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Full text of "Geschichte der chemischen Theorien seit Lavoisier bis auf unsere Zeit. Deutsch hrsg. von Alphons Oppenheim"

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GESCHICHTE 



DER 



CHEMISCHEN THEORIEN 

SEIT LAYOISIER BIS AUF UNSERE ZEIT 



VON 



AD. WURTZ 

:)ftCAN UND PROFESSOR DER CHEMIE AN DER MBDICINISCHEN FACULTÄT 7.U PARIS 
MITGLIEDE DER AKADEMIEN ZU PARIS UND BERLIN, DER ROYAL SOCIETY U.S.W. 



DEUTSCH HERAUSGEGEBEN 



ALPHONS OPPENHEIM 

DR. PHIL. PRIVATD0CP:NTEN an der UNIVERSITÄT BERLIN. 



BERLIN, 

VERLAG VON ROBERT OPPENHEIM 
1S70. 




15 
\M8\5 



VORWORT. 



JJie Schrift, welche hiermit in deutscher Sprache dem 
Pubhkum dargeboten wird, erschien zuerst 1868 als 
Einleitung in das von dem Verfasser herausgegebene 
Dictionnaire de Chimie und später in Frankreich und in 
England auch in gesonderter Form und in wiederholten 
Abdrücken. Sie hat sich die Aufgabe gestellt, die vor- 
züglichsten Entwicklungsmomente der chemischen Theo- 
rien in geschichtlicher Form kurz und allgemein ver- 
ständlich darzustellen. 

An einer so fafslichen und gedrängten Darstellung 
fehlt es der deutschen Literatur bisher, und die indivi- 
duelle Anschauung eines grofsen Naturforschers giebt 
dem Buche besonderen Reiz. Dafs nicht alles darin er- 
wähnt werden konnte, was die Geschichte der Theorien 
angeht, hat zu Klagen geführt, und der erste Satz des 
Werkes begründet, dafs sich eine gewisse nationale 
Empfindlichkeit zu diesen Klagen hinzugesellt hat. Einen 
AngriflP') dieser Art hat der Verfasser in einer Erklä- 
rung beantwortet,*) die hier Platz finden möge: 

„Der angegriffene Satz hat zu einem Mifsverständnisse 
„Veranlassung gegeben, das aufhören mufs. Indem ich 
„Lavoisier als den wahren Urheber der wissenschaftlichen 



') R. Fittig im Bulletin de la Society Chimique de Paris 1869, 
Bd. I. pag. 276. 

^) Ebendaselbst, pag. 277, 



rv Vorwort, 

„Chemie ansehe, habe ich ausdrücken wollen, dafs diese 

„Wissenschaft französischen Ursprungs, dafs sie in Frank- 

„reich geboren ist. Diese Auffassung konnte am Anfang 

„einer geschichtlichen Auseinandersetzung wohl ihren 

„Platz finden. Denn da die Wissenschaft in der That 

„allen civilisirten Völkern angehört, ist es nicht mehr 

„als billig, dafs die Geschichte unparteiisch entscheide, 

„welchen Antheil jede Nation an derselben genommen 

„hat. Von dieser Unparteilichkeit glaube ich nicht ab- 

„gewichen zu sein. Die Gelehrten, welche an dem Fort- 

„ schritt der chemischen Theorien mitgearbeitet haben, 

„finden sich ohne Unterschied der Nationalität auf jeder 

„Seite citirt, und wenn berühmte Namen, wie Mitscher- 

„lich, Kolbe, Hofmann, Graham, Frankland nicht öfter 

„vorkommen, so möge man bedenken, ^ai's ich nicht eine 

„Geschichte der Chemie, sondern eine kurze historische 

„Darstellung ihrer Theorien habe schreiben wollen. Ich 

„erlaube mir noch hinzuzufügen, dafs die obige Erklä- 

„rung jenes Satzes: „„Die Chemie ist eine französische 

„Wissenschaft"", nicht nur aus dem folgenden Satze: 

„„Sie wurde von Lavoisier begründet, dessen Anden- 

„ken unsterblich ist"", sondern auch aus dem gan- 

„zen Ton und Inhalt meiner Darlegung klar hervor- 

„geht. Uebrigens erkenne ich an, dafs die literarische 

„Form, in die ich diesen Gedanken gekleidet habe, 

„Empfindlichkeit hervorrufen konnte, und ich bedaure es. 

„Denn niemand kann die deutsche Wissenschaft höher 

„stellen als ich. Niemand ist mehr bemüht gewesen, sie 

„in Frankreich zu verbreiten; und wenn der Chemiker, 

„welcher mich heute angreift, verdiente Anerkennung bei 

„uns gefunden hat, so ist das zum Theil den Ueber- 



Vorwort. v 

„Setzungen und Auszügen zuzuschreiben, welche ich von 
„der Mehrzahl seiner Arbeiten gegeben habe." 

Im Sinne dieser Erklärung ist der Eingangssatz 
deutsch so ausgedrückt worden, dafs sein eigentlicher 
Inhalt unverfänglich hervortritt. In demselben Sinne 
ist auf Aufforderung des Verfassers Kekule's Einflufs auf 
die Erkenntnil's der Atomigkeit des Schwefels in einer 
Note (pag. 125) bemerkt und Kolbes Hinweis auf die 
secundären Alkohole in einem Zusätze am Ende desSchrift- 
chftis hervorgehoben worden, für den die Verantwortlich- 
keit übrigens auf den Herausgeber fällt. In allem Anderen 
bemüht sich die Uebersetzung einfach das Original wieder- 
zugeben. Ein Theil derselben ist aus der Mitarbeit 
meines Freundes, Herrn Dr. E. Wohlwill, hervorgegangen. 

Diese Bemerkungen würden als Vorwort genügen, 
wenn nicht eine Kritik im literarischen Centralblatt (18()9 
pag. 291 ff.) den betreffenden Satz der französischen 
Ausgabe in einer Weise bespräche, die Untersuchung 
verlangt. In einem durchaus ruhig gehaltenen Aufsatz, 
der mit den Anfangsbuchstaben Kr. eines wohlbekann- 
ten Chemikers unterzeichnet ist, finden sich einzelne 
Sätze, die mit jener Ruhe so wenig in Einklang stehn, 
dafs sie den Verdacht herausforderten, sie möchten von 
fremder Hand eingefügt sein. Eine nähere Nachfor- 
schung bestätigte diesen Verdacht in vollem Mafse. 
Die Sätze der Kritik: „Wurtz beginnt seine Geschichte 
der Ideen in der Chemie mit dem Satze: La Chimie est 
une science fran<;aise. Dieser marktschreierische 
Trumpf bezeichnet schon genügend den Drehpunkt 
und das Ziel seiner Darlegungen" lauteten in Kr.'s 
Manuscript folgeudermal'sen : „Wurtz beginnt seine Dar- 



VI Vorwort. 

Stellung der Entwicklung der Ideen in der Chemie mit 
dem Satze: La Chiniie est une science fran^aise^ und 
bezeichnet damit sehr treffend den Drehpunkt seiner 
Darlegung". Kein Widerspruch des Kritikers hat ihn 
gegen diese Entstellung seines geistigen Eigenthums 
von einem der Chemie völlig fern stehenden Redacteur 
schützen können. Die mildeste Erklärung einer solchen 
Handlungsweise mul's dieselbe auf eine Art von Chau- 
vinismus, von furor teutonicus, zurückführen, welche 
Wissen und Gewissen gefangen nimmt. 

An die Stelle der Ueberschätzung des Auslandes ist 
seit Lessing nicht selten der entgegengesetzte Fehler 
getreten. Während jede auch unbeabsichtigte Kränkung 
deutscher Ansprüche uns in gerechten Eifer versetzt, 
haben nur zu häufig vom Auslande ausgehende Theorien 
und wissenschaftliche Anrechte in Deutschland eine übel 
angewandte nationale Opposition gefunden. Gerade so wie 
die elektrochemische Hy^iothese hier um so hartnäckiger 
festgehalten worden ist, weil sie von jenseits des Rheines 
aus bekämpft wurde, hat man 60 Jahre früher die Leiche 
des Phlogiston mit falsch verstandenem Patriotismus 
künstlich zu beleben versucht. Bekannt ist das Urtheil 
Wiegleb's: „Die französischen Chemiker liefsen sich ein- 
„fallen, eine ganz neue chemische Kunstsprache zu ent- 
„werfen. Allein sie hat selbst in Frankreich keinen 
„Beifall gefunden; von den Ausländern ist sie aber mit 
„Einer Stimme verworfen worden." „„Wiegleb irrte 
sich,"" fügt Kopp diesem Citate hinzu (Geschichte der 
Chemie, Bd. IL pag. 419) und an einer anderen Stelle: 
„„Ein gewisses nationales Gefühl .... liefs zudem die 
deutschen Chemiker sich sträuben, Stahl's, ihres Lands- 



Vorwort. vn 

mannes, System gegen die moderne y^Chimie fran^'aise'^ 
zu vertauschen"". (Bd. I. pag. 345.) 

Machte man früher der exacten Chemie einen Vor- 
wurf daraus, französischen Ursprungs zu sein, warum 
sollte es heute Lavoisier's Landsleuten verargt werden, 
stolz dieses Ursprungs zu gedenken? 

Der Begründer der wissenschaftlichen Chemie ist 
Derjenige, welcher das Princip der Unzerstörbarkeit der 
Materie zuerst bewiesen und zur grofsartisren Anwen- 
dung gebracht hat, und wenn eine neuere Schrift^) die 
Möglichkeit behauptet, spätere Jahrhunderte möchten 
dieses Princip wieder verwerfen, so liegt doch noch 
nicht der allergeringste Grund vor, zu glauben, dafs 
diese Möglichkeit jemals zur Wahrheit werde. 

Allerdings giebt es noch deutsche Chemiker, welche 
den Einflufs Lavoisier s auf die Begründung der exacten 
Chemie nicht höher anschlagen, als den seiner Vorgänger 
Scheele, Black, Priestley, Cavendish, ja selbst Stahl's, 
und diese stützen sich auf einen Ausspruch Liebig's im 
Anfang des dritten seiner Chemischen Briefe. 

Anders ujtheilen die Engländer. Sir Humphry Davy-, 
dessen Competenz niemand bestreiten wird, denkt in 
dieser Frage folgendermafsen'^): «Die Chemie hat erst 
„mit den Arbeiten Lavoisier's eine philosophische Form 
„angenommen. Das Princip, welches dieser grofse Mann 
„zur Grundlage der Wissenschaft gemacht hat, war, 
„keinen Körper als zusammengesetzt gelten zu lassen, 
„dessen Elemente man nicht erhalten hatte." 



') Ladenburg, Entwickelungsgeschichte der Chemie, pag. 16. 
*) Fragmentary remains of Sir Humphry Davy, edited by his bro- 
ther John Davy. London, Churchill 1858, pag. 202. 



vm Vorwort. 

Noch deutlicher redet Englands Polyhistor, Philosoph 
und Historiker James Buckle in seiner berühmten Ge- 
schichte der Civilisation^) : „Dafs wir Frankreich die 
„Existenz der Chemie als Wissenschaft ver- 
„danken, muls von Jedem zugestanden werden, 
„welcher das Wort Wissenschaft in dem Sinne auffafst, 
„welcher ihm allein zukommt, nämlich als ein Ganzes 
„von allgemeinen Begriffen, so unwiderleglich wahr, dal's 
„sie zwar später von höheren Begriffen eingeschlossen 
„werden, aber nicht umgestürzt werden können, mit an- 
„deren Worten, Begriffen, die absorptionsfahig, aber 

„nicht widerlegbar sind Bis Lavoisier in die 

„Schranken trat, gab es keine allgemeinen Ideen, welche 
„umfassend genug gewesen wären, der Chemie Anrecht 
„auf den Namen einer Wissenschaft zu geben, oder um 
„genauer zu reden: die einzige allgemeine Idee, die da- 
„mals angenommen wurde, war die von Stahl, welche 
„der grolse Franzose nicht nur als unvollkommen, son- 
„dern als völlig unrichtig nachwies." 

Auch für Deutschland wird die Zeit kommen, wo 
es nach langsamer Vollendung seiner politischen Umge- 
staltung die Verdienste heute glücklicherer Völker vor- 
urtheilsfrei würdigen wird. 

Dieser Schrift wird es zweifelsohne schon jetzt nicht 
an Lesern fehlen, die aus ihr Belehrung und unbefan- 
gene Freude schöpfen. 

Berlin, im December 1869. 

A. Oppenheim. 



') Englische Ausgabe. London Longmans 1867. Bd. II. pag. 366 
und 367. 



JLJie Chemie, als Wissenschaft, ist durch die unsterblichen 
Arbeiten Lavoisier's begi-ündet worden. Jahrhunderte lang 
war sie nichts gewesen als eine Sammlung dunkler, häufig 
trügerischer Recepte für den Gebrauch der Alchemisten und später 
der Jatrochemiker. Vergebens hatte ein grofser Geist, Georg 
Ernst Stahl, im Anfang des 18. Jahrhunderts ihr eine wissen- 
schaftliche Grundlage zu geben versucht. Sein System konnte 
den Thatsachen und der mächtigen Kritik Lavoisier's keinen 
Widerstand leisten. 

Lavoisier's Wirksamkeit ist complicirter Natur: er war 
der Entdecker einer neuen Theorie und" der Schöpfer der 
wahren chemischen Methode , und zwar gab die Vortrefflich- 
keit der Methode seiner Theorie Sch\vingen. Aus einer 
strengen Beobachtung der Verbrennungserscheinungen hervor- 
gegangen, hat die letztere sich über alle wichtigen That- 
sachen ausbreiten können , welche zu jener Zeit bekannt 
waren. Durch die Richtigkeit ihrer Anschauungen und die 
Tragweite ihrer Erfolge entwickelte sie sich zu einem System. 
Nach fünfzehnjährigem Kampf feierte sie einen glänzenden 
Sieg, und länger als ein halbes Jahrhundert blieb sie unan- 
gegriffen. Dem Meister folgten grofse Schüler nach, um sein 
Werk zu befestigen und zu entwickeln. Dennoch war ein Theil 
der Wissenschaft ihren Arbeiten und dem System fremd geblie- 
ben, welches sich vorzugsweise mit den unorganischen Ver- 
bindij|[gen beschäftigte. Die organische Chemie beschränkte 
sich' damals auf die qualitative Beschreibung A-egetabilischer 

Wurtz, Gesch. d. ehem. Theorien. 1 



2 Einleitung. 

und thierischer Extractivstoffe. Allerdings hatte der Ent- 
deckungstrieb kostbare Materialien angesammelt, aber die 
Wissenschaft, welche in deren Zusammenordnung besteht, war 
noch nicht geboren. Noch fehlten für eine solche Ordnung 
die Elemente, die nur das Studium der Metamorphosen der 
organischen Verbindungen liefern konnte. Die atomistische 
Constitution dieser Verbindungen zu erkennen, durch sie ihre 
Eigenschaften zu erklären und ihre gegenseitigen Beziehungen 
festzustellen, das ist der Zweck der organischen Chemie. Die 
Natur und die Anzahl der Atome zu bestimmen, aus welchen 
sie bestehen, ihre Bildungsweisen, ihre Umwandlungen zu stu- 
diren, das sind die Mittel, über welche diese Wissenschaft gebietet. 

Diese grofse Arbeit begann thatsächlich erst gegen 1830, 
und seit jener Zeit ward sie mit Kraft und Erfolg fortgesetzt. 
Sie ist noch unvollendet. Wie viele Thatsachen sind nicht in 
diesem langen Zeitraum angesammelt Avorden! Kein Gedächt- 
nifs reicht aus , sie heute zu umfassen , und man kann ohne 
Uebertreibung sagen, dafs die Schätze der Wissenschaft seit 
Lavoisier um das Hundertfache vermehrt sind. Der Rahmen, 
in welchem sein Genius das System eingeschlossen hatte, ist 
darum zu eng geworden. Ein erweiterter Horizont eröffnete 
neue Aussichten. Kein Wunder, dafs die Theorien, welche 
dem Studium der organischen Verbindungen entsprangen und 
zuerst auf deren Gebiet beschränkt blieben, einen neuen Auf- 
schwung nahmen und versuchten, die Grenze zu überschreiten, 
welche die organische Chemie von der Mineralchemie trennte. 
Diese Grenze ist in der That überschritten. Die heutigen 
Theorien umfassen das ganze Feld der Wissenschaft, und 
dank ihnen können wir mit Recht sagen, dafs es nur eine 
einzige Chemie giebt. 

Ein solches Resultat ist weder das Werk ' eines Tages, 
noch die Errungenschaft einer Revolution : es ist die Frucht 
langsamen und beständigen Fortschreitens. Aber wenn wir 
die durchlaufene Bahn auf einen Augenblick vergessen und 
nur auf den Ausgangspunkt zurücksehen, so müssen wir ge- 
stehen, dafs der Fortschritt unermefslich ist. Im Vergleich mit 



Einleitung. 3 

der Wissenschaft von damals erscheint die heutige Wissen- 
schaft nicht nur erweitert, sondern verwandelt, verjüngt. 

Sind ihre Theorien vollendet und die neuen Wege, auf 
welchen sie unwiderstehlich voranschreitet, vollkommen ge- 
ebnet? Schwerlich; aber die Gröfse des Fortschrittes erlaubt 
uns, diese Wege für gut und richtig zu halten. Stehen wir 
darum einen Augenblick still, um unsern lilick auf die durch- 
messene Bahn zurückzulenken und mit Genugthuung den Punkt 
ins Auge zu fassen, welcher erreicht ist. 



LAVOISIER. 



I. 



Man hat Lavoisier's System das antiphlogistische genannt 
im Gegensatz zu der berühmten Theorie , welche Stahl in den 
letzten Jahren des 17. Jahrhunderts aufgestellt hatte, und die 
unter dem Namen der ^Phlogistontheorie'' bekannt ist. Den 
Keim derselben hatte dieser grofse Chemiker und Arzt in den 
Schriften Becher's ^) gefunden. Dafs die Metalle ein brennbares 
Princip, „eine brennliche Erde*^ enthalten, das ist die Idee 
dieses letzteren Gelehrten, der noch unter dem Einflüsse der 
Alchemisten steht, mit denen er eine gewisse Unstätigkeit 
des inneren und äufseren Lebens gemein hat. Aber dieser 
Einflufs war in der Abnahme begriffen, und die Ausdrucks- 
weise Becher's konnte seinen Lehren nicht mehr zur Empfeh- 
lung dienen. Sie gingen deshalb anfangs fast unbemerkt vor- 
über. Um ihnen Glanz und Eingang zu verschaffen, bedurfte 
es seines einflufsreichen Commentators Stahl. „Becheriana 
sunt quae profero", behauptete dieser, obgleich die Idee zu 
seiner eigenen ward. Er gab ihr einen klareren Ausdruck, 
eine allgemeinere Form und bildete sie so zu einer Theorie 
um 2). Die brennliche Erde Becher's erhielt den Namen 



') Johann Joachim Becher ward 1635 in Speier geboren und 
starb in England im Jahre 1682. Seine ersten Ideen über die Natur 
der Metalle finden sich in den Acta laboratorii chyinici Monacensis seu 
physica subterranea 1669 und ausführlich in seinem letzten Werk: 
Älphahetum minerale seu viginti quatuor theses ckymicae 1682. 

^) Georg Ernst Stahl, geboren zu Anspach 1660, starb 1734 als 
Leibarzt des Königs von Preufsen. Die älteste seiner chemischen 



Lavoisier. 5 

Phlogiston. Dasselbe war nach Stahl ein feines Princip, 
welches in den Metallen und im allgemeinen in allen ver- 
brennlichen Körpern enthalten ist und durch ihre Verbrennung 
oder Verkalkung verloren geht. Durch Erhitzen eines Metalles 
an der Luft verliert es sein Phlogiston und geht in ein glanz- 
loses Pulver, einen Metallkalk, über. Der Hammerschlag, 
welcher Funken sprühend von dem glühenden Eisen abspringt, 
ist dephlogistisirtes Eisen. Das gelbe Pulver, die Glätte, welches 
sich durch lange fortgesetzte Calcination des Bleis bildet, ist Blei, 
welches seines Phlogistons beraubt ist. Unverbrenuliche Körper 
sind dieses Princips bar; entflammbare Körper sind beson- 
ders reich daran. Die Feuererscheinung ist nichts als eine 
kräftige Phlogiston -Entwicklung. Unter dem Einflufs des 
Feuers zersetzt sich ein Körper, und was nach der Verbren- 
nung zurückbleibt, war zuvor eines der Elemente des brenn- 
baren Körpers. So sind die Aschen der Metalle, oder die 
Metallkalke, in den Metallen selbst mit Phlogiston verbunden 
enthalten. Man kann ihnen das letztere zurückgeben, indem 
man sie mit Substanzen erhitzt, die, wie Kohle, Holz oder Oel, 
sehr reich an Phlogiston sind. Wenn man Glätte mit Kohlen- 
pulver erhitzt, so regenerirt man metallisches Blei, weil das 
Phlogiston der Kohle entzogen und auf die Glätte übertragen 
wird, um mit der letzteren aufs neue Blei zu bilden. 

Der Triumph einer Theorie besteht darin, möglichst zahl- 
reiche und verschiedenartige Thatsachen zu umfassen. Die 
vorliegende fand mit gleichem Erfolge auf zwei Klassen ent- 
gegengesetzter Erscheinungen ihre Anwendung und stellte eine 
theoretische Verbindung zwischen ihnen her. Sie brachte die 
Verbrennungserscheinungen mit der Calcination der Metalle 



Schriften, Zymotechnia fundamentalis etc., vom Jahre 1697 enthält die 
Ideen Becher's und die Begründung der Phlogistontheorie. Nachdem 
er 1701 Becher's Physica subterranea neu herausgegeben hatte, ent- 
wickelte er seine Ideen besonders in den folgenden Werken: Specimen 
Becherianum, fundamenta, documenta et experimenta sistens; Experimenta, 
observationes, animadversiones, GCC numero, chymicae et physicae (llSl). 



6 - Lavoisiei?. 

an der Luft und mit ihrer Umwandlung in Metallkalke in 
Verbindung, erklärte beides und gab aufserdem eine einfache 
Auslegung der Reductions-Erscheinungen, die das Umgekehrte 
der ersteren sind. 

Welche Rolle spielt aber die Luft bei der Verbrennung? 
Ueber diesen Punkt schwieg die Theorie, und doch war die 
Beobachtung ihr voraus und hatte seit lange die Wichtigkeit 
dieser Rolle vorempfinden lassen. Jean Rey, Arzt in Perigord, 
hatte dieselbe bereits seit 1630 beobachtet. Der erste Präsident 
der Royal society in London und gleichzeitig der erste wahre 
Chemiker, Robert Boyle, hatte die Thatsache, welche schon 
Rey bekannt war. bestätigt , dafs die Metalle durch ihre Cal- 
cination an der Luft an Gewicht zunehmen. Er fügte die 
wichtige Beobachtung hinzu, dafs die Umwandlung \^on Blei 
in Glätte in einem abgeschlossenen Volumen Luft dieses Vo- 
lumen vermindert. Er sah ein, dafs die Luft ein Princip ent- 
hält, welches bei der Athmung und Verbrennung verzehrt 
wird. Sein Zeitgenosse und Landsmann, der Arzt John Mayow, 
hatte seit 16(39 vermuthet, dafs die Luft nicht aus einer ein- 
zigen Substanz besteht, sondern Theilchen enthält, welche 
geeigneter sind als der Rest, um die Verbrennung zu unter- 
halten , und dafs diese Theilchen (Particulae nitro - aereae) 
welche die brennenden Körper der Luft entziehen, auch von 
dem Blut in den Lungen absorbirt werden. 

Aber alle diese Beobachtungen waren für die Theorie 
unfruchtbar geblieben. Man kümmerte sich um dieselben 
nicht oder schob sie mit oberflächlichen und irrigen Erklä- 
rungen bei Seite. Die Gewichtszunahme der Metalle durch 
die Calcination schob Robert Boyle auf die Absorption von 
Wärme. Stahl selbst kannte sie und erwähnte sie, ohne sie 
zu erklären. Er betrachtete sie als gleichgültiges Beiwerk. 

Zu dieser Zeit bekümmerten sich die Chemiker einzig 
und allein um den äufseren Anschein der Thatsachen und 
beschränkten sich darauf, die qualitative Seite der Erschei- 
nungen zu beschreiben. Das Studium der quantitativen Ver- 
hältnisse, die in den chemischen Reactionen hervortreten, wurde 



Lavoisier. 7 

vernachlässigt, als wäre es für die Theorie ein unnützer Luxus, 
oder blieb doch für diese verloren. 



II. 

-Eine neue Aera beginnt mit Lavoisier. Die Thatsachen, 
v^^elche sich auf die Gewichtszunahme der Metalle während 
der Verbrennung beziehen, sind von ihm bestätigt, durch eine 
Reihe entscheidender Versuche vermekrt und durch eine glän- 
zende Beweisführung aufgeklärt worden, so dafs sie in seinen 
Händen nicht nur zu einer Waffe gegen die Phlogistontheorie, 
sondern auch zum Grundstein eines neuen Systems wurden. Die 
Verbrennung ist keine Zersetzung, sondern eine Verbindung, 
welche vor sich geht, indem ein gewisses Element der Luft 
von dem brennbaren Körper fixirt wird. Dieser nimmt an 
Gewicht zu, indem er verbrennt, und die Gewichtszunahme 
ist genau dem Gewicht des hinzugeti-etenen gasförmigen Kör- 
pers gleich. 

Als Priestley das Gas, welches vor allen andern fähig ist, 
die Vei-brennung zu unterhalten, im Jahre 177-4 entdeckte, 
erhielt diese Theorie eine neue Stütze. Lavoisier zeigte, dafs 
Priestley's Gas eines der Elemente der Luft ist, und nannte 
es Oxygene (Sauerstoff). Von jetzt an war die Rolle der 
Luft während der Verbrennung klar. Vergebens versuchten 
die letzten Vertheidiger des Phlogistons: Cavendish, Priestley, 
Scheele selbst, die Theorie Stahl's zu retten, indem sie dieselbe 
modificirten und behaupteten, die Rolle der Luft bestehe darin, 
brennbaren Körpern das Phlogiston zu entziehen. Priestley 
behauptete, ein Gas sei um so geeigneter, die Verbrennung 
zu unterhalten, je weniger Phlogiston es selbst enthalte; die 
Luft enthalte sehr wenig ; das Gas, welches besonders geeignet 
ist, die Verbrennung zu unterhalten, enthalte gar keines; der 
andere Bestandtheil der Luft hingegen sei damit gesättigt und da- 
her unfähig, die Verbrennung zu unterhalten. Diese Schlüsse 
welche ein unverbrennliches Gas (den Stickstoff) für besonders 
reich an Phlogiston ausgaben, entstellten die Theorie, statt sie 



8 Lavoisier. 

zu retten. Lavoisier besiegte sie mit einem unwiderleglichen 
Einwurf, welcher sich aus den Gewichtsverhältnissen ergab. 
Das Ganze, so sagte er, ist gröfser als seine Tlieile; da die 
Verbrennungsproducte mehr wiegen als der brennbare Körper, 
so können sie kein Bestandtheil des letzteren sein. Denn 
die chemischen Reactionen können weder vernichten noch 
schaffen; die Materie ist unzerstörbar. Wenn daher die Körper 
bei ihrer Verbrennung an Gewicht wachsen, so müssen sie 
einen neuen Stoff in sich aufnehmen. Wenn umgekehrt die 
Metallkalke, die Oxyde, in den metallischen Zustand zurück- 
geführt werden, so geschieht das nicht dadurch, dafs man 
ihnen das Phlogiston wiedergiebt, sondern dadurch, dafs sie 
den Sauerstoff verlieren, welcher in ihnen enthalten ist. Auf 
diese Weise stellte Lavoisier zuerst die Natur der Metalle fest 
und bestimmte allgemein den Begriff der Elemente. Er erkannte 
als solche die Körper an, aus denen man nur eine einzige 
Art von Materie ziehen kann, und die unter dem Einflüsse 
der verschiedensten Einwirkungen unzerstörbar, unzersetzbar, 
immer dieselben bleiben. Indem er so einer grofsen Anzahl ele- 
mentarer Körper das Siegel einer bestimmten Individualität 
aufdrückte, reformirte er endgültig die alten Ideen über die 
Natui- der einfachen Körper und begrub die Hoffnung auf ihre 
Verwandlung. Der Glaube an dieses Blendwerk von Jahrhun- 
derte langer Dauer, welchen die Anhänger der Phlogistontheorie 
weder ermuthigt noch zerstört hatten, mufste in der That so lange 
bestehen bleiben , als man die Metalle für zusammengesetzte 
Körper ansah. Die einfachen Körper, welche Lavoisier in der 
obigen Weise definix-te, besitzen nach ihm die Fähigkeit, sich 
miteinander zu verbinden und zusammengesetzte Körper zu 
bilden, so dafs man in der Verbindung die ganze wägbare 
Materie der constituirenden Elemente wiederfindet. Diese 
grofsen Principien bilden die Grundlage der Chemie. Allgemein 
angenommen, erscheinen sie uns heute so einfach, so über 
jeden Widerspruch erhaben, dafs sie sich gleichsam als Axiome 
aufdrängen. Damals waren sie es nicht, und der dauernde 
Ruhm Lavoisier's besteht darin, sie ausgesprochen, besser gesagt, 



Lavoisiek. ^ 

sie bewiesen zu haben. Er that das in einer Reihe von Arbeiten, 
welche durch die Idee, die in ihnen vorherrscht, eng mit 
einander zusammenhängen und durch den Scharfsinn ihrer 
Experimente, die Klarheit ihrer Darstelhmg und die Strenge 
ihrer Beweise unvergänglich geworden sind. Und wenn 
an Wichtigkeit irgend etwas mit den Entdeckungen des grofsen 
Meisters wetteifern konnte, so war es seine Methode, welche 
in der Anwendung der Wage auf alle chemischen Erschei- 
nungen besteht und sein gehört, weil er sie zur Grundlage 
der Wissenschaft gemacht hat. Cavendish , Bergmann , Marg- 
gi-aff hatten quantitative Analysen gemacht, aber Keiner von 
ihnen hat daran gedacht, das Studium der Gewichts Verhält- 
nisse für die Lösung von theoretischen Fragen zu verwenden. 
Diese Idee und dieses Verdienst hat Lavoisier gehabt. Nur 
die Methode, welche er eingeführt hat, ist in der Chemie an- 
wendbar. Sie ist bis heute noch unersetzt, und wird schwer- 
lich jemals durch eine andere verdrängt werden können. 

Da er das Studium der Verbrennungserscheinungen zum 
Ausgangspunkt seiner Theorie nahm , hat Lavoisier natürlich 
dem Sauerstoff und dessen Verbindungen die gröfste Aufmerk- 
samkeit geschenkt. Er hat die \\nchtige Rolle aufgedeckt, 
welche diesem Gase bei der Bildung der Säuren, Oxyde und 
Salze zukommt. Die Grundsätze, welche ihn bei dem Studium 
dieser Verbindungen des Sauerstoffs, den wichtigsten von allen, 
geleitet haben, liefsen sich leicht auf alle chemischen Verbin- 
dungen anwenden. So entstand eine allgemeine Theorie, 
welche gegen 1775 den damals herrschenden Stahlscheu Ideen 
gegenüberti-at. Der Kampf war lebhaft, und Diejenigen, welche 
nächst Lavoisier durch ihre Entdeckungen am meisten dazu bei- 
getragen hatten, die Phlogistontheorie zu erschüttern, waren 
schliefslich ihre hartnäckigsten Anhänger. Scheele starb 1786, 
43 Jahr alt, wenn auch nicht von der Idee des Phlogistons 
in dem Sinne, welchen Stahl damit verbunden hatte, fest über- 
zeugt, so doch als energischer Vertheidiger des Wortes, ab- 
hängig von der Gewohnheit, welche die Welt beherrscht. Um 
dieselbe Zeit, 1784, als die neue Lehre in Frankreich bereits 



lt> Lavoisikk. 

alle klaren Köpfe, Berthollet an ihrer Spitze, für sich ein- 
genommen hatte, veröffentlichte Cavendish eine eingehende 
Auseinandersetzung und siinn-eicheVertheidigung der Phlogiston- 
theorie. Später gab er, ohne gerade beizustimmen, seinen 
Widerspruch auf. Priestley liefs im Kampf niemals nach. Er 
starb 1804 an den Quellen des Susquehannah in der neuen 
Welt, wohin ihn sein unruhiger und widersprechender Geist 
getrieben hatte. Lavoisier wurde zwar in der Kraft des 
Mannesalters und inmitten der vollsten Thätigkeit hingeraft"t, 
hatte aber dennoch die Genugthuung, welche so entschiedenen 
Neuerern selten zu Theil wird, den Triumph seiner Ideen zu 
erleben. Als das Fallbeil der Revolution 1794 sein Leben 
zum Opfer forderte, war seine Theorie von der Mehrzahl der 
Urtheilsfähigen angenommen, und die wenigen Gegner, welche 
ihre Stimmen noch zu erheben wagten, konnten den Sturz einer 
bereits verurtheilten Lehre nicht läna;er aufhalten. 



IIL 

Nachdem wir auf den vorhergehenden Seiten das Werk 
Lavoisier's mit breiten Strichen entworfen haben, wollen wir 
uns jetzt einzelnen Details zuwenden und ausführen, wie seine 
Lehre durch seine eigenen Entdeckungen und die seiner Nach- 
folger weiter entwickelt wurde. 

Im Jahre 1772 übergab Lavoisier der Akademie eine 
versiegelte Mittkeilung. Er behandelte darin zum ersten Mal 
die Gewichtszunahme der Metalle durch Calcination. Er 
bewies gleichzeitig, dafs der Schwefel und der Phosphor an 
Gewicht zunehmen, wenn sie an der Luft brennen, und dafs 
diese Gewichtszunahme von der Absorption einer gewissen 
Menge Luft herrührt. Er stellte endlich fest, dafs die Reduction 
der Metallkalke Entwicklung von Luft veranlafst. 

Mehrere dieser Versuche sind in einer Abhandlung vom 
Jahre 1774 genau beschrieben. Indem er Zinn während län- 



Lavoisier. 1 1 

gerer Zeit in einem geschlossenen Gefäfse geschmolzen erhielt, 
bemerkte er, wie vor ihm Bovle, eine Verminderung des Luft- 
volumens. Aber tiefer und geschickter als sein Vorgänger, ver- 
stand er es, nachzuweisen, dafs die Gewichtszunahme des 
Zinns genau dem Gewicht der Luft entspricht, die in das 
Gefäfs eintritt, wenn man es erkalten läfst und öffnet. Auf 
diese Weise bewies er, dafs das Zinn an Gewicht zunimmt, 
weil es Luft absorbirt; denn die Luft, welche in dem Gefäfs 
durch Absorption verschwindet, wiegt offenbar ebensoviel, wie 
das gleiche Volumen Luft, welches dieselbe am Ende des 
Versuchs ersetzt. 

Kurz nach der Entdeckung des Sauerstoffs durch Priestley 
im Jahre 1774: veröffentlichte Lavoisier eine neue Abhandlung, 
in welcher er zeigte, dafs bei der Calcination der Metalle und 
bei der Verbrennung nicht die ganze Luft, sondern nur einer 
ihrer Bestandtheile absorbirt wii-d, der Sauerstoff. Er nannte 
denselben zuerst air vital, oder Luft, die besonders geeignet ist, 
die Verbrennung und die Athmung zu erhalten. Lidern er dies 
Gas, wie es Priestley gethan hatte, durch Erhitzen des Queck- 
silberkalks bereitete, bewies er, dafs dieser eine Verbindung 
von Quecksilber mit Sauerstoff sei, und nahm nach Analogie 
an, dafs alle Metallkalke eine ähnliche Zusammensetzung haben. 
Er stellte sie dar_ als zusammengesetzt aus Metall und air 
vital (Lebensluft, Sauerstoff). 

Indem er die Thatsache in Erwägung zog, welche zu 
seiner Zeit bereits bekannt war, dafs die Metallkalke durch 
Erhitzen mit Kohle in Metalle verwandelt werden , während 
sich fixe Luft (Kohlensäure) entwickelt, betrachtete Lavoisier 
diese letztere als eine Verbindung von Kohle und Lebensluft. 
Er erkannte aufserdem, dafs die Lebensluft eines der Elemente 
des Salpeters sei, welcher die Verbrennung der Kohle in so 
lebhafter Weise unterhält und dabei fixe Luft entwickelt. Die 
Zusammensetzung dieses Gases wurde etwas später durch eine 
glänzende Synthese bewiesen. Indem er zum ersten Male, seit 
dem berühmten Versuch des Akademikers Del Cimento , den 
Diamant verbrannte, zeigte Lavoisier, dafs das einzige Produkt 



12 Lavoisier. 

dieser Verbrennung die fixe Luft sei, welche später Kohlen- 
säure genannt wurde. 

Auf diese Weise begannen seine Untersuchungen über die 
Zusammensetzung der Säuren, die im Jahre 1777 durch das 
Studium der Phosphorsäure fortgesetzt wurden, welche durch Ver- 
brennung des Phosphors entsteht. Nachdem er aufs neue 
festgestellt hatte, dafs dieser letztere durch seine Verbrennung 
an Gewicht zunimmt, bestimmte Lavoisier genau die Rolle, 
welche bei dieser Erscheinung die Luft spielt, indem er nach- 
wies, dafs der fünfte Theil des Volumens derselben durch den 
Phosphor absorbirt wird. Andere Versuche, welche er im Laufe 
desselben Jahres unternahm, bestärkten ihn in der Schlufs- 
folgerung, dafs von den beiden Elementen der Luft nur das 
eine, der Sauerstofl^", die Verbi'ennung zu unterhalten fähig ist. 

Seine Arbeiten über die Zusammensetzung der Schwefel- 
säure reihen sich dem eben Besprochenen an. Er bewies 
darin, dafs sich diese Säure von dem Schwefligsäuregas durch 
eine gröfsere Menge Sauerstoff unterscheidet. Ebenso wies er 
die Beziehungen nach, welche in der Zusammensetzung der 
Salpetersäure und des Stickoxyds bestehen, welches Scheele 
vor kurzem entdeckt hatte. Er bezeichnete als ein dazwischen 
liegendes Product die rothen Dämpfe, welche durch directe 
Oxydation des Stickoxyds entstehen. Alle diese Arbeiten be- 
weisen mit Gewifsheit die Rolle, welche bei der Bildung von 
Säuren diese -zur Unterhaltung der Verbrennung und der 
Athmung vor allem geeignete'* Luftart spielt, welche er zuerst 
in einer Abhandlung vom Jahre 1778 Oxygene (Sauerstoff) 
nannte. 

Später kam er auf die Oxyde zurück und wandte darauf 
seine Aufmerksamkeit den Salzen zu. Er bemühte sich, die 
Verhältnisse zu bestimmen, in welchen sich der Sauerstoff mit 
den Metallen verbindet, und stellte die Oxyde als die noth- 
w^endigen Elemente aller Salze auf. Vor ihm war die Con- 
stitution der letzteren allgemein verkannt worden. Bald stellte 
man dieselben dar als Verbindungen von Säuren mit Metallen, 
bald als Verbindungen von Säuren mit Metallkalken , indem 



Lavoisier. 13 

man die bis dahin bekannten Thatsachen zur Unterstützung 
beider Anschauungsweisen herbeirief. Bekanntlich kann die 
Bleiglätte ein Salz bilden, indem sie sich in Essig löst. Aber 
andererseits sind zahlreiche Salze bekannt, welche durch die 
Einwirkung von Säuren auf Metalle entstehen. Entsteht doch 
der weifse Vitriol oder das schwefelsaure Zink, wenn man 
metallisches Zink mit verdünnter Schwefelsäure begiefst. Die 
Entwicklung von Wasserstoff, welche diese Lösungen begleitet, 
Avard anfangs nicht beachtet und später auf irrthümliche Weise 
erklärt. Lavoisier bewies, dafs dieser Wasserstoff von der 
Zersetzung des Wassers herrührt, welches an der Reaction 
theilnimmt und dessen Sauerstoff von dem Zink fixirt wird. 
Also nicht das metallische Zink, sondern das oxydirte Zink, 
das Zinkoxyd ist es, welches sich mit der Schwefelsäure 
verbindet. 

Verschieden ist die Art der Einwirkung bei analogen Re- 
sultaten, wenn sich Kupfer in Salpetersäure löst. Hier zersetzt 
das Metall nicht das Wasser , welches auch bei dieser Reaction 
vorhanden ist, sondern einen Theil der Säure selbst, welche 
ihm Sauerstoff abgiebt. Das Kupfer verwandelt sich auf diese 
Weise in Oxyd, welches mit einem andern Theil der Salpeter- 
säure zu einem Salz zusammentritt. Der Theil der Säure, 
welcher seinen Sauerstoff' an das Metall abgiebt, wird durch 
diese Desoxydation in die rothen Dämpfe, die untersalpetrige 
Säure, verwandelt, welche sich dabei entwickelt. 

Das ist die Erklärung, welche Lavoisier von der Auf- 
lösung der Metalle in Säuren gab, einer Erscheinung, deren 
Mannichfaltigkeit seine Vorgänger verwirrt hatte, und deren 
Sinn ihnen entgangen war. Der grofse Reformator führte sie 
auf eine doppelte Wirkungsweise zurück: auf Oxydation des 
Metalles und darauf folgende Vereinigung des gebildeten Oxyds 
mit der Säure. 

Nachdem er so die Rolle des Sauerstoffs bei der Bildung 
der Säuren, der Oxyde und der Salze erkannt hatte, entwarf er 
mittelst einiger sehr einfacher Definitionen den Grundi-ifs eines 
neuen chemischen Systems. 



1 4 La voisiER. 

Eine Säure geht aus der Vereinigung eines einfachen^ 
gewöhnlich nicht metallischen Ktirpers mit Sauerstoff" hervor. 

Oxyd heifst die Verbindung von Metall mit Sauerstoff'. 

Ein Salz bildet sich durch die Vereinigung einer Säure 
mit einem Oxyde. 

Diese Grundsätze, welche für die Sanerstoffverbindungen 
bewiesen Avaren, konnten ohne Weiteres auf andere chemische 
Verbindungen ausgedehnt werden. 

Ein Sulphid entsteht durch Verbindung des Schwefels mit 
einem Metall. 

Ein Phosphid enthält Metall an Phosphor gebunden. 

Die Chloride allein bheben noch, wenn auch nicht aus 
dem System , so doch aus dieser Reihe genauer Definitionen 
ausgeschlossen. Da nämlich das Chlor von Berthollet als 
Verbindung der Salzsäure mit Sauerstoff' angesehen ward, so 
galten die Chloride lange Zeit für sauerstoffhaltige Salze. 
Aber dieser Irrthum, welcher später verbessert wurde, konnte 
der neuen Theorie keinen Abbruch thun , die den einfachen 
Körpern das Vermögen zuschrieb, sich mit einander zu vereini- 
gen und so ohne Substanzverlust Verbindungen verschiedener 
Ordnung und verschiedener Complication zu bilden. 

Wenn ein einfacher Körper sich mit einem andern ein- 
fachen Körper vereinigt, so entsteht eine binäre Verbindung 
erster Ordnung. Die Säuren, die Oxyde, die Sulphide u. s. w. 
gehören zu dieser Gattung von Verbindungen, der einfachsten 
von allen. 

Aber Säuren und Oxyde besitzen selbst das Vermögen, 
sich mit einander zu vereinigen, um binäre Verbindungen der 
zweiten Ordnung zu bilden: nämlich die Salze. 

Welches auch der Grad von Complication einer Verbin- 
dung sein mag, so kann man immer zwei constituirende Theile, 
zwei nähere Bestandtheile in ihr annehmen, die entweder ein- 
fache oder zusammengesetzte Körper sind. Das Eisensulphid 
enthält zwei constituirende Theile, den Schwefel und das Eisen, 
die beide einfache Körper sind. Im grünen Vitriol ist ein 
neuer einfacher Körper zu diesen hinzugetreten. Dieses Salz 



Lavoisier. 15 

enthält nämlich Schwefel, Eisen und Sauerstoff; aber diese Ele- 
mente sind in solcher Weise mit einander verbunden, dafs 
der Sauerstoff zwischen dem Schwefel und dem Eisen getheilt 
ist und mit dem ersteren Schwefelsäure, mit dem andern Eisen- 
oxyd bildet. Diese Säure und dieses Oxyd sind die näheren 
Bestandtheile des Salzes. 

Alle chemischen Verbindungen sind also binär; dies ist 
der durchgehende Gedanke des Systems. In allen Verbindun- 
gen wirkt die Verwandtschaft auf zwei einfache oder zusammen- 
gesetzte Bestandtheile. Diese ziehen sich an und vereinigen 
sich in Folge eines gewissen Gegensatzes in ihren Eigenschaften 
welcher eben durch ihre Vereinigung ausgeglichen wird. Dies 
ist der Dualismus. 

Das ist die Grundlage der Theorie und das Princip der 
chemischen Sprache, deren bewundernswürdige Präcision gegen 
Ende des letzten Jahrhunderts nicht am wenigsten zu dem 
Siege der in ihr liegenden Ideen beigetragen hat. 



IV. 

Im Parlament von Dijon befand sich damals als General- 
Advocat Guyton de Morveau, der seine Mufsezeit dem Studium 
der Chemie und der Mineralogie zuwandte. Er war in seinen 
öffentlichen Vorlesungen von der Unbequemlichkeit der damals 
herrschenden Nomenclatur betroffen worden; wenn man eine 
Sprache ohne Regeln und ohne Klarheit, eine Sammlung 
wunderlicher Wörter und beschwerlicher Synonyme Nomen- 
clatur nennen kann. Im Jahre 1782 schlug er neue Namen 
vor, welche nicht angenommen wurden, die jedoch den Keim 
einer wirklichen Nomenclatur in sich trugen. 

Der Zweck der Reform, welche Guyton de Morveau unter- 
nahm, war der, durch den Namen einer Substanz ihre Zusam- 
mensetzung auszudrücken. 

Er fand kräftige Unterstützung bei Lavoisier, der seiner- 
seits den Begründer der Nomenclatur zu der neuen Lehre 



16 Lavoisier. 

herüberzog. Sie vereinigten siöh im Jahre 1787, und durch 
den vorwiegenden Einflufs Lavoisier's und die Mitwirkung 
Bertliollet's und Fourcroy's ward die neue Sprache der neuen 
Theorie angepafst. 

Die Namen drücken von jetzt ab die Zusammensetzung 
der benannten Körper aus, und da diese binär sind, besteht 
jeder Name aus zwei Wörtern. Die Klasse der SauerstofF- 
verbindungen hat als Muster für alle anderen gedient. 

Die einfachsten Sauerstoffverbindungen sind die Säuren 
und die Oxyde. Diese Wörter zeigen beide die Gegenwart 
von Sauerstoif an. Sie bestimmen das Genus der Verbin- 
dungen, während die Species durch ein anderes Wort bezeich- 
net wird, gewöhnlich durch ein Adjectiv, das den Namen des 
einfachen Körpers, Metalloids oder Metalls, ausdrückt, welches 
mit Sauerstoff verbunden ist. So sagt man , adele sulphurique 
( Schwefel -Säure), oxyde de plo7nb, oder oxyde 2)lo7nbique 
(Blei-Oxyd). 

Wenn es sicli darum handelt, die verschiedenen Oxydations- 
stufen desselben Körpers auszudrücken , so macht sich die 
Fruchtbarkeit der Nomenclatur durch viele scharfsinnige Hülfs- 
mittel geltend. Sie setzt dem einen oder dem andern der 
beiden Wörter griechische Präpositionen vor oder verändert 
das Adjectiv durch verschiedene Endsilben. 

So bezeichnet sie die verschiedenen Oxydationsstufen des 
Schwefels mit den Namen : acides hypersuli)hureux (unter- 
schweflige Säure), suljjfiiireux (schweflige Säure), sulphurique 
(Schwefelsäure). Die Oxydationsgrade des Bleis und des 
Mangans bezeichnet sie mit den folgenden Namen: Blei-Prot- 
oxyd (oder Blei- Oxydul) und Blei-Bioxyd (Blei- Oxyd), Man- 
gan-Protoxyd (oder Mangan-Oxydul) und Mangan-Peroxyd. 

Ebenso werden die Salze durch zAvei Wörter bezeichnet, 
von denen eines die Gattung ausdrückt, welche durch die 
Säure, das andere die Species, welche durch die metallische 
Base bestimmt wird. Blei-Sulphat (schwefelsaures Blei) will 
also die Verbindung der Schwefelsäure mit dem Blei -Oxyd 



Lavoisier. 17 

ausdrücken, Kalium -Sulfid (schwefligsaures Kali), die Verbin- 
dung der schwefligen Säure mit Kali. 

Dieselben Grundsätze finden sich bei der Benennung der 
Verbindungen wieder, welche der Schwefel und der Phosphor 
mit den Metallen bilden. 

Es würde hier nicht am Platze sein, auf diese Einzeln- 
heiten einzugehen, da unser Zweck nur der ist, den Einflufs 
der neuen Namen auf die Verbreitung der neuen Ideen hervor- 
zuheben. Seit 1790 drängte sich die Grundanschauung des 
Lavoisier'schen Systems, nämlich die dualistische Natur der 
Verbindungen, dem Geist des Lesers, mochte er Gelehrter oder 
Anfänger sein, schon mit den Worten der chemischen Sprache 
auf, und die Gewalt, welche unter solchen Umständen dem 
Worte innewohnt, ist bekannt. 

Obgleich dieses System auf Thatsachen beruhte, so war es 
doch nicht frei von Hypothesen. Indem es in den Salzen 
zwei getrennte Bestandtheile annahm und behauptete, dafs sich 
der Sauerstoff zwischen der Säure und der Base vertheile, 
setzte es eine bestimmte Gruppirung der Elemente voraus, 
Avelche sich nicht direct beweisen liefs, und machte also eine 
Hypothese. Diese, in der chemischen Sprache klar ausgedrückt, 
drängte sich den Chemikern auf und wurde wie eine bewiesene 
Wahrheit von einer Generation an die andere überliefert. 
Allerdings war sie einfach und wahrscheinlich. Sie erklärte 
nicht nur die bekannten, sondern beförderte auch die Ent- 
deckung von neuen und höchst wichtigen Thatsachen. Sie 
war nützlich, weil sie fruchtbar war. 

Man wufste am Ende des letzten Jahrhunderts, dafs die 
Alkalien , die alkalischen Erden und die Erden , z. B. das 
Kali, der Kalk und die Thonerde, die Eigenschaft besitzen, 
sich mit Säuren zu Salzen zu verbinden, und dennoch waren 
diese salzbildenden Basen noch nicht zerlegt worden. Lavoisier 
crrieth ihre Natur, indem er sie den Oxyden gleichstellte; aber 
bisher hatte noch Niemand die metallischen Radicale aus ihnen 
dargestellt. Seit 1790 war eine Reihe vergeblicher Versuche 

Wurtz, Gesch. d. ehem. Theorien. * 



18 Lavoisier. 

zu ihrer Reduction gemacht worden. Diese Enttäuschungen 
hatten die Chemiker so entmuthigt, dafs die grofse Entdeckung 
H. Davy's im Jahre 1807 mit wahrer Ueberraschung auf- 
genommen wurde. Die Thatsache, welche der englische 
Chemiker bekannt machte, die Reduction der Alkalien durch 
den elektrischen Strom einer kräftigen Batterie, wurde bald 
darauf von Gay-Lussac und Thenard selbst bestätigt, die zuerst 
einigen Zweifel darüber ausgesprochen hatten. Diesen Chemikern 
ist es bekanntlich gelungen , das Kali und das Natron zu 
reduciren , indem sie dieselben der Einwirkung von Eisen 
bei sehr hohen Temperaturen aussetzten. Nur einige Erden, 
wie die Thonerde und die Magnesia, leisteten diesen mächtigen 
Zersetzungsmitteln Widerstand. Nachdem Oersted später gelehrt 
hatte, dafs man sie durch gleichzeitige Einwirkung von Chlor 
und Kohle bei Rothgliihhitze in wasserfreie Chloride verwan- 
deln könne, gelang es Woehler, diese Chloride mittelst der 
von Davy entdeckten Alkalimetalle zu zerlegen. Er isolirte 
auf diese Weise das Aluminium, welches später durch die 
Arbeiten H. St. Ciaire -Deville's zu einem nutzbaren Metalle 
wurde. 

Alle diese Entdeckungen, welche sich an die Namen der 
gröfsten Chemiker dieses Jahrhunderts anreihen, gingen aus 
der Idee hervor, welche Lavoisier über die Constitution der 
Salze aufgestellt hatte. 

In Bezug auf einen andern Punkt erwies sich die Theorie 
mangelhaft. Lavoisier hatte zuerst angenommen, dafs alle 
Säuren ein gemeinsames Element enthalten, welches er 
Oxygene (Sauerstoff) nannte, weil er es als das säurebildende 
Pi-incip, den Generator der Säuren ansah. Dieser Ausspruch, 
obgleich in vielen Fällen richtig, war zu allgemein gehalten. 
BerthoUet wies 1789 die darin liegende üebertreibung nach, 
indem er durch Analyse des Schwefelwasserstoffs und der 
Blausäure zwei Körper kennen lehrte, die sauerstoftYrei sind 
und dennoch saure Eigenschaften haben. Aber eine der wich- 
tigsten Ausnahmen von Lavoisier's Regel ist die Salzsäure, 



Lavoisier. 19 

deren Zusammensetzung später erkannt wurde. ' ) Dieselbe ist 
eine starke Mineralsäure, welche Kali neutralisirt , so wie es 
Schwefelsäure thut, und dabei ähnliche Erscheinungen hervor- 
ruft, nämlich eine bedeutende Temperaturerhöhung und die 
Bildung einer salzartigen, neutralen, weifsen Masse, die, wenn 
die Flüssigkeiten concentrirt sind, in kleinen Krystallen nieder- 
fällt. In beiden Fällen wird eine Säure von einer Base 
neutralisirt, indem ein Salz gebildet wird, und dennoch enthält 
die erstere dieser Säuren keinen Sauerstoö". 

Was häufig in den Naturwissenschaften vorkommt, geschah 
auch hier. Diese Thatsachen, welche zuerst für die Theorie 
störend waren und als Ausnahmen betrachtet wurden, sind 
später der Ausgangspunkt einer neuen allgemeinen Anschauung 
geworden. 

H. Daxj gründete auf sie eine Theorie der Salze, 
welche Dulong unterstützte, die aber von ihren Zeitgenossen 
verworfen wurde, weil sie den überlieferten Ideen wider- 
sprach. Heute ist sie allgemein angenommen, und wii* werden 



') Lavoisier und Berthollet sahen die ChlorwasserstofFsäure (Salz- 
säure) als Verbindung eines unbekannten Radicals mit Sauerstoff an. 
Bekanntlich zersetzt das Chlor im zerstreuten Tageslicht das Wasser 
und bildet Salzsäure, indem Sauerstoff" frei wird. Hieraus zog Ber- 
thollet den Schlufs, dafs das Chlor eine Verbindung von Salzsäure mit 
Sauerstoff sei. Er nahm an, dafs das unbekannte Radical der Salz- 
säure mit Sauerstoff verschiedene Verbindungen geben kann , nämlich : 
mit einer kleinen Menge Saxterstoff: Salzsäure; 
mit einer grüfseren Menge: oxydirte Salzsäure (Chlor); 
mit einer noch gröfseren Menge: übcroxydirte Salzsäure (acide hj/per- 
oxymuriatiqne), die Säure des chlorsauren Kalis. 

Diese Theorie Mar mit den Ideen Lavoisier's in Einklang. Nach 
ihr waren die Chloride (Muriate) sauerstoffhaltige Salze. Sie herrschte 
bis ISIO, wo Davy nachwies, dafs die einfachste Erklärung der That- 
sachen, welche über das gelbe von Scheele entdeckte Gas bekannt waren, 
darin bestand, diesen Körper als ein Element anzusehen, dem er den 
Namen Chlor gab. 

2* 



20 Lavoisier. 

sie später auseinandersetzen. Der grofse Fortschrittsgedanke, 
die Neutralisation der Basen durch Wasserstoffsäuren und durch 
Sauerstoffsäuren als eine und dieselbe Erscheinung aufzufassen 
und durch dieselbe Theorie zu erklären, wodurch Lavoisier's 
Theorie über die Constitution der Säuren erschüttert wurde, 
entspringt ausden Thatsachen, welche Berthollet zu einer Zeit 
entdeckte, als diese Lehre eben ihre ersten Siege davontrug. 
iSie barg also seit ihrer Geburt den Keim ihres Unterganges 
in sich. 



DALTON UND GAY-LUSSAC. 



I. 

Um die Zeit, da Lavoisier die Chemie in ihren Grund- 
lagen erneuerte, arbeitete Wenzel, ein deutscher Gelehrter, im 
Stillen daran, die Vorstellungen über die Zusammensetzung 
der Salze, wie sie damals angenommen waren, durch genaue 
Analysen zu erweitern und schärfer zu bestimmen. Den 
Chemikern jener Zeit war die Thatsache aufgefallen, dafs zwei 
neutrale Salze durch Austausch von Basen und Säuren 
zwei neue Salze bilden können, die gleichfalls neutral sind- 
Mischt man z. B. concentrirte neutrale Lösungen von schwefel- 
saurem Kali und salpetersaurem Kalk, so bildet sich durch 
doppelte Zersetzung schwefelsaurer Kalk, der niederfällt, und 
salpetersaures Kali , das in Lösung bleibt. Die beiden neuen 
Salze sind neutral wie die beiden erstem, und es kam darauf 
an, die Fortdauer der Neutralität zu erklären. Wenzel war 
so glücklich, diese Erklärung zu finden. Er zeigte, dafs, wenn 
man zwei neutrale Salze in solchen Mengen mischt, dafs die 
Säure des ersten genau durch die Basis des zweiten neutrali- 
sirt wird, dann auch die Säure des zweiten genau ausreicht, 
um die Basis des ersten zu neutralisiren. Mit andern Worten, 
er zeigte, dafs, wenn zwei neutrale Salze sich wechselseitig 
zersetzen, die Neutralität fortbesteht, weil die relativen Mengen 
der verschiedenen Basen, die ein bestimmtes Gewicht irgend 
einer Säure neutralisiren, genau diejenigen sind, welche ein 
bestimmtes Gewicht einer andern Säure neutralisiren. 

In dieser Erkenntnifs liegt der Ausgangspunkt für das 
Gesetz der Aequivalenz, wie es zwanzig Jahre später von 



22 Dalton und Gay-Lussac. 

Richter nachgewiesen wurde. Die Mengen verschiedener Basen, 
welche 1000 Gramm Schwefelsäure neutralisiren , stehen zu 
einander in demselben Verhältnifs, wie die Mengen derselben 
Basen, welche 1000 Gramm Salpetersäure neutralisiren. 

Die ersteren sind mit einander äquivalent, d. h. sie können 
sich einem bestimmten Gewicht Salpetersäure gegenüber ver- 
treten. Aendert sich das Gewicht der Säure nicht, so bleibt 
auch das Gewicht einer jeden Basis unverändert; nimmt es zu 
oder ab, so nimmt auch das! Gewicht einer jeden Basis in 
demselben Verhältnifs zu oder ab. 

Die Gewichtsverhältnisse, nach denen sich die Säuren 
mit den Oxyden verbinden, sind also durchaus feste: das ist 
die bedeutungsvolle Thatsache, die aus diesen zu Ende des 
vorigen Jahrhunderts unternommenen Forschungen über die 
Zusammensetzung der Salze hervorgeht. Das Gesetz der 
Aequivalenz begreift in sich das Gesetz der bestimmten Ver- 
hältnisse. 

Diese theoretischen Folgerungen, zu denen Wenzel's 
Arbeiten führten und die ihnen eine so hohe Bedeutung ver- 
leihen, wurden kaum beachtet; die Entdeckungen des Frei- 
berger Chemikers wie die Forschungen, durch die sie von 
Richter') vervollständigt wurden, geriethen bald in völlige 
Vergessenheit. Die Stunde Wenzel's und Richter's war noch 
nicht gekommen. Theoretische Ansichten einer höheren Art 
beschäftigten ihre Zeitgenossen. Die Kämpfe und Triumphe 
Lavoisier's nahmen damals alle Geister in Anspruch, und doch 
hätten die angeführten Thatsachen in der Deutung, die ihnen 
zwanzig Jahre später zu Theil wurde, dem neuen System 
zur Bekräftigung und Stütze dienen können. 

Aber die theoretische Deutung fehlte noch. Sie ergiebt 



') Richter hat einige ungenaue Analysen veröffentlicht und hat sie 
unglücklicherweise gewissen noch irrthiimlicheren theoretischen Ideen 
angepal'st. Dieser Umstand hat alle seine Arbeiten in Mifscredit ge- 
bracht, und ihr Verdienst ist erst zwanzig Jahre später von Berzelius 
erkannt worden. 



Dalton und Gay-Lussac. 23 

sich aus den Arbeiten eines englischen Gelehrten, dem die 
Wissenschaft eine Anschauung verdankt, wie seit Lavoisier 
keine tiefere und zugleich fruchtbarere aufgekommen war. 



n. 

Im Anfange dieses Jahrhunderts wurde in Manchester die 
Chemie von einem Manne gelehrt, der mit warmer Liebe zur 
Wissenschaft jenen edlen Stolz des Gelehrten verband, dem 
die Unabhängigkeit höher steht als Ehrenbezeigungen und dem 
der Ruhm gründlicher Arbeiten mehr gilt als eine leere Popu- 
larität. Wir reden von Dalton; sein Name ist einer der 
gröfsten in der Chemie. 

Bei der Untersuchung über die Zusammensetzung zweier 
aus Wasserstoff und Kohlenstoff bestehenden Gase, des Sumpf- 
gases und des ölbildenden Gases, erkannte er, dafs das letztere 
auf dieselbe Menge Kohlenstoff genau halbsoviel Wasserstpff 
enthält als das erstere. Er beobachtete ein analoges Ver- 
halten in der Zusammensetzung der Kohlensäure und des 
Kohlenoxyds, und bei den Sauerstoffverbindungen des Stick- 
stoffs. 

Aus diesen Untersuchungen hat sich eine allgemeine That- 
sache ergeben, die man folgendermafsen ausdrücken kann: 
Wenn ein Körper mit einem andern mehrere Verbindungen bildet, 
so finden, das Gewicht des einen von ihnen als constant an- 
genommen, zwischen den verschiedenen Gewichtsmengen des 
andern sehr einfache Zahlenverhältnisse statt: die Verhältnisse 
1 zu 2, 1 zu 3, 2 zu 3, 1 zu 4, 2 zu 5 u. s. w. Das ist 
das Dalton'sche Gesetz der multiplen Proportionen. 

Diese grofse Entdeckung bot die glückliche Durchführung 
dessen, was Wenzel und Richter begonnen hatten. Diese 
Chemiker hatten festgestellt, dafs die Verbindung zwischen 
Säuren und Basen nach unveränderlichen und bestimmten Ver- 
hältnissen stattfindet. Dalton erkannte, dafs das Gleiche von 
den Verbindungen gilt, die einfache Körper mit einander 
eingehen. 



24 Dalton und Gay-Lussac. 

Zur Thatsache der bestimmten Verhältnisse fügte er die 
Thatsache der multiplen Proportionen. Die Bedeutung seiner 
Arbeiten wäre vielleicht verkannt worden, wenn es nicht den» 
tiefblickenden Geiste Dalton's gelungen wäre, die aufgefunde- 
nen Thatsachen durch eine Hypothese von aufserordentlicher 
Tragweite zu erklären und sie durch eine sehr einfache Formel 
wiederzugeben. Er ging auf die Idee Leucipp's und das Wort 
Epikur's zurück und nahm an , dafs die Körper aus kleinen 
untheilbaren Theilchen beständen, welche er Atome nannte. 
Diesem alten und unbestimmten Begriff gab er einen bestimm- 
ten Sinn; einmal nahm er an, dafs für eine jede Art Materie 
den Atomen ein unveränderliches Gewicht zukomme, dann, 
dafs der Vorgang bei der Vereinigung verschiedener Arten 
Materie nicht in der Durchdringung ihrer Substanz bestehe, 
sondern in der Aneinanderlagerung ihrer Atome. 

Geht man von dieser Grundliypothese aus, so finden die 
Thatsache der bestimmten Proportionen und die Thatsache 
der multiplen Proportionen eine einfache und genügende Er- 
klärung. 

Die bestimmten Proportionen, nach denen die Körper sich 
verbinden , entsprechen den unveränderlichen Verhältnissen 
zwischen den Gewichten der Atome, welche sich an einander 
lagern. 

Die multiplen Proportionen zeigen die veränderliche Zahl 
von Atomen derselben Art an, welche sich mit einem oder 
mehreren Atomen einer andern Art verbinden können, sofern 
nämlich zwei Körper mehrere Verbindungen mit einander bilden. 

Da solche vielfache Verbindungen nur durch das Hin- 
zutreten neuer ganzer Atome entstehen können, so müssen 
offenbar die Zahlenverhältnisse zwischen diesen Atomen 
rational und im Allgemeinen einfach sein. Ferner bleibt das 
Verhältnifs zwischen den Atomen des einen und denen des 
andern Elements in allen Verbindungen unveränderlich, welches 
Gewicht man auch in Betracht ziehen möge. Nimmt man 
also von den Verbindungen, die durch Vereinigung zweier 
Elemente in verschiedenen Abstufungen gebildet sind , Quan- 



Dalton und Gay-Lussac. 25 

titäten, die ein constantes Gewicht von einem der beiden ent- 
halten, so ist klar, dafs die verschiedenen Gewichte des andern 
Elements Vielfache von einander sein müssen , wie es in den 
Molekülen die Atome des einen von den Atomen des andern 
sind. 

Die bestimmten Verhältnisse, die multiplen Proportionen^ 
nach denen sich die Körper verbinden, stellen die Gewichte 
ihrer Atome dar, nicht die absoluten Gewichte, sondern die rela- 
tiven. Es sind Zahlen, die Gewichtsverhältnisse ausdrücken. 
Das Vergleichungsmittel ist das Gewicht des einen der Atome, 
das mau als Einheit angenommen hat. Dalton wählte als 
Einheit den Wasserstoff. Wiegt das Atom des Wasserstoffs 1, 
wie grofs ist dann das Gewicht des Sauerstoffs? Nach 
Dalton 7 : denn er nahm an , 7 Theile Sauerstoff seien er- 
forderlich, um mit 1 Theil Wasserstoff Wasser zu bilden. Wir 
wissen jetzt, dafs die Zahl 7 ungenau ist, und dafs Wasser aus 
8 Theilen Sauerstoff" auf 1 Theil Wasserstoff" besteht. Aber 
es kommt hier nur auf die Thatsache an , dafs die Zahlen 1 
und 7, die Dalton als die Atomgewichte des Wasserstoffs und 
Sauerstoffs ansah , eben den Verhältnissen entsprechen , nach 
denen diese Körper sich zur Bildung von Wasser vereinigen. 
Seine Gegner konnten die Thatsache nicht leugnen: sie ver- 
warfen aber die theoretische Deutung und wollten darum auch das 
Wort nicht anerkennen. Daltons Atomgewichte nannte WoUa- 
ston Aequivalente, H. Davy Proportionalzahlen, und man sieht, 
dafs diese später gesonderten Begriffe Atomgewicht und Aequi- 
valent anfangs neben einander gebrauclit wurden und nichts 
weiter als die Gewichtsverhältnisse darstellten, nach denen die 
Körper sich verbinden. Wir wollen nicht unerwähnt lassen, 
dafs die von Dalton veröffentlichten Zahlenbestimmungen an 
Genauigkeit viel zu wünschen übrig liefsen, ein Umstand, der 
zu Ausstellungen Anlafs geben konnte, aber der Gröfse seiner 
Entdeckung und der Bedeutung seines Gedankens keinen Ab- 
bruch thut. 

Noch eine wichtige Erkenntnifs hat er selbst aus der Idee 
der Atome hergeleitet. Entsteht eine gegebene Verbindung 



26 Dalton und Gay-Lussac. 

durch Aneinanderlagerung von Atomen verschiedener Natur, 
deren jedes ein bestimmtes Gewicht hat, so ist klar, dafs die 
Summe der Gewichte dieser Atome das Gewicht dieser Ver- 
bindung darstellen mufs, und die kleinste denkbare Menge 
derselben wird diejenige sein , welche die kleinste mögliche 
Zahl von Elementar- Atomen enthält. Diese kleinste denkbare 
Quantität der Verbindung nennt man ein Molekül des zusam- 
mengesetzten Körpers, und das Gewicht dieses Moleküls wird 
offenbar durch die Summe der Gewichte aller in ihm ent- 
haltenen Elementar- Atome gebildet. Aber wenn sich zusam- 
mengesetzte Körper mit einander verbinden, folgen sie den- 
selben Gesetzen, wie die einfachen Körper. Sie ziehen sich 
an und lagern sich an einander in ganzen Molekülen, d. h. 
alle Atome, aus denen das Molekül des einen der zusammen- 
gesetzten Körper besteht, lagern sich in ihrer Gesammtheit an 
alle Atome, die ein oder mehrere Moleküle des andern zu- 
sammengesetzten Körpers bilden. So tritt, wenn sich Kohlen- 
säure mit Kalk verbindet, die Gesammtheit der Elementar- 
Atome, welche das Molekül der Säure bilden, zu den Atomen, 
welche das Molekül des Kalks bilden , und so entsteht ein 
Molekül kohlensaurer Kalk. 

Es geht daraus hervor, dafs solche Verbindungen wie die 
andern nach bestimmten Proportionen und nach multiplen 
Proportionen stattfinden müssen. 

Nach bestimmten Proportionen; denn man könnte sich 
keine Vorstellung machen, wie weniger als ein Molekül sich 
mit einem andern Molekül verbinden sollte. Jedes ganze Mole- 
kül aber hat ja sein bestimmtes Gewicht. 

Nach multiplen Proportionen ; denn falls ein zusammen- 
gesetzter Körper fähig ist, mit einem andern zusammenge- 
setzten Körper mehrere Verbindungen zu bilden, müssen 1 oder 
2 Moleküle des einen 1 , 2 oder 3 ganze Moleküle des andern 
anziehen. 

Man sieht, dafs das Gesetz der bestimmten Proportionen 
in der erweiterten Form und der Deutung, die ihm Dalton 
gab, die von Wenzel und Richter entdeckten Gesetze über die 



Dalton und Gay-Lussac. 27 

Zusammensetzung der Salze als besonderen Fall umfafst. So 
kann man das Werk des grofsen englischen Chemikers in 
folgenden drei Punkten zusammenfassen : 

Das Gesetz der bestimmten Proportionen ward durch ihn 
bestätigt und verallgemeinert. 

Das Gesetz der multiplen Proportionen ward in die 
Wissenschaft eingeführt. 

Beide Gesetze wurden mit einander in Verbindung gebracht 
und durch die atomistische Hypothese theoretisch erklärt. 

Dalton fand in seinem Landsmann Thomson einen über- 
zeugten Vermittler seiner Lehre; aber auch an Gegnern hat es 
ihm nicht gefehlt. Der fi-anzösischen üebersetzung des be- 
rühmten System of Chemistry, in dem Thomson im Jahre 1807 
Dalton's Entdeckungen und Ideen der Oeffentlichkeit übergeben 
hatte, schickte Berthollet eine im Jahre 1808 geschriebene 
Vorrede voraus. Er griff in derselben die atomistische Theorie 
und selbst die Thatsache der bestimmten Verhältnisse leb- 
haft an. Beide standen mit den Ansichten Berthollet's über die 
Gewichtsverhältnifse der Elemente in den Verbindungen wenig 
in Einklang. 

Man kennt die tief eindringenden Untersuchungen dieses 
Forschers über die Affinität. Alle Körper besitzen in verschie- 
denem Grade Affinität zu einander; aber diese chemische Kraft 
unterliegt dem Einflüsse verschiedener physikalischer Kräfte, 
wie der Elasticität, der Cohäsion, die ihre Wirkungen völlig 
modificiren können. Befinden sich zwei Salze neben ein- 
ander in Lösung, so suchen die beiden Säuren sich in die beiden 
Basen zu theilen. Es suchen sich zwei neue Salze zu bilden 
vermöge einer doppelten Zersetzung, d. h. eines Austausches 
von Säuren und Basen. Dieser Austausch ist jedoch unvoll- 
ständig und die Zersetzung bleibt bei einer gewissen Grenze 
stehen, so dafs die beiden neuen Salze mit einer gewissen Menge 
der ursprünglichen unzersetzten Salze gemischt bleiben. Ist 
aber das eine der neuen Salze unlöslich oder flüchtig, so findet 
die Zersetzung vollständig statt ; denn das betreffende Salz wird 
gewissermafsen dem Spiel der Anziehungen entzogen durch 



28 Dalton und Gay-Lussac. 

seine Elasticität, wenn es sich verflüchtigt, oder durch seine Co- 
häsion, wenn es sich niederschlägt. In beiden Fällen können 
seine Bestandtheile in dem Gemisch keine Wirkung mehr 
äufsern. So üben nach Berthollet auf die Affinität, die Ursache 
der chemischen Reactionen, gewisse physikalische Kräfte ihren 
Einflufs aus, und diese letzteren Kräfte allein bewirken zu- 
weilen die Entstehung von Verbindungen bestimmter Zusammen- 
setzung. Der Vorgang ist folgender. 

Treten zwei Körper in Wechselwirkung, so kann die Co- 
häsion des einen durch die Affinität erst überwunden werden, 
wenn eine bestimmte Quantität des andern zur Wirkung kommt. 
Die Elemente der beiden Körper vereinigen sich dann nach 
einem festen Gewichtsverhältnifs. Oder können zwei Körper 
sich in veränderlichen VerliäUnissen vereinigen, so mag unter 
ihren Verbindungen eine sich durch überwiegende Cohäsion 
oder Elasticität auszeichnen: dann sind in dieser die Elemente 
nach bestimmten Verhältnissen verbunden, weil die Verbindung 
krystallisirt, weil sie unlöslich oder flüchtig ist. 

Berthollet erkennt also die bestimmten Proportionen nicht 
als allgemeines Gesetz an, sondern als etwas zufällig Ein- 
treffendes, das unter dem Einflüsse nicht chemischer Kräfte 
zu Stande kommt. Sobald diese Kräfte , die Cohäsion und die 
Elasticität, sich das Gleichgewicht halten, sei es in den wir- 
kenden Substanzen, sei es in den Producten ihrer Verbindung, 
so kann die Affinität, ihrer Fesseln entledigt, frei wirken; 
sie unterliegt dann nur noch dem Einflufs der Massen. Die 
Verbindungen und überhaupt die chemischen Wirkungen können 
alsdann nach allen möglicheu Verhältnissen vor sich gehen, 
je nach den Massen, die in Wirkung treten. Man begreift, 
wie der berühmte Gelehrte , der diese Sätze aufgestellt hatte, 
die Ideen Dalton's aufnehmen mufste. Er hat sie lebhaft be- 
kämpft. Aber seine grofse Autorität vermochte nichts gegen 
die Autorität der Thatsachen. Die entgegengesetzte Lehre 
wurde durch Proust vertreten, der den Beweisgründen seines 
Gegners genaue Analysen von Oxyden und Schwefelmetallen 
entgegenstellte. Begonnen im Jahre 1801, zog sich dieser Streit 



Dalton und Gay-Lussac. 29 

bis in das Jahr 1808 hin. Er wird unvergessen bleiben, so- 
wol um der Gröfse der erlangten Resultate willen, als der 
seltenen Eigenschaften wegen, die die Kämpfer bewährten, 
Beide gewandt im Streit, Beide in gleichem Grade beseelt von 
Wahrheitsliebe und auf mafsvolle Haltung bedacht. 

Das Gesetz der bestimmten Proportionen, das Grundgesetz 
der Chemie, ist siegreich aus diesem Streite hervorgegangen. 
Seitdem ist es allgemein angenommen und hat, wie wir sagen 
dürfen, in unsern Tagen eine glänzende Bestätigung gefunden. 
Die Wahrheit, die annähernde Analysen dem Genie der Wen- 
zel, Richter, Proust, Dalton, Wollaston enthüllt hatten, hat 
Stas durch Bestimmungen von nahezu absoluter Genauigkeit 
festgestellt. Nach Wenzel, Richter, Proust mufste man ein 
grofses Naturgesetz anerkennen , nach Stas kann man be- 
haupten, dafe dieses Gesetz merklichen Störungen nicht unter- 
worfen ist. 



m. 

In den ersten Jahren dieses Jahrhunderts, als die Frage, 
die uns hier beschäftigt, die Meister der Wissenschaft in An- 
spruch nahm, gewann ein junger Gelehrter, der kaum die poly- 
technische Schule verlassen hatte, in angestrengten Studien und 
in genauen Arbeiten die Vorbereitung zu den schönsten Ent- 
deckungen. Auch Joseph Louis Gay-Lussac, im Jahre 1801 
Ingenieur-eleve, sollte ein grofser Meister werden. Seine 
Untersuchungen über die volumetrischen Verhältnisse, nach 
denen die Gase sich mit einander verbinden, haben zu dem 
zweifachen Ergebnifs geführt: einen neuen und entscheidenden 
Beweis zu Gunsten der bestimmten Proportionen zu liefern und 
für die atomistische Theorie einen festen Anhaltspunkt und 
einen neuen Ausdruck zu geben. 

Wir wollen zunächst an die Thatsachen erinnern. Die 
Volumverhältnisse, nach denen Wasserstoff- und Sauerstoff- 
gas sich verbinden, um Wasser zu bilden, waren nicht mit 



30 Dalton und Gay-Lussac. 

Sicherheit festgestellt. Man hatte nach der Reihe angenommen, 
dafs diese Verbindung in dem Verhältnifs von 12 Volumen Sauer- 
stoff zu 23 Volumen Wasserstoff, von 100 Volumen Sauerstoff 
zu 205 Volumen Wasserstoff, von 72 Volumen Sauerstoff 
zu 143 Volumen Wasserstoff vor sich geht. Gay-Lussac 
zeigte 1805, in einer gemeinsamen Arbeit mit A. v. Hum- 
boldt, dafs die beiden Gase genau nach dem Verhältnifs 
von 1 Volum des einen zu 2 Volumen des andern in Verbin- 
dung treten. 

Im Jahre 1809 verallgemeinerte er diese Beobachtung und 
zeigte, dafs eine einfache Beziehung nicht nur zwischen den 
Volumen zweier Gase, die sich verbinden, stattfindet, sondern 
auch zwischen der Summe der Volume der Gase, die in 
Verbindung treten, und dem Volum, das die Verbindung selbst 
im Gaszustand einnimmt. 

So vereinigen sich 2 Volume Wasserstoff mit 1 Volum 
Sauerstoff, um zwei Volume Wasserdampf zu bilden. 

2 Volume Stickstoff verbinden sich mit 1 Volum Sauer- 
stoff zu 2 Volumen Stickoxydul. 

In beiden Fällen werden aus drei Volumen der gasför- 
migen Bestandtheile in Folge der Verbindung 2 Volume; das 
Verhältnifs 3:2 ist ein einfaches. 

In andern Fällen findet man die Verhältnisse 2 : 2 oder 
4:2. So vereinigt sich 1 Volum Chlor mit 1 Volum 
Wasserstoff, um 2 Volume Chlorwasserstoff zu bilden; 3 Vo- 
lume Wasserstoff verbinden sich mit 1 Volum Stickstoff, 
um 2 Volume Ammoniak zu bilden. 

Die Entdeckung Gay-Lussac's hat eine unermefsliche Trag- 
weite. Um zu begreifen, welche weiteren Ergebnisse aus ihr 
folgen, wollen wir ihre Beziehung zu den früher entdeckten 
Thatsachen untersuchen. 

Die Körper verbinden sich in bestimmten und einfachen 
Gewichtsverhältnissen, die nach Dalton die relativen Gewichte 
ihrer Atome ausdrücken. 

Die Gase verbinden sich in bestimmten und einfachen 
Volumverhältnissen, d. h. man beobachtet ein einfaches Ver- 



Dalton und Gay-Lussac. 31 

hältnifs zwischen den Volumen der Gase, die Verbindungen 
eingehen. 

Wenn man nun Dalton's Hypothese auf die Gase an- 
wendet, müssen dann nicht offenbar die Gewichte der Volume 
von Gasen, die sich verbinden, die Gewichte ihrer Atome 
vorstellen? Verbindet sich z. B. 1 Volum Chlor mit 1 Volum 
Wasserstoff, so mufs das Gewicht von 1 Volum Chlor das 
Gewicht von 1 Atom Chlor und das C^ewicht von 1 Volum 
Wasserstoff das Gewicht von 1 Atom Wasserstoff vorstellen. 
Nun sind aber die Gewichte gleicher Volume von Gasen, 
auf das des einen als Einheit bezogen, ihre Dichten. 

Es mufs also eine einfache Beziehung zwischen den Dichten 
der Gase und ihren Atomgewichten statthaben. 

Diese Beziehung besteht in der That. Wir werden sehen, 
dafs die Dichten der Gase zu einander in demselben Verhält- 
nisse stehen wie ihre Atomgewichte oder einfache Vielfache 
derselben. 

Die Entdeckung Gay-X/ussac's hat also nicht nur das 
Gesetz der bestimmten Proportionen aufs Entschiedenste be- 
stätigt, sondern auch der atomistischen Theoi'ie zu wesent- 
licher Förderung gedient, indem sie zeigte, dafs die Dichten 
der Gase ein Mittel zur Bestimmung oder Controle der Atom- 
gewichte gewähren. Und doch sind diese beiden Folgen 
der Gay-Lussacschen Entdeckung durch einen sonderbaren 
Zufall gerade von Denen verkannt worden , die das gröfste 
Interesse daran hatten, auf sie hinzuweisen und ihre Aner- 
kennung zu befördern. Dalton hat die Angaben Gay-Lussac's, 
als nicht streng zutreffend, in Zweifel gezogen. Gay-Lussac 
war der Meinung, die Thatsache der einfachen und bestimmten 
Verhältnisse zwischen den Volumen der in Verbindung tre- 
tenden Gase sei mit der Ansicht BerthoUet's vereinbar, dafs 
die Körper sich im Allgemeinen in sehr veränderlichen Ver- 
hältnissen verbinden. ^) So versuchte er die Ideen BerthoUet's 



') Memoiies de la Societe d'Arcueil, t. I, p. 232. 



32 Dalton und Gay-Lussac. 

in dem Augenblick zu retten, wo er ihnen einen entscheidenden 
Stofs versetzte. 

Wir haben soeben auf das Bestehen einer einfachen Be- 
ziehung zwischen den Dichten der Gase und den Gewichten 
ihrer kleinsten Theilchen hingewiesen. Kurze Zeit nach der 
Entdeckung Gay-Lussac's hat ein italienischer Chemiker ver- 
sucht, dieselbe schärfer zu bestimmen. In einer im Jahre 1811 
veröffentlichten Abhandlung hat Amedeo Avogadro^) die An- 
sicht ausgesprochen: die Gase bestehen aus materiellen Theil- 
chen, die weit genug von einander abstehn, um jeder wechsel- 
seitigen Anziehung entzogen zu sein und nur der abstofsenden 
Kraft der Wärme zu folgen. Diese klemen Massen nannte er 
integrirende oder constituirende Moleküle. Beim Uebergang 
in den Gaszustand löst sich, nach seiner Annahme, die Materie 
in integrirende Moleküle auf, deren Zahl für gleiche Volume 
dieselbe ist. Daraus folgt, dafs die Gewichte dieser integri- 
renden Moleküle der gasförmigen Körper sich wie die Dichten 
verhalten. 

Avogadro wandte diesen Satz auf alle Gase, einfache wie 
zusammengesetzte, an. Nach seiner Auffassung waren also 
die integrirenden Moleküle nicht die eigentlich "so genannten 
Atome, d. h. die kleinen Massen, die durch die chemische 
Kraft nicht mehr getheilt werden können , sondern Gruppen 
von Atomen, die durch Affinität vereinigt sind und durch die 
Wärme in Bewegung gesetzt werden. Mit einem Worte: sie 
waren, was man heute die Moleküle nennt. Da nun diese 
Moleküle in gleichen Volumen verschiedener Gase in gleicher 
Zahl enthalten sind, so mufs die Wärme ihre Entfernungen 
offenbar in gleicher Weise vermehren. Die Hypothese Avo- 
gadro's erklärt also, wie er selbst erörtert, die Thatsache, 



') Versuch eines Verfahrens zur Bestimmung der relativen Massen 
der Moleküle der Körper und der Verhältnisse, nach denen sie sich 
verbinden, von A. Avogadro. Journal de Physique, t. I, XXIII, p. 58; 
Juli 1811. 



Dalton und Gay-Lussac. 33 

dafs dieselben Aenderungen der Temperatur und des Drucks 
bei allen Gasen nahezu dieselben Aenderungen des Volum zur 
Folge haben. 

Diese richtige und einfache Auffassungsweise scheint der 
Aufmerksamkeit der Zeitgenossen entgangen zu sein; sei es 
nun, dafs es Avogadro an der nöthigen Autorität fehlte, sie 
in Aufnahme zu bringen, oder dass er sie durch den Ver- 
such seine Hypothese auch auf nicht gasförmige Körper aus- 
zudehnen in Mifscredit gebracht hat. Ampere hat diese Hypo- 
these von neuem 1814 erörtert. Er nennt die integrirenden 
Moleküle Avogadro's Partikel {particules), die Atome Moleküle. 
^Ich bin von der Annahme ausgegangen," sagt^) er, ^dafs beim 
Uebergang der Körper in den gasförmigen Zustand nur ihre 
Partikel durch die ausdehnende Kraft der Wärme getrennt 
Averden; die Entfernungen derselben sind dann viel zu grofs, als 
dafs die Kräfte der Afänität und der Cohäsion noch eine 
wahrnehmbare Wirkung auf sie äufsern könnten; sie hängen 
demnach nur von der Temperatur und dem Drucke ab, unter 
dem das Gas steht, und bei gleicher Temperatur stehen die 
Partikel aller einfachen wie zusammengesetzten Gase gleich 
weit von einander ab. Unter dieser Voraussetzung ist die An- 
zahl der Partikel dem Volum des Gases proportional." 

Diese Partikel, welche die Wärme in Bewegung setzt, 
dachte sich Ampere aus einer gröfseren oder kleineren An- 
zahl Moleküle, wir würden sagen Atome, bestehend. Er ist 
also wohl darauf bedacht, die Partikel von den Atomen, aus 
denen sie bestehen, zu unterscheiden. 

Eine solche Sonderung hat später nicht immer stattgefunden; 
denn das Wort Atom ist oft in dem Sinne genommen worden, 
den Ampere mit dem Worte Partikel verknüjDfte. Der Chemiker, 



') Brief Amjjere's an den Grafen Berthollet über die Bestim- 
mung der Verbinduugsverhältnisse der Körper nach der Zahl und re- 
lativen Anordnung der Moleküle, aus denen ihre integrirenden Theüchen 
bestehen (Annales de chimie, 1" se'rie, t. XC, p. 43; 30. April 1814). 
Wurtz, Gesch. d. ehem. Theorien. O 



34 Dalton und Gay-Lussac. 

welcher zur Aufnahme der atomistischen Theorie das Meiste 
beigetragen hat, Berzelius, nahm mehrere Arten von Atomen, 
einfache Atome und zusamnifugesetzte Atome an. Der letztere 
Ausdruck, den man als fehlerhaft bezeichnen mufs, meinte 
Ampere's Partikel. Man sagte also vor dreifsig Jahren : 
„Gleiche Volume gasförmiger Körper enthalten bei gleicher 
Temperatur und gleichem Druck eine gleiche Anzahl Atome.'' 
In dem Sinne, den wir heute mit dem Worte Atom verbinden, 
ist dieser Satz nur für eine gew^isse Zahl einfacher Gase richtig, 
für Sauerstoff, Wasserstoff, Chlor, Stickstoff u. a. Er trifft 
nicht zu, wenn man ihn auf alle einfachen und auf die zu- 
sammengesetzten Körper im gas- oder dampfförmigen Zu- 
stande bezieht. Wir wissen heute, dank den Untersuchungen 
von Dumas, dafs Phosphor-, Arsenik-, Quecksilberdampf 
im selben Volum nicht dieselbe Anzahl Atome enthält wie 
Wasserstoff-, Sauerstoff-, Stickstoffgas u. a. Das Gleiche 
ist in Bezug auf die zusammengesetzten Körper zu bemerken. 
Es enthält z. B. das Ammoniak 1 Atom Stickstoff und 3 Atome 
Wasserstoff, d. h. 4 Atome, während Chlorwasserstoffgas in 
demselben Volumen nur 1 Atom Wasserstoff und 1 Atom Chlor, 
zusammen 2 Atome enthält. Und doch sind die zusammen- 
gesetzten Gase denselben Gesetzen der Ausdehnung unter- 
worfen wie die einfachen. Ampere und Avogadro nahmen 
Rücksicht auf beide. Sie nahmen an, dafs alle gasförmigen 
Körper in demselben Volum dieselbe Anzahl Partikel ent- 
halten, die sich in gleichen Abständen von einander befinden 
und in gleicher Weise der AVirkung der Wärme unterliegen. 
Diese Ansicht ist richtig. Sie ist aus den Untersuchungen 
Gay-Lussac's hergeleitet; sie steht mit der Hypothese Dalton's 
in Einkhtng; sie erklärt das physikalische Verhalten der Gase, 
und doch hat sie nie die einmüthige Zustimmung der Che- 
miker erlangt. In ihrer Anwendung auf die Atome und in 
der Fassung, die wir oben wiedergegeben haben, war sie 
eine anschauliche, aber nicht ganz zutreffende Regel, und 
erst in uusern Taaen hat sie einen richtiiren Ausdruck und 



Dalton und Gay-Lussac. 35 

eine consequente Durchführung erhalten. Die lichtvolle Auf- 
fassungsweise Avogadro's und Ampere's ist also vierzig Jahre 
lang für die atoniistische Theorie fast unfi-uchtbar geblieben. 
Nichtsdestoweniger ist diese letztere in Aufnahme gekommen ; 
aber die Anregung dazu kam von anderer Seite. 



BERZELIÜS. 

Berzelius, Lavoisier's gi'osser Nachfolger, hat das System 
der dualistischen Chemie vollendet. Er hat der atomistischen 
Theorie durch ebenso scharfe als zahlreiche Atomgewichts- 
bestimmungen eine feste Grundlage und durch die Einführung 
von Formeln, die der dualistischen Ansicht entsprechen, eine 
neue Ausdrucksweise gegeben. Diese dualistische Auffassung 
hat er durch die elektro-chemische Hypothese zu erklären ge- 
sucht. Das ist in kurzen Worten der grosse Antheil an dem 
Fortschritt der Ideen, den wir ihm zuzuweisen haben. 



Jakob Berzelius wurde 1779 in Väfoersunda, im west- 
lichen Gothland geboren. Er starb 1848 in Stockholm. Im 
Verlauf einer langjährigen, ganz der Wissenschaft gewidmeten 
Wirksamkeit erlangte er die unbestrittenste Autorität; alle 
Ehren, die einem Gelehrten zufallen können, wurden ihm zu 
Theil. Akademische Titel und Adelstitel, eine hohe Stellung 
im Unterricht und im Staat, Vermögen und Ansehen in der 
Welt, das Alles ist ihm in reichem Mafse geworden, ohne dafs 
darum seine Liebe zur Wissenschaft und sein Eifer sich ver- 
ringert hätten. Er harrte bei der Arbeit bis zum letzten Tag aus. 
Trotz der grossen Zahl und Bedeutung seiner Entdeckungen 
hatte er seine Erfolge mehr der Ausdauer als dem Genie zu 
danken. Mit Bewunderung erfüllt bei seinen Arbeiten mehr 
die Genauigkeit der Beobachtungen und die logische Strenge 
seiner Deductionen als der Glanz und die Tiefe der Ideen. 
Er brachte die Methoden der Analyse zu einem bis dahin nicht 



Berzelius. 37 

gekannten Grad von Vollkommenheit und formte somit selbst 
das Werkzeug seiner gröfsten Entdeckungen. 

Er hat die Oxyde des Ceriums,^) das Selen (1818), 
die Thorerde (1828) kennen gelehrt, und das Silicium, das 
Zirkonium, das Tantal rein dargestellt. Derartige Entdeckungen 
nehmen wegen ihrer Wichtigkeit lebhaftes Interesse in Anspruch, 
aber in Bezug auf den Fortschritt der theoretischen An- 
sichten ist ihre Bedeutung geringer gewesen, als die Unter- 
suchungen zur Bestimmung der Atomgewichte, die Berzelius 
dreifsig Jahre hindurch fortgeführt hat. 

Dalton hatte im Jahre 1808, in seinem New System of 
cTiemical philosophy, eine Tafel der Atomgewichte mitgetheilt 
und darin das Atomgewicht des Wasserstoffs als Einheit ange- 
nommen. Die Zahlen, die er für die Atomgewichte von 17 
anderen einfachen Stoffen angiebt , kommen bei einigen der 
Wahrheit ziemlich nahe, weichen aber bei den meisten von den 
richtigen Zahlen beträchtlich ab. Weniger bedeutend sind die 
Abweichungen in der Tafel, die Wollaston im Jahre 181-4 
lieferte,^) in welcher die Atomgewichte oder vielmehr die Aequi- 
valente (der Ausdruck rührt von Wollaston her) auf das 
Aequivalent des Sauerstoffs bezogen sind, das er gleich 10 
setzte. Die Tafeln, die Berzelius veröffentlicht hat, sind so- 
wol vollständiger als auch genauer. Er bezog die Atomge- 
gewichte auf das des Sauerstoffs, das er gleich 100 setzte. 
Die Gewichtsmenge eines Metalls, die mit 100 Sauerstoff die 
erste Oxydationsstufe bildet, wurde im Allgemeinen als das 
Atomgewicht des Metalls angenommen. In einigen Fällen 
wich er von dieser Regel ab, so bei einigen nicht metalli- 
schen Körpern und auch bei mehreren Metallen. 

Wollaston hatte, von den Ideen Dalton's ausgehend, als 
Atomgewicht des Wasserstoffs die Gewichtsmenge Wasserstoff 
angenommen, die sich mit 10 Sauerstoff, das heifst mit 1 Atom 
Sauerstoff verbinden kann. Mit andern Worten, die Atom- 



') In Gemeinschaft mit Hisinger 1803. 
^) Annales de Chimie, XC, p. 138. 



38 Berzelius. 

gewichte des Wasserstofts und des Sauerstoffs entsprechen den 
Gewichtsverhältnissen, in denen diese beiden Stoffe Wasser 
bilden, da das Wasser durch die Vereinigung von 1 Atom oder 
Aequivalent Wasserstoff mit 1 Atom oder Aecjuivalent Sauer- 
stoff entsteht. Wie man sieht, waren hier die Ausdrücke 
Atom und Aequivalent gleichbedeutend. Berzelius dagegen 
nahm, von den Entdeckungen Gay-Lussac's ausgehend, an, dafs " 
das Wasser, das sich durch Vereinigung von 2 Volumen 
Wasserstoff" mit 1 Volum Sauerstoff bildet, aus 2 Atomen 
Wasserstoff und 1 Atom Sauerstoff besteht. Er nahm dem- 
nach als Atomgewicht des Wasserstoffs das Gewicht von 
1 Volum des Gases an und bezeichnete das Gewicht von 
1 Volum Sauerstoff' mit 100. 

So wurde der Unterschied zwischen Atom und Aequi- 
valent in die Wissenschaft eingeführt. Sein Ursprung liegt 
in den Entdeckungen Gay-Lussac's, wie sie von Avogadro und 
Ampere gedeutet waren. Er tritt zum erstenmal in den 
Atomgewichtstafeln von Berzelius hervor. Bei Dalton ent- 
sprachen die Atome den Verhältnissen, nach denen die Körper 
sich verbinden und die Atomgewichte fallen mit den Aequiva- 
lenten zusammen. Bei Berzelius stellen die Atome die Vo- 
lume im Gaszustand dar, und die Atomgewichte sind nichts 
anderes als die relativen Gewichte von gleichen Volumen der 
Gase. Bei einer gewissen Anzahl gasförmiger Körper besteht 
ein Aequivalent aus 2 Atomen : so nicht nur beim Wasser- 
stoff, sondern auch beim Stickstoff, Chlor, Brom, Jod, wenn 
man die letzteren im dampfförmigen Zustand betrachtet. Die 
Atomgewichte dieser Stoffe entsprechen den Gewichten von 
einem Volum ; da aber 2 Volume Stickstoff, Chlor u. s. w. 
erforderlich sind, um mit 1 Volum Sauerstoff die erste Oxy- 
dationsstufe zu bilden, so ist klar, dafs die Gewichte von 2 Vo- 
lumen Stickstoff, Chlor u. s. w. die Aequivalente dieser Körper 
auf Sauerstoff bezogen ausdrücken. Berzelius nahm an, dafs 
die Atome des Wasserstoffs, Stickstoffs, Chlors, Broms, Jods 
zu je zweien vereinigt sind. Er nannte diese Paare ^Doppel- 
atome" und dachte sie sich untrennbar vereinigt, so dafs sie 



Berzelius. 39 

eben dem Aequivalent dieser Gase, d. h. der kleinsten Menge, 
die in Verbindungen eintreten kann, entsprechen. So enthielt 
nach seiner Ansicht das Wasser 1 Atom Sauerstoff, ver- 
bunden mit 1 Doppelatom Wasserstoff; die Chlorwasserstoff- 
säure 1 Doppelatom Wasserstoff, verbunden mit 1 Doppelatom 
Chlor; das Ammoniak 1 Doppelatom Stickstoff und 3 Doppel- 
atome Wasserstoff'. Kurz, keine Verbindung des Wasserstoffs, 
Chlors und Stickstoffs enthielt Aveniger als 2 Atome von diesen 
Elementen, da dies die kleinste Menge derselben ist, die in 
einer Verbindung vorkommen kann. Diese kleinste Menge 
entspricht ihrem Aequivalent. So bot die Vorstellung von 
Doppelatomen das Mittel, die trüheren Ansichten mit den Ent- 
deckungen Gay-Lussacs in Einklang zu bringen. Die Atom- 
gewichte der gasförmigen Elemente drückten die relativen Ge- 
wichte ihrer Volume aus und bei einigen dieser einfachen 
Gase bildeten 2 Atome, was Dalton als ein Einzelatom be- 
trachtet und was Wollaston ein Aequivalent genannt hatte. 

Wenn die Principien, von denen Berzelius sich bei der 
Bestimmung seiner Atomgewichte leiten liefs, einen sicheren 
Fortschritt bezeichneten, so mufs doch andererseits zugestanden 
werden, dafs der Begi-iff der Doppelatome ihn zu nicht irrigen 
Ansichten über die Gröfse der Moleküle geführt hat. Ein 
Molekül Wasser entsteht freilich dui-ch Vereinigung von 2 Ato- 
men Wasserstoff mit 1 Atom Sauerstoff"; aber keineswegs bilden 
auch 2 Atome Wasserstoff, wenn sie sich mit 2 Atomen Chlor 
vereinigen, 1 Molekül Chlorwasserstoffssäure, wie es Berzelius 
annahm. Ein solches Molekül wäre um das Doppelte zu grofs- 
Wir wissen heute, dafs das Molekül der Chlorwasserstoffsäure 
nur 1 Atom Chlor und 1 Atom Wasserstoff enthält, dafs 
im Molekül des Ammoniaks nur 1 Atom Stickstoff auf 3 Atome 
Wasserstoff enthalten ist. Diese Moleküle nehmen im. Gaszustand 
dasselbe Volum ein wie ein Molekül Wasserdampf. Das ist 
die Auffassung, die sich aus der consequenten Durchführung der 
Volumtheorie ergiebt. Berzelius, einer der ersten, der diese 
neue Bahn betreten, hat sie nicht bis ans Ende verfolgt. Diese 
Ehre war Gerhardt vorbehalten. 



40 Berzelius. 

Aber der grosse schwedische Chemiker hat der Theorie 
noch einen wichtigen Dienst anderer Art geleistet. Wir ver- 
danken ihm eine Zeichensprache, durch die sich die atomistische 
Constitution der Körper wiedergeben läfst. 

Die Alchemisten pflegten, um abzukürzen oder dunkel zu 
reden, Zeichen statt der Namen zu gebrauchen, deren abson- 
derliche Form bekannt ist. Es waren rein conventionelle Sym- 
bole, die nur an Worte erinnerten. Dalton schlug ein ratio- 
nelleres Verfahren vor. Seine Zeichen drückten Atome aus. 
Es waren kleine Kreise, die für jeden einfachen Stoff charak- 
teristische Zeichen umfafsten: die des Wasserstoffs enthielten 
einen Punkt im Centrum, die des Stickstoffs einen Strich, die 
des Schwefels ein Kreuz und die des Sauerstoffs blieben leer. 
Die Atome des Kohlenstoffs waren schwarz, wie es sich ge- 
bührt; die der Metalle enthielten im Centrum den Buchstaben, 
mit dem der entsprechende Name anfängt. Um zusammen- 
gesetzte Körper zu bezeichnen, stellte Dalton die Atome ihrer 
Elemente zusammen. Das Wasser, das seiner Ansicht nach 
aus 1 Atom Sauerstoff und 1 Atom Wasserstoff bestand, wurde 
durch die nebeneinanderstehenden Symbole dieser beiden Atome 
bezeichnet. Die Schwefelsäure bildete eine Gruppe von 4 kreis- 
förmigen Atomen, von denen die drei Sauerstoflfatome symme- 
trisch ein Schwefelatom umgaben. Die Essigsäure enthielt 
6 Atome, 2 schwarze Kohlenstoffatome, die gewissermafsen die 
Achse des Moleküls bildeten und jedes 1 Atom Sauerstoff und 
1 Atom Wasserstoff neben sich stehen hatten. 

Die Beziehungsweise war sinnreich und liefs an Klarheit 
nichts zu wünschen übrig. Um die atomistische Zusammen- 
setzung eines Körpers zu erkennen, genügte es, die Atome zu 
zählen, die eins neben dem andern gleichsam zur Schau ausge- 
stellt waren. Unbequem war bei dieser graphischen Darstellung 
der Moleküle nur der grofse Raum, den sie auf dem Papier 
einnahmen, sobald die Zusammensetzung der Körper ver- 
wickelt wurde. Auch lag eine gewisse Willkür in der sym- 
metrischen Anordnung, wie Dalton sie herzustellen bemüht 
war. Berzelius wufste diese Nachtheile zu vermeiden. Er kam 



Berzelius. 41 

auf den Gedanken, die Atome durch die Buchstaben zu be- 
zeichnen, mit denen die lateinischen Namen der Elemente an- 
fangen; be-zeichnete ein Atom Sauerstoff, H ein Atom Wasser- 
stoff, K ein Atom Kalium. Sb ein Atom Stibium oder An- 
timon u. s. w. Die Verbindung von zwei verschiedenen Atomen 
wurde durch zwei Buchstaben nebeneinander bezeichnet. Ent- 
hielt sie mehrere Atome desselben Elements, so trat zum 
Symbol desselben ein Coefficient, der die Zahl der Atome 
angab. 

So wurde die Schwefelsäure durch die Formel SO^, das 
Ammoniak durch die Formel N^H^ bezeichnet. Ueberaus 
einfach im Princip, konnte das Sj'stem dieser Zeichensprache 
für alle Hypothesen über die Gruppirung der Atome und für 
die Deutung der complicirtesten Reactionen benutzt werden. 

In den theoretischen Ansichten herrschte damals die dua- 
listische Richtung; Berzelius führte sie in die Formelsprache 
ein. Der Ausgangspunkt war die Theorie der Salze. Richter 
hatte erkannt, dafs die Mengen verschiedener Basen, die 
dasselbe Gewicht Säure neutralisiren. dieselbe Menge Sauerstoff 
enthalten, und dafs demgemäfs für dieselbe Klasse von Salzen 
ein constantes Verhältniss zwischen dem Sauerstoffgehalt der 
Basis und der Menge der Säure besteht. Diesem richtigen Aus- 
spruch fügte Berzelius noch eine Bemerkung hinzu, durch die 
sie an Bestimmtheit und Vollständigkeit gewann. Er erkannte, 
dafs für jede Art Salz ein constantes und einfaches Verhältnifs 
zwischen dem Sauerstoff der Basis und dem Sauerstoff der 
Säure besteht. In den schwefelsauren Salzen enthält die Säure 
dreimal so viel Sauerstoff, in den kohlensauren zweimal so 
viel Sauerstoff, in den salpetersauren fünfmal so viel Sauerstoff 
als die Basis. Diese Gesetze der Zusammensetzung der Salze 
wurden dann auf das Klarste durch die Zeichen wiedergegeben. 
Die verschiedenen Sauerstoffverhältnisse entsprechen einer ver- 
schiedenen Anzahl von Atomen. Bezeichnet man demnach die 
Zusammensetzung des Salzes durch die Zusammenstellung der 
Formeln der Säure und des Oxyds, so mufs das Verhältnifs 
zwischen den SauerstofFmengen der beiden Bestandtheile offen- 



42 Bek/.ei.ils. 

bar durch die Zahl der Sauerstoffatome in beiden wiedergegeben 
werden. Auf 3 Atome Sauerstoff in der Säure der schwefel- 
sauren Salze müssen sie 1 Atom Sauerstoff" im Oxyd enthalten. 
Das Gesetz der Zusammensetzung der Salze, wie es Berzelius 
entdeckt hat, kann demnach aus ihren Formeln ohne Weiteres 
abgeleitet werden.^) 

Schon durch die Anordnung dieser Formeln, in denen auf 
der einen Seite die Säure, also das Metalloid auftrat mit seinem 
Gefolge von Sauerstoftatomen, auf der andern die metallische 
Basis, in ihr der Sauerstoff, der mit dem Metall verbunden ist, 
hat Berzelius dem dualistischen System eine Bestimmtheit der 
Fassung gegeben, wie man sie vor ihm nicht kannte. Er hat 
ferner das System durch eine wichtige Ausführung ergänzt, 
indem er zeigte, dafs ebenso wie die Säuren mit den Oxyden, 
so auch die Chloride und die Sulfide sich unter einander ver- 
binden können. So vereinigt sich das Platinchlorid mit dem 
Kaliumchlorid. Das so gebildete Doppelchlorid ist eine Art 
Salz, ein Chlorosalz; in demselben spielt das Platinchlorid 
die Rolle der Säure, das Kaliumchlorid die Rolle der Basis. 



') In den Formeln der SaiierstoftVerbindungen begnügte sich Ber- 
zelius, die Sauerstoffatome durch Punkte über den Buchstaben zu be- 
zeichnen. So schrieb er 

Schwefelsaures Bleioxyd SO^ 4- PbO oder S Pb 

Salpetersaures Kali NO^ -f- KO oder N K 

Bei dieser Schreibweise sieht man deutlich, dafs ein schwefelsaures 
Salz die Elemente eines Sulfids enthält, vermehrt um 4 Atome Sauer- 
stoff, von denen drei an den Schwefel und eins an das Metall gebun- 
den sind. 

Die Gewichtsverhältnissc zwischen dem Metall und dem Schwefel 
sind demnach im Sulfid und im Sulfat dieselben; und das mufs der Fall 
sein, weil diese Gewichtsverhältnisse den Atomen entsprechen, deren 
Gewicht unveränderlich ist. Berzelius wies das nach und bewährte so- 
mit durch die Erfahrung eine Consequenz der atomistischen Theorie. 
Seine überaus zahlreichen und in hohem Grade genauen Analysen 
gaben ihr eine feste Grundlage. 



Bekzelius. 43 

Ebenso giebt es Sulfide, die die Rolle von Säuren spielen kön- 
nen, andere, die sich wie Basen verhalten; aus ihrer Vereini- 
gung gehen Sulfosalze hervor. In Zeichen wurde die Zusam- 
mensetzung dieser Salze ohne Sauerstoff durch zwei neben- 
eirianderstehende Formeln wiedergegeben, von denen die erste 
den sauren, die zweite den basischen Bestandtheil bezeichnete. 
So nahm das System an Bedeutung nicht allein durch den 
bündigen Ausdruck zu, den es in den atomistischen Formeln 
fand, sondern auch durch wichtige neue Thatsachen, die sich 
ihm unterordneten. 



II. 

Ein wissenschaftliches System ist dieses Namens in Wahr- 
heit nur dann werth, wenn es keinerlei Art von wichtigen 
Thatsachen ausschliefst. Die dualistische Auffassung fand ihre 
Anwendung vorzugsweise in der Betrachtung der mineralischen 
Verbindungen. Es war jedoch nicht leicht, sie mit den Vor- 
stellungen über die Constitution der organischen Verbindungen 
in Einklang zu bringen, zu denen man in jener Zeit gelangt 
war. Man wufste, dafs die näheren Bestandtheile im Orga- 
nismus der Pflanzen und Thiere aus drei oder vier Elementen 
zusammengesetzt sind, aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauer- 
stoff, zu denen häutig noch der Stickstoff tritt. Man hatte 
unter allen diesen so verschiedenen Substanzen Körper kennen 
gelernt, die die Rolle von Säuren spielen, andere, die neutral 
erscheinen, endlich auch solche mit basischen Eigenschaften, 
die sich also mit Säuren zu bestimmten Salzen vereinigen 
können. In Betreff" der organischen Säuren nahm Berzelius 
die Auffassung an, die schon Lavoisier ausgesprochen hatte. 
Die Pflanzensäuren enthalten ein Radical in Verbindung mit 
Sauerstoff, und dieses Radical enthält Kohlenstoff und Wasser- 
stoff' so vereinigt, dafs sie nur ein einziges Ganzes, die „Basis" 
bilden. Die Pflanzensäuren sind untereinander durch die Ver- 
hältnisse, in denen die Bestandtheile des Radicals vereinigt sind, 
und durch den Gehalt an Sauerstoff verschieden. Bei den 



44 Berzelius. 

Säuren des Thierreichs ist die Zusammensetzung complicirter; 
in ihrem Radical ist mit dem Wasserstoff und Kohlenstoff oft 
noch Stickstofi", zuweilen auch noch Phosphor verbunden. So 
lauteten die Ansichten Lavoisier's. ^) 

Die atomistische Theorie und die Fortschritte in der Ana- 
lyse gestatteten Berzelius, sie zu erweitern und schärfer zu be- 
stimmen. Er stellte zunächst die „Aequivalente" der wich- 
tigsten organischen Säuren fest, d. h. die relative Gröfse ihrer 
Moleküle, indem er die respectiven Mengen dieser Säuren, die 
sich mit einem Aequivalent Bleioxyd oder Silberoxyd ver- 
einigen, bestimmte. Durch die organische Analyse, deren Prin- 
cip Gay-Lussac und Thenard angegeben hatten und deren 
Methode durch Chevreul kurz zuvor vervollkommnet war, er- 
kannte Berzelius das Verhältnifs der Elemente in den ver- 
schiedenen Säuren und also auch die Atomzahl der Elemente in 
ihren „Aequivalenten'' oder Molekülen. 

Durch Zusammenstellung der Kohlenstoff- und Wasser- 
stoffatome oder der Kohlenstoff-, Wasserstoff- und Stickstoff- 
atome bildete er die binären oder ternären Radicale für die 
Säuren oder allgemein die sauerstoffhaltigen Verbindungen 
organischen Ursprungs. Nach seiner Ansicht besteht das Ra- 
dical der Ameisensäure, das er Formyl nannte, aus 2 Atomen 
Kohlenstoff und 3 Atomen Wasserstoff; das der Essigsäure, 
das er Acetyl nannte, aus 4 Atomen Kohlenstoff und 6 Atomen 
Wasserstoff. Aber das Formyl wie das Acetyl verbinden sich 
mit 3 Atomen Sauerstofi", um Ameisensäure und Essigsäure zu 
bilden. Man findet in dieser Auffassung die Ansichten La- 
voisier's in der einfachen ijnd bündigen Form wieder, die der 
Fortschritt der Wissenschaft ermöglicht hatte. Berzelius hat 
sie auf alle sauerstoffhaltigen Verbindungen angewandt. „Die 
organischen Substanzen", sagte er, „bestehen aus Oxyden von 
zusammengesetzten Radicalen." -) 



') Traite de chimie, t. I. p. 11)7. 

*) Lehrbuch der Chemie; dritte deutsche Auflage, B. II, S. 125. 

Die Annahme or<ranischer Radicale ist von Berzelius zuerst 1817 



Berzelius. 45 

Unter diesen Oxyden hat vor allem der Aetlier , das 
Product der Einwirkung der Schwefelsäure auf den Alkohol, 
zu wichtigen Arbeiten und lebhaften Discussionen Veranlassung 
geboten. Er ist seit Jahrhunderten bekannt und hat einer 
zahlreichen Klasse von Verbindungen, die man als Aetherarten 
bezeichnete, den Namen gegeben. Die Beziehungen zwischen 
diesem Stoff und dem Alkohol waren im Jahr 1816 von Gay- 
Lussac festgestellt und folgendermafsen bezeichnet worden: 
beide Substanzen enthalten 2 Volume Ölbildendes Gas, im 
Alkohol mit 2 Volumen, im Aether mit 1 Volum Wasserdampf 
verbunden. 

Dumas und Boullay haben dann über die sogenannten 
zusammengesetzten Aether eine Epoche machende Arbeit ver- 
öffentlicht. Sie erkannten, dafs diese Körper die Elemente 
einer Säure in Verbindung mit genau 2 Volumen ölbildendem 
Gas und 1 Volum Wasserdampf, d. h. mit den Bestandtheilen 
des Aethers verbunden enthalten. Sie nahmen für das ölbil- 
dende Gas ein in gewissen Grenzen dem des Ammoniaks ana- 
loges Verhalten an und verglichen demgemäfs die Aether mit 
den Ammoniaksalzen. Zum erstenmal wurde hier in der orga- 
nischen Chemie eine Reihe von analogen Erscheinungen durch 
die Theorie zusammengestellt und die Thatsachen bezüglich 
der Bildung, der Zusammensetzung, der Metamorphosen einer 
ganzen Klasse von Körpern in einfacher Weise mit Hilfe von 
atomistischen Formeln und Gleichungen gedeutet. 

Dieser Theorie der Aether stellte Berzelius einige Jahre 
später eine andere gegenüber. Er verglich sie mit den eigent- 
lichen Salzen und nahm demgemäfs in ihnen ein organisches 
Oxyd an, und dies Oxyd war eben der Aether selbst. Der 
Aether enthielt nach Berzelius ein aus 4 Atomen Kohlenstoff 
und 10 Atomen Wasserstoff bestehendes Radical. Im Aether 
ist dieses Radical, das Liebig Aethyl nannte, mit 1 Atom Sauer- 
stoff verbunden. Aber das Aethyl kann sich auch mit dem 



in der zweiten schwedischen Ausgabe seines Lehrbuchs erörtert 
worden. 



46 Bekzelils. 

Chlor und andern einfachen Körpern vereinigen. Es bildet 
so ein Chlorid oder andere binäre Verbindungen. Das Aethyl- 
chlorid ist nichts anders als der Salzsäureäther, der seit langer 
Zeit bekannt war. Der gewöhnliche Aether, das Aethyloxyd, 
kann sich wie die metallischen Oxyde mit dem Wasser ver- 
binden und so ein Hydrat, den Alkohol, bilden. Ebenso kann 
es mit den wasserfreien Säuren zur Bildung wirklicher Salze — 
der zusammengesetzten Aether — zusammentreten. Alle diese 
Verbindungen sind binär. ^) Das sind die Ilauptzüge der 
schönen Betrachtungsweise, durch die die glänzendste Epoche 
in der Theorie der organischen Radicale bezeichnet wird. 

Diese Theorie hat zu einem lange fortgesetzten Streit 
Veranlassung gegeben. Sie nimmt, sagten ihre Gegner, das 
Bestehen zahh-eicher Körper rein hypothetisch an. Denn am 
Ende sind doch das Aethyl und so viele andere Radicale 
Verstandesschöpfungen , denen keine wirkliche Existenz ent- 
spricht. Man wird sie entdecken, erwiderten die Vertheidiger. 
Hat nicht Gay-Lussac das Cyan abgeschieden? Hat er nicht 
nachgewiesen, dafs dieser zusammengesetzte Stoff, der aus 
Kohlenstoff und Stickstoft" besteht, sich wie ein einfacher Körper 
verhält? Und weifs man nicht auch, dafs die schweflige Säure 
sich direct mit dem Sauerstoff verbindet, das Kohlenoxyd mit 
dem Chlor und mit Sauerstoff? Diese Argumente waren nicht 
leicht abzuweisen. 



^) Um die Rolle des Aethyls als Radical zu verdeutlichen, geben 

wir hier die Formeln, mit denen Berzelius einige Aethylverbindungen 

bezeichnete, und stellen die der entsprechenden Verbindungen eines 

Metalls, wie Kalium, gegenüber. In diesen Formeln bezeichnen die 
durchstrichenen Buchstaben Dojipelatome (S. 38). 

Aethyl Verbindungen. Kalium Verbindungen. 

C^H' Radicaläthyl. K Radical Kalium. 

C*H* . ei Aethylchlorid. K^\ Kaliumchlorid. 

CH'.O Aethyloxyd (Aether). KO Kaliumoxyd. 

C* H5 . H- HO Aethyloxydhy- KO H- HO Kaliumoxydhydrat 

drat (Alkohol). (kaustisches Kali). 
C*H5.0 -h C'H^O^ essigsau- KO-f-C*H'0' essigsaures Ka- 
res Aethyloxyd (Essigäther). liumoxyd. 



Bekzelius. 47 

Die Entdeckung des Kakodyls durch Bunsen hat ihnen 
später noch gröfseres Gewicht verliehen. Kein schlagenderes 
Beispiel konnte den Gegnern der Radicultheorie entgegengestellt 
werden als dieser aus Kohlenstoff", Wasserstoff" und Arsenik 
zusammengesetzte Körper von so aufserordentlicher Verbindungs- 
fähigkeit, dafs er sich direct und in mehreren Stufen mit dem 
Sauerstoff", dem Schwefel und Chlor vereinigt, an der Luft von 
selbst verbrennt und sich im Chlor entzündet, wie das Arsenik 
selbst. Dem Cyan und dem Kakodyl die Bezeichnung Radical 
streitig zu machen, diesen zusammengesetzten Körpern eine 
Kraft abzuerkennen, die einfache Körper aneinander anzieht — 
hfefs das nicht den Augenschein leugnen? Dennoch hat man. 
vom einseitigen Standpunkt einer andern berühmten Theorie, 
der Substitutionstheorie, den Versuch gemacht, dies zu thun. 
Von ihr werden wir weiterhin zu reden haben. 

Aber die Theorie der Radicale hat ihre Stellung be- 
hauptet. Sie ist sogar in der Folge mit verjüngter Kraft in die 
Schranken getreten, und das Geräusch dieser ersten Kämpfe 
war kaum verhallt, als sie zu gleicher Zeit mit ihrer Rivalin 
zu unerwartetem Aufschwung gelangte und sich dann mit ihr 
verbündete. Aber wir stehen bei ihrem ersten Auftreten und 
wollen näher verfolgen, wie Berzelius sie benutzt hat, um zu 
vollenden, was er unternommen hatte: nämlich die Einführung 
der in der Mineralchemie herrschenden Ansichten in die orga- 
nische Chemie. Die Vergleichung des Aethers mit den Oxyden 
der Mineralchemie war ein überaus glücklicher Griff" gewesen. 
In der Zussmmenstellung des Alkohols mit dem Hydrat der 
zusammengesetzten Aetlier und Salze war die Möglichkeit ge- 
geben, die Zusammensetzung aller derartigen Körper durch 
dualistische Formeln auszudrücken. 

Man unterschied damals in der Chemie Verbindungen 
erster Ordnung, die durch Vereinigung zweier einfacher Körper, 
und Verbindungen zweiter Ordnung, die durch Vereinigung 
binärer Verbindungen gebildet waren. Das Aethyloxyd und 
Aethylchlorid, dem Oxyd und Chlorid des Kaliums vergleichbar, 
erschienen als Verbindungen erster Ordnung. Das Aethyloxyd- 



48 Berzelius. 

hydrat (Allcohol) und das essigsaure Aethyloxyd (Essigäther) 
waren binäre Verbindungen zweiter Ordnung; denn die erste 
war aus Aethyloxyd und Wasser, die zweite durch Vereinigung 
von Aethyloxyd mit Essigsäure entstanden. Diese Verbin- 
dungen enthielten zwei Bestandtheile, und ihre Formeln zwei 
Glieder. Zwischen diesen Formeln und denen der entsprechenden 
Kaliumverbindungen war kein anderer Unterschied, als dafs an 
der Stelle des einfachen Radicals Kalium in den letzteren das zu- 
sammengesetzte Radical Aetliyl in den ersteren auftritt. Ana- 
logien derselben Art wurden für andere Körper nachgewiesen : 
die Essigsäure, die aus 1 Atom Acetyl und 3 Atomen Sauer- 
stoff bestand, wurde mit der Schwefelsäure aus 1 Atom 
Schwefel und 3 Atomen Sauerstoff verglichen. Es war dies ein 
erster Versuch, einen Bund zwischen der organischen und der 
Mineralchemie herzustellen, die man so irmig als möglich zu 
verknüpfen wünschen mufste. 

Der Bau, den Lavoisier auf breiter Grundlage aufgeführt 
hatte, konnte diese schöne Krönung tragen. Hatte doch der 
Gründer selbst diese Erweiterung seines Werkes vorgesehen. 
Seine Ansicht von den organischen Radicalen tindet sich, in 
schärferer Bestimmung ausgeführt, in der lichtvollen Auf- 
fassung von Berzelius wieder. 

Aber zu der Zeit, von welcher wir reden, waren keines- 
wegs alle Chemiker über die Natur der organischen Radicale 
derselben Ansicht. Die Einen schlössen nach dem Vorgang von 
Berzelius den Sauerstoff von den Radicalen aus; Andere nahmen 
an, er könne zu ihnen gehören. Die letztere Ansicht fand ihren 
Stützpunkt in einer schönen Arbeit, die im Jahr 1828 zwei 
junge Chemiker veröffentlichten, Beide damals Neulinge in 
der Wissenschaft, in der sie tiefe Spuren ihrer Forscher- 
thätigkeit bald vereint, bald gesondert hinterlassen sollten. Beim 
Studium des Bittermandelöls entdeckten Wöhler und Lieb ig 
eine Reihe von Verbindungen, die theils mit diesem Oel, 
theils mit einer Säure des Benzoeharzes, die man Benzoesäure 
nannte, in den augenscheinlichsten Verwandtschaftsbeziehungen 
standen. 



Berzelius. 49 

Diese Beziehungen wurden auf sehr glückliche Art durch 
Annahme eines gemeinsamen, aus Kohlenstoff, Wasserstoff und 
Sauerstoff bestehenden Radicals in allen diesen Verbindungen 
angedeutet. Das Bittermandelöl wurde als Verbindung dieses 
Radicals mit Wasserstoff" bezeichnet. Wird dieses Element 
durch Chlor vertreten, so wird aus dem Benzoylwasserstoff 
Benzoylchlorid. Bei Berührung mit Wasser setzt sich das 
Chlorid in Chlorwasserstoffsäure und Benzoyloxyd um, das 
mit den Elementen des Wassers verbunden bleibt und Benzoyl- 
oxydhydrat bildet. Dies Hydrat ist nichts anders als die Benzoe- 
säure selbst. Ueberdies entsteht dieser Körper auch durch 
directe Verbindung des Sauerstoffs mit dem Benzoylwasserstoff, 
d. h. mit dem Bittermandelöl. Alle diese Reactionen und 
andere, die hier aufzuzählen zu weit führen würde, rechtfer- 
tigten den Schlufs, dafs das Bittermandelöl und seine zahl- 
reichen Derivate gewissermafsen einen gemeinsamen Kern ent- 
halten, der in ihnen in Verbindung mit Wasserstoff, mit Chlor, 
Brom, Schwefel, Sauerstoff' auftritt und durch doppelte Zer- 
setzung aus einer Verbindung in die andere unverändert über- 
geht. Diese doppelte Eigenschaft gestattete, den Benzoylkern 
als ein Radical zu betrachten, obgleich man nicht im Stande 
gewesen war, ihn zu isoliren. ^) 

Die Theorie des Benzoyls trat mit entschiedenem Erfolg 
in der Wissenschaft auf. Sie trug den Stempel einer guten 
Hypothese. Sie verknüpfte die Thatsachen in einfacher Weise 
und schlofs die Keime grofser Fortschritte ein. Berzelius, der 
sie anfangs günstig aufgenommen hatte, wies sie später ab 



*) Die Hypothese eines Radicals Benzoyl wird durch folgende 
Formeln in der Schreibweise von Berzelius noch verdeutlicht werden: 
C'*H^O- Benzoyl. 

C ' ^ H' O'- . H Benzoylwasserstoff (Bittermandelöl). 

C'''H'0-.ei Benzoylchlorid. 

(-ii4g5Q2_Q Benzoyloxyd (Benzoesäureanhydrid). 

CMi 5 0^.8 Benzoylsulfid. 

(-.1 4 JJ5 Q2 _ + HO Benzoyloxydhydrat (ßenzoesäurehydrat). 
C* H5 O^ H-SO Benzoesaures Kali. 
Wurtz, Gesch. d. ehem. Theorien. 4: 



50 Berzelius. 

und kam auf seine erste Ansicht von den sauerstofffreien Radi- 
calen zurück , die nun bis zum Uebermafs durchgeführt 
wurde. Zwanzig Jahre später wurde der Theorie des Benzoyls 
für diese Vernachlässigung Genugthuung zu Theil. Man findet 
ihre Spuren deutlich in den theoretischen Beti-achtungen William- 
son's und Gerhardt's wieder. 



III. 

Die vorhergehenden Erörterungen zeigen , wie die dua- 
listische Anschauung durch die Theorie der Radicale in die 
organische Chemie eingedrungen ist; durch die elektro- che- 
mische Theorie aber gelangte sie — dank den Bemühungen 
und der Autorität von Berzelius — auch in der Mineralcheraie 
zu unbeschränkter Herrschaft. 

Berzelius ist nicht der erste Urheber dieser Theorie, ob- 
wol seine Untersuchungen ihre experimentelle Grundlage 
bilden. Die Arbeiten von Nicholson und Carlisle über die 
Zerlegung des "Wassers durch die Volta'sche Säule, die Beob- 
achtungen Cruikshank's über die Veränderungen , die die 
Pflanzenfarben durch den Strom erleiden, boten nur isolirte 
Thatsachen dar, als Berzelius und Hisinger im Jahr 1803 
den zersetzenden Einflufs der galvanischen Elektricität auf 
eine grofse Zahl chemischer Verbindungen , namentlich auf 
die Salze, kennen lehrten. Es ist bekannt, mit welchem Er- 
folge Davy seit dem Jahre 1806 ähnliche Untersuchungen 
unternahm. Die Entdeckung der Alkalimetalle ist das glän- 
zende experimentelle Resultat, eine neue Ansicht über die 
Affinität das theoretische Ergebnifs , zu dem sie führten. 

Davy nahm an, dafs die Körper, zwischen denen chemische 
Verwandtschaft besteht, sich in entgegengesetzten elektrischen 
Zuständen befinden. Der eine sei elektro -positiv, der andere 
elektro-negativ. Vermöge dieser entgegengesetzten elektrischen 
Spannungen verbänden sie sich, und die Energie, mit welcher 
diese Verbindung vor sich geht und die das Mafs für die Affinität 
der Bestandtheile abgiebt, sei diesen Spannkräften proportional. 



Berzelits. 51 

Dieselbe Kraft, die die elektrischen Anziehungen und Ab- 
stofsungen hervorruft, beherrsche also auch die chemischen 
Wirkungen, mit dem Unterschiede, dafs sie im ersteren Fall die 
Körper in ihrer ganzen Masse, im zweiten dagegen ihre 
kleinsten Theile beeinflufst. Yolta hatte gezeigt, dafs zwei 
Metalle, die sich berühren, Elektricität entwickeln und dabei 
eine entgegengesetzte elektrische Spannung annehmen. Davy 
machte darauf aufmerksam, dafs dieser elektrische Zustand bei 
der Berührung aller Körper wahrgenommen wird, die chemische 
Verwandtschaft zu einander haben, und dafs die Spannung um 
so stärker ist, je energischer ihre Verwandtschaften sind. 
Die Verbindung, d. h. die innige Annäherung der Theilchen, 
ist demnach das Ergebnifs elektrischer Anziehung. Die Theil- 
chen, die bei ihrer Berührung entgegengesetzte Spannungen 
angenommen haben, lagern sich nebeneinander, und ihre Ver- 
einigung bewirkt die Neutralisation der entgegengesetzten Elek- 
tricitäten. 

Nach Davy sind die Wärme und das Licht, welche bei der 
Verbindung vieler Körper entstehen, Aeufserungen der Elektri- 
cität, in ähnlicher Weise wie der elektrische Funke: sie sind, 
so zu sagen, die Zeugen jenes Austausches der Elektricitäten, 
der beim Vorgang der chemischen Verbindung stattfindet. Die 
Zerlegung der Körper endlich, wie sie durch die Säule statt- 
findet, giebt den Elementen die entgegengesetzten elektrischen 
Zustände wieder, die ihnen vor ihrer Vereinigung eigenthümlich 
waren, und scheidet sie an den Polen ab, deren Spannung die 
umgekehrte der ihrigen ist. 

Das ist in kurzen W^orten die erste elektro - chemische 
Theorie. Berzelius nahm ihre Grundidee an und gab ihr eine 
neue Form. 

Im Anschlufs an einen Gedanken, den schon Schweigger 
ausgesprochen hatte, nahm er an, dafs die Atome aller Körper 
zwei Pole haben, an denen sich Elekti-icität anhäuft und zwar 
in nicht immer gleich grofsen Mengen. Je nachdem die eine 
oder die andere Elektricität an dem einen Pol überwiegt, ist 
das Atom elektro-negativ oder elektro-positiv, und die Quan- 



52 Berzelius. 

titäten der Elektricität, die in dieser Weise an dem einen Pol 
vorherrschen, sind keineswegs für die Atome der verschiedenen 
Körper dieselben. Mit andern Worten, die Atome aller Körper 
sind in verschiedener Weise elektrisch polarisirt, und ihre Po- 
larität kann mit der Temperatur eine andere werden. 

Verbindet sich ein Körper mit dem andern, so lagern sich 
die Atome mit ihren widersprechenden Polen aneinander und 
tauschen so die angehäuften entgegengesetzten Elektricitäten 
aus. Dieser Austausch erzeugt eine mehr oder minder voll- 
ständige Neutralisirung und ruft Wärme- und Lichterschei- 
nungen hervor. 

Berzelius hat demgemäfs die einfachen Körper in elektro- 
negative und elektro-positive eingetheilt. In den erstem über- 
wiegt die negative, in den andern die positive Elektricität. 
Nach der Stärke der überwiegenden Spannung werden sie in 
beiden Reihen geordnet. Aber die elektrische Reihenfolge be- 
zeichnet nicht die Rangordnung ihrer Affinitäten. So besitzt der 
Sauerstoff, der elektro-negativste aller Körper, mehr Verwandt- 
schaft zum Schwefel, der in der elektrischen Reihe neben ihm 
steht, als zum Golde, das elektro-positiv ist. Berzelius erklärte 
diese Thatsache durch die Annahme, die Affinität sei von der In- 
tensität der Polarisation, d. h. von der absoluten Menge der an 
beiden Polen angehäuften Elektricität abhängig. Beim Schwefel 
sei diese Menge weit beträchtlicher als beim Golde. Der po- 
sitive Pol des Schwefelatoms enthalte eine weit gröfsere Menge 
positiver Elekti-icität als der positive Pol des Gold -Atoms, 
und da die Atome sich mit den entgegengesetzten Polen an- 
ziehn, so müsse offenbar der Schwefel auf den Sauerstoff eine ' 
stärkere Anziehung ausüben als das Gold. 

Man ersieht ferner, dafs der Schwefel den Sauerstoff 
nichit neutralisiren kann, weil einerseits die positive Elektri- 
cität des Schwefelatoms nicht ausreicht, um die negative Elektri- 
cität des Sauerstoffatoms zu binden, während andrerseits -das 
Schwefelatom in die Verbindung einen beträchtlichen Ueber- 
schufs an negativer Elektricität mitbringt, die an dem einen 
seiner Pole angehäuft ist. Es geht daraus hervor, dafs das 



Berzelius. 53 

Product der Verbindung selbst elektro - negativ sein mufs. Es 
entsteht eine starke Säure, die Schwefelsäure. So entstehen 
die Säuren im allgemeinen aus der Vereinigung eines elektro- 
negativen Körpers mit dem Sauerstoff, die Basen aus der Ver- 
einigung desselben mit einem stark elektro - positiven Körper. 
An der Spitze der elektro -positiven Reihe stehen die Alkali- 
Metalle. Ihre Verbindungen mit dem Sauerstoff sind die 
stärksten Basen, und die kräftige Verwandtschaft dieser Basen 
zu den Säuren rührt gerade von dem Gegensatz ihrer elektri- 
schen Zustände, von der Intensität ihrer Polarisation her. 

Es ist kaum nöthig, besonders darauf hinzuweisen, auf 
wie festen Grund die dualistische Anschauung durch eine 
solche Theorie gestellt wurde. Jeder zusammengesetzte Körper 
besteht aus zwei Elementen , einem elektro - positiven und 
einem elektro -negativen. Wie glänzend bestätigten sich damit 
die Ideen Lavoisier's, insbesondere seine Theorie der Salze! 
Man sieht, sagte der Meister, dafs in den Salzen die Elemente 
der Säure neben denen der Basis gesondert und nicht mit ihnen 
gemengt sind. Denn wenn wir der zersetzenden Wirkung des 
Stroms ein Salz wie das schwefelsaure Natron unterwerfen, 
so begiebt sich die Schwefelsäure oder der elektro -negative 
Bestandtheil an den positiven Pol und das Natron oder 
der elektro -positive Bestandtheil an den negativen Pol. Wenn 
das schwefelsaure Kupferoxyd durch den Strom zerlegt wird, 
so scheidet sich am negativen Pol nicht das Kupferoxyd ab, 
sondern das metallische Kupfer, weil das Oxyd in diesem 
Fall weiter in seine Elemente, Sauerstoff und Kupfer, zer- 
legt und der Sauerstoff mit der Säure am positiven Pol frei 
wird. So schienen die dualistischen Formeln der Salze nicht 
nur durch die Synthese dieser Verbindungen, ihre gewöhnliche 
Bildungs weise, sondern auch durch ihre Zerlegung vermittelst 
des elektrischen Stroms unterstützt zu werden. Wir wissen 
jetzt, dafs dieses Argument falsch ist, dafs es sich vielmehr gegen 
die dualistische Hypothese über die Constitution der Salze 
verwenden läfst. Wir wissen, dafs bei der Elektrolyse des 
schwefelsauren Natrons wie bei der des schwefelsauren Kupfer- 



54 Berzelils. 

oxyds nicht das Oxyd, sondern das Metall, das Natrium, am 
negativen Pol abgeschieden wird, und dafs das freie Alkali 
erst infolge einer secundären Wirkung auftritt, der Zerlegung 
des Wassers durch das Natrium an der negativen Elektrode. 
Wir wissen, dafs die Thatsachen betreffs der gleichartigen 
AVirkung des Stroms auf die Salzlösungen der dualistischen 
Hypothese, die in den Salzen das Bestehen eines fertig gebil- 
deten Oxyds annimmt, widersprechen. 

Aber im Jahre 1830 wufste man das nicht, und alle 
Chemiker nahmen Berzelius' elektro-chemische Hypothese an. 
Der Versuch über die elektrolytische Zerlegung des schwefel- 
sauren Natrons war klassisch geworden. Er wurde in allen 
öffentlichen Vorlesungen ausgeführt und zugunsten der da- 
mals allgemein verbreiteten Ansichten über die Constitution 
der Salze angerufen. 

Das dualistische System war zu jener Zeit auf seinem Höhe- 
punkt angelangt. Und in der That ist die Hypothese Lavoi- 
sier's über die Constitution der Salze, die ihm zu Grunde lag, 
so einfach , sie giebt so gut die meisten Thatsachen wieder, 
die über die Bildungsweise und die Zersetzmig der Salze 
bekannt sind, dafs alle Geister ihrer Macht sich beugten. Sie 
herrschte in den Büchern, sie übte unbeschränkte Herrschaft 
über den Unterricht aus, sie regte zu den gröfsten Ent- 
deckungen an. Sie hatte eine Geschichte und hatte, was mehr 
ist, Traditionen. „1^'^ Gewohnheit einer Meinung ruft oft die 
Ueberzeugung hervor, sie müsse richtig sein.'' So hatte Ber- 
zelius sich geäufsert, und diese Worte lassen sich auf seine 
eigenen Meinungen anwenden. Die letzteren haben so lange 
geherrscht, dafs man sich, ohne es zu merken, gewöhnt hatte, 
als erwiesene Wahrheit anzusehen, was nur Hypothese war. 
Als Beweis kann die allgemeine Ungläubigkeit dienen, mit 
der die Hypothese Davy's über die Constitution der Salze 
aufgenommen wurde. Dulong machte sich diese Hypothese 
zueigen, und wir werden weiterhin auf sie zurückkonnnen. 
Schlimmer noch erging es den Ansichten Longchamp's ; nicht 



Berzehus. 55 

mit Unglauben, mit Geringschätzung nahm man sie auf. 
Und doch sind Davy und Dulong die Vorläufer Laurent's und 
Gerhardt's gewesen, und Avenn man mit Aufmerksamkeit die 
Formeln prüft, durch die heute die atomistische Constitution 
der Salze ausgedrückt wird, so kann man in ihnen die Spur 
von Longchamp's Ansichten wiederfinden.^) 



') Berzelius und alle Anhänger der Lavoisier'schen Salztheorie 
nahmen an, dafs die wasserhaltigen Säuren die Elemente der wasser- 
freien Säuren, vermehrt um die Elemente des Wassers, und dafs die 
Salze die Elemente von wasserfreien Säuren, vermehrt um die Elemente 
von Oxyden, enthalten. So wurden nach der Schreibweise von Ber- 
zelius die Schwefelsäure und die Kali- und Bleisulfate durch folgende 
Formeln bezeichnet: 

Schwefelsäure oder Wassersulfat . SO'-i-H"0 

Kahsulfat SO' + KO 

Bleisulfat SO'+PbO. 

Diese Schreibweise zeigt, dafs die Elemente des Wassers, des Kalium- 
oxyds und des Bleioxyds einfach zu den Elementen der wasserfreien 
Säure hinzutreten, ohne in sie aufzugehen. 

Longehamp nahm dagegen an , dafs das Oxyd der wasserfreien 
Säure ein Atom Sauerstoff entzieht, um sich in ein Superoxyd zu ver- 
wandeln, das mit der desoxydirten Säure verbunden bleibt. 

Er drückte also die Zusammensetzimg obiger Verbindungen durch 
folgende Formeln aus 

Schwefelsäure SO-H-H-0' 

Kalisulfat SO^+K'O" 

Bleisulfat SO-+PbO* 

Die Formel SO" -f- PbO'' beruhte auf der Thatsache, dafs schwe- 
felsaures Bleioxyd entsteht, wenn schwefligsaures Gas auf Bleisuper- 
oxyd wirkt. 

Wir wissen jetzt, dafs die 2 Atome Wasserstoff der Schwefelsäure 
SO'H^ =S0^ .0-H'^ 
zu je einem Atom Sauerstoff in Beziehung stehn, und dafs diese beiden 
Sauerstoffatome eine andere Rolle spielen als die beiden andern, die 
dem Sulfuryl SO^ angehören. Dieses Radical ist zweiatomig: es ver- 
bindet sich mit 2 Atomen Chlor, und das Sulfurylchlorid bildet bei 
Einwirkung von Wasser Schwefelsäure 



56 Berzelius. 



IV. 



Um die Zeit, da die Autorität, welche Berzelius so lange 
ausgeübt hat, im ersten Aufblühen war, da die Mineralchemie 
vollendet erschien und alle Bemühungen darauf gerichtet waren, 
die organische Chemie nach dem Vorbild der älteren Schwester 
zu gestalten, beschäftigte sich ein junger Gelehrter in Genf 
mit Untersuchungen über verschiedene Gegenstände der Phy- 
siologie, dem Vorspiele von Entdeckungen, die die Chemie in 
neue Bahnen führen sollten. Dumas ist in Alais im Jahr 
1800 geboren; kaum zwanzigjährig, veröffentlichte er mit 
Benedict Prevost jene noch heute klassischen Untersuchun- 
gen über das Blut. Im Jahre 1821 kam er nach Paris, wo 
er sich ganz der Chemie widmete und bald Arbeiten von der 
höchsten Bedeutung in Angriff nahm. Die selbständige Entwick- 
lung der organischen Chemie und die Reform der Mineral- 
chemie mit Hilfe der dort gewonnenen Fortschritte ist die 
Losung der neuen Aera, die mit Dumas beginnt. Er hat 
zuerst die Aufgabe gestellt, aber er hat ihre Lösung nicht 
vollendet. Tüchtige Genossen haben mit ihm und nach ihm 
die Hand ans Werk gelegt, und unter ihnen glänzen in 



^^ ) Cl ^^ / OH 

Sulfurylchlorid Schwefelsäure. 

Die Schwefelsäure erscheint dieser Auffassung gemäfs als eine Ver- 
bindung von Sulfuryl mit 2 Gruiipen OH oder Hydroxyl. Longchainp 
betrachtete sie als Schwefligsäure -Gas (Sulfuryl) in Verbindung mit 
oxydirtem Wasser O^H*. 

Gewifs sind diese beiden Betrachtungsweisen verschieden, aber 
man wird zugestehen, dafs sie einen Berührungspunkt haben. Es ge- 
nügt, um sich davon zu überzeugen, einen Blick auf die atoraistischen 
Formeln der Sulfate zu werfen, die mit denen Longchamp's beinahe 
identisch sind: 

Schwefelsäure SO'^.O'H' 

Kalisulfat SO*.0'K* 

Bleisulfat SO^O^Pb" 



Berzelius. 57 

erster Reihe Laurent und Gerhardt, die nur zu bald wieder 
vom Schauplatz abgetreten sind, deren Namen aber in der 
Geschichte ^der Wissenschaft unauslöschlich prangen. Aus den 
vereinten Bemühungen dieser drei Gelehrten ist die neue fran- 
zösische Schule hervorgegangen. Berzelius war ihr Gegner 
vom ersten Tage an, Dumas lange Zeit hindurch ihr Führer 
und Vertreter. Noch ist jener denkwürdige Streit unvergessen, 
in welchem er den grofsen Vertheidiger des Dualismus und der 
elektro-chemischen Theorie in seinen innersten Anschauungen 
anzugreifen wagte. Dumas war es, der dem ersten Angriff 
Stand hielt und die Last des scheinbar hoffnungslosen Kampfes 
siegreich aufnahm. Mit Recht wird man daher den seinen 
Btrzelius' grofsem Namen an die Seite stellen. 

Unter den vielen Arbeiten, die er veröffentlicht hat, können 
wir nur diejenigen hervorheben, die einen entscheidenden Ein- 
flufs auf die theoretische Entwicklung der Wissenschaft aus- 
geübt haben. Wir erwähnen von den frühesten seine L'n- 
tersuchungen über die Dampfdichten, die der Physik eine neue 
Methode und der Chemie ein reiches Material zur Erörterung 
der Hvpothese Avogadro's nnd Ampere's geliefert haben. 

Die wächtigsten Entdeckungen Dumas" rühren aus dem Jahre 
1834 her. Er studirte in dieser Zeit die Wirkung des Chlors 
auf verschiedene organische Substanzen. Der Gegenstand war 
beinahe neu; man kann darüber bis dahin nur eine Beobach- 
tung Gav-Lussac"s , welcher bei einer Untersuchung über die 
Ein^\-irkung des Chlors auf das Wachs beobachtet hatte, dafs 
dieses Wasserstoff" verliert und für jedes austretende Volum 
Wasserstoff" ein Volum Clilor aufnimmt. Dumas machte eine 
analoge Beobachtung in Bezug auf die Einwirkung des Chlors 
auf das Terpentinöl, auf das Oel der Holländischen Chemiker 
(1831) und später auf den Alkohol. In einer Abhandlung, 
die er am 13. Januar 1834 in der Akademie der Wissen- 
schaften las, sprach sich Dumas folgendermafsen aus : 

„Das Chlor hat die merkwürdige Fähigkeit, den Wasser- 
stoff" gewisser Körper an sich zu ziehen und ihn Atom für 
Atom zu ersetzen. ** 



58 Bkuzelils, 

Es ist kaum möglich, einem neuen Gedanken einen be- 
stimmteren Ausdruck zu geben. Aber in der Abhandlung, 
von der wir reden, sah sich der Verfasser veranlafst, eine 
Einschränkung hinzuzufügen; denn er hatte das seltene Glück 
und das Verdienst, die Gesetze der Substitution bei der Er- 
forschung eines Falls zu entdecken, in welchem ausnahmsweise 
diese Gesetze nicht in voller Klarheit zur Wirkung kommen. 
In der That ist das Chloral, das letzte Product der Einwir- 
kung des Chlors auf den Alkohol, kein Substitutionsproduct 
dieses Körpers. Dennoch ist Dumas durch Zusammenstellung 
seiner sänmitlichen Beobachtungen und unter Berücksichtigung 
der letzterwähnten zur Aufstellung folgender Regeln gelangt. 

1. Wenn ein Wasserstoff haltiger Körper der wasserstoff- 
entziehenden Wirkung des Chlors, Broms, Jods, Sauerstoffs 
u. s. w. ausgesetzt wird , so nimmt er für jedes austretende 
Wasserstoffatom ein Atom Chlor, Brom oder Jod oder ein 
Halbatom Sauerstoff auf. 

2. Wenn der wasserstoffhaltige Körper Sauerstoff ent- 
hält, so findet dieselbe Regel sich unverändert wieder. 

3. Wenn der wasserstoffhaltige Körper Wasser enthält, 
so verliert dieses seinen Wasserstoff", ohne dafs irgend welche 
Vertretung stattfände; wird ihm dann noch weiter Wasserstoff 
entzogen, so wird diese weitere Menge wie in den ersten bei- 
den Fällen vertreten. 

Diese Regeln sind rein empirisch — Dumas selbst macht 
darauf aufmerksam und legt Gewicht darauf. Zur Zeit, wo 
er sie aufstellte, wollte er nichts weiter als die Thatsache der 
Vertretung des Wasserstoffs durch das Chlor constatiren, ohne 
darauf einzugehen, welche Stelle das letztere Element in den 
neugebildeten Verbindungen einnimmt und welche Rolle es in 
ihnen spielt. Laurent hat zuerst die Hypothese aufzustellen 
gewagt, dafs das Chlor in ihnen die Stelle des Wasserstoffs 
einnimmt und dieselbe Rolle spielt wie dieser. Er gründete 
seine Meinung auf die Vergleich ung der Eigenschaften des 
chlorhaltigen mit denen des ursprünglichen wasserstoffhaltigen 
Körpers. Es lag darin eine wichtige Erweiterung der Auf- 



Berzelius. 59 

fassung Dumas', der sie anfangs als zuweitgehend ansah, später 
jedoch sich der Ansicht Laurents anschlofs. Heute, nach- 
dem mehr als dreifsig Jahre seit diesen ersten Discussionen 
verflossen sind, können wir als unbetheiligte und unpartheiische 
Beurtheiler sagen, dafs die erste Idee der Substitutionen ganz 
und gar Dumas gehört. Und wer könnte in einem solchen Falle 
die Macht der Grundidee, des schöpferischen Gedankens, des 
ersten flüchtigen Entwurfs verkennen? Ohne Zweifel sind in 
der herrlichen Ausführung, die wir jetzt besitzen, Einzelheiten 
des Entwurfs verloren gegangen. Aber darauf kommt es nicht 
an; seine Grundzüge sind unauslöschlich. Uebrigens hat 
Laurent selbst Dumas' Priorität anerkannt. Bei einer Er- 
örterung über die Zusammensetzung eines Naphtalinderivats 
äufserte er sich folgendermafsen : „Diese Zusammensetzung 
ist sehr beachtenswerth, weil sie das Gesetz der Substitutionen, 
das Dumas entdeckt hat, und die Theorie der abgeleiteten Ra- 
dicale, über die ich bereits einen flüchtigen Ueberblick gegeben 
habe, vollkommen bestätigt." 

Das waren die Anfänge dieser Lehre, die einen entschei- 
denden Einflufs auf die chemischen Theorien ausüben sollte. 
Sie fand nur langsam und mit Mühe Aufnahme in der Wis- 
senschaft; denn sie verstiefs wider allgemein angenommene 
Ansichten und der hervorragendste Vertreter derselben, Ber- 
zelius, nahm sie mit Geringschätzung auf. Wie konnte auch 
der Vertheidiger der elektro- chemischen Theorie der Ansicht 
Laurent's zustimmen, dafs das Chlor, ein elektro-negatives Ele- 
ment, in einer Verbindung dieselbe Rolle spielen kann wie der 
Wasserstoff, ein elektro-positives Element? Eine solche Be- 
hauptung, von einem jungen Chemiker ohne Autorität auf- 
gestellt, erschien ihm selbst einer ernsthaften Widerlegung nicht 
würdig. 

Später, als Dumas diese Ansicht angenommen und seine 
ersten Angriffe gegen die elektro-chemische Theorie gerichtet 
hatte, trat Berzelius, der die Gefahr ermafs, entschlossen in 
die Schranken und stritt gegen die Anhänger der Substitutions- 
theorie einen erbitterten Kampf. Dieser Theorie war kurz 



60 Berzelus. 

zuvor durch die Entdeckung der Trichloressigsäure eine schöne 
Bestätigung zutheil geworden. 

Bekanntlich unterscheidet sich diese Säure von der Essig- 
säure dadurch, dafs sie 3 Atome Chlor für 3 Atome Was- 
serstoff substituirt enthält. „Es ist gechlorter Essig," sagte 
Dumas, „aber merkvs'ürdig genug, mindestens für Diejenigen, 
die sich dagegen sträuben im Chlor einen Körper zu erkennen, 
der fähig ist, den Wasserstoff" im strengen Sinne des W^orts 
zu substituiren, ist der gechlorte Essig immer noch eine Säure 
wie der gewöhnliche Essig. Sein Verhalten als Säure ist 
unverändert. Er sättigt dieselbe Quantität Basis wie zuvor; 
er sättigt sie gleich gut und die Salze , die daraus entstehen, 
zeigen, mit den Salzen der Essigsäure verglichen, eine überaus 
interessante allgemeine Gleichartigkeit des Verhaltens. 

„Wir haben hier also eine neue organische Säure, die eine 
sehr beträchtliche Menge Chlor enthält und dasselbe dennoch 
durch keine der Chlor-Reactionen erkennen läfst, eine Säure, 
in der der Wasserstoff" verschwunden und durch Chlor ersetzt 
ist, während diese Substitution nur eine geringe Aenderung 
in ihren physikalischen Eigenschaften zur Folge gehabt hat. 
Alle wesentlichen Merkmale der Substanz sind unverändert 
geblieben. 

„Wenn ihre inneren Eigenschaften eine Modification erfah- 
ren haben, so wird dieselbe doch nur wahrnehmbar, wenn 
unter der Einwirkung einer neuen Kraft das Molekül zerstört 

und in andere Producte umgewandelt wird Indem ich einer 

solchen Gedankenfolge, wie sie die Thatsachen mir aufdrängen, 
nachgehe, habe ich die elektro-chemischen Theorien unberück- 
sichtigt gelassen, auf die Berzelius die Anschauungen der 
Lehre begründet hat, die durch ihn in der Wissenschaft 
zur Herrschaft gelangt ist. 

„Aber bei'uhen denn diese elektro-chemischen Ansichten, 
diese eigenthümliche Polarität, die er den Molekülen der ein- 
fachen Körper zuschreibt, auf so unzweifelhaften Thatsachen, 
dafs man sie als Glaubensartikel hinstellen darf? Oder wenn 
man sie als Hypothesen anzusehen hat, sind sie denn zum 



Berzelius. 61 

mindesten fähig, sich den Thatsachen anzupassen, sie zu er- 
klären, sie mit so vollkommener Sicherheit vorauszusagen, 
dafs man bei chemischen Untersuchungen ihnen wesentliche 
Förderung verdankte? Man mufs zugestehen — dem ist 
nicht so." 

Diese kühne Sprache liefs deutlich genug die Opposition 
erkennen, welche sich gegen die elektro-chemischen Theorien 
erhob und bald weitergehend sich gegen das System des Dua- 
lismus richten sollte. 

Berzelius ermüdete seinerseits nicht in energischer Verthei- 
digung. Er konnte die Thatsachen nicht leugnen und legte 
sie deshalb nach seiner Weise aus : Das Chlor, das in den orga- 
nischen Verbindungen an die Stelle des Wasserstoffs tritt, 
spielt in ihnen dieselbe Rolle wie der Sauerstoff. Seinem Wesen 
nach elektro - negativ, verbindet es sich mit positiven Kohlen- 
wasserstoif-Radicalen. Ein Körper, der nur Kohlenstoft", Wasser- 
stoff" und Chlor enthält, ist ein Chlorid. So ist das Chloroform das 
Formyltrichlorid. Enthält eine Verbindung als viertes Element 
Sauerstoff, so ist sie zugleich ein Oxyd und ein Chlorid. Beide 
sind binäre Verbindungen und bilden in ihrer Vereinigung eine 
complicirtere, aber wiederum binäre Verbindung. Die Essig- 
säure ist das Trioxyd des Acet^^ls in Verl)indung mit Wasser ; 
die Trichloressigsäure hat eine durchaus andere Constitution. 
Sie ist eine Verbindung von Kohlenstoffsesquichlorid und Koh- 
lenstofFsesquioxyd (Oxalsäure), die als Ganzes mit Wasser zu- 
sammentritt. — Berzelius entfernte also die beiden Körper von 
einander, zwischen denen Dumas so einfache Beziehungen 
der Zusammensetzung, so klare Verwandtschaftsverhältnisse 
Bachgewiesen hatte. 

Ebenso verfuhr er mit den andern organischen Körpern 
und ihren Chlorderivaten. Die letzteren erhielten oft überaus 
complicirte Formeln : von mehreren Molekülen eines Chlorids in 
Verbindung mit mehreren Molekülen eines Oxyds. In der Auf- 
stellung dieser Formeln zeigte sich Berzelius scharfsinnig und 
willkürlich zugleich; täglich erfand er neue Radicale und 
brachte sie bald mit dem Chlor, bald mit dem Sauerstoff" in 



62 Berzelius, 

Verbindung. So fruchtbar an Hypothesen, wie er früher an 
genauen Analysen und an Entdeckungen gewesen war, führte 
er sein System bis in die äufsersten Consecjuenzen durch und 
brachte es durch seine eigene Mafslosigkeit zu Falle.') 

Eine Vorstellung, von der damals zuerst die Rede war, die 
dann zu wiederholten Malen lebhafte Discussionen hervorge- 
rufen hat, spielt in diesen Auslassungen von Berzelius eine 
grofse Rolle, die Ansicht nämlich, dafs zwei Substanzen bei 
ihrer Verbindung sich inniger vereinen können als Säuren und 
Basen, welche Salze bilden. So hatte man beobachtet, dafs aus 
den Verbindungen der Schwefelsäure mit verschiedenen orga- 
nischen Körpern diese Säure durch Baryt nicht mehr gefällt 
wird; daraus schlofs man, dafs die Verbindung der Säure mit 



') Die nachfolgenden Formeln lassen den Unterschied der beiden 
Auffassungen klar hervortreten. 

Substitutions-Formel. Berzelius- Formel. 

Essigsäure C^H^O'.HO C'U^.O'-hUO 

Trichloressigsäure C^^^FO'.HO C^O^C^OP + HO 

Weitere Beispiele werden eine Vorstellung von der Verwicklung 
der dualistischen Formeln geben. Malaguti's Perchloräther wurde als 
eine Doppelverbindung von 1 Molekül wasserfreier Oxalsäure mit 5 Mo- 
lekül Oxalchlorid (Kohlenstoffsesquichlorid) betrachtet. Berzleius nannte 
diese Verbindung Oxal-aci-quintichlorid. Malaguti's Perchloroxaläther 
ward so zu einer Verbindung von 4 Atomen Oxalsäure und 5 Atomen 
Kohlenstoffsesquichlorid; Berzelius nannte ihn Oxal-quadraci-quinti- 
chlorid und meinte, man könne in ihm eine Verbindung von 3 Atomen 
Oxalacichlorid mit 1 Atom Oxalacibichlorid annehmen. Die folgenden 
Formeln entsprechen dieser eigenthümlichen Auffassungs weise. 

Substitutions -Formeln. Berzelius-Formeln. 

Aether C^H^O C^H=0 

Perchloräther 0*^1=0 C^ 0' -l-ÖC^-eF Oxal-aci- 

quintichlorid. 
Oxaläther C^O^C^H'O C-O'-fC^H'.O 

(4 C^O'+öC'OP Oxal- 

Perchloraxaläther C^O'.C'^PO ) = 3[-c2 q' -hC^ei^] q»adraci- 

4-[C^0^-f2C^e3] ^"^^^'^-^ 



Berzelius. 63 

dem organischen Körper so innig sei, dafs eine ihrer wichtig- 
sten Eigenschaften, die, mit dem Baryt eine unlöfsliche Ver- 
bindung einzugehen, vernichtet oder unwirksam gemacht wird. 

Gerhardt hatte diese Art Säuren als gepaarte (copuJes) be- 
zeichnet; der eng mit der Säure verbundene organische Körper 
war der Paarung, die „Copula." Dumas hat diesen Verbin- 
dungen später den passenderen Namen „conjugirte'* Verbin- 
dungen gegeben. Berzelius wies anfangs die Vorstellung zurück 
und verspottete den Ausdruck, später nahm er beide an. Er 
ordnete in die Klasse der „gepaarten" Verbindungen eine sehr 
grofse Zahl organischer Körper ein, deren Formeln in zwei eng 
mit einander verkettete Theile zerlegt wurden. Aus der innigen 
Vereinigung erklärte man den Widerstand, den solche Verbindun- 
gen der doppelten Zersetzung entgegensetzen. Die Schwefelsäure 
verliert in ihr die Fähigkeit, den Baryt zu fällen; das Chlor wird 
in ihr nicht mehr durch Silbernitrat angezeigt. Die Unmög- 
lichkeit, die gepaarten Verbindungen in ihre näheren Be- 
standtheile zu zerlegen, gab Berzelius' Phantasie ein freies Spiel; 
nach Belieben vermehrte er die Zahl der „Paarlinge'', ohne sich 
die überflüssige Mühe zu geben, ihr Bestehen durch experi- 
mentelle Beweise glaublicher zu machen. 

Während sein Genius sich in so undankbarer Arbeit 
erschöpfte, war man im gegnerischen Lager mit neuen Ent- 
deckungen beschäftigt. 

Junge Gelehrte standen Dumas erfolgreich zur Seite vor 
Allen Laurent, dessen bewundernswerthen Forschungen über 
das Naphtalin wir die Kenntnifs einer grofsen Zahl durch 
Substitution entstandener Körper verdanken. Ein gleicher Er- 
folg krönte die schönen Untersuchungen Regnault's über die 
Chlorderivate des Chlorwasserstoff-Aethers und des Oels der 
Holländischen Chemiker und bald nacher diejenigen Mala- 
guti's, in denen er mit unübertroff"ener Gründlichkeit die Wir- 
kung des Chlors auf die Aether erforschte. 

Alle diese Untersuchungen machten Epoche in der Ge- 
schichte der Wissenschaft; die neuen Thatsachen drängten sich 
in ihnen zu Schaaren, und eine nach der andern bestätigte die 



64 Berzelius. 

neue Theorie. Die letztere wurde zugleich berichtigt und er- 
weitert, und unter ihren wichtigsten Ausführungen haben wir 
einen Gedanken zu verzeichnen , den Dumas zuerst ausge- 
sprochen hat, nämlich seine Ansicht von der Möglichkeit einer 
Substitution ganzer Atonigruppeii, zusammengesetzter Radicale, 
an die Stelle einfacher Körper wie Wasserstoff. Die Nitro- 
verbindungen, d. h. die Körper, die durch die Einwirkung 
concentrirter Salpetersäure auf eine grofse Zahl organischer 
Verbindungen entstehen, wurden als Verbindungen betrachtet, 
in denen die Elemente der Untersalpetersäure für den Wasser- 
stoff substituirt sind. Hierin liegt der Ausgangspunkt für die 
späteren Ansichten über die Vertretung von Elementen durch 
zusammengesetzte Radicale, die einen wesentlichen Bestand- 
theil der Typentheorie ausmachen. Die Typentheorie ist die 
Tochter der Substitutionstheorie, die sich auf diese Weise 
doppelt fruchtbar bewiesen hat, indem sie nicht nur eine uner- 
mefsliche Anzahl von Thatsachen zu Tage förderte, sondern 
auch eine neue Theorie. Selten hat ein Gedanke eine so 
grofse Bewegung und einen so tiefgreifenden Kampf her- 
vorgerufen. Unter dem Einflüsse von Berzelius haben die 
nicht französischen Gelehrten sie zuerst mit Mifstrauen, wenn 
nicht gar als eine gefährliche Neuerung aufgenommen, zum 
mindesten als eine überflüssige Ausführung einer bekannten 
Lehre. Es ist nur ein besonderer Fall der Theorie der Aequi- 
valente, sagte man. Dumas hat diese Auffassung schlagend 
widerlegt.') Nach und nach verringerte sich angesichts der 



') Comptes rendus, t. VIII., p. 610. ..Berzelius ist geneigt, diese 
Thatsachen als einen besonderen Fall der Theorie der Aequivalente 
gelten zu lassen. Er theilt in dieser Hinsicht eine Meinung, die in 
Deutschland wiederholt geäufsert ist, die ich jedoch niemals widerlegen 
zu müssen glaubte, die Meinung, dals schon aus der Theorie der Aequi- 
valente folge, es müsse der Wasserstoff durch eine äquivalente Menge 
Chlor oder Sauerstoff' vertreten werden können. Ich kann nicht sagen 
wer zuerst diesen Einwurf gegen die Theorie der Substitutionen erhoben 
hat; aber ich habe nie geglaubt, dal's er auf die Ueberzeugung der 
Chemiker Eindruck machen könne. Ist nicht völlig klar, dafs wenn 



Bekzehus. 65 

offenkundigen Thatsachen und der Autorität der Anhänger, die 
ihr gewonnen wurden, der Widerstand gegen die neue Theorie. 
Im Jahre 1839 erklärte ein Forscher, der auf die Fortschritte 
■der Chen)ie sehr grofsen Einfiufs ausgeübt hat, nämlich Liebig, 
die von Dumas vorgeschlagene Deutung der Substitutionswir- 
kungen scheine ihm für zahlreiche Erscheinungen auf dem Gebiet 
der organischen Chemie den Schlüssel zugeben.') ril<^li theile 
nicht die Ansichten," sagte er, .,die Berzelius in Betreff der 
von Malaguti entdeckten Verbindungen äufsert: ich glaube viel- 
mehr, dals diese Substanzen durch einfache Substitution ent- 
standen sind."*) Der Sieg war entschieden. Berzelius selbst 
hat schliefslich Zugeständnisse gemacht. Nachdem es Melsens 
gelungen war, durch umgekehrte Substitution, d.h. durch Wieder- 
einführung von Wasserstoff an der Stelle des Chlors, die Tri- 
chloressigsäure in Essigsäure zu verwandeln; war es nicht 
mehr möglich, für beide Säuren eine verschiedene Constitution 
anzunehmen. „Sie sind demnach beide gepaarte Oxalsäuren," 
sagte Berzelius; nur enthält die Trichloressigsäure im Paarung 
3 Atome Chlor für 3 Atome Wasserstoff substituirt. ') So ist 



z. B. ein Körper 8 Volume Wasserstoff enthält, der Theorie der Aequi- 
valente Genüge schon geleistet ist, wenn das Chlor diese 8 Volume 
der Verbindung entzieht, ohne an ihre Stelle zu treten, und um nichts 
weniger, wenn nach ihrem Austreten 2, 4, 6 oder 8 Volume Chlor 
oder selbst 10, 12 oder 20 Volume ihre Stelle einnehmen? Mit einem 
Wort, sofern nur die Quantitäten Chlor und Wasserstoff, die der Körper 
verliert oder behält, irgendwie durch Aequivalente ausdrückbar sind, wird 
der Theorie der Aequivalente genug gethan. Anders steht es mit der 
Metalepsie". 

') Annalen der Chemie und Pharmacie, t. XXXI., p. 119. 

'') Annalen der Ch. u. Ph., t. XXXII., p. 72, 1839. 

^) Berzelius hatte früher bereits die Trichloressigsäure als eine 
gepaarte Verbindung von Oxalsäure und Kohlensesquichlorid betrachtet. 
Er wandte jetzt dieselbe Betrachtungsweise auf die Essigsäure an, in- 
dem er in dieser Säure als Paarling die Gruppe C*H' annahm. 
Trichloressigsäure C '*?1^ C" 0' -|- 
Essigsäure C'H^ . C'O^ -t- 

Wurtz, Gesch. d. ehem. Theorien. 5 



66 Berzelius. 

nach ihm die Substitution des Chlors für den Wasserstoff 
möglich und erfolgt Atom für Atom, wenn nicht in allen orga- 
nischen Molekülen, so doch zum mindesten in den Kohlen- 
wasserstoff-Gruppen , die darin in enger Verbindung enthalten 
sind. Kurz, auch Berzelius ergab sich und rettete nur den 
Schein durch eine Einscliränkung, die keine weitere Bedeutung 
hatte. Aber während er die Substitutionen, die er anfangs 9o 
entschieden bekämpft hatte, anerkannte, blieb er in seinen ander- 
weitigen Ueberzeugungen unerschüttert. Die Durchführung der 
Theorie der Radicale, zu der nun noch jene Annahme von 
einer besondern Yerbindungsweise derselben in den gepaarten 
Körpern hinzukam, gestattete ihm, in der Zeichensprache die 
dualistischen Formeln beizubehalten, die sein System charak- 
terisiren. Sollen wir heute, zwanzig Jahre nach seinem Tode, 
um seines Andenkens willen die Kämpfe beklagen, die seine 
letzten Jahre beunruhigt haben, und aus denen er nicht als 
Sieger hervorgegangen ist? Keineswegs. Dieser grofse Streit 
hat seine Früchte getragen, und Berzelius heftiger Wider- 
spruch hat heilsamer gewirkt, als Stillschweigen und Ruhe zu 
wirken vermocht hätten. So hat er als mächtiger Gegner selbst 
noch durch seine Irrthümer der Wissenschaft gedient, die er 
durch seine Entdeckungen so reichlich ausgestattet hatte. 



LAURENT UND GERHARDT. 



Unter den entschiedensten Gegnern der dualistischen Lehren 
wird die Geschichte der Wissenschaft in erster Reihe Laurent 
und Gerhardt nennen. 

Diese Namen sind untrennbar verbunden und die Ehre, 
die wir ihnen schulden, gilt den vereinten Gelehrten, die in 
Arbeit, Kämpfen und Freundschaft zusammenstanden. Laurent 
und Gerhardt waren von gleicher Art und von derselben Bedeu- 
tung. Als Männer von hohem Geist haben sie die schwierigsten 
Probleme in Angriff genommen und ihre Bestrebungen mehr 
den Fragen der Theorie als den Anwendungen zugewandt. 
Mit verschiedenen Fähigkeiten ausgerüstet haben sie dasselbe 
Ziel verfolgt und dabei in der Vertheidigung derselben Ansichten 
wechselseitig einer in dem andern seine Stütze gefunden. Der 
Eine war in der schwierigen Kunst der Versuche zur Meisterschaft 
gelangt und gleicb gewandt in der Entdeckung neuer That- 
sachen, wie scharfsinnig und kühn in ihrer Erklärung; der 
Andere, minder zum Eingehen in Einzelheiten befähigt, besafs 
dafür ein aufserordentliches Talent, die Thatsachen in ihrer Ge- 
sammtheit zu erfassen. Lag Laurents Bedeutung in der Ana- 
lyse und der Klassification , so ragte Gerhardt durch seine 
generalisirende Richtung hervor. In dem Bericht, den wir über 
ihre Forschungen geben wollen, soll der Versucli gemacht wer- 
den, das Eigenthümliche von Beiden hervorzuheben , obwohl 
Alles in Allem genommen, ihr Werk als ein gemeinsames an- 
gesehen werden kann. 

5* 



68 Laurent i;nu Gerhardt. 



I. 



August Laurent ward am 14. November 1807 in La 
Folie, in der Nähe von Langres, geboren. In seinem 19ten 
Jahre trat er, ohne in der Anstalt sell)st zu wohnen, (als el^ve 
externe) in die Ecole des mines (Hergschule) ein, die er drei 
Jahre später mit dem Ingenieursdiplom verliefs. Im Jahre 
18.31 wurde er zum Repetenten für die chemischen Vorlesungen 
an der Ecole centrale des Arts et manufactures ernannt. Der Pro- 
fessor der Chemie war Dumas und er fülirte den jungen Laurent 
in die organische Analyse ein. Laurent beschäftigte sich zuerst 
damit, die Zusammensetzung des Naphtalins zu bestimmen, das 
er aus dem Steinkohlentheer darstellen lehrte. So führte ihn 
eine glückliche Fügung der Umstände sofort auf diese Verbin- 
dung, die durch Beständigkeit und Wandlungsfähigkeit in glei- 
chem Mafse ausgezeichnet, später den Hauptgegenstand seiner 
Forschungen ausmachen sollte. 

Vom geschichtlichen Standpunkt aus betrachtet, erscheinen 
die gechlorten Verbindungen des Naphtalins von besonderer 
Wichtigkeit und demgeniäfs verdienen auch die Ansichten, die 
Laurent in seinen ersten Arbeiten über ihre Constitution geäufsert, 
ausdrückliche Erwähnung. Er hatte beobachtet, dafs das feste 
Naphtalinchlorür weniger Wasserstoff" enthält als das Naph- 
talin, weil das Chlor demselben einen Theil dieses Elements 
in der Form von ChlorAvasserstoff" entzogen hat. Er betrachtete 
daher die betreffende Chlorverbindung als das Chlorür eines 
neuen Kohlenwasserstoffs, mit geringerem Wasserstoftgehalt als 
das Naphtalin. Der Gedanke, dafs ein Theil des Chlors für 
den ausgeschiedenen Wasserstoff substituirt sein und in der Ver- 
bindung dieselbe Rolle spielen könne, wie dieser, kam ihm 
nicht in den Sinn oder findet sich zum mindesten in dieser ersten 
Abhandlung nicht ausgesprochen. Die Auffassung, die darin 
ausgeführt wird, entspricht der Radicaltheorie. Das Naphtalin 
verwandelt sich, wenn es unter der Einwirkung des Chlors 
Wasserstoff verliert, in ein Radical, das mit dem Chlor 



Laurent tnd (tErhardt. 69 

zusammentritt und ein Chlorid bildet. In diesem spielt das 
Chlor dieselbe Rolle wie in einem mineralischen Chlorid. 

Das scheint Laurents erste Auffassung gewesen zu sein.') 
Aber seine Ansichten änderten sich bald. Zwei Jahre später 
nahm er die Substitutionstheorie an und kam nun zu einer 
anderen Erklärung. „Vergleicht man." sagte er, „die Producte 
der Einwirkung des Brom, Chlor, Sauerstoff und der Sal- 
petersäure auf verschiedene Kohlenwasserstoffe, so gelangt man 
zu folgenden Schlüssen, deren erster Herrn Dumas angehört. 

„1. So oft das Chlor, das Brom, der Sauerstoff oder die 
Salpetersäure Wasserstoff entziehend auf einen Kohlenwasser- 
stoff einwirken, wird der Wasserstoff durch ein Aequivalent 
Chlor, Brom oder Sauerstoff vertreten. 

„2. Gleichzeitig entsteht Chlorwasserstoffsäure, Brom was- 
serstoffsäure, Wasser oder salpetrige Säure, die bald frei wer- 
den, bald mit dem neugebildeten Radical verbunden bleiben." 

In diesen beiden Sätzen liegt der Keim einer Theorie, die 
Laurent zuerst im Jahre lSo6 aufgestellt und in der Inau- 
gural-Dissertation, die er im Jahre 1837 vor der Facultät der 
NaturwassShschaften zu Paris vertheidigte , weiter ausgeführt 
hat: nämlich die Kerntheorie, die hier eine kurze Erwähnung 
verdient, obwohl sie in der Entwicklung der modernen Theorien 
nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat und deren Haupt- 
züge die folgenden sind. 



') In seiner Abhandlung über die Chlorverbindunj,'on des Naph- 
talins (Annales de chimie et de ph_vsi(iue, 2° ser., t. LIL, p. 275, 1833) 
beschreibt Laurent zwei Verinndungen des Naphtalin, ein festes Chlorür 
Ch^ -+- C'*H* und ein ölartiges Chlorür, für das er eine complicirtere 
Zusammensetzung angiebt. In Bezug auf das feste Chlorür äufsert er 
sich (p. 281): , Durch die Formel Ch'- -+- CH', kann man die 
'l'hcorie der Entstehung dieser Verbindung ausdrücken, wenn man an- 
nimmt, dafs 3 Volume Chlor auf 1 Volum Naphtalin C'"!!^ wirken und 
dasselbe in ein eigcnthümliches Chlorid Ch- H- C ' " H^ umwandeln und 
2 Volume Chlorwasserstoftsäure ausscheiden. Der Körper Ch*^ -h C" H' 
ist demnach das feste Chlorid eines eigenthümlichen Kohlenwasser- 
stoffs. " 



70 LaI KKNT UNI) GeUHAUUT. 

Die Moleküle der organischen Körper sind entweder Kerne 
oder Verbindungen dieser Kerne mit andern Substanzen, die 
aufserhalb des Kerns stehen. 

Die Kerne selbst bestehen aus Gruppen von Kohlenstoff- 
Atomen, die mit andern Elementen verbunden sind. Jeder Kern 
enthält eine bestinnnte Anzald von Kohlenstoftatomen in Ver- 
bindung mit einer bestimmten Anzahl anderer Atome, die in un- 
veränderlicher Ordnung die ersteren umgeben. Im Allgemeinen 
steht die Zahl der Kohlenstoffatome in jedem Kern in einer 
sehr einfachen Beziehung zur Anzahl der andern Atome. 

Die Kerne oder Radicale sind zweifacher Art: es sind 
Stammkerne oder abgeleitete Kerne. Die ersteren enthalten 
nur Kohlenstoff und Wasserstoff" und wenn sie durch Substi- 
tution verändert werden, bilden sie abgeleitete Kerne oder 
Radicale. Die einfachen Körper, die am häufigsten den Wasser- 
stoff der Radicale vertreten, sind das Chlor, das Brom, das 
Jod, der Sauerstoff' und der Stickstoff". Aber ebenso können 
auch zusammengesetzte Körper, die die Rolle von Radicalen 
spielen, den Wasserstoff ersetzen und in den Kern eintreten. 
So können die Untersalpetersäure, d. i. wasserfreie Sälpetersäure 
weniger einem Atom Sauerstoff", das Amid, d. h. Ammoniak, 
weniger einem Atom Wasserstoff", das Imid, d. h. Ammoniak, 
weniger 2 Atomen Wasserstoff, das Arsid, d. h. Arsenwasser- 
stoff, weniger einem Atom Wasserstoff", das Cyan, alle Atom 
für Atom den Wasserstoff der Kerne vertreten. Es folgt daraus, 
dafs jedem Grundkern oder Radical eine gewisse Anzahl von 
abgeleiteten Kernen oder Radicalen entspricht. In allen bleibt 
die Zahl und Anordnung der Atome dieselbe, sofern man die 
zusammengesetzten Gruppen, die sich wie einfache Körper vei-- 
halten, für ein Atom rechnet. 

Andere Elemente, wie der Wassertoff, das Chlor, das 
Brom, das Jod, der Sauerstoff, der Schwefel köimen sich um 
jeden Kern lagern und so verschiedene Verbindungen bilden, 
die derselben Familie angehören. So umfafst die Familie des 
Aethylens oder ölbildenden Gases aufser diesem Körper, dem 
Stammradical, das Aethylenchlorür und -bromür, die durch 



Laurent und Gerhardt. 7X 

Hinzutreten von 2 Aequivalenten Chlor oder Brom zum Radical 
entstehen, ferner ein Oxyd, nämlich den Aldehyd, der durch 
Addition von 2 Aequivalenten Sauertotf entsteht, eine ein- 
basische Säure, nämlich die Essigsäure, die durch Aufnahme 
von 4 Aequivalenten Sauerstoff entsteht. Die Körper, die durch 
Hinzutreten des Sauerstoti's zu den Kernen entstehen, zeigen 
ein verschiedenes Verhalten, und dies Verhalten steht zur Zahl 
der Sauerstoft'-Aeqiiivalente, die in die Verbindung eintreten, 
in bestimmter Bezieliung. Der Aldehyd, der nur 2 Aequiva- 
lente enthält, ist neutral, die Essigsäure mit 4 Aequivalenten 
ist eine einbasische Säure. Eine dreibasische Säure entsteht 
wenn zumKern 6 Atome Sauerstoff liinzutreten. Im Vorüber- 
gehen sei auf die Bedeutung dieser Anschauungsiweise hinge- 
wiesen, die zum ersten Mal den Einflufs des Sauerstoffs auf 
die Basicität der Säuren hervorhebt. Der Gedanke war richtig, 
aber die Form, in die er gekleidet war, kann heute nicht mehr 
als angemessen betrachtet werden. 

Laurent macht darauf aufmerksam, dafs dies Hinzutreten 
von Chlor, Brom, Sauerstofi" immer in einer paaren Zahl von 
Aequivalenten stattfindet. Niemals sieht man ein einzelnes 
Aequivalent dieser einfachen Körper sich mit einem Kern ver- 
einigen ; immer sind es 2, 4 oder 6 Aequivalente. Aber, wie 
er glaubte, kann die relative Menge des Sauerstoffs oder Chlors 
nicht über eine ge'n'isse Grenze hinaus zunehmen, weder im 
Kern, noch aufserhalb desselben, ohne dafs dadurch eine ge- 
wisse Unbeständigkeit des Moleküls hervorgerufen würde, und 
ein entschiedenes Bestreben, in zwei oder mehrere Verbin- 
dungen zu zerfallen, die dann niedrigeren Reihen angehören. Auf 
diese Weise zerfällt das Chloral unter der Einwirkung der 
Alkalien in ameisensaures Salz und Chloroform. 

Man erkennt hier an einem weiteren Beispiel, dafs es 
Laurent nicht nur darauf ankam, die Körper nach ihrer Cc«i- 
stitution, d. h. nach der Natur, Zahl und Anordnung ihrer 
Atome zu klassificiren ; dafs er viebiiehr in dieser Constitution 
Anhaltspunkte zur Erklärung ihrer Eigenschaften suchte. In 
der These, die er am 20. December 1837 in der Sorbonne 



72 Laurent und Gerhardt. 

vertheidigte , versuchte er, seine Ansicht von den Kernen und 
den Atomen, die wie Anhängsel rings um sie geordnet liegen, 
durch einen sinnreichen Vergleich zu veranschaulichen. 

„Man denke sich," sagte er, „ein gerades IGseitiges Prisma, 
an dessen beiden Grundflächen sich also 16 Ecken und 16 Kanten 
finden w^ürden. Bringen wir in jede Ecke ein Molekül (ein Atom) 
Kohlenstoff und an die Mitte jeder Seite der Grundflächen ein 
Molekül (ein Atom) Wasserstoff": so wird dies Prisma das 
Stammradical C^^H^^ darstellen. Bringen wir über beiden 
Grundflächen Wassermoleküle an, so erhalten wir ein Prisma, 
das beiderseits in eine Art Pyramide ausläuft und die Formel 
des neuen Körpers ist dann C^ ^ H' ^ -f-2H^ ü. 

„Durch gewisse Reactionen kann man, wie in der Kry- 
stallographie , diesen Krystall spalten , d. h. ihm die Pyra- 
miden oder sein Wasser nehmen, um ihn auf die primitive 
oder Stammform znrückzuführen. 

„Lassen wir mit dem Stammradical Sauerstoff" oder Chlor 
in Berührung treten, so wird das eine wie das andere dieser 
Elemente, vermöge seiner starken Verwandtschaft zum Was- 
serstoff, dem Radical ein Molekül Wasserstoff entziehen; das 
Prisma, dem eine Kante genommen wird, müfste zusammen- 
fallen, wenn man nicht an ihre Stelle eine äquivalente Kante, 
entweder Sauerstoff", oder Chlor, Stickstoff" u. s. w. einführte. 
Man. erhält somit ein IGseitiges Prisma (ein abgeleitetes Ra- 
dical), in dem die Zahl der körperlichen W^inkel (Kohlenstoff- 
atome) sich zu der der Seiten der Grundflächen (Chlor- und 
Wasserstoffatome) yne 32:32 verhält. 

„Der Sauerstoff oder das Chlor, die den Wasserstoff" ent- 
ziehen, bilden Wasser oder Chlorwasserstoffsäure ; diese können 
abgeschieden werden, oder als Pyramiden an dem abgeleiteten 
Prisma haften bleiben. Durch Spaltung kann man dann diese 
Pyramiden wieder abtrennen, d. h. man ka^m beispielsweise 
durch Kali die Chlorwassertoff'pyramide entziehen, aber dies 
Alkali wird nicht im Stande sein, das Chlor im Prisma selbst 
anzugreifen, oder wenn es dazu im Stande ist, so mufs es 



Laurent und Gerhardt. 73 

nothwendig eine andere Kante oder ein anderes Aequivalent 
statt des Chlors einführen. 

^Somit kann man sich ein abgeleitetes Prisma (Radical) 
denken, das auf 32 Kohlenstoffecken 8 Wasserstoff-, 8 Sauer- 
stoff-, 4 Chlor-, 4 Brom-, 4 Jod- und 4 Cyankanten enthält. 
Seine Form und seine Formel würden immer noch denen des 
Stammradicals ähnlich sein." 

Hier bleibt allerdings nicht viel von der dualistischen Auf- 
fassung übrig. Nach Laurent bildet die Verbindung, die aus 
einem Kern und seinen Anhängseln besteht, ein Ganzes, wie 
ein Krystall. Man sieht auch, dafs die Substitutionstheorie 
die Grundlage des von Laurent entworfenen Systems ist, wie 
sie später der Typentheorie zu Grunde gelegt wurde. Es wird 
nicht überflüssig sein, darauf aufmerksam zu machen, dafs 
zwischen der Theorie der Typen in ihrem Grundgedanken 
und der Theorie der Kerne eine gewisse Analogie besteht. 
Wie Laurent, so betrachtet auch Dumas die chemischen Verbin- 
dungen als einlieitlichen Bau. Dai^n aber verglich er sie in 
einem vielleicht tiefer gedachten Bild, als Laurents Krystall 
es gewährt, mit Planetensystemen, deren Planeten den durch 
Affinität zusammengehaltenen Atomen entsprechen. 

Die Kerntheorie ist der weitgreifendste Gedanke Laurents» 
Sie bot ein Mittel dar, eine grofse Zahl organischer Verbin- 
dungen in Gruppen zu ordnen und Laurent hat dies vortreff- 
liche Mittel zur Klassification in seiner Lehre nicht übersehen 
und nicht unbenutzt gelassen. Er ordnete die Körper nach 
Reihen, einem wichtigen Begriff, der hier zum ersten Mal auf- 
tritt. Eine Reihe umfafste alle Körper, in denen ein be- 
stimmtes Stammradical oder eins seiner Derivate enthalten 
ist. Aber unter der Gesammtheit dieser Körper gilt es Son- 
derungen zu treffen. Obwohl sie ein gemeinsames Band in 
ihrer Zusammensetzung haben, können sie doch durch die 
Natur des Radicals verschieden sein, je nachdem dasselbe ein 
Stammradical oder abgeleitetes Radical ist, sowie auch durch 
die Zahl und die Natur der Atome, die zum Radical hinzuge- 
kommen sind. Sie sind also durch den Typus, dem sie angehören 



74 Lauuknt und Gerhardt. 

und natürlich auch durch Verhalten und Wirkungsweise verschie- 
den. Es läfst sich daher für jede Reihe eine gewisse Zahl 
von Typen aufstellen, die bei allen übrigen wiederkehren. In 
der Erfindung dieser Typen hat Laurent sich sciiarfsinnig 
und fruchtbar, vielleicht zu fruchtbar bewiesen. Einige dieser 
Typen, die gewisse Verhaltungsweisen bezeichnen, sind geblie- 
ben, andere sind der Vergessenheit anheim gefallen. Noch heute 
reden wir von Anhydriden, Aniiden, Iniiden, Aniidsäuren, Alde- 
hyden; aber wer denkt noch an Analcide, Halyde, Camphide, 
Protogenide u. s. w.? Diese Worte sind aus der wissenschaft- 
lichen Sprache verschwunden, denn was sie bezeichneten, war 
nicht der Erhaltung werth. 

Laurents Klassitication, deren Grundlagen wir überblickt 
haben, war also nur ein genialer Versuch, wie seine Kern- 
theorie nur als eine vorzeitige Bemühung zu betrachten ist. 
Allerdings hat Leopold Gmelin, ein Mann, der durch Gelehr- 
samkeit wie durch Unabhängigkeit des Urtheils ausgezeichnet 
war, die Kerntheorie seinem berühmten Lehrbuch der Chemie 
zu Grunde gelegt, aber ohne dafs es ihm gelungen wäre, sie 
zu verbreiten. 

Eine andere Theorie, die etwas später aufgekommen ist, 
war glücklicher. Sie war anfangs wie die Kerntheorie von 
beschränkter Anwendung und als Laurent die erstere weiter 
ausführte, hat er der anderen manche Einzelheiten entlehnt. 
Beide beruhten überdies auf demselben Grunde, auf der Sub- 
stitutionstheorie, aber die eine trug den Keim zu wichtiger 
Fortbildung in sich : nämlich die Typentheorie, die unten ein- 
gehender zu erörtern sein wird. 

Wir haben versucht, den wesentlichen Antheil Laurents 
an der Substitutionstheorie nachzuweisen, seinen Kampf gegen 
den Dualismus zu schildern, worin er Dumas wirksam unter- 
stüzt hat und dann die wichtigen Anschauungen hervorgehoben, 
die ihm ausschliefslich angehören. 

Aber damit sind die Dienste, die Laurent der Wissen- 
schaft geleistet hat, nicht erschöpft. An seinen Arbeiten bildete 
sich ein Schüler, der für sich allein eine ganze Schule werth 



Laurent und Gerhardt. 75 

war. Der junge Gerhardt schlofs sich Laurents Ideen an und 
trat zu ihm in ein nahes Freundschaftsverhältnifs. Später 
tauschten sie gewissermafsen ihre Rollen um. Es war dann 
Laurent, der sich zu Gerhardts Ansichten bekannte; und es 
wäre darum ungerecht, den Einen der Beiden dem Andern 
unterzuordnen. 

IL 

Charles - Frederic Gerhardt ward zu Strasburg am 21. 
August 1816 geboren. 

Er gab frühzeitig Beweise von ungewöhnlichem Geist und 
unabhängigem Charakter. Nach einer etwas bewegten Jugend, 
widmete er sich dem Studium der Chemie unter Liebigs Lei- 
tung zu Giefsen, wo dieser Meister, der damals in dem ersten 
Glänze seines Ruhmes stand, junge Gelehrte aus allen Ländern 
der Welt um sich versannnelte und eine mit Recht berühmte 
Schule gründete. 

Schon mit den ersten Schritten in seiner Laufbahn be- 
kundete Gerhardt seine hervorragende Begabung. Er wufste 
leichter eine Frage von ihrer allgemeinen Seite zu erfassen, 
als auf dem Wege des Versuchs ihre Einzelheiten zu verfolgen. 
Als er dann in der Kunst, Thatsachen zu ordnen und auszu- 
legen, zur Meisterschaft gelangt war, verstand er es, ihnen die 
allgemeinsten und werthv(jllsten Folgerungen für die Theorie 
zu entlocken. Ihm w^ar eine systematische Auffassung, die 
Gabe, das Allgemeine in den Erscheinungen zu durchschauen, 
im höchsten Grade eigen und er war stets seines Gegenstandes 
Meister. 

Am 5. September 1842 las er vor der Akademie eine Ab- 
handlung: „über die chemische Klassification der organischen 
Substanzen", worin er in Betreff der Aequivalente des Kohlen- 
stoffs, des Wasserstoffs und Sauerstoffs neue und wichtige An- 
sichten vortrug. Diese Ansichten führte er später in einer um- 
fassenderen Arbeit weiter aus. Sie beruhen auf folgender 
Thatsache: Wird bei einer organischen Reaction Wasser oder 
Kohlensäure gebildet, so entspricht die relative Menge dieser 



76 Laurent und Gkrhakdt. 

Körper niemals dem, was man damals ein Aequivalent nannte, 
sondern immer zwei Aeqiiivalenten oder einem Vielfachen dieser 
Quantität. Diese Thatsache überraschte (»erhardt; sie schien 
ihm einen Fehler zu verrathen, der entweder bei der Bestim- 
mung der Molekulargröfse der organischen Substanzen be- 
gangen war, oder bei der Bestimmung der Aerjuivalente der 
Kohlensäure und des Wassers oder vielmehr des Kohlenstoffs und 
des Sauerstoffs. Undenkbar schien in der That, dafs bei keiner 
Reaction der organischen Chemie ein einzelnes Molekül Wasser- 
oder Kohlensäure entstehen könne. ,.Nur zweierlei ist mög- 
lich, sagte Gerhardt') „entweder H'O^ und C'O'' entsprechen 
einem Aequivalent oder sie entsprechen zweien." Nähme man 
das Erstere an, so müfste man die Formeln der Mineralchemie 
verdoppeln, „um sie mit den organischen Formeln in Ueber- 
einstimmung zu bringen" und so zu verfahren, schlug er an- 
fangs vor. Nach der andern Annahme müfste man im Ge- 
gentheil alle organischen Formeln halb so grofs annehmen. Bei 
dieser letzteren Alternative ist Gerhardt schliefslich stehen ge- 
blieben. 

Die organisclien Formeln, die er auf diese Weise verklei- 
nerte, sind die Atomformeln von Berzelius. Nach dessen Vor- 
gang betrachtete er das Wasser als bestehend aus 2 Atomen 
Wasserstoff und 1 Atom Sauerstoff. Er kam also für den 
Wasserstoff und Sauerstott' auf die Atomgewichte von Berze- 
lius zurück, ebenso wie für den Kohlenstoff und Stickstoff", also 
für die gewöhnlichen Bestandtheile der organischen Verbin- 
dungen. Mit den englischen Chemikern bezog er diese Atom- 
gewichte auf das des V/asserstoffs als Einheit. 

Er zeigte dann, wie Berzelius dazu gekommen ist, den 
meisten organischen Körpern doppelt so grofse Formeln zu 
geben, als in der Wirklichkeit der Zusammensetzung ihrer 
Moleküle entspricht. Er erinnerte daran, dafs Berzelius davon 
ausging, für die Säuren das „Aecjuivalent," d. h. das Molekular- 

') Precis de Chimie oiganique, t. I., p. 41). Deutsch von Ad. 
Wurtz, Bd. I, p. 54. 



Laurent und Gerhardt. 77 

gewicht zu bestimmen. Zum Zweck dieser Bestimmung nahm 
der grol'se schwedische Chemiker die Analyse von Salzen, 
z. B. dem Blei- oder Silbersalz vor. Als Aequivalent einer 
organischen Säure galt ihm die Quantität der Säure, die sich 
mit einer Quantität Silberoxyd verbindet, in der 1 Aequiva- 
lent Silber enthalten ist. Nun hat Berzelius das Aequivalent 
des Silbers um das Doppelte zu grofs genommen und dem- 
gemäfs mufste das Aequivalent, d. h. das Molekulargewicht der 
organischen Säuren ebenfalls um das Doppelte zu hoch genom- 
men sein. Dies gilt insbesondere für die einbasischen Säuren 
wie die Essigsäure und man sieht ohne Weiteres, dafs die 
Formeln der verschiedensten organischen Verbindungen durch 
denselben Fehlgrifi" berührt werden mufsten. So mufste, wenn 
die Formel der _F'ssigsäure doppelt zu grofs war, auch die des 
Alkohols und der meisten zu ihr in Beziehung stehenden Ver- 
bindungen denselben Fehler zeigen. 

Worauf begründete Gerhardt aber seine Annahme, dafs 
das Atomgewicht des Silbers, wie Berzelius es angenommen, 
um das Doppelte zu hoch war? 

Er liefs sich durch die oft hervorgehobene Analogie 
zwischen den Protoxyden und dem Wasser leiten. Wenn das 
Wasser, sagte er, 2 Atome Wasserstori" und 1 Atom Sauer- 
stoff enthält, so mufs das Silberoxyd eine ähnliche Constitution 
haben. Es mufs auf 1 Atom Sauerstoff 2 Atome Silber 
enthalten und dieses Atom mufs ein halb so grofes Gewicht 
haben, als es Berzelius für das Aequivalent des Silbers im 
Silberoxyd annahm, das nach ihm aus 1 Aequivalent Silber 
und 1 Aequivalent Sauerstoff bestand. Diese Auffassung ist 
dann von Gerhardt nicht nur auf die alkalischen Oxyde, son- 
dern schlechthin auf alle Oxyde ausgedehnt worden. Die 
Atomgewichte der betreffenden Metalle wurden also um die 
Hälfte verkleinert. 

Die Zeichensprache, welcher dies neue System von Atom- 
gewichten zu Grunde gelegt wurde, gab streng vergleichbare 
Formeln. Gerhardt hat mit Recht darauf hingewiesen, dafs 
die doppelt so grofsen Formeln der organischen Verbindungen, 



78 Laiuent und Gerhardt. 

wie sie Berzelius construirt hatte, mit den Formeln der meisten 
mineralischen Verbindungen durchaus nicht im Einklang sind. 
Die Formeln der Essigsäure und des Alkohols, die 4 Dampf- 
volumen entsprechen , waren nicht mit der des Wassers ver- 
gleichbar, die nur 2 Volumen entspricht. Nimmt man aber 
die ersteren halb so grofs an, so entsprechen sie 2 Volumen 
Dampf wie die Formel des Wassers. Der Sinn dieser Aus- 
drucksweise ist klar. Sagt man, ein Molekül Wasser nimmt 
2 Volume ein, so bezeichnet man damit eigentlich nur das 
Verhältnifs zwischen dem Volum dieses WassermolecGls und 
dem eines Wasserstoffatoms, von dem man annimmt, es erfülle 
ein Volum oder die Volumeinheit. 

Laurent und Gerhardt haben auf diesen Punkt besonderes 
Gewicht gelegt. Die Moleküle der zusammengesetzten Körper 
bestehen aus den Atomen der einfachen Körper, die die Ver- 
wandtschaft in Verbindung hält; sie sind an Gröfse und Ge- 
wicht verschieden je nach der Zahl und Art der nebeneinan- 
derliegenden Atome. Für jeden zusammengesetzten Körper ist 
ein Molekül die kleinste Menge desselben, die im freien Zu- 
stande bestehen und die bei einer Reaction in die Verbindung 
eintreten oder daraus ausgeschieden werden kann. Alle Mole- 
küle desselben zusammengesetzten Körpers sind gleich. Die 
Moleküle der andern Körper unterscheiden sich von ihnen 
durch die Zahl und Art ihrer Elementaratome , oder um einen 
allgemeineren Ausdruck zu gebrauchen, durch ihre Gröfse. 
Da die Gröfse der Moleküle sich nur relativ bestimmen läfst, 
so ist es nothwendig eine Molekulareinheit zu wählen, auf die 
man alle Moleküle der zusammengesetzten Körper bezieht, so- 
wie man eine Atomeinheit gewählt hat, das Gewicht des 
Wasserstoffatoms, um damit alle übrigen zu verglichen. Alle 
Körper und alle Reactionen müssen nach Gerhardt ein gemein- 
sames Mafs haben. Nur unter dieser Bedingung lassen sich 
die relativen Gröfsen ihrer Moleküle in zuverlässiger Weise 
bestimmen. 

Dies gemeinsame Mafs für die Bestimmung der Molekular- 
gröfsen ist das Molekül Wasser. Mit diesem ist es passend 



Lat'rent und Gerhardt. 79 

die Moleküle aller übrigen Körper zu vergleichen, die eben- 
falls als Gase oder Dämpfe 2 Volume einnehmen müssen. 

Es ist dies einer der wichtigsten Punkte der Gerhardt'- 
schen Lehre, welche sich auf eine völlig consequente Durch- 
führung der Volnnitheorie stützt, indem sie die Molekulargröfse 
aus dem Volumen , die Molekulargewichte durch Vergleich des 
Gewichts gleicher Volume im Gas- oder Dampfzustand, d. h. 
aus den Dichten der Gase oder Dämpfe herleitet. 

Diese Auffassungsweise hatte nicht blos für die organi- 
schen Verbindungen Geltung. Gerhardt hat sie auf die ver- 
schiedensten unorganischen Verbindungen angewandt. So ent- 
hält das Molekül des Ammoniaks nicht, wie Berzelius ange- 
nommen hatte, 2 Atome Stickstoff und 6 Atome Wasserstoff, 
so dafs es vier Volume einnimmt. Es besteht vielmehr aus 

1 Atom Stickstoff und 3 Atomen Wasserstoff und nimmt nur 

2 Volume ein. Ebenso nimmt das Molekül der Chlorwasser- 
stoffsäure, das nur nur aus einem Atom Wasserstoff' und 
einem Atom Chlor besteht, nur 2 Volume ein. Das ist die 
Quantität, die sich mit einem Molekül Wasser vergleichen 
läfst, nicht die doppelte Quantität, wie Berzelius angenommen 
hatte. Die Chlorüre der Metalle stehen den Protoxyden der 
Metalle in derselben Weise gegenüber, wie die Chlorwasser- 
stoffsäure dem Wasser. Sie enthalten nur ein Atom Chlor 
auf ein Atom Metall. Aus diesen Betrachtungen ist ein System 
von Formeln hergeleitet, das sowohl von der Berzeliusschen 
Schreibweise abweicht, als von der Bezeichnung nach Aequi- 
valenten, die später üblich geworden war. Aber diese neue 
Art der Formulirung war für eine grofse Zahl von Verbin- 
dungen mit der dualistischen Auffassung unvereinbar. Es wird 
angemessen sein, dies wichtige P>gebnifs näher zu beleuchten. 

Im Silbersulfat nimmt Gerhardt 2 Atome Silber an. Die 
wasserhaltige Schwefelsäure enthält als zweibasisch 2 Atome 
Wasserstoff, die durch 2 Atome Metall vertreten werden können, 
oder nach der dualistischen Theorie ein Molekül wasserfreie 
Schwefelsäure in Verbindung mit einem Molekül Wasser. In 
den Sulfaten ist dies Molekül Wasser durch ein Molekül 



80 Laurent ind Gerhardt. 

Basis vertreten. Das Silbersulfat enthält also die Elemente 
der wasserfreien Schwefelsäure, saiumt denen des Silberoxyds. 
Gerhardt nimmt in diesem Oxyd 2 Atome Silber an; diese 
finden sich im Sulfat wieder und die Formel des letzteren 
stimmt in Bezug auf die (iröfse des Moleküls mit der dualisti- 
schen Formel überein, insofern sie wie diese, obwohl ohne be- 
stimmte Anordnung, alle Bestandtheile enthält, die zur Bil- 
dung eines Moleküls wasserfreier Säure und eines Moleküls 
Oxyd erforderlich sind. 

Aber anders verhält es sich mit dem Silberacetat. Die 
Formel, die Berzelius diesem Salz gegeben hatte, entsprach 
einer Verbindung von 1 Aequivalent Säure und 1 Aequivalent 
Oxyd. Die um die Hälfte verkleinerte Formel Gerhardts mit 
nur 1 Atom Metall, gestattete nicht mehr das Silberacetat als 
eine Verbindung des Silberoxyds zu betrachten ; denn 1 „Aequi- 
valent"') dieses Oxyds enthält nach Gerhardt 2 Atome Silber. 
Mit andern Worten, das einzelne Atom Silber im Acetat 
würde um Oxyd zu bilden, nur ein Halbatom Sauerstoff auf- 
nehmen und nur ein Halbäquivalent Silberoxyd bilden, ein 
Ergebnifs, das an sich unzulässig und mit der dualistischen 
Theorie der Salze unvereinbar wäre. Für diese Theorie gilt 
als feststehend, dafs jedes Molekül eines Salzes ein ganzes 
Aequivalent der Säure und ein ganzes Aequivalent der Basis 
enthält. Das Gesagte hat in gleicher Weise auf alle Salze 
einbasischer Säuren Bezug, wie z. B. die Nitrate und die 
Chlorate. Gerhardt konnte in ihrer Constitution binäre Mole- 
küle, eine Art von Doppelbau nicht mehr anerkennen. 

Er fafste die Ansichten, zu denen Dumas und Laurent 
in Bezug auf organische Verbindungen gelangt waren , allge- 
meiner und sah demgemäfs in den besprochenen Salzen, wie 
überhaupt in allen Salzen, allen Säuren und Oxyden der Mineral- 
chemie einheitliche Moleküle, bestehend aus Atomen, von denen 
einige durch doppelte Zersetzung ausgetauscht werden können. 



') Gerhardt bediente sich dieses Wort, das hier Molekül bedeutet 
und von ihm damals in diesem Sinne angewandt wurde. 



Laurent und Gerhardt. 81 

Der dualistischen Auffassungsweise stellte er also die unitare 
gegenüber, der Vorstellung von Verbindungen durch Addition 
der Bestandtheile die andere von Verbindungen, die durch Sub- 
stitution entstehen. Eine Säure ist ein wasserstoffhaltiger 
Körper, dessen Wasserstoff leicht durch doppelte Zersetzung 
gegen eine äquivalente Menge Metall ausgetauscht werden kann. 
Hierdurch entsteht ein Salz. Was geht vor, wenn Salpeter- 
säure auf Kali wirkt? Das Kaliumatom dieser Basis, des 
Kaliumhydrats, tritt an die Stelle des Wasserstoffatoms der 
Salpetersäure: es entsteht Kaliumnitrat und Wasser; denn der 
Wasserstoff, der aus der Salpetersäure ausgetreten ist, ist 
nothwendig und reicht gerade aus, um mit den Elementen 
des Kaliumhydrats, von denen das Kalium ausgeschieden ist, 
Wasser zu bilden. Es hat also dabei eine doppelte Zersetzung 
stattgefunden; 2 Moleküle sind in Wechselwirkung getreten: 
die Salpetersäure und das Kaliumhydrat; 2 neue Moleküle sind 
dabei entstanden : das Kaliumnitrat und das Wasser. Der Vor- 
gang ist etwas anders, wenn Essigsäure auf Silberoxyd ein- 
wirkt. Das letztere enthält 2 Atome Silber und nur 1 Atom 
Sauerstoff; es müssen also bei der Bildung des Silberacetats 
2 Moleküle Essigsäure in Wirkung treten; jedes giebt 1 Atom 
Wasserstoff an den Sauerstoff des Silberoxyds ab, um Wasser 
zu bilden, und die beiden Atome Silber, die nun von einander 
geschieden werden , treten an die Stelle des Wasserstoffs in 
2 Molekülen Essigsäure; es entstehen auf diese Weise 2 Mo- 
leküle Silberacetat. Aus alle dem ergiebt sich, dafs die Säuren 
imd die Salze dieselbe Constitution haben; die ersteren sind 
Wasserstoffsalze, die andern Metallsalze. 

Das ist die Theorie Gerhardt's über die Bildung und die 
Constitution der Salze. Man erkennt in ihr die Spuren schon 
früher von Davy und Dulong ausgesprochener Ansichten, welche 
wichtig genug sind, um hier in Erinnerung gebracht zu werden. 

Im Jahre 1815 veröffentlichte der genannte englische Che- 
miker eine Abhandlung über die Jodsäure, in der er die An- 
sicht äufserte: die sauren Eigenschaften dieses Körpers stehen 
in Beziehung zu seinem Gehalt an Wasserstoff, insofern dieses 

Wuitz, Gesch. d. ehem. Theorien. 6 



82 Laurent und Gerhardt. 

Element durch Metalle vertreten werden kann. «Der Wasser- 
stoff," sagteer, „spielt eine wesentliche Rolle in der Constitution 
und Bildung der Säuren; er verwandelt das Jod in eine Säure, 
indem er sich mit ihm zu Jodwasserstoffsäure verbindet; er ist 
es wieder, welcher 1 Aequivalent Jod und 6 Aequivalente Sauer- 
stoff in den Zustand einer Säure überführt, sobald dieselben in 
der Jodsäure mit 1 Aequivalent Wasserstoff zusammentreten. 
In der Chlorsäure verhält er sich analog." 

In einer Abhandlung über die Chlorate hatte Davy die 
Thatsache hervorgehoben, dafs das chlorsaure Kali ein neu- 
trales Salz ist und sich, wenn es sämmtlichen Sauerstoff ver- 
liert, in ein anderes neutrales Salz, in Kaliumchlorid, ver- 
wandelt. Nach seiner Ansicht ist der Sauerstoff im Kalium- 
chlorat nicht zwischen Chlor und Kalium vertheilt, so dafs 
eine wasserfreie Säure und ein Oxyd fertig gebildet in ihm 
vorhanden wären. Das Kaliumchlorat enthält nicht zwei nähere 
Bestandtheile, sondern vielmehr drei, das Kalium, das Chlor 
und den Sauerstoff. Diese Elemente sind in dem Salz in der 
Weise angeordnet, dafs das Kalium in ihm die Stelle ein- 
nimmt, an der sich in der Chlorsäure der Wasserstoff befindet. 

Dulong hat diese von Davy aufgestellten Ansichten an- 
genommen; er wies ergänzend daraufhin, dafs den Sauerstoff- 
säuren wie den Wasserstoffsäuren eine binäre Constitution zu- 
komme. Beide enthalten Wasserstoff, nur ist dieser in den 
ersteren nicht mit einem einfachen Körper, sondern mit einem 
sauerstoffhaltigen Radical verbunden, das sich wie ein ein- 
facher Körper verhält. Diese Meinung hat Dulong im Jahre 
1816 in einer Abhandlung über die Oxalsäure zur Erörterung 
gebracht. Es ist bekannt, dafs das Silberoxalat bei mäfsiger 
Erliitzung unter Explosion in Kohlensäure und Metall zerfällt, 
und dafs alle neutralen und wasserfreien Oxalate ihrer Zusam- 
mensetzung nach als eine Verbindung von Kohlensäure mit 
einem Metall betrachtet werden können. Dulong nahm an, 
die Oxalsäure sei Kohlensäure in Verbindung mit Wasserstoff, 
und bei der Bildung der Oxalate vereinige sich dieser Wasser- 
stoff mit dem Sauerstoff der Oxyde zu Wasser und werde durch 



Laurent und Gerhardt. 83 

das Metall vertreten. Er wies darauf hin, dafs diese Betrach- 
tungsweise auf alle sauerstoffhaltigen Säuren anwendbar sei, 
dieer demnach als eine besondere Art Wasserstoffsäuren auffafste. 
Während diese einen einfachen stark elektro -negativen Körper 
in Verbindung mit Wasserstoff enthalten, ist in jenen eine sauer- 
stoffhaltige Gruppe, die die Rolle eines Radicals spielt, mit 
dem Wasserstoff vereinigt. In seiner wichtigen Abhandlung 
über die mehrbasischen Säuren hat Liebig dieselbe Auffassungs- 
weise erörtert und darauf aufmerksam gemacht, dafs für die 
Verwandtschaft der Säuren zu den Oxyden der eigentliche 
Grund und die Erklärung in der starken Verwandtschaft des 
Wasserstoffs der Säuren zum Sauerstoff der Oxyde liegen 
kann, da die Bildung von Wasser stets die Bildung der Salze 
begleitet. Gerhardt ist also auf Ansichten eingegangen, die 
schon vor ihm ausgesprochen waren, aber er hat sie sich zu 
eigen gemacht, nicht nur durch Veränderungen, die er in der 
Bezeichnungsweise einführte, sondern auch durch die Art seiner 
Definitionen und seiner unitaren Formeln. Ein Salz ist nicht 
mehr eine binäre Verbindung, die auf der einen Seite ein sauer- 
stoffhaltiges Radical, auf der andern ein Metall enthält; es ist ein 
Ganzes , es ist eine einheitliche Zusammenlagerung verschie- 
dener Atome, von denen ein oder mehrere Metallatome gegen 
andere Metallatome oder gegen Wasserstoff ausgetauscht werden 
können. 

Wie diese Atome im Molekül des Salzes geordnet sind — 
diese Frage läfst Gerhardt unerörtert, da er nicht, glaubt, dafs 
man sie lösen kann. „Man nimmt an," sagt er, „dafs die 
Salze die Bestandtheile einer Säure und eines Oxyds fertig 
gebildet enthalten und gründet diese Meinung auf die That- 
sache, dafs viele Salze durch directe Vereinigung einer wasser- 
freien Säure mit einem Oxyd entstehen. Der Beweis ist hin- 
fällig, denn nichts beweist uns , dafs die Anordnung der Atome, 
so wie sie in den Bestandtheilen, die sich vereinigen, vorhanden 
ist, auch bestehen bleibt, nachdem die Verbindung stattgefunden. 
Es ist das eine blofse Hypothese.** Nach Gerhardt ist die 
Anordnung der Atome in einer complicirten Verbindung dem 

6- 



84 Laurent und Gerhardt. 

Versuch unzugänglich und durch Sclilüsse nicht zu ergründen. 
Es sei darum ein eitles Unternehmen, die Constitution der 
Körper bestimmen zu wollen; Alles, was man versuchen könne, 
sei, sie nach ihrem Verhalten und ihren Metamorphosen zu 
klassificiren. Um die letzteren in correcter Weise wiederzu- 
geben, reiche es hin, die Zusammensetzung der Körper durch 
unitare Formeln auszudrücken, die sich streng vergleichen lassen 
und eine genaue Vorstellung von ihrer Molekulargröfse geben. 
Die Bewegung der Atome, welche die Metamorphosen der Körper 
bestimmt, kann dann durch Gleichungen wiedergegeben werden, 
in denen solche Formeln zur Anwendung kommen. 

Ohne die Dienste zu verkennen, die die rationellen For- 
meln leisten können, weist Gerhardt ihre Unzulänglichkeit 
nach vmd verwirft sie. Nach seiner Meinung sind solche 
Formeln nur der Ausdruck von Reactionen, aber keineswegs 
von der Anordnung der Atome. Eine und dieselbe Substanz 
kann verschiedenen Metamorphosen unterliegen; daraus folge, 
dafs man ihr mehrere rationelle Formeln zutheilen könne. 
Das geschehe in der That nicht selten, namentlich beim 
Alkohol, für den man sechs oder sieben verschiedene Formeln 
vorgeschlagen hat; ein jeder Forscher bemühe sich, durch ver- 
schiedene Reactionen die von ihm aufgestellte, die er für die 
beste hält, als solche zu erweisen, als ob man die geringste 
Vorstellung von der Lagerung der Atome dadurch geben könne, 
dafs man auf dem Papier das eine oder das andere Symbol 
etwas mehr» nach rechts rückte. ^) Für Gerhardt sind dem- 
nach die rationellen Formeln nur Hypothesen, und er spricht 
sich energisch gegen den Mifsbrauch aus, den Berzelius mit 
ihnen in der organischen Chemie getrieben hat. Jene ver- 
wickelten Ausdrücke, in denen eine Unzahl hypothetische Ra- 
dicale mit Sauerstoff oder Chlor nach der elektro-chemischen 
Regel verbunden sind, erscheinen ihm jeder Begründung und jeder 
Wahrscheinlichkeit bar. „So zeigt uns doch ein einziges jener 
BJadicalel" rief er aus, indem er aufs Entschiedenste die 



') Precis de chimie organique, t. I, p. 12. Deutsche Ausgabe I, S. 14. 



Laurent und Gerhardt. 85 

Möglichkeit ihres Bestehens leugnet. In seinem Eifer ging er 
sogar so weit, dem Cyan und dem Kakodyl den Charakter zu- 
sammengesetzter Radicale zu bestreiten. Diesen Ansichten ge- 
mäfs wählte er dann auch seine Nomenclatur. Der Körper, 
der aus der Einwirkung des Chlors auf das Bittermandelöl her- 
vorgeht, ist nicht Benzoylchlorid, sondern gechlortes Benzoiloli 
ein Name, der wie die unitare Formel ausschliefslich an die 
Beziehungen zwischen der Zusammensetzung der gechlorten Ver- 
bindung und der des Bittermandelöls oder Benzoilols erinnern 
soU, von dem sie durch Substitution abstammt. 

So nimmt Gerhardt in dieser ersten Periode seiner wissen- 
schaftlichen Thätigkeit weder rationelle Formeln noch Radicale 
an , sofern das letztere Wort im Sinne von Atomgruppen ge- 
nommen wird, die eine selbständige Existenz und die Fähig- 
keit besitzen, unmittelbar in Verbindungen einzutreten. Aber 
der Urheber der unitaren Anschauungsweise sah zu klar, um 
nicht zu bemerken, dafs in zahlreichen Reactionen, durch die 
zusammengesetzte Körper ein oder das andere Element ver- 
loren haben, die Reste, gewissermafsen die Ueberbleibsel des 
Moleküls, in Verbindung treten können. Er nannte das „Sub- 
stitution durch Rückstände" (substition par residtts). Diese Auf- 
fassung war durch Laurent zur Geltung gebracht worden 
(S. 70); Gerhardt machte sie sich zu eigen. Später gelangte sie 
zu consequenter Ausführung und wurde ge\\nssermafsen das 
Verbindungsglied zwischen der Substitutionstheorie und der 
Radicaltheorie, die auf diese Weise fortgebildet und verjüngt 
wurde. Die Reste, wie Gerhardt sie annahm, sind in der That 
nur die Radicale im neuern Sinne des Worts. 

Aber im Jahr 1842 war Gerhardt noch nicht auf diesen 
Standpunkt gelangt. Im Eifer des Widerspruchs gegen die 
damals herrschenden Theorien und in der Zuversicht auf seine 
eigenen Ansichten entging er der Gefahr nicht, die Consequenz 
zu weit zu treiben. In seinem „Grundrifs der organischen Chemie", 
in welchem wir den ersten Entwurf seiner Anschauungen und 
das erste Zeugnifs seiner Originalität finden, legte er aus- 
schliefslich die empirischen Formeln seiner neuen Klassification 



86 Laurent und Gerhardt. 

zu Grunde. Er ordnete alle Körper in aufsteigender Reihe 
nach der Zahl der Kohlenstoffatome, die ihr Molekül enthält, 
indem die einfachsten Verbindungen die unterste , die compli- 
cirtesten die höchste Stufe dieser unermefslichen Stufenleiter 
bilden. Er nannte sie Verbrennungsleiter (echelle de combustion), 
weil die Oxydationsvorgänge durch Wegnahme von einem oder 
mehreren Kohlenstoffatomen die Stellung der Körper in der 
Reihe um eine oder mehrere Stufen erniedrigen. 

Dies Klassificationsprincip ist vortrefflich, aber es ist bei 
diesem ersten Versuch zu ausschliefslich in Anwendung gebracht 
worden. Durch die alleinige Rücksiclitnahme auf die empi- 
rischen Formeln ist Gerhardt zu unpassenden Zusammen- 
stellungen gekommen. Dem Aethylacetat zur Seite steht die 
Buttersäure. Die Bernsteinsäure, die Aethyloxalsäure und das 
Methyloxalat folgen auf einander, und die Adipinsäure schliefst 
sich unmittelbar dem Oxalsäureäther an. 

So hat eine zu streng durchgeführte Ordnung eine gewisse 
Verwirrung hervorgerufen , die Gerhardt später zu vermeiden 
wufste. Aber dafs er sich gewöhnte, die Körper nach ihrer 
Zusammensetzung zu gruppiren und ihre empirischen Formeln 
zu vergleichen, ist nichtsdestoweniger von Bedeutung gewesen. 
Wir verdanken diesem Verfahren die Einführung eines neuen 
und fruchtbaren Begriffs in die Wissenschaft, des Begriffs der 
homologen Reihe. 

Ein deutscher Chemiker, Schiel, hatte zuerst auf die Be- 
ziehungen hinge"wiesen , die in der Zusammensetzung der 
Alkohole stattfinden. Nach ihm hatte Dumas die Reihe der 
Fettsäuren zusammengestellt, die mit der einfachsten organi- 
schen Säure, der Ameisensäure, anfängt und in regelmäfsiger 
Stufenfolge bis zu den Säuren von complicirter Zusammen- 
setzung aufsteigt, die man aus dem Talg und dem Wachs 
gewinnt. Gerhardt führte den Gedanken weiter aus und be- 
währte seine Tragweite durch neue Beispiele. In diesen Reihen, 
die er homologe nannte, sind die Körper nach der regel- 
mäfsigen Zunahme des Gehalts an Kohlenstoff- und Wasserstoff- 
atomen geordnet, da die andern Atome unverändert bleiben 



Laurent und Gerhardt. 87 

und jedes Glied von dem unmittelbar vorausgehenden oder 
folgenden durch den Mehr- oder Mindergehalt an CH^ ver- 
schieden ist. Gerhardt fügt hinzu, dafs die Homologie nicht 
allein in den Beziehungen der Zusammensetzung beruht, sondern 
auch in der Aehnlichkeit der chemischen Functionen. So hat 
er den Begriff festgestellt und das Wort geschaffen. Durch 
seine Bemühungen ist die Lehre von den Homologen eine der 
festesten Grundlagen für die Klassification der organischen 
Substanzen geworden. 

Die Arbeiten, die wir mit breiten Strichen zu skizziren ver- 
sucht, haben in der Wissenschaft tiefe Spuren hinterlassen und 
bilden zum grofsen Theil die Grundlage unserer heutigen An- 
sichten. Ein neues Atomgewichtssystem, auf consequente Durch- 
führung der Volumtheorie und Berücksichtigung der Analogien 
begründet, eine Bezeichnungsweise, in der alle Formeln und 
alle Reactionen durch genauere Bestimmung der relativen 
Gröfsen der Moleküle vergleichbar werden, die Auffassung der 
chemischen Verbindung als Aneinanderlagerung von xitomen 
zw einem einzigen Ganzen, das durch Austausch eines Elements 
gegen ein anderes Umgestaltungen erleiden kann: das sind 
die Hauptzüge einer Theorie, die bereits zusammenhielt und 
sich zu bewähren begann. Aber zwischen den ersten Bestä- 
tigungen und dem schliefslichen Triumph mufste ein langer 
Zeitraum verfliefsen und die Theorie selbst we.sentliche Umge- 
staltungen erleiden. 

in. 

Berzelius war nicht mehr. Die Substitutionstheorie hatte 
den Sieg davongetragen; aber die Ausführungen, zu denen 
Laurent und Gerhardt sie verwerthet hatten , trafen auf leb- 
haften Widerspruch. Die Anhänger der Radicaltheorie hatten 
zwar die Thatsache der Substitutionen angenommen, aber sie 
verharrten in feindlicher Stellung. Der Dualismus stand noch 
immer der unitaren Anschauung gegenüber. Allerdings war 
diese in den Händen Laurent's und Gerhardt's ein wirksameres 
Mittel zur Beseitigung von Irrthümern als zur Förderung grofser 



88 Laurent und Gerhardt. 

Entdeckungen gewesen. Die Theorie blühte, aber mit dem 
Experiment ging es etwas langsam voran. In den Erfahrungs- 
wissenschaften gelangt jedoch eine neue Theorie nicht durch die 
Kritik allein zur Geltung. Um den Sieg davonzutragen, bedarf 
sie des Glorienscheins neuer Entdeckungen. Diese Weihe ist 
auch in diesem Fall nicht ausgeblieben. Vom Jahre 1849 an 
wurden in rascher Folge mehrere Arbeiten bekannt, die das 
Interesse der Chemiker lebhaft in Anspruch genommen und 
Gerhardt selbst in neue Bahnen geleitet haben. Es handelt 
sich um die Entdeckung der zusammengesetzten Ammoniake 
durch Wurtz und um Williamson's Darstellung der gemischten 
Aether. 

Diese Forschungen haben eine Versöhnung der Radical- 
theorie mit der Substitutionstheorie herbeigeführt. Die Lehren, 
die sich bis dahin gegenüberstanden, wurden in eine neue 
Theorie, die der Typen, verschmolzen. Um aber den Ausgangs- 
punkt und die Tragweite dieser Theorie ins rechte Licht zu 
setzen, müssen wir etwas weiter zurückgehen. 

Im Jahre 1839 hatte Dumas die Chloressigsäure entdeckt. 
Diese Säure entsteht aus der Essigsäure durch Substitution 
von 3 Aequivalenten Chlor für 3 Aequivalente Wasserstoff, 
während alle übrigen Elemente dieselben bleiben. Merkwür- 
digerweise wird aber durch diese Einführung von Chlor in das 
Molekül in den Grundeigenschaften der Essigsäure keine wesent- 
liche Veränderung hervorgerufen. Ihr Chlorderivat ist wie sie 
eine basische Säure und kann unter dem Einflüsse gewisser 
Reagentien analoge Zersetzungen erleiden. Diese Thatsachen 
fügen sich nach Dumas' Ansicht nur einer Erklärung: wenn 
das Chlor für den Wasserstoff in der Essigsäure substituirt 
wird, so nimmt es die Stelle dieses Elements ein und spielt 
in der neuen Verbindung dieselbe Rolle. Er drückte das 
mit den Worten aus: die Essigsäure und die Chloressigsäure 
gehören demselben chemischen Typus an. Er nahm über- 
dies an, dafs die Eigenschaften einer Verbindung weniger von 
der Natur der Atome abhängen, aus denen sie besteht, als 
von ihrer Gruppirung und Lagerung im Molekül. 



Laurent und Gerhardt, 89 

Diese Ansichten stehen mit denen, die Laurent selbst auf- 
gestellt hatte, in Einklang; sie traten aber mit mehr Gewicht 
auf, da ihnen neue wichtige Thatsachen zu Grunde lagen. 
Ueberdies ist der Gedanke einer Erhaltung des Typus nach 
der Substitution eines Elements für ein anderes von Dumas 
klarer ausgesprochen, als es Laurent in seiner Kerntheorie ge- 
than hatte. 

Dumas ordnete also unter denselben „chemischen Typus"^ 
alle Körper, die dieselbe Zahl von „Aequivalenten" in gleicher 
Weise gruppirt enthalten und aufserdem dieselben Grundeigen- 
schaften besitzen. Er bemerkte aber auch, dafs diese Eigen- 
schaften in Folge der Substitutionen eine Veränderung erleiden 
können. 

Körper, welche die gleiche Zahl von Aequivalenten ent- 
halten, aber in ihren Grundeigenschaften verschieden sind, 
können in denselben mechanischen Typus zusammenge- 
fafst werden. Die Gerechtigkeit erfordert, nicht unerwähnt 
zu lassen, dafs Regnault in seinen bedeutenden Arbeiten über 
die Wirkungdes Chlors auf das Oel der holländischen Chemiker 
und den Chlorwasserstoffäther bereits die Erhaltung der Atom- 
lagerung bei diesen Substitutionen hervorgehoben hatte. 

Auf diese Weise ist der Begriff der Tj'pen in die Wissen- 
schaft eingeführt worden; aber in dieser ersten Form war er 
keiner grofsen Entwicklung fähig. Er gewährte nur einen ele- 
ganten und treffenden Ausdruck für die Beziehungen, die bei 
Substitutionen zwischen einer gegebenen Verbindung und ihren 
Derivaten stattfinden, und er liefs soviel Typen zu, als Ver- 
bindungen bestehen, die einer Veränderung durch Substitu- 
tion fähig sind, ohne zwischen diesen Typen ein Band her- 
zustellen. Er war also sinnreich und wahr, schien jedoch 
nicht dazu berufen , zur Grundlage einer allgemeinen Theorie 
zu werden; das ist er erst infolge weiterer Umgestaltungen 
geworden. 

Seit langer Zeit war den Chemikern aufgefallen, dafs die 
natürlich vorkommenden Alkaloi'de sämmtlich Stickstoff ent- 
halten und bei der trockenen Destillation Ammoniak geben. 



"90 Laurent und Gerhardt. 

Sie vermutheten ilemgemäfs das Bestehen wichtiger Beziehungen 
zwischen dem „flüchtigen Alkali"' und den organischen Alkalien. 
Berzelius hatte angenommen , die letzteren verdanken ihre al- 
kalischen Eigenschaften fertig gebildetem, mit ihren Elementen 
innig verbundenem Ammoniak. Später hat die grofse Ent- 
deckung der Amide, die wir Dumas verdanken, eine andere 
Betrachtungsweise veranlafst. Man kam auf den Gedanken, 
die Alkaloide enthalten als gemeinsamen Bestandtheil den 
amidbildenden Stoff, das sogenannte Amidogen, d. h. Ammo- 
niak weniger 1 Atom Wasserstoff. 

Diese wichtige Frage nach der Constitution der organischen 
Basen ist durch die Entdeckung einer Klasse von Körpern zur 
Entscheidung gebracht, die, was Zusammensetzung und Eigen- 
schaften betrifft, die auffallendsten Beziehungen zum Anmioniak, 
dasselbe Streben, sich mit Säuren zu verbinden, dieselbe 
kaustische Wirkung, dieselbe Löslichkeit in Wasser, denselben 
Geruch zeigen. Der Verfasser dieser Schrift hat in seiner 
Mittheilung über das Bestehen der „zusammengesetzten Am- 
moniake" die Meinung geäufsert: man könne dieselben ent- 
weder als Aether betrachten, in welchem der Sauerstoff durch 
Amidogen ersetzt, oder als Ammoniak, in welchem 1 Aequi- 
valent Wassei-stoff durch 1 Aequivalent eines xVlkoholradicals 
vertreten wird.') Der Gedanke einer Vergleichung mit dem 
Ammoniak als Typus war also in dieser ersten Mittheilung 
zur Sprache gebracht und drängte sich in der That durch die 
überraschende Analogie der Eigenschaften dem Geiste auf. 
Einige Monate später hat Hofmann, infolge seiner glänzenden 
Entdeckung des Diäthylamin und des Triäthylamin, die typische 
Auffassung schärfer betont und sie siegreich zur Geltung ge- 
bracht, indem er alle diese Basen als Ammoniak betrachtete, 
in dem 1, 2 oder 3 Atome Wasserstoff durch 1, 2 oder 3 Al- 
kohol-Gruppen oder -Radicale vertreten sind. ^) 



') Comptes rendus, t. XXVIII, p. 224. Febr. 1849. 
*) Die folgenden Formeln weisen die Beziehungen der Zusammen- 
setzung des Ammoniaks zu den äthylirten Ammoniaken nach: 



Laurent ind Gerhardt. 91 

So war der Typus Ammoniak geschaffen; denn es war 
leicht, auf die übrigen Alkaloi'de und besonders auf die flüch- 
tigen Basen , die man bereits auf synthetischem Wege her- 
stellen konnte, die Betrachtungsweise auszudehnen, die so gut 
für die Aethylbasen pafste. Wir bemerken ferner, dafs sich 
hiemit die Substitutionstheorie der Radicale bemächtigte. Das 
Aethylamin ist nicht mehr eine binäre Verbindung von Aethyl 
und Amidogen, es ist Aether, dessen Sauerstoff durch Ami- 
dogen vertreten ist, oder Ammoniak, in dem das Radical 
Aethyl für den Wasserstoff substituirt worden ist. Hier ist das 
Wort Radical in dem Sinne einer Atomgruppe genonnnen, 
die sich durch Substitution mit andern Atomen zu verbinden 
vermag. Es handelt sich nicht mehr um ganz isolirte Radi- 
cale, die, so wie sie sind, durch einfache Addition binäre 
Verbindungen zu bilden vermögen, die, kurz gesagt, das Ver- 
halten einfacher Körper annehmen; es sind vielmehr die „Rück- 
stände" Gerhardt's, die unverändert aus einer Verbindung in die 
andere übergehen. Aber sie verlieren sich nicht in der Masse 
der Elemente: sie bewahren im Molekül einen bestimmten Platz 
und eine gesonderte Individualität, die durch die Formel selbst 
bezeichnet wird. Die Formel ist nicht mehr ein einheitlicher 
Ausdruck. Sie ist eine rationelle Formel, die die Beziehungen 
zwischen der Zusammensetzung der neuen Basen und der des 
Ammoniaks deutlich anzeigt. So kommen in dem Augenblick, 
wo die Radicaltheorie und die Substitutionstheorie zur Typen- 
theorie verschmelzen, die rationellen Formeln als ein Mittel, 
die Verwandtschaftsverhältnisse der Körper zu bezeichnen, von 
neuem zu Ehren. 

Hiemit war ein neuer Impuls gegeben, und eine neue Ent- 
deckung sollte bald die Bewegung beschleunigen. Im Jahre 
1851 veröffentlichte Williamson seine schönen Untersuchungen 



(H iC^H* iC'H' LCR' 

N H N H N C'H' N C-H' 



:h (H -'h 



Ammoniak. Aethylamin. Diäthylamin. Triäthylamin. 



92 Laurent und Gerhardt. 

über die Aetherbildung und über das Bestehen gemischter 
Aether, und diese Untersuchungen haben den Typus Wasser 
in die Wissenschaft eingeführt. 

Laurent hatte bereits das wasserfreie Kaliumoxyd und 
das kaustische Kali mit dem Wasser verglichen. Er hatte 
durch abgekürzte und sinnreiche Formeln die Beziehungen 
zwischen der Zusammensetzung des Alkohols und des Aethers 
veranschaulicht. Seine Ansichten sind von einem amerikani- 
schen Chemiker, Sterry Hunt, in talentvoller Weise weiter aus- 
geführt worden. 

WiUiamson ging weiter: er verglich mit dem Wasser nicht 
nur den Alkohol und die Aether, sondern auch die Säuren, 
die Oxyde und die Salze der Mineralchemie. Das Wasser be- 
steht aus 1 Atom Sauerstoff und 2 Atomen Wasserstoff; die 
letzteren kann man sowol durch die Atome anderer einfacher 
Körper als auch durch Gruppen, die die Rolle von Radicalen 
spielen, ersetzen. Ersetzt man in 1 Molekül Wasser 1 Atom 
Wasserstoff durch die Gruppe Aethyl, so hat man Alkohol; 
wird auch das zweite Atom Wasserstoff durch Aethyl ersetzt, 
so erhält man Aether. Das Aetzkali ist als Wasser zu be- 
trachten, in welchem 1 Atom Wasserstoff durch Kalium ver- 
treten ist; ersetzt man das andere Atom Wasserstoff durch ein 
Säure-Radical, so geht aus dieser zweifachen Substitution ein 
Salz hervor. Das Kalium-Acetat ist von 1 Molekül Wasser 
abzuleiten, in welchem 1 Atom Kalium für 1 Atom Wasserstoff 
substituirt ist, während an die Stelle des zweiten Atoms Wasser- 
stoff das Radical Acetyl tritt. WiUiamson hat sogar das Be- 
stehen eines Körpers vorausgesehen, der durch Substitution 
von 2 Gruppen Acetyl für 2 xVtome Wasserstoff aus dem Wasser 
entsteht und sich zur Essigsäure verhält, wie der Aether zum 
Alkohol. Es ist das Essigsäureanhydrid, das später von Ger- 
hardt entdeckt wurde. ' ) 



') Die folgenden Formeln veranschaulichen die Ansichten William- 
son's über die Constitution der Säuren, der Oxyde und der Salze, be- 
zogen auf die des Wassers: 



Laurent und Gerhardt. 



93 



Alle diese Körper gehören zu demselben Typus. Sie ent- 
halten alle 1 Atom Sauerstoff und zwei andere einfache oder 
zusammengesetzte Bestandtheile, die den 2 Atomen Wasserstoff 
im Wasser entsprechen. Bei allen Su bstitutionen, die das Mo- 
lekül erleiden kann, bleibt gewissermafsen sein Skelett das- 
selbe; es behält die verhältnifsmäfsig einfache Structur von 
einem Molekül Wasser. 

Das sind die Ansichten, die Williamson zur Geltung 
brachte. Zur Zeit, wo Gerhardt sich veranlafst sah, sie zu 
den seinigen zu machen, war also der Typus Wasser sowol 
wie der Typus Ammoniak vollständig vorhanden. Gerhardt 
brachte einen Gedanken zur Reife, der schon vor ihm seine 
Triebe entfaltet hatte; er fügte jenen beiden Typen den Typus 
Wasserstoff und den Typus Chlorwasserstoff hinzu. Aufser- 
dem gab er dem Typus Wasser eine erweiterte Bedeutung 
durch seine schöne Entdeckung der organischen Säureanhydride. 

Er hatte früher das Bestehen von Anhydriden einbasischer 
Säuren bestritten und ein eigenthümliches Zusammentreffen 
wollte, dafs er selbst dieselben entdeckte. Als er das Chlorid 
des Acetyls auf Natriumacetat einwirken liefs, erhielt er jenes 
Essigsäureanhydrid, dessen Bestehen Williamson vorausgesagt 
hatte. Dieser Körper enthält 2 Gruppen Acetyl in Verbindung 
mit nur 1 Atom Sauerstoff, wie das Wasser 2 Atome Wasser- 
stoff in Verbindung mit nur 1 Atom Sauerstoff enthält. Die 
zwei Gruppen Acetyl oder Radicale der Essigsäure spielen 
im Essigsäureanhydrid die Rolle eines einfachen Körpers und 
nehmen in ihm in gewisser Weise die Stelle ein, welche die 
2 Atome Wasserstoff im Wassermolekül einnehmen. So wurde 



Wasser. 
Kalium- 



K^^ hydrat. 
K^^ Kalium- 
K^ oxyd. 
(NOj)!^ Kalium- 
K\ nitrat. 



H) 



O Wasser. 



O Wasser. 



nr 



jilO Alkohol. ^ ^^O Essigsi 

g:;j;j|0 Aether. 

(C^H^)I^ Essig- 

(C^H'O)r äther. 



(C*H30)|q Kalium- 

K ) acetat. 

(C^H'O)/^ Essigsäure- 

(C'H3 0)r anhydrid. 



94 Laukent und Gerhardt. 

der Typus Wasser, der von Williarnson eingeführt war, durch 
Gerhardt erweitert. 

Gerhardt verallgemeinerte die typische Auffassung. Mi? 
Laurent betrachtete er das Wasserstoffmolekül als aus 2 Ato- 
men bestehend. Im freien Zustand, sagte er, hat man in 
dem Gas das Wasserstoff hydrid , das freie Chlor ist Chlor- 
chlorid, das freie Cyan Cyancyanid. Und weil die Oxyde eine 
Consitution haben , welche der des Wassers analog ist, so sind 
die Moleküle der Metalle denen des Wasserstoffs vergleichbar: 
sie bestehen aus 2 Atomen. Der Typus Wasserstoff umfafst 
also alle Metalle. In der organischen Chemie kommt vielen 
Verbindungen dieselbe Constitution zu. Ihr Molekül ist doppelt, 
d. h. es besteht aus zwei gesonderten Bestandtheilen , die ent- 
Aveder einfach oder zusammengesetzt und je 1 Atom Wasser- 
stoff äquivalent sind. 

Gerhardt reihte so in den Typus Wasserstoff die Aldehyde, 
die Acetone und eine grofse Zahl von Kohlenwasserstoffen ein, 
unter andern die Alkoholradicale Aethyl, Methyl u. s. w., 
die von Kolbe und Frankland entdeckt waren und zu so leb- 
haften Discussionen Veranlassung gegeben hatten. Merkwür- 
digerweise hatten die Anhänger des Dualismus sie als Einzel- 
gruppen betrachtet, und der Vertreter der unitaren Auffassung 
zeigte , dafs sie aus der Vereinigung zweier Alkoholradicale 
hervorgehen und eine binäre Constitution , eine Doppelformel 
besitzen. 

Der Typus Chlorwasserstoft'säure umfafste die minera- 
lischen und organischen Chloride, Bromide und Jodide. Streng 
genommen fiel er mit dem Typus Wasserstoff' zusammen. 

Die neue Betrachtungsweise gelangte bald durch eine 
wichtige Wahrnehmung zu weiterer Entwicklung. Die flüch- 
tigen organischen Basen bildeten für sich allein den Typus 
Ammoniak. Gerhardt ordnete alle Amide demselben Typus 
unter. Das Acetamid hat nach seiner Ansicht dieselbe Con- 
stitution Mvie das Aethylamin : es unterscheidet sich von diesem 
nur durch den Sauerstoffgehalt seines Radicals. Wenn das 
Aethyl ein neutrales Radical ist, so ist das Acetyl ein saures 



Laurent und Gerhardt. 95 

Radical, weil es Sauerstoff enthält. Wie das Aethyl kann es 
für den Wasserstoff des Ammoniaks substituirt werden; aber 
der Körper, der infolge dieser Substitution entsteht, ist neu- 
tral, weil die basischen Eigenschaften des Ammoniaks durch 
die Einführung eines Säureradicals in sein Molekül neutra- 
lisirt wird. 

So können also Körper, deren Molekular- Constitution- 
durchaus ähnlich ist, die also zu demselben Typus gehören, 
je nach der Natur der Elemente, die einen bestimmten 
Platz in dem Molekül einnehmen, in ihren Eigenschaften 
wesentlich von einander abweichen. Mit dieser wichtigen 
Erkenntnifs findet eine Umkehr zu Ansichten statt, die man 
anfangs bekämpft hatte, als man der Lagerung der Atome 
einen entscheidenden Einflufs auf das Verhalten der Körper 
zuschrieb. 

Um in anschaulicher Weise diesen Einflufs der Natur der 
Bestandtheile auf die Eigenschaften von Körpern gleicher Con- 
stitution wiederzugeben, kann man nach Gerhardt's Vorgang 
alle Körper, die demselben Typus angehören, in eine hori- 
zontale Reihe ordnen, in der die basischen Körper die äufserste 
Stellung zur Linken, die neutralen die Mitte, die Säuren die 
äufserste Stellung rechts einnehmen. Als Beispiel mag der 
Typus Wasser dienen. Das Kali als starke Base steht auf 
der linken Seite, die Salpetersäure und die Essigsäure auf der 
rechten, das Wasser und der Alkohol in der Mitte. Warum 
sind nun die Körper zur Linken stark basisch? W^eil sie ein 
Atom eines stark electro-positiven Metalls, wie das Kalium, 
enthalten. 

Die Körper in der Mitte sind neutral, weil sie indifferente 
Elemente oder Radicale enthalten: und die Körper, die zur 
Rechten stehen, sind sauer wegen der Natur ihrer sauerstofl"hal- 
tigen Radicale. 

Nach der Typentheorie ist der Alkohol Wasser, in welchem 
1 Atom Wasserstoff durch die Kohlen wasserstoft'gruppe Aethyl 
vertreten wird; diese Gruppe ist basisch, aber ihr basisches 
Vermögen ist kaum stärker als das des Wasserstoffs: daher 



^6 Laurent und Gerhardt. 

ist der Alkohol eine neutrale Flüssigkeit wie das Wasser selbst. 
Sobald aber 1 Atom Sauerstoff in das Molekül des Alkohols 
eintritt und im Radical Aethyl 2 Atome Wasserstoff vertritt, 
mufs das durch Substitution so veränderte Radical einen sauren 
Charakter annehmen und denselben dem ganzen Molekül mit- 
theilen. Durch diese Substitution ist in der Gruppirung des 
Moleküls nichts geändert. Die beiden Körper haben dieselbe 
Constitution, der eine ist Aethylhy drat , der andere Acetyl- 
hydrat. Aber während der Alkohol neutral ist, ist die Essig- 
säure, die aus seiner Oxydation hervorgeht, eine kräftige Säure. 
Solchen Einflufs übt die Natur der Atome auf die Eigen- 
schaften der bezüglich der Lagerung ihrer xVtome ähnlichen 
Körper aus. ') 

Dieser Einflufs tritt am augenscheinlichsten bei den Kör- 
pern hervor, die dem Typus Ammoniak angehören. Das 
Ammoniak ist ein stark basischer Körper. Wird in seinem 
aus Stickstoff und Wasserstoff bestehenden Molekül der Wasser- 
stoff durch neutrale Kohlenwasserstoffgruppen wie das Methyl 
oder das Aethyl vertreten, so bleibt die basische Natur desselben 
erhalten. Bekanntlich sind die zusammengesetzten Ammoniake, 
<3ie aus einer derartigen Substitution hervorgehen, ebenso kräf- 
tige Basen wie das Ammoniak selbst. Aber der Wasserstoff 



') Durch folgende Zusammenstellung wird diese Meinung noch an- 
schaulicher werden : 

Aeufserste Glieder links Mittelglieder. Aeufserste Glieder rechts 

(positive). (negative). 

K)^ Kalium- H|p. Wasserstoff- ^M O Chlorhvdrat 

H; hydrat. hS hydrat H) (unterchlo- 

(Wasser). rige Säure). 

Na|^ Natrium- C'HN rv Aethvl- C^ H^ 0| ^ Acetylhydrat 

Hi^ hydrat. H^ ^ hydrat Hj (Essigsäure). 

(Alkohol). 
In einer Uebersicht, die Gerhardt 1852 veröffentlichte und in der 
Abhandlung über die wasserfreien organischen Säuren wieder abdrucken 
liefs, hatte er den Sauerstoff in die äufserste Stellung links oder unter 
die positiven Glieder geordnet. Um ihrer historischen Bedeutung willen 
glauben wir diese Uebersicht hier wiedergeben zu müssen. 



Laurent und Gerhardt. 



97 



des letzteren kann auch ganz oder theilweise durch ein elektro- 
negatives Element, wie das Chlor oder das Brom, oder auch 
durch ein Säureradical vertreten werden, und die so gebildeten 
Ammoniakderivate sind entw^eder neutral oder sogar sauer. 
Das Anilin z. B. ist eine starke Basis, das Trichloranilin 



Äeufserste Glieder 
links (positive). 



Mittelglieder 



C^H' 



H S 



O Alkohol 



Typus 
Wasser 



^2jj,[0 Aethe 



C'HM 



Aethyl- 

Meth'yl- 

Aether. 



Äeufserste Glieder rechts 
(negative). 



„ O Essigsaure. 
C'-'H'O/^ Essissäure- 







C-H'/^Essig- 
C-H"Oi " äther. 



[ ! C'H'/ Aethyl- 

Typus ' H S hydrür. 
Wasserstoff C ' H ' > 

in 






C-H'Or Anhydrid. 



C"H'0)^ Essigsaures 
C'H'0<^ Benzovl. 



TT? Aldehyd. 
Q2jj,Q^ Acetji. 



I Typus 
Chlor- 

wasserstoft- 
sdure 

Cli 



C-HN Chlor- 
Cl ) wasser- 
stoffiither. 



cn 



Acetvichlorür. 



Typus 
Ammoniak 

H N 



H N 
H ^ 

C^H N 

H > 
C'H 
C-H 
C'H 



Aethyl- 
amin. 

Diäthyl- 
amin. 



H,N Acetamid. 



„ Triäthyl- 
amin. 



Wurtz, Gesch. d. ehem. Theorien. 



98 Laurent tnd Gerhardt. 

oder dreifachgechlorte Anilin ist nach Hofmann ein neutraler 
Körper, d. h. aufser Stande, sich mit Säuren zu verbinden. 
Ebenso geht, wie wir oben gezeigt haben, der basische Clia- 
rakter des Ammoniak-Moleküls im Acetamid durch die saure 
Natur des sauerstoffhaltigen Radicals verloren, das für den 
Wasserstoff in ihm substituirt ist. 

Die meisten Amide sind neutral wie das Acetamid; doch 
kennt man eine kleine Anzahl, die sich wie Säuren verhalten. 
In einer seiner trefflichsten Abhandlungen hat Gerhardt Amide 
beschrieben, die durch Substitution zweier sauerstoffhaltiger 
Radicale für 2 Atome Wasserstoff im Ammoniak entstehen 
und infolge des überwiegenden Einflusses dieser sauerstoff- 
haltigen Gruppen den Charakter des Ammoniak-Moleküls so 
weit verloren haben , dafs sie nicht mit Säuren , sondern mit 
Basen Salze bilden.') 

Die vorstehenden Ausführungen enthalten die Antwort auf 
einen Einwurf, den man gegen die Typentheorie erhoben hat. 

Lavoisier, so warf man ein, legte hohes Gewicht auf die 
Fundamentalunterschiede zwischen den Säuren, Oxyden und 
Salzen. Ist es erlaubt, sie durcheinander zu mengen, wie die 
Typentheorie es thut ? Sollten das kaustische Kali und 
unterchlorige Säure , die in ihren Eigenschaften so wenig 
gemein haben, in dieselbe Form passen und, was noch mehr 



' ) Gerhardt und Chiozza beschreiben in ihrer Abhandlung über 

die Amide (Comptes rendus, t. XXXVII, p. 86) primäre, secundäre 

und tertiäre Amide, die durch Substitution von 1, 2 oder 3 Säure- 

radicalen für 1, 2 oder 3 Atome Wasserstoff des Ammoniaks entstehen. 

Primäres Amid. Secundäres Amid. Tertiäres Amid. 

C^H'Oi C'H'^O ) C«H\SO*) 

H N C'H^O- N C'H'O N 

Benzamiil. Benzovisalicvhimid. Dibenzoylsulfophenyl- 

amid. 
Sie machen darauf aufmerksam , dafs das secundäre Amid in al- 
koholischer Losung Lakmus rüthot und leicht 1 Atom Wasserstoff gegen 
1 Atom M'.tall austausclit, wie eine eigentliche Siiuie. 



Laurent tnd Gerhardt. 99 

bedeuten will, mit dem Product ihrer Verbindung dem unter- 
chlorigsauren Kali vergleichbar sein? 

Man kann diese Körper zusammenstellen, ohne sie durch- 
einander zu mengen. Man unterscheidet sie nach ihren Eigen- 
schaften , man vergleicht sie nach ihrer atomistischen Con- 
stitution. Es sind das zwei völlig verschiedene Gesichtspunkte. 
Lavoisier hatte auf den ersteren Gewicht gelegt, als er die 
Oxyde den Säuren gegenüberstellte. Der zweite lag ihm fern. 
Zu seiner Zeit war eine atomistische Theorie noch nicht vor- 
handen: er konnte sich also nicht mit der Anordnung der 
Atome beschäftigen. Jedermann wird zugeben, dafs zusammen- 
gesetzte Körper, deren Atome in gleicher Weise gelagert sind, 
verschiedene Eigenschaften haben können , wenn die Atome 
selbst verschieden sind. 

Heifst das die unterchlorige Säure mit dem kaustischen 
Kali vermengen, wenn man sagt: diese beiden Körper ent- 
halten eine gleiche Zahl von Atomen in gleicher Weise ge- 
lagert, aber der eine enthält Chlor an der Stelle, wo der an- 
dere Kalium enthält — ? Erklärt nicht dieser Grundunterschied 
in ihrer Zusanmiensetzung den Gegensatz in ihren Eigen- 
schaften? In der That sind sie nicht verschiedener von ein- 
ander, als es das Chlor vom Kalium ist. 

Der genannte Einwurf ist also ohne Bedeutung. Kolbe 
hat einen anderen von 'gröfserem Gewicht erhoben ; denn 
seine Betrachtung scheint den Dingen auf den Grund zu 
gehen. „Eure drei oder vier Typen,"' sagte Kolbe, „sind nur 
ein leeres Formenspiel. Warum soll man annehmen , die 
Natur habe sich darauf beschränkt, alle Körper nach dem 
Muster der Chlorwasserstoß"säure, des Wassers, des Ammoniaks 
zu gestalten? W'arum eher nach diesen als nach anderen? 
Wenn wir nur die organischen Verbindungen in Betracht 
ziehen, wäre es da nicht angemessener, sie auf die Kohlensäure 
zu beziehen? Aus dieser bildet in Wirklichkeit das Pflanzen- 
reich seine Verbindungen. Der Typus Kohlensäure hat also 
seine Berechtigung in der Natur der Dinge, und es scheint 

7* 



100 LaI RENT UND GkRHAHDT. 

logiscfl, auf ihn alle organischen Verbindungen zu beziehen, 
weil sie in der That von ihm abstammen." 

Darauf läfst sich zunächst erwidern, dafs das Wasser und 
das Ammoniak in den Vorgängen des Pllanzcidebens ebenso 
unerläfsliche Vermittler sind wie die Kohlensäure. Um Wasser- 
stoff und Stickstoff" zu assimiliren, müssen die Pflanzen Wasser 
und Ammoniak zersetzen, wie sie die Kohlensäure zersetzen, 
um den Kohlenstoff zu assimiliren. Die grofse Arbeit des 
Aufbaues der organischen Materie erfordert also das Zusam- 
menwirken von drei mineralischen Verbindungen, und wenn 
man der typischen Auffassung die Frage nach dem Ursprung 
zu Grunde legen will, so ist kein Grund vorhanden, das 
Wasser und das Ammoniak zugunsten der Kohlensäure aus- 
zuschliefsen. Ueberdies ist es leicht zu zeigen, dafs der Typus 
Kohlensäure auf den Typus Wasser zurückgeführt werden kann. 
Ist das Wasser Wasserstoffoxyd, so ist die Kohlensäure Car- 
bonyloxyd, d. h. das Oxyd des Radicals Kohlenoxyd. 

Man kann also die Körper von ähnlicher Constitution 
ebenso gut auf den einen wie auf den andern Körper beziehen. 
Dabei mufs jedoch bemerkt werden, dafs es bequemer ist, sie 
mit dem Wasser zu vergleichen; denn dieses enthält 2 Atome 
Wasserstoff, von denen jedes durch einen andern einfachen 
Körper oder durch ein Radical vertreten werden kann. 

Da die Zahl der Radicale und Elemente sehi: beträchtlich 
ist, so können die Fälle von Substitution bis ins Unendliche 
variiren. Es giebt also eine unermefsliche Zahl von Verbin- 
dmigen, die man mit dem Wasser vergleichen kann, wenn man 
{innimmt, der Wasserstoff desselben sei ganz oder theilweise 
vertretbar. 

Aber hat denn diese Hypothese von Elementen oder Ra- 
dicalen, die sich in so zahlreichen Fällen für den Wasserstoff 
des Wassers substituiren können, eine zuverläfsige Grundlage? 
Berulit sie auf Thatsachen, oder ist sie nur eine leere Ver- 
mutliiing? Es ist Zeit, auf diese Frage zu antworten. 

Wii-ft man ein Stück Kalium auf Wasser, so zersetzt es 
das Wasser mit solcher Heftigkeit, dafs der freigewordene 



Laurent und Gerhardt. 101 

Wasserstoff in Berührung mit dem rothglühenden Metallkügel- 
ohen sich entzündet. In dem zersetzten Wassermolekül wird 
der Wasserstoff' durch das Kalium vertreten, indem kaustisches 
Kali entsteht. Diese Thatsache wird durch die Typentheorie 
veranschaulicht, wenn sie sagt: das Kaliumhydrat ist Wasser, 
in welchem 1 Atom Wasserstoff durch 1 Atom Kalium vertreten ist. 

Betrachten wir -nun das organische Chlorid, das Gerhardt 
durch Destillation von Natriumacetat mit Phosphorsuperchlorid 
erhalten und Acetylchlorid genannt hat. In Berührung mit 
Wasser zersetzt es sich augenblicklich. Sein Chlor entzieht 
dem Wasser 1 Atom Wasserstoff' und bildet Chlorwasserstoff', 
und das Radical Acetyl, das aus der Verbindung mit dem 
Chlor ausscheidet, tritt an die Stelle des Wasserstoffatoms, das 
aus dem Wasser austritt. Die Essigsäure entsteht deragemäfs 
durch einen Austausch von Elementen zwischen dem Acetyl- 
chlorid und dem Wasser. Das letztere ist also in Wirklichkeit 
zu Essigsäure geworden durch Substitution des Radicals Acetyl 
für 1 Atom Wasserstoff. Die Typentheorie giebt eben dieser 
Thatsache Ausdruck, wenn sie der Essigsäure, d. h. dem Ace- 
tylhydrat, eine überaus einfache Formel zuertheilt, die gewisser- 
mafsen nach dem Modell der Wasserformel geschrieben ist. '■ ) 

Diese Formel ist nur ein Ausdruck für die Reaction, von 
der wir reden; sie entspricht einer der Bildungsweisen der 
Essigsäure; sie nimmt in dieser Säure ein Radical an, das 
unverändert durch doppelte Zersetzung aus einer Verbindung 
in die andere übergeführt werden kann; sie erinnert in ein- 
fachster Weise an die Beziehungen zwischen der Essigsäure, 
dem Acetylchlorür , dem Aldehyd oder Acetylhydrid , dem 
Aceton oder Acetyl-Methylid, dem Acetamid, dem Essigsäure- 
Anhydrid, kurz zwischen allen Verbindungen, die das Radical 
Acetyl enthalten. 

Ebenso verhält es sich mit allen andern typischen For- 
meln. Sie beruhen auf eingehenden Studien der Reactionen, 
deren treue Spiegelbilder sie sind, und stellen die Verwandt- 



') Siehe oben Anm. auf S. 92. 93. 



102 Lairent und Gerhardt. 

Schaftsbeziehungen dar, die aus diesen Reactionen hervorgehen. 
Diese Reactionen aber sind im Allgemeinen doppelte Zer- 
setzungen , welche die Radioale unberührt lassen ; unverändert 
gelangen diese durch Austausch aus einer Verbindung in die 
andere. Nichts kann einfacher und klarer sein als die Wieder- 
gabe dieser Metamorphosen in der typischen Schreibweise. 
Hierin lag der wichtigste Gewinn, den der Gedanke der Typen 
einschlofs. Um diese ihre eigentliche Bedeutung zu bezeichnen, 
hatte sie Gerhardt „Typen der doppelten Zersetzung" genannt. 

Die typischen Formeln sind also Bilder der Reac- 
tionen, und in den Thatsachen selbst beruht der Ursprung 
und die Berechtigung ihrer Idee. Soll damit gesagt sein, dafs 
diese Theorie alle Thatsachen zu deuten vermag? dafs die 
typischen Symbole und Gleichungen alle Reactionen auszu- 
drücken geeignet sind? Unmöglich. Unter den vielen Meta- 
morphosen, die die Körper organischen Ursprungs erleiden 
können, hat die Typentheorie die einfachsten ausgewählt, die- 
jenigen, durch welche die äufsere Form des chemischen Moleküls 
und die Natur seiner Anhängsel eine Veränderung erfährt, ohne 
dafs der Körper der Substanz, sein zusammengesetztes Radical. 
angegriffen wird. Es giebt jedoch Reactionen, in denen auch 
letzteres eine Veränderung oder eine Zersetzung erleidet. Statt 
unversehrt in eine andere Verbindung überzugehen, kann es 
dem Angriff erliegen. Solche tief eingreifenden Metamor- 
phosen sind im Allgemeinen keine doppelten Zersetzungen und 
lassen sich nicht mehr durch die verhältnifsniäfsig einfachen 
Formeln, durch welche diese veranschaulicht werden, zur Dar- 
stellung bringen. 

Wir haben die Typentheorie von ihrem Ursprung durch 
ihre Entwicklungen hindurch verfolgt. Hier stehen wir an 
ihrer Grenze. Sie hat der Radicaltheorie die Vorstellung von 
Atomgruppen entnommen, die sich wie einfache Körper ver- 
halten ; aber statt sie als Körper aufzufassen, denen eine reelle 
Existenz und Verbindungsfähigkeit zukommt, wie sie den Ele- 
menten eigenthümlich ist, sah sie in ihnen Reste, Rückstände, 
die an die Stelle einfacher Körper treten und so eine grofse 



Laurent und Gerhardt. • 103 

Zahl von Verbindungen bilden können, die nur wenigen Typen 
angehören. Berzelius hatte eine Menge Radicale nach Gut- 
dünken angenommen und gemeint : man wird später lernen, 
sie zu isoliren. Gerhardt dagegen sagte: Radicale sind die 
Ueberbleibsel von Molekülen, die in freiem Zustande nicht be- 
stehen, aber in den Verbindungen, in denen sie vorkommen, 
für einfache Körper substituirt werden können. So hat die 
Typentheorie sich den Begriff der Radicale in der Weise an- 
geeignet, dafs sie ihm vermöge des Begriffs der Substitution 
eine neue Bedeutung gab. Sie wufste diese beiden Begriffe 
den bis dahin feindlichen Theorien anzupassen und hat damit 
deren Gegensatz ausgelöscht. 

xVber sie hat die Constitution der Radicale, die sie an- 
nahm, nicht weiter zu ergründen versucht. Sie stellte sie in 
einer ungetheilten Formel als Gruppen eng verbundener Atome 
dar, sie verfolgte sie in ihrem Uebergang aus einer Verbindung 
in die andere; wo aber diese selbst eine Zersetzung erleiden, 
war die Theorie in den meisten Fällen aufser Stande, solche 
tiefgreifende Umbildung, die in den eigentlichen Körper des 
organischen Moleküls eingreift, zu veranschaulichen, da sie 
nichts von dem Bau der Radicale weifs. 

Eine Theorie ist gut, wenn sie die Thatsachen in logischer 
Folge zu ordnen vermag. Sie ist fruchtbar, wenn sie Ent- 
deckungen zu Tage fördert und in sich den Keim zu wich- 
tigen Fortschritten trägt. Die Typentheorie hat alles dieses 
für sich aufeuweisen. Aus ihrer letzten Fortbildung ist eine 
neue, allgemeinere Anschauung hervorgegangen, die dem be- 
zeichneten Mangel abhilft. Wir meinen die Theorie von der 
Atomigkeit. Aber es ist hier nicht der Ort, diese zu erörtern, 
wir beschränken uns auf die Andeutung, dafs ihre Wurzeln in 
der Typentheorie liegen. Diese Theorie hatte in der letzten 
Phase ihrer Entwicklung condensirte Typen und gemischte 
Typen aufgestellt. Williamson hatte die Schwefelsäure auf 
2 Moleküle Wasser bezogen, in denen 2 Atome Wasserstoff 
durch das zweibasische Radical Sulfuryl vertreten werden. 
Dies Radical, das also für 2 Atome Wasserstoff in der Weise 



104 Laurent und Gerhardt. 

substituirt werden kann, dafs es in 2 Molekülen Wasser je 
1 Atom Wasserstott" vertritt, hält die Reste der beiden Mole- 
küle zusammen und verkettet sie zu einem einzigen conden- 
sirten Molekül. ' ) So entstand die Lehre von den mehrato- 
migen Radicalen. Auf solche condensirte Typen bezog auch 
Gerhardt nach Williamson's Vorgang die Säuren , die der 
Schwefelsäure analog mehrere Moleküle Basis sättigen. 

Diese mehratomigen Radicale spielen eine analoge Rolle 
in den gemischten Typen. Man betrachte ein Molekül Wasser, 
das einem Molekül Chlorwasserstoffsäure zur Seite steht. Man 
kann sich das Wasserstoffatom der letzteren und 1 Wasserstoff- 
atom des anliegenden Wassermoleküls zusammen durch ein 
zweibasisches Radical, z. B. durch Sulfuryl, vertreten denken. 
Alsdann wird dies Radical das Molekül Wasser, das 1 Atom 
Wasserstoff verloren hat, dem Molekül Chlorwasserstoffsäure, 
das gleichfalls seinen Wasserstoff verloren hat, anheften. Die 
beiden Moleküle werden so durch das zweibasische Radical zu 
einem einzigen verkettet. Auf diese Weise gelangen wir zu 
dem, was Odling einen gemischten Typus genannt hat. ') 

Das sind die letzten Phasen in der Entwicklung der 
Typentheorie. Sie bezeichnen den Anfang einer neuen Periode, 
in die die Wissenschaft eintritt: diejenige, in der sie sich in 
diesem Augenblicke befindet. Wir werden also Gelegenheit 
haben, auf sie zurückzukommen, wenn wir auf die Theorien 
der Gegenwart näher eingehen. 



') Folgende Formeln veranschaulichen den Begriff der con- 
densirten Typen und der gemischten Typen und die Rolle der mehr- 
atomigen Radicale in den Verbindungen , die auf diese Typen be- 
zogen werden: 

h! H ) rso^V'i 21 H ) 

Hjo H ^ Hj c, i 

2 Moleküle 1 Molekül Schwefel- 1 Mol. Wasser und Chlor- 
Wasser säure. 1 Mol. Chlorwas- schwefel- 
(coniiensirter serstoffsilure säure. 
Typus). (gemischter Typus). 



Laurent und Gkhhardt. 105 

Gerhardt hat die Genugthuung erlebt, die meisten seiner 
Ansichten zum Siege gelangen zu sehen; aber er ist nicht 
mehr Zeuge der fruchtbaren Umbildung gewesen, die sie in 
der jüngsten Zeit erfahren haben. Er ist, nur vierzig Jahre 
alt, bald seinem Freund und Vorgänger Laurent in das Grab 
gefolgt. 

Beide sind jung gestorben, von übermäfsiger Arbeit er- 
schöpft, und ohne dafs sie jene Gunst und Popularität ge- 
funden hätten, die zu Ehren führt. Auch haben sie sie nicht 
gesucht. Von reiner Liebe zur Wissenschaft erfüllt, sind sie 
auf Wegen in dieselbe eingedrungen, welche der grofsen Menge 
unzugänglich sind. Unabhängigen Geistes, haben sie den Schul- 
staub von sich abgeschüttelt und voll heifsen Muthes nicht 
den Kampf verschmäht, in welchem sie mehr Gegner als 
ernsten Widerspruch fanden und dem mächtigsten Vertreter 
dieses Widerspruchs, Berzelius, festen Stand hielten. 

Wenn auch einzelne ihrer Ansichten unzureichend, ihre 
Ausdrucksweise hier und da übertrieben gewesen sein mag, 
so sind sie dennoch als Sieger aus diesem Streite hervor- 
gegangen und haben ihren Nachfolgern ein grofses Beispiel 
und der Geschichte zwei unzertrennlich verbundene Namen 
hinterlassen. 



DIE HEUTIGEN THEORIEN. 

Die Typentheorie hat eine aufserordentlich grofse Anzahl 
mineralischer und organischer Verbindungen umfafst und klassi- 
ficirt, indem sie sie mit einer kleinen Zahl sehr einfacher Ver- 
bindungen verglich ; sie hat die Schranken beseitigt, welche die 
Gewohnheit zwischen der Mineralcheraie und der organischen 
Chemie aufgerichtet hatte. Sie hat eine Masse der allerverschie- 
densten Körper, ohne Rücksicht auf ihren Ursprung, verglichen 
und geordnet. Darauf verzichtend, die Constitution der Körper 
zu enthüllen , hat sie dieselben nach ihren Umwandlungen in 
Gruppen eingetheilt und eine vortreffliche Nomenclatur geschaffen, 
die, klar in ihrer Ausdrucksweise, zum Werkzeug für zahl- 
reiche Entdeckungen ward, weil sie verwandtschaftliche Bezie- 
hungen und Analogien auf den ersten Blick zu erkennen ge- 
stattete. . Sie besafs mit einem Wort alle Eigenschaften 
und alle Vortheile einer guten Theorie. Aber sie ging den 
Dingen nicht auf den Grund, und ihr Princip schien sogar 
etwas Erkünsteltes zu haben. Sie nahm typische Verbindungen 
an, ohne einen Grund dafür anzugeben. Was bedeuten die 
Typen Wasserstoff", Wasser, Ammoniak? und weshalb wählte 
man eben diese und keine anderen? Diese wichtige Frage hat 
die Typentheorie sich anfangs nicht gestellt; heute ist dieselbe 
gelöst. Diese Typen vertreten verschiedene Verbindungsformen, 
welche mit einer Grundeigenschaft der Atome zusammenhängen, 
die wir „Atomigkeit" nennen. Hier begegnen wir einer neuen 
Idee, der Grundlage der heutigen Wissenschaft. Mit ihrem 
Ursprung und ihrer Entwicklung nun verhält es sich folgen 
dermafsen. 



Die heutigen Theorien. 107 



Jn seinen denkwürdigen Untersuchungen über die Zusam- 
mensetzung der Salze, war Berzelius darauf geführt worden, 
•einen wichtigen Satz, welchen Richter zuerst ausgesprochen 
hatte, zu bestätigen und zu präcisiren, den nämlich : dafs die 
Sättigungscapacität eines Oxydes von der Sauerstoffmenge ab- 
tängt, welche es einschliefst. In allen neutralen Salzen existirt 
■ein constantes Verhältnifs zwischen der Sauerstoffmenge des 
Oxydes und der Sauerstoffmenge der Säure. Das ist die Aus- 
iJrucksweise, welche Berzelius diesem Gesetze gab. Im Jahre 
1811 ausgesprochen, hat es eine neue Stütze für die Atom- 
theorie geliefert, welche sich damals zu verbreiten anfing. 
Man kann sagen, dafs es als eine Consequenz dieser Theorie 
4iuftritt. In der That, da die Verbindung zwischen einem Oxyd 
und einer Säure immer in denselben Verhältnissen stattfindet, 
und da die kleinsten Mengen dieses Oxydes und dieser Säure, 
welche mit einander zusammentreten können, eine bestimmte 
Zahl von Sauerstoffatomen einschliefsen, so ist klar, dafs das 
Verhältnifs zwischen dem Sauerstoff des Oxydes und dem der 
Säure unveränderlich sein mufs. 

Die kleinste Menge Calciumoxyd, die existiren kann, ent- 
hält 1 Atom Sauerstoff ; die kleinste Menge wasserfreie 
Schwefelsäure, die man sich vorstellen kann, enthält .3 Atome 
Sauerstoff'. Diese Mengen nannte man ein „Aequivalent" des 
Oxydes und der Säure. Diese „Aequivalente'* sind es, die 
sich verbinden. 

Der schwefelsaure Kalk schliefst also 1 Aequivalent Schwe- 
felsäure und 1 Aequivalent Calciumoxyd ein, und alle Sulfate, 
deren Oxyd, wie der Kalk, 1 Atom Sauerstoff einschliefst, 
haben eine analoge Zusammensetzung. 

Nun hatte aber Berzelius zuerst erkannt, dafs das Alu- 
niiniumoxyd oder die Thonerde, die Erde, welche im Thon 
vorkommt und ;aus dem Alaun dargestellt werden kann. 



108 Die heutigen Theouien. 

3 Atome Sauerstoff auf 2 Atome Metall enthält.^) Indem er 
auf das schwefelsaure Aluniiiiiiim das Gesetz der Zusammen- 
setzung anwandte, welches er für die Sulfate entdeckt hatte, 
nahm er an, dafs dieses Salz auf 1 xVequivalent Aluminium; 
3 Aequivalente Schwefelsäure enthält. In der That, damit 
das Verhältnifs 1 : 3 in einem solchen Sulfat aufrecht erhalten 
1 »leibe, mufs das Oxyd, welclies 3 Atome Sauerstoff enthält, 
in der Säure deren !» vorfinden; es mufs sich also mit 3 Aequi- 
valenten Schwefelsäure verbinden. Die Oxyde des Eisens, 
Chroms, Mangans besitzen eine ähnliche Zusammensetzung, 
wie das Aluminiumoxyd und verbinden sich, wie dieses, mit 
o Aequivalenten Schwefelsäure. 

Die Zusammensetzung der verschiedenen Sulfate zeigt da- 
her einen fundamentalen Unterschied in den Eigenschaften der 
beiden Klassen von Oxyden an, von denen der Kalk und die 
Thonerde die Repräsentanten sind. 

Während 1 Molekül der einen sich mit nur 1 Molekül 
Schwefelsäure vereinigt, verbindet sich 1 Molekül der andern 
mit 3 Molekülen derselben Säure; und dennoch betrachtete 
man durch eine wunderliche Begiiffsverwirrung das Molekül 
Kalk als das Aequivalent von einem Molekül Thonerde, ob- 
gleich diese letztere sich mit einer dreimal gröfseren Menge 
Schwefelsäure verbindet. Diese Inconsequenz war dem durch- 
dringenden Verstände Gay-Lussae's nicht entgangen, und Die- 
jenigen, welche vor 40 Jahren seine Vorlesungen an der poly 
technischen Schule gehört haben, erinnern sich, dafs er sie 
hervorhob und corrigirte. Um die Formel der schwefelsauren 
Thonerde mit der des schwefelsaueren Kalkes in Harmonie zu 



') Nach dem System der Atomgewichte, welche Berzelius 1815- 
angenommen hatte , betrachtete er zuerst das Eisenoxyd und das 
Aluminiumoxyd als zusammengesetzt aus 1 Atom Metall und 3 Atomen 
Sauerstoff". Später (1826) veränderte er diese Ansicht, indem er dem 
Eisen und dem Aluminium halb so grol'se Atomgewichte gab und 
ihren Oxyden die Formeln Fe^ O^ und Al'O', welche noch heute im 
Gebrauch sind. 



Die heutigen Theorien. 109 

bringen, schnitt er das Molekül der Thonerde in 3 Theile und 
nahm darin 1 Atom Sauerstoff auf 2 Atome Aluminium an, 
und diese Menge Oxyd ist in dem Sulfat mit einem einzigen 
Molekül Schwefelsäure verbunden. Durch diese Verhältnilszahl 
für das Oxyd bezeichnete er das wahre Aequivalent der Thon- 
erde in Bezug auf den Kalk ; denn es ist klar , dafs man als 
äquivalent nur diejenigen Oxydmengen ansehen kann, welche 
sich mit derselben Menge Säure verbinden. 

Aber die Formeln Gay-Lussac's wurden nicht anerkannt, 
und die Chemiker haben, gleichsam instinctmäfsig, die Formeln 
von Berzelius beibehalten, welche in der That die wahren 
Molekulargröfsen und einen so deutlichen Unterschied in der 
Verbindungscapacität der beiden Klassen von Oxyden aus- 
drücken , von welchen die einen , wenn man so sagen darf, 
ein säur ig und die andern dreisäur ig sind. 

Eine Verschiedenheit derselben Art ward später für die 
Säuren bewiesen. Jedermann kennt die schönen Entdeckun- 
gen von Graham, der in die Wissenschaft die Bezeichnung der 
mehrbasischen Säuren eingeführt hat, welche gewissermafsen 
derjenigen der eben erwähnten mehrsäurigen Basen pa- 
rallel ist. 

Den Chemikern waren gewisse Unterschiede in den Eigen- 
schaften der Fhosphorsäurelösungen aufgefallen, je nachdem 
diese Lösungen mit wasserfreier Säuren, oder mit glasiger Säure 
bereitet waren oder aber einige Zeit gestanden hatten. Berzelius, 
welcher annahm, dafs die Verbindung des Sauerstoffs und des 
Phosphors, welche in diesen Lösungen besteht, immer dieselbe 
ist, hatte die Ursache dieser Unterschiede in einem besondern 
Zustand der Materie, in einer verschiedenen Anordnung der 
Atome gesucht. Er nahm zuerst an, dafs Körper, welche 
dieselbe Zusammensetzung haben , verschiedene Eigenschaf- 
ten zeigen können, wenn dieselben Elemente darin auf ver- 
schiedene Weise verbunden sind. Diese und andere That- 
sachen, welche hier nicht erwähnt zu werden brauchen, haben 
in die Wissenschaft die Bezeichnung der Isomerie eingeführt. 



110 Die heutigen Theokien. 

welche heute darin eine so wichtige Stelle einnimmt und den 
Scharfsinn der Chemiker so sehr in Anspruch genommen hat. 
Aber durch einen sonderbaren Zufall hat sicli lierausgestellt, 
dafs die verschiedenen Phosphorsäuren der Klasse der iso- 
meren Körper nicht angehören: sie haben nicht dieselbe Zu- 
sammensetzung. Freilich enthalten sie alle die Verbindung des 
Sauerstoffs mit dem Phosphor, welche Berzelius darin annahm. 
Aber dieser sauerstoffhaltige Körper, die wasserfreie Säure, 
ist darin mit verschiedenen Mengen Wasser verbunden. In 
seiner klassischen Abhandlung hat Graham drei Verbindungen 
des Wassers mit wasserfreier Phosphorsäure kennen gelehrt. 
Auf 1 Molekül dieser Avasserfreien Säure enthält die erste 
1 Aequivalent, die zweite 2 Aequivalente , die dritte 3 Aequi- 
valente Wasser.') Dies sind die wahren Phosphorsäuren, und 
man siebt, dafs sie sich in ihrer Zusammensetzung von ein- 
ander unterscheiden. Auch hat Graham sie mit verschiedenen 
Namen bezeichnet, welche ihnen geblieben sind, und heute 
denkt Niemand mehr daran, sie als isomer zu betrachten. 

Die Zusammensetzung ihrer Salze ist der der Säuren selbst 
analog. Die einfach gewässerte Säure nimmt 1 Aequivalent 
Oxyd, die dreifach gewässerte nimmt deren 3 auf. Die erstere 
giebt mit Silbernitrat einen weifsen, die letztere einen gelben 
Niederschlag. In diesen Unterschieden, welche die ersten 
Beobachter befremdet hatten, liegt nichts Unregelmäfsiges, denn 
sie beruhen auf Verschiedenheiten in der Zusammensetzung. 
Der weifse Niederschlag, das Silberraetaphosphat, enthält 1 Atom 
Silber ; der gelbe Niederschlag, das gewöhnliche Phosphat, ent- 
hält deren 3. Man sagt deshalb: die Metaphosphorsäure ist ein- 
basisch und die gewöhnliche Phosphorsäure dreibasisch. Hier 



') Die Zusammensetzung der Phosphorsäuren nach Aequivalenten 
ist folgende : 

Aequivalentformeln. Atoinistische Formeln. 

Phosphorsäure PhO% 3 HO H'Ph 0* 

Pyrophosphorsäure .. PhO% 2 HO H^Ph'O' 

Metaphosphorsäure . . PhO', HO H Ph 0^ 



Die heutigen Theorien. 1 1 1 

sind wir an dem Punkte angelangt, den wir aufklären wollten. 
Es giebt Säuren, deren Molekül so beschaffen ist, dafs es zu 
seiner Sättigung ein einziges Aequivalent einer geAvissen Base 
erfordert; andere Säuren erfordern 2, andere 3 Aequivalente 
derselben. Haben die Moleküle dieser Säure gleichen Werth, 
sind sie untereinander äquivalent? Keineswegs, da ihre Ver- 
bindungscapacität, welche durch die Basenmenge ausgedrückt 
"wird, W'elche sie sättigen; im Yerhältnifs 1:2:3 von einander 
abweicht. 

Vergleichen wir z. B. die Salpetersäure , Schwefelsäure 
und Phosphorsäure. Um ein vollständig gesättigtes Salz zu 
bilden, vereinigt sich die erste mit 1 Molekül Kali, die zweite 
mit 2, die dritte mit 3 Molekülen , und wenn wir die Säure- 
moleküle betrachten, welche dieselbe Menge Basis sättigen, so 
müssen wir annehmen, dafs 1 Molekül Schwefelsäure mit 2 Mo- 
lekülen Salpetersäure und 1 Molekül Phosphorsäure mit 3 Mo- 
lekülen Salpetei'säure gleichwerthig ist. Das ist die wichtige 
Anschauung von den mehrbasischen Säuren. 

Sie hat dieselbe Bedeutung und dieselbe Tragweite, wie 
die Existenz der mehrsäurigen Basen, ohne dafs man zwanzig 
Jahre hindurch an diesen Vergleich gedacht hätte. Diese beiden 
Bezeichnungen sind in der Wissenschaft isolirt geblieben und 
wie verloren für die Theorie. Ihre Verkettung wurde erst 
durch neue Untersuchungen autgeklärt. 

AVas Berzelius für die Thonerde und das Eisenoxyd an- 
genommen hatte, welche er auffafste als ausreichend zur Sät- 
tigung von 3 Molekülen Säure, das hat BerthoUet für das 
Glycerin bewiesen, von dem er die Auffassung hatte, dafs es 
3 Moleküle Säure erfordere, um einen völlig gesättigten neu- 
tralen Fettkörper zu bilden. Man hatte bereits vor ihm er- 
kannt, dafs das Glycerin die Rolle eines Alkohols spielt, d. h. 
eines organischen Hydrats, welches zusammengesetzte Aether 
bilden kann, indem es sich mit Säuren vereinigt. Vor 50 Jahren, 
zu einer Zeit, als die organische Chemie noch kaum ins Leben 
getreten war, hatte Chevreul in seinen ausgezeichneten Arbeiten 
über die Fettkörper die näheren Bestandtheile der Fette und Oele 



112 DiK nEt TiGEN Theorien. 

mit den Aethern voifi;licl)en. Das war eine fjrofse und fruchtbafe 
Idee, ein Lichtstralil inmitten tiefer Nacht. Sie wurde durch 
das aufmerksame Studium der Verseifungserscheinungen erzeugt 
und erlaubte den folgenden Vergleich anzustellen : Ebenso wie 
die zusammengesetzten Aether sich unter dem Einflüsse von 
Alkalien zerlegen, ebenso zersetzen sich die neutralen Fett- 
körper unter dem P^influfs von Basen in Glycerin und in Salze, 
die wir Seifen nennen. Das Glycerin spielt daher für den 
neutralen Fettkörper dieselbe Rolle, die der Alkohol für den 
Aether spielt. Es ist ein Alkohol. 

Aber während der gewöhnliche Alkohol sich nur mit 
1 Molekül einer einbasischen Säure zu einem zusammenge- 
setzten Aether verbindet, nimmt das Glycerin bis 3 Mole- 
küle einer solchen Säure auf, um einen neutralen Fettkörper 
zu bilden. So enthält das Stearin, welches in die Zusammen- 
setzung der meisten thierischen Fette eintritt, die Elemente von 
3 Molekülen Stearinsäure, imd diese Verbindung geht unter 
Austritt von 3 Molekülen Wasser vor sich. Dieser tristearin- 
saure Aether ist jedoch nicht die einzige Verbindung, welche 
das Glycerin mit Stearinsäure bilden kann. Statt mit 3 Mo- 
lekülen, kann sich dasselbe mit 2 Molekülen Säure verbinden, 
indem 2 Moleküle Wasser austreten. Es kann auch ein ein- 
ziges Molekül Säure aufnehmen, indem nur 1 Molekül Wasser 
austritt. Es existiren also drei bestimmte Verbindungen von 
Stearinsäure und Glycerin, welche 1, 2 oder 3 Moleküle Stearin- 
säure einschliefsen. Alle sind gegen Lakmuspapier neutral, 
aber nur eine derselben kann als mit Säure gesättigt ange- 
sehen werden, diejenige nämlich, welche 3 Moleküle derselben 
enthält. Diese Thatsachen sind von Berthollet entdeckt und 
im Jahre 1854 in einer mit Recht berühmten Abhandlung ver- 
öffentlicht worden. Ihre theoretische Wichtigkeit ist dem Ver- 
fasser nicht entgangen, welcher sich darüber folgendermafsen 
aussimcht: „Diese Thatsachen zeigen uns, dafs das Glycerin 
zum Alkohol dieselbe Stellung einnimmt, wie die Phosphor- 
säure zur Salpetersäure. Während die Salpetersäure nur eine 
Reihe neutraler Salze liefert, erzeugt die Phosphorsäure deren 



Die heutigen Theorien. 113 

drei: die gewöhnlichen Phosphate, die Pyrophosphate und die 
Metaphosphate. Diese drei Reihen von Salzen reproduciren, 
wenn man sie durch energische Säuren bei Anwesenheit von 
Wasser zersetzt, eine und dieselbe Phosphorsäure. 

Ebenso giebt das Glycerin drei Reihen verschiedener neu- 
traler Verbindungen, während der Alkohol nur eine einzige 
Reihe von neutralen Aethern bildet. Diese drei Reihen repro- 
ducii-en bei ihrer vollständigen Zersetzung, bei Gegenwart von 
Wasser, einen und denselben Körper, das Glycerin. ^) 

Der Zusammenhang, welchen Berthelot zwischen dem 
Alkohol und der Salpetersäure einerseits und dem Glycerin 
und der Phosphoi-säure andrerseits festgestellt hat , ist nur 
unter der Bedingung richtig, dafs die Säure, welche mit dem 
Glycerin verglichen wird, die dreibasische Phosphorsäure ist. 
Diese Säure braucht zu ihrer Sättigung 3 Moleküle von einer 
Base wie das kaustische Kali, aber sie ist im Stande, nur 

2 oder nur ein einziges Molekül einer solchen Base aufzunehmen, 
und so erhalten wir drei Reihen von Phosphaten mit 1, 2 oder 

3 Aequivalenten Base, entsprechend den drei Reihen von Gly- 
cerinverbindungen mit 1, 2 oder 3 Aequivalenten Säure. Ebenso 
wie diese drei Reihen von Phosphaten nur eine einzige Säure 
enthalten, die dreibasische Phosphorsäure, ebenso enthalten die' 
drei Reihen von Glycerinverbindungen nur eine einzige Base, 
das dreiatomige Glycerin. Es war deshalb ungenau, die Ver- 
bindungen des Glycerins mit 2 Aequivalenten Säure mit den 
Pyrophosphaten, und die Verbindungen des Glycerins mit einem 
Aequivalent Säure mit den Metaphosphaten zu vergleichen. Diese 
drei Säuren sind in ihrer Sättigungscapacität grundverschieden. 
Wenn das Glycerin, dreiatomig, wie man sich heute ausdrückt, 
der dreibasischen Phosphorsäure ähnlich ist, so kann man es 
in Bezug auf seine Sättigungscapacität nicht mit der zweibasi- 
schen Pyrophosphorsäure und der einbasischen Metaphosphor- 
säure vergleichen. Das Glycerin gleichzeitig mit einer drei- 



*) Annales de chimie et de physique, dritte Reihe, Band LXI, 
pag. 319. 

Wurtz, Gesch. d. ehem. Theorien. O 



114 Die heutigen Theorien. 

basischen, zweibasisohen und einbasischen Säure vergleichen, 
das liiefse, ihm gleiclizeitig den Charakter eines dreiatomigen, 
zweiatomigen und einatomigen Alkohols zuerkennen. Hier 
war in den Ideen eine Verwirrung, die in den Thatsachen nicht 
existirt; denn die Versuche von Berthelot waren richtig und 
bezeichnen einen sehr bedeutenden Fortschritt, die Entdeckung 
der mehratomigen Alkohole. 

Die richtige Interpretation aller dieser Thatsachen gab 
einige Monate später Wurtz in einer Notiz: „Theorie der 
Gly cerinverbindungen." Das Glycerin wird darin dar- 
gestellt als ein dreibasischer Alkohol, welcher 3 Aequi- 
valente "Wasserstoff enthält, die durch drei Gruppen oder zu- 
sammengesetzte Radicale vertreten werden können. Die drei von 
Berthelot erhaltenen Reihen von Glycerinverbindungen wurden 
angesehen als Abkömmlinge dieses dreibasischen Alkohols durch 
Substitution von 1, 2 oder 3 Radicalen an der Stelle von 1, 
2 oder .3 Atomen Wasserstoff. So erscheint das Tristearin 
als Glycerin, in welchem 3 Atome Wasserstoff durch 3 Radi- 
cale der Stearinsäure (Stearyl) ersetzt sind. 

Es würde unnöthig sein, diese Interpretation zu erwähnen, 
wenn die Glycerinformel, welche bei dieser Gelegenheit vor- 
geschlagen wurde, nicht, wie wir gleich sehen werden, eine 
wichtige Entwicklung der Radicaltheorie veranlafst hätte. 



II. 

Die Typentheorie war bereits durch Williamson und Ger- 
hardt verjüngt worden. Die mineralischen und organischen 
Körper wurden von einer kleinen Anzahl tj'pischer Verbin- 
dungen durch Substitution von Radicalen an der Stelle von 
Wasserstoff' abgeleitet. Williamson hat es zuerst ausgesprochen, 
dafs die Schwefelsäure von 2 Molekülen Wasser durch Sub- 
stitution des zwei basischen Radicals der Schwefelsäure (des 
Radicals Sulfuryl) an der Stelle von 2 Atomen Wasserstoff ab- 
geleitet werden könne. Indem Wurtz diese Idee auf das Gly- 
cerin anwandte , leitete er diesen Körper von 3 Molekülen 



Die heutigen Theorien. 115 

Wasser ab, durch Substitution des dreibasischen Radicals Gly- 
ceryl an der Stelle von 3 Atomen WasserstoflF, und einen Schritt 
weiter gehend, versuchte er den tlieoretischen Grund dieser auffal- 
lenden Eigenschaft des Glycerinradicals anzugeben, das gleichsam 
in 3 Wassermoleküle eingreift, indem es in jedem derselben 
1 Atom Wasserstoff substituirt. Er machte darauf aufmerksam, 
dafs das Radical Glyceryl, bestehend aus 3 Atomen Kohlen- 
stoff und 5 Atomen Wasserstoff, sich durch den Mindergehalt 
von 2 Atomen Wasserstoff' von dem Radical Propyl unter- 
scheidet, welches sich für ein einziges Atom Wasserstoff sub- 
stituiren kann. In der That nimmt im Propylalkohol das 
Propyl den Platz von 1 Atom Wasserstoff in 1 Molekül 
Wasser ein. Der Verlust von 2 Atomen Wasserstoff, durch 
welchen das Propyl in Glyceryl übergegangen ist, hat also 
die Sättigungscapacität des ersteren Radicals um 2 Einheiten 
vermehrt. Mit andern Worten: das einbasische Radical ist 
dreibasisch geworden, indem es 2 Atome Wasserstoff' verlor. 
Dieser Gesichtspunkt war neu und hat zu wichtigen Folge- 
rungen in Bezug auf die Sättigungscapacität der Radicale 
geführt. Die Sättigungscapacität , welche man Atomigkeit 
genannt hat, war damit auf die Zusammensetzung der Radicale 
selbst zurückgeführt. Sie hängt ab von der Anzahl von Wasser- 
stoffatomen, welche die letzteren enthalten, mdem für jedes 
dieser Atome, welches einem Kohlenwasserstoff entzogen wird, 
die Atomigkeit um eine Einheit zunimmt. Diese Ideen er- 
hielten bald darauf eine experimentelle Bestätigung, welche zu 
ihrer Verbreitung beitrug. 

Um einen neutralen Aether zu bilden, nimmt der xVlkohol 
nur 1 Molekül einer einbasischen Säure auf; das Glycerin 
kann bis zu 3 Molekülen aufnehmen. Es müssen daher inter- 
mediäre Körper zwischen dem Alkohol und dem Glycerin 
existiren, die fähig sind, 2 Moleküle einer Säure zu ätherifi- 
ciren. Das ist die Schlufsreihe , welche zur Entdeckung 
der Glycole oder zweiatomigen Alkohole geführt hat. Kein 
bekannter Körper besafs die Eigenschaften einer solchen Art 

S* 



116 DiK HEUTIGEN THEORIEN. 

von Alkoholen, und nachdem ihre Existenz theoretisch voraus- 
gesehen war, nnifste man auf Mittel denken, sie darzustellen. 
Dahin wurde man durch die 13etrachtung geführt, welche weiter 
oben über die Funktionen des Glycerylradicals entwickelt 
worden sind. 

Die zweiatomigen Alkohole müssen ein zweiatomiges Ra- 
dical enthalten, und das ölbildende Gas oder Aethylen schien 
die Bedingungen eines solchen Radicals zu erfüllen. Es ent- 
hält in der That 1 Atom Wasserstoff weniger als das ein- 
atomige Radical Aethyl; es mufs also zweiatomig sein. Wirklich 
verbindet es sich mit 2 Atomen Chlor , um das Aethylen- 
dichlorid zu bilden. Wie dem Aethylchlorid oder Chlorwasser- 
stoffsäureäther ein Aethylhydrat entspricht, der Alkohol, so 
mufs dem Aethylendichlorid 1 Aethylendihydrat entsprechen. 
Dieses Dihydrat ist der Glycol. Wurtz hat seine Bildung ver- 
wirklicht, indem er das Dijodid oder Dibromid des Aethylens 
auf 2 Moleküle Silberacetat einwirken liefs und durch Kali 
das Aethylendiacetat zersetzte, welches durch doppelten Um- 
tausch zugleich mit Silberbromid entsteht. 

Dieser synthetische Prozefs hat den Charakter einer all- 
gemeinen Methode und konnte ohne Weiteres zur Darstel- 
lung von Körpern dienen, die dem Glycol in Zusammen- 
setzung und Eigenschaften analog sind. Wurtz hat die- 
selben „Glycole" oder „zweiatomige Alkohole" genannt, ') um 
anzuzeigen, dafs ihr Verbindungsvermögen, welches mit der 



') Das Wort „mehratomig" war kaum vor der Zeit in Gebrauch, in 
welcher Wurtz' erste Notiz über „das Glycol oder einen zweiatomigen 
Alkohol" erschien, obwol dasselbe nicht absolut neu war. In einer 
Abhandlung vom Jahre 1845 (Antiales de chiin. et de phys. 3. Reihe, 
Bd. XIII, S. 142) hatte Millon einen Unterschied zwischen den 
einatomigen und mehratomigen Basen, die er ansah als zusammen- 
gesetzt aus mehreren Molekülen einer einatomigen Base, und eben- 
falls zwischen den einatomigen und mehratomigen Säuren aufgestellt, 
welche letzteren ebenso durch Vereinigung mehrerer einfacher Mo- 
leküle entstehen. Auch ist anzuführen , dafs Malaguti in seinen 
vortrefflichen Le^ons elemetüaires de chimie 1853, S. 331 die Bezeich- 



Die heutigen Theorien. 117 

gröfseren Complication ihres Moleküls zusammenhängt, doppelt 
so grofs ist als das des gewöhnlichen Alkohols. 

Zu dieser Zeit herrschte in der Wissenschaft die Typen- 
theorie. Wir haben schon hervorgehoben, wie sie den Ver- 
fasser auf die richtige Interpretation der Beobachtungen über 
das Glycerin hingeführt hat. Dieselbe Theorie war der Leit- 
faden, welcher die P^ntdeckung des Glycols ermöglichte. 

Dieser und alle gleichartigen Körper wurden auf den 
Typus Wasser bezogen, aber auf einen condensirten, aus 2 
Molekülen bestehenden Typus. Das Radical Aethylen, welches 
sich mit 2 Atomen Chlor oder Brom verbindet, kann sich auch 
an Stelle zweier Atome Wasserstoff in 2 Molekülen Wasser 
substituiren, die es auf diese Weise, weil es untheilbar ist, mit 
einander verkettet. Das ist der Gedanke, welchen der Verfasser 
über die Function des Radicals Aethylen im Glycol aussprach 
und durch die rationelle tv'pische Formel ausdrückte, welche 
er diesem Körper beilegte.^) 

nung einatomige, zweiatomige, dreiatomige Säuren statt der gebräuch- 
licheren Ausdrücke einbasische, zweibasische, dreibasische Säuren an- 
gewandt hatte. 

') Die folgenden Formeln erläutern die Bildung des Glycol und 
Wurtz's Ansichten über die Functionen des Radicals: 

C,H3 0| 

Aethylenjodid Ag | ^ Jodsilber 1 Molekül 

CjHjOi Aethylen - 

2 Moleküle Silberacetat. acetat. 

Man sieht, dafs die 2 Moleküle Silberacetat zwei Atome Silber verlieren 
und gegen das zweiatomige untheilbare Radical Aethylen vertauschen, 
durch welches sie in ein einziges Molekül Aethylendiacetat zusam- 
mengeschweifst werden. 

C3H3O1 ^jo H ) Tr H o) 1 

(C,H,)" 0, H- ^ = (C,HJ" O, +2^-^"^*^ O 

CHaO^ gjO H ) L ^ ' J 

Aethylen- 2 Moleküle Aethylen- 2 Moleküle Kalium- 

Diacetat. Kali. Dihvdrat. acetat. 



1 1 R Die heutigen Theorien. 

Als eine wichtige Folge hat der Verfasser an die Glycole, 
die so constitnirt sind, nicht nur die neutralen Verbindungen 
anreihen können, welche sie mit Säuren bilden, und in welchen 
ihr zweiatomiges Radical unberührt bleibt, sondern auch noch 
die Säuren, welche aus ihrer Oxydation hervorgehen, und in wel- 
chen ihr zweiatomiges Radical sich durch Substitution modificirt. 

Durch Oxydation, durch Einflufs des Platinmohrs tauscht 
der Alkohol 2 Atome "Wasserstoff gegen 1 Atom Sauerstoff aus 
und wird zu Essigsäure. Sein Radical wird so durch Sub- 
stitution modificirt und geht in das Radical xVcetyl über. 

Unter denselben Umständen und durch eine ganz ähnliche 
Reaction verwandelt sich der Glycol in Glycolsäure; aber 
während der Alkohol durch Oxydation nur eine einzige Säure 
bildet, kann der Glycol deren zwei bilden. Unter dem Einflufs 
energischer Oxydationsmittel tauscht er 4 Atome Wasserstoff 
gegen 2 Atome Sauerstoff aus und wird zu Oxalsäure. Zwei 
Säuren leiten sich also durch Oxydation aus dem Glycol ab, 
dessen Radical sich zweimal durch Substitution modificiren 
kann, indem es 2 oder 4 Atome Wasserstoff gegen 1 oder 
2 Atome Sauerstoff austauscht. Diese Substitution geht in 
dem Radical Aethylen vor sich, welches in der Glycolsäure 
zu dem Radical Glycolyl, in der Oxalsäure zu dem Radical 
Oxalyl wird. Die eine wie die andere dieser Säuren ist 
zweiatomig, denn sie hängen mit einem zweiatomigen Alkohol 
zusammen; aber während die eine, die Oxalsäure, zweibasisch 
ist, ist die andere, die Glycolsäure, nur einbasisch. ') Der 
Verfasser, welchem man die Kenntnifs dieser Reactionen ver- 
dankt, hat zuerst darauf hingewiesen, dafs die Basicität der 
Säuren mit der Anzahl der Sauerstoffatome zunimmt, welche 



') Folgende Formeln drücken die Beziehungen zwischen dem 
Alkohol und Glycol und den Säuren aus, welche durch ihre Oxydation 
entstehen: 

Alkohol. Essigsäure. Glycol. Glycolsäure. Oxalsäure. 



Die heutigen Theorien. 119 

in ihrem Radical enthalten sind, und dafs strenge genommen 
die Ausdrücke mehratomig und mehrbasisch nicht synonym 
sind, wenn es sich um Säuren handelt. Er hat diese Reac- 
tionen sofort auf andere Glycole, die höheren Homologen des 
gewöhnlichen. Glycols, ausgedehnt, welche er mit Kohlenwasser- 
stoffen, den höheren Homologen des Aethylens, erhalten hatte, 
und unter denen er besonders den Propylglycol und den Amyl- 
glycol studirt hat. Durch Oxydation gab der erstere Milch- 
säure, der zweite eine neue Säure aus der Milchsäm-ereihe. 

Auf diese Weise wurden die mehratomigen und mehr- 
basischen Säuren auf mehratomige Alkohole bezogen, wie die 
einbasischen Säuren, welche der Essigsäure analog sind, früher 
auf die einatomigen Alkohole bezogen worden waren. 

In Bezug auf die Klassification der organischen Verbin- 
dungen erscheinen diese Thatsachen von grofser Wichtigkeit. 
Man kann mit Recht behaupten, dafs sie die Veranlassung und 
die Quelle einer neuen Darstellungsmethode in der organischen 
Chemie wurden. Sie haben in der That erlaubt , eine be- 
sondere Gruppe aus den mehratomigen Alkoholen und dem 
ganzen Gefolge von Verbindungen, welche sich an diese an- 
schliefsen, zu bilden, also aus den Kohlenwasserstoffen, welche 
ihr Radical ausmachen, und den mehratomigen Säuren, welche 
aus ihrer Oxydation hervorgehen , denen man noch die Alde- 
hyde anfügen kann. Alle diese Körper können unter dem 
Namen mehratomiger Verbindungen zusammengefafst und von 
den einatomigen Säuren und Alkoholen und allen den Kör- 
pern , welche sich an diese anschliefsen , getrennt werden. 
Die Alkohole von verschiedener Atomigkeit sind, wie man 
sieht, gewissermafsen die Grundlage der Klassification ge- 
worden, und diese Grundlage ward aufserordentlich erweitert 
durch die schönen Versuche Berthelot's über den Mannit und 
die zuckerartigen Substanzen. Diese Körper sind, wie bekannt, 
als sechsatomige Alkohole charakterisirt worden. Sie ver- 
langen zu ihrer Sättigung 6 Moleküle einer einbasischen Säure, 
während das Glycerin deren nur 3, der Glycol nur 2 auf- 
nimmt und der gewöhnliche Alkohol sich mit einem einzigen 



120 Die heutigen Theokien. 

begnügt. Um zu würdigen, von welchem Werth diese Dienst- 
leistung für die Klassification gewesen ist, genügt es, die 
Lehrmethode in das Gedächtnifs zurückzurufen, welche vor 
zwanzig Jahren in den Vorlesungen über organische Chemie 
üblich war. Nach einer Einleitung über die Zusammensetzung 
der organischen Substanzen und über die Analyse folgte ge- 
wöhnlich die Beschreibung der neutralen Bestandtheile, welche 
das Pflanzenreich liefert, wie der Cellulose, der Stärke und der 
zuckerartigen Körper. An diese schlofs man häufig die neu- 
tralen Substanzen des thierischen Organismus an , wie das 
Albumin und ähnliche Körper. So begann n-an also mit 
den allercomplicirtesten Substanzen, über deren Constitution 
man in vollkommener Unkenntnifs war, um dann zu der 
Beschreibung der einfacheren Körper überzugehen, welche daraus 
durch Zersetzung entstehen, un'd diese Anordnung wurde einzig 
und allein durch die zufällige üebereinstimmung in gewissen 
allgemeinen Eigenschaften bestimmt, wie die Neutralität, die 
saure Beschaffenheit, die Alkalität, und keineswegs durch Be- 
obachtungen der verwandtschaftlichen Beziehungen und Ab- 
stammung von einander. Alle Säuren wurden zusammengestellt 
nur daraufhin, dafs sie Lakmustinktur röthen; alle Alkalien 
wurden aus dem Grunde vereinigt, dafs sie sie bläuen. Das 
war der Anfang der Wissenschaft; heute gruppirt man die 
Körper in aufsteigender Ordnung nach ihrer molekularen Com- 
plication, indem man mit den einfachsten anfängt und allmählich 
in der Reihe weitergeht, wenn die Moleküle complicirter werden. 
Wird aber diese Complication des Moleküls genau und 
ausschliefslich durch die Anzahl der Kohlenstoifatome bestimmt, 
und mufs man aufs neue als Grundlage der Klassification 
Gerhardt's Stufenleiter der Verbrennung (S. 86) annehmen? 
Durchaus nicht. Es tritt ein neues Element in die Betrach- 
tungen ein, durch die man die molekularen Complicationen 
bestimmt, nämlich die Atomigkeit des Moleküls, seine Sätti- 
gungscapacität, die man ausdrücken kann, indem man das Mole- 
kül auf einen einfacheren oder complicirteren Typus bezieht, 
welcher übereinstimmt mit der Atomigkeit oder Sättigungs- 



Die heutigen Theorien. 121 

capacität des Radicals, welches in diesem Molekül enthalten 
ist. In dieser Hinsicht gehört die Oxalsäure, obgleich sie nur 
2 Atome Kohlenstoff einschliefst, einem höheren Verbindungs- 
typus an als die Stearinsäure, welche 18 Atome Kohlenstoff 
enthält. Die erstere ist zweiatomig und schliefst sich an einen 
zweiatomigen Alkohol an; die zweite ist einatomig und hängt 
mit einem einatomigen Alkohol zusammen. Das Princip der 
allgemeinen Eintheilung, welches heute überwiegt, ist also der 
Atomigkeit entnommen. Man vereinigt die Körper von gleicher 
Atomigkeit in grofse Klassen. Die Eigenschaften aller dieser 
Körper weichen nach der Natur, der Anzahl und der Anord- 
nung der Elemente, welche sie enthalten, von einander ab. 
Mit Leichtigkeit kann man daher Unterabtheilungen in diesen 
grofsen Klassen anbringen und die Körper derselben Klasse 
in Reihen und Familien zusammenordnen. 

Die Reihe umfafst diejenigen Körper, welche eine ähnliche 
Molekularstructur und analoge Eigenschaften haben, während 
sie in ihrer Zusammensetzung regelmäfsige Abweichungen zeigen, 
so dafs der unterschied, den man bei zwei benachbarten Mo- 
lekülen wahrnimmt, sich bei allen andern auf dieselbe Weise 
wiederholt. Alle Körper einer und derselben Reihe gehören 
zu demselben Typus. 

Die Familie umfafst alle diejenigen Körper, in deren 
Zusammensetzung ein gemeinsames Element eintritt, das Radical, 
welches in die verschiedensten Verbindungen übergehen kann. 
Diese Verbindungen gehören deshalb verschiedenen Typen an 
und sind mit unähnlichen Eigenschaften ausgestattet, obgleich 
sie alle denselben Kern enthalten. 

In die Reihe des Alkohols ordnet man alle Körper zu- 
sammen , welche mit dem Alkohol gewisse Beziehungen in 
Zusammensetzung und Eigenschaften haben. 

Man gruppirt in dieselbe Familie den Alkohol und alle 
Körper, welche das Radical des Alkohols, nämlich das Aethyl, 
enthalten. — Dies sind in wenigen Worten die Principien der 
Klassification , welche heute in der organischen Chemie in 
Gebrauch ist. Wie man sieht, tritt die Atomigkeit, d. h, die 



122 Du: iiKrTi*;KN Theoiuen. 

Sättigungseapacität der Körper, als herrschendes Element in 
diesen Betrachtungen auf. Sie steht, wie wir ol)en gesehen 
haben, mit der Atoniigkeit der Radicale, welche die Verbin- 
dungen enthalten , in Üeziehung. Es bleibt noch übrig , die 
Ideen vorzutragen, welche über die Entstehungsweise dieser 
Radicale ausgesprochen wurden. 

Durch die Entdeckung der mehrbasischen Säuren waren Un- 
terschiede in der Sättigungscapacität der Säuren nachgewiesen; 
die Entdeckung der mehratomigen Alkohole hatte Unterschiede 
derselben Art in derVerbindungscapacität der Alkohole gezeigt. 
Es ist zweifelhaft, ob man aus diesen Thatsachen einen allgemei- 
nen Begriff gezogen haben würde, wenn die Typentheorie nicht 
versucht hätte, die Unterschiede in denVerbindungscapacitätenvon 
Säuren und Alkoholen auf entsprechende Abweichungen in der 
Sättigung der Radicale zurückzuführen, welche sie einschliefsen. 

Man hat gesagt: das dreiatomige Glycerin schliefst ein 
Radical ein, welches dreiatomig ist, weil ihm 3 Atome Wasser- 
stoff zu seiner Sättigung fehlen ; der zweiatomige Glycol 
schliefst ein Radical ein, welches zweiatomig ist, weil ihm 
2 Atome Wasserstoff zu seiner Sättigung fehlen. 

Die Atomigkeit der Radicale, welche Wasserstoff und 
Kol^lenstoff einschliefsen, war auf diese Weise zu ihrem Gehalt 
an Wasserstoff in Beziehung gesetzt, d. h. zu ihrem Sättigungs- 
grade in Bezug auf dieses Element. Dieser Satz, welcher 
zuerst von dem Verfasser in der Notiz auf S. 114 ausgesprochen 
wurde, ist von mehreren Chemikern weiter entwickelt worden. 
Es ist angemessen, denselben etwas ausführlicher auseinander- 
zusetzen. 

1 Atom Kohlenstoff ist im Grubengas mit 4 Atomen 
Wasserstoff verbunden, und man ist bisher nicht im Stande 
gewesen, eine Verbindung von Kohlenstoff und Wasserstoff" her- 
zustellen, welche wasserstoffreicher ist. Das Grubengas ist 
nicht einzig in seiner Art, es ist das erste Glied einer Reihe 
von Kohlenwasserstoffen, welche alle mit Wasserstoff gesättigt 
sind, und die in ihrer Zusammensetzung ein regelmäfsiges Auf- 
steigen der Kohlenstoff- und Wasserstoffatome zeigen, so dafs 



Die heutigen Theorien. 123 

jedes derselben von seinen Nachbarn um 1 Atom Kohlenstoff 
und 2 Atome Wasserstoff abweicht. 

Diese Reihe heifst die homologe Reihe des Grubengases. 
Ihre Glieder sind die wasserstoffreichsten unter der grofsen An- 
zahl von Kohlenwasserstoffen ; sie sind damit gesättigt und 
können nicht mehr davon aufnehmen, und, Avas bemerkenswerth 
ist : sie sind ebenso unfähig, direct ein anderes Element aufzuneh- 
men, wie sie unfähig sind, Wasserstoff zu fessehi. Damit ein 
anderer einfacher Körper, wie z. B. das Chlor, Platz in ihrem 
Molekül finden kann, mufs es damit beginnen, Wasserstoff 
auszutreiben. Mit einem Wort, diese gesättigten Kohlenwasser- 
stoffe sind unfähig, direct in Verbindungen einzutreten: sie 
können sich nur durch Substitution verändern. Es scheint, 
dafs alle Affinitäten, welche dem Kohlenstoff innewohnen, 
durch diejenigen gesättigt sind, welche den Wasserstoffaffinitäten 
eigen sind , so dafs das Ganze gewissermafsen ein neutrales 
System bildet, und dieses nennt man einen gesättigten Kohlen- 
wasserstoff. 

Wenn man einem solchen Kohlenwasserstoff 1 Atom 
Wasserstoff entzieht, so bleiben die Affinitäten, welche den 
Kohlenstoffatomen innewohnen, nicht mehr befriedigt, und der 
Rest oder das unvollständige Molekül, welches von der ge- 
sättigten Verbindung durch 1 Atom Wasserstoff abweicht, wird 
genau die Sättigungscapacität kundgeben, welche diesem einem 
Atom Wasserstoff innewohnt. Dieser Rest ist fähig, sich mit 
1 Atom Chlor zu verbinden, sich 1 Atom Wasserstoff zu 
substituiren. Er spielt mit einem Wort die Rolle eines ein- 
atomigen Radicals. 

Wenn man einem gesättigten Kohlenwasserstoff 2 Atome 
Wasserstoff entzieht, so sucht der Rest des Moleküls die Affi- 
nitäten wiederzugewinnen, welche diesen 2 Atom.en Wasserstoff 
innewohnen. Das unvollständige Molekül kann 2 Atome Wasser- 
stoff oder 2 Atome Chlor fesseln oder sich für 2 Atome 
Wasserstoff oder Chlor substituiren. Das sind die Merkmale 
eines zweiatomigen Radicals. 

Wenn endlich aus einem gesättigten Kohlenwasserstoff 



124 DlK HEHTUiEN TlIKOHIEN. 

3 Atome Wasserstoff iortj^eiioimnen werden, so wird derselbe 
dadurch in ein dreiatomiges Radical verwandelt u. s. w. 

Nachdem einin;il diese Principien für die Bildung von 
Kohlenwasserstoffradicalen aus gesättigten Kohlenwasserstoffei> 
aufgestellt waren, war es leicht, dieselben auf alle zusammen- 
gesetzten Radicale der verschiedensten Natur anzuwenden. 
Man kann in der That jedes Radical zu einer gesättigten 
Verbindung in Beziehung setzen, aus der es sich durch den 
Verlust von einem oder mehreren Elementen ableitet, und der 
Grad seiner Atomigkeit wird genau durch die Gröfse dieses 
Verlustes bestimmt, welcher einer gröfseren oder kleineren 
Anzahl von Wasserstoffatonien entspricht. Auf diese Weise 
wird die Atomigkeit der Radicale auf ihren Sättigungszustand 
bezogen. Durch diesen wichtigen Fortschritt ist also zwischen 
den Functionen der Radicale und ihrer Zusammensetzung ein 
Zusammenhang festgestellt. Es bedurfte nur eines Schrittes 
weiter, um diesen Begriff der Sättigung auf die Elemente selbst 
zu übertragen. 

Wie man sieht, hat sicli der Begriff der Atomigkeit in 
historischer Ordnung allmählich, so zu sagen in drei Tage- 
märschen, in die Wissenschaft eingeführt. 

Zuerst hat man die mehratomigen Verbindungen entdeckt. 

Darauf hat man diese Mehratoniigkeit zu dem Sättigungs- 
zustand ihrer Radicale in Beziehung gesetzt. 

Endlich ist der Begriff der Sättigung auf die Elemente 
selbst ausgedehnt worden, den man zuerst auf die Radicale 
angewandt hatte, und aus dem ihre Atomigkeit sich ableitet. 

Ebenso wie die zusammengesetzten Radicale sich durch 
ihre Sättigungscapacität von einander unterscheiden, sind in 
der That die Atome der einfachen Körper nicht alle in Bezug 
auf ihre Verbindungscapacität einander ähnlich. Es giebt Ab- 
stufungen in dieser Grundeigenschaft der Atome, und diese 
Abstufungen kennzeichnen sich als ihre Atomigkeit. Ein be- 
stimmtes Metall vermag nicht mehr als 1 Atom Chlor auf- 
zunehmen, ein anderes nimmt 2 auf, wieder ein anderes ver- 
bindet sich mit 3 Atomen Chlor, ein viertes verlangt 4 Atome, 



Die heu'jigex Theorien. 125 

um ein gesättigtes Chlorid zu bilden. Diese ungleiche 
Fähigkeit der Metalle, sich mit Chlor zu verbinden, ist tief 
in der Natur ihrer Atome begründet, und aus diesem Grunde 
bezeichnet man sie mit dem Namen Atomigkeit. 

Dieser theoretische Begriff beherrscht heute die ganze Wis- 
senschaft, und es ist deshalb von Wichtigkeit, sorgfältig seinen 
Ursprung aufzusuchen und seine Entwicklung zu verfolgen. 



III. 

Wir wollen einen Augenblick auf die Typentheorie zurück- 
gehen. Laurent hatte die metallischen Protoxvde und ihre 
Hydrate mit dem Wasser verglichen ; Odling hat die Trioxyde 
und ihre Hydrate von mehreren Molekülen Wasser abgeleitet. 
Indem er sich an die Auffassung der wasserhaltigen Schwefel- 
säure erinnerte, wonach dieselbe von 2 Molekülen Wasser abge- 
leitet worden war, in welchen das Radical Sulphuryl 2 Atome 
Wasserstoff ersetzt, hat dieser geistreiche Freund Williamson's 
das Wismuthhydrat auf 3 Moleküle Wasser bezogen, in w'elchen 
das Metall Wismuth 3 Atome Wasserstoff ersetzt. Ein ein- 
ziges Atom dieses Metalls wurde also 3 Atomen Wasserstoff 
äquivalent gesetzt, und dieser Substitutionswerth oder Verbin- 
dungswerth wurde bezeichnet, indem das Symbol oben mit drei 
Accenten versehen wurde.') Diese Schreibw'eise Odling's ist 



') Es war dies im Jahre 1854. In demselben Jahre gelegentlich 
seiner Entdeckung der Thiacetsäure hat Kekule auf den Unterschied 
zwischen Chlor und Schwefel aufmerksam gemacht, welcher zur Er- 
scheinung kommt , wenn Chlorphosphor und wenn Schwcfelphosphor 
auf Essigsäure einwirken. In dem letztern Falle entsteht Thiacetsäure 
CjHjO.HS; in dem ersteren aber Chlorwasserstoff und Chloracetyl, weil 
das Chlor nicht im Stande ist, die beiden Körper zusammenzuhalten: 
C^H*0' 4- PCI' = C^H'OCl + HCl 4- PCI3 0. „Es ist eben nicht 
nur ein unterschied in der Schreibweise, sondern vielmehr wirkliche That- 
sache, dafs die dem einen untheilbarcn Atom Sauerstoff äquivalente 
Menge Chlor durch 2 theilbar ist, während der Schwefel wie der Sauerstoff 



126 Die heutigen Theorien. 

boibohalten und der Grundsatz, welcher durch dieselbe einge- 
führt ward, die Nicht- Aequivalenz der elementaren Atome, 
seitdem verallgemeinert worden. 

Die Atome sind nicht äquivalent; sie zeigen unter sich- 
eben solche Verschiedenheiten, wie die einbasischen, zweibasi- 
schen und dreibasischen Säuren. In einer Abhandlung vom 
Jahre 1855 hat der Verfasser der vorliegenden Schrift de» 
Stickstoff und den Phosphor als dreibasische Elemente be- 
zeichnet (Annales de Chimie et dePhysique, 3° Serie, t. XLIV., 
p. 30Ü) und gleichzeitig versucht, diese Verbindungscapacität 
durch die Annahme zu erklären, dafs jedes Atom dieser 
Elemente aus drei Unteratomen besteht, welche unzertrenn- 
lich mit einander verbunden sind, und von denen jedes 
1 Atom Wasserstoff vertreten kann. Indem diese Vertretung 
in 3 Molekülen Wasser statt hat , bildet der Phosphor also 
ein Band zwischen diesen 3 Molekülen Wasser, die er so • ver- 
kettet, dafs sie phosphorige Säure bilden. Auf diese Weise- 
wurde nicht nur die Atomigkeit des Phosphors und des Stick- 
stoffs klar ausgesprochen, sondern auch versucht, dieselbe durch 
eine Hypothese zu erklären, welche später von Anderen aufs 
neue ausgesprochen wurde. 

Dies sind die Quellen der Theorie von der Atomigkeit 
der Elemente; aber einen entscheidenden Fortschritt machte 
dieselbe erst im Jahre 1858. 

In einer wichtigen Abhandlung über die Radicale (Anna- 
len der Chemie und Pharm acie, Bd. CVI., S. 129, 1858) hat 
Kekule die Idee ausgesprochen, dafs der Kohlenstoff ein vier- 
atomiges Element ist. Er wurde hierzu durch die Erkenntnifs 
geführt, dafs die einfachsten organischen Verbindungen immer 
auf 1 Atom Kohlenstoff eine Anzahl elementarer Atome ent- 
halten, welche 4 Atomen Wasserstoff äquivalent ist: so im 



selbst zweibasisch ist, so dafs 1 Atom desselben äquivalent ist 
2 Atomen Chlor." Ann. d. Chem, u. Pharm., Bd. 90, pg. 314. (An- 
merkung des Herausgebers.) 



Die heutigen Theorien. 127 

Grubengas, im Kohlenstoffperchlorid und allen dazwischenlie- 
genden Verbindungen, welche gleichzeitig Wasserstoff und Chlor 
enthalten. Diese beiden Elemente sind einander äquivalent; 
sie ersetzen sich Atom für Atom. In den Verbindungen, von 
denen wir hier sprechen, ist ihre Summe immer gleich -4. 
Ebenso sind in der Kohlensäure die 2 Atome Sauerstoff", welche 
mit einem einzigen Atom Kohlenstoff" verbunden sind, 4 Atomen 
Wasserstoff äquivalent , da jedes derselben die Fähigkeit 
hat, 2 Atome Wasserstoff aufzunehmen oder zu ersetzen. Aber, 
wird man einwenden, 1 Atom Kohlenstoff" begnügt sich im 
Kohlenoxyd mit einem einzigen Atom Sauerstoff". Das ist 
allerdings wahr; aber dieser Körper ist ungesättigt. Die Ver- 
wandtschaftskraft, welche dem Kohlenstoffatom innewolint, wird 
durch seine Verbindung mit 1 Sauerstoffatom nicht befriedigt. 
Das Kohlenoxyd kann deshalb direct entweder ein zweites 
Atom Sauerstoff aufnehmen und Kohlensäure bilden oder 
2 Chloratome fesseln und in Chlorkohlenoxydgas übergehen. 

In diesen beiden Verbindungen hat der Kohlenstoff seine 
Verwandtschaftskraft durch Aufnahme elementarer Atome er- 
schöpft, deren Summe 4 Atomen Wasserstoff äquivalent ist. 
Er ist in ihnen gesättigt und damit vieratomig geworden. So 
kommt der Begriff' der Sättigung ins Spiel, wenn es sich darum 
handelt, die Atomigkeit der Elemente zu bestimmen. 

Derselbe Begriff" kommt ebenso für eine andere Erwägung 
in Betracht, welche Kekule in seiner oben erwähnten Abhand- 
lung entwickelt hat. 

In der Reihe der gesättigten Kohlenwasserstoffe ist die 
Zahl der Wasserstoffatome nur im ersten Glied, im Gru- 
bengas, welches ein einziges Kohlenstoft'atom enthält, viermal 
so grofs als die Anzahl der Kohlenstoff atome. Woher kommt 
es, dafs in dem folgenden Gliede 2 Atome Kohlenstoff nur 
mit 6 und nicht mit 8 Atomen Wasserstoff verbunden sind? 
Kekule erklärt diese Thatsache durch die Annahme, dafs jedes 
der beiden Kohlenstoffatome eine Atomigkeit verliert, indem sie 
sich mit einander verketten , mit einander verbinden. Nach- 
dem sie so 2 Atomigkeiten gesättigt haben, behalten sie nur 



128 Die heutigen Theokien. 

6 von den 8 übrig, welche sie enthielten, und können deshalb 
nur 6 Atome Wasserstoti" fesseln. Dieselbe Erscheinung wie- 
derholt sieh bei den folgenden (iliedern dieser Reihe, welche 3, 
4, 5 Atome Kohlenstoff enthalten. Diese sind gleichsam zu- 
sammengeschweifst und bilden eine Kette, deren Ringe durch 
einen Theil ihrer Verbindungskraft zusanunengehalten werden. 
Ein anderer Theil bleibt so zu sagen disponibel und wird dazu 
verwendet, andere Elemente anzuziehen und festzuhalten, die 
sich um die Kohlenstoffatome gruppiren. Die letzteren bilden 
den Kern der Verbindung, sein festes Gerüst; die Atome 
Wasserstoff, Chlor, Sauerstoff, welche sicli daran anlagern, 
bilden eine Art Anhängsel. ' ) 

Diese Idee ist von grofser Bedeutung ; denn sie erklärt die 
Complication der organischen Moleküle und ermöglicht es, sich 
von ihrer Structur Rechenschaft zu geben.') Woher zeigen 
die Kohlenstotfatome diese eigenthümliche Neigung, sich in 
den organischen Molekülen in grofser Anzahl anzuhäufen? 
Weil sie die Eigenschaft besitzen, sich mit einander zu verbin- 
ben, zu verketten. Auf dieser wichtigen Eigenschaft beruht 
die Eigenthümlichkeit der zahllosen Kohlenstoffverbindungen 
und ihre Physiognomie, das eigentliche Wesen der organischen 
Chemie. Kein anderes Element besitzt dieselbe in gleichem 
Mafse. Allerdings kann der Wasserstoff sich mit sich selbst 
verbinden, wie Gerhardt erkannt hat; da aber ein Atom dieses 
Körpers durch seine Verbindung mit einem zweiten Atom seine 
Verbindungsfähigkeit erschöpft, so kann sich kein anderes Ele- 
ment an dieses Paar anlagern. Das Wasserstoftmolekül zeigt also 
die einfachste Form eines gesättigten Moleküls, indem es aus 
2 Atomen besteht. Die mehratomigen Elemente allein können, 
nachdem sie einen Theil ihrer Verbindungsfähigkeit aufgewendet 



') Vgl. den Sclilufs der Anmerkung anf S. 130. 

") Die Gerechtigkeit verlangt, zu erwähnen, dafs Coujjer ähnliche 
Ideen entwickelt hat, ohne Kenntnifs von den Vorschlägen Kekule's ge- 
habt zru haben, welche für die jünj^ste Entwicklung der organischen 
Chemie so aufserordentlich einfliifsrcich gewesen sind. 



Die heutigen Theorien. 129 

haben, um sich mit einander zu verketten, einen anderen Theil 
zurückbehahen, um andere Elemente zu tixiren : so die Kohlen- 
stottatome und die SauerstofFatome. Die letzteren sind zwei- 
atomig und können zu zweit ihre sämmtlichen Atomigkeiten 
austauschen. Man nimmt an, dafs dieses im freien Sauerstoff 
der Fall ist, welcher aus 2 Atomen besteht, die 2 Volume ein- 
nehmen, wenn 1 Atom Wasserstoff 1 Volum einnimmt. Diese 
2 Atome, welche 4 Atomigkeiten besitzen, haben dieselben ge- 
genseitig gebunden, indem sie zusammentreten. Ebenso gut, 
wie sie durch vollständige Bindung je 2 Atomigkeiten ver- 
lieren können, so können sie aber auch durch einfache Bin- 
dung nur eine einzige verlieren , und je 1 Atomigkeit zu- 
rückbehalteuj die dazu dienen kann, 1 Atom Wasserstoff oder 
Chlor zu tixiren. 

Wenn 2 Wasserstoffatome sich so an ein Paar von 2 Sauer- 
stoffatomen anlagern, die unter sich durch den Austausch von 
je einer einzigen Atomigkeit verbunden sind, so entsteht das 
Wasserstoftperoxyd , welches aus 2 Atomen Sauerstoff und 
2 Atomen Wasserstoff" besteht. Durch Verbindungen von 2 
Atomen Chlor mit diesem Paar von Sauerstoffatomen entsteht 
das Chlorperoxyd; durch Verbindung von 1 Atom Wasserstoff 
und 1 Atom Chlor die chlorige Säure. ^) 



' ) Der freie Sauerstoff besteht aus 2 Atomen Sauerstoif, die ver- 

muthlich durch den Austausch ihrer beiden Atomigkeiten an einander 

hängen. Dieser Austausch ist in folgenden Formeln durch einfache 

oder doppelte Bindestriche angedeutet : 

0=0, H-O-H, H-O-O-H, Cl-0-O-Cl, Cl-O-O-H, CI-0-O-O-H. 

Freier Wasser. Wasserstoff- Chlorperoxyd. Chlorige Chlorsäure. 

Sauersten. peroxyd. Säure. 

Hier sieht man, wie die Sauerstoffatome sich mit einander zu einer 
Kette verbinden können, an deren Enden eine einzige freie Atomigkeit 
durch ein einatomiges Element, wie Chlor oder Wasserstoff, gesättigt 
ist. Das nennt man eine „offene Kette". 

Wenn alle mehratomigen Elemente der Kette unter einander ver- 
bunden sind, so heifst dieselbe eine „geschlossene". So verhalten sich 
gewisse Peroxyde und wahrscheinlich auch die wasserfreie Schwefel- 
säure, das schwefelsaure Baryum u. s. w. 

Wurtz, Gesch. d. ehem. Theorien. " 



130 Die heutigen Theorien. 

Aus den eben vorgetragenen Betrachtungen kann man die 
molekulare Structur dieser SauerstoflFverbindungen leicht ablei- 
ten. Da die Sauerstoffatome in den Peroxyden des Wasser- 
stoffs und des Chlors an einander gekettet sind , so ist jedes 
derselben natürlich mit 1 Atom Wasserstoff oder Chlor ver- 
bunden. Das sind die .einfachen Beziehungen zwischen den 
Atomen dieser verhältnifsmäfsig einfachen Verbindungen. Diese 
Beziehungen bedingen die Structur des Moleküls. Man findet 
sie durch Deduction, indem man ausgeht von den beiden 
Anschauungen, dafs die Sauerstoffatome zweiatomig sind und 
dafs sie sich mit einander verketten können. 

Aehnliche Data und ähnliche Schlüsse ermöglichen es, 
die Gruppirung der Atome in complicirteren Verbindungen, 
besonders in Verbindungen des Kohlenstoffs, d. h. also in den 
organischen Körpern, zu bestimmen. 

Die gewöhnlichen Elemente dieser Verbindungen sind 
der Kohlenstoff", der Wasserstoff", der Sauerstoff und der Stick- 
stoff". Indem die vieratomigen Kohlenstoffatome sich mit ein- 
ander verketten und, wie wir es oben ausgedrückt haben, den 
Kern der Verbindung bilden, gruppiren sich die andern Ele- 



Ba S-0 0-S-O 



Ba = 

Baryumoxyd. 



0-0 0-0 0-Ba-O 

Baryum- Schwefelsäure- Baryumsulfat. 

peroxyd. anhydrid. 

Bei dieser Schreibweise erkennt man die Atomigkeit eines Ele- 
mentes an der Anzahl von Bindestrichen, welche sein Zeichen in der 
Formel umgeben. 

Die folgenden Formeln, in welchen der Kohlenstotl' vieratomig 
angenommen ist, zeigen die Constitution der dem Sumpfgas homologen 
gesättigten Kohlenwasserstoffe an: 

H HH HHH HHHH 

I II III I < I I 

H-C-H H-C-C-H H-C-C-C-H H-C-C-C-C-H u. s. w. 

I II I I I I i I 

H HH HHH HHHH 

Sumpfgas. Aethyl- Propyl- Butylwasserstoff. 

Wasserstoff. Wasserstoff. 



Die heutigen Theorien. 131 

mente von verschiedener Atomigkeit um jene ersteren, indem 
sie je nach ihren Atomigkeiten diejenigen sättigen, welche in 
der Kette der Kohlenstoffatome frei geblieben sind. In einem 
solchen System folgt die Gruppirung der Atome oft mit Noth- 
wendigkeit aus ihrer Zahl und ihrer Natur. In den organi- 
schen Verbindungen, welche man gesättigt nennt, sind die 
Atomigkeiten nur unter der Bedingung befriedigt, dafs die 
Atome in bestimmter Weise gelagert sind. Der Sinn dieses 
Ausspruchs und seine Wichtigkeit möge an einem Beispiel näher 
gezeigt werden. 

Man kennt ein Gas , welches aus 2 Atomen Kohlenstoff 
und G Atomen Wasserstoff" besteht. Es gehört der Reihe von 
Kohlenwasserstoffen an, welche am reichsten an Wasserstoff 
sind. Die 2 Atome Kohlenstoff sind darin mit einander verkettet 
und haben jedes dadurch eine Atomigkeit verloren. Jedes 
derselben behält also 3 übrig und fixirt 3 Atome Wasserstoff. 
Es ist das also ein sehr einfaches System , da die 6 Wasser- 
stoffatome darin symmetrisch um die Kohlenstoffatome gelagert 
sind. Das so constituirte Gas, der Aethylwasserstoff, ist ge- 
sättigt, da alle Atomigkeiten darin befi-iedigt sind. Es kann 
daher keine anderen Atome mehr fixiren, wohl aber sich durcli 
Substitution verändern. So kann es 1 Atom Wasserstoff abgeben 
und 1 Atom eines anderen Elements aufiiehmen, welches an die 
Stelle des ersteren tritt. Ist dies 1 Atom Chlor, so bildet sich eine 
gechlorte Verbindung, das Chloräthyl, welches ebenso wie der 
wasserstofthaltige Körper, von dem es abstammt, gesättigt ist, 
da das Chloratom, welches sich angelagert hat, mit dem Was- 
serstoffatom, welcher austritt, gleichen Werth hat. ' ) 

*) Die folgenden Formeln zeigen die Beziehungen zwischen dea 
Atomen im Aethylwasserstoff an : 

HH HH HH HH 

II II I I ' ! 

H-C-C-H H-C-C-Cl H-C-C-OH II-C-C-NH'^ 

II I I 'I > I 

HH HH HH HH 

Aethylwasserstoff Chlorathyl. Aethylliydrat. Aethylamin. 

(gesättigter Kohlen- 
wasserstoff). 



132 Die heutigen Theorien. 

Wenn 1 Atom Wasserstoff des Aethyl Wasserstoffs von 
1 Atom Sauerstofi" verdrängt wird, so wird sich dieses selbst- 
verständlich mit einer seiner Atomigkeiten an das Kohlenstoff- 
atom anlagern, an welchem das verdrängte Wasserstoffatom 
hing; da es jedoch 2 Atomigkeiten besitzt, bleibt eine dersel- 
ben disponibel. Seine Neigung ist daher darauf gerichtet, ein 
anderes Atom zu fixii-en , z. B. 1 Atom Wasserstoff, das es 
gewissem! afsen in die Verbindung hineinzieht. Der Vorgang 
erscheint also, als ob 1 Atom Wasserstofi" des Aethylwasser- 
stoffs durch eine Gruppe ersetzt würde, welche aus 1 Atom 
Sauerstoff und 1 Atom Wasserstoff besteht. Diese Gruppe, 
die nichts anderes ist als Wasser, welches 1 Atom Wasser- 
stoff verloren hat, wird heute Oxhydryl genannt; sie ist ein- 
atomig und kann 1 Atom Wasserstoff ersetzen. 

Auf diese Weise wird der Aethylwasserstoff in Aethyl- 
hydrat d. i. Alkohol verwandelt. Die Rolle des Sauerstoffs 
ist hier leicht erklärlich: mit einer seiner Atomigkeiten an ein 
gewisses Kohlenatom gebunden, bindet er durch die andre 
1 Atom Wasserstoff und vereinigt dasselbe mit dem Aethyl. 
Dieses ist der Kern, das angezogene Wasserstoffatom ein An- 
hang, das zweiatomige Sauerstoffatora das vermittelnde Glied, 
das auf der einen Seite mit dem Kern, auf der andern mit 
dem Anhang zusammenhängt.') Das ist die Rolle des Sauer- 
stoffs in dem Alkohol und die Vertheilung der Atome in die- 
sem einfachen Molekül. 

Durch ähnliche Raisonnements kann man die Beziehungen 
der Atome in complicirteren Derivaten des Aethylwasserstoffs 
erkennen. Wenn 1 Atom Wasserstoff in demselben durch 
1 Atom Stickstoff vertreten wird, so hängt sich dieser mit 
einer seiner Atomigkeiten an das Kohlenstoffatom, mit welchem 
früher das Wasserstoftatom zusammenhing. Da aber das Stick- 
stoffatom 3 Atomigkeiten besitzt, so sucht es andere Elemente, 
welche dieselben sättigen können, z. B. 2 Atome Wasserstoff, 
in die Verbindung hineinzuziehen. In der stickstoffhaltigen. 



'} Siehe die vorhergehende Anmerkung. 



IE HEUTIGEN THEORIEN. 133 

Verbindung, die Aethylamin genannt wird, bildet so der Stick- 
stoff das vermittelnde Glied zwischen dem Rest Aethyl und 
den zwei annectirten Wasserstoffatomen.') 

Das ist im Allgemeinen die Rolle der mehratomigen Ele- 
mente in den organischen Verbindungen. Sie hängen in der 
Kette von Kohlenstoffatomen mit einem derselben zusammen 
und führen in ihrem Gefolge andere Elemente darin ein, welche 
im Stande sind, die frei gebliebenen Atomigkeiten zu sättigen. 
Auf diese Weise können der Sauerstoff, der Stickstoff und der 
Kohlenstoff selbst als vermittelnde Glieder dienen, um den 
Rest eines Moleküls, wie das Aethyl und die annectirten Mole- 
küle, oder auch zwei Reste, zwei Trümmer von Molekülen, 
mit einander zu verschweifsen. Auf diese Weise wachsen die 
organischen Moleküle nicht nur, indem sich Kohlenstoff an 
Kohlenstoff hängt, sondern auch, indem Sauerstoff oder Stick- 
stoff sich mit einander oder auch mit dem Kohlenstoff verket- 
ten, und indem alle diese mehratomigen Elemente ein kleineres 
oder gröfseres Gefolge von Atomen mit sich ziehen. 

Wir wollen in diesen Entwicklungen hier innehalten, da 
sie hinreichen, um die Wichtigkeit des Begriffs von der Atomig- 
keit der Elemente für die Lösung einer der bedeutendsten 
Fragen der Chemie, nämlich die von der Constitution der or- 
ganischen Verbindungen, zu beweisen. 

Indem wir von der Anschauung ausgehen, dafs die vier 
Elemente: Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff und W^asserstoff 
in ihrer Verbindungscapacität wie die Zahlen 4, 3, 2, 1 von 
einander abweichen, und hiermit die Kenntnisse verbinden, 
welche die Reactionen einer Verbindung uns liefern , können 
wir in sehr vielen Fällen die Gruppirung dieser Elemente in 
dem zusammengesetzten Körper bestimmen. 

Was that man früher, um die Constitution einer Verbin- 
dung festzustellen und sie durch eine rationelle Formel auszu- 
drücken? Man studirte ihre Metamorphosen und suchte in die 
Gruppirung der Atome dadurch einzudringen, dafs man die 



*) Siehe die Anmerkung auf S. 131. 



134 DiK HEUTIGEN TlIEOKIEN. 

verschiedenen Stellunj^en verfolgte, in welche sie durch die 
Verw^and langen des Moleküls gerathen. Diese Aufgabe erschien 
schwer , weil das Mittel zu ihrer Lösung nicht ausreichte. 
Erinnern wir uns in dieser Beziehung an die Meinung Ger- 
hardt's : es sei vergeblich , rationelle Formeln zu construiren, 
denn die Körper hätten für jede ihrer Reactionen eine andre. 
Dieser Ausspruch war zu absolut, und sein Urheber hat ihn 
selbst am Ende seiner kurzen und so glänzenden Laufljahn ver- 
bessert. War doch er es, der die elegantesten aller rationel- 
len Formeln, die typischen Formeln, eingeführt hat. 

Er hat dieselben durch das Studium der Metamorpliosen 
begründet. Ohne Zweifel würde er heute dafür die Inductionen 
zu Hilfe rufen, welche sich aus der Atomigkeit der Elemente 
ergeben. Denn so, wie das Studium der Reactionen Daten 
für die Dynamik der Atome liefert, so liefert die Betrachtung 
ihrer Verbindungscapacitäten Elemente für die Statik der Mo- 
leküle. Wir haben hier zwei Methoden , von denen die eine 
die andre ergänzt und controlirt. 

Wie verfährt man heute, und wie sind wir oben verfah- 
ren ? Um die Beziehungen zwischen den Atomen einiger Aethyl- 
verbindungen zu bestimmen, haben wir die Angriffspunkte der 
Verwandtschaft für die mehratomigen Elemente, Kohlenstoff, 
Stickstoff und Sauerstoff, aufgesucht. 

Die Gegenwart dieser Elemente in einer gesättigten or- 
ganischen Verl)indung führt in Bezug auf die Anordnungen des 
Moleküls zu Ansichten , welche durch die Betraclitungen über 
die Bildungsweise und die Metamorphosen dieser Verbindung 
unterstützt werden. Der synthetische Frocefs, dessen wir uns 
bedient haben, ist auf viele Fälle anwendbar und liefert Re- 
sultate, die Vertrauen verdienen, wenn man mit ihm die ana- 
lytischen Ergebnisse des Studiums der Reactionen verbindet. 

Dieser wichtige Fortschritt fliefst aus der grofsen Idee, 
welche Kekule und Couper ausgesprochen haben. ' ) Nachdem 



') Unter den Chemikern, welche am meisten zur Entwiciclung der 
Grundsdtze herbeigetragen haben , deren man sich heute zur Bestim- 



Die heutigen Theorien. 135 

die Betrachtungen über die Atomigkeit somit auf das Studium 
der atomistischen Constitution, der inneren Structur, der Mo- 
leküle angewandt worden, konnten die Chemiker in vielen 
Fällen die Auslegung von Erscheinungen versuchen, welche 
vorher jeder Erklärung entgangen waren, nämlich die überaus 
zahlreichen Fälle der Isomerie. Die Verschiedenheit in den 
Eigenschaften zweier oder mehrerer Körper, welche dieselbe 
Zusammensetzung haben, wurde immer in der verschiedenen 
Anordnung ihrer Atome gesucht, ohne dafs man in dieser Be- 
ziehung etwas Bestimmtes festsetzen konnte. Man geht heute 
weiter, und ohne für jedes Atom seinen absoluten Platz im Raum 
feststellen zu wollen, gelangt man oft dahin, seine Beziehungen 
zu den anderen Atomen zu bestimmen und damit die Structur 
des Moleküls zu entdecken. "Wenn man zwei Körper von ver- 
schiedenen Eigenschaften betrachtet, welche dieselben Atome 
in gleicher Anzahl enthalten, so kann man ihre Atome ver- 
schieden gruppiren und so mit denselben Bausteinen zwei Mo- 
leküle von verschiedener Gestalt aufbauen. Diese Verschie- 
denheiten in ihrer Structur erklären die Verschiedenheiten in 
ihren Eigenschaften, und so beschränkt man sich nicht mehr 
darauf, die Isomerie zu constatiren, sondern gelangt dahin, 
ihre Ursache zu erklären. 

IV. 

"Wir wollen hier innehalten, um das erreichte Ziel näher 
zu bezeichnen. 

Durch Erfahrung war die Thatsache festgestellt, dafs die 
Moleküle der Basen, Säuren und Alkohole einander nicht alle 
in Bezug auf ihre Verbindungscapacität äquivalent sind. Die 
Theorie hat die Erklärung dieser Thatsache in dem Sättigungs- 
zustande der Radicale gesucht und den Begriff der Sättigung 
von den Radicalen auf die Elemente selbst übertragen. 



mung der Constitution organischer Verbindungen bedient, sind beson- 
ders noch Butlerow und Erlenmeyer zu nennen. Der bezeichnende 
Ausdruck „molekulare Structur" rührt von dem Ersteren her. 



136 Die heutigen Theorien. 

Die Atome der einfachen Körper bringen in die Verbin- 
dungen, in welche sie eintreten, die Neigung zur Befriedigung 
ihrer Verbindungscapacität mit, die sie in verschiedenen Graden 
besitzen. Gewöhnlich tritt die Verwandtschaft zwischen ver- 
schiedenartigen Atomen auf; aber sie kann auch zwischen 
Atomen derselben Art wirken. So besitzen die Kohlenstoff- 
atome eine gewisse Verwandtschaft zu einander , und diese 
Eigenschaft, welche sie übrigens mit anderen Elementen theilen, 
erklärt die Complicirtheit der organischen Moleküle, während ' 
die Ungleichheit in der Sättigungsc.-ipacität der Elemente die 
Structur dieser Moleküle zur Folge hat. So ist die Entwick- 
lung der Atomigkeitstheorie fortgeschritten ; und die Erklärung 
der Constitution der organischen Verbindungen, die Deutung 
sehr vieler Isomeriefälle, die Begründung eines Systems ratio- 
neller Formeln auf die Reactionen der Verbindungen und auf 
eine Grundeigenschaft ihrer Atome, das alles sind Resultate, 
welche wir ihr verdanken. 

Damit nicht genug, hat sie das schon so weite Gesichts- 
feld noch vergröfsert und durch ihre Fortentwicklung den 
Bund zwischen der organischen Chemie und der Mineralchemie, 
welchen tüchtige Köpfe vorgefühlt und ausgesprochen hatten, 
fest geknüpft, indem sie auch in die unorganische Chemie 
eindrang. 

Die Grundeigenschaft einer mehrfachen Verbindungscapa- 
cität gehört nicht nur den Atomen des Kohlenstoifs, des Stick- 
stoffs und des Sauerstoffs an, welche nebst dem Wasserstoff 
die gewöhnlichen Elemente der organischen Natur bilden, 
sondern sie findet sich auch bei andern Atomen wieder. 

Bekanntlich sind die einfachen Körper, die man Metalloide 
genannt hat, um sie von den Metallen zu unterscheiden, in 
Familien eingetheilt worden. Bei diesem Versuch einer 
Klassification hat Dumas auf die natürlichen Verwandtschaften 
Rücksicht genommen, welche sich in den atomistischen Formeln 
der Verbindungen offenbaren. Er hat das Chlor, das Brom 
und das Jod in eine Familie vereinigt, weil sie sich zu je 
einem Atom mit Wasserstoff verbinden. Der Sauerstoff, der 



Die hectigen Theorien. 137 

Schwefel, das Selen und das Tellur bilden eine andere Familie, 
weil sie in ihren Verbindungen mit Wasserstoff für je eines 
ihrer Atome 2 Atome Wasserstoff aufnehmen. Der Stickstoff 
vertritt eine dritte Familie, die den Phosphor, das Arsen und 
das Antimon einschliefst, welche sich alle mit Wasserstoff in 
dem Verhältnifs von 2 Atomen zu 1 , 3 oder 5 Atomen dieses 
Gasey. verbinden. Wie man sieht, fufst also dieser Versuch 
einer Klassification auf der Verbindungscapacität der Ele- 
mente. In der That hat Dumas die Metalloide nach ihrer 
Atomigkeit geordnet. 

Wie aber verhalten sich die Metalle? Stimmen sie alle 
in Bezug auf ihre Sättigungscapacität überein ? Mufs man noch 
heute mit Gerhardt annehmen, dafs sie alle den Wasserstoff 
Atom für Atom vertreten können , und dafs ihre Protoxyde 
die Constituti(m des Wassers besitzen, also 2 Atome Metall auf 
1 Atom Sauerstoff enthalten ? Eine solche Annahme ist heute 
unmöglich. Die Metalle weichen eben so sehr durch ihre Sätti- 
gungscapacität von einander ab, wie die Metalloide, und man 
kann sie nach den Graden ihrer Atomigkeit ordnen. 

Die Alkalimetalle, wie das Kahum, das Natrium u. s. w., 
denen man das Silber anreiht, zeigen dieselbe Verbindungs- 
capacität, wie der Wasserstoff selbst. Sie sind ebenso wie 
dieser unfähig, mehr als 1 Atom Chlor oder Brom zu fesseln. 
1 Atom Sauerstoff ist für sie zuviel; sie müssen zu zweien 
sein, um es zu sättigen; ihre Protoxyde und ihre Hydrate sind 
also dem Wasser vergleichbar und zeigen dieselbe atomistische 
Constitution wie das letztere. Diese Metalle sind einatomig. 

Aber das Calcium, das Baryum, das Strontium, das Blei 
und viele andere nehmen 2 Atome Chlor, nicht weniger, auf, 
um sich zu sättigen. Sie repräsentiren zweiatomige Metalle, 
so wie der Sauerstoff die zweiatomigen Metalloide repräsentirt. 
Diese Idee der zweiatomigen Metalle wurde zuerst im Jahre 
1858 von Cannizzaro ausgesprochen und auf physikalische 
Data begründet, während Wurtz sie mit chemischen Gründen 
unterstützte. Unter letzteren erwähnen wir vor allen die Ana- 
logie dieser Metalle mit den zweiatomigen Radicalen, z. B. 



138 Die heitigkn Theokien. 

dem Ac'thylen, mit welchem die Functionen, die sie in den 
Verbindungen ausüben, übereinstimmen. Ohne weiter auf diesen 
Gegenstand einzugehen, heben wir nur hervor, dafs Cannizzaro 
für diese Metalle ein doppelt so grofses Atomgewicht ange- 
nommen hat, als es Gerhardt ihnen beigelegt hatte. Durch 
diese Neuerung wurden bedeutende Veränderungen in der 
Schreibweise dieses Chemikers herbeigeführt. In der That ent- 
stand so ein neues System von Atomgewichten, welches sich 
in vollkommenem Einklang mit den bereits erwähnten physi- 
kalischen Grundlagen befindet. Diese sind den Gesetzen ent- 
nommen, welche früher von Dulong und Petit und von Avo- 
gadro und Ampere entdeckt wurden. 

Das Gesetz von Dulong und Petit kann so ausgedrückt 
werden: Die Atome der einfachen Körper besitzen alle dieselbe 
specifische Wärme. Es ist nur richtig, wenn man das Atom- 
gewicht einer gewissen Anzahl unter ihnen verdoppelt. Daher 
erscheint die Annahme dieser verdoppelten Atomgewichte als 
berechtigt, weil dadurch auf sämmtliche Metalle ein so einfaches 
und allgemeines Gesetz ausgedehnt wird. Dasselbe hat in der 
That Allgemeingiltigkeit; denn die drei oder vier Ausnahmen, 
die man nachgewiesen hat, beziehen sich auf Elemente, welche 
die eigenthümliche Erscheinung der Allotropie zeigen, d. h., 
deren Theilchen verschiedene Modificationen, verschiedene phy- 
sikalische Zustände annehmen, in verschiedene Stellungen zu 
einander treten können. So verhalten sich der Kohlenstoff, 
das Bor und das Silicium. Mufs man nicht annehmen, dafs 
im Diamant z. B. die Kohlenstofftheilchen eine andere Lagerung 
haben als in der Holzkohle, und kann nicht, wenn ein solcher 
Körper dem Einflufs der Wärme ausgesetzt wird, zwischen 
seinen Theilchen eine Bewegung, eine innere Arbeit vorgehen, 
welche entweder Wärme entwickelt oder absorbirt? Eben 
diese durch innere Arbeit entwickelte oder absorbirte Wärme- 
menge erklärt die Ausnahmen und kleinen Ungenauigkeiten, 
welche das Gesetz von Dulong und Petit aufweist. 

Wir können daher den Schlufs ziehen, dafs dasselbe all- 
gemeine Giltigkeit hat und ein wichtiges Mittel zur Controle 



Die heutigen Theorien. 139 

der Atomgewächtsbestimmungen darbietet; denn offenbar mufs 
von zwei Zahlen, von denen die eine ein Vielfaches der an- 
dern ist, und welche beide in gleicher Weise den chemischen 
Thatsachen entsprechen, diejenige vorgezogen werden, welche 
mit dem Gesetz von der specifischen Wärme im Einklänge 
steht. Das ist für die erwähnten Metalle geschehen. 

Die Atomgewichte, welche somit aus dem Gesetz von 
Dulong und Petit abgeleitet worden sind , fallen mit den 
„Wärmeäquivalenten" von Regnault zusammen. Es sind die 
Gewichtsmengen, welche durch Absorption derselben Wärme- 
menge dieselben Temperaturerhöhungen erfahren , und die 
in Bezug auf diesen Wärmeeffect also mit einander äqui- 
valent sind. 

Die Hypothese von Avogadro und Ampere haben wir 
bereits auseinandergesetzt. Sie beruht auf den Beziehungen, 
welche Gay-Lussac zwischen den Dichtigkeiten und den Mo- 
lekulargewichten der Gase und Dämpfe entdeckt hat. Man 
kann dieselbe so ausdrücken: Wenn 1 Atom Wasserstoff" 1 Volum 
einnimmt, so nehmen die Moleküle aller Körper im Gaszustand 
2 Volume ein. Das Gewicht dieser 2 Volume drückt also aus 
das Gewicht eines Moleküls, bezogen auf das Gewicht von 
1 Volum Wasserstoff als Einheit. Aber diese relativen Ge- 
wichte sind nichts anderes als die Dichtigkeiten , wenn auch 
diese auf Wasserstoff als Einheit bezogen werden. Mit andern 
Worten : wenn man die Dichtigkeiten aller Gase und Dämpfe 
auf Wasserstoff bezieht, so drücken die doppelten Dichtigkeiten 
dieser Gase und Dämpfe ihr Molekulargewicht aus. Daraus 
folgt ein sehr einfaches Mittel, um die relativen Gewichte der 
Atome zu bestimmen oder zu controliren. Das heute geltende 
System der Atomgewichte befindet sich mit diesem einfachen 
Gesetz in Einklang; besonders folgen auch die verdoppelten 
Atomgewichte, welche vielen Metallen wegen ihrer specifischen 
Wärme beigelegt worden sind, aus den Molekulargewichten 
ihrer flüchtigen Verbindungen. 

Das Gesetz von Avogadro und Ampere ist einer Be- 
schränkung unterworfen, welche zu wichtigen Folgerungen 



140 Die heutigen Theorien. 

führt. Man kennt eine gewisse Anzahl Körper, welche 
von ihm abzuweichen scheinen. Ihre Moleküle nehmen im 
dampfförmigen Zustande nicht 2, sondern 4 Volume ein, so 
dafs ihre doppelte Dampfdichte einem Gewicht entspricht, 
welches nur der Hälfte ihres wirklichen Molekulargewichtes 
gleich ist. Ein Beispiel wird dies Verhalten erklären : 

Alle Betrachtungen führen zu der Annahme, dafs der Sal- 
miak aus 1 Molekül Salzsäure und 1 Molekül Ammoniakgas be- 
steht. Die beiden Bestandtheile treten mit allen ihren Elementen 
zu einem complicirteren Molekül zusammen. Wenn die Verbin- 
dung stabil genug wäre, um bei der Temperatur erhalten zu blei- 
ben, bei welcher der Salmiak in Dampf übergeht, so müfste sein 
Dampf 2 Volume für jedes Molekül einnehmen. Er nimmt aber 
4 Volume ein ; und ebenso verhalten sich nicht nur alle Ver- 
bindungen, die dem Chlorhydrat des Ammoniaks analog sind, 
sondern auch das Jodhydrat des Phosphorwasserstoffs, das 
Perchlorid des Phosphors, die gewässerte Schwefelsäure und 
andere Verbindungen. Die Ausnahmen vom Gesetz Avogadro's 
und Ampere's sind also ziemlich zahlreich. Man hat sie häufig 
benutzt, um dies Gesetz anzugreifen, und sie würden die An- 
hänger desselben in Verlegenheit setzen, wären sie nicht einer 
sehr einfachen Erklärung fähig, welche ihnen jede Beweis- 
kraft nimmt. Es wird nämlich durch nichts dargethan, dafs 
diese Verbindungen wirklich im Dampfzustand existiren können, 
ohne eine mehr oder weniger vollständige Zersetzung zu er- 
leiden; ihr Siedepunkt ist meistens hoch genug, um diese An- 
nahme sehr wahrscheinlich zu machen. 

Wir wollen auf das vorher angeführte Beispiel, den Sal- 
miak, zurückgehen. Wenn man die Elemente dieses Salzes bei 
gewöhnlicher Temperatur zusammenbringt, so vereinigen sie 
sich allerdings unter lebhafter Wärmeentwicklung. Unter diesen 
Bedingungen ist die Verwandtschaft der Salzsäure zum Ammo- 
niak sehr stark. Sie ist dagegen viel schwächer, und die Gase 
vereinigen sich nur zum geringern Theil, wenn man sie, wie 
H. Sainte-Claire Deville gethan hat, bei der hohen Temperatur 
zusammenführt, bei welcher das Quecksilber ins Sieden gerätb. 



Die heutigen Theorien. 141 

Bei dieser Temperatur bleibt der gröfsere Theil der Gase 
iinverbunden und einfach mit einander gemischt. Nun kann 
man aber den Salmiak nur bei hohen Temperaturen in Dampf 
überführen und als Dampf wägen, Temperaturen, bei denen 
die Verwandtschaft der beiden Gase , aus welchen er besteht, 
sehr geschwächt ist, und bei denen diese im festen Salmiak 
verbundenen Gase sich deshalb trennen und wieder eine ge- 
sonderte Existenz annehmen. Unter diesen Bedingungen wird 

1 Molekül Salmiak, welches 2 Volume Dampf einnehmen müfste, 
^wenn es unverletzt wäre, gänzlich oder doch beinahe in 

2 andere Moleküle zerlegt, welche einfach gemischt bleiben, 
indem jedes von ihnen zwei Dampfs'olume einnimmt. Also 
nicht das Salmiakmolekül nimmt -1 Volume Dampf ein, son- 
dern die Producte seiner Zersetzung durch die Wärme. Alles 
führt zu der Annahme, dafs die Moleküle der übrigen Körper, 
"welche oben als Ausnahmen von dem Gesetz Avogadro's und 
Ampere's bezeichnet worden sind, durch die Wärme ähnliche 
Zersetzungen erleiden wie das Salmiakmolekül. Sie werden 
je nach der Temperatur mehr oder weniger vollständig in die 
Moleküle zerlegt, aus welchen sie bestehen, und die dann 
einen doppelt so grofsen Raum erfüllen, als das complicirtere 
Molekül einnehmen sollte, wenn es nicht zersetzt wäre. 

Aber, kann man einwenden, woher kommt es, dafs man 
von dieser Zersetzung keine Spur mehr vorfindet, wenn der 
Dampf aufs neue condensirt und der Körper zur gewöhn- 
lichen Temperatur zurückgekehrt ist? In dem Ballon, in 
welchem der Salmiak in Dampf übergeführt und dieser Dampf 
zersetzt wurde, findet man nach der Condensation nur unver- 
änderten Salmiak. Das kann in der That nicht anders 
sein. Wenn die Temperatur sinkt, so üben die von einander 
getrennten Elemente des Ammoniakchlorhydrats aufs neue 
ihre Verwandtschaft zu einander aus und setzen das Mo- 
lekül dieses Salzes vollständig wieder zusammen , so dafs 
von der vorübergehenden Zersetzung, welche es erlitten hatte, 
Jceine Spur übrig bleibt. 

Einer der besten Beweise für diese Erklärunjj ist aus der 



142 Die heutigen Theorien. 

Dampfdichte des Aniylenbromhydrats abgeleitet worden. Die 
Verbindung des Kohlenwasserstoffs Aniylen >aiit Bromwasser- 
stoffsäure ist flüssig. Bei einer Temperatur, die ihren Siede- 
punkt nur wenig übersteigt, zeigt diese Verbindung eine Dampf- 
dichte, die man normal nennen kaim, weil sie 2 Volumen Dampf 
für 1 Molekül entspricht. Der Dampf bleibt bei dieser Tempe- 
ratur unversehrt; wenn man ihn dagegen erhitzt, so erleidet 
er eine mehr oder weniger vollständige Zersetzung, je nach- 
dem die zugeführte Wärme höher oder niedriger ist. Analog 
dem Salmiak zersetzt er sich in seine Elemente, Bromwasser- 
stoffsäure und Amylen. Aber diese Zersetzung geht allmählich 
vor sich; sie findet nicht bei einem bestimmten Temperatur- 
grad statt, sondern zwischen ziemlich weiten Temperatur- 
grenzen, so dafs der Dampf, der bei einem bestimmten Grade 
unversehrt ist, bei höheren Temperaturgraden mit mehr und 
weniger Zersetzungsprodueten gemischt wird, bis endlich bei 
einer noch höheren Temperatur die Zersetzung vollständig 
geworden ist. In diesem Augenblick ist die Dampfdichte auf 
die Hälfte der ursprünglichen Zahl herabgesunken. Soll man 
daraus schliefsen, dafs das Amylenbromhydrat 2 Dampfdichten 
besitzt? Das kann offenbar nicht der Fall sein, und es ist 
nur natürlich, als seine wirkliche Dampfdichte diejenige an- 
zunehmen, welche bei einer so niedrigen Temperatur genommen 
wird, dafs man bei ihr das Molekül noch als unversehrt vor- 
aussetzen kann. Wenn nun diese Dichte mit der Temperatur 
abnimmt, so erklärt sich das aus der zersetzenden Wirkung 
der Wärme auf den betreffenden Dampf. 

Man hat daher Ursache, zu glauben, dafs die andern 
Ausnahmen von dem Gesetze Avogadro's und Ampere's durch 
analoge Gründe bestimmt sind, und dafs dieses Gesetz, eine 
der Grundlagen der modernen Chemie, ganz allgemein giltig 
ist. Dabei ist nicht zu übersehen, dafs es in so zahlreichen 
Fällen richtig befunden wurde, dafs die entgegenstehenden 
Thatsachen unstreitig den Charakter von Ausnahmen annehmen 
und grade deshalb eine ernste Untersuchung verlangen. Die 
Erklärung, welche ihnen zu Theil ward, und die heute von 



Die heutigen Theorien. 143 

den meisten Chemikern angenommen wird, stimmt übrigens 
mit den gangbaren Ideen über die Verwandtschaft vollkommen 
überein. Wenn 2 Moleküle, deren jedes im gasförmigen Zu- 
stand bestehen kann, durch Affinität zu einem complicirteren 
Molekül vereinigt sind , so kann es sein , dafs der Kochpunkt 
des letzteren so niedrig liegt, dafs die Wärme, welche zuge- 
führt werden mufs, um es in Dampf überzuführen, den beiden 
ursprünglichen Molekülen nicht die Wärmemenge ersetzt, 
welche sie durch ihre Vereinigung verloren haben. In diesem 
Falle bleiben sie verbunden. Aber kann man erwarten, dafs 
es immer so sein mufs ? Kann nicht vielmehr die Verwandt- 
schaft zweier Körper zu einander so schwach oder ihre Ver- 
bindung so wenig flüchtig sein, dafs der Wärmegrad, bei welchem 
sie sich zersetzen, untei-halb ihres Siedepunktes liegt? Das 
tritt eben in der Mehrzahl der Fälle ein, die wir angedeutet 
haben. Es ist sicher, dafs sehr viele chemischen Moleküle 
unfähig sind, den gasförmigen Aggregatzustand anzunehmen, 
ohne dabei eine mehr oder weniger vollständige Zersetzung zu 
erleiden. 

Sehr wichtig ist es, den Gang dieser Zersetzung zu studiren. 

Die Erscheinung ist einfach genug, wenn die Producte 
nach ihrer Trennung von einander sich nicht durch eine um- 
gekehrte Reaction wieder vereinigen und die Verbindung Avieder- 
herstellen, welche eben zersetzt worden ist. Nehmen wir an, 
der Körper sei fest, und seine Zersetzungsproducte könnten 
sich fi-ei entwickeln. Alle Moleküle, welche die Masse des 
sich zersetzenden Körpers constituiren , sind in diesem Falle 
während der ganzen Dauer der Erscheinung denselben Bedin- 
gungen unterworfen. Sie werden alle auf gleiche Weise von 
der Wärme angegriifen, alle bei derselben Temperatur zersetzt, 
sobald die Wärmemenge , welche an sie herantritt , ihren 
Elementen die lebendige Kraft zurückgegeben hat, welche sie 
durch ihre Verbindung verloren hatten. Unter diesen Bedin- 
gungen wird die Zersetzung bei einer bestimmten festen Tem- 
peratur zu Ende geführt. 

Anders verhält es sich, wenn die Zersetzungsproducte, die 



144 Die heutigen Theorien. 

mit der sich zersetzenden Verbindung gemischt sind , aufs 
neue an einander treten können, um den ursprünghclien Körper 
wiederherzustellen. Der Tendenz dieses Körpers, sich unter 
dem Einflufs der Wärme zu zerlegen oder sich zu disso- 
ciiren, um uns Henri Sainte- Ciaire Deville's glücklicher Aus- 
drucksweise zu bedienen , wird dann die Wage gehalten 
durch die entgegengesetzte Tendenz der in Freiheit gesetzten 
Elemente , sich unter dem Einflufs der Verwandtschaft aufs 
neue zu verbinden. Es tritt demnach eine Art von mobilem 
Gleichgewicht ein zwischen den unangegriftenen Molekülen 
der ursprünglichen Verbindung und ihren Zersetzungsproducten, 
die dahin streben, sich aufs neue zu vereinigen. In dem 
Verhältnisse, in dem die Masse der letzteren in dem Gemenge 
wächst, nimmt auch die Summe der Verwandtschaftskräfte zu, 
und um die wachsende Neigung zur Wiedervereinigung zu be- 
kämpfen, mufs man den noch unangegriffenen Molekülen, um 
sie zu zersetzen, um so gröfsere Wärmemengen zuführen. In 
diesem Fall ist die Zersetzung also eine continuirliche Er- 
scheinung, die nicht bei einem bestimmten Wärmegrad, sondern 
zwischen Temperaturgrenzen zu Ende geführt wird. Sie ist 
es, die man heute als Dissociation bezeichnet. Die schönen 
Versuche Henri Sainte-Claire Deville's sind bekannt und sollen 
deshalb hier nur erwähnt werden. Die Thatsachen, von denen 
die Rede ist , sind nicht isolirt in der Wissenschaft und 
stehen mit anderen Aeufserungen der Verwandtschaft in naher 
Beziehung, besonders mit den einander entgegengesetzten Re- 
actionen, welche durch Massenwirkung hervorgebracht werden, 
und die früher von Berthollet studirt worden sind. 

Bei allen diesen Erscheinungen kommt die Verwandtschaft 
ins Spiel, und ohne mit der Natur dieser Kraft völlig ver- 
traut zu sein, kennt man wenigstens ihre Beziehungen zur 
Wärme. Wir wissen, dafs die Verwandtschaft nicht ohne 
Wärmeentwicklung aufgehoben, nicht ohne Wärmeabsoi-ption 
wiederhergestellt werden kann. Es besteht also eine wechsel- 
seitige Beziehung zwischen diesen beiden Kräften, und man 
kann deshalb die eine benutzen , um die andere daran 



Die heutigen Theorien, 145 

zu messen. Man nimmt an, dafs die chemische Kraft ihren 
Sitz in den Atomen der Körper hat, dafs sie vielleicht in einer 
besondern Art von Bewegung dieser Atome besteht. Von 
letzterer wissen wir nichts; wohl aber wissen wir, dafs diese 
Kraft dadurch, dafs die Atome, in welchen sie ihren Sitz hat, 
sich treflten und sich vereinigen, nicht zerstört wird. Die Ver- 
wandtschaft erlischt durch diese Vereinigung; sie ist, wenig- 
stens theilweise, befriedigt, aber die Kraftmenge, welche den 
Atomen auf diese Weise entzogen wird, wird keineswegs ver- 
nichtet. Sie tritt vielmehr in dem Augenblick der Vereinigung 
als Wärme auf, und die Intensität der entwickelten Wärme ist 
das Mafs für die Gröfse der Verwandtschaft. 

Existiren nun für diese Kraft keine anderen Unterschiede, 
als in der Stärke, mit welcher sie auftritt? Wirkt sie gleich- 
mäfsig auf alle Atome, verschieden nur in ihrer Intensität, 
so wie die Schwerkraft ohne Unterschied alle Körper nach 
denselben Gesetzen beherrscht? Keineswegs; die chemische 
Kraft ist complicirterer Art, sie hat eine Eigenthümlichkeit, 
die von ihrer Intensität selbst unabhängig zu sein scheint: näm- 
lich die wählerische Wirkungsweise, welche schon Bergmann 
studirte und detinirte, lange bevor die Chemiker die Existenz 
von Atomen annahmen, deren Eigenschaft sie ist. Woher 
kommt es, dafs das Chlor, welches eine so kräftige Verwandt- 
i5chaft zum Wasserstoff" besitzt, jedes seiner Atome nur mit 
einem einzigen Atom dieses Körpers verbinden kann, während 
der Stickstoff" sich mit 3 Atomen Wasserstoff' vereinigt? Woher 
vermag der Phosphor, welcher dem Arsenik so nahe steht 
und sich wie dieses mit 3 Atomen Wasserstoff" oder mit 3 Atomen 
Chlor vereinigen kann, im Phosphorperchlorid bis zu 5 Atomen 
Chlor aufzunehmen? Die Atome der einfachen Körper sind nicht 
gleichartig. Abgesehen von den Unterschieden ihrer relativen 
Massen und der denselben innewohnenden Kräfte, iäfst sich ver- 
muthen, dafs sie auch in der Form, in der Bewegung und in 
der Structur von einander abweichen und sich deshalb nicht 
auf gleiche Weise einander anpassen können. Hierin liegt offen- 
bar eine der Bedingungen, von welchen die sogenannte Wahlver- 

Wurtz, Gesch. d. ehem. Tüeorien. 10 



IM Die heutigen Theorien. 

wandtschaft der Atome und ihre ungleichen Verbindungs- 
capacitäten abhängen. 

Hiermit wären wir auf den Begriff der Atomigkeit zurück- 
gekommen. 

Wirtrefl'en dieselbe hier an der eigentlichen Basis der Wissen- 
schaft wieder und erkennen in ihr eine der Erscheinungsformen 
der chemischen Kraft. Jedes Atom bringt in seine Verbindungen 
zweierlei mit: einmal eine bestimmte Kraftmenge und dann die 
Fähigkeit, dieselbe auf besondere Weise zu verwenden, indem e& 
andre Atome anzieht, aber nicht ohne Unterschied alle, son- 
dern nur bestimmte Atome und diese in bestimmter Anzahl. 

Die Atome weichen also nicht nur durch die Gröfse ihrer 
Verwandtschaftskräfte von einander ab , sondern auch durch 
ihre Verbindungscapacität, die Fähigkeit, eine bestimmte Anzahl 
anderer Atome auszuwählen, welche ihrer speciellen Natur 
entsprechen, um sich mit ihnen zu dem, was man eine Ver- 
bindung nennt, zu vereinigen. Das bezeichnen wir als ihre 
Atomigkeit. 

Diese Grundeigenschaft bestimmt die Art der Verbin- 
dungen, ihre Stufen und ihre Grenzen. Sie ist es, die in dem 
Gesetz der multiplen Proportionen zur Erscheinung kommt; 
von ihr hängt die Thatsache ab, die wir als Sättigung bezeich- 
nen; sie bestimmt die Functionen der unvollständig gesättigten 
Gruppen, welche man Radicale nennt, und sie erklärt den 
tiefen Sinn, welcher der Idee der Typen zu Grunde liegt. 

Aus welchem andern Grund hat man den Typus Wasser auf- 
gestellt, als weil es ein zweiatomiges Element Sauerstoff giebt? 
Worauf ist der Typus Ammoniak begründet, als auf der Exi- 
stenz des dreiatomigen Elements Stickstoff? 

Wir haben oben gesehen, wie diese Grundeigenschaft der 
Atome in den Betrachtungen über die atomistische Constitution 
der Körper zur Geltung kommt; wie die Tendenz der Atome, 
sich zu sättigen, gewissermafsen die Angriffspunkte der Ver- 
wandtschaft und die gegenseitigen Beziehungen der Atome in 
den Verbindungen bestimmt. Um die Tragweite und Frucht- 
barkeit dieses Begriffs der Atomigkeit nocli duieh eine weitere 



Die heutigen Theorien. 147 

Entwicklung darzulegen, wollen wir schlieislich nachweisen, 
in welcher Art durch ihn die chemischen Reactionen aufge- 
klärt werden. 



Allgemein aufgefafst und abgesehen von den Erscheinungen 
der Isomerie, kommt jede Reaction unter eine der folgenden 
drei Rubriken. 

Sie ist entweder Bildung einer Verbindung durch Addition 
von Atomen oder Molekülen : 

oder Zersetzung eines complicirten Moleküls in einfachere 
Elemente ; 

oder Substitution von gewissen Elemente einer Verbindung 
durch andere. 

Das dualistische System stützte sich besonders auf die 
beiden ersteren Fälle chemischer Erscheinungen. Ausgehend 
von Lavoisier's Ideen über die Salze, betrachtete es alle Ver- 
bindungen als durch Addition zweier Elemente entstanden, die 
fähig bleiben, sich wieder von einander zu trennen. Dumas 
war der Erste, welcher, auf die Substitutionserscheinungen ge- 
stützt, das chemische Molekül als ein Ganzes ansah, dessen 
verschiedene Theile durch Verwandtschaft verbunden sind. 
Gerhardt nahm diese Idee auf. Er nahm aufserdera an, dafs 
alle chemischen Reactionen zwischen diesen einheitlichen Mo- 
lekülen dadurch vor sich gehen, dafs sie ihre Elemente unter 
einander austauschen. Alles ist doppelte Zersetzung: durch 
diese ^usdrucksweise erklärte er alle chemischen Umwand- 
lungen und dehnte so die von der Substitutionstheorie ange- 
regte Auffassungsweise allzusehr aus. Wir wissen heute, dafs 
in seiner Reaction gegen die zu weit gehenden Ideen von 
Berzelius er selbst das rechte Mafs überschritten hat. 

Es ist nicht richtig, dafs Alles doppelte Zersetzung ist: 
Elemente können sich anfügen und ablösen; es giebt Moleküle, 
welche fähig sind, durch directe Addition von neuen Atomen 
zu wachsen, nnd andere, welche zerreifsen und in unabhängige 
Bruchstücke zerfallen können. 

10' 



148 OiK HKriTiGEN Theokien. 

Alle diese Roactionen werden durch den Begriff der Ato- 
niigkeit erklärt. Wir kennen die Neigung der Atome, ihre 
Verbindungsfähigkeit auszuüben, und das Gesetz der mul- 
tiplen Proportionen zeigt uns, dafs dieselbe stufenweise be- 
friedigt werden kann. In allen Fällen also, in welchen eine 
Verbindung ein mehratomiges Element enthält, das unvoll- 
ständig gesättigt ist, strebt dieselbe, neue Atome anzuziehen, 
um jenen »Sättigungszustand zu erreichen, welcher durch den 
Austausch aller Alomigkeiten bezeichnet wird. 

Wir können somit in den chemischen Verbindungen zwei 
verschiedene Zustände unterscheiden: in den gesättigten Mole- 
külen das Gleichgewicht der Atomigkeiten, in den unvollstän- 
dig gesättigten Molekülen ein labiles (Tleichgewicht, eine Lücke, 
und die Neigung, diese Lücke auszufüllen. 

Weshalb kann das ölbildende Gas 2 Atome Chor an- 
ziehen, wie das Quecksilber oder wie das Zink, und so die 
Rolle eines Radicals spielen ? Weil von den 2 Atomen Kohlen- 
stoff, welche es enthält, ohne dafs sie sich deshalb trennten. 
jedes 3 einatomige Elemente anziehen kann, während sie in 
dem Gase selbst jedes nur 2 Atome Wasserstoff festhalten. 
Durch die Hinzufügung von 2 Atomen Chlor ist also das Mo- 
lekül gewachsen und in einen Zustand übergegangen , in wel- 
chem es unfähig ist, noch andre Atome durch directe Ver- 
einigung zu tixiren. Aber deshalb ist das neue Molekül, 
welches jetzt das Aethylenchlorid ausmacht, keineswegs unfähig 
geworden, sich zu verändern, und gleichgiltig, gewisserraafsen 
unempfindlich gegen die Einwirkungen anderer Moleküle. Das 
Aethylenchlorid kann entweder zerreifsen oder einige seiner 
Elemente gegen andere austauschen. Wenn man sein Chlor 
dem Einflüsse kräftiger Affinitäten aussetzt, so kann es ent- 
weder einfach losgetrennt oder durch andre Atome ersetzt 
werden. In dem letzteren Falle wird jedes Atom Chlor durch 
ein Element ersetzt, welches in der neuen, durch Substitution 
gebildeten Verbindung genau dessen Rolle ausfüllt, das heifst, 
das neue Element wird von dem Kohlenstoffatom dui'ch eine 
Atomigkeit angezogen , welche vorher in dem Äthylen- 



Die heltigen Theorien. 149 

Chlorid das Chloratom gefesselt hatte. Wenn das neue Element 
einatomig ist wie das Chlor, so geht die Substitution Atom 
für Atom vor sich, und die neue Verbindung hat dann die- 
selbe molekulare Structur wie das Aethylenchlorid. Wenn 
umgekehrt das an die Stelle des Chlors getretene Element 
mehratomig ist, so bringt es in die neue Verbindung mehr 
Atomigkeiten mit. als nöthig sind, um eines der Kohlenstoff- 
atome so zu sättigen, wie es das Chlor gethan hatte. Indem es 
den Platz des letzteren einnimmt, mufs es daher andere Atome 
mit sich in die Verbindung hineinziehen , Avelche fähig sind, 
seine freigebliebenen Atomigkeiten zu befriedigen. Das Molekül 
wächst also noch einmal, aber nicht mehr durch directe Addi- 
tion neuer Elemente, sondern dadurch, dafs eine. Atomgruppe, 
ein zusammengesetztes Radical, an die Stelle eines einfachen 
Körpers ti-itt. Auf diese Weise giebt die Atomigkeitstheorie 
Rechenschaft von der Function der Radicale, die in so vielen 
Reactionen an die Stelle von einfachen Körpern treten , und 
so erklärt und erweitert sie den berühmten Ausspruch der Ur- 
heber der Substitutionstueorie. welcher zuerst auf das Chlor 
angewandt wurde, dafs Elemente, welche in Verbindungen an 
die Stelle von andern Elementen treten, deren Platz und deren 
Rolle einnehmen. 

Sie ersetzen dieselben durch ihre Verbindungscapacität und 
treten in dem neuen Körper zu demselben Atom in Beziehung, 
welches in der ursprünglichen Verbindung durch die ausge- 
tretenen Elemente gesättigt worden war. Soll damit gesagt 
sein, dafs durch solche Substitutionen die Eigenschaften der 
Körper keine Veränderungen erleiden ? dafs die Elemente, welche 
durch Substitution eintreten, die austretenden in allen ihren 
Eigenschaften ersetzen, und dafs es daher in Bezug auf seine 
Eigenthümlichkeiten einerlei ist, ob ein Körper Wasserstoft", 
oder ob er Chlor oder Sauerstoft' an dessen Stelle enthält, wenn 
nur diese Substitution in aequivalenten Mengen nach dem 
Gesetz der Atomigkeit vor sich geht? Nein, in dieser Weise 
darf die Rolle der Elemente bei Substitutionen nicht verstan- 
den werden. Wenn die Elemente von gleicher Atomigkeit 



150 Die hehtigen Theorien. 

eiiKinder ersetziMi können, soweit ihre Werthigkeit, ihre Ver- 
bindung.sciiiiacitjit in Betracht konunt, so können sie in Bezug 
iuit'ihre Pjij>en.sihat'ten einander nicht ersetzen oder mit einander 
gleichwerthi<f sein, denn jedes bringt in die Verbindung seine 
eigne Natur, seine besonderen Verwandtschaften mit. 

Um die Eigentiiüinlichkeiten der zusammengesetzten Kör- 
per zu erkhiren, hat man bahl der Natur der Elemente, bald 
ihrer Lagerung einen vorwiegenden Einflufs zugeschrieben. 
Richtiger ist es, zu sagen, dafs die Eigenthümlichkeiten der 
Körper gleichzeitig von beiden Bedingungen abhängen . da 
eine wie die andere beträchtlichen EinHiils ausübt. 

Auf Betrachtungen dieser Art mufs man zurückgehen, um 
die Eigenschaften oder richtiger die Functionen zu erklären, 
welche die Aufmerksamkeit der Chemiker am meisten auf sich 
gezogen haben: nämlich die der Säuren und Basen, welche in 
der Neutralisation dieser Körper bei der Salzbildung zur An- 
schauung kommen. Weshalb besitzen einige Körper die Eigen- 
schaft, sauer zu sein ? Lavoisier antwortete : weil sie viel 
Sauerstoff enthalten. Diese Antwort war gut, aber unzu- 
reichend. Wir wissen heute, dafs die Neutralisation der .Säuren 
durch die Basen in dem Austausch des Wasserstoffs der einen 
gegen das Metall der andern besteht, und dafs dieser Wasser- 
stoff eines solchen Austausches nur dann fähig ist, wenn er 
mit einem oder mehreren Elementen von stark elektro- nega- 
tiver Natur in Zusammenhang steht. Ein Atom Chlor, Brom. 
Jod oder selbst Schwefel genügt , um den Wasserstoff in 
diese eigenthümliche Bedingung zu versetzen. Der Chlor- 
wasserstoff, der Brouiwasserstoft" und der Jodwasserstoff sind 
kräftige Säuren, auch der Schwefelwasserstoff hat schwach saure 
Eigenschaften. Ein einziges Sauerstoffatoni genügt nicht, um 
den Wasserstoff" für einen solchen Austausch geeignet zu 
machen; hierzu ist es nöthig, dafs mit diesem Sauerstoff noch 
andere Elemente oder noch andere Sauerstoffatome in Zusam- 
menhang stehen, und hier eben kommt der Begriff der Atomig- 
keit für die Erklärung dieser wichtigen Reactionen zur Geltung. 
Die Atome nehmen dadurch besondere Eigenschaften an, dafs 



Die heutigen Theorien. 151 

sie anderen Atomen benachbart sind und sie berühren. Die 
gegenseitigen Beziehungen, welche aus Betrachtungen über ihre 
Atomigkeit folgen , üben auf ihre Eigenschaften einen augen- 
fälligen Einflufs aus. Ein Beispiel wird genügen, um diesen 
Gedanken zu verdeutlichen. 

Die Kohlenwasserstoffe bestehen, wie wir gesehen haben, 
aus einer Kette von Kohlenstoffatomen, welche von Wasser- 
stoftatomen umgeben sind. Wenn eines der Wasserstoflfatome, 
welches einem bestimmten Kohlenstoflfatom zugehört, durch 
den Rest vertreten wird, welcher Oxhydryl genannt wird und 
Wasser weniger 1 Atom Wasserstoff ist, so entsteht durch 
solche Substitution ein Alkohol , das ist , ein neutraler 
Körper. Der Wasserstoff dieses Restes besitzt die Neigung 
nicht, sich gegen das Metall einer Base auszutauschen. Wenn 
aber ein zweites Atom Sauerstoff sich an diesen Rest anhängt, 
indem es sich mit demselben Kohlenstoflfatom wie dieser ver- 
einigt, so wird nun der Wasserstoff des Oxhydryls, wel- 
cher also jetzt mit 2 demselben Kohlenstoftatom anhängenden 
Sauerstoffatomen benachbart ist, in seinem Charakter, in seiner 
Function verändert. Mit einem einzigen Sauerstoflfatom ver- 
bunden, war er neutral; durch die Nachbarschaft von zwei 
Sauerstoflfatomen wird er basisch.') In der That sind alle or- 
ganischen Körper, in Mielchen ein Kohlenstoflfatom mit einem 
Sauerstoflfatom und einer Oxhydrylgruppe verbunden ist, Säuren, 
und die Function der Säure wird also hier nicht nur durch 
die Natur der verbundenen Atome bestimmt, sondern ebenso 
«ehr durch ihre Anzahl und ihre gegenseitigen Beziehungen, 



') Durch Substitution einer Gruppe OH (Oxhydryl) an der 
Stelle eines Wasserstoftatoms in einem Kohlenwasserstoff entsteht ein 
Alkohol. Durch Suhstitution eines Atoms Sauerstoff und einer 
Gruppe Oxhydryl an der Stelle von drei Atomen Wasserstoff' entsteht 
■eine Säure. Eine Säure ist daher ein Körper, welcher einmal oder 
mehrmals die Gruppe CO^H (Carboxyl) enthält: 

H3C — CH3, H3C — CH2OH, H3C — CO.OH, HO. OC — CO. OH 
Aethyl- Aethylhydrat Essigsäure. Oxalsäure. 

Wasserstoff. (Alkohol). 



152 Die heutigen Theorien. 

welche aus der Anschauung von ihrer Atoinigkeit folgen^ 
Wenn man den Dingen auf den Grund gehen will und fragt, 
auf welche Weise die Eigenschaften der Atome durch ihre 
Berührung also beeinflufst werden, und warum der Austausch 
von Wasserstoff gegen Metall in denjenigen Verbindungen so leicht 
ist, in welche dieser Wasserstoff mit einem oder mehreren Atomen 
von stark elektro-negativen Eigenschaften in Verbindung steht, so 
Avird man ohne Zweifel finden, dafs diese Reactionen , diese 
Sättigungen von Säuren und Basen, dieser Austausch der Ele- 
mente mit Wärmeerscheinungen zusammenhängen. 

Indem die Körper auf einander reagiren , verwenden sie 
einen Theil ihrer chemischen Kraft in der Form von Wärme, 
und die Reactionen, von welchen wir sprechen, und viele an- 
dere erhalten ihre Richtung durch die Menge der frei gewor- 
denen Wärme. In allen diesen Wirkungen kommt die den 
Atomen innewohnende Kraft ins Spiel, welche durch ihre Ver- 
bindungswärme offenbar Avird, und wenn dieselben eingetreten 
sind, so haben die Atome den gröfsten Theil ihrer Kraft in 
der Form von Wärme verloren, oder mit anderen Worten, so 
sind ihre Verwandtschaften auf das Vollständigste befriedigt. 

Ist damit Alles gesagt ? Gehören die wechselseitigen Wir- 
kungen der Säuren und Basen, welche Lavoisier so gründlich 
untersucht und seinem System zu Grunde gelegt hat, alle der 
Klasse von Erscheinungen an, welche wir eben erklärt haben ? 
Sind sie alle nur besondere Fälle der Substitutionstheorie? 
Das anzunehmen, wäre falsch, und es ist nothwendig, einen 
davon abweichenden Fall anzuführen, dessen sich die Anhän- 
ger der dualistischen Ideen gegen die neue Theorie bedienen 
könnten. 

Die Säureanhydride können sich an wasserfreie Oxyde 
direct anheften und so Salze mit ihnen bilden. Vereinigt sich 
doch das Kohh'nsäuregas direct mit dem Kalk, und das Schwe- 
felsäureanhydrid mit dem Baryumoxyd mit solcher Heftigkeit, 
dafs dasselbe in lebhaftes Glühen gerätli. Hier ist kein Aus- 
tausch von Elementen , keine Substitution des Metalls an die 
SteUe von V/asserstoff vorhanden , da das Säureanhydrid 



Die hkutigen Theorien. 153 

keinen AVasserstoff enthält. Indem wir dies zugestehen, müssen 
wir jedoch bemerken, dafs die Sättigung des Baryumoxyds 
mit Schwefelsäureanhydrid einer ganz anderen Klasse von 
Erscheinungen angehört, als die Neutralisation des Baryum- 
hydrats mit Schwefelsäure. Diese Reaction ist, wie wir eben 
gezeigt haben, eine doppelte Zersetzung oder Substitution; die 
erstere dagegen geht aus einer Addition von Elementen hervor, 
indem 2 Moleküle, beide gesättigt, aber beide aus mehratomi- 
gen Elementen zusammengesetzt, durch einen Austausch von 
Atomigkeiten mit einander verkettet werden. In dem Baryum- 
oxyd sättigen das Baryumatom und das SauerstofFatom ihre 
sämmtlichen Atomigkeiten; in dem Baryumsultat dagegen nur 
mehr die Hälfte derselben, indem die zwei Atomigkeiten, welche 
gewissermafsen disponibel geworden sind, dazu dienen, die 
Elemente des Schwefelsäureanhydrids zu befestigen.^) Die 
Addition von Atomen hat also durch eine Verrückung der 
Atomigkeiten stattgefunden; oder mit anderen Worten: die 
Atome der beiden Körper haben , um sich zu verbinden, ihre 
Lage verändert und sich dann auf eine bestimmte Weise ver- 
kettet, und diese Veränderung ihrer Lage und der darauf 
folgende Austausch ihrer Atomigkeiten hat einen Theil der 
ihnen innewohnenden Kraft in Anspruch genommen. Daher 
wurde Wärme entwickelt. Dieser besondere Fall, die Sätti- 
gung der Säureanhydride durch Oxyde, tritt also nach dem all- 
gemeinen Gesetz der Reactionen ein, die wir voraussehen kön- 
nen und die von der Atomiskeitstheorie erklärt werden. 



Hiermit wären wir denn am Ziel dieser Auseinander- 
setzung angelangt. Wir haben die chemischen Theorien von 
ihrem Entstehen an durch ihre verschiedenen Entwicklungen hin- 
durch verfolgt. Wir haben partielle Theorien auftreten, sich 
gegen einander erheben und dann , nach beendetem Kampf, 



*) Vgl. die Anmerkung auf S. 129 u. 130. 



•154 Die heiitigkn Theorien. 

«inander unterstützen und einer allgemeineren Theorie sich 
unterordnen sehen. Wir waren Zeugen davon, dafs der Fort- 
schritt der Ideen den Entdeckungen auf der Ferse folgte und 
nach vielem Wechsel auf die eine Grundidee hinführte, dafs 
die erste Ursache der chemischen Erscheinungen in jener Ver- 
schiedenheit der Materie beruht, wonach jede elementare Sub- 
stanz aus Atomen besteht, die mit einer bestimmten Kraft- 
menge und verschiedenen Fähigkeit, dieselbe zu äufsern, begabt 
sind. Diese beiden von einander unabhängigen Eigenschaften 
der Atome geben Rechenschaft von allen clien)ischen Erschei- 
nungen : die erstere bestimmt ihre Intensität, die zweite ihre 
Art. Die Verwandtschaft und die Atomigkeit sind also beide 
Offenbarungen der Kraft, welche den Atomen innewohnt, und 
die Hypothese von den Atomen bildet heute die gemeinsame 
Grundlage aller unserer Theorien und die feste Basis unserer 
chemischen Kenntnisse. Ihr verdanken wir eine auffallende 
Vereinfachung der Gesetze von der Zusammensetzung der 
Körper, einen Einblick in ihre innere Structur, eine theilweise 
Erklärung ihrer Eigenschaften, ihrer Reactionen und ihrer Ver- 
änderungen, und in ihr wird ohne Zweifel in späteren Tagen 
der Stützpunkt für eine Molekularmechanik gefunden werden. 
Es war daher eine grofse Idee , welche Dalton ausge- 
sprochen hat, und von allen Fortschritten, welche die chemi- 
schen Theorien seit Lavoisier gemacht haben, kann man diesen 
als den wichtigsten bezeichnen. Er hat die Gestalt der Wissen- 
schaft von Grund aus verändert: denn die letzten Entwick- 
lungen, welche aus ihnen hervorgegangen sind, haben an die 
Stelle der alten Vorstellungen von der Wirkungsweise der 
Verwandtschaft und vom Dualismus der Verbindungen eine 
umfassendere Anschauung gesetzt, in welcher die dem Sy- 
stem Lavoisier's zu Grunde liegenden Wirkungen der Säuren 
und Basen nur als besondere Fälle erscheinen. Die herr- 
schende Idee dieses Systems von der dualistischen Constitution 
der Salze, die bereits vor fünfzig Jahren von bedeutenden 
Köpfen angegriffen ward, ist heute nicht mehr annehmbar, 
und jeder Versuch, sie aufrecht zu halten, mufs vergeblich sein- 



Die heutigen Theorien. 155 

Für den Unterricht, den diese Theorie durch ihre schöne 
Einfachheit sechzig Jahre lang ohne Widerspruch beherrscht 
hat, ist dieser Verlust wol mit Unrecht bedauert worden. Die 
entgegengesetzte Hypothese, welche Davy und Dulong vorge- 
schlagen und Laurent und Gerhardt durchgekämpft haben, 
umfafst eine gröfsere Anzahl Thatsachen und giebt von 
ihnen eine richtige und deutliche Erklärung. Auch Lavoisier's 
Ruhm bleibt dadurch unverändert bestehen : denn dieser be- 
ruht auf seinen unvergefslichen Entdeckungen , auf seiner Me- 
thode, auf den ewigen Grundsätzen, welche er über die Natur 
der einfachen Körper und der chemischen Verbindung ausge- 
sprochen hat, nicht aber auf seiner Ausdrucksweise für die 
Constitution der Salze. Die dualistische Hypothese, durch 
welche er diese Constitution erklärte, und welche seine 
Nachfolger auf die ganze Chemie ausdehnten, hat ihre Zeit 
gehabt. Denjenigen, welche aus Gewohnheit oder aus Ueber- 
zeugung dieselbe noch heute festzuhalten und mit dem grofsen 
Namen Lavoisier's zu schirmen suchen , möchten wir Baco's 
Wort zurufen : „Die Wahi-heit ist das Kind der Zeit und nicht 
der Autorität!'' 



Z ü S A T Z 

zu S. 99 11. 134. 

Kolbe und die Structurformeln. 

Die Betrachtungsweise, welche Kolbe 1859 ausführlich 
entwickelte, ordnete alle organischen Körper unter zwei Typen, 
den Typus Kohlensäureanhydrid C, Og . Oj und den Typus 
Kohlensäure 2HO.C2O2.Oj.') Er hielt die alten Atom- 
gewichte (Kohlenstoff = 6, Sauerstoff = 8) aufrecht und be- 
trachtete danach die organischen Verbindungen als Substi- 
tutionsproducte der angeführten typischen Substanzen in wel- 
chen ein oder mehrere Sauerstoffatome durch Wasserstoff oder 
durch Radicale vertreten sind. Durch Einführung von H in 
der Kohlensäure für O (= 8) und gleichzeitigen Austritt von 
HO entsteht HO . H . Cj O^ O, Ameisensäure; durch Einfüh- 
rung von Methyl und gleichzeitigen Austritt von HO entsteht 
HO .C2H3.C2 0jO, Essigsäure, während die zweiatomigen 
und zweibasischen Säuren sich auf ganz analoge Weise aus 
der verdoppelten Kohlensäureformel ableiten lassen. 

Durch gleichzeitige Substitution von Cj H3 und H, für 
O3 entsteht aus der Kohlensäure unter Austritt von HO 
HO . Hj (C, H3) C, O Alkohol. 

Vom Typus C, O.^ O, dagegen leiten sich unter anderem 

Aldehyd ^' ^j| Cj Oj und Aether ^'^^'0,0 ab. 



') Vorher, besonders 1850, hatte Kolbe Paarungsfoimeln aufge- 
stellt, für Essigsäure z. B. die Formel (Cj H3)'^C.. O3, HO, welche 
seine Synthesen der Essigsäure, von denen er die eine 1847 gemeinsam 
mit Frankland ausgeführt hatte, und seine Elektrolyse derselben ihm 
zu beweisen schienen. Sie lehnten sich an Berzelius Formeln (S. 65)an. 



Zusatz. 157 

Dazu, dafs diese Schreibweise den Zusammenhang der 
Körper unter einander weniger klar ausdrückt, als es die For- 
meln der Gerhardt'schen Typentheorie thaten, kommt noch der 
Umstand, dafs sie in dieser Form nur möglich war, so lange 
man die alten Atomgewichte beibehielt, dafs sie also nach 
correcteren Anschauungen mit halben Atomen und halben 
Molekülen manipulirte. Die wichtige Trennung von Atom, 
Molekül und Aequivalent, welche Gerhardt aufgestellt hatte, 
ging in ihnen verloren, bis in der letzten Zeit (1S69) Kolbe 
dieselbe adoptirte und seine Formeln entsprechend umgestaltete. 
Hierbei kam jedoch der Grundgedanke, Vertretung von = 8 
durch Tl, abhanden. 

Dennoch sind durch dieses System mehrere wichtige An- 
schauungen gefördert worden, vor Allem die Auffassung der 
Sulfosäuren, welche Kolbe ebenso aus der Schwefelsäure ab- 
leitete, wie er die gewöhnlichen Säuren aus der Kohlensäure 
entwickelte. Wie aus der Kohlensäure die Essigsäure, so geht 
aus der Schwefelsäure 2H O . (S, O^) O^ die Methylschwefel- 
säure HO . Cj H3 . (Sj O,) O, so geht aus 1 Aequivalent Koh- 
lensäure und 1 Aequivalent Schwefelsäure dieEssigschwefelsäm-e 

2 HO (C,H,)"S' ?/0, 
hervor. 

Die heute geltenden Anschauungen über die Constitution 
der Säuren ist durch diese Schreibweise in so fern mit an- 
geregt worden, als sie auf die Vortheile hinwies, welche aus 
einer Zerlegung der Formeln entspringen. Aber die Noth- 
wendigkeit und das richtige Princip einer solchen Zerlegung 
folgte weit weniger aus dem eben besprochenen System, als aus 
der oben entwickelten Erkenntnifs von der Yieratomigkeit des 
Kohlenstoffs. Sie ergab sich auf schlagende Weise bei dem 
Studium der Milchsäure. 

Im Jahre 1859 entspann sich eine wichtige Discussion 
darüber, ob diese Säure einbasisch sei, wie es die Kolbe'sche 
Formel 

HO (c, ;^5 ) c\o, O 



158 Zusatz. 

auszudrücken meinte, oder zweibasisch, wie es aus der typischen 
Formel 

H'o 

hervorging und wie es Wurtz durch ausgedehnte Arbeiten, 
besonders durch Darstellung des zweibasischen Milchsäure- 
äthers vertheidigte. Wurtz erkannte, dafs die Basicität der 
Säuren mit der Anzahl ihrer intraradicalen Sauerstoffatome 
zusammenhänge und dafs eines der beiden typischen Wasser- 
stoifatome der Milchsäure durch Säureradieale vertretbar sei. 
Von diesen beiden typischen Atomen unterschied er deshalb 
das eine als basischen Wasserstoff' und nannte die Milchsäure: 
„wenn nicht zweibasisch so doch zweiatomig." 

Kekule und Socoloff drückten diesen Unterschied in dem- 
selben Jahre dadurch aus, dafs sie das eine der typischen 
Wasserstoffatome den alkoholischen Wasserstoff, das andere 
den Säure- Wasserstoff nannten. Der alkoholische Wasserstoff 
ist nach Kekule in der Nähe von nur einem Sauerstoffatom, 
der Säurewasserstoff in der Nähe von zwei Sauerstoffatomen 
befindlich. Die alkoholische Natur des ersteren, seine Vertret- 
barkeit durch Säureradieale, durch Natrium und durch Alko- 
holradicale ging aus Wurtz Arbeiten hervor. 

Noch von einer anderen Seite her regte die Milchsäure 
zur Aufstellung von Constitutionstbrmeln an. Nachdem Liebig 
1 847 die Fleischmilchsäure von der gewöhnlichen Milchsäure 
unterschieden hatte, war 1850 von Strecker aus Aldehyd das 
Alanin und aus diesem die gewöhnliche Milchsäure bereitet 
worden. Von 1856 bis 1859 reichten Wurtz denkwürdige Ar- 
beiten über Glycol und Aethylenoxyd, und der letztere Körper 
veranlasste nicht nur die Aufstellung von Constitutionsformeln 
für ihn selbst und das isomere Aldehyd (besonders durch Lieben), 
sondern auch die Vermuthung, dafs die Fleischmilchsäure zum 
Aethylen in derselben Beziehung stehen möge, wie die ge- 
wöhnliche Milchsäure zum Aethyliden. Im Jahre 1863 bewies 
Wislicenus diese Ansicht durch Synthesen und gleichzeitig war 



Zusatz. 159 

nach seiner Arbeit die verschiedene Natur des alkoholischen 

und des SäurewasserstofFs, die Bedeutung der Säuregruppe 

COOK klar ersichtlich. 

Die Formeln 

CH, OH und CH3 

I I 

CH, COOH HO.CH.COOH 

Aethylenmilchsäure Aethylidenmilchsäure. 

drücken diese Unterschiede beide aus. 

Vorbereitende Schritte zu dieser Erkenntnifs waren seit 
lange vorhanden. Der Weg, welchen Wislicenus einschlug, 
war im Princip derselbe, welcher 1847 Kolbe gleichzeitig mit 
Dumas, Malaguti und Leblanc zur Synthese der Essigsäure 
aus Cyanmethyl geführt hatte. Aber weder diese Entdeckung 
noch Kolbe's Electrolyse der Essigsäure (1849) noch Wan- 
klyns Synthese derselben aus Natriummethyl und Kohlensäure 
(1859) konnte die jetzt gewonnene Einsicht vermitteln, so 
lange nicht an der Milchsäure und ihren Homologen der Un- 
terschied der beiden Wasserstoffatome zum Bewusstsein ge- 
kommen war. ' ) 

Mittlerweile hatten wichtige Untersuchungen auch anderer 
Art die Lagerung der Atome im Molekül experimentell zu 
erforschen gelehrt. Immer war es die Isomerie, deren Er- 
klärung derartige Untersuchungen A'eranlasste. 

Um 1861 beschäftigte sich Kekule mit der Fumarsäure 
und Maleinsäure und fand, dafs ihre Isomerie in ihren Brom- 
Additionsproducten fortdauert : dafs sie mit Brom verschiedene 
Brombernsteinsäuren, mit Wasserstoff dagegen dieselbe Bern- 
steinsäure bilden. Er erklärte dieses Verhalten daraus, dafs 
die ungesättigten Säuren an verschiedenen Stellen Lücken 
haben, dafs die gebromten Säuren deshalb das Brom an ver- 
schiedene (von verschiedenartigen Atomen umgebene) Koh- 
lenstoffatome angelagert enthalten, während die Addition von 



') Auch Debus' Arbeiten über Glycolsäure (1856) und ihr Alde- 
hyd hat auf diese Erkenntnifs wesentlichen Einflufs geübt. 



160 Zusatz. 

Wasserstoff eine gleichartige Ausfüllung dieser Lücken zur 
Folge hat. 

Vier Jahre später, gestützt auf die Synthese isomerer 
aromatischen Kohlenwasserstoffe durch Fittig und Tollens, ver- 
öffentlichte derselbe Forscher seine glänzende Theorie der 
aromatischen Verbindungen. Der Gegenwart angehörig, hat 
dieselbe in allen neueren Lehrbüchern Platz gefunden und be- 
darf deshalb hier keiner eingehenden Besprechung. 

Durch viele Chemiker (Butlerow, Erlenmeyer u. A.) we- 
sentlich gefördert, sind die Structurformeln zur Grundlage der 
meisten modernen Forschungen geworden. Pebal's und Freund's 
Synthese des Acetons, Schorlemmer's Untersuchungen über 
gesättigte Kohlenwasserstoffe, Hofmann's und Gautier's Ent- 
deckung isomerer Cyanide, sowie des Ersteren ausgezeichnete 
Arbeiten über Gnanidine und Senfoele, die Erklärungen vieler 
complicirter Naturkörper, welche wir Baeyer, die Aufschlüsse 
über Chinone, Avelche wir Grabe, und die unerwarteten Ent- 
deckungen aus der Chemie des Silicium's, die wir Friedel und 
semen Mitarbeitern verdanken, diese und viele andere bedeu- 
tende Untersuchungen stehen alle auf derselben Basis. 

Es geht weit über die Grenzen und Aufgaben dieser Dar- 
stellung hinaus, auf dieselben einzugehen. 

Eine einzige Reihe von Arbeiten jedoch nuifs schliefslich 
hier näher besprochen werden, weil, abgesehen von ihrer 
Wichtigkeit für die Entwickeluug der Wissenschaft, sie den 
Einflufs gegenüberstehender Theorien zu vergleichen gestatten. 
Es sind dies die Arbeiten über isomere Alkohole, Säuren 
und Aether, welche besonders zwischen den Jahren 1862 
und 1864 veröffentlicht worden sind. Den Anfang machte 
die Entdeckung von Wurtz, dafs die Jodwasserstoffverbindun- 
gen höherer zweiatomiger Kohlenwasserstoffe mit feuchtem 
Silberoxyd nicht gewöhnliche, sondern mit den gewöhnlichen 
isomere Alkohole liefern. In demselben Jahre (1862) verwan- 
delte Friedel durch Addition von Wasserstoff das Aceton 
C3 Hg O in den Alkohol C3 H^ O. Die Structur des Aceton's 
"war durch die oben erwähnte Synthese unzweifelhaft festge- 



Zt SATZ. 161 

stellt und aus ihr liefe sich diejenige des Alkohols folgern. 
Friedel zog es vor die Natur desselben, bevor er sie zu er- 
klären versuchte, experimentell nachzuweisen. Er war mit 
dieser Arbeit beschäftigt, als Kolbe in einer Reclamation mit 
Recht daran erinnerte, dafs er bereits zwei Jahre ft-üher die 
Existenz isomerer Alkohole vorhergesagt und erklärt habe. 

Diese Prognose war auf seine oben besprochenen Alko- 
holformeln : 

H) C,H3| 

HC, O.HO; H C, O . HO 

H^ H 

Methylalkohol. Acthvlalkohol. 

gegründet. 

Der Acetonalkohol erschien danach als einfach methylirter 
Aethylalkohol oder als zweifach methylirter Methylalkohol: 
C, H,^ 

C, H3^C,0.H0 
H 
mit neuen Atomgewichten: 

CH,^ 

ci: . c . OH 

Dies wurde bald durch Friedel's Untersuchung bestätigt 
und 18<^3 (und im folgenden Jahre) entdeckte in ausgezeich- 
neten Arbeiten Butlerow verschiedene Alkohole, in welchen 
noch das dritte WasserstolYatom des Methylalkohols durch 
Radicale ersetzt war, was Kolbe als möglich gleichfalls vor- 
her erkannt hatte. In demselben Jahre zog Kolbe analoge 
Folgerungen auf die Existenz isomerer Fettsäuren, die wenig 
später durch Erlenmeyer's Synthese der Isobuttersäure und 
durch eine Reihe merkwürdiger Entdeckungen von Frankland 
und Duppa bekannt wurden. Die schwierige Synthese oxy- 
äthylirter, äthylirter und methylirter Aether durch Lieben 
schlofs sich gleichzeitig an diese Arbeiten an (18G4). 

Sollte die Bedeutung von Kolbe's Prognosen oder ihr Ein- 
flufs auf die Arbeiten Anderer je verkannt worden sein, so 
würde die geringere Uebersichtlichkeit seiner Aequivalenifor- 

VVurt/., Gesch. d. cbem. Tl.o.rieii. 11 



162 Zusatz. 

mein dies nur theilweise erklüren. Die hauptsächliche Schwie- 
rigkeit, dieselben richtig zu würdigen, liegt vielmehr darin, 
dafs die Voraussetzungen, auf welchen diese Prognosen be- 
ruhen, mit den heute geltenden Anschauungen von der Ver- 
kettung der Atome völlig übereinzustimmen scheinen, während 
Kolbe doch diese Ansichten, die nicht nur „jüngere Chemiker 
blenden" '), sondern berühmte Forscher in ihren Entdeckungen 
leiten, mit unzweideutiger Energie verurtheilt. 

So kommt es denn, dafs er neben isonjeren Körpern, 
welche bald darauf entdeckt worden sind, viele andere vor- 
hersagt, welche nach den heute angenommenen Anschauungen 
nicht entdeckt werden können, weil sie nicht isomer, sondern 
identisch mit schf^n bekannten Verbindungen sind. Unter vielen 
Beispielen entnehmen wir Kolbe's Vortrag über die Consti- 
tution der Kohlenwasserstoffe (1869) nur die folgenden For- 
meln angeblich isomerer Propylwasserstoffe : 

(Cg')'"/ ^CH3 

tt' ^ Ca isomer mit C l CHj 

hI ^ * ^- 

So lange nicht nachgewiesen ist, wie in der ers^'en dieser 
Formeln die zwei aufserhalb der Klammer tigurirenden vier- 
atomigen Kohlenstoffatome zusammenhängen, ohne dafs diese 
Formel in die zweite übergeht, müssen diese Körper als iden- 
tisch gelten. Gelänge es dennoch eine Isomerie zwischen ihnen 
nachzuweisen, so fiele damit die Ansicht von der Verkettung der 
Atome nicht nothwendigerweise. Man würde ihre Isomerie 
erklären können, entweder dadurch, dafs die Valenzen des 
Kohlenstoffs statt, wie wir heute annehmen, gleichwerthig, 
vielmehr ungleich werthig sind, oder dadurch, dafs der Kohlen- 
stoff mehr als vierutomig ist, oder endlich dadurch, dafs 
die Theorie von der Verkettung der Atome keinen Boden 
unter den Füfsen hat. Von diesen Hypothesen nimmt Kolbe 



') Die Constitution der Kohlcnwasserstotfe von H. Kolbe. Brnnn- 
schwcitr 1869. 



ZrsATz. 163 

im Voraus nur die dritte an. Er behauptet, dafs die Kohlen- 
stolfatome nicht sämmtlich denselben yjRang" haben und unter- 
scheidet auf dem Papier sogenannte „Stammkohlenstoffe" durch 
besondere Lettern von den anderen. 

So lange diese Voraussetzungen nicht erwiesen, und selbst 
nicht scharf definirt sind, ist es sicher keine Unterschätzung 
der Verdienste jenes grofsen Experimentator's, wenn man die 
heutigen Theorien hoch hält und wenn man sie vor Allem 
denjenigen Chemikern dankt, welche durch ihre Arbeiten die 
Typentheorie geschaffen, gestützt und allmählich in die Lehre 
von der Atomigkeit, der Valenz und Verkettung der Atome, 
übergeführt haben. 

Auch diese fruchtbare Lehre erhebt keinen Anspruch auf 
unwandelbare Fortdauer. Die Chemie strebt mehr und mehr 
danach, sich auf physikalischer Grundlage neu zu erbauen und 
nicht ohne Aussicht auf Erfolg lehnen sich schon heute Ver- 
suche dazu an die atomistische Theorie in ihrer jetzigen 
Form an. 

Mit unzweifelhaftem Rechte behauptet darum Kolbe 
(a. a. O.) dafs die von ihm verworfenen Theorien nur „eine 
ephemere Existenz" haben werden. Aber das ist das Schick- 
sal jeder Theorie, welche ihnen vorausgegangen und vermuth- 
lich auch jeder Theorie, welche ihnen folgen wird. Wäre es 
anders, so würden wir schon heute die Wahrheit völlig besitzen, 
oder aufhören müssen, sie zu erstreben. 

(A. O.) 



A.W. Schade's Buchdrvickerei (L. Schade) in Berlin, Stallschreiberstr. 47. 



INHALT. 



Vorwort . . . .' Pg. 111. 

Einleitung , I 

Lavoisier „ 4 

Daltou und Gay-Lussac n 21 

Berzelius » 36 

Laurent und Gerhardt „ 67 

Die heutigen Theorien „ 106 

Zusatz vom Herausgeber: Kolbe und die Structurformeln . „ 156 



Berichtigungen. 



17 Zeile 1 statt Sulfid 1 


lief 


i Sulfit. 


57 „ 13 V. u. „ kann 


„ 


kannte. 


65 „ 1 u. 2 V. u. „ H-0 


„ 


-f-OH. 


100 „ 17 „ Carbonjloxyd 


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Carboxyloxyd, 


109 , 12 V. u. „ Säuren 


V 


Säure. 


130 „ Anmerkung „ Ba 

1 
0—0 


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Ba 

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.yj) Wurtz, Charles AdolT)he 
15 Geschichte der chemischen 

W8I5 Theorien seit Lavoisier bis 

1 auf unsere Zeit 

'(applied Sei 



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