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Full text of "Geschichte der neuhochdeutschen Grammatik von den Anfängen bis auf Adelung"

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GERMANISCHE BIBLIOTHEK 

HERAUSGEGEBEN VON 

WILHELM STREITBERG 

ZWEITE ABTEILUNG 

UNTERSUCHUNGEN UND TEXTE 



SIEBENTER BAND 

GESCHICHTE DER 
NEUHOCHDEUTSCHEN GRAMMATIK I 

VON 

MAX HERMANN JELLINEK 



-•€380- 



HEIDELBERG 1913 
CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG 



GESCHICHTE 

DER 

NEUHOCHDEUTSCHEN 
GRAMMATIK 

VON DEN ANFÄNGEN BIS AUF ADELUNG 



VON 



DR. MAX HERMANN JELLINEK 

PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT WIEN 



ERSTER HALBBAND 



U&32S 




2o< IO -^ 



HEIDELBERG 1913 
CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG 



Verlags -Nr. 829. 



Alle Rechte, besonders das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen, 
werden vorbehalten. 



Dem Andenken 

Richard Heinzeis 



Vorwort. 



Ich bedauere, daß der veränderte Sprachgebrauch mir ver- 
bot, dieses Buch so zu betiteln wie mein Vorgänger Elias 
Caspar Reichard das seinige; denn, hätte ich es „Historie der 
deutschen Sprachkunst" nennen dürfen, so wären Mißverständ- 
nisse von vorneherein ausgeschlossen gewesen. So nötigt mich die 
Mehrdeutigkeit des Wortes Grammatik, meine Leser darauf auf- 
merksam zu machen, daß sie hier keine Geschichte der deut- 
schen Sprache finden, sondern einzig und allein eine Geschichte 
der grammatischen Theorie. 

Diese Geschichte sollte ursprünglich das letzte Kapitel einer 
„Einführung in das Studium des älteren Neuhochdeutschen" 
bilden. Dank dem Entgegenkommen des Herrn Verlegers konnte 
ich den sich aufhäufenden Stoff zu einem selbständigen Buche ge- 
stalten. Die Arbeit daran hat sich, da dringende Verpflichtungen 
amtlicher und privater Art oft unterbrechend dazwischentraten, 
durch ziemlich lange Zeit hingezogen. Dies hat, fürchte ich, 
einige Ungleichmäßigkeiten in der Darstellung hervorgerufen. 
Der große Umfang der beiden letzten Kapitel dieses Halbbands 
ist allerdings, wie ich glaube, objektiv begründet. Denn für die 
Zeit von Gottsched bis Adelung standen mir so gut wie keine 
Vorarbeiten zur Verfügung, so daß ich in die Darstellung 
einen Teil der Untersuchung verflechten mußte, und auch über 
Adelung war doch einiges mehr und einiges anders zu sagen, 
als bisher geschehen ist. 

Ich erlaube mir ferner daran zu erinnern, daß ich gegen- 
wärtig nur den ersten Hauptteil vorlege. Vornehmlich mit Rück- 
sicht auf den zweiten Teil, in dem viel abgekürzt zitiert wird, 



VIII Vorwort. 

ist das Quellen Verzeichnis in den Titelangaben so ausführlich. 
Und es enthält auch einige Bücher, die im zweiten Teil benutzt 
wurden, aber zu einer Bemerkung im ersten Teil keinen Anlaß 
gaben. 

Gerne erfülle ich die Pflicht, der mannigfachen Unterstützung 
zu gedenken, die meine Arbeit gefunden hat. Vor allem gebührt 
mein Dank den Verwaltungen der Öffentlichen Bibliothek in 
Dresden, der Hof- und Staatsbibliothek in München, der Landes- 
bibliothek in Stuttgart und der Hofbibliothek in Wien, die mir ihre 
Realkataloge zugänglich machten, und dem Auskunftsbureau der 
deutschen Bibliotheken, das meine vielen Fragen bereitwilligst 
beantwortete. Die Wiener Hofbibliothek hat mir in liberalster 
Weise gestattet, ihre wertvollen Drucke auf Monate zu entlehnen, 
und viele auswärtige Bibliotheken sandten mir Bücher zur 
Benutzung in den Räumen unserer Universitätsbibliothek. Für 
die Lösung bibliographischer Zweifel habe ich zu danken den 
Herren Professoren Edward Schröder in Göttingen und Oskar 
F. Walzel in Dresden, ferner Frl. Paula Jellinek in Heidel- 
berg und Herrn Dr. Karl Polheim in Graz, für Auskünfte 
verschiedener Art den Herren Professoren W. Greizenach 
in Krakau und A. Gebhardt in Erlangen. Prof. Dr. Hugo 
Beran in Wien war so freundlich, eine Korrektur zu lesen 
und mich bei der Anlage des Registers zu unterstützen. 

Wien, 1. November 1912. 

M. H. Jellinek. 



Einleitung. 



Erstes Kapitel. 
Literaturangaben. 

I. Geschichte der Forschung. Zusammenfassende 
Darstellungen. 

1. Die deutsche Grammatik hat schon im 18. Jh. einen Ge- 
schichtschreiber gefunden : 

Elias Caspar Reichard, Versuch einer Historie der 
deutschen Sprachkunst, Hamburg 1747. 

Einen Nachtrag und eine Fortsetzung zu diesem Werke gab 
J. C. C. Rüdiger, Uebersicht der neuern Litteratur der teutschen 
Sprachkunde seit Gottscheden in seinem Buch: Neuester Zu- 
wachs der teutschen, fremden und allgemeinen Sprachkunde, 
4. Stück, Leipzig 1785, S. 3 ff. 

Die durch J. Grimm begründete historische Sprachbetrach- 
tung war der Beschäftigung mit der alten gesetzgebendem Gram- 
matik nicht günstig. Erst zu Beginn der zweiten Hälfte des 
19. Jhs. setzte die wissenschaftliche Bearbeitung ein, und päda- 
gogische Interessen waren es, die den Anstoß gaben. Im Jahre 
1851 schrieb für K. v. Raumers Geschichte der Pädagogik der 
Sohn des Verfassers, der Germanist R. v. Raum er, den Ab- 
schnitt: Der Unterricht im Deutschen. (In der letzten zu Leb- 
zeiten R. v. Raum er s erschienenen 4. Aufl., Gütersloh 1873, 
III. Teil, S. 97 — 246.) Für die Geschichte der ältesten deutschen 
Grammatik war diese Arbeit grundlegend. An Raumer an- 
knüpfend behandelten die älteste Zeit: 

Wild, Der Stand des deutschsprachlichen Unterrichts im 
sechszehnten Jahrhundert (Pädagogische Sammelmappe, I. Reihe, 
4. Heft), Leipzig (1875), und tief eindringend 

Johannes Müller, Quellenschriften und Geschichte des 
deutschsprachlichen Unterrichtes bis zur Mitte des 16. Jahr- 
hunderts, Gotha 1882 (auch als «Anhang» im IV. Band der Ge- 
schichte der Methodik des deutschen Volksschulunterrichts, hsg. 
von C. Kehr). 

Auf diesem ganz ausgezeichneten Werk beruht im wesent- 
lichen meine Darstellung im 4. Kapitel. 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 1 



2 Kapitel 1. [§ 1. 

Grammatische Arbeiten des 17. Jhs. bespricht 
R. Hanns, Beiträge zur Geschichte des deutschsprachlichen 
Unterrichts im siebzehnten Jahrhundert, Leipziger Dissertation, 
1881, auch in: 

Fleckeisen-Masius, Jahrbücher für Philologie und Pädagogik, 
1881, 2. Abteilung, S. 1 ff., 65 ff. 
Eine Gesamtdarstellung geben: 

A. Engelien, Geschichte der neuhochdeutschen Grammatik 
in C. Kehrs Geschichte der Methodik des deutschen Volksschul- 
unterrichts, 2. Aufl. (1889), I. Band, S. 252 ff. Hat das Ver- 
dienst, die Bedeutung einiger meist übersehener Grammatiker, 
wie Tölmann und Aichinger, hervorgehoben zu haben. 

A. Matthias, Geschichte des deutschen Unterrichts (Hand- 
buch des deutschen Unterrichts an höheren Schulen, I. Band, 
I. Teil), München 1907. Benützt, durch genaue Zitate den An- 
teil der einzelnen Arbeiten sorgfältig bezeichnend, die voran- 
gehende Forschung. Eigenes bietet für unseren Zeitraum das 
Buch so gut wie nichts. 

Aber nicht nur der Pädagog, sondern auch der Germanist 
mußte sein Interesse der älteren Grammatik zuwenden, sobald 
die deutsche Philologie sich auf ihre Geschichte besann. Hier 
sind zu nennen die Abschnitte in: 

R. v. Raumer, Geschichte der Germanischen Philologie 
(Geschichte der Wissenschaften in Deutschland. Neuere Zeit. 
IX. Band), München 1870, S. 61 ff., 185 ff., 204 ff. 

H. Paul, Geschichte der germanischen Philologie in: Grund- 
riß der germanischen Philologie hsg. von H. Paul, 2. Aufl., 
I. Band, Straßburg 1901, S. 21 ff., 36, 43 ff., 55 ff. 

Im letzten Viertel des 19. Jhs., namentlich seit den achtziger 
Jahren, wurde dem Problem der Einigung der deutschen 
Schriftsprache größere Aufmerksamkeit geschenkt, als früher. 
Auch in diesem Zusammenhang mußte man der grammatischen 
Theorie gedenken. Vgl. : 

H. Rückert, Geschichte der Neuhochdeutschen Schrift- 
sprache, Leipzig 1875, II. Band, S. 162 ff., 283 ff., 349 ff. 

K. Burdach, Die Einigung der neuhochdeutschen Schrift- 
sprache, Hallesche Habilitationsschrift, 1884. 

A. So ein, Schriftsprache und Dialekte im Deutschen nach 
Zeugnissen alter und neuer Zeit, Heilbronn 1888, passim. 

K. v. Bahder, Grundlagen des neuhochdeutschen Laut- 
systems, Straßburg 1890, S. 66 ff. 

Arbeiten über einzelne Grammatiker werden an ihrem Orte 
erwähnt werden. Über die Poetik er vgl.: 

K. Borinski, Die Poetik der Renaissance und die Anfänge 
der litterarischen Kritik in Deutschland, Berlin 1886. 



§ 2. 3.] Literaturangaben. 3 

II. Arbeiten über Teile der Grammatik. 

2. W. Wilmanns, Die Orthographie in den Schulen 
Deutschlands, Berlin 1887. 

J. Bause, Überblick über die Entwicklung der deutschen 
Rechtschreibung, Programm, Meseritz 1900. 

G. Michaelis, Über Physiologie und Orthographie der 
Zischlaute, Berlin 1883. 

Derselbe, Das Th in der deutschen Rechtschreibung, Ber- 
lin 1860. 

M. H. Jeillinek, Die Bezeichnungen der /- und s-Laute, 
HZ. 48, 313 ff. 

A. Hage mann, Die Majuskeltheorie der Grammatiker des 
Neuhochdeutschen von Johann Kolrosz bis auf Karl Ferdinand 
Becker, Programm, Graudenz 1876. — Auch selbständig er- 
schienen u. d. T. : I. Ist es ratsam, die sog. deutsche schrift . . . 
allmaehlich zu entfernen? IL Die majuskeltheorie usw. t Berlin 
1880, S. 28ff. 

P. Tesch, Die Lehre vom Gebrauch der großen Anfangs- 
buchstaben in den Anweisungen für die nhd. Rechtschreibung, 
Neuwied und Leipzig 1890. Vgl. dazu HZ. 51, Anz. 161. 

A. Bieling, Das Princip der deutschen Interpunktion nebst 
einer übersichtlichen Darstellung ihrer Geschichte, Berlin 1880. 
Vgl. auch J. Müller, Quellenschriften, S. 279ff. 

M. H. Jellinek, Die Lehre von Akzent und Quantität, 
HZ. 48, 227 ff. 

Derselbe, Ein Kapitel aus der Geschichte der deutschen 
Grammatik. Abhandlungen zur germanischen Philologie. Fest- 
gabe für Richard Heinzel, Halle 1898, S. 31 ff. (behandelt die 
Theorie des auslautenden e). 

Derselbe, Zur Geschichte einiger grammatischer Theorien 
und Begriffe, IF. 19, 272 ff. (Theorie der Sätze. Genus). 

V. Eckert, Beiträge zur Geschichte des Gerundivs im 
Deutschen, Heidelberger Dissertation, 1909. 

III. Die Quellen. 
1. Sammlungen von Neudrucken. 

3. J. Müller, Quellenschriften und Geschichte des deutsch- 
sprachlichen Unterrichtes. S. Frangk, Fuchßperger, Ickelsamer, 
Jordan, Kolroß, Meichßner, Schryfftspiegel. 

Vier seltene Schriften des 16. Jahrhunderts hsg. von 
H. Fechner, Berlin 1882. S. Grüßbeutel, Ickelsamer, Jordan. 

Ältere deutsche Grammatiken in Neudrucken hsg. von John 
Meier, Straßburg 1894—1895, Halle 1897. (Abgekürzt: Ä. d. G.) 
S. Albertus, Clajus, Fabritius, Ölinger. 

l* 



4 Kapitel 1. [§ 3. 

2. Alphabetisches Verzeichnis der benutzten Quellen. 1 

Adelung. * Johann Christoph Adelungs Deutsche Sprachlehre. 
Zum Gebrauche der Schulen in den Königl. Preuß. Landen. 
Berlin, 1781. Bey Christian Friedrich Voß und Sohn. Neue 
Auflagern,: 1792, *1795, 1800, 1806, 1816. 

— Magazin für die Deutsche Sprache. Von Johann Christoph 
Adelung. 2 Bde. Leipzig, 1782—1784. (1. Jahrgang: auf 
Kosten des Verfassers. 2. Jahrgang: bey Johann Gottlob 
Immanuel Breitkopf.) 

— Ueber den deutschen Styl, von Johann Christoph Adelung. 
2 Bde. Berlin, bey Christian Friedrich Voß und Sohn, 
1785, 1786. *2. Auflage: 1787. 3. Auflage: 1789, 1790. 
4. Auflage: 1800. 

— Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache, zur Er- 
läuterung der Deutschen Sprachlehre für Schulen. Von Joh. 
Christoph Adelung. 2 Bde. Leipzig, verlegts Johann Gottlob 
Immanuel Breitkopf, 1782. (Abgekürzt: UL.) 

— *Versuch eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörter- 
buches der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Ver- 
gleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der ober- 
deutschen. Erster Theil, von A — E. Dem noch beygefüget ist 
des Herrn M. Fulda Preisschrift über die beyden deutschen 
Haupt-Dialecte. Leipzig, verlegts Bernhard Christoph Breit- 
kopf und Sohn, 1774. Die folgenden Teile erschienen 1775, 
1777, 1780, 1786. — 2. Auflage u. d. T. Grammatisch- 
kritisches Wörterbuch usw. 1793 — 1801. 

— Vollständige Anweisung zur Deutschen Orthographie, nebst 
einem kleinen Wörterbuche für die Aussprache, Ortho- 
graphie, Biegung und Ableitung. Von Johann Christoph Ade- 
lung. Leipzig, in der Weygandschen Buchhandlung, 1788. 
Neue Auflagen: 1790 u. ö. 

Aichinger. Versuch einer teutschen Sprachlehre, . . . von Carl 
Friedrich Aichinger, d. Z. Stadtprediger zu Sultzbach. 
Frankfurt und Leipzig. Zu finden bey Paul Kraus, Buch- 
händler in Wienn. 1753. (Andere Exemplare: 1754.) 

1 Die Titel sind z. T. gekürzt, ohne daß dies immer durch 
Funkte kenntlich gemacht ist. Unterschiede der Schriftgattungen 
(Fraktur, Antiqua, Kursiv) sind nicht berücksichtigt. Für die 
Umlautzeichen ist immer ä, ö, ü gesetzt, ebenso- s für die beiden 
Zeichen der Fraktur, außer wo das lange Zeichen im Auslaut 
steht. Klammern bedeuten, daß Verfassername, Druckort oder 
Jahr auf dem Titelblatt fehlt. Sterne bezeichnen diejenigen Auf- 
lagen, die in diesem Buch ausschließlich oder vorwiegend be- 
nutzt 



§ 3.] Literaturangaben. 5 

Albertus. Teutsch Grammatick oder Sprach-Kunst .... per 
LAVRENTIVM ALBERTVM Oftrofrancum. AVGVSTAE VIN- 
DELI-corum excudebat Michael Manger. M. D. LXXIII. — 
^Neudruck : Die deutsche Grammatik des Laurentius Alber- 
tus herausgegeben von Carl Müller-Fraureuth. (Ä. d. G. 
III.) Straßburg 1895. Vgl. Zs. f. öst. Gymn. 47 (1896), 
1093. 

Antesperg. Die Kayserliche Deutsche Grammatick . . . Mit 
sonderbarem Fleiß deutlich und vollkommen IN OTIO 
VIENNENSI Ausgearbeitet von Johann Balthasar von Antes- 
perg ... In Wien gedruckt . . . (1747). 2. Auflage: (1749). 

Bärmann. Kurze Anleitung zur Deutschen Sprachkunst für die 
Jugend von George Friedrich Bärmann ehemaligen Professor 
der Mathematik auf der Universität Wittenberg. Leipzig bey 
Johann Friedrich Junius 1776. 

Basedow. Neue Lehrart und Uebung in der Regelmäßigkeit der 
Teutschen Sprache von Johann Bernhard Basedow . . . 
Kopenhagen, bey Johann Benjamin Ackermann, 1759. 

— Des Elementarwerks Vierter Band. Dessau 1774. X. Buch : 
Das Nöthigste der Grammatik und von der Wohlredenheit. 

Becherer. SYNOPSIS GRAMMATICK TAM GERMANICAE 
QVAM LATINAE ET GRAE-ceb, in ufum juventutis fcholaflic« 
confcripta ä Johanne Becherero. JEN^E Typis Tobiae Stein- 
manni Anno 1596. 

Bei. Inflitutiones linguae* Germanicae. Leutschau 1718. 2. Auf- 
lage: M. BELII Inflitutiones linguae Germanicae in gratiam 
Hungaricae iuuentutis editae, atque nunc denuo recufae, 
notisque . . . auctae a C. A. KÖRBERO Halae Magd. 1730. 
Vgl. Reichard, Versuch einer Historie d. d. Sprachkunst, 
S. 464 f. *3. Auflage: Posonii 1755. 

Bell in. Johannis Bellini Teutsche Orthographie Oder Rechte 
Schreibe-Kunst. M DC XLII. 

— M. Johan Bellins Hochdeudsche Rechtschreibung . . . Lübek, 
auf Michael Volken Kosten, gedrükt bei säL Smalhärzens 
Erben, im jare Kr. 1657. 

— M. Joh. Bellins Syntaxis ' Praepositionum Teutonicarum, Oder 
Deudscher Forwörter Kunstmäßige Fügung ; Nebenst forher- 
gesäzter, notwändig erfoderter, Abwandelung der Geslächt- 
Nän- Fürnän- und Mittelwörter. Lübek, Auf Michael Volken 
Kosten, gedrükt bei säl. Smalherzen Erben, im jare Kr. 1661. 
12°. (Andere Exemplare: 1660.) 

Bellinsche Sammlung. Etlicher der hoch-löblichen Deutsch- 
gesinneten Genossenschaft Mitglieder, Wie auch anderer 
hoch-gelehrten Männer Sende-schreiben Ehrster teil ; . . . 
Auf erheischen und ansuchen der ganzen hoch-löbl. Deutsch- 



6 Kapitel 1. [§ 3 

Zunft zusammen geläsen, . . . durch Johan Bellinen . . . 
Hamburg Bei Heinrich Wärnern 1647. 

Bob. Franz Joseph Bob, kaiserl. königl. Rathes, . . . Erste An- 
fangsgründe der deutschen Sprache, mit einem orthographi- 
schen .Wörterbuche. Freyburg im Breisgau, Im Verlage 
Anton .Wagner, und Sohns. 1780. 

Bödiker. Grund-Sätze Der Deutschen Sprachen im Reden und 
Schreiben, Samt einem Bericht vom rechten Gebrauch Der 
Vorwörter, Der studierenden Jugend und allen Deutsch- 
liebenden zum Besten Vorgestellet von JOHANNE BÖDI- 
KERO, P. Gymn. Svevo-Colon. Rectore. In Verlegung des 
Verfassers. Colin an der Spree, Druckts Ulrich Liebpert, 
Churf. Br. Hof-Buchdr. 1690. Neue Auflagen: *1701 und 
1709. 

— *JOHANNIS BÖDIKERI, P. Gymn. Svevo-Colon. Rect. 
Grund-Sätze Der Teutschen Sprache Meistens mit Ganz 
andern Anmerkungen und einem völligem Register der 
Wörter, die in der Teutschen Übersetzung der Bibel einige 
Erläuterung erfodern Auch zum Anhange mit einem Ent- 
wurf und Muster eines Teutschen Haupt-Wörter-Buchs Ver- 
bessert und vermehrt von JOH. LEONH. FRISCH. BERLIN 
Verlegts Christoph Gottlieb NICOLAI M DCC XXIII. Neue 
Auflage: 1729. 

— * Johann Bödikers Grundsäze Der Teutschen Sprache Mit 
Dessen eigenen und Johann Leonhard Frischens vollständigen 
Anmerkungen Durch neue Zusäze vermehret von Johann 
Jacob Wippel Nebst nöthigen Registern. BERLIN Verlegts 
Christoph Gottlieb NICOLAI 1746. 

(Bodmer) Die Grundsätze der deutschen Sprache. Oder: Von 
den Bestandteilen derselben und von dem Redesatze. 
Zürich ; bey Orell, Geßner und Comp. 1768. 

(Braun.) * Anleitung zur deutschen Sprachkunst, Zum Ge- 
brauche der Schulen in den Churlanden zu Baiern. Mit Ge- 
nehmhaltung der Churbairischen Akademie der Wissen- 
schaften. München, Gedr. durch J. Fried. Ott . . . und zu 
haben bey Franz Lorenz Richter . . . 1765. Neue Auflage: 
1775. 

Brockes. Siehe Weichmann I. 

Brücker. Teutsche Grammatic, das ist, Kurtzer VNterricht, 
wie eyner etlicher massen recht reden und schreiben lehrnen 
solle. Allenn denn jenigenn, so etwa nichts studieret, oder 
noch forthin bei dem studiern erzogen werden, oder bleiben 
können, und doch gerne eynen geringen Anfang recht zu 
reden und zu schreiben hättenn, zum besten auff die 
Teutsche Spraach gerichtet, durch, Jacoben Brückern von 



§ 3.] Literaturangaben. 7 

Heydelberg, wohnhaft an jetzo zu Franckfurt am Mayn. Zu 
Franckfurt, bei LUCA JENNIS zu finden. M. DC. XX. 

Buchner. August Buchners kurzer .Weg-Weiser zur Deutschen 
Tichtkunst, . . . izo zum ersten mahl hervorgegeben durch 
M. Georg Gözen . . JEHNA Bei Georg Sengenwaiden, Im 
Jahr Christi 1663. 12». 

(Butschky.) *Perfertischer Muusen Schlüssel, Zur Schreib- 
richtigkeit, der Hooch - deutschen Haupt - Spraache . . von 
S. B. . . Leiptzig M DC VL 2. Auflage u. d. T. Der hoch- 
deutsche Schlüssel, zur Schreibrichtigkeit oder Rechtschrei- 
bung. Leipzig 1648. Vgl. Reichard S. 210f. 

Chloren us. CHLORENI GERMANI neu verbesserte Teutsche 
ORTHOGRAPHIE, oder : Gründliche Anweisung recht, und 
nach der unter den heutigen Gelehrten üblichen Art, zu 
schreiben . . . Frankfurt und Leipzig, verlegts Georg Chri- 
stoph Weber, Buchhändler in Nürnberg. A. 1735. Verfasser: 
Johann üieronymus Lochner; vgl. G. A. WiU t Nürn- 
bergisches Gelehrten-Lexicon 2 1 496. 

Clajus. Grammatica GERMANICA LINGVO M. Iohannis Claij 
Hirtzbergenüs: EX BIBL1IS LVTHERI GERMANICIS ET 
AL1IS E1VS LIBRIS COLLECTA. M. D. LXXV1II. Spätere 
Auflagen: 1587, 1592, 1604, 1610, 1617, 1625, 1651, 1677, 
1689, 1720. — * Neudruck: Die deutsche Grammatik des 
Johannes Clajus. Nach dem ältesten Druck von 1578 mit den 
Varianten der übrigen Ausgaben herausgegeben von Friedrich 
Weidling. (Ä. d. Gr. II.) Straßburg 1894. Vgl. HZ. 40, 
Anz. 7 2 ff. 

Clauberg. Johannis Claubergii Ars etymologica Teutonum e 
philosophiae fontibus derivata. Duisburgi ad Rhenum 1663. 
* Abgedruckt in: ILLVSTRIS VIRI GODOFR. GVILIELMI 
LEIBNITII COLLECTANEA ETYMOLOGICA. HANOVER^, 
M DCC XVII. I, S. 187—252. 

Clemann. Versuch einer regelmäßigen Beugung oder Decli- 
nation der Teutschen Nenwörter .... entworfen von Joh. 
Christian Clemann, der Hochfürstl. Dom-Schule zu Schwerin 
Conrector. Schwerin In Verlag des Verfassers. (1747.) 

Critische Beyträge. Beyträge Zur Critischen Historie Der 
Deutschen Sprache, Poesie und Beredsamkeit, herausgegeben 
von einigen Liebhabern der deutschen Litteratur. 8 Bde. 
Leipzig, Bey Bernhard Christoph Breitkopf. 1732—1744. 

(Denst.) Beilage zu Herr Heynatzens Briefen die Deutsche 
Sprache betreffend. Erste Abtheilung. Liegnitz, bey David 
Siegerts sei. Wittib. 1775. (Enthält mit fortlaufender Bogen- 
und Seitenzählung auch die Zweite Abtheilung.) Dritte und 
letzte Abtheilung. Liegnitz, bey David Siegerts Wittwe 1776. 



8 Kapitel 1. [§ 3. 

— Zweiter Theil der Heynatzischen Deutschen Sprachlehre zum 
Gebrauch der Schulen, oder Anmerkungen über die selbe mit 
einer Zugabe und einem Inhalte. Liegnitz, bey David 
Siegerts Wittwe 1773. 

Donatus a Transfig. Domini. *Kurzer Begriff der deutschen 
und zugleich allgemeinen Sprachlehre für die mindere 
Jugend der frommen Schulen samt einem Anhang von der 
deutschen Orthographie und einem andern von den Grund- 
lehren der Rechenkunst verfasset Von P. Donatus a Trans- 
fig. Domini des Ordens Scholarum Piarum Priester und Rec- 
tor in Kempten. Augsburg verlegts Matthäus Rieger, Buch- 
handler 1763. Neue Auflage: 1777. — Familienname des 
Verfassers : H off mann, vgl. 127. 

Dornblüth. *OBSERVATIONES oder Gründliche Anmerckungea 
über die Art und Weise eine gute Übersetzung besonders in 
die teutsche Sprach zu machen . . . Aus patriotischem Eyfer 
zur Verhütung fernerer Verkehrung und Schändung der aus- 
ländischen Bücheren ans Tagliecht gegeben von R. P. AU- 
GUSTINO DORNBLÜTH, Priestern Ord. S. Benedicti des 
Reichs-Gottshaus in Gengenbach. Augspurg, verlegts Mat- 
thäus Rieger. 1755. 2. (Titel-) : Auflage 1768. 

(Enkelmann.) Grammattikalien des P. Antonius Lignet. Den 
Lärern und Forschern dar Deutschen Schpräche, besonders 
dän Süddeutschen gewidmet. Frankfurt und Leipzig 1780. 

Etlicher Niedersachsen Grammatische Anmerkungen, 
worinn vornehmlich gezeiget wird, wie der itzige Gebrauch 
im Teutschen bey einigen von den besten, namentlich Den 
Leipziger Herrn Gesellschaftern, fast aus jedem Theile der 
Sprachlehre mehrmals einer Beurtheilung und Verbesserung 
bedürfe. Erstes Stück. Hildesheim 1742. 

Fabricius. Siehe Weichmann II. 

Fabritius. Eyn Nutzlich buchlein etlicher gleich stymender 
worther Aber vngleichs Verstandes, denn angenden deutschen 
schreyb schülern, zu gut mit geteylt, Durch Meister Hanssen 
fabritiü Rechenmeister vnd deutscher schreyber zu Erffurth 
(Erfurt 1532.) — * Neudruck: Das Büchlein gleich- 
stimmender Wörter, aber ungleichs Verstandes des Hans 
Fabritius herausgegeben von John Meier. (Ä. d. Gr. I.) 
Straßburg 1895. 

Frangk. Orthographia deutsch, Lernt, recht buchstäbig 
deutsch schreiben. Durch M. Fabian Frangken. Wittemberg. 
M D XXXI. Im selben Jahr zweimal nachgedruckt. Bann als 
Teil von Ein Cantzley vnd Titel büchlin 1531, 1532, 1538 
und o. J. — * Neudruck: J. Müller, Quellenschriften Nr. XI. 



§ 3.] Literaturangaben. 9 

Franklin. Georg Franklin, Priesters und ehemals öffentlichen 
Lehrers in drey Universitäten des obern Deutschlandes, Ver- 
such einer neuen Lehre von den vornehmsten Gegenständen 
der deutschen Sprachlehre nach den Regeln der Vernunft- 
lehre in sechs Abhandlungen verfasset. Regensburg 1778. 
Verlegts Johann Leopold Montag. 

Frey er. Hieronymi Freyers, Paed. Reg. Hai. Infp. Anweisung 
zur Teutschen ORTHOGRAPHIE. HALLE, Verlegt im 
Wäysenhause, 1722. Spätere Auflagen: *1728, 1735, 1746. 

Frisch. Siehe Bödiker. 

(Fuchßperger.) Leeßkonst. (Ingolstadt) ANNO M. D. XLII. — 
* Neudruck: J. Müller, Quellenschriften Nr. XV. 

Fulda. Ueber die beiden Hauptdialecte der Teutschen Sprache. 
Eine Preisschrift von Herrn M. Friedrich Carl Fulda, . . . 
welche von der Königlichen Societät der Wissenschaften zu 
Göttingen den 9ten November 1771 ist gekrönet worden. 
Leipzig 1773. 4°. * Auch vor: Adelung, Versuch eines... 
Wörterbuches, I. {Zitiert als Preisschrift.) 

— Sammlung und Abstammung Germanischer Wurzel-Wörter, 
nach der Reihe menschlicher Begriffe, zum Erweis der Ta- 
belle, die der Preisschrift über die zwen Hauptdialecte der 
Teutschen Sprache angefügt worden ist, von dem Verfasser 
derselbigen. Herausgegeben von Johann Georg Meusel. 
HALLE, bey Johann Justinus Gebauers Wittwe und Johann 
Jacob Gebauer, 1776. 4°. 

— Siehe auch Sprachforscher. (Im 2. Band u. a. die auch 
selbständig er schienenen Grundregeln der Teutschen Sprache.) 

(Funk.) J. H. Schlegels, Professors bey der Universität zu 
Kopenhagen Abhandlung über die Vortheile und Mängel des 
Dänischen, verglichen mit dem Deutschen und Französischen. 
Aus dem Dänischen, nebst einigen Anmerkungen und einer 
Abhandlung des Uebersetzers. Schleswig bey Joachim 
Friedrich Hansen. (1763.) 

Gerlach. Kurzgefaßte Deutsche Sprachlehre .... vom ( !) 
Friedrich Wilhelm Gerlach, in der kaiserlichen königlichen 
Ingenieurschule zu Gumpendorf Lehrer der Geschichte, etc. 
Wien, gedruckt bey der Maria Eva Schilgin, niederöster- 
reichischen Landschaftsbuchdruckerinn, 1758. 

Girbert. Die Deutsche GRAMMATICA oder Sprachkunst, auß 
Denen bey dieser Zeit gedruckten Grammaticis, vornemlichen 
JOHANNIS CLAII Hertzb. Anno 1587. VINARIENSIS zum 
newen Methodo Aö. 1618. CHRIST. GVEINTZII R. Hai. 
Aü. 1641. 24. Mart. JUSTI GEORG. SCHOTELII Aö. 1641. 
6. Jul. zusammengetragen, in kurtze Tabellen eingeschrenckt, 
vnd Dem öffentlichen Liecht endlichen auff mehrmahliches 



10 Kapitel 1. [§ 3. 

Anhalten vbergeben von JOHANNE GIRBERTO GYMNA- 
SIARCHA p. t. In des heil. Rom. Reichs Stadt Mülhausen in 
Düringen Anno 1653 . . . Typis JOHANNIS HÜTERI. 

Gottsched. Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst, Nach 
den Mustern der besten Schriftsteller des vorigen und 
jetzigen Jahrhunderts abgefasset von Johann Christoph Gott- 
scheden. Leipzig, Verlegts Bernh. Christoph Breitkopf. 1748. 
*2. Auflage: 1749. 3: 1752. Seit der 4. Auflage 1757 
u. d. T. Vollständigere und Neuerläuterte Deutsche Sprach- 
kunst, Nach den Mustern der besten Schriftsteller des 
vorigen und itzigen Jahrhunderts usw. *5. Auflage: 1762. 
6: 1776. (Zitate ohne weitere Angabe beziehen sich auf 
die 5. Auflage.) 

Grüßbeutel. Ein Besonder fast nützlich styrüen büchlein . . . 
Durch Jacob Grüßbeütel zu Augspurg. (Nürnberg) M. D.XXXi. 
— Spätere Auflagen: 1534, *NeudrucJc: H. Fechner, Vier 
seltene Schriften Nr. 4 ; 1536, 1591. 

Gueintz. Christian Gueintzen, Deutscher Sprachlehre Entwurf. 
Gedruckt zu Cöthen im Fürstenthume Anhalt, Im Jahre 
CHRisti 1641. 

— Die Deutsche Rechtschreibung Auf sonderbares gut befinden 
Durch den Ordnenden verfasset, Von der Fruchtbringenden 
Geselschaft übersehen, und zur nachricht an den tag ge- 
geben. Gedruckt zu Halle in Sachsen bey Christof Salfelden, 
Im Jahre 1645. Spätere Auflagen: *1666, 1684. 

(Habendorf.) * Anleitung Zur Teutschen Sprache, Für die In 
den Schulen der Gesellschafft JESU Lehr-befliessene Jugend 
überhaupt eingerichtet, Und nach Ausweisung ihrer Lehr- 
Bücher in drey Theile abgetheilet ; Zusammen getragen Von 
einem Priester der Gesellschaft JESU. Erster Theil für die 
erste und änderte Schule. Breslau, Gedruckt in der Acade- 
mischen Buchdruckerey der Gesellschafft JESU. 1744. 
Spätere Auflagen: 1748, 1753. 

Hager. Teütsche Orthographia oder Schreibekunst, Darinnen von 
aller zubehör, Natur und Eigenschafft der höchst-löb- und 
lieblichen Teutschen Sprache, solche recht zuschreiben ge- 
handelt wird, auch Wie dieselbe der teutschen Jugendt mit 
rechter Naturgemässer Syllbirung, fährtig läsen zu lehrnen, 
füglich beyzubringen. Beschrieben, und anjetzo zum ersten- 
mahl in Druck verfährtiget durch Christophorum Achatium 
Hagern, F. M. Hamburg, gedruckt bey Heinrich .Wernern, 
Anno 1639. 

— Teütscher Sprach Wegweiser, Zeigend : Alle Zubehör, Natur 
und Eigenschafft der Schreibe-Kunst der Höchst-löb- und 
lieblichen Teutschen Sprache. Auch wie solche der 



§ 3.] Literaturangaben. 11 

Teütschen Jugend, und allen deroselben Ohnerfahrnen, mit 
rechter Naturgemäßer Sillabirung, fertig Läsen zu lernen, 
füglich beyzubringen. Anitzo zum sechstenmahl vermehret 
und imm Druck gegäben durch CHRISTOPHORUM ACHA- 
TIUM Hagern, Sen : F. M. Hammburg, Gedruckt imm Jahr 
1640 

Hanmann. PROSODIA GERMANICA, Oder Buch von der 
Teütschen Poeterey . . . Verfertiget Von Martin Opitzen. 
Jetzo aber von Enoch Hannmann an vnterschiedlichen Orthen 
vermehrt vnd mit schönen Anmerckungen verbessert. . . 
Franckfurt am Mayn, In Verlegung Christian Kleins. 1645. 
Spätere Auflagen: Frankfurt *o. J., 1658 und *Breslau, Ver- 
legts JEsaias Fellgibel o. J. (1690). 

Harsdörfer. GESPRACHSPIELE, . . Dritter Theil : . . Ver- 
fasset Durch einen Mitgenossen der hochlöblichen FRVCHT- 
BRINGENDEN GESELSCHAFT. Nürnberg, In Verlegung 
Wolfgang Endters. M. DC. XXXXIII. 

— FRAVENZIMMER GESPRECHSPIELE, . . . Erster Theil . . 
mit einer neuen Zugabe gemehret, Durch Einen Mitgenossen 
der Hochlöblichen FRVCHTBRINGENDEN GESELLSCHAFT. 
Nürnberg, Gedruckt und verlegt bey Wolifgang Endtern. Im 
Jahre 1644. 

— GEORGI PHILIPPI HARSDORFFERI SPECIMEN PHILOLOGIE 
GERMANICA, Continens Difquiütiones XII. De Linguae noftrae 
vernaculee Hiftoria, Methodo, et Dignitate . . Norimbergae Im- 
penüs Wolfgangi Endteri. M. DC. XLVI. 12°. 

— Poetischer Trichter . . Erster Theil . . Samt einem Anhang 
Von der Rechtschreibung, und Schriftscheidung, oder Di- 
stinction. Durch ein Mitglied der hochlöblichen Frucht- 
bringenden Gesellschaft. Nürnberg M DC XLVII. *2. Auf- 
lage: 1650. 

— Poetischen Trichters zweyter Theil . . Samt einem Anhang 
von der Teütschen Sprache : durch ein Mitglied usw. Nürn- 
berg, In Verlegung Wolffgang Endters. M. DC. XLVIII. 

— Prob und Lob der Teütschen Wolredenheit. Das ist : deß 
Poetischen Trichters Dritter Theil . . durch Ein Mitglied 
usw. Nürnberg, Gedruckt bey .Wolfgang Endter, dem Aeltern. 
M DC LIII. 

Heinz e. Johann Michael Heinzens . . . Anmerkungen über des 
Herrn Professor Gottscheds Deutsche Sprachlehre nebst 
einem Anhange einer neuen Prosodie. Göttingen und Leipzig 
1759. 

Helber. Teutsches Syllabierbüchlein, .... Durch Sebastian 
Helber, Keiserischen Notarien zu Freiburg im Breißgew, etc. 
Getruckt zu Freiburg in Vchtland, durch Abraham Gemperle. 



12 Kapitel 1. [§ 3 

Anno CID. ID. VIIC. — * Neudruck: Sebastian Helbers 
Teutsches Syllabierbüchlein (1593) herausgegeben von Gu- 
stav Roethe. Freiburg i. B. und Tübingen 1882. 

Helwig. Sprachkünste: I. Allgemäine, welche das jenige, so 
allen Sprachen gemein ist, in sich begreifft, IL Lateinische, 
III. Hebräische, Teutsch beschrieben Durch Weyland den 
Ehrwürdigen vnd Hochgelahrten Herren CHRISTO PHORUM 
HELVICUM . . Vnd nunmehr der lieben Jugend zu gutem 
in Truck gegeben. Zu Giessen Getruckt durch Caspar Chem- 
lin, im Jahr M. DC XIX. 40. 

Hemmer. Jakob Hemmers, . . . Deutsche Sprachlehre, zum Ge- 
brauche der kuhrpfälzischen Lande. Mannheim, mit aka- 
demischen Schriften, 1775. 

— Jakob Domitor's, kurpfälzischen Rates, Grundris einer dauer- 
haften Rechtschreibung, Deutschland zur Prüfung forgeleget. 
Manheim, in der kurfürstlichen Hofbuchdrukerei. 1776. 

— Kern der deutschen Sprachkunst und Rechtschreibung, aus 
des kurpfälzischen geistlichen rates, herrn Hemmer, grösern 
werken fon im selbst heraus gezogen. Mannheim, bei Kr. 
Fridr. Schwan'en, kurpfälzischem hofbuchhändler. 1780. 

Hempel. D. Christian Friedrich Hempels Erleichterte Hoch- 
Teutsche Sprach-Lehre, . . . Frankfurth und Leipzig, bey 
Johann Gottlieb Garben, Buchhändlern. 1754. 

Hentschel. Salomon Hentschels, Seh. Port. Coli. u. Cantoris, 
Grundregeln der Hoch-Deutschen Sprache. Naumburg, Ge- 
druckt mit Boßögelischen Schriften. 1729 

Herder. Abhandlung über den Ursprung der Sprache, welche 
den von der Königl. Academie der Wissenschaften für das 
Jahr 1770 gesezten Preis erhalten hat. Von Herrn Herder . , 
Berlin, bey Cristian Friedrich Voß, 1772. 

Heyn atz. Briefe die Deutsche Sprache betreffend von Johann 
Friedrich Heynatz. Berlin, bei August Mylius. 1. Teil: 
1771, *2. Auflage: 1774. 2. und 3. Teil: 1772. 4. und 
5. Teil: 1774. 6. Teil: 1775. 

— Deutsche Sprachlehre zum Gebrauch der Schulen von Jo- 
hann Friedrich Heynatz. Berlin 1770. Bei August Mylius. 
Spätere Auflagen: 1772, *1777, 1790, 1803. 

— Die Lehre von der Interpunktion oder dem richtigen Ge- 
brauche der Unterscheidungs- oder Abtheilungszeichen, als 
eine Beilage zu seiner Deutschen Sprachlehre herausgegeben 
von Johann Friedrich Heynatz. Berlin, bei August Mylius. 
1773. 

Ickelsamer. Die rechte weis auffs kürtzist lesen zu lernen . . . 
Erffurdt, durch Johannem Loersfeldt, Im Jar M. DC. XXVII. 
— 2. Auflage: Marpurg 1534; ^Neudrucke: H. Fechner, 



§ 3.] Literaturangaben. 13 

Vier seltene Schriften Nr. 2 und J. Müller, Quellenschriften 
Nr. IX. 
— Ein teütsche Grammatica . . . Valentinus Ickelsamer. (o. 0. 
u. J.) — ^Neudruck: H. Fechner, Vier seltene Schriften 
Nr. 1. — 2. Auflage: o. 0. u. J. 3. Auflage: Nürnberg 1537. 
— * Neudruck der 2. Auflage mit den Varianten der andern: 
J. Müller, Quellenschriften Nr. XIII. 

(Jordan.) Leyenschül . . Getruckt zu Meyntz bey Peter Jor- 
dan . . (1533). — * Neudrucke: H. Fechner, Vier seltene 
Schriften Nr. 3 und J. Müller, Quellenschriften Nr. XII. 

Klopstock wird zitiert nach der Ausgabe: Klopstocks sämmt- 
liche .Werke. Leipzig. G. J. Göschensche Verlagshandlung. 
1855. {Abgekürzt: Werke.) Vgl. 160. 

Kolroß. ENchiridion : . . . Durch Joannem Kolroß, tüdtsch 
Leermeystern zu Basel. Zu Basel, durch Thoman WolfL 
M. D. XXX. Spätere^ Drucke : o. 0. u. J. ; Nürnberg 1534 ; 
Zürich 1564. — ^Neudruck : J. Müller, Quellenschriften Nr. X. 

Körb er. Siehe Bei. 

Köthener Sprachlehr. Allgemeine Sprachlehr Nach Der 
Lehrart RATICHII Zu Cöthen, Im Fürstenthumb Anhalt. 
M. DC. XIX. — ^Neudrucke: G. Vogt, Wolfgang Ratichius 
S. 265 — 279 und Ratichianische Schriften II. hg. von Dr. Paul 
Stötzner S. 126—147. 

Kram er. Fundamenta linguae Germanicae a praeflantiffimo Lin- 
guarum magistro Matthia Kramer Italice propofita Nunc Plurium 
commoditati & utilitati Latine reddita Et fuis locis ä doctrina 
Italica ad Latinam accommodata, ac novis Obfervationibus aucta 
Ab Andrea Freyberger Societatis JESU Sacerdote. Pragae, apud 
Matthiam Adamum Höger 1733. 

(Kromayer.) * Deutsche Grammatica, Zum newen Methodo, der 
Jugend zum besten, zugerichtet. Für die Weymarische 
Schuel, Auff sonderbaren Fürstl. Gn. Befehl. Gedruckt Zu 
Weymar, Durch Johann Weidnern, Im Jahr, 1618. 2. Druck 
mit dem Titel: 

Deutsche Grammatica, zum newen Methodo, der Jugend 
zum besten, zugerichtet. Auff sonderbaren Fürstl. Gn. Be- 
fehl Durch M. JOHANNEM KROMAYER F. S. Hoff-Prediger, 
vnd der General-Superintendentz verordneten Infpectorem. 
Für die Schulen im Fürstenthumb Weymar. CUM PRIVI- 
LEGIO. Gedruckt zu Weymar, Bey Johann Weidnern Im 
Jahr M. DC. XIX. 

Lindner. Grundlegung zur deutschen Sprachlehre für Anfänger 
bey dem öffentlichen und Privatunterrichte nützlich zu ge- 
brauchen, von M. Johann Gottlieb Lindnern Rector in Arn- 
stadt. Arnstadt im Verlage der Fürstl. Waysenhaus-Buch- 
druckerey. 1772. 



14 Kapitel 1. [§ 3. 

Lochner. Siehe Chlorenus. 

Longolius. Johann Daniel Longolii Philosophiae et Medicinae 
Doctoris, Einleitung zu gründtlicher Erkäntniß einer ieden, 
insonderheit aber Der Teutschen Sprache . . . BUDISSIN, 
bey David Richtern, 1715. 

Max. Teutscher Schlüssel zu allen Sprachen, Oder Grund-Sätze 
der Teutschen-Sprache und Vorbereitung zu allen andern . . 
Durch Johann Max Linguarum Profefforem Publicum in der 
Königlichen Ritter-Academie zu Liegnitz. Zufinden bey 
Martin Eßlinger Buchhändeiern in Wienn und bey Michael 
Rohrlach Buchhändeiern zu Breßlau und Liegnitz. In 
Liegnitz, gedruckt bey Joh. Christoph Wätzoldts Wittwe. 
1728. 

Mäzke. Abraham Gotthelff Mäzkens, Rektors der Schule zu 
Landeshutt, Drei Declinationen der Deutschen HauptNenn- 
wörter oder Substantive ; zu Erläuterung seiner auf einen 
besondern Bogen abgedruckten Declinations-Tabelle ; so, wie 
er sie den 13ten März 1777. in einem SchulProgramm vor- 
getragen. Schweidnitz, gedrukt mit Müllerischen Schriften. 4°. 

— Grammatische Abhandlungen über die Deutsche Sprache 
von Abraham Gotthelf Mäzken. Erster Band. Breßlau bei 
Johann Ernst Meyern 1776. 

— Über Deutsche WorterFamilien und Rechtschreibung. Zül- 
lichau, in der Waisenhaus und Frommannischen Buchhand- 
lung, 1780. (Ohne Verfassernamen auf dem Titel.) 

— Abraham Gotthelff Mäzkens, Rektors der Evangelischen 
Schule zu Landeshut, Versuch in Deutschen WörterFa- 
milien ; nebst einer orthographischen Abhandlung vom ety- 
mologischen oder Dienst-h ; Breßlau, bei Johann Fridrich 
Korn. 1779. 4«. 

Meichßner. HAndbüchlin gruntlichs berichts, recht vn wol- 
schrybens, der Orthographie vnd Gramatic . . . Durch . . . 
Johansen Helien Meichßnern . . . zusamen getragen vnd ge- 
bessert. Gedruckt zu Tübingen von Virich Morhart. Anno 
M. D. XXXVIII. Spätere Drucke: 1541, 1545, 1550, 1556, 
o. J., 1562, 1563, 1567, 1575, 1588. — *Die orthographischen 
Bemerkungen bei J. Müller, Quellenschriften Nr. XIV. 

Meiner. Versuch einer an der menschlichen Sprache ab- 
gebildeten Vernunftlehre oder Philosophische und allgemeine 
Sprachlehre entworfen von Johann Werner Meiner, der 
Schule zu Langensalza Rektor. Leipzig, bey Johann Gottlob 
Immanuel Breitkopf. 1781. 

Morhof. Daniel Georg Morhofen Unterricht Von Der Teutschen 
Sprache und Poesie, . . . KIEL, Gedruckt und verlegt durch 
Joachim Reumann, Acad. Buchdr. im Jahr 1682. Zu finden 



§ 3.] Literaturangaben. 15 

bey Johann Sebastian Riechein. Spätere Auflagen: 1770, 
*1702i, 1718. 

Nast. Siehe Sprachforscher. 

(Olearius.) Deutsche Sprachkunst. Aus den allergewissesten, 
der Vernunfft vn gemeinen brauch Deutsch zu reden ge- 
mässen, gründen genommen. Sampt angehengten newen 
methodo, die Lateinische Sprache geschwinde vnd mit lust 
zu lernen. Hall, bey Melchior Oelschlegeln, Anno 1630. 

Ölinger. Vnderricht der Hoch Teutschen Spraach : GRAMMA- 
TICA SEV INSTITVTIO VERAE Germanica linguge .... 
ALRERTO OELINGERO ARGENT. Notario publico Aue- 
tore. Argentorati, exeudebat Nicolaus Vvyriot. M. D. LXXIII. 
(Andere Exemplare: M. D. LXXIIII.) — ^Neudruck: Die 
deutsche Grammatik des Albert Ölinger herausgegeben von 
Willy Scheel. (Ä. d. Gr. IV.) Halle a. S. 1897. 

Opitz. MARTINI OPITII Buch von der Deutschen Poeterey . . . 
Gedruckt in der Fürstlichen Stadt Brieg, bey Augustino 
Gründern. In Verlegung David Müllers Buchhändlers in 
Breßlaw. 1624. Im 17. Jh. noch 12 mal gedruckt; s. Wit- 
kowskis Bibliographie. — ^Neudrucke: 1. Buch von der 
deutschen Poeterei von Martin Opitz. [Neudrucke deutscher 
Litteraturwerke des XVI. und XVII. Jahrhunderts Nr. 1.] 
Halle a. S. 1886. 2. Martin Opitzens Aristarchus sive de 
contemptu linguae Teutonicae und Buch von der Deutschen 
Poeterey. Herausgegeben von Dr. Georg Witkowski. Leipzig 
1888. 

Pölmann. Zu GOttes, Und der hooehdeutschen Spraache, Lob 
und Ehren, M. ISAAC Pölmanns, von Mark Neukirchen aus 
dem Vogdlande, Predigers zu Schönberg und Langwitz, 
Neuer hooehdeutscher DONAT, Zum Grund gelegt der neuen 
hooehdeutschen Grammatik. . . 16 BEROLINI, fumptibus Au- 
toris, 71. Ex OFFICINA RUNGIANA. 4°. 

Popowitsch. Die notwendigsten Anfangsgründe der Teutschen 
Sprachkunst zum Gebrauche der Österreichischen Schulen 



1 Die Titelblätter der Drucke von 1700 und 1702 sind, ab- 
gesehen von orthographischen Varianten und Zeilenverteilung,, 
gleichlautend. Auf beiden steht: Zum (1700 zum) andern mahle 
(1700 ,) von (1700 Von) den Erben heraus (1700 herauß) ge- 
geben. Druckort und Verlag: Lübeck und Franckfort (1700: 
Franckfurt), In Verlegung Johann Wiedemeyers. Die Vignette 
von 1700 (ein Blumentopf) fehlt 1702. In beiden Drucken sind 
die Seiten zwischen 79 und 97 fälschlich mit 70 — 86 bezeichnet. 
Der Druck von 1700 hat noch viele andere unrichtige Seiten- 
zahlen. 



16 Kapitel 1. [§ 3. 

auf allerhöchsten Befehl ausgefertiget von Joh. Siegm. Val. 
Popowitsch Kais. Königl. öffentl. Lehrer der Teutschen Be- 
redsamkeit auf der Wiennerischen hohen Schule, wie auch 
Herzoglichem in der Savoyisch-Liechtensteinischen Aka- 
demie. Wienn 1754. Zu finden bei den zwey Brüdern 
Grundt, bürgerlichen Buchbindern. Im selben Jahre erschien 
ein Auszug unter nahezu gleichem Titel; vgl. 146.. 

(Präs eh.) J. L. P. Neue, kurtz- und deutliche Sprachkunst, 
Nicht nur in Cantzeleyen, Druckereyen und Schreibstuben, 
sondern auch in Teutschen Schulen, zu wolbenöthigter 
gründlichen Unterweisung der zarten Jugend, und Ver- 
besserung fast unzehlicher Fehler, nütz- und rühmlich zu 
gebrauchen. Regenspurg, Gedruckt und verlegt bey Joh. 
Georg Hofmann Anno 1687. 

Pudor. Der Teutschen Sprache Grundrichtigkeit und Zierlich- 
keit . . von Christian Pudor . . Colin an der Spree . . 
1672. 

Reichard-Schiele. Die Lehre von den deutschen Vorwörtern 
nach der Grundlage und dem Entwürfe des Hrn. Michael 
Bernh. Schielen ausgearbeitet und dem Druck überlassen 
von Elias Caspar Reichard . . Hamburg, bey Johann Adolph 
Martini, 1752. 

Richey. Siöhe Weichmann II. 

Richter. Versuch einer zweckmäßigen deutschen Rechtschrei- 
bung von J. G. Richter. Berlin, Bey Christian Friedrich 
Himburg. 1780. 

Ritter. GRAMMATICA GERMANI-ca Nova, USÜI OMNIUM ALIA- 
RUM NATIONUM, HANC linguam affeetantium inferviens, prse- 
cipue verö ad Linguam Gallicam aecommodata: . . . Studio et 
opera M. STEPHANI RITTERI Grunbergenßs Heffi P.L. C. MAR- 
PURG1, Typis Rodolphi Hutvvelckeri, Anno 1616. 

Sattler. Teutsche Orthographey Vnd Phraseologey . . . Be- 
schrieben vnd in truck gegeben. Durch Johann Rudolph 
Sattler genannt Weissenburger Keyf. Notarium vnnd Ge- 
richtschreibern der Statt Basel. Getruckt zu Basel, In Ver- 
legung Ludwig Königs, Anno 1607. Spätere Auflagen: 1610. 
*1617, 1631, 1658. 

Schmotther. Der Dreßdnisch-Cantzleymässige wie auch zu 
Rechnungs-Sachen sich anschickende Schreiber und Rechner 
. . von Gottfried Schmotthern, Geh. Registr. . . Druckts 
Johann Conrad Stößel, Königl. und Chur-Fürstl. Hof-Buch- 
drucker, 1726. — Spätere Auflagen: *1729, 1752, 1755. 

Schöpf. INSTITVTIONES IN LINGVAM GERMANICAM, SIVE 
ALLEMANNICAM. Ex quibufuis probatiffimis Authoribus ex- 



§ 3.] Literaturangaben. 17 

cerptae, ac in gratiarn Studiofse, imprimifque Lotharingicas, Iuuen- 
tutis confcriptae. PER HENRIGVM SGHOEPFIVM Ex OP-pido 
Imperiali Inghelhemia prope Moguntiam. MOGVNTLE, TYPIS 
HERMANNI MERESII Anno M. DG. XXV. Superiorum permiüu. 
Schottelius. *Ausführliche Arbeit Von der Teutschen Haubt 
Sprache, . . . Abgetheilet In Fünf Bücher. Ausgefertiget Von 
JUSTO-GEORGIO SCHOTTELIO D. . . . Braunschweig, Ge- 
drukt und verlegt durch Christoff Friederich Zilligern, Buch- 
händlern. Anno M. DC. LXIII. 4°. Neue Auflage: Eildes- 
heim 1737; s. Reichard, S. 114 f. — (Zitate ohne nähere 
Angabe beziehen sich auf die Ausf. Arbeit.) 

— Brevis & fundamentalis Manuductio ad ORTHOGRAPHIAM 
et ETYMOLOGIAM in Lingua Germanica. Kurtze und gründ- 
liche Anleitung Zu der Rechtschreibung Und zu der .Wort 
Forschung In der Teutschen Sprache. Für die Jugend in den 
Schulen, und sonst überall nützlich und dienlich. Braun- 
schweig, Gedruckt und verlegt durch Christoff-Friederich 
Zilligern, Im Jahr 1676. (Ohne Namen des Verfassers!) 
(Abgekürzt: Manuductio.) 

— Der Teutschen Sprach Einleitung . . Ausgefertiget von JUSTO 
GEORGIO SCHOTTELIO, Dicasterij Guelphici Affeffore. 
Lübeck, Gedruckt durch Johan Meyer, In Verlegung Mat- 
thaei Düncklers Buchh. in Lüneburg. Anno 1643. 

— *JUSTI-GEORGII SCHOTTELIl" Einbeccenfis, Teutsche 
Sprachkunst, . . . Abgetheilet in Drey Bücher. Braunschweig, 
Gedruckt bey Balthasar Grubern, Im Jahr 1641. — 2. Auf- 
lage : 1651. 

— *Iusti-Georgii Schottelii Teutsche Verl- oder ReimKunst . . 
getrückt zu Wolfenbüttel in Verlegung des Authoris im jähre 
M DC XLV 2. Auflage: 1656. 

Schryfftspiegel. Formulare vn duytsche Rethorica, ader der 
schryfftspiegel. — *Die orthographischen Bemerkungen bei 
J. Müller, Quellenschriften, S. 295 f., 383 ff. 

Sprachforscher. Der teutsche Sprachforscher, allen Lieb- 
habern ihrer Muttersprache zur Prüfung vorgelegt. 2 Bde. 
Stuttgart, bei Johann Benedict Mezler, 1777, 1778. 

Steinbach. Christ. Ernst Steinbachs kurtze und gründliche An- 
weisung zur Deutschen Sprache. Vel succincta et perfecta 
Grammatica LINGVO GERMANICA Nova methodo tradita. 
Rostochii et Parchimi Apud Georg Ludw. Fritsch Anno 1724. 

{Stiel er.) Kurze Lehrschrift Von der Hoch teutschen Sprach- 
kunst. Im Anhang von: Der Teutschen Sprache Stammbaum 
und Fortwachs . gesamlet von dem Spaten. Nürnberg, in 
Verlegung Johann Hofmanns ... Im Jahr des HErrn 1691. 

S tos eh. S. J. E. Stosch Predigers zu Lüdersdorf kleine Beiträge 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 2 



18 Kapitel 1. [§ 3. 

zur nähern Kenntniß der Deutschen Sprache. 3 Stücke. 
Berlin, bey August Mylius, 1778, 1780, 1782. 

Titz. Johann Peter Titzens Zwey Bücher Von der Kunst Hoch- 
deutsche Verse und Lieder zu machen. Mit königl. Majt. 
Befreyung Verlegt und Gedruckt In Dantzig Durch Andreas 
Hünefelden, Im 1642 sten Jahre. 

Töllner. Deutlicher Unterricht Von der Orthographie Der 
Teutschen, . . aufgesetzet und herausgegeben Von JUSTINO 
Töllner, Infpectore bey dem Waisen-Haus zu Glauche am 
Halle. Halle im Magdeburgischen Anno 1718. Verlegt in der 
Rengerischen Buchhandlung. 

Tscherning. Andreas Tschernings Unvorgreiffliches Bedencken 
über etliche mißbrauche in der deutschen Schreib- und 
Sprach-Kunst, insonderheit der edlen Poeterey. . . . Lübeck, 
In Vorlegung Michael Volcken, Gedruckt bey sei : Schmal - 
hertzens Erben, Im 1659 sten Jahre. {Auf dem zweiten 
Titel: 1658.) 12°. 

Vor st. JOH. VORSTII OBSERVATIONUM IN LINGUAM VER- 
NACULAM SPECIMEN. COLONE BRANDENBURG^^, Ex 
Officina GEORGI SCHULZI, Typogr. Elect. M. DC. LXIIX. 
[Andere Exemplare: 1669.) 12°. 

Wächter. GLOSSARIVM GERMANICVM GONTINENS ORIGINES 
ET ANTIQV1TATES LINGVO GERMANICA HODIERNJE. 
SPECIMEN EX AMPLIORE FARRAGINE DECERPTVM. AVC- 
TORE JO. GEORG. WAGHTERO. LIPSLE SVMPTIBVS JACOBI 
SGHVSTERI, MDCGXXVII. 
— GLOSSARIUM GERMANICUM . . OPUS BIPARTITUM ET 
QUINQUE INDICIBUS INSTRUGTUM JOHANNIS GEORGII 
WACHTERI . . LIPSI^, Apud JOH. FRID. GLEDITSCHII B. 
FILIUM, M DCG XXXVII. 4°. (Zitate ohne nähere Angäbe be- 
ziehen sich auf dieses Werfe.) 

Wahn. Kurtzgefassete Teutsche GRAMMATICA, Oder Ordent- 
liche Grund-Legung der Teutschen Sprach-Lehre .... Von 
Herman Wahn, Hamb. Hamburg, in Verlegung des Autoris . . 
Gedruckt bey Philipp Ludwig Stromer. (1723.) 

Weber. J. G. H. WEBERS deutsche Sprachkunst nach reiner, 
ungekünstelter, hochdeutscher Mundart der besten Schrift- 
steller. Frankfurth am Mayn bey Reinhard Eustach Möllers 
Witwe. 1759. 

Weichmann. C. F. Weichmanns Poesie der Nieder-Sachsen. 
/. Teil: HAMBURG, 1721. Bey sei. Benj. Schillers Wittwe 
und J. Chr. Kißner. //. Teil: HAMBURG, Bey Johann Chri- 
stoph Kißner. 1723. 

Weitenaue r. Zweifel von der deutschen Sprache . . . durch 
Ignaz Weitenauer. Augsburg 1764. Neu aufgelegt: 1766, 
1768, *1774, 1778. 



§3.4.] Charakteristik der älteren deutschen Grammatik. 19 

Werner. MANVDVCTIO ORTHOGRAPHICA AD Lingvam Ger- 
manico-Latinam . . Für seine Difcipul in der Schule zu 
Altenburg, Durch JOHANNEM WERNERVM, deroselben Col- 
legam Tertium .... Altenburgi . . Anno MDCXXIX. . . 

Wiener Anleitung. Anleitung zur deutschen Sprachlehre. Zum 
Gebrauche der deutschen Schulen in den kaiserlich-könig- 
lichen Staaten. Wien 1775. Öfters gedruckt u. a. *Wien 
und Freyburg im Breisgau 1777. Umarbeitung u. d. T. Ver- 
besserte Anleitung usw. 1779. 

Wippel. Siehe Bödiker. 

Würzburger Regeln. Regeln vom Schreiben, Reden und 
Versemachen in deutscher Sprache nebst einem Wörterbuche 
zum Gebrauche der wirzburgischen Schulen. Wirzburg, Ver- 
legts Johann Jakob Stahel .... 1772. 

Zesen. *Philippi Caesii Deutscher Helicon . . Wittenberg, Ge- 
druckt bey Johann Röhnern, im Jahr 1640. Neue Auflagen: 
*1641, *1649, 1656. 

— Filips von Zesen Hochdeutsche Helikonische Hechel oder des 
Rosenmohndes zweite Woche : ... zu Hamburg, In Ver- 
legung Kristian Gichts, im 1668 jähre. 

— Ph. Caesiens Hooch-Deutsche Spraach-übung Oder unvor- 
greiffliches Bedenken Über die Hooch-deutsche Haupt- 
Spraache und derselben Schreib-richtigkeit ; In unter-redung 
gestellet, und auff begehren und guhtbefinden der Hooch- 
löblichen Deutsch-Zunfft herfür-gegeben. Hamburg, Bey 
Heinrich Wernern, Im Jahr m. de. xliij. 

— Filip Zesens Rosen-mänd : das ist in ein und dreissig 
gesprächen Eröfnete Wunder-schacht zum unerschätzlichen 
Steine der Weisen : ... Zu Hamburg, bei Georg Papen, 
im 1651 Jahre. 



Zweites Kapitel. 
Charakteristik der älteren deutschen Grammatik. 

4. Die ältere Grammatik verfolgt praktische Zwecke 
und ist normativ. «Dann sie ist ein solche Kunst, die ohne 
mangel, fehl vnd jrthumb, nach jrer art vnd fürgeschribnem 
brauch reden, vnd die Wörter mit jren gebürlichen büch- 
staben völligklich schreiben leret», erklärt der Verfasser der 
ältesten vollständigen deutschen Grammatik 1 ; und der letzte, 
den wir zu besprechen haben werden, läßt sich also ver- 



1 Albertus, S. 19. 



20 Kapitel 2. [§ 4. 

nehmen: «Regeln sind allgemeine Vorschriften des Ver- 
fahrens, d. i. der Einrichtung unserer freyen Veränderungen. 
Sprachregeln sind demnach allgemeine Vorschriften, nach 
welchen die Wörter einer Sprache gebildet, gesprochen, 
gebeuget, verbunden und geschrieben werden. Ihr In- 
begriff macht die Grammatik oder Sprachlehre aus, 
welche sich daher bloß mit der Richtigkeit der Ausdrücke 
beschäftiget . . jß 

Insofern hatte J. Grimm vollständig recht, wenn er 
sagte, daß er nicht in diese Reihe, sondern ganz aus ihr 
heraus treten wolle. Aber von allem Anfang an sind in 
der deutschen Grammatik auch theoretische Interessen wirk- 
sam. Vollständiger Verzicht auf die Beobachtung des Tat- 
sächlichen ist ja überhaupt unmöglich, wenn man eine be- 
stehende Sprache lehren, nicht eine neue erfinden will. 
Allein bewußt ist sich die deutsche Grammatik nur ihrer 
praktischen Seite geworden, und das führte zu Unklar- 
heiten und nutzlosem Streite. Nicht immer fallen die Inter- 
essen des Ordnung suchenden Verstandes und der Didaktik 
zusammen. Jener verlangt eine naturgemäße Systematik, 
diese sichere und schnelle Erlernung des Einzelnen. Ob 
man z. B. die starken Verba in Gruppen teilen soll, kann 
vom Standpunkt der Praxis zweifelhaft sein, vom Stand- 
punkt der Theorie niemals. Daß hier eine Divergenz theore- 
tischer und praktischer Interessen vorliegt, wurde oft über- 
sehen. Besonders deutlich zeigt sich die Unklarheit über 
die eigenen Ziele in den orthographischen Reformversuchen. 
Diese sind ihrer innersten Absicht nach nichts als eine 
Darstellungsform phonetischer und etymologischer Unter- 
suchungen. Aber auf den Wunsch, dieses Hilfsmittel 
wissenschaftlicher Betrachtung in den täglichen Gebrauch 
einzuführen, hat niemand verzichtet, wie umgekehrt die 
Praktiker die wissenschaftliche Bedeutung der Reformen 
verkannten. Zu der Erkenntnis des Holländers Lambert 
ten Kate, daß einer «kritischen» und einer «bürgerlichen» 
Schreibung, jeder für ihr Gebiet, Daseinsberechtigung zu- 
kommt, hat sich kein deutscher Grammatiker aufgeschwungen. 
So gelingt es natürlich auch nicht, die Grenzen reinlich ab- 
zustecken. Das eine Mal wird eine Schreibung, die prak- 



i Adelung UL. I, S. 91. 



§ 4. 5.] Charakteristik der älteren deutschen Grammatik. 21 

tischen Zwecken genügt, bekämpft, weil sie die Forderungen 
konsequenter Bezeichnung der durch lautliche Analyse ge- 
wonnenen Elemente nicht erfüllt; das andere Mal glaubt 
der Phonetiker seine Pflicht getan zu haben, wenn er Schrei- 
bungen vorschlägt, die die Verschiedenheiten der Aussprache 
unzweideutig bezeichnen. 

5. Die deutsche Grammatik ist nicht selbstwachsen. 
Sie hat ihre Kategorien ursprünglich nicht gefunden, sondern 
fertig übernommen. Zum Teil hervorgegangen aus Über- 
setzungen von Donatparadigmen, streift sie die Fessel der 
lateinischen Vormundschaft nie vollständig ab. In Einzel- 
heiten wirkt die griechische Grammatik; viel anderes als 
ihre römische Tochter hatte sie nicht zu bieten. Manche 
Theoretiker machen Anleihen bei der hebräischen Gram- 
matik; aus ihr ist z. B. der Begriff der Wurzel zu uns 
gekommen. Einiges hat die französische Sprachlehre bei- 
gesteuert; ihre Einwirkung zeigt sich im 16. und dann wieder 
in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. 

Der fremde Einfluß macht sich nicht nur in den Kate- 
gorien und überhaupt in dem Gerüst der Grammatik geltend ; 
fortwährend schiebt sich die Tradition zwischen die Tat- 
sache und den Beobachter. Diese Männer können nicht 
von Dialekten und Schriftsprache reden, ohne das Attische, 
Jonische, Dorische, Aeolische und die KOivr| aufmarschieren 
zu lassen. In der Lautlehre schlagen sie sich mit den über- 
lieferten Begriffen herum, die ihren lebendigen Inhalt längst 
verloren hatten. Was nahm man im lateinischen und griechi- 
schen Unterricht nicht alles geduldig hin! Da waren ae und 
oe, die wie einfaches e gesprochen wurden, Diphthonge; da 
gab es einen Akut und einen Zirkumflex, deren Definitionen 
man lernte und die niemand unterschied; man hatte da 
«positionslange» Vokale, die jeder kurz, und viele «natura» 
kurze Vokale, die man lang sprach. Wer mit solchem Ge- 
päck ausgerüstet an die lebende Sprache herantrat, dem 
ergaben sich Schwierigkeiten, an die der durch keine Über- 
lieferung belastete Beobachter nie gedacht hätte. Da wird 
die Frage erwogen, ob ä 3 ü nicht Diphthonge, wenn auch 
nur «uneigentliche» seien, und wie es dann mit ihrer Quanti- 
tät stehe, oder ob ein Vokal durch folgende Gemination 
kurz «gemacht» werde und nicht vielmehr «von Natur» 
kurz sei, und was dergleichen Scheinprobleme mehr sind. 



22 Kapitel 2. [§ 5. 

Am ärgsten war es, wenn, man neuen Wein in die 
alten Schläuche goß, wenn man die alten Kategorien mit 
neuem Inhalt erfüllte, ohne dessen gewahr zu werden. Da 
verwendet ein Grammatiker den Terminus «geschärft», die 
Übersetzung vom acutus, im Sinn von «kurzvokalisch» und 
«beweist» dann mit Hilfe des Akuts von f]pdn, daß es ge- 
schärfte (d. h. kurze) lange Vokale gebe. Überhaupt be- 
weist man gerne, wo man beobachten sollte. Man beweist 
aus der Analogie anderer Sprachen oder aus der «Natur» 
der Sprache und ihrer Bestandteile; mit anderen Worten: 
statt sich direkt an die Erfahrung zu wenden, zieht man 
Folgerungen aus Definitionen, d. h. aus dem trüben Nieder- 
schlag der Erfahrungen früherer Geschlechter. Und man 
erkennt nicht, daß unsere Begriffe ein Mittel sind, uns der 
Wirklichkeit geistig zu bemächtigen; sie erscheinen als das 
Spiegelbild von etwas Realem, aus Dienern werden sie 
zu Herren. 

Anm. 1. Die Sprachwissenschaft der Griechen ist aus der 
Philosophie entsprossen. Die erkenntnistheoretische Frage, ob zwi- 
schen Wort und Sache ein derart notwendiges Band bestehe, daß 
man aus der Sprache Schlüsse auf das Wesen der Dinge ziehen 
kann, wird im Platonischen Kratylos erörtert. Im Interesse 
der Logik beginnt ihr Begründer Aristoteles die Analyse der 
Sprache als des Komplexes der Zeichen für die Begriffe. Die 
Anfänge der Scheidung der Redeteile gehen auf ihn zurück. Auf 
der eingeschlagenen Bahn schreiten die Stoiker fort; von ihren 
Untersuchungen trägt die spätere Grammatik deutliche Spuren 
Die Loslösung der Grammatik von der Philosophie vollzieht sich 
in Alexandria; sie wird zu einem Hilfsmittel der Kritik und Exegese. 
Das älteste grammatische Schulbuch ist die Texvri des im 2. Jh. 
v. Chr. lebenden Aristarchschülers Dionysios Thrax: Dionysii 
Thracis Ars grammatica ed. Gustavus Uhlig, Lipsiae 1883. Sie 
rühmt ihr Herausgeber als die Ahnfrau aller europäischen Sprach- 
lehren, von denen keine die Spuren ihrer Abkunft vollständig ver- 
wischt habe. Der bedeutendste griechische Grammatiker ist der 
im 2. Jh. n. Chr. lebende Apollonios Dyskolos: Apollonii 
Dysooli quae supersunt rec. Richardus Schneider et Gustavus 
Uhlig, Lipsiae 1878—1910. Sein Hauptwerk ist die Syntax. 

Die Römer stehen ganz unter griechischem Einfluß. Das 
große Werk Varros, De lingua Latina, von dem nur Bruch- 
stücke auf uns gekommen sind, ist rein wissenschaftlich. In 
den vergleichbaren Teilen zeigt es neben vielen Übereinstim- 
mungen auch charakteristische Abweichungen von den gramma- 



§ 5.] Charakteristik der älteren deutschen Grammatik. 23 

tischen Schulbüchern der Kaiserzeit. Diese haben untereinander 
die größte Ähnlichkeit, was sich dadurch erklärt, daß sie alle 
direkt oder indirekt mit dem verlorenen Werke eines Mannes ver- 
knüpft sind, des im 1. Jh. n. Chr. lebenden Remmius Palaemon. 
Dieser Begründer des Systems der römischen Schulgrammatik 
stand wieder ganz unter dem Einfluß des Dionysios Thrax, von 
dem Varro nicht in dem Maße abhängig war. Die ausführlichste 
Darstellung der Grammatik rührt von dem im 5. und 6. Jh. leben- 
den Priscianus her. Er nimmt auch insofern eine besondere 
Stellung ein, als er allein unter den Römern eine Syntax geliefert 
hat. Hier wie sonst schloß er sich, soweit es die lateinische 
Sprache zuließ, an Apollonios Dyskolos an. Herausgegeben sind 
die römischen Artes in dem großen Corpus der Grammatici 
Latini von H. Keil. Vgl. auch: Grammaticae Romanae frag- 
menta. Collegit, recensuit H. Funaioli, Lipsiae 1907. 

Das Mittelalter begnügt sich zunächst mit Auszügen, Kompi- 
lationen und Erklärungen der römischen Grammatiker, von denen 
Donatus und Priscianus das größte Ansehen genießen. Der 
Anfang des 12. Jhs. bezeichnet den Beginn einer neuen Epoche. 
Alle alten Grammatiker mit Ausnahme von Donat und Priscian 
treten in den Hintergrund, und von Donat benutzt man bloß die 
Ars minor und das dritte Buch der Ars maior, den sogenannten 
Barbarismus. Schließlich bedient man sich fast nur mehr moderner 
Bearbeitungen. Das in Hexametern abgefaßte Doctrinale des 
Alexander de Villa Dei (1199) wird schlechthin die Grammatik 
des lateinischen Europa. (Neue Ausgabe von D. Reichling: Monu- 
menta Germaniae Paedagogica XII, Berlin 1893.) 

Zugleich treten Philosophie und Grammatik in ein Bündnis. 
Die in Alexandria vollzogene Verselbständigung der Grammatik 
hatte die Sprachphilosophie nicht vernichtet; aber das Charakte- 
ristische der jetzigen Epoche besteht darin, daß man nicht nur 
das Verhältnis von Sprache und Denken im allgemeinen, sondern 
die einzelnen grammatischen Kategorien in ihrer Beziehung zum 
Gedanken und der Realität untersucht: durch Anwendung der 
scholastischen Methode will man die alte Ars grammatica zu 
einer beweisbaren Wissenschaft machen. Die philosophische Gram- 
matik wird in besonderen Werken behandelt, von denen das 
wichtigste ist der Traktat des Duns Scotus «De modis signi- 
ficandi», auch «Grammatica speculativa» genannt (Ioannis Duns 
Scoti Opera omnia, Lugduni 1639, I); sie dringt aber auch in 
den eigentlichen grammatischen Unterricht ein und macht sich 
in den Kommentaren des Doctrinale breit. 

Der Humanismus wendet sich gegen die Sprache und die Unter- 
richtsmethode des Mittelalters. Lorenzo Valla proklamiert in 
seinen Elegantiae linguae Latinae als einzige Richtschnur 



24 Kapitel 2. [§ 5. 

des Grammatikers den Gebrauch der klassischen Schriftsteller. 
Zu den Werken, die auf der Proskriptionsliste der Humanisten 
stehen, gehört das Doctrinale. Man knüpft wieder an die römischen 
Grammatiker an. In Italien entstehen die ersten humanistischen 
Sprachlehren. Deutschland folgt nach. Im Nordwesten versucht 
man eine Zeitlang eine Vermittlung zwischen dem Doctrinale und 
den humanistischen Anforderungen; schließlich wird die Darstel- 
lungsweise des Doctrinale ganz verlassen. Aber gewisse Errungen- 
schaften des Mittelalters bleiben, so die Unterscheidung von mb- 
staniivum und adjectivum, die Begriffe appositio, rectio, ablativus 
absolutus. Im protestantischen Deutschland gewann die größte 
Verbreitung die Grammatik Philipp Melanchthons. Die Gram- 
matica latina erschien zuerst 1525 und enthielt bloß die Ortho- 
graphia und Etymologia. 1526 kam die Syntaxis und Prosodia 
heraus. Schließlich wurden die beiden Teile vereinigt. 1540 über- 
nahm Jacob Micyllus, 1550 Joachim Camerarius, später 
wieder andere die Bearbeitung des bis ins 18. Jh. sehr oft auf- 
gelegten Buchs. Näheres über seine Textgeschichte im Corpus 
Reformatorum XX (Braunschweig 1854), S. 192 ff., 336 ff., 377ff. 
Hier auch Neudrucke der ursprünglichen Fassungen. 

Auf die Dauer konnte die Abkehr von der Scholastik das 
Streben nach philosophischer Durchdringung der Grammatik nicht 
ertöten, noch konnte der Anschluß an die römischen Grammatiker 
für den Schulunterricht und die gründlichere Erkenntnis der sprach- 
lichen Tatsachen genügen. Der in Frankreich lebende Italiener 
Julius Caesar Scaliger unterzieht in seinem Buch De causis 
Linguae Latinae (1540) die herkömmlichen grammatischen 
Lehren einer scharfen Kritik. Obgleich Aristoteliker im modernen 
Sinn, verrät er ganz unverkennbar Einfluß der mittelalterlichen 
Sprachphilosophie. Petrus Ramus weicht in seinen gramma- 
tischen Schriften, die auch der Praxis dienen wollen, stark vom 
Herkömmlichen ab. Unter dem Einfluß Scaligers wie Ramus' steht 
der in den romanischen Ländern zu großem Ansehen gelangende 
Spanier Franciscus Sanctius in seiner Minerva (1587). In 
Deutschland ist in den letzten Jahrzehnten des 16. Jhs. Nicode- 
mus Fr i schiin für die Reform der Schulgrammatik tätig. 

Der bedeutendste Grammatiker des 17. Jhs. ist Gerard Jo- 
hannes Vossius. Sein umfängliches Werk De arte gram- 
matica libri septem (Amsterdam 1635) erstrebt gleichermaßen 
Klärung der Begriffe wie Feststellung der Tatsachen; in der Durch- 
führung liegt freilich das Hauptgewicht auf dem Tatsächlichen, dem 
Sprachgebrauch. 

Vgl. H. Steinthal, Geschichte der Sprachwissenschaft bei 
den Griechen und Römern, Berlin 1863, 2 1891. — 0. Fröhde, 
Die Anfangsgründe der römischen Grammatik, Leipzig 1892. — 



§ 5. 6.] Charakteristik der älteren deutschen Grammatik. 25 

L. Jeep, Zur Geschichte der Lehre von den Redeteilen bei den 
lateinischen Grammatikern, Leipzig 1893. — L. Job, De gramma- 
ticis voeabulis apud Latinos, Lutetiae Par. 1893. — P. Rotta, 
La filosofia del linguaggio nella Patristica e nella Scolastica, 
Torino 1909 (enthält auch einen Abriß der griechischen Sprach- 
Philosophie). — Ch. Thurot in: Notices et extraits des manuscrits 
de la Bibliotheque Imperiale et autres bibliotheques, publies par 
l'Institut imperial de France XXII, 2, Paris 1868. (Das Hauptwerk 
über 'mittelalterliche Grammatik). — J. J. Baebler, Beiträge zu 
einer Geschichte der lateinischen Grammatik im Mittelalter, 
Halle a. S. 1885. — J. Golling, Einleitung in die Geschichte der 
lateinischen Syntax, in: Historische Grammatik der lateinischen 
Sprache hsg. von G. Landgraf, Bd. III, Leipzig 1903. (Hier auch 
weitere Literatur). 

Anm. 2. Die Anfänge der hebräischen Grammatik gehen in 
das 10. Jh. zurück. Die jüdischen Gelehrten, die sie begründeten, 
standen unter dem Einfluß der Araber. In den Kreis der abend- 
ländischen Gelehrsamkeit wurde sie definitiv eingeführt durch Jo- 
hannes Reuchlin, dessen De rudimentis hebraicis 
libri III 1506 erschienen. Er fand viele Nachfolger. Vgl 
W. Bacher, Die hebräische Sprachwissenschaft (Vom 10. bis 
16. Jahrhundert), in: J. Winter und A. Wünsche, Die jüdische 
Litteratur seit Abschluß des Kanons II, S. 133 ff. — Fr. H. W. 
Gesenius, Geschichte der hebräischen Sprache und Schrift, Leip- 
zig 1815. — M. Steinschneider, Bibliographisches Handbuch 
über die theoretische und praktische Literatur für hebräische 
Sprachkunde, Leipzig 1859. 

Anm. 3. Französische Grammatiken gibt es seit dem Anfang 
des 15. Jhs. Bibliographie: E. Stengel, Chronologisches Ver- 
zeichnis französischer Grammatiken vom Ende des 14. bis zum 
Ausgange des 18. Jahrhunderts, Oppeln 1890. — Knappe Dar- 
stellung von Gröber im Grundriß der Romanischen Philologie I, 
S. 21 ff., 48. — Reichliche Auszüge gibt Ch. L. Livet, La gram- 
maire francaise et les grammairiens du XVI e siecle, Paris 1859 
Auf Livet fußt nach Stengel, S. 2, Fußn. 2, H. Breitinger, Zur 
Geschichte der französischen Grammatik 1530—1647, Frauenfeld 
1867. — Für die spätere Zeit vgl. A. Francois, La grammaire 
du purisme et l'Academie francaise au XVIII e siecle, Paris 1905 

6. 1. In ihren theoretischen Bestandteilen ist die 
deutsche Grammatik natürlich abhängig von solchen zeit- 
genössischen Werken, die es von vornherein nur auf wissen- 
schaftliche Erkenntnis abgesehen hatten. Die neuere Zeit 
erweitert den sprachlichen Gesichtskreis. Man lernt das 
Griechische, das Hebräische und andere morgenländische 



26 Kapitel 2. [§ 6. 

Sprachen kennen, die alle schon grammatisch bearbeitet 
waren, und man faßt, was im Mittelalter ganz vereinzelt 
geblieben war, auch die lebenden Sprachen in Regeln. 
Das Lateinische ist nicht mehr die grammatische Sprache 
schlechthin. Der Geist fühlt sich gedrängt, das zuströmende 
Material zu ordnen. Zwei Richtungen der Sprachwissen- 
schaft entstehen: die allgemeine, mit der bald die philo- 
sophische zusammenrinnt, und die vergleichende, oder, wie 
man früher sagte, harmonische. Die erste sucht fest- 
zustellen, was vermöge der Natur des menschlichen Geistes 
allen Sprachen zukommen müsse; sie befaßt sich mit dem 
Verhältnis der Sprache und ihrer Kategorien zum Gedanken 
und setzt so die antike und die mittelalterliche Sprach- 
philosophie fort, aber jetzt angewandt auf die Fülle der 
bekannten Idiome. Die harmonische Sprachforschung unter- 
sucht die gegenseitigen Beziehungen der empirischen Sprach- 
materialien, sie ist wesentlich etymologisch und genealogisch 
gerichtet. 

2. In der philosophischen Sprachwissenschaft wird eine 
bedeutsame Wendung angebahnt durch die im 17. Jh. hervor- 
tretende Sprachkritik. Diese findet ihren schärfsten Aus- 
druck in den Versuchen, künstliche Sprachen oder andere 
von der Überlieferung unabhängige Zeichensysteme zu er- 
sinnen. Im Verlauf seiner Bemühungen um eine Real- 
charakteristik gelangte Leibniz zu einer seiner Zeit weit 
vorauseilenden Kritik der lateinischen Grammatik, die ihm 
vieles als unnötig erscheinen ließ, was die gemeine Ansicht 
als ewige Forderungen des menschlichen Geistes betrachtete. 
Hatte man aber einmal die Erkenntnis gewonnen, daß die 
Sprache kein Abbild der Vernunft oder gar der Wirklich- 
keit sei, so ließ sich die Frage nicht abweisen, wie sie 
denn sonst aufzufassen wäre; die Sprachbetrachtung 
macht die Wendung zur Psychologie. 1 Während vorher die 
von den meisten griechischen Philosophen gehegte Vor- 

1 Sehr bezeichnend für den Zusammenhang zwischen Sprach- 
kritik und psychologischer Sprachbetrachtung sind die von Benfey, 
Geschichte der Sprachwissenschaft S. 249 f. angeführten Worte 
von Leibniz : Neque vero ex instituto profectae et quasi 
lege conditae sunt Unguae, sed naturali quodam impetu natae 
hominum, sonos ad affectus motusque animi temperantium. Arti- 
ficiales linguas excipio .... 



§ 6.] Charakteristik der älteren deutschen Grammatik. 27 

Stellung von dem vernünftigen övouaToftexris herrscht, stößt 
man im 18. Jh. öfters auf die Behauptung, daß die Sprache 
eine Erfindung des Pöbels sei, und die französischen Auf- 
klärer bemühen sich um eine naturalistische Erklärung der 
Sprachentstehung. Den Zusammenstoß zwischen logisch- 
metaphysischer und psychologischer Sprachbetrachtung zeigt 
besonders deutlich der Streit über die natürliche Wort- 
stellung, der seine Wellen auch in die deutsche Grammatik 
wirft. 

3. Die Fortschritte der harmonischen Sprachforschung 
sind gering. Wohl rühmte man sich, nach festen Grund- 
sätzen vorzugehen, aber die Regeln sind zu allgemein, bloß 
schematisch. «Rationem reddere» war das Schlagwort und 
man war stolz, wenn man den einzelnen Fall auf irgend- 
einen allgemeinen Satz zurückführen konnte, unbekümmert 
darum, innerhalb welcher örtlichen und zeitlichen Grenzen 
er galt. Überhaupt war man wenig bedacht, den Geltungs- 
bereich der Sätze abzustecken. Abraham Mylius z. B. 
hat an sich recht, wenn er in seinem Buch «De lingua Belgica» 
(1612) erklärt, die Ähnlichkeit der Wörter verschiedener 
Sprachen könne auf vier Arten zustande kommen: sie sei 
entweder zufällig oder durch Abstammung von einer Sprache 
oder durch die Ähnlichkeit der Begriffe oder durch den 
Verkehr bedingt; aber, während sich die moderne Sprach- 
forschung bemüht festzustellen, welche Ursache in jedem 
einzelnen Fall wirksam ist, begnügt sich Mylius mit der 
Ansicht, daß die Hauptrolle dem Verkehr zufällt. Oder 
wenn Guichard (1606) die etymologische Ableitung par 
addition, substraction, transposition et Inversion des lettres 
verteidigt 1 , so ist dies wiederum an sich nicht falsch, aber 
man darf nicht willkürlich bald das eine, bald das andere 
Prinzip anwenden. In Aisteds Encyciopaedia (1630) findet 
man (I, 136) dreiundzwanzig Regeln, quibus Harmonia lin- 
guarum gubernatur ; sie sind eigentlich nichts als eine Zu- 
sammenstellung dessen, was man bei dem wüsten Etymo- 
logisieren zu tun pflegte. 

1 Benfey, Geschichte der Sprachwissenschaft, S. 232. Die vier 
Prinzipien der Lautänderung werden noch von Morhof, Unterricht 
von der Teutschen Sprache, S. 105 der Ausgabe von 1702, an- 
geführt. Sie sind identisch mit den vier Arten des Barbarismus, 
vgl. Donat, Gramm. Latini ed. Keil IV, S. 392. 



28 Kapitel 2. [§ 6. 

Allmählich gewinnen einige allgemeine Anschauungen 
Boden. Die anfangs herrschende, freilich immer von ein- 
zelnen bestrittene Vorstellung von dem Hebräischen als 
Ursprache wird aufgegeben. Man scheidet beim Etymologi- 
sieren zwischen Wurzel und Suffix. Man ist immer mehr 
geneigt, die Wurzeln für einsilbig zu halten und Ableitung 
und Flexion durch Zusammensetzung zu erklären. 

4. Einen wirklichen Fortschritt konnte nur der Über- 
gang von der bloßen Spekulation zu empirischer und nament- 
lich historischer Sprachforschung bringen. Wie überall hatte 
auch in Deutschland der Humanismus das Nationalgefühl 
mächtig angeregt und den Sinn für die Vergangenheit ge- 
weckt. Altertumsforschung und Ethnographie wurden ge- 
pflegt und in ihren Dienst trat die germanische Sprach- 
forschung, die sich den lebenden Mundarten wie den alten 
Denkmälern zuwandte. Schon im 16. Jh. beginnt in Deutsch- 
land wie auch in England die Editionstätigkeit, und all- 
mählich werden die wichtigsten Texte bekannt gemacht. 
Erwähnt seien hier nur die Ausgaben des Otfrid von 
Flacius Illyricus (1571), des Williram von Merula 
(1598), des gotischen Codex Argenteus von Junius 
(1665), des Isidor und des Tatian von Palthen (1706), 
das große Corpus altdeutscher Denkmäler, der Thesaurus 
antiquitatum Teutonicarum von Schilter (1726 bis 
1728), Bodmers Ausgaben der Nibelungen (1757) und 
der Minnesinger (1758, 1759). 

Aber die wirkliche grammatische Kenntnis der alten 
Dialekte lag lange im argen. Einen Markstein bildet hier 
die Tat des Engländers George Hickes, der 1689 in seinen 
Institutiones grammaticae Anglo-Saxonicae et 
Moeso-gothicae die erste Grammatik altgermanischer Dia- 
lekte veröffentlichte. 1702 folgten die den zweiten Teil 
seines Linguarum Vett. Septe.ntrionalium Thesaurus' 
bildenden Institutiones Grammaticae Franco-Theo- 
tiscae. In den Niederlanden erwarb sich dann Verdienste 
um die Erforschung altgermanischer Sprache Lambert ten 
Kate in seiner Gemeenschap tussen de Gottische 
Spraeke en de Nederduytsche (1710) und der Aen- 
leiding Tot de Kennisse van het verhevene Deel 
der Nederduitsche Sprake (1723), in Deutschland Joh. 
Georg Wächter mit seinem 1737 erschienenen Glossa- 



§ 6.] Charakteristik der älteren deutschen Grammatik. 29 

rium Germanicum, dem schon 1727 ein Specimen unter 
dem gleichen Haupttitel vorangegangen war. Wächter be- 
handelt die deutsche Etymologie mit steter Rücksicht auf die 
überlieferten älteren Sprachformen, und einzelne Resultate 
stehen heute noch fest. 

Es ist kein Zufall, daß die grammatische Erforschung 
der alten Texte so spät einsetzte. Der deutsche Humanismus 
ist ein Sprößling des italienischen. Die Italiener fühlten 
sich als Nachkommen der Römer, die lateinische Literatur 
war ihre Literatur, das Mittelalter eine Zeit der Barbarei, 
die moderne Literatur beginnt mit den großen Dichtern 
des 14. Jhs. In Deutschland wollte man es den Italienern 
gleich tun. Man erhob die alten Germanen, die Zeitgenossen 
der Römer, und ging noch weiter, in fabelhafte Urzeiten 
zurück. Aber aus diesen Zeiten hatte man keine Denkmäler; 
diese entstammten dem verachteten Mittelalter. Von der 
großartigen Kontinuität der Literatur, wie sie sich in Italien 
zeigt, ist in Deutschland keine Rede; die Dichtung der 
mhd. Blütezeit konnte im 16. Jh. nicht mehr unmittelbar 
genossen werden. So schob man alle Herrlichkeit der alten 
Sprache in die Zeit, aus der man keine Texte hatte; die 
Sprache der wirklich vorhandenen Denkmäler war man 
geneigt für regellos, d. h. im Sinne jener Zeit für barbarisch, 
zu halten. Wolfgang Lazius erklärt in seinem Buch «De 
gentium aliquot migrationibus» (1557) die vollen Endungs- 
vokale des Althochdeutschen für eine Nachahmung der 
lateinischen: nit appareat, quantum Romanam termina- 
tionem, vocum genera atque inclinationes omnes in suis 
Franci vocabulis sint aemulati, ut scilicet barbaram linguam 
ornatu quodam ae similitudine Bomanis commendarent». 
Und mit einigen Modifikationen läßt sich die Vorstellung 
von der willkürlichen Vokalanhängung bis in die Vorrede 
von Tiecks Minneliedern (1803) verfolgen. 

Der Gegenwartsdünkel des 18. Jhs. tritt selbst nach 
der Begründung der altgermanischen Grammatik der un- 
befangenen Würdigung der alten Sprache in den Weg. Selbst 
bei Männern, die für das deutsche Altertum begeistert 
waren, offenbart sich ein seltsamer Zwiespalt. Man ver- 
gleiche die heftigen Worte, die Klopstock gegen Fulda 
braucht, weil «jn unsre uralten Sprachtrümmern ... so 
ser anlachen, daß är si als ein besseres Gebeüde anpreist, 



30 Kapitel 2. [§ 6. 

als das, worin wjr jezo, und zwar desto angenämer wonen, 
je me_r wjr Denker sind, und dan an dem jezigen Gebeüde, 
welches so gewis keine Strohütte ist, so gewis jenes zer- 
falne eine war, kaum etwas dulden wil, was nicht trümmer- 
haft aussjt.» 1 

Anm. 1. Eine Geschichte der Sprachphilosophie des 16. bis 
18. Jhs. fehlt, ebenso eine Geschichte der allgemeinen Grammatik. 
R. E. W. Reichenbach, Commentationis de linguae doctrina 
tmiversali pars prima repetita ex historia philosophiae, Hallenser 
Diss. 1842, gibt eine kurze Zusammenstellung der Ansichten einiger 
Philosophen über die Sprache im allgemeinen, insbesondere in ihrer 
Beziehung zum Denken. Ganz ungenügend ist M. L. Loewe, 
Historiae criticae grammaticae universalis seu philosophicae linea- 
menta, Dresden 1829, der die Geschichte der allgemeinen Gram- 
matik in der zweiten Hälfte des 18. Jhs. beginnen läßt. Einiges 
bei Pott in Fichtes und Ulricis Zeitschrift für Philosophie 43, 
S. 102 ff., 185 ff., und bei Benfey, Geschichte der Sprachwissen- 
schaft S. 298 ff. Bibliographische Zusammenstellungen bei Court 
de Gebelin, Monde primitif II (1774), S. XXIII ff. 

Die allgemeine Grammatik will das allen Sprachen Gemein- 
same darstellen, ihre Absicht ist bei Helwig und Ratichius 
noch rein didaktisch, vgl. 56 — 58. Da aber hierbei das Haupt- 
gewicht auf die Lehre von der Bedeutung der Redeteile und ihrer 
Akzidentien fällt, trifft sie mit der philosophischen Grammatik 
zusammen, die es von vornherein mit dem Verhältnis der gram- 
matischen Kategorien zu den ontologischen und logischen zu tun 
hat. Schon Aisted erklärt in seiner Encyclopaedia (1630), I, 
S. 271 : Praecipuum Grammaticae generalis officium in eo est, ut 
Grammaticas notiones (seu entia Grammatica) componat cum 
notionibus seu entibus Logicis. Die philosophische Grammatik 
setzt die mittelalterliche Spekulation fort, greift aber dabei auf 
die antiken Philosophen zurück. J. C. Scaligers Buch De causis 
lingua Latinjae ist eine philosophische Grammatik, aber noch 
beschränkt auf das lateinische Sprachmaterial mit Ausblicken auf 
das Griechische. Eine der ältesten philosophischen Grammatiken, 
die sich selbst als solche bezeichnet, rührt von dem Italiener 
Tommaso Campanella her (Philosophiae rationalis pars prima, 
Paris 1638). In Frankreich errang großes Ansehen Cl. Lance- 
lots und Arnaulds Grammaire generale et raisonnee («Gramma- 
tik von Port-Royal»), 1660, die viele Nachfolger fand, unter denen 
Beauzee mit seiner Gram.mia.ire generale (1767) einer der 
wichtigsten ist. Auch auf Deutschland hat sie gewirkt. Adelung 
hat den Monde primitif von Court de Gebelin benutzt. Von 

i Sämtliche Werke, Leipzig, Göschen, 1855, IX, S. 378 f. 



§ 6. 7.] Charakteristik der älteren deutschen Grammatik. 31 

englischen Schriften sei genannt der Hermes von James Har- 
ri s (1751) ; andere Engländer, wie der berühmte Nationalökonom 
Adam Smith («Considerations concerning the first Formation _of 
Language» hinter seinem Buch «The theory of moral sentiments»)' 
scheinen auf die deutsche Theorie keinen Einfluß geübt zu haben 
In Deutschland nahm Christian Wolff einen Abriß der all- 
gemeinen Grammatik in seine deutsche Metaphysik auf (Vernünff- 
tige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, 
§§ 295—315, S. 161 ff. der 7. Auflage von 1738). J. H. Lambert 
widmete ihr das dritte Buch seines Neuen Organon (1764), die 
«Semiotik». Starken Einfluß auf Adelung übte Johann Werner 
Meiners «Versuch einer an der menschlichen Sprache abgebil- 
deten Vernunftlehre oder Philosophische und allgemeine Sprach- 
lehre» (1781). Über Herder wird noch ausführlicher zu 
sprechen sein. 

Anm. 2. Über künstliche Sprachen vgl. R.M.Meyer, I F. 12, 
S. 270 ff., L. Coutureau et L. Leau, Histoire de la langue uni- 
verselle, Paris 1903, speziell über Leibniz L. Couturat, La 
logique de Leibniz d'apres des documents inedits, Paris 1901. 

Anm. 3. Die französischen Aufklärungsphilosophen, die hier 
in Betracht kommen, sind namentlich Batteux, Condillac (nicht 
so sehr wegen seiner Grammatik [1775] als wegen seines «Essai 
sur l'origine des connaissances humaines» 1746) und Diderot 
Vgl. Kapitel 16. 

Anm. 4. Über die vergleichende Sprachforschung vgl. Th. 
Benfey, Geschichte der Sprachwissenschaft (Geschichte der Wis- 
senschaften in Deutschland. Neuere Zeit. 8. Band), München 1869, 
S. 205 ff., über die Erforschung der älteren germanischen Sprachen 
R. v. Raum er, Geschichte der Germanischen Philologie, und 
Paul, Grundriß I 2 , S. 14 ff., speziell über Hickes und Ten Kate 
Adrianus van der Hoeven, Lambert ten Kate, 's Gravenhagen 
1896. 

Drittes Kapitel. 
Gliederung des Stoffes. 

7. Jede Periodisierung hat ihre Schwierigkeiten. Das 
chronologische und das sachliche Prinzip geraten oft in 
Streit. Das zeitliche Kontinuum kann nur auf Grund cha- 
rakteristischer Eigenschaften des die Zeit erfüllenden Stoffes, 
hier der grammatischen Schriften, in Abschnitte zerlegt 
werden; aber die kennzeichnenden Merkmale binden sich 
nicht immer an zeitliche Grenzen. So ist es gewiß für die 
Zeit vor 1573 charakteristisch, daß sie keine vollständigen 



32 Kapitel 3. [§ 7. 

Grammatiken hervorgebracht hat; aber auch nach 1573 er- 
scheinen Bücher, die nur die Orthographie behandeln. Die 
Einführung des Analogieprinzips durch Schott elius macht 
Epoche; allein auch nach ihm begnügen sich manche mit 
der Feststellung des Sprachgebrauchs. Auch die sachlichen 
Prinzipien selbst durchkreuzen einander. Ohne Kompro- 
misse geht es nicht ab. So müssen manche Schriften ihrer 
sachlichen Beschaffenheit zuliebe früher behandelt werden, 
als ihrem Erscheinungsjahr zukommt. 

Aber selbst mit dieser Einschränkung des chrono- 
logischen Prinzips würde keine Übersicht zustande kommen 
über den Gehalt der alten Grammatik an Lehrsätzen und 
ihr Wachstum. Es muß eine systematische Behandlung 
hinzutreten. 

Demgemäß gliedere ich dieses Buch in zwei Haupt- 
teile: einen historischen, der, so weit es möglich ist, 
chronologisch vorgeht und die Stellung des einzelnen Werkes 
in der Entwicklung der Grammatik charakterisiert, und einen 
systematischen, dem als Leitfaden die grammatischen 
Kategorien dienen. 

Der erste Hauptteil zerfällt in fünf Abschnitte (Kap. 
4 — 8). Der erste behandelt die Zeit vor dem Erscheinen der 
ersten vollständigen Grammatik, der zweite den folgenden 
Zeitraum bis zum Auftreten des Schottelius. Dieser Mann 
begründet die rationalisierende Grammatik; ihm und seinen 
Nachfolgern bis auf Gottsched, diesen einbegriffen, ist der 
dritte Abschnitt (Kap. 6) gewidmet. Der hier behandelte 
Zeitraum ist charakterisiert durch das Übergewicht der 
Niedersachsen und Ostmitteldeutschen. Nach Gottsched 
tritt der Süden wieder in die grammatische Bewegung ein 
und ringt um Anerkennung seiner Spracheigentümlich- 
keiten. Dies bildet ein charakteristisches Moment des Zeit- 
raums, der im vierten Abschnitt (Kap. 7) besprochen wird. 
Jene Jahre bedeuten eine Art Blüte der älteren Grammatik; 
eine Menge sprachlicher Tatsachen werden beobachtet, das 
historische Moment beginnt sich geltend zu machen. Im 
Kampf gegen die Süddeutschen, aber auf das stärkste von 
ihnen beeinflußt, behauptet Adelung den Vorrang der ost- 
mitteldeutschen Literatursprache. Er nimmt alle Anregungen 
der nachgottschedischen Grammatiker auf, übertrifft alle 
früheren Arbeiten an Vollständigkeit, er absorbiert die 



§ 7.] Gliederung des Stoffes. 33 

Leistungen seiner Vorgänger und vernichtet sie dadurch 
für das Gedenken der Nachwelt. Ihm ist der letzte Abschnitt 
(Kap. 8) eingeräumt. 

Der zweite, systematische Hauptteil hat nach zwei 
Seiten hin Ausschau zu halten. Es handelt sich da einer- 
seits um den Fortschritt in der Beobachtung der Tatsachen 
und Tatsachengruppen, andererseits um die Veränderungen 
in der gedanklichen Bearbeitung. Vollständigkeit bezüglich 
des ersten Punktes ist im Rahmen dieses Buches unmög- 
lich. Auch hinsichtlich der Entwicklung der grammatischen 
Begriffe werden namentlich die von der Syntax handelnden 
Abschnitte nur eine Auswahl des Interessanten treffen. 



Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 



Erster Hauptteil. 

Viertes Kapitel. 

Die Anfänge der deutschen Grammatik. 

I. Das Deutsche im Dienste des lateinischen Unterrichts. 

8. Obwohl man in den mittelalterlichen Schulen dar- 
nach strebte, den Schüler möglichst bald zur allseitigen 
Beherrschung des Latein zu führen, und daher wünschte, 
daß er von Anfang an lateinisch rede, konnte man doch 
die Muttersprache nicht ganz entbehren. Das grammatische 
Elementarbuch des Mittelalters war die Ars minor des 
Römers Aelius Donatus, die in Form von Frage und 
Antwort die Lehre von den Redeteilen darstellte. Von diesem 
Buch gibt es seit dem 15. Jh. vollständige deutsche Über- 
setzungen; vgl. Müller, Quellenschriften, S. 217ff. Teile 
aus der ältesten erhaltenen, in einem Kremsmünsterer Kodex 
überlieferten Übertragung bei Müller, S. lff. In diesen 
deutschen Donaten wurden natürlich mit dem eigentlichen 
Text auch die Paradigmen verdeutscht, nicht um deutsche 
Grammatik zu lehren, sondern um ein Wortverständnis des 
lateinischen Textes zu erzielen. 

9. In der zweiten Hälfte des 15. Jhs. entstehen im 
Nordwesten Deutschlands Arbeiten, die mit Hilfe der Mutter- 
sprache ein sachliches Verständnis zu vermitteln trachten. 
Die älteste Schrift dieser Art ist der Tractatulus dans 
modum teutonisandi casus et tempora, von einem 
doctor decretorum Henricus für seinen «nepos» Henricus 
zu Münster i. W. im Jahre 1451 verfaßt. Neudruck im 
Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 
1877, S. 36—56; ein Auszug bei Müller, Quellenschriften 
S. 239 ff. Vgl. auch J. Frey, Programm des Paulinischen 
Gymn. Münster i. W. 1895, S. 18ff. 

Trotz des lateinischen Titels ist die Schrift deutsch 
abgefaßt, wodurch sie eine einzigartige Stellung unter den 
in Deutschland verfaßten lateinischen Grammatiken jener 



§ 9.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 35 

frühen Zeit einnimmt. Sie erklärt die Bedeutung der Kasus, 
Tempora, Modi; dabei ergibt sich dem Verfasser die Er- 
kenntnis, daß Unterschiede zwischen Latein und Deutsch 
bestehen, die nicht bloß im Wortmaterial liegen. Wichtig 
ist in dieser Beziehung die Bemerkung über das Perfektum: 
wen du spreiten wylt. yk las. so ys yd sere allyke vele efft 
du spr ehest legebam edder legi, doch is hir al wat vnder- 
scheydes des men nicht wol scriuen edder spreken en kan . . . 
Men wen du spreken wylt ik hebbe gelesen: so en machstu 
nicht spreken legebam. men du machst seggen legi, wente 
legebam dat heih alleyne ik las. men legi dat en heth nicht 
alleyne ik las. men yd heth ock ick hebbe gelesen. 

Andere Bücher sind zwar lateinisch geschrieben, be- 
dienen sich aber des Deutschen, um dem Anfänger die 
Unterscheidung der grammatischen Kategorien zu er- 
leichtern, und wollen eine Anleitung zum Übersetzen aus 
einer Sprache in die andere geben. Das erste Werk dieser 
Art ist das Exercitium puerorum grammaticale per 
dietasdistributum, zuerst 1485 in Antwerpen erschienen, 
dann oft nachgedruckt, auch in Oberdeutschland, wobei 
die niederländischen Formen, freilich nicht immer glück- 
lich, verhochdeutscht wurden. Vgl. Müller, Quellenschriften 
S. 244 ff. ; teilweise abgedruckt nach der ältesten ober- 
deutschen Ausgabe (Hagenau 1491) bei Müller, S. 17 ff. 
Hier wird etwa der Unterschied zwischen Substantiv und 
Adjektiv folgendermaßen klar gemacht: Dico si ad vulgare 
nominis possit addi man oder wib. illud est adiectiuum. 
si non. est substantiuum. So sei fortis ein Adjektiv, weil 
man sagen könne starck man, starck wib, dagegen sei equus 
ein Substantiv, weil pfert man, pfert wib unmöglich sei. 
Ein besonderes Kapitel handelt de modo traducendi latinum 
in vulgare nostrum et e contrario. Hier ist besondere Auf- 
merksamkeit den signa teutonicalia der lateinischen Kate- 
gorien geschenkt, d. h. jenen für jede Kategorie gleich- 
bleibenden, von der speziellen Wortbedeutung unabhängigen 
Wörtern, Artikeln, Hilfsverben, Partikeln, die bei der Über- 
setzung der lateinischen Formen gebraucht wurden. So sind 
die signa teutonicalia des Nominativs eyn, der, die, das, 
die des Perfekts hob oder ist. Wenn eine lateinische Form 
durch ein einfaches Wort übersetzt werden muß, wie Präsens 
und Imperfekt, so hat sie keine signa teutonicalia. 

3* 



36 Kapitel 4. [§ 9. 10. 

Das Exercitium hat Nachfolger gefunden, auch in 
Süddeutschland, wo Johannes Coclaeusin seinem Qua- 
drivium Grammatices (zuerst Nürnberg 1511 erschienen) 
einen «Tractatus de formis declinandi et coniugandi Teu- 
toniceque interpretandi casus et tempora» bringt. Abgedruckt 
bei Müller, S. 43ff. 

In andern lateinischen Grammatiken fehlt ein besonderes 
Kapitel über die Verdeutschungen des lateinischen Flexions- 
systems, doch ziehen sie das Deutsche zur Erklärung heran. 
In reichstem Maße tat dies unter Berufung auf den Vor- 
gang der Italiener Johannes Turmair (Aventinus) in 
seiner Grammatica omnium vtilissima et breuissi- 
ma, München 1512, der er fünf Jahre später die umfäng- 
licheren Rudimenta grammaticae folgen ließ. Ein Ab- 
schnitt aus der Grammatica bei Müller, S. 49ff. Die Rudi- 
menta sind neu gedruckt in der Ausgabe der Münchner 
Akademie «Johann Turmairs, genannt Aventins, sämtliche 
Werke» I, 373 ff. Deutsche Erläuterungen finden sich hier 
und dort eingestreut auch noch bei Melanchthon und in 
andern Grammatiken des 16. und 17. Jhs. 

Anm. Das Exercitium ist zwar das erste gedruckte Buch 
seiner Art, weist aber auf eine schon bestehende mündliche Tra- 
dition zurück. Vgl. Müller, S. 25 : vtinam ego vocarem. o solt 
ich ruffen. . Äliqui exponunt. vergäbe got das ich rufe. 

10. Diese lateinischen Lehrbücher sind von Bedeutung 
für die Entwicklung der deutschen Grammatik. Ihre Ver- 
fasser machten anläßlich der Vergleichung des Lateinischen 
mit seinem deutschen Äquivalent richtige Beobachtungen 
über deutsche Spracheigentümlichkeiten. So findet man 
z. B. im Exercitium, allerdings noch höchst rudimentär, 
die Erkenntnis des Unterschieds zwischen starken und 
schwachen Verben : istud preteritum imperfectum quandoque 
vulgarizatur per de in fine . . . sed plurima sunt alia vbi 
non sie; Müller, S. 23. Oder: Coclaeus, der prudens in 
Verbindung mit vir, mulier, animal samt deutscher Über- 
setzung durch alle Kasus dekliniert, macht Beobachtungen 
über die Deklination der deutschen Adjektiva. Ferner ge- 
langten aus diesen Büchern und ihren Nachfolgern elemen- 
tare Definitionen wie die oben erwähnte des Adjektivs und 
Substantivs in die deutschen Grammatiken, wo sie sich 
teilweise bis ins 18. Jh. hielten. 



§ 10.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 37 

Von besonderer Wichtigkeit sind aber folgende Punkte. 
Dadurch, daß man die lateinischen Formensysteme ver- 
deutschte, mußte man erkennen, daß sich auch im Deutschen 
solche Formensysteme aufstellen ließen, daß es auch im 
Deutschen etwas gab, was man Deklination oder Kon- 
jugation nennen durfte, mit anderen Worten, daß auch 
das Deutsche grammatischer Darstellung fähig war. Diese 
Erkenntnis war durchaus nichts Selbstverständliches. Man 
denke an Otfrids Bemerkung über die deutsche Sprache: in- 
culta et indisciplinabilis atque insueta capi regulari freno 
grammaticae artis! 1 

Da man aber in jenen lateinischen Grammatiken es 
nur darauf abgesehen hatte, das lateinische Wort deutsch 
wiederzugeben, und dies bei der Formenarmut des Deutschen 
meist durch Umschreibungen geschehen mußte, so nahm 
man diese Umschreibungen ebenso in die Paradigmen auf 
wie die einfachen Formen. Man nahm um so weniger An- 
stoß daran, als die lateinische Grammatik selbst nicht nur 
Wörter, sondern auch Wortverbindungen durchflektierte. So 
gewöhnte man sich an «Ablative» wie a domo — von dem 
huse, an «Optative» wie vtinam amarem — wolt got das ich 
het lieb u. dgl. Als nun Grammatiken erschienen, die das 
Deutsche um seiner selbst willen lehrten, da war es nur 
natürlich, daß ihre Verfasser jene Formenschemen mit aus 
den lateinischen Büchern herübernahmen, die ihnen selbst 
in ihrer Jugend den ersten Begriff von dem Bestand einer 
Regel in der deutschen Sprache gegeben hatten. Die 
Flexionslehre der deutschen Grammatik ist geradezu aus 
jenen lateinisch-deutschen Büchern herausgewachsen. Was 
den Schematismus betrifft, handelte es sich um eine ein- 
fache Vertauschung von Lemma und Glosse. Hatte man in 
den lateinischen Büchern a domo durch von dem hause 



1 Ölinger sagt S. 1, die Buchhändler, bei denen er eine 
deutsche Grammatik kaufen wollte, hätten ihm meistens geant- 
wortet, se dubitare, lingua Germanica ut est difficilis et grauis, 
possitne facile in certas leges Grammaticorum redigi. — Clajus, 
S. 4 : cum praesertim lingua nostra Germanica kabita sit semper 
difficülima et nullis Grammaticorum regidis comprehendenda. 
Ritter, () () 3 b : Multi hactenus eam imbibere sententiam, ac si 
lingua Germanica adeo tumultuarie sit comportata t ut nullis 
praeceptionum aut regularum cancellis includi valeat. 



38 Kapitel 4. [§ 10—12. 

übersetzt, so glossierte man jetzt von dem hause durch 
a domo. Auf diese Weise sind also die Ablative, Optative, 
die Verbindungen der Nominalformen des Verbs mit Hilfs- 
verben, die Verbindung des Nomens mit dem Artikel, des 
Verbums mit dem Pronomen in die Paradigmen der 
deutschen Grammatik gekommen. Sehr langsam hat sie 
diese Spuren ihrer Herkunft verwischt, vollständig ist es 
auch heute noch nicht geschehen. 

II. Die deutschen Orthographien. 

11. Orthographische Regeln haben eine Inkongruenz 
von Schrift und Sprache zur Voraussetzung. Diese In- 
kongruenz bestand im Deutschen von jeher. Die deutsche 
Orthographie ist keine ursprüngliche Schöpfung, wie Wul- 
filas gotisches Schreibsystem, sondern das Ergebnis einer 
Adaptierung des von Romanen überkommenen Usus an 
die Bedürfnisse der deutschen Sprache. Römer und Ro- 
manen hatten seit langem germanische Laute, so wie sie 
sie hörten, aufgezeichnet, und die Westgermanen standen 
schon einer Tradition gegenüber, als sie daran gingen, 
ihre Sprachen mit lateinischen Buchstaben zu schreiben. 
Die Anpassung des von Fremden herrührenden Schreib- 
gebrauchs an die heimische Sprache, der durch die Ver- 
änderung dieser Sprache selbst neue Aufgaben erwuchsen, 
ist wohl am vollkommensten durchgeführt in den Hand- 
schriften der guten mhd. Zeit; zu voller Konsequenz ist sie 
auch damals nicht gediehen. Daß bei dem ganzen Prozeß 
die Reflexion eine Rolle spielte, ist an sich klar und wird 
uns direkt bezeugt durch Otfrids Zuschrift an Liutbert 
Und Notkers Brief an den Bischof von Sitten. Beim 
Schreibunterricht hat man sicher auch orthographische An- 
weisungen gegeben. Hie und da mögen sie aufgezeichnet 
worden sein; es ist wahrscheinlich, daß die durch Einhard 
bezeugte Grammatik Karls d. Gr. solche Regeln enthielt. 
Aber erhalten ist uns aus dem Mittelalter nichts. 

12. Jeder Schreiber, der eine Handschrift kopierte, die 
nicht seiner Heimat entstammte, mußte sich in die Ortho- 
graphie seiner Vorlage einlesen. Es konnte da nicht aus- 
bleiben, daß die charakteristischen Unterschiede der lokalen 
Schreibsysteme auch deutlich zum Bewußtsein kamen. Vor 
Jahren hat mich Heinz el auf die von ihm in seiner Schrift 



§ 12. 13.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 39 

über die ostgotische Heldensage, S. 30, abgedruckte Stelle 
des Chronicon imperatorum et pontificum bavaricum aus 
dem Ende des 13. Jhs. (Monumenta Germaniae historica, 
Script. 24, S. 222) hingewiesen: guia Mo in tempore (näm- 
lich als Gulfila die Bibel ins Gotische übersetzte) Latini 
diptongis ae, oe, au, eu utebantur, eciam ipsos diptongos 
in Gothicum traduxit ydioma, et ideo contra omnium filio- 
rum Iaphet consuetudinem eis usque hodie Bawari utuntur. 
Doch bleibt es unsicher, ob diese Bemerkung auf die Sprache 
oder auf die Schrift zielt. Die älteste einwandfreie Äuße- 
rung über lokalen Schreibgebrauch stammt aus der zweiten 
Hälfte des 14. Jhs. Ich verdanke ihre Kenntnis Herrn Prof. 
S. Steinherz. Auf einer der Ausfertigungen der Urkunde 
über die Vereinigung Tirols mit den habsburgischen 
Ländern vom 26. Januar 1363 (Hof- und Staatsarchiv in 
Wien) steht von einer Hand des 14. Jhs. : Nota informa- 
tionell, cancell. Austrie. Wer disen brief iemer gelese, der 
merche und verste, daz nach der gewonheit dez land ze Payrn 
an manigen stetten ain lindes b gesetzet ist für ain zwivalt 
w. und hin wider ain zwivalt w für ein lindes b. Darumb 
nach bezaichnuzze der Worten und dez sinnes begreiffe das 
ain ieglicher vernünftiger leser. 

13. Seit dem 15. Jh. treten orthographische Anwei- 
sungen an das Tageslicht. Sie sind dadurch hervorgerufen, 
daß im spätem Mittelalter das Deutsche immer mehr in den 
schriftlichen Verkehr eindrang und der Schulunterricht all- 
gemeiner wurde. Aus dem 13. Jh. stammen die ersten 
deutschen Urkunden, und seitdem gewinnt das Deutsche 
der lateinischen Geschäftssprache immer mehr Boden ab. 
Die Kenntnis des Lesens und Schreibens, die im Mittelalter 
auf einen kleinen Kreis beschränkt war, breitet sich aus. 
Hand in Hand damit geht eine Verschlechterung der Ortho- 
graphie. Das Schreiben war früher eine exklusive Kunst 
gewesen; wie die schöne Buchschrift des 12. und 13. Jhs. 
in der Mehrzahl der Handschriften durch eine flüchtige 
Kurrentschrift verdrängt wird, so tritt an die Stelle der 
einfachen, buchstabenarmen, der Sprache so ziemlich an- 
gepaßten Orthographie der guten mhd. Zeit eine in zweck- 
losen Häufungen schwelgende inkonsequente Schreibung. 
Früher konnte der wenig Regeln erheischende ortho- 
graphische Unterricht der mündlichen Tradition überlassen 



/ 



40 Kapitel 4. [§ 13. 14. 

bleiben; jetzt bedurfte, wenn der orthographischen Anarchie 
einigermaßen gesteuert werden sollte, die große Masse der 
Schreibenden des sichern Leitfadens einer schriftlichen An- 
weisung. Freilich wurden die Lehrbücher anfänglich nicht 
gerne gesehen, weil die Schulmeister in ihnen eine Beein- 
trächtigung ihres Gewerbes erblickten. Noch im Jahre 1532 
klagt Hans Fabritius (S. 18 der Ausgabe von J. Meier): 
«Aber es sindt yeczundt ettlich, so bald ein kunstbuch 
ym druck aus gaet, so kauften sye das auff, das das selbe 
buch nicht für die einfeltigen solde komen.» 

Die deutschen Orthographiebücher verdanken also ihre 
Existenz den Bedürfnissen der Kanzlei und des Unterrichts. 
Demgemäß kann man zwei Gruppen unterscheiden: An- 
weisungen zur deutschen Schreiberei, die einen Teil der 
Anleitung zum Geschäftsstil überhaupt bilden, und An- 
weisungen zum Lesen deutscher Schriften, Arbeiten der 
Schreiber und Arbeiten der Schulmeister. Man darf aber 
nicht vergessen, daß beide Stände nicht streng geschieden 
waren. Das Amt des Stadtschreibers und des Schulmeisters 
war oft in derselben Person vereinigt, und heruntergekom- 
mene Kanzleibeamte errichteten gerne Privatschulen. Auch 
gehörte zu den Obliegenheiten des Schulmeisters der Unter- 
richt in der Abfassung «deutscher Briefe». 

Anra. R. v. Raumer hat die Ansicht ausgesprochen, daß 
die Entstehung der deutschen Grammatik, insbesondere der An- 
weisungen zur Orthographie, mit dem Aufkommen der nhd. Schrift- 
sprache zusammenhänge. Dies ist unrichtig, wenn man mit dem 
Wort Schriftsprache den Begriff einer über allen Dialekten stehen- 
den Gemeinsprache verbindet. Eine solche hat es ja im 15. und 
16. Jh. nicht gegeben. Wie wenig das Bedürfnis nach orthogra- 
phischer Belehrung an den Gegensatz von Dialekt und Gemein- 
sprache gebunden ist, zeigen unsere heutigen amtlichen Regel- 
bücher, die die Kenntnis der Gemeinsprache voraussetzen und auf 
dialektische Gepflogenheiten nur hie und da in Anmerkungen 
Rücksicht nehmen. Was sie lehren, sind eben Dinge, die sich 
auch für den, der die gesprochene Gemeinsprache beherrscht, 
nicht von selbst verstehen. 

A. Arbeiten der Schreiber. 

14. Schon im frühen Mittelalter legte man Samm- 
lungen mit Mustern für die Abfassung von Briefen und Ur- 
kunden an. Ihnen gesellten sich theoretische Belehrungen 



§ 14.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 41 

über die Kunst der Abfassung von Geschäftsstücken bei, 
die später auch getrennt von den Mustersammlungen ver- 
breitet wurden. Diese Anweisungen hießen artes dictandi 
oder dictaminis, auch Rhetoriken. Sie enthielten die Lehre 
von den Teilen des dictamen, in der auch die Titulaturen 
u. ä. behandelt wurden, dann aber auch Anweisungen zum 
Schmuck der Rede, die flores dictaminis. Als das Deutsche 
Geschäftssprache wurde, entstanden im engen Anschluß 
an die lateinischen Anweisungen dieser Art deutsche Rhe- 
toriken. Orthographische Regeln bringen die dem 15. Jh. 
entstammenden Bücher noch nicht, aber die Notwendigkeit 
der Orthographia betont das älteste gedruckte Werk dieser 
Art. Von ihm zeigt die Abhandlung P. Joachimsohns, 
Aus der Vorgeschichte des Formulare und Deutsch Rhe- 
torica, HZ. 37, S. 24 ff., daß der Druck zurückgeht auf die 
Kompilation eines gewissen Bernhard Hirschfelder von 
Nördlingen, der seine Weisheit in einer Kanzleischule emp- 
fangen hatte, in der Niklas von Wyle als höchstes 
Muster galt und eine ältere Rhetorik nach den Gesetzen 
des neuen Stils umgearbeitet wurde. 

Von Niklas von Wyle, der 1449—1469 als Stadt- 
schreiber zu Eßlingen, dann als zweiter Kanzler des Grafen 
Ulrich V. von Württemberg tätig war, sind uns nun auch 
die ältesten etwas umfänglichem orthographischen Bemer- 
kungen erhalten. Sie stehen in einem vom 18. Februar 1478 
datierten Brief an den Ulmer Bürger Hans Harscher, der 
in Niklas' Translationen abgedruckt ist. (Neudruck: Biblio- 
thek des Lit. Vereins 57, S. 349 ff., die orthographischen 
Bemerkungen auch bei Müller, S. 14 ff.) Hier teilt Niklas 
seinem ehemaligen Schüler eine Abhandlung über die Titu- 
latur mit. Anknüpfend an die Beobachtung, daß der deutsche 
Kanzleistil viel variabler ist als der lateinische, empfiehlt 
er, daß man sich nach Landesbrauch richte, soweit dieser 
verdiene, beobachtet zu werden. Denn allerdings hätten 
sich Mißbräuche eingeschlichen. Einige bespricht Niklas; 
sie sind teils sprachlicher, teils orthographischer Natur. 
Als Maßstab dient ihm teils der für ihn autoritative alte 
lokale Brauch, teils die unbezweifelte orthographische Regel. 
So verwirft er einerseits die modische Ersetzung des alt- 
schwäbischen ai durch ei als eine «grosse vnnütze endrung 
vnsers gezüngs dar mit wir loblich gesündert waren von 



42 Kapitel 4. [§ 14. 15. 

den gezüngen aller vmbgelegnen landen», anderseits die 
Anwendung des Schluß-s im Inlaut, «darzü das .s. ouch 
nit funden vnd erdacht ist.» Neben diesen positiven Kri- 
terien erscheint schon ein rationalistisches oder utili- 
tarisches; die Unsitte, nn statt n zu schreiben, ist «mer 
die verstentnüß irrend dan~ fürdernd». Denn die Konso- 
nantenverdopplung ist phonetisch nicht bedeutungslos: sie 
verstärkt den vorhergehenden Vokal. Dies wird durch Bei- 
spiele erläutert in Form von Sätzen, die Wörter enthalten, 
welche sich nur durch die Einfach- oder Doppelschreibung 
des auslautenden Konsonanten unterscheiden, z. B. «An 
dinen hof hoff ich zekomen vnd wil din will syg ouch dar 
by». Es ist wohl zu beachten, daß damit nach der Meinung 
des Autors lautliche Unterschiede bezeichnet sind; die 
Wörter sind nicht gleich, sondern nur ähnlich. Eine voll- 
ständige Orthographie haben wir hier nicht; der Inhalt des 
Briefs gab dazu keinen Anlaß. Aber seinen Schülern hat 
gewiß Niklas von Wyle eine geordnete Unterweisung nicht 
vorenthalten. 

15. Seinen Einfluß zeigt die erste deutsche Rhetorik, 
die eine vollständige orthographische Belehrung geben will, 
der Schryfftspiegel. Seine Abfassung fällt in das Jahr 
1527. E. Schröder, Jacob Schöpper von Dortmund, Mar- 
burger Rektoratsprogramm 1889, S. 32, Fußnote 5 erklärt 
ihn für eine Braunschweiger Kompilation. Gedruckt ist er 
in Köln; Vermutungen über das Druckjahr äußert J. Meier, 
Einleitung zu J. Fabritius, S. XXII, Fußnote. Die ortho- 
graphischen Stellen bei Müller, S. 295f., 383ff. — Der 
Verfasser eifert zu Beginn seines Buchs gegen einige ein- 
gerissene Mißbräuche; was er da erwähnt, ist zu drei Vier- 
teilen aus Niklas von Wyle entnommen. Er bringt ferner 
einen Abschnitt «Gelich stymmende wörther vnd vngelicher 
bedeuttung, Wie man die vnd der gelieh vnderscheydlich vnd 
verstentlich schriben sal, Verba equisonantia genant». Hier 
ist wieder die Satzform angewandt, z. B. : «Das Radt, 
had der Math wail machen laissen, das ghein Eatt, dair 
in komen kann.» Die ausdrückliche Beziehung auf phone- 
tische Unterschiede der equisonantia fehlt. Das Neue, was 
sich im Schryfftspiegel findet, aber bei seinem kompila- 
torischen Charakter ebenfalls auf Tradition zurückweist, 
ist eine Besprechung der einzelnen Buchstaben in der 



§ 15. 16.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 43 

Reihenfolge des Alphabets. Zum guten Teil handelt es 
sich dabei um die Abbreviaturen und die Verwendung der 
Buchstaben als Zahlzeichen. Wirkliche orthographische 
Regeln sind ganz spärlich; meistens begnügt sich der Ver- 
fasser damit anzumerken, daß für einen Buchstaben oft 
ein anderer geschrieben werde, was er manchmal für einen 
Mißbrauch, häufiger für zulässige Freiheit erklärt. Denn 
von einer einheitlichen Schriftsprache weiß er nichts. Er 
verlangt, «eyn schriuer wilcher land art der in duytzscher 
nacioin geboren is, sal sich zo vur vyss flyssigen, dat he 
ouch ander duitsch, dan als men in synk land synget, 
schriuen lesen vnd vur nemen moeg», wobei er freilich vor 
allem an den Gegensatz von Hoch- und Niederdeutsch ge- 
dacht haben mag. 

16. Ähnlichkeit mit dem Schryfftspiegel zeigt sich in 
den orthographischen Bemerkungen in dem «Handbüch- 
lin gruntlichs berichts, recht vnd wolschrybens» 
des württembergischen Hofgerichtssekretarius Johann 
Helias Meichßner. Das Buch, eine deutsche Rhetorik 
mit Briefformularen, erschien zuerst 1538 und wurde bis 
1588 oft aufgelegt. S. Müller, Quellenschriften S. 394f. 
(Einen Müller unbekannt gebliebenen Druck von 1545 besitzt 
die Wiener Hofbibliothek.) Auch auf dieses Werk hat Niklas 
von Wyle starken Einfluß geübt (vgl. HZ. 37, S. 100 ff.). Satz- 
form und alphabetische Anordnung sind kombiniert. Die 
Beispiele sind nämlich wieder in Sätzen gegeben, sie folgen 
aber einander nach der alphabetischen Reihenfolge der 
Buchstaben, deren richtige Schreibung gelehrt werden soll. 
Auch handelt es sich nicht mehr ausschließlich um die 
Konsonantengemination, sondern auch um die Unterschei- 
dung ähnlich lautender Buchstaben. Die Einordnung dieser 
Beispiele ist durch den Rang des im Alphabet vorher- 
gehenden der beiden konkurrierenden Zeichen bestimmt. 
So folgt auf A: «Vnderschied zwüschen jB vnd P.» Ich 
sing ein Bass vnd trincJc ein pass. In den Beispielen über- 
wiegen noch die ähnlich klingenden Wörter, aber es gibt 
Ausnahmen. Auf das Alphabet folgen einige wenige Regeln, 
die z. T. auf Niklas «von Wyle zurückgehen, z. T. schon 
aus F. Frangks Orthographia entlehnt sind. 

Meichßner bezeugt uns mit klaren Worten, daß in der 
deutschen Schreibstube das Bedürfnis nach einer gram- 



44 Kapitel 4. [§ 16. 17. 

matischen Belehrung empfunden wurde, die die Kenntnis 
der Terminologie vermittelte. Begreiflich genug. Der Lehrer 
kam in die Lage, dem angehenden Schreiber Verstöße gegen 
die congruitas, die von den deutschen Rhetoriken gefordert 
wurde, zu verbessern; welche Umschweife waren da nicht 
nötig, wo sich alles durch eine knappe Regel erledigen 
ließ. Meichßner selbst füllt die von ihm empfundene Lücke 
nicht aus. Seine grammatischen Bemerkungen sind höchst 
dürftig. Interessant ist seine Anweisung «casualiter form- 
lich züschryben», d. h. Sätze verwandten Inhalts so zu 
bilden, daß ein und dasselbe Substantiv nach und nach 
in allen Kasus zu stehen kommt, z. B. «Der mann hat mir 
geholfen, Dess mans hilff hab ich genossen.» Hier liegt 
eine alte Tradition vor, die an die Rhetorik ad Herennium 
(lib. IV, cap. 22, S. 322, 9 ff. der Ausgabe von Marx) an- 
knüpft. 

17. Die bedeutendste Leistung aus den Kreisen der 
deutschen Schreiber ist Fabian Frangks Orthographia. 

Frangk stammte aus Aslau in Schlesien, unterrichtete um 
1520 — 1525 den Markgrafen Johann von Brandenburg im Schreiben 
und Lesen und lebte zur Zeit des Erscheinens des ersten Drucks 
der Orthographia (1531) als Bürger zu Bunzlau. Später (vor 1538) 
wurde er von seinem ehemaligen fürstlichen Schüler nach Frank- 
furt an der Oder berufen, um dort eine deutsche Schule einzurichten 
Er hatte gelehrte Bildung genossen und führte den Titel Magister. 
1531 veröffentlichte er «Ein Cantzley vnd Titel buchlin» und die 
«Orthographia». Noch im selben Jahre wurden, abgesehen von 
Nachdrucken, beide Bücher vom Verleger in einem Bande heraus- 
gegeben. In dieser Gestalt, als Teil des Cantzleybüchleins, ist die 
Orthographia noch dreimal aufgelegt worden. Vgl. Müller, Quellen- 
schriften S. 390 ff. ZZ. 16, S. 226, 227. 

Frangks Buch steht in einem scharfen Gegensatz zum 
Schryfftspiegel. Zunächst was die Darstellung betrifft. An 
die Stelle der dürftigen Bemerkungen am Leitfaden des 
Alphabets und der Equisonantiensätze tritt eine an latei- 
nischer Theorie geschulte orthographische Systematik. Das 
Nähere darüber in Kap. 11. Dann aber behauptet Frangk 
als der erste Theoretiker die Existenz einer einheitlichen 
hochdeutschen Sprache. Er weiß natürlich ebensogut wie 
der Schryfftspiegel, daß in Wirklichkeit in deutschen Landen 
höchst verschieden geschrieben wird; während aber der 
Schryfftspiegel dies als etwas Gegebenes hinnimmt, sind für 



§ 17.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 45 

Frangk diese Verschiedenheiten Fehler: «wiewol diese 
sprach an jr selbs rechtfertig vnd klar, so ist sie doch in 
vil puncten vnd stücken, auch bey den hochdeutschen 
nicht einhelich, Denn sie in keiner jegnit oder lande, 
so gantz lauter vnd rein gefurt, nach gehalden wird, das 
nicht, weilands etwas straffwirdigs, oder misbreuchiges darin 
mitliefft, vnd gespürt würde». Und höchst charakteristisch 
ist die Umbiegung der Forderung des Schryfftspiegels, daß 
der Schreiber mehrere deutsche Sprachen kennen solle: 
«Nützlich vnd gut ists einem jdlichen, vieler Landsprachen 
mit jren misbreuchen zuwissen, da mit man das vnrecht 
möge meiden.» Wie bemächtigt man sich nun aber der 
richtigen Sprache? Die rationalistische Grammatik der 
nächsten Jahrhunderte wird uns zur Antwort geben : «durch 
Anwendung des Analogieprinzips». So weit ist Frangk noch 
nicht, er glaubt auf etwas Gegebenes, Positives hinweisen 
zu können. Wenn man richtig Deutsch schreiben oder 
reden wolle, so sei es das beste, «das man gutter exemplar 
warnehme, das ist, gutter deutscher bücher vnnd ver- 
briefungen, schriefftlich odder im druck verfast vnd aus- 
gangen». Allerdings wird gleich darauf die Autorität dieser 
Muster nur als eine bedingte hingestellt: man solle «jnen 
jnn dem das anzunehmen vnd recht ist» nachfolgen. Woher 
weiß man nun, was in den guten Büchern recht ist und 
was nicht? Eine deutliche Antwort hat Frangk auf diese 
Frage nicht gegeben. Als die besten ihm bekannten Schriften 
und Bücher bezeichnet Frangk «Keiser Maximilianus Cantze- 
lej vnd dieser zeit, D. Luthers schreiben, neben des Jo- 
han Schonsbergers von Augsburg druck». Natürlich liegt 
der Einwand nahe, daß diese Vielheit von Autoritäten vom 
Übel ist, da sie ja untereinander abweichen. Frangks Worte 
sind so zu deuten, daß er glaubte, die nach seinem Ge- 
fühl richtige Gestalt der Schriftsprache sei in Maximilians 
Kanzleisprache, Luthers Werken und Schönspergers Drucken 
verwirklicht, das Gemeinsame überwog in seiner Vorstellung 
die Verschiedenheiten, die er, wenn er sich ihrer bewußt 
wurde, teilweise den Abschreibern und Nachdruckern zur 
Last glaubte legen zu dürfen. Über das Verhältnis seiner 
eigenen Sprache zu den Mustern vgl. v. Bahder, Grund- 
lagen des nhd. Lautsystems S. 70 f. 

In der Geschichte der Theorie der Schriftsprache be- 



46 Kapitel 4. [§ 17. 18. 

zeichnet Frangks Buch einen Markstein. Früher als in 
der Wirklichkeit erscheint die einheitliche, den Dialekten 
gegenüberstehende hochdeutsche Schriftsprache in den 
Büchern der Grammatiker, und zwar nicht so sehr als 
ein zu verwirklichendes Ideal denn als eine geglaubte 
Realität. 1 Und für den schließlichen Sieg der Gemein- 
sprache ist diese Meinung, dieser glückliche Irrtum, von 
großer Bedeutung geworden. Die Niedersachsen, die hoch- 
deutsch schrieben, hatten noch das Bewußtsein, daß sie 
sich einer fremden Sprache bedienten; die Süddeutschen 
des 18. Jhs. dagegen verzichteten auf ihre lokalen Schrift- 
sprachen nicht aus nüchternen Erwägungen der Zweck- 
mäßigkeit, sondern in der Meinung, es sei ihre Pflicht, die 
auch für sie gültige hochdeutsche Sprache zu gebrauchen, 
die sie bisher nicht zu schreiben gelernt hätten. 

Frangks Regeln sind freilich nicht so bestimmt, daß aus 
ihnen mit Sicherheit die Schreibung jedes einzelnen Wortes 
abzuleiten wäre, manchmal läßt er geradezu Doppelformen 
zu. Aber von der Toleranz des Schryfftspiegels oder der 
süddeutschen Orthographen des 16. Jhs. 2 ist er, wie bei 
seinem Standpunkt begreiflich, weit entfernt. Ja er über- 
treibt; er warnt vor mundartlichen Formen, die immer auf 
die gesprochene Sprache beschränkt geblieben waren. Wer 
hat wohl je Jco für ja, oder tsthreutlin für kreutlin ge- 
schrieben ? 

18. Die Tradition der deutschen Rhetoriken mit ortho- 
graphischen Traktaten läßt sich bis in die Briefsteller des 
18. Jhs. verfolgen. Die Geschichte der Orthographie kann 
von ihnen absehen, die Pflege der orthographischen Theorie 
lag später in anderen Händen. Nur ein Buch, das zeitlich 



1 Allerdings spricht Frangk, bei Müller S. 95, die Meinung 
aus, die deutsche Sprache, wie sie in seinen Mustern zu finden 
sei, «werd nach von tag zu tage jhe scheinbarer, auch endlich 
gantz rein bahrt vnd ausgestrichen werden». Aber das bezieht 
sich nicht auf die Einheitlichkeit, sondern auf die innern Vorzüge 
dieser Sprache. 

2 Höchst charakteristisch ist, daß Meichßner, bei Müller S. 160, 
aus Frangk die Bemerkung über die allerorten vorkommenden Miß- 
bräuche und den Hinweis auf die guten Exemplare entnimmt, un- 
mittelbar vorher aber kühl konstatiert, daß hinsichtlich der Vokale 
«nach eins yeden lands art, kein entliche maß zusetzen» sei. 



§ 18 — 20.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 47 

in das nächste Kapitel gehören würde, muß erwähnt werden, 
weil es nebst Frangks Orthographia die Lehren der deutschen 
Schreibstube den gelehrten Grammatikern vermitteln sollte. 
Es ist dies die Teutsche Orthographey vnd Phraseo- 
logey von Rudolf Sattler. Erste Ausgabe Basel 1607. 
Sattler, Notar und Gerichtsschreiber, später Ratsherr zu 
Basel, verfaßte außer dem genannten Buch noch juristische 
Werke, ein «Notariat- und Formularbuch», eine Anweisung 
zu deutschen Briefen und ein «Werbungsbüchlein oder von 
Anstellung teutscher Orationen und Reden». Vgl. E. 
C. Reichard, Versuch einer Historie der deutschen Sprach- 
kunst, S. 61 Fußnote. Sattler schreibt zwar nicht mehr 
die alte Basler Sprache, insbesondere stehen die nhd. 
Diphthonge bei ihm fest; er warnt auch direkt vor gewissen 
Eigentümlichkeiten der Basler Mundart, aber von dem 
schroffen Standpunkt Frangks ist er weit entfernt. Wohl 
verweist er auf die Sprache der Kanzleien, der Reichs- 
abschiede und einiger' Geschichtsschreiber als Muster, aber 
er will niemanden zu seiner Meinung zwingen, es stehe 
in dem Belieben eines jeden, im Reden und Schreiben 
des Deutschen zu folgen, wem er wolle. Vgl. So ein, 
Schriftsprache und Dialekte S. 313 ff. Die Orthographie 
nimmt nur den kleineren Teil des Buches ein, ihre Regeln 
beruhen auf Meichßner und Kolroß, die Sattler aus- 
drücklich nennt, außerdem auf Clajus. Über die An- 
ordnung vgl. Kap. 11. 

B. Arbeiten der Schulmeister. 

19. Auf die Methode des Elementarunterrichts gehe ich 
nicht näher ein. Vgl. Müller, Quellenschriften, S. 335 ff. 

Der älteste erhaltene Behelf für den Leseunterricht, Huebers 
Modus legendi vom Jahre 1477, ist nach der Handschrift von 
Müller S. 9 ff . abgedruckt. Er enthält auch ein paar orthogra- 
phische Regeln. Zugleich gibt er Zeugnis für die Ausbildung einer 
eigentümlichen Terminologie: «Silbe» wird entgegen dem antiken 
Sinn für gewisse Buchstabenverbindungen (kch i seh, ch) gebraucht. 
Dieselbe Verwendung des Wortes begegnet später, vgl. Müller, 
S. 57; 127, 39—40. 

20.. Die interessanteste Persönlichkeit unter den Schul- 
meistern des 16. Jhs. ist Valentin Ickelsamer. 

Er wurde um 1500 in oder in der Nähe von Rotenburg ob der 
Tauber geboren, studierte in Erfurt, wo er 1520 Bakkalaureus in 



48 Kapitel 4. [§ 20. 

der Artistenfakultät wurde, dann in Wittenberg, und wurde 1524 
oder 1525 deutscher Schulmeister in Rotenburg. Unter den Ein- 
fluß Karlstadts geraten, verteidigte er ihn literarisch gegen Luther. 
Dem Gemeindeausschuß, der Karlstadt in Rotenburg einließ, ge- 
hörte auch Ickelsamer an. Er nahm Teil an dem Umsturz der 
Gemeindeverfassung, der eine Folge der Bauernunruhen war, und 
mußte daher nach Niederwerfung der Bauern Rotenburg verlassen. 
Er lebte dann in Erfurt und Augsburg, wo er wieder Unterricht 
gab, und schloß sich dem Mystiker Kaspar Schwenkfeldt an. 
Sein Todesjahr ist unbekannt. Vgl. Müller, Quellenschriften 
S. 396 ff.; Weigand im Anhang von H. Fechner, Vier seltene 
Schriften des sechzehnten Jahrhunderts; Theodor Moriz Vogel, 
Leben und Verdienste Valentin Ickelsamers, Leipziger Diss. 1894 

Für uns kommen zwei Schriften Ickelsamers in Betracht: «Die 
rechte weis auffs kürtzist lesen zu lernen», zuerst 1527 
in Erfurt von Johannes Loersfeldt gedruckt (vgl. Monatshefte der 
Comeniusgesellschaft V, S. 116), dann 1534 in Marburg wieder 
aufgelegt, nach diesem Drucke bei Fechner, Vier seltene Schriften 
des 16. Jahrhunderts, und bei Müller, Quellenschriften, S. 52 ff., 
und die «Teutsche Grammatica». Diese liegt in zwei Re- 
daktionen vor, die ältere in einem undatierten, vermutlich Augs- 
burger Druck (abgedruckt bei H. Fechner, a. a. 0.), die jüngere 
in einem gleichfalls undatierten und in einem Nürnberger Druck 
von 1537. Der Nürnberger Druck ist sicher der jüngere. 1 Die 
zweite Redaktion nach dem undatierten Druck mit den Varianten 
der ersten Redaktion und des Nürnberger Drucks bei Müller. 
S. 120 ff., außerdem ohne Varianten neu gedruckt von Kohle^ 
Freiburg und Tübingen 1881. Die erste Redaktion ist nach 
P. Jordans Leyenschul (1533) erschienen. Anspielungen, die 
vielleicht auf J. Grüßbeutels Stymmenbüchlein zu beziehen sind, 
ergeben nichts für die Datierung, da das Stymmenbüchlein schon 
1531 erschienen ist; vgl. J. Meier, Einleitung zu H. Fabritius, 
S. V, Fußn. 1; XXI. 

Das religiös erregte Gemüt Ickelsamers zeigt sich auch 
in seinen didaktischen Werken. «Da ich erkandte,» schreibt 
er in der Grammatica (Müller, S. 123), «das mich Gott 
über dises sein ampt setzen wolt, das lesewerck züge- 
brauchen in seinem hof vnd regiment auff diser erden, hab 

1 Es ergibt sich dies daraus, daß an drei Stellen, wo der 
Nürnberger Druck nach Müller S. 419 den korrektem Text haben 
soll (145, 161; 147, 171; 153, 201), der undatierte mit der ersten 
Redaktion stimmt; 142, 144 und 145, 159 sind entweder Verbesse- 
rungen des Autors bei der letzten Auflage oder richtige Kon- 
jekturen des Nürnberger Druckers. 



§ 20.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 49 

ich nach dem vrsprang des lesens gedacht, das hatt mir 
Gott so klar zaiget, das ich nit achten kan, das dise kunst 
höher gefürt werden, oder jrem vrsprang näher kommen 
künd.» Das Lesen sei eine herrliche Gabe Gottes, die ein 
Holzhauer, ein Hirt auf dem Felde und ein jeder bei seiner 
Arbeit ohne Schulmeister und Bücher lernen könne. An 
einem Tag könne man zur Not lesen lernen, denn wer 
nur die 21 oder 22 Buchstaben recht inne habe, der könne 
schon lesen, und es sei doch nicht so schwer, in einem 
Tag 20 fremde Namen zu lernen. Freilich bedürfe es dazu 
einer anderen Methode als der üblichen. Lesen sei eigent- 
lich nichts als die Buchstaben nennen, aber mit ihrem 
wahren Namen müßten sie genannt werden, nicht mit ganzen 
Silben he, ce usw. An die Stelle der Buchstabiermethode 
setzt Ickelsamer die Lautiermethode. Da aber die Konso- 
nanten, insbesondere die Mutae, ohne Vokale nicht leicht 
oder gar nicht ausgesprochen werden können, so muß man 
dem Lernenden zeigen, «mit was gerüst sie im mund ge- 
macht werden». So wird Ickelsamer darauf geführt, pho- 
netische Analysen der Laute zu geben. Bei den Dauer- 
lauten bedient er sich daneben des Vergleichs mit be- 
kannten Geräuschen, um ihren akustischen Wert klar zu 
machen. An Vorgängern unter den deutschen Schulmeistern 
hat es Ickelsamer nicht ganz gefehlt, vgl. Kap. 10, wie 
er denn auch andeutet, daß die Lautiermethode nichts 
Unbekanntes war, Müller, S. 53, anderseits hat er sich die 
phonetischen Analysen der römischen Grammatiker zunutze 
gemacht. An diese knüpft er auch bei der Einteilung der 
Laute an, die er nicht nach dem ABC, sondern nach ihrer 
Beschaffenheit aufzählt, vgl. Kap. 10. Wer nun lesen lernen 
wolle, der «höre vnd merck auff die verenderte tayl aines 
worts, darein setz er das wort ab, vnd wieuil nun das 
wort der verenderten tayl, stymm oder laut hat, so vil hatt 
es büchstaben». Wenn jemand diese phonetische Analyse 
verstehe, so könne er eigentlich schon lesen, bevor er 
noch einen Buchstaben gesehen habe. Aber den Vorteil 
der ersten Erfinder des Lesens, daß man die Zeichen der 
Laute nicht zu lernen brauche, habe man allerdings nicht 
mehr. Ickelsamer hält es für wünschenswert, daß auf einer 
Tafel neben die Buchstaben Tiere gemalt würden, die den 
Laut des betreffenden Buchstabens von sich geben. So 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 4 



50 Kapitel 4. [§ 20. 

könnte jemand von selbst die Buchstaben lernen; wenn 
er etwa das Wort Mertz in seine Laute zerlegt hat, so 
sucht er auf der Tafel ein Tier, welches den ersten Laut 
des Wortes von sich gibt, findet die Kuh und ersieht aus 
dem beigesetzten Buchstaben, daß der erste Laut des 
Wortes Mertz das Zeichen m hat. 

Ein mächtiges Hindernis des Lesenlernens erkannte 
Ickelsamer in der Inkongruenz von Schrift und Sprache. 
So geht er schärfer als ein andrer ins Gericht mit der 
Orthographie des 16. Jhs., die man besser Kakographie 
nennen würde. Er tadelt die unnützen Buchstabenhäufungen, 
die Verwendung verschiedener Zeichen für denselben Laut, 
die graphische Vermengung verschiedener Laute, kurzum 
alles, was die vulgäre Schreibung von dem Ideal, der 
treuen Wiedergabe des gesprochenen Wortes entfernte. So 
billigt er die Doppelschreibung der Konsonanten nur, wenn 
sie zu zwei Silben gehören, verwirft dt, ß und monophthon- 
gisches ie, verlangt einfache Zeichen für ä, ö, ü, seh, weist 
auf das Unverständige im Gebrauch von ph, ch für einfache 
Laute hin, bezeichnet y neben i und z neben c, oder 
wenn man z behalten wolle, k und q als unnötig, tadelt 
v für / u. ä. m. Aber er denkt bei aller Schärfe der Kritik 
nicht an die Verwirklichung aller seiner Anschauungen. 
Er hält die Verbesserung der deutschen Schreibung für aus- 
sichtslos, auch verwirft er nicht unbedingt die Autorität 
des Gebrauchs, nur sollte man «sich billich in etlichen 
groben vngeschickligkaiten nach der Orthographia refor- 
miern lassen». 

Ich habe beide Bücher Ickelsamers zusammen behandelt, 
weil die Grammatica nur ausführt, was die Rechte weis 
andeutet. Eine eigentliche Grammatik ist auch das größere 
Werk nicht. Es führt seinen Titel nur «darumb das es die 
besten vnd fürnemesten stuck der Grammatic handelt, 
Nämlich den verstand der Buchstaben, des lesens vnd der 
Teütschen Wörter». Von einer vollständigen deutschen Gram- 
matik hat Ickelsamer eine sehr hohe Meinung. Mit einer 
bloßen Verdeutschung des Donat sei es nicht getan; dekli- 
nieren und konjugieren lernten die Kinder besser von der 
Mutter. Was eine Grammatik zu bieten hätte, wäre eine 
Belehrung über die Funktion der Redeteile und ihrer Akzi- 
dentien (vgl. Kap. 9) sowie eine Syntax. Insbesondere aber 



§ 20—23.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 51 

liegt ihm die Etymologie (in unserem Sinn, nicht die Etymo- 
logie nach mittelalterlichem Sprachgebrauch, vgl. Kap. 9) 
am Herzen, und da zeigen sich bei ihm schon Tendenzen, 
die im 17. Jh. zu üppiger Entfaltung gediehen und in 
ihren Konsequenzen dem phonetischen Schreibprinzip ent- 
gegenliefen. Er klagt darüber, daß die Deutschen ihre eigene 
Sprache nicht verstehen, d. h. die Etymologie ihrer Wörter 
nicht kennen. Daher schreibe und spreche man so oft 
falsch. So sagen manche harwant oder harwet statt harbant, 
weil sie nicht wissen, daß es ein band bedeute, womit 
man das har bindet. Wie könne man es dann richtig 
schreiben? Ickelsamer verlangt, daß man bei der Silben- 
trennung die Stammbuchstaben, wie man später sagte, bei- 
sammen lasse, z. B. buch-stab-e, nicht buch-sta-be. Die Kennt- 
nis der Etymologie sei höchst wichtig. Ohne sie «kummen 
die Wörter vnd sprach leicht in ain vergeß vnd vnuerstand», 
und dann gibt sie «ain grosse lieb, vnnd gleich ain Verwunde- 
rung, wie alle ding so fein vnnd kunstlich also mit namen 
geziert vnnd angezaigt sein». 

21. Unter dem Einfluß von Ickelsamers älterer Schrift steht 
Peter Jordans Leyenschul (1533). Abgedruckt bei Fech- 
ner und, ohne die Bilder, bei Müller, S. 110 ff. Ickelsamer 
wird ausdrücklich zitiert. Den Buchstaben sind Bilder beigegeben 
von Dingen, deren Name mit dem Laut des Buchstabens anfängt, 
z. B. i — Igel. Die physiologisch-akustische Beschreibung der 
Laute ganz nach Ickelsamer. Forderung des Schreibleseunter- 
richts. — Zum Teil wörtlich abgeschrieben wurde die Leyenschul 
von Simon Köfferl in seinem Namenbüchlein 1570. 

22. Fraglich sind die Beziehungen Ickelsamers zu Jacob 
Grüßbeutels Stymmenbüchlein, zuerst erschienen 1531, nach 
dem Druck von 1534 bei Fechner, auch noch 1536 und 1591 auf- 
gelegt, einer Fibel ohne erläuternden Text. Die Bilder sind nicht 
nach einem einheitlichen Prinzip ausgewählt. Das eine Mal stellen 
sie Dinge dar, deren Name den Laut am Anfang oder im Inlaut 
enthält, z. B. beim K eine Karte, beim ff einen Affen, das andere 
Mal lebende Wesen oder Vorgänge, bei denen der Laut als Natur- 
laut vorkommt, z. B. beim ch eine Gans, beim seh eine Frau, 
die Hühner vor sich hertreibt. Die Beschreibung der Laute bei 
Ickelsamer stimmt nur zum Teil zu diesen Bildern, und auch da 
mag die Tradition der deutschen Schulen zugrunde liegen. 

23. Nicht ganz klar ist auch das Verhältnis Ickel- 
samers zu der Schrift des Johann Fabritius: Eyn nutz- 



52 Kapitel 4. [§ 23. 24. 

lieh buchlein ettlicher gleich stymender worther 
Aber vngleichs Verstandes, Erfurt 1532, hsg. von 
J. Meier, Ältere deutsche Grammatiken I. Der Teil, der 
vom Lesenlernen handelt, stimmt in der physiologischen 
Beschreibung der Laute ein paarmal mit Ickelsamers Gram- 
matica, während die «Rechte weis» nichts Vergleichbares 
bietet. Falls es nicht eine uns unbekannte Ausgabe der 
Grammatica vor 1533 gab, muß Fabritius hier von Ickel- 
samer unabhängig sein, ja Ickelsamer könnte sogar ihn 
benützt haben. Abhängigkeit von Ickelsamer ist nur da 
möglich, wo schon die «Rechte weis» Parallelen bietet. Auch 
hier kommt übrigens die mündliche Tradition in Betracht, 
die Fabritius in einem Fall direkt bezeugt. 

Die Schrift des Fabritius ist nicht nur eine Anweisung 
zum Lesen, sondern auch zum orthographischen Schreiben. 
Dabei eifert der Verfasser zwar gegen Schreibungen, die 
ihm mißbräuchlich dünken, aber ohne doktrinäres Prin- 
zip. Es fällt ihm gar nicht ein, so wie Ickelsamer die 
Inkongruenz von Schrift und Sprache zu befehden. Von 
einer allgemeinen Sprache hat er keine Vorstellung, er 
spricht sich nur gegen allzugroße Dialektizismen aus. Die 
landschaftlichen Gemeinsprachen sind ihm gleichwertig. 

Ihren Titel hat die Schrift von dem Abschnitt: «Von 
den gleich stymenden worthern aber vngleichs Verstandes.» 
Hier steht Fabritius in der Tradition, die wir bis auf Niklas 
von Wyle zurückverfolgen konnten. Die Homonymen sind 
wieder in Sätzen untergebracht. Mit dem Schryfftspiegel 
zeigen sich Berührungen, ohne daß direkte Abhängigkeit 
nachzuweisen wäre. 

24. 1542 erschien zu Ingolstadt die «Leeßkonst» 
Ortholph Füchspergers, abgedruckt bei Müller, S. 166 ff. 

Ihr Verfasser, geb. um 1490 zu Tittmoning an der Salzach, 
war ein gelehrter Mann, der in Ingolstadt das Lizentiat der Rechte 
erworben hatte. In Altötting hatte er lateinischen Unterricht er- 
teilt und war um 1526 Hofrichter des Klosters Mondsee geworden, 
wo er im Auftrag des Abtes den Mönchen Vorlesungen über Logik 
und Rhetorik hielt. Später wurde er nach Passau berufen und 
dort Stadtrat. Er hat als der erste ein Lehrbuch der Logik in 
deutscher Sprache herausgegeben und die Institutionen Justiniaus 
übersetzt. 

Die gelehrte Bildung zeigt sich auch in der Disposition 
der Leeßkonst, die sich an die antike Gliederung des gram- 



§ 24. 25.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 53 

matischen Stoffes in littera, syllaba, dictio, oratio anschließt. 
Freilich ist der Abschnitt «Von worten» nur dem System 
zuliebe da und enthält nichts als Definition und Etymologie 
(wort von warten, weil man für das Verständnis der Rede 
«von ainem [seil. Wort] auf das ander warten muß»). Der 
Abschnitt von der Rede gibt Anlaß zur Lehre von der 
Interpunktion. In dem ersten Abschnitt von den Buchstaben 
wird, wieder im Anschluß an die alte Grammatik, Figur, 
Kraft und Name unterschieden. Die Erörterung der Kraft, 
d. h. der Aussprache, bringt phonetisch-akustische Beschrei- 
bungen, bei denen Ickelsamer benützt ist, ohne daß die 
Selbständigkeit des Autors sich verleugnete. Das Büch- 
lein enthält auch eine Anweisung für den Schreibunter- 
richt und eine Lehre von den Ziffern. 

25. Unabhängig von Ickelsamer ist das Enchiridion 
des Basler Schullehrers und Dichters geistlicher Lieder 
und Schauspiele Johannes Kolroß (Müller, S. 64ff.). 
Das Buch, das zuerst in Basel 1530 erschien und bis 
1564 dreimal nachgedruckt wurde, ist nicht für Anfänger 
bestimmt. Es ist «gemacht, da mit die jhenigen so ettlicher 
maß schryben vnd laßen ergriffen, daruß was jnen noch 
manglet, auch in kurtzem erlernen mögen». Veranlaßt durch 
die Erwägung, daß nun viele in die deutschen Schulen 
geschickt werden, um an der Lektüre der verdeutschten 
Bibel sich erbauen zu können, verfolgt die Schrift andere 
Zwecke als die Kanzleibücher; aber die Tradition der 
deutschen Rhetoriken ist gleichwohl hie und da fühlbar. 
Die Polemik gegen unnötige Buchstabenhäufung gebraucht 
ungefähr die Worte des Niklas von Wyle. Auch erscheinen 
in dem Abschnitt über die Gemination wieder Homonymen- 
sätze. In klarer und verständiger Disposition (vgl. Kap. 11) 
gibt das Enchiridion eine systematische Darstellung der 
Orthographie. Kolroß hat hier die Priorität vor Frangk, 
dessen Buch ja erst ein Jahr später erschienen ist. In 
den Regeln zeigt sich schon die Erkenntnis der etymo- 
logisierenden Tendenzen der deutschen Schreibung. So 
lehrt er, daß gs und nicht x; ts, ds und nicht tz zu 
schreiben sei, wenn die Lautverbindungen durch Synkope 
eines e entstanden sind. Auch bemerkt er, die meisten 
Wörter mit ä, o, ü, ü hätten «jren vrsprung von anderen 
worten, welche im anfang a o u vnnd u haben». Ebenso 



54 Kapitel 4. [§ 25. 26. 

stehe oft ou für eu, weil «von denen Worten die mit dem 
ou geschriben werden, andere Wörter kummen, vnd fliessen, 
in welchen dz ou in eu verwandelt würt». 

In dieser etymologisierenden Auffassung der Umlaut- 
zeichen trifft Frangk mit Kolroß zusammen. Und das ist 
wohl kein Zufall. In den Dialekten beider Männer sind die 
gerundeten Vokale entrundet worden, die Schreibung ö, ü 
war nicht mehr für jedermann mit einem bestimmten Laut- 
wert verknüpft. Kolroß warnt geradezu vor der Verwechslung 
von ö und ee, eu und ei. Aber der Unterschied in den 
Anschauungen der beiden Orthographen ist höchst charakte- 
ristisch. Von der Gemeinsprache Frangks weiß Kolroß nichts. 
Den Schriftdialekten, über deren Verhalten zu einzelnen 
Lauten er richtige Beobachtungen mitteilt, steht er durchaus 
tolerant gegenüber, wenn er auch anerkennt, daß die eine 
Schreibung ein weiteres Verbreitungsgebiet hat, als die 
andere. Dem (schweizerischen) y entspreche im größeren 
Teil Deutschlands ey, manche Wörter (wo nämlich mhd. 
ei zugrunde liegt) müßten überall mit ey geschrieben 
werden, außer in Schwaben, wo man ay dafür setze. «Es 
gibt sich aber alles selbs züuerston, wann zween stimm- 
büchstaben näbeneinander gehören, darnach sy dann jr 
vßsprechen vß dem mund haben, darnach sol mans setzen, 
Darumb ichs eim yeden heym stell, syner spraach nach die 
selbigen zusetzen vnd schryben.» Sein Büchlein sei vor- 
nehmlich für die «hochtüdtschen», d. h. die Alemannen 
gemacht, doch werde es auch für andere Deutsche nicht 
ohne Nutzen sein. Jeder Lehrer möge es «minderen oder 
meeren, ye nach gelegenheyt des lands vnnd der sprach». 
Wenn also Kolroß gegen Eigenheiten des Basler Dialekts 
auftritt, so geschieht dies nicht im Interesse einer deutschen 
Gemeinsprache, sondern nur um dem Eindringen moderner 
Bestandteile aus der gesprochenen Sprache in die über- 
lieferte Basler Schriftsprache, deren er selbst in seinem 
Buch sich bedient, zu wehren. Das Enchiridion legt Zeugnis 
dafür ab, daß die deutschen Orthographiebücher nicht 
durch die Ausbildung der Gemeinsprache, sondern durch 
die Inkongruenz von Schrift und Sprache hervorgerufen 
worden sind. 

26. Zeitlich greift über unsere Periode hinaus Se- 
bastian Helbers «Teutsches Syllabierbüchlein», 



§ 26.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 55 

Freiburg im Üchtland 1593, hsg. von G. Roethe, Freiburg 
und Tübingen 1882. Helber wirkte, als er es schrieb, in 
Freiburg im Breisgau als Schulmeister, gebürtig war er 
höchst wahrscheinlich aus dem bayrisch-österreichischen 
Sprachgebiet, vgl. HZ. 52, S. 182 ff. Das Syllabierbüchlein 
will nicht so sehr eine Anweisung zur Orthographie als 
zum Lesen hochdeutscher Bücher sein. Daher geht die 
Darstellung vom Buchstaben aus und bestimmt seine ver- 
schiedenen Lautwerte, nicht in der Weise der älteren Theore- 
tiker durch Vergleiche mit Naturlauten oder physiologische 
Beschreibung, sondern durch Hinweis auf andere Buch- 
staben verwandten Lauts. Das Buch setzt den Lehrer 
voraus, der die Laute vorspricht und den gerne gebrauchten 
metaphorischen Beschreibungen des Klangs («dick», «lang- 
sam» usw.) Leben einhaucht. 

Was die Schrift ganz besonders auszeichnet, ist die 
von keinem Vorgänger übertroffene scharfe Charakteristik 
der hochdeutschen Drucksprachen. Helber kennt viererlei 
deutsche Sprachen, in denen Bücher gedruckt werden: 
Kölnisch, Sächsisch, Flämisch und Ober- oder Hochdeutsch. 
«Vnsere Gemeine Hoch Teütsche wirdt auf drei weisen 
gedruckt: eine möchten wir nennen die Mitter Teütsche, 
die andere die Donawische, die dritte Höchst Reinische.» 
Unter «donawisch» versteht Helber bayrisch-schwäbisch, 
unter «höchstreinisch» schweizerisch. Diese drei Varietäten 
des Hochdeutschen sind nun bestimmt durch ihr Ver- 
halten zu den Diphthongen. So entspricht dem mitter- 
teutschen ei in einem Teil der Wörter im Donawischen ai, 
in einem anderen ei, im Höchstrheinischen teils ei, teils y, und 
zwar in der Weise, daß das Höchstreinische dort y hat, wo 
Donawisch und Mitterteutsch zusammengehen. (Historisch 
ausgedrückt: mhd. i ist höchstreinisch y, donawisch und 
mitterteutsch ei; mhd. ei höchstreinisch und mitterteutsch 
ei, donawisch ai.) Oder: sorgfältige Drucke unterscheiden. 
eil und eu. Dem eü entspricht höchstreinisch ü, dem eu 
gewöhnlich öu, in einigen wenigen Wörtern äu. Mit diesen 
allgemeinen Bemerkungen begnügt sich Helber nicht, sondern 
gibt möglichst vollständige Listen der Wörter, denen diese 
oder jene Schreibung zukommt. Dabei weiß er zwischen 
Schrift und Sprache zu scheiden; in der Liste der eü- 
Wörter macht er diejenigen kenntlich, «die bei den ge- 



56 Kapitel 4. [§ 26. 27. 

meinen Donawischen auf jre eigne weis ausgesprochen 
werden, gleichsam oi bei meererem teil, bei andern ui» — 
es sind die Wörter, die unumgelautetes iu enthalten. Ebenso 
macht er richtige Bemerkungen über die verschiedenen 
e-Qualitäten, die freilich durchaus an seiner bayrischen 
Mundart orientiert sind. 

Auf die Folgezeit hat das treffliche Büchlein nicht ge- 
wirkt. Erst Gottsched zitiert es, und natürlich nur aus 
gelehrtem Interesse. Daß es unbekannt blieb, ist wohl 
zufällig; aber allerdings fehlte dem 17. Jh. der Sinn für 
die Toleranz gegen die landschaftlichen Schriftsprachen, 
die Helber mit anderen süddeutschen Theoretikern des 
16. Jhs. teilt. 

III. Gelehrte Orthographiereformer. 

27. Kritik der vulgären Schreibung ist uns schon im 
vorhergehenden Abschnitt begegnet. Niklas von Wyle und 
andere halten am guten alten Gebrauch fest und bekämpfen 
unnötige und zweckwidrige Abweichungen. Ickelsamer kriti- 
siert die Orthographie vom Standpunkt des phonetischen 
Prinzips; aber er bleibt bei der Kritik stehen und denkt 
nicht an die Verwirklichung seiner Anschauungen. Der 
Anstoß zu einer Reform der Orthographie kam von außen. 
In den romanischen Ländern zeigen sich seit dem Ende 
des 15. Jhs. Bestrebungen, die überlieferten Zeichen zweck- 
mäßiger zu verteilen und das lateinische Alphabet durch 
Aufnahme neuer Buchstaben oder diakritischer Punkte und 
Striche zu bereichern. In diesem Sinne wirkten in Spanien 
Antonio de Nebrixa, in Italien der Dichter Trissino, 
in Frankreich die gelehrten Drucker Tory und Dolet, die 
Grammatiker Meigret, Peletier, Ramus u. a. m. Auch 
in den Niederlanden traten Reformer auf; Joost Lam- 
brecht von Gent in seiner Nederlandsche Spellinghe 
1550 und Jan van Utenhove in seiner Übersetzung des 
Neuen Testaments 1556. Nicht alle Bestrebungen hatten 
Erfolg, aber in einzelnen Punkten wurde tatsächlich die 
Orthographie der romanischen Sprachen umgestaltet. So 
bürgerte sich in Italien der Gebrauch des Apostrophs und 
der Akzente ein, in Frankreich außerdem die Cedille, das 
Trema, der Bindestrich. Aber auch die lateinische Ortho- 
graphie wurde durch die Humanisten reformiert. Man führte 



§ 27. 28.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 57 

nicht nur Unterscheidungen wieder ein, die das späte Mittel- 
alter vernachlässigt hatte, wie die zwischen e und ae, 
sondern suchte auch in Anlehnung an die alten Grammatiker 
durch diakritische Zeichen das Verständnis zu erleichtern. 
So unterschied man durch den Zirkumflex das -a des 
Ablativs von dem des Nominativs, das -um des Genitivs 
von dem des Akkusativs (causa — causa, deüm — deum), 
setzte auf die letzte Silbe der meisten Indeklinabilien den 
Gravis (pone im Gegensatz zu pöne, tantüm im Gegensatz 
zu tantum) und unterschied auch sonst durch Akzente 
Wörter, die leicht mit anderen verwechselt werden konnten 
(z. B. ruere wegen ruere). Die zuerst von Antonio de Ne- 
brixa für das Spanische, dann von Trissino für das Italie- 
nische vorgeschlagene Trennung von i und /, u und v 
nach dem Lautwert statt nach der Stellung im An- und 
Inlaut drang, seit sich Ramus 1559 für sie erklärt hatte, 
immer mehr in die lateinische Druckpraxis ein. 

28. Unter dem Einfluß dieser Bestrebungen stand Paul 
Schede Melissus (1539 — 1602), der bei seinen Zeit- 
genossen als lateinischer Dichter berühmt war, aber sich 
auch in deutschen Versen versuchte. Es ist durch die 
Ungunst der Überlieferung veranlaßt, daß wir ihn hier 
und nicht im folgenden Kapitel zu nennen haben. Denn er 
hat als der erste eine nhd. Grammatik verfaßt. Aber seine 
«Introductio in linguam Germanicam», die zwischen 1568 
und 1572 entstand, ist nie gedruckt worden und für uns 
verloren. So müssen wir seine Grundsätze aus seiner Über- 
tragung des hugenottischen Psalters erschließen, die 1572 
zu Heidelberg erschien. Neudruck: Die Psalmenübersetzung 
des Paul Schede Melissus. Herausgegeben von Max Her- 
mann Jellinek (Neudrucke deutscher Literaturwerke des 
16. und 17. Jhs., Nr. 144—148), Halle a. S. 1896. Nur 
über einen Punkt, die Unterscheidung von ei und ai, haben 
wir eine direkte Äußerung in der 1598 für M. Fr eher ver- 
faßten «Commentatiuncula de etymo Haidelbergae» bei 
Freher, Origines Palatinae I, S. 68 ff. der Ausgabe von 1613. 
Vgl. meine Einleitung zur Psalmenübersetzung, S. VII. 

Melissus wendet zwei orthographische Systeme an. In 
der in Fraktur gedruckten prosaischen Psalmenübersetzung 
verwendet er von diakritischen Zeichen nur den Binde- 
strich und den Apostroph und begnügt sich im übrigen 



58 Kapitel 4. [§ 28—30. 

damit, die herkömmlichen Zeichen des Alphabets anders zu 
verteilen. Er vermeidet Vokalverdopplung, geminiert Kon- 
sonanten mit bestimmten Ausnahmen nur zwischen Vokalen, 
meidet stumme Buchstaben, verwendet ;, v und w nur 
als Konsonantzeichen, trachtet auch sonst, freilich ohne 
ganz konsequent zu sein, nach einheitlicher Lautbezeichnung 
und regelt den Gebrauch der Majuskeln und des Abkürzungs- 
strichs über einem n. Alle diese Dinge finden sich auch 
in dem mit lateinischen Lettern gedruckten poetischen Text. 
Hier geht er aber weiter, indem er durch diakritische 
Zeichen unter und über dem Buchstaben mehrere a- und 
e-Qualitäten unterscheidet, durch das Trema in gewissen 
Fällen die Silbengrenze, durch Akzente Ton und Quantität 
bezeichnet. 

29. Möglicherweise ist durch Melissus Fischart beeinflußt 
worden, der seit 1574 eine vereinfachte Orthographie anwendete. 
Vgl. Ph. Wackernagel, Über deutsche Orthographie, S. 11 f.: 
Vi 1 mar, Zur Literatur Johann Fischarts 2 , S. 50 — 55. 

30. Sicher scheint der Einfluß des Melissus auf den 
berühmten Gräzisten und Schulmann Hieronymus Wolf, 
der 1578 seiner Bearbeitung der lateinischen Grammatik 
des Joh. Rivius eine kleine Abhandlung anfügte, «De ortho- 
graphia Germanica, ac potius Suevica nostrate». Vgl. ZZ. 30, 
S. 251 ff. Er stellt sich entschieden auf den Boden 
phonetischer Schreibung und tadelt, daß die Deutschen 
meist anders schrieben als sie sprächen, namentlich fehlten 
sie durch unnötige Buchstabenverdopplungen und Ein- 
setzung stummer Zeichen. Nun kennt aber Wolf die Viel- 
heit der deutschen Dialekte, und so entsteht für ihn die 
Frage, an welche Aussprache man sich zu halten habe. 
Scriptum pronunciationem elegantem debet imitari: exceptis 
tarnen figuris nonnullis, quibus in loquendo propter breui- 
tatem utimur, lautet die Antwort. Wolf führt weiter aus, 
es gebe in Deutschland zwar mehr Dialekte als in Griechen- 
land, una tarnen quaedam communis lingua est Germa- 
norum, quae ex omnibus optima quaeque et minime aspera 
deligit : eaque tarn in scribendo, quam loquendo sequitur : 
idque fit potissimum in aula Caesarea. Die Stelle ist be- 
deutsam. Wie früher bei Frangk erscheint nun auch bei 
dem Schwaben Wolf die Idee einer Gemeinsprache, und 
zwar in einer eigentümlichen Färbung : diese Gemeinsprache 



§ 30.] Die Anfänge der deutschen Grammatik. 59 

ist ein Extrakt des Besten aus allen Dialekten. Das ist 
eine Vorstellung, die später noch oft begegnet. Aber es 
bleibt bei der theoretischen Anerkennung der lingua com- 
munis. Wolf ist weit davon entfernt, so wie Frangk das 
Dialektische schlechthin für falsch zu erklären. Möge jeder 
seinem Dialekt folgen, so weit er nicht fehlerhaft sei, nur 
die crassissima vitia müßten vermieden werden. Diese 
crassissima vitia sind, wie sich aus den Beispielen ergibt, dia- 
lektische Lautungen, die bisher in die Schrift keinen Ein- 
gang gefunden hatten, wie das nürnbergische rnouter 
(= muoter), oder das württembergische meat (= mete). 
Dagegen duldet Wolf dialektische Formen, die, wie das 
schweizerische chilch für Kirche, schon früher graphisch 
fixiert waren. Auch hier eine charakteristische Abweichung 
von Frangk, der zwischen den grobmundartlichen, auf die 
gesprochene Sprache beschränkten Formen und den tra- 
ditionellen Varianten der Schriftdialekte keinen Unterschied 
macht. Es fragt sich nun: wenn für die Bestimmung des 
Sprachrichtigen die schriftliche Tradition eine so große 
Rolle spielt, was bleibt dann für die Orthographiereform 
übrig? Immerhin ein ziemlich großes Gebiet. Ob man 
frau spricht oder fra, und in fra das a hell oder dunkel, 
die traditionelle Schreibung fraw mit w paßt für keine 
dieser Aussprachen. Ebenso ist nn und dt in vnndt durch 
keine mundartliche Aussprache gerechtfertigt. So tadelt 
denn Wolf die Vokalverdopplung, das stumme h und e, 
dt im Auslaut, hält c vor k nach n für überflüssig (dencken), 
ebenso y, und möchte, der Aussprache gemäß, i statt ü 
schreiben. Hier zeigt sich freilich die Beschränkung seines 
sprachlichen Gesichtskreises; er weiß nicht, daß ander- 
wärts ü lautliche Geltung hat. In der Frage der Konso- 
nantengemination weicht er von Ickelsamer und Schede 
ab; er will sie auch im Auslaut beibehalten, und zwar nicht 
nur der Aussprache halber, sondern auch, weil hinter ihr 
durch Apokope oft ein e verloren gegangen sei. Hier spielt 
also die etymologisierende Tendenz herein. 



60 Kapitel 5. [§ 31. 32. 

Fünftes Kapitel. 
Die Grammatiker vor Schottelius. 

(1573—1641.) 

31. Von vielen Seiten ertönt im 16. Jh. der Ruf nach 
einer vollständigen deutschen Grammatik. Frangk meint 
(bei Müller, S. 93), es sei «hoch von nöten», «Das ein 
gantze Grammatica hierinn beschrieben würd, wie jnn 
Krichischer, Latinischer vnd andern sprachen gescheen, 
Denn so wir ansehen den emssigen vleis, so die Latiner 
allein, jnn jrer zungen fürgewandt, vnd vnsern vnuleis, 
bey der vnsern, da gegen stellen, solten wir billich scham- 
rot werden, das wir so gantz ablessig vnd sewmig sein, 
Vnser edle sprach so vnwert vnd verächtlich halten». 
Steht hier das patriotische Moment im Vordergrund, so 
weiß Ickelsamer, dem die deutsche Grammatik gleichfalls 
Herzenssache war, doch auch praktische Gründe anzu- 
führen: «Man solt denn erst auß dem teütschen schüler 
ainen Grammaticum machen, vnd jn leren alles was zu 
ainer teütschen Orthographia, Etymologia vnnd Sintaxi 
dienet, vnd das wer ser nutz, sonderlich denen die etwa 
gemaine Schreiber solten werden, oder in den andern 
sprachen hernach wolten studieren, darzü sy gar leicht- 
lich möchten kummen, wa sy züuor jren verstand in ainer 
sollichen teütschen Grammatic geyebt hetten». (Bei Müller, 
S. 151 f.) In der Meinung, daß für den deutschen Schreiber 
Kenntnis der Grammatik nützlich wäre, berührt sich Ickel- 
samer mit Meichßner, vgl. 16. Denn wenn dieser auch 
zunächst von der lateinischen Grammatik spricht, so zeigt 
doch sein eignes Vorgehen, daß diese erst dann für den 
deutschen Schreiber recht nutzbringend werden konnte, 
wenn ihre Regeln auf das Deutsche übertragen wurden. 

32. Die von Ickelsamer vorgebrachten Gründe für den 
Betrieb der deutschen Grammatik in der Schule kamen 
erst im 17. Jh. zur Geltung. Von vollständigen Sprachlehren 
ist aus der ersten Hälfte des 16. Jhs. nichts erhalten; 
wir erfahren nur, daß Kaiser Maximilians Rat und Secre- 
tarius Hans Krachenb erger über der Arbeit an einer 
deutschen Grammatik gestorben sei 1 , und hören von dem 

1 «Et olim Joannes Gracchus Pierius, ni morte fuisset praeuen- 
tus, grammaticam pollicebatur in Germanicam linguam, sub certis 



§ 32.] Die Grammatiker vor Schottelius. 61 

Dichter Paul Rebhun, daß er sich mit einem solchen 
Werk beschäftigte. 1 Und gegen Ende des Jahrhunderts gab 
den nächsten Anstoß nicht die Rücksicht auf Schule und 
Kanzlei, sondern der Wunsch, Ausländern die Erlernung 
des Deutschen zu erleichtern. 

Schon die verlorene Introductio des Paul Schede 
Melissus (vgl. 28) war zunächst für Franzosen bestimmt; 
sagt er doch in einem Gedicht an den burgundischen 
Edelmann Franciscus Vienna, daß ihn der Aufenthalt in 
Besancon und die Liebe zu Viennas Oheim auf den Ge- 
danken gebracht habe, «Almanae methodum praescribere 
linguae», obwohl Vienna selbst, der gut deutsch könne, 
diese methodus nicht brauche. 2 



regulis et inclinationibus sese scripturum, idque multis doctis 
palam testabatur, et si vixisset, procul dubio praestitisset.» Cuspi- 
nianus, Austria, S. 9 der Ausgabe Frankfurt 1601 (= De consulibus 
Romanorum commentarii, Basileae 1553, S. 593). 

1 Brief an Stephan Rodt vom 7. IV. 1543: «Porro Tuam 
prudentiam latere nolo, me instituisse, non solum de rythmis 
condendis praeceptiones edere, sed totam germanicam linguam 
grammaticis regulis inclusam, sed regulis latino sermone pro lite- 
ratis tantum hominibus conscriptis aliquando in publicum emit- 
tere.» (J. G. Weller) Altes aus allen Theilen der Geschichte (1762), 
S. 738. — Vorrede zur zweiten Ausgabe der Susanna von 1544; 
«Von solchem werde ich genügsamen bescheid geben in der gram- 
matica, welche ich auff die Deutsche sprach, wie diese durch 
gewisse regel in rechte art vnd analogiam gefasset, vnd auch 
darinn müg gehalten werden, hab gestellet, aber noch nicht 

volendet, zum teil, das ich noch mit mir im zweiffei stehe, 

ob vnsre teutschen diß werkh werden zu Danck annehmen vnd 
zu Besserung der sprach, auch zur erhaltung des feinen artigen 
vnd hochberedten der teutschen Zungen vnsers lieben Vaters, 
Doctor Martin Lutheri ausgelassener teutscher schrifften (dahin 
diese Grammatica fürnemlich gericht) werden gutwillig gebrauchen 
wollenn.» H. Palm, Beiträge zur Geschichte der deutschen Lite- 
ratur des 16. und 17. Jahrhunderts, S. 86. 

2 Melissi Schediasmatum reliquiae (Frankfurt 1575), S. 187 f. 
Auch aus den ebenda S. 349 f. abgedruckten Lobgedichten auf 
die Introductio geht hervor, daß sie zum Unterricht für Ausländer 
bestimmt war. Vgl. namentlich S. 350 : Teutonus haue igitur 
sibi, Belga, Britannus Iberus, ltalus hanc, Danus, Celta, Polonus 
emat und S. 349 : Made age Paule tuae pater et dux inelyte 
linguae; Macte triumphales scande animosus equos l Imperium- 



62 Kapitel 5. [§ 32. 33. 

Anm. Lebende Sprachen mit Hilfe von Grammatiken zu 
lehren, ist nicht so selbstverständlich, wie es uns wohl scheint. 
Aber neu war der Gedanke in jener Zeit nicht mehr. Denn in 
andern Sprachen gab es schon Grammatiken für Ausländer, nament- 
lich kommen da in Betracht französische Sprachlehren, die speziell 
für Deutsche bestimmt waren, wie die Bücher von Pillot, Gar- 
nier, Caucius, die als Quellen ölingers 'auch für die deutsche 
Grammatik von Bedeutung werden sollten, vgl. 39. 

33. Man darf freilich nicht glauben, daß bei den 
ältesten Grammatikern nicht auch andere Motive mit- 
spielten. Laurentius Albertus zählt S. 11 eine Menge 
Gründe für die Abfassung seines Werkes auf: das Bedürf- 
nis der Ausländer; die Rücksicht auf die deutschen Redner, 
deren Fehler ohne Grammatik nicht verbessert werden 
könnten; das patriotische Moment, daß es eine Schande 
sei, wenn die Deutschen hinter den Italienern, Spaniern, 
Franzosen, Engländern, die alle schon Sprachlehren hätten, 
weiterhin zurückstehen wollten; die Veränderlichkeit und 
dialektische Zerrissenheit des Deutschen, die nicht so weit 
gediehen wäre, wenn man die Sprache rechtzeitig in feste 
Schranken gebannt hätte; damit zusammenhängend die Ver- 
wirrung und Dunkelheit in den neuerdings Mode gewordenen 
Bibelübersetzungen und theologischen Schriften in deutscher 
Sprache; das Eindringen der Fremdwörter; die Rücksicht 
auf die Jugend, die leichter Latein, Griechisch und He- 
bräisch lernen würde, wenn ihr der Sinn der allen Sprachen 
gemeinsamen Regeln durch deutsche Beispiele lebendig ge- 
worden wäre; endlich der Wunsch, zu verhüten, daß die 
Gelehrten vor lauter Latein, Griechisch und Hebräisch nicht 
deutsch könnten und so zur Bekleidung von Ämtern un- 
fähig würden. Allein nicht umsonst steht die Bemerkung 
über die Ausländer an erster Stelle. Dadurch, daß Albertus 
lateinisch schreibt, macht er den Nutzen seiner Grammatik 
illusorisch für alle, die keine gelehrte Bildung hatten, ins- 
besondere für die Schulknaben, die wenig dadurch ge- 
fördert worden wären, wenn man ihnen deutsche Gram- 
matik in einer fremden Sprache vorgetragen hätte. Die 
Pädagogen des 17. Jhs., die der Jugend die ersten gram- 



que vagum Franci diffunde per orbem Nominis et toto fer tua 
jura mari. Vosque alii laetis populi concurrite turmis ; cum 
duce, Teutonidum signa, fovete suo usw. 



33 — 35.] Die Grammatiker vor Schottelius. 63 

matischen Kenntnisse an der Hand der Muttersprache bei- 
bringen wollten, haben daher das Deutsche auch als Unter- 
richtssprache zu Ehren gebracht. Übrigens steht Albertus 
mit der Fülle seiner Motive allein da. Clajus begnügt sich, 
in der Widmung S. 3 auf den Nutzen der Kenntnis des 
Deutschen für Einheimische und Fremde hinzuweisen, und 
bezeichnet S. 10 als Zweck seines Unternehmens : tum 
vt naiiones exterae Germanice loqui discant facilius, tum 
vt nostrates indigenae et loqui discant elegantius et scribere 
emendatius. Die andern lateinisch schreibenden Gramma- 
tiker stellen die Rücksicht auf die Fremden noch energischer 
in den Vordergrund. Daß Ölinger zur Ausstaffierung seiner 
Widmungsvorrede einiges aus Albertus abgeschrieben hat, 
ist ohne Bedeutung. 

34. Eine Mehrheit von Motiven werden wir auch in 
den deutsch geschriebenen Sprachlehren des 17. Jhs. finden. 
Man kann jedoch die Grammatiken unseres Zeitraums in 
drei Gruppen teilen, wenn man die Zwecke ins Auge faßt, 
die jeder Gruppe ausschließlich, im Gegensatz zu den andern, 
eigen sind, nämlich 1. Grammatiken für Ausländer, cha- 
rakterisiert dadurch, daß sie lateinisch geschrieben sind; 
2. Sprachlehren, die das Deutsche zur Einführung in den 
grammatischen Unterricht überhaupt verwenden; 3. Bücher, 
die als Vorstufen für den Unterricht in der deutschen Rhe- 
torik gedacht sind. 

I. Die lateinisch geschriebenen Grammatiken. 

35. Literatur: Müller-Fraureuth, Scheel, Weidling 
in den Einleitungen zu ihren Ausgaben des Albertus, Ölinger, 
Clajus. — N. Paulus, Lorenz Albrecht: Historisch-politische 
Blätter für das katholische Deutschland 119, 549 ff ., 625 ff. — 
K. Schellhaß, Zur Lebensgeschichte des Laurentius Albertus: 
Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Biblio- 
theken 8, S. 174 ff. — J. Meier, Oelingeriana : PBB. 20, S. 565 ff. 
— C. Müller, Albert Ölingers deutsche Grammatik und ihre 
Quellen: Festschrift der 44. Versammlung deutscher Philologen 
und Schulmänner dargeboten von den öffentlichen höheren Lehr- 
anstalten Dresdens, S. 27 ff. — Th. Perschmann, Joh. Clajus 
des Aelteren Lehren und Schriften: Festschrift des Gymnasiums zu 
Nordhausen, 1874. — Pitschmann, Johannes Ciajus des Aelteren 
Grammatik der deutschen Sprache: Programm, Prag, II. deutsche 



64 Kapitel 5. [§ 35-37. 

Staats-Oberrealschule, 1888 (Inhaltsangabe). — R. Grosse, 
Stephan Ritters Grammatica Germanica Nova, Göttinger Diss. 1904. 

36. Laurentius Albertus oder, wie er sich anfänglich 
nannte, AI brecht stammte aus einer Familie, die in einem latei- 
nischen Schriftstück de Malleis genannt wird 1 , und wurde als 
Untertan der sächsischen Herzoge im Thüringer Wald geboren. 
Er muß aber früh von seinem Geburtsort weggekommen sein, denn 
1557 wurde er als Laurentius Albrecht Neapolitanus Francus in 
die Matrikel der Universität Wittenberg eingetragen. Ob Neapoli- 
tanus einen Bewohner von Neustadt an der fränkischen Saale oder 
von Neustadt an der Aisch meint, läßt sich nicht entscheiden. 1565 
kam er nach Würzburg und fand dort in dem Domherrn Johann 
Egolf von Knöringen, demselben, dem später die Grammatik 
gewidmet wurde, einen Gönner, durch den er auch mit dem Bischof 
Friedrich von Würzburg in Beziehung kam. Er begann an der 
Wahrheit der lutherischen Lehre zu zweifeln, die er 1563 in einer 
deutschen Schrift gegen Zwinglianer und Calvinisten verteidigt 
hatte, und wurde 1568 vom Bischof Friedrich in die katholische 
Kirche aufgenommen. Vor der Grammatik veröffentlichte er ver- 
schiedene theologische Streitschriften und eine gereimte fränkische 
Chronik. Im Juni 1573 wurde er in Rom, wohin er sich begeben 
hatte, vom Papst Gregor XIII. zum lateranischen Pfalzgrafen und 
Eques auratae militiae ernannt. Die Wahl Knöringens zum Bischof 
von Augsburg und der Tod Bischof Friedrichs (Ende 1573) machten 
seiner Stellung am würzburgischen Hof ein Ende. Als Knöringen 
1575 starb, scheint sich Albertus von Augsburg nach Bayern ge- 
wendet zu haben, nach dem Tode seines letzten Gönners, des 
bayrischen Herzogs Albrecht (Ende 1579), begab er sich nach 
Österreich. In Wien übte er die Advokatur aus. Schließlich 
wollte er die Priesterweihe nehmen. Er bedurfte dazu, da er 
mit einer katholischen Witwe verheiratet gewesen war, der päpst- 
lichen Dispens. Diese wurde ihm auf die Fürsprache des Erzherzogs 
Maximilian und des Jesuitenprovinzials Lorenzo Maggio am 7. Mai 
1583 erteilt. Über sein späteres Leben ist nichts bekannt. Seine 
Teutsch Grammatick oder Sprach-Kunst erschien 1573. 

37. Über Ölingers Leben geben uns nur seine Werke Aus- 
kunft. Diese sind die Grammatik, von der einige Exemplare die 
Jahreszahl 1573, andere 1574 tragen, und eine 1587 erschienene 
Übersetzung von zwölf Dialogen des Ludovicus Vives samt dem 
lateinischen und französischen Text. Auf dem Titelblatt der Gram- 
matik bezeichnet er sich als Straßburger und Notarius publicus. 



1 Schellhaß meint, S. 193, Fußn. 2, das sei deutsch «von 
Hammer». Aber Albertus übersetzt in der Grammatik 69, 3 und 
74, IX malleus mit Schlägel. 



§ 37. 38.] Die Grammatiker vor Schottelius. 65 

In der aus Straßburg vom 4. September 1573 datierten Widmung 
an den Herzog Karl III. von Lothringen erzählt er, daß er vor 
fünf Jahren, also 1568, es unternommen habe, einige französische 
Edelleute im Deutschen zu unterrichten, was die Veranlassung zur 
Abfassung seiner Grammatik wurde. Aus der Widmung des spätem 
Werks (Durlach, 27. März 1587) ersehen wir, daß er einigen 
badischen Prinzen französischen Unterricht gegeben hatte. Da er 
sagt, daß er später seine deutsche Grammatik verfaßt habe, und 
seine Schüler in den Jahren 1555 — 1562 geboren sind, muß diese 
Tätigkeit in die sechziger Jahre vor 1568 fallen. Seinen Be- 
ziehungen zu seinen früheren Schülern hatte er es wohl zu danken, 
daß er sich 1587 als kaiserlichen Notar und Hofgerichtsprokurator 
zu Carlsburg bezeichnen durfte — Schloß Carlsburg in Durlach 
war seit 1565 die Residenz des badischen Hofs. Seine Übersied- 
lung nach Baden war schon einige Jahre vor 1587 erfolgt. Man 
hat triftige Gründe für die Annahme, daß er Protestant war. 

38. R. v. Raum er bemerkte bis zu wörtlicher Über- 
einstimmung gehende Ähnlichkeiten zwischen den Gramma- 
tiken des Albertus und Ölingers. Ein Autor mußte ohne 
Zitat den andern benutzt haben. Raumer entschied sich 
für Ölingers Priorität, aus nicht eben schwerwiegenden 
Gründen, von denen der triftigste noch der war, daß einige 
Ölingers Grammatik beigegebene lateinische Gedichte auf 
einen an ihm begangenen literarischen Diebstahl anzu- 
spielen schienen. Da nun aber Albertus die Widmung seines 
Buchs vom 20. September 1572, Ölinger seine Dedikation 
vom 4. September 1573 datiert hat 1 , sah sich Raumer 
zu der Annahme genötigt, daß Albertus Mitteilungen aus 
der Handschrift Ölingers unredlicherweise verarbeitet habe. 
Diese an sich schon bedenkliche Hypothese komplizierte 
er durch die weitere Vermutung, daß Ölinger nachträglich 
den gedruckt vorliegenden Albertus benutzte. Vgl. Der 
Unterricht im Deutschen, 3. Aufl. (1857), S. 17, Fußnote 3 
des Sonderdrucks (K. v. Raumer, Geschichte der Päda- 
gogik*, III, S. 118, Fußnote 4); Geschichte der Germ. Philo- 
logie, S. 65. 



1 Daß Albertus' Grammatik früher im Buchhandel erschien^ 
geht, was Raumer nicht wußte, auch daraus hervor, daß sie zur 
Fastenmesse 1573 in Frankfurt feil war (Reif f erscheid, Allg. D. 
Biogr. 24, S. 510). Ölinger bezeichnet 1574 als Erscheinungsjahr 
seiner Grammatik, die, wie bemerkt, in einigen Exemplaren die 
Jahreszahl 1573, in andern 1574 trägt; vgl. Scheel, S. XI. 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 5 



66 Kapitel 5. [§ 38. 39. 

Demgegenüber behauptete Reifferscheid, Allg. 
Deutsche Biographie 24, 301, 509, daß Ölinger der Plagiator 
sei, der unverschämterweise seinen Diebstahl durch die 
lateinischen Gedichte verhüllt habe. 

Die Untersuchungen Scheels und C. Müllers haben 
ergeben, daß Reifferscheid in der Hauptsache recht hatte, 
daß man jedoch nicht eigentlich von einem Plagiat Ölingers 
sprechen kann. Er hatte seine Sammlungen schon ab- 
geschlossen, als die Grammatik des Albertus erschien. Da- 
durch sah er sich veranlaßt, die Veröffentlichung seines 
Buchs zu beschleunigen. Vorher ergänzte er es durch 
einige dem Konkurrenzwerk entlehnte Einzelheiten. Auch 
nahm der stilistisch ungewandte Mann, der sich auch sonst 
am liebsten an den Wortlaut seiner Quellen hielt, aus der 
Widmung und Einleitung des Albertus ganze Stücke in 
seine Dedikation herüber. Hier zeigt sich besonders deut- 
lich die Priorität des Albertus. Er, der so viele Zwecke 
mit seiner Grammatik verfolgt, durfte das patriotische Mo- 
ment kräftig betonen ; in Ölingers in usum iuuentutis maxime 
Gallicae geschriebenem Buch nimmt sich das aus wie ein 
aufgesetzter Fleck. Albertus, der das Studium der mo- 
dernen Sprachen geringschätzt (S. 30, I), durfte sie als 
verderbt bezeichnen und von den grammaticis praeceptiun- 
culis sprechen, nach denen man sie lehre; im Munde des 
ehemaligen französischen Sprachmeisters macht sich das 
sehr schlecht, und dem Herzog von Lothringen gegenüber 
war es direkt eine Taktlosigkeit. 

39. Aber trotz der Anleihen bei Albertus ist Ölingers 
Buch als selbständige Arbeit zu betrachten. Die Ähnlich- 
keit in der Anordnung des Stoffes erklärt sich daraus, daß 
Albertus wie ölinger im Bann der humanistischen Gram- 
matik stehn. Und zwar war für beide das hauptsächlichste 
Muster Melanchthons lateinische Grammatik. Daneben 
sind auch andere lateinische und griechische Sprachlehren 
herangezogen worden. 1 Ölinger ist außerdem sehr stark 

1 Nicht für all© Stellen, die höchstwahrscheinlich auf latei- 
nische und andere Quellen zurückgehen, sind diese nachgewiesen. 
Vgl. Müller-Fraureuth, S. V unten; VIII zu Albertus 53 De nomine; 
XI zu 66, IV. VII; XIII zu 87 De pronomine; XVIII zu 105, 
XII — XIV; XXI zu 131 De praepositione. Das Vorbild für Ölingers 
Einteilung der Zahlwörter ist bis jetzt unbekannt; vgl. Kap. 14, VI. 



§ 39—41.] Die Grammatiker vor Schottelius. 67 

durch die französische Grammatik beeinflußt. Natürlich 
hat er vor allem die Arbeiten benutzt, die für Deutsche 
bestimmt waren, also die Bücher von Pillot, Garnier 
und Caucius; die beiden ersten wird er wohl schon für 
das Kompendium verwendet haben, nach dem er den 
badischen Prinzen französischen Unterricht erteilte. Außer- 
dem benützte er die französischen Grammatiken von Dubois 
(Sylvius) und R. Estienne. Auch Albertus war mit der 
französischen Grammatik bekannt, doch ist ihr Einfluß 
auf ihn viel geringer. Von deutschen Orthographiebüchern 
hat Ölinger sicher das Enchiridion von Kolroß benutzt. 

40. Im ganzen wird man Ölingers Grammatik das 
größere Lob zugestehen müssen. In der Darstellung des 
Verbums läßt sie den Albertus, der hier überaus un- 
geschickt ist, weit hinter sich. In der Lehre von der Adjektiv- 
deklination sind auch die Späteren noch lange hinter 
Ölinger zurückgeblieben, und mit der zusammenfassenden 
Behandlung der Zahlwörter steht er in der älteren Zeit 
ganz vereinzelt da. Dagegen fehlt bei ihm die Akzentlehre. 
Albertus hat das Verdienst, für diesen Teil der Gram- 
matik die Grundlagen gegeben zu haben. Auch ist Al- 
bertus ausführlicher in der Darstellung der Orthographie, 
wenn er auch ebensowenig wie sein Konkurrent die ge- 
schlossene Systematik eines Kolroß oder Frangk erreicht. 

41. Albertus hat außerdem eine Menge theoretischer 
Interessen. Mit grammatischen Definitionen gibt sich der 
praktische Sprachmeister Ölinger nicht viel ab; er setzt 
die Kenntnis der Begriffe voraus. Albertus hat Sinn für 
diese Dinge und berührt öfters die Beziehungen der Gram- 
matik zur Logik. Mit einer gewissen Vorliebe zieht er 
das Altdeutsche und die Dialekte heran, auch über das 
praktische Bedürfnis hinaus. Namentlich hat er seine 
Freude an der Fähigkeit des Deutschen zur Ableitung und 
Zusammensetzung. Er ist hierin ein Vorläufer Schotteis, 
mit dem er sich auch darin berührt, daß er mit dem 
Begriff der einsilbigen Wurzel operiert und die etymo- 
logischen Elemente der deutschen Orthographie hervor- 
hebt. Auch die Wortfülle des Deutschen bestrebt er sich 
ins Licht zu setzen. 

Aus diesen Gründen hat man die Grammatik des Al- 
bertus als wissenschaftliches Werk dem praktischen Hand- 

5* 



68 Kapitel 5. [§ 41. 

buch ölingers gegenübergestellt. Aber man darf doch nicht 
übersehen, daß auch Albertus praktische Ziele verfolgt. 
S. 87 fällt er sich selbst ins Wort: Sed haec Theorica 
potius quam practicabilia sunt. Unter die Adverbia nimmt 
er gegen seine eigene Überzeugung ganze Phrasen auf, ut 
constructio (d. h. die Analyse) adeoque tota lingua nostra 
tyronibus facilior et euidentior fiat (S. 124). Auch er 
nimmt, wenn auch nicht so oft wie Ölinger, ausdrücklich 
auf die exteri Rücksicht, vgl. z. B. 24 Z. 2 ff., 39 unten, 
50 X, 51 XII; auch 101 Z. 2f. und 103 f. gehört wohl 
hierher. 

Vor allem ist hervorzuheben, daß Albertus auch die An- 
forderungen des deutschen Geschäftsstils im Auge hat. 
Wenn er auch vor der Häufung der Synonyma warnt, für 
diese selbst interessiert er sich sehr. So füllt er zwei 
Seiten mit verschiedenen Übersetzungen des Begriffs Gram- 
matica Germanica, nicht nur um zu zeigen, daß das 
Deutsche es an Wortfülle und Kompositionsfähigkeit mit 
dem Griechischen aufnehme, sondern auch, ut quilibet 
suo ingenio aptam vocabuli Grammatices interpretationem 
inde sibi eligat aut aliam et forte probabiliorem post haec 
initia nostra excogitet. Auf mehr als vier Seiten (S. 74 ff.) 
gibt er eine Anweisung, wie man ein Wort mit passenden 
Adjektiven versehen, andere Wörter aus ihm ableiten, die 
adjektivischen Ableitungen wieder mit Substantiven ver- 
binden, Komposita bilden, diese wieder in Verbindungen 
von Partizipien mit dem Grundwort auflösen oder die ad- 
verbialen Ableitungen zu Verben gesellen könne. Hier ist 
ein Stück Stilistik in die Grammatik hineingearbeitet, das, 
wie es scheint, auf Tradition beruht. Vgl. Fabritius, S. 30; 
Ickelsamer, Müller S. 61; Meichßner, S. 164. Bemerkens- 
wert sind die Äußerungen S. 122, III, V, daß numerus et 
grauitas orationis die Anhängung von en an das adverbiale 
lieh fordere und daß Umschreibungen wie räuberischer, 
trötzigliger weiß «in grauibus orationibus et aecusationibus 
locum habent». Vgl. auch die Bemerkung S. 98, II über 
die durch die orationis grauitas geforderte Anfügung des e. 
Nicht umsonst rühmt er, daß gelehrte Hofleute sich be- 
streben, actuosa, luminosa et grauissima verba inuenire 
aut a veteribus inuenta et composita eruere et collocare et 
rebus commode applicare, und an Knöringen den Eifer 



§ 41. 42.] Die Grammatiker vor Schottelius. 69 

und das Talent in vocdbulis linguae vernaculae inueniendis 
apteque collocandis et phrasibus componendis. Trotz des 
lateinischen Gewandes der Grammatik, das nur ein paar- 
mal durch deutsche Sätze zerrissen wird, besteht eben 
eine gewisse Beziehung zur deutschen Rhetorik. Damit 
hängt zusammen, daß Albertus über orthographische Dinge 
mehr zu sagen weiß als die folgenden lateinisch schreibenden 
Grammatiker, daß er in der Syntax, S. 140, II, eine Be- 
merkung über die Anredeformen bringt und daß er ein- 
mal (S. 26, Z. 3) syllaba nicht im antiken Sinn, sondern 
in der Weise der alten Schreiber für eine bloße Buch- 
stabenverbindung (seh) gebraucht. 

42. Albertus weiß recht gut zwischen den bloß ge- 
sprochenen und den geschriebenen Varianten des Deutschen 
zu scheiden. So sagt er S. 34, XV, S. 35, XVI, daß die 
Bayern häufig den Diphthong oi (z. B. in noi = new) 
brauchten und die Franken ou für auslautendes o sprächen 
(strou = stro), aber geschrieben oder gedruckt habe er 
diese Diphthonge nie gesehen. Er macht ferner einen 
Unterschied nach den Bildungsstufen, ua oder ue sprächen 
die simpliciores et incultiores, die inculti et agrestes in- 
digenae nostri, die eultiores gäben dem ü den Wert des u 
gallicum (S. 35, XVII, XVIII), 1 Verbindungen wie duda, 
dudoch, derda, derdoch sind potius barbaris quam cultiori- 
bus vsitata (S. 90). Als Ideal betrachtet er die Einheit 
der Sprache; es ist schon erwähnt, daß er die dialektische 
Zerrissenheit Deutschlands beklagt und glaubt, daß ihr 
durch rechtzeitige Aufstellung grammatischer Vorschriften 
hätte gesteuert werden können. Aber diese Einheit ist für 
ihn eben nur Ideal, besteht nicht wie für Frangk eigent- 
licht zu Recht; pene irreconciliabilis nennt er S. 13 die 



1 Die Bemerkung 35 XVIII ist übrigens etwas konfus abgefaßt. 
Der Buchstabe ü wird von den Gebildeten wie ü gesprochen, gra- 
phisch ist er gleich ue, die getrennte Aussprache u e ist bäurisch^ 
das sind die Tatsachen, von denen Albertus ausgeht. Aber er 
weiß kein einziges Wort, in dem bäurisches ue und gebildetes ü 
einander gegenüberstehen, und so bringt er Beispiele für ue = u. 
Daher der Satz hoc vitio non saltem deprauant praesentem 
diphthongum, sed etiam ipsum u simplex, ut duo allegata 
exempla ostendunt. In Wahrheit entsprach dem gebildeten ü 
bäurisches üe. 



70 Kapitel 5. [§ 42. 

Verschiedenheit der deutschen Dialekte. Er führt auch 
öfters mundartliche Unterschiede ohne Werturteil an, oder 
begnügt sich, von vielen Formen eine als die üblichste, 
eine als ganz fehlerhaft zu bezeichnen, vgl. S. 74, IX. 
Der Gedanke scheint ihm nicht fremd, daß man aus den 
Dialekten das Beste auswählen solle: Si dialectorum discri- 
mina plurima noscas, Quaenam uerba tibi sint imitanda 
magis heißt es in dem Gedicht an die Leser S. 17. 

Aber trotz seiner Kenntnis der mundartlichen Ver- 
schiedenheiten, die zu seinem Bedauern Ursache sind, daß 
die Angehörigen der einzelnen Dialektgebiete einander ver- 
spotten (S. 13f.), schlägt er doch wieder anscheinend die 
Diskrepanzen innerhalb des Hochdeutschen nicht sehr hoch 
an. S. 38 f. gibt er eine Übersicht über die deutschen 
Dialekte. Die deutsche Sprache wird geteilt in Oberlän- 
disch, und Niderlendisch oder Sächsisch Teutsch. Die ober- 
ländischen Dialekte, deren sich die Rheinländer, Franken, 
Meißner, Schlesier, Thüringer, «Norici», Schwaben, Öster- 
reicher, Siebenbürger, Bayern, Tiroler et omnes Uli mon- 
tani, Schweizer bedienen, bezeichnet er als inuicem in- 
telligibiles. Unmittelbar auf die Dialekteinteilung 1 folgt 
die Bemerkung: Idioma vero, quo in his institutionibus 
utemur, commune et intelligibile erit omnibus superioris 
Germaniae populis, quo etiam scripta constant ex prae- 
cipuis typographijs edita, quae sunt Moguntiae, Ingolstadij, 
Norinbergae, Augustae, JBasileae, Francofurti, Witebergae. 
Hoc si quis extraneus uti didicerit, satis ac pro necessitate 
etiam ab inferioribus int ellig etur . Nach dem Zusammen- 
hang, in dem diese Worte stehen, besagen sie nichts 
anderes, als daß Albertus «oberländisch», nicht «nider- 
lendisch» schreiben will, und daß er die Überzeugung hat, 
daß seine Sprache den Oberländern nicht fremdartig vor- 
kommen wird. Dieselbe Sprache findet er in den Büchern 
der von ihm genannten Druckorte; obwohl dem guten 



1 Si© geht wohl mit einigen Konfusionen in letzter Linie auf 
Andreas Althamers Oommentaria Germaniae (Nürnberg 1536), 
S. 54 ff., zurück. Althamers Quelle, Beatus Rhenanus, ist nicht 
benützt, da des Albertus «die weiteste Wöner» nur bei Althamer v 
nicht bei Beatus Rhenanus eine Entsprechung hat. Aber eine 
von Althamer abhängige Schrift ist als unmittelbare Vorlage mög- 
lich, sogar wahrscheinlich. 



§ 42.] Die Grammatiker vor Schottelius. 71 

Beobachter nicht entgangen sein kann, daß diese Schriften 
nicht in allen Einzelheiten übereinstimmen, überwiegt für 
seine Empfindung das Gemeinsame — ebenso wie wir 
Bücher noch immer für hochdeutsch halten, wenn wir 
in ihnen auch eine Menge uns ungeläufiger Wendungen 
und eine von der unsern abweichende Orthographie finden. 
Das 16. Jh. war in diesen Dingen eben noch weitherziger. 
Den Gedanken einer streng einheitlichen Schriftsprache, 
die allen Dialekten gegenüber steht, hat Albertus nicht 
gehabt. 

Anm. Schwierig ist die Stelle S. 14, wo Albertus gegen die 
Bibelübersetzungen und die theologische Schriftstellerei in der 
Landessprache eifert. Wenn er ausruft : Quid enim balbi Uli 
Barbari tractarent scripturas, qui ne semetipsos intelligunt, 
etiamsi de quotidianis loquantur rebus? qui nos puriores Ger- 
manos, de natura et proprietate nostrae linguae instruere audent, 
cum ipsi ä vero eius vsu et pronunciatione remotissime absint, 
so ist zwar nicht klar, welche Akte unberechtigter Sprach- 
meisterei er im Auge hat, aber das scheint trotz aller rheto- 
rischen Übertreibung sicher, daß er nicht an Luther denken kann. 
Führt er doch Wittenberg unter den bedeutenden Druckorten 
an und rühmt S. 40 die Sprache der Meißner : quam (seil, lite- 
ram i) et Misnenses (populus nempe eultissimus) cum elegantia 
et suauitate efferunt. Auch macht er S. 39 unter den Ober- 
ländern, die alle einander verstehen, keinen Unterschied im Punkt 
der Sprachreinheit. Wenn er S. 14 weiter sagt, daß in den Bibeln 
jener Barbaren Christus manchmal geduzt, manchmal geihrzt werde, 
so geht das wohl auf die Niederländer. Und die unbefugten Sprach- 
lehrer sind wahrscheinlich hochdeutsch sprechende Niederdeutsche. 
Man beachte einige Bemerkungen der Grammatik, die auf solche 
schlecht hochdeutsch redende Leute zielen. Ganz deutlich ist die 
Äußerung S. 25 über das von einigen Saxones gesprochene dats 
statt daß; dats sagte ein Niedersachse natürlich nur, wenn er 
hochdeutsch sprechen wollte. Ferner 142, IX : Enallagen Saxones 
et Belgae nonnumquam immiscent nobis inusitatam, neque ab 
alijs discendam, vbi infinitiuum pro imperfecto ponumt. Sie 
«mischen» das selbstverständlich in die hochdeutsche Rede ein 
Aber auch die Bemerkung S. 25 über den Spottnamen «Quatlender», 
den die Bataver und Belgier wegen ihres wat, dat, quat führen, 
wird hierher gehören. Vgl. noch S. 74, IX über die sächsischen 
Deminutiva auf -Jcen, S. 125 über sächsisches wan ehr statt wann. 
Man beachte auch, daß S. 39 die idiomata et dialecti der am 
Meer wohnenden Niederländer inculti genannt werden. Wenn 
Albertus schließlich sagt, daß manche über die Wörter leib, Tcirch, 



72 Kapitel 5. [§ 42. 43. 

gemeinschafft, ist streiten, ohne auch nur zu wissen, unter welche 
grammatischen Kategorien diese Wörter fallen, so zielt er natür- 
lich nicht auf einen bestimmten Dialekt, sondern auf die niedere 
Bildungsstufe vieler Ketzer. Schon in seiner lutherischen Zeit 
hatte er gegen die Zwinglische Auslegung des «ist» in der Ein- 
setzungsformel nicht nur Aristoteles, sondern auch Priscian ins 
Feld geführt und den Zwinglianern vorgeworfen, daß «etliche, die 
kaum ein buchstab oder zwe lesen oder verstehen könne, die 
wollen geistliche vnter jne werden . . . ., den sie dazu nit recht- 
schaffne leut vberkomen können». (Christliche trewe Warnunge v 
an die Stedte Wormbs, Speier, Landaw, vnd andere Stendte, so 
den Zwinglischen, orts halben nahe verwandt, das sie jren Irthumb 
im Nachtmal lernen kennen, vnd sich dauor hüten, C7b, C8a, H4a). 
43. Jeder, der einem Fremden Sprachunterricht gibt, 
wird sich bemühen, den Schüler einen Sprachtypus zu 
lehren, mit dem er möglichst weit kommt, möglichst wenig 
Anstoß und Befremden erregt. Das Maß des Erfolgs hängt 
freilich nicht nur von den Kenntnissen des Lehrers, sondern 
auch von der Beschaffenheit der Sprache selbst ab. Ölinger 
war also durch seinen Beruf als praktischer Sprachlehrer 
genötigt, seine Aufmerksamkeit auf die lokale Beschränkt- 
heit gewisser Spracherscheinungen zu richten. Er versieht 
seine Bemerkungen über dialektische Verschiedenheiten der 
Aussprache und Schrift oft mit Beurteilungen und tadelt 
dabei auch Elsässer Eigenheiten, so i statt ei, u statt au, 
quod ab elegantiae studiosis in sermone nostro reprehenditur, 
ü statt eu, wohl auch o statt a, ou statt au. 1 Von den 
alemannischen Formen haut, wollend (= wollet), land 
(= lasset), gand (= gehet) spricht er S. 96 als von 
obscuris et rustieis, die quidam abusiue vtuntur. gesein 
oder gesyn statt gewesen bezeichnet er S. 76 als fehler- 
haft. Freilich ist seine Kenntnis des Gebiets der sprach- 
lichen Phänomene beschränkt. Er tadelt S. 19 die sch- 
Aussprache des s vor t schlechthin, nicht nur nach Vo- 
kalen, sondern auch im Anlaut (stand) und nach r (fürsten), 
obwohl sie in diesen Stellungen allen hochdeutschen Dia- 
lekten zukommt. Es ist das etwas ähnliches, wie wenn 
heute viele Tiroler im Binnenanlaut (Vorstellung) st sprechen, 

1 Streng genommen trifft der Satz (S. 11) quod experti Germani 
non omnino approbant nur die bayrische Aussprache aller a wie o. 
Vgl. S. 18: oü, oüw, öüw Heluetiorum propriae sunt, sed in alijs 
Germaniae partibus non sunt in vsu. 



§ 43. 44.] Die Grammatiker vor Schottelius. 73 

weil sie mit ihrem dialektischen seht im wahren Inlaut 
Anstoß erregen. Oder er bezeichnet S. 55 das in der 
Schriftsprache des 16. Jhs. weit verbreitete -lin als 
einen fehlerhaften Schweizer Idiotismus. Liegt hier ein 
Übermaß von Mißtrauen gegen die eigene Mundart vor, 
so reicht wieder sein Blick nicht weit genug nach Osten 
und Norden, wenn er S. 18 lehrt, daß -en in sagen , 
tragen, kommen wie das französische e feminin zu sprechen 
sei. Am Schluß seines Buches charakterisiert er die Sprache, 
deren er sich bedient. Aber die Stelle ist aus Albertus, 
S. 39 (vgl. oben 42), abgeschrieben, nur daß er den maß- 
gebenden Druckorten noch Leipzig und Straßburg hinzu- 
fügt. Im besten Fall können wir da annehmen, daß Ölinger 
der Überzeugung war, daß der von ihm gelehrte Sprach- 
typus im großen und ganzen mit der Sprache der von 
Albertus genannten Druckorte übereinstimme. In Wahr- 
heit schreibt er Straßburger Drucksprache; vgl. Scheel, 
S. LVI. 

44. Johannes Clajus (Clay) wurde am 24. Juni 1535 in 
der damals zum sächsischen Kurkreis, heute zur preußischen 
Provinz Sachsen gehörigen Stadt Herzberg an der Schwarzen Elster 
geboren. 1550 — 1555 studierte er an der Landesschule zu Grimma, 
1555 — 1557 an der Universität Leipzig. Er war dann zwei Jahre 
Lehrer in seiner Vaterstadt, wirkte hierauf neun Jahre an der 
Schule zu Goldberg in Schlesien, wo er zuerst Unterricht im Ge- 
sang und den Anfangsgründen des Latein erteilte, später die Lektüre 
der lateinischen Dichter leitete und griechische und hebräische 
Grammatik lehrte, nahm 1569 eine Berufung als Rektor nach 
Frankenstein in Schlesien an, legte jedoch sein Amt bald nieder, 
um in Wittenberg Theologie zu studieren. Schon im zweiten 
Semester seines Studiums erlangte er die Magisterwurde. Ende 
1570 übernahm er das Rektorat der Schule in Nordhausen. An- 
fang 1573 wurde er Pfarrer in Bendeleben und wirkte dort bis zu 
seinem am 11. April 1592 erfolgten Tod. 1 Von seinen zahlreichen 



1 Aus diesem Abriß der Biographie des Clajus geht hervor, 
daß man ihn nicht als Thüringer bezeichnen oder von seinem 
thüringischen Dialekt sprechen darf. Ist er doch erst als reifer 
Mann nach Thüringen gekommen. Es gehört natürlich auf ein 
anderes Blatt, wenn er in der Dedikation an Bürgermeister und 
Rat von Erfurt diese Stadt als die Hauptstadt Thüringens rühmt, 
quam ego inter dialectos linguae Germanicae non vltimam cen- 
sendam esse existimo. 



74 Kapitel 5. [§ 44. 45. 

Schriften seien eine griechische und eine hebräische Grammatik 
erwähnt. Die deutsche Grammatik erschien zuerst 1578. 

45. Clajus sagt selbst, daß er seine Darstellung dem 
Lehrgang der lateinischen Grammatik angepaßt habe. Me- 
lanchthon ist auch für ihn das Vorbild. Von seinen beiden 
deutschen Vorgängern zitiert er bloß einmal Ölinger; er 
hat aber nicht nur ihn, sondern auch Albertus gekannt 
und benutzt. Die wichtigste Anregung, die er diesem ver- 
dankt, betrifft die Akzentlehre. Allein im großen und ganzen 
sind die Berührungen mit Albertus und Ölinger, soweit sie 
nicht durch das Vorbild, die lateinische Grammatik, ver- 
anlaßt sind, nicht eben bedeutend. In der Orthographie 
ist Clajus viel knapper als seine Vorgänger. Die dialek- 
tischen Verschiedenheiten interessieren ihn nicht; was er 
darüber sagt, ist verschwindend wenig und geht meist auf 
Albertus und Ölinger zurück. Dagegen übertrifft er diese 
in der Syntax an Ausführlichkeit, ohne freilich alles zu 
verwerten, was er aus ihnen hätte entnehmen können. 
In der Darstellung der Deklination und Konjugation geht 
Clajus seine eigenen Wege. Albertus und Ölinger setzen 
drei Deklinationen an, jener nach den verschiedenen 
Genitiv-, dieser nach den Pluralendungen; Clajus hat vier 
Deklinationen nach den Genera, zur vierten gehören die 
Adjektiva als Wörter des genus omne, allerdings inkonse- 
quenterweise auch die schwachen Maskulina und Neutra. 
Die Haupteinteilung beruht auf einem törichten Prinzip, 
aber die Durchführung im einzelnen ist gut, denn Clajus 
weiß, die wirklichen Deklinationstypen in den Unter- 
abteilungen seiner Deklinationen unterzubringen. Ähnlich 
ist es mit seiner Konjugationslehre. Die Einteilung der 
Konjugationen nach den Genera verbi ist wertlos und der 
Gedanke, zum Leitfaden einer Übersicht über die Bildung 
der Präterita und Partizipien den Stammauslaut zu wählen, 
nicht glücklich; aber in dieser Übersicht sind schließlich 
doch die starken und unregelmäßigen Verba zusammen- 
gestellt, ja sogar kleine Gruppen gebildet. Daß die Verba, 
die man jetzt Praeteritopraesentia nennt, einen besonderen 
Typus bilden, ist Clajus nicht entgangen; nur sind ihre 
Besonderheiten unter die verschiedenen Rubriken ver- 
zettelt, nirgend zusammengestellt. Kurzum: es fehlt dem 
Clajus nicht an dem Blick für das Typische, wohl aber 



§ 45. 46.] Die Grammatiker vor Schottelius. 75 

der Sinn für richtige Disposition. — Wie er in der Über- 
sicht über die Tempusbildung nach einem mechanischen 
Prinzip eine Übersicht über die interessanten Formen gibt, 
so ähnlich in der Lehre vom Genus der Nomina. Es ist 
ihm mit Unrecht vorgeworfen worden, daß er nach der 
Endung Genus reg ein aufstellen wollte; in Wahrheit wollte 
er nur ein Verzeichnis der gebräuchlichsten Wörter geben, 
deren Geschlecht sich durch allgemeine Regeln nicht be- 
stimmen ließ. Bloß das Prinzip der Anordnung, nach dem 
Endlaut, statt der uns geläufigen nach dem Anfangslaut, 
hat er den Genusregeln der lateinischen Schulgrammatik 
entlehnt. Er übertrifft in der Lehre vom Genus den Al- 
bertus, der sich beinahe ganz auf die Aufstellung von 
Regeln nach der Bedeutung beschränkt, durch die Reich- 
haltigkeit des Materials, Ölinger außerdem durch die Be- 
quemlichkeit der Anordnung. Denn bei Ölinger mußte man 
für jedes einzelne Genus Regeln und Ausnahmen durch- 
sehen, während man bei Clajus einfach unter dem End- 
laut des Wortes zu suchen hatte, um das Genus zu finden. 
46. Auf dem Titel der ersten Auflage steht Gram- 
matica Germanicae linguae . . . ex bibliis Lutheri Ger- 
manicis et aliis eins libris collecta. Von der zweiten Auf- 
lage ab heißt es statt dessen ex optimis quibusque Autori- 
bus collecta. Daß aber Clajus keineswegs seinen Stand- 
punkt geändert hat, beweist die Beibehaltung der Widmungs- 
schrift an Bürgermeister und Rat von Erfurt; diese ist 
erst seit der 6. Auflage, die 25 Jahre nach dem Tode 
des Verfassers erschien, weggeblieben. In der Widmung 
heißt es nun, es sei eine den Deutschen von Gott er- 
wiesene Wohltat, quöd . . . praeter cognitionem rerum 
Sacrarum et ad salutem nostram pertinentium, quae in 
libris Lutheri planissime et plenissime explicantur , disci 
potest ex ijsdem libris etiam perfecta et absoluta linguae 
Germanicae cognitio, tarn indigenis quam exteris nationi- 
bus vtilis et necessaria. Quam quidem ego Grammaticis 
regulis hoc libro complexus sum, ex Biblijs alijsque scriptis 
Lutheri collectis, cuius ego libros non tarn hominis, quam 
Spiritus Sancti per hominem locuti agnosco, et plane in 
hac sum sententia, Spiritum Sanctum, qui per Mosen 
caeterosque Prophetas pure Ebraice et per Apostolos Graece 
locutus est, etiam bene Germanice locutum esse per electum 



76 Kapitel 5. [§ 46. 

suum organon Lutherum. Hier wird also zum erstenmal 
die unbedingte sprachliche Autorität Luthers ausgesprochen, 
ohne daß, wie bei Frangk, ihm andere zur Seite gesetzt 
würden. Tatsächlich lehrt Clajus im wesentlichen die 
Luthersprache; über Abweichungen in Einzelheiten vgl. 
v. Bahder, Grundlagen des nhd. Lautsystems, S. 74f. Nach 
Weidling, S. VII hat Clajus seiner Arbeit fast aus- 
schließlich die Bibel von 1545 zugrunde gelegt. 

Für die Geschichte der Theorie ist wichtig, daß Clajus 
zwar oft genug Doppelformen anführt, aber doch in ein- 
zelnen Punkten Luthers Sprache schematisiert. 1 In Be- 
tracht kommt da namentlich die Behandlung des -e in 
den Flexionsendungen der Substantiva, dessen Apokope 
Luther zwar später eingeschränkt, aber nie aufgegeben hat. 
Vgl. Franke, Grundzüge der Schriftsprache Luthers, 
§§ 174 A, 10; 175; 188. Clajus lehrt ohne Einschränkung 
S. 45, daß alle Maskulina, die nicht auf -el, -er, -en endigen 
oder -er annehmen, im Plural auf -e ausgehen. Ebenso nach 
S. 47 die Feminina wie Hand. Luther läßt noch öfters die 
Neutra in N. A. Plural endungslos oder schwankt zwischen 
Formen mit und ohne e; vgl. Franke, § 179. Clajus weiß 
nichts von solchem Schwanken; endungslos sind nach S. 49 f. 
die Wörter auf -er, lein «et quaedam alia», als Beispiel 
für diese letzteren gibt er nur Brot. Umgekehrt fügt 
Luther, wenn auch selten, im Plural den Masculinis auf 
-el und -er ein -e an: Kugele, jüngere-, Franke, § 177. 
Clajus lehrt hier ohne Einschränkung Endungslosigkeit. In 
der 1., 3. Sg. des starken Präteritums erscheint bei 
Luther öfters ein paragogisches -e: sähe, flöhe, läse, schlüge; 
Franke, § 229, 1. Nach Clajus, S. 70, geht das Imperfectum 
entweder in consonantem verbi oder auf die Silbe te aus. 
Nur im Verzeichnis der vokaländernden Verba auf -hen y 
S. 102, werden die Doppelformen sah und sähe, floh und 
flöhe erwähnt. — Von der Endung -e im Plural der alten 
ö-Stämme, Franke, § 188, 5—7; 197, weiß Clajus nichts 



1 Weidlings Vergleichung der Sprache der Grammatik mit der 
Sprache Luthers leidet an dem Fehler, daß sie nicht systematisch 
scheidet zwischen den Formen, für die Clajus eine Regel gibt, 
und denjenigen, die zur Illustrierung ganz andrer Erscheinungen 
angeführt werden. 



§ 46. 47.] Die Grammatiker vor Schottelius. 77 

mehr; er lehrt S. 47, daß alle Feminina auf -e im Plural 
n annehmen. — Luther setzt bisweilen nach dem be- 
stimmten Artikel die starken Adjektivformen, Franke, § 214; 
er gebraucht ferner mitunter im Nom. des Maskulinums, 
im Nom. Akk. Sing, des Neutrums überwiegend die un- 
flektierte Adjektivform statt der starken; Franke, § 201. 
Clajus gibt in der Lehre von der Motion, S. 22 f., an, daß 
nach ein das Maskulinum auf -er, das Neutrum auf -es, 
nach dem bestimmten Artikel beide auf -e ausgehen. Auch 
in der Lehre von der Deklination, S. 52 f., werden nach 
dem Artikel der nur die schwachen Formen angesetzt. Die 
unflektierte Form erscheint nach S. 23 und 52 nur im prä- 
dikativen Gebrauch. So hat schon dieser Grammatiker, der 
noch nicht mit dem Analogieprinzip arbeitet, gewisser- 
maßen durch den Instinkt geleitet, die Formenfülle der 
wirklichen Sprache vereinfacht. 

47. Die Grammatik des Clajus wurde im Jahr ihres 
Erscheinens in Straßburg nachgedruckt, im Todesjahr des 
Verfassers kam die dritte rechtmäßige Ausgabe heraus, 
nach seinem Tode wurde das Buch noch achtmal aufgelegt, 
die vorletzte Ausgabe erschien 1689, die letzte, wohl für 
Fremde bestimmte, 1720. Diesen großen Erfolg hat das 
Buch kaum seinen inneren Vorzügen zu verdanken. Mochte 
es auch in mancher Beziehung reichhaltiger und über- 
sichtlicher sein als Ölingers Grammatik, für die Mittel- 
deutschen gab es überhaupt keine Wahl; Ölinger war wegen 
seiner elsässischen Schriftsprache für sie unmöglich. Und 
Mitteldeutschland war ursprünglich das Gebiet, das Clajus 
sich eroberte. Erst später kam Niederdeutschland dazu. 1 
Daß das Buch in Oberdeutschland viel gebraucht wurde, 
ist bisher nicht bewiesen. R. v. Raumer behauptete es, 
gestützt auf die Tatsache, daß ein Exemplar der ersten 
Auflage seit dem Jahr 1595 im Besitz des Münchner 
Jesuitenkollegiums war und aus ihm die Widmung heraus- 
gerissen ist, sowie auf dem Titel die Worte ex bibliis Lutheri 
durchgestrichen sind; ferner glaubte Raumer, daß spätere 
Auflagen immer mehr Rücksicht auf die Zulassung des 
Buches in katholischen Ländern nahmen, da alle die Dinge 
beseitigt wurden, die die Jesuiten in dem Münchner Exem- 
plar gestrichen oder herausgeschnitten haben. Vgl. Der 

1 Vgl. Reifferscheid, HZ. 40, Anz. 72. 



78 Kapitel 5. [§ 47. 

Unterricht im Deutschen 3 , S. 25 ff. (K. v. Raumer, Gesch. 
d. Pädagogik 4 III, S. 125 ff.). Dagegen hat schon Weidling 
S. LXXIV bemerkt, daß das Münchner Exemplar im Innern 
keine Streichungen anstößiger Stellen, ja überhaupt kaum 
Spuren der Benützung aufweist, und daß Clajus selbst 
schon den Titel geändert hat. Wenn seit 1617 die Wid- 
mung weg bleibt, so kann dies auch so erklärt werden, 
daß die Mitteilungen über persönliche Verhältnisse des 
Verfassers kein Interesse mehr hatten. Auch was Weid- 
ling. S. LXXV über andere aus Klosterbibliotheken stam- 
mende Exemplare mitteilt, beweist wenig. 1 Eher kommt 
in Betracht, daß der in Ingolstadt (früher in München) 
als Sprachlehrer wirkende Spanier Johannes Angelus a 
Sumaran die Grammatik des Clajus von S. 10 — 76, 29 
der Ausgabe von Weidling mit ganz geringfügigen Ab- 
weichungen als 12. Buch in seinen Thesaurus funda- 
mentalis quinque linguarum (Ingolstadt 1626) auf- 
nahm und einiges aus ihr im 7. und im 13. Buch ver- 
wertete, die neben der Aussprache auch einzelne Teile 
der deutschen Grammatik für Italiener, bzw. Spanier dar- 
stellen. 2 Aber Sumaran wagte den Namen seines Gewährs- 
mannes nicht zu nennen; er sagt am Schluß des 12. Buchs, 



1 Es handelt sich um die Münchner Exemplare der Ausgaben 
von 1625 und 1720 und die Breslauer von 1689 und 1720. Aber 
schon 1625 hatte man kaum eine Wahl, wenn man überhaupt eine 
deutsche Grammatik kaufen wollte. Brückers und Schopfs Bücher 
waren nie sehr verbreitet, die des Albertus und Ölingers wohl nicht 
mehr leicht aufzutreiben. Mit dem Protestanten Ritter war man 
nicht besser daran als mit Clajus. Noch schwieriger war es 
1689 eine von einem Katholiken geschriebene Grammatik zu er- 
langen. Übrigens gehören Iglau und Glogau, woher die Breslauer 
Exemplare stammen, zum mitteldeutschen Sprachgebiet. 

2 Nämlich die Lehre vom Genus, der Deklination und der 
Species der Nomina = Clajus 26, 14—60, 7. Die Darstellung der 
deutschen Aussprache im 7. und 13. Buch ist selbständig. Dabei 
scheut sich Sumaran nicht, sich mit seinem aus Clajus abge- 
schriebenen 12. Buch in Widerspruch zu setzen; die Buchstaben 
g, l, r, heißen hier ge, el, er, im 7. Buch S. 94 und im 13. Buch 
S. 208 Ie (in spanischer Orthographie ye), al, arr. (Vgl. dazu 
Schmeller, Bair. Wb. I, 853. 1399). Auch in den auf Clajus 
beruhenden Teilen zeigt sich Sumaran ein klein wenig selbständiger 
als im 12. Buch. 



§ 47. 48.] Die Grammatiker vor Schottelius. 79 

S. 206: Totam hanc pronunciationem Germanico Latinam, 
ex quodam Authore desumsi mutatis mutandis. 1 Das macht 
eine weitere Verbreitung des Clajus im katholischen Süden 
nicht eben wahrscheinlich. 

48. Die drei ältesten Grammatiker haben sich, wenn 
auch ölinger den Albertus und Clajus beide Vorgänger 
benutzte, doch jeder selbständig den Weg von der la- 
teinischen in die deutsche Grammatik gebahnt. Nach Clajus 
vollzieht sich, obwohl der Einfluß der lateinischen Gram- 
matik fortbesteht, eine innere Entwicklung der deutschen 
Sprachlehre. Schon Ritter schließt sich enge an Clajus 
an; besonders wichtig war, daß Schottelius später das 
gleiche tat. So sind gewisse Lehren des Clajus dauernd 
oder eine Zeit lang für die deutsche Grammatik typisch 
geworden: die Ansetzung eines unbestimmten Artikels, die 
Übersicht über die Genera nach dem Endbuchstaben, die 
Darstellung der Species nominis nach den Endungen, die 
Einteilung der Deklinationen, diese freilich mit der Modi- 
fikation, die Ritter an ihr vornahm. Auch die Syntax 
des Clajus liegt der des Schottelius und durch diesen 
anderen zugrunde. Am schnellsten wurde die Orthographie 
und die Lehre vom Verbum überholt. Auch die Akzent- 



1 In der Überschrift des 12. Buchs heißt es : Recta ac genu- 
ina Germanicae linguae pronuntiatio, et fundamenta, Ex varijs 
Autoribus collecta, et in talem formam et ordinem nunquam hac- 
tenus redazta. Das ist eitel Geflunker ; Sumaran hat einfach 
den Clajus abgeschrieben. Seine Zusätze sind minimal ; unter 
den Beispielen schiebt er ein 27, 16 Die her, Isara, 54, 20 
Iserberg, 54, 21 Bonaw, 57, 11 Spanisch, 58, 20 Spanier. Statt 
Saxonice 16, 3 setzt er Belgicae (!). Ausgelassen ist alles, was 
an die lutherische Herkunft der Quelle erinnert. So sämtliche 
Fundstellen der biblichen Zitate, z. B. 13, 13. 14 Josuae 21; 
ferner 22, 2 vel — 4 Schluß, wegen der Erwähnung Luthers ; 56, 
22. 23 Altarman, Altarleute; 57, 13 Papistisch. Wegen der per- 
sönlichen Beziehungen ist 42, 23 — 27 gestrichen. Sonst zeigt sich 
in den Auslassungen kaum ein Prinzip; sie häufen sich gegen den 
Schluß und verdunkeln mitunter den Zusammenhang. Für die 
Flüchtigkeit Sumarans zeugt u. a. die Beibehaltung von 28, 26. 27: 
De caeteris numeralibus vide infra in Syntaxi ; die Syntax be- 
handelt er gar nicht, und demgemäß hatte er 10, 12 quantum — 16 
Schluß geändert. Benutzt ist Clajus in der Ausgabe von 1617 
oder 1625. 



80 Kapitel 5. [§ 48—50. 

lehre genügte nicht mehr, als man die Prosodie für eine 
Angelegenheit der Metrik ansah. 

49. Stephan Ritter, geboren 1589 zu Grünberg in Ober- 
hessen, besuchte die Lateinschule in Grünberg, dann das Päda- 
gogium in Marburg. Nachdem er auf den Universitäten Marburg 
und Gießen studiert hatte, begab er sich auf Reisen, die ihn 
nach Italien und Frankreich führten. Im Jahre 1612 erteilte er 
in Lyon zwei angesehenen Männern, mit denen er befreundet war, 
den Brüdern Hadrianus und Franciscus Connanus, deutschen Unter- 
richt. Dasselbe scheint er in Straßburg getan zu haben; wenigstens 
sagt er, daß einige dort studierende Franzosen ihn zur Veröffent- 
lichung seiner Grammatik aufgefordert hätten. Im März 1614 
befindet er sich in Lippstädt, wohin er als Konrektor des Gym- 
nasiums berufen worden war. In dieser Stellung ließ er seine 
deutsche Grammatik drucken. Sie trägt auf dem Titel die Jahres- 
zahl 1616, die Dedikation an den Landgrafen Philipp von Hessen 
ist vom 24. Juli 1615 datiert. Im Herbst 1616 kam er als Rektor 
des Gymnasiums nach Corbach im Waldeckischen. Dort verfaßte 
er mehrere Werke, zum Teil im Anschluß an seine Schultätigkeit, 
so eine «Institutio Syntactica» und eine «Etymologia» (beide 1617), 
ein «Vocabularium germanioo-latinum» (1620), «Rudimenta gram- 
matica» (1628). — In seiner «Nova Didactica» (1621) trägt er Ge- 
danken des Rati chins vor, als dessen Gegner er sich gebärdete. 1 
Nach 1637 verschwindet seine Spur. 

50. Ritters Buch ist aus dem Unterricht hervorge- 
gangen, den er in Lyon seinen französischen Freunden 

1 Vgl. G. Vogt in der Zeitschrift Beiträge zur Geschichte der 
Fürstentümer Waldeck und Pyrmont, hsg. von L. Curtze, 2, S. 129 ff. 
In seinem Buch «Wolf gang Ratichius», S. 44, führt Vogt unter den 
Büchern, in denen Ritter als Rektor in Corbach «Ratichius' Lehr- 
art als seine eigne . . . zum besten gab», auch an: «Grammatica 
germanica nova. Marpurgi 1616. 15 Bl. 8°.». Das müßte ein 
Auszug aus der im folgenden besprochenen, gleich betitelten, im 
gleichen Format, am selben Ort und im selben Jahr erschienenen 
sein. Denn diese enthält nicht die geringste Spur von Ratichi- 
schen Einflüssen, sie hat auch nicht 15 Blätter, sondern 14 Bogen 
und Ritter war zur Zeit ihres Erscheinens noch nicht in Corbach. 
Ich vermute jedoch einen Irrtum Vogts. Stünde das von ihm 
genannte Buch wirklich unter Ratichius' Einfluß, so müßte es 
trotz des lateinischen Titels deutsch abgefaßt sein. Es wäre dann 
die erste vollständige deutsche Grammatik in deutscher Sprache, 
und über eine so merkwürdige Schrift hätte doch wohl Vogt, wenn 
er sie gesehen hätte, etwas mehr gesagt. Man beachte, daß 
Ritters Grammatik 15 Blätter Vorstoß hat! 



§ 50.] Die Grammatiker vor Schottelius. 81 

erteilte; die Grammatik wird auf dem Titelblatt bezeichnet 
als usui omnium aliarum nationum hanc (seil. Germanicam) 
linguam affeetantium inserviens, praeeipue vero ad Linguam 
Gallicam aecommodata. In der Vorrede an den Leser möchte 
er glauben machen, daß er seine Regeln unmittelbar da- 
durch gewonnen habe, daß er aus einem Lexikon alle 
deutschen Wörter auf Zettel schrieb und diese dann nach 
verschiedenen Gesichtspunkten ordnete. Aber in Wahrheit 
lehnt er sich an Clajus an und hat außerdem Ölinger 
benutzt. Jedoch bewahrt er sich durchaus sein selb- 
ständiges Urteil und ist in manchen Punkten über seine Vor- 
gänger hinaus gekommen. Seine Darstellung der Nominal- 
deklination und der Konjugation ist für die deutsche Gram- 
matik bedeutsam geworden. Er behält zwar die Vierzahl 
der Deklinationen des Clajus bei, beschränkt jedoch die 
vierte Deklination auf die Adjektiva und reiht die schwachen 
Substantiva in die erste und dritte Deklination ein. In 
der Lehre vom Verbum macht er wie Becherer (55) aber 
wohl unabhängig von ihm den Unterschied der starken 
und schwachen Tempusbildung zur Grundlage der Ein- 
teilung. Die schwachen Verba bilden .die erste, regel- 
mäßige, die starken die zweite, unregelmäßige Konjugation 
und werden mit ihren charakteristischen Formen alpha- 
betisch aufgezählt. Diese Darstellung ist, freilich in der 
verschlechterten Gestalt, die ihr Schottelius gab, bis ins 
18. Jh. typisch. Typisch wird ferner die Voranstellung 
der Paradigmen der Hilfsverba, die Ritter von Ölinger ge- 
lernt hatte. Einen fortgeschrittneren Standpunkt zeigt Ritters 
Lehre vom Verbum auch darin, daß er im Subjunktiv bei- 
nahe nur wirkliche Konjunktivformen ansetzt. Den Optativ 
behält er bei, aber gegen seine bessere Überzeugung. 
Vgl. Kap. 14. 

Andere Anregungen Ritters sind unbeachtet geblieben. 
Freilich, wenn er sich in der Vorrede neben der Dekli- 
nations- und Konjugationslehre auch die Darstellung des 
Akzents, des Genus und der Bedeutung der Pronomina zum 
Verdienst anrechnet, so muß man sagen, daß er in den 
ersten beiden Punkten nicht wesentlich über Clajus hinaus- 
gekommen ist. Aber sein umfängliches Verzeichnis der 
abgeleiteten Substantive, die mit dem Verbalstamm identisch 
sind (z. B. Kauf, Geißel), hätte ein besseres Schicksal 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 6 



82 Kapitel 5. [§ 50. 51. 

verdient; es wurde von Schottelius nicht beachtet, weil 
es zu seiner Theorie der Ableitung nicht paßte. Die Ein- 
wirkung Ritters auf die Folgezeit ist aber durch Schottelius 
vermittelt. Sonst wird er noch von dem beinahe ganz 
einflußlosen Gueintz benutzt. Weiter verbreitet war sein 
Buch nie, vielleicht wegen der unglaublichen Unkorrekt- 
heit des Textes und wegen seines sprachlichen Stand- 
punkts. 

51. Denn Ritters Verhältnis zur Sprache Luthers ist 
ein anderes als das des Clajus. Wohl sagt er mit einer 
seinem Vorgänger abgelernten Wendung von Luthers Bibel, 
sie sei tanta sermonis rotunditate et perspicuitate trans- 
lata, ut non tarn Xutheri quam 8. Sanofi dictantis verba 
dicenda veniant, und rät ihre Lektüre den Benutzern 
seiner Grammatik an; aber er stellt neben Luther als 
puros authores die neuesten Übersetzer des Sleidanus, 
Livius und Josephus. Ferner begnügt sich der praktische 
Sprachlehrer nicht mit dem Hinweis auf Druckschriften, 
er rät die Konversation mit Deutschen an. Dabei zeigt 
er den lokalen Verschiedenheiten gegenüber eine Weit- 
herzigkeit, die an die süddeutschen Theoretiker des 16. Jhs. 
erinnert. Nur vor der Sprache der Grenzstämme warnt 
er, der Schweizer, insbesondere der Graubündner, «quorum 
lingua pulmentum est ex lingua Italica et Germanica eon- 
fectum», der Tiroler, «ob eandem rationem», der «Belgae», 
«Batavi», Friesen und Westfalen. Er empfiehlt den Ver- 
kehr mit denen, die «in umbilico quasi Germaniae» wohnen. 
Von diesen erteilt er zwar den Meißnern das Lob, daß sie 
«puritate sermonis aliis omnibus antecellunt», aber ohne 
einen Unterschied zu machen zählt er hintereinander auf 
die Thüringer, Obersachsen, Hessen, Franken, Elsässer, 
Schwaben. 

Seine eigene Sprache weicht mannigfach von der Luthers 
und den Vorschriften des Clajus ab. Vgl. Grosse, S. 45 ff. 
Wohl stimmt es zu der spätem Entwicklung der Gemein- 
sprache, daß er im Singular des Präteritums der ersten 
Ablautklasse, wo Luther durchwegs das alte ei bewahrt, 
diesen Diphthong fast gar nicht mehr kennt. Aber wenn 
er im N. A. PI. der Adjektive nach Artikel nur die En- 
dung -e ansetzt, während Clajus Luthers Schwanken zu- 
gunsten des -en schematisiert, so widerspricht das dem 



§ 51. 52.] Die Grammatiker vor Schottelius. 83 

überwiegenden ostmitteldeutschen Gebrauch. Charakte- 
ristisch ist die weit über Luther hinausgehende Zulassung 
von -en im Nominativ der schwachen Ferminina, nament- 
lich aber Ritters Ansichten über den freien Antritt und 
das Fehlen des -e. Vgl. Abhandlungen zur germ. Philo- 
logie, Festgabe für Heinzel, S. 48 ff. Im Plural der Sub- 
stantiva wie Baum, Brust fordert er -e nur im Nominativ 
und Akkusativ, dem Genitiv spricht er es ausdrücklich 
ab. Auch kennt er es nicht im Dat. Sing, der starken 
Maskulina und Neutra. Das kann man nicht mehr als 
Schematisierung des Lutherschen Gebrauchs auffassen, 
während die Regeln des Clajus beinahe durchaus im Ein- 
klang mit der Entwicklung der Sprache in Ostmittel- 
deutschland stehen. 

52. Im Jahre 1625 erschienen zu Mainz: Institu- 
tiones in linguam Germanicam, sive Allemanni- 
cam. Ex quibusuis probatissimis Authoribus excerptae, ac 
in gratiam Studiosae, imprimisque Lotharingicae, Iuuen- 
tutis conscriptae. Per Henricum Schoepfium. Der Ver- 
fasser war katholischer Priester, stammte aus Ingelheim 
bei Mainz und lebte, als das Buch erschien, in Nancy. 
Er widmete es dem Bischof von Toul Nikolaus Franz 
von Lothringen. Auch diese Schrift verdankt ihre Ent- 
stehung der Praxis des Sprachunterrichts. 

In der Lehre von der Aussprache nimmt Schöpf nicht 
nur auf das Französische, sondern auch auf das Italienische 
und Spanische Rücksicht. Er sagt, daß er den Druck zu- 
nächst unterlassen habe, als er hörte, daß es schon zwei 
deutsche Grammatiken gebe. Er meint wohl die Bücher 
des Clajus und Ritters. Wie Clajus teilt er die Konju- 
gationen nach den Genera verbi ein, an Ritter und an 
Clajus gemahnt die Darstellung der Deklination und die 
Lehre vom Genus. Doch hat er wahrscheinlich auch das 
Buch des Albertus, vielleicht auch Ölinger gekannt. Übrigens 
zeugen die Institutiones von selbständiger Durcharbeitung 
des Materials. Interessant sind seine Angaben über deutsche 
Aussprache. In der Lehre vom Akzent, die übrigens von 
Albertus beeinflußt sein dürfte, ist er der erste, der eine 
Mehrheit von Ikten in einem Wort anerkennt. Sonst zeigt 
sich kaum ein Fortschritt in der Erkenntnis. Die Sprache, 
die er lehrt, weicht stark vom Ostmitteldeutschen ab; 

6* 



84 Kapitel 5. [§ 52. 53. 

vgl. v. Bahder, Grundlagen des nhd. Lautsystems, S. 78f. 
In der Zulassung, der -e-Apokope geht er noch weiter 
als Ritter. Schopfs Institutiones wurden die Hauptquelle 
der Grammaire allemande des Franzosen P. Bense 
du Puis (1643), der Mitglied der Deutschgesinnten Ge- 
nossenschaft war und von ihrem Stifter Zesen aus Kama- 
raderie öfters zitiert wird. Für die Entwicklung der Theorie 
in Deutschland war Schopfs Buch ohne Bedeutung. 

53. Dasselbe gilt von der großen Masse der später 
für Fremde geschriebenen Grammatiken, namentlich von 
den im Ausland erschienenen. Ausnahmen kommen ja vor : 
Körb er s Bearbeitung der B eischen Grammatik und Stein- 
bach haben auf die deutsche Theorie eingewirkt. Nur 
solche Sprachlehren für Fremde werden in den spätem 
Kapiteln besprochen werden. Es ist übrigens zu beachten, 
daß auch einige Grammatiker, die wie Schottelius und 
Stiel er ihre Werke in erster Linie für deutsche Leser 
bestimmten, sie doch durch Beifügung einer lateinischen 
Übersetzung auch Nichtdeutschen zugänglich machen 
wollten. 

Anm. 1. Gar nicht in den Rahmen unserer Darstellung fallen 
Vokabularien und Gesprächsammlungen, wenn sie auch hie und 
da Bemerkungen über deutsche Aussprache oder Übersetzungen 
fremder Flexionsschemen enthalten. Solche Sprachbücher treten 
seit dem 15. Jh. auf, vgl. Brenner, Germania 31, S. 129 ff., 
Bayerns Mundarten 2, S. 384 ff. ; R. Schmertosch von Riesen- 
thal, Neue Jahrb. f. d. klassische Altertum, 14. Jg. (1904), S. 52 ff. ; 
E. C. Reichard, S. 493. Hierher gehört auch eine frühere, noch 
keine deutsche Grammatik enthaltende Fassung von Sumarans 
Thesaurus (47): Das Newe Sprachbuch, München 1621, dem 
1617 sein Tyrocinium gallicum, italicum et germanicum 
vorangegangen war. 1 

Anm. 2. Von Gueintz wird öfters Hulsius zitiert. Damit 
ist der französisch geschriebene Abriß der deutschen Grammatik 
in des Levinus Hulsius «Dictionarium Teutsch Frantzösisch, vnnd 
Frantzösisch Teutsch» gemeint. In der ersten Auflage von 1596 

1 Da R. Hanns, S. 33, Fußn., unter den ihm nicht zugäng- 
lichen «deutsch-grammatischen» Werken auch «eine Schrift Bartholo- 
maei Scheraei Wittenbg. 1619» nennt, so sei bemerkt, daß, wie 
schon E. C. Reichard, S. 68 f., festgestellt hat, die «Geistliche, 
weltliche und häusliche Sprachenschule» des Scheräus in einer 
Geschichte der deutschen Grammatik nichts zu suchen hat. 



§ 53 — 55.] Die Grammatiker vor Schottelius. 85 

umfaßt er 5 1 / 2 Seiten in 4°. Die Lehre von der Aussprache 
beruht auf Ölinger und Clajus, enthält aber auch ein paar selb- 
ständige Bemerkungen, von denen freilich nur die Beobachtung 
der dem Niederländer auffälligen aspirierten Aussprache des Tc 
gut ist. Nichts als ein dürftiger und flüchtiger Auszug aus Clajus 
sind die folgenden Abschnitte über die Artikel, die Komparation, 
die Genera und die Konjugation. Gueintz hat eine spätere Auflage 
benutzt, die etwas reichhaltiger, aber ebenso unselbständig ge- 
wesen zu sein scheint. 

IL Die deutsche Sprachlehre als Einführung in den 
grammatischen Unterricht. 

54. Literatur: A. Israel, Wolf gang Ratke (Ratichius), in 
K. A. Schmids Geschichte der Erziehung III, 2 (Stuttgart 1892), 
S. 1 ff . — Gideon Vogt, Wolfgang Ratichius (Die Klassiker der 
Pädagogik. Hsg. von G. Fröhlich, Bd. XVII), Langensalza 1894. 

— J. Lattmann, Ratichius und die Ratichianer 1 , Göttingen 1898. 

— C. F. Linderström-Lang, Wolfgang Ratichius, Kopenhagen 
1903. — G. Krause, Wolf gang Ratichius oder Ratke im Lichte 
seiner und der Zeitgenossen Briefe, Leipzig 1872. — Ratichianische 
Schriften I, II. Hsg. von P. Stötzner (Neudrucke pädagogischer 
Schriften. Hsg. von A. Richter, IX, XII), Leipzig 1892, 1893. — 
H. Sieb eck, Christoph Helwig als Didaktiker (Sonderabdruck aus: 
Die Universität Gießen von 1607—1907. Festschrift zur dritten 
Jahrhundertfeier hsg. von der Universität Gießen), Gießen 1907. — 
F. J. Hilfenhaus, Die pädagogischen Bestrebungen Johannes Kro- 
mayers, Leipziger Diss. 1889. 

55. Eine Übergangsstellung nimmt Johann Becherers, 
Rektors zu Mülhausen in Thüringen, im Jahre 1596 2 er- 
schienene Synopsis grammaticae tarn Germanicae 
quam Latinae et Graecae ein. Mit den im ersten Ab- 
schnitt geschilderten Büchern verbindet sie die Sprache; 
auch der erste, vom Deutschen handelnde Teil ist über- 
wiegend lateinisch geschrieben. Daneben finden sich aber 
auch schon deutsche Partien. Kennzeichnend für das Buch 



1 Auf die Frage, welcher Anteil an den unter dem Namen 
des Ratichius gehenden Gedanken ihm selbst und welcher den 
Ratichianern zukommt, trete ich nicht ein. 

2 Diese Jahreszahl steht auf dem Titel und auf der letzten 
Seite. So wird die Datierung der Zuschrift an Bürgermeister und 
Rat von Mühlhausen, «Idibus Ianuarij Anno partus virginis M. D. 
XCIII», einen Druckfehler enthalten. 



86 Kapitel 5. [§ 55. 

ist jedoch nicht so sehr die immerhin beschränkte An- 
wendung der deutschen Sprache wie seine Bestimmung. 
An Ausländer denkt der Verfasser gar nicht. Der nächste 
Zweck ist die Vorbereitung auf die lateinische Grammatik. 
«Atque ut velut a materno lacte ordirer, Declinandi et 
Conjugandi rationem in sermone nobis vernaculo tironibus 
praefigurare volui, sie eos discrimina Modorum, Temporum, 
Numerorum, Personarum, Casuum ipsarumque significa- 
tionum citius arrepturos, ac tenacius mente retenturos ratus. 
Ad quam rem multum facit similitudo modorum et tem- 
porum in latina et germanica lingual Der deutschen Gram- 
matik folgt die lateinische, dieser die griechische; in allen 
wird, sagt Becherer, dieselbe Methode und dieselbe Termino- 
logie angewandt, und was allen Sprachen gemeinsam ist, 
wird nicht wiederholt, vielmehr «subinde ad prior a, tanquam 
ad generalia» verwiesen. Es sind dies didaktische Grund- 
sätze, die die größte Ähnlichkeit mit den später von Ra- 
tichius aufgestellten zeigen. 

Neben dem propädeutischen Zweck verfolgt Becherer 
noch andere Absichten. Mit der Lehre von der Tempus- 
bildung wünscht er den Schüler nicht zu behelligen, sondern 
nur zu zeigen, daß auch die deutsche Sprache ihre Regeln 
habe und deren Zahl gering sei — das patriotische Mo- 
ment — , und außerdem die Erlernung der Orthographie 
zu erleichtern. «Orthographie» ist dabei in einem weitern 
Sinn zu nehmen; aus den wenigen angeführten Beispielen 
erhellt, daß es sich auch um die Vermeidung dialektischer 
Formen, wie leist, leit statt ligest, liget handelt. Es tritt 
also auch die Absicht hervor, Deutschen die deutsche 
Schriftsprache zu lehren. 

Eine vollständige Grammatik hat Becherer nicht ge- 
liefert. Prosodie und Syntax fehlen. Die Anordnung ist 
eigentümlich. Der Aufzählung der Buchstaben folgt sofort 
die Lehre vom Pronomen, die auch die Aufzählung der 
gemeinsamen Akzidentien aller deklinierbaren Wörter ent- 
hält. Äußerst knapp ist der Abschnitt vom Nomen; außer 
der Einteilung in Substantiv und Adjektiv kommt nur die 
Komparation zur Sprache. Beinahe 23 von den 34 Seiten 
des deutschgrammatischen Teils nimmt die nun folgende 
Lehre vom Verbum ein. Becherers Anschluß an die Re- 
formatoren der lateinischen Schulgrammatik bewirkt, daß 



§ 55.] Die Grammatiker vor Schottelius. 87 

hier schon eine Menge von Zügen vereinigt sind, die erst 
allmählich im 17., teilweise erst im 18. Jh. für die deutsche 
Grammatik typisch werden. Nur in zwei Punkten hat er, 
in Ölinger, einen Vorgänger, nämlich in der Voranstellung 
der Paradigmen der Hilfsverba und in der Anerkennung 
der indikativischen Natur der Verbindung von Indikativ- 
formen von werden mit dem Infinitiv des Perfekts. Ohne 
Vorgänger ist er in der Beseitigung des Optativs, der Weg- 
lassung der Konjunktivpartikeln und der Indikativformen 
aus den Konjunktivparadigmen, sowie in der Ansetzung 
zweier Futura des Konjunktivs, die durch die Verbindung 
des Infinitivs mit den Konjunktivformen werde und würde 
gebildet werden. Ferner ist Becherer der erste deutsche 
Grammatiker, der den Unterschied starker und schwacher 
Tempusbildung zum Einteilungsgrund der Konjugationen ge- 
macht hat. — Der Lehre vom Verbum folgt die Darstellung 
der Präpositionen, bei der es hauptsächlich darauf ab- 
gesehen ist, die verschiedenen lateinischen Entsprechungen 
desselben deutschen Wortes einzuprägen. Nach einem 
kurzen Abschnitt über die Verbindung von Adverbien und 
Konjunktionen mit dem Indikativ oder Konjunktiv folgt 
zum Schluß die Orthographie in zwölf Regeln. Hier lehrt 
Becherer, wiederum als der erste, die Großschreibung der 
Substantiva. 

Einfluß auf die späteren Grammatiker scheint — trotz 
mancher Übereinstimmungen mit Kromayer — Becherer 
nicht geübt zu haben. Er blieb auf halbem Wege stehen. 
Sollte mit der deutschen Sprachlehre der Zweck verfolgt 
werden, den grammatischen Schematismus an bekanntem 
Material zu lehren, so war es nicht wohlgetan, sie la- 
teinisch vorzutragen. So wird doch wohl als der erfolg- 
reiche Verfechter jenes methodischen Grundsatzes auch 
weiterhin Ratichius zu gelten haben. 

Anm. Auf der letzten Seite von Girberts Deutscher Gram- 
matica (1653) steht ein lateinisches Gedicht mit der Überschrift 
«Calcar Gotofredi Cundisij SS. Th. D. & Prof. Jenensis literis 
consolatoriis Anno 1645 3. Feb. annexum», worin Girbert auf- 
gefordert wird, endlich seine deutsche Grammatik zu veröffent- 
lichen. «Qvi te prsecessü RECTOR BECHERERUS, acutus 
GRAMMATICUS, Tyro memini, volvebat eandem Maternam in 
Lingvam molem. Conamina rwpit Mors.» Danach hätte Becherer 
noch ein anderes grammatisches Werk geplant. Aber es könnte 



88 Kapitel 5. [§ 55. 56. 

eine Erinnerungstäuschung des Verfassers dieser Verse vorliegen; 
war doch Becherer schon 1617 gestorben, nachdem er bereits 
einige Jahre früher seine Stelle in Mülhausen verloren hatte. — 
Während E. C. Reichard, S. 231 f., nur von dieser Notiz über 
Becherers deutsche Grammatik wußte, wies Heynatz in seinen 
«Briefen die Deutsche Sprache betreffend», V. Teil, S. 131, auf 
die Synopsis hin, ohne sie jedoch selbst gesehen zu haben. Neuer- 
dings hat dann auf das Buch aufmerksam gemacht Jordan, Zs. f. 
d. deutschen Unterricht 9, S. 708 ff. 

56. Wolf gang Ratichius, geb. zu Wüster in Hol- 
stein am 18. X. 1571, gest. zu Erfurt am 27. IV. 1635, 
trat seit dem Jahre 1610 in Deutschland als Verkündiger 
einer neuen Lehrart auf, wußte gelehrte Mitarbeiter zu ge- 
winnen, Fürsten und Reichsstädte für die Durchführung 
seiner Pläne zu erwärmen, hatte aber nirgends dauernden 
Erfolg, da er sich beinahe mit allen Genossen und Gönnern 
zerstritt. Seine Lehrart, die er als ein notwendiges Mittel 
zur Hebung des religiösen und nationalen Lebens an- 
sah, beruhte einerseits auf einer verbesserten Unterrichts- 
methode, anderseits auf einer neuen Darstellung der zu 
lehrenden Wissenschaften. Die Lehrbücher der verschie- 
denen Disziplinen sollten im Inhalt einander nicht wider- 
sprechen und nach denselben Grundsätzen abgefaßt sein, 
insbesondere sollten alle Grammatiken, soweit es die Re- 
schaffenheit jeder Sprache erlaubte, nach demselben Plan 
geschrieben werden. Ratichius meinte, man könnte in allen 
Sprachen Schulen einrichten, nicht nur in lateinischer, 
griechischer, hebräischer, sondern auch in deutscher Sprache. 
Seien doch die «Künste und Fakultäten» an keine Sprache 
und die Sprachen an keine Künste und Fakultäten ge- 
bunden; es könnten also alle Wissenschaften auch in 
deutscher Sprache gelehrt werden. Von diesen deutschen 
Schulen erhoffte Ratichius viel; er glaubte, daß durch sie 
«die teutsch Sprach vnd Nation mercklich zu beßern vnd 
zu erheben stehet» 1 , daß durch sie ein Punkt seines dem 
Reichstag zu Frankfurt am 7. Mai 1612 übergebenen Me- 
morials verwirklicht werden könne, nämlich «wie ein ein- 
trechtige spräche im Reich bequemlich einzuführen, das 
ist, wie Sachsen, Francken, Schwaben, Düringer etc. der 



1 Erklerung des Memorials vom 7. V. 1612, bei Stötzner I, 
S. 26. 



§ 56. 57.] Die Grammatiker vor Schottelius. 89 

Hochdeutschen Sprachen gewehnen, vnd nachmahls der- 
selben sich einmütigk gebrauchen mügen». 1 Über den 
deutschen Schulen seien die andern nicht zu vernach- 
lässigen, aber jedesfalls müsse nach dem Grundsatz omnia 
docenda per notiora jeder zuerst in der Muttersprache 
unterrichtet werden. Einen Bestandteil dieses Unterrichts 
müsse die Unterweisung in der deutschen Grammatik bilden, 
die damit also zu einem Gegenstand der Elementarschule 
gemacht wird. Da alle Sprachlehren auf denselben Schlag 
verfertigt werden sollen, kennt der Schüler, wenn er zu 
einer fremden Sprache übergeht, bereits das Gerippe der 
Grammatik, das, was allen Sprachen gemeinsam ist, und 
hat nur mehr die Besonderheiten der neuen Sprache zu 
lernen. Der Unterricht in deutscher Grammatik erfüllt mit- 
hin einen doppelten Zweck: die deutsche Sprachlehre wird 
um ihrer selbst willen getrieben und ist zugleich eine Vor- 
bereitung auf das grammatische Studium der anderen 
Sprachen. 2 Dieser Punkt des Programms ist auch teilweise 
verwirklicht worden; während aus den deutschen Schulen 
für alle Wissenschaften nichts wurde, ward die deutsche 
Grammatik in Hessen, Weimar und Köthen in den Unter- 
richtsplan der Elementarschule aufgenommen. 

57. Ratichius selbst hat keine deutsche Grammatik 
zum Druck befördert. Die Gothaer Bibliothek besitzt mehrere 
handschriftliche Arbeiten; eine Beschreibung und knappe 
Inhaltsangabe gibt J. Müller in den Pädagogischen Blättern 
hsg. von C. Kehr, IX, S. 76 ff., 156. 3 Nicht mit Sicherheit 

1 Grundlicher vnd bestendiger Bericht Meines Memorials, 3; 
Stötzner I, S. 29. 

2 Germanica Grammatica, quae est quasi lsagoge ad omnes 
linguas heißt es in der Desiderata methodus nova Ratichiana 
(1615), S. 59 (Stötzner II, S. 45). Den inneren Wert des deutsch- 
sprachlichen Unterrichts betont die Köthener Schulordnung vom 
Jahre 1620 in der Instruktion für die dritte Klasse III: «Der Zweck 
dieser letzten arbeit wird sein: Die Sprachlehr in der Mutter- 
sprach, so wol die Allgemeine als die Sonderbahre .... gnugsam 
verstehen, Das ist: Nach der Sprachlehr reden und Schreiben, 
und anderer Leute rede und Schafften nach der Sprachlehr ver- 
stehen können.» (G. Krause, Wolf gang Ratichius, S. 105; Stötz- 

ler II, S. 78. 

3 Nach G. Krause, Wolfgang Ratichius, S. 95, Fußn., ist in 
köthen das Manuskript einer Sprachlehre vorhanden, deren In- 



90 Kapitel 5. [§ 57. 

ist Ratichius' Anteil an den während seiner Tätigkeit in 
Köthen 1619 dort gedruckten Büchern zu bestimmen. In 
Betracht kommt die Grammatica universalis: Pro di- 
dactica Ratichii, die in mehreren Drucken vorliegt und 
ins Deutsche übersetzt ist unter dem Titel: Allgemeine 
Sprachlehr Nach Der Lehrart Ratichii. Dieser 
deutschen Übersetzung sind Paradigmen angehängt: «Die 
Sonderbaren Eigenschafften der Nennwörter, Sprechwörter 
vnd Theilwörter. Nach den Abweichungen vnd Verende- 
rungen». Die Paradigmen der Verba sind auch selbständig 
gedruckt unter dem Titel: «Die Verenderungs-Vorbildung 
Der Zeitwörter». In Magdeburg, wo sich Ratichius von 
1620 — 1622 aufhielt, erschien 1621 eine neue Ausgabe der 
Paradigmen: «Etliche Eigenschafften der Nennwörter, Vor- 
nennwörter, Sprechwörter vnd Sprechnennwörter, nach den 
Abweichungen vnd verEnderungen zu der Lehrart Ratichii.» 
Vgl. G. Vogt, Programm des Gymn. zu Cassel 1882, S. 11 f., 
Nr. 38—43; S. 20, Nr. W. Die Allgemeine Sprachlehr ist 
abgedruckt als Beilage 7 in G. Vogts Wolf gang Ratichius, 
S. 265 ff., die Paradigmen leider nur im Auszuge, ferner 
ohne die Paradigmen von Stötzner II, S. 126 ff. 

Die allgemeine Grammatik ist eine Erklärung des gram- 
matischen Schematismus und der grammatischen Termino- 
logie in Katechismusform. Die Erläuterung durch Beispiele 
sollte der Lehrer geben. Die Köthener Schulordnung forderte 
dies ausdrücklich in der Instruktion für die dritte Klasse. 
Vgl. G. Krause, Wolf gang Ratichius, S. 103 ff.; Stötzner, 
II, S. 75 ff., insbesondere II, § 3: «die allgemeine Sprach- 
lehre wird darumb in der Muttersprach vorgegeben, auff 



haltsverzeichnis von Gueintz geschrieben ist. Von ihm und dem 
Fürsten Ludwig von Anhalt rühren zahlreiche Verbesserungen her. 
Ich bezweifle, daß diese Grammatik für den Elementarunterricht 
bestimmt war, dazu ist sie zu umfangreich: das Manuskript um- 
faßt 171 Quartseiten. Vielleicht enthält es die später (1641) ge- 
druckte Gueintzsche Sprachlehre. " G. Krause sagt in seinem 1879 
erschienenen Buch «Ludwig Fürst zu Anhalt-Cöthen», III, S. 169, 
er könne über den Inhalt des Gueintzischen Werkes nichts Näheres 
mitteilen, da in Köthen weder Manuskript noch Abdruck vorhanden 
sei. Hatte aber Krause noch im Jahre 1879 Gueintzens Grammatik 
nicht gesehen, so konnte er 1872 unmöglich wissen, ob das anonyme 
Manuskript nicht etwa dieses Werk enthalte. 



§ 57. 58.] Die Grammatiker vor Schottelius. 91 

das sie durch exempel derselben sprach desto leichter 
gelehret und gelernet werden könne». Nach II, § 2, sollte 
damit der Unterricht in der deutschen Grammatik in der 
Weise verbunden werden, daß man in den von der Flexion 
handelnden Abschnitten der allgemeinen Grammatik «an- 
statt eines exempels» die deutschen Paradigmen vorführte. 

In den Paradigmen werden die Substantive von den 
Adjektiven getrennt. Es werden vier Substantivdekli- 
nationen angenommen, offenbar nach den verschiedenen 
Pluralendungen (-e, -en, -er, 0). In den Paradigmen der Verba 
ist nicht nur der Optativ, sondern auch der Konjunktiv 
weggelassen. Durchkonjugiert werden die vier Verba Ich 
liebe, treibe, werffe, zwinge, ferner Ich bin, habe, werde, 
Jean, mag, soll, will. Die Auswahl der Paradigmen ist viel- 
leicht durch Kromayers Grammatik (s. 59) beeinflußt; je- 
doch ist für die Vierzahl der Vollverba offenbar nicht 
die Kombination der Ablautvokale ausschließlich maßgebend 
gewesen; werffen scheint gewählt wegen des Wechsels der 
Vokale im Präsens. 1 Die Kunstwörter sind in der Sprach- 
lehre wie in den andern Ratichischen deutschen Lehr- 
büchern durchaus verdeutscht. 

58. Älter als die Köthener Sprachlehr, aber im selben 
Jahre gedruckt ist eine ähnliche Arbeit, deren Verfasser, 
ursprünglich ein begeisterter Anhänger und Mitarbeiter des 
Ratichius, sich bald mit ihm entzweit hatte und auf eigene 
Hand das Werk der Schulreform durchzuführen suchte. 

Christoph Helwig, geboren am 26. XII. 1581 zu Sprend- 
lingen in Starkenburg, ein frühreifes Talent, mit achtzehn Jahren 

1 Nach J. Müller, Päd. Blätter IX, S. 76, Fußn. 1, werden 
auch in der von Ratichius' Hand geschriebenen «Wortschickungs 
Lehr» vier Konjugationen aufgestellt, die erste ist die, «welche 
die fast vergangene in te vnd die vergangene in et enden thut», 
die zweite, deren Präsens-ei im Prät. und Partizipium Perf. in ie 
ablautet, die vierte, deren Präsens-i zu a, bzw. u wird, «zur 3. Con- 
jugation werden die übrigen jetzt zur starken Conjugation gezählten 
Zeitwörter gerechnet». Diese übrigen starken Verba (Klasse 2. 3 b. 

4. 5. 6. 7.) haben aber beinahe durchaus im Präsens Vokal- 
wechsel : ie — eu, e — i, a — ä, — ö, au — äu. Dagegen stimmt es 
ganz zu dem Einteilungsprinzip Kromayers, daß in der von Müller, 

5. 78 unter Nr. 45, verzeichneten «Bewegung der Sprechwörter» 
gerade die Paradigmen von lieben, treiben, tragen, binden gegeben 
werden. 



92 Kapitel 5. [§ 58. 

Magister, mit zwanzig Professor in Marburg, seit 1605 in Gießen, 
ein guter Kenner der orientalischen Sprachen, machte 1612 die 
Bekanntschaft des Ratichius und erhielt im folgenden Jahre von 
seinem Landesherrn den Auftrag, im Verein mit seinem Kollegen 
Jungius bei Ratichius die neue Lehrart zu studieren, um sie später 
in Gießen einzuführen. Die beiden Professoren arbeiteten mit dem 
Didaktiker erst in Frankfurt, dann in Augsburg zusammen. Dort 
kam es zum Bruch; Helwig verließ im Mai 1615 Augsburg und 
kehrte nach Gießen zurück. Hier wirkte er für die Einführung der 
neuen Lehrart, von deren Wert er trotz des Zerwürfnisses mit 
Ratichius überzeugt blieb, am Pädagogium und der Universität. 
Für die Zwecke des Unterrichts verfaßte er grammatische Kompen- 
dien verschiedener Sprachen. Die Arbeit verkürzte sein Leben; 
er starb an Überanstrengung im Herbst 1617. 

Aus seinem Nachlaß gab die Witwe im Frühjahr 1619 
die Grammatiken heraus. Sie erschienen lateinisch und 
deutsch; die lateinische Ausgabe ist betitelt: «Libri di- 
dactici Grammaticae Vniversalis, Latinae, Grae- 
cae, Hebraicae, Chaldaicae», die deutsche: «Sprach- 
künste: I. Allgemäine . . ., II. Lateinische, III. He- 
bräische». Damit ist die Verschiedenheit im Umfang cha- 
rakterisiert. 

Die wichtigsten Abweichungen der deutschen Fassung 
der Allgemeinen Grammatik von der lateinischen bestehen 
darin, daß die Definitionen sofort durch Beispiele erläutert 
werden, was im lateinischen Text nur ausnahmsweise ge- 
schieht, und daß eine Einteilung der deutschen Deklinationen 
und Konjugationen gegeben wird. Auch sind mitunter die 
Definitionen elementarer gehalten. 

Helwigs Arbeit ist weit gelungener als die Köthener 
Sprachlehr. Diese ist eine pedantische Aneinanderreihung 
von Definitionen und Divisionen, die für die Kinder eine 
wahre Marter sein mußten; die Auswahl der Beispiele, 
die sie allein einigermaßen verständlich machen konnten, 
war ganz dem Geschick des Lehrers anheimgegeben. Helwig 
macht sofort durch Beispiele klar, was gemeint ist, ver- 
zichtet mitunter auf jede Definition 1 , benutzt die erprobten 



1 Was unter «Weise» und «Zeit» zu verstehen sei, «ist besser 
auß Exempeln, als einer Beschreibung, zu vernehmen», S. 8. (Die 
lat. Ausgabe definiert.) Vgl. dazu das Köthener Buch bei G. Vogt, 
Wolfgang Ratichius, S. 272, Stötzner II, S. 138: «Die Weise ist 
eine Verwandlung des Sprechworts, nach des Gemüts fürhaben» 



§ 58.] Die Grammatiker vor Schottelius. 93 

elementaren Erklärungen 1 , definiert auch sonst verständ- 
licher, legt sich in den Divisionen Beschränkung auf 2 , 
läßt einige im Köthener Buch nur dem System zuliebe 
gemachten Erörterungen weg 3 und gruppiert besser. 4 

Er steht dem Stoff auch viel freier gegenüber. So 
teilt er, während die Köthener Sprachlehr an der traditio- 
nellen Achtzahl festhält, die Redeteile in drei Hauptgruppen : 
Nännwort (Nomen), Sagwort (Verbum), Beiwort (Advoca- 
bulum), setzt für das Deutsche nur vier Kasus an und hat 
auch in der Einteilung der Syntax manches Eigentümliche. 

Von den drei Teilen der Sprachkunst werden nur der 



S. 270: «Die Zeit ist eine Enderung des Worts, nach vnterscheid 
der Zeit». — «Geschlächt», S. 4, wird gar nicht definiert, sondern 
gleich eingeteilt (im lat. Text: Genus est differentia Nominis juxta 
sexum) ; K., S. 269 (II, S. 132) : «Das Geschlecht ist ein vnterscheid 
des Worts, gleichsam nach dem geschlecht eines Dinges». Auch 
die einzelnen Kasus werden von Helwig einfach aufgezählt, u. dgl. 
mehr. 

1 Z. B. «Männlich Geschlächt ist, dem man kan fürsetzen, 
Der. (als, der Mann)», «Bäiderläi Geschlächt ist, dem man kan 
vorsetzen, Der oder Die (als, der oder die Gewalt)». S. 4. Vgl. 
K., S. 269 (II, S. 133): «Das Zweyerley Geschlecht ist, welches 
das Männliche vnd Weibliche Geschlecht zugleich bedeutet». 

2 So fehlt die Einteilung des «Falls» in «gerad» und «ungerad». 

3 Das Köthener Buch mutet Kindern das Verständnis von 
Erörterungen zu, wie: «Das Wesen der reinen spräche ist die 
übereinkommung derselbigen mit den bewehrten Scribenten. 
Woraus wird diese übereinkommung bewiesen? Aus der Histori 
der reinen Sprache.» «Die Eigenschafft der reinen Sprache ist der- 
selben vergleichung nach der bewährten Scribenten Art zu reden.» 

4 So wird S. 4 erst der «Fall» definiert, dann bemerkt, daß die 
Zahl der Fälle in den einzelnen Sprachen verschieden sei, hierauf 
werden sie einfach durch Zahlen [Erstfall (der), Zwäitfall (deß) usw.] 
bezeichnet aufgeführt. S. 5 heißt es dann: «Wenn ein Nännwort 
durch die Fäll hindurchgeführet vnd verändert wird in beyden 
Zahlen, wird solche Veränderung genant Declination. (Das ist, 
Fallveränderung.)» Dagegen in K., S. 270 (II, S. 133): «Die Ab- 
weichung ist eine Enderung des Worts, durch den Fall, nach der 
Zahl.» «Der Fall ist eine Enderung des Worts, durch ein sonder- 
bar Gemerck nach der Abweichung.» Hierauf Einteilung der Fälle 
in gerad und ungerad, Definition dieser Ausdrücke, Aufzählung der 
sechs Fälle, dann Definitionen, z. B. «Der Besitzfall ist ein Vngerader 
Fall, der Ander nach dem Nennfall». 



94 Kapitel 5. [§ 58. 

zweite und dritte «Von Kännung der Wörter» und «Von 
Ordnung der Wörter» behandelt, für den ersten «Vom 
Läsen vnd Schreiben» wird auf das «Läsebuch» einer jeden 
Sprache verwiesen. 

Vom Optativ ist nicht die Rede, der Konjunktiv (Dritt- 
weise, Nachfolgweise) ist beibehalten. Konjugationen 
werden, ohne daß von Regelmäßigkeit und Unregelmäßig- 
keit die Rede ist, zwei unterschieden; es sind — wohl 
nicht zufällig 1 — die beiden Ritterschen. In der Einteilung 
der Deklination steht Helwig hinter dem Köthener Buch 
zurück. Es werden vier angesetzt, nach dem Unterschied 
des Genitiv- und Pluralausgangs ; in Wahrheit ist die Plural- 
endung das Entscheidende, da verschiedene Deklinationen 
den gleichen Genitivausgang haben: 1. Gen. -es oder s, 
Plural -e; 2. Gen. -en, Plural -en; 3. Gen. -s, Plural er; 

4. («gehört allein den Zuständigen», d. h. den Adjektiven) 
Plural -e oder -en. Für die starken Feminina ist, wie man 
sieht, kein Raum. 

Die Kunstwörter sind mit einzelnen Ausnahmen ver- 
deutscht. Dabei bestehen Übereinstimmungen mit dem 
Köthener Buch, die nicht zufällig sein können. Die 
Priorität hat zweifellos Helwig. Vgl. Zs. f. d. Wortforschung 
13, S. 81 ff. 

Helwigs Allgemäine Sprachkunst wurde mit gering- 
fügigen Änderungen — mehr Kürzungen als Zusätzen — 
als «Delineatio Grammaticae Germanicae» von J. H. Aisted 
in das 6. Buch seiner Encyclopaedia (Herborn 1630), I, 

5. 371 f. aufgenommen. 2 Helwigs Name wird nur insofern 
genannt, als Aisted in einer Vorbemerkung sagt, er habe 
ursprünglich seiner Encyclopaedia eine deutsche Gram- 
matik einverleiben wollen, idque post Clajum, Helvicum 
et Grossium 3 , statt dessen habe er sich auf die vorliegende 
sciagraphia beschränkt. 

1 Helwig war mit Ritter bekannt und stand mit ihm im Brief- 
wechsel, vgl. G. Vogt, Beiträge z. Gesch. der Fürstentümer Waldeck 
und Pyrmont, 2, S. 129. 

2 Trotz der lateinischen Überschrift ist, abgesehen von der Vor- 
bemerkung, der Text deutsch. 

3 Wenn Aisted das «Novum, Idemque facillimum, ac vere- 
Methodicum, Consilium de Linguis Principalibus, Hebraeä, Graecä, 
& Latinä: Per quotidianam Scripturae S. Lectionem, feliciter ad- 
discendis: Authore loh. Georgio Grossio» (Basileae 1619) meint, 



§ 59.] Die Grammatiker vor Schottelius. 95 

59. Ein Jahr vor dem Köthener Buch und Helwigs 
Sprachkünsten erschien die erste vollständige deutsche 
Sprachlehre in deutscher Sprache, die «Deutsche Gram- 
matica, Zum newen Methodo, der Jugend zum besten,, 
zugerichtet. Für die Weymarische Schuel, Auff sonder- 
baren Fürstl. Gn. Befehl». Ihr Verfasser 1 Johannes Kro- 
mayer, geboren am 8. XII. 1576 zu Döbeln an der Frei- 
berger Mulde, wirkte in Weimar seit dem Herbst 1613 
bis zu seinem am 13. VII. 1643 erfolgten Tode, zuerst 
als Hofprediger und geistlicher Schulinspektor, später als 
Generalsuperintendent. Wenige Monate vor seiner Ankunft 
in Weimar hatte sich dort Ratichius aufgehalten und in 
der Herzogin Dorothea Maria eine warme Gönnerin ge- 
wonnen. Auf ihre Anregung verfaßte Kromayer 1614 den 
Entwurf einer Schulreform 2 nach Ratichischen Prinzipien 
und erprobte die neue Lehrart in einer Hausschule. Im 
Herbst desselben Jahres sandte ihn die Herzogin nach 

so muß gesagt werden, daß hier nichts zu finden war, was nicht 
so viele andere lateinische Grammatiken mit deutschen Erläute- 
rungen geboten hätten. Das Büchlein enthält an deutschen Bestand- 
teilen nur die Übersetzung des Paradigmas von hie und der in 
der «Idea Coniugationum» vorgeführten Formen von Arno (vom 
Verbum finitum wird nur die 1. Person der einzelnen Tempora ge- 
geben), sowie der einzelnen Formen Doceo, Lege-, Audio. 

1 Er wird auf einem Titelblatt mit der Jahreszahl 1619 ge- 
nannt. Da die Bemerkung R. v. Raumers, Gesch. d. Germ. Philo- 
logie, S. 72, auf den ersten Blick nicht ganz klar ist, gebe ich 
einige nähere Mitteilungen über das von Raumer benutzte Göt- 
tinger Exemplar, die ich der Güte E. Schröders verdanke. Zwischen 
eine Lage von vier Blättern, die den Titel ohne Nennung des 
Autors mit der Jahreszahl 1618, dann die Vorrede und das Register 
enthält, und den Textbeginn ist ein Doppelblatt eingeheftet. Das 
erste Blatt enthält den Titel von 1619 (vgl. oben S. 13), das 
zweite den Schluß des Registers, sachlich, Zeile für Zeile und 
in den Seitenverweisen, sich deckend mit dem Inhalt des 
letzten Blattes der ersten Lage, aber deutlich neu gedruckt. Wie 
man sieht, ist zwischen den beiden Blättern des Doppelblatts ein 
Doppelblatt ausgefallen. Es ist kein Zweifel, daß das Doppelblatt 
zu einer anderen Ausgabe gehört, als die vorausgehende vier- 
blätterige Lage; ob aber der nun folgende Text zu dem Titel 
von 1618 oder zu dem von 1619 gehört, läßt sich nicht feststellen. 

2 Abgedruckt von L. Weniger im Jahresbericht über das- 
Wilhelm-Ernstische Gymnasium in Weimar 1901. 



96 Kapitel 5. [§ 59. 

Augsburg, damit er von Ratichius mehr über die neue 
Didaktik erfahre; aber der zu Geheimniskrämerei neigende 
Mann ließ ihn unverrichteter Dinge abziehen, da Kromayer 
die Verpflichtung ablehnte, ohne Genehmigung des Ra- 
tichius dessen Methode nicht in den Schulen einzuführen, 
nichts über sie drucken zu lassen und niemanden von ihr 
Mitteilung zu machen. 1 Aber sein Eifer erlahmte nicht. 
1617 entwarf er einen an die Grundsätze des Ratichius 
sich anlehnenden Lehrplan für die Weimarer Lateinschule, 
der bald darauf die Genehmigung des Herzogs Johann 
Ernst erhielt. Endlich erschien 1619 im Druck der «Be- 
richt vom newen Methodo: Wie es in den Schulen deß 
Weymarischen Fürstenthumbs gehalten werden soll» 2 , der 
es hauptsächlich auf die Ordnung des Unterrichts in den 
Dorfschulen abgesehen hatte. Die deutsche Grammatik er- 
scheint hier — wie übrigens schon in den beiden Ent- 
würfen von 1614 und 1617 — im Lehrplan. Aber nicht 
wie in der Köthener Schulordnung als Lehrgegenstand für 
alle, denn Kromayer betrachtete sie nur unter dem Ge- 
sichtspunkt der Vorbereitung auf den lateinischen Unter- 
richt. «Wo nun sonderliche feine Ingenia fürhanden, an 
welchen man mercket, das sie zum studiren tüchtig, vnd 
künftig ferner in andere Schulen geschicket werden sollen, 
mit denen gebühret sich, das nach dem sie fertig haben 
lesen gelernet, das man auch die deutsche Grammatickam 
fürnehme vnd dadurch eine gute Bereitung zur latei- 
nischen Grammaticka mache.» 3 Wie er dies meinte, sagt 
er klar und deutlich: «Vnd ist bey diesem gantzen Punct 
der deutschen Grammaticken zu mercken, das es nicht 
dahin gemeinet ist, das man eben auff eine gentzliche voll- 
kommene Wissenschaft dieses Stücks bey den Knaben gar 
genaw vnd scharff dringen wolle, nein, diß wird nicht 



1 Eine andere Darstellung dieser Episode gibt Linderström- 
Lang, S. 127 f. 

2 Abgedruckt: Evangelische Schulordnungen, hsg. von R. Vorm- 
baum, II, S. 215 ff. 

3 Vormbaum, S. 235, § XXI, vgl. auch S. 225, § XII: «Dar- 
zu kommet sonderlich für diejenigen, welche im Studiren fort- 
fahren, vnnd ferner in die lateinischen Schulen oder Classen ge- 
schicket vnd gesetzet werden sollen, auch die deutsche Gram- 
mati ca». 



§ 59.] Die Grammatiker vor Schottelius. 97 

erfodert weder vom Präceptore noch von Discipeln . . . 
Sondern es ist daran gnung, das die Knaben nur etlicher 
massen also in jhrer bekandten Muttersprache, ehe sie 
noch zu der lateinischen Grammatica, als in einer frembden 
vnd jhnen gantz vnbekandten Sprache, greifen, lernen ver- 
stehen die Notiones secundas oder Grammatischen Ter- 
minos, was da sey Numerus, Casus, Declinatio, Conju- 
gatio, Nomen, Verbum etc., welches jhnen denn hernach 
in der lateinischen Grammatica eine treffliche Hülffe ist, 
in dem sie den Verstand derselben Terminorum schon in 
jhrer Muttersprache mehr als die helffte hinweg haben.» 1 

Man muß sich diese Absichten Kromayers vor Augen 
halten, wenn man seine Grammatik «zum newen Methodo» 
gerecht beurteilen will. Sie ist ein Lehrbuch für die Volks- 
schule und verfolgt dieselben Zwecke wie Helwigs Sprach- 
kunst; auch sie ist eigentlich eine allgemeine Grammatik, 
nur mit reichlicheren Beispielen. Unter diesem Gesichts- 
punkt betrachtet verdient sie gewiß Anerkennung. Die 
Regeln sind knapp und ihre Fassung dem kindlichen Ver- 
ständnis so weit angepaßt, als dies bei dem schwierigen 
Stoff überhaupt möglich ist. 2 Sie steht didaktisch weit über 
der Köthener Definitionensammlung. Ihrem Zweck, auf den 
Unterricht im Latein vorzubereiten, entspricht es auch durch- 
aus, daß die Kunstwörter — mit wenigen Ausnahmen — 
nicht verdeutscht sind. 

Fragt man dagegen, was sie in der Entwicklung der 
deutschen Grammatik bedeutet, so muß das Lob, das ihr 
R. Hanns gespendet hat, gar sehr herabgestimmt werden. 
Eine wirkliche deutsche Grammatik muß das Sprach- 
material geordnet vorlegen; unserm Buch kommt es nur 
auf die Ordnung, nicht auf das Material an, das denn auch 
höchst dürftig ist. Die Orthographie enthält nichts als 
die Aufzählung und Einteilung der Buchstaben. Die nur 
ein paar Zeilen einnehmende Prosodie gibt keine einzige 
Regel; sie hat eben bloß den Zweck, dem Knaben klar 

1 Vormbaum, S. 236. 

2 Wenn aber R. v. Raumer, Gesch. d. Germ. Philologie, S. 72, 
Fußn. 4, die praktische Unterscheidung der Substantiva und Ad- 
jektiva rühmt, so muß bemerkt werden, daß das Kennzeichen der 
Möglichkeit der Hinzufügung von Mann, Weib, Ding im Schul- 
unterricht althergebracht war. Vgl. 9. 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 7 



98 Kapitel 5. [§ 59. 60. 

zu machen, was «lang» und «kurtz» (d. h. betont und un- 
betont) bedeuten. Die Syntax ist ein Auszug aus Clajus. 
Die Lehre von der Deklination der Substantiva mit ihren 
zwei Gruppen, den Masculinis und Neutris, die im Genitiv 
auf -s, und den Femininis, die im Genitiv nicht auf -s 
ausgehen, ist ganz ungenügend; in auffallendem Gegensatz 
zu der Knappheit, die hier waltet, steht die Freigebigkeit 
mit Paradigmen der Pronominaldeklination. Nur in der 
Lehre vom Verbum ist ein Fortschritt vorhanden; der 
Optativ ist, wie übrigens schon bei Becherer, beseitigt. Hier 
auch ein neuer Gedanke, freilich von zweifelhaftem Wert: 
es werden vier Konjugationen angesetzt, je nachdem im 
Praesens, Praeteritum und Part. Praet. oder nur im Praesens 
und Partizip oder -nur im Praeteritum und Partizip derselbe 
Vokal bleibt oder endlich alle drei Formen verschiedenen 
Vokal haben. Dabei werden starke und schwache Verba 
zusammengeworfen. Dann wird freilich noch eine andere 
Einteilung nach dem Ausgang des Part. Praet. — -t oder 
-n — vorgeschlagen; aber die Priorität dieses Gedankens 
kommt Becherer und Ritter zu. 

60. Die im Jahre 1630 zu Halle erschienene Deutsche 
Sprachkunst, als deren Verfasser Tilemann Olearius 
(1600 — 1671) gilt, steht zwar nicht mehr unter dem un- 
mittelbaren Einfluß der Ratichischen Bestrebungen 1 , zeigt 
aber mit ihnen nahe Verwandtschaft, da sie grammatischen 
Unterricht in der Muttersprache voraussetzt, auf die Me- 
thodik dieses Unterrichts großes Gewicht legt und ihn auch 
unter dem Gesichtspunkt der Vorbereitung auf das Studium 
anderer Sprachen, namentlich des Latein, betrachtet. 

Wenn man die Vorrede liest, in der der Verfasser 



1 Indirekte Beziehungen sind möglich. Das von E. C. Reichard 
benützte Exemplar enthielt eine lateinische Zueignungsschrift an die 
Rektoren Sigismund Evenius zu Magdeburg, G. A. Fabricius zu 
Mühlhausen und Andreas Bachmann zu Nordhausen. Den ersten 
nennt der Verfasser seinen Lehrer. Vgl. Reichard, S. 77. Nun 
war Evenius als Rektor in Halle mit Ratichius in freundlichen 
Beziehungen, später in Magdeburg sein eifriger Gegner; G. Vogt, 
Wolfgang Ratichius, S. 58, 108, 118 ff. — Dem Unterricht ^n 
deutscher Grammatik räumte freilich Evenius einen sehr beschei- 
denen Platz ein; vgl. Stötzner, Programm des Gymnasiums zu 
Zwickau 1895, S. 19. 



§ 60.] Die Grammatiker vor Schottelius. 99 

auseinandersetzt, wie wichtig die Kenntnis der Mutter- 
sprache für den Beamten, den Geistlichen, den Gelehrten 
Und den Mann des praktischen Lebens sei, und sich 
seiner mühsamen Observationen rühmt, die auf eine Ver- 
gleichung der deutschen Dialekte ausgingen und auch die 
Schwierigkeiten feststellen wollten, die Fremde — Welsche, 
Franzosen, Engländer, Schotten — beim Gebrauch unserer 
Sprache zu überwinden hätten, wenn man diese Vorrede 
liest, so möchte man glauben, daß das Buch sich sehr 
hohe Ziele gesteckt hat. Wie es aber vorliegt 1 , ist es nichts 
als ein Leitfaden für den elementaren Schulunterricht, der 
wohl für den Lehrer bestimmt war, nicht etwa den Kindern 
in die Hand gegeben werden sollte. 

Am Schluß wird bemerkt, man könne die in der Gram- 
matik gebrauchten Bilder, wenn ihre Bedeutung von dem 
Schüler einmal erfaßt sei, hernach auf andere Sprachen 
anwenden. «Dergestalt, dann dieses Büchlein nicht allein 
ein Compendium der Deutschen Grammatic, sondern es 
sind zugleich darin generalissima praecepta, in vielen andern 
Sprachen zu gebrauchen.» Es folgt dann eine Übersicht 
über die lateinischen Deklinations- und Konjugations- 
endungen. 2 

Die Bilder, von denen in der eben erwähnten Schlußbemerkung 
die Rede ist, machen das Charakteristische der Methode des Ver- 
fassers aus, auf die er sich etwas zu gute tut. Sie sollen das 
Lesenlernen und die Erfassung der Bedeutung der Kasus und 



1 Nach der lateinischen Dedikation an die drei Rektoren ist 
das Büchlein ein Auszug aus einem größern Werk. 

2 Auch im Text wird mitunter auf das Lateinische Rücksicht 
genommen. Unter den Bildern, die die Bedeutung der Tempora 
erläutern sollen, stehen die lat. Endungen. So unter dem Präsens- 
bild, S. 59, untereinander links A. I. o 2. eo 3. o 4. io. Pass. r; 
rechts em eam am iam r. In der Syntax sind teilweise die Regeln 
und die Beispiele auch lateinisch gegeben. Z. B. S. 85: «Das 
jenige das da leidet, stehet bey dem verbo Activo in Accusativo 
casu. Activa verba omnia Accusativum adsciscunt. Ich schlage 
dich percutio tey> Über den Kasusbildern stehen die zugehörigen 
deutschen Artikel und lateinischen Endungen des Singulars, unter 
ihnen die entsprechenden Artikel und Endungen des Plurals. Z. B. 
Über dem Bild des Akkusativs: Den, die, das. am, um, em, um, 
em; darunter: Die, as, os, es, us, es. 

7* 



100 Kapitel 5. [§ 60. 

Tempora erleichtern. Das Eigentümliche der im Abschnitt vom 
Lesen gebrauchten Bilder besteht darin, daß sie nicht nur Gegen- 
stände darstellen, deren Name mit dem über dem Bild stehenden 
Buchstaben anfängt oder ihn im Innern enthält, sondern auch in 
ihrer Gestalt dem Buchstaben ähnlich sind. l Die Bedeutung 
der grammatischen Formen wird etwa in folgender Weise erläutert. 
S. 63. «Perfectum Ich habe gethan.» Darunter ein Bild, dessen 
Beschreibung die auf S. 64 folgende Erklärung gibt: «Praeteritum, 
bedeutet, das, so gantz geschehen oder getahn ist, wie der Dieb, 
dem die Hände gebunden sind, der hat gestolen». Oder in der 
Syntax, S. 81 : «Zweene dinge werden zusammengesetzet in Geni- 
tivo. Des Vaters Sohn, Filius patris. Dieses wird angezeiget 
durch den Vater, der seinen Sohn bey der Hand führet, vnd der 
Vater, genitor, dem Sohne folget, ob wol Vater vnnd Sohn zwei 
vnterschiedene dinge oder Personen, gehören sie doch zum teil 
zusammen.» S. 82 bringt das also beschriebene Bild. 

Das Zusammensetzen der Buchstaben zu ganzen Wörtern sollte 
durch ein Kartenspiel eingeübt werden. Auf jeder Karte stand 
ein Buchstabe samt seinem Bild. Der Ausspielende hat den Buch- 
staben seines Blattes zu nennen, der Zuschlagende hat seinen 
Buchstaben dem ausgespielten anzufügen. Z. B. (S. 37 ff.) : «einer 
schlegt aus, spricht: a. Darauff bekennet der ander l. spricht al. 
Der erste wirfft wiederumb t. vh spricht: alt. Weis nun der 
ander wiederumb zuschlagen, ein r. spricht er: altr. Der erste 
wo ers weis, schlegt zu s. vnnd sagt: altrs.» Wer den letzten 
Buchstaben zuschlagen kann, zieht alle Karten ein und gewinnt, 
Außer diesem «lusus alphabeticus» empfiehlt Olearius auch einen 
«lusus grammaticus» zur Einübung der Formenlehre und Syntax. 2 



1 Z. B. Unter w ein w-förmig gekrümmter Wurm, darunter 
das Wort wurm, unter / ein aufrecht stehendes Tier mit wagrecht 
ausgestreckten Armen, darunter affin. 

2 Über diesen lusus grammaticus gibt Olearius nur Andeu- 
tungen in der Widmungsschrift an den Rat von Hamburg. Jeder 
Kasus einer jeden Deklination und Präsens, Imperfekt und Futurum 
einer jeden Konjugation sollten auf je einem besonderen Blatt 
stehen. Wahrscheinlich sollte dann ein Knabe ein Nominativblatt 
ausspielen, der Partner das zugehörige Genitivblatt darauf legen 
usw. und der Besitzer des Ablativblatts das Spiel einziehen. Ana- 
log bei den Konjugationsblättern. Nicht zu ersehen ist, wie sich 
Olearius es vorstellte, daß auch «alle regulae Syntaxeos in einen 
lusum Grammaticum gebracht vnd mit lust gespielet werden» 
könnten. 



§ 60.] Die Grammatiker vor Schottelius. 101 

Anm. 1. Ähnliche Versuche, Spiele zu didaktischen Zwecken 
zu verwenden, sind schon früher lind auch später gemacht worden. 
Vgl. Neue Jahrbücher f. Philologie und Pädagogik 154, S. 453 f; 
Pädagogische Blätter, hsg. von C. Kehr, 9, S. 156 f. ; A. Heubaum, 
Geschichte des deutschen Bildungswesens seit der Mitte des 17. Jhs., 
S. 73, 265. 

Anm. 2. Olearius' methodische Grundsätze unterscheiden sich 
sehr wesentlich von den Ratichischen, insofern er durch seine 
Kartenspiele die Schüler so bald als möglich zur Selbsttätigkeit 
heranziehen will. «Denn nichts kömpt den Kindern sonsten schwe- 
rer vor, als daß sie in der gemeinen Art lesen zulernen, stille 
sitzen, stille schweigen, vnd die Augen allezeit auff das Buch 
halten sollen.» Dagegen bei Ratichius der Grundsatz «In discipulo 
silentium Pythagoricum» ! Vgl. Stötzner II, S. 20 ff. 

Der Inhalt der Formenlehre und der Syntax ist dürftig, 
weit dürftiger als bei Kromayer. Über die Flexionsformen 
des Substantivs wird recht wenig gesagt, vom Adjektiv 
wird nur die Motion nach der und ein durch ein Bei- 
spiel gelehrt. Kein Pronomen wird durchflektiert außer 
der Artikel der. In der Lehre vom Verbum werden voll- 
ständige Paradigmen nur für ich habe, bin, wärde, und auch 
da nur für die beiden nicht zusammengesetzten Tempora 
im Indikativ, im Imperfekt auch im Konjunktiv («Imperf. 2») 
gegeben. Von den andern Verben wird nur die Bildung 
der einzelnen Formen gelehrt, und zwar zuerst, vom In- 
finitiv ausgehend, die der nicht umschriebenen Tempora 
(Praesens, Imperfectum Indicativi -und Subjunctivi 1 , Im- 
perativ), dann die -Bildung der umschriebenen Formen, zu- 
letzt unter dem Titel «Conjugatio simplex» die Bildung 
der Personen im -Praesens mit ein paar Beispielen {ich 
liebe mit allen sechs Formen, ich sehe und ich lüge mit 
den drei Formen des Singulars), Hierauf die unrichtige 
Bemerkung: «Vnd eben also wird das Imperfectum primurn 
et secundum dem praesenti nach conjungiret.» Die Bildung 
des Praeteritums Indicativi wird sehr kurz abgetan (S. 52). 
«Das Imperfectum Indicativi wird auff zweierlei art, denn 
etzliche Wörter setzen zu dem praesenti die Sylbe te, 
ich liebe, ich liebete. Andere aber verendern den vocalem 
oder Diphthongum praesentis auff vnterschiedene Art vnd 



1 Das Präsens ist nach Olearius «in Indicativo et Oonjunctivo 
gleich». 



102 Kapitel 5. [§ 60. 

Weise, Ich spreche, Ich sprach, Ich tuhe, Ich tahte, Ich 
gehe, Ich gienge. Welches aus der Übung gelernet wird.» 

Ausführlich ist dagegen der erste Teil, der in klarer 
Disposition erst vom Reden, dann vom Schreiben, end- 
lich vom Lesen handelt. Großes Gewicht wird auf deut- 
liche Aussprache gelegt. 1 Die Erfahrung lehre, «wie so 
viel Menschen vbel reden, lallen, lispeln, stammeln, 
mummeln, die wort in sich fressen, zischen, schnarren» 
(S. 17). Diesen Fehlern könne durch systematischen Unter- 
richt in der Aussprache vorgebeugt werden. Die einzelnen 
Laute werden in ähnlicher Weise wie in den Orthographien 
des 16. Jhs. beschrieben durch Hinweis auf Tierlaute u. dgl. 
oder durch Angaben über ihre Erzeugung. Originell ist 
die Anordnung der Vokale in der Folge i, e, a, o, u, wie 
es scheint, nach der Größe der Mundöffnung. Die Konso- 
nanten werden, zum erstenmal in einer deutschen Sprach- 
lehre, entsprechend dem Gebrauch der hebräischen Gram- 
matik, nach den lauterzeugenden Organen eingeteilt. Die 
Laute ä o ü und die Diphthonge sollen so genannt werden 
wie sie lauten, nicht «a mit zwey düplein» oder ae usw., 
bzw. e. i, e. u, a. u. Buchstabenverbindungen, die einfache 
Laute bezeichnen, solle man nicht mit den einzelnen Buch- 
stabennamen nennen, man solle nicht es. ce. ha. buchsta- 
bieren, sondern schi oder schin. 2 

Zeigt sich hier zwar keine Übereinstimmung, aber eine 
gewisse Verwandtschaft mit Ickelsamer, so auch in der 
Kritik der herkömmlichen Schreibung: «sol dahero die 
Regel sein des Schreibens, also: daß man schreibe, wie 



1 Dasselbe tat schon die Sachsen-Coburg-Gothaische Schulord- 
nung von 1626, Evangelische Schulordnungen, hsg. von R. Vorm- 
baum, II, S. 49 f. Vgl. auch die Köthener Anordnungen bei 
G. Krause, Wolfgang Ratichius, S. 98 (= Stötzner II, S. 68), § 3. 
103 (= Stötzner II, S. 76), § 6. 117. 122. 123. Zum Teil handelt 
es sich freilich um dialektische Eigenheiten, die abgewöhnt wer- 
den sollen, und auf eigentlichen phonetischen Unterricht wird 
nicht gedrungen. 

2 Auch ch soll nicht ce. ha. buchstabiert werden; allein die 
Bemerkung (S. 22) «ch ist x graecorum, ich ix» läßt nicht deut- 
lich erkennen, ob Olearius an chi als Namen dachte, namentlich, 
da er bald darauf sagt, daß ch ein Buchstabe sei, «der etwas weich- 
licher als das g ausgeredet wird». 



§ 60, 61.] Die Grammatiker vor Schottelius. 103 

man geredet, nicht wie die Frantzosen, qui aliter scribunt, 
aliter loquuntur . . . Nun finden sich aber sehr grosse 
mängel, in schreiben der Deutschen Sprache, wie denn 
auch im Drucken, . . . vnd dieselben machen, daß jhr 
vielmehr gehindert werden, als gefördert, die Deutsche 
Sprache daraus zulernen» (S. 18 f.). Als die wichtigsten 
Mängel werden bezeichnet w in den ^-Diphthongen, y im 
Diphthong ey, c mit seiner doppelten Aussprache, die Buch- 
stabenverbindungen ch, seh, th. Summarisch wird auf «die 
vielen doppelten nn. tt. dt. ck. tz. ff» hingewiesen. Einer 
phonetischen Reform der Schreibung steht Olearius 
hoffnungsvoller gegenüber als Ickelsamer. 

Wie in diesem ersten Teil zeigt er sich übrigens auch 
sonst als selbständiger Kopf. So weicht seine Darstellung 
des Verbums sehr von der üblichen Umständlichkeit der 
lateinischen Grammatiken ab. Helwigs Libri didactici dürfte 
er gekannt haben. Die lateinischen Kunstwörter sind im 
allgemeinen beibehalten. 

61. In gar keiner Beziehung zu den Ratichischen Be- 
strebungen steht die — trotz des lateinischen Titels deutsch 
geschriebene — Manuductio orthographica ad Ling- 
vam Germanico-Latinam, die Johannes Werner 1629 
«für seine Discipul in der Schule zu Altenburg» veröffent- 
lichte. Sie gehört nur insofern in diesen Abschnitt, als 
Werner den Unterricht im Deutschen doch auch als eine 
Art Propädeutik für fremde Sprachen zu betrachten scheint. 
Er wollte, sagt er in der Vorrede, vornehmlich zur deutschen 
Sprache eine Anleitung geben, «so fern anders wir andere 
Sprachen recht gründlich vnd wohl lernen, oder andern 
Nationen nicht zum spot seyn wollen, in dem, daß wir 
zum Theil andere Sprachen ergründen vnd meistern wollen, 
do wir doch vnsere eigene Muttersprache noch nie recht 
gelernet noch verstanden haben». Damit hängt zusammen, 
daß das Buch für eine Lateinschule bestimmt ist und 
außer der deutschen Orthographie, der die ersten Kapitel 
gewidmet sind, in Kapitel 5 — 11 die lateinische behandelt. 
(Das 12. bespricht die Zahlen.) Werners Vorgänger war 
in diesem Punkt Becherer, vgl. 55. 

Werners Manuductio ist symptomatisch für eine Wen- 
dung, die sich in der deutschen Grammatik vollzog, sobald 
die Sprache ihrer Darstellung die deutsche wurde. Die ersten 



104 Kapitel 5. [§ 61. 62. 

vollständigen Sprachlehren bedeuten eine Art Bruch mit 
der Tradition der Orthographiebücher; mit dem lateinischen 
Gewand übernehmen sie auch die Darstellungsform ihrer 
Vorbilder, der lateinischen und französischen Grammatiken, 
ölinger kennt wohl Kolroß' Enchiridion, aber er entnimmt 
ihm nur Einzelheiten. Selbst Albertus ist von der Syste- 
matik eines Frangk oder Kolroß weit entfernt. Jetzt ge- 
winnen die gelehrten Theoretiker wieder Fühlung mit der 
deutschen Schreibstube. Diese Anknüpfung an die alten 
Orthographiebücher tritt bei Werner als Plagiat in die Er- 
scheinung. Seine Manuductio ist eine Kompilation aus den 
Schriften Frangks und Sattlers, die er nirgends zitiert. 
Dieses Zurückgehen auf die Lehrbücher der deutschen 
Schreiber bringt Veraltetes in die Werke der späteren 
Theoretiker. Werner schrieb Sattlers Lehre von den Ma- 
juskeln ab, Sattler fußt wiederum auf Kolroß. Aber in- 
zwischen hatten sich die Dinge geändert. Die Entwick- 
lung der deutschen Orthographie lag nicht mehr bei der 
Kanzlei, sondern beim Buchdruck. Und schon Sattler wußte, 
daß im Gebrauch der Majuskeln die Praxis der Setzer 
von der der Schreiber abwich. Ritter, ja schon Becherer, 
deren Blick durch keine Tradition getrübt war, hatten die 
Großschreibung aller Substantiva gelehrt. Und daß dieser 
Gebrauch auch im Schulunterricht Boden gewonnen hatte, 
wird uns das Zeugnis Brückers beweisen. Aber Gueintz 
knüpfte an Werner, Schottelius wieder an Gueintz an, so 
daß die Theorie nicht mit dem Gebrauch stimmte, dem 
die Zukunft gehörte. 

III. Die deutsche Grammatik als Einführung 
in die deutsche Rhetorik. 
62. Ickelsamer hatte den von ihm geforderten Gram- 
matikunterricht sehr nützlich genannt für diejenigen, die 
Schreiber werden oder später andere Sprachen studieren 
wollten (31). Die im vorigen Abschnitt besprochenen 
Bücher faßten vornehmlich den zweiten Punkt ins Auge; 
die Bedürfnisse des praktischen Lebens, insbesondere der 
Kanzlei 1 , suchte die 1620 erschienene Teutsche Gram- 
matic von Jakob Brücker zu befriedigen. 

1 Daß solche Bedürfnisse im 17. Jh. gefühlt wurden, zeigt der 
Bericht an den Fürsten Ludwig von Anhalt über die Erfahrungen 



§ 62.] Die Grammatiker vor Schottelius. 105 

Brücker war Schullehrer gewesen, u. a. in seiner Vater- 
stadt Heidelberg, war aber dort abgesetzt worden und 
lebte, als das Buch erschien, in Frankfurt am Main. 1 

Nach dem Titel ist die Grammatik verfaßt zum besten 
«allenn denn jenigenn, so etwa nichts studieret, oder noch 
forthin bei dem studiern erzogen werden, oder bleiben 
können, und doch gerne eynen geringen Anfang recht zu 
reden und zu schreiben hättenn». In der Vorrede erklärt 
Brücker, er sei zu der Überzeugung gekommen, «daß eyne 
wolbestellte Teutsche Schule, fast gantz undt gar . . . nach 
der Art, Form undt Weise eyner Lateinischen Schulen 
angestellt werden solle, als in welcher die Kinderr beneben 
dem Schreiben undt Rechnen, jhre eygene Wörterr, so 
sie in jhrer Mutter Spraache redenn, erstlich recht zu 
schreiben, nachmals zu verstehen, ob undt von welchenn 
andernn sie herkommenn, ob es eynfache, oder auß zweyenn 
andernn zusammengesetzte Wörter seyenn, was sie für 
Eygenschafften an sich habenn, etc. Ferners, wie die 
Sylbenn in Reimen zu bringen, lehrnenn, welches zum 
Theyl hierinnen gelehrt wirdt. Endtlich sollenn sie auch 
lehrnen, wie die Schrillte recht undt förmlich gestellet 
werden sollenn». So habe er die Grammatik zum besten 
der Schulknaben, aber auch der Schulmeister, die oft in 
der Orthographie nicht Bescheid wissen, sowie derjenigen, 



mit der Ratichischen Lehrart vom 20. X. 1619. Der grammatische 
Unterricht «beim gemeinen hauffen» wird für überflüssig gehalten. 
«Vor diejenigen aber, die in des reichs vnd deßen hoher stände 
Cantzleien seind, laßen wir eine rechte volkomene richtig gramma- 
tic mütterlicher spräche nicht vnbillich ihren rühm haben.» G. 
Krause, Wolfgang Ratichius, S. 92. 

1 Gebnrts- und Aufenthaltsort meldet das Titelblatt. In der 
Vorrede klagt Brücker, er habe, wenn er einmal «an eynen ziem- 
lichen Ort» gekommen sei, nach der alten fehlerhaften Weise unter- 
richten müssen und sei «auch nachmals, und zwar nun zum 
andern mal, mit Gefährde, arger List undt Vntrewe, auch zum 
Theil wider meines gnädigsten Herren, undt I. Ch. Gn. sampt derr 

Herrenn hohen Räthen, außtrücklichen Befelch, erlidtenen 

grossen Vnrechten undt schändtlicher Vnbilligkeit, davon gestossen 
worden». Bald darauf spricht er von «diesem meinem Elende, so 
ich an jetzo, wie obgemelt, abermals zu bawe gantz unbillich 
gedrungen werde». 



106 Kapitel 5. [§ 62. 

die sich fortbilden wollen, «fürnemlich aber auch als et- 
licher massenn eyne Vorbereytung zur Teutschen Rhetoric» 
ausgehen lassen. 1 

Dem Zweck des Buchs entspricht seine Anlage. Wie 
die Ratichischen Grammatiker legt auch Brücker das 
Hauptgewicht auf die grammatischen Kategorien, nicht auf 
ihre Ausfüllung durch den sprachlichen Stoff. Wohl gibt 
er in der üblichen Anordnung der lateinischen Grammatiken 
die vollständige Konjugation der vier Verba lieben, lehren, 
schreiben, tragen-, aber er verliert kein Wort über die 
Bildung der einzelnen Formen oder die verschiedenen 
Flexionsklassen der deutschen Verba. Ebenso fehlt jede 
Andeutung über die Bildung der Kasus der Substantiva. 
Die Paradigmen müssen für sich sprechen. Diese Para- 
digmen — je ein Maskulinum, Femininum, Neutrum — 
sind so eingerichtet, daß sie zugleich die Bedeutung der 
Kasus veranschaulichen; sie sind durchweg in Satzform 
gehalten, z. B. «N. die Fraw hat eynen feinen Sohn, 
V. 2 Fraw was gedenckst du? G. der Frawen ist diß 
Kindt» usw. Das erinnert an Meichßner, vgl. 16. Keine 
Adjektivparadigmen, dagegen, wie bei Kromayer, ziemlich 
viele für die Deklination der Pronomina. Knapp ist die 
Lehre von der Ableitung, zu der Brücker auch die Kom- 
paration rechnet; keine Aufzählung der Endungen, ein 
paar Beispiele müssen genügen. Noch kürzer ist das Ka- 
pitel von der Zusammensetzung. Über das Genus nur 
Regeln nach der Bedeutung; die Wörter, die nicht unter 
die angegebenen Kategorien fallen, müssen durch die Übung 
erlernt werden. 

Brücker mochte wie Ickelsamer denken, daß die Kinder 
besser als aus einer Grammatik von der Mutter deklinieren 
und konjugieren lernen könnten. Das konnten sie freilich 
nur dann, wenn die Sprache des täglichen Lebens mit 
der Schriftsprache übereinstimmte. Von einem Gegensatz 

1 S. 9 (sagt er, er habe vor 17 Jahren eine deutsche Rhetorik 
angefangen, sie aber nicht veröffentlicht mit Rücksicht auf das 
gleichartige Werk im Anhang des «Notariat-Spigels» von «Philips 
Meyster von Lindenfels, Stattschreiber zur Newstatt an der Hardt». 
Neben ihm werden lobend erwähnt Abraham Säur und Sattler. 

2 Brücker setzt den Vokativ als casus rectus unmittelbar 
hinter den Nominativ und verteidigt dies in der Vorrede, S. 8. 



§ 62.] Die Grammatiker vor Schottelius. 107 

zwischen Mundart und Schriftsprache ist jedoch bei Brücker 
nirgends die Rede. Seine Beispiele nimmt er wohl meistens 
aus der Bibel, aber eine direkte Äußerung über die schrift- 
sprachliche Norm fehlt. 

Der Absicht, eine Vorschule zur Rhetorik zu bieten, 
entspricht es, daß die für die Stilistik wichtigen unflektier- 
baren Redeteile ziemlich ausführlich behandelt werden. 
Die ihnen gewidmeten vier Kapitel nehmen ungefähr acht 
Seiten ein, nur um etwa drei Seiten weniger als die Lehre 
vom Nomen. 1 Ferner enthält das Buch als die einzige 
deutsche Grammatik im Rahmen der Syntax ein besonderes 
Kapitel, d:as — entsprechend dem im Anhang vieler la- 
teinischer Schulgrammatiken stehenden Abschnitt «De con- 
structione» — eine Anweisung gibt zur Analyse verwickelter 
Perioden. 

Die lateinischen Termini sind meist beibehalten, nur 
wenige werden auch deutsch gegeben. Oft vermeidet Brücker 
jeden Kunstausdruck und begnügt sich mit der Definition. 
So fehlt z. B. in der Lehre vom Nomen das Wort «Genus»; 
S. 29 wird als erste der fünf Eigenschaften oder Zufälle 
der Nomina genannt: «welches unter diesenn dreienn Wört- 
lein, der, die, das, eynem jeden möge vorgesetzet werden». 2 

Die Etymologie und die Syntax sind selbständig nach 
dem Schema der lateinischen Grammatik zusammengestellt, 
von seinen deutschen Vorgängern ist Brücker unabhängig. 
Aber auch die Orthographie zeigt auffallend wenig Be- 
rührungen mit den älteren Lehrbüchern. 

An Ickelsamer erinnert es, daß die Buchstaben erst nach 
phonetischen Gesichtspunkten und erst dann nach dem Alphabet 
aufgezählt werden, ein Verfahren, das die Vorrede in nicht ganz 
klarer Weise begründet. Die eigentliche orthographische Anwei- 
sung ist nicht sehr ausführlich. Das 10. Kapitel, das «Etliche 
Regulenn von denn Buchstabenn» gibt, bespricht nur kurz i, u, w, 
h, z, letzteres bloß wegen der Abbreviaturen dz, wz. Von i und 
u wird zwar in der herkömmlichen Weise gesagt, daß sie vor 
einem Vokal oder Diphthong zu Konsonanten werden; aber ganz 



1 Diesem Verhältnis 8:11 steht gegenüber bei Albertus 25:55, 
bei Ölinger 15:52, bei Clajus 23:62, bei Ritter 22:67, bei Kro- 
mayer 3:8. 

2 In den Deklinationsbeispielen der Pronomina erscheinen später 
die unerklärten Masc, Farn., Neut., in omni genere. 



108 Kapitel 5. [§ 62. 

modern ist die Lehre, daß dann / für i, v für u eintrete: Brücker 
ist der erste deutsche Grammatiker, der die Unterscheidung der 
Zeichenpaare u — v, i — / nach dem Lautwert ausspricht. 1 Über w 
nur die Bemerkung, es sei «nichts anders, als eyn doppeles v». 2 h 
werde von manchen nicht für einen Buchstaben, sondern nur für 
das Zeichen «eynes Anhauchens oder harten Athems» gehalten und 
daher in demselben Wort manchmal geschrieben, manchmal aus- 
gelassen. 

Das 11. Kapitel verspricht «Regulenn recht zu schreiben». 
Solcher Regeln gibt es zwei. Die erste lehrt, daß man die ab- 
geleiteten Wörter «ihrenn ursprünglichenn Wörternn nach schrei- 
ben» müsse, die zweite behandelt die Setzung der Versalen (Ma- 
juskeln). Die erste Regel entspricht der ersten Regel Sattlers. 
die Beispiele betreffen aber nur ä, das Sattler in diesem Zu- 
sammenhang nicht erwähnt, wohl aber Frangk, bei Müller S. 98. 
Die Lehre von den Majuskeln sieht allerdings so aus, als ob 
Brücker in ein überliefertes Schema eigene Vorschriften hinein- 
geschoben hätte. Sattler verlangte die Großschreibung für die 
Namen Gottes, die Tauf- und Zunamen der Männer und Weiber, 
die Namen der Länder, Städte, Schlösser, Dörfer, Völker, Sekten, 
Ämter, Künste und für die Anfänge der «Sententzen und Reden». 
Brücker spricht statt von Personennamen von Substantiven schlecht- 
weg, denen er die von Substantiven abgeleiteten oder mit ihnen 
zusammengesetzten Adjektiva anreiht; trotzdem behält er die Kate- 
gorien der Namen der Ämter und der Völker und Sekten bei, ob- 
wohl das doch alles Substantiva sind. Dasselbe gilt von der 
folgenden, Brücker eigenen Kategorie: «wo man viel von eynem 
Ding redet oder schreibet, undt also darvon handelt», z. B. «vom 
Glauben, von der Liebe, vom Creutz undt Leiden .... item die 
Frommenn, die Gottlosenn, die Heuchlerr». Selbständig ist die 
Bemerkung über H. == heilig. Den Eindruck der Kontamination 
macht auch das 12. Kapitel. «Regulenn von Zertheylung derr 
Wörterr». In Übereinstimmung mit allen Orthographen 8 wird ge- 



1 Am nächsten kommen Ölinger, S. 15, 17, und Clajus, S. 13, 
die von einer Unterscheidung der inlautenden u. v, teilweise auch 
i. j, nach dem Laut wissen. 

2 Das ist alte Tradition, vgl. Fabritius, S. 5 («das duppel w»), 
Albertus, S. 26 (w est uu duplex ein zweefaches w), Ölinger, S. 16, 
Clajus, S. 11. S. auch Ickelsamer, bei Müller S. 141; Germania 19, 
94 («ein dubbel w») und oben 12. 

3 Dies bedarf jedoch einer Einschränkung. Nur für die Gemi- 
naten wird die Verteilung auf zwei Silben unbedingt gefordert, vgl. 
Kolroß, bei Müller 83, Ickelsamer, ib. 145, Fuchßberger, ib. 176, 



§ 62. 63.] Die Grammatiker vor Schottelius. 109 

lehrt, daß zwei Konsonanten zwischen zwei Vokalen sich auf zwei 
Silben verteilen; unter den Beispielen Mül-ler pfeif -fen. Ferner 
schreibt er vor — hier waren die Orthographen uneins 1 — , daß 
ein einzelner Konsonant zwischen zwei Vokalen auf die zweite 
Zeile gesetzt werde, z. B. lesen, predi-gen. Aber schließlich 
wird nicht nur die übliche Regel über die etymologische Trennung 
der Komposita aufgestellt, sondern gleiches auch gefordert, «wo 
etwa eynem Wort eyn sonsten für sich Selbsten unverständtlicher 
Zusatz geschieht», und da kommen Beispiele vor, wie Fisch-er, 
bestet-ige, begab-en. Hier liegt offenbar ein Widerspruch vor. 2 

Durch reichliche Beispiele ist die Lehre von den Inter- 
punktionen im 13. Kapitel erläutert. Brücker eigentümlich 
ist, daß er im Prinzip das Comma, das die Form des 
Strichpunkts hat, von Virgul und Colon unterscheidet; 
doch bemerkt er, daß im Deutschen das Comma meist 
durch die Virgul bezeichnet werde. Er kennt ferner außer 
den allgemein angeführten «Frag- und Zwischensatzes- 
Zeichen» (Parenthese) auch das «Verwunderungs-» und «Auß- 
gangs-Zeichen» (*( oder §). 

63. Die Teütsche Orthographia des aus Meißen 
stammenden 3 , in Hamburg als «Bürger, Buchhalter und 
Arithmet.» lebenden Christoph Achatius Hager kann 
in diesen Abschnitt eingereiht werden, da sie stärker durch 
die Grammatik beeinflußt ist als die Orthographien des 



Helber, 13, 2, Sattler, S. 19, Albertus, 38, III. Bei den Ver- 
bindungen verschiedener Konsonanten liegen die Dinge nicht so 
einfach. Brücker sagt, S. 18, ausdrücklich: «zweene Consonantenn 
.... sie seyenn gleich eynerley, oder zweyerley», aber Beispiele 
gibt er nur für Geminaten. 

1 Zur zweiten Silbe ziehen den Konsonanten Ickelsamer, Fuchß- 
perger, Helber, Sattler mit Beschränkung auf die Mutae und s, 
x; zur ersten Albertus, 37, I; Kolroß läßt beide Teilungen zu. 

2 Die etymologische Trennung auch vor Suffixen fordert Al- 
bertus 38, II ohne Einschränkung, sein Beispiel ge-schefft-ig fällt 
freilich eigentlich schon unter Regel 37, I, und die Regel über 
die Geminaten mit den Beispielen Jcen-nen al-le widerspricht dem 
Prinzip, ist auch wohl als Ausnahme gemeint. Auch Helber lehrt 
14, 4 die Abbrechung vor Suffixen; von vokalisch anlautenden 
nennt er nur isch, ei, ig, unter den Beispielen steht aber Z. 25 auch 
minder-en, was der Regel 1 auf S. 13 widerspricht. Über ähn- 
liche Widersprüche bei Fabritius vgl. J. Meier, S. XXXVII. 

3 «meiner Mutter-Sprache der Meißnischen», A 2 b. 



110 Kapitel 5. [§ 63. 

16. Jhs., von denen sie übrigens auch in der Anordnung 
und in vielen Einzelheiten abweicht. 

Anm. Das Büchlein lag mir in zwei Bearbeitungen vor; die 
eine mit der Jahreszahl 1639 ist betitelt «Teütsche Orthographia 
oder Schreibekunst», die andere mit der Jahreszahl 1640 «Teüt- 
scher Sprach Wegweiser». Von Bogen B an bis zum Schluß auf 
D 8 a stimmen beide Drucke vollkommen überein und scheinen vom 
selben Satz abgezogen. Der Teil des Textes, der in der «Ortho- 
graphia» die letzten drei Blätter von A füllt, steht im «Wegweiser» 
auf den letzten zwei Blättern des ersten Bogens, anfangs gekürzt, 
später beinahe nur in den Beispielen verändert. Die Vorrede ist 
im «Wegweiser» umgearbeitet und gibt einige Rätsel auf. Die 
«Orthographia» ist nach dem Titel «anjetzo zum erstenmahl in 
Druck verfährtiget». Auf diese Ausgabe bezieht sich der «Weg- 
weiser» gar nicht, dagegen sagt Hager A 3 , er habe seine «Meinung 
von sillabierung der teutschen Sprache erstlich an dem (!) Tag 
gegäben Anno 1616» und sei dann «Anno 1619, nachmahls Anno 
1624 : 1630 : 1634 wiederumm herauß gekommen», und nach dem 
Titel ist der Wegweiser «Anitzo zum sechstenmahl vermehret und 
imm Druck gegäben». Ferner heißt es im «Wegweiser» A 2 b : «Zwar 
inn Fortpflantzung der Zierligkeit, Reinigkeit etc. und anderen 
Zubehören teutscher Sprache ist von den Fruchtbringenden 
so viel gesuchet und gespielet worden . . .» Das ist eine 
deutliche Anspielung auf Schottelius und Harsdörfer, die aber erst 
1642 unter den Namen «der Suchende» und «der Spielende» in die 
Fruchtbringende Gesellschaft aufgenommen wurden. Vgl. G. Krause, 
Ludwig, Fürst zu Anhalt-Cöthen, III, S. 342, 344. Und wenn er 
neben den schon in der «Orthographia» erwähnten deutschen «Ortho- 
graphi-Grammatic-Manuductionen» nun auch «Sprache Künste» nennt, 
so kann dies nur auf Schotteis Werk gehen, das erst 1641 heraus- 
kam. So scheint es, daß die nicht nur auf dem Titel des «Weg- 
weisers», sondern auch am Schluß der Vorrede stehende Jahres- 
zahl 1640 falsch ist. 

Das etwas kraus disponierte Büchlein durchzieht wie 
ein roter Faden das Bestreben, den Lernenden die richtige 
Syllabierung und Worttrennung einzuprägen. Hager ver- 
ficht die Abteilung nach Sprachsilben. Der ganze erste 
Teil ist dazu bestimmt, den Unterschied zwischen Primi- 
tivum, Derivativum und Compositum klar zu machen, 
was freilich beinahe nur durch Beispiele geschieht und 
wobei Flexions- und Ableitungsendungen zusammengeworfen 
werden. Hager geht noch über Albertus hinaus, da er 



§ 63.] Die Grammatiker vor Schottelius. 111 

auch stammschließende Geminata zur ersten Silbe zieht, 
z. B. Gött-er. Aber auch in nicht abgeleiteten Wörtern 
soll die zweite Silbe mit dem Vokal beginnen, auch 
wenn mehrfache Konsonanz vorhergeht, z. B. Ack-er, Aff-e, 
Klost-er. Damit setzt sich Hager in Gegensatz zu allen 
andern Orthographen. 

Die Silben werden in linde, scharfe und harte einge- 
teilt. Ihren Charakter bestimmt der an- oder auslautende 
Konsonant. Dabei wird teilweise die Qualität des Konso- 
nanten, teilweise die Quantität des Vokals in Anschlag 
gebracht. So sind lind aw, wa, scharf ab, ba, hart ap, pa, 
abb, app. Ein deutlicher Begriff liegt nicht vor. Man ver- 
steht, daß ag, ga lind, ach, cha scharf genannt werden; 
aber warum sind ia, ay hart? Ebenso seltsam ist, daß 
af, fa lind, äff scharf, av, va, aph, pha hart sein sollen. 
Auch bleibt sich Hager in der Anwendung von «hart» und 
«schärft» nicht gleich und gebraucht außer ihnen noch das 
Wort «hartschärffig», einmal auch «lindschärf fig» 1 , und sagt 
zu Anfang der Erörterung, jede Silbe werde gesprochen 
entweder mit einer «Lind- oder weichen Stimme» oder mit 
einer «gemässigten Schärfte», oder mit einer «Schärft- oder 
harten Stimme». 

In der Vorrede bemerkt Hager, es gebe «genügsame 
teütsche Orthographeyen, Grammatic und Manuduction», 
aber noch nie sei «eine Naturgemässe Teütsch-teütsche Ortho- 
graphia, vielweniger Grammatic, sondern vielmehr Latein- 
teütsche Grammatic- und Orthographeyen im Druck kommen». 
Auf wen das zielt ist klar; Sattler, Brücker, Werner 
sind durch die Titel ihrer Schriften gekennzeichnet. Gegen 
Werner polemisiert Hager versteckt auch im Text, doch ist 
er wohl durch ihn zu seiner Einteilung der Silben an- 
geregt worden; Werner verdankt wiederum die Ausdrücke 
«Lindigkeit» und «Schärfte» für verwandte Konsonanten 
Frangk; vgl. Müller, Quellenschriften, S. 107. Auch Be- 
ziehungen zu Brücker sind an ein paar Stellen unverkennbar. 
So mag auch eine Regel über die großen Anfangsbuchstaben 
auf Brücker zurückgehen. Nur spricht dieser grammatisch 



1 «dt: wird etwas lindschärffig außgesprochen.» B 8 b. Vorher 
(B 3 a) waren die Silben adt, edt usw. (ebenso wie add in die zweite 
Kategorie, also zu den scharfen Silben, gestellt worden. 



112 Kapitel 6. [§ 63. 64. 

geschulte Mann klar und deutlich von «denn für sich selbst 
bestehendenn Namenn», d. h. von den Substantiven, 
während Hager D 3 b lehrt: «Inn allen bedeütlichen Nänn- 
wörtern werden Versalbuchstaben gebraucht», und unter 
seinen Beispielen auch Pronomina erscheinen. Der Aus- 
druck «Nännwort» und vielleicht auch die Bezeichnung des 
Deutschen als einer «Haubtsprache» deuten auf eine irgend- 
wie vermittelte Kenntnis der Ratichischen Bestrebungen. 

Sprachnorm ist für Hager offenbar das Meißnische. 
Sein Werk hat er «auß sonderbahrer Lieb» zu seiner Mutter- 
sprache, der Meißnischen unternommen; die Einteilung der 
Silben ist so dargestellt, «daß darauß der wahre, klahre 
und Naturgemässer Kern der rechten Meißnischen Sprache, 
grundvöllig zuersehen und zufassen». 

Interessant ist die Übereinstimmung in mehreren ortho- 
graphischen Forderungen, die später Schot telius erhob. 
Die einzelnen Punkte finden sich ja meist auch bei anderen; 
bemerkenswert ist ihre Vereinigung. Hieher gehört die 
etymologische Silbentrennung, insbesondere die Fassung 
der Regel, daß alle einsilbigen Nomina ihren Nominativ 
«durch alle Fälle» 1 unverändert behalten (C 4 a) und daß 
die Verba analog zu teilen seien, «in obacht haltend den 
Imperativum» (C 4 b). Ferner die Unterscheidung von u und v 
nach dem Lautwert und die Polemik gegen w in den u- 
Diphthongen (C 2 a), sowie gegen th statt ht (Tuhn nicht 
Thun u. dgl.; db). 



Sechstes Kapitel. 
Von Schottelius bis Gottsched. 

(1641—1748.) 

I. Charakteristik der Epoche. 

64. Grammatiken für Ausländer und Schulbücher 
werden auch jetzt noch geschrieben, aber sie treten zurück 
hinter Werken, die sich höhere Ziele stecken und Deutsche 
die richtige Sprache lehren wollen. 

Auch die Träger der Entwicklung werden andere. Die 
Süddeutschen ziehen sich fast ganz zurück. Die wenigen 

1 Darunter versteht Hager offenbar auch die Ableitungen. 



§ 64.] Von Schottelius bis Gottsched. 113 

Theoretiker aus den protestantischen Reichsstädten des 
Südens schließen sich im 17. Jh. beinahe alle eng an 
die Niederdeutschen an, die in diesem Zeitraum in die 
erste Reihe der grammatischen Schriftsteller treten. Damit 
ist eine bedeutungsvolle Wandlung innig verknüpft. Noch 
hatte das Hochdeutsche nicht so tiefe Wurzeln geschlagen, 
daß den Niedersachsen das natürliche, durch den täg- 
lichen Gebrauch erworbene Sprachgefühl ein sicherer Führer 
hätte sein können. Für sie ist das Hochdeutsche vor allem 
eine Büchersprache, seine Regeln eine Angelegenheit gram- 
matischer Spekulation. Normativ wollte die deutsche Gram- 
matik von jeher sein, aber früher knüpfte man an etwas 
Positives an, man wollte einfach konstatieren, was guter 
Gebrauch sei; seit Schottelius tritt mit dem Analogie- 
prinzip die Normierung der Sprache durch den räso- 
nierenden, aus Prinzipien deduzierenden Grammatiker in 
den Vordergrund. Den Männern der Schotteischen Rich- 
tung erscheint ferner das gute Deutsch als eine über allen 
Mundarten stehende Sprache, sei es, daß man die Dia- 
lekte als Verderbnisse der eigentlichen Sprache, oder diese 
als den Extrakt des Besten aus allen Mundarten be- 
trachtet. — --v. 

Aber in den Ostmitteldeutschen bleibt die Überzeugung 
lebendig, daß sie die Träger der guten Sprache sind, die 
sie gleichsam mit der Muttermilch einsaugen; insbesondere 
verfechten die Meißner ihr auch von den Schlesien! aner- , 
kanntes Vorrecht. Die Ostmitteldeutschen stützen sich auf ; 
den lebendigen Sprachgebrauch der gebildeten Stände, der / 
keineswegs immer zu den Regeln stimmte, die Schottelius j 
aus seinen gedruckten Quellen destillierte. Zwischen den 
beiden Richtungen kommt es zum Kampf. Gottsched 
versucht eine Vermittlung, aber vergebens. Der Streit 
dauert weiter bis auf Adelungs nur daß es iiTlIer Zeit 
nach Gottsched hauptsächlich die Süddeutschen sind, die 
dem Anspruch der Meißner entgegentreten. 

In unserem Zeitraum werden die Gegensätze ein wenig 
dadurch verdunkelt, daß anfangs von beiden Lagern die 
Sprache Luthers und der Kanzlei gerühmt wird. Man darf 
sich dadurch nicht täuschen lassen. Beide Parteien weichen, 
jede auf ihre Weise, von den Mustern ab. Schottelius, 
dem es mit dem Lob der Kanzleisprache gewiß Ernst ist, 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 8 



114 Kapitel 6. [§ 64. 

schematisiert und die Ostmitteldeutschen folgen ihrem 
Sprachgefühl. 

Opitz schreibt im Jahre 1628 an B. Venator: hoc 
tarnen nunc habe, veluti ego Silesiaca dialecto non utor, ita 
neque vestra Alsatica uti te posse. Est quoddam quasi 
Atticum apud Graecos, genus quod Lutheranum vocitare 
per me potes, hoc nisi sequaris, erres necesse est. Et ad 
cancellarias, quas nominant, provoco, scriptionis nostrae, 
si Gallicae, Italicae aut Latinae etiam nugae omittäntur, 
magistras. 1 

Aus diesen Worten geht nur hervor, daß Opitz wußte, 
daß ein Unterschied bestand zwischen der Volksmundart 
und der gebildeten Sprache, und daß er glaubte, die ge- 
bildete Sprache sei identisch mit der Sprache Luthers und 
der Kanzlei und daher aus ihr zu lernen. Man braucht 
sich nur ein wenig zu besinnen, um zu erkennen, welcher 
Einschränkungen dies bedarf. Opitz führte ein neues Stil- 
prinzip ein: die Sprache der Dichtung sollte sich in den 
grammatischen Elementen nicht von der gebildeten Um- 
gangssprache unterscheiden. Brauchte nun Opitz wirklich 
Luther und die Kanzlei, um zu wissen, daß das Adjektiv 
vor das Substantiv und das Verbum im Hauptsatz nicht 
ans Ende gehört? Und auf der andern Seite: konnte er 
aus Luther und den Kanzleischriften den Sitz des Wort- 
akzents oder die Qualität der e-Laute kennen lernen? Ist 
es nicht geradezu gegen die Fingerzeige der Orthographie, 
wenn er ö und geschlossenes e, ü und i, o und u reimt, 
wenn er Wonnen, gönnen, kömpt mit i spricht? 2 Der größte 



1 Quellen zur Geschichte des geistigen Lebens in Deutsch- 
land während des siebzehnten Jahrhunderts. Hsg. von A. Reif- 
ferscheid. I, S. 321, 84—89. 

2 Es gibt eine falsche Vorstellung, wenn man sagt, daß Opitz 
und andere Schlesier, indem sie können auf Sinnen, beginnen 
reimten, ihrem Dialekt nachgaben. In beiden Teilen der Deut- 
schen Poemata von 1629, den Geistlichen Gedichten von 1638, 
der Antigene und den ersten 25 Psalmen habe ich können und 
gönnen nur auf -innen, nie auf -ennen gereimt gefunden. Dasselbe 
gilt von Hofmanswaldaus Deutschen Übersetzungen und Ge- 
dichten. Zufall ist ausgeschlossen, da sowohl der Reimtypus -ennen 
{-ennet, -ennt) wie -innen sehr häufig ist. Titz stellt ausdrücklich 
die schlesischen i-Reime den meißnischen e-Reimen gegenüber. 



§ 64] Von Schottelius bis Gottsched. 115 

Teil der Änderungen, die Opitz an seinen Jugendgedichten, 
oft auf Kosten des Sinns, vornahm, diente der Herstellung 
der richtigen Wortlänge; konnte er aus Luther lernen, daß 
man nur Hertze, nicht Hertz sagen dürfe? 1 Hätte man 
Opitz auf die Lutherschen Apokopen aufmerksam gemacht, 
so würde er sie vielleicht den Setzern zur Last gelegt 
haben, die ja in seine eigenen Prosaschriften manche 
Form hineinbrachten, die seinem Gebrauch widersprach. 
Die Unzuverlässigkeit der Drucke war ein Argument, mit dem 
man jede Abweichung von den Sprachmustern verteidigen 
konnte; «Mecoenates Ignorantiae» werden mit einem von 
Heinsius geprägten Wort die Drucker von Harsdörfer, 
einem Anhänger des Schottelius, genannt. 2 

Wir haben also unter den Theoretikern zwei Rich- 
tungen zu unterscheiden. Die eine betrachtet das richtige 
Deutsch als eine Sprache, die mit keiner Mundart zusammen- 
fällt; sie zu finden ist Sache des Grammatikers, heuristisches 



Log au hilft sich, indem er Icünnen schreibt. Der erste Schlesier, 
der können auch auf -ennen reimt, ist vielleicht Günther. 

1 Wenn man Opitzens Behandlung des auslautenden e richtig 
beurteilen will, darf man nicht vereinzelte Fälle herausgreifen. 
Es beweist gar nichts, daß er in dem Jugendgedicht «Lob des 
Feldlebens» (bei Witkowski, Neudrucke 189—192, Nr. 6, V. 159) 
Endt schreibt und ihm erst 1638 eine Änderung einfällt. Was 
speziell Hertz(e) betrifft, so hat Bell in, der im 17. Jh. die 
e-Formen bei Opitz untersuchte, nur acht Beispiele für die ein- 
silbige Form angeführt, fünf aus den Psalmen, zwei aus dem 
Florilegium variorum epigrammatum und eines aus der Judith. 
Dieses (2. Act, 5. Scena, V. 1) ist zu streichen; Hertz ist offenbar 
Druckfehler für Haupt. In den von mir untersuchten Gedichten 
(s. S. 114 Fußn. 2) habe ich nur zwei Fälle gefunden: Lobgesang 
Bacchi, V. 80 und 543; an der ersten Stelle ist in der Ausgabe 
letzter Hand (Martini Opitij Weltliche Poemata, Franckfurt am 
mayn 1644, S. 553, Z. 3/2 v. u.) geändert, indem an den Anfang 
des folgenden Verses das vokalisch anlautende Vnd gesetzt wurde. 
— In der Ausgabe von 1625 hat Opitz etwa 23mal geändert, nur 
um Hertz vor Konsonant wegzuschaffen. — In Hofmanswaldaus 
Gedichten, abgesehen vom Getreuen Schäffer, kommt Hertze etwa 
65mal vor, Hertz vor Konsonant außer h nur fünfmal, darunter 
dreimal in der Formel Hertz und Hertz. 

2 Specimen philologiae Germanicae, S. 212; Der Fruchtbringen- 
den Gesellschaft ältester Ertzschrein, hsg. von G. Krause, S. 350. 

8* 



116 Kapitel 6. [§ 64 65. 

Prinzip die Analogie. Die andere Richtung stützt sich auf 
den lebendigen Sprachgebrauch der gebildeten Stände. Die 
Vertreter der ersten Richtung sind meist Niederdeutsche; 
daß sich ihnen die wenigen süddeutschen Grammatiker 
anschließen, ist sehr begreiflich, da sie sich zu der er- 
starkenden ostmitteldeutschen Kunstsprache in einem ähn- 
lichen Verhältnis befanden wie die Niedersachsen. Die 
Ostmitteldeutschen stehen mit wenigen Ausnahmen im 
andern Lager; Zesen gewinnt auch im Norden Anhänger. 
Das Analogieprinzip findet auch bei ihnen Anwendung, 
aber in eigentlich grammatischen Dingen ist sein Gebiet 
beschränkt. Es vermittelt eine Auswahl aus den Formen 
der heimatlichen Umgangssprache, während für Schottelius 
die große Masse von Schriften sehr verschiedener Her- 
kunft das Material ist, an dem er seine grammatischen 
Künste übt. In der Orthographie sind die Rollen vertauscht. 
Schottelius haftet am geschriebenen und gedruckten Wort 
und trifft im wesentlichen nur eine Auswahl unter den 
verschiedenen Schreibungen. Zesen geht von der ge- 
sprochenen Sprache aus, sucht für sie die passendste Be- 
zeichnung und entfernt sich dadurch viel stärker vom 
Herkommen. Die bedeutendsten Grammatiker gehören der 
Schotteischen Richtung an, die andere Partei pflegt die 
Poetik. Auch das ist sehr begreiflich ; die Ostmitteldeutschen 
trugen ihre Grammatik in sich. Die beiden Richtungen 
stoßen zusammen in den Sprachgesellschaften des 17. Jhs. 

II. Die Sprachgesellschaften. 

65. Ältere Literatur bei Goedeke, Grundriß zur Geschichte 
der deutschen Dichtung, III 2 , § 177. — Hauptquelle für die 
Kenntnis der Tätigkeit der Fruchtbringenden Gesellschaft ist: Der 
Fruchtbringenden Gesellschaft ältester Ertzschrein 
Hsg. von G. Krause. Leipzig 1855. Eine urkundliche Ge- 
schichte versucht G. Krause, Ludwig, Fürst zu Anhalt-Cöthen, 
III. Teil, Neusatz 1879. — F. Zöllner, Einrichtung und Ver- 
fassung der Fruchtbringenden Gesellschaft, Berlin 1899. — Gün- 
ther Voigt, Die Dichter der Aufrichtigen Tannengesellschaft zu 
Straßburg. Programm, Groß-Lichterfelde, Realschule, Ostern 1899. 
— K. Di s sei, Philipp von Zesen und die Deutschgesinnte Ge- 
nossenschaft. Programm, Hamburg, Wilhelms-Gymnasium, Ostern 
1890. — Festschrift zur 250jährigen Jubelfeier des 



§ 65. 66.] Von Schottelius bis Gottsched. 117 

Pegnesischen Blumenordens. Hsg. von Th. Bischoff und 
Aug. Schmidt, Nürnberg 1894. — H. Schultz, Die Bestre- 
bungen der Sprachgesellschaften des XVII. Jahrhunderts für Rei- 
nigung der deutschen Sprache, Göttingen 1888. — Auf die Hypo- 
thesen L. Kellers in den Monatsheften der Comeniusgesellschaft, 
IV, S. lff. 69 ff., XVI, S. 189 ff., über den eigentlichen Sinn 
und Zweck der Sprachgesellschaften braucht eine Geschichte der 
deutschen Grammatik nicht einzugehen. Vgl. übrigens W. Bege- 
mann, Der Orden der Unzertrennlichen des achtzehnten und die 
Fruchtbringende Gesellschaft des siebzehnten Jahrhunderts, Ber- 
lin 1911. — Über die italienischen Verhältnisse vgl. Gaspary, 
Geschichte der italienischen Literatur, S. 535 f. — L. Fürnari, 
La questione della lingua da Dante al Manzoni. Reggio di Cala- 
bria 1900. — G. Belardinelli, La questione della lingua, Roma 
s. a. (1905). — P. Rajna, La lingua oortigiana, in: Miscellanea 
linguistica in onore di Graziadio Asooli. Torino 1901. S. 295 ft 
66. Die Fruchtbringende Gesellschaft, die älteste und an- 
gesehenste unter ihren Genossinnen, wurde am 24. August 1617 
gestiftet. Schon unter dem ersten Oberhaupt Kaspar von Teut- 
leben war die Seele des Ganzen Fürst Ludwig von Anhalt, 
der nach Teutlebens Tod (1629) auch formell an die Spitze trat. 
Unter ihm erfreute sich die Gesellschaft ihrer größten Blüte. Nach 
seinem Hingang (7. I. 1650) gab sie sich wohl noch zwei Ober- 
häupter, aber mit ihrer Bedeutung war es aus. Nach dem Jahr 
1680, in dem Herzog August zu Sachsen starb, wurde kein Vor- 
sitzender mehr gewählt. 1 — Die im Jahre 1633 zu Straßburg 
begründete Aufrichtige Tannengesellschaft stand von allem Anfang 
im Hintergrund. Sie zählte sehr wenige Mitglieder, darunter die 
Dichter Jesaias Rompier von Löwenhalt und Joh. Mat- 



1 Daß die Gesellschaft noch 1708 eine Organisation und eine 
Kasse gehabt habe, schließt W. Begemann, a. a. O., S. VI f., aus 
Titel und Widmung einer von einem sich Ferdinand Gasto von 
Perlensee nennenden Mann im Jahre 1709 besorgten Ausgabe 
von Barthold Feinds Übersetzung der Satire «Vom Lobe der Geld- 
sucht» des Holländers Decker. Schon Koberstein und nach ihm 
H. Schultz, S. 67, haben auf dieses scheinbare Zeugnis für das 
Bestehen der Gesellschaft im Jahre 1708 hingewiesen. Dabei 
wird übersehen, daß der Druckort (Colin, bey Piere Marteau) fin- 
giert ist; vgl. E. Weller, Die falschen und fingierten Druckorte, 
1 2 , S. 60. Somit ist das Ganze eine Mystifikation, und es ist 
natürlich auch nur ein Witz, daß der angebliche Gasto von Perlen- 
see sich gerade den Gesellschaftsnamen «Der Warhaffte» beilegt. 



118 Kapitel 6. [§ 66. 67. 

thias Schneuper. — Angeblich am 1. Mai 1643 * stiftete Zesen 
die Deutschgesinnte Genossenschaft, von deren Existenz sich Spu- 
ren bis zum Jahr 1708 verfolgen lassen. — Der von Philipp 
Harsdörfer 1644 oder wahrscheinlicher 1645 2 begründete Hirten- 
orden an der Pegnitz, später der Pegnesische Blumenorden ge- 
nannt, besteht heute noch. — Andere Gesellschaften übergehe ich. 

67. Die Sprachgesellschaften gaben in den vierziger 
Jahren des 17. Jhs. gleichgestimmten Männern Gelegen- 
heit zum Gedankenaustausch und hielten so ihr Interesse 
für die Pflege und die Untersuchung der Muttersprache 
wach. Darin liegt ihre Bedeutung für die Geschichte der 
deutschen Grammatik. Fragt man dagegen nach ihren 
positiven sprachwissenschaftlichen Leistungen, so muß das 
günstige Urteil, das neuerdings im Zusammenhang mit der 
puristischen Strömung in Schwang zu kommen scheint, 
bedeutend herabgestimmt werden. Eine unparteiische Würdi- 
gung kann nur erzielt werden, wenn man jene Gesell- 
schaften mit ihren Vorbildern, den italienischen Akademien, 
insbesondere die Fruchtbringende Gesellschaft mit der Acca- 
demia della Crusca vergleicht. 

Italien war wie in allen humanistischen Bestrebungen 
so auch in der Untersuchung der eigenen Sprache Deutsch- 
land voraus. Das Verhältnis der Gemeinsprache zu den 
Sprachen der einzelnen Landschaften, der Schriftsprache 
zum lebendigen Gebrauch, die Bedeutung der Höfe, Dinge, 
die in Deutschland eingehendere Erörterung erst im 17. und 
18. Jh. fanden, sind in Italien schon in der ersten Hälfte 
des 16. Jhs. Gegenstand leidenschaftlicher Kämpfe ge- 
worden. Während die Toskaner und speziell die Florentiner, 
stolz auf die Herkunft der drei großen Schriftsteller des 
14. Jhs., die Schriftsprache toskanisch oder florentinisch 
nannten, behaupteten andere, die gute Sprache sei nicht 
in Florenz allein heimisch, ja manche florentinische Eigen- 
tümlichkeiten seien verwerflich; in vielen Städten Italiens 
gebe es gelehrte Männer, die gut zu sprechen und zu 
schreiben verstünden. Die literarische Fehde entbrannte, 



1 Über die Bedenken gegen dieses Datum vgl. meine Ein- 
leitung zur Adriatischen Rosemund (Neudrucke 160 — 163), S. XLIV 
und die Fußnote. 

2 Vgl. Bischoff in der Festschrift zur 250jährigen Jubelfeier des 
Pegnesischen Blumenordens, S. 202 ff. 



67.] Von Schottelius bis Gottsched. 119 

als der Vicentiner Trissino die Schriftsprache italienisch, 
nicht toskanisch nannte, und die pronunzia cortigiana 
der toskanischen gegenüberstellte. Er berief sich auf die 
Autorität Dantes, von dessen Schrift De vulgari elo- 
quentia er im Verlauf des Streites eine italienische Über- 
setzung veröffentlichte. Dante hatte behauptet, daß das 
vulgare illustre mit keinem Dialekt zusammenfalle, das 
Toskanische und speziell das Florentinische habe ebenso 
häßliche Eigenschaften wie die andern Mundarten, das vul- 
gare illustre sei überall und nirgends zu Hause. Es müßte 
die höfische Sprache heißen, weil, wenn Italien einen Hof 
hätte, es dort gesprochen würde; so seien die Glieder 
dieses Hofes überall durch Italien zerstreut. Die tos- 
kanischen Gegner Trissinos bestritten die Echtheit der 
Schrift oder suchten Dante zu widerlegen. Sie wollten 
sich nicht das Vorrecht rauben lassen, daß sie die gute 
Sprache schon in der Wiege von den Müttern und Ammen 
lernten. Gegenüber diesem Pochen auf den lebendigen tos- 
kanischen oder florentinischen Sprachgebrauch hob man 
auf der Gegenseite den Unterschied der Literatursprache 
von der Sprache des Alltags hervor. Der Paduaner Giro- 
lamo Muzio erklärte, die gute Sprache lerne man nicht 
von der Mutter, sondern aus den Schriften; sei sie doch 
das Werk der Schriftsteller, die aus allen Mundarten Italiens 
das Beste ausgewählt hätten. Italiens gemeinsame Sprache, 
das Italienische, sei nicht das Florentinische, und Dante 
und Petrarca hätten nicht florentinisch geschrieben. 

Selbst in Florenz kam schließlich eine Richtung zur 
Herrschaft, die die normative Geltung der lebenden Umgangs- 
sprache in enge Grenzen wies. Die Führung in der Acca- 
demia della Crusca zu Florenz hatte der Grammatiker 
Lionardo Salviati, derselbe, dessen Lachmann in der 
Vorrede zum Wolfram, S. VIII, mit Auszeichnung gedenkt. 
In seinen «Avvertimenti della lingua sopra'l decamerone» 
stellte Salviati den Grundsatz auf, daß für die Wortformen 
und die Syntax die großen Schriftsteller des Trecento die 
Norm bildeten, sie und nicht der gegenwärtige Gebrauch; 
zu ihm müsse man nur in ganz wenigen Fällen die Zu- 
flucht nehmen. Die wirkliche Sprache der Schriftsteller 
sei die Norm, nicht grammatische Erwägungen über Ana- 
logie. So sei das alte leggiavamo dem modernen leggevamo 



120 Kapitel 6. [§ 67. 68. 

vorzuziehen, obwohl dieses analogischer sei. Doppelformen 
habe man zu belassen; man dürfe die Sprache nicht ohne 
Not ihres Reichtums berauben. Für die Aussprache sei 
dagegen einzig der gegenwärtige Gebrauch maßgebend. Und 
die Orthographie solle sich nach der Aussprache richten, 
soweit der feststehende Schreibgebrauch dem nicht ent- 
gegen sei. 

Auch nach dem Tode Salviatis (1589) hielt die Acca- 
demia della Crusca an seinen Ansichten fest. Die Frucht 
ihrer Bemühungen war ein Wörterbuch, das zuerst 1612 
erschien. Ganz im Sinne Salviatis beschränkte es sich 
auf die Sprache der florentinischen Autoren des 14. Jhs. 
Von dieser Strenge ließ man erst in der dritten Auflage 
ab, nahm moderne Ausdrücke auf und zitierte auch lebende 
nichttoskanische Schriftsteller. Die weitere Entwicklung ge- 
hört nicht hieher; nur so viel sei bemerkt, daß das Wörter- 
buch der Crusca, trotz der vielen Angriffe, die es erfuhr, 
bis in die neueste Zeit ein gewisses Ansehen genoß. 

68. Vergleicht man damit die Tätigkeit der Frucht- 
bringenden Gesellschaft, so muß das Urteil für sie un- 
günstig ausfallen. Sie hat kein Wörterbuch zustande ge- 
bracht, und die einzige aus den vereinten Bemühungen 
ihrer Mitglieder hervorgegangene Leistung von einiger Be- 
deutung, die Gueintzische Rechtschreibung, kann sich nicht 
entfernt mit den Arbeiten eines Salviati messen. Die Werke 
des Schottelius der Gesellschaft gutzuschreiben geht durch- 
aus nicht an. Wenn auch Schottelius bei der Veröffent- 
lichung seiner Sprachkunst seinen Blick auf die Frucht- 
bringende gerichtet hatte, seine Sammlungen waren längst 
fertig; die paar Entlehnungen aus Gueintz kommen da 
nicht in Betracht. Und mit Schotteis Grundanschauung hat 
sich Fürst Ludwig nie befreunden können. 

Allerdings lagen die Dinge in Deutschland auch anders 
als in Italien. Daß die drei großen Toskaner des Tre- 
cento, Dante, Petrarca, Boccaccio, Klassiker seien, ist dort 
nicht bestritten worden. Ihre Sprache zeigte begreiflicher- 
weise eine große Einheitlichkeit. Ob man diese Sprache 
florentinisch, toskanisch oder italienisch nennen sollte, das 
war vom praktischen Standpunkt ein Streit um Worte. 
Auch die Abweichungen des modernen Toskanisch waren, 
mit dem Maßstab der deutschen Verhältnisse gemessen, 



§ 68. 69.] Von Schottelius bis Gottsched. 121 

geringfügig. 1 In Deutschland fehlt die literarische Kontinui- 
tät und die Einheit. Auf die Dichtung des 16. Jhs. sah 
man mit Verachtung herab, seit Opitz den neuen Stil be- 
gründet hatte. Opitz war ein Schlesier, als Deutschlands 
Toscana galt aber Meißen. Als Sprachmuster betrachtete 
man Luther und die Reichsabschiede, die doch sehr ver- 
schiedene Varietäten der Schriftsprache vertraten. Bei 
dieser Zerfahrenheit begreift sich das Emporkommen der 
rationalisierenden Schotteischen Richtung. 

Zu diesen in den sprachlichen Zuständen liegenden 
Verschiedenheiten kamen aber auch persönliche. Fürst 
Ludwig war gewiß von den besten Absichten erfüllt, ent- 
behrte aber des Überblicks über die sprachlichen Probleme, 
und der Grammatiker der Fruchtbringenden Gesellschaft 
hieß nicht Lionardo Salviati, sondern Christian Gueintz. 

69- Christian Gueintz, geboren am 13. Oktober 1592 zu Kolau 
bei Guben in der Nieder lausitz, studierte seit 1615 in Witten- 
berg, wo er 1616 Magister und 1618 Adjunkt der philosophischen 
Fakultät wurde. In demselben Jahr berief ihn Fürst Ludwig von 
Anhalt nach Köthen, um an der Einführung der Ratichischen 
Lehrart mitzuwirken. Vier Jahre später zog er wieder nach 
Wittenberg, studierte dort die Rechte, und wurde 1623 Konsistorial- 
advokat. Von 1627 bis zu seinem Tode im Jahre 1650 wirkte 
er als Schulrektor in Halle. 2 

Auch nach seinem Weggang von Köthen blieb er in Bezie- 
hungen zu dem Fürsten Ludwig und verfaßte in seinem Auftrag 
eine deutsche Grammatik. Am 5. November 1638 sandte er das 
Werk an den Fürsten. Gedruckt wurde es Unter dem Titel «Chri- 
stian Gueintzen, Deutschier Sprachlehre Entwurf» erst 
1641. Der Fürst hatte das Manuskript mehreren Vertrauens- 
männern zur Begutachtung vorgelegt; 1639 schickte er es an 
Opitz und Buchner, 1640 an Schottelius. Von Buchner 
und Schottelius liefen eingehende Gutachten ein. 3 

1 Belardinelli gibt a. a. 0., S. 44 f. Fußnote und S. 48 Fuß- 
note, zahlreiche Beispiele für die Schwankungen des italienischen, 
ja sogar des toskanischen Sprachgebrauchs im 16. Jh. Wieviel 
mehr könnte man aber aus deutschen Texten zusammenstellen! 

2 Vgl. G. Vogt, Programm des Gymnasiums zu Cassel 1877, 
S. 14. 

3 Fürst Ludwig schickte die Grammatik an Buchner am 28. X. 
1639 (Ertzschrein, S. 219), Buchn-er sandte sie mit seinem Gut- 



122 Kapitel 6. [§ 70. 

70. Die Gueintzische Grammatik steht deutlich unter 
dem Einfluß der Köthener Allgemeinen Sprachlehr von 1619. 
Die technischen Ausdrücke sind verdeutscht über fünfzig 
Kunstwörter sind aus dem Köthener Buch herübergenommen. 
Einige hat Gueintz geändert; von diesen haben die Ver- 
deutschungen «Zeitwort», die jedoch schon 1619 auf dem 
Titel eines Ratichianischen Schriftchens vorkommt (vgl. 
G. Vogt, Programm des Gymn. zu Cassel 1882, S. 12, Nr. 43; 
Monatshefte der Comenius-Gesellschaft, I, S. 151, Nr. 43) 
und «Mittelwort» Glück gehabt. Etliche Ausdrücke verdankt 
er Helwig und Brücker; natürlich mußte er auch ganz 
neue ersinnen, da er ja eine deutsche, nicht bloß eine all- 



achten am 22. I. 1640 zurück (Ertzschrein, S. 233 f.). Am 14. IL 
(Ertzschrein, S. 234 f.) teilt Ludwig Buchner mit, daß er seine 
Bemerkungen Gueintz übermittelt habe. Dieser reagiert auf sie 
am 1. III. (Ertzschrein, S. 244 f.). Am 13. III. (Ertzschrein, 
S. 237) schreibt Ludwig an Buchner: «Die Sprachlehre wird alhier 
wiederum abgeschrieben, und soll noch an einem guten orte, wie 
es sonderlich begehret worden, überschickett werden»; damit ist 
Schottelius in Braunschweig gemeint. Der Brief von Gueintz an 
Ludwig vom 28. III. (Ertzschrein, S. 246, Nr. 4) ist offenbar das 
Begleitschreiben zu seiner Replik auf das uns erhaltene Gutachten 
Schotteis, das dieser also im März 1640 in ganz kurzer Zeit ab- 
gefaßt hat. Ende des Jahres wurde die Gueintzische Grammatik 
noch einmal nach Braunschweig geschickt, vielleicht an einen 
andern. Denn am 9. XI. (Ertzschrein, S. 258, Nr. 7) schreibt 
Ludwig an Gueintz: «Weill es sich mitt dem Bedencken aus Braun- 
schweig über die aufgesetzete Sprachlehre, wegen entstandener 
unruhe dessen orts verzeucht, ja das herr Walcher beschwerlich 
und fast auff den Tod kranck liegen soll, als wird dem Verfasser 
sein entwurff . . . hiermit wider zugefertiget», und am 8. II. 1641 
(Ertzschrein, S. 258, Nr. 8): «Es wird hiermit anderweit über- 
schicket, was für unterschiedene anmerckungen bey der Sprach- 
lehre von Braunschweig kommen». G. Krause, Fürst Ludwig, III, 
S. 168, setzt irrigerweise diese beiden Briefe vor das Eintreffen 
des uns erhaltenen Schotteischen Gutachtens. Dagegen spricht 
auch, daß Schottelius in dem von E. C. Reichard, Versuch einer 
Historie der deutschen Sprachkunst, S. 93, abgedruckten, offenbar 
bald nach dem Erscheinen der Sprachlehre geschriebenen Brief 
an Herzog August von Braunschweig sagt, sie sei daselbe Buch, 
cuius videndi copiam Vestra Serenitas ante biennium (circiter) 
clementer mihi concessit. 



§ 70.] Von Schottelius bis Gottsched. 123 

gemeine Grammatik schrieb. Aber er ist sehr inkonsequent, 
bezeichnet denselben Begriff durch mehrere Wörter und 
verwendet, was ärger ist, mitunter auch dieselben Wörter 
für verschiedene Begriffe. 

Aus der Köthener Sprachlehr hat er ferner eine Reihe 
von Definitionen mit unwesentlichen Änderungen herüber- 
genommen. Die Köthener Definitionen sind oft mangelhaft, 
ohne Beispiele schwer verständlich. Gueintz macht das 
Übel ärger. Die schlechteste Definition ist wohl die des 
Genus : «Das geschlechte ist eine eigenschaft des Nen- 
wortes, dadurch das geschlechte erkant wird», wo «ge- 
schlechte» das erstemal genus, das zweitemal sexus be- 
deutet. Das Köthener Buch hatte wenigstens gelehrt: «Das 
Geschlecht ist ein vnterscheid des Worts, gleichsam nach 
dem Geschlecht eines Dinges.» Gueintzens bis zur Ge- 
dankenlosigkeit sich steigernde Verworrenheit tritt eben 
wie sonst so auch in den Definitionen zutage. Die «Wort- 
sprechung» (prosodia) ist nach ihm «ein theil der Sprach- 
lehre von der Sylben thon». Sie «handelt» aber «von der 
Sylben theilung und zufallen», und nur «die zufalle der 
Sylben sind der thon», «nach der theilung ist die Sylbe 
entweder einfältig, die nur einen buchstaben hat, oder 
zusammen gesetzet, die viel buchstaben hat». 

Am stärksten ist der Einfluß der Ratichischen Methode 
in der Art der Darstellung. Tabellarische Übersichten hatte 
schon das 16. Jh. geliebt. 1 Petrus Ramus empfahl die 
Dichotomien. Sein Einfluß ist deutlich in der Gießener 
Grammatik von Finck und Helwig. Ebenso legte Ra- 
tichius, der übrigens leugnete, von Ramus beeinflußt zu 
sein 2 , das größte Gewicht auf die Einteilung der Begriffe, 
die sofort der Definition zu folgen habe. So geht nun auch 
Gueintz vor. Aber bei ihm ist die Dichotomie bis zum 
Wahnsinn getrieben. Ihr Zweck, die Übersichtlichkeit, geht 
ganz verloren, da er sich nicht der Tabellen bedient und 
die dichotomische Gliederung der niederen Arten so weit 
treibt, daß man, wenn das zweite Genus erscheint, die 
Haupteinteilung längst vergessen hat. Dazu kommt, daß 
die Dichotomie oft nur um ihrer selbst willen dasteht. 



1 J. Müller, Quellenschriften, S. 263 f. 

2 G. Vogt, Wolfgang Ratichius, S. 194. 



124 Kapitel 6. [§ 70. 

Statt einfach die vier Arten der unwandelbaren Wörter 
aufzuzählen, teilt Gueintz das unwandelbare Wort erst in 
«Haubtwort» und «Nebenwort» und dann erst jenes in «Bey- 
wort» und «Vorwort», dieses in «Fügewort» und «Bewege- 
wort». Was hat dies für einen Zweck oder für eine Be- 
rechtigung? Gueintz wußte es wohl selbst nicht, denn 
er definiert die Begriffe «Haubtwort» und «Nebenwort» nicht, 
wie denn überhaupt im Gegensatz zu der Köthener Sprach- 
lehr die Definitionen öfters fehlen. In andern Fällen bleibt 
der Einteilungsgrund für jeden dunkel, der das vom Ver- 
fasser vorausgesetzte logische System nicht kennt, und 
manchmal ist der logische Fehler evident. 

Als Probe der Gueintzischen Darstellungsweise gebe ich die 
Einteilung der «entspringlichen» Nennwörter, füge zur Verdeut- 
lichung Zahlen und Buchstaben bei, rücke die Zeilen ein und 
setze die Seitenzahlen hinzu, damit ersichtlich werde, wie weit 
die zusammengehörigen Glieder durch die Unterabteilungen ge- 
trennt werden. 1 

(28) Nach der art oder dem Ursprünge ist das entspringliche ent- 
weder, (I) von einem andern nenworte, oder (II) von einem 
Zeitwerte. 

I. Von einem andern Nenworte (1) vermindert oder 
(2) herrürend. 

1. Das verminderte ist, welches minder als sein Ur- 
sprung bedeutet und gehet auf ein lein aus . . . 

(29) 2. Das herrürend e ist, das seines Ursprunges art be- 

deutet. Und ist entweder (A) gemein oder (B) son- 
derbar. 

A. Gemein ist entweder (a) ein benamt wort 

oder (b) zahlnenwort. 

a. Das benamte nenwort bedeutet entweder 

(1) eine Matery, Zeug oder (2) menge. 

1. Die eine Matery (Zeug) bedeuten: gehen 

aus auf ein ern oder en, usw. 



1 Dabei muß man noch bedenken, daß diese Einteilung nur 
ein untergeordnetes Glied ist. Beim Nennwort ist (S. 28) zu be- 
trachten die Eigenschaft und die Teilung. Die Eigenschaften sind 
gemeine und sonderbare, die gemeinen sind die Art und die Ge- 
stalt. Nun sollte, was Gueintz vergessen hat, die Art in ursprüng- 
lich und entspringlich geteilt werden. Dann kommt erst die Ein- 
teilung der entspringlichen. — Die sonderbaren Eigenschaften 
werden erst S. 34 ff., die Teilung S. 49 ff. abgehandelt. 



§ 70. 71.] Von Schottelius bis Gottsched. 125 

2. Die eine menge bedeuten, gehen auf ein 
bar, sal, ig, aus, usw. 

(30) b. Das Zahlnenwort ist, welches eine zahl 

bedeutet. Und ist entweder 

1. eine haubtzahl .... oder 

2. eine Ordnungszahl. (Nun folgen außer- 
halb der Dichotomie andere Arten der 
Numeralia.) 

B. Das Sonderliche bedeutet entweder (a) eine 
art oder (b) eine eigen'schaft. 
a. Das eine art bedeutet, ist ein Vor-Elter 
Nennwort 

(31) b. Die eine Eigenschaft bedeutet, sind ent- 

weder (1) Landartige oder Völcker nen- 
wörter (Gentilia) oder (2) besitz Eigen- 
thumswörter (Possessiva). 

1. Das Landartig© Nenwort ist, daß von 
einem volcke seinen Ursprung hat, usw. 

2. Das Besitz nenwort ist, welches eine 
eigenschaft bedeutet, usw. 

II. Das Zeit Nenwort ist, welches von einem Zeitworte her- 
komt, usw. 

71. In das Gerippe seiner Dichotomien schiebt nun 
Gueintz das von seinen Vorgängern dargebotene, nur durch 
wenige eigene Bemerkungen vermehrte Material hinein. Im 
Gegensatz zu der hart ans Plagiat streifenden Quellen- 
benützung der älteren Grammatiker beginnt mit Gueintz 
das übermäßige Zitieren. Es werden oft mehrere Gewährs- 
männer nebeneinander genannt, wo doch der eine offen- 
bar vom andern abhängig ist. Trotzdem führt Gueintz 
nicht alle seine Quellen an. Am häufigsten zitiert er Ritter, 
ferner Clajus, Ölinger, Werner, Hulsius, einmal auch 
Sattler, dagegen nicht Kromayer und Brücker. In der 
«Wortforschung» folgt er hauptsächlich Clajus und Ritter. 
Aber seine vier Konjugationen hat er Kromayer entlehnt. 
Wenn er innerhalb der einzelnen Konjugationen die Ablaut- 
kombinationen zusammenstellt, so hatte ihm auch hiefür 
die Kromayersche Grammatik durch die Anordnung der 
Beispiele den Weg gewiesen. 

Seltsam, daß er gerade in der Konjugationslehre seine Dicho- 
tomien vergißt, wo sie doch ganz gut angebracht gewesen wären. 
Er hätte die Verba zunächst nach der Endung des Partizips ein- 



126 Kapitel 6. ]§ 71. 72. 

teilen können, dann die Verba mit -dem Partizip auf -en in solche 
mit zwei und solche mit drei Ablautvokalen, und die erstem 
wieder in zwei Gruppen, je nachdem der Vokal des Partizips mit 
dem des Präsens oder dem des Präteritums identisch ist. Freilich 
hätte er dann strenger, als er und Kromayer tun, zwischen starken 
und schwachen Verben scheiden müssen. 

Die einzelnen Regeln der Syntax gehen auf Clajus 
und Ritter zurück, aber die Haupteinteilung weicht ab. 
Gueintz schließt sich hier an die Gießener Grammatik von 
Finck und Helwig an, deren Disposition auch im Köthener 
Compendium Grammaticae Latinae ad Didacticam vom 
Jahre 1620 befolgt worden war. 1 Aber er hat sich in das 
System nicht hinein gedacht und verstößt fortwährend 
gegen die Einteilung. Die Interpunktionslehre beruht auf 
Brücker; daneben ist die lateinische Grammatik von 
Heinrich Buscher benutzt. 2 

72. Quellen der deutschen Sprache sind ihm die «Scri- 
benten». Sie werden in Alte und Neue dichotomiert. Die 
alten Scribenten sind, die vor Luther gelebt haben. In 
Luthers Bibel ist «das beste Deutsch zu finden, so noch 
zur zeit in dergleichen verdolmetschung ausgegangen». Die 
neuen Scribenten haben entweder eine gemeine oder eine 
zierliche Art zu schreiben, aus jenen hat man die «Eigen- 
schaft», aus diesen die «Zierligkeit» der deutschen Sprache 
zu lernen. Als Schriftsteller der ersten Gruppe nennt er 
die «Geschieht- und weltbeschreiber» Aventinus, Krantzius, 
Sleidanus, Munsterus, als zierliche Scribenten die «Schrift- 
ausleger» Urbanus Regius, Matthesius, Fischerus, Möllerus, 
ferner «die gantze neue Geschichtschreiber, als Amadies, 
Schäffereyen, Astrasa und der des von Serre sachen ver- 
deutschet. Die güldene Sendbriefe, die letzte Abdrücke des 



1 Dies geht deutlich aus der Inhaltsangabe von G. Vogt, Pro- 
gramm des Gymnasiums zu Cassel 1882, S. 14, Nr. 55, hervor. 

2 «GRAMMATICA LATINO-GERMANICA, Das ist, Die Latei- 
nische Sprachkunst mit Teutschen prseeeptis beschrieben, .... Zu 
dienlicher bef orderung der lieben Jugend zum Track verfertiget 
Von HENRICO BUSCHERO Collegen der Schul in Stade. Im Jahr 
Christi 1634.» Dieses Buch, das Reichard S. 68 erwähnt, aber 
nicht zu Gesicht bekommen konnte, ist, wie sein Titel sagt, keine 
deutsche Grammatik, sondern eine lateinische in deutscher Sprache, 
eine Nachwirkung der didaktischen Bestrebungen Helwigs. 



§ 72. 73.J Von Schottelius bis Gottsched. 127 

Livii, Plutarchi und anderer. Der Vegetius Welhausens, 
der Salustius Lohausens (wie wol der verstand und art 
zu reden in allen nicht der beste)», S. 6 f. 

Das ist nun freilich eine etwas gemischte Gesellschaft, 
in der sogar ein in Bayern lebender Niederländer, der 
Übersetzer der Sendschreiben Guevaras Aegidius Albertinus 
nicht fehlt. Aber ein helles Licht auf die innerste Meinung 
Gueintzens wirft seine Bemerkung S. 28. Das Diminutivum 
gehe auf lein aus. «In recht deutscher Meisnischer spräche: 
dan ins gemein sie auch auf chen ausgehen. Nieder 
Sächsisch ist Jcen, die Schweitzer, Schwaben und andere 
lassens auch auf ein lin und le enden.» Diese Bemerkung 
stammt aus Clajus, S. 60 und Ölinger, S. 55, aber charakte- 
ristisch ist der Zusatz «In recht deutscher Meisnischer 
spräche». Das richtige Deutsch ist also die meißnische 
Form der Schriftsprache. 

73. Die Schwächen der Gueintzischen Arbeit sind den 
Beurteilern nicht entgangen, denen Fürst Ludwig das Manu- 
skript zugeschickt hatte. Buchner schreibt (Ertzschrein, 
S. 233), J. Martin «befinde gleichfallß, daß, wie ich bald 
anfangs . . . erinnert, dieses werck fast gar zusehre zer- 
legt und zu genaue vertheilet sey. Dann ob gleich an 
ihm selber der fleiß zu loben, und solches alles dahinn 
ziehlet, da mit der Vernunfftlehre ihr recht geschehe, So 
were doch dergleichen allzu viel und genaue abtheilung 
der Sachen, die bey einem thun vorfallen, und etwa zu 
bedenken sein, allezeit nicht so gar nötig, könndte auch 
wol manchem öckelen Leser verdrießlich sein, und darfür 
gehalten werden, ob würde hierdurch nur das werck 
schwerer gemacht, und daß es nicht so leichte gefaßt 
werden könne». Ein anderes Gutachten (Ertzschrein, S. 246) 
beginnt: «Das dieses gegenwertiges Tractetlein viel les- 
würdiges ... in sich halte, solches gibt die Durchlesunge 
deßelben selbst. Das es aber eine vollige untergründunge, 
und gantz-richtige anleitunge der Teütschen Sprache sei, 
solches kan nicht bewilliget werden, und zwar darumb: 
Weil . . . augenscheinlich und unwiderleglich künne dar- 
gethan werden, das eine reiche anzahl der fürnembsten 
Regulen und Lehren . . . alhie nicht befindlich sind, in 
derer Kraft und macht dennoch die rechte Kündigkeit 
unserer spräche bestehet: kunten auch dieselbige in ihrer 



128 Kapitel 6. [§ 73—75. 

volständigkeit und in bishero nie -erwiesener demon- 
stration angeführet werden; sintemal sie . . . nur auf das 
glück einer mehr-befreiten Zeit warten, darin Sie zu 
völligem Wachsthumb und unwandelbahrer Zahl gerahten, 
und als eine zeitige geburt das offenbahres urtheil des Vater- 
landes begrüßen kunnen.» 

Der Verfasser dieses Gutachtens hieß Schottelius. 

III. Schottelius. 

74. Eine Monographie fehlt. F. E. Koldewey, Justus Georg 
Schottelius, Zs. f. d. deutschen Unterricht, 13, S. 81 ff. (auch im 
Sonderdruck erschienen), gibt nur eine kurze Biographie und 
Inhaltsangaben der Werke, ohne Kenntnis der grammatischen Er- 
rungenschaften vor Schottelius. — H. C. G. v. Jagemann, 
Notes on the language of J. G. Schottel, Publications of the 
Modern Language Association of America, VIII, S. 408 ff., be- 
handelt die angeblich von Schottelius gebildeten neuen Wörter 
und die starken Verba. 1 — Schotteis Einfluß auf Leibniz stellt 
fest A. Schmarsiow, Leibniz und Schottelius (Quellen und For- 
schungen zur Sprach- und Culturgeschichte der germanischen Völ- 
ker, 23), Straßburg 1877, wobei jedoch, wie ich glaube, Leibniz 
nicht ganz zu seinem Recht kommt. Vgl. zu Schmarsows Schrift 
L. Neff im Jahresbericht über das Pro- und Realgymnasium von 
Durlach 1880. — Über das «Horrendum bellum grammati'- 
€ale» vgl. C. Müller, Neue Jahrbücher f. Philologie und Päda- 
gogik, 154, S. 506 ff., und Andrea Guarnas Bellum gramma- 
ticale und seine Nachahmungen, hsg. von J. Bolte (Monumenta 
Germaniae paedagogica 43), Berlin 1908, S. *82 ff. 

75. Schottelius wurde am 23. Juni 1612 zu Eimbeck ge- 
boren. Fast sein ganzes Leben spielte sich auf niederdeutschem 
Boden ab, was für die Beurteilung seiner Theorien von Bedeutung 
ist. Er besuchte die Schulen von Hildesheim (1627—1630) und 
Hamburg (1630—1633) und studierte hierauf drei Jahre zu Leiden 
die Rechte. Von Wittenberg, wohin er sich von Leiden begeben 
hatte, vertrieb ihn der Krieg. In Braunschweig übernahm er die 
Aufsicht über einige junge Adelige, wurde dem Herzog August 
empfohlen und von diesem mit der Erziehung des Prinzen 



1 Unter dem irreführenden Titel «Schottel» gibt E. Voss, The 
Journal of english and germanic philology, VII, S. 1 ff., einen 
Abdruck des Gedichtes «Lamentatio Germaniae expirantis» von 
1640. 



§ 75. 76] Von Schottelius bis Gottsched. 129 

Anton Ulrich und seiner Geschwister betraut. Dieser Tätigkeit 
widmete er sich bis 1646. Schon vorher war er Assessor im 
fürstlichen Hofgericht geworden und im Laufe der Zeit gelangte er zu 
immer höheren Würden im braunschweigischen Staatsdienst. Er 
starb am 25. Oktober 1676. 

76. Das erste grammatische Werk Schotteis ist die Teutsche 
Sprachkunst von 1641. Sie zerfällt in drei Bücher. Das 
erste enthält «Lobreden» «Von der Uhralten Hauptsprache der Teut- 
schen», das zweite die «Wortforschung», d. h. die Etymologie; ein 
Kapitel, das zweite, ist der Orthographie, ein anderes, das 19., der 
Interpunktion eingeräumt. Das dritte Buch behandelt die «Wort- 
fügung», d. h. die Syntax. Die erste Lobrede «begreifft» «Die Ur- 
sachen und Veranlassungen zu dieser also ausgefertigten Sprach- 
kunst, samt der Ordnung, so darin gehalten, und Erklärung der 
Teutschen Kunstwörter», die zweite «Die Zeugnissen vieler hoher 
und vortrefflicher Männer, die sie von jhrer Teutschen Mutter- 
sprache gethan», die dritte «Demselben Uhrankunfft und Uhr- 
alterthum», die vierte «Den Natürlichen Uhrsprung und vortreff- 
liche Eigenschafften der Teutschen Letteren und Stammwörter in 
gemein», die fünfte «Eine kurtze Anleitung und Anzeigung zu der 
.... Ableitung der Wörter», die sechste «Eine richtige Eröffnung 
der Gründen und wunderreichen Eigenschafften, welche in Ver- 
doppelungen der Teutschen Wörter . . . verhanden seyn», die siebente 
«Eine kurtze Anregung . . . von der göttlichen Poesi, auch wie 
dahin in Teutscher Sprache zu gelangen», die achte «Einen kurtzen 
Beweißtuhm . . . ., daß ... biß auff diese Zeit die Würtzelen 
oder Stammwörter der Teutschen Sprache sich fast in allen üb- 
richen Europeischen Sprachen finden lassen», die neunte «Eine kurtze 
Entdeckung des irrigen Wesens etzlicher Criticorum, welche diese 
unsere Hauptsprache verschandflecken, und zur Bettlerinn machen 
wollen», d. h. eine Zurückweisung der Versuche, deutsche Wörter 
aus dem Hebräischen, Griechischen, Lateinischen herzuleiten. Die 
zehnte Lobrede sollte handeln «de interpretatione Germanica, de 
modo et methodo conficiendi Lexicon in lingua Patria, item de 
dulcisonä locutionis Teutonicae gravitate»; sie wurde ausgelassen, 
weil sie zu umfänglich war und weil der Druck drängte. 

Anm. Die Beschleunigung des Druckes war wohl durch den 
Wunsch veranlaßt, der Gueintzischen Sprachlehre möglichst bald 
ein Konkurrenzwerk entgegenzustellen. Da Gueintz seine Widmung 
an Herzog August von Braunschweig und den Fürsten Ludwig von 
Anhalt vom 24. März, Schottelius die seinige an Herzog August 
vom 6. Juli datiert, liegen zwischen der Ausgabe beider Bücher 
einige Monate, die aber * für den Druck der 41 Bogen starken 
Sprachkunst nicht ausreichen. Da nun Schottelius die Verdeut- 

Jellinek, GeschicMa der nhd. Grammatik. 9 



130 Kapitel 6. [§ 76. 

schlingen der technischen Ausdrücke schon S. 22 ff . zusammen- 
stellt, einige aber der Gueintzischen Sprachlehre entnommen sind, 
so ergibt sich, daß Schottelius sich den Umstand zunutze gemacht 
hat, daß er durch den Fürsten Ludwig Einsicht in Gueintzens 
Manuskript bekommen hatte. Gueintz hatte wohl recht, sich 
darüber aufzuhalten, «daß Schottelius sich .... vnserer arbeit 
in verdolmetschung der Kunstwörter, auch beschreibung derselben, 
ohne benennung gebrauchet» (Ertzschrein, S. 260). Er polemisiert 
übrigens einmal in der Sprachlehre, S. 60, gegen die von Schotte- 
lius vertretene Lehre, daß der Imperativ das Stammwort des "Ver- 
bums sei; er hatte sie offenbar aus Schotteis Gutachten (vgl. 
Ertzschrein, S. 250) kennen gelernt. 

1643 veröffentlichte Schottelius Der Teutschen Sprach 
Einleitung, ein mit reichlichen Anmerkungen versehenes Ge- 
dicht, in dem die deutsche Sprache sich selbst charakterisiert, 
1645 die Teutsche Vers- oder ReimKunst, die insofern eine 
Ergänzung der Sprachkunst ist, als nur hier die früher allgemein als 
Bestandteil der Grammatik geltende Prosodie behandelt wird. 1651 
erschien die zweite Auflage der Sprachkunst, über 300 Seiten 
stärker als die erste. 1 Die Vermehrung des Inhalts kam nur 
dem ersten und zweiten Buch zugute. Im ersten ist die zehnte 
Lobrede jetzt ausgeführt; sie enthält einen Bericht, «wie ein 
völliges Lexicon in Teutscher Sprache zu verfertigen und warum 
die Muttersprache nicht in der alltäglichen, ungewissen Gewohn- 
heit, sondern in kunstmässigen Lehrsätzen und gründlicher An- 
leitung fest bestehen müsse». Außerdem sind die meisten andern 
Lobreden erweitert. Im zweiten Buch entfallen die meisten Ände- 
rungen und Zusätze auf die Kapitel von der Orthographie, Ableitung 
und Zusammensetzung. Das abschließende Werk Schotteis ist die 
Ausführliche Arbeit Von der Teutschen HauptSprache 
von 1663, ein Quartband von 190 Bogen. Die ersten drei Bücher 
sind als dritte Auflage der Sprachkunst zu betrachten. Aus 
Rücksicht auf Ausländer, die sich für das Deutsche interessieren, 
sind den Regeln hier kurze lateinische Übersetzungen beigegeben, 
ebenso im vierten Buch, das die Verskunst enthält. Das fünfte 
Buch besteht aus sieben Traktaten. Der erste wiederholt gekürzt 
die «Einleitung zur Teutschen Sprache», der zweite enthält «Eine 
Erklärung der alten Teutschen Celtischen Nahmen», der dritte «Die 
Sprichwörter der Teutschen», der vierte handelt «Von denen Autho- 



1 Die Paginierung ist fehlerhaft; auf S. 866 folgt als erste 
Seite des Bogens Mmm 809. So erklärt sich der Widerspruch 
zwischen den Angaben von E. C. Reichard, S. 101, 109, und Goe- 
deke, Grundriß, 3, S. 117, 2 b. 



§ 76. 77.] Von Schottelius bis Gottsched. 131 

ren, welche vom Teutschen Wesen, was Geschichte, Landart und 
Sprache betriff, geschrieben», der fünfte gibt «Anleitung und Nach- 
richt recht zuverteutschen», der sechste bringt «Die Stamwörter 
der Teutschen Sprache nebst jhrer Erklärung», der siebente eine 
Inhaltsübersicht, eine Erklärung der Kunstwörter und das Register. 
Aus diesem großen Werke machte Schottelius 1676 zu Schul- 
zwecken einen Auszug unter dem Titel Brevis et f undamentalis 
Manuductio ad Orthographiam et Etymplogiam inLingua 
Germanica. Drei Jahre vorher war sein Horrend v um bellum 
grammaticale Teutonum antiquissimörum erschienen, in 
dem eine beliebte literarische Form auf das Deutsche angewendet ist 

77. Schottelius beginnt das zweite Buch seiner Sprach- 
kunst (S. 174) mit den Worten: «Es befind sich, das inner- 
halb hundert und mehr Jahren unterschiedliche Gramma- 
ticen, Rhetoricen, Formulenbücher, und zwar zu unter- 
schiedlichen Zeiten, sind in den Druck gekommen, darin 
doch nur eine unordentliche Ordnung, und fast leerer In- 
halt, so viel die Teutsche Sprache recht betrifft, zufinden; 
wiewol was in denselbigen gutes und denckwürdiges etwa 
mag verhanden sein, hie folgends befindlich ist.» Und 
weiter (S. 175 f.): «man hat . . . dafür gehalten, und halten 
wollen, es were die Teutsche Sprache nach keiner 
Kunst zu reguliren, welches aber mißgemeinet, gestaltsam 
den klaren Gegenbeweißtuhm in diesem Buche ich auff 
mich genommen, und mein absehen dahin gerichtet habe, 
nemlich einem jeden Teutschen, der dieses Buch wird 
lesen . . . eine gewisse und grund-richtige Kündigkeit 
unserer Teutschen Sprache beyzubringen.» 

Diese Worte zeugen von einer argen Unterschätzung 
der Vorgänger; möglich war sie aber nur, weil Schottelius 
sich allerdings in einem starken Gegensatz zu ihnen wußte. 
Seinen Ansichten über das Wesen des Hochdeutschen hat 
er in der Ausführlichen Arbeit klaren Ausdruck gegeben: 
«Die Hochteutsche Sprache, davon wir handelen und worauff 
dieses Buch zielet, ist nicht ein Dialectus eigentlich, sondern 
Lingua ipsa Germanica, sicut viri docti, sapientes et periti 
eam tandem receperunt et usurpant . . . Omnibus dialectis 
aliquid vitiosi inest, quod locum regulae in Lingua ipsa 
habere nequit . . . cujus Linguae vera fundamenta ob 
oculos ponere, eidem artis formam, certitudinis amabilis 
sedem et aedem struere annitimur, variationum in Dia- 

9* 



132 Kapitel 6. [§ 77. 

lectis incuriosi» (S. 174, 8), «Communis Lingua Graeca olim 
in nulla regione privatim erat recepta, sed illa communis 
putabatur, quam viri sapientes usurpabant . . . Eben die 
Bewandniß wird sich auch wol bey der Teutschen Sprache 
finden. Die Hochteutsche Sprache ist kein Dialectus, auch 
nicht die Niederteutsehe Sprache, sonderen haben jhre Dia- 
lectos» (S. 152). Aber schon in der Sprachkunst von 1641 ist 
sein Standpunkt der gleiche. Schon hier wendet er sich 
gegen die Ansprüche der Meißner: «Misnici putare non de- 
bent, linguam Germanicam aut totam aut radicitus puram 
in sua dialectu semper et solum consistere.» (S. 177). 

Diese ablehnende Haltung hängt innig zusammen mit 
Schotteis niedersächsischer Herkunft. Er ist stolz auf die 
größere Ursprünglichkeit des Niederdeutschen; zugleich steht 
er aber der ostmitteldeutschen Umgangssprache fremd gegen- 
über, er hat, wie sein Gegner Gueintz einmal von ihm 
sagt, «die Sachßenzunge nach der Meißner Art nicht ge- 
wehnet». 1 Sein Mißtrauen gegen das gesprochene Wort ist 
fast unbegrenzt. Die Verskunst glaubt er erst dann fest 
begründet, wenn die akustischen Größen in begriffliche um- 
gesetzt sind, wenn ein Regelgebäude dasteht nach Art 
der jedes lebendigen Inhalts beraubten Prosodien der 
griechischen und lateinischen Schulbücher. 2 Mit Gering- 
schätzung spricht er von den Dichtern, «qui ita rythmos 
componunt, ut in mensurandis iis et constituendis nihil 
aliud, praeter suarum aurium vacillans iudicium sequan- 
tur», verfehlt sei, «quod per incertitudines volvitur, aut 
iuxta vulgares, saepiusque fallaces aurium mensuras in- 
valescit». 3 Für die Untersuchungen der Poetiker über die 
verschiedene Aussprache derselben Buchstaben hat er kein 
Verständnis. Man werde da nie zu einem «Grund durch- 
gehender Gewisheit» gelangen. «Etwa eine vermeinete Härte 
oder Gelindigkeit wird weniger als nichtes zur Sache thun, 
denn was nach eines Meynung hart, würde nach jenes 
Gehörmaas gelind, was diesem weich, würde dem andern 
hingegen scharf klingen, und so fortan» (Ausf. Arb., S. 862; 
Verskunst, S. 109). So denkt Schottelius über die Vers- 
kunst, die doch ganz für das Ohr da ist; wie wird er sich 

1 Ertzschrein, S. 260. 

2 Vgl. namentlich Der Teutschen Sprach Einleitung, S. 63 f. 

3 Ertzschrein. S. 281. 



§ 77.] Von Scholtelius bis Gottsched. 133 

erst in der eigentlichen Grammatik verhalten? Die ortho- 
graphischen Neuerungen Zesens erregen seinen Ingrimm. 
«Es ist sonst fast lächerlich, daß ein und ander, sonderlich 
aus Meissen, jhnen einbilden dürfen, der Hochteutschen 
Sprache, jhrer Mundart halber, Richter und Schlichter zu 
seyn, ja so gar sich erkühnen, nach jhrem Hörinstrument, 
und wie sie nach beliebter Einbildung jhre Ausrede dehnen, 
schlenken, schöbelen 1 und kneiffen, die Hochteutsche 
Sprache, auch in jhrer natürlichen unstreitigen Grund- 
richtigkeit zuenderen, und solches als grosse Meisterstükke 
öffentlich als was köstliches und nötiges hervorzugeben» 
(Ausf. Arb., S. 158, 15). 

Natürlich kommt Schottelius ohne die Aussprache 
nicht aus, aber für sein Bewußtsein ist das Hochdeutsche 
vor allem eine geschriebene Sprache. «Ich verstehe aber 
allhie die Hochteutsche Sprache, oder die Mundart, 
welche zwar die Hochteutschen, sonderlich aber das 
Teutsche Reich selbst, in den Abschieden, in den Cantze- 



1 Dieses Wort bedeutet in Schotteis Sprache «mit Rundung 
des Mundes sprechen»; vgl. Ausf. Arb. S. 202, § 24: «Der Klein- 
laut ist, wen die drey Selblautende, a, o, u, werden etwas zu- 
sammen gezogen, und also kleinlicher, subtiler und mit einem 
geschöbeltem Munde (wie Ickelsamer spricht) ausgesprochen, und 
haben alsdann zwey Pünctlein, oder ein kleines e über sich.» 
Schotteis Worte zielen auf die vielen ä, ö, ü in Zesens Ortho- 
graphie. Er hat sie mißverstanden. Zesen wollte nur die Ver- 
wandtschaft der Wörter, die ein e oder i enthielten, mit andern, 
in denen a, o, u stand, andeuten. Für den Niedersachsen Schot- 
telius verband sich aber mit den Zeichen ö, ü, die Zesen e, i 
sprach, die Vorstellung gerundeter Laute. Instruktiv ist ein Brief 
Bellins an Zesen (Etlicher der hochlöblichen Deutsch-gesinneten 
Genossenschaft Mitglieder . . Sendeschreiben Ehrster teil. Ham- 
burg 1647, Nr. 7, C 3 ) : «Daß man den Herrn beschuldiget, als 
schreib' und red' er Undeutsch, kommet, meines erachtens, daher: 
Er setzet oft ein ä, ö, und ü, da sonst bisher das e und i ist 
gebrauchet worden; Weil aber die Nider-sachsen (welche die hoch- 
deutsche spräche mehr aus den Büchern und nicht von der Mutter 
lernen) diese buchstaben, und sonderlich das ü und i gar genau 
unterscheiden (welches zwar die Hoch-deutschen ins gemein nicht 
beobachten) so kommen ihnen die Wörter, wan sie also geschrieben 
wärden, aus zu reden fremd' und ungewohnet führ». So rächt sich 
das gesprochene Wort an seinem Verächter. 



134 Kapitel 6. [§ 77. 78. 

leyen und Trückereyen bißhero annoch gebraucht, und vor 
langen Jahren her gebrauchet hat» (Sprachkunst, S. 177). 
Diese Sprache muß kunstmäßig erlernt werden. «Unsere 
Teutsche Sprache ist weit, räumig, tieft, rein und herrlich, 
voller Kunst und Geheimnissen, und wird mit nichten nicht 
schlumpsweis aus dem gemeinen Winde erschnappet, sondern 
durch viel Fleiß und Arbeit erlernet: lest sich auch nicht 
so gar geschwinde zu uhrtheilen, zu meistern, beherrschen 
und nach form einer kaltsinnigen Gewonheit zu recht- 
fertigen» (Sprachkunst, S. 5 f.). Aufgabe des Grammatikers 
ist der Ungewißheit ein Ende zu machen. «Rationem reddere» 
schwebt auch dem Schottelius als Ideal vor. Der einzelne 
Fall muß unter einen allgemeinen Satz gebracht werden, 
enthalte dieser auch nur das Eingeständnis der Regel- 
losigkeit. 1 Aber freilich, die Regel ist ihm lieber. In diesem 
Punkt befand er sich in Übereinstimmung mit den früheren 
Grammatikern, aber neu tritt bei ihm hinzu die Analogie 
als normgebendes Prinzip. 

78. Der Streit über die Analogie steht an der Wiege 
der griechischen Grammatik. 2 Er betrifft einmal etwas Theo- 
retisches : herrscht in der Sprache Analogie, d. h. Gleich- 
heit des Gleichartigen, oder Anomalie, Regellosigkeit? Durch 
die Anhänger der Anomalie in die Enge getrieben, suchten 
die Vorkämpfer der Analogie immer schärfer zu bestimmen, 
wann mehrere Wörter als gleichartig zu betrachten seien. 
Die Frucht ihrer Tätigkeit war die Aufstellung der Flexions- 
schemata, der KCtvöves, die in ihrer Vielheit eine Art 
Synthese von Analogie und Anomalie darstellen: «Jeder 
kcxvüjv beweist die Analogie, Similitudo; aber die xavöveq 
beweisen die Anomalie, Dissimilitudo.» 3 

Aber der Analogie gab man von allem Anfang an 
auch praktische Bedeutung. War die Sprache nicht regel- 
mäßig, so wollte man sie regelmäßig machen; der Sprache, 
wie sie ist, stellte man die Sprache, wie sie sein soll, 
dem Sprachgebrauch die Sprachrichtigkeit entgegen. Aber 

1 Vgl. Schotteis Bemerkungen über die «ungleichfließenden 
Zeitwörter» in seinem Gutachten über die Sprachlehre von Gueintz, 
Ertzschrein, S. 252. 

2 Vgl. Steinthal, Geschichte der Sprachwissenschaft bei den 
Griechen und Römern, S. 435 ff. 

Steinthal, a. a. 0., S. 523. 



§ 78.] Von Schottelius bis Gottsched. 135 

auch dieser praktische Gegensatz zwischen ratio und con- 
suetudo stumpft sich ab. Quintilian erklärt Inst. orat. I, 
6, 16: Non enim, cum primum fingerentur homines, ana- 
logia demissa coelo formam loquendi dedit, sed inventa 
est, postquam loquebantur, et notatum in sermone, quid 
quomodo cader et. Itaque non ratione nititur sed exemplo, 
nee lex est loquendi sed observatio, ut ipsam analogiam 
nulla res alia fecerit quam consuetudo, und I, 6, 4 : Eius (seil. 
analogiae) haec vis est, ut id, quod dubium est, ad aliquid 
simile, de quo non quaeritur, referat et incerta certis probet. 
Das heißt also, die Analogie ist nicht der Gegensatz, sondern 
nur ein Teil des Sprachgebrauchs, ihre gesetzgebende Be- 
fugnis ist auf schwankende Fälle eingeschränkt. 

In diesem. Sinne hat denn auch meist die moderne 
Grammatik das Analogieprinzip gehandhabt. Nur in der 
Orthographie gestattete man sich stärkere Eingriffe. Radi- 
kale Bestrebungen wie die Wölk es fallen jenseits der 
in diesem Buche behandelten Zeit. Auch Schotteis Tätig- 
keit ist im Grunde eine auswählende, keine schaffende. Was 
an ihm den Ostmitteldeutschen so mißfiel, die apokopierten 
Nominative und Imperative, die Pluralformen wie Bürgere, 
die adjektivischen -er nach der, all das hat er nicht er- 
funden, sondern gefunden. Nur daß er seine auswählende 
Tätigkeit an der großen Masse deutschen Schrifttums, auch 
nicht ostmitteldeutscher Herkunft, übte, daß es ihm nament- 
lich Ernst war mit seiner Schätzung der Kanzleisprache, 
der Reichsabschiede, während seine Gegner vor ihnen nur 
eine konventionelle Verbeugung machten. 

Allein Schottelius ist weit entfernt von dem klaren 
Bewußtsein seiner eigenen Tätigkeit. Die Sprache erscheint 
bei ihm gleichsam hypostasiert, unabhängig von denen, 
die sie handhaben. Sie wird nicht regelmäßig gemacht, 
sondern ist es von Natur, der Grammatiker hat die Regel 
nur zu finden. So viel Schottelius auch über guten und 
schlechten Gebrauch redet, über sein Verhältnis zur Ana- 
logie ist er sich nicht klar geworden. Am besten viel- 
leicht ist seine Meinung ausgedrückt in einem lateinischen 
Schreiben an den Fürsten Ludwig von Anhalt: In asse- 
rendis, reeipiendisque fundaminibus linguae Germanicae duo 
oecurrunt, nimirum reeeptus hactenus usus, et ipsa ana- 
logica linguae natura. . . . Accedit seeundo reeeptus hactenus 



136 Kapitel 6. [§ 7& 

et probatus usus, qui non raro fluctuanti indagatori succur- 
rere poterit : Voco autem usum receptum, vocabula, phrases- 
harumque scriptiones uti communiter occurrunt in pro- 
batis authoribus. 1 Die Natur der Sprache (die Grundrichtig- 
keit, wie Schottelius auf deutsch sagt) und der Gebrauch 
stehen also nebeneinander. Der Gebrauch tritt als Quelle 
der Erkenntnis ein, wenn die andere Quelle, die Analogie, 
d. h. die Weisheit des Grammatikers, versiegt, was denn in 
Wirklichkeit sehr bald eintrat. 2 



1 Ertzschrein, S. 298. 

2 In der Vorrede zur Teutschen Vers- oder Reimkunst B a bf. 
heißt es : lnepte prorsus et stulte non nulli dicunt, ex usu dis- 
cendam linguam nostram, quasi vero usus ille vulgaris, miser 
sane et mille incertitudinibus fluctuans, idem sit cum linguae 
cognitione verd et analogicd. Quod aedificiis fundamentum, 
navibus carina, arboribus radices, ipsi Reipublicae leges, illud 
etiam est linguae Matrici certitudo ea, quae fundamine Gram- 
mattico imprimis, tum eiiam poetico et Rhetorico innititur. Inde 
oritur vera linguae cognitio, quae nunquam cum usu dissentit, 
sed est ipse usus, perfectus nimirum verus et analogicus ; 
ulterior putä et subtilior ex necessitate progressus, usus ne- 
cessitate et ratihabitione suadente. Das sieht so aus, als ob die 
Analogie als Teil des Gebrauchs betrachtet würde. Aber, wenn 
auch der letzte Satz nicht klar ist, "so scheint doch das der Sinn 
des Ganzen zu sein, daß durch die Beobachtung der Analogie 
der richtige Gebrauch erst entstehen soll, die Koinzidenz von 
analogia und usus also in der Zukunft, nicht in der Gegenwart 
liegt. — Vgl. auch Der Teutschen SprachEinleitung, B 5 : «Nicht 
zwar also, dz man müße anders schreiben, als man redet, oder 
daß man wolte den rechten Gebrauch durch Sprachkunstsregulen 
meisteren; Nein, sonderen daß eine jede Sprache, wo man die in 
beschreibung der Künsten, Wißenschaften und anderen hohen 
Sachen . . . recht gebrauchen wil; müße nicht in sich ungewiß, 
gestückelt, unerkant und nur aus dem Maule des Pöbels genommen 
sein; Sonderen sie müsse zuvor nohtwendiglich in eine gewiße 
Kunst form gebracht, und die Mittele und Wege darin recht 
kunt, beliebt und gängig sein, wodurch man ein wenig höher stei- 
gen . . . könne.» — Daß niemand vor seiner Sprachkunst richtig 
geschrieben habe (vgl. Gueintzens Vorwurf 95), hat natürlich Schot- 
telius nicht gemeint; er sagt ausdrücklich, Sprachkunst, S. 12, 
daß «ein jeder Lehrsatz mit Sprüchen und Exempelen auß guten 
bewerten Teutschen Authoren bewiesen, erkläret und gezieret 
worden»; aber zur Klarheit über das Verhältnis von Gebrauch 
und Grundrichtigkeit hat er sich nicht erhoben. 



§ 79.] Von Schottelius bis Gottsched. 137 

79. Wie findet man nun aber die «Grundrichtigkeit», 
wenn nicht aus dem Gebrauch? Hier stoßen wir auf das 
Eigentümliche der Schotteischen Sprachbetrachtung. Das 
Mittel, sich der Grundrichtigkeit zu bemächtigen, ist für 
ihn die etymologische Zergliederung, die lückenlose Auf- 
zählung der konstitutiven Elemente deutscher Wörter. 
Solcher Elemente gibt es nur drei: Wurzel oder Stamm- 
wort, Hauptendung (= Ableitungssuffix), zufällige Endung 
(= Flexionsendung); alle drei sind einsilbig. Jede Silbe 
eines deutschen Worts muß, wenn sie gelten soll, unter 
eine der drei Kategorien gebracht werden können; was 
darüber hinausgeht, ist vom Übel. Die Zahl der Stamm- 
wörter, der Hauptendungen, der zufälligen Endungen ist 
eine fest bestimmte; hat man sie gefunden, so ist auch 
die Grundrichtigkeit gewonnen: wer die Teile hat, hat das 
Ganze. 1 

Das etymologische Prinzip ist Schotteis Leitfaden 
in den meisten Teilen der Grammatik. Aus ihm entspringt 
die orthographische Forderung, daß «die Stammwörter oder 
Wurtzeln müssen nohtwendig gantz und unzerbrochen 
bleiben» (Ausf. Arb., S. 193). Das heißt, der stammhafte 
Bestandteil einer W x ortsippe soll — wenigstens was die 
Konsonanten betrifft — gleich geschrieben werden. Man 

1 Vgl. das Schreiben an den Fürsten Ludwig, Ertzschrein, 
S. 298 : lila analogica natura, seu potius fundamentalis linguae 
ratio exsurgit vel imprimis ex mirabili illo monosyllabico arti- 
ficio, cui tota linguae structura innititur . . . Sunt enim omnes 
radices monosyllabae, ilidem omnes derivandi terminationes, 
omnes itidem casuum, generum, numerorum, modorum, et com- 
parationum formationes; tota denique lingua innititur fundamini- 
bus seu columnis monosyllabicis ; Et ex harum monosyllabarum 
i/nfinitd consociatione proveniunt tot vocabulorum millia, omnia 
virili sono constantia et inter se disereta .... Si nos Germani 
hoc naturale genuinum et solidissimum fundamentum atten- 
derimus, et omnes vocum affectiones ad huius naturalem normam 
ordinaverimus, proeul omni dubio maxima incertitudinis parte 
omnem hanc nostram linguam liberabimus. — «Und eben solche 
grundmäßige Abmerkung, und ordentliche untriegliche Eintheilung 
dieser Letteren (seil, in Stamm-, wesentliche und zufällige Let- 
teren) verursachen die in Teutscher Sprache verhandene gewiß- 
mäßige Grundrichtigkeit, die man schon bey Caroli M. Zeiten be- 
ginnen abzumerken.» Manuductio, S. 6. 



138 Kapitel 6. [§ 79. 80. 

muß also z. B. Mann, mannbar schreiben, nicht, wie viele 
tun, Man, manbar; denn der Genitiv oder Dativ, der nur 
durch Anhängung der zufälligen Endungen es, e an das 
Stammwort, den Nominativ, entsteht, heißt ja Mannes, 
Manne, also ist das Stammwort mann. Ebenso muß man 
die Wörter nach ihren konstitutiven Elementen teilen: 
Haus-es nicht Hau-ses. Das Stammwort des Verbums ist 
der Imperativ; daher ist er von rechtswegen ohne Endung. 
Auch bei den Substantiven bevorzugt Schottelius die Formen 
ohne -e. Denn der Endvokal von Hirte, Ehre fand in seinem 
System keinen Raum. Er ließ sich weder als Hauptendung 
noch als zufällige Endung auffassen; nicht als Haupt- 
endung, weil er keine eigentümliche Bedeutung hatte, wie 
etwa das -e der Adjektivabstrakta; nicht als zufällige Endung, 
weil der Nominativ das Wort selbst, daher endungslos ist. 
Und das Dogma von der Einsilbigkeit der Stammwörter 
verbot auch, ihn als stammhaft anzuerkennen. So ist 
dieses nichtflexivische -e für Schottelius ein irrationales 
Element; es erhält den Ekelnamen einer Paragoge, eines 
Hinterzusatzes. Das -e nach den Ableitungssilben inn, niß, 
ung ist nach Ausf. Arb., S. 210, direkt «wider den Grund 
der Sprachkunst». Andererseits muß man Bürgere sagen, 
denn -e ist die Endung des Plurals. Die eigentliche Endung 
des Nom. Masculini ist beim Adjektiv er; wenn statt dessen 
nach der die weibliche Endung e eintritt, so ist dies zwar 
dadurch gerechtfertigt, daß der vorangehende Artikel die 
Zweideutigkeit verhindert und der Wohllaut gegen die Auf- 
einanderfolge zweier r Einspruch erhebt, aber absolute Gel- 
tung räumt Schottelius der Wohllautsregel nicht ein; die 
r-Formen sind ihm eigentlich lieber. In der Verskunst ist 
die etymologische Geltung einer Silbe maßgebend für die 
Bestimmung ihres prosodischen Wertes. Nur in der Syn- 
tax spielt das etymologische Prinzip keine Rolle. Mit voller 
Konsequenz hat es Schottelius freilich auch in den anderen 
Teilen der Grammatik nicht zur Geltung gebracht; er macht 
dem Gebrauch teils widerwillig teils unbewußt Konzessionen. 
80. Schottelius ist, was die einzelnen Lehrsätze be- 
trifft, nicht eben originell. Der Begriff der Wurzel wird 
schon im 16. Jh. hin und wieder aus der hebräischen Gram- 
matik übernommen. Auch die Lehre von der Einsilbig- 
keit der deutschen Stammwörter taucht schon in jener 



§ 80. 81.] Von Schottelius bis Gottsched. 139 

Zeit auf. Die meisten Ableitungssilben hatte schon Clajus 
zusammengestellt. Gewisse etymologische Tendenzen der 
deutschen Orthographie sind von Kolroß, Frangk und 
Clajus beobachtet worden. Albertus hatte sie kräftig 
betont. Namentlich mit Hager sind die Übereinstimmungen 
auffällig. Titz, der freilich nach dem Erscheinen der 
Sprachkunst, aber vor der Einleitung und der Vers- 
kunst schrieb, hatte das etymologische Prinzip der 
Quantitätsbestimmung vorweggenommen. Aber für keinen 
Sprachlehrer vor Schottelius ist die Auflösung der Sprache 
in ihre konstitutiven Elemente der Leitstern der gesamten 
grammatischen Kunst gewesen, niemand hat vor ihm den 
Wortschatz mit gleicher Energie und Liebe ziergliedert. Zwei 
Lobreden handeln von der Ableitung und Zusammensetzung. 
Die ihnen gewidmeten zwei Kapitel des zweiten Buchs 
nehmen 94 Seiten ein, die sieben von den andern Eigen- 
schaften der Nomina handelnden nur 87; in der Ausführ- 
lichen Arbeit ist das Verhältnis gar 217 : 86 ! Schottelius 
hat zuerst eine Theorie der Zusammensetzung gegeben. 
In der Wortbildungslehre liegt Schotteis eigentliche Be- 
deutung für die Entwicklung der grammatischen Technik. 
81. In der Formenlehre und Syntax ist dagegen der 
Fortschritt gering, wenn auch die Beispiele stark vermehrt 
und einige Einzelheiten hinzugekommen sind. Schottelius 
hat eine gute Kenntnis der grammatischen Literatur. Von 
besonderer Bedeutung waren für ihn die Arbeiten von 
Clajus und Ritter. Auf diesen geht seine Darstellung 
der Nominaldeklination und der Konjugation zurück; ein 
Rückschritt hinter Ritter ist das Zusammenwerfen der 
starken Verba und der schwachen mit Vokalwechsel. Die 
Orthographie ist in der zweiten Auflage der Sprachkunst 
stark umgearbeitet, sowohl in der Darstellung als auch 
im Inhalt. In der ersten Auflage entnimmt er die Stich- 
wörter für die einzelnen, unsystematisch aneinander- 
gereihten Regeln Clajus, Ickelsamer, Gueintz und Al- 
bertus; vielleicht ist auch Brücker benutzt. Der Gehalt 
der Regeln weicht öfters von den Vorschriften des Clajus 
ab, Schottelius ist moderner; aber beinahe in keinem Punkt 
geht er über das hinaus, was schon der eine oder andere 
Theoretiker des 17. Jhs. gelehrt hatte. 1 Und die Polemik 

1 Kaum eine Ausnahme bildet der 12. Lehrsatz, wo bemerkt 



140 Kapitel 6. [§81. 

gegen gewisse Schreibungen ist noch etwas zaghaft. Die 
moderne Unterscheidung zwischen u und v, i und ; steht 
ihm allerdings fest; sie war schon von Brücker und Hager 
gelehrt und in den zwanziger Jahren von der Köthener 
Druckerei durchgeführt worden. Auch in Gueintzens Sprach- 
lehre herrscht der moderne Gebrauch. 1 Aber das w in 
den w-Diphthongen und das stumme b, p nach m verwirft 
er zwar in der Theorie, beugt sich aber noch vor dem 
Herkommen. 2 Ebenso hat er in der Praxis das von ihm 
für unrichtig gehaltene th nicht vermieden. Erst in der 
zweiten Auflage geht er den Mißbräuchen energischer zu 
Leibe. Inzwischen hatte eben der vielgeschmähte Zesen 
den Mut gehabt, seine Reformgedanken in Taten um- 
zusetzen. Auf Zesen geht es wohl auch zurück, daß 
Schottelius nun das in der ersten Auflage kaum an- 
gefochtene 3 ck durch kk oder (nach Konsonant) k ersetzt. 

wird, daß sl, sw denselben Ton und dieselbe Wirkung hätten wie 
schl, schw. Denn es wird ausdrücklich anerkannt, daß seh «durch 
den Gebrauch allerdings bestetiget» ist. In der Ausf. Arbeit, 
S. 196 f., hat Seh. seine Vorliebe für das einfache s viel nach- 
drücklicher ausgesprochen. 

1 Fürst Ludwig hatte in seinen Bemerkungen zu der noch 
ungedruckten Sprachlehre geschrieben: «Das geschlossene v sollte 
nie als ein u, sondern als ein mittlaut nur gebraucht werden». 
Ertzschrein, S. 235, Fußnote. 

2 «Die Gedancken einiger newerung von mir zuverhüten, habe 
ich in dieser Sprachkunst allezeit also diese Wörter annoch 
behalten wollen: umb, warumb, darumb, new, traw, etc., da es 
doch nach dem Grunde recht heisset, darum, um, darum, neu, 
trau, etc.» S. 195. Gegen w in den w-Diphthongen hatten sich 
Olearius und Hager (60. 63) ausgesprochen, Gueintz hatte, S. 19, 
offenbar auf eine Bemerkung des Fürsten Ludwig (Ertzschrein, 
S. 235, Fußnote) hin, augenscheinlich gegen seine Neigung, dem u 
den Vorzug gegeben. Von mb hatte schon Helber, 6, 1—3, ge- 
sagt, daß es etliche mieden und dafür am Ende mm setzten, 
Fürst Ludwig hatte a. a. 0. bemerkt, daß für Lamb besser Lamm 
geschrieben werde, und die Spur des fürstlichen Einspruchs findet 
sich bei Gueintz S. 32. S. 16 sagt Gueintz, daß b und p zwi- 
schen m und d, t, l (kompt, frembde usw.) auch wegbleiben 
könne. 

3 «Das K schleust kein Wort, es habe dann vor sich ein C, 
als kranck, klanck, und nicht krank, klank, wiewol man es also 
schreiben und aufbringen künte.» S. 187, Regel IX. — Für die 



§81. 82.] Von Schottelius bis Gottsched. 141 

Auch der Wunsch nach Beseitigung des ie ist vielleicht 
durch Zesen angeregt. 

Die deutschen Kunstwörter sind zum Teil von Gueintz 
entlehnt, aber Schottelius ist viel konsequenter in der An- 
wendung. 

82. Trotz der Abhängigkeit von den Vorgängern, zum 
Teil gerade durch sie, machen Schotteis Arbeiten Epoche 
in der Geschichte der deutschen Grammatik. Ähnlich wie 
später durch Adelung wurden durch ihn die älteren Lehr- 
bücher entbehrlich. Was man bei Clajus finden konnte, 
fand man auch bei ihm und vieles andere mehr. So be- 
greift es sich, daß das früher so beliebte Buch des Clajus 
allmählich vom Markt verdrängt wurde. Freilich erschien 
nach 26 jähriger Unterbrechung im Jahre 1651 wieder eine 
Auflage, aber dies zeugt gerade für die Kraft des neuen 
Werkes. Denn in demselben Jahre kam • die zweite Auf- 
lage der Sprachkunst heraus, die erste war also ver- 
griffen und dies hatte dem Verleger des Clajus den Mut 
zu einem Neudruck gegeben. Die letzten Ausgaben fallen 
viele Jahre nach der Ausführlichen Arbeit, die für 
ein Lehrbuch zu umfänglich war. Aber den alten Platz 
konnte Clajus nicht zurückerobern. Die Weiterentwicklung 
der deutschen Grammatik knüpft an Schottelius an. 

Und mit Recht sagt H. Rückert, daß der Wert der 
Ausführlichen Arbeit noch in etwas anderem bestehe 
als in " dem Verdienst, die beste bis dahin erschienene 
deutsche Grammatik zu sein. «Alles, was die deutsche 
Sprache in irgendeiner Beziehung war und leisten konnte, 
ist hier in einem Brennpunkt vereinigt. . . . Die deutsche 
Sprache erschien hier zum erstenmal der gelehrten Zeit 
als das, was damals allein imponierte, und wofür sie immer 
nicht hatte gelten sollen: als eine Rüstkammer voll un- 
ermeßlicher Schätze der Gelehrsamkeit» (Geschichte der 
Neuhochdeutschen Schriftsprache, II, S. 299 f.). 

Anm. Das Verhältnis der verschiedenen Auflagen der Schot- 
teischen Grammatik konnte hier nicht im einzelnen erörtert werden. 
Nur soviel sei bemerkt, daß Schottelius in der Ausführlichen 
Arbeit seinen Anschauungen viel schrofferen Ausdruck gibt als 
in der Sprachkunst, in der Manuductio dagegen milder wird 
und dem Gebrauch mehr einräumt. 

Beseitigung des ck hat sich übrigens Schottelius schon in der 
«Verskunst» von 1645 entschieden. 



142 Kapitel 6. [§ 83. 84. 

IV. Die mitteldeutschen Poetiker. 

83. Opitz hatte durch seine Dichtungen einen neuen 
Stil begründet. Das Wesen dieses Stils, soweit das Gram- 
matische in Betracht kommt, ist schon 64 definiert worden. 
Die Sprache der Dichtung sollte sich in den grammatischen 
Elementen, den Lauten, den Wortformen und den Grund- 
prinzipien der Syntax, nicht von der gebildeten Umgangs- 
sprache unterscheiden. Hieher gehört auch das berühmte 
Opitzische Versprinzip : man sollte in Gedichten die Wörter 
nicht anders betonen als im gewöhnlichen Leben, was in 
der täglichen Rede ein jambisches Wort ist, sollte im Verse 
nicht als trochäisches verwendet werden. 

Die Darlegung dieser Grundsätze sollte das Buch von 
der Deutschen Poeterey (1624) geben. Aber Opitz hatte 
nicht die Energie, für seine Gedanken den eigenen Aus- 
druck zu suchen. Die flüchtig entworfene Schrift ist ganz 
von Vorgängern abhängig. Opitz entnahm seinen Quellen, 
was zu seinen Tendenzen stimmte, unbekümmert um Voll- 
ständigkeit, Zusammenhang und Ordnung. Er überließ es 
seinen Nachfolgern, ein System der neuen Metrik auf- 
zustellen und genaue Bestimmungen über die Behandlung 
der Sprache zu geben. 

Dazu kam etwas anderes. Der Adler der deutschen 
Poeten, von dem die Pierinnen hochdeutschen Gesang ge- 
lernt hatten, sprach ein Hochdeutsch mit stark schlesischer 
Färbung. In seinen Reimen richtete er sich nach schlesischer 
Vokalquantität und -qualität und er glaubte in aller Un- 
schuld, jeder müsse verstehen, was er mit seinen Be- 
merkungen über die e-Laute meine. Die Meißner stachen 
seine Provinzialismen auf und die Schlesier sahen sich 
dadurch genötigt, sich mit den Unterschieden innerhalb 
des Ostmitteldeutschen auseinanderzusetzen. 

84. Alle mitteldeutschen Poetiker stehen unter dem 
Einfluß August Buchners (1591—1661), der, ein ge- 
bürtiger Dresdener, als Professor der Poesie und Bered- 
samkeit zu Wittenberg eine wirksame Lehrtätigkeit aus- 
übte. 1 Buchner erörterte zuerst nach Opitz, ohne jedoch 



1 Buchners Poetik liegt in zwei posthumen Ausgaben vor; 
die ältere, unrechtmäßige, ist betitelt: «August Buchners kurzer 
Weg-Weiser zur Deutschen Tichtkunst hervorgegeben durch Georg 



§ 84.] Von Schottelius bis Gottsched. 143 

eine vollständige Prosodie zu geben, wichtige Probleme 
der neuen Metrik, die Behandlung der einsilbigen und der 
daktylischen Wörter, und besprach viele Einzelheiten der 
Sprachtechnik, insbesondere die Synkope und Apokope. 
Von analogistischen Erwägungen ist er nicht frei; so ver- 
teidigt er die Opitzischen Formen Weiherauch, Nüssewald, 
weil das erste Wort Weihe zum Bestandteil habe und 
das zweite gebildet sei wie Eichenwald, ebenso himmelisch, 
weil das Stammwort Himmel ist, während etwa göttelich, 
höfelich, spöttelich durch kein Gotte, Hofe, Spotte gestützt 
werden könnten. Aber die erste Stimme hat doch der 
Sprachgebrauch; es fällt Buchner nicht ein, etwa die 
üblichen Formen Nußwald, himmlisch für inkorrekt zu er- 
klären. Die allgemeine Regel für die Auslassung des -e 
ist «daß man alzeit auf den gemeinen Brauch, und Aus- 
rede sehen soll»; «dann wo daselbst solche Auslassung 
zuspüren ist, so kan ich sie auch in meinen Versen sicher 
gebrauchen» (Wegweiser, S. 85). Gegenüber dem Dogma 
von der Einsilbigkeit der Stammwörter wird konstatiert, 
daß in vielen bisweilen auch das -e gesetzt werde, «daß 
man also ein Wort ein- und zweysilbig setzen kan». Daraus 
folge nun nicht, daß man auch etwa Heide oder Sohne 
sagen dürfe, «dann solches durchaus nicht im Brauche, 
dahin allezeit, wie wir nun offtmahls erinnert, zu sehen» 
(S. 104 f.). Anders als Schottelius, der das vacillans iudicium 
aurium verschmäht, verlangt er, daß man bezüglich der 
Synkope, «allezeit das Ohrenmaß wol in acht nehmen 
solle, und zuvor sehen, wie es in der Ausrede lautet» 
(S. 94). Wohl lehrt er, das Stilprinzip Opitzens deutlicher 
ausdrückend als dieser selbst, man solle es wie die La- 



Gözen» (Jena 1663); die später von Buchners Schwiegersohn Prae- 
torius veranstaltete erschien 1665 zu Wittenberg in zwei Teilen : 
«August Buchners Anleitung zur deutschen Poeterey» und «Der Poet». 
Daß Buchner selbst im Jahre 1642 sein Buch herausgegeben habe, ist 
nicht zu beweisen, vgl. Wackernagel-Martin, Geschichte der deut- 
schen Litteratur, II, S. 183, Anm. 11. Direkt dagegen spricht, daß es 
im 4. Sendeschreiben der 1647 erschienenen Bellinschen Sammlung, 
Anm. f , heißt : «(Her Buchner) In seiner noch nicht herausgegäbenen 
Ticht-Kunst». Buchners Lehren wurden bei seinen Lebzeiten durch 
seine Vorträge und Abschriften seines Werks bekannt. Zesen hat 
sie schon in der ersten Auflage seines Helikon benutzt. 



144 Kapitel 6. [§ 84. 85 

teiner und Griechen machen, die niemals dem Vers zu- 
liebe der Grammatik Gewalt getan hätten (S. 49); aber 
auf die Rcgelsucht der Schotteischen Richtung blickt er 
überlegen herab. Plurativis Nominibus, quae singulariter 
in ER aut EL desinunt, tö e adjiciendum semper non puto. 
Bronunciatio enim et difficilis est et soni ingrati: quod 
fugiendum, quicquid Grammatici etiam praecipiant, quorum 
vita et spiritus in regulis vertitur. Magni auctores id 
intuentur potius, quod effieere aliquid in auditorum animis, 
eosque aut trahere morarique, aut et per celler e potest : quam 
quod Grammaticorum canonibus exacte quadret, schreibt er 
an Tscherning (Unvorgreiffliches Bedencken S. 211). Der 
Vorrang des Meißnischen ist ihm selbstverständlich, ohne 
daß er allzu engherzig wäre. «Die Reinligkeit . . . des 
Deutschen belangend, so bestehet dieselbe vornehmblich 
darauff, daß man sich guter Meisnischer, und bey den für- 
nehmen Cantzeleyen bräuchlicher Worte gebrauche, anderer 
aber sich enthalte» (S. 63). «Born pro Brunn oder Bronn, 
Bühel pro hübet oder Hügel . . . kan ich sagen, weil 
solches im Reiche bräuchlich ist, ob es gleich nicht Meiß- 
nisch» (S. 107). So sehr er Opitz schätzt, scheut er sich 
doch nicht, ihn hin und wieder zu tadeln. Seine schle- 
sischen Eigenheiten erkennt er teils richtig als solche, teils 
schreibt er sie der Schwierigkeit zu, passende Reime zu 
finden. 

85. Die schlesischen Poetiker Johann Peter Titz 
(1619 — 1689) und Andreas Tscherning (1611 — 1659) 
lebten zur Zeit der Abfassung ihrer Lehrbücher in Nord- 
deutschland. 1 Sie stehen dem Schlesischen nicht mehr 
ganz unbefangen gegenüber. 2 Den Vorrang der meißnischen 

1 Titz studieorte von 1636 — 1639 in Danzig, im Herbst des- 
selben Jahres bezog er die Universität Rostock. Im Jahre 1642, 
in dem seine «Zwey Bücher Von der Kunsit Hochdeutsche 
Verse zu machen» erschienen, war er vielleicht wieder in 
Danzig. Vgl. Johann Peter Titz' Deutsche Gedichte, hsg. von 
L. H. Fischer, S. XX f. — Tscherning schrieb sein Unvorgreiff- 
liches Bedencken 1658 in Rostock, wo 'er seit 1644 als Pro- 
fessor wirkte. « 

2 Einfluß des norddeutschen Aufenthalts zeigt sich insbeson- 
dere bei Titz, I 4 b, in dem Zugeständnis, daß zwischen e und ö, 
ei und eu, i und ü ein Unterschied gemerkt werden könne, der 
darin bestehe, «daß das eine etwas heller; das ander aber etwas 
tunckler, vorgebracht werden soll». 



§ 85.] Von Schottelius bis Gottsched. 145 

Mundart erkennen sie bereitwillig an, ohne jedoch die Un- 
richtigkeit der schlesischen Aussprache zuzugeben. Um 
beiden Anschauungen gerecht zu werden, empfehlen sie als 
Auskunftsmittel die neutralen Reime. Titz bemerkt I 6 af., 
es gebe viele Wörter, «die nicht von allen, so gut Hoch- 
deutsch reden, auf gleiche weise, sondern von etlichen in 
diesem, von andern in einem andern Laut außgeredet 
werden». So sprächen die Meißner in schwer, leer, Meer 
u. a. m. den Vokal wie ein ö (d. h. geschlossen), die Schlesier 
und andere Deutsche wie ein ä (d. h. offen), in können und 
gönnen die Meißner das ö wie e, die Schlesier wie ü (d. h. i), 
in schliessen, büssen u. a. m. die Meißner das ie, ü wie in 
niemand, bemühen (d. h. lang), die Schlesier wie in wissen, 
Icüssen (d. h. kurz). «In diesen nun vnd andern dergleichen 
worten .... gehet man am sichersten vnd gewissesten, 
wenn man sie nicht mit andern, sondern vnter sich selber, 
zusammen reimet. Denn also wird der Leser, er gebrauche 
sich des Meißnischen oder Schlesischen Dialects, keinen 
vnterscheid im Reim verspüren, weil die Worte in beyden 
eines wie das ander, wiewol nicht in einem, wie im andern 
außgesprochen werden.» Das heißt, ein Reim können : gönnen 
wird zwar von den Meißnern anders gesprochen als von 
den Schlesiern, jene sagen kennen: gennen, diese Mnnen: 
ginnen; aber rein ist er für beide. Dagegen würde ein 
Reim können: brennen das schlesische, ein Reim können: 
Sinnen das meißnische Ohr verletzen. Und Tscherning er- 
klärt S. 79 : «Der beste raht, so offt ich nach Meissen irgend 
ein geticht übersendet, hat mich dieser gedaucht zu sein, 
daß ich gemeiniglich, soviel möglich gewesen, des Meiß- 
nischen Reimlautes mich gebrauchet, also und dergestalt, 
daß er doch den Schlesischen ohren auch nicht zu wieder 
gewesen.» 

Anm. Titz macht den Meißnern größere Konzessionen als 
Tscherning. Während dieser, S. 78 f., erklärt: «Wann hingegen 
einer in Schlesien etwan auf solche weise wie ein Meißner, Ober- 
länder oder Nieder-Sachs etc. reimen wolte, so würde er warlich 
mit einem gelächter ausgerauschet werden», sagt Titz, I 7 a: «Wenn 
es sich aber trifft, daß man diese worte (nämlich die oben er- 
wähnten, in denen Meißnisch und Schlesisch voneinander ab- 
weichen) mit andern, die in Meissen und Schlesien in gleichem 
laut außgeredet werden, reimen soll, so siehet man zweifeis ohn 
billich vornehmlich auf die Meißnische Mundart, als welche von 

Jellinek, Geschichte der nh. Grammatik. 10 



146 Kapitel 6. [§ 85. 86. 

allen vor die reineste vnd zierlichste erkant wird. Vnd dergestalt 
würde man auch ernehren etc. nicht mit begehren, sondern mit 
vermehren reimen müssen.» Freilich versucht er gleich darauf, 
einem Hinweis Zesens, Helikon 2 , S. 41 f., folgend, Eigentüm- 
lichkeiten des Schlesischen durch innere Gründe zu rechtfertigen; 
die Aussprache dies e von Meer, weren, schmehen wie ä habe in 
dem a von rnare, war, schmach ihre gute Begründung. Aber die 
meißnische geschlossene Aussprache als falsch zu bezeichnen, wagt 
er doch nicht. Und in seinem Reimwörterbuch ist er, wie er 
glaubt, der schlesischen Mundart, wo dieselbe mit ,der meißnischen 
nicht übereintrifft, nirgends gefolgt, außer wo sie «keines un- 
anmuthigen oder falschen Lauts kan überwiesen werden». In 
solchen Fällen ist der Unterschied der beiden Mundarten angemerkt. 

Im übrigen stehen die beiden Poetiker gegenüber dem 
Rigorismus der Schotteischen Richtung auf dem Stand- 
punkt Ruchners, der für Tscherning das vielzitierte Orakel ist. 

86. Ähnliche Anschauungen über Reimtechnik trifft man 
noch viel später bei Männern, die in einem ähnlichen Ver- 
hältnis zum Obersächsischen standen, den Lausitzern 
Chr. Weise und Joh. Hübner. 1 Die Obersachsen waren 
minder tolerant. Zesen erlaubt zwar in den ersten beiden 
Auflagen des Helikon dialektische Reime, aber er betont 
viel kräftiger als die Schlesier den Vorzug des Meißnischen, 
und von neutralen Reimen weiß er nichts : «wer einen 
guten Reim wil machen, der muß vor allen dingen die 
mundart dessen Landes, wo er ist, in acht nehmen: Ist 
er in Meissen, so braucht er die Meißnische, ist er in der 
Schlesie, so braucht er die Schlesische Mundart, doch geht 
die Meißnische, welche die rechte Hochdeutsche, allen 



1 Christians Weisens Curiöse Gedancken Von Deutschen Ver- 
sen (1692), S. 9: «Ich gebe die Lehre, wer seine Verse deswegen 
schreibt, daß sie nur an einem Orte 'ja wol gar bey gewissen 
Personen was angenehmes effectuiren sollen, der mag sich in allen 
Dingen nach derselben Landes Art richten. Wer sich aber die 
Gedancken macht, daß er sein Licht im gantzen Deutschlande wil 
leuchten lassen, der muß auff dergleichen Reime dencken, die 
sich an allen Orten annehmlich und bewehrt befinden.» — Johann 
Hübners (gest. 1731) Neuvermehrtes Poetisches Hand-Buch, S. 19 f. 
der Ausgabe von 1742 : «In zweiffelhafben Fällen ist ein iedweder zu 
entschuldigen, wenn er die Mund-Art behält, die er von seiner 
Frau Mutter gelernet hat». «Will man alle Censur vermeiden, so 
braucht man Reime, die aller Orten einerley Klang haben.» 



§ 86.] Von Schottelius bis Gottsched. 147 

andern vor, und wird in andern Ländern ohne bedencken 
gebraucht, welchs andere nicht thun» (S. 42 f. der 2. Auflage). 
Über Zesens spätere Ansichten vgl. 94. 

Eigentümlich schwankend ist die Stellung Enoch Han- 
mans in seinen Anmerkungen zu Opitzens Buch von der 
deutschen Poeterey. 1 Auch er ist von der Autorität des 
Meißnischen überzeugt. Ebenso wie Buchner, den er stark 
benutzt, verlangt er, «daß man sich guter Meißnischer und 
jtziger Zeit üblicher Wörter und Arten in Reden, welche 
bey verständigen und vornehmen Leuthen im Schwange, 
sich gebrauche». Und strenger als Buchner will er, daß 
der Poet sich nicht nur der sächsischen (d. h. nieder- 
sächsischen) Wörter enthalte, die «gemeiniglich etwas hart 
und unlieblich klingen», sondern auch «derer die absonder- 
lich im Reiche und am Rhein gebräuchlich» (S. 139 f.). 
Er rückt Opitz seine schlesischen Reime vor und meint, 
daß seine Ausführungen über die e-Reime wegen der ab- 
weichenden Aussprache den Meißnern dunkel sein müßten. 
Opitz habe eben nach seiner schlesischen Mundart ge- 
reimt. «Ob aber die Schlesische Ausrede der Meißnischen 
fürzuziehen, lasse ich Hochdeutsche Red-erfahrne urtheilen» 
(S. 169). Aber er scheint zu Schottelius abzuschwenken, 
wenn er dann im selben Zusammenhang bemerkt, es sei 
nicht ratsam, «daß man nach eines jedweders Maulzerren 
und Verwirren einen neuen dialectum einführen wolte», 
meißnische Dialekteigentümlichkeiten, wie oo für au oder 
ee für ei berührt und schließlich sagt (S. 170): «Nach 
meinem erachten wäre es am besten, wenn man die hoch- 
deutsche Reime nach der gemeinen Sprache, und nicht 
nach unterschiedlichen Redarten richte.» «Durch die ge- 
meine Sprache aber verstehe ich nicht eine solche Sprache, 
welche vom Pöbel ins gemein geredet wird : Sondern welche 
an keinem und doch fast an allen Orthen zu befinden.» 
Worauf der beliebte Vergleich mit der KOivrj folgt. Wir 
müssen diese Ansicht über die richtige Reimtechnik als 
gedankenloses Gerede bezeichnen. Wenn im Jahre 1898 die 
Konferenz zur Regelung der Bühnensprache sich nicht über 
die e-Laute einigen konnte, so werden wir Hanmann nicht 



Zuerst 1645. Ich zitiere nach den Seiten der Fellgibel- 
schen Opitzausgabe. 

10* 



148 Kapitel 6. [§ 86—88. 

glauben, daß es schon im 17. Jh. eine durch ganz Deutsch- 
land verstreute Gemeinde korrekter e-Sprecher gegeben habe. 
Wer wirklich die Ansicht Schotteis teilte, mußte auch 
in: der Reimfrage seinen Standpunkt einnehmen, d. h. un- 
reine Reime, in unserem Fall Reime aller e-Laute auf- 
einander, zulassen. Sonst gab es nur zweierlei: sich für 
eine bestimmte Mundart entscheiden oder neutrale Reime 
suchen. Der vierte Weg, den man später vorschlug, die 
Aussprache nach der Schrift zu richten, war in jener Zeit 
orthographischen Schwankens nicht gangbar. 

87. Für die Geschichte der grammatischen Theorie 
sind von den Poetikern zwei von Bedeutung, Titz und 
Zesen. Beide zunächst durch ihre Reimwörterbücher, in 
denen ein großer Teil des Sprachschatzes nach phonetischen 
Kategorien angeordnet und damit analysiert war. Zesen 
war mit seinem Helikon vorangegangen, Titz benützt ihn 
für die Reimtafel seiner «Zwey Bücher usw.», in der er, 
wie 85, Anmerkung, erwähnt wurde, die Unterschiede der 
schlesischen von der meißnischen Aussprache anmerkte, 
soweit er sie erkannt hatte und er sie verteidigen zu 
können glaubte. Beide haben ferner die Metrik in ein 
System gebracht. Titz verdient hier wegen seiner muster- 
haft klaren Darstellung den Vorzug. Er hat allerdings an 
der Verwirrung der Begriffe Akzent und Quantität mit- 
gearbeitet, da er sie zwar im Prinzip sehr scharf trennt, 
aber doch der Bequemlichkeit halber lieber mit dem Be- 
griff der Quantität operiert, der ihm unter der Hand die 
Bedeutung «Hebungsfähigkeit» annimmt. Aber er hat in 
der Sprache der quantitierenden Metrik die Wurzelbetonung 
des Deutschen gelehrt und als der erste die prosodische 
Geltung der Silben nach ihrem grammatischen Wert be- 
stimmt. Der Entdeckung des Nebentons kam er ganz nahe; 
da er aber Metriker, nicht Grammatiker war, ließ er mehrere- 
mal die Gelegenheit zur schärferen Bestimmung dieses Be- 
griffs vorbeigehen. Vgl. HZ. 48, S. 246 ff. 

88. Über Zesens Leben vgl. 'Max Gebhardt, Untersuchungen 
zur Biographie Philipp Zesens. Straßburger Diss. 1888. — Dis- 
sel, a. a. 0. und Allg. D. Biographie, 45, S. 108 ff . — Philipp 
von Zesen, Adriatische Rosemund, hsg. von M. H. Jellinek, 
S. XLII ff. 

Philipp Caesius, wie er eigentlich hieß, geboren am 8. Ok- 
tober 1619 in dem zu Sachsen gehörigen Ort Prirau bei Dessau, 



§ 88.] Von Schottelius bis Gottsched. 149 

Schüler Gueintzens in Halle, Buchners in Wittenberg, brachte den 
größten Teil seines unstäten Wanderlebens in den Niederlanden 
und in Hamburg zu. In dieser Stadt starb er am 13. November 
1689. Schriftsteller und Sprachforscher erntete er von seinen An- 
hängern schwärmerische Verehrung, von seinen Gegnern die hef- 
tigsten Angriffe und den bittersten Spott. Die Verbissenheit des 
Hasses, die sich bei manchen zeigt, muß ihren tieferen Grund 
in der Persönlichkeit Zesens wie seiner Feinde haben; aber natür- 
lich ergriffen diese gerne die Gelegenheit zum Hohn, die ihnen 
Zesens Purismus und sein orthographischer Reformeifer bot, den 
er nicht nur in theoretischen Schriften, sondern auch in seinen 
Romanen betätigte. Auch bessere Naturen nahmen an seinen 
Neuerungen Ärgernis, obwohl oder vielleicht gerade weil er mit 
größerer Folgerichtigkeit durchführte, womit sie selbst geliebäugelt 
hatten. 1 

Das Schandmal des übertriebenen Purismus und der ver- 
werflichen Neuerung blieb an Zesen auch später haften; seine 
sprachwissenschaftlichen Bestrebungen wurden dagegen nach sei- 
nem Tode eher zu günstig beurteilt. Denn wenn Eccard, 
Historia studii etymologici, S. 234, sagt, in Zesens etymologischen 
Untersuchungen habe er Ingenium cum Singular i judicio con- 
junctum gefunden, so kann man das ingenium bis zu einem ge- 
wissen Grad anerkennen, aber von Judicium ist in Zesens Etymo- 
logien nichts zu spüren. 

Anm. 1. Daß die Angriffe gegen die Orthographie Zesens, der 
sich doch später dem gemeinen Brauch näherte, nicht verstummen 
wollten, ist wohl auch dadurch veranlaßt, daß andere Schrift- 
steller ihm in seinen Eigenheiten ganz oder teilweise folgten. 
Solcher Nachahmer macht Andreas Daniel Habichthorst, Wohl- 
gegründete Bedenkschrift über die Zesische Sond.erba.hre Ahrt 
Hochdeutsch zu Schreiben und zu Reden (Hamburg 1678), S. 24, 
etliche namhaft; ihre Zahl läßt sich vermehren. Von denen, die 
Zesens Lehre weiterbildeten, ist der Bedeutendste J. B ellin; über 
ihn vgl. 109. Samuel Butschkys (1612—1678) «Perfertischer 
Muusen Schlüssel, Zur Schreibrichtigkeit, der Hooch-deutschen 
Haupt-Spraache», Leiptzig 1645, ist eine schlecht angeordnete 
Kompilation aus Zesens «Sprachübung», Werner, Hager und 

1 Bei größerer Selbsterkenntnis hätte man bemerken müssen, 
daß Zesens Verdeutschungen, die natürlich meistens Umschrei- 
bungen sind, nicht nur den puristischen Neigungen der Zeit ent- 
gegenkamen, sondern sich auch ganz in der Richtung des da- 
maligen poetischen Stils bewegten. So aber verspottete man sein 
«Jungfer-Zwünger» für Kloster und bewunderte es, wenn Opitz 
Cupido den Flügelknaben oder die Bienen Honigvögelein nannte. 



150 Kapitel 6. [§ 88. 89. 

andern Schriften, selbständig ist er in dem, hier noch nicht 
durchgeführten, Vorschlag, die Länge des Vokals durch einen 
Akut zu bezeichnen. Nur eine teilweise umgearbeitete Auflage 
des «Muusen Schlüssels» scheint, nach den Angaben Reichards, 
S. 212 ff., zu schließen, «Der hochdeutsche Schlüssel, zur Schreib- 
richtigkeit oder Rechtschreibung» vom Jahr 1648. Über andere 
Schriften Butschkys vgl. Reichard, S. 211 ff. * 

Anm. 2. Einig© Berührungen mit der Zesischen hat die Ortho- 
graphie der Straßburger Dichter Seh neunter (1644) und Rorap- 
lor (1647). So schreiben beide für ck k, Rompier auch kk; 
Rompier hat auch viele etymologische &. Aber Rompier be- 
hauptet nachdrücklich seine Priorität in Sachen der Orthographie- 
reform, und Schneuber bestätigt dies; vgl. G. Voigt, Die Dichter 
der Aufrichtigen Tannengesellschaft, S. 34, Fußnote 1. Hars- 
dörfer nennt, Ertzschrein, S. 351, unter denen, die kk schrie- 
ben, neben Zesen auch Fleming und die Lübecker Druckerei. 
— Eine konsequente Quantitätsbezeichnung strebte vor Zesen die 
Lübecker Flemingausgabe von 1642 an; vgl. Ph. Wackernagel, 
Über deutsche Orthographie, Wiesbadener Programm 1848, S. 15. 
Aus der Sprachlehre von Gueintz, S. 16, konnte Zesen wissen, 
daß Piscator in seiner Bibel die langen a und o durch Doppel- 
schreibung bezeichnet hatte. — Einfluß der niederländischen Ortho- 
graphie auf Zesen ist sehr wahrscheinlich. 

89. Zesens theoretische Schriften, die für uns in Betracht 
kommen, sind, abgesehen vom Hochdeutschen Helikon, die 
Hooch-Deutsche Spraach-übung vom Jahr 1643, mehrere 
Briefe in «Etlicher der hoch-löblichen Deutsch-gesinneten Genossen- 
schaft Mitglieder, Wie auch anderer hoch-gelehrten Männer Sende- 
schreiben Ehrster teil», von mir nach dem Herausgeber als Bel- 
linsche Sammlung zitiert (Hamburg 1647), der Rosen-mänd 
vom Jahr 1651 und die Helikonische Hechel vom Jahr 1668. 
Eine nicht ganz genaue Geschichte seiner Orthographie gibt Zesen 
in einem Brief 2 , abgedruckt bei Habichthorst in der 88 
Anm. 1 zitierten Schrift (S. 15 ff.), die auch noch andere inter- 
essante Äußerungen Zesens enthält. Von Wichtigkeit sind ferner 



1 Von den zwei Jahreszahlen der «Venus-Kantzeley» (Reichard, 
S. 220, 223) scheint 1655 die richtige, da sich Butschky hier der 
Akzente bedient. 

2 Er ist angeblich an Gueintz gerichtet, kann aber in der uns 
vorliegenden Gestalt nicht abgeschickt worden sein. Demi Zesen 
spricht darin, S. 19 f., von dem Entwurf seiner Orthographie, 
«den ich dem Vierden und Fünften Tage meines Rosenmohndes, 
welcher auch im folgenden 1651 das Licht sähe, einverleibte», 
Gueintz ist aber am 3. April 1650 gestorben. 



§ 89. 90.] Von Schottelius bis Gottsched. 151 

die beiden 1645 erschienenen, in stark vom Herkömmlichen ab- 
weichender Orthographie gedruckten Romane, der Ibrahim und 
die Adriatische Rosemund. 

Die Sprachlehre und das «Stam-buch», d. h. ein. etymo- 
logisches Wörterbuch, an denen Zesen arbeitete, sind nie 
vollendet worden. Wie das Stammbuch ausgesehen hätte, 
davon gibt Zesens linguistisches Hauptwerk, der Rosen- 
mänd, einen Begriff. Dieses Buch will eine Art Sprach- 
philosophie sein. In der stark symbolistischen Prinzipien- 
lehre der Etymologie grenzt die Phantastik an Schwach- 
köpfigkeit. Wertlos sind auch die Erörterungen über die 
Geschichte des Deutschen, die sich ganz in den Bahnen 
der zeitgenössischen Fabeleien bewegen. Aber der Rosen- 
mänd enthält auch eine Darstellung des deutschen Laut- 
systems, eine Übersicht über die möglichen Konsonanten- 
verbindungen des Deutschen im Anlaut 1 wie im Inlaut und 
Erörterungen über die Reinlichkeit und Zierlichkeit der 
deutschen Sprache, die die Anschauungen Zesens über 
diese Dinge ziemlich klar zum Ausdruck bringen. 

90. Eine Darstellung der Zesenschen Orthographie geht 
am besten von der Adriatischen Rosemund aus. Hier 
traten die Abweichungen vom Herkommen den Zeitgenossen 
am greifbarsten entgegen. Die wichtigste Änderung in Zesens 
späteren Anschauungen hat er in der Praxis nicht zum 
Ausdruck kommen lassen können. In seinen nach der 
Adriatischen Rosemund erschienenen Werken ist vielmehr 
die Schreibung dem allgemeinen Gebrauch angenähert, wenn 
auch gewisse Eigentümlichkeiten immer bleiben. 

In Zesens Orthographie lassen sich zwei Tendenzen 
unterscheiden: das Streben, die Abstammung der Wörter 
anzudeuten; und der Wunsch nach eindeutiger, konsequenter 
und sparsamer Bezeichnung der Aussprache. Beides wirkt 
manchmal zusammen. Aber in anderen Fällen geraten das 
etymologische und das phonetische Prinzip in Widerspruch. 
Und darüber war sich Zesen nicht klar; er meinte, es 
sei ein Vorzug des Deutschen vor andern Sprachen, daß 



1 Hierin war ihm Harsdörf er vorangegangen im Poetischen 
Trichter, I, S. 34 der zweiten Auflage. 



152 Kapitel 6. [§ 9a 

man es nach der Aussprache schreiben könne, ohne die 
Etymologie zu verdunkeln. 1 

1. Nach der etymologischen Seite hin stechen am meisten 
hervor die vielen gegen den Gebranch eingeführten ä, ö, ü, eu. 
In Zesens Sprache war der Unterschied zwischen gerundeten und 
nicht gerundeten Lauten erloschen; ü klang ihm wie i, ö wie 
geschlossenes e, eu wie ei. Das ä sprach er meist wie offenes, 
in manchen Wörtern wie geschlossenes e. Somit bot ihm die 
gemeine Schreibung für den fLaut zwei Zeichen: i und ü, für 
den geschlossenen e-Laut drei: ö, e, ä, für den offenen zwei: ä 
und e, für den Diphthong mindestens drei : ei, äu, eu. 2 In die 
Verteilung dieser Zeichen wollte nun Zesen durch strenge Durch- 
führung eines seit dem 16. Jh. oft ausgesprochenen Grundsatzes 
Ordnung und Konsequenz bringen. «Gleich wie alle Wörter, welche 
mit einem von den drei Als-zwelautern & 6 ü, oder mit dem 
zwelauter eu geschrieben wärden, allezeit aus andern, darinnen 
die einfachen a o oder u (stehen, her stammen müssen; also müssen 
auch ebner gestalt alle Wörter sich nach ihren grundstämmen 
richten, und wan darinnen das a, o, oder u zu fünden ist, in den 
darin aus-sprüssenden nicht da;s e oder i, sondern allezeit das d, 6 
oder ü haben.» 8 Dazu ist zu bemerken, daß Zesen, von der 
Beobachtung des Wechsels von o und ü in Wortpaaren wie fol — 
erfüllen ausgehend, für i auch dann ü schrieb, wenn der «Grund- 
stamm» o enthielt. Die Ermittlung der Grundstämme hat er in ein 
System gebracht. Man suche den Stamm zunächst im Präteritum 
der Zeitwörter. Wenn dies nicht angeht, d. h. wenn der Vokal 
der abgeleiteten Form nicht durch einen Buchstaben bezeichnet 
werden kann, der dem Zeichen des Präteritalvokals ähnlich ist, 
im Partizipium des Perfekts, demnächst in Substantiven oder im 
Präsens der Verba. Wenn alles nichts hilft, so wende man sich 
an die verwandten Sprachen, deren a, o, u im Hochdeutschen oft 
dem Wohllaut zu liebe in d 6 ü verwandelt worden sei. So 
schreibt Zesen etwa gaben, barg wegen gab, barg; bünden wegen 
bund; weus, weuse wegen wüste; trüft wegen getroffen; mansch 

1 Vgl. Rosenmänd, S. 142, 164. Wenn er bemerkt, daß der 
Franzose der Etymologie zu liebe temps schreibe, während er doch 
tan spreche, so bedachte er nicht, daß sein dt auch einen stummen 
Buchstaben enthielt. Auch fiel ihm nicht ein, daß die Unterschei- 
deutung von d und t, b und p, g und k im Auslaut für ihn keine 
lautliche, nur etymologische Bedeutung hatte. Daß er die Zeichen 
d und 6 nicht nach der Aussprache anwendete, darüber ist er sich 
allerdings klar gewesen, vgl. 94. 

2 Dazu kommen die Varianten ey, ai und ay. 

3 Bellinsche Sammlung, Nr. 8, C4a 



§ 90.] Von Schottelius bis Gottsched. 153 

wegen man; drde wegen niederländisch aerde; speuen wegen eng- 
lisch to spue. 

Gegenüber den vielen ä, ö, ü, eu treten die andern etymologi- 
sierenden Eigenheiten sehr zurück. Zu erwähnen wäre ein etwas 
erweiterter Gebrauch des dt (z. B. windter wegen wind), ver- 
einzeltes gk (gehängke, schwängken wegen hängen, Schwüngen), das 
nicht sehr häufige ts (z. B. Idtst wegen niederländisch laet, götsen 
wegen got), die Ersetzung des v durch / in fol (wegen füllen), fohr, 
forne (wegen für) und folk, das Zesen von folgen ableitete, h in 
jah wegen bejahen. 

2. Was die phonetische Tendenz betrifft, so folgt Zesen in 
einigen Punkten einfach dem fortgeschrittenen Gebrauch. Hierher 
gehört die Trennung von i — j } u — v, w und die Beseitigung des 
stummen b (um statt vmb). Auffälliger mußte die, von Zesen 
übrigens später wieder verworfene, Ersetzung des tz durch zz 
im Inlaut nach einem kurzen und vor einem unbetonten Vokal 
(schazzes), durch z in allen andern Stellungen erscheinen; be- 
sonderen Anstoß erregte seine Verwerfung der «fremden» 1 Buch- 
staben und Buchstabenverbindungen ph, qu, th, x, y, die er durch 
f (Föbus, Afrodite, Saffo), kw, t (Uhr, korintisch) , ks, i (bei, 
frigisch) ersetzte, namentlich aber die Ausmärzung des c. Er 
schrieb dafür in fremden Namen nach der Aussprache Je oder z 
(Kupido, Zipern), in deutschen Wörtern ersetzte er ck im Inlaut 
zwischen Vokalen nach Kürze durch kk, sonst durch Je. In den 
Verbindungen ch und seh behielt er es noch bei, abgesehen von 
den Wörtern, wo ch den Jfc-Laut bezeichnete (Kuhr fürst, Kristus). 
Später hätte er gerne seh vor Konsonanten durch s, vor Vokalen 
durch ßh ersetzt und für ch gh geschrieben, wodurch zugleich die 
Abstammung (maght — mögen) angedeutet worden wäre. 

Besonders charakteristisch ist die Qualitätsbezeichnung. Das 
Prinzip, das Zesen vorschwebte, war, daß die Länge ein beson- 
deres Zeichen haben sollte vor Konsonantzeichenverbindungen, in 
einsilbigen Wörtern auch vor einem einfachen Konsonanten. Dabei 
behandelte er ch als einfachen Buchstaben, ff und ss, wie er 
im Inlaut zwischen Vokalen für die stimmlosen Laute schrieb, 
sowie dt als Buchstabengruppen. Als einziges Dehnungszeichen 
verwendete er in der Adriatischen Rosemund das h, während er 



1 Zesen wußte sehr wohl, daß die deutschen Buchstaben alle 
von den Römern entlehnt waren, aber er betrachtete die im Deut- 
schen überflüssigen Buchstaben c, q, y, diese Erfindungen der 
Römer, als unwürdiges Zeichen der Knechtschaft. Vgl. Sprach- 
übung, S. 10 f., 511, Bellinsche Sammlung, E 2 a ff., Rosenmänd, 
S. 52 ff., 81. 



154 Kapitel 6. [§ 90 91. 

in den ersten Teilen des Ibrahim noch alle traditionellen Mittel 
zur Andeutung der Länge, h, Vokalverdoppelung, stummes e, nur 
jedes innerhalb seines eigentümlichen Gebiets konsequent, ge- 
braucht hatte. So schrieb er also etwa schlahft, lihblich, schlahffen, 
Wissen, tohdten, führ, brahch. Die Kehrseite der Ä-Regel war, daß 
die Konsonantenverdoppelung als Zeichen der Vokalkürze im Aus- 
laut und vor einem andern Konsonanten überflüssig wurde: man, 
schürte, schiflein. Aber inkonsequenterweise behielt Zesen die Gemi- 
nation oft bei, wo Nebenformen mit intervokalischer Konsonanz 
vorhanden waren: kannte wegen kännete (aber nur kante). In 
intervokalischer Stellung ließ er nämlich die Gemination grund- 
sätzlich bestehen, ja er ging sogar über das Gebräuchliche durch 
Verdoppelung des ch (z. B. brdchchen) hinaus. Hier hätte sich 
nun wieder bei Unterlassung der Gemination die Länge von selbst 
verstanden, aber Zesen schrieb oft auch in dieser Stellung das h. 

Diese Inkonsequenzen erklären sich teilweise dadurch, daß er 
schon während des Drucks der Adriatischen Rosemund das ganze 
System verworfen hatte. Es sollte jetzt die Quantität jedes Vokals 
durch Akzente, den Zirkumflex für die Länge, den Akut für die 
Kürze, bezeichnet und die somit unnötig gewordene Gemination 
überhaupt aufgegeben werden. Dieses System ersparte nicht nur 
eine Menge Buchstaben, sondern trug auch der etymologisierenden 
Tendenz Rechnung, indem es in allen Formen einer Wortsippe den 
stammhaften Bestandteil gleichförmig erscheinen ließ. In der 
Adriatischen Rosemund hieß es sprahch, aber sprach-en, fal aber 
fall-en, nach dem Akzentsystem wäre sprägh wie sprägh-en, fal wie 
fdl-en zu schreiben gewesen. 

91. Daß die Stammwörter ganz und unzerbrochen 
bleiben sollten, war auch eine Forderung Schotteis. Aber 
gerade hier, wo die Wege beider Männer sich begegnen, 
zeigt sich aufs deutlichste der Gegensatz ihrer Anschau- 
ungen. Schottelius geht von der unzweifelhaften graphischen 
Überlieferung aus und bestimmt danach die schwankenden 
Schreibungen; jedermann schreibt fallen, f alles, die En- 
dungen sind -en, -es, also muß man fall, nicht fal schreiben. 
Zesen dagegen sucht eigenmächtig die passendste Bezeich- 
nung des gesprochenen Worts ; in fall kann man die beiden l 
nicht wirklich sprechen, sie dienen nur zur Bezeichnung 
der Vokalkürze, diese kann man besser durch ein «über- 
strüchlein» andeuten: fal, die Endungen des Infinitivs oder 
Genitivs sind -en, -es, also schreibe man auch fdlen, [dies. 

So konnte nur jemand verfahren, der sich im Besitz 
der richtigen Aussprache wußte, der sich nicht scheute, 



§ 91. 92.] Von Schottelius bis Gottsched. 155 

seinem «Hörinstrument», dem vacillans Judicium aurium 
zu vertrauen. 1 

92. Welches die richtige Aussprache sei, darüber konnte 
der Verfasser des Reimwörterbuches freilich nicht un- 
gewiß sein. Zesen gehört zu den entschiedensten Ver- 
fechtern des Meißnischen. Das bestimmteste Zeugnis ist 
neben vielen andern ein Brief an Malachias Sieben- 
haar, bei Habichthorst, S. 34ff. «Das dritte, das mir 
oblag, war die Wortfügung, ja die gantze Sprachlehre: 
nach welcher ich meine Redens ahrten dermaßen einrichtete, 
daß alles, was ich redete oder schrieb, der Kunst und an- 
gebohrnen Eigenschaft unserer Hochdeutschen spräche ge- 
mäß sein möchte, und nichts wider einigen Lehrsatz lieffe. 
Und hierinnen, wie auch sonst in andern Dingen, folgete 
ich gantz und gahr der Meisnischen Mundahrt, als der 
allerbesten, zierlichsten, lieblichsten, und reinsten unter 
allen deutschen Mundahrten. Dan weil die Meisner recht 
mitten im Hochdeutschlande wohnen, und daher von den 



1 Andere Reformen Zesens konnte Schottelius mitmachen, weil 
sie den bestehenden Gebrauch nach einer einfachen Regel ab- 
änderten. So die Verbannung des ck } wo höchstens die wenigen 
Wörter Schwierigkeiten machen konnten, in denen intervokalisch 
k, nicht kk geschrieben werden mußte. Der starre Konservativis- 
mus nahm freilich auch gegen diese Änderung Stellung und hüllte 
seinen Widerstand in das Kleid der Vernunft. Buchner doziert 
tiefsinnig (bei Tscherning, Unvorgreifl. Bedencken, S. 5): tö C 
lenius est, quam tö K. Ex leniore autem intendimus sonum et 
acuimus. Itaque rede C et K in talibus conjungentur. Vgl. auch 
Ertzschrein, S. 324. — Schottelius konnte unbedenklich tuhn statt 
thun schreiben, das war ja nichts als eine Verschiebung der Buch- 
staben. Aber welche Vermessenheit, daß Zesen den Unterschied 
zwischen «Mittelhauchlaut» und «Langlaut» (d. h. zwischen Vokal 
mehr Dehnungs-ft und verdoppeltem Vokal), den Schottelius in 
die traditionelle Orthographie hineinhörte, aufheben oder gar beide 
«Nebenlaute» verbannen wollte ! — Es muß nachdrücklich betont 
werden, daß für Schottelius die Konsonantenverdoppelung nur zwi- 
schen Vokalen phonetischen Wert hatte; wenn er sie auch im 
Auslaut schrieb, so tat er es nur der Etymologie zu liebe, nicht 
weil er tatsächlich auch hier kurzen Vokal sprach. Denn in einer 
Menge anderer einsilbigen Wörter sprach er auch Kürze, schrieb 
aber den Konsonanten einfach, weil er in den mehrsilbigen For- 
men einfach geschrieben werden mußte. Vgl. Ausf. Arb., S. 343 f. 



156 Kapitel 6. [§ 92. 

Ausländischen nicht so leichtlich etwas Vermischtes haben 
können, als wohl andere mit fremden Völkern grentzende 
Deutschen 1 ; so hiehlt ich ihre Mundahrt, gleich wie die 
alten Griechen ihre Atehnische, billich für eine Haupt- 
mundahrt aller Deutschen, und wehlete sie gleichsam für 
meine Richtschnuhr, nach welcher ich alle andere Deutsche 
Mundahrten bewähre te. Aber hierbei mus ich gleichwohl 
auch nohtwendig erinnern, daß ich unter diese Deutsche 
Hauptmundahrt ebenmäßig dieselbe wil gerechnet haben, 
welche an etlichen örtern in Anhalt und Obersachsen ge- 
breuchlich, als sonderlich zu Konten, welches wohl würdig 
zu marken, zu Wettien, Lebechien, wie auch zu Halle, und 
daherüm in demselben gantzen Striche, da die Hochdeutsche 
spräche, sonderlich unter den Fürnehmen (dan vom ge- 
meinen völklein wil ich es nicht gesagt haben) nach vieler 
Sprachkundiger urteile, wohl zierlicher, lieblicher und reiner 
geredet wird, als zuweilen in Meissen selbsten. 2 Dan was 
Leipzig betrift, alda, weil es eine Kaufstadt ist, in welcher 
vielerhand Sprachen Völker des Kaufhandels wegen zu- 
sammen kommen, ist die Sprache in etlichen stükken 
schon etwas unreiner, als zu Dresden, Meissen und ander- 
wärts.» 

Schon diese Stelle zeigt, daß Zesen wohl zwischen 
den Sprachen verschiedener Stände unterschied. Im Rosen- 
mänd, S. 204, sagt er: «Dan in iedem Lande finden sich 
zweierlei sprachen, eine hohe oder zierliche und eine 
niedrige oder bäurische. Jene ist bei Hofe, unter gelehrten, 



1 Vgl. die 51 erwähnte Bemerkung Ritters über die deut- 
schen Dialekte. 

2 Man sieht, daß Zesen «Meißnisch» in einem weitern Sinn 
nahm als Adelung, der Zesen im Magazin für die Deutsche 
Sprache, II, 1, 16 ff., unter denen anführt, die, ohne selbst 
Meißner oder südliche Obersachsen zu sein, das Hochdeutsche 
mit der gebildeten Sprache des südlichen Kursachsens identifiziert 
hätten. Zesens Sprache trägt das Gepräge seiner nördlichem Her- 
kunft. Er unterschied genau zwischen stimmhaften und stimm- 
losen Geräuschlauten und sprach anlautendes g spirantisch; vgl. 
Rosenmänd, S. 94: «Die Meißner und Obersachsen sprechen auch 
gemeiniglich Jot für Got, und juht für guht aus». Dazu vgl. C. G. 
Franke, Der obersächsische Dialekt (Programm der Realschule 
zu Leisnig 1884), §§ 7 B, 46, 2. 



§ 92. 93.] Von Schottelius bis Gottsched. 157 

unter geschickten und höflichen menschen, und sonderlich 
unter dem Frauenzimmer üblich. Diese aber gehet unter 
dem gemeinen manne, und dem Land-volke im schwänge.» 
Er rühmt die Sprache der vornehmen Damen von Leipzig, 
«weil sie wenig oder wohl gantz nicht, mit fremden oder 
gemeinen Leuten, und dem Land-volke, das daherüm noch 
eine halbe Niedersächsische, grobe spräche redet, umgehen 
und sprechen: und daher die ihrige, so sie aus guten 
büchern und von fürnehmen Leuten, aus täglichen reden 
gelernet, rein und zierlich behalten». 

In der Helikonischen Hechel, S. 110, meint er: «Der 
gemeine man ist gar ein böser Sprachmeister, indem er 
so gern, ja gantz muhtwillig die worte im reden verzwikket, 
damit er nur bald darvon komme.» Man solle die vulgären 
Verstümmelungen in unser (statt unserer oder unsrer) Stadt ; 
ein schön, edel, herrlich und tapfer man; ein schön und 
hübsch ding nicht nachahmen. 1 Gelehrte, die das täten, seien 
«nicht ein haar besser, als das gemeine straßenvölklein, 
als Hans Kratzer und sein geselle». Der Unterschied erstreckt 
sich auch auf das Lautliche. Im Rosenmänd, S. 119, stellt 
er die Aussprache von Wörtern wie stand im Munde der 
«höflichen Leute in Meissen» in Gegensatz zu der groben 
bäurischen des gemeinen Volks, «das es gleichsam, als wan 
schtand geschrieben stünde, mit follem halse heraus 
zischet». 2 

93. Daß die Literatursprache nicht mit der Rede des 
Alltags zusammenfalle, ist ihm, dem Schriftsteller, der so 
manche neue Wörter bildete und sich in den verschiedensten 



1 Ebenso verwirft Tscberning die unflektierten Formen, Un- 
vorgreiffl. Bedencken, S. 26; Buchner läßt sie im Neutrum zu, 
dagegen findet er ein gut (statt guter) tranck «plebejum et ita 
quodammodo sordidum». 

2 Im 10. Schreiben der Bellinschen Sammlung sagt Zesen, 
man könnte wie vor p und t ebenso auch vor l, m, n, r, w statt seh 
einfaches s schreiben, und behauptet, daß «es vielen in Meissen und 
anderen orten, sonderlich dem Leipzischen frauen-zimmer belibet, 
daß sie die obgedachte worte über ohne einiges zischen, gahr gelind' 
und lieblich als mit follem mund' und einem groben laute auszu- 
sprächen pflegen». Dazu vgl. die Bemerkungen Frankes, a.a.O., 
§ 32 d, über den Unterschied der städtischen und der ländlichen 
Aussprache des seh. 



158 Kapitel 6. [§ 93. 94. 

Stilgattungen versuchte, vollkommen klar, aber mit Hoch- 
mut spricht er von denen, «so nicht gebohrne hoch-deutschen 
sein» und die Sprache aus den Büchern lernen müssen, 
wobei sie «die recht-hochdeutsch-gebohrne Bücherschreiber 
von den nidersächsisch-gebohrnen nicht unterscheiden». 1 

Wenn er im Ptosenmänd, S. 200, Musterschriftsteller 
aufzählt, so geschieht dies mit Rücksicht auf den Stil. 
Er nennt Luther, die Reichsabschiede, den Amadis, von 
den neueren Arndt, Buchner, Opitz und die zu Köthen 
erschienenen Bücher. Aber er glaubt an die Möglichkeit 
eines Fortschrittes über Luther und Opitz hinaus (ebenda, 
S. 207). Und was es mit dem Lob der Kanzleisprache auf 
sich hat, lehrt eine Stelle aus dem Brief an Siebenhaar 
(Habichthorst, S. 28) : «Die Schriftverfassung etlicher Kantze- 
leien achte ich sonsten sehr hoch, weil sie gemeiniglich 
von dem fremden Sprachgemänge befreihet, und Reindeutsch 
zu sein pfleget, aber in diesem stükke, da sie bisweilen 
zu sehr von der kurtzbündigkeit abweichet, und mit ge- 
meldten langen gezerren des Läsers verstand hämmet, ja 
oftmahls gantz verwürret, kan ich sie nicht guht heissen.» 2 
94. Analogistische Erwägungen in der Art Buchners 
(vgl 84) und Schotteis sind ihm nicht fremd, aber 
wiederum unterscheidet er sich charakteristisch von Schot- 
telius. Auch er hält -er, -es für die eigentlichen Nominativ- 
endungen des Adjektivs, aber nach dem bestimmten Artikel 



1 Bellinsche Sammlung, Nr. 8, D 5 . 

2 Wie sehr trotz der immer wieder vorgebrachten Lobsprüche 
der Kanzleisprache ihr Ansehen erschüttert war, lehrt eine Äuße- 
rung Habichthorsts, S. 43 f., dem die Angriffe «gegen den toten 
Bellin die Zunge gelöst hatten. Man habe diesen «einer ärger- 
lichen und töhrichten Sprachketzerei beschuldigt, und zwar unter 
andern darum, weil man in den Kantzeleien anders schriebe, als 
der sälige Bellien vorgezeiget : gerade als wan die Kantzleien vor 
andern fähig weren, uns die rechte Schreibahrt zu lehren; da doch 
derselben Schreiber gemeiniglich ungelehrte oder doch solche Leute 
seind, die sich wenig um die gründliche Sprachübung bekümmern, 
auch wohl selbst in ihren Briefen nicht aliein wider die Recht- 
schreibung, sondern auch wider die Rein- und Zierligkeit der 
Sprache selbst, ja wider das zweite Gesetz der fruchtbringenden 
Geselschaft, welches die Sprachenmängerei ernstlich verbeut, gröb- 
lich handeln.» 



§ 94.] Von Schottelius bis Gottsched. 159 

müssen sie durch -e ersetzt werden. Ebenso müssen die 
Wörter auf -er und -lein im Nom. PI. endungslos sein, ob- 
wohl sie «billich das e annähmen und haben solten». 1 

Seinem Reformeifer scheint selbst der Gedanke einer 
Umgestaltung der Aussprache nach etymologischen Grund- 
sätzen nicht zu kühn. Er meinte, man könnte der für die 
Reimtechnik so unbequemen Uneinigkeit der Mundarten ein 
Ende machen, wenn man die richtige etymologische Schrei- 
bung durchführte und ihre Zeichen gleichmäßig ausspräche. 
Er denkt dabei vorzüglich an die e-Laute; man sollte das 
durch sein System geforderte ä immer offen, o immer ge- 
schlossen sprechen. So wie Titz (85, Anm.) beurteilt er 
die Richtigkeit der Aussprache nach innern Gründen, und 
er ist unbefangen genug, zu gestehen, daß hier auch seine 
Meißner nicht immer verteidigt werden können ; so sprächen 
sie nehren, obwohl es mit nahrung zusammenhängt, fälsch- 
lich mit «einem runten e oder £», d. h. geschlossen aus. 
Aber er hält es nicht für an der Zeit, diese Reform der 
Aussprache schon in die Reimtechnik einzuführen: vor- 
läufig sollte man sich «der Meisnischen mund-ahrt und 
aus-sprache, als der im mittel-tüpfel des gantzen hoch- 
deutschlandes üblichen und durch den großen Lutern und 
andere erleuchtete männer am basten aus-gearbeiteten 
spräche billich gebrauchen, und die reime, gleich als die 
schreib-ahrt darnach richten, wie wier in unsern Reim- 
zeigern oder Reim-tafel noch zur zeit auch getahn haben». 2 



1 Bellinsche Sammlung, Nr. 12, G 4 a. Vgl. auch Sprachübung, 
S. 83 f. 

2 Vgl. Helikon 3 , I 3 bff. Teilweise ähnlich schon Helikon 2 , 
S. 41 f. — Bezeichnend für Zesens Wertschätzung der wirklichen 
meißnischen Aussprache ist es, daß er im Ibrahim wie in der 
Adriatischen Rosemund sowohl sähen wie stäken mit ä schreibt, 
das ä von stäken in einem Brief (Bellinsche Sammlung, Nr. 1 0, F3 a) 
durch den Hinweis auf das stahn der Dorfdialekte und des Nieder- 
deutschen rechtfertigt, aber ungefähr zur selben Zeit sich mit Rist 
überwirft, weil er dessen Reim sehn : stehn zensurieren zu müssen 
glaubte; vgl. Gebhardt, S. 49 f. Auch in der Helikonischen 
Hechel, S. 41, tadelt er den Reim von sehen auf stehen. Ebenso 
die Reime geschehen : nehen, in der nähe : gehe ; auch in diesen 
Wörtern hätte der Vokal nach den Prinzipien von 1645 durchaus 
ä geschrieben werden müssen. 



160 Kapitel 6. [§ 95. 96. 

V. Der Kampf um die Sprachnorm. 1 

95. Als Gueintz vom Fürsten Ludwig das Gutachten 
des Schottelius über seine Sprachlehre erhielt, schrieb 
er erbittert eine scharfe Erwiderung nieder (S. 253 ff.). 
Die meisten Vorwürfe, die im Laufe des Streites gegen 
Schottelius erhoben wurden, sind schon hier angedeutet. 
Manche Einwendung seines Gegners hatte Gueintz miß- 
verstanden, aber das erkannte er ganz richtig, daß der 
Kritiker sich in einen prinzipiellen Gegensatz zu dem 
bisherigen Betrieb der deutschen Grammatik stellte. In- 
dem er diesen Gegensatz noch übertrieb, gab er ihm 
den denkbar schärfsten Ausdruck: «Alles nach einer 
Regell machen, ist alles eines haben wollen, das doch 
auch in der Seel der Menschen nicht ist; Alles so wollen, 
wie man es sich einbildet, ist eine Einbildung; Sprachen 
können wir auch nicht machen, sie sindt schon; Aber 
wie man andere so sie nicht können, lehren wolle, darümb 
sind Regeln erdacht. Vnndt wenn es so seyn solte, wie 
man sich will einbilden, oder Neue Urtheiler meinen, so 
müste kein deutscher biß anhero sein gewesen, oder noch 
sein; auch Er selbst nicht: müste auch biß annoch kein 
rechter Brieff sein geschrieben, wenig recht gedrücket, keine 
rechte Red oder Predigt gethan vnndt vorgetragen sein 
worden.» 

96. Im Jahr 1641 traten die Grammatiken der beiden 
Rivalen ans Licht, im selben Jahr wurde Gueintz, im 
folgenden Schottelius in die Fruchtbringende Gesellschaft 
aufgenommen. Am 31. Oktober 1642 schreibt der Fürst 
an Hille (S. 43), er habe Schotteis Sprachkunst durch- 
gelesen und behalte sich vor, dem Verfasser einige Be- 
denken mitzuteilen. Schon fünf Tage später antwortet Hille 
(S 193f.), Schottelius werde ohne Ludwigs Rat und Gut- 
befinden nichts mehr drucken lassen; zugleich sendet er 
eine kleine Denkschrift Schotteis ein, in der dieser eine 
auf die Grammatik gegründete Darstellung der deutschen 



1 Hauptquelle ist «Der Fruchtbringenden Gesellschaft ältester 
Ertzschrein», nach dessen Seiten ohne weitern Beisatz in diesem 
Abschnitt zitiert wird. Nicht alle Briefe sind erhalten. Leider 
fehlt uns vollständig die Korrespondenz Harsdörfers mit Schotte- 
lius, die mit Sicherheit vorauszusetzen ist. 



§ 96. 97.] Von Schottelius bis Gottsched. 161 

Prosodie anregt (S. 281). Ludwig macht darauf einen Ent- 
wurf (S. 301 ff.). Dabei betont er im Eingang, vor allem 
sei eine Einigung in der Grammatik und insbesondere in 
der Orthographie nötig, und stellt eine schriftliche oder 
mündliche Auseinandersetzung mit Schottelius in Aussicht. 
Und er nimmt gleich jetzt Gelegenheit, gegen eine Lieblings- 
these Schotteis, die Einsilbigkeit der Imperative, auf- 
zutreten (S. 3031). 

Das fürstliche Gutachten scheint auf Schottelius keinen 
besonderen Eindruck gemacht zu haben. Denn der einzige 
Punkt, in dem seine «Doctrina quantitatum» (S. 382 ff.) mit 
Ludwigs Anregungen zusammentrifft, die Bestimmung der 
Quantität nach dem grammatischen Werte der Silben, liegt 
in der Linie seiner selbsteigensten Gedanken. Diese 
Doctrina quantitatum, die er am 10. Januar 1643 nieder- 
schrieb, sandte er mit einem Gutachten Rists vom 16. Fe- 
bruar an den Fürsten. 

Am 27. März setzte Ludwig seinerseits ein Gutachten 
auf (S. 289 ff.) und am folgenden Tage schickte er alle 
Schriftstücke an Gueintz, indem er zum bessern Verständ- 
nis Schotteis Sprachkunst beilegte (S. 259). Er wollte 
Gueintzens und Buchners Meinung hören und forderte 
Gueintz zu einer persönlichen Besprechung auf über die 
Punkte, die er in Schotteis Buch angestrichen hatte. 
In seiner Antwort vom 29. März (S. 260) fällt Gueintz 
ein scharfes Urteil über die «Sprachkunst», die er erst 
jetzt zu Gesicht bekommen zu haben scheint. «Eygensinn 
und vorurtheill hemmet viel gutes, verdirbt das meiste; 
die Warheit vnd derer gründe, mit der ErfahrungsProbe 
muß den Außschlag geben, Gewiß man soll nicht leicht 
von dem, waß die weit durch gebrauch beliebet, absetzen, 
damit man einmahl gewiß verbleibe.» 

97. Der Wunsch des Fürsten nach einer Einigung in 
der Rechtschreibung wurde durch ein neues Vorkommnis 
bestärkt. Der Nürnberger Patrizier Georg Philipp Hars- 
dörfer (1607—1658) war seit dem Herbst 1641 zu der 
Gesellschaft in Beziehung getreten und im März 1642 als 
Mitglied aufgenommen worden. In seinem Brief vom 
26. November 1641 (S. 309) versprach er, sich in seinen 
künftigen Schriften nach der ihm zugeschickten Sprachlehre, 
d. h. nach der Grammatik von Gueintz, zu richten. Aber 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 11 



162 Kapitel 6. [§ 97. 

schon am 8. Juni 1642 (S. 314) meldet er, daß Schotteis 
Sprachkunst in Nürnberg mit großen Freuden aufgenommen 
worden sei, worauf Ludwig unterm 7. Dezember (S. 315) 
mit einem allgemein gehaltenen Lob Schotteis antwortet. 
Am 19. April 1643 übersandte nun Harsdörfer den dritten 
Teil seiner Gesprächspiele, die als Nr. 145 einen kurzen 
Entwurf der Rechtschreibung enthalten. Die zweite Regel 
lautet: «Die eigentlichen Buchstaben der Wörter werden 
entweder von jhren Stammen, oder von derselben richtiger 
Außsprache erlernet», und in der Schlußregel 21 meint 
Harsdörfer : «Solchergestalt kan mit viel mehrern die sichere 
Gewißheit in unserer Sprache am rechten Ende außgesucht, 
und der beliebte Mißbrauch (welchem fast die Meister- 
schaft zugemessen werden wil) entdeket, almächlich auß- 
geschaffet, der rechte Gebrauch (von welchem ohne gute 
Vrsachen nicht abzutretten ist) bestettiget, die liebliche 
Volkommenheit und Wollaut unserer Sprache Grundrichtig 
erhalten, und die Außländer zu Erlernung derselben auf- 
gemuntert worden.» Damit ist natürlich der Gebrauch als 
Erkenntnisquelle ausgeschaltet. Denn entweder deckt er 
sich mit den Regeln, dann genügen diese; oder er weicht 
ab, dann ist er Mißbrauch und ohne Autorität. Es ist klar, 
daß hier Schottelscher Geist weht, und noch deutlicher 
zeigt dies die vierte Regel, in der gelehrt wird, daß der 
Imperativ das Stammwort sei und nicht auf -e ausgehen 
solle. Aber Harsdörfer geht über Schotteis Sprachkunst 
hinaus, indem er clc durchaus durch Je ersetzt, in der Theorie 
(Regel 15) wie in der Praxis. In dem Brief, der die Sen- 
dung der Gesprächspiele an den Fürsten begleitete, be- 
merkte Harsdörfer, in der Orthographie sei noch vieles 
unsicher, auch Schottelius habe teilweise seine Ansichten 
geändert. «Solte aber bey bevor Hochermelter Geselschaft 
deswegen etwas verglichen werden, bittet der Spielende 
(d. i. Harsdörfer), zu fernener nachrichtung umb desselben 
ertheilung» (S. 316). 

Dem orthographischen Ketzer blieb die Zensur von 
Gesellschaftswegen nicht erspart. Erhalten ist uns nur Hars- 
dörfers Verteidigung vom 20. September (S. 319 ff.). Er 
stützt sich hauptsächlich auf Schotteis Sprachkunst, «der- 
gleichen Buch, seines Wissens, noch nicht an tag kommen 
ist». Außerdem beruft er sich als auf einen Bundesgenossen 



§ 97.] Von Schottelius bis Gottsched. 163 

schon, auf Zesen, dessen Sprachübung im selben Jahre 
erschienen war. 1 Übrigens erbietet er sich wieder höflich 
Belehrung anzunehmen und meint, auch Schottelius sollten 
die «Erinnerungen» zur Benutzung für die zweite Auflage 
der Sprachkunst mitgeteilt werden. Die «Erinnerungen» Lud- 
wigs ließen nicht lange auf sich warten (S. 324 ff. ; der Begleit- 
brief dazu ist Nr. 13, S. 327). Ludwig geht teilweise um 
die wirklichen Streitpunkte herum, zum Teil tritt aber wirk- 
lich ein Gegensatz zu Schottelius hervor. Ludwig will die 
Konsonantenverdopplung vor einem andern Konsonanten 
(beharrlich) nicht zugeben, entgegen Schotteis Satz von 
der Integrität der Stammwörter. Auch der Gegensatz der 
Mundarten macht sich geltend. Man hatte Harsdörfer das tt 
in Vatterland beanstandet. Er erwidert: «Wir Franken sagen 
Vatter, und solle in dieser Stadt kein Setzer zu finden seyn 
der Vater setzen würde», worauf Ludwig repliziert: «Vater- 
land wird darumb so geschrieben, weil es die gemeine 
ausrede und ihre billigkeit also giebet, Vatter zu hart ist.» 
Ganz geschickt hebt darum Harsdörfer in seiner Antwort 
vom 24. November (S. 328) die Hauptfragen hervor, 
die zur endgültigen «Verabschiedung» kommen müßten: 
«1. Welche unter allen Teutschen mundarten die natur- 
mäßige, reinlichste und zierlichste sey? 2. Ob die Stamm- 
wörter in den abwandelungen, Dopplungen und ableitungen 
iedesmal gantz, unzers tücket und unverändert richtiglich 
zu behalten?» 



1 Harsdörfer und Zesen hatten unabhängig voneinander ähn- 
liche orthographische Reformen vorgeschlagen, insbesondere trafen 
sie zusammen in der Verwerfung des ck und des ph. Harsdörfer 
hat bei Abfassung des 145. Gesprächspiels die «Sprachübung» 
sicher nicht gekannt; da er mit Zitaten nicht spart, ist kein Grund 
abzusehen, warum er den Namen des willkommenen Bundesgenos- 
sen verschwiegen' haben sollte. Zesens Büchlein wäre sogar später 
herausgekommen als die Gesprächspiele, wenn Dissel, Philipp von 
Zesen, S. 13, mit seiner Behauptung recht hätte, daß die «Sprach- 
übung» nach dem 1. Mai, als dem Gründungstag der Deutsch- 
gesinnten Genossenschaft, erschienen sei. Das ist jedoch bei den 
starken Bedenken, die gegen die Wahrheit der Gründungsgeschichte 
vorliegen, nicht zu beweisen. Sicher ist nur, daß Zesens Schrift 
nach dem 10. Februar ausgegeben wurde; von diesem Tag ist 
ein Widmungsgedicht datiert. 

11* 



164 Kapitel 6. [§ 97. 98 

Inzwischen hatte Ludwig Anstalt getroffen, ~ctm diese 
«Verabschiedung» zu beschleunigen. Am 16. Oktober, zwei 
Tage nachdem er die Replik auf Harsdörfers Verteidigung 
abgeschickt hatte, mahnt er Gueintz, endlich das Gut- 
achten über Schotteis Prosodie einzusenden, hebt hervor, 
daß «das werck auf eine richtige deutsche Wortschreibung 
zugleich mit auslaufen wil», schickt Bücher, die im 
laufenden Jahr in Köthen «mit zimlicher wortschreibung» 
gedruckt worden waren, und fordert Gueintz zu einer Be- 
sprechung auf (S. 261). Am 20. Oktober antwortet Gueintz, 
daß die Rechtschreibung schon fertig sei und ins reine ge- 
schrieben werde (S. 262), im Januar 1644 hat Ludwig 
schon einen Teil des Manuskripts erhalten und mit einigen 
Gesellschaftern durchgesehen. 

98. Nun entspann sich ein etwas gereizter Briefwechsel 
zwischen Ludwig und seinem Leibgrammaticus. Soweit er 
sich um die Frage dreht, ob das Deutsche gleich nach 
dem Turmbau von Babel aufgekommen und älter als das 
Lateinische sei, wird er hier nicht berücksichtigt. Gueintz 
zeigt sich da nüchterner als der im Glauben an die Fabe- 
leien Aventins befangene Fürst. Im übrigen ist Gueintz 
ein arger Pedant 1 und von abergläubischer Verehrung für 
die Tradition der lateinischen Grammatik erfüllt 2 , aber er 
war vom Handwerk und dadurch dem Fürsten überlegen, 



1 Er will einen Unterschied festhalten «unter dem Schreiben 
der Erfahrnen, vnd unter denen, so nach ihrem Düncken vnd 
redarten, wie daß Frawen Zimmer pflegt, etwas sagen». Dieser 
Unterschied scheint ihm durch eine phonetische Schreibung be- 
droht (S. 263). 

2 S. 263 schreibt Gueintz, es sei bekannt, «daß die andern 
Sprachen durch die Gelehrten in richtigkeit gebracht, die deutsche 
noch zu bringen». H. Rückert, Geschichte der Nhd. Schrift- 
sprache, II, S. 287 ff., 348 f., hat diese Worte mißverstanden, 
weil er «richtig» im heutigen Sinn nahm. Gueintz meint ein- 
fach, die andern Sprachen seien früher als die deutsche in Regeln 
gefaßt, grammatisch bearbeitet worden. In ihrem Zusammenhang 
bedeutet die Stelle, daß es nicht rätlich sei, von der gramma- 
tischen Tradition abzuweichen. Noch Gottsched gebraucht «rich- 
tig» im Sinn von «regelmäßig»; die «unrichtigen» Zeitwörter sind 
nicht falsch, sondern unregelmäßig. Der Gedanke, die Sprache 
regelmäßig zu machen, läuft Gueintzens Ansichten schnurstracks 
entgegen. 



§ 98.] Von Schottelius bis Gottsched. 165 

dessen inkonsequenter Dilettantismus in das hellste Licht 
tritt. Aus der Antwort Gueintzens (S. 263 ff.) auf die im 
Briefe Ludwigs vom 27. Januar 1644 (S. 262) erwähnten, 
für uns verlorenen Bemerkungen scheint hervorzugehen, 
daß Gueintz die stammhaften Bestandteile überall gleich 
bezeichnen wollte; trotz seiner Abneigung gegen Schottelius 
mußte ihm als Fachmann die Konsequenz des Verfahrens 
einleuchten. Demgegenüber hatte sich Ludwig auf den pho- 
netischen Standpunkt gestellt : man solle nur die Buchstaben 
schreiben, die man spreche. Als nun Gueintz mit der 
Folgerung kommt, dann brauchte man auch nicht v neben /, 
y neben i, x neben gs, j neben g, da antwortet Ludwig 
unwirsch (S. 265): «Wo fehler im aussprechen sind, sollen 
sie die gelehrten weisen und bessern, auch nicht verhehlen, 
sonsten behielten sie die Kunst alleine im Kopfe.» Ja, 
wie wollte denn der Fürst v und /, y und i (es handelt 
sich nur um die Diphthonge ey, ei) x und gs in der Aus- 
sprache unterscheiden? In der Frage der Konsonanten- 
gemination ist er inkonsequent. Im Auslaut will er sie 
als Bezeichnung des Ursprungs zulassen, aber nicht im 
Inlaut, «da der Ursprung aus dem verstände doch ohne das 
leichte kan genommen werden», d. h., man sollte etwa 
Gott, aber götlich schreiben. Nun zieht sich Gueintz auf 
den Gebrauch zurück: «Unterdeß, daß mich fast zurück 
helt, vnd behutsam zu verfahren anmahnet ist: wan fast 
alles im schreiben solte geendert werden, würde man den 
alten vorschreiben müßen, wie sie heften schreiben vnd 
reden sollen, da wir doch schreiben, reden vnd anders 
von ihnen erlernt» (S. 268). Aber Ludwig läßt in seinem 
Reformeifer keine Autorität gelten, selbst die der Lutherbibel 
nicht. In ihr finde man viele Druck- und Sprachfehler, 
so heiße es in den Zehn Geboten du solt statt du, solst 
(S. 269), Wir werden ihn bald anders reden hören. 

Diese Streitigkeiten fallen alle in die ersten drei Monate 
des Jahres 1644. Die Arbeit an der Orthographie dauerte 
aber das ganze Jahr über. Erst am 31. Dezember scheint 
Gueintz das von ihm für druckfertig gehaltene Manuskript 
nach Köthen geschickt zu haben (S. 270). Auch jetzt wurde 
über den Text noch beraten. Wir erfahren aus einem 
Briefe Dietrichs von dem Werder, daß kurz vor dem 
20. April 1645 bei einer Zusammenkunft vieler Gesellschafter 



166 Kapitel 6. [§ 98. 

über eine orthographische Frage disputiert wurde (S. 173, 
vgl. auch S. 271, Nr. 21). 

Inzwischen hatte nicht nur Harsdörfer bei Über- 
sendung des vierten Teils der Gesprechspiele etwas 
spitzig an den Fürsten geschrieben (S. 330, ddo. 26. April 
1644): da die Feststellung der Orthographie noch nicht 
erfolgt sei, so habe er «inzwischen sich nicht unterfangen 
wollen, einer unbekanten Mundart nachzuahmen, oder selbe 
mit der seinen zu vermischen», sondern es hatte auch Schot- 
telius vor der Öffentlichkeit das Wort ergriffen. In der 
Vorrede seiner Verskunst 1 (C 8 ) tut er dem teutsch- 
liebenden Leser kund, daß die Orthographie «nach An- 
weisung der unfehlbaren Einsilbigen Gründen unserer Mutter- 
sprache» beobachtet worden sei. In der Schreibung herrsche 
Uneinigkeit. Einige hielten es mit dem «beliebten Gesetz- 
losen, und nach eines jeden Einfällen geordneten Gebrauch», 
, andere mit der Aussprache. Er steht auf Seite derer, die 
«für eine untriegliche Anleitung und Richtschnur, die grund- 
feste, richtige, durchgehende, Einsilbige Theilung aller 
Teutschen Wörter und Silben» halten. Man möge nicht 
vorschnell abfällig urteilen, sondern erst «vernehmen, was 
vor grundmeßiger behaubtung dieser Richtigkeit (welche 
durchgehend, lieblich, und eine Uhrsache sein kann, alle 
dem zweifelhaften Wesen und ungewisser Deuteley ab- 
zuhelfen), gelahrte Teutschliebende Männer in kurtzen 
öffentlich hervorgeben und beweisen werden». 

Das klang wie eine Herausforderung. Entweder meinte 
Schottelius mit den gelahrten Teutschliebenden Männern 
die Fruchtbringende Gesellschaft, dann war ihrer Entschei- 
dung ungebührlich präjudiziert; oder er meinte sie nicht, 
dann war ihre Autorität verworfen und alles, was sie ab- 
weichend von Schotteis Meinung feststellen würde, von 
vornherein mit dem Ekelnamen der Deutelei belegt. Dazu 



1 Schottelius sandte am 4. Februar 1645 die Verskunst an 
Ludwig (S. 295). Am 21. Februar schrieb Ludwig an Hille, er 
habe das Buch erhalten, gelesen hatte er es noch nicht (S. 202). 
Hille scheint aus dem Brief den Vorwurf herausgehört zu haben, 
daß das Buch nicht vor dem Druck vorgelegt wurde (S. 203). 
Am 17. März bemerkt der Fürst in einem Brief an Polhelm (S. 49), 
in Schotteis Werk sei «zwar viel gutes dinges doch auch noch 
etwas mangel drinnen». 



§ 98. 99.] Von Schottelius bis Gottsched. 167 

kam, daß Zesen mit seiner erzketzerischen Orthographie 
hervortrat. Am 4. Mai schickte Ludwig Gueintz das von 
den Gesellschaftern verbesserte Manuskript zurück, trug 
ihm auf, es noch einem Gesellschafter zur Durchsicht zu 
geben, und erklärte die baldige Drucklegung für wünschens- 
wert unter anderm, weil «nicht alleine vom Spielenden 
und Clajo in Nürnberg und dan von dem Suchenden zu 
Braunschweig unterschiedene Neue und sich übel schickende 
Schreibarten wollen aufgebracht, sondern auch vornemlich 
noch eine fremdere und ungewöhnlichere von Zäsio ein- 
gefüret werden, wie aus seiner Verdeutschung des Ibrahims 
Bassa und der Bestendigen Isabellen wundergeschichte in 
diesem Jhare zu Amsterdam gedruckt, zu ersehen». Zu- 
gleich wird eine nochmalige Unterredung verlangt, für die 
schließlich der 12. Mai bestimmt wird (S. 271, 273). 

99. Im Spätsommer 1645 erschien endlich «Die Deut- 
sche Rechtschreibung, Auf sonderbares gut befinden 
Durch den Ordnenden verfasset, Von der Fruchtbringenden 
Geselschaft übersehen, und zur nachricht an den tag ge- 
geben». 1 Sechs Siebentel des Buchs werden von einem 
Wörterverzeichnis eingenommen; es enthält beinahe nur 
Homonyme oder Homoionyme. Gueintz hebt auch aus- 
drücklich hervor, daß das Schreiben einen Vorzug vor dem 
Reden habe «wegen der vielfältigen Wörter, die einen zwie- 
fachen und zweifelhaftigen der rede nach, aber einen 
richtigen und deutlichen verstand geben, wan sie ge- 
schrieben werden». 2 

Der eigentliche Text trägt deutlich die Spuren seiner 
Entstehung. So manche Bemerkung, die eigentlich mit der 
Orthographie nichts zu tun hat, ist aufgenommen, weil ihr 
Inhalt Gegenstand des Streits in der Fruchtbringenden Ge- 
sellschaft gewesen war. 



1 Ich zitiere nach der zweiten Auflage von 1666. 

2 Bl. ) ( 3 a. — Will man diese Anschauung gerecht beurteilen, 
so muß man bedenken, wie viele Laute in den mitteldeutschen 
Dialekten zusammengefallen waren: gerundete und nicht gerundete 
Vokale, stimmhafte und stimmlose Geräuschlaute, teilweise auch 
; und g. Daß die Schrift die alten Unterschiede fortführte, mußte 
dem nicht historisch geschulten Geist unter den Gesichtspunkt der 
Homonymenunterscheidung fallen. 



168 Kapitel 6. [§ 99. 

Den Weisungen Ludwigs hat sich Gueintz zum Teil 
gefügt, Konsonantengemination vor Konsonant wird im all- 
gemeinen verworfen, dagegen im Auslaut zugelassen. Aber 
sie wird auch im Inlaut gefordert, wenn durch sie eine 
Unterscheidung von Homonymen zustande kommt: lasst = 
lasset, aber last «onus». Und es findet sich die Bemerkung, 
es sei unmöglich, daß kein Buchstabe «solte müßig seyn, 
oder ruhen» 1 , was doch eben so sehr Ludwigs anfänglichem 
phonetischen Radikalismus zuwiderläuft, wie Harsdörfers 
siebenter Regel im 145. Gesprächspiel, gegen welche d>r 
Satz zunächst gerichtet ist. 2 / 

Die Befehdung Harsdörfers und Schotteis ist aUent- 
halben deutlich. Jenem hatte Ludwig in einem Brief vom 
24. Januar 1645 (St 334) die Form der N ehrende' vor- 
gerückt und eine Regel mitgeteilt für die Behandlung des 
-er nach dem Artikel, die sich auch gegen die Schotteischen 
Pluralformen wie Mörder e kehrt. Diese Regel, die von 
Dietrich von dem Werder herrührt, ist mit ihrer wunder- 
lichen Zusammenkopplung von Substantiv- und. Adjektiv- 
formen zum Teil wörtlich in die Rechtschreibung über- 
gegangen, in die sie doch gar nicht gehört. 3 Die Lehre, daß 
der Imperativ das Stammwort sei, wird S. 20 ausführlich 
bekämpft, und im Wörterbuch, an wenig passender Stelle, 
die Berechtigung einsilbiger Imperativformen, so weit es 
nur möglich war, eingeschränkt. 4 Namentlich die «Stamm- 



1 Unter literae quiescentes verstand die hebräische Grammatik 
Buchstaben, die nicht gesprochen wurden. / 

2 Harsdörfers Regel lautet: «Alle Buchstaben sollen deutlich 
und vernemlich geschrieben und außgesprochen werden, und der- 
selben keiner müssig seyn oder ruhen». Die Rechtschreibung 
lehrt S. 11: «Alle Buchstaben sollen deutlich geschrieben, und 
vernehmlich ausgesprochen werden». Darauf folgt die oben zitierte 
Einschränkung. 

3 Gueintz rettet sein grammatisches Gewissen durch den Ein- 
schub des Satzes «dieses aber gehöret auch zu der Sprachlehre». 

4 S. v. Axt wird nämlich gelehrt, daß das «kurtzeste» e am 
Ende «bisweilen gar gelinde und geschwinde ausgeredet und ge- 
lesen wird». So z. B. in axt für axte, «welches den in der gebie- 
tungsweise des Zeitworts auch oftmals anzumercken, als birg dein 
antlitz nicht für mir, an stat birge; Treib für treibe, und dergleichen, 
doch so man das e in reimen darbey lassen kan, ist es besser 
und zierlicher, es folgete den der seiblaut drauf». 



§ 99.] Von Schottelius bis Gottsched. 169 

Wörter» sind für Gueintz das rote Tuch. Er ist in seiner 
Polemik unverständig und zugleich unverständlich für den 
Leser, der nicht anderswoher wußte, gegen wen da los- 
gezogen wurde. 1 

Aber von der Gegenpartei, der man Eigendünkel vor-, 
warf 2 und deren Führer die niedersächsische Herkunft vor- 
gerückt wurde 3 , hatte man doch auch mancherlei gelernt. 
Namentlich, daß man sich über die Prinzipien klar werden 
mußte, wenn man ein Lehrgebäude der Orthographie auf- 
richten wollte. Es ist nur eine, durch die Tendenz der 
«Rechtschreibung» geforderte Erweiterung der zweiten Hars- 
dörferschen Regel (vgl. oben 97), was den eigentlichen Vor- 
schriften vorangestellt wird (S. 7): «Schliessen demnach 
mit wenigen von der Recht-schreibung, davon wir anietzo 
etwas handeln wollen, das zum 1. zu sehen auf den Ur- 
sprung und Stamm des Wortes, woher dasselbe der Ver- 
mutung nach entstanden. Dan fürs 2. auf die Aus- 
sprechung desselben. Welchen dan zum 3. die Gewon- 
heit, folgen sol und wil, wo sich nicht gegen jene beyde 



1 «Es kan zwar einem ieden alles nicht gefallen, weil auch 
einem andern nicht alles gefället. Unter andern aber kommet 
anfänglich zu bedencken für, ob man sich nach den Stamwörtern, 
so noch nicht alle erfunden, nicht alle beliebet, in allen zurichten 
habe? Seyn müssen sie, aber welche, und wieviel, können auch 
andere sprachen, die schon gleichsam von anfang der Welt gefasset, 
für gantz gewis nicht ausgeben, weil in 'allen nur ein mutmassen, 
und das meinen das fürnehmeste scheinet» (S. 3 f.). Als ob man 
zur Durchführung der orthographischen Forderungen Schotteis 
tiefsinnige etymologische Forschungen brauchte! 

2 «Es mögen andere, derer geist alles genauer suchen wil, 
das jenige, was ihnen gewisse bewehrte gründe, so sie erforschet, 
weisen, lehren: hier ist auf der Sprache kündigsten vernünftiges 
gutachten, darbey billich und fürnemlich mit zu sehen, alles ge- 
setzet.» Widmung, Bl. 5 a. 

3 «Andere mögen es zwar von andern herziehen (nämlich 
als von Luther und den Reichsabschieden) : aber es ist alt, nicht 
mehr üblich, nicht verständlich. Wie dan auch derenthalben das 
alte Sachsen Recht von den ietzigen Rechtsgelärten erkleret wor- 
den, das gleich wie viel arten zu reden, also uns auch viel Wörter 
gantz unbekant und undeutsch deuchten» (S. 5 f.). «Und wan wir 
so reden wolten und schreiben, wie die alten Sachsen, so weren 
wir nicht die ietzigen zierliche hoch Deutschen» (S. 8). 



170 Kapitel 6. [§ 99. 

wiedrigkeit, oder etwas ungereimtes findet.» Durch die 
Voranstellung der Prinzipien nimmt die «Rechtschreibung» 
einen hervorstechenden Platz in der Entwicklung der ortho- 
graphischen Systematik ein. Vgl. Kap. II. 1 

Wie nun aber die drei Prinzipien sich zueinander ver- 
halten, das hatte man nicht genügend durchdacht. Gegen den 
Gebrauch, der den Regeln nicht zuwiderlief, hatte ja auch 
Harsdörfer nichts einzuwenden; von diesem guten Gebrauch 
sollte man ja ohne gute Ursachen nicht abweichen. Die 
Rechtschreibung, die so großes Gewicht auf die Ge- 
wohnheit legt, hätte doch hier sagen müssen, in welchen 
Fällen der Gebrauch die einzige Erkenntnisquelle für die 
richtige Schreibung sei. Auch die einleitenden Bemerkungen 
mit ihrem Lob Luthers . und der Reichsabschiede sagen 
nichts darüber: «Also hat man bis anhero in der meinung 
gelebet, das die Deutsche spräche von Luthero rein ge- 
redet, fast wolgesehrieben, und das sie in Reichs Ab- 
schieden am besten in acht genommen worden» (S. 4). 
«Lutherus ist billich der Deutschen spräche in Kirchen 
Sachen Urheber, die Reichs Abschiede in Weltlichen dingen 
die Haubtbücher, Wie wol bey beyden, weil sie von eintzelen 
Personen aufgesetzet, auch zu der Zeit, so wol als ietzo, 
die Schreiber und Drucker oftmahls gefehlet, noch viel 
erinnerungen, was die Rechtschreibung betrifft, zu thun 
seind» (S. 5). Ist man überhaupt befugt, an der Schreibung 
Luthers und der Abschiede Kritik zu üben, inwiefern kann 
sie dann als Norm gelten? Und wie, wenn Luther und die 
Abschiede einander widersprachen? Ferner: im Wörter- 
verzeichnis werden sehr oft Belege aus der Lutherbibel 
angeführt; aber welche Ausgabe als maßgebend zu be- 
trachten sei, das hat Gueintz verschwiegen. Und doch 
hätte er wissen müssen, daß die Orthographie fortwährend 



1 Bei Harsdörfer ist übrigens die Verbindung der einzelnen 
Lehrsätze viel besser. Regel 1 definiert die Rechtschreibung; 
sie bestehe «in dem, daß ein jedes Wort mit seinen eigentlichen 
Buchstaben, und mit derselben keinem zu wenig oder zu viel ver- 
fasset werde». Daran anknüpfend erklärt Regel 2, woher die 
eigentlichen Buchstaben gelernt werden. Bei Gueintz steht die 
Definition der Rechtschreibung, die beinahe wörtlich mit der Hars- 
dörfers übereinstimmt, abgetrennt von der Erörterung der Prin- 
zipien an einer etwas späteren Stelle. 



§ 99.] Von Schottelius bis Gottsched. 171 

verändert wurde. Dazu kommt noch folgendes : S. 25 heißt 
es, «das diese rechtschreibung meistentheils nach dieser 
mundart in den Ober-Sächsischen, Meisnischen, Magde- 
burgischen und Anhaltischen Ländern, wie sie an Chur- 
und Fürstlichen Höfen, auch in etzlichen fürnemen, und 
wegen ihrer lieblichen ausrede berühmeten städten gebräuch- 
lich, eingerichtet worden». Hier drängt sich wieder die 
Frage auf: wie verhält sich diese Norm zu der Schreibung 
Luthers und der Abschiede? Auch in der Orthographie 
kann man nicht zweien Herren dienen. 

Die Bemerkung auf S. 25 kommt der Wahrheit näher . 
als die Berufung auf die Autorität Luthers. 1 Die Recht- 
schreibung stellt einfach dar, was die Herren von der 
Fruchtbringenden Gesellschaft für richtig hielten oder, wie 
es Gueintz schwülstiger ausdrückt: «hier ist auf der Sprache 
kündigsten vernünftiges gutachten, darbey billich und für- 
nehmlich mit zu sehen, alles gesetzet». 

Immerhin kann man das Buch als einen Versuch, Ein- 
heitlichkeit herbeizuführen, gelten lassen. Aber ungebühr- 
lich ist die Anmaßung dieser der rationalisierenden Rich- 
tung Schotteis so feindlichen Schrift, ihre einzelnen Ent- 
scheidungen auch vernünftig zu begründen. Widersprüche x 
sind zahlreich. 2 Und vollends unleidlich wird sie, wenn 



1 Gegen den Gebrauch der Bibel von 1545 verlangt Gueinlz ü 
in lügen, Würde, würdig-, ö in Löwe, zwölf; während e in Helle, 
schwehren bleibt. In der Anwendung der Dehnungszeichen herrscht 
teilweise auch in den alten Bibelausgaben Schwanken, ä haben 
die alten Drucke überhaupt nicht. Dazu kommen die regelmäßigen 
und sicher bewußten Abweichungen: die Trennung von u — v, w; 
von i — /; die Verwerfung des mb. Ausdrücklich wird der Ge- 
brauch der Majuskeln für alle Substantiva in der Deutschen Bibel * 
konstatiert, aber als nicht verbindlich bezeichnet. 

2 Da wird breit bewiesen, warum es nicht nötig sei, die Länge 
durch h zu bezeichnen, «ausser da es der unterscheid oder das 
stamwort erfodert». Natürlich: Harsdörfer hatte in seiner Regel 9 
die harmlose Bemerkung gemacht: «Die langen werden vielmals 
mit dem Buchstaben h bemerkt». Aber wann das Stammwort es 

«erfodert», wird nicht verraten. Und S. 78 heißt es «Rahme 

mit dem' e und langen a, und wird darum am besten mit dem h 
in der mitte geschrieben». S. 85: Jahr werde von einigen mit aa 
geschrieben, «weil aber das h andeutet, das die sylbe lang sey, 
so ist es besser mit dem A». S. 119: «Saat mit dem gedoppelten 



172 Kapitel 6. [§ 99. 100. 

sie ihren phonetischen Unsinn nicht ohne gelehrte Ver- 
brämung zur Schau stellt. 1 

Der Gehalt der Regeln ist viel dürftiger als in der 
drei Jahre früher erschienenen Orthographie Bellins (108), 
die doch auch nur den Gebrauch darstellen wollte. Die 
Vorliebe Gueintzens für die Dichotomie kommt auch in 
diesem Buch zum Ausdruck. 

Eine gewisse Verbreitung muß die Rechtschreibung 
gehabt haben, denn sie wurde 1666 und 1684 wieder auf- 
gelegt. 

100. Am 17. August schrieb Harsdörfer an Ludwig, 
viele nähmen an der Fruchttragenden «unterschiedlichen 
Schreibarten» Ärgernis. Um dem abzuhelfen sei Schottelius 
bereit, vor Wiederauflegung seiner Sprachkunst mit Gueintz 
oder andern Sachverständigen über die Streitpunkte zu 
verhandeln. Die Streitschriften sollten dann einem Aus- 
schuß vorgelegt werden und Ludwig die endgültige Ent- 
scheidung fällen. Dabei kann er sich aber die Bemerkung 
nicht versagen, daß in Nürnberg und Ulm die meisten 
Gelehrten Schotteis Sprachkunst in der Hauptsache für 



aa, weil es lang ist». Fortwährend sollen ähnliche Worte 
in der Schrift unterschieden werden, aber dann wird in einer be- 
sondern Regel gelehrt, daß das, sei es nun Pronomen oder Kon- 
junktion, immer mit einfachem s geschrieben werden solle: «Dan 
der Verstand in der rede an sich selbsten gibet, was das Wort 
eigentlich bedeutet, man auch aus der rede nicht vernehmen kan, 
was es für ein s sei». In der Konjunktion den zwei n zu schrei- 
ben, sei unnötig, weil man sie nicht ausspreche. S. v. bescheren 
wird gesagt, daß es in allen Sprachen gleichgeschriebene Homo- 
nyma gebe, «weil in allen sprachen mehr dinge, als Wörter sind». 
Als ob man die beiden bescheren nicht durch Einführung eines 
Dehnungszeichens hätte unterscheiden können! 

1 «C wird niemals im Deutschen in der mitte oder am ende 
ohne h oder h gebrauchet. Weil es zu scharff, und wieder der 
Sprachen liebligkeit» (S. 17). «Z wird niemals am ende ohne C 
gebrauchet, auch niemals gedoppelt. Um der Ursache willen, 
weil es etwas zu schwer im aussprechen; und doch nichts anders 
als ein C im Lateinischen ist, wie aus dem Griechischen zu 
sehen» (S. 18). «Das Z wird fast niemals ohne ein t in der mitten 
und am ende gebrauchet. Dan maus sonst nicht leichtlichen aus- 
sprechen könte» (S. 18). 



§ 100.] Von Schottelius bis Gottsched. 173 

richtig hielten, dem Ordnenden (Gueintz) dagegen niemand 
beipflichten wolle (S. 341). 

Am 19. September beantwortet Ludwig den Brief. Er 
übersendet zugleich die Rechtschreibung, «wie sie, 
dieser örter Mundart nach, eingerichtet». Er spricht die 
Zuversicht aus, daß Schottelius sich ihr anbequemen werde. 
Wolle Schottelius über einen oder andern Punkt der Sprach- 
lehre mit Gueintz in Briefwechsel treten, so sei ers zu- 
frieden. Mit geringer Sach- und Menschenkenntnis fügt 
er hinzu, er glaube, «die sache sey nicht weitleuftig, und 
beruhe vornemlich in samlung der Stamwörter, wan die 
vorhanden, wird sich der ausschlag leichtlich finden und 
dan die Sprachlehre und Rechtschreibung volkömlicher 
können eingerichtet werden» (S. 343f.). 

Vier Tage später schickte Ludwig das Buch an 
Schottelius mit einem Brief ähnlichen Inhalts (S. 296). 
Schottelius erklärte darauf am 7. Oktober sich bereit, die 
zweite Auflage der Sprachkunst in Köthen erscheinen und 
vor dem Druck begutachten zu lassen. Mit Freuden nahm 
er die Anregung auf, daß ein deutsches Wörterbuch ver- 
fertigt werde (S. 2961). 1 

Ludwigs Hoffnung, daß Schottelius und Harsdörfer sich 
fügen würden, schlug fehl. Am 1. November schrieb zwar 
Harsdörfer, er werde sich dem anbequemen, worüber 
Schottelius und Gueintz sich vergleichen würden. Aber 
er fügte hinzu: «Der größte Streit wird seyn, wegen der 
Stammwörter wesentlichen Buchstaben, ob solche durch 
die vor- oder nachsylben können vermindert, oder ver- 
ändert werden ? In allen anderen Stücken wird der Suchende 
gerne weichen» (S. 346). Das klang entgegenkommend, 
war aber das Gegenteil. Denn die andern Stücke betrafen, 
von Kleinigkeiten abgesehen, einzig und allein das ck. 



1 Es ist nicht unmöglich, daß der Brief Ludwigs vom 23. Sep- 
tember zugleich die Antwort auf einen verlorenen Brief Schotteis 
ist. Darauf deutet die Rechtfertigung der «lateinischen Ordnung» 
in der Sprachlehre, womit nur Gueintzens Grammatik gemeint sein 
kann Diese Rechtfertigung scheint einen Angriff vorauszusetzen. 
So wäre es auch möglich, daß die Anregung zu einem Wörterbuch 
von Schottelius ausgegangen war. Allerdings war dies aber auch 
ein alter Wunsch Gueintzens; vgl. S. 245. 



174 Kapitel 6. [§ 100. 

Tatsächlich sandte Schottelius am 5. Dezember dem 
Fürsten eine Denkschrift über die Abfassung einer Gram- 
matik und eines Wörterbuchs ein, die die alten Grundsätze 
in scharfer Formulierung wiederholte (S. 298 ff.). Und am 
17. Dezember kündigt Harsdörfer an, daß er ein lateinisches 
Werklein, Specimen Philologiae Germanicae betitelt, 
druckfertig liegen habe (S. 349). Es war, wie wir sehen 
werden, zum guten Teil eine Streitschrift gegen Gueintz 
und. seine Rechtschreibung. 1 

Ungefähr um dieselbe Zeit war Harsdörfer in einen 
Briefwechsel mit Gueintz eingetreten. 2 Sein erster Brief 
und Gueintzens Antwort vom 11. Januar 1646 sind 
uns nicht erhalten. Am 31. Januar repliziert Harsdörfer 
(S. 349 ff.). Höflich, aber scharf weist er die wesentlichsten 
Aufstellungen der Rechtschreibung zurück. Von den 
drei Prinzipien der Orthographie : Ursprung, Aussprache und 
Gewohnheit, waren die ersten beiden aus Harsdörfers 
145. Gesprächspiel herübergenommen. Jetzt hat er in einem 
Punkt seine Meinung geändert. «Wan wir zu einem grund 
setzen die ausrede, so können wir der Sachen nimmermehr 
eins werden; maßen eine iede mundart etwas besonders 
füret.» Die Gewohnheit aber «sagt zwar, was zu geschehen 
pfleget, darvon die frage nicht ist, sondern was geschehen 



1 Schon am 23. September (S. 344), in einem Briefe, der sich 
mit Ludwigs Schreiben, das die Rechtschreibung begleitete, 
gekreuzt haben muß, teilt Harsdörfer mit, er 'sei «gesinnet in Latei- 
nischer Sprache Specimen Philologiae Germanicae zu ver- 
abfassen, in welchem von alterthum, und Vergleichung der Teut- 
schen und Ebraisehen Sprache, zu lesen seyn wird; etlichen Miß- 
günstigen zu begegnen, welche mich beschuldigen, daß ich die 
Jugend von dem Latein und Studiren sabführe, und zu dem Teut- 
schen alleine verleite». Es ist nach diesen Worten unsicher, ob 
er schon damals, bevor er die Gueintzische Rechtschreibung 
gesehen hatte, beabsichtigte, die orthographische Frage aufzurollen. 
Und bei Übersendung des Specimen sagt er ausdrücklich, es sei 
unter anderm durch Ludwigs Begleitschreiben (vom 19. September) 
angeregt worden (S. 354). 

2 Ludwigs Brief an Gueintz S. 300 f. setzt einerseits den 
Empfang der Schotteischen Denkschrift vom 5. Dezember, ander- 
seits einen Brief Harsdörfers an Gueintz voraus. Ludwigs Be- 
merkungen hat Gueintz in dem verlorenen Brief vom 11. Januar 
verwertet; vgl. S. 350. 



§ 100.] Von Schottelius bis Gottsched. 175 

sol». Die Rechtschreibung hatte nachdrücklich die 
Autorität Luthers vertreten. Auch sie läßt Harsdörfer nicht 
gelten. Erstens habe Luther den Gebrauch seiner Zeit 
befolgt, dann — und hier legt Harsdörfer den Finger auf 
den wunden Punkt — sei die Orthographie seiner Werke "r 
nach und nach durch die Setzer verändert worden. Über- 
haupt sei Luther der deutschen Sprache Cicero, aber nicht 
Varro, ein Redner, aber kein Sprachlehrer gewesen. «Seine 
wort sind unwidersprechlich für angenehm zu halten, aber 
derselben Schreibung ist deswegen nicht richtig.» Es bleibt 
also nur das erste Prinzip. «Woher sol man dan eine gewis- 
heit in verfaßung der Sprachlehre ergründen? Aus anfürung ' 
deroselben Stam- oder wurtzel Wörter, der Vor- und nach- 
silben, benebens den bey und fugwörtlein, durch richtige 
anführung dieser haubtstücke werden die lehrsätze gemachet, 
und ist der beste unter denselben, welcher am meisten 
unter sich begreift.» Es sind das dieselben Gedanken, die 
kurz vorher Schottelius in seiner Denkschrift ausgesprochen 
hatte. 1 

Diesen Brief legte Gueintz dem Fürsten vor. Ludwig 
war entrüstet. Alles, was Harsdörfer vorbrachte, bestritt 
er. Vor zwei Jahren hatte er selbst an Gueintz geschrieben, 
daß in Luthers Schriften viele Druck- und Sprachfehler 
wären; jetzt ruft er aus: «Luther hat reiner in der Bibel 
geschrieben und geredet, als kein Francke, Schwabe, Oester- 
reicher, Reinländer und NiederSachse, auch mancher 
Meissner, nie gethan noch thun wird.» Seine Bemerkungen 
die wohl Gueintz Material für seine Antwort an die Hand 
geben sollten, schließt er mit den erregten Worten: «Ra- 
tionem nostrae linguae müssen wir ex hodierna nostra 
consuetudine et pronuntiatione nemen, und daraus die 
regeln machen, die auf keinen andern grund gehen können, 
das haben Varro und andere Grammatici auch gethan, und 
ist es den alten und neuen Sprachlehrern nicht zuwider, 
wol aber den neuen einbildungen. Wan die nicht ihre 
Mundarten wollen zu rechte bringen, so können wir nichts 



1 Daß Haxsdörfer die «bey- und fugwörtlein» als besondere 
Gruppe anführt, erklärt sich dadurch, daß er diese Partikeln 
wegen ihrer Unfähigkeit zur Komposition nicht als Wurzeln an- 
sah; vgl. S. 360 f. und Bellinsche Sammlung, 14. Sendeschreiben. 



176 Kapitel 6. [§ 100. 101. 

thun, ihre grundrichtigkeit mögen sie lassen ausgehen, und 
den sehen, wie es werde geschetzet und aufgenommen 
werden» (S. 352ff.), 

101. Am 6. April 1646 sandte Harsdörfer dem Fürsten 
das angekündigte Specimen Philologiae Germanicae 
ein (S. 354), Das Buch behandelt in zwölf Disquisitiones 
allerlei Gegenstände der allgemeinen und der deutschen 
Sprachwissenschaft. Das Hauptgewicht legte Harsdörfer auf 
die 7. und die 10. Disquisitio. In jener suchte er die 
große Ähnlichkeit des Deutschen mit dem Hebräischen nach- 
zuweisen, sowohl nach der materialen (d. h. lexikalischen), 
als der formalen (d. h. grammatischen) Seite. Dabei ver- 
ficht er den Satz, daß in beiden Sprachen die Nomina von 
den Verben herstammen, und findet eine Bestätigung der 
Schotteischen Imperativtheorie in der analogen Lehre einiger 
hebräischer Grammatiker. 

Die 10. Disquisitio entwickelt die Prinzipien der Ortho- 
graphie. «Ortho graphia nostra nititur ratione vel autori- 
tate» (S. 206), Die rationes werden in sechs Arten geteilt. 
«Nituntur autem omnia autoritate, de quibus nulla ratio ex 
superioribus dari potest» (S. 21 1). 1 Die autoritas clarorum 
scriptorum ist entweder certa, an sie habe man sich un- 
verbrüchlich zu halten; oder ambigua, quae inter ipsos 
doctos controvertitur, et in qua cuique integrum est alter- 
utram scripturam citra reprehensionem sequi. Die Aus- 
sprache sei kein Prinzip der Orthographie, denn sie ändere 
sich fortwährend und sei auch nach den Mundarten ver- 
schieden. Welche Mundart aber die beste sei, darüber 
werde man sich nie einigen. Die Aussprache sollte sich 
vielmehr nach der Schrift richten (S. 221), 

Man mag gegen Harsdörfers Formulierung des rationalen 
Teils der Orthographie manches einwenden und seine An- 
sichten über das Verhältnis der Aussprache zu den Regeln 
und der Autorität unklar finden, aber das Verdienst bleibt 
ihm, die Grenzlinie zwischen autoritas und ratio scharf 



1 Vgl. auch S. 219 : «Orthographie/,, vel Rectiscriptio Ger- 
manicae Linguae nititur Ratione, ex Genio, ejusque proprie- 
tatibus petita; qua deficiente dieimus recurrendum ad Con- 
suetudinem et consensum Classicorum Autorum, veluti reetae 
consuetudinis firmum fundamentum». 



§ 101. 102.] Von Schottelius bis Gottsched. 177 

gezogen zu haben, schärfer als Schottelius in seiner latei- 
nischen Denkschrift vom 5. Dezember 1645. 

102. Über das Specimen wurden nun wieder Briefe 
gewechselt; vgl. Ertzschrein, S. 356 ff. Der tiefste Grund 
des Gegensatzes zwischen Harsdörfer und seinen Gegnern 
wird dadurch verdunkelt, daß die Diskussion alle Augen- 
blicke auf Nebengeleise gerät. Abgesehen von dem Hin- 
undhergerede über das Verhältnis des Deutschen zum He- 
bräischen und Lateinischen kommt da die Theorie der 
Stammwörter in. Betracht. 

Für den deskriptiven Grammatiker ist das Stamm- 
wort — das Thema der griechisch-lateinischen, die Radix der 
hebräischen Grammatik — ein Hilfsbegriff, ein Mittel zur 
Darstellung der Formen- und Wortbildung, seine Wahl eine 
Frage der Zweckmäßigkeit. Es ist vielleicht nützlich, daß 
das Thema den gleichbleibenden Kern einer Wortsippe dar- 
stelle, daß es alle gemeinsamen und nichts als die ge- 
meinsamen Laute enthalte. Ob sich in einer Sprache eine 
individuelle Wortform von dieser Beschaffenheit findet, ist 
eine reine Tatfrage. Insolange Harsdörfer auf dem Boden 
der grammatischen Praxis blieb, war er vollkommen be- 
rechtigt zu verlangen, daß man die Natur jeder Sprache 
berücksichtige, zu erklären, daß die Regel aus der Mehr- 
zahl der Fälle abstrahiert werden müsse, und sich dagegen 
zu verwahren, daß man gegen Schotteis Imperativtheorie 
die wenigen Verba ohne Imperativ ins Feld führe. Wenn 
Gueintz da mit dem Einwand kommt, daß man es nicht 
anders machen dürfe als die Griechen und Römer, weil 
ihre Grammatik älter sei als die hebräische und deutsche, 
so spricht aus ihm eben der unbelehrbare Mann des Her- 
kommens; begreiflich war es allerdings, daß der alte Ra- 
tichianer zäh an dem Grundsatz festhielt, daß alle Gram- 
matiken auf einen Schlag gemacht werden sollten, weil 
man so leichter von einer Sprache zu der andern geführt 
werden könnte. 

Aber Harsdörfer überschritt die Grenzen der Didaktik, 
wenn er im Specimen S. 141 die Imperativtheorie damit 
begründet, daß composita fieri debent ex simplicibus, ut 
truncus a radice, numerus ex unitatibus, germen ex semine. 
Der Keim entsteht nicht aus dem Samen, weil es uns be- 
quemer ist, uns den Bau der Pflanze so vorzustellen, 

J e 1 li n e k Geschichte der nhd. Grammatik. 12 



178 Kapitel 6. [§ 102. 

sondern unabhängig von unserer Willkür. Verwechselte man 
aber einmal die subjektive Zweckmäßigkeit mit der ob- 
jektiven Notwendigkeit, spielte man mit dem Worte «früher», 
gegen dessen Amphibolie schon Aristoteles Warnungssignale 
ausstecken mußte, dann war der wortspielenden Schein- 
philosophie die Tür geöffnet. Wie Harsdörfer den Satz 
quo quid simplicius, eo etiam est prius ins Treffen führt 
(Specimen, S. 141), so kann Gueintz sich (Ertzschrein, 
S. 368) auf seine Ausführungen in der Rechtschreibung 
beziehen, wo gegen die Imperativtheorie eingewandt worden 
war, es sei unvernünftig zu behaupten, «das von der andern 
Person die erste in allen kommen solte». 

Wäre Harsdörfers Geist beweglicher gewesen, er hätte 
die wichtigsten orthographischen Positionen halten können 
auch unter Preisgabe der angefochtenen Schotteischen Stamm- 
theorie. Die etymologische Silbenteilung und die Verdopp- 
lung der Konsonanten vor konsonantisch anlautenden Bil- 
dungselementen ließen sich verteidigen, auch wenn man 
nicht alle Stammwörter für einsilbig und den Imperativ 
nicht für den Stamm des Verbums und seiner Sippe er- 
klärte. Man mußte nur statt mit den Stammwörtern mit 
dem auch dem 17. Jh. nicht unerreichbaren Begriff der 
Stammsilbe 1 operieren. Daß etwa in reissen die Silbe reiss 
die Radikalbuchstaben darstellt, hat auch Gueintz nicht 
bestritten, der ja in reisst die Verdopplung des s der Unter- 
scheidung von reist zuliebe beibehielt und die etymologische 
Gemination, wie wir vermutet haben (98), ursprünglich 
überhaupt anwenden wollte. 

Hätte man von Radikalbuchstaben gesprochen, so hätte 
man erkannt, daß die Frage einfach war, ob es zweck- 
mäßig sei, so zu schreiben, wie Harsdörfer wollte, oder 
nicht. Berührt hat ja Gueintz die Frage der Zweckmäßig- 
keit, aber nur nebenher 2 , und Ludwig glaubte einen großen 

1 Harsdörfer spricht ja selbst gelegentlich von Litterae radi- 
cales, «Stammletteren», z. B. Specimen, S. 140. Zesen, der nichts 
von Schotteis Einsilbigkeitstheorie hielt, wollte doch lib - e, fdl - en 
teilen. 

2 «Endlich ist auch ein anders, die Stambuchstaben aus- 
suchen, wie bey den Hebräern, und ein anders die Wörter zer- 
theilen was die Rede vnd das schreiben anbelanget, Jenes ist 
nötig, dieses nicht nüze.» Ertzschrein, S. 369. 



§ 102.] Von Schottelius bis Gottsched. 179 

Trumpf gegen Harsdörfers Silbentrennung kling-en auszu- 
spielen, wenn er die Vermutung hinwarf, das Stammwort 
möchte nicht kling, sondern klang sein. 1 

Aber freilich, für Schottelius, auf dessen Lehren Hars- 
dörfer eingeschworen war, ist nun einmal das System ein- 
silbiger Stammwörter, Vor- und Nachsilben das Netz, in 
dem die Sprachrichtigkeit eingefangen wird, das Mittel, 
sie unabhängig vom Gebrauch zu finden. Und diese deduk- 
tive, räsonnierende Richtung war Gueintz in der Seele zu- 
wider, und sie war es ihm vor allem deshalb, weil der 
kühne Niedersachse, der seine Zunge nicht nach der Meißner 
Art gewöhnt hatte, es wagte, auf seine Grundrichtigkeit 
pochend dem feststehenden obersächsischen Gebrauch zu 
widersprechen. 

Damit ist der innerste Kern der Uneinigkeit bloßgelegt, 
die verschiedene Auffassung vom Wesen der Schriftsprache. 
Daher kommen Harsdörfers Sticheleien auf das Meißnische 2 , 
Ludwigs entrüstete Antworten 3 und die Angriffe auf 



1 Ertzschrein, S. 353. 

2 Vgl. namentlich Ertzschrein, S. 374: «Es ist aber die Frage: 
Welche Gewonheit in dem Reden und schreiben für gültig an- 
zunehmen? Viele stehen in dem Wahn die Meisnische art zu 
reden sey als weibisch, und verzärtelt, der Männischen deutschen 
Heldensprache gantz entgegen, und loben hingegen die Schle- 
sische, andre halten es mit uns Franken. Wie sich nun in der 
Mundart nicht zu vergleichen, also wird sich auch die Recht- 
schreibung schwerlich lassen ausfündig machen.» Harsdörfer führt 
hier einen Hieb gegen die Bemerkung der Rechtschreibung (S. 25; 
steht schon in der ersten Auflage) : «Ob sich auch wol bey den- 
selben (den Obersächsischen usw. Höfen) etzliche weLhlic;he 

mundarten im ausreden finden, 90 ist man doch solchen hierinnen 
nicht, sondern viel mehr der reinesten ausspräche und recht- 
schreibung nachgegangen.» 

3 «Was wegen der Meisnischen art zu reden, als weibisch und 
verzärtelt der Männischen (alhier besser Mänlichen) deutschen 
heldensprache gantz entgegen erwenet, und dargegen die Schlesische 
und Fränckische art gelobet, und es mit ihr gehalten wird, das 
lesset man alles an seinen ort gestellet; Man wird hierunter keinem 
zu nahe sein, weil doch einem ieden seine weise am besten ge- 
fellet. Alleine ist dieses gleichwol darbey zu wissen . . ., das man 
bey der fruchtbringenden geselschaft nicht auf die gemeine landes- 
art, die viel mangels hat, als an andern orten auch ist, gegründet, 



180 Kapitel 6. [§ 102 

Schotteis Sprache und Stil. 1 Ohne den Sprachgebrauch 
kamen ja auch Schottelius und Harsdörfer nicht aus, aber 
es war eben ein größeres Sprachmaterial, an dem sie ihre 
grammatischen Künste übten. Die von der Fruchtbringenden 
Gesellschaft traten dem Anschein nach recht bescheiden 
auf. Sie richteten ihre Rechtschreibung nach ihrer Mund- 
art ein und wollten den andern nicht verwehren, das 
Gleiche zu tun. Die Rechtschreibung sollte nicht «allen 
andern mundarten, an orten und enden, da man deren 
verhandenen und wolgefasseten grund, noch nicht aller- 
dings innen ist, eine Richtschnure sein» (Blatt )( 4 b). 
Gueintz erklärt einmal, man müsse sich in der Reimkunst 
«auch nach des Landes Art, darinnen man schreibet vnd 
lebet, vnd nach den Personen an welche man schreibet», 
richten (Ertzschrein S. 370). 

Aber warum nannte man dann das Orthographiebuch 
der Gesellschaft «die deutsche Rechtschreibung», warum 
erklärte Ludwig (Ertzschrein, S. 343), Schottelius werde 
sich zuversichtlich gerne dazu bequemen, warum berief 
man sich immer wieder auf Luther? Hier schimmert doch 
deutlich der Anspruch des Meißnischen auf normative Gel- 
tung durch. Aber immerhin: Mundart gegen Mundart, das 
konnte man gelten lassen, man würde sehen, ob Luther 
nicht reiner geredet und geschrieben habe als irgendein 
Franke oder Niedersachse 2 jedoch welche Anmaßung, der 
meißnischen Mundart die deutsche Sprache, den communis 
Germaniae Mercurius mit seiner Grundrichtigkeit gegen- 
überzustellen ! 



und dasjenige so für weibisch und zärtlich gehalten, oder andern 
deuchten kan, nicht gut geheissen, sondern vielmehr geflohen 
wird.» Ertzschrein, S. 376. 

1 In quibus Stylus D ( Schottelii cruditatis (so statt eruditatis 
zu lesen) et peregrinitatis arguendus, ex dictis non apparet : alia 
fortassis nobis cogitata sedent, et insolita solitis loquendi modis 
non exprimenda. Ertzschrein, S. 358. 

2 «Lieb-en und hdb-en lesset sicc .... gar nicht hören, viel 
minder also wol sillabiren und schreiben. Ist es aber die 
Fränckische oder Nieder Sächsische art, so lasse man sie fort 
gehen, es wird unausgelachet nicht bleiben.» Ertzschrein, S. 353. 
«Melissus hat grob geredet nach Pfälzischer gewonheit, darum 
auch geschrieben.» S. 371. 



§ 103.] Von Schottelius bis Gottsched. 181 

103. Der wahre Gegensatz der zwei Richtungen tritt 
sogleich scharf hervor, sobald Harsdörfer es statt mit den 
schwerfälligen Herren von der Fruchtbringenden Gesell- 
schaft mit dem gelenkigen Geiste Zesens zu tun hat. 
Dieser gab ihm an Reformeifer und Geringschätzung der 
grammatischen Tradition nichts nach und teilte seine etymo- 
logisierenden Tendenzen. Aber da er den Begriff des Stamm- 
worts historisch faßte, war er sich klar über den bloß 
praktischen Wert dessen, was die deskriptive Grammatik 
so nannte 1 , wenngleich er nicht darauf verzichtete, durch 
Mißbrauch grammatischer Kunstwörter den Schein eines 
Parallelismus zwischen etymologischen und Seinsverhält- 
nissen zu erwecken. 2 Harsdörfer hatte in einem Schreiben 
vom 10. April 1645 auf eine Frage Zesens die alten Gründe 
für Schotteis Theorie der Stammwörter vorgebracht 3 ; 
Zesen stellt ihr in seiner Antwort vom 8. August die seinige 
gegenüber, sagt es Harsdörfer auf den Kopf zu, daß der 
Schotteischen Lehre zuliebe die hochdeutsche Sprache ver- 
gewaltigt werde und setzt als selbstverständlich voraus, 



1 «Im übrigen würd ihm auch bekant sein, daß fast die mei- 
sten der hoch-deutschen spräche stam-wörter entweder vergangen, 
oder in anderen ihren neben- und unter-sprachen müssen aufgesuchet 
wärden, und daß man an der jenigen stat, welche vergangen, oder 
wohl gahr noch nie im gebrauche 'gewäsen sein, die unfolkomne, 
oder, wo man die wurzel aus dieser nicht erkundigen kan, doch 
die folkomne zeit betrachten mus, weil man darinnen den uhr- 
sprung der zweifachlauter . . fünden kan.» Bellinsche Sammlung, 
H 4 b. Vgl. dazu 90. — Vgl. auch Rosenmänd, S. 174 ff., nament- 
lich S. 182 : «so mus nohtwendig folgen, daß die Wörter, so die 
zeit bezeuchnen, wo sie nicht eher gewesen seind, gleichwohl 
eher müssen betrachtet werden, als die jenigen, welche die dinge 
bedeuten». 

2 So sieht er eine Bestätigung seiner Lehre, daß der Stamm 
zuerst im Präteritum, der «unfolkomnen zeit», demnächst im 
Partizipium, der «folkomnen zeit», zu suchen sei, darin, daß 
«es vernunft-mäßig ist, daß die unfolkommene zeit eher als 
die folkommene, und alle beide widerüm eher sein als die 
gegen-wärtige, und zu-künftige; ja daß die Sachen und dinge 
allerehrst in und nicht fohr der zeit, viel weniger die Wörter, 
welche die Sachen bedeuten, entsprungen sein». Bellinsche Samm- 
lung, G 8 a. Ebenso Rosenmänd, S. 181 ff. 

3 Bellinsche Sammlung, 14. Sendeschreiben. 



182 Kapitel 6. [§ 103. 104. 

daß die Norm des Hochdeutschen der meißnische Sprach- 
gebrauch sei. 1 

104. Die Diskussion im Schöße der Fruchtbringenden 
Gesellschaft, die im Jahre 1648 bei den Verhandlungen 
über ein Deutsches Wörterbuch matt aufflackerte 2 , war er- 



1 «Daß man . . die weise zu gebieten darunter (unter die 
Stammwörter) rechnen solle, solches würd kein Meisner oder 
anderer Landsman, der sie nicht alwege eingliederich schreibet, 
und aus-spricht, zugäben wollen, und ich hab' es denen jenigen, 
die nicht-gebohrne hochdeutschen sein, und die weise zugebieten 
allezeit mit eingliedrigen Wörtern schreiben wollen, gar leicht- 
lich abmarken können, daß sie selbige fohr wurzeln ansähen. 
Aber es mus ein ieder, so der Meisnischen und Ober-sächsischen 
mund-ahrt gewohnet ist, bekännen, daß sie niemahls lieb, denk, 
schlag, red, leid (du) und so fort fohr liebe, denke, schlage, rede, 
leide (du) aus-sprächen oder schreiben .... Ja unsere spräche 
ist eine Zeitlang durch die jenigen, welche die eingliedrigen Wörter 
nuhr alein fohr wurzeln gehalten haben, und daher auch die zwei- 
gliedrigen eingliederich haben machen wollen, so sehr verderbet 
und verhärtet worden, daß man sie kaum mehr lesen, oder aus- 
sprächen kan. Den Meisnischen ohren, welche die spräche gern 
lieblich haben, ist solches ganz zu- wider.» Bellinsche Sammlung, 
15. Sendeschreiben. Noch schärfer spricht sich Zesen im 8. Sende- 
schreiben gegen Bellin aus; hier tadelt er auch die der Einsilbig- 
keitstheorie zuliebe vorgenommenen Verkürzungen von Substan- 
tiven wie sonne, friede. Auch in einem Brief an Rompier (13. Sende- 
schreiben), ferner im Helikon 3 , M x a, und im Rosenmänd, S. 175 ff., 
kommt er auf die sprachwidrigen Apokopen zu sprechen. 

2 Am 7. Dezember 1647 teilte Harsdörfer dem Fürsten mit, 
daß Schottelius die Abfassung eines Wörterbuchs aufgegeben habe 
und seine Sammlungen zur Verfügung stelle. Er erbietet sich 
zu der Arbeit; als Vorstufe will er die Sammlung der Stamm- 
wörter im Anhang des gleichzeitig übersandten zweiten Teils des 
Poetischen Trichters angesehen wissen (S. 384 f.). Auf diesen 
Anhang bezieht sich Ludwigs Gutachten, S. 395 ff., das er am 
18. März 1648 an Harsdörfer schickte. Er legte es auch andern 
Mitgliedern der Gesellschaft vor, vgl. S. 394 und den Brief des 
Mechovius, S. 102. Harsdörfers Denkschrift über die Abfassung 
des Wörterbuchs, S. 387 ff., ist von Krause unrichtig eingereiht 
worden; sie gehört einem späteren Stadium der Verhandlungen 
an. Den Plan, das Wörterbuch allein zu verfassen, hat Hars- 
dörfer jetzt aufgegeben (S. 392) und er nimmt Bezug auf den 
Hinweis auf Henisch in Ludwigs Gutachten vom 18. März, vgl. 



§ 104.] Von Schottelius bis Gottsched. 183 

gebnislos geblieben. Mißmutig schrieb Harsdörfer am 
16. September 1646 an Ludwig: «Der Ordnende (Gueintz) 
wil die Gewonheit zu einer Richtschnur, sie sey gleich 
gut oder böß, richtig oder nicht: Wann dieses gelten solte, 
so hat aller Streit ein ende, und muß man in dem alten 
Trab fort fehlen.» Ganz ähnlich hatte er sich am Tag vorher 
gegen Gueintz selbst geäußert (S. 374). Beide Parteien 
beharrten eben auf ihrer Meinung. Nur insofern zeigt sich 
bei Harsdörfer eine Veränderung des Standpunkts, als er 
später die Aussprache nicht mehr unbedingt verwarf. Der 
erste Teil seines Poetischen Trichters brachte einen 
Anhang über die Rechtschreibung, der im wesentlichen 
die Lehren des Specimen enthält. Aber von der gewöhn- 
lichen Schreibung, der autoritas oder consueiudo des Spe- 
cimen, heißt es (S. 130 der 2. Auflage von 1650), daß 
ihr Grund sei «die wolausgesprochene Rede, oder Mundart, 
welche von vielen allen Vrsachen vorgezogen wird». Nur 
folgt dann eben für ihn, daß es mit der Einheit der deutschen 
Schreibung nichts ist. 1 Bloß das kann er als gemein- 
samen Zug der neuern Bestrebungen feststellen, daß man 
die überflüssigen Buchstaben vermeidet. «Hierinnen aber 
wollen wir niemand Gesetze geben.» Klingt hier ein Ton 
der Ermüdung durch, so noch mehr in der Vorrede des 
dritten Teils des Trichters von 1653. 2 



S. 389 und 397. Die Denkschrift lag aber schon vor, als Gueintz 
am 5. November (S. 277) und Zesen am 13. November (S. 415) an 
den Fürsten schrieben. Die Briefe, die Harsdörfer und Ludwig 
im Jahre 1648 nach dem 14. Mai tauschten, sind verloren ge- 
gangen. 

1 «Daher dann leichtlich zu mutmassen, warum man sich in 
dieser Sache so gar nicht vergleichen kan. Der Schlesier schreibt, 
wie er redet, und reimet u (so zu lesen statt a) und o wie 
H. Opitz sei., weil er kunst und sonst gleich ausspricht: der 
Meisner schreibt, wie er zu reden pfleget, zärtlich und reinlich: 
der Braunschweiger stark und männlich.» 

2 «Diese und dergleichen Sprachkünstige Fragen, sollen die 
belobte Übung [und] verhoffte höchste Vollkommenheit unsere[r] 
Teutsche[n] Sprache nicht hindern oder zu rucke halten, weil man 
in solchen Händlen keinen ungezweiffelten Schluß und Beweiß, 
wie etwan 2 mal 3, 6. und 3 mal 4, 12. ist, ergreiffen kan, son- 
dern bestehet der Entscheid vielmals bey gefassten Wahn, unter- 
schiednen Gebrauch, und in einem unbeständigen leichten be- 



184 Kapitel 6. [§ 104. 105. 

Aber der Gegensatz der beiden Richtungen, die in der 
Fruchtbringenden Gesellschaft durch Schottelius - Harsdörf er 
und Ludwig -Gueintz verkörpert waren, dauerte fort. In 
der Praxis stumpfte er sich allerdings ab. Schotteis ortho- 
graphische Grundsätze drangen teilweise durch, um seine 
grammatischen Forderungen kümmerte sich die mittel- 
deutsche Literatursprache blutwenig. Die Weiterentwick- 
lung des Problems der Sprachrichtigkeit wird der VII. Ab- 
schnitt darstellen. Vorher muß ein Überblick gegeben werden 
über die grammatischen Arbeiten, die in die Zeit zwischen 
Schotteis und Gottscheds Sprachkunst fallen. Innerhalb 
dieses Zeitraums können scharfe Grenzen kaum gezogen 
werden. 

VI. Die Grammatiker nach Schottelius. 

105. Der mit jeder Auflage wachsende Umfang der 
Schotteischen Grammatik machte das Bedürfnis nach 
kürzeren Darstellungen rege; sah sich Schottelius doch 
selbst am Ende seines Lebens veranlaßt, sein Werk den 
Zwecken der Schule anzupassen. 

Im Jahre 1653 veröffentlichte der Rektor des Gym- 
nasiums zu Mülhausen in Thüringen, Johann Girbert, 
der bereits einige Jahre früher eine Orthographie ge- 
schrieben hatte 1 , Die Deutsche Grammatica oder 



wogten Luffte, ich will sagen, in der Ausrede, die nach einer jedem 
Landsaxt verändert, ob gleich nur eine Teutsche Sprache ist und 
bleibet.» Bl. 7 b, 8 a. Vgl. auch S. 7 : «Welche ausrede und also 
nachgehends welche Schreibart die reinste und richtigste seye, 
wollen wir nicht entscheiden, sondern lassen es die Meisner und 
Schlesier ausfechten.» 

1 Nach den Reyträgen zur Critischen Historie der Deutschen 
Sprache, 6, S. 334, ist der Titel: «Deutsche Orthographie, aus 
der Heil. Bibel, den Kindern zur Nachricht aufgesetzt von Joh. 
Girberto, Mülhausen, 1650 in 4». (Etwas abweichend Engelien, 
S. 27.) Das Buch bestehe aus 38 Tabellae, die je eine Quartseito 
einnähmen. Tabula 39 und 40 enthalte unter der Aufschrift 
«heterographia» ein Register von unrichtig geschriebenen Wörtern 
aus zwei Druckwerken. Über der ersten Seite stehe «Pleiados I. 
Stellula 17.» und am Ende des ganzen Werks «Finis Pleiados I.». 
Nun verzeichnet der Katalog 33 von Spirgatis aus dem Jahre 1895 
als Nr. 797: «Girbert J. (Gymnas. Mulhusini Rect.) Philologi- 



§ 105. 106.] Von Schottelius bis Gottsched. 185 

Sprachkunst. Auf Originalität macht sie keinen An- 
spruch; nach dem Titel ist sie «auß Denen bey dieser Zeit 
gedruckten Grammaticis, vornemlichen Johannis Claii 
Hertzb. Anno 1587. Vinariensis zum newen Methode 
Aö. 1618. Christ. Gueintzii . . . Aö 1641. 24. Mart. Justi. 
Georg. Schottelii Aö 1641. 6. Jul. 1 zusammengetragen.» 
Es verlohnt sich nicht zu zeigen, in welcher Weise Girbert 
seine Quellen benutzt und hin und wieder kontaminiert. 
Eigenes hat er sehr wenig. Interessant ist Tabula 73, die 
einen Teil der Syntaxis variabilis enthält, «da man auff* 
mancherley Art einen Sententz außsprechen kan». Es 
handelt sich hier um das «casualiter Schreiben», das wir 
bei Meichßner (16) gefunden haben. Girbert stellt den Stoff 
in Tabellen dar. Damit hängt die Vorliebe für Einteilungen 
und Unterabteilungen zusammen, worin er sich mit Gueintz 
berührt. Aber die Tabellen machen alles viel übersichtlicher 
und die Pedanterie in der Durchführung von Dichotomien 
ist Girbert fremd. In der Orthographie ist er sehr konser- 
vativ; er will abwarten, «ob Käyser- König- Chur- vnd 
Fürstliche Schreiben, darnach wir vns billich in Schulen 
richten, solche newe Schreibart annehmen, vnd im Rom: 
Reich einhellig brauchen werden». Zu der neuen Schreibart 
rechnet er auch u im Wortanlaut. Aber er lehrt ohne I 
irgendeinen Hinweis auf andern Gebrauch die Großschrei- [ 
bung der Substantiva. 

106. Im Jahre 1672 erschien Der Teutschen Sprache 
Grundrichtigkeit und Zierlichkeit von Christian 



corum pleias I: De philologiae natura. De veteri Latinorum 
scriptura. De adornatione locorum oommun. De taehygraphia 
rom. De orthographia lat. De orthograph. german. De distinetioni- 
bus. (Coburgi) typis Heiteri 1649. kl. fol. 70 pag.» Auch in 
diesem Buch nimmt das Verzeichnis der deutschen Wörter 38 Seiten 
ein und ein Satz der Vorbemerkung stimmt mit einem Zitat der 
Crit. Beyträge. Es scheint also, daß der deutschorthographische 
Teil der Pleias auch als Sonderdruck mit eigenem Titel und der 
Jahreszahl 1650 ausgegeben wurde. (Nach Engelien ist die Ortho- 
graphie Typis Joh. Hüteri gedruckt.) 

1 Girbert hat aber auch schon die zweite Auflage oder doch 
Schotteis Verskunst gekannt; Tab. 5 erwähnt er, daß Schottelius 
das c vor k verwerfe. Übrigens sind auch Werner und Helwig 
benutzt worden. 



186 Kapitel 6. [§ 106. 107. 

Pudor. Das kleine Büchlein — die «Grundrichtigkeit», d. h. 
die eigentliche Grammatik, nimmt nur 58 Seiten ein — ist 
bemerkenswert, weil es vom Buchstaben bis zur «gantzen 
vollkommenen Teutschen Rede» aufsteigend als die erste 
.deutsche Grammatik eine Satzlehre gibt. Auch ist Pudor 
selbständig in der Darstellung der Substantivdeklination 
und deutet durch die Zusammenfassung aller Eigenschaften 
des Adjektivs in einen Abschnitt auf das folgende Jahr- 
hundert hin. 

107. Johaun .Ludewig Prasch (1637—1690), Bürger- 
meister zu Regensburg, Verfasser vieler etymologischer und 
metrischer Untersuchungen, der erste, der ein Glossar des 
bayrischen Dialekts schrieb, veröffentlichte 1687 eine Neue, 
kürtz- und deutliche Sprachkunst. 1 Er rühmt in der 
Vorrede Schotteis Ausführliche Arbeit als ein «güldenes 
Buch», meint aber, die wenigsten würden es verstehen und 
gebrauchen können, «sintemal es nicht nur etwas hoch, 
tieff und weitleuffig, sondern auch zuweilen seine besondere 
Meynungen, will nicht sagen Fehler und Mängel hat». Des- 
halb habe er diese Grammatik geschrieben für die Jugend, 
damit sie, ehe sie zur lateinischen Schule komme, in der 
Muttersprache einen rechtschaffenen Grund lege, und dann 
für die Schreibstuben und die Druckereien. Wie nach der 
Vorrede zu erwarten ist, übt Prasch hin und wieder an 
Schottelius Kritik 2 , überhaupt zeigt er sich in der An- 
ordnung des Stoffes wie in manchen Einzelheiten als 
selbständigen Kopf. In der Orthographie ist er gegen die 
Neuerer, möchte aber doch die Schreibung ie abschaffen, 

1 Daß Prasch mit Recht in den Katalogen der Stuttgarter 
Landes- und der Dresdener Öffentlichen Bibliothek als Verfasser 
des nur die Initialen J. L. P. tragenden Buches bezeichnet ist, 
ergibt sich daraus, daß der Verfasser S. 27 auf die Anzeige von 
der Fürtrefflichkeit Teutscher Poesie, den Geistlichen Blumenstrauß 
und den Discurs von der Natur des Teutschen Reimes als auf 
seine Werke verweist. 

2 So polemisiert er gegen den «Dreylaut» du, gegen Schotteis 
Regeln über die Defectiva numero («Ein Teutscher wird im Noth- 
falle kein Bedencken tragen, fast alle Wörter auch in der Zahl zu 
gebrauchen, die H. Schottel verneint», S. 34), gegen Schotteis Be- 
weis für die Existenz eines Ablativs, gegen seine Einteilung der 
Substantivdeklination, gegen die Vermischung von ward und war 
in den Paradigmen. 



§ 107. 108.] Von Schottelius bis Gottsched. 187 

wo in seiner Mundart kein Diphthong gesprochen wurde. 
Aber sonst ist er durchaus nicht in seinem Dialekt be- 
fangen. So nennt er Stain für Stein, Gemain für Gemein 
«grobe Grölze vilmehr als Worte». 1 Apokopen wie Mein 
(Frau), (vom) Tisch, (der) Schad, (ich) Hab, (die) Hund 
sind «grobe Sprachfehler und üble Mundarten»; wenn das 
E «in gemeiner schnellen Rede» auch «unterschlagen» werden 
könne, schreiben dürfe man nicht so. — Die Darstellung 
ist elementar, die Zahl der Beispiele gering. «Welche 
Wörter aber diser oder jenen Fallweise zugethan, das solte 
ein Lexicon anzeigen» (S 40). 

Anm. Auch in die für nicht Gelehrte bestimmten Anwei- 
sungen zur deutschen Schreiberei drangen Elemente der Formen- 
lehre ein, so daß Brückers Bestrebungen gewissermaßen eine Fort- 
setzung erhielten. Vgl. die Angaben Reichards, 'S. 280 ff., über 
Gerhard Overheides «Vermehrte teutsche Schreib-Kunst», die 
«vor teutsche Schreib-Schüler und junge Handelsdiener mit wol- 
meynendem Fleiß beschrieben» ist. Reichard lag die vierte Auf- 
lage von 1668 vor; der «Neue Büchersaal der schönen Wissen- 
schaften und freyen Künste» V, 348 verzeichnet Ausgaben von 
1654 und 1657. Der Titel «die neuvermehrte Schreibkunst» deutet 
vielleicht auf eine noch ältere Ausgabe. Der Druck von 1657 
nennt sich nach dem Katalog der Münchner Hof- und Staats- 
bibliothek schon «Vermehrte Teutsche Schreibkunst». Overheide 
rühmt Schotteis Sprachkunst, hält jedoch ihre Verwendung in 
deutschen Schulen für fast unmöglich. 

Wichtiger als diese Kompendien, die doch nur in Einzel- 
heiten das überlieferte Lehrgebäude umgestalteten und er- 
weiterten, sind die Arbeiten zweier Männer, die, von den 
Zeitgenossen nicht nach Gebühr geschätzt, der eine wegen 
seiner orthographischen Ketzereien, der andere wegen seiner 
Wunderlichkeiten und verrückten Etymologien, doch weit 
mehr Beobachtungsgabe und Blick für das Typische hatten, 
als so manche Grammatiker, deren Ruhm sich bis in die 
wissenschaftlichen Darstellungen der neueren Zeit fort- 
gepflanzt hat. 

108. Johann Beilin, ein pommerscher Bauernsohn, 
geboren 1618, gestorben als Rektor in Wismar 1660, ver- 
öffentlichte 1642, noch bevor er eine Universität bezogen 



1 Prasch meint offenbar den Diphthong oa, für den ai in 
Bayern die traditionelle Schreibung war. 



188 Kapitel 6. [§ 108. 

hatte, seine Erstlingsschrift, die Teutsche Orthographie 
oder Rechte Schreibe-Kunst. Schon in diesem an- 
spruchslosen Büchlein, das im wesentlichen nur den guten 
Gebrauch darstellen wollte 1 , zeigt sich seine durch Theorien, 
eigene wie fremde, nicht getrübte Beobachtungsgabe. Die 
verschiedenen Dehnungszeichen waren schon von Frangk 
und Olearius aufgezählt worden und den Gegensatz der 
Aussprache von Wörtern mit einfachen und mit geminierten 
Konsonanten betonte man seit dem 15. Jh., aber niemand 
hatte die beiden Tatsachengruppen zusammengebracht. In 
Bellins Orthographie kündigt sich schon die Erkenntnis 
an, daß die, obendrein inkonsequent gesetzten, Dehnungs- 
zeichen vor einfachen Konsonanten unnötig sind. Er sagt 
S. 15, daß das e, das einige nach u in Wörtern wie Guet, 
Stuel, Bluem setzen, besser ausgelassen werde: «Den der 
Vocalis u lautet ja für sich allhier weich genug: Weil nur 
ein einfacher Mit-lautender darauf folget.» 2 Ferner bemerkt 
er S. 16, man dürfe das o nicht etwa immer verdoppeln, 
wenn es lang ausgesprochen werde. Und S. 34 heißt es : 
«Mercke: Es wird nicht allezeit das h den Vocalen nach- 
gesetzet, wenn sie lang außgeredet werden: Sondern nur 
in gewissen Wörtern, welche man auß dem Gebrauch lernen 
muß.» 3 Auch die Inkonsequenz im Gebrauch des ie hat 
er beobachtet. Hier wagt er auch eine Neuerung, indem 
er vorschlägt, mier, dier, wier zu schreiben. 4 



1 In der Vorrede sagt er, das Buch sei aufgesetzt, «Nicht für 
Hoch- verständige, und in unser Sprache wohl-geübete Leute: Son- 
dern zum Theil für meine untergebene junge Gesellen und Kna- 
ben, zum Theil für meine gute Freunde vnd Bekanten». Man werde 
nicht eben Neues darin finden. «Ich habe nur sonderlich dahin 
gearbeitet, daß die alte Rechte Schreibe-Kunst erhalten, und auff 
unsere Nachkommen fort gepflantzet werden möchte.» 

2 Es tut nichts zur Sache, daß Beilin diese bairisch-öster- 
reichischen Schreibungen mißverstanden hat. Er betrachtet nun 
einmal die ue als wesensverwandt mit den ee. 

3 S. 21 findet sich die richtige Beobachtung, daß h nament- 
lich hinter den Vokalen steht, wenn l, m, n, r, t folgen. (Beilin 
schreibt Raht, roht, Noht, Muht; steht, geht sind allerdings unrich- 
tig beurteilt.) 

4 Dagegen, daß Bellin e nach i als Dehnungszeichen ansah, 
spricht freilich, daß er ie — im Gegensatz zu Gueintz — zu den 
eigentlichen Diphthongen rechnet. Es wäre denkbar, daß er nach 



§ 108.] Von Schottelius bis Gottsched. 189 

Ihm entgeht ferner nicht, daß die seit dem 16. Jh. so 
oft gedankenlos wiederholte Regel, daß die Schreibung der 
Derivata sich nach den Wurzelwörtern richten müsse, tat- 
sächlich nicht durchgeführt ist; sonst müßte man auch 
bässer, bässern wegen baß; dächen wegen Dach; Mal wegen 
malen; rücken, Sprüngen, zuhen wegen Geruch, Sprung, Zug 
u. dgl. mehr schreiben (S. 12). 1 

Es ist wohl kein Zufall, daß schon in dieser noch 
gar nicht reformatorisch auftretenden Schrift Abweichungen 
von den Regeln aufgezeigt werden, die später Zesen be- 
seitigen wollte. Die Konsequenz in der Anwendung der 
Dehnungszeichen und der ä, ö, ü ist ja das hervorstechendste 
Merkmal der Zesischen Orthographie. Auch die Ersetzung 
des c durch k und des ph durch / in Fremdwörtern wird 
S. 13 f. erwogen, aber dem konservativen Charakter der 
Schrift entsprechend noch abgelehnt. Nun bezog Bellin 
1638 die unter Gueintzens Leitung stehende Schule in 
Halle, an der auch Zesen noch ein Jahr studierte. Es ist 
wohl möglich, daß der eine dem andern Anregungen ver- 
dankt. 

Sein gründliches Studium der Werke Opitzens zeigt 
Bellin schon in der Orthographie. Während Schottelius 
mit dem nichtflexivischen -e der Substantiva nichts Rechtes 
anzufangen wußte, zählt Bellin, S.. 58, eine ganze Menge 
Wörter auf, in denen bei Opitz dem Satz von der Ein- 
silbigkeit der Stammwörter zuwider schon im Nominativ 
ein -e erscheint. 2 



der Schrift ie diphthongisch sprach. Aus dem 18. Jh. ist uns 
bezeugt, daß viele Prediger Niedersachsens das e in ie deutlich 
hören ließen, vgl. Bause, Programm, Meseritz 1900, S. 25. Auch 
Bödikers Polemik (Orth. R. IV) gegen Schotteis Vorschlag, statt 
ie einfaches i zu schreiben, könnte auf diphthongische Aussprache 
schließen lassen, da er sagt, es könne keine Regel für das Deutsche 
abgeben, wenn die Meißner, Schlesier und etliche andere Deut- 
schen bloßes i sprächen. Anderseits lehrt Bellin, S. 33, daß i, 
ie und ü «fast gleiches Lautes» seien. Eine gewisse Unklarheit 
ist da jedenfalls vorhanden. 

1 Wenn Bellin bemerkt, diese ä, ü stimmten nicht mit der 
gewöhnlichen Aussprache, so liegt wieder ein Widerspruch mit der 
oben, Fußnote 4 zu S. 188, zitierten Äußerung auf S. 33 vor. 

2 Die Anregung zu diesem Verzeichnis hat Bellin von Buch- 
ner empfangen, der auch sonst in dem Abschnitt von den Figuren 
der Orthographie stark benützt ist. 



190 Kapitel 6. [108. 109. 

Was den Inhalt der orthographischen Regeln betrifft, 
so ist interessant, daß Bellin die moderne Unterscheidung 
von u-v, i-j und die Großschreibung der Substantiva nicht 
mehr als Neuerung betrachtet. Für die von ihm vertretene 
Ersetzung von aw durch au, und von äu, ew (und eü) 
durch eu beruft er sich in der Vorrede auf den Vorgang 
verständiger Leute. 1 

Sowohl wo Bellin den von ihm als gut anerkannten 
Gebrauch darstellt, als wo er gegen verbreitete Mißbräuche 
polemisiert, übertrifft er an Kenntnis der Tatsachen und 
Bestimmtheit der Regeln seine Vorgänger. So begnügt er 
sich nicht mit der allgemeinen Bemerkung, daß die Länge 
der Vokale durch Doppelschreibung bezeichnet werde, 
sondern zählt alle oder doch die meisten Wörter auf, in 
denen diese Verdopplung üblich war. Er lehrt, daß mit 
ganz bestimmten Ausnahmen / im Auslaut verdoppelt werde, 
ebenso nach p und vor t. Er nennt die Wörter, in denen 
dt geschrieben wurde. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf 
das auslautende c in Fremdwörtern wie Logic, wo er Je 
für besser hält, alles Dinge, die von den früheren gar nicht 
oder nicht mit der gleichen Umsicht und Sicherheit be- 
handelt worden waren. 

109. Später geriet Bellin ganz unter den Einfluß Zesens. 
Seine Hochdeudsche Rechtschreibung von 1657 schlägt 
radikale Änderungen vor, die ganz im Sinne Zesens sind. 
Eigentümlich ist der Gedanke, die Länge der Vokale durch 
die Gestalt des Buchstabenkörpers auszudrücken. Auch in 
dieser Schrift bekundet Bellin seine gründliche Kenntnis 
des Schreibgebrauchs. Hier ist denn auch klipp und klar 
gesagt, daß in der üblichen Orthographie die Vokallänge 
bald durch Verdopplung des Vokalzeichens, bald durch Bei- 
setzung eines h, bald durch Einfachschreibung des folgenden 
Konsonanten angedeutet werde, und zugleich wird gezeigt, 
daß die Einfachschreibung doch nicht immer diese Be- 
deutung habe, da in Wörtern wie ab, das, man, bin, bis usw. 
der Vokal kurz sei. 

Der Abschnitt über das paragogische e ist umgearbeitet. 
Bellin begnügt sich jetzt nicht mehr, wie in seinem Erst- 



1 Darunter kann Zesen verstanden sein, der sich in der 2. Auf- 
lage des Helikon, S. 41, für diese Schreibungen ausgesprochen hatte. 



§ 109.] Von Schottelius bis Gottsched. 191 

lingswerk, mit der schüchternen Feststellung, daß dem 
grammatischen Dogma von der Einsilbigkeit der Stamm- 
wörter zum Trotz bisweilen ein -e angehängt werde, sondern 
erklärt geradezu, gewisse Wörter müßten das -e immer 
haben, bei ihnen sei es nicht als Paragoge anzusehen. Das 
Verzeichnis dieser Wörter ist gegenüber der Teutschen 
Orthographie sehr vermehrt. Noch größere Aufmerksam- 
keit wandte Beilin diesem Punkte zu in seinem letzten 
Werk, der Syntaxis Praepositionum Teutonicarum 
(1660). Hier steht S. 44 eine besondere «Zugabe der zweiten 
abteilung von der Letter e», in der Opitzens Gebrauch des 
-e, in seiner Konstanz wie in seinem Schwanken, stets 
durch Zitate belegt, dargestellt ist. Wohlweislich berück- 
sichtigt Beilin dabei nur die Gedichte, da auf die Prosa 
wegen der Willkür der Setzer kein Verlaß sei. 1 Wir müssen 
zu unserer Beschämung bekennen, daß dieser Beitrag zur 
Opitzgrammatik bis heute durch keine vollständigere Samm- 
lung ersetzt ist. 

Die Syntaxis praepositionum bietet überhaupt mehr, 
als der unmittelbare Zweck erheischt. Bellin beginnt näm- 
lich mit einer Darstellung der Deklination, die über 
Schottelius hinausführt. Namentlich gilt dies von der Lehre 
von den Adjektiven. Zum erstenmal seit Ölinger kommt 
hier die starke Flexion zu ihrem Recht; außerdem wird 
die Behandlung mehrerer hintereinander stehender Adjek- 
tiva und die Schwankungen im Gebrauch der starken und 
schwachen Formen, immer mit Belegen aus Opitz, so ein- 
gehend wie niemals früher auseinandergesetzt. Auch in der 
Lehre vom Substantiv zeugt die Gruppierung von gram- 
matischem Instinkt und die einzelnen Bemerkungen von 
selbständiger Beobachtung. 

Aber freilich, zesisch war die Schreibung auch in der 
Syntaxis, und das genügte dafür, daß die pedantischen 
Zeitgenossen Bellins Namen nicht niederschreiben konnten, 
ohne kopfschüttelnd seiner orthographischen Ketzerei zu 
gedenken. Allerdings, ganz übersehen ließ sich sein Ver- 
dienst nicht. Namentlich die Sammlungen über das -e 

1 Wie er hier philologischen Sinn beweist, so schon früher 
in der Rechtschreibung, wo er öfters auf Opitzens Änderungen 
in den verschiedenen Ausgaben hinweist. 



192 Kapitel 6. [§ 109. 110. 

haben gebührende Beachtung gefunden. Sogar Schottelius 
verstand sich in der Manuductio dazu, unter Berufung 
auf Beilin ein Verzeichnis der gebräuchlichsten Wörter 
mit -e zu geben, wenn er auch immer noch nicht seine 
Notwendigkeit einräumte. Aber die volle Anerkennung, auf 
die er Anspruch hatte, fand Bellin doch nicht, wenn es 
ihm auch viel besser erging als Isaac Pölmann. 

110. Isaac Pölmann, geboren 1618 zu Markneu- 
kirchen im Vogtland, veröffentlichte als Prediger in Schöne- 
berg bei Berlin 1671 seinen Neuen hoochdeutschen 
Donat, der ein Vorläufer einer vollständigen Grammatik 
sein sollte. Die Sprache der Darstellung ist überwiegend 
lateinisch. Behandelt wird die Deklination, die «Formatio», 
Motion und Komparation der Adjektiva und die Konjugation. 
Pölmann hält sich unabhängig von dem Schematismus der 
deutschen Sprachlehren und bahnt sich seinen eigenen 
Weg. Namentlich die Deklinationslehre ist originell. Mit 
seinem sichern Blick für das Typische verläßt er die übliche 
Art, am Leitfaden der Redeteile vorzugehen, wobei Zu- 
sammengehöriges, wie die Deklination des Artikels, der Pro- 
nomina, der Adjektiva, auseinandergerissen, Unzusammen- 
gehöriges, wie die Deklination der Substantiva und Ad- 
jektiva, zusammengekoppelt wurde. Pölmann behandelt zu- 
erst die reguläre Deklination des Adjektivs, das er in 
articulare, pronominale, nominale, participiale teilt, dann 
die des Substantivs, endlich die unregelmäßigen Pronomina. 
Der Leitfaden der Darstellung ist für ihn nicht wie für 
Clajus und seine Nachfolger das Genus, sondern die Zahl 
der Kasus. Sie bestimmt den Modus der Deklination. Es 
gibt nämlich nur eine Deklination mit mehreren Modi, wie 
es nur einen Mond gibt mit verschiedenen Phasen. Wie 
der Mond erst voll ist, dann «halb», dann «hörnig», end- 
lich schwarz wird, so auch die Deklination durch Ab- 
nahme der Zahl der verschiedenen Kaususausgänge. Ad- 
jektiva und Substantiva haben je einen modus principalis, 
der adjektivische ist plenilunius, der substantivische semi- 
lunius und bicornis. Der modus minus principalis der Ad- 
jektiva wie der Substantiva ist novilunius. Der hartnäckig 
festgehaltene Vergleich mit dem Mond — jedem Paradigma 
werden die Zeichen der entsprechenden Mondphasen bei- 
gesetzt — ist freilich wunderlich. Aber schließlich liegt 



§ 110.] Von Schottelius bis Gottsched. 193 

hier eine bildliche Anschauung vor wie in Grimms Aus- 
drücken «stark» und «schwach». Tatsächlich entsprechen 
die beiden modi principales vollständig Grimms starker, 
der novilunius Grimms schwacher Deklination. Pölmann 
ist nicht der Sklave seines Einfalls. Sein gesunder Instinkt 
bewahrt ihn davor, starke Substantiva mit nur zwei ver- 
schiedenen Ausgängen (z. B. Ofen) mit den schwachen 
zusammenzuwerfen. 

Er hat in seinen Paradigmen alle Typen der Dekli- 
nation zur Darstellung gebracht, weit vollständiger als 
€lajus, ganz zu schweigen von den Späteren, die sich 
gerade an die Schwächen des Ciaischen Systems hielten. 
Er hat ferner einen Überblick gewonnen über die Häufigkeit 
der einzelnen Typen. So hat er als der erste erkannt, 
daß die Feminina mit dem Plural auf -e in der verschwin- 
denden Minderzahl sind. Er zählt sie beinahe vollständig 
auf und darf dann lehren, daß alle andern ihren Plural 
auf n ausgehen lassen. 

Er weiß auch hübsche Regeln zu formulieren. Gegen- 
über der schematisierenden Forderung Schotteis, im 
Plural der Wörter auf -er, -el ein e anzufügen, und der 
bloßen Berufung auf den Wohllaut, mit der Buchner dies 
ablehnte, stellt er die Regel der Grammatica Germanica 
Nova auf: Ne facias dactylos puros, vitare ubi possis. 
Vim Germanismo dactylisando facis. Und diese fuga dactyli 
puri dient ihm auch sonst als Norm. 

Originell ist auch seine Unterscheidung der Formatio 
adjectivi als der variatio per modos von der Motio als der 
variatio per genera. Durch die Formatio entstehen die 
drei Typen gut, guter, gute; die Lehre von der Motio 
zeigt, wie innerhalb dieser drei Typen die Genera be- 
zeichnet werden. 

In der Konjugationslehre trennt Pölmann die schwachen 
Verba mit Vokalveränderung von den starken und ordnet 
diese nach den Ablautverhältnissen an. 

Noch mehr Anerkennung als der Blick für das Typische 
verdient die Beobachtung des wirklichen Sprachgebrauchs. 
Wir finden eine Menge richtiger Bemerkungen. Für die 
Mehrformigkeit der Pluralbildung werden viel mehr Bei- 
spiele angeführt als bei Schottelius. Pölmann begnügt sich 
nicht mit der von einer Grammatik in die andere fort- 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 13 



194 Kapitel 6. [§ 110. 111. 

geschleppten Lehre, daß die Substantiva durch -in mo- 
viert werden, er weist auch auf seltnere Fälle hin wie 
Entrich-Ente, Kater -Katze. 

Die Schwankungen im Gebrauch der Adjektivformen 
hat er beobachtet, wenn auch nicht in dem Umfang wie 
Bellin. Auch sonst weist er auf Abweichungen der Schrift- 
steller von der Regel hin, namentlich gibt er von Luthers 
Sprache teilweise ein genaueres Bild als der unwillkürlich 
schematisierende Clajus. 

Pölmann hat in einigen Punkten auf die Folgezeit ge- 
wirkt, durch Vermittlung des ihn benützenden Bödiker. 
Unmittelbare Anerkennung blieb ihm versagt. Reich ard 
versucht, ihm gerecht zu werden, sein Gesamturteil ist 
aber ungünstig beeinflußt durch Pölmanns verschrobene 
Etymologien. Gerechter wird ihm ein Artikel in «Der 
Deutschen Gesellschaft in Leipzig Nachrichten und An- 
merkungen», III. Stück (1743), S. 400 ff., der insbesondere 
anerkennt, daß Pölmann seine Regeln nicht aus andern zu- 
sammengeschrieben, sondern aus der Beobachtung der 
Sprache selbst gezogen habe. 

111. In Einzelheiten wurde die nhd. Grammatik durch 
etymologische Untersuchungen gefördert. Der Philosoph 
Johannes Clauberg (1622 — 1665), der ein großes Werk 
«De causis linguae Germanicae» plante, veröffentlichte, 
gleichsam als Probe, 1663 eine Ars etymologica Teu- 
tonum e Philosophiae fontibus derivata (abgedruckt 
in Leibnitii Collectanea etymologica, I, S. 187 — 252). Er 
behandelt hier ausführlich die Wörter Vernunft, suchen, 
Ausspruch, bringt aber außerdem eine Menge anderer Etymo- 
logien vor. Die Gelehrten des 17. und 18. Jhs. rühmten 
an dem Büchlein die Sicherheit der Methode, die sich 
in den von Clauberg aufgestellten Regeln des Etymologi- 
sierens kund gebe. Das Verdienst der Schrift liegt aber 
viel mehr in der vernünftigen Behandlung des einzelnen 
Falles als in den 24 Regeln, von denen die meisten an dem 
Zeitübel der allzugroßen Allgemeinheit kranken, zum Teil 
auch bloße Werturteile enthalten. 1 An abenteuerlichen 



1 Vgl. G. V ocdbulorum Teutonicorum major est quandoque 
bonitas quam Graecorum, Latinorum aliorumve peregrinorum. 
H. Voces, quae a perfectione rei petitae sunt, melius eam ex- 
primunt, quam quae ab ejus defectu vel corruptione. 



§ 111. 112.] Von Schottelius bis Gottsched. 195 

Etymologien fehlt es übrigens auch nicht. Für die nhd. 
Grammatik ist von Bedeutung die ausführliche Erörterung 
der Funktionen der Vorsilbe ver, die Andeutung eines Ab- 
leitungselements t und die übrigens von Clauberg selbst 
nicht als originell bezeichnete Lehre von einem präfigierten 
s, die später in den Wurzelsystemen eine Rolle spielte 
und neuerdings ja wieder zu Ehren gekommen ist. 

Wertvoller als Claubergs Schrift ist Johann Vorsts 
(1623 — 1676) Observationum in linguam vernaculam 
specimen. 1 Ihm gebührt ein Ehrenplatz in der Geschichte 
der germanischen Philologie, denn hier tritt an Stelle des 
planlosen Vergleichens aller möglichen Sprachen die histo- 
rische Untersuchung. Mit guter Kenntnis des Altgerma- 
nischen ausgerüstet stellt Vorst eine Reihe von Etymologien 
auf, die beinahe alle richtig und Gemeingut der Wissen- 
schaft geworden sind. Für uns kommt in Betracht die 
Erweiterung der Schotteischen Lehre von der Ableitung 
durch den Nachweis der Bildungselemente de, ft, st und 
die Erkenntnis des Zusammenhangs von ur- mit er-. 

Nicht eben immer gründlich, aber doch vielfach an- 
regend wurden einzelne Punkte der Grammatik behandelt 
in des berühmten Polyhistors Daniel George Morhof 
(1639—1691) Unterricht von der Teutschen Sprache 
und Poesie 1682 (nach des Verfassers Tod noch auf- 
gelegt 1700, 1702 und 1718). 

112. Die erste vollständige Sprachlehre nach Schottelius, die 
Ansehen und Verbreitung erlangte, hat Johann Bödiker zum 
Verfasser, der 1641 in der Nähe von Stettin geboren, von 1673 
bis zu seinem im Jahre 1695 erfolgten Tode am cölnischen Gym- 
nasium in Berlin, seit 1675 als dessen Rektor, wirkte. Seine 
Grund-Sätze der Deutschen Sprachen erschienen 1690. Er 
betrachtete diese Grammatik, die nach der Widmungsschrift «sonder- 
lich der Jugend zum Besten» geschrieben ist, als notwendige Vor- 
arbeit für ein großes deutsches Wörterbuch, zu dem er viel 
Material gesammelt hatte. Eine Probe, die die Artikel Brenn, 
Brech und Danck enthielt, veröffentlichte er 1694 als Fest- 
schrift zur Einweihung der Universität Halle. 2 Den Artikel Brenn 



1 Als Erscheinungsjahr wird gewöhnlich 1669 angegeben. 
Mir liegt ein Exemplar der Wiener Hofbibliothek mit der Jahres- 
zahl M.DC.LXIIX vor. 

2 Vgl. K. E. Bödiker in der Ausgabe von 1701, Blatt c 3 a. 

33* 



196 Kapitel 6. [§ 112. 113. 

schob sein Sohn Karl Edzard zwischen die Regeln 69 und 70 
der Syntax ein, als er 1701 das iWerk des Vaters als Neu-ver- 
mehrte Grund-Sätze der Deutschen Sprachen herausgab. 1 
In dieser Gestalt wurde die Grammatik 1709 wieder aufgelegt. 
Einer ziemlich tief gehenden Umarbeitung wurde sie 1723 von 
Johann Leonhiard Frisch unterzogen. Diese Redaktion erlebte 
1729 eine neue Auflage. Endlich gab Johann Jacob Wippel 
1746 den ursprünglichen, wenn auch hie und da gekürzten und 
veränderten Bödikerschen Text mit den Anmerkungen von Frisch 
und eigenen Zusätzen heraus. 

113. Bödikers Grundsätze sind eine tüchtige, von 
Kenntnissen und selbständigem Denken zeugende Arbeit, 
aber das ungemessene Lob, das H. Rückert ihnen in 
einem der wunderlichsten Kapitel seiner Geschichte der 
Neuhochdeutschen Schriftsprache (II, S. 349 ff.) spendet, 
ist auf ein gerechtes Maß zurückzuführen. Vor allem ist 
nachdrücklich zu betonen, daß Bödiker auf Schotteis 
Schultern steht, außerdem hat er den Arbeiten Pölmanns, 
Morhofs und anderer manches zu verdanken. Seine An- 
sichten über das Verhältnis des Hochdeutschen zu den 
Dialekten und die Befugnisse des Grammatikers werden 
im folgenden Abschnitt zu erörtern sein. Hier, wo es sich 
um die grammatische Technik und Observation handelt, 
ist vor allem hervorzuheben eine kaum von einem anderen 
überbotene Systemlosigkeit. Diese springt schon in die Augen, 
wenn man die Haupteinteilung erwägt: Das Erste Haupt- 
Theil, von der Deutschen Grammatica. Das ander Haupt- 
Theil. Die Vorwörter Oder Praepositiones. Am Ende des 
zweiten Stücks des ersten Hauptteils, der Wort-Forschung, 
stehen eine Menge Bemerkungen über Herleitung der 

1 Wippel behauptet in der Vorrede zu seiner Ausgabe, Bl. 7a, 
daß der Druck von 1701 sich nur durch diesen Einschub von 
der ersten Auflage unterscheide. Das ist unrichtig. Die Para- 
digmen der Vollverba fehlen in der editio princeps. 1701 wurden 
sie an höchst unpassender Stelle eingeschaltet, nämlich nach 
Regel 26 der Etymologie, vor den Paradigmen der Hilfsverba, die 
Bödiker der Regel 29 angefügt hatte. Diese schlechte Disposition 
wurde von Frisch und Wippel nicht geändert. Reichard, S. 288. 
spricht sich ebenso aus wie Wippel; er hat den Druck von 1690 
offenbar nicht gesehen, da er den Umfang gegen seine Gewohnheit 
nicht angibt und der Titel eine Menge Unrichtigkeiten enthält. — 
In diesem Buch ist vorwiegend die Ausgabe von 1701 benutzt. 



§ 113.] Von Schottelius bis Gottsched. 197 

Wörter, Sprachverwandtschaft, Altertümer der Sprache, die 
Schottelius weislich den einleitenden Lobreden zugewiesen 
hatte. Und unter diesen Bemerkungen selbst herrscht wieder 
keine Ordnung. 1 Ähnlich steht es mit den der Syntax an- 
gehängten Erörterungen, die wesentlich die Stilistik be- 
treffen. 2 

1 Die Regeln 64 — 66 enthalten Grundsätze der etymologischen 
Forschung : 64. «In der gantzen Etymologia und Wort-Forschung 
muß man genau sehen auf die Veränderung der Vocalium und 
Consonantium.» 65. «Die gantze Veränderung, wenn eine Sprache 
von der andern herkömmt, oder eine Mund-Art von der andern, 
bestehet meist in sechs Stücken.» 66. «Je ungeputzter eine Sprache, 
je gewisser kan man in einer außgeübten zierlichen die Stamm- 
wörter daher hohlen.» Darauf würde passend folgen 71. «Die 
Ableitungen in den Wörtern müssen nicht ungereimt und lächer- 
lich, sondern gründlich seyn und kunstmäßig.» 72. «Es werden 
viel Wörter des Wollauts halben etwas verändert.» Aber da- 
zwischengeschoben sind nicht nur Bemerkungen über die einzelnen 
Sprachen (68. «Es sind wenig Haupt-Sprachen.» 69. «Die Deutsche 
Sprache ist in Europa die älteste.» 70. «Viel gute Deutsche 
Wörter düncken uns fremde wegen Unwissenheit der Alt-Deutschen 
Sprache.»), sondern auch ein Enkomion der Analogie: 67. «Die 
Analogia ist ein groß Vortheil in den Sprachen.» Die Bemerkungen 
über veraltete Wörter in der Lutherbibel (74) und über die Dia- 
lekte (75) sollten sich an 70 anschließen. Da treten nun einmal 
71. 72 dazwischen und die lange Erörterung über den Satz 73 : 
«Die Wort-Forschung ist ein Weg und Mittel zur Rechtschreibung, 
zur Wort-Fügung, und vieler nützen Wissenschaft». Charakte- 
ristisch sind die Bemerkungen am Schluß von 68 : «Aber wo komme 
ich hin? Dis gehöret an einen andern Ort», und von 69: «Aber 
ich bin wieder von der Grammatischen Bahne gar abkommen, 
durch die Anmuhtigkeit der Historien. Will mich demnach wieder 
auf den rechten Weg ziehen.» 

2 Man vergleiche folgende Regeln: 90. «Sprüchwörter und 
Beysprüche zugebrauchen, muß mit gutem Bedacht geschehen.» 
91. «Alte Deutsche Wörter sind in Wehrt zu halten ; aber die 
gewöhnlichen zu gebrauchen.» 92. «Zu der Sprachen-Forschung 
und Fügung muß man scharfsinnige Philologos zu rahte ziehen.» 
93. «Zu Erlernung einer guten Deutschen Red- und Schreib-Art 
muß man gute Deutsche Bücher lesen.» Gar nicht an diesen 
Ort passen die Bemerkungen über das Verhältnis des Deutschen 
zum Griechischen und Lateinischen 97—99, insbesondere 100. «Die 
Deutsche Sprache ist eine Mutter der Griechischen und Latei- 
nischen und aller Europäischen.» Der Satz sagt doch dasselbe 
aus wie die 69. Regel der Etymologie. 



198 Kapitel 6. [§ 113. 

In dem ersten Stück, der Recht-Schreibung, sucht man 
vergebens nach einem Anordnungsprinzip. Bödiker steht 
hinter Schottelius zurück, bei dem man unter den einzelnen 
Buchstaben das Wissenswerte finden konnte. Zudem sind 
zwischen die orthographischen Regeln biedere Kernsprüche 
eingeschaltet, wie 7. «Die Recht-Schreibung ist eine Grund- 
Seule der Sprachen» (voran geht eine Bemerkung über 
das Dehnungs-Ä!) und 18. «Die neue Schreib-Art ist gar 
nicht anzunehmen», mit der hübschen Schlußbemerkung: 
«Worin die neue Schreib-Art bestehe, wil ich hier nicht 
anführen; Es ist am besten, daß die Jugend es nicht wiße». 
(Es folgt die Regel über die Großschreibung der Substan- 
tiva.) Eine unbewußte Selbstkritik stellt dar die Anfügung 
einer «Nachlese», in der Dinge angeführt werden, die früher 
teils erwähnt worden waren, teils hätten erwähnt werden 
sollen. 

Der Inhalt der Vorschriften stimmt meist mit den 
Schotteischen überein 1 , nur daß ie, seh vor Konsonant und 



1 Rückert sagt, S. 357, von Bödiker: «Er will weder eine bloß 
phonetische Orthographie, wie die Puristen, noch eine ganz dem 
Zufall der Geschichte überlassene, für die doch selbst noch 
Schottelius eingetreten war». Man kann über Schottelius nicht 
unrichtiger urteilen. Die Scheidung von ;' und i, u und v, w, die 
Rückert hervorhebt, ist schon bei Schottelius zu finden, und in 
den vierziger Jahren war ihre Betonung noch ein Verdienst, im 
Jahre 1690 eine überflüssige Selbstverständlichkeit. Die Doppe- 
lung der Endkonsonanten in soll, kann, Königinn gehört zu den 
charakteristischsten Eigenheiten der Schotteischen Orthographie. 
Das Verbot, / in -schaft zu verdoppeln, stammt aus Schottelius, 
Ausf. Arb., S. 211, 30; auch der Einspruch gegen andere un- 
nötige Konsonantenhäufungen liegt durchaus in seinem Sinn. Gleich- 
lautende Wörter in der Schrift zu scheiden ist von altersher das 
Bemühen der Orthographen und wird auch von Schottelius ge- 
billigt, vgl. den siebenten allgemeinen Lehrsatz der Orthographie, 
Ausf. Arb., S. 198, und das 21. Kapitel des 2. Buchs. Das dt in 
sandte entspricht Schotteis Intentionen, vgl. S. 208; daß im Ver- 
zeichnis der ungleichfließenden Zeitwörter die Schreibung schwankt, 
gehört auf ein anderes Blatt. Die angeblich richtigere, mit 
historischem Recht vertretene Forderung, das Dehnungs-Ä immer 
nach dem Vokal, nicht nach t zu setzen, ist Schottelius entlehnt, 
vgl. Ausf. Arb., S. 212, 32. Die Art und Weise endlich, wie 
Bückert Bödikers Verteilung von ff und ß lobt, scheint darauf zu 



§ 113.] Von Schottelius bis Gottsched. 199 

ck beibehalten werden. Einen absoluten Gegensatz zu 
Schottelius bedeutet dies nicht, namentlich nicht zu dem 
Schottelius der Manuductio. Was speziell das ck be- 
trifft, so meint Bödiker, daß kk nach Vokal und k nach 
Konsonant eigentlich besser wäre, und gibt nur dem «ein- 
geführten, langwierigen» Gebrauch nach, und Schottelius 
sagt in der Manuductio S. 42, «daß ck sey also etwas 
hergebracht und gebräuchlich, kk aber gründlicher und mit 
dem Laute zustimmiger». Nur darin besteht zwischen beiden 
ein wesentlicher Unterschied, daß Schottelius nach Kon- 
sonant das ck unbedingt verwirft, und hier hat die spätere 
Entwicklung ihm, nicht Bödiker, Recht gegeben. Neu 1 ist 
in der Orthographie eigentlich nur das ausdrückliche Ver- 
bot der Verdopplung von / nach Konsonant und zum Teil 
die Majuskellehre. Zwar ist Bödiker durchaus nicht, wie 
Rückert behauptet, der erste, der die Großschreibung der 
Substantiva forderte, aber bei ihm finden sich zuerst die 
Ansätze zu einer Weiterentwicklung, insofern er die sub- 
stantivierten Adjektiva und Infinitive und die Schreibung 
der Komposita in die Erörterung einbezieht. Übrigens ist 
einiges, was hier gesagt werden sollte, erst in der Wort- 
Forschung, Regel 16 (Kleinschreibung der eine Komposition 
mit Adjektiven eingehenden Substantiva) und 39 (Klein- 
schreibung der adverbial gebrauchten Substantiva), aus- 
geführt. 

Aus der Wort-Forschung ist namentlich hervorzuheben, 
daß Bödiker Schotteis Lehre von der Ableitung in zwei 
wichtigen Punkten erweitert, indem er nach dem Vorgang 
anderer auf nichtsilbische Ableitungselemente verweist und 
außerdem hervorhebt, daß Ableitungen auch ohne Zusätze 
zum Stammwort, durch bloße Vokaländerung, ja auch ohne 
solche zustande kommen. Sonst wäre etwa zu erwähnen 
ein freilich noch sehr dürftiger Ansatz zu einer Lehre von 
der Deklination der Eigennamen (Regel 14), worin er 
übrigens in Gueintzens Rechtschreibung und Prasch 

deuten, daß er es ihm zum Verdienst anrechnet, durch J. Grimm 
und Weinhold nicht verführt worden zu sein; aber dieses Ver- 
dienst teilt er mit manchem Zeitgenossen; vgl. G. Michaelis, Über 
die Physiologie und Orthographie der Zischlaute, S. 20. 

1 Nämlich gegenüber Schottelius. Bellin hatte es schon 1657 
ausgesprochen. 



200 Kapitel 6. [§ 113. 

Vorgänger hatte, eine Regel (19) über die Deklination der 
Numeralia außer zwei, eine treffliche Bemerkung (R. 32) 
über den Gebrauch von haben und sein. Einigemale hat 
Bödiker in Worte gekleidet, was aus Pölmanns Para- 
digmen zu ersehen war. Hieher gehört die Bödiker von 
Rückert S. 360 zum Verdienst angerechnete Unterscheidung 
der Pronominalformen dessen, derer, denen von den Artikel- 
formen der, den (R. 25), die übrigens auch schon Ze sen- 
gemacht hatte (Bellinsche Sammlung G 6 a), ferner die Regel,, 
daß die Verba müssen, sollen, wollen, mögen, können, dürfen, 
wissen vor einem Infinitiv ihr Partizip dem Infinitiv gleich 
bilden (R. 35, ausführlicher S. 129). 1 Auch die Aus- 
führungen über sich als Dativ sind durch Pölmann wenigstens 
angeregt. 2 

Die eigentliche Lehre von der Deklination der Sub- 
stantiva interessiert dagegen Bödiker nicht; sie wird auf 
fünf Seiten abgetan und zum Schluß wird auf Clajus, 
Schottelius und Pölmann verwiesen. In der Konjugations- 
lehre ist Bödiker über Schottelius gar nicht hinausgekommen. 

Bödikers Syntax beginnt mit dem Satze : «Wort-Fügung ist 
das Haupt-Stück in der Sprach-Kunst.» Rückert meint S. 364, 
diese Ansicht sei weniger Bödiker selbst, als dem mo- 
dernen wissenschaftlichen Verstände, dessen Organ er ist, 

1 Allerdings hatte schon Ölinger, 98, III, die Regel ganz 
deutlich ausgesprochen. Aber Schottelius sagt, eine Bemer- 
kung des Clajus, 106, 5 (vgl. auch 110, 24) erweiternd, Ausf. 
Arb., S. 575, 26, ungenau: «Also sagt man auch in einer Rede 
gar recht, müssen, wollen, .... für gemüst, gewolt . . .». Pöl- 
mann setzt dagegen in seinen Paradigmen an: absolute Ich 
habe gesollt, constructe ich habe sollen schreiben, absolute ich 
habe gewolt, constructe ich habe wollen lesen, und so bei allen 
Präteritopräsentien. — Die Fassung in Bödikers R. 35 geht 
übrigens auf Schottelius zurück. 

2 Pölmann setzt in den Paradigmen an : ihm (ihr), zu ihm 
(ihr), von ihm (ihr), reciproce sich, zu sich, von sich, und pole- 
misiert bei der Gelegenheit gegen Schotteis Unterscheidung von 
Dativ und Ablativ, die dieser, Ausf. Arb., S. 229, mit der Ver- 
schiedenheit des Dativs ihm und des Ablativs (von) sich begründet 
hatte. Eigen ist Bödiker die Rationalisierung des dativischen Ge- 
brauchs von sich. Von einem Hinweis auf die «Geschichte», den. 
ihm Rückert, S. 360, zuschreibt, ist natürlich bei diesem Kind 
des 17. Jhs. nicht die Rede. 



§ 113.] Von Schottelius bis Gottsched. 201 

zuzurechnen. Die bisherige Grammatik habe sich eben des- 
halb zwar nicht ausgesprochen, aber tatsächlich ablehnend 
dagegen, d. h. doch wohl gegen die Bedeutung der Syntax^ 
verhalten. Gegenüber diesen verstiegenen und, was die 
altern Grammatiker betrifft, vollständig unbegründeten Be- 
hauptungen 1 muß die nüchterne historische Betrachtung 
einfach feststellen, daß Bödiker das Verdienst hat, eine,, 
freilich nicht ganz vollständige, zusammenhängende Über- 
sicht über die Stellung des Verbums zu geben (R. 41), 
daß er die Moduslehre gefördert hat (R. 63, 64) und, aller- 
dings an ganz unpassender Stelle (R. 84 am Ende), eine 
Bemerkung über den Gebrauch der Tempora der Vergangen- 
heit anbringt. Aber es muß auch gesagt werden, daß mehr 
als die Hälfte der Regeln auf Schottelius 2 zurückgeht und 
so manche Zusätze ohne Wert sind. 3 

1 Sollte Rückerts Bemerkung über den modernen wissenschaft- 
lichen Verstand darauf zurückgehen, daß Bödiker den Sanctius 
zitiert? Aber dieser hat im 16. Jh. geschrieben. Übrigens hatte 
schon ein mittelalterlicher Grammatiker erklärt: Studium gram- 
maticorum precipue circa constructionem versatur, und, wie Bö- 
diker zur Begründung seines Satzes ausführt: «Denn dahin gehet 
die Recht-Schreibung und Wort-Forschung, und dem kommet auch 
zu Hülfe die Tohn-Messung, daß «die Wörter recht gefüget, gesellet 
und verschräncket werden», hatte ein anderer gesagt: alia docet 
(seil. Priscianus) propter ipsam (seil, congruam iuneturam dictio- 
num), scilicet litteram, sillabam, dictionem et speciss eius, et sie 
de aliis; vgl. Thurot, S. 212 f. Und Girbert bemerkte, Tab. LHI; 
«Die gröste Kunst der Deutschen Sprachen bestehet in der Wort- 
fügung». 

2 Auch der von Rückert, S. 364, gerühmte Satz (R. 74): 
«Es hat keine Art im Deutschen, wenn man die Reihen sehr 
durch einander setzet», hat sein Vorbild an Schottelius, S. 755, 
§ 23, Anm. 1. 

3 So stehen vor der auf Schottelius, S. 752, § 15, zurück- 
gehenden Regel: «Wenn einem bey der Frage wem? etwas zu 
geeignet wird, so stehet es in Dativo», die beiden Sätze R. 47: 
«Helfen hat beständig einen Dativum», R. 48: «Ruffen hat auch 
einen Dativum». Nachdem in R. 19, 21—23 eine Reihe von Fällen 
des Genitivgebrauchs aufgezählt worden sind, heißt es in R. 24: 
«Ins gemein auf die Frage Wessen? folget der Genitivus». R. 31 
lehrt: «Das Pronomen possessiv. Sein, wird nur zum Mascul. und 
Neutro gesetzet ; aber Ihr, zum Foeminino», als ob die Mutter- 
sprache der Schüler das Lateinische wäre. Falsch ist die Regel 14, 
daß vor der Apposition der Artikel oder als stehen müsse. 



202 Kapitel 6. [§ 113. 114. 

Die größte Selbständigkeit gegenüber den frütiern 
deutschen Sprachlehren zeigt Bödiker in der Monographie 
über die Vorwörter. Im Anschluß an die lateinischen und 
griechischen Grammatiken stellt er eine Definition auf, die 
es ihm ermöglicht, die Präposition scharf gegen das Ad- 
verbium abzugrenzen, und berichtigt gewisse Unklarheiten 
in Schotteis Darstellung. Die Beispiele für die einzelnen 
Vorwörter sind in großer Menge zusammengetragen. Ein 
besonderer Abschnitt ist dem Unterschied von vor und 
für gewidmet. Seine Feststellungen sind hier freilich nicht 
so originell wie R. v. Raumer, Geschichte der Germ. 
Philologie, S. 186, annahm. Bereits Schottelius hatte, was 
Bödiker auch anerkennt, im wesentlichen dasselbe gelehrt, 
vgl. Ausf. Arb., S. 771, Anm. 3; Bödiker hat nur die 
Zahl der Bedeutungskategorien vermehrt. 

Bödikers Grundsätze wurden sehr geschätzt und viel 
benützt. Sie waren eben bequemer zu gebrauchen als der 
unförmliche Quartband des Schottelius. Auch für die Ur- 
teile der modernen wissenschaftlichen Literatur ist dies 
nicht ohne Bedeutung gewesen. 

114. Kaspar Stiel er (geb. zu Erfurt 1632, gestorben 
1707) 1 veröffentlichte unter seinem Gesellschaf tsnamen in 
der Fruchtbringenden Gesellschaft Der Spate (d. h. der 
Späte, daher lateinisch Serotinus), im Jahre 1691 ein 
umfängliches Wörterbuch unter dem Titel Der Deutschen 
Sprache Stammbaum und Fortwachs, in dem er das 
leisten wollte, was in den vierziger Jahren Schottelius 
und Harsdörfer vergeblich angestrebt hatten. Einen An- 
hang dieses Werkes bildet die Kurze Lehrschrift von 
der Hochteutschen Sprachkunst. In der Formenlehre 
und Syntax ist der Anschluß an Schottelius sehr deutlich. 
Aber Stieler stimmt nicht allen Entscheidungen des Meisters 
zu und bringt hie und da neue Beobachtungen. 2 Er be- 

1 Über sein Leben und seine Werke vgl. E. Schröder, 
Allg. Deutsche Biographie, 36, S. 201ff. ; A. Köster, Der Dichter 
der Geharnschten Venus, Marburg 1897; C. Höfer, Die Rudol- 
städter Festspiele aus den Jahren 1665 — 1667 und ihr Dichter 
(Probefahrten I), Leipzig 1904. 

2 So tadelt er in der Syntax, S. 225, das auf eine 1. oder 
2. Person bezogene sich (wir haben sich •vertragen, ihr werdet sich 
zanken). 



§114. 115.] Von Schottelius bis Gottsched. 203 

handelt ferner eingehend die Aussprache, entsprechend 
seiner Absicht, die Grammatik auch für Nichtdeutsche nutz- 
bar zu machen. Er ordnet die Lehre von der Orthographie 
teilweise anders an, indem er an die Stelle der allgemeinen 
Lehrsätze Schotteis, von denen manche diesen Namen sehr 
mit Unrecht führen, Regeln von wirklich allgemeinem Cha- 
rakter setzt, darunter die drei Prinzipien der Gu eint zischen 
Rechtschreibung. Er hat endlich das große Verdienst, als 
der erste die Wortstellung in einem besondern Kapitel der 
Syntax zusammenhängend behandelt zu haben. Auch ist 
wohl seine Auswahl der Verbalparadigmen nicht ohne Ein- 
fluß auf die spätem Grammatiker gewesen. An Übersichtlich- 
keit übertrifft er Bödikers Grundsätze weitaus. 

115. Bödiker, teilweise auch Stieler, werden nun neben 
Schottelius Quellen für andere Grammatiker, so noch im 
17. Jh. für den ganz unselbständigen und unbedeutenden 
Joh. Jakob Lang jähr (Kurtzgefaßte Doch Gründliche An- 
leitung zu Leichter Erlernung der Teutschen Sprache. Eis- 
leben 1697). Im Jahre 1718 veröffentlichte Matthias Bei 1 
seine Institutiones linguae Germanicae in gratiam 
Hungaricae iuventutis. Er lehnt sich aufs engste an 
Schottelius und Bödiker an, die er ausdrücklich als 
seine Führer namhaft macht. Aber er vermeidet die von 
ihm wohl erkannten 2 Fehler Bödikers durchaus. So ist sein 
Büchlein ein übersichtlicher Leitfaden geworden. Selb- 
ständig ist er in der Anordnung der Syntax, insofern er 
nicht dem in der deutschen Grammatik üblichen Melanch- 
thonschen System folgt, sondern wie andere lateinische 
Grammatiker Convenientia und Rectio unterscheidet, und 
in der Lehre von der Aussprache, die Rücksicht auf die 
Bedürfnisse der Ungarn und Slaven nimmt. — In einem 
einzelnen Punkt — der Einteilung des Verbums in Princi- 



1 Geboren zu Otsova bei Neusohl in Ungarn am 24. März 1684, 
studierte in Halle, war Lehrer am Waisenhaus daselbst, 1708 
Rektor in Neusohl, 1714 Rektor, 1719 Prediger der evangelischen 
deutschen Gemeinde in Preßburg, gestorben daselbst am 29. August 
1749. Vgl. C. v. Wurzbach, Biogr. Lexikon des Kaiserthums 
Österreich, I, S. 235 f. 

2 Bei Bödiker seien si dicere ausim, pleraque vel alieno tra- 
dita loco, vel ita sibi innexa, vt non tarn tironibus, quod tarnen 
prae se ferre videtur, quam doctis scripsisse enm censeam. 



204 Kapitel 6. [§ 115—117. 

pale und Auxiliare — hat er vielleicht auf Steinbach 
gewirkt. Wichtiger wurde die Bearbeitung seiner Gram- 
matik durch Körber (121). 

116. Auch Herman Wiahn nennt in seiner Kurtz- 
gefasseten Teut schon Grammatica 1 als seine Gewährs- 
männer Schottelius, bei dem jedoch manches veraltet 
sei, und Bödiker. Aber es ist doch wohl Stielers Ein- 
fluß zuzuschreiben, daß das 1. Kapitel der Syntax «Von 
der ConstructionsOrdnung insgemein und insonderheit» 
handelt. In der Syntax gibt Wahn ferner in Anlehnung 
an eine lateinisch geschriebene allgemeine Grammatik als 
der erste deutsche Sprachlehrer eine durchgeführte Theorie 
der Tempora. Auch in der Lehre von der Substantivdekli- 
nation geht er über seine sonstigen Quellen hinaus. 

117. Viel selbständiger als Bei und Wahn war einige 
Jahre früher Johann Daniel Longolius vorgegangen in 
seiner Einleitung zu grj.ündtll ichler Erkäntniß einer 
ieden, insonderheit aber der Teutschen Sprache 
(Budissin 1715), einem sehr umfänglichen Werk, das, wie 
schon der Titel sagt, auch eine allgemeine Grammatik sein 
will. Schon dadurch, daß es bis zu den Perioden hinauf- 
steigt, tritt es aus der Reihe der gewöhnlichen Sprachlehren 
heraus; einen Vorgänger hatte Longolius nur in Pudor. 
Seine phonetischen Kenntnisse verdienen Anerkennung. Die 
Deklinationen ordnet er noch vor Körb er nach dem Plural- 
ausgang. Auch die Darstellung der Konjugation weicht von 
Schottelius ab. Nicht besonders glücklich ist der Gedanke, 
den schwachen Verben auf -ein, -em besondere Konjugationen 
zuzuweisen; aber mit Recht trennt er die starken Verba, 
die seine vierte Konjugation ausmachen, von den schwachen 
mit Vokalwechsel. Auch versucht er eine Klassifikation 
der starken Verba, wobei nicht nur der Ablaut, sondern 
auch der Vokalwechsel im Präsens und das Stehen oder 
Fehlen des -e im Imperativ in Rechnung gezogen wird. Die 
Lehre «Vom Teutschen Deriviren» stellt sich in scharfen 
Gegensatz zu Schottelius, da für Longolius nur das seman- 



1 Ohne Jahr. Die Widmung ist vom 20. August 1723 datiert. 
Das Buch enthält nur Etymologie und Syntax. Orthographie und 
Prosodie hatte Wahn 1720 in seiner Teutschen Orthographia 
behandelt. 



§ 117. 118.] Von Schottelius bis Gottsched. 205 

tische Verhältnis von Grundwort und Ableitung maßgebend 
ist und ihm demgemäß auch Ableitungen einsilbiger Wörter 
aus mehrsilbigen zulässig erscheinen. Der Abschnitt «Vom 
Teutschen Componiren» weist auf die bisher nicht be- 
achteten Zusammensetzungen von Substantiven mit Verbal- 
stämmen hin. In der Satzlehre wird die Wortstellung be- 
handelt. 

118. Johann Leonhärd Frisch, geboren am 19. März 
1666 zu Sulzbach in der Oberpfalz, 1698, nach einem wechsel- 
vollen Wanderleben, Subrektor, 1708 Konrektor, 1727 Rektor des 
Gymnasiums am Grauen Kloster in Berlin, zugleich Mitglied der 
Berliner Societät der Wissenschaften und seit 1731 Direktor der 
historisch-philologisch-deutschen Klasse, gestorben am 21. März 
1743, war, ohne seine wissenschaftlichen Interessen auf das Ge- 
biet der Linguistik zu beschränken, einer der hervorragendsten 
Sprachforscher Deutschlands, ein gründlicher Kenner der slavischen 
Sprachen, der sich auch mit dem Französischen wissenschaftlich 
wie als Schulmann beschäftigte. Sein germanistisches Haupt- 
werk ist sein «Teutsch-Lateinisches Wörter-Buch» (Berlin 1741), 
dessen J. Grimm (Deutsches Wörterbuch, I, XXII) mit hohem 
Lobe als des ersten gelehrten Werks dieser Art gedenkt. 1 

1723 gab Frisch Bödikers Grundsätze heraus. Wie 
es in der Vorrede heißt, hat «man dadurch des sei. Herrn 
Auctoris Angedenken in der Mark im Flor erhalten wollen, 
da man sonst wohl imstande gewesen wäre, unter andern 
Titel dergleichen Sachen vorzutragen». Die Zahl und die 
Reihenfolge der Regeln ist beibehalten, der Wortlaut mit- 
unter geändert; die Anmerkungen sind stark überarbeitet. 
Die Orthographie kann als ganz neues Werk betrachtet 
werden, in der Syntax bestehen die Änderungen meist in 
Kürzungen. Das Verhältnis der beiden Hauptteile ist an- 
gemessener geworden, da Frisch die Monographie über die 
Präpositionen auf ein paar Seiten zusammenstrich und als 
Anhang der Syntax folgen ließ. Die Geschwätzigkeit Bö- 
dikers ist eingedämmt, seine etymologischen Phantasien 
sind weggelassen, ebenso seine treuherzigen Kernsprüche 
und schwerfälligen Scherze. Veraltetes und Unrichtiges ist 
beseitigt. 



1 Über Leben und Werke Frischs vgl. L. H. Fischer, Jon. 
Leonh. Frischs Briefwechsel mit G. W. Leibniz, Archiv der «Bran- 
denburgia», 2. Band, Berlin 1896. 



206 Kapitel 6. [§ 118. 119. 

An vielen Stellen tritt die Sachkunde und Klarheit des 
Bearbeiters zutage. So gibt er eine Zusammenstellung der 
Fälle, wo im Auslaut -e stehen müsse, und spricht als der 
erste die Regel aus, daß im Imperativ die Setzung des 
-e davon abhänge, ob der Vokal des Infinitivs bleibe oder 
nicht. Die Bemerkung Bödikers (Etym. R. 48), «In den 
Verbis ist der Imperativus das Stamm-Wort», ändert Frisch 
sehr charakteristisch um: «In den Verbis kan das Praesens 
oder der Imperativus als das Stammwort seyn, oder zur 
Formation dienen», d. h. Frisch ist sich klar darüber, daß 
das «Stammwort» der herkömmlichen Terminologie ein 
bloßer Hilfsbegriff ist. 

Er strebt nach realen Erklärungen der sprachlichen 
Erscheinungen. Gewisse niederdeutsche Sprachfehler leitet 
er daraus ab, daß die Niederdeutschen Eigentümlichkeiten 
ihrer Mundart, z. B. den Zusammenfall von pronominalem 
Dativ und Akkusativ, in ihr künstlich angelerntes Hoch- 
deutsch herübernahmen. Er glaubt, daß Konstruktionen wie 
ich habe ihn fallen sehen, statt gesehen, Analogiebildungen 
nach dem Futurum, ich werde ihn fallen sehen, seien, eine 
Erklärung, die auch in unserer Zeit Vertreter gefunden hat. 

Seine orthographischen Anschauungen sind im ganzen 
sehr verständig. Pedanterie ist ihm vollkommen fremd. 
Er sieht in der Verketzerung jeder abweichenden Ansicht 
das Haupthindernis des endlichen Siegs einer vernünftigen 
Schreibung. Ihm ist eine langsame Minierarbeit lieber, die 
in den Schulen beginnen müsse. Ja, er geht in der Toleranz 
wohl zu weit, wenn er sich zunächst damit begnügen 
will, «eine Gleichgiltigkeit bei einigen pedantischen Schreib- 
regeln einzuführen», und so die der Jugend und den Un- 
gelehrten auferlegten Lasten zu verringern. 

Freilich, eine streng systematische und ausführliche 
Grammatik konnte auf dem von Frisch beschrittenen Weg 
nicht entstehen. Eine solche zu liefern lag aber auch gar 
nicht in seiner Absicht. 

119. Der schlesische Arzt Christ. Ernst Steinbach 
(1699 — 1741), der später auch ein Wörterbuch veröffent- 
lichte, gab 1724 eine Kurtze und gründliche An- 
weisung zur Deutschen Sprache heraus. Das Buch 
ist, damit es von Ausländern gebraucht werden könnte, 
lateinisch geschrieben. In der Vorrede erwähnt Steinbach 



§119. 120.] Von Schottelius bis Gottsched. 207 

Schottelius, Morhof, Bödiker und Bei. Trotz ihrer 
Arbeiten sei noch nicht alles ins reine gebracht. Von der 
«Construction», d. h. der Wortstellung, habe keine ihm 
bekannte Schrift gehandelt und zudem hätten die Gram- 
matiker über 200 unregelmäßige Verba angesetzt. Damit 
hat Steinbach die Punkte bezeichnet, in denen sein Buch 
für die weitere Entwicklung bedeutsam wurde: die Lehre 
von der Wortstellung, in der sein System herrschend blieb, 
bis es von dem einfacheren Aichingers abgelöst wurde, 
und die Darstellung der Konjugation mit ihren Unter- 
abteilungen der nicht mehr als unregelmäßig bezeichneten 
starken Verba. Wir werden Steinbach glauben, daß er von 
Vorgängern nichts wußte; tatsächlich hatten Stiel er, 
Longolius und Wahn von der Wortstellung gehandelt, 
und die Einteilung der starken Verba nach Ablautklassen 
war, um von den altern Versuchen (Ölinger, Becherer, Kro- 
mayer, Gueintz) zu schweigen, bereits von Pölmann vor- 
genommen worden. Übrigens enthält Steinbachs knappes 
und übersichtliches Büchlein noch manches andere Gute. 
So gibt er eine Übersicht über die einzelnen Fälle des 
Lautwechsels und bringt in der Syntax eine und die andere 
selbständige Beobachtung. 

120. Steinbachs Einfluß macht sich bereits geltend 
in dem syntaktischen Teil von Salomon Hentschels 
Grundregeln der Hoch-Deutschen Sprache (1729), 
einem Buche, das aus der Überzeugung von der Notwendig- 
keit grammatischen Unterrichts in der Muttersprache hervor- 
gegangen ist. Außer Steinbach und den altern Gram- 
matikern Clajus, Schottelius, Bödiker, Stieler, denen 
er höchst unnötig noch Girbert und Lang jähr anreiht, 
nennt Hentschel als seine Quellen Fr eye rund Seh motth er. 
Über Freyer vgl. 124. Gottfried Schmotthers Dreßd- 
nisch-Cantzleymäßiger . . . Schreiber und Rechner, 
zuerst 1726 erschienen 1 , setzt gewissermaßen die Tradition 
Brückers und Overheides fort. Er enthält außer Ortho- 
graphie und Grammatik auch eine Anweisung zu Briefen 

1 Nach dem Katalog der Kgl. öff. Bibliothek in Dresden und 
Engelien, S. 296. 2. Auflage 1729, 3. 1752 (Katalog der Dres- 
dener Bibliothek) und 1755 (unter dem Titel «Vollkommener cantz- 
leymäßiger Schreiber und Rechner»; Katalog der Kgl. LandesbibL 
in Stuttgart). 



308 Kapitel 6. [§ 120—122. 

und zum Rechnen. Die wichtigste Anregung, die Hentschel 
dem dickleibigen Buche entnahm, betrifft die Eigennamen, 
die Schmotther in seinen Paradigmen konsequent berück- 
sichtigte und denen nun Hentschel als der erste deutsche 
Grammatiker einen eigenen Abschnitt widmete. In der An- 
ordnung des Stoffs sucht sich Hentschel an die damals 
sehr verbreitete lateinische Grammatik des Cellarius an- 
zuschließen. 

121. Im Jahre 1730 versah CA. Körber die B eischen 
Institution es mit zahlreichen verständigen Zusätzen und 
Berichtigungen. Er zitiert Frey er und Steinbach. Auf 
Gottsched war von Einfluß seine Darstellung der Sub- 
stantivdeklinationen, die er nach den Pluralendungen ordnet, 
und wohl auch seine Genusregeln. Von seinen syntak- 
tischen Bemerkungen ist die ausführliche Behandlung des 
Gebrauchs der Artikel hervorzuheben. Auch er erörtert 
die Wortstellung. 

122. Bödikers Grundsätze wurden 1746 von Johann 
Jacoh Wippel neu herausgegeben. Er stellte den Bö- 
dikerschen Text mit einigen Kürzungen, Änderungen und 
Modernisierungen im Ausdruck wieder her, wobei er die 
Bearbeitung von Frisch benützte, bezeichnete in den Aus- 
führungen zu den Regeln durch die Buchstaben B. und F. 
den Anteil von Bödiker und Frisch und machte eigene 
Zusätze. Da er seine Bemerkungen und die Erörterungen 
von Frisch nicht etwa unter dem Text bringt, sondern, 
ohne sie durch den Druck hervorzuheben, gleich auf Bö- 
dikers Worte folgen läßt, macht die Lektüre oft den Ein- 
druck, als sei man in einen gelehrten Streit der drei 
Herren hineingeraten. Für ein Lehrbuch war das gewiß 
nicht die richtigste Form. Wippeis Beiträge, die ihn öfters 
in der abgeschmacktesten Sprachscholastik befangen zeigen, 
bedeuten keinen Fortschritt in der Entwicklung der Gram- 
matik. Die Lücken der Bödikerschen Arbeit hat er wohl 
zu verstopfen gesucht, das Unsystematische ist geblieben. 
Und für Frischs Sprachbetrachtung fehlt ihm das Ver- 
ständnis. 1 



1 So führt Frisch den Gebrauch von Sie statt Ihnen bei den 
Niederdeutschen darauf zurück, daß diese in ihrem Dialekt nur 
das Duzen und Ihrzen kannten. Dazu bemerkt Wippel, S. 183, es 



$ 123. 124.] Von Schottelius bis Gottsched. 209 

123. Von den orthographischen Anweisungen der ersten 
Hälfte des 18. Jhs. verdient Erwähnung Justinus Töllners 
(1656 — 1718) im Todesjahr des Autors erschienener Deut- 
licher Unterricht von der Orthographie der Teut- 
schen wegen der Angaben über die Inkongruenz von Schrift 
und Sprache, die den Verfasser gegen den Grundsatz, nach 
der Aussprache zu schreiben, mißtrauisch machte. Doch 
ist es eben seine provinzielle Aussprache, in der der Unter- 
schied zwischen stimmhaften und stimmlosen Spiranten 
sowie zwischen gerundeten und nicht gerundeten Vokalen 
erloschen war, die seinen Neuerungen zugrunde liegt. Er 
wollte, daß man nach Diphthongen nie ss und ff schreibe, 
(z. B. beisen, greifen statt beissen, greif fen) und ä, ö, ü nur 
da setze, wo der Ursprung aus a, o, u nachweisbar sei 
(z. B. Tieren statt hören). 

124. Viel bedeutender und einflußreicher war die zuerst 
1721 * erschienene, dann noch dreimal aufgelegte An- 
weisung zur Teutschen Orthographie von Hierony- 
mus Freyer (1675 — 1747), die in musterhafter Systematik 
und strenger Folgerichtigkeit jeden einzelnen ortho- 
graphischen Lehrsatz auf die vier Prinzipien Pronuntiation, 
Derivation, Analogie und Usus scribendi zurückführte, jenen 
Prinzipien, die größtenteils schon in der Gueintzischen 
Rechtschreibung aufgestellt, aber dort ohne Verbindung 
unter sich und mit den Speziairegeln gelassen worden waren. 

Was den Inhalt der Lehrsätze betrifft, ist Freyer kon- 
servativ; er läßt manche veraltende Schreibung zu, die 
später von Gottsched endgültig beseitigt wurde. 

Das Buch enthält auch einen Abriß der Formenlehre 
und Syntax, der bemerkenswert ist wegen einiger Angaben 
über den Gebrauch der beiden Adjektivdeklinationen und 
der hier aufgestellten, freilich von Früheren vorbereiteten 
Lehre von einem articulus posipositivus, die nicht nur bei 
Hentschel, sondern auch bei manchen späteren Gram- 
matikern Anklang fand. 



werde nicht ein jeder glauben, daß man den «Complimenten» die 
Schuld an diesem Fehler beizumessen habe. «Es ist auf teutsch 
die Unwissenheit Ursache davon.» Also statt einer historischen 
Erklärung lieber ein allgemeines Gerede, 
i Nach Engelien, S. 298, im Jahre 1722. 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 14 



210 Kapitel 6. [§ 125—127. 

125. Freyers Buch ist offenbar der Ausgangspunkt für 
Johann Hieronymus Lochners (1700—1769) 1735 
unter dem Pseudonym Chlorenus Germanus heraus- 
gegebene neu verbesserte Teutsche Orthographie. 
Lochner war ein scharfsinniger Kopf, aber seine weit- 
schweifige Darstellung 1 bahnt den guten Beobachtungen 
nur mühsam den Weg durch das Dickicht selbstgeschaffener 
scholastischer Schwierigkeiten. Auch er flicht in seine Ortho- 
graphie andere Teile der Grammatik ein. Die Lehre von 
der Substantivdeklination steht auf dem Standpunkt, den 
erst vier Dezennien später wieder Fulda erreichen sollte. 
Aber auf die tonangebenden Kreise seiner Zeit wirkte 
Chlorenus nicht, zum guten Teil wegen seiner altertüm- 
lichen, stark süddeutsch gefärbten Sprache. Mehr Anklang 
fand er im katholischen Deutschland; wenigstens wird er 
von dem Jesuiten Habendorf (127) zitiert. Und nicht 
unmöglich scheint es, daß seine Akzentlehre auf Aichinger 
und durch diesen auf Nast, Fulda und Adelung ge- 
wirkt hat. 

126. Abhandlungen über verschiedene grammatische 
Probleme brachten die nun erstehenden Zeitschriften, von 
denen die von Gottsched herausgegebenen Beyträge zur 
Critischen Historie der Deutschen Sprache, Poesie 
und Beredsamkeit (1732 — 1744) den ersten Rang ein- 
nehmen. Manche Fragen wurden hier fruchtbringend er- 
örtert. Mit Auszeichnung sind die Aufsätze von P. Martini 
zu nennen, dessen Abhandlung über die Adjekjjyjdeklination 
noch von Adelung benützt wurde. Einige gute Beob- 
achtungen brachten Etlicher Niedersachsen Gram- 
matische Anmerkungen (Hildesheim 1742). Auch Mono- 
graphien erschienen. Johann Christian Clemann, Kon- 
rektor zu Schwerin, veröffentlichte 1747 einen Versuch 
einer regelmäßigen Beugung oder Declination der 
Teutschen Nenwörter. 

127. Seit den zwanziger Jahren des 18. Jh. wenden 
sich als Vorboten einer neuen Zeit auch Katholiken, nament- 
lich süddeutsche, nach hundertjähriger Unterbrechung wieder 
dem Betrieb der Grammatik zu. Die Abhandlungen im 



1 Das Buch ist um 9 Bogen stärker als die erste Auflage von 
Schotteis Sprachkunst! 



§ 127.] Von Schottelius bis Gottsched. 211 

II. und V. Band des Parnassus Boicus (1723, 1724 
und 1736) sind freilich nur als Symptome des wieder- 
erwachten Interesses für die deutsche Sprache von Be- 
deutung. 1 Aber der Teutsche Schlüssel zu allen 
Sprachen von Johann Max (1728) verdiente nicht die 
Geringschätzung, mit der ihn die Critischen Beyträge 
(I, S. 226 ff.) besprachen, auf deren Referat Reichards 
etwas ironisch gefärbte Mitteilungen S. 397 ff. beruhen. Die 
Sprache ist allerdings altertümlich und nicht frei von süd- 
deutschen Provinzialismen. Nord- und Mitteldeutsche hatten 
aus dem Buch nichts zu lernen, aber für sie war es 
auch gar nicht bestimmt. Der Verfasser, der aus dem Wallis 
stammte, hatte selbst erst später deutsch .gelernt und wirkte 
als Sprachlehrer erst in Wien, dann in Liegnitz. Wenn 
er den Mangel deutscher Grammatiken beklagt, so denkt 
er an Österreich. Bödikers Grundsätze waren dort, wie 
die Dinge nun einmal lagen, wegen ihres protestantischen 
Standpunkts unmöglich. Sie konnten übrigens ebenso- 
wenig wie die lateinisch abgefaßten Bücher von Bei und 
Steinbach Maxens didaktischen Ansichten genügen. Denn 
in ihm war der Ratichische Gedanke lebendig, daß an 
der Hand der Muttersprache das System grammatischer 
Begriffe erlernt werden und so die deutsche Sprachlehre 
auf das Studium fremder Sprachen vorbereiten solle. Da- 
neben wünschte er, an der Erfüllung der Forderung mit- 
zuwirken, daß ein wohlgeartetes Gemüt sich der Grund- 
regeln der Sprache bewußt werde, die Fehler des Pöbels 
vermeide und richtig schreibe. 

Er nennt als Vorgänger den Grafen von Seilern, der 
als Reichs-Vice-Kanzler ein «Namen-Büchel» 2 verfaßt habe, 
um den vielen Fehlern, die sich selbst in wichtigen Kanzlei- 
schriften finden, zu steuern. Der Teutsche Schlüssel 
ist nach didaktischen Erwägungen disponiert; daher steht 
die Lehre vom Verbum als der wichtigste Teil der Etymo- 
logie voran. Max bemüht sich um scharfe Formulierung 
der grammatischen Definitionen und eifert gegen den üb- 

1 Vgl. Hans Birlo, Die Sprache des Parnassus Boicus, Münch- 
ner Dissertation, Augsburg 1908, S. 6 ff . 

2 Dies ist der bairisch-österreichische Name für Fibel, vgl. 
Schmeller, Bair. Wb., I, 1740; aber das von Max erwähnte Buch 
muß eine Anweisung zur Orthographie gewesen sein. 

14* 



212 Kapitel 6. [§ 127. 

liehen Schlendrian. Seine Angriffe richten sich natürlich 
gegen den damaligen Betrieb der lateinischen Grammatik 
in österreichischen Schulen; was er fordert, hatten die 
vorgeschritteneren Lehrbücher zum Teil schon durchgeführt, 
so die Beseitigung des Optativs. Manches ist, wie er selbst 
sagt, auf den künftigen Unterricht im Französischen und 
Italienischen berechnet, so die Unterscheidung eines Praeteri- 
tum imperfectum und perfectum definitum, die im Deutschen 
durch dieselbe Form ausgedrückt werden. Er gibt eine 
Darstellung der Wortfolge, wahrscheinlich im Anschluß an 
Steinbach, aber mit einigen Erweiterungen; durch Stein- 
bach ist er auch wohl zu seiner Klassifikation der starken 
Verba angeregt worden, wobei er übrigens etwas andere 
Wege einschlägt als sein Vorbild. 

Die lateinische Bearbeitung der italienisch geschrie- 
benen Grammatik Matthias Kramers, die der Jesuit 
Andreas Freyberger 1733 unter dem Titel Fundamenta 
linguae Germanicae herausgab, scheint in katholischen 
Kreisen einige Verbreitung gefunden zu haben. Wenigstens 
zitiert sie öfters ein Ordensbruder Frey bergers, Haben- 
dorf, in seiner Anleitung zur Teutschen Sprache, 
die anonym 1744, mit Nennung des Autors 1753 erschien. 
Außerdem verweist Habendorf auf Bödiker, Chlorenus, 
seltsamerweise auch auf den alten Sattler. Schot telius 
ist sicher benutzt. Habendorfs Buch lehrt übrigens auch 
die Elemente des Rechnens und gibt eine Anweisung 
zur Abfassung von Briefen und Geschäftsstücken, vgl. 
Schmotther (120). Die Sprache steht im Banne des 
Kanzleistils. Als gute Dichter werden neben Mitgliedern 
der Gesellschaft Jesu (Oppelt, Georg Friebel, Bälde) Opitz 
und Hofmanswaldau gerühmt. 

Endlich gab 1747 Johann Balthasar von Antes- 
perg in Wien seine Kayserliche Deutsche Gram- 
mati ck heraus. Er stand mit Gottsched in Beziehung 
und war Mitglied der Deutschen Gesellschaft in Leipzig. 
Seine Arbeit ist insofern selbständig, als er fortwährend 
Bezug nimmt auf die Abweichungen des österreichischen 
Dialekts und Schreibgebrauchs von der modernen Schrift- 
sprache, die er freilich selbst nicht vollständig beherrscht. 
Auch er sieht wie Max den Wert der deutschen Grammatik 
unter anderm in der Vorbereitung auf das Studium fremder 



§ 127. 128.] Von Schottelius bis Gottsched. 213 

Sprachen. In der Benützung der Vorgänger greift er ge- 
legentlich bis auf Clajus zurück. 

Anm. Nach Jaroslaus Schallet, Kurze Lebensbeschreibungen 
jener verstorbenen Gelehrten Männer aus dem Orden der Frommen 
Schulen, die sich . . . vorzüglich ausgezeichnet haben (Prag 1799), 
S. 149, hat der Piarist Donatus Hoffmann a Transfig. Do- 
mini (geb. 1703 zu Leobschütz in Schlesien, gest. in Kempten 
1783) 1746 in Kempten eine Deutsche Sprachlehre erscheinen 
lassen. Näheres ist mir über das Buch nicht bekannt. 

VII. Das Problem der Sprachrichtigkeit. 

128. Das Problem enthält zwei begrifflich trennbare 
Momente : was sind die Befugnisse des Sprachlehrers gegen- 
über dem Sprachgebrauch ? und : wie verhält sich die Schrift- 
sprache zu den Mundarten? 

Der erste Punkt bildet den Gegenstand eines freund- 
schaftlichen Streits zwischen Richey und Fabricius «über 
den Gebrauch und Mißbrauch in Sprachen» in C. F. Weich- 
manns Poesie der Nieder-Sachsen II (1723), S. lff. Während 
Richeys Bemerkungen über den «Mißbrauch» ganz an der 
Oberfläche bleiben, sind die Ausführungen seines Gegners 
vernünftig und vorurteilslos. Er nimmt als Motto eine 
Stelle des Sex tu s Empiricus, in welcher der Zirkel- 
schluß der griechischen Grammatiker aufgedeckt wird, die 
gegen den Gebrauch die Analogie ausspielten, diese aber 
wiederum auf den Gebrauch stützten. Die Sprache, führt 
Fabricius aus, ist überhaupt nichts anderes, «als ein be- 
liebter Gebrauch eines gewissen Volkes im reden und 
schreiben zu der Zeit», der Grammatiker hat die Aufgabe, 
die Gesetze des jeweiligen Gebrauchs festzustellen, nicht, 
ihm Gesetze vorzuschreiben. Die sprachlichen Verschieden- 
heiten flössen mit Notwendigkeit aus der Verschiedenheit 
der sprechenden Menschen her, die sich sowohl in der 
Lautbildung geltend mache, wie im geistigen Gehalt der 
Sprache, insofern der eine Mensch anders denke als der 
andere, «und eine Sache, davon er sprechen will, anders 
betrachtet, und unter andern Bildern sich vorstellet». Wenn 
die toten Sprachen einförmiger zu sein schienen, so komme 
dies daher, daß sie in wenigen Schriften erhalten seien. 
Aber auch in ihnen merke der Grammatiker einfach den 
Gebrauch an, wenn er auch allen Regeln und Analogien 



214 Kapitel 6. [§ 128. 129. 

widerspreche. Viel schwieriger sei es, in einer lebenden 
Sprache die Grenzen des Gebrauchs abzustecken. Als Ge- 
brauch habe da zu gelten, was «1) von mehrerern Ge- 
lehrten und Ungelehrten allerley Standes, 2). öfters, 3) im 
schreiben so wol als reden gebrauchet wird». Eine sprach- 
liche Erscheinung, die diesen Bedingungen genüge, dürfe 
man, und sei sie noch so regelwidrig, nicht verwerfen. 
Es würde erfolglos sein und auch zwecklos. Denn — und 
hier stellt sich Fabricius gegen das Idol aller Gram- 
matiker — der Zweck einer Sprache sei nicht, nach der 
Analogie zu reden, sondern die Gedanken deutlich, nach- 
drücklich und mannigfaltig kundzutun. Dieser letzte Zweck 
der Sprache werde geradezu durch die Regelsucht der 
Grammatiker gefährdet. Nur das eine könne man dem 
Sprachlehrer einräumen, daß er von zwei gebräuchlichen 
Ausdrucksweisen die eine vorziehe, sei es weil sie üblicher 
sei, sei es weil sie den Regeln mehr entspreche. Doch 
dürfe er die andere nicht geradezu verwerfen und nicht 
verhindern wollen, daß eine Sprache immer reicher und 
mannigfaltiger werde. Insofern Fabricius es den Gram- 
matikern freistellt, den von ihnen bevorzugten Ausdruck 
selbst durchzuführen und andern anzupreisen, trifft er mit 
Richey zusammen, der geraten hatte, mit Neuerungen vor- 
sichtig zu sein und den Anfang zu machen, «in solchen 
Dingen, darin der gemeine Haufe selbst unbeständig ist, 
und so bald das rechte als das unrechte brauchet». 
Vgl. Quintilians Bemerkung über die auswählende Funk- 
tion der Analogie, oben 78. 1 

129. Der Denkweise ihrer Zeit entsprechend hatten 
Schottelius und seine Anhänger die Norm als etwas Seiendes, 
als die Natur oder Eigenschaft der Sprache aufgefaßt, die 
wahre Sprache der wirklichen entgegengestellt. Diese 
Natur der Sprache zu finden ist Sache des Grammatikers. 
Er hat die Aufgabe, den Sprachgebrauch zur Deckung mit 
der Grundrichtigkeit zu bringen. Die Koinzidenz von Sprach- 
gebrauch und Sprachrichtigkeit liegt also in der Zukunft. 
Diese Anschauung ist wieder im Zuge der Zeit, die sich 



1 Überhaupt kehren in. den Streitigkeiten der modernen Ana- 
logisten und Anomalisten die Gesichtspunkte und Argumente ihrer 
antiken Vorgänger immer wieder. 



§ 129.] Von Schottelius bis Gottsched. 215 

als eine Epoche des Aufschwungs fühlte, auf die Ver- 
gangenheit trotz aller patriotischer Empfindungen mit Ge- 
ringschätzung herabblickte. Andererseits war es ein Ge- 
meinplatz, daß die Sprache durch das unbeständige Volk 
verderbt werde und der Grammatiker durch seine Regeln 
dieser Verderbnis Einhalt tun solle. 1 Zog man die Kon- 
sequenz dieser Anschauung, so ergab sich ein Vorzug der 
älteren Sprache. 

Eine Synthese dieser beiden Anschauungen versuchte 
nicht ohne Scharfsinn Chlorenus. Für ihn liegt die Einerlei- 
heit von Sprachgebrauch und Sprachrichtigkeit als Tat- 
sache in der Vergangenheit und zugleich als Ziel in der 
Zukunft. Die Sprachen, die nach dem Turmbau von Babel 
«entstanden, seien unmittelbar von Gott den Menschen ein- 
gepflanzt worden und deshalb vollkommen gewesen. Später 
hätten sie sich verändert, und zwar zum Schlechtem; «wie 
es denn auch die Beschaffenheit der Sache mit sich bringet, 
indem solche Veränderung nicht mit Vorsatz, sondern nach 
und nach ungefähr geschehen, auf welche Art denn ordent- 
lich nicht was recht und Regelmäsig ist, sondern Fehler 
und Irrtümmer zu entstehen pflegen» (S. 173 f.). 

Durch bewußte Tätigkeit werden dann die verderbten 
Sprachen «excolirt». Die «Excolirung» besteht aber in nichts 
anderm als in der Wiederherstellung der ursprünglichen 
Vollkommenheit. Sie ist möglich, weil durch die Verderb- 
nis das innerste Wesen der Sprache nicht angetastet wird. 
Es bleibt der Genius linguae, der unveränderliche Cha- 
rakter einer Sprache; verändert werden nur Einzelheiten, 
namentlich der Aussprache. Dieser Genius linguae be- 
steht in der Art zu deklinieren und zu konjugieren und 
in der Art der Aussprache im allgemeinen. Diese eigen- 
tümliche Art ist der Regel unterworfen; nur so erklärt 
sich, daß «sich der genius linguae bey eines jeden Mutter- 
Sprache unvermerkt imprimiret, und (quanquam non arti- 
ficialem tarnen naturalem grammaticam) eine natürliche 
grammatic in das Gehirn schreibeb> (S. 169). 

1 Schon bei den Griechen und Römern findet sich die An- 
schauung, daß die alte Sprache analogischer gewesen sei, vgl. 
Steinthal, Geschichte der Sprachwissenschaft bei den Griechen 
und Römern, S. 484, 518, 520 ff . — Albertus, S. 13, IV, Schot- 
telius, S. 166 ff. 



216 Kapitel 6. [§ 129— 131- 

Auf diese Weise ist also die Sprachrichtigkeit an etwas. 
Positives, wenn auch bloß Hypothetisches, die Ursprache 1 , 
angeknüpft und doch dem Grammatiker für seine nor- 
mierende Tätigkeit Spielraum gelassen, die Idealität der 
Sprachregeln ist gewahrt und doch zugleich die Wirklich- 
keit der wahren Sprache behauptet. 

130. Über das Verhältnis der Gemeinsprache zu den 
Mundarten äußern die Thüringer Girbert und Stiel er 
dieselben Ansichten wie Schottelius, ja Stieler gebraucht, 
wie ein Jahr vorher Bödiker, das Wort «hochteutsch» 
nicht mehr im geographischen, sondern im axiologischen 
Sinn: «Ich sage Hochteutsch, dieweil die andere teutsche 
Mundarten, sie seyen Niederländisch, Sächsisch, Schweize- 
risch, Oesterreichisch, Schwäbisch, Fränkisch, ja so gar 
Meißnisch, diese hochteutsche Sprache, welche das Teutsche 
Reich auf Reichstagen, in Kanzeleyen und Gerichten, so 
wol die Geistlichkeit in der Kirche, auf öffendlichen Kanzeln 
und im Beichtstul, wie nicht weniger die Gelehrte in 
Schriften, und männiglich in Briefen, Handel und Wandel 
gebrauchen, nicht ist». 2 

131. Natürlich waren die Niederdeutschen um so mehr 
geneigt, den Ansprüchen der Meißner entgegenzutreten,, 
wenn sie ihrer Mundart auch eine Art Ehrenplatz ein- 
räumten. 3 Ja es tritt sogar die Ansicht hervor, daß die 
Niederdeutschen die Schriftsprache am besten handhaben 
könnten. Wohl zuerst bei Morhof, der in seiner flüchtigen 
Art von diesen Dingen redet: «Wer nun ein reinliches 
Teutsches Carmen schreiben will, der muß den lieblichsten 
Dialectum, wie der Meißnische ist, ihm vorsetzen, unter 
welchen aber die andern Oberländer schwerlich zu bringen 
sind, denn ihre Idiotismi lauffen allezeit mit unter. Meines 



1 Nur von ihr gilt, daß sie vollkommen war; die erhaltenen 
Denkmäler des Altdeutschen zeigen die Sprache schon im Zu- 
stand der Verderbnis, S. 175. 

2 Lehrschrift, S. 1. Das hindert übrigens Stieler nicht, in 
der Widmung seines Wörterbuchs den Kurfürsten von Sachsen 
als den Beherrscher der Städte Dresden, Leipzig, Wittenberg zu 
preisen, die die Geburtsstätten des Hochdeutschen und seine Richt- 
schnur seien. 

3 Das hatte bis zu einem gewissen Grad übrigens schon Schot- 
telius getan, vgl. Ausf. Arb., S. 159 oben. 



§ 131. 132.] Von Schottelius bis Gottsched. 217 

erachtens soll ein Niedersachse die beste Art im schreiben 
an sich nehmen, wenn er in den Hochteutschen Idiotismis 
etwas geübet ist» (Unterricht von der Teutschen Sprache,. 
S. 439 der 2. Auflage). Worauf dieser Vorzug der Nieder- 
sachsen sich gründet, wird nicht ausgeführt; es scheint,, 
daß Morhof nicht wie später Brockes und Klopstock 
an die Aussprache dachte, sondern an die Vermeidung 
speziell «oberländischer» Eigenheiten. 

132. Die Überschätzung Bödikers durch H. Rückert 
gilt namentlich seiner Stellung zum Problem der Sprach- 
norm. Was Rückert bei andern subjektive Reflexion nennt, 
heißt bei Bödiker Sprachbewußtsein und Sprachgefühl. Bö- 
diker soll wissen, daß nicht die Gelehrten die Sprache 
machen, sondern daß sie sich selbst macht. Seinem ge- 
schulten Verstand hätten die Nebelbilder von dem Ver- 
hältnis der gesprochenen zur geschriebenen Sprache nichts 
anhaben können. Er habe so klar wie keiner seiner Vor- 
gänger erkannt, daß .das Objekt der Grammatik eine Bücher- 
sprache sei. Niemand habe eine so rationelle und me- 
thodische Kenntnis der lebendigen Gliederungen des Deut- 
schen, der deutschen Mundarten besessen. Er habe das 
Verdienst, Luthers Autorität richtig bewertet, das Ab- 
gestorbene von dem Lebendigen geschieden zu haben. Das 
sind maßlose Übertreibungen. In keinem dieser Punkte ist 
Bödiker originell. 1 

1 Derselbe Bödiker, der nach Rückert wußte, daß nicht die 
Gelehrten die Sprache machen, sagt von der hochdeutschen Sprache, 
sie sei «durch Fleiß der Gelahrten zu solcher Zierde erwachsen» 
(S. 211 der 2. Aufl., ähnlich A 7 a). Diese Meinung, daß nämlich 
an der Bildung der Kunstsprache die Reflexion Anteil habe, war 
allgemein verbreitet, ebenso war aber auch der Gedanke geläufig, 
daß die Sprache im ganzen dem Belieben des einzelnen entrückt 
sei, vgl. Schottelius, Ausf. Arb., S. 97, 53, und die öfters, so auch 
von Schottelius, Ausf. Arb., S. 168 f., und Harsdörfer, Specimen 
Praef., 2. Seite, zitierten Worte Biblianders. Daß die Sprache 
«sich selbst mache», hat das unromantische Jahrhundert natürlich 
nicht gewußt. — Die Poetiker des 17. Jhs. jagten keinen Nebel- 
bildern nach, wenn sie sich auf die lebendige Sprache beriefen. 
Für sie handelte es sich um die höchst konkreten Fragen: wonach 
beurteilt man die Reinheit des Reims und wie bestimmt man die 
Silbenzahl eines Wortes? Die Büchersprache konnte darauf keine 
Antwort geben, vgl. 64. Wie hätten übrigens diese Männer, die 



218 Kapitel 6. [§ 132. 

Wohl aber in einem andern. Schottelius hatte trotz 
seiner Vorliebe für das Niedersächsische soviel Tatsachen- 
sinn, um zu wissen, daß die hochdeutschen Mundarten 
in einem ganz andern Verhältnis zur Schriftsprache stehen 
als die niederdeutschen. Deshalb bezeichnet er nur sie 
als Dialekte des Hochdeutschen, die andern als Dialekte 
des Niederdeutschen. «Die Hochteutsche Sprache ist kein 
Dialectus, auch nicht die Niederteutsche Sprache, sonderen 
haben jhre Dialectos» (Ausf. Arb., S. 152), Bödiker da- 
gegen nennt die südlichen Mundarten «oberländisch» und 
beschränkt den Namen Hochdeutsch auf die Schriftsprache. 
«Ich theile die Deutsche Sprache inner Deutschland ab: 
1. in die Nieder-Sächsische, 2. Oberländische und 3. Hoch- 



einen neuen Stil begründen wollten, sich an der schriftlichen 
Tradition genügen lassen sollen! — Daß Bödiker den literarischen 
Charakter des Objekts der Grammatik klar erkannt habe, hat 
Rückert wohl nur aus dem 93. Lehrsatz der Syntax geschlossen: 
«Zu Erlernung einer guten Deutschen Red- und Schreibart muß 
man gute Deutsche Bücher lesen», gegen dessen schlichte Wahrheit 
kein Sprachlehrer des 17. Jhs. etwas einzuwenden gehabt hätte. 
Die Niederdeutschen machten da übrigens aus der Not eine Tugend ; 
vgl. die oben S. 133, Fußn. 1, zitierte Äußerung Bellins und Ze- 
sens Bemerkungen über diejenigen, die nicht geborne Hochdeutsche 
sind S. 158 u. 182, Fußn. 1. — Die Übersicht, die Bödiker, S. 210f., 
über die deutschen Mundarten gibt, hat vor der Schotteischen, 
Ausf. Arb., S. 154, nur den Vorzug, daß das Siebenbürgische nicht 
als Niederdeutsch betrachtet wird ; die richtige Einreihung war 
schon bei Albertus, S. 39 zu finden. Rationell und methodisch war 
es gewiß nicht, statt der Hauptdialekte die Unterarten aufzuzählen 
und zudem nach politischen Grenzen vorzugehen, z. B. Öster- 
reicher, Deutsche Ungern und Siebenbürger, Tyroler, Steyrer, 
Kärndtner, Bayrer, Schwaben usw. Da war die von Bödiker ge- 
kannte Gliederung des Scioppius viel besser. — Bödikers angeb- 
liches Verdienst in Luthers Sprache das Lebendige vom Abgestor- 
benen geschieden zu haben, reduziert sich darauf, daß er S. 195 ff. 
29 Wörter als schwer verständlich bezeichnet. D. h. ihm waren 
diese Wörter nicht geläufig, darunter auch solche, die der «im- 
manente Sprachgeist» niemals verworfen (Laib, rügen, vergeuden, 
nacheifern) oder doch wieder zu Gnaden angenommen hat (hehr). 
Die Tatsache, daß Luthers Sprache veraltete, war schon in den 
Streitigkeiten der vierziger Jahre zu tage getreten (98) und von 
mehreren Gelehrten vor Bödiker öffentlich ausgesprochen worden, 
vgl. Socin, Schriftsprache und Dialecte, S. 348. 



§ 132.] Von Schottelius bis Gottsched. 219 

deutsche.» «Die Hochdeutsche Sprache ist keine Mund-Art 
eines einigen Volcks oder Nation der Deutschen, sondern 
auß allen durch Fleiß der Gelahrten zu solcher Zierde 
erwachsen, und in gantz Deutschland üblich» (S. 210f.). 
Damit war das Niederdeutsche in ein Verhältnis zur Schrift- 
sprache gerückt, in das es bisher niemand gesetzt hatte. 
Es steht gleichberechtigt neben den «oberländischen» Dia- 
lekten, das Hochdeutsche ist aus allen erwachsen. So 
vertritt Bödiker nicht nur die Ansicht, daß die Schrift- 
sprache, wie aus den oberländischen, so auch aus den 
niederdeutschen Mundarten Wörter, wenn auch in ge- 
änderter Lautform, aufnehmen dürfe, er will sogar in rein 
grammatischen Streitfragen das Niederdeutsche mitsprechen 
lassen. Als Argument für die Zulässigkeit der dativischen 
Verwendung von sich führt er S. 78 f. auch den nieder- 
deutschen Gebrauch an. «Im übrigen redet die Nieder- 
Sächsische Sprache beständig auch also: und weil es gut 
und rein Deutsch, (obwol nicht HochDeutsch,) so muß 
es billig in der HochDeutschen Sprachen auch also be- 
halten werden. Denn sie kan in den Phrasibus wol die 
MundArt ändern, und die Außsprache; aber nicht die Casus.» 
Er bedachte nicht, daß mit dieser Begründung auch die 
Aufhebung des Unterschieds von mir und mich, dir und 
dich verteidigt werden konnte. 

Daß Bödiker den meißnischen Ansprüchen entgegen- 
tritt, ergibt sich aus dem Gesagten von selbst. Ähnlich wie 
Morhof, den er hier stark benützt hat, gibt er S. 211 ff. 
zwar zu, daß die Meißner und Obersachsen dem Hoch- 
deutschen «am nechsten mit reinlicher Außsprache kommen», 
sagt aber dann, daß ein geborner Niedersachse die Hoch- 
deutsche Sprache am reinsten aussprechen könne, besser 
als ein Oberländer, rückt dem Meißnischen «viel unzier- 
liche Sonderheiten in der Außrede» vor, d. h. grobmundart- 
liche Eigenheiten, darunter das von Morhof nach Scioppius 
erwähnte Zeberer = Zauberer, außerdem auch «etliche un- 
brauchbare Wörter» und schließt mit dem nicht sonderlich 
originellen 1 Satz: «In Summa: der gemeine Mann redet 
nirgend Hochdeutsch, die Gelahrte, geschickte, gereiste Leute 
aber auch ausser Meissen.» 



1 Vgl. die Äußerungen Schotteis 77 und Hanmanns 



220 Kapitel 6. [§ 133. 134. 

133. Die kleine Schrift «Etlicher Niedersachsen 
Grammatische Anmerkungen, worinn vornehmlich ge- 
zeiget wird, wie der itzige Gebrauch im Teutschen bey 
einigen von den besten Schriftstellern, namentlich Den Leip- 
ziger Herrn Gesellschaftern, fast aus jedem Theile der 
Sprachlehre mehrmals einer Beurtheilung und Verbesserung 
bedürfe» (Hildesheim 1742), macht zwar das Verhältnis 
des Meißnischen zur Gemeinsprache nicht direkt zum Gegen- 
stand ihrer Erörterungen, deutet aber durch den Titel hin- 
länglich die Tendenz an. Natürlich operiert sie mit dem 
beliebten Gegensatz von «Natur der Sprache» und Ge- 
brauch und stellt die Behauptung auf, daß auch ein all- 
gemeiner Gebrauch sich von der Sprachlehre richten lassen 
müsse. 

134. Aber auch Niederdeutsche verschlossen sich nicht 
der Erkenntnis, daß die Gemeinsprache in engster Be- 
ziehung zum Meißnischen stehe. Caspar Daniel Mor- 
hof, der im Jahre 1702 den «Unterricht» seines Vaters 
neu herausgab, bemerkt in der Vorrede, er habe eine gute 
meißnische Orthographie durchzuführen versucht, was frei- 
lich nicht leicht sei, da es eine vollständige und richtige 
Darstellung der Orthographie nicht gebe. «Es wäre solche 
höchst-nöthig, so wohl denen Meißnern selbst, als auch 
uns, die wir in Nieder-Sachsen leben, und die Hochteutsche 
Sprache mit Mühe, und meistentheils aus den Büchern 
erlernen müssen, welche wir hernachmahls mit unserer 
Mutter-Sprache verfälschen, und also nichts accurates, so 
wohl was die ortographia, als auch die Reinlichkeit der- 
selben insgemein anlanget, in der Teutschen Ticht-Kunst 
zu wege bringen können, für allen in den Augen der Ober- 
Länder, als welchen solch Nieder-Sächsisches Hochteutsch 
gar zu rauhe und öffters unverständlich scheinet.» Der 
Holsteiner Scriver werde wohl auch von den Meißnern 
wegen seiner Sprache bewundert; «doch würde er es nicht 
so weit gebracht haben, wann er nicht eine geraume Zeit 
sich in Meissen aufgehalten hätte». 

So begreift sich das Aufkommen einer vermittelnden 
Richtung, die dem Meißnischen weit mehr einräumt als 
Bödiker und für die Niederdeutschen nur das Recht bean- 
sprucht, in einigen Dingen mitreden zu dürfen. Hieher 
gehört die Abhandlung von B. H. Brockes «Beurtheilung 



§ 134.] Von Schottelius bis Gottsched. 221 

einiger Reim-Endungen, welche von etlichen Mund-Ahrten 
in Teutschland, absonderlich in Ober- und Nieder-Sachsen, 
verschiedentlich gebraucht werden», in C. F. Weichmanns 
Poesie der Nieder-Sachsen, I (1721), S. lff. 

Es wird hier das Problem behandelt, das schon die 
schlesischen Poetiker des 17. Jhs. beschäftigt hatte, und 
die Lösung hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der von Titz 
in seiner Reimtafel versuchten. Titz wollte ja die meiß- 
nischen Reimendungen verzeichnen und die schlesischen 
Abweichungen nur angeben, wo die schlesische Mundart 
«keines unanmuthigen oder falschen Lauts kan überwiesen 
werden». Ob ein Laut fehlerhaft sei oder nicht, wird nach 
innern Gründen bestimmt, vgl. 85, Anmerkung. Ähnlich 
erkennt Brockes die Autorität des Meißnischen oder, wie 
er sagt, Obersächsischen in einem sehr weiten Umfang 
an und will nur aus triftigen Gründen von ihr abweichen. 1 
Aber er legt diesen Gründen und Beweistümern größeres 
Gewicht bei als Titz, der doch nicht gewagt hatte, die 
berechtigten Eigenheiten des Schlesischen als schlechthin 
nachahmenswert hinzustellen, meißnische Besonderheiten 
geradezu als falsch zu bezeichnen. Brockes hält sich für 
berechtigt, seine Stimme zu erheben, weil das Hochdeutsche 
doch gewissermaßen auch Eigentum der Niedersachsen ge- 
worden sei, die von Jugend auf in Schule, Kirche und 
feiner Gesellschaft nichts als Obersächsisch hörten, mit 



1 S. 7: «Vielmehr bin ich allerdings der Meynung, daß, wie 
die Herren Ober-Sachsen im Besitz der schönsten und zierlichsten 
Mund-Ahrt sind, so gar daß man durchgehends nur dasjenige, 
welches ihnen am nähesten kommt, für das Beste hält, daß, sage 
ich, wir so wol, als alle andere, z. E. Schlesier, Franken, Oester- 
reicher etc. verbunden sind, ohne wichtige Ursachen, von ihnen 
nicht abzuweichen, sondern vielmehr den hiewider bey uns ein- 
geschlichenen Gebrauch als einen Mißbrauch anzusehen haben. 
Ja ich halte dafür, und getraue mir zu behaupten, daß, wenn wir 
etwa nur eine kleine Ursache zur Vertheidigung unserer Aus- 
sprache gegen die ihrige finden mögten, dennoch die ihrige billig 
vorgezogen werden müsse.» — S. 32: «In allen Fällen aber, wo 
wir keine hauptsächliche und Sonnen-klare Gründe gegen Sie an- 
zuführen haben, wünschte ich, daß unsere Nieder-Sächsische 
Tichter sich je länger je mehr an die Ober-Sächsische Mund-Ahrt 
gewöhnen mögten; weil doch ausgemacht, daß der Gebrauch 
in Sprachen fast nach eigenem Willkühr regieret.» 



222 Kapitel 6. [§ 134.. 

Obersachsen täglich umgingen und sich oft viele Jahre in 
Obersachsen aufgehalten hätten. Andererseits seien sie, 
gerade weil sie von Hause aus dem Obersächsischen fremd 
gegenüberstehen, besser befähigt, Fehler der Aussprache 
wahrzunehmen, als die gebornen Obersachsen, die durch 
die Gewohnheit das Gehör dafür verloren hätten. Den Maß- 
stab für Richtigkeit und Unrichtigkeit der Aussprache bildet 
für Brockes die Schrift. Ähnliches hat ja wohl schon 
früheren Theoretikern vorgeschwebt 1 , aber Brockes hat zum 
erstenmal den Grundsatz im einzelnen durchgeführt. Seine 
erste Regel lautet: «Man muß sprechen, wie man schreibet», 
d. h. man müsse nicht mehr und nicht weniger Buchstaben, 
als geschrieben werden, jeden in jeder Stellung gleich, aus- 
sprechen und verschiedene Buchstaben nicht verwechseln. 
Und da kann Brockes darauf hinweisen, daß die Nieder- 
sachsen viel weniger Fehler begehen, da sie die harten 
und weichen Konsonanten im Gegensatz zu den Ober- 
sachsen streng unterschieden, was sie auch die Aussprache 
fremder Sprachen leichter erlernen lasse. 

Brockes' Regel ist der gerade Gegensatz zu der üb- 
lichen orthographischen Anweisung, so zu schreiben, wie 
man spreche, aus der dann die Folgerung abgeleitet wurde, 
daß man nicht mehr und nicht weniger Buchstaben setzen 
dürfe, als man Laute hören lasse. Die Orthographiereformer 
wollten außerdem, daß jeder Laut in allen Stellungen gleich 
bezeichnet werde. Freilich auch Brockes sieht sich ge- 
nötigt, mitunter die Schrift nach der Sprache zu korri- 
gieren 2 , aber in einer Reihe von Fällen führt er sein 
Prinzip durch, auch wo ober- und niedersächsische Aus- 
sprache sich nicht unterschieden. So hält er es S. 11 f. 
für einen großen Fehler, daß man das ch in des Dach's 
und der Dachs verschieden ausspreche; er verwirft die 
^-Aussprache. Es gefällt ihm weder die obersächsische 
Aussprache, die das auslautende g mit k, noch die nieder- 



1 Vgl. 101 über Harsdörfer. Anders ist Zesens Gedanke, 
die Aussprache nach der etymologisch richtigen Schreibung zu 
modeln (94). 

2 S. 12 verlangt er einfaches k in Hake und Schnake, S. 13 
einfaches f in Schlaf, im Gegensatz zu schlaff. 



§ 134. 135.] Von Schottelius bis Gottsched. 223 

sächsische, die es mit ch zusammenwirft. 1 Natürlich billigt 
er auch nicht die bloß obersächsische Art s nach r wie 
seh zu sprechen (Herrscher: Perser). Übrigens sind für 
ihn auch analogistische Erwägungen maßgebend. Die ober- 
sächsische Länge in einsilbigen Formen wie Stab, Grab, 
Lob sei der niedersächsischen Kürze vorzuziehen, weil sie 
durch die Länge der mehrsilbigen Formen, wie Stabes, als 
richtig erwiesen werde. Daraus ergebe sich die allgemeine 
Regel, daß Vokale lang zu sprechen seien, wenn ihnen 
ein einfacher, namentlich weicher Konsonant folge. 

Nicht überall gelangt Brockes zu einer wirklichen Ent- 
scheidung; namentlich ist er mit den e-Lauten nicht fertig 
geworden. Auch verrät sich mitunter, daß er den ober- 
sächsischen Gebrauch doch nicht genügend kennt, er hält 
z. B. schlesische Eigenheiten für obersächisch. 2 Inkonse- 
quent ist es, daß er die Reime von i auf ü nicht bean- 
standet. 

Aber trotz dieser Schwächen ist die Abhandlung be- 
deutsam. Erstens ist Brockes ein Vorläufer Gottscheds, 
insofern er den meißnischen Gebrauch und grammatische 
Erwägungen nebeneinander als Prinzipien der Sprach- 
richtigkeit anerkennt. Und zweitens tritt bei ihm zuerst die 
in der Gemeinsprache schließlich zum Durchbruch gelangte 
Tendenz hervor, die Aussprache nach der Schrift zu regeln 
mit Hilfe der im Niederdeutschen bewahrten, im größten 
Teil des Hochdeutschen erloschenen historischen Unter- 
schiede in der Lautgebung. 

135. Eine eigentümliche Mischung der Anschauungen 
begegnet bei Gottscheds Leipziger Kollegen und Gegner, 
dem Philologen Johann Friedrich Christ (geb. zu Ko- 



1 Deshalb verlangt Brockes die Trennung der drei Reimtypen 
Sack : Geschmack, Gelag : Schlag, sprach : brach. Praktisch läuft 
dies auf die Forderung neutraler Reime hinaus, aber Brockes' 
Gedankengang ist von dem der Schlesier gründlich verschieden. 

2 Die Obersachsen sollen nach S. 26 Flüche und Küche rei- 
men, Güte wie Gütte sprechen, dem Wort nim einen helleren 
Klang als die Niedersachsen geben, d. h. das i dehnen. Das u 
in Bruch, Geruch, Spruch scheint er in obersächsischer Aussprache 
für lang, das u in er flucht, verrucht, er sucht für kurz zu halten 
(S. 29). 



224 Kapitel 6. [§ 135 

bürg 1700 oder 1701, Professor in Leipzig 1731, gest. 1756). 1 
Er glaubt, daß das Hochdeutsche aus dem thüringischen 
Dialekt entstanden sei 2 ; der lebendige meißnische Sprach- 
gebrauch hat dagegen für ihn keine Autorität. Die richtige 
Sprache ist in guten Büchern enthalten, und in gebildeten 
Männern, mögen sie wohnen wo immer, ist sie lebendig. 3 
Obwohl er der Meinung Quintilians über die Analogie 
beistimmt 4 , führt er diese doch gegen den allgemeinen 
ostmitteldeutschen Gebrauch ins Feld.- 5 Die Vorstellung 
einer gebildeten Umgangssprache ist ihm nicht fremd 6 , 
aber für die Reinheit der Reime ist ihm vor allem die Schrift 
maßgebend. 7 Was ihn ganz besonders von Gottscheds Rich- 

i Vgl. E. Dörffel, Johann Friedrich Christ. Leipzig 1878. — 
Für die Kenntnis der Ansichten Christs kommen namentlich in 
Betracht die Exkurse 15 — 18 seines Villati cum (Lipsiae 1746); 
der 15. ist mit Erweiterungen aus der Vorrede zum Suselicium 
(Lipsiae 1732), der 16. aus der Vorrede zur Variorum carmi- 
num silva (Lipsiae 1733) herübergenommen. 

2 Reapse iam ducentis annis vna dialectus, quae vulgo 
appellatur das Hochdeutsche, ex Misniea, vt aiunt, formata (est 
enim Thuringica potius) per omnem Germaniam obtinuit. Villa- 
ticum, S. 184. 

3 At vos nesciebatis, iam ducentos aut trecentos annos esse, 
<h quo in aliquam vnam Theotisci oris figuram ab eruditis ho- 
minibus consensum est. Huius vnius formae lineamenta in monu- 
mentis librorum bonis non paucissimis impressa, inde, non a 
tunicatis vestris auctoribus, sunt repetenda. Ea vnde repetant, 
■sciunt homines litterati: vos nescitis. Eorum in pectoribus, 
quanquam habitent diuersi per omnem Germaniam, viget ac 
viuit adhuc veri atque vnici sermonis nostri imago : non natat 
ille sincerus in ore vulgi, quod vos vnum spectatis. Villati- 
cum, S. 212. 

4 Villaticum, S. 209. 

5 So tadelt er diejenigen, die per Misnicae plebis idiotis- 
mum den Neutris ein e anhängen. Non omnia sermonis iura 
pendent ab vsu quocunque. Villaticum, S. 186, vgl. auch S. 215. 

6 Vgl. Villaticum, S. 213. — An einer andern Stelle (Anzeige 
und Auslegung der Monogrammatum, vgl. Dörffel, S. 104, Anm. 22) 
schreibt er : «weil ich achte .... daß es noch ietzt nicht wohl 
möglich sey, daß iemand, der in einem feinen Hause erzogen ist, 
nicht auch natürlicher und ungelehrter Weise ein besseres Deutsch 
schreibe, als sie mit ihrer Kunst und Reguln vermögen». 

7 Villaticum, S. 183. Christ sagt es nicht ausdrücklich, aber 
seine Beispiele beweisen es; tadelt er doch auch die Reime 
Gebot : Tod, Raupt : beraubt. 



§ 135.] Von Schottelius bis Gottsched. 225 

tung trennt, ist seine Überzeugung, daß Luther und seine 
Zeitgenossen besser deutsch geschrieben hätten als Opitz 1 
oder gar die modischen Autoren des 18. Jhs. Ja, er preist 
sogar Otfrid und die mhd. Dichter auf Kosten der Späteren. 2 
Mit dieser Vorliebe für die ältere Sprache steht Christ 
nicht ganz allein. Wächter, der gleichfalls in Leipzig 
lebte, fühlte sich in Gegensatz zu der dort herrschenden 
Richtung. In einem Briefe 3 schreibt er: «Die deutsche Ge- 
sellschaft allhier, die mir zwar bekannt, aber nicht ver- 
wandt ist, sieht allein auf die Aufnahme der heutigen 
Sprache, und hat wenig Achtung für die alten Kleinodien; 
ja sie vermeynen vielmehr (wiewohl unrecht), daß sie der- 
selben zur Ausbesserung der heutigen Sprache, welche 
doch nur ein Abfall von der alten ist, und ohne dieselbe 
nicht kann verstanden werden, keinesweges bedörfen. Und 
weilen solches fast der allgemeine Geschmack in Deutsch- 
land ist: so könnte es leicht geschehen, daß, was ich 
für nützlich und würdig halte, von andern, die es nicht 
gebrauchen können, änderst angesehen würde.» Öffentlich 
gab er seine Meinung ziemlich deutlich zu erkennen in der 
Vorrede zu seinem Glossarium Germanicum, § 49: Tantum 
enim abest, ut hanc Linguam cum Otfrido Monacho incultam 
et Barbaram vocare ausim, ut potius mirari subeat, quomodo 
tarn sapiens et elegans dicendi genus inter ferritribaces 
et sagatos oriri potuerit? Ab hoc sermone fluxit N oster 
hodiernus, qui de primaeva longitudine non nihil remittit, 
sed tanto saepe obscurior, quo brevior esse cupit. Si jam 
quaeratur, utra Sermonis proprietas praestantior sit, vetus 
an nova? Fateor, me haerere, non quid sentiam, sed quid 
dicam. Enim vero si dixero, veteres esse pueros, nos autem 
veros dicendi magistros, injurius ero in Veteres. Sin dixero, 



1 So heißt es z. B. Villaticum, S. 229, von Opitz : Non vt 
ad illud verum vrbanum que Francicum aut Thuringicum, quäle 
est in libris Auentini, Suarsenbergii, Spalatini, Lutheri, et pau- 
eorum quorundam aliorum, adspiraret : sed vt ab illorum ele- 
gantia, quod est difficillimum, propius abesset. 

2 Villaticum, S. 229 ff. 

3 An P. Placidus Amon in Melk ddo. 24. XII. 1735; abgedruckt 
von R. Schachinger im Jahresbericht des Gymnasiums in 
Melk, 1888, S. 9, und in den Studien und Mitteilungen aus dem 
Benedictiner- und dem Cistercienser-Orden, IX, S. 433. 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 15 



226 Kapitel 6. [§ 135. 136. 

veteres habere fruges, nobis autem paleas relictas esse, omnes 
me exsibilabunt und S. 1995 : Quo longius Linguae a prima 
origine recedunt, quo major est saeculorum decursus, eo magis 
eas prae nimia senecta balbutire et sordes contrahere necesse 
est. Quod, si propitiis auribus dicere non possim, dicam 
etiam iratis. 

Das sind deutliche Vorzeichen einer Betrachtungsweise, 
die im folgenden Zeitraum an Fulda einen hervorragenden 
Vertreter finden sollte. 

136. Hinter dem Lob älterer Sprachzustände birgt sich 
zum Teil der Widerstand des Südens gegen den Norden. 
Die oberdeutsche Opposition kündigt sich schüchtern an, 
wie verschieden auch je nach Geburt und Erziehung das 
Urteil über die Sprachmuster ausfallen mag. Gottsched 
fühlte das landschaftliche Moment richtig heraus, wenn 
er geflissentlich von Christ als von einem Franken sprach. 1 
Christ behauptet wohl, daß schon im 16. Jh. der thüringische 
Dialekt zur Gemeinsprache umgeschaffen worden sei, aber 
er rühmt die Werke des Bayern Aventin und des Franken 
Schwarzenberg, deren sprachlicher Typus von dem Luther- 
schen abweicht. Und wenn er das -e der Neutra verwirft, 
so spielen da seine heimischen Sprachgewohnheiten mit, 
ebenso wie bei dem Nürnberger Lochner (Chlorenus), der 
ungefähr zur selben Zeit das -e als ein Zeichen des Femi- 
ninums erklärte und es deshalb bei Masculinis und Neutris 
nicht gelten ließ. 2 Christs Angriffe gegen Gottsched er- 
innern sehr an die Ausfälle des Albertus gegen die un- 
befugten Sprachmeister, vgl. oben 42, Anmerkung. Wie sein 
fränkischer Landsmann gegen die stammelnden Barbaren 
wettert, die sich herausnehmen, die puriores Germanos 
über die Beschaffenheit der deutschen Sprache zu unter- 



1 Vgl. Vorrede der ersten Ausgabe der Grundlegung einer 
Deutschen Sprachkunst (Blatt *6 b ff. der 2. Ausgabe). 

2 Teutsche Orthographie, S. 260. — Natürlich folgen weder 
Christ noch Chlorenus der reinen Mundart. Wo das -e in der 
Schriftsprache feststand, in gewissen Femininis und Endungen, da 
erkennen sie es an. Ja, Christ tadelt, Villaticum, S. 186 f., aus- 
drücklich die Weglassung des -e im Dativ, was Franconicae plebe- 
culae os rotundius et in rnonosylldba adstrictius per per am tenet. 
während Chlorenus das Dativ-e eigentlich für unrichtig hält (Teutsche 
Orthographie, S. 340, 6; 349 ff.). 



§ 136. 137.] Von Schottelius bis Gottsched. 227 

richten, so ruft Christ dem Niedersachsen Gottsched zu: 
Agricolae nautas ne corrigant : vt tu, qui vix natus int er 
Germanos videre, nunquam certe conuersatus cum honestis, 
nam sermo tuus te arguit, qui decem verba Theotisca sine 
vitio vix scribas, nos in meditullio Germaniae natos altos- 
que corrigere audes. 1 

Luther freilich ist für den Protestanten Christ Autorität, 
während der Augustiner Gelasius Hieber im Parnassus 
Boicus den Reformator befehdet, «als welcher in seiner 
Teutschen Affter-Bibl, wie leichtlich abzumercken, keine 
andere Absicht gehabt, als seiner Ober-Sächsischen Teutschen 
Sprache die universal Monarchi in dem Hoch-Teutschen 
einzuräumen, wie dann jhme seine Lands-Leuthe in solcher 
Meynung noch heut zu Tag nachahmen». 2 Aber darin 
stimmen die beiden Männer überein, daß die Sprache im 
18. Jh. gesunken sei. Hieber, der theoretisch die Meinung 
Schotteis vertritt, daß das wahre Hochdeutsch mit keiner 
Mundart zusammenfalle, sieht den Höhepunkt im 17. Jh. 
erreicht und preist als die schönsten Sprachmuster die aus 
der Kanzlei des Kurfürsten Maximilian I. von Bayern hervor- 
gegangenen Schriften. Die Lehre von der Dialektfreiheit 
der Gemeinsprache dient zum Deckmantel für die sepa- 
ratistischen Neigungen des Südens. 

VIII. Gottsched. 

137. Vgl. G. Waniek, Gottsched und die deutsche Litteratur 
seiner Zeit. Leipzig 1897. — Eugen Wolff, Gottscheds Stellung 
im deutschen Bildungsleben. Kiel und Leipzig 1895. 

Das letzte Jahrzehnt des 17. und die ersten des 18. Jhs. 
hatten mannigfache Ansätze zur Umgestaltung des Ge- 
bäudes der deutschen Grammatik gezeitigt. Die Ortho- 
graphie hatte Freyer in ein System gebracht. In der Dis- 
position der Formenlehre und Syntax waren einige Neue- 
rungen versucht worden. Die Ritter-Schottelsche Darstel- 
lung der Deklination und Konjugation war erschüttert. Die 
Kompositionslehre wurde erweitert. Man bemerkte die Be- 
sonderheiten der Flexion der Eigennamen, der Gebrauch 
der Adjektivdeklinationen wurde schärfer bestimmt,, die 

1 Villaticum, S. 207. 

2 Hans Birlo, Die Sprache des Parnassus Boicus, S. 11. 

15* 



228 Kapitel G. [§ 137. 

Tempuslehre begründet, die Moduslehre etwas eingehender 
erörtert, die Wortstellung im Zusammenhang behandelt, die 
Satzlehre in ein näheres Verhältnis zur Grammatik gebracht. 
Aber es gab kein Lehrbuch von allgemein anerkanntem 
Ansehen Schottelius war veraltet 1 , Stieler kaum mehr be- 
achtet. Bödikers Grundsätze waren durch Wippel zu 
einem Protokoll grammatischer Streitigkeiten geworden. 
Die besten Lehrbücher, die Grammatiken von Steinbach 
und Bel-Körber, waren lateinisch geschrieben und von ge- 
ringem Umfang. Wie reizvoll war da nicht die Aufgabe, 
der Schottelius des 18. Jhs. zu werden, die Leistungen 
der Vorgänger zusammenzufassen, zu ergänzen und auf 
die moderne Literatursprache anzuwenden! Und an diese 
Aufgabe machte sich ein Mann, dem seine Stellung wie 
seine Kenntnisse die Pflicht auferlegten, sein Bestes zu 
tun, der lange Jahre hindurch der anerkannte Hüter sprach- 
licher Korrektheit gewesen war, einen guten Überblick über 
die mundartlichen Eigentümlichkeiten besaß, die deutschen 
Grammatiker kannte und sich viel mit der älteren Sprache 
beschäftigt hatte. Was durfte man sich da nicht von seiner 
Leistung versprechen! 

Aber Gottscheds Sprachkunst enttäuscht diese Er- 
wartungen. Wohl waren nicht alle Vorwürfe, die man er- 
hob, begründet. Den Anschluß an die lateinische Gram- 
matik 2 kann man mit ebensoviel, z. T. mit mehr Recht 
an den früheren Grammatikern aussetzen. Daß Gottsched 
Körbers Deklinationslehre herübernahm, ohne den^TTfheber 
zu nennen, verdient nur milden Tadel, ...jdean^J&ottsched 
erkennt willig an, was vor ihm geleistet worden war, und 
ist weit entfernt von der Manier Adelungs, sein Verdienst 
durch Herabsetzung der Vorgänger zu hebend Seine anti- 



1 Daran ändert die Tatsache nichts, daß 1737 die Ausführ- 
liche Arbeit neu aufgelegt wurde, vgl. Reichard, S. 114 f. Es 
ist dies nur ein Symptom dafür, daß eine größere Grammatik 
Bedürfnis war. 

2 Vgl. Waniek, S. 540. 

3 Vgl. die Vorrede der ersten Ausgabe der Sprachkunst, S. a 4 b 
der 5. Auflage, und die Vorerinnerung zur Wortfügung, § 6: «Das 
meiste wird freylich mit demjenigen übereinstimmen, was schon 
von unsern altern und neuern Sprachlehrern in diesem Falle fest- 
gesetzet worden». 



§ 137.] Von Schottelius bis Gottsched. 229 

quarische Gelehrsamkeit tritt zutage in der Geschichte der 
deutschen Verskunst, die der Forschung des 19. Jhs. den 
Weg gebahnt hat, oder in der Darstellung der Entwick- 
lung der Anredeformen. Auch ist die Grammatik im großen, 
freilich nicht in den Unterabteilungen, übersichtlich an- 
geordnet, Adjektiv und Zahlwort sind, wie bei einigen fort- 
geschrittenen Vorgängern, in zusammenhängenden Ab- 
schnitten behandelt, die Beispiele sind in einigen Teilen 
reichlich. Auch manche neue Beobachtung würde viel- 
leicht eine Spezialuntersuchung aufzeigen können, ein- 
zelnes wird im zweiten Teil dieses Buches zur Sprache 
kommen. Hier sei das Verzeichnis der intransitiven Verba, 
die ihr Präteritum mit haben und mit sein bilden, hervor- 
gehoben. 

Aber Gottsched ist kein Grammatiker. Es fehlt ihm 
das grammatische Talent und die Lust am Handwerk. 1 
Für ihn ist die Sprachlehre nichts als ein Mittel zum Zweck, 
sie soll wirklich nur richtig sprechen und schreiben lehren. 
Das Buch ist liederlich gearbeitet, im kleinen wie im großen. 
Nachlässigkeiten in der Disposition 2 , Wiederholungen 3 , 



1 Vgl. die geringschätzige Art, wie Gottsched in seiner Aus- 
führlichen Redekunst (S. 295 f. der 4. Auflage von 1750) von 
der Einteilung der Perioden spricht. 

2 Gottscheds vierte Deklination unterscheidet sich nur da- 
durch von der dritten, daß die Pluralendung n, nicht en ist. Aber 
die Feminina auf -e werden bei der dritten Deklination erwähnt. 
— Drollig ist der Nachtrag im Kapitel von der Fügung der 
Vorwörter, § 11: «Außer den Vorwörtern, die schon a. d. 359. S. 
als solche angegeben worden, welche die dritte und vierte Endung 
in verschiedenen Umständen fodern, sind noch folgende zu setzen : 
neben, hinter, unter und zwischen». So S. 473 der 2. und noch 
in der 5. Auflage. Dabei waren die vier Vorwörter schon in der 
2. Auflage an dem angegebenen Ort erwähnt! S. 423, § 14, in 
einer Regel über die Verbindung der Adjektiva mit dem Genitiv 
Beispiele, wo statt der Adjektiva Verba erscheinen, wie gedenke 
meiner. 

3 Vgl. S. 421b) (der 5. Auflage) mit S. 434 g); 425, § 18, mit 
433, § 31; 405 a) über bey einer Haare mit 435, § 1. 



230 Kapitel 6. . [§ 137. 

Widersprüche 1 sind häufig. Das eine Kapitel weiß manch- 
mal nichts von den Lehren des andern. 2 

Die Sprachkunst ist ferner lückenhaft. Die Verba mit 
sogenanntem Rückumlaut sind dort, wo es am Platze war, 
nicht vollständig aufgezählt. 3 Die Formen von wissen werden 
in der Konjugationslehre nicht erwähnt infolge der Dis- 
position, nach der die Präteritopräsentia, zu denen wissen 
der Form nach gehört, im Kapitel von den Hilfsverben 
besprochen werden, in das es wegen seiner Bedeutung nicht 
paßte. Es erscheint erst im Verzeichnis der richtigen Zeit- 
wörter. Im Abschnitt von den Hilfswörtern fehlen die cha- 
rakteristischen dritten Personen will, soll, kann, darf. Neben 
solchen durch Flüchtigkeit hervorgerufenen Auslassungen 

1 S. 80 wird gelehrt, daß die Verkürzungen leidst, leidt 
viel zu hart klingen würden, S. 262 d) leidest leidst, leidet leidt 
nebeneinander erwähnt, S. 335 als Beleg für die bei vielen guten 
Schriftstellern übliche Verkürzung in der 2. 3. P. Ind. Praes. der 
«unrichtigen Zeitwörter» leidst, leidt gegeben. S. 343 werden 
diese Formen ohne weitere Bemerkung im Verzeichnis der starken 
Verba angeführt. S. 629 wird wieder die Auslassung des e zwi- 
schen d und t verboten: leid't wie kleid't könne man unmöglich 
recht aussprechen. — S. 510, § 4, werden wegen, willen, halben 
als Vorwörter, S. 525, § 5, &ls Bindewörter betrachtet; im übrigen 
wird an beiden Stellen dasselbe gelehrt. — Vgl. auch E. Wolff, 
S. 58 f. 

2 Im Abschnitt vom Geschlechte der Hauptwörter wird ge- 
lehrt, daß die Wörter auf -el, -er, -en Maskulina seien. Unter 
den Ausnahmen werden, abgesehen von Zusammensetzungen mit 
ge-, als Neutra auf -el nur Exempel und Siegel, auf -er Leder, 
Wasser, Zimmer angeführt. In dem Abschnitt von der Deklination 
findet man noch neun neutrale Wörter auf -el, von denen nur 
eines unter eine andere Geschlechtsregel fällt, und 19 auf -er. 
Umgekehrt weiß die Lehre vom Genus von sechs Neutra auf -en, 
die nicht substantivierte Infinitive sind, während die Deklinations- 
lehre kein einziges derartiges Wort kennt. 

3 S. 311: «Es giebt einige sonst richtige Zeitwörter, die gleich- 
wohl ihren Selbstlaut in etwas ändern. Z. E. ich kenne, ich nenne, 
ich brenne sollten zwar ordentlich ich kennete .... bekommen» 
usw. Der Schluß des Paragraphs bespricht bringen und denken, 
Erst am Schluß des Abschnitts von den «unrichtigen Zeitwörtern» 
S. 347 wird gelegentlich der Polemik gegen einen Grammatiker, 
der «viele richtige» hieher gerechnet habe, weil sie den Selbst- 
laut ändern, auch ich wende erwähnt. 



§ 137.] Von Schottelius bis Gottsched. 231 

gibt es Fälle, wo Gottsched mit vollem Bewußtsein Voll- 
ständigkeit ablehnt, indem er die Aufgabe, die ihm ob- 
lag, auf seine Leser überwälzt. S. 266 wird gelehrt, daß 
manche Adjektiva nicht gesteigert werden können, «weil 
ihre Endsyllben es nicht zulassen, daß noch ein er> oder 
ste angehängt wird». Das Gehör tue den Ausspruch, wo 
dies nicht angehe. Ähnlich heißt es S. 378 f., daß nicht 
alle Adverbia gesteigert werden. «Z. E. Wenn ich von 
bald, bälder, am bäldesten sagen wollte, wie einige Land- 
schaften thun: so würde es unrecht seyn; indem auf bald, 
eher, aufs eheste folgen muß. Der Gebrauch guter Pro- 
vinzen, und der besten Scribenten muß solches lehren.» 
S. 394 bei der Besprechung der Bedeutung der Präfixe: 
«Man kann in Sprachen nicht von allem Ursache geben, 
und lernet alles am besten aus dem Gebrauche guter 
Schriftsteller.» S. '479: «Ein anderer Freund wünschet hier 
eine Regel zu sehen, nach welcher alle Zeitwörter eines 
ganzen Satzes auf einander folgen sollen. Allein mich 
dünket es unmöglich zu seyn, dergleichen zu bringen. Die 
Rede kann auf so vielerley Art abwechseln, und einen so 
mannigfaltigen Schwung nehmen, daß kein Satz dem andern 
ganz ähnlich werden darf. Das fleißige Lesen guter Bücher 
muß einem in allen Sprachen den feinen Geschmack davon 
beybringen.» 1 

Der schwerste Vorwurf, der Gottsched trifft, ist, daß 
er nicht alle Errungenschaften der Vorgänger sich an- 
geeignet hat. Es fehlt die Deklination der deutschen Eigen- 
namen — nur über die fremden bringt er einige Be- 
merkungen — , eine eingehende Besprechung des Gebrauchs 
der Adjektivformen, eine zusammenfassende Darstellung der 
Wortfolge. Und die Art, wie die Vorgänger benützt wurden, 
bedeutet oft einen Rückschritt. Wohl nimmt Gottsched 
die vier orthographischen Hauptregeln Frey er s herüber, 
aber er macht unverständige Zusätze und von der strengen 

1 Dabei übersieht er, daß er doch in dem Kapitel von der 
Fügung der Bindewörter die Consecutio temporum bespricht, aller- 
dings höchst rudimentär. — Vgl. auch S. 485*: «der Schwung 
einer jeden Sprache lernet sich bloß aus dem vielen Lesen der 
besten Schriftsteller, und aus dem Umgange mit .gelehrten und wohl- 
gesitteten Leuten; läßt sich aber durch Regeln nicht völlig be- 
stimmen». 



232 Kapitel 6. [§ 137. 

Systematik Freyers ist er weit entfernt. Regeln über die 
Veränderung der Vokale in den Tempora der starken Verba 
hält er für unmöglich oder doch unpraktisch; «der Ge- 
brauch und das Lesen guter Schriftsteller muß es allmäh- 
lich geben». Er stellt ein Register der «unrichtigen Zeit- 
wörter» auf. Dieses ist aber nicht einfach alphabetisch 
geordnet, wie bei Ritter, Schottelius und den folgenden, 
sondern es werden zunächst Gruppen gebildet nach der 
Qualität des Präteritalvokals. Das ist eine höchst unglück- 
liche Abweichung von dem Verfahren Steinbachs, auf 
dessen Anregung die Klassenbildung entschieden zurück- 
geht. Denn Gottsched weiß ja, daß die Oberdeutschen mit 
dem Präteritum nicht zurecht kamen. Für sie war die 
streng alphabetische Anordnung viel besser. Anderseits gibt 
Gottsched ein alphabetisches Verzeichnis der «richtigen Zeit- 
wörter», damit die Oberdeutschen, die oft fälschlich Prä- 
terita auf te ausgehen ließen (z. B. sehete), sich ver- 
gewissern könnten, ob ein Verbum wirklich «richtig» sei. 
Der praktische Wert dieses Katalogs ist sehr zweifelhaft; 
jedesfalls brauchten nicht Wörter auf -ein, -ern, -igen, -iren 
aufgenommen zu werden. Von Schottelius, Stieler, Frisch 
und Steinbach hätte Gottsched lernen können, daß alle diese 
abgeleiteten notwendig schwach gehen. Körb er hatte in 
seine Geschlechtsregeln, wenn auch in sehr bescheidenem 
Umfang, Wörter einbezogen, die nicht auf silbische Ab- 
leitungselemente ausgehen. Daran knüpft Gottsched an. Er 
zählt eine Menge Reimsilben auf, z. B. «Alle Wörter, die 
sich auf acht, at, aft und au endigen, sind weibliches Ge- 
schlechtes». Die einzelnen Gruppen umfassen oft ganz 
wenige Wörter und die Ausnahmen erreichen mitunter 
beinahe die Zahl der regelmäßigen Fälle. Schließlich muß 
zur Ergänzung ein Verzeichnis der unter keine Regel zu 
bringenden Wörter gegeben werden. 

Überhaupt sind Gottscheds Regeln nur zu oft praktisch 
wertlos. Was soll man mit einem Satz anfangen, wie 
S. 90: «Man setze das h zu denen Selbstlautern, die einer 
Verlängerung bedörfen; bey denen aber nicht, die solche 
nicht nöthig haben?» 1 Oder was hat man von einer An- 



1 Gottsched konnte unmöglich meinen, daß alle langen Vo- 
kale ein h hinter sich haben sollten. S. 43 hatte er gelehrt, daß 



§ 137.] Von Schottelius bis Gottsched. 233 

leitung, wie sie die X. Regel S. 92 gibt: «Das th muß man 
in allen deutschen Wörtern, wo es gewöhnlich ist, be- 
halten, wenn es im Plattdeutschen das d ausdrücken muß», 
wo doch gleich der Zusatz folgt, daß man th nicht in 
alle Wörter einführen solle, wo im Plattdeutschen d ent- 
spricht? Mußte wirklich in einer besondern Regel (S. 478) 
gesagt werden, «daß bisweilen das lateinische Praeteritum 
imperfectum im Deutschen mit der völlig vergangenen Zeit 
ausgedrücket werden kann?» Statt das «bisweilen» näher 
zu bestimmen, gibt Gottsched einfach ein paar Beispiele 
und schließt mit den Worten: «Doch muß man sich nicht 
allemal so zwingen. Es kommt viel auf ein gutes Ohr an.» 

Gottscheds eigenstes Werk ist die Prosodie, in der 
er dem Ehrgeiz frönt, Regeln nach Art der lateinischen 
Schulgrammatik aufzustellen, d. h. die «Quantität» nach 
dem Lautgehalt der Silben zu bestimmen, ein Unternehmen, 
das natürlich Schiffbruch leiden mußte. Und dabei weiß 
er recht gut, daß im Deutschen die Stammsilben den Ton 
tragen. 1 

Ein charakteristischer Zug der Sprachkunst ist der 
Hang zum Rationalisieren, das Bestreben, die Regeln zu 
beweisen. Wenn sie, wie meistens, einfach den herrschenden 
Gebrauch konstatieren, nicht eine Entscheidung zwischen 
mehreren Gewohnheiten fällen, läuft die scheinbare Be- 
gründung auf eine umständliche Beschreibung des Tat- 
bestandes hinaus. 2 Auch ist Gottsched gänzlich skrupellos 
in der Wahl seiner Argumente, er nimmt, was ihm gerade 
paßt ohne viel nachzudenken, ob er Einwände wirklich 



in Wörtern, die einer Verlängerung fähig sind (d. h. deren Silben- 
zahl wachsen kann: Schwan — Schwanes), der Vokal vor einem 
einfachen Konsonanten lang sei, und S. 88, daß man nach kurzen 
Selbstlautern doppelte Mitlauter schreiben müsse. S. 90 spricht 
er sich so aus, als ob das h nur nötig sei, wo ähnliche Wörter 
unterschieden werden sollen. Das trifft aber durchaus nicht alle 
Fälle, wo er das hergebrachte h beibehält. 

1 In seinen «Vorübungen der lateinischen und deutschen Dicht- 
kunst» stellt er die deutsche Prosodie nach dem etymologischen 
Prinzip dar, nicht nach dem Prinzip des Lautgehalts. 

2 Vgl. z. B. S. 90 k). 



234 Kapitel 6. [§ 137. 138. 

widerlegt 1 , und unbekümmert um Widersprüche. 2 In ge- 
lehrt tuenden Anmerkungen zeigt sich hin und wieder eine 
kaum begreifliche Gedankenlosigkeit. 3 

138. Gottsched galt bei den Zeitgenossen als Vor- 
kämpfer des Meißnischen. Und doch konnten sich die- 
jenigen auf ihn berufen, die die Schriftsprache für eine 
Sammlung des Besten aus allen Mundarten erklärten. Er 
suchte eben die beiden Richtungen zu versöhnen, die sich 
seit Schotteis Auftreten befehdeten. 



1 So sagt er S. 84 gegen Grüwel, der die Verdoppelung des 
ch nach kurzem Vokal gefordert hatte: «Allein wer sieht nicht, 
daß ch schon ein doppelter Mitlauter ist; der den vorigen Selbst- 
laut kurz machen kann; ob es gleich auch Wörter giebt, wo ein 
langer vorher geht». Der Vorschlag, ch zu verdoppeln, entsprang 
doch dem Wunsche, die Aussprache eindeutig zu bezeichnen. 
Aus eben demselben Grund drang Gottsched selbst auf die Unter- 
scheidung zwischen ß und ss, obwohl er ß für ein doppeltes s 
ansieht. — Oder S. 55 wird behauptet, daß schon die alten 
Goten den Buchstaben qu gehabt hätten, und dies zur Vertei- 
digung der üblichen Schreibung gegen das zesische kw angeführt. 
«Und warum sollte Qu nicht sowohl ein deutscher als lateinischer 
Buchstab seyn, da so viel ursprünglich deutsche Wörter damit 
anfangen.» Ja, wenn man keine deutschen Wörter hätte, in denen 
qu geschrieben wird, wären die Zesianerl auch nicht auf den 
Gedanken gekommen, es durch ~kw zu ersetzen. Zesen hielt aber 
die Bezeichnung des fr-Lauts vor w durch einen eigenen Buch- 
staben für eine törichte Nachahmung des ebenso törichten latei- 
nischen Gebrauchs. 

2 S. 46 verteidigt er die Verdoppelung der Vokale gegen den 
Einwurf, daß die alten Sprachen nichts dergleichen hätten, damit, 
daß es vielleicht eine Unvollkommenheit des Griechischen sei, für 
lang A kein besonderes Zeichen zu haben, und daß die Römer 
vielleicht besser getan hätten, maalum von malum zu unterschei- 
den. Aber S. 112 erklärt er Zirkumflexe im Deutschen für un- 
nötig. «Denn da die Lateiner, ohne diese und andere Accente, 
dennoch ihre Syllben in der gehörigen Länge und Kürze haben 
aussprechen können .... so kann man diese Mühe völlig er- 
sparen.» 

3 S. 284 wird der Unterschied zwischen sein und ihr gegen- 
über einförmigem lateinischem suus gelehrt und dazu die tief- 
sinnige Bemerkung gemacht: «Vieleicht kömmt das daher, weil 
die Lateiner nur das eine Pronomen possessivum in der dritten 
Person haben, suus, sua, suum, welches sich auf beyde Ge- 
schlechter schicken muß». 



.§ 138.] Von Schottelius bis Gottsched. 235 

«Eine Sprachkunst überhaupt», heißt es im § 1 der 
Einleitung, «ist eine gegründete Anweisung, wie man die 
Sprache eines gewissen Volkes, nach der besten Mundart 
desselben, und nach der Einstimmung seiner besten Schrift- 
steller, richtig und zierlich, sowohl reden, als schreiben 
soll». Und in der Vorerinnerung zur Wortfügung, § 5, meint 
er, man werde in Deutschland «ohne Zweifel der chur- 
sächsischen Residenzstadt Dresden, zumal des Hofes an- 
genehme Mundart, mit den Sprachregeln und critischen 
Beobachtungen verbinden müssen, die seit vielen Jahren 
in Leipzig gemachet, und im Schreiben eingeführt worden; 
um durch beydes die rechte Wortfügung im Deutschen 
fest zu setzen». In einer Anmerkung erklärt er weiter, 
er billige nicht alles, was man in Meißen täglich spreche. 
«Es ist keine Landschaft, die recht rein hochdeutsch redet: 
die Übereinstimmung der Gelehrten aus den besten Land- 
schaften, und die Beobachtungen der Sprachforscher müssen 
auch in Betrachtung gezogen werden.» 

Gottsched nimmt also zwei Quellen der richtigen Sprache 
an, die meißnische Mundart und die Tradition der Schrift- 
sprache, wie sie sich in den Werken der besten Autoren 
darstellt; die Tätigkeit des Sprachlehrers ist, wie wir sehen 
werden, keine schöpferische, sondern eine auswählende. 
Um nun Gottsched gerecht zu werden, muß man zunächst 
den Gang seines Lebens erwägen. Mit 24 Jahren kam er 
aus Ostpreußen, wo die hochdeutsche Umgangssprache 
noch starke Spuren des Niederdeutschen aufwies, zu 
dauerndem Aufenthalt nach Leipzig. Er mußte das Ober- 
sächsische mit ganz andern Augen betrachten als Schot- 
telius, dessen Leben sich beinahe nur auf niederdeutschem 
Boden abgespielt hatte. Die große Ähnlichkeit der ober- 
sächsischen Umgangssprache mit der Schriftsprache impo- 
nierte ihm. Anderseits mußten ihm, dem Fremden, die 
Abweichungen von der Schriftsprache viel stärker zum Be- 
wußtsein kommen, a,ls dem gebürtigen Obersachsen. Er 
konnte unmöglich das Meißnische in Bausch und Bogen 
mit dem Hochdeutschen identifizieren. Das ist die psycho- 
logische Erklärung seines synkretistischen Standpunkts. 
Nun ist man ja versucht die Frage aufzuwerfen: warum 
wird überhaupt die meißnische Mundart neben dem Ge- 
brauch der guten Schriftsteller erwähnt? Entweder stimmt 



236 Kapitel 6. [§ 138. 

sie mit diesem Gebrauch überein, dann lehrt sie nichts 
Neues, oder sie stimmt nicht überein, dann hat sie keine 
Autorität. Allein dieser Einwand wäre nur dann berechtigt, 
wenn die traditionelle Schriftsprache alle notwendigen Aus- 
drucksformen besessen hätte und vollkommen einheitlich 
gewesen wäre. So aber gab es ein Gebiet, für das jene 
Alternative, Kongruenz oder Inkongruenz mit dem über- 
einstimmenden Gebrauch der besten Schriftsteller, über- 
haupt nicht galt, und in dieser neutralen Zone konnte 
sich das Meißnische mit Ehren behaupten. Aber freilich, 
der Vorwurf trifft Gottsched, daß er seinen Anschauungen 
nicht den zutreffenden Ausdruck zu geben vermochte. 

Die feststehende Tradition der Schriftsprache hat un- 
bedingte Autorität. Wo die Schriftsprache versagt, tritt 
die obersächsische Umgangssprache in die Lücke. Und sie 
hat auch die entscheidende Stimme, wenn die Schriftsteller 
schwanken, ohne daß dieses Schwanken durch grammatische 
Erwägungen beseitigt werden kann. Diese Gedanken etwa 
schwebten Gottsched vor, aber seine theoretischen Er- 
örterungen nehmen in der Einleitung zur Sprachkunst 
einen andern Weg. 

Die beste Mundart eines Volkes, lehrt er hier, sei in 
der Regel die am Hofe gesprochene; gebe es mehrere Höfe, 
so sei die Sprache des Hofes, der in der Mitte des Landes 
liegt, für die beste zu halten. Aber jede gesprochene 
Sprache habe im Munde der Ungelehrten ihre Mängel und 
sei «aus Nachläßigkeit und Uebereilung im Reden» mit sich 
selbst nicht immer einstimmig. «Daher muß man auch den 
Gebrauch der besten Scribenten zu Hülfe nehmen, um 
die Regeln einer Sprache fest zu setzen: denn man pflegt 
sich im Schreiben viel mehr, als im Reden in acht zu 
nehmen.» Die guten Scribenten brauchen nicht aus der- 
selben Provinz zu stammen. «Denn man kann sich durch 
Fleiß und Aufmerksamkeit, die Fehler seiner angebohrnen 
Mundart, im Schreiben leichter, als im Reden abgewöhnen.» 
Aber vollständig kann sich kein Schriftsteller von land- 
schaftlichen Besonderheiten freimachen. Insofern nun da- 
durch oder aus individuellen Gründen Unstimmigkeit unter 
der. guten Autoren entsteht, entscheidet die Analogie. Man 
sieht, daß auf diese Weise dem Grammatiker, aus dessen 
Mund ja die Analogie spricht, das Amt des Schiedsrichters 



§ 138.] Von Schottelius bis Gottsched. 237 

über die Ansprüche der einzelnen Mundarten zugewiesen 
wird. 

Wir vermissen in diesen Ausführungen die deutliche 
Erkenntnis des Unterschieds von Schrift- und Umgangs- 
sprache. Es ist richtig, daß die Schriftsprache gewisse 
Nachlässigkeiten der mündlichen Rede vermeidet, zunächst 
individuelle Mängel, Stottern, Versprechen, Verfehlen des 
zutreffenden Ausdrucks, dann Wiederholungen, Ungenauig- 
keiten, Anakoluthien. Aber dazu kommen Unterschiede rein 
historischer Art, die darin begründet sind, daß die Schrift- 
sprache ihr eigenes Leben hat, Formen und Wendungen 
weiterführt, die in der mündlichen Rede erloschen sind, 
Neubildungen und Entlehnungen aus andern Sprachen und 
Dialekten zeigt, die der Umgangssprache fremd sind. Später 
hat sich Gottsched freilich bemüht, den Unterschied der 
beiden Sprachformen näher zu bestimmen. In der 5. Auf- 
lage (S. 3, § 4d) meint er, daß von den Gelehrten, die 
sich um einen guten Stil bemühen, die Sprachähnlichkeit, 
d. h. die Analogie, besser beobachtet werde als vom «Pöbel», 
und somit die Sprache von ihrer anfänglichen «Rauhig- 
keit» verliere und «richtiger», d. h. regelmäßiger werde. 
Diese Auffassung ist nicht ganz unbegründet. Man kann 
z. B. bei Opitz beobachten, wie er bestrebt ist, Doppel- 
formen zu vermeiden, die Sprache also gleichförmiger zu 
machen. Aber die Charakteristik der Schriftsprache als 
einer Auswahl unter den Formen der Umgangssprache ist 
nicht erschöpfend. 

Es fehlt ferner in diesen grundlegenden Erörterungen 
der Einleitung eine genaue Darlegung des Verhältnisses 
der «besten» Mundart zum Gebrauch der Schriftsteller. Gott- 
sched wußte recht wohl, daß der Vorrang des Ober- 
sächsischen darauf beruhte, daß sich seit der Reformation 
der Schwerpunkt der literarischen Tätigkeit von Süddeutsch- 
land nach Ostmitteldeutschland hin verschoben hatte. 1 Das 
Obersächsische war die beste Mundart, weil es der Schrift- 
sprache am ähnlichsten war, und es war ihr am ähn- 
lichsten, weil die Schriftsprache von ihm die stärksten 



1 Vgl. I. Teil, II. Hauptstück, § 6, Anm. (S. 46 der 2., S. 67 
der 5. Auflage), und die Vorrede der ersten Ausgabe, Blatt *8 
der 2. Auflage. 



238 Kapitel 6. [§ 138. 

Beeinflussungen erfahren hatte. In der Einleitung operiert 
aber Gottsched, statt den Vorzug des Obersächsischen 
historisch zu begründen, mit dem einfältigen geographischen 
Argument und löst so den inneren Zusammenhang zwischen 
der besten Mundart und dem Gebrauch der besten Schrift- 
steller. Man könnte ja seine Worte zunächst so auslegen, 
daß die guten Autoren ein von den Nachlässigkeiten der 
mündlichen Rede gereinigtes Obersächsisch schreiben. 1 Da 
er aber gleich darauf den Grammatiker nach dem Prinzip 
der Analogie eine Auswahl aus den von den verschiedenen 
Mundarten dargebotenen Varianten treffen läßt, rückt das 
Obersächsische in eine Reihe mit den übrigen Dialekten. 
Es mag innere Vorzüge besitzen, so daß die Entscheidung 
des Grammatikers häufig zu seinen Gunsten ausfallen wird, 
aber sein Primat beruht nicht auf eigenem Recht. Hier ist 
der Punkt, wo sowohl die süddeutsche Opposition, wie 
Adelungs Kritik einsetzte. Noch mehr wird die selbständige 
Bedeutung der meißnischen Autorität herabgedrückt durch 
eine spätere Bemerkung Gottscheds (5. Aufl., S. 2f., § 2b). 
«Doch ist noch zu merken, daß man auch eine gewisse 
eklektische oder ausgesuchte und auserlesene Art zu reden, 
die in keiner Provinz völlig im Schwange geht, die Mund- 
art der Gelehrten, oder auch wohl der Höfe zu nennen 
pflegt. Diese hat jederzeit den rechten Kern einer Sprache 
ausgemachet. In Griechenland hieß sie der Atticismus, in 
Rom Urbanitas. In Deutschland kann man sie das wahre 
Hochdeutsche nennen.» Hier redet Gottsched ganz die 
Sprache Schotteis und seiner Anhänger. 

In einem Punkt war er freilich Schottelius überlegen. 
Das Verhältnis der Sprachregeln zum Gebrauch wird voll- 
kommen klar und deutlich dargelegt. Da die Regeln aus 
der Sprache selbst genommen werden, unterwerfe man die 
Sprache nicht eigenmächtigen Gesetzen eines Sprachlehrers, 
«sondern wenige von der Analogie abweichende Redens- 



1 Vgl. 5. Auflage, S. 69: «Ganz Ober- und Niederdeutschland 
hat bereits den Ausspruch gethan: daß das mittelländische, oder 
obersächsische Deutsch, die beste hochdeutsche Mundart sey; 
indem es dasselbe überall, von Bern in der Schweiz, bis nach 
Reval in Liefland, und von Schleswig bis nach Trident in Tyrol, 
ja von Brüssel bis Ungarn und Siebenbürgen, auch im Schreiben 
nachzuahmen und zu erreichen sucht.» 



§ 138. 139.] Von Schottelius bis Gottsched. 239 

arten werden der Uebereinstimmung der meisten Exempel 
unterworfen. Man setzt also auch nicht das Ansehen eines 
Sprachkundigen der Gewohnheit; sondern eine allgemeinere 
Gewohnheit einer eingeschränktem entgegen». Aber Aus- 
nahmslosigkeit der Regeln sei unmöglich ; die Regeln müssen 
nachgeben, wo der durchgängige Gebrauch aller Provinzen 
und Mundarten widerspricht. «Nur, wo der Gebrauch un- 
gewiß, oder verschieden ist, da kann ein guter Sprach- 
lehrer, durch die Aehnlichkeit der meisten Exempel oder 
durch die daraus entstandenen Regeln, entscheiden, welcher 
Gebrauch dem andern vorzuziehen sey.» 

139. Wie führt nun Gottsched seine Grundsätze durch? 
Die Autorität der besten Mundart wird vornehmlich an 
drei Stellen ins Feld geführt, in der Orthographie, in der 
Lehre vom Geschlecht der Substantiva und in der Syntax. 
Die Lehre vom Genus verzichtet von vorneherein darauf, 
das Analogieprinzip auf die Gesamtheit der deutschen Mund- 
arten anzuwenden. Die aufgestellten Regeln können nicht 
nach dem Sinn aller Provinzen sein. «Man wird dieselben 
nach der hier zu Lande herrschenden hochdeutschen oder 
meißnischen Mundart einrichten; allen übrigen Landsleuten 
aber die Wahl lassen, ob sie isich derselben bequemen, oder 
bey ihrer alten Art bleiben wollen» (S. 171 der 2., S. 203 
der 5. Aufl.). 

In der Vorerinnerung zur Wortfügung wird wieder auf 
die Verschiedenheit der deutschen Mundarten hingewiesen 
und dann mit den 138 zitierten Worten eine Richtschnur 
für den Grammatiker gegeben. Freilich erklärt Gottsched 
alsbald, daß die meisten Regeln schon von altern und 
neuern Sprachlehrern aufgestellt worden seien. Und in 
der Tat wird man in der Syntax nicht viel finden, was auf 
Beobachtung des lebendigen meißnischen Sprachgebrauchs 
beruht. 1 

Der § 6 des Hauptstücks von den allgemeinen ortho- 
graphischen Regeln erklärt, daß die deutschen Landschaften 
nach der Aussprache der Provinz mit der besten Mundart 
schreiben müßten. Aber gleich darauf lehrt § 7, daß die 

1 Vielleicht gehört hierher die im § 66 des 4. Hauptstückes 
gegebene Regel über den Gebrauch des Präteritums und des um- 
schriebenen Perfekts. Aber auch hier hatte Gottsched in Chr. 
Weise und Wahn Vorgänger. 



240 Kapitel 6. [§ 139. 

obersächsische Mundart einiges Ansehen in Entscheidung 
der zweifelhaften Rechtschreibung habe, worauf noch 
die Einschränkung folgt, daß man dabei von den Fehlern 
des «Pöbels» abzusehen habe. Tatsächlich geht Gottsched 
nicht von der meißnischen Aussprache aus, sondern von 
dem feststehenden Schreibgebrauch und beurteilt nach ihm 
die Richtigkeit der Aussprache. 1 Nun gibt aber die Schrift 
nur einen Hinweis auf die Abgrenzung der Lautgebiete; 
sie deutet z. R. an, daß man den Ruchstaben d und t, 
g und j verschiedene Lautwerte zuordnen soll ; welches aber 
diese Lautwerte sind, kann sie nicht lehren. Gottsched 
folgt hier offenbar im wesentlichen dem Leitfaden der 
niederdeutschen Aussprache, die stimmhafte und stimm- 
lose Geräuschlaute, gerundete und nicht gerundete Vokale 
unterschied. Die Trennung der beiden Arten von Geräusch- 
lauten fand er auch in nördlichen Gebieten des Ober- 
sächsischen und im Schlesischen. 2 Dieses konnte ihn außer- 
dem den «richtigen» Laut des g lehren, der übrigens, mit 
gewissen Einschränkungen 3 , in den Gegenden, die stimm- 

1 «Man darf also eben so wenig Jdbe als Kabe; jib als leib 
oder Jcip schreiben: obgleich einige deutsche (5. Auflage: schlechte) 
Mundarten so sprechen möchten. Vielmehr sollen diese, ihre böse 
Aussprache, nach der Schrift einzurichten suchen.» S. 48 f. der 2., 
S. 71 der 5. Auflage. Gottsched tadelt auch öfters Aussprachformen, 
die gerade für das Obersächsische charakteristisch sind, so glöben, 
toob, Hahn = Hayn, Steen, Been, Habber, Zwibbeln, Podden, 
Fadden. 

2 In der 1728 erschienenen Abhandlung «Ob man Deutsch, 
oder Teutsch schreiben solle?», die der Sprachkunst seit 1752 als 
Anhang beigegeben wurde, nennt Gottsched neben vielen nieder- 
deutschen Landschaften auch Schlesien, das Mannsfeldische und 
Anhaltische als Gegenden, wo niemand teutsch spreche. «Ich 
berufe mich deswegen auf diese Provinzen, weil ihre Aussprache 
so zärtlich ist, daß man den Unterscheid von Z) und T ganz 
deutlich darinnen wahrnehmen kann.» Die andere Hälfte von 
Deutschland spreche dagegen d und t, wie auch b und p, s und 
ß gleich aus. S. 681 f. 

3 Vor e und i hat sich nämlich die spätlateinische Aussprache 
des g wie ; teilweise bis ins 19. Jh. erhalten. Wie aber Gott- 
sched auch das Lateinische ausgesprochen haben mag: wenn er 
lehrte, daß das deutsche g wie das lateinische laute, so dachte 
er nur an die Fälle, wo lateinisches g seinen eigenen, durch 
keinen andern Buchstaben ausgedrückten Laut hatte. 



§ 139.] Von Schottelius bis Gottsched. 241 

hafte Geräuschlaute sprachen, auch dem lateinischen g ge- 
geben wurde. Buchstabenverbindungen wollte er so ge- 
sprochen wissen, daß beide Zeichen zur Geltung kämen. 
Deshalb unterscheidet er ai und ei. Hieher gehört auch 
die Forderung, daß ä wie ein halbes a und ein halbes e, 
d. h. offen, zu sprechen sei. Ganz konsequent ist freilich 
Gottsched nicht. Die Buchstabenverbindung ie bedeutet (ab- 
gesehen von Wörtern wie Historie) einfach ein langes i. 
Die meißnische se/i-Aussprache des anlautenden s vor p, 
t, k wird, wie es scheint ohne Tadel, angemerkt. 1 Das 
Dehnungs-ft ist stumm. 2 Auch die Mehrdeutigkeit desselben 
Buchstaben gibt Gottsched wenigstens in der 5. Aufl. zu: 
e habe dreierlei Klang. 

Die zweifelhafte Rechtschreibung, das Gebiet, wo der 
meißnischen Aussprache die Entscheidung zusteht, betrifft 
die Vokalquantität. 3 Die Schreibungen Gutt, Mutt, Blutt, 
Gemütter, Trister werden verworfen, weil «in der weit 
allgemeinem obersächsischen Mundart dieses der Aus- 
sprache zuwider läuft» S. 68 2 = 98 5 . Oder Gottsched stellt 
die Regel auf, daß man nach langem Vokal kein // und ss 
setzen dürfe; in der Durchführung dieses Grundsatzes folgt 
er wieder der obersächsischen Aussprache. 

Anm. Auf die Aussprache kommt Gottsched auch in dem 
4. Teil der Grammatik, der «Tonmessung», im Hauptstück von den 
Reimen zu sprechen. In diesem sehr schlecht disponierten, in 
unnötige Einzelregeln zerfallenden Abschnitt nimmt er scheinbar 
einen etwas andern Standpunkt ein, indem er den landschaftlichen 
Eigenheiten mehr einräumt als in der Orthographie, in der die 
Vorstellung oder Forderung einer gemeindeutschen Idealaussprache 

1 Vgl. dazu die Bemerkung der Frau Gottsched im III. An- 
hang, S. 724 5 : «Ich lebe in Obersachsen, und gehe alle Abende 
mit dem ruhigsten Gewissen von der Welt zu Bette, ungeachtet 
ich den ganzen Tag das s vor den Mitlautern wie ein seh aus- 
gesprochen, und schtehlen, schterben, schprechen, schtampfen ge- 
saget habe. Lebte ich in Niedersachsen ; so würde ich freylich 
das Vergnügen der innern Ueberzeugung genießen, wenn ich das s 
scharf aussprechen dörfte.» 

2 Aber die Formulierung ist seltsam : «In der Mitte, nach 
einem Selbstlaute, und vor einem Mitlauter, wird es bisweilen 
nicht gehört, als in fahren, mehren, Mohr». S. 22 2 (33 5 ). 

3 Vgl. W. Braune, Über die Einigung der deutschen Aus- 
sprache. Akademische Rede. Heidelberg 1904. S. 29, Anm. 36 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 16 



242 Kapitel 6. [§ 139. 140. 

herrscht. Er meint, eine Entscheidung über die Richtigkeit der 
landschaftlichen Aussprachen sei schwierig. Eine jede könne man 
nicht billigen, es sei aber auch schwer, allen Provinzen die Last 
aufzuerlegen, sich nach einer einzigen zu richten. Schließlich 
kommt er doch auf den Standpunkt der Orthographie zurück. «Ich 
halte es also für das sicherste, sich nach der Schrift zu richten; 
doch so, daß man in gewissen Selbstlauten eine mehrere Freyheit 
erlaube» (S. 561 2 = 627 5 ). So dürfe man schlägt und legt rei- 
men, weil sie sich in den meisten Ohren reimen. Aber andere 
Reime, die meißnisch rein wären, wie hört : ehrt, werden ver- 
worfen. Ja, Gottsched ist nicht einmal geneigt, in schwankenden 
Fällen die Autorität des Meißnischen anzuerkennen. So sagt er, 
Reime wie leben : heben, sehen : gehen könnten, obwohl in ihnen 
die e-Laute verschieden klängen, hingehen, weil die gleiche Schrei- 
bung zeige, daß diese Unterscheidung nicht allgemein sei (S. 565 2 
= 632 5 ). Wie man sieht, beurteilt Gottsched die Reinheit der 
Reime noch strenger nach der Schrift als Brockes (134). Ein 
späterer Zusatz (S. 628 o) erwähnt das alte Auskunftsmittel der 
neutralen Reime, nicht ohne allerlei Bedenken daran zu knüpfen. 

140. Die zweite Quelle der Sprachregeln war für Gott- 
sched der übereinstimmende Gebrauch der besten Skri- 
benten. Welchen Sinn dies für das Deutsche hat, lehrt 
schon der Titel der Sprachkunst: sie ist «nach den Mustern 
der besten Schriftsteller des vorigen und jetzigen Jahr- 
hunderts abgefasset». Die Autorität der Kanzleisprache be- 
steht für Gottsched nicht mehr; im Gegenteil, gegen sie 
richtet er gern seine Angriffe. Nicht so unbedingt verwirft 
er die Sprache Luthers; Gottsched gebührt viel eher das 
Lob, das Rückert Bödiker spendet (132). In seinen «Be- 
obachtungen über den Gebrauch und Misbrauch vieler 
deutscher Wörter und Redensarten», Blatt b 3 , bemerkt er 
gegen Dornblüth, der ihm vorgerückt hatte, daß er sich 
doch bisweilen auf Luther berufe, Luther habe zu seiner 
Zeit mehr deutsch gekonnt, als Dornblüth jemals lernen 
werde. Vieles sei zwar veraltet, vieles aber bis auf diese 
Stunde gut, brauchbar und nachahmungswürdig geblieben. 
Fehle es Dornblüth ,an guten Ohren', um dies zu unter- 
scheiden, so sei dies nicht Gottscheds Schuld. «Genug! 
hier in Sachsen haben wir dergleichen.» Aber die moderne 
Sprache scheint ihm den höchsten Grad der Vollkommen- 
heit erreicht zu haben. «Die Regierung zwener allerdurchl. 
Auguste in Sachsen, verdient billig das güldne Alter der- 



§ 140. 141.] Von Schottelius bis Gottsched. 243 

selben genennet zu werden: wenn man gleich schon die 
merkliche Verbesserung derselben, von Opitzens und Flenn- 
mings Zeiten anheben muß» (S. 14 2 f. = 19 5 ). Als klassische 
Schriftsteller bezeichnet er S. 21 5 Canitz, Besser, Neu- 
kirch, Pietsch, Günther, Mosheim, Mascau und 
Bünau. Inwieweit seine Vorschriften mit dem Gebrauch 
dieser Autoren übereinstimmen, müßte untersucht werden. 

141. Bleibt noch die Analogie. Hier hatte das Er- 
messen des Grammatikers großen Spielraum, hier kam es 
dara uf an, den Instinkt zu bewähren, der dazu" notig" tstT" 
um, wie Adelung- es einmal ausdrückt, der Sprache da 
nachzuhelfen, wohin sie sic h zu neigen scheint. GröTtscIied 
versagt. Er hat, was man nicht erwarten möchte, eine 
Vorliebe für das Alte, Abgestorbene. Er empfiehlt das eu 
im Präsens der Verba wie kriechen (kreuchst, kreucht, 
kreuch), obwohl er weiß, daß der meißnische Sprach- 
gebrauch widerspricht. Er begründet seine Regel mit der 
Analogie des Vokalwechsels anderer «unrichtiger» Verba; 
das wahre Motiv war, daß ihm der Diphthong besser klang. 
Er verlangt ohne Begründung die Beibehaltung der Ge- 
schlechtsunterscheidung im Zahlwort zwei. Während er an- 
fangs dreyßig beibehält, kommt er später auf den Einfall, 
dreyzig zu schreiben, und verteidigte dies mit der Analogie 
der übrigen Dekadennamen und ihrer Etymologie. Er fordert 
die Einsilbigkeit aller starken Imperative, während doch 
schon Frisch die Beschränkung auf die Wörter mit Ände- 
rung des Infinitivvokals ausgesprochen hatte. Gottsched 
beruft sich nicht etwa auf Opitz, dessen Gebrauch im 
großen und ganzen seiner Vorschrift entspricht, sondern 
sucht einfach eine mechanische Regel durchzuführen. Hieher 
gehört auch seine Meinung, daß die 2. und 3. Person 
Sing. Ind. der unrichtigen Zeitwörter besser einsilbig sei, 
was ihn in Widersprüche verstrickt, vgl. oben S. 230, Fußn. 1. 

Die wunderlichste Vorschrift ist, daß -e nur in weib- 
lichen Substantiven stehen dürfe. Daß es auch Maskulina 
auf -e gebe, gesteht Gottsched widerwillig zu, sucht sie 
aber dann durch verschiedene Auskunftsmittel loszuwerden. 
Im Verzeichnis der Maskulina mit ew-Plural stehen nur 
verkürzte Formen wie Knab, Pohl, Rab. Bei den Neutris 
wird -e unbedingt verworfen. 1 Der Vorkämpfer der Meißner 

1 In seiner liederlichen Art spricht Gottsched, S. 212, nur 

16* 



244 Kapitel 6. [§ 141. 142. 

Mundart steht hier unter dem Einfluß des Franken Christ, 
gegen dessen Angriffe er das neutrale -e etliche Jahre früher 
verteidigt hatte (Crit. Beyträge, II, 2251), 

Die Literatursprache kümmerte sich ebensowenig um 
Gottscheds wie früher um Schotteis Regeln. Glücklicher 
war Gottsched in der Festsetzung der Orthographie. Ihm 
wird im 18. Jh. die endgültige Beseitigung der nach- 
konsonantischen ck, ff, tz, sowie die Durchsetzung der heute 
üblichen Scheidung von ß und ss zwischen Vokalen zu- 
geschrieben. Auch die Verbannung des // nach Diphthongen 
und langen Vokalen drang schließlich durch, nicht ohne 
heftige Kämpfe, da in einem großen Teile von Deutsch- 
land die Entsprechungen von germ. p und germ. / zwischen 
Vokalen getrennt blieben und der lautlichen Unterschei- 
dung die graphische von // und / zugeordnet war. 

142. Die Sprachkunst wurde in den Jahren 1748 — 1762 
fünfmal und dann noch zehn Jahre nach Gottscheds Tod 
(1776) aufgelegt. Von dem Auszug, den Gottsched unter 
dem Titel «Kern der deutschen Sprachkunst» herausgab, 
erschienen 1753 — 1777 acht Auflagen und in Wien wurde 
das Buch 1778 — 1780 nachgedruckt. 1 Zahlreich sind die 
Übersetzungen. Eine russische und zwei französische er- 
schienen zu Gottscheds Lebzeiten, die eine kürzere Be- 
arbeitung von Qu and t wurde noch im Anfang des 19. Jhs. 
aufgelegt. 2 Nach Gottscheds Tod wurde das Buch ins La- 
teinische, Holländische und Ungarische übersetzt. 

Dieser Erfolg beruht einmal auf Gottscheds Ansehen, 
das er fortdauernd in Kreisen genoß, die den literarischen 
Streitigkeiten Deutschlands ferne standen. Dann aber auf 
dem Mangel an Konkurrenzwerken. Gerade die Bücher 
der nächsten Jahrzehnte, die, wie Aichingers Sprachlehre, 
an innerm Wert die Sprachkunst übertrafen, brachten sich 
durch ihren provinziellen süddeutschen Standpunkt um 
weitere Verbreitung. 

Auf die Süddeutschen wirkte die Sprachkunst wie ein 
Ferment. In mannigfachen Abtönungen, zustimmend, ein- 

von der unnötigen Anhängung des -e an Neutra, die mit ge- zu- 
sammengesetzt sind. Ende und Erbe kommen in den Wortlisten 
der Deklinationslehre nicht vor. Aber S. 237 wird Äug angesetzt. 

1 Waniek, Gottsched, S. 542, Fußn. 1. 

2 Waniek, S. 670 f. 



§ 142. 143.] Die Grammatik nach Gottsched. 245 

schränkend, angreifend, knüpfte die nun zu regem Leben 
gedeihende grammatische Tätigkeit des Südens an Gott- 
sched an. Und darin liegt die historische Bedeutung der 
Sprachkunst für die Entwicklung der deutschen Gram- 
matik. 



Siebentes Kapitel. 
Die Grammatik nach Gottsched. 

(1748—1781.) 

143. Charakteristisch für diesen Zeitraum ist zunächst 
die große Menge grammatischer Schriften, die von Süd- 
deutschen verfaßt oder doch für Süddeutsche bestimmt sind. 

In Österreich erlebt Antespergs Grammatik 1749 eine 
neue Auflage. 1754 erscheinen Die nothwendigsten An- 
fangsgründe von Popowitsch, 1758 Gerlachs Sprachlehre. 
In Österreich wirkte auch Ignaz Weitenauer 1 , dessen oft 
aufgelegte Zweifel von der deutschen Sprache zuerst 1764 
herauskamen. Seit 1768 tritt Franz Josef Bob 2 als Gram- 
matiker auf, 1774 bzw. 1775 erscheinen die Anleitung zur deut- 
schen Rechtschreibung und die Anleitung zur deut- 
schen Sprachlehre zum Gebrauche der deutschen Schu- 
len in den k. k. Staaten. 



1 Geboren 1709 in Ingolstadt, trat in den Jesuitenorden ein, 
wurde 1753 Professor der orientalischen Sprachen an der Universi- 
tät zu Innsbruck, zog sich nach der Aufhebung seines Ordens 
1773 in das Zisterzienserstift Salmansweiler bei Konstanz zurück 
und starb daselbst 1783. Vgl. Wetzer und Weites Kirchen- 
lexikon, 2. Auflage, 12, 1300 ff. Von Weitenauer gibt es auch 
Institutiones linguae Germanicae. Sie bilden einen Teil 
seines Hexaglotton geminum [Augustae Vindel. et Friburgi 
Brisg. 1762 (öfters neu aufgelegt), II, 46—97]. Das Hexaglotton 
ist eine Sammlung von Anleitungen, mit Hilfe von Wörterbüchern 
fremdsprachliche Bücher und Schriftstücke zu verstehen. Eigent- 
liche Grammatiken, d. h. Anweisungen, die fremde Sprache auch 
selbst sprechen und schreiben zu können, wollte Weitenauer 
nicht geben. 

2 Geboren 1733 in Dauchingen bei Villingen, studierte in 
Freiburg i. B. und in Wien, 1767 Professor der Rhetorik, 1775 
der Polizei- und Kameralwissenschaft in Freiburg, gestorben 1802. 
Vgl. Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Öster- 
reich, II, 2 f. 



246 Kapitel 7. [§ 143. 

Der Oberpfälzer Aichinger veröffentlicht 1753 seinen 
Versuch einer teutschen Sprachlehre. In Bayern ist 
seit 1765 Heinrich Braun (1732—1792) als Grammatiker tätig. 
In Regensburg erscheint 1778 das Werk des wahrscheinlich aus 
Süd Westdeutschland stammenden Franklin. 

In Schwaben gibt 1755 Dornblüth seine Observationes 
heraus. Mehrere Elementarbücher erscheinen in den folgenden 
Jahrzehnten. 1 In den siebziger Jahren treten Fulda und Nast 
mit ihren Arbeiten hervor. 

In Zürich veröffentlicht Bodm-er 1768 seine Grundsätze 
und läßt ihnen 1773 eine Anleitung zur Erlernung der deut- 
schen Sprache. Für die Real-Schulen folgen, die eben- 
so wie Die Biegungen und Ausbildungen der deutschen 
Wörter. Für die Realschulen mehrmals aufgelegt wurden. 

Auch auf fränkischem Sprachgebiet erschienen mehrere 
Arbeiten. Ganz unsicher ist freilich, ob Weber bei der Ab- 
fassung seiner umfänglichen Sprachkunst von 1759 irgendwie 
an die Bedürfnisse des Druckorts Frankfurt a. M. gedacht hat. 
Er war jedenfalls, nach seiner Sprache zu schließen, kein Frank- 
furter, wahrscheinlich ein Thüringer. Der Straßburger Joh. D. 
Faber ließ als Hofgerichtsrat und Professor zu Mainz ebenda 
im Jahre 1767 seine Anfangsgründe der schönen Wissen- 
schaften erscheinen. Sie enthielten eine Grammatik, die mit 
geringen Änderungen im folgenden Jahre unter dem Titel Erste 
Grundsätze der Sprachkunst besonders gedruckt wurde. Das 
Jahr 1772 brachte die Regeln vom Schreiben, Reden und 
Versemachen in deutscher Sprache nebst einem Wör- 
terbuche zum Gebrauche der wirzburgischen Schulen. 2 



1 Vgl. Rüdiger, Neuester Zuwachs, IV, 34 ff., Nr. 8. 9. 11. 
16. 17; 62, Nr. 11; 65, Nr. 5. (Über eine frühere Arbeit des 
S. 34 f., Nr. 8, erwähnten Donatus a transfig. Domini vgl. 127 
Anmerkung.) — Die Heidelberger Universitätsbibliothek besitzt 
eine «Gründliche Unterweisung zur Deutschen heut zu Tage nö- 
thigen Rechtschreibkunst, Constanz 1771». 

2 Rüdiger, IV, 35, Nr. 10, hat in der Titelangabe der katho- 
lischen Schulen Teutschlands statt der wirzburgischen 
Schulen. Auch stimmt der von ihm angegebene Umfang nicht 
zu dem mir vorliegenden Exemplar. Rüdiger hat die Würzburger 
Ausgabe von 1772 wahrscheinlich nicht gesehen, da er sonst 
wohl den Verleger genannt hätte. — Schon 1764 war in Würz- 
burg eine «Rechtschreibung der hochdeutschen Sprache mit kri- 
tischen Anmerkungen zum Gebrauche der Jugend verfasset von 
einem Lehrer der Grammatik Aus der Gesellschaft JEsu zu 
Wirzburg» erschienen. Vgl. auch Rüdiger, IV, 36, Nr. 12; 65, 
Nr. 4. 9. 



§ 143.] Die Grammatik nach Gottsched. 247 

1775 kam in Mannheim die Deutsche Sprachlehre von 
Hemmer heraus, der bald andere Werke desselben Verfassers 
folgten. 

Ein großer Teil der genannten Schriften sind Schul- 
bücher. Die Unterrichtsreformen der zweiten Hälfte des 
Jahrhunderts brachten die Muttersprache in den Schulen 
Süddeutschlands zu Ehren. Der Wunsch, sich der Gemein- 
sprache des Nordens anzuschließen, machte grammatischen 
Unterricht notwendig, und dazu brauchte man Bücher, die 
auf die Eigentümlichkeiten oder, wie man jetzt auch sagte, 
Fehler der heimischen Mundart und Kanzleisprache Rück- 
sicht nahmen. 1 

Aber nicht nur Schule und Kanzlei, die gesamte deutsche 
Literatur strebte zu sprachlicher Einheit und erreichte 
schließlich dies Ziel im Zeitalter unserer Klassiker. Ohne 
Kampf ging es nicht ab. Unrichtig ist es, den Widerstand 
des Südens schlechtweg als Partikularismus zu bezeichnen. 
Der Partikularismus ist tolerant; er läßt den Nachbar auf 
seinem Gebiet frei schalten. Solche Toleranz tritt aller- 
dings bei mehreren Theoretikern zutage. Aber gerade die 
heftigsten Gegner des «Sächsischen» kämpfen für das Ideal 
einer Gemeinsprache, nur sahen sie es eben nicht in der 
mitteldeutschen Literatursprache verwirklicht. 

In den Streitigkeiten jener Zeit wird öfters der Gegen- 
satz der Konfessionen betont. Die Geschichte der deutschen 

1 Auf diese Reformen gehe ich nicht näher ein. Über die 
österreichischen Verhältnisse belehren A. Ficker in K. A. 
Schmids Encyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unter- 
richtswesen, 1. Aufl., 5. Bd., Artikel «Österreich»; J. A. von H ei- 
fert, Die Gründung der österreichischen Volksschule durch Maria 
Theresia, Prag 1860; K. Wotke, Das Österreichische Gymnasium 
im Zeitalter Maria Theresias: Monumenta Germaniae Paedago- 
gica XXX; K. Wotke, Karl Heinrich Seibt: Beiträge zur öster- 
reichischen Erziehungs- und Schulgeschichte IX, 1 ff. — Über die 
Reformen in Bayern vgl. Martin Glückel, Heinrich Braun 
und die Bayerischen Schulen von 1770—1781, Erlanger Diss. 1891; 
L. Wolfram, Heinrich Braun (Historische Abhandlungen aus 
dem Münchener Seminar 3), München-Bamberg-Leipzig 1892; Mo- 
numenta Germaniae Paedagogica XLI. XLII. — Über die Be- 
strebungen zur Pflege der deutschen Sprache in der Rhein- 
pfalz vgl. B. Seuffert, HZ. 24, Anz. 276 ff.; K. Krükl, Leben 
und Werke des elsässischen Schriftstellers Anton von Klein, Straß- 
burg 1901. 



248 Kapitel 7. [§ 143. 144. 

Grammatik darf die Schlagworte vergangener Tage nicht 
unbesehen aufnehmen. Von Angriffen norddeutscher Katho- 
liken auf die Literatursprache ist nichts bekannt, anderseits 
war das «Sächsische» dem Protestanten Nast beinahe ebenso 
antipathisch wie dem Katholiken Dornblüth. Nur das 
ist richtig, daß die süddeutschen Protestanten mehr Fühlung 
mit der Entwicklung der schönen Literatur behalten und 
daher in ihre lokalen Schriftsprachen mehr mitteldeutsche 
Elemente aufgenommen hatten. Als die süddeutschen Katho- 
liken ihre literarische Rückständigkeit peinlich zu empfinden 
begannen, da rückte ihnen die fremdartige mitteldeutsche 
Literatursprache unter den konfessionellen Gesichtspunkt, 
begreiflich genug, da als ihr Begründer immer wieder Luther 
gepriesen wurde. Für die süddeutschen Protestanten fiel 
dieses Moment weg; daher tritt bei ihnen der wahre Grund 
des Gegensatzes, die Verschiedenheit der Mundarten, rein 
hervor. 

Unter den süddeutschen Theoretikern haben sich viele 
um die Entwicklung der grammatischen Erkenntnis ver- 
dient gemacht: in erster Linie Aichinger, Fulda und 
Hemmer, demnächst Pop o witsch und Nast. Der Norden 
tritt in der ersten Zeit nach Gottsched etwas zurück; erst 
in Heynatz und Mäzke hat er wieder Grammatiker von 
einiger Bedeutung hervorgebracht. Ihre Tätigkeit fällt in 
die siebziger Jahre. Dieses Dezennium verlangt eine ge- 
sonderte Behandlung. Es hat für die Geschichte der gram- 
matischen Theorie eine ähnliche Bedeutung wie die vierziger 
Jahre des 17. Jhs. Der Gedankenaustausch ist lebhaft und 
die verschiedenen Richtungen finden sinnfälligen Ausdruck 
in mannigfachen orthographischen Reformversuchen. Zudem\ 
gehören die wichtigsten sprachwissenschaftlichen Versuche 
Herders und Klopstocks diesem Zeitraum an, dessen/ 
Errungenschaften dann Adelung sammeln und der Nachwelt) 
vererben sollte. 

I. Die fünfziger und sechziger Jahre. 
A. Die einzelnen Theoretiker. 1 
144. Karl Friedrich Aichinger, geboren am 31. März 
1717 zu Vohenstrauß in der Oberpfalz, 1741 Rektor, später 



Ich bespreche nur die wichtigeren Arbeiten. 



§ 144.] Die Grammatik nach Gottsched. 249 

Stadtprediger in Sulzbach, seit 1777 Inspektor der dortigen 
Kirchen und Schulen, gestorben im Dezember 1782 1 , ver- 
öffentlichte 1753 2 seinen Versuch einer teutschen 
Sprachlehre. 3 

In der Vorrede betont er seine Selbständigkeit. Er habe 
ursprünglich zu seiner eigenen Belehrung Sammlungen an- 
gelegt und sie, als er Rektor in Sulzbach geworden war, 
vervollständigt, da er bemerkte, daß seine Schüler in ihrer 
Muttersprache beinahe ebensoviel Fehler machten, wie im 
Lateinischen. Das Werk sei allmählich über einen bloßen 
Abriß, der den Schülern zum Abschreiben in die Hand ge- 
geben werden konnte, hinausgewachsen. So habe er die 
Veröffentlichung beschlossen. Da sei Gottscheds Sprach- 
kunst erschienen; aus ihr habe er nachträglich einiges ent- 
nommen. Daß er auf den Druck seines Werkes nicht ver- 
zichtete, hatte seinen Grund sowohl in seinem sprachlichen 
Standpunkt, als auch darin, daß ihm manches in Gott- 
scheds Sprachkunst nicht gefiel. In der Vorrede schlägt 



1 Vgl. Mensel, Lexicon der vom Jahr 1750 — 1800 verstorbenen 
teutschen Schriftsteller, I, 36. Das Datum des Todes, das Meu- 
sel unbekannt war, nach Rüdiger, Neuester Zuwachs der teut- 
schen, fremden und allgemeinen Sprachkunde, II, 183. Rüdiger 
nennt bloß den Monat; daß der Dezember 1782 gemeint ist, er- 
gibt sich daraus, daß 1782 das Berichtsjahr ist. Rüdigers An- 
gabe, daß Aichinger im 65. Lebensjahr gestorben sei, wird eine 
Ungenauigkeit sein. 

2 Diese Jahreszahl trägt das Exemplar der Wiener Universitäts- 
bibliothek. 1754 nennen als Erscheinungsjahr die Commentarii 
Lipsienses Litterarii, I, 529; Das Neueste aus der anmuthigen 
Gelehrsamkeit, IV, 47; Heynatz, Briefe die Deutsche Sprache 
betreffend, I, 8; Nast, Schwab. Magazin, 1775, S. 207; Rüdiger, 
Neuester Zuwachs, IV, 18, Nr. 3; Engelien, S. 308. Das mir 
vorliegende Exemplar umfaßt 2 Bogen Vorstoß, 580 Seiten Text 
und 10 Blätter Register; dazu stimmt die Angabe in den Com- 
mentarii Lipsienses (Alph. I, plag. 16 1 / 2 ), während nach Rü- 
diger Vorrede und Register 3 Bogen einnehmen. 

3 Der Verleger, ein Wiener Buchhändler, widmete das Werk 
dem Fürsterzbischof von Wien, Grafen Trautson. Er mochte 
hoffen, daß es in den österreichischen Schulen eingeführt werde. 
Aber der Erzbischof veranlaßte, daß Popowitsch, der selbst an 
einer Grammatik arbeitete, nach Wien berufen wurde. Vgl. 146. 



250 Kapitel 7. [§ 144. 

er wohl den Ton der Hochachtung an, aber die Ironie ist 
deutlich. 1 Im Text polemisiert er öfters gegen Gottsched. 
Aichingers Sprachlehre ist die bedeutendste Leistung 
unseres Zeitraums. Die Disposition der Etymologie ist frei- 
lich altertümlich. Ihr Leitfaden sind die Akzidenzien, daher 
ist die Lehre von den Adjektiven und Zahlwörtern unter 
die verschiedenen Abschnitte vom Nomen verstreut. Sprach- 
meisterei ist Aichinger nicht fremd; er «beweist» öfters mit 
Hilfe der Analogie die Richtigkeit von dialektischen oder 
veralteten Formen. Aber seine Grammatik ist ganz im 
Gegensatz zu der Gottschedschen durchaus solid gearbeitet 
und zeigt, daß ihr Verfasser Fachmann war. Aichinger 
erkennt die Unrichtigkeit vieler traditioneller Definitionen 
und bemüht sich nicht ohne Erfolg um scharfe Erfassung 
der grammatischen Begriffe. Er sucht sich möglichst frei 
zu halten von dem altererbten Mißbrauch, Übersetzungen 
lateinischer Formen ins Paradigma zu stellen, die in Wirk- 
lichkeit nie gebraucht werden, und schränkt überhaupt die 
Aufnahme periphrastischer Gebilde ein. In der Konjugations- 
lehre ordnet er, Steinbachs System ausbauend, die starken 
Verba nach Ablautkombinationen. In der Darstellung der 
Substantivdeklination ist der Fortschritt über Gottsched 
hinaus geringer; aber er trachtet nach Vollständigkeit in 
der Aufzählung der Wörter oder Wortkategorien, die zu 
jeder Deklination gehören. Überhaupt ist sein Buch viel 
reichhaltiger als Gottscheds Sprachkunst, sowohl was das 
Material als was die Regeln betrifft. Namentlich die Syntax 
bringt viele neue Beobachtungen ; ihr kamen die Erfahrungen 
zugute, die der alte Schulmann im Lateinunterricht gemacht 



1 Vgl. Bl. **4b f. «Ja, es wäre meinem Ermessen nach gut 
gewesen, wenn wenigstens mein Werk vor dem Gottschedischen 
heraus gekommen wäre, und er sich meiner, als eines Hand- 
langers, bedienet hätte. Denn die Mühe, allerley Kleinigkeiten 
aufzulesen, ist keine Sache für grosse Gelehrte. Die Gednlt, 
so hierzu nöthig ist, ist ihnen nicht aufzubürden. Sie raffen 
entweder alles auf, was ihnen unter die Hände kommt, oder 
sie lassen was liegen, oder sie klauben nicht alles genau ausein- 
ander. Wer das Gottschedische Verzeichnuß der richtig fliessenden 
Zeitwörter durchliest, und unter andern das qvackeln, qvarren, 
qvalstem, qveicheln, qvinkeliren, u. d. g. findet: der wird wohl 
erkennen, daß dieses nicht gesammelt, sondern geraffet sey.» 



§ 144.] Die Grammatik nach Gottsched. 251 

hatte und durch die sein Auge für die Eigentümlichkeiten 
des Deutschen geschärft worden war. 

Von Einfluß auf die Spätem waren namentlich zwei 
Punkte. Aichinger hat die Akzentlehre, die seit Schottelius 
gewöhnlich als Angelegenheit der Verskunst betrachtet 
wurde, der Grammatik zurückerobert. Seine Lehren lassen 
sich, mit ihren Vorzügen und ihren Schwächen, bis in Ade- 
lungs Umständliches Lehrgebäude verfolgen. Er hat 
ferner die Wortstellung nicht nur ausführlicher behandelt 
als die Grammatiker vor Gottsched, sondern auch anders 
disponiert. Er hat Steinbachs Darstellung vereinfacht, 
indem er die verschiedenen Typen der Wortfolge auf die 
Permutationen von nur drei Satzgliedern, Subjekt, Prädikat, 
Casus verbi, zurückführte; die drei oder vier «Ordnungen 
eines ganzen Abschnittes», die sich daraus ergaben, kann 
man noch in Grammatiken des ausgehenden 19. Jhs. wieder- 
finden. 

Die «Commentarii Lipsienses Litterarii» brachten 1754 
aus Christs Feder 1 eine von Bosheiten gegen Gottsched 
strotzende Anzeige der Aichingerschen Sprachlehre. Das 
Urteil lautete, wenn auch mit Einschränkungen, im ganzen 
günstig. Auf einen andern Ton war natürlich die Be- 
sprechung in der Gottsched sehen Zeitschrift «Das Neueste 
aus der Anmuthigen Gelehrsamkeit», IV, 47 ff., gestimmt. 
Heynatz, Briefe die Deutsche Sprache betreffend, IV. Teil, 
S. 160, erwähnt diese Anzeige als Beispiel dafür, daß Gott- 
sched seinen Zeitgenossen manches gute und brauchbare 
Buch aus den Händen rezensiert habe. Nast behauptet 
im Schwäbischen Magazin 1775, S. 207, sogar, die Gott- 
schedianer hätten das Buch so verschrien, daß es beinahe 
in Vergessenheit gekommen sei. Aber wenn auch Aichingern 
vielleicht erst in den siebziger Jahren die verdiente An- 
erkennung zuteil wurde 2 , so hat er doch schon früher auf 
andere Grammatiker eingewirkt. 

1 Vgl. Heinze, Anmerkungen über Gottscheds Deutsche Sprach- 
lehre, S. 85. 

2 Heynatz, der ihn in den Briefen oft zitiert, nennt ihn 
Teil VI, S. 57, den Verfasser einer unserer besten deutschen 
Sprachlehren und erklärt Teil V, S. 24, daß er «ungemein große 
Verdienste» habe. Nast sagt a. a. 0., Aichinger werde unter den 
Sprachlehrern «im Reich» mit Ehren genannt werden, wenn man 
Gottsched längst vergessen haben werde. 



252 Kapitel 7. [§ 145. 146. 

145. Das erste Buch, in dem Aichingers Werk benutzt wird, 
ist Christian Friedrich Hempels 1 «Erleichterte Hoch-Teutsche 
Sprach-Lehre» (1754). Außerdem haben eine Menge anderer 
Grammatiker den Stoff hergegeben, von denen in der Vorrede 
Gottsched, Steinbach, Wippel und Reichard (wegen seiner 
Ausgabe der Schieleschen Monographie über die Vorwörter, 
vgl. 152) namhaft gemacht werden. Hempels Grammatik, die 
er für Anfänger und Ausländer bestimmt hat, ist äußerst dick- 
leibig, sie umfaßt 1301 Seiten und dabei ist der zweite Haupt- 
teil, die Orthographie, nicht behandelt. Die Verslehre schloß 
Hempel grundsätzlich aus. Ursache des großen Umfangs ist 
die Weitschweifigkeit des Verfassers, der oft ganze Stücke aus 
seinen Quellen abdruckt. Sein Buch ist im wesentlichen bloße 
Kompilation. Selbständig, aber nicht glücklich, ist die Darstellung 
der Substantivdeklination. Ob die mehr als 600 Seiten starke 
Syntax einen eigenen Gedanken enthält, wäre zu untersuchen. 

Das Buch wurde im allgemeinen recht gering geschätzt. 
Doch benutzte es nicht nur der unbedeutende Do natu s a Trans- 
figuratione Domini, sondern gelegentlich auch Hemmer. 
Ob ihm Adelung seine Haupteinteilung der Grammatik — Von 
der Fertigkeit richtig zu reden und Von der Fertigkeit richtig 
zu schreiben — verdankt, ist fraglich. 

146. In den verschiedensten Gebieten des Wissens be- 
wandert und beinahe in allen Autodidakt, Slovene von 
Geburt und dabei einer der ersten Erforscher der öster- 
reichischen Mundarten, ist Johann Siegmund Valentin 
Popowitsch eine der interessantesten Persönlichkeiten 
unseres Zeitraums. 2 

Er war 1705 zu Arzlin in Unter Steiermark geboren, studierte 
bei den Jesuiten in Graz, durchwanderte zu Fuß ganz Italien und 
brachte sich lange Zeit als Hofmeister fort. 1747 kam er zu 
dreijährigem Aufenthalt nach Regensburg. Dort schrieb er sein 
erstes größeres Werk, die Untersuchungen vom Meere 3 , 
die mit ihrem antiquarischen, geographischen, botanischen und 
linguistischen Inhalt ein deutliches Bild von der Vielseitigkeit 
ihres Verfassers geben, dessen mannigfache wissenschaftliche 
Interessen innerlich mit einander verknüpft waren. Sachforschung 



1 Gestorben als Doktor der Rechte und Privatgelehrter zu 
Halle 1757. 

2 Vgl. W T urzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums 
Österreich, 23, 108 ff.; Wotke, Beiträge zur Österreichischen 
Erziehungs- und Schulgeschichte, IX, 76 ff.; E. W T olff, Gott- 
scheds Stellung im deutschen Bildungsleben, S. 35 ff. 

8 Anonym erschienen Frankfurt und Leipzig 1750. 



§ 146.] Die Grammatik nach Gottsched. 253 

und Sprachforschung gehen bei ihm Hand in Hand. Die Namen 
der Naturprodukte interessieren ihn ebenso wie ihre Eigenschaften. 
Ein Vorläufer moderner Bestrebungen faßte er den Gedanken 
eines Standardalphabets : er wollte das lateinische Alphabet durch 
Aufnahme slavischer Zeichen vervollkommnen, nicht nur aus 
linguistischen Gründen, sondern auch zum Vorteil der Geographie; 
wußte er doch, daß die Verschiedenheit der Lautwerte gewisser 
lateinischer Buchstaben bei den europäischen Völkern zu un- 
richtiger Aussprache fremder Ortsnamen verführte. 1 Und die 
historische Geographie hat ja von jeher Fühlung mit der Etymo- 
logie gehabt. 

Der verbitterte Mann richtete in dem Buch heftige Angriffe 
gegen mehrere angesehene Gelehrte, vor allem aber gegen Gott- 
sched. Nicht nur die Schwächen und Mängel seiner Sprach- 
kunst werden getadelt, sondern auch seine physikalischen Kennt- 
nisse einer ätzenden Kritik unterworfen. 2 Gegenüber Gottscheds 
Spöttereien über die rauhen oberdeutschen Mundarten hebt Popo- 
witsch ihre Wichtigkeit für den Sprachforscher hervor und macht 
Mitteilungen über die österreichischen Dialekte. Wir erfahren 
auch, daß er schon vor acht Jahren einen «Unterricht wie die 
Steyermärker und Oesterreicher die gröbsten Provinzialfehler in 
Hochteutschen Schriften vermeiden sollen» geplant hatte und der 
Entwurf der Substantivdeklination bereits fertig war; aber Gott- 
sched hatte ihn von der Veröffentlichung abgeschreckt, indem 
er ihm sagen ließ, daß das, was Popowitsch vorhabe, längst 
aasgeführt sei und er sich zudem leicht ebenso wie Antes- 
perg und Max durch seine angeborene Mundart vor der ge- 
lehrten Welt lächerlich machen könnte. 3 

Durch die Untersuchungen vom Meere war Popowitsch be- 
kannt geworden und so fand er endlich eine gesicherte Lebens- 
stellung in seiner Heimat, wo man zu jener Zeit der Pflege des 
Deutschen größere Aufmerksamkeit zu schenken begann. Der 
Fürsterzbischof von Wien und Protector studiorum, Graf Traut- 
son, bewog 1753 die Kaiserin Maria Theresia, Popowitsch zum 



1 Vgl. die Zuschrift an die Nürnberger Kosmographische Ge- 
sellschaft, S. XVIII ff. 

2 Gottsched hatte in dem berüchtigten Gedicht über die Ober- 
pfalz die Hoffnung ausgesprochen, daß einmal alle Berge ver- 
schwinden würden. Dies gab Popowitsch Anlaß zur Abfassung 
der dritten Beilage zur dritten Untersuchung : «Beurtheilung einer 
künftigen Welt ohne Berge. Erörterung der Frage, ob eine so 
beschaffene Welt von vergnügten Menschen könne bewohnt wer- 
den.» (Untersuchungen vom Meere, S. 177 ff.) 

3 S. 312; 314, Anm. g. 



254 Kapitel 7. [§ 146. 

Professor der deutschen «Wohlredenheit» 1 an der Wiener Uni- 
versität zu ernennen. Im Herbst desselben Jahres erhielt er 
auch die Professur der Eloquenz an der ßavoyschen Ritterakademie, 
doch wurde diese Professur schon im Sommer 1754 aufgelassen. 2 
An der Universität lehrte Popowitsch bis 1766. Im Herbst dieses 
Jahres wurde er auf sein Ansuchen in den Ruhestand versetzt. 
Er starb 1774 in Perchtoldsdorf bei Wien. 

Eine Frucht seiner Wiener Lehrtätigkeit sind Die noth- 
wendigsten Anfangsgründe der Teutschen Sprach- 
kunst zum Gebrauche der Österreichischen Schulen 
(1754). Popowitsch plante eine ausführliche deutsche Gram- 
matik, die Anfangsgründe sollten nur ein Auszug sein. 
Sie fielen aber ziemlich umfänglich aus, denn der Ver- 
fasser wollte sich gegen Angriffe verteidigen 3 und war 
doch nicht in der Lage, zu weiterer Belehrung auf das 
größere Werk zu verweisen. Dabei umfassen die Anfangs- 
gründe nur die Lehre von den deutschen Lauten und 
den Redeteilen mit Ausschluß der Wortbildung ; diese sollte, 
wie Syntax, Orthographie und Prosodie, später behandelt 
werden. Der Umfang des Buches veranlaßte Popowitsch 
noch im selben Jahre eine kürzere Darstellung folgen zu 
lassen . 4 



1 So wird sein Fach in dem Regierungsdekret vom 4. No- 
vember 1766 bezeichnet, das der Universität die Bewilligung 
von Popowitsch' Gesuch um Enthebung vom Lehramt mitteilte. 
(Archiv der Universität Wien.) Er selbst nennt sich Lehrer der 
Teutschen Beredsamkeit. — Professor an der Theresianischen 
Akademie (Danzel, Gottsched, S. 303; Wolff, S. 37) ist Popo- 
witsch nie gewesen. 

2 Vgl. Johann Schwarz, Geschichte der Savoy'schen Ritter- 
Akademie in Wien (Beiträge zur Österreichischen Erziehungs- und 
Schulgeschichte, I), S. 55, 72. 

3 Er hatte nämlich vor Ausgabe des -ganzen Buchs die ersten 
zehn Bogen veröffentlicht. 

4 Der Titel des kleinern Buchs unterscheidet sich von dem 
des größern nur in folgenden Punkten. Statt auf allerhöchsten 
Befehl ausgefertiget heißt es herausgegeben. Der dritte 
Vorname (Val.) fehlt. Statt wie auch Herzoglichem in der 
Savoyisch Liechtensteinischen Akademie steht und der 
Herzoglichen Teutschen Gesellschaft zu Helmstädt 
Mitgliede. Umfang des größern Werks: 40 Seiten Vorrede (und 
Titelblatt), 496 Seiten Text; des kleinern: 3 Blätter Vorstoß, 
144 Seiten Text, 1 Blatt Druckfehler und Verbesserungen. 



§ 146.] • Die Grammatik nach Gottsched. 255 

Ein Motiv für die Veröffentlichung dieser Arbeiten war, 
daß keine der bisherigen deutschen Grammatiken auf die 
österreichische Mundart Rücksicht genommen hatte. 1 Popo- 
witsch warnt oft vor österreichischen Dialektformen, aber 
auch vor Eigentümlichkeiten der lokalen Kanzleisprache, 
die ebenso von der gesprochenen Sprache wie von dem 
gemeindeutschen Schreibgebrauch abwich. Er macht 
übrigens auch auf nichtösterreichische Provinzialismen auf- 
merksam. Ein zweites Motiv war, daß ihn die bisherige 
Darstellung der Deklination nicht befriedigte. Er selbst ist 
ausführlicher als Gottsched und trachtet die Deklinations- 
klassen einheitlicher zu gestalten, was die Vermehrung ihrer 
Zahl zur Folge hat. In der Deklinationslehre liegt auch seine 
Bedeutung für die Geschichte der Grammatik. Seit Popowitsch 
haben es die meisten Grammatiker nicht mehr verabsäumt, 
die Eigennamen zu behandeln und genaue Bestimmungen 
über den Eintritt des Umlauts zu geben. Seine Deklinations- 
typen lassen sich noch bei Adelung wiedererkennen. 
Von geringerer Bedeutung sind seine sonstigen Lehren. 
Doch hat er dazu beigetragen, daß die schon vor ihm er- 
sonnene Lehre, daß in den Endungen der starken Adjektiv- 
deklination der nachgesetzte Artikel stecke, eine Zeit 
lang fortspukte, und eine oder die andere Bemerkung wurde 
von spätem süddeutschen Grammatikern benutzt. 

Er zitiert öfters die altern Theoretiker, so Schottelius, 
Bödiker, Frisch, Steinbach, Schmotther, Wächter. 
Auf Gottsched führt er manchen Hieb, namentlich in 
der Vorrede. Er rügt seine Nachlässigkeit, Verworrenheit 
und seine Widersprüche. Die Gottschedsche Clique in Wien 
blieb die Antwort nicht schuldig. Popowitsch hatte es ge- 
wagt, die Bezeichnung der Vokallänge durch Akzente zu 
empfehlen, er hatte die üblichen Dehnungszeichen für un- 
zweckmäßig, einfache Buchstaben statt ch, seh, tsch für 
wünschenswert erklärt und vorgeschlagen, die Buchs taben- 
gruppen und Buchstaben ch, p, ph, seh, t, tsch mit den 
Namen chi, pi, fi, schin, tau, tsehe zu bezeichnen. Auch 
führte er einige Neuerungen durch; so schrieb er z statt 
tz und ersetzte ä, o, u durch ä, ö, ü. Das genügte, um 
ihn als Zesianer lächerlich zu machen. Näher auf die witz- 



1 Von Antesperg spricht er nicht. Vgl. Vorrede, S. 19 f. 



256 Kapitel 7. [§ 146—148. 

losen Pamphlete der Gottschedianer einzugehen, hätte 
keinen Zweck. 

Popowitsch' sonstige linguistische Arbeiten, die übrigens 
zum größten Teil ungedruckt geblieben sind, fallen nicht 
in den Rahmen dieses Buches. Seiner Grammatik erwuchs 
in Wien bald ein Konkurrenzwerk in Gerlachs Sprachlehre. 

147. Friedrich Wilhelm Gerlach, geboren 1728 in dem 
kurmainzischen Städtchen Zelle in Thüringen, seit 1749 in Wien 
ansässig, von 1756 bis zu seinem Tode im Jahr 1802 Professor 
der Geschichte, Philosophie und Mathematik an der Ingenieur- 
akademie in der Wiener Vorstadt Gumpendorf 1 , ließ 1758 in 
Wien eine Kurzgefaßte Deutsche Sprachlehre erscheinen. 
Er zitiert öfters Theoretiker, die vor Gottsched schrieben, 
Gottsched dagegen merkwürdigerweise nicht, obwohl dessen Ein- 
fluß in der Darstellung der Deklination, der Syntax und vielen 
andern Teilen der Grammatik deutlich ist. Ebensowenig nennt 
er Aichinger, den er hie und da benützt hat, und Popo witsch, 
von dem er einen und den andern Terminus entlehnt und gegen 
den er gelegentlich polemisiert. Er hält sich frei von den 
ärgsten Fehlern der Gottschedschen Sprachkunst, so von der 
Aufstellung zweckloser Geschlechtsregeln, den sechs Kasus und 
der törichten Prosodielehre. Er behandelt die Eigennamen, ver- 
wirft das -e der Maskulina und Neutra nicht unbedingt, zieht 
zwey für alle Geschlechter vor. Aber irgendeinen wesentlichen 
Fortschritt bedeutet seine Grammatik nicht; in der Syntax steht 
sie weit hinter Aichingers Sprachlehre zurück. Seine Lehrsätze 
begründet Gerlach gern in der Art Christian Wolffs, den er 
auch als deutschen Schriftsteller hochschätzt. Doch ist die Dar- 
stellung im ganzen knapp. 

148. J. G. H. Webers deutsche Sprachkunst ist von 
der zeitgenössischen Kritik hart beurteilt worden. 2 Aber 
sie steht doch auf einem höhern Niveau als Hempels Kompi- 
lation. Der Verfasser rügt mit Recht verschiedene Mängel 
der Gottschedschen Grammatik. An selbständigen Beob- 
achtungen fehlt es durchaus nicht. Hervorzuheben ist, daß 
das Adjektiv als Redeteil anerkannt wird, ferner die ein- 
gehende Behandlung der Wortbildung, auch der verbalen, 
die Sammlungen über Schwankungen im Gebrauch der 
Adjektivdeklinationen und einige richtige Bemerkungen über 
orthographische Dinge. Aber alles ist so ungelenk und 

1 Vgl. Meusel, Das gelehrte Teutschland, 5. Aufl., 2, 542 f. 

2 Vgl. Denst, Beilage zu Heynatzens Briefen, 2. Abteilung, 
S. 196 ff.; Rüdiger, Neuester Zuwachs, IV, 21. 



§ 148—150.] Die Grammatik nach Gottsched. 257 

schwerverständlich vorgetragen, daß man leicht begreift, 
daß das Buch keinen Einfluß geübt hat. 

149. Die Neue Lehrart und Uebung in der Regel- 
mäßigkeit der Teutschen Sprache von Johann Bern- 
hard Basedow (1759) ist wegen der Syntax bemerkenswert. 
Es wird auch die Satzlehre behandelt. Für den Modusgebrauch 
werden genauere Vorschriften gegeben als bei Gottsched. Die 
Begriffe «Subjekt» und «Prädikat», die nur wenige Grammatiker 
jener Zeit einführen, spielen eine große Rolle. Hervorhebung 
verdient auch der Versuch, sich in der Deklinationslehre vom 
Paradigmenzwang zu befreien; hier berührt sich Basedow mit 
Heinze (150). Was er sonst als Eigentümlichkeiten seiner 
Grammatik bezeichnet, ist von geringem Wert und auch nicht so 
originell, wie er glaubt. In der Lehre vom Genus wandelt er 
auf der Bahn Gottscheds. Der Versuch, Regeln für die Plural- 
bildung zu gewinnen, ist nicht gerade gelungen. Die Darstellung 
der Adjektivdeklination ist im Wesen nicht neu, ebensowenig 
die Ansetzung von drei besonderen Weisen des Zeitworts, näm- 
lich zweier Kondizionale und des Futurum exactum. 

Basedows Lehrart ist von J. G. Lindner (1772) benützt 
worden, sonst scheint sie keinen Einfluß geübt zu haben. 1 

Eine gekürzte Umarbeitung verleibte Basedow dem zehnten 
Buch seines Elementarwerks (1774) ein. Noch kräftiger als in 
der Grammatik von 1759 wird hier betont, daß man vom Satze 
ausgehen müsse. Neben «Subjekt» und «Prädikat» werden noch 
andere Namen für Satzteile eingeführt. Die Geschlechtsregeln 
sind jetzt als unnötig erkannt und weggelassen. 

Eine dritte Bearbeitung erschien ein Jahr später als selb- 
ständiges Buch unter dem Titel: «Die durch Wahl des Nütz- 
lichsten elementarische teutsche Grammatik der Philanthropinischen 
Seminare in Anhalt-Dessau und zu Marschlinz». Vgl. J. H. Base- 
dows Elementarwerk. Kritische Bearbeitung von Theodor 
Fritzsch, Leipzig 1909, II, 474. 

150. Schon die süddeutschen Grammatiker der fünfziger 
Jahre hatten allerlei an Gottscheds Grammatik getadelt; 
der heftigste Angriff kam aber von Norddeutschland her. 
Johann Michael Heinze, damals Rektor in Lüneburg, 
unterzog 1759 in seinen Anmerkungen über des Herrn 
Professor Gottscheds Deutsche Sprachlehre die 

1 Heynatz, der das Werk im 3. und 4. seiner «Briefe die 
Deutsche Sprache betreffend» ausführlich bespricht, bemerkt S. 44 f., 
es sei wohl seinem Korrespondenten ganz unbekannt geblieben; 
er erinnere sich nicht, eine Rezension gelesen zu haben, und 
habe Mühe gehabt, ein Exemplar zu bekommen. 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 17 



258 Kapitel 7. [§ 150. 

Lehren Gottscheds sowohl nach ihrem Inhalt als auch 
nach der Darstellung einer unbarmherzigen Kritik, die zu 
dem vernichtenden Ergebnis kam, «daß beyde Sprachlehren 1 
des Herrn Prof. wol schwerlich mit Einsicht und reiffer 
Gelehrsamkeit geschriebene Werke heissen können: daß 
sie ohne Critik beynahe unbrauchbar sind, wegen der gar 
zu vielen Fehler, welche doch theils durch die ausnehmende 
Zuversicht, wormit Herr G. seine Meynungen vorträgt, theils 
durch den ihm gewöhnlichen Dunst von Worten, theils 
durch das Gepränge einer eiteln und magern Philosophie 
vor unwissenden oder treuherzigen Lesern ziemlich ver- 
steckt werden.» Nichts sei in Gottscheds Sprachlehren zu 
finden, woraus ein grammatikalischer Geist oder ein Naturell, 
das zur Philologie geboren oder erzogen sei, hervorleuchte. 

Von dem positiven Inhalt der Schrift verdient Er- 
wähnung der Versuch, die Substantivflexion ohne Dekli- 
nationsschemen darzustellen, einige Bemerkungen über das 
Fehlen des Dativ-e und die Prosodie, in der die Verwirrung 
der Begriffe Quantität und Akzent hervorgehoben und die 
Existenz des Nebentons, freilich nur flüchtig, angemerkt 
wird. 

Die Anhänger Gottscheds ließen Heinzes Streitschrift 
nicht unerwidert. Die Besprechung in Gottscheds Zeit- 
schrift «Das Neueste aus der anmuthigen Gelehrsamkeit», IX, 
546 ff., geht auf den Inhalt nicht ein. Unbedeutend sind 
die Gesammleten Briefe über die Heinzische Wider- 
legung der Gottschedischen Sprachlehre (1760), die 
rechthaberisch Gottscheds Lehren verteidigen, wobei sie in 
den Argumenten ebenso wahllos sind wie der Meister selbst. 
Besser ist Johann Joachim Schwabes Pseudonyme 
Schrift Georg Christoph Kunzens Beleuchtung einiger 
Anmerkungen über des Herrn Professor Gottscheds 
deutsche Sprachlehre von Hrn. Johann Michael 
Heinzen (1760). Sie berichtigt einige Irrtümer Heinzes, 
verdreht freilich auch öfters die Meinung des Gegners. 
Heinze replizierte in einem «Schreiben über die Kunzische 
Verteidigung der Gottschedischen Sprachlehre an den Herrn 
Verfasser des gelehrten Artikels in dem Hamburgischen 
Correspondenten». 

1 Gemeint sind der «Kern der deutschen Sprachkunst», der 
Heinzes Kritik als Leitfaden dient, und die «Sprachkunst» selbst. 



§ 150—152.] Die Grammatik nach Gottsched. 259 

Von den Gegnern Gottscheds wurde Heinzes Angriff 
natürlich mit Freuden begrüßt, so von L es sing im 65. Lite- 
raturbrief. 

Aber vernichtet war Gottscheds Einfluß noch nicht. 
Die süddeutschen Grammatiker der sechziger Jahre fahren 
fort, seine Sprachkunst zu benützen, wenn sie auch neben 
ihr andere ältere und neuere Lehrbücher zu Rate ziehen. 
Ja noch 1775 sagt Hemmer, Gottscheds Grammatik sei 
die beste, wenn sie auch viele Mängel habe. 

151. Ganz unabhängig von Gottsched ist jedoch Bödme r 
in seinen anonym erschienenen Grundsätzen der deut- 
schen Sprache (1768), 1 Sein Führer ist Girard, dessen 
Buch Les vrais principes de la langue francoise 
(1747) eine der originellsten Leistungen der Franzosen ist. 
Von Girard entlehnt Bodmer die eigenartige Lehre von den 
Redeteilen und von den «Gliedern des Redesatzes», d. h. den 
Satzteilen. Die Ausführungen über die Wortstellung ent- 
halten originelle Züge. Unter dem Einfluß Herders und 
der Franzosen wird der Inversion besondere Aufmerksamkeit 
gewidmet. Die Darstellung der Substantivdeklination ist 
selbständig, sie berührt sich aufs engste mit der Grimms. 
Es erklärt sich dies aus Bodmers Beschäftigung mit dem 
Mittelhochdeutschen. Auch seine Kenntnis der schlesischen 
Dichter des 17. Jhs. ist für die «Grundsätze» fruchtbar 
geworden. 

152. Von Monographien verdient Erwähnung Die Lehre von 
den deutschen Vorwörtern von Elias Caspar Reichard. 
Der Verfasser benutzte eine ungedruckt gebliebene Arbeit von 
Michael Bernhard Schiele (1669—1745). Das Buch erschien 
1752, lag aber schon in der Druckerei, bevor Gottscheds Gram- 
matik herauskam. Im dritten Hauptstück wird auch einiges aus 
der Kasusrektion der Verba abgehandelt. 

Wichtig für die Theorie der Redeteile und von großem Einfluß 
auf Adelung waren Gottlieb Benedikt Funks (1734—1814) 
Erörterungen in seiner Übersetzung von J. H. Schlegels Ab- 
handlung über die Vortheile und Mängel des Dänischen, 
verglichen mit dem Deutschen und Französischen (1763). 



1 Nach Baechtold, Geschichte der deutschen Literatur in der 
Schweiz, S. 677, hat Breitinger an dem Buch mitgearbeitet. 

17* 



260 Kapitel 7. [§ 153. 

B. Das Problem der Sprachnorm. 

153. Die meisten Grammatiker stehen so ziemlich auf 
dem Standpunkt Bödikers, dessen Satz, daß die hoch- 
deutsche Sprache durch Fleiß der Gelehrten aus allen Mund- 
arten erwachsen sei, von Gerlach, S. 12, beinahe wört- 
lich wiedergegeben wird. Von dieser Anschauung aus suchen 
die Süddeutschen ihre Mundarten gegen ihren Verächter 
Gottsched zu verteidigen und Mängel und Fehler des Meiß- 
nischen nachzuweisen. Gottsched selbst hatte ihnen eine 
Waffe in die Hand gegeben, indem er der Analogie, also 
der Weisheit des Grammatikers, die Entscheidung über 
die Ansprüche der einzelnen Dialekte zuwies. 

Aichinger wirft in der Vorrede Gottsched vor, daß 
er der meißnischen Mundart zu sehr nachgegeben habe; 
dieser gebühre nicht Ansehen, sondern nur ein Lob, in- 
sofern sie der allgemeinen Sprache am nächsten komme. 
Allerdings lerne man in Aichingers Heimat das reine Deutsch 
nur aus den Büchern; durch die Literatur verbreiteten 
sich neue Wörter, und da in Sachsen am meisten Deutsch 
geschrieben werde, so habe es die Sprache der übrigen 
Deutschen am meisten bereichert. Aber ein richterliches 
Ansehen erwachse der sächsischen Mundart daraus keines- 
wegs; denn man nehme nicht alles ohne Unterschied an, 
sondern verwerfe, was der Bedeutung nach zu ungewöhnlich 
sei oder gegen die Analogie verstoße. Boshaft bemerkt er, 
man möge immerhin seine Grammatik eine oberpfälzische 
nennen, wie einige die Sprachkunst Gottscheds nur als 
eine meißnische gelten lassen; es wäre zu wünschen, daß 
nun auch ein Schwabe, ein Franke, ein Rheinländer, ein 
Westfale, ein Niedersachse, ein Pommer und ein Schlesier 
jeder eine Grammatik schriebe und Professor Gottsched 
aus ihrer Vergleichung eine allgemeine deutsche herauszöge. 

In seiner eignen Sprachlehre erwähnt Aichinger oberpfälzische 
Eigentümlichkeiten teils tadelnd, teils einfach konstatierend und ver- 
wirft auch manches Meißnische. Wichtiger ist, daß er vom gram- 
matischen Lehrstuhl herab mitunter die ausschließliche Richtig- 
keit von Formen verkündet, die im Ostmitteldeutschen unerhört 
waren. So meint er § 264** die 1. Person Ind. Praes. Singularis 
der starken Verba, die in der 2., 3. das e des Infinitivs in i 
verwandeln, sollte nach oberdeutscher Art einsilbig sein und 
gleichfalls i annehmen (ich brich). Offenbar glaubte er die 
mundartliche Form dadurch rechtfertigen zu können, daß auch 



§ 153. 154.] Die Grammatik nach Gottsched. 261 

sonst die 1. Person des Indikativs mit der 2. des Imperativs 
gleichlaute. Er «beweist» § 292***, daß der Singular des Praete- 
ritums bei den Verben der Ablautklasse reiten mit stammschließen- 
dem Dental zweisilbig sein müsse (ich ritte), da die Wurzel nur 
ein t enthalte, das zweite also ein Affix, mithin von der schwachen 
Konjugation entlehnt sei. Er sucht Doppelformen, die in Wahr- 
heit auf mundartlicher Verschiedenheit beruhen, nach gramma- 
tischen Prinzipien zu verteilen; so solle man im Singular Stuck, 
im Plural Stücke sagen, ebenso im Singular -nuß, im Plural -nüsse 
(S. 56). Kurzum, er wendet grammatische Kunststücke, insbesondere 
das Analogieprinzip an, um Formen der heimischen Mundart oder 
Kanzleisprache zu rechtfertigen. 

154. Pop o witsch ist es bitterer Ernst mit der Meinung, 
daß das Hochdeutsche von den Gelehrten ausgeschmückt, 
verbessert, verfeinert worden sei und noch weiterhin ver- 
ändert werden könne. Sehr begreiflich, da bei ihm, dem 
Sprachfremden, die grammatische Erwägung eine weit 
größere Rolle spielt als das Sprachgefühl. 1 Aber er ist 
mit der sogenannten Verbesserung, wie sie zu seiner Zeit 
geübt wurde, nicht zufrieden; denn, wemi es so weiter 
gehe, so würden «die ungezähmten Neuerer und Schmücker» 
aus dem Hochdeutschen «ein verworrenes Wesen» machen, 
«welches man endlich, wegen der Menge der Ausnahmen, 
durch Regeln gar nicht mehr wird lernen können». 2 Er be- 



1 Vgl. Untersuchungen vom Meere, S. 318, Anm. tt. «In den 
leztern Jahren gegenwärtiger Lebzeit brauchten die Gelehrten Ge- 
walt. Sie schmissen ganz erboßt den Gebrauch vom Katheder 
herab, und stellten mit gesammter Macht das Aeltern parentes 
wieder her, ungeachtet noch viele Vertheidiger der Herkomän- 
nischen Gerechtigkeiten darüber murren. Hieraus ersieht man, 
mit was für einem Nachdrucke Veränderungen in einer Sprache 
können vorgenommen werden, und daß es nicht unmöglich sey, 
durch vereinigte Stimmen der Gelehrten, einem ganzen, herrschen- 
den, freyen Volke eine andere Schreibart aufzudringen, wenn zu- 
mal die Verbesserer keine eigensinnigen Geseze vorschreiben, 
sondern ihre Vorstellungen mit der Analogie bewaffnet sind, und 
auf solche Regeln sich gründen, denen niemand widerstreben kann.» 
— Anfangsgründe, S. 78 f., verspricht P. einen Vorschlag zu 
machen, wie die «Afterbiegungen» «zu einer Zeit, da die Verder- 
bung der Sprache noch nicht unheilbar ist, sich könnten gänzlich 
aufheben lassen». 

2 Untersuchungen, S. 415. Vgl. auch Anfangsgründe, S. 88. 
101. 465. 



262 Kapitel 7. [§ 154. 

streitet auch Gottscheds Meinung von der Vollkommenheit 
der gegenwärtigen Sprachverfassung. 1 Er richtet Angriffe 
gegen die Obersachsen, hebt die Richtigkeit der nieder- 
deutschen Aussprache hervor 2 und rühmt die Vorzüge der 
oberdeutschen Mundarten. Die österreichische und die 
steirische Mundart seien nicht nur älter, sondern auch 
reiner als das Hochdeutsche, «wenn man die Reinigkeit so 
bestimmet, daß sie keine Nachahmung solcher verderb- 
licher Geseze sey, die ein unbeständiger Neuerungsgeist un- 
erfahrner Lehrer, nach Willkühr und wider die Eigenschaft 
der Sprache, erdichtet hat». 3 Diese Mundarten seien für 
den Sprachlehrer wichtig, weil man oft nur mit ihrer Hilfe 
die Stammwörter des Hochdeutschen finden könne; da aber 
die Orthographie von der Etymologie abhänge, so sei die 
Kenntnis jener Mundarten notwendig, um die richtige 
Schreibung gewisser Wörter zu finden. 4 Und endlich glaubt 
Popowitsch, daß man aus der Mundart Wörter ins Hoch- 
deutsche aufnehmen dürfe oder müsse, wenn sie ebenso 
gut wie die sächsischen seien oder eine Lücke des deutschen 
Sprachschatzes ausfüllten. 5 Aber wohlgemerkt: sein Lob 
gilt nur der eigentlichen Mundart, nicht der österreichischen 
Kanzleisprache, gegen die er nicht genug Worte des Tadels 
finden kann. 6 Und daran hat er natürlich auch nicht ge- 
dacht, daß es besser wäre, wenn die Österreicher ihren 
Dialekt statt des Hochdeutschen schrieben. 7 



1 Untersuchungen, ) ( ) ( 3. 

2 Untersuchungen, S. 91, Anm. Vgl. auch S. 311. Anfangs- 
gründe, S. 6. 7 f. 15 f. 

3 Untersuchungen, S. 314. 

4 So will er dort ä statt e schreiben, wo im Österreichischen 
ein helles a gesprochen wird, z. B. schwär statt schwer. Vgl. 
Untersuchungen, S. 291. 413. 

5 Untersuchungen, S. 88. 422. 426. 

6 «Es ist das ächte Oesterreichische und Steyermärkische auch 
schön, wenn man das lächerliche Zierliche der Kanzleyen beiseit 
sezet, und die ungefälschten alten Wörter von den neuem pöbel- 
haften zu unterscheiden, die guten recht zu schreiben, und die 
Sprache überhaupt nach der rechten Seite zu betrachten weiß.» 
Untersuchungen, S. 319. Vgl. auch S. 401. Die Bekämpfung 
des Kanzleistils ist der Gegenstand der Einladungsschrift De 
inveterato corrupti stili germanici malo (1754). 

7 Vgl. Untersuchungen, S. 309 f. 401. Anfangsgründe, z. B. S. 49. 



§ 155.] Die Grammatik nach Gottsched. 263 

155. Die Auflehnung Aichingers und Popowitsch' gegen 
die meißnische Tyrannei erscheint sehr zahm im Vergleich 
zu den wuchtigen Angriffen des Gengenbacher Benediktiners 
Augustin Dornblüth in seinen Observationes oder 
Gründliche Anmerckungen über die Art und Weise 
eine gute Übersetzung besonders in die teutsche 
Sprach zu machen (1755). Freilich, einen so großen 
Raum auch die Bekämpfung Gottscheds einnimmt, in erster 
Linie ist die Schrift nicht gegen ihn gerichtet, sondern 
gegen die Übersetzungen katholischer Geistlicher aus dem 
Französischen und andere Bücher katholischer Verfasser. 
Dornblüth erklärt sie samt und sonders für schlecht. 1 Gegen 
Gottsched und die Sachsen zieht er los, weil er bemerkt, 
daß die neuern katholischen Schriftsteller sich von ihnen 
beeinflussen lassen. Der Leitsatz der Übersetzungskunst 
ist für ihn das non verbum e verbo, sed sensum exprimere 
de sensu des heiligen Hieronymus. Die meisten Übersetzer 
aber haften, weil sie über keine Copia verborum verfügen, 
an dem einzelnen Wort, füllen ihre Schriften mit Gallizismen 
an oder bilden, wie die Sachsen, neue ungereimte Wörter. 
Zudem ahmen sie den französischen Stil nach, dessen 
kurze, abgehackte Sätze Dornblüth in der Seele zuwider 
sind. Ihm gefällt der feierliche, latinisierende Periodenbau 
mit seinen «Transitiones», den sorgfältig gewählten korrela- 
tiven Partikeln, der Voranstellung der regierten Glieder vor 
das regierende Wort und der Beachtung des Numerus. 2 

1 «Und weilen dan fast niemand Bücher schreibt oder über- 
setzt, als die Geistliche, so ist zu glauben, dieselbe haben sich von 
der Version der Bibl, die sie gut zu seyn vermeinten, unvermerckt 
dergestalten einnehmen und blenden lassen, daß sie mit solcher 
Versetzung des Verbi auch alle ihre eigene Schrifften (wie die 
Predigen, Gebett- und geistliche Bücher durchaus zeigen) geschändet 
und verdorben haben. . . . Wan nun der erleuchtete Leser dise 
Observation gut findt; so mus derselbe notwendig auch eingestehen, 
daß alle bißherige zum Vorschein gekomene Übersetzungen, et hanc 
ob causam, auch die mehreste andere teutsche Bücher, propter 
ejus defectum, unnatürlich gesetzt seyen.» (S. 207.) 

2 «Damit es desto besser und angenehmer laute, auch die 
Membra Periodi wohl ausfüllen und desto bindiger werden, muß 
der Übersetzer sich stets darbey einbilden, als müßte er das so 
er schreibt peroriren oder öffentlich sprechen; mithin alles 
auf eine gute bequeme und nachdruckliche Elocution einrichten; 



264 Kapitel 7. [§ 155. 

Die französische Schreibart hat für ihn etwas Würdeloses. 1 
Sprachmuster sind für ihn die Kanzleischriften der letzten 
drei Jahrzehnte des 17. Jhs. 2 Das ältere Deutsch sei 
mangelhaft, das Deutsch des 18. Jhs. durch die schlechten 
Übersetzungen verdorben. 

Wenn er auch erklärt, daß der Stil sich nach dem 
Publikum richten müsse 3 , so ist er doch weit davon ent- 
fernt, dem eigentlichen Dialekt das Wort zu reden. Im 
Gegenteil, viele Ausdrücke verwirft er deshalb, weil sie 
ihm pöbelhaft vorkommen, auf die Sprache des niedrigen 
Volks beschränkt seien. 4 Er vertritt nicht die Rechte seiner 



folgsam solang sich dasselbe nicht wohl auf die Zung oder nach 
der Stimm schickt; sich nicht darmit begnügen, sondern dem 
Fehler nachsuchen und selbigen verbesseren.» S. 7. 

1 «Darneben ist auch an der gantzen Schreib-Art Gottschedens, 
nicht nur nichts zierliches oder stattliches; sondern sogar nicht 
einmahl etwas natürliches, mannliches oder ernsthaff tes ; welches 
doch wenigist die Vorreden und Vorbericht erfordereten. Wegen 
seinem Franzößlen, komt alles heraus, als wan er immer 
schertzete.» S. 350 f. 

2 Dornblüth war selbst in der Kanzlei seines Klosters tätig 
gewesen. Charakteristisch ist, wie er Gottscheds Angriffe auf den 
Kanzleistil abwehrt: «Hierüber aber könte man ihme mit bestem 
Recht antworten : Sutor ne ultra Crepidam ! zu Teutsch : der Schul- 
meister soll dem Cantzler nicht einreden . . . wan er in einer 
Cantzley gearbeitet "oder practicirt hätte; würde er wenigist eine 
periodische Ordnung, Genuinitatem et Copiam Verborum, und eine 
Erkantnus des Guten und Schlechten ergriffen, und sich solcher 
erlernten guten Art . . . bedient, hingegen unnatürliche fran- 
zößlende teulsche Schrifften verabscheut . . . haben.» (S. 354 f.) 

3 S. 355 f. — «Geniessen. Wird zierlich cum Genitivo 
rei gebraucht; weilen aber solches gemeinen Leuten nicht bräuch- 
lich ist, mithin unverständlich vorkomen kan, so setze ich es in 
geistlichen Materien cum Accusativo rei.» S. 264. — Vgl. auch 
die etwas unklare Bemerkung über das Genus ambiguum S. 261 f. 

4 «Dahero geschiehet, daß sie die spöttlichste Barbarismos, ein 
abgeschmacktes Land-Jargon, solche Wort nemlichen, die nur dem 
gemeinen und nachgülttigsten Volck gemein seind, dahero von 
Personen die eines guten Teutschen gewohnt seind, kümmer- 
lich oder gar nicht verstanden werden, oder dem erfahrenen Leser 
billigen Verdruß erwecken, einmengen.» S. 137 f. — «Bekomen 
heißt gut Teutsch: wohl gedeyen, und wird nur vom gemeinen 
Volck für erwerben oder erlangen mißbraucht.» S. 141. — 



§ 155.] Die Grammatik nach Gottsched. 265 

alemannischen Mundart, sondern die Autorität des Kanzlei- 
stils in südwestdeutscher Färbung. 

Er hat über seine Sprache nachgedacht. Nach dem 
Grundsatz, daß Zweideutigkeit vermieden werden müsse, 
verteilt er altüberlieferte Doppelformen, bildet sich auch 
wohl seine eignen Wendungen. 1 Er hatte das Zeug zu 
einem süddeutschen Gottsched in sich, er ist ebenso kurz- 
sichtig in seiner Regelsucht und ebenso diktatorisch in 
seinen Entscheidungen. Er ist kein Partikularist in dem 
143 festgesetzten Sinn. Nur in der Orthographie hält er 
eine Einigung für unmöglich, weil die Aussprache der Pro- 
vinzen zu verschieden sei und keine sich von der andern 
würde Gesetze vorschreiben lassen, und auch im Genus- 
gebrauch erkennt er Schwankungen an. Aber im all- 
gemeinen betrachtet er seine Forderungen als gemeingültig. 
Was ihm gefällt, ist «natürlich». Die Schreibart der Sachsen 
ist «affectirt». Er ist geneigt, die ihm mißfälligen Dinge 
für ungereimte Neuerungen zu halten. Wenn er sich der 
Erkenntnis nicht verschließen kann, daß eben der sächsische 



«HH. Märtyrer welchen der Kopff ist abgehauet worden, pro: 
das Haubt. NB. Est indecens, indiscretum et rusticum.» S. 156. — 
Getadelt wird, daß Gottsched das oft überflüssig setzt in Fällen 
wie «Beredt zu seyn, das ist was schönes». «Hoc modo braucht 
er das gar offt, wie in meinem Land das allergemeinste Volck.» 
S. 273. — «Corrigiren ist .... seiner eigentlichen Bedeutung 
nach schwehr oder gar nicht teutsch zu geben; massen das hie- 
ländische: schmählen und balgen, in Schrifften für ein Jargon und 
barbarisch würde angesehen werden.» S. 313. — «Meisterhafft ist 
ein Barbarismus des gemeinsten Volcks.» S. 326. — «allemal er- 
foderen barharice. NB. So redt in meinem Land das schlechteste 
Bauren-Volck, foderen für forderen, gleichwie föchten für förchten.» 
S. 336. — erzürnt verbessert D. in erzörnt. «NB. Obschon 
erzürnt infimae Plebi meines Lands auch gemein ist; kann es je- 
doch als ein derivatum von Zorn und zörnen das ö nicht verlieren.» 
S. 352. Ähnliches an vielen andern Stellen. 

1 S. 343 meint er, man sollte nicht je — desto aufeinander 
folgen lassen, sondern wie — je, z. B. «wie mehr ich dises Bild 
betracht, je besser gefallt es mir».. «Ob schon ich dahero solches 
nirgends gelesen hab, pflege ich es nichts destoweniger . . also 
zu brauchen.» — S. 276 bemerkt er, er habe sich das th ab- 
gewöhnt, da schon die Einfachschreibung des t die Länge des 
vorhergehenden Vokals anzeige. 



266 Kapitel 7. [§ 155. 156. 

Sprachgebrauch abweicht, so stellt er diesem den Gebrauch 
aller andern Provinzen als maßgebend gegenüber. 1 Oft 
dekretiert er einfach, daß Gottsched oder die Sachsen un- 
recht haben. Kann er seine Regeln in der üblichen Art 
der rationalisierenden Grammatik begründen, so tut er's 2 , 
sonst handelt auch er nach dem Satz sie volo, stat pro 
ratione voluntas, den er Gottsched zum Vorwurf macht. 

Wirkung hat Dornblüths heftige Streitschrift nicht ge- 
übt. Auch die Katholiken verhielten sich ablehnend.- 3 

156. Bedeutsamer ist Bodmers Kritik der meiß- 
nischen Ansprüche. 4 Noch vor dem Erscheinen der Gott- 

1 Über en im Nom. Akk. PL der Adjektiva bemerkt er S. 270: 
«Dise Art zu reden mag denen Sachsen so gemein seyn als sie 
will, müssen sie doch für gewiß glauben, selbige kome denen 
übrigen Teutschen anderer Provinzen nicht änderst vor, als wan 
sie einen Franzosen teutsch stammlen höreten. Und wan dan 
disen gesamten übrigen Teutschen der Articul die in Nominat. et 
Accusativo plur. immer gekleckt hat, warum sollen sich nicht auch 
die Sachsen darmit begnügen?» — «Das sächsische mocht von 
mögen, ist bißhero allen übrigen teutschen Provinzen dermassen 
abgeschmackt vorgekomen, daß es keine angenomen hat.» S. 370. 
— «Wan man solches Jargon Gottschedens und seiner Nation 
(Formen wie du stössest, beutst, flichtst) wie billich verwirfft, oder 
ihnen allein überlaßt, so wird obige Regel weit besser seyn, als 
deren die Gottsched loc. cit. anführt.» S. 372. 

2 So bezeichnet er es S. 322 als einen handgreiflichen Fehler 
der Sachsen, daß sie in der 3. Person weiß statt weißt setzen, 
mithin zwischen der ersten und dritten Person keinen Unterschied 
machen. Oder er tadelt S. 323 sind statt seind «cum tarnen In- 
finitivus habeat: seyn, adeoque nulla ratio . . . denique aequi- 
vocum est cum Sund, consequenter malum et non imitandum». — 
«Fülle, plenitudo für Völle. Error manifestus et absurdissimus, 
dan das Grund-Wort desselben ist voll, folgsam muß es Völle 
heissen, kan nicht von Verbo füllen hergeleitet werden, propter 
diversitatem significationis.» S. 323 f. usw. usw. 

3 Vgl. Ewald Boucke, P. Augustin Dornblüths Observationes, 
Dissertation von Freiburg i. B. 1895. Diese Schrift wird ihrem 
Gegenstande nicht gerecht. Abgesehen davon, daß die Syntax 
gar nicht behandelt ist, hätte doch Dornblüths Theorie statt mit 
dem gemeinen Dialekte mit dem Gebrauch der von ihm für muster- 
gültig angesehenen Kanzleischriften aus dem letzten Viertel des 
17. Jhs. verglichen und gezeigt werden müssen, inwiefern er 
diesen Gebrauch schematisiert. 

* Vgl. Socin, Schriftsprache und Dialekte, S. 376 ff. 



§ 156.] Die Grammatik nach Gottsched. 267 

schedschen Sprachkunst war er, der früher Meißens Vorrang 
anerkannt hatte, zu der schroff pari ikularistischen Anschau- 
ung gelangt, daß jeder deutsche Stamm seinen besondern 
Dialekt ausbilden sollte, wie dies die Griechen und auf 
deutschem Boden die Holländer getan hätten. Er wies 
darauf hin, daß in Deutschland Umgangssprache und Schrift- 
sprache durch eine Kluft getrennt seien. Da man das 
Sächsische aus Büchern lernen müsse, könne man nicht 
wie in Frankreich zu einer «naiven» Schreibart gelangen. 
Wenn er hier Identität von Umgangssprache und Schrift- 
sprache für wünschenswert zu halten scheint, so beklagt 
er umgekehrt später in der seinen Grundsätzen voran- 
gestellten Abhandlung «Von den Verdiensten D. Martin 
Luthers um die deutsche Sprache» den Abbruch der schrift- 
sprachlichen Tradition. Als Luther auftrat, war die Sprache 
im wesentlichen dieselbe wie zur Zeit der Minnesinger. 
Die wichtigsten Unterschiede bestanden in der Diphthon- 
gierung der alten Längen und in dem Verlust vieler Wörter, 
der verursacht war teils durch die Unbekanntschaft mit 
manchen Begriffen der frühern Zeiten, teils durch den Ver- 
fall der Dichtkunst und Wohlredenheit, «welche die besten 
Bewahrer der Wörter sind». Luther bediente sich ursprüng- 
lich der von ihm vorgefundenen Sprache. Es wäre gut 
gewesen, hätte er so fortgefahren und den Genius der 
Sprache, wie er sich in den Dichtungen der Minnesinger 
und den Prosaschriften ihrer Zeitgenossen geoffenbart hatte, 
hervorgesucht und ihn durch die Stärke seines Geistes 
wieder gekräftigt. Dann würde die schöne alte Sprache 
uns nicht lächerlich und platt vorkommen. Aber auf diesen 
Gedanken kam Luther nicht, weil seine Zeit keine großen 
Schriftsteller besaß und ihm «die V eidegge, die Eschilbache, 
die Reinmare, bey welchen die Geschicklichkeiten und Zier- 
lichkeiten der Sprache in Verwahrung lagen», unbekannt 
blieben. So lernte Luther die Sprache hauptsächlich aus 
dem Gebrauche und dem Umgange, «der, ob er gleich sehr 
ausgebreitet war, doch weit unter der Würde und der 
Genauigkeit blieb, welche sie von oben belobten Classischen 
Verfassern empfangen hatte.» Die Schwankungen des Ge- 
brauchs, die Unwissenheit und Nachlässigkeit, die Ver- 
mischung der alten Redensarten mit den neuern schienen 
ihm Veränderungen in der Sprache notwendig zu machen. 



268 Kapitel 7. [§ 156. 157. 

Diese Veränderungen bestanden, abgesehen von gewissen 
grammatischen und orthographischen Regelungen, haupt- 
sächlich in der Verwerfung von Wörtern und Redensarten. 
Doch war die Verwerfung nicht immer eine Verurteilung. 
Viele Wörter blieben aus Luthers Schriften weg, weil sie 
den Leuten, mit denen er verkehrte, oder ihm selbst nicht 
bekannt waren, oder auch weil er sie nicht nötig hatte. 
Daß sie ihm nicht nötig waren, beförderte ihren Untergang. 
Diese Veränderungen waren das Werk von zwanzig Jahren. 
Verbesserungen wurden sie nur durch den Erfolg der 
Schriften Luthers, nicht durch ihre innere Güte. 

Damit sind Dinge berührt, die in den folgenden Jahr- 
zehnten die Theoretiker beschäftigen sollten. Wir werden 
sehen, wie Fulda die Sprache des Mittelalters auf Kosten 
der modernen erhebt, und wie Adelung sich, teilweise unter 
dem Einflüsse Bodmers, das Verhältnis der Schriftsprache 
zur Umgangssprache und das Verhalten Luthers zurechtlegt. 

157. Weiten au er trägt eine vermittelnde Tendenz zur 
Schau. In Griechenland, mit dem Deutschland so viel Ähn- 
lichkeit habe, sei niemand wegen seiner Mundart verspottet 
worden. Vielleicht hätten die dialektischen Unterschiede 
nicht das Hauptwesen der Sprache betroffen. Es wäre 
gleiches für das Deutsche zu wünschen und noch schöner 
würde es sein, wenn man sich auch in Nebendingen näher 
käme. Er verteidigt die «Strengen», wie er die Oberdeutschen 
nennt, gegen die Beschuldigung der Unwissenheit und die 
«Gelinden» gegen den Vorwurf der Affektation. Er meint, 
daß manche Wörter auf verschiedene Art richtig geschrieben 
werden könnten. Was das -e betrifft, dessen Gebrauch der 
wichtigste Streitpunkt zwischen den Strengen und Gelinden 
ist, so glaubt er, es werde wohl unmöglich sein, die Aus- 
sprache zu ändern, aber im Schreiben könnten die Ge- 
lehrten sich einigen. Er will einen Mittelweg vorschlagen, 
allein trotz der scheinbaren Konzessionen an die Strengen 
vertritt er die Lehren Gottscheds, der ja auch gewisse 
Kategorien der mitteldeutschen -e für falsch erklärt hatte. 
Überhaupt ist Weitenauer bei aller Behutsamkeit des Auf- 
tretens ein entschiedener Anhänger der norddeutschen Lite- 
ratursprache. 

Ganz unumwunden gibt dies Braun zu erkennen. Zwar 
an der mündlichen Rede will er ebenso wie Weitenauer 



§ 157. 158.] Die Grammatik nach Gottsched. • 269 

nichts ändern. Da dürfe man, wenn man nicht lächerlich 
werden wolle, nicht von der Gewohnheit seines Vaterlandes 
abweichen; «im Schreiben aber und im Drucke sehen wir 
gar nicht, warum man nicht in vielen Stücken jenen Land- 
schaften nachgeben könnte, welche unstreitig besser deutsch 
reden und schreiben als wir» (S. 115), Als dasjenige deutsche 
Volk, das die besten Schriftsteller aufzuweisen habe und 
nach dem sich die meisten übrigen deutschen Provinzen 
richteten, bezeichnet er an anderer Stelle die Nieder- 
deutschen — er meint wohl die Norddeutschen überhaupt. 

II. Das achte Jahrzehnt. 
A. Die einzelnen Theoretiker. 
158. Johann Friedrich Heynatz, geboren zu Havelberg 
1744, 1769 Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin, 
von 1775 bis zu seinem Tode (1809) 'Rektor des Lyzeums zu Frank- 
furt an der Oder, seit 1791 auch ao. Professor der Beredsamkeit an 
der dortigen Universität 1 , trat als Grammatiker zuerst 1770 mit 
seiner Deutschen Sprachlehre an die Öffentlichkeit. Das Buch 
erlebte viele Auflagen; die fünfte erschien 1803. Die Interpunk- 
tion behandelte er in einer besonderen Schrift (1773). Wichtig 
für uns sind ferner seine Briefe die Deutsche Sprache be- 
treffend (1771—1775). Sein Handbuch zu richtiger Ver- 
fertigung und Beurtheilung aller Arten von schrift- 
lichen Aufsätzen (1777—1779) ist ein Werk von der Art des 
Schmottherschen. Seine übrigen Arbeiten 2 fallen in die Zeit 
nach Adelungs grammatischen Werken. 

Heynatz ist ein nüchterner, der Spekulation abholder 
Kopf. Das bestimmt, was wohl zu beachten ist, auch sein 
Urteil über andere Grammatiker in den Briefen. Richtige 
Darstellung der sprachlichen Tatsachen ist ihm die Haupt- 
sache. Das Verdienst seiner Grammatik, der besten nord- 
deutschen des ganzen Zeitraums zwischen Gottsched und 



1 Vgl. Allgemeine Deutsche Biographie 12, 374 f. 

2 Anweisung zur Deutschen Sprache. Berlin 1785. — Versuch 
eines möglichst vollständigen synonymischen Wörterbuchs der 
Deutschen Sprache. Berlin 1795—1798. (Das Buch existiert trotz 
Meusel, Das gelehrte Teutschland, 9, 584, ist aber unvollendet). 
— Versuch eines Deutschen Antibarbarus. Berlin 1796/97. — 
Neue Beiträge zur Verbesserung der Deutschen Sprache, von einer 
Gesellschaft verbundener Sprachfreunde. Herausgegeben von Jo- 
hann Friedrich Heynatz. Küstrin 1801. 



270 Kapitel 7. [§ 158. 159 

Adelung, liegt nicht in der grammatischen Theorie, sondern 
in der Observation. 1 Auf engem Raum drängt er ein großes 
Material zusammen und bringt eine Menge neuer Beob- 
achtungen. Er ist, wenn man dem heutigen Sprachgefühl 
trauen darf, in der Erfassung des Sprachgebrauchs sogar 
Adelung überlegen, da er von analogistischen Velleitäten 
eben fast ganz frei ist. Daß seine Entscheidungen in der 
Orthoepie, der er besondere Aufmerksamkeit widmete, sich 
nicht in demselben Maß bewährt haben, wie in andern 
Teilen der Grammatik, ist begreiflich; aber auch hier macht 
er eine Reihe interessanter Beobachtungen, wobei es ihm, 
seiner Eigenart entsprechend, nicht auf genaue physio- 
logische Beschreibung ankommt, sondern nur auf die Fest- 
stellung von Unterschieden in der Aussprache, die durch 
die Schrift verhüllt werden. 

Anm. Am Leitfaden der Heynatzischen Bücher brachte der 
Schlesier Johann Kaspar Denst allerlei, z. T. bemerkenswerte 
Beobachtungen vor in seinen anonymen Schriften: Zweiter Theil 
der Heynatzischen Deutschen Sprachlehre (1773) und 
Beilage zu Herr Heynatzens Briefen die Deutsche 
Sprache betreffend (1775 — 76). Heynatz charakterisiert ihn 
folgendermaßen : «Mein Urtheil von dem Verfasser ist kurz dieses, 
daß er viel über die Deutsche Sprache nachgedacht hat, aber dem 
eingeführten Gebrauche mehr widerstrebt, als ich, daß er sich mit 
der Sprache selbst genug, aber mit ihren Sprachlehrern und deren 
Einfluß auf die Sprache weniger bekannt gemacht, und endlich, 
daß er außer der Schlesischen zu wenig Deutsche Mundarten 
kennt» (Briefe VI, 14). 

159. Ein ganz anders gerichteter Geist ist der Schlesier 
Abraham Gotthelf Mäzke. 2 Seine Neigungen sind eigent- 
lich rein wissenschaftlich, aber er bietet ein typisches Bei- 
spiel für jene unklare Vermischung der Theorie mit der 
Praxis, die überhaupt die ältere Grammatik kennzeichnet. 
Er sucht die Ergebnisse seiner wilden etymologischen Speku- 
lationen der Schreibung des Alltags einzuverleiben und 



1 Er sagt selbst, ihm sei «ein gewisser Geist der Be- 
merkung geläufig geworden». Briefe die Deutsche Sprache be- 
treffend, Teil I, S. 42. 

2 Geboren 1741 in Freystadt, 1776—1786 Rektor der evan- 
gelischen Schule zu Landshut in Schlesien, lebte noch 1797 als 
Privatmann zu Winzig in Schlesien. Vgl. Meusel, Das gelehrte 
Teutschland, V (1797), 12. 



§ 159.] Die Grammatik nach Gottsched. 271 

spricht es klar und deutlich aus, daß die Orthographie 
Wissenschaft sein solle, nicht bloße Handwerksmalerei. 1 
Es ist eine Ironie der Tatsachen, daß Adelung denselben 
Mann, von dem er wahrscheinlich den Gedanken von der 
immanenten Vernünftigkeit der herkömmlichen Schreibung 
entlehnt hat, als denjenigen an den Pranger stellen konnte, 
«dessen Neuerungen alles übertreffen, was in diesem Fache in 
irgend einer Sprache nur versucht worden ist». 2 

Mäzke spricht öfters von seiner vollständigen deutschen 
Grammatik, im Druck erschienen nur einige Monographien. Ab- 
gesehen von einem kurzen Programm über die Deklination der 
Substantiva (1777), in dem er nicht eben glücklich die Zahl der 
Deklinationsklassen auf drei reduziert, betreffen seine Schriften die 
Orthographie und die Etymologie. Beide Gegenstände hängen für 
ihn genau zusammen, da er den Grundsatz verficht, die Ortho- 
graphie solle in konsequenter Weise die allgemeine hochdeutsche 
Aussprache bezeichnen und daneben die Etymologie, insolange 
dies nicht gegen die Aussprache läuft. 

In seinen Grammatischen Abhandlungen über die 
Deutsche Sprache (1776) entwickelt und begründet er breit, 
ja geschwätzig sein Schreibsystem, in seinem Versuch in Deut- 
schen WörterFamilien (1779) gibt er eine Probe der von ihm 
gewünschten, auf Etymologie begründeten lexikalischen Anord- 
nung und berührt bei dieser Gelegenheit wieder orthographische 
Fragen, in der Schrift Über Deutsche WörterFamilien und 
Rechtschreibung (1780) bringt er seine Ansichten teilweise 
modifiziert wieder vor und setzt sich mit abweichenden Anschau- 
ungen, namentlich mit Klopstocks orthographischen Forde- 
rungen auseinander. 

In der Etymologie wandelt er in den Bahnen Fuldas. 
Man kann anerkennen, daß er gelegentlich einen guten 
Gedanken äußert, aber in der Hauptsache sind seine etymo- 
logischen Spekulationen, deren Grundsätze es gestatten, bei- 
nahe alles mit allem zusammenzubringen, vollkommen wert- 
los. Anders steht es mit seinen Untersuchungen über die 
Aussprache. Hier gelingt ihm manche Entdeckung, z. B. die 
Konstatierung mehrerer cA-Laute. Auch um die Fest- 
stellung des Geltungsgebiets einzelner Laute hat er sich 

1 Vgl. z. B. Versuch in Deutschen WörterFamilien, S. XII. 91. 

2 Vollständige Anweisung zur Deutschen Orthographie, S. 421 
der 1. Auflage. Viel freundlicher urteilte Adelung noch 1780 
über Mäzke, vgl. die Vorrede zum 4. Teil des Versuchs eines 
Wörterbuchs, Bl. 4a, ' 



272 Kapitel 7. [§ 159. 160. 

verdient gemacht. Die Lehre vom Nebenton ist durch ihn 
gefördert worden; vgl. Kap. 11. Und die Bemerkung, daß 
die Trennung der Wörter in der Schrift nicht auf der 
Aussprache, sondern auf grammatischen Erwägungen be- 
ruhe, lag wahrlich nicht auf der gemeinen Heerstraße der 
Schulmeister. Er hat anregend auf Fulda und dadurch, 
wie auch direkt, auf Adelung gewirkt. 

160. Klopstocks Gelehrtenrepublik (1774) enthält 
Bruchstücke einer deutschen Grammatik. 1 Sie behandeln einiges 
aus der Lautlehre und der Wortbildung, ferner die Prosodie und 
die Substantivdeklination. Mit der Prosodie beschäftigen sich 
außerdem mehrere Abhandlungen: «Vom deutschen Hexameter» 
(1768, im dritten Band des Messias), «Fragmente vom Sylbenmaße» 
(1770, in Gerstenbergs Merkwürdigkeiten der Litte- 
ratur), «Vom deutschen Hexameter» (1779, in Klopstocks Frag- 
menten Über Sprache und Dichtkunst). 2 Endlich trat 
Klopstock, nachdem er schon in der Gelehrtenrepublik die 
Verbesserung der Rechtschreibung für wünschenswert erklärt hatte, 
als Orthographiereformer auf in seiner Schrift Über die deutsche 
Rechtschreibung, die zuerst 1778 als Beilage zu Campes 
Erziehungsschriften Bd. 2 erschien und 1779 mit Zusätzen 
in die Fragmente über Sprache und Dichtkunst aufgenom- 
men wurde. Die erste Fortsetzung der Fragmente enthält eine 
kleine Abhandlung «Fon der Schreibung des Ungehörten», die zweite 
(1780) eine «Nachläse über die deutsche Rechtschreibung», die auf 
Einwendungen antwortet. Auf die orthographische Frage kam 
dann Klopstock noch in zwei kleinen Aufsätzen aus den Jahren 
1781 und 1782 zurück. 3 

Klopstock ist ein trefflicher Beobachter lautlicher Tat- 
sachen, aber schwach in der phonetischen Analyse. Seine 
feinen Bemerkungen über prosodische Dinge bedürfen, um 
gewürdigt zu werden, einer Übersetzung in unsere Sprache; 
er selbst ist verstrickt in den Banden der mißverstandenen 
antiken Terminologie. Er kann recht wohl den Unterschied 
gleichgeschriebener Phoneme hören, aber seine Erklärung 
ist durchaus vom Schriftbild abhängig. So versteht er 
z. B. Hemmers exakten Beweis für die einfache Artiku- 



1 In der Göschenschen Ausgabe der Sämtlichen Werke vom 
Jahre 1855, nach der in diesem Buch zitiert wird, VIII, 164 ff. 
192 ff. 261 ff. 285 ff. 

2 Werke, X, 45 ff. 162 ff. 57 ff. 

3 Werke, IX, 325 ff. 401 ff. 354 ff. 410 ff. 405 ff . 



§ 160. 161.] Die Grammatik nach Gottsched. 273 

lation der Geminaten nicht und führt gegen ihn ins Feld, 
daß im Griechischen die ersten Silben von TÖGoq und TÖGGoq 
verschiedene Quantität haben. 1 Er ist überhaupt nicht ge- 
neigt, fremde Beobachtungen zu würdigen, und glaubt, sie 
durch Schlußfolgerungen widerlegen zu können. 2 Wenn er 
sich auf das Gebiet der Wortbildung und Flexion begibt, ist 
er weder glücklich, noch originell. In den bleibenden Be- 
sitz der deutschen Grammatik ist nur eine seiner Ver- 
deutschungen übergegangen: das Wort «Umlaut» ist von 
Klopstock gebildet worden. 3 

161. Jakob Hemmer, geboren 1733 zu Horbach in der 
Pfalz, 1760 kurfürstlicher Hofkaplan, seit 1776 geistlicher Rat und 
Aufseher des physikalischen Kabinetts, gestorben 1790, trat zu- 
erst 1769 als Sprachtheoretiker auf in seiner Abhandlung über 
die deutsche Sprache zum Nutzen der Pfalz, in der er 
seinen Landsleuten ans Herz legte, das Deutsche in Schule und 
Leben besser zu pflegen und sich der ostmitteldeutschen Literatur- 
sprache zu nähern. Seine Kritik der sprachlichen Zustände in der 
Pfalz zog ihm heftige Angriffe zu. Zur Abwehr veröffentlichte 
er 1771 eine Vertheidigung seiner Abhandlung über die 
Deutsche Sprache. 4 Die Anschauungen Hemmers errangen den 
Sieg. 5 Im Jahr 1775 erschien seine Deutsche Sprachlehre, 
zum Gebrauche der kuhrpf älzischen Lande. Die Ortho- 
graphie behandelte er in einer besondern Schrift: Jakob Hem- 
mers deutsche Rechtschreibung zum Gebrauche der 
kuhrpf älzischen Lande. Schon in diesen Büchern vertrat er 
einige Abweichungen vom herkömmlichen Schreibgebrauch. Im 
folgenden Jahre verfocht er eine radikale Umgestaltung der Ortho- 
graphie auf phonetischer Grundlage in dem unter dem Pseudonym 
Jakob Domitor veröffentlichten Grundris einer dauerhaften 
Rechtschreibung, Deutschland zur Prüfung forgeleget. 
Endlich gab er 1780 eine knappe Darstellung seiner Lehren in 
dem Kern der deutschen Sprachkuhst und Rechtschrei- 
bung. 

1 Werke, IX, 365 ff. 

2 Gegen Hemmers Lehre, daß ng Zeichen eines einfachen 
Lauts sei, bemerkt er: «Es ist doch ein ganz besondrer einfacher 
Buchstaben, dar im Anfange der Silben, so gar unmittelbar for 
dem Selbstlaute, unausfprechbar ist. Z. E. ngun Ngamen». Werke, 
IX, 356. 

3 Werke, VIII, 169. 

4 Eine Analyse der Streitschriften gibt Heynatz, Briefe die 
Deutsche Sprache betreffend, V. Teil, Brief 34 und 35. 

5 Vgl. HZ. 24, Anz. 281. 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 18 



274 Kapitel 7. [§ 161. 162. 

Die Deutsche Sprachlehre ist mit gewissenhafter 
Benützung der grammatischen Literatur vor und nach Gott- 
sched gearbeitet. Auch den Franzosen hat Hemmer manches 
zu verdanken. Was Material und Technik betrifft, stand 
das Buch durchaus auf der Höhe der Zeit. Freilich, die 
Sprache, die es lehrt, erschien den Norddeutschen provinziell 
gefärbt. Die hauptsächlichen Verdienste Hemmers liegen 
auf dem Gebiet der Lautlehre. Namentlich kommt da der 
Grundris in Betracht. Mit Mäzke trifft Hemmer in einer 
Beihe von Beobachtungen zusammen, aber er ist ihm in 
der Handhabung der lautphysiologischen Methode überlegen 
und deshalb viel weniger vom Schriftbild abhängig. Der 
Kern enthält zwei wichtige Entdeckungen: hier zum ersten- 
mal wird der zweigipflige musikalische Akzent konsta- 
tiert und eine Regel für den Gebrauch von haben und 
sein in der Perfektumschreibung gegeben, die der Wahrheit 
ganz nahe kommt. 

162. Die eigenartigste Persönlichkeit unter den Gram- 
matikern vor Adelung, zugleich ein Mann, der auch in 
der Geschichte der altdeutschen Studien eine nicht un- 
bedeutende Stelle einnimmt, ist Friedrich Karl Fulda. 1 

Er wurde am 13. September 1724 in der schwäbischen Reichs- 
stadt Wimpfen geboren, besuchte das Gymnasium in Stuttgart 
und die Tübinger Universität, wurde 1748 Feldprediger in den 
Niederlanden, studierte im Jahr 1750 in Göttingen, wurde 1751 
Garnisonsprediger auf Hohen-Asperg, 1758 Pfarrer in Mühlhausen 
an der Enz, 1787 Pfarrer in Ensingen. Dort starb er am 2. De- 
zember 1788. 

Die ersten wissenschaftlichen Versuche Fuldas, die alle un- 
gedruckt blieben, waren tabellarische Übersichten in Form von 
Stammbäumen. Am interessantesten ist für uns der Versuch einer 
«Ontologia methodo genealogica erecta», in der die Begriffe her- 
geleitet werden aus dem ens als Stamm, von dem zwei Äste aus- 
gehen, das ens quoad cognitionem und das ens quoad cognitum. 2 



1 Er wäre wohl einer Monographie würdig. Die (posthume) 
Schrift von F. D. Gräter, Ueber Fulda's Leben, Studien und 
sein System gemeinschaftlicher Urwurzeln aller menschlichen Spra- 
chen, Ludwigsburg 1831, gibt einen dankenswerten Überblick 
über Fuldas Schaffen und interessante Nachrichten über seine 
ungedruckten Werke, aber sie steht nicht genügend über ihrem 
Gegenstand. 

2 Gräter, S. 22. 



§ 16^2.] Die Grammatik nach Gottsched. 275 

Hier scheint dieselbe Methode angewendet zu sein, wie später in 
seinen Ableitungen der verschiedensten Wortbedeutungen aus dem 
Ursinn der Wurzel. 

Im Jahre 1763, in dem jene Ontologia ausgearbeitet wurde, 
hatte sich übrigens Fulda schon auf das Sprachstudium geworfen. 
Ein Jahr früher waren ihm die Nothwendigsten Anfangs- 
gründe von Po po witsch in die Hände geraten. Ihm mißfiel 
die alphabetische Anordnung der starken Verba und dies gab ihm 
die Veranlassung, über eine bessere Darstellung der deutschen 
Grammatik sowie über das Wesen und die Entstehung der mensch- 
lichen Sprache überhaupt nachzusinnen. Im März 1763 hatte er 
zwei Arbeiten druckfertig gemacht, eine deutsche Grammatik 
und ein «System von der gemeinschaftlichen Entstehung der 
Menschen-Sprache». Nach den Mitteilungen Gräters S. 28 ff. ist 
Fuldas Wurzelsystem schon hier in den Grundzügen fertig. Die 
menschliche Sprache sollte elf wesentliche Laute haben. Alle 
könnten im Anlaut, sechs auch am Ende der einsilbigen Wurzel 
stehen. Daraus ergeben sich 66 verschiedene Wurzeln, die den 
Grundstock jeder Sprache bilden sollten. Dieses a priori erson- 
nene System sollte die Übereinstimmungen der verschiedenen 
Sprachen begreiflich machen. Die im ganzen gleichförmige Be- 
schaffenheit aller Menschen müsse auf gleiche Impulse in gleicher 
Art reagieren. Nun dachte sich Fulda die Entstehung der Sprache 
rein mechanisch. Nicht Willkür, Überlegung oder das Bedürfnis 
sich mitzuteilen habe sie hervorgebracht, sondern ein Stoß von 
außen, wobei durch einerlei Eindruck auch einerlei Empfindung 
und durch einerlei Empfindung, vermöge der Gleichheit der Sprach- 
werkzeuge, auch einerlei Laut hervorgebracht wurde. 

Die beiden linguistischen Arbeiten des Jahres 1763 blieben 
Manuskript. Der wissenschaftlichen Welt wurde Fulda bekannt 
durch seine Schrift Ueber die beiden Hauptdialecte der 
teutschen Sprache, die am 9. November 1771 mit dem von 
der Göttinger Sozietät der Wissenschaften ausgesetzten Preise 
gekrönt wurde. Sie erschien 1773. 1 Mit dieser Abhandlung 
lieferte Fulda als der erste in Deutschland eine vergleichende und 
historische Charakteristik aller germanischen Sprachen mit Aus- 
blicken auf die verwandten. Da er zur Grammatik auch die 
«Nomenclatur» rechnet, gibt er eine knappe Darstellung seines 
Wurzelsystems. Die historisierenden Anschauungen über Sprach- 
richtigkeit, die er später in seinen orthographischen Abhandlungen 
verfocht, sind schon hier angedeutet. Die Schwächen seiner Ar- 

1 Vgl. Rüdiger, Neuester Zuwachs, IV, 135. Sie wurde auch 
dem ersten Band von Adelungs Versuch eines Wörterbuchs der 
hochdeutschen Mundart vorangesetzt. Ich zitiere sie als «Preis- 
schrift». 

18* 



276 Kapitel 7. [§ 162. 

beitsweise treten klar hervor. Nicht nur in den zahlreichen 
fehlerhaften Angaben über Altgermanisches, sondern auch in der 
Unklarheit über das Verhältnis der durch die Lautverschiebung 
veränderten hochdeutschen Laute zu den niederdeutschen. Seine 
Unfähigkeit, sich über seine schwäbische Aussprache mit ihrer 
Vermischung von Lenes und Fortes zu erheben, hindert ihn, an der 
richtigen Bestimmung der Relation der hochdeutschen Spiranten 
zu den entsprechenden niederdeutschen Lauten. 1 Er weiß, daß 
die Sprache der hochdeutschen Stämme sich früher dem Nieder- 
deutschen näherte, aber glaubt behaupten zu dürfen, daß immer 
ein Unterschied bestanden habe. Und er will den Gegensatz 
von hoch und nieder durch alle germanischen Dialekte durch- 
führen. Diese Anschauungen haben fortgewirkt. Bei den Zeit- 
genossen findet man öfters seine Charakteristik des Hochdeutschen 
(Preisschrifl, S. 38) wiederholt : «Der HochTeutsche zeichnet sich 
vornemlich vom NiederTeutschen darinn aus, daß er immer sein 
ganzes Maul voll haben; fast iedem Wort besondere Kraft und 
Nachdruk geben ; und allenthalben zischen und rasseln mus. Er 
entstaltet die Einfalt und natürliche Regelmäßigkeit der Teutschen 
Sprache, nach dem allgemeinen Schiksal der Sprachenverbesserung, 
indem er sie poliren will.» 

Eine ausführliche Darstellung seines Wurzelsystems brachte die 
Sammlung und Abstammung Germanischer Wurzel-Wör- 
ter, nach der Reihe menschlicher Begriffe, die von J. G. 
Meusel 1776 zum Druck befördert wurde. Fuldas etymologische 
Zergliederung besteht darin, daß er von dem einsilbigen Komplex, 
der dem modernen Sprachgefühl als Stamm erscheint, vorne und 
hinten so viel wegläßt, bis nichts übrig bleibt als je ein Konso- 
nant im An- und Inlaut und ein Vokal in der Mitte. In manchen 
Fällen ist der Vokal der erste Laut. Aber das sind noch nicht 
die letzten erreichbaren Sprachelemente, da die Schlußkonsonanten 
erst später hinzugefügt oder doch für die Bedeutung wesentlich 
geworden sind. So kommt er auf die Urwurzeln, deren Sinn nur 
durch den Anfangslaut oder eigentlich durch die Klasse, zu der er 
gehört, bestimmt ist. Dem größeren Lautreichtum der kompli- 
ziertem Gebilde geht teilweise eine Spezifikation der Bedeutung 
parallel, der Sinn der Urwurzel ist höchst allgemein. In der 
Herleitung der inhaltsreichem Bedeutungen läßt Fulda seiner Vor- 
liebe für Begriffsgenealogie den Zügel. Wissenschaftlich ist dieses 
Spiel des Witzes, das beinahe alles mit allem zu verknüpfen weiß, 
natürlich wertlos. Aber es muß hervorgehoben werden, daß hier 

1 Man vergleiche dagegen die Bemerkungen Rüdigers, 
Neuester Zuwachs, II, 200 f., wo das Verhältnis der hd. s-Laute 
zu niederdeutsch t und s wenigstens in den gröbsten Zügen richtig 
bestimmt ist. 



§ 162.] Die Grammatik nach Gottsched. 277 

nach der lautlichen wie nach der semantischen Seite die Methode 
der Wurzelvergleichung geübt wird, die im 19. Jh. die herrschende 
blieb. Und es verdient Anerkennung, daß Fulda nicht achtlos an 
dem Problem vorbeigegangen ist, wie die Inhaltsarmut der lexi- 
kalischen Bedeutung mit dem nächsten Zweck der Sprache, der 
Bezeichnung des konkreten Einzeldings zu vereinigen sei. Er hat 
zu verschiedenen Zeiten verschiedene Antworten gegeben. Wäh- 
rend er zunächst die Allgemeinheit der Wurzelbedeutung als etwas 
Gewordenes, durch metaphorische Übertragungen Entstandenes be- 
trachtete, suchte er später ihre Ursprünglichkeit zu erweisen, 
wenn er auch daran festhielt, daß die Veranlassung zur Hervor- 
bringung der Laute immer eine individuelle war. 1 

Am Leitfaden der Wurzel- und Wortbildung entwirft das Buch 
auch eine Geschichte der menschlichen Begriffe und damit der 
Kultur mit Benutzung des beliebten Bildes von den Lebensaltern. 
Seine geschichtsphilosophischen Ansichten setzte Fulda auch in 
verschiedenen Abhandlungen in Zeitschriften der siebziger und 
achtziger Jahre auseinander. 2 

Als Grammatiker des Neuhochdeutschen trat Fulda zuerst 1777 
vor die große Öffentlichkeit. 3 Hemmers und Mäzkes orthogra- 
phische Vorschläge gaben ihm Veranlassung zu zwei Artikeln, 
einem kürzern, betitelt «Eine schwäbische Antwort auf Domitors 
Grundriss einer daurhaften Rechtschreibung», und der ausführ- 
lichen Abhandlung «Von den stummen Dinstbuchstaben H und E 
und dem Accent, in der Teutschen Sprache». Beide erschienen 

1 Schwäbisches Magazin von gelehrten Sachen auf das Jahr 
1780, S. 80 ff. Meusels Historisch-litterarisches Magazin, I, 158, 
III, 83 ff., namentlich IV, 108. — Man könnte seine Ausführungen 
etwa auf folgenden knappen Ausdruck bringen: an den einzelnen 
Gegenständen wird ursprünglich nur das bezeichnet, was den 
Sinn der Urwurzeln ausmacht. So bedeutet etwa jeder Laut an 
sich schon «schallen». Deshalb konnte jeder Sprachlaut jeden 
beliebigen Schall bezeichnen, ohne daß die spezifischen Diffe- 
renzen der Naturschälle (also etwa das Eigentümliche des Löwen- 
gebrülls im Gegensatz zum Schrei irgendeines andern Tiers) 
dabei in Betracht kam. 

2 Vgl. Gräter, S. 72 ff. 

3 Vorher waren kleine Aufsätze in Haugs Gelehrten Ergötz- 
lichkeiten (1774) und im Schwäbischen Magazin von ge- 
lehrten Sachen (1775 und 1776) erschienen, vgl. Gräter, S. 90ff. 
Die «Bemerkungen über die Entstehung der menschlichen Laute 
durch die Sprachwerkzeuge» im Magazin 1775 schreibt Gräter 
mit Unrecht Fulda zu; sie sind von Nast. Die Abhandlung über 
die Rechtschreibung im Magazin 1777, 425—437 (Gräter, S. 96 f.), 
fällt nach dem Erscheinen des Sprachforschers I. 



278 Kapitel 7. [§ 162. 

im ersten Band der von Fuldas Freund Nast herausgegebenen 
Zeitschrift Der teütsche Sprachforscher. Der zweite Ar- 
tikel wurde im zweiten Band (1778) fortgesetzt. In beiden Auf- 
sätzen entwickelt Fulda die Grundsätze seiner historisierenden 
Orthographie. Zugleich gibt der zweite an der Hand der Wurzelord- 
nungen eine Darstellung der deutschen Quantitäts- und Ton- 
verhältnisse. Auch hier verleugnet sich Fuldas spekulative, der 
Beobachtung abgeneigte Art nicht. Ihn interessiert nicht eigent- 
lich das akustische Phänomen, sondern die Charakteristik der 
Wurzeln und Wörter durch den Ton. Dabei werden die Tat- 
sachen dem System zuliebe vergewaltigt. 1 

Eine kurze Grammatik des Neuhochdeutschen mit einer sprach- 
historischen Einleitung bot er dar in seinen Grundregeln der 
Teutschen Sprache, die 1778 im zweiten Teil des Sprach- 
forschers und auch als Buch erschienen. Nach Gräter S. 88 ff. 
sind die Grundregeln nicht identisch mit der Grammatik von 
1763, stimmen aber mit ihr in den Hauptzügen überein. So in 
der Deklinations- und Konjugationslehre, deren Grundzüge übrigens 
schon die Preisschrift veröffentlicht hatte. Das System seiner 
sechs Substantivdeklinationen hat Adelung später ausgebaut. 
Daß er in Chlorenus einen Vorgänger hatte, wußte Fulda wohl 
nicht. Die starke Konjugation, bei ihm die zweite, teilt er nach 
den Ablautskombinationen in sechs Klassen; eine seiner größten 
Verschrobenheiten ist, daß er dabei die reduplizierenden und 
die Verba wie reiten in eine Klasse setzt. 2. 

Auf die orthographischen Streitfragen kam er noch 1781 in 
einem Aufsatz im Göttingischen Magazin zurück. 

Auch um die Dialektforschung machte er sich verdient. Schon 
1774 veröffentlichte er in Haugs Gelehrten Ergötzlichkeiten einen 
«Grundriß zu einem Würtembergischen Idiotikon». 1788 erschien 
sein Versuch einer allgemeinen teutschen Idiotiken- 
sammlung, ein Buch, in das er übrigens auch veraltete Wörter 
aufnahm. 



i Vgl. HZ. 48, 283 ff. 

2 Fulda faßt die Klassen fallen, laden, geben zu einem Ge- 
schlecht zusammen, das durch die Gleichheit der Vokale des 
Infinitivs und des Partizips charakterisiert ist. Zu diesem Ge- 
schlecht schienen ihm die Verba wie riten zu gehören, da er den 
Unterschied zwischen mhd. i und i vor einfachem Konsonanten 
nicht eingesehen hat. Beide Laute betrachtet er, trotz der ver- 
schiedenen Behandlung im Nhd., als lang. Und er erträumt oder 
konstruiert Präterita wie bliab, die mit ihrem Diphthong zu fial 
zu stimmen schienen. Die gotischen Reduplikationen hielt er 
für Nachahmungen des Griechischen, vgl. Sprachf., II, 122, und 
Zahns Ulfilas, II, 44. 



§ 162.] Die Grammatik nach Gottsched. 279 

Von Fuldas Werken seien noch erwähnt die Natürliche Ge- 
schichte der Teutschen und der menschlichen Natur 
und der Ulfilas. Für keine der beiden Arbeiten fand er einen 
Verleger. Die erste wurde sieben Jahre nach seinem Tode (1795) 
von Grat er herausgegeben, die zweite von J. C. Zahn in seinem 
Ulfilas (1805) benutzt, wobei Zahn selbst die Grammatik mit 
Zusätzen und Berichtigungen versah und W. F. H. Reinhold 
das Glossar umarbeitete. 

Das Verständnis seiner Schriften hat Fulda dem Leser 
nicht leicht gemacht; schon die Zeitgenossen klagten über 
seine dunkle, rätselhafte, hieroglyphische Schreibart. 1 Die 
Seltsamkeit seines Stils ist zum Teil das Spiegelbild einer 
eigentümlichen Gedankenverfilzung, an deren Entwirrung 
Fulda nicht energisch genug gearbeitet hat. Zum andern 
Teil ist sie hervorgerufen durch die affektierte Bevorzugung 
tropischen Ausdrucks, mit dem sich wunderlich die Un- 
arten des gelehrten Annotationenstils paaren. 2 Dazu kommt 
eine für die trockene Materie wenig passende Überschwäng- 
lichkeit und eine etwas schwerfällige Ironie. 3 

Eigenwillig wie der Stil ist das Denken dieses Mannes. 
Fulda ist ein deduktiver, konstruktiver Kopf, aus der Er- 
fahrung lernt er nur das, was zu seinem System paßt. Ihm 
fehlt die intellektuelle Selbstzucht, die ihn befähigen würde, 
an sich Kritik zu üben und seine Kombinationslust in 
Schranken zu halten. Seine Sprachbetrachtung hat etwas 
Unlebendiges. Die Laute, oder besser gesagt Mitteldinge 
von Laut und Buchstaben, sind für ihn algebraische Größen, 
mit denen er nach phantastischen Operationsgesetzen 
rechnet. 4 Phonetische Beobachtung ist nicht seine Sache; 



i Vgl. z. B. Gräter, S. 15 f. 

2 Ein hübsches Beispiel steht Sprachf. I, 172: «Äbt handelte 
wider die Natur der teutschen Sprache, wenn es sich vom latei- 
nischen abbatis, wovon es kömmt, mit zwei b schreiben wollte». 

3 Fulda konnte übrigens, wenn er wollte, auch ganz ver- 
ständlich schreiben. Das beweisen die von Gräter angeführten 
Briefstellen und eine und die andere Abhandlung, z. B. der 
Artikel über die Rechtschreibung im Göttingischen Magazin von 
1781. 

4 Vgl. z. B. Sprachf. I, 254, § 85: «i wechselt mit dem hohen 
e, vermittelst ö und ü». Das ist nach dem Vorhergehenden so 
zu verstehen: i ist aus ü entstanden (d. h. Fulda macht in der 
Aussprache keinen Unterschied zwischen i und ü); ü ist eine 



280 Kapitel 7. [§ 162. 

sein Aufenthalt auf niederdeutschem Boden hat ihn nur 
die allergröbsten Eigenheiten seiner schwäbischen Aus- 
sprache kennen gelehrt. Und fremde Beobachtungen glaubt 
er durch Räsonnements und rhetorische Fragen wider- 
legen zu können. 1 

Mit diesen Schranken seiner Natur hängt innig zu- 
sammen die Unsicherheit seiner grammatischen Kenntnisse 
auf altgermanischem Gebiet. Wenn man erkennen will, 
welchen Anteil an J. Grimms wissenschaftlicher Größe die 
«Andacht zum Unbedeutenden» gehabt hat, so ist nichts 
so lehrreich, wie die Vergleichung der gotischen Flexions- 
lehre Fuldas in Zahns Ulfilas mit der Darstellung in der 
Deutschen Grammatik von 1819. Hier ganz wenige Irr- 
tümer, meist entschuldigt durch den Zustand des Grimm 
vorliegenden Textes, alle Formen der Paradigmen, wo es 
anging, durch Beispiele belegt, die Unsicherheit mancher 
Ansätze gebührend hervorgehoben, dort ein Heer von 
Fehlern. Aber freilich, wie sollte der Mann die geduldige 
Mühsal statistischer Feststellungen auf sich nehmen, dem 
die individuelle Bestimmtheit der empirischen Sprachen 
nur ein unliebsames Hindernis für seine Kombinationen 
war und der sich mit dem Gedanken trösten konnte, daß 
Wulfilas «critische Vocal- und Diphthongenunterscheidungen» 
«wol dem schreibenden Lehrer wichtig, nicht aber seinem 
Volk eigen, noch allezeit bemerkbar gewesen zu sein» 
scheinen. 3 



«Beugung» von u; o und u, daher auch ö und ü, wechseln oft 
(z. B. förchten — fürchten); das «hohe» e ist aber so viel wie ö. 
Schematisch: i = ü 

ö S ü 

e = ö 
i S e 

1 Vgl. die lange Polemik gegen den von Mäzke beobachteten 
Unterschied von / und ff, d. h. von stimmhaftem und stimm- 
losem labialen Spiranten, Sprachf. I, 158 ff. 

2 Übrigens steht es auch mit seiner Kenntnis des nicht- 
schwäbischen Neuhochdeutsch nicht viel besser. An zwei Stellen 
(Sprachf. I, 248 und II, 169) behauptet er, daß die Sachsen im 
Singular Vater, im Plural Vätter schrieben! 

3 Preisschrift, S. 56. 



§ 162.] Die Grammatik nach Gottsched. 281 

Und doch nimmt Fulda durch seine Beschäftigung mit 
dem Altgermanischen einen ganz hervorragenden Platz unter 
den Sprachlehrern ein; er ist der erste historische Gram- 
matiker des Neuhochdeutschen. Das wäre er nicht ge- 
worden ohne Liebe zur alten Sprache. Sie scheint ihm 
vollkommener als das Deutsch des 18. Jhs. «Bei den Minne- 
singern erreicht die grammatische Einfalt, Kraft und Regel- 
mäsigkeit der teutschen Sprache ihre höchste Stufe.» 1 In- 
sofern berührt er sich mit Christ und Wächter (135); 
anderseits ist er ein Vorläufer der historisierenden Be- 
trachtungsweise des 19. Jhs. 

Aber er bleibt ein Kind seiner Zeit. Wohl glaubt er 
nicht mehr wie Lazius und Schottelius, daß die alten 
Deutschen ihren Wörtern volle Vokale angehängt hätten, 
bloß um die lateinischen Flexionssilben nachzuahmen, aber 
die Bestimmung der Funktion der einzelnen Vokale und 
noch manche andere grammatischen Dinge hält er für ein 
Werk der Schriftsteller. 2 Von der Verfeinerung der Sprache 
redet er oft und er verwirft sie nicht, soweit der etymo- 
logische Grundbau nicht durch sie verdunkelt wird. Und 
er wehrt sich gegen die Unterstellung, daß er die richtige 
Schreibung aus Otfrid und Kero, dem kindischen Altertum, 
beweisen wolle 3 — was er doch in Wahrheit getan hat, 
soweit er nicht lieber mit seinen etymologischen Hirn- 
gespinsten arbeitete. 



1 Sprachforscher, II, 132. 

2 «Die Bestimmung des Vocalabfalls, oft nach Verschiedenheit 
des vorhergehenden Vocals, und der Wörter selbst, und ihrer 
Generum und Casuum, zusammt dem Recht des unbestimmten 
Altertums, welches sich gleichwol immer noch drein mischte; 
die unglükliche Festsetzung eines Geschlechts, sonderlich wo in 
der Natur keins war; die Gemein -ia Nothwendigmachung des 
Artikels; und die eingebildete Ehre der Nachahmung fremder 
Sprachen, sind Werke des Wizes, welcher die verbessernden 
Schriftsteller verschiedener Gegenden und Zeiten geübt hat, ein 
Chaos von Sachen aufzubringen.» Preisschrift, S. 25. Vgl. auch 
die oben zitierte Bemerkung über Wulfilas kritische Vokalunter- 
scheidungen. Das gotische Nominativ-s hält er für eine Nach- 
ahmung des Griechischen, vgl. Preisschrift, S. 55, und Zahns 
Ulfilas, II, 5. Vgl. auch Ulfilas, II, 9. 44. 

3 Gräter, S. 101. 



282 Kapitel 7. [§ 162. 163. 

Innig verknüpft mit seiner Liebe zum Altertum ist der 
schwäbische Patriotismus. Er ist stolz auf die Reinheit 
des Oberdeutschen, das für ihn das wahre Hochdeutsch 
ist, und auf seine Übereinstimmung mit der immanenten 
Sprachrichtigkeit. l 

Was die grammatische Technik betrifft, so zeigt sich 
ein starker Einfluß der hebräischen Grammatik in der Ter- 
minologie, der Theorie der Redeteile und wohl auch in der 
Etymologie. Denn Fuldas Wurzelanalyse hat, wiewohl er 
sich, nach der Bemerkung im Schwab. Magazin 1775, 
S. 525 zu schließen, sehr dagegen verwahrt haben würde, 
doch eine gewisse Ähnlichkeit mit den von Gesenius, Ge- 
schichte der hebräischen Sprache und Schrift, S. 125 f., 
geschilderten Spekulationen eines Kaspar Neu mann und 
Genossen. Daß er in Phil. Samuel Rosa (165, Fußnote) 
einen Vorläufer hatte, wußte er sicherlich nicht. 

163. Johann Nast, geboren zu Leonberg am 17. November 
1722, studierte an den württembergischen Klosterschulen und in 
Tübingen, wurde 1750 Lehrer am Stuttgarter Gymnasium, 1789 
Pfarrer zu Plochingen und starb dort am 24. Dezember 1807. 2 
Einem weitern Kreis machte ihn wohl erst Der teütsche Sprach- 
forscher bekannt, eine Zeitschrift, die er in den Jahren 1777 
und 1778 herausgab und deren Inhalt ganz von ihm und von 
Fulda herrührt. Aber beinahe alle seine Beiträge sind er- 
weiterte Umarbeitungen von Aufsätzen, die in den Jahrgängen 
1775 und 1777 des Schwäbischen Magazin von gelehrten Sachen 
erschienen waren. 3 



1 Vgl. z. B. Sprachforscher I, 278 f.: «Haben wir doch in 
unserer Herrensprache, folglich eben damit auch in der eigent- 
lichen hochteutschen Sprache, Wörter, die ihren Verstand durch 
ei und di voneinander scheiden. Ist doch immer ein groser 
Unterschied unter einer, in grader Linie anererbten, und einer 
erst gelernten oder gemischten Sprachmundart. Jene sind schwer 
eines andern zu überzeugen, so lang sie ihre Vätter und Sprach- 
gründe für sich haben.» oder 1, 137 : «Wir Schwaben . . als einzige, 
und noch so zimlich treue Kinder der Fätter, fon denen Teutsch- 
land die hohe Sprache angenommen hat.» I, 202: «In Schwaben 
ist nie keine Gelegenheit zur Vermischung mehrerer Mundarten, 
oder zum Abfall vom Urgrund der hohen Sprache gewesen.» 

2 W. Heyd, Bibliographie der Württembergischen Geschichte, 
II, 525. 

3 Die Abhandlung «Die echte Lehre von der teütschen DecK- 
nation und Conjugation», Sprachf. I, 1 — 136, ist hervorgegangen 



§ 163.] Die Grammatik nach Gottsched. 283 

Nast war ein begeisterter Anhänger seines Freundes 
Fulda. Mit Fuldas Auftreten beginnt für ihn eine neue 
Epoche des Studiums der deutschen Sprache. Ja, er geht 
in der Vorrede zum ersten Teil des Sprachforschers so 
weit, daß er neben Fulda nur noch Klopstock und 
Mä'zke gelten läßt. «Vor disen Männern hat sich keiner 
unsrer Grammatiker um echte Sprachgründe bekümmert, 
sondern fern von Sprachphilosophie, alles in die Form 
der gemeinen lateinischen Grammatiken gegossen.» Er ver- 
gißt ganz, daß er selbst doch an andern Orten Aichinger 
und Popowitsch hatte Gerechtigkeit widerfahren lassen 
und daß dieselbe Vorrede Hemmers Verdienste anerkennen 
sollte. Fulda ist Nasts Leitstern, selten daß er sich von 
seinen Lehren zu entfernen wagt. Aber er ist seinem 
Meister in der Darstellung überlegen. Sein lebhafter Stil 
ist eindrucksvoller als Fuldas «hieroglyphische» Schreib- 
art, und so ist es wohl zum Teil ihm zu verdanken, daß 
man im Norden Deutschlands auf den tief forschenden Mann 
aufmerksam wurde, der es wagte, mit «Sprachgründen» die 
Richtigkeit der herrschenden Schriftsprache zu bestreiten. 
In dieser Tätigkeit für die Verbreitung Fuldascher Ge- 
danken liegt Nasts Hauptverdienst. Seine Flexionslehre ist 
wenig originell. Die Einteilung der Substantivdeklinationen 
verdankt er Fulda; die Abweichungen, die er sich im 
Schwäbischen Magazin gestattete, nahm er später zurück. 
Eine gewisse Selbständigkeit zeigt er in der Darstellung 
der Deklination der Eigennamen. Vorgänger hatte er auch 

aus der «Erinnerung an die teutsche Sprachlehrer zur bessern 
Einrichtung der Conjugationen und Declinationen in unsrer Sprache», 
Magazin 1775, S. 205—219. 310—323. 371—386. Der Aufsatz 
im Magazin 1775, 443 — 450. 548 — 562, «Bemerkungen über die 
Entstehung der menschlichen Laute durch die Sprachorgane in 
Beziehung auf das Alphabet der teutschen Schrift-Sprache» be- 
handelt denselben Stoff wie in der Abhandlung «Grundsäze zur 
endlichen Berichtigung der teutschen Rechtschreibung», Sprachf. II, 
29 — 112, der erste Abschnitt «Anatomie der Buchstaben» (33 — 77). 
Der «Anhang vom Accent oder Ton in unsrer Sprache», Magazin 
1775, 562—564, ist erweitert worden zu dem zweiten Abschnitt der 
Abhandlung über die Rechtschreibung «Vom Ton oder Accent 
in unsrer Sprache» (77—99). Die Vorbereitung dazu sowie zu dem 
übrigen Teil der Abhandlung im Sprachforscher findet man im 
sin 1777, S. 155 ff. 



284 Kapitel 7. [§ 163. 

hier; Hemmer macht er selbst namhaft. Wertvoll ist auch 
die Aufzählung der Wörter, die zu jeder Deklinationsklasse 
gehören; auch bei diesen Verzeichnissen freilich scheint 
Fulda geholfen zu haben. 1 Der Gedanke, mit Berücksichti- 
gung des Imperativausgangs drei Konjugationen aufzustellen, 
erfuhr Widerspruch und wurde von Nast, wenn auch wider- 
strebend, aufgegeben. 

Ganz unabhängig von Fulda ist Nast nur in seiner 
«Anatomie der Buchstaben», d. h. in seiner Darstellung 
des deutschen Lautsystems auf physiologischer Grundlage. 
Das Unternehmen war löblich, aber die Ausführung nicht 
ohne Fehler, sei es daß er falsch beobachtete oder seine 
Beobachtungen nicht richtig darzustellen wußte. 2 Dabei 
zeigt sich bei ihm eine gewisse Borniertheit, die ihm seine 
schwäbische Aussprache als die einzig mögliche erscheinen 
läßt. 3 In seiner Lehre vom Ton bemüht er sich redlich, 



i Vgl. Magazin 1775, S. 311 ff. 

2 Vgl. seine Bemerkungen über das Verhältnis von p t k zu 
b d g, Sprachf. II, 65f. 68. 73. Nast setzt p t k gleich bh dh gh. 
Dieser Behauptung liegt vielleicht die Tatsache zu gründe, daß im 
Schwäbischen nicht nur anlautendes k vor Vokalen aspiriert ist, 
sondern auch in Fremdwörtern p t mitunter wie bh dh gesprochen 
werden, vgl. Fischer, Geographie der schwäbischen Mundart, 
S. 61, Fußn. 6 und S. 62, Fußn. 4. Daß in der Aussprache des 
Latein p t durch die Aspiration von b d unterschieden wurden, 
bezeugt für das 16. Jh. H. Wolf, vgl. HZ. 52, 183 f. Aber 
S. 65 beweist Nast seine These mit dem Wort Junker, das aus 
Jung Herr entstanden sei, «indem g und h in einander geflossen 
und durch schnelle Aussprache zum k worden sind». 

3 Da er k und g, p und b, t und d vor Konsonanten gleich 
sprach, meinte er, diese Lautpaare könnten antekonsonantisch 
überhaupt nicht unterschieden werden. «Ich provocire nicht nur 
auf Teutschland, sondern auf alle redende Geschöpfe in Europa, 
wenn sie anders g und k, b und p, d und t kennen, obs nicht 
so ist.» Die Schreibung Blaudern wäre vernünftiger als Plaudern, 
das so viel wie Bhlaudern ist. «Dann es ist nicht möglich, ein h 
zwischen b und l auszusprechen», Sprachf. II, 64. «Aus Sachsen 
will man uns bereden, ß sei eine Mittelgattung zwischen f und ff. 
Wir bewundern die Herrn Sachsen wegen ihres feinen Ohrs und 
Zunge, dises zu hören und zu sprechen. Unser Schwäbisch Ohr 
und Zunge begreift nichts von der ganzen Lehre, es ist uns 
eine Thorheit, und wir können es nicht begreif fen.» Schwab. 
Magazin 1775, S. 557, etwas abgeschwächt Sprachf. II, 40. Er 



§ 163.] Die Grammatik nach Gottsched. 285 

das Wesen des Silbenakzents zu erfassen, aber auch hier 
mißlingt ihm die richtige Formung seiner Gedanken; sein 
Kopf stößt sich wund an dem altersgrauen Gemäuer der 
Schulbegriffe. 1 Übrigens hat Nasts Tonlehre, wie sie selbst 
von Aic hinger beeinflußt ist, auf Adelung gewirkt. 

Das Trugbild der hypostasierten Sprache verlockt ihn 
wie Fulda; fortwährend spricht er von «Sprachgründen» 
oder der «Natur» der Sprache. Die Bedeutung des gram- 
matischen Schematismus überschätzt er; die richtige Dar- 
stellung der Deklination ist für ihn eine patriotische Tat. 2 
Aber er ist kein scharfer Logiker. Dies zeigt sich in seinem 
Versuch der Dreiteilung der Konjugationen und in dem 
eigensinnigen Festhalten an den Vorwürfen gegen die Dekli- 
nationslehre von Heynatz. 3 Eine gewisse Unklarheit tritt 
auch zutage in Nasts orthographischen Reformvorschlägen, 
die nur in Einzelheiten seine phonetischen Neigungen gegen 
Fuldas etymologisierende Tendenzen zu behaupten wagen. 



will es Aichingern anfangs nicht glauben, daß die Unterscheidung 
zweier ei nicht allgemein deutsch sei, vgl. Schwab. Magazin 1776, 
97. 847. 

i Vgl. HZ. 48, 286 ff. 

2 «Findet Teutschland dise Lehre gründlich und vernunft- 
mäsig, nun so folge es derselben, und wälze den Vorwurf von 
sich ab, daß es in einem Hauptpunkt seiner Sprachlehre bisher 
so schwankend gewesen, und eben dadurch, daß er verwirrt und 
ungründlich vorgetragen worden, seine Sprache bei den Ausländern 
in das Geschrei groser Schwirigkeit und Unregelmäsigkeit gebracht 
hat, anstatt ihr den Rum zu verschaffen, daß in wenigen Spra- 
chen die Declinationen so leicht, deutlich und regelmäsig fliessen, 
als in der teütschen.» Spracht. I, 9 f. 

3 Spracht. I, 6, sagt er, daß Heynatz wider die logischen 
Regeln der Division verstoße, wenn er neun Deklinationen auf- 
stelle. Aber in Wahrheit sind diese neun Deklinationen streng 
logisch durch den Ausgang des Gen. Sg. und des Nom. Pluralis 
bestimmt. Die drei Deklinationen, die Heynatz mehr hat als 
Fulda und Nast, umfassen die Typen Mutter, Name, Strahl. 
Nast zieht es vor, den Deklinationstypus Strahl als Zwitterdekli- 
nation zu bezeichnen, Mütter Töchter statt des schwäbischen 
Mütern Töchtern anomalische Plurale zu nennen, und über Nam(e) 
— Namens anläßlich der Erwähnung des Schwankens zwischen 
Nominativen mit und ohne en zu reden. Das ist dann logischer! 



286 Kapitel 7. [§ 164. 165. 

164. Im Jahre 1778 erschien Georg Franklins 1 Ver- 
such einer neuen Lehre von den vornehmsten 
Gegenständen der deutschen Sprachlehre nach den 
Regeln der Vernunftlehre in sechs Abhandlungen 
verfasset. Franklin wollte ursprünglich eine vollständige 
Grammatik veröffentlichen, da die bisherigen nicht ge- 
nügende Rücksicht auf die Logik genommen hätten. Da 
jedoch seine Arbeit nach dem Urteil seiner Freunde zu 
umfänglich und subtil ausgefallen war, verzichtete er auf 
die Abhandlung der Teile, für die schon befriedigende 
Darstellungen vorlagen. Der Versuch enthält die Laut- 
lehre, eine Theorie der Redeteile, die Lehre von den Sätzen, 
dem Gebrauch der Tempora und Modi und der indirekten 
Rede; er ist, wenn auch vielleicht Beauzees Grammaire 
generale und die Resultate der phonetischen Untersuchungen 
Hemmers und Mäzkes benützt sind, eine durchaus selb- 
ständige Arbeit. In der lautphysiologischen Analyse steht 
Franklin weit über Nast. Aber eben, weil er sich von der 
Schablone entfernte, fand er kein Verständnis. Von Rü- 
digers Urteil (Neuester Zuwachs, IV, 29): «Dieses alles 
wird im höchsten Grade weitschichtig und spitzfindig vor- 
getragen, so daß man nur mit vieler Mühe bisweilen einen 
guten Gedanken finden kann», ist nur der erste Teil wahr. 
Bei einer wissenschaftlichen Arbeit hätte Rüdiger auch 
darüber hinwegsehen dürfen, daß die Sprache «sehr un- 
rein und oberteutsch» war. Aber er stand noch zu sehr 
unter dem Eindruck der Kämpfe um die Sprachrichtigkeit, 
die das ungestüme Vorgehen der Schwaben herauf- 
beschworen hatten. 

B. Die Orthographiereformen und das Problem der Sprach- 
richtigkeit. 

165. An orthographischen Reformbestrebungen hat es 
während des ganzen 18. Jhs. nicht gefehlt 2 aber in der 

1 Über sein Leben ist mir nichts bekannt. Auf dem Titel 
bezeichnet er sich als Priester und ehemals öffentlichen Lehrer 
in drei Universitäten des oberen Deutschlandes. Seine Heimat 
dürfte der Südwesten sein, da er S. 364 sagt, der Konjunktiv 
Präteriti werde in nicht kondizionaler Bedeutung «fast nur von 
den Gelehrten» gebraucht; vgl. Behaghel, Der Gebrauch der Zeit- 
formen im konjunktivischen Nebensatz, S. 41. 

2 Vgl. G. Michaelis, Beiträge zur Geschichte der Deutschen 



§ 165.] Die Grammatik nach Gottsched. 287 

zweiten Hälfte des achten Jahrzehnts drängen sie sich so 
dicht, daß Wieland 1783 von einer in den letzten Jahren 
epidemisch gewordenen orthographischen Influenza sprechen 
konnte. 1 Ihr Wert bestand darin, daß man bei dieser Ge- 
legenheit die nach Landschaften sehr verschiedene Aus- 
sprache des Schriftdeutschen näher kennen lernte und die 
Eigenart der herkömmlichen Schreibung nach den Grund- 
sätzen wie nach den Ausnahmen bis ins einzelne erforschte. 
Für die Geschichte der Grammatik sind jene Reform- 
versuche aber vor allem deshalb wichtig, weil sich in 
ihnen die Ansichten über das richtige Deutsch widerspiegeln. 
Die Verbesserung der Schreibung erscheint als ethische 
Forderung. «Wird es den nicht bald Zeit sein», ruft Hemmer 
aus, «das Joch der Forurteile, dises unerträgliche Joch, 
das unsere Forfaren und uns bisher so demütigend gedrüket 
hat, fon uns abzuschüteln ? Solten wir den in disem 
Jarhunderte, wo di aufgeklärte Fernunft ale schöne Künste 
und Wisenschaften in ein so herliches Licht sezet, solten 
wir in disen unsern Zeiten, wo Deutschland seine Muter- 
sprache mer Übet, schäzet und bearbeitet, als jemals, 
solten wir da, sage ich, nicht auch so weit komen, das 
wir unsere Rechtschreibung aus dem Dunkeln, aus irem alten 
roen Wesen heraus zögen, und ir eine anständige und 
zugleich dauerhafte Gestalt gäben?» (Grundris, S. 5 f.). Und 
Fulda spricht ihm lakonisch affektiert die Anerkennung 
des Vaterlandes aus : «Domitor ist ein Patriot. Teutsch- 
land weist im Dank» (Sprachf., I, 137). Selbst Klopstock, 
der noch am nüchternsten ist, meint einmal, die Barbarei 



Rechtschreibung, S. 6 ff . — Über einen wunderlichen Heiligen, 
Philipp Samuel Rosa (Der Deüdschen Buchschdaben und 
Schreibzeichen Rächdschreibung, Potsdam 1753) bringt einige Mit- 
teilungen ein Aufsatz in den Neuen Beiträgen zur Verbesserung 
der Deutschen Sprache, hsg. von Heynatz (1801), S. 53 ff . — 
Die Bemer Stadtbibliothek besitzt, worauf mich S. Singer auf- 
merksam machte, ein anonymes Werk Weltzeitgeschichte, 
s. 1. 1766, 4°, als dessen Verfasser der Rückenschild des alten 
Einbands und die noch erhaltene Anweisung für den Buchbinder 
Rosa nennt. In dem Buch ist eine reformierte Orthographie 
angewandt, deren Grundsätze die Vorrede darlegt. 

1 Vgl. R. v. Raumer, Geschichte der Germanischen Philologie, 
S. 234. 



288 Kapitel 7. [§ 165. 166. 

der herkömmlichen Schreibung würde einem wiederer- 
standenen Griechen den Aufenthalt in Deutschland verleiden 
(Werke, IX, 397). 

Der nächste Zweck der Schrift rückt in den Hinter- 
grund. Hemmer fragt naiv, «wi wir Pfälzer ... es an- 
stelen solen, um den Heren Schwaben und Saksen zu 
fersteen zu geben, das wir in blies, Historie u. s. w. das e 
nicht aussprechen; und wi werden si im Gegenteile uns zu 
fersteen geben, das si es aussprechen?» (Grundris, S. 27). 
Als ob die Schrift des täglichen Lebens dazu da wäre! 
Mäzke erklärt ausdrücklich, daß die Schrift nicht die Ge- 
danken zu bezeichnen habe, dies tue sie nur indirekt, 
insofern sie die Aussprache richtig bezeichne. Das ist an 
sich richtig. Aber er läßt außer acht, daß die Schrift 
diesen Umweg nur aus praktischen Erwägungen macht, also 
aus praktischen Erwägungen ihrem Grundsatz auch untreu 
werden kann. Das Mittel ist Herr über den Zweck ge- 
worden. Die Phonetiker sind übrigens anspruchsloser als 
die Etymologen. Es ist unleidlich, wenn der geschwätzige 
Schulmeister Mäzke auf seine Hirngespinste das Wort 
Wissenschaft eitel anwendet. 

166. Insofern die orthographischen Grundsätze in 
Betracht kommen, kann unsere Darstellung die Vorschläge 
zur Verbesserung der Schreibung nicht von den Kämpfen 
um die Sprachnorm trennen; über das Technische der 
Reformen sei hier zusammenfassend folgendes mitgeteilt. 1 

1. Hemmer verwirft als phonetischer Doktrinär die Konso- 
nantenverdoppelung durchaus, da die Artikulationsbewegung nur 
einmal ausgeführt werde ; er schreibt also z. B. falen = fallen. 2 



1 Ich berücksichtige dabei nur die Schriften von Hemmer, 
Mäzke, Fulda, Nast und Klopstock, und zwar von Hemmer 
hauptsächlich den «Grundris» von 1776; im «Kern der deutschen 
Sprachkunst» macht er aus rein praktischen Erwägungen dem 
herrschenden Schreibgebrauch Konzessionen. Auf alle Wand- 
lungen der Mäzkeschen Orthographie kann nicht im einzelnen 
eingegangen werden. 

2 Im «Kern» läßt Hemmer die Gemination vorläufig noch zu. 
Jedoch müsse sie vereinfacht werden vor einem Flexionskonso- 
nanten, der nie durch ein e vom Stammauslaut getrennt werden 
könne, z. B. komt, trift, fält, dagegen sinns, stellt. Ferner solle 
~k immer einfach geschrieben und dem z kein t vorgesetzt werden. 



§ 166.] Die Grammatik nach Gottsched. 289 

Klopstock vereinfacht die Gemination nur im Auslaut und vor 
Konsonant: Fal, feit, aber fallen; die andern Reformer behalten 
sie in allen Stellungen bei. Fulda will p und fc nie verdoppeln, 
da vor ihnen ein Vokal beinahe immer kurz sei; umgekehrt 
schlägt Nast vor, ch nach kurzem Vokal zu verdoppeln oder 
wenigstens chh zu schreiben. — Während für die Schwaben 
die Gemination nur Quantitätszeichen ist, bezeichnet sie für Klop- 
stock und Mäzke, ohne daß sie sich darüber ganz klar wurden, 
in gewissen Fällen eine bestimmte Qualität des Konsonanten. 
Beide behalten nämlich mit der vorgottschedischen Orthographie 
ff als einziges Zeichen des stimmlosen s-Lautes bei 1 , Mäzke 
auch ff als Zeichen des stimmlosen Labialspiranten. In Ana- 
logie dazu bezeichnet er stimmloses seh durch durchstochenes ß 
= ff und die ch-Lauie durch ]j. (Über die Unterscheidung des 
velaren vom palatalen ch s. Nr. 6.) — Über tz vgl. Nr. 7. 

2. Alle Reformer verwerfen e und h als bloße Dehnungs- 
zeichen, die Phonetiker Hemmer, Klopstock und Nast außer- 
dem alle andern stummen h. Sie schreiben also sa = sah; 
wenn Klopstock das h in sehen beibehält, während Hemmer und 
Nast es auch hier tilgen, so beruht das auf verschiedner Aus- 
sprache. Fulda behält etymologisches h bei. Mäzke führt 
eine Menge neuer h ein. 1776 will er jedem auf Vokal aus- 
gehenden Worte, das einer Verlängerung fähig ist, ein stummes 
h anhängen; bei Antritt einer vokalisch beginnenden Endung 
werde es hörbar. Dieses h bleibt der Etymologie zu liebe auch 
vor konsonantisch anlautenden Suffixen: Kleh, Bauh, Gebäuhde. 
1779 gab er diese h nach Diphthongen auf und tilgte sie der 
Konsequenz halber auch dort, wo sie üblich waren, z. B. in 
gedeihen. Außerdem führte er viele andere pseudoetymologische 
h ein und gab 1779 die Regel, daß jede allgemein gedehnte 
Grundsilbe eines deutschen Wortes, das eine Endsilbe annehmen 
könne, vor l, m, n, r ein h bekommen solle. 1780 nimmt 
er diese Vorschrift zurück und verwirft jedes stumme h außer 
am Ende vokalisch (nicht diphthongisch) ausgehender Grundsilben. 
— th tilgen alle, nur Fulda behält es in einigen Wörtern aus 



1 ß ist für Mäzke nur eine graphische Variante, ein End- 
buchstabe, der sich zu ff verhält wie s zu f. Er setzt es 
regelmäßig m den Grammatischen Abhandlungen statt ff, um 
anzudeuten, daß der Laut die Grundsilben schließt, schreibt also 
auch Boße. Später gebraucht er überall ff. 

2 Doch ist Nast schwankend, vgl. Sprachf. II, 60 mit II, 87. 
In der Probe II, 112 schreibt er rau, aber siht, sehen. 

3 Aber auch jetzt betrachtet er h nicht als Dehnungszeichen; 
diese Funktion erfülle es nur nebenbei. 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 19 



290 Kapitel 7. [§ 166. 

pseudoetymologischen Gründen. — Die Vokalverdoppelung ver- 
werfen Hemmer und Klopstock, Fulda behält sie nur dem 
Gebrauch zu liebe. Über Mäzke und Nast vgl. Nr. 3. — dt 
statt t wird von allen aufgegeben, außer etwa, wo es durch 
die Etymologie gefordert wird; Klopstock sagt: «Ausser wo d 
etwan einmal for t gehört wird». 

3. Hemmer verzichtet auf jede Bezeichnung der Vokalquanti- 
tät: Sone kann Sonne und Sohne bedeuten. Nach Klopstocks 
System gilt ein Vokal ohne besonderes Zeichen für lang 1 , wenn 
er in einsilbigen Wörtern am Ende steht (sa — sah) oder in 
mehrsilbigen Wörtern auf ihn ein einfacher Konsonant und diesem 
ein Vokal folgt (Kane = Kahne). Für die andern ist der Vokal 
lang, wenn er die Stammsilbe schließt oder ihm ein einfacher 
zum Stamm gehöriger Konsonant folgt. (Also im Gegensatz zu 
Klopstock auch in Fällen wie Kan, gedent). Die Länge wird 
nur bezeichnet 1. vor einer Konsonanten Verbindung, und zwar in 
Klopstocks System vor einer jeden, bei den andern nur vor 
einer stammhaften. Den Konsonantenverbindungen stehen gleich 
bei Klopstock und Mäzke die Geminaten, bei Klopstock und 
Fulda ch, bei Klopstock die «Schreib Verkürzungen» x und s, 
bei Fulda p und fc. 2. nach Klopstocks System auch in ein- 
silbigen auf einen einfachen Konsonanten ausgehenden Wörtern. 
Doch versteht sich in einigen Spezialfällen die Länge von selbst : 
für Klopstock, wenn der Vokal ä ist oder g folgt, für Klop- 
stock, Mäzke und Fulda, wenn Diphthong vorliegt, für die 
Schwaben in den einsilbigen Praeteritis. 

Als Dehnungszeichen verwendet Klopstock einen Haken 
unter dem Vokal: TroLt, fli/Ten, Sprache, wux, taz (= tat's). 
Nast empfiehlt die Vokalverdoppelung (Troost, Wuust). Ebenso 
1776 Mäzke; doch schlägt er schon in den Grammatischen 
Abhandlungen statt dessen den Zirkumflex vor und nimmt 
schließlich (1780) das Klopstocksche Zeichen an. Fulda ge- 
braucht im Sprachforscher I den Zirkumflex, aber mehr zu 
grammatischen Zwecken, für die Praxis scheint er das Zeichen 
für unnötig gehalten zu haben. S. 163 wirft er den Gedanken 
hin, für das ch nach Länge h mit irgendeinem Beizeichen zu 
schreiben. — Mäzke braucht infolge seines komplizierten Sy- 
stems auch ein Kürzezeichen; in den Grammatischen Ab- 



1 Ich bediene mich der uns geläufigen Kunstwörter. Klop- 
stock unterscheidet offenen, gedehnten und abgebrochenen Ton, 
die andern sagen für lang «gedehnt», für kurz «geschärft» (Mäzke 
1776 «ungedehnt»). Auf die Einzelheiten der Mäzkeschen Schreib- 
systeme mit ihren Ausnahmen von den Schreibregeln gehe ich 
nicht ein. 



§ 166.] Die Grammatik nach Gottsched. 291 

handlungen schlägt er den Gravis vor, später (1780) un- 
geschickterweise einen Haken unter dem Vokal, der im Gegen- 
satz zu dem «Denbügel» nach links geöffnet ist. (Z. B. Urteil 

oder Urteil. Ferner empfiehlt er einen Punkt über dem e, um 

> 
den halbgedehnten Laut in der Endsilbe von Fremdwörtern wie 
Kaffe oder vor einem Vokal (Deist, geimpft) anzudeuten oder 
den «halbgeschärften» Laut in Elend, faulenzen. 

4. Hemmer verbannt als unnötig c (außer in ch, seh), v, 
ph, q, y. Im Prinzip sind alle andern mit ihm einig. Nur 
fürchten Mäzke, Fulda und Nast, daß die Beseitigung des v 
Schwierigkeiten machen werde. Klopstock stellt es frei, f 
oder v konsequent zu gebrauchen; er selbst schreibt /. Mäzke 
schwankte zwischen v und f, entschied sich aber 1780 für f. 
Daß die Schwaben ph in Fremdwörtern belassen, hängt damit 
zusammen, daß sie die Orthographie der Fremdwörter überhaupt 
nicht ändern. Klopstock behält das q bei, aber nur als 
Schreibverkürzung (Qal); er hätte nichts dagegen, wenn man 
es durch leu ersetzte. Mäzke will dafür Jcw, die Süddeutschen 
je nach der (angeblichen) Etymologie gw (Gwal) oder ~kw. — 
Klopstock verwarf ursprünglich das Schluß-s, ließ es aber 
später wieder zu. Umgekehrt gab Mäzke 1780 das Schluß-s auf, 
während er es früher über den gemeinen Gebrauch hinaus zur 
Bezeichnung der etymologischen Gliederung angewandt hatte. — 
Hemmer und Klopstock kennen kein ß; Hemmer schreibt 
überall f f s, Klopstock für den stimmlosen Laut zwischen Vokalen, 
wie erwähnt, ff, das vor Konsonant und im Auslaut vereinfacht 
wird. Für Mäzke ist ß in den Grammatischen Abhandlungen 
nur eine graphische Variante von ff; 1780 schreibt er diese 
Zeichengruppe auch vor Konsonant und im Auslaut. Ebenso 
Fulda nach -Kürze. Damit ist auch für ihn ß vollständig 
beseitigt; intervokalisch nach Länge setzte er, wie Nast, ein- 
faches f, im Auslaut s. Für Nast ist ß bloßes Schlußzeichen 
statt ff. — Klopstock und Mäzke beseitigen das ai. 

5. Hemmer, Klopstock und Nast schreiben eü statt eu. 
Für Klopstock ist dies die einzige Bezeichnung des Diphthongen. 
Hemmer und Nast haben auch äü, Nast. außerdem aü (Umlaut zu 
au = mhd. ou). Ebenso schreibt Fulda äü und aü, aber eu. — 
Klopstock gebraucht ohne Rücksicht auf die Etymologie ä für 
den offenen, & für den geschlossenen Laut. 1 Hemmer hält diese 
Unterscheidung auch für wünschenswert ; andernfalls sollte man ä 
in allen Wörtern schreiben, deren Stamm ein a enthält, in allen 
übrigen e. Die Schwaben bleiben bezüglich des ä im ganzen 

1 Klopstock unterscheidet nur beim langen e zwei Qualitäten: 
kurzes ä hält er für unsprechbar. 

II* 



292 Kapitel 7. [§ 166. 

bei der herkömmlichen Schreibung. Mäzke betrachtet ä nur 
als etymologisches Zeichen, meint aber, es werde in gedehnten 
Silben nur dort gesetzt, wo e allgemein hochdeutsch offen sei 1 ; 
um die offene Qualität des e, das nicht durch ä bezeichnet 
werde, anzudeuten, schlägt er vor, den Buchstaben auch in den 
Fällen zu verdoppeln, bzw. mit dem «Denbügel» zu versehen, 
wo sonst die Dehnung nicht ausdrücklich bezeichnet werde (reeden, 
reden). Na st dachte eine Zeit lang daran, das offene e durch e 
zu bezeichnen, gab diesen Gedanken jedoch auf, da die Pro- 
vinzen in der Aussprache zu sehr voneinander abwichen ; nur 
zur Unterscheidung von sonst gleichlautenden Wörtern hält 
er ihn für nützlich {verderben perire, verderben perdere). — Die 
Beseitigung von chs = Jcs wünschen ursprünglich alle; später 
ändert Fulda seine Meinung; vgl. Sprach! II, 170 gegen I, 140. 
— Hemmer erwägt die Ersetzung von anlautendem st, sp durch 
seht, schp, ebenso Nast. Klops tock bleibt beim Üblichen, 
obwohl er glaubt, daß vor p und t wie vor l, m, n, w ein 
Mittellaut zwischen s und seh gehört werde. Fulda möchte am 
liebsten zu dem historischen s vor ?, m, n, w zurückkehren. 
Mäzke wollte ursprünglich überall, auch vor p und t, sein ein- 
faches scÄ-Zeichen setzen, bekehrte sich aber 1780 zu Fuldas 
historischer Unterscheidung. — Anderes, was mit der Aussprache 
zusammenhängt, übergehe ich. Über Mäzke s Unterscheidung 
des palatalen und velaren Nasals s. Nr. 6. 

6. Einfache Zeichen für einfache Laute an Stelle der üb- 
lichen Buchstabenverbindungen hat nur Mäzke einzuführen ver- 
sucht. In den Grammatischen Abhandlungen schlägt er 
vor, für den palatalen und velaren Nasal ein durchstrichenes n 
zu schreiben; doch wollte er nicht eigentlich dieses Zeichen für 
ng setzen, sondern in Fällen wie lang(e) das g beibehalten. 
Übrigens war er sich über die einfache Natur des Lautes nicht 
klar. 1779 gab er das Zeichen auf. — Ein durchstrichenes f 
sollte das weiche seh (in Fremdwörtern wie page und einigen 
dialektischen Wörtern) bezeichnen, daneben auch das harte seh, 
wo es nur eine Aussprachmöglichkeit gab (im Anlaut deutscher 
Wörter). Sonst sollte der harte Laut durch ein durchstrichenes ß, 
d. h., da ß = ff, durch die Gemination des Zeichens für den 
weichen Laut angedeutet werden. Später wurde Mäzke durch 
den Einspruch Fuldas und Adelungs irre und 1780 entschied 
er sich dafür, im Anlaut vor l, m, n, w f zu schreiben, in 
andern Stellungen /). — Palatales ch verhielt sich nach seiner 
Meinung zu ;' wie ff, ff zu f, f; demgemäß schrieb er dafür 
zwei i, in gewissen Fällen, z. B. in einsilbigen Wörtern, die 



1 Auch Mäzke kennt nur eine Qualität des kurzen 



§ 166. 167.] Die Grammatik nach Gottsched. 293 

keiner Verlängerung fähig sind, genügte auch einfaches ;. Ein 
Strich durch ; oder ;; deutete den velaren Laut an. Die Punkte 
über den j ließ er durchaus weg. 1780 benutzte er den Punkt 
zur Unterscheidung des Velaren vom Palatalen und ließ dafür 
den Strich weg. Z. B. ij, nijt, gleijj; noj, Najt, majjen. 

7. Das z ersetzte niemand durch ts. Klo p stock erklärt es 
wohl für zulässig ts zu schreiben, zieht aber für seine Person 
vor, z als «Schreibverkürzung» konsequent durchzuführen; so 
schreibt er etwa Lichz, taz, ifz = ists. Ein t vor z zu setzen 
erklären alle für unnötig, nur Mäzke kehrt 1780 zu der üb- 
lichen Schreibung zurück. — Das x hält Hemmer für zulässig, 
außer wo die Lautverbindung ks durch den Antritt einer Endung 
entstanden ist: also Saxen, aber des Saks. Ähnlich Mäzke 
und Nast. Fulda erklärt Spracht. I, 140 x für sicherer als das 
Schwanken zwischen gs, chs und ks, aber II, 170 beschränkt er 
x auf Fremdwörter. Am weitesten im Gebrauch dieser «Schreib- 
verkürzung» geht wieder Klopstock; er schreibt nicht nur waxen, 
sondern auch Glüx, Foix. 

8. Die Majuskeln behalten in der Praxis alle bei, nur Hem- 
mer schreibt im Kern die Substantiva mit kleinen Anfangs- 
buchstaben. Klopstock steht der Beseitigung der Majuskeln 
sympathisch gegenüber. 

9. Die Schreibung der Fremdwörter behandeln die Schwaben 
konservativ, die andern wollen auf sie die allgemeinen Regeln 
anwenden. 

167. In dem Kampf um die Sprachnorm ist die Stel- 
lung der Parteien nicht mehr so leicht zu überblicken 
wie früher. Heynatz ist für Nast ein sächsischer Sprach- 
lehrer 1 und doch wendet er selbst sich gegen den Anspruch 
der Meißner auf autoritative Geltung ihrer Mundart und 
begründet im ersten seiner Briefe die Deutsche Sprache 
betreffend das Recht eines Märkers, eine deutsche Sprach- 
lehre zu schreiben. Namentlich die obersächsische Aus- 
sprache erscheint ihm ebenso wie Klopstock fehlerhaft. 
Überhaupt hat sich in diesem Zeitraum kein Grammatiker 
von Ansehen für den Vorrang Meißens erwärmt — Adelung 
war vorerst nur als Lexikograph aufgetreten. Aber, was 
den Norden vom Süden trennt, ist die Überzeugung, daß 
es eine im wesentlichen feststehende Schriftsprache gebe, 



1 Schwäbisches Magazin 1775, S. 205 f. Ober- und Nieder- 
sachsen faßt er eben zu einer Einheit zusammen. 



294 Kapitel 7. [§ 167. 

die der Grammatiker höchstens in Kleinigkeiten noch 
bestimmter regeln könne. Heyn atz erklärt (Briefe, I. Teil, 
S. 34): «Die Hochdeutsche Sprache, so wie sie in Schriften 
lebt, ist das allgemeine Muster, nach welchem sich alle, 
so lange der Gebrauch nicht wankt, zu richten schuldig 1 
sind. Der Sprachlehrer, er sei Sachse oder Märker, kann 
wenig oder nichts entscheiden, wenn er den Gebrauch 
guter Schriftsteller gegen sich hat.» Den norddeutschen 
Charakter der Schriftsprache erklärt er rein histotrisch. 
«Hätten die ersten unter den neuern guten Schriftstellern 
in Schwaben oder Tyrol geschrieben, so würde die Bücher- 
sprache mehr Schwäbisches oder Tyrolisches enthalten. Jetzt 
kommen die andern Provinzen zu spät; wir dürfen ihnen 
nicht folgen, auch wenn sie nach Gründen recht haben» 
(Briefe, VI. Teil, S. 21). 

Klopstock spricht dem Grammatiker jedes Recht auf 
Regelung der Sprache ab. «Weil er die Sprache nehmen 
muß, wie sie ist, und nicht wie sie, nach seinem ge- 
gründeten oder ungegründeten Bedünken, seyn solte, so 
ist es der Sprachgebrauch allein, der, sowohl in Ab- 
sicht auf die Regeln, als auf die Bemerkungen, sein Führer 
seyn muß. Er mag auf ihn als einen Tyrannen so viel 
schelten, wie er will; aber gehorchen muß er ihm. Thut 
er das nicht, so ist er ein grammatischer, bisweilen recht 
feiner Schwätzer, aber kein Grammatiker.» Er dürfe wohl 
auch über das noch Festzusetzende seine Meinung sagen, 
aber er entscheide nicht. «Denn er hat nur Eine Stimme. 
Er muß mit andern ehrlichen Leuten geduldig abwarten, 
was der Tyrann für ein Endurtheil fällen werde.» Sobald 
das Volk, die guten Gesellschaften und die «Scribenten» 
übereinstimmen, gilt keine Widerrede, mag das, worin diese 
drei Faktoren übereinstimmen, noch so widersinnig sein, 
wie etwa das Wort allerdings, in dem Mehrzahl und Ein- 
zahl verbunden sind. Das Volk oder die guten Gesellschaften 
allein könnten selten etwas entscheiden, vornehmlich komme 
es auf das Beispiel der guten Skribenten an (Werke, 
VIII, S. 164ff.). 

Selbst in der Bestimmung der Aussprache knüpfen 
Klopstock und Heynatz an etwas Positives an, nämlich an 
die geltende Rechtschreibung. Klopstock sagt dies aus- 
drücklich. Aber auch für Hevnatz kann doch nur die 



§ 167. 168.] Die Grammatik nach Gottsched. 295 

Schrift den Maßstab abgeben, wenn er etwa das mär- 
kische ei für besser erklärt als das obersächsische ai. 1 

Mehr Gewicht legt Mäzke auf analogistische Er- 
wägungen. Aber auch er versichert, daß ihm der Sprach- 
gebrauch heilig sei, und seine sehr weitgehenden ortho- 
graphischen Reformen sollen nach seiner Meinung nur 
folgerichtige Durchführungen der Grundsätze sein, die dem 
geltenden Schreibgebrauch zugrunde liegen. 

Bei den Süddeutschen spielen dagegen die so- 
genannten Sprachgründe eine viel größere, bei den Schwaben 
die Hauptrolle. Dabei gelangen sie oft zu Entscheidungen, 
die dem feststehenden Gebrauch der Literatursprache zu- 
widerliefen, oder sie lassen den einzelnen Landschaften 
eine Freiheit, die ihnen der Norden keineswegs einzuräumen 
geneigt war. Wo sie nur können, suchen die Schwaben 
den Sachsen «Fehler» nachzuweisen im stolzen Bewußt- 
sein, daß der Süden die Heimat des Hochdeutschen sei, 
während die Niedersachsen diese Sprache vom Süden her 
empfangen hätten und die Mitteldeutschen Mischlinge 
seien. 2 

168. Schon gelegentlich der Streitigkeiten, die sich 
an Hemmers «Abhandlung über die deutsche Sprache zum 
Nutzen der Pfalz» knüpften, hatte ein Gegner Hemmers be- 
hauptet, daß «insgemein zu reden, die Pfälzer weit besser 
sprechen, als die Sachsen». 3 Den eigentlichen Kampf er- 
öffnete aber Nast im Schwäbischen Magazin von 1775. 
Wohl erkennt er an, daß die Norddeutschen sich die 
größern Verdienste um die Grammatik erworben hätten, 
aber dieses Lob wird mit wohlwollender Herablassung 
gespendet. «Sie haben alles gethan, was man von ihnen 



1 Briefe die Deutsche Sprache betreffend, Teil I, S. 15 f. 
Manchmal stellt er freilich analogistische Erwägungen an. In 
an und nach sei es besser, den Vokal kurz zu sprechen, weil 
er in allen andern Präpositionen kurz sei, außer in vor und für. 
Aber von vor komme vorig, also könne es kein kurzes o haben, 
und für und vor seien einerlei. Briefe, I, S. 24 f. 

2 Die Pfälzer, Hessen und Franken sind nämlich nach Fulda 
Mischlinge von Hoch- und Niederdeutschen, die Meißner von 
Hochdeutschen, Niederdeutschen und Slaven. Vgl. Preisschrift, 
S. 60. 

3 Vgl. Heynatz, Briefe, V. Teil, S. 54. 



296 Kapitel 7. f§ 168. 

erwarten konnte, und daß sie nicht noch mehr gethan 
haben, daran ist wohl die Trägheit der südlichen Teutschen 
Schuld, die es an ihren Beiträgen und Mitwürkung haben 
fehlen lassen. Dann ohne diese werden die nördliche 
Teutschen sich niemal gewiser Sprachfehler entledigen, die 
sie, als Mischlinge von der Platt-teutschen Sprache von 
Jugend an einsaugen, die sie zu Regeln machen, uns auf- 
bürden, und wenn wir sie nicht nachahmen, uns dieser 
und jener Provincialfehler strafen» (S. 206). Er beschuldigt 
die Sachsen der Unkenntnis der Sprache: «die sächsische 
Weise, diß Wort (Bauer) zu decliniren, macht eine ano- 
malie, und zeugt von ihrer Unkunde. Sollen wir nach- 
betten um mit den Sachsen zu feien ? das mögen schwäbische 
Affen thun, die ihre Sprache höhnen, weil sie sie nicht 
kennen» (S. 318). 

Dem sächsischen e ist er beinahe so gram wie Dorn- 
blüth. Statt bös, feig, geschwind böse, feige, geschwinde zu 
sagen, ist ein Provinzialfehler, der um so unstatthafter 
sei, als die Sachsen das e, «ihren Weichling», nach bloßer 
Willkür anhängen. «Es ist zum lachen, wenn man in den 
sächsischen Sprachlehren list, wie sie sich Mühe geben, 
ihrem Liebling, der sich unter keine Regel beugen will, 
Regeln vorzuschreiben» (S. 382). Herablassend weist er 
den Sachsen einen Ausweg aus der «Verlegenheit», wenn 
die Schwaben sie zur Rede stellen, warum sie vielen 
Wörtern der vierten (d. h. der schwachen) Deklination 
«ein weiblich e» anhängen, und «weil man den weichlichen 
Mäulern ihren Liebling nicht wieder nemmen kann», will er 
ihnen zu Gefallen eine Declinationem Saxonicam anhängen, 
wie man es in der griechischen Grammatik mit der 
Declinatione Attica mache. «Diß soll mich doch wol mit 
ihnen wieder aussönen, da ich sie zu den teutschen Athenern 
mache» (S. 316 f.). Auch wo er den sächsischen Gebrauch 
gelten läßt, fordert er für den schwäbischen mitunter 
gleiches Recht 1 und ohne jede Begründung erklärt er, 
wie Dornblüth in ähnlichen Fällen, die umgelauteten 
Formen bäht, schläft u. a. m. für «affectirt» (S. 211). Auch 
kann er sich's nicht versagen, den Märkern und Sachsen 



1 Er erklärt, man müsse den Schriftstellern völlige Freiheit 
lassen, die schönen oder die schöyie zu schreiben, S. 383. 



§ 168. 169.] Die Grammatik nach Gottsched. 297 

die freundliche Mitteilung zu machen, «daß ihre gedehnte, 
mit so viel dunkeln e durch webte Aussprache uns schaf- 
blökend vorkommt» (S. 447), 

Fulda wird in den höchsten Ausdrücken gepriesen. Er 
ist der gründliche Denker, «der den Schaz unsrer Sprache 
ganz überschaut, der aus dem ganzen Umfang derselben 
seine Regeln abstrahirt, der bei den Ausnahmen völlige 
Enumeration gibt, und nicht, wie viele Grammatiker, ein 
paar Exempel hinsezt, und den Leser und Lehrling dafür 
sorgen läßt, wie und wo er die übrige zusammen bringt» 
(S. 323). «Es ist hohe Zeit, daß wir ihn haben, um ihn 
als Damm gegen einen Strom zu stellen, der manche ihrer 
eigenen Schäze unkundige Schwaben mit sich fortgerissen, 
die, wie es allen Nachbetern geht, das Gute der Sachsen 
nie erreichen, mit ihren Fehlern aber sich schmüken, und 
neue hinzusezen» (S. 206 f.), 

169. Nast erfuhr Widerspruch von einer Seite, von 
der er sich wohl eher Beifall versprochen hatte. Aichinger 
teilte ihm Bemerkungen zu seinen Aufsätzen mit und 
Nast veröffentlichte sie im Magazin von 1775 und 1776. 1 
Der alte Gegner Gottscheds gebärdete sich jetzt recht kon- 
servativ. Von orthographischen Neuerungen mochte er nichts 
wissen, und sehr vieles, was Nast als richtiges Deutsch 
hingestellt hatte, erklärte er für provinziell Schwäbisch. 
Er wird mitunter recht scharf. Es gehe nicht an, «die 
allgemeine teutsche Sprache nach eigenem Wahn und durch 
eine neue Erdichtung zu reformiren, in der Meinung, daß 
man dardurch die Sachsen demüthige» (S. 28). «Ein Sprach- 
lehrer soll die Sprache betrachten, beschreiben und lassen, 
wie sie ist, und ihr nicht seine eigene Gedanken, wie sie 
sein sollte, aufdringen. Gleichwie es keine Verbesserung 
der Sprache sein würde, wenn wir darnach strebten, und 
es dahin brächten, daß alle Teutsche mit uns schwäbelten 
oder pfälzelten» (S. 164f.). 2 

1 Aichinger hatte ursprünglich keine Veröffentlichung ins Auge 
gefaßt, vgl. Magazin 1776, S. 852. — Die folgenden Zitate be- 
ziehen sich alle auf den Jahrgang 1776 des Magazins. 

2 Vgl. auch S. 633 : «Was also der Herr Verfasser schreibt . . . 
das werden andere Teutsche umwenden, und z. B. sagen: uns 
ist unbegreiflich, daß es Teutsche geben kann, die wider alle 
Sprachrichtigkeit und zur Beleidigung teutscher Ohren fräs, ran, 



298 Kapitel 7. [§ 169. 

Nast beharrte in seinen Antworten meist auf seiner 
Meinung. Wohl mußte er erkennen, daß so manche 
sächsische «Fehler» nicht bloß sächsisch waren, aber er zog 
daraus nur die Folgerung, daß sein Schwäbisch um so 
mehr wegen seiner Richtigkeit zu loben sei. 1 

Auch Fulda beteiligte sich an der Diskussion, meist 
in Anmerkungen, in denen er hochmütig ex tripode Aus- 
sprüche tat. Aichinger replizierte gereizt. Fuldas Pochen 
auf seine altdeutschen Kenntnisse imponierte ihm nicht. 
Er schloß seine Bemerkungen mit einem grammatikalischen 
Bekenntnis, das einer vollständigen Absage an die Schwaben 
gleichkam. 2 



schlos mit dem gedehnten Ton und einfachen Konsonanten aus- 
sprechen können. Wie den Hn. Schwaben wunderlich und un- 
leidlich vorkommt, was sie nach ihrem Dialekte nicht gewohnt 
sind : so ist den übrigen Teutschen hinwiederum.» 

1 Vgl. z. B. S. 634 f.: «nun, da ich zu meiner grösesten Ver- 
wunderung vernommen, daß so viele teutsche Provinzen änderst 
sprechen und schreiben, so habe ich für so viele auch so viel 
Respekt, daß ich es von nun an keine Anomalie mehr nennen, 
aber deswegen doch behaupten werde, daß der wirtembergische 
Dialekt besser als jener ist, meinethalben mögen jene das Gegen- 
teil sagen. Je mehr ich von fremden Dialekten höre, je mehr 
lerne ich meinen Dialekt schäzen, der vom gekünstelten und 
affektirten eben so weit als vom feierhaften frei ist .... Viele 
dergleichen einzele Fälle, wo die Schwaben bald gegen dise, 
bald gegen jene Provinz sprachrichtiger befunden werden, be- 
stärken mich immer mehr, daß bei uns die echte teutsche 
Sprache am reinesten aufbehalten, und mit den wenigsten Feiern 
beflekt sei.» 

2 «Wer eine teutsche Grammatik oder grammatische Ab- 
handlung schreibet, der schreibet für die gegenwärtige Welt. In 
einer lateinischen Grammatik thut es gute Dienste, wenn bis- 
weilen etwas aus der uralten lateinischen Sprache zur Erläute- 
rung angeführet wird. Wenn laber einer die Archaismos zu 
lauter Regeln machen, und die lateinischen Declinationen und 
Conjugationen aus den Gesezen der 12. Tafeln zusammen klau- 
ben wollte : so würde niemand von ihm lateinisch lernen können. 
Eben dieses gilt auch im Teutschen. Ich meines Theils halte 
die Art, teutsch zu schreiben, welche vor 30. und 40. Jahren 
durchgehends für die richtigste und reineste geachtet worden ist, 
noch immer für die beste. Die Etlichen, welche seit selbiger 
Zeit die teutsche Schrift ... zu verbessern gesucht haben, sind 



§ 169. 170.] Die Grammatik nach Gottsched. 299 

Diese Streitigkeiten der Süddeutschen untereinander 
blieben den norddeutschen Grammatikern wohl unbekannt. 
Die Ansichten der Schwaben fanden erst durch den 
Teutschen Sprachforscher Verbreitung. Inzwischen 
waren Hemmers Sprachlehre und «Grundris», sowie 
Mäzkes Grammatische Abhandlungen erschienen. 

170. Hemmer schließt sich in seinen Ausführungen 
über das Wesen des Hochdeutschen enge, teilweise wörtlich 
an Gottsched an. Es gehe in Deutschland eine gewisse Art 
zu reden im Schwange, die sich an keine besondere Mund- 
art binde, sondern das Gewöhnlichste und Beste aus allen 
herausnehme ; diese ausgesuchte, auserlesene Mundart führe 
billig den erhabenen Namen der hochdeutschen. Diesen 
Kern der Sprache, das echte Hochdeutsch, könnten nur 
die Gelehrten bestimmen. 1 Bestimmen, aber nicht erfinden. 
Die Sprachrichtigkeit werde bestimmt durch den durch- 
gängigen Gebrauch, demnächst durch die Analogie, die in 
schwankenden Fällen zu entscheiden habe. Auch das ist 
noch ganz Gottschedisch. Ja, selbst wenn Hemmer lehrt, 
daß manchmal, wie z. B. bezüglich des Genus der Substan- 
tiva, die Analogie nichts bestimme und jeder sich nach 
dem Gebrauch seines Vaterlandes richten könne, so wider- 
spricht dies nicht geradezu den Äußerungen Gottscheds 
(S. 203 der 5. Aufl.), er habe die Geschlechtsregeln nach 
der «hier zu Lande herrschenden hochdeutschen, oder meiß- 
nischen Mundart» eingerichtet und lasse den übrigen «Lands- 
leuten» die Wahl, ob sie sich derselben bequemen, oder 
bei ihrer alten Art bleiben wollten. Aber freilich, ganz 
ernst war es Gottsched mit dieser Toleranz nicht gewesen. 
Hatte er doch auch der «besten Mundart», die für ihn das 



immer nur noch Etliche. Wenn Etliche noch weiter gehen, und 
die teutsche Schrift mit dem verlegenen schimmlichen Ge- 
wände, welches sie vor 3. 4. und mehrern Jahrhunderten ge- 
tragen hatte, aufpuzen wollen; so werden sie hoffendlich auch 
Etliche bleiben, und nicht Alle draus werden. Mein Wunsch ist. 
daß die teutsche Sprache und Orthographie so, wie sie jezt noch 
bey den meisten Gelehrten ist, ohne die neu- oder altmodischen 
Neuerungen der Etlichen, auch bei der Nachwelt die meisten 
Stimmen behalten möge.» S. 856 f. 

1 Deutsche Sprachlehre, S. 7. Vgl. Gottsched, S. 2, § 2 b 
der 5. Auflage. 



300 Kapitel 7. [§ 170. 

Meißnische war, eine gewisse Autorität zugesprochen. Hier 
ist nun der Punkt, wo Hemmer von Gottsched abweicht. 
Die Autorität einer besten Mundart besteht für ihn nicht, 
auch ein Vorrang wird dem Meißnischen nicht eingeräumt. 
Hemmer deutet an, daß die Süddeutschen mitunter richtigere 
Formen gebrauchten 1 und daß, wenn Lieblichkeit und An- 
mut der Aussprache nicht bloß in der Einbildung existierten, 
das Pfälzische einen vorzüglichen Anspruch darauf machen 
könne; es habe dadurch, daß es die Mitte zwischen den 
zwei deutschen Hauptmundarten halte, eben die Eigen- 
schaft, worin die so hoch gepriesene Anmut der ober- 
sächsischen Mundart bestehe. 

Die Frage der richtigen Aussprache mußte Hemmer 
näher ins Auge fassen, als er seine orthographischen Re- 
formvorschläge veröffentlichte. Er ist strenger Phonetiker. 
Die einzige Regel für den Schreibenden sei die Aussprache. 
Daraus folge, daß jeder Buchstabe einen Laut bezeichnen, 
kein Laut durch verschiedene Buchstaben ausgedrückt 
werden und jeder Buchstabe nur einen Laut anzeigen solle. 
Welche Aussprache soll nun geschrieben werden? Hemmer 
billigt nicht alle Pfälzer Eigentümlichkeiten. Schon in seiner 
ersten Schrift hatte er die Unterscheidung von ö und e, 
ü und i gefordert 2 und davon ist er nie abgegangen. Auch 
wäre es ihm lieber, wenn man sich entschlösse, die nieder- 
sächsische Aussprache des sp, st anzunehmen; tue man 
dies aber nicht, so solle man schp, seht auch schreiben. 
Auf den Einwurf, daß dann Deutschland in der Schreibung 
geteilt wäre, erwidert er: «Ist es im Sprechen getrenet, 
und wil dise Trenung nicht heben: warum sol es nicht 



1 «Hätten z. B. die Gelehrten aus denjenigen Landschaften, in 
welchen man Vatter spricht, bisher nicht so viele Nachsicht gegen 
die übrigen Landschaften gehabt: so stünde dieses AVort dem 
Vater schon gewiß an der Seite, oder es wäre vielleicht gar schon 
im Besize des Vorzuges, welchen es verdienet : denn die Sprach- 
ähnlichkeit hält dem erstem die Stange, dem leztern nicht.» 
S. 13 f. Auch die Bevorzugung von fünfzehn vor fünfzehn ge- 
hört hierher. 

2 Abhandlung über die deutsche Sprache zum Nutzen der 
Pfalz, S. 89 f. Hemmer lehrt, daß ö wie frz. eu, ü wie frz. u 
zu sprechen sei. S. 83 f. 85 f. werden die pfälzischen b, d statt 
p, t getadelt. 



§ 170. 171.] Die Grammatik nach Gottsched. 301 

auch im Schreiben getrenet sein dörfen? Warum solte 
man sich weigern oder schämen, seine Sprache so auf 
das Papir zu malen, wi si im Munde ist? Erfodert das 
nicht di Natur der Schrift?» (Grundris, S. 58 f.) Ebenso 
müsse der Pfälzer, wenn er seine Aussprache nicht ändern 
wolle, ch für inlautendes g schreiben, und in sehr vielen 
Wörtern b, d statt p, t setzen. 

171. «Eine lebendige Sprache kann und muß verbeßert 
werden; und also auch die deutsche», beginnt Mäzke seine 
Abhandlung über die allgemeinen Grundsätze der Recht- 
schreibung einzelner Wörter (Grammatische Abhandlungen, 
S. 25), «Eine Sprache verbeßern heißt weniger Abweichungen 
von den Regeln der selben machen.» Die allgemeinen Ge- 
setze einer Sprache folgen aus den Gesetzen der Gram- 
matik, die besonderen beruhen auf dem Gebrauch der 
einzelnen Sprache. Die Verbesserung besteht nun darin, 
daß man von widerstreitenden Regeln diejenige allgemein 
macht, welche die meisten Fälle unter sich begreift und 
den allgemeinen Sprachgesetzen gemäß ist. Diese Verbesse- 
rung geht eher an bezüglich des Schreibens als des Redens, 
weil man beim Schreiben die allgemeine, gute, hoch- 
deutsche Sprache besser beobachtet, weil die Verbesse- 
rung allgemeiner gemacht werden kann, und endlich, weil 
der Schreibgebrauch noch vielfach schwankt. Am Sprach- 
gebrauch kann man höchstens Kleinigkeiten ändern, wie 
man einem mächtigen Nachbar, der ein Stück von unserm 
Acker usurpiert, nur nach und nach eine Linie abfurchen 
kann. Solcher Kleinigkeiten macht Mäzke S. 30 ff. einige 
namhaft. 1 Hauptsache ist für ihn die Verbesserung der 
. Schreibung. 



1 Man sollte Vernumft, Ankummft, Zumft, samft sprechen, 
nicht bloß wegen der Stammwörter verneinen usw., sondern «weil 
es ein so allgemeines Gesez aller Sprachen ist, daß das n vor 
den Lippenbuchstaben schwer auszusprechen und also übellautend 
ist, daß so gar in andern Sprachen dieses n . . in m verwandelt 
wird, wenn es vor einem Lippenbuchstaben zu stehen kömmt». 
Ferner entfangen, entfeien, entfinden statt empfangen usw., weil 
ent- sonst nie, auch . nicht vor Labialen, zu emp- werde. Dann 
Unger, Ahern, Eichern, weil sonst die Ableitungssilben -ar, -orn 
nicht vorkommen. Endlich Horning statt Hornung, da alle Wörter 
auf ung Feminina sind. 



302 Kapitel 7. [§ 171. 

Prinzipien der Rechtschreibung sind: 1. die Aussprache, 
2. die Etymologie und die Analogie. «Nämlich, daß man 
eben so, (wie der Schreibgebrauch die Aussprache be- 
zeichnet, oder auch zugleich die Etymologie, wenn dadurch 
keine falsche Lesart entsteht,) stets und in allen den Fällen 
schreibe, die die nämliche Bestimmung und Beschaffenheit 
haben» (S. 64). Das Resultat seiner Untersuchungen faßt 
er in die Regel zusammen: «Schreib (analogisch nach dem 
herrschenden und richtigem Gebrauch) die Wörter nach 
ihrer Etymologie, und bezeichne diese so lange, als es 
nur nicht wider die allgemeine und bäßere Aussprache ist» 
(S. 108), 

Der Schreibgebrauch ist kein besonderes Prinzip, aber 
die beiden von Mäzke anerkannten (Aussprache und Etymo- 
logie) laufen ihm eigentlich nicht zuwider, sondern machen 
ihn nur folgerichtig. Der Schreibgebrauch wird in den 
allgemeinen Regeln, aber nicht in allen einzelnen Fällen 
befolgt. Denn im großen und ganzen ist der Schreibgebrauch 
schon etymologisch-phonetisch. In sehr gründlicher Weise 
zeigt Mäzke, welches die Erfordernisse einer die Aussprache 
folgerichtig und zweckmäßig bezeichnenden Schreibung seien 
und worin der deutsche Schreibgebrauch von dem Ideal 
abweicht, weist aber dann nach, daß eine ganze Reihe 
dieser Abweichungen sich durch das etymologische Prinzip 
erklären. 

Daß die Schrift die Aussprache bezeichnen solle, folgt 
für Mäzke aus ihrem Wesen : sie ist eben Buchstabenschrift, 
nicht Wortschrift oder Hieroglyphik. Daß sie auch die 
Etymologie bezeichnen solle, glaubt er bewiesen durch einen 
Satz seiner «Charakteristik», d. h. der Lehre von den voll- 
kommenen Zeichen. Danach gehören hergeleitete Zeichen 
zur Vollkommenheit, weil sie die Bedeutung leicht er- 
kennen lassen. Wer da weiß, was Mensch bedeutet, und 
die Kraft der Silbe lieh kennt, verstehe leicht auch den 
Sinn von menschlich. Daher sei die Etymologie ein wichtiges 
Prinzipium in den Sprachen; ihre Regel laute: «Ein jedes 
abstammende Wort sei seinem Stammwort so ähnlich als 
möglich» (S. 40). 

Damit ist ein richtiger und fruchtbarer Gedanke aus- 
gesprochen. Aber die treibenden Motive sind für Mäzke 
doch nur die Tradition und schulmeisterlicher Dünkel, der 



§ 171.] Die Grammatik nach Gottsched. 303 

ihn die Zwecke der Schrift verkennen läßt. Erst durch die 
Etymologie werde die Rechtschreibung zur Wissenschaft, 
sagt er S. 58 und wiederholt es später noch oft. 1 Durch die 
Etymologie werde die Einsicht in die Sprache ungemein 
erleichtert (S. 59). Sogar der Patriotismus wird angerufen: 
«Billig schreiben wir sehen, gehst, steht; um jedem An- 
fänger, Jünglinge und Frömden durch diesen einzigen Buch- 
staben, das h, die Natur unsrer Sprache zu eröffnen und 
aller Welt den Ruhm ihrer Analogie darzulegen» (S. 86 f.). 

Die Schrift soll die Aussprache bezeichnen. Aber welche 
Aussprache ? Mäzke antwortet : besondere Fälle abgerechnet, 
die hochdeutsche. Wenn aber diese nicht feststeht, infolge 
des Widerstreits der Mundarten, so entscheidet einmal die 
größere Allgemeinheit. Da den Niedersachsen das bei den 
Obersachsen Gebräuchliche größtenteils verständlich ist, 
aber nicht umgekehrt, so hat die Stimme der Obersachsen 2 
mehr Gewicht, auch in der Aussprache. Daher z. B. schtehen, 
nicht stehen. Eine interessante Folgerung, die Mäzke ander- 
wärts zieht, ist, daß die niedersächsische gerundete Aus- 
sprache von ö und ü falsch sei. Eine obersächsische Pro- 
vinz von einer gewissen Größe im Verein mit dem Nieder- 
sächsischen überwiegt die übrigen Provinzen. So ent- 
scheiden die Schlesier und Niedersachsen die weiche oder 
harte Aussprache des b, d, g und p, t, k. Von größerer 
Wichtigkeit sind aber innere Kriterien, die sogar für eine 
einzige Provinz entscheiden können. Solche innere Kri- 
terien oder, wie Mäzke sie nennt, Regeln der Vollkommenheit 
sind die Etymologie, die Analogie überhaupt und die Eu- 
phonie. So ist nach der Regel der Etymologie die schlesische 
Aussprache Lob richtig, wegen Lobes, Lobe, dagegen das 
märkische Lopp unrichtig (S. 80 ff., ähnlich S. 399). 

Das etymologische Orthographieprinzip läßt sich so 
definieren: «Einerlei Silbe muß immerdar so viel als mög- 
lich, auf einerlei Weise geschrieben werden» .(S. 52). Mäzke 
bemerkt mit Recht, daß die übliche Regel, das Abstammende 



1 So Versuch in Deutschen WörterFamilien, S. 91: «die 
Etymologie — Nun dadurch eben wirdt die Orthographie zu'r 
Wissenschaft; bloße Bezeichnung der Aussprache ist Handwerks 
Gemähide». Ähnlich S. XII. 

2 Unter Obersachsen versteht Mäzke Ostmitteldeutschland. 



304 Kapitel 7. [§ 171. 172. 

müsse dem Stammwort möglichst ähnlich geschrieben 
werden, nicht ausreiche, daß vielmehr bei der Schreibung 
des Stammworts die Wahl unter verschiedenen Buchstaben 
durch die abgeleiteten Wörter bedingt werde, z. B. lieb, 
nicht liep, wegen lieben. Den Begriff von «einerlei Silbe» 
nimmt er viel weiter als die übliche Orthographie; er er- 
streckt ihn auch auf Fälle, wo der etymologische Zusammen- 
hang durchaus nicht für jedermann zutage tritt; so schreibt 
er steihl mit h, wegen steigen. 

Das Prinzip der Etymologie ist dem Prinzip der Aus- 
sprache untergeordnet (S. 61); dies sagt ja auch der Satz 
aus, daß man die Etymologie bezeichnen solle, so lange, 
als es nur nicht wider die allgemeine und bessere Aus- 
sprache sei. Was Mäzke damit meint, macht am besten 
ein Beispiel klar. Da im Auslaut nur harte Laute möglich 
sind, würden mag und mak auf einerlei Art gelesen werden; 
man schreibt mag, weil man den Endlaut der Grundsilbe 
in dem zweisilbigen mögen nur durch g bezeichnen kann. 
Man bezeichnet also in mag die Etymologie ohne Schaden 
für die Aussprache. Dagegen darf man nicht der Etymo- 
logie zuliebe mogte schreiben, da dies mokte gelesen werden 
müßte. 

Auf Grund seiner Anschauungen entwirft Mäzke ein 
höchst verwickeltes Schreibsystem, das gewiß niemand außer 
ihm leicht gefunden hat. Es ist charakterisiert durch die 
Einführung neuer Zeichen (166, 6), namentlich aber durch 
die Menge Buchstaben, die es erfordert. Man denke an 
die Konsonant- und Vokaldopplungen (166, 1, 3) und an 
die vielen etymologischen h. Dazu kommen noch andere 
durch das etymologische Prinzip veranlaßte stumme Zeichen. 
So entstehen Gebilde wie trääffen, Flüüjje, oder gar gröößste. 
Allerdings hätte diesem Übelstand die Einführung des 
Zirkumflexes einigermaßen abhelfen können. 

172. Die orthographischen Vorschläge Hemmers und 
Mäzkes wurden von Fulda im ersten Band des Teutschen 
Sprachforschers besprochen. Der Herausgeber dieser 
Zeitschrift, Nast, empfahl sie zur besonderen Prüfung «dem 
rumvollen Kleblatt Teutschlands Herrn Klopstock, einem 
Nidersaxen; Herrn L es sing, einem Obersaxen; Herrn 
Wieland, einem Schwaben.» Er beklagt in der Vorrede, 
daß nach der Reformation der Norden und der Süden 



| 172.] Die Grammatik nach Gottsched. 305 

Deutschlands einander entfremdet wurden, er wünscht, daß 
die deutschen Landschaften einander brüderlich die Hände 
reichen, er hofft, daß ein allgemeiner Eifer Deutschlands 
Provinzen beleben werde. Dann werde man noch vor Ab- 
lauf des Jahrhunderts die deutsche Sprache «auf einem 
Grade der Verfeinerung sehen, den sich mancher nicht 
vermuten dörfte». Ohne Krieg und Streit werde es nicht 
abgehen, aber ohne Krieg gebe es keinen dauerhaften 
Frieden. Die Zeitschrift stehe jedem starkbewaffneten 
Streiter offen. «In diser Absicht haben wir auch den An- 
fangs verabgeredeten schwäbischen Sprachforscher zum 
teütschen umgetauft.» 

Aber derselbe Mann, der dem Niedersachsen Klopstock 
und dem Obersachsen Lessing huldigte, der alle deutschen 
Stämme zu gemeinsamer Arbeit aufrief, gab in derselben 
Vorrede seinem Heimatstolz den stärksten Ausdruck. Was 
mußte sich ein Norddeutscher denken, wenn er las : «Einem 
südlichen Teütschen sinds unverdauliche Brocken, wenn 
er hören und lesen mus, daß nördliche Teütsche z. B. g 
mit jh . . . erklären 1 , und ch jot und seh Gott weis wie? 
nennen. Ein Schwab stuzt, schüttelt den Kopf, und denkt 
in seinem bidern teütschen Sinn: sind das auch Teütsche? 
So klingt kein teütscher Buchstab! das mus wol slavische 
Erbschaft omd zum Teil niderteütscher Ueberrest sein !» Den 
«Saxen» wird vorgehalten, daß sie das Hochdeutsche von 
den alten Schwaben erhalten hätten; sie, die ihre Regeln 
nur aus der «aufs höchste seit einem Jarhundert Unter 
inen lebenden Sprache» ableiten, müßten doch selbst fühlen, 
daß der Grund, auf dem sie bauen, zu schlüpfrig sei, «um 
denselben dem entgegen zu sezen, der in der Sprache 
selbst ligt, und auf dem andere Mundarten wirklich ruhen». 
Wenn durch die Trennung zwischen Nord und Süd die 
Südlichen archaisch und unabgeschliffen blieben, so seien 
die Nördlichen von der Urquelle und dem Sitz des Hoch- 
deutschen abgekommen, «woraus sie immer neuen Vorrat 
hätten schöpfen, und immer Geleise hätten behalten können, 
nicht von dem geraden Wege abzukommen». «Sie beleckten 
unter Gottscheden zwar den Vorrat, den sie schon hatten, 
so vil und fleissig, als der Bär seine Jungen auf Breitkopfs 



1 Geht auf Klop Stocks Gelehrtenrepublik, Werke VIII, 172. 

Jellinek, Ge6chichte der nhd. Grammatik. 20 



306 Kapitel 7. [§ 172. 173. 

Druckerleiste, aber das tat der immer grösern Bedürfniß 
kein Genüge, und sezte der steigenden Gesezlosigkeit keine 
Schranken.» So geschrieben vier Jahre vor Lessings Tod 
und dem Erscheinen der «Räuber»! 

In den Aufsätzen, die aus dem Schwäbischen Magazin 
herübergenommen sind, kehren die Ausfälle gegen die 
Sachsen in ungemilderter Schärfe wieder. 1 Und in der 
Vorrede des zweiten Teils wendet er sich heftig gegen 
einige Rezensenten. «Prädilection für seine Provinz ist jedem 
einigermassen zu verzeihen, wenn aber Sprachgründe für 
die Provinz sprechen, wird sie löblich und Pflicht. Wir 
glauben in dem Fall zu seyn». «Unsre Sprache ist wie 
die grichische Republikanisch; jeder grichische Dialect 
hatte seine vortreffliche Schriftsteller, und der Attische hat 
den Vorzug vor den übrigen bloß durch die Menge und 
die Delicatesse seiner Schriftsteller erhalten. Sachsen, so 
sich anmaset, Teutschlands Athen zu sein, ist noch lange 
nicht auf dem Punkt der Vollkommenheit der Attischen 
Musen.» «Sprachgrund, mit dem Gebrauch (er sei wo er 
wolle, nicht blos sächsischem) verbunden, mus hier ent- 
scheiden.» 

Worin bestehen nun eigentlich diese Sprachgründe, auf 
die Nast so sehr pocht? Um eine Antwort zu erhalten, 
werden wir uns statt an Nast lieber an den originellem 
Fulda, Nasts Lehrmeister, wenden. 

173. Seit Schottelius arbeitete die deutsche Grammatik 
mit dem Analogieprinzip. Man wollte das Gebiet der Regeln 
möglichst weit ausdehnen, die man durch Induktion aus 

1 Es sind sogar neue hinzugekommen. S. 73 wird gelehrt, 
daß das -e der von Adjektiven und Verben abgeleiteten Feminina 
nie weggelassen werden dürfe, wohl aber das -e, das an gewisse 
Wurzeln trete (z. B. Base, Blume). «Dise Gränze mögen auch 
unsere sächsische Herren Sprachmeister merken, die uns one 
Unterschid wegen des ausgelassenen e tadeln, one in manchem 
Fall zu wissen, ob sie mit Recht tadeln oder nicht.» Der Aus- 
weg aus der «Verlegenheit», die den Sachsen das von ihnen den 
männlichen Wörtern wie Affe angehängte weibliche e bereitet, 
scheint ihm nach Aichingers Einspruch (Schwab. Magazin 1776, 
S. 24) nicht mehr gangbar. Die Anhängung des e ist jetzt «wider 
die Natur der Sprache» und «eine von den bösen Gewonheiten eines 
Landes, das uns je und je mit dergleichen Neuerungen beschenkt» 
(Sprachf. I, 56). 



§ 173.] Die Grammatik nach Gottsched. 307 

der Sprache der Gegenwart gewonnen hatte. Von dieser 
Art Analogie hält Fulda nicht viel. «Die Sprachkunde ist 
Wissenschaft, die studirt sein will. Nicht instinktliche Ein- 
förmigkeit, nicht mechanische Leir, die nur so vile Lieder 
singt, als sie darzu geschlagene Stifte hat. Analogie spricht 
erst, wo die Etymologie nicht widerspricht, und wo man 
nichts sicherers hat, woran man sich halten kan.» Also 
Etymologie ist das Schlagwort, die historische und ver- 
gleichende Sprachbetrachtung rückt in die erste Reihe. 

Fulda stellt etwa fest, daß der Stammvokal von blies, 
fließen und ähnlichen in der alten Sprache ein ganz anderer 
war als der Vokal von Sieg, Spiel usw., hier ein einfaches i, 
dort ein Diphthong. Dieselbe Trennung verlangt er fürs 
Nhd. Oder er erkennt, daß dem ei der gewöhnlichen Ortho- 
graphie in einem Teil der Wörter altes ei, in einem andern 
altes % entspricht, dem au teils ou, teils ü. Deshalb ist 
für ihn die schwäbische Trennung von ei = ei und ei == i, 
von du = ou und au 1 = u gerechtfertigt. Die moderne 
Sprache wird an den Zuständen einer frühern Zeit gemessen. 

Etwas ganz neues war dies nicht. Wenn frühere Gram- 
matiker bei der Erörterung der Frage, ob man edel oder 
ädel schreiben solle, Betrachtungen darüber anstellten, ob 
edel wirklich von Adel «herkomme», d. h. ob das Substan- 
tiv früher iii der Sprache dagewesen sei als das Adjektiv 2 , 
so gingen sie in ihrer Weise auch historisierend vor. Fulda 
begnügt sich auch nicht immer mit den überlieferten sprach- 
lichen Tatsachen, sondern geht bis in seine erträumte Wurzel- 
zeit zurück. Und Gottsched verfährt wirklich historisierend, 
wenn er etwa die Richtigkeit des d in deutsch damit er- 
weist, daß dieses Wort früher theotisc gelautet habe und 
in einer Menge von Wörtern einem alten th ein d ent- 
spreche. 3 Aber allerdings, mit der Konsequenz wie Fulda 



1 Ich bediene mich hier der Bezeichnungen Fuldas und Nasts. 
Die modernen Dialektforscher analysieren die schwäbischen Diph- 
thonge anders. Vgl. Kauffmann, Geschichte der schwäbischen 
Mundart, § 30. 

2 Vgl. Gottsched, S. 74 der 5. Auflage. 

3 S. 677 ff. der 5. Auflage. — Vergleichend geht Gottsched 
vor, wenn er sich S. 187 f. für die Schreibung chen in Deminutiven 
entscheidet mit Rücksicht auf das plattdeutsche ken. Auch Zesen 
hatte andere germanische Sprachen herangezogen; s. 90, 1. 

20* 



308 Kapitel 7. [§ 173. 

hat niemand vor ihm die Etymologie zur Festsetzung der 
Sprachrichtigkeit verwendet. 

Im Grunde genommen tritt dabei das Analogieprinzip 
nur in anderer Gestalt auf. Statt der Regel des Neben- 
einander soll die Regel des Nacheinander gelten. Und 
manchmal wird die gewöhnliche Analogie durch einen ein- 
fachen Kunstgriff historisiert. Fulda beobachtet etwa, daß 
vor einer Konsonantenverbindung der Vokal meist kurz 
ist. Deshalb erklärt er bei schwankender Aussprache die 
Kürze für besser. 1 Diese Schulmeisterregel wird dadurch 
wissenschaftlich gemacht, daß der stammhafte Bestand- 
teil solcher Wörter eine Wurzel dritter Ordnung mit hinterer 
Ankleidung genannt wird, für die von ihrer Entstehung 
an, die natürlich in die graue Vorzeit fällt, die Schärfung 
wesentlich gewesen sei. Vgl. Spracht., I, 171. Oder: 
während im Norden, so wie jetzt, die Vokale der starken 
Präterita bald lang, bald kurz waren, in der Quantität 
bald zum Infinitiv und zum Partizip stimmten, bald nicht, 
waren sie in der schwäbischen Aussprache des Schrift- 
deutschen immer gedehnt. Das Schwäbische hatte also eine 
einfache Regel. Fulda erklärt nun, daß die Dehnung in 
allen germanischen Dialekten von Wulfila an gegolten habe, 
also die sächsische «Neuerung», schwamm, sann und ähnliche 
zu schärfen, fehlerhaft sei. 2 

1 «Und wir denken, die hochteutsche Sprache entscheide, ob 
man : Erde, Warze, Schwert, Mond, — mit den Schwaben scharf — , 
oder mit andern gedent aussprechen, und im lezten Fall die 
Ausnamen meren solle?» Sprach! I, 142. — Vgl. auch I, 163: 
«Die Schlesier sprechen: die Bäche, das Tuch, der Fluch . . . 
scharf, und sie haben recht». 

2 Vgl. Schwab. Magazin 1777, 433, und Göttingisches Magazin 
der Wissenschaften und Litteratur II, 449. Es ist schwer be- 
greiflich, wie Fulda auf diesen verrückten Einfall gekommen ist. 
Aichinger vermutete, Schwab. Magazin 1776, S. '633, durch die 
Einfachschreibung des Konsonanten im Altdeutschen. Aber Fulda 
hätte doch merken müssen, daß im Altdeutschen wie im Neu- 
niederländischen die Einfachschreibung auf den Auslaut beschränkt 
ist, daß ein altdeutsches san, nl. zon ebenso zu beurteilen ist wie 
man «homo», und von dem Kenner Wulfilas hätte man wohl er- 
warten können, daß er sich an das im Codex Argenteus oft vor- 
kommende rann erinnert hätte. Davon gar nicht zu reden, daß 
er in den Niederlanden Gelegenheit hatte, zu hören, wie man 
dort Formen wie zon, zwom, won sprach. 



§ 173.] Die Grammatik nach Gottsched. 309 

Manchmal tritt auch die Konsequenzmacherei ohne jedes 
historische Kostüm auf. Die Feminina auf -nis und -sal 
sollen im Plural auf -en ausgehen, weil alle Feminina mit 
e-Plural umlauten müssen. 1 Das Präsens der starken Verba 
«biegt» den Vokal der ersten Person in der 2. und 3. «Also 
ist die sächsische Verfeinerung lauft, kömmt, säuft sehr 
sprachrichtig.» (Sprach!, II, 210.) 

Der historisierenden Methode liegt die Voraussetzung 
zugrunde, daß die alte Sprache besser gewesen sei als 
die moderne. Und daß dies seine innerste Überzeugung war, 
hat Fulda mehr als einmal verraten. Wie soll man folgende 
Worte anders deuten (Spracht., I, 282): «Es gibt keine 
andere Entschuldigung für die heutige Aussprache des 
Doppellauters ie, als wenn man erweisen kan, die Alten, 
die Vätter, von welchen wir die Wörter mit ihren Aus- 
sprachen haben, haben diese Wörter auch mit dem Doppel- 
lauter ausgesprochen. Was also die Alten nicht diph- 
thongisch, sondern mit einem einfachen i ausgesprochen 
haben, das hat nie kein Recht zum ie gehabt, was der 
Despot (d. i. der Usus) auch sagen mag.» 2 

Dabei mag die Meinung mitspielen, daß die ältere 
Sprache in sich analogischer gewesen sei. Aber Fulda 
rechtfertigt auch Schwankungen des Gebrauchs mit der 
Autorität des Altertums: nach dem Artikel dürfe man im 
N. A. PI. das Adjektiv auf -e oder -en ausgehen lassen. 3 

Es ist daher eine wunderliche Selbsttäuschung, wenn 
er sich gegen den Vorwurf wehrt, er wolle die echte 
heutige Schreibart aus Otfrid und Kero, dem kindischen 
Altertum, beweisen (vgl. oben S. 281). Er mochte glauben, 
daß er seine Regeln aus der «Natur der Sprache selbst» 



1 Vgl. Schwab. Magazin 1776, S. 177. Spracht. II, 191. 

2 Vgl. auch oben S. 281 und Sprach! I, 146: «Und endige mit 
dem herrlichen, leider fergeblichen Wunsch der orthographischen 
Rükker Winsbekischer Zeiten. . . . Billig überseufzet das mer 
als ältelnde achtzehende Jarhundert diese auf ewig verflossene 
männliche teutsche Jare.» 

3 Sprachf. II, 197. Nasts Behauptung, Sprachf. I, 94, daß 
Fulda in der Preisschrift gezeigt habe, daß der Gebrauch ohne 
n älter sei, ist falsch. Fulda hatte gesagt, daß im Altertum -e 
und -en gebräuchlich waren. Wohl aber hatte er S. 42 f. den 
modernen schwäbischen Gebrauch zu rechtfertigen gesucht. 



310 Kapitel 7. [§ 173. 

ziehe, und bedachte nicht, daß diese «Natur» ja doch nichts 
anderes war als der Bestand an sprachlichen Tatsachen 
zu einer gewissen Zeit. 1 

Konsequent durchgeführt ist die historisierende Sprach- 
normierung freilich nicht. Eine Verfeinerung und Verbesse- 
rung der Sprache gibt ja auch Fulda zu, nur darf sie den 
Grundbau nicht antasten. Mit andern Worten: einen Teil 
der Veränderungen, die die alte Sprache erlitten hat, billigt 
der Grammatiker, einen andern Teil verwirft er. Das Recht 
des Grammatikers zu solchen Werturteilen hat Fulda nicht 
dargetan und seine Entscheidungen sind willkürlich. Er 
mußte doch erkennen, daß in der alten Sprache uo und u 
ebenso getrennt sind, wie ie und i. Die diphthongische 
Aussprache von ie verlangt er nun, guot ist ihm aber 
«Räühe» (Spracht, I, 145). Der Gedanke liegt ihm nicht 
ferne, daß dem mhd. z immer ein nhd. ss entsprechen 
müsse. Aber er lehnt ihn ab. Gedehnte Wörter mit altem z 
(stoz) haben einfaches s (Sprach!, II, 148f.). Wiederum 
billigt er also die Vermischung zweier etymologisch ver- 
schiedener Laute. Schuld war hier seine schwäbische Aus- 
sprache, die keinen Unterschied zwischen spirantischen 
Lenes und Fortes kannte. 

Die Gewohnheit war eben stärker als 'die besten Grund- 
sätze. Denn, so sehr Fulda seine heimatliche Sprache 
wegen ihrer Ursprünglichkeit und Ungemischtheit schätzt, 
dagegen verwahrt er sich entschieden, daß er die Schrift- 



1 «Die Sprache selbst» tritt oft bei Fulda auf als Gegensatz 
zu dem tatsächlichen Gebrauch. Vgl. z. B. Sprachf. I, 259: «Bei 
solchen Gründen aus der Sprache selbst . . . verschieden aus- 
sprechen zu därfen; und bei der wirklichen verschiedenen Aus- 
sprache einer Wurzel, eines Worts bei verschiedenen Sprachen, 
Stämmen, Geschlechten und Zungen», oder I, 275: «Hier ligt ein 
unlaugbarer Grund zur verschiedenen Aussprache des . . ei und 
ai in den verschiedenen Wurzeln der Sprache selbst. Und wer 
hierinn uns Schwaben straft, der straft nicht sowol die in uns 
noch lebende Sprache der Vätter, von denen ganz Teutschland die 
hohe Sprache hat, als vielmehr den innern Grund der gemeinen 
teut sehen Sprache.» Was ist das nun aber für ein Grund? Nach 
Fulda kommt ai von a her, ei von i. D. h. daß man früher a 
statt ai gesprochen hat und i statt ei. Der Grund der Sprache 
selbst ist also nichts als die Aussprache einer frühern Zeit. 



§ 173.] Die Grammatik nach Gottsched. 311 

spräche einfach nach dem Schwäbischen modeln wolle. 1 
Und diese Verwahrung ist durchaus ehrlich. Richtige und 
unrichtige etymologische Spekulationen lassen ihn erkennen, 
daß auch das Schwäbische seine «Fehler» habe. So weiß 
er, daß seh vor einem Vokal und vor r einem alten sk, 
vor andern Konsonanten einem alten s entspricht, und 
es wäre ihm sehr lieb, wenn man diese Unterscheidung 
wieder einführte (Sprachf., I, 168 f.). Und er fordert gegen 
die schwäbische Aussprache in Präteritis wie blieb den 
Diphthong, weil er ihn mit seiner sprachlichen Algebra aus- 
gerechnet hat. 2 

Seinem orthographischen Glaubensbekenntnis hat Fulda 
im Sprachforscher, II, 140, einen etwas pathetischen Aus- 
druck gegeben. 3 Man könnte es auch so formulieren: die 



1 «Die Etymologie allein kan sagen, wo ein End-h stehen mus; 
wo ein ai, ein du, ein aü, ein ei und ein ei, wo ein ei und kein 
ai; denn Schwäbisch sein ist noch kein genügsamer Beweis. Sie 
kan sagen, wo ein einfaches langes i, wo ein ie, nicht blos 
schwäbisch, sondern gemeinhochteutsch ist.» Schwab. Magazin 
1777, 433. 

2 Nämlich : ie ist «eine Uebersezung von zwen eigenen alten 
Diphthongen, die sich beide umgekehrt versahen». Sprachf. II, 160. 
D. h. ie ist teils aus ia, teils aus iu entstanden. Wie nun statt 
iu auch ui erscheint (das bedeutet «sich umgekehrt versehen»), so 
sind ia und ai äquivalent. Ergo kann man statt des got. ai in 
graip ein ia setzen, aber beileibe nicht einfaches *. Und nun er- 
findet er flugs ein ahd. bliab, gliach (Sprachf. I, 285). — Übrigens 
setzt er auch in einzelnen isolierten Wörtern ie an, wo das 
Schwäbische keinen Diphthong hat, denn man muß da «keiner 
heutigen Aussprache, sondern allein der sich immer, durch alle 
Epochen und Mundarten, darinn selbstgleichen altern teutschen 
Sprache trauen» (Sprachf. II, 161). Die Schreibung Ziege wird 
I, 288 mit einem Otfridschen ziega gestützt. Der Grund der Sprache 
selbst ist hier ein Schreibfehler Fuldas, vgl. Otfrid, V, 20, 58. 

3 Die Rechtschreibung, heißt es da, dürfe man nicht von 
bloßen Helden und Vorgängern, nicht von den besten Schrift- 
stellern hernehmen, auch nicht von der schönsten, sanftesten 
Mundart, nicht von der besten Aussprache, denn wenn auch vier 
Fünftel des römischen Reiches darin übereingekommen wären, 
könne sie unrichtig sein. «Man mus freilich dem reissenden 
Strome folgen, aber es ist auch der sterbenden Unschuld nicht 
verbotten, zu sagen, dass sie Warheit ist. Denn die wahre ein- 
zige Quelle der Sprache ist die Natur und das Wesen der Sprache 



312 Kapitel 7. [§ 173. 174. 

Schrift soll die richtige Aussprache wiedergeben, was aber 
richtige Aussprache ist, wird durch etymologische Forschung 
bestimmt. 1 Im ganzen behandelt Fulda den Schreibgebrauch 
schonend. 2 Eine stärkere Abweichung ist, abgesehen von 
seiner Grille, k und p nicht zu verdoppeln, eigentlich nur 
die Trennung von ie und langem i. Daß die beiden ei und au 
in der Schrift unterschieden werden, verlangt er nicht, 
wohl aber die Unterscheidung der verschiedenen eu (äü 
als Umlaut von au = mhd. ü, z. B. Häute; aü als Umlaut 
von au = mhd. ou, z. B. räuchern, auch für wünschens- 
wert erklärt bei gleicher Aussprache, wenn keine Formen 
mit au zur Seite stehen, z. B. Hau; sonst eu). Er zeigt 
in orthographischen Dingen sogar recht nüchterne An- 
schauungen. Der Buchstabe e sei ein glückliches Mittel, 
um die Verschiedenheit der Aussprache, die durch ä und ö 
unzweideutig bezeichnet würde, zu verbergen. «Man schreibt 
doch mit demselben für ganz Teutschland einförmig, wenn 
schon ieder für sich es ausspricht, wie es seine Mundart 
gibt» (Sprachf., I, 260). 

174. Nast schließt sich im allgemeinen an Fulda an. 
Der Schüler ist mitunter radikaler als der Meister; er sieht 
auch da sächsische Fehler, wo Fulda durch seine histo- 
rischen Kenntnisse zur Toleranz bestimmt wird. 3 Andrer- 



selbst, so wie es die Geschichte der Wortbildung, der Wort- 
abänderung und der Wortverbindung gibt; die Natur, die Ent- 
stehung, die Bildung, die Geschichte jedes Worts, und wo es ja 
nicht allenthalben selbst zugegen wäre, die Identität desselbigen 
mit einem andern von ganz vollkommen gleicher Natur; so wie 
es kein Zeitalter hat verkennen und vertilgen mögen ; wie es 
sich durch alle Sprachepochen unverändert gleich verbleibt und 
offenbart. Kurz die Etymologie. Ein Schriftsteller kan sich 
einen Anhang machen, eine Mundart kan insgemein angenommen 
werden, Feier können Mode sein, aber vor dem Angesicht des 
ganzen Sprachkörpers alles Raums und alles Alters, wenn 
dieser widerspricht, können sie in die Länge, oder wenn ja, ohne 
Scham vor der Warheit, nicht bestehen.» 

i Vgl. Sprachf. I, 170. Schwab. Magazin 1777, S. 430. 

2 Er bleibt sich übrigens nicht ganz gleich, führt auch nicht 
alle seine Forderungen praktisch durch. Am weitesten geht er 
in dem Aufsatz im Sprachf. I, 137, wo er auch / für v setzt. 

3 Fulda verwirft das -e der Maskulina nicht unbedingt und 
gestattet mit Berufung auf das gemeine Altertum das -e in der 



§ 174. 175.] Die Grammatik nach Gottsched. 313 

seits weicht er von Fulda ab, wo dieser die lebendige 
Sprache meistern will. Fulda spricht sich selbst mitunter 
so aus, als ob die etymologischen Forderungen auch im 
Sprachgebrauch eine gewisse Stütze haben müßten 1 , aber 
er verlangte doch, daß in blieb und ähnlichen ie geschrieben 
werde, obwohl nicht nur der Norden Deutschlands, sondern 
auch Schwaben hier nichts von einem Diphthong wußte. 
Da geht Nast nicht mit. 2 Er stellt den Grundsatz auf 
(Sprachf., II, 104), daß die übereinstimmende Aussprache 
aller deutschen Provinzen den Vorrang vor der Etymologie 
habe. Nur wenn die Aussprache der Provinzen verschieden 
ist, entscheide Etymologie und Altertum, welche Aussprache 
die richtige sei. Aber er hat seine eigenen Gedanken nicht 
zu Ende gedacht und sich nicht zu der Folgerichtigkeit 
Hemmers erhoben. Es gibt für ihn auch Fälle, wo die 
Etymologie gegen die Aussprache (und zwar nicht die bloß 
provinzielle Aussprache) eine Unterscheidung fordert, 
z. B. Häute und heilte, d. h. er behält gegen den Grund- 
satz «für einen Laut nur ein Zeichen» die traditionelle 
Doppelheit bei. 

175. Fulda hatte, wie erwähnt, in seinen ersten Auf- 
sätzen im Teutschen Sprachforscher an die Schriften von 
Hemmer und Mäzke angeknüpft. Mäzke erwiderte in seinem 
Versuch in Deutschen WörterFamilien (1779). Er 
hat sich von seinem «lieben Fulda» (S. XIV), den er übrigens 
öfters mißversteht, in einer Einzelheit, die ihm gerade paßt, 
belehren lassen, zieht auch sonst einige Lehren der «Gram- 
matischen Abhandlungen» zurück, aber seine Grundanschau- 



unflektierten Form des Adjektivs, z. B. müde. Vgl. Sprachf. II, 
190. 196. Übrigens muß auch Nast mitunter die Berechtigung 
mehrerer Aussprachen anerkennen, vgl. Sprachf. II, 101. 

1 Vgl. Sprachf. I, 144: «Und wenn kleine Meilenflächen die 
Warheit auf irer Seite haben: so sollen unübersehbare Gegenden 
sie nicht überwigen, so lang lals Warheit Warheit bleibt.» — 
II, 140: Grundlage der Rechtschreibung sei nicht die beste Aus- 
sprache, nicht die Aussprache, wie sie ist, «wenn auch vier 
Fünftel des römischen Reichs darinn übereingekommen wären». 
Also scheint doch das fünfte Fünftel da eine gewisse Rolle zu 
spielen. 

2 Was ihm den gravitätischen Spott Fuldas zuzog, vgl. Schwab. 
Magazin 1777, S. 433. 



314 Kapitel 7. [§ 175. 176. 

ungen sind geblieben. Obwohl die Polemik oft Nebendinge 
betrifft, die mit Mäzkes Spekulationen über die Gestalt der 
Ursprache zusammenhängen, tritt doch der eigentliche Gegen- 
satz zwischen ihm und Fulda klar zutage. Fulda ist Histo- 
riker, Mäzke geht von der modernen Sprache aus — trotz 
all seiner etymologischen Hirngespinste. Fuldas Berufung 
auf das Altertum läßt er nicht gelten: «Sollen wir in aller 
Absicht schreiben, wie die alten Alemannen und Franken 
geschriben haben: So haben wir ja eben damit auch die 
alte barbarische Sprache wider: warum nicht allso auch 
sioch für siech oder such, tiuf für tieff oder tüff etc. Wir 
wollen und sollen doch wohl mit unserm Schreiben unsre 
heutige Sprache, und das heißt, unsre gegenwärtige Aus- 
sprache bezeichnen» (S. 91 f.). Von größerm Gewicht als 
der Gebrauch unsrer Ururväter, die doch Barbaren waren, 
müßte der Gebrauch unsrer Väter sein, meint er, wieder 
im stärksten Gegensatz zu Fulda, der, Sprachf., II, 137, die 
Mitte des 14. Jhs. jene fatale Epoche genannt hatte, in 
der alle die ungeheuren Unarten und Mißgeburten begannen, 
die nun von der Sprachkunde beklagt und von der Tyrannei 
des Herkommens gehegt würden. Mäzke überzeugt sich je 
länger, je mehr von der Güte des modernen Schreib- 
gebrauchs, den es nur gelte analogischer zu gestalten, und 
er macht «unsern Vätern» das zweifelhafte Kompliment, 
daß seine etymologischen Torheiten in ihren «dunkeln Ideen» 
gewesen seien (S. 100), ein Gesichtspunkt, den dann Ade- 
lung sich in seiner Weise zunutze machte. 

Die richtige Aussprache wollte Fulda durch die Etymo- 
logie bestimmen. Mäzke läßt auch innere Gründe mit- 
sprechen, aber sie sind durchaus der lebenden Sprache 
entnommen. Für beide bleibt ein irrationaler Rest zurück, 
und hier, wo es sich um Anknüpfung an etwas Positives 
handelt, tritt der landschaftliche Gegensatz und zugleich 
das sichere Bewußtsein des Mitteldeutschen, die richtige 
Aussprache zu besitzen, hervor. «Wenn dem Schwaben 
Knecht und Gnade (d. h. kn und gn), Gwelle und Kwelle 
einerlei lautet, so können wir andern Hochdeutschen nicht 
dafür ; $o muß er nachmahlen oder unsrer Schrift die rechte 
x\ussprache ablernen» (S. 91). 

176. Als Klopstock mit seinen Vorschlägen zur Ver- 
besserung der Rechtschreibung hervortrat, wußte er nicht, 



§ 176.] Die Grammatik nach Gottsched. 315 

daß er Vorgänger hatte. Ganz unabhängig von Hemmer 
vertrat er das phonetische Prinzip. «Der Zweck der Recht- 
schreibung ist: Das Gehörte der guten Aussprache nach 
der Regel der Sparsamkeit zu schreiben» (S. 330). 1 «Kein 
Laut darf mehr als ein Zeichen, und kein Zeichen mehr 
als einen Laut haben» (S. 331). Natürlich mußte er mit 
Hemmer in vielen Punkten übereinstimmen. Aber er steht 
zu ihm in einem scharfen prinzipiellen Gegensatz. Hemmer 
hatte den provinziellen Verschiedenheiten den größten Spiel- 
raum gelassen; die Schrift sollte die Unterschiede der Aus- 
sprache nicht verhüllen. Für Klopstock ist dagegen die 
gute Aussprache bis auf wenige Einzelheiten fest bestimmt. 
«Deutschland gesteht, durch die allgemeine Rechtschreibung, 
gewissen Gegenden die richtige Aussprache zu» (S. 325). 
Es seien dies diejenigen Landschaften, wo man nicht 
Laute spreche, die niemand schreibt, wie o a , u a , sg, und 
wo man anderseits den von der Orthographie geforderten 
Buchstaben eu, ö, ü und g ihren eignen Laut gebe. Ebenda 
unterscheide man auch im Anfang der Silben d und t, 
b und p. Als das Land der guten Aussprache wird dann 
an anderer Stelle (S. 360) ein Teil von Niedersachsen be- 
zeichnet. 

Klopstock billigt nicht alle Eigentümlichkeiten dieser 
Gegend. Es gefällt ihm nicht, daß man für das g der Schrift 
im Auslaut nach Vokal ch, nach n ~k spricht. Aber im 
ganzen ist die niedersächsische Aussprache der Maßstab 
für die Rechtschreibung. Klopstock beseitigt nicht nur 
Schreibungen, denen die herrschende 2 Schul tradition keine 
lautliche Bedeutung beilegte, wie z. B. y für i, oder das 
Dehnungs-Ä, sondern auch solche, die unzweideutig auf 
eine bestimmte Aussprache hinwiesen: er ersetzt pf im 



1 Ich gebe die Zitate in unserer Orthographie. Die Seiten- 
zahlen beziehen sich auf den neunten Band der Göschenschen 
Ausgabe der Sämmtlichen Werke von 1855. 

2 Einige Grammatiker hatten freilich in die Dehnungszeichen 
einen Lautwert hineingehört, so Schottelius, Ausf. Arbeit, 
S. 200 ff., und Hentschel, S. 99. Auch ein Zeitgenosse Klop- 
stocks, S. J. E. Stosch, behauptete, daß Vokale, die verdoppelt 
werden oder hinter denen ein h steht, länger seien als andere; 
Kleine Beiträge zur nähern Kenntniß der Deutschen Sprache I 
(1778), S. 30. 59, II (1780), S. 152 f. 



316 Kapitel 7. [§ 176. 

Anlaut und nach m durch / (F ender, stumf) und schreibt 
vor / m statt n (samft). Ferner hebt er die Unterscheidung 
von ei und ai auf, die damals vielleicht auch im eigent- 
lichen Deutschland für manche lautlichen Wert hatte. 1 

Nur auf diese Änderungen paßt der Vorwurf, daß Klop- 
stock sich in einem Zirkel bewege. Im übrigen konnte er 
mit vollem Recht sagen, daß er nur auf kürzerem Wege 
dasselbe anstrebe, wie die gewöhnliche Rechtschreibung, 
die, wenn auch auf krummen und dornigen Wegen, doch 
ihr Ziel erreiche und in den Hauptsachen das ausdrücke, 
worüber man sich erklären wollte (S. 358), Konsequenter 
war freilich die Lehre von Brockes, in dessen Tradition 
ja Klopstock steht, aber sie war undurchführbar. Wie 
hätte man den Unterschied von / und v in der Aussprache 
wiedergeben sollen? 

Bei dem Ansehen, das Klopstock genoß, erregte er 
mit seinen Vorschlägen viel größeres Aufsehen als die 
Grammatiker von Beruf. Er fand Nachfolger 2 und Kritiker. 
Gegen seine Gewohnheit ließ er sich in eine Diskussion 
ein. Er hatte gegen zwei Fronten zu kämpfen. Da waren 
einmal die Anhänger des Herkommens. Klopstocks Abwehr 
war scharf und treffend. Da man ihm damit kam, daß 
erst die Etymologie die Orthographie zur Wissenschaft 
mache, wies er darauf hin, was für ein klägliches Ding es 
mit der Etymologie sei, die durch die geltende Recht- 
schreibung bezeichnet werde. Diese Deklinationsetymologie, 
wie er sie einmal nennt, vermittle Kenntnisse, die bei 
jedem Schreibenden vorausgesetzt werden müßten, und 



1 Vgl. Gottsched, S. 47 der 5. Auflage, Heynatz, Sprach- 
lehre, S. 5, Anm. 2, wo freilich zugegeben wird, daß der Unter- 
schied selten beobachtet werde, Stosch, II, 207. III, 175, Ade- 
lung, UL. I, 141. II, 763. Freilich mag da Selbsttäuschung 
und Schulmeistere! mitspielen. — Über die heute noch bestehende 
Unterscheidung bei Deutschrussen vgl. Behaghel, Geschichte der 
deutschen Sprache, § 80. 

2 Von diesen seien genannt Enkelmann, über den 177 ge- 
sprochen werden wird, und J. G. Richter, der in seinem Ver- 
such einer zweckmäßigen deutschen Rechtschreibung 
(Berlin 1780) gute phonetische Beobachtungen vorbringt und einige 
Irrtümer Klopstocks berichtigt. 



§ 176.] Die Grammatik nach Gottsched. 317 

werde zudem nicht einmal konsequent berücksichtigt. Die 
eigentliche Wortgeschichte, daß also etwa elf aus einlif 
entstanden sei, deute man gar nicht an (vgl. S. 389 ff., 402 ff., 
410ff.). Auch konnte er mit Recht betonen, daß viele von 
ihm gerügte Mängel mit der Etymologie nichts zu tun 
hätten (S. 413). Der beste Trumpf, den er ausspielte, war, 
daß er seine Gegner bat sich vorzustellen, daß seine Ortho- 
graphie die herrschende wäre; ob dann wohl jemand vor- 
schlagen würde, sie durch die jetzt übliche zu ersetzen 
(S. 404, 409; vgl. auch S. 396), 

Aber Klopstock hatte sich auch mit Leuten auseinander- 
zusetzen, die ebenso wie er das phonetische Prinzip ver- 
traten. Ein Anhänger Hemmers erhob 1780 in einer ano- 
nymen Schrift «Urschprung und Fortgang des heütichen 
wichtichen Ferbeserunggeschäftes der deutschen Recht- 
schreibung» einige Einwendungen gegen Klopstock. Daß 
dieser Hemmers phonetische Analysen nicht immer zu 
würdigen wußte, ist schon bemerkt. Aber mit vollem Recht 
durfte er von seinem Standpunkt den starken prinzipiellen 
Gegensatz zu Hemmer betonen. Der Anonymus hatte ihm 
Vorliebe für seine heimatliche Aussprache vorgeworfen und 
gesagt, die andern Provinzen glaubten auch das Recht 
zu haben, im hohen Rat zu sitzen und bei der Sammlung 
der Stimmen gehört zu werden. Klopstock erwidert, sie 
hätten schon im hohen Rat ihre Stimme abgegeben durch 
Annahme der allgemeinen Rechtschreibung, die auf die 
Gegend der guten Aussprache hinweise. Sie hätten auch 
das Recht, seine Orthographie zu verwerfen, die auf einem 
kürzeren Wege die von ihnen für gut erkannte Aussprache 
bezeichnen wolle. Aber er müsse sie anklagen, daß sie 
gegen die frühere Entscheidung des hohen Rates halb 
deutsche und halb «landschaftische» Orthographien ein- 
führen wollen; das würde dazu führen, daß dann jeder 
nach seiner provinziellen Aussprache schreiben könnte. Und 
bei dieser Gelegenheit spricht er sich scharf aus gegen 
die modernen Versuche, veraltete und mundartliche Wörter 
in die Schriftsprache einzuführen. Er macht ferner die 
Süddeutschen darauf aufmerksam, daß in Niederdeutsch- 
land Mundart und «Sprache» streng getrennt seien, während 
sie sich im Süden in jeder Beziehung vermischen. Und 
die achtungsvolle Erwähnung Fuldas durch den Anonymus 



318 Kapitel 7. [§ 17G. 

nimmt er zum Anlaß, um über ihn ein vernichtendes Urteil 
zu fällen. 1 

Das hatte Nast nicht vorausgesehen, als er Klopstock 
den «Sprachforscher» zur Prüfung vorlegte. Aber begreiflich 
war es, daß der Mann, der die deutsche Dichtersprache 
geschaffen hatte, der mit Liebe und Begeisterung ihren 
Klangwirkungen nachforschte, daß dieser Mann in Ent- 
rüstung geriet, wenn ihn die süddeutschen Grammatiker 



1 «Es kommt . . darauf an, ein wenig zu sehn, mit welcher 
Wahrscheinlichkeit wir bei Hr. Puldan starke Gründe voraus- 
zusetzen haben. Ich kenne und schätze seine Verdienste um 
unsre Sprache ; und ich habe diese durch ihn, oder vielmehr ihre 
ehmaligen Mundarten, denn sie war damals noch keine Sprache, 
hier und da in noch greiseren Haaren gesehn, als ich sie vorher 
kannte. Aber das blendet mich nicht, die Sachen für was 
anders zu halten, als sie sind: wenn er Landschaftisches mit dem 
Deutschen vermengt; wenn er bei Bestimmung der Umendungen . . 
so verfährt, daß vier Regeln mit sechs Ausnahmen herauskommen 
.... wenn er manchen grammatischen Knoten, der aufgelöst 
werden muß, zerhaut, und dann sogar nicht einmal ganz durch- 
haut; wenn ihn unsre uralten Sprachtrümmern, die er mehr 
träumt, als kennt, und auch nicht genung kennen kann, so sehr 
anlachen, daß er sie als ein besseres Gebäude anpreist, als das, 
worin wir jetzo, und zwar desto angenehmer wohnen, je mehr 
wir Denker sind, und dann an dem jetzigen Gebäude, welches 
so gewiß keine Strohhütte ist, so gewiß jenes zerfallne eine 
war, kaum etwas dulden will, was nicht trümmerhaft aussieht; 
wenn er, wie es scheinet, verlangt, denn was kann er, da man 
bei ihm voraussetzen muß, daß er weiß, was er will, mit allem 
diesen Bewundern des Alten, und Beekeln des Neuen anders 
meinen? verlangt, daß wir die Hütte wieder zusammenflicken, 
und über die wehklagen sollen, welche keine Lust haben, das 
Haus niederzureißen; und wenn er endlich herauszubringen meint, 
daß unsre Sprache, ihren Wurzeln nach, (denen niemand, wel- 
ches hier doch sehr zur Sache gehört, bis zu den äußersten 
Fasern nachgraben kann) nicht aus willkürlichen Zeichen, sondern 
aus solchen bestehe, die in der Natur des Menschen liegen. 
Gleichwohl dank ich ihm dafür, daß er darauf gegrillt hat, hier 
etymologisches Gold zu machen. Denn er hat dabei, wie sonst 
auch wohl mancher arme Adept, Stärkungsmittel für diejenigen 
entdeckt, die mit saurer Arbeit die Gedankenwege suchen, welche 
die Nation bei Bildung der Sprache genommen hat.» (S. 378 f.) 



§ 176. 177.] Die Grammatik nach Gottsched. 319 

über richtige Aussprache, ja über grammatische Korrekt- 
heit und über Euphonie belehren wollten. 1 

177. Auch andere reizte der Ton der beiden Schwaben 
zur Abwehr. Der Schlesier J. A. F. Enkelmann begleitete 
in den Grammattikalien des P. Antonius Lignet (1780) 
den Teu^tsc'hen Sprachforscher mit einem 1 fortlaufenden 
kritischen! Kommentar, der übrigens eine Menge wertvoller 
Mitteilungen über sc'hlesische sowohl mundartliche wie ge- 
bildete Aussprache enthält. Auch Enkelmann führt eine 
phonetische Reformorthographie durch, aber er ist ein 
klarer Kopf und von einer in jener Epoche seltenen Nüchtern- 
heit des Urteils, die ihn z. B. terminologische Streitig- 
keiten nach ihrem wahren Wert abschätzen läßt. Mit 
sicherem Blick deckt er gewisse Schwächen in den mit 
höchster Zuversicht vorgetragenen Lehren Nasts und Fuldas 
auf. 2 Vor allem kommt es ihm auf die Bekämpfung der 
historisierenden Lehren Fuldas an, denen gegenüber er 
das Recht des lebendigen Sprachgebrauchs vertritt. Er 
trifft den schwachen Punkt jeder historisierenden Betrach- 
tung: irgendein Zustand soll normgebend sein, obwohl 
auch er historisch geworden, nichts als ein Punkt auf 
der unendlichen Zeitlinie ist. 

So sagt er S. 58 ff. 3 : «Wenn der Übergang der alten Doppel- 
lauter iu, ia in den Doppellaut ie Milderung der Aussprache ge- 

1 Vgl. Sprachf. I, 94 f. : «Ein jeder Teütscher frage sein eigen 
Ohr, wie ihm der Vers aus Klopstocks Messias . . klinge: Ihr 
Unweisen, und langsamen harten Herzen zu glauben. Diser Vers 
stöst 1) wider die Grammatik an: dann da es der Vocativus ist; 
so gehört weder dem als Substantivum gebrauchten Adjectiv 
Unweisen, noch den beden Adjectiven langsamen, harten, das n 
am Ende. Gesezt aber, es wäre der Nominativ oder Accusativ, 
und mithin kein Sprachfeier; so hätte doch 2) den beden 
Adjectiven um des Wolklangs willen hier das n nicht sollen ge- 
geben werden.» 

2 So bemerkt er S. 125 in einer Polemik gegen die Nastsche 
Lehre, daß p t k gleich bh dh gh seien und deshalb vor Konso- 
nanten nicht gesprochen werden könnten (163), die Entstehung 
von Junker aus jung Herr beweise durchaus nicht die Identität 
von k und gh-, vielmehr sei jung = junk und, als Herr mit 
junk zusammengesetzt ward, sei h nicht mehr gesprochen wor- 
den. — Vortrefflich ist auch der Widerspruch gegen Fuldas doktri- 
näre und verworrene Akzenttheorie S. 631 

3 Ich gebe das Zitat in unserer Orthographie. 



320 Kapitel 7. [§ 177. 

wesen, warum der Übergang des letztern in den reinen Laut i 
nicht ebenfalls? warum wird er von Unkunde der alten Aus- 
sprache (das iu, ia vor dem diphthongischen ie ja auch waren) 
oder von Masleide nachzudenken 1 hergeholt? .... Der Wörter- 
geschichtsforscher kann es ja für Liebhaber immer noch auf- 
zeichnen, daß fliffen ehemals fliusan gelautet habe, und in Schwa- 
ben noch fli-e-sen laute. Wenn solches Schließen gälte, sollten 
wir wohl mehrere reine Selbstlaute wieder in Doppellaute, die in 
der bessern Aussprache nicht mehr da sind, abändern. Die schle- 

sischen Dialekte würden dazu mehr als eine Hand bieten 

Das e in blies, fiel etc., wie die alltägliche Schreibung zu lesen 
gibt, ist einmal wesentlich gewesen, ist es im Herren- und 
Bauernmunde einiger Gegenden und im Pöbelmund anderer noch, 
ist es aber nicht in der Art von Aussprache, die das Unglück 
hat, mit ihrem Namen Hochdeutsch den Schwaben zu mißfallen. 
Des Schwaben Aussprache bli-eb wäre richtiges Deutsch, wenn 
er mit unsern altern Vorfahren zusammen lebte, ist es aber 
nicht, wenn er mit uns armen Unschwaben und Unboien zu 
gleicher Zeit lebt. Fi-eng mag sich in Schwaben selbst gegen 
seines Pöbels fi-ang vorteilhaft ausnehmen; wenn man aber U-eng 
statt fing, fi-el statt fil in einem /solchen Ton aufstellt, als S. 143 u. f. 
des Teütschen Sprachforschers geschieht *, so klingt es uns, wie 
soll ich sagen, zu hoch oder schwäbisch. Man hört in Schlesien 



1 Vgl. Sprachf. I, 143. «Die alten Hochteutschen haben ein 
reines gedentes i; einen Doppellauter iu, als eine Beugung von 
ui ; und einen eigenen Doppellauter ia gehabt. Keiner dieser drei 
fertrat die Stelle des andern, und einer war so notwendig, und 
ist der Sprache so wesentlich als der andere. Die nachmalige 
Milderung der Aussprache hat die zwen lezten, oder die Diph- 
thongen iu und ia, in ein ie — ; und entweder die Unkunde der 
alten Aussprache, oder die Massleide nachzudenken, hat bald auch 
das ungemischte gedente i, in ie verwandelt.» 

2 «Jezt ärgert sich alles an dem Chaos, das in diesem ie 
ligt, und will es gar fertilgen. Weg mit etymologischen Gründen. 
Unsere Aussprache ist das erste Prinzip. Rauhe Schwaben haben 
wer weist was für unartige Aussprachen. Sie sind die einzigen 
Sonderlinge. Selbst unter sich nicht einig, denn die meisten 
betten dem grosen Haufen nach. Hinausvotirt ! Ist es aber 
unserer heutigen Rechtschreibung nicht gleichgiltig, wo sie ä, 
und wo sie u schreiben soll : o I so steht es eben so wenig in 
irer Macht, aus dem reinen i in : Sig, Frid, — ein ie zu machen ; 
oder aus dem alten iu, womit man formals die Beugung des u 
fersehen hat: fliusan, fluere, welches in ie übergegangen ist, 
fluist, fluit, fliesen, er fliest,, das u wegzuwerfen, welches gleich- 
wol der wesentliche Buchstab ist, und vom e fersehen wird.» 



§ 177.] Die Grammatik nach Gottsched. 321 

tausend und aber tausend Wörter aussprechen, wie sie das 
Deutsche nach alten Schriften zu urteilen, vor mehrern hundert 
Jahren ausgesprochen hat ; sollen wir etwa solche Aussprache 
der jenigen vorziehen, die wir die Hochdeutsche zu nennen in 
hiesigen Gegenden im Gebrauche haben? Eine Sprachlehre, 
welche die itzige bessere Aussprache mit Füßen tritt, sobald 
eine solche Provinz ihr nicht zustimmt, welche die natürlichen 
Kinder der höhern oder obern Mundart einzuschließen meint, 
oder sobald die itzige Aussprache von dem abgeht, was in der 
Sprache der Alten wesentlich war, ist eine Sprachgeschichte 
einer solchen Provinz, kann dem Geschichtsforscher unserer 
Sprache nutzen, lehrt aber nicht unser itziges hohes, ich meine 
besseres Deutsch, sofern es auch dem alten Deutsch und den 
mancherlei provinziellen Mundarten entgegensteht.» Und er hebt 
treffend die praktische Zwecklosigkeit etymologisierender Schrei- 
bung hervor, wenn er fortfährt : «Die statt di kann an thiu er- 
innern, aber wen erinnert es daran? etwa alle, die es vor Augen 
bekommen? und wenn das auch wäre, wer erinnert im Sprechen 
dran, oder mag daran erinnert sein? wozu sollte jeder, für den 
geschrieben wird, daran erinnert werden? aber die itzige bessere 
Aussprache zu wissen, kann jedem, für den geschrieben wird, 
nützlich, wenn nicht nötig sein». 

Ebenso weist er auf, die Inkonsequenz Fuldas hin, 
der willkürlich die eine Veränderung als Verfeinerung der 
Sprache gelten ließ, die andere als gegen die Natur der 
Sprache laufend verwarf. Und wenn die Schwaben sich 
auf die Regelmäßigkeit ihrer Sprache beriefen, so durfte 
er darauf hinweisen, daß auch in den schlesischen Mund- 
arten Regeln walteten, ohne daß doch die Schlesier daran 
dächten, diese Regelmäßigkeiten dem Hochdeutschen auf- 
zudrängen. 1 

Dem Hochdeutschen, das ist für Enkelmann die ge- 
bildete Sprache Mittel- und Norddeutschlands. Er spottet 
über den Zorn Nasts und Fuldas, die den Namen Hoch- 
deutsch für das Alemannische und Bairische in Anspruch 
nahmen und gegen die Bezeichnung «Oberdeutsch» mit Ent- 
rüstung protestierten. Freilich, bewiesen hat er die Güte 
seiner Aussprache nicht 2 , aber das wollte er auch gar 



1 Vgl. z. B. S. 139 f. — Enkelmann hatte gezeigt, daß die 
schwäbische Unterscheidung zweier ei- und aw-Diphthonge in 
schlesischen Mundarten ihr Seitenstück habe. 

2 Was ihm Fulda im Göttingischen Magazin II, 452 zu ver- 
übeln scheint. 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 21 



322 * Kapitel 7. l§ 177. 178. 

nicht. Für ihn stand die Tatsache fest; wollten die Schwahen 
nicht mittun, so mochte er sie nicht zwingen. 

178. Ein Jahr vor dem Erscheinen der Grammatti- 
kalien hatte Enkelmann in einem Schreiben an Mäzke 
einige Bedenken gegen dessen Wurzelsystem und Ortho- 
graphie erhoben. Mäzke veröffentlichte 1780 in seiner Schrift 
Über Deutsche WörterFamilien und Rechtschrei- 
bung den Brief samt seiner Antwort. Er benutzte die Ge- 
legenheit, um seine Meinung über die Klopstocksche Re- 
form zu äußern. Es ist richtig, wenn er sagt, daß Klopstock 
einige lautliche Unterschiede, die er hätte bezeichnen 
können, nicht bezeichne, anderseits etymologische Elemente 
belasse, so insbesondere die Trennung der Wörter. Aber 
er weiß es nicht zu würdigen, daß Klopstock manches 
Etymologische mit vollem Bewußtsein beibehielt mit Rück- 
sicht auf den Schreibgebrauch, da es ihm eben mehr um 
die Durchführbarkeit seiner Reform als um Konsequenz- 
macherei zu tun war; er hängt sich auch an solche Vor- 
schläge, die Klopstock ausdrücklich als unwesentlich be- 
zeichnet hatte, er entstellt gelegentlich Klopstocks Meinung 1 
und wirft ihm «Aussprecherei» 2 vor, weil er ö und ü von 
e und i unterschied. Dabei muß er zugeben, daß Klop- 
stocks Orthographie sehr einfach und leicht sei, aber er 
wendet auf sie einen Satz an, den Klopstock selbst aus- 
gesprochen hatte: es liege nichts an der Leichtigkeit eines 
Weges, wenn er das Ziel verfehle. Das Ziel ist natürlich, 
wie er mit unermüdlicher Geschwätzigkeit immer und immer 
wiederholt, neben der Aussprache auch die Etymologie zu 
bezeichnen. Er redet wieder davon, daß seine Orthographie 
«Wissenschaft» sei, und merkt nicht, daß er sich selbst 
ad absurdum führt, wenn er hinzufügt, daß sie für den 
Sprachlehrer gehöre. Er rühmt es als «Nebenvorteil» des 



1 S. 91, Note 20 sagt er, daß Sig nach Klopstock Sich lauten 
solle. Klopstock hatte einfach konstatiert, daß in den Gegenden 
der guten Aussprache so gesprochen werde, dies aber nicht ge- 
billigt. Klopstock wollte, daß g im Auslaut wie im Inlaut ge- 
sprochen werde, s. 176. Deshalb ist es auch nicht wahr, daß 
Klopstock Tax für Tags hätte schreiben müssen. 

2 Dieser xA.usdruck ist von Klopstock geprägt, um die 
schlechte Aussprache von der guten, der Aussprache schlecht- 
weg, zu unterscheiden. 



§ 178. 179.] Die Grammatik nach Gottsched. 323 

etymologischen Prinzips, daß der gelehrte Schreiber dadurch 
angetrieben werde, sich eine wissenschaftliche Erkenntnis 
der Muttersprache zu erwerben. «Denn nun siht er, wozu 
sie nützt und wo sie anzuwenden ist; was er sonst bei'm 
Sprechen nicht so sehr gewahr ward; in Absicht dessen 
er sie für bloße müssige und theoretische Speculation 
hielt» (S. 103, Fußnote). Er macht sich wiederum das 
kindische Vergnügen, dem Tyrannen Sprachgebrauch ver- 
stohlen eine Furche wegzuackern, indem er das Gott- 
schedsche dreizig und Misstaht, Nacht galt, Braut gam 
empfiehlt (S. 108 f., Fußnote), kurzum, er zeigt sich als 
vollendeter Querkopf. 

In der «Najr^de» nimmt er einen seiner wichtigsten 
etymologischen Sätze zurück und folgt in bezug auf die 
Schreibung des stummen h jetzt beinahe ganz Fulda. 1 Er 
entwickelt ein System der Bezeichnung des Akzents, d. h. der 
Vokalquantität, das überaus verwickelt und in technischen 
Einzelheiten recht unpraktisch ist. Das Vernünftigste ist 
wohl der Ausspruch, daß die wahre Rechtschreibung sich 
vielleicht erst im Jahre 4441 durchsetzen werde. 

179. Hatte Mäzke gegen Klopstocks phonetische Ortho- 
graphie den Grundsatz «Aussprache und Etymologie» ver- 
fochten, so behauptete Fulda in einem offenen Schreiben 
an ihn «Daß die Aussprache kein Princip der Recht- 
schreibung sey» (Göttingisches Magazin der Wissenschaften 
und Litteratur, II [1781], 438 ff.). Der Aufsatz, einer der 
bestgeschriebenen Fuldas, beginnt höchst vernünftig. Es 
sei richtig, daß ursprünglich der einzige Grund der Recht- 
schreibung die Aussprache gewesen und nur durch sie 
die Etymologie mit eingeflossen sei. Die Etymologie beruhe 
auch einzig und allein auf dem Sprachgebrauch oder der 
einmal angenommenen Aussprache. Insofern habe ein 
Autor 2 mit Recht gesagt, Sprachgründe seien der Gebrauch, 
es gäbe keine Regeln, die eher als die Sprache wären, 
und der Grund der Sprache sei nichts als ihr Anfang. Aber 

1 Wodurch nebenbei die «Väter» um den Ruhm kommen, die 
Mäzkeschen Theorien von 1778 oder 1779 in ihren dunklen 
Ideen gehabt zu haben. 

2 «Jener Thüringer (Sprache der Menschen)». Der Verfasser 
hieß Const antin Dinkler, vgl. Rüdiger, Neuester Zuwachs IV, 
182 Nr. 17. 

21* 



324 Kapitel 7. [§ 179. 

das gelte nur für die Schreibung in ihrem Werden und 
für reine ungemischte Mundarten, wie es die alten hoch- 
deutschen waren. Unser jetziger Schreibgebrauch sei da- 
gegen im allgemeinen so regelmäßig und bestimmt, daß er 
das Elementarprinzip der Aussprache oder des Vorsprechens 
schon längst ersetze. Wer ein hochdeutsches Buch zur 
Hand nehme, lese; er höre nicht und brauche auch nicht 
zu hören. «Also Schreibgebrauch, nicht mehr Aussprache; 
und Achtsamkeit wie verstanden — nicht wie gesprochen 
werden solle.» Übrigens sprächen nicht zwei Menschen 
auf deutschem Sprachgebiet, die ein wenig entfernt von- 
einander wohnen, gleich, und kein Schriftsteller könne er- 
warten, daß er von irgendeinem entfernten Leser so ge- 
lesen werde, wie er selbst sich vorliest, ja er selbst lese 
anders vor, als er geschrieben hat, wenn er dem Schreib- 
gebrauch treu bleiben und sich zu Hause nicht lächer- 
lich machen wolle. «Die Hochteutsche Schriftsprache er- 
gießt sich in und über alle ihre Länder- und Provinz- 
Sprachen, und wird nicht von einer Provinz gesprochen, 
also öffentlich oder insgemein, und eigentlich gar nicht 
gesprochen.» Soweit ist alles gut. Aber nun kommt, wie 
aus der Pistole geschossen, die Folgerung: «Also ist ihr 
Grund, aus welchem ihr Schreibgebrauch im erforderlichen 
Falle beurtheilet und entschieden werden muß, schlechter- 
dings nichts anders, als Etymologie, oder mit andern 
Worten — Herkunft, Sprachwesen, Bildung, Bildungsform 
und Gleichförmigkeit.» 

Immerhin ließe sich auch das verstehen, wenn Fulda 
daran festhielte, daß Aussprache Privatsache sei, und es 
mit einer rein graphischen oder optischen Etymologie ver- 
suchte. So war Schottelius vorgegangen bei der Durch- 
führung des Satzes, daß die Stammwörter ganz und un- 
zerbrochen bleiben müßten : er schrieb Mann mit nn wegen 
Mannes, nicht weil er das a kurz sprach, denn in Glas 
sprach er es auch kurz und setzte doch nur ein s. Aber 
mit welchem Recht beschuldigt Fulda Mäzke, wenn er das 
/ Und s in traff, Maaß verdopple, der «Schreibsünde», daß 
er die Regel des einfachen Mitlauts bei der Dehnung über- 
trete? Wie darf er es ein etymologisches Prinzip nennen, 
daß das Imperfekt der zweiten Konjugation ohne alle Aus- 
nahme gedehnt sei? Dehnung und Schärfung sind phone- 



§ 179. 180.] Die Grammatik nach Gottsched. 325 

tische Begriffe; ohne Beziehung auf die Aussprache sind 
sie sinnlos. Einem Präteritum drang kann man nicht an- 
sehen, daß sein a etwas anderes ist als das a von Drang, 
und ein gewan gegenüber gewinnen fällt aus der durch- 
stehenden optischen Analogie des Schreibgebrauchs heraus. 
Wollte man diese Analogie noch einförmiger machen, so 
konnte man fielt wegen fallen schreiben ; das wäre die wahre 
Konsequenz der Lehre gewesen, daß die Aussprache Privat- 
sache sei. Und wenn Fulda gegen Mäzke sagt, die Etymologie, 
um die es sich handle, betreffe nicht die bloße Herleitung 
(z. B. elf aus einlif), sondern die Wortbildung, Wortwand- 
lung, Analogie, so ist nicht abzusehen, wie er dann z. B. 
die Unterscheidung von ie und i durch den ganzen Sprach- 
schatz durchführen wollte, was doch dem Anschein nach 
noch immer für ihn orthographische Forderung war. 1 

Der Aufsatz ist lehrreich. Einerseits verrät er eine 
gewisse Kampf müdigkeit 2 , anderseits enthüllt er noch ein- 
mal den tiefen Gegensatz zwischen Nord und Süd in der 
Frage einer gemeingültigen hochdeutschen Aussprache und, 
was damit zusammenhängt, in der Wertung der positiven 
und der rationalen Elemente der Sprachlehre. 

C. Herder. 
180. Von einer Analyse der Fragmente über die neuere 
deutsche Literatur kann hier abgesehen werden. Denn, so 
stark und nachhaltig die Wirkung dieses genialen Jugend- 
werks gewesen ist, für die bescheidenen Geister, denen 
die Pflege der nhd. Grammatik anvertraut war, kommen 

1 Vgl. S. 451 : «Aber ich hoffe, Sie werden selbst noch be- 
dauren, daß durch die sogenannte gute Aussprache, und durch 
die darauf sich berufende sächsisch hochdeutsche Sprache so 
viele von den Minnesängern her wesentliche Selbst- und Doppel- 
Lauterarten .... und mit diesen, und ungleich mehrern andern, 
viel Reichthum, Vollständigkeit, und Regelhaftigkeit, und bald alle 
Etymologie und alles wissenschaftliche unserer hochdeutschen 
Schriftsprache verlohren gehen.» Im Vorhergehenden war speziell 
von dem «allenthalben verstossenen ie» die Rede, das Mäzke 
durch ü ersetzen wollte. 

2 Vgl. S. 450 : «Sehen Sie, Fulda opfert sein „Gelt" und 
alles, was er der Etymologie wegen zu ändern übereilt vor- 
geschlagen hatte, nicht der nichts bedeutenden Aussprache, 
sondern dem Schreibgebrauch auf.» 



326 Kapitel 7. [§ 180. 

doch nur Einzelheiten in Betracht, namentlich die Aus- 
führungen über die Inversionen. Von dem größten Einfluß 
auf den Grammatiker, mit dem unsere Geschichte schließen 
wird, war dagegen Herders Abhandlung über den Ur- 
sprung der Sprache (1772). 1 

In der zweiten Hälfte des 18. Jhs. war das Interesse 
für das alte Problem der Entstehung der menschlichen 
Sprache 2 besonders lebhaft. Französische Denker wie Con- 
dillac, Diderot, Maupertuis, Rousseau, de Brosses, 
Engländer wie Adam Smith beschäftigten sich mit ihm. 
Man diskutierte die Frage, ob die Sprache natürlicher oder 
übernatürlicher Herkunft sei; den göttlichen Ursprung ver- 
focht in Deutschland eine Schrift von Süß milch (1766). 
Die unmittelbare Veranlassung zu Herders Abhandlung war 
eine Preisfrage der Berliner Akademie: «En supposant les 
hommes abandonnes ä leurs facultes naturelles, sont-ils 
en etat d'inventer le langage? et par quels moyens par- 
viendront-ils d'eux-memes ä cette invention?» Herders 
Schrift erhielt den Preis. 

Für die Geschichte der Grammatik ist das Ergebnis, 
daß die Sprache menschlichen Ursprungs sei, nicht so 
wichtig wie die damit notwendig verbundene, von Herder 
kräftig hervorgehobene Anschauung von der Beschaffen- 
heit der menschlichen Sprache. «Bau und Grundriß, ja selbst 
der erste Grundstein dieses Pallasts verräth Menschheit!» 
Herder zeigt, wie die historische Entwicklung der onto- 
logischen Piangordnung zuwiderläuft. Nach dieser müßten 
die Subjekte vor den Prädikaten da sein, das Handelnde 
vor der Handlung, das Wesentliche vor dem Zufälligen; 
in der wirklichen Sprache ist das ganz anders : «Tönende 
Verba sind die ersten Machtelemente. Tönende Verba? 
Handlungen, und noch nichts, was da handelt? Prädikate 
und noch kein Subjekt? Der himmlische Genius mag sich 
dessen zu schämen haben, aber nicht das sinnliche mensch- 



1 In Suphans Ausgabe von Herders Sämtlichen Werken V, 
lfi. Ich zitiere nach den Seiten des Originaldrucks. — Vgl. 
Haym, Herder I, 400ff. Euphorion I, 747 fi. Modern Philology 
V, 10911. 

2 Vgl. Rotta, La filosofia del linguaggio nella Patristica e neila 
Scolastica, wo gezeigt wird, daß auch im Mittelalter die An- 
nahme göttlichen Ursprungs durchaus nicht allgemein war. 



§ 180.] Die Grammatik nach Gottsched. 327 

liehe- Geschöpf: denn was rührte dies inniger, als diese 
tönenden Handlungen?» 1 Mit diesem Argument gegen den 
göttlichen Ursprung ist zugleich die herkömmliche philo- 
sophische Grammatik getroffen. Diese führte ja so gerne 
scholastische Gemeinplätze ins Treffen wie esse prius est 
quam operari; und wenn man auch grundsätzlich das be- 
grifflich Frühere und das zeitlich Frühere schied, in der 
Praxis rannen sie immer , wieder zusammen. 2 

Schon als Tier hat der Mensch Sprache, beginnt Herder 
seine Untersuchung, denn alle seine Empfindungen und 
Leidenschaften äußern sich in Tönen. Aber diese Sprache 
der Empfindung ist nicht die menschliche Sprache und 
kann sie nie aus sich entwickeln. Vom Tier unterscheidet 
sich der Mensch der Art nach 1 ; was bei jenem der In- 
stinkt, ist bei ihm eine eigentümliche Disposition seiner 
Natur, die man Besonnenheit nennen mag. Kraft dieser Be- 
sonnenheit kann der Mensch sich orientieren, die Dinge 
begreifen, oder, wie Herder sich ausdrückt, er kann in dem 
Ozean der Empfindungen eine Welle absondern, die Auf- 
merksamkeit auf sie richten und sich seiner Aufmerksamkeit 
bewußt sein. Er beweist Reflexion, wenn er nicht bloß 
alle Eigenschaften klar erkennen, sondern eine oder mehrere 
als unterscheidende Eigenschaften bei sich anerkennen 
kann. «Wodurch geschähe die Anerkennung? Durch ein 
Merkmal, was er absondern muste, und was als Merk- 
mal der Besinnung deutlich in ihn fiel. Wohlan! lasset 
uns ihm das eupnKa zuruffen! Dies Erste Merkmal der 
Besinnung war Wort der Seele! Mit ihm ist die mensch- 

1 S. 80ff. Vgl. auch S. 18. 111. 117 ff. 

2 Der Unterschied der historisch-psychologischen Betrach- 
tungsweise Herders und der altern logischen tritt am deutlichsten 
hervor, wenn dieselbe Annahme begründet wird. Herder lehrt 
S. 132 unter dem Einfluß der hebräischen Schultradition : 
«Praeterita sind die Wurzeln der Verborum». Für ihn ergibt sich 
dies daraus, daß das Wort, das unmittelbar auf den Schall der 
Natur nachahmend folgte, schon einem Vergangenen folgte. 
A priori wäre das Faktum, daß die Verbalwurzeln Praeterita 
seien, sonderbar und unerklärlich, nach der Geschichte der 
Sprachenerfmdung konnte es nicht anders sein. «Die Gegenwart 
zeigt man; aber das Vergangene muß man erzählen.» Und 
nun vergleiche man damit die oben S. 181, Fußn. 2, angeführte 
Begründung Zesens. 



328 Kapitel 7. [§ 18$, 

liehe Sprache erfunden» (S. 53). «Der Schall des Blöckens 
von einer menschlichen Seele, als Kennzeichen des Schaafs, 
wahrgenommen, ward, kraft dieser Bestimmung, Name 
des Schaafs, und wenn ihn nie seine Zunge zu stammeln 
versucht hätte» (S. 55). In dieser, den scholastischen Be- 
griff des verbum mentis erneuernden Betonung der innern, 
geistigen Seite der Sprache liegt der wesentliche Unter- 
schied der Herderschen Auffassung von den Theorien der- 
jenigen französischen Philosophen, die, ebenso wie er, die 
Sprache auf natürliche Weise entstehen ließen. 

Herder führt dann aus, wie vor allem die Töne der 
Dinge sich zu Merkmalen eigneten, und sucht dies aus 
der Beschaffenheit der ältesten Sprachen zu erweisen. Aber 
wie kommt der Mensch dazu, auch das, was nicht tönt, 
zu bezeichnen? Indem Herder diese Schwierigkeit zu lösen 
versucht, spricht er einen Gedanken aus, der die Brücke 
schlägt zwischen der spezifisch menschlichen und der 
tierischen Sprache und zu Ende gedacht über die Annahme 
der Entstehung von Wörtern durch Schallnachahmung 
hinausführen muß. «Da alle Sinne, insonderheit im Zu- 
stande der menschlichen Kindheit nichts als Gefühls- 
arten einer Seele sind: alles Gefühl aber nach einem 
Empfindungsgesetz der thierischen Natur unmittelbar 
seinen Laut hat; so werde dies Gefühl nur zum Deut- 
lichen eines Merkmals erhöht: so ist das Wort zur 
äußern Sprache da» (S. 99). Man erkennt leicht, wie 
nahe Herder gewissen Hypothesen über den Ursprung der 
Sprache ist, die im 19. Jh. aufgestellt worden sind. 

Entsprechend der Doppelfrage der Akademie zerfällt 
die Abhandlung in zwei Teile. Aber schon der erste hatte 
beide Fragen beantwortet. An die Stelle der historischen 
Kausalität hatte Herder die logische gesetzt, die Sprache 
aus dem Begriff des Menschen als eines besonnenen Wesens 
hergeleitet. Dabei faßte er vornehmlich das Individuum 
ins Auge: sobald der einzelne durch die deutliche Erfassung 
eines Merkmals ein inneres Merkwort gefunden hat, ist 
die Sprache erfunden, auch wenn er nie in die Lage 
kommt, einem andern seinen Begriff mitzuteilen. Der zweite 
Teil beschäftigt sich mit den sozialen Faktoren der Sprache, 
auf denen ihre Entwicklung und Differenzierung beruht, 
und schließt mit der Ausführung des echt Herderschen 



§ 180. 181.] Adelung. 329 

Gedankens : «So wie das menschliche Geschlecht Ein pro- 
gressives Ganze von Einem Ursprünge in Einer großen 
Haushaltung ausmacht: so auch alle Sprachen, und mit 
ihnen die ganze Kette der Bildung» (S. 203). 

Die bloße Schilderung des Gedankengangs kann den 
Ideenreichtum dieser Schrift nicht erschöpfen. Wie stark 
namentlich die Charakteristik primitiver Sprachzustände auf 
Adelung gewirkt hat, wird uns das folgende Kapitel lehren. 



Achtes Kapitel. 

Adelung. 

I. Allgemeines. 

181. Literatur: Ebert in Ersch und Gruber, Allgemeine 
Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste I, 404 — 406. 
W. Scherer, Allg. Deutsche Biographie I, 80—84 = Kleine 
Schriften 1, 213—217 (treffliche Charakteristik). Max Müller, 
Wortkritik und Sprachbereicherung in Adelungs Wörterbuch. 
(Palaestra XIV.) Berlin 1903. 

Johann Christoph Adelung wurde am 8. August 1732 
oder am 30. August 1734 * als Sohn des Pfarrers von Spantekow 
bei Anklam in Pommern geboren. Er studierte in Halle und 
wurde 1759 Professor am evangelischen Gymnasium in Erfurt. 
Aber schon zwei Jahre später verlor er seine Stelle. Er hatte in 
einem Konflikt der protestantischen Gemeinde mit der Regierung 
die Rechte seiner Glaubensgenossen verteidigt und mußte aus 
Erfurt fliehen. Er ging nach Leipzig. Dort brachte er sich lange 
Zeit als Schriftsteller, Übersetzer und Korrektor mühselig fort. 
Erst 1787 erlangte er eine gesicherte Lebensstellung. Er wurde 
als Hofrat und Oberbibliothekar nach Dresden berufen. Dort 
starb er am 10. September 1806. 

Adelung, von Hause aus Historiker, hat auf sehr ver- 
schiedenen Gebieten eine ausgebreitete literarische Tätigkeit ent- 
faltet. Zu den Studien, die seinen Namen auf die Nachwelt 
bringen sollten, wurde er durch eine Buchhändlerunternehmung 
geführt. Gottsched hatte ein deutsches grammatisches Wörter- 
buch angekündigt ; erschienen war nichts als ein Probebogen. 
Zur Ausführung des Planes wurde Adelung nach Gottscheds Tode 
von dessen Verleger Breitkopf aufgefordert. Nach sechsjähriger 
Arbeit veröffentlichte er 1774 den ersten Teil seines Werkes. Es 



1 Die Angaben schwanken. 



330 Kapitel 8. [§ 181. 

trug den Titel: Versuch eines vollständigen gramma- 
tisch-kritischen Wörterbuches Der Hochdeutschen 
Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen 
Mundarten, besonders aber der oberdeutschen. Der 
weite Teil (F— K) erschien 1775, der dritte (L— Scha) 1777, der 
vierte (Sehe— V) 1780, der fünfte und letzte (W— Z) 1 erst 1786. 
Bald nach der Veröffentlichung des vierten Teils trat Adelung 
als Grammatiker hervor. Im Auftrag des preußischen Staats- 
ministers Freiherrn von Zedlitz schrieb er seine Deutsche 
Sprachlehre. Zum Gebrauche der Schulen in den 
König 1. Preuß. Landen (Berlin 1781). Während der Aus- 
arbeitung faßte er den Plan, seine Lehren in einem größern 
Werke darzulegen und zu begründen. Zwei Proben veröffentlichte 
er etwa gleichzeitig mit der Sprachlehre 2 : die Einleitung unter 
dem Titel: Über die Geschichte der Deutschen Sprache, 
über Deutsche Mundarten und Deutsche Sprachlehre 
und das zweite Kapitel des ersten Abschnitts des ersten Teils 
unter dem Titel : Über den Ursprung der Sprache und den 
Bau der Wörter, besonders der Deutschen. Ein Ver- 
such. Das vollständige Werk kam 1782 in zwei Bänden heraus. 
Es hieß : Umständliches Lehrgebäude der Deutschen 
Sprache, zur Erläuterung der Deutschen Sprachlehre 
für Schulen. 3 Der zweite Teil wurde auch besonders ausgegeben 
unter dem Titel Grundsätze der Deutschen Orthographie. 
Schon im Herbst 1781 war ein Auszug aus der Deutschen 
Sprachlehre erschienen. Die zweite Auflage der Sprach- 
lehre kam 1792 heraus. Abgesehen von Zusätzen und Ände- 
rungen ordnet sie den Stoff etwas anders an. Die Lehre von der 

1 Auf dem Titelblatt steht : «Fünften und letzten Theils Erste 
Hälfte». Die zweite, die Verbesserungen und Zusätze bringen 
sollte, ist nicht erschienen. 

2 Die Vorrede des Sonderdrucks der Einleitung ist vom 
6. Dezember 1780 datiert, der Vorbericht des Versuchs «Über den 
Ursprung der Sprache» vom 1. Februar 1781, die Vorrede zur 
Sprachlehre vom 1. Mai 1781. In dieser Vorrede bezieht sich 
Adelung bereits auf die beiden Sonderdrucke. 

3 Die Sprachlehre hat gesonderte Paragraphenzählung für 
die Einleitung und für jeden der beiden Teile (I. Von der Fertig- 
keit richtig zu reden. II. Von der Orthographie oder Fertigkeit 
richtig zu schreiben). Die Paragraphen des Umständlichen 
Lehrgebäudes stimmen mit denen der Sprachlehre überein. 
Die Periodenlehre I, §§ 833—841 ist im U. L. weggeblieben. 
Der Sonderdruck des Kapitels «Über den Ursprung der Sprache» 
zählt die Paragraphen von 1—29. Im U. L. entspricht I, 
§§ 50-78. 



§ 181. 182.] Adelung. 331 

Zusammensetzung, die in der ersten Auflage den dritten Ab- 
schnitt des ersten Teils bildete, ist jetzt dem ersten Abschnitt, 
der Lehre von der Bildung der Wörter, eingegliedert und im 
zweiten Abschnitt ist die Reihenfolge der Redeteile geändert. Die 
Lehre vom Ursprung der Sprache und der Bildung der Wurzel- 
wörter ist weggelassen. Im Jahre 1806 erschien die fünfte Aus- 
gabe, und auch nach Adelungs Tod wurde das Buch neu auf- 
gelegt. Ebenso der Auszug. 

Zwischen die beiden ersten Ausgaben der Sprachlehre fallen 
einige andere sprachwissenschaftliche Publikationen Adelungs. 
Seit dem Herbst 1782 gab er das Magazin für die Deutsche 
Sprache heraus, eine Vierteljahrsschrift, die es auf zwei Jahr- 
gänge brachte. Sie enthielt beinahe nur Abhandlungen und Re- 
zensionen des Herausgebers, der hier die Lehren des Umständ- 
lichen Lehrgebäudes wiederholte, verteidigte und näher aus- 
führte. 1785 — 86 erschien Adelungs Buch Ueber den Deutschen 
Styl (4. Auflage 1800), 1788 die Vollständige Anweisung 
zur Deutschen Orthographie, die zwei Jahre später und 
nach Adelungs Tod öfters neu aufgelegt wurde. 

In den Jahren 1793 — 1801 kam das Grammatisch- 
kritische Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart 
heraus, die zweite Auflage des Versuchs eines gramma- 
tisch-kritischen Wörterbuchs. Ein Auszug aus diesem 
Werk erschien 1793—1802. 

Das letzte größere Werk Adelungs, dessen Vollendung er 
nicht erleben sollte, war Mithridates oder allgemeine 
Sprachenkunde. Der erste Band erschien 1806. Adelung 
starb, während am zweiten gedruckt wurde. Vollendet wurde das 
Werk von Johann Severin Vater, und W. von Humboldt 
lieferte Beiträge. 

182. Adelung ist ein Markstein in der Geschichte 
der deutschen Grammatik. In seinen Arbeiten strömen bei- 
nahe alle Anregungen und Erkenntnisse der nachgott- 
schedischen Zeit zusammen. Dadurch machte er die Schriften 
seiner Vorgänger überflüssig und ihre Namen gerieten in 
Vergessenheit. Was die Spätem an Errungenschaften der 
altern nhd. Grammatik übernahmen — und das ist nicht 
ganz wenig — , empfingen sie durch das Mittel der Ade- 
lungschen Schriften. Aber nicht nur den Abschluß einer 
Periode bezeichnet sein Werk: es weist in die Zukunft. 
Eine neue Sprachbetrachtung dringt in die deutsche Gram- 
matik ein. Adelungs Schriften sind durchtränkt von Sprach- 
philosophie, aber nicht in der Art der logizistisch gerichteten 
allgemeinen Grammatik; seine Theorie will psychologisch 



332 Kapitel 8. [§ 182. 

sein, dem wirklichen, nicht einem idealen Menschen die 
Geheimnisse seiner Sprechtätigkeit ablauschen. 

Wer unmittelbar von Gottsched her an das Studium 
Adelungs herantritt, wird ihn notwendig überschätzen; so 
groß scheint der Fortschritt. Die Bewunderung schwindet, 
je mehr man sich in die Schriften der nachgottschedischen 
Zeit vertieft. Adelung ist seinen Vorgängern, namentlich 
den süddeutschen, gar sehr zu Danke verpflichtet, weit 
mehr, als es seine zur Schau getragene Geringschätzung 
der früheren Leistungen und die meisterhafte Technik ver- 
schweigenden Zitierens verraten will. Auch seine Sprach- 
philosophie ist nichts Neues; ohne Herder namentlich ist 
sie nicht denkbar. So gerät man in die Gefahr, ihn zu 
unterschätzen. Aber, wer ein zusammenfassendes Werk 
schreibt, hat ja doch die Pflicht, die vorhandene Literatur 
zu verarbeiten; daß er dies nicht getan habe, war einer 
der schwersten Vorwürfe, der gegen Gottsched erhoben 
werden mußte. Daß Adelung die durchaus nicht leichte 
Aufgabe des Zusammenfassens im ganzen gut gelöst hat, 
beweist der Erfolg seiner Werke. Zudem brachte er selbst 
etwas mit, was für den deskriptiven Grammatiker noch 
wichtiger ist als die Kunst der Disposition und der Blick 
für das Typische; an Kenntnis der sprachlichen Tatsachen 
hatte der Verfasser des Grammatisch-kritischen Wörter- 
buchs nicht seinesgleichen unter den Früheren. Und end- 
lich besaß Adelung grammatischen Instinkt, das richtige 
Gefühl für das, was der Zeit not tat. Mögen ihn die 
Grammatiker der siebziger Jahre an Beobachtungsgabe und 
Scharfsinn übertreffen: beinahe alle brachten sie sich um 
den Erfolg, da sie ihre Erkenntnisse mit undurchführbaren 
Schrullen verquickten. Man denke an Hemmers, Nasts und 
Fuldas mundartliche oder historisierende Velleitäten und 
an Mäzkes oder Klopstocks rationalistischen Verbesserungs- 
eifer. Die durch diese Bestrebungen bedrohte Einheit der 
Schriftsprache siegreich verteidigt zu haben, bleibt das Ver- 
dienst Adelungs. Seine Entscheidungen haben sich bewährt, 
so weit sie die Elemente der Sprache, Orthographie und 
Flexion, betreffen; nur allmählich, d. h. ganz so, wie er sich 
die Entwicklung dachte, hat man sich von seinen Vor- 
schriften entfernt. Und eine Tat war es auch, Herders 
glänzende Apercus mit zäher Beharrlichkeit auf alle Teile 



§ 182.] Adelung. 333 

der Sprachkunst anzuwenden. Es hätte mit mehr Geist 
und weniger verworrener Pedanterie geschehen können; 
daß aber Adelung auch hier seine Sache nicht so übel 
gemacht hat, zeigt wiederum der große Einfluß, den auch 
in dieser Hinsicht seine Schriften geübt haben. Man wird 
ihn vollständig erst ermessen können, wenn wir eine Ge- 
schichte der modernen Sprachphilosophie haben werden. 

Das freilich bleibt bestehen: ein origineller Kopf oder 
überhaupt eine bedeutende Persönlichkeit war Adelung nicht. 
Solche untergeordnete Geister zu charakterisieren ist 
schwierig. Die Versuchung liegt nahe, sie gewissermaßen 
als qualitätslose Punkte zu betrachten, in denen die Linien 
der Zeittendenzen sich schneiden, und doch müssen auch 
sie einen inneren Kern haben, dessen Artung die Auswahl 
unter den Anregungen bestimmt, welche die Umgebung 
ihnen bietet. Den Kern des Adelungschen Wesens möchte 
ich als Konservativismus bezeichnen 1 ; ich denke da nicht 
an bloßes träges Beharren, sondern an die innerliche Zu- 
stimmung zu dem Bestehenden. Adelung ist Realist im 
Schillerschen Sinn. 

Gewöhnlich hält man wohl Adelung für einen typischen 
Vertreter der «platten Aufklärung und des seichten Ratio- 
nalismus», wie die Formel lautet. Und so viel ist wahr: 
Adelung ist innerlich durch seine prosaische, dem Nütz- 
lichen zugewandte Nüchternheit mit der Aufklärung ver- 
bunden, er steckt auch tief in ihren Anschauungen und vor 
allem, er redet ihre Sprache. Aber man bedenke, daß die 
Aufklärung eben die herrschende Geistesrichtung war, über 
deren Ausdrucksweise der am Bestehenden haftende, in 
der Formung der Gedanken höchst unbehilfliche Mann aus 
eigenen Mitteln nicht hinwegkommen konnte. Wäre er 
fünfzig Jahre später geboren worden, so würde er sich 
romantischer Phrasen bedient und mit ihnen in mancher 
Hinsicht seine Meinung besser ausgedrückt haben. 

Daß Adelung weit mehr zum Empirismus als zu dem 
strengen Rationalismus von Leibniz und Wolff hinneigt, 
hat schon R. v. Raumer, Geschichte der Germanischen 



1 Schon Scherer hat ihn einen gemäßigten Konservativen in 
Politik, Religion, Literatur und Sprache genannt. Allg. D. 
Biogr. I, 82. 



334 Kapitel 8. [§ 182. 

Philologie, S. 213 ff., gezeigt. Aber wichtiger als etwa 
die Stellung zu der praktisch bedeutungslosen Frage der 
angebornen Ideen ist etwas anderes. Der Rationalismus 
ist nicht bloß eine theoretische Philosophie, sondern auch 
eine eigentümliche Wertung der menschlichen Dinge. Der 
Rationalist des 18. Jhs. ist Individualist. Überzeugt von 
dem Vorzug der klaren und deutlichen Erkenntnis vor 
dem dunklen Gefühl, ist er geneigt, die menschliche Kultur 
auf zweckbewußte Erfindungen der Individuen zurückzu- 
führen, und hält die zweckbewußte Tätigkeit des Einzelnen 
für fähig und berechtigt, auch weiterhin in den Gang der 
Kultur einzugreifen. Denn an das Gegebene legt er den 
Maßstab der individuellen Vernunft an, dem unvernünftig 
Befundenen spricht er das Recht der Existenz ab, er ist 
seinem innersten Wesen nach revolutionär. Die utilitarisch 
gerichtete Aufklärung hat den Rationalismus als ein Element 
in sich aufgenommen, insofern sie die Erfüllung des Ver- 
standes mit deutlichen Begriffen für ein wichtiges Mittel 
zur Beförderung der menschlichen Glückseligkeit hält. Des- 
halb trachtet sie, das Gut der Verstandesbildung möglichst 
vielen zuteil werden zu lassen, sie ist popularisierend. 
Kann man nun den Mann einen richtigen Aufklärer 
nennen, der sich also vernehmen läßt: «Aufklärung des 
Volks ist ein anderes Steckenpferd der neuern Zeiten, 
welches eben so schädlich werden kann, als Überfüllung 
an Volksmenge. Vermehrte Erkenntniß vermehret die Be- 
gierden; mehr Begierden, als man in seinem Stande be- 
quem befriedigen kann, veranlasset Mißvergnügen mit 
seinem Schicksale, Drang nach den höhern Classen, Über- 
tretung der Gesetze, Laster und Zügellosigkeit der Sitten. 
. . . Man gebe einer jeden Classe nur gerade so viel Auf- 
klärung, als sie zu ihrem Stande gebraucht, und lasse 
ihr. in allem übrigen ihre Vorurtheile, weil sie ihr wohl- 
thätig sind.» (Versuch einer Geschichte der Cultur des 
menschlichen Geschlechts, Bl. 8 der Vorrede.)? Oder, dem 
die Angriffe einiger Neuerer auf das th folgende Klage 
auspressen: «In unschädlichen Dingen ist die allgemeine 
Übereinstimmung des Volkes ein Heiligthum, welches jedem 
einzelen Mitgliede ehrwürdig seyn muß. Aber es gehet 
unserer Sprache heut zu Tage wie der Religion. So viele 
arbeiten öffentlich und insgeheim daran, sie uns aus den 



§ 182.] Adelung. 335 

Händen zu winden, ohne etwas bessers dafür versprechen 
zu können.» (Versuch eines grammatisch-kritischen Wörter- 
buches, IV, 944.)? Trotz des fortwährenden Geredes von 
klaren und deutlichen Begriffen, auf denen die Kultur be- 
ruhe, ist Adelungs Grundstimmung nicht rationalistisch. 
Seine Sprachbetrachtung ruht auf dem Grundsatz, daß die 
Sprache nicht das Werk einer willkürlichen Verabredung 
sei, und ebensowenig glaubt er, daß der Einzelne, sei er 
Schriftsteller oder Sprachlehrer, an dem Gange der Sprach- 
entwicklung etwas Wesentliches ändern könne. Und je 
länger, desto mehr befestigt sich bei ihm die Überzeugung, 
daß die wirkliche, nicht im vollen Licht des Bewußtseins 
sich vollziehende Sprachentwicklung den Zweck der Sprache 
weit besser erreicht als das klügelnde Individuum. Trotz 
seiner Verachtung der Vergangenheit, namentlich des Mittel- 
alters, ist dieser Sohn des Aufklärungszeitalters nicht mehr 
weit entfernt von jener ehrfürchtigen Bestaunung der 
Wunder des Sprachgeistes, die für die historische Sprach- 
forschung der ersten Hälfte des 19. Jhs. so charakte- 
ristisch ist. 

Und man möchte glauben, daß ein Zusammenhang be- 
steht zwischen jener Abkehr von revolutionärem Ratio- 
nalismus und Adelungs intellektueller Beschaffenheit. Seine 
eigentümlichen Vorzüge liegen in der gefühlsmäßigen Er- 
fassung der Tatsachen, nicht in ihrer gedanklichen Be- 
arbeitung. R. v. Raumer rühmt (a. a. 0., S. 223) seinen 
klaren Verstand und sein nüchternes Urteil : nüchtern war 
Adelung allerdings, aber nicht klar. Mangel an Tiefe macht 
noch nicht den scharfen Denker. Adelungs Schriften gleichen 
einem seichten und trüben Gewässer; aber der Schlamm 
birgt Goldkörner. 

Es ist nur eine Seite der Verworrenheit Adelungs, daß 
es ihm nicht gelingt, für seine Anschauungen den eigenen 
Ausdruck zu finden. Er ist weder ein deduktiver Kopf, 
noch verdichten sich ihm die Einzelerkenntnisse zur Theorie. 
Er verkündet seine Meinung in der Sprache der Vorgänger. 
Für uns ergibt sich daraus die Aufgabe, den wahren Kern 
herauszuschälen aus der Hülle des erborgten Ausdrucks. 



336 Kapitel 8. [§ 183* 

II. Adelungs Ansichten über Sprache und Grammatik. 

183. Ähnlich wie später J. Grimm hat Adelung das 
Bewußtsein, aus der Reihe der bisherigen Grammatiker 
herauszutreten. Es gebe zwei Arten, Grammatik zu lehren, 
erklärt er in der Vorrede zu seiner Sprachlehre: entweder 
bringe man seine Beobachtungen einfach unter die Rubriken 
älterer Grammatiken, ohne sich weiter um die Beschaffen- 
heit und die Gründe der sprachlichen Tatsachen zu 
kümmern, oder man suche das Wesen der Sprache in 
ihr selbst auf, bemühe sich um deutliche Begriffe von den 
sprachlichen Erscheinungen und forsche ihren Ursachen 
nach. Diesen zweiten Weg habe er im Gegensatz zu fast 
allen seinen Vorgängern eingeschlagen. 

Um aber die Ursachen der sprachlichen Phänomene zu 
ermitteln, müsse man sie bis zu ihrem Ursprung verfolgen. 
«Eine gründliche Sprachlehre ist gewisser Maßen eine prag- 
matische Geschichte der Sprache; soll sie eine wahre Ge- 
schichte und kein Roman seyn, so muß sie die Sachen 
nicht so vortragen, wie sie seyn könnten oder seyn sollten, 
sondern wie sie wirklich sind; sie muß bey Aufsuchung 
der Gründe, welche hier das Pragmatische ausmachen, der 
Sprache keine Gründe unterschieben, welche der ganz rohen 
und sinnlichen Vorstellungsart ihrer Erfinder nicht an- 
gemessen sind. Alle als Sprachgründe angegebene Ur- 
sachen, welche auf spitzfindige Unterschiede, auf abstracte 
tiefsinnige Betrachtungen, und auf Endzwecke, welche dem 
sinnlichen Menschen unbekannt oder unnütz sind, hinaus 
laufen, sind schon um deßwillen verwerflich, weil sie der 
Denkungsart des Volkes, welches Sprache schafft und nach 
dunkel erkannten Ähnlichkeiten ausbildet, nicht angemessen 
sind.» (U. L., I, Vf.) 

Diese Worte enthalten eine Absage an die herkömm- 
liche philosophische Grammatik. Diese macht die Voraus- 
setzung, daß alle Sprachen die sich überall gleich bleibende 
Natur des menschlichen Verstandes widerspiegeln müßten. 
Die eine Sprache könne dies vollkommener tun als die 
andere, immer aber sei es möglich, die grammatischen 
Einrichtungen einer Sprache mit einem allgemeingültigen, 
a priori aufstellbaren Begriffsschema in Beziehung zu 
setzen. Die Problemstellung dieser philosophischen Gram- 



§ 183. 184.] Adelung. 337 

matik ist: wie drückt eine bestimmte Sprache dies oder 
jenes aus? Für Adelung lautet dagegen die Frage: was 
drückt diese bestimmte Sprache aus ? Denn, statt von einem 
aprioris tischen Schema auszugehen, will er empirisch, 
aus der Untersuchung der einzelnen Sprache, ihre Ein- 
richtung erkennen. Daß in der Durchführung die philo- 
sophische Grammatik meist nur die überlieferten Kategorien 
der griechischen und lateinischen Grammatik ins Absolute 
erhob und Adelung gleichfalls gar oft in der Tradition der 
Schulgrammatik stecken blieb, benimmt dem prinzipiellen 
Gegensatz nichts von seiner Schärfe. 

Und ferner: nicht mit einem allgemeingültigen Be- 
griffssystem soll die Sprache in Beziehung gesetzt werden, 
sondern mit den Vorstellungen, die ihre Schöpfer wirk- 
lich gehabt haben. Damit ist eine Wendung von logi- 
zistischer zu psychologischer Sprachbetrachtung und, da 
die Vorstellungen der Menschen sich ändern, zur Sprach- 
geschichte gegeben. 

Zur Sprachgeschichte freilich nicht in unserm Sinn, 
denn, was Adelung vorbringt, ist eitel Spekulation. Aber 
wichtig ist für uns die Absicht; das theoretische Interesse 
zeigt sich so mächtig, daß hier, in den einleitenden Be- 
merkungen, die Richtung der Grammatik auf das Prak- 
tische ganz zurücktritt. 

184. Die Aufgabe, die Adelung lösen will, ist den 
Sprachforschern von Herder gestellt worden: «der erste 
Kopf, der an eine wahre Philosophie der Grammatik, an 
die Kunst zu reden denkt, muß gewiß erst die Geschichte 
derselben durch Völker und Stuften hinab überdacht haben». 
(Abhandlung über den Ursprung der Sprache, S. 134.) 

Und ebenfalls von Herder, freilich nicht von ihm 
allein, ist der Satz ausgesprochen worden, der die Grund- 
säule der Adelungschen Sprachphilosophie ist, daß näm- 
lich Sprache und Vernunft miteinander fortschreiten. 1 Ade- 
lung wird nicht müde zu wiederholen, daß der jeweilige 
Stand der Kultur sich in der Sprache widerspiegle. Der 
Fortschritt der Kultur besteht aber für ihn zum guten 
Teil in der Abnahme der dunkeln und der Zunahme der 



1 Vgl. z. B. Abh. üb. den Ursprung der Sprache S. 127. 
138. 217f. 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 22 



338 Kapitel 8. [§ 184. 

deutlichen Begriffe. 1 Dieselbe Erscheinung soll sich nun 
auch in der Sprachentwicklung zeigen. Fast auf jeder 
Seite des Umständlichen Lehrgebäudes spricht Adelung von 
dunkeln Empfindungen, Vorstellungen, Begriffen, zur Qual 
seiner Leser, die oft die größte Mühe haben, dabei etwas 
Bestimmtes zu denken. Und Adelung selbst ist es nicht 
anders ergangen. 

Zunächst muß betont werden, daß er sich nicht an die 
Begriffsbestimmungen hält, die Leibniz in den Medi- 
tationes de Cognitione, Veritate et Id ei s 2 aufgestellt 
und Wolff von ihm übernommen hatte. Nach Leibniz 
unterscheidet sich die klare (clara) Vorstellung und die 
dunkle (obscura) dadurch, daß jene zur Erkennung des 
vorgestellten Dings ausreicht, diese nicht, oder, was das- 
selbe ist, daß jene uns den Gegenstand der Vorstellung 
von andern unterscheiden läßt, diese nicht. Die klare Vor- 
stellung ist entweder distincta oder confusa (was Wolff 
mit deutlich, bzw. undeutlich übersetzt 3 ), je nachdem 
wir ihre einzelnen Merkmale voneinander unterscheiden 
können oder nicht. Ein Beispiel für klare, aber undeut- 
liche Vorstellungen sind die Vorstellungen der Farben, denn 
diese sind nach Leibniz zusammengesetzt, aber wir durch- 
schauen die Zusammensetzung nicht. Klare, aber undeut- 
liche Erkenntnis liegt auch vor, wenn Maler oder andere 
Künstler mit voller Sicherheit die Vorzüge und Fehler 
eines Kunstwerks angeben, ihr Urteil aber nicht begründen 
können. Nur von einem deutlichen Begriff läßt sich eine 
Nominaldefinition geben durch Aufzählung der zur Unter- 
scheidung einer Sache von andern ausreichenden Merkmale. 
Nach Adelung, U. L., I, 191, entsteht dagegen eine klare 
Vorstellung aus einer dunkeln, «wenn die Seele bey wieder- 
hohlter Empfindung der letztern bey derselben verweilet, 
und sich ein Merkmahl von dem empfundenen Dinge ab- 
sondert, an welchem sie es wieder erkennen kann». «Gelingt 
es ihr nach und nach, dieses Merkmahl noch genauer 



1 Vgl. Adelungs (anonym erschienenen) Versuch einer Ge- 
schichte der Cultur des menschlichen Geschlechts, Vorrede 
Bl. 3b f. 

2 Die philosophischen Schriften, hg. von Gerhardt, IV, 422 ff. 

3 Andere sagen «verworren» statt «undeutlich». 



§ 184.] Adelung. 339 

zu bestimmen, oder an demselben neue Merkmahle aus- 
zudrucken, so wird ihre Vorstellung davon deutlich.» Man 
sieht, das sind ganz andere Definitionen. 1 In der Praxis 
bindet sich Adelung auch an sie nicht. Man kann sagen, 
daß er «dunkel» auch im Sinne des Wölfischen «undeut- 
lich», und «klar» auch im Sinne von «deutlich» gebraucht. 

Wenn Adelung sagt, daß alles in der Sprache auf 
dunklen Empfindungen, Vorstellungen oder Begriffen be- 
ruhe, so meint er zweierlei. Erstens denkt er daran, daß 
man beim Sprechen im allgemeinen nicht über die Sprech- 
tätigkeit selbst reflektiert. Man ist sich der grammatischen 
Gesetze, die man tatsächlich befolgt, beim Sprechen nicht 
bewußt. Das gilt nicht nur für die große Menge, die von 
Grammatik überhaupt nichts weiß, sondern auch von den 
Gelehrten bei den meisten Gelegenheiten, wo sie sprechen. 2 

Zweitens aber bezeichnet Adelung als dunkel eine irgend- 
wie mangelhafte seelische Zuständlichkeit, die einer gram- 
matischen Kategorie zugrunde liegt. So meint er, der- 
selbe Kasus bezeichne oft sehr verschiedene Verhältnisse, 
«weil die Erfinder und Ausbilder der Sprache von ihnen 
nur sehr dunkele Begriffe hatten, und daher die Arten 
der Verhältnisse so oft mit einander verwechselten» (U. L., 
I, 392). Hier bezieht sich also die Dunkelheit auf die realen 
Beziehungen: diese wurden von den sprachschöpfenden 
Menschen ungenau erfaßt; in der ersten Bedeutung da- 



1 Adelungs Definition der klaren und der deutlichen Vor- 
stellung erinnert vielmehr an Wolffs Unterscheidung zwischen 
notio incompleta und completa (ausführlichem und unausführ- 
lichem Begriff). Vgl. Logica §§ 91. 92 : Vieri potest, ut rem 
oblatam agnoscentes vel notas omnes distinguamus easque 
enumerare valeamus, vel sattem aliquas. Notio completa/ est, 
quae notas sufficientes exhibet ad rem in statu quolibet agnos- 
cendam et ab aliis distinguendam : incompleta vero, quae 
notas insufficientes continet. Ähnlich in der deutschen Logik 
§ 15. 

2 Vgl. U. L., S. X : «Da eine ganze Nation, folglich der un- 
gelehrteste Theil so gut als der gelehrteste, diese Gründe dunkel 
und ohne deutliches Bewußtseyn befolgt». — Vgl. dagegen die 
richtige Anwendung der Wölfischen Terminologie bei J. B. 
Michaelis, der in seiner Hebräischen Grammatik (1745), An- 
hang S. 12, die gewöhnliche Kenntnis der Muttersprache eine 
verworrene (confusam) nennt. 



340 Kapitel 8. [§ 184. 

gegen traf die Dunkelheit die grammatische Kategorie oder 
Regel, die in ihrer Abstraktheit nicht ins Bewußtsein tritt. 

Man kann die zwiefache Bedeutung von «Dunkelheit» 
durch folgende Analogie erläutern. Beim Denken sind wir 
uns der logischen Regel, die wir befolgen, nicht bewußt. 
Diese Regel wird also, wie Adelung sagen würde, nur 
dunkel empfunden 1 , ebenso wie die grammatische Regel. 
Die dunklen Begriffe im zweiten Sinn würden dagegen 
ihr Analogon in den Fehlschlüssen haben. 

Adelung hat die Amphibolie seiner Ausdrucksweise, 
die durch die Leibnizische Unterscheidung von «undeut- 
lich» und «dunkel» vermieden werden konnte, niemals klar 
durchschaut. Und doch war er nahe daran. U. L., I, 788, 
sagt er, daß die Umbildung der irregulären Verba zu regel- 
mäßigen, «nach der dunkeln Empfindung des klaren Be- 
griffes des Verhältnisses» geschieht, und S. VII heißt es, 
daß der Mensch anfing, «die Sprache immer mehr nach 
dunkel empfundenen klärern Vorstellungen» auszubilden. 
Adelung meint, daß die Vorstellung von den realen Be- 
ziehungen, die in der grammatischen Kategorie zum Aus- 
druck kommt, klar ist, dunkel dagegen die Vorstellung 
von dieser klaren Vorstellung. Aber er versteht sich selbst 
nicht; er fährt S ; . VII fort: «Man wird mir diesen Ausdruck 
leicht vergeben, wenn man nur bedenkt, daß es unter 
dem, was man klare Vorstellungen nennet, unzählige Grade 
gibt, welche sich nicht anders als nach und nach . . . 
von dem untersten Grade der Klarheit bis zu dem höchsten 
möglichen entwickeln können.» 2 Das ist echt Adelungsche 



1 Wolff drückt sich genauer aus. Die sogenannte natürliche 
Logik beruht nicht auf dunklen, sondern auf undeutlichen Be- 
griffen. Vgl. Logica § 7 : Qui Logica naturali utitur, confusam 
quandam ideam habet regularum, per quas mentis operaiiones 
dirigit in cognoscenda veritate. 

2 Vgl. dagegen die klaren Auseinandersetzungen Wolffs, 
Psychologia empirica § 34, deren polemischer Teil auf Leute 
vom Schlag Adelungs paßt : Si mens sibi conscia est, se objec- 
tum aliquod obscure percipere, perceptionem suam obscuram 
clare percipit. Propositionem hanc praetermittere non debuimus, 
propterea quod nobis compertum est perceptionem claram per- 
ceptionis obscurae cum perceptione objecti, quae obscura est, 
confundi. Percipit anima ea, quae in se sunt, adeoque suas 



§ 184. 185.] Adelung. 341 

Verworrenheit. Es handelt sich ja nicht um Abstufungen 
der Klarheit innerhalb einer Vorstellung, sondern um zwei 
Vorstellungen, von denen die eine klar, die andere dunkel ist. 

Aufgabe des Sprachlehrers ist es, die tatsächlich von 
der Sprache befolgten Regeln zum Bewußtsein zu bringen. 
Diese Umsetzung in die Sprache der deutlichen Begriffe 
wird auf Widerstand stoßen, sobald sie es mit jenen 
seelischen: Zuständlichkeiten zu tun bekommt, die dunkel 
im zweiten Sinn sind. Die grammatische Kategorie des 
Genitivs z. B. weist auf eine ihr zugrunde liegende Vor- 
stellung hin. Aber diese Vorstellung läßt sich nicht deut- 
lich machen, weil von der Funktion des Genitivs keine 
einfache Definition gegeben werden kann. Es bleibt dem 
Grammatiker nichts übrig, als die einzelnen Fälle der An- 
wendung des Genitivs aufzuzählen. Die Ursache liegt, wie 
früher bemerkt, in der Dunkelheit der Vorstellung, die 
verschiedene reale Beziehungen miteinander vermengte. 
Aber auch solche Vorstellungen nennt Adelung dunkel, die 
Gleichartiges trennen. In diesem Sinn gebraucht er das 
Wort «dunkel» etwa bei Erörterung der Konjugation von 
seyn mit seinen verschiedenen Wurzeln. Das ist ein offen- 
barer Mißbrauch des Wortes. Wenn jemand, der eine Raupe 
recht gut von einem Tausendfüßer und einen Schmetter- 
ling von einem Käfer unterscheiden kann, nicht weiß, daß 
der Schmetterling aus der Raupe entsteht, so kann man 
nicht sagen, daß er einen dunklen Begriff von der Meta- 
morphose des Schmetterlings hat: er hat gar keinen. Ade- 
lung aber spricht in einem Atem von der Nichtexistenz 
des Begriffs und seiner Dunkelheit, die doch die Existenz 
voraussetzt. 1 

185. Entsprechend der Möglichkeit oder Unmöglich- 
keit, die sprachlichen Tatsachen auf deutliche Begriffe zu 
bringen, unterscheidet Adelung, U. L., S. VIII ff., zwei 

quoque, quas habet, perceptiones vel clare vel obscure. Etenim 
perceptiones ejus non minus sunt objectum facultatis percipiendi 
quam res aliae, quas percipit. 

1 «Da man sich den Grundbegriff dieses Zeitwortes in allen 
den Nebenumständen, die man sonst an den Verbis zu bezeichnen 
pflegt, nur sehr dunkel denken konnte, so hielt man ihn auch in 
jedem derselben für einen andern Begriff, und druckte ihn daher 
auf verschiedene Art aus». U. L. I, 774. Vgl. auch I, 204. 



342 Kapitel 8. [§ 185. 

Perioden der Sprachbildung, die beide ihre Spuren in der 
heutigen Sprache zurückgelassen hätten. Die Einrich- 
tungen, die aus der ersten Periode, der Kindheit der Sprache, 
stammen, gründen sich ganz auf «die dunkele Empfindung 
des Hörbaren», die Einrichtungen der spätem Zeit ge- 
schehen «mehr nach klaren Vorstellungen, oder vielmehr 
nach der dunkeln Empfindung des Ähnlichen». Zu den 
Einrichtungen der ersten Periode rechnet Adelung 1. die 
Bildung aller Wurzelwörter und Wurzellaute in ihrer ur- 
sprünglichen Bedeutung, 2. das Geschlecht der Substan- 
tive, 3. die Bildung des Plurals, 4. die ursprüngliche Ein- 
richtung der Deklinationen, 5. die erste Einrichtung der 
irregulären Konjugationen, 6. die persönlichen Pronomina 
ihrem ersten rohen Zustand nach. Diese Einrichtungen kann 
der Sprachlehrer nur konstatieren, aber nicht weiter er- 
klären, als höchstens so, daß er im allgemeinen auf ihren 
Ursprung aus der dunklen Empfindung des Hörbaren ver- 
weist. Warum diese dunkle Empfindung gerade so oder 
so beschaffen war, das unmittelbar nachzufühlen, ist uns 
Kulturmenschen nicht mehr möglich, da unsere Sprache 
auf die dunkle Empfindung des Ähnlichen gegründet ist. 
Dagegen sind die Einrichtungen der zweiten Periode das 
eigentliche Feld des Grammatikers; seine Pflicht ist es, 
«die klaren Gründe, welche die Nation dunkel befolgt, auf- 
zusuchen und zur Deutlichkeit zu bringen». In diese zweite 
Periode fällt die Sonderung der Redeteile, die Entstehung 
abgeleiteter Wörter, die reguläre Bildung neuer Verben, 
die partielle Umformung der unregelmäßigen Verben zu 
regulären. 

In diesen Auseinandersetzungen treten Adelungs Vor- 
züge wie seine Schwächen klar zutage. Er hat richtig 
herausgefühlt, daß es in der Sprache lebendige Analogien 
gibt und anderseits abgestorbene, isolierte Reste aus früheren 
Zeiten. Aber die begriffliche Darstellung dieses Tat- 
bestandes ist verworren, widerspruchsvoll, von fremden 
Theorien abhängig. 

Um dies zu zeigen, sind wir genötigt, auf Adelungs An- 
sichten über die Entstehung der Sprache einzugehen. Er 
schließt sich da zunächst ganz an Herder an: der Mensch 
habe sich von den Dingen ein hörbares Merkmal ab- 
gesondert und es nachgeahmt. Dann sucht Adelung zu 



§ 185.] Adelung. 343 

zeigen, wie es im einzelnen bei dieser Nachahmung zuging; 
hierbei macht er sich Fuldas Wurzelanalyse zunutz©. Das 
Nähere siehe Kap. 13. Die ältesten Wörter waren ein- 
silbig und bezeichneten einzelne unverbundene Vorstel- 
lungen. Um die notwendige Verbindung herzustellen, ge- 
brauchte der Naturmensch zunächst Gebärden. Erst all- 
mählich lernte er die Nebenbegriffe durch Laute auszu- 
drücken, «welche mit seiner dunkel gedachten Vorstellung 
einige Ähnlichkeit hatten» (U. L., I, 213). Es entstehen, 
die Ableitungs- und Flexionslaute. Diese sind aber ihrem 
Ursprung nach auch nichts anderes als Schallnachahmungen. 
So bezeichneten etwa die Pluralendungen von Haus aus 
das Geräusch, das eine bewegte Menge hervorbringt. Je 
nach dem Eindruck, den dieses Geräusch machte, wurde 
es durch e, durch en oder durch er nachgeahmt. 1 

Es entsteht nun die Frage: wenn alle Flexions- und iVb- 
leitungskategorien durch Schallnachahmung entstanden sind, 
wie darf dann Adelung behaupten, daß erst in der zweiten 
Periode die Sprache nach dunkel empfundenen Ähnlichkeiten 
ausgebildet worden sei? Adelung ist sich dieser Schwierig- 
keit nie recht bewußt geworden, geschweige, daß er sie 
gelöst hat. Was ihm etwa vorschwebte, war folgendes. 
Entstanden sind allerdings die Analogien durch Schall- 
nachahmung, also in der ersten Periode, aber sie sind 
später, in der zweiten Periode, umgewertet worden. Die 
Endung -er in Lämmer z. B. bezeichnete ursprünglich nicht 
die Mehrheit, sondern das Geräusch der sich bewegenden 
Lämmerherde und erst durch Übertragung die Ursache des 
Geräusches, die Lämmerherde selbst. Für uns wird aber 
die Pluralvorstellung nicht mehr durch die Schallvorstellung 
vermittelt, wir verknüpfen die Kategorie der Mehrheit un- 
mittelbar mit der Endung. Darum ist für uns die Viel- 
heit der Pluralendungen (-e, -en, -er) etwas Irrationelles, 
während die Sprachschöpfer ihren guten Grund hatten, 
warum sie das eine Mal diese, das andere Mal jene Endung 
anwandten. Aber auch so kommen wir nicht darüber hin- 
weg, daß schon in der ersten Periode Analogien, d. h. gram- 
matische Kategorien da waren, wenn auch von anderer 



i Vgl. U. L. I, 94f. 372. 416. 



344 Kapitel 8. [§ 185. 

Bedeutung als die unsern. 1 Da springt nun ein anderer 
Gedanke helfend ein, den Adelung aber nicht festzuhalten 
und klar zu entwickeln weiß. Danach hätten jene Ana- 
logien ihre Wurzel in der Natur des zu Bezeichnenden, 
nicht im Geist des Sprache schaffenden Menschen. Es konnte 
nicht ausbleiben, daß ähnliche Schälle durch dieselben 
Sprachlaute nachgebildet wurden. Klangen etwa die Ge- 
räusche ähnlich, die eine Lämmer- und eine Rinderherde 
verursachten, so konnten beide durch -er wiedergegeben 
werden, ohne daß die Wörter Lamm und Rind sich in 
der Seele des Menschen zu einer Gruppe zusammen- 
geschlossen hätten. Dies wäre vielmehr erst später ge- 
schehen als Folge jener gewissermaßen von selbst ent- 
standenen Gleichheit der Endungen. 2 

Aber, wie man die Sache auch wenden mag, ungerecht- 
fertigt bleibt, daß im Gegensatz zu den andern Flexionen 
die reguläre Konjugation in die zweite Periode geschoben 
wird. Denn seiner Entstehung nach bezeichnet das t des 
Präteritums die Vergangenheit ebenso figürlich wie das -er 
die Mehrheit; denn eigentlich ist t der Ausdruck der Härte, 
des Nachdrucks (U. L., I, 764). Für das moderne Sprach- 
gefühl wieder bezeichnet er ebenso direkt die Mehrzahl 
wie te die Vergangenheit. Der Unterschied besteht nur 
darin, daß für den Plural mehrere Endungen mit ungefähr 
gleichen Gebieten zur Verfügung stehen, so daß man im 
einzelnen Fall schwanken kann, welche anzuwenden sei 

1 Vgl. U. L. I, 94 am Ende des § 35 und I, 100 : «Man 
nehme nur die beyden Fälle, die Declination der Hauptwörter 
und ihr Geschlecht. Zu Einrichtung beyder hatten die Sprach- 
erfinder gewiß ihren guten Grund, ob wir gleich jetzt in den 
wenigsten Fällen mehr etwas davon wittern können, weil die 
dunkle Empfindung der Ähnlichkeit, welcher sie dabey folgten, 
verlohren gegangen ist.» 

2 Noch am klarsten ist der von mir mit meinen eigenen 
Worten entwickelte Gedanke angedeutet U. L. I, 232 f. : «Es ist 
uns jetzt nicht erlaubt, die Ableitungslaute und Sylben nach 
eigenem Gefallen zu gebrauchen, und vermittelst derselben neue 
Wörter zu bilden, wenn und wie wir wollen ; ein Beweis, daß 
der Gebrauch jeder dieser Laute, in jedem einzelnen Falle bloß in- 
dividuell war, und man dabey kein allgemeines Sprachgesetz vor 
Augen hatte, oder doch dasselbe nur sehr dunkel dachte». Vgl. 
ferner I, 202 § 61. 223. 276. 



§ 185.] Adelung. 345 

(vgl. U. L., I, 95 f.), während die regulären Verba in so 
erdrückender Überzahl sind, daß man neugebildete Verba 
nur regulär abwandelt. 

In der Lehre vom' Verbum spricht es denn Adelung ohne 
Umschweife aus, daß alle Flexionsendungen klare Begriffe 
voraussetzen (U. L., I, 784). In der Kindheit der Sprache 
bezeichnete man dagegen die Verhältnisse und Neben- 
begriffe an dem Worte selbst. Dabei seien zwei Fälle zu 
unterscheiden. Entweder schienen die verschiedenen Ver- 
hältnisse ebensoviele verschiedene Begriffe zu sein: dann 
drückte man sie durch verschiedene Wurzeln aus. So beim 
Verbum substantivum und den persönlichen Pronomina. 
Oder der Hauptbegriff stach unter allen Verhältnissen hör- 
bar hervor, dann wurde nur ein Laut, gewöhnlich der 
Vokal, geändert. Adelung zielt auf die starken Verba. Das 
Verhältnis des Vollbrachten, Vergangenen wurde gemeinig- 
lich durch einen tiefern Vokal ausgedrückt (bund, fund), 
oft aber durch einen höhern (fiel, blies), «je nachdem 
die dunkele Empfindung des Hörbaren beschaffen war» 
(U. L., I, 785). Immer aber wurde diese Empfindung durch 
den einzelnen Fall bestimmt; daher sträubt sich Adelung 
gegen die Anerkennung von Regeln; was so aussehe (die 
Ablautklassen), beruhe auf Zufall (U. L., I, 801). Man 
kann Adelungs Meinung etwa durch folgende Vergleiche 
erläutern. Wenn mehrere starke Verba denselben Präteri- 
talvokal zeigen, so hat dies sein Gegenstück in der Ähn- 
lichkeit mehrerer Photographien von ähnlichen Gegen- 
ständen; die Einförmigkeit der schwachen Präteritalbildung 
hat dagegen ihre Parallele in der Gleichheit der Abdrücke 
eines Stempels. Noch näher liegt folgende Analogie. 
Die Bezeichnungen Laufkäfer, Maikäfer, Mistkäfer setzen 
voraus, daß die also genannten Tiere unter den Begriff 
«Käfer» gebracht wurden; wenn dagegen die Namen Kibitz 
und Kuckuck beide mit k anlauten, so hat dies seinen 
Grund einfach in der Ähnlichkeit der nachgeahmten Natur- 
schälle, nicht aber in der Subsumierung der beiden Tiere 
unter den Begriff «Vogel». Wiederum aber erhebt sich der 
Einwand, daß auch die schwache Präteritalbildung in ihrem 
Ursprung rein individuell war und auf Schallnachahmung 
beruhte. 

Ihre letzte Ursache haben diese Unklarheiten in der 



346 Kapitel 8. [§ 185. 

Kontamination zweier Anschauungen, deren Unverträglich- 
keit für Adelung durch scheinbare Übereinstimmungen ver- 
schleiert wurde. Herder wie Fulda nahmen an, daß die 
Sonderung der Redeteile und überhaupt alle Grammatik 
der ältesten Sprache fehlte. Aber der Grund lag für Herder 
in der höchst individuellen, inhaltsreichen Bedeutung der 
Wörter, für Fulda in der abstrakten Allgemeinheit ihres 
Sinnes. 1 Nach Herder wollten die alten Erfinder alles auf 
einmal sagen, ihre Wörter waren sehr lautreich, erst all- 
mählich kam eine gewisse Klassifikation zustande 2 und 
Formwörter entstanden aus Teilen der Urwörter. Nach 
Fulda wird dagegen die einsilbige Wurzel durch Zusätze 
nach und nach in ihrer Bedeutung differenziert. 

Adelung entlehnte nun von Herder die Lehre von dem 
individualistischen, nicht klassifizierenden Charakter der 
ältesten Sprache — Herder hatte dafür den Ausdruck ge- 
funden, daß diese Sprache ganz Wörterbuch war. So geht 
auf Herder auch die Meinung zurück, daß die Natur- 
menschen dieselbe Sache verschieden benannten, weil sie 
sie von verschiedenen Seiten ansahen und die Identität 
der Erscheinungen verkannten. 3 Aber die Entstehung der 



1 Vgl. Abhandlung über den Ursprung der Sprache S. 129 fi. 
Über Fuldas Versuch, die individuelle Entstehung der Wörter 
mit der Allgemeinheit ihrer Bedeutung zu vereinigen, vgl. 162 
und Kap. 13. Herders wie Fuldas Anschauungen haben bis in 
unsere Zeit nachgewirkt. Fuldas Methode der etymologischen 
Zergliederung war im 19. Jh. die herrschende, mit Herder be- 
rührt sich sehr genau 0. Jespersen in seinem Buch «Progress 
in language». Wie die beiden Theorien auf ganz verschiedenen 
Wegen zu demselben Ziel führen, läßt sich am besten durch ein 
Beispiel klar machen. Wenn die Vielstämmigkeit, die wir an den 
Personalpronomina beobachten (ich — mich), früher allgemein 
war — vgl. Osthoff, Vom Suppletivwesen der idg. Sprachen, 
Anmerkung 99 — , also etwa «der Mann» när, «den Mann» viro 
hieß, so kann von Grammatik in unserm Sinn ebensowenig die 
Rede sein, wie wenn der «Stamm» viro ebensowohl den Casus 
activus wie den Casus passivus bezeichnete. 

2 Wie die Urwörter mit ihrem komplexen Bedeutungsgehalt 
sich in Gruppen ordnen konnten, hat Herder S. 134 freilich eben- 
sowenig gezeigt wie sein Nachfahr Jespersen. 

3 Vgl. Abh. üb. den Ursprung der Sprache S. 119 und U. L. 
I, 204. 



§ 185.] Adelung. 347 

Flexion faßt Adelung so auf wie Fulda, ja er führt den 
Gedanken von ihrer zeitlichen Posteriorität noch schärfer 
durch. Seine Theorie hat etwas Mechanistisches. Erst war 
die Wurzel da, ohne Bezeichnung der Nebenbegriffe. Diese 
wurden erst später, als man auf sie aufmerksam wurde, 
ausgedrückt durch Beigesellung von Wurzellauten, die mit 
der Urwurzel zunächst nicht verbunden waren. Das setzt 
natürlich eine Analyse der zu bezeichnenden Vorstellung 
voraus, eine Analyse, die der Gegensatz zur individuellen 
Bezeichnungsart durch verschiedene Wurzeln ist. Mit diesem 
Gegensatz zwischen lexikalischer und grammatischer Be- 
zeichnung vermischt sich aber in Adelungs Kopf ein anderer. 
Die Ähnlichkeit mit Naturschällen vermittelt für uns nicht 
mehr das Verständnis der Wörter. So ergibt sich der Gegen- 
satz Nachahmung des Hörbaren und — irgend etwas anderes. 
Adelung identifiziert nun die Glieder der beiden Disjunk- 
tionen. Die Einrichtungen, die durch Nachahmung des Hör- 
baren entstanden, setzt er gleich den lexikalischen Bezeich- 
nungen, für das zweite Glied bleibt dann nur die gram- 
matische Einrichtung, d. h. die Befolgung von Analogien 
übrig. Nun kann sich aber Adelung Wurzellaute nur durch 
Nachahmung des Hörbaren entstanden denken, und so fallen 
die Flexions- und Ableitungselemente ihrem Ursprung nach 
doch wieder in die erste Periode, während ihr Bedeutungs- 
gehalt gerade für die zweite Periode charakteristisch sein 
sollte. Ein Ausweg bot sich hier nur, wenn Adelung Ad- 
aptierung schon vorhandener bedeutungsloser Elemente an 
neue Zwecke angenommen hätte; das wäre die sinngemäße 
Fortbildung der Herderschen Andeutungen gewesen. Dieser 
Ausweg war aber versperrt durch die mechanistische Theorie, 
die den Flexionselementen von Haus aus ihre eigentüm- 
lichen Bedeutungen zusprach. So geriet die ganze Lehre 
in Schwankungen und Widersprüche. 1 

1 Reine Gedankenlosigkeit ist es, wenn Adelung auch das 
grammatische Geschlecht zu den Einrichtungen rechnet, die sich 
auf die dunkle Empfindung des Hörbaren gründen. Die Ver- 
anlassung dazu war, daß das Genus zu den für uns irrationellen 
Bestandteilen der Grammatik gehört und alles Irrationelle in die 
erste Periode geschoben werden sollte. Herder bringt allerdings 
die Personifikation des Unbelebten mit dem Tönen der Natur in 
Zusammenhang (a. a. 0. S. 82 f.), aber diesen Gedanken hat Ade- 
lung nicht weiter verfolgt. 



348 Kapitel 8. [§ 186. 

186. Die Qualität der Vorstellungen soll sich nach 
Adelung in ihrem lautlichen Ausdruck widerspiegeln. Dunkle 
Vorstellungen oder Empfindungen würden durch unbestimmt 
tönende Laute oder Silben bezeichnet. 1 Um diese wieder 
höchst verworrene Lehre verständlich zu machen, muß man 
von den Stellen ausgehen, wo Adelung sich über seine 
Gedanken einigermaßen klar geworden ist. Vgl. U. L., I, 
233, und namentlich 341, ferner II, 211 ff. und Magazin, I, 4, 
Nr. 3. In richtiger Erkenntnis des Unterschieds zwischen 
produktiven und nicht produktiven Suffixen bemerkt er, 
U. L., I, 341 f., daß man etwa mit chen, lein, er, inn, ey, 
ung neue Wörter bilden könne, «weil die Bedeutung dieser 
Ableitungssylben . . . bestimmt und bekannt ist, daher sie 
die Absicht des Sprechenden erfüllen und den Begriff er- 
wecken, welchen er mit ihnen verbunden hat». Andere Ab- 
leitungselemente (z. B. d, de, e, el usw.) seien dessen un- 
fähig, «weil ihre Bedeutung schwankend und ungewiß ist», 
d. h. weil sie in einem Teil der Wörter, in denen sie 
vorkommen, dieses, in andern jenes bedeuten. Adelung be- 
obachtet ferner richtig, daß lautarme Suffixe in der Regel 
unproduktiv sind (vgl. die schon erwähnten d, de, e, el). 
Die wahre Ursache dieser Erscheinung ist, daß solche laut- 
arme Endungen den zerstörenden Einfluß der Lautgesetze 
erfahren haben, über dessen Bedeutung für die Produktivität 
man Paul, Prinzipien der Sprachgeschichte, S. 197 f., ver- 
gleiche. Das konnte Adelung natürlich nicht wissen. Aber 
der Gedanke war ihm nicht fremd, daß die Unbestimmtheit 
der Bedeutung etwas Gewordenes sei, vgl. U. L., I, 341 oben. 
Allein, daneben drängt sich die Meinung vor, daß jene 
Unbestimmtheit schon von Haus aus vorhanden war, vgl. U. 
L., I, 233; II, 214, und an andern Stellen fehlt jeder Hin- 
weis auf ihre Unursprünglichkeit. Die Lautarmut schien ihm 
ihrem Wesen nach mit Unbestimmtheit der Bedeutung ver- 
knüpft, und dann ist natürlich der unbestimmt tönende 
Wurzellaut der angemessene Ausdruck einer Empfindung, 
die dunkel ist, d. h. Verschiedenartiges nicht unterscheidet. 2 

Dabei spielt, wie es scheint, ein; anderer Gedanke herein. 
Adelung verband Fuldas Wurzeltheorie mit Herders Lehre 



1 Vgl. z. B. U. L. I, 213. 217. 230. 283. 321. 

2 Vgl. namentlich Magazin I, 2, 13 f.; I, 4, 23. 46. 



§ 186.] Adelung. 349 

von der Schallnachahmung. Er faßt Fuldas Ordnungen streng 
historisch; die lautärmere Ordnung ist zeitlich früher ent- 
standen. Die geringere oder größere Lautmenge soll in 
der geringeren oder größeren Genauigkeit der Schallnach- 
ahmung begründet sein und diese Genauigkeit mit der 
Klarheit der Empfindung zusammenhängen. Daraus ergibt 
sich, daß etwa ra ursprünglich all das bedeutete, was 
später in rab, räch, rad usw. geschieden wurde*, d. h. der 
lautarme Komplex ra war vieldeutig oder unbestimmt, und 
diese Vieldeutigkeit war die Folge der dunkeln Empfindung, 
die verschiedene Geräusche miteinander vermengte. Wie 
also bei der Bildung der Wurzelwörter die zunehmende 
Klarheit der Empfindung in einem Mehr an Lautmenge 
sich spiegelt, sollte gleiches, das schwebte Adelung «dunkel» 
vor, bei den Ableitungselementen der Fall sein, obwohl er 
ihre Entstehung in eine Zeit rückt, in der man die Natur- 
schälle mit aller möglichen Genauigkeit wiederzugeben ver- 
stand. 1 

Und noch ein Moment kommt hinzu. Adelung schwankt 
hin und her zwischen der reinen Agglutinationstheorie und 
der Annahme, daß die Flexionselemente von Haus aus 
für die dienende Rolle bestimmt waren, die sie jetzt spielen. 
Nach dieser zweiten Auffassung hat die Flexionsendung 
keine selbständige Bedeutung. Das Wort Gold ist an sich 
verständlich, ebenso Ring, der Sinn des Kompositums Gold- 
ring ergibt sich gleichsam von selbst aus der Bedeutung 
der Teile. Nicht in derselben Weise kann man Flexions- 
formen, z. B. Mannes, analysieren. Mann bedeutet etwas 
für sich, -es dagegen nichts, und aus dieser Verbindung von 



1 Auch die Qualität des Sprachlauts schien Adelung 
Einfluß auf die Bestimmtheit der Bedeutung zu haben. Vgl. die 
Bemerkungen über den bestimmten Laut des r, U. L. I, 321. 
416. Ferner wird gelegentlich die Beschaffenheit der nach- 
geahmten Naturschälle für die Dunkelheit der Vorstellungen ver- 
antwortlich gemacht ; nach U. L. I, 784 schienen die ver- 
schiedenen Verhältnisse, in die ein Wort in dem Zusammenhang 
der Rede kommen kann, ebenso viele ganz verschiedene Be- 
griffe zu sein, «wenn das, was man ausdrucken will, gar nicht, 
oder sehr unbestimmt tönet, und daher auch nur sehr schwan- 
kend und dunkel hörbar empfunden oder wenigstens gedacht 
werden kann». 



350 Kapitel 8. [§ 186. 187. 

Etwas und Nichts sollte eine eigentümliche, bestimmte Be- 
deutung hervorgehen? Da es aber nun einmal eine Tat- 
sache ist, daß Mannes etwas anderes heißt als Mann, so 
muß der durch die Flexionssilbe bezeichnete Begriff sich 
wenigstens unklar schelten lassen. Vgl. Magazin, I, 2, 16. 

187. Ein Aufsatz im Magazin, I, 2, Nr. 1 «Beweis der 
fortschreitenden Cultur des menschlichen Geistes aus der 
Vergleichung der altern Sprachen mit den neuern» stellt 
Adelungs Ansichten übersichtlich dar. Charakteristisch ist 
die kräftige Betonung des utilitarischen Gesichtspunktes. 1 
Das höchste Ziel der Sprache ist die möglichst leichte 
Verständlichkeit; eine Sprache ist um so vollkommener, je 
weniger Dunkelheit und Zweideutigkeit ihre Einrichtung 
übrig läßt. Isolierung, Flexion, analytischer Ausdruck, um 
moderne Kunstwörter anzuwenden, bezeichnen den Stufen- 
gang, der die Sprache ihrem Ziel näher bringt. Denn 
Adelung ist alles Ernstes der Meinung, daß die flektierenden 
Sprachen hinter den analytischen an Verständlichkeit zu- 
rückstehen. 2 Und dies ist eine Folge der «Dunkelheit» der 
Begriffe, die der Flexion zugrunde liegen. «Wenn der älteste 
Lateiner amavi, amor, amabor sagte, so hatte er von den 
Modüicationen, welche er dem Hauptbegriffe am oder lieb 
gab, gewiß nur sehr dunkle Begriffe, daher er sie auch 
eben so dunkel durch Biegungssylben ausdruckte. Der 
Deutsche und mit ihm der neuere Europäer überhaupt, 
der sich bey Einrichtung seiner Sprache diese Verhält- 
nisse schon klärer dachte, hielt es für Pflicht, sie eben 
so klar auszudrucken, und sagte daher, ich habe geliebt, 
ich werde geliebt, ich werde geliebt werden» (S. 15 f.). 

Das klingt ziemlich wunderlich. Und doch geht Adelung 
von richtigen Beobachtungen aus, die er nur vorschnell 
verallgemeinert und nicht ganz richtig deutet. Er hat be- 
merkt, daß mit dem Ersatz der bloßen Kasus durch Präpo- 
sitionalformeln eine Einschränkung der Vieldeutigkeit der 
Kasus verbunden ist. Der Genitiv z. B. hat viele Funk- 
tionen. Welche in einem bestimmten Fall gemeint ist, 



1 Er war schon in der Vorrede zur Sprachlehre ** 2*> nach- 
drücklich hervorgehoben worden. Vgl. auch U. L. I, 98 und 
namentlich die Orthographie. 

2 S. 23. 



§ 187.] Adelung. 351 

ergibt sich nur aus dem Zusammenhang. Dagegen ist das 
Bedeutungsgebiet der Präpositionen beschränkter. Wenn 
Adelung sagt (S. 16) : «dunkel (sagt) der Lateiner, furti 
aliquem aceusare; dunkel der Altdeutsche, jemand des Dieb- 
stahles verMagen, verständlicher der heutige Deutsche, ihn 
wegen eines Diebstahles verMagen», so meint er, daß der 
lateinische und «altdeutsche» Ausdruck die kausale Bedeu- 
tung des Genitivs nur erraten läßt, während sie durch die 
Präposition wegen sprachlich bezeichnet ist. Aber er ver- 
allgemeinert unrichtig nach zwei Seiten. Erstens ist ihm 
der analytische Ausdruck schlechthin der eindeutige, was 
nicht immer zutrifft. In seinem Beispiel er ist ein Mann 
von großem Verstände ergibt sich die Bedeutung der Prä- 
positionalformel auch nur aus dem Zusammenhang, genau 
so wie die Bedeutung des Genitivs in homo est magni ingenii, 
denn diese Formel kann auch in ganz andern Verbindungen 
auftreten, z. B. «es zeugt nicht von großem Verstände». 
Zweitens glaubt er fälschlich, daß die synthetische Form 
immer vieldeutig sei, was doch auf Fälle wie amor oder 
amdbor nicht zutrifft. 1 

Ferner treibt die Dunkelheit der Begriffe wieder ihr 
Unwesen. In ihr erblickt Adelung die Ursache der Un- 
genauigkeit der Bezeichnung, während sie oft nur ihre 
Folge ist. Entstehen doch Mißverständnisse meistens da- 
durch, daß der Redende mit Unrecht glaubt, die psychische 
Lage, aus der heraus er spricht, sei auch die des Hörenden, 
auch diesem stünden die Voraussetzungen der Äußerung 
ebenso deutlich vor Augen wie ihm selbst. 

Durch eben diese Unklarheit über die Grundlagen des 
Verstehens und Mißverstehens kommt Adelung zu einer 
Theorie, die die Tatsachen geradezu auf den Kopf stellt. 



1 Wenn Adelung die Umschreibungen solcher Formen durch 
Hilfsverba für einen Beweis klarer Vorstellungen hielt, so ließ 
er sich dadurch täuschen, daß die Bezeichnung eines zusammen- 
gesetzten Begriffs durch eine Wortgruppe in der Regel eine 
Analyse des Begriffs voraussetzt und zugleich dem Hörenden un- 
mittelbar verständlich ist, wenn er nämlich die Bedeutung der 
Glieder der Wortgruppe kennt. Aber gerade für jene Um- 
schreibungen der lateinischen Tempora gilt dies nicht. Aus der 
Bedeutung von haben und von verloren ergibt sich durchaus 
nicht von selbst, daß verloren haben soviel ist wie amisisse. 



352 Kapitel 8. [§ 187. 188. 

Die Ursache des Fortschritts in der Sprachgeschichte findet 
er in der Zunahme der Bevölkerungsdichte. «Wo die ge- 
sellschaftliche Verbindung nur schwach ist, da ist das Be- 
dürfniß zu sprechen lind leicht verstanden zu werden, 
nicht so dringend, als in engern Verbindungen, wo die 
Menschen näher zusammen rücken, wo der gesellschaft- 
lichen Angelegenheiten sehr viele sind, und wo es folg- 
lich immer nothwendiger wird, nicht allein richtig, 
sondern auch ohne Mühe verstanden zu werden» (S. 28). 
Ganz im Gegenteil: gerade je enger der Kreis ist, desto 
weniger ist Genauigkeit des Ausdrucks notwendig, da 
Sprechenden und Hörenden viele Voraussetzungen gemein- 
sam sind. Aber vielleicht meint Adelung wieder etwas 
anderes, als er eigentlich sagt. Bei größerer Dichtigkeit 
der Bevölkerung mehren sich die Gelegenheiten zu vorüber- 
gehendem Verkehr mit Fremden, und da ist freilich Un- 
zweideutigkeit der sprachlichen Mitteilung erwünscht. 

188. Ähnliche Gedanken wie in unserer Abhandlung 
vertritt Adelung auch in andern Artikeln des Magazins. Daß 
der Zweck der Sprache -die höchste mögliche Verständ- 
lichkeit sei, wird in fast formelhafter Weise immer und 
immer wiederholt. 1 Und die Klärung der Begriffe ist neben 
dem «Geschmack» die Hauptquelle der Sprachveränderung. 
Der Aufsatz «Von veralteten Wörtern» (I, 2, Nr. 4) enthält 
eine Menge guter Bemerkungen, die in unserer Zeit mit 
Recht wieder zu Ehren gekommen sind. 2 Aber Adelungs 
Denken ist so ungelenk, daß man über der Mangelhaftigkeit 
des Ausdrucks leicht die Richtigkeit der Beobachtung über- 
sieht. So erkennt er, daß die Schriftsprache die Verdunk- 
lung des etymologischen Baus nicht liebt, und daß isolierte 
Wörter und Bildungen gerne ausgeschieden werden. Er 
spricht sich aber so aus, als ob ihnen eine innere Dunkel- 
heit und Unbestimmtheit zukomme, während in Wahrheit 
der Grund ihres Aussterbens ist, daß sie leichter dem 
Gedächtnis entschwinden und, wenn sie einmal vergessen 
sind, nicht mehr verstanden werden können, während 

i Vgl. I, 1, 49. 56. 57. 60. 81. 137; I, 2, 64. 65. 95; I, 3, 5. 
7. 9. 10. 46. 

2 Vgl. Behaghel, Die deutsche Sprache, S. 95 ff. der 4. Auf- 
lage. Kluge, Wissenschaftliche Beihefte zur Zeitschrift des all- 
gemeinen deutschen Sprachvereins VI, 10 f. 



§ 188.] Adelung. 353 

Wörter, die durch etymologisch Verwandte gestützt sind, 
leichter gemerkt oder wiedererkannt werden. Das meint 
auch Adelung eigentlich 1 , aber er bleibt im Schlamm seiner 
Theorie stecken, die ihn zu der anscheinend ungeheuer- 
lichen Behauptung verführt, daß durch die Verdunklung 
des Baus in Kurzformen wie Heinz für Heinrich die mög- 
lichst leichte Verständlichkeit gehindert werde. 2 

1 S. 77 sagt er über Minne : «Die Dunkelheit des Stammes 
macht, daß es den Begriff nur äußerst dunkel und schwankend 
ausdrücken kann, die verkleinernde intensive Form aber gibt 
demselben einen kleinlichen und gewisser Maßen kindischen 
Nebenbegriff, der hier der herrschende ist, weil bey der Dunkel- 
heit des Stammes gar kein Grundbegriff vorhanden ist. Ganz 
anders verhält es sich mit Liebe, . . . dessen Grundbegriff in 
einer Menge abgeleiteter Wörter lebt, der daher nicht verfehlet 
werden kann.» Dazu vergleiche man Behaghel a. a. 0., S. 102. 
— Daß Durchsichtigkeit des grammatischen Baus und Zugehörig- 
keit zu einer Wortsippe das Gedächtnis entlastet und dadurch 
zur Verständlichkeit beiträgt, ist schon im 18. Jh. ganz klar aus- 
gesprochen worden. So in einem Aufsatz in «Der Deutschen Ge- 
sellschaft in Leipzig Nachrichten», IV. Stück, S. 618ff. Es heißt 
da u. a. S. 620, man könne keinen Grund angeben, warum eine 
bestimmte Sache auf Lateinisch fulvus und nicht flavus genannt 
werde ; «und also geht es an, daß wenn man sie nicht genau im 
Gedächtnisse behält, man sie mit einander verwechsele». Kein 
Deutscher werde dagegen blaßrot mit hochrot oder ziegelrot mit 
blutrot verwechseln. — J. H. Schlegel bemerkt in seiner Ade- 
lung bekannten «Abhandlung über die Vortheile und Mängel des 
Dänischen» S. 13 : «In einer Originalsprache findet man eine an- 
genehme Ordnung zwischen den Stammworten und den davon 
abgeleiteten, woraus wieder eine gründlichere Bestimmung der 
eigentlichen Bedeutung der Wörter und eine große Erleichterung 
für das Gedächtniß fließt» . Wer einmal wisse, was bauen und 
Kunst bedeute, mache sich leicht eine richtige Vorstellung von 
dem Worte Baukunst, oder aus dem Begriff von dänisch Ret er- 
gebe sich von selbst die Bedeutung von rette, retskaffen, ret- 
sindig, retfcerdig usw. In Mischsprachen, wie dem Französischen, 
fehle dagegen ein solcher etymologischer Zusammenhang, vgl. 
mit den genannten dänischen Wörtern droit, corriger, juste, 
equitable usw. oder architecture mit Baukunst. Ähnliches auch 
bei Mäzke, Gramm. Abhandlungen, S. 40. 

2 S. 65. Wenn Adelung sagt, solche Kurznamen seien im 
Hochdeutschen veraltet, «es sey denn, daß ein solcher Nähme 
unter seiner vollständigen Gestalt nicht mehr üblich wäre», so 

Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 23 



354 Kapitel 8. [§ 188. 

An andern Stellen zeigt übrigens Adelung, daß er recht 
gut weiß, daß etymologische Undurchsichtigkeit nicht immer 
mit Undeutlichkeit gepaart ist, vgl. II, 2, 105 unten, ja er 
erkennt, daß die Verdunklung der Etymologie ihr Gutes 
haben könne. So schon in dem Aufsatz «Von Deutschen 
Monathsnahmen», der unmittelbar auf die Abhandlung «Von 
veralteten Wörtern» folgt. Er sagt da S. 81, daß Hornung 
eben wegen der (etymologischen) Unverständlichkeit der 
gebräuchlichste deutsche Monatsname sei, denn er passe 
am besten für einen individuellen Namen. «Wenn der 
Nähme eines individuellen Dinges dessen unterscheidende 
individuelle Merkmahle nicht bestimmt ausdrucken kann, 
welches denn immer nur selten der Fall ist, so ist ein 
dunkeler, unverständlicher Nähme immer bequemer als ein 
verständlicher, weil dieser einen falschen Begriff gibt, jener 
aber ein wahrer eigener Nähme ist, bey welchem wir uns 
das dadurch bezeichnete Ding anschauend vorstellen.» 1 
Namentlich der Aufsatz über «Gebrauch und Mißbrauch 
der Etymologie» (Magazin, II, 2, Nr. 4) hebt den Nutzen 
der etymologischen Verdunklung kräftig hervor. Für die 
große Menge der Sprechenden und Schreibenden hätte es 
gar keinen Zweck, wenn man statt Amt und Beicht wieder 
Ambacht und Begicht schriebe. «Wird ihr Begriff von der 
Sache klärer? Ich zweifle sehr, wenn sie auch die einzelen 
Theile, woraus diese Wörter bestehen, kennen sollten: 
denn durch den Aufschluß würde nur ein sehr mangel- 
hafter Ausdruck für den heutigen Begriff herauskommen. 
Man würde bey Begicht zwar den dunkelen Begriff eines 
Bekenntnisses bekommen, aber wo bleibt denn nun der 



führt dieser Zusatz auf seine wahre Meinung. Er glaubte, daß, 
wenn Heinz neben Heinrich vorkomme, man Gefahr laufe, die 
Identität beider Namen zu verkennen. 

1 Der Ausdruck «anschauend» vorstellen oder denken kommt 
dann noch öfters vor, vgl. I, 3, 7; I, 4, 45; II, 2, 99. 112. — 
Adelung meint mit diesem Terminus offenbar die Auffassung 
eines Gegenstands als Einheit ohne Reflexion auf die einzelnen 
Merkmale. Damit entfernt er sich wieder vom Sprachgebrauch 
Leibnizens. Dieser verstand unter cognitio intuitiva das gleich- 
zeitige Denken aller Merkmale. Adelungs anschauender Vor- 
stellung entspricht vielmehr in Leibnizens und Wolffs Ter- 
minologie die klare, aber undeutliche. 



§ 188. 189.] Adelung. 355 

Begriff des kirchlichen Bekenntnisses, in welchem Beicht 
nur allein gebraucht wird?» (S. 107). Vgl. auch S. 111 
über hindern und hinter. Die Sprache habe wahrscheinlich 
in Wörtern wie Amt und Beicht «aus einem dunkelen Ge- 
fühle der Notwendigkeit» die Wurzeln absichtlich ver- 
dunkelt, «um den mangelhaften Begriff zu vertilgen, welcher 
nur der Verständlichkeit schaden würde» (S. 112). 

189. Erfindung und Ausbildung der Sprache ist nicht 
das Werk eines reifen Und aufgeklärten Verstandes, sondern 
der dunklen Empfindung — das ist ein Satz, den Adelung 
nicht müde wird, seinen Lesern einzuschärfen. 1 Und wohl 
gemerkt: dieser Satz gilt nicht etwa nur für die Vergangen- 
heit, sondern auch für die Zukunft. Die bewußte Tat des 
Einzelnen bleibt erfolglos, Urheber der Sprachentwicklung 
ist das Volk in seiner Gesamtheit, das ganz allmählich ent- 
sprechend dem wechselnden Zustand seiner Kultur die 
Sprache verändert. Von der Ohnmacht des Individuums ist 
Adelung so fest überzeugt, daß er es nicht nur für un- 
möglich hält, einer neuen selbsterfundenen Sprache oder 
einem neuen Wurzelwort, sondern auch einem neuen Schrift- 
zeichen Eingang zu verschaffen. 2 



1 Nur Ungeschicklichkeit im Ausdruck ist es, wenn er mit- 
unter in gegenteiligem Sinn sich auszusprechen scheint, so 
Mag. I, 1, 58 : «Erst die neuere Hochdeutsche Mundart ging .... 
mit deutlichem Bewußtseyn auf diesem .... Wege fort» 
(ähnlich I, 3, 19), oder I, 2, 10: «ehe man dieses Mittel (die 
Wortbildung durch Suffixe) mit Bewußtseyn und Allgemeinheit 
anwenden lernete, mußte die Sprache nothwendig sehr dunkel 
und zweydeutig seyn» (vgl. dagegen U. L. I, 227), I, 2, 73: «eine 
Sprache, wenn sie sich mit Geschmack und Bewußtseyn aus- 
bildet», I, 3, 44: «Als die Deutsche Schriftsprache .... mit Ge- 
schmacke und Verstände ausgebildet ward, ließ man diese alte 
Form veralten, theils weil der Dualis .... im Deutschen längst 
veraltet war, theils aus dem klaren Bewußtseyn, daß kein 
Bestimmungswort im Plural ein Geschlecht bezeichnen darf». 

2 U. L. I, 201; II, 628; Magazin I, 1, 135. Die Ursache 
sieht Adelung in der natürlichen Abneigung des Menschen vor 
allem Willkürlichen. Der Begriff des Willkürlichen, der bei Ade- 
lung eine große Rolle spielt, verschwimmt für ihn mitunter mit 
dem des Ursachlosen. Vgl. Magazin I, 3, 7: «Die Sprache haßt 
nichts so sehr als Wirkungen ohne Ursachen, oder mit andern 
Worten, nichts so sehr als willkührliche Veränderungen und Vor- 

23* 



356 Kapitel 8. [§ 189. 

Dieselbe Überzeugung kann von verschiedenen Gefühlen 
begleitet sein. Daß der Erfolg nur der instinktiv handelnden 
Menge zufällt und die freie Tat des Einzelnen nichts ver- 
mag, diese Meinung kann sich auch dem Idealisten (im 
Schillerschen Sinn) aufdrängen; ihn wird sie mit Wehmut 
oder Erbitterung erfüllen. Anders den Realisten Adelung. 
Wohl spricht er mitunter in aufklärerischem Dünkel gering- 
schätzig von den rohen Sprachschöpfern, die in der Dunkel- 
heit ihrer Begriffe etwas recht Unvollkommenes zustande 
gebracht hätten. 1 Aber schließlich trägt die Überzeugung 
den Sieg davon, daß die dunkle Erkenntnis den Zweck 
der Sprache recht gut erreicht hat. Die Sprachen, heißt 
es U. L., I, 287, hätten gleichsam im Wetteifer miteinander 
das Verbum zu einem der künstlichsten Redeteile gemacht, 
«dessen Bau dem größten Verstände Ehre machen würde, 
ungeachtet er überall nur ein Werk dunkel empfundener 
Ähnlichkeiten und Begriffe ist». Namentlich im Magazin 
wird die instinktive Zielstrebigkeit der Geschichte von 
Sprache und Schrift gepriesen. Die Aufsätze I, 1, Nr. 4 
(Grundgesetz der Deutschen Orthographie), I, 2, Nr. 1 (Beweis 
der fortschreitenden Cultur des menschlichen Geistes aus 
der Vergleichung der altern Sprachen mit den neuern), 
Nr. 4 (Von veralteten Wörtern), I, 3, Nr. 2 (Von dem mil- 
dernden e der Deutschen), Nr. 7 (Von der Ableitungs- 
sylbe ig) sind da vor allem zu nennen. In der Behandlung 
des Adjektivs hat die deutsche Sprache «überaus vielen 
philosophischen Scharfsinn an den Tag gelegt» (I, 1, 46). 
Der Kunstgriff, ein Umstandswort durch Anhängung von 
-ig zum Beschaffenheitswort zu erhöhen und so zur Kon- 
kretion (d. h. zu attributivem Gebrauch) geschickt zu 
machen, erregt Adelungs höchste Bewunderung. Er findet 
hier einen Scharfsinn, der einem Philosophen erster Größe 



Schriften». So glaubt er denn auch den Sprachgebrauch von dem 
Vorwurf, ein Tyrann, d. h. ein willkürlicher Despot oder ein un- 
rechtmäßiger Herrscher zu sein, reinigen zu können durch den 
Hinweis, daß er doch immer einen Grund haben mußte, warum 
er eine Analogie der andern vorzog. Magazin I, 2, 88, vgl. auch 
U. L. I, 97 ff. 

i Vgl. z. B. U. L. I, 216. 227 f. 256 f. 346 f. Dabei spielt die 
doppelte Bedeutung von «dunkel» eine große Rolle. Vgl. z. B. 
U. L. I, XLVI, Anm. 46; 94, § 36. 



§ 189. 190.] Adelung. 357 

Ehre machen würde (I, 3, 88 f.). Pathetisch ruft er I, 1, 291 
aus: «So wenig ein Stäubchen Materie sich aus dem Be- 
zirke der Welt verlieren kann, so wenig eine einmal er- 
worbene nützliche Kenntniß aus dem ganzen Zusammen- 
hange der Dinge verloren gehen kann, so wenig wird sich 
auch ein nothwendiges, nützliches, und dem Ganzen an- 
gemessenes Wort aus einer Sprache und Mundart verlieren 
können.» Und wenn er I, 1, 28 sagt: «da jede Schrift- 
sprache ein Werk des Geschmackes ist, dieser aber in allen 
seinen Werken ein übereinstimmiges Ganzes ausmacht, 
so können auch die Eigenheiten anderer Mundarten nicht 
zu dem Ganzen der Schriftsprache passen», so ist er nicht 
mehr weit von der Auffassung der Sprache als eines 
Organismus. 

Gegenüber der immanenten Weisheit der nach dunklen 
Empfindungen sich vollziehenden Sprachentwicklung erscheint 
das Eingreifen des Individuums als vermessene Überhebung. 
Die Sprache wird nicht durch die Bemühungen einzelner 
Glieder der Nation verbessert, «deren Einsichten und Ein- 
fälle immer nicht das Verhältniß zum Ganzen haben, daß 
sie die verlangte Wirkung hervor bringen könnten» (U. L., 
I, 101). Gewisse orthographische Neuerungen wollen «der 
fortschreitenden Cultur um ein Paar Jahrhunderte vor- 
greiffen, ihr den Weg vorschreiben, welchen sie gehen soll, 
da man doch nicht weiß, welchen Weg sie gehen wird und 
gehen kann, indem derselbe von tausend zufälligen Um- 
ständen abhängt» (U. L., I, 102). 

190. Welche Rolle kommt denn nun aber dem Einzelnen 
zu, insbesondere dem Schriftsteller und dem Sprachlehrer? 
«Alles, was einzele Glieder der Nation zur Verbesserung 
und Verfeinerung der Sprache beytragen können, bestehet 
darin, daß sie nach dem Maße ihrer Kräfte die Verbreitung 
der Kenntniß und des wahren und richtigen Geschmackes 
zu befördern suchen; alles übrige hat von je her nicht allein 
seine Absicht verfehlet, sondern auch Verwirrung und Zer- 
rüttung des Ganzen hervor gebracht» (U. L., I, 103). Die 
guten Schriftsteller bilden die Sprache nicht eigentlich, «sie 
sammeln nur das allgemein Gute und Schöne, was schon 
in der Sprache ausgebildet da liegt, heben es heraus, und 
stellen es der Nation in einem schön verbundenen Ganzen 
dar». Auch wo sie Neuerungen wagen, folgen sie allemal 



358 Kapitel 8. [§ 190. 

einer schon bestehenden Analogie. Ihr Einfluß auf die 
Bildung der Sprache beruht auf ihrer auswählenden Tätig- 
keit: sie lehren, «nur das Gute und Schöne, was schon in 
der Sprache wirklich da ist, anzuwenden und nachzuahmen» 
(U. L., I, 108f.). 

Und der Sprachlehrer? «Er ist nicht Gesetzgeber der 
Nation, sondern nur der Sammler und Herausgeber der 
von ihr gemachten Gesetze, ihr Sprecher und der Doll- 
metscher ihrer Gesinnungen. Er entscheidet nie, sondern 
sammelt nur die entscheidenden Stimmen der meisten. 
Nie läßt er sich durch Vorurtheil oder Eigenliebe verleiten, 
die Gesetze der Nation zu verfälschen, oder ihr seine 
Meinungen unterzuschieben. Er stellet die Sprache so dar, 
wie sie wirklich ist, nicht wie sie seyn könnte, oder seiner 
Einbildung nach seyn sollte» (U. L., I, 113 f.). Man könnte 
meinen, daß Adelung vollständig mit der normierenden 
Grammatik gebrochen habe, aber gleich der folgende Satz 
zeigt, daß er doch nicht ganz über seine Zeit hinaus- 
gekommen ist. «Er ehret den Sprachgebrauch in allen seinen 
Theilen, verwechselt ihn aber nicht mit Sprachfehlern, so 
gemein sie auch seyn mögen, besonders, wenn zu ver- 
muthen ist, daß die Nation bloß aus Unkunde, Mangel der 
Aufmerksamkeit oder Übereilung ihr eigenes Gesetz über- 
tritt.» Somit wird dem Grammatiker doch die Befugnis 
gegeben, Entscheidungen zu fällen. Ob er nun aber ent- 
scheidet oder bloß die Gesetze auslegt, wodurch wird er be- 
stimmt, worauf beruht die Sprachrichtigkeit? Adelung er- 
kennt vier «gesetzgebende Theile in der Sprache» an (U. L., 
I, 109 ff.). Höchste Autorität hat der Sprachgebrauch. Nur 
wo er schwankt, tritt die Analogie in ihre Rechte. Wenn 
auch sie nichts entscheidet, muß auf die Etymologie, und 
wo auch diese versagt, auf den Wohllaut gesehen werden. 
Manche Fälle können überhaupt nicht entschieden werden: 
dann bleibt die Wahl der Willkür des Einzelnen überlassen. 

Das Verhältnis der Analogie zum Sprachgebrauch fest- 
zustellen liegt Adelung sehr am Herzen. Vgl. namentlich 
Magazin, I, 2, Nr. 6. Im Gegensatz zu vielen Theoretikern, 
die beide Prinzipien einander koordinierten oder gar den 
Sprachgebrauch der Analogie unterordneten, zeigt er sehr 
klar, daß die Analogie ganz vom Sprachgebrauch abhängt. 
Analogie ist das übereinstimmige Verfahren in ähnlichen 



§ 190.] Adelung. 359 

Fällen. Gäbe es für alle gleichartigen Fälle nur eine Ana- 
logie, so gäbe es auch nur eine einzige Sprache. So unter- 
scheiden sich aber die Sprachen und Mundarten durch die 
Wahl, die sie aus den an sich möglichen Analogien treffen. 
Die Gewohnheit eines Volkes, sich eben dieser und nicht 
einer andern Analogie zu bedienen, macht aber seinen 
Sprachgebrauch aus. In der einzelnen Sprache gibt es 
ferner auch für gleichartige Fälle mehrere Analogien. Je 
nachdem diese viele oder wenige Fälle umfassen, spricht 
man von Regeln oder von Ausnahmen. Zu welcher Regel 
oder Ausnahme der einzelne Fall gehört, bestimmt aber 
wieder der Sprachgebrauch. Mit andern Worten, die einzelne 
iVnalogie ist nur ein Teil des Sprachgebrauchs. Es ist dies 
im wesentlichen der Standpunkt Quintilians, der denn 
auch von Adelung in der Schrift Über den Deutschen Styl, 
I, S. 67, zitiert wird. 

Bei dieser Auffassung des Begriffs Analogie kann man 
nun freilich nicht mehr sagen, daß die Analogie in ihre 
Rechte tritt, wenn der Sprachgebrauch schwankend ist. 
Vielmehr ist das Schwanken des Gebrauchs identisch mit 
der Konkurrenz zweier Analogien. Sie erklärt sich oft so, 
daß die Sprache im Verlauf ihrer Entwicklung eine neue 
Analogie ausbildet. Dabei werden die einmal gangbaren 
Wortformen zunächst beibehalten und nur die neu auf- 
kommenden nach der Jüngern Analogie behandelt. Nach 
und nach werden aber auch die alten Formen umgebildet. 
Da dies nicht auf einmal geschieht, müssen notwendig 
alte und neue Formen eine Zeitlang nebeneinander vor- 
kommen. Wenn der Sprachlehrer hier überhaupt eine Ent- 
scheidung treffen soll, so muß er sie wieder aus dem 
Sprachgebrauch selbst schöpfen. Er muß der Sprache da 
nachhelfen, wohin sie sich zu neigen scheint, d. h. der 
neuern Analogie recht geben. 

Auch den Wert der Etymologie schränkt Adelung ein. 
Nur die nächste und. erweisliche, d. h. jedermann fühlbare 
Ableitung darf bei der Entscheidung strittiger Fälle heran- 
gezogen werden. Vgl. U. L., II, 688 ff. und namentlich 
Magazin, II, 2, Nr. 4. 

Adelungs Ehrfurcht vor dem instinktmäßigen Walten 
des Volksgeistes, die Herabsetzung der Bedeutung des Indi- 
viduums, sein Kampf gegen die Überschätzung von Ana- 



360 Kapitel 8. [§ 190. 191. 

logie und Etymologie, all das ist hervorgerufen durch die 
Neuerungsbestrebungen seiner Zeitgenossen und hängt 
innig zusammen mit seinen Ansichten über die deutsche 
Schriftsprache. Wir werden daher auch in dem Abschnitt, 
zu dem wir uns jetzt wenden, auf jene Anschauungen und 
Wertungen Bezug nehmen müssen. 

III. Was ist Hochdeutsch? 

191. Die ersten Äußerungen über das Wesen der 
deutschen Schriftsprache bringt die Vorrede zum ersten 
Band des Wörterbuchs von 1774. Den Anschauungen, die 
Adelung hier ausspricht, ist er in den Grundzügen immer 
treu geblieben, soweit sie für die Praxis des normgebenden 
Grammatikers von Bedeutung sind. Aber in Einzelheiten 
und namentlich in der historischen Deduktion zeigen sich 
während der Jahre, die zwischen jener Vorrede und dem 
Buch über den deutschen Stil liegen, mannigfache Schwan- 
kungen und Verschiebungen, teilweise hervorgerufen durch 
die Unklarheit des Mannes, vor allem aber durch die An- 
griffe, die er erfuhr und die ihn zu immer schrofferer Be- 
tonung seines Standpunkts drängten. 

Als festen Punkt, von dem der Blick sich rückwärts und 
vorwärts wenden mag, wähle ich die Vorrede zum Um- 
ständlichen Lehrgebäude. 

Adelung bekämpft hier die Besprechung seiner Sprach- 
lehre in der Berliner Bibliothek. Der Rezensent hatte den 
uns wohlbekannten Satz ausgesprochen, daß der Sprach- 
gebrauch dann die oberste Instanz sei, wenn er allen Pro- 
vinzen gemeinsam ist. Sonst müsse Analogie und Ety- 
mologie entscheiden, welche Provinz recht habe und welches 
der gute Gebrauch sei. Dagegen wendet sich Adelung 
scharf in der Note 5. Was er hier sagt, kommt dann noch 
in mehreren Anmerkungen zur Sprache und wird in der 
Schlußnote 62 in folgenden Sätzen, die ich mit einigen 
Kürzungen wiedergebe, rekapituliert. 

1. Es gibt keine allgemeine Deutsche Sprache, welche etwa 
aus dem besten Sprachgebrauche aller Provinzen zusammen- 
gesetzt ist, und zu deren Berichtigung jede Provinz, und jedes 
Deutsches Individuum das ihrige beytragen könnten. 

2. Diejenige, welche in einem jeden großen Lande die Stelle 
einer solchen allgemeinen Sprache vertritt, ist allemahl nur die 



§ 191.] Adelung. 361 

Mundart einer Provinz, aber der blühendsten, cultiviertesten 
und durch Geschmack und Wohlstand am meisten ausgebildeten 
Provinz. 

3. In Deutschland ist es seit der Reformation die Mundart 
der südlichem Chursächsischen Lande, welche damahls und noch 
lange hernach die blühendste und cultivierteste Provinz in dem 
ganzen Deutschlande war, und in Ansehung des in ihr so all- 
gemein verbreiteten Geschmackes noch jetzt vor allen andern 
den Vorzug behauptet, obgleich manche ihr in den Wissen- 
schaften glücklich nachgeeifert haben. Diese unter dem Nahmen 
des Hochdeutschen bekannte Mundart wird in den südlichen 
Chursächsischen Provinzen am allgemeinsten und zugleich am 
reinsten gesprochen, und hat sich aus ihrer Mitte durch Ge- 
schmack, Künste und Wissenschaften über einen großen Theil 
des übrigen Deutschlandes verbreitet, wo sie die Schrift- und Ge- 
sellschafts-Sprache des gesittetsten Theiles der Nation geworden 
ist, nur daß sich immer mehr gemeine Landessprache mit ihr 
vermenget, je weiter sie sich von ihrer Quelle entfernet, die 
noch jetzt eben so rein und lauter fließet als je. 

4. So wenig es nun eine allgemeine Sprache gibt und geben 
kann, so wenig gibt es auch allgemeine Regeln und Grundsätze, 
so wenig für mehrere Sprachen, als für mehrere Mundarten einer 
und eben derselben Sprache. . . . Was sind Grundsätze und Regeln 
anders, als bemerkte Analogien ? . . . Ein Volk, ein Stamm, be- 
folgt diese, ein anderer eine andere, und aus diesen ver- 
schiedenen befolgten Analogien entstehen verschiedene Sprachen 
und Mundarten. Jede dieser verschiedenen und oft einander ent- 
gegen gesetzten Analogien ist in ihrer Art gut und richtig. 

5. Was also in jeder Sprache, und in jeder Mundart gut und 
richtig ist, läßt sich weder aus allgemeinen Grundsätzen, noch 
aus andern Sprachen und Mundarten bestimmen, sondern muß 
aus dem Sprachgebrauche jeder Mundart entschieden werden, 
weil nur der die Analogie bestimmt, welcher ich folgen muß, 
oder vielmehr mir zeiget, welche Art von Analogie von meinem 
Volke in jedem Falle am lebhaftesten empfunden worden. Die 
Analogie muß ihm also schlechterdings untergeordnet seyn, 
noch mehr die Etymologie, welche außer der nächsten Ab- 
stammung wenig mehr in Betrachtung kommen kann. 

6. Was also gut und richtig Hochdeutsch ist, kann so 
wenig aus allgemeinen Grundsätzen, als aus den befolgten Ana- 
logien einer andern Mundart bestimmt werden, weil sonst aller 
Unterschied unter Sprachen und Mundarten aufhören müßte ; 
sondern allein aus dem Hochdeutschen Sprachgebrauche, d. i. 
aus dem Sprachgebrauche der südlichen Chursächsischen Lande, 
welche das Vaterland der Hochdeutschen Mundart sind, wo sie 



362 Kapitel 8. [§ 191. 192. 

(verstehet sich von selbst unter den obern Classen) noch so rein 
gesprochen wird, als sie von den besten Schriftstellern nur ge- 
schrieben werden kann. 

Diese Sätze behaupten, im wesentlichen zweierlei : die 
Autonomie des Hochdeutschen und seine Identität mit der 
Sprache der höheren Stände Obersachsens. 

192. Durch die Betonung der Autonomie schüttelt Ade- 
lung mit einem Ruck alle Erörterungen ab, welche die 
Sprachrichtigkeit durch Vergleichung der Mundarten nach 
innern Gründen feststellen wollten. Das war der Standpunkt 
der Süddeutschen, und einen von ihnen, Hemmer, holt 
sich Adelung in dem das «Magazin» eröffnenden Aufsatz 
«Was ist Hochdeutsch?» heraus als Vertreter der irrigen 
Ansicht, daß das Hochdeutsche eine ausgesuchte Mundart 
sei, die sich an keine besondere Mundart binde, sondern 
aus allen das Gewöhnlichste und Beste heraushebe. 1 Und 
der Artikel «Der Sprachgebrauch gilt mehr, als Analogie 
und Regeln» (Magazin, I, 2, Nr. 6) hat den ausgesprochenen 
Zweck, die süddeutschen Theoretiker zu bekämpfen. In- 
sofern die Analogie oder die Etymologie überhaupt eine 
Stimme hat, kann sie nur strittige Fälle innerhalb der 
hochdeutschen Mundart selbst entscheiden, nicht aber eine 
Auswahl unter den von allen deutschen Mundarten dar- 
gebotenen Formen und Wendungen treffen. 2 

Nicht von allem Anfang an hat Adelung die Autonomie 
des Hochdeutschen so scharf erfaßt. Wohl sagte er schon 
in der Vorrede zum Wörterbuch, S. XII, der Sprachlehrer 
müsse sich genau an die Mundart halten, deren Regeln er 
entwerfen wolle, daher könnten streitige Fälle der hoch- 
deutschen Mundart nicht wohl durch das Zeugnis ober- 
deutscher Schriftsteller entschieden werden. Aber S. VI 
definiert er Hochdeutsch im engern Sinne als «die meiß- 
nische oder obersächsische Mundart, so fern sie seit der 
Reformation die Hofsprache der Gelehrsamkeit geworden 
ist, und durch die Schriftsteller aller Mundarten theils viele 
Erweiterungen, theils aber auch manche Einschränkungen 
erfahren hat». Ja noch in der Einleitung zum U. L., die, 



1 Hemmer muß hier dafür büßen, daß Adelung ihn U. L. I, 
113 f. benützt hat in der Auseinandersetzung über die Befugnisse 
des Sprachlehrers (190). 

2 Vgl. U. L. I, LVI, Note 58 u. 59. 



§ 192.] Adelung. 363 

wie 181 erwähnt wurde, schon 1781 erschien, findet sich 
eine Stelle, wo Adelung eigentlich die Ansicht vertritt, 
die er später in dem ersten Artikel des Magazins bekämpfte. 
Er führt nämlich im § 40 aus, daß trotz der individuellen 
Verschiedenheiten alle an einem Ort lebenden Menschen 
mit Weglassung der Eigenheiten eines jeden eine verständ- 
liche Sprache haben könnten, ebenso könnten tausend 
solcher Orte in einer ihnen allen verständlichen Provinzial- 
Sprache oder Mundart und hundert solcher Mundarten mit 
Weglassung ihrer Eigenheiten wieder in einer allgemeinen 
Landessprache übereinkommen. «Diese allgemeine Landes- 
sprache ist für Deutschland die Hochdeutsche Mundart, 
welche, mit Übergehung aller Eigenheiten der Provinzen, 
bloß das Allgemeinste enthält, und daher in Süden und 
Norden gleich verständlich ist.» 1 Damit vergleiche man 
den Satz in der Vorrede : «Eine allgemeine Deutsche Sprache, 
welche aus dem übereinstimmigen Sprachgebrauche aller 
Provinzen bestände, gibt es nicht, hat es nie gegeben und 
kann es nie geben» (S. XXII, Note 5). 

Auch den Namen Hochdeutsche Mundart, der ihm 
später freilich als terminologischer Ausdruck seiner Über- 
zeugungen willkommen war, hat Adelung ursprünglich gar 
nicht in der Absicht gewählt, die Schriftsprache auf eine 
Stufe mit den Mundarten im engern Sinne zu stellen. 
Er fand die Bezeichnung in der grammatischen Kunstsprache 
schon vor und sie war da von Männern angewandt worden, 
die auf einem ganz andern Standpunkt standen als Adelung. 2 

Die Autonomie des Hochdeutschen gilt nicht nur für 
die Grammatik, sondern auch für den Wortschatz. Adelung 
bekämpft die Aufnahme provinzieller und veralteter Wörter. 
Auch in diesem Punkt war er ursprünglich toleranter. In 
der Vorrede zum Wörterbuch, S. XI, bemerkt er, daß die 
höhere Schreibart im Falle der Not ihre Zuflucht zu der 



1 Vgl. auch U. L. I, 85. 

2 S. Schottelius, Ausf. Arb., S. 175f. ; Gottsched, 
Sprachkunst 5 , S. a 3 b ; 19, § 11; 203, vgl. auch den Brief an 
Amon bei Schachinger, Programm von Melk 1888, S. 44; Popo- 
witsch, Untersuchungen vom Meere, S. 298; Reichard, Die 
Lehre von den deutschen Vorwörtern, §§ 71. 104. Noch 
Hemmer gebraucht Sprachlehre S. 7 f. ohne Arg diesen Aus- 
druck. 



364 Kapitel 8. [§ 192. 

oberdeutschen Mundart nehme und daß es ein Glück wäre, 
wenn sie auf diesem Wege behutsam fortginge. «Die ober- 
deutsche Mundart hat noch einen so großen Reichthum an 
unerkannten erhabenen Ausdrücken und Wortfügungen, daß 
sie die hochdeutschen Dichter und Redner noch Jahr- 
hunderte damit versehen kann, ohne erschöpfet zu werden.» 
Und noch in der Einleitung zum U. L., I, 90 wahrt er der 
höhern Schreibart das Recht, von der «volltönigen und 
prächtigen Oberdeutschen Sprache» zu borgen. Freilich er- 
klärt er hier, das sei keine Provinzialsprache, sondern 
die ehemalige allgemeine Schriftsprache. Aber, wenn er 
zugibt, daß sie für den höhern Ausdruck noch manche 
ungenützte Schätze habe, «sollten sie ihren Werth auch 
nur dem so lange unterlassenen Gebrauche zu danken 
haben, der ihnen den Reitz der Neuheit mittheilet», so 
waltet hier noch eine andere Anschauung als später, wo 
er behauptet, daß die Sprache Wörter nie ohne triftige 
Ursache ausscheide, veraltete Wörter daher als Auswurf 
anzusehen seien, die nicht mehr in das Ganze paßten. 1 

Dieser Wandel der Ansichten steht in genauestem Zu- 
sammenhang mit einer veränderten Wertschätzung der 
Schriftsprache. So bequem nämlich der Regriff der Auto- 
nomie des Hochdeutschen war, um alle Ansprüche der 
Mundarten abzuweisen, so blieb doch eine Schwierigkeit 
übrig. Wenn das Hochdeutsche eine Mundart ist wie das 
Schwäbische oder das Pommersche, worauf beruht sein 
Anspruch, die deutsche Schriftsprache, die Hofsprache der 
Gelehrsamkeit zu sein? Die richtige Antwort hatte Hey- 
natz gegeben: auf der Macht der historischen Tatsachen, 
vgl. 167. Auch Adelung hatte sich ein Jahr vor Heynatz 
ebenso ausgesprochen in der Vorrede zum Wörterbuch 
(S. VIII). 2 Er findet hier, daß die hochdeutsche Mundart 



i Vgl. Magazin I, 1, 29; I, 2, Nr. 4. 

2 Diese Vorrede steht unter dem Einfluß der «Oratio de ea 
Germaniae dialecto, qua in sacris faciundis atque in scribendis 
libris utimur» von J. B. Michaelis (1750, auch in seinem Syn- 
tagma dissertationum, Goettingae 1759, S. 171 ff.). Der Grund- 
gedanke dieser akademischen Rede ist, daß der meißnische Dia- 
lekt seine Erhebung zur deutschen Gemeinsprache nicht innern 
Vorzügen zu verdanken habe, sondern dem zufälligen Umstand, 
daß er Luthers Mundart war. Gottscheds Rezension der Rede 



§ 192. 193.] Adelung. 365 

neben Vorzügen allerlei Mängel habe. Sie sei als Misch- 
sprache unregelmäßiger als das Oberdeutsche und das 
Niederdeutsche. Sie sei ferner «arm an Wörtern, arm an 
Bedeutungen der vorhandenen Wörter, arm an Wort- 
fügungen, Beugungen und Verbindungen, einen Begriff nach 
allen seinen Schattierungen geschickt auszudrücken». In allen 
diesen Stücken werde sie von der oberdeutschen Mundart, 
von der sie ein bloßes Fragment sei, übertroffen. Viele 
Wortbedeutungen, die im Oberdeutschen ganz geläufig 
seien, habe man im Hochdeutschen aus Nachlässigkeit und 
Unwissenheit veralten lassen (S. Xf.). So dachte Adelung 
im Jahre 1774. Bald darauf begannen die Angriffe Nasts 
und Fuldas auf das Sächsische. Nun fühlte sich Adelung 
gedrängt, das Süddeutsche herabzusetzen und sein Hoch- 
deutsch zu erheben. Während er in der Vorrede zum 
Wörterbuch, S. XII, erklärt hatte, daß die Hochdeutsche 
Mundart ihren Vorzug «durch einen bloßen Zufall und nicht 
durch ihr eigenes Verdienst» erhalten habe, behauptete er 
schon in der Einleitung zum U. L., I, 83, sie habe ihre 
Herrschaft ihrer inneren Güte und Ausbildung zu danken. 
Und in den Artikeln des Magazins kommt er immer wieder 
darauf zurück, daß sich in der Entwicklung des Hoch- 
deutschen zu immer größerer Vollkommenheit der Fort- 
schritt der Kultur widerspiegele. Die Kriterien für die Güte 
der Sprache, Verständlichkeit und Geschmack, kennen 
wir bereits. 

193. Mit der Autonomie der Schriftsprache ist noch 
nicht ihre Bindung an eine Provinz gegeben. Klopstock 
wollte ebenso wie Adelung die Schriftsprache gegen Dia- 
lektisches und Veraltetes abschließen, und doch verübelte 
er es Adelung, daß er das Hochdeutsche eine Mundart 
nannte, nicht als Sprache den Mundarten gegenüberstellte. 
Aber freilich, setzte man das Hochdeutsche der Mundart 
Obersachsens gleich, so folgte daraus unmittelbar seine 
Autonomie. 

Wie das Obersächsische zu seinem Vorrang gekommen 
ist, hat Adelung wiederholt zu zeigen versucht. Seine 



im ersten Band des Neuesten aus der anmuthigen Gelehrsamkeit 
scheint Adelung erst später kennen gelernt zu haben, vgl. Ma- 
gazin II, 1, S. 27. 



366 Kapitel 8. [§ 193. 

Schwankungen und Widersprüche beweisen, daß er niemals 
eine wirkliche historische Untersuchung angestellt hatte, 
sondern einige wenige Gedanken immer wieder in seinem 
Kopf hin- und herwendete, wobei sich der Einfluß bald 
dieses, bald jenes Vorgängers geltend machte. Zwei Dinge 
kommen da vornehmlich in Betracht: die angebliche Mittel- 
stellung des Hochdeutschen zwischen Ober- und Nieder- 
deutsch und das Verhältnis der modernen Schriftsprache 
zu der des Mittelalters. 

Nach der Vorrede zum Wörterbuch, S. IX, ist die ober- 
sächsische Mundart eine Tochter der fränkischen und thü- 
ringischen, die in dem Kolonistenland durch Einwirkung 
der Sprache der ursprünglichen wendischen Bewohner ver- 
ändert wurde. Ähnlich in der Einleitung zum U. L., I, 81, 
nur daß hier bloß vom Fränkischen, nicht vom Thüringischen 
die Rede ist. 1 Aus der geographischen Stellung des Frän- 
kischen und Thüringischen wird im Wörterbuch, S. IX, die 
Erscheinung hergeleitet, daß in diesen Dialekten die beiden 
Hauptmundarten, das Oberdeutsche und das Niederdeutsche, 
zusammenfließen, «oder vielmehr 2 , daß eine durch die 
andere gemildert worden». Aber schon S. XIV, Fußnote 
nimmt Adelung die Vermischungshypothese zurück, da sie 
zu seinen Ansichten über das Alter der deutschen Dialekte 
nicht paßt, doch die Tatsache der Mittelstellung läßt er 
bestehen. U. L., I, 73 findet er einen Ausweg. Die ur- 
sprünglich niederdeutschen Franken hätten ein südlicheres 
Volk unterworfen und aus der Vermischung der Sprachen 
der Sieger und der Besiegten sei die heutige fränkische 
Mundart entstanden, die schon zur Zeit der fränkischen 
Monarchen das Mittel zwischen der ganz hohen und der 
völlig niedern Sprache ausmachte. 



1 Auch wird hier schon der wendische Einfluß als vorteil- 
haft bezeichnet. Durch ihn sei die fränkische Mundart in der 
Aussprache verfeinert worden. So wird der von den Schwaben 
abschätzig hervorgehobene slavische Einschlag des Obersächsi- 
schen in Adelungs Mund zum Lob. Übrigens hatte schon 
Michaelis den angenehmen Klang des Slavischen hervorgehoben 
und von einem barbari sermonis non molesto quidem contagio 
gesprochen. 

2 In diesem «oder vielmehr», einer Lieblingswendung Ade- 
lungs, tritt so recht seine Unklarheit und Verworrenheit hervor. 



§ 193. 194.] Adelung. 367 

Diese untereinander abweichenden Ansichten haben das 
Gemeinsame, daß sie die deutschen Kolonisten ihre Mittel- 
sprache in das spätere Kursachsen mitbringen lassen. Da- 
gegen wird im U. L., II, 682 angedeutet, daß diese Mittel- 
sprache erst im Kolonistenland sich ausbildete, dessen 
Bewohner, abgesehen von den einheimischen Wenden, aus 
Ober- und Niederdeutschen bestanden. Diese neue An- 
schauung liegt den Ausführungen im Magazin, II, 2, 33, 
Note 15 zugrunde und wird dann im Buch über den Stil I, 
50 f. dahin formuliert, daß die Mundarten der nieder- 
sächsischen, fränkischen und oberdeutschen Kolonisten 
«gewisser Maßen zusammen flössen und durch die feine 
Wendische Aussprache gemildert und erhöhet wurden», 
wodurch schon frühe eine gewisse Mittelsprache entstand, 
«welche am wenigsten von den rauhen Eigenheiten der 
übrigen Mundarten an sich hatte». 1 

194. Die Erhebung des Obersächsischen zur Schrift- 
sprache führt Adelung, wie erwähnt, in der Vorrede zum 
Wörterbuch auf einen bloßen Zufall zurück. Hätte nämlich 
Luther eine niederdeutsche statt eine obersächsische Uni- 
versitätsstadt zum Aufenthalt gewählt, so wäre das Nieder- 
sächsische Schriftsprache geworden. 2 Einen Zusammenhang 
mit der älteren Schriftsprache nimmt Adelung nicht an. 



1 So kommt Adelung doch wieder zu der Vorstellung von 
einer «ausgehobenen» Sprache, über die er im ersten Artikel des 
Magazins gespottet hatte. Noch deutlicher tritt dieser Gedanke im 
Magazin II, 2, 34, Note, zutage: Die Zusammenschmelzung des 
Ober- und Niederdeutschen sei geschehen «mit Aushebung des 
allgemeinsten, anständigsten, schicklichsten und würdigsten, mit 
Weglassung alles dessen, was ein provinzielles Ansehen hatte, 
d. i. den Geist und Ausdruck des niedrigen Volkes in der und 
jenen Provinz athmete». Gleich darauf wird die Wendung «diese 
ausgehobene Schriftsprache» gebraucht. Ähnliche Gedanken im 
Buch über den Stil I, 102. Und trotzdem leugnet Adelung eben- 
da S. 71, daß die Schriftsprache durch Aushebung des Besten 
und Allgemeinsten aus allen Mundarten entstanden sei ! 

2 Hier weicht Adelung von Michaelis ab, von dem er den 
Grundgedanken geborgt hat. Michaelis bemerkt nämlich, daß, 
wenn Wittenberg zur Zeit Luthers noch niederdeutsch gewesen 
sein sollte, der meißnische Dialekt mit ihm eingewandert sei. 
Vgl. Syntagma, S. 184**; ob diese Note schon in der Fassung 
von 1750 steht, die Adelung vorlag, kann ich nicht sagen. 



368 Kapitel 8. [§ 194. 

Er sagt, daß immer eine oder die andere Mundart in Deutsch- 
land herrschte, je nachdem die Kaiser aus dieser oder 
jener Provinz gebürtig waren oder auch, nachdem die 
Künste und Wissenschaften in einem Teile Deutschlands 
mehr blühten als in dem andern (S. VIII). 

Anders in der Einleitung zum U. L. Hier tritt unter 
dem Einflüsse Bodmers (156) der Gedanke der Kontinuität 
der Schriftsprache deutlich hervor. Zur Zeit der Hohen- 
staufen sei das Schwäbische Hof- und Büchersprache ge- 
wesen. Luther habe ursprünglich diese oberdeutsche 
Mundart als die herrschende beibehalten, sie aber mehr 
und mehr durch die obersächsische zu verfeinern gesucht, 
die schon vorher «durch Handlung, Wohlstand und ver- 
feinerte Sitten» beträchtlich ausgebildet worden war und 
es nun, da in Obersachsen Künste und Wissenschaften 
ihren Sitz nahmen, noch mehr wurde. «Die alte Ober- 
deutsche Mundart ward als die Leibtracht der Unwissen- 
heit nach und nach verabschiedet oder vielmehr nach dem 
Muster der Meißnischen ausgebildet» und da alle Lehrer 
«der gereinigten Religion» diese Mundart in Wittenberg 
oder aus den Schriften der ersten Reformatoren erlernten, 
so wurde «die durch Sitten und Wissenschaften ausgebildete 
und bereicherte Meißnische Mundart oder vielmehr die durch 
die Meißnische verfeinerte alte Oberdeutsche Mundart» die 
herrschende Sprache des gelehrtesten und gesittetsten Teiles 
der Nation (I, 62ff.). 

Wie es mit dieser Verfeinerung des Oberdeutschen 
durch das Meißnische zugegangen sein soll, ist nicht recht 
klar. Das einzige Faßbare ist die auf Bodmer zurückgehende 
Bemerkung, S. 64, daß Luther die in der Umgangssprache 
ungebräuchlich gewordenen Wörter und Ausdrücke durch 
allgemein verständliche ersetzte. Denn, was Adelung S. 65 
über die Anpassung der Schreibung an die sanfte ober- 
sächsische Aussprache sagt, ist gedankenloses Gerede. 1 

1 Er führt da Schreibungen an, wie eyner, yhn, yn, lewth, 
bawen, vnd, vns. Sollte er wirklich geglaubt haben, daß man je 
das v in vnd wie / sprach? Und als ob Luther je anders ge- 
schrieben hätte! Daß Überfüllungen der Schrift wie czu, Crafft 
nicht der mhd. Blütezeit angehörten, hätte er von Fulda lernen 
können. Aber freilich, Adelung hatte sich's einmal vorgenommen, 
Bodmers Behauptungen in majorem Saxoniae gloriam umzu- 



§ 194.] Adelung. 369 

Übrigens nimmt er an, daß der Grund der Luthersprache 
immer oberdeutsch geblieben und deshalb veraltet sei. 
Den eigentlichen Aufschwung der Literatursprache datiert 
Adelung vom 18. Jahrhundert. 

Ähnliche Ansichten bringt der folgende Abschnitt der 
Einleitung zum U. L., I, 82. Aber eine Abweichung er- 
scheint S. 84. Man sollte eigentlich drei Hauptmundarten 
annehmen, die südliche, höchste oder oberdeutsche, die 
hohe, mitteldeutsche oder mittelländische, Und die nörd- 
liche oder niederdeutsche; «alsdann könnte man die Hoch- 
deutsche oder herrschende Schriftsprache durch die ver- 
feinerte mittelländische erklären». 

Wieder anders in dem ersten Aufsatz des Magazins. 
Während nach dem U. L., I, 62-ff., 82 die oberdeutsche Mund- 
art durch die meißnische verfeinert wurde, also eine Misch- 
sprache entstand, lehrt Adelung jetzt S. 19, daß mit der 
Zunahme von Kultur und Geschmack im südlichen Ober- 
sachsen die Provinzialmundart sich nach und nach aus 
dem gesellschaftlichen Umgang der obern Klassen verlor 
und durch die ältere hochdeutsche Schriftsprache ersetzt 
wurde. Diese sei dann in Obersachsen noch mehr ver- 
feinert worden. Also keine Vermischung, sondern gerad- 
linige Weiterentwicklung. 

In diesem Aufsatz hat der Gedanke der schriftsprach- 
lichen Kontinuität den klarsten Ausdruck gewonnen. Ade- 
lung stellt es geradezu als allgemeines Gesetz hin, daß 
der Geschmack, dessen Werk die Verfeinerung und Aus- 
bildung einer Sprache sei, immer, wenngleich er seinen 
Sitz ändere, von der einmal vorhandenen Schriftsprache 
ausgehe, weil sie unter allen Mundarten bereits die am 
meisten verfeinerte sei. 

Aber klare Gedanken festzuhalten ist nicht die Sache 
Adelungs. Im Magazin, I, 3, 43 behauptet er, die Ge<- 
schlechtsunterscheidung beim Zahlwort zwei sei dem Hoch- 
deutschen ganz fremd, nur einzelne Schriftsteller hätten 
sie aus Nachahmungssucht eingeführt. Auch die älteren 

biegen. Bodmer spricht auch von der Veränderung der Luther- 
schen Orthographie, die eine Verminderung der y, h und w mit 
sich führte ; also muß auch dies der sanften obersächsischen 
Aussprache zuliebe geschehen sein. 

J e 1 1 i n e k , Geschichte der nhd. Grammatik. 24 



370 Kapitel 8. [§ 194. 19b. 

könnten nicht als Regel dienen, da sie die Formen zween, 
zwo in der älteren Schriftsprache fanden und beibehielten. 
Daher finde man sie hin und wieder bei Luther; ebenso 
oft gebrauche er aber zwey für alle Geschlechter 1 : «je 
nachdem die ältere Schriftsprache, oder die Obersächsische 
Mundart, in welcher er lebte, stärker auf ihn wirkten.» Das 
ist doch offenbar wieder der Standpunkt des U. L. 

Im Magazin, I, 3, 47 und ähnlich I, 4, 83 sagt er, er 
habe im ersten Stück zu beweisen gesucht, daß die deutsche 
Schriftsprache die gewöhnliche Mundart Obersachsens in 
ihrer größten Feinheit und Reinigkeit sei und erst von hier 
zu den Schriftstellern ausgegangen wäre. Das hatte er in 
Wahrheit nicht zu beweisen gesucht, vielmehr behauptet, 
daß die höhern Stände Obersachsens ihre Mundart aus der 
altern Schriftsprache bezogen hätten. In der abschließenden 
Formulierung endlich, die Adelung seinen Ansichten im 
Buche über den Stil gegeben hat, heißt es I, 51 von der 
Obersächsischen Mundart, die, wie wir gehört haben, aus 
einer Mischung von Niedersächsisch, Fränkisch und Ober- 
deutsch entstanden war, sie habe fortgefahren, sich immer 
mehr auszubilden und zu verfeinern, «bis sie zur Zeit der 
Reformation . . . unter dem Nahmen der neuern Hoch- 
deutschen Sprache ihrer altern Schwester beherzt zur 
Seite treten konnte». Sie ist also wieder die Schwester der 
altern Schriftsprache wie im U. L., I, 82; nach den Aus- 
führungen des ersten Magazinaufsatzes könnte sie nur ihre 
Tochter heißen, wird freilich auch da, S. 23, gedankenlos 
ihre Schwester genannt. Der Kontinuitätsgedanke ist ver- 
schwunden. 

195. So verschieden aber auch Adelung die Geschichte 
der Schriftsprache darstellt, die Behauptung kehrt immer 
wieder, daß das Hochdeutsch seiner Zeit nichts sei als die 
Mundart der höhern Klassen Obersachsens. Diesem Satz 
gibt aber Adelung durchaus nicht die Bedeutung, daß der 
Verfasser einer deutschen Sprachlehre keine andere Auf- 
gabe habe als der Darsteller irgendeines nicht literarischen 
Idioms. Die Umgangssprache der höhern Stände Ober- 
sachsens ist nur mittelbar das Substrat der deutschen Gram- 



1 Das ist nicht wahr ; vgl. Franke, Grundzüge der Schrift- 
sprache Luthers, S. 187, § 205. 



§ 195.] Adelung. 371 

matik. Wir haben 190 gesehen, daß Adelung an die Spitze 
der «gesetzgebenden Teile in der Sprache» den allgemeinen 
Sprachgebrauch stellt. Dieser besteht nun nach U. L., I, 107 
in einer ausgebildeten Schriftsprache wie dem Hoch- 
deutschen in der Übereinstimmung der besten und weisesten 
Schriftsteller. Und noch im Buch über den Stil I, 74 wird 
gelehrt, daß der gute hochdeutsche Sprachgebrauch am 
zuverlässigsten aus Schriften erkannt werde, und I, 61, 
daß die Schriftsteller die einzigen und sichersten Muster 
und Richter der Sprache seien. Aber dagegen wendet sich' 
Adelung energisch, daß die Schriftsteller die Sprache 
machten oder nur fortbildeten. Schon im U. L., I, 108, 
dann in einem besondern Artikel des Magazins (I, 3, Nr. 4) 
und später an vielen Stellen. Der Schriftsteller sei an die 
Umgangssprache gebunden, seine Tätigkeit sei im wesent- 
lichen eine auswählende, und das ganze Verdienst der guten 
Schriftsteller bestehe darin, daß sie die Auswahl aus dem 
von der Umgangssprache dargebotenen Material mit Kunst 
und Geschmack treffen. Selbst die Dichtersprache sei nichts 
anderes als eine Auswahl aus der natürlichen Sprache der 
Einbildungskraft und Leidenschaft. Allerdings bereichern 
die Schriftsteller die Sprache mit neuen Wörtern, aber 
das gebe ihnen keinen Vorrang vor andern Sprachgenossen. 
«Ich getraue mir behaupten zu können, daß noch kein 
Schriftsteller irgend etwas in der Sprache mit Erfolg er- 
funden hat, d. i. so, daß es wirklich in derselben, oder 
nur in den höhern Gassen allgemein geworden wäre, was 
nicht auf so leichten und richtigen Analogien beruhet, daß 
es jedes anderes Glied der Gesellschaft eben so leicht, 
und mit eben dem Erfolge hätte erfinden können» (Magazin, 
I, 3, 55). 

Man sieht, daß Adelung, ebenso wie früher Gottsched 
(138), die Art der Fortpflanzung der Schriftsprache außer 
acht läßt. Selbst wenn der schriftsprachliche Ausdruck 
auch der Umgangssprache angehört, hat ihn der Schreibende 
keineswegs immer der Umgangssprache entnommen; sehr 
oft gebraucht er ihn einfach, weil er ihn bei andern gelesen 
hat. Dazu kommen die archaischen Bestandteile und Wen- 
dungen, die niemals der Umgangssprache eigen waren. 
Adelung sah sich denn auch wohl oder übel genötigt, den 
traditionellen Charakter der Schriftsprache zuzugeben. Als 

24* 



372 Kapitel 8. [§ 195. 

ihm Bla,nkenbjurg im Magazin, II, 2, 47 f. seinen Aus- 
spruch in Erinnerung brachte, daß die höhere Schreibart 
statt der alltäglichen Wendungen von der volltönigen und 
prächtigen oberdeutschen Sprache borgen dürfe, da leugnete 
er recht sophistisch, daß ein Widerspruch mit seinen 
späteren Äußerungen bestehe. «Wenn der Schriftsteller in 
der höhern Schreibart um der Kürze und Neuheit willen 
den Genitiv von der altern Schriftsprache entlehnet, des 
Kummers lachen, der Thränen anderer spotten u. s. f., so 
macht er keine neue Analogien, sondern er wendet nur 
alte längst vorhandene, die aber die gesellschaftliche 
Sprache um der Deutlichkeit willen durch Präpositionen 
aufgelöset hat, (über etwas lachen oder spotten) von neuem 
an.» Und im Stil, I, 97 sagt er, man möge mit den zu 
verwerfenden veralteten Wörtern nicht diejenigen ver- 
wechseln, «welche die Sprache nur zu gewissen besondern 
Arten des Gebrauches auf gesparet hat, dahin z. B. viele der 
Dichtkunst eigene Ausdrücke und Formen gehören, welche 
um deswillen noch nicht für veraltet ausgegeben werden 
können». Daß damit der Satz umgestoßen war, daß die 
Schriftsprache nur eine Auswahl aus der Umgangssprache 
darstelle, war Adelung freilich nicht ehrlich genug, sich 
und seinen Lesern einzugestehen. 

Mag sich nun aber die Schriftsprache zur Umgangs- 
sprache verhalten wie immer: wenn Adelung erklärt, daß 
man sie am sichersten aus dem übereinstimmenden Ge- 
brauch der guten Schriftsteller erkenne, so ist das prak- 
tisch nichts anderes, als was Klopstock und viele andere 
behauptet hatten. Es wird nur darauf ankommen, welche 
Schriftsteller in sprachlichen Dingen maßgebend sind. Die 
Antwort gibt der Artikel «Auch etwas von dem Zustande der 
Deutschen Litteratur», Magazin, I, 1, Nr. 5. In diesem 
Aufsatz, in dem seine materialistische Geschichtsauffassung 
in der abgeschmacktesten Weise zutage tritt, erklärt Ade- 
lung die Jahre von 1740 bis zum Siebenjährigen Krieg für 
das goldene Zeitalter der deutschen Literatur und des 
deutschen Geschmacks überhaupt. «Deutschland verkannte 
sein Athen damahls nicht; alle Provinzen ärnteten hier 
Geschmack und Künste, die wirklich classischen Schrift- 
steller, welche wir haben, sind insgesammt solche, welche 
sich in Obersachsen oder doch nach Obersächsischen Mustern 



§ 195. 196.] Adelung. 373 

gebildet haben, und es fiel damahls in ganz Deutschland 
niemand ein, zu sagen, daß der Deutsche Geschmack keine 
Stütze habe, wie man wohl jetzt klagen höret» (S. 94). 
Schon im folgenden Stück des Magazins, Nr. 7, sah sich 
Adelung veranlaßt, diese Behauptung, wie er sagt, zu er- 
läutern, das heißt einzuschränken. Es sei ihm nicht in 
den Sinn gekommen zu behaupten, «daß alle Schriftsteller 
in den Provinzen den Obersächsischen sowohl in der Sprach- 
richtigkeit als in dem Geschmacke schlechterdings nach- 
stehen müßten». Von Obersachsen habe sich der gute Ge- 
schmack nach allen Seiten verbreitet, und unter seiner 
Leitung hätten in den Provinzen Männer von hervorragenden 
Fähigkeiten nicht selten ihre Muster übertroffen. Auch 
nach 1760 hätten Deutschlands Provinzen gute und vor- 
treffliche Schriftsteller aufzuweisen, die sogar in mancher 
Beziehung ihre Vorgänger weit hinter sich ließen. Aber ihre 
Zahl sei nicht so groß, daß man von ihnen aufs Ganze 
schließen dürfte. Die Verirrungen in der Literatur würden 
in der Zeit nach 1760, namentlich um 1770 herum häufig — 
Adelung zielt vornehmlich auf den Sturm und Drang. 

196. In der Vorrede zum ersten Stück des Magazins hatte 
Adelung die Befürchtung ausgesprochen, daß er es durch seine 
Abhandlungen über die Frage «Was ist Hochdeutsch?» und über 
den Zustand der deutschen Literatur mit den deutschen Pro- 
vinzen verderben werde. Er täuschte sich nicht. Aber der An- 
griff kam nicht von der Seite, von der er ihn wohl erwartete. 
Er hatte es hauptsächlich auf die Bekämpfung der süddeutschen 
Sprachtheoretiker abgesehen gehabt 1 , und nun zog man gegen 
ihn von Nord- und Mitteldeutschland her zu Felde. Wohl war 
sein bedeutendster Gegner ein Schwabe, aber ein Schwabe, der 
seit langem ferne von der Heimat lebte und durchaus nicht daran 
dachte, die Hechte seiner Mundart zu vertreten. Es war auch 
gar nicht der Kampf gegen die Sprach- und Orthographie- 
reformer, mit dem Adelung Anstoß erregte, und selbst seine Be- 
hauptungen über das Verhältnis des Hochdeutschen zum Ober- 
sächsischen würden wahrscheinlich außerhalb des Kreises der 
eigentlichen Sprachgelehrten nicht viel Aufsehen gemacht haben, 
wenn er nicht den unglückseligen Artikel über die deutsche 
Literatur geschrieben hätte. So aber wendete sich gegen ihn 



1 Auch der Aufsatz über das Verdienst der Schriftsteller um 
die Sprache hatte diese Tendenz. Vgl. Magazin I, 3, 45. 



374 Kapitel 8. [§ 196. 

nicht nur J. C. C. Rüdiger, der in einer Abhandlung «Ueber 
das Verhältniß der hochteutschen Sprache und obersächsischen 
Mundart» (Neuester Zuwachs der teutschen, fremden und all- 
gemeinen Sprachkunde II [1783], lff.) den alten Satz verteidigte, 
daß die hochdeutsche Sprache eine Auswahl des Besten und Ge- 
wöhnlichsten aus allen Mundarten darstelle, sondern es trat auch 
ein Mann, wie Wieland, gegen ihn in die Schranken. Unter 
dem Decknamen Philomusos veröffentlichte er im November- und 
Dezemberheft des «Teutschen Merkur» von 1782 einen Artikel 
«Ueber die Frage: Was ist Hochdeutsch? und einige damit ver- 
wandten Gegenstände». Auf Adelungs Erwiderung im Magazin I, 
4, Nr. 4 und 5, replizierte «Philomusos» kurz im Aprilheft des 
«Teutschen Merkur» von 1783, und Wieland fügte als Heraus- 
geber des Merkur ein Nachwort hinzu, in dem er gleichsam 
zwischen den Parteien vermitteln wollte. Adelung antwortete mit 
ein paar Worten in dem letzten Aufsatz seines Magazins (II, 4, 
Nr. 4) «Fernere Geschichte der Frage: Was ist Hochdeutsch», in 
dem er sich auch mit andern, darunter mit Rüdiger, aus- 
einandersetzt. Von sonstigen Gegnern seien noch genannt 
J. E. Biester mit seinem Aufsatz «Ist Kursachsen das Tribunal 
der Sprache und Litteratur für die übrigen Provinzen Deutsch- 
lands?» im Märzheft der «Berlinischen Monatsschrift» von 
1783, auf den Adelung im Magazin I, 4, Nr. 7 antwortete, und 
Ch. F. von Blankenburg, dessen Brief an Adelung «über 
Deutsche Sprache und Litteratur» im Magazin II, 2 als Nr. 1 ab- 
gedruckt und von Adelung mit Anmerkungen begleitet wurde. Es 
wird genügen, näher auf den Streit mit Wieland einzugehen. 
Wielands Ausführungen sind von dem Gedanken getragen, 
daß der Entwicklung von Literatur und Literatursprache ein ge- 
wisser Grad von Selbständigkeit zukomme, während Adelung die 
Literatur zu einer bloßen Funktion der allgemeinen Kultur- 
zustände, die Schriftsprache zu einer Funktion der Umgangs- 
sprache herabgesetzt hatte. Der Aufschwung der deutschen 
Literatur sei nicht, wie Adelung meinte, durch den Bergbau in 
Kursachsen, die Manufakturen, die Leipziger Messe oder die 
Pracht der Höfe der sächsischen Auguste herbeigeführt worden, 
sondern eine von all diesen Dingen ganz unabhängige Verbindung 
von Umständen sei die Ursache gewesen, daß sich zwischen 
1740 — 1760 eine Anzahl junger, guter Köpfe in Leipzig zu- 
sammenfanden und nach einem ziemlich öffentlichen Abfall von 
Gottsched den Anfang machten, unserer Literatur eine bessere 
Gestalt zu geben, und sich durch Werke des Geschmacks hervor- 
zutun. Aber die wenigsten blieben in Leipzig, woran jedoch der 
Siebenjährige Krieg unschuldig war, und sehr wahrscheinlich 
würde das deutsche Athen auch ohne ihn diese stolze Be- 
nennung weder mehr noch weniger verdient haben. Ebenso sei in 
Frankreich die Blüte der Literatur nicht durch den Weinbau, die 



§ 196.] Adelung. 375 

Seidenzucht, die Manufakturen, den Handel oder die Pracht des 
Hofes Ludwigs XIV. geschaffen worden, sondern durch die Menge 
glänzender Schriftsteller, die sich durch des Schicksals Schluß 
im 17. Jh. zusammenfanden. Und sie wurden, was sie waren, 
nicht, weil sie sich nach dem Geschmacke der obern Klassen von 
Paris richteten und ihre Sprache schrieben, sondern weil sie sich 
nach den Mustern der Alten bildeten. So wurden sie die Gesetz- 
geber des Geschmacks ihrer Zeit, statt seine Sklaven zu sein. 
Freilich reden die guten Schriftsteller eines Volks keine selbst- 
erfundene Sprache, sie fußen auf dem, was ihre Vorgänger ge- 
schaffen haben. Wäre die Mundart der blühendsten Provinz die 
Norm für die Schriftsprache, so würde diese sich ungemein rasch 
verändern, in Wahrheit seien es die guten Schriftsteller, die die 
Schriftsprache bilden. In Deutschland sei die schöne Literatur 
erst im Werden begriffen, es gehe nicht an, ein künftiges Genie 
zu binden, indem man die Sprache auf die Schriftsprache des 
Zeitraums von 1740 — 1760 beschränke. Wieland faßt seine Aus- 
führungen am Schluß des Artikels im Novemberheft dahin zu- 
sammen, daß a) die hochdeutsche Schriftsprache sich nicht 
durch die Mundart irgendeiner blühenden Provinz, sondern nur 
aus den Werken der besten Schriftsteller bestimmen lasse, 
b) daß hiervon auch die Autoren des 16. und 17. Jhs. nicht aus- 
geschlossen werden dürften, c) daß die Zeit noch nicht ge- 
klommen sei, wo die Zahl der Schriftsteller, die den ganzen 
Reichtum der Schriftsprache enthalten, für geschlossen anzusehen 
sei, d) daß bis dahin die altern Dialekte als eine Art von Fund- 
gruben für die Bedürfnisse der Schriftsprache betrachtet werden 
müßten. 

In dem zweiten Teil seines Aufsatzes, der vornehmlich gegen 
Adelungs Artikel «Was ist Hochdeutsch» gerichtet ist, leugnet 
Wieland, daß die Mundart der oberen Klassen Kursachsens 
unsere höhere Schrift- und Gesellschaftssprache sei. Er habe mit 
sehr vielen kursächsischen Herren und Damen der oberen 
Klassen gesprochen, aber unglücklicherweise immer mit solchen, 
die, ganz abgesehen von der Aussprache, ebensoviel Provinzial- 
ausdrücke einmischten wie Angehörige irgendwelcher andern 
Landschaft. Nicht diejenigen, die unrichtig und provinzial 
sprächen, seien für Ausnahmen zu halten, sondern im Gegenteil 
diejenigen, die immer reines Hochdeutsch redeten ; das Hoch- 
deutsche werde nirgends in ganz Deutschland von den oberen 
Klassen durchgehends völlig rein und richtig gesprochen. Er hebt 
wieder die Bedeutung der Schriftsteller hervor, deren Ge- 
schmack nicht an eine blühende Provinz gebunden sei. Die 
Schriftsprache sei so lange unvollendet, als sie nicht in allen 
Fächern Meisterstücke habe. Erst dann werde sich die Grenz- 
linie zwischen der allgemeinen Schriftsprache, die zugleich 



376 Kapitel 8. [§ 196. 

Sprache der guten Gesellschaft in allen Provinzen sei, und den 
Mundarten ziehen lassen. Aber auch diese allgemeine Sprache 
werde ihre Sprachdistrikte haben, von denen die Gesellschafts- 
sprache der oberen Klassen nur einer sei ; Umgangssprache und 
Schriftsprache im ganzen genommen würden nie zusammenfallen. 
Wieland wahrt ferner dem Dichter das Recht, mit Maß veraltete 
und provinzielle Wörter anzuwenden. Denn für ihn seien Worte 
Farben, Rhythmen und melodische Töne zugleich. Verständlich- 
keit sei nicht, wie Adelung behauptete, die einzige, sondern nur 
die erste Absicht der Sprache. Ein veraltetes oder provinzielles 
Wort könne mitunter einer Stelle die einzige richtige Farbe 
geben. 

Adelung erwiderte höchst gereizt. Aber der Aufsatz «Über 
die schöne Litteratur der Deutschen» (Magazin I, 4, Nr. 5) ist 
ein Rückzugsgefecht. I, 1, S. 95 hatte er gesagt, wenn Sachsens 
Wohlstand sich seit dem Siebenjährigen Krieg auch vermindert 
habe, so sei doch der gute Geschmack geblieben. Man könnte 
vielleicht zugeben, daß er keinen Fortschritt gemacht habe. Aber 
es scheine, daß der Zeitpunkt von 1740 — 1760 der einzige wahre 
männliche Grad des guten Geschmacks für die Deutschen war, 
den sie nicht überschreiten sollten. Er sieht S. 98 das Heil der 
deutschen Literatur darin, daß man es so mache wie die 
Italiener, die nach langen Abirrungen zu den guten florentinischen 
Schriftstellern zurückkehrten. Denn «der gute Geschmack ist 
immer nur einer. Entweder hat Obersachsen denselben von 
1740 bis 1760 gänzlich verfehlet, oder die Wege, welchen man seit 
dem in den Provinzen gefolget ist, sind Abwege und Ver- 
irrungen». Jetzt stellt Adelung es in Abrede, daß er den Grad 
der Güte, den Sprache und Literatur von 1740 — 1760 hatten, als 
das non plus ultra der deutschen Vollkommenheit vorgezeichnet, 
obersächsische Schriftsteller als die einzigen Muster hingestellt, 
den Geschmack auf Obersachen eingeschränkt und das Dasein 
guter Schriftsteller auch nach 1760 geleugnet habe. «Bloß von 
der Einheit des Geschmackes habe ich geredet, ohne den 
Grad seiner innern Güte weder bestimmen, noch demselben 
Gränzen setzen zu wollen» (S. 114). Die schöne Literatur eines 
Volkes müsse, wenn sie national sein solle, eine gewisse Einheit 
haben, wie die Sprache, und diese Einheit entstehe bei beiden 
durch den Geschmack der oberen Klassen in der ausgebildetsten 
Provinz. Während also Adelung im ersten Stück des Magazins 
von der absoluten Einerleiheit des guten Geschmacks gesprochen 
hatte, will er jetzt von der relativen Einheit des Geschmacks 
überhaupt, sei er gut oder schlecht, von der Einheit innerhalb 
eines Volks geredet haben, und er hat die Dreistigkeit, Wieland 
vorzuwerfen, daß er über die Einheit des Geschmacks und ihre 
Verbindung mit dem Begriff einer schönen Nationalliteratur ganz 



§ 196.] Adelung. 377 

hinwegsehe, d. h. Dinge ignoriere, die Adelung gar nicht gesagt 
hatte, die aber freilich von jetzt an sehr häufig in seinen Er- 
örterungen wiederkehren. Er, der früher behauptet hatte, daß 
der gute Geschmack nur einer sei, leugnet jetzt, daß allgemeine 
Regeln und Grundsätze ausreichen, wenn der Geschmack national 
sein solle ; sie müßten vielmehr aus der Sprache, den Sitten, 
dem ganzen Geschmack der Nation selbst abstrahiert werden. 
Aber er bleibt dabei, daß der Nationalgeschmack der Leitung der 
oberen Klassen der ausgebildetsten Provinz bedürfe, und be- 
merkt nicht, daß er sich selbst widerspricht. Denn wenn eine 
Nationalliteratur die Beobachtung der individuellen Eigenheiten 
einer Nation voraussetzt, so ist nicht einzusehen, wie die 
Literatur in einer Landschaft national sein kann, wenn die 
Eigenheiten dieser Landschaft andere sind als die der aus- 
gebildetsten Provinz. Im übrigen betont Adelung wieder, daß er 
der deutschen Literatur nicht die Möglichkeit eines Fortschritts 
abgesprochen habe, sie müsse aber die Kontinuität der Entwick- 
lung wahren. Die besten Schriftsteller brauchten auch gar nicht 
aus der blühendsten Provinz zu stammen, es komme nur auf die 
Befolgung ihres Geschmacks an. Ja, er geht so weit, zu erklären, 
daß unter gewissen Umständen Personen aus manchen Provinzen 
befähigter seien, den Geschmack und die Sprache der blühendsten 
Provinz nachzuahmen, als deren Einwohner selbst, weil sie Ge- 
schmack und Sprache studieren müßten. Dies gelte insbesondere 
von den Niedersachsen. 1 

Der Aufsatz über die Frage : Was ist Hochdeutsch (Ma- 
gazin II, 4, Nr. 4) beharrt auf der alten These. Die Beweise, die 
jetzt zusammengestellt werden, sind, soweit sie die Kernfrage 
betreffen, nichts als Behauptungen, in die alles das hineingesteckt 
ist, was aus ihnen abgeleitet werden soll. Nämlich : der 
Sprachgebrauch, auf dem die Wahl unter verschiedenen mög- 
lichen Analogien beruht, habe seinen Grund ganz in den indi- 
viduellen Umständen einer in enger bürgerlicher Vereinigung 
lebenden Menschenmenge. Jede Sprache könne daher nur im 
gesellschaftlichen Leben entstehen und ausgebildet werden. 
Schriftsteller lebten aber nicht in der engeren gesellschaftlichen 
Verbindung, die dazu erfordert wird, unter so vielen möglichen 
Analogien der einen den Vorzug zu geben. Daher könnten sie 
Sprache weder erfinden noch fortbilden. Das war nun eben zu 
beweisen, aber Adelung dreht den Spieß um und beschuldigt 
seinen Gegner willkürlichen Widerspruchs. Wiederum bemerkt 
er nicht, daß er sich selbst ad absurdum führt. Wenn Schrift- 
sprache und Umgangssprache so enge verknüpft sind, so würde 



1 Ähnliches hatte Rüdiger im Neuesten Zuwachs II, 56 ge- 
sagt. Vgl. auch oben 131. 132. 



378 Kapitel 8. [§ 196. 

es jedem, der nicht lange Zeit in Obersachsen gelebt hat, unmög- 
lich sein, in der Literatur etwas anderes zustande zu bringen 
als einen Cento aus obersächsischen Schriften. Er würde 
keine Wendung, geschweige denn ein Wort selbständig bilden 
können, weil ihm das Gefühl für die Lebensfähigkeit der Ana- 
logien, die Produktivität der Suffixe abginge. Die deutsche 
Sprache wäre für ihn ebenso tot wie die lateinische. Das war sie 
nun freilich in jener Zeit noch für einen Teil der Süddeutschen 1 , 
aber im Norden standen die Dinge doch anders. 

Gegenüber Wielands Bemerkungen über die Fehler der kur- 
sächsischen Umgangssprache beruft sich Adelung auf seine eigene 
Erfahrung. In Obersachsen komme der mündliche Ausdruck der 
Schriftsprache am nächsten. Dieses «am nächsten» sei zu be- 
tonen, weil der flüchtige mündliche Ausdruck weniger Wahl und 
Überlegung gestatte als der schriftliche. Selbst der eigentliche 
Provinzialdialekt, die Sprache des Volkes in Meißen, weiche viel 
weniger von der Schriftsprache ab als die Volkssprache anderer 
Landschaften. 

S. 90 beruft sich Adelung auf das Zeugnis vieler Schrift- 
steller aus den Provinzen, die unsere Schriftsprache Sächsisch, 
Obersächsisch oder Meißnisch nennten. Er könnte leicht ein 
halbes Hundert solcher Zeugnisse zusammenbringen, wenn es die 
Mühe des Aufsuchens belohnte. Diese Mühe hat er sich schließ- 
lich doch genommen ; sie hat ihm aber für den Artikel im Ma- 
gazin II, 1, Nr. 1 nur eine ziemlich kritiklose Sammlung von 
etwa 20 Stellen eingetragen. 2 Das hindert ihn aber nicht, im 
Magazin II, 4, S. 144 und im «Stil» I, 52 zu behaupten, er habe 
50 unverdächtige Zeugen vorgeführt. Und er erklärt an der 
zweiten Stelle, wenn Zeugen von der Art seien, daß sie die 
Wahrheit hätten wissen können, und kein begründeter Zweifel 
gegen ihre Ehrlichkeit vorliege, so sei es jedes Vernünftigen 
Pflicht, ihr Zeugnis als wahr anzunehmen. 3 



1 Alxinger schlug beinahe jedes Wort in Adelungs Wörter- 
buch nach, ehe er es niederzuschreiben wagte ; vgl. Zs. f. d. 
österr. Gymnasien 1888, 762. 

2 Es figurieren da J. J. Scaliger, der Plagiator Vi 11a- 
vincentius (vgl. Borinski, Die Poetik der Renaissance, S. 286), 
Zesen, der sich selbst als Meißner betrachtete (vgl. oben 92), 
Stiel er wegen seiner schmeichlerischen Widmung an den Kur- 
fürsten von Sachsen (vgl. 130), Brockes (vgl. 134), Bodmer, 
der doch später seine Ansicht geändert hatte. Ja sogar Schot- 
telius muß als Zeuge dafür auftreten, daß man schon früh das 
Meißnische mit dem Attischen verglichen habe. 

3 Das geht gegen Rüdiger, Neuester Zuwachs 3, 95, der 
u. a. bemerkt hatte, daß mit allen Zeugnissen nichts dargetan 



§ 196. 197.] Adelung. 379 

Wieland wies als Musophilos verschiedene Verdrehungen 
Adelungs kurz zurück ; in seiner Rolle als Vermittler bat er 
Adelung, sich über mehrere Fragen zu äußern. Nämlich : Hat der 
Dichter wirklich nur das Recht der Auswahl aus der Gesell- 
schaftssprache? Gibt es im Wechsel der lebendigen Sprache 
nicht etwas Beharrliches, das zum geheiligten Sprachgebrauch ge- 
worden ist? Sind wirklich alle in der obersächsischen Um- 
gangssprache veralteten Wörter nur deshalb ausgeschieden 
worden, weil sie entbehrlich waren? Gibt es nicht Wörter, die 
durch den Schriftsteller von Geschmack gleichsam geadelt 
werden könnten? Ist der Versuch, einen komischen Stil zu be- 
gründen, unter die geschmacklosen Torheiten der letzten 20 Jahre 
zu rechnen, und wenn nicht, darf der komische Dichter nicht von 
dem ganzen Reichtum der deutschen Sprache und ihren Dialekten 
Gebrauch machen? Auf diese Fragen ist Adelung nicht mehr im 
Magazin, wohl aber im Buch über den Stil widerwillig ein- 
gegangen, ohne Wesentliches von seinen Behauptungen zurück- 
zunehmen. 

197. Im letzten Stück des Magazins (II, 4, Nr. 4) hat 
Adelung nochmals die Gründe für seine These zusammen- 
gefaßt. Es sind «philosophische» und «historische». Jene 
sollen den allgemeinen Satz erweisen, daß Schriftsprachen 
weder ihrem Ursprung noch ihrer Ausbildung nach ein Werk 
der Schriftsteller, sondern immer die Gesellschaftssprache 
der obern Klassen der ausgebildetsteh Provinz seien. Der 
erste Grund deduziert den Satz aus dem Begriff der 
lebendigen Sprache, die nicht nur in Schriften, sondern 
auch im geselligen Umgang einer Menge von Menschen 
gebraucht wird. Der zweite operiert mit der «Natur der 
Sache» und bringt die alte Behauptung vor, daß die ge- 
sellschaftliche Verbindung der Schriftsteller nicht so enge 
sei, daß sie Sprache erzeugen und nach gleichförmigen 
Analogien ausbilden könnten. Der historische Beweis, der 
dartun soll, daß die deutsche Schriftsprache die Gesell- 
schaftssprache des südlichen Sachsens sei, rekapituliert 
kurz die Gründe für Sachsens Blüte und verweist auf die 
beigebrachten historischen Zeugnisse. 

werde, «als daß auch andere und ältere Herren Adelungs 
Meinung sind». Gegen Rüdiger hatte sich Adelung schon im 
Magazin I, 4, S. 161 gewendet, ohne jedoch auf seinen Vorwurf, 
daß die Zeugnisse z. T. unbestimmt lauteten und meistens die 
obersächsische Mundart nur als die beste bezeichneten, wirklich 
einzugehen. 



380 Kapitel 8. [§ 197. 198. 

Aus dem polemischen Teil des Aufsatzes ist ein Punkt 
hervorzuheben. Adelung geht jetzt näher auf das ein, was 
er Fehler einzelner Personen nennt. Man müßte, um ihn 
zu widerlegen, zeigen, daß der gesellschaftliche Ausdruck 
der obern Klassen Sachsens so viele eigene und allgemeine 
von den Analogien der Schriftsprache abweichende Ana- 
logien habe, daß man beide für verschiedene Mundarten 
halten müsse. Adelung leugnet dies. Er gibt zu, daß viel- 
leicht jeder gebildete Kursachse im mündlichen Ausdruck 
Fehler und Nachlässigkeiten begehe; aber der Gegner müßte 
beweisen, daß diese Abweichungen nicht für Fehler, sondern 
für die wahren Formen gehalten werden. Das bringt etwas 
ganz Neues in die Diskussion. Adelung gibt, ohne es zu 
merken, zu, daß die Schriftsprache das Ideal für die 
Umgangssprache sei. Das war ja aber auch die Voraus- 
setzung für die Behauptung Wielands, daß das Hochdeutsche 
von den obern Klassen nirgends völlig rein und richtig 
gesprochen werde. 

Die in diesem Artikel und andern des Magazins aus- 
gesprochenen Ansichten kehren in dem Buch über den 
deutschen Stil wieder. Merkwürdig ist, daß hier I, S. 23 nicht 
die Jahre 1740 — 1760, sondern das zweite Viertel des 
18. Jhs. als die Epoche bezeichnet wird, in der diejenigen 
Schriftsteller von Sachsen ausgingen, die in kurzem Muster 
der «Wohlredenheit» für ganz Deutschland werden sollten. 

198. Die deutsche Literatur ist über den Standpunkt 
von 1750 oder 1760 hinausgeschritten, und so gerieten 
Adelungs Ansichten, die noch 1794 von Klopstock in den 
grammatischen Gesprächen und 1804 von Voß in der Be- 
sprechung dieses Werks in der Jenaischen Allgemeinen 
Literaturzeitung heftig bekämpft wurden, im 19. Jh. wegen 
ihrer Beschränktheit in Verruf. Die historische Betrach- 
tung muß auch hier aus den widerspruchsvollen Reden 
Adelungs den wahren Kern herausschälen. Er hat etwas 
Richtiges geahnt, wenn er im U. L. die neuere Schriftsprache 
aus einer Durchdringung der altern mit obersächsischen 
Eigentümlichkeiten hervorgehen ließ. Wir werden ferner 
ihm, dem gebürtigen Niederdeutschen, glauben müssen, 
daß die obersächsische Umgangssprache der Schriftsprache 
am nächsten kam. Daß sie mit ihr zusammenfiel, konnte 
er gar nicht behaupten, insofern er sich der Folgen aus 



§ 198. 199.] Adelung. 381 

seinen eigenen Aufstellungen bewußt wurde, nach denen 
die Schriftsprache eine Auswahl aus der Umgangssprache 
ist und auch gewisse Wendungen weiterführen darf, die 
im gesellschaftlichen Leben aufgegeben worden sind. Wenn 
er meint, daß die Abweichungen von der Schriftsprache in 
Sachsen selbst als Fehler betrachtet würden, so birgt sich 
darin die Erkenntnis, daß im Norden die Schriftsprache in 
weit höherm Maße der Umgangssprache als Norm vor- 
schwebt, als im Süden, wo heute noch in der Schweiz 
der Dialekt uneingeschränkt herrscht und etwa in Öster- 
reich ein einfaches Präteritum in der gesprochenen Sprache 
unerträglich geziert erscheint. Berechtigt ist auch der 
Hinweis darauf, daß das Deutsche eine lebendige Sprache 
ist. Das Wesen der lebendigen Sprache besteht nun frei- 
lich nicht darin, daß die Schriftsprache mit der Umgangs- 
sprache zusammenfällt; wohl aber müssen beide Sprach- 
formen sich aufeinander beziehen lassen. Soll diese Be- 
ziehung konstant sein, so muß nicht nur in der Schrift- 
sprache, sondern auch in der Umgangssprache Einheit 
herrschen. Von einer solchen Einheit der Umgangssprache 
sind wir freilich noch heute sehr weit entfernt, und das 
beeinträchtigt mehr, als man gemeiniglich denkt, die Ein- 
heit der ästhetischen Wirkung unserer Literatur. 

Einheit ist aber das sprachliche Ideal Adelungs. Gegen 
die rationalisierenden Bestrebungen der Reformer warf er 
einen Damm auf, indem er die Sprachrichtigkeit an etwas 
unzweifelhaft Gegebenes anknüpfte. Um die Autonomie des 
Hochdeutschen zu sichern, identifizierte er es mit einer 
bestimmten Mundart. Nun geriet er aber in die Schwierig- 
keit, daß diese Mur#art doch die Sprache für ganz Deutsch- 
land sein sollte! fcr Heß sich verführen, aus der festen 
Position des geschichtlich Gegebenen herauszutreten in das 
weite Feld der Vernünftelei. Die hochdeutsche Mundart sollte 
nicht bloß deshalb die allgemeine Schriftsprache sein, weil 
sie es eben ist, sondern weil sie besser ist als die andern. 
Die Verfolgung dieses Gedankens lockte ihn hinüber in das 
Gebiet literarischer und ästhetischer Betrachtung, für die 
der nüchterne Mann nun einmal nicht geschaffen war. 

199. Besser erging es ihm auf dem eigensten Gebiet des 
Grammatikers, der Orthographie. Er lehnt die rationali- 
sierenden, die Einheit der Schriftsprache bedrohenden Re- 



382 Kapitel 8. [§ 199. 

formen ab und bleibt bei dem feststehenden Gebrauch, 
dessen Gesetze der Sprachlehrer nur aufzusuchen und dar- 
zulegen, nicht zu verändern habe. Zugleich sucht er aber 
den Gebrauch gegenüber den Angriffen der Reformer zu 
rechtfertigen. Den Gedanken, daß die dunkle Empfindung 
mit der deutschen Orthographie etwas im ganzen Vernünf- 
tiges geschaffen habe, hat er von Mäzke, dem er auch 
sonst für die Darstellung der Orthographie mancherlei ver- 
dankt. Aber während Mäzke durch die Orthographie wissen- 
schaftliche Erkenntnisse verbreiten wollte, erklärt Adelung 
immer wieder, daß der einzige Zweck der Schrift möglichst 
leichte Verständlichkeit fürs Auge sei. Daher weist er der 
graphischen Etymologie nur insofern die Aufgabe zu, den 
Bau eines Wortes aufzuschließen, als dadurch die Verständ- 
lichkeit befördert werde. Dies geschehe z. B., wenn lieblich 
nicht liplig geschrieben werde, weil man dadurch sofort 
auf das Stammwort Liebe und die Ableitungssilbe lieh 
verwiesen werde. Auch das ist übrigens ein Gedanke Mäzkes. 
Ja sogar die Formulierung, daß die erweisliche nächste 
Abstammung zu bezeichnen sei, klingt an Äußerungen Mäzkes 
an. Vgl. Versuch in Deutschen WörterFamilien, S. XI f. 
Aber alle diese Grundsätze hatten Mäzke nicht davor be- 
wahrt, der Orthographie seine etymologische Afterweisheit 
aufzudrängen. 

Auch von andern Gegnern hat Adelung gelernt. Die 
Vermutung, daß die Dehnungszeichen zum. Teil aus ästhe- 
tischen Gründen eingeführt wurden, um «magern» Wörtern 
mehr Umfang zu geben (zuerst U. L., II, 744), geht auf eine 
Bemerkung Fuldas, Sprach!, I, 165 zurück; Fulda ist 
seinerseits vielleicht durch eine Äußerung A je hinge rs 
(Schwab. Magazin, 1776, S. 101) angeregbworden. In solchen 
Fällen die Gegner zu zitieren, ist nicht Adelungs Art. Auch 
seine Polemik ist mitunter ungerecht 1 und geht den Dingen 
nicht immer auf den Grund. Wenn er behauptet, der Schreib- 



1 Ein starkes Stück ist, daß er U. L. II, 71/ Schreibungen 
wie stelen = stellen auf Klopstock zurückführt. Und wenn er 
die Vermutung ausspricht, daß Klopstock sich mit seinen Reform- 
vorschlägen nur einen Scherz gemacht habe, so beweist dies, daß 
er Klopstocks orthographische Aufsätze nicht gelesen und von der 
in Reformorthographie gedruckten Ausgabe des Messias von 1780 
keine Notiz genommen hat. 



§ 199. 200.] Adelung. 383 

gebrauch sei ein Teil des Sprachgebrauchs und daher heilig, 
so hat er nicht bedacht, daß Sprache und Schrift auf ganz 
verschiedene Weise erlernt werden. Und, wie die Ortho- 
graphie einer Entwicklung fähig ist, wenn der einzelne sich 
unbedingt an den geltenden Gebrauch binden muß, hat er 
zum mindesten nicht klar gemacht. 

200. Hat Adelung in der Grammatik seine eigenen 
Grundsätze befolgt? Das genaue Verhältnis seiner Regeln 
zu dem Gebrauch der von ihm für mustergültig angesehenen 
Schriftsteller müßte eine besondere Untersuchung feststellen. 
Aber von seinen orthoepischen Lehren läßt sich zeigen, daß 
sie sich in den Bahnen Gottscheds und anderer Nieder- 
deutschen bewegen. 

Nach seiner Theorie ist die richtige Aussprache die 
Aussprache der obern Stände Kursachsens. Wenn er nun 
U. L., II, 687 behauptet, daß die gute kursächsische Aus- 
sprache e und ö, i und ü, ei und eu sehr genau unter- 
scheide, so werden wir dieser Versicherung einiges Miß- 
trauen entgegenbringen dürfen, da so viele Zeugnisse aus 
alter und neuer 1 Zeit dagegen sprechen. Doch können wir 
freilich die gebildeten Kursachsen des 18. Jhs. nicht mehr 
als Zeugen vernehmen. Aber in einem andern Fall können 
wir Adelung bei seinen eignen Worten fassen. Er gibt U. L., 
II, 684 zu, daß man den Obersachsen die Verwechslung 
von b und p, d und t zum Vorwurf machen könne. Er 
versucht hier freilich eine Einschränkung : «diese Verwechse- 
lung ist denn hier doch bey weitem so groß und so allgemein 
nicht, als man wohl behauptet, wenigstens nicht unter 
solchen Personen, welche mit Aufmerksamkeit auf sich 
sprechen.» Ähnlich Magazin, I, 1, 33. Aber diese Ausflucht 
können wir nicht gelten lassen. Wenn, wie Adelung so oft 
sagt, die Abweichungen einzelner Personen nichts beweisen, 
so beweist es auch nichts, wenn einige Obersachsen sich die 
Unterscheidung der weichen und harten Laute angewöhnt 
haben. Im Magazin, I, 4, 136 heißt es auch ohne Umschweif : 
«Die Verwechselung der weichen Hauptlaute b und d mit 
den harten p und t ist gegründet». Wenn er nun im U. L. 
hypothetisch, hier assertorisch hinzufügt, dies beweise nur, 



1 Vgl. Karl Alb recht, Die Leipziger Mundart, S. X. 
R. Hildebrand, Zs. f. d. deutschen Unterricht 7, 153 ff. 449 f. 



384 Kapitel 8. [§ 200. 

daß der höchste Grad der Vollkommenheit nirgends sei, 
so gibt er damit zu, daß die richtige Aussprache des Hoch- 
deutschen ein Ideal und nicht die Aussprache der höhern 
Stände Kursachsens ist. Wäre sie dies, so hätte ja der 
Sprachlehrer einfach zu erklären, daß das Hochdeutsche 
keinen Unterschied zwischen weichen und harten Konso- 
nanten kenne und daß die graphische Unterscheidung von 
b und p, d und t ebenso zu beurteilen sei wie die Doppel- 
heit / — v. Das fällt aber Adelung gar nicht ein. Er nimmt, 
wie Brock es, Gottsched, Klop stock usw., den Maß- 
stab von der Schrift, die er nach seiner niederdeutschen 
Aussprache interpretiert. 1 

Er bestimmt sogar die Aussprache in Fällen, wo ihm 
weder die Schrift noch die kursächsische Aussprache einen 
Anhalt bot. Wenn er U. L., I, 148 ff. feststellt, wann der 
Buchstabe d auch im Hochdeutschen wie t zu sprechen sei 
und wann er seine weiche Aussprache behalte (z. B. hart 
in niedlich, weich in Kindlein), so ist klar, daß er seine 
eigene Aussprache beschreibt — wenn er nicht einfach den 
Angaben anderer folgt; angeregt ist er jedenfalls durch 
Mäzkes Untersuchungen worden. 

Wenn irgendwo, so mußte die obersächsische Aussprache 
in der Bestimmung der Qualität der e-Laute zur Geltung 
kommen. Adelung weicht hier nun sehr von den Angaben 



1 Vgl. U. L. II, 685 : «Die Niederdeutschen haben in der 
sorgfältigen Unterscheidung der weichen und harten Buchstaben 
vor den Obersachsen einigen Vorzug». Ähnlich Magazin I, 1, 33. 
Sehr weit, wenn man Adelungs Hartnäckigkeit bedenkt, geht das 
hypothetische Zugeständnis Magazin I, 4, 1361: «Gesetzt aber 
auch, die Obersächsische Aussprache wäre fehlerhaft, (welches 
sich denn doch nicht nach der Aussprache der Provinzen würde 
beurtheilen lassen,) so beweiset das in der Hauptsache nichts. 
Soll doch das Toscanische von gebohrnen Römern besser aus- 
gesprochen werden, als in Florenz und Siena selbst». — In der 
Vollständigen Anweisung zur Deutschen Orthographie, S. 59 f., 
sucht er wieder die Ehre Sachsens zu retten, ähnlich wie U. L. 
II, 684. Übrigens gibt er dabei die Idealität der guten Aus- 
sprache zu : «Indessen erkennet man in Ober-Sachsen diesen 
Fehler selbst, und es gibt Personen genug, welche ihn glücklich 
zu vermeiden wissen, daher er als keine herrschende Eigenheit, 
und noch weniger als eine für richtig gehaltene Analogie gelten 
kann». 



§ 200.] Adelung. 385 

Karl Albrechts in seinem Buch über die Leipziger Mund- 
art ab, stimmt dagegen vielfach mit Kl op stock überein. 1 
Wenn man nun bedenkt, daß gerade in diesem Punkt noch 
heute die Mundart die Aussprache des Schriftdeutschen 
entscheidend beeinflußt, werden wir wieder zu der Annahme 
genötigt, daß Adelung nicht die obersächsische, sondern 
die ihm von Jugend auf vertraute niederdeutsche Aus- 
sprache darstelle. 

Gewisse nicht zu überhörende Abweichungen des Ober- 
sächsischen von der Schrift hat Adelung allerdings als gut 
Hochdeutsch anerkannt, so vor allem die scft-Aussprache 
des vorkonsonantischen s, vgl. U. L., I, 170. Wie weit er 
in Einzelheiten zuverlässig ist, wäre wiederum besonders 
zu untersuchen. 2 



1 Adelung kennt wie Klopstock nur eine Qualität des kurzen 
betonten e. Die meisten gedehnten Umlaut-e erklärt er für «tief», 
d. h. für offen; U. L. I, 262 ff. Damit vergleiche man die Angaben 
Albrechts S. 4. Die Dresdener Aussprache würde nach Albrechts 
Mitteilungen in manchen Wörtern zu Adelungs Vorschriften 
stimmen ; man bedenke aber, daß Adelung zur Zeit der Ab- 
fassung des U. L. noch in Leipzig lebte. 

2 Ein guter Beobachter war Adelung nicht. So schreibt er, 
Orthographie, S. 57, den Schlesiern die Aussprache Jcutt 
(= gut) zu, behauptet, daß sie wie die Niedersachsen selten 
einen Unterschied zwischen den Hauch- und Gaumenlauten 
machen (jar = gar, Gar — Jahr) u. dgl. mehr. Vgl. auch HZ. 
48, 346ff. 



Jellinek, Geschichte der nhd. Grammatik. 



Register. 



Die fetten Zahlen weisen auf die Paragraphen, die anderen auf 
die Seiten hin. 



Adelung 181—200. 4. 9. 20. 30. 

32. 113. 141. 156. 210. 228. 

238. 243. 248. 251. 252. 255. 

259. 268. 270. 271. 272. 275. 

278. 285. 293. 314. 316. 329. 
Aichinger 144. 153. 169. 2. 4. 

207. 210. 244. 246. 248. 252. 

256. 263. 283. 285. 306. 308. 

382. 
Albertinus 127. 
Albertus 36. 38—42. 5. 19. 62. 

63. 73. 74 f. 78. 79. 83. 104. 

107—110. 139. 215. 218. 226. 
Albrecht, Herzog von Bayern 64. 
Alexander de Villa Dei 23. 
Aisted 27. 30. 94. 
Althamer 70. 
Alxinger 378. 
Amadis 126. 158. 
Amon, Placidus 225. 363. 
Antesperg 127. 5. 245. 253. 255. 
Anton Ulrich, Herzog von Braun- 
schweig 129. 
Apollonios Dyskolos 22. 23. 
Aristoteles 22. 72. 178. 
Arnauld, Antoine 30. 
Arndt, Joh. 158. 
Asträa 126. 
August, Herzog von Braunschweig 

122. 128. 129. 



August, Herzog zu Sachsen 117. 
August II. und III., Kurfürsten 

von Sachsen 242. 374. 
Aventinus 9. 126. 164. 225 f. 

Bachmann, Andreas 98. 

Bälde 212. 

Bärmann 5. 

Basedow 149. 5. 

Batteux 31. 

Beauzee 30. 286. 

Becherer 55. 5. 81. 98. 103. 104. 

207. 
Bei 115. 5. 84. 204. 207. 211. 228. 
Bellin 108. 109. 5. 115. 133. 149. 

158. 172. 182. 194. 199. 218. 
Bense du Puis 84. 
Besser 243. 
Bibliander 217. 
Biester 374. 
Blankenburg 372. 374. 
Bob 6. 245. 
Boccaccio 120. 
Bödiker, Johann 112. 113. 132. 

6. 189. 194. 203—208. 211. 

212. 216. 228. 242. 255. 260. 
Bödiker, Karl Edzard 195 f. 
Bodmer 151. 156. 6. 28. 246. 

368 f. 378. 
Braun 157. 6. 246. 247. 



Register. 



387 



Breitkopf 305. 329. 

Brockes 134. 6. 217. 242. 316. 

378. 384. 
de Brosses 326. 
Brücker 62. 6. 78. 104. 111. 122. 

125 f. 139. 140. 187. 207. 
Buchner 84. 7. 121 f. 127. 146. 

147. 149. 155. 158. 161. 189. 

193. 
Bünau 243. 
Buscher 126. 
Butschky 88, Anm. 1; 7. 



Dionysios Thrax 22. 23. 

Dolet 56. 

Domitor s. Hemmer. 

Donatus a Transfig. Domini 8. 

213. 246. 252. 
Donatus, Aelius 23. 27. 34. 50. 
Dornblüth 155. 8. 242. 246. 248. 

296. 
Dorothea Maria, Herzogin von 

Sachsen- Weimar 95. 
Dubois (Sylvius) 67. 
Duns Scotus 23. 



Camerarius 24. 

Campanella 30. 

Campe 272. 

Canitz 243. 

Caucius 62. 67. 

Cellarius 208. 

Chlorenus 125. 129. 7. 212. 226. 

278. 
Christ 135. 136. 244. 251. 281. 
Clajus, Grammatiker 44 — 48. 7. 

9. 37. 47. 63. 81—83. 85. 94. 

98. 108. 125—127. 139. 141. 

185. 192—194. 200. 207. 213. 
Clajus, Pegnitzschäfer 167. 
Clauberg 111. 7. 
Clemann 126. 7. 
Coclaeus 9. 36. 
Condillac 31. 326. 
Connanus 80. 
Court de Gebelin 30. 
Cundisius 87. 
Cuspinianus 61. 

»ante 119. 120. 
Decker 117. 

Denst 158, Anm.; 7. 256. 
Diderot 31. 326. 
Dinkler 323. 



Eccard 149. 

Einhard 38. 

Enkelmann 177. 8. 316. 322. 

Estienne, R. 67. 

Etlicher Niedersachsen Gramma- 
tische Anmerkungen 126. 133. 8. 

Evenius 98. 

Exercitium puerorum grammati- 
cale 9. 36. 

Faber, Joh. D. 246. 

Fabricius, G. A. 98. 

Fabricius, Johann Albert 128. 8. 

Fabritius 23. 8. 40. 68. 108. 109. 

Feind, Barthold 117. 

Finck, Kaspar 123. 126. 

Fischart 29. 

Fischer, Christoph 126. 

Flacius Illyricus 28. 

Fleming 150. 243. 

Frangk 17. 8. 43. 47. 53. 54. 

58 f. 60. 67. 69. 76. 104. 108. 

111. 139. 188. 
Franklin 16 1. 9. 246. 
Freher 57. 

Frey berger, Andreas 13. 212. 
Freyer 124. 9. 207. 208. 227. 231 1. 
Friebel, Georg 212. 



388 



Register. 



Friedrich, Bischof von Würzburg 

64. [243. 255. 

Frisch 118. 6. 9. 196. 208. 232. 
Frischlin 24. 

Fuchßperger 24. 9. 108 f. 
Fulda 162. 166. 173. 179. 4. 9. 

29. 210. 226. 246. 248. 268. 

271. 272. 283—285. 287. 297. 

298. 304. 306. 312—314. 317 f. 

319. 321. 323. 332. 343. 346 bis 

349. 365. 368. 382. 
Funk 152. 9. 

Garnier 62. 67. 

Gasto von Perlensee 117. 

Gerlach 147. 9. 245. 256. 260. 

Gerstenberg 272. 

Girard 259. 

Girbert 105. 130. 9. 87. 201. 207. 

Gottsched, J. Chr. 137—142. 10. 

11. 32. 56. 113. 164. 208. 209. 

210.212. 223. 226 f. 248.249bis 

253. 255-260. 262—268. 269. 

274. 297. 299 f. 305. 307.316. 

329. 332. 363. 364. 371. 374. 

383. 384. 
Gottsched, Luise Adelgunde Vik- 
toria 241. 
Göze, Georg 7. 143. 
Gräter 274 f. 277—279. 281. 
Gregor XIII. 64. 
Grossius 94. 
Grüßbeutel 22. 10. 48. 
Grüwel 234. 
Guarna 128. 
Gueintz 69—73. 99. 9. 10. 82. 

84 f. 90. 104. 120. 121. 129. 

130. 132. 134. 136. 139—141. 

149. 150. 160 f. 164 f. 167. 

172—175. 177—180. 183 f. 185. 

188. 189. 199. 203. 207. 209. 



Guevara 127. 
Guichard 27. 
Günther, J. Chr. 115. 243. 

Habendorf 127. 10. 210. 
Habichthorst 149. 150. 155. 158. 
Hager 63. 10 f. 139. 140. 149. 
Hanmann 86. 11. 219. 
Harris 31. 
Harscher, Hans 41. 
Harsdörfer 97. 101. 11. 110. 115. 
118. 150. 151. 160. 166—175. 
177—184. 202. 217. 222. 
Haug 277. 278. 
Heinsius 115. 
Heinze 150. 11. 251. 257. 
Helber 26. 11 f. 109. 140. 
Helwig 58. 12. 30. 85. 95. 97. 

103. 122. 123. 126. 185. 
Hemmer 161. 166. 170. 12. 247. 
248. 252. 259. 272. 273. 277. 
283. 284. 286. 287 f. 295. 299. 
304. 313. 315. 317. 362. 363. 
Hempel 145. 12. 256. 
Henisch 182. 
Henricus 9. 

Hentschel 120. 12. 209. 315. 
Herder 180. 12, 31. 248. 259. 

332. 337. 342. 346—348. 
Herennius 44. 

Heynatz 158. 167. 7. 8. 12. 88. 
248. 249. 251. 257. 273. 285. 
287. 295. 316. 364. 
Hickes 28. 31. 
Hieber, Gelasius 227. 
Hieronymus 263. 
Hille, Karl Gustav v. 160. 166. 
Hirschfelder, Bernhard 41. 
Hoffmann s. Donatus a Trausfig. 

Domini. 
Hofmanswaldau 114. 115. 212. 



Register. 



389 



Hübner, Joh. 146. 

Hueber 19. 

Hulsius, Levinus53, Anm. 2; 125. 

Humboldt, W. von 331. 

Ickelsamer 20. 12 f. 51—53. 56. 
59. 60. 68. 102 f. 104. 106-109. 
133. 139. 

Isidorus 28. 

Johann, Markgraf von Branden- 
burg 44. 

Johann Ernst, Herzog von Sachsen- 
Weimar 96. 

Jordan, Peter 21. 13. 48. 

Josephus 82. 

Jungius 92. 

Junius 28. 

Karl d. Gr. 38. 137. 

Karl III., Herzog von Lothringen 

65. 66. 
Karlstadt 48. 
Kero 281. 309. 
Klein, Anton 247. 
Klopstock 160. 166. 167. 176. 

13. 29. 217. 248. 271. 283. 

287. 304. 305. 322. 323. 332. 

365. 372. 380. 382. 384. 385. 
Knöringen 64. 68. 
Köfferl 21. 
Kolroß 25. 3. 13. 47. 67.104. 108 f. 

139. 
Körber 121. 5. 13. 84. 204. 228. 

232. 
Köthener Sprachlehr 57. 13. 91 bis 

94. 95. 97. 122—124. 
Krachenberger 60. 
Kramer 13. 212. 
Krantz, Albert 126. 
Kromayer 59. 13. 85. 87. 91- 

101. 106. 107. 125 f. 207. 



Lambert, J. H. 31. 

Lambrecht, Joost 56. 

Lancelot, Gl. 30. 

Langjahr 203. 207. 

Lazius 29. 281. 

Leibniz 26. 31. 128. 333. 338. 

340. 354. 
Lessing 259. 304. 305. 306. 
Lignet s. Enkelmann. 
Lindner 13. 257. 
Liutbert 38. 
Livius 82. 127. 
Lochner s. Ghlorenus. 
Logau 115. 
Lohausen 127. 
Longolius 117. 14. 207. 
Ludwig XIV. 375. 
Ludwig, Fürst von Anhalt 90. 

104. 116. 117. 120. 121 f. 127. 

129.130. 135. 137.140. 160 bis 

168. 172—175. 178—180. 

182—184. 
Luther 45. 48. 61. 71. 75—77. 

79. 82 f. 113. 114 f. 121. 126. 

158. 159. 165. 169—171. 175. 

180. 194. 197. 217 f. 225—227. 

242. 248. 267 f. 364. 367—370. 

Maggio, Lorenzo 64/ 

Maria Theresia 247. 253. 

Marteau, Pierre 117. 

Martin, J. 127. 

Martini, P. 210. 

Mascau 243. 

Matthesius 126. 

Maupertuis 326. 

Max 127. 14. 253. 

Maximilian I., Kaiser 45. 60. 

Maximilian I., Kurfürst von Bayern 

227. 
Maximilian, Erzherzog 64. 



390 



Register. 



Mäzke 159. 166. 171. 175. 178. 

14. 248. 274. 277. 280. 283. 

286. 288. 295. 299. 304. 323 bis 

325. 332. 353. 382. 384. 
Mechovius, Joachim 182. 
Meichfiner 16. 14. 46. 47. 60. 68. 

106. 185. 
Meigret 56. 
Meiner 14. 31. 

Melanchthon 24. 36. 66. 74. 203. 
Melissus 28. 58 f. 61. 180. 
Merula 28. 

Meusel 9. 249. 256. 269. 270. 276. 
Meyster, Philips 106. 
Michaelis, J. B. 339. 364. 366. 367. 
Micyllus 24. 
Möller 126. 

Morhof, Caspar Daniel 220. 
Morhof, Daniel Georg 111. 131. 

14. 27. 196. 207. 219. 
Mosheim 243. 
Münster, Seb. 126. 
Muzio, Girolamo 119. 
Mylius, Abraham 27. 

Nast 163. 166. 168. 172. 174. 

15. 210. 246. 248. 249. 251. 
277. 278. 286. 293. 297 f. 309. 
318. 319. 321. 332. 365. 

Nebrixa 56. 57. 

Neukirch 243. 

Neumann, Kaspar 282. 

Nibelungen 28. 

Niklas von Wyle 14. 42 f. 52 f. 56. 

Nikolaus Franz von Lothringen 83. 

Notker 38. 

Olearius 60. 15. 140. 188. 
Ölinger 37—40. 43. 15. 37. 62. 63. 

67 f. 74 f. 77-79. 81. 83. 85. 87. 

104. 107 f. 125. 127. 191. 200. 

207. 



Opitz 83. 11. 15. 114 f. 121. 

142—144. 147. 149. 158. 183. 

189. 191. 212. 225. 237. 243. 
Oppelt 212. 
Otfrid 28. 37. 38. 225. 281. 309. 

311. 
Overheide 107, Anm.; 207. 

Palaemon, Remmius 23. 

Palthen 28. 

Peletier 56. 

Petrarca 119. 120. 

Philipp, Landgraf von Hessen 80. 

Pietsch 243. 

Pillot 62. 67. 

Piscator 150. 

Plato 22. 

Plutarchos 127. 

Polhelm, Winand von 166. 

Pölmann 110. 2. 15. 192. 196. 

200. 207. 
Popowitsch 146. 154. 15 f. 245. 

248, 249. 256. 263. 275. 283. 

363. 
Praetorius, O. 143. 
Prasch 107. 16. 199. 
Priscianus 23. 72. 
Pudor 106. 16. 204. 

Quandt 244. 

Quintilianus 135. 214. 224. 359. 

Ramus 24. 56. 57. 123. 
Ratichius 56. 57. 30. 80. 85—87. 

91 f. 95 f. 98. 101. 103. 105 f. 

112. 121—123. 177. 211. 
Rebhun 61. 
Rechtschreibkunst (Konstanz 

1771) 246. 
Rechtschreibung (Wien 1774) 245. 
Rechtschreibung (Würzburg 1 764) 

246. 



Register. 



301 



Reichard 152. I. 7. 16. 84. 88. 

122. 126. 130. 187. 194. 196. 

211. 228. 252. 363. 
Reinhold, W. F. H. 279. 
Reinmar 267. 
Reuchlin 25. 
Rhegius, Urbanus 126. 
Rhenanus, Beatus 70. 
Richey 128. 16. 
Richter, J. G. 16. 316. 
Rist 159. 161. 
Ritter 49-51. 16. 37. 64. 78. 79. 

83. 94. 98. 104. 107. 125 f. 

156. 227. 232. 
Rivius 58. 
Rodt, Stephan 61. 
Rompier von Lövvenhalt 117. 

150. 182. 
Rosa, Phil. Samuel 282. 287. 
Rousseau, J. J. 326. 
Rüdiger, J. G. C. 1. 246. 249. 

256. 275. 276. 286. 373 f. 377. 

378 f. 

Salviati 119—121. 

Sanctius 24. 201. 

Sattler 18. 16. 104. 106. 108. 

109. 111. 125. 212. 
Säur, Abraham 106. 
Scaliger, J. G. 24. 30. 
Scaliger, J. J. 378. 
Schede s. Melissus. 
Scheräus 84. 
Schiele 152. 16. 252. 
Schilter 28. 

Schlegel, J. H. 9. 259. 353. 
Schmotther 120. 16. 212. 255. 

269. 
Schneuber 118. 150. 
Schönsperger 45. 
Schöpf 52. 16 f. 78. 



Schottelius 74—82. 9. 17. 32. 67. 

79. 81 f. 84. 104. 112. 113. 

115 f. 120—122. 128. 143 f. 

147 f. 154 f. 158. 160-169. 

171—182. 184—187. 189. 192. 

193. 195. 198—204. 207. 210. 

212. 214—219. 227 f. 232. 234 f. 

238. 244. 251. 255. 281. 306. 

315. 324. 363. 378. 
Schryfftspiegel 15. 17. 44—46. 52. 
Schwabe, J. J. 258. 
Schwarzenberg 225. 226. 
Schwenckfeldt 48. 
Scioppius 218. 219. 
Scriver 220. 
Seibt 247. 
Seilern, Graf 211. 
Serre 126. 

Sextus Empiricus 213. 
Siebenhaar, Malachias 155. 158. 
Sleidanus 82. 126. 
Smith, Adam 31. 326. 
Spalatinus 225. 

Steinbach 119. 17. 84. 204. 207 f. 

211 f. 228. 232. 250—252. 255. 

Stieler 114. 13U. 17. 84. 203 f. 

207. 228. 232. 378. 
Stosch 17. 315. 316. 
Sumaran 78 f. 84. 
Süßmilch 326. 

Tatianus 28. 

Ten Kate 20. 28. 31. 

Teutleben 117. 

Tieck 29. 

Titz 85. 87. 18. 114. 139. 159. 221. 

Töllner 123. 18. 

Tory 56. 

Trautson 249. 253. 

Trissino 56 f. 119. 

Tscherning 85. 18. 144. 155. 157. 



392 



Register. 



Ulrich V. von Württtemberg 41. 
Utenhove, Jan van 56. 



Valla 23. 
Varro 22 f. 175. 
Vater, J. S. 331. 
Veldeke 267. 
Venator, B. 114. 
Vienna, Franciscus 61. 
Villavincentius 378. 
Vives 64. 
Vorst 111. 18. 
Voss, J. H. 380. 
Vossius, Gerard 24. 

Wächter 135. 18. 28 f. 255.281. 
Wahn 116. 18. 204. 207. 239. 
Walcher 122. 
Weber 148. 18. 246. 
Weichmann 18. 213. 221. 
Weise, Chr. 146. 239. 
Weitenauer 157. 18. 245. 
Welhausen 127. 



Werder, Dietrich v. d. 165. 168. 
Werner 61. 19. 111. 125. 149.185. 
Wieland 196. 287. 304. 380. 
Wiener Anleitung 19. 245. 
Williram 28. 
Winsbeke 309. 

Wippel 122. 6. 19. 196. 228. 252. 
Wolf, Hieronymus 30. 284. 
Wolff, Christian 31. 256. 333. 

338-340. 354. 
Wolfram von Eschenbach 267. 
Wolke 135. 

Wulfila 38. 39. 279—281. 308. 
Würzburger Regeln 19. 246. 
Wyle s. Niklas. 

Zahn 279. 

Zedlitz 330. 

Zesen 86—94. 19. 84. 116. 118. 

133. 140 f. 143. 146. 163. 167. 

178. 181 f. 183. 189. 190f. 200. 

218. 222. 234. 255. 307. 327. 

378. 
Zwingli 72. 



Berichtigungen. 

S. 8, Z. 27 ist nach besten einzuschieben Schriftstellern. 

S. 83, Z. 3 lies Feminina. 

S. 105, Fußn. 1, Z. 7 lies Räthen. 

S. 130, Z. 30 lies HaubtSprache. 

S. 136, Fußn. 2, Z. 18 lies Sprach Einleitung. 

S. 180, Fußn. 2, Z. 1 lies sich statt sicc. 

S. 247, Fußn. 1, Z. 4 lies richtswesens. 

S. 281, Fußn. 2, Z. 5 lies Festsezung. 

S. 301, Fußn. 1, Z. 4 lies schweer. 

S. 344, Fußn. 2, Z. 6 lies einzelen. 

S. 382, Z. 15. 16 lies: wenn lieblich, nicht liplig.