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Full text of "Geschichte der Juden in Brandenburg a. H. Nach gedruckten und ungedruckten quellen dargestellt und mit urkundlichen beilagen"

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GESCHICHTE DER JUDEN 



IN 



BRANDENBURG a. h. 



NACH GEDRUCKTEN UND UNGEDRUCKTEN QUELLEN 
DARGESTELLT UND MIT URKUNDLICHEN BEILAGEN 

HERAUSGEGEBEN 

VON 



Dr. A. ACKERMANN, ^ 



SUBVENTIONIERT VON DER ZUNZ-STIFTUNOf. 




BERLIN. 

VERLAG VON LOUIS LAMM. 
1906. 



ürack Ton U. Ittkowtki, Uwlin, Uips-tiU. 9. 



\ 



GESCHICHTE DER JUDÄN 



IN 



BRANDENBURG a. h. 



M- 



NACH GEDRUCKTEN UND UNGEDRUCKTEN QUELLEN 
DARGESTELLT UND MIT URKUNDLICHEN BEILAGEN 

HERAUSGEGEBEN 

VON 

Dr. A. ACKERMANN, 

RABBINER. 

SUBVENTIONIERT VON UER ZL'NZ-STIFTUNO, 




BERLIN. 

VERLAG VON LOUIS LAMM. 
1906. 



Uruck von H. Itzkuwski, Berlin, Uips-hU. ». 



Herrn (iEheimen Kommerzienrat 

LOUIS GUMPEKT 

Vorsitzenden des Repräsentantenkollegiums 

VEREHRUNGSVOLL 

geu^idmet. 



2093a 1 .'S 



Vorwort. 



Das vorliegende Buch enthält wissenschaftliche Klein- 
arbeit. Trotzdem hoffe ich, dass es als winziger Baustein zu 
dem grossen, der Zukunft angehörenden Werke einer wissen- 
schaftlichen Geschichte der deutschen Juden der Beachtung 
würdig befunden werde. Es verdankt sein Entstehen 
einer Anregung des Herrn Geh. Kommerzienrat Gumpert 
hier. Bei den Gemeindeakten (Conv. 35) befindet sich 
unter dem Titel „Nachrichten über die Judengemeinde 
zu Brandenburg" eine handschriftliche Chronik, die von 
dem früheren Gemeindevorsteher Itzig Gerson verfasst 
und am 21. März 1866, dem Tage seines Ausscheidens 
aus dem Amte, der Synagogengemeinde gewidmet wurde, 
mit dem Wunsche, „dass es meinen Amtsnachfolgern 
niemals an Stoff fehle, die Fortentwickelung und Ver- 
grösserung unserer Gemeinde in diesen Nachrichten nach- 
zutragen." Gerson, der sich mit einem ungeheuren Fleisse 
den Gemeindeangelegenheiten widmete, sich durch seine ge- 
wissenhafte, peinlich genaue Führung der Akten und durch 
seinen lebendigen Eifer für die Interessen der Gemeinde 
und des Gesamtjudentums unleugbare Verdienste erwarb, 
behandelt in jener Chronik nach einer kurzen, allge- 
meinen Einleitung über die Lage der preussischen Juden 
im 18. Jahrhundert, in fünf Abschnitten die Geschichte des 
Synagogengrundstückes, des Friedhofes, des Grundstückes in 
der Lindenstrasse, der milden Stiftungen und der Gemeinde- 
organisation. Als Quellen standen ihm hierfür lediglich die 
Gemeindeakten zur Verfügung, aus denen er die einzelnen 



— VI — 

Daten auszog. Auf historische Vollständigkeit und Genauig- 
keit konnte und wollte seine Darstellung keinen Anspruch 
machen. Als nun Herr Geh. Kommerzienrat Gumpert 
mir vor etwa drei Jahren den Vorschlag machte, Gersons 
..Nachrichten" bis auf die Gegenwart fortzuführen, schien 
mir diese Arbeit nur dann einen Sinn zu haben, wenn 
die immerhin lückenhaften Notizen Gersons ergänzt und in 
einen grösseren, erweiterten Rahmen eingefügt würden. 

Ich suchte also möglichst Alles zu eruieren, was über Juden 
in der Stadt Brandenburg an geschichtlichen Nachrichten er- 
halten war; zu meiner Freude ergab sich eine so grosse Aus- 
beute, dass die ursprünglich geplante Gemeindechronik sich zu 
einer „Geschichte der Juden in Brandenburg a. H." auswuchs. 
Dabei stellte sich die unumgängliche Notw^endigkeit heraus, 
die mittelalterlichen Zeiten, für die der Riedel'sche 
„Codex diplomaticus Brandenburgensis" die Hauptquelle 
bildet, in stetem Zusammenhang mit der Geschichte der Ju- 
den in der Mark zu behandeln, deren selbständige Dar- 
stellung erst möglich sein wird, wenn die der Einzelgemeinden, 
besonders Frankfurt a. O., Landsberg a. W., Prenz- 
lau, Kottbus in Spezialdarstellungen vorliegen werden. 
Namentlich den grossen Hostienschändungsprozess des Jahres 
1510, der zum grossen Teil in der vStadt Brandenburg spielte, 
glaubte ich ausführlicher behandeln zu müssen, zumal die 
von Felix Priebatsch in seiner Arbeit „Die Hohenzollern 
und die Städte der Mark im 15. Jahrh." zum erstenmal ge- 
gebene neue Auffassung über die politische Bedeut- 
ung jener furchtbaren Tragödie noch nicht an der Hand der 
über den Prozess vorliegenden historischen Berichte nach- 
geprüft war. Diese Nachprüfung versuchte ich zu liefern, 
wobei sich als Gesichtspunkt meiner Darstellung von selbst 
die Frage der Schuld der angeklagten Juden ergab. Wenn 
diese „Frage" auch für jeden Kenner der Geschichte keine 
Frage war, so dürfte doch der Versuch, sie auf historischem 
Wege zur Entscheidung zu bringen, nicht ohne wissenschaft- 
liches Interesse sein. 



- Vit - 

lieber die im dritten Teil behandelte Entstehung der 
Gemeinde sas^t Gerson, „dass weder in den vorgefundenen 
Gemeinde-Skripturen, noch auch in der Registratur des hie- 
sigen Magistrats über die Einwanderung Einzelner oder über 
das Entstehen der hiesigen Judengemeinde Nachrichten auf- 
zulinden sind." Während das Archiv der S3'nagogengemeinde 
allerdings nichts hierüber enthält, — das älteste Aktenstück 
stammt erst aus dem Jahre 1747 — so hat doch eine genaue 
Durchsicht des jetzt wohlgeordneten Stadtarchives, nament- 
lich der altstädtischen Ratsprotokolle vom Ende des 17. und 
Anfang des 18. Jahrhunderts, eine Reihe von wichtigen 
Nachrichten ergeben, die im Zusammenhang mit Spezial- 
akten des Kgl. Geheimen Staatsarchivs in Berhn die Dar- 
stellung der Anfänge unserer Gemeinde in einem besonderen 
Teile ermöglichten und noch besonders dadurch interessant 
waren, dass sie sich alle um eine einzige Persönlichkeit, den 
Gründer der Gemeinde, gruppieren. Dass auch hier, ebenso 
wie in dem die weitere Entwicklung der Gemeinde behan- 
delnden Teile auf die allgemeine Lage der Juden unter den 
preussischen Königen manch' bezeichnender Lichtstrahl hin- 
fällt, ist selbstverständlich. Besonders dürfte die unter Friedrichs 
des Grossen Regierungszeit fallende Geschichte des Syn- 
agogenbaues keinen uninteressanten Beitrag zur Kulturge- 
schichte jener Zeit bilden. Für die im letzten Teile gegebene, 
bis in die Gegenwart reichende Chronik der Synagogen- 
gemeinde standen mir neben Gerson's Notizen, die ich 
stets einer Nachprüfung unterzog, vor Allem die von 
Gerson selbst zum ersten Male geordneten, später von dem 
Vorsteher Sally Oppenheim revidierten und sorgfältig 
fortgeführten reichhaltigen Akten des Gemeindearchivs zur 
Verfügung. Hie und da wurden auch die Polizei-Akten des 
Magistrats zur Vergleichung herangezogen. 

Die wichtigsten Urkunden, auf denen meine Dar- 
stellung fusst, gebe ich in einem Anhang wörtlich wieder. 

Es ist mir eine angenehme Pflicht, an dieser Stelle 
herzlichen Dank auszusprechen der städtischen Ver- 



- Viit - 

waltung für die Liberalität, mit der mir die uneingeschränkte 
Benutzung des Stadtarchivs gestattet wurde, dem kgl. 
Geheimen Staatsarchiv in Berlin, sowie dem Stadt- 
archiv in Zerbst für gütige Ueberlassung von Archivalien, 
dem hiesigen historischen Verein iür die Erlaubnis zur 
Benutzung seiner Bibliothek, vor allem aber Herrn Stadi- 
archivar Prof. Dr. Tschirch, der den Fortgang meiner 
Arbeit mit grossem Interesse verfolgt und mich aus dem 
reichen Schatze seines Wissens und seiner Erfahrung durch 
viele sachdienliche Winke bereitwilligst unterstützt hat. 

Brandenburg a. H.. 2. Oktober 1905. 

Der Verfasser. 



Inhalt. 



' Seile 

Torwort V— VIII 

I. Die ältesten Zeiten. XIV. und XV. Jahrhundert 1 

II. Der HustieuBcIiändungsprozess und seine Folgen. 1510 . 31 

III. Die Anfänge der Gemeinde. David Samuel. 1671—1728 . 64 

lY. Die Entwickelung der Gemeinde und ihrer Institutionen. 

1729—1855 89 

V. Die Synagogengenieinde. 1865 — 1905, 

1. Gemeindeverwaltung 125 

2. Beamte 141 

3. Synagoge 144 

4. Religion38chule 150 

5. Friedhof. 156 

6. Vereine und Stiftungen. 

A. Chewra Gemiluss Chassodim 159 

B. Frauenverein 160 

C. Verein „Gesellschaft der Freunde." 161 

D. Verein für jüdische Geschichte und Literatur. . . 161 

E. Stiftungen 162 

7. Verhältnis zur jüdischen Gesamtheit 164 

Urkundliche Beilagen 181 

Register 220 

Bericiitigungen und Nachtrag 224 



I. 

Die ältesten Zeiten. 

XIV. und XV. Jahrhundert. 



Ueber die Einwanderung der Juden in die Mark Bran- 
denburg und ihre Verbreitung daselbst während des frühen 
Mittelalters sind uns keinerlei Nachrichten erhalten. Dass in 
der rauhen wendisclien Urzeit Juden in der Mark wohnten, 
ist nicht anzunehmen. Um so zweifelloser dürfte es sein, 
dass ihr Erscheinen in der Mark mit den Kulturbestrebungen 
Albrechts des Bären zusammenhängt. Unter den fremden 
Kolonisten, mit denen dieser eifrige Fürst um die Mitte des 
zwölften Jahrhunderts die Mark besiedelte, befanden sich 
gewiss auch Juden, die mau ja damals als geschäftliche 
Zwischenhändler in deutschen Landen bereits zu schätzen 
wusste. Ihre erste Erwähnung geht in der Mark bei den 
mittelalterlichen Chronisten auf das Jahr 1247 zurück. In 
diesem Jahre, so berichten sie, sei zu Beelitz in der Mark 
das „Wunderblut" erschienen. Die Juden hätten sich durch 
eine Dienstmagd eine Hostie beschafft, sie durchstochen und, 
als sie Blut von sich gab, erschrocken der Magd um Geld 
zurückgegeben. Dann hätten sich mit der Hostie allerlei 
Wunder ereignet, wie wir sie aus anderen mittelalterlichen 
Hostiengeschichten genugsam kennen (s. weiter den Prozess 
in der Mark 1510). Die Juden seien schliesslich gefangen 
und auf einem nahen Berg, der noch den Namen „Judenberg" 
führe, verbrannt worden. Alsbald sei Beelitz zum Wallfahrts- 
ort avanciert, und der Bischof Ricberus oder Rutgerus zu 
Brandenburg habe noch im selben Jahre das Wunderblut „kon- 
firmiret" und allen, die dasselbe am Tag nach Mariae Himmel- 
fahrt besuchen würden, einen Ablass von vierzig Busstagen 
zugesagt'). 



') Die Geschichte wird übereinstimmend erzählt von Sebaldiis: 
Breviarium historicum S. 016 und von Angehis: Annales Marchiae Bran- 
denburgensis S. 101. Vgl. auch Schneider: Chronik der Stadt Beelitz 



— 4 — 

i)ie Juden waren im 13. Jahrhundert gerade in der 
Mittel- und Altmark ziemlich verbreitet und offenbar auch 
nicht unbegütert. Ihre soziale Stellung war, wenn wir die 
Zeitverhältnisse in Betracht ziehen, keine schlechte, gewiss 
eine viel freundlichere als unter den ersten preussischen 
Königen im 18. Jahrhundert. Schon die erste und älteste 
Judenorduung in der ]\Iark, die von den Markgrafen Otto 
und (Jonrad am 4. April 1297 für die Juden in Stendal 
erlassene, gibt uns klar zu erkennen, dass den Juden das 
Bürgerrecht und die Gleichheit mit anderen Untertanen ein- 
geräumt war. Die Magistrate erhalten die Befugnis, selbst 
den Juden Schutzbriefe zu erteilen; schon zehnjährige 
Knaben können solche bekommen. Die Juden sollen „sich 
des gemeinsamen Rechtes freuen", sollen „wie Bürger ge- 
halten werden". Dabei ist interessant, dass die Markgrafen 
die Juden dem Schutze der Stadt vor den Misshandlungen 
empfehlen mussten, die häufig von den markgräflichen 
Dienern selbst ausgingen („Si judeis per nostros advocates 
aut officiales violenter fierit aliqualis, quod tamen non 
credimus"). Dass allerdings diese Schutzmassregeln nicht 
völlig selbstlosen Beweggründen, sondern mehr finanzpolitischen 
Erwägungen entsprangen, zeigt die Bestimmung, kein Jude 
dürfe in der Stadt wohnen, der nicht 10 Mark zu eigen be- 
sitze, und hiervon müsse er dem Markgrafen jährlich ein Lot 
(„unum lotonem") in zwei Terminen entrichten, nämlich am 
Fest der hl. Salbung und an dem des hl. Martin-). 



S. 8flf. König: Annalen der Juden in der Mark Brandenburg S. 16 gibt 
al8 Jahr 124 3 an, nach ihm auch Bresslau in der Hebräischen Biblio- 
graphie, 1872 S. 10. „Solche Erdichtungen brachten der dama- 
ligen Geistlichkeit recht was ein und also machten die Pfaffen zu 
Zeh den ik jenen es bald nach und gaben 1249 eben solch Histörchen 
von ihrem Wunderblute vor" (Lentz: Diplomatiscbe Stiftshistorie von 
Brandenburg, Halle 1750 S. 30). Auch in der Stadt Brandenburg 
war 1430 ein solches Bluthistörchen im Schwange, dessen Urheber ein 
Jude gewesen sein soll und das viel Volks nach der Marienkirche zog, 
Lentz a. a. 0. S. 60. 

*) Riedel: Codex diplomaticus Brandenburgensis A (Erster Haupt- 



Diese Slendiiler .Jn(len(ii(lniin<,' hatte jedoch nur lo- 
kale Bedeulunfj;. Eine sorgfälti},'(!re und iimfasHendere gesetz- 
geberische Berücksichtigung fanden die Juden der Mark erst 
unter den Markgrafen aus dem Hause der Witteisbacher. 
Indessen zeigen verschiedene Einzelverordnungen der aska- 
nischen Markgrafen, dass auch unter diesen Fürsten bereits die 
Lage der Juden nicht nur in Stendal, sondern auch in anderen 
märkischen Städten eine günstige war''). Zu diesen gehörte 
auch die Stadt Brandenburg, wie die ältesten Nachrichten, 
die uns über Juden in dieser Stadt vorliegen, klar beweisen. 
Brandenburg, das dem Fürstenhaus wie dem ganzen Lande 
den Namen gegeben, beherbergte sicherlich bereits im L3. 
Jahrhundert Juden in seinen Mauern (vgl. weiter S. 9). Ihre 
erste urkundliche Erwähnung datiert allerdings erst aus 
dem Jahre 1313, wo ein Jude Jakob in dem Schöffenbuch 
der Neustadt Brandenburg') vorkommt. Derselbe empfing 
aus der Erbschaft des Böttchers Conrad für ein Pfand die 
Summe von 1 Talenten und einem Solidus nebst Zinsen''). 
Der gleiche Codex erwähnt einige Jahre später (1316) einen 
Juden Heinrich, der seinem Bruder 23 Talente aus seinen 
verfügbaren Gütern gab*^). 



teil) XV S. 44, s. auch Zimmermaüu: Versuch einer historischen Ent- 
wicitelung der märkischen Städteverfassung, Berlin 1837, I, S. 327. 

•'') Markgraf Hermann verordnet 1307, dass die Juden in Spandau 
erat dann Vieh schlachten und Fleisch verkaufen dürfen, wenn sie ein 
eigenes Haus besitzen. (Fischbach: Diplomatische Geschichte der 
Stadt und Festung Spandau S. 104), die Markgräfin Agnes und Herzog 
Rudolf von Sachsen erlassen 1319 eine Zinsordnung für die Spandauer 
Juden, Riedel a. a. 0. A XI S. 26. 

^) Altstadt Brandenburg, auf dem nördlichen, Neustadt Bran- 
denburg, auf dem südlichen Havelufer gelegen, hatten bis zum Jahre 1715 
völlig getrennte Verwaltung. Ueber die vielfachen Kämpfe und Reibereien 
zwischen den beiden Städten vgl. Näheres bei Schillmann: Geschichte der 
Stadt Brandenburg a. II. 

') Schöft'enbuch der Neustadt Brandenburg fol. 12, (Stadtarchiv 
Codex N 1), vgl. Sello: Brandenburger Stadtrechtsquellen in „Märkische 
Forschungen" Band 18, S. 36 Nr. 81. 

«) Schöftenbuch fol. 18, Sello: a. a. 0. S. 36 Nr. 85. Die Witwe 



- G — 

Neben diesen zerstreuten Nachrichten aber besitzen wir 
aus dem Jahre 1315 eine Urkunde, in welcher Markgraf 
Johann die zwischen den Fleischern und den Juden in der 
Neustadt Brandenburg entstandenen Streitigkeiten schlichtet, 
sowie das Viehschlnchten und den Fleischverkauf der Juden 
genau festsetzt. Gewisse Einzelheiten dieser Urkunde lassen 
deutlich auf ziemlich stabile jüdische Verhältnisse schliessen, 
die sich erst nach längerem Aufenthalt herausgebildet haben 
können. In der Uebersetzung des jüngeren Ileft'ter'schen 
Kopialbuches lautet die Urkunde") folgendermassen: 

„Zum ewigen Gedenken der Sache. Nicht unbedächtig 
sind die geschäftigen Weisen in sofern bedacht gewesen, 
auf den menschlichen Nutzen, dass, was durch den Lauf 
der Zeit aus dem Gedächtni?s der Menschen entschwinden 
würde, doch durch Hülfe der Schrift ein ewiges Ange- 
denken erhalte, da zufolge des Wechsels der Zeiten die 
Handlungen und Bestimmungen des Menschen zu wech- 
seln pflegen. Das ist der Grund, warum wir, Johann 
von Gottes Gnaden, Markgraf von Brandenburg und von 
der Lausitz, aus Verlangen, auf den Nutzen unserer 
Unterthanen zu sehen und bedacht zu sein auf ihren 
Vortheil und den Streitigkeiten Thür und Thor zu ver- 
schliessen, welche in unserer Stadt Brandenburg, von 
welcher wir unseren besonderen Titel erhalten haben, 
in Zukunft zwischen den Fleischern unserer genann- 
ten Stadt und den Juden daselbst entstehen könnten, 
auf solche Weise, wie unten bemerkt ist, geglaubt haben, 
eine Bestimmung treffen zu müssen, wie es dann 
zwischen ihnen von Alters her gehalten worden 
ist. Zuerst also setzen wir fest, dass kein fremder Jude 



dieses Juden Heinrich sclieint sjiäter einen Christen, Thidericus Witte, 
geheiratet zu haben, der im Jahre 1328 seinem Stiefsohn Henz, dem Sohne 
des Juden Heinrich, lö Talente für die aus Liegenschaften im Dorfe Stenow 
bestehende Erbschaft seines Vaters gutschrieb, Schöffenbuch fol. 21, Selb 
S. 41 Nr. 130. 

') Das Original im Wortlaut bei Riedel: Cod. dipl. A IX, S. 11. 



sich herausnehmen soll, daselbst zu schlachten, wofern 
er nicht zuvor daselbst Bürger geworden und als 
solcher in die Stadtgemeinde aufgenommen 
worden ist. Sodann setzen wir fest, dass kein Jude 
zur Sommerszeit, wenn das Fleisch nicht eingesalzon 
werden kann, mehr schlachten soll, als er für sich und 
seine Familie und für seine Küche brauchen dürfte und 
wird konsumieren können. Was aber von dem, was er 
etwa geschlachtet, für ihn nicht passend sein dürfte, 
nämlich was für Juden nicht gehört und sich nicht für 
sie ziemt, zufolge ihres Gebrauches zu essen, das kann 
er in Vierteln, aber nicht stückweise verkaufen. Zur 
Herbst- und Winterszeit aber, wenn das Fleisch einge- 
salzen und aufbewahrt werden kann, soll er dennoch 
nichts zum Verkaufe schlachten, sondern nur für sich 
und seine Familie soviel, als er bestimmt hat aufzuessen, 
und überdies soll er durchaus nichts schlachten, und 
was dann für ihn nicht gehörig sein dürfte, das soll er 
nicht in kleinen Stücken, auch nicht in Vierteln, sondern 
nur durchaus ganz verkaufen können. Ausserdem setzen 
wir fest, dass keiner der vorgenannten Juden Ziegen- 
böcke, Ziegen oder Stiere, welche zu deutsch Farren 
heissen, oder kleine Kälber oder sonst etwas anderes, 
was er selbst nicht essen darf^), schlachten soll. Ausser- 
dem heissen wir, dass wenn einige von den vorgenannten 
Juden auf dem Rathhause oder über dem Hause der 
Gewandschneider unserer genannten Stadt bei den 
Schlächtern daselbst einschlacbten oder kaufen wollten, 
dieselben Schlächter denselben Juden das, was sie für 
sich kaufen, ebenso billig lassen sollen, als auch 
einem jeden Christen. Dies vorbemerkt, alles und 
jedes desselben, befehlen wir bei Vermeidung unserer 



*') Dies triftt höchstens auf die „kleinen" (weniger als acht Tage 
alten) Kälber zu. Die übrigen hier genannten Tiere wurden wohl in 
Brandenburg überhaupt nicht geschlachtet, woraus die irrige Meinung 
entstand, sie seien den Juden verboten. 



— 8 — 

Ungnade und Ungunst allen Juden und Fleischern der 
genannten Stadt sowohl den gegenwärtigen als den 
künftig lebenden zur genauen Beobachtung und AvoUen 
gegen die Uebertreter derselben mit harter Strafe ver- 
fahren. Und damit solche unsere Anordnung, die bis 
daher lobenswerth beobachtet worden, durch keine bös- 
willige Hinterlist aufgehoben oder in irgend einem Punkte 
übertreten werde, haben wir befohlen, gegenwärtige Ur- 
kunde darüber auszufertigen und mit unserem wahren 
und gewöhnlichen anhängenden Siegel fest bekräftigt 
auszustellen auf ewige Zeiten. Als Zeuge sind hiezu 
geladen gewesen die erlauchte Frau Anna, Herzogin 
von Breslau, unsere erlauchte Mutter, Heinrich 
der Edle, Graf von Lüchow, Busso Gruvelhut und 
Slatiko, Truchsess unseres Hofes, Christian von Gerhards- 
dorf, Bernhard von Bertensieben, Heinrich von Krako, 
Baske von Lossow, Bussow von Milow, Hennig von 
Vorland, unsere Ritter, nebst mehreren anderen glaub- 
haften Leuten. Geschehen und gegeben zu Eberswalde 
in unserer Gegenwart im Jahre d. H. 1315, am Tage 
des gottheiligen Apostels Jacobi, durch Hermann von 
Luchow^, unseren Hofkaplan." 

Was zunächst den materiellen Inhalt dieser Verordnung 
betrifft, so sehen wir, dass die Juden der Neustadt Branden- 
burg gezwungen waren, den Ueberfluss an Fleisch, der sich 
ihnen aus der Notwendigkeit, selbst zu schlachten, ergab, durch 
Verkauf zu verringern. Nun hatte aber die Fleischerzunft, 
die Zunft der „Knochenhauer", wie sie in den Urkunden 
heissen, das Monopol des Fleischverkaufs, und so kam es ge- 
wiss oft genug zu unliebsamen Streitigkeiten zwischen den 
Fleischern und den Juden. Diese durch genaue Festsetzungen 
zu schlichten, war die Absicht des IMarkgrafen. Dabei ist 
offensichtlich sein Bestreben, beiden Parteien gerecht zu wer- 
den, die Fleischer vor schadenbringender Konkurrenz zu 
schützen, den Juden aber auch die Verlegenheiten, in die sie 
durch Beobachtung ihres Religionsgesetzes gerieten, zu er- 



— 9 — 

leichtern. Vor allem miisste einer überllii.ssif^en Vorschärfunf^ 
des K(»nllikts vorgebeii},'t werden, daher die strenge Satzung, 
dass kein „fremder Judo" schlachten solle. Der Verkauf der 
Tiere, die sich nach der Schlachtung als religionsgesetzlich 
verboten erwiesen, musste den Juden gestattet sein. Die.ser 
Verkauf durfte jedoch nicht in einzelnen Stücken geschehen, 
das hätte die Fleischer zu sehr beeinträchtigt; das Tier muss 
ganz verkauft werden. Nur in der heissen Jahreszeit durfte 
der Jude das Fleisch wenigstens in Vierteln verkaufen''). 

Kennzeichnet diese Verordnung das schützende Entgegen- 
kommen, welches der Fürst den Juden bewies, so werfen, 
wie gesagt, gewisse Einzelheiten der Urkunde noch ein be- 
sonders deutliches Licht auf die erstaunlich günstige Stellung 
der Juden. Die Worte „wie es zwischen ihnen von Alters 
her gehalten worden ist" beweisen, dass Juden in der Neu- 
stadt-Brandenburg schon im dreizehnten Jahrhundert wohnten 
und sogar ihre festen Institutionen hatten. Dass sie Bürger 
werden können, ja ihre Aufnahme in die Stadtgemeinde an- 
gängig, wird in dieser 1315 erlassenen Urkunde als ganz 
selbstverständlich vorausgesetzt. Dabei erscheinen sie in ihren 
religiösen Gepflogenheiten mit den christlichen Bürgern durch- 
aus verwachsen und schlachteten ihr Vieh in einzelnen Fällen 
bei christlichen Fleischern. Diesen wird ja in der Urkunde 
jede unterschiedliche geschäftliche Behandlung der Juden aus- 
drücklich verboten; die Zwangslage, in der die Juden sich 
befanden, war gewiss von einzelneu Fleischern durch Erhöh- 
ung der Preise ausgenutzt worden. 

Wie überall in deutschen Landen war der Hauptnahrungs- 
zweig der mittelalterlichen Juden auch in Brandenburg das 
Geldgeschäft. Juden waren im Mittelalter nicht nur die 



*) Aehnliche Verordnungen über das Viehschlacbten und den Fleisch- 
verkauf der Juden erliessen Markgraf Hermann für die Juden zu Spandau 
1307 (s. oben Note 3), der Graf von Lindow für Neu-Ruppin 1323 (Riedel 
A IV S. 287) der Berliner Magistrat für Berlin 1443 (Berliner Urkunden- 
buch S. 81), Markgraf Ludwig der Aeltere für Havelberg 1344 (Riedel 
A I, S. 64). 



- 10 - 

Bankiers der Fürsten, .sie bildeten auch für den Kaufmann 
und den Handwerker ein unentbehrliches Verniittlungsglied 
des Geschällsverkehrs. Selbst dem kirchlichen Verbot des 
Zinsnehmens unterworfen, sah der christliche Kaufmann in 
dem diesem Verbole nicht unterworfenen Juden eine wohl- 
tuende Stutze seines Kredits. Der Jude wiederum, dein die 
feste Geschlossenheit der Zünfte die Ausübung des Handwerks 
verwehrte, fühlte sich zur Fristung seiner Existenz auf das 
Geldgeschäft augewiesen, und es ist wahrlich nicht zu ver- 
wundern, dass er sich ihm um so lieber zuwandte, als es 
ihm reichen Gewinn und frühen Wohlstand brachte. In diesem 
Wohlstand aber besassen die Juden auch die Garantie eines 
gewissen Schutzes, den ihnen Fürsten und Städte angedeihen 
Hessen. Ihm verdankten sie das beschränkte Bürgerrecht, 
das sie z. B. in der Mark genossen, ihm das Wohlwollen der 
]\Iarkgrafen, ihm allerdings auch in Zeiten des Unbcstandes 

— und Vann waren die mittelalterlichen Zeiten beständig? 

— die Qualen und Schrecken der Plünderung und Vertreibung. 

In Brandenburg lag bereits im 14. Jahrhundert unter 
den askanischen ^Markgrafen das Geldgeschäft in den Händen 
der Juden, sowohl das Darleihegescliäft nach seinen verschie- 
denen Formen, namentlich gegen Faustpfand, als auch das 
Wechselgeschäft, der Umtausch von Geldmünzen fremder 
Sorten (in den Urkunden „]\Iünzziser" genannt) gegen solche 
Brandenburger Währung. In dem Münzvertrag, welchen die 
Städte Brandenburg und Berlin im August 1322 ab- 
schlössen"^), wird ausdrücklich auf die Juden Bezug genommen. 
Niemand soll „nie silver utgeven", er sei Christ oder Jude, 
d. h. niemand soll Silbermünzen ausgeben, die, obwohl an 
sich vollwichtig, durch einen Nichtberechtigten geprägt sind"). 



'") Riedel A IX, S. 20. 

") Schillmann: Geschichte der Stadt Brandenburg a. H. S. 2öO hat 
hier noch die falsche AufFassansr „ungemünztes Silber ausgeben". Wie 
Sello (Märkische Forschungen, Band 17 S. 68) nachweist, ist ,,nie silver" 
nichts anderes als das in der Urkunde von 1319 (Berliner Urkundenbuch 
S. 36) erwähnte ,,novos denarios aut argentum facere", d. h. Silbermünzen, 



— 11 — 

Die .Tiidon sollen sich mit ihren Zinsf^eHchäftcn begnügen'), 
sie Süllen Jlaudelögüwiihr übun''j, wie dies jeder biedere Mann 
tun müsse, und endlich: Sie sollen kein ungemünztes Silber 
kaufen"). Wie ausgebreitet das Geldgeschäft der Branden- 
burger Juden im 11. Jahrhundert gewesen sein mus^ ersehen 



die wohl au sich vollwertig iiiul vollgewichtig, deren rhigiing aber durch 
einen dazu nicht berechtigten erfolgt ist, wodurch der Miinzherr um den 
Gewinn hei der Prägung und dem Umtausch gebracht wurde. (Dasselbe 
Verbot findet sich auch im Sacliseii.spic^^cl II, '.^ti § I und im Schwaben- 
spiegel cap. i58f) § § 4 und n). 

'-) Auch hier hat Schillmann a. a. 0. S. 2öl die aus dem Berliner 
Urkundenbuch S. 40 übernommene falsche Uebersetzung der Worte „si 
scolen sich eres wukercs began" — „sie sollen ihren Wucher lassen." 
In Wirklichkeit bet^ass das Wort „Wucher" in Mittelalter keineswegs 
die gehässige Bedeutung, die es heute hat. Es bedeutete einfach „Zinsen", 
lateinisch usura, vgl. Fidicin: Historisch-Diplomatische Beiträge I, S. 152: 
„wukcr is, wat ein man uphevct mer, wen he utlcch, it si kleine oder 
grot," „Wucher ist, was Jemand mehr aufnimmt, wenn er ausleiht, es sei 
wenig oder viel". Diese Definition des Begrift'es Wucher im Schöffenrecht 
sagt klar, dass darunter Zinsen überhaupt verstanden wurden. Der P'ehler 
jener Uebersetzung steckt in der Verwechslung des niederdeutschen 
„began" mit „begeven"; began heisst: begnügen (s. Lübben: Mittel- 
niederdeutsches Wörterbuch) und der Sinn der Worte ist: Die Juden 
sollen sich mit ihren Zinsgeschäften begnügen, d. h. sie sollen 
keinen anderen Handel treiben, vgl. Sello in Märkische Forschungen, 
Band 17, S. h9t 

") „Gewaren den luden, also ein islich bedcive minsche nmt dun". 
Schillmann a. a. 0. wieder falsch: „Sie sollen den Leuten den wahren 
Wert geben", (Xach Klöden: Diplomatische Geschichte des Markgrafen 
Waldemar II, S. 436). Manche ältere Kechtsbücher nämlich (z. B. das 
Berliner Schöffenrecht, der Sachsenspiegel) entbinden den Juden von der 
Pflicht, seinen Gewährsmann, d. h den Verkäufer zu nennen, wenn ge- 
stohlenes Gut bei ihm gefunden wird. Hiervon will der Münzvertrag von 
1322 nichts wissen, er verlangt vom Juden, er solle „gewaren den luden" 
d. h. „den Leuten Gewähr leisten". Vgl. Sello a. a, 0. S. 59. 

'*) Faulhaber: Ueber Handel und Gewerbe der beiden Städte 
Brandenburg im 14. und 15. Jahrhundert (32 — 33. Jahresbericht des 
Historischen Vereins zu Brandenburg a. IL), S. 30 meint, durch ein 
solches Verbot, sollte der Falschmünzerei gesteuert werden. Sello: 
Märkische Forsch. Bd. 17, S. 68 aber findet es mit Recht auftallend, dass 
den christlichen Kaufleuten („kopman") in dem Münzvertrag der Kauf 



- 12 — 

wir aus der Tatsache, dass sogar die Bischöfe des Bran- 
denburger Bistums, sowie das Domkapitel sich ihre Dienste 
sicherten. Im Jahre 1317 beklagt sich der Bischof Johan- 
nes von Tuchen, dass sein Vorgänger, Friedrich von 
Plane, die Einkünfte des Bistums durch „Jüdische Zin- 
sen" sehr geschwächt habe. Ausser Stande, die Gläubiger 
des Bistums aus den vorhandenen Beständen zufrieden zu 
stellen, sieht er sich gezwungen, die Dörfer Wysera''') und 
Tykow"') um hundert Mark brandenburgischen Silbers an das 
Kapitel zu verkaufen „pro centum marcis per nos in Judea 
solvendis" '■). In gleicherweise verkauft im Jahre 1336 das 
Domkapitel den Hof Görne nebst zwei Seen um 180 Mark 
Silber an die Altstadt-Brandenburg zur Tilgung einer bei den 
Juden kontrahierten Schuld '"*). 

Die oben mitgeteilte Ordnung des Viehschlachtens und 
Fleischverkaufs zeigt uns die Juden in Brandenburg bereits 
um 1315 in der Ausübung ihres Religionsgesetzes. Auch ihre 
gottesdienstliche Beligionsübung müssen sie in jener Zeit 



ungcmünzten Silbers gestattet blieb, und knüpft darum an ein anderes Ver- 
bot der Urkunde an, welches lautet: „sich des müntmeisterswissele (Stempel) 
unterwinden". Der Münzmeister allein besass das Recht, nicht nur neue 
Münzen zu schlagen, sondern auch 12 neue gegen 16 alte einzutauschen, 
um aus dem Gewinn die Prägungskosten zu decken. Dieser Umtausch 
mag vielfach zur Schädigung des Münzmeisters auch von Privatpersonen 
vorgenommen worden sein; das aus dem Einschmelzen der alten Münzen 
gewonnene Silber wurde dann wohl in der Regel von den handel- 
treibenden Juden aufgekauft und zum vollen Werte an die des 
Silbers bedürftigen Münzstätten weiter verkauft. Um nun jenem Um- 
tauschverbote einen besonderen Nachdruck zu geben, musste den Juden 
als geschäftlichen Zwischenhändlern der Ankauf ungemünzten Silbers ver- 
boten werden, während für die christlichen Grosskaufleute ein solches 
Verbot überflüssig war. 

'*) Das heutige Weseram. 

'") Das heutige Tieckow. 

'■) Gerckeii: Stiftshistorie von Brandenburg S. 143 und 527. 

'*■) Urkunde der Altstadt Brandenburg, vgl. Dullo: Beiträge zur 
Kommunalgeschichte der Stadt Brandenburg, S. 51, Riedel A VIII, S. 248, 
Schillmann: Geschichte der Stadt Brandenburg a. IL, S. 269. 



~ ü - 

zu festen Institutionen gestaltet haben, und ihre Familienzahl 
muss nicht unbeträditlich gewesen sein. Wenigstens besasseu 
die Juden in Brandenburg 1322 schon eine Synagoge. Die 
Urkunde, aus welcher dies ersichtlich, ist nicht nur kultur- 
historisch interessant wegen der eigentümlichen Steuer, von 
der sie spricht, sondern gibt uns auch zwischen den Zeilen 
Näheres über die Brandenburger Juden joner Zeit kund'''). 
Das Wachstum der jüdischen Familienzahl ist das erste, was 
aus dieser Urkunde hervorgeht. Durch dieses Wachstum 
fühlte sich der — Pfarrer Christianus beschwert. Solange 
die Häuser der Stadt von Christen bewohnt waren, genoss 
der Geistliche von den Bewohnern Stol- und Pfarrgebühren. 
Utlenbar war aber eine grössere Anzahl von Häusern in den 
Besitz von Juden übergegangen-"), was für den Pfarrer eine 
Verminderung seiner Gefälle bedeutete. Hierfür hielt ersieh 
nun durch eine Steuer schadlos, zu der er die Juden auf- 
fordern liess und die sie ihm „für seine Opfer und Gerech- 
tigkeiten" mit jährlich dreissig Solidi Brandenburger Währung 
in zwei Raten zu zahlen versprachen, an Weihnachten und an 
Ostern. Die Juden hatten als ihre Vertreter die angesehen- 



'") „27. Februar 1322. Noverint universi presens publicum instru- 
mentum visuri seu auilituri, quod ex universitate sive sjnagoge Judeorum 
nove civitatis Brandenburgensis potiores in honorabilis viri domini 
Christiani, plebani civitatis eiusdem testium subscriptorum et mei, notarii 
publici infra scripti presentia constituti ac requisiti, quantum eidem do- 
mino Christiane annuatim pro oblationibns suis ac iustitiis dare vellent, 
responderunt triginta solidos Brandenburgenses monete, videlicet XV 
solidos in nativitate domini et XV in festo pasce benevole velle dare 
et eosdem XXX solidos apud suos bursanios sive thesaurios annis sin- 
gulis. Actum in Synagoge Judeorum nove civitatis Branden- 
burgensis presentibus domino Nieolao Ruschendom, Johanne de Ze- 
denick, sacerdotibus ac Thiderico Beltiz diacono et pluribus aliis fide 
dignis testibus." Riedel, A IK S. 19, Original im älteren Stifts-Kopialbuche. 
-'^) Dass die Juden der Mark in jener Zeit Häuser erwerben durften, 
zeigt u. A. die oben Note 3 erwähnte Verordnung des Markgrafen 
Hermann für die Juden in Spandau. Auch das neumärkische Judenprivileg 
Ludwigs des Aelteren (1844) lässt dieses Recht der Juden klar erkennen, 
siehe weiter S. 17. 



- i4 - 

sten und vermögendsten (potiores) zur Vollziehung dieses Ver- 
trages abgesandt. Diese Vollziehung geschah in der Syn- 
agoge der Neustadt-Brandenburg, olVenbar um der Ab- 
machung einen kräftigeren Nachdruck und für die Juden eine 
höhere Ver|)llichtungskraft zu geben. Es mag ein eigentüm- 
liches Bild gewesen sein, als der Pfarrer, umgeben von seinen 
Amtsgenossen, den Priestern und dem würdigen Diaconus, die 
Juden in der Synagoge zu der meri<würdigen Steuer ver- 
ptlichtete. 

Der Pfarrer war aber wohl der Einzige, der die An- 
wesenheit der Juden unliebsam empfand; die Stadt in ilirer 
Gesamtheit muss gefühlt haben, wie die Juden für das Ge- 
deihen der Stadt, des Handwerks und des Handels, geradezu 
unentbehrlich waren. Erregte doch der Besitz der Juden den 
Neid der Schwesterstadt auf dem nördlichen Havelufer. In 
der Altstadt werden Juden zum ersten Male 1321 erwähnt, 
in einer Urkunde, in der sich die Altstädter und die Neu- 
städter gegenseitig Freizügigkeit gewährten-'). „Wäre ein 
Mann, der aus einer Stadt in die andere ziehen wollte, dort 
zu wohnen, der soll das nach seinem Belieben tun können, 
nur unter der Bedingung, dass er zuvor erst das leiste, was 
er zu leisten schuldig, er sei Jude oder Christ." Die Zahl 
der Juden in der Altstadt muss jedoch sehr gering gewesen 
sein. Denn als nach der Schlacht bei ]\Iühldorf (1322) Lud- 
wig von Baiern seinen habsburgischen Gegner Friedrich von 
Oesterreich geschlagen und gefangen genommen hatte und die 
seit des Markgrafen Waldemar Tode von dem habsburgisch 
gesinnten Herzog Rudolf von Sachsen verwaltete Mark an 
Ludwig den Baiern fiel, da hatte die Altsladt-Braudouburg 
nichts Eiligeres zu tun, als sich an den neuen Herrn mit 
der Bitte zu wenden, ihr die Aufnahme von Juden zu ge- 
statten. Kaiser Ludwig, dem offenbar viel daran lag, diese 
alte Stadt, die ja den Namen seines neuen Besitzes trug, 
unter seinen Anhängern zu wissen und in den gewiss von 



") Vgl. Dullo a. a. 0. S. 51. 



- 15 - 

ihm vorausgesehenen schweren Käni|)ren in ihr einen Stiit-/,- 
piinkt zu haben, ging bereitwillig auf die KrlüUung des ihm 
vorgetrageneu Wunsches ein. Und so tut er denn in einer 
aus Bamberg vom 31. Mai 1323 datierten Urkunde „allen 
Gläubigen Christi", sowohl den jetzt als den künftig le- 
benden kund, „dass wir auf das Ersuchen und Bitten unserer 
lieben Bürger der Altstadt-Brandenburg und der Bewohner 
derselben ihnen gnädig verliehen haben, schenken und ver- 
willigen, dass sie in ihrer Stadt zum Nutz und Frommen 
derselben Altstadt zwei oder drei Juden haben können, 
welche unter ihrem steten und immerwährenden Schutze sein 
und wohnen, welche weder wir noch unsere Erben und Nach- 
folger oder unsere Fürsten oder Beamten in Zukunft nicht 
können noch wollen heranziehen zur Entrichtung oder Leistung 
einer Abgabe, Schätzung und Steuer, von welcher Art sie 
auch sei und keine Beschwerung machen'-). 

Zu den Unterzeichnern dieser Urkunde gehört auch Graf 
Berthold von Henneberg, derselbe, der 1324 als Vor- 
mund mit des Kaisers Sohn, dem jungen Markgrafen Lud- 
wig, in der Mark erschien und seinem Mündel unter den 
wirren, gefahrdrohenden Verhältnissen die Wege zu ebnen 
strebte. In den schweren Kämpfen, die dem jungen Herr- 
scher während des nächsten Jahrzehnts beschieden waren, 
stand die Neustadt Brandenburg in Treue auf seiner Seite. 
Dafür verlieh er ihr am 9. Juni 1335 das Recht, weitere 
fünf Juden zu halten'-'^). INIan sieht, wie der Besitz von 
Juden als Vorzug betrachtet wurde und die beiden Schwester- 
städte in edlem Wetteifer die Zahl ihrer Juden zu vermehren 
strebten. Auch spricht alles dafür, dass sich die Juden unter 
der Herrschaft des Markgrafen Ludwig, des Aelteren, verhält- 
nismässig wohl fühlten. Die persönlichen Beschränkungen, 
denen sie, wie die mittelalterlichen Juden überhaupt, unter- 
worfen waren, wurden von ihnen kaum tief empfunden. Die 



") Riedel A IX S. 20. 
-") Riedel A IX S. 33. 



- in — 

Engherzigkeit des Mittelalters hatte ja auch Teile der christ- 
liclien Bevölkerung in exzeptionelle Lagen gedrängt, z. B. 
galten viele Beschäftigungen, wie die der Leineweber, der 
Schäfer, der Pfeifer, der Bartscherer, als „unehrlich" und 
ihren Kindern war der Eintritt in die Ilandwerkszünfte ver- 
wehrt-'). Die Juden der Mark aber wurden von Ludwig in 
einer Weise beschützt und bevorzugt, dass wir seine llegierungs- 
zeit, von einer einzigen Ausnahme abgesehen, als eine milde 
bezeichnen müssen. Wir wissen von ihm, dass er den Juden 
in Ilavelberg-''); in Perleberg-''), in Pritzwalk'-") ihre 
Rechte bestätigte, dass er die gesamte Judenschaft eines Teils 
der Altniark und der Priegnitz seiner besonderen Iluld ver- 
sicherte und ihren Gerichtsstand regelte-^). Vor allen Dingen 
aber hat er in dem Privilegium vom 9. September 1344 zum 
ersten Male Anordnungen von grösserer, umfassenderer Trag- 
weite getroffen-''). Dieses Privileg erstreckte sich auf alle 
Juden in der „terra trans Oderara", der eigentlichen Neumark. 
Ludwig nennt in ihm die Juden „weise und kluge Leute", 
„meine lieben Kammerknechte", und trifft Bestimmungen, die 
fast alle Kechtsgebiete umfassen und überall die Juden zu 
fördern und ihre Stellung zu einer erträglichen zu machen 
geeignet sind. Ihre Rechtsfähigkeit wird erweitert, indem sie 



2^) Vgl. Voigt: Geschichte des brandenbnrgisch-preussischen Staates, 
S. 105. 

^-'•) Riedel A I, S. 64. 

") Riedel A I, S. 148. 

2') Riedel A II, S. 27. 

2«) Riedel A I, S. 62. 

^'j Riedel A XXIV, S. 36. In einer tiefeindringenden Abhandlung 
bat der scharfsinnige Sello (Berliner Zeitschrift „der Bär" Jahrg. 1879, 
S. 21 if.) die Quellen dieses Privilegiums, das hundert Jahre später von 
Kurfürst Friedrich I. erneuert wurde, kritisch untersucht und den ver- 
stümmelten Text gereinigt. Ihm danken wir auch den Nachweis des 
Jahres 1344 als desjenigen, in welchem das Privileg erlassen wurde, 
während noch Riedel eine gleichlautende Urkunde, die er auf Grund der 
Unterschrift „anno predicto" in das Jahr 1341 setzen musste, als das Ori- 
ginal und die von 1344 als die Wiederholung ansah. 



— 17 - 

zum sog. „iuramentum ])iirgatoriiim" zugelassen werden, d.h. 
zu dem Eide, durch den sie sich vor einem klägerischen 
Anspruch schützen können, das Kecht des Ilausbesitzes wird 
als selb.stver.ständlich vorausgesetzt. Die lieschränkungen im 
Pfandrecht, die andere mittelalterliche Privilegien und Ptechts- 
bücher aufrechthalten''"), sind aufgehoben, z. B. wird das vom 
Berliner Stadtrecht verbotene IM'andnchmen bei Nacht im 
neumärkischen I'rivileg erlaubt. Den Juden wird freie Aus- 
fuhr von Korn und Pferden gestattet, wenn sie dieselben für 
eine Schuld haben annehmen müssen. Bezüglich des Gerichts- 
standes werden sie den christlichen ^Mitbürgern völlig gleich- 
gestellt, indem ihnen durch die ]>estimmung, dass kein Dorf- 
richter gegen sie verfahren dürfe, sobald sie in einer Stadt 
ansässig seien, das sog. „Privilegium de non evocando" ver- 
liehen wird. 

Wenn nun auch die Vergünstigungen dieses Privilegs 
zunächst nur den Juden in der Neumark zugute kamen, 
dem Teil des Landes, der am treuesten zu dem ihm vom 
Kaiser bestellten Herrn hielt, so dürfen wir daraus gleich- 
wohl auch im Allgemeinen auf die wohlwollende Gesinnung 
Ludwigs gegen die Juden schliessen. Sei es nun, dass auch 
die Juden der Stadt Brandenburg Zeichen dieses Wohlwollens 
erfuhren, sei es, dass sie aus reinem Solidaritätsgefühl sich 
dem Markgrafen für seine den neumärkischen Juden erwiesene 
Milde dankbar zeigen wollten — genug, als die Neumärker 
kurz nach Krlass des Privilegiums den Markgrafen mit einer 
ausserordentlichen Beisteuer zu unterstützen gedachten, da 
schlössen sich ihnen neben einigen anderen Städten der Mark 
auch die Juden von Brandenburg an, so dass die ausserordent- 
liche Summe von 600 Gulden (ca. 6000 M.) zusammenkam. 
Man sieht, der Markgraf genoss die Früchte seines den Juden 
freundlichen Verhaltens. Und so versicherte er auch seiner- 
seits den beitragenden Städten am 23. Oct. 1345, dass er von 



^'') 2. B. Das Berliner Stadtrecht (vgl. Fidicin: Diplomatische Bei- 
träge zur Geschichte der Stadt Berlin, S. 150). 

2 



- 18 - 

ihnen im nächsten Jahre eine aussergewöhnliche Abgabe nicht 
einfordern wolle.") Mau würde jedoch fehlgehen, wollte man 
irgend einen humanen Untergrund in diesem Verhalten Lud- 
wigs gegen die Juden linden. Es war lediglich seine poli- 
tische Klugheit, die ihn bestimmte. Den Juden gegenüber 
galteu im Mittelalter nur Üpportunitätsrücksichteu. Ihre ge- 
schäftliche Intelligenz auszunützen, ihre brauchbare Stellung 
als pekuniäre Zwischenhändler zu sichern — dazu allein 
schützen die Fürsten Juden und suchen ihre Lage erträglicher 
zu machen. Ludwig brauchte nur die Politik seines Vaters 
zu befolgen, der es verstanden hatte, von den Juden im ganzen 
Reich die Zahlung des sogenannten „güldenen Opferpfennigs" 
in die Kaiserliche Kasse durchzusetzen. Gerade Ludwig, der 
Aeltere, hat durch einen Zusatz in einer seiner Verfügungen 
gezeigt, dass seine Milde gegenüber den Juden nicht nur nicht 
selbstlos, sondern zur gegebenen Zeit auch der gegenteiligen 
Behandlung zu weichen bereit war. Wenn er am 26. Nov. 
1349 dem Rate der Stadt Spandau betiehlt, die Juden vor 
ungerechten Angrift'en zu schützen, dann setzt er, seine innerste 
Seele offenbarend, hinzu: „Bis wir für gut halten, diese 
Weisung zu widerrufen-^-)!" Zunächst allerdings scheint er 
die Juden auch weiter geschützt zu haben, denn schon wenige 
Tage darauf dankt er von Königsberg aus den Städten der 
Neumark, dass sie die Juden so wohl verteidigt hätten''*). 
Demnach muss man die Juden angegriffen haben. Um welche 
Art von Angriffen es sich hiebei handelt, das dürfte nicht 
zweifelhaft sein, wenn man bedenkt, dass wir von dem Jahre 
1349 reden. Das war ja jenes furchtbare Jahr, in welchem 

") Riedel (' I, S. 25. Die betreffende Urkunde, von welcher nur 
ein Fragment in mehreren Copiarien erhalten ist, erwähnt allerdings im 
Text die Juden nicht. Da aber zwei jener Quellen, die von Riedel 
nicht benutzt wurden, die Ueberschrift haben: „Ista forma data est Judeis 
in advocacia", so wird Sello („der Bär" 1879, S. 23) das Richtige treffen, 
wenn er annimmt, dass auch in dem verlorenen Originale nur von Juden 
die Rede war. 

^-) Riedel A XI, S. 309. „Quousque id ipsum duximus revocare". 

«^) Riedel A XXIY, S. 48. 



- 19 - 

der entsetzliche Wahn durch die deutschen Gaue schritt, die 
Juden hätten durch lirunnenvergiftung die Pest ins Land ge- 
bracht. In allen Teilen Deutschlands zeitigte dieser Wahn 
die grausamsten Judenverfolgungen. Der Sturm scheint auch 
an den Juden der Mark nicht spurlos vorübergegangen zu sein. 
Das alte Memorbuch von Metz wie das von Deutz fuhren 
als Marterstätten aus der Zeit des „schwarzen Todes" auch 
pi;2 nrT3 und Jiisjnjsia pia auf"). Der norddeutsche (Chronist 
Heinrich v. Herford hat gewiss auch märkische Städte im 
Sinn, wenn er mit Worten tiefsten Abscheu's von den Ver- 
brennungen und barbarischen Misshandlungen erzählt, denen 
die Juden in jenem Jahre zum Opfer Helen'). Dass aber 
der Wahn, die Juden hätteu die Pest verschuldet, auch in 
der Mark grassierte, erfahren wir aus einer Urkunde des 
Jahres 1349, in welcher der Rat von P erleb er g im Verein 
mit den Zunftmeistern daselbst den Juden Schutz verheisst 
und dabei ausdrücklich gegen jenen Wahn eine Art von Ver- 
wahrung einlegt-"^). Zudem war gerade damals die Mark 
auch infolge der politischen Wirren in einem erregten Zu- 
stand, der Gewalttätigkeiten jeder Art begünstigte. Es war 
die Zeit des „falschen Waldemar", jenes geheimnisvollen 
Prätendenten, der mehrere Jahre hindurch gegen Ludwig den 
Aelteren und dessen Nachfolger um seine Anerkennung kämpfte. 



*^) Vgl. Salfeld: Das Martyrologium des Nürnberger Memorbuches 
(Band III der „Quellen zur Geschichte der Juden in Deutschland") S. 78 
und 86. Interessant ist die an der ersten Stelle sich findende Schreibung 
j"n23'Ti3, die an die mittelalterlichen Formen „Brennaburg" etc. anklingt, 
s. Salfeld a. a. 0. S. 27U Note. 

'**) Henricus de Hervordia: Liber de rebus raemorabilioribus, ed. 
Potthast, Göttingen 1859, S. 280. „In quibusdam locis per alios combure- 
bantur, in quibusdam trucidabantur vel etiam ut porci saevissime bar- 
bariceque mactabantur." Auch das von Pomarius: Chronik der Sachsen 
und Niedersachsen S. 384 tt'. bezeugte Auftreten der Geissler scharen 
in Brandenburg deutet, wie überall, auf Judenverfolgungen hin. 

*^) Riedel A III S. 381 „ . . . si manifestum fuerit a veridicis ho- 
minibus et probatum, quod lud ei dicti forent causa mortis Chris- 
tian itatis et fuissent et adhuc üerent, quod absit . . . ". 



- 20 - 

Die Juden der Mark sassen zwischen zwei Feuern. Wenn 
sie der einen Partei ihre Unterstützung liehen, waren sie der 
Wut der anderen preispiegeben, sobald diese in dem vielfach 
wechselnden Glück die Oberhand gewonnen. So mag die 
einzige positiv bezeugte Gewalttat gegen märkische Juden in 
jener Zeit, die an den Juden in Königsberg (Neumark) ver- 
übte, nicht ausschliesslich durch jene allgemeine, aus dem 
„schwarzen Tod" hervorgegangene judenfeindliche Stimmung, 
sondern auch durch die politischen Zustände mitver.schnldet 
sein. Damit würde sich auch der aufl'allend rasche Gesin- 
nungswechsel Ludwigs des Aelteren erklären, der, abgesehen 
von dem oben erwähnten Privilegium, noch im Jahre 135Ü 
gerade der Neumark die Aufnahme von Juden gestattet und 
diesen selbst Schutz gewährt hatte •^') und schon im Jahre 
darauf die Juden in Königsberg verbrennen und ihre 
Güter für sich konfiszieren liess"^''). Dass aber auch 
sonst, abgesehen von diesem einen Falle, Ausschreitungen 
gegen die Juden der Mark vorgekommen sind, das ersehen 
Avir aus sjjäteren markgräflichen Kundgebungen, wo die Fürsten, 
milder gesinnt, auf die stattgehabten Judenverfolgungen mit 
Bedauern hinweisen. So versichert Ludwig der Acltere schon 
1351 der Stadt Stendal: „AI geschichte, die vor dieser tyd 
mit den Joden geschehen sin, die scolen altumale dot sin und 
scolen vorbat mer uugevordert und ungericht blieven •''■'), und 
Ludwig der Römer befiehlt 1352, die zuziehenden Juden auf- 
zunehmen, „um des gebrcchens willen, das im Lande gewesen 
um gelt seit der zeit als die Juden verderbt sind.'"') Auch 



"') Die Urkunde ist abgedruckt beiKlöden: Diplomatische Geschichte 
des Markgrafen Waldeuiar, Band 3, Anhang No. 51. 

"") Riedel A XIX, S. 223. Der Markgräfliche Vogt Johannes von Wedel 
bekennt sich als Vollstrecker dieses furchtbaren Befehls. Vgl. auch 
Kehrberg: Geschichte von Königsberg N.-M. S. 241. 

*») Riedel A XV, S. 14U. Dieselben Veraicherungen wiederholt 
Markgraf Otto, Ludwigs des Römers Mitregent, im Jahre 1360 (Riedel 
a. a. 0. S. 162). 

*•) Vgl. Freyberg: Geschichte des Herzogs Ludwig von Branden- 
burg, S. 152. 



— 21 - 

Berlin erliiclt von Ludwig' dem K'önier 1352 eine ähnliche 
Versiclierung: „jiU <j;(>.scliichto <\\ j;es(;hien sind . . . .-in den 
Jodeo, die scoleu ut unsen lierteu besloten sin, nnd scolen si 
so lyf hebben, als oft it nyo geschyen wero" "j. 

Es ist nicht anzunehmen, dass die Juden der Stadt 
Brandenburg von jenem „Verderben" verschont geblieben sind. 
Wenn Salfeld (a. a. 0. S. 217) richtig vermutet, dass der 
unter den Verfulgungsorteii dos Nürnberger Memorbuclies 
(ebenda S. (59) aufgeführte Name p~i2:ir2 sich auf die Stadt 
Brandenburg bezieht, ^veil an allen andern Stellen stets der 
Ausdruck p-ii3jnji2 py\^ oder pi?: nri"; gebraucht ist, so haben 
wir hier einen direkten Beleg dafür, dass auch in der Stadt 
Brandenbui'g Märtyrer in jenen Schreckensjahren geblutet 
haben. Das fragmentarische Martyrologium, welches Wibel 
übersetzt hat, erwähnt sogar neben anderen Städten ausdrück- 
lich auch Brandenburg'-). Jedenfalls aber müssen die Juden 
im Laufe der nächsten Jahrzehnte, wie überhaupt in der 
j\Iark''), auch in Brandenburg wieder festeren Fuss gefasst 
haben. Fühlte sich doch Bischof Dietrich von Schulen- 
burg, als er 1372 dem Pfarrherru der Neustadt Brandenburg 
gestattete, eine von ihm geweihte Hostie in feierlicher Pro- 
zession in der Stadt umherzutragen, zu dem Zusatz veranlasst, 
„die Juden sollten während der Prozession in iUren 
Häusern eingeschlossen bleiben, damit nicht bei der 
gläubigen Menge durch Verspottung der Feinde un- 
seres gekreuzigten Herrn Tumult entstünde.")" Auch 
der Nachfolger des Bischofs Dietrich, Heinrich Bodendick, 



*') Riedel B VI, S. 87. 

**) Fortgesetzte Sammlung von Alten und Neuen Theologischen 
Sachen, 1740, S. 17. 

*^) Z. B. hat Markgraf Otto, als er 1372 die „Mark über der Oder" 
für eine Schuldforderung dem Herrn von Wedeil verpfändete, „allein un- 
sere Juden" davon ausgenommen. Der einträglichen Judensteuern wollte 
er nicht verlustig gehen. Riedel A XY, S. 147. 

*') Riedel A VIII, S. 29S. „ . . . ne in populo tideli scandalum 
aliquod ex illusione inimicorum domini nostri crucifixi generetur". 
Die Worte „ex illusione inimicorum" fasst Gercken: Stiftshistorie von 



00 _ 

erliess im Jahre 1400 eine die Juden betreffende Verordnung, 
deren EiuzellieKen uns erkennen lassen, dass der Verkehr 
der Juden mit den Christen in jener Zeit hier ein ziemlich 
intimer gewesen sein muss. Diese enge Gemeinschaft war 
dem Bischof ein Dorn im Auge. Er verfügt, dass ein Ciirist, 
sei er Pfarrer oder Laie, mit Juden nicht zusammen wohnen, 
bei Unglücksfällen keinen Juden rufen, kein Heilmittel von 
ihm entnehmen, mit den Juden nicht trinken, schmausen oder 
baden solle, auch sollten Juden keine christlichen Knechte 
halten dürfen. Zuwiderhandelnde werden mit der Exkom- 
munikation bedroht^"'). 

Trotz dieser Verfügung aber, die die vorurteilsvolle In- 
toleranz des Mittelalters in ihrer vollen Echtheit atmet, hat 
man nicht aufgehört, Juden an die Stadt zu fesseln. Schon 
1116 wieder haben die Katsherren der Altstadt und der Neu- 
stadt mit einer Jüdin Namens Jorde und mit ihren beiden 
Söhnen ]\Ieyer und Jacob eine Abmachung getroffen, des 
Inhalts, dass sie alle Jahr auf Sanct Wallburgistag Jeder als 
Zins und Abgabe zwei Mark sowie drei Schock böhmische 
Groschen zahlen sollen. ,,Dat scholen sy also holden und hcven 
alle dy wile, dat sy in der nien Stadt Brandenborg wonen"'"). 
Diese Art Judenzins ist im INIittelalter gang und gäbe ge- 



Brandenburg S. 174 als {renitivus subjectivus und übersetzt: „Üaniit die 
Juden keine Gelegenheit hätten, darüber zu spotten". Richtiger sind 
sie wohl als genitivus objectivus zu fassen. Der Bischof fürchtete den 
Tumult, der entstehen könnte, wenn die Juden als die P'einde etc. ver- 
spottet würden. Vgl. Iloltze in Heft 21 der Schriften des Vereins für 
die Geschichte der Stadt Berlin S. 31. Siehe auch Potsdamisclie Quint- 
Essenz Nr. 36. 

") Riedel A VIII, S. 384, Gercken: Stiftshistorie S. 649. „Man- 
damus, quod nuUus eorum, qui in sancto ordine aut laicus, cum Judeis 
habitet aut aliquem eorum in infirinitatibus suis vocet aut medicinam 
ab eis recipiat aut secum bibant aut nianducant aut balneantur aut man- 
cipia christiana habeant. Si quis contra fecerit, excomniunicetur". In 
demselben Jahre, in welchem er diese Verfügung erliess, wurde Bischof 
Heinrich von einer Epidemie hinweggerafft. 

*«) Stadtbuch der Neustadt Brandenburg (Stadtarchiv Codex N 2) 
fol. 64 b. Vgl. Sello in Märkische Forschungen, Band 18, S. 67, 



- 23 — 

wesen. Wenn alter auf denselben Seite de« Stadtliuches be- 
richtet wird, die Katslierren hätten mit „Mey^er Joden" ab- 
gemacht, dass er der Stadt einen „rodeliken hengest" 
halten, denselben im städtischen Stall unterbringen und dazu 
jährlich sieben Wispel Hafer liefern solle, „dar men 
den hengest mcde fudcren möge" — so dürfte diese Form 
des Judenzinses wohl ein Unicum bilden.'") Vielleicht hat 
dieser Jude ]\Ieyer mit Pferden gehandelt, so dass es nahe 
lag, ihm gerade diese Steuer aufzulegen. Wahrscheinlich ist 
er auch identisch mit dem Juden Meyer, welchen Markgraf 
Johann'^) in einer vom 12. Juni 1430 datierten Urkunde in 
seinen besonderen Schutz und Schirm nahm.'-') 

Die ersten llohenzollern scheinen überhaupt die ehr- 
liche Absicht gehegt zu haben, die Lage der Juden in der 
Mark erträglicher zu gestalten. So hat Friedrich I. das von 
Ludwig dem Aelteren im Jahre 1344 den Juden der Neu- 
mark erteilte Privilegium (s. oben S. 16 f.) im Jahre 1420'^'^) 

*') Es scheint sich hier um einen anderen Juden zu handeln als 
in der ersten Abniachun«;;, denn der Name ist hier „Meyger" geschrieben, 
dort aber „Meyer". König: Annalen der Juden in der Mark Branden- 
burg, S. 33 betont das Vorkommen des „deutschen" Namens Meier bei 
den Juden. Meier, TKD, „der Leuchtende" ist aber ein urjüdischer Name. 
'•*) Sohn Friedrichs I. Ei führte während seines Vaters vielfacher 
Abvvesenlieit die Regierung in der Mark. Vgl. Schillmann a. a 0. S. 412. 
Uebrigens nennt Schillmann S. 414 irrtümlich Friedrich als den Mark- 
grafen, der den Juden Meier in seinen Schutz genommen habe, siehe 
nächste Note. 

*') Riedel A IX, S. 182: 
„Wir Johanns von gots gnaden, marggrave zu Brandburg und Burg- 
grave zu Nuremberg, bekennen öffentlichen mit diessem brife für aller- 
menniglich, das wir meyer Juden wonhafftig zu Brandburg in 
uns( rn schütz und schirm gnomen haben und in von gebung diecz 
brifs ein gancz iar schirslkommende gleich ander unser Juden ver- 
teidigen, beschützen, und beschirmen sulleu und wollen, auch das man 
im in vnsern landen gleich andern vnsern Juden über all die, zu den 
er zuspreche hat, rechtes helfen sol ongeverd". 

*o) Schillmann a. a. 0. S. 413 falsch 1426. Vgl. die eingehende 
Untersuchung Sello's über die chronologischen und inhaltlichen Beziehungen 
der einzelnen Urkunden im „Bär" Jahrg. 1879, S. 24 und 25. 



— '_M — 

auf die Juden der ganzen Mark Brandenburg ausgedehnt^'), 
und Friedrich II, der Eiserne, hat 1 MO die Verfügung seines 
Valers ausdrücivlich auch für seine Person besUitigt'-'). Ja, 
er hat in die ihm vorgelegte ältere Urkunde einen Zusatz 
eingefügt, aus dem sogar ein leiser Ton des Mitgefühls heraus- 
zuklingen scheint: „Darüber haben wir gnediglichen angesehen, 
das sie uns alezeit willig und uutertenig sein, und auch ir 
swacheit und armut, das unser Judischeit fast neder- 
fellig worden ist." Die ^Schwachheit und Armut" der 
märkischen Juden scheint allerdings Friedrich dem Zweiten 
nicht lange das Herz beschwert zu haben. Denn bereits im 
Jahre 14 IG entschloss er sich zu einem Schritte, der wie ein 
Hohn auf das von ihm erlassene Judenprivilegium erscheint. 
Am 17. Dezember dieses Jahres, einem Sonnabend, erging 
plötzlich der Befehl, alle Juden der ]\Iark gefangen zu 
setzen, dann zu vertreiben und ihrer Güter zu be- 
rauben. Was den Kurfürsten zu dieser grausamen Mass- 
regel, die mit jenem Privilegium in so schreiendem Wider- 
spruche steht, veranlasst hat, ist nicht leicht klar zu stellen, 
wie überhauiH direkte Nachrichten über diese Judenver- 
folgung nicht auf uns gekommen sind'''). Aus den späteren 
Verhandlungen, die der Kurfürst mit der Stadt Stendal 
führte, als diese sich der von ihm geforderten Wiederaufnahme 
der Juden hartnäckig widersetzte, ist zu ersehen, dass der 
Kurfürst seine Massregel durch ein Gebot des deutschen 
Kaisers und des Papstes motiviert hatte'^'). In der Tat 
war bereits drei Jahre vorher, 1443, ein Befehl Kaiser 
Friedrichs III. an den Kurfürsten ergangen, die Juden des 
Erzstifts Magdeburg zu verfolgen, „ir leib und gut anzu- 
greifen", weil sie dem Kaiser „seine Gerechtigkeit" vorenthalten 



»') Riedel C I, S. 177. 
•2) Riedel C I, S. 240. 

") Graetz: Geschichte der Juden weiss denn auch über diese Ver- 
folgung: nichts zu berichten. 

") Riedel A XVI, S, 252—254. 



— 25 ->- 

liätten "). ]\Iöglicher\veise handelte es sich wirklich im Jahre 
1 1 K) um einen iilinlichen Befehl, der ja dann nur den Nei- 
f^ungen des Kaisers entsprechen würde. Des Kurfürsten eigene 
Anschauung scheint sich allerdings aus gewissen Gründen, 
von denen später die Rede sein wird, dem Ik'fehi seines 
kaiserlichen Herrn leicht angepasst zu haben, denn in einem 
anderen Schreiben rechtfertigt er die Vertj-eibung dem Steu- 
daler Rat gegenüber mit folgenden Worten: „herkomen ist, 
dass sie (die Regierung) Joden eyn und auss in ire Lande 
und Stete zyen und widder weggetriben hat lassen'")." 

Diese Judenverfolgung vom Jahre 1446 ist nun für die 
Stadt Brandenburg im liesonderen deshalb von Bedeutung, 
weil von hier aus — unerhört für jene Zeit — ein scharfer 
Protest gegen sie erging. Auf dem bischöflichen Stuhle des 
Bistums Brandenburg sass damals Stefan Bodeker, ein ge- 
lehrter und vorurteilsfreier Mann. Ja, er scheint seine Vor- 
urteilslosigkeit gerade aus seiner Gelehrsamkeit geschöpft zu 
haben. Er war im jüdischen Schrifttum bewandert, verfasste 
ein hebräisches Lexikon, erwarb um 33 Gulden eine prächtige 
hebräische Bibel'") und ein Exemplar des hebräischen 
Wörterbuches „Machbereth" des Menachem ben Saruk '^), über- 
setzte einige Stücke aus dem Talmud, gab eine vergleichende 
Schrift über die christliche und jüdische Religion heraus, so- 
wie einen Kommentar zum Dekalog •'^). Offenbar hat er das 
Judentum nach seiner geistigen Bedeutung zu erkennen und 
daher aus seinen Quellen zu würdigen gesucht. Aus dieser 
Würdigung floss dem Gelehrten jene edle Toleranz, die zu 



") Riedel B IV, S. 287. 

"">) Riedel A XVI, S. 297. 

") Dieselbe liegt jetzt in der königlichen Bibliothek zu Berlin 
(cod. or. fol. 5—7). 

*") Gleichfalls in der Berliner königl. Bibliothek (cod. or. fol. 120). 

") ^ gl- Näheres über ihn und seine Schriften bei Heydler (Pro- 
gramm der Brandenburger Ritterakademie 1886), Valentin Rose im Ka- 
talog der lateinischen Handschriften der königlichen Bibliothek zu Berlin, 
Band II, Schönfelder im Historischen Jahrbuche der Görres-Gesellschaft, 
Jahrg. XXIII, Heft 3, S. 669 ff. 



- 26 -- 

allen Zeiten mit ^vahrer und ehrlicher Wissenschaft Hand in 
Hand ginj:. In seinem „Commeutariiis ad decalofjum% praecep- 
tum III, ('aji. III, berichtet er über die erwähnte Vertolgimg 
mit den Worten: „A. D. 1446 Sabbatho IV tempornm quo 
cantatur veni et ostende, oranes Judaei in Marchia Brandonburg- 
ensi capti sunt, omnibus bonis suis spoliati sunt et iucar- 
cerati" und kommt dann Cap. 24 auf die Massregel des 
Kurfürsten mit schwerem Tadel zurück. Er sagt: „Schlecht 
handeln die Fürsten, welche die Juden aus Habgier, 
ohne Verhör, ohne jede gerechte Ursache ihrer Güter 
berauben, sie misshandeln oder ins Gefängnis werfen, 
und selbst, wenn die ihnen entrissenen Güter durch 
Zinsnehmen erworben waren, sind die Fürsten zum 
vollen Ersatz verpflichtet." '^"j 

Wie man sieht, hat der kluge Kirchenfürst die innersten 
Beweggründe dieser Judenverfolgung wohl durchschaut. Von 
einem kaiserlichen oder päpstlichen Befehl scheint er nichts 
gewusst zu haben; vielmehr stand ihm der rein finanz- 
politische Charakter der grausamen Massregel durchaus fest. 
In der Tat gebt man wohl nicht fehl, wenn man dieselbe als 
eine erste Frucht jenes hartnäckigen Kampfes auffasst, den 
die Ilohenzollern von der Mitte des 15. Jahrhunderts an um 
die Judeneinkünfte mit den Städten der Mark führten und aus dem 
später noch eine so furchtbare Ernte für die märkischen Ju- 
den reifen sollte. Eine Vertreibung der Juden erschien den 
Ratgebern des Kurfürsten als das einfachste Mittel, um den 
Städten die Judenzinsen zu entziehen. Später, bei der Wieder- 
aufnahme, musste dann nur darauf Bedacht genommen wer- 
den, die bisher an die Städte gezahlten Schutzgelder in die 

*") ,.Male ergo faeiunt principes, qiii .ludeos ex ciipiditate inauditos 

et sine iiista causa rebus suis spoliant et trucidant seu ad carcerem 

ponunt, et si bona, quibus sie spoliantur, sunt acquisita per usuram, 

principes tenentur ad restitutionem". 

Der Coraraentarius ad Decalogum liegt handschriftlich in der königlichen 

Bibliothek zu Berlin. Die Quelle für Bodekers Trotest bildet Gereken: 

Stiftshistorie von Brandenburg, S. 233. 



— /.' / — 

Kasse des Landesherrn überzuleiten. So nur erklärt sich 
der bereits erwähnte hartnäckige Widerstand, den z. B. Stendal 
der Wiederaufnahme der Juden entgegensetzte. Die finanzi- 
ellen Nachteile ihrer V'ertreibung muss der Kurfürst bald 
empfunden haben. Gerade die langwierigen und mit grossem 
Nachdruck betriebenen Verhandlungen mit Stendal, die er 
schliesslich nur durch eine Konzession zu dem von ihm ge- 
wünschten Ziele führen konnte'''), beweisen, wie sehr es ihm 
am Herzen lag, die Juden wieder in der Maik zu wissen. 
Uober die tieferen Gründe der Wiederaufnahme ist uns zu- 
fällig ein interessantes Zeugnis aufbewahrt aus der Regierungs- 
zeit des Kurfürsten Albrecht Achilles. Auf dem „Herren- 
tage" des Jahres 1180 richteten die „prelaten und heren", 
d. h. die Geistlichen und der Adel, an den Kurfürsten die 
dringende Bitte, die Juden zu vertreiben*^-). Markgraf Jo- 
hann, der in Abwesenheit des kurfürstlichen Vaters die ]\Iark 
verwaltete, weigerte sich, unter Berufung auf die Privilegien, 
die sein Vater den Juden erteilt habe •'•*). In die bei Riedel 
abgedruckte Urkunde findet sich nun ein Passus eingefügt, 
von dem Riedel sagt, dass er im Original durchstrichen sei. 
Dieser Passus lautet: „ist sein gn. underricht das bei marg- 
graf Friedrichs sei. Zeiten den Juden wucher ettliche Zeit 
verboten was und in denselbigen die mannschaft und andere 
serer durch die Christen besweret wurden, dann 
durch die Juden, wurden sie wieder zugelassen mit irem 
handel. Duncket s. gnaden sollicher ursach halben nachdem 
sie von Pabst, keyser, konigen und andern fursten gelitten wer- 
den ..." Also während der Abwesenheit der Juden, wo das Geld- 

*') Vgl. Die ausführUche Darstelhing des ganzen Konflikts bei 
Landsberger: Geschichte der Juden in Stendal (Monatsschrift für Geschichte 
und Wissenschaft des Judentums, Jahrg. 188'?), S. 84 ff. 

*-') Riedel C II, S. 246 f. „ . . . . den landen zu gut die Juden 
darausz lassen zu ziehen und nicht zu halten, die seinen gnaden und ge- 
meynen Lande schedlich sein". 

^^) Riedel C II, S. 246 f. „der Juden halben, die sind von meinem 
gnedigen Herrn drey Jare aufgenommen und nach alter Gewohnheit ge- 
freyet". 



- 28 — 

geschäft in den Iliindeu von Christen lag, hatten diese 
ihren Schuldem weit härter zugesetzt, als es je 
durch die Juden geschehen war. Nun wird es begreif- 
lich, weshalb der Fürst schon wenige Jahre nach der Ver- 
treibung der Juden ihre Wiederaufnahme mit so grossem Eifer 
verlangte. Die Triebfeder dieses Eifers war nicht nur das 
eigenste linauzielle Interesse des Laudesherrn, sondern auch 
der Wunsch nach Aufrechterhaltung eines geordneten Geld- 
verkehrs und eines erträglichen Kredits'^') 

^*) Wenn jener Passus (liiichstriclien ist, so beweist dies, dass er 
wuh! mspiiinglicb als Begründung für die Ablehnung des von dem Herren- 
tage gestellten Antrages beabsichtigt war, nachher at)er aus irgend 
welchen Gründen nicht in die Antwort aufgenommen winde. Bei Räumer: 
Codex dipl. continuatus II, S. 4S fehlt denn auch jener Passus, lloltze: 
Geschichte des Kanunergerichta in Brandenburg-Preussen, S. 32 meint, 
man habe in Regierungskreisen diese „unglaubliche Behauptung" deshalb 
fallen lassen, weil sie den tatsächlichen Verhältnissen nicht ent- 
sprochen habe. In Wirklichkeit dürften Gnindo diiilomatischer oder 
auch religiöser Natur die Unterdrückung jenes Passus veranlasst haben. 
An der objektiven Wahrheit des in ihm geltend gemachten Momentes zu 
zweifeln, liegt durchaus keine Ursache vor. Weshalb sollte die Behauptung, 
dass die Christen ihre Schuldner noch schlimmer bedrückt hätten als die 
Juden, „unglaublich" sein? Diese Behauptung steht durchaus nicht ver- 
einzelt da. Auch Kurfürst AI brecht Achilles selbst klagt einmal, 
dass sogar der Wucher der christlichen Geistlichen ärger als der 
der Juden sei, vgl. Priebatsch: Die politische Korrespondenz des Kur- 
fürsten Albrecht Achilles, I, S. 320. Dabei war dci selbe Albrecht Achilles 
80 sehr in den mittelalterlichen Voriuteilen gegen die Juden befangen, 
dass er ihnen sogar eine Art staatsrechtlicher Gültigkeit zuerkannte. 
Gab er doch 14()2 seinen Abgesandten an die Judenschaft im Reiche die 
Instruktion: „Denn so ein jeder Römischer König oder Kayser gekrönet 
wird, mag er den Juden allenthalben im rieh all ir gut nehmen, 
darczu ir leben und sie tötten bis auf eine anzal, die lutzel 
(klein) sein soll". Auch die Gesandtschaft, die er 1468 an den König 
von Böhmen schickte, wurde von ihm darüber aufgeklärt, „so ein romischer 
Konig wird erkoren oder so er zu keiserlich würde kompt und gekrönt 
wird, mag er die Juden all brennen nach altem herkommen 
oder gnad beweysen". (Vgl. Spiess: Archivische Nebenarbeiten und 
Nachrichten, Halle 1783, I, S. 127 f.). Wenn ein so gesinnter Fürst die 
Juden gegen die Christen ausspielt, darf sein Urteil sicherlich als un- 
befangen bezeichnet werden. 



- 'i9 - 

Ausser in Stendal scheint man denn auch nirgends der 
Wiederaufnahme der Juden Sciiwierigkeiteu bereitet zu iiaben. 
Auch in der Stadt Brandenburg iinden wir sie bald wieder. 
In einer vom 10. Oktober 1452 datierten Urkunde, deren 
Original sich im Brandenburger Stadtarchiv befindet, fordert 
der Kanzler Friedrich Sesselmann vom llate der Altstadt 
Bezahlung für mühevolle Dienste, die er der Stadt „umb ewer 
Juden willen" geleistet habe''"'). Um welche Art von Diensten 
es sich hierbei handelte, ist leider nicht mehr festzustelhm. 
1459 zitiert Kurfürst Friedrich den Juden Abraham der 
Altstadt Brandenburg in einer Appellationssache vor sein Ge- 
richt in das Schloss nach Küstrin""). 1472 schreibt der Hat 
der Neustadt an den Rat zu Zerbst, er möchte den Zerbster 
Bürger Ilans Granseye veranlassen, das bei dem Juden 
Moses zu Brandenburg versetzte Pfand einzulösen, sonst dürfe 
der Jude das Pfand vei'kaufen""). Zehn Jahre später erlässt 
der Rat der Neustadt wieder au den zu Zerbst gegen den- 
selben Juden Moses eine Art Steckbrief, weil er Falsch- 
münzerei getrieben und das gefälschte Geld durch ..einen 
jungen Juden" habe ausgeben lassen. Der Verbrecher habe 
sich nach Zerbst gewendet und sei bekleidet mit einem 
grauen Rock, einer weissen Hose, einem weissen 
Mantel und einer weissen „kagel" (Kragen, Kaputze), in 
der rot und grün vernäht war''"^). Zerbst möge auf ihn 
fahnden. In der Tat wurde der Verbrecher in Zerbst ergritten*^^). 
1492 wird vor Richter und Schöffen der Neustadt dem Diet- 
rich von Zerbst der Verkauf des bei dem Juden Abraham 
versetzten Pfandes gestundet'"), und 1494 lässt der Jude 

««) Riedel A IX, S. 177. 

«") Riedel A IX, S. 194. 

^'') Briefe aus dem Stadtarchiv zu Zerbst, bei Faulhaber: lieber 
Handel und Gewerbe der beiden Städte Brandenburg im 14. und 15. 
Jahrhundert S. 43 Nr. 15. 

**) Als Beitrag zu unserer Kenntnis der von den mittelalterlichen 
Juden getragenen Kleidung dürfte dieser Steckbrief nicht ohne Interesse sein. 

«") Faulhaber a. a. 0., S. 46, Nr. 21 und 22. 

'») Ibidem S. 54 Nr. lü. 



-- So - 

Simon das von demselben Dietrich bei ihm versetzte Pfand 
dreimal aufbieten"'). Wir sehen, dass sich die Zahl der 
Brundeubiirger Juden in der zweiten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts vermehrt hatte. Im Jahre 14i^»0 finden wir denn 
auch zum ersten Male eine Judenstrasse erwähnt, deren 
Vorhandensein auf eine verhältnismässig grosse Zahl jüdischer 
Familien schliessen lässt"-). Durch die jüngst erfolgte Auf- 
findung eines fragmentarischen Ratsprotokollbuches der Alt- 
stadt Brandenburg aus den Jahren 1490—1497 sind wir in 
die glückliche Lage gekommen, auch das Vorhandensein eines 
besonderen jüdischen Friedhofes in jener Zeit konstatieren 
zu können. Das Protokollbuch enthält den Entwurf einer 
Abmachung zwischen dem Rat der Altstadt und den Juden 
in Bezug auf den „kiffer' "'), den ihnen der Rat überlassen, 
„ore doden to grave", d. h. „ihre Toten zu begraben'". 
Ausserdem erwähnt das Protokollbuch als Geldverleiher die 
Juden Abraham (s. oben), Nathan, Akina (auch Akima), 
wohl Akiva"^). 

Das ausgehende 15. Jahrhundert sah somit die Juden 
Brandenburgs in einer günstigen Lage. Die Ernte war wie- 
der einmal reif. Sie fand bald ihre Schnitter. 



") Ibidem S. 65 Nr. 15. 

") Drittes Stadtbuch der Neustadt (Stadtarchiv Codex N 3 fol. 
Vlb), 3. Faulbaber a. a. 0. S. 53 No. 7. 

'") Kifler, auch kiewer, kewer, das hebräische 12-, ist der in der 
Mark und den angrenzenden Landesteilen gebräuchliche Name für den 
Judenkirchhof gewesen. Vgl. Güdemann: Zur Geschichte der Juden in 
Magdeburg, S. 6, Kiinig a. a. 0., S. 29. 

''*) Vgl. über diesen Ackina weiter unter Nr. II. Das Protokollbuch 
wird demnächst vom Stadtarehivar Prof Tschirch entziffert und heraus- 
gegeben werden. 



II. 
Der Hostiensehändungsprozess 

und seine Folgen. 

1510. 



Das sechzehnte Jahrhundert, das Jahrhundert der De- 
formation und des Humanismus, brachte über die Juden der 
Mark und insbesondere über die der Stadt Brandenburg ein 
furchtbares Schicksal, die schwere Verfolgung des Jahres 1510. 
Seitdem die Juden nach der Vertreibung von 1440 wieder 
aufgenommen waren, blieben sie das Kampfobjekt zwischen 
dem Kurfürsten und den Städten, denen sich die den Juden 
verschuldeten Ritterschaften und die Geistlichen anschlössen. 
Wir erwähnten bereits das von den „prelaten und heren" im 
Jahre 1480 gestellte Verlangen nach einer Vertreibung der 
Juden und seine Zurückweisung durch den Markgrafen Johann 
(oben S. 27). Schon im folgenden Jahre verlangte die alt- 
märkische Ritterschaft von Johann den Erlass besonderer 
Wuchergesetze gegen die Juden und wiederholte die Forder- 
ung, sie zu vertreiben'). Aber Johann, der 148G Kurfürst 
wurde, blieb in dem Kampfe um die Juden, aus denen die 
kurfürstliche Kasse immer höhere Einnahmen zog, Sieger. 
Umso tiefer nistete sich der Hass gegen die Juden bei den 
Städtern ein. Zähneknirschend vernahmen sie von den 
Judeuaustreibungen in den Nachbarprovinzen. 1492 wurden 
die Juden aus Mecklenburg, 1493 aus dem Erzbistum 
Magdeburg verjagt. Nur sie, die märkischen Städte, muss- 
ten ihre Juden, von denen sie keinerlei Vorteile genossen, 
immer noch in ihren Mauern dulden. Auch Joachim I., der 
im Jahre 1499 den kurfürstlichen Thron bestieg, schien ent- 
schlossen, nicht nachzugeben. Ja, er dachte so wenig daran, 
den jedenfalls auch an ihn ergangenen Bitten um Vertreibung 



') Raumer: Cod. dipl. continuatus II, S. 61. „Die Juden nicht zu 
halten weil alle durch iren wucher jemerlich verdorben würden", 

3 



- 34 — 

der Juden Folge zu leisten, dass er sogar im Juhre 1509 
einer ganzen Anzahl von Juden nebst Weibern, Kindern, 
Schächtern und Gesinde in mehreren märkischen Städten lur 
drei Jahre Aufnahme gegen Zins gewährte'-). 

Neben der speziellen Aufnahme einzelner Juden ging 
aber in diesem Privilegium auch eine Verfügung allge- 
meiner Natur einher: „Wir haben auch unserer gemeinen 
Judischheit vergunt und nachgelassen, das Sy einen Raby 
die benante Zeith über haben mögen. Derselbe soll 
Macht haben über Sy nach jüdischer Gewohnheit, 
was sie selbs unter einander zu thun zu richten, doch uns an 
unserer obrigkeit unscliedlich, und gebieten iimen hiemit be- 
velhend demselben Raby in solchen Sachen gehorsam zu sein, 
und welcher darüber in Ungehorsam und seinen ban fallen, 
auch darin über 30 Tage liegen und verharren wurd, der- 
selbig soll alsdann gegen uns Leyb und Gut verruckt und 
verfallen haben." Man sieht, Kurfürst Joachim war so wenig 
gesonnen, gegenüber den Zumutungen der Städte und Ritter- 
schaften sich gefügig zu zeigen, dass er nicht nur einzelne 
Juden aufnahm, sondern sogar die innere Konsolidierung 
der jüdischen Gemeinden zu fördern und zu befestigen suchte. 
So erscheint dieses Privilegium vom Jahre 1509 als eine 
förmliche Herausforderung der anderen Partei, die denn 
auch mit einem gewaltsamen Gegenschlag nicht lange zögerte. 
Als diesen Gegenschlag hat man den llostienschän- 
dungsprozess vom Jahre 1510 zu betrachten. Man 
geht durchaus fehl, wenn man den Kurfürsten Joachim I. als 
einen Judenfeind hinstellt, weil unter seiner Regierung diese 
furchtbare Verfolgung stattfand. Eine der wenigen jüdischen 
Quellen, die über dieselbe vorhanden sind, belegt den Kur- 
fürsten mit demselben Namen, den liaman im Buche Esther 
trägt {hli27] l^fn, ITü')^). Aber dem jüdischen Chronisten war 



2) Raumer a. a. 0. II, S. 236 f. 

^) Siebe Ozar tob, hebr. Beilage zu Berliner-HoH'manns Magazin 
für die Wissenschaft des Judentums 1890, S. 43. rr'iya uid'? yi nJB'a 



— 35 — 

eben nur die entsetzliche Gegenwart mit all ihren Schrecken 
bekannt geworden, für die er nur denjenigen verantwortlich 
machen konnte, der als oberster Herr an der Spitze des 
Staates stand. Was hinter den Kulissen der Diplomatie vor- 
gegangen war, blieb dem jüdischen (Jhronisten verborgen, 
sonst hätte er den Kurfürsten als denjenigen erkennen müs- 
sen, der sich gewissermassen in der Verfolgung von 1510 auch 
selbst als einen Verfolgten ansehen konnte. In unserer Dar- 
stellung werden all die Momente, die zu dieser Auffassung 
zwingen und den Prozess als eine Anzettelung der Städte, 
des Adels und der Geistlichkeit erweisen, zutage treten. Diese 
Momente sind denn auch für die hie und da berührte Frage der 
Schuld oder Unschuld der Juden von entscheidender Be- 
deutung^). 



...tf'o »n'2n DJ? ]"^ pSvtau n 'jnn oyi ]"& v>:a "i 'is oy »tatio n»y3 Dien 'n"n 
SN'mp» 1QB') lan'an uoo nnwi ;n: m ;ocit ni laSc laSo ....n'? ja'^t -i "am« 
Kmn'? 3"3 Kinc nani icj; nyatr nn« '« üv Syi h"n i:.o;' B-cn: rrn «Sc ni3: 
"in« 'jnjon im um« \v\ Dien non T3 lam« inpSi lau'« ir"?)? i':D:nni iSSunn 
liDjnan siiti'i vx" '' po Sn;in isn "nivn nnjsni S'nnnß* iptr nS'Sy noua nwn 
Snjn Dtym onsS yi 2n 2"' iDitfJi n'o ly dot yun oai ü\pii ncn n^B-np vS 
Tion T'3 msn nn« 'j dv nD^ennoi mi«'? nS'DKO i:N»xin iob» iiar,' «lum 
Ausser dieser zeitgeuössischen Aufzeichnung, die a. a. 0. von Jacob 
Wagner veröffentlicht wurde und von der Hand eines der gefänglich 
eingezogenen Juden herrührt, kommt nur noch der Bericht des Rabbi 
Josel von Rosheim in Betracht. Er sagt in seinen Memoiren (Revue 
des ötudes juives XVI, S, 88): ibib'i pn«o riinoa msn nepri t\:v imwi 
n"2V:n p'SiyB i'ya n 'B'in nncD m»B: n"S. Zu der ungewöhnlichen 
Schreibung des Namens Berlin p'Siye sei nebenbei bemerkt, dass dieselbe 
der von dem Chronisten Johannes Bissei (17. Jh.) aufgestellten Etymologie 
entspricht. Dieser meint nämlich, die Stadt müsse wegen ihrer Schönheit 
ihren Namen von einer Perle haben und heisse gleichsam Perlein. So 
gewinnt zufällig diese hebräische Notiz Josel's zugleich auch einen ge- 
wissen sprachgeschichtlichen Wert. Vgl. Sello: Zur Geschichte Berlins 
im Mittelalter (Märkische Forschungen, Bd. XVII, S. 7). 

*) Wir geben das Bild des Prozesses selbst nur in grossen Um- 
rissen. Nur da, wo er nach der Stadt Brandenburg hinüberspielt, glauben 
wir, unserem Thema entsprechend, ausführlicher sein zu müssen. Die 
Ilauptquelle für den Prozess ist Angelus: Annales Marchiae Branden- 
burgensis S. 269 — 277, der seinerseits aus einer im Jahre 1511 zu Frank- 



- 30 — 

Am 6. Februar 1510 war in der Kirche zu Knoblauch, 
einem im Havelland gelegeneu und zur Diözese des Bischofs 
von Brandenburg gehörigen Dorfe, ein Einbruch verübt wor- 
den. Es fehlten eine kupferne vergoldete Monstranz und zwei 
geweihte Hostien in einem Messingbüchschen. Nach einem 
Berichte war das Büchschen von Gold. Bereits am 15. Fe- 
bruar fand mau .Stücke der vermissten Monstranz an der 



fürt a. 0. bei Johann Hanau gedruckten und mit vielen Holzschnitten ver- 
sehenen anonymen Schrift geschöpft hat: 
„Dietzs ist der wahrhaft'tig Sumarius der gerichts hendel unnd process 
der gehalten ist worden uff manchfaldig Indicia, aussag, und bekentnus 
eines Pawl From gnant der das hochwirdig Sacrament samt einer 
monstrantzien etc. aus der kirchen zu Knoblocb gestohlen. Und auch 
des begangen hendell der Juden die in thetliche hennde an das aller 
heiligst hochwirdigst Sacrament und vil unschuldige christliche Kinder 
torstiglich geleget und im Zehnde Jahr zu Berleinn gerechtfertigt sein 
worden". 
Ausser einigen kurzen zeitgenössischen Notizen in der Chronik des En- 
gelbert Wusterwitz (Riedel D Seite 83 ff.) und in den Exzerpten, welche 
der Pfarrer Dionysius aus verschiedenen Chroniken angefertigt hat (ibid. 
Seite 302) kommt noch in Betracht der Bericht des Abtes Johannes von 
Trittenheim (Annales Hirsaugienses, St. Gallen 1690, Band II, Seite 
660 — 663), der deshalb von Interesse ist, weil sein Schreiber am Hofe 
des Kurfürsten verkehrte und sicherlich aus authentischen Nachrichten 
geschöpft hat. (Siehe Zimmermann: Geschichte der Mark Brandenburg 
unter Joachim I. und II., Seite 22). Im "Wesentlichen stimmt jedoch 
Trittenheim's Referat mit den übrigen zeitgenössischen Berichten überein 
und bietet zur Klarstellung der Vorgänge wenig Material. (Vgl. „Sabbath- 
stunden", Beilage zur „Jüdischen Presse" 1886 Nummer 34). Eine aus- 
führliche Darstellung des gesamten Strafverfahrens auf Grund der Quellen 
(nur Trittenheim ist nicht benützt) gab im Jahre 1884 PViedrich Holtze 
in den Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins, Heft 21, wobei 
er den Zweck verfolgte, nachzuweisen, dass in dem Strafverfahren bereits 
die im Jahre 1607 erlassene Bambergische „peinliche Halsgerichtsordnung" 
zur Anwendung gekommen sei. (Siehe auch Holtze: „Die Bambergensis 
in der Mark", Forschungen zur brandenburgischen und preussischen Ge- 
schichte III). Dem gegenüber hat Georg Sello in den Forschungen zur 
brandenburgisch-preussischen Geschichte IV, Seite 121 — 236 auf wesent- 
liche Verschiedenheiten hingewiesen, welche das Strafverfahren im Gegen- 
satz zur Bambergensis aufweist. 



- 37 — 

Stadtmauer von Born an, und bald lonkt(3 sich der Verdacht, 
den Diebstahl verübt zu hal)en, auf einen liernauer liürger, 
den Kesselflicker Paul Fromm, der unweit des Fundortes 
wohnte und einen schlechten Kul" genoss. Ausserdem hatte 
man mehrere am Tatoi-t gefundene Gegenstände, einen Löt- 
kolben und ein Messer, als Fromms Eigentum erkannt und 
Fromm selbst war aus I^ernau geflohen. Am 2. Juni kehrte 
er (aus welchem (Jruiido, ist nicht ersichtlich, die Quellen 
geben Gewissensbisse als CJrund an) nach Bernau zurück 
und wurde am folgenden Tage verhaftet. Er war ohne wei- 
teres geständig. Gefragt, was er mit den beiden Hostien an- 
gefangen liabe, erwiderte er, er habe sie verzehrt. Da es 
sich um einen Kirchenraub handelte, benachrichtigte das Ber- 
nauer Stadtgericht den zuständigen geistlichen Oberherrn, den 
Bischof llieronymus von Brandenburg, und dieser sandte 
zur weiteren Untersuchung den Stiftshauptmann Heinrich 
V. Betzschitz nach Bernau. Mit dem Eingreifen des geist- 
lichen Inquirenten nahm die Aussage Fromms plötzlich ein 
anderes Gesicht an. Die Folter tat ihre Dienste. Das Ge- 
ständnis Fromms, die Hostien verzehrt zu haben, genügte 
Herrn v. Betzschitz nicht. All die Mirakel, von denen sonst 
mittelalterliche Hostienschändungen begleitet waren, mussten 
doch auch hier eingetreten sein! Und so bekennt Fromm, 
als er die eine Hostie in den Mund gesteckt habe, sei es 
plötzlich ganz dunkel um ihn geworden und er habe sich 
eine Stunde lang nicht von der Stelle bewegen können. Man 
weiss, wie sehr die Geistlichkeit zur Erhöhung ihres Prestiges 
solcher Wundererscheinungen bedurfte. Dieselben werden 
denn auch von den Quellen gewissenhaft berichtet; nament- 
lich Trittenheim erzählt sie mit emphatischer Gläubigkeit. 
Nicht minder aber lag der Geistlichkeit eine Verdächtigung 
der Juden am Herzen. Der Diebstahl Fromms kam ihr ge- 
legen genug, um aus ihm eine Anklage gegen die Juden her- 
zuleiten und so den Kurfürsten, der die Juden aus freien 
Stücken nicht hatte vertreiben wollen, ja ihnen sogar unter 
günstigen Bedingungen die Privilegien vermehrt hatte, zum 



— 88 - 

Einschreiteo gegen die Juden zu zwingen. Und dies gelang 
denn auch. Fromm bekannte, nur die eine der beiden Hostien ver- 
zehrt, die andere aber um nenn märiiische Groschen an den 
Juden Salonio zu Spandau verkauft zu haben. Der Kur- 
fürst liess Salomo und Fromm nach Berlin bringen und beide 
konfrontieren. Joachim I. war ein strenggläubiger Fürst und 
ein religiöser Eiferer. Bekannt ist sein Widerstand gegen die 
Reformation '). Die linanzpolitischen Rücksichten, aus denen 
er die Juden geschützt hatte, traten für ihn mit dem Augen- 
blick in den Hintergrund, wo es sich um ein religiöses 
Delikt handelte. Und so liess er der Untersuchung freien 
Lauf. Unter der Folter sagte Salomo aus, er habe die Hostie 
auf einen Tisch gelegt, in sie mit ^lessern gestochen usw., 
sie sei dann von selbst in drei Teile auseinandergesprungen, 
deren Ränder blutig gewesen seien. Den einen Teil habe er 
zu essen versucht; es sei ihm aber nicht gelungen. Um ihn 
zu vernichten, habe er ihn in einen Teig hineingeknetet und 
den unter allerlei Wunderzeichen gebackenen „Matzkuchen" 
in der Synagoge zu Spandau aufgehängt. Das zweite Hostien- 
stück habe er durch einen gewissen Salomon Heller an 
den Juden Markus nach Stendal, das dritte an den Juden 
Jakob nach Brandenburg durch dessen Sohn Smol ge- 
schickt. 

Hier in Brandenburg waren von Joachim I. Jacob imd 
Sloman privilegiert worden. Von der Erlaubnis des Kur- 
fürsten, sich einen Rabbi zu halten, haben die Juden in 
Brandenburg oft'enbar alsbald Gebrauch gemacht, und zwar 
ist es der eben im Jahre 1509 privilegierte Sloman, in den 
jüdischen Quellen Rabbi Salomon ben Jacob genannt, 
dessen religiöser Führung sie sich anvertrauten. Sicherlich 
war er durch Gelehrsamkeit und Frömmigkeit ausgezeichnet. 
Wir wissen allerdings nicht mehr von diesem ersten Rab- 

*) Er war unter anderem als Gegner Luthers auf dem Wormser 
und Augsburger Reichstag tätig, siehe Zimmermann : Geschichte der Mark 
Brandenburg unter Joachim I und U., Seite 37 ff. 



bin er der StadI Rr.'indonburfj;, als dass er zu den Un- 
glücklicIiL'H ^a'liöj'lo, (li(i in dor Verfolgung den Jahre« 1510 
als Opfer und Märtyrer geblutet liab(!n. Kein Hesponaum, 
keine Ila.skania nennt seinen Namen. Nur jene blutgetränkten 
lilälter, die in ^\^in Synagogen das Oedäditnis der jüdischen 
^lärtyrer aufbewahren, die sogenannten ^lemorbüeher wissen 
von ihm zu erzählen '% und auch hier ist er nur durch den 
auszeichnenden Titel (ebenso wie Kabbi Josef von Osterburg) 
als Ivabbiner kenntlich. — Das Geständnis des Salomo von 
Spandau hatte zunächst nur den Jakob von Brandenburg ver- 
dächtigt. Die Ilineiuziehung des Rabbi Sloman ist nach ihren 
Ursachen und nach ihrer zeitlichen Rubrizierung nicht klar zu 
ermitteln. Angelus (a. a. 0. S. 271) erzählt, der Kurfürst 
habe den von Salomo verdächtigten Jakob nebst dessen Sohn 
Smol, den angeblichen Ueborbringer des Ilostienstückes, „und 
Sloman ihren Rabbi" von Brandenburg holen lassen. Dem- 
nach wäre die Verhaftung Slomaus verfügt worden, obwohl 
eine ausdrückliche Verdächtigung nicht vorlag, offenbar ledig- 
lich auf Grund seiner Eigenschaft als Rabbi, dessen Mit- 
wisserschaft man als selbstverständlich annahm. Mittlerweile 
allerdings hatte man es in Brandenburg verstanden, auch 
Sloman als verdächtig zu brandmarken. Während nämlich 
das Hauptinquisitorium gegen Fromm und Salomo in Berlin 
stattfand, hat man, sobald die Kunde von der Verdächtigung 
Jakobs nach Brandenburg gelangt war und noch vor Ein- 
treffen des Verhaftbefehles in Brandenburg selbst ein Nebenin- 
quisitorium in Szene gesetzt, und alles deutet darauf hin, dass 
der Bischof Hieronymus hierbei die treibende Kraft war. 
Die „peinliche Befragung", d. h. die Folterung Jakobs, fand 
„in Gegenwart und auf vermahnen vieler redlicher Personen, 
so wohl Weltlichen als Geistlichen" (Angelus) statt. Die 



') Das Memorbuch von Münden (Löwenstein in der Zeitschrift für 
Geschichte der Juden in Deutschland I, S. 196) und der DToaip der „alten 
Schul*' in Posen (Da\id Kaufmann in Berliner - Hoffmann's Magazin 
für die Wissenschaft des Judentums 1891, S. 49, Anmerkung 1), s. auch 
2unz: Die synagogale Poesie, S. 64. 



— 40 — 

Anwesenheit der Geistlichen kann nur dann einen Sinn haben, 
wenn der Bischof seine Hand im Spiele hatte. Der Branden- 
burger Inquirent, der Bürgermeister B ellin, machte seine 
Sache ausgezeichnet. Er erzielte einen Tatbestand, der die in 
Berlin und Bernau erzielten Resultate bei Weitem übertraf 
und den Umfang des Prozesses wie die Zahl der Beteiligten 
ausserordentlich erweiterte. Jakob gestand zunächst zu, das 
Hostienstück von Salomo durch seinen Sohn Smol empfangen 
zu haben. Dann trat er mit der Versicherung auf, er habe 
mit Rabbi Sloman „etliche Zeit in Unwille gestanden", d. h. 
in Feindschaft gelebt. „Trotzdem" habe er sich verpflichtet 
gefühlt, den Rabbi von der Zusendung des Hostienstückes in 
Kenntnis zu setzen, als hätte der Rabbi nur darauf gewartet, 
einmal die ]\Iöglichkeit zur Misshandlung einer Hostie zu be- 
kommen. In der Tat sei denn auch diese Misshandlung als- 
bald vorgenommen worden. In seinem, des Jakob, Hause 
hätten sie das Hostienstück auf einen groben Tisch gelegt, 
er und Sloman hätten mit Messern hineingestochen, ebenso 
seine beiden Söhne Nathan und Smol sowie der alte Isaak, 
die gleichfalls zugegen gewesen seien. Das aus der Hostie 
fliessende Blut hätten sie vergebens abzuwaschen versucht. 
Sloman habe daher einen blutbefleckten Spahn aus dem Tische 
herausgehauen. So war durch die Aussage Jakobs auch Slo- 
man aufs höchste verdächtigt, und wir sehen somit in den 
Prozess gerade die beiden Brandenburger Juden ver- 
wickelt, die kaum ein halbes Jahr zuvor von dem Kurfürsten 
privilegiert wurden! Auch der von Salomo angegebene Markus 
von Stendal gehört zu den Privilegierten. Und dieses Moment, 
das auf die im Hintergrund wirkenden Kräfte besonders deut- 
lich hinweist, spielt auch weiterhin seine Rolle. Um noch 
eine grössere Anzahl von Juden hineinziehen zu können, musste 
eine imaginäre Gelegenheit konstruiert werden, bei der eine 
Misshandlung der Hostie im grossen Styl möglich war, und 
da bot sich ein willkommenes Vorbild in dem 18 Jahre zuvor 
stattgehabten Sternberger Hostienschändungsprozess. Dort 
war es eine Hochzeitsfeier, bei der die Juden die Schänd- 



— 41 — 

uDg in grosser Zahl vollbracht haben sollten"). Auf dieses 
Vorbild grifl' man in Brandonbtirg zurüci<. Jakob sagte also 
weiter aus, er habe das verspottete Hostienstück zusammen 
mit dem abgehauenen Spahne dem Rabbi Sloman übergeben, 
dieser habe es nach Osterburg gebracht und es dort dem 
Rabbi Josef und dem Juden Meyer übergeben, die es bis 
zum Freitag nach Pfingsten aufbewahrt hätten. An diesem 
Tage habe Meyers Sohn Isaak seine Hochzeit gefeiert*"), und 
bei dieser festlichen Gelegenheit hätten an der Misshandlung 
des llostienstückes zu Osterburg nicht weniger als 24 Juden 
teilgenommmen; von diesen, die in den Quellen mit Namen 
und Wohnort aufgezählt werden, gehörten wiederum neun zu 
den Privilegierten von 1509^). Durch die Aussage Jakob's 
war also der Kreis der Beschuldigten ausserordentlich aus- 
gedehnt worden. Rabbi Sloman hat sicherlich unter der 
Folter die Aussage Jakobs bestätigt. „Was muss dieser 
Rabbiner von Brandenburg, als ihn Kurfürst Joachim nach 
Berlin bringen Hess, gefoltert worden sein, dass er es über 
sich brachte, vierundzwanzig ahnungslose unschuldige Glau- 
bensbrüder in das Verderben hineinzuziehen und ihre Namen 
als die Mitschuldigen nachzusprechen, wie man es ihm vor- 
gesprochen oder, wie wir heute sagen, suggeriert hatte. Denn 
wohl müssen wir zu seiner Ehre annehmen, dass er freudig 
den Tod würde gelitten haben, ehe er den Mord einer dieser 
Seelen auf sein Gewissen geladen hätte, aber man liess ihn 
nicht sterben, sondern man peinigte und marterte ihn, dass 
es die menschliche Dulderkraft überstieg: und der sittliche 



') Vgl. hierüber Jahrbücher des Vereins für mecklenburgische 
Geschichte und Altertumskunde, Jahrg. 12, S. 213 und 269, Donath: Ge- 
schichte der Juden in Mecklenburg, S. 40 ff., die Märtyrer bei Lowenstein: 
Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland, I, S. 194. 

") „Hochzeit und Beilager" (Angelus), „Wirtschaft und Kost" 
(Druckschrift von 1611). 

^) Josef von Werben, Mendel von Nauen, Jakob und David von 
Gardelegen, SmoU von Perleberg, Mosch von Kyritz, Benedictus voq 
Stendal, Mosch von Pritzwalk, Mosch von Lenzen. 



— 42 - 

Wille unter fausend Qualen zusammenbrach." Diese herr- 
lichen Worte, die David Kaufmann dem Gedächtnis Kabbi 
Slomans •widmet'"), basieren auf der Annahme, dass Slnmans 
Aussage es war, durch die jene 24 in den Prozess hineinj^e- 
zogen wurden. OfTenbar stützt sich Kaufmann hierbei auf die 
Iloltzesche Darstellung (a. a. 0. S. 26), wo diese Auflassung 
gegeben ist. Ein genaueres Eingehen auf die Quellen zeigt 
aber das Irrtümliche dieser Auflassung. Angelus legt die 
ganze Aussage Jakob in den Mund und berichtet von einer 
Vernehmung Slomans überhaupt nichts. Die Druckschrift 
von 1511 wiederum erzählt das Ueberbringen der Hostie nach 
Osterburg und ihre Misshandlung auf der Hoclizeit als ein- 
fache Begebenheit, ohne den Bericht einem der Inquisiten in 
den Mund zu legen. Zum mindesten ist also Holtzes Annahme, 
die 24 seien durch Slomans Aussage in den Prozess ver- 
wickelt worden, aus den Quellen nicht zu erweisen. Auflällig 
bleibt, dass Trittenheim, dessen Darstellung auch hierin 
den Ruf besonderer Authentizität, den sie geniesst, nicht recht- 
fertigt, Kabbi Sloman völlig unerwähnt lässt. Nach ihm hat 
Jakob das Hostienstück an Meyer nach Osterburg ,.überschickl" 
(transmisit). 

In der Aussage Jakobs muss der Passus, der von seiner 
Verfeindung mit Rabbi Sloman spricht, entschieden auf- 
fallen. Hält man dieser Feindschaft den ganzen Charakter 
dieses Jakob, wie er sich in drastischer Klarheit aus den 
Quellen ergibt, sowie sein Verhalten während des Prozesses 
gegenüber, so will es scheinen, als wäre die Feindschaft mit 
Rabbi Sloman verständlich und auch in ihren Ursachen un- 
zweideutig zu erklären. Ja, es schimmert durch diese „Feind- 
schaft" fast ein Schein von Slomans rabbinischer und seel- 
sorgerischer Wirksamkeit hindurch. Jakob, ein xMensch von 
feigem Wesen und grosser Durchtriebenheit, unterhielt seit 
langem Beziehungen zu christlichen Kreisen. Wie weit diese 



") Berliner-Hoffmanns Magazin für die Wissenschaft des Juden, 
tums, Jahrg. 1891, S. 60 f. 



— 43 — 

Beziehungen gingen, erhellt aus der Tafsache, dass er auf den 
Märklen die besten Fische aufkaufte und als „Almosen" 
den Klöstern zu Brandenburg, Berlin und Cottbus schenkte"), 
lloltze'-) trilVt wohl das richtige, wenn er vermutet, Jakob 
habe sich gerade durch Unterstützung des Cottbuser Klosters 
bei dem Bischof Ilieronymus, der vor seiner Investitur zum 
Bischof Pfarrherr zu Cottbus war, in besondere Gunst setzen 
wollen. Jakob mied denn auch den i)ersönlichen Verkehr mit 
Christen nicht und setzte sich sogar über die religiösen Speise- 
verboto hinwog. Dass Rabbi Sloman dieses Treiben Jakobs 
ni<'ht gerne sah, ist begreiflich. I\rag er es ausdrücklich ge- 
rügt haben oder nicht — jedenfalls erscheint die zwischen 
den beiden herrschende Feindschaft erklärlich, zumal Jakob, 
wie er selber gesteht, die Absicht, sich taufen zu lassen, 
schon längst mit sich trug, wohl auch ausdrücklich kund- 
gegeben hatte. Nur sein „Gebrechen" (er war also wohl ver- 
krüppelt) und seine „Nahrung" hatten ihn bis jetzt von der 
Ausführung dieser Absicht zurückgehalten. Jetzt, wo das Un- 
heil über ihn hereinbrach, suchte sieb Jakob durch den Hin- 
weis auf seine Christenfreundlichkeit zu retten und führte eine 
lleihe phantastischer Komödien auf, um sich sein Schicksal 
zu erleichtern. Als er eine Nacht im Gefängnis zu Branden- 
burg zugebracht hatte, liess er den Bürgermeister Bellin rufen 
und erzählte ihm, er habe während der Nacht auf jeder Seite 
des Kerkerfensters vier schöne Jungfrauen gesehen und 
eine neunte, die mitten im Fenster gestanden, viel schöner 
als die anderen gewesen sei und die er, da sie mit Sternen 
gekrönt war, für Maria gehalten habe. Man möge ihm doch 
zum christlichen Glauben und zur Taufe verhelfen. Bellin 
liess den sonderbaren Träumer nicht darüber im Zweifel, dass 
er kein Wort von dieser Geschichte glaube und wies ihn 



") Berichtet von der Druckschrift (1611): „Es hat auch derselbig 
Jacob Jud in die Gravenn Klöster zu Brandenburg, Berlin und Cotbus 
vil almusen, als die pesten visch auff den merkten gekaufft und in di^ 
Closter gegeben". 

>2) a. a. 0. S. 34. 



- 44 - 

mit Nachdruck auf den Verdacht hin, wegen dessen er ver- 
haftet sei, und den er mit solchen Flausen nicht von sich ab- 
wälzen könne. Die „peinliche Befragung" Jakobs ging denn 
auch ohne weiteres vor sich mit dem oben erwähnten Re- 
sultat. Jakob aber setzte seine Versuche, sich seine Lage zu 
erleichtern, unermüdlich fort. Auf seinem Transport nach 
Berlin verstand er es durch seine köri>erliche Gewandheit, 
sich zweimal unter den Augen der Wächter seiner Hand- 
fesseln zu entledigen, um eine von ihm gesehene erneute 
[Marienerscheinung glaubhaft zu machen'^). Schliesslich er- 



") Angelas S. 271. Desselbigen Tages gegen den Abend hat der 
Raht zu Brandenburg Jacob Juden mit eysern Ketten vnnd andern banden 
am Halse — auch an Beinen und Händen — und mit einem guten 
Daumenstock — daran sonderlich zwey Schlösser gewesen — wol ver- 
waren lassen — vnd ihn auff einen Wagen nach Berlin geschickt. Vnter- 
wegen als sie mit jm in einen langen Wasserfurt — bey dem Dorfte 
Rossaw — kommen — hat der Jude den Knecht — so neben ihn geritten 

— zu sich geruffen — vnd gesaget — das die edle Mutter Gottes Maria 
bey jhm wäre — die hatte jhm den Daumenstock abgenommen. Wie nu 
die Knechte gesehen — das des Jueden Hände frey vnd ledig gewesen 

— sind sie hart darüber erschrocken — fürnemlich — weil sie die Schlösser 
vnnd den Stock geschlossen gefunden. 

Der Jude hat angezeiget — das Maria die Mutter Gottes für ihm 
stünde — ob sie dieselbe nicht sehen. Dessgleichen hat er auch den 
Pfarrherrn von Rossaw — der in einem anderen Wagen ohngefehr hart 
hinter ihm gefahren — zu mehrmalen gefraget — ob er nicht die schöne 
Jungfrau in dem furth sehe dahin gehen. Sie haben aber alle gesagt, 
dass sie nichts sehen. 

Der Stadtdiener aber hat den Daumenstock wiederumb auffge- 
schlossen — vnd denselben Jakob Juden mit sonderlichem fleiss wieder 
angeleget — vnd auffs härteste angezogen — auch die Schlösser eigent- 
lich und wol zugedruckt und geschlossen. 

Bald hernach als sie vor das Dorf Tremmen kommen seyen zu der 
wüsten Kapell — auff dem Berge daselbst gelegen — hat Jakob Jude 
den Dienern abermals angesaget — vnd mit seinen Händen beweissliche 
anzeigunge gethan — dass er von Marien der reinen Jvngfrawn abermals 
vom Stocke vnd von den Schlössern erlediget sey dessen der Diener noch 
mehr erschrocken — in betrachtung — wie fleissig er jm den Daumenstock 
widerumb angeleget — vnd hat doch denselbigen Stock und Schlösser ge- 
pchlossen — vnuorsehret vnd wolverwaret gefunden. Der Jude hat jm 



- 45 — 

reichte er auch sein Ziel; er wurde getauft und genoss mit 
einem anderen der verdächtigten Juden, Josef von See- 
hausen"), der gleichfalls das Christentum annahm, die Ver- 
günstigung, nicht durch Feuer, sondern durch das Schwert 
hingerichtet zu werden. Aus der Stadt Brandenburg waren 
also in den Prozess fünf Juden hineingezogen: Rabbi Sloman, 
Jakob'') mit seineu beiden Söhnen Smol'") und Nathan'') und 
der alte Isaak'**). 

Wenden wir nun unseren Blick wieder dem Gesamtbilde 
des Prozesses zu, so ergibt sich die hinterlistige Art seiner 
Anzettelung mit besonderer Deutlichkeit aus der Tatsache, 
dass neben der Beschuldigung der IlostienschUndung auch die 
des rituellen Mordes, der Schlachtung von Christenkindern 
und ähnlichem auftauchte. Man suchte förmlich nach neuen 
Opfern, und da die Zahl derselben aus der Hostienanklage 
nicht vermehrt werden konnte, so musste man seine Zuflucht 
dazu nehmen, Verbrechen zu ersinnen, um überhaupt 
Verbrecher strafen zu können'^). Eine grosse Anzahl 
neuer Opfer, zum Teil auch aus Berlin, wurde so in den 
Prozess hineingezogen und den alten wurde neben dem Geständ- 
nis der Hostienschäudung auch das des Kindermordes erpresst. 
Zwei dieser Mordtaten sollten in Brandenburg geschehen sein, 
die eine zu Ostern 1509, wo Jakob mit seineu Söhnen Smol 



je mehr und mehr von der H. Jungfrawen gesaget — auch angezeiget — 
wie sie itzunder vor jm gehe zu der Cappelen — vnd in der Cappelen, 
welche aber der Diener nicht hat sehen können. 

'*) Auch er gehörte zu den Privilegierten von 1609; seine Ver- 
dächtigung erfolgte in Stendal, wohin Salomo von Spandau die dritte 
Hostienpartikel geschickt haben sollte. 

^^) Sein Name ist in den Memorbüchern natürlich nicht genannt. 

1*) In den Memorbüchern: »iSn apy ja SniöB'. 

") nSn apj?» p jnj. 

'*) noS» p n'pTn. 

") Mit Recht erinnert Holtze (S. 29) daran, dass sicherlich ein 
Teil des Volkes nicht abergläubisch genug war, um es für möglich zu halten, 
dass der dritte Teil einer kleinen Hostie von etwa 30 Personen zerhauen 
oder zerstochen werden könne, ohne sich in Atome aufzulösen. 



— 4ü — 

und Nathan und einem gewissen ^licliel Monalt einer Bäu- 
erin ilir Kind um 24 Groschen abgekauft und grausam getötet 
hätten; an der anderen, die zu Kemiuiscere 1509 geschehen, 
sei auch Rabbi Sloman beteiligt gewesen. Die Anzahl der 
Verdächtigten stieg so auf 51. Im ganzen gehörten 21 von 
ihnen zu den Privilegierten des Jahres 1509. Holtze (S. 33) 
stellt folgende Berechnung auf: Während sämtliche Privi- 
legierten zusammen 270 Gulden Zins zu zahlen hallen, betrug 
der Anteil der nun in den Prozess verwickelten 21 nicht 
weniger als 238 Gulden, fast acht Neuntel der Gesamt- 
summe. Gerade die Reichsten also hatte man sich ausge- 
sucht. Sie, die mit ihrem Besitztum für den Kurfürsten eine 
ergiebige Finanzquelle werden sollten, sie mussten nun unter 
den Augen desselben Kurfürsten mit anderen ihrer Glaubens- 
brüder den Scheiterhaufen besteigen. Dass somit ein ursäch- 
licher Zusammenhang zwischen dem Privilegium von 1509 
und der gegen die Juden erhobeneu Anklage besteht, dürfte 
ohne weiteres klar sein, lloltze selbst hat allerdings diesen 
Schluss nicht gezogen. Während er die Beschuldigung des 
Kindermordes als zu unrecht erhoben erklärt, lässt er (S. 43) 
in Bezug auf die Iloslienschänduug durchblicken, dass die 
Juden von einer feindseligen Stimmung gegen die Christen 
erfüllt waren und hält es für „wahrscheinlich und in ge- 
wissem Sinne verzeihlich'', dass sie ihren liass an den 
für jeden Christen heiligen Hostien ausliessen. Man darf 
diese Darstellung als vorurteilsvoll und eines objektiven His- 
torikers unwürdig erklären. Wenn lloltze selbst darauf hin- 
weist, dass fast die Hälfte der Verdäclitigten zu den Privile- 
gierten von 1509 gehörte, und dass es noch dazu die Reichsten 
von ihnen waren, so musste ihm der Schluss auf einen in- 
neren Zusammenhang von Privilegium und Anklage, und da- 
mit auch der Schluss auf die objektive Unschuld der Juden 
naheliegen, umsomehr, als er es auffallend findet, dass alle 
Verdächtigten aus den westlichen Landesteilen, der Alt- 
mark, der Priegnitz und der Mittelmark stammten, kein ein- 
ziger aus der Uckermark oder Neumark. Auch hier ist der 



— 47 — 

Rückschluss auf das l*iivilegium, das sich nur auf Juden aus 
den westlichen Laudesteileu bezog, ohne weiteres gegeben. 
Es ist das Verdienst von Felix Friebatsch, zum erstenmal 
diesen Konnex hergestellt und den Judenprozess von 1510 
als einen politischen Akt gekennzeichnet zu haben, dessen 
Spitze sich gegen den Landesherrn richtete''^"). Als 
lieweis für die jeder tatsächlichen (Jrundlage entbehrende Er- 
hebung der Anklage kann vor allen Dingen auch die ausser- 
ordentliche, fast krampfhafte Schnelligkeit gelten, mit der 
der ganze Prozess geführt wurde. Am 9. Juni griff Herr 
V. Betzschitz in die Untersuchung ein, am 13. legte Jakob in 
Brandenburg sein Geständnis ab und am 4. Juli wurde die 
Voruntersuchung geschlossen. In dieser kurzen Zeit wurden 
gegen 100-') Juden verhört, umständliche Lokaltermine und 
Konfrontationen abgehalten und 42 konforme Geständnisse 
erzielt, die 42 Todesurteile möglich machten (Fromm einge- 
schlossen). Wenn man die grossen Distanzen, die umständ- 
lichen Transporte aus entfernt liegenden Landesteilen in 
Betracht zieht, wenn man bedenkt, dass sicherlich kein Ein- 
ziger der Beschuldigten von vornherein und freiwillig bekannte, 
sondern der mittelalterlichen Justiz entsprechend bei jedem 
ein dreimaliges Verhör, zuerst „gütlich", dann „peinlich", 
dann wieder gütlich notwendig war, dann muss mau staunen 
über die unerhörte Fülle von Resultaten, die in dieser kurzen 
Zeit erzielt wurde--). Die wenigen Tage bis zur Exeku- 
tion des Urteils wurden zu dem formellen Verfahren vor 



2°) Felix Priebatscb: Die Hohenzollern und die Städte der Mark im 
15. Jahrhundert, S. 189. 

*') Ausser jenen 51 Verdächtigten waren etwa 4U nach Berlin ge- 
bracht worden; die Druckschrift von 1510 berichtet, dass, nachdem 41 
Juden bestraft waren, noch gegen 60 Juden in Berlin gefangen sässen, 
deren Unschuld sich ergeben hätte. Diejenigen der 61, die nicht bestraft 
wurden, haben entweder die Folter nicht überstanden oder sich durch 
Flucht gerettet. 

--) Vgl. hierzu näheres bei Sello in „Forschungen zur branden- 
burgischen und preussischen Geschichte", IV, S. 133 f. Priebatscb lässt 
(a. a. 0.) bereits am 13. Februar die Nachricht, dass Juden in den Prozess 



— 48 — 

dem Berliner Schöffengericht benützt. Auch hier macht sich 
Avieder eine auffallende Hast bemerkbar. Bereits nach 
dem Termin vom 11. Juli muss der Scharfrichter jene um- 
ständlichen VorbereituujU'en zur Hinrichtung getroffen haben, 
die von den (Quellen mit grauenhafter Deutlichkeit erzählt 
werden-'). So nur war es möglich, dass die Verurteilten am 
19. Juli direkt von der Gerichtsstätte zum Richtplatz 
geführt werden konnten. Es war ein fürcliterliches Schauspiel, 
das Berlin an diesem Tage in seinen Mauern sah. Zuerst 
auf dem „Neuen Markt" die unter besonderen Zurüstungen 
inszenierte Komödie des Richterspruches 1 Dann der Zug der 
verurteilten Juden durch die Strassen der Stadt bis zum Orte 
der Hinrichtung, der übrigens nicht, wie man allgemein an- 
nimmt, gleichfalls der neue Markt war, sondern die Stelle, 
wo die heutige Weberstrasse mit der Fraukfurterstrasse zu- 
sammenstösst. Auf diesem Zuge las Rabbi Sloman den Un- 
glücklichen die Sterbegebete vor und alle stimmten festen 
Mutes ein: „Hat der eine Rabbi unter ihnen gelesen, wie 
sonst ein christlicher Prediger eine Oration lese dazu denn 



verwickelt seien, an den Kurfürsten gelangen. Dies ist ein Irrtum. Wie 
sich aus unserer Darstellung ergibt, tauchen erst mit dem 9. Juni jüdische 
Namen im Prozess auf, aber sicherlich wurden die Vorbereitungen zur 
Verdächtigung der Juden im Geheimen mit grossem Eifer betrieben; der 
entdeckte Diebstahl lud förmlich dazu ein. 

") „Es hat aber zuvor der Scharfrichter mit seinen helö'er — derer 
aus eigener bewegnuss unerfordert viel dazu kommen. — einen wun- 
derlichen bau zu ihrer straff — hinter dem Rabenstein zugerichtet 
— dergestalt und also: Paul Frohmen hat er allein an eine Seule mit 
Halsseisen vnd banden angebunden — und die Seule mit viel gutem 
Holtz — reiss vnd Pech vmbelegt — den Juden aber hat er ein Taber- 
nackel — dreyer Manu hoch — als starcke Rösten — obereinander 
gebawet Vnd derer jeglichen mit vielem Holtze — stro vnd pech — 
etc. beleget — vnnd auf eine jede Rösten in die lenge vnd breite 
starcke Bäume gezogen — daran er die Juden — ein theil auff die 
vntersten — die andern auff den mittelsten — vnnd also förder die 
vbrigen auff die dritte Rösten — also bey den Hälsen mit eysern banden 
angeschmiedet — also — dass einer hat in die höhe — und der ander 
vor sich nider sehen müssen". (Angelus S. 276). 



- 49 -- 

die anderen in ihrer Jüdischen Sprachen alle mit lauter Stimme 
geantwortet: Amen. Und da sie dasselbe vollendet, haben 
sie alle zugleich mit lauter Stimme, wunderlichem Geschrey 
und seltzamen Geberden je mehr und mehr gesungen, biss 
sie zu der städt des peinlichen Gerichtes geführet und gekom- 
men seien." Hier beendete die mitleidige Flamme rasch und 
sicher die (Qualen der Hejammernswerten. 

Gegenüber den mannigfachen vorurteiJsvollen Darstell- 
ungen, welche der Prozess in einigen Geschichtswerken er- 
fahren hat-'-'), wirken die folgenden Worte, in denen llufrat 
L. Sc.hneider, der bekannte Vorleser Kaiser Wilhelms 1., 
jene Vorgänge würdigt, wahrhaft erfrischend-'): 

„Man kann sich eines Schauders nicht erwehren, wenn 
man die Beschreibung dieser Prozedur in den schlichten Wor- 
ten des alten (Chronisten Angelus liest: Dieser fürchterliche 
Hohn weitläufiger Formalitäten den unglücklichen, von der 
Folter zur Verzweiflung getriebenen Juden gegenüber; diese 
fanatische Gier nach dem Blute andersglaubender, anders- 
denkender, denen man die unglaublichsten, abenteuerlichsten 
Dinge aufbürdete und sich dazu berechtigt glaubte, nur weil 
sie keine Christen waren. Gott seiDank, diese Zeiten sind 
vorüber, lange vorüber, und wahrlich, nicht eben so 
vieler Jahre wird es bedürfen, um auch die letzten 
Schlacken ungerechter Vorurteile abzustreifen-"'). Wie 
urteilen wir heute über das, was die Juden vor 363 Jahren 
an körperlichen Qualen erdulden mussten, und wie werden 
unsere Nachkommen über das urteilen, was sie in späterer 
Zeit an Vorwürfen, Zurücksetzungen und Anschuldigungen 



2* ■' ) Das Tollste hierin leistet die total antisemitische Schrift vou 
Wykiug: Die Juden Berlins. Aber auch Holtze ist, wie wir sahen, nicht 
ganz vorurteilslos. 

2*) Schriften des Vereins für die Geschichte der Stadt Berlin, 
Heft 8, S. 19. 

2') Diese Worte sind im Jahre 1873 geschrieben. Hätte der edle 
Schreiber die ersten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts erlebt, wie bitter 
hätte er sich in seinen Erwartungen getäuscht gesehen! 

4 



— 50 — 

geistig ertrugenV Aber sie haben auch Worte des Trostes, 
derHoftnung und des guten Willens gehört und diese Worte 
sind, zur Ehre wahrhaft christlicher Gesinnung, Wahr- 
heit geworden/' 

Die gegen den Landesherrn gerichtete Opposition hätte 
jedoch mit der blossen Hinrichtung der verurteilten Juden nur 
ein halbes Ziel erreicht. Wie wir sahen, galt es ursprüng- 
lich, die Vertreibung aller Juden aus der Mark durchzu- 
setzen, und auf dieses Endziel sehen wir denn auch die 
Untersuchung hinarbeiten. Was sonst kann es bedeuten, wenn 
den Angeklagten unter der Eolter nicht nur das Geständnis 
ihrer eigenen ^lissetaten erpresst wird, sondern auch die all- 
gemeine Versicherung, dass alle Juden der JNIark unterein- 
ander Gelder zusammenzuschiessen pflegten, um Christenkinder 
zu kaufen, deren Blut sie zu allerlei abergläubischen Zwecken 
dringend benötigten? Dieser unmittelbare Grund zur Aus- 
weisung wurde dann noch dahin erweitert, es solle verhütet 
werden, dass etwa die verschont gebliebenen Juden die Hin- 
richtung ihrer Brüder auf irgend eine Weise rächten-*^). So 
wurde allen Juden der Aufenthalt in der ]\Iark verboten, die 
aus dem Gefängnis entlassenen-") — etwa 60 — mussten 
einen fürchterlichen Schwur leisten, die sogenannte Urfehde 
oder Urphreyde (= Urfriede)-^). Den Inhalt dieses Schwures 
bildete das Versprechen, das Land zu meiden, andere vor dem 
Zuzug zu warnen und die erlittene Gefängnishaft nicht zu 
rächen. Für den Fall des Zuwiderhandelns wünscht sich der 
Jude, „dass mir die fünf Bücher ]\Ioses nymmer müssen zu 
hilfe kommen . . . und dass das Schwefel und Pech auf 



-*) Nur Trittenheim erwähnt diesen Grund: „Ne . .. necem illorum, 
qui ))ro demeritis juste fuerunt combnsti, aliquo modo iniuste vindicarent". 

^') Nicht alle Vertriebenen, wie König: Annalen, S. 62 annimmt. 
Der Anfang des Schwures lautet ausdrücklich, der Jude schwöre all denen, 
„die Rath und That dazu gegeben, dass ich in Gefängniss gekommen." 

'^^) Der Schwur ist bei Gercken: Codex diplomaticus branden- 
burgensia, V, S. 129 abgedruckt. Eine Abschrift bewahrt das Branden- 
burger Stadtarchiv in dem Simon Rother'schen Kopialbuche aus der 
Mitte des lü. Jahrhunderts. 



- 5i - 

meinem hals müsse gerinnen, dass auch über Sodom und Go- 
morrlia gerinnet und dass die Erde überfalle und mich ver- 
schlinge, als sie that Datan und Abiram, und meyn Erde 
nimmer komme zu meiner Erde und mein Gruss nimmer 
mehr komme zu andern Gruss .... das helfe mir der Gott, 
der Mo.vsy erschienen in eynem brennenden Pusch, der doch 
blieb unverbrinnen, und ich schwere dass bey der Seele, die ich 
auf den jüngsten Tag vor Gericht bringen muss durch Gott 
Abraham Isaak und Jakob." 

Die Vertreibung der Juden kam natürlich ihren Schuld- 
nern sehr zu statten. Sie waren auf die einfachste Weise 
ihrer Schulden ledig und gewannen ihre Häuser, auf welche 
die Juden für ihre Forderungen Pfandrechte erworben hatten, 
ohne weiteres wieder. Solche Verschreibungen waren in der 
]\Iark in den vorhergehenden Jahren ausserordentlich im 
Schwange gewesen und Hessen eine gewisse Entwertung des 
Grundbesitzes befürchten. Gerade die Stadt Brandenburg 
scheint darin eine Rolle gespielt zu haben, denn noch am 
30. November 1508 hatte der Kurfürst dem Kat der Alt- und 
der Neustadt Brandenburg in einer Verfügung untersagt, künftig 
die Verschreibung von Geldern auf Häuser der Stadt zuzu- 
lassen'-^). Die Juden sind hiebei allerdings nicht ausdrück- 
lich genannt, wozu ja auch eine Veranlassung nicht vorlag. 
Durch die Judenausweisung aber wurden viele der verschul- 
deten Immobilien von selbst wieder frei, und in der Aussicht 
hierauf musste für die Städte ein Ansporn mehr zur Beschul- 
digung und Verdächtigung der Juden liegen. Wie sehr dieses 
Moment mitspielte, zeigt die Tatsache, dass auch ausser- 
märkische Juden in den Prozess und seine Folgen hinein- 
gezogen wurden, und hier ist es wieder Brandenburg, das die 
Führung inne hatte. In Braunschweig wohnte ein Jude 
Ackyn (auch Akiva genannt). Von ihm hatte der Graf 
Jakob von Ruppin eine grössere Geldsumme geborgt und die 

") Riedel A IX, S. 258 f. Es ergingen gleichlautende Verordnungen 
auch an die übrigen märkischen Städte. 



— 52 — 

Herren Hans Retzow und Ambrosius Storbeck, jener 
Bürgermeister der Altstadt, dieser der Neustadt Brandenburg 
hatten sich für den Grafen verbürgt. Schuldner wie Bürgen 
scheinen jedoch in Erfüllung ihrer Ptlichten säumig gewesen 
zu sein, weshalb der Rat der Stadt Braunschweig am 19. Feb- 
ruar 1500 den der Stadt Brandenburg bittet, die Bürgen zur 
Zahlung ihrer Schuld an den Braunschweiger Juden anzu- 
halten^"'). Auch diesen unbequemen Gläubiger, der von Braun- 
schweig aus auf Bezahlung seiner Darlehen bestand, wusste 
man jetzt mit anderen Braunschweiger Juden unschädlich zu 
machen. Der Weg hierzu war einfach genug. Man brauchte 
nur die Untersuchung der Hostienschändung entsprechend zu 
dirigieren. In der Tat berichtet Angelus, Meyer in Oster- 
burg habe die Hostienpartikel nebst dem in Brandenburg ab- 
gehauenen Spahn nach der Misshandlung eine Zeitlang ver- 
graben, dann aber ausgegraben und „dieselbe mit einem 
anderen Juden weiter nach Brauuschweig den Juden zuge- 
schickt"^'). Sicherlich haben die Brandenburger Inquirenten 
bei der Erzielung dieses Bekenntnisses ihre Hand im Spiele 
gehabt. Der Erfolg blieb denn auch nicht aus. Der Kurfürst 
veranlasste den Rat zu Braunschw^eig, gegen die dortigen Ju- 
den vorzugehen. Akiva mit seinen Söhnen und 15 anderen 
Juden wurden gefänglich eingezogen und mussten am 25. Sep- 
tember 1510 nach geschworener Urfehde die Stadt verlassen"-). 
Der Kurfürst war also nach alledem nichts anderes, als der 
Vollstrecker der Strafen für die von den Städten angezettelten 
Beschuldigungen, ein willenloses Werkzeug in den Händen 
derjenigen, deren Forderungen er so lange Widerstand ge- 



»«) Riedel A IX, S. 261. — ich halte diesen Akyn für identisch 
mit dem in dem fragmentarischen Protokollbuch der Altstadt Brandenburg 
(s. oben S. 30) erwähnten Ackina. Er wohnte vermutlich um 1497 noch 
in Brandenburg, woraus es sich erklären würde, dass gerade die Bürger- 
meister der beiden Städte Brandenburg sich verbürgten. 

"') Die Druckschrift von 1511 berichtet dasselbe Geständnis auch 
von den Stendaler Juden. 

") Die Aktenstücke siehe bei Holtze, S. 7üf. 



leistet und die er durch das Privilegium von 1500 zum äiis- 
sersten gereizt hatte. Priebatsch '') dürfte denn auch nicht 
fehlgehen, wenn er das Entgegenkommen, welches der Kur- 
fürst selbst späterhin, im .Jahre 1532, den Juden zu Schwerin 
und Meseritz beweist, indem er ihnen den Handel in der 
Mark und den Besuch märkischer Jahrmärkte gestattet"), dar- 
auf zurückführt, dass sich dorthin die vertriebenen märkischen 
Juden gewandt hätten und der Kurfürst seine Gunst ihnen 
wieder zuwenden wollte. 

Es hat sich gezeigt, dass die Stadt Brandenburg im 
IMittelpunkt der Vorgänge von 1510 stand. Sie ist es denn 
auch, die bis auf den heutigen Tag zwei Erinnerungs- 
zeichen an jene Vorgänge in ihren Mauern aufzu- 
weisen hat. Das eine sind einige Messer, mit denen die 
Juden im Jahre 1510 die Hostie durchstochen haben sollen. 
Diese Messer werden heute noch im Dom aufbewahrt und 
den Besuchern des alten Bauwerkes gezeigt. Ursprünglich 
wurde auch der Tisch, auf dem die Misshandlung der Hostie 
vor sich gegangen sei, im Dom aufbewahrt, sowie der Kuchen, 
in den Salomo von Spandau die eine Partikel verbacken haben 
sollte''^'), und eine bildnerische Darstellung der Hostienschänd- 
ung war im Chor an einem Spinde angebracht '•'). Der Bischof 
Hieronymus, der die Gegenstände zum ewigen Gedächtnis im 
Dom auf- und ausstellen liess, hatte vorher schon für die- 
selben das Interesse der grossen Menge wachzurufen versucht. 
Er liess sie in feierlicher Prozession nach Berlin tragen und 
dort in seiner Kapelle aufstellen. Er fand aber in Berlin 
damit keinen Anklang, weshalb er sie nach Brandenburg 
zurückbringen liess •^'). Das zweite Erinnerungszeichen ist der 

") a. H. 0. S. 190. 

^*) Riedel B VI, S. 385. Vgl. auch: Historische Monatsblätter fiir 
die Provinz Posen, III, S. 166. 

^') Berichtet von Angelas und von Wusterwitz (Riedel D, S. 83). 

"") Eine genaue Beschreibung dieser Bilder gibt Garcaeus: Suc- 
cessiones familiarum, S. 342 f., wahrscheinlich sind sie nach den Holz- 
schnitten der Druckschrift von 1611 hergestellt worden, s. Holtze S. 44 f. 

*■) Hier wurden sie im August 1674 auch vom grossen Kur- 



- 54 — 

Käme einer Strasse. Die IIostienschändimK war im Hanse 
des Jnden Jakob vor sich gegangen, das in der Altstadt 
lag. Am Orte der Tat liess nun der Rat der Altstadt — 
oftenbar auf der Stelle des eingerissenen Judenhauses — eine 
Kapelle errichten zur Entsühnung für den geschehenen Frevel. 
Der Bischof Hieronymus bestätigte die Anlegung der Kaj)elle''^) 
und dotierte dieselbe mit Einnahmen, welche die Pfründe 
eines Altaristen bildeten. Die Stiftung war jedoch unbedeutend 
und nicht von langer Dauer. Bereits im Jahre 1541 wurde 
die Stelle des Altaristen nicht mehr besetzt und die Kapelle 



fürsten besichtigt, vgl. Kessel: Das Tagebuch Dietrich Sigisraunds von 
Buch, Bd. I, S. 18 und die neue Ausgabe dieses Tagebuchs von Dr. 
F. Hirsch (Berlin 1904), S. 16. 

»«) Riedel AVIir, S. 476f.— Iloltze (S. 46) findet es auffallend, dass 
über sechs Jahre zur Stiftung dieses Erinnerungszeichens gehört hätten. 
Die Urkunde ist nämlich vom Mittwoch, den 6. November 1616 datiert. 
Holtze erklärt deshalb die Jahreszahl für einen Schreibfehler des Notars. 
Es müsse 1510 heissen, zumal, wie II. berechnet, in diesem Jahre, nicht 
aber 1616, der 6. Nov. auf Mittwoch fiel. Diese Kombination wird durch 
einen im Zerbster Stadtarchiv (Abt. II N. 211) liegenden Brief zum 
mindesten insoweit erschüttert, als sich aus ihm ergibt, dass 1510 die 
Kapelle noch nicht gebaut war. Der Brief lautet: 

„Unsre fruntliche dynste thuvoren erssamen wisen besundern günstigen 
guten frunde als wy dan eine Nie kerke hew by vns up der stede 
dar die vngelövigen vorstockten bosshaftigen jüden dath 
hochwerdige sacrament mutwillich vnd nach oren gefallen 
vorhandelt vnd gemartert: tho bowen vnd up thoruchten 
angefangen Di wi ahne fremde lüde almissen nicht füll- 
brungen konen, hebben wy dorwegen briwesteiger die vnse mitbe- 
swaru huessboscther bürger syn die sulliche almissen thu biddende 
vorordnet vnd uthgeferdiget, fruntlich biddende willen die sulige ume 
gods willen: vnd vnser varbade mit dem besten fordern vnd by juw sulche 
almissen thu biddende vorgunen vnd thustadenn das werdt Juw der 
almechtiger godt vngetwifelt wol belonen, vnd wy willen sulches ume 
juwe ersamkeit mit vnsen fruntlichen dynsten gerne vordynen, dat 
dinstags in der octan assumption virginis anno etc. vndecimo vnde vnsen 
decret. Burgemester vnd Rathmanen der Oldenstat Brandenborch". 
liier also betont im Jahre 1511 der Rat der Altstadt, dass er den an- 
gefangenen Bau der Kapelle nicht vollenden könne, weil es an Geld 
fehle, und bittet Zerbst um einen Beitrag. Die Urkunde bei Riedel aber 



— OÜ 



aufgelöst'^). Das alte Bauwerk ist verschwunden. Die heu- 
tige Kapellenstrasse trägt, wie Schilimann'") wohl richtig 
vermutet, seinen Namen. 

Wir haben in unserer Darstellung besonderen Nachdruck 
auf die Momente gelegt, ans denen sich der Prozess als eine 
künstliche politische Veranstaltung erweisen lässt. Damit 
ist, wie gesagt, von selbst der »Schluss auf die Unschuld 
der Juden gegeben. Diese Unschuld hat sich denn in 
der Tat etwa 30 Jahre später herausgestellt. Joachim I. 
Avar 1584 gestorben. Sein Sohn Joachim II. hatte den kur- 
fürstli(^hen Thron bestiegen und der Reformation, gegen die 
sein Vater sich ablehnend verhielt, die brandenburgischen 
Lande geöffnet. Eine bedeutsame Etappe auf dem Wege zu 
diesem Ziele bildete jene im Frühling des Jahres 1539 zu 
Frankfurt am Main stattgehabte Versammlung, auf der die 
protestantischen Stände des deutschen Reiches, unter Führung 
des Kurfürsten von Sachsen und des Landgrafen Philipp 
von Hessen, sowie auf Vermittlung der Kurfürsten von der 
Pfalz und von Brandenburg mit dem deutschen Kaiser Karl V. 
jenes Abkommen trafen, welches unter dem Namen des „Frank- 
furter Anstandes" bekannt ist. Neben den grossen Fragen 



setzt den Bau der Kapelle als vollendet voraus („prope eaudem capellana 
de novo extructam"). Ein anderer, weit drastischerer Fehler der Urkunde 
wirft allerdings ein bedenkliches Licht auf die Aufmerksamkeit des No- 
tars! Er schreibt: „In loco, quo perfidissimi Judei Teyle s.icramentum 
corporis domini nostri variis aflfecerunt contumeliis". Auf Grund dieser 
Stelle zählt Heffter im Namensregister zu Riedels Codex diplomaticus 
unter den Brandenburger Juden auch eine Familie Teyle auf. Nun hat 
aber ein Jude dieses Namens an der Hostienschändung nicht teilgenommen. 
Der P'ehler entstand einfach aus der dem Notar gewordenen Mitteilung, 
die Kapelle sei an der Stelle errichtet, an der die Juden Teile der Hostie 
geschändet hätten. Der Notar hielt „Teile" für den Namen der schändenden 
Juden und konstruierte demgemäss seinen Satz. In einer Nachbemerkung 
der Redaktion des „Brandenburger Anzeiger" (1892 No. 37) zu dem Be- 
richt über einen den Prozess von 1510 behandelnden Vortrag des Herrn 
jSeh. Koramerzienrat Gumpert ist der Jude Teyle gleichfalls noch zu finden. 

»») Riedel A IX, S. 283. 

<") Schillmann; a. a. 0. S. 522. 



— 56 — 

der Zeit waren es am-h die Angelegenheiten der Juden, die 
damals das Interesse der Fürsten lebhaft bewegten (vgl. z. B. 
Lenz: Briefwechsel Landgraf Thiliiips von Hessen mit Bulzer 
L S. r)5 f\'.) Auch auf dem Frankfurter Tag kamen diese 
Angelegenheiten zur Sprache. Der Kurfürst von Sachsen hatte 
vor, die Juden aus seinem Lande zu verweisen; Joachim IL 
scheint ihn in diesem Vorhaben bestärkt und als Beweis für 
die Schädlichkeit und Gefährlichkeit der Juden die Ereignisse 
des Jahres 1510 betont zu haben. Da trat in Frankfurt kein 
geringerer als Philipp Melanchthon auf und wies glaubhaft 
nach, dass die Juden in der ^Mark 1510 unschuldig den 
Feuertod erlitten haben. Paul Fromm habe in der 
Beichte seinem Pfarrer eingestanden, die Juden fälschlich 
bezichtigt zu haben. Der Pfarrer habe alsbald seinem Vor- 
gesetzten, dem Bischof Hieronymus, Mitteilung gemacht, um 
den Justizmord zu verhüten. Kraft seines Amtes jedoch 
habe der Bischof dem Pfarrer Schweigen geboten. 
Der betreuende Pfarrer sei, wie Melanchthon hervorhebt, noch 
am Leben „und ist wahrhaftig bei Wuttemburg." Als Zeugen 
für die Wahrheit seiner Behauptung brachte Melanchthon bei: 
Martin Butzer, den grossen Judenfeind, Batt von Dunzenheim 
und St. Böckel, zwei Strassburger Edelleute, die als Dele- 
gierte Strassburgs an dem „Frankfurter Tage" teilnahmen. 
Die drei hätten sich mit ihm von der Wahrheit des Vorge- 
brachten überzeugt. Es darf nicht Wunder nehmen, dass 
bisher keine Darstellung des Prozesses auf diese Tatsache 
der späteren Restituierung der verurteilten Juden eingegangen 
ist. Denn es ist lediglich eine jüdische Quelle, die diese 
Vorgänge berichtet. Eabbi Josel von Rosheim, jener 
merkwürdige ]Mann, der im Zeitalter der Reformation als ein 
Anwalt seiner verfolgten und geschmähten Glaubensbrüder 
eine literarische und praktische Tätigkeit ohne Gleichen ent- 
faltete, sich furchtlos den Fürsten und Edelleuten gegen- 
überstellte, ja bis in die Nähe des kaiserlichen Thrones kam, 
er hat sich auch auf dem „Frankfurter Tag" eingefunden und 
trat dort gegen Butzers und Luthers judenfeindliche Angriffe 



auf"). In den Memoiren, die er hinterlassen, erzahlt er nun 
mit einfachen Worten, wie auf dieser Fürstenvcrsammliinf; in 
der oben geschilderten Weise die Unschuld der märkischen 
Juden an den Tag kam'-'). Auch in der im Strassburger Stadt- 
archiv belindlichen Trostschrift, die Josel nach den Angriffen 
Hutzers an seine Brüder richtete, weist er auf die wunder- 
bare Entdeckung hin'-'). Man wird leicht dazu neigen, gegen 
diese Nachricht, da sie aus jüdischer Quelle stammt, miss- 
Irauisch zu sein. Indessen muss man bedenken, dass alle 
tatsächlichen historischen Angaben, die Josel in seinen Me- 
moiren macht, sich durchweg als zuverlässig erweisen, wenn 
man sie an der Hand anderer zeitgenössischer Quellen nach- 
]>rüft"). \\'enn gerade über die von Josel berichtete Ent- 
deckung der Unschuld der märkischen Juden anderweitige 
Zeugnisse sich nicht auffinden lassen, so ist dies wohl be- 
dauerlich, darf uns aber nicht wundern, denn die über den 
„Frank furter Tag" vorhandenen Berichte^') erstrecken sich ledig- 
lich auf die rein politischen Verhandlungen; die jüdischen 
Dinge lagen völlig ausserhalb ihres Bereiches und bildeten 
in Frankfurt wohl auch nur eine Episode. Es gibt aber einen 
indirekten Beweis für die Wahrheit des von Josel Erzählten. 
Dieser Beweis liegt in dem späteren Verhalten Joa- 
chims II. gegen die Juden. Er begünstigte sie auf jede 



«') Vgl. L. Feiichenfeld: Rabbi Josel von Rosheim, S. 126, 
Bresslau in der Zeitschrift für Geschichte der Juden in Deutschland, V, 
S. 317. 

*») Vgl. den Wortlaut in „Revue des etudes juives" XVI, S. 92f., 
siehe auch ebenda S. 99 und Bresslau: a. a. 0. S. 316. Lehmann hat 
in seinem Roman „Rabbi Joselmann von Rosheim" auch diese Episode 
erzählend ausgeschmückt; er nennt den Pfarrer, dem Fromm seine Lüge 
eingestand, Eusebius Niger, aus Genthin gebürtig, und lässt ihn selbst 
in Frankfurt vor den Fürsten das Geständnis Fromms ausführlich erzählen. 

") Das Aktenstück s. bei Feilchenfeld a. a. 0. S. 180 ft'. 

**) S. Bresslau a. a. 0. 

**) Vgl. Winckelmann: Politische Korrespondenz der Stadt Strass- 
burg im Zeitalter der Reformation, II, S. 539 ff. und Nuntiaturberichte 
aus Deutschland, Erste Abt., I, 2, 



- 58 - 

Weise, derart, dass in den vierziger Jahren nicht nur der 
Rat von Berlin^ sondern auch Luther den schädlichen Ein- 
tluss beklagte, den die Juden auf den Kurfürsten ausübten"^). 
Gestalten, wie ]\nchael Juda, jene von dem Schimmer des 
Volkstümlichen umkleidete Persönlichkeit, die bei Joachim II. 
in hohen (Jnaden stand'") und der bekannte jüdische Münz- 
meister Lippold, der das unbegrenzte Vertrauen seines fürst- 
lichen Herrn genoss und nach dessen Tode ein so grauenhaftes 
Ende fand, beweisen deutlich genug die geradezu freundliche 
Stellung Joachims II. zu den Juden, die besonders klar auch 
aus den von Kohut verrilfentlichten Verhandlungen hervorgeht, 
welche der Kurfürst mit dem Rat von Frankfurt a. 0. über 
die Aufnahme von Juden in diese Stadt führte ^'^). Die Wahr- 
scheinlichkeit, dass die auf dem Frankfurter Tag ans Licht 
gekommene Unschuld der märkischen Juden wirklich, wie 
Josel erzählt, einen tiefen Eindruck auf den Kurfürsten machte, 
dass der Sohn, in dem Bestreben, den entsetzlichen Irrtum 
des Vaters wieder gut zu machen, den Glaubensbrüdern der 
schuldlos Gemordeten seine volle Gunst zuwandte, ist ohne 
weiteres zuzugeben. So würde sich die Judenfreundlichkeit 
Joachims IL auf einfache und ungezwungene Weise erklären; 
die Annahme blosser finanzpolitischer Gründe vermöchte hiezu 
kaum auszureichen. Josel erzählt ausdrücklich, dass er als- 
bald nach der aufsehenerregenden Entdeckung bei dem Kur- 
fürsten für seine Brüder die Erlaubnis erlangt habe, in 
seinem Lande „zu handeln und zu wandeln, das uns nun 30 
jar verpoten und versperret gewesen"^"). In der Tat datiert 
die energische Unterstützung, die der Kurfürst den Juden 
angedeihen liess, vom Beginne des vierten Jahrzehnts an. 



««) Vgl. Bresslau a. a. 0. S. 318, Note 1. 

*') Vgl. über ihn Geiger: Zeitschrift für Geschichte der Juden in 
Deutschland, II, S. 340 f. 

*") Kohiit: Geschichte der deutschen Juden, S. 540f. nach einem 
im Besitze des Vereins für jüdische Geschichte und Literatur in Frank- 
furt a. 0. betindlichen Manuscript. 

") Feilchenfeld a. a. 0. S. 18L 



— 59 - 

Kurz, das Zeugnis Josels erarheint vollauf gpniigpnd, um als 
Ergebnis unserer Darstellung festzuhalten: Die märkische 
Tragfidie des Jahres 1510 hat mit einem Justizmord 
geendigt, dessen Schuld auf den Brandenburger Bischof 
llieronymus, den „Spiritus rector" des ganzen Pro- 
zesses, zurückfällt'''''). 



Wir sahen, wie bereits unter Joachim 11. wieder Juden 
in die IMark Aufnahme fanden. Dass sie auch in der Stadt 
Brandenburg um die Mitte des 16. Jahrhunderts aufs Neue 
zu linden waren, dafür ist uns ein, allerdings indirektes, 
Zeugnis erhalten, das zugleich ein drastisches Licht auf die 
krasse Feindseligkeit wirft, mit der man ihnen auf christ- 
licher Seite auch jetzt wieder gegenüberstand. Um 1560 
amtierte in Brandenburg der Bürgermeister Simon Rother. 
Er legte ein Kopialbuch brandenburgischer Urkunden an, das 
im Stadtarchiv aufbewahrt wird. Für seine Sammlung ver- 
fasste Kother auch eine Uebersetzung der oben (S. 15) er- 
wähnten Urkunde, durch die Ludwig der Baier 1323 der 
Altstadt die Aufnahme von Juden gestattete. Als er diese 



*'») Der Kuriosität halber magerwähnt sein, dass man dem Doctor 
Pomeranus Bugenhagen, dem bedeutendsten Vertreter der deutschen 
Kirchenreformation neben Luther und Melanchthon, nachgesagt hat, er 
stamme von einem der Berliner Märtyrer des Jahres 1510 ab. Der nieder- 
deutsche Chronist Johan Oldecop erzählt, er habe in Wittenberg sagen 
hören, die Verbrennung der märkischen Juden habe in Spandau statt- 
gefunden und der dortige Bürgermeister Hening Bugenhagen habe 
den unmündigen Sohn eines der Verbrannten adoptiert und taufen lassen. 
Der Getaufte sei ein grosser Gelehrter geworden, und Luther habe von 
ihm Hebräisch gelernt („die Chronik des Johann Oldecop", ed. 
Euling, Tübingen 1891, S. 33f.). Herr Dr. Brann-Bresslau, dem ich diesen 
Hinweis verdanke, nimmt sicherlich mit Recht an, dass die Sache ein 
leeres Gerede ist, das von katholischer Seite ausging, um Bugenhagen 
zu diskreditieren. Bugenhagen war in Wo 11 in in Pommern 1485 geboren, 
wäre also 1610 bereits 25 Jahre alt gewesen. Sein Vater war Ratsherr 
in Wollin. Keiner seiner Biographen (Bellermann, Vogt, Zitzlaffj erwähnt 
auch nur andeutungsweise eine eventuelle jüdische Abstammung. 



— 60 — 

Uebersetzung in sein Kopialburh eintrug, schickte ihr Rother 
einleitend die Versicherung voran, er habe die Urkunde ,.umb 
des wyllen wie folgend verdeutscht, das man darauss sehen 
möge, das die altten umb die Juden gebetten, da wir 
zu diesem 1558 Jare über sehen wollten, sie wehe- 
ren all an die Bäume gehangen — " 

Die in diesen Worten zum Ausdruck kommende Volks- 
stinimung sollte schon wenige Jahre später ihre den Juden 
abholden Wünsche in gründlicher Weise erfüllt sehen. Bald 
nachdem Joachim II. in Köpenick eines plötzlichen Todes 
gestorben war, erhob sich das Gerücht, der Kurfürst sei von 
seinem jüdischen Münzmeister und Finanzminister Lippold 
vergiftet worden. Lippold, ob seines hässlichen, habgierigen 
Charakters und seiner bedenklichen linanziellen Machinationen 
bei Juden und Christen gleich unbeliebt, wurde auf Befehl 
des Kurfürsten Johann Georg gefangen gesetzt, mit Hülfe der 
Folter seines Verbrechens überführt und am 23. Januar 1573 
gerädert und gevierteilt''"). Alle seine märkischen Glaubens- 



*") Die Geschichte und das Schicksal dieses unglücklichen Mannes 
verdiente eine Monographie. Fest steht seine über alle Massen grosse 
Habsucht. Wie aus den jetzt erst von Stölzel: Urkundliches Material 
aus dem Brandenburger Schöppenstuhl Bd. I, S. 662 ff. veröffentlichten 
Urkunden hervorgeht, war Lippold sogar nicht davor zurückgeschreckt, 
nach dem Tode seines Bruders Jacob sich das Vermögen der unmündigen 
"Waisen, für die er als Mitvormund bestellt war, hinterlistiger Weise an- 
zueignen. Nachdem er gefangen gesetzt war, 1671, klagen Jacobs Witwe 
und der vom Beth Din in Gnesen neubestellte Vormund Heinrich von Stendal 
beim Brandenburger Schöppenstuhl auf Herausgabe des Vermögens. Ob 
Lippold allerdings des Fürstenmordes schuldig war, dürfte gerade deshalb 
zweifelhaft sein, weil die Volksstimmung bei dieser Bezichtigung sicherlich 
ein ausschlaggebender Faktor gewesen ist. Bekanntlich ist kein Geringerer 
als Moses Mendelssohn in seiner Einleitung zu Manasse ben Israels 
„Rettung der Juden" für Lippold's Unschuld mit überzeugenden Worten 
eingetreten. Zum mindesten darf es als unverständlich bezeichnet werden 
wenn die mi ttolalterliche Justiz selbst als Beweis für Lippold's 
Schuld herangezogen wird. Brachte es doch im Jahre 1876 ein deutscher 
Schriftsteller fertig, einen Aufsatz über den Prozess Lippold mit den 
Worten zu schliessen: „Erst späteren Schriftstellern blieb es vorbehalten, 



- i\i - 

brüder aber wurden „auf ewige Zeiten" aus dem Lande ver- 
wiesen. Die Verbannung, die übrigens mit voller liigorosität 
wohl nie ganz aiirrecht erhalten wurde"''), währte in der 
Theorie ungefähr hundert Jahre. 

einen Recbtsspnich, gejjen den, als er gefällt wurde, niemand 
etwas einzuwenden hatte, für einen ungerechten zu erklurenl" („Der 
liär", Jahrg. 1875, S. 1U8). 

*') Im Jahre 1650 erneuert Kurfürst Friedrich Wilhelm den Juden 
das Recht, Jahrmärkte in den Städten zu besuchen (Mylius : Corpus con- 
stitutionum Marchicarum V, &, TJ'i), und lüTU werden schon wieder Klagen 
über Vermehrung der Juden laut (a. a. 0. V, 1, b'22}. 



III. 

Die Anfänge der Gemeinde, 

David Samuel. 

1671 — 1728. 



Das Jahr 1G71 ist l'ür die Geschichte der Juden in der 
Mark Brandenburg von einschneidender Bedeutung. In diesem 
Jahre nahm Friedrich Wilhelm, der ..grosse Kurfürst", indem 
Bestreben, die schwach bevölkerte Mark durch vermögende 
Zuzügler zu stärken und zu heben, fünfzig Judenfamilien, 
die der „letzten Vertreibung aus Wien" zum Opfer gefallen 
waren, in die Mark auf). Es ist fast unbeschreiblich, welche 
Fülle von Folgen weittragendster Art sich an jene Wiener 
Vertreibung für die Geschichte der deutschen Juden knüpften'"). 
Man hat oft darauf hingewiesen, wie in der sturmbewegten 
jüdischen Geschichte jedes schmerzvolle Ereignis den Keim 
einer neuen, schöneren Entwickelung in sich trug. Diese 
Wahrheit gilt namentlich von vielen jener Judenaustreibungen, 
welche die Geschichte in so grosser Zahl aufweist. Als vor- 
bildlich hiefür kann schon das Beispiel der vier suranischen 
Gelehrten aus dem zehnten Jahrhundert bezeichnet werden. 
Zum Zwecke einer Geldsammlung für die bedrängten baby- 
lonischen Hochschulen ausgesandt, von einem maurisch-spa- 
nischen Admiral gefangen genommen und als Sklaven verkauft, 
wurde jeder Einzelne von ihnen an einem anderen Orte der 
Urheber 'einerneuen wissenschaftlichen Blüte-). So hatte spä- 
ter das furchtbare Schicksal der Juden in Spanien, die 1492 in 



*) Ueber die einzelnen Stadien der Aufnahme vgl. Kaufmann: 
Die letzte Vertreibung aus Wien und Niederösterreich und ihre Opfer, 
S. 207 ff. 

'») „Dieser österreichische Einschlag im geschichtlichen Leben der 
deutschen Judenheit erforderte einmal ein Buch für sich selber" (D. Kauf- 
mann im Magazin für die Wissenschaft des Judentums, 1890, S. 87). 

2) Siehe Berliner: Migdal Chananel S. Y ff . 



- 66 — 

das Elend hinausgejagt wurden, die Wirkung des Sturmwindes, 
der die Samenkörner in fernes Erdreich hinwegträgt und sie 
dorten um so herrlicher aufgehen lässt. In Italien, der Türkei 
waren es spanische Exulanten, die das Feld der jüdischen 
Lehre mit den fruchtbarsten Anpflanzungen bebauten. Auch 
die Wiener Gemeinde barg in ihrer Mitte eine Fülle von 
Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, und als der grausame Be- 
fehl der Machthaber die Unglücklichen erbarmungslos von 
den altgeliebten Stätten hinwegriss, da zog auch die Gelehr- 
samkeit, das tiefe Wissen, die aufrichtige P^römmigkeit mit 
hinweg, um an neuen Stätten, auf neuem, fruchtbarem Boden 
neue herrliche Früchte zu zeitigen. 

Für die Juden in der Mark Brandenburg bedeutete die 
Aufnahme der Wiener den Beginn einer neuen Zeit. Ver- 
dankt doch dieser Aufnahme eine ganze Reihe märkischer 
Gemeinden erst ihre Entstehung, so vor allen Dingen Berlin, 
wo die „Oesterreicher" bald in den Mittelpunkt des aufblü- 
henden Gemeindelebens traten'^), dann Potsdam, dessen erster 
jüdischer Bewohner einer der österreichischen Exulanten war^), 
Frankfurt a. 0., Landsberg, die zwar vorübergehend auch 
vor 1671 Juden in ihren Mauern hatten, aber als Gemein- 
den erst von diesem Jahre an in Betracht kommen. Das 
Privilegium vom 21. Mai 1671') verhiess den Neuaufgenom- 
menen energischen Schutz, regelte auch ihre religiösen Ver- 
hältnisse, indem es ihnen die Anstellung von Schächtern und 
Schulmeistern, die Abhaltung gemeinschaftlicher Gottesdienste 
in ihren Häusern — nicht in besonderen Synagogen — ge- 
stattete, sie von dem lästigen Leibzoll befreite und alle 
Bürgermeister und Magistrate anwies, die Juden nicht anders 
wie die übrigen kurfürstlichen Untertanen zu behandeln. Ob- 
wohl der Form nach nur auf zwanzig Jahre erteilt, be- 
deutete dieses Privilegium doch das Signal zu einem allge- 



') Siehe Geiger: Geschichte der Juden in Berlin, Band I und IL 
*) Siehe Kaelter: Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Potsdam, 
S. 10. 

*) Vgl. Mylius: Corpus constitutionum Marchicarum V, S. 121 f. 



- 67 — 

meinen Zuzug von Juden. Zu den Oesterreichern gesellten 
sich auch Juden anderer Städte, die in der Mark ihre Nahr- 
ung suchten, und so gestalteten sich die Gemeinden der Mark 
allmählich zu grösseren Gebilden. 

Ueber den Zuzug von Juden in die Stadt Brandenburg 
ist aus den gedruckten historischen Darstellungen so gut wie 
nichts zu entnehmen. König veröffentlicht nach Spezifi- 
kationen des königlichen geheimen Staatsarchivs einige 
Judenlisteu, die aber erst für das Jahr 1700 einen jüdischen 
Einwohner in Brandenburg aufweisen'^). Die früheren Listen aus 
den Jahren 1688 und 1692') enthalten Brandenburg überhaupt 
nicht. Andererseits findet sich in der von Geiger'') ver- 
öffentlichten Spezial-Analyse, in welcher das Kammergericht 
1684 die verschiedenen Klassen von „ unvergleiteten", 
(d. h. nicht mit Schutzbriefen versehenen) Juden aufzählt, 
als „ auff Brandenburgk privilegiret " der Jude 
Jütel Sussmann'-*). Demnach war zu vermuten, dass sich 
bereits in den ersten Jahren nach der Aufnahme auch in 
Brandenburg Juden niedergelassen hatten. Diese Vermutung 
hat sich denn auch bestätigt. Das kgl. geh. Staatsarchiv in 
Berlin bewahrt über Juden in der Stadt Brandenburg ein 
Konvolut von Urkunden, welche nicht nur über diese ersten 
Judenniederlassungen in Brandenburg, sondern auch über die 
ersten Anfänge der Gemeinde Licht verbreiten und glück- 
licherweise gerade bis an diejenigen Jahre heranreichen, aus 
denen die frühesten Urkunden und Nachrichten des Archivs 
der Synagogengemeinde Brandenburg stammen^*'). So wird 
durch jene Urkunden des Staatsarchivs in der Geschichte der 
Gemeinde eine Lücke von etwa sechzig Jahren ausgefüllt, die 



*) König: Annalen der Juden in der Mark Brandenburg, S. 127. 

') Ibidem S. 105 und 119. 

") Geschichte der Juden in Berlin, Bd. II, S. 13. 

*) Vgl. über ihn folgende Seite. 

1°) Kgl. geh. Staatsarchiv Repositorium 21 Nr. 207 B 1. Die aus 
diesem Konvolut stammenden Nachrichten bezeichnen wir im I'olgenden 
der Kürze halber mit: St.-A. 



— H8 — 

umso fühlbarer gewesen wäre, als einzelne zerstreute Notizen 
in den Ratsprotokolleu des Stadtarchivs auf jüdische Persön- 
lichkeiten aus jener Zeit hinweisen. Wir sind somit in der 
Lage, in grossen Zügen ein Bild von dem Entstehen der Ge- 
meinde und ihren ersten führenden Männern zu entwerfen. 

Zunächst ist es so gut wie sicher, dass auch in Branden- 
burg einige der österreichischen Exulanten sich niedergelassen 
haben. Der oben erwähnte Jütel Sussmann gehört zu ihnen. 
Wir haben in ihm ohne Zweifel denjenigen Jütel (oder Jüdel) 
Sussmann zu erblicken, der mit seiner Frau Rebekka aus 
Eisenstadt auswanderte"). Er liess sich in Brandenburg 
nieder und trieb Handelsgeschäfte. Aus irgend einem Grunde 
wurde er im Frühling des Jahres 1674 verhaftet. Seine Frau 
Kebekka wandte sich an den Kurfürsten mit der Bitte, ihren 
Mann gegen 20 Taler Kaution aus der Haft zu entlassen. Der 
Kurfürst verfügt in der Tat beim Rate der Stadt die Ent- 
lassung (17. April) und gibt bereits am 29. April dem Rate 
die fernere Weisung, dem Jüdel Sussmann nicht zu ver- 
w^ehren, „in und ausserhalb der Stadt Handel und Wandel zu 
treiben"'-). Auf die Dauer scheinen aber diese Handelsge- 
schäfte nicht sehr einträglich gewesen zu sein, denn Sussmann 
begab sich bald darauf nach Berlin, wo er, wie viele Andere, 
ein besseres Fortkommen erwartete. Lange war hier seines 
Bleibens nicht. Der Kampf gegen die Unvergleiteten, der 
bereits im Jahre 1672 begann'*), führte am 4. November 1675 
zu einer Verfügung an Abraham Isaac und Jüdel Sussmann, 
sich nach Brandenburg, wo sie vergleitet seien, zurückzu- 
begeben"). Berlin besass jedoch eine unwiderstehliche An- 
ziehungskraft. Denn 1685 finden wir, wie bereits erwähnt, 
Sussmann wiederum auf der Liste der Unvergleiteten, die sich 
dahin, wo sie vergleitet seien, zu begeben haben'-'). 

") D. EaufmanD: Die letzte Vertreibung, S. 216. Leider ist bei 
Kaufmann die Quelle für diese Nachricht nicht ersichtlich. 
'«) St.-A. 

") Geiger: a. a. 0., II, S. 10. 
") St.-A. 
'•) Geiger II, S. 13. 



— 09 — 

Die neuen österreichischen Ankömmlinge wurden in den 
märkischen Städten nicht mit besonderer Freu(h^ bej^rUsst. 
Wir werden sj>äter noch von den Klagen zu reden haben, die 
gegen sie erhoben wurden. Zunächst sei berichtet, dass in 
der Stadt ]irandenburg im Jahre 1073 der Unwille über die 
Aufnahme der Juden in bedenkliche Tätlichkeiten ausartete. 
Wenn sich die Juden auf der Strasse blicken Hessen, wurden 
sie beschimpft und mit Steinen beworfen, oft genug da- 
durch auch verwundet, nächtlicherweile schlug man ihren 
Wohnungen die Türen und Fenster ein. Besonders scheinen 
die Jahrmärkte, auf denen die Juden, wie die übrigen Kauf- 
leute, ihrem Handel nachgingen, zu Beschimpfungen der Juden 
geführt zu haben, wobei sich die sogenannten „Krahmdiener" 
in erster Linie hervortaten. Einmal kam es auf einem Jahr- 
markt zu einer tumultuarischen Szene, bei der ein Jude seiner 
ganzen Habe beraubt wurde. Die Zustände wurden immer 
unerträglicher, und so wandten sich die Brandenburger Juden 
in ihrer Not an zwei angesehene Berliner Glaubensbrüder, 
Jeremias Jakob und Abraham Ries, dass sie beim Kur- 
fürsten um Rat und Beistand bitten sollten. In einem ge- 
harnischten Dekret vom 11. Juni 1073 führt denn auch der 
Kurfürst dem Rate der Stadt Brandenburg alle an den Juden 
verübten Frevel zu Gemüte, weist auf die den Juden erteilten 
Schutzbriefe und Privilegien hin und fordert den Rat auf, die 
Täter energisch zur Rechenschaft zu ziehen und den Juden 
gebührenden Schutz zu leisten'-). Aus der Tatsache, dass 
gerade Abraham Ries und Jeremias Jakob ihre Stimme für 
die Juden erhoben, darf ohne Weiteres geschlossen werden, 
dass diese zu den österreichischen Exulanten gehörten. Denn 
bald darauf, am 19. September 1073, machten sich die Bei- 
den im Verein mit Benjamin Frankel wiederum zu Für- 
sprechern ihrer Brüder und zwar ausdrücklich der vom Kur- 
fürsten in das Land aufgenommenen Oesterreicher'"). Sie 



'«) St.-A., siehe Beilage I. 

") Vgl. Geiger II, S. 9. Aus unserer Urkunde (Beilage I) ist auch 
ersichtlich, dass Jeremias Jakob und Abraham Ries den Titel „Vorsteher" 



— 70 — 

vertraten also offenbar die Interessen der Oesterreicher und 
wurden deshalb auch von ihren engeren Landsgenossen, die 
sich in Brandenburg niedergelassen hatten, um Hülfe an- 
gefleht"). 

Die energischen Vorschriften des kurfürstlichen Dekrets 
verschafften den Juden sicherlich einigermassen Schutz und 
Ruhe. Aber die Bemühungen, die unbequemen Konkurrenten 
wieder los zu werden, hörten nicht auf und führten im Jahre 
darauf, 1674, zu einer Art Koalition der Kaufleute in den 
vier märkischen Städten Brandenburg, Berlin, Frank- 
furt und Rathenow. Sie reichten gemeinsam ihre Bitt- 
schriften ein, in denen sie dem Kurfürsten ihre Beschwerden 
vortrugen und auf Wegschaffung der Juden drangen'"). Speziell 
die Bittschrift der „Kauff- und Handelssleute der Neuen Stadt 
Brandenburg" klagt in beweglichen Worten, „dass sich allhier 
die Juden häuffen, die mit allem, was zu erdenken, handeln, 
Lauffen und fahren, in- und ausserhalb der Jahrmärkte her- 
umbhausiren und Kauffen an sich allerhandt Leicht- und ge- 
führten. König (a. a. 0. S. 98) nennt zwölf Berliner Juden, die eine 
Bittschrift einreichten, fälschlich „Aelteste". In Wirklichkeit sind es 
lediglich die vergleiteten Juden. Geigers Vermutung, dass zwei derselben, 
eben Jeremias Jakob und Abraham Ries, eine Art Vorsteheramt ausgeübt 
haben, wird durch unsere Urkunde bestätigt. 

'") Ein bei dem Konvolut befindlicher kurzer Auszug des kur- 
fürstlichen Dekrets spricht auffallenderweise von dem Befehl an den 
Magistrat Brandenburg, „den daselbst vergleiteten und in Schutz ge- 
nommenen Juden Jeremias Jakob und Abraham Ries wider allen Frevel 
und Muhtwillen gebürend Schutz zu leisten und nicht zu gestatten, dass 
sie oder die ihrigen einigerley weise an ihr ehr, leib und guter beleidiget 
werden, auch dem jüngst spoliirten Juden zu dem seinigen volliglich zu 
verhelfen." Aus diesem Wortlaut scheint hervorzugehen, dass Jeremias 
Jakob und Abraham Ries in Brandenburg wohnten. Es ist aber 
sicherlich nur die ungenaue Ausdrucksweise des Kanzlisten, die diesen 
Irrtum veranlasst. Die Beiden sind zweifellos die, wie wir sehen, auch 
sonst bekannten Berliner Vorsteher. Abraham Ries war sogar einer 
der Wiener Abgesandten, die mit dem brandenburgischen Residenten in 
Wien, Andreas Neumann, über die Aufnahme Verhandlungen pflogen. 
Vgl. Geiger I, S. 4. 

") Geiger I, S. 8, König S. 99 f. 



- 71 — 

stöhlen Guth, verfahren die Zölle, verkautTen das an sich 
gebrachte Zinn, KupHor, Messung, Graven und Klockenguth 
wider Ew. churf. Durchl. Edikte und ernstl. Verbotte ausser 
Landes, erschöpfen Land und Leute mit stetiger Betrigerey 
und lauflen uns auf allen Märkten und Städten vor, so dass 
wir kaum das fuhrlohn auf den Märkten einlösen und nun- 
mehro weder uns und anderen helflen können." Des Weiteren 
versichert die Bittschrift, „wenn diese Leute ferner also im 
Lande geduldet und ihnen solche Handlung verstattet werden 
sollte, müssen wir vom Credit gentzlich abkommen und nebst 
unseren Nachbarn verarmen und verderben." Hieran schliesst 
sich dann das dringende Ersuchen, der Kurfürst möge nicht 
dulden, „dass diese Stadt und Bürgerschafft von so nichts 
würdigen Leuten vollends ruiuiret werde. Sonst ist unser 
gäntzlicher Untergang vor der Thür, sie aber werden im 
Gegentheil in grosses auffnehmen kommen, welches Ew. chf. 
Dl. nicht billichen werden, zumahlen wir bei den Langwieri- 
gen Kriegswesen mit Guth und Bluth getreulich auss- 
gehalten -")." Aehnlich lauten auch die Bittschriften der an- 
deren Städte. Die wörtliche Uebereinstimmung ganzer Par- 
tien beweist, dass vorher genaue Verhandlungen zwischen den 
Innungen gepflogen wurden, in denen man den Wortlaut der 
Bittschriften besprach. All diese Klagen, die den Makel des 
Konkurrenzneides deutlich an der Stirn tragen und deshalb 
für das objektive Verhalten der Juden nichts bedeuten, wur- 
den vom Kurfürsten einfach mit Stillschweigen über- 
gangen, was um so bemerkenswerter ist, als die Geheimräte 
in ihrer Meinungsäusserung sich durchaus auf die Seite der 
Städte stellten. Sie sind der Ansicht, „dass die Juden denen 
Innungen, Gewercken, auch Kaufleuten und Handelsleuten 
nicht allein sehr nachtheilig sind, sondern auch weit grössere 
Freyheiten als die Christen haben" -'). Trotzdem blieb es 
beim Alten. An den Privilegien der Juden wurde nichts ge- 

2«) Kgl, geh. Staatsarchiv, Rep. 21 N. 207 B 2, s. auch Geiger II, 
S. 15. 

^') Geiger a. a. 0. 



— 72 - 

ändert, der Kurfürst erwies sich auch jetzt wieder als Be- 
schützer der aufgenommenen Juden. In Jirandenburg scheint 
man jedoch auch sj)iiterhiu den Juden wenig Wohlwollen ent- 
gegengebracht zu haben. Eine Verfügung vom 23. Mai 1685 
spricht von einer Klage der Juden der Churmark wider 
die Bürger der Alt- und Neustadt Brandenburg und 
fordert die Magistrate beider Städte auf, sich binnen acht 
Tagen über diese Klage zu äussern-'-). Leider ist nicht zu 
ersehen, um was es sich hiebei handelte. 

Nach dem Tode des grossen Kurfürsten (1G88) begann 
eine genauere gesetzliche Fixierung der jüdischen Verhältnisse. 
Kurfürst Friedrich III., der nachmalige erste König von 
Preussen, Hess unmittelbar nach seinem Kegierungsantritt 
durch eine besondere Judenkommission alle Geleitsbriefe der 
in der Mark wohnenden Juden prüfen und erneuerte sie gegen 
ein gemeinsam zu zahlendes Schutzgeld von 20000 Talern, das 
schon im Jahre darauf auf 16000 Taler ermässigt wurde. 
Das letzte Jahrzehnt des siebzehnten Jahrhunderts war ebenso 
wie das erste des achtzehnten wieder von dem Kampfe gegen 
die Unvergleiteten erfüllt, der nach und nach eine F'ülle ver- 
schiedener gesetzlicher Bestimmungen zeitigte-'). Das Ein- 
strömen fremder Juden in die Mark nahm immer mehr über- 
hand. Auch in Brandenburg setzten sich einige fest. Die 
Stadt mit ihrem regen Handel übte auf die Nahrung suchen- 
den Juden offenbar eine gewisse Anziehungskraft aus. So 
richtete im März 1698 ein Jude Marcus Guthmann an den 
Kat der Altstadt die Bitte, ihm die Niederlassung zu gestatten 
und ihn in Schutz zu nehmen. Er komme aus Amsterdam, 
wo er Faktor des verstorbenen Königs Johann von 
Polen gewesen sei. In der Ratssitzung, in welcher das Ge- 
such zur Sprache kam, wurde unter Anderem geltend gemacht, 
man solle den Juden gegen ein bestimmtes Schutzgeld auf- 
nehmen, denn „es wäre besser, öffentliche Juden in der Stadt 



22) St.-A. 

28) Geiger I, S. 13 ff. 



— l'\ — 

zu haben als heimliche", sicherlich eine Anspielung auf iin- 
vergloitoto Juden, die sich in Brandenburg restgesetzt hatten, 
llebrigens machte ein besonders eifriger Katsherr den Vor- 
schlag, dem Juden die NiedcM-lassuDg unter der Bedingung zu 
gestatten, dass er verspreche, „alle Woche in eine luther- 
ische Predigt zu gehen!" Schliesslich wurde der Jude 
auf später vertröstet; er machte aber bereits nach zwei Tagen 
dem Rate das Anerbieten, ihm „einen Becher von einer 
Mark Silber a 16 Thlr." zu schenken, wenn man ihn in 
Schutz nehme -^). 

Um die Zeit, als die Verhandlungen mit diesem Bitt- 
steller erfolglos verliefen, lebte in Brandenburg bereits der 
Mann, den wir als den Gründer der jüdischen Gemeinde be- 
zeichnen dürfen, über den bisher in der Oeffentlichkeit nichts 
bekannt war, dessen Bild vielmehr jetzt zum ersten Male aus 
den vergilbten Blättern heraus der späten Nachwelt entgegen- 
tritt. Sein Name ist David Samuel. Im August des Jahres 
1696 erscheint er in der Neustadt Brandenburg, als ein 
Flüchtling, der sich vor den Unruhen des Krieges „aus 
Frankenland wegbegeben" und hier in der Mark eine Zufluchts- 
stätte sucht. In dem benachbarten Rathenow wohnte bereits 
ein Vetter von ihm, IMarcus David, der dort vergleitet war, 
und als David Samuel den Rat um Aufnahme ersucht, bringt 
er diesen Vetter als „seinen Beystand" mit. David Samuel 
wird an den Kurfürsten gewiesen-^), und von diesem erhält 
er am 6. Dezember die Erlaubnis, sich „den Winter über" 
in der Stadt aufzuhalten und sich „nachgehends wiederumb 
nacher Frankenland zu begeben." Aber selbst für diese be- 
schränkte Zeit beherbergte man ihn nicht ohne Entgelt. Er 
muss sich bei der Ilausvogtei anmelden und das Schutzgeld 
für die Zeit seines Aufenthalts entrichten-''). David Samuel 
fasste in Brandenburg festen Fuss und verstand es, binnen 
weniger Monate das Wohlwollen der städtischen Behörden 

") Stadtarchiv: Altstädtische Ratsprotokolle vom 6. u. 7. März 1698. 
") Ibidem. Altst. Ratsprot. vom 17. August 1696, 
2«) St.-A. 



— 74 — 

und der Bürrcer zu erringen. Als er daher mit dem Plane 
umging, beim Kurfürsten um Erteilung eines Schutzbriefes 
vorstellig zu werden, fand er den Magistrat der Neustadt 
ohne Weiteres bereit, sein Gesuch zu unterstützen und ihm 
zu bestätigen, dass von keiner Seite gegen ihn und seinen 
Wandel irgend welche Klagen erhoben worden seien-'). Dieses 
vom 10. Sept. 1697 datierte Attest legte David Samuel im 
Januar 1698 seinem Gesuch an den Kurfürsten bei und be- 
tont selbst, dass der Magi.strat es gerne sähe, wenn er in der 
Stadt bliebe, „zumahleu niemand von der gantzen Bürgerschaft 
über mich Klage führen, sondern mich alle gerne leyden 
Können und mögen"-'^). Das so befürwortete Gesuch hatte 
denn auch prompten Erfolg. Nach kaum vierzehn Tagen, am 
5. J'ebruar 1698, wird bereits der kurfürstliche Schutzbrief 
für David Samuel ausgefertigt-^). In seinen Handelsgeschäften 
muss David Samuel bald prosperiert haben. Bereits 1700 
erscheint er als Besitzer eines eigenen Hauses. Als in 
diesem Jahre der Kurfürst von d-en Städten Spezifikationen 
darüber verlangte, „was vor Juden sich in dero Churf. Eanden 
befinden, welche vergleitet und unvergleitet sind, was die- 
selben besitzen und womit sie handeln", berichtet der Rat 
der Neustadt Brandenburg, dass „in dieser Stadt nur ein ver- 
gleiteter Jude, nahmens David Samuel, sich aufhalte und sein 
eigen Haus, welches auf 300 Thlr. etwa in Anschlag gebracht 
werden kann, besitze, davon aber noch über 100 Thlr. schuldig sei, 
überdem aber wenig im Vermögen habe, also dass seine gantze 
Haabseligkeit, nach Abzug dessen, was er schuldig, über 400Thlr. 
insgesambt nicht angeschlagen werden kann, und bestehet 
♦ seine Handthierung in Felle, Haare, so er durch ein paar 
Knaben auf dem Lande sammeln lasset, und der- 
gleichen geringer Schachereye"''*^). 



2') Beilage II. 

") Beilage III. 

") St.-A. 

•°) St.-A. Rep. 21 Nr. 203. 



- 75 — 

Das Erste, wofür David Samuel bald nach seiner Nieder- 
umg Sorge trug, war die Schaffung eines gemein- 
samen Gottesdienstes. Besondere Synagogen zu halten, 
war verboten. David Samuel richtete also ein Zimmer seines 
eigenen Hauses als gemeinschaftlichen Betraum ein, und wir 
finden noch nach zwanzig Jahren die „Cammer im Hause 
David Samuels" erwähnt, in welcher der Gottesdienst statt- 
finde"). Das Haus lag „zwischen den Städten", in dem Teil 
der Hauptstrasse, der von der Havel bis zur heutigen Wollen- 
weberstrasse zieht und früher „Venedig" hiess '-'). Die sicher 
nicht unbeträchtlichen Kosten, welche die Einrichtung und 
Unterhaltung des Bethauses erforderte, bestritt David Samuel 
während mehrerer Jahrzehnte ganz allein'*'). Dass er dabei 
auch das Amt eines Vorstehers ausübte und den Gottesdienst 
selbst leitete und beaufsichtigte, ist selbstverständlich"). Die 
uneigennützige Opferwilligkeit dieses merkwürdigen Mannes 
ging aber noch weiter. Er war es auch, der auf seine Kosten 
einen „Schulmeister" hielt''^) und diesen den übrigen jüdischen 
Einwohnern als Schächter zur Verfügung stellte. Dieser 
Schulmeister fungierte auch beim Gottesdienst als Vorbeter'^'^). 

In besonders interessantem Lichte erscheint David Sa- 
muel durch seine Bemühungen, den moralischen Stand der 
jungen Gemeinde auf einwandsfreier Höhe zu erhalten. Die 
jüdischen Zuzügler mehrten sich. David Samuel aber hatte 
ein wachsames Auge auf jeden, der sich in Brandenburg nieder- 
lassen wollte. Er zog seine Erkundigungen ein, und sobald 
diese ungünstig ausfielen, suchte er die Niederlassung des 
Betreffenden mit allen Mitteln zu hintertreiben. Er wollte 



3') Siehe Beilage VII, Nr. 1. 

'■) „David Samuel, der Jude zwischen den beiden Städten" wird 
er in dem altst. Ratsprotokoll vom 23. März 1703 genannt. 
8») Beilage VII, Nr. 1. 
»♦) Ibidem Nr. 4. 
") Ibidem Nr. 7. 
»«) Ibidem Nr. 8, 



— IC) — 

keine moralisch anrüchigen Existenzen in der Gemeinde haben. 
So berichtet er im März 170:5 dem Kate der Altstadt, „dass 
zwei Juden sich hier setzen wollen, welche beyde im Lande 
verdächtig und der eine seiner Braut entlauflen, deren Mit- 
gäbe mitgenommen und sich in Ziesar gesetzet, habe 5 — 6 
Knechte gehalten und dadurch den König und den Zoll be- 
trogen." Der andere habe in der Hausvogtei gesessen wegen 
Schulden. Der eine Jude heisse Marcus Meyer, der andere 
Marcus Jacob. David Samuel will gegen die Niederlassung 
der Beiden beim König Protest erheben und bittet deshalb 
den Magistrat um ein Attest, „dass Se. kgl. ]\Iaj. ihn mit 
dergleichen bösen Leuthen nicht möchte belegen, sondern 
das kgl. Privilegium auch auf die Altstadt extendiret werde, 
er wolle sich niederlassen und Schutzgeld geben" ^"). Der 
Magistrat leistete seiner Bitte Folge und stellte ihm ein Attest 
aus, in welchem ihm wiederholt seine tadellose Führung be- 
stätigt und zugleich berichtet wird, dass er „insonderheit an- 
fangs viele Verdriesslichkeiten von seinen Nachbarn und an- 
deren" ausstehen musste. Der Magistrat macht ausserdem 
gegen die Niederlassung der beiden Juden noch einige Gründe 
lokaler Natur geltend, die ein bezeichnendes Licht auf die Ge- 
sinnung des Magistrats und auf die Zustände innerhalb der 
Stadt werfen-*'^). In seinem Gesuch an den König kommt 
David Samuel noch ausführlicher auf die bedenkliche moralische 
Qualität des Einen der beiden Juden zurück. Er fürchtet, 
durch denselben mit blamiert zu werden und bittet, nicht zu 
gestatten, „dass dieser fameuse Älensch mit seiner leichtfer- 
tigen Rotte zu meinem grössten Unglück und Kränkung meines 
Ehrlichen nahmens sich allhier niederlassen möge, und ich 
alsdann würde mit entgelten müssen, was sie verschuldet" '^). 
Eventuell erbiete er sich, dafür zu sorgen, dass ein „redlicher 
Mann" sich in der Altstadt niederlasse. Es scheint, dass 

»') Allst. Ratsprotokoll vom 23. März 1703. 
«8) St.-A. Siehe Beilage IV. 
») St.-A. Siehe Beilage V, 



— 77 — 

David Samuels Bemühungen P^rfolg hatten. Die Namen der 
beiden Juden sind weiterhin nicht mehr zu linden'"). 

Weniger glücklich war David Samuel in einer anderen, 
ähnlichen Sache, bei der es sich nicht darum handelte, die 
Niederlassung eines Juden zu verhindern, sondern einen be- 
reits ansässigen aus der Stadt zu entfernen. Mit diesem 
Manne, dessen Name Israel Jacob Joseph, führte David 
Samuel mehrere Jahi'e hindurch einen förmlichen Kampf. Er 
liess sich um das Jahr 1702 in Brandenburg nieder. Einen 
Schutzbrief besass er nicht, sondern berief sich auf die „son- 
derbare Spezialgnade", durch die seinem Vater Jacob Joseph 
in Berlin das Schutzpatent dahin erweitert wurde, dass ihm 
und allen seinen Kindern gestattet sein solle, sich in allen 
Städten der Churmark niederzulassen. Sicherlich haben wir 
in ihm einen Sohn jenes österreichischen Exulanten Jakob 
Joseph zu erblicken, von dessen besonderem Schutzpateut 
König") berichtet. Israel Jacob Joseph liess sich in Branden- 
burg mancherlei zu schulden kommen. Seine Handelsgeschäfte 
waren oft anrüchiger Art, er stand erwiesenermassen mit 
Dieben in Verbindung und übte allerlei „lose Händel". David 
Samuel hat ihn sicherlich zur Rede gestellt und zum Guten 
ermahnt. Aber vergeblich. Israel verklagte ihn beim König 
und verbitterte dem durch Krankheit geschwächten David 
Samuel das Leben, wo und wie er nur konnte. Jacob Joseph, 
Israels Vater, griff selbst in den Streit ein und erreichte durch 
ein Gesuch, dass der König den Magistrat der Neustadt Bran- 
denburg anwies, „Jacob Josephs Sohn Israel als einen ver- 
gleiteten Juden in der Stadt wohnen zu lassen"^'-). Im Januar 

*°) Marcus Mejer, der eine von ihnen, hatte einige Monate später 
in Ziesar mehr Glück. Durch Schutzbrief vom 18. Sept. 1703 wurde er 
„auf Ziesar vergleitet". St.-A. Rep. 21 Nr. 213 Z a. 

*') A. a. 0. S. 133, siehe auch Geiger II, S. 37 und Kaufmann: 
Die letzte Vertreibung, S. 216. König gibt als Datum des Patents den 
4. Juni 1704 an. Nach einer Urkunde unseres Konvoluts ist die Jahres- 
zahl in 1700 zu berichtigen. Jacob Joseph war übrigens einer der 
Armenvorsteher in Berlin. 

*2) St-A. Rep. 21 Nr. 206. 



- 78 — 

des Jahres 1710 erreichte der Kampf seinen Höhei)iinkt. 
David Samuel griü' zu dem letzten Mitte], Er richtete ein 
Gesuch an den König, brachte in eindringlichen Worten seine 
Klagen vor und drängte auf Ausweisung seines Gegners^^). 
In einer Beilage führte er auf Grund eines amtlich beglau- 
bigten Verzeichnisses alle von seinem Gegner bereits ver- 
büssten Strafen auf. Der König verlangte vom Magistrat 
Bericht über die Sache. Der IMagistrat stellte sich auf David 
Samuels Seite, bestätigte, dass Israel keinen Schutzbrief habe, 
dass viel Rühmliches von ihm nicht zu melden sei und er 
deshalb angewiesen werden möge, ,. seine Nahrung anderweitig 
zu suchen." Darauf erging denn der königliche Befehl, den 
Beklagten aus dem Lande zu schaffen. Israel wehrte sich 
energisch, und schliesslich bedurfte es in der Tat nur eines 
nachdrücklichen Hinweises auf die seinem Vater für seine 
Kinder erteilte Konzession ^^), um den Gegner aus dem Felde 
zu schlagen. Der König verfügte, dass Israel in Branden- 
burg bleiben dürfe, sobald er sein Schutzgeld zahle'"'). 

In der kleinen Gemeinde, für deren Gottesdienst und 
sonstige religiöse Bedürfnisse David Samuel Sorge trug, 
stellten sich allmählich Misshelligkeiten heraus. Die gottes- 
dienstlichen Zusammenkünfte wurden nicht regelmässig be- 
sucht, sodass bei der kleinen Zahl von ^Mitgliedern wohl oft 
aus Mangel an der erforderlichen Zehnzahl von Betern der 
gemeinsame Gottesdienst unmöglich wurde. In den Gottes- 
diensten selbst machte sich bei der Vollziehung religiöser 
Funktionen unliebsame Eifersucht geltend; Spenden, die man 
gelobt hatte, waren nicht beizutreiben, die Unterstützung der 
durchreisenden Armen wurde vernachlässigt, hie und da Hessen 
Einzelne sich zum Schächten des Viehes unter Umgehung des 
von David Samuel gestellten Beamten einen fremden Schächter 
holen, zur Besoldung des an den hohen Festtagen benötigten 

") St.-A. Siehe Beilage VI. 

*•) Die Konzession war dem Vater am 31. Dez. 1707 vom König 
nochmals ausdrücklich bestätigt worden. St.-A. Rep. 21 Nr. 2U3a. 
") St.-A. 



— 79 - 

Ililfsvorbeters weigerten sich Manche beizutragen und Aehn- 
liches mehr. Wir gehen wohl nicht lehl, wenn wir die Seele 
dieser Opposition in Israel Jacob Joseph vermuten. David 
Samuel besass nicht die genügende Autorität, um all diesen 
Uebelständen zu steuern und geordnete Verhältnisse herbeizu- 
führen. Es blieb ihm nichts übrig, als sich an die vorgesetzte 
Behörde zu wenden. Das war für alle religiösen Streitig- 
keiten der Rabbiner zu Berlin, dessen Amt um jene Zeit 
(1717) R. Michel Chassid verwaltete. Gerade dieser be- 
sass jedoch, so lange sein Vorgänger Aaron Benjamin 
Wolff lebte, nur die Jurisdiktion über die Juden der Re- 
sidenz, während die Mark dem Spruche des seit 1714 in 
Frankfurt a. 0. lebenden Benjamin Wolff unterstand^''). 
An ihn scheint sich David Samuel gewendet zu haben, und 
zwar mit Erfolg. Wolff begab sich persönlich nach 
Brandenburg zur Inspektion der Gemeindeangelegen- 
heiten. Er überzeugte sich von den herrschenden Miss- 
ständen, vernahm die einzelnen Mitglieder und Hess einen Jeden 
seine Einwände vorbringen. Dann traf er über die einzelnen 
Punkte genaue Anordnungen und spezifizierte dieselben in 
einem Berichte an den Rat der Stadt, den er auf Grund seines 
königlichen Privilegiums bat, auf genaue Ausführung der An- 
ordnungen zu achten. David Samuel, der schon vermöge 
seines lebendigen Interesses und seiner Jahrzehnte hindurch 
geübten Opferwilligkeit eine gewisse führende Stellung in der 
Gemeinde einnahm, wurde durch die Verfügung des Rabbiners 
in dieser Stellung befestigt und vor böswilliger Belästigung 
durch Strafandrohungen gegen die „Verbrecher" geschützt. 
Der Gottesdienst in seinem Hause wurde als offizieller Gemeinde- 
gottesdienst anerkannt. Wer am Sabbat diesem Gottes- 
dienst fern blieb, hatte einen Spezies-Dukaten Strafe 

") Vgl. König, S. 261, Landshuth: üv »ra« nnSin, S. 7 f. Die un- 
gewöhnliche Namensform Arnd Benjamin Wolff, die Landshuth von König 
übernommen hat, beruht sicherlich, obwohl sie tatsächlich auch in Ur- 
kunden handschriftlich zu finden, auf einem Schreibfehler. Unsere Urkunde 
(Beilage VII) zeigt die klare Unterschrift Aaron B. W. 



— 80 — 

zu erlegen, von dem ein Drittel den Armen, zwei 
Drittel dem König zufielen. Zur Bestreitung der Armen- 
unterstützung machte der Rabbi unter den Mitgliedern eine 
Umlage je nach dem Vermögensstand. Die Armenbüchse, 
welche die Beträge aufnahm, sollte jeden Monat ein Anderer 
zu sich nehmen, den Schlüssel zu ihr aber wieder ein An- 
derer. Bei Strafe wurde verboten, durch einen fremden 
Schächter das Vieh schlachten zu lassen. Die Einkünfte dieses 
Amtes sollten vielmehr dem von David Samuel bestellten 
Beamten zur Verbesserung seiner Lage zufallen. Auch für 
den beim Aufrufen zur Thora erteilten Segen {'(^2V^ "c) hat 
Jeder nach seinem Belieben „dem Schulmeister etwas zu 
geben" und zur Besoldung eines Hilfsvorbeters für die hohen 
Feste nach seinen Verhältnissen beizutragen.^") 

Von lauger Dauer scheint aber diese Neuordnung der 
religiösen und Gemeindeverhältnisse nicht gewesen zu sein. 
Die Ungefügigkeit der Mitglieder machte sich bald wieder 
geltend. Die führende Stellung, welche dem David Samuel 
durch die Autorität des Rabbiners ausdrücklich eingeräumt 
war, wurde von den Mitgliedern nicht anerkannt, und wenn wir 
auch von positiven IMisshelligkeiten nichts mehr hören, so 
zeigt doch eine im Jahre 1720 neu getroffene Massregel, dass 
eine gründliche, unter königlicher Bestätigung geschaffene 
Ordnung der Verhältnisse für dringend notwendig erachtet 
wurde. Brandenburg stand offenbar mit seinen zerfahrenen 
Gemeindezuständen nicht allein; ähnliche Klagen kamen 
auch aus anderen Städten der Mittel- und Uckermark. Des- 
halb benutzten fünfzehn jüdische Männer, die „vornehm- 
sten und reichsten Schutzjuden", ihre Anwesenheit in Frank- 
furt a. 0. während der Margarethenmesse, um am 16. Juli 1720 
im Hause des Rabbiners Aaron Benjamin Wolft" unter dessen 
Vorsitz eine Versammlung abzuhalten, in welcher man zur 
Ordnung der Verhältnisse die auf drei Jahre geltende Wahl 
von fünf Parnassim oder Landältesten beschloss. Es 



*') Siehe den Wortlaut des interessanten Aktenstückes Beilage MI. 



- 8i - 

wurden gewählt: Markus Magnus und Bendix Fürst in 
Berlin, David Samuel in Brandenburg', Marcus Samuel 
in Strassburg und Israel Marcus in Biesenthal^'*). Am 
21. August berichtet die Judenschaft der Mittel- und Ucker- 
mark über die vollzogene Wahl an die Regierung und bittet, 
die Wahl „durch königlichen Beschluss zu konfirmieren'' und 
die gewählten Aeltesten zu autorisieren, „dass mit einmahl 
die bisher unter uns gewesenen Unordnungen wieder in guter 
Ordnung gebracht werden mögen'"''). Die Regierung selbst 
war um jene Zeit auch ihrerseits mit einer gründlichen Unter- 
suchung des gesamten „Judenwesens" in der Mark beschäf- 
tigt. Infolge einer am 3. April 1720 ergangenen königlichen 
Verordnung waren in allen Gemeinden durch geheime Räte ge- 
naue Erhebungen angestellt worden. Man hatte die einzelnen 
Gemeindemitglieder selbst vorgeladen und vernommen, offen- 
bar um einen möglichst tiefen Einblick in die Auflassung zu 
gewinnen, welche bei den Juden selbst über ihre Verhältnisse 
vorwaltete. Man scheute selbst vor dem überaus umständ- 
lichen Geschäft nicht zurück, die von der Regierung vorge- 
schriebenen vierundvierzig feststehenden Fragen jedem 
Mitgliede der Gemeinde einzeln vorzulegen. Das Endresultat 
dieser Erhebungen war die Konstatierung der Tatsache, dass 
das Judenwesen in der Mark sich „in grosser Confusion" be- 
finde. Der Regierung war es darum sehr willkommen, dass 
die Juden ihr durch jene Frankfurter Versammlung selbst in 
die Hände gearbeitet hatten. Sie erklärte durch ein Edikt 
vom 17. Oktober die Bestellung von Aeltesten „und anderen 
Vorstehern" für durchaus notwendig und bestätigte ausdrück- 
lich die im Einverständnis mit dem Rabbiner vollzogene Wahl 
jener fünf Landältesten. Als ihre Aufgabe wurde be- 
zeichnet: „Haben auf Ordnung zu achten, des Königs Inter- 
esse zu wahren, Spezifikation von Zahl, Zustand und Vermögen 
der Juden zu fertigen und beim Minister abzuliefern, die Ab- 



") St.-A. Rep. 21 Nr. 206. 
«) Ibidem. 



- ^2 - 

fiihrung der Gelder zu kontrollieren, die Niederlassung fremder 
Juden bei 100 Dukaten Strafe zu verhindern, die Anlagen 
mit Zuziehung des Kabbiners zu machen"^'"). 

üie Wahl David Samuels für den havelländischen 
Bezirk lässt auf das grosse Ansehen schliesseu, das dieser 
Mann sich zu erringen verstanden hatte. Dass er zu den 
„reichsten Schutzjuden" gehörte, bestätigt uns seine eigene 
Angabe, er besitze ein Vermögen von 4000 Tal ern mit „llaab 
und üuth'", worunter zwei Häuser, das eine im Werte von 
700, das andere im Werte von 300 Talern. Im Verlaufe von 
zwanzig Jahren hatte David Samuel also sein Vermögen ver- 
zehnfacht und zu seinem ersten Hause noch ein zweites, 
wertvolleres hinzuerworben, und während er 1700 mit „Fellen 
und Haaren'', handelte er 1720 mit „allerhand Ellen- Wahre, 
Silber und Goldt'''^'). Zufällig sind wir auch in der Lage, 
die Abgrenzung des Bezirks, für welchen sein Vorsteheramt 
Geltung hatte, genau zu kennen. Er ergreift bei einer spä- 
teren Vernehmung der Brandenburger Juden (s. weiter S. 85) 
das Wort, und zwar in seiner Eigenschaft „als Aeltester der 
Judenschaft allhier wie zu Beelitz, Pottsdam, Brietzen, 
Spandow, Rathenow, Nauen, Ziesar, Pritzerbe und 
Friesack"^-). 

Ueberaus willkommene Aufschlüsse über die Gemeinde- 
verhältnisse in Brandenburg gibt uns das ausführliche Akten- 
stück, in welchem die Antworten der Brandenburger Juden 
auf die 44 Fragen niedergelegt sind ^^'). Die Vernehmung fand 
am 25. und 2(j. April 1720 vor dem Geheimen Bat Schöne- 
beck statt. Fünf mit Schutzbriefen versehene Juden wurden 
befragt: David Samuel, Israel Jacob, Juda Michel^^), 



^) Ibidem. 

") Siehe Beilage VIII, Frage 9, 10 und 11. 

") S. Beilage IX. • 

•') St.-A. Rep. 21 Nr. 203 a, s. Beilage VIII. 

•*) Juda Michel war der Schwiegersohn David Samuels und hatte 
1712 auf ein vom Magistrat befürwortetes Gesuch seines Schwiegervaters 
den Scbutzbrief erhalten. St.-A. 



— 88 -^ 

Ezechiel IsraeT^'^) und Simsou Jacob'"). Besonders klar 
lässt sich aus ihren Antworten der Antagonismus herauslesen, 
der gegen David Samuel bestand. Auf die Frage: „Ob die 
Juden unter sich Vorsteher haben?" ist als Antwort David 



") Ezechiel Israel war ein Verwandter dea Berliner Oberälteateu 
Marcus MagniiB (Geiger II, S. H8ft'.). Im Jahre 1710 wurde diesem ge- 
atattet, sieben Schutzbriefe für Verwandte ausfertigen zu lasaen. Unter 
ihnen war der dea Ezechiel Israel für Brandenburg. St.-A. 

") Simson Jacob wohnte in der Altstadt. Im altst. RataprotokoU 
vom 1. November 1703 wird berichtet, dass ihm, dem „bei H. Nörtzach 
sich aufhaltenden Juden das Künigl. Allerguäd. Edict wegen dea Jüden- 
gebetha Alenu leschabbeach, und vermöge deaaen aie die darin speci- 
ücirte Formalia hinkünfltig auslassen sollen, von Wort zu Wort vorgelesen, 
und ihm ein Exemplar davon eingehändiget worden". Es handelt sich 
hiebei um das auf die Anzeige eines gewissen Franz Wentzel erfolgte 
Edikt vom 28. August 1703, nach welchem den Juden verboten wurde, 
in dem Gebete nacS u'Sv die Worte '?«'? cSSenoi pni 'janS n^inntrra cntr 
J^'tpv kS auszusprechen, weil man in ihnen eine Lästerung der christlichen 
Lehre vermutete. Vgl. König S. 140 ff., Auerbach: Geschichte der Juden 
in Halberstadt, S. 166 ff. In einzelnen Städten wurden sogar Aufseher 
angestellt, die in der Synagoge darauf zu achten hatten, dass jene Stelle 
ausgelassen würde, vgl. Jolowicz: Geschichte der Juden in Königsberg 
i. Pr., S. 100. Noch einige andere Nachrichten von allgemeinem Interesse 
knüpfen sich an den Namen dieses Simson Jacob. So belehrt uns ein in 
den altst. Rathsprotokollen vom 14. Januar 1716 sich findender Bericht 
über die Art, wie die Judensteuern beigetrieben wurden. In Brandenburg 
war ein „von der Judenschaft aus Berlin zur Einhohlung der bey denen 
im Lande wohnenden Juden annoch ausstehenden Contirmationsgelder ab- 
gefertigter Bote" erschienen, um von Simson Jacob einen Restbetrag von 
14 Th. 12 Gr. einzuziehen. Der Magistrat Hess Simson Jacob vorladen. 
Der Jude protestierte; er sei zu hoch eingeschätzt, die andern zahlten 
viel weniger Er müsse, ehe er zahle, seine Sache nochmals den mit der 
Einschätzung betrauten Aeltesteu vortragen. Der Magistrat aber gibt 
hierzu erst dann seine Einwilligung, nachdem Simson Jacob „ein Pfandt 
von Juden Kleidern auf 14 Th. 12 gr. versiegelt" deponiert hatte. 
1740 richtete Simson Jacob ein Gesuch an den König, ihm die Nieder- 
lassung in Berlin zu gestatten, „weil der grosse Gott mich und meine 
Frau in iinserm Alter mit vielen, schweren Krankheiten heimsuchet, die 
uns wenig oder gar nicht vom Bette kommen lassen und es uns dann in 
Brandenburg an benöthigter Ptlege und Handreichung fehlet, zumahl wir 
auch keine Kinder oder andere Angehörige haben", in Berlin könnten sie 



— 84 — 

Samuels registriert: „Er solte es wohl seyu, aber sie 
wollten ihn nicht dafür respektireu." Die anderen vier, 
merkwürdigerweise sogar David Samuel's Schwiegersohn, ant- 
worten schlankweg: ,,Nein!'' Man sieht, wie wenig die 
Anordnungen des vorgesetzten Rabbiners beachtet wurden. 
Dabei können sie die Autorität des Rabbiners nicht ableugnen, 
sondern antworten auf die Frage, wie weit diese Autorität 
sich erstrecke: ,,In allen Ceremonien und Gottesdienst" bzw. 
„der König habe ihm Recht gegeben zu richten bis auf 
Criminalsachen." Ja, sie müssen der Wahrheit gemäss sogar 
zugeben, dass der Rabbiner zuweilen Geldstrafen über sie 
verhängt habe, und wie das reumütige Geständnis ertappter 
Schulknaben hört es sich an, wenn sie auf die weitere Frage, 
in welchen Fällen solche Strafen verhängt worden seien, ant- 
worten: „Wenn wir nicht gehorsam waren", bzw. „wenn 
man nicht recht gethan", während aus der betreffenden Ant- 
wort David Samuels das ganze gekränkte Ehrgefühl eines 
mit Undank belohnten Menschen hervorzutönen scheint. Er 
sagt: „Ueber ihre Aufsätze,'" d. h. wegen ihrer Aufsässig- 
keit! Der Beamte, den sich die kleine Gemeinde zur Voll- 
ziehung der religiösen Funktionen hielt, und den David Samuel 
lange Jahre allein besoldet hatte, wurde 1720 bereits aus 
gemeinsamen Mitteln besoldet. Er bezog ein Bargehalt von 
dre issig Talern jährlich und genoss ausserdem ,,freyen 
Unterhalt au Essen und Trinken". Er war auf halbjährige 
Kündigung angestellt und bedurfte deshalb auch keines Schulz- 
briefes ^'). In der Tat scheint man die Person des Beamten 
oft gewechselt zu haben. 1721 ist sein Name Latzarus 
Hirsch^^), 1723 heisst er Levin'^-'). Ausserdem hielten sich 



„eher als hier Medicos consultiren und gute Medicin bekommen". Das 
Gesuch wird abgelehnt, „weilen die in Berlin festgesetzte Zahl derer Ein 
Hundert und zwanzig Juden-Familien complet ist". St.-Rep. 21 Nr. 
207 b 2. 

»') S. Beilage YlII, Fragen 22—27. 

") S. Beilage IX. 

") Laut Bericht des Kriegsdomänenrat Reinhard (St.-A. Rep. 21 



— 85 — 

Ezechiel Israel und licnjamin David, David Samuela Sohn, 
auf ihre eigene Kosten einen „gelehrten Juden, um sie 
in etwas in ihrem Talmud zu unterrichten*^")." 

Im Jahre 1721 fand auf Grund eines kgl. Reskripts 
nochmals eine Vernehmung, wiederum durch den Geh, Rat 
Schönebeck, statt, bezog sich aber nur auf die „publiquen 
Bedienten^' und auf die Abgaben, Religiöse Beamte sollten 
nur mit spezieller königlicher Konzession geduldet werden. 
Auf die Frage, „Avas vor Bediente an Abkähler, Schulmeister 
p. p. sie allhier annoch nöthig hätten", erklärte David Samuel 
als Vorsteher, die Gemeinde sei versorgt, nur einen Toten- 
gräber würden sie wohl bald, wenn die Gemeinde wachse, 
nötig haben, während sie bis jetzt das Bestatten der Toten 
selbst bewerkstelligten. Von Interesse ist die Aufstellung 
der Beiträge, die von den Einzelnen zu der grossen Juden- 
steuer von 20000 Talern'^') geleistet wurden. David Samuel 
und sein Schwiegersohn Juda Michel zahlten je 6 Th,, Ezechiel 
Israel 4 Th., Simson Jacob 3 r und Israel Jacob 1 r. 

In der Stadt selbst waren die Juden trotz dieser drücken- 
den staatlichen Abgaben von den Steuern keineswegs befreit, 
Sie zahlten wie alle anderen „Bürger" ihre „onera realia et 
personal ia" ''■-'), Gleichwohl wurden in gewissen Zwischen- 
räumen immer wieder Klagen der christlichen Kaufleute über 
die unbequeme Konkurrenz der Juden laut. Eine solche Klage 
erhob z. B. im Juli 1722 die „Krahmergilde" beim Magistrat. 
Sie führte „über die allzusehr wachsende Anzahl der Juden" 
Beschwerde und beantragte, den Juden nur bestimmte Artikel 



Nr. 203a). Der Beamte führte den Namen „Koller" oder auch „Ab- 
kähler" (s. Beilage IX), beides „Schächter" bedeutend, von „kehlen, ab- 
kehlen," d. h. die Kehle abschneiden. Wie ich höre, gebrauchen die 
russischen Juden heute noch für „schachten" den Ausdruck „kehlen". 

«") St.-A. Rep. 21 Nr. 203 a. 

") Am 23. Mai 1720 hatte sich nämlich eine Deputation aller 
märkischen Juden erboten, anstatt der alljährlich zu leistenden 3000 lieber 
in sieben Jahren 20000 Taler aufzubringen. Der König nahm dieses 
Anerbieten am 28. Mai an. St.-A. Rep. 21 Nr. 203. 

") S. Beilage IX, 



— S6 — 

zum Handelsbetrieb zu überlassen. Besonders scheint ihnen 
David Samuel mit seiner geschäftlichen Rührigkeit im Wege 
gestanden zu haben. Der Magistrat beschloss, eine städtische 
Kommission einzusetzen, die alle seit 1713 in Brandenburg 
angekommenen Juden „vorlbrdern", sich ihre Privilegien 
zeigen lassen und feststellen soll, „wie viele sich gemehret". 
Die „Krahmergilde" aber soll ihre „gravamina durch klare 
Beweise belegen und genau angeben, was für wahren sie den 
Juden zu lassen iutentioniret, in specie die gegen David Sa- 
muel geführte Beschwerde genau zu examiniren, jedoch die 
Juden mit ihrer Nothdurfft darüber zu hören'" ''•'). 

Die Anzahl der vergleiteten Juden nahm in Branden- 
burg nur sehr langsam zu. 1722 kam zu den fünf erwähnten 
noch David Samuels Sohn Benjamin, der in diesem Jahre 
heiratete und auf den David Samuel sein Privilegium über- 
tragen Hess. In dem betreffenden Gesuch nennt sich David 
Samuel einen „alten Schutzjuden", der „schwach und öfters 
kränkelnd" sei. Die letzte Nachricht, welche ich über ihn 
auffinden konnte, stammt aus dem Jahre 1727. Eine könig- 
liche Verordnung dieses Jahres gestattet ihm und den übrigen 
Landältesten, die abzuführenden Gelder, wie sie durch Ke- 
partition bestimmt sind, von säumigen Schuldnern durch 
Exekution beizutreiben '^'). Benjamin David starb bereits 
nach kurzer Ehe im Jahre 1728. Ob der greise Vater den 
Schmerz, am Grabe des Sohnes zu weinen, noch erleben 
musste, wissen wir nicht. Wenn auch das Geschlecht dieses 
Gründers der Gemeinde in der männlichen Linie ^■') mit seinem 



**) Stadtarchiv: Resolutionsprotokolle der Gesamtstadt, Codex G 8, 
S. 676 f. 

") St.-A. Rep. 21 Nr. 203. Marcus Magnus und Bendix Fürst 
aus Berlin hatten ein entsprechendes Gesuch an den König gerichtet. 

•') Auf Grund der in St.-A. befindlichen Urkunden und ihrer Er- 
gänzung durch das Sterberegister der Gemeinde ist mir der Nachweis 
gelungen, dass von David Samuel in der weiblichen Linie die Familie 
Jolenberg abstammt. Aus der Ehe von Juda Michels Tochter Golde 
mit Michael Abraham (1740) gingen zwei Söhne hervor, Joel Michael und 
Abraham Michael; beide nannten sich nach 1812 Jolenberg. Von Joel 



— Ö7 — 

Sohne ausstarb, so blieb dennoch das weitere Schicksal der 
Gemeinde insofern mit ihm verknüpft, als die Witwe seines 
Sohnes im Jahre 1729 den ]\Iann heiratete, der während der 
nächsten Jahrzehnte an die Spitze der Gemeinde trat und in- 
nerhalb der märkischen Judenschaft eine nicht minder her- 
vorragende Stellung errang, als sie David Samuel besessen 
— Selig Salomon. 



Michaels Sohn Simon stammt der jetzige StaiUverordnete in Charlotten- 
burg, Leopold Jolenberg. Abraham Michael Jolenberj^ starb 1818 als „Ge- 
lehrter" eines plötzlichen Todes, 3. über ihn weiter. 



IV. 

Die Entwiekelung der Gemeinde 

und ihrer Institutionen. 

1729-1855. 



I\rit dem Beginne der dreissiger Jahre nahm die Ge- 
meinde an Mitgliederzabi zu, und zwar verdankte sie ihr 
Wachstum der auch sonst bezeugten eigentümlichen Oeptlogen- 
heit König Friedrich Wilhelms I., Judenprivilegieu zu 
verschenken. So erhielt 1731 ein ausgedienter Soldat für 
treu geleistete Kriegsdienste ein solches Privilegium als Ge- 
schenk'). Er verkaufte es an den Juden Levin Abraham 
zu Brandenburg. Ebenso „verhandelte" Herr von der Groe- 
ben, Lieutenant im Kronprinzenregiment, eines der vier 
Judenprivilegien, die ihm der König „zum Bau eines Hauses 
auf der Friedrichstadt in Gnaden gespendet'', im Jahre 1735 
an den Brandenburger Juden Simon Levin'^). Aus dem- 
selben Jahre stammt auch das dem Isaac Lazarus ver- 
liehene Privilegium, welches der König dem Commissarius 
Salamon „für gelieferte Rekruten gratis ertheilt hatte und 
worauf dem Regiment Geld zur Werbung avanciret worden"^). 
Zu besonderer Bedeutung aber kam unter den Brandenburger 
Juden der bereits erwähnte Selig Salomon, der Stammvater 
der P^'amilie Sellow. Er war Geldverleiher und Armee- 
lieferant und stand mit den höchsten Herrschaften in Geschäfts- 
verbindung. In mannigfacher Beziehung interessant ist die 
Geschichte eines Gesuches, das er um 1735 an den König 
richtete, „es möge ihm gestattet werden, sich in der Neustadt 



') St.-A. Das Gesuch, in welchem der Petent einen besonderen 
Trumpf mit dem Anerbieten ausspielt, „zwei grosse Leute anhero 
zu schaffen", weil er sicher die bekannte militärische Liebhaberei 
Friedrich Wilhelms L zu schätzen wusste, siehe Beilage X. 

2) St.-A. 

*) Dieser Isaac Lazarus ist der Urahn der heute noch in der Ge- 
meinde lebenden Familie Lazarus, 



— 92 — 

Brandenl)urg mit einem Hause possessionirt zu machen." Als 
Grund für seine Bitte macht er geltend: „Als Ew. kgl. Ma- 
jestät General-]\Iajor, des Herrn Graf Truchsess v. Waldbourg 
Exzellenz, sich meiner Dienste in verschiedenen Angelegen- 
heiten zum Besten seiner Regiraentskavallerie zeither bedienen, 
und mir einige Gelder anvertrauen wollen, so haben sich die 
negotia daran zu accroichiren geschienen, dass ich nicht pos- 
sessioniret wäre." Der Magistrat, um seine ]\Ieinung befragt, 
berichtet, es hätten zwar früher zwei Juden hier Häuser er- 
worben, welche sie noch jetzt besässen, aber seit 1719, wo 
den Juden der Erwerb von Häusern verboten wurde, habe 
keiner mehr ein Haus kaufen können. Im Uebrigen macht 
der Kat, die gute Gelegenheit benützend, darauf aufmerksam, 
„dass hiesigen Orts sich noch verschiedene wüste Stellen 
befinden, wovon ein geraumer Platz nahe bei des Supplikanten 
Wohnung belegen, und sind wir dahin angewiesen, dass solche 
wüste Stellen auferbauet werden möchten." Selig Salomon 
aber antwortet auf diesen Wink voll Entrüstung, man könne 
ihm nicht zumuten, „hinter der Mauer" zu wohnen, da er 
„viel Verkehrung mit Officiers und Soldaten habe"; er macht 
geltend: „So ich nach des dasigen ]\Iagistrats Relation hinter 
der Mauer angewiesen werden sollte, wozu ich mich aber 
nicht entschliessen kann, so würde es geschehen, dass ich die 
Lieferung an das wohllöbl. Truchsess'sche Regiment nicht 
thun könnte, ja kein Officier und sonst jemand wird mich da- 
selbst suchen, infolglich werde ich dadurch ruiniret." Gleich- 
wohl wurde das Gesuch abgelehnt'). Ob ein erneutes Gesuch, 
in welchem Selig Salomon sich zur Zahlung von 20 Talern 
an die Rekrutenkasse erbot, mehr Erfolg hatte, ist aus un- 
serem Konvolut nicht zu ersehen; Salomon muss aber jeden- 
falls späterhin dennoch ein Haus erworben haben, denn sein 
Sohn Salomon Selig, der spätere Vorsteher Sellow, erhielt am 
7. Juni 1791 eine königl. Konzession, das von seinem Vater 
ererbte Haus erb- und eigentümlich zu besitzen.-') Selig Sa- 

*) St.-A. 

») Stadtarchiv: Acta a J I Nr. 25. 



- M - 

lomon trat nicht nur als Vorsteher an die ,Sj)itze der Oe- 
nieinde; er f^ewaun auch innerhalb der märliischeu Judensciiaft 
steigenden Eintluss^ so dass ihre Vertreter ihn einmütig zum 
Kas sierer ,, aller praestandorum^', d. h. aller von der Juden- 
schaft der Mark aufzubringenden Gelder wählte. Hier in 
Brandenburg kamen deshalb auch die Kabbineu und Aeltesten 
zur Repartierung der vSteuern zusammen, oder, wie es in der 
Sprache der Zeit heisst, „zur Verl'ertigung der jüdischen An- 
lagen"^). Als im Jahre 1737 Selig Salomons Frau, die ein- 
stige Schwiegertochter David Samuels, die Uebertragung ihres 
Privilegiums auf ihren Gatten betrieb, stellten ihm die übrigen 
r.andällesten, Bendix Fürst an der Spitze, ein schmeichelhaftes 
Zeugnis aus, das denn auch die Uebertragung des Privilegiums 
zur Folge hatte'). Selig Salomon, dessen Name in den älte- 
sten Gemeindeakten stets obenan zu finden (er schrieb sich 
l*"2 yhv'), starb 1790 in hohem Alter''). 

Die frühesten Gemeinde-Einrichtungen galten, neben dem 
Gottesdienst, der Sorge für die Toten. Der erste Begräb- 
nisplatz „vor dem St. Annenthor'"-') ist bereits um 1720 festes 
Eigentum der Gemeinde. Es war ein kleiner Fleck hinter 
dem heutigen neustädtischen Schützenhause. Bis zum Anfange 
des 19. Jahrhunderts standen dort noch einige später abhanden 
gekommene Leichensteine, und der Platz führte lange Zeit 
den Namen „alter Judenkirchhof". Späterhin wurde er durch 
die Bemühungen von Moses Pintus iu einen Hügel verwandelt 
und mit einer lebenden Hecke umgeben. Leider konnte nicht 
verhindert werden, dass die Stelle allmählich zum Schlupf- 
winkel für allerlei Gesindel wurde, weshalb man die Planier- 
ung für ein geringeres Uebel hielt und auf Anregung der 



«) Siehe Geiger I, S. 46 und II, S. 119. 

') St.-A. Siehe Beilage XI. 

*) Die Gemeinde bewahrt heute noch ein von ihm und seiner Frau 
im Jahre 1760 gestiftetes, in prachtvoller Goldstickerei ausgeführtes Po- 
rauches, das jetzt als Trauhimmel (Chuppa) benutzt wird. Seine Grab- 
schrift sagt von ihm: n:non ;'n2ai djid ai ;ot n'n. 

») Siehe Beilage YIU, Frage 29. 



^ 94 - 

neustädtischen Schützengilde hin im Jahre 1901 auch aus- 
führte. Zugleich wurde der l^latz durch das Katasteramt mit 
Grenzsteinen versehen. Das \\'achstum der Gemeinde machte 
im Jahre 1747 die Erwerbung eines neuen, grösseren Begräb- 
nisplatzes notwendig. Es war Isaac Lazarus, der im Namen 
der Gemeinde und mit ausdrücklicher Zustimmung des Ma- 
gistrats von dem Forstmeister Feska die Hälfte eines gleich- 
falls vor dem St. Annenthor gelegenen Ackerstückes für 
hundert Taler „zur Aptirung eines Kirchhoffes" für die Ge- 
meinde kaufte'"). Es ist dies der heute noch als Begräbnis- 
stätte dienende, später erweiterte") Platz neben der städtischen 
Gasanstalt in der Schützenstrasse. Der älteste Grabstein vom 
Jahre 1756 (Reihe II, Nr. 22), ist der des Nathan David 
(s. weiter). Im Jahre 1737 stellte sich das Bedüi'fnis heraus, 
für die bei Krankheits- und Sterbefällen zu verrichtenden 
Dienste einen verheirateten Gemeindediener anzustellen, 
einen „beweibten Bedienten", wie der Ausdruck der Zeit 
lautete. Seiner Frau bedurfte man zur Beaufsichtigung des 
rituellen Bades, das also damals bereits eingerichtet war, sowie 
zu den rituellen Waschungen weiblicher Leichen, Ceremonieu, 
welche „sich unsere Weiber zu verrichten Abscheu tragen". 
In einem beweglichen Schreiben an den König wird die Er- 
laubnis zur Anstellung eines solchen Beamten nachgesucht 
und besonders um das Recht gebeten, „wenn uns dergleichen 
Bedienter nicht ferner anständig, ein anderer an dessen Stelle 
angenommen werden möge'"'-). Das Gesuch ist unterzeichnet: 
„Jacob Michel, Nathan David, Selig Salomon, Simsou Jacob und 
übrige privilegirte Juden zu Brandenburg." Der Magistrat wird 
aufgefordert, sich zu äussern. ,,ob es dessen bedürftig, auch über 
die vorgeschlagene Persohn dortiger Judenschaft'').'" Genaueres 
erfahren wir nicht. In den nächsten Jahren aber müssen sich 



'■) Das vom 4. September 1747 datierte Verkaufsdokument, das 
älteste Aktenstück des Gemeindearchivs, befindet sich in Convolut 22. 
") Siehe weiter Teil V, Nr. 5. 
'-) St.-A. Siehe Beilage XII. 
•") St.-A. 



- y5 - 

nach uralter jüdischer Sitte einzelne Männer aus der Gemeinde 
zu einem Verein zusammengetan haben, der seinen Mitgliedern 
die Ausübung von Liebespllichten an Kranken und Toten vor- 
schrieb. Denn die früheste Nachricht über einen solchen Verein, 
aus dem Jahre 1767 stammend, erzählt ausdrücklich von ..neuen 
Statuten", die für den Verein Bikkur cholim geschaffen 
seien. Die Einkünfte des Vereins bestanden aus dem Ertrag der 
in der Synagoge aufgestellten Sammel-Büchse (XD2 jr;:), aus den 
am Montag und Donnerstag nach der Thoravorlesung in der 
Synagoge veranstalteten Sammlungen sowie aus den Geldern, 
welche bei Todesfällen an die Vereinskasse zu zahlen waren 
(für ein Kind 8 Groschen, für einen Erwachsenen 2 Reichs- 
taler). An der Spitze des Vereins standen zwei auf je drei 
Jahre gewählte Vorsteher, deren einer lange Jahre hindurch, 
bis zu seinem 1798 erfolgten Tode Lazarus Isaac, Sohn 
des Isaac Lazarus, gewesen ist. Abgesehen von der geschäft- 
lichen Leitung des Vereins war es Pflicht der Vorsteher, sich 
in Krankheitsfällen, sei es bei Einheimischen oder bei Durch- 
reisenden, in geeigneter Weise um die Pflege des Kranken zu 
bemühen. Fremde, die erkrankten, mussten aus der Vereins- 
kasse versorgt werden. Wenn sich zur Krankenwache bei 
Fremden ein Mitglied der Gemeinde nicht bereit finden liesa, 
sollte irgend einer aus der Vereinskasse mit 4 Groschen für 
die Wache bezahlt werden. Dagegen waren die Mitglieder 
des Vereins, sechs an der Zahl, bei Einheimischen zur 
Krankenwache verpflichtet und wurden durch das Los dazu 
bestimmt. Der Kasseubestand belief sich in diesem Jahre 
der Neugründung, 1767 •^), auf 15 Taler und 22 Silbergroschen. 
Alle diese Festsetzungen wurden unter ausdrücklicher Zu- 
stimmung der ganzen Gemeinde entworfen, deren elf 



") In einem von der Hand des Moses Pintus herrührenden deutschen 
Auszug (Gemeindeakten, Conv. 13) ist die Jahreszahl sowohl in dem Statut 
als auf der ersten Seite des Kassabuches falsch gelesen und daher 1766 
als Jahr der Neugründung bezeichnet. Dass T'Dpn gelesen werden muss, 
ist aus der ausgeschriebenen Jahreszahl n'oSpn ersichtlich, die das Jahr 
angibt, bis zu welchem die auf drei Jahre gewählten Vorsteher amtieren sollen. 



- 9d -- 

Mitglieder das betreffende Schriftstück unterschrieben. Eine 
wortgetreue Kopie des (nicht erhalteneu) Originals hat der 
damals fungierende Gemeindebeamte. Rabbi Chajim (Jakob 
Heiuemann)''^) auf das erste Blatt des Chewrabuches "') ein- 
getragen''). 

Werfen wir hier gleich einen Blick auf die weitere 
Entwickelung des Vereins. Bereits im Jahre 1770 erbaute er 
aus eigenen Mitteln auf dem Friedhofe ein Leichenhaus 
mit einem Kostenaufwand von 331 Talern und 19 Sgr'*). 1782 
war infolge einer Epidemie eine starke Abnahme des Ver- 
eins zu beklagen, weshalb man, um einer völligen Auflösung 
vorzubeugen, in einer Versammlung beschloss, dass alle Ge- 
meindemitglieder je nach ihrem Vermögensstand zu Gunsten 
der Vereinskasse „Pletteu schreiben", d. h. bestimmte Bei- 
träge zahlen sollten. Ein undatiertes, vermutlich aus dem 
Jahre 1780 stammendes, neues Statut gibt über die Pflichten 
der Vereinsmitglieder bei der Totenbestattung Aufschluss: 
Alle Verrichtungen sollen nach Vorschrift, in würdiger Weise 
vorgenommen werden. Nur Vereinsmitglieder dürfen die 
Waschung und Bestattung der Leichen vollziehen. Speziell 
das Einlegen der Leichen in die Gräber soll durch die 
ältesten Mitglieder in Verbindung mit den unverheirateten 
geschehen, die dadurch in das fromme Tun eingeführt werden. 
Zur Anfertigung des Grabes und des Sarges ''■') bestimmt der 
Vorstand nur Mitglieder, auch setzt er die Grabstelle fest 
und erhebt von fremden Leichen Grabgelder, die der Vereins- 
kasse zufliessen. Es waren besonders die Leichen aus den 
kleinen Gemeinden der benachbarten Orte, Ziesar, Görz.ke, 



'*) Siehe über ihn weiter. 

'*) Wir bezeichnen dieses Buch im folgenden stets als „altes 
Chewrabuch." 

") Siehe Beilage XIII. 

'*) Eine spezifizierte „Ilauptrechnung" über die Baukosten ist im 
alten Chewrabuche S. 24 und 26 aufgestellt. 

") S. hierüber weiter Teil V, Nr. 6. 



— i-)7 — 

l'laue'"'), lurdie solche Grabgelder gezahlt werden mussten^'^j. 
Endlich waren die Älilglieder bei einem Tal er Strafe ver- 
l)tlichtet, sich allsabbatlich eine Stunde vor dem Minchagebet 
zu einem religiösen Vortrag einzufinden, der beiden ein- 
zelnen Mitgliedern je G Monate lang abwechselnd stattfand 
und für den der IJeamte ein Honorar von G Talern jährlich 
bezog. Der Verein, der jetzt den Namen cSin '\)p2 hz* mzn 
cnon mS'CJT führt, sucht in dem neuen Statut namentlich aucii 
seine Unabhängigkeit gegenüber der Gemeinde zu wahren-'). 
Nach Lazarus Isaac's Tode ging das Amt des Vorstehers im 
Jahre 1798 auf Pintus Ezechiel-'-) über, der es bereits 
1801 an Simon Nathan Samuelsohn abtrat, um selbst das 
des Rendanten zu übernehmen. Um das Jahr 1816 stand 
Lew in Simon und etwa von 1820 an Moses Pintus an 
der Spitze des Vereins, dessen Verhältnisse aus dem mit 
peinlicher Genauigkeit in jüdisch-deutscher Sprache bis zum 
Jahre 1829 geführten Kassabuch ersichtlich sind--^). 

Eine besonders bedeutsame Rolle spielt in der Gemeinde 
die Geschichte der Synagoge und des Synagogengruudstückes. 
Die merkwürdigen Umwege, auf denen die Schaffung und 
Aufrechterhaltung eines gemeinsamen Betraumes erfolgte, 
werfen ein bezeichnendes Licht auf den Zwiespalt, in den 
unsere Vorfahren dui'ch das Verbot, Häuser zu besitzen und 
Synagogen zu halten, hineingedrängt wurden. Bald nach David 
Samuels Tode, um das Jahr 1729, muss bereits auf dem 
Grundstück in der grossen Münzenstrasse Nr. 718 ein 



^"a) Pritzerbe, wo um 1710 bereits 7 jüdische Familien wohnten, 
hatte einen eigenen Friedhof. Salomon Wolf in Pritzerbe bittet 1738 um 
die Erlaubnis, einen Totengräber anzustellen. St.-A. Rep. 21 Nr. 211 p. 

2*) Eine Aufstellung im alten Chewrabuch gibt für die Jahre 1767 
bis 1826 eine Gesamtsumme von 874,9 Talern als Erlös von Grabgeldern 
für fremde Leichen an. 

-') Siehe Beilage XIV. 

2-j Urahn der Familie Pintus. 

^') lieber die Neubegründung der Chewra im Jahre 1864 s. weiter 
Teil V, Nr. 6 a. 

7 



— 98 — 

Zimmer als Betraum der Gemeinde gedient haben -^). Um nun 
ihren wachsenden Bedürfnissen zu genügen und sich eine Art 
von ßesitzrecht an dem Grundstück zu verschallen, lieh die 
Gemeinde im Jahre 1736 den Daniel Voigt'scben Eheleuten 
ein Kapital von 275 Talern zu 6 l^rozent Zinsen zum Ankauf 
des auf dem Grundstück befindlichen Hauses, das für die 
Summe als Ilvjtolhek eingesetzt wurde-'). Sicherlich war mit 
den Voigt'schen Eheleuten die Vereinbarung getroffen worden, 
dass die Gemeinde, wenn auch nicht fnktische, so doch no- 
minelle Besitzerin des Grundstückes werden sollte. Es hat 
aber schliesslich fast hundert Jahre gedauert, bis die Ge- 
meinde den rechtlichen Besitztitel auf das Haus definitiv er- 
hielt. Die einzelnen, überaus wcchselreichen, nnmentlich 
durch den Synagogenbau sich komplizierenden Phasen dieses 
langwierigen Kaufgeschäftes werden im Folgenden noch be- 
rührt werden. Zwanzig Jahre nach dem Abschlusö jenes 
Scheinkaufes machte sich das Bedürfnis nach einer Erweite- 
rung des Betraumes fühlbar. Vermutlich hatten die Voigt'schen 
Eheleute bisher in dem Hause gewohnt; jetzt aber, am 7. 

^*) Dies ergibt sich aus dem im Jahre 177 9 von den Aeltesten 
erhobenen Einwand, dass die Gemeinde in Bezug auf ihren in jenem 
Hause betindlichen Betraum seit fünfzig Jahren durch ein altes 
Recht geschützt worden sei. Siehe Beilage XV. 

"j Die betreffende Eintragung im Hypotheken - ProtokoUbuche hat 
folgenden Wortlaut: 

Actum den 12. Juni 1736. 

Daniel Voigt und dessen Ehefrau Catharine Sophie Keyen beide 
in Person berichten, dass die hiesige Judenschaft ihnen zur Erkaufung 
Martin Keyen Hause zweihundert fünf und Siebenzig Thaler haaren 
Geldes vorgeschossen, Sie auch solche wirklich empfangen und zur Er- 
kaufung des Hauses verwendet, Sie wollten sich dannenhero Beide für 
einen und einen für Beide hiemit verschrieben haben, solche Gelder ä 6 
Procent zu verzinsen, und nach drei Monat vorher geschehener Loskündigung 
wieder abzutragen, auch ihnen ihr in der Münzenstrasse belegenes Wohn- 
haus dieses Darlehens halber zur wirkl. Hypothek eingesetzet haben, 
weshalb auch dessen Ehefrau ihren weiblichen Gerechtigkeiten eidlich 
renuDciiret, und haben beide Theile dieses Protocoll eigenhändig unter- 
schrieben. 



— 9!) — 

Mai 1756, schloss die Gemeinde mit Daniel Voigt einen Ver- 
trag des Inhalts, dasH er sein Wohnhaus nebst vollem 
Zubehör der Gemeinde zur uneingeschränkten Benutz- 
ung für die Dauer von sechzig Jahren überliess, wofür die 
Gemeiude die Summe von 270 Talern zahlte. Nach wiederum 
zwanzig Jahren aber war das Haus so baufällig geworden, 
dass seine weitere Benutzung unmöglich war, und schliesslich 
musste der Magistrat selbst der Judenschaft den Neubau 
des „publiken Judenhauses" bei Vermeidung der Execution 
auferlegen, weil dasselbe „ruinös" geworden (1774)^'''). Am 
7. Mai 1775 richtete deshalb die Gemeinde an die Regierung 
das Ersuchen, ihr den käuflichen Erwerb des Voigt'schen 
Hauses und die Erbauung einer Synagoge auf dem Grundstück 
zu gestatten. Dieses Gesuch hatte zunächst den einen, un- 
angenehmen Erfolg, dass die Regierung auf den Hausbesitz 
der Brandenburger Juden aufmerksam wurde. In dem Ge- 
neraljudenreglement vom Jahre 1750 hatte Friedrich der 
Grosse, der die ausbeutende Judenpolitik seiner Ahnen fort- 
setzte und verstärkte, den Juden den Besitz von Häusern ver- 
boten; auf Uebertretung dieses Verbots stand eine Strafe von 
50 Dukaten. In der Deklaration jenes Reglements vom Jahre 
1703 war das Verbot des Ilausbesitzes dahin erweitert worden, 
dass es den Juden auch untersagt sein sollte „Häuser pfand- 
weise an sich zu bringen, indem sie für die Zinsen eines 
darauf gegebeneu Anlehens das Haus besitzen." Im Ueber- 
tretungsfalle wurde der Verlust der hergegebenen Gelder ver- 
fügt-"). Wie man sieht, war dies genau das Delikt der 
Brandenburger Juden. Die Regierung erteilte also zunächst 
dem Hof- und Kammer-Fiskal Knack Anweisung, die Branden- 
burger Judenschaft ,. wegen des widerrechtlichen Besitzes des 
Voigt'schen Brauhauses nach Vorschrift derer §§18 und 28 
des General- Juden-Reglements von 1750 und Unserer Decla- 

2") Dullo: Beiträge zur Kommunalgeschichte der Stadt Branden- 
burg, S. 111. 

-') Vgl. Mylius: Novum corpus constitutionum Marchicarum, 
Teil 111, S. 239. 



— lOU — 

ration derselben vom 4. Juli 1763 bey unserer Cburmärkischen 
Cammer iu Anspruch zu nehmen." Allzu ernst scheint es der 
Regierung mit diesem ,. Anspruch' nicht gewesen zu sein. 
Denn sie erteilte zugleich die Erlaubnis zum Neubau der 
Synagoge und benutzte ihren fiskalischen Anspruch nur dazu, 
um die Bedingungen für jene Erlaubnis zu verschärfen. 
Diese Bedingungen waren folgende: 

1) Sollten die Juden das Haus aus eigenen Mitteln zwei 
Etagen hoch, mit massiver Front aufbauen. 

2) Sollten sie auf die zum Hause gehörige „Brauge- 
rechtigkeif- verzichten und die gleichfalls zum Hause gehörige 
Wiese, Hauskavel genannt, an den Magistrat abtreten. 

3) Sollten sie für dreihundert Taler Porzellan aus 
den königlichen Fabriken entnehmen und ausser 
Landes schaffen. 

4) Sollten sie die gebräuchlichen ,. Chargen- und Stempel- 
Gelder" entrichten. 

Diese Bedingungen waren zu hart, um ohne weiteres 
erfüllt zu werden. Es vergingen volle vier Jahre, bis eine 
entgültige Entscheidung in der Sache erfolgte. Inzwischen 
hatte die Gemeinde Schritte getan, um von dem „tiskalischen 
Anspruch" befreit zu werden, und diese Befreiung erfolgte 
denn auch durch ein „Rescriptum clementissimum" am 1. Juli 
1779. Indessen die Gemeinde hatte sich geirrt, wenn sie 
glaubte, nun auch der lästigen Bedingungen ledig zu sein. 
Die Regierung griff jetzt erst recht auf diese Bedingungen zu- 
rück und verlangte von der Judenschaft eine ausdrückliche 
Erklärung darüber, wie sie sich zu denselben stelle. Die 
Aeltesten sollten mit der ganzen Gemeinde Rücksprache 
nehmen und dann Bericht erstatten. Und so erscheinen am 
20. August 1779 die Aeltesten Selig Salomon und Lazarus 
Isaac vor dem Syndikus Hugo und berichten im Namen der 
Gemeinde, dass dieselbe sich nicht für verbunden halte, die 
ihr im Jahre 1775 auferlegten Bedingungen zu erfüllen. Denn 
diese Bedingungen seien nur in dem fiskalischen Anspruch 
■wegen des widerrechtlichen Hausbesitzes begründet gewesen. 



— lOl - 

Nachdem sie jedoch von diesem Anspruch ausdrücklich 
„absolviret" worden, sei die ganze Sache in ein anderes 
Stadium getreten. Sie könnten nunmehr mit weiteren Be- 
dingungen nicht „oneriret" worden, sondern hätten sich das 
Recht erstritten, das Haus, welches seit fünfzig Jahren zur 
Synagoge gedient habe, auch weiterhin zu diesem Zwecke zu 
benutzen. Um jedoch den königlichen Befehlen, soweit es 
die Verhältnisse der (Jenieindo gestatteten, nachzukommen, 
erklärten sie sich zu Folgendem bereit: 

1) Das Haus mit ihren Mitteln zwei Etagen hoch mit 
massiver P'ront zu erbauen, im Frühjahr 1780 mit dem Bau 
zu beginnen und denselben binnen Jahr und Tag zu beendigen. 
Mehr könnten sie bei den vielen Lasten, die auf ihnen ruhten, 
nicht leisten, auch sei es ihnen unmöglich, mit dem Bau 
früher zu beginnen, da sie si«;h die erforderlichen Gelder erst 
leihen müssten. 

2) Der zum Hause gehörigen Wiese sich zum Besten 
der hiesigen Armenkasse zu entschlagen, auch auf die 
Braugerechtigkeit, über die die Kriegs- und Domänenkammer 
nach Belieben vei-fügen möge, zu verzichten. 

Hiermit aber war das Entgegenkommen der Gemeinde 
erschöpft. Die beiden letzten Bedingungen wurden zurück- 
gewiesen, mit besonderer Schärfe die der Porzellanabnahme. 
Diese „lästige Bedingung" könne nach den ergangenen Re- 
scripten nur für eine neue Konzession auferlegt werden, 
sie aber seien bei einem alten Rechte schon seit fünfzig 
Jahren geschützt worden. Dieser Rechtsanspruch vertrete die 
Stelle einer Konzession, die sie deshalb besonders nachzu- 
suchen nicht genötigt seien. Aus denselben Gründen könne 
ihnen auch die Erstattung der übrigen Abgaben nicht zuge- 
mutet werden. Es müsse der Regierung genügen, dass sie 
überhaupt den Bau aus eigenen Mitteln leisten wollen, ohne 
„königliche Bauhilfsgelder" zu verlangen, und da sie noch 
dazu der Hauskavel und des Braurechtes sich begeben, so 
wäre dies das Aeusserste, was sie tun könnten. ]\Iehr dürfe 
man ohne Ungerechtigkeit nicht von ihnen verlangen. Sie 



— 102 — 

protestierten gegen alle anderen „lästigen condiciones", be- 
sonders in Bezug auf das Porzellan und die Stempelgelder. 
Wenn man ihnen Schwierigkeiten bereite und sie von diesen 
Bedingungen nicht befreie, so sollten auch ihre Versprech- 
ungen nicht gelten, sondern wollten sie wieder freie Hand 
haben. Um all diesen Darlegungen noch besonderen Nach- 
druck zu geben, wurde das betrelTende Protokoll, nachdem es 
zuerst nur von Selig Salomon und Lazarus Isaac unterschrieben 
war, am gleichen Tage auch von den drei anderen Aeltesten, 
Samuel Nathan, Abraham Scholim und Joseph Levin, seinem 
vollen Inhalt nach bestätigt-'^). 

Man weiss, mit welchem Eifer Friedrich der Grosse 
die Förderung der von ihm übernommenen Gotzkowsky'schen 
Porzellanmauufaktur betrieb. Wenn er aus diesem Eifer her- 
aus in erster Linie die Juden dazu benutzen wollte, um den 
Ruf seines Fabrikats auch in ausserpreussischen Ländern be- 
kannt zu machen und ihnen deshalb in einer vom 2L März 
1769 datierten Kabinetsordre für jede nachgesuchte Konzes- 
sion die Ausserlande.sschaft'ung eines bestimmten Quantums 
Porzellans auferlegte -'■'), so fügte er nur den von seinen Vor- 
gängern geschaffenen mannigfachen Judensteuern eine neue 
und besonders drückende hinzu. Man muss sich gegenwärtig 
halten, welch' eine ungeheure Summe .'500 Taler für eine Ge- 
meinde von 15 Mitgliedern bedeutete, noch dazu in einer Zeit, 
in der der bevorstehende Neubau der Synagoge weit höhere 
Lasten erfordern würde, um den energischen Widerstand der 
Brandenburger Juden und die kühne Sprache, in der sie dem- 



2*) Den Wortlaut des Protokolls siehe Beilage XV. 

") Siehe den Wortlaut dieser Verfügung und Näheres über die 
unangenehmen Folgen der Porzellanabnahnie bei Kaeller: Geschichte der 
jüdischen Gemeinde zu Potsdam, S. 22flf. — Es verdient übrigens hervor- 
gehoben zu werden, dass der König gerade das Gegenteil von dem er- 
reichte, was er beabsichtigt hatte, da das exportierte Porzellan im Auslande 
allmählich unter dem Namen „Judenporzellan" in Verruf geriet. Vgl. 
David Fi-iedländer: Aktenstücke die Reform der jüdischen Kolonien in den 
preussischen Staaten betreffend, Berlin 1793, S. 68 ff. 



— 10:^ — 

selben Ausdruck gaben, vollauf /,u würdi^'en. Allein das 
Generaldirektorium war vom König angewiesen worden, mit 
aller Strenge auf die Erfüllung dieser Bedingung zu achten 
und beti'ieb denn auch die Entnahme des Porzellans seitens 
der Juden mit einer Kücksichtslosigkeit, die in einzelnen 
Fällen, wie bei den Juden in Potsdam, die Entwickelung der 
Gemeinden auf das Nachteiligste beeinllusKte'"'). Und so 
scheiterte auch der Widerstand der Brandenburger Juden an 
dem eisernen Willen des Königs. Am 20. August 1779 hatte 
sich die Gemeinde verpflichtet, den Neubau im Frühjahr 1780 
zu beginnen. Aber das Frühjahr sowohl als der Sommer des 
Jahres 1780 war vergangen und die Gemeinde machte keine 
Anstalten zum Jiau. Die königliche Konzession war ihr 
nicht erteilt worden, offenbar drängte aber der Magistrat 
energisch auf Inangriffnahme des Neubaues, der wohl auch 
wegen der fortschreitenden Baufälligkeit des Hauses nicht 
länger verschoben werden konnte. In dieser Zwangslage 
gab die Gemeinde schliesslich nach. Aber siehe da, mit 
einem einfachen Versprechen, das Porzellan fortzuschaffen, 
begnügte sich die Kegierung nicht. Sie wollte sicher gehen 
und verlangte eine Art Bürgschaft in Form einer beim Ma- 
gistrat niederzulegenden „Blanco-Obligation" über 150 
Taler. In einem vom 31. Oktober 1780 datierten Protokoll 
verpflichtet sich die Gemeinde bei Verlust dieser Obligation, 
binnen Jahresfrist, vom 10. Juli 1780 an gerechnet, für 
300 Taler „hiesiges, achtes Porzellan" aus dem Lande zu 
schaffen. Erst zu Anfang November des Jahres 1781 ver- 
mochte die Gemeinde den Nachweis zu erbringen, dass sie ihr 
Versprechen erfüllt habe, und so erhielt sie unter dem 6. No- 
vember 1781 die königliche Konzession „zum eigenthümlichen 
Besitz des von ihr acquirirten ehemaligen Voigt'schen Hauses 
und zum Gebrauch desselben zur Synagoge und Wohnung 
ihrer publiquen Bedienten." Am selben Tage erging auch 
an die Chargenkasse und an die Stempelkammer der Befehl, 



Vgl. Kaelter a. a. 0. 



- 101 - 

von der Judeiit^diall z.u Braiuieiibiiig wegen der erteilten Kon- 
zession 33 Taler 8 Silbergroschen Chargen- und Stempelgelder 
zti erheben-"). 

Bereits im Frühjahr 1780 miiss die Gemeinde zu der 
Einsicht gekommen !?ein. dass ihr Widerstand nutzlos sein 
würde. Denn schon am 13. Ijar 5540 (18. ]\Iai 1780) nahm 
sie von der Chewra Kadischa eine Anleihe von 150 Talern 
zu dem ausdrücklich angegebenen Zweck, das Porzellan davon 
zu zahlen^'). Die Chewra scheint aber auf der Vereinbarung 
eines gewissen L'ückzahlungsmodus bestanden zu haben, wes- 
halb durch einen Gemeindebcschluss vier Tage vor Auszahl- 
ung des Geldes, am 9. Ijar, dieser Modus festgestellt wurde, 
der ein bezeichnendes Licht auf die ernstliche Verlegenheit 
der Gemeinde wirft. Aus kleinen Beiträgen der Einzelnen 
sollte binnen zwei Jahren die ganze Schuld abgetragen sein, 
und zwar nach folgender Anordnung: Jeder, der am Sabbat 
oder Festtag zur Thora gerufen wurde, hatte für jeden Auf- 
ruf 6 Pfennig zu zahlen, an Werktagen die Hälfte; Fremde 
zahlten den do])pelten Betrag. Ferner zahlte Jeder für jedes 
Pfund Fleisch, das er ei stand, (Rind- oder Kalbfleisch), 
2 Pfennig, selbst dann, wenn er in seinem eigenen Hause 
oder bei einem NichtJuden hatte schlachten lassen. Auch für 
Fleisch, das nach ausw^ärts verschickt, oder von auswärts ein- 
geführt wurde, waren 2 Pfennig pro Pfund zu zahlen, ausser- 
dem für Hühner und Tauben je 3, für Gänse und Puten je 6, 
für Rinderzungen gleichfalls je 6 Pfennig. Wer schliesslich 
aus solchen Beiträgen die auf seinen Anteil entfallende Summe 
nicht erreichte, musste sie durch baren Zuschuss ergänzen, 

*') Die betreffenden Schriftstücke siehe Beilage XVI — XIX. 

") ]H ü"T wvnm n«o jtyiu Sapo onJD vin pspn lo t« vi n»üKnp 

.p"th c'pr. "i^K j''» jinnjKii .Snpn S»2tr3 

.S":n p'pa pKoi y"^ cn 
Bei den Gemeindeakten (Conv. 29) befindliche Quittung des Beamten 
Jacob Heinemann über den Empfang von 150 Talern zur Bezahlung des 
Porzellans. Auch das Kassabuch der Chewra weist unter obigem Datum 
die Auszahlung der 150 Taler nach ]^yS'S^ye w. 



- 105 - 

andererseits wurden etwa über diesen Anteil hinaufgehende 
Betriif^e nicht zurückgezahlt, sondern gehörten der fJemeinde. 
Jedes Vierteljahr hatte der (Jenieindc-Vorsteher dem Vorstand 
der Chewra die auf diese Weise eingehenden Gelder gegen 
Quittung zu übergeben, bis die ganze Schuld würde abgetragen 
sein. Dieser Gemeindebeschluss wurde in einem hebräischen 
Schriftstück niedergelegt und von den Aeltesten unterschrie- 
ben''). Am 12. Tischri 5541 (11. Oktober 1780), also kurz 
bevor die Gemeinde sich zur Ausserlandesschaflfung des Por- 
zellans verpllichteto, entlieh sie wiederum von der Chewra 
auch die restierenden 150 Taler ^'). Zur Bestreitung der Syn- 
agogenbaukosten aber nahm die Gemeinde am 26. März 1782 
von dem Bäckermeister Johann Christoph Parey eine Anleihe 
von sechshundert Talern zu 4 Prozent Zinsen auf. Die 
betreffende Schuldverschreibung ist von den fünfzehn Gemeinde- 
mitgliedern vor dem Syndikus Mugo unterschrieben worden. 
Die Kückzahlung war ursprünglich in sechs Jahresraten zu 
100 Talern vereinbart, verzögerte sich jedoch um die doppelte 
Zeit, bis zum Jahre 1794. Die mit so vielen Schwierigkeiten 
errungene königliche Konzession zum ,,eigenthümlichen Besitz" 
des Hauses hatte jedoch keineswegs die Wirkung, dass die 
Gemeinde nun auch in der Tat die rechtliche Eigentümerin 
des Hauses geworden wäre, bezog sich vielmehr offenbar nur 
auf das Recht, die Synagoge zu bauen und zu erhalten. Die 
grosse Unklarheit des Besitzverhältnisses führte in den fol- 
genden Jahrzehnten zu vielen Weitläufigkeiten, von denen 
später noch die Rede sein wird. 



8») Vgl. Beilage XX. 

^*) Hierüber tindet sich nur im Kassabuche der Chewra ein Ver- 
merk. Es scheint, dass die Gemeinde noch im Jahre 1816 mit 100 
Talern jm^Rückstande war. Als am 16. April dieses Jahres die Kassen- 
verhältnisse der Chewra geordnet wurden, bestimmte man zur Beitreibung 
dieser 100 Taler, dass nach dem Tode eines Geraeindemitgliedes vor 
der Beerdigung von den Hinterbliebenen die Hälfte seines Jahresbeitrags 
ia die Chewrakasse zu zahlen sei (Eintragung im alten Chewrabuche). 



— 106 — 

Ans den Zustän<leii innerhalb der (Jemeinde um die 
Wende des achl/.elmten Jahrhunderts ist nur Weniges zu be- 
richten. Der Hauch des Wolilwollens, der unter der Regie- 
rung Friedrich Wilhelms II. den Juden der ]\Iark manche Er- 
leichterungen brachte und sich selbst auf die Eröfinung neuer 
Erwerbszweige für die Juden erstreckte, wehte auch nach der 
Stadt Brandenburg. Einer ihrer jüdischen Einwohner, Ezech- 
iel Berend. erhielt im Jahre 1795 vom König ein soge- 
nanntes „General-Schlitz- und llandlungs]»rivilegium" für sich 
und seine Kinder. Er wurde durch dasselbe ,, allen christ- 
lichen Bankiers"gleichgestellt und von allen Beschränkungen, 
denen seine Glaubeusbrüder unterworfen waren, befreit '•'). Diese 
königliche Gnade wird mit den Worten begründet: „In An- 
betracht derselbe im allgemeinen Kuf eines betriebsamen, 
ehrlichen Mannes steht, ein beträchtliches Vermögen besitzt^^) 
und seinen Kindern eine gute Erziehung gibt^''"). Die Zahl 
der Gemeindemitglieder wuchs nur sehr langsam. Für das 
Jahr 1^01 gibt Bratring ''^) unter 10280 Einwohnern der Stadt 
einundzwanzig Judenfamilien mit 104 Seelen an. Etwas 
geringere Ziffern weisen die staatlichen Listen ^^) auf; nach 
ihnen betrug die Familienzahl für die Jahre 1802—1809 nur 
je 15 — 16. Diese Listen führen nur die mit Schutzbriefen 
versehenen Juden auf. Als im Jahre 1813 das bekannte 



'*) Siehe Aehnlicbes bei Jolowicz: Geschichte der Juden in Königs- 
berg in Pr. S. 106, vgl. auch Rönne und Simon: Die früheren und jetzigen 
bürgerlichen Verhältnisse der Juden in Preussen, S. 214 Note 1 und Mj- 
lius: Novum Corpus constitutionura Marchicarum Band VI, S. 13. 

**) Ezechiel Berend war der reichste Jude Brandenburgs. Aus 
einem bei den Genieindeakten betindlichen Schriftstück, welches von der 
im Jahre 1828 erfolgten prozentualen Verteilung des aufgelösten Fonds 
der churraärkischen Landjudenschaftskasse an die Beteiligten resp. deren 
Erben handelt, ist zu ersehen, dass Ezechiel Berend mit dem höchsten 
Einkommen von 1900 Talern abgeschätzt war. 

»') St.-A. Rep. 21 Nr. 207 b 2 a. 

**') Statistisch-topographische Beschreibung der gesamten Mark 
Brandenburg, Berlin 1806, S. 73. 

"') „Listen von den in den Provinz-Städten der Kurmark vorhandenen 
Judenfamilien", St.-A. Rep. 104. IV C 64. 



— 10/ — 

Judenedikt Friedrich WilheliiiH III. die politische CJleich- 
steilung der jüdiachen Uutertanen des preussischen Staates 
aussprach, Avaren es in I3ran<ienburg 1 8 Familien, die durch 
dasselbe ihr Staatsbürgerrecht erhielten und zwar: 

1. Joseph Ezechiel. 

2. ]\Ioses Pintus. 

3. Hirsch Pintus. 

4. ]\Iichael Jolenberg. 

5. Simon Jolenberg. 

6. Abraham Lazarus Bertram. 

7. Itzig Hirsch Lazarus. 

8. Witwe Isaac. 

9. Süssel Loow. 

10. David Leow. 

11. Simon Nathan Samuelsohn. 

12. Salomon Sellow. 

13. Lewin Simon. 

14. Joseph Meyer. 

15. Michael Samuelsohn. 

16. Abraham Isaak Brandy. 

17. Itzig Wolf. 

18. Moses Meyering. 

Die schweren kriegerischen Ereignisse, welche in den 
ersten anderthalb Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Welt 
erschütterten und den preussischen Staat aus tiefster politi- 
scher Erniedrigung zu glorreicher Selbstbefreiung erhoben, 
gingen auch an den Juden Brandenburgs nicht spur- 
los vorüber. Bereits im Jahre 1809 wurde die schwache 
Gemeinde zur Zahlung einer Kriegskontribution herangezogen, 
die sie in Höhe von 200 Talern als Anleihe aufnahm^"). Zum 
aktiven Kriegsdienst waren die Juden in diesem Jahre noch 
nicht zugelassen. Als aber die gewaltige patriotische Erhe- 
bung der Jahre 1813 und 1814 die gesamte streitbare Jugend 



*") Notiz in Gersons „Nachrichten". 



— 108 — 

Preussens zum Kampfe gegen das Joch des korsischen Er- 
oberers aufrief, da konnten die durch das Edikt von 1812 mit 
Staatsbürgerrechten versehenen Juden nicht nur durch Geld, 
sondern au<>h durch die kostbarere Blutsteuer dem Vaterlande 
dienen. Mit welcher Begeisterung und mit welch hingebungs- 
vollem Eifer dies geschah, dafür vermag gerade die Geschichte 
der Gemeinde Brandenburg ein glänzendes Beispiel zu bieten. 
Es ist bekannt und schon oft betont worden, wie die im 
Uebermass eingehenden Reklamationen zeigten, dass zum Ein- 
tritt in die Landwehr im Allgemeinen in Breussen damals 
wenig Lust vorhand<Mi war. Auch hier in Brandenburg war 
der Eifer im Allgemeinen nicht sehr gross. Nur die jüdi- 
schen Waffenfähigen der Stadt machten eine rühmliche Aus- 
nahme. Denn aus den 15 selbständigen jüdischen Eamilien, 
die damals zur Gemeinde gehörten, eilten nicht weniger als 
neun Kämpfer zu den preussischen Eahnen. Ihre Namen 
und Daten seien hier zu ewigem Gedächtnis verzeichnet: 

1. Louis Ludolph, gest. 12. Jan. 1836. 

2. Itzig Lewin Isaak, gest. 19. April 1840, 

3. Süssel Leow, gest. 7. Sept. 1845. 

Er hatte im Kriege ein Bein verloren und ging auf 
einem Stelzfuss. 

4. Itzig Bernstein, gest. 17. Sept. 1851. 
Er stand bei den „schwarzen Husaren." 

5. David Leow, gest. 9. Okt. 1851. 

Er zeichnete sich im Kriege besonders aus und erhielt 
die am 24. Dez. 1843 gestiftete Denkmünze. 

6. Itzig Wolf, gest. 14. April 1852. 

7. Joseph Ezechiel, gest. 12. Januar 1855. 

8. Lewin Simon, gestorben 24. November 1866. 

Er wurde während des Feldzuges Unteroffizier und er- 
hielt die Kriegsdenkmüuze vom 17. März 1863. 

9. Joel Nathanson, (Vater des jetzigen Vorstehers 
Nathan Nathanson.) 

Er war Tambourmajor beim 24. Regiment und machte 
an der Spitze desselben 1815 den Einzug in Paris mit. 



— 10!) — 

Für das vielberufono Kuj)itel „Juden als Soldaten", das 
iu den letzten Jahren infolge der antisemitischen Jiezichtigungen 
so mannigfache Erörterungen erfuhr, vermag diese Liste 
Brandenburger Freiheitskämpfer eine überaus willkommene 
Bereicherung /u bieten.") 

In ihrem jtatriotischen Eifer beteiligten sich die Juden 
Brandenburgs nach errungenem Siege auch an den in der 
Stadt veranstalteten Sammlungen zu Gunsten der verwundeten 
Krieger'-). 

Nachdem durch das Judenedikt von 1812 das für die 
Juden geltende Verbot des Ilausbesitzes aufgehoben war, 
konnte an eine gründliche und delinitive Regelung der in 
Bezug auf das Synagogengrundstück in der grossen 
Münzen Strasse bestehenden Besitzverhältnisse gedacht 
werden. Die sechzigjährige Frist, für die im Jahre 175G die 
Nutzung des Daniel Voigfschen Hauses erworben worden, 
war im Jahre 1816 abgelaufen. Um nun das faktisch im 
Besitz der Gemeinde befindliche Grundstück auch juridisch 
für sie sicher zu stellen, schloss die Gemeinde am 10. Sep- 
tember 1819 durch ihren damaligen Vorsteher Jacob Aron 
Jacobi mit Daniel Friedrich Voigt, dem Sohne des inzwischen 
verstorbenen Daniel Vogt, eine notarielle Punktation, durch 
w^elche Voigt das Grundstück an die Gemeinde für 325 Taler 
verkaufte. Die seinem Vater im Jahre 1736 von der Ge- 
meinde geliehenen 275 Taler wurden auf den Kaufpreis ver- 
rechnet, 25 Taler erlegte die Gemeinde sofort, die restieren- 
den 25 sollten nach der entgültigen Regulierung des Besitztitels 
gezahlt werden. Durch den bald darauf erfolgenden Tod des 
Daniel Friedrich Voigt trat eine erneute Komplikation des 
immer noch nicht erledigten Kaufgeschäfts ein. Es wurde 
ein neuer Kaufvertrag mit Voigt's Erbin, seiner Stieftochter 



<') Vgl. Jüdische Presse, Jahrg. 1892, S. 135. — Die Priege und 
Erhaltung der Gräher dieser auf dem Brandenburger Friedhof ruhenden 
Freiheitskämpfer hat die Gemeinde als eine Ehrenpflicht auf ihren Etat 
übernommen, 

*^) „Brandenburgischer Anzeiger" vom 22. Juli 1816. 



- HO — 

Dorothee Sophie Straube, notwendig. In demselben erkannten 
am 27. jNIärz 1822 die Vurt>tehei' Abiabam Lazarus Bertram 
und Salomon Sei low die Punktation vom Jahre 1819 auch 
für ihre Person als rechtsverbindlich an und erkaufen unter 
Tragung sämtlicher Kosten das Haus von der Voigt'schen 
Erbin. Das Gericht schien jedoch die beiden Vorsteher nicht 
für befugt zu halten, im Namen der Gemeinde ein Rechts- 
geschäft abzuschliessen. Deshalb wurden sämtliche Mit- 
glieder der Gemeinde aufgefordert, einzeln ihre Zustim- 
mung zu den Abmachungen des Jahres 1819 und 1822 
zu erteilen. Erst am 2U. P^ebruar 1824 war dies von 
allen Mitgliedern geschehen. Nun war nur noch eine Frage 
zu erledigen: Wer eigentlich rechtlicher Eigentümer der zu 
dem Grundstück gehörigen Wiese (Hauskavel) sei. Das 
Gericht hatte darauf hingewiesen, dass in der kgl. Konzession 
vom 6. November 1781 die Erlaubnis zum Besitz des Hauses 
nur unter der Bedingung erteilt war, dass die Gemeinde auf 
die Braugerechtigkeit und auf die Wiese (irrtümlicher Weise 
in der Konzession „Canalwiese" genannt) Verzicht leiste und 
schien auf der Nachsuchung einer besonderen Konzession zum 
Besitz der Wiese bestanden zu haben. Hiergegen erhob der 
Vorstand jedoch Einspruch mit dem interessanten Hinweis, 
es seien seit 1781 in der staatsbürgerlichen Stellung der Ju- 
den so durchgreifende Veränderungen eingetreten, dass sich 
kein vernünftiger Grund absehen lasse, warum die Regie- 
rung ihre Konzession zum Erwerb des Hauses nicht auch auf 
die sog. „Pertinenzien'' ausdehnen sollte. Da der Vorbesitzer 
Voigt die Hauskavel bisher benutzt habe, so sei dieselbe mit 
dem Hause zugleich Eigentum der Gemeinde geworden. In- 
dessen wolle die Gemeinde die Wiese an einen besitzfähigen 
Privatmann verkaufen. Damit war auch diese Frage erledigt, 
und es stand der formellen Berichtigung des Besitztitels nichts 
mehr im Wege. Dieselbe erfolgte endlich am 5. Januar 1825. 
Hier mag gleich darauf hingewiesen werden, dass die Ge- 
meinde im Laufe der folgenden Jahrzehnte noch zweimal 
durch die das Synagogengrundstück betreffenden wirren Besitz- 



- 111 - 

Verhältnisse in Schwierigkeilen geriet. In dem einen Fall 
handelte es sich um die eben erwähnte Wiesle. In Wirklich- 
keit war sie laut Erklärung der Aeltesten vom 20. August 1779 
an den Älagislrat zugunsten der städtischen Armenkasse abgetre- 
ten worden (s. oben S. 101). Voigt, der juridische Besitzer des 
Synagogengrundstücks, fungierte als Pächter der Wieso und hatte 
auch bis 1820 die Pacht (2 Taler 15 Gr.) i)ünktlich bezahlt. 
Ein rechtsgültiger Akt über die Abtretung der Wiese war 
jedoch nicht vollzogen worden, weshalb das „Pertinenzstück" 
der StammbesitzuDg auch weiterhin rechtlich zugehörte. Auf 
(jlrun«! dieser Sachlage hatte die Gemeinde, wie sie ver- 
sprochen, die Wiese im Jahre 1824 pro forma an ein Ge- 
meindemitglied, den erwähnten Vorsteher Jacobi, für 50 Taler 
verkauft, welcher sie sogleich an den Brennereibesitzer Schultze 
für 150 Taler weiterverkaufte und den Mehrerlös von 100 
Talern der Gemeinde überliess. Nach 10 Jahren nun, am 
28. April 1834, mahnte plötzlich der Magistrat die Gemeinde 
um schleunige Einzahlung der aus den Jahren 1821, 1822 
und 1825 bis 1832 rückständigen Pachtsummen a 2 Taler 
15 Gr. Demgegenüber machte die Gemeinde geltend, dass 
sie erst seit 1822, wo sie das Haus von der Voigt'schen Erbin 
kaufte, Besitzerin der Wiese sei. Vorher habe die Gemeinde 
Aveder eine Wiese noch ein Haus besessen, denn von der 
Konzession des Jahres 1781 habe sie tatsächlich keinen Ge- 
brauch gemacht. Auf diesen Einwand antwortete der Ma- 
gistrat zunächst mit Androhung der Klage, w^enn die Pacht- 
summen nicht binnen drei Tagen bezahlt seien, ging aber, als 
diese Drohung erfolglos blieb, in einem erneuten Schreiben 
auf den sachlichen Einw^aud der Gemeinde näher ein: Eigen- 
tümerin der Wiese sei die Stadt. Von der Konzession des 
Jahres 1781 habe die Gemeinde wohl Gebrauch gemacht, 
denn in dem mit der Voigt'schen Erbin abgeschlossenen 
Kaufkontrakt habe sie ausdrücklich anerkannt, dass die Ueb er- 
gäbe des Hauses schon vor 60 Jahren erfolgt sei: Wenn 
nicht binnen 14 Tagen eine genügende Erklärung von Seiten 
der Gemeinde erfolge, werde mit der Klage vorgegangen. 



— 112 — 

Fast zwei Monate verstrichen. Die Gemeinde hatte gar nicht 
geantwortet. Da beschloss der Magistrat die Klage, die sich 
nicht nur auf die Pachtsummen, sondern, du die Wiese ver- 
kauft worden, auch auf den Kaufpreis von 150 T. einschliess- 
lich Verzugszinsen erstrecken werde. Die Stadtverordneten- 
Versammlung, der die Augelegenheit vorlag, schien jedoch 
milder gesinnt und forderte die Gemeinde zu Vorschlägen auf, 
die eine gütliche Regulierung der Sache ermöglichen sollten. 
Die Gemeinde bat, die Sache auf sich beruhen zu lassen, in- 
dem sie geltend machte, dass sie ja während der vielen Jahr- 
zehnte von den „Armengeldsrechten", die aus der Verpachtung 
der Wiese entstanden, keinerlei Vorteil gehabt hätte, „da sie 
ja für ihre Armen stets selbst sorgten." Die Stadtver- 
ordneten-Versammlung schlug sodann eine Entschädigung von 
75 T. vor und stellte zugleich die Bedingung, dass die Ge- 
meinde auch weiterhin für ihre Armen selbst sorge. Schliess- 
lich erfolgte die Einigung auf 50 Taler, welche die Gemeinde 
am 14. April 1835 an die städtische Armenkasse zahlte. Die 
zweite Schwierigkeit ergab sich für die Gemeinde aus dem 
Verluste der Schuldverschreibung vom Jahre 1730. Als die 
von der Gemeinde dem Daniel Friedrich Voigt geliehenen 
275 Taler bei Gelegenheit des Kaufgeschäfts in den Jahren 
1819 und 1822 durch Kompensation getilgt waren, wurde zu- 
gleich vom Käufer die Löschung des betreffenden Vermerks 
im Ilypothekengrundbuch in Aussicht gestellt. Diese Löschung 
konnte jedoch nicht erfolgen, weil das sogen, „documentum ex 
quo" nicht beigebracht werden konnte. Erst im Jahre 1863, 
als der Magistrat auf Löschung des Postens drang, schritt der 
damalige Vorsteher Gerson zur definitiven Regelung dieser 
Angelegenheit. Da die Schuldverschreibung durchaus nicht 
aufzufinden war — sie war sicherlich seit Menschengedenken 
abhanden gekommen — so stellte der Vorstand den formellen 
Antrag auf „Mortification" der auf den Namen der hiesigen 
Judenschaft lautenden gerichtlichen Obligation des Daniel 
Voigt vom 12. Juni 173G und erbot sich, falls das öffentliche 
Aufgebot des Dokuments erfolglos bliebe, zur formellen 



- il3 - 

Ableistung des erforderlichen Eides. Das Aufgebot 
hatte natürlich keinen Erfolg, und so leisteten am 20. Mai 
itzig (lerson, Hirsch C rumer und Moritz Ilildesbeimer 
(letzterer in Vertretung des abwesenden Hirsch Pintus) den 
Eid, „dass er (der Schwörende) dieses Instrument weder selbst 
besitze, noch wisse, wo es bclindlich sei, auch dass er selbiges 
nicht gefährlicher Weise abhanden gebracht habe." So erfolgte 
endlich die beantragte Löschung durch ein Dekret vom 
20. September 1864. 

Zu den Gemeindeinstitutionen, welche in dem bis 1855 
reichenden Zeitraum neu geschaffen wurden, gehört auch das 
rituelle Frauenbad (Mikwah). Bereits um das Jahr 1810 
war innerhalb der Gemeinde der Wunsch nach dem Besitze 
eiues solchen laut geworden. Aber die mannigfachen mit 
der Anlage eines solchen Bades verknüpften Schwierigkeiten 
verzögerten die Verwirklichung des Planes um mehrere Jahre. 
Erst um das Jahr 1819 geschah durch die Initiative des be- 
reits erwähnten Mitvorstehers Jacobi der erste Schritt, indem 
derselbe im Auftrage der Gemeindemitglieder das Neuberg'sche 
Haus in der Lindenstrasse (Nr. 770) käutlich erwarb. Das 
Kaufgeld von 550 Talern wurde aus der Bikkur - Cholim- 
Kasse geliehen und für diese hypothekarisch eingetragen. 
Jacobi selbst erhielt von den Gemeindemitgliederu schrift- 
lichen Auftrag und unbeschränkte Vollmacht zur Erbauung 
und Einrichtung eines rituellen Bades in dem neuerworbenen 
Hause. Die Kosten beliefen sich auf 700 Taler, die als 
Anleihe aufgenommen und allmählich aus Gemeindemitteln ge- 
tilgt wurden. Die Einrichtung des Bades muss jedoch sehr 
primitiv gewesen sein. Wie aus einem die Jahre 1833 — 1839 
umfassenden, von Kantor Guttmann geführten Kassabuch er- 
sichtlich ist, waren alle paar Monate „Reparaturen im Bade- 
hause" notwendig. Lange Jahre behalf mau sich mit solchen 
kleinen Reparaturen. Erst 1860 entschloss man sich auf 
mehrfache dringende Vorstellungen einer Anzahl Gemeinde- 
mitglieder ^^) zu einem gründlichen Umbau, dessen Zustande- 

♦*) Daa Gesuch, vom 26. August 1860, ist unterschrieben von B. 

8 



— 114 — 

kommen in erster Linie dem energischen Auftreten und der 
Opferwilligkeit von Moses und Benni Pintus zu danken 
war. Zu den Kosten (300 Taler) steuerte Benni Pintus „aus 
Pietät für seine dahingeschiedene fromme Gattin zu deren 
Andenken" allein 100 Taler bei. weitere 20 Taler wurden 
durch Sammlung innerhalb der Gemeinde aufgebracht, der 
Rest von IbO Talern fiel der Gemeindekasse zur Last. 
Der Umbau war am 31. October 1860 vollendet und wurde 
als „sehr praktisch'" bezeichnet. Die immer mehr abnehmende 
Frequenz des Badehauses veranlasste im Jahre 1883 den Ge- 
meinde-Vorstand, den Verkauf des Grundstücks in der Linden- 
strasse zu beantragen. Der Verkauf erfolgte im November 
dieses Jahres um den Preis von 6500 Mk. Seitdem ist die 
Gemeinde ohne Mikwah"). 

Was die Leitung der religiösen Angelegenheiten 
innerhalb der Gemeinde betritft, so treten zwei Männer schon 
durch die überaus lange Dauer ihrer amtlichen Wirksam- 
keit besonders bemerkenswert hervor. Der erste von ihnen, 
zugleich der erste Beamte, dessen Spuren in den Gemeinde- 
acten nachweisbar sind, war der schon erwähnte Jacob 
Heine manu. Er hatte bereits im Jahre 1767 seine Stel- 
lung inne. Die in diesem Jahre aufgestellten neuen Statuten 



Pintus, S. Loewen, S. Schönfeldt, Moritz Hildesheimer, S. Hildesheiiner, 
E. Nauen, Heymann Pintus, Joel Nathanson. 

**) Die Aufhebung des Bades muss vom religiösen Standpunkt als 
ein unerlaubter Schritt bezeichnet werden. Die Unterhaltung einer Mikwah 
gehört zu den notwendigen religiösen Gemeinde-Institutionen so gut wie 
die Unterhaltung einer Synagoge, einer Schule und der Schechita. So 
wenig die abnehmende Frequenz bei diesen Einrichtungen eine völlige 
Aufhebung zu rechtfertigen vermöchte, so wenig ist dies bei der Mikwah 
der Fall. Durch Aufhebung einer religiösen Einrichtung boykottiert die 
Gemeinde gleichsam sich selbst für gesetzestreue Mitglieder. Schon die 
Rücksicht auf ihre Beamten, die sie doch als religiöse Beamte er- 
wählt, hätte die Gemeinde davon zurückhalten müssen, eine dem Juden- 
tum so wesentliche Institution, von der im Laufe der Jahrhunderte eine 
unermessliche Weihe auf das jüdische Haus übergegangen, einfach auf- 
zuheben. 



- llf, - 

der Chewra Bikkur Chol im (vgl. S. 95) sind von ihm mit 
jONJl yuf C'^n n unterzeichnet. Für das hohe Verti-auen, 
welches er innerhalb der Gemeinde genoss, ist ein V^ermerk 
im allen Chewrabuche charakteristisch. Als Lazarus Isaac, 
der erste Vorsteher der Chowi'a. ifii Jahre 1798 gestorben war, 
übergab sein Sohn Abraham — der spätere Vorsteher Abraham 
Lazarus Bertram ^■'^) — den Betrag der Kasse an die Chewra 
im l^eisein Jacob Heinemanns und fügt hinzu, dass 
ihm sein Vater diesen Modus vor seinem Tode ausdrücklich 
befohlen habe. Der Titel, den Heinemann in diesem Ver- 
merk trägt — ''221m ''jninn — beweist, dass er auch Rabbinats- 
fuuktionen in der Gemeinde ausgeübt hat. Heinemann starb 
im Einhundertzweiten Lebensjahre am 21. September 
181G'''*). Er stand länger als ein halbes Jahrhundert 



**) Mit Recht hebt Gerson in seinen „Nachrichten" hervor, wie 
wenig die Juden bei der Annahme der Geschlechtsnamen auf die Be- 
zeichnung der P'amilienzugehörigkeit Gewicht legten und führt als be- 
sonders drastisches Beispiel die folgenden Daten aus der Geschichte der 
Familie Lazarus an: Der im Jahre 17 70 verstorbene Isaac Lazarus 
hinterliess sieben Söhne, von denen 1812 noch sechs lebten; von dem 
bereits gestorbenen existierten zwei Söhne. Nun nahmen von den sechs 
Brüdern an 

Der erste den Familiennamen Isaac, 
„ zweite „ „ Sussmann, 

„ dritte „ „ Brandis, 

„ vierte „ „ Eibthal, 

„ fünfte „ „ Lazarus, 

„ sechste „ „ Brandy, 

einer der Enkel nannte sich Bertram, der andere Lazarus. 

**a) Die von fünf Söhnen Heinemann's unterzeichnete Todes- 
anzeige im „Brandenburger Anzeiger" (Jahrg. 1816, S. 316) hat folgenden 
Wortlaut : 

Am 21. v. M. starb unser würdiger Vater, der Kantor bei der 
hiesigen Synagoge, Jakob Heinemann, in einem Alter von Einhundert 
Einem Jahre und Einem Monat. So sanft, wie sein Leben, war 
sein Hinscheiden. Durch seine Kenntnisse, noch mehr aber durch 
seinen religiösen Sinn, welchen er in allen seinen Handlungen aus- 
drückte, erwarb er sich die Achtung und Liebe der hiesigen Wohllöblichen 
jüdischen Gemeinde, denn mehr als 70 Jahre war er ein treuer Diener 



- 116 - 

im Dienste der Gemeinde"). Seit 1799, wo Heinemann sicher- 
lich infolge seines hohen Alters bereits seine Amtsfunktionen 
nicht mehr ausüben konnte, tinden wir Benjamin Philipp^') 
als Schächter und Vorbeter. An seine Stelle trat im April 
1813 Simon Guttmann, dessen Amtsdauer sich über 48 Jahre 
erstreckte. Guttmann, geboren in Graetz, amtierte vorher in 
Strassburg (Uckermark) und soll einer Familientradition zu- 
folge in jungen Jahren eine Stellung in Kopenhagen bekleidet 
haben. Hier in Brandenburg verwuchs er im Laufe der 
Jahrzehnte auf das Innigste mit der Gemeinde und schuf sich 
eine Stellung, in der er der tatsächliche Führer der Gemeinde 
wurde und sie vermöge seiner allgemeinen Bildung auch nach 



seiner Religion, und fünfzig und einige Jahre lebte er hier und erfüllte 
die Pflichten seines Amtes mit der grössten Gewissenhaftigkeit. Sanft 
ruhe seine Asche! Seine Seele ruhe im Schatten des Allmächtigen! 

Indem wir dieses unsern fVeunden und Bekannten anzeigen, fühlen 
wir uns verptlichtet, allen Mitgliedern der hiesigen Gemeinde, unseren ge- 
ehrten Glaubensbrüdern, den gerührtesten Dank öft'entlich abzustatten für 
das viele Gute, das sie ihm, unserem nunmehr in Gott ruhenden Vater, 
erzeigt haben, für die Liebe, die sie zu ihm hegten, für ihr Bestreben, 
ihm sein hohes Alter erträglich zu machen, für die Anhänglichkeit, die 
sie noch nach seinem Tode gegen ihn offenbarten. 

Gott, der jede gute Handlung belohnet, wird gewiss jeden dieser 
Edlen noch in seinem hohen Alter den süssen Lohn dafür emptinden lassen. 
Brandenburg, den 4. Oktober 1816. 

Salomon 

Joseph 

Noel 

Gerson 

Julius 

**) Das Stadtarchiv (Acta al J Nr. 26) bewahrt den vom 14. Juli 
1791 datierten Trauschein, welchen ,,der publique Bediente bei der Juden- 
schaft zu Brandenburg Heinemann Jacob erhielt zur Verheiratung seiner 
Tochter Ester mit dem Juden Jacob Simon aus dem Lüneburg'schen". 
*') Dieser deutsche Name des Beamten ist aus der ,, Liste von den 
in den Provinz-Städten der Kurmark vorhandenen Judenfamilien" ersichtlich 
(St.-A. Rep. 104 IV C 64). In den Gemeindeakten (altes Chewrabuch) 
unterschreibt er im Jahre 1802 ein Versammlungsprotokoll ^^'\2 po»J3 

1ÖM31 Y"^- 



Heinemann. 



— 117 — 

aussen hin würdig repräsentierte. Was den Umfang seiner 
Wirksamkeit betrifft, so versah er das Amt des Vorbeters 
und Schächters; er selbst unterschreibt sich in den verschie- 
denen Listen, die er führte, stets: „Cantor der jüdischen 
Clomeinde". Jedoch hat er auch Trauungsfiinktionen aus- 
geübt, nicht nur in der Stadt selbst, sondern auch in den 
umliegenden Orten""). Für das Vorbeteramt scheint er be- 
sonders hervorragend (|ualiliziert gewesen zu sein; er besass 
eine wunderbare Singstimme und war auch in der profanen 
J\Iusikliteratur bewandert. Sein Gehalt belief sich anfangs 
auf 200, später, seit 1834 auf 220 Taler. Was er der 
Gemeinde war und welche Verehrung er genoss, ist am 
besten aus dem Nachruf zu ersehen, welcher ihm nach seinem 
am 3. November 1855 erfolgten Tode vom Gemeindevorstand 
gewidmet und in zwei Brandenburger Blättern, der Vossischen 
Zeitung in Berlin und der Philippson'schen Zeitung des Juden- 
tums veröffentlicht wurde. Derselbe lautete: 

Nachruf. 
Am 3. d. M. verstarb in den Armen der Seinen der 
Kantor der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr Simon 
Guttmann, im 65. Lebensjahre und im 43. Jahre seiner, 
mit seltener Berufstreue der Gemeinde gewidmeten Amts- 
thätigkeit. Seine letzte Amtsverrichtung war der Segensspruch 
für unsern erhabenen König, an dessen letztverflossenem hohen 
Geburtstage. Das Schlusswort seines Gebets: „So sei Sein 
heiliger Wille!" ging bald darauf an ihm selbst in Er- 
füllung. — Der Dahingeschiedene, geliebt und geachtet von 
Allen, die ihn kannten, war den Aelteren in der Gemeinde: 
Bruder; den Jüngeren: väterlicher Freund; den Bedrängten: 
Helfer; in seinem Familienkreise w^ar Jeder heimisch; Er 
stand Allen nahe und theilte Freud und Leid mit jedem 



**) Diese Mitteilung und manches andere über Guttmann verdanke 
ich seiner in Berlin lebenden Tochter, Frau Rahel Brühl, in deren Be- 
sitz sich auch das prachtvolle, in Oel gemalte Original des beigegebenen 
f aksimilebildes befindet. 



— 118 — 

Einzelnen in der Oemeinde. Unser Schmerz um den Verlust 
des Dahingeschiedenen ist gross, — und wenn auch die Zeit 
diesen mindert, das Andenken an den Verklärten, der Jedem 
als Muster galt, wird der Gemeinde unvergesslich bleiben. 

Brandenburg, am 5. November 1855. 

Der Vorstand der Synagogen-Gemeinde. 

Dem in diesem Nachruf zum Ausdruck kommenden Ge- 
fühl der Dankbarkeit entsprach es auch, dass die Gemeinde- 
Verwaltung der Witwe Guttmann's auf Lebensdauer eine 
Pension von 100 Talern aussetzte. Ein Vorschlag des 
Vorstandes, in der Synagoge zu Ehren des verewigten Be- 
amten eine Gedenktafel mit entsprechender Inschrift anzu- 
bringen, ist nicht zur Ausführung gekommen. Dagegen pflanzt 
eine von den Kindern Guttmann's gegründete Jahrzeits- 
stiftung sein Andenken auch weiter in der Gemeinde fort^^). 
Was den Religionsunterricht betrifft, so war derselbe 
bekanntlich vor Erlass des Judengesetzes vom 23. Juli 1847 
keiner behördlichen Regelung unterworfen, vielmehr war es 
jedem Familienvater überlassen, wo und wie er seine Kinder 
in der Religion und im Hebräischen unterweisen lassen wollte. 



") Guttmann's Grabstein trägt folgende schöne Inschrift: 

nas nnarn m naw: vti hs 

Aüv nKi»S V32 SiJi -imi'S 3in«i an« -in'iS -ji sk ,ü^vi») i cj? aic nn ip» tr»K 
jmaii'niHia p"p hb Y»vn misi' moroa nov ,-;i;' ^^p^ o«b*3«S niaaa vni:a «»rn 

Sn PK0121D1J K"-Q nnOtt' 'in;: 
p ■tr »HSi:2a imiaj? niotroS n^yai« ratrai ,i»'n »i3»S troni d'Bt )a loSiy"? "i'?n 
vjnm vnwa vaa n'iSa Snj nuaai trin « n^a napii pm j"a 'm ovh nw 

mi'n Sa iBDoai 
TiriaS nya pin« nvS rpntt? 
rnKB-j Tfnj? Sani »aaa i« 

inn« -jn^a »:a laa iQ 
mtjj? nSca nn« dpkid »a 

nmnaS axi m;* »jptS lan 
ninc in»a n»n naiJi ui' "rw 

n«:j;'o nyoT d»o» an no» c^n 
.mar ns3 'n' "ra uaSo Tiai 



- 110 — 

Daher erklärt es sich, dass die Gemeinde als solche einen 
Religionslehrer nicht angestellt hatte. Es lebten aber in der 
Gemeinde zwei Männer, die vermöge ihres Wissens zur re- 
ligiösen Unterweisung der Jugend befähigt waren und deren 
Dienste denn auch für den Unterricht der Kinder von den 
Gemeindemitgliedern in Anspruch genommen wurden. Es 
war dies in der älteren Zeit, bis zum Jahre 181^, Abraham 
Michael Jolenberg, im Sterberegister als „Gelehrter" auf- 
geführt später, bis 1851, Michael Samuelsohn, im Munde 
der noch lebenden älteren Generation als „Reb Michel" be- 
zeichnet. Vor Jolenberg's Tode, 1818, ist in den Registern 
als sein Gewerbe „Handelsmann" angegeben. Vom Jahre 
1821 an lindet sich hinter seinem Namen das Prädikat 
„Lehrer". Auch sein Bruder Simon Nathan Samuelsohn muss 
einen gewissen Grad von Gelehrsamkeit besessen liaben; 
denn auch er tritt neben Michael, zwar nicht als Lehrer, aber 
als fungiernder P)eamter bei Trauungen auf. Nach Michael 
Samuelsohn's Tode (185'i) schritt die Gemeinde alsbald zur 
Anstellung eines Lehrers; auf Guttmann's Empfehlung wurde 
Elkan Cohn aus Berlin als Prediger, Religionslehrer und 
Mitvorbeter angestellt. In einem erhaltenen Schriftstück wer- 
den „die Pflichten des Herrn Gohn" in 10 Paragraphen nieder- 
gelegt. Danach hatte er die Kinder in 13 wöchentlichen 
Stunden zu unterrichten, und zwar „1. Erlernung der hebrä- 
ischen Sprache. 2. Uebersetzung der hebräischen Sprache. 
3. Jüdische Geschichte mittelst Uebersetzung des alten Testa- 
ments. 4. Ritus und Religion". Bei Casualien hatte er „im 
Sinne des alten Ritus" zu amtieren, jeden vierten Sonn- 
abend, wie auch an den Festtagen, in der Synagoge „in 
streng jüdischem Sinne" zu predigen. Besonders charak- 
teristisch für das immer mehr erwachende Bedürfnis nach 
religiöser Belehrung ist §7 des Schriftstückes, welcher lautet: 
„Wie es sich Herr Cohn demnach angelegen sein lassen soll, 
die Kinder religiös zu erziehen, so ist es auch wünschens- 
wert, dass die Erwachsenen von seiner Funktion als Re- 
ligionslehrer der Gemeinde sonstige geistige Genüsse haben, 



- 1-JO - 

möge dies in ErkläriiDg der c'p^.c oder soustigen Vorträgen 
geschehen." Cohn, der ein Gehalt von 130 Talern bezog, 
blieb nur ein Jahr in Brandenburg. Er ging von hier aus 
nach Amerika. 

Ueber den allgemeinen Kulturzustand und das reli- 
giöse Leben innerhalb der Gemeinde ist wenig zu be- 
richten. Ihre Mitglieder gehörten fast durchweg dem Kauf- 
mannsstande an, unter ihnen ein Oberlotterieeinnehmer (Itzig 
Hirsch Lazarus). Das Gewerbe, wenn man will sogar das 
Kunstgewerbe, war durch einen Petschierstecher^*') ver- 
treten, der Gelehrtenstand durch einen Arzt, Dr. Carl Meyer, 
gestorben 1829. Das religiöse Leben war das einer altjüdi- 
schen Gemeinde, die alle religiösen Institutionen mit Eifer 
aufrecht erhielt und mitten unter den nie verlöschenden An- 
feindungen, denen die jüdische Bekennerschaft ausgesetzt war, 
still und ruhig ihre religiösen Aufgaben erfüllte. Still und 
ruhig — bis auf eine Ausnahme! Man weiss, wie unge- 
zwungen unsere Ahnen sich in ihren Synagogen bewegten, 
wie sie an der heiligen Stätte des Gotteshauses sich oft genug 
zu lebhaften, leidenschaftlichen Diskussionen hinreissen Hessen 
und dabei ihre Temperamente in keiner Weise zügelten. Das 
mag uns heute eigentümlich anmuten und wir mögen uns 
darüber entrüsten. Aber vor allem müssen wir doch wohl 
suchen, diese Erscheinung zu verstehen. Sie findet ihre 
natürliche Erklärung in der Geschichte und gehört zu dem 
Kreise jener ausserordentlichen Erscheinungen, die als Ueber- 
reste mittelalterlicher Entwickelung bei unserem Stamme bis 
in die neueste Zeit hineinragen und erst allmählich voll- 
kommen verschwinden werden. Dem Juden war seine Syn- 
agoge mehr, weit mehr als ein blosses Bethaus. Sie war seine 
Heimat, ja seine einzig wahre Heimat. Draussen in den 

*") Joseph Meyer, gestorben 1829. Seine Grabschrift nennt ihn 
n"e i'KO — n"fi Abkürzung für cmn «nire Siegelstecher, Medailleur. Vgl. 
die Abhandlung von Albert Wolf: Etwas über jüdische Kunst und ältere 
jüdische Künstler (Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde, herausgeg. von 
M. Gruiiwald, neue Reihe, 1. Jahrg. Heft 1, S. 19flF.) 




Cantor Simon Guttniann, 

amtierte von 1H13 — 1855. 



— 121 - 

Städten und Dörfern, auf Markt und Strassen empfing ihn 
die Lieblosif^koit eines unerbittlichen Vorurteils mit seinen 
Zurücksetzungen, seinen Öchmäliungon, seiner Kälte, 'l'eil- 
nahme, Mitgefühl, Wohlwollen und Liebe wehte ihm nur an 
der gemeinsamen Stätte des rjebetes entgegen, wo er. um- 
geben von seinen Glaubensbrüdern, zu Gott flehte und wo 
alle Freuden und Leiden seines Familienlebens in mitfühlen- 
den Herzen lebendigen Wiederhall weckton. Das Gottes- 
haus war unseren Ahnen eine Art gemeinschaftlicher 
Wohnung und ihre ungezwungene Haltung in demselben ist 
nichts als eine natürliche Reaktion jenes künstlichen Still- 
haltens, zu dem sie ausserhalb des Gotteshauses durch die 
vorurteilsvolle Gewalt einer grausamen Mitwelt gezwungen 
waren. So wird die viel verspottete „Judenschule" zu einem 
Begriff voll tragischen Inhalts, dessen wahrlich nicht wir 
uns zu schämen brauchen. All dies aber sei vorangeschickt, 
um ein rechtes Verständnis dafür zu ermöglichen, dass z. B. 
hier in Brandenburg am 4. September 1821 der Vorsteher 
S. Seile w dem Polizeidirektorium Anzeige erstattet, das in 
der Synagoge angeheftete polizeiliche Mandat zur Erhaltung 
der Ruhe w^ährend des Gottesdienstes sei „von Frevlern" ab- 
gerissen worden, und um eine anderweitige solche Verord- 
nung bittet, „in welcher Ruhestören, unsittliches Betragen, 
oder Vorsingen des Cantors mit einer namhaften Strafe be- 
legt werden." Der Ruf nach der Polizei ertönte etwa zwanzig 
Jahre später, 1843, noch einmal, fand aber von Seiten des 
Oberbürgermeisters Ziegler eine interessante Zurückweisung 
in einem Schreiben, das fast ein Kulturmoment genannt zu 
werden verdient und deshalb in seinem Wortlaut mitgeteilt sei: 

Wenn die Vorsteher der hiesigen Judenschaft darauf 
angetragen haben, mittelst polizeilicher Aufsicht die 
Ordnung im Tempel beim Gottesdienst zu überwachen, 
so müssen wir bedauern, dass Thatsachen haben vor- 
kommen können, die einen solchen Antrag nöthig ge- 
macht haben. 



— 122 — 

Der hiesigen Judenschaft können wir im All- 
gemeinen das Zeugniss einer sittlichen Führung 
nicht versagen, und wir hoffen deshalb, dass sie es 
als Ehrenpunkt ansehen werde, ihre Religion und ins- 
besondere ihre Religionsübungen nicht zum Gegenstand 
des öffentlichen Aergernisses und Spottes zu machen. 
Eine Religionsgesellschaft, die nicht einmal im Stande 
ist, die innere Ruhe während des Ciotfesdienstes zu er- 
halten, die sogar ihre Streitigkeiten in das Bethaus 
überträgt, die an der der Gottesverehrung geweihten 
Stätte die Leidenschaften und gehässigen Anfeindungen 
nicht zu unterdrücken vermag, muss von Grund aus 
sich innerlich aufbauen. 

Dazu wird aber vor allem nöthig sein, dass jedes 
Mitglied bei sich selbst anfängt, aller Eitelkeit und 
Bevorzugung, aber auch allem Gelüste nach wohlerwor- 
benen und auf hergebrachten Gewohnheiten beruhenden 
Gerechtsamen anderer Mitglieder entsagt. Bevor wir 
daher auf den Antrag polizeilicher Hilfe eingeben, ver- 
anlassen wir das Vorsteher-Amt der Judenschaft, zu- 
vörderst die Gemeinde zusammenzurufen, alle obwaltenden 
Streitigkeiten auszugleichen oder uns die entstandenen 
Differenzpunkte anzuzeigen. Wir hoffen zuversichtlich, 
dass die Gemeinde sich gütlich einigen, dann aber auch 
dem von ihr selbst erwählten Vorsteher die schuldige 
Folge leisten werde. 

Sollte ein einzelnes Mitglied dem Vorsteher den Ge- 
horsam versagen, so werden wir sofort zur Untersuchung 
und Bestrafung solcher Renitenz schreiten. 
Brandenburg, den 31. October 1843. 

Der Magistrat, gez. Ziegler. 

An die hiesige Judenschaft zu 
Händen der Vorsteher Herrn 
Pintus, Leow und Simon. 



V. 

Die Synagogengemeinde. 



1855—1905. 



1. Gemeindeverwaltung;. 

Ehe wir über die auf Grund des Gesetzes vom 23. Juli 
1847 erfolgte Neukonstituierung der Gemeinde als „Syn- 
agogengeraeinde" berichten, sei ein kurzer Blick auf die vor 
dieser Zeit bestehende Organisation geworfen. Bis 184 7 
hatten die Judengemeinden in Preusseu vom Staate aus nur 
die Rechte erlaubter Gesellschaften; ihre Existenz beruhte 
auf den Bestimmungen, welche das allgemeine Landrecht über 
Genossenschaften enthielt. So wenig das Individuum ge- 
zwungen werden konnte, sich einer Gemeinde anzuschliessen, 
konnte diese selbst gezwungen werden, ein bestimmtes Indi- 
viduum als Mitglied aufzunehmen. Nur zwei Dinge durften 
dem Individuum nicht verweigert werden: der Besuch der 
Synagoge und eine Begräbnisstätte. Im Uebrigen stand es 
jeder Gemeinde frei, ihre Organisation, was Verwaltung, 
Mitgliedsbeiträge u. s. w. betraf, nach Gutdünken auszuge- 
stalten, sobald die Ortsbehörde ihre Bestätigung gab. Die 
erste Nachricht über eine organisatorische Massregel der Ge- 
meinde Brandenburg datiert vom Jahre 1809. In diesem 
Jahre wurde zur Bestreitung der Gemeindebedürfnisse die 
erste Umlage auf die Mitglieder nach ihrem Vermögensstande 
gemacht, durch Gemeindebeschluss vom 25. Juli festgesetzt 
und vom Magistrat am 5. September bestätigt. Die Steuer 
führte den hebräischen Namen Gilgul; die einzelne Quote, 
„Plette" genannt, wurde so vielmal erhoben, als der Bedarf 
erforderte. Das Aktenstück, welches diesen Gemeindebeschluss 
enthielt, ist leider verloren gegangen'). Eine genaue Fixie- 



^) Ea war bereits im Jahre 1879 bei der von dem Vorsteher 
Oppenheim vorgenommenen Aktenrevision nicht mehr zu finden, während 



- 126 - 

rung der Gemeindebedürfnisse wurde zum ersten Male am 
1. Juni 1817 vorgenommen und zwar beliefen sieb dieselben 
auf 'JGA '/2 Taler. Gleichzeitig wurden einige statutarische 
Bestimmungen aufgestellt, durch den Magistrat der Regierung 
eingereicht und mit einigen Abänderungen am 17. Mai 1819 
bestätigt. Ueber den Inhalt dieser Statuten sind wir be- 
dauerlicher Weise, da auch dieses Aktenstück verloren ging, 
nicht unterrichtet, sie bildeten aber für die nächsten Jahr- 
zehnte die Grundlage für die Leitung des Gemeindewesens. 
Nur einmal, soweit ich sehe, erfuhren sie eine Abänderung. 
Am 9. Dezember 1837 wurde vom Vorstand der Beschluss 
gefasst, „dass jeder von ausserhalb neu hinzukommende Bürger 
hiesiger Stadt, wenn er Mitglied der jüdischen Gemeinde 
werden will, die ersten drei Jahre unter dem Namen Ehren- 
mitglied aufgeführt werden soll und während dieser drei 
Jahre einen doppelten Beitrag zahlen soll, welcher von den 
zeitigen 2 Vorstehern, 1 Rendanten und 2 Stellvertretern fest- 
gesetzt wird." Am 23. Oktober 1839 wurde dieser Beschluss 
in einer Gemeindeversammlung bestätigt und hinzugefügt, dass 
der Unterschied zwischen wirklichen Mitgliedern und Ehren- 
mitgliedern nur darin bestehe, dass Letztere bei allgemeinen 
Beschlüssen keine Stimme haben. Erst nach Ablauf der 
3 Jahre, wenn sie ihre Verbindlichkeiten erfüllt haben, sollten 
sie in die Rechte aller übrigen Mitglieder eintreten. Nach 
Erlass des Judengesetzes von 1847 regte sich in der Gemeinde 
das Verlangen nach neuen, wohlgeordneten Statuten, lange 
Verhandlungen wurden geptlogen, bis endlich am 6. Januar 
1850 ein Regulativ zum Abschluss kam, dessen llauptbestim- 
mungen lauteten: 

1. Die das Statut vereinbarenden Interessenten be- 
trachten sich gegenseitig als gleichberechtigte Mitglieder unter 

ea in dem von Gereon 1866 angelegten Verzeichnis noch aufgeführt war. 
Sein Inhalt ist aber von Gerson in seine „Nachrichten" aufgenommen 
worden. — Die Zahl der ordentlichen Mitglieder war in diesem Akten- 
stück für 1809 auf 14 angegeben; dazu kamen 6 ledige, aber für eigene 
Rechnung handeltreibende Personen. 



- 12t — 

Vorbehalt bestimmter Sitze in der Synagoge für einzelne be- 
rechtigte Mitglieder. 

2. Die nicht sitzberechtigten Mitglieder, zeitige wie 
auch künftige, haben für einen Sitz in der Synagoge einen 
Taler Miethe pro Anno „zur Genosseuschaftskasse" zu zahlen, 
während die berechtigten j\litglieder nur T'/o Sgr. „tixen (Ja- 
non" zu entrichten haben. 

3. Jedes neu hinzutretende Mitglied hat zur Erlangung 
der Mitgliedschaft ein Eiukaufsgeld zur allgemeinen Kasse 
zu erlegen. 

4. Der Gemeindebedarf wird durch Schätzung nach 
dem Einkommen aufgebracht-). 

Man rauss jedoch mit diesem Regulativ nicht zufrieden 
gewesen sein, denn bereits am 21. Februar 1852 kamen neue, 
eingehendere, von einer neungliedrigen Kommission entworfene 
„Statuten für die Judenschaft zu Brandenburg" durch Unter- 
schrift sämtlicher Mitglieder zur Annahme. In sechs Ab- 
schnitten handeln sie von dem Zweck der Gemeinde („Kul- 
tus und religiöse Pflichten nach mosaischem Ritus ausüben 
zu können"), den Mitgliedern (nur wer auf seinen Antrag 
in die „Gemeinde-Controlle" eingetragen ist, gilt als Mitglied, 
alle anderen gehören zur Kategorie der Nichtmitglieder),^) 
der Verwaltung und Vertretung (fünf durch einfache 
Majorität und öftentliche Stimmabgabe auf drei Jahre ge- 
wählte Vorstandsmitglieder, ein Vorsteher, ein Schriftführer, 



'■^) lieber dieses Regulativ enthalten die Gemeindeakten selbst 
nichts; nur Gerson in seinen „Nachrichten" erzählt davon. 

^) Als Kuriosnm sei erwähnt, dass zur Zeit der Annahme dieses 
Statuts zwei Mitglieder ohne Stimmrecht gegen Zahlung von 6 Talern 
pro Jahr aufgenommen waren, lediglich deshalb, weil ihnen behufs Er- 
langung des Bürgerrechts vom Magistrat aufgegeben war, für den Eintritt 
eines Sterbefalles das Recht auf eine Begräbnisstätte nachzuweisen. Die 
Gemeinde hatte sich verpflichtet, die Leichen dieser beiden Mitglieder 
ev. auf dem jüdischen Friedhof zu beerdigen Die Beiden führten deshalb 
den Namen „Kirchhofsmitgliederl" Das Statut streicht diesen Namen 
und setzt dafür „Mitglieder der Gemeinde ohne Namen und ohne Anteil 
am Gemeindevermögen". 



— 128 — 

ein Synagogenvorsteher, ein Gemeinderendant, ein Rendant 
der „Kirchhufsgesellschaft"), den Beiträgen (alljährliche 
Abschätzung durch den Gesamtvorstand und drei beitragende 
Gemeindemitglieder), den Beamten (sind durch absolute 
Stimmenmehrheit der Gemeiudemitglieder zu wählen) und 
dem Ausscheiden aus der Gemeinde. 

Alle diese Versuche, die Gemeindeverwaltung in eine 
straffere Organisation zusammenzufassen, wurden schliesslich 
überflüssig durch die mit Beginn des Jahres IS.ji anhebenden 
Vorarbeiten zur Konstituierung der Gemeinde auf Grund des 
Gesetzes von 1847. Nach genauen Erhebungen entwarf der 
Magistrat einen „Plan zur Bildung von Synagogen- 
gemeinden in der Stadt Brandenburg westhavellän- 
dischen Kreises". Dieser Plan umfassle als zum Syn- 
agogeubezirk gehörig ausser der Stadt Brandenburg 86 Orte 
der Kreise Westhavellaud und Zauch-Belzig. Zur Zeit wohnten 
aber Juden nur iu 



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Der am 21. März an die Regierung eingereichte Plan 
wurde von dieser am 25. April bestätigt und zugleich wurde 
dem Magistrat aufgegeben, die Bildung der Synagogen- 
gemeinde den Beteiligten bekannt zu machen und sie zur 
Konstituierung der Gemeindekorporationen durch Wahl der Re- 
präsentanten und Vorstandsmitglieder aufzufordern. Die Prä- 
sentation des gewählten Vorstandes erwartete die Regierung 
binnen 6 Wochen. Aber erst nach 8 Monaten konnte dieselbe 
erfolgen. Am 23. Dezember wurde der erste Vorstand 



— 129 — 

L. Simon, J. Gerson, M. Aron von der Kegierung be- 
stätigt. Die Uebernahme der Verwaltungsgeschäfte stiess 
jedoch auf ungeahnte Schwierigkeiten, die sich im Laufe der 
nächsten Monate zu einem förmlichen Konflilct auswuchsen. 
Der bisher amtierende Vorstand nämlich, M. Pintus und 
H. Leow. verweigerte die Herausgabe der Kassen, der Bücher, 
der Dokumente u. s. w. Die Gründe dieser Weigerung klärten 
sich erst später, im Laufe der Verhandlungen, auf. Zunächst 
scheint der alte Vorstand die Kompetenz des neuen be- 
stritten zu haben, weil er nicht von Seiten des Magistrats 
offiziell eingeführt sei. Es geht dies aus einem Gesuch an 
die Regierung hervor, in welchem Vorstaud und Repräsentanten 
bitten, dass der Magistrat zur Einführung der neuen Gemeinde- 
vertretung angewiesen werden möge (30. März 1855). Auf 
den Bescheid der Regierung, dass es einer solchen Einführung 
nicht bedürfe, der Vorstand sich vielmehr ohne Weiteres den 
ihm obliegenden Geschäften zu unterziehen habe, verlangte 
der Vorstand vom Magistrat eine formelle Mitteilung über die 
Bestätigung der gewählten Gemeindevertreter. Nachdem diese 
eingegangen, konstituierte sich am Freitag, den 11. Mai 1855 
sowohl der Vorstand — J. Gerson wurde erster Vorsitzender — 
als auch die Repräsentantenversammlung, die ihren Vorsitz 
L. Gumpert übertrug. Nun erging auf den 13. Mai eine 
Einladung an den alten Vorstand, um dem neuen und einer 
Deputation der Repräsentanten die baaren Bestände, Bücher, 
Rechnungen, Effekten etc. zu übergeben und darüber Decharge 
entgegenzunehmen, Pintus leistete dieser Einladung keine 
Folge, Leow, der erschienen war, erklärte sich nicht für be- 
fugt, die Gemeindekasse zu übergeben, er w^olle erst den 
Magistrat anfragen, ob diese Uebergabe schon geschehen dürfe. 
Die Schriftstücke, Bücher, etc. seien in Pintus' Besitz. Zu 
einer neuen Konferenz am 16, Mai erschien auch Pintus und 
erklärte im Verein mit Leow, sie wollten die Kasse u, s, w. 
dem neuen Vorstand nur provisorisch übergeben, unter der 
Bedingung, dass der neue Vorstand auch „die Verpflicht- 
ungen der alten Gemeinde erfüllt". Erst wenn das neu zu 

9 



— 180 — 

entwerfende Statut die Erfüllung dieser Verpflichtungen ge- 
währleiste, könne die Uebergabe eine definitive werden. Der 
Vorstand, dem diese Bedingung unannehmbar schien, war in 
einer schlimmen Lage. Es blieb ihm nur die Beschwerde 
an die Regierung, zu der auch die Repräsentanten drängten. 
Er klagt, das Verhalten des alten Vorstandes mache jede Ge- 
schäftsführung unmöglich; derselbe sei der Meinung, er sei 
solange der rechtmässige Verwalter des Gemeinde-Vermögens, 
bis das neue Statut in rechtsverbindliche Kraft getreten sei. 
Die Regierung möge Anordnung treffen, dass der bisherige 
Vorstand ungesäumt seine Geschäftsführung ordnungsmässig in 
die Hand des neuen lege. Die Regierung überwies die Sache 
dem Magistrat zur Vermittelung. An ihn wendet sich der 
Vorstand mit der Bitte um Beschleunigung, die Eage sei ab- 
norm dadurch, dass der alte Vorstand sein Regiment fest- 
hält, denn „wo zweierlei Factoren regiren wollen, existirt 
faktisch gar keine Verwaltung" (13. Juni). Zu der Unmög- 
lichkeit, die Gemeindegeschäfte zu führen, kam noch eine 
neue Kalamität durch ein Schreiben des Königlichen Kreis- 
gerichts, in welchem die Synagogengemeinde erst dann als 
gehörig konstituiert und der Vorstand als gesetzmässig bestellt 
erachtet wird, wenn dieRegierung die genehmigten Statuten 
mitgeteilt habe {'22. Juni). Diese Autfassung beruhte zwar 
auf einem Irrtum, wie die Regierung am 5. Augui^t auf eine 
Anfrage des Vorstandes entschied, denn die Gemeinde sei 
durch die blosse Bestätigung des Vorstandes bereits konsti- 
tuiert. Aber einstweilen musste die durch die Weigerung 
des alten Vorstandes verschuldete Verzögerung des Statuten- 
entwurfes dem Schreiben des Kreisgerichts gegenüber als 
eine doppelte Unannehmlichkeit empfunden werden. Zur 
Schlichtung des Gemeindezwistes fand am 29. Juni Termin 
vor dem Magistratssekretär Körner statt. Der Vorstand prä- 
zisiert seine Forderungen in fünf Punkten, von denen aber 
der alte Vorstand nur die Herausgabe der Gemeinde-Kassen- 
rechnungen, der Abgaben-Rolle nebst Hebungsliste und des 
Etats über Einnahmen und Ausgaben guthiess. Dagegen wurde 



- lai - 

die Herausgabe der Konzessionen, Hypotheken, Dokumente, 
Kaufbriefe etc. erst für die Zeit in Aussicht gestellt, zu der 
das neue Statut genehmigt sein würde. Auch die Kassen der 
Stiftungen wurden zurückgehalten; Pintus, der an die Ge- 
meinde eine Forderung von 300 Talern hatte 'j, kündigte das 
Kapital auf 3 Monate und erklärte, die 395 Taler betragenden 
Papiere der Kassen als Faustpfand zu behalten. Da aber nicht 
nur der Entwurf des Statuts, sondern vor Allem auch die 
Aufstellung des Etats ohne die zurückgehaltenen Schriftstücke 
unmöglich war, so drängte der Vorstand beim Magistrat wie- 
derholt auf Entscheidung. Oberbürgermeister Brand gab den 
Wunsch zu erkennen, es möchte versucht werden, die ob- 
waltenden Differenzen auf dem Wege gütlicher Einigung zu 
beseitigen und schlug zu diesem Zwecke eine gemeinsame 
ausserordentliche Konferenz des Vorstandes und der Reprä- 
sentanten mit Pintus und Leow vor. Diese Konferenz fand 
am 6. Juli statt, sie brachte endlich volle Klarheit über die 
Tendenzen, die der alte Vorstand mit seiner Weigerung ver- 
folgte, und sie brachte auch — die Einigung. Der Verlauf der 
Konferenz aber, der fast ein dramatischer genannt werden 
darf, verdient eine genauere Beschreibung. Vorstand und 
Repräsentanten, beide in ihrer Vollzahl erschienen, sind 
zunächst unter sich. Der Vorsitzende erklärt einleitend: „Des 
Herrn M. Pintus Verlangen geht dahin, dass, weil er be- 
fürchte, es würde künftig in unserer Gemeinde eine 
sogenannte Reform Eingang finden und der Gottes- 
dienst der Art eingerichtet werden, dass es ihm und 
seinen Anhängern in moralischer Beziehung nicht 
mehr möglich sein würde, das Gotteshaus zu be- 
treten, wir jetzt, vor Emanirung der Statuten durch 
Beschluss feststellen sollen, dass in diesem Falle 
das gegenwärtige Vermögen der hiesigen jüdischen 
Gemeinde den Anhängern des alten Ritus verbleiben 



*) Die Gemeinde hatte diese Summe 1842 zum Ausbau der Syn- 
agoge als Anleihe aufgenommen und Pintus hatte sie an den Gläubiger 
aus seiner eigenen Tasche zurückgezahlt. 



— 132 — 

solle. Wenn diesem Verlangen gewillfahrt werde, so ist 
Herr Pintus bereit, Alles, was er vom Gemeinde-Vermögen 
noch bewahrt, sofort herauszugeben.'' Nach längerer Debatte 
gibt die Versammlung folgende, einmütig zum Beschluss er- 
hobene Erklärung ab: 

„Unser Wirken und Wollen soll unserem und dem 
Sinne unserer Wähler entsprechend dahin gehen, den in 
der hiesigen Gemeinde bisher obgewalteten religiösen 
Sinn, auf Grundlage des mosaischen Glaubens nach 
dem alten, hier bisher gebräuchlichen Ritus zu 
erhalten und zu befestigen, indem wir erkennen, 
dass nur durch Festhalten dieses Sinnes es 
möglich sey, den Frieden und die Liebe in un- 
serer Gemeinde zu erhalten, eine Aufgabe, die 
zu erfüllen wir als unsere Pflicht halten. Dieses 
unser Bekenntuiss und Gelöbniss sind wir bereit, dem 
Herrn Pintus gegenüber, sobald dieser in unserer Mitte 
erscheint, feierlich zu erkennen zu geben, nicht aber 
können und werden wir zu einer Verbriefung darüber 
uns verstehen, indem eine solche zwar für uns mo- 
ralisch, nicht aber für unsere Nachfolger rechts- 
verbindlich seyn würde." 

Darauf erscheint Pintus. Er präzisiert sein Verlangen 
dahin: In das Statut soll die Aufnahme des Passus erfolgen, 
dass das Vermögen der Gemeinde den Anhängern des alten 
Ritus verbleibe. Pintus entfernt sich wieder, und die Ver- 
sammlung beschliesst einmütig, sein Verlangen „in keinem 
Falle und um deshalb nicht zuzugestehen, weil dadurch 
dem Zwiespalt, der vermieden werden solle, Thür 
und Thor geöffnet werde." Dieser Beschluss wird Pintus 
alsbald bekannt gegeben und ihm zugleich das obige Gelöbnis 
vorgelesen. Darauf modifiziert Pintus seinen Antrag dahin, 
er wolle sich begnügen, wenn ihm und „seinen Committenten" 
eine Verbriefung über jenen Passus gegeben werde. Aber 
auch diesen Autrag lehnte die V^ersammlung unter Hinweis 
auf ihre bereits ausgesprochene Gesinnung und ihre Anhäng- 



— 133 — 

lichkeit an den althergebrachten Ritus ab^ worauf Pintus mit 
den Worten: ,.Eine solche Versicherung genügt mir nicht!'' 
sich entfernt. Der sj)äten Stunde wegen — es war offenbar 
Mittagszeit — wird die Verhandlung abgebrochen und am 
selben Tngo abends 9 Uhr fortgesetzt. Es kommt nunmehr 
folgender Beschiuss zustande: ,,Wir sind gesonnen, auf Grund 
unserer inneren Ueberzeugung bestrebt zu seyn, das Vermögen 
unserer Gemeinde zu erhalten, nach den bereits ausgesprochenen 
Grundsätzen und im Sinne unserer kundgegebenen religiösen 
Ueberzeugung." Der Vorstand wird beauftragt, auf Grund 
dieser Erklärung mit Pintus weiter zu verhandeln und dem 
Repräsentantenkollegium von dem Resultat Nachricht zu geben. 
Bereits am folgenden Tage wurde die Erklärung vom Vor- 
stand Pintus ..ans Herz gelegt'', und zwar mit dem Erfolge, 
dass dieser endlich nachgab und Folgendes deponiert: „Ich 
acceptiere diese P^rklärung und erkläre mich mit dem Sinne 
derselben einverstanden, halte das mir gemachte Gelöbniss 
für mich genügend und bin auf Grund desselben erbötig, 
nunmehr unsere Angelegenheit in freundlicher Art zu ordnen 
und die innehabenden Gegenstände, Dokumente und Vermögens- 
bücher an den zeitigen Vorstand auszuantworten. Demnächst 
aber erbitte ich mir eine Abschrift von dieser Verhandlung 
zu meiner Legitimation für künftige Fälle." Die Uebergabe 
der Bücher etc. fand am 31. Juli statt, wobei der Vorstand 
noch einmal ausdrücklich versicherte, er werde bestrebt sein, 
die Geschäfte so zu führen, dass auch die alten Mitglieder 
sich mit der neuen Verwaltung zu befreunden Ursache haben 
und bekommen werden. Damit war der leidige Zwiespalt 
ausgeglichen. Wenn wir ihm ein kritisches Wort widmen 
dürfen, so muss zugestanden werden, dass die zugrunde liegen- 
den religiösen Momente sicherlich ihre Berechtigung hatten, 
umso mehr, als die unsinnige, auf blinder Nachahmung fremder 
Gebräuche fussenden Reformgelüste damals im Zuge der Zeit 
lagen und wahrscheinlich auch hier in der Gemeinde ihre 
Anhänger hatten. Man mag vielleicht das rücksichtslose Ver- 
halten des alten Vorstandes verurteilen; aber in Anbetracht 



— \'V\ — 

der idealen Momente, die ihm zugrunde lagen, muss man dem 
unbeugsamen Eifer jener Alten zustimmen, die der Gemeinde 
das heilige Kecht einer jüdischen, religionsgesetzlich unan- 
fechtbaren Führung retten und bewahren wollten. Anderer- 
seits muss man der neuen Verwaltung zugestehen, dass sie 
durchaus korrekt verfuhr, es an Loyalität und Entgegenkommen 
nicht fehlen Hess und ihre Versprechungen auch vollauf ge- 
halten hat. 

Jetzt endlich konnte das bedeutsame Geschäft des 
Statutenentwurfs mit Eifer betrieben werden. Unter Zu- 
grundelegung des von der Regierung als Muster empfohlenen 
Statuts der Gemeinde Frankfurt a. 0. arbeitete die zu diesem 
Zwecke gewählte Kommission im Verein mit dem Vorstand 
einen Entwurf aus. der am 27. Dezember 1855 der Regierung 
eingereicht wurde. Die Regierung verlangte zunächst eine 
ausführliche IMotivierimg der zu dem Frankfurter Statut ge- 
machten Zusätze und Abänderungen. Nachdem diese Moti- 
vierung am 25. Februar 1850 erstattet war. verlangte die 
Regierung nach mehrmonatlicher Prüfungsfrist eine Abänderung 
des auf die Gemeindesteuern sich beziehenden Paragraphen. 
In dem ersten Entwurf war nämlich für die Steuerveranlagung 
ein Modus vorgesehen^ der nach der Einteilung der Mitglieder 
in drei Klassen auch die Beiträge in drei Klassen (mit elf 
Abstufungen) einteilte und die Einschätzung in eine dieser 
Klassen der Repräsentantenversammlung überliess. Dieser 
Modus war nach Ansicht der Regierung zu ungenau und liess 
der Willkür zu grossen Spielraum. Deshalb wurde in erneuten 
Beratungen die Beitragepflicht der JVIitglieder nach folgendem 
Schema festgesetzt: Es sollten veranlagt werden Einkommen von 



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3500 


n 


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4000 


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40 


« 



Einkommen von über 4000 Talern wurden von je 
1000 Talern mit 10 Portionen mehr veranlagt. Der wirk- 
liche Betrag der Portionen wurde alljährlich dem durch den 
Etat ermittelten Bedürfnisse entsprechend vom Vorstand fest- 
gesetzt. Das so abgeänderte Statut wurde sodann am 29. Mai 
1857 von der Regierung bestätigt. Die Gemeinde wird nach 
ihm verwaltet durch einen Vorstand von drei und durch 
eine Repräsentantenversammlung von neun Mitgliedern. 
Ein rechtsgiltiger Gemeindebeschluss muss sowohl von der 
Repräsentantenversammlung als vom Vorstande gutgeheissen 
sein. Zur Verwaltung des Kassenwesens wählt die Repräsen- 
tantenversammlung mit Zustimmung des Vorstandes einen 
Rendanten. 

Dieses erste Statut erfuhr bereits im Jahre 1872 eine 
gründliche Revision, deren wesentlichste und eingreifendste 
Aenderungen die Wahl der Repräsentanten und den 
Steuermodus betrafen. Ueber die Wahl der Repräsentanten 
enthielt das erste Statut in seinem § 18 nur die gelegentliche 
Notiz^ dass dieselbe alle drei Jahre stattfinde. Das revidierte 
Statut sagt in seinem § 19 deutlich: „Die Repräsentanten 
werden auf sechs Jahre ge\vählt", bestimmte die im Mai 
1873 erstmalig ausscheidende Zahl der Mitglieder und fügte 
hinzu: Jedesmal nach drei Jahren scheidet die ältere Hälfte 



aus. Auch der eigentliche Wahlmodus vor dem Wahl-Kom- 
missar wurde erst im revidierten Statut genau fixiert. Die 
Wahl geschieht durch öft'entliche Stimmabgabe^). Die er- 
neute Abänderung des Steuermodus war durch die Tatsache 
bedingt, dass nach dem ersten Statut ..die Besteuerung aus 
nicht zu ermittelnden Gründen" nur bis zu einem Einkommen 
von 500 Talern eine progressive war, von da an aber regres- 
siv. Bei einem Steuersatz von 2 Talern z. B. zahlte der In- 
haber eines Einkommens von 500 Talern vier Prozent, der 
eines solchen von 4000 Talern zwei Prozent. Das revidierte 
Statut führt die Progression regelmässig durch „von der Vor- 
aussetzung ausgehend," wie der Vorstand in seiner Motivier- 
ung sagt, „dass die Steuer den reichen Mann weniger drückt 
als den Armen und Unbemittelten. " Nach genauen Vergleich- 



*) Der Vorstand hatte in seinem Revisionsentwurf geheime Wahl 
vorgeschlagen und diesem Vorschlage eine Motivierung gegeben, die um 
ihrer drastischen Form und ihres zeitgeschichtlichen Untergrundes willen 
hier mitgeteilt sei: „Es ist als leitendes Prinzip an Stelle der Drei- 
klassenwahl mit öffentlicher Abstimmung die geheime, direkte Wahl an- 
genommen und zwar aus all den schon vielfältig im Abgeordnetenhause 
ventilirten Gründen, die denn auch bei Konstituirung des Reichs- 
tags adoptirt wurden. Wir beziehen uns bei dieser wesentlichen Ab- 
änderung auf das Urteil Sr. Durchlaucht des Herrn Reichskanzlers Fürst 
v. Bismarck, welcher bei Gelegenheit des konstituirenden Reichstags 
das Dreiklassenwahlsystem mit Recht als das schlechteste bezeichnete. 
Die dritte und zweite Wählerklasse repräsentirt jede für sich fast immer 
eine viel grössere Steuerkraft als die erste, ganz abgesehen davon, ob die 
Wähler einer niedrigen Klasse nicht denselben Eifer, Kenntnisse und 
Einsicht haben als die Wähler der ersten Klasse. Wenn z. B. ein Mit- 
glied durch Erbschaft, Gewinn oder sonstige Zufälligkeiten in den Besitz 
eines Vermögens kommt, so ist damit doch nicht festgestellt, dass 
derselbe klüger wird, ebenso umgekehrt — ". Trotz dieser Deduktionen 
blieb dem Vorschlag einer geheimen Wahl die behördliche Zustimmung 
versagt, weil sich „dieser Wahlmodus wohl für politische Wahlen eigne, 
jedoch keineswegs für die Wahlen der Vertreter von kommunalen oder re- 
ligiösen Körperschaften, innerhalb deren wesentlich andere Interessen zu 
vertreten und zu berücksichtigen sind" (Bescheid der Regierung vom 
20. April 1872). 



— 137 — 

ungen mit den Prozentsätzen der Kommiinalsteuern kam das 
folgende neue Schema zustande: 



100 Taler 


mit 


1 Portion 


150 


n 


11 


1% 


Portionen 


200 


n 


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11 


300 


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350 


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5 


11 


400 


n 


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450 


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7 


11 


500 


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11 


8 


11 


600 


n 


11 


10 


11 


700 


n 


11 


12 


11 


800 


n 


11 


14 


11 


1000 


» 


11 


18 


11 


1200 


« 


11 


23 


11 


15C0 


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11 


30 


11 


2000 


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11 


41 


11 


2500 


n 


11 


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11 


3000 


n 


11 


64 


11 


4000 


n 


11 


90 


11 



Ueber 4000 Taler mit 4 Prozent. Das revidierte Statut 
erhielt regierungsseitig die Genehmigung am 17. Oktober 1872, 
Im Laufe der nächsten Jahre wurden bei der neuen Steuer- 
skala wiederum Lücken empfunden, da gewisse Einkommens- 
sätze nicht vertreten waren. Dies führte im Jahre 1879 zu 
erneuten Beratungen über eine nochmalige Abänderung der 
Skala. Es war nicht leicht, dieselbe so zu konstruieren, dass 
die von der Regierung verlangte genaue arithmetische Pro- 
gression erreicht wurde. Drei verschiedene Vorlagen erfuhren 
Abweisung. Schliesslich wurde am 29. Oktober 1879 die 
folgende Skala genehmigt, die in der Festlegung eines Steuer- 
maximums bei Einkommen von 12000 Mk. ein Novum 
enthielt: 



— 138 — 



300 


Mark 


mit 


1 Portion 


450 




?i 


IV: 


Portionen 


600 




ji 


2 


11 


750 




»> 


3 


yy 


900 




^y 


4 


11 


1050 




15 


5 


1^ 


1200 




i") 


6 


» 


1350 




» 


7 


11 


1500 




9) 


8 


•i^ 


1800 




»> 


10 


yy 


2100 




?1 


12 


'^y 


2400 




^> 


14 


•)■> 


2700 




1^ 


16 


11 


3000 




i") 


18 


yy 


3300 




« 


20 


11 


3600 




?? 


23 


yy 


4000 




1? 


26 


yy 


4500 




19 


30 


li 


5000 




"If 


33 Va 


y> 


5500 




51 


37 V2 


11 


6000 




11 


41 


yy 


6500 




11 


44 V« 


"»y 


7000 




11 


48 


11 


7500 




11 


52 


11 


9000 




yy 


64 


yy 


10000 




11 


72 


yy 


11000 




11 


81 


yy 


12000 




<< 


90 


n 



12000 Mk. ist das Maximum der Besteuerung. 

Diese Skala ist jetzt noch gültig, doch wird eine Ver- 
einfachung des ganzen Modus in der Weise beabsichtigt, dass 
wie in den meisten anderen Gemeinden die Beiträge in Form 
eines Zuschlages zur Staatssteuer erhoben werden und das 
Maximum fortfalle. 

Eine letzte, die Synagogenplätze betreffende Ab- 
änderung des Statuts wurde im Jahre 1883 vorgenommen. 
Näheres darüber unter No. 3, Synagoge. 

Pas Wachstum der Gemeinde ist aus folgender Ta- 



— 139 



belle der Mitgliederzahl und der Etatssummen '^) er- 
sichtlich: 

Jabr Mitglieder Etat 



1856 


53 


900 Ta 


1857 


48 


900 „ 


1858 


53 


700 „ 


1859 


52 


950 „ 


1860 


52 


900 „ 


1861 


58 


900 „ 


1862 


62 


900 „ 


1863 


71 


950 „ 


1864 


66 


1025 „ 


1865 


66 


950 „ 


1866 


72 


1000 „ 


1867 


70 


1000 „ 


1868 


71 


1000 „ 


1869 


64 


1060 „ 


1870 


65 


1015 „ 


1871 


53 


920 „ 


1872 


63 


900 „ 


1873 


63 


1300 „ 


1874 


67 


3600.— 


1875 


72 


3750.— 


1876 


75 


3900.— 


1877 


75 


4569.— 


1878 


76 


4400.— 


1879 


75 


4400— 


1880 


73 


4400.— 


1881 


72 


4200.— 


1882 


72 


4000.— 


1883 


73 


4800.- 


1881 


81 


5571.- 


1885 


70 


5214.50 


1886 


71 


5098.— 


1887 


72 


5000 — 


188S 


71 


4600.— 


1889 


81 


4806.65 


1890 


80 


4737.25 


1891 


83 


4745.— 



Mark 



*) Die Zahlen stellen die in jedem einzelnen Jahre durch Steuern 
aufzubringenden Bedarfs summen dar. 



— 140 — 
Jahr Mitglieder Etat 



1892 


78 


4805.— 


1893 


70 


4835.25 


1894 


77 


4667.25 


1895 


81 


4457.— 


1896 


72 


4667.75 


1897 


71 


4867.— 


1898 


68 


4573.25 


1899 


65 


4652. - 


1900 


69 


5100.— 


1901 


67 


5530.75 


1902 


68 


6217.— 


1903 


57 


5903.25 


1904 


64 


6062.— 


1905 


69 


6442.— 



Eine liiste der Vorstandsmitglieder und Repräsentanten 
resp. deren Stellvertreter von 1855 bis 1905 geben wir in 
Beilage XXI. Von Lebenden gehört Geh. Kommerzienrat 
L. Gumpert dem Repräsentantenkollegium seit seinem fünf- 
zigjährigen Bestehen und zwar von 1855 bis 1869 sowie seit 
1876 als Vorsitzender an, während Sally Oppenheim 
von 1870 bis 1904, also 34 Jahre, das Amt des ersten Vor- 
sitzenden des Gemeinde-Vorstandes mit grosser Umsicht und 
klugem Verwaltungssinn geführt hat. Die Rendantur liegt 
seit 1887 in den bewährten Händen von S. Salinger. Die 
älteren Gemeindeschulden, welche im Jahre 1872 die Höhe 
von 1650 Talern erreicht hatten (zwei Hypotheken auf das 
Gemeindehaus von 800 bezw. 550 Talern und ein Darlehen 
aus der Brautaussteuerkasse von 300 Talern) sind durch 
einen von Sally Oppenheim ausgearbeiteten Schuldentilgungs- 
plan seit dem Jahre 1885 absorbiert, die neuen, aus dem 
Synagogenbau 1883 (s. No. 3) erwachsenen Schulden seit 1893. 



- 141 - 



2. Beamte. 

A. Rabbiner. 

1859-1872 Dr. Philipp Kaphael. 

Vüilier in Labes, wurde aus 56 Bewerbern, unter 
denen auch Dr. Jolowicz-Königsberg war, ge- 
wählt. In ihrem Bestäti«;ungsschreiben bemerkte 
die Regierung, dass K. das ihm vom Vorstand 
beigelegte Prädikat „Prediger" nicht führen 
dürfe, da dieser Titel nur christlichen Geistlichen 
zukomme. Dr. Raphael starb am 1. August 1872 
eines plötzlichen Todes. Dr. Apolant-Berlin 
hielt ihm die Trauerrede, Die Witwe erhielt 
eine einmaliii;e Pension in Höhe von 300 Talern'). 



') Aus der Amtszeit Dr. Raphael's ist bei den Gemeindeakten 
(Conv. 38) ein Brief meines verewigten Lehrers Dr. J. Hildesheimer 
h""!} erhalten, der, aus dem Jahre 1870 stammend, ein gewisses historisches 
Interesse beanspruchen und zugleich einen Beitrag zu dem Charakterbilde 
des Unvergesslichen bieten dürfte. Ich benütze gerne die Gelegenheit, 
den Brief der Oettentlichkeit zu übergeben. Der Vorsteher B. Pintus 
hatte an Dr. Hildesheimer die Bitte gerichtet, den damals amtierenden 
Schächter Lachmann einer Prüfung zu unterziehen. Darauf ging folgendes 
Schreiben ein: 

7\"1 

Herrn B. Pintus Wohlgeb. 

Brandenburg. 

Berlin 17. Schewat 6630. 
Ihr sehr Gesch. habe ich erhalten, es gereicht mir immer zur Freude, 
einem wackeren Gesinnungsgenossen Rechenschaft über meine Ent- 
schliessungen in öffentichen religiösen Angelegenheiten geben zu können, 
deshalb sage ich Ihnen auch besten Dank für die mir gebotene Ge- 
legenheit. 

Dass ich Herrn Lachmann zu meinem eigenen Leidwesen 
(denn ich schlage so achtbaren Männern ungern etwas ab, dessen Er- 
füllung faktisch in meiner Macht liegt) zurückweisen musste, hat seinen 
sehr wichtigen prinzipiellen Grund. Soll meine, soll unsere Angele- 



— 142 — 

1872—1876 Dr. Nathan Ehrenfeld, 

jetzt Oberrabbiuer in Prag. 
1876—1888 Dr. Philipp Kroner, 

vorher Landrabbiner in Ostfriesland-Osnabrück, 

jetzt Religionsschuldirigent in Berlin. 
1888—1892 Dr. Isaak Koaenberg, 

jetzt Rabbiner in Thorn. 
1898—1894 Dr. Immanuel Plato, 

jetzt Klausrabbiner in Hamburg. 
Seit 1. Mai 1895 Dr. Aron Ackermann. 

B. Lehrer, Schächter und Vorbetep. 

1855 — 1858 Simon Herrmann. 

1858 interimistisch L. Loewenthal. 

1858 — 1877 Nathan Lachmann, 

Schächter und Vorbeter. 
1877 — 1878 interimifltisch Schächter Lichtenstein. 



genheit hier reüssieren, was, wie Sie wissen, nicht nur für Berlin, 
sondern für ganz Deutschland eine nicht gleichgültige Frage, so muas 
sie sich, ausser ihrer inneren Abrechnung mit sich selbst, die natürlich 
in erster Linie steht und nur die P'aktoren Pflicht und Wahrheit kennt, 
vor allem die öffentliche Meinung für sich gewinnen, und mit aller- 
grösster Vorsicht auch jeden Schein der Illoyalität von sich fern halten. 
Unverstand und noch viel mehr Böswilligkeit, hervorgehend aus schmutzi- 
gen Motiven mancher Art, ist nun immer auf der Lauer, uns einen 
Fall nachweisen zu können, dass wir Unfrieden säen, npiSno anfachen 
etc. etc. Daher ist es dringend nothwendig, dass ich zur Abwendung 
solcher Niedertracht mir unter anderem zur Prüfung eines cmtr (wie 
dies schon öfter geschehen) die Beibringung eines schriftlichen Gesuches 
des Vorstandes der Gemeinde erbitte. Allerdings war dies bis jetzt 
nur in Orten, wo kein Rabbiner fungiert. In Orten, wo dies der Fall 
ist, könnte es selbst bei Erfüllung dieser Form jenem Rabb. gegenüber 
als Provokation erscheinen. Aber ich würde mich hierüber hinweg- 
setzen, muss aber bei meiner ganzen Theilnahme für gesinnungsver- 
wandte Minoritäten dennoch im Interesse der Sache diesen Modus auf- 
recht halten. 

Hochachtungsvoll 

Dr. J. Hildesheimer, 
Rabbiner. 



- 143 — 

1878—1890 Juliua Markuse, 

Schachtel' und Voibeter. 

1890—1893 Ziegelroth, 

Schächter und Vorbeter. 

1893 interimistisch Lehrer B. Ziegelruth. 
189B interimistisch Lewiusohn. 

1894 interimistisch Grünspahn. 

Seit 1. April 1891 Bernhard Löwinsohn, 
Schächter und Vorbeter. 



— 144 — 



3. Synag-oge. 

Das unter so vielen Schwierigkeiten erbaute erste 
Gotteshaus reichte auf etwa 50 Jahre für die Bedürfnisse der 
Gemeinde aus. Die erste grössere Bauveränderuug, ein die 
Vermehrung der Plätze bezweckender Anbau, wurde im Jahre 
1^38 vorgenommen, mit einem Kostenaufwand von 365 Talern"*), 
ein grösserer Umbau, der zugleich eine Verlegung der Sitz- 
plätze zur Folge hatte, im Jahre 1846. Durch Aufhebung 
der bis dahin in der Mitte der Synagoge befindlichen Bima 
und erneuten Umbau wurde im Jahre 1859, um dem dringen- 
den Bedürfnis der im Wachsen begriffenen Gemeinde abzu- 
helfen, eine Anzahl neuer Sitzplätze gewonnen; 1862 erfolgte 
die Einführung der Gasbeleuchtung, 1874 die Erbauung 
einer massiven Wand nach dem Nachbargrundstück. Alle 
Reparaturen und kleineren Renovationen vermochten schliess- 
lich die Baufälligkeit des etwa hundert Jahre alten Gottes- 
hauses nicht aufzuhalten. Zu Beginn des Jahres 1882 fühlte 
man sich gezwungen, den Bau auf seine Beschaffenheit von 
Sachverständigen untersuchen zu lassen. Das Gutachten lau- 
tete, der Bau sei als „ruinenhaft" zu bezeichnen und seine 
fernere Benutzung „nicht gefahrlos". Ein Ausbau, der viel- 
leicht auf eine kurze Dauer hätte Abhilfe schaffen können, 
wurde nicht empfohlen, und so trat man dem Plane eines 
völligen Neubaues näher. Nach längeren Verhandlungen, 
die sich besonders um den Erwerb eines anderen Grundstückes 
drehten, wurde am 24. März beschlossen, den Neubau der 
Synagoge auf der Stelle der alten auszuführen. Am Sab- 
bat, den 29. April, fand der Abschieds-Gottesdienst statt. Als 
Interimssynagoge diente zunächst das Zimmer der Religions- 



*) Nach einem von der Hand des Moses Pintus herrührenden Ver- 
merk im Synagogenbuch, das an derselben Stelle auch eine Grundiiss- 
zeichuung der Sitze enthält. 




o 



schule, 8])äter ein Saal der „Ressource" in der Steinstrasse; 
an den hohen Fesitagen fand der Oemeindegottesdienst im 
Saale des „Schweizergartens" statt. Mit dem Entwurf von 
Zeichnungen zum Neubau waren beauftragt worden: Knoblaucli 
und Wex in lierlin. die Zimmermeister Leue und llamj)ke 
in Brandenburg, ausserdem Julius Nathanson, ein Sohn 
des damaligen Vorstehers IMntus Nathanson. jetzt Stadtbau- 
inspektor in Breslau. Zur Ausführung bestimmt wurde der 
Entwurf von Knoblauch und Wex mit den wesentlichen Ab- 
änderungen, welche Julius Nathanson an demselben vorge- 
nommen hatte. Der Bau wurde dem Zimmermeister, jetzigen 
Stadtrat llampke für den Preis von 20000 Mark übertragen, 
stellte sich aber schliesslich auf rund 30000 Mark. Am 
12. Juni begann der Abbruch der alten Synagoge, am 4. Juli 
fand die Grundsteinlegung, entgegen einem Beschlüsse der 
Kepräsentanten ohne alle Feierlichkeit statt. In die Kuppel 
vermauerte man eine Blechkapsel, welche eine kurze Geschichte 
der Gemeinde und ausserdem an Druckschriften enthielt: ein 
Gemeinde Statut, Rohling' s „ Talmud j ude ", „Antisemi- 
ten und Gymnasiallehrer", „Die Verurteilung der anti- 
semitischen Bewegung durch dieWahlmänner Berlins", 
„Die gesellschaftliche Stellung der Juden" von Kolk- 
maun und die Rede des Predigers Kalthoff in Berlin. Der Bau 
nahm etwas über ein Jahr in Anspruch. Die feierliche Ein- 
weihung des neuen Gotteshauses fand am 26. September 1883 
unter Beteiligung der städtischen Behörden statt. Dr. Kroner 
hielt die Festrede, in der er das Gotteshaus als eine Stätte 
zeichnete, von der Gotteserkenntnis, Menschlichkeit und 
Friede ausgehen soll. Die Synagoge, ein Backsteiubau in 
romanischen Formen mit einer Kuppel in maurischem Stil, 
umfasst 100 Männer- und 70 Frauenplätze. Leider stellte 
sich bald ein grosser Mangel heraus: die starke Feuchtigkeit 
der Wände. Sie hatte zur Folge, dass die für die Ein- 
weihung beschleunigten Wandmalereien bald wieder zerstört 
wurden, sodass man schon nach drei Jahren zu einer gänz- 
lichen Entfernung der j\Ialereien schreiten und die Wände in 

10 



— HG — 

ihrem einfachen, kahlen Wandputz belassen musste. In diesem 
unschönen, halbfertigen Zustande blieb die Synagoge lange 
Jahre. Die mehrfach beschlossene Ausführung der Malereien 
musste immer wieder verschoben werden, da immer noch 
Feuchtigkeit durch die Wände drang. Erst zwanzig Jahre 
nach der Erbauung, im Sommer des Jahres 1903, konnten die 
Malerarbeiten definitiv ausgeführt werden. Verbunden damit 
wurde eine gründliche Autfrischung und Verschönerung des 
gesamten inneren Baues. Der Opferwilligkeit einzelner Ge- 
meindemitglieder dankte die Synagoge bei dieser Gelegenheit die 
Installierung einer vollständigen Gasglühlichteinrichtung 
(J. Vandsburger), die Belegung des Vorderraumes mit roten 
Teppichen (H. Liebenthal) und die Spende eines neuen kostbaren 
Vorhanges (nrnc) (Il.Conitzer). Nach zweimonatlicher Dauer der 
Renovierungsarbeiten fand am 4. September 1903 in Verbindung 
mit dem Freitagabendgottesdienst die Einweihung der in hellem 
Lichterglanz erstrahlenden Synagoge statt. Der Verfasser 
dieser Arbeit hielt die Festrede über den Text Deut. 23, 15 
l^•^p y:nf: ,Tm „Dein Lager soll heilig sein." 

Ein besonderes Wort verdient die Verteilung der 
Synagogenplätze, deren Einzelheiten, eine kleine Geschichte 
für sich, in der Gemeinde eine nicht unbedeutende Rolle 
spielten. Bereits in dem ersten Betraum, welchen die Gemeinde 
auf ihrem Grundstück in der grossen Münzenstrasse besass, 
hatten sich einzelne Mitglieder ihre Plätze „für ewige Zeiten" 
durch Kaufkontrakte gesichert. Es ist bei den Gemeinde- 
akten (Conv. 47) ein solches, im talmudischen Idiom gehal- 
tenes Verkaufsdokument erhalten, durch welches sich Selig 
Salomon im Jahre 17 4U vier Plätze von der Gemeinde er- 
warb. Ein zweites Dokument betrifft einen von Ezechiel 
P intus 1773 abgeschlossenen Plätzekauf. Aehnliche Käufe 
sind sicherlich von den meisten Mitgliedern bewirkt worden. 
Die so erworbenen Synagogensitze wurden als Eigentum 
der Inhaber betrachtet und gingen oft durch Kauf in an- 
dere Hände über, wurden auch an milde Stiftungen verschenkt, 
zu deren Gunsten man sie vermietete und bildeten bei Nach- 



- i4t - 

lassregiilierungen die Objekte langwieriger gerichtlicher Ver- 
handlungeu. Im Laufe der Jahrzehnte tauchten aber, da die 
meisten Kaul'kontrakte verloren gegangen waren, vielfache 
Zweifel in Bezug auf die Besitzrechte auf und führten wohl 
auch zu Misshelligkeiten in der Gemeinde, namentlich wenn 
durch Umbauten Veränderungen in der lokalen Anlage der 
Plätze eingetreten waren. Deshalb schritt man im Jahre 18.'i7 
zu einer gründlichen Regelung dieser Angelegenheit und be- 
schloss, sämtliche Besitzer eigener Synagogenstände genau zu 
ermitteln, wobei man als Norm festhielt, dass jeder Sitz, der seit 
mehr als dreissig Jahren von demselben Inhaber bezw. 
dessen Erben benützt worden war, als Eigeutumssitz bezeich- 
net und dem Inhaber oder dessen Rechtsnachfolger seitens 
der Gemeinde als sein Eigentum zuerkannt werde. Erst im 
Jahi'o 1840 war dieses gewiss nicht einfache Ermittelungs- 
geschäft beendet. Man liess besondere Formulare drucken 
mit der Aufschrift: „Besitz Titel über den Synagogen i-Mtz 
Nr in der Synagoge", füllte dieselben mit den ent- 
sprechenden Angaben auf den Namen der Inhaber aus und 
bewahrte sie bei den Gemeindeakten auf. Diese vom Vor- 
stand unterschriebeneu „Besitztitel" sicherten den Inhabern für 
den Fall von Bau Veränderungen „einen eben so guten Sitz" zu, 
wahrten aber der Gemeinde das Recht der „unzubehindernden 
Bauausführung und Anweisung des neuen Sitzes". Im Ganzen 
waren so im Jahre 1842 dreissig Eigentumssitze ermittelt. 
Es wurde ein besonderes Buch für sie angelegt, in welches 
man späterhin alle weiteren Besitzveränderungen eintrug. Im 
ersten Gemeindestatut (§ 82) hat man die bereits in dem 
Regulativ von 1850 enthaltene Bestimmung (s. oben S. 127), 
dass jeder Inhaber eines Eigentumssitzes 7^2 Sgr., alle an- 
deren Sitzinhaber je 1 Taler zu den baulichen Unterhaltungs- 
kosten zu zahlen haben, beibehalten und hinzugefügt, im Falle 
eines Umbaues oder einer vollständigen Verlegung der Plätze 
würden die Inhaber von Eigentumssitzen nach den gesetzlichen 
Bestimmungen des Allgemeinen Landrechts abgefunden wer- 
den. Die Benutzung der der Gemeinde gehörigen Plätze aber 



- 148 - 

sollte der Disposition des Vorstandes überlassen bleiben. 
Diese Bestimmung wurde bereits im revidierten .Statut von 
1872 dahin abgeändert, dass die Benutzung der der Gemeinde 
gehörigen Plätze nach derAnciennität der Mitglied- 
schaft rangieren solle. Bei Gelegenheit des Synagogenbaues 
im Jahre 1883 aber erfolgte wieder eine neue Ausgestaltung 
des Paragraphen von den Synagogenständen. Zunächst hatte 
man die alten Privilegien der Eigeutumsstellen dadurch be- 
seitigt, dass man nach den Bestimmungen des Statuts alle 
Inhaber mit einer Summe von 100 Mark für jeden Platz ab- 
fand; andererseits schuf man die Möglichkeit einer neuen 
Erwerbung von Plätzen in der neuen Synagoge. Die zur 
Disposition des Vorstandes bleibenden Plätze aber werden 
alljährlich vermietet gegen ein ]\lindestgebot von sieben Maik, 
und erst die dann noch übrigbleibenden Plätze nach der An- 
ciennität für den Preis von sechs Mark pro Jahr verteilt. 
Unbemittelten kann der Preis auf drei Mark ermässigt werden. 
Was den Gottesdienst selbst betrifft, so war die Ab- 
sicht der Gemeinde, ihn durch Einführung der deutschen 
Predigt zu heben und zu verschönern, bereis im Jahre 1853 
bei der Anstellung des Predigers Cohn verwirklicht worden 
(s. oben S. 119). Als kurz vor Guttmann's Tode in der 
Person Simon Herrmann's lediglich ein Lehrer, Vorbeter 
und Schächter engagiert wurde, fiel für die nächsten Jahre 
die religiöse Belehrung aus dem Gottesdienst fort. Das 
Bedürfnis nach ihr regte sich aber bald wieder. Ja, es muss 
sogar sehr dringend gewesen sein; denn um ihm wenigstens 
einigermassen entgegenzukommen, benutzte der Vorstand die 
im Jahre 1857 erfolgte Berufung des Rabbiners Dr. Tobias 
Cohn nach Potsdam '^), um mit diesem alsbald Verhandlungen 
wegen „zeitweiser Erbauungsvorträge'" in der Synagoge 
anzuknüpfen. Zu einem positiven Resultat haben diese 
Verhandlungen jedoch nicht geführt, und so wurde im 
Jahre 1858, als Herrmann wegen andauernder Krankheit 



•) Vgl. Kaelter: Geschichte der jüdiachen Gemeinde zuPotsdam, S. 64. 



— 149 — 

aus dem Amte schied, zum ersten Male die Anstellung zweier 
Beamten beschlossen, deren einer die Funktionen des „Geist- 
lichen" lind I^ehrers, während der zweite das Vorbeter- und 
Schächteramt übernehmen sollte. Dr. Raphael, der erste Rab- 
biner der Gemeinde, übernahm die Verpflichtung, bei der 
iicaiirsicliiigung des Gottesdienstes die in der Gemeinde be- 
stehenden Ritualien zu respektieren und sowohl an Sabbaten 
wie an Festtagen und bei besonderen Gelegenheiten Predigten 
in deutscher Sprache zu halten. Seitdem ist die Predigt ein 
Bestandteil des Gemeindegottesdienstes geblieben. Dieser 
selbst wie überhaupt alle die Synagoge betreffenden Dinge 
erfuhren zum ersten Male eine genaue Regelung durch die 
nach langen Beratungen am 21. März 1860 angenommene 
Synagogen-Ordnung. Als Ritus des Gottesdienstes wurde 
der bis dahin übliche alte festgehalten. Erst mit der neuen 
Synagogen-Ordnung vom Jahre 1883 erfuhr der alte Ritus 
durch Einschränkung der Piutim eine wesentliche Abänderung. 



150 — 



4. Relisfionsschtilc. 

Die Schaffung eines geordneten religiösen Jugendunter- 
richts war eine der ersten Aufgaben der neuiconstituierten 
Gemeinde. Bereits im Oktober 1855, nach dem Amtsantritt 
llerrmauns, ging man an die Einrichtung einer Keligions- 
schule. Ueber die Kosten ihrer Unterhaltung kam es zu 
einem Konflikt zwischen dem Vorstand und der Repräsentanten- 
Versammlung. Während der erstere für Erhebung eines 
Schulgeldes von allen die Schule besuchenden Kindern ein- 
trat, waren die Repräsentanten der ^leinung, die Religions- 
schule gehöre zu denjenigen Gemeindeinstitutionen, die von 
den Mitgliedern auf Grund ihrer ^Mitgliedschaft je nach Bedarf 
in Anspruch genommen werden dürfen. Die Sache wurde 
schliesslich der Regierung vorgelegt, und auf ihr Eingreifen 
einigten sich die beiden Körperschaften durch einen Kom- 
promiss, der die Erhebung des Schulgeldes von der Höhe des 
dem Religionslehrer zu zahlenden Gehaltes abhängig machte 
und dieselbe erst mit der Ueberschreitung des Gehaltes von 
400 Talern eintreten liess. Die Kosten für Heizung und Be- 
leuchtung des im Gemeindehause neugeschaffenen Schullokals 
allerdings wurden durch Umlagen auf die Eltern der die 
Schule besuchenden Kinder aufgebracht. P^ndgültig geregelt 
wurde diese Frage erst durch das revidierte Statut, nach welchem 
nur von den Kindern, deren Eltern nicht zur Synagogen- 
gemeinde gehören, ein Schulgeld (20 Sgr. monatlich, jetzt 
24 Mark jährlich) erhoben, der Mehrbetrag der Unterhaltungs- 
kosten aber auf den Gemeinde-Etat übernommen werden 
soll. — Zur Erledigung aller die Schule betreffenden Fragen 
schuf man bereits Oktober 1855 eine sogen. Schul- oder 
Unterrichtskommission. Dieselbe beriet und entwarf im 
Einverständnis mit dem Religionslehrer den Lektionsplan, be- 
stimmte die Unterrichtszeit, beaufsichtigte den Unterricht selbst 
und bildete gleichsam das geschäftliche Vermittlungsglied 



- 151 — 

zwischen den Eltern und dem Lehrer. Bei dem Mangel jeder 
staatlichen Aufsicht war das Wirken einer solchen Kornmis- 
sion innerhalb der (Jemeinde eine Notwendigkeit und eine 
Wohltat. Denn wenn ihr auch irgend welche exekutive Ge- 
Avalt nicht zustand, so konnte sie doch durch ihr Eingreifen 
hie und <hi auf widerstrebende Elemente in der Gemeinde 
einen gewissen offiziellen Einfluss ausüben, der dem Lehrer 
als Gemeindebeamten versagt geblieben wäre. Namentlich 
während der Amtszeit Dr. Raphael's, in den 60er Jahren, 
entwickelte die Schulkommission eine überaus rege Tätigkeit, 
von der die anscheinend ziemlich lückenlos erhaltenen Spezial- 
akten ((*onv. 21) ein deutliches Bild geben. Sie besprach in 
regelmässigen Sitzungen alle die Schule angehenden Fragen. 
Zur Hebung der Schule schuf sie Zensuren und Versäumnis- 
register, ordnete öffentliche Prüfungen an und inspizierte den 
Unterricht selbst. Die Inspektion fand im Jahre 1860 z. B. 
allwöchentlich statt. Abwechselnd hatten sog. Deputierte 
der Kommission dem Unterricht beizuwohnen und dabei ihr 
Augenmerk zu richten „auf den Schulbesuch der Kinder, die 
Unterrichtsmethode des Lehrers, die Fortschritte der Schüler 
in den Lehrgegenständen, das Benehmen derselben ihrem 
Lehrer gegenüber, ob sie mit Neigung und Aufmerksamkeit 
der Lehrmethode folgen oder nicht, sodann auf die Mängel 
der Disziplin und auf dasjenige, was der Einrichtung des 
Schullokals und dessen Komfortabilität abgeht.'* Was spe- 
ziell den letzteren Punkt betrifft, so schien er zunächst am 
dringendsten die Aufmerksamkeit der Kommission zu erfor- 
dern. Der Unterrichtsraum war in den ersten Jahren mehr 
als primitiv. „Das in Rede stehende Schullokal,** schreibt 
Dr. Raphael am 2. Febr. 1860 an den Vorstand, ,,kann ich 
gar nicht in die Kategorie der Schullokale, sondern in die 
Klasse der sogenannten Ch eider setzen, da in demselben 
weder ein Katheder, noch eine Wandtafel, noch die erforder- 
lichen Schulbänke und Tische sich befinden. Auch jene Chei- 
der der Vorzeit hatten einen langen Tisch mit Stühlen, wo 
die Schüler der einen Reihe mit ihren Gesichtern den Schülern 



— 152 — 

der anderen Reihe zugewendet sassen und so, ohne von dem 
.,Rebbe'' übersehen werden zu können, ihren Unarten sich 
ungestört hingeben konnten. Uabei aber waltet noch der 
Uebelstand ob, dass dieses Schullokal, wenn ich es so nennen 
darf, ohne Aufsicht und ohne Verschluss ist, so dass das- 
selbe in Abwesenheit des Lehrers und der Schüler 
dem Uebermute eines jeden Strassenjungen preis- 
gegeben ist. Und so habe ich denn nicht selten die 
Schulsachen in einer abschreckenden Weise be- 
schmutzt vorgefunden. Dass diese Beschatfenheit des 
Schulzimmers den Kindern die Lust und Liebe zu meinem 
Unterricht, die schon ohnehin durch den Besuch der anderen 
Schule geschwächt ist, gänzlich benimmt, ist wohl selbstver- 
ständlich.'' So weit die offenbar sehr beschränkten Räum- 
lichkeiten des Gemeindehauses es zuliessen, wurde diesen 
Uebelständen alsbald abgeholfen. Gleichwohl blieb das Schul- 
lokal immer noch primitiv genug. Erst mit dem im Jahre 
1877 erfolgten Neubau des Gemeindehauses (Vorderhaus des 
Synagogengrundstückes) und der Anschaffung ordnungsmässiger 
Schulbänke wurde der Zustand des Unterrichtsraumes ein einiger- 
massen würdiger und ansprechender"*). Interessant ist es, dass 
die Frage des Unterrichtserfolges von Anfang an im Vor- 
dergrund der Schulverhältnisse stand. Klagen über die geringen 
Fortschritte der Schüler wurden schon in den ersten Jahren nach 
Gründung der Schule laut. Natürlich trafen diese Klagen in erster 
Linie den Lehrer, während in Wirklichkeit die mangelhaften 
Erfolge in den äusseren Verhältnissen des jüdischen Religions- 
unterrichts begründet waren und sind. Ein behördlicher Zwang, 
die Kinder zum Unterricht zu schicken, bestand nicht; anderer- 
seits besass die Schul Verwaltung keinerlei Mittel, einen regel- 
mässigen Schulbesuch zu erzielen. Es gab immer Eltern, die den 
Religionsunterricht als eine „quantite n«'»gligeable" betrachteten 
und deren Gleichgültigkeit auf natürliche Weise auch den 

'") Die Schwierigkeit einer ausreichenden Heizung bildet allerdings 
einen uebelstand, dessen völlige Beseitigung trotz mannigfacher Versuche 
^is beute noch nicht gelungen ist. 



— 153 — 

Eifer und damit die Fortschritte der Kinder hemmend beein- 
flusste. Dazu kommt, dass im Oegensatz zu jedem anderen 
Lehrgegenstand der in der jüdischen Religion notwendig durch 
das Haus eine gewisse Unterstützung erfuhren muss, wenn 
von einem „Erfolge" überhaupt die Kede sein soll. Das, was 
in der Schule gelehrt wird, erscheint als völlig wertlos, wenn 
ihm nicht das Leben im Elternhause einen seelischen Unter- 
grund bietet, ja es kann und muss in der Kindesseele einen 
verderblichen Zwiespalt herbeiführen, solange das Haus ge- 
radezu einen Gegensatz zur Schule bildet, indem es das in 
der Schule als heilig gelehrte, durch die Praxis entheiligt. 
Bereits Dr. Raphael hatte gegen den Vorwurf des mangel- 
haften Unterrichtserfolges anzukämpfen. „Wenn ich als Leh- 
rer," so schreibt er am 24. Juni 1864 an den Vorstand, ..ganz 
un])arteiisch die Frage beantworten soll, wer an der Vernach- 
lässigung der Schule schuld sei, so muss ich sagen, dass 
weder die Schulkommission, noch der Vorstand noch der Lehrer 
den Verfall der Schule herbeigeführt hat, sondern die Eltern 
der Kinder ausschliesslich und allein tragen die 
Schuld an der Vernachlässigung derselben. Wenn 
die Eltern ihren Kindern in den Realien und fremden Spra- 
chen so viele Privatstunden geben lassen, dass sie keine freie 
Stunde mehr haben, um die Religionsschule zu besuchen, so 
muss selbstverständlich die Schule in Verfall geraten, wenn 
auch die tüchtigsten Lehrer an derselben wirken und die 
besten Schulmänner die Angelegenheiten derselben leiten. 
Was Wunder, dass die hiesige Religionsschule durch ihre 
Leistungen kein befriedigendes Resultat erzielen kann, da 
kaum ein Drittel der sie besuchenden Schüler bei dem 
Unterricht zugegen ist!" Wie sehr die Schulkommission be- 
strebt war, diesen Schäden abzuhelfen, zeigt z. B. der fol- 
gende Aufruf, den Benni P intus als Vorsitzender der Kom- 
mission erliess: 

„Schickt Eure Kinder zur jüdischen Stunde! 
Mit diesem Zuruf tritt die Unterrichts-Kommission an 
die Eltern heran; nur wenn dies geschieht, kann unsere Thätig- 



— 154 — 

keit von Nutzen 8ein. Sollen unsere Kinder in Ehren 
dastehen, so reichen Kenntnisse allein nicht hin, 
wenn diese nicht von einer sittlichen, religiösen 
Bildung getragen werden. Unsere Religion ist vor 
allen dazu angethan, die höchste sittliche Bildung 
her beizulüliren, denn aus ihr schöpfen alle anderen 
Völker ihre Grundlehren. Zum Verständnis derselben 
müssen unsere Kinder aber auch elementare Vorkenntnisse 
haben und deshalb fleissig zur Schule geschickt werden, und 
zwar schon vom 6. Jahre ab. Wir werden unablässig bemüht 
sein, die Einrichtungen der Schule zu verbessern, allen billi- 
gen Wünschen gerecht zu werden; wir verlangen aber auch, 
dass derselben seitens der Poltern und Kinder die Achtung 
und Aufmerksamkeit zu Theil werde, die anderen Schulen 
zugewendet wird und welche die Landesgesetze vorschreiben." 
Mit dem Amtsantritt Dr. Ehrenfeld"s tauchten zum 
ersten Male Versuche auf, dem Keligionsunterrichte durch 
Angliederung an die städtischen Unterrichtsanstalten 
eine offizielle Grundlage zu geben und dadurch das Interesse 
der Eltern wie den Eifer der Schüler selbst zu heben. Man 
begnügte sich zunächst mit der Bitte an den Magistrat, zu 
veranlassen, „dass den Schülern und Schülerinnen unserer 
Religion bei den zu verabreichenden Zensuren in den der 
Stadt unterstellten Schulen der Vermerk „Religion" ebenfalls 
ausgefüllt werden möge, wozu unser Religionslehrer die 
nöthigen Angaben rechtzeitig machen wird" (15. Febr. 1873). 
Der Magistrat war geneigt, dieser Bitte zu willfahren und 
hatte bereits eine entsprechende Mitteilung an den Vorstand 
gelangen lassen — da erhoben die Schulrektoren im Ver- 
ein mit den Anstaltslehrern Einspruch dagegen, dass Lehrer 
einer fremden Schule ihre Zensuren in die Zeugnisse der 
Schüler eintrügen. Der Plan war gescheitert. Er wurde, in 
erweiterter Form, aufs Neue aufgenommen von Dr. Rosen- 
berg im Jahre 1889. In einem längeren Schreiben an den 
Magistrat legte Dr. Rosenberg die Schäden dar. die dorn jü- 
dischen Religionsunterricht aus seinem völlig inofüziellen 



— 155 — 

Charakter erwüchsen. Er führte Klaj;c' darüber, „dass nich 
sowohl Eltern wie Kinder daran gewöhnen, den Jteligions- 
unterricht als etwas Nebensächliches zu betrachten, da sich 
die öffentliche Schulverwaltung nicht um denselben kümmert, 
und Fleiss und Betragen der Kinder in der Keligionsschule 
keinen Einfluss auf die in den städtischen Schulen erteilten 
Zeugnisse ausüben." Dr. Rosenberg's Gesuch ging dahin, 
„die Leiter der von den Kindern jüdischer Konfession be- 
suchten Schulen anzuweisen, sowohl über den regelmässigen 
Besuch des Religionsunterrichts bei den ihre Schulen be- 
suchenden jüdischen Schülern zu wachen, als auch von Zeit 
zu Zeit Bericht über Betragen und Fleiss derselben einzu- 
fordern und demgemäss zu zensieren." Der Magistrat verhielt 
sich auch jetzt wieder ablehnend. Und so ist die Keligions- 
schule eine private Anstalt der Synagogengemeinde geblieben. 
Sie wird zur Zeit von 34 Schülern besucht, die in fünf Abteil- 
ungen vom Verfasser dieser Arbeit unterrichtet werden^'). Unter- 
richtsfächersind: IIebräischlesen,Uobersetzen derGebete, 
biblische und nachbiblische Geschichte, Bibellesen, 
Religionslehre. In den Händen der Schüler befinden sich 
folgende Lehrbücher: Hebräische Lese-Fibel von Horwitz. 
Rödelheimer Gebetbuch, Wiesen: Hauptgebetstücke für 
das ganze Jahr, Müller: Ein Buch für unsere Kinder, Kroner: 
Geschichte der Juden von Esra bis zur Jetztzeit, Auerbach: 
Kleine Schul- und Hausbibel. Alljährlich vor dem Pessach- 
fest findet in der Synagoge eine öffentliche Prüfung statt. 



") Den ersten Leseunterricht erteilt Kantor Lüwinsohn. 



— 156 — 



5. Friedhof. 

Zur Verf^rösseriins des im Jahre 1821 mit einem festen 
Zaun umhegten Begräbnisplatzes erwarb Lewin Simon 1840 
ein nebenanliegendes Ackerstück, das aber erst 1857 rechtlich 
in den Besitz der Gemeinde überging, zusammen mit dem 
gleichfalls formell dem Lewin Simon gehörigen Grundstück 
in der Lindenstrasse'-). Das neuerworbene Stück Land war 
elf Jahre hindurch, von 1849 bis 1860, an die 4. Escadron des 
hier garnisonierenden Kürassierregiments als Keit-Uebungsplatz 
verpachtet. Erst als man 1860 die Errichtung einer festen 
]Mauer um den Friedhof beschloss, wurde der neue Teil in 
den Friedhofsrayon mit einbezogen. Unter den mannig- 
fachen organisatorischen Aufgaben, welche der neukonstituierten 
Gemeinde bald nach 1855 erwuchsen, war nicht die leichteste 
die Instandsetzung des bis dahin offenbar sehr vernachlässigten 
Friedhofes und die Schaffung einer Begräbnisordnung. Auch 
hier, wie überall, ist die überaus geschickte und unermüdlich 
schaffende Hand J. Gersons auf Schritt und Tritt wahrzu- 
nehmen. Er legte ein genaues, bis auf das Jahr 1756 zurück- 
reichendes Leichenregister an, eine Arbeit, die bei dem 
verwitterten Zustand der Grabsteine äusserst mühevoll war 
und teilweise nur erledigt werden konnte durch Zuhilfenahme 
der lebendigen Tradition von Seiten älterer Gemeindemit- 
glieder. Die Grabsteine wurden nach Reihe und Nummer ge- 
ordnet und zugleich wurde möglichst die Identifizierung der auf 
den alten Grabsteinen nur hebräisch benannten Toten nach 
ihren deutschen Namen vorgenommen. Auch die Lagerstätten 
bekannter Personen aus der Gemeinde, deren Gräber ohne 
Denksteine geblieben, wurden ermittelt, die Räume genau be- 
stimmt, auf denen ohne Gefährdung alter Gräber neue ange- 



'^) Simon hatte dasselbe von Jacobi, dem ursprünglichen Käufer, 
erworben, s. oben S. 113. 



- 157 - 

legt werden konnten und ein genaues Inventarienverzeichnis 
aller zum Friedhof gehörigen Geräte u. 8. w. aufgestellt. 
Das sorgfällig geführte Buch, in welches auch noch heute fort- 
laufend alle Todesfälle eingezeichnet werden, betitelte Oerson 
nuTOl ICD und setzte an seine Sjjitze das Motto: npni* msa 
mo hü n^T) "[im c^n „Auf dem Pfade der Gerechtigkeit ist 
Leben und auf gebahntem Wege ist kein Tod." (Spr. Sal. 
12, 28). Hand in Hand mit dieser im Oktober 18G0 vollen- 
deten Arbeit gingen die ersten \'orbereitungeu zur Schattung 
einer Begräbnisordnung. Auf Grund eines alten Herkommens 
})flegte man bis jetzt sämtliche zur Bestattung eines Toten not- 
wendigen Vorbereitungen erst nach Ankunft des Leichenzuges 
auf dem Friedhofe zu vollziehen: Das Auswerfen der Gruft, 
das Nähen der Sterbekleider, die rituelle Leichenwaschung, 
das Anfertigen der Totenlade, die zudem nicht als ein Ganzes 
hergestellt wurde, sondern deren Bretter man erst um den in 
Laken zu Grabe gebrachton Leichnam lose einfügte. Diese 
Gepflogenheit war nicht nur unpraktisch und zeitraubend, son- 
dern hatte vor allem die unangenehme Folge, dass man Anders- 
gläubige an der Pforte des Friedhofes zurückweisen zu müssen 
glaubte und sich dadurch dem Spott und der Missdeutung 
aussetzte. Eine Anzahl älterer Gemeindemitglieder aber hing 
an dieser Bestattungssitte mit merkwürdiger Zähigkeit, und es 
bedurfte langer Kämpfe und Debatten, bis ihr Widerstand 
überwunden und in dem neuen, am 15. Oktober 1862 ange- 
nommenen „Regulativ über das Beerdigungswesen" eine wür- 
digere und praktischeie Bestattungsart festgelegt war'''). Das 
Beerdigungswesen selbst unterstand nach diesem Regulativ 
einer sechsgliedrigen Kommission, deren Vorsteher den Namen 
„Begräbnissvorsteher" führte, die sich aber bereits im Jahre 
1864, wo das Beerdigungswesen an die neugegründete Chewra 
überging, (s. weiter S. 159) vollständig auflöste. Die in dem 
Regulativ festgesetzten Bestimmungen blieben auch für die 

'*) Man hatte jedoch ausnahmsweise die alte Bestattungaart den- 
jenigen Mitgliedern, welche sie für sich auf Grund letztwilliger Verfügung 
wünschten, auch für später noch zugestanden. 



— 158 — 

Chewra massgebend. Erst im Jahre 1894 schritt man zu 
einer bei den neuen Zeitverhältnissen notwendig gewordenen 
Abänderung des Beerdigiingstarifes. — Was die äussere Be- 
schaflenheit des Friedhofes betriflt, so waren in der Umzäunung 
häufige Reparaturen notwendig. Das im Jahre 1770 errich- 
tete L eichenhaus wurde im Jahre 1860 vollständig ausgebaut, 
erreichte aber in den nächsten Jahrzehnten einen solchen Grad 
der Baufälligkeit, dass man 1895 auf Anregung von L. Helft 
die Errichtung einer würdigen, komfortablen, allen Beerdigungs- 
zwecken dienenden Leichenhalle beschloss. Zu den ca. 
6000 Mk. betragenden Baukosten wurden 1500 Mk. aus frei- 
willigen Spenden von Angehörigen hier bestatteter Toten auf- 
gebracht. Die Namen der Spender sollen auf einer in der 
Halle anzubringenden Votivtafel verewigt werden. Der von 
Hampke nach Plänen J. Nathansons ausgeführte einfach schöne 
Backsteinbau enthält einen Aufenthaltsraum für die Wächter, 
einen Raum für die Vornahme der Leichenwaschungen und 
eine würdig ausgestattete, durch grosse Schiebetüren zu ver- 
schliessende Halle für die Abhaltung der Trauerfeierlichkeiten. 



— 159 — 



(>. Vereine und Stiftunj»-en. 

A. Chewra Gemiluss chassodim. 

(Jüdischer Woliltätif^keils- und Heerdigungsverein.) 

Unter diesem Namen konstituierte sich am 2.0. Ajiril 1804 
aufs Neue jener den verdienstvollsten Liebeswerken gewidmete 
Verein, dessen frühere Geschichte wir oben (S. 1)6 f.) beschrie- 
ben haben. Kr hatte sich in den vorhergehenden Jahrzehnten 
so gut wie aufgelöst, wenn auch seine Kasse unter dem Namen 
Bikkur-(^holimkasse von den Gemeindevorstehern weiter ver- 
waltet wurde. Die von B. Pintus, S. Schönfeld und 
M. Hildesheim er entworfenen Statuten bezeichnen als Zweck 
des Vereins: 

1. Den ki'anken Vereins-Mitgliedern und deren Ange- 
hörigen menschenfreundliche Sorgfalt zu widmen, auf Ver- 
langen oder wenn das Bedürfnis es erfordert, unentgeltliche 
ärztliche Hilfe, Arzeneien und Krankenwachen, sowie auch in 
besonderen Fällen bare Unterstützungen zu gewähren. 

2. Die ordnungsmässige Bestattung verstorbener Ge- 
nossen und deren Angehörigen zu besorgen und hierbei die 
Obliegenheiten nach dem Ritus unserer Religion zu verrichten. 

Bereits am 15. Mai 1864 schloss der Verein mit dem 
Gemeindevorstand einen Vertrag des Inhalts, dass die Funk- 
tionen der bisherigen Beerdigungskommission auf den Verein 
übergehen, dieser fortan die Beerdigung aller im Branden- 
burger Synagogenbezirk verstorbenen Glaubensgenossen (die 
der Nichtmitglieder zu einem erhöhten Tarife) übernimmt und 
dass alle zum Leichenwesen gehörenden Älobilien Eigentum 
des Vereins werden. Der Verein, welcher tätige, d. h. an 
den Zwecken des Vereins sich beteiligende und nichttätige, 
d. h. nur zahlende Mitglieder aufnimmt, wird von zwei Vor- 
stehern verwaltet, die auf je drei Jahre gewählt werden, und 
denen in besonderen Fällen ein fünfgliedriger Ausschuss zur 



— 160 — 

Seite steht. Bei seiner Begründung zählte der Verein 41 
]\Iitglieder, zeitweise war das Interesse für ihn geringer ge- 
worden, hat sich aber erfreulicherweise in den letzten Jahren 
wieder gehoben. An der Spitze des Vereins standen 

B. Pintus 1«G4— 1870 

Sally Oppenheim 1870—1882 
J. Friedländer 1882—1883 

Ph. Pintus 1883—1886 

A. Mannheimer 1886—1889 

Max Loewenthal 1889—1892 

H. Crohn 1892—1902 

L. Helft seit 1902. 

Die Mit gliederzahl beträgt zur Zeit 38, das Vereinsver- 
mögen beläuft sich laut Rechnungsabschluss vom 11. April 1905 
auf 10400 Mark. 



B. Frauenverein. 

Wie so vieles in der Geschichte der Gemeinde knüpft 
sich auch die erste Begründung eines die Frauen der Gemeinde 
umfassenden Wohltätigkeitsvereins an den Namen Pintus. 
Frau Moses Pintus war es, die durch regelmässige Geld- 
sammlungen unter den Frauen eine „Frauenkasse für verschämte 
Arme" schuf, aus deren Mitteln sicherlich manche stille Not, die 
sich nicht an's Licht hervordrängte, in echt jüdischer Weise 
gelindert werden konnte. Aus der früheren Wirksamkeit des 
Vereins liess sich nichts Genaueres ermitteln. Ein im Laufe 
der Jahrzehnte entstandenes Kapital von etwa 1000 Mark be- 
fand sich lange Jahre im Besitz der Familie Pintus, zuletzt 
hatte es Philipp Pintus in Verwahrung. Im Jahre 1890 
wurde durch die Initiative von P. Nathanson, L. Helft 
und S. Salinger der Verein aufs Neue begründet und ihm 
jenes Kapital als Eigentum zugewendet. Zweck des Vereins 
war die Unterstützung im hiesigen Synagogenbezirk wohnen- 
der, ausnahmsweise auch armer durchreisender Frauen. Das 



- 161 - 

Fehlen einer ötralfen OrganiHation liess jefloch den Verein 
seit 1899 an Wirksamkeit verlieren, und da die Beiträge 
längere Zeit nicht mehr erhoben waren, ging das Veroinsver- 
mögon in die Verwaltung dos (jlemeindevorslandes über. Bald 
aber regte sich in der Gemeinde doch wieder das Bewusst- 
sein, welche segensreiche Tätigkeit ein solcher Verein zu ent- 
falten vermag, der die fühlenden Herzen der jüdischen Frauen 
zu Werken der Liebe ans|tornt. Und so kam, namentlich 
durch die Bemühungen von .1. Friedländer, im April 1904 
eine neue OrganivSation zu Stande. An die Spitze des Ver- 
eins treten nach ihr drei, von der Generalversammlung der 
Frauen alle drei Jahre neu zu wählende Vorstandsdamen 
— zur Zeit Frau Ad. Schwabe, Frau II. Liebenthal, Frau 
Rabbiner Dr. Ackermann — während die Kasse von einem 
Keudanten — z. Zt. Ph. Pintus — verwaltet wird. Alljähr- 
lich lindet in einer Generalversammlung Rechnungslegung über 
die gewährten Unterstützungen statt. 

C. Verein „Gesellschaft der Freunde". 

Der Wunsch nach einem geselligen Zusammenschluss 
der Gemeinde führte im Jahre 1888 zur Gründung dieses 
Vereins, um dessen Zustandekommen sich namentlich 11. Boas 
und A. Nathanson verdient machten. Die der Pflege ge- 
mütvoller Geselligkeit dienenden Veranstaltungen des Vereins 
bildeten etwa zwölf Jahre hindurch einen willkommenen 
Mittelpunkt freundschaftlicher Annäherung für die Mitglieder 
der Gemeinde und ihre Familien. Seitdem der „Verein für 
jüdische Geschichte und Literatur" neben seinem speziellen 
Programm auch geselliger Zusammenkunft dient, hat der 
Verein „Gesellschaft der Freunde" seine Wirksamkeit einge- 
stellt, ohne jedoch formell aufgelöst zu sein. 

D. Verein füp jüdische Geschichte und Literatup. 

Als zu Beginn der neunziger Jahre in Deutschland jene 
von Dr. Gustav Karpeles inaugurierte Bewegung anhob, 
welche darauf ausging, durch Gründung von Literaturvereinen 

11 



- 1(12 - 

die Kenntnis der jüdischen Geschichte zu verbreiten und das 
Interesse für die einzigartige Bedeutung des jüdischen Schrift- 
tums zu befestigen, — eine Bewegung, die stetig zunahm und 
bis jetzt bereits zweihundert N'ereiue hervorgebracht hat — 
da regte sich auch in der Gemeinde Brandenburg der Wunsch, 
in ihrer Mitte eine solche Quelle geistiger Förderung zu be- 
sitzen. Der Verfasser dieser Arbeit berief auf den 2. De- 
zember 1896 eine Versammlung aller Gemeindemitglieder und 
fand mit seinem Vorschlag zur Gründung eines „Vereins für 
jüdische Geschichte und Literatur" allseitige begeisterte Zu- 
stimmung. Fast alle Mitglieder der Gemeinde traten bei und 
halfen durch Zeichnung von Geldspenden über die ersten 
finanziellen Schwierigkeiten des Vereins hinweg. Den ersten 
Vortrag hielt wenige >\'ochen darauf Dr. Karpeles-Berlin über 
das Thema: „Was haben die Juden für die Kultur der Mensch- 
heit geleistet?" Der Verein, der im Winter 1901/02 sein 
fünfjähriges Stiftungsfest in erhebender, die ganze Gemeinde 
umfassender Feier beging, veranstaltet jeden Winter sieben 
bis acht Vortragsabende, an denen durch meist von auswärts 
berufene Redner Themata aus dem weiten Gebiete der jü- 
dischen Geschichte und Literatur in gemeinverständlicher Form 
behandelt werden. Diese Vortragsabende, zu denen stets auch 
Gäste willkommen sind, werden von den Vereinsmitgliedern 
und ihren Angehörigen mit überaus regem Eifer besucht und 
bilden in dem Leben der Gemeinde ein wirksames Element 
geistigen Fortschritts, von dem ein immer reicherer Segen für 
die Gesamtheit wie für den Einzelnen ausströmen möge. An 
der Spitze des Vereins stand bis 1899 Dr. med. A. Sittner; 
seitdem wird der Verein vom Verfasser dieser Arbeit geleitet. 

E. Stiftungren. 

a) Die Stiftung Talmud Thora, von Moses Pintus 1823 
im Verein mit anderen Gemeindemitgliedern begründet, hat laut 
einer Eintragung in den Gemeindeakten den Zweck: „Armen 
Schülern und solchen bedürftigen Personen jüdischen Glau- 
bens, welche sich dem Studium der jüdischen Theologie zu- 



— 163 — 

gewendet haben, Unterstützungen zu gewähren." Ueber die 
Wirksamkeit dieser Stiftung liess sich nichts Genaues ermit- 
teln. Seit einigen Jahren wird ein Teil der Zinsen dem 
„Verein für jüdische Geschichte und Literatur" zugewiesen. 

b) Die Stiftung Ifachnasath Kalla, ebenfalls von 
Moses Pintus, 1832, begründet zu dem Zweck, „dass dar- 
aus an Töchter armer jüdischer Einwohner des Orts eine Bei- 
steuer zur Mitgift verabreicht werde. '^ Aus Mitteln dieser 
Stiftung hat die Gemeinde, wie Notizen in den Akten ergeben, 
in einzelnen Fällen die altjüdische LiebespÜicht der Aus- 
stattung armer Bräute ausgeübt"). 

c) Die Stiftung Ner tamid. Der Ursprung dieser Stift- 
ung war nicht festzustellen. Ihr Zweck war: „Das Andenken 
verstorbener Personen bei der Wiederkehr des Sterbetages 
derselben der Gemeinde durch ein Gebet in Erinnerung zu 
bringen und für dieselben ein immerwährend brennendes Licht 
zu unterhalten.'" Seit 1855 bereits wird die Stiftung nicht 
mehr als eine besondere Kasse verwaltet. 

d) Die Gumpert-Stiftung. Von Geh. Kommerzienrat 
Gumpert anlässlich seines siebzigsten Geburtstages am 
9. Mai 1893 begründet. Die angesammelten Zinsen sollen 
einem bedürftigen und würdigen Manne aus der Gemeinde an 
seinem siebzigsten Geburtstage ausgezahlt werden. 



'^) Die Stiftung besass früher — noch 1866 — ^vier kupferne 
Tischplatten nebst Gestellen dazu, drei kupferne Becken und eine kupferne 
halbe Metze". Diese Gegenstände rührten ans einem Vermächtnis des 
Salomon Wolff her und wurden nach einer Bestimmung des Testators 
gegen ein der Stiftung zu entrichtendes Leihgeld zum Backen der Mazzot 
benutzt. 



— 164 — 



7. Verhältnis zur jüdischen Gesamtheit. 

Wir sahen, dass die Gemeinde numerisch nie sehr be- 
deutend war, und wir dürfen es uns nicht verhehlen, dass 
auch von einer tieferen geistigen, besonders jüdisch-literari- 
schen Regsamkeit nur wenig in ihr wahrzunehmen ist. Wie 
die Mark Brandenburg überhaupt literarisch zu keiner Zeit 
stark hervortrat, so sind auch ihre jüdischen Gemeinden, 
wenn wir von Berlin und Frankfurt a. 0. absehen, lür die 
Entwickelung des Judentums und für die Fliege seiner Lehre 
ein wenig fruchtbarer Boden gewesen. Gleichwohl dürfen 
wir mit Genugtuung feststellen, dass in der Gemeinde Bran- 
denburg der Sinn für die Gesamtinteressen des Judentums, 
für seine Ehre und seine Anerkennung stets lebendig war 
und sich in einer Reihe von Fällen betätigt hat. 

In erster Linie waren es die in die fünfziger Jahre 
fallenden Kämpfe um die staatliche und bürgerliche Gleich- 
berechtigung der Juden,die auch in Brandenburg ihren Wieder- 
hall fanden. Nach langen, stürmischen Verhandlungen war 
die Frucht des unvergesslicheu Jahres 1848 in Form cimr 
Verfassung herangereift. Klar und ohne für Missdeutungen 
Raum zu lassen, besagte Artikel 12 der am 31. Januar 1850 
erlassenen Urkunde: ,,Der Genuss der bürgerlichen und 
staatsbürgerlichen Rechte ist unabhängig von dem 
religiösen Bekenntnisse," Aber siehe da, die Reaktion, 
die in ihrem bis auf den heutigen Tag die gleichen Gesinn- 
ungen vertretenden Organ, der ,, Kreuzzeitung'', schon seit Be- 
ginn des Jahres 1849 einen eibitterten Kampf gegen die 
Juden inauguriert hatte, setzte es mit ihren freiheitswidrigen 
Wühlereien durch, dass jener Artikel 12 der Verfassung in 
der Praxis einfach ausser Acht gelassen wurde. Schon am 
9. Oktober 1851 erging z. B. ein Erlass des Justizministeri- 
ums des Inhalts, dass einem Juden kein Amt mehr anver- 
traut werden düi-fe, „bei dessen Verwaltung er in die Lage 



~ 165 — 

kommen konnte, christliche Eide abzunehmen." Alle diese 
Gegenströmungen verdichteten sich schliesslich im Jahre 1856 
zu dem von dem Abgeordneten Wagen er (Neu-Stettin) an 
das Abgeordnetenhaus gerichteten Antrag, die Worte „der 
Genuss der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte ist 
unabhängig von dem religiösen Bekenntnisse" zu streichen, 
da diese Worte „den religionslosen Staat instituieren und da- 
her in der Verfassungs-Urkunde einer christlichen Monarchie 
nicht länger geduldet werden dürfen/' Kaum hatten die po- 
litischen Blätter die Kunde von diesem Antrag gebracht, so 
erhob sich in den jüdischen Gemeinden Preussens ein Sturm 
der Entrüstung und des Widerspruches. Es ist das Verdienst 
Ur. Ludwig Philipps on's, Rabbiner in Magdeburg, diesen 
Sturm organisiert und ihn zu einem Ansturm gestallet zu 
haben, der schliesslich den Antrag Wagener hinwegfegte''). 
Von der Ueberzeugung durchdrungen, dass die Sache der Ju- 
den mit der der allgemeinen Gewissensfreiheit identisch, 
veranlasste Philippson 264 jüdische Gemeinden Preussens, in 



'*) Philippaoa hatte übrigens in den Tagesblättern folgende „Oef- 
f entliche Aulforderung" ergehen lassen: .,So viel ich weiss, ist das 
„Neue Testament" die Grundlage des ChristeDthuras. Ein ,, christlicher 
Staat" heisst demnach nichts anderes, als der die Lehren und Grundsätze 
des „Neuen Testaments" in sich aufgenommen und in allen seinen Ge- 
setzen, Einrichtungen, Anstalten zur Verwirklichung bringt. Ich fordere 
daher den Abgeordneten Herrn Wagener hiermit öffentlich auf, aus den 
Schriften des „Neuen Testaments" nachzuweisen, dass der 
„christliche Staat" den Bekennern des Judenthums die bürger- 
lichen und staatsbürgerlichen Rechte, welche in einer zu 
Recht bestehenden und beschworenen Verfassung verbrieft 
sind, entziehen müsse". Als nach Verlauf von 14 Tagen keine 
Antwort erfolgte, gab Philippson, wiederum öflentlich, selbst die Antwort: 
„Auf dem Grunde des Neuen Testaments ist der Staat des Ab- 
geordneten Wagener kein christlicher, sondern ein unchrist- 
licher, nicht religionslos, vielmehr religionswidrig I" Erat 
jetzt veröffentlichte Wagener eine kurze Erklärung, in der er es als 
ebenso unpassend wie überflüssig erklärt, sich „über einen Antrag, der 
dem Landtage zur Beschlussfassung vorliege, in einen Zeitungskrieg mit 
dem Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Magdeburg einzulassen". 



— 166 — 



Petitionen an das Abgeordnetenhaus gegen den Antrag Wa- 
gener zu protestieren. Unter diesen Gemeinden war auch die 
zu Brandenburg. Ihre Petition hatte folgenden Wortlaut: 

An 
Ein hohes Ilaus der Abgeordneten 
zu Berlin. 

Gegcn-Darstellung des Vorstandes 
und der Repräsentanten der Synagogen- 
gemeinde zu Brandenburg den Antrag 
des Abgeordneten Wagener betreffend. 

Der Abgeordnete Wagener (Neustettin) hat bei dem 
hohen Hause den Antrag gestellt: die Worte „der Ge- 
nuss der bürgerlichen wie der staatsbürgerlichen Rechte 
ist unabhängig von dem religiösen Bekenntnisse" aus 
dem Ai-tikel 12 der Verfassungs-Urkunde zu streichen. 
Welches auch das Schicksal dieses Antrages bei 
den gesetzgeberischen Instanzen seyn wird — wir hoffen 
und glauben, es wird dieses ablehnend ausfallen — so 
halten wir es doch für eine heilige Pflicht, für uns und 
im Namen der von uns vertretenen Gemeinde gegen den 
oben angeführten Antrag unsere Stimme zu erheben und 
Ein hohes Haus der Abgeordneten ehrfurchtsvoll zu bitten: 
Diesem Antrag, gegen die Bekenner des mosaischen 
Glaubens gerichtet, nicht die gewünschte Folge zu geben. 
Mit Ehrerbietung verharren wir 
Eines Hohen Hauses der Abgeordneten 

gehorsamste 
Der Vorstand und die Repräsentanten 
der Synagogengemeinde 
Brandenburg, 22. Januar 1856. 

L. Simon M. Simon 

J. Gerson Manheimer 

]\I. Aren Loewen 

J. Nathanson 

L. Gumpert 

List 

Schönfeld 

Nauen 

Sternberg. 



— lf)7 — 

Als der Vorstand den Wortlaut dieser Petition im Feb- 
ruar an Dr. Philippson sandte, um zu dessen Huch „Der 
Kampf der preussischen Juden für die Sache der Gewissens- 
freilieit" verwendet zu worden, begleitete Gerson diese Ueber- 
sendung mit den Worten: „Wir benützen diese Gelegenheit, 
Ihnen unseren Dank zu erkennen zu geben für Ihren in der 
Angelegenheit des Kampfes unserer Glaubensgenossen für die 
Sache der Gewissensfreiheit abermals an den Tag gelegten 
Kampfesmut, den Wunsch aussprechend, dass dieser Kampf 
zum Siege führe." Und er hat zum Siege geführt. Die Ma- 
jorität des Abgeordnetenhauses beschloss am 6. März 1856, 
über den Antrag Wagener zur Tagesordnung überzugehen. 
Seitdem ist und bleibt jede um des religiösen Bekenntnisses 
willen erfolgende Beschränkung der bürgerlichen und staats- 
bürgerlichen Rechte in Preussen gleichbedeutend mit einer 
Verletzung der Verfassung — — — 

Drei Jahre später beteiligte sich Brandenburg an einer 
wiederum von Philippson inszenierten Massenpetition von 2iö 
preussischen Synagogengemeinden, um die Abstellung einiger 
in dem Judengesetz von 1847 begründeter Mängel zu erzielen"'). 
Am 15. Februar 1859 wurde der folgende Beschluss gefasst: 

„Der unterzeichnete Vorstand beschliesst: In Erwägung, 
dass die Verhältnisse der Juden im preussischen Staate einer 
Ordnung bedürfen, um mit der garantierten Staatsverfassung 
in Einklang zu kommen, der Antrag hierauf und das Ver- 
langen hiernach aber von den Betheiligten selbst ausgehen 
muss, der Aufforderung des Herrn Dr. L. Philippson nachzu- 
kommen und diesen zu autorisieren, die von ihm nach dem 
Inhalte seines Leitartikels vom 1. Februar c. entworfene oder 
erst noch anzufertigende Vorstellung an das ressortierende 
Ministerium auch im Namen des hiesigen Vorstandes zu unter- 
zeichnen." 

Zu den unwürdigsten und beklagenswertesten Ueber- 
resten mittelalterlicher Vorurteile, welche auch nach der ge- 



") Vgl. Allgemeine Zeitung des Judentums, 1859 Nr. 12, 



— 168 — 

setzlichen Regelung der jüdischen Verhältnisse noch ungehindert 
in Kraft waren, gehörte der sogenannte „Judeuoid". Die 
Form dieses demütigenden Aktes näher zu beschreiben, würde 
hier zu weit führen'"). Es genüge, dass der Parteieneid unter 
Assistenz des Rabbiners in der Synagoge geleistet werden 
musste, dass der Schwörende sich zu dem Schwurakte durch 
Waschen der Hände und durch Anlegung des Gebetmantels und 
der Gebetriemen vorbereiten und eine durch Selbstverwünsch- 
ungen hässlich erweiterte Schwurformel sprechen musste. 
Dieser aus den finstersten Zeiten des Mittelalters überkom- 
mene Judeneid war bereits in sämtlichen deutschen Staaten 
aufgehoben. Nur in Preussen bestand er ungeschwächt fort. 
Ein im Jahre 1850 von der Berliner jüdischen Gemeinde im 
Verein mit fast 400 anderen })reussischen Gemeinden an den 
Justizminister gerichtetes Gesuch um Aufhebung dieser un- 
würdigen Institution blieb nicht nur ohne Berücksichtigung, 
sondern auch ohne Antwort. Erst im Jahre 1860 raffte man 
sich zu einer erneuten Aktion auf, die wiederum von Berlin 
ausging, dem Ministerium in eindringlicher Darlegung das 
Widersinnige des „Judeneides" auseinandersetzte, auf Besei- 
tigung der betreffenden Gesetzesvorschriften drang und als 
Eidesformel auch für die Bekenner des jüdischen Glaubens 
die Worte: „Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und 
Allwissenden . . . .""*) vorschlug. Auch die Gemeinde Bran- 
denburg trat der neuen Petition an das Ministerium bei. 
Einen positiven Erfolg hatte sie ebensowenig wie die erste. 
Der „Judeneid" blieb auch während der sechziger Jahre in 
alter Kraft bestehen. Die vielen Unzuträglich keiten, welche 



") Vgl. Näheres bei Frankel: Die Eidesleistung: der Juden in the- 
ologischer und historischer Beziehung, Breslau 1840, Zunz : Die Vorschrift 
über die Eidesleistung der Juden, Berlin 1869. 

^*') Die ursprünglich vom Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin 
vorgeschlagene Formel: „Ich schwöre bei Gott, dem Einigen und 
Ewigen" wurde auf dringende Vorstellung einiger Gerichtsassessoren, 
an deren Spitze Makower stand, zu Gunsten der obigen Formel zurück- 
gezogen. 



— IflO - 

er mit sich brachte, führten gerade in Brandenburg im Laufe 
der nächsten Jahre zu mehrfachen erregten Diskussionen 
zwischen dem Gericht und dem Vorstand der Gemeinde. Das 
Gericht vertrat den Stand|)unkt, der Jiideneid sei ein „kultii- 
ellerAkt" und hielt die IJeschall'ung der Schwurzeugen für 
eine Pflicht der Synagogengemeinde. Zu dem wenig ehren- 
vollen Zeugenamt aber Hessen sich nur sehr schwer Mitglie- 
der der Gemeinde bereit tinden. Der Vorstand gab sich in 
durchaus loyaler Weise alle erdenkliche Mühe, Schwurzeugen 
herbeizuschaffen, es gelang ihm aber nur, einen einzigen 
Herrn dazu zu bewegen. Das Gericht drang auf Stellung des 
zweiten Zeugen und machte die Gemeinde für die aus dem 
Fehlen des Zeugen etwa entstehenden höheren Kosten ver- 
antwortlich, berief sich einmal sogar auf Artikel 12 der Ver- 
fassung und meinte naiver Weise: „Will die jüdische Kelig- 
ionsgesellschaft den Artikel 12 in ihrem Interesse für 
Ausübung ihrer Religion handhaben, so hat sie auch für die 
durch ihre Religion bedingte Erfüllung der staatsbürger- 
lichen Pflicht ihrer Mitglieder Sorge zu tragen," als wäre der 
„Judeneid" wirklich nur „durch die jüdische Religion bedingt!" 
Der Vorstand erldärte demgegenüber den Judeneid trotz seiner 
sogenannten religiösen Form lediglich für einen „moralischen 
Akt" und hielt sich nur zur Stellung des Geistlichen, nicht 
aber zu der der Zeugen für verpflichtet, die vielmehr, wie 
das Gesetz besagte, von den Parteien „mitzubringen" seien. 
Diese ganze, über fast drei Jahre sich erstreckende Diskussion 
wurde vom Vorstande wiederholt dazu benützt, über den 
„Judeneid" im Allgemeinen selbst den Behörden gegenüber 
ungescheut seine Meinung auszusprechen, um dadurch auch 
seinerseits die aller Orten aufflammende Gegenbewegung ^^) zu 
unterstützen und zur Abschaffung der Verachtungsworten In- 
stitution beizutragen. So schliosst er z. B. am 5. August 1864 
sein an das Kreisgericht abgesandtes Schreiben mit den 
Worten ; 

'") Vgl. z. B. die Petition Dr. Jolowicz' in seiner Geschichte der 
Juden in Königsberg i. Pr. S. 175 ff.- 



- 170 - 

„Unsere Replik, welche zu machen wir uns ge- 
statteten, sollte den Zweck haben, den erleuchteten 
Mit<:;liedern des Gerichts bei dieser Gelegenheit den 
Wunsch der Glaubensgenossen, deren Organ zu seyn wir 
die Ehre haben, bezüglich der qu. Eidesformen zu er- 
kennen zu geben, in der festen Ueberzeugung, dass die 
verehrten Herren Richter bei sich ereignender Ge- 
legenheit Ihre jMeinuug hierüber in übereinstimmender 
Weise mit den dem hiesigen Gerichtsbezirk angehören- 
den Glaubensgenossen am geeigneten Ort werden zu 
erkennen geben, um dazu beizutragen, dass die auf 
Exklusivität und beschränkter Religionsansicht 
basirte Eidesnorm, wie es in anderen Staaten schon 
geschehen ist, endlich beseitigt werde." 

Ja sogar der Regierung gegenüber wagte der Vorstand 
ähnliche Worte. Eine an den Justizminister Grafen zur Lippe 
gerichtete Eingabe vom 15. Dezember 1865, in der er um 
Erhöhung der Zeugengebühren bat, lässt der Vorstand folgen- 
dermassen ausklingen: 

„Wir wissen sehr wohl, dass Ew. Excellenz der 
Ansicht huldigen, dass die in unserem Staate noch be- 
stehende Eidesnorm der Juden nicht mehr zeitgemäss 
ist. Würde durch Ew. Excellenz erneutes Bemühen es 
gelingen, dieses Ueberbleibsel alter Gesetzgebung zu 
beseitigen, so würden Ew. Excellenz neben dem 
Dank der Juden im preussischen Staate den 
Ruhm geniessen, zu der Zahl der Wohlthäter 
gerechnet zu werden, welche zur Beseitigung 
der Ausnahmestellung der vaterländischen Is- 
raeliten mitgekämpft haben. Möge Ew. Excellenz 
geruhen, unser spezielles wie auch nicht minder das von 
uns vorgetragene generelle Gesuch gnädig aufzunehmen 
und sich bewogen fühlen, diesem Folge zu geben." 

Das „spezielle Gesuch", die Erhöhung der Zeugenge- 
bühren von 5 auf 10 Silbergroschen, wurde vom Minister ge- 



— 171 — 

nehmigt. Was aber das „generelle Gesuch" betraf, so wurde 
dem Vorstand am 8. Februar 1866 von selten des Kammer- 
gerichts der Bescheid, dass von Sr. Excellenz dem Herrn 
Justizminister „etwas Weiteres nicht verfügt worden ist." Erst 
durch das Gesetz vom 6. Juli 1869 wurde der „Judeneid" 
beseitigt-"). 

Endlich ist noch eine von Berlin ausgehende Petition 
zu nennen, der sich die Gemeinde Brandenburg in ihrem 
Eifer für die gemeinsamen jüdischen Interessen anschloss: 
Die Petition, welche im Jahre 1858 über den Fall ]\Iortara 
an den damaligen Prinzregenten, späteren König von Preussen, 
abgesandt wurde. Jene unerhörte Gewalttat, durch die der 
sechsjährige Sohn des Juden Mortara in Bologna auf Veran- 
lassung des Bischofs geraubt und nach Rom gebracht wurde, 
um in der katholischen Religion erzogen zu werden, hatte fast 
das gesamte Europa zu einem einzigen grossen Protest ent- 
flammt. In ihrer Petition nun trugen die preussischen Ge- 
meinden dem Prinzregenten die Bitte vor „auf diplomatischem 
Wege bei dem Römischen Hofe darauf hinwirken zu lassen, 
dass der Familie Mortara zu Bologna ihr entführtes Kind 
wiedergegeben werde und nicht durch die Vorenthaltung des- 
selben ein Exempel statuirt bleibe, welches für die gesamte 
nichtkatholische Bevölkerung des Römischen Staates die ver- 
derblichsten Folgen herbeiführen könnte." Die Antwort des 
Prinzregenten betonte wohl die für Preussen geltenden „Grund- 
sätze einer vollen und aufrichtigen Gewissensfrei- 
heit", lehnte aber den „Versuch einer direkten Einwirkung 
auf die Regierung eines fremden Staates, um dort die Grund- 
sätze zur Geltung zu bringen, welche im eigenen Lande mass- 
gebend sind" aus prinzipiellen Bedenken ab. Bekanntlich 
wurde das Kind den Eltern von der römischen Kurie vor- 
enthalten. Die ]\Iutter war wahnsinnig geworden. 



^*') Keineswegs aber kann man diese Beseitigung einen „Erfolg" 
der Petition von 1860 nennen, wie dies Herzberg: Geschichte der Juden 
in Bromberg, S. 78 tut. 



— 172 — 

Es fehlt aber auch nicht au s(»lchen Fällen, in denen 
von Brandenburg die Initiative für die Förderung allge- 
mein-jüdischer Angelegenheiten ausging. Wir weisen 
zunächst auf zwei dieser Fälle hin, die in den lokalen Ver- 
hältnissen begründet waren. Der eine betrifl't die jüdischen 
Soldaten, der andere die jüdischen Gefangenen. 

Brandenburg besass seit Jahrzehnten eine Garnison mitt- 
lerer Grösse, die sechste Division, bestehend aus drei Regi- 
mentern. Die Militärverwaltung hatte wohl im Allgemeinen 
die Gepflogenheit, die Soldaten jüdischer Konfession zu den 
jüdischen Festtagen vom Dienste zu dispensieren. Im Jahre 
1861 aber trat ein ausserordentlicher Fall ein, der den 
Gemeindevorstand zum Eingreifen veranlasste. Ein Kürassier 
jüdischer Konfession war zu einer dreitägigen Arreststrafe 
verurteilt w^orden, deren letzter Tag auf das Versöhnungsfest 
fiel. Der Vorstand, dem dies gemeldet wurde, richtete an 
den Divisionskommandeur, Generalleutenant von Kortz- 
fleisch, das Ersuchen, den Verurteilten während der Feier 
des Versöhnungsfestes aus der Haft zu entlassen. Das Gesuch 
wurde nicht genehmigt. ]\Iag sein, dass die bestehenden 
Vorschriften eine Genehmigung verboten. Aber der Komman- 
deur belegte den völlig unschuldigen Soldaten infolge der 
Bitte des Vorstandes mit einer Gefängnisstrafe von vier- 
zehn Tagen. Der Vorstand, emi)ört über diese Massregel, 
teilte dem Kommandeur mit, dass seine Bitte keineswegs 
durch den Soldaten selbst veranlasst, sondern „ der eigenen In- 
tention entsprungen war." Der Vorstand betrachte sich durch 
die dem Soldaten ohne Untersuchung zudiktierte Strafe mo- 
ralisch selbst getroffen und halte es für eine Ehrensache, 
„diese moralische Strafe von sich abzuwälzen." Der Kom- 
mandeur antwortete dem Vorstand mit dem Hinweis darauf, 
dass eine Beschwerde über die Bestrafung eines Soldaten nur 
diesem selbst, nicht aber einem Dritten zustehe. Aus diesem 
Vorfall nun nahm der Vorstand Veranlassung, ein an Feld- 
marschall Freiherr von Wränge 1, den Höchstkommandieren- 
den der märkischen Truppen, zu richtendes Schreiben zu 



— 17H — 

eutwerfen, in welchem nicht nur aul' den speziellen Branden- 
burger Fall hingewiesen, sondern die prinzipielle Seite 
der Sache mit Nachdruck betont wurde. Es heisst in diesem 
Schreiben: 

„Wir wagen es sowohl lür uns als auch im Namen 
aller unter dem Szepter Sr. Majetät unseres Königs 
lebenden Unlerthanen Israel itisciien Glaubens, an Ew. 
Excellenz die lütte zu richten, nicht allein im Bereiche 
Ihres Kommandos den Befehl zu ertheilen, dass den 
Soldaten jüdischer Konfession der dienstliche Urlaub zur 
Beiwohnung der Gottesdienstfeier in der Synagoge an 
den jüdischen Festen von den betreffenden Chefs in hu- 
maner Weise zugestanden werde, sondern auch gnädigst 
zu vermitteln, dass diese gesetzlich bestehende Anord- 
nung überhaupt bei der Armee beobachtet werde. 
Um das sittliche Gefühl des Menschen zu erhalten 
und zu stärken, bedarf er zeitweise der geistigen An- 
regung und der Erbauung. Der Soldat jüdischen Glau- 
bens bedarf solcher Anregung um so mehr, als er seines 
Glaubens wegen von seinen christlichen Kameraden so 
manches Gehässige zu erdulden hat. Es ist dieser Ka- 
lamität von den Einzelneu aber um so nutzloser ent- 
gegen zu treten, als der Impuls dazu häufig von den 
Vorgesetzten gegeben oder angedeutet wird. 

Dem naturmässigen Gesetze, das die ^Minderheit zum 
Dulden verpflichtet, unterwirft sich stillschweigend der 
jüdische Soldat und nur deshalb verfolgt derselbe nur 
in seltenen Fällen den ihm so gut wie jedem anderen 
Soldaten freistehenden Weg der Beschwerdeführung über 
etwa erlittene Ehrenkränkung oder wegen Beschränkung 
seines Rechtes, um nicht der Gefahr noch grösserer 
Verhöhnung sich auszusetzen. Ew. Excellenz wollen 
die hier gemachte, auf Thatsachen beruhende Schilderung 
uns gütigst verzeihen. Wir aber wollen der Ueber- 
zeugung vertrauen, dass Ew. Excellenz unser ehrer- 
bietiges Gesuch wohlwollend aufnehmen und ihm Folge 



— 174 — 

geben werden, was Tausende von Unterthanen Sr. ^la- 
jestät des Königs gewiss dankend erkennen werden und 
was unbezweifelt dazu mit beitragen wird, den z. Zt. 
noch vorhandenen, von uns geschilderten Uebelstand, 
der naturmässigen Entwickelung folgend, zu beseitigen, 
wie so vieles andere Gehässige schon verschwunden ist." 

Dieses Schreiben ist allerdings, einer Notiz Gerson's 
zufolge, nicht abgesandt worden. Aber auch als Entwurf ist 
es bezeichnend genug für den jüdischen Gemeinsinn, der in 
der Gemeinde und ihrer Verwaltung lebendig war. Auch für 
die jüdischen Gefangenen und ihre religiöse Versorgung 
trat der Gemeindevorstand tatkräftig ein. Die Brandenburger 
Strafanstalt, seit 1820 bestehend und in früheren Jahren auch 
für Frauen bestimmt, war nachweislich bereits um 1830 mit 
jüdischen Gefangenen belegt und diese genossen damals schon 
die Vergünstigung, am Pessachfeste mit ritueller Kost ver- 
sehen zu werden. In dem von Guttmann geführten Kassen- 
buch aus den Jahren 1834—1839 bilden die aus Gemeinde- 
mitteln bewilligten Gelder „für die Züchtlinge" einen Posten, 
der alljährlich im Frühling wiederkehrt. Die Ostertage allein 
galten auch als Feiertage, an denen die Gefangenen von der 
Arbeit dispensiert waren; für ihre Seelsorge aber waren keine 
Bestimmungen getroffen, sie mussten sowohl dem christlichen 
Gottesdienst als dem christlichen Religionsunterricht bei- 
wohnen. Die Schaffung einer jüdischen Seelsorge für die jü- 
dischen Gefangenen bildete einen der Punkte, auf die sich die 
oben (S. 167) erwähnte Philippson'sche Beschwerdeschrift be- 
zog-'). Diese Beschwerdeschrift ging im März 1859 ab. Der 
Gemeindevorstand hatte aber bereits im Dezember 1857 bei 
der Anstellung Dr. Raphael's aus eigener Initiative die 
seelsorgerische Behandlung der jüdischen Gefangenen in den 
Kreis seiner Tätigkeit gezogen. Der mit Dr. Raphael verein- 
barte Anstellungskontrakt enthält in seinem § 3 ausdrücklich 
den Passus: „Dr. Raphael erklärt sich bereit, seine seel- 



»ij AUg. Zeitung des Judentums, 1869 Nr. 12, S. 172. 



- 175 - 

sorgerischü Wirksainkoit uiil" die in dar hiesigen Königl. Straf- 
und lieaserungHunstult detinierten Oefiingeneu jüdischen He- 
kenntuisses auszudehnen und, so viel sein Berul' es ihm 
gestattet, mindestens aber doch in jedem Monat ein Mal diese 
durch geistlichon Zuspruch zu erhautjn und zu belehren. Die 
zu diesem Geschäfte erforderliche Erlaubnis zu er- 
wirken, ist Sache des Vorstandes." Der Kontrakt ist 
vollzogen am 30. Dezember 1858. Damals also bestand be- 
reits die bestimmte Absicht, die jüdische Seelsorge durch ge- 
eignete Schritte in die Wege zu leiten. Das darauf hin im 
Februar 1859 bei dem Strafanstaltsdirektor Schmidt einge- 
reichte Gesuch des Vorstandes fand Zustimmung, und die 
Regierung gestattete Dr. Raphael, „den Sträflingen mosaischen 
Glaubens einmal in jedem Monat des Sonntags Nachmittags 
mit einer halben Stunde für die Männer und ebenso lange für 
die Weiber Unterricht in der Religion und Sittenlehre zu er- 
theilen", bestand aber ausdrücklich darauf, dass die jüdischen 
Gefangenen auch an den gottesdienstlichen Versammlungen 
der christlichen teilnehmen. Gegen die letztere Bedingung er- 
hob der Vorstand Einspruch, nachdem auch aus der Mitte der 
Gemeinde (B. Pintus) ernstliche Bedenken laut geworden 
waren, und der Minister verfügte denn, die Strafanstaltsdirek- 
tion solle geeignete Vorschläge machen wegen künftiger Re- 
gelung des Gottesdienstes der jüdischen Gefangenen. So 
wurde Dr. Raphael gegen eine staatliche Remuneration von 
dreissig Talern jährlich zur Abhaltung einer wöchentlichen 
Unterrichtsstunde verpflichtet und zugleich verfügt, dass die 
jüdischen Gefangenen jeden Freitag Abend und Sonnabend zu 
gemeinschaftlicher Andacht zusammenkommen. Der Vorstand 
hatte sein Ziel erreicht; er sprach am 8. August 1859 dem 
Direktor Schmidt „für die humane und theilnahmsvoUe Hand- 
lungsweise" seinen Dank aus und gab der Hoffnung Ausdruck, 
„dass die für unsere Strafe verbüssenden Glaubensgenossen 
angeordnete abgesonderte geistliche Pflege zum Nutzen der 
Anstalt und zum Frommen der Büssenden gereichen werde"--). 



^^) Nachdem die Strafanstalt Rawitsch als Zentrale für die jü- 



— 176 - 

Endlich war es die Gemeinde Brandenburg, die im Jahre 
1892 die Anregung zu einer möglichst gedeihlichen Lösung 
einer hociibedeutsamen internen jüdischen Frage gab. der 
Frage des Religionsunterrichts. Seitdem auf der ersten 
Leipziger Synode vom Jahre 1869 die Notwendigkeit erkannt 
war, dahin zu wirken, dass an den für alle Konfessionen ge- 
meinsamen höheren Schulen auch für die jüdischen Schüler 
ein höherer Religionsunterricht erteilt werde, hatten die Be- 
strebungen zur Verwirklichung dieses Anspruches nie völlig 
geruht. Die inneren und äusseren Mängel des in den l*rivat- 
schulen erteilten Religionsunterrichts traten immer schärfer 
hervor, und das Fehlen jedes behördlichen Zwanges wurde 
von vielen Eltern dazu benutzt, ihre Kinder gänzlich 
ohne religiöse Unterweisung aufwachsen zu lassen. Wir 
haben bereits gesehen (oben S. 154 f.), wie man hier in 
Brandenburg ohne Erfolg eine Angliederung des Religions- 
unterrichts an die hölieren Schulen herbeizuführen vorsuchte. 
Um nun diese für die Zukunft des Judentums so bedeutsame 
Frage zur Entscheidung zu bringen, stellte die Gemeinde 
Brandenburg beim deutscli-israelitischen Gemeindel)und den 
Autrag: „Der Ausschuss des D.-I.G.-B. wolle Schritte tun, 
dass von Seiten aller jüdischen Gemeinden Preussens die 
Regierung angegangen werde, den jüdischen Religionsunter- 
richt an höheren Schulen obligatorisch zu erklären." Dieser 
Antrag wurde auf dem sechsten Ciemeindetag, am 27. März 
1892, zur Diskussion gestellt. Dr. Rosenberg begi'ündete 
ihn ausführlich. Nach längerer Debatte, in der Mako wer 
und Kristeller ihre abweichende Meinung kundgaben, er- 
klärte der Gemeindetag die Einführung des jüdischen Religions- 
unterrichts als Unterrichtsgegenstand in den Lehrplan der 
öffentlichen Schulen für eine unerlässliche Forderung der 



dischcii Gefangenen aus den östlichen Landesteilen bestimmt war, erhielt 
die Strafanstalt Brandenburg keine jüdischen Gefangenen mehr. Erst seit 
der im Jahre 1897 eifolgten Aufhebung der Zentralisation wurde sie 
wieder mit solchen belegt. Der Verfasser dieser Arbeit ist seit 1899 als 
, jüdischer Strafanstaltsgeistlichcr im Nebenamt" etatmässig angestellt. 



— 1/7 — 

bürgerlichen Gleichberechtigung. — Seiner allgemeinen, für 
den ganzen Staat einheitlich geltenden Erfüllung harrt dieaer 
Anspruch, wie so mancher andere, bekanntlich auch heute noch. 
Ein einziges Mal hatte die Gemeinde Veranlassung, 
auch in die antisemitische Bewegung einzugreifen. Im 
Jahre 1877 stand im Reichstagswahlkreis Brandenburg-West- 
havelland der Berliner Stadtgerichtsrat Willmanns zur en- 
geren Wahl. Dass er von der konservativen Partei auf den 
Schild erhoben wurde, verdankte Willmanns in erster Linie 
seiner zu Anfang des Jahres 1876 erschienenen Broschüre 
„Die goldene Internationale". Diese total antisemitische 
Schrift gehörte dem Kreise jener „literarischen'" Erzeugnisse 
an, welche bald nach dem „grossen Krach" von 1873 gegen 
den „jüdischen Kapitalismus" als das angebliche Fundament 
des Gründungsschwindels zu Felde zogen. Willmauns hatte 
die kurz zuvor erschienene Schrift Rohling's „Der Talmud- 
jude" kritiklos ausgeschrieben, obwohl Rohling bereits damals 
von Bloch als Fälscher gebrandmarkt war-'') und hatte durch 
masslose Ausfälle gegen Juden und Judentum einen unlös- 
baren Zwiespalt zwischen christlichen und jüdischen Bürgern 
zu begründen versucht'^). Willmanns benützte nun seine 
Schmähschrift als Mittel zur Wahlagitation und Hess viele 
Hunderte von Exemplaren in Brandenburg gratis verteilen. 
Da trat die Brandenburger Judenschaft auf den Plan und ver- 
anlasste eine energische Zurückw^eisung der Willmanns'schen 
Verleumdungen. In einem längeren, „Einer für Viele" unter- 
schriebenen Aufsatz des „Brandenburger Anzeiger" vom 
24. Januar 1877 wurde Willmanns' „goldene Internationale" 
als ein „blechernes Machwerk", Willmanns selbst als Ge- 
sinnungsgenosse des Fälschers Rohling gekennzeichnet-^). 



2") Bloch: Professor Rohlings Fälschungen auf talmudischem Gebiet, 
Posen 1876. 

**) Vgl. Auerbach: Das Judentum und seine Bekenner in Preussen 
und in den anderen deutschen Bundesstaaten, S. 6 ff. 

-') Willmanns unterlag denn auch in der Stichwahl dem liberalen 
Stadtrat Hausmann. Die Brandenbui'ger Vorgänge wurden damals in der 

12 



- 178 - 

Gerade um jene Zeit war hier in Brandenburg ein Jude zum 
Königlichen Kommerzienrat — der einzige in der damals 
30000 Einwohner zählenden Stadt — ernannt worden. An 
diese Tatsache knüpft der Aufsatz die Versicherung, es hätten 
bei diesem Anlass Christen verschiedenen Glaubens und 
Standes eine Teilnahme bekundet, dass edle Christen sagen 
würden : 

„In Brandenburg herrscht noch bei den 
„Christen ungeheuchelte Religiosität, dort stei- 
,,gert sich die menschliche Gesittung bis zur 
,. lichten Höhe aufrichtiger Brüderlichkeit!" 

Der gesunde Sinn der Brandenburger Bürgerschaft, wie 
er in diesen Worten gekennzeichnet ist, blieb denn auch den 
auf die niedrigsten menschlichen Instinkte berechneten, hass- 
und neiderfüllten und darum unchristlichen Treibereien 
des Antisemitismus fern. Das schöne, harmonische Verhältnis, 
das zwischen Juden und Christen hier in der Stadt seit vielen 
Jahrzehnten traditionell gewesen und in der einträchtigen Ar- 
beit für die gemeinsame menschliche Wohlfahrt den frucl)t- 
barsten Boden für seine Entfaltung fand, es blieb in seiner 
Blüte bestehen und wurde selbst in jenen trüben Zeiten nicht 
gestört, wo der wahnerfüllte Judenhass an anderen Orten des 
neuen Deutschen Reiches Orgien von wahrhaft mittelalterlicher 
Verblendung feierte. Wie die Juden Brandenburgs schon in 
den Freiheitskriegen, als kaum der erste Ring von der Kette 
mittelalterlicher Vorurteile gefallen war, ihre Liebe zum hei- 
matlichen Boden mit ihrem Blute besiegelten, so fühlten sie 
sich zu allen Zeiten als Söhne des Vaterlandes, denen auch 
die niederbeugendsten Erfahrungen nicht die Treue zu den 
gemeinsamen vaterländischen Idealen aus den Herzen zu reissen 
vermochten. Wie tief diese Ueberzeugung in der Mitte der 



jüdischen Oefifentlichkeit viel besprochen. Die „AUg. Zeitung des Juden- 
tums" (1877, Nr. 7) fällte das Urteil : „Die Brandenburger Glaubensgenossen 
haben sich tapfer ihrer Haut gewehrt und sich damit ein Verdienst 
auch für die Gesamtheit erworben". 



— 179 - 

Brandenburger Rürgerschaft wurzelte, zeigt die Tatsache, daas 
das Vertrauen der Bürgerschaft ohne Bedenken auch jüdische 
Bürger zur Mitarbeit an der fortsciireitenden Kntwicitelung 
der Stadt in die Körperschaften der städtisciien \'erwaltung 
berief. Aus früheren Jahrzehnten sind hier die Namen Moses 
Pintus, Sie gmund Gramer, Ile} mann Pintus und nament- 
lich Pintus Nathanson zu nennen, der in den verschieden- 
sten Zweigen der Stadtverwaltung eine überaus gedeihliche 
Tätigkeit entfaltete und dessen Andenken bei seinem jüngst 
erfolgten Tode in einem rühmenden Nachrufe geehrt wurde. 
Gegenwärtig zählt die Stadtverordnetenversammlung in Geh. 
Kommerzienrat Gumpert, Justizrat Kirschner und S. Sa- 
linger jüdische Mitglieder, die ihre Kräfte freudig in den 
Dienst der Gesamtheit stellen. Ganz besonders die Verdienste 
Gumperts wurden von Seiten der Stadt durch das höchste 
Zeichen städtischer Anerkennung dankbar gewürdigt, indem sie 
ihn anlässlich seines achtzigsten Geburtstages, am 4. Mai 
1903, zu ihrem Ehrenbürger ernannte. 

Mit diesem Ausblick auf das schöne Bild des Friedens 
sei unsere geschichtliche Darstellung beschlossen. Es war 
ein wechselreiches Bild, das sie uns bot. Sie zeigte uns, wie 
die verhängnisvollen Schwankungen in den Schicksalen der 
deutschen Juden sich auch in der Geschichte der Juden Bran- 
denburgs wiederspiegelu und führte uns über die finsteren 
Zeiten der Verfolgung und Ausbeutung zu dem Lichte der 
Gegenwart hin, wo die fortschreitende Humanität all die hem- 
menden Schranken niederwarf, die eine verblendete Vorzeit 
gegen unsere Ahnen errichtet hatte und wir trotz aller zeit- 
weiligen Rückschritte mit unausrottbarer Zuversicht an der 
frohen Hoffnung festhalten dürfen, dass einst auch dem viel- 
gelästerten Juden volles Recht und volle Freiheit wird zuteil 
werden. Und so möge die Synagogengemeinde Brandenburg 
immerdar ein würdiges Glied in der Reihe der Gemeinden 
sein, die die Pflege unserer jüdisch-religiösen Ideale auf ihre 
Fahne geschrieben haben; möge in den Herzen ihrer ]\[it- 
glieder immer tiefer Wurzel schlagen die Treue zum angestamm- 



— 180 — 

ten Glauben, von dem eine so unermessliche Fülle des Segens 
auf die ganze Menschheit ausgegangen; möge endlich ein un- 
zerreissbares Band des Friedens die jüdische und die christliche 
Bevölkerung der Stadt umschlingen, auf dass zur Wahrheit 
werde das Wort, welches der grosse Dichter der Mensch- 
lichkeit dem Juden Nathan in den Mund legt: 

„Es eifre Jeder seiner unbestochnen. 

Von Vorurteilen freien Liebe nach!" 



Hrfunblid^e Beilagen. 



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(Sönigt. (Mh etaat§ard)iü 3kp. 21 9Jr. 207 Bl). 

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Abraham Ries ficfj K'fdjtrercn, baf bie bafclbft tüonenben 3uben 
unb bero l\inber uiib ^efinbe oljne Ijeffticjo irortIicf)e Bofdjinipf= 
utiij unb €eibcsacfal7r auf ber ^affc nid]t (.ylj^n börfon, in bem 
fie mit Steinen aeirorffen unb baburd) öfters renrunbet, iJjre 
ttjüren unb fenfterlaben burd}ftod)en unb ^erl^auljen un'irben unb 
nms bercjleidien ^rerel mel)r ift, luesirecjen ftc Unfern (jnäbiaften 
rdiuij im^loriret unb besl^alb untertt^äniaft Derorbnuucj c3obeten. 
^leidj uiie irir nun biefc procedurcn mit fonberoni mißfallen rer» 
notnmen, alfo befel)Ien mir eud) c^näbicjft, bie 3ii^*-''if*^]^^ft t)infiiro 
bei unferem cnnäbiafton 5d]utjbricfe unb iljnen ertljeiltcn pririlcgieu 
befferen fd]u^ 5U leiften, iriber biqenicjen, tueld)c ftc mit IPorten 
ober merfon, in ober auferl^alb ber jahrmärchte beleibi^jen obct 
befd)impfcn, «jebürenbe Inquisition an^uftellen, bie tl^citer u. fon« 
berlidj bie l\ral)mbiener, über wdd}c fie allfonberlidj Befd^iuer 
fütjrcn, ba^ fie üon itjnen bie größte Beleibicjung unb Befdjimpf« 
uuc} leiben muffen, fd)leunicj unb ernftlid^ 5U beftraffen, audj bem 
im jüngften ülTarft fpolürten 2)^bcn fdjleunic^ft ju bem feinic^en 
5U rertjelfen, bamit irir nidjt tribricuenfalls iriber eud} u^ecjeu 
negirter Justiz 5U rerfaljren reranlaft werben, tüonad^ ♦ . . 

Po^bam, b. \ \. 3wni \675. 

Tln beu ^al)t 5U Branbenbura. ©omni^. 

II. 

(.Hönigt. iM}. Biaat^axdiw ^Hcp. 21 ii?r. 2()7 Bl). 
Demnad) uns Burcjermeiftern uub Katl} biefer Heuen Stabt 
Branbenburg Pormeifer biefes, David Samuel, ein^w^^./- lüeldjer 



— 184 — 

diif rr. i£l]urf. Piird)l. vjndbiafton Concession fidi einige ^i\t 
altjior uulTL^ot^alton : rori^cftcllot, uioldior ^jcftalt ^v bor imtcr^ 
tt}ä)ii(jftcii ^<Sul\'l•f^d]t lebte, 6a^ 3^?'^ auf fein imtertbäniaftcs 
bitten, ferner alljier 5U bleiben ron Seiner (£tjiufür)tl. Purd)l. 
allergiuibi(3ft n:>erbe rerftattet irerben, mit angefügten anfudjen 
^Ijm ttteoien feines defilierten IPanbels unb ba(? irieber feiner 
feitl^'bro cjetriebenen 5>erfet?runa albier feine IxUujten eincsefoninien, 
fonbern ^£r nad) rorl^ebr erlanater vjnäbiOiften Concession aU 
Ijier ivol ireiter 5U leyben ftünbe, ein Attestat 511 ertbeilen. Ilnb 
Uns benn nidit iinil^enb, ba'^ über enrel^nten Juben bie 5»-'it 
über, fo (£r Ijier aeii^efen, einic3e Z^efd^UHTben cjefüljret werben, mir 
and} UMeber benfelben nidjts ju flachen. So Ijaben irir itjni bcr 
lDaIjrI)eit 5U fteuer biefes gejeuanis unter unfereni 3"fi*-'i3»^J 5" 
erlljeilen nidit rerfaaen fönnen. 

Signatum, Neu-Stadt Brandenburg, ben \0. Sept. \6^~. 

Ludwig Clapius. 

III. 

(«önigl. r^cli. 3taatC'ard)ui Mc\). 21 Tiv. 207 B 1 1. 
Durdjlaudjtioifter, cjrofnuidjtiafter Ctjurfürft, cjnäbiijfter f)err, 

3dj fage (£a>, dtjurfürftl. Durdil. untertljänigften Danf, 
ba^ Sie oljnlängft meine nottjburft gnäbigft ertrogen unb mir 
concediret, ba'^ ^d} mid) in bero Iceuftabt Brandenburg Ijabe 
aufljalten fönnen, rran aber gnäbigfter ^£tjurfürft unb i7err 3<i? 
burdj meine unter bero Ijotjen Sdju^ befinblidie ^reunbe anlas 
befommen, ferner ju biefclben in tieffter Hntorttjänigfcit meine 
^ufludit ju neljmen unb gefonnen midj bafelbft nieberjula^en 
unb el)rlid] 5U emel^ren, ^umal^len beiliegenbcs Attestatum in copia 
Kläljrlidj ttxnfen ipirbt, iric idj mid) jeber ^eit rertjalten, ja roie 
ba"^ ber ZHagiftrat felbft gerne feljen, ba^ 3<^ albort bleiben 
mödjtc, 5umaljlen niemanb ron bcr ganljen Bürger fdjaft über 
mid) Klage führen, fonbern midi alle gern leyben l\önncn unb 
mögen. 

2X1^ gelanget an (£it>. €l?urf. Durdil. mein unterttjänigftes 
bitten, Sie geruhen mir biefe IjoFje gnabe 5U erireifen unb mid? 



— 185 — 

gleid) cinbcrn 3ii5on 6cvo Ijoljcn rrfdeclion ^301110(5011 511 \a^cn, 
mid} auf bio ICou=5tabt Brandenburg i^näbioift ju uori^Ioitcu uiib 
mit boro !}oljon Sd^uhbriofo in c^iuibou ju rorfel^oii. 3'-^? ivorbo 
nionuiljlou oniuiiicjolii, luidj bor uiitortljäinafton aobüljr iiad) ju 
rorljaltoii, ba*^ aud) fornorI)iii bic ^oriiiafto Klacjc über midf iiid^t 
ciiifommon fol, gctröfte mid) cjiuibigiftcr lErtjöruiicj unb uorbloibo 

(£ir>. d]iirfüiftl. Purd^l. 
UiitortI)äiiic\ftor 
Berlin, den 2\ Jan. David Samuel roii 

\(i98. Neu-Stadt Brandenburg. 

IV. 

(.sjöiüiiL (^icr). etantvarditu r){cp. 'Jl Nr. 207 B 1) 

Pcmnad) Un^ Bürcjer irteiftcrn unb "S-aii} biofor iTeue 
Stabt 23ranbonburij DoruxMfor biofos David Samuel, l^icficjor 
Sd}\ü} 3ubo borid)tot, luold^or c^oftalt fidj aud] in F^ioficjor altor 
Stabt oinicjo 3^i^*-'" niobor 5U la^cn cjofonnon unb bo^ifalb von 
5r. liönigl. iHajoftät unfcrem allergnäbtgften £)crrn einen 5d)u^= 
brief ju erljaltcn fid) bemütjoten mit anc^efnc^tom anfud]on it^n 
einiges C!;05euanu5 feines Ijiofigen Devt^altens unb ob es benen 
Stäbten Branbonburc^ mol^r 3ii^*-'" 5^ baiton, bienlid) fcy 5U er= 
tbeilcn. So traben iinr bo|5on billicjen fudjen Statt cjebcn unb 
Ijiermit atteftiren luollen, baf} anfanas Bemolbter David Samuel 
(5eit feines l^ierfoYns fidj frieblid) ftille unb berc!,eftalt rer Italien, 
ba'^ iv\v über iljn feine Jilaq.c füljren fönnen. ^11 bie iroil or 
aber in fonbevl^eit anfancjs riolo rerbrioflidifoiton non feinen 
Hadjbaven unb anberen ausftel^on mü|5on, unb awd} ol^nobom 
notorisch, ba'^ riele rion ber Bürgerfd^afft, infonberljeit bor jonicjen 
fo einen I^anbel treiben bie 3^^^^" '■''■^^^ Beyforge, ba^ fie iljnen 
in iljror Haljrung abtracj tljun irerben nidit o,erne leiben, unb 
fidj bannentjoro an il)nen auf allorijanb ipoife reiben, fo ift 
leidet 5U eradjten, ba'^ wenn boren meljr als biofor, fid? alljier 
nieberla]5en ir>olItcn, fie fid) unter einanbor folbft ruiniron unb 
Überbein 5U ferneren lilacjen tor BürJsorfdjafft infonborljeit ber 
liräl^mer unb Kauffleute anlal^ vjobon bürfften. IDie aud) oljne- 



— 186 — 

belli bcv 3ta6t 511 )'d]lcd)tcn riuljon cjcbcYon tDÜröc. IPaim biofc 
£eutc fid) Ijicr uormcljron infoubcitjcit über foldjc 3ubon \\d} ciri' 
niftdn iDollton, 6io nidjt allein von Übeln e^erüdjt, fonbern audj 
einen red)tniä|5iv}en i7anbel unb (ÖeauTbc sn treiben nidjt be= 
mittelt )inb, nnb bal^ero fid) ju Ijiefiejer 23ür^3erfd]afft cjro^en 
3d]aben bnrd) allerijanb lofc (Sriffc iljrc Hal^runej ju fudjen 
iDürbc »jenötl^ic^et finben. 

SigDaluui lleuftabt öranbenburc^ ben 23. Marl. ^705. 

(L. S.) H. Heinss. 

V. 

(Mönigl. Wcfi. 5tantöordnu 3lcp. 21 5ir. -Jn? BD 

2tüerbnrdjldud)tic3fter (Sro^nuidjti^fter "Könie^ 
2lllere^näbicjfter I)err 

€s finb nunniel)ro 7 '^c[[}v oerflo^^en, ba \d} in 5r. Königl. 
lllajeftät Henftabt Branbenburcj perniöc3e erljaltenen allere^näbi^^ften 
Privilegü ah Sd^nfejnbe niidj niebcrgela^en unb mid) von ber 
^eit an bercjeftalt reblid} nnb el)rlid) rerl^alten, foba^ ber I)iefic3c 
JlTac^iftrat uerniöcje beYl'd^hiffes sub lit. A mir be^tjalb ein rnl]n^ 
lidjes 5enc3ni(5 ertl^eilet. XPann id) nnn in ^£rfaI)ruiK3 gcbradjt, 
ba^ ein Jnbe Marcus ux'Id^er ein ausKinber ift unb eines 
armen Sd^ulmeifters üod^ter (jet^eyratl^et fo bey 'Eu"'. König). 
Majestät i^au^ Dog,t c3eir»efen unb 23ranbeirein cjebrennct, fid) 
unterftanben umb ein Privilegium an^utjalten in ber alten Stabt 
23ranbenburc3 als Sdju^ 3nbe fid] nieber5ulaigen, als bin idj cje^ 
nötljicjet, ^ir>. Ixöniejl. iHajeftät allerunterttjänicjft uor^uftellen, 
tpic ball 

biefcr ilTann r»on feinen JHitteln, babero er mit allcr= 
l}anb Betrügereyen unü\3el)en unb mid] 5uo,Ieid] mit blamiren u?irb. 

2) 3ft er annodj 7 bis 800 Ül^lr. fdjulbicj, fo er burdj 
fein cjefüljrtes lieberlidjes £eben cjemadjt unb nimmer felbigc ab* 
füljren fönnen tpirb. 

5) 3f^ '^^ *-''" rerbad}ticjer iTTeufd), lueldjer vor än\q>m 
3atjrm ttH\3en falfdier ^TTünje aus ^eipjig entlauffen, bif auf 
bicfe Stunbe audj baljin nidjt ir>ieber fommen barff. 



— 187 — 

^) J3oftol)ot foinc cjan^o Familie aus lauter bcrcjloid^cn 
liobcrlidjcu unb überall iljrcr boaancjoucu ^oicijttorticjfcitoii lucvjou 
bcfanbtcu Pcrfoncn, iueld)o fid) i^o inscjofambt ju (5i»-''i*-'f^'^ 
ipicbor (£ir». l\önic\l. illajoftät Ipljos Dorbotl) aufl^altcu, fein 
5djul}c^cI5 nod? üfcibjoU ontrid)ton, niemals aud) ju €iu. "Köuic^l. 
ZHüj. revenucn 6as cjeriiujfto contribuiret. IDeldies aud) nad)- 
cjel^ents ber Magistrat 6cr 2Utfta6t Brandenburg uadj c^euauer 
cincjejocjcner Had^rid)! woljl eruio^jen, uiib laut üerfd]lo0eneu 
BcYfd^lufes <^iv. 1\ön\q,{. iHaj. pfli<^?tmä^ic3 üorc^cftellet unb il)r 
crtl)eiltcs attestat revociret. lllfo crfudje (£ip. Kai. IWa'}. aller^ 
untcrtl^äniaft, bey fo *5eftalten Sadjen nid^t 5U aeftatten, ba'^ biefer 
fameuse ilTcnfd) mit feiner leidjtferticjen Kotte 5U meinem ^jrö^ten 
Unglücf unb liräncfunoi meines t£t)rlid)en nal)mens fid) alliier 
nieberla^en möoie, unb id^ aisbann iinirbe mit entcjelten mütjen, 
t»as fie uerfdjulbet, fonbern iljn uöllicj abjuipeifen. Solte aber 
(£ix>. Könicjl. ÜTTaj. allero,näbic3ft geftatten, in biefer alten Stabt 
Branbenburc^ einen Sd)u^ 3"^*^" 5^i f»-'^»-'", fo bitte allerbemüttjiaft, 
meinen Ixinbern, bereu idj bereits cjro^c enradjfenc unb jum 
f)anbel a,efd)icft feyn, I)abe, ein Privilegium, be^l^alb aller t3näbiaft 
5u ertl^eilen — XDo nidjt, fo erbütjte midj alleruntertl^änigft, einen 
reblidjen ilTann alliier 5U uerfdjaffen uu'ldjer alle ael^öricje 
praestanda praestiren follc. IDofür erfterbe 

(£iü. 'Hön\o>\. majeftdt 

^lleruntcrtfjäniafter 
Hcuftabt Branbenburg David Samuel 

bcn 22. Mart. \r05. 5d}u^ 3ubc altjicr. 

VI. 

(Äöni(]f. «cfi. itaat^arcfiin >}i\'p. 21 3lv. -201 B 1]. 
itllerburdjlaudjtigfter ^rofnuidjttgfter Könicj, 

^ller ^näbigfter l7err. p- 

(£s Ijält fid} altjier 3f'^^^'^^ 3^^ob 3of*^vf} «-^^if» ^'^^ feinem 

Porgeben nadj ein 3d}ul} 3^^^^' f^Y" »^i^l« i>^tt aber feinen 

5d}u^ Brief, fonbern bebient fidi feines Daters, "^acob 2>'^ic\-'\}s 

fo in Berlin irol^net, unbt entrid^tet (£iü. liönigl. IHaj. meber 



_ ISS ~ 

al)n 3cbuliO,clM, nodi al)n Accisc ll^^t J^oW nidjt einen bollor; 
riuii ift Mofoni Jii^^^'" fold]Cf fd)on ins ad}tc 3al)v Dor frcy 
liin^sCv,vinaon, wobei *£r foiiio ^clviisjoit mit Bctnaorcy i'^'^t allcr= 
IjaiiM '{Loiditfcrtiafoitoii, iric i^cY^acsC A. lolnot, 5iiaoln\id)t, IVc^- 
I]alb ^£r bann öitcif. mit (J^cfänanit) bcftrafct, aud) nodj nculid) 
trccjcn eines i3ctrnc!,5 oie^iid^tioiet iroiben. Unbt 6a idj fd)on — 
\7> ~S^^^^ allljier aeirol^net, ein eicsen i^au^ imb I^off mir an-- 
aefdjaffet, mein 5dnit>ejel6t Jäljrl. aebe, 6er Accise 6ds il)ric^c 
entridjtc, 6en ^'^ll ^'"^^' ineine IPal^reii erKvje, 6ie Biirejcrlidic 
onera alMraae, un6 midi fo ernebre, 6a|5 nieman6t über midj 5U 
fkujen urfad]c I)att, in i3etrad]t unfer ^lagistrath mid) trecken 
meines u"'oljl Derljaltens ein rütjml. »jcjeuejnu^ beylocjct, fo tocrbe 
6ennod} ron obenrel^nten 3u6en, ireilen er ann^, 6a^ id? ein 
franfcr un6 fd^unidjer 21Tann bin, fel)r rerfolget un6t fälfdilidj, 
xvk er nodi neulid^ bey ^u\ Ixönial. iUaj. vjetl^an, rerflacjet, 
n->o6urdi er mir mein €eben, 6a idi feine lo^e I7än6el nidjt 
billigen umII, nod] fann, riele 3*'^I?i'^' rerfürl>et. IIn6t 6a al]^ 
ein 5d-}\\i} 3u6c, ^\\\ Ixönic^l. illaj. intereffe beför6ern Ijelfen 

mu^, 6iefer obv5c6. 3^^^*-' ^^^''^'^" ^^^ ^'^^ -^^^'^ ^'' ^*-''^^ *-'^" ^^"^^^ 
beYtrao,et, audi nidits nii^c ift. Unern^oo^en (£r nur mit i3ctrug 
un6t €eiditfertiafoiten umbcjel^et iin6 fid) ^ar nid)t eljrlid) 511 er« 
nel]ren c^e6en{'et, ZU'^ (jelaiujet an i£m. l\öni(äl. UlTaj. mein 
alleruntertl>iniejftes Sudjen un6 Bitten, Sie cjerutjen aller(5nä6ii3ft, 
an 6en Ijief>iaen Magistralh Peror6nunc3en eraoljen 5U laffcn, 
6a^ er 6en 3ii6en J^rcid 2>^\cob J'^^eWicn nidit lancier in 6cr 
Statt 6uI6en, fon6ern iljn fofort jum Ctjor ljinau(? ipei^^en un6 
Dcrjao;en folle, ^rfterbe 

2Uleruntcrtf}äni9fter 
David Samuel 
S*u^ 3u6c 6afelbft. 

r(cufta6t Bran6cnbura 6cn 20. "^an. ir\0. 



— -189 — 

VII. 

iMöiüill. i^'id). itnntöardiiL) i\k\). "il 'Jiv. 'J'iT Bl) 

Itad^bcni idj in Brandenb. cjofomniou iui6 riolc unorbontl. 
Sadjcn ijcfdjcljoii, bic acaoii llnfove Jübifd^c Ceremonien Uuiffoti, 
alfo Ijabo id) fic alle baiübor roriiojunicn luib einen jeben feine 
(£i)nrenbunoi abgel^ört. 2i{\o Ijabe idj uovacfe^ter 2vabbi permötjc 
Sr. Ixönivjl. illaj. von preu|)en allero^näbio^ft Piivile^y fo eine 
(Dr6nnnc3 unter Sic fie foUen unntev nad) unfrer ^£erenionien rcr= 
Ijalten. 

\] Scynb alle J"^^'" i" Brandenb. fdjulbig 5U aetjen in 
^. Davicd Sainucls feinem I^aufe, il^ren ö^ottesbienft <ju tl}un in 
ber Kanunev, u^eld^e er ba^u aeoieben l^at, iinb nid)t ju erbenfon, 
rr»ie fic fidj eine anbere Sd]ule mad^en irollen; trcil €r nun 
bie Sd)ule etl. 20 ^al)v bey fidi ael}alten, unb alle benötl^icste 
Xlntoften aec^eben, unb von Keinem nid}t5 baju Derlaiicjet; ir>eld)cr 
ftdj aber entljalten unrb, unb am l^eyl. Sonnabenb in unfere 
^ufammenfunft per force nidjt geljen uiollen, ireldjes nadj uib 
fercn (jefe^en eine aro^e Sünbe ift, vov jeben Sonnabenb als (£r 
foldjes tl)ut einen Species Ducaten Straffe 5U erleben fd}ulbii5 
feyn folltc, baüon 5U->cy ^Ijeil 3t)ro Könial. illaj. unb ein ill>'il 
bcnen Firmen 5ufallen foll, laut mein Privilegium. 

2) Daaeoien Ijat fid^ f). Davied Samuel rerobligiret ba'^ 
(Er feinem iltenfdjen nid)t rerbietl^en unll, Seine Sd^ule ober 
bem Durd]o,anc3 burdj fein l7au5 5U reru-iel^ren, wie er bas mödjte 
tljun, will €r \0 K C Straffe o,eben, 5uh'Y ^^t?'-'^^ 3^?^'<^ Ixöni^L 
IVia}. unb ein tlljeil an bie Firmen. 

5) IPenn ^an! ober Streitioifeit möd^te in ber Sdjule ror= 
gctjen, fo foll bie Sad}c nid^t burdj ^0'>'lW^*■'" o^efd^lid^tet uu'rben, 
fonbern ber Befl. muf; einen förperl. (Eybt fdiu)el)ren o^ecjen bem 
Kläger, unb ber Kläger mufj ein '^ybt Calumnia tljun, ba^ i£r 
iljm nidjt ja^in^c umb fonft ein <£ybt ju tl^un, ipcldje^ id) aus 
€rfaI>ruiK3 unb ..jeiriffen llrfadien tljue, umnn fidi foldies 5U trafen 
foltc, unb mir u^rb beridjtet luerben, ir»erbe id) foldjes nad} be» 
finbcn ju ftraffcn tüiffen. 



- 190 — 

1^) lücoicn Dcrfauffung bor Ceremonien 511 bio jcl^cn ©c> 
botbo, iric manier imtor 6011 juboii i)'t, bie alle Sonnabcnb unb 
^oyortaac foll l). David bov bio joljou Csobotl^o ftol^on, unb an= 
ruffoii nad) foiiion ^»'fallon, bodi foin juncje ror oinon oljrlidjon 
Zluiim aiijuniffcn aber bio anboni Ceremonien iric es tjicrbcy 
Cso[ct)lid}t unb wk gobräudilid} ift, I^at l). David gciinlliget, foll 
rorfaufft tt^orbo]!, unb bas (Solb in bor ^nncn i3üd)fo gotl^an 
iperben, irio unter uns bor ©obraudj ift, fonborn uhis gouiolb 
wirb bleibt I7. David ju, aber iDeldjer ein von biefcr Ceremo- 
nien faufft, unb nid)t bas ®olb abgibt in bor 2lrmen öüdjfe 
innorl^alb \4 ilago, fonborn goniabnot unrb, fo ftoljot l}. David 
frey felben nidjt niel^r ju laffon il^non ums 5U rortauffon. 

5) IDegen bio ^rmen bor 3^'^^" wc\d}Q l^oruniroifou 2Ub 
mofon fud)on unb unforo Ceremonien mitbringen, biefolbe mit 
(£ffon unb Crinfon 5U perfol^on, aiid} auf ber Keife einen 5^1?^= 
Pfennig mit ju geben, Ijabe \d} nad) il^ren Xlmbftänbon ordoniret 
imb dislribution unter iljnon gemadjt, irie riol ein jeber barju 
geben folle, fo tjabe erfannt, ba^ V}. David Samuel fd}ulbig 
in bic Firmen Biidjfc 5U legen \'\ pillette, Sein Sd^o^iegcr Sol^n 
\0 pillette, Simsen in ber alten Stabt 6 pilete unb Israel ^ 
Billefe unb fo riol pillete als ein jeber geben foll, fo riele 
^rofdjon muf; ein jeber in ber Firmen Büd}fe legen, bamit bio 
2lrmen erl^alton u-'erbon. 

6) I)io obongon'.olbote l^üdifo foll iUonatb uxnfo einer umbs 
anber 5U fidi nel^mon, einer bio i3üd)fe unb ein anbor bio Sdjlüffol, 
unb alfo IDodjfel weife, XPami audj biefc (Drbnung unter iljnen 
nid)t gotjalton u^irb, foll bor Dorbrerfjer einen Species Doucaten 
5ur Straffe erlogen une oben No, 1 gemolbct ift. 

7) IPas anlanget bcn Sd^ulmeifter, Ijat I7. David fid? per= 
obligiret, baf^ er ron dato lueiter einen Sdiulmoiftor auf feine 
Unfoften Ijalton iinll, bor bas Sdjädjton jugloid} mit rorfeljon folto, 
nadj unfern Ceremonien unb baljero bofotjle \d} Sie bcy Straffe 
bes €anbts nadj unfern ©efo^, bas Keiner ron Sie fid) nidjt 
untorfteljon foll boy frembben Sdjädjton 5U laffen ober fid} bar^u 
einen anborn Idolen lafjon, fonborn l). David fein Sdjulmeifter 
foll biefes r»orrid}ten, unb Sie feynb fdiulbig bemfelben bapor ju 



- 191 - 

«eben wk folc^d, roii ein aroi^ Dicl^ r» a. ein Klein Vkl} \ g. 
€inon €nc\lifd)on l}nty\ \ g. (Eine ©an]^ 6 /* i£in t^uljn ober 
(£ntc 5 ^ UHMUi biefo:? nidit aofd)iobct, foll bor Dorbrodiov in bel- 
oben gcnielbeten Straffe verfallen feyn. 

8) 21udj ift ein jeber fd^ulbioi ber ba antjeruffen u>irb bey 
bie \0 ©ebotl) 511 lefen, beni Sd^nhneifter nad) feinen belieben 
etwas ror bem 5eeaen j^u cjeben, umnn €r aber bas nid)t tl^ut, 
fo barf \[}u\ ber Sdjuhneifter ferner feinen Seecjen nuid^en, baniit 
feine 5treitic3feiten foninien, 

9) XPajin bie Ijol^en ^eyer Cag,e ane\el^ni, baf; mir maiuiiij 
mal}\ einen Cantor nötljicj Ijaben, fo niiij^en Sie nadj i)ro[jor= 
tion ber Piilette be5aljlen. 

\0) XUenn einer einen I)iener ober eine iUaab [)at unb bie 
^cit rerfloffen bei)} €r auso>ebient I)at fo foII fid) Keiner nnter= 
fteljen el^er 5U niiettjen ober ju bingen bis (£r ein J^a\:}r ans ber 
Stabt ift geuH'fen, wie an rielen 0rtl)en unter uns ber C^ebraud? 
ift, unb nun* bairieber Ijanbelt foll 10 K C Straffe geben, bie ge= 
melbete 0rbnung in allen puncten foll geljaiten irerben ol^ne 
bie oben genielbete Straffe belege Sie audj mit bcn grofjen ^lud? 
Mosis baf? Sie bauneber nid)t I^anbeln unb follen in allen friebl. 
unb fdjiebl. leben unb bitte €. (£. Katl^ ba|5 fie über biefe puncta 
tjalten irollen, uxnlen fcld]es auf Sr. fönigl. ilTaj. allergbft. 
mein Privilegium unter itjnen aufridjten muffen. 

(öefdjel^en rteu=Stabt Branbenb. ben 8. Juni \T\7. 
(L. S.) Aaron Benjamin Wolff 

Juden-Rabbi 

VIII. 

(Hönigl. 0cl). Staat§ari)iii d\c]). 21 i)iv. -JuiJa.) 
2tuf Sr. Königl. lUajeftät unterm 5. Apr. \720 emanirten 
unb am 22ten bito eingelaufenen Perorbnung I^at bie Ijieftge 
Jubenfdjafft auff bie aufgegebene fragen am 25ten unb 26ten 
ejusdem folgenbergeftalt profitiret. 

\. 
IDieriele in einer jeben ber 
<£üd} anrertrautcn Stäbten fidj 



— 192 — 



jclio bor roralcitotoii "U'^'-'^i 
Familien bofiiibon, irio ein 
3o6oi- boij'io, iinb i)t jobcs 
3ii5on rdniUbricff abfdjrifftlid} 
bcy 511 Kvsoii. 



(2)b ntd)t bcv Jiibcn in foldjer 
Stdbt juricl irol^ron? 



^ünffe al5 

1. David Samuel 

2. Juda Michel 

3. Ezechiel Israel 

4. Israül Jacob Joseph 

5. Sirason Jacob. 



3t}rcr Drcy UH'l^reii übrig 
genug, ipico'otjl feiner nötljig. 



(Dbcv ob ol^ne Praejudiz 
5cr (£tjriftlidion (Einu-iot^ner 
mcljr 3^'^'-'^^ barin Dcrglcitot 
irerben tonnen? 



0bne praejudiz ber ^briften 
iufoiiborl^oit bor Ixduffloutlje 
feine luel^r, u-'otjl aber unMiiger. 



0b nidjt insbefonbere ju 
einer gciriffon 2iv\i) I^anblung 
ein 3^'^*-' iii>5*^?t^' ausorfoljen 
unb bor Stabt juni boften ba= 
ringefe^et uierben? . . . ^\x- 
tnatjlen foldies juulcilen bie 
Bürger gewünfdjet . . . 



2tlll)ior bat bie Bürgerfdjafft 
fold^es nod} niematjlen rer= 
langet. 



o. 



0b ber in bor Stabt n^oljnenbe 
3ube ein IDoib unb Ixinber 
Ijabe unb miepiel lünber? 



1. David Samuel ein IPeib 
unb 5 Kinbcr. 

2. Juda Michel ein IPeib unb 
ein liinbt 

3. Ezech. Israel ein IPeib u. 
fein Kinbt. 

4. Israel Jacob Joseph ein 
IPeib unb fein l\inbt. 

5. Simson Jacob ein IPeib 
unb fein l(inbt. 



— 193 — 



0)b er aud} uerljcvratt^cte 
Kiiibcr Ijabc iinb wo fio 



0b feine Ixinber mit bem 
Pater ober einen befonberen 
^anbcl fütjren? 



8. 
Ob bas rerl^eurall^ete Kinbf 
and) bis I^ierljer fein Sd^ul^ijelbt 
ridjtig abaefüt)rct I^abe? u. 
nneüiele? X)ie Quiltuncjen Dor= 
5eigen ju laffen. 

9. 

®b berinberStabtrrotjnenbe 
3ube auten Dermö^^ens unb 
beniitteft? 



\0. 
IDorinnen fein f)dnbel unb 
IDanbel beftetje? 



1. David Samuel 2 Cödjter 
fo alliier luoljnen. 

2. Juda Michel Hein. 

3. Ezech. Israöl cessat. 

4. Israel Jacob Joseph cess. 

5. Simson Jacob cessat. 



\. J^cbwcbcv befonbors. 

2. cessat. 

3. cessat. 

4. cessat. 

5. cessat. 



\. Seine \:}abii q^caihm 8^l}akv 

8 ®r. 
2. 3. 4. et 5. cessant. 



\, 4000 titjir. mit V}aabc unb 
®utl), n)orunter 5ir»o f)äufer. 
2. 400 Ct)Ir. otjne bas £)aus. 
5. 400 ^l)Ir. 

4. 200 Ct)Ir. 

5. 200 tElilr. 



\. in allerljanbt €t?Ien IPaljrc, 

Silber unb (Solbt. 
2. in Kratjm II)al7re. 
5. in Kratjm u. etilen IPatjre. 

4. net)re fidj mit Sd)lad}ten 
unb treibe »r»enig f^anbel. 

5. in alten Kleybern, alten 
Kupffer unb u^as itjm ror= 
feljme. 



■^ 104 - 



u. 

0b er oiii eigen V}au^ tjabe 
unb was es xvcrÜ} \i\? 



\2. 
IDieuiele er (Sefiiibe Ijabe, 
unb ob ireldje barunter rer= 
Ijeyr^tljet? 



13. 
IDieriel er Sdjufegelb ackc, 
unbt ob er im Staube fey, 
foldjes ridjtig abjufütjren. 



(Dbzt u.->ier»iel er 5d)u<3 ®elbt 
fd]ulbi*j unb maruni er nid}t 
5U jeber ^eit es rid}tig ab^ 
gefül^ret? 

^u tpem er fein Sd}ü^q,e\bi 
abfüljren miiffe? 



\. ^\vc\ l)äuffer, als eines 
von 70U d)lr. unb bas 
anbere ron 500 Cf^lr. fte.^en 
unter rori^.'^eni Dermögen. 

2. ^00 ^[}\v' 

5. <{. 5. Hein. 



\. f)abe \ lUa^b \ l\ncd)t 
\ 3uncjeu, aber feinen rier= 
Ijeyratt^et. 

2. €ine lUao^b \ 3unvjen, feine 
rerl^eyratl^et. 

3. (Eine illac^b \ luiedit, feine 
rerE^eyratl^et. 

'{. Seiner grauen Sdjmefter, 

fonft nicfjts. 
5. (Eine llTaoib, fonft gar fein 

®efinbe. 



\. 8 Cijlr. 8 (Sr. gebe foId)es 

gern. 
2. 8 Ctjir. 5ahle er jäl^rlid? 

richtig ab. 
5. 8 ' Ctjir. 8 ©r. jaljle er 

ridjtig. 
i\. 8 Ö}Ir. jatjle er gern. 
5. 8 ^tjlr. 5aljle er miliig. 



\. 2. 3. ^. 5. rUdjts. 



\. ilnben^.^offKatbLonicer 
2. 3. ^. 5. 2in I7. Lonicer. 



— Wj — 



\6. 
(Db er u^cacn feiner f^cyratt? 
ben (ßolbt (5ül6eii be^al^lt Ijabe 
uni» an iixMi? 



17. 
0b er and} bas Seintge 5um 
monte pietatis u^egen bec 
3n6ifct}eu Ixinber unb l7od}5eiten 
alljäljrlicf) ridjtic^ beyc^etrageii 
I)abe unb an n?en er esge^aljlet? 



\8. 
(Db ber 3übe aud} bcnt 
Sd}u^ Brieff cjemäf fidj auf= 
fütjre unb lüorinnen er bar= 
ttiieber Ijanbele? 

19. 
(Db audf ber 3"^^ feinem 
Sdjufe Brieff juiüiebcr beein= 
trtädjticjetiDorbcn unboon ipem? 

20. 
IDie foldjen Querelen burd? 
Billigfeit abjuljelfen? 



2. Sein Sd^iriegerpater l^abe 
es an bcn Kabbi gc^atjlt. 

3. Sein Sd7iDiec3errator l^abe 
es beni Kabbi ge-^at)let. 

^. ^n bcn Kabbi, et)e er per= 

trauet u?orben. 
5. 2tn bm Kabbi, etje er üer= 

trauet roorben. 



\. 2tn Ixinber (Selber cjiebc er 
alle 5 3<^^*^ ö ^Ijlr. in bor 
^rajiffurtl^er Sommer IHeffe 
an bcn 2tolteften, ronf^odjjoit 
d5elber u">i|5e er nidit. 

2. 3^' ^'*-' Ixinber Ö5elber gebe 
er alle 5 3<^^'-" <^" ^<^" 
Dorfteljer. 

5. l^abc es nod? nidit nöttjig 
geljabt. 

'id, 5, ^ahi feine Kinber. 



\. 3<^' J*-'^^t bemfelben gemäj^. 
2. 5. ^. 5. 3a. 



\, 2. 5. ^. 5. Hein. 



cessat. 



- i9Ö - 



2\. 
(Db bic (£t?riftou in bicfor 
ober jener Stabt iinbcr bic 
jnbon i'^e[d]irerbe fül^ron, ir>o-- 
viinicn es beftolje u. luie es ab= 
5ul)elfen? 



22. 

VOas bie 3"^*-'^' "* Stabten 
vov Bebiente Ijalten, foldies 
bey jober Stabt tjenau aw^u- 
jeiaen? 



23. 

0b btefe Bebiente Sd}u^ 
Brieffe in J)ünben traben? ober 
oier fte angenommen? 



Beym Magistrat finb jumr nod} 
feine Befd^irerben gefübret, 
uneuiol}! befannt, ba^ bie 
Kauffleutl^o lieber folgen, ba'^ 
fein 3ube alljier mere. 



\ . l)aW wod} einen Scfjnlmeifter 

über fein (Sefinbe, 
2. Sie l^aben nur einen 5d)ul-- 

meifter. 
5. Sie traben einen Sd)ulniei)ter 

jufannnen. 
'{. Sie traben einen Sdjulnieifter 

insgefambt. 
5. Hiemanb als ben Sdjul» 

meifter. 



\. Der Sd}ulmeifter braudje 
feinen Sd^n^brieff. 

2. Den Sdiulmeifter trotten fie 
insgefambt angenommen u. 
weil er nid)t l^anbele, braudje 
er feinen Sd}ufebrieff. 

3. IDerbe insgefambt ange-- 
nommen unb braudje feinen 
Sdju^brieff. 

<^. Braudje feinen Sdju^brieff. 
5. Braudje feinen Sdju^brieff, 

benn feine ^eit fcy alle tjalbc 

3atjr um. 



— 197 



0b 

Ijaboiil 



fio 



VOcxb 



unb Kinbcr 



ctiras 



(Db fie ctiras 511111 Sdju^ 
&i\bt bcYtra^jcti, micüicl unS 
an ircii fic es 5aIjlon? 



26. 

(Db fic u\d}{ aiidj öffcntlid? 
ober unter bcv f)ani) lianMuiuj 
treiben ? 



\. l)abc bcn 5d)iiIinoi[tor nid^t 
befraget, fey aus pol)lcn 
unb mcd)te luoljl eine ^rau 
traben. 

2. Per Sd}uImeiftor babe l)ier 
nu'ber IPeib iiodj "Kinb. 

3. Soll IDeib unb Kinber in 
PoI^Ien t)aben. 

^. l^iec l)abe er feine ^rau. 
5. 2ill)ier nidjt. 



\. Zlein, ber Sdjulnieifter bient 
ror C^elbt unb Brob. 

2. Hein, ber Sd^ulmeifter 
braudje es nid}t. 

3. ^. 5. Hein. 



\. Hein. 

2. Der 5d)uliueifter bürfte es 
n\d}t tl^un. 

3. ^. 5. Hein. 



XPas bencn ^u il^rein Unter^ 
Ijalt pon bell ^Sii^»-'" ^^ ^^ii^= 
gemadjet n^orben? 



\. Der 5d)uliiieifter befoinme 
alle 3al)r 30 Cl)lr. unb 
frcyen Unterijalt an (£ffen 
unb ^rinfen. 

2. Z^äl^rlidj 30 Ctjir. nebft 
efien unb trinfen. 

3. 3<^^^?i'I'^? '^ü Cl)lr. nebft 
freye lioft. 

i\. 50 Cljlr. unb fr eye l\oft. 
5, 30 Ctjlr. unb freye Koft. 



— 198 



28. 
XDk es umb bcn (Öottcfbionft 
an jcbcin (Drtl)c ftol^' imb wo 
bk in jobor Stabt iroljiionbcn 
3ui>cn bc^I^ilb jufamntcn 
fontniouT 

29. 

Ob in jober Stabt, iro 3»^<^" 

irotjnon, Sie einen (Drtlj ^nv 

Bcvjrabunci, il^ror ilobton l]abcti 

unb n-iol^in fio folbicjc bringen? 



50. 

(Db über bas gen:>öljnlid}c 
Sdju^ (Selbt, fo 5U unferer 
Casse t^eijeben iritbt, bie Juben 
dudj bem Magistrat etwas 
fteurcn müfen unb irieriel? 
5\. 

Unter ireld^er Jurisdiction 
bie 3uben in civil foa?o!)l als 
criminal Saiden in bercn 
Stäbten fteljcn? 

52. 
IDann gemeine Einlagen unb 
collecten gefdjel^on, iDeld)er 
geftalt bie 3uben in bin 
Stäbten baju ge5ogen werben 
unb ir»er aisbann bie 2tus= 
fdjreibung tljue? 



\. Bey if?m in feinem ^aufe. 
2. 5. <{. 5. Bei David. 



\. 2UI)ier rorm St. Annen 

Ct?or. 
2. 5. ^. 5. Dorm St. Annen 

Ct?or. 



\. 2. 5. ^. 5. Hein. 



\. 2. Unterm Kat. 

5. ^. 5. Unterm Magistrat. 



\. €r trage bürgerlid^e onera 

unb madje ber Katl^ bie 

CEintljeilung. 
2. €r müfe geben, tDas ein 

Bürger, rom Katl^ collec- 

tiret. 
5. €r müf e bürgerlid^e onera 

mit tragen. 
^. (£r müfe bürgerlidje onera 

beytragen. 
5. IDas anbere Bürger geben, 

müf e €r aiid} geben, nnbt 

fdjreibc ber Katl^ aus. 



— 199 



33. 

(Db in 6on Stäbton, wo 
riolc Familien uiol^non, 6ic 
3ubon unter fid) folbftcn Vov= 
ftcl^cr l^abcn? 



(Dbcr ob fic unter alKjomcincn 
Dorftoljcrn [tollen unb luor bicfo 
fcycn? 



35. 

rDien:>eit bcs Rabbi autho- 
rität über bie '^ubcn in Stäbtcn 
ftrf) erftrecfe?" 



56. 
(Db n\d}i bey beni Kabbi 
jumeilcn geniiffe ©elbtftrafen 
erleget irerbcu? 



\. (£r [olte es iroljl feyn, aber 
Sie u?olten iljn nid]t bafür 
respectiren. 

2. Icein. 

5. f)ier l^etten fie feinen Vox- 
ftel^er. 

'^. 5. Hein. 



Unter beni Rabbi ju ^^rancf= 
fmtl) Aaron Wultt Ben- 
jamin. 

7>. ^. 5. Unterm Rabbi 5U 



\. '^n allen itjren Ceremonien 
unb ^ottesbienft. 

2. in Ceremonien u. (5otte5-- 
bienft. 

3. in 3ii^n<^*-'" Ceremonien 
fd^lid^te er. 

'{. ^r fdilid)te, wenn Streitic^= 
feiten unter tl)nen nxiren. 

5. Per Kenia l]abe il^ni UTadjt 
cjec^eben, Sie ^u rid)ten bis 
auff criminal Sad]en. 



\- 3a. 

2. 3^, *-'i* aber l]abe nod) 
nidjts tjetjeben. 

5. €r tjabe nod? nidjts cje» 
geben, anbere unirben irot^l 
5un->eilen unib o3elbt geftraff et. 

4'. i£r fey nod) nid]t geftraffet. 

5. Pas rcil^e er nidjt. 



— 200 



ö^. 



Jn u?cld]cn fällen folcfjcs 



2. in 3üöi[(i?cn ceremonien. 

3. IPciui fie md}\ cjcljorfain 
ivavai. 

^. XDcnn man nidjt rcdjt cjc= 

tban. 
5. XDit nidjt rccfjt tljuc. 



0b bariibcr Kci}nuncj 130= 
Ijaltcn ixioibcn iinb von wem? 



59. 
(Db 5r. fönic3l. Majestät 
ba5 it]ng,e baron jcbcs nial^l 
ricfjticj bcfommen? 

XPic pielc ^infcii poni f}uu^ 
bort bio 3^*^*-'^i i" ^^" Stäbtcn 
511 ucl^mcn pflocken? 



VOk CS mit bcm ^ctb^oll, 
ipcim fio ausreifen, öcljaltcn 
ipcrbc? 



\. 2. ö. '^. Das lui^e er nidjt. 
5. Das irifc er nidjt, bcnn 

er fjabe nod^ nie Straffe 

gegeben. 



\. 2. 5. \. 5. Nescit. 



\. l7abe ir»eniw3 ju rerletjnen, 

neljme irotjl 8, \Obis \2pr. 
2. €r rerlel^ne fein (5elbt. 
5. <£r Ijabe nodj fein (Selbt 

pcrleljnt, 
^. i^abc fein (Öelbt 5U rer= 

Iet)nen. 
5. (£r l^abe nod7 nie luas per= 

lel^net, Ijabe nicht üiel ©clbt. 



\. Scy ein Sdjut^ 3"^*^ ""^ 
gebe feinen Ceibjoll.' 

2. (Bebe nidjts als Sdjutjjube. 

3. (£r friege einen ^rey (5<?ttel. 
^. Dürffc feinen €eib5oIl geben. 
5. Daron fey er ipcgen bes 

Sdjufebriefes^frey. 



— 201 — 



^2. 
(Db ihre Kncdjtc aurfj frcy 
in 6cn (?)ölIon passirel lucrbcn? 



XOas Dicfc por 23i'tuci^ als= 
bann 511 produciren pflegen, 
fo6a|5 fein Unterfctjleif bcibcy 
511 befoi\3enT 



0)b 5ie 3^^*-'" in ben 
Stäbtcn and) irevjen bes Silber= 
Ijanbels dwas entrid^ten, vok- 
vkU unb an iren? 



\. 2. einer passire frey. 

5. Per ^^rey (r>ettel niad^e iljn 

unb feinen Kned^t frey. 
^. (£r l^ibe feinen Kned^t. 
5. €in l{nedjt passire frey. 



\. <£r reife tjemeinic^lid) allein, 
uxMni er aber jemanb fd]icPe, 
fo neijnte er rom (OoII Zlmbt 
einen ^c\tQ\, 

2. (Sebe it^ni bcn J)o\\ ^5etteI 
mit. 

5. l7abe nod) feinen r>er|d]i>.'fet, 
unb wenn er jemanb r>er= 
fd)icte, ejebe er il^m ben (5^11= 
jettel mit. 

^. i£r tjabe feinen Kned^t. 

5. €r t}abe nod? feinen au5= 



(£r Ijabe feinen Silberl^anbel. 
i)ier fey fein Silberl^anbel. 
treibe feinen 5ilberl)anbel. 
tjabe feinen 5ilberl]anbel. 
d^ibt Ijicr nidjts 5U l^anbeln. 



Unb it>eil alljier fidj feine unrergleitete 3«^*-'" befinben, fo 
cessiren bic eventualiter annectirten 8. articcl. 

Ul^rfunblidj unter Unferem bes Magistrats 3"fi'^9»^I- 
^chcn Branbenbcj., bcn 27 ten April \7?0, 



— 202 — 



IX. 

(fiönigl. CsSd). <Btaa[^atd)iv 9U'p. 21 gjr. 207 B 1) 

Actum Brandenburg ben ^ tcn Septbr. \72\. 

Ex Subslitulione bcs V}. ©et^. Hatfj Schönebecks, ift 

biirdj bon Directorem fjdnfon, ^. Bür^jerniciftcr Finken ii. 

H.Syndicum Giesiken bcnen tjicftgcn 5 3ubcn, HatjmentUdj David 

Samuel, Israel Jacob, Juda Michel, Ezechiel Israel unb Sim- 

son Jacob, bas fönigl. Rescript pom 50 tcn 2>^\\\ c. a. publi- 

ciret unb barauf von iljncn pcrnomnicn tDorbcn, was vov 3i-- 

bicntc, an 2ibfä[}Uv, Sdiulnieifter p- P- -i»-' alliier annod^ nöUji^ 

Ijältcn. Darauf David Samuel als ^cltcftcr ber 3ii^<^"f<^^ft 

fo tt)otjl alljicr, als 5U Bcclit5, pottftani, Briefen, Spanbom, 

Kall^enotti, Hauen, ^K\av, prii^erbc unb ^ri^facf beridjtct, ba^ 

Sie all}iov i£incn Sdiul ilTciftor oljnc VOc'xb, Latzarum Hirsch 

at. 25 l^ättcn, xvc{d)cx bas 2lbfäl}lcr^2lnibt suijlcid? boftcUctc ober 

fdjddjtc. (£inon Cobtcn=©räbcr I]ätton Sie bistjero uidit cncbraudjet, 

trcil Sic es felbft beftellet, möd^ten aber mit ber ^eit iran iljrc 

Familien Sid] rerftärften, u^ol €inen nöticj Ijaben; gebraudjeten 

aber i^o feinen Bebienten. Beireibte Knedjtc unb Bebientc tjätten 

Sie i^o nidjt. ITenn Sie aber foldjc befoninien ober bereu bc= 

nött)i(5t feyn folten, Sie foId]c niclben unb unb jur erleauna bcs 

Sd)u^=(5elbes unb entljaltung alles l7anbels ant^alton it^olten. 

IDas fonft itjre praestaliones betrdffe, fo liefen fte ftdj alle mal)l 

quitungen c^ebcn, unb n^ärcn i^o nid^ts fdjulbicj. ^u benen 

Collectes aber, meldte 5um Beljuff ber 3ii^*^"f<^^fft aemadjet 

rrürben, hätte itjr 2tlter Rabbi bie (£intljeilung gcmadjt unb ex. 

gr. 5U benen 20000 Kttjlr. fo Ic^t ausgebradjt u)cr6en, David 

Samuel 6 ^tijlr, Juda Michel 6 Ktblr, Ezechiel Israel ^ Kttjlr. 

Simson Jacob 5 r unb Israel Jacob \ r geben müfen, iromit 

audj ber Bcrlinifd:e ®ber=Zteltcfte unb lanbt=Zteltefter ju Biefen= 

i[)a\ einig geirefen, tt-»as anbere Collectes fo unter iljnen gemadjt 

rrerben mül^en, bcträffe, fo tjätte 3^^ Kabbiner besiegen unter 

3tjnen jtoar eine gemife eintljeilung gemadjt, vide Anlage sub 



— 203 - 

sig. O'). IDcil €r aber cor ciniacn IDod^oti rcrftorbcn, fo 
unirbc 6cr ilouc nad} ttjrcn jo^icjcn 5uftan6t, nioll eine anbcre 
cintljcihmo; madjon, Ijior in bor Stabt trikjcu Sic q,U\d} bcncn 
i3ürc3crn alle Onera realia et Personalia, iric Sic immer ITaljmen 
traben möd^ten. 

X. 

(Mönirtl. (^k'f). atnat!onvd)iu 91cp. 'Jl 9tr. 'ioT Hl) 
2tIIerburd]laud]tie3ftcr ©roj^mädjtiafter König ^Ilcrgnäbigfter 
König; unb f)crr p. p. 

<£tr>. Königl. iTTajeftät bitte alleruntertl]änigift bie t)ot)e be= 
fonberc C^nabe für mid) 511 I]aben, unb mir für meine bisl^er Creu 
geleiftete Krieges Dienfte ein ^i^ibcn Privilegium au^ ber Stabt 
Branbenburg allergnäbigft ju conferiren, unb basfelbe allljier in 
Blanco ausfertigen lal|«n, bamit berjenige, an tueldjem id) es 
t/iernegft überladen u^erbe, gleidj anbern Sdju^ l^nbcn im Sanbc 
feinen l7anbel unb IPanbel unget)inbert Creiben bürfte, für nieldjc 
^ol)e Königl. ©nabe idj mein Künftiges l^anb^C^elb fallen lallen, 
unb bafür £ebens €ang Cveu unb el^rlid) bienen, aud^ nod) 2 
grofc fieutljc aus meinem Pater 'iaixbc anbcro beforgen iptll, 

erfterbcnb 

(£ti>. Königl. iHajcftät 
allerunterttjänigfter 

Nicolaus Baitsch 
r>on ben Unrangirten. 
Potsbam b. 9 ten Ztpril \73\. 

XI. 

(.tönigf. C^ci}. @tnnt^5ard)iii 9lcp. 21 9?r. 207 B 1) 
Demnach der Schutz Jude zu Brandenburg Seelig Sa- 
lomon fidj bcy uns älteften unb Assessores ber alt: IHittel^ unb 
Ucfermarf aud) priegni^ifd^en 3^i^*-'"f<^^fft*^"' gejiemenb gemelbet 
unb Büttlidj angcfud^et, iDir mödjen itjm jur Steuer ber IPatjr* 
Ijeit ein beglaubtes attest, nemlidj, ob uns (\, nodj n?if enb fey, 



1) Qä ift bicä Stellage VJI. 



— 20i — 

ivk or bcs rcrftorbcncn Sdju^ 3"^*-'" Benjamin Daviedts IPittirc 

ror oiniacn 3<^^i*^'" öol^cyrattjct, audj, 5a^ bisljor foiji quantum 

511 allou Könicjl. C^abcn aol^orfaiuft cricaot, un6 (2, ob uns nodj 

crinnoilid] foy, ^a]^ or fii) bcy roifortio,iincj 601* abo,ofor6crten 

CabcIIc 9ot}orfamft bcy uns cjoniclbct, er audj in bor üborcjoboncn 

^abollo bor \00 accordirlen 3"^'f'^*-'" ^«.^nnlion mit inforirot 

n^orbon, mib (5, une er fidj bistjoro cjeoion lluinnic^lid^ auffc3e= 

füljrot, 511 ortt^oilcn; IPann nun mir feinem Bittlii)en 5ud)cn 

nid)t ontaocjon foyn fönnon, alfo Ijabon trir dltofton unb assessores 

bo|5on Sudion in vjuton Bcbad^t cjo^oaen, unb attestiren, ba^ bor= 

folbo Uermöcjo bic Borlinifd) dlloroinäbici,ft privilegirte r>on anno 

\7\,^ altoo iljm eine IDittme 5U tjevratt^en ju ^olai^on, bamaljl 

bo6 5d]ut}: 2>^ibcn Benjamin Davids IDittme cjeljovratl^et, unb 

von bamabl an alle Ixöni«.}!. (Sabon pi"omptc ontridjtot, audj f\d} 

gegen ZHänniglid} fo aufo,ofül?rot, baf bic (£l)urmärfifd}e 3ii^*''"' 

fd}aft Bomogon urorbon, boinfolbon 5U einen Cassirer aller liönigl. 

(Sabon 5U Boftollen, aud) mie 5r. Ixönicjl. iHajft. boro 3"^^"= 

fdjafton in allen Dero Provintzien unb lanben bic 5d)u^: unb 

Hecruton: Selber ert}öI)ot, fo ift auf unfer alloruntortl^äniaftcs 

2lnfud]on uns \00 3ii^if<ä]*'' i'amilion in bor alt: ilüttel: Ucfor= 

marf unb Priognitj r>on 5r. Ixönigl. lViiy\. allorgnäbigft accof 

dirt n?orbcn, mie fid} bic Designation ad acta nodj finbon mirb, 

mie üiol jobe Provintz Sdiutj: 3uben annoljmon, unb mio riel 

Sd]ufe: unb Kecruton (Öelber jobe Prooin^ ju erlogen Ijat, unb 

l^abon mir auff liönigl. allorgnäbigften Bofol)l in anno \729, 

bon 25. ^ebr. bic begoljrto Cabolle boy bor dljurmärfifdjon Krieges^ 

unb Domainen: Kammer üborreid}on mü^on, a^oruntor biefer 

Seelig Salomon als Sd]u^: 3*^'^*-' luit angegeben morbon. IPann 

nun feine brey angefudjte puncta fid} über all in IDatjrboit fo 

befinbon : als ijaben mir gobadjten Seelig Salomon fold)os auff 

öogoljren jur Steuer bor ITatjrljeit unb mit unforor (Eigcnt^cinbigon 

Unterfdjrifft unb bcbrucftes Siegel altestiren mollen. So gf= 

fdjoijen Berlin ben 2\. ^ebr. \757. 

Benbif ^ürft crmcljltcr 

:tltefter bor alt iHittoI unb 

Uc!er lUaxt aud) Prigni^ 

unb Consorten. 



- 'i05 - 

XII. 

(Äöninl. <^>i'l)- 3toatcnnd)ii) :)iop. L^l 9cr. '207 Hl) 
2UIev6urcl]Iaud)ti(w3[tcr (^roljniädjttcjftcr "Köiiia ^UKTanabij^ftcr 

(£u\ 'Köuii.31. iUajcft. Ijaboii uns fäinMlid)cii in i3ran6on= 
lnu\3 luoljnonbcn Jii^*'''^ unter Dero alloiaiuibicjfton 5djut| auf 
unb angenommen, aud} uns babcy allercjnäbic^ft erlaubet, unferen 
3ü6ifd]en (ßottesbienft, Ceremonien unb Rittibus frey 5U erer= 
ciren, luofür um m aller lieffter Devotion alleruntertljänigften 
Danf abftatten. IDaim unb in allen Stäbten in (Europa c^e« 
bräud]!id}, umnn einiae d5emeinbe ron ellid^en 3uben, tt>eldjc in 
Stäbten inol^nen, baf> fie rennöae Ju^ifd]^'^ Ceremonien einen 
Beu->eibten Bebienten, u->eidjen fie ror loljn an= unb abfetsen 
fönnen, Ijaben müfjen, bamit ber iUaini bie Bebienunc3 bey 
ber ©cmeinbe rerrid]ten, aud] bey rorfallenben Ixranfl^oiten 
unb Sterbens fallen (uH'ldie ber 2tllerl)ödjfte üerl^üten wolle), 
feinen Dienft rerrid^ten fömie, be^en ^rau aber uns audj Ijödjft 
nötljic3, inbem uMr biefelbe bey unferen grauen bey il^ren Keinig^ 
uneben iii bas I'^abt fiil]ren müfjen, aud} bei rorfallenben l{ranf= 
I^eiten unb ^obtesfällen /: u">eld)e (Sott (^loid^falls rerl^üten irolle:/ 
permöge benen (Befe^en unb jübifdien Ceremonien, ipeldjes fid? 
unfere IDeiber ju uerridjten 2Ibfd)eu tragen, biefelbe aber foldjes 
Dor €ot)n Derrid}ten müf en, aud} foldjes in t^iefigen liönigl. lanben, 
aliro fid) eine (Semeinbe finbet, aus angefüt)rten Motiven 5uge=> 
lafen feyn foll, fo l^offen u^ir bergleid^en (Snabe ebenfalls tl^eib 
I^afftig 5U irerben. Da ifir nun, u?ie gebad)t, einen bergleid^en 
BeaH'ibten Bebienten l]öd}ft bebürfftig: 7l\s gelanget an (£ir. 
Königl. inajft. unfer alleruntertljdnigftes Bitten, Sie uiollen aller= 
gnäbigft gerul^en, aus angefül)rten Umbftänben uns allergndbigft 
ju erlauben unb frey 5U geben, bal| tt^ir einen Beireibten Bc= 
bicnten nadj unfern (Befallen unb ju obangefüljrten Bcbuff in 
bicfer unb anber 3übifd)en Bebienung r>or €oI)n bey ber (5e» 
meinbe gebraudjen bürffen unb bem Magistrat 5U Branbenburg 
allergnäbigft mit ju geben, ba^ ein fold^cr Bebienter uns erlaubet 



— 206 — 

(eyn follc, unb ipenii uns bercjleidjcn 23c6icntcr nidjt ferner an- 
ftänbig, auff unfcr Ztnfudjen irieber fortgefdjaffet, unb ein anber 
an be^en Stelle ein bevcjleidien Beireibter Bebienter ancjcnoninien 
UH'rben möcne. IPir getröften uns in unfern allerunterltjäniijften 
Sudjen allercjnäbi^fter ^rljöruiK} uub crfterben (£u>. Königl. 211aj. 

alleruntertfjänicjfte 
Kned]te 
Jacob Michel, Nathan David, Selig Salomon, Simson Jacob 
unb übrii^c piivilegirte "j^wbcn ju Branbenburg. 
Berlin, Januarii 1737. 

XIII. 

(Genieindeakten, altes Chewrabuch). 

ijiat:*"' Dtrn cVin lyi hv Jii33j?iii*i3 p"p no tt'ina i^y^v^ mpn 

.p'cS i"Dpn p'-D 
"mS mm ""h'^i "nn pi'pn m nshp "d Sy cnsj "Jii' 7]U>v: j^sia 

DnV3i npi33 mpcS 'j":,! cn^jh c^a^ino o-nnsn p nns |.ti lyvy •'j3o p 

S-ii D-N3:n □^a-'ino '':s 3:'>i'oS Scj C'nmsn p nnx es "Vi^'hvz 
m:nn p ,t,t cs3 idSo o^Sin -,ip^3 Sr ncipa r:ny S: S-in nSinS jn^S 
□""ss:,! lin" "ix "i*: mvo mii»>''S unSnpo nns sv^:: nh] rh''h2 im« ■noi^'S 

.nSin ims ■not:''? nM'ir "o nnsS d'':d n 
.^Sb3 mn DCt^'a D^3ipi-n c^bin ■np^a'? iTian t:*nno ni^p n'j?^3i3 
D"'n"'^'inö msnm orac "nm .^tk'? -n,!! ,cmn« "nm h'y\:: T'in .pyoB' mm 
mSmj n^y: vvi /faSn iv mwii'o irnSnps rh'n ma rh'bn mmt^ csn 
Dil« nano saS 'rar ah) S":n i^S mot^'S r"?)? Smjmi' nn« ds31 omra 
mici^' no pt^Kna mm D^Sm nip^s'? norn .moti'bo mao mmr "ö mm 
yn22 -jS^S nD''j:n er h2 'wjn nno ^:tr3i «o^Sin iip^DS rm "«103 jnaa 
snn üh\if mi: S2 Syi c^Sin mp^a n^iaS .mnn ns^p nn« mva msjS 
^Jt^ "jn^n pi D'b)!: n:?:?^ in^*: a^ina n'7\n p po na mn^ cw )yhv 



- 207 - 

.D^jo n": £2"-i V'ü pnsii 

'^"v: mx -,nnD p |nj Sj? ^nx2 siOMo '\s-i'7") ro 
|"'D pn^\s pnj:^ j3 pyoi^ p"p3 |«x:i ]*'U' c^^n oinnn 
c.Tn2wS* p S^iu: jmari:-i3 

pTü p •'•s'i n^y'js* 
jnj inina p omc 
Sd^o 'jx^n" imn3 p Skv 
3"3 Sxpm^ ppn 
':xr mno p nj;3 izv^i^' 'pn 

XIV. 

(Gemeindeakten, altes Chewrabuch). 

.c^TDn mS-'OJi D'^Sin nip^3 mnnn p ni:pn 
msn li^ya ntrj?J n^nit''' sSi pj? icd^ cim xim 
N3n sSti' ms: h^ hv n^non rnS^a:! D^S'.n iip^a '^ij' 

wv unr xSti» mxnS ran ':"jn .nann D^n^^inm 
nan 1122 ^dS ms^^v'? S2n pi rh'hn ]r'22 
ncn nmn p mnan |n non ''2ii: S:ii^ i:''r2 iojj S":,! |c";« Syi 
"]in2 Dnwu'2 D^2ipjn D"TyjNn |*in yi::'? \sk'i m« m::' ]^n n2pn -jin 
|e nnsi .■n2n2K' D^:p:n |o in« n^an 2"'^'inn n2pn "[ins nan nnm ni2nn 
ü''h)T -jTivn 'eSi jwn 'c'7 '?:n mnan rj?t:oi na'jnn'? ^2 amn2n 2" 2 
..T.Tti» ^0 HM^ n^i:a nrx mu*j?S c,Trv2 it^M p in« 122^ D\s23n 
nn« DW yn) ,Tn^ir nr« '7^ iipc': 'K2:n 2^^ina i2pi pns m«^j;Si 
Jüir^i I« nn« ij; n2pS i«' pnx2 i2n im^K nwv^ Sis^ m2nn |o crx'»^ 

.D\^2jn p 
xifvn m2n ^irjx |o inxi D^N2jn p nnx mn a^^ino lapn mpai 

.Dön m32 ^071 pr^n ii: |« pin im«'? ^öSpn -jino 
1^^12:2 X2 nnxtr mnts ^nS2 mpa r^y X3''i nSv^ kSt nS-'Sn cx2T 
D,Trv2 ii^rn "oS nn2p mvo S":.! m2nn rSy cti*r ^n S:'? d^nt p2tt*i 
DW n: 1212 i2n'7 pxt^i ,T2nn ■]W3 cr»:^ irnSnp ''»o in» D',t^ psi 



— 203 — 

•rni3n "ti'jK uni« '"'^■""'inöii' irr3 n«'j?: cSi: njj: ,Tnn nwSm 
nzt:* n\'3 mti'^o Sti* nn:in rti^Ki mw ma'?'? yi!:?^'': T.y^u'n 'ri's -f^'h 
mS:2i nit:^ "»vn Sj; -Soj nTi Sx« ,t.t nSnn-n nn:o cmp nv»' 's in:K'3 
n:^ hv nnaS.n irii'i njp* "cS ^^':n .Ti:r;,i -k*:«« "'.hk Si'x S-ii |ai 



XV. 

(ß^cmcinbcattcn, Gonoolut 29). 
Actum Brandenburg den 20. August 1779. 

ITadj6em p. Rescriptum clementissimum rom \. '^uWc. 
pou (£. l^odjlöbl. (£ijurniärf. Krieges u. Domainen-Cammer 
unter i3eYfiK3ung ber Sentenz rcnnöcje ireldjer bie I^iefioie 3"^^'"'- 
fd}aft ron 6cm fiscalifcfjeni 2lnfprudi, ivcq,a\ bcs 5ur Synagogue 
ciik3crid}tcten rormaligcn Poi»jt'fd]en f^aufcs absolviret irorben, 
l\'fol)Ien ift, nunmcl^ro berfclbcu €rflärung ad Rescriptum di- 
rectoriale rom 20. Mai 1775 nnb camerale uom 8. Juni ejd. 
a. ju crfovbern, fo finb vorläufig öie ZlcUeften ber 3u^^"f<i?^ft 
angetDiefen tnorben, mit ber ganjen ©emcinbe barüber Kürffpr^cl^e 
ju l^altcn unb I^ienädjft bem Injurato ein Genüge 5U leiften. 

(£5 erfdjeinen Ijierauf bic beyben 2ll!cften Seelig Salomon 
unb Lazarus Isaac unb gaben ju rernel^men, wie bie ©emeinbe 
nicfjt bafür Ijalte, ba^ fte je50 nodj jur (Erfüllung ber itjnen in 
bem Rescripte non \775 auferlegten Bebingungen, um bas 
Kedjt ju crtjalten, bas Voigt'fdje f^aus ^ur Synagogue ju ge-- 
braudjen, rerbunben fey; benn bamals I^ätte ber Effect biefcr 
Bebingungen bie Befreiung ron bem fiscalifdien 2infprudje feyn 
follen, je50 aber fcy bie Sad}e burdj bie gefdjel^ene Absolution 
ron bemfelben in eine gan5 anbere Sage gefommen, tpestjalb 
biefelbc glaube, ba^ fie nunmeljro n?citer mit feinen Bebingungen 
oneriret werben fönnten, fonbern bas Hed)t crftritten Ijätten, bas 
qu. i^aus ferner 5ur Synagogue 5U beljalten, fon?ie foldjes aixd} 
feit 50 3^^i^cn ba5U gebient Ijabe. 



— 209 — 

Um iiiboffon b'o "Könicjl. 23ofctjlc in fo ferne 5U erfüllen, 
als 6er ,?>ii[tan6 6er (<^eniein6e fold^es erlaube, fo uiollen fie 

ad 1. 6er ano,e50>;seHen Rescriple gebadetes l)au5 aus 
il^ren iHitteln 2 Eta^^en Ijodj unb Mc fronte massiv erbauen, 
mit biefeni i?au itn ^^rüljjal^re \78() anfangen, unb fold]en binnen 
jaljr unb ^ag enbigen. Die (ßemeine fönne bey bm vukn 
•iiaften, bic fic brürften, nid)t nieljr tl)un, and) nid}t el^er ben Bau 
ins IPerf "rid]ten, u->eil fie ben ba^ju erforberlidien (<5elb ^lufuurnb 
nid)t felbft aufbringen fönnte, fonbern foldieu erft r»on aiibern 
aufnel^nien niüf^te. 

atl 2. XPollte fie fid] ber ^u biefeni f)aufe geljorigen V}aus 
dauol unb l^rau=(5ered)tigfeit unb 5UHir ber erften jum I^eften 
ber l^iefigen binnen C'asse gänjlid) begeben, uiitljin ber Ijodjlöbl. 
danuner übeila)5en, über bie letzte nadj (gefallen 5U disponiren. 

ad 3. Könnte il^nen aber nid}t angenuitl^et irerben, für 
100 rtl)lr. Porcelain j^u neljnien. l\ad} ben ergangen Rescripten 
u>äre nur benenjonigen eine foldje läftige 3ebingung auferleget, 
u^eld^e eine neue Concession gefud]et, biefes fey aber l]ier ber 
^all nid]t, uxnl fie p. Judicaluin bey einem alten Kedjte, mcld)es 
fie fdjon feit 50 3<-^t?^'»-'ii exerciret, gefd^üt^et a">orben unb rertrete 
biefer Kedjts=Hnfpaid) bie Stelle einer Concession fo, ba]} fie 
gar nid)t nötig tjatten, bergleid^en uieiter ju fudien. 

ad 4. Ixönnte iljnen aus eben ben (Srünben nidit ange= 
mutet irerben einige Chargen ober Stempel Jura 5U erlegen. 

Da fid) nun bie ©emcinc gefallen laffen u-'ollen cra->el)nter= 
ma|?en ol^ne Ixönigl. Baubilfs ©eiber ju rierlangcn, neu aufju^ 
bauen, unb fid} ber (laoeblPiefe unb Brau^(j5ered]tigfeit 5U be= 
geben, fo unire biefes bas äuflerfte, u\is fie tl]un, unb man ol^ne 
Ungered^tigfeit ron il^r rerlangen fönnte, fie protestirten bat^er 
ipiebev alle anbere läftige Condiliones befonbers in pcto bes 
Porcellains unb ber Chargen unb Stempel Jurium, mit Bitte, 
ron biefer iljrer i£rflärung an bie l^od^Iöbl. klammer 5U referi- 
ren, u">oran fte aber nidit gebunben feyn, fonbern frey^ ^änbe 
I^aben n-ioÜten, ipenn man il^nen Sdiuiierigfeiten madie fie ron 
bm Bebingungen ad 5 unb ^ 5U dispensiren. 

14 



— ^itö — 

Sic rorfpredjou übrigens and} iicdj bio übrige 5 Ztcitoftcn 
Abraham Scholem, Samuel Nalhan unb Joseph Levi 511 
sislircn um bicfoii iljron Dortrag bcYSurfhd?^»-'" ^>"^ I)abcn fte 
biofcs Protocoll iiad) gcfd]ctjcncr Dorlofuiig cigont^iinbig iintcr= 

fdjriebon. 

etc. Hugo 

Sehg Salomon. 

Latzarus Isaac 

Wxv <£nbcs Untcrfdjriebcncn Jloltcftcii ber ^ubcnfdjaft cjc^ 
nctjmigcn alles basjenige, tücjs bie Znit^ilelteften uu'gcn (£rbau= 
ung bes ber (Senieinbe jur Synagogue gela|5eiien l^aufes ad 
Protocollum rom Ijeutigen dalo rorgclrageu unb rerbinben uns, 
basjenigc 5U erfüllen, n?05U fie fidj ücrbinblidj gemadjt, Branben-- 
burg b. 20. 2lug. \779. 

Samuel Nathan 

Abraham Scholim 

Joseph Levin 

XVI. 

(öcineinbeaftcu (Souu. 29). 
gricbrid) etc. 

2tus €urcm Beridjt rom 7. bicfes tjabcn VOk erfel^cn, bas 
bie 3i'^»-'Tif<^^ifft 511 Branbenburg bei bcm bortigcn ilTagiftratlj 
eine banco obligatzion ron \50 i^. iregen bes für bie perlangte 
Conssion ben Voigt'fdjen f)aufes 5U einer 3^i^*-'"f<^"¥^' au^er* 
lanbes 5U bringcnben Por^eletjens gridjllid] niebergeleget I]at. 

31?r Ijabt nun genantle jubenfd^afft befanbt mad^en ju 
lajlen, ba^ bas officium fisci Ijeute aufgeruffen n^orben barauf 
ju adjten bas jur pcrrallener ^eut bie ausbringung bes Por^i= 
leljcns nad} gcipiefcn locrbe. 

Berlin d. 21 Novbr. 1780 

Domin Camer 
An den Richter. 



— 211 — 



XVII 

(©cmctnbcaftcii (lono. i.^'.»). 
^rtobvid) etc. 
Unfern p. p- ^i*-' 3ubcnfd)aft 511 Branbcnbur^ Ijat iDogen 
acquisition bes Voiii;l'fdjen i^aufos bafclbft 511 einer 3u^*-'nfd)ule 
6ie Derbin6lid]feit auf fidj, biinie 3^^i**-'5\f^*'ft ^''oni 10. J^ly 
b. 3- <i" c^ered^net für 300 Htl^. I^ieficjeä ädjtes Por5elIain aus 
6eni £anbe ju fdjaffen unb nad} niet^rern 3nl)alt bes abfd}riftlid) 
anliecjenben protofoUs roni 50. Dori^en illonats i"»erfprod)en 
foldjes bey Perluft ber bey beni illagiftrat ju i3ranbenbur»j gc= 
rid)tUd) niebercjeleijten banco Obligation von \50 Cl?. 5U be= 
ipirfen. IDir befel^Ien €ud? nun Ijienüt allerijnäbic^ft barauf 5U 
vigiliren, ba^ fotl^anc Derpflid)tuntj genücjet merbe, unb jur rer-- 
fallenen ^eit 5U beridjten: 

ob bic 500 CIj. ädjtes Por^ellain bei unferer ^abrife gc= 
nomnien unb au|]er Sanbes rerfauft irorben. 
Sinb etc. Berlin ben 2\ November 1780. 
2tn ben J)of Fiscal Knak. 

XVIII. 
(©emeinbcaftcit, ffonu. 29). 

Die tjiefic^c 3"^^'"f<i?'-^f^ ^<^t fi<i? t>erniö9e rattjbäuslidje 
Protocoli pon b. 20. Aug. 1779 engagiret, il^r bafiges Bet= 
tjauf 2 Etagen l)od} bie Frontte massiv otjnc Bau ^reuljeuts-- 
gelber 5U erbauen unb tt)eld]e5 u^ol^l 5U bemerften in anno 1780 
an5uf an cjen unb ju beenbigen. 

Diefer Conditzion I^aben Sie aber nid^t cjenütjet, einen 
ipoI}l (£blen majistrath lüürbt bal^er l^ierburd? aufc^egeben cje- 
nantten 3^^^<^Tifd]afft mit nadjbrucf bal^in an 5U I^alten 3^^^*^" 
Engagement in bepoljrftel^enben 2>'^\:}xc oljne Pel)Ibar 5U ge« 
nüi^en, fie über bie Arangements bes Baues, tueldjc in I)orle= 
9uno; bes grunbt unb aufrif es, bes acortes mit ben Bau ovrieres 
befor^jung ber 170!^ unb Stein materjalen cjeiröljnlid) beftel^en 
Provisione ad ProtocoUum ju pernötjmen, unb foldjes bemnädjft 



_ 212 

ein 5U fdji<Jcn, audj Mcfes b. \5. Märlz 5U tüicborljolcn, anbey 
3l?ncn 511 aloidi boY^ommcnbcs Canuiicr rescripl von bcn 21 et 
29 huius ivc'^m Exportazion bcs Portzelenes gcljöria 511 Pu- 

bliciren. 

Potsdam d. 29. Novbr. 1780. 



XIX. 

(®emctnbfaftou (Sottu. 2i)). 
Iiad^bcm bcY Seiner liönialidjcn ZHajoftät üoji Preiifjon p. p. 
Xlnforni alloranäbiafton l^orron bk '^Si\b<:n\du\^i 511 Branbonburo; 
allcnuitortlyiuiaft acbotcn I^at, ba|5 il?r erlaubet n\n-ben inödjte, 
bas von bcm Sd)uniadier Voigt erfauffte, in ber il'iüiifeen= 
Strafe bafelbft bele^jene V}aus eiaentt^iunlid) 5U bcfitjen unb 
foldies jur SyiuiCsOeiie unb XPol^nuna iljrer i)ubli(iuen i3ebienten 
5U Csebraud;ien, iiödiftaebadite Seine l\önialidie ilTajeftät cuid) 
fotljanen (ßefudi, bey ben ron bero (£{]urniärfifdien Canmier 
foldierl^alb einberiditeten llinbjtänben, unb ba aebad^te 3ii^*>'" 
fd)aft fidj erfläret I^at, bas quaest. l^auj), nnidies ben ^infturt} 
^ebroljet, aus il^ren iluileln jux-y Etagen I^odi unb bie Eronte 
massiv 5U erbauen, fidi and] ber ^n biefeni l)aufe ael]öric3en 
Canal-lDiefe unb Brau=(Sered)lie^feit aän^lidi ju beaeben, in 
©naben deferiret Ijaben: 7X\s unrb ber ~Sii^*-'")^'i?*-^fft 511 Bran- 
denburg bie erforberlid^e Concession juni eicscntljünilidjen Befi^ 
bes von il)r acquirirten el)enuiligen Voigl'fdien I^aufes, unb 
juni (ßebraudj besfelben 5ur Synagoge unb XPoljmma il^ver 
publiquen-Bebienten, unter oberu-ieljuter ron iljr eintjcc^ancjcncn 
i3ebina,una, I]ierniit erteilet. XPornadi bie i£ljurnuififd)e Ixannner 
nebft beni Commissario Loci unb bajujeni Magistrat fidj aller^ 
untertl^äniijft 5U adjten Ijaben. 

Signatum Berlin, ben 6 ten Novembr. 1781. 
i(uf Seiner Könioilidjen XHajeftät allergnäbic>ften Special-Befeljl. 
Schulenburg v. Gaudi. 



•J13 — 



XX. 



(Geineindeakten, Conv. 29). 

B"i D'-rnm ns?3S Dnp r'JO ':'"3n:3 piMi )2h^* n"3 n^3 Sy ]nNT'Dr,pn 
min3 tan o^it'am nso |S3 cSin nip^ai Kii'^np Kiano irnSn n«: cwo 
ny nrno xi^'np aizrh h"in -d d'?:^''^ D"n ums c'r""in^T .mw: nsr,':n 
nM'' |c:.s inrs 'ry p:: no m^2 irit'j? ns: citt'ci .r-n r^pir: c-ji:> "jiy 
.S"jn 3in poiSrn'? P)2:h opf: nM^ nxi w^a nti'cnji .'^"jn mj?D majS 
n^'b^ Sinm 'd^u'd nti't:' d>'q hj jn^ a'"") nziy rr'DS nh)!^u^ "e i^mt 
in^t:' irri my: c: fjsi ,ö"^'i r3if> |m 'rinn p Scd |n^ misi 'j:^'^*c 
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— 214 



XXI. 



Verzeichnis der Vorsteher und Repräsentanten 
resp. deren Stellvertreter seit 1855. 

(Aufgestellt vom Vorsteher Sally Oppenheim.) 



1855—1857 Vorsteher*): L. Simon, J. Gerson, M. Aron. 

Stellvertreter: Hirsch Pintus, H. Leow, L. Lazarus. 
Repräsentanten*): M. Simon, M. Manheimer, J. Loewen, 
J. Nathanson, L. Gumpert, J. List, S. Schönfeld, 
E. Nauen, J. Sternberg. 
Stellvertreter: M. Moritz, J. Rosenbaum, S. Nathanson. 

1858 Vorsteher: L. Simon, J. Gerson, M. Aron bis 6. VI., 

seitdem L. Lazarus. 

Stellvertreter: Cramer, H. Leow, L. Lazarus. 

Repräsentanten: M. Simon, Steinhardt, S. Loewen, J. Nathan- 
son, L. Gumpert, J. List, S. Schönfeld, H. Pintus, 
E. Nauen. 

Stellvertreter: M. Moritz, J. Rosenbaum, S. Nathanson. 

1859 Vorsteher: J. Gerson, L. Lazarus, Cramer. 
Stell verti-eter: H. Leow. 

Repräsentanten: M. Simon, Steinhardt, ö. Loewen, J. Nathan- 
son, L. Gumpert, J. List, S. Schönfeld, IL Pintus, 
E. Nauen. 

Stellvertreter: M. Moritz, J. Rosenbaum, S. Nathanson. 

1860 Vorsteher: Cramer, J. Gerson, L. Lazarus. 
Stellvertreter: H. Leow. 

Repräsentanten: L. Gumpert, M. Simon, M. Behrendt, 
S. Loewen, J. Nathanson, J. List, S. Schönfeld, 
II. Pintus, E. Nauen. 

Stellvertreter: M. Moritz, J. Rosenbaum, S. Nathanson. 

1861—1863 Vorsteher: H. S. Cramer, J. Gerson, Hirsch Pintus. 
Stellvertreter: E. Nauen, M. Hildesheimer. 
Repräsentanten: L. Gumpert, Heym. Pintus, L. Schönfeld, 

M. Behrend, S. Loewen, A. Bock, P. Nathanson, 

S. Hildesheimer, J. List. 
Stellvertreter: E. Moritz, J. Sternberg, M. Manheimer. 

*) Die gesperrt gedruckten Namen bezeichnen die jeweiligen Vor- 
sitzenden. 



— 215 — 

1864 Vorsteher: L. Lazarus, J. Gersoii, 1 Urach l'iutua. 
Stellvertreter: E. Naiien, Benny Piutus. 
Repräsentanten: L. Gunipcrt, L. Simon, lleym. Pintus, 

S. Schonfehl, M. Behrendt, A. Bock, 1'. Nathan.son, 
S. Ilihleshciiuer, J. List. 
Stellvertreter: E. Moritz, J. Sternherg, M. Manheimer. 

1865 Vorsteher: J. Gerson, E. Nauen, L. Lazarus. 
Stellvertreter: Benny Pintus. 

Repräsentanten: L. Gumpert, L. Simon, Ileym. Pintus, 
S. Schönfehl, M. Behrendt, A. Bock, P. Nathanson, 
S. llildesheimer, J. List. 

Stellvertreter: E. Moritz, J. Sternberg, M. Manheimer, 

1866 Vorsteher: L. Lazarus, E. Nauen, Benny Pintus. 
Stellvertreter: J. Nathanson. 

Repräsentanten: L. Gumpert, L. Simon, Ileym. Pintus, 
S. Schönfeld, M. Behrendt, A. Bock, P. Nathanson, 
S. llildesheimer, J. List. 

Stellvertreter: E. Moritz, J. Sternberg, M. Manheimer. 

1867 Vorsteher: Benny Pintus, L. Lazarus, P. Nathanson. 
Stellvertreter: E. Nauen, M. llildesheimer. 
Repräsentanten: L. Gumpert, J. Sternberg, Heym. Pintus, 

S. Schönfeld, M. Behrendt, G. Loewenthal, E. Simon, 
S. Hildesheimer, J. List. 
Stellvertreter: Sally Oppenheim, S. Loewen, S. Gramer. 

1868—1869 Vorsteher: L. Lazarus, B. Pintus, P. Nathanson. 
Stellvertreter: E. Nauen, M. Hildesheimer. 
Repräsentanten: L. Gumpert, S. Simon, Heym. Pintus, 

S. Schönfeld, M. Behrendt, G. Loewenthal, E. Simon, 

J. Nathanson, J. List. 
Stellvertreter: Sally Oppenheim, M. Gramer, J. Sternberg. 

1870 Vorsteher: B. Pintus u. P. Nathanson bis 1. IX., M. Behrendt, 

vom 26. X.: Sally Oppenheim, A. Fabian. 

Stellvertreter: PI Nauen, M. Hildesheimer bis 1. IX., 
vom 2fi. X.: J. Salinger, H. Leow. 

Repräsentanten: E. Simon, L. Gumpert, J.List, J. Nathan- 
son, G. Loewenthal, M. Joel, H. Herzberg, H. Pintus, 
Loewenstein. 

Stellvertreter: M, Gramer, J. Sternberg, Sally Oppenheim. 



— IM (5 — 

1S71 1872 Vorsteher: Sally Opj)C'nheim, M. Behrendt, A. Fabian. 
Stellvertreter: J. Salinger, H. Leow. 
Repräsentanten: E.Simon, L. Gumpert, J. List, J. Nathansun, 

G. Loewenthal, M. Joel, H. Herzberg, II. Pintus, 

J. Friedländer. 
Stellvertreter: C. Sternberg, Siegfr. Oppenheim. M. C'ramer. 
1873 Vorsteher: Sally Oiipenheim, M. Behrendt, Siegm. Cranner. 

Stellvertreter: A. Fabian, J, Frank. 
Repräsentanten: H. Ilerzberg, M. Joel, J. Friedländer, 

P. Natlianson, S. Schöufeld, L. Gumpert, M. Boas, 

G. Loewentiial, J. Salinger. 
Stellvertreter: J. Zutrauen, N. Nathanson, Siegfr. Oppenheim. 
1874-18/5 Vorsteher: Sally Oppenheim, M. Behrendt, S. Tränier. 
Stellvertreter: A. Fabian, J. Frank. 
Repräsentanten: II. Ilerzberg, M. Joel, J. Friedlämler, 

P. Nathanson, S. Schünfeld, L. Gumpert, M Boas, 

G. Loewenthal, J. Salinger. 
Stellvertreter: J. Zutrauen, N. Nathanson, Siegfr. Oppenheim. 

1876 Vorsteher: Sally Oppenheim, S. Gramer, P. Nathanson. 
Stellvertreter: J. Frank, A. Fabian. 

Repräsentanten: L. Gumpert, M. Boas, G. Loewenthal, 
J. Salinger, S. Schünfeld, J. Zutrauen, J. Friedländer, 
J. List, H. Ilerzburg. 

Stellvertreter: Siegfr. Oppenheim, N. Nathanson, S. Simon. 

1877 Vorsteher: Sally Oppenheim, S. ( 'ramer, P. Nathanson. 
Stellvertreter: J. Frank, A. Fabian. 

Repräsentanten: L. Gumpert, S. Schönfeld, J. List, 
M. Boa.s, G. Loewenthal, N. Nathanson, H. Herzberg, 
J. Zutrauen, J. Friedländer. 

Stellvertreter: Siegfried Oppenheim, S. Simon. 

1878 Vorsteher: Sally Oppenheim, S. Gramer, P. Nathanson. 
Stellvertreter: J. Frank, A. Fabian. 

Repräsentanten: L. Gumpert, S. Schönfeld, J. List, 

M. Boas, G. Loewenthal, N. Nathanson, II. Herzberg, 
J. Zutrauen, J. Friedländer. 

Stellvertreter: Siegfr. Oppenheim, S. Simon. 

1879 1882 Vorsteher: Sally Oppenheim, S. Gramer, P. Nathanson. 
Stellvertreter: J. Frank, A. Fabian. 
Repräsentanten: L. Gumpert, H. Herzberg, J. Zutrauen, 

J. Friedländer, G. Loewenthal, N. Nathanson, E. Simon, 

S. Schönfeld, J. List. 
Stellvertreter: Siegfr. Oppenheim, Julius Frank, S. Salinger. 



- 217 — 

1883 Vorsteher: Sally OpiKjnlieini, S. ( ranier, P. Nathanson. 
Stellvertreter: L. Helft, A. Fabian. 

Repräsentanten: L. Gumpert, H. Ilerzbcrg, J. Friediänder, 
G. Loewentbal, N. Natbanson, E. Simon, S. Scboiifcbl, 
S. Salinger, M. Frank. 

Stellvertreter: llecbtaanw. Kirsfbner, Julius Frank, Sicgfr. 
Oppenbeiui. 

1884 Vorsteher: Sally Oppenheim, bis 1. IV.: S. Cranier, 

P. Natbanson, ab 1. IV.: A. Fabian. 
Stellvertreter: L. Helft, A. Fabian. 
Repräsentanten: L. Gumpert, H. Herzberg, J. Friedländer, 

G. Loewentbal, N. Natbanson, E. Simon, S. Schönfeld, 

S. Salinger. 
Stellvertreter: Rechtsanw. Kirschner, Julius Frank, Siegfr. 

Oppenheim. 
1S85 1886 Vorsteher: Sally Oppenheim, P. Natbanson, M. Boas. 
Stellvertreter: M. Gramer, B. Lazarus. 
Repräsentanten: L. Gumpert, IL Herzberg, J. P'riedländer, 

G. Loewentbal, S. Schönfeld, S. Salinger, L. Helft, 

H. Meyer, Julius Frank. 
Stellvertreter: Max Loewentbal, Siegfr. Oppenheim, M. 

Sinasohn. 
1887 Vorsteher: Sally Oppenheim, P. Natbanson, M. Boas 

bis 19. VI., B. Lazarus. 
Stellvertreter: B. Lazarus. 
Repräsentanten: L. Gumpert, IL Ilerzberg, J. Friedländer, 

G. Loewentbal, S. SchönfeUl, S. Salinger, L. Helft, 

H. Meyer, Julius Frank. 
Stellvertreter: Max Loewentbal, Siegfr. Oppenheim, M. 

Sinasohn. 
1888-1889 Vorsteher: Sally Oppenheim, H. Herzberg, B. Lazarus. 
Stellvertreter: A. Schwabe, H. Liebentbai. 
Repräsentanten: L. Gumpert, S. Schönfeld, G. Loewentbal, 

J. Friedländer, S. Salinger, L. Helft, H. Meyer, 

M. Sinasohn, N. Natbanson. 
Stellvertreter: M. Loewentbal, Siegfr. Oppenheim, Flatow. 
1890 Vorsteher: Sally Oppenheim, H. Herzberg bis 1. IV., 

B. Lazarus, A. Schwabe ab 1. IV. 
Stellvertreter: A. Schwabe bis 1. IV., H. Liebenthal. 
Repräsentanten: L. Gumpert, S. Salinger, M. Loewentbal, 

L. Helft, H. Meyer, Siegfr. Oppenheim, J. Friedländer, 

G. Loewentbal, M. Sinasohn bis L IV., II. Adler ab 25. "VII. 
Stellvertr. : R.-A. Kirschner, Jul. Loewentbal, N. Warschauer. 



— 218 — 

1891—1892 Vorsteher: Sally Oppenheim, A. Schwabe, N. Nathanson. 
Stellvertreter: L. Crohn, G. Warachauer, 
Repräsentanten: L. Gumpert, S. Salinper, H. Liebenthal, 

G. Loewenthal, J. Friedländer, II. Adler, L. Helft, 

H. Meyer, Siegfr. Oppenheim. 
Stellvertreter: M. Löwenthal, N. Warschauer, Jul. Löwenthal. 
1893—1896 Vorsteher: Sally Oppenheim, A. Schwabe, N. Nathanson. 
Stellvertreter: L. Crohn, G. Warschauer. 
Repräsentanten: L. Gumpert, S. Salinger, H. Liebenthal, 

L. Helft, G. Loewenthal, J. Friedländer, H. Adler, 

Siegfr. Oppenheim, N. Warschauer. 
Stellvertreter: M. Loewenthal, Jul. Loewenthal, H. Crohn. 
1897-1899 Vorsteher: Sally Oppenheim, A. Schwabe, N. Nathanson. 
Stellvertreter: G. Warschauer, H. Grünberg. 
Repräsentanten: L. Gumpert, S. Salinger, H. Liebenthal, 

L. Helft, G. Loewenthal, J. Friedländer, N. Warschauer, 

Is. Loewenthal, Siegfr. Oppenheim. 
Stellvertreter: M. Loewenthal, H. Crohn, M. Beständig. 
190U Vorsteher: Sally Oppenheim, A. Schwabe, N. Nathanson. 

Stellvertreter: H. Grünberg, H. Boas. 
Repräsentanten: L. Gumpert, S. Salinger, H. Liebenthal, 

L. Helft, N. Warschauer, J. Friedländer, G. Loewenthal, 

Siegfr. Oppenheim, Is. Loewenthal. 
Stellvertreter: M. Loewenthal, H. Crohn, M. Beständig. 

1901 Vorsteher: Sally Oppenheim, A. Schwabe, N. Nathanson. 
Stellvertreter: H. Grünberg, H. Boas bis 26. VII. 
Repräsentanten: L. Gumpert, S. Salinger, H. Liebenthal, 

L. Helft, G. Loewenthal, J. Friedländer, N. Warschauer, 
Siegfr. Oppenheim, Is. Loewenthal. 
Stellvertreter: H. Crohn, M. Beständig. 

1902 Vorsteher: Sally Oppenheim, A. Schwabe, N. Nathanson. 
Stellvertreter: H. Grünberg. 

Repräsentanten: L. Gumpert, S. Salinger, H. Liebenthal, 
L. Helft, G. Loewenthal, J. Friedländer, N. Warschauer, 
Siegfr. Oppenheim, Is. Loewenthal. 

Stellvertreter: M. Beständig. 

1903 Vorsteher: Sally Oppenheim, A. Schwabe, N. Nathanson. 
Stellvertreter: Rechtsanw. Meyer, H. Conitzer. 
Repräsentanten: L. Gumpert, S. Salinger, H. Liebenthal, 

L. Helft, G. Löwenthal, J. Friedländer, N. Warschauer, 
P. Epstein, S. Spandau. 
Stellvertreter; Ph. Pintus, G. Loewenheim, Is. Loewenthal. 



— 219 — 

1904 Vorsteher: Sally Oppenheim bis 17. III., A. Schwabe, 

N. NathansoD. 
Stellvertreter: Rechtsanw. Meyer, II. Conitzer. 
Repräsentanten: L. Gumpert, S. Salinger, H. Liebcnthal, 

L. Helft, G. Loewenthal, J. Friedländer, N. Warschauer, 

P. Epstein, S. Spandau. 
Stellvertreter: Ph. Pintus, G. Loewenheim, Is. Loewenthal. 

1905 Vorsteher: Ad. Schwabe, H. Conitzer, N. Nathanson. 
Stellvertreter: Rechtsanw. Meyer. 

Repräsentanten: L. Gumpert, S. Salingcr, II. Licbenthal, 
L. Helft, G. Loewenthal, Is. Loewenthal, N. Warschauer, 
P. Epstein, S. Spandau. 

Stellvertreter: Ph. Pintus, G. Loewenheim, 



Register. 

(U eb er Teil I— IV.j 



in Brandenburg 
in Braunschweig 



/ aron Benjamin Wolff, Rabbiner 
in Frankfurt a. 0. 79. 80. 

Abraham, Jude in Brandenburg 
(1469) 29. 

Abraham Isaac, Jude in Branden- 
burg (167Ö) 68. 

Abraham Ries 69. 

Abraham Scholim 102. 

Akina, Jude 
(1497) 30. 

Akiva, Jude 
(1500) 52. 

Akyn 51. 

Albrecht Achilles, Kurfürst 27. 

Albrecht der Bär, Markgraf 3. 

Altmark 4. Kl 46. 

Amsterdam 72. 

Angelus 49. 62. 

Askanische Markgrafen 5. 

Famberg 16. 

Batt von Dunzenheim 56. 

Beelitz 3. 82. 

Beilin, Bürgermeister (1510) 40. 4B. 

Bendix Fürst 81. 93. 

Benjamin David 86. 86. 

Benjamin Frankel 69. 

Berend, Ezechiel 106. 

Berlin 21. 39. 40. 48. 44. 46. 48. 

53. 66. 68. 70. 77. 79. 81. 
Bernau 87. 40. 



Bernstein, Itzig, Freiheitskämpfer 

108. 
Bertram, Abraham Lazarus 107. 

HO. 115. 
V. Betzschitz, Heinrich 37. 47. 
Bicsenthal 81. 
Bikkur cholim-Verein 95 f. 
Bittschrift der Neustadt Br. um Weg- 

schaifung der Juden (1674) 70 f. 
St. Bückel 56. 

Brandy, Abraham Isaak 107. 
Bratring 106. 
Braunschweig 51. 52. 
Brietzen (Treuenbrietzen) 82. 
Butzer, Martin 56. 

( hajim, Gemeindebeamter (Jakob 

Heineniann) 96. 
Chewra 97. 

Christianus, Pfarrer in Br. (1322) 13. 
Cohn, Elkan, Gemeindebeamter 1 19. 
Cottbus 43. 
Craraer, Hirsch 113. 

Favid Samuel 78 ff. 97. 

Dietrich von Schulenburg, Bischof 

von Brandenburg 21. 
Dietrich, Bürger in Zerbst 29. 
Domkapitel 12. 

Izechiel, Joseph, Freiheitskämpfer 
108. 



'2-2\ 



JEzechiel Israel 83. 86. 
Eiaenstailt (57. 

Feska, Forstmeister 94. 
Fleischer und Juden, Urkunde 

über ihre Streitigkeiten 6tf. 
Frankfurt a. M. 65. 
Frankfurt a. 0. 68. 66. 70. 79. 80. 
Frauenbad, rituelles ll:{f. 
Freibeitskänipfcr aus Br. 108. 
Friedhof in Br. (14'.»0) '60. 
Friedrich HI. deutscher Kaiser 24. 
Friedrich 1., Kurfürst 23. 
Friedrich II., Kurfür.'it 24. 29. 
Friedlich HI., KurUnst 72. 
Friedrich von Flaue, Bischof von 

Br. 12. 
Friedrich Sessehnann, Kanzler 29. 
Friedrich Wilhelm, der grosse 

Kurfürst 6.'). 72. 
Friedrich Wilhelm I., König von 

Preussen 91. 
Friedrich, der Grosse 99. 102. 
Friedrich Wilhelm IL, König von 

Preussen 106. 
Friedrich Wilhelm III., König von 

Preussen 107. 
Friesack 82. 

Geiger 67. 

Geldgeschäft der Juden in Br. 
(14. Jh.) 9. 

Gerson, Itzig 112. 113. 

Görne, Hof bei Br. 12. 

Görzke 90. 

Graetz 116. 

v. d. Groeben, Lieutenant 91. 

Guttmann, Simon, Gemeindebe- 
amter 116 f. 

Hans Granseye, Bürger inZerbst29. 
Hauskavel, Konflikt über sie mit 

der Stadt 110 f. 
Havelberg 16. 



Ileinemann, Jakob, Gemeinde- 
beamter 114 f. 

Heinrich, Jude in Br. (l:U6) 6. 

Heinrich Bodendick, Bischof von 
Br. 21. 

Heinrich von Herford 19. 

v. Henneberg, Berthold 16. 

Hieronymus, Bischof von Br. 37. 
39. 63. 54 6-i, 69. 

Hildesheimer, Moritz 113. 

Hohenzollern 23. 26. 

Holtze 42. 43. 46. 

Hugo, Syndicus 100. 

Jacob, Jude in Br. (1316) 6. 

Jacob, Jude in Br. (1416) 22. 

Jacob, Jude in Br. (1610) 39 ff. 

Jacob Joseph 77. 

Jacob Michel 94. 

Jacobi, Jakob Aron 109. 113. 

Jeremias Jakob 69. 

Joachim L, Kurfürst 33. 34. 38. 

41. 65. 
Joachim IL, Kurfürst 56 ff. 
Johann, Markgraf (1315) 6. 
Johann, Markgraf (USO) 23. 27. 33. 
Johann Georg, Kurfürst 60. 
Johann, König von Polen (1698) 72. 
Johannes von Tuchen, Bischof 

von Br. 12. 
Jolenberg, Abraham Michael 119. 
Jolenberg, Michael 107. 
Jolenberg, Simon 107. 
Jorde, Jüdin in Br. (1416) 22. 
Josel von Rosheim 66. 
Joseph, Rabbiner in Osterburg 

(1610) 39. 41. 
Joseph von Seehausen 46. 

107. 
Joseph Lewin 102. 
Isaak, Jude in Br. (1610) 46. 
Isaak, Jude in Osterburg 41. 
Isaak, W^itwe 107. 



'»:> 



Isaak, Itzig Lewin, Freiheits- 
kämpfer lu8. 

Isaak Lazarus 91. 94. 

Itzig Hirsch Lazarus 107. 12U. 

Israel Jacob Joseph 77 ff. 82. 86. 

Israel Marcus öl. 

Italien 66. 

Jütel Sussmann 67 f. 

Juda Michel 82. 85. 

Judenberg bei Beelitz 3. 

Juden Bürger in Br. (1316) 9. 

Judenprivilegien werden ver- 
schenkt 91. 

Judenstrasse in Br. (1490) 30. 

Judenverfolgung von 1446 24 ff. 

Judenzins 22. 

Eapellenstrasse 55. 

Karl V., Deutscher Kaiser 56. 

Kaufmann, David 42. 

Knack, Hof- und Kammerfiskal 99. 

Knoblauch, Dorf 36. 

König 67. 77. 

Königsberg (Neumark) 18. 20. 

Kohut 58. 

Kopenhagen 116. 

Krahmdiener 69. 

Kriegskontribution (1809) lo7. 

Küstrln 29. 

Landälteste 80 f. 
Landsberg (Warthe) 66. 
Latzarus Hirsch, Gemeindebeamter 

(1721) 84. 
Lazarus Isaac 95. 97. 100. 116. 
Leow, David, Freiheitskämpfer 107. 
Leow, Süssel, Freiheitskämpfer 107. 
Levin, Gemeindebeamter (1723) 84. 
Levin Abraham 91. 
Lewin Simon 97. 
Lippold 68. 60. 
Ludolph, Louis, Freiheitskämpfer 

108. 



Ludwig der Baier, deutscher 

Kaiser 14. 59. 
Ludwig der Aeltere, Markgraf 15 ff. 
Ludwig der Römer, Markgraf 20 f. 
Luther 58. 

Magdeburg 24. 83. 

Marcus von Stendal (1510) 88. 40. 

Marcus David 73. 

Marcus Guthmann 72. 

Marcus Jakob 76. 

Marcus Magnus, Oberlandältester 

in Berlin 81. 
Marcus Meyer 76. 
Marcus Samuel 81. 
Mecklenburg 33. 
Melanchthon, Philipp 56. 
Menachem ben Saruk 25. 
Meseritz 63. 

Meyer, Jude in Br. (1416) 22 ff. 
Meyer, Jude in Osterburg (1610) 

41. 52. 
Meyer, Carl, Dr. 120. 
Meyer, Joseph 107. 
Meyering, Moses 107. 
Michael Juda 68. 
Michel Chassid,RabbinerinBerlin79. 
MichelMonalt, Jude zuBr. (1610)46. 
Misshandlungen der Juden in Br. 

(1673) 69. 
Mittelmark 46. 80. 
Moses, Jude in Br. (1492) 29. 
Münzvertrag zwischen Berlin und 

Br. (1322) lOff. 

Kathan, Jude in Br. (1497) 30. 
Nathan, Jude in Br. (1610) 40. 45. 
Nathan David 94. 
Nathanson, Joel, Freiheitskämpfer 

108. 
Nauen 82. 

Neumark 16 ff. 20. 23. 46. 
Nürnberger Memorbuch 21. 



— 223 



Opferpfennig, güldener 18. 

Oaterburg 41 f. 

Otto und Conrad, Markgrafen 4. 

Paul Fromm 37. 89. 60. 

Perleberg 16. 19. 

Petschierstecher 120. 

Pfandrecht 17. 

Philipp, Benjamin, Gemeindebe- 
amter 116. 

Philipp, Landgraf von Hessen 66. 

Pintus, Benni 114. 

Pintus Ezechiel 97. 

Pintiis, Hirsch 107. 113. 

Pintus, Moses 97. 107. 114. 

Plaue 97. 

Porzellanabnahme 100 tf. 

Potsdam 66. 82. 102. 

Priebatsch, Felix 47. 63. 

Priegnitz 16. 46. 

Pritzerbe 82. 

Pritzwalk 16. 

Privilegium de non evocando 17. 

Privilegium Ludwigs des Aelteren 
16. 

Rathenow 70. 73. 82. 

Ratsprotokollbuch der Altstadt 
(1490—97) 30. 

Rebekka, Frau des Jütel Suss- 
mann 68. 

Retzow, Hans, Bürgermeister 62. 

Ricberus, Bischof in Br. 3. 

Riedel 27. 

Rother, Simon, Bürgermeister 69. 

V. Ruppin, Jakob 61. 

Salfeld 21. 

Salomo, Jude in Spandau 38 ff. 63. 
Salomon Heller, Jude in Stendal 38. 
Samuel Nathan 102. 
Samuelsohn, Michael 107. 119. 
Samuelsohn, Simon Nathan 97. 
107. 119. 



Schillmann 66. 

Schneider, L., Hofrat 49. 

Schonebeck, Geheimrat 82. 86. 

Schuldverschreibung von 1736, ihre 
Mortification 112. 

Schwarzer Tod in Br. 19 f. 

Schwerin (Warthe) 63. 

Selig Salomon 87. 91. 93f. lUO. 

Sellow, Salomon 91. 107. HO. 121. 

Simon, Jude in Br. (1494) 30. 

Simon Levin (1736) 91. 

Simon, Lewin, Freiheitskämpfer 
108. 

Simson Jacob 83. 94. 

Sloman, Rabbiner in Br. (1610) 
38 ft'. 

Smol, Jude in Br. (1610) 38 ff. 46. 

Spandau 18. 38. 82. 

Spanien 66. 

Stefan Bodeker, Bischof in Br. 26. 

Stendal 20. 24. 27. 29. 38. 

Stendaler Judenordnung (1247) 4. 

Sternberg 40. 

Steuer der Br. Juden an den 
Pfarrer (1322) 13. 

Storbeck, Ambrosius, Bürger- 
meister 62. 

Strassburg (Elsass) 81. 

Strassburg (Uckermark) 116. 

Synagoge in Neustadt Br.(1322) 13, 

Synagogenbau 97 ff. 

Synagogengrundstück 109 ff. 

Trittenheim 42. 
Türkei 66. 
Tykow 12. 

Uckermark 46. 80. 
Urfehde 60. 

Voigt, Daniel 98. 

Voigt, Daniel Friedrich 109. 

V. Waldbourg, General -Major 92. 
Waldemar, Markgraf 14. 



•JJ4 — 



Waldemar, der „falsche" 19. 

Wibel 21. 

^Vien 6ü. 

Witteisbacher Markgrafen 5. 

Wolf, Itzig, Freiheitskämpfer 108. 



Wunderhlut zu Beelitz 3. 
Wysera (Weseram) 12. 

Zerbst 29. 

Ziegler, Oberbürgermeister 121. 

Ziesar 76. 82. 9G. 



Berichtlginigeii. 

S. 39, Note, muss es statt Münden heissen: Minden. 

S. 92, Note 5, muss es heissen: Acta al J Nr. 25. 

S. 106, Text, letzte Zeile, muss es statt 1813 heissen: 1812. 

S. 134, Zeile 18 von oben muss es statt 1850 heissen: 18^6. 



Nachtrag-. 

Die von mir auf Seite 52 Note 30 ausgesprochene Vermutung, 
dass der Uraunschweiger Akyn (Akiva) um 14'.)7 in Brandenburg gewoliut 
habe, ist nach einer fieundiichen Mitteilung des Herrn Landrabbiner Dr. 
Rü I f- Braunschweig eine irrige. Der Braunschweiger Akiva stammte 
aus Helmstedt. Der in den märkischen Hostienschändungsprozess 
verwickelte Marcus von Stendal war ein Sohn und Bencdictus von Stendal 
ein Schwager Akivas. Beide zogen, wie Braunschweiger Ratsakten er- 
weisen, um 1506 infolge eines Prozesses mit dem Rate von Braunschweig 
nach Stendal — zu ihrem Verderben! 



Von demselben Verfasser erschienen; 

Zoholo wciiiiiiuli. Sologesänge für den jüdischen Gottesdienst, liciim m.i^. 

Das hermeuenlische Eleiiieut der biblisclieii Acceiituation. Ein Bei- 
trag zur Geschichte der hebräischen Siirache. Berlin 1893. 

Der syuHgUi^iilu UeHniii? in seiner hiHtonscheii Liuwiclielung. Mit 
Rücksicht auf die Bedeutung des Judentums für die musikalische 
Kunst überhaupt dargestellt. Trier 1894. 

Der Väter Sciiulü. (Pseudonym Arnold Mann). Erzählung aus der Gegen- 
wart. Berlin 1898. 

Liebet eure Feinde I (Pseudonym Arnold Mann). Eine apologetische 
Erzählung. Frankfurt a. M. 19UÜ. 

Hamattil*. Eine Sammlung von Predigten zeitgenössischer Kanzelredner. 
Berlin 1900. 

Vogelfrei 1 Ein Blick auf das erste Jahr des zwanzigsten Jahrhunderts. 
Brandenburg a. II. 1901. 

Judenlum und Christentum. Leipzig 1903. 




In meinem Verlag sind bisher folg^ende Werke 
erschienen : 

1. Frankfiirtor, Dr. S:Uomon. Mose ben Maiimmis Mischna-Kommentar 
zum Traktat Kethuboth. (Abschnitt I u. II). Arabischer Urtext auf 
Grund von 2 Handschriften zum ersten Male herausgeg. mit verbesserter 
bebr. Übersetzung des Jacob ihn Abbasi, Einleitung, deutscher Ueber- 
setzung, nebst kritischen und erl. Anmerkungen. 1903. 2, — 

2. Fraiikfartcr, Dr. Moritz, Dasselbe, Abschnitt III, IV und V. 1903. 2,— 
;^. Frendmann, Dr. G., „ VI, VII. „ VIII. 1905. 2,— 
4. Foiiorrlng, Dr. „ IX b. Schluss i. Vorher. 2, — 
f). HnnoTor, Dr. S., Das Festgesetz der Samaritaner nach Ibrählm iba 

Jaki'ib. (Edition u. dtach. Übers, sein. Komment, z. Levit. 23). 1904. 2,60 

6. Rothschild, Dr. LooD', Die Judengemeinden in Mainz, Speier und 
Worms vom Jahre 1340— 1438. 1904. 

7. Roseiiwasspr, Dr. E.. Der K-xikal. Stoff der Königsbücher unter IJ' 
rücksichtigiing der Varianten, alphab. dargest. ca. ■>,— 

8. Nathan, Dr. N. M., Ein anonymes Wörterbuch zur Miäna und Jad 
hachazaka. 1905. 2,50 

9. Schreier, Dr. Bernh., Saadja Al-fajjümi's, arabische Psalmenüber- 
setzung und Kommentar (Psalm 26 — 150). 1904. 2,50 

10. Berliner Prof. A., Zur Lehr und zur Wehr. Über und gegen die 
kirchl. Orgel im jüd. Gottesdienste. 1904. — ,60 

11. HoiTmnnn, Dr. D., Die wichtigsten Instanzen gegen die Graf- 
Wellhauscnsche Hypothese. Heft I. 1904. :^,— 

12. Kaaiz, Dr. S., Das Wesen des jüdischen Religionsunterrichts, i. i. —.76 

13. Die israelitische Synagogengemeinde (Adass Jisroel) zu Berlin. Ein 
Rückblick. 1904. —,60 

14. Bosenzweig, Dr. A., Kohelets Welt- und Lebensanschauung ; Schmini- 
Azereth-Predigt 5664. 1903. —,50 

15. Schireriner, Arthnr, Der gute Ton im Hause Hillels, Lustspif'l für 
Chanuka-, Purim-, Litcraturvereins- und Ilochzeitzfestlichkeiten. 190ö. — ,60 

16. Back, Dr. Leo, Das Wesen des Judentums. 1905. 2, — 

17. Gitelgohn, Dr. S., Civilgesetze der Karäer von Samuel al-Magrebi. 

1905. 2,— 

18. Pinkas, Dr. Felix, Studien zur Wirtschaftsstellung der Juden. 19)5. 1,— 

19. Moses Hess, Gesammelte jüd. Schriften, herausgeg. von Dr. Theodor 
Zlocisti. 1905. 3,50 

20. Marens Ahron, Barsilai, Wurzelwörterbuch. 1905. 10, — 

21. Kalischer, Hirsch, Drischath Zion oder Zions Wiederherstellung. 
Deutsch von Dr. Poper. 1905. 2,50 

22. Ackermann, Dr. A., Geschichte der Juden in Brandenburg. 4, — 

23. Biherfeld, Dr. E., Die Pharmakologie des Tobias Hakoker Rofeh. 

(im Druck) 1,50 

24. Auerbach, Dr. M., Wörterbuch zur Mechilta d. R. Ismael (Buchst, k) 
nebst Einleitg. ca. 2.50 

Louis Lamm 

VerlagTSbuchhandlungf 
BERLLN C. 2, Neue Friedrichstr. 61-63. 



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