Reiches nicht ausreichend. 

Beklagenswerth ist auch der Mangel an Ärzten, der in Folge der 
Unterdrückung der Selbständigkeit der Universitäten seit 1 884 beobachtet wird. 

Rühmende Anerkennung verdient aber die eifrige Thätigkeit zur Her- 
abminderung von Augenkrankheit und Erblindung in Volk und Heer, wie 
sie während der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts im russischen 
Reich zu Taee getreten ist. 



4) Vgl. § 907, 3. 



Handbuch der Angenheilknnde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VH.) XXIII. Kap. m 



Sach- Register. 



Alle Namen von Krankbeiten, Operationen, Instrumenten finden sich unter Nomenklatur. Dem Sach- 
Register folgt ein Namen-Register. In letzterem bedeutet die fettgedruckte Zahl immer die Haupt- 
Stelle. 



Aktinomykose des Thränenröhrchens 
§ 904, S. 226. 

Amyloid der Bindehaut § 908, S. 233. 

Augenärztlicher Bote § 918, S. 251. 

Augen-Heilanstalt zu St. Petersburg 
§881, S. IW. Die größten A.-H. §881, 
S.181; A.-H. zu Moskau § 905, S.227; 
zu Riga § 912, S.241 ; P opow'sche in 
Kiew § 920, S. 253; zu Odessa § 925, 
S. 261. 

Augenheilkunde, moderne, in Ruß- 
land § 885, S. 192. Geschichte der 
militärischen Augenheilkunde § 928, 
S. 266. 

Augenklinik der milit.-med. Akad. zu 
St. Petersburg § 892, S. 206; des klin. 
Instituts Helene - Pawlowna §896, 
S. 213; der Univ. Moskau § 899, 905, 
S. 227 ; zu Dorpat § 906, S. 229 ; Mitteil, 
ders. § 911, S. 240. 

Augenkrankheiten,vorherrschendin 
Rußland § 879, S. 179. 

Augenspiegel § 887, S. 196. 

B. 

Blindheit in Rußland u. ihre Bekämpfung 

§ 927, S. 263. 



Charkow § 921, S. 254. 

D. 

Deutsche Sprache §878, S. 175. 
Dorpat § 906, S. 228. Die letzte deutsche 
Promotion § 909, S. 236. 



Elektricität vgl. Galvanismus. 
Embolie § 884, S. 190 (R. Blessig). 
Esthen, trachom - durchseucht §907, 
S. 231. 



Finnland's Trachom § 930, S. 272. 



Galvanismus in der Augenheilk. § 882, 

S. 185; § 892, S. 208. 
Glaukom § 898, S. 216. 

H. 

Haarwimperboden - Verpflanzung §910, 
S. 237. 

I. (J. 

Indirekte Läsionen des Augapfels § 908, 
S. 234. 

Iridektomie § 887, S. 197; § 892, S. 208. 

Iridochorioiditis durch Rückfalls- 
Fieber §884, S. 189 (R. Blessig); 
§ 902, S. 224 (Logetschnikoffi; 
§ 903, S. 225 (A. Natanson sen.;. 

Jurjew s. Dorpat. 

K. 
Kasan § 923, S. 257. 
Kiew § 916, S. 245. 

Krimm'sche Augen-Entz. § 930, S. 272. 
Kyklitis nach Recurrens § 902, S. 224. 

L. 

Ligatura palpebralis § 882, S. 184. 

M. 

Militär-Augenheilk. § 928, S. 267. 
Moskau § 897, S. 214. 

N. 
Netzhaut (vgl. Retina), Textur §884, 
S. 187 (R. Blessig). Getigerte § 893, 
S. 208 (Junge;. 
Neugeborenen- Augen-Eiterung § 887, 
S. 196. 

0. 
Odessa § 925, S. 260. 
Ophthalmometrie § 901, S. 222. 



Pantophtalmie, Ätiologie § 904, S. 226. 
St. Petersburg, Augen -Heilanstalt 
§ 881, S. 179. 



1 



Sach-Register. 



275 



R e (■ u r r e n s-Iridochorioiditis § 884, S,4 89 
(K.Blessigi; §902. S. 224 (Lo- 
ge tschnikoff. 

Retinae textura § 884, S. 187 (R. 
Blessig). 

Riga § 91 i, S. 24i. 

Russische Literatur § 878, S. 175. 

S. 
St. Petersburg s. Petersburg. 
Sehen, das räumhche § 9H, S. 238. 
Skurbutische Augen-Entz. § 889, 890. 
Star. Ausziehung § 896, S. 216 Braun;. 

T. 
Tatarischer Antheil am russischen 

Trachom § 930, S. 272. 
Thränen röhrchen - Aktinomykose 

§ 9ii;. S. 226. 



Thränenschlauch- Verstopfung § 9 1 0, 

S. 238. 
Tonometrie § 899, S. 218. 
Trachom, in Livland § 907, S. 231 ; in 

Rußland § 930, S. 271. 



Universitäten Rußland s §880, S.179. 
St. Petersburg Militär-Akad.' § 892; 
Moskau § 897; Dorpat § 906, S. 228; 
Kiew §916, S. 245; Charkow § 921, 
S. 254; Kasan § 923, S. 257; Odessa 
§ 925. S. 260; Tomsk § 92.i, S. 260; 
Warschau § 926, S. 261. 



W. 

Warschau § 926, S. 261. 

Westnik Ophthalmologii §918, S. 251. 



Namen -Register 



A. 
Adamück § 924, S. 2.17. 
Adelmann § 907, S. 230. 
Alexander II. § 88«, S. 181. 
Alfonsky § 897, S. 215. 
Andogsky § 878, S. 177. 
Arnhold , Kasan) § 923, S. 257. 

B. 

Babuchin § 878, S. 176. 
Balk § 906, S. 228. 
Barsoff § 897, S. 215. 
Becker (Kiew) § 916, S. 245. 
Bekeloff § 923, S. 257. 
Beljawski § 890. S. 20 3. 
Bellarminoff §879, 8.178; § 927,8.26.} 
Blessig, E. § 179, 8. 178; § 881, S. 180 
Blessig. Robert § 884, S. 187. 
Braun [Moskau; §898, S. 216. 
Braun, ;Kasan) §923, 8.257. 
Brosse § 897, 8. 215. 



Chodin § 918, 8. 250. 

Crusell § 882, S. 185; § 892, S. 207. 



Denissenko § 878, 8. 179. 
Dobrowolsky § 894, S. 210. 
Dogiel § 878, 8. 176: § 924, 8. 260. 



Dohnberg § 896 A, S. 213. 

Drozdoff § 890. S. 203. 

Dubowitzki § 892, 8. 207- 923. S. 257. 

E, 
Elatschich § 923, 8. 257. 
Ehasberg, M. § 914, 8. 244. 
Ewenius § 897, 8. 215. 
Ewetzky § 911, 8. 239. 
Ewmenieff § 890, S. 203. 



Fialkowski § 890, 8. 202. 
Florio § 878, 8. 174; § 928, 8. 267. 
Fogel § 923. 8. 257. 
Froebelius § 887, S. 196. 

G. 

Germann § 891. 8. 205. 
Golowin § 924, S. 260. 
Grubi § 892, 8. 207. 
Gurwitsch § 878, 8. 177. 

H. 

Hildebrandt § 897, 8. 214. 

Hirschberg (Berlin), über Trachom in 

Rußland § 930, S. 271. 
Hirschmann § 922, 8. 256. 
Hoerschelmann § 915, S. 244. 
Hoffmann § 915, 245. 
Hübbenet, von, § 916, 8. 245. 

•IS* 



276 



Namen-Register. 



I. (J.) 
Jaesche, G. E. §910, S. 236. 
Jaesche, E. § 910, S. 237. 
Jeropheph § 925, S. 260. 
Jochmann § 906, S. 229. 
Ischreyt § 914, S. 24 4. 
Junge § 893, S. 208. 
Iwan off §917, S. 247. 



Kabat § 879, S. 178; § 892, S. 207; § 828, 

S. 268. 
Kalinski § 892, S. 207. 
Karawajeff § 916, S. 245, 246. 
Kastalsky, Katharina, §904, S. 225. 
Kauzmann § 906, S. 228. 
Kostenitsch § 878, S. 177. 
Krückow§890, S. 204; §900, S. 219. 
Krüdener, von, § 1 79, S. 1 78 ; § 914, S. 244. 
Kyter § 923, S. 257. 



Lamansky § 876, S. 176. 

Lange, 0. § 891, S. 206. 

Leber § 878, S. i76. 

Lerche, Wilhelm § 878, S. 173; § 881, 

S. 180; § 882, S. 183. 
Lerche, jun. § 883, S. 186. 
Lobanoff § 925, S. 260. 
Logetschnikoff § 902, S. 223. 

H. 
Magawly §885, S. 190. 
Magaziner § 928, S. 270. 
Maklakoff §899, S. 217. 
Mandelstamm I., E., §918, S. 250 ; 

§ 919, S. 252. 
Mandelstamm IL, L., § 913, S. 242. 
Matschuschenkoff § 897, S. 215. 
Memorsky § 878, S. 177. 
Middendorf, von, §915, S.24Ö. 
Mitkewitsch § 928, S. 268. 
Moier § 906, S. 229. 



Natanson, AI. § 891 , S. 206; § 903, S. 224. 
Neese, § 878, S. 177; § 920, S. 253. 
Neznamoff § 926, S. 262. 
Niesamoff § 878, S. 177. 
Nikolaus L § 881, S. 180 u. 181. 
Nikolsky § 923, S. 257. 



0. 

Öttingen, von, § 908, S. 233. 

P. 

Pelechin § 892, S. 207. 

Peter d. Gr. § 878, S. 173; § 880, S. 179. 

Pirogoff § 878, S. 174, 175; § 906, S. 229. 

Poetschke § 913, S. 243. 

Poppen, von, § 879, S. 178. 

■R. 
Raehlmann § 909, S. 234. 
Reich § 878, S. 1 77 ; § 879, S. 1 78 ; § 928, 

S. 266, 268. 
Reutlinger § 928, S. 268. 
Rogowitsch § 919, S. 253. 
ROSOW § 878, S. 177. 
Rudnew § 926, S. 261. 
Rusticky § 918, S. 250. 

S. 

Sabolowski- Detj atowski § 892, 

S. 207. 
Salomon, Chr. § 883, S. 186. 
Schalygen § 878, S. 177. 
Schimanowsky § 918, S. 251. 
Schroeder, von, § 886, S. 193. 
Schuller § 928, S. 266. 
Seidlitz, von, §907, S.232; §966, S.266. 
Setschenoff § 878, S. 177. 
Skrebitzky § 878, S. 177. 
Stieda § 925, S. 261. 



Talko § 929, S. 278. 
Thielmann § 888, S. 197. 



Vanzetti § 878, S. 174; § 921, S. 254. 

W. 

Wagner, W. (Odessa) § 925, S. 261. 

Waldhauer § 913, S. 242. 

Walter (Odessa) §925, S. 261. 

Woinow § 901, S. 922. 

Wolfring, von, § 926, S. 261; § 928, S. 268. 

Woskresenski § 890, S. 204. 



Zilchert § 916, S. 245. 
Ziwinsky § 968, S. 268. 



Kapitel XXIII. 

(Fortsetzung.) 

Die Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Von 

J. Hirschberg, 

Professor in Berlin. 

Drittes Buch. 

Achtzehnter Abschnitt. 
Polnische Augenärzte im 19. Jahrhundert. 

Mit 3 Figuren im Text. 



Eingegangen im März 1916. 

§ 932. Einleitung. 

Die polnische Literatur ist unter den slawischen die reichhaltigste und 
dabei, während sie der westeuropäischen Kultur-Entwicklung un- 
unterbrochen sich anschließt, von nationaler Eigenart. 

Somit hatte ich mich bemüht, im C. Bl. f. A. regelmäßig Jahresberichte 
der polnischen augenärztlichen Literatur zu bringen^). 

Somit beabsichtigte iclj auch, den polnischen Augenärzten des 
19. Jahrhunderts ein besondres Kapitel meiner Geschichte zu widmen. 

Aber die Ausführung meiner Absicht verdanke ich meinem alten 
Freunde Prof. Boleslaus Wicherkiewicz in Krakau, der mir, auf meine 
Bitte, am 9. Mai 1913 das von ihm selber (und zum Theil von seinen 
Assistenten] zusammengestellte Material freundlichst zur Verfügung ge- 
stellt hat. 

Die übersandten Nachrichten habe ich geordnet, hier gekürzt, dort 
erweitert; und somit theil weise nur als Herausgeber gewirkt. 

1) Vgl. CHI. f. A. 1880, S. 378 — 381 (Narkiewicz JoDKO); 1881, S. 378 — 387; 
1882, S. 399—403; 1882, S. 403—408 (M. v. Kepinski); 1884, S. 402—408, USW. 



278 XXIII. Hirschberg, Polnische Augenärzte im 1 9. Jahrhundert. 

Allerdings die Inhalts-Angaben der zugänglichen Werke und die aus- 
führlichen Lebensbeschreibungen entstammen nicht der Handschrift von 
Prof. WicHERKiEWicz, soudem sind von mir selber zusammengestellt ^). 

Ein Paar Worte über die älteren Zeilen mögen hier am Platze sein. 

Andeutungen über Augenkrankheiten und ihre Behandlung finden sich be- 
reits in polnischen Werken vom Ende des 15. und vom Anfang des 16. Jahr- 
hunderts (Falimierz, Oczkoj. 

Gegen das Jahr 1503 war Michael aus Wola von einem Juden Abraham 
wegen Augenweh 2] behandelt worden. Um 1G60 lebte in Krakau Wryt (Friedrich); 
und um 1748 Dr. med. Gine (Just, Gotoi-red), Hofarzt des polnischen Königs 
August III.: beide höchstwahrscheinlich deutscher Herkunft, beide Chirurgen, die 
sich jedoch mit der Augenheilkunde befaßten. Der letztere schrieb sogar ein 
Werk: »Disp. de Staphjlomate«. (Lipsiae 1778.) 

Nicht bloß im 17. und 18. Jahrhundert, sondern auch noch in der ersten 
Hälfte des I 9. war die Augenheilkunde ein Theil der Chirurgie, in Lehre wie in 
Kunst-Übung. 

In Warschau trug um 1809 Dr. Joseph Czekierski Chirurgie, Frauen- 
leiden und Ophthalmologie vor. Dann Andreas Janikowski [i 820 — I 831) Chirurgie 
und Ophthalmologie. Später Kaminski, Dybek, Nowicki, Dr. A. Le Bhrs. 

Außerdem hinterließ der Zeitgenosse Le Brix's, Dr. Johann Ossakowski, zwei 
ophthalmologische Werke. 

1. Joseph Czekierski, 1777 — 18-26, geb. zu Warschau, Lehrer der Hebeammen- 
Schule. einer von den Gründern der dortigen medizinischen Fakultät, Vf. einer 
4 bändigen Chirurgie. (Biogr. Lex. II, i-20.) — 2. Andreas Janikowski, 1799 — 1864, 
1826 Professor der Chirurgie in Warschau. (Biogr. Lex. III, 383.) — 3. A. Le Brün, 
4 803 zu Warschau geboren, 1868 daselbst verstorben, 1827 Doktor in Paris (Essai 
medical sur la plique polonaise), 1860 Professor der Chirurgie, der bedeutendste 
polnische Chirurg des 19. Jahrh., ein fleißiger Schriftsteller. .'Biogr. Lex.. III, 640.; — 
4. Johann Ossakowski, 1886 Doktor in Krakau, 1842 Primarius am Heiligengeist- 
Hosp. zu Warschau, starb 1859. (Biogr. Lex. IV, 4 4 5.) 

Als V. SzoKALSKi im Jahre 1853 in sein Vaterland zurückkehrte, fand 
er die Ophthalmologie noch auf einer niederen Entwicklungsstufe, so daß 
man ruhig sagen kann, Szokalski war der erste, welcher der modernen 
Augenheilkunde in Polen den Grundstein legte. Deshalb tragt er auch mit 
Recht den Namen des Vaters polnischer Ophthalmologie. 

§933. Victor Felix Szokalski (1811 — 1891). 

I. Biogr. Lex. V,'60l. (Diese ausgezeichnete Biographie ist K. + P. gezeichnet. 
II. Pagel's Biogr. Lex., S. 1684. 
lU. C. Bl. f. A. 1891, S. 78. (J. Hirschberg.) 
IV. A. d'Oc. CV, 203—206. (Boleslaus Wicherkiewicz.) 
V. Klin. M. Bl. 1891, S. 78—81. (J. T. Talko.) 

VI. Talko hat auch 1884 eine Jubiläums-Schrift »Prof. Dr. Szokalski« 142 S.; 
mit Bild, sowie mit vollständiger Liste der Arbeiten), in polnischer Sprache 
verfaßt. (Vgl. Klin. M. Bl. XXII, S. 426.) 



t) Dieser Abschnitt ist im Jahre 1913 fertig gestellt. 

2) 'Odi'vag ocp&c.lf^wt' . . ., Aphorism. VI, 31 der Hippokratischen Sammlung. 
Vgl. unsren § 38. 



Szokalski. 



279 



Geboren am lo. Dezember I8M zu Warschau, bezog Sz. bereits 1827 
die medizinische Fakullät in seiner Vaterstadt, trat 1831 als Unterarzt in 
die polnische Armee, zeichnete sich auf dem Schlachtfelde aus und erhielt 
den polnischen Orden virtuti militari; mußte aber nach dem für Polen 
so unglücklichen Ausgange des Krieges sein Vaterland verlassen imd nahm 
in Gießen seine Studien wieder auf, die er 1834 abschloß. 

Fig. 1 . 




Victor Felix Szokalski. 



Die folgenden beiden Jahre verbrachte er in Heidelberg und Würzburg 
und widmete sich ganz dem Studium der Augenheilkunde. 

Nachdem er 1838 sich vermählt, begab er sich mit einem Empfehlungs- 
Schreiben Ph. V. Walther's nach Paris i), um Assistent an Sichel's Privat- 
Augen-Heilanstalt zu werden. Zu diesem Behuf mußte er einer neuen Prüfung 
sich unterwerfen und eine zweite Doktor-Schrift verfassen. ^>La diplopie 
unioculaire ou la double vision d'un oeil«.) 



1) Über SzoKALSKi's Wirksamkeit in Frankreich (1S36 — 1848) und seine 
französischen Veröffentlichungen vgl. unseren § 390. 



280 XXIII. Hirschberg, Polnische Augenärzte im 1 9. Jahrhundert. 

In Paris begann Sz. auch Privat-Vorlesungen über Augenheilkunde zu 
halten, wurde ferner Arzt des 7. Arrondissement sowie der Schule von 
BatignoUes und entwickelte eine rege wissenschaftliche und literarische 
Thätigkeit. 

Mit SALVATorE FüRNARi^) gab er die Zeitschrift l'Esculape heraus. Auf 
sein Anstiften wurde 1844 die Pariser Gesellschaft deutscher Ärzte^) 
begründet: ihn selber wählte man zum 1. Vorsitzenden 3). 

Im Jahre 1848 begab er sich nach Alice-Sainte-Reine (Burgund), 
übernahm die Leitung des dortigen Krankenhauses und wurde Arzt an 
der damals im Bau begriffenen Eisenbahn von Lyon. In dieser Stellung 
verblieb er 5 Jahre. 

Um diese Zeit bot ihm die Universität zu Krakau die Professur der 
Augenheilkunde an; jedoch versagte das österreichische Ministerium die 
Bestätigung. 

Im Jahre 1 853 wurde ihm von der russischen Regierung die Rück- 
kehr in sein Vaterland gestaltet. Er kam nach WarsQ^iau, wurde bald Ober- 
arzt an dem Fürstlich Lub omirski'schen augenärztlichen Institut^), 
übernahm 1 858 die Oberleitung desselben und hat dieser Anstalt fast 
20 Jahre lang seine Thätigkeit gewidmet. (In der letzten Zeit überließ er 
die B. Kr. und die Operationen dem Dr. Jodko und behielt sich nur die 
Leitung der Poliklinik vor.) 

In der (1857 errichteten) medizinisch-chirurgischen Akademie^) 
zu Warschau lehrte Szokalski die Physiologie, in Vertretung, ein Jahr 
lang. An der (1861 begründeten) Haupt schule zu Warschau wurde er 
sofort 0. Professor der Augen- und Ohrenheilkunde und verwaltete 
dieses Amt 10 Jahre lang. Als aber 1869 die Hauptschule in eine russische 
Universität umgew^andelt worden, nahm er bald seinen Abschied. 

Übrigens war er auch bereits 1 857 zum immerwährenden Schriftleiter 
der Warschauer ärztlichen Gesellschaft ernannt worden und hat um deren 
Entwicklung und Hebung sich unvergängliche Verdienste erworben. 

Nachdem die Entwicklung eines Lipomyxoms in der Schultergegend 
seine Gesundheit schon längere Zeit untergraben hatte, ist Szokalski im 
Alter von 80 Jahren am 7. Januar 1891 verstorben. 



1) § 569. 

2) Dieselbe bestand lange Zeit. A. v. Graefe hat hier 1859 über Stauungs- 
papille bei Gehirn -Leiden einen Vortrag gehalten. (Veröffentlichung: A. f. 0. 
VII, 2, 58, 1860.) R. Liebreich hat 1865 ihre Geschichte veröffenthcht. 

3) >Etudiant des universites allemandes et enfant adoptif en quelque sorte 
de la France, il revait un rapprochement des deux nations et essaya de la produire 
sur son terrain ä lui, celui de la science ophtalmologique.« (IV.) 

4) Vgl. § 937. 

5) Vgl. § 926. 



Szokalski. 281 

Aus der Begräbniß-Rede von Dr. Kramsztyk will ich nur einen Satz 
hervorheben; »So schön war dieses frische Gesicht bei den weißen Ilaaren, 
solche Weisheit funkelte in seinen lebhaften, beinahe jungen Augen, so mild, 
giitmüthig und nachsichtig war er, daß jeder, der mit ihm in Berührung 
kam, ihn lieben mußte.« 

33 gelehrten Gesellschaften und Akademien hat Szokalski angehört; 
große Ehrungen wurden ihm zu Theil (auch der Orden d. h. \Madimir), 
eine Reihe von Jubiläen konnte er feiern, so 1884 das 50 jähr. Doktor- 
Jubiläum'). 
! Daß er bis in's höchste Alter ansehnliche Praxis und bedeutenden 

I Ruf sich bewahrt, habe ich selber in Berlin durch polnische Kranke viel- 
1 fach erfahren. 

Über die operative Thätigkeit von Sz. habe ich keine Nachrichten 
gefunden. Doch hat er ein Verfahren angegeben, die krampfhafte 
Einstülpung des Unterlids zu beheben: ein viereckiger Haut-Lappen wird 
vom Lidrand an nach unten (5 — 8'") abpräpariert und dann unten ver- 
kürzt (um 2 — 3'"), endlich der untere Rand des Lappens mit dem oberen 
des Defekts vernäht, und so das Lid verkürzt, sein Rand nach außen 
gewendet. 

Ferner Iteschrieb er ein Verfahren zum .Abbinden des Flügelfells. 

.Als Lehrer war Sz. sehr erfolgreich, was bei seiner Vielseitigkeit 
und seinem tiefgründigen Wissen ja leicht begreiflich ist. 

Zu seinen Mitarbeitern und Schülern gehören: Dr. X. Jasinski, später 
Arzt in Charkow; Dr. Z. Gy\viSski2), der später in Wilna praktieirte; 
Dr. E. WoLFRiNd^), Dr. B. Gepner ; ferner Dr. W. Jodko-Narkiewicz, 
Dr. Kamocki und Likieiimk. 

IP §.933A. Die literarische Leistung von Szokalski ist sehr reichhaltig 
und dabei vielseitig. 

In der Augenheilkunde hat er über die wichtigsten Fragen mit- 
gearbeitet; außerdem über Hvgiene und über naturwissenschaftliche Gesen- 



<) Im C. Bl. f. A., 1884, S. 603 steht das folgende: »Bericht der Heidelberger 
ophth. G., 1884, S. 138. ZEHE^'DER: ,Soll ich mit einem Vorschlag vorausgehen, 
so wäre es der, daß wir eine Adresse an den Jubilar Szokalski richten, und zwar 
in feierlicher Form, in lateinischer Sprache; denn das Deutsche würde dem 
Polen gegenüber nicht angemessen sein, und eine andre internationale Sprache 
als das lateinische besitzen wir nicht.' Wäre ich im Saale gewesen, so hätte ich 
mir erlaubt, zu widersprechen. Die Geschäfts-Sprache des Heidelberger Kongresses 
ist die deutsche. Szokalski, der Abhandlungen und Bücher in unsrer Sprache 
geschrieben, wird sie verstehen. Mein Glückwunsch-Schreiben, das ich in Folge 
einer Aufforderung des polnischen Komitee's absandte, war deutsch.« H. 

2) Im Jahre 1839 gründete C. zu Wilna eine Augen-Heilanstalt, welche vom 
Grafen Tyzenhaus materiell unterstützt wurde. 

3) Vgl. § 926. 



282 XXIII. Hirschberg, Polnische Augenärzte im 1 9. Jahrhundert. 

stände geschrieben. Er bediente sich für seine VeröffentUchungen der deut- 
schen, französischen, russischen, hauptsächlich aber der polnischen Sprache. 

\. Sein Hauptwerk ist das Lehrbuch der Augenkrankheiten, 1869 — 70, 
2 Bände, in polnischer Sprache, auch in's Russische übersetzt. Ein gutes natio- 
nales Lehrbuch ist ja stets ein großer Vortheil für die Nation, da es die Über- 
setzungen entbehrlicher macht. 2. Das wichtigste Werk aus seiner französischen 
Zeit^) ist: Essai sur les sensations de couleur dans l'etat physiologique 
et pathologique , Paris 1840. Die zweite Auflage erschien 1841. Diese Ab- 
handlung, welche der Pariser Akademie der Wissenschaften vorgelegt wurde, 
hat der Vf. selber in deutscher, vermehrter Bearbeitung 1842 herausgegeben. 
(Gießen, 192 S.) Ebenso auch polnisch. 3. Über phantastische Sinnes-Erschei- 
nungen, polnisch, 2 Bde., Krakau 1861. 4. Ursprung und Entwicklung der 
psychischen Sphäre, polnisch, Warschau 1885. 

Ferner zahlreiche Abhandlungen zur Augenheilkunde. 

2. In der Vorrede erklärt Sz., daß er die Farben rein als Empfin- 
dungen betrachtet, welches auch die Ursache ihrer Erzeugungen sein 
möge, und theilt seine Arbeit in drei Abschnitte: i . Perception der Farben, 
im normalen und physiologischen Zustande des Auges. 2. Angeborene 
Anomalien dieser Perceptionen. 3. Krankhafte Zustände dieser Perceptionen. 

Er hat kein Werk entdeckt, welches den fraglichen Gegenstand voll- 
ständig enthielt. Die Darstellung ist lebhaft und gewählt. 

»W^ir vergessen, daß es der Mensch ist, welcher dieses geheimniß- 
voUe, dieses grenzenlose Weltall belebt; daß es der Mensch allein ist, 
welcher die Formen für das Gefühl, die Farben, das Licht und die Finsterniß 
für sein Auge und die Töne für sein Ohr erschafft 2) . . . 

Wenn das Licht kein Auge fände, um ihm entgegen zu wirken, so 
würde das Weltall auf ewig von der tiefsten Finsterniß eingehüllt sein . . 
Wenn das Ohr nicht wäre, so würde es keinen Donner geben« . . . 

Aus seinen Versuchen über Ermüdung der Netzhaut schließt Vf.: 

I . Die Wahrnehmung der Farben hängt durchaus und ausschheßlich 
vom Gehirn ab. (Determinirende Wirkung.) 2. Die Netzhaut, nur bestimmt, 
uns mit der Außenwelt in Beziehung zu setzen , spielt in der Hervor- 
bringung der Farben nur eine untergeordnete Rolle. (Hervorrufende 
Wirkung.) 

Für die Farbenblindheit hat sich Sz. bemüht, Klassen^) aufzustellen: 
Die erste Klasse imifaßt diejenigen, die weder Gelb noch Roth noch Blau 
zu unterscheiden vermögen. Die zweite Klasse begreift in sich diejenigen, 
welche neben Weiß und Schwarz noch Gelb unterscheiden; aber der einzige 
Fall dieser Klasse hatte dazu noch eine schwache Blau-Empfmdung. Bei 



1) Vgl. § 590. 

2) Vgl. § 1009 (Troxler, 1804). 

3) Mit den Namen hat er kein Glück. Akyanoblepsie leitet er ab von 
f'xvni'os, ßksijjüi. Vgl. m. Wörterbuch, S. 19, sowie unsren § 1010. 



Szokalski's Leistungen. 283 

' d(M- dritten Klasse kommt noch eine Farbe hinzu, welche bei einem wohl- 
niganisirten Auge der Wahrnehmung des Blauen und Rothen entsprechen 
Nviu-de: sie können Grün nicht von Purpur unterscheiden. Der vierten 
Klasse fehlt die Empfindung des Rothen, dasselbe erscheint ihnen aschgrau. 
Der fünften Klasse fehlen nur die feineren Nuancen. 

Farbenblindheit pflanzt sich mehr durch die Frauen fort, obwohl diese 
-eiber dem Fehler weniger unterworfen sind, als die Männer. 

Seebeck's Einlheilung'j in solche, die für die brechbareren Strahlen 

Violett, Blau, Grün) unempfindlich sind, und in solche, welche die weniger 

iiiechbaren Strahlen (Roth, Orange) unvollkommen fühlen, will Sz. nicht 

zulassen, da es Fälle gäbe, die in diese beiden Klassen nicht hineinpassen; 

uml da sie auf der Ubjektivität der Farbe beruhe. 

Die angeborene Farbenblindheit und die angeborene Amblj'opie sind 

zwei analoge Zustände des Auges; beide beruhen auf Stumpflieit des un- 

I mittell>aren Gesichts-Organs; die erste läßt auf qualitative, die letztere auf 

quantitative Abnahme der Thätigkeit des unmittelbaren Gesichts-Organes 

schließen. 

Im 3. Abschnitt behandelt Sz. die pathologische Beziehung zwischen 
Amblyopie, Achromatopsie und Chrupsie (Farbensehen], den wahrhaften 
Sitz und die Natur der Skotome und den nosologischen Werth aller dieser 
Erscheinungen. 

§ 933 B. .Augenärztliche Abhandlungen von V. F. Szokalski. (Aus der 
Liste von Talko's Jubiläumsschrift entnommen' 21. 

De facie hippocratica. Diss. inaug. pro gradu doctoris in universitate Giessensi. 

dessen 1834.) 
De roplithalmie pöriodique chez Thomme. Annales d'ophthalmologie de Flo- 

rent Cunier, Bru.xelles 1837, Vol. I. 
La diplopie unioculaire ou la double vision dun oeil. Diss. inaug. ä l'uni- 

versite de Paris. Paris, Rignaux <839, 4", 1 tabl. 
De rinfluence des muscles obliques de Toeil sur la vision et de leur paralysie. 

Annales de la sociale medicale de Gand -1840. 
Sur Temploi th^rapeutique et hygienique des lunettes et des conserves. Exa- 

minateur m^dical, Paris 1842. 
Von dem Gebrauch der Augengläser in therapeutischer und hygienischer 

Hinsicht. Prager Vierteljahrschrift 1842. 
Von der Abtragung des Pterygiums vermittelst der Ligatur. Archiv für physio- 

log. Heilkunde, 1843. 
Compte-rendu de 1 2 Operations de la pupille artificielle. La Revue medicale 

de Paris, 1844. 
De laspecificite dans les ophthalmies. Gazette medicale, 1844. (Vgl. § 579.) 
Von den Trübungen der Hornhaut in histologischer Hinsicht mit Bezug auf 

Augenpraxis. Archiv der physiologischen Heilkunde von Roser und 

Wunderlich, 1844. 



4) Vgl. unsren § 1014. 

2) Die polnischen mußte ich nothgedrungen fortlassen. 



284 XXIII. Hirschberg, Polnische Augenärzte im 4 9. Jahrhundert. 

De la structure du cristalhn dans Tcbü. Memoire presente ä la Sociöt^ me- 

dicale de Gand. Annales de la societe de Gand 1845. 
Demonstrations cliniques des maladies congenitales et acquises de l'oeil 

humain et de ses annexes. Edition fran^aise de l'ouvrage allemand de 

Fr. d'Ammon, Paris etJBerhn 1846. 
Das Abschaben der Hornhautflecken. Archiv für physiolog. Heilkunde von 

Roser und Wunderlich, 1847. 
Sur la structure des staphylomes. Gaz. möd., 1847. 
Das Anpassungsvermögen des Auges vom pathologischen Gesichtspunkte aus 

betrachtet. Archiv der physiolog. Heilkunde von Roser und Wunderlich, 

1848. — Nimmt eine Form -Veränderung des Augapfels an. 
Briefe über die Behandlung chronischer Augen-Entzündungen. Allgemeine 

Berl. med. Central Zeitung, März 1848. I 

Über den Einfluß des fünften Nervenpaares auf das Sehvermögen. Archiv) 

für physiolog. Heilkunde von Roser und Wunderlich, 1849. 
Sur la rotation de Foeil autour de son axe. (Observation.) Gaz. de höp. 1853,^ 

No. 53, S. 218, No. 60, S. 242. — Glaubt noch, mit Johannes Müller, 

daß der Drehpunkt des Augapfels in der Mitte seiner Hinterfläche liegti). 
Lettre ä M. Larrey: Sur l'abrasion de la cornöe transparente de l'oeil. Gaz. 

d. höp. 1853, No. 55. 
Sur la cauterisation externe des paupiferes avec nitrate d'argent dans le 

traitement des conjonctivites. Communication ä TAcademie de mödecine 

de Paris. Bulletin de cette Academie (S6ance 27 Octobre 1853). 
Von den unmittelbaren Seh-Organen mit Rücksicht auf die Cerebral-Störungen 

der Gesichts-Funktion-). Prager Vierteljahrschrift. LIV, I, S. 65 — 108, 1854. 
§ 1. Von der Licht-Empfindung. 

§ 2. Von den Bewegungen des Auges, a) Reflex-, b) absichtliche Be- 
wegungen, c) instinktive. 
§ 3. Von der Mitwirkung des Sensorium beim Sehen. 
Aneurysma trauniaticum diffusum in der Augenhöhle. Klin. Monatsblätter für 

Augenheilkunde von Zehen der. 1864, 427. 
Von der elektrisch-gymnastischen Behandlung der Augenmuskelparesen. Eben- 

das. 1865, S. 226—236. 
GUoma malignum retinae. Ebendas. 1865, S. 396 — 406. 
Papillome de la cornee. A. d'O. 1865. 
Observations cliniques. Ebendas. 1865, ser. IV, 209. 
Phosphene besondrer Art. Aus dem Polnischen. Klin. M. Bl. f. A. 1870, 

S. 146 — 147. 

§ 934. WiTHOLD Narkiewicz Jodko (1834— 1899) 3J. 

Im Jahre 1834 geboren, .studirte J. Medicin an der Universität Dorpat; 
den Doktor-Grad erhielt er für die Dissertation »Über sympathische Augen- 
entzündung« im Jahre 1859 zu Warschau. 

Nach einer längeren wissenschaftlichen Reise ließ er sich 1860 in 
Warschau nieder, wo er bald (1862) die Leitung der augenärztlichen Ab- 



1) Vgl. A. d'O. IX, S. 191. B. WicHERKiEwicz , CV, S. 105, hat einen kleinen 
Irrthum begangen. 

2) Bei Talko unrichtig citirt. 

3) l. C. Bl. f. A. 1899, S. 223 — 224. ;Dr. Gepner jun.). IL Klin. M. Bl. 1898, 
S. 453. (J. Talko.) 

Ich hatte Jodko gut gekannt. 



Jodko. Gepner. 285 

theilung des jüdischen Krankenhauses übernahm und einen Ruf als tüch- 
ti::er Augenarzt und Operateur gewann. 

Im Jahre I860 vertheidigte er die Habilitations-Schrift Ȇber normale 
vlvkommodation, ihre Breite und die Methoden ihrer Messung«, bekam die 
Piivat-Docentur und hielt Vorlesungen über den Gebrauch des Augen- 
s[iiegels und über augenärztliche Operationen. Als 1861) die polnische 
iinchschule in eine russische Universität umgewandelt wurde, verließ er 
lim Lehrstuhl. Ein Jahr darauf wurde er zum Ordinator an dem Warschauer 
Fiirstlich Lubomirski'schen Ophthalmologischen Institute ernannt und wirkte 
in dieser Anstalt bis 1883. 

Die Berichte über diese Anstalt, welche er alljährlich veröflentlichle, 
zoii^t^n in den immer steigenden Zahlen, welch' fruchtbare Thätigkeit er 
•Mit faltete. Innerhalb \'.i Jahren vollführte er daselbst 907 Starausziehungen: 
uelangte er zu einer großen Übung und, Geschicklichkeit. 

Wegen schwacher Gesundheit hat er im Jahre 1885 auf sein Land- 
siut Bobownia (Gouv. Minsk) sich zurückgezogen und dort noch mehrere 
Jilire eine ausgedehnte augenärztliche Thätigkeit geleistet. 

Er verfaßte über 80 Arbeiten, die er in den polnischen Archiven und 
Zritungen veröffentlichte. Unter diesen sind zu erwähnen mehrere Ab- 
handlungen über Geschwülste des Augapfels und seiner Umgebung, über 
Cysticercus, über amyloide Entartung der Lider, über Verletzungen, über 
Embolie der Gentral-Arterie, über pathologische Anatomie der albuminurischen 
Netzhaut-Entzündung, über Favus der Lider u. a. ; dann vier Berichte über 
' die Wirkung der augenärztlichen Abtheilung des jüdischen Krankenhauses 
j in Warschau und neun gleiche Berichte aus dem Ophthalmologischen 
I Institute. 

Ihm verdankt die polnische Literatur die Übersetzung des »Trait6« 
von Wecker, in 2 Bänden (1868/69), mit eigenen Bemerkungen. 

Er hat auch im G. Bl, f. A. Jahresberichte über die polnische Fach- 
Literatur verfaßt. 

§ 935. BoLESLAw Gepner^), 
am 1. November 1835 zu Warschau geboren, 
£L am 26. Januar 1913 ebendaselbst verstorben. 

* B. G. studirte Heilkunde an der medizinischen Akademie zu St. Peters- 
burg, erwarb den Doktor-Grad zu Warschau 1859 und trat sogleich, als 
Assistent von Prof. Szokalski, in die Fürstlich Lubomirski'sche Augen-Heil- 
anstalt ein, welcher er, mit einer Unterbrechung von 3 Jahren, 1865 — 1867, 
wo er zu seiner Fortbildung in A. v. Graefe's Augenklinik weilte, sein ganzes 
Leben geweiht hat. Vom Jahre 1887 ab war er leitender Arzt der Anstalt, 



1) C. El. f. A. 1913, Februar-Heft. (J. Hirschberg. 



286 



XXIII. Hirschberg, Polnische Augenärzte im 19. Jahrhundert. 



welche für ihre Landsleute eine überaus wichtige Kultur-Aufgabe in muste| 
hafter Weise erfüllt. 

Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen Gepner's finden sich (von \ 
1867 an) in den polnischen Zeitschriften Gazeta lekarska und Medicyna^ ! 



Fig. 2. 




Boleslaw Gepner. 



Es sind klinische Beobachtungen und Jahresberichte der Warschauer 
Augen -Heilanstalt.' (Vgl. G. Bl. f. A. 1878, S. 14; 1881, S. 385.) Ein be- 
sonderes Verdienst erwarb sich Gepner auch durch eine polnische Über- 
setzung von DoNDERs' Werk über die Anomalien der Akkommodation und 
Refraktion. (C. Bl. f. A. 1877, S. 214.) 



Kamocki. 287 

Sehr bedeutend war seine Wirksamkeit in der augenärztlichen 
Privatpraxis: Szokalski, *Dobczenski, Jodko und Gepner bildeten 
ein Viergestirn, auf das vor 30 Jahren die Augen ihrer Landsleute ge- 
richtet waren. Oft genug wirkten alle vier zusammen, für den näm- 
lichen Fall. 

B. Gei'nkr hat seinen Ruf als sorgsamer und geschickter Augenarzt 
bis in sein höchstes Alter bewahrt. 

Als Mensch war er von feinstem Benehmen und größter Liebens- 
würdigkeit, von der ich selber, seit wir 1867 in A. v. Graefe's Khnik 
Freundschaft geschlossen, durch die Jahrzehnte hindurch zahlreiche Be- 
weise erfahren '). 

§ 1)36. Von den Lebenden möchte ich, zur Vervollständigung 
des Bildes, einige kurz anführen: 

Im augenärztlichen Institut war Gepnek's Milarheiler 

V. Kamocki, 

dessen Arbeiten, namentlich auf histologischem Gebiet, zur Förderung unsrer 
Wissenschaft beigetragen haben. 

V. K. hat seine Arbeiten in deutschen Fach-Zeitschriften veröffentlicht (A. f. A. 
A. f. 0., Zeitschr. f. A., C. Bl. f. A., Deutschmann's Beitr. z. pr. A.); und auch 
in polnischen Zeitschriften: 

i. Adenoma chor. aberratum. Gaz. lek. V, 545, 18S5. 

2. Über die Bermann'schen tubulösen Drusen von V. K., Assist, am 
physiol. Inst, zu Warschau. C. Bl. f. A. 1883, S. 352. 

3. Zur Kenntniß der liyalinen Bin dehaut-En.tzündung. C. Bl. f. A. 
1886, S. 68: D eutschm ann's Beiträge VIT, I, 1893. 

4. Patholog. anatomische Untersuchungen über diabetische Augen 
(C. Bl. f. A., 1886, S. 275 u. 1887, S. 216.) Hydrops der Zellen iu der hinteren 
Pigment-Schicht der Iris. Wichtig für Operation des diabetischen Stars! ) — 
Vgl. Bericht der Heidelberger Ges. 1886, S. 103 u. A. f. A. XVII, 3, mit 6 Fig. 
auf 2 lithogr. Tafeln. Endlich »Weitere Beitraget XXV, 209. 

5. Über die gegenwärtige Star-Ausziehung. Gazeta lekarska 1886, 
No. 34. 

6. Selbst-Heilung einer Lederhaut-Entzündung und Netzhaut-Ab- 
lösung. C. Bl. f. A. 1892, S. 15. 

7. Fett-Entartung der Hornhaut mit intermittirendenReizerscli ei- 
nungen. A. f. 0. XXXIX, 4, S. 209, 1893. 

8. Metastatisches Adenosarkom der Hornhaut. A. f. A. XXVIl, S. 'i6, 
1893. 



1) Sein Sohn wirkt auch als Augenarzt in Warschau. Er ist in Deutschland 
ausgebildet und war längere Zeit in Hirschberg's Augen-Heilanstalt thätig. 



288 XXIII. Hirschberg, Polnische Augenärzte im ^ 9. Jahrhundert. 

9. Über amyloide Bindehaut-Entartung. Deutschmann's Beitr. XXU. 
S. 69, 1896. • 

10. Disseminirtes U veal-Sarkom. Zeitsclir. f. A. 111,32, 1900. 

Zygm. Kramsztyk, 

geboren 1849 in Warschau, wirkt in seiner Vaterstadt nicht nur als Augenarzt, 
sondern auch als Gelehrter. Seine erste Arbeit (in polnischer Sprache) betraf. 
»Augen -Erkrankungen im Verlaufe von Cholera«. Nicht nur über Kasuistik,, 
sondern auch über therapeutische Fragen hat er berichtet und im Jahre 1907 
ein ophthalmologisches Lehrbuch unter dem Titel: »Objawy kliniczne choröb 
ocznych« in 2 Bd. veröffentlicht. 

Dr. ZiEMiSsKi, 

Schüler von X. G.\lf;zonvski, hat einen Grundriß der Okulistik (Zarys okulistyki) 
im eigenen Verlage 1909 herausgegeben. 

§ 937. Augenärztliche Institute in Warschau. 

1. Die Augenklinik der llauptschule und der russischen Universität 
war ganz unzulänglich i). 

2. Das ophthalmische Institut in Warschau, gegründet durch den 
Fürst Eduard Lubomirski im Jahre 1827, halte anfangs 12 Betten, später 
3ü, dann 76, Hier wirkten Szokalski, Cvwinski, Jodko, Gep.ner, Ka- 
MOCKI u. A. 

Alljährlich erschienen statistische Berichte, aus welchen man ersieht, 
daß jährlich durchschnittlich 4000 Kranke behandelt, mehr als 200 Ope- 
rationen, darunter gegen 80 Extraktionen gemacht wurden. 

3. Die Augen-Abtheilung des Jesukindes-Krankenhauses wird 
von Le Brux zum ersten Male im Krankenhausbericbte aus dem Jahre 1841 
erwähnt. Später wirkten hier Dr. MChlhavsen, Gepxer, Talko u. A. 

4. Die Augen-Abtheilung im jüdischen Krankenhaus zu Warschau 
erhielt erst im Jahre 1861 zum Leiter einen Augenarzt, Dr. Jodko-Narkiewigz, 
welchem Dr. Dobrzanski und Dr. Z. Kramsztyk folgten. 

5. Privatklinik des Dr. Dobrzaxski in Warschau (gegründet 1869. 

6. Ophthalmische Abtheilung im Warschauer Kinderspital (Dr. Ko>- 
Mi.NSKi und Dr. Przybylski). 

§ 938. Von den polnischen Ärzten, welche in der russischen Armee 
dienten, verdient besondere Berücksichtigung 

Joseph Talko (1838 — 1906)2'. 
Geboren am 17. März 1838, studirte T. zu Kiew 1856—1861. Die voll- 



1) Vgl. §926. 

2) Biogr. Lex. V, 609. — Klin. M.-Bl. 1907, S. 95. 'Neesen.) Dr. Jözef Talko. 
(Wspomnienie posmiertne. Prof. Wicherkiewicz, Krakau, 1907, 9. S.) 



Augenärztliche Institute in Warschau. — Talko. 289 

«iidele Technik des damaligen Direkturs der chirurgisch- ophthalniologischon 
(niversitäts-Klinik, Prof. W. Kauawajew, dem Talko als Sludont öfters mit 
großem Geschick >) assistirle, weckte in diesem das Interesse für die ope- 
rative Augenheilkunde. Die erste Anleitung im Augenspiegeln erhielt Talko 
vom Professor der theoretischen Chirurgie und Augenheilkunde, Chr. Uüb- 
I BENFT, unter dessen Mithilfe auch Talkos Doktorschrift vom Jahre 1864 
»De luxatione et ectopia lentis* entstanden ist. Das meiste hatte Talko 
aber seinem eigenen Fleiß zu danken. 

Als Militür-Arzt wirkte er in Stawropol und in Tiflis, wurde dann 
Oberarzt am Militär- Hospital zu Lublin und schließlich Generalarzt des 
Warschauer Militär-Bezirks, woselbst er auch an der Augen-Abtheilung eines 
städtischen Hospitals wirkte. 

Talko war sehr angeregt und auch vielfach anregend, ein fleißiger 
Sciiriflsteller. Leider verfiel er in den letzten Jahren seines Leb^'.ns in 
Geisteskranklieit und endigte im Irrenhaus. 

Zahlreiche Arbeiten augenärztlichen Inhalts hat er in polnischen, rus- 
sischen und deutschen Fach-Zeitschriften veröffentlicht, namentlich m den 
Klin. M. ßl. die folgenden, welche wohl das Wichtigste von seinen Veröffent- 
lichungen in sich fassen: 

1. Trauraat. Netzhaut -Anästhesie, Heilung durch subkutane Strychnin-Ein- 
spritzungen. VI, 79, 1868. 

2. Kolobom der Regenbogen- und Aderhaut, mit ständiger Pupillen-Haut. VI, 1 19 
und IX, 230. Vgl. XIII, 202; XXIX, 202. 

3. Aderhaut-Riß. VI, 629. 

4. Sehstörung, geheilt durch Strychnin. VII, U5. 

5. Farbenverschiedenheit der Regenbogen- und der Lederhaut, dunkle Flecke 
der letzteren. VII, 204. 

6. Augenlid-Krämpfe, Nerven-Durchschneidung. VllI, 129. 

7. Kolobom der Aderhaut. VIII. i65. 

8. Xanthelasma. VIII, 187. 

9. Doppelter Aderhaut-Riß. IX, 48. 

10. Thränen, geheilt durch Entfernung der Thränen-Drüse. X, 17. 

11. Fisteln der Thränen-Röhrchen. X, 23. 

12. Einstülpung, operirt nach Szokalski. X, 25. (Vgl. oben §933.) 

13. Traumatische Entleerung des Augapfels, Enukl. X, 29. 

14. Tätowirung gegen Leukom. X, 26ö. 
13. Monophthalmos. X, 268. 

16. Ektrop. sarcomat., geheilt durch Ausschneiden. XI, 321. 

17. Sarkom der oberen Bindehaut. XI, 326. 

18. Epitheliom der Bindehaut. XI, 330. 

19. Teleangiektasie der Bindehaut. XI, 335. 

1) Talko selber rühmt sich dessen (Nachruf auf Karawajeff, Klin. M. Bl. 1892^ 
S. 328): »Niemand verstand dem Professor bei seinen (Star]-Operationen die Augen- 
lider seiner Kranken so gut zu halten, als ich.« — Über Karawajeff vgl. § 916, 
S. 246. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VIL) XXIIL Kap. 1 9 



I 



290 XXIII. Hirschberg, Polnische Augenärzte im 1 9. Jahrhundert. 

20. Blut-Austritt in Sehnerven- Scheide und Glaskörper durch Schädelbruch. 

XI, 341. 
2t. Cysticercus unter der Bindehaut. XIII, 299. 

22. Mikrophthalmos. XV, 137; XVII, 105. 

23. Sehschärfe der Soldaten im Warschauer Bezirk. XVIII, 139. 

24. Exophthalmus. XIX, 471. 

25. Ständige Pupillen-Haut. XX, 346. 

26. Augen-Verletzungen der Konskribirten und Rekruten. XX, 403 1). 

27. Verletzung des Augapfels durch BIutegel2). XX, 405. 

28. Lipo-chondro-adenoma der Augapfel-Bindehaut. XXVI, 20. 

29. Die Sehschärfe des Auges, während der vollkommenen Sonnenfinsterniß , 
(1887) untersucht. XXVI, 4 81. 

30. Kolobom des Sehnerven. XXX, 134. 

31. Zur Optographie. — Ophthalmoskopische Glasbilder. — Transplantation von 
Fischhaut. XXX, 356. Vgl. XXXI, 179. 

32 u. 33. Einfluß des Hängens [mit 100 Pfund Belastung, bei Tabischen] auf 
Verbesserung der Sehschärfe. Über Augen-Erkrankungen in der russischen 
Armee. XXXI, 143. 

34. Die Brillen der russischen Patriarchen. XXXI, 217, 1893. 

Dazu die Nekrologe von Karawajeff^(XXX, 327), von Szokalski (XXIX, 
78), von Braun (XXXV, 212), von Jodko (XXXVI, 453).' 

§ 939. Von den im Auslande wirkenden Augenärzten polnischer Ab- 
stammung ist vor allem Xaver Galezowski (1852 — 1907) zu erwähnen, der' 
1865 in Paris zum zweiten Mal promovirt, als >der polnische Doktor« 
rasch großen Ruf sich erwarb. Doch gehört er nach dem Ort seiner 
Wirksamkeit und der Sprache seiner Veröffentlichungen dem französischen 
Kreise an 3) und soll dort seine Besprechung finden. 



Abriß einer'Geschichte der Augenheilkunde in Galizien. 

§ 940. Krakau4) 

besitzt die 1364 von König Kasimir d. G. gestiftete Universität^), die, 
nach ihrem Verfall, vom König Wladislaw Jagello 1400 wiederhergestellt 
wurde. 

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts erstarkte die Jagelionische Uni- 
versität in Folge der eifrig gepflegten astronomischen Studien; durch 



1) Vgl. § 568, S. 114; § 488, S. 73; § 947; § 682, S. 351; § 983. 

2) Vgl. §"488, S. 73. 

3) Vgl. C. Bl. f. A. 1907, S. 122. (J. Hirschberg.) 

4) Von 1815— 1849 Freistaat (1836 mit 12 000 Einwohnern); seit 1849 als The il 
der österreichischen Monarchie dem Königreich Galizien einverleibt. E. Z. der 
Stadt Krakau 1900: 91 000; 1913: 152000. 

5j Minerva I, 107, 1911. 



Kiakau. Bierkowski. 291 

Jahrhunderte hindurch bildete sie den Mittelpunkt des wissenschaftlichen 
Lebens in Polen und that sich besonders durch ihre freie Gesinnung und 
einen langwierigen Kampf mit dem Jesuiten -Orden hervor, verfiel jedoch 
später vollständig. Erst am 18. Oktober 1817 wurde die Universität in 
neuer Organisation wieder eröffnet. Seit 1 833 erfreut sie sich stetigen 
Aufschwungs. 

Am 29. Oktober 1853 war Deutsch zur Unterrichts-Sprache in der 
medizinischen, philosophischen und juristischen Fakultät erklärt worden; 
seit 1861 wurde nach und nach, seit 1870 vollständig die polnische Unter- 
richts-Sprache eingeführt. 

§ 941. Augenheilkunde 
wurde theoretisch vorgetragen von 

Ludwig Jözef Bierkowski (1801 — I860)i', 

der seit 1 83 1 der medizinischen Fakultät als Professor der Chirurgie an- 
gehörte. 

Derselbe war von 1821 ab auf deutschen Universitäten, besonders 
auch in Berlin, ausgebildet; hatte zu Berlin auch schon 1827 ein Werk 
»Anatomisch-chirurgische Abbildungen nebst Darstellung und Beschreibung 
der chirurgischen Operationen nach den Methoden von Gr.\efe, Kluge und 
Rlst« erscheinen lassen, das mit einer Vorrede von J. .\. Rust versehen 
war und von uns bereits im § 563 (S. 88) erwähnt worden ist. 

Im Jahre 1828 wurde er in Jena Doktor der Philosophie, im Jahre 
1829 in Leipzig Doktor der Medizin. 

Im Jahre 1847 veröffentlichte er, gleichfalls in deutscher Sprache: 
»Chirurgische Erfahrungen«. In demselben Jahre schrieb er einen kurzen 
Leitfaden der Augenheilkunde lloz poznanie zopal(5n ocznych) in polnischer 
Sprache und hat auch seine Abhandlungen, unter denen einige augenärzt- 
liche, in polnischen Zeitschriften erscheinen lassen. 

§ 942. Nachdem 1849 der Freistaat Krakau der österreichischen 
Monarchie einverleibt worden, stellte das Professoren-Kollegium der medi- 
zinischen Fakultät den Antrag an das Ministerium, eine Lehrkanzel für 
Augenheilkunde zu schaffen. Der von der Fakultät vorgeschlagene V. Szo- 
KALSKi wurde aus politischen Gründen von der Regierung nicht berück- 
sichtigt, vielmehr zum ersten Professor der Augenheilkunde an der Univer- 
sität ein anderer ernannt, 

Anton Slawikowski^). 



1) Biogr. Lex. I, 4 54 und VI, 493. 

2) Biogr. Lex. V, 432. (K. u. P.) 

19* 



292 XXIII. Hirschberg, Polnische Augenärzte im 1 9. Jahrhundert. 

Derselbe war 1796 zu Lemberg geboren, studirte in Wien, promovirte 
daselbst 1819, wurde 1821 Assistent an der medizinischen Klinik zu Lemberg, 
später a. o. Professor der Augenheilkunde an der Lemberger Chirurgen- 
Schule und verwaltete dies Amt bis 1851: übrigens war er auch von 1838 
bis 1851 Arzt der Lemberger Blinden- Anstalt, von 1840 — 1851 Landes- 
Okulist von Galizien, sowie Augenarzt des allgemeinen Krankenhauses. 

Im Jahre 1851 wurde er als o. Professor der Augenheilkunde nach 
Krakau berufen und wirkte als solcher 18 Jahre lang, bis 1869, trotz 
allen Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hatte. 

Eine klinische Abtheilung wurde ihm nicht zuertheilt; er las zunächst 
theoretisch Augenheilkunde und lehrte die Praxis an seinen Privat-Kranken : 
bis er 1858 eine Abtheilung im klinischen Institut und endlich 1866 eine 
eigene Augenklinik von zehn Betten erhielt. 

Schon im Jahre 1 852 hatte er die pflichtmäßige Prüfung in der Augen- 
heilkunde beim Staats-Examen (Rigorosum) durchgesetzt. 

Am 1 0. Juli 1 870 ist er verstorben. 

Literarisch konnte er sich nur wenig bethätigen. Wir haben von ihm 
einige polnisch geschriebene Abhandlungen: 

1. Über Geschwüre der Hornhaut des menschlichen Auges. 

2. Über Augen-Instrumente. 

3. Conj. diphth. 

4. Differential-Diagnose zwischen Star, sog. schwarzen Star und Glaukom.! 

5. Über Pustula maligna des Lides. 

6. Über Lid-Chondrom. 

Ferner in deutscher Sprache eine Arbeit: >Über die epidemische 
Auge^n-Entzündung in Galizien«. (Österr. med. Jahrb., Aug. 1845.) 

Im Jahre 1832 u. 1833 begann die Krankheit mit geringer Heftigkeit; 
plötzlich wurden dann zahlreiche Personen gleichzeitig befallen, besonders 
in Anstalten, wo viele Menschen zusammen leben. 

1837 u. 1838 verbreitete die Krankheit sich ganz allgemein, überschritt 
die Grenzen der Kasernen, Gefängnisse, Erziehungshäuser; im Lager von 
Kaiisch wurden vom 24. April bis zum 25. Juni 1835 an 8156 Soldaten 
ergriffen: »die Augen-Entzündung verbreitet sich miasmatisch.« 

Das feste Kontagium wird zweifellos von der Absonderung geliefert. 
Zu Zeiten ist der Verlauf gutartig, zu andren schwerer. Die Krankheit 
gewinnt an Ausdehnung gegen^Ende des Sommers und im Frühjahr 1838. 
Dieselbe ist im ganzen nicht so gefährlich, wie man glaubt. Aber die 
erysipelatöse Form bedroht die Hornhaut, besonders bei den mit Skrofeln, 
mit Weichselzopf Behafteten, bei den Lymphatischen. In der Behandlung 
verwirft S. die Blut- Entziehungen und die kalten Umschläge^ verordnet im 
Anfang Abführen, Schwitzen und bei erysipelatuser Lidschwellung flüssiges 



SJawikowski. Blumenstock. Rydel. 293 

Laudanum mit Kreosot (1 Tropfen auf 3,5); bei Dyskrasischen das Ein- 
blasen von Kalomel, alle zwei Tage, abwechseUid mit obiger Einträuflung. 
Von den Assistenten an der Augenklinik erwähne ich 

Leo Blumenstock, 
der 1863 eintrat, aber 1867 verzichtete, da alle Anträge auf »Systemi- 
sirung« der mit 150 Gulden dotirten) Assistenten-Stelle vom Ministerium 
abschläglich beschieden wurden. 

L. B., 1838 zu Krakau geboren, studirte daselbst und in Wien und 
hatte besonders Dietl, Bryk und Arlt zu Lehrern, promovirte 1862, diente 
als Assistent an der Augenklinik zu Krakau, wandte sich dann der gericht- 
lichen Medizin zu und wurde 1869 a. o. Prof. dieses Faches an der juri- 
dischen, 1881 0. Prof. desselben an der med. Fakultät: später, mit dem 
Beinamen von Halben, geadelt. 

Während seiner Assistenten-Zeit hat er einige Abhandlungen ver- 
öffentlicht: 

A; In polnischer Sprache: 
<. Über Brighf sehe Netzhaut-Entzündung. 

2. Paralys. abd. d. 

3. Paralys. oculom. sin. 

4. Paralys. part. ocul. sin. 

5. Zwei Fälle von Augen-Atrophie mit nachfolgender Aderhaut-Entzündung des 
andren Auges. 

6. Hyperm. c. sclerectasia d., Glaucoma fulminans s. 

7. Ober den heutigen Stand unseres Wissens betreffend die Basedow'sche 
Krankheit. 

B) In deutscher Sprache: 

8. Ein Fall von schwerer Augenverletzung. 

9. Faustschlag in die Schläfengegend, Erblindung. 

10. Einige gerichtsärztliche Fälle von Augenverletzungen. 

11. Bleibende Schwächung der Sehkraft. 

12. Sehnerven-Entzündung, hervorgerufen durch Schläge in die Seitenwand und 
Jochbeingegend. 

l:^. Schlag in die Stirn. Kerato-Iritis. 
1 4. Einige gerichtsärztliche Fälle von Augenverletzungen. 

15. In der »Real-Encyklopädie der gas. Heilkunde« hat er den Artikel >Augen- 
scheinbefuudt bearbeitet. 

§ 9i3. Si.ANviKowsKi's Nachfolger wurde der bisherige Docent 
LüCYAN Rydel 1). 

Geboren 1838, studirte R. in Wien,- wurde später Assistent von 
Prof. Arlt, 1866 Docent der Augenheilkunde in Krakau, 1870 o. Prof. und 
Direktor der Augenklinik. 

1) I. Biogr. Lex. V, 133. IL Pagel's biogr. Lex. S. 1454. (Wenige Zeilen.) 
III. C. Bl. f. A. 1895, S. 285. (J. Hirschberg.) Vgl. IV. A. d'Oc. CXIII, S. 384. (Zwei 
Zeilen.) V. Recueil d'Opht. 1895, S. 319. 



294 XXIII. Hirschberg, Polnische Augenärzte im 1 9. Jahrhundert. 

Aus seiner Wiener Zeit ist zu erwähnen: Bericht über die Augen- 
klinik der Wiener Universität 1863 — 1865. Unter Mitwirkung des Prof. 
Dr. Ferdinand Arlt herausgegeben von Dr. Max Tktzer, Dr. Lucian Rydel 
und Dr. Otto Becker. Wien 1867. (195 S.) In diesem Bericht findet sich 
eine Arbeit von L. R. »über Glaukom« (S. 132 — 154); sie bringt genaue. 
Mittheilungen über die 79 Fälle dieser Erkrankung. 

In Krakau hat Rydel, welcher bereits vor Slawikovski's Tode während, 
dessen Krankheit mit der Leitung der Klinik beauftragt gewesen, sofort 
nach seiner Ernennung die weitere Ausgestaltung der Klinik sich zur Auf- 
gabe gemacht; es ist ihm auch gelungen, die Bettenzahl bis zu 24 zu er- 
höhen und neben einem systemisirten Assistenten noch einen Hilfs- Assistenten 
für die Dauer von 2 Jahren zu erlangen. Rydel war ein gediegener 
Lehrer, der auch auf die Reinheit der polnischen Sprache großes Gewicht 
legte: er hat verschiedene Arbeiten theils polnisch, theils deutsch ver- 
öffentlicht. 

Von den ersteren sind zu erwähnen: 

1. Über Schichtstar. 

2. Über Glaukom und Iridektomie. 

3. Über die operative Behandlung der Netzhaut -Ablösung. 

4. Erklärung einiger Glaukom-Erscheinungen auf Grund anatomischer Verhält- 
nisse und physiologischer Bedingungen. 

5. Beobachtungen über Star und dessen Operation. 

6. Über Augenuntersuchung, ein klinischer Vortrag. | 

7. Über Netzhaut-Ablösung. 

Seine bedeutendste Arbeit in deutscher Sprache ist ein »Beitrag 
zur Lehre vom Glaukom«. A. f. 0. XVIII, 1, 1—17, 1872. (In den Annal. 
der k. k. literar. G. zu Krakau schon 1871 polnisch verüfTenllicht.) 

Rydel betont, daß für die Sehstürung bei Glaukom hauptsächlich die 
Cirkulations- Behinderung in Betracht komme. (A. v. Graefe sprach schon 
1869 von ischämischer Netzhaut-Lähmung.) 

Ein 4 5 jähr, verliert in einer Nacht durch akuten Glaukom-Anfall die 
Sehkraft seines einzigen Auges; nach 3 Wochen kommt er zur Iridektomie, 
keine Wiederherstellung der Sehkraft, keine Dfuck-Aushöhlung. Auch bei 
dem chronischen und selbst beim einfachen Glaukom spielt das erwähnte 
Moment eine wichtige Rolle. 

Die typische Gesichtsfeld-Beschränkung nach innen beruht darauf, daß 
die äußere Netzhaut-Hälfte weniger mit großen Gefäßen versehen ist. 

Später hat Prof. Rvdel noch die Leitung einer Abtheilung des Landes- 
spitals zu Krakau, mit 22 Betten, übernommen, die ihm das spärliche kli- 
nische Material vermehrte. 

Rydel starb im besten Mannesalter, am 27. April 1895, also kurz vor 
seinem 25jährigen Professoren-Jubiläum. 



Rydel. Machek. 295 

>Rydel gehörte zu den Säulen der polnischen Universität und hat als 
Lehrer wie als Operateur eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet. Er be- 
herrschte die deutsche Sprache in gleicher Meisterschaft, wie die polnische* ^). 



Zu Hvdel's Assistenten zählten Dr. Kil.\rski und Dr. Buczek. 

Dr. Josef Kilarski, geboren zu Dukla, wurde in Krakau zum Dr. med. pro- 
movirt und erhielt von der Wiener Fakultät den Grad eines Magisters der Augen- 
heilkunde. 

Alsdann war er 1 ^ji Jahr Assistent Slaavikowkis und 3 Jahre Ryuel's. 
Nach Lemberg übergesiedelt, wurde er dort Chef der Augen-Abtheilung des Landes- 
spitals und erlangte eine sehr bedeutende Augenpraxis. Veröffentlicht hat er 
nur wenig. 

Dr. Buczek, geboren <84ö in Muszyna, war Rydel's Privat-Assistent und 
■wurde später Stadt-Physikus von Krakau. Er hat Arlt's Leitfaden »Über Augen- 
Verletzungen« ins Polnische übersetzt. 

Dr. Wurst, geboren 1848 in Roniaowie, war ^^J-^ iahvQ lang klinischer 
Assistent und lebt jetzt in Ciesanüw. 



I 



W.'s Veröffentlichungen, in polnischer Sprache: 

1. Einige Betrachtungen über Stauungs-Papille. 

2. Beiderseitiger angeborner Iris-Mangel. 

3. Retinitis, geheilt durch Strychnin-Einspritzung. 

4. Fall von Pigment-Entartung der Netzhaut. 

5. Eserin -Wirkung beim Glaukom. 



§ 944. Dr. Macoek, Zögling der ARLTSchen Klinik, seit 1878 Rydel's 
Assistent, hat unter Leitung desselben sich hahilitirt und ist kurze Zeit 
darauf nach Lemberg übersiedelt und seit 1898 Professor der Augenheil- 
kunde der neugegründeten Fakultät der dortigen Universität. (Über Lem- 
berg vgl. § 481, S. 594.) 

Machek's Veröffentlichungen in polnischer Sprache sind die folgenden: 
\. Fall von Hypertrophie der plica semilunaris. 
i. Über Pigment-Entartung der Netzhaut. 

3. Über ophthalmoskopische Befunde an Kaninchen -Augen bei allg. Milzbrand- 
Erkrankung. 

4. Zwei seltene Netzhaut-Erkrankungen. 

5. Beitrag zur Lehre vom Zusammenhang der Augenkrankheiten mit Genital- 
Leiden beim Weibe. 

In Lemberg wirkt auch Dr. Theodor Ballab.^n, der lange Zeit .\ssistent von 
Borvsiekiewicz in Graz gewesen ist. 

Außer verschiedenen Arbeiten, theils kasuistischen, theils histologischen In- 
halts, im Post^p okulistjcznij, hat er eine größere Schrift über praktische Augen- 
.heilkunde verfaßt. 

1} C. Bl. f. A., a. a. 0. 



296 



XXIII. Hirschberg, Polnische Augenärzte im 19. Jahrhundert. 



In Lemberg ist der Docent Dr. Reiss, ehemaliger Assistent von Prof. Maschek, 
wissenschaftlich thätig; ferner Dr. Gbuber, Prof. Dr. Bednarski und Dr. Zion. 



§ 945. Am 5. Dezember 1895 erfolgte die Ernennung von Dr. Boles- 
LAw WicHERKiEwicz ^j , der von der medizinischen Fakultät als einziger Kan- 
didat vorgeschlagen worden, zum o. Professor der Augenheilkunde in Krakau. 

Am 7. Mai 1913 erhielt ich die 
'^' ■ folgende Selbst- Biographie — von 

herber Einfachheit: 

» B. WiGHERKiEwiGz, Schülcr 
Hirscükerg's, Schweigger's und dann 
Assistent Fürster's in Breslau, spä- 
ter Alexander Pagenstecher's, hatte 
außerdem in Paris bei Wecker, Sichel, 
in London bei Bo^vMAN, Gritchett, 
SoELBERG Wells seine Studien er- 
weitert. Gründete hierauf zu Posen 
eine später von der Provinz unter- 
stützte) Armen-Augenheilanstalt, aus 
der er Jahresberichte mit klinischen 
Beiträgen verüffentlichte. 

Außerdem hat er sich in ver- 
schiedenen Fach-Zeitschriften litera- 
risch betätigt. Im Jahre 1890 wurde 
er zum Künigl. Preuß. Sanitätsrath 
ernannt und im Jahre 1894 mit dem Professor-Titel vom preußischen Kultus- 
Minister ausgezeichnet. 

Die Annahme des Rufes nach Krakau halte Wicherkiewicz davon ab- 
hängig gemacht, daß die bereits vom Ministerium zugestandene neue Augen- 
klinik thatsächlich in kürzester Zeit errichtet werde. Es gelang ihm denn 
auch, den Bau in Angriff genommen zu sehen, in wissenschaftlicher Richtung 
zu leiten und mit Beginn des Winter-Semesters 1898 feierlich zu eröffnen. 
Auch wurde eine dritte Assistenten-Stelle beantragt und durchgeführt, 
was bei einer Kranken-Zahl von über 9000 neuen Fällen im Jahr noch 
unzureichend ist. 

Außer verschiedenen kasuistischen Mittheilungen hat W. polnisch, 
deutsch und französisch Abhandlungen veröfTentlicht. So unter andren 




B. Wicherkiewicz. 



1) Geboren am T.Juli 1847 als Sohn des Sanitäts-Raths A.W. zu Exin, in 
der preußischen Provinz Posen. Eine ausführliche Lebens -Beschreibung findet 
sich in Pagel's biogr. Lex., S. 1846—1847. Am 7. Dez. 1915 ist W. zu Wien (im 
Sanatorium Loeb am Gallenkrebs verstorben. (Dies hat mir »auf seinen aus- 
drücklichen Wunsch« die Wittwe am 9. Dez. 1915 angezeigt.; 



Wicherkiewicz. 297 

liier optische Iridektomie, Trichiasis- Operation, Operation unreifer Stare 
ilmch Ausspülung, Epicanthus-Lidcolobom-Operation, über Lid-Plastik, über 
Auto -Plastik des durch Geschwülste zerstörten Oberlides aus dem Unter- 
lide, über die Sclerotomia cruciata multiplex gegen glaukomatöse Zustände, 
ferner Mittheiiungen über Versuche mit neuen Medikamenten, Pilokarpin, 
Kokain, Novokain, Xeroform, Novojodin, Pyoktanin, Dionin u. s. w. Die 
Zahl der Veröffentlichungen beträgt nahezu 300. 

Vor 15 Jahren hat WiceEUKiEwicz die erste polnische ophthalmo- 
logische Monats-Schrift Post(,^p okulistiycznij^ im eigenen Verlage ge- 
gründet und leitet sie ständig.« 

Zusatz. 

Jeder, der Wicherkiewicz näher getreten, wird seiner Liebenswürdigkeit 
ein bleibendes Angedenken zollen. Jeder Fachgenosse, der die Literatur verfolgt, 
muß seiner unermüdlichen Arbeitskraft, welche die durch längere Erkrankungen 
gesetzten Störungen siegreich überwand, die grüßte Anerkennung gewähren. 

Füi' seine Landsleute, für die polnische Literatur unsres Faches, für die 
polnische Kultur überhaupt, hat W, Großes geleistet. 



Sach-Register. 



A. 

Augen ärztliche Institute in Warschau 

§ 937. 
Augenärztliches Institut, fürstlich Lubo- 

mirskisches, S. 280. 
Augen-Entzündung, epidemische, in Ga- 

lizien, S. 292. 



Diabetische Augen, anatomisch unter- 
sucht, S. 287. 



Epidemische Augen-Entzündung in Ga- 
lizien, S. 292. 



Farben-Blindheit, S. 282. 
Farben-Empfindungen, S. 282. 



Glaukom, S. 294. 



Krakau, § 940. 



K. 



L. 



Lehrbuch d. Augenh., polnisches, von 
Szokalski, S. 282; von Kramsztyk, 
S. 288; von Zieminski, S. 288. 

Lemberg, S. 295. 

Lubomirskisches Institut, S. 280. 

U. 

Übersetzungen, von Wecker's Lehrbuch, 

S. 283; von Donder's Werk, S. 286. 
Universität, Jagelionische, zu Krakau, 

§ 940. 

W. 
Warschau, § 930 fgd.; § 937 Institute). 



Namen -Register. 



B. 

Ballaban, S. 295. 
Bierkowski, § 941. 
Blumenstock, S. 293. 

G. 

Galezowski, § 939. 
Gepner, § 935. 

J. 

Jodko, § 934. 



Kamocki, § 936. 
Kramsztyk, S. 288. 

M. 

Machek, § 944. 

R. 

Rydel, § 943. 



» Slawikowski, § 942. 
Szokalski, § 933. 

T. 

Talko, § 938. 

W. 

Wicherkiewicz, § 945. 

Z. 

Zieminski, S. 288. 



Kapitel XXIII. 

(Fortsetzung.) 

Die Augenheilkunde in der Neuzeit, 

Von 

J. Hirschberg, 

Professor in Berlin. 



Drittes Buch. 

Neunzehnter Abschnitt. 
Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

Mit 1 Figur im Text. 



Eingegangen im März 1916. 



§ '.»46. Vorbemerkungen. 

Die Geschiebte der Augenheilkunde im Spanien des achtzehnten 
Jalirhunderts haben wir in § 408 betrachtet. 

Für die Schilderung des neunzehnten Jahrhunderts standen mir 
hauptsächlich zur Verfügimg: 

\ . Resümen historico de la oftalmologia en Espaiia. (Tratado teörico- 

präctico de las enfermedades de los ojos por el excmo. e 

ilmo dr. Don Ca-jetano del Toro y Quartilliers, Doctor en med. 

y cirujia, Gadiz 1903, II, S. 602— 621. Wichtige Angaben habe 

B ich aus dieser Quelle geschupft. Leider hat Dr. D. Gay. del Toro 

B die Lebensbeschreibungen etwas stiefmütterhch behandelt. Das 

■ biographische Lexikon von Hirsch -Gurlt schweigt fast vollständig 

von den Männern, die hier in Betracht kommen. 

Ä 2. De l'ophthalmologie el de Tophthalmie militaire en Espagne 

^ par le docteur Raphael Gervera de Madrid. (G. R. du congres 

d'ophth. de Bruxelles, 1858, S. 382—396.) 



I 



300 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

3. Auf meiner Reise durch Spanien, im Frühjahr 1898, habe ich 

persönlich einige Nachrichten gesammelt und dann in der Deutschen 

med. Wochenschrift 1898, No, 23, auch im C. Bl. f. A. 1898, S. 314 

bis 318, veröffentlicht. 

Da das ophthalmologische Leben in Spanien erst seit der Mitte des 

19. Jahrhunderts etwas lebhafter pulsirt, so werde ich auch für diesen 

Abschnitt, wie für den über die Vereinigten Staaten von Amerika u. a., das 

gesamte Jahrhundert in Betrachtung ziehen müssen, um überhaupt ein 

vollständigeres und anziehenderes Bild zu gewinnen. 

§ 947. Universitäten!). 

Maßgebend ist für Spanien das Gesetz vom 5. Sept. 1857. An der 
Spitze jeder Universität steht ein Rector, an der jeder Fakultät ein 
Decano. 

Die Professoren (catedraticos) werden auf Grund von Prüfungen 
(oposiciones) ernannt und theilen sich in numerarios und auxiliares. 

Für die Aufnahme in die Universität ist der Grad des Bacchillerato 
erforderlich, d. h. sechsjähriges Studium in einer der Mittelschulen. Die 
Studien-Dauer in der medizinischen Fakultät beträgt sieben Jahre. Der 
Grad des Licenciado genügt, um einen praktischen Beruf auszuüben. 
(Gebühr 850 Pesetas.) 

Später kann man den Grad des Doktor erwerben (Gebühr 1000 Pesetas), 
aber nur zu Madrid, auf Grund einer Dissertation, deren Thesen man zu 
vertheidigen hat. 

1. In Barcelona wurde die Universität 1450 vom Magistrat errichtet, 
vom König und vom Papst bestätigt; 1714 nach Gervera verlegt, 1837 
wieder zu Barcelona neu eröffnet. Diese Hochschule ist, seit der Neuordnung i 
von 1857, in die erste Reihe der spanischen Universitäten getreten. 

Im Jahre 1911 wird als Professor der Ophthalmologie Don Josß 
A. Barraquer Roviralta verzeichnet. 

2. Bald, nachdem Granada den Mauren entrissen worden, regte sich 
der Gedanke, hier eine Hochschule zu gründen; 1540 scheint sie eröffnet 
zu sein. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts sanken die spanischen Uni- 
versitäten in Folge der politischen Wirren. Erst seit 1847 sind erfreu- 
lichere Zustände wieder eingetreten. 

Im Jahre 1911 war die Professur der Augenheilkunde in Granada 
nicht besetzt. ^ 

3. In Madrid wurde 1786 das Golegio de San Carlos zum Studium 
der Medizin und Chirurgie eröffnet, aber erst 1836 die Hochschule von 



1) Minerva, Handb.d. gelehrt. Welt, I, S. 351— 358, 1911. — Oviedo besitzt 
nur eine juristische Fakultät. 



Universitäten. 301 

Alcaki endgültig nach Madrid verlegt und die Central-Universität in 
der Hauptstadt des Reiches geschaffen. 

1911 ist als Professor der Ophthalmologie und Augenklinik Don Manuel 
Marques Rodriqubz verzeichnet'). 

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gah es zu Madrid eine medizi- 
nische Akademie der spanischen Armee. Serra y Ortega sprach 
Okt. 1851 daselbst über die Verstümmelung eines Auges seitens solcher 
Soldaten, die sich dem Militär-Dienst entziehen wollen, und räth zur Bei- 
behaltung der Einäugigen, d. h. zur Verwendung in geeignetem Dienst^).) 

4. Den Ruhm Spaniens bildete durch fünf Jahrhunderte die Universitä.t 
Salamanca. 1230 ward das »Studium« begründet. 

Im Jahre 14Si befragte Columbus persönlich die Ilocbsehule um Rath 
über seine Entdeckungs- Pläne. Ein freier Geist herrschte in Salamanca. 
Im 16. Jahrh. wurde dort schon das Kopernikanische System gelehrt. 
Antonio de Lebiuxa schrieb hier das erste spanische ^^'ürterbuch. 

Im lö. Jahrhundert betrug die Zahl der Studenten 3) 10 000, am Ende 
des 16. noch über 5000. (1835/6: 776!) 

1769 — 1777 wurde die Universität neu eingerichtet und 1857 auf die 
heutigen Grundlagen gestellt. 

1911 war der Lehrstuhl der Augenheilkunde unbesetzt. 

5. Zu Santiago gab es seit 1501 ein Studium, seit 1544 eine 
Hochschule, die unter den Händen der Jesuiten zu bedeutender Größe 
anwuchs, aber seit dem Anfang des 19. Jahrh. in Verfall gerieth und erst 
seit den Reformen von 1847 — 1857 sich wieder gehoben hat. 

Der Lehrstuhl der Augenheilkunde war 1911 unbesetzt. \ 

6. Zu Sevilla wurde 1502 die Universität gestiftet, die wechselvolle 
Schicksale durchmachte und erst seit 1847/57 wieder sich gehoben hat. 

Der berühmte Arzt Pedro Virgili begründete 1748 die medizinische 
Schule zu Cadiz^^j besonders zur Erziehung von Wundärzten für die 
Marine. Die Schule erwuchs allmählich zu einer medizinischen Fakultät 
und trat in innigsten Zusammenhang mit der Universität zu Sevilla. 

Im Jahre 1911 war zu Cadiz wie zu Sevilla das Fach der Augenheil- 
kunde unbesetzt. 

7. Zu Valencia wurde 1345 vom Bischof eine Schule für Theologie, 
bald danach vom Stadt-Rath eine solche für Arte s, Heilkunde und die 



1) Den Besuchern der internationalen Kongresse ist Don Manuel bekannt, 
ebenso seine Gattin, die gleichfalls studirt hat und als Augenärztin thätig ist. 

2) A. d'Oc. 1851, XXVI, S. 158. 

3) Das ausgelassene Leben der Studenten schildert die Novelle des Cervantes 
»Tia fingida«. 

4] Vgl. § 408, S. 161. 



302 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

beiden Rechte errichtet, dann 1411 die Schulen vereinigt, aber erst 
1500 eine eigenthche Universität begründet. 

Seit 1585 ging es mit derselben immer mehr abwärts, die Scholastik 
siegte auf allen Linien: immerhin wurden im 18. Jahrb. die medizinischen 
und mathematischen Wissenschaften mehr gepflegt, als auf den andren 
spanischen Hochschulen. Seit 1847 — 1857 hat sich das Ansehen der Uni- 
versität wieder stetig gehoben. 

8. Zu Valladolid bestand schon 1260 ein Studium, das 1346 zum 
St. generale erklärt wurde und 1418 auch eine theologische Fakultät 
erhielt. 

Im 15. Jahrb. nahm die Universität großen Aufschwung. Im 18. Jahrh. 
sank sie immer tiefer und hat sich erst seit 1847 — 57 einigermaßen er- 
holt. Zu 7 und 8 hat Minerva für 1911 den Vermerk: > Ophthalmologie, 
vacat.« 

9. Die Universität zu Zaragossa wurde 1474 begründet, 1583 neu 
eingerichtet. Im Anfang des 18. Jahrh. gelangten die Jesuiten zur Herr- 
schaft, doch erhielten sich das ganze Jahrhundert hindurch die medizi- 
nischen Fächer in einigem Ansehen. 

Seit 1847/57 nimmt sie unter den spanischen Hochschulen einen ge- 
achteten Platz ein. 

Don Vincente Lafüerza y Euro ist 1911 als Professor der Ophthal- 
mologie nebst Klinik (und der anatomischen Technik) verzeichnet. 

Somit finden wir für das Jahr 1911 nur in dreien von den neun 
Universitäten Spaniens den Lehrstuhl für Augenheilkunde besetzt, nämlich 
zu Barcelona, zu Madrid, zu Zaragossa. 

§ 948. Um die Wende des 18. Jahrhunderts zum 19. war der größte 
Chirurg Spaniens 

I. Don Antonio de Gimbernat*) zu Madrid, der den Star -Schnitt mit 
hoher Kunstfertigkeit übte: damals war natürlich in Spanien ebenso, wie 
in den meisten Ländern, die Augenheilkunde mit der Chirurgie, in Übung 
wie in Lehre, verbunden. 

Von den Chirurgen seiner Zeit, welche der Augenheilkunde Aufmerk- 
samkeit zuwandten, verdienen Erwähnung 

II. Don Josfi Rives y Major, der 1806 den 76j. Gimbernat am Star 
operirt hat, sowie fl 

III. Don Leonardo de Galli, Direktor des Vorstands vom Colegio de 
San Carlos und Leib- Wundarzt, seit 1801. 

IV. Mexia, Professor zu Valladohd, veröfTenthchte 1814 (in zwei Bänden 
zu je 234 S.) ein Lehrbuch »Tratado teörico prätico de las enfermedades 

1,' § 408, S. 164. 



Universitäten. Augenheilkunde 1800—1850. Die erste Professur. 303 

de los ojos«, dessen Vollständigkeit und gutes Urtheil gerühmt wird. Das 
Werk gab eine leidliche Beschreibung der hauptsächlichen Operationen und 
der wichtigeren Augen -Krankheiten sowie ihrer Behandlung, Am Schluß 
brachte es ein Geheim-Mittel, das König Karl III. 1777 hat veröffent- 
lichen lassen und das heute noch in Kastilien behebt ist, eine Salbe aus 
4 Unzen Ziegenfett, 4 Quentchen Zink-Asche und 11/2 Q- Eidechsen-Koth. 

V. Don Jaimb Isbrn y Jener hat einerseits zu Barcelona 1828 eine 
Übersetzung' des Werkes von Antonio Scarpa, mit Zusätzen, andrerseits 
18^9 zu Madrid eine »Memoria sobre un proceder de blefarosplastia 
temporo-facial < herausgegeben. 

VI. Dr. D. Manuel Montaut^) hat 184S bei der Behandlung der Körner- 
kranklieit im Expeditions-Korps zu Rom sich ausgezeichnet und ließ sich 
dann zu Madrid nieder, wo er einen großen Ruf als Augenarzt erlangte. 
Im Jahre 1874 zog er nach Sanlücar de Barrameda und ist daselbst nach 
wenigen Jahren verstorben. 

Anmerkung. 

Viel ist es also nicht, was wir aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
zu melden haben. Wir begreifen das Urtheil, welches 18 43 Hr. R. Fari\ de 
Maltos 3) gefällt hat: 

»Die Augenheilkunde ist in Spanien sehr vernachlässigt. Beweis, — keine 
wichtige Arbeit über dies Sonderfach wird dort veröffentlicht; von Zeit zu Zeit 
stoßen in Spanien reisende Augenärzte auf ihre Beute und, so unwissend und 
ungeschickt sie sein mögen, — sie erregen unerhörte Bewunderung.« 

§ 949. Die erste Professur der Augenheilkunde ^und der Sy- 
philis! wurde 1850 von der Regierung, und zwar nur in Madrid be- 
gründet; aber schon 1858 wieder unterdrückt. 

Dies Amt hat mit Ehren verwaltet 

VII. Dr. Calvo y Martin, der einen »Tratado de enfermedades 
de los ojos« verfaßte, von dem aber nur der erste Band erschienen ist. 
Der Inhalt umfaßt die Anatomie des Seh-Organs, einige Betrachtungen über 
Pathologie und Therapie der Augenkrankheiten und die Lid-Krankheiten. 

VIII. Don Jos£ Maria Gonz.\les y Morillas hat um diese Zeit (1856) 
in der Habana eine zweibändige »Monografia oftalmica« veröffentlicht, 
das zweite oder dritte) spanische Lehrbuch unsres Faches aus dem 1 9. Jahr- 
hundert. 



1) Cervantes hat zwar angedeutet (Don Quixote X, 10), es sei kein großes 
Verdienst, ein Werk aus dem Toskanischen ins Kastellanische zu übersetzen. 
Aber auch der Spanier muß Italienisch lernen, wenn er es gut verstehen will. 

2 Keiner der von II bis VI Genannten steht im biogr. Lex. 

3) Aus Maranho in Brasilien. Vgl. A. d'O. X, 185. 



304 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

§ 950. »Die erste Augen-Heilanstalt« 
Spaniens wurde 1857 zu Madrid begründet *) von 

IX, Dr. D. Rafael Gervera, einem Schüler von Sichel und Velpeau. 
Es war eine Poliklinik mit einem kleinen Saal für operative Fälle, in der 
Casa di Misericordia. 

Im Jahre 1865 begründete C. eine neue Poliklinik in seinem eignen 
Hause. 

Im Jahre 1868 ließ sich (X.) Dr. Delgado Jugo, ein Schüler von 
Desmarres, in Madrid nieder und begann (erst in seiner Wohnung, dann 
im Instituto oftälmico] seine freien Kurse der Augenheilkunde : Professoren 
und Studenten der medizinischen Fakultät waren seine Zuhörer. 

Gervera und Delgado Jugo sind die Lehrer der Augenheilkunde 
für Spanien geworden^). 

Um diese Zeit hatten ferner großen Ruf als Augenärzte zu Madrid: 

XI. Don Rafael de Güardia. 

XII. Don Antonio Saez^). 
XIII. Doctor Nadal May, Augenarzt am Hospital der Prinzessin, (f 1875.)* 

Im Jahre 1872 wurde das 

Instituto oftälmico (>Asilo Amadeo«) 
von der Königin Donna Maria Victoria begründet. 

§ 951. Delgado Jügo (1830—1875)*) 

wurde am 4. Okt. 1830 von spanischen Eltern zu Maracaibo in der Republik 
Venezuela geboren. 

Seine Studien in der Heilkunde begann er zu Lima, begab sich aber 
schon 1850 nach Paris, vollendete seine Studien unter großen Schwierig- 
keiten, da er gleichzeitig durch seine Arbeit den Lebensunterhalt gewinnen 
mußte, und wurde Arzt sowie Ghef der Klinik von Desmarres. 

In dieser Stellung verblieb er acht Jahre und machte sich vortheilhaft 
bekannt durch zwei Sonderschriften, über die Granulationen und über die 
Leiden der Thränenwege. 



1) So heißt es bei Toro, bei Camuset; aber die erste Poliklinik für 
Augenleidende in'Spanien war schon 1836 zu Cadiz eröffnet worden. Vgl. § 960. 

2) >Nach Delgado und Cervera ist in unsrem Lande kein Genie entstanden, 
das als Haupt der Schule betrachtet werden kann.< (Don Cayetano del Toro y 
QuARTiLLiERS, in s. Lehrbuch, II, S. 620, 1903.) 

3) Über GüARDiA u. Saez vgl. § 964. 

4) Klin. M. Bl. 1876, S. 57 — 62. (Don Gregorio Saez y Domingo, zu Madrid.) 
Ann. d'Oc. 1876, S. 202 — 204. (Dr. Carreras y Aragö, zu Barcelona.) Das biogr. 
Lex. (II, 145) enthält nur einige Zeilen. 



Die erste Augen-Heilanstalt. — Delgado Jugo. 



305 



Entschlossen in der Augenheilkunde sich voll auszubilden, benutzte er 
die Pariser Ferien und die Honorare für seine Vortrüge und literarischen 
Arbeiten, um hervorragende Augen-Heilanstalten Europas zu besuchen. 

hn Juli 1 868 ließ er sich in iMadrid als Augenarzt nieder, eröffnete eine be- 
scheidene Privat-Augenheilanstalt und begann freie Kurse in der Augenlieilkunde. 

Im Jabre 1869 wurde vom Stadtratb Madrids in der Casa di So- 
corro des VI. Distrikts eine Poliklinik für Augenkranke, im Jahre 1872 




Delgado Jugo. 



von der Königin ein großes ophthalmo logisch es Institut begründet: 
die Leitung beider Anstalten erhielt Delgado und leistete die Arbeit voll 
Begeisterung und ohne die geringste Entschädigung anzunehmen. 

Delgado war ein ausgezeichneter Kliniker und Operateur. Tausende 
verdankten ihm das Sehvermögen. Als Lehrer war er bewunderungswürdig; 
er ist der eigentliche Gründer einer spanischen National-Schule der 
Augenheilkunde. 

Dazu mußte er eine spanische Fach-Literatur schaffen. Er begann mit 
Übersetzungen, erstlich von L. Wecker's französischem Lehrbuch, das 

Handbuch der Augenheilknnde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VIL) IXIIL Kap. 20 



306 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

er allerdings gleich mit einem Band eigner Zusätze ausstattete, und zweitens 
von Liebreich's ophthalmoskopischem Atlas, dem er gleichfalls eine Ein- 
leitung über Ophthalmoskopie hinzufügte. 

Schon sah er zwei Ideale der Erfüllung nahegerückt: einmal die 
Herausgabe eines nationalen Lehrbuchs der Augenheilkunde, zweitens die 
Einverleibung des ophthalmischen Instituts in die Fakultät und die Auf- 
nahme des Sonderfachs in den allgemeinen Universitäts-Unterricht. 

Da wurde er in der Blüthe des Lebens, erst 45 Jahre alt, am 
19. August 1875, zu Vichy hinweggerafft. Sein Denkstein im Ophthal-, 
mischen Institut trägt die Inschrift : 

AI Doctor Delgado Jugo, 

Director y Fundador del Instituto oftälmico 

Sus Ayudantes y Discipulos 

1. Settiembre 1875. 

Zusatz. 
Veröüentlichungen von Delgado Jugo: 
1. Hygiene des Seh-Organs. (Erst nach seinem Tode herausgegeben. i 
i. Das Auge als Werkzeug zur Entwicklung der Intelligenz. Vortrag in der 
med.-chir. Akademie zu Madrid. 

3. Klassification der Augenkrankheiten. Med. Kongreß Spaniens, 1861. 

4. Exophthalmie durch Gehirn-Geschwulst. Zweiter Internat. Ophth. Kongreß, 
1862, S. 199. 

5. Ätzmittel-Träger zur Verödung des Thränensacks. A. dO. LV, 236. 

6. Autopsie eines Augapfels mit Chorioiditis. Ebendas. LVII, 184. 
Dazu kommen noch verschiedene Abhandlungen in El Pabellön Medico und 

La Crönica oftalmolögica. 

Endlich Berichte aus spanischen Zeitschriften der Heilkunde. A. d'O. LV, 130.. 
Bericht über das Supplement zu Mackenzie's Lehrbuch. Ebendas. LVI, 333. 

*§ 952. Über Gervera's 
Leben vermochte ich keine Angaben aufzufinden. Er hat 1857 die erste 
Augen-Heilanstalt zu Madrid begründet, wurde 1877 zu Delgado's Nach- 
folger am Instituto oftälmico ernannt; als ich 1898 in Spanien weilte, 
hatte er sich von der Praxis zurückgezogen, da er Politiker geworden. 
Auch Arbeiten von ihm vermochte ich nicht aufzufinden. 

Trotzdem hat er durch die Übung und Lehre unsrer Kunst in den 
fünfziger und sechziger Jahren, und vielleicht noch später, großen Einfluß 
ausgeübt und Gutes geleistet. 

§ 953. Zur Geschichte des ophthalmischen Instituts in 

Madrid 
will ich zwei Spaniern das Wort lassen. 

1. Mein alter Freund, Dr. Carreras y Aragö zu Barcelona, hat 1876 
im Nekrolog von Delgado das Folgende veröffentlicht: 



Cervera. Das ophthalmische Institut zu Madrid. 307 

»Als Delgado 1872 vom König Amadeo*) und der Königin Victoria berufen 
wurde zur Gründung und Leitung eines ophthalmischen Instituts, da übernahm 
er den Auftrag nur unter der Bedingung, daß keine Entschädigung oder Ehrung 
mit dein Amt verknüpft würde. Wer mit den ungeheuren Schwierigkeiten ver- 
traut ist, auf die in Spanien Jeder stößt^ der irgend ein neues Institut begründen 
will; der wird bef.'reifen, wie viel Zuversicht, Beharrlichkeit, Thätigkeit, Einsicht, 
Entsagung unser Freund brauchte, um, in Verbindung mit der hochherzigen 
Königin, das ebenso schwierige wie verdienstvolle Unterneiimen durchzusetzen. 

Wie viel Bitterkeit und Kümmerniß mußte er erfahren, als er die Dvnastie 
Savoven scheitern und sein Institut mit dem Untergang bedroht sah! Zum (Jlück 
rettete eine mächtige Unterstützung von Seiten der Regierung sein Werk aus 
dem Schiffbruch.« 

2. Don Cayetano del Toro y Quartiiliers schreibt 1903 in s. Gesch. 
der spanischen Oiihthalmologie Enferm. de los ojos, II, 607): 

. . . ^Das iustitut, für welches die Königin Victoria die Mittel bereit gestellt, 
hatte einen prachtvollen Operations-Saal, ein Dunkelzimmer zu Untersuchungen, 
zwei Säle für Kranken, 8 Betten für Männer, i G für Frauen, — eine Zahl, die 
später vergrößert wurde. Warte- u. Abfertigungs-Saal usw. Zahl der Kranken 
jährlich 2 0, der Operationen 400 2^. 

. . . Am 19. März 1875 wurde das Institut für eine Wohlthätigkeits-Anstalt 
des Staates der damaligen Republik) erkläi't. . . . Nach dem Tode von Delgado 
folgte eine kritische Zeit. . . .« 

Im Jahre 1 877 ernannte die Regierung des Königs Alfons zum 
Direktor den 

Dr. D. Rafael Cervera 

und zu Hilfs-Professoren 

die Doktoren Lopez Diaz und L<'tPKz Ocana. 

Auf Grund eines Vermächtnisses wurde 1899 ein neues Gebäude für 
das Institut errichtet, mit einem Kosten-Aufwand von 850 000 Pesetas. Der 
Staat trägt jährlich 95 000 P. zur Unterhaltung bei. 

1903 war der Director Don Miguel de Santa Cruz, als Nachfolger von 
Cervera; dazu 5 Hilfs-Professoren. 

Am 10. Juli 1903 wurde der Neubau feierlich eingeweiht. 



1) Nach der Revolution vom 18. Sept. 1868 gegen die Königin Isabella von 
Spanien wurde der Herzog Amadeo von Aosta, aus dem Hause Savoyen, am 
4 6. Nov. 1870 zum König gewählt; am 11. Febr. 1873 legte er die Krone nieder; 
am 14. Jan. 1875 hielt König Alfons XII., der Sohn Isabellens, seinen Einzug in 
Madrid. 

2) Camuset (1874) hat folgende Zahlen: 8000 Augenkranke jährlich, 600 Ope- 
rationen (230 der Katarakt). Er hat für die Einrichtung außerordenthches Lob. 
>Jeder der geätzten Granulösen hat einen eignen Wasch-Apparat aus Marmor und 
eine numerirte Serviette. ... * (Das konnte gemischte Empfindungen in ihm 
wecken, wenn er die damaligen Zustände in Paris, Marseille u. a. a. 0., wie ich 
auch selber sie aus eigner Erfahrung kennen gelernt, in Vergleich zog.) 

20* 



308 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

§ 954. Versuche, die Augenheilkunde in den officiellen Univer- 
sitäts-Unterricht einzufügen. 

1. Im Juli 1873 versuchte der Minister der öffentlichen Arbeiten (m. de 
fomento) Dr. D. Ramön P£rez Gostales das ophthalmische Institut der 
medizinischen Fakultät der Central -Universität zu Madrid einzufügen, — 
ohne jeden Erfolg. 

2. In den Jahren 1873 4 und 74/5 wurden Versuche gemacht, im 
Staatshaushalt Mittel zur Gründung von Professuren der Augenheilkunde 
anzuweisen, ^ ohne jeden Erfolg. 

3. Im Jahre 1902 wurde der Unterricht in der Heilkunde erweitert 
durch Professuren der Augenklinik (sowie der Oto-rhino-laryngologie und 
der Syphilis nebst Dermatologie . 

Diese Neuerung war nicht genügend vorbereitet und (wie wir im § 947 
gesehen haben,) bis zum Jahre 1911 erst in drei von den neun Universi- 
täten Spaniens ^nämlich in Madrid, Barcelona und Zaragossa) durchgeführt. 

§ 955. Madrid. 
In den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wirkte zu Madrid 

XIV. Don Manuel IsiDORO Osio (1840— 1900) ^J. 

Oktober 1840 zu Caracas (Venezuela) geboren, 1865 promovirt, besuchte 
er die Kliniken von Sicbel, Desmarres, Wecker, Galezowskj in Paris, von 
Critchett in London, von A. v. Graefe und Hirschberg in Berlin, von 
MAtiNüs in Breslau, von Arlt und Fuchs in Wien. 

1869 ließ er sich in Barcelona als Augenarzt nieder und entfaltete 
auch eine große wissenschaftliche und organisatorische Thätigkeit, als Mit- 
arbeiter der Independencia Medica, als Gründer der Revista de Ciencias 
Medicas, sowie des Hospital del Sagrado Corazen, des ersten zum Studium 
der Specialitäten in Spanien gegründeten Krankenhauses, woselbst der aus- 
gezeichnete Chirurg Dr. Cardenal sein Werk fortgesetzt und weiter ent- 
wickelt hat. 

Hier begann Osio seine Vorlesungen über Augenheilkunde, die er als 
freier Professor der medizinischen Facultät zu Barcelona fortsetzte und vom 
Jahre 1881 ab an der zu Madrid, woselbst er eine unermüdliche Thätigkeit 
entfaltete. Als warmer Menschenfreund verfaßte er ein Büchlein über 
l'oftalmia purulenta del recien nascido (Madrid 1886), als Kenner 
und Vermittler der verschiedenen Schulen übersetzte er Mooren's Werk 
Relacion entre los padecimientos uterinos y las afeciones de los 
ojos (Madrid 1884). Seit einigen Jahren kränkelte er, doch harrte er wie 



1) C. Bl. f. A. 1900, S. 316. (M. Menacho, Barcelona.; 



Osio. Calderon. Ramon y Cajal. 309 

ein tapferer Soldat auf seinem Posten aus, bis zu seinem Tode, am 21. Juli 
lOOO'). 

Sein Zeitgenosse war 

XV. Don Andres Garci'a Calderon (1845— I90r 21. 
Kubaner von Geburt, kam er früh nach Europa, studirte in Wien (unter 
Arlt und Jägkr), in Paris und Berlin und wirkte zu Madrid als Augenarzt 
an mehreren Hospitälern sowie als »Profesor del Institute di Terapeutica 
operatoria«. 

Abgeselien von seiner Pariser Dissertation aus dem Jahre 1875 (des irido- 
choroiditesj hat er eine Reihe von Arbeiten veröilentlicht : Über Antisepsie und 
Cocain bei der Star -Operation. Über angeborenen Star. Orbital-Ent- 
zündung durch Zahnleiden. Hemiachroma topsia dextra. (Durch Blut-Cyste 
im linken Hinterhaupts-Lappen.) Hämorrhagischer Star. Knochen -Bildung 
im Auge und sympathische Kyklitis. Star- Delirium. Myopie. Thränen- Leiden, 
üeschichtliches zur Star- Operation. Behandlung der Hornhaut -Abscesse. Fremd- 
körper der Orbita. Uterine Sehnerven-Entzündung. 

Also drei Fachgenossen aus dem früher spanischen .\merika 
haben in der alten Ileimaih sich ausgezeichnet, Del<;ado, Osio, 
Garcia Calderon. 

§ 956. XVI. Santiacjo Ramon y (^a.ial3), 
die Zierde von Spanien, wurde am 1. Mai 1852 zu Petilla (Aragonien) ge- 
boren, studirte in Zaragossa, hauptsächlich unter Leitung seines Vaters, 
Prof. d. prakt. Anatomie, promovirte 1873, wurde 1873 Prof. der Anatomie 
in Valencia, 188(5 Prof. der Histologie in Barcelona und ist seit 1892 in 
gleicher Eigenschaft zu Madrid thätig. 

Ramon v Cajal hat die Verfahren von Golgi zur Färbung der Nerven- 
Elemente weiter ausgebaut, indem er auf die Bromsilber- Färbung die Re- 
duktions- Methode der photographischen Technik anwandte. 

Hohe Ehrungen sind ihm zu Theil geworden, aus Deutschland die 
Helmholtz- Medaille', 1915 der Orden pour le merite; 1906 halte er 
mit GoLGr den medizinischen Nobel-Preis erhalten. 

llauptschriften: Textura del sistema nervoso del hombre y de los 
vertebrados, Madrid 1899. La rötine des vertebres, 1894. 

Wir besitzen eine deutsche Übersetzung seiner Arbeiten über die 
Netzhaut : 

Die Retina der Wirbel thiere. Untersuchungen mit der Golgi- 
CAJAL'schen Ghromsübermethode und der EuRLice'schen Methylenblau- 
färbung. Nach Arbeiten von Prof. S. Ramon y Cajal. In Verbindung mit 

i; Jeder, der, wie ich selber, das Vergnügen hatte, ihn bei sich zu empfangen 
und zu Madrid zu besuchen, wird ihm eine dauernde Erinnerung bewahren. 

2) Archivos de oftalm. Hispano-Americanos I, 430—433. (Dr. M. Marquez.) 

3) Biogr. Lex. von Pagel, S. 1343. 



310 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

dem Verfasser zusammengestellt, übersetzt und mit Einleitung versehen von 
Dr. Richard Greeff, Privatdocent für Augenheilkunde zu Berlin. Mit 7 Tafehi 
und 3 Abbildungen im Text. Wiesbaden, J. F. Bergmann. 1894.^) 

In der Einleitung und Literatur- Übersicht giebt Verf. zunächst einen 
kurzen Überblick über die Geschichte der beiden Methoden: der Färbung 
des lebenden Gewebes mit Methylenblau von Ehrlich und der Osmium- 
Bichromat- Silber-Methode von Golgi-Gajal. Hierauf schildert er die Ent- 
wicklung der Lehre vom Bau der Netzhaut, in welcher seit 1887 durch die 
Untersuchungen von Tartcferi, Dogiel und Gajal eine neue Periode begann. 
Das Problem von dem Zusammenhang der lichtpercipirenden Elemente mit 
den Nerven, welche den Lichtreiz den nervösen Centren direkt zuleiten, 
ist jetzt als gelöst zu betrachten , und zwar nach R. y Gajal in folgender 
Weise: Jedes Stäbchen verlängert sich zu einem feinen Fädchen, welches 
eine in der äußeren Körnerschicht gelegene kernartige Anschwellung bildet 
und dann weitergeht, bis es frei mit einem Knötchen endet. Die Zapfen- 
faser zeigt eine solche Anschwellung nicht, sondern geht gerade durch die 
äußere Körnerschicht hindurch und bildet in der angrenzenden äußeren 
plexiformen (reticulären) Schicht ein sogenanntes Endbäumchen. Die Knötchen 
der Stäbchen und die Endbäumchen der Zapfen werden von den feinen 
Ausläufern der für sie bestimmten Zellen der inneren Körnerschicht um- 
sponnen. Diese Zellen werden bipolare Zellen genannt, da sie auch nach 
der anderen Seite, also nach innen und den Ganglien-Zellen zu, Ausläufer 
entsenden. AVährend sich die bipolare Zelle eines Stäbchens direkt auf 
eine Ganglien-Zelle aufsetzt und dieselbe mit fingerförmigen Zweigen um- 
klammert, enden die bipolaren Zellen der Zapfen in verschiedener Höhe 
in der inneren plexiformen Schicht mit Endbäumchen, welche sich mit 
den Ästchen bestimmter (schichtenbildender; Ganglien-Zellen verflechten. Die 
Ganglien-Zellen entsenden nach innen einen Fortsatz, welcher direkt in die 
Nervenfaser übergeht. — Wir haben also zwei Arten von Leitung, die der 
Stäbchen und die der Zapfen; eine jede von ihnen ist in ihrer Kontinuität 
zweimal unterbrochen. 

Der Weg, welchen der Lichtreiz durch die Netzhaut einnimmt, ist nun- 
mehr klargelegt; über die Art und Weise jedoch, wie die Nervenzellen mit 
einander in Verbindung stehen, ob kontinuirlich oder durch Kontakt, sind 
die Meinungen zur Zeit noch getheilt. Als Grundregel gilt R. y Gajal die 
Lehre von der völligen Unabhängigkeit der Nervenzellen, deren Endästchen 
alle frei auslaufen und nicht mit einander anastomosiren. Er stellt daher 
den Satz auf, daß ein Reiz von einer Zelle auf die andre sich nur dadurch 
überträgt, daß die Fortsätze beider Zellen sich aneinander legen. Der 
heftigste Gegner dieser fast allgemein anerkannten Theorie ist Dogiel, 



1) C. El. f. A. 4 89Ö, S. 42—44. (Dr. Küthe.) 



Barcelona. Soler. 311 

welcher auf Grund seiner nach der EHRLica'schen Methode hergestellten 
Präparate an der alten Netztheorie festhält. 

R. Y C.Kj.vLs Untersuchungen der Netzhaut beschränken sich auf einzelne 
Familien und Arten von 5 verschiedenen Thiergattungen ; I. der Knochen- 
fische, i. der Frösche, 3. der Reptilien, i. der Vögel und 5. der Säuge- 
thiere. Am einfachsten sind die Verhältnisse bei den niederen Thieren. 
Im Allgemeinen herrscht in dem Bau der Netzhaut bei allen 5 Klassen 
eine merkwürdige Ibereinstimmung. »Man kann behaupten, daß die einzigen 
anatomischen Abweichungen, welche sich auffinden lassen, sich auf die 
relative Dicke der einzelnen Schichten der Netzhaut und auf die Form und 
die Dichtigkeit der Stäbchen und Zapfen beziehen. — Es hat nicht den 
Anschein, als ob der Aufbau der Netzhaut, wenn man in der Wirbelthier- 
Reihe nach oben geht, vollkommener würde. Es kommen in ihrem Bau 
nur einige Abänderungen vor, die sich hauptsächlich auf die Stäbchen und 
Zapfen beziehen und der Eigenarligkeit des Gesichts- Sinnes eines jeden 
Thieres entsprechen.« 

§ \)öl. Die Provinzen. 
Barcelona 
ist zwar nach der Einwohner-Zahl') die zweite Stadt Spaniens, aber an 
Betriebsamkeit wohl die erste. 

P' Aus dem Barcelona von 184 2 erzählt uns Dr. Antonio Mendoz.\2; eine 
k (IS tu che Geschichte. 

Kine sehr schöne, junge Dame bekam eine Cysten -Geschwulst auf dem 
inken Oberlid. Erst auf die Bitten mehrerer ihrer Bewunderer willigte sie in 
die Operation. Doch mußte diese geheim gemacht werden. Der Assistent, den 
M. nicht wählen konnte, sondern nehmen' mußte, fiel in Ohnmacht. Nach dem 
Hautsolmilt zog M. einen Faden durch die Cyste, den er mit seinen Zähnen 
fest hielt, exstirpirte von der Cyste soviel, als möglich war, und brachte einen 
Cylinder von Höllenstein in die Tiefe. Nach 1 4 Tagen war die Wunde mit einer 
linienförmigen Narbe geheilt. Die entzückende Senorita erstaunte ihre Freunde. 

XVII. DOCTOR D, lOAQUlN SOLER, 

der das Souderfach zu Paris studirt hatte, begründete 1855 eine Augen- 
klinik zu Barcelona. Er wurde ein ausgezeichneter Praktiker und ge- 
schickter Operateur. Sein frühzeitiger Tod bedeutete einen großen Verlust 
für die spanische Augenheilkunde. 

Von seinen Schülern haben zwei sich besonders ausgezeichnet:'." j^'; 



11 Einwohner-Zahl in Tausenden,5l 914: Madrid 600, Barcelona 587, Valencia 233, 
Sevilla 4 58, Zaragossa 412, Valladolid 74, Cadiz 67. 

2 Repertorio medico, periodico mensual de la Sociedad de Emulacion de 
Barcelona. A. d'O. X, 4 85. 



312 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

1. XVIII. D. Eduardo de Torres, 
unter dessen Arbeiten die merkwürdigste den Titel führt: La iridectomia 
en el tratamiento de la miopia progresiva. Er starb 1874. 

2. XIX. D. Luis Garreras v Aragö, 
Präsident der Augen-Abtheilung im medizinischen Institut zu Barcelona, gleich 
verdient um unser Sonderfach, wie um die allgemeine Heilkunde: er hat 
das erste bakteriologische Laboratorium in Spanien begründet und unter- 
halten. 

G. Y A. war ein fruchtbarer Schriftsteller auf unsrem Gebiete. 

t. Memoria sobre el oftalmoscopio. 

2. Cisterco celluloso de la retina. 

3. Escala tipografica (Schriftproben). 

4. Estudios oi'talmolögicos 1875. ,80, 280 S.) 

5. Clinica oftalmologica . . (1875 y 1876), con . . . observ, clinicas notables . . . 
iridectomia en el glaucoma, por el Dr. Luis Carreras y Aragö, Profesor 
übre de oftalm., Barcelona 1878. '209 S., mit 4 farbigen Tafeln. Die letzteren 
stellen dar: 1. Das klinische Bild des Netzhaut-Markschwamms. 2. Augen- 
spiegelbilder vom Aderhaut-Spalt, von chronischem Glaukom, von nephritischer 
Netzhaut-Entzündung, von Pigment-Entartung der Netzhaut.) 

6. La ceguera en Espana, Barcelona 1881. Die Blindheit in Spanien. Vgl. 
C. Bl. f. A. 1881, S. 499—501 u. § 964.) 

Ein großes Verdienst um die internationale Verbreitung unsrer Fach- 
wissenschaft hat D. Llis (Jarreras y Aragu sich erworben durch die Jahres- 
berichte über die Fortschritte der Augenheilkunde in Spanien, welche irk 
dem C. f. A. (1879—1881) erschienen sind'). 

X.\. D. Antonio Anet 
ließ sich 1860 in Barcelona nieder -und wurde Vicepräsident der genannten. 
Augen-Abtheilung. 

XXI, Dr. C. J. SoRiGUBR 
praklicirte zuerst in Barcelona, dann von 1874 zu Sevilla. Er schrieb über 
die Massage und über die Behandlung der Granulationen mittelst der Queck- 
silber-Präparate. 

XXII. Unter den jüngeren ist zu nennen 

Manuel Menacho, 
der 1901, zusammen mit Andren, die Archivos de Oftalmologia Hispano- 
Americanos begründet und darin, sowie in französischen Fach-Zeitschriften ,^ 
zahlreiche Abhandlungen veröffentlicht hat. (Vgl. § 961.) 



1) Mir persönlich ist er ein lieber Freund gewesen, dessen Andenken ich stets 
hochhalten werde. 

Auch sein Sohn hat sich in unsrem Fach ausgezeichnet. 



Toires. Carreras v Aragö. Menacho. — Cadii. 313 

• 

§ 1)58. Zu Valencia 
erütVnete J)r. Armkt XXIII) die Reihe der Augenärzte. 

D. Josf. Iborra (XXIV) begründete 1863 eine Augen-Heilanstalt. 

I'ber die des ü. Jos£ Ai'aricio y Quijarro (XXV) hat Camüset aus Paris 
in den A. d'üc. 1874 sehr vortheilhaft sich geäußert. 

§ il59. Zu Sevilla 
wirkte in der eisten Hälfte des I'.). Jahrhunderts 

Ur. D. Enrique FIo>iero (XXVI), 
der einen Älzstiil für die Thränen-Fisteln angegeben und die Operation des 
Flügelfells zu Sevilla eingeführt. 

1877 ließ in Sevilla') sich nieder 

Dr. D. Vincente Guirai.t XXVII). 

Sofort nach Beendigung seiner Studien war er in den militärischen 
Sanitäts-Dienst eingetreten, hatte anfänglich zu Madrid gewirkt und in der 
freien Medizin-Schule Vorlesungen über .\ugenheilkunde gehalten. 

Wir haben von ihm: 

Tratado de higiene ocular (1868 2) und eine Abhandlung über den 
t Quer-Schnitt durch die Hornhaut, zur Star-Ausziehung. 

f^' Hie Rivista de med. vcirugia practicas 1890, .Januar bis August, ent- 

hält: Clinica of talmolögica , diez anos de mi consultorio, por el 
Dr. D. Vincente Chiralt. 

§ 960. Zu Cadiz 
haben schon im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts einige Professoren der 
Chirurgie mit großem Erfolg auf dem Gebiete der Augenheilkunde gearbeitet: 

D. Antonio Esi'Ana (XXVHI) und D. Serafin Sola (XXIX). 

Im Jahre 1836 gründeten sie eine Poliklinik für Augenkranke: hier 
wurde in Spanien wieder, vielleicht zum ersten Mal seit den Zeiten der 
.Araber, Sonder- Unterricht in der Augenheilkunde ertheilt. Cervera theilt 
uns 1857 mit, daß die Anstalt damals noch bestand, unter Joseph Zurita. 

1842 wurde Sola nach Fez (Marocco/ berufen, um die Tochter des 
Sultans von einer Thränen-Fistel zu befreien. 

1839 erschien zu Cadiz die spanische Übersetzung von Sichel's Ab- 
handlung über Ophthalmie, Katarakt und Amaurose 3); 1850 die von der 
Augen-Hygiene des Dr. REVEiLLt-P.\Ris^). 



1) Dort fanden wir i 898 bei ihm und seiner Familie die freundlichste Aufnahme. 

2) Vgl. § 470, S. 533, 92. 

3) Vgl. unseren § 559, 9. 

4) Vgl. 470, S. 532, 71. 



314 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

,|845_'I846 hat Dr. Ceballos (XXX) und 1848 Dr. D. Federico Ben- 
jüMEDA (XXXI) einen theoretisch-praktischen Kurs der Augenheilkunde in 
der medizinischen Fakultät von Gadiz gehalten. 

Don Cayetano del Toro y Quartilliers (XXXII), ein Schüler von Dei - 
GADoJuGO, ließ sich 1870 in Cadiz nieder, gründete 1871, in einem Ge- 
meindehaus, eine Augenklinik; begann freie Kurse der Augenheilkunde und 
schuf die erste augenärztliche Zeitschrift Spaniens, 

La cronica oftalmolögica, sowie ein treffliches Lehrbuch der 
Augenheilkunde. 

§ 961. Augenärztliche Zeitschriften in Spanien. 

1. La crönica oftalmolögica, örgano oficial del instituto oftälmico de 
Madrid y de la clinica oftalmolögica de Cadiz. Director Dr. D. Gayetamj 
DEL ToRO (Cadiz). Von 1871 — 1883. — Dann erschien als Fortsetzung der 
Crönica und der Gaceta de Higiene 

Crönica de especialidades medico-quirurgicas, unter Leitung von Caye- 
tano uel Turo und Benito Alcino, Cadiz, 1884. 

2. La oftalmologia practica, revista mensual, Director A. de la Pena, 
begann 1882 ihr Erscheinen, konnte sich aber nicht lange behaupten. 

3. Archivos de. oftalmologia Hispano-Americanos. Revista mensual 
publicada por los doctores Demicberi de Montevideo, Santos Fernandes de 
la Habana, Menacho de Barcelona. 

I., 1. Madrid 1901. 

»Dies Archiv soll ein Bedürfniss befriedigen, das lange in der ärztlichen 
Literatur Spaniens und des lateinischen Amerika gefühlt wurde. «2 Es ent- 
hält Originalien und Referate. 

Das erste Heft bringt die Arbeiten über die Exenteratio ignea von 
de Lapersonne in Paris, über die Iridektomie bei Star-Operation von 
Dr. Juan Santos Fernandes in Habana, über muskuläre Dynamik des 
Auges von Prof. Dr. Manuel Marquez in Madrid, über Behandlung des ein- 
fachen Glaukoms von Dr. Menacho in Barcelona. Bald folgt eine große 
Abhandlung von S. Ramon y Cajal über den Bau des Chiasma. (Über den 
Bau des Thalamus opticus handelt er im IV, Band. Von emer neuen 
Seite erscheint uns der berühmte Professor in seinen »Stereoskopischpii 
Ergötzungen«, B. II, S. 262 fgd., 1902.) 

Von weiteren Veröffentlichungen aus dem ersten Bande nenne ich: Die 
Sonnen-Finsterniß von 1910 und das Seh- Werkzeug, von Dr. Agüilar Blanch, 
Valencia. Einpflanzung von Fettgewebe nach der Exenteration von 
Dr. Barraquer in Barcelona. 

Zerstörung des Sinus frontalis und Heilung per primam, von dem- 
selben. Augenstörungen durch Beobachtung der Sonnen-Finsterniß von 



Augenärztliche Zeitschriften. Literatur zur Augenheilkunde. 315 

Di M.vnuel Menacho, Barcelona. Trachoma von Dr. Vinzente Gomez. Werth 

(l.r Iridektomie bei Glaukoma, von L. de Wecker. 

Sehnerven -Entzündung durch Uterin -Leiden, von Garcia Calderon, 

M i<lrid. Embolie der Netzhaut- Arterie, von Dr. Manuel Marquez. Zur 
I Giaukoni-Lehre von Dr. Rochox-Duvigneaud in Paris. Histologie des Chala- 
I zion, von Dr. Jl'ax Santos Fehnandes, Habana. 

' Kreuzung der Bewegungs-Nerven des Seh-Organs, von Dr. Mancel Mar- 

qlez, Madrid. Sehr große Aderhaut-Blutung, von Dr. L. Demic.heri in Monte- 
video. Neue Siegel gallorömischer Augenärzte, von Dr. Rudolfo del Castillo 

Ol'ARTILLIERS. 

4. Anales de Oftalmologia. Periodico niensual de Clinica y Tera- 
peutica ocular publicado por les Doctores Manuel Uribe Troncoso, Mexico, 
Daniel M. Vklez, Mexico, J. Santos Fern.^ndes, Habana, Cuba, Charles 
A.Oliver, Philadelphia, Mexico, 1898. 

Von Original-Arbeiten aus dem ersten Bande nenne ich : Demichbri, 
Optisches Studium der Linsentrübungen. Urihe Troncoso, Myopie-Behand- 
lung durch Linsen-Ausziehung. De.micheri und Lamac, Sympathektomie bei 
Basedow. Josk de Jesus Gonzales, Augen -Komplikationen der Intluenza. 
Juan Santos Fernandes, Einfache Ausziehung bei Star mit Glaukom. 

§962. Spanische Literatur zur .Vugenheil künde, 
aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 

A. Übersetzungen 1). 

1. D. M. Baldiviesco hat das Lehrbuch von W'iiahton Jones übersetzt, 
und zwar nach der französischen Ausgabe von Fouchkr: Tratado practico 
de las enferniedades de los ojos por T. Wharton Jones . . , Madrid 1862. 
(Vgl. § 671.) 

2. Dr. Gin£ y Partagas die Ophthalmoskopie von Follin. (§ 549 u. 

§ 1029, No. 14.) 

3. D. Pedro Brün die bekannte Augenheilkunde von Dr. Eduard Meyer. 

4. D. Enrique Uraijon die sympathischen Gesichts-Störungen von 
Mooren. (§ 683.) 

5. D. Rafael Ameller y Romero die oculare Hygiene von Reveille- 
Paris. (§ 470, No. 71.) 

6. Dr. Castillo y Quartilliers die Optometrie von Armaignac und die 
Augenheilkunde von Soüs. (§ 1029, 29; § 622.) 



^) Cervera erwähnt (§ 9641 die Übersetzung der Werke von Scarpa, SRihel 
und Desmarres. 



316 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte hii neunzehnten Jahrhundert. 

B. Lehrbücher der Augenheilkunde. 

1. L. Barö, Manual de las enfermedades de los qjos. (Dies Buch war mir 
nicht zugänglich.) 

2. Tratado de las enfermedades de los ojos y sus accessorios, por el 
Dr. D. Gayetano del Toro y Quartilliers, Cadiz 1879. fZ weite Ausgabe, 
2 Bände^ mit zahlreichen Abbildungen.) 

Der erste Theil beginnt mit einer Geschichte der Augenheilkunde, be- 
sonders Spaniens. Dann folgt Anatomie des Seh-Organs, Ophthalmoskopie, 
allgemeine Behandlung der Augenkrankheiten. 

Im zweiten Theil handelt der Vf. von den Augenkrankheiten und ihrer 
Behandlung, wobei er im wesentlichen die Eintheilung von Delgado Jüüo 
in sieben Klassen beibehält. Die erste Klasse umfaßt die Mißbildungen 
und zwar 1) die mit dem Leben unvereinbaren, 2) die mit dem Leben ver- 
einbaren, aber das Sehen ausschließenden, 3) die das Leben und das Sehen 
nicht ausschließenden. 

Die zweite Klasse enthält die entzündlichen Leiden und ihre Folgen: 
1) die der Orbita, 2) der Lider. 3) des Thränen-Apparats, 4) des ganzen 
Augapfels, 5) jeder einzelnen Haut des Augapfels. 

Die dritte Klasse bilden die nervösen Leiden, Neurosen und Neur- 
algien. 

Die vierte Klasse umfaßt die Störungen der Refraktion und Akkom- 
modation, die fünfte die des binokularen Sehens; die sechste enthält die 
Neubildungen, die siebente endlich die Verletzungen. 

Das Werk ist eine gute Darstellung des bisher bekannten, dazu be- 
reichert durch eigene Beobachtungen. Es ist das beste der bisher ei- 
schienenen spanischen Lehrbücher der Augenheilkunde >). 

Die dritte Ausgabe führt den Titel: 

Tratado teurico-practico de las enfermedades des los ojos y de sus 
accessorios por el excmo. e ilmo. Sr. Don Gayetano del Toro y Quartilliers. 
Doctor en medicina y cirujia, Gadiz 1903. (2 Bände, 904 + 682 S.)^' 

In der Vorrede erklärt der Vf., daß er einige Kapitel verbessert, andre 
hinzugefügt und viele vollständig umgearbeitet habe. 

Mit großer Kühnheit hält er der Fachwissenschaft den Spiegel vor: 
> Immerhin müssen wir die Thatsache beherzigen, daß die Augenheilkunde, 
welche vor 20 Jahren den Gipfel des Fortschritts erreicht zu haben schien, 
in der letzten Zeit stationär geblieben ist und sogar den Anfang des Verfalls 
zu zeigen beginnt^). « 

1) So urtheilt Carreras y Aragö, C. El. f. A. 1879, S. 337. 
•2) Vgl. C. Elf. A. 1904, S. 74. 
3) Hierin hat er sich zum Glück getäuscht. 



Lehrbücher, Kongresse. Gesellschaften. 317 

Di*' Einllieilung ist im Wesentlichen die gleiche geblieben, nur die An- 
ordnung etwas geändert: die Geschichte der Augenheilkunde, die natürlich 
weiter fortgeführt ist, nimmt jetzt nicht den Anfang sondern das Ende 
des Buches ein. 

C. Sonderschriften. 

Dr. Ferdinand Weiler, Über die militärische Ophthalmie i). 

Dbi.gado Jugo, Higiene ocular. 

Chiralt, Higiene ocular. 

Queratomia media. 
(Iarreras y Arauü, Memoria sobre es oftalmoscopio. Estudios oftal- 

mologicos. — La ceguera en Espana. (Vgl. § 96 i.) 
Dr. (Iastillo y Quartilliers. 

La epigrafia oftälmica. 

La oft. en tiempo de los Romanos y de los Galo-romanos. 

El proccder de cataratas de Liebreich. 

La hemerolopia. 

El tratamiento de la sifilis ocular. 
Dr. Dias Rocakull, La extension dd campo visual. 

Gki.i'i y Jokre, Tratado iconogr;ifico de las enfermedades externas 
del urgano de la vision. Barcelona 1885. (108 farbige Original-Zeichnungen 
des A'fs. auf 20 Tafeln, aus der Klinik von Schöler, von Panas u. a.) Vgl. 
§ 375, S. 80, 4. 

Dr. MoRii.LAS, medicd militar en la Habana, Tratado iconol<')gico de 
oftalmologi'a. 

Osio, Oftalmia purulenta, Madrid 1880. 

Santiago Uamon y Ga.ial, La nHine des vertebres, 1894. 

§ 963. Kongresse, Gesellschaften. 

1 875 auf dem Congreso medico-andaluz wurde die Behandlung der 
ThränenfisteP) und die moderne Star-Operation erörtert. (Del Toro y Quar- 
tilliers sprach über Ausziehung des Stars in der Kapsel.) 

Der Kongreß zu Cadiz 1 879 behandelte das Glaukom, die Anästhesie bei 
Augen-Operationen u. a. Der zu Sevilla 1 882 die Neurotomia optico-ciliaris, 
die Staphylom-Operation, das Schielen der kleinen Kinder. Der zu Valencia 
1891 die Tarsektomie, die Augen-Lepra, den erblichen Star, die Vorlagerung, 
die Augen-Diphtherie. 

l; Das Werk war mir nicht zugänglich. 

2) Rija, von rictus (lat.), welches Öffnung des Mundes, auch des Auges, bedeutet. 



318 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

1903 fand der XIV. internationale medizinische Kongreß zu Madrid 
statt. Die officiellen Fragen waren: 

Chirurgische Behandlung der Thränenleiden. Vereinheitlichung der 
Schriftproben. Neuritis optica bei akuten Krankheiten. Arznei-Mittel, welche 
auf Pupille, Akkommodation und Augendruck wirken. Augenleiden durch 
angeborene Lues^). Quantitative Prüfung der Farbenblindheit. 

In Folge des Kongresses bildete sich zu Madrid eine Sociedad Oftal- 
molögica Hispano-Americana, mit jährlicher Versammlung zu Madrid. ' 

§ 964. Die Reiseberichte und kritischen Besprechungen 
habe ich dies Mal an's Ende der Betrachtung gestellt, weil sie hauptsächlich 
auf die zweite Hälfte des Jahrhunderts sich beziehen. 

I. De l'ophthalmologie et de lophthalmie militaire en Espagne et en 
particulier a Madrid, par le Dr. Raphael Cervkra de Madrid. (Gelesen in 
der Sitzung vom 13. Sept. 1857 auf dem augenärztlichen Kongreß /u 
Brüssel. CR. 1858, S. 382— 396.) 

Bis jetzt giebt es keine Spezialisten in Spanien, also auch 
keine Augenärzte. 

Die inneren Wirren, die Abneigung der Kranken, jungen Ärzten sich 
anzuvertrauen, die Schwierigkeit der Verbindungen waren die Hinderungs- 
Ursachen. 

Diejenigen Praktiker, welche die Augenheilkunde betreiben, haben in 
der Fremde ihre Studien vervollständigt. 

Wir besitzen die Übersetzungen der Werke von Scarpa, Sichel und 
Desmarres. Wer den Fortschritt kennen lernen will, muß ihn in den 
fremden Literaturen suchen. Jeder Professor der Chirurgie trägt auch 
gelegentlich Augenkrankheiten vor, die Augenkranken werden in die chirur- 
gischen Kliniken aufgenommen. 

Aber im Jahre 1850 hat die Regierung eine Augenklinik zu Madrid 
begründet und die Professur Hrn. Calvo y Martin anvertraut. Doch kann 
er nur die Hälfte des Jahres diesem Fach widmen, da er auch Syphilis 
lehren muß. 

Sein Kurs dauert 31/2 Monat und umfaßt 70—80 Vorlesungen. Dreißig 
Betten hat er zu seiner Verfügung. Sowie der Augen -Kurs zu Ende ist, 
werden Augenkranke fast gar nicht mehr aufgenommen. 

In der chirurgischen Klinik von Prof. Saxchez de Toga, der übrigens 
auch ein ausgezeichneter Augenarzt ist, werden Augen -Operationen regel- 
mäßig verrichtet. Er zieht alle Verfahren in Anwendung, — gelegentlich 
auf dem einen Auge die Ausziehung, auf dem andren die Niederdrückung 
oder Zerstücklung. 



1) Sitzungs-Bericht, Klin. M. El. 4 903, S. 546 fgd. 



Reiseberichte und kritische Besprechungen. 319 

Das Militär-Hospital zu Madrid hat eine große Augen-Abtheilung, unter 
Dr. Serr.v. 

Im alliremeinen Krankenhaus, dem grüßten des Königreichs, richtet 
man alljährlich gegen Mai und gegen September Säle zur Aufnahme von 
Star- Kranken ein. R.vphael Guardia und Antonio Saez operiren daselbst, 
lediglich durch unteren Lappenschnitt, etwa hundert Fälle im Jahr. 

Auch in andren Städten giebt es Arzte und Wundärzte, welche mit 
Erfolg die Augenheilkunde betreiben. 

Das Haupt-Verfahren der Star-Operation in Spanien ist die 
untere Ausziehungi). 

Gegen Augen -Entzündungen gebraucht man in der akuten Periode 
erweichende Mittel, in der subakuten auflösende; die Anwendung von 
Silber-Nitrat, Zink-Sulfat, Blei-Acetat ist sehr verbreitet. Kupferstift wird 
allenthalben gegen Granulationen angewendet. Die militärische Ophthalmie 
behandelt man mit Silber-Nitrat; auch wohl durch Skarifikation und Aus- 
schneidung: besonders Montaut zieht dieses letztgenannte Verfahren vor. 
Die Pupillen- Bildung wird nicht häufig in Spanien verrichtet. Die Thränen- 
fistel häufiger operirt, meist nach Dui'uytren. 

Die Schiel -Operation war vor einigen Jahren in Mode, hat aber z. Z, 
ihren Ruf eingebüßt. 

Die Verwendung des .\ugenspiegels zur Diagnose der inneren 
Krankheiten des Auges fehlt fast vollständig. Die Arbeiten von Helmholtz, 
RuETE, E. Jäger u. a. sind kaum bekannt geworden. 

Unsre Literatur zur Augenheilkunde muß also hinter der der übrigen 
Zweige des menschlichen Wissens zurückstehen. 

»Aber dieser Theil der Wissenschaft war von unsren Vorgängern er- 
folgreich bearbeitet worden.« 

Hier hätte C. eher die Araber in Spanien anführen können, als, aus \w&h 
(1785), die Erfindung der Doppel-Nadel von Don Lor-enzo Roland. (Vgl. unsren 
§ 408, S. 163.) 

Oder, wenn er als gläubiger Spanier von den Maui'en nichts .wissen mochte, 
konnte er doch den Notar der heiligen Inquisition zu Sevilla, Benito Daqa de 
Valdes, und sein Buch vom Gebrauch der Brillen, aus dem Jahre I 623, rühmend 
hervorheben 2). ^§ 303.) 

Eine Statistik der Augenkrankheiten giebt es noch nicht für Spanien. 
In der Armee betrug die Zahl der Augenkranken 5,7^ : 1852; 6^ : 1856. 



1) Das spricht doch zu Gunsten der spanischen Wundärzte und gegen Camuset's 
Annahme, daß sie nur französische Augenheilkunde betreiben. Denn bis gegen 
die Mitte des Jahrhundert war in Frankreich die Niederlegung vorherrschend 
gewesen. 

2) Beiläutig möchte ich hier bemerken, daß im Don Quixote (1. c. 8, 1605) die 
Reise- oderSchutz-B rillen als etwas ganz Bekanntes erwähnt werden. (Traian 
sus antojos de Camino y sus quitasoles.) 



320 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

Die militärische Ophthalmie ist recht häufig. Augenkrankheiten sind auch 
in den andren Bevülkerungs- Klassen sehr zahlreich. 

Die Blinden-Ziffer ist stark, doch fehlt noch eine Statistik. 

II. L'ophthalmologie en Espagne par le Dr. George Camuset. 

(A. d'Oc. LXXII, 195 — 199, 1874.) 

G. hat die Monate Juni und Juli des Jahres 1874 in Spanien zugebracht. 

Die Temperatur stieg gewöhnlich bis 35, ja bis 40" im Schatten. Das 

Sonnenlicht, von den weißgetünchten Häusern Andalusiens zurückgestrahlt, 

ist fast unerträglich. 

Die Zahl der Blinden scheint beträchtlich zu sein. Dabei ist Spanien" 
nicht hinter dem Fortschritt der letzten 1 Jahre zurückgeblieben. Fast in 
jeder Stadt giebt es einen Augenarzt, eine Klinik und Privat-Unterricht. 

III. Die Blindheit in Spanien, von J. Hirschberg. 
(Deutsche med. Wochenschr. 1898, No. 23; G. Bl. f A. 1898, S. 314—318.) 

Spanien gilt dem Deutschen, besonders durch Goethe's Einfluß, seit 
lüO Jahren als das schöne Land des Weins und der Gesänge; je weniger 
besucht, um so mehr wird es in Liedern und Romanen gepriesen. 

Natürlich hat es in unsrem Jahrhundert nicht an solchen Reisenden 
gefehlt, welche außer Bildern, Kirchen, Ruinen, schönen Gegenden und 
Stierkämpfen auch die große Zahl von Blinden in Spanien beobachtet 
haben. Es ist fast ein viertel Jahrhundert her, daß ich selber in 
einer Arbeit über da.< Auge in forensischer Hinsicht i) mit diesem 
Gegenstand mich beschäftigt hatte. Die eigne Anschauung, die ich kürzlich 
bei einer sechswüchentlichen Reise in Spanien gewonnen, hat diese alten 
Erinnerungen wieder wachgerufen und mich veranlaßt, die Blindheit in 
Spanien etwas genauer zu beschreiljen, zumal ich in der Lage gewesen, 
über eine der Hauptursachen der Blindheit, die einheimische Körner- 
krankheit, nach den mir von spanischen Augenärzten gelieferten 
Zahlen, eine ausführlichere Zusammenstellung, als bisher in der Literatur 
vorhanden gewesen, auf dem internat. demograph. Kongreß von Madrid vor- 
zulegen. Ich habe diesen Vortrag in spanischer Sprache gehalten, weil 
es sich um die Zahlen spanischer Ortschaften handelte und weil ich gerade 
auf die spanischen Arzte einzuwirken und möglicherweise eine gewisse 
Besserung der Zustände anzubahnen beabsichtigte^). 



4) Eulenberg's Vierteljahresschrift für gerichtliche Medicin N. F., iBd. XXIII, 
Heft 2. 

2) Wegen dieser Arbeit bin ich von einigen spanischen Fachgenossen an- 
gegriffen worden. Aber andre haben meine menschenfreundliche Absicht besser 
erkannt. Einer hat sogar in einer spanischen Revue einen Artikel über mich 
veröffentlicht, in welchem er mich- als >verdadero amigo della Espana« bezeichnet. 
(Espaiia, 20. Jan. 1900.) 



Die Blindheit in Spanien. 321 

Ich beginne mit den Reiseberichten. 

Zuerst erwähne ich aus dem (im Anfang des 19. Jahrhunderts ge- 
schriebenen) Buchi] eines Nichtarztes -A year in Spain - das Folgende: 
»Die zahlreichste Klasse der Bettler in Madrid sind die Blinden. Aber 
auch aus den besseren Klassen sieht man täglich sehr viele Blinde auf 
dem Paseo lustwandeln.« 

Sodann betrachte ich den Bericht des französischen Augenarztes 
George Camuset, der in den A. d'Oc. 1874, Bd. LXXII, S. 195, veröffent- 
licht ist: »Erschreckend ist die Zahl der Augenkranken, sowie man den 
Fuß auf spanischen Boden setzt. Die völlige Sorglosigkeit des Volkes läßt 
die Augenübel einen Grad erreichen, welchen man in Frankreich nicht 
kennt. Ein bhnder Fatalismus veranlaßt sie, die Krankheit gleichgiltig 
hinzunehmen. Meist suchen sie nur Hilfe bei der heiligen Lucia, deren 
Altar in jeder Kirche mit Gelübde- Geschenken bedeckt ist. Der Mangel 
an Augenärzten hat nicht wenig dazu beigetragen, diesen schlimmen Zu- 
stand aufrecht zu erhalten. Die Straßen der großen Städte sind in wahrem 
Sinne des Wortes belagert von den Blinden; sie betteln in Haufen von fünf 
und sechs und rollen ihre entarteten Augäpfel in den Höhlen. Die über- 
große Mehrzahl der Erblindungen rührt her von der Augen -Entzündung 
der Neugeborenen oder von der granulösen. Ich habe im Vorübergehen 
alle Blinde untersucht; unter mehr als 300 habe ich nur drei bis vier 
Fälle von Amaurose (durch Leiden der inneren Theile des Auges) vor- 
gefunden. . 

Ich will nicht unerwähnt lassen, daß mein Freund Carreras y Arago 
aus Barcelona, der, unmittelbar nachdem diese Mittheilung gedruckt 
war, mich in Berlin besuchte, die Angaben Camüset's für übertrieben 
erklärte. 

Camlset schildert des weiteren die Gründung der ersten Augenklinik, 
die Cervera 1 852 zu Madrid bewerkstelligt hat, und der andren, zu Barce- 
lona unter Carreras, zu Valencia unter Armet, zu Sevilla unter Ghiralt, 
zu Cadiz unter Toro ; namentlich auch der prachtvollen, welche dem König 
Amadeo und seiner Gemahlin zu verdanken war, und die unter Leitung 
von Delgado de Jügo stand. Er rühmt endlich mit Stolz, daß alle spa- 
nischen Augenärzte in Paris gebildet seien. 

Das war wohl damals schon nicht ganz richtig und gilt heute erst 
recht nicht mehr. Ich habe in der Sitzung der medizinischen Akademie 
zu Barcelona, die mir zu Ehren veranstaltet wurde, sowie in Madrid mehrere 
in Deutschland gebildete Augenärzte und einige Schüler von mir selber 
angetroffen. 

lj Leider habe ich in meiner vorher erwähnten Arbeit nichts über den Ver- 
fasser und den Druckort des Buches mitgetheilt. 

Handbuch der Angenheilknnde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXIII. Kap. 21 



322 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

Leider hat die Pflege der Augenheilkunde in der letzten Zeit nicht 
diejenigen Fortschritte in Spanien gemacht, die wir wünschen und er- 
warten sollten. Cervera ist Politiker, Carreras und Chiralt haben sich 
von der Praxis zurückgezogen, Delgado ist gestorben; die prachtvolle 
Klinik des Königs Amadeo ist nach dessen Rücktritt in Schwierigkeiten 
gerathen. Es giebt keinen Professor der Augenheilkunde in Spanien, keine 
staatliche oder gemeindliche Augen-Heilanstalt ; nur Abtheilungen für Augen- 
kranke in den öffentlichen Krankenhäusern und kleine Privat- Augenheil- 
anstalten. Es giebt keine spanische Vereinigung der Augenärzte, obwohl 
mein Freund Dr. Menacho in Barcelona verschiedene Versuche gemacht 
hat, eine solche zu gründen. Der Unterricht in der Augenheilkunde liegt 
völlig darnieder. Sogar in Madrid wird weiter nichts geboten, als dif 
Möglichkeit eines ergänzenden Kursus in der Augenheilkunde'). 

Hoffen wir eine Besserung von der binnen zwei .Jahren zu er- 
wartenden Fertigstellung der überaus prächtigen und geräumigen medi- 
zinischen Fakultät zu Barcelona, die mir im Rohbau gezeigt wurde 
von dem Herrn Dekan Dr. E. Bertran Rübio, der seit 40 Jahren an der 
Regeneration des medizinischen Unterrichts in Spanien mit Einsetzung aller 
seiner Kräfte arbeitet, mit der Übersetzung von Virchow's Cellularpathologie 
begonnen hat und jetzt eine Einrichtung fertig stellt, in der jede Art 
von klinischer, anatomischer, experimenteller Unterweisung ge- 
währleistet ist, während in der alten medizinischen Fakultät zwar ein 
sehr malerisches Theater für Anatomie besteht, aber der Unterricht 
vielfach nur durch Modelle und Zeichnungen geleistet wird, trotz der 
schönen Präparate aus älterer Zeit und der Büste des würdigen Gimbernat. 

Wenn ich nunmehr zu meinen eigenen Reise-Beobachtungen 
übergehe, so muß ich zunächst hervorheben, daß Camusbt einiges Recht hat 
zu behaupten, daß in Spanien die Straßen von blinden Bettlern wimmeln. 
Die nördlichen baskischen Provinzen, die als besser gerühmt werden, 
habe ich allerdings nicht kennen gelernt. Aber schon in Madrid ist es 
recht arg und wird immer ärger, je weiter man nach Süden kommt. Im 
schönen Andalusien ist es nur noch wenig besser, als an der Nordküste 
von Afrika, z. B. in Tanger oder Tunis; allerdings sichtlich besser, als in 
Ägypten, das ja den Höhepunkt der Blinden-Ziffer erreicht, wenigstens 
nach dem, was ich bisher in vier Erdtheilen zu sehen Gelegenheit fand. 

Schon in Madrid sah ich eine Musik-Bande von neun erwachsenen 
Blinden durch die Straßen ziehen; acht von ihnen hatten geschrumpfte 
Augäpfel, einer litt an Amaurose. 



I) Guia redactada con occassiön del XI. congreso internacional de Hygiene 
y Demografia, Madrid ^898, S. 211. Facultad de Medicina de Madrid ... Este 
programa de estudios autoriza igualmente cursos complementarios con caräcter 
oficial de Sifilografia, de Dermatologia, de Oftalmologia. 



Die Blindheit in Spanien. 323 

Aber hier ist eine Thatsache anzuführen, daß nämlich die Behörden 
überaus nachsichtig gegen die Bettler sind und ihnen erlauben, ihr Gewerbe 
frei auszuüben, ohne Beschränkung der Freizügigkeit. So strömen in die 
Städte die blinden Bettler der Umgegend zusammen, wenn auch nicht an- 
zunehmen ist , daß sie sehr weite Reisen unternehmen, rmmerhin kann 
man aus der einfachen Beobachtung die Zahl der Blinden überschätzen. 

Was die Ursache der Blindheit anbetrifft, so findet man verhältniß- 
mäßig häutiü vollständige Schrumpfung beider Augäpfel. Nirgends in der 
Welt habe ich mehr so stark verkleinerte Augäpfel gesehen. 

Vielleicht liegt dies in einer Besonderheit der Volks -Heilkunde oder 
.Unheilkunde, die mir verborgen blieb. Die Hauptursachen sind Eiterung 
der Neugeborenen, ägyptische Augen- Entzündung und Pocken. Die letzteren 
bildeten ja im vorigen Jahrhundert eine Hauptquelle der Erblindung in 
ganz Europa; in diesem Jahrhundert und gegen die Wende desselben 
findet man diese Ursache hauptsächlich nur noch im Osten und im Süden 
unsre.'« Erdtheils. 

Ferner muß ich bestätigen, daß man zahlreiche gut gekleidete Menschen 
in Spanien sieht, die auf beiden oder auf einem Auge in Folge äußerer Ent- 
zündung erblindet sind. Das zeigt sich auf jedem Paseo. Das zeigte .•^ich 
sogar in den Haupt Sitzungen des Kongresses. 

Blinde findet man, wo man sie am wenigsten sucht. Auf dem herr- 
liihen Wacht-Thurni zu Cadiz, wo die unbeschränkte Aussicht uns am ehesten 
das Hohelied des Scharfsehens aus Goelhe's Faust ins Gedächtniß ruft'), 
fand ich einen nahezu blinden, körnerkranken Thürmer^), der auf meine 
Fragen nichts zu erwidern halte, als daß man Geduld üben müsse. 

Vergleicht man nun mit diesem allgemeinen Eindruck die Ziffern 
der Blindenzählung, daß in Deutschland, Frankreich, England etwa acht 
bis neun Blinde auf 10 000 Einwohner kommen, in Spanien H ^); so kann 
man nicht umhin, die für Spanien ermittelte Zahl als unverläßlich zu be- 
zeichnen. Sie entstammt der Volkszählung von 1860. Auch die späteren 
Zählungen scheinen mir noch nicht vollständig gewesen zu sein. Nach der 
Zusammenstellung von Gorr.vdi, die Prof. Cohn in seinem vortrefllichen Werk 
über Hygiene des Auges'*) wiedergiebt, kommen in Frankreich, Deutschland, 
England 5) 84, 85, 88 Blinde auf 100 000 Einwohner, in Spanien 148, im 
europäischen Rußland 210. 



1) II. Theil, 5. Act, 4. Scene. 

2) Zum Signalisiren der Schiffe muß natürlich ein Andrer angestellt sein. 

3) Prof. V. Mayr, Die Verbreitung der Blindheit u. s. w., München 1877; Bhnden- 
statistik von Prof. Cohn, Eulenburg's Real-Encyclopädie. -2. Aufl., III, 139. 

4) Wien 1892, S. 758. 

5) Außer Irland, das 120 zählt. 

21* 



324 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

Sehr interessant und für unsre Zwecke wichtig ist das 1881 erschienene 
Werk von Carreras y Aragö über die Bhndheit in Spanien i), von dem das 
C. Bl. f. A. 1881, S. 499 — 501, einen vollständigen Auszug liefert. Carreras 
stützte sich auf die erwähnte Volkszählung von 1860, welche 11,09 Blinde 
auf 10 000 Einwohner ergab. Im Süden von Spanien ist das Mittel 14,78; 
im Norden 9,06. Bezüglich der Blindheits- Ursachen findet Carreras an 
seinem eignen Beobachtungsmaterial auf 1000 Fälle von Augenerblindung 
56 Augen-Eiterung der Neugeborenen, 91 Trachom, 43 Pocken, 96 Glau- 
kom, 241 Sehnerven-Leiden. (Trachom und Pocken spielen in meiner eignen 
Statistik [aus Berlin] eine sehr geringe Rolle.) 

Zum Schluß betont Carreras die Nothwendigkeit, 1 . den Unterricht in 
der Augenheilkunde obligatorisch zu machen; 2. den Elementar -Unterricht 
zu heben; 3. Blinden-Asyle zu gründen; 4. vier Inspektoren für die vier 
Hauptbezirke Spaniens zu ernennen, welche den Ursachen der Blindheit und 
den Mitteln ihrer Abhilfe nachzuforschen hätten. Die Forderungen des un- 
ermüdlichen, menschenfreundlichen Arztes sind noch bis heute fromme 
Wünsche geblieben. 

Bezüglich der einen so wichtigen Erblindungs-Ursache, der Xcv- 
breitung der Kürnerkrankheit in Spanien, verdanke ich die folgenden stati- 
stischen Mittheilungen meinen Freunden Carreras y Aragö (1) und Menacho [2) 
in Barcelona und Osio (3) in Madrid, welche mir ihre eignen Zahlen und 
die der hauptsächlichsten Augenärzte Spaniens gesammelt haben. 

I. Im Norden von Spanien ist die Krankheit gering oder mittelstark'-^): 
San Sebastian (Dr. Usierez, 2) 12%o. Bilbao (Dr. Somonte, 2) Klinik 96,5, 
Privat 32, zusammen 64,47 o oo- 

II. In den mittleren Provinzen ist meist mittelstarke Erkrankung zu 
finden: In der (650 m ü. M. gelegenen) Hauptstadt Madrid (Dr. Pena, 2) 
50 %o- Madrid (Dr. Osio, 3) 80 "/oo- 

Dagegen hatte in Valladolid (in der Ebene am Pisuerga und Kanal 
von Castilien 679 m ü. M. gelegen!) Dr. Alvarado (3) nicht weniger als 
266,5 %0) sogar in der Privatsprechstunde 183,1 %o- Er schätzt das 
Trachom in Lugo und Orense auf 200 %0) i" Burgos, Palencia, Logrono 
und Leon auf 60 — 80 %o- 

III. In den östlichen, am Mittelmeer gelegenen Provinzen herrscht 
starke Erkrankung vor: Barcelona (Dr. Menacho, 2) Klinik 101,8%o> Privat- 
sprechstunde 32,8, zusammen 67,3^00- Barcelona Dr. Carreras y Aragö, 
1 und 2) 1 1 9,8 o/oo- Barcelona (Dr. Baraquer) 1 20 o/oo- Castellon de la 



4) La ceguera en Espana, Barcelona 4 881. 

2) Vgl. meine Arbeit in der Deutschen med. Wochenschrift 1897, No. 27: 
Trachomfrei ^ 20/oo (2 Trachomfälle auf 1000 Augenkranke), leicht behaftet 10 bis 
» 50/00, mittlere Erkrankung SOO/qq, starke Erkrankung IOOO/qo, 2000/00 u. m. 



Die Körnerkrankheit. 325 

Plana Dr. FoRfes, 2) 200,0 o/oo- Valencia (Dr. Blanco, 2) Klinik 333,8 %o, 
I Privatsprechstunde 125''/oo; zusammen 229,9 %o- Valencia (Dr. Aüuiler, 2) 
I Klinik 266,5 %o» Privatsprechstunde 183,1 o/oo; zusammen 238,8 ^qq. 

Die Zunahme nach dem Süden zu ist deutlich. Die südlichen 
! Bezirke waren auch länger unter arabischer Herrschaft. 

IV. In den südlichen Provinzen herrscht wohl fast durchgehends starke 
I Erkrankung, doch habe ich bisher nur zwei Zahlen erlangen können: Gadiz 
iDr. ToRO, 3) 90 %o- Sevilla iDr. Chiralt, 3) l02,5%o- 

Die Zahlen sind immerhin beträchtlich geringer, als die von Valencia. 
Dr. Chiralt^) betont, daß in der armen Bevölkerung von Sevilla die Krank- 
heit durch augenärztliches Wirken verringert sei, daß aber in die Minen- 
Provinz Iluelva immer neue Trachom-Familien eindringen, aus den ärmsten 
Gegenden von Spanien und Portugal. 

Die genaueste Statistik besitze ich von Carreras y Arac;»,') (1). 
1875 hatte Barcelona 216 000 Einwohner. Unter 2459 Kranken seiner 
Poliklinik waren 273 Fälle von Trachom, und zwar 28 akute und 248 chro- 
nische; das giebt 11 6,60 %o. 1876 hatte Barcelona 237 (»00 Einwohner. 
Unter 2443 Kranken seiner Poliklinik waren 311 mit Trachom, und zwar 
33 akute und 281 chronische; das giebt 128 0ojj. 

Unter 395 Fällen von Erblindungen hatte das Trachom die Erblindung 
von 36 Augen verursacht. Männer 12; 5 rechts, 7 beide Augen; zusammen 
19 Augen. Frauen 1 1 ; 3 rechts, 2 links, 6 beide Augen; zusammen 17 Augen. 
Unter 1000 blinden Augen hatte das Trachom 91 mal die Erblindung ver- 
iirsacht! 

Zum Schluß dieser Statistik erwähne ich noch, daß Prof. da Gama 
Pinto in Lissabon 1891 auf 1000 Augenkranke 120 Fälle von Trachom 
beobachtete. 

§ 965. Die Jahres-Berichte über die ophthalmologische 
Literatur Spaniens, 
die ich, mit Hilfe meines Freundes Dr. D. Luis Carreras v Aragö, in meinem 
C. Bl. f. A., von seinem ersten Beginn an, veröffentlicht habe, können uns 
ein Bild von dem wissenschaftlichen Leben gewähren, das auf unsrem 
Gebiet während des letzten Viertels vom 19. Jahrhundert in Spanien ge- 
herrscht hat. 

I. 1877 2). Thränensackieiden. Del Toro hatte bei Ätzung mit 
salpetersaurem Uuecksilber-Oxyd 90 % Heilungen, Creus wendet Jod-Ein- 
spritzung an. Del Toro übt die Star-Ausziehung in der Kapsel bei modi- 

\) Revista de med. y cir. pract. XIV, 330 (Marzo 1890, S. 284). 
2) C. Bl. f. A. \ 878, S. 1 5 f. U. 63 f. 



326 XXIII. Hirschberg, Spanische Augenärzte im neunzehnten Jahrhundert. 

ficirtem Linear-Schnitt. Aus der Statistik der Augenklinik von Gaureras 

Y Aragö erfahren wir, daß durch den KarHsten- Krieg einige Ortschaften, 
die bis dahin ganz frei gewesen, mit Trachom angesteckt worden sind. 

Del Toro, Peripherische Adhärenzen der Iris. Santos Fernanües, über 
Augengeschwülste. Roldan, Gesichts- Lähmung mit Hornhaut-Entzündung. 
DoMiNGüEZ Medero, Gliosarkom bei 4]., mit Sarkom der Thränen- Drüse. 
DiAZ RocAFüLL, Cholestearin in der Linse, nach der Zerstückelung. Lopez 
DiAz, Jod-Einspritzungen in den Thränenschlauch. Garreras y Aragö, Meter- 
Linsen. Del ToRO, Balg-Geschwulst der Hornhaut. Garreras y Aragö, Irid- 
ektomie bei Glaukoma. »Ehre und unsterblichen Ruhm A. v. Graefe für 
seine Entdeckung.« 

H. 1879^). Tratado de las enfermedades de los ojos . , . per el 
Dr. D. Gayetako del Toro y (Jüartilliers. (Vgl. 962.) Monographie über 
die Entzündung der Hornhaut, von Dr. Julian Lopez Ocaxa. Vf. legt 
großen Werth auf Allgemein -Behandlung und verwendet Chrysophan- 
Säure (0,15 auf Gummi 6, destill. Wasser 15,) zur Einträufelung bei pannöser 
Hornhaut-Entzündung, wenn der Reiz-Zustand nicht zu heftig. Angeborene 
Amaurose, spontan geheilt beim Auftreten der ersten Menstruation, von 
Dr. Santos Fkrnaxdes'-. Bericht über die Augenklinik, von Dr. Albitos, 
Madrid 1879. Metrisch-decimale Schriftproben, von Garreras y Arago, 
Hyperästhesie der Netzhaut, besonders nach der Sonnen -Finsterniß 
vom 29. Juni 1879, von Dr. Santos Fernandes. 

III. 18803). Angeborene Amblyopie durch rudimentären Zustand 
beider Papillen, von Dr. Santos Fernandes. Hypermetropie, von Dr. Garreras 

Y Aracüi. Ghinin als antiseptisches Mittel in der Augen-Ghirurgie (innerlich 
und äußerlich), von Dr. Lopez Ocaxa. Augenleiden bei Pellagra, von Dr. Fer- 
RADAS in Madrid. (Im 3. Stadium tritt Phlegmone der Augen auf.) Die 
Septicämie des Auges, von Dr. def, Toro. 

IV. 1881^). Über Kauterisation, von Dr. del Toro. Amaurose nach 
Verletzung der Periorbital-Gegend, von Dr. Santos Fernandes. (Es ist Gehirn- 
Verletzung^*.) Amaurose durch Hysterie, von Dr. Mas. Pilocarpin, von 
Dr. Garreras y Aragö. Brennung des Hornhaut-Kegels, von Dr. del Toro. 
Eserin bei Hornhaut-Geschwüren, von Dr. Ghiralt. Erfolgreiche Ausziehung 
eines Zündhut -Splitters aus der Linse, von Dr. Garreras y Aragö. Mono- 
graphie über die Krankheiten der Thränen -Wege, von Dr. Lopez Ocaxa, 
Madrid 1881. (Auch er ätzt mit salpetersaurem Ouecksilber.) 



1) C. El. f. A. 4 879, S. 336 f. 
2 Ebendas. S. 338. 

3) C. Bl. f. A. 4880, S. 381 f. 

4) Ebendas., 1881, S. 339 f. 

5) Vgl. unsren § 506. 



Jahresberichte. Rückschau. 327 

§ U6(). Rückschau. 

Das entsagungsvolle Urtheil über die spanischen Beiträge zur augen- 
ärzllichen Wissenschaft, das Dr. Cervera 1857 ausgesprochen, ist zwanzig 
Jahre später durch die fortschreitende Entwicklung außer Kraft gesetzt 
worden. 

Die Ausbildung der Praxis, besonders auch der operativen, ist der 
Bevölkerung zu Gute gekommen, obwohl noch viel zu thun übrig bleibt, 
da die ausübenden Ärzte noch öfters über Gleichgültigkeit und Nachlässig- 
keit der Augenleidenden klagen. Die wissenschaftlichen Arbeiten haben 
hauptsächlich örtliche Wichtigkeit, für Spanien selber; einige aber erheben 
sich schon zu allgemeinerer Bedeutung für die Welt-Literatur. Ein brauch- 
bares, nationales Lehrbuch der Augenheilkunde wird von Dr. del Toro 
geschaffen. 

Die im Anfang des 2ti. Jahrhunderts begründeten Archive und Pro- 
fessuren der Augenheilkunde an den Universitäten sind sowohl Zeichen, 
als auch Hebel des Fortschritts. 



I 



Anliaug. 

Die außer- europäischen Länder spanischer Zunge, 
^das lateinische Amerika^) . 

Mit < Figur im Text. 

§ 907. 1. Kuba. 
Die herrliche Colunibus- Säule im Hafen von Baicelona^) lenkt unsren 
Blick nach Kuba, der Perle der Antillen. 

In der Habana, der Hauptstadt der Insel, haben vier Männer während 
des neunzehnten Jahrhunderts Bemerkenswerthes in der Augenheilkunde 
geleistet: 

I. Der Savoyarde Carron du Villards^). 

II. Don Jose Maria Gonzales v Morilla, Verfasser einer zweibän- 
digen Monografia oftalmica'*). 

III. Dr. MoRiLLAS, Militär-Arzt in der Habana, Verfasser von Tra- 
tado iconologico di oftalmologia. 

IV. Dr. Juan Santos Fern.\ndes, Schüler von Galezowski, ein un- 
ermüdlicher Arbeiter, Mitbegründer der Archivos de oftal- 
mologia Hispano-Americanos, sowie der Annales de 
Oftalmologia^). 

Sehr tüchtig ist sein klinischer Bericht: 

i; Spanisch wird gesprochen, — außer in Spanien mit 18 Millionen Ein- 
wohnern, — in Mexiko, Central- und Süd-Amerika von 20 Millionen. 

2) Wenige Wochen, nachdem ich dort geweilt, erfolgte die Kriegs-Erklärung 
Spaniens an die Vereinigten Staaten. (23. April 1898.) Spanien verlor seine letzte 
Kolonie in Amerika. Am 20. Mai 1902 hat der erste Präsident der Republik Kuba 
sein Amt angetreten. Bevölkerung von Kuba: (im Jahre 1836) 730 000; (1912) 
2 473 600. Einwohner-Zahl der Hauptstadt Habana: (1836) 170 000; (1912; 320 000. 

3) Vgl. § 568, sowie den Nachruf in den A. d'O. CI, S. 10, 1889. 

4) § 949. 

5) § 961. 



330 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder spanischer Zunge. 

Clinica de enfermedados de los Ojos por el Dr. J. Santos FernÄxdes, 
membro numerario de la Real Acad. de ciencias medicas de la Habana, 
publicado por el Dr. D. Domingo Madan, ex-ayudante, y el Dr. D. Enrique 
AcosTA, ayudante actual. Habana 1887. (S", 455 S.) 

Aus dem reichen Inhalt erwähne ich die folgenden Kapitel : 

Sehstörung bei gelbem Fieber^), Antisepsie. Anästhesie. Tetanos 
bei Augen -Verletzungen. Star-Operation. Augen-Verletzungen. Jequirity, 
Bienorrhöe. Inokulation. 

Sehstörung bei Sumpf-Fieber. Ptosis. Parasiten in den Wimpern. 
Gliom. Enukleation. Flügelfell. Cocain. Ophthalmologische Anthropologie. 
(Refraktion von Indianern und Negern.) 

Seltenheit der Tabaks-Amblyopie in der Ilabana. Thränen- 
Absonderung, Vergleichende Ophthalmologie, Augenkrankheiten bei Thieren. 
Star- und Glaukom-Operation. 

Augen-Eiterung der Neugeborenen in der Ilabana. 

Auf allen Gebieten der Augenheilkunde hat S. F. Wichtiges geleistet; 
und namentlich auch die Kenntniß »der Augenkrankheiten in den 
tropischen Ländern« (1903)2' gefördert. 

Für Norris und Oliver's System of diseases of the eye (1900) hat er 
ein wichtiges Kapitel bearbeitet, »die Augen -Störungen durch Influenza. 
Dysenterie, Cholera, Malaria, Dengue und Gelb -Fieber «3). 

In der 14. Jahres- Sitzung der Academy of Ophthalmology N. Y. 
Okt. 19 09;*' hielt Dr. .Juan Santos Fernandes einen Vortrag über einige 
augenärztliche Beobachtungen, die ihm seine 35jährige Praxis in Kuba ge- 
liefert hat. Augenkrankheiten sind dort nicht heftiger, sondern milder, als 
in gemäßigten Klimaten. Augen-Erkrankungen durch AUgemein-Störungen 
hängen hauptsächlich von Anämie ab. Sonst besteht kein Unterschied in 
der Entwicklung von Augenkrankheiten gegenüber den milderen Klimaten. 
Syphilis verläuft 'in Kuba meist milde. 

Zusatz. 

Die Univers i da d de la Hab an a wurde 1721 von den Mönchen des 
Dominikaner-Klosters San Juan de Leträn begründet, 1842 verstaatlicht; und ent- 



4) Vgl. J. Santos Fernandes, Über Erblindung beim gelben Fieber. A. f. A. 
Xn. S. 92 — 96, und Revue generale d'Opht. 1891, S. 352. 

2) Internat, med. Kongreß zu Madrid. Clinique opht. 1903, S. 170; Münchener 
med. W. 1903, S. 878. 

3) Ich selber habe mit Don Juan Santos Fernandes seit Jahrzehnten gute 
Beziehungen unterhalten. Im Jahre 1907 hat er über den Katalog meiner Bücher- 
Sammlung eine Mittheilung veröffentlicht. Sein Assistent Dr. Francisco Maria Fer- 
nandes hat über seine wissenschaftliche Reise nach New York und durch Europa 
ausführhchen Bericht erstattet. (Correspondencias scientificas, 64 S.) 

4) Ophthalmie Record 1909, S. 51 ö. 



Kuba. Mexico. 331 

hält eine Escuela de medicina, die nach 5 jährigem Studium 4fn Doctor en 
mediciua verleiht '). 

i[)\i wird als Professor, der Augenheilkunde Carlos Fixlay y Shine genannt -). 

§ 968. 2. Von Mexico ^'j 
ist mehr /u melden: 

Daniel M. Vfir.Ez und Manuel Urihe Troncoso, beide aus Mexico, zeich- 
nen ah Herausgeber der Annales de Oftalmologia 1898. (§ 962.) 

Die beiden genannten nebst Dr. Chavez bilden 1 903 den Organisations- 
Ausschuß (Comision de organizacion) der augenärztlichen Gesellschaft von 
Mexico (Societad oft. Mexicana), wie im Jan. -Heft 1003 der genannten 
Annales zu lesen. 

Vor mir liegen: 

1) Memorias de la primera reunion anual de Soc. oft. 
Mexicana, veriücada en la ciudad de Mexico dal 27 al 31 de 
Mayo de 1903. (Mexico 1903, 232 S.) — Ferner 

2) Memorias de la secunda reunion ... del 2 al 6 de Mayo 
1905. (M. 1906, 204 S.) 

In 1. (S. 9 — 1ö) giebt der Vorsitzende, Dr. L. Cha>ez, einen Bericht 
über die Augenheilkunde in Mexico: 

Nach dem Zeugniß eines deutschen Jesuiten wurde im 1 8. Jahrhundert 
die N'iederdrückung des Stars mit Geschick in Mexico verrichtet, im 
19. Jahrhundert, nach der Erlangung der Unabhängigkeit, wirkte Dr. Miquel 
MuNGz, welcher in Mexico die erste Star-Ausziehung verrichtete. Dr. Josfi 
Maria V£rtiz, der die erste (auf Grund eines Vermächtnisses errichtete 
Augenklinik verwaltete, hat stets die Ausziehung geübt, — trotz der An- 
griffe, welche gegen ihn 1852 Garron di Villards*), entschiedener Anhänger 
der Niederdrückung, gerichtet hat. 

Im Jahre 1856 brachte Dr. D. iManuel Carmona y Valle den Augen- 
spiegel aus Europa und verbreitete auch die Forschungen eines A. v. Graefe 
und DoNDERS in Mexico. In der Augen -Abtheilung des Jesus-Hospitals 
gründete er eine wirkliche Schule der Augenärzte, aus der die Dok- 
toren D. Jos£ Maria Bandera, D. Ricardo VfiRiiz u. A. hervorgegangen 
sind. R. VfeRTiz gab seine große Allgemein-Praxis auf, widmete sich aus- 

ij Minerva 1911, I, öl 8. 
21 Minerva II, S. 309. 

3) 1319 von den Spaniern, unter Cortez, in Besitz genommen; seit 1823 bundes- 
staatliche Republik. Im Jahre 1912 betrug die Einwohnerzahl der Republik 15 Mil- 
lionen, die der gleichnamigen Hauptstadt 471 000. 

Minerva (I, S. 316) bringt nur die folgenden Worte : »Universitäten in Gua- 
dalajara und Merida; escuela de medicina in Mexiko«. 

4) Vgl. § 583. 



332 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder spanischer Zunge. 

schließlich der Augenheilkunde und ist als der erste wirkliche Augen- 
arzt in Mexico zu bezeichnen. Ihm ist die Gründung der Augenklinik 
(1 883) und eines Augen-Krankenhauses (1 886) zu verdanken. Er entfaltete 
eine reiche Lehrthätigkeit. 

Im Jahre 1888 erlangte er von der Regierung die Schaffung einer 
Professur der Augenheilkunde in der Medizin-Schule, wurde selber 
für dieses Amt ausersehen, starb aber in dem nämlichen Jahre. Im fol- 
genden wurde D. Jost Ramos zum Professor ernannt. Die Augen-Heil- 
anstalt ging nach dem Tode von V£rtiz ein, wurde aber neu begründet, 
Oktober i 898, im Hospital de Nuestra Senora de la Luz, auf Grund neuer 
Vermächtnisse. 

Durch die private Klinik von V£rtiz und die amtliche von Ramos 
wurde der Unterricht in der Augenheilkunde erleichtert, die Liebe zum 
Fach gestärkt. Die Zahl der Augenärzte wuchs so an, daß 1893 die Ge- 
sellschaft, Sociedad de Oftalmologia, gegründet werden konnte. 

Vier Jahre hintereinander hielt sie ihre Sitzungen. Dann kam eine 
Unterbrechung, hierauf eine neue Sitzung 1901, welcher Dr. Galezowski aus 
Paris beiwohnte. 

Mit der Gründung der Annales de Oftalmologia (1898) sind die 
Arbeiten der Gesellschaft auch im Auslande bekannt geworden. 

Jetzt zählt die Gesellschaft 30 Mitglieder in der Republik und 6 Auswärtige. 

Unter den Arbeiten, welche in 1 veröffentlicht sind, nenne ich die folgen- 
den: Ersatz-Operationen der Enukleation (Dr. Fernando Lopez). Verbrennuni: 
des Auges mit Potasche und traumatische KurzsichtigReit (Dr. Antonio Alonso, 
San Luis Potosi). Flügelfell (Dr. P. de Obbario^', San Salvador, Central-Anierika). 
Über Schriftskalen, Farben der Signal-Lichter. — Dr. Uriue Troncoso : Über 
Skiaskopie, über Verbesserung des Javal'schen Ophthalmometers, über die Zu- 
sammensetzung des Kammerwassers bei Greisen-Star. Dr. Rafael Silva : Über 
optische, über operative Behandlung der Myopie. 

Aus 2. erwähne ich nur die Mitlheilungen von Dr. Josfi Ramos (I) und 
Dr. M. P. Colmenores (II) (Orizaba): »Über die eitrige Augen-Entzündung als 
Erblinduugs-Ursache in Mexico« 2). Die Blindenziffer für Mexico ist 10: 10000 
(15 im Staat Aguascalientes; 7,8 in Mexico); 49<*/'q der Insassen des Blinden- 
Asjls haben durch Augen-Eiterung der Neugeborenen die Sehkraft verloren. 
Eine Kommission muß geschaffen werden, um Besserung zu erzielen. 

Der erste Professor der Augenheilkunde in Mexico, 

Dr. Josfi Ramos (1858—1909)3). 

Geboren im August 1 858 zu San Luis Potosi, hatte J. R. große Schwierigkeiten 

zu überwinden, studirte Heilkunde von 1876 — 1881, wurde sofort Lehrer 



1) Derselbe hat in Berhn gearbeitet, auch bei mir. 

•2) Weder in Nagel's Jahrbuch, noch in E. Jackson's Jahrbuch, noch im 
C. Bl. f. A. 1906, angedeutet. 

3) Anal, de oftalm. IX, 9. März 1909. (Emilio F. Montano.) C. Bl. f. A. 1 909, S. -l 85. 



Mexico. R. Vörtiz. Jose Ramos. 



333 



Pathologie 
die er bis 



der Physik und Geographie an dem wissenschaftlichen Institut von Toluca, 
konnte eine Reise nach Europa unternehmen und studirte zu Paris unter 
Jaccoid, Panas und Galezowski. Bei dem letzteren gewann er die Stelle 
eines Assistenten. 

Heimgekehrt, erhielt er zuerst die Professur der inneren Pathologie, 
übernahm auch die Vertretung von Dr. Ricardo VrcRTiz und bekam nach 
dessen Tode (1889) die Professur der Augenheilkunde, die er 9 Jahre lang 
ruhmreich verwaltete; dann wurde 
er durch besondere Umstände ge- 
nöthigt, diese Stellung zu verlassen 
und die Professur der 
wieder zu übernehmen, 
zu seinem Tode leitete. 

(893 wurde erbei der Gründung 
der augenärztlichen Gesellschaft zum 
Vorsitzenden gewählt. Wiederholt 
hat er Mexico amtlich vertreten auf 
Kongressen, z. B. 1890 in Berlin, 
woselbst er, als erster, über die 
Häufigkeit von Refraktions-Fehlcrn 
in Mexico Bericht erstattete i). (Un- 
ter den Eingeborenen von Mexico 
fehlt die Kurzsichtigkeit fast voll- 
ständig; unter den Mischlingen 
kommt sie vor, aber nicht in dem 
Betrage, wie unter den dort leben- 
den Europäern.) Auf einer seiner 
Reisen nach den Vereinigten Staaten 

wurde er zum Ehren-Doktor der Universität Havard gewählt und kurz 
vor seinem Tode zum Vorsitzenden des Instituto Medico Nacional 
ernannt. 

Seinen ärztlichen Beruf hat er verwaltet, wie ein Priesterthum. Über- 
anstrengung hat seinen vorzeitigen Tod herbeigeführt. 

Seine Dissertation behandelt »Die Augen-Erscheinungen bei der Diagnose 
von Nervenkrankheiten « . 

Die Erscheinungen des Cysticercus im Augen-Innern hat er, als erster in 
seinem Lande, 1889 beschrieben. 

Er schrieb über nervöse Erblindung, über Astigmatismus. 

Er schuf einen Apparat zur Messung des Lichtsinns und decimale Schrift- 
tafeln, nach dem psychophysischen Gesetz von Fechner. 




Dr. Jose Ramos. 



1) Vgl. C. Bl. f. A. 1890, S. 228. 



334 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder spanischer Zunge. 



Uribe Troncoso 

hat sich hauptsächhch bekannt gemacht durch seine experimentellen Arbeiten 
über die Filtration salzhaltiger und albuminöser Flüssigkeiten durch die Vorder- 
kammer und ihre Wirksamkeit in der Entstehung des Glaukoms (A. d'Oc. 
CXXXIII, 3, 1905: ferner CXXXIV, S. 250, GXXXVII, S. 132, 1907) D. 

Wir haben von ihm auch Versuche über den intraokularen Dinick in 
Mexico. (La clinique ophtb. VII, No. 20, 1901.) Die Stadt M. liegt 2265 m 
über dem Meer (Barometer-Druck 58 cm\ Der Blutdruck ist daselbst = I 5 cm 
gegen 1 9 cm in Paris. Der Augendruck beim Kaninchen = 2 1 mm Queck- 
silbei*, gegen 25 bis 26 in Heidelberg (Th. Leber). 

Diese Arbeit ist nirgends referirt und auch in unsrem Handbuch (a. a. U. 
nicht angeführt. 

Ferner schrieb U. T. >Über Pathogenie des Glaukoms«. (A. d'Oc. CXXVI, 
S. 401 — 454. Das systematisch allen Glaukom- Augen entnommene Kammer- 
wasser ergab verhältnißmäßig große Mengen Eiweiß.) 

Endlich »Zur Schul -Hygiene«. (Annales de oftalmologia, Jan. 1901.) 

§ 909. 3. Venezuela 

besitzt in Caracas eine Central-Universität, welcbe 1721 begründet, 1825 er- 
öffnet wurde. Aus Venezuela stammten Delgado Jugo (§ 951) und Osio (§ 955), 
die beide zu Madrid ihren Wirkungskreis gefunden haben. 

4. Über Demicheri in Montevideo vgl. § 961. 

5. In Uruguay 

besteht die Universität zu Montevideo seit 18 49, die medizinische Fakultät seit 
1876 2). Für 1911 wird als Leiter der ophthahnologischen Klinik genannt., 
Alberto Vasquez Barriere. J 

6. In Argentinien 3) 1 

wurde die Universität zu Buenos Aires 1621 eingeweiht. Die medizinische 
Fakultät hat siebenjährigen Kursus. Leiter der ophthalmologischen Klinik ist 
Pedro Lagleyze (1911). Die Universität zu Cordoba, 1613 vom Bischof be- 
gründet, wurde 185 4 unter den Schutz der Nation gestellt, 1878 die medi- 
zinische Fakultät eingerichtet. Ophthalmologie lehrt Manuel Vidal Pena (191 1), 
(Die Universität von la Plata besitzt keine medizinische Fakultät.) .■ 

Im Jahre 1906 erschien: Clinica ophthalmolögica*), Servicio del Professor 
P. Lagleyze. Jefe de clinica, A. Nocetti, Jefe del Laboratorio, E. B. Demaria. 
Buenos Ayres 1906. (72 und 15 S.) 

1) In unsrem Handbuch (2., II. Th. Leber, 1903) natürlich noch nicht er- 
wähnt. Gewiß aber in der dritten Auflage, die demnächst erscheinen wird. 

2) Minerva I, S. 332, 1911. 

3) Minerva I, S. 521 fgd., 1911. 

4) Kurz angezeigt im C. Bl. f. A. 1907, S. 110. 



Venezuela. Uruguay. Argentinien. Peru. Chile. 335 

Sehr benierkenswerth, sowohl durch die Statistik als auch durch seltene 
Fälle (Sehnerven-Geschwulst, Hydatiden der Orbita), sowie durch zwei Abhand- 
lungen: <) Über das Auge der Albinos; 2) Über Influenza-Conjunctivitis. 

Erwähnung verdient das folgende Werk: Dr. Pierre Lagleyze, Prof. d'Opht. 
ä l'Univorsite de Buenos Avres, President de TAcademie de Medecine etc. Du 
Strabisme, Recherches etiologiques, Pathogenie, Mecanisme du traitement. 
Paris 1913. (409 S.)!'. 

hn Jahre 1914 erhielt ich Boletin de la Sociedad de Oftalmologia 
de Buenos Aires (Anno I, Nüin. 1, Enero de 1914)2). 

Unter den 3 1 Mitgliedern der neuen augenärztlichen Gesellschaft 
konnte ich drei gute Bekannte begrüßen (Demaiu'a, Lagleyze, Wernicke). Die 
wissenschaftlichen Mitthe ilungen dieses ersten Berichtes sind die folgenden : 
Myiasis palpebrae: Prof. Dr. P. Lagleyze. Leontiasis ossea: Prof. Dr. P. La- 
GLEVZK. Iritis especilica y Tabes: Dr. Otto Wernicke. Tumor hipofisario sin 
acromegalia y con sintonias oculares: Dootores A. Noceti y B. A. Houssav. 
Quistes dermoideos orbitarios : Dr. Lionel Dods. 

hii folgenden Jahre erschien: Boletin de la Sociedad de Oftalmologia 
de Buenos Ayres. II, 2. Januar 1915-^). (Vorsitzender Dr. Pedro Lagleyze . . . 
Vorales l^d. h. Räthe mit Sitz und Stimme], Dr. Adolfo Noceti, Dr. Otto Weh- 
nicke.) Inhalt: Hyalin-amyloide Entartung von Lid-Bindehaut und Knorpel: 
Prof. Pedro Lagleyze. Iris-Kondylome ; Dr. Juan Santos Ferxandes. Osteom 
in der Orbita: Dr. P. B. Ferro. Metastatischer Aderhaut-Krebs: D'res. Enriquc 
B. Demari'a und Raul ArgannarÄz. Lid-Bildung : Dr. Fr. Belgeri. Einige 
Gegen-Anzeigen des Salvarsan: Dr. R. Argannaraz. Fremdkörper in der Orbita: 
Dr. Al. Gowland. Ursprung des Pigments in den Aderhaut-Sarkomen: Dr. R. 
AhgannarÄz. 

i? 970. 7. In Peru 

wurde die Universität zu Lima 1551 begründet, 1861 neu eingerichtet ; sie be- 
sitzt eine medizinische Fakultät*). Ricardo L. Flores lehrt Augenheilkunde 
(1911). 

8. Die Universidad de Chile 

zu Santiago (1743 von den Jesuiten gegründet), besitzt eine medizinische Fa- 
kultät, die 6jährigen Sludiengang vorschreibt^). 

Professor der Augenheilkunde war 1906 Maxi.mo Cienfuegos, 1911 Ale- 
jandro Mujica. 

Im Jahre 1885 erschien zu Santiago de Chile: Clinica oftalmolögica de la 
Dispensaria Santa Rosa por el Doctor J. Camo M., Profesor extraordinario di 
oculistica de la Universidad de Chile. (88 S.) Handelt vom Flügelfell, vom 
Jodoform in der Augenheilkunde, von der streifigen Keratitis bei sekundärer 
Syphilis, von der Behandlung des Schielens. 

I] C. Bl. f. A. 1943, S. 11; 1914, S. 1-24. 

2; Ebendas. 1915, S. 11. 

3) Ebendas., S. 207. 

4) Minerva I, S. 529, 1911. 
5; Minerva I, S. 531, 1911, 



336 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder spanischer Zunge. 

Maximo Cienfuegos hatte im Jahre 1880 unter meiner Obhut seine Disser- 
tation über die senilen Veränderungen des Auges verfaßt. In seiner Heimath 
gelangte er bald zu hohen Würden und hat 30 Jahre lang in Lehre und Praxis 
der Augenheilkunde zu Santiago die hervorragendste Stellung eingenommen und 
außerdem um den medizinischen Unterricht und die Hygiene seines Vaterlandes 
große Verdienste sich erworben i). 

Ein jüngerer Zeitgenosse von Cienfuegos ist Dr. Manuel J. Barrenechea 
aus Santiago, der gleichfalls zu Berlin studirte und (aus meinem Material) Bei- 
träge zur Geschwulst-Lehre des Auges im C. Bl. f. A. 1889 (S. 101 — 106) 
veröffentlicht hat. 



i) C. Bl. f. A. 1911, S. 61. (J. Hirschberg.) 1910 hatte er noch mit Frau und 
Tochter die Stätte seiner Studien wieder besucht und fröhlich mit mir alte Er- 
innerungen ausgetauscht. 



Kapitel XXIII. 

(Fortsetzung.) 

Die Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Von 

J. Hirschberg, 

Professor in Berlin. 

Drittes Buch. 

Zwanzigster Abschnitt. 
Portugiesische Augenärzte im 19. Jahrhundert. 



Eingegangen im Juli 19I6. 



ft 



§ 971. Portugal, 



das bis zu unsren Tagen nicht wieder so große Arzte in seinen Grenzen er- 
stehen sah, als diejenigen gewesen, die es vor Jahrhunderten wegen ihres jüdi- 
schen Glaubens von sich gestoßen i), erhielt gegen Ende des 1 8. Jahrhunderts 
ein Lehrbuch der Augenheilkunde, das, ohne Originalität zu zeigen, doch immer- 
hin erheblich besser war, als die gleichzeitigen spanischen Werke von Vidai. 
und Naval^]^ nämlich 

Elementes de cirurgia ocular offrecidos a Sua Altezza Real Senhor 
D. Joäo Principe de Bresil por Joaqui.m Jose de Santa Anxa, Lente Oculista do 
Hospital Real de S.Jose desta Corte. Lisboa 179-3. (295 S.j^> 



4) Amatüs Lüsitanüs, 1511 bei Coimbra geboren, nach 1361 zu Saloniki ge- 
storben. Schrieb »In Dioscur. de medica materia libros quinque enarrationes« 
(1533); >Curat. medic. centuriae septem« (1563;. Biogr. Lex. I, 119. 

Z.^cuTus LusiTANUs, geb. 1573 zu Lissabon, gest. 1642 zu Amsterdam, ver- 
faßte »De medicorum principum historia« (1629), >Praxis niedicae admiranda« (1634), 
»Introitus ad praxin et pharm acopce am« (1641). Biogr. Lex. VI, 333. — Wir hatten 
bereits im § 359, S. äl, seinen Fall von »Ophthalmia Gallica Mercurii ope curata« 
zu erwähnen. 

2, Vgl. § 408. 

3) Der Freundlichkeit des Herrn Kollegen Pinto de Gama zu Lissabon hatte 
ich dies seltene Buch zu verdanken. Vgl. § 4 80. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.J XXIJI. Kap. , 22 



I 



338 XXIII. Hirschberg, Portugiesische Augenärzte im -i 9. Jahrhundert. 

Der Vf. erklärt offen, daß er Plenck"s doctrina de morbis oculi zur 
Grundlage genommen, doch gelegentlich etwas verbessert habe, nach andren 
Verfassern oder nach eigner Erfahrung. Für die theoretische Einleitung stütze 
er sich auf L. Flohexs Deshais-Gexdron i). Übrigens kenne ich aus dem 
19. Jahrhundert nur ein Lehrbuch unsres Faches in portugiesischer Sprache, das 
aber nicht in Portugal, sondern in Brasilien erschienen ist: 

De Azevado, Manual des molestias dos olhos, Rio Janeiro 184 4. 

Die Augenheilkunde in Portugal, um die Mitte des 19. Jahr- 
hunderts, schildert uns der Bericht des Dr. J. A. Marques, aus dem Jahre 
1857 2). 

»Portugal hat die Ophthalmologie noch nicht von der allgemeinen 
Praxis abgetrennt. Man studirte in Portugal die Augenheilkunde^ man ver- 
richtete die Augen -Operationen; aber es gab keinen Arzt, der sich aus- 
schließlich dem Augenleiden widmete. 

Seit einigen Jahren folgt Portugal den Spuren der übrigen Länder 
Europas. Heutzutage beweist es unablässig sein Interesse für den Fort- 
schritt der Augenheilkunde als Fach-Wissenschaft. 

Es giebt zwar noch keine Augen-Meilanstalt in Portugal, aber doch in 
einigen Krankenhäusern besondere Säle für Augenkranke. 

Der erste Saal für Augenleidende wurde im Militär-Hospital zu Lissa- 
bon unter Sa Mendes eingerichtet, nachdem die Abnahme der militärischen 
Ophthalmie die Schließung der Sonder-Hospitäler ermöglicht hatte. 

Im Hospital St. Jos6 wirkt J. G. Loureiro, der seit 1846 3) jn Portugal 
mit Augenheilkunde sich beschäftigt. 

Die beiden genannten Herren haben zu Lissabon für Augenleidende eine 
Poliklinik errichtet, die jetzt von dem letztgenannten verwaltet wird. 

Arbeiten über Augenheilkunde sind sparsam, abgesehen von denen über 
die militärische Ophthalmie. 

In Lissabon, Porto und andren Städten giebt es geschickte Chirurgen, 
welche erfolgreich Augenheilkunde betreiben und Augen -Operationen aus- 
führen, ohne jedoch Spezialisten zu sein. Einige von ihnen haben die 



4) § 376. 

2) De rophthalmologie an Portugal. Congrös d'Ophth. du Bruxelles. (C. R. 
4858, S. 419 — 490.) Der Vf. war Brigade-Wundarzt (Chirurgien du brigade graduö, 
Adjoint au commandement en chef de Tarmee portugaise). 

3) Schon etwas früher, wie ich finde. Denn im Jahre 1844 ist zu Lissabon 
gedruckt: 

Recueil de quelques ecrits ophthalmologiques publies dans difförents journaux 
fran(;ais et beiges, par J. G. Loureiro, Dr. en m6d. et chir. de la Facultö de Bruxelles, 
m^d. et chir. de l'Ecole medico-chirurgicale de Lisbonne, ancien möd. adjoint de 
l'Inst. ophth. de Bruxelles. (98 S., 80.) 

Es möge genügen, die Titel der einzelnen Abhandlungen hier anzuführen: 
1. Blausäure gegen Lichtscheu. 2. Pfriemen -Verletzung. 3. Unvollständige Läh- 
mung beider dritten Nerven. 4. Staphylom- Operation. 5. Absceß. 6. Flecken 
der Hornhaut. 



Augenheilkunde in Portugal. 339 

Augenkliniken in Frankreich besucht, so der Baron Kekeler und Magalhäes 
CoüTiNHu; andre die von Belgien, so Glerreiro, Lolreiro und. May Fk.ueira. 

§ 972. Die militärische Ophthalmie in Portugal 
erörtert derselbe Dr. Marques •). 

Beginn 1849. Von 1840 — 1848 war das Verhältniß der Augen-Leiden 
zu den übrigen Krankheiten für die Aufnahme in die Militär-Hospitäler wie 
2,187: 147,273 d.h. 1:70. Aber 1849 wie 1 : 28; 1850 wie 1:7; noch 
1855 wie 1:19. 

Man hat sich eifrig mit der Ausrottung der militärischen Ophthalmie 
beschäftigt, aber dieselbe noch nicht durchgesetzt. Von den I 000 Fällen, 
die bis April 1857 in die Militär-Hospitäler Aufnahme gefunden, sind 152 
dienstuntauglich geworden; davon 55 auf beiden Augen erblindet. 

In den Jahren 1809 — 1814 hatte weder die portugiesische Armee noch 
die englische in Portugal erheblich an der Ophthalmie gelitten. Auch nicht 
die belgischen Truppen, die 183^ Porto besetzten und bis 1834 unter 
D. Miguel fochten. 

Unter den Zöglingen der Casa pia hat die Ophthalmie seit Jahrzehnten 
sich endemisch gezeigt, 1835y6 in der eitrigen Form. 

Endemische Körner-Krankheit in den Seestädten Portugals leug- 
net der Vf. 

Auf dem zweiten internationalen Kongreß der Augenärzte zu Paris hat 
Marques seine Erörterung fortgesetzt 2). 

§ 973. Augenärztliche Dissertationen 
sind in den Jahren 1876 — 1878 an der Escola Medico-Cirurgica zu Lissabon 
vertheidigt worden, und zwar die folgenden: 

Atrophia do nervo optico, por F. L. da Fonseca junior, 1876. 
Conjunctivite diphtherica, por A. J. do Garmo Borges, 1876. 
Parasitismo ocular, por J. A. Alfredo de Sousa, 1877. 
Ophthalmia sympathica, por Vicente Galväo, 1878. 
Glaucoraa e seu tratamento (dissertagäo de concurso), por Gregorio 
RoDRiGUES Fbrnandes, 1878. 

Eine portugiesische Zeitschrift für Augenheilkunde 
hat erst 20 Jahre nach der Zeit, wo Marques den Beginn des Interesses 
für dieses Fach in seinem Vaterlande feststellen konnte, das Licht des Tages 
erblickt. 



1) A. a. 0. S. 193—228. 

2) CR., S. 127. Man ist aber über seine Erörterungen zur Tages-Ordnung 
übergegangen. 

22* 



340 XXIII. Hirschberg, Portugiesische Augenärzte im 19. Jahrhundert. 
Vor mir liegt 

Periodico de ophthalmologica pratica 

editado por Dr. van der Laan e F. L. da Fonseca junior, medicos-oculistas, 
em Lisboa, Numero I, Janeiro 1878, Lisboa. Das Programm erklärt als 
Ziel der Zeitschrift, dem praktischen Arzt den gegenwärtigen Zustand der 
Augenheilkunde, so vollständig und so einfach, wie möglich, vorzuführen. 
>Como norma escolhemos a Folha central de ophthalmologia pratica 
do doutor Hirschberg de Berlin« . . . Jeden zweiten Monat ist ein Heft 
erschienen. 

Aber die Vereinigung der beiden Herren ist bald in die Brüche ge- 
gangen. Der zweite Jahrgang, übrigens vom Jahre i881, ist von Dr. van 
DER Laan allein herausgegeben. Bald danach scheint das Blatt eingegangen 
zu sein. 

Hingegen erschien 1880 

Archivo ophthalmotherapico de Lisboa. Editor L. da Fonseca, Medice 
Oculista da Real Casa Pia. Dies Archiv scheint es auch nicht auf viele 
Jahre ^) gebracht zu haben, obwohl es Dr. May Fiüüeira und Maria Barbosa 
aus Lissabon, A. Glerra aus Porto, Carreras y Aragu aus Barcelona, Gama 
Pinto aus Heidelberg, Wecker und Landoi.t aus Paris, Scellingo aus Rom, 
Rky.mond aus Turin und Moura Brazil aus Rio de Janeiro zu Mitarbeitern 
gewonnen hatte. 

Ich habe die beiden- Herausgeber gut gekannt und sie auch veranlaßt, 
ihren Zeitschriften ein »Bulletin pour l'Etranger« beizufügen. 

Van der Laan war Niederländer, der wegen schwacher Gesundheit den 
Süden aufsuchte, Schüler von Donders^) und seinerseits Lehrer von Fonseca 
und von Placido. Leider ist er nicht alt geworden, 

Fonseca jr. stammt aus einer alten Arzt-Familie. Er hat Augenkliniken 
in Frankreich und Deutschland besucht, auch die meinige. 

§ 974. Berichte über die ophthalmologische Literatur Por- 
tugals, deren ersten Herr Kollege J. R. da Gama Pinto aus Goa, damals 
in Heidelberg, mir geliefert, sind im C. Bl. f. A. (seit 1878) erschienen. 

Aus dem Begleit -Brief von Dr. da Gama Pinto ist der folgende Satz 
abgedruckt: »Vous rendrez un service a la science et au Portugal qui, si 
pres de l'Afrique, a peut-etre la renomm6e d'un pays africain. Sans doute 

1) Der VI. Jahrgang wird erwähnt in Nagel's Jahresbericht 1885, Bibl. S. 23. 
(Subsidios para a historia da ophthalmologia em Portugal.) Der VIII. Jahrg., eben- 
das. 1887, Bibl. S. 23. 

2) Van DER Laan, Over gezigtstoorniß bij albuminurie, im 1 0. Jahresbericht 
von DoNDERs' Gasthuis voor ooglijders, 1865, S. 163. 



i 



Portugiesische Zeitschriften für Augenheilkunde. 341 

nous sorames tres- arrieres, mais cela n'emp^che pas, que nous puissions 
produire, de temps en temps, iin travail digne d'etre appr^cie par les 
nations plus avancees.« 

I. Periodico 1878/79. (C. Bl f. A. 1878^8.364.) 

^ . Über die Innervation der Lider, von Prof. M. B. de Souza. 

1. Strychnin bei Erkrankungen der Netzhaut und des Sehnerven, von Dr. 

van der Laan. 
3. Über Cysticercus des Auges, von Dr. L. da Fonseca. ;ln Portugal 

1 : 20 000 Augenkr.) 
*. Über Behandlung der Netzhaut-Ablösung, von Dr. van der Laan. 

5. Über Heilung der sympathischen Ophthalmie, von demselben. 

6. Über Drainage des Auges bei absolutem Glaukom, von Dr. A. Guerrer. 

7. Über Behandlung der Skleritis, von Dr. van der Laan. 

8. Über Auskratzen der Bindehaut-Körner mit dem Daumen-Nagel nach 

ScellingO;, von Dr. da Fonseca. 

9. Versuche mit Duboisin, von Dr. van der Laan. 
<0. Klinische Fälle, von demselben. 

II. Periodico 1880. (C. Bl. f. A. 1880, S. 158 u. 448.) 

Die 7jährige Statistik von Dr. van der Laan umfaßt 8698 Kranke und 
1 960 Operationen. Die Granulationen linden :<ich ausschließlich bei den 
armen Klassen, besonders aus der Provinz Algarve '). 

Das Flügelfell ist sehr häufig (1 : 139). Bei angeborenem Star wird 
die hintere Kapsel eröffnet, die weiche Masse in den Glaskörper entleert, 
und mit einer andren Nadel die Vorderkapsel gespalten. 

Statistik von 150 Star-Ausziehungen, nach A. v. Graefe und nach Lieb- 
reich, mit 6 % Verlusten. 

Symmetrische Gummigeschwulst. 

Placido, Crystalloconus polaris anterior congenitus. 

^Die Beobachtung rührt von Placido her, nicht von van der Laan, wie 
man nach unsrem Handbuch, VI, 2, § 126, annehmen könnte. Er hielt 
sie für ganz neu. Aber Dr. Webster in New York hatte schon 1874, in 
Knapp's Arch. IV, 2, S. 262, einen Fall von Lenticonus beschrieben.) 

Retinitis proliferans, von van der Laan. 

Behandlung der diphth. Bindehaut- Entzündung (mit warmen Um- 
schlägen der 4 % Borsäure -Lösung,) von Gama Pinto, Ass. d. Augenklinik 
zu Heidelberg. 

Das wichtigste, was die Zeitschrift van der Laan's gebracht 
hat, ist das Keratoskop von Placido. 

(Periodico 1880, o u. 6, und besonders 1881, No. 1 u. 2 : Alteragoes 
de symetria da superficie da cornea. Estudos praticos feitos com o auxilio 
do nosso »Astigmatoscopio explorador«. In unsrem Handbuch, IV, 1, § 48, 
woselbst das Instrument auch abgebildet ist, wird als erste Veröffentlichung 



r Es ist die südlichste. Bis 1251 stand sie unter maurischer Herrschaft. 



342 XXIII. Hirschberg, Portugiesische Augenärzte im 4 9. Jahrhundert. 

C. Bl. f. A. 1882, S. 30, angegeben, wo ein französischer Brief von Dr. Pla- 
ciDO aus Porto über sein Keratoskop sich findet.) 

Mr. le Professeur Hirschberg, et tres hoaore Confrere. 
La lettre de Mr. le Dr. Javal, de Paris (qui se trouve dans le dernier No. 
de votie Journal, page 122), pouvant insinuer quelque doute sur la legitimite 
de mon droit d'invention de ma methode keratoscopique et de mon keratoscope, 
je tiens ä vous declarer que mon petit instrument ä ete employe dans la cli- 
nique du Dr. van der Laan (ä Lisbonne) ä partir du mois de fevrier de 1880; 
par consequent — sept mois avant le congres ophthalmologique de Milan, 
et dixhuit mois avant le congres de Londres — oü Mr. le Dr. Javal a 
annonce son ophthalmometre ä disque. 

Dr. A. Placido i). 

III. Archivio ophth. 1880. 

Fonseca, Hysterische Amaurose. 

Derselbe, Behandlung der Thränensack-Entzündung. 

Derselbe, Amblyopie durch Nikotin und Alkohol. 

Gama Pinto (Heidelberg,, Diagnostischer Werth der Röthung der Netzhaut 

und des Sehnerven. 
Moura Brasil, Behandlung der Netzhaut-Ablösung. 
Derselbe, Star-Operation mit radiärer Spaltung der Iris). 

IV. Archivio ophth. 1881. (G. Bl. f. A. 1881, S. 447.) 

At rop in -Vergiftung (nach Einträufelung), von Dr. A. Guerra, aus Porto. 
Hysterische Amaurose, von Fonseca. 
Ret. proliferans, von demselben. 

Jequirity-Behandlung der Granulöse, von Dr. Moura Brasil, zu Rio 
de Janeiro. (Dies ist die wichtigste Abhandlung des Archivio. 

§ 975. Ein Institute ophthalmologico 
wurde 1891 zu Lissabon begründet und Herrn Prof. Gama Pinto anvertraut. 

In Goa (Portugies. Indien) geboren, begann derselbe seine augenärzt- 
lichen Studien bei mir in Berlin, war dann Assistent an der Universitäts- 
Augenklinik zu Heidelberg, wurde daselbst a. o. Professor und hat nicht 
nur an 0. Becker's »Anatomie der gesunden und kranken Linse« (1883) 
mitgearbeitet, sondern auch eine eigne Sonderschrift »Netzhaut- Gliome« 
(Wiesbaden 1886) herausgegeben. 

Das vom Staat ihm zur Verfügung gestellte Haus ist nicht ganz dem 
Zweck entsprechend, enthält aber 1 00 Betten. Zahl der Kranken alljähr- 
lich 3500, der Operationen 500. Assistent ist Dr. Meyer, gleichfalls ein 
Schüler von 0. Becker. 

In seiner Lissabonner Zeit hat Gama Pinto für die Encyclopedie 
frangaise d'Opht. die beiden Abhandlungen über 

Glaukom und über sympathische Ophthalmie geliefert. (V, 
S. 1—365, 1906.) 

-1) Herbst 1915 habe ich von ihm noch ein Paar freundliche Zeilen erhalten. 



Instituto ophthalm. zu Lissabon. Die Blindheit in Portugal. 343 

Bei Gelegenheit des XV. internationalen medizinischen Kongresses, der 
April 1906 zu Lissabon stattfand, berichtete Prof. Axbnfeld (Klin. M. Bl. f. A. 
XLIV, S. 533) das folgende: 

»Portugal hat bisher keinen obligatorischen Unterricht in der Augen- 
heilkunde. Die Universität Coimbra entbehrt deshalb eines klinischen 
Lehrstuhls für dieses Fach. Nur in der von Gama Pinto aus eigner In- 
itiative errichteten, sehr besuchten und wohl eingerichteten Klinik zu Lissa- 
bon werden Kurse in der Augenheilkunde gehalten. Aber dieser Unter- 
richt ist nur fakultativ!« 

Die Universität, 
welche der Papst eigentlich für Lissabon 1 290 bestätigt hatte, wurde nach 
dem ruhigeren Uoimbra verlegt, wechselte aber Jahrhunderte lang zwischen 
beiden Städten; seit 1537 ist sie dauernd in Coimbra verblieben. Es giebt 
lentes', cathedraticos und c. substitutos. Studien-Dauer 6 Jahre. 

In Lissabon besteht also keine Universität, wohl aber eine Escola 
medico-cirurgica, die schon 1556 gegründet und 1836 neu gestaltet 
worden. 

Ein Professor der Augenheilkunde fehlt in der Liste 2). 

§ 976. Die Blindheit in Portugal 

ist auf dim erwähnten Kongreß (1906) von Dr. F. Meyer (Lissabon) erörtert 
worden. 

Drei amtliche Volkszählungen (1870, 1890, 1900) ergaben die Blinden- 
zifl'ern 20, 121-2) ' ' : 10 000 und eine private (1904, von Branco Kodrigues) 
13' 2'. 10 000. 

Jetzt wurde eine Sonder-Er hebung veranstaltet, durch Fragebogen, 
um auch die Ursachen der Erblindung festzustellen. Das Ergehniß war 
622-2 Blinde auf 5 166841 Einwohner, d.i. 12:10000. (Doch dürfte die 
wirkliche Blindenziffer höher sein.) Dazu kommen 6320 Einäugige. 

Angeborene Blindheit wurden für 9,1% der Blinden angegeben, Ver- 
letzungen für 8,6^0, Pocken für 7ö„. (Erst seit 1901 ist die Schutz- 
pocken-Impfung pflichtmäßig.) 

Bei den 533 Blinden, die im Institut untersucht worden, fanden sich 
noch als wichtige Ursachen: Erkrankung des Gentral-Nervensystems 17%, 
Trachom 3,2%, Gonokokken-Conjunctivitis 4,5 »o, Myopie 3,75%, GlanJiom 
35,17%. Die Glaukom-Kranken kommen zu spät, wegen der man- 
gelnden Ausbildung der Ärzte. Vermeidbar erscheinen 50 ^'q der Blind- 
heiten. Die Regierung könnte viel thun. 

I »Lesende«, d. h. Lehrer. 
2; Minerva 1906. S. 602. 



344 XXIII. Hirschberg, Portugiesische Augenärzte im < 9. Jahrhundert. 

In der Diskussion betonte da Gama Pinto, die hohe ßlinden-ZifYer werde 
auch dadurch verursacht, daß Blindheit für Bettler und ihre Angehörigen 
ganz einträglich sei. 

Mit Unerfreulichem begann und schließt leider unsre Betrachtung der 
augenärztlichen Verhältnisse Portugals. Der Menschenfreund möchte den 
Wunsch nach einem neuen Pombal hinzufügen, der auch auf unsrem Ge- 
biet Wandel schaffen könnte. 

§977. Anhang. Brasilien i). 

Eine Fakultät der Medizin, Chirurgie und Pharmacie wurde zu Bahia 
1808 gegründet und wiederholentlich verbessert 2), Studien-Dauer 6, bezw. 
5 Jahre. Für 19H ist als Direktor der ophthalmologischen Klinik in Bahia 
S. Pereira und in Rio de Janeiro A. Fialho genannt 3). 

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben einige Augenärzte 
Brasiliens Bedeutendes geleistet. 

1. HiLARio DE GouvJ^A aus Rio begann 1 867 seine augenärztlichen 
Studien in der Klinik von A. v. Grakfe*) und wurde später Assistent in der 
Augenklinik unter 0. Becker; dann kehrte er nach seiner Heimath zurück 
und hat eine bedeutende praktische und Lehr-Thätigkeit entfaltet. 

Aus den Fährlichkeiten politischer Wirren ist er gesund und munter 
hervorgegangen, lebte lange in Paris, ist später nach seiner Heimath zu- 
rückgekehrt und hat auch noch im 20. Jahrhundert seine Thatkraft bewahrt. 

H. de G. hat deutsch, französisch, portugiesisch geschrieben. 

A) 1. A. f. 0. XV, 1, 247—274, 1869. Versuche über die Entstehung von Glas- 

körper-Ablösung in Folge von Glaskörper-Verlust. (In Heidelberg, auf 
Vorschlag von Prof. Iwan off, 1868 gearbeitet.) 

2. Ebendas. XXIX, 167—300, 1883. Beiträge zur Kenntniß der Hemeralopie und 

Xerophthalmie aus Ernährungs-Störungen. (Bei Negersklaven, die schwer 
arbeiten mußten und ungenügende Nahrung erhielten, entstand Kerato- 
malacia cachectica. Vgl. auch unser Handbuch XI), I, § 217, 1004. 
A. Groenouw.) 
8. A. f. A. I, I, 106. Kalkverbrennung der Hornhaut. 

B) 4. Ebendas. CXI, 363. Amaurose quinique. (In Rio ist Malaria die häufigste 

Krankheit, der Chinin -Verbrauch ein ungeheurer. Fall von bemerkens- 
werter Heilung. Vgl. C. El. f. A. 1894, S. 233.) 

.5. Ebendas. CXIV, 472. Sur Fop^ratlon de l'entropion granuleux. 

6. Ebendas. CXV, 471. Sur les manifestations oculaires de la lepre. 



1) 4 500 von Cabral entdeckt und für Portugal in Besitz genommen, 1822 
unabliängig, Kaiserreich unter Dom Pedro I., dem Sohn des Königs von Portugal. 
Dom Pedro II. wurde 1889 gestürzt und die Repubhk verkündigt. Landes-Sprache 
ist natürlich das Portugiesische, 

2) Minerva I, S. 525, 1911. 

3] Minerva XXI, S. 63 u. 1132. 

4) Er war hier sehr beliebt. — Wir wurden und blieben gute Freunde; 1894 
in Rom (Internat. Kongr.) habe ich ihn wieder gesehen. 



Brasilien. 345 

7. Ebeiidas. CXVII, 334 u. CXVIII, 96. Manifestations oculaires de Tepilepsie. 

8. Ebendas. CXIX, 360 u. CXXI, 298, Traitement op^ratoire du leucome 

adh^rent et du staphylome partiel qui en resulte. 

9. Ebendas. CXXI, 298, <899, La eure radical du lupus palpebral par ex- 

cision . . . 
C 10. A Cocaina na chir. e therap. oculare. Rio de Janeiro 1885. 

II. Dos estados patologicos do organismo e suas manifestacönes ocu- 
lares pelo Dr. J. Correa db Bittencourt, Ophthalmologista do Rio de Janeiro, 
Ex-chefe de clinica ophth. do professor L. de Wecker . . . Maranhäo 1889. 

(488 S.l 

Es ist die dritte Sonderschrift dieses Inhalts in der Welt-Literatur. (Vgl. 
§ I M 1.1 

BiTTENcovRT schricb auch 1896 über die Augenstörungen bei Beriberi, 
ebenso wie sein Landsmann .Jose Laurenco zu Bahia, <872. (Vgl. unser Hand- 
buch XI, 1, § 340, A. Groenouw.) 

III. G.\M.v LoBO aus Rio de Janeiro 
hat 1872 auf dem IV. internationalen Ophthalmologen-Kongreß zu London^) 
neue Messungen des Abstandes der hinteren Linsenfläche von der Horn- 
haut mitgetheilt, wobei er sich auf Helmooltzs Rath des durch einen Spalt 
in ein dunkles Zimmer geleiteten Sonnenlichtes bediente. 

IV. MouRA Brasil aus Rio de Janeiro 
brachte September 1882 eine Mittheilung 2) über Jequirity-Behandlung der 
granulösen Bindehaut-Leiden, wie sie seit langer Zeit in Brasilien volks- 
thümhch ist. 

L. DE Wecker, der in der JuU- August- Nummer der A. d'Oc. 1882 
über denselben Gegenstand geschrieben, macht jenem die Priorität streitig 3). 

Tu. Saemisch's gründliche Abhandlung über Jequirity möchte ich durch 
einige geschichtliche Bemerkungen vervollständigen^). 

Jequirity^) ist der brasilianische Name für die Erbsen eines Strauches 
(Abrus praecatorius , Leguminos.\ der in Ostindien seit uralter Zeit bekannt, 
über Asien, Afrika, Weslindien und Brasilien^) sich verbreitet liat. Die glatten, 
harten Erbsen fühi-en wegen ihrer hauptsächlichen Verwendung zu Rosenkränzen 
den Volksnamen Paternostei'-Erbsen. In Ostindien wurden sie seit alter Zeit 
zum Wägen der Perlen und auch zum Vergiften des Viehes der Feinde benutzt. 
Denn sie enthalten, wie wir jetzt wissen, ein Toxalbumin, das Abrin genannt 

1) C. R.. S. 14 6— U8. — Vgl. auch Kl. M. El. X, 288. 

2; Archivio ophthalmotherapico de Lisboa, Sept. 1882. Vgl. §974.; Nicht 
erwähnt bei Th. Saemisch. in unsrem Handbuch, IV, I, S. 206. 
3; A. d'Oc. 1883, S. 99. 

4) Vgl. meine Abhandlung über die Körner-Krankheit, 1904, Khn. Jahrb., S. 23. 

5) Wohl aus einer brasihanischen Indianer -Sprache, ebenso wie das Wort 
Jaborandi. Letzteres finde ich schon im Nachtrag der letzten -13.) Ausgabe des 
Wörterbuches der spanischen Akademie, vom Jahre 1899; Jequirity noch nicht. 

6) Die Pflanze soll auch autochthon in Brasiliens Urwäldern vorkommen. 



346 XXIII. Hirschberg, Portugiesische Augenärzte im 1 9. Jahrhundert. 

wird 1). Schon 1746 hat James in seinem medizinischen Wörterbuch diese 
Erbsen gegen Augen-Entzündung und zur Aufhellung der Sehkraft empfohlen ; 
und im Anfang des t9. Jahrhunderts Gay in seinem Supplement zu den Phar- 
makopoen sie als Augenmittel erwähnt. Auf der Welt- Ausstellung zu Phila- 
delphia (1876) waren sie in der brasilianischen Abtheilung als Volks-Heilmittel j 
gegen chronische Augen-Entzündung vertreten. 

In Europa gebrauchte auf Rath eines seiner Kranken zuerst v. Wecker , 
in Paris 1882 die volksthüraliche Vorschrift. 

Der Ausspruch v. Wecker's, daß beim Gebrauch dieses Mittels die Hornhaut 
keine Gefahr läuft, und daß dabei nicht bloß die Körnerkrankheit, sondern auch 
das Hornhaut-Fell geheilt werde, hat sich als irrig herausgestellt. Während 
einige Fachgenossen das Mittel in den Himmel erhoben, hatte J. Jacobson 1886 j 
in einem sehr scharfen Artikel über die Jequiritiy-Reklam e^] die Fach- ■ 
genossen dringend vor dem Mittel gewarnt. Sein damaliger Assistent Vossius^) I 
hatte aus 50 therapeutischen Versuchen den Schluß gezogen, daß das Mittel 
wegen der ihm anhaftenden Gefahren unerlaubt sei für die noch sehfähigen 
Augen. Auch A. v. Hippel erkläi-t, daß dabei die Hornhaut gefährdet sei, , 
wenn nicht starke pannöse Trübung derselben bestand. H. Knapp ■•) schließt 
sich den Warnungen an, da er in einem Falle von chronischer Körnerkrank- 
heit mit dichtem Pannus nach Anwendung des Jequirity Diphtherie der Binde- 
haut, Zerstörung der Hornhaut und Pan tophthalmie in beiden Augen be- 
obachtete. 

Noch eines immerhin merkwürdigen Irrthums ist bei Gelegenheit des 
Jequirity zu gedenken. Sattler^) fand in dem Jequirity-Aufguß eine nach 
seiner Ansicht charakteristische und pathogene Bacillus-Art, die im Kampf um's 
Dasein die »Mikrokokken des Trachom« vernichte. Diese moderne, mit Dah- 
wix's Grundsätzen und den heutigen Überzeugungen von der Wirksamkeit der 
Klein-Lebewesen so schön stimmende Lehre hat sich nicht bestätigt. A. v. 
Hippel •*) fand in Heu- und Erbsen-Aufgüssen den gleichen Bacillus, leugnet 
seine pathogene Bedeutung und leitet die Wirkung des Jequirity von einem 
ungeformten Ferment ab. Neisser '') zeigte, daß bakterienfreie Aufgüsse ebenso 
wirksam sind, wie bakterienhaltige, dagegen Impfungen mit Reinkulturen der 
Bakterien wirkungslos bleiben; in der Absonderung der Jequirity- Ophthalmie 
sowie in dem Gewebe der geschwollenen Lider werden die Bacillen nicht ge- 
funden. Gleichzeitig haben E. Salomonsen^) in Kopenhagen und Christian 
DiRKiNCK-HoLMFELD durcli eine gleich gründliche IJntersuchungsreihe die folgenden 
Thatsachen erhärtet: 

r Die Jequirity-Ophthalmie wird nicht durch Baktei'ien verursacht. 2) Sie 
wird dagegen dui'ch ein in dem Jequirity-Samen enthaltenes Gi ft hervorgerufen, ■ 
welches in Wasser und Glycerin löslich, in Alkohol, Äther, Benzin und Chloro- 
form unlöslich ist und durch einstündige Erwärmung auf 65 — 7 O" C vollständig 



1) Warden und Wadek, Pharmaz. Zeitschr. 1884, No. 73. 

2) Deutsche med. Zeitschr. 1884, S. 568. 

3) Berl. klin. Wochenschr. 1884, No. 7; C. El. f. A. 1884, S. 127. 

4) Arch. of Ophth., Bd. 13, No. i, 1884. 

5) Wien. med. Wochenschr. 1883, No. 17, 18,19, 20, 21; C. Bl. f. A. 1883, 
S. 227 u. 523. 

6) Arch. f. Ophth., Bd. 19, No. 4; C. Bl. f. A. 1883, S. 463. 

7) Fortschr. d. Med. 1884, No. 3|; C. Bl. f. A. 1884, S. 51. 

8' Fortschr. d. Med. 1884, No. 3; C. Bl. f. A. 1884, S. 91 u. 124. 



Brasilien: Jequirity. 347 

unwirksam wird. 3) Schon die Giftnienge, welche in ^ looooo § Jequirity-Samen 
enthalten ist, reicht hin, um eine deutliche Conjunctivitis beim Kaninchen her- 
vorzurulen. — Auf Mäuse und Frösche wirkt das Gift, subcutan injicirt, schnell 
tötend. Auch E. Klein in London hat nachgewiesen i), daß der SATTLER'sche 
Hauptsatz, der Jequirity-Aufguß verdanke seine entzündungs-erregende Eiiien- 
schafl einem Bacillus, unhaltbar ist. Endlich gelang in demselben Jahre, 18 84, 
den Herrn Brcvlams und Vknnemann '-) der Nachweis, daß das wirksame Princip 
des Jequirity ein Ferment ist, welches während der Keimung sich bildet. Sie 
nannten dasselbe Jequiritin und fanden beim Kaninchen '/looo "^g genügend, 
um eine Augen-Entzündung zu erzeugen. Der Mensch braucht ^/^ mg und 
darüber. 

Danach hat auch Sattler ■') zugegeben, daß in der Jequirity-Maceration 
ein eigenlhümliches Gift enthalten ist, wahrscheinlich ein ungeformtes vegetabi- 
lisches Ferment, welches allein ausreicht, die bekannten Wirkungen zu erzeugen. 
Damit hat dieser merkwiu-dige Irrthum seinen Abschluß gefunden. 

Die praktische Verwerthung des Mittels hat dann doch einen Fort- 
schritt gemacht, durch die Arbeiten von P. Römer'*). Ehrlich hatte gefunden, 
daß der thierische Organismus eine bestimmte Immunität gegen das den bak- 
teriellen Toxinen verwandte Jequirity-Gift (Abrin) erlangen kann; im Blut der 
immunisirtiMi Thiere kreist ein specifisches Antitoxin (Antiabrin), das man aus 
dem Serum derselben gewinnen kann. Die Gegenwirkung (Neulralisirung) er- 
folgt auch im Bindehautsack, durch direkte Mischung von Toxin und Antitoxin. 

Abrin-Entzündung geht nun auf örtliche Anwendung des Anti- 
abrin sofort zurück. Hiermit ist die Gefahr des Mittels herabgemindert. 
Das Abrin hatte, wie alle Toxalbuminosen, den Nachtheil, daß es mit der Zeit 
an Giftwerth verlor, und daß seine Lösungen sich schlecht hielten. Neuerdings 
ist von Merck ein neues Präpai-at, Jequiritol, sowie ein Jequiritol-Serum her- 
gestellt worden, das vollkommen steril und haltbar ist 5). 

Über die gleiche Anwendung des dem Jequirity ähnlichen (oder identischen) 
Chichm hat bereits der persische Arzt Arü Mansur um 970 u. Z. sowie die 
europäischen Ärzte Ludwig Frank (1820) und C. F. Graefe (182 4) ausführhch 
gehandelt. Vgl. § 48 8, Zusatz, u. § 98 4. 

1 C. El. f. med. Wiss. 1884, No. 8. 

2 Bull, de l'Acad. r. de M6d. de Beige, 3. S6r., Bd. 18, No. 1 ; C. Bl. f. A. 1884, 
S. 170. 

3 Fortschr. d. Med. 1884, No. <5; C. Bl. f. A. 1884, S. 445. 

4) A. f. Ophth., Bd. 52, No. 1, 1901; C. Bl. f. A. 1901, S. 242. 

5) Vgl. DE Lapersonne, Clinique ophth. 1901; Hummelsheim, Zeitscbr. f. A., 
Bd. 7, S. 209 und die Dissertation von Kaltwinkel, Bonn 1902; sowie C. Bl.f. A. 1902, 
S. 223. Überhaupt ist die ganze Jequirity -Literatur im C. BLf. A., 1882 — 1902 
zu finden. 



¥ 



Kapitel XXIII. 

(Fortsetzung.) 

Die Augenheilkunde in der Neuzeit, 

Von 

J. Hirschberg, 

Professor in Uerliii. 



Drittes Biicli. 

Eiiiimdzwaiiziiister Al)>;chnitt. 
Griechische Augenärzte im 19. Jahrhundert. 

Mit i Figur im Text. 
EinpreRanKen im Juli 1916. 



§ 978. Einleitung. 

Als die Griechen nach einer Knechtschaft von mehr als drei Jahr- 
hunderten ihre Freiheit wieder erlangten, — übrigens trotz großer Helden- 
thaten und trotz des in Strömen vergossenen Blutes nicht aus eigner Kraft, 
sondern durch das Eintreten der Großmächte, die aber dabei nur ihren 
selbstsüchtigen Interessen frühnten: als dann der bayrische Fürst und seine 
deutschen Beamten ein geordnetes Staatswesen und eine wirkliche Regierung 
eingerichtet hatten : da war eine der erfreulicheren Erscheinungen der große 
Bildungsdrang, der zur Gründung von Tausenden von Schulen führtei). 

Schon 4 Jahre nach seiner Landung in Nauplia, am 15. Mai 1837, 
eröffnete König Otto die Universität2) in Athen, die seinen Namen führte, 
bis er (1862) gezwungen wurde, [dem undankbaren Volk den Rücken zu 
kehren; und die seitdem als National-Universität bezeichnet wird. 



1) Julius Hirschberg, Hellas-Fahrten, 1910, S. 54. 

2) Minerva 19H, I, 416. 



350 XXIII. Hirschberg, Griechische Augenärzte im 1 9. Jahrhundert. 

Th Iv Idd-rivaig Id^vrAor napeiriarrjuioi' 

hat 5 Fakultäten {axo?Mi), eine theologische, juristische, medizinische, philo- 
sophische, mathematisch-physikalische; ordentliche, Honorar-, außerordentliche 
Professoren und Privat-Docenten {TC(7.Tr/.oi ymd-iiyrjrai, STtirif^iot /.., iy.Tcr/.TOL 
z., v(ft]yt]TUi). Der Unterricht ist frei. Die Grade sind Doktor [diöcr/.TioQ) 
und Lizentiat. 

Bei dem 25jähr. Jubiläum (1912) wurde die mit reichen Mitteln ausge- 
stattete Kapodistrias-Universität angegliedert. [Tu td-VL/.hv y.cu KujtodLOTQLay.hv 
7tave7tLarrif.iiov ist der jetzige Name.) 

Die erste Einrichtung für Augenleidende verdankt Griechenland 
einem Deutschen, dem Dr. Roeseh, erstem Arzt des Königs: dieser hat im 
Jahre 1842 eine Augen-Heilanstalt zu Athen in's Leben gerufen i). 
Dieselbe wurde durch freiwillige Beiträge erhalten und stand unter dem 
besonderen Schutz der Königin Amalie, Prinzessin von Oldenburg. 

Die Anstalt diente auch als Augenklinik der Universität, nachdem die 
medizinische Fakultät 185 4 drei Lehrstühle für Sonderzweige geschafl'en, 
darunter einen für Augenheilkunde, welcher dem Dr. Anagnostakis an- 
vertraut wurde. Von Juli 1854 bis Ende 1856 wurden daselbst 1372 
A. Kr. nebst B. Kr. behandelt. 

Trotz der großen Verdienste, die Anagnostakis nicht blos um unser 
Fach, sondern um die gesamte Heilkunde, ja um die ganze wissenschaft- 
liche Entwicklung des neuen Hellas sich erworben, wurde er bei dem Sturz 
seines Freundes Trikupis, von dessen Gegner Delyannis buchstäblich aus 
der Augenklinik hinausgeworfen 2) und durch einen Kandidaten der Gegen- 
partei ersetzt. 

Minerva, Jahrbuch der gelehrten Welt, nennt 1906 G. Gaz^pis als 
o. Professor der Augenheilkunde; 1911 N. Dellaporta, dazu mehrere Privat- 
Docenten (AVAZOS, SVORONOS, KOSMETTATOS, BiSTIs). 

§ 979. Andreas Anagnostakis ^j, 
geb. 1826 auf Kreta, gest. 1897 zu Athen. 

In einem Gebirgsdorf Kretas wurde A. Anagnostakis im Jahre 1826 
geboren, mußte aber früh mit den Seinigen, die einer durch Kühnheit und 
Freiheits-Sinn ausgezeichneten Sphakioten-Familie angehörten, vor den Türken 

\) De l'ophthalmologie en Grece et en Egypte. Par le Dr. Anagnostakis, 
d'Athenes. Congrös d'Ophthalmologie de Bruxelles. CR. 1858, S. 411. 

2) Dies weiß ich aus seinem eignen Munde. In der Lebensbeschreibung von 
Campanajotis (1907) ist davon nicht die Rede. Vielleicht wurde A. später wieder 
eingesetzt. 

3) Nach J. Hirschberg, C. El. f. A. 1897 , S. 158. — Vgl. auch Notice bio- 
graphique sur Anagnostakis par M. Campanajotis (d'Athönes). A. d'Oc. CXVII, 
S. 401—408, 1897. Ferner ANAGNOSTAKIS (Ann. di Ottalm. XXVI, S. 415—416. Guaita.) 
Endlich Pagel's Jaiogr. Lex. S. 33. 



Anagnostakis. 



351 



und den Schaaren Mehemet Ali's nach Syra flüchten, das auch heute noch, 
nächst Athen, den zweiten Bildungs-Mittelpunkt von Griechenland darstellt. 
Hier besuchte A. das Gymnasium, dann studirte er Heilkunde zu Athen, 
erwarb 1847 den Doktor und wirkte zunächst als Landarzt. Wegen seiner 
großen Begabung wurde er 1851 auf Kosten der Königin Amalie nach Berlin 
und Paris gesandt und arbeitete hier unter A. v. Graefe, dort unter Desmarres 
und Sichel. 

Mit gleicher Vollendung beherrschte er die französische und die 
deutsche Sprache, wie das klassische Griechisch. Im Jahre 1854 wurde er 
Vorsteher der Augenklinik zu Athen 
und a. 0. Professor, 1 85(3 o. Profes- 
sor der Augenheilkunde und ent- 
faltete als Lehrer und Augenarzt 
eine segensreiche Wirksamkeit: ja 
er ist einer der Hauptbegründer der 
neueren hellenischen Bildung auf 
dem Gebiet der Heilkunde und Natur- 
wissenschaft geworden, nicht blos 
Rektor der Universität, Vorsteher 
der ärztlichen und gelehrten Gesell- 
schaften, sondern auch Präsident 
der Akademie, die allerdings ja ein 
herrliches, altklassisches Marmor- 
haus (von einem Wiener Baumeister 
errichtet), aber — noch keine Aka- 
demikerbesaß. Entsprechend seinen 

Idealen eines großgriechischen Reiches ei'streckte er seine Praxis bis auf 
die griechischen Kolonien in Byzanz und in Alexandrien. 

Der Augenklinik zu Athen hat er seine ganze Liebe und Thätigkeit 
gewidmet: er sorgte für den Neubau, er wußte reiche Mittel zum Unter- 
halt herbeizuschaffen und verzichtete auf sein eignes Gehalt. Anagnostakis 
blieb der erste Augenarzt Athens, bis zum Ende seiner Tage, — »Nestor« der 
griechischen Fachgenossen, Vertreter der morgenländischen Ophthalmologie. 

Anagnostakis war ein prachtvoller, liebenswürdiger Mensch. Seit 1867, 
wo er, um A. v. Graefe's Star-Schnitt bei dem Meister zu studiren, wiede^ 
nach Berlin gekommen war, verband uns Gastfreundschaft, die er in 
echt hellenischer Weise 1886 wie 1890, als ich ihn zu Athen besuchte, 
mir zu Theil werden ließ. 

Bei seinem Hinscheiden habe ich ihm und den Seinen das folgende 
Distichon gewidmet: 

Falrjvov dt] oiph (pavelg didöoxog rjld-eg 
'Elldöi xcd d^QY^vEl /.lolQav eXcop d-avarov. 




Andreas Anagnostakis. 



352 XXIII. Hirschberg, Griechische Augenärzte im 1 9. Jahrhundert. 

A.'s hauptsächlichsten Schriften sind die folgenden: 

1. Essai sur l'exploration de la retine sur le vivant au moyen d'un nouvel 
ophthalmoscopei), Paris, 1854. 

2. Remarques pratiques sur le traitement chirurgical de l'entropium et du 
trichiasis, 1857. 

3. De l'ophthalmologie en Grece et en Egypte, Bruxelles 1858. 

4. Melanges ophthalmologiques, Athenes 1861. 

5. Apercu g6neral des nouvelles doctrines ophthalmologiques. A. d'Oc. LIII, 
267, 1865. 

6. Contributions ä l'histoire de la Chirurgie oculaire chez les anciens, 1872. 
6a. Encore deux mots sur l'extraction de la cataracte chez les anciens, 1878. 

7. rfeo't Tior orf,'Hc'/.u(xüjf rra&iöi', 1871. Drei Hefte seines Lehrbuchs der 
Augenheilkunde hat er 1871 und 1874 herausgegeben, — über Diagnostik, 
Ophthalmoskopie, Refraktion, Augen-Muskeln; doch konnte er, aus Gründen, 
die nicht von ihm abhingen, dies Werk nicht vollenden. 

8. Me'/.iTcci nein rr; ottti/J:; tiZv iKoyc.uoi', 1878. 

9. IIbqi T^f ni'tv/JUTi/.r; nooöö'ov tov E'O.r^^vixov if^roiw, 1875. 
10. '77 uitiar^nxixr /jü^odog naotc toT; <<i)X((tots, h' ^i'h]i'(Us 1889. 

\^. '1/ i('.TO(/.\ iiiv Uniaxoffi'.rov;. 1891. Wie man sieht, hat A. in der ersten 
Hälfte seiner literarischen Wirksamkeit meist französisch, in der zweiten 
griechisch geschrieben. 

Die Schriften von Anagnost.vkis, die für uns wichtig sind, zerfallen in 
zwei Gruppen: I) solche, die von der Erkenntniß und Heilart der Augen- 
krankheiten handeln; II) solche, die sich auf die Geschichte unsres 
Faches beziehen. 

I. 1. Augenspiegel. ^Febr. 1854, A. d'Oc. XXXI, S. 6-1, S. 107. 
Vgl. Gaz. des h..p., Dez. 1853.) 

In Berlin, in A. v. Grakfe's Klinik, hat A. die Handhabung des Augen- \ 
spiegeis erlernt; in Paris, bei (und mit) Desmarres, seine Versuche an einem 
reichen Material fortgesetzt. 

Die bisherigen Instrumente fand er zu komplicirt und hat ein ein- 
facheres hergestellt. Dasselbe besteht aus einem gestielten Konkav-Spiegel 
von 5 Ctm. Breite und 5" Brennweite, mit einem Loch in der Mitte. 

Wie man sieht, ist Rüete's feststehender Spiegel (aus dem Jahre 1852) zu 
einem handlichen verkleinert. 

Dr. Campanajotis erklärt 2)^ die von Anagnostakis bewirkte Veränderung 
im Augenspiegel habe solches Aufsehen erregt, daß man sie zunächst Albrecht 
V. Graefe zuschrieb. 

' Als ich (1866) als Assistent in A. v. Graefe's Klinik eintrat, wurde der 
kleine, bewegliche, durchbohrte Hohlspiegel, der in den Kursen üblich war, als 
»kleiner Liebreich« bezeichnet. 

Liebreich selber hat 1855^) angegeben, daß er >für das umgekehrte Bild 
eines frei in der Hand gehaltenen Konvex-Glases und eines beliebigen Reflektors 



1) Der Name Ophthalmoskop ist dem deutschen Augenspiegel in Frank- 
reich von einem Griechen gegeben worden. Wir kommen darauf noch zurück. 

2) a. a. 0., S. 40i. 

3) A. f. A. I, 2, 3 48. 



Anagnostakis. 353 

(einfachen Hohlspiegels, Coccius' oder ZEHENOER'schen Spiegels), zum Zeichnen, 
zur genaueren Messung . . . eines stabilen Instruments sich bediene«; 1857 1) 
wiederholte er ganz kurz die Beschreibung, die Anagnostakis von seinem In- 
strument gegeben : er hat dem letzteren die Priorität nicht streitig gemacht, 
da es eben keine Entdeckung war, den RuEXE'schen Spiegel zu verkleinern. 

Die Fälle, welche A. beschreibt, sind Trübungen der Linse, des Glas- 
körpers, Blutungen und Flecke in der Netzhaut, Ablösung sowie Verdickung 
derselben. 

Die Abbildungen erscheinen noch recht unvollkommen, wenn man sie 
mit denen von Liebreich aus demselben Jahre 1854 und gar mit denen 
von E. Jäger aus dem Jahre 1855 vergleicht. 

2. Trichiasis. (A. d'Oc. XXVIII, S. 5, 1857.) 

Die Haarkrankheit ist im Morgenlande überaus häufig, sie umfaßt 7 % 
der Augenkranken zu Athen, lO^/o in einigen kleineren Städten Griechen- 
lands, 160 in Ägj'pten. In 2^2 Jahren hat A. 350 Operationen gegen 
Haarkrankheit verrichtet. 

Hautschnitt, Ausschneiden des Schließmuskels auf dem oberen Theil 
des Lidknorpels, Vernähung der unteren Haut-Wunde mit dem Zellgewebe 
auf dem Lidknorpel. 

3. Die Augenheilkunde in Griechenland und in Ägypten^). 
(1857.) 

Von den äußeren Augen-Entzündungen sind in Griechenland am 
häufigsten die katarrhalische Bindehaut- und die phlyktänuläre Horn- 
haut-Entzündung. 

Die erstere erscheint bisweilen epidemisch, sie ist gutartig; aber ver- 
nachlässigt, führt sie zu Granulationen. 

Die akute eitrige Augen -Entzündung ist selten, auch bei den Neu- 
geborenen, und auch bei diesen nicht heftig. 

Unter den 3222 Soldaten, die 1855 im Militär-Hospital zu Athen be- 
handelt wurden, waren nur 37 Fälle von katarrhalischer Bindehaut-Ent- 
zündung und nur 42 Fälle von Lid-Granulationen. 

Allerdings, als (1 825) die ägyptischen Armeen in die Peloponnes ein- 
gedrungen waren, hatte die eitrige Augen-Entzündung daselbst ge- 
wüthet; ist aber bald danach erloschen, — nicht ohne in dem Waisen- 
Institut auf Ägina, wo man die aus den Händen der Ägypter befreiten 
Waisen untergebracht, ganz schreckliche Verheerungen anzurichten. 

Aber Granulationen bestanden schon im alten Griechenland, fanden 
sich auch schon vor den Befreiungskriegen und finden sich jetzt noch an 
einigen Orten, wohin sie von den Ägyptern nicht eingeschleppt worden sind. 

In Griechenland sind sie übrigens nicht so verderblich, wie in Ägypten. 



1) Im Traitö pr. des mal. des yeux p. W. Mackenzie II, S. XI. 

2) Die zweite Hälfte dieser Arbeit werden wir später berücksichtigen. 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VU.J XXULKap. 23 



I 



354 XXIII. Hirschberg, Griechische Augenärzte im 19. Jahrhundert. 

Die phlyktänuläre Hornhaut-Entzündung ist sehr häufig in Griechen- 
land, aber die skrofulöse Kachexie sehr selten. 

Iritis hat meist den rheumatischen Charakter. Amaurose ist selten, 
aber nicht der Star, dessen chirurgische Behandlung durch Folgsamkeit 
der Kranken erleichtert wird. 

II. Die geschichtlichen Schriften von Anagnostakis sind von uns 
bereits voll gewürdigt worden. 

In 6 behandelt er A) die Operationen gegen Haarkrankheit, — in der 
hippokratischen Sammlung (vgl. unsren § 79) , bei Paulus von Ägina und 
Aetiüs (§ 253). B) Die Operation des Ektropium (§ 255). C) Die der 
Thränen- Fistel (§ i75 u. 258). D) Die des Staphyloma (§ 258). E) Die 
Star-Operation (§ 214 u. 259). 

Über 10 (Asepsie bei den Alten; vgl. § 259, Zusatz, und über 8 (Optik 
der Alten) s. § 104 sowie § 297. 

Anagnostakis hat große Verdienste auf diesem Gebiete sich erworben ; 
er vereinigte eben treffliche Kenntnisse in der Augenheilkunde mit vollem 
Verständniß der altgriechischen Sprache, die vielen andren, welche über 
diese Gegenstände geschrieben, stets fremd geblieben. Wenn ich in ein- 
zelnen Punkten von den Ansichten meines alten Freundes abweiche, so 
gilt hier 

Amicus Plato, sed magis amicus veritas. 

§ 980. Nachfolger von Anagnostakis, als o. Professor und Leiter der 
Augenklinik {0Q)QAA311ATPE10N) wurde 1897 

Nicolas S. Dellaporta, 

der, 1848 zu Kephalonia geboren, 1872—1876 in Pisa, Neapel und Wien 
studirt und Augenheilkunde bei E. Jäger und F. Arlt erlernt hatte. »Jetzt 
leitet er eine der Augen-Abtheilungen der Universität^).« 

Veröffentlichungen von Dellaporta : 
\. Über Schielen. (Italienisch, 1872; 1877 griechisch.) 

2. Über Tabak- und Alkohol-Amblyopie. 

3. Lehrbuch der Augenheilkunde, 1915. (Griechisch.) Vgl. §981. 

Georges Gaz£pis, 

1859 zu Ghalkis geboren, studirte Heilkunde in Athen, Augenheilkunde bei 
Prof. Panas in Paris, wurde 1899 Professor der Heilkunde und Leiter der 
Augenklinik zu Athen, die er vollkommen neu eingerichtet hat. 



1) »Actuellement il dirige un des Services ophthalmologiques de l'Uni- 
versit6.» (Selbst-Bericht.) 



Dellaporta, Gazepis, Kosmetattos, Kostomiris. 355 

Veröffentlichungen von G. Gazepis: 

Schriftproben, 1893. 

Alkohol- und Tabaks-Amblyopie, hysterische Amblyopie, Hemeralopie. An- 
geborene Augenleiden. A. d'Oc. 1893. 
Kanthoplastik. Arch. d'Opht. 

Georg Kosmetattos, 
<876 zu Kephalonia geboren, studirte Heilkunde zu Paris und gewann da- 
selbst IS98 den Doktor mit der Dissertation >Cber die Entwicklung der 
Thränen-Wege«. 

Sein Lehrer in der Augenheilkunde war Ph. Panas, in der Gewebe- 
lehre Mathias Düval. 

Hierauf setzte K. seine Studien fort an deutschen Augenkliniken und 
ließ sich 1903 zu Athen nieder, woselbst er 1906 zum Privat- Docenten 
und zum Chef des Universitäls-Laboratorium ernannt wurde und kürzlich 
zum Professor der Histologie. 

K. verfaßte zahlreiche Abhandlungen, hauptsächlich über Embryologie, 
Teratologie und palhologische Anatomie des Auges, die meisten in französischer 
Sprache, einige auch in deutscher (.\. f. 0.) sowie in griechischer. 

Ferner eine Therapie der Augenkrankheiten, Athen 1909. (28S S. 
Vgl. § 1090, gegen Ende.; 

§ 980 A. Georg A. Kostomiris. 

»Kein Lied, kein Heldenbuch«, d. h. kein biographisches Werk, keine 
Geschichte der Heilkunde meldet uns das geringste von dem Leben und 
Leiden dieses ebenso fleißigen wie unglücklichen Gelehrten. Ich kann nur 
aus eigner Erinnerung berichten. 

Im Jahre 1886 traf ich Gpuirg Kostomiris zu Athen; er prakticirte 
kümmerlich in Augen- und Ohrenkrankheiten und studirte eifrig die Ge- 
schichte dieser Fächer bei den alten Griechen. Mit Anagnostakis wußte 
er sich nicht zu stellen ; ich bemerkte unverhohlenen Gegensatz, ja Feind- 
schaft zwischen beiden. 

In seinen Schriften bezeichnet K. sich 1 887 als Augen- und Ohren- 
arzt, 1889 als a. o. Professor der Augen- und Ohrenheilkunde in Athen. 

Aber um 1889 befand er sich in Paris und studirte in den Schätzen 
der National -Bibliothek. Die griechische Regierung hatte ihm ein kleines 
Stipendium zu diesem Zweck verliehen. 

Leider wurde ihm dies sofort wieder entzogen, als die Gegenpartei 
an's Ruder kam. So fiel er in bitteres Elend und versuchte durch Praxis 
sich und seine Familie zu erhalten. 

Hierbei verfehlte er gegen die Sitten und Satzungen der französischen 
Ärzte, wurde aus der ärztlichen Gesellschaft ausgestoßen und ist in der 
Blüthe der Jahre verstorben. 

23* 



356 XXIII. Hirschberg, Griechische Augenärzte im 1 9. Jahrhundert. 

Dies alles erfuhr ich erst nach seinem Tode, als es sich darum 
handelte, den zweiten und Haupttheil seines geschichtlichen Lebenswerkes 
zu drucken, für den, wegen der Unverkäuflichkeit des ersten Theiles, kein 
Verleger sich finden wollte i). 

Das auf 12jährigen Studien aufgebaute Werk 
nEPI OOQAAMO.lOriA^ KAI nT0A0riA2 TQN ÄPXAWN 
EAAHNnN AnO TQN ÄEXAIOTATÜN XPONQN MEXPI2 

innoKPATOY^ Yno rEnpriOY a. ko^tobioiph omQAA- 

MIKOY KAI QTIKOY, EN AQHNAI2 1887, (248 S.), 

ist für den Philologen weit interessanter, als für den Arzt, da es von der 
Augenheilkunde bei Homer, den Lyrikern, den Dramatikern, den Philo- 
sophen u. s. w. handelt; übrigens aber für jeden Arzt, der nicht sofort 
sein Griechisch über Bord geworfen, bequem lesbar, weil es nicht in neu- 
griechischer Sprache, sondern in der alten koivi] verfaßt ist 2). 

In der Vorrede verspricht K. noch zwei weitere Werke, 2. über die 
Augen- und Ohrenheilkunde der Hellenen von Hippoerates bis auf unsre 
Tage ; 3. über die hellenische Augenheilkunde unsrer Tage. Das letztere 
sollte in der heutigen Landes-Sprache erscheinen; es wäre wohl vollstän- 
diger ausgefallen, als der kurze Abschnitt, den mir Zeit und Raum ver- 
statten. 

Von weiteren geschichtlichen Arbeiten des Verfassers erwähne ich noch 

2. Sources primitives de l'histoire de l'ophtalmologie et de l'otologie 
grecques et textes completement inedits ou incorrectement publies, qui traitent 
des yeux et des oreilles, recueiliis et corriges ä l'aide des manuscripts par 
M. le Dr. G. A. Costomiris, Prof. agrege ä Athenes. (Societe fr. d'Opht. 1889, 
10 S.3') 

3. Sur les ecrits encore inedits des anciens medecins Grecques et sur 
ceux dont le texte original est perdu, mais qui existent en latin ou en arabe. 
Memoire lu ä l'Academie de med. de Paris par le Dr. G. A. Costomiris . . . 
Paris 1889. (U S.) 

Die Schriften von K. zur Pathologie und Therapie der Augenkrank- 
heiten sind unbedeutend. Sie sind ebenso, wie die beiden letztgenannten, in 
französischer Sprache geschrieben und finden sich in den A. d'Oc. 

4. (A. d'Oc. IXC, 228. C. Bl. f. A. 1888, S. 169.) Über das Ablecken 
der Augen. 

Es ist eine Volks- Praxis in Griechenland. Bei Hornhaut-Flecken hat K. 
gute Erfolge davon gesehen. 

Aristophanes schildert das Lecken der Schlangen im Tempel des Asklepios. 
(Vgl. unsren § 30, S. 60.) 



1) Ich erbot mich, den Druck' auf meine Kosten zu übernehmen ; doch scheiterte 
mein Anerbieten an der Höhe der Honorar-Forderung. 

2) 'El' uQxa'iCovaij ntas cpwi'ij yiyqumai. Das mir gewidmete Exemplar trägt 
die Aufschrift: Tä ayanr^Ko uoi (piXio xcu Siddaxälo) x. Hirschberg . . . 

3) Über einen Irrthum von K. vgl. § 204. 



Griechische Lehrbücher der Augenheilkunde. 357 

ö. (A. d'Oc. eil, S. U8. Bull, de l'Ac. de med. de Paris, 10. Sept. 1889. 
Aichives d'Ophth. 1890, Jan.— Febr. C. Bl. f. A. 1890, S. 459.) 

Über die Massage des Auges. 

K. hat in mehr als 4000 Fällen die direkte Massage der Bindehaut und 
Hornhaut mit gutem Erfolge angewendet und empfiehlt dieselbe auf das an- 
treiegentlichste. 

Er unterscheidet zwischen starker und schwacher Massage. Durch direkte 
Massage der Bindehaut hat er besonders viele Fälle von Körnerkrankheit so- 
wohl von akuter, wie von chronischer, zur Heilung gebracht. 

Der Referent in A. d'Oc. (CIV, S. 254) fügt hinzu: »Diese Erfolge er- 
wecken unser Staunen. Wir haben bei diesem Verfahren nicht so wunderbare 
Heilungen erlebt.« 

§981. Das griechische Lehrbuch der Augenheilkunde, 
welches Anagnostakis 1871 angestrebt, ist mehr als ein Menschenalter 
später geschaffen worden. 

ErxEiriJiON ooQAyiMOAOriA:^ rno inANNOY a. 

3ini:^THi). EN AGHNAi:^ \90S. (583 S.) 

Dr. Johann Bfstis, Docent der .\ugenheilkunde zu Athen, hat das erste 
moderne, zeitgemäße Lehrbuch der Augenheilkunde in neugriechischer 
Sprache verfaßt und damit nicht nur seinen Landsleuten einen wichtigen 
Dienst erwiesen, sondern auch uns eine große Freude gemacht, — we- 
nigstens denjenigen unter uns, die Hellas nicht hinter sich gelassen, die 
Schule zu hüten. So wenig ich für die Alleinherrschaft griechischer Kunst- 
ausdrücke begeistert bin, so muß ich doch sagen, daß es sehr angenehm 
ist, hier einmal alle in einwandsfreiem Griechisch vor sich zu haben. Den- 
jenigen, die sich im Griechischen üben wollen, ist das Werk besonders zu 
empfehlen. Als Beispiel, wie leicht verständUch die neugriechische Schrift- 
Sprache ist, idie Unterhaltungs-Sprache des Volkes muß allerdings be- 
sonders gelernt werden,) — füge ich den folgenden Satz der Vorrede 
hier bei: . " 

Qg ßäoLV y.ara rr^v avyyQacpi]v tov TVOvrjiiiaTog tovtov tO-tf-iev rb 
tQyor TOV 6V Biirvi] y.aO-rjyr^Tou Tfjg öcpd^alf.ioloyLag Ernst Fuchs, rot 
■/.cd r^LUTtQov didaG-zidlov, XaßövtEg aua vir oipiv vtal alSka soya rfjg 
rsQuavtKfjg, FaXÄrx^e, JiyykiKfjg /.al ciXlrjg cpiXoXoylag, e^ wv rjQvaS-r]- 
iitr o, Ti y.aT£OTad-T] y.vQiwg ysyovbg er rrj eTTiGTrjiiir], ^ öe TtslQU fjuLov 
TtQuoifOQOP diä r« ögia tov eoyou tovtov e/.Qivev. >Zur Grundlage für die 
Abfassung dieser Arbeit wählte ich das Werk des Wiener Professors der 
Augenheilkunde Ernst Fuchs, der ja auch mein Lehrer gewesen, und faßte 
gleichzeitig auch die andren Werke der deutschen, französischen, englischen 
und andren Literatur in's Auge, aus welchen ich das entnahm, was als 



1, Die Griechen sprechen .^ wie das deutsche w; un wie b. 



358 XXIII. Hirschberg, Griechische Augenärzte im 1 9. Jahrhundert. 

bewährte Schöpfung in der Wissenschaft begründet ist und was meine eigne 
Erfahrung als passend innerhalb des Rahmens dieser Arbeit ansieht i).« 
Das zweite Lehrbuch ist bald danach erschienen: 

NIKOAAOY 211. JE^ylAnOPTA, 

■A.'kivv/.ov y.ad^rjyr]Tov rf^^g öfpd^aXiiohoyiag /.cd d(pd-c('Ai^io?.oyf/j]g /J.D'c/.r^ 
Iv rq) e&vi/.^ TtaveTtiOTi^nio). 

^Ocpd-akiioXoyLa dvaTOfiiy.rj, (pvaioXoyici, /j.ii'r/.r; liiTaaig /.cd 
voöokoyki tCov öcpiyccluCov. Ev JiO^rjvaig, 1915. 

Es ist ein stattlicher Band von 726 S., mit 331 Text-Figuren und 8 far- 
bigen Tafeln. Zwar sind die Augengrund-Bilder mangelhafter, als man heut- 
zutage gestatten möchte ; aber das Buch ist vollständig und klar, olVenbar ganz 
nützlich füi" die Studenten. 

In der Vorrede heißt es: Jlövl (nptlUo ii£rd Tivog dvad^vaiag u.roa- 
■/.uKviirvjg vu nnoXcryl^OLO^ otl ol rckelovoL twv r^utTtQLOi' rpoLTtjvjv 
^ityiaci]v, Cog iii^ ütptXsv , hiiötL/.vvovai o/.iyiooiav ttsqI ti^v Ir ra/c 
d(pd-a/aiioXoyr/.cdg yj.n'r/.aig zov UciveriLaTr^iiov liöy.i]Oiv c(vrw)' . . . 
»Denn ich muß voll Mißmuth unverhohlen bekennen, daß die meisten unsrer Stu- 
denten die größte Nachlässigkeit, wie es wahrhaftig nicht sein sollte, bezüglich 
ihrer Übung in den Augenidiniken der Universität an den Tag legen.« 

»Thörichter Weise halten sie«, fährt D. fort, »die Augenheilkunde für 
einen ganz eignen und unabhängigen Zweig, den nur die Fachärzte zu studiren 
haben; weshalb sie auch beim .\bgang von der Universität und in die prak- 
tische Laufbahn losgelassen sehr wenige Kenntnisse von der Augenheilkunde 
mitbringen, — ein Mangel, dessen schlimme Folge ich nicht ausführlich zu er- 
örtern brauche. « 

(Diesem Mangel, meine ich, läßt sich abhelfen. Man lasse die Studenten 
in den Prüfungen durchfallen, bis sie das nöthige Mindestmaß von Kenntnissen 
in der Augenheilkunde nachweisen können.) 



Johann- Bistis, 
1864 zu Andros geboren, studirte in Wien, promovirte daselbst 1889 und 
arbeitete an der Augenklinik von Prof. Flchs, wirkte dann zu Konstantinopel 
und seit 1903 zu Athen, wo er Privat-Docent wurde und eine Augen- 
Abtheilung an der Universitäts-Poliklinik einrichtete. 

Von seinen zahlreichen Abhandlungen erwähne ich die folgenden: 
Nucleare Oculomotorius-Lähmung. C. f. A. 1 897. 

Heterochromie und Star-Bildung. Ebendas. 1898 (und A. f. A. LXXV). 
Chorioret. leprosa. Ebendas,M899. 
Kerat. neuroparalyt. Ebendas. 1901. 
Traumat. Exophth. Ebendas. 1902. 
Star-Bildung nach elektr. Schlag. Z. f. Aug. XVI. 
Oberflächl. Iris-Kolobom. A. f. A. LXIX, 191. 
Glaukom im Orient. A. d'O. 1898. 
Enophthalmie. Arch. d'Opht. XXV. 
u. a. 

1) Vgl. CHI. f. A. 1909, S. 7. 



Griechische Augenärzte in der Diaspora. 359 

Zusätze. 

\ . Wie aus den Lebensbeschreibungen hervorgeht, studirten mehrere der 
Genannten zu Paris, einige zu Wien, oder an beiden Orten. Obwohl eigentlich 
das Französische fast die zweite Landes-Sprache der gebildeten Hellenen darstellt, 
hat doch neuerdings das Universitäts-Studium im deutschen Sprachgebiet die Ober- 
hand gewonnen, wie ich auf meinen mehrfachen Reisen und namentlich bei der 
Jubel-Feier der Universität zu Athen (1912) festzustellen in der Lage war. 

2. In meinen Hellas-Fabeln (1910, S. 65 — 70) habe ich einen kleinen 
Abschnitt: ^Praxis in Griechenland« veröffentlicht, der einiges über das 
Verhältniß der heutigen Griechen zu den Ärzten und über Pfuscher in der 
Augenheilkunde enthält. 

§ 982. In der Diaspora 

finden wir viele griechische Augenärzte: zu Konstantinopel Gabrielidics und 
Trantas, zu Smyrna Issic.oxis und Eleutheriades, zu Alexandria Demetriades, 
Jacoviuks. Ihre Veniffentlichungen sind meist, jedoch nicht ausschließlich, in 
französischer Sprache ^j. 

Alexis Trantas 2), 

1867 in Epirus geboren, promovirte 1891 zu Athen. Hier arbeitete er unter 
Anagnostakis, danach 1891 — 1893 zu Paris bei Panas, Wecker, Galezowski 
und gründete dann 1893 in Konstantinopel die Augenklinik am griechischen 
Hospital (das 500 Betten enthält); seit i .lahren besteht ein besonderer Pavillon 
i^KOWlOYJElOy Oax-JÄ^dMIATFElON). 

Traxtas hat mit Vorliebe die Augen-Erscheinungen der Allgemeinkrank- 
heiten (Lepra, Syphilis u. a.^i studirt, die weißen Punkte des Frühjahr-Katarrhs 
als pathognoniisch erkannt, die hippokratische Behandlung der Nachtblindheit 
rehabilitirt; vor allem aber das Mittel geliefert, um die vorderste Partie des 
Augengrundes mit dem Augenspiegel zu studiren (A. d'Ophth. 1900, 1907, 
A. d'Oc. 1902). 

Die Zahl seiner Abhandlungen beträgt 114. (Bis Anfang 1916.) 

Anamas Gabrielides 2), 

geb. 1867 zu Baffra in Klein-Asien, studirte Heilkunde erst zu Lyon, dann zu 
Paris, wo er den Doktor 1895 erlangte, bildete sich in der Augenheilkunde aus 
unter Panas und ließ sich 189ü in Konstantinopel nieder, wo er als Augen- 
Arzt und Bakteriologe am französischen und am russischen Ki-ankenhaus thätig ist. 

Veröffentlichungen von A. Gabrielides: 

Embryogenie und vergleichende Anatomie des V. K.-Winkels. Dissert. Paris 

1895 u. Arch. d'O. 1895. 
Augen-Lepra, 1906. 
Diabet. Sehstörungen, 1897. 
Aktinomykose des Auges, 1898. 

Medizinische und augenärztliche Begriffe der Byzantiner, 1900. 
Trachom-Statistik, 1904. 
Ophthalmologie microbiologique, Constant. 1907. 491 S., 160.) 

1) »Die augenärztlichen Arbeiten aus den Kolonien sind zahlreicher und 
wichtiger, als die aus dem eigentlichen Hellas.« ;Trantas.) 

2) Nach brieflicher Mittheilung. 



360 XXIII. Hirschberg, Griechische Augenärzte im 19. Jahrhundert. 



Mi. A. Issigonis 

aus Smyrna hat im deutschen Sprachgebiet studirt und 1880 zu Basel den 
Doktor erworben mit der Dissertation über die Theorie des Sehens und der 
Sinne überhaupt'). 

Über die griechischen Fachgenossen in Ägypten vgl. § 1000. 

Übrigens reicht der Aktions-Radius der modernen Griechen, sowohl der 
Kaufleute als auch der Ärzte, weit hinaus über das eigenthche Gebiet des alten 
Hellenismus, d. h. den östlichen Theil des Mittelmeer-Beckens. Aber Metaxas in 
Marseille und Panas in Paris sind Franzosen geworden, nicht nur in gesetz- 
licher, sondern auch in literarischer Beziehung. 



1) 1886 hat er mir in Smyrna einen gastlichen Empfang bereitet. 



Kapitel XXIII. 

(Fortsetzung.) 



Die Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Von 

J. Hirschberg, 



Professor in Borlin. 

Drittes Buch. 

ZAveiundzwanzigster Abschnitt. 

Augenärzte in der Türkei und in den Balkan-Staaten 
während des 19. Jahrhunderts. 



Eingegangen im Juli 1916. 



§ 983. Die Türkei 
befand sich wäiirend der ersten Hälfte des 19. Jatirhunderts, ebenso wie 
die andren mohamedanischen Länder, auf unsrem Gebiet noch ganz und 
gar im Mittelalter. Ali den Isa's Buch vom Jahre 1000 erfreute sich der 
Hochschätzung und einer türkischen Übersetzung; die unwissenden Em- 
piriker, denen die Augenkranken ausgeliefert waren, wirkten nach arabi- 
schen Vorschriften. (Vgl. § 886.) 

Aus eigner Kraft konnten die Türken keine Fortschritte 
machen. Sie bedurften fremder Hilfe und erbaten solche 1842 von der 
österreichischen Regierung. 

In unsren Tagen haben die Türken Lehrer für ihre militärische 
Medizin-Schule und Leiter ihrer Spitäler aus Preußen erbeten^). Diese 
Medizin-Schule vertritt die medizinische Fakultät an der seit 1901 im 
Werden begriffenen Universität 2) in Konstantinopel, die endlich 1915 das 
Licht der Welt erblickt hat. 

1) Robert Rieder, geb. I86t, 1898 a. o. Prof. der Chir. zu Bonn, ging nach 
der Türkei, um als General-Inspektor der türkischen Medizin-Schule den medizini- 
schen Unterricht nach deutschem Muster umzugestalten und gründete die Ak. f. 
pr. Medizin daselbst. (RiEDER-Pascha.) 

-2) Minerva 1911, I, S. 4 20. 



362 XXIII, Hirschberg, Augenärzte in der Türkei usw. während des 19, Jahrh. 

§ 984. Lorenz RiGLER 1815—1862)1», 
am 20. Sept. 1815 zu Graz geboren, 1833 — 1837 Zögling der Josephs- 
Akademie zu Wien, 1838 Doktor, 1839 Assistent an Friedrich Jäger's Augen- 
klinik, wurde 18i2, auf Ersuchen der türkischen Regierung, zusammen mit 
Dr. EnER, nach Konstantinopel gesandt, um die dortigen Militär- Kranken- 
häuser neu einzurichten. Er übernahm das für 600 Kranke eingerichtete Spital 
Malt6pe und hatte gegen die Mißstände einen erbitterten Kampf zu führen. 

Es gelang ihm aber, sechs neue große Militär-Spitäler zu erbauen und 
einzurichten. Im Jahre 1849 wurde er Lehrer an der Medizin-Schule zu 
Galata-Serai und Vorsteher des österreichischen Krankenhauses zu Pera. 
Seine Beobachtungen und Abhandlungen vereinigte er 1 852 in dem zwei- 
bändigen Werke »Die Türkei und ihre Bewohner«. 

Im Jahre 1855 verrichtete er an dem Sultan Abdul-Mejid mit Glück 
eine Augen-Operation, wurde 18ö6 nach Graz als Professor der medizinischen 
Klinik zurückberufen, ist aber bereits am 16. Sept. 1862, im Alter von 
47 Jahren, vom Tod hin weggerafft worden. 

L. RiGLER hat einige bemerkenswerthe Beiträge zu unsrer Fach-Wissen- 
schaft geliefert 2 , die natürlich nicht zur türkischen Literatur gerechnet 
werden können. 

1. Seine Preisschrift über das Glaukom 
haben wir bereits kennen gelernt 3), 

2. Seine Abhandlung über die pathologische Anatomie des Stars 
(A. d'Oc. X, S. 220—226, 1843) enthält zu viele Einzel- Beobachtungen, 
als daß man sie in Kürze wiedergeben könnte. 

3. Die Türkei und ihre Bewohner in ihren naturhistorischen, phy- 
siologischen und pathologischen Verhältnissen vom Standpunkt Constan- 
tinopels geschildert, von Dr. Lorenz Rigler, k. k. österreichischem Pro- 
fessor, derzeit Lehrer der med. Klinik an der Schule zu Constantinopel. 
Wien 1852. (2 Bände, 413 -f 584 S.)'») 

II, S. 499 — 550, werden die Augenkrankheiten geschildert. Wäh- 
rend seines Aufenthaltes in Konstantinopel ist R. nie einer »Epidemie der 
sogenannten ägyptischen Augen-Entzündung begegnet; er sah wohl die 
Folgen derselben an den aus Syrien und Kandien gekommenen Regimentern 
sowie sporadische Fälle.« 

1) Biogr. Lex. V, S. 30. 

2) Ich selber habe schon 1868 einen Fall von vollständiger traumatischer 
Lähmung des linken Trigeminus citirt, den R. brieflich an Rombekg mitgetheilt hatte. 
(Nervenkr. in. Aufl., S. 262.; Vgl. meine Neurolog. Beobachtungen, Berlin, klin. 
W. ises, No. 4 8fgd. 

3) § 521, S. 310. Die französische Übersetzung dieser Arbeit findet sich A. 
d'Oc. XIV, 103, 128, 254 fgd., 1843. 

4) Eine kurze Darstellung, nach Rigler, giebt Helfft in den Augenkr. im 
Orient, Deutsche Klinik 1854, No. 31. Unsre ist nach Rigler's Original gearb. 



Lorenz Rigler zu Konstantinopel. 363 

Durch Einleiten eines Stückchens ungelöschten Kalk suchten sich ein- 
zelne Mohaniedaner dem Militärdienst zu entziehen i). 

»Die Bindehaut zeigt in Konstantinopel noch nicht jene vorherrschende 
Neigung zu pathologischen Processen, wie sie schon in Smyrna gegeben, 
in Syrien höher gesteigert ist und in Ägypten die höchste Stufe erreicht.« 

»Augen-Eiterung der Neugebornen ist seltner; auch durch Über- 
tragung des Trippor-Schleimes hervorgerufene Augen-Eiterungen sind, 
wegen der großen Reinlichkeit der Bewohner, seltner, als in Europa.« 

»Die akute granulöse Augen-Entzündung ist ansteckend, die chronische 
scheint es nicht zu sein.« 

Bei Chemosis, Ausschneidung imd Höllenstein als Abortiv-Methode; 
sonst Laudan. liquid. Sydenh. 

Gegen Granulationen, Höllenstein- oder Kupfer-Stift. 

»In Konstantinopel und im ganzen Orient hat bei allen Augen-Leiden 
der Same von Cassia Absus einen großen Ruf erlangt. (Zerpulvert, mit gl. 
Theilen des feinsten Zuckers, eingeblasen. 2>)« 

R. fand es nützlich bei dünnem Pannus, Flügelfell, Granulationen; 
schädlich bei Entzündung der Hörn- oder Regenbogenhaut. 

Unter den Hornhaut-Entzündungen beschreibt R. die ringförmige, — 
wohl die spätere sogenannte disciformis. 

Unter den Entzündungen der Regenbogenhaut beobachtete R. die rheu- 
matische und die syphilitische. 

Glaukom, auch akutes, kam häulig zur Beobachtung. 

Stare gehören zu den seltnen Krankheiten des Morgenlandes. Ver- 
hältnißmäßig häufig sind sie mit Haarkrankheit, Einstülpung u. dgl. kom- 
plicirt und bleiben dann gewöhnlich ungeheilt, da sich nur Wenige zu 
wiederholten Eingriffen herbeilassen. Die Star-Operation soll man in den 
drei heißen Monaten Juni, Juli, August; unterlassen. Daß die Ausziehung 
wegen der Tieflage der Augen nicht passe, gilt nicht für die Türken. 

Die einheimischen Star-Stecher verlieren, trotz ungünstiger Er- 
folge, nicht das Vertrauen des Publikums, da sie üblen Ausgang durch 
religiöse Gründe entschuldigen. 

Für künstliche Pupillen-Bildung ist im Orient wegen der größeren 
Häufigkeit der Blattern mehr Gelegenheit. 

Der Orient zählt wenige Kurzsichtige. Das Brillen-Tragen wurde bis 
jetzt nicht Mode. 

Nachtblindheit beobachteten wir 1843 epidemisch während der Lager- 
Zeit. Seitdem öfters sporadisch. Die Soldaten simuliren häufig diesen Zu- 
stand. Die Krebsformen sind im Orient selten. 



\) Vgl. § 682, S. 351. 
2) § 486, S. 37; § 977, 



gegen Ende. 



364 XXIII. Hirschberg, Augenärzte in der Türkei usw. während des 1 9, Jahrh. 

Thränen-Fisteln sind verhältnißmäßig selten. Sehr wenige Kranke 
haben die Geduld, der langdauernden Behandlung sich zu unterziehen. 

Schielen ist in Konstantinopel seltener, als in Syrien und Ägypten. 
Das Vertrauen auf die Operation ist durch die traurigen Resultate durch- 
reisender Augen-Operateure stark erschüttert. 

§ 985. Gleichzeitig mit Dr. Rigler und nach ihm wirkte zu Kon- 
stantinopel, auch im Hospital Gülhane, 

Dr. Hübsch, 
über dessen Herkunft und Lebens-Schicksale ich in den zugänglichen Quellen 
nicht die geringste Andeutung gefunden. 

Er hat französisch geschrieben und zwar in den A. d'Oc, auch in 
der Gaz. med. de Paris und in der Gaz. m6d. de l'Orient zu Kon- 
stantinopel, welche für die Entwicklung der Heilkunde (und auch unsrer 
Fachwissenschaft) im Morgenlande einige Wichtigkeit erlangt hat. 

Die folgenden Abhandlungen von Dr. Hübsch vermochte ich zusammen- 
zustellen : 

i. Da meilleur mode de traitement du chalazion. A. d'Oc. XVIII, 269, 1847. 

2. Du ramollissement de la cornee qui survient dans les maladies consomptives. 

xxin, 101, 1850. 

3. über die zu Konstantinopel herrschenden Augenkr. Gaz. hebd. 1855, No. l) 
u. 4 0. — Unter 20 Ouo kranken Soldaten, die binnen 6 Jahren im Hospital 
Gülhane behandelt wurden, waren 6 Blennorrhöen des Auges, ISO katarrha- 
lische Bindehaut-Entz. , 15 F. syphilitischer Iritis, 8 Stare, 5 F. v. Pannus, 
eine mäßige Zahl von Lidkrankheiten (Trichiasis u. s. w.); Granulationen 
sind aber selten. Im Volk kommen viele Blinde vor, und auch zahlreiche 
Granulationen. 

4. Clinique ophthalmologique de Constantincple: I. Blessure par une bayonnette, 
section du nerve optique, blepharoptose, cöcitö. IL Apoplexie oculaire, 
glaucöme. XXX, 283. 

3. Tumeur de rOrbite. XXXI, 4 02. 

6. De la Ifepre des Grecs. XXXVI, 140. 

7. Observations de nevralgie ciliaire. XLIV, 99. 

8. Herpes zoster generale; atrophie des papilles des deux yeux ... LXVII, 
237, 1872. 

§ 986. Eigne Augen-Ärzte suchten die Türken schon 1867 zu ge- 
winnen. Die folgende Geschichte gehört zu meinen Jugend-Erinnerungen. 

Der Phanariote Aristarchi-Bey, Gesandter des Sultans bei dem König 
von Preußen, erklärte seinem Souverain, daß er der Heim-Berufung nicht 
Folge leisten könne, da er wegen seines Augenleidens in Behandlung bei 
A. V. Graefe stehe, in Konstantinopel aber keinen einzigen Augenarzt an- 
treffen würde. Staunend vernahm der Beherrscher der Gläubigen, daß seinem 
Reiche etwas mangele, was andre Herrscher besäßen; und befahl sofort, drei 
junge Militär-Ärzte behufs Ausbildung in der Augenheilkunde nach 
Berlin zu senden, und zwar — mit einer alle christlichen Staaten zur Zeit 



Praxis der türkischen Augenärzte. 3ß5 

Ijt'schämenden Parität, — einen mohaniedanischen Türken, einen syrischen 
Christ, einen Israeliten aus Konstantinopel ij auszuwählen. 

Ich selber hatte 1867, als Assistent, die Aufgabe, ihnen vor A. v. Graefe's 
Vorlesung immer die Fälle zur Untersuchung zu geben und dabei behilf- 
lich zu sein. 

Auch später wurden noch türkische Militär-Arzte zum Studium der 
Augenheilkunde nach Europa gesendet. Einen habe ich selber ausgebildet, 
mit ihm danach, am 22. IV. 1886, zu Konstantinopcl eine küstliche Stunde 
türkischer Praxis verlebt^). 

§ 987. Europäische Augen-Ärzte wirkten vorübergehend, und 
levantinlsche dauernd in Konstantinopel und auch in andren großen 
Städten des türkischen Reiches. 

Aj Die ersteren fühlten sich auch veranlaßt, die Praxis der türki- 
schen Augen-Ärzte, die ihnen so fremdartig gegenübertrat, ihren euro- 
päischen Fachgenossen genauer zu schildern. 

I. Über türkisch-persische Ophthalmiatrik von Dr. Phirk^j in Brussa. 

(J. der Chir. u. Augenh. h. von Dr. Philipp F. von Walther u. Dr. Fr. A. 

VON Ammon, XXXVI, S. 439—457, 1847.) 

Seit Jahrhunderten erhält und verpflanzt sich in Klein-Asien die tür- 
kische Augenheilkunde, von welcher gegenwärtig noch zwei Brüder leben, 
die einen weit verbreiteten Ruhm unter den reisenden Kahals^), als deren 
Meister, und unter dem Volk Asiens besitzen. Sie bewohnen ein Dorf und 
senden noch heutzutage ihre Schüler nach allen Gegenden aus. 

Viele Augenkranke besuchen jenes Dorf oder lassen sich Arznei von dort 
schicken. Reiche entbieten auch den Meister selbst, wofür dieser sich be- 
deutend honoriren läßt. 

Die türkischen Augen-Ärzte sind zumeist rohe, ganz unwissende Leute, 
die kühn, und gewöhnlich mit Glück, an die Operation gegen Star, Haar- 
krankheit, Flügelfell herangehen. 

> Beachtung verdient die fast ohne Ausnahme glückliche Operation des 
Stars 5)«, mittelst der Niederdrückung durch die Lederhaut. 

(Ausführung sowie Nachbehandlung, ferner das Abschnüren der Lid- 
haut-Falte bei Einstülpung, endlich das Abtragen des Flügelfells, — alles 



i) Elias, später E.-Bey, schließlich E.-Pascha. Vgl. § 988. 

2) Die Schilderung würde mich zu weit führen. 

3) Über Leben u. Wirken des Vf.s vermochte ich nichts zu ermitteln. 

4) Vgl. § 266. 

5) »Sie nennen denselben Ak Su, d. h. weißes Wasser; — im Gegensatz zu 
Bara Su, d. h. schwarzes Wasser, womit sie die Amaurose bezeichnen.« Vgl. 
§ -280, III. 



366 XXIII. Hirschberg, Augenärzte in der Türkei usw. während des i9. Jahrh. 

dies stammt aus dem arabischen Kanon der Augenheilkunde ", den Phirk 
allerdings noch nicht kannte: sonst hätte er sich wohl kürzer gefaßt.) 

II. Klinische Mittheilungen aus Konstantinopel von 

Dr. Mannhardt^ . 

(A. f. 0. XIV, 3, 26—50, 1868.) 

1 . P t e r y gi u m ist hier sehr häufig und ausschließlich Folge der Episcleritis. 

2. Trachom, Trichiasis, Symblepharon. 

Trachom findet man hier sehr häufig, unter den armenischen Last- 
trägern endemisch. Unter den türkischen Soldaten ist es sehr häufig, na- 
mentlich unter denen aus Syrien, aber nie zur Kalamität geworden, wegen 
der häufigen Waschungen an laufendem Wasser. Übergänge von Trachom 
in Blennorrhoe, oder umgekehrt, hat M. nie gesehen. 

Entspannende Einschnitte in die äußere Lidfuge und den Schließmuskel 
bilden das wichtigste Mittel bei akutem Trachom. Bei chronischem eine 
Kupfer-Glycerin-Salbe (0,1 bis 0,2:4,0). 

Die unzweckmäßige Behandlung, die im Morgenland üblich^ zerstört 
viele Augen. Volkslhümlich ist es, die kranke Bindehaut mit den scharfen, 
behaarten Blättern einer Pflanze zu skarificiren, sodann kleine Stückchen 
von Kupfer-Sulfat oder Blei-Acetat, die in den Höfen der Moscheen ver- 
kauft werden, in den Bindehaut-Sack zu bringen und dort zu belassen, 
ferner auch die Bindehaut mit gepulvertem Zucker zu ätzen. Die hiesigen 
Praktiker pflegen entweder den Tarsaltheil der oberen Bindehaut auszu- 
schneiden und dann scharf zu ätzen, oder nur einige Male diesen Theil 
der Bindehaut bis zur Zerstörung zu ätzen. 

Dadurch entsteht Haarkrankheit, welche hier die Hälfte der Trachom- 
Kranken behaftet. 

In 600 Fällen hat M., Sommer 1867, Snellen's keilförmige Ausschnei- 
dung des Lidknorpels mit Erfolg dagegen verrichtet. 

2. Die Star-Ausziehung nach v. Graefe hat hier, trotz ungünstiger 
äußerer Verhältnisse, ein fast sicheres Ergebniß geliefert. >Die Kunst des 
Star-Stechens ist im Morgenland noch ziemlich ausschließlich in den Hän- 
den von Empirikern. In Stambul genießt ein alter Türke, der, in einem 
Cafe sitzend, seine Klienten empfängt und operirt, das meiste Vertrauen. 
Diesen Operateuren dient zur Ausführung eine stumpfe silberne Nadel oder 
konische Sonde, die sie in drehender Bewegung durch die Lederhaut führen, 
um dann den Star nieder zu drücken, worauf der Kranke nach Hause 



1) Vgl. unsren § 277. 

2) Julius Mannhardt (1834 — 1893) verließ 1867 aus Gesundheits-Rücksichten 
seine Augen-Praxis in Hamburg, ging nach Konstantinopel, 1869 nach Florenz 
und kehrte 1878 in seine Heimath zurück. Vgl. § 1134. (Ich habe ihn ganz gut 
gekannt.) 



Mannhardt zu Konstantinopel, Preindlsberger in Sarajewo. 367 

ueht und sich selbst überlassen bleibt. Gewöhnlich tritt Entzündung mit 
starker Ciliar-Neuralgie ein, und die Augen gehen an Cyklitis oder dgl. zu 
(iiiinde . . . 

Sehr selten sind, so viel ich beobachtet habe, die Erfolge, aber doch 
nicht seltener, als die der mit Pariser Diplomen und Instrumenten ver- 
sehenen levantinischen Arzte, welche lleklinationen verrichten. Zu- 
weilen sah ich bei ganz klarer Pupille nach der obigen Operation Erblin- 
dung durch Netzhaut- Ablösung . . .« 

Zusätze. 

1. 3 Jahre später, nachdem die Ustreicher 1878 die nordwestlichste Pro- 
vinz der Türkei, Bosnien mit der Herzegowina, besetzt und in Verwaltung ge- 
nommen, erhielten wir noch genauere Mittlieilungen über die Erfolge der tür- 
kischen Star-Steclier, in den 

Miltheilungen aus der chirurgischen Abtheilung des Bosn.-Herzeg. 

Landes-Spitales in Sarajewo (l. Juli 1894 bis 31.December 1896), von 

Primararzt Dr. J. pREiNDr.sBEROEH, Landes-Sanitätsrath. (Wien 1898.) 

in dem Lande, in welchem die westliche Kultur sich erst seit Kurzem 
Bahn bricht, finden sich noch heute die dem Orient eigenthümlichen Sonder- 
Heilkünstler, die Star-Stecher. Vf. hat deren Verrichtung nicht selbst beob- 
achtet, wohl aber lernte er die traurigen Folgen des Verfahrens kennen. (Er 
citirt ans Prof HiRscHBEnr.'s Werke »Um die Erde« den Abschnitt, der vom 
Star-Stich, seiner Geschichte und Ausführung handelt.) 

Vf. theilt 1 6 beobachtete Fälle mit, die alle von demselben Star-Stecher 
operirt waren. In 1 5 Fällen trat wesentliche Herabsetzung des Sehvermögens 
bezw. Amaurose ein, in dem einzigen Falle, der Sehvermögen behielt (^/js), ist 
die Prognose sehr ungünstig, da chronische Entzündung und deutliche Druck- 
steigerung besteht. 

Ein Fall wurde von dem 6. Tage nach der Reklination an bis zur Er- 
blindung beobachtet. Stephan K., 6 '2 Jahre alt, beiderseits vor 6 Tagen mit 
Reklination behandelt, zeigt bei der Aufnahme: An beiden Schläfen 4 qcm große 
Pflaster. Die Augen sind mit einer dicken, zähen Salbe verschmiert. Beider- 
seits starke Conjunctival- und Ciliar-Injektion. Rechts: Hornhaut matt, Kammer 
sehr tief, Iris verwaschen, schlottert. Bei seitlicher Beleuchtung im Glaskörper 
innen unten eine grauweiße, flottirende Masse, die Linse ; T -|- 1 . S mit Star- 
gläsern = Yi6- Ophthalmoskopie: flockige Glaskörpertrübungen. Linse ge- 
schrumpft sichtbar. Augengruud verwaschen. Links ist der Befund ähnlich, 
die Linse nicht sichtbar, S. mit Stargläsern = ^y^g. 

In der Klinik wurde zunächst Besserung des Sehvermögens erzielt, aber 
bereits I Jahr später kommt der Kranke mit stärkster Reizung des linken 
Auges bei Hypopyon wieder. Das Sehvermögen ist links erloschen, das rechte 
Auge unverändert. 

Ein w^eiteres Jahr darauf ist das linke Auge atrophisch, sieht noch Hand- 
bewegung in 4 m, T — 1 . Der rechte Augapfel ist blaß, Vorderkammer auf- 
gehoben, Iris atrophisch, Pupille unregelmäßig, gesperrt, T = — 1 , Sehkraft 
Handbewegung in 2 m, Projektion nicht aufzunehmen. 

Vf. glaubt, daß man die Zeit von der Reklination bis zur Erblindung 
durchschnittlich mit 2 Jahren anzunehmen hätte. 



368 XXIII. Hirschberg, Augenärzte in der Türkei usw. während des 1 9. Jahrh. 

Weitere Beiträge zur Kenntniß der End-Ergebnisse nach Re- 
klination hat Dr. M. Mader, Assistent am Landes-Spital in Sai*ajewo (Wiener 
klin. Wochenschrift 1898, No. 50) veröffentlicht. 

In Bosnien wurden bis in die jüngste Zeit die Star- Operationen nur von 
Star-Stechern vorgenommen; eine Anzahl derartig Operirter hat Yf. zu unter- 
suchen Gelegenheit. Die End-Ergebnisse der Reklination waren überaus un- 
günstig. Die beste Sehkraft in 3 Fällen war f'/i5 ; in allen 3 Fällen bestanden 
jedoch so bedeutende Veränderungen, daß für den weiteren Verlauf eine un- 
günstige Prognose gestellt werden mußte. 

In den vom Vf. zusammengestellten 39 Fällen von Reklination endeten bis 
zum Zeitpunkte der Beobachtung (l — 4 Jahre nach dem Eingriff] 15 Fälle 40 *^/o) 
mit Amaurose. In 9 Fällen (23 ^/o) war mit Konfektion noch eine Sehkraft zu 
erzielen, die wenigstens Fingerzählen ausmachte. In 2 Fällen konnte die in 
die vordere Kammer luxirte Linse extrahirt werden. In einer Anzahl der Fälle 
waren Zeichen chronischer Iridocyklitis mit Ausgang in Netzhaut-Ablösung und 
Schrumpfung des Augapfels vorhanden, andre boten das Bild eines Secundär- 
Glaukoms dar. In 3 Fällen wurde an dem nicht reklinirten Auge die Aus- 
ziehung eines reifen Stars vorgenommen, ohne daß es zu sympathischen Er- 
scheinimgen gekommen wäre. 

2. Im Gegensatz hierzu hat im Jahre 1903 Herr F. T. Maynard, damals Major 
im indischen Arztdienst zu Kalkutta, der Übersetzer meines Artikels über den Star- 
Stich der Inder, die Ergebnisse von 63 Fällen, die von indischen Star-Stechern 
operirt wurden, in dem Aprilheft der Ophthalmie Review veröffentlicht. Von den 
6 3 Augen hatten 39 oder 6 1 ,9 ^ o S^^^ Sehkraft erlangt, für verschiedene Perioden ; 
bei 29 oder 46% war die Sehkraft nach 5 Jahren noch gut gebHebeni). 

Somit waren die Erfolge der indischen Star-Stecher, wenn sie gleich 
gegenüber unsren Erfolgen der heutigen Star-Aus ziehung nur als kläglich zu 
bezeichnen sind, doch unvergleichlich viel besser, als die der türkischen: 
wenigstens nach den Beobachtungen von Mannhardt und Preindlsberger, während 
Phirk einen günstigeren Eindruck gewonnen, aber Zalilen nicht beigebracht hatte. 

§ 988. Unter den levantinischen Augen-Ärzten, die im letzten 
Viertel des vorigen Jahrhunderts zu Konstantinopel ihren Haupt-Wohn- 
sitz hatten, — denn sie sind alle Wandervögel, — war unstreitig der 

tüchtigste 

Edwin van Millingen, 
ein echter Levantiner, nach Abstammung 2) und nach Art, der in Deutsch- 
land studirt, in europäischen Kliniken 3) sich fortgebildet hatte, eifriger Be- 

■I ) P. Breton ;Tr. med. and phys. S., C a 1 c u tt a , II, 1 826) hatte die Star-Operation 
der Eingeborenen mit Lanzette und Kupfer-Nadel beobachtet und unter 100 Opera- 
tionen nur iO mißglückte gesehen, so daß er diesen Eingriff für gefahrloser hält, 
als die Operationen der europäischen Ärzte. Doch spricht er nicht von längerer 
Beobachtung der Ergebnisse. 

2) Sein Vater war holländischer Abkunft und enghscher Unterthan; seine 
Mutter eine Levantinerin; seine Frau eine Polin, deren Vater, ein Oberst, nach 
der verunglückten Revolution von 1863 in der Türkei Zuflucht gefunden. 

3) Er hat auch in der meinigen einige Zeit verweilt. Ich habe ihn in Kon- 
stantinopel besucht, 1886 u. 1890. — Um die Wende des Jahrhunderts ist er ge- 
storben; einen Nachruf vermochte ich nicht aufzufinden. 



Levantinische Augenärzte: E. van Millingen 369 

Sucher der internationalen Kongresse, geschickt und rührig, auch auf wissen- 
schaftlichem Gebiet erfolgreich. 

Seine Haupt-Leistung ist die Einpflanzung eines stiellosen 
Lappens aus der Mundschleimhaut zwischen den emporgenähten Lid- 
haut-Lappen und den Lid-Rand, bei Haarkrankheit und ihren Folgen. 

E. V. M. hat im Marine-Hospital gewirkt und eine Privat-Augenheilanstalt 



Ö 



eleitet. 



\ 



Er schrieb französisch, in ärztlichen Zeitschriften von Konstantinopel 
und von Paris, auch im Arch. d'Opht. und in A. d'Oc; ferner deutsch, 
hauptsächlich im G. Bl. f. A,; gelegentlich auch englisch, besonders in 
Ophth. Review. 

Veröffentlichungen von Edwin van Millingen: 

i. Über Insufficienz der Interni und muskuläre Asthenopie. Inaug.-Diss. Würz- 
burg 1871. 

2. Le trachome h Constantinople. Gazette möd. de l'Orient 1874, S. 122 — Ii4. 
(i2?o der Augenkranken.) 

3. Sur la röhabilitation de la röclinaison dans l'operation de la cataracte. Eben- 
das. 1S73, S. 76. (Gegen Elias aus Konstantinopel, der in derselben Zeit- 
schrift, April 1S75, die Indikationen zu weit ausgedehnt hatte.) 

4. Tubercule de la choroide, nevrite optique, meningite primaire luberculeuse ; 
mort et autopsie. Ebendas. XXUI, S. H, 1880. 

5. Ein Fall von Bindehaut-Tuberkulose. C. Bl. f. A., Juli 1882, S. 193—195. 

6. Bericht über die Augenheilanstalt in Constantinopel für 1880 u. 1881. Salz- 
burg 1.S83. {Vgl. C. Bl. f. A. U83, S. 125.) 184 Operationen, 36 Star-Aus- 
ziehungen nach v. Graefe, mit 2 Verlusten, 2 unvollkommenen Erfolgen; 
36 Lid-, eine Schiel-Operation. Die klein-asiatischen Türken sind fast ganz 
frei von Kurzsichtigkeit. Ein kavernöses Angiom der Orbita, das so groß 
wie ein Straußen-Ei war und über die Wange herab hing, wurde einer 
25jährigen Bäuerin aus Klein-Asien erfolgreich exstirpirt. 

7. Ein seltner Fall von Neuritis optica retrobulb. C. Bl. f. A., Jan. 1884. 

8. Cocain. Sitzungsbericht der K. Gesellsch. f. Heilkunde zu Constantinopel, 
vom 19. Dez. 1884, C. Bl. f. A. 1885, S. 18. 

9. Sur un cas de contraction des muscles droits internes avec miosis. Union 
med. 1884, S. 443, 

10. Partielle Chiasma-Erkranli«ng. C. Bl. f. A. 1886, S. 167. 

11. The tarsocheiloplastic Operation for the eure of trichiasis. 
Ophth. Review 1887, S. 309. Vgl. Arch. d'Ophtalm. VIII, S. 60 u. Ophth. 
Rev. 1898, März. — Bemerkungen über 100 Fälle von Trichiasis, 
operirt nach meiner Methode der sogenannten Tarsocheilo- 
plastiki). C. Bl. f. A. 1889, S. 193—200. 

12. Über eine eigenthümliche Form von Keratitis bei Intermittens. C. Bl. 
f. A. 1888, S. 7. (Ähnlich der dendritischen.) 

13. Toxic amblyopia. Ophth. Review 1888, S. 63. 

14. L'oz^ne et les ulceres infectieux de la corn^e. Arch. d'Opht. IX, 526, 1889, 

15. Über Trachom. B. des Internat, med. Kongresses zu Berlin, 1890. 

16. Les anomalies de la convergence. A. d'Oc. CVI, 103, 1891, u. CVII, 12, 1892. 



1) Das schöne Wort, das in meinem (2 Jahre vor seiner Bildung erschie- 
nenen) Wörterbuch noch nicht vorkommt, ist zusammengesetzt aus b xa^aö?, der 
Lid-Knorpel; xo x^t^o^, die Lippe, und t/ nXaaxixr], die Bildnerei. Es findet sich 
übrigens weder bei Roth (1914) noch bei Güttmann (1913), noch bei Magennis (1909,) 

Handbuch der Augenheilkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXUI. Kap. 24 



370 XXIII. Hirschberg, Augenärzte in der Türkei usw. während des 19. Jahrh. 

4 7. Erythropie. Ebendas. CVIII, 417. 

<8. Beitrag zur operativen Behandlung des Auf- und Abwärtsschielens. C. Bl. 

f. A. 1892, S. 327. 
19.20. Versuche über Keratoplastik. Über die Maßregeln, um Irisvorfall nach. 

einfacher Star-Ausziehung zu vermeiden. XI. Internat. Kongreß zu Rom. 
2t. Statistique sur le trachome. Revue medicopharm. Oct, 1895, Constantinople 

XII. Internat. Kongreß zu Moskau, XI. Sect., S. 8-2. A. d'Oc. CXIV, 171. 

22. Observ. cliniques. A. d'Oc. CXX, 202. 

23. Über endo-okuläre Galvano causis. C. BI. f. A. Juni 1899. 

E. V. M.'s wissenschaftliche Arbeit umspannt 25 Jahre, von 1874 — 1899. 

Zusatz. 

Die griechischen Augenärzte zu Konstantinopel sind bereits im § 98St 
berücksichtigt worden. 

Die Balkan -Staaten. 

§ 989. In Rumänien giebt es zwei Universitäten. Die zu Bukarest 
wurde 1864 gegründet und besitzt eine medizinische Fakultät; die 1860 zu 
Jassy begründete Universität hat 1876 (bzw. 1879) eine medizinische Fa- 
kultät erhalten. Zu Bukarest war 1906 Nicolao 3Ianolescü, 1911 Gh. 
Stancüleanu Prof. der Augenheilkunde; zu Jassy hatte (1906, 1911) Prof.. 
G. SocoR die Physiologie und die Augenheilkunde zu vertreten*). 

§ 990. Das wissenschaftliche Leben auf unsrem Gebiet wurde zu 
Bukarest um 1863 eröffnet mit einer (in Wien angefertigten) Arbeit von 

Dr. Leopold 2) Kugel. 

Eine Lebensbeschreibung dieses Pioniers der Balkan-Staaten auf- 
zufinden ist mir nicht gelungen. Ich muß mich mit den Angaben begnü- 
gen, die mir meine eigne Erinnerung an die Hand giebt und die ich aus 
seinen gedruckten Abhandlungen schöpfen kann. 

Leopold Kugel ist zu Bukarest um das Jahr 1840 geboren und hat 
seine praktische wie wissenschaftliche Thät%keit auch in Bukarest be- 
gonnen. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre hat er eine Augen- 
Abtheilung am Krankenhaus geleitet und war auch als Militär-Arzt thätig. 
1870 weilt er in Konstanlinopel und hat daselbst in den siebziger Jahrea 
eine Augen-Abtheilung verwaltet. 

Dann kam eine lange Unterbrechung seiner ärztlichen (und wissen- 
schaftlichen) Wirksamkeit durch kaufmännische Unternehmungen 3). 

1890 ist er wieder Augenarzt und zwar am Alexander-Hospital zui 
Sofia, 1894 Primär-Arzt daselbst. 



1 



1) Minerva 1911, I, S. 411 — 413; 1906, 1911/12. 

2) 2.C. Kugel«, A. f. 0. X, 1, 89 ist Druckfehler. 

3) Vielleicht ging es ihm dabei ebenso schlecht, wie dem Belgier Josep» 
Bosch (§ 794). 



i 



Rumänien: Dr. Leopold Kugel. 37I 

1899 ist er wieder Augenarzt in Bukarest, 1900 Prof. daselbst; 1906 
zeichnet er »Dr. L. Kugel, derzeit Augenarzt am Caritas-Hospital zu Bu- 
karest«; 1914 »Prof. Dr. L. Kugel in Bukarest«. 

Im März 1915 ist er hochbetagt zu Bukarest verstorben und wurde 
viel betrauert. 

Aus seinen Schriften ergiebt sich, daß er selber mit Astigmatismus 
und Insufficienz der inneren graden Augen-Muskeln behaftet gewesen. 

Das Arch. f. Ophth. enthält die folgenden Arbeiten von L. Kugel: 

1. Über Collateral-Kreisläufe zwischen Ader- und Netzhaut. IX, 3, 1^9, 1863. 
(Versuche am lebenden Hunde ergeben, daß thatsächlich Collateral- 
Kreisläufe zwischen Netz- und Aderhaut bestehen; daß diese jedoch nicht 
genügen, die Netzhaut in ihrem physiologischen Zustande zu erhalten.) 

2. Über die Wirkung schief vor's Auge gestellter sphärisclier Gläser beim Astigma- 
tismus. X, 1, 89—96, 1864. 

3. Über Sehschärfe bei Astigmatikern. XI, i, 106— HS, 1865. 

4. Fall von Insufficienz der äußeren und inneren Augen-Muskeln. XII, 1, 66—75. 

5. Notiz über Nystagmus. XIII, «, 4 13— 4ää. 

6. Theoretische und praktische Miltheilungen. XVI, 1, 3il — 352. (Über die 
Bewegungen des hypermetropischen Auges. Über akute Entwicklung der 
Kurzsichtigkeit. Über den Einfluß des Krystall-Körpers auf Spannung der 
Regenbogenhaut. Über Trichiasis-Operation. Simulation einseitiger Amau- 
rose zu entlarven. Fall von akuter Attopin- Vergiftung. — Datirt, Konstanti- 
nopel, April 1870.) 

7. Zur Diagnose der Muskel-Insufficienzen. XVIII, 2, 165—199. 

(Die Bände XX— XXXV enthalten nichts von L. K.) 

8. Über die Auslöschung der Netzhaut-Bilder des schielenden Auges. XXXVI, 
2, 66 — 128, 18W0. 

9. Über die pathologische Wirkung der Konturen beim einäugigen Sehen der 
Astigmatiker und über Blendung als Ursache des Nystagmus. XXXVI, 2, 
129—162, 1890. 

10. Über Ätzung der Scleral-Bindehaut. XL, 3, 293—298, 1894. 
H. Über Wiederkehr der Licht-Empfindung nach Iridektomie bei Amaurose 
in Folge von Glaucoma simplex. Ebendas. 299—301. 

12. Über ein operatives Verfahren zur Heilung von Lid -Verdickung bei ge- 
schwüriger Lid-Entzündung. XLVIII, 959, 199. 

13. Über ein neues operatives Verfahren zur Beseitigung des Ectropium senile. 

L, 647, 1900. 

14. Zur Tätowirung von Hornhautnarben. LXII, 376—377. 

15. Neue Nachstar-Operation. LXIII, 557—572. 

16. Über die Beseitigung der ungenügenden Adaptation nach der Operation der 
Knorpel-Ausschälung. LXXXVIII, 3, 442-451, August 1914. 

Von Vladescü, 
dem Vorgänger Manolescu's, ist nur soviel zu ermitteln (aus Ann. di Ottalm. 
XII, 1883, S. 1941), daß er 

über die häuflgsten Ursachen der Amblyopie in Rumänien 
geschrieben hat und 1883 verstorben ist. 

24* 



372 XXIII. Hirschberg, Augenärzte in der Türkei usw. während des 19. Jahrh. x 

NicoLAO Manolescu (1850— 1910)1). 
Im Jahre 1850 als Sohn armer Bauersleute geboren, studirte M. in 
Bukarest, dann weiter bei Wecker in Paris und bei Arlt in Wien und 
wurde 1883 zum o. Professor an der Universität zu Bukarest und zum 
Direktor der Augenklinik ernannt. Seine Arbeiten beziehen sich haupt- 
sächlich: 1. auf die Behandlung des Trachom durch Ausbürsten (1891), 
wofür am 3. Mai 1892 die französische augenärztliche Gesellschaft ihm die 
Priorität zuerkannt hat 2); 2. auf die Operation des Stars, den er mit der 
Entfernung der ganzen Kapsel (1902, 1910) und mit Iritomie (statt 
Iridektomie) ausgezogen, wie er auch den Nachstar von hinten zu durch- 
schneiden sich bemüht hat, gleich Coeselden, (1904). Auch als Sanitäts- 
Direktor und als Politiker hat Manolescu sich ausgezeichnet. 

Zusatz. 

Während Manolescu der französischen Sprache sich bediente, hat sein 
Nachfolger Stanculeanu auch deutsch geschrieben. 

Vgl. St. und Rasvan, Über Mjdriatica und Miotica. XXVI. V. d. Ophth. G. 
zu Heidelberg, S. 259. 

St. und Mihail, Pathologisch-anatomische Befunde an der extrahirten Vorder- 
kapsel. Ebendas. S. 32 8. 

Eine deutsche »Gesundsheitspflege der Augen«, von Dr. Georg Craniceanu, 
Stabsarzt zu Bukarest, aus dem Jahre 1900, haben wir schon im § 470, S. 532, 
No. 66, kennen gelernt. 

§ 991. Die 1904 (aus der 1888 begründeten Hochschule) hervor- 
gegangene Universität zu Sofia (Bulgarien) hat keine medizinische Fakultät. 

Die 1905 zu Belgrad (Serbien) begründete Universität hat noch keine 
medizinische Fakultät 3). 

Montenegro ist in Minerva überhaupt nicht genannt. 



1) Nach J. HiRscHBERG, C. El. f. A. 1910, S. 348. Vgl. A. d'Oc. CXLIV, 231, und 
Klin. M. Bl. XLVIII, II, 489. (Stanculeanu.) — 1886 wurde ich von M. zu Bukarest 
sehr freundlich aufgenommen. .9 

2) Nicht dem Aegineta? Vgl. unsre §§ 53—77. 

3) Minerva 1911, I, S. 415. 



Kapitel XXIII. 

(Fortsetzung.) 

Die Augenheilkunde in der Neuzeit. 

Von 

J. Hirschberg, 

Professor in Berlin. 

Drittes Buch. 

Dreiiindzwaiizigster Abschnitt. 
Die außer-europäischen Länder. 

Mit 2 Figuren im Text und i Tafel. 
Eingegangen im Juli 1916. 

Von den außereuropäischen Ländern sind bereits die Vereinigten 
Staaten und auch das lateinische Amerika berücksichtigt; bleiben nur noch 

Kanada, Japan, Ägypten. 

§ 99-2. Kanada 
haben wir bereits zwei Mal berührt. 

1. Wir erwähnten (§ 750, S. 40) das vollständige Lehrbuch unsres 
Faches, aus der Mitte des 1 9. Jahrhunderts: 

The anatomy, physiology and pathology of the eye. By Henry Ho- 
ward, M. R. C. S,, Surgeon to the Montreal Eye and Ear Institution. London 
and Montreal 1850. (518 S., 8».) 

Ich habe das Buch nicht zu Gesicht bekommen, auch in der englischen 
Literatur nicht citirt gefunden, so daß sein Einfluß wohl nur als gering zu 
veranschlagen ist. A. A. Hubbel^) erklärt, daß es eine gute Kompilation sei, 
aber nichts Neues enthalte, und fügt aus der Vorrede hinzu, daß Howard, 



1) The development of Ophthalmology in America 1800 to 1870, 1908. 



374 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder. 

ein Schüler von Arthur Jacob in Dublin i), »in den letzten vier Jahren, als 
Wundarzt an der Montreal Eye and Ear Institution seine Thätigkeit 
ausschließlich der Behandlung von Krankheiten dieser Organe gewidmet 
habe«. 

Weiteres über das Leben von Henry Howard konnte ich nicht in Er- 
fahrung bringen 2), und über andre Schriften desselben nur die folgende Be- 
merkung der A. d'Oc. XXI, S. 93, 1849 (aus Montreal med. and surg. J.): 

»AugenärztlicheAnwendungderCyanogen -Präparate 3). Wenn 
man dem Vf. glauben sollte, gäbe es so zu sagen keine Hornhaut-Trübung, 
welche der Anwendung dieser Präparate widerstände; er zögert nicht zu 
versichern, daß er 12 Fälle von Albugo geheilt aus der Zahl von 18, die 
von seinen Fachgenossen für unheilbar erklärt worden waren; von 7 Leu- 
komen hat er 6 geheilt. Damit man nicht die Wahrheit seiner Behaup- 
tungen bezweifele, hat er ein Zeugniß hinzugefügt, das ihm als freiwilliger 
Erguß (a voluntary effusion) von Dankbarkeit zur Verfügung gestellt worden. « 

2. Wir haben bereits (§ 712) gesehen, daß Kanada in einer Beziehung 
dem Mutterlande überlegen ist, — es besitzt Universitäts-Professoren der 
Augenheilkunde. 

3. Eines bleibt mir noch zu erwähnen, die Geschichte desjenigen 
Mannes, der die moderne Augenheilkunde in Kanada einge- 
führt hat. 

§993. Frank Buller (1844—1905). 

In dem biographischen Lexikon von A. Hirsch sowie in dem von Pagel 
Ist sein Name nicht zu finden; auch nicht in der amerikanischen Ausgabe von 
Baas' Gesch. der Medizin noch in derjenigen des Amerikaners Garrison. Im 
NAGEL-MiCHEL'schen Jahresbericht fehlt jede Andeutung eines Nachrufes für 
F. Buller. 

Doch war eine kurze Anmerkung im C. Bl. f. A. 1906, S. 94, veröffent- 
licht, ferner in The Ophthalmoscope III, 644, 1905 (I); sowie eine »Würdigung« 
von Dr. J. Gardner, aus Montreal, ebendas. IV, S. 53 — 54 (II). 

Ausführliche Mittheilungen fand ich (III) in Kelly's American med. biogra- 
phy (I, S. 131 — 132, 19 12, von Andrew MacPhäil) und (IV) in American 
Encycl. and Dict. of ophthalm. (Bd. II, S. 1330—1336, 1913, Tho. Hall 
Shastid), die mir meine Darstellung ermöglichten. 

Frank Buller, am 4. Mai 1844 zu Campbellford in Ontario geboren, 
erlangte 1869 den Doktor am Victoria College und reiste sofort nach Eu- 
ropa, um die Krankheilen des Auges, des Ohres und des Kehlkopfes zu 
Studiren. In Berlin genoß er den Unterricht von A. v. Graefe und von 



1) § 706. 

2) Die American Medical Biography von Howard A. Kelly (1912) er- 
wähnt ihn nicht, während sie von Frank Buller (§ 994) eine ausführliche Lebens- 
beschreibung bringt. 

3) Vgl. § 632, S. 96; § 689, S. 384 No. 6; § 849, S. 134 (nutzlos). 



Kanada: Frank Buller. 375 

H. V. Helmholtz. Im Kriege von 1870/71 diente er in deutschen Lazareten 
und war danach in der Augenklinik von Ewers zu Berlin thätig. Im Jahre 
1872 ging er nach London und blieb 4 Jahre am R. London Ophth. Hop., 
in den beiden letzten Jahren als oberster Hausarzt. (Nach HI hätte er 
zuerst die Kenntniß und Übung der aufrechten Netzhaut-Bilder nach Lon- 
don gebracht*'. 

B. wurde auch M. R. C. S. 

Im Jahre 1876 kehrte er nach Kanada zurück und wirkte in Mon- 
treal nahezu dreißig Jahre, bis der Tod seiner Thätigkeit ein Ende setzte; 
er starb den II. Okt. 1905, an perniciüser Anämie. 

Nach III hat Dr. Ruller zuerst in Kanada der Augenheilkunde eine 
selbständige Stellung verschaflt, da er 1877 als Augen- und Ohren-Arzt 
am allgemeinen Krankenhaus zu Montreal angestellt wurde : nach IV war 
er der erste Augenarzt, der am allgemeinen Hospital angestellt wurde, — 
so ganz jung sei die Entwicklung der Augenheilkunde in der neuen Welt. 

Aber beide Vf. irren sich. 

Schon 1846 gab es ein Augen- und Ohren-Hospital zu Montreal unter 
Henry Hovnard^ ^ der übrigens auch (um 1852) eine Abtheilung für 
Augen- und Ohrenkrankheiten am allgemeinen Hospital Saint- Patrick 
leitete und auch als Professor der Augenheilkunde an der St. Lawrence- 
Medizin-Schule zu Montreal thätig war. 

Dr. BuLLER hat das Verdienst, die moderne Augenheilkunde in Kanada 
eingeführt und emporgebracht zu haben. 

Nach 17 jähriger Wirksamkeit am allgemeinen Hospital zu Montreal 
nahm er die gleiche Stellung (eines Augen- und Ohren-Arztes) am Royal 
Victoria Hospital zu Montreal an. 

Als dann im Jahre 1883 der Lehrstuhl der Augen- und Ohren-Heil- 
kunde an der M'cGill Universität^) begründet ward, hat Dr. Buller 
dies Amt erhalten und 22 Jahre lang mit Eifer und Erfolg verwaltet. Er 
war auch Vorsitzender der medizinisch-chirurgischen Gesellschaft von Mont- 
real und Mitglied der englischen wie der amerikanischen augenärztlichen 
Gesellschaft. 

Seine Veröffentlichungen umfassen 75 Abhandlungen*) und erstrecken 
sich über einen Zeitabschnitt von mehr als dreißig Jahren; sie betreffen 
mehr die praktischen, als die theoretischen Fragen. 



1) Das möchte ich doch bezweifeln: 1861 ist Hulke's Sonderschrift vom Augen- 
spiegel, 1864 die englische Übersetzung von Zander's »Augenspiegel< erschienen, 
worin das aufrechte Netzhaut-Bild ausführlich abgehandelt ist. Vgl. § 630, 
S. 229. 

2) § 995. Vgl. A. d'Oc. XXVIII, S. 66, 1852. 

3) § 712. 

4) Die vollständige Liste s. in IV. S. 1332—1336. 



376 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder. 

i. Seine erste Arbeit (1874, Lancet I, 690) erörtert den Schutz- Ver- 
band des gesunden Auges, bei Eiterung des andren, aus einem Uhrglas und 
Heftpflaster hergestellt (Bulle r's Eye-shield). 

A. V. Graefe hat Jan. 1854 (A. f. 0. I, 1, 248) einen solchen Schutz-Ver- 
band aus Charpie und CoUodion angegeben; Warlomont Sept. 1854 
(A. d'Oc. XXXII, S. 129) einen aus Goldschlägerhaut mit CoUodion. 
Die Charpie wurde durch Baumwolle ersetzt. 

H. Knapp hat das Verfahren von Graefe und das von Bull er vereinigt, 
ich selber das Uhrglas durch eine gewölbte Schale aus Glimmer (nach 
H. Cohn), Bisalsky (1897) durch eine Celluloid-Kapsel ersetzt. Vgl. 
auch unser Handbuch, V, 1, S. 280 (Th. S aemisch), wo aber die beiden 
ersten Arbeiten nicht erwähnt sind. 

Ein verbessertes Brillen-Gestell hat B, 1892 angegeben. (Tr. Am. 

0. Soc. VI, 456.) MuLEs' Operation suchte er durch senkrechte Lederhaut- 
Naht zu verbessern. (Ophth. Rev. XVI, 282, 1 897.) Über Störungen der 
äußeren Augenmuskeln schrieb er 1896. (Ophth. Rev. XVI, 363 — 382.) 
Durch zeitweise Ligatur der Thräncn-Rührchen suchte er die 
Wund-Infektion bei Augen-Operationen auszuschließen. (Tr. Am. 0. Soc. IX, 

1, 633.) Von der Haut-Einpflanzung in der Augenheilkunde handelte er 
1903 (Montreal Med. J. XXXII, 721 und Tr. Am. 0. Soc, 39. Sitzung, 
S. 131), von der Vergiftung durch 

Methyl-Alkohol Okt. 1904. (J. Am. Med. Ass.; Ophth. Rec, S. 331.) 
Dr. Mac Phail erklärt (III), daß B. diese Blindheit zuerst beobachtet 
habe^); das ist ja ein Inthum; in IV wird angegeben, daß, nach Dr. de 
ScHWEiNiTZ, diese Miltheilung die wichtigste über den Gegenstand darstelle. 
In seinen Operationen sowie bei der Nachbehandlung war Dr. Buller 
von unendlicher Geduld und blieb öfters die ganze Nacht im Krankenhaus, 
um die Operirten zu überwachen. Für viele Jahre war er in Kanada der 
einzige Spezialist von allgemein anerkanntem Ruf; seine Praxis war sehr 
groß: aber er hatte ein besonderes Vergnügen, (a whimsical pleasure, heißt 
es in III), die Hospital-Patienten zuerst zu berücksichtigen 2). 

Seinem Leichenzug folgte die Ärzteschaft von Montreal und — die 
Armen der Stadt. 

§ 994. Japan 

haben wir schon berührt (§ 27), in der Geschichte des Alterthums; 
wenn wir jetzt die Einführung der modernen .Augenheilkunde uns 
klar machen wollen, so müssen wir zuvörderst einen Blick werfen auf die 
allgemeine 

Geschichte der Heilkunde in Japan. 



1) Vgl. J. Hirschberg, Über Methylschnaps- Vergiftung. Berlin, Klin. VV. 1912, 
No. 6. 

2) Wie A. v. Graefe u. Andre. 



Japan. 377 

• A. Bibliographie. 

\ . Dr. Hoffmann, Über die japanische Heilkunde. (Millheilungen der Ge- 
sellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens. I.Band, 1873 — 1876. Yoko- 
hama.) 

2. Dr. Wernich, Zur Geschichte der Medizin in Japan. (Arch. f. Gesch. d. 
Med. u. Geogr., Leipzig (8 78.) 

3. Dr. Norton Whitney, Notes on the history of medical progress in Japan. 
(Transact. of the Asialic Society of Japan XII., IV., Juli 1883.) 

Alle drei Herren haben längere Zeit als Ärzle in Japan gewirkt, die beiden 
ersten auch als Professoren an der medizinischen Fakultät in Tokyo, zu deren 
Mitbegründern sie gehörten. Sie haben den Übergang vorn alten Japan zum 
neuen mit eigenen Augen gesehen und klar beschrieben. 

Dr. Whitney, der seit 1 ü Jahren in Japan weilte, gleichzeitig als Dolmetscher 
für die amerikanische Gesandtschaft thätig, war in der Lage, japanische Quellen ') 
in der Ursprache zu studiren. Seiner Schrift, die allerdings mehr eine Stoff- 
sammlung als eine Geschichte darstellt, sowie seiner mündlichen Belehrung habe 
ich vieles zu verdanken. 

4. Ärztliche Bemerkungen über eine Reise um die Elrde. Von Prof. Dr. 
J. HiRSCHBEiu; in Berlin. S. A. aus der deutschen med. W., 1 893, 39 S. — (I. 1 . Ein- 
leitung. 2. Deutschland in Japan. 3. Geschichte der japanischen Heilkunde.) 

5. Wir besitzen jetzt von einem europäisch gebildeten Japaner, in deut- 
scher Sprache, ein ganz neues Buch: Geschichte der Medizin in Japan . , . von 
Dr. med. Z. Fujikaw.\. Herausgegeben vom KaiserUch-Japanischen Unterrichts- 
Ministerium. Tokyo 1 9 H . ( H ö S.) 

Aber, obwohl dieses Buch sehr wichtiges Material beibringt, sogar 
über die Augenheilkunde in Japan vor der neuen Zeit; so steht es doch mit 
seiner Eintheilung 'in mythische Zeit, Nara-Zeit, Ileian-Zeit, Kamakuru-Zeit, Muro- 
machi-Zeit, Azuchi-Monoyaura-Zeit, Yedo-Zeit, Meij-Zeit) uns so fremdartig gegen- 
über und ist in den starren Panzer der Chronik so sehr eingezwängt, daß ich 
es doch für ersprießlicher halte, mich auf meine eigne Darstellung (4) zu stützen. 

B. Reise-Erinnerungen. (1892.) 

Der Einleitung meines zweiten Kapitels (Deutschland in Japan) möchte 
ich zunächst einige Sätze entnehmen): 

Der deutsche Arzt, welcher nach der zweiwöchenllichen Seereise über den 
stillen Ozean, wo er keinem einzigen Schiffe begegnete, seinen Fuß auf den 
Boden des japanischen Reiches setzt, sieht vor sich ein liebliches Märchenland, 
wo alles ungewöhnlich und seltsam, aber in seiner Eigenart doch anmuthig und 
gefällig erscheint. Um so freudiger ist er überrascht, daß sogleich an sein Ohr 
der Laut der Heimath-Sprache klingt, die er auf der Fahrt über den nord- 
amerikanischen Kontinent und über den stillen Ozean nur selten vernommen. 
Deutsch ist Lieblings-Sprache japanischer Ärzte. 



i] Die Hauptgrundlage seiner Veröfl'entlichung war eine Handschrift des Herrn 
KocHi Zensetsu: Skizze der japanischen Heilkunde. Doch erwähnt er noch sieben 
japanische Druckwerke über diesen Gegenstand. — Die Bibliotheken in Japan 
enthalten 1594 japanische (und chinesische) Schriften zur Heilkunde, deren Titel 
Dr. WiHT>-EY mitgetheilt hat. 



378 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder. 

Von Deutschen vernahmen sie zuerst die frohe Botschaft einer neuen Heil- 
kunde, die sie aus den verknöcherten Formeln ostasiatischer Grübelei erlöste. 
Deutsche Professoren wirkten an ihrer Universität zu Tokyo. Deutsch sprechen 
deren japanische Nachfolger. Deutsch lernt schon auf dem Gymnasium der zu- 
künftige Student der Heilkunde; und glücklich wird von seinen Freunden ge- 
priesen, wem es vergönnt ward, in Deutschland seine Studien zu vollenden. 
Deutsch spricht so mancher General-Arzt der Armee, nur die der Flotte ziehen 
das Englische vor. Mit der deutschen Lese-Fibel werden sogar diejenigen Sol- 
daten unterrichtet, welche im Lazaret des rothen Kreuzes zu Heilgehilfen heran- 
gebildet werden sollen .... 

Zufällig war ich der erste Universitäts-Lehrer aus Deutschland, welcher eine 
Vergnügungsreise nach dem fernen Reich der aufgehenden Sonne unternommen: 
so hatte sich ein Sonder-Ausschuß gebildet, welcher in jeder japanischen Stadt 
mich empflng und geleitete. Auf diese Weise lernte ich Land und Leute, die 
heimische Kunst, sowie auch den Zustand der Heilkunde besser kennen, als 
es sonst dem gewöhnlichen Reisenden beschieden ist. 

Auf dem ersten Festessen zu Tokyo, in Koyo-kan, dem Haus des rothen 
Ahorn, hielt mein ehemaliger Zuhörer, der Augenarzt Dr. Miyashita, eine An- 
sprache, deren ersten allgemeinen Theil ich hier, nach seiner eigenen Hand- 
schrift, einige Sätze entnehmen möchte, 

»Unser Vaterland Japan war lange Zeit verschlossen. Erst seit dem Jahre 
1854, wo wir mit den europäischen und amerikanischen Staaten Verträge ge- 
schlossen, ist der Verkehr mit den Fremden allmählich rege geworden. Vor 
dieser Zeit hatten allein die Holländer das Vorrecht, in Nagasaki vor Anker 
gehen und Handel treiben zu dürfen. Ohne Zweifel gebührt den holländischen 
Ärzten das große Verdienst, die damaligen Ärzte von Japan , welche theils der 
chinesischen, theils der altjapanischen Schule angehörten, aus dem tiefsten Traum 
aufgeweckt und ihnen ein ganz neues Heilverfahren in die Hände gegeben zu 
haben. Aber erst mit der Eröffnung der drei Häfen siedelten verschiedene Ärzte 
aus Amerika und Europa in Japan sich an. Damals hörte man bei uns noch sehr 
wenig von Deutschland und man glaubte, England, Frankreich und Holland seien 
die einzigen Länder, wo die moderne Medizin in voller Blüthe steht. 

Mit dem bekannten Kriege von 1870 — 1871, den Deutschland glorreich 
erfochten, ist dieses mächtige Kaiserreich weit und breit bekannt geworden. 
Kurz darauf kamen zwei Doktoren aus Deutschland hierher, es waren Mülleh 
und HoffmaxnI). Nachdem diese Herren glänzende Erfolge gehabt, sah man ein, 
daß Deutschland in der Medizin mit an der Spitze steht. Darauf kamen ver- 
schiedene andre Ärzte aus Deutschland narh Japan, und die medizinische Fa- 
kultät der Universität Tokyo wurde nach dem deutschen Muster reorganisirt. 
Wie viele jüngere Kollegen fahren heutzutage Jahr aus Jahr ein nach Deutsch- 
land, die sich bald in diesem, bald in jenem Fache ausbilden wollen! Wohl 
giebt es jetzt keine einzige Universität in Deutschland, wo nicht ein Japaner 
gewesen war. Überall, wo wir nur hingehen, werden wir mit offenen Armen 
empfangen. Wie viele medizinische Werke sind aus dem Deutschen in das Ja- 
panische übersetzt, die so viel Nutzen gebracht haben! Genug, das Verhältniß 



1) Die japanische Regierung hatte bereits 1869 die preußische gebeten, 
ihr einige tüchtige militärärztliche Kräfte zu überlassen. Die Herren Oberstabs- 
arzt Dr. MiJLLER und Stabsarzt Dr. Hoffmanx kamen, da ihre Abreise durch den 
Krieg um ein Jahr verzögert ward, im August 1871 in Yedo an. Vgl. Wernich, 
BerUn. klin. Wochenschr. 1875, S. 4 47. 



Japan. 379 

zwischen Deutschland und Japan ist ein so inniges, wie es wohl sonst nirgends 
der Fall sein wird. Wir haben Deutschland sehr viel, unendlich viel zu ver- 
danken.« 

C. Zwei Vorbemerkungen 

sind zum Verständnis des Gegenstandes unerläßlich: nämlich über den Volks- 
Stamm der Japaner und über ihre Staatsgeschichte. 

1. Die Japaner selber hielten sich für Ureinwohner eigener Rasse. 
Die europäischen Forscher erklären sie für eine mongolische Bevölkerung, 
welche aus der Tatarei über Korea auf die Inseln vorgedrungen sei und mit 
den unterworfenen Ur-Einwohnern, den mongoloiden Aino's, sich vermischt habe, 
sowie mit zahlreichen, vom Süden her eingewanderten Malayen. Ihre Sprache 
gehört zu der Ural-Altai'schen Gruppe. 

Die Schriftzeichen Imben sie von den Chinesen übernommen, aber auch 
eigene dazu erfunden '). 

II. Die japanische Geschichte reicht nicht zui'ück über das 6. Jahr- 
hundert nach Chr.; erst seit dieser Zeit erhielt Japan die Schrift; das älteste 
japanische Buch, welches bis auf unsere Tage gekommen, eine Geschichts- Auf- 
zeichnung, ist vom Jahre 712, der älteste Buchdruck vom Jahre 770 nach Chr. 

Alles frühere ist Mythe. Wir übergehen die japanischen Sagen von 
4ler Weltschöpfung und von dem göttlichen Zeitalter, in dem Götter 
über Japan herrschten. 

Der erste menschliche Kaiser (Mikado) Jim-mu Tenno, ein Abkömmling 
der Sonnengöttin (Amaterasu), soll 600 vor Chr. gelebt haben. Ein Sproß 
seiner Familie sei der heutige Herrscher. 

I Die Japaner zählen 12 1 Mikados und neun Kaiserinnen in zweiundeinhalb 
Jahrtausenden; daß die Herrscher-Familie nicht ausgestorben, exklärt sich aus 
der Einrichtung der Nebenfrauen.) 

\. Sicher ist, daß der Buddhismus um die Mitte des 6. Jahrhunderts 
nach Chr. von Korea aus nach Japan kam, dann chinesische Schrift und Ein- 
richtungen angenommen wurden. Der göttlich verehrte Mikado, der Schützer 
des alten Ahnendienstes (Shinto \ lebte, dem Volke unsichtbar, zu Kyoto. 

2. Nach langen Kämpfen zwischen zwei eifersüchtigen Clans wurde n92 
nach Chr. Yoritomo zum Hausmeier (Shogun' oder welllichen Herrscher er- 
nannt. 1274 — 1281 wurden die Einfälle der Mongolen zurückgeschlagen, ihre 
Heere und Flotten vernichtet. 1-342 landeten die Portugiesen, 1587 begann 
ihre Austreibung. 

3. 1603 kam die kraftvolle Tokugawa-Farailie, die den Buddhismus 
förderte, zum Shogunat und regierte bis 1868. Die drei ersten Herrscher waren 
Jeyasu, f-IGIG; Hidetada, f 1632; Jemitsu, f <651. Von 1614 — 1854 
war Japan den Fremden verschlossen. (Nur die Holländer durften in 
Nagasaki eine Handels- Faktorei halten.) Ackerbau und Kunst standen in hoher 
Blüthe. Es herrschte eine Feudal- Verfassung mit Fürsten (Daimio) und 
Rittern (Samurai). 

4. Im Anschluß an die (durch die Flotte des amerikanischen Commodore 
Percy 1854 erzwungenen' Verträge mit amerikanischen und europäischen Staaten 
kam es zu einer Revolution, aus welcher der Mikado 1868 siegreich hervorging. 

1) Es herrscht das Bestreben, die einfacheren europäischen Buchstaben ein- 
zuführen. 



380 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder, 

Das Feudal-System wurde abgeschafft, das Tragen der Schwerter verboten, 
neue Gesetze eingeführt und eine Verfassung mit Volksvertretung nach preußischem 
Muster gegeben. 

Es besteht Religionsfreiheit, doch wurde neuerdings Shinto wieder mehr 
begünstigt. ,A 

Die Geschichte der japanischen Heilkunde kann zwanglos in 
vier Zeitabschnitte eingetheilt werden: 

I. Die älteste, altjapanische (mythische) Zeit vom unbekannten 
Ur- Anfang bis etwa 400 (?) vor Chr. 

II. Die alte, chinesische i) Zeit von 400 vor Chr. bis zur Mitte des 
1 6. Jahrhunderts nach Chr. 

III. Die neue Zeit, in welcher europäischer Einfluß gegen den 
chinesischen ankämpfte, ohne ihn zu besiegen, von der Mitte des 
1 6. Jahrhunderts bis über die Mitte unsres Jahrhunderts. 

IV. Die neueste, europäische Zeit, etwa von der Mitte unsres 
Jahrhunderts (oder eigentlich erst vom Jahre 1871) bis zum heutigen Tage. 

Die beiden ersten Perioden brauche ich hier nicht zu erörtern^). 

III. Die vereinzelten europäischen Ärzte, welche von der Mitte des 
16. Jahrhunderts 3) bis zu der des 19., Iheils wirkend, theils lehrend, 
längere oder kürzere Zeit in Japan verweilten, vermochten den chinesischen 
Grundzug der japanischen Heilkunde ebenso wenig zu ändern, als 
es den spärlichen europäischen Ansiedlern gelungen, die Rassen-Eigen- 
thümlichkeit des Volkes umzugestalten. 

Zum Beweis mügen zwei Thatsachen angeführt werden. 

1. Erst 1771 hat der japanische Arzt Sügita Genpaku bei der Zer- 
gliederung einer hingerichteten Japanerin sich selbst und einige seiner 
Landsleute davon überzeugt, daß die Lage und BeschafTenheit der inneren 
Organe gar nicht mit den alten chinesischen Überlieferungen, sehr 
genau aber mit den Beschreibungen und Abbildungen eines holländischen 
Buches über Anatomie übereinstimmte; während man bis dahin bei sieben 
bis acht Zergliederungen^) ähnlicher Veranlassung den Widerspruch zwischen 



1) Über chinesische Heilkunde vgl. § 26. 

2) Einige Mittheilungen darüber finden sich in meinen oben erwähnten >Ärzt- 
lichen Bemerkungen« vom Jahre ia23. 

3) Oder etwas früher. 

4) Die erste Leichen- Öffnung hat 438 n. Chr. stattgefunden. — »Prinzessin 
Takuhata verübte Selbstmord, in Folge der Verleumdung, daß sie in Buhlschaft 
schwanger geworden sei. Auf Befehl des Kaisers wurde der Leichnam geöffnet. 
Im Bauch befand sich aber keine Leibesfrucht, sondern eine große Menge Wasser 
und ein Stein.« (Fujikawa, S. 96.) Seltsamer Weise wird uns von Pausanias eine 
ähnliche Geschichte (oder Sage) aus dem ersten messenischen Kriege (720 v. Chr.) 
erzählt. Vgl. Pausanias , Beschreibung von Griechenland IV, ix, 8. — (Hirsgh- 
BERG, Hellas-Fahrten, 1910, S. 236; Goethe- Jahrbuch XXXII, S. 193.) 



I 



Geschichte der japanischen Heilkunde. 38 !• 

Lehre und Befund durch die Annahme zu erklären pflegte, daß der anato- 
mische Bau hei den verschiedenen Rassen grundverschieden sei! 

Nach Überwindung unsäglicher Schwierigkeiten gelang es Sügita, in 
4 Jahren das holländische Buch zu übersetzen und unter dem Titel »Neues 
Werk über Anatomie« (Kai-tai-shin-shoj herauszugeben. Wenn ich den be- 
scheidenen Mann als Vesal der Japaner bezeichnet habe, so weiß ich sehr 
wohl, daß sein Verdienst an das des großen Brüßlers nicht heranreicht. 

2. Noch im Jahre 1818 erschien eine Verfügung des Shogun, daß die 
Heilkunde der westlichen Völker in Japan nicht ausgeübt werden 
dürfe, und ebenso die fremden Heilmittel verboten seien, da so 
große physikalische Verschiedenheiten zwischen Fremden und 
Japanern beständen, daß dieselben Heilmittel, welche in den Krankheiten 
der Fremden sich wirksam erwiesen hätten, nicht nolhwendig auch die 
Krankheiten der Japaner heilen müßten, sondern dieselben eher ver- 
schlimmern könnten. 

Obwohl die europäische Heilkunde auf japanischem Boden bis zur Mitte 
unsres Jahrhunderts nur kärgliche Frucht hervorbrachte, wollen wir doch 
die wenigen Samenkörner und die Männer, von denen sie ausgestreut wurden, 
einer kurzen Betrachtung unterziehen. 

1. Die Portugiesen, von den Japanern derzeit als Nam-ban oder 
südliche Barbaren bezeichnet, landeten 1543 n. Chr. in Japan und sandten 
bald danach zwei Ärzte, welche zu Kyoto lebten, Heilpflanzen anbauten, 
Krankenhäuser gründeten, die Armen behandelten und auch operirten — 
mit größerem Erfolge, als die japanischen Ärzte. Es ist bekannt, daß die 
Portugiesen schon 1589 aus Japan wieder vertrieben wurden i). 

2. Zu derselben Zeit erschienen in Japan die Holländer, welche mit 
großer Klugheit und Zurückhaltung auftraten und 1634 die Erlaubniß er- 
hielten, allein von allen Europäern auf der kleinen Insel Deshima bei Na- 
gasaki eine Handels-Faktorei zu unterhalten. Sie waren an sich gebildeter, 
als die Portugiesen, und ferner, durch den mächtigen Fortschritt jener Zeit, 
im Besitz einer weit besseren Heilkunde. Aber trotzdem blieb ihr Einfluß 
gering, da den Japanern jeder unbefugte Verkehr mit den Europäern bei 
Todesstrafe untersagt war. Mehr als ein wißbegieriger Japaner soll den 
unerlaubten Besitz eines europäischen Buches wirklich mit dem Tode ge- 
büßt haben. 

In aller Kürze will ich die holländischen, bzw. deutschen Ärzte 
erwähnen, von denen es bekannt geworden, daß sie als Lehrer der Ja- 
paner thätig waren. 



1) Kämpfer, welcher die Abschließung Japans mit eignen Augen gesehen 
(1690 — 1692) und sogar aufs höchste gepriesen hat, sagt: Gentiles certe nuUi ullam 
religionem prius damnant aut ejus doctores arcent, quam ab iis damna et publicae 
tranquülitatis pericula experti sint. (Amoen. exot., fasc. V., Lemgov. <712, S. 490.) 



382 XXIII. Hirschberg, Die aulier-europäischen Länder. 

Danner und Arumans lehrten im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts 
zu Nagasaki; Caspar i), der 1643 mit einem holländischen Schiff an die 
japanische Küste geworfen wurde, zuerst 2 — 3 Jahre zu Yedo und später 
zu Nagasaki. Die japanischen Studenten durften nicht mitschreiben; sie 
mußten nach der Vorlesung das Gehörte aus dem Gedächtniß aufzeichnen; 
ihre Kenntnisse im Holländischen waren gering; Besitz holländischer Bücher 
war ihnen derzeit verboten. 

Nach Fujikawa (S. 51) gründeten seine Schüler eine neue Schule der 
Wundarzneikunst, Caspar-ryü-Geka, d. h. CASPAR'sche Schule der Chirurgie. 

Ein sehr merkwürdiger Mann war Engelbrecdt Kämpfer, der nach 
seinen eignen Aufzeichnungen 2) einige Japaner in der Anatomie und Heil- 
kunde unterrichtet hat. 

Wenn Marco Polo die erste Kunde von der Existenz Japans den Euro- 
päern übermittelt, Mendez Pinto als erster Europäer seine Gestade betreten ; 
so kann unser Landsmann E. Kämpfer als der erste wissenschaftliche Ent- 
decker von Japan gepriesen werden. Geboren zu Lemgo in Lippe 1751, 
machte er während und nach Vollendung seiner Studien Reisen durch 
Deutschland, Holland, Polen; er studirte Philosophie, Naturwissenschaften 
und Heilkunde; ging mit einer schwedischen Gesandtschaft durch Rußland 
und die Tatarei nach Persien; segelte dann im Dienst der holländisch- ost- 
indischen Gesellschaft von Ormuz nach Batavia, von da nach Slam und 
Japan. Zwei Jahre (1690 — 1692) verblieb er als Wundarzt auf Deshima 
zu Nagasaki und hat zweimal die vorgeschriebene alljährliche Huldigungs- 
reise nach Yedo zum Shogun mitgemacht. In seinen beiden Werken 
Amoenit. exot. und Geschichte von Japan hat er zum ersten Mal 
über Geographie, Geschichte, Naturgeschichte, Religion und Sitte des merk- 
würdigen Landes und Volkes berichtet. 

Es scheint, daß die Absperrung, je länger sie dauerte, um so strenger 
gehandhabt wurde. Denn erst 150 Jahre nach Kämpfer kommt wiederum 
ein großer Arzt, ein Deutscher, welcher den Dienst bei der holländischen 
Kompanie benutzt, um Japan zu studiren. 

Es war der Enkel des berühmten Carl Caspar v. Siebold 3) und Sohn 
des Professors der Geburtshilfe und Physiologie zu Würzburg J. G. Coristian 
V. Siebold (1767—1798), nämlich Ph. F. v. Siebold (1796—1866), der Ver- 
fasser des ausgezeichneten Werkes »Nippon, Archiv zur Beschreibung von 
Japan«. Von 1823 — 1830 weilte er in Japan, zunächst auf Deshima. Ihm 
gelang es, die Pocken-Impfung in Japan einzuführen. 

1) Er hieß wohl Caspar Schamberg oder Schambergen und war ein Deutscher. 
(Nachod, Die Beziehungen der Niederländ.-ostind. Kompagnie zu Japan im 1 6. Jahrb., 
4897.) 

2) Geschichte und Beschreibung von Japan, Lemgo 1777, Vorrede. — Vgl. 
erner Things Japanese by B. Hall Chamberlain, London 1891, S. 242—244. 

3) § 531, 



Geschichte der japanischen Heilkunde. 383 

Die den japanischen Ärzten ganz unbekannten Star-Operationen, 
durch die so manchem Erblindeten die Sehkraft wiedergegeben wurde, 
stempelten den »Meester« zu einem Wunder- Doktor. Viele Menschenleben 
hat er durch seine Geschicklichkeit gerettet. Die »holländische Schule« 
wuchs jetzt mächtig an, im Gegensalz zu der chinesischen. 

Im Jahre 1826 erhielt er, bei der Huldigungsreise nach Yedo, die Er- 
laubniß, allein als einziger Europäer in der ungeheuren Hauptstadt des 
asiatischen Reiches zu verweilen, Heilkunde zu lehren und sich selber über 
das Land und Volk zu unterrichten. Als er aber von dem Hof-Astronomen 
eine Karte des japanischen Reiches erworben, wurde jener im Gefängniß 
zum Selbstmord (Harakiri) gezwungen und Siebold für immer des Landes 
verwiesen 1). 

Ein andrer Märtyrer der Wissenschaft war der Augenarzt und Leib- 
arzt des Shogun Yk>seki Habu, der 1829 die Enthüllung der mydriatischen 
Wirkung des japanischen Scopolia-Krautes von Siebold nur gegen die streng 
verbotene Auslieferung eines Kleidungs-Stückes mit dem Wappen des Shogun 
erhalten hatte und für diesen Taut^ch-Handol mit Verlust seines Vermögens 
und neunjähriger Haft bestraft wurde ^). 

Im Jahre 1854 wurde das Verbannungs-Urlheil aufgehoben, 1859 
SiEBOLD als Beauftragter der Niederländischen Handelsgesellschaft wieder 
nach Japan gesendet. Aber die Niederländische Regierung hatte 
kein Verständniß für seine Ideen. Er mußte nach Europa zurück- 
kehren und ist am 18. Okt. 1866 verstorben. 

So wertvoll Kämpfer und Siebold für Europa waren, für Japan konnten 
sie und ihre kleineren Mitstreber nur wenig leisten. 

Bis über die Mitte des 19. Jahrb. gab es doch fast nur chine- 
sische Heilkunde in Japan. 

Zwei Arten von Ärzten waren vorhanden: 1. Ärzte des Shoguns und 
der Fürsten (Daimio), die zur Kriegerkaste (Samurai) gerechnet wurden und 
also zwei Schwerter^) trugen, — wie bei uns in der Zopfzeit der Arzt 
seinen Degen. Sie bezogen ein bestimmtes Gehalt, in Reis-Lieferung oder 
dem entsprechenden Geldwerth. Die höher gestellten hatten außerdem 



4) Ich besitze die S.Ausgabe seines Werkes vom Jahre 1897. (2 Bde., 421 u. 
342 S., mit zahlreichen Abbildungen.) Es ist eine Pracht- Ausgabe, welche durch 
die vom Kaiserlichen Hof von Japan, sowie von Fürsten und edlen Herrn bewilligten 
Beiträge ermöglicht wurde. 

KÄMPFER, v. SiEBOLD Und Rein (Prof. in Marburg und Bonn, Vf. von Japan,. 
Leipzig 1881—1886, 2 Bde.) sind die drei Männer, denen die Welt die beste Belehrung 
über Japan verdankt. 

3) Khn. Mon. Bl. 1906, II, S. 546. (H. Gamguchi, Tokyo.) 

4) Vom Beginn des 15. Jahrhunderts bis 1. Januar 1877 bestand dies Vorrecht 
der Samurai. 



384 XXIII. .Hirschberg, Die außer-europäischen Länder. 

noch erblichen Landbesitz. 2. Volks-Ärzte (Matchiisha), die zu den gewöhn- 
lichen Leuten (heimin) i) gerechnet wurden. 

Der ärztliche Stand ergänzte sich seit alter Zeit aus den Söhnen der 
Ärzte. Doch bestand kein gesetzlicher Zwang. Häufig nahm aber der 
Lehrherr den Lehrling als Sohn 2) an. Es war guter Ton, daß die Ärzte 
gegen jedermann eine ausgesuchte, ja unterwürfige Höflichkeit bezeigten. 

Für die gesellschaftliche Stellung der Ärzte blieb maaßgebend die Ver- 
ordnung des Jeyasu (Gongensama). Unter den Gesetzen, durch welche 
der Gründer der Tokugawa-Herrschaft zweiundeinhalb Jahrhunderte hin- 
durch Macht und Ordnung im Reiche aufrecht erhalten, heißt es 3): 32. Weil 
die Menschen dieser Welt nicht frei von Krankheiten sein können, haben 
die Weisen des Alterthums voll Mitleid die Heilkunde geschaffen. Wenn 
deren Jünger nun auch die Krankheiten geschickt heilen und Erfolge haben, 
so dürft Ihr ihnen doch keine großen Einkünfte verleihen; denn sie wür- 
den dann nothwendigerweise ihren Beruf vernachlässigen. Ihr sollt ihnen 
daher, so oft sie eine Kur gemacht haben, eine der Grüße ihres Erfolges 
entsprechende Belohnung geben. 

Der Schüler, welcher Chinesisch, das Latein Ostasiens, gelernt, ging 
zu einem Arzt in die Lehre und wohnte in dessen Hause. Er las ein oder 
mehrere Bücher ärztlichen Inhalts, . sah zu, lernte mit Kranken umgehen, 
schrieb Verordnungen und bereitete Arzneien; nach 2 Jahren hatte er 
ausgelernt, eine Prüfung fand nicht statt. 

Die nothwendigsten Heilmittel (z. B. eine Mischung von Moschus, Cam- 
pher u. dgl.) trug der Arzt stets bei sich in einer Büchse. 

Drei japanische Spezialitäten sind zu beachten: i) das Nadel- 
stechen, 2) das Brennen, 3) das Kneten. 

i . Das Nadelstechen ist sehr alt, geschieht mitltels feiner, nui' ^/4^ Zoll 
dicker, scharfer Nadeln aus Silber, auch aus Gold oder Stahl, mit scharfer 
Spitze: acht bis zehn werden in regelmäßigen Figuren, Y2 — V4 ^°'^ ^'^^» ^^^" 
gestochen, oft an Stellen, wo die Nerven nahe an die Oberfläche treten, — 
gegen Krampf, Schmerz und sonstige Nervenkrankheilen. Es giebt kleine Büch- 
lein mit Abbildungen, welche die Regeln für das Nadelstechen enthalten. 

Das Verfahren ist von China eingeführt, wurde bereits in der japanischen 
Universität vor zwölfhundert Jahren gelehrt, gerieth dann in Vergessenheit und 
wurde 1682 n. Chr. auf Veranlassung des Shogun Tsunayoshi wiederbelebt durch 
den blinden Sugiyama Waichi*). 



I 



i) Hierzu gehörten alle, außer den Fürstendienern und Priestern, nämlich: 
1. Ackerbauer, 2. Handwerker, 3. Kaufleute. 

2) Das scheint sich bis heute erhalten zu haben: ich fand, daß M. Inouye 
seine Assistenten adoptirt hatte. 

3) Mitth. d. Deutsch. Gesellsch. f. Natur- u. Völkerkunde Ostasiens, I, 1, <2 
(1873—1876). 

4) Der Shogun, sehr zufrieden mit seiner Behandlung, forderte ihn auf, eine 
Belohnung zu verlangen. >Möge es Ew. Hoheit belieben, daß ich ein Auge wieder- 
erlange.« — Der Shogun schenkte ihm ein Haus in der Ein Auge-Straße zu Yedo. 



Geschichte der japanischen Heilkunde. 385 

2. Das Brennen geschieht mittels dünner Walzen oder Kegel aus Zunder 
(von den Blättern der Artemisia, Beifuß, japanisch Moxa). Mehrere Kegel wer- 
den an derselben Körperstelle abgebrannt, und das Verfahren vielfach wiederholt, 
nicht bloß zur Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Verhütung. Ärzte be- 
zeichnen die Stelle, Laien (Weiber) führen das Brennen aus, und zwar recht ge- 
schickt und schnell, wie ich selber beobachtet. Es ist nicht sonderlich schmerzhaft. 

Einen Japaner zu sehen, der nicht an den Waden und an der Wirbel- 
säule Narben von Moxen hatte, gehörte zu den seltensten Beobachtungen in 
Wernicu's Poliklinik (1874 — 1876); denn an erstei-er Stelle bildeten sie angeb- 
lich einen Schutz gegen Kakke, an letzterer gegen Lepra und Ilirnkrankheiten. 

Die Hippokraliker brannten gelegentlich bei Hüftschmerz und Podagra 
mit einem Ballen aus Flachsfasern (w//oÄn7_'>) oder mit Feuerschwamm {/tiVArjai). 
— nt()i jiciO^Cov 29, 31, :ieql tCjv trrog 7cl(Dv)V, 18, und a, 0. Vgl. 
auch Cael. Aur. cliron. V, \. 

Prosper Alpinus (l 580 — 1 58 i, de med. Aegjpt. III, 12) hat uns eine genaue 
Beschreibung des von den mohainedanischen Ärzten in Ägypten geübten Bren- 
nens überliefert. Aber der Name Moxa erscheint nicht vor der zweiten Hälfte 
des 17. Jahrhunderts. Das Wort ist japanischen Ursprungs (muksa = Brenn- 
kraut) und nicht von den Portugiesen nach Europa gebracht, sondern von Hol- 
ländern und Deutschen. Vgl. Valentini'), Histor. moxae, Leiden 1086, 12*'. 
Ferner Kämpfer (1690 in Japan), Amoen. exot. fasc. V, Lemgov. 1712, p. 592: 
»Sub communi appellatione Moxae non modo Sina domesticam habet sed omnes 
Sinensium literis et doclrina cruditae nationes, Japonii, Coraecnses, Quinamenses, 
Luconienses, Formosani, Coccincincses, Tonkinenses. . . . Moxa lanugo est. Con- 
hcitur ex Artemisiae . . . foliis exsiccalis. « — Kämpfer fügt auch einen » Brenn- 
spiegel < bei, nach einem chinesisch-japanischen Di"uck, worauf der Mensch von 
vorn und von hinten abgebildet ist, nebst den zu brennenden Stellen und den 
Anzeigen. — »I, 3. Bei Bauchschmerz brennt man zu beiden Seiten des Nabels. 
I, 5. Bei schweren Geburten muß die äußerste Spitze des kleinsten Zehen am 
Unken Fuße mit drei Kegeln gebrannt werden. * U. s. w. 

3. Das Kneten wird geübt, und zwar von oben nach unten, nicht bloß zur 
Heilung von Krankheiten, sondern auch zur Erfrischung des Körpers; haupt- 
sächlich von den Blinden 2)^ (amma), welche abends die Straßen durchwandern 
und mit der Pickelflöte sich ankündigen. So ernähren sie ihre Familien 3), statt 
wie bei uns der Gemeinde zur Last zu fallen, und gewinnen so viel, daß sie 
oft im Nebenamt Geld verleihen. Bis 1870 machten sie eine besondere Gilde 
aus, für deren höchste Stufe nebst der Prüfung eine Baarzahlung von tausend 
Dollars (yen) zu leisten war! 



\] Dieses seltene Büchlein, das weder in Berlin noch in Holland, wohl aber 
in der Göltinger Universitäts-Bibliothek vorhanden ist, beweist, ^. daß kurz vor 
dem Jahre 1681 Herman Buschoof, ehemaliger Pastor in Holländisch-Indien, den 
Deutschen die Moxa bekannt gemacht hat; 2. daß man schon damals an mit- 
gebrachten Exemplaren mit dem Mikroskop Theile der Artemisia latifolia erkannt 
hatte. — Hiermit stimmen Kämpfer's Angaben überein. 

2) Etwa 50^ der Blindheit war durch Pockenkrankheit bedingt (35X in Eu- 
ropa), vor Einführung der Schutzpocken-Impfung. Vgl. meine Mittheilung , Berl. 
klin. Wochenschr. 1873, No. 5). — Nach der Volkszählung vom Jahre 1875 waren 
in Japan unter 33 110 825 Einwohnern 101 587 blind, taub oder verkrüppelt; es 
ist wahrscheinlich, daß die meisten blind waren. 

3) Heirathen zwischen zwei Blinden war streng verboten. 

Handbuch der AugenheUkunde. 2. Aufl. XIV. Bd. (VII.) XXUI. Kap. 25 



3gg ■ XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder. 

Die japanische Massage besteht in sanften Reiben der Körperoberfläche 
mit der Hand, passiven Bewegungen der Gelenlte und Kneten der oberfläcli- 
lichen Muskel. 

Japanische Äi'zte empfehlen die Massage bei Rüclienmarks-Schwind sucht und 
bei Lähmung, bei Hysterie und Kopfschmerz, bei Hüftweh und Muskelschwäche, 
auch bei schwerer Entbindung und nach der Entbindung, um die Brüste weich 
zu machen. 

Die Geschickhchkeit und Kenntniß der Blinden ist überraschend. — 

Was früher den Inhalt der wissenschaftlichen Heilkunde bildete, wird später 
Inbe^^riff der Volks-Medizin, in Europa wie in Asien. Nadelstechen, Brennen, 
Kneten sind heute noch für das Volk in Japan die Allheilmittel. Als ich einen 
größeren Spaziergang im Gebirge gemacht, wurde mir das Kneten von dem höf- 
hchen Wirth sofort angeboten, von mir aber mit ebenso höflichem Danke ab- 
gelehnt. 

Aberglauben auf dem Gebiete der Heilkunde ist weit verbreitet, in Japan 
und — auch anderswo. 

Als ich an der fichtenbekränzten Seeküste bei Suma das mit aufgehäng- 
ten Papierstreifen und brennenden Kerzen verehrte Steindenkmal des im Jahre 
H84 gefallenen jugendlichen Helden Atsumori besuchte, fand ich dort ein Pil- 
gerpaar, eine ältliche Mutter mit ihrem 2 "jährigen Sohne; und da ich fragte, 
weshalb sie die Pilgerfahrt unternommen, hob die Mutter, ohne ein Wort zu 
sagen, den weißen Leinwandrock des Sohnes auf und zeigte mir bekümmei't 
seine Elephantiasis des Hodensacks. Und als ich ihr sagte, daß gerade diese 
Krankheit nicht von dem göttlichen Helden, sondern von dem Arzt in Kobe 
geheilt werde, machte sie eine recht ungläubige Miene. 

Während meines Aufenthalts in Japan wurde ein Bauer zu 9 Jahren 
Gefängniß verurtheilt, der in der festen Überzeugung, daß die Blindheit seiner 
geliebten Mutter nur durch Verzehren eines frischen Menschenherzens geheilt 
werden könne, seine freiwillig und mit Freuden sich darbietende Frau zu diesem 
Behufe getödtet hatte. 

In buddhistischen Tempeln steht die Holzbildsäule eines Heiligen oder Heil- 
gottes (Binzuru, eines der 16 Hakan oder Sendboten des Buddha,) — außer- 
halb der Kanzel, weil er die Schönheit eines Weibes bemerkt hatte. Die Gläu- 
bigen reiben die Bildsäule an dem Theile, der ihnen selber weh thut. 

IV. Aber, nachdem in Folge des 1853 von dem Commodore Percy 
erzwungenen Vertrages, die Dämme der Absperrung durchbrochen waren, 
da flutheten die Wogen europäischen Könnens mit Macht über das Land und 
zerstörten in kurzer Frist die schwachen Werke altchinesischer Grübeleien. 

Zuerst waren es japanische Gelehrte von holländisch- medizinischer 
Ausbildung, die 1857, also noch unter dem Shogunat, eine Medizin-Schule 
zu Yedo einrichteten, die dann 1860 als »europäisch-medizinische Anstalt« 
von der Regierung übernommen wurde, in Ryöjun Masumoto ihren Leiter 
erhielt und als Vorläufer der medizinischen Fakultät zu Tokyo angesehen 
werden kann. 

Auf Befehl des Shogun errichtete dann Ryöjun Matsumoto 1860 ein 
Hospital in Nagasaki, in welchem ärztlicher Unterricht ertheilt wurde, 
theils von holländischen, theüs von japanischen Ärzten. Unter den ersten 



Anfänge der europ. Aiigenheilk. in Japan. 387 

war Dr. Pompe van Meerdervort, ein Marine-Arzt, der die jungen Japaner 
ganz nach europäischer Art unlcrrichlele. Zur theoretischen Unterweisung 
benutzte er die holländische Übersetzung von Virchow's Cellular-Pathologie, 
zur praktischen das Handbuch der Pathologie und Therapie von Wunderlich. 
Zwei Schüler aus dem Nagasaki-Hospital gingen 1862 nach Holland zur 
weiteren Ausbildung, — die ersten Japaner, die europäische Universitäten 
besuchten. In demselben Jahre trat Baudüin an die Stelle von Pompe 
VAN Meerdehvort, 1 8Go wurde iMansfeld zum Direktor ernannt. 

Um I8G7 errichtete die japanische Regierung eine zweite Medizinschule, 
in Osaka, zur besonderen Ausbildung von Militär-Ärzten, und stellte den 
genannten Dr. Baudüin und später Dr. Ermerins als Lehrer an. 

187t wurde von der Regierung, jetzt des Mikado, der preußische 
Oberstabsarzt Dr. ÄRller und Stabsarzt Dr. Hoffmann an die Spitze der 
Medizin-Schule zu Tokyo (Yedo) gestellt, welche den Namen einer medi- 
zinisch-chirurgischen Akademie erhielt, mit einer Vorbereitungs-Schule ver- 
sehen und I8TG mit der Universität von Tokyo vereinigt wurde. 

Unglaublich waren die Schwierigkeiten, mit denen die opfermuthi- 
gen Lehrer') zu kämpfen halten. Es galt, ganz neue Einrichtungen in's 
Leben zu rufen; es galt, Schüler zu unterrichten, welche weder der deut- 
schen Sprache mächtig, noch an das ärztliche Denken gewöhnt waren. 

Sehr bald ist es besser geworden. Die genauere Darstellung interessirt 
mehr die Japaner; mir schienen sie voll Dankbarkeit, nach dem alten 
Wort: Unsere Lehrer, sie leuchten wie die Sterne. 

§ 995. Die Anfänge der europäischen Augenheilkunde 

in Japan. 

\. Die europäische Augenheilkunde wurde den Japanern erst 1815 be- 
kannt durch die japanische Übersetzung des Werkes von Plenck^), die 
Kiuciio SuGiTA herausgab mit dem Titel Ganko Shinsho, d, h. neues 
Werk über Augenheilkunde. (Bald danach erschien ein Werk, welches einen 
Vergleich zwischen der europäischen und der chinesischen Augenheilkunde 
darstellt, nämlich Ganka Kinnö, von Fuichi Honjö.) 

2. Zwei Schüler Siebold's haben als Augenärzte Ruf erlangt: Genseki 
Habu (1768 — 1854) Leibarzt am Hofe der Shogun, und Ryösai Ko (1799 bis 
1846), der später in Osaka wohnte. 

3. Der Niederländer Baudüin, der 1861 nach Nagasaki kam, brachte 
den Augenspiegel, das Atropin und andre Heilmittel nach Japan; Schiel- 
Operation und Lid-Bildung hat er zuerst in Japan ausgeführt. 



1) MÜLLER, Hoffmann, Doenitz, Wernich, Disse, Langgaard, Scriba, Balz. 

2) Vom Jahre 1777. (Vgl. § 427, § 48o.) — Einer holländischen tJbersetzung 
bin ich nicht begegnet; doch mag das kurze und klare Buch eine solche schon 
gefunden haben. 



388 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder. 

4. Der englische Marine-Arzt Dr. Willis, 1869 zum Professor an der 
medizinischen Akademie zu Yedo und zum Direktor des Krankenhauses er- 
nannt, trug die Augenheilkunde im Rahmen der Chirurgie vor. 

§ 996. Die Einrichtung des augenärztlichen Unterrichts 
wird in dem folgenden Brief geschildert, den Prof. Komoto^) aus Tokyo 
am 17. Nov. 1912 an mich gerichtet hat: 

»Herr Stahsarzt Müller, seit 1871 hier als Chirurg angestellt, unter- 
richtete nehen seinem Fach auch Augenheilkunde. Er war hier k Jahre 
tätig; danach kam an seine Stelle Herr Dr. Schulze aus Stettin; auch er 
unterrichtete neben Chirurgie noch Augenheilkunde 2). Er blieb von 1875 
bis 1880. Da ich damals sein Schüler war, weiß ich noch, wie ein Aus- 
zug aus dem großen Graefe-Saemiscb als Lehrbuch benutzt worden ist. Da- 
mals waren der alte Herr Inouye und Suda (beide schon gestorben) Assi- 
stenten bei ihm. 

Nachdem Herr Dr. Schulze uns verlassen hatte, wurde Herr Dr. Scuiba 
hier als Professor der Chirurgie angestellt und lehrte unser Fach von 1880 
bis 1886; allerdings hat 2 Jahre hindurch (1883-1885) Herr Dr. Ume, 
welcher in Deutschland Augenheilkunde studirt hatte, unsren Fach-Unter- 
richt ertheilt; aber er starb jung und somit mußte Herr Dr. Scuiba wieder 
den Unterricht übernehmen ; danach gab Herr Dr. Kono, welcher Assistent 
bei Scriba war, 2 Jahre Unterricht in unsrem Fach (1887 — 1889). Erst 
seit September 1889 wurde ich Professor der Augenheilkunde und nahm 
diese Stelle bis jetzt ein. 

Außer in Tokio giebt es jetzt noch zwei Universitäten, die eine in 
Kioto (Prof. der Augenheilkunde Assajama) und die andere in Fukuqka 
Prof. Omshi). 

Neben den Universitäten bestehen noch medizinische Akademien: Na- 
gasaki (Prof. MuRAKAMi), Okajama (Prof. Inoüje), Osaka (Prof. Mizüo), Nagoja 
(Prof. Kako), Kanasawa (Prof. Takajasu), Ziba (Prof. Ogiu), Sendai (Prof. 
Kodama), Kumamoto (Dr. Tojoda), Kioto (Dr. Itoh), Niigata (Dr. Suganuma). 

Da unser Erziehungs-System Deutschland zum Muster nahm, so ist 
unser Fach von Anfang an obligatorisch neben der inneren und äußeren 
Medizin und der Gynäkologie gewesen. Unser Unterricht besteht in Vor- 
lesung und in der praktischen Übung. In der Poliklinik werden die Kranken 
an Praktikanten vertheilt und in der Klinik die Operation vorgezeigt. 

In hiesiger Universität sind jedes Jahr 15 — 20 Ärzte zugelassen, welche 
speziell unser Fach studiren ; sie kommen jeden Tag und helfen bei der 
Untersuchung der Kranken mit. So können sie innerhalb eines Jahres fast 



i) Seine Veröffentlichungen gehören hauptsächlich dem 20. Jahrhundert an. 
2) Augen-Operationen am lebenden Kaninchen hat er bei mir geübt. H. 



Einführung der europ. Augenheilk. in Japan. 389 

jede Art der Krankheiten und der Operationen beobachten. Solche Ärzte 
haben sich als Spezialisten schon überall niedergelassen; aber doch in den 
nördlichen Provinzen weniger, als in den südlichen, wo der Spezialisten oft 
zuviel sind. 

Hier und da giebt's noch durch mehrere Augenärzte berühmte Familien, 
so z. B. Maruo in Shizuoka, Tawar.y in Fukuoka, Giotoka in Kümamoto.« 

Zusätze. 

1. Nach ijährigem Studium wird durch Prüfung der Titel eines Dr. med. 
(Igakushi) erlangt. Zur Praxis bedürfen die Ärzte einer Approbation, die durch 
ein Staats-Exanien erlangt wird. Wer aber das Diplom einer Universität oder 
Medizin Schule besitzt, ist von dieser Prüfung entbunden. (Fujikawa, S. 91.) 

2. MiCHiYASU Lnouyi zu Tokjo hat 1906 ') eine kurze Bemerkung über Augen- 
heilkimde in Japan veröffentlicht. Darin zählt er die Professoren und im ganzen 
29 Spezialisten in Japan auf. »Von diesen haben die meisten in Deutschland 
studirt. Deshalb schuldet die japanische Augenheilkunde Deutschland ihren Dank.« 

Als die Einlührer der modernen Augenheilkunde nennt er die folgenden 
drei: U.me, Suda, Tatsuya Inouve. Es giebt eine japanische Zeitschrift für 
Augenheilkunde, Nippon Gankwa-Gakkuai Zasshi, veröffentlicht von Onishi in 
Fukuoka. 

3. Kurze Bemerkungen über den Charakter der Augenkrankheiten 
in Japan. 

Die Körnerkrankheit (Trachoma) ist ziemlich verbreitet in Japan, auch 
im Innern, wohin Europäer kaum vorgedrungen; und sicher nicht erst von den 
Europäern in's Land gebracht. Es ist genau dieselbe Krankheit wie bei uns, 
wovon ich mich persönlich überzeugt habe. \i^/u der Augenkranken, welche 
pie Universitäts-Augenklinik zu Tokyo besuchen, leiden an Trachom. 

Star^) kommt in Japan verhällnißmäßig seltner, Drucksteigerung (Glau- 
koma) häufiger zur Operation. Syphilitische Netzhaut-Entzündung ist verhällniß- 
mäßig häufig in Japan, ebenso der Augentripper. 

4. Aus Hirschberg, ärzll. Bemerk, über eine Reise um die Erde, 1893: 
Am 23. September 1892 war eine Hauptversammlung der ophlhalmologischen 

Gesellschaft anberaumt worden, im Hause ihres Gründers T. Inouye. Der letztere 
hat vor einigen Jahren eine Studien-Reise durch Europa gemacht und in Berlin 
einen längeren Aufenthalt genommen. 

Die von ihm tSSi zu Tokyo gegründete Gesellschaft zählt 200 Mitglieder, 
die ziemlich vollständig erschienen waren, und hat deutsche Vortrags-Sprache, 
die allerdings im Munde einzelner Japaner rührend-kindlich sich ausnimmt, und 
natürlich auch deutsche Berichte, von denen bisher elf Hefte erschienen sind. 
Das letzte Heft enthält, außer der Begrüßungsrede, verschiedene Vorträge, so 
über Diplococcen der Bindehaut, über Keratitis parenchymatosa propria, über 
ein neues Instrument zur Untersuchung des Augengrundes, über ein neues Star- 
Messer, sowie meinen eigenen Vortrag über Asepsie in der Augenheil- 



1) Ophthalmology II, 41—42. 

2) In den älteren chinesischen Büchern, welche die Japaner früher be- 
nutzten, heißt der Star das weiße, innere Hinderniß; also schwarzer Star 
iCataracta nigra) das schwarze, weiße, innere Hinderniß. 



390 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder. 

künde, den ich in dieser Sitzung auf Wunsch und nach Wahl der japanischen 
Kollegen gehallen. Mein Vortrag ist so fehlerfrei zu Tokyo gedruckt, wie ich 
es vielleicht in London oder Paris nicht hätte erzielen können'). 

(Ich glaube, daß die deutsche Vortrags-Sprache später aufgegeben wurde. 
Vielleicht ist auch die Gesellschaft wieder eingegangen. 

Jedenfalls wui-de 1896 die Japanische Gesellschaft für Augenheil- 
kunde [Nippon Ganka Gakkai] zu Tokyo begründet. Der Vorsitzende ist Prof. 

KOMOTO.J 

§ 997. T. Jnouye, 
gesL 15. Juli 1895 zu Tokyo 2). 

Unter den Augenärzten von Japan, das bekanntlich erst i8G8 plützlich 
den Übergang von einem mittelalterlichen Feudalsystem zu einer ganz 
modernen Staats-Einrichtung vollzogen, ist einer der hervorragendsten und 
bekanntesten T. Inouye in Tokyo. 

Geboren um das Jahr 1839, erhielt er zunächst den klassisch-chine- 
sischen Unterricht seiner Heimalh; aber, von brennender Wißbegier ge- 
trieben, wurde er ein Schüler des holländischen Arztes Bauduin, der zuerst 
an der 1857, also in der Zeit des Übergangs, (noch von dem Shogunat) 
in Nagasaki errichteten Medizinschule, später in Tokyo wirkte. Noch als 
verheiratheter Mann und beschäftigter Augenarzt hat Inouyb durch Studien- 
reisen in Europa sich fortzubilden gesucht und an verschiedenen Universitäten, 
wie Berlin und Heidelberg, längere Zeit zugebracht. Sept. 1 892 zu Tokyo 
fand ich ihn in seiner Privat-Augenheilanstalt inmitten eines gewalligen 
Kranken-Materials, das er mit rührender Geduld von Morgens 5 bis Abends 
6 Uhr abfertigte; umgeben von zahlreichen Hörern, Studenten wie Ärzten, 
obwohl er keine Professur an der Universität bekleidete; in seinem asep- 
tischen Operations-Saal, in dem eine Glaswand den Wundarzt von den 
Zuhörern scheidet; als Vorsitzenden der von ihm gegründeten ophthal- 
mologischen Gesellschaft. Diese Gründung ist L\ouye's Hauptverdienst. 
Sein zweites besteht darin, daß er, als erster in Asien, einen Atlas der 
Ophthalmoskopie herausgegeben, worin, neben vielem Bekannten, auch 
seltene Fälle, wie Netzhaut-Blutungen bei Kakke (Beri-beri) abgebildet sind. 

Jnouye's Charakter zeigte eine Mischung von rührender Naivität, hoher 
gesellschaftlicher Bildung und tiefer Herzensgüte. Als ich von Tokyo abreiste, 
brachte er mir zum Bahnhof ein große Papier-Rolle, auf welcher er die Namen 
und Wohnorte seiner hauptsächlichsten Schüler in den von mir zu durch- 
reisenden 13 Provinzen Japans deutsch und japanisch verzeichnet hatte, 
damit ich mich an den nächsten wende, wenn »Gefahr« droht. 

Nach den ersten großen Erfolgen Japans im letzten chinesischen Kriege 
sandte er mir seine Photographie, »hoch zu Roß«. Ich ahnte nicht, daß 



1) Das beistehende Bild ist nach einer Photographie, welche die augenärzt- 
liche Gesellschaft sofort nach meiner Ankunft zu Jokohama anfertigen ließ. 

2) Nach Hirschberg, C. B1. f. A. 1895, S. 286. 



Grncfe-Saemisch, Handbuch, 2. Aufl., XIV. Bd. ^VII), XXllI. Kap. 



Tafel 1. 

Zu S. 390. 




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Verlag von Julius Springer in Berlin. 



Japan: T. Inouye. 391 

der SL-hlanke Renner sein Verderben sein sollte. Am 10. Juli 1895 stürzte 
er mit dem Pferde auf die linke Seite und erlitt einen komplicirten Bruch 
des linken Unterschenkels; am 15. trat plötzlich Meningitis dazu, an der 
er Vorm. 1 1 Uhr sanft entschlafen ist: wie mir sein Schwieger- und 
Adoptiv-Sohn, der auch sein erster Assistent war, Hr. Tatsushichi Inouye, 
am 20. Juli d. J. geschrieben. 

Zusätze 

1. Im Januar 18 83 hat T. Inouye das folgende Schriftstück veröffentlicht 
und versandt. 

Mein Lebenslauf. 

Meine Vorfahren lebten seit 200 Jahren als Arzte in Sbikoku und behandelten 
seit 70 Jabron jährlich 2000 — iOOO Kranke aller Art. 

Als ich 33/4 Jalu-e alt wurde, begann ich Japanisch und Chinesisch zu lernen. 
Vom 12. Lebensjahr an sludirte ich Mathematik und vom 18. an japanische 
und chinesische Arznei-Wissenschaft. In meinem 22. Lebensjahr fing ich an 
«uropäiscbe Medizin zu sludircn, und zwar zunächst aus übersetzten Büchern, 
nachher beim Herren Bauduin (einem holländischen Arzt) mit Hilfe eines Dol- 
metschers. 

In 1869 war ich Assistenz-Arzt abwechselnd bei den Herren Dr. Müller 
und Dr. Hofk.mann und lernte dabei die deutsche Sprache. Vom 25. Lebensjahr 
wurde ich Assislenz-Arzt beim Herrn Dr. Schulze. Seit 1877 behandelte ich Privat- 
kranke, und zwar: 

Im Jahre 1877 360 neue Patienten. 

» 1878 930 » 

1879 1159 

» 1880 2000 

. 1881 2600 » 

» 1882 2700 

» 1883 2700 » 

> 188 4 3170 » 

In Tokyo sind ungefähr 13 — 20 Ophthalmologen, aber ich behandle jetzt 
^4 sämtlicher Augenkranken. 

Ich stehe augenblicklich im 37. Lebensjahr und vom 30. Lebensjahr bis vor 
^ Jahren hielt ich Augenklinik in der Akademie zu Tokyo. 

2. Vor mir liegen die »Jahresberichte der Privat-Augenkhnik, erstattet von 
T. Inouye«, für 1883, 1884, 1883/6, 1887/8. 

Die Augen-Heilanstalt ist 1881 errichtet, 1883 erweitert und umgebaut: 
»nach europäischem Maßstab füi- 35 Betten eingerichtet; kann aber mit 50 Kranken 
belegt werden, da die Japaner nicht in Bettstätten schlafen. . . Die Abtritte 
sind gut ventilirti). . . Auf der Mitte des Daches steht ein kleiner Wart-Thurm, 
um die in Tokyo so häufigen Brände genügend vorbeachten zu können«. 

Der Bericht für 1883 vermeldet 13 Star-Ausziehungen, 82 Iridektomien. 

1) Wasserspülung (-klosets) gab es 1892 nicht in Japan, da der Roth zum 
Düngen unentbehrlich schien. 



392 



XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder. 



Der Bericht für 188 4 bringt eine eigenartige Ausführung des peripheren 
Linear-Schnitts zur Star-Ausziehung. (Oberhalb der Hornhaut .wird die Binde- 
haut mit einer besonderen Fixir- Pinzette erfaßt, unterhalb der Hornhaut die 
Druckstange angelegt). 

Fig. 4. 




Lederhaut-Schnitt zur Star-Ausziehuug. 

Der Bericht für die beiden Jahre 1887 und 1888 vermeldet: 

A. Kr 5570 -}- 4973. 

B. Kr 366 + 420. 

Star-Ausziehung 27 + 44. 

Ein sehr eigenlhümliehes Star-Messer hat T. J. im C. Bl. f. A. 1888, S. 24 2 
veröffentlicht und hinzugefügt: »Der Japaner hat einen niedrigeren Nasenrücken. . . 
Daher berührt man, nach dem Ausstich, den Nasenrücken nicht«. 




mmmmmmmsmi 



Star-Messer. 

§ 998. Schluß-Betrachtung. 

Junge japanische Ärzte haben in Europa und namentlich in Deutsch- 
land, unter der Obhut unsrer Professoren, manche fleißige und auch 
nützliche Arbeit geliefert. 

Aber neue, selbständige Entdeckungen japanischer Arzte waren im 
19. Jahrhundert auf unsrem Gebiet noch nicht zu verzeichnen. 



§ 999. Ägypten 
ist so häufig in der Geschichte der Augenheilkunde des 1 9. Jahrhunderts 
genannt worden, namentlich als Quelle der sogenannten ägyptischen oder 



Ägypten. 393 

militärischen Augen-Entzündung, daß mir eine Sonder-Betrachtung über die 
augenärztlichen Verhältnisse Ägyptens während des 1 9. Jahrhunderts ge- 
boten scheint. 

Ich glaube, meine Leser werden mir dankbar sein, daß auf meine 
Bitte mein Freund Dr. Max Meyerhoff, der so viele Jahre in Ägypten als 
Augenarzt gewirkt, diesen wichtigen Paragraphen geschrieben hat. 

§ 1000. Die augenärztlichen Verhältnisse in Ägypten 
während des 19. Jahrhunderts von Dr. Max Meyerooff, 

z. Zt. Hannover. (September 1915.) 
Nach dem Abzüge der Franzosen aus Ägypten Ende 1801 wurden die 
von ihnen geschaffenen militärischen und gesundheitlichen Einrichtungen 
von Türken, Mameluken, Beduinen und Fellachen mit gleicher Wut zerstört. 
Ihre Dammwege zerfielen, ihre Alleebäume wurden abgehauen, ihre Kranken- 
häuser, auch das Augen hospital in Giza, dem Verfall oder den früheren 
Besitzern der Gebäude überlassen. 

Als der deutsche Forschungsreisende Seetzen 1807 — 1810 in Ägypten 
weilte 1), war von den französischen Einrichtungen nichts mehr vorhanden. 
Das arabische Hospital Murisldn, welches der Mameluken-Sullan Qalaun im 
13. Jahrhundert so glänzend eingerichtet hatte, war, wie es Desgenettes 
beschrieben 2), ein schmutzstarrendes Loch, in welchem einige zwanzig 
Wahnsinnige an Ketten gehalten und mit der Peitsche kurirt wurden. 
Dennoch begann die europäische Medizin damals in Ägypten einzudringen : 
der deutsche Arzt Dr. Ritz aus Mainz führte die Pockenschutz-Impfung 
Jenner's ein, und Mohammed ALi-Pascha gab selbst das gute Beispiel des 
Fortschritts, indem er eine seiner Töchter impfen ließ. Ein jüdischer Arzt, 
Dr. Marpurg aus Friaul, kam schon damals in Ruf und wurde später unter 
dem Namen Morpurgo der gesuchteste Praktiker Ägyptens ^j. Seetzen hat 
selbst im September 1807 in Kairo eine heftige Augen-Entzündung durch- 
gemacht, die er in seinem Tagebuch beschrieben und durch die bekannten 
Theorien zu erklären gesucht hat. Weder Dr. Morpurgo, noch der ita- 
lienische Arzt Brocchi aus Bassano^), noch die deutschen Naturforscher 



i) Ulrich Jasper Seetzen's Reisen durch Syrien, Palästina, Phönizien, die 
Transjordan-Länder, Arabia Petraea und Unter-Ägypten. Herausgeg. und com- 
mentirt von Fr. Kruse, Hinrichs, Fr. H. Müller u. A. Bd. III. Berlin 1853. Seetzen, 
von Geburt Oldenburger, kam 1811 auf einer Forschungsreise in Südarabien um. 

2) R. D. Desgenettes, Rapport sur le Möristan ou höpital du Kaire. In Me- 
raoires sur I'Egypte, T. II, An IX (1801), p. 49—33. 

3) Er starb 1826. Seine Nachkommen leben noch heute in Alexandrien. 

4) Giornale delle osservazioni fatte ne' viaggi in Egitto, nella Siria e nella 
Nubia, opera inedita postuma dell Dott. G. B. Brocchi ecc. Bassano 1841 — 43. 
5 vol. in-8, con atlante. 

Brocchi starb 1826 in Sennaar an einem Tropenfieber, 



394 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder. 

Ehrenberg und Hemprich i), welche in den -1 820 er Jahren bei dem erstgenannten 
aus dessen Erfahrungen gelernt haben, vermochten über die alten Hypothesen 
der Entstehung der Ophthalmie durch Sonne, Staub, Schweiß, Nachtkühle 
u. dgl. sich zu erheben. Ehrenbrrg hat später einen kurzen Vortrag über 
die ägyptische Augen-Entzündung gehalten 2)^ in welchem er berichtet, daß 
er selbst, Hemprich und andre seiner Gefährten mehrmals an derselben ge- 
litten hätten, und daß ein italienischer Graf zu seiner Zeit in Kairo an 
Ophthalmie erblindet sei. 

Der irische Arzt R. R. Madden^) weilte 1825 — 1827 in Ägypten und 
hat dessen ärztliche Einrichtungen, Krankheiten und Volksmedizin an vielen 
Stellen seiner Reisebeschreibung ^j besprochen. Schon auf Kandia traf er 
die ägyptische Augen Entzündung unter den Truppen IßRAUiM-Pascha's; fast 
keiner der zum Heeresdienst gepreßten Fellachen hatte zwei gesunde Augen. 
In Ägypten fand er die Hospitäler in einem traurigen Zustand, besonders 
das schon erwähnte Irrenhaus Murislun Qalaün. Von den zehn Plagen w^ar 
die »Finsterniß« als Folge der Augen-Entzündungen und des Despotismus 
die verbreitetstc. Im Frühjahr 1827 erkrankten Madden und sein Reise- 
begleiter auf ihrem Nilschiff an Augen-Entzündung. Obwohl aber die Lehre 
von der Ansteckungsfähigkeit dieser Krankheit schon seit zwei Jahrzehnten 
in Großbritannien zu Hause war, behandelte sich der Arzt mit Blutent- 
ziehung bis zur völligen Entkräftung, und wurde das Leiden nur schwer 
los. Seine guten Rathscbläge (Bd. I, S. 392) für Reisende haben daher 
nicht gerade viel Wert. 

Inzwischen hatte Mohammed ALi-Pascha (1769 — 1848), der Stammvater 
der heutigen Dynastie von Ägypten, nachdem er sein Land mit starker 
Hand von inneren und äußeren Feinden befreit, begonnen, europäische 
Kultur und Technik im Nil-Lande einzuführen. Er wandte sich zunächst 
fast ausschließlich an Franzosen: die Generalkonsuln de Lesseps und Dro- 
vETTi beeinflußten seine Politik und Zivil- Verwaltung, der Oberst SfevE (als 



1) Naturgeschichtliche Reisen durch Nord-Afrika und West- Asien in den Jah- 
ren 1820 — 25 von Dr. W. F. Hemprich und Dr. C. G. Ehrenberg. Historischer Teil. 
Berlin, Posen und Bromberg 1n28. 

Hemprich starb am 30. Juni 1825 in Massaua am Wechselfieber; Ehrenberg 
wurde später als Mikroskopiker berühmt, starb als Professor zu Berlin am 
27. Juni 1876. 

2) Über die Krankheiten in Ägypten und die jetzige arabische Heilkunde. 
Von Dr. Christian Gottfried Ehrenberg. In Hecker's Litterarischen Annalen der 
gesammten Heilkunde, Bd. VII, Berlin 1826, S. 1—24. 

3) Richard Robert Madden (1798 — 1886) aus Dublin, Arzt und Publizist, Vor- 
kämpfer für die Freiheiten Irlands und gegen den Sklavenhandel. 184 — 41 war 
er ein zweites Mal in Ägypten. (Dict. of Nat. Biogr. XII, 1909, p. 739—40.) 

4) Travels in Turkey, Egypt, Nubia, and Palestine, in 1824, 1825, 1826 and 
1827. By R.R. Madden, Esq , M. R. C. S. In two volumes. London 1829. 80. 



Die augenärztl. Verhältnisse in Ägypten während des 19. Jahrh. 395 

Renegat SonMAN-Pascba genannt,) schuf sein Heer, der Ingenieur de Cerisy- 
Bey reorganisirte seine Flotte nach ihrer Vernichtung bei Navarino. 1825 
berief der Herrscher den jungen Dr. Glot aus Marseille, um das europäische 
Medizinal-Wesen in Ägypten einzuführen ^]. Dasselbe sollte zunächst nur der 
Armee zu gute kommen, zu deren Chefchirurgus Clot ernannt wurde. Er 
schuf zuerst einen Gesundheitsralh, Regiments-Ärzte und -Lazarele, sorgte für 
Sanitäts- Material, und konnte schon 1827 mit der Einrichtimg einer Medizin- 
schule zum Zwecke der Erziehung brauchbaren Sanitäts-Personals beginnen 2). 
Dieselbe wurde in Abü-Zaabel nahe dem großen Militärlager von el-Ghanqa, 
nürdüch von Kairo, eingerichtet; sie erzog 100 eingeborne Schüler, welchen 
französische, italienische und deutsche 3) Professoren Vorträge in ihrer 
Landes-Sprache hielten und mit Hilfe von Übersetzern verständlich machten. 
Ferner wurde 18-27 ein Dutzend Ägypter zur weiteren Ausbildung in der 
Medizin nach Paris geschickt. Die sprachlichen Schwierigkeiten und die 
religiösen Vorurteile, welche CLOT-Bey zu überwinden hatte, waren nicht 
gering; wurde doch sogar von einem fanatischen Schüler im Sezier-Saal ein 
Dolchstich gegen ihn gerichtet, als Protest gegen die dem Muslim verhaßte 
Leichenöffnung! Nachdem das Lager von el-Ghanqa aufgehoben war, wurde 
die Medizin-Schule 1 8:n nach dem alten Palast Qasr el-Aini im südlichen 
Kairo am Nil -Ufer verlegt, dessen Bauten noch heutzutage dem gleichen 
Zwecke dienen. Dort konnten 300 Schüler und 1000—1500 kranke Sol- 
daten untergebracht werden. Das bisherige Militär- Lazaret am Esbekije- Platz 
in Kairo wurde zugleich in ein Civil-Krankenhaus umgewandelt. In den 
Provinzen gab es nur einzelne Krankensäle für die Givil-Bevölkerung. Die 
Irren aus dem Muristän wurden in das Esbekije-Hospital überführt und dort 
menschenwürdig behandelt. Außerdem begründete GtoT-Bey eine Gebär- 
Anstall mit Hebammenschule und eine Tierarzneischule. In der neuen 
Staatsdruckerei zu Buläq bei Kairo wurden zum ersten Male moderne Lehr- 
bücher der Medizin nach den Übersetzungen französischer Werke durch 
die Brüder Ahmed und Ilüssfix er-Uasciudi arabisch gedruckt, darunter 
auch die Augenheilkunde von Sicbel*). Zahlreiche Ägypten-Reisende haben 



1) Antoine CLOT-Bey, geb. zu Grenoble i793, studirte in Marseille und Mont- 
pellier. 1823—50 Leiter des ägyptischen Sanitätsdienstes, wurde er durch den frem- 
denfeindlichen Vizekönig Abbas I zurückgesetzt, nach dessen Ermordung 1 834 von 
S\iD-Pascha wieder berufen, verließ Ägypten endgültig 1860 und starb in Mar- 
seille 1868. 

2) Apercu g^neral sur l'Egypte, par A.-B. CLOT-Bey etc. Paris 1840. T. 11, 
Chap. XI, p. 340—448. 

3) Die beiden Bayern Dr. Pruner und Dr. Fischer. 

4) Übersetzt von Ahmed Hassan er-Raschidi unter dem Titel dijä' an-nairaih 
fi 'iläg amräd al-'ainain (Die Lichter der beiden Leuchtenden über die Behandlung 
der Krankheiten der beiden Augen). Buläq 1841. 80. Die Übersetzung der tech- 
nischen Ausdrücke aus dem Französichen ist wohlgelungen. Die eigenen Zusätze 
des Raschidi über Ophthalmie sind ohne Wert. 



396 XXIII. Hirschberg, Die außer-europäischen Länder. 

die von GLOT-Bey geschaffenen Einrichtungen besucht und bewundert i)^ 
unter ihnen der schwäbische Arzt Dr. J. v. Röser, der 1834 in Ägypten 
war, und der seine ärztlichen Erfahrungen in einer kleinen Schrift 2) nieder- 
gelegt hat. Recht ausführlich hat er (S. I — 23) die ägyptische Augen-Ent- 
zündung abgehandelt, von der er selbst befallen wurde und die er mit 
Pru.ner nachher bei zahlreichen Kranken des Esbekije- Lazarets in Kairo 
beobachten konnte. Keiner der damals in Ägypten prakticirenden euro- 
päischen Ärzte hielt die Krankheit für kontagiüs, keiner hatte im An- 
schluß an dieselbe Granulationen entstehen sehen, wie denn auch v. Röser 
selbst bei den augenkranken Ägyptern in Alexandrien und Kairo keine 
körnigen Wucherungen der Bindehaut antraf, wohl aber bei den türkischen 
Zöglingen der Offiziers-Schule in Damiette^), Der dortige Stabsarzt Dr. Jamas 
wandte übrigens den Hüllensteinslift sehr energisch gegen die Granulatio- 
nen an. 

Die Augenheilkunde wurde an den neugeschaffenen Instituten von Clot- 
Bey und PßUNER-Bey gelehrt und ausgeübt. Beide haben ihre Erfahrungen 
niedergelegt; CLor-Bey zuerst kurz in seinem Hauptwerk (Bd. II, S. 360 — 
368), und gegen Ende seines Lebens in einer kleinen Sonderschrift'*). Sie 
bietet Interesse nur durch einige geschichtliche Bemerkungen; im übrigen 
war Clot, wie für die Pest so auch für die Ophthalmie ein eifriger Gegner 
der Ansteckungs- Theorie. Dagegen hat er das Verdienst, eine energische 
örtliche Behandlung der Augen-Entzündung zuerst in Ägypten eingeführt zu 
haben; 1831 in Gestalt einer gesättigten Zink-Alaunlösung, des sogenannten 
Luxor-Kollyrs ; 1833 in Form der Ilöllenstein-Salbe, deren Anwendung er bei 
Guthrie in London gesehen hatte; später ging er auch zum Gebrauch des 
Stiftes und, bei der Augen-Entzündung der Neugebornen, einer Höllenstein- 
lösung über. Clot hat selbst während 25 Jahren in Ägypten 17 Anfälle 
von Augen -Entzündung durchgemacht; seine Gattin erkrankte erst nach 
ihrer Rückkehr nach Frankreich. Er hat, wie er meint, durch diese Anfälle, 
die Sehkraft des rechten Auges verloren; doch scheint es sich um eine 



4) Z. B. der Marschall Marmont (Voyage du Duo de Raguse en Hongrie , . 
et en Egypte. T. III, p. 234— 239. Bruxelles 1837) und der bekannte Reiseschrift- 
steller Fürst PücKLER-MusKAu. ;Aus Mehemed Ali's Reich. Stuttgart 1844. S. 351 
bis 368. 

2) über einige Krankheiten des Orients. Beobachtungen, gesammelt auf einer 
Reise nach Grinchenlanu, in die Türkei, nach Ägypten und Syrien von Dr. Jacob 
Ritter v. Röser. Augsburg 1837. 

3j Dieser Widerspruch, der auch Pruner (S. 458) aufgefallen ist, erklärt sich 
sehr einfach dadurch, daß die Ägypter in frühester Kindheit vom Tracliom be- 
fallen zu werden pflegen, und im Pubertäts-Alter schon ganz vernarbte Bindehäute 
haben, während die türkischen Zöglinge erst in Ägypten infiziert und von v. R. 
im floriden Stadium gesehen wurden. 

4) De l'ophthalmie, du trychiasis (!), de Tentropion et de la cataracte obser- 
ves en Egypte. Paris (ohne Datum, wahrscheinlich 1864). 54 S. 



Die augenärztl. Verhältnisse in Ägypten während des 19. Jahrh. 397 

Netzhaut-Ablösung gehandelt zu haben. Von 1825 — 1832 sah er zahllose, 
in Ägypten als Sklaven verkaufte Griechenkinder an Ophthalmie erkranken 
und teilweise erblinden. Die 1832 als Rekruten eingezogenen Syrier er- 
krankten in Ägypten alle an Ophthalmie oder inneren Leiden, und waren 
4 Jahre später meistens gestorben oder erblindet. 1836 erkrankte ein 
zweiter Schub syrischer Rekruten in Kairo so heftig an Augen-Entzündung, 
daß stets 3000 gleichzeitig in den Lazareten lagen, und im ganzen 20 000 
behandelt wurden. Dank der Anwendung des Luxor- Wassers verlor keiner 
das Augenlicht, und nur 30 (nach Pruner 19) behielten Hornhautflecken 
zurück!). Gleich Larrey, v. Röser und andren behauptet Clot, daß auch 
die Hausthiere in Ägypten an der Ophthalmie litten 2). 

PRUNER-Bey hat das XIL Kapitel seines Lehrbuches^) den Augenkrank- 
heiten in Ägypten gewidmet. Auch er konnte sich nicht mit der An- 
steckungsfähigkeit der Pest und der Ophthalmie befreunden. In seinen 
ätiologischen und therapeutischen Anschauungen stand er unter dem Ein- 
flüsse seines Kollegen Clot und der französischen Schule. Er bat aber 
als einer der ersten den Augen -Kroup beschrieben (S. 445); ferner hat er 
die Häufigkeit des Glaukoms und der Kurzsichligkeit, die Seltenheit der 
Augen -Syphilis bei den Ägyptern richtig beobachtet. In seiner Therapie 
spielt das Haarseil eine große Rolle. Pruner hat übrigens gleichfalls ägyp- 
tische Medizin-Studirende nach Europa gesendet, und zwar nach München 
und Graz, von denen Pierinceu sich die ägyptische Augen-Enlzündung be- 
schreiben ließ und sie der Blennorrhoe ganz ähnlich fand.^) Auch nach 
Mohammed Ali's und Ibrabim-Pascha's Tode mehrte sich die Zahl der 



i) Dr. Lorenz RiGLER, Professor der Medizin in Konstantinopel, hat in seinem 
Buch »Die Türkei und deren Bewohnerc (Wien <8'i2, B>1. IF, S 509), diese Angaben 
bestritten. Er (Rigler) habe später viele dieser von Mohammed Ali-Pascha rekru- 
tierten Soldaten gesehen, und eine Menge schwer Augenkranker, Einäugiger, sogar 
Blmder unter ihnen gefunden; von zehn liätten höchstens vier gesunde Augen gehabt. 

2) Dr. Joseph Werne, Bruder des Reisenden P"erdi.\axd W. (Feldzug von Senn- 
aar nach Taka, Stuttgart I8;ji, S. 150,) erklärt Clot-Bey für