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Full text of "Geschichte der russischen Litteratur"

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Pntüerstty of ©oroitta 

Mrs. Raymond Daniell 



Die 

Litteraturen des Ostens 

in Einzeldarstellungen 

Bearbeitet 

von 

Dr. G. Alexici, Budapest; Prof. D. Ä. Bertholet, Basel; 
Prof. Dr. C. Brockelmann, Königsberg; Prof. Dr. A. Brückner, Berlin; 
Prof. Dr. K. Budde, Marburg; Privatdozent Dr. K. Dieterich, Leipzig; 
Prof. Dr. F. N. Finck, Berlin; Prof. Dr. K. Florenz, Tokyo; Prof. Dr. W. 
Grube (f), Berlin; Prof. Dr. P. Hörn (f), StrafJburg; Privatdozent Dr. J. 
Jakubec, Prag; Prof. Dr. I, Kont, Paris; Privatdozent Dr. Johs. Leipoldt, 
Halle; Prof. Dr. Enno Littmann, Stra(5burg i. E.; Prof, Dr. M. Murko, Graz; 
Privatdozent Dr. A. Novdk, Prag ;' Prof. Dr. M. Winternitz, Prag 



Zweiter Band 
Gesdiichte der russisdien Litteratur 

Von 

Dr. A. Brückner 

o. Professor in Berlin 



Zweite Ausgabe 



Leipzig 

C. F. Amelangs Verlag 

1909 



Gesdiidite 

der 



russisdien Litteratur 



Von 

Dr. A. Brückner 

o. Professor in Berlin 



Zweite Ausgabe 




Leipzig 

C. F, Amelangs Verlag 

1909 



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Vorwort. 



Die ersten Kapitel der folgenden Darstellung dienen blolser 
Orientierung; eine breitere Behandlung des Stoffes setzt erst 
nach 1760 ein. 

Die Umschreibung- der russischen Laute und Zeichen ist 
keine konsequente; für s ist seh beibehalten, weil der Deutsche 
an diese Schreibung selbst gewöhnt ist (Pujschkin); dagegen 
wurde eingeführt das Zeichen 6 statt der vier Buchstaben der 
sonstigen Umschreibung (tsch, wie z. B. in Öechov); ebenso 
das Zeichen z (Zukovskij, auszusprechen wie j in französisch jour). 
V hat die lateinische Geltung wie in Viktor; s ist russisches z 
(Oserov) ; ss russisches s (Ssaltykov) ; z russisches c (Zar) ; i vor 
Vokalen bildet keine Silbe, dient nur der Erweichung des voran- 
gehenden Lautes (Turgeniev ist Turgenjev, dreisilbig, nicht vier- 
silbig zu sprechen). 



Inhalt. 



Seite 

Erstes Kapitel. Die Anfänge 1 

Zweites Kapitel. Das XVII. Jahrhundert 34 

Drittes Kapitel. Das »veränderte« Rufsland 57 

Viertes Kapitel. Katharina II. und ihre Zeit 85 

Fünftes Kapitel. Die Zeit Alexanders 1 131 

Sechstes Kapitel. Puschkin 168 

Siebentes Kapitel. Die romantischen Dichter 199 

Achtes Kapitel. Der Roman und Gogol 222 

Neuntes Kapitel. Die romantische Kritik. Bielinskij 251 

Zehntes Kapitel. Slawophilen und Westler. Alexander Herzen 271 

Elftes Kapitel. Die Neuzeit (1855—1905). Die Kritik .... 292 

Zwölftes Kapitel. Der Roman. Turgeniev und GonCarov. . . 316 

Dreizehntes Kapitel. Tolstoj 340 

Vierzehntes Kapitel. Dostojevskij 365 

Fünfzehntes Kapitel. Belletristen zweiten Ranges 391 

Sechzehntes Kapitel. Satire. Ssaltykov 424 

Siebzehntes Kapitel. Das Drama 447 

Achtzehntes Kapitel. Lyrik 467 

Neunzehntes Kapitel. Die Novellisten 487 

Namenregister ... 506 



Erstes Kapitel. 
Die Anfänge. 

Land und Leute. Gründung des Staates und der Kirche. Das alt- 
russische Leben; seine Glanzzeit im XL und XII., sein Verfall in den 
folgenden Jahrhunderten; Zustand der Kultur und Gesellschaft. Das 
XVI. Jahrhundert; Aneignung der materiellen Fortschritte Europas; 
geistige Unkultur. 



Die Geschichte der russischen Litteratur muls jegliche 
Aufmerksamkeit in besonderem Malse fesseln. Nicht durch ihr 
Alter — ist sie doch die jüngste unter den grofsen — , nicht 
durch ihre Vollendung — verzichtet sie doch oft auf ästhetische 
Wirkungen — , wohl aber durch ihre Eigenart, durch ihren hohen, 
humanen Gehalt, durch ihre Natürlichkeit und Lauterkeit, durch 
ihren idealen Flug, durch das Tiefe und Erschütternde ihrer 
Wirkungen, durch die Bedeutung endlich, die sie im geistigen 
Leben ihrer Nation beansprucht. Engländern oder Franzosen, 
Deutschen oder Italienern ist die schöne Litteratur Ausdruck 
nationalen Fühlens und Sinnens neben anderen; dem denkenden 
Russen, der keine freie Presse, keine Versammlungsfreiheit, kein 
Recht auf freie Meinungsäufserung besafs, wurde die schöne 
Litteratur zum letzten Hort seiner Gedankenfreiheit, zum einzigen 
Mittel einer Propaganda anständiger Ideen; er erwartete und 
verlangte von der Litteratur seines Landes keinen ästhetischen 
Zeitvertreib nur; er stellte sie in den Dienst alles Edlen und 
Guten, der Tendenz, der Aufklärung und Befreiung der Geister. 
Daher die auffallende Einseitigkeit, ja Ungerechtigkeit, die Russen 
den vollendetsten Werken der eigenen Litteratur gegenüber be- 
wiesen, wenn sie der Tendenz, den Erwartungen der Partei oder 
des Tages nicht entsprachen. Eine rein ästhetische Behand- 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. I 



lung des Gegenstandes würde ihn gar nicht zur vollen Geltung 
bringen. 

Eine historische ist schon wegen der Eigenart dieser 
Litteratur unerläfslich. Diese Eigenart wurzelt in dem russischen 
Boden, in dem Temperament seiner Leute, in den äufseren, 
fremden Einflüssen, die das nationale Empfinden völlig um- 
gestaltet haben. Die Kenntnis der Bedingungen, unter denen 
das moderne Russentum erwachsen ist, ist für die richtige Ein- 
schätzung seiner Litteratur, des vollsten, ungezwungensten Aus- 
druckes seiner selbst, unentbehrliche Grundlage. 

Die Wirkung dieser Bedingungen reicht bis in die fernste 
Vergangenheit zurück , erstreckt sich über Jahrhunderte , aus 
denen von keinerlei Litteratur, nicht einmal von Surrogaten einer 
solchen, zu berichten wäre, und die der Litteraturhistoriker doch 
nicht überspringen darf, will er sich nicht im XIX. Jahrhundert 
Rätseln gegenüber machtlos finden. Da nun beim europäischen 
Leser eine Kenntnis russischer Entwicklung — es handelt sich 
hierbei um keinerlei Namen oder Daten — nicht ohne weiteres 
vorauszusetzen ist, müssen die springenden Momente dieser Ent- 
wicklung zuerst hervorgehoben werden. 

Am heutigen Russen ist nämlich vieles fremd, angefangen 
von seiner Schrift, die für eine fremde Sprache von Haus aus 
bestimmt war, nicht für die russische — bis zu seinem Namen 
in seiner doppelten Form, der volkstümlichen Rus wie der 
offiziellen und veralteten Rossija, Rofs. Ernst war alles völlig 
anders. In der Urheimat der Slawen, zwischen Oder und Don, 
von den Karpathen bis zum Waldai und der Ostsee, safsen im 
Osten dieses Gebietes, vom Bug und San ab, zahlreiche kleinere 
Stämme eines Dialektes. Spätere Differenzierungen ergaben erst 
eine Art von Dreiteilung, einen südlichen, kleinrussischen, 
ruthenischen, ukrainischen Dialekt, einen nordwestlichen, weifs- 
russischen und den nord- oder grofsrussischen; der grofsrussische, 
räumlich der am weitesten nach Osten und Norden vorgeschobene 
und einst zugleich der räumlich beschränkteste, hat von Grofs- 
nowgorod und später von Moskau aus seine aufserordentliche 
Verbreitung und schliefsliche zentrale Stellung gewonnen, sich 
am weitesten nach Norden und Osten ausgedehnt; der Moskauer 
Dialekt ist dann auch zur Schriftsprache geworden, zum Russi- 
schen kurzweg. Dieses Russische, Grofsrussische, zeitigte eben- 



falls dialektische Abweichungen, doch sind diese im Ver- 
gleiche zu den gewaltigen Besitzflächen, die das Russische er- 
griffen hat, als minimal zu bezeichnen; die dialektischen Ver- 
schiedenheiten, an welche der Deutsche, Franzose oder Italiener 
gewöhnt ist, finden sich innerhalb des Russischen gar nicht vor. 

Der Russe war Slawe, d. h. geborener Anarchist, Hasser 
jeglicher Beschränkung seiner Freiheit, unfähig oder nicht willens, 
aus eigenen Mitteln einen festeren Staatsorganismus zu bilden. 
Wohl spricht loyale Poesie seit jeher vom >; tapferen« und 
»treuen Rofs«, sogar liberale Denker, Kavelin, statteten ihn mit 
einem »wunderbaren Staatssinn« aus; die unverfälschte Geschichte 
kennt jedoch nur Slawen, die ihre eigenen, erfolgreichen Heer- 
führer töteten, um sich nur ihre Freiheit nicht durch sie ge- 
fährden zu lassen: man vergleiche dagegen das Ansehen erfolg- 
reicher Heerkönige bei den Germanen. So lebten denn die ost- 
slawischen Stämme, in Grenzfehden untereinander, in leichter 
Abhängigkeit von Chazaren, sonst in vollster Freiheit, unter ver- 
schiedenen Namen, am Dniepr um das einstige Fährdorf Kiev 
die Polen , Polanen , d. i. Feldleute, am Soz die Radimicen imd 
an der Oka [die Viaticen, d. h. Söhne des Radim und Viatko 
= Wenzel, die spezielleren Vorfahren der Grofsrussen; um Grofs- 
nowgorod die ->Slovenen«. Um diese und andere herum, im Osten 
und Norden, safsen ebenso frei und lose finnische Stämme. 

Nordleute, auch Varäger genannt, von der schwedischen 
Küste und dem bottnischen Meerbusen her, unterwarfen sich diese 
finnischen und slawischen Stämme; es waren »Ruriks« Nach- 
kommen, die von Grofsnowgorod bis über Kiev an die Steppe, 
vom San und Bug bis an die Oka herrschten. Das Faktum der 
Unterwerfung kleidete die Sage in eine freiwillige Berufimg 
dieser »Varäger;, Normannen, um, was an sich bedeutungslos 
wäre, hätten dies nicht die Slavophilen, ja nicht nur diese, im 
XIX. Jahrhundert mifsbraucht , um darauf ihr Dogma von der 
Eigenart des russischen Staatswesens zu pfropfen : während in 
Europa Volk und Regierung, d. i. Unterworfene (Provinzialen z. B.) 
und Eroberer (d. i. Franken oder Gothen), um Konstitutionen 
schachern und hadern mufsten, lieferte in Rufsland das Volk ver- 
trauensvoll alle Macht in die Hände der Regierung aus, die für 
den Gebrauch dieser Macht allein, vor sich selbst, verantwortlich 
ist. Eines der vielen russischen Märchen, !die jede Einsicht in 



— 4 — 

unerquickliche, ja unerträgliche Verhältnisse unmöglich machen 
sollen. 

Wie diese Nordleute die finnischen und slawischen Stämme 
staatlich einten, so gaben sie ihnen auch zum ersten Male einen 
gemeinsamen Namen, Rus, der aus der finnischen Bezeichnung 
der Schweden entlehnt ist. Für die weitere Ausdehnung des 
Gebietes und Namens sorgte der — Himmel , der diesen Ost- 
slawen die denkbar günstigste Lage gewährt hatte. Andere 
Slawen trafen in ihrer Verbreitung ans Meer, grofse Gebirge, 
grimme Gegner; den Ostslawen allein waren energielose Finnen 
vorgelagert, die dem geringsten Vordringen der Slawen aus. 
wichen; so gelang den Grofsrussen ohne eigentliche Kämpfe die 
Besetzung der endlosen Waldflächen bis an das Eismeer und den 
Ural, und als sie im XVI. Jahrhundert diesen niedrigen Berg- 
rücken überstiegen , öffnete sich ihnen ganz Sibirien wiederum 
ebenso, d. h. fast ohne Schwertstreich. Die fremde Eroberung 
und die günstige geographische Lage, kein rätselhafter Staats- 
sinn, kein eigenes Verdienst schufen somit die Bedingungen für 
Rulslands Werden und Gröfse. 

Dreimal fand eine Verschiebung des Mittelpunktes russischer 
Macht statt. Der heutige, Petersburg, ist erst zwei Jahrhunderte 
alt und befindet sich mitten auf altem finnischem Grunde. Aber 
auch der vorausgegangene , Moskau , lag an der äufsersten 
Peripherie slawischen Bodens, war eine junge Niederlassung der 
Viaticen; nur der erste, Kiev im Süden, neben dem im Norden 
Grofsnowgorod sich frühzeitig Autonomie sicherte, war uraltes 
slawisches Zentrum. Nur Kiev ist daher die »Mutter« der russi- 
schen Städte ; nur an Kiev und seinen Grofsfürstenstuhl ist die alt- 
russische Geschichte, Kultur und Litteratur geknüpft ; der russische 
Norden und Osten nimmt daran nur passiven Anteil; nur im 
Süden, d. h. bei den heutigen Kleinrussen, ist alles altrussische 
Wesen geschaffen; das Moskauische Rufsland hat blofs das Ver- 
dienst, das im XI. — XIII. Jahrhundert im Süden geschaffene 
aufbewahrt zu haben ; der eigene Beitrag ist fast minimal zu 
nennen; sogar Grofsnowgorods Anteil, an der Litteratur wenig- 
stens, ist ein sehr bescheidener gewesen. Moskau, später Peters- 
burg, sind somit nur die Erben des Kiever Vermächtnisses. 

Nach der Staatsbildung durch Ausländer, kam in Kiev 
die Kirche abermals durch Ausländer auf; mit der Hand der 



griechischen Kaisertochter empfing Fürst Volodimir die Taufe 
und geriet mit seinem Volke in einen Bannkreis, aus dem der 
Ausweg erst nach einem halben Jahrtausend , wiederum an der 
Hand einer griechischen Kaisertochter, gefunden werden sollte. 
Die Einführung griechischer Kirche und slawischer Liturgie 
war das verhängnisvollste Moment in der Entwicklung Rufslands, 
das für ein Linsengericht europcäische Erstgeburt preisgab. 

Einer der genialsten Züge, die je auf dem Schachbrett der 
Weltgeschichte geführt worden sind , war die Erfindung der 
slawischen Liturgie durch die beiden Griechenbrüder aus Saloniki, 
Konstantin oder Cyrill, und Method. Nicht aus Liebe oder Inter- 
esse für die Slawen, die sie ja als echte Griechen nur wie Hunde 
verachten konnten, sondern aus Hafs gegen Rom allein hatten die 
Brüder den Dialekt, den sie von ihrer nächsten Umgebung, von 
Saloniki her, kannten, zu einer Sprache der Liturgie, Kirche und 
besonderen Schrift gemacht, — ein in Europa unerhörter Vorgang, 
ein wahres Danaergeschenk für die damit Bedachten, Wonach 
heute die Slawen vergebens ringen, nach einer panslawischen 
Sprache, die übrigens ganz vinnötig ist, gibt es doch keine pan. 
germanische, noch eine panromanische, das brachten die Brüder 
im IX. Jahrhundert zustande; sie oktroyierten einfach ihren 
mazedonischen Dialekt den westlichen Slawen, zunächst in Mähren, 
mit der offenkundigen Absicht, ihn nach und nach allen übrigen 
Slawen in einer und derselben Form aufzudrängen; deshalb 
machten sie keinerlei Konzessionen an den besonderen Sprach- 
gebrauch in Mähren, und um das Mafs ihrer Willkür, ihres byt' 
po siemu, vollzurütteln , hatten sie für ihre Sprache auch eine 
ganz besondere, sehr verzwickte Schrift erfunden. Durch den 
Köder dieser einheimischen Schrift- und Kirchensprache sollten 
die Slawen für immer von jeder Berührung mit Rom, das ja so- 
gar auf der Balkanhalbinsel bei den Bulgaren eben damals 
Byzanz den Rang abzulaufen versuchte, ferngehalten werden. 

Der geniale Plan ist, dank der slawischen Naivität und 
Eitelkeit, zum grofsen Teil gelungen. Die Mährer allerdings, 
nach einigem Zögern, komplimentierten den Wechselbalg aus 
ihrem Lande heraus; desto eifriger nahmen sich seiner die Süd- 
slawen , zumal die Bulgaren an , lag er ja ihnen schon in rein 
sprachlicher Hinsicht näher, der mazedonische Dialekt stand ja 



— 6 — 

am nächsten zum bulgarischen, — nur entfernten sie schliefsUch 
den Hokuspokus der besonderen, häfshchen und schwierigen 
Schrift zugunsten eines rein griechischen Alphabets, das nur um 
etliche Zeichen für slawische Laute vermehrt wurde. So kamen 
Slawen, was weder Kelten noch Germanen besafsen oder kannten, 
zu einer slawischen Kirchen- und Schriftsprache und schufen sich 
schon in wenigen Dezennien einen stattlichen Grundstock von 
Werken, wenn auch meist nur Übersetzungen aus griechischen, 
patristischen, enzyklopädischen und chronistischen. Leider störten 
ungünstige äufsere Verhältnisse bald jede weitere Entwicklung 
dieser altslawischen, d. i. altbulgarischen Litteratur. 

Bulgarei und Bulgaren waren den Russen schon vor 988 
wohl bekannt ; trotzdem sie jetzt durch Griechen getauft wurden 
und aus Griechenland noch durch fünfthalb Jahrhunderte ihre 
höhere Hierarchie meist bezogen, konnte ihnen als Slawen die 
slawische Liturgie der Bulgaren natürlich nicht vorenthalten 
bleiben. So bekamen sie mit einem Male eine fertige Litteratur 
und eine Schriftsprache, im bulgarisch-mazedonischen Dialekte, 
an dem sie zum Teil noch heute, in Orthographie, Phonetik und 
Lexikon, festhalten. Der russische \'olodimir wurde jetzt zu 
einem bulgarischen Vladimir, die russische nuza zu einer nuzda, 
buduey zu einem buduscy usw.; aufserordentlich bedeutend wurde 
der Einschlag dieser Bulgarismen im Wortschatze; die russische 
Orthographie, richtiger Kakographie, krankt noch heute unheil- 
bar an einem System, das zum Teil bereits im IX. Jahrhundert 
für Mazedonien selbst veraltet war. So überholten die Russen 
mit einem Male ihre Nachbarn, Polen, Böhmen, Ungarn, erfreuten 
sich einer Schriftsprache, die ihnen im grofsen und ganzen doch 
verständlich war, einer Litteratur, die ihren geistigen Horizont 
auf einen Schlag erweiterte ; Fürst Vladimir liefs die Jugend in 
der Schrift unterweisen, mochten auch die Mütter die hierzu fort- 
genommenen Kleinen wie Tote beweinen. Das XL Jahrhundert 
bezeichnete dann eine Glanzzeit altrussischen Lebens; es erstanden 
zahllose Kirchen und Klöster; Kiev erstrahlte in einem schier 
märchenhaften Glänze, wenigstens in den Überlieferungen der 
Fremde; Vladimirs Sohn, Jaroslav, mit dem christlichen Namen 
Jurij, daher Jurjev-Dorpat , das er gründete, verheiratete seine 
Töchter an die Könige von Frankreich. Ungarn, Norwegen und 
den polnischen Fürsten ; noch Kaiser Heinrich IV. heiratete eine 



— 7 — 

russische Prinzessin. Der Osten und Westen schienen auf einen 
direkten Austausch angewiesen zu sein, ja noch später fanden 
russische Baukünstler oder wenigstens Kirchenmaler ihren Weg 
bis nach Breslau. Von Jaroslav selbst berichtet der Chronist, 
wie er sich auf Bücher verlegte, Tag und Nacht häufig in ihnen 
lesend, wie er viele Schreiber zusammenbrachte und sie aus dem 
Griechischen ins Slawische übersetzen liefs; noch heute besitzen 
wir Handschriften des XI. Jahrhunderts, die für Grofsfürsten 
oder angesehene Männer hergestellt wurden. Aber dem glän- 
zenden Anfange entsprach nicht die weitere Entwicklung. 

Zwischen Rufsland und Europa hatte die Natur keine geo- 
graphischen Grenzscheiden errichtet, sogar ethnographisch 
würde es nicht immer leicht fallen, z. B. Polen und Russen, aus- 
einanderzuhalten. Eine unüberwindliche, undurchdringliche chine- 
sische Mauer baute dafür, langsam aber desto sicherer, das 
Glaubensbekenntnis auf. In die Mitte desselben XI. Jahrhunderts 
fiel ja die seit Jahrhunderten angebahnte, durch Photius und die 
Brüder von Saloniki geförderte, durch den Cäsaropapen Keru- 
larios endgültig durchgesetzte Kirchenspaltung. Seitdem ver- 
fluchten sich jährlich Rom und Byzanz, und die Kosten des 
Streites haben die Slawen, die er gar nichts anging, zu bezahlen 
gehabt. Der Slawe war in Glaubenssachen stets äufserst tolerant, 
daher die Leichtigkeit, mit der er das Christentum annahm 
— natürlich aufser, wo es, wie an der Elbe und Oder, Deck- 
mantel für die politische Unterdrückung war — ; den Fanatis- 
mus, den Hafs und die Verachtung der »Heiden«, d. i. der 
Lateiner, haben erst die Griechen den Russen eingepfropft. 
Eifersüchtig wahrten sie ihre neuen Schäfchen vor der Ansteckung 
durch römische Häresie, und die naiven Russen überboten bald 
ihre Lehrmeister, warfen den Römern vor, dafs sie die Materie 
als ihre Mutter verehrten, indem sie materies mit russisch mater 
= Mutter verwechselten; dafs ein Pseudopetrus als Papst den 
alten heiligen Glauben in Rom vernichtet hätte u. dgl. m. So 
begann bei den Russen die Abkehr von allem Lateinischen und 
Europäischen. 

Aber auch daheim verschlechterten sich die Bedingungen 
eines Kulturlebens. Wlire , wie bei Kelten, Germanen, Böhmen, 
eine völlig fremde Sprache, also bei Russen das Griechische, zur 
Kirchen- und Liturgiesprache geworden, so hätte es auch not- 



— 8 — 

wendig Schulen geben müssen, die fremde Sprache zu erlernen, 
und der grammatische Unterricht war nicht nur im Mittelalter 
Anfang jeden Unterrichts und Wissens. Die slawische liturgische 
Sprache dagegen erforderte keinerlei Unterricht ; es genügte, dafs 
der Popensohn bei seinem Vater das Lesen erlernte, damit er 
dann geweiht wurde. Daher gab es im alten Rufsland keine 
Schule, keinen Unterricht, aufser im notdürftigsten Lesen, selten 
auch im Schreiben; daher bestand das ganze Wissen in einer 
gewissen Belesenheit in der heiligen Schrift, zumal im Psalter, 
wozu ausnahmsweise einige Belesenheit in der patristischen 
Litteratur hinzukam ; die Kenntnis des Griechischen selbst wurde 
ganz aufserordentlich selten. 

Diese Kenntnis beschränkte sich zudem ausschliefslich auf 
die christliche Litteratur; wenn die Namen eines Homer oder 
Demosthenes genannt werden, so kennt man sie nur aus späten 
und dürftigen Florilegien ; auch in der christlichen Litteratur war 
der Kreis nicht allzusehr ausgebreitet; eine blofse Auswahl von 
Predigten u. dgl. ersetzte z. B. den Chrysostomus. Das einmal 
in Bulgarien gewonnene Material ist auf russischem Boden nicht 
mehr recht bereichert worden. Zudem teilten den Russen die 
Griechen ihr starres Festhalten am Buchstaben, die Unduldsam- 
keit, Einseitigkeit einer verknöchert-asketischen Weltanschauung 
mit, der jegliches weltliche Treiben ein Greuel war, und damit 
ergab sich langsam eine Spaltung zwischen dem jugendfrischen, 
kräftig pulsierenden Leben des Naturvolkes und seiner ver- 
düsterten und vergrämten Litteratur der weltflüchtigen. Kasteiungen 
und Entbehrungen predigenden Mönche; die schroffe Spaltung 
zwischen Leben und Lehre, die eine unnatürliche aber notwendige 
Scheinheiligkeit, Heuchelei, Falschheit nach sich zog. 

Im XL, ja noch im XIL Jahrhundert waren die Ansätze 
dieser völligen Entfremdung zwischen Rufsland und Europa, 
zwischen Volksleben und Litteratur noch wenig einschneidend. 
Das Volk lebte sein Heldenzeitalter aus; die normannischen 
Fürsten und ihr Gefolge waren längst slawisch geworden, mochten 
sie noch zuerst ihrem nordischen Thor weiter gehuldigt, ihre 
nordischen Namen weiter geführt haben, z. B. Olga, d. i. Helga, 
Oleg, d. i. Helgi, Igor, d. i. Ingvar usw. Der Grofsfürst und 
seine Paladine von der Tafelrunde setzten ihr Leben für die Ab- 
wehr der wilden Steppenvölker an der Grenze begeistert ein. 



— 9 — 

für die Witwen und Waisen daheim, für die heiligen Kirchen-, 
die einfache Lebensweise kannte keine scharfen ständischen, 
sozialen Schranken, und ein ferner Nachhall homerischer Gesänge 
mutet uns in den Sagenliedern, in den »Bylinen« an, die sich 
noch heute in den entlegensten Gegenden, im Olonecer Gouverne- 
ment am Onegasee, im Archangelskischen, ja in Sibirien, wenn 
auch nicht unverändert, erhalten haben. Epische Fülle, Breite, 
Wiederholungen sind ihnen eigen; die Stoffe sind bei weiten nicht 
nur den Grenzkämpfen entnommen, sondern auch den ver- 
schiedensten novellistischen Motiven : Kampf zwischen Vater und 
Sohn; die kluge Frau hilft in Männerkleidung ihrem Manne; 
Ehebruch und Strafe des Verführers ; Trennung der Gatten, Er- 
kennungsszene usw.; die Haupthelden sind der Geschichte selbst 
unbekannt. Nicht der freigebige, gutmütige, etwas willenlose 
Vladimir und seine bösere, launische Hälfte stehen im Mittel- 
punkte ; diesen nimmt ein der volkstümlichste Held, der Ilja von 
Murom, auch der deutschen Heldensage bekannt, der Bauern- 
sohn, der verkannt und zurückgesetzt, im Augenblicke der 
höchsten Gefahr seine übermenschlichen Kräfte — Mafs halten 
diese Lieder nicht mehr — nicht um des Fürsten und der Fürstin 
willen, die ihm gleichgültig sind, weil er nie loyal ist, sondern 
für das Land und seine Ärmsten einsetzt, den Gegner zu Paaren 
treibt und als Lohn dafür drei Jahre lang in den zarischen »Kabaken« 
im grünen (Brannt)wein sich bezecht. Dieser altruistische und 
demokratische Gesell verkörpert die russischen Ideale, die, 
griechischen und germanischen durchaus entgegenstehend, uns 
unendlich sympathischer, menschlicher sind. Die anderen Helden, 
der Goldgürtel Dobrynia, ein Ritter Möhringer etwa; der Don 
Juan Curilo; der Ivanuschka mit dem Wunderpferd, das ebenso 
unansehnlich ist wie die meisten Helden usw., sind weniger be- 
deutsam. Allerdings bleibt es etwas mifslich, von diesen Liedern, 
die bei ihrer Wanderung vom Süden (Kiev) nach Norden die 
vielen Jahrhunderte hindurch erheblicher lädiert worden sind, 
unter dem XL und XII. Jahrhunderte zu reden, aber entschieden 
wurzeln sie in dieser Zeit und ihren Verhältnissen; ihre ältesten 
Aufzeichnungen , die nur bis in das XVII. Jahrhundert zurück- 
gehen , sind einfacher , mafsvoller , ballen verschiedene Motive 
weniger zusammen. Den Slawen als solchen sind derlei Rhap- 
sodien unbekannt gewesen, bei Westslawen z. B. sind sie niemals 



— 10 — 

angetroffen worden ; hier ist doch vielleicht fremder Einfluls mit 
im Spiele gewesen; sind doch schon die Steppenvölker des 
Sanges ihrer Vorfahren voll; auch den nordischen Fürsten be- 
gleitete der Skalde. Es gibt auch spezielle Nowgoroder Lieder. 
In das XII. Jahrhundert fallen die interessantesten Denk- 
mäler der Kiever Litteratur, denen die spätere Moskauer 
nichts an die Seite zu stellen hat, obwohl sie sie nachahmt oder 
aufnimmt. In den Anfang des Jahrhunderts gehört die end- 
gültige Redaktion der Kiever Chronik. Sie ist im Kloster ent- 
standen, geht in streng asketischer Betrachtung des Weltenlaufes 
auf, gefällt sich in weitschichtigen Glaubensunterweisungen, flicht 
Gebete und Moralpredigten mit Vorliebe ein, aber die natürliche, 
frische , plastische Erzählung , das epische V^erweilen beim Um- 
ständlichen, der gleiche demokratische Zug, wie in den Bylinen, 
die Wahrheitsliebe, die Fülle und Genauigkeit der Überlieferung 
läfst jedes Volk die Russen um ihre Chronik beneiden. Die 
Südslawen haben überhaupt nichts Ähnliches zu verzeichnen, aber 
auch die Chroniken der Nachbarländer bleiben weit zurück, trotz 
ihrer besseren Komposition, ihres künstlicheren Stiles und der 
gröfseren Gelehrsamkeit ihrer Verfasser. Und besonders fällt 
auf die genaue Vorstellung von dem Zusammenhang und der 
Verzweigung der gesamten Slawenwelt , die man nur in Kiev, 
sonst nirgends hatte. Diese Chronik des sogenannten Nestor 
liegt allen späteren russischen chronikalischen Fortsetzungen und 
Kompilationen zugrunde; unter ihnen ragt ein Werk des 
XIII. Jahrhunderts, eine westrussische, hahzisch- wolynische 
Chronik, durch die epische Fülle und Sattheit ihrer Berichte 
hervor. Eine kleine Probe aus ihr genüge : »Als Fürst Monomach 
vom Don mit seinem goldenen Helme trank , floh der eine der 
Polovzerfürsten gegen den Kaukasus; nach Monomachs Tode 
schickte nun der andere seinen Sänger zu ihm, er solle jetzt 
zurückkehren in unser Land, sage ihm meine Worte, singe ihm 
die Gesänge der Polovzer, und wird er auch dann nicht wollen, 
lafs ihn am Steppenkraut Jevschan riechen. Als nun der Chan 
nicht zurückkehren wollte, noch auf die Gesänge hinhörte, reichte 
ihm der Sänger den Jevschan; es roch daran der Chan, brach in 
Tränen aus und rief: , Besser tut es, auf eigenem Boden seine 
Knochen einzubüfsen, als berühmt zu sein auf fremdem,' und 
kehrte zurück;; (Thema einer bekannten Ballade von Majkov). 



— 11 — 

Wie Auflösung eines herrlichen epischen Sanges mutet an ihre 
Beschreibung eines Zuges des Fürsten Danilo gegen die heid- 
nischen Ostpreufsen u. dgl. m. Gegen diese anschauliche Fülle 
heben sich die nordischen Chroniken (die Nowgoroder nicht 
ausgeschlossen) durch ihre Trockenheit und Starrheit sehr 
unvorteilhaft ab; die Moskauer haben schon ganz offizielle 
Färbung, d. h. sie gehen jeder unangenehmen Wahrheit vor- 
sichtig aus dem Wege. 

Um 1110 beschrieb auch der Abt Daniel seine Pilgerfahrt 
zum heiligen Grabe und eröffnete damit eine reiche Litteratur- 
gattung, die bis in das XVIII. Jahrhundert fortlebte, eine Fülle 
eigener und griechischer Berichte bot und durch die Menge von 
Abschriften — einige Texte sind in Hunderten von Kopien vor- 
handen — das aufserordentliche Interesse Altrufslands an dieser 
Litteratur bewies. Der älteste dieser »Palmenträger« ist mit der 
interessanteste; die Naivität des Südrussen, die treue Anhäng- 
lichkeit an sein Land nimmt sehr für ihn ein; eigentliche Reise- 
schilderung liegt ihm ja fern; der Fromme meldet den Frommen 
daheim alle die Wunder, die er sich von seinen Führern auf- 
tischen liefs; er erzählt, was alles zu sehen ist, als ob der Herr 
mit seinen Jüngern noch auf Erden weilte; kaum, dafs ihm ein 
Seufzer über die räuberischen Hagarsöhne entfährt. Bei den 
späteren Erzählern mehren sich nur die Wunder; die unglaub- 
lichsten Reliquien werden aufgezählt, die Planken von der Arche 
Noah, die von Christus gepflanzten Palmen usw.; noch spätere 
erzählen von dem Golde, das von den Bergen Arabiens herab- 
fliefst, vom Jordan, dessen Wasser auf- und abwärtsgeht, von 
der Stadt Ägypten, gemeint ist Al-kair, mit seinen 14000 zari- 
schen Kabaken, 14000 Strafsen zu 10000 Höfen; in Jerusalem 
wird ihnen der Nabel der Erde oder der Eingang zur Vorhölle, 
in Konstantinopel das in der Luft hängende Kreuz gezeigt; 
absichtlich verschweigen sie »lateinische« Reliquien. 

An das Ende des XII. Jahrhunderts gehört noch der Be- 
richt vom Zuge des Igor gegen die Polovzer 1185. Unbedeutend 
war an sich das Faktum, obwohl nicht ohne romantischen Bei- 
geschmack: ehrgeizige, junge Fürsten wagen eine Unternehmung 
gegen die Steppenräuber, erringen Vorteile, werden von der 
Übermacht umzingelt und niedergehauen, einer von ihnen, Fürst 
Igor, gefangen genommen, der glücklich zu den Seinigen flieht. 



— 12 — 

Der Bericht ist etwas sprunghaft, hebt nur die Hauptmomente 
hervor, in denen lyrisches Fühlen zum Ausdruck kommt, den 
Unheil kündenden »trüben- Traum des Grofsfürsten ; den Klage- 
gesang von Igors Frau, der vom Pfahlwerk von Putivl vom 
Winde über die Steppe getragen wird : als Kuckuck wird sie den 
Don abwärts fliegen, den Biberärmel im Flufs Kajala netzen, 
um dem Fürsten die blutenden Wunden abzuwaschen: sie fleht 
den Wind an, der ihre Freude auf der Steppe auseinandergeweht 
hat, den Dniepr, dafs er ihr den Mann wieder zuschaukele, die 
Sonne , die in der Dürre mit ihrer Glut die Trauten versengt. 
Von den wehmutsvollen Klagen über die Zerwürfnisse der Teil- 
fürsten , — wie mufs Rufsland aufstöhnen , wenn es der ersten 
Zeiten und Fürsten gedenkt, sticht dann der frohe Ton am 
Schlüsse doppelt ab : schwer ist dem Kopf ohne Schultern, 
schlecht dem Körper ohne Haupt, dem Russenlande ohne Igor, 
aber jetzt sind froh die Gegenden, es frohlocken die Burgen, 
Lieder singend zuerst den alten Fürsten, dann den jungen. 
Dieses in stellenweise rhythmischer Prosa verfafste »Igorlied« weicht 
durch Ton und Inhalt von der sonstigen asketischen Litteratur 
erheblich ab; durch seine Vereinzelung sowohl wie durch die 
schlechte Überlieferung bietet es dem Verständnis Schwierig- 
keiten, die vergröfsert werden durch den gesuchten, erkünstelten 
Ausdruck , durch Anspielungen auf entlegenere Ereignisse , Ein- 
flechtung dunkler, mythisch - epischer Namen. Nordrufsland hat 
auch dieses südrussische Kiever Produkt, dessen Verfasser der 
Gefolgschaft der Fürsten angehört und an diese sich wendet, 
später rein äufserlich, ohne V^erständnis nachgeahmt. Dafür hat 
es das Verdienst, uns dieses eigenartige, vielleicht an Wendungen 
der gleichzeitigen Volksepik anklingende Werkchen in einem 
späten Sammelbande erhalten zu haben , der bei dem Moskauer 
Brande zugrunde ging ; die Zeitgenossen mutete der Bericht bei 
der ersten Veröffentlichung (1800) wie der ossianische Gesang 
eines slawischen Barden an. Das Verdienst der nordrussischen 
»Litteratur« bestand eben hauptsächlich darin, die Produkte der 
reicheren, bunteren Kiever Zeit uns erhalten zu haben; für den 
Süden selbst brach nämlich eine Zeit der Schrecknisse, der 
Wirren und Spaltungen, der endgültigen Schwächung an. 

Bis in das XIII. Jahrhundert verfliefst altrussisches Leben 
in einem ungeteilten Strome; es ist im Süden konzentriert, ent- 



— 13 — 

sendet nur schwache Ausläufer nach dem Norden und Osten. 
Aber in den fortwährenden Fehden der Teilfürsten sinkt die Be- 
deutung der alten Zentrale, Kievs; von Hand zu Hand über- 
gehend wird es schliefslich gar nicht mehr begehrt und es ent- 
steht eine neue Gruppierung der russischen Gebiete, gefördert 
durch äufsere Einflüsse. Die furchtbaren Tatareneinfälle, die 
Eroberung und Zerstörung Kievs von 1240 entvölkern Stadt und 
Land ; die Kirche trägt am spätesten Rechnung den veränderten 
V^erhältnissen, und doch siedelt 1299 der Kiever Metropolit nach 
dem Norden, nach Vladimir über. So wird der Süden preis- 
gegeben; aber auch im Nordwesten wagen sich die armseligen 
Bastschuhleute, die Litauer, aus ihren Wäldern und Sümpfen 
hervor und gründen auf Kosten der westrussischen Teilfürsten 
ein eigenes Reich , in dem allerdings das litauische Element 
gegenüber dem russischen kulturell und quantitativ ganz zurück- 
tritt; sie geraten in Kämpfe mit den Polen um das Erbe der 
ausgestorbenen halizisch - wolynischen Teilfürsten, bis 1386 eine 
Personalunion zwischen Litauen und Polen geschlossen wird. So 
trennt sich dieses litauisch-polnische Rufsland politisch vollständig 
von dem Osten und erstrebt bald auch seine kirchliche Un- 
abhängigkeit, die Errichtung einer neuen Kiever Metropole. 

Diesem kleineren westrussischen , an Polen und Litauen 
fallenden Gebiete gegenüber erfolgt die Sammlung der ost- 
russischen Teilfürstentümer um ein neues Zentrum. Sie waren 
zum Teil auf unslawischem, finnischem Boden, der Muromer, 
Mordwinen usw., im XI. Jahrhundert begründet und im 
XIII. ausgedehnt worden; der Boden hatte keine historische 
Tradition, die Macht der neuen Fürsten war uneingeschränkter. 
Das bedeutendste dieser Fürstentümer war Wladimir -Suzdal, 
dessen Mittelpunkt nach Moskau verlegt wurde, und endgültig 
gewannen die Moskauer Fürsten den Fürsten von Rjazan, Tver 
usw. den Vorrang ab, als der einstige Kiever Metropolit seinen 
Sitz nach Moskau verlegte, 1328. Hatte die griechische Kirche 
mit ihrem Cäsaropapismus schon den Rücken der russischen 
Fürstenmacht gesteift, so gewann die Kirche jetzt durch die 
Tatareneinfälle eine auf serordentliche Bedeutung. Das staatliche 
und weltliche Leben im Süden war ganz zerstört, die russischen 
Fürsten zur Anerkennung der Horde und zur Tributzahlung ver- 
pflichtet; nur die russische Kirche ging durch die Toleranz der 



— 14 — 

Tataren frei aus, steigerte ihre Reichtümer, festigte ihren Ein- 
flufs und warf ihn zuletzt ganz in die Wagschale Moskaus. So 
wurde Moskau schon im XIV. Jahrhundert zum führenden Staate 
im Osten, zum politischen und geistigen Erben von Kiev. 

Eine Reihe zäher und verschlagener Fürsten, die uns ganz 
wie Orientalen anmuten, rücksichtslos egoistisch, schlau und mils- 
trauisch, rachgierig und versteckt, hart und grausam, hatten den 
Grund zu Moskaus Gröfse gelegt; feige krochen sie vor der 
Horde, — leckten sie doch in sklavischer Untertänigkeit die 
Milchtropfen vom Boden und von der Mähne des Pferdes ab, die 
der Bevollmächtigte des Tatarenchans vom Willkommbecher ab- 
sichtlich abfallen liefs; so sicherten sich die Moskauer den Rücken, 
bekamen freie Hand gegen ihre Brüder und nutzten dies mit 
rücksichtsloser Energie, durch Ränke und Bestechungen, durch 
Denunziationen in der Horde aus. Hatte die Kirche den Gedanken 
der Einheitlichkeit nie fallen lassen, beanspruchte der Metropolit 
in Moskau auch über die südwestlichen Eparchien die Führung, 
so nahmen auch die Moskauer Grofsfürsten diese Tendenz der 
Kirche auf, als Nachkommen und Erbfolger der Kiever Fürsten 
zu gelten und die Losung zur »Sammlung der russischen Erde« 
auszugeben. Die aufreibenden Kämpfe in den tatarischen Horden 
selbst erleichterten ihnen ihre Arbeit, und zu Ende dieser Periode, 
um 1480, war es bereits offenkundig, dafs gegen die Moskauer 
Vormacht weder Tataren noch Litauerpolen aufkommen können; 
die östlichen Teilfürstentümer waren bereits alle aufgesogen, ihre 
Fürsten Dienstmannen Moskaus geworden , die beiden Handels- 
republiken Grofsnowgorod (Naugarten der deutschen Sage), und 
Pleskau-Pskow, zur Anerkennung seiner Oberhoheit gezwungen. 
Litauen konnte keinerlei Ansprüche mehr behaupten, verlor bald 
eigenes Terrain; der altrussischen Freiheit und Ungezwungenheit 
war längst das Grab bereitet ; eine neue Ära brach heran, harter 
Willkür und Tyrannei, geistiger Einseitigkeit und Unduldsamkeit, 
des Hasses und der Furcht vor der Neuheit, vor jedem Gedanken, 
des byzantinischen Erstarrens in ausgetretenen Bahnen. Jetzt 
erst reifte Cyrills und Methods Drachensaat. 

Die Katastrophen des XIII. Jahrhunderts hatten den as- 
ketischen Sinn , der Altrufsland ganz abging , neu geweckt ; der 
Zusammenhang mit Griechenland, das sich selbst bald (nach den 
Lateinern) der Osmanen nicht mehr erwehren konnte, war unter- 



— 15 — 

brochen; Rufsland war auf die eigenen geistigen Kräfte an- 
gewiesen; deren dürftige Ausgestaltung verkümmerte nur noch 
mehr; sie nährten sich bald fast ausschliefslich aus der traditio- 
nellen, religiösen Litteratur. Diese bestand aus meist schlechten, 
weil wörtlichen, sklavisch genauen Übersetzungen der Heiligen 
Schrift, deren Komplex erst übrigens 1499 hergestellt war, und 
ausgewählter Werke der Kirchenväter; aus einigen kanonischen 
und historischen Kompilationen , aus einigen polemischen Trak- 
taten gegen Lateiner und Juden, zum Teil eigenen Fabrikates. 
Die Geschichte war ebenfalls nur eine »fromme«, denn sie bestand 
aus der biblischen mit ihrer byzantischen Fortsetzung, in die 
einzelne Episoden anekdotischen oder eher novellistischen Bei- 
geschmackes von der grusinischen Königin Tamara und dergl. 
eingeschoben waren. Belletristik beschränkte sich auf die Ge- 
schichte von Alexander dem Gr., von den Kämpfen um Troja, 
von Barlaam und Josaphat (Buddhalegende) , vom weisen Akir 
(Sentenzen), Fabeln (des »Physiolog«, einer Naturkunde), und der 
orientalischen Fabelsammlung vom Ichnilat); den Mangel an 
Belletristik ersetzte die apokryphe Litteratur, die fast mehr als 
die kanonische Herz und Sinn gefangen nahm. 

Aus den alt- und neutestamentlichen Apokryphen erfuhr der 
Russe von dem Anteil Satans an der Weltschöpfung, von seinem 
RivaHsieren mit Gott; die Zahl der gefallenen Engel sollten 
Menschen ersetzen, daher die Wut und der Neid Satans, daher 
entlockt Satanail Adam die Verschreibung seines Geschlechtes; 
das Paradies ist nicht verschwunden , es weilen darin die erd- 
entrückten Enoch und Elias und der Schacher am Kreuze, der 
Nowgoroder Mojslav mit seinen Gefährten ist einmal ganz nahe 
herangekommen. Dem Baue der Arche Noah widersetzte sich 
Satan nach Kräften ; damals verlockte er Noah zur Trunkenheit ; 
verfeindeten sich Katze und Maus. Das dichteste Märchen- 
gestrüpp umgab jedoch Salomon : schon als Kind offenbart er 
seine Weisheit und wird vergebens von der bösen Stiefmutter, 
deren Treiben er entlarvt, verfolgt; es mehren sich seine Urteils- 
sprüche. Das Interessanteste erzählt man jedoch vom Tempelbau 
mit Hilfe des Kitovras (Centaur), wie ihm Kitovras die Frau 
entführte , wie schon unter dem Galgen stehend , Salomon sich 
dafür rächte; dann von ihm und der Sybille von Saba. 

Ungleich Zahlreicheres und Wichtigeres erzählte man vom 



— 16 — 

Heiland und Maria: wie Maria ihrer Mutter verkündet wurde, 
wie sie im Tempel diente , wie ihr der Bräutigam durch das 
Wunder mit dem Stab gefunden wurde, wie ihre Jungfräulich- 
keit alle Proben (des Sühnwassers usw.) bestand ; wie die Geburt 
des Heilandes Wunder in Persien ankündigten. Von Christus 
fesselten besonders die Kindheitserzählungen mit den zahllosen 
Wundern, zumal auf der Flucht nach Ägypten, dann in Nazareth ; 
wie er unter die Priester gewählt wurde, mit König Abgar von 
Edessa korrespondierte, mit Prov Brüderschaft einging, wie er 
pflügte. Was die kanonischen Evangelien ausführlich erzählen, 
bleibt unangetastet, nur in die Lücken greift die Phantasie ein, 
also wird von der Höllenfahrt, von der Fesselung des Satans, 
von der Herausführung der Väter desto genauer berichtet; 
Odipus — Judas, der seinen Vater ermordet und mit der Mutter in 
Blutschande lebt, sowie der deutsche Pilatus, — waren doch 
die beiden Suzdaler Popen auf ihrer Florentiner Reise 1439 in 
seinem Geburtsstädtchen bei Bamberg — ergänzen die Passions- 
berichte mit neuen Einzelheiten. Dann wendet sich das Interesse 
wieder der Jungfrau zu, ihrem weiteren Leben in Jerusalem, 
ihrem Uspienie (Dormitio) , zu dem ihr Sohn herabkommt und 
alle Apostel bis auf den Zweifler und Säumer versammelt sind; 
wie die Juden für die Störung des Grabeszuges gestraft werden. 
Weniger dicht war das Legendengewebe um die Apostel, 
um ihre Kämpfe untereinander und mit Simon dem Magier, um 
ihre wundervollen Reisen, Trennungen, Wiederfinden (ganz im 
Stile des altgriechischen Romans). Mit den Apostelapokryphen, 
die zum Teil Kirchenrechtliches betrafen, rivalisierten Heiligen- 
legenden, zumal von dem wirksamsten Schutzpatron zu Wasser 
und zu Lande, Nikola, — wenn Gott stirbt, wird er Gott; von 
dem Drachenkämpfer Georg, Rufslands Wappenheiligen, den 
namentlich die nördlichen Fürsten, Moskaus Gründer, verehrten ; 
von Andreas, dem Slawenapostel, der, bis Nowgorod gekommen, 
sich über die Einrichtung der russischen bani (baigne, Bad) bafs 
verwunderte. Den Reigen schlössen eschatologische Apokryphen, 
über die Erscheinung des Antichrist mit dem Ofen, seinen Sieg und 
Fall; die Wanderungen der Jungfrau oder des Apostels Paulus 
durch die Hölle, ihre Visionen der zukünftigen Qualen, Marias 
Fürsprache. Besonders beliebt waren daneben »Gespräche der 
heiligen Kirchenväter«, zumal Basilius, Gregorius und Chry- 



— 17 — 

sostomus, die rein zu frommem Rätselspiel ausarten: welches 
Gewerbe ist das erste auf Erden (Schneiderei, siehe Adam und 
Eva); welche Mutter säugt ihre eigenen Kinder? (Meer die 
Flüsse); wann starb der vierte Teil der Welt aus? (als Kain 
den Abel erschlug); wann freute sich die ganze Welt? (als 
Noah aus der Arche trat); welche Tiere fehlten in der Arche? 
(Fische); wer war vor Adam bärtig geboren? (der Bock) usw. 
Es waren dies nicht etwa Erzeugnisse der russischen Phantasie, 
alle diese Schriften, die gerade darüber Auskunft gaben, was 
den frommen Leser am meisten reizte; es waren dies samt und 
sonders Übersetzungen aus dem Griechischen, sie ersetzen zum 
Teil verlorene griechische Originale, wie das Henochbuch, zum 
gröfsten Teile noch bei den Südslawen gemacht, in Rufsland 
nur vervielfältigt. Die Vertreter der Kirche selbst wufsten oft 
nicht recht die Grenze zwischen den echten und den »Lügen- 
büchern« zu bezeichnen, und erst als der Inhalt der Apokryphen 
längst in das Gedächtnis des Volkes gedrungen war, eiferten sie 
gegen die Lügen, die sie dem bogomilischen Bulgarenpopen 
Jeremias (Bogomilen waren die Väter der Waldenser) fälsch- 
licherweise in die Schuhe schoben , da sie doch griechische Pro- 
dukte sind. Mit der steigenden Askese im russischen Leben 
verdrängten jetzt die stichi, die geistlichen Lieder, welche Bettler 
und Pilger sangen, langsam die nationalen, epischen Bylinen, 
obwohl sie manches von deren Ton und Ausdruck herübernahmen. 
Die stichi werden noch heute gesungen, so der vom schönen 
Joseph , von dem Tauben- statt Tiefen-Buch , d. i. jenes Rätsel- 
gespräch der drei Heiligen u. a. 

Diese eben angeführte Litteratur, zu der noch Florilegien, 
Sentenzensammlungen, unter Titeln wie »goldene Quelle«, »Kette« 
u. dgl. hinzutraten, machte das ganze russische Wissen aus. 
Eine astronomische , mathematische, geographische, eine Arznei- 
kunde gab es auch nicht in ihren dürftigsten Anfängen; die 
flache Erde ruhte dem Russen auf vier Walen ; die Himmels- 
maschinerie wurde von den Engeln aufgezogen; Stürme wirkte 
Gott; man kannte die vier Paradiesflüsse, statt Europa und 
Europäer nur den Terminus Franke-; der Pole flofs mit dem 
»Litauer« als Heide zusammen. Die Physiologie war ebenso- 
wenig kompliziert : den Adam setzte Gott aus acht Teilen zu- 
sammen, aus Stein die Knochen, aus Erde den Körper, von der 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 2 



— 18 — 

Sonne die Augen usw.; in den fertigen Körper, als der Hund 
nicht aufpafste, steckte der Teufel die 70 Krankheiten herein; 
zwölf Zitterinnen, Fieber, suchen ihn fleifsig heim. Arzneimittel 
waren Gebete, Besprechungen zum »Abtun« des bösen Blickes 
und Wortes, Kräuter und die bani ; vor Purgationen und Klistieren 
ekelte sich der Russe als vor teuflischen Erfindungen noch im 
XVII. Jahrhundert. Die Astronomie vertrat die Ostertafel und 
die verschiedenen Mond- und Donnerbücher, was es zu bedeuten 
hat , wenn die Mondphasen auf die und die Tage fallen , wenn 
es am Montag usw. donnert. Grammatische Anfangsgründe 
waren ja aus den »Damaskinen« einigermafsen bekannt ; es fehlte 
jedoch jeder Unterricht in der Kirchensprache, die ein immer 
russischeres Laut- und Formengewand überwarf; die Texte selbst 
gerieten in immer heillosere Verwirrung, jeder neue Kopist 
mehrte nur die Fehler seiner Vorlagen, und die Geistlichkeit sah 
sich bald genötigt, dagegen einzuschreiten. Man trieb den Teufel 
mit Beizebub aus. Die Südslawen, die man im XIV. und XV. 
Jahrhundert nach Rufsland zu diesem Zweck berief (man wufste 
ja, dafs die Kultur aus Bulgarien gekommen war), brachten 
korrigierte Codices mit, aber beseitigten die in die Schriftsprache 
eindringenden volkstümlichen Ausdrücke, purifizierten so die Schrift 
und verunstalteten sie ihrerseits durch einen unglaublich er- 
künstelten, verschnörkelten Ausdruck, der alles Tatsächliche, ja 
schliefslich jeden Sinn begrub. Das Wesen der Schriftstellerei 
erkannte man in dem »schlauen Verflechten« der Worte, hinter 
denen sich zuletzt der Verfasser selbst nichts Rechtes mehr ge- 
dacht hat. An diesen Umschreibungen, Verhüllungen und Ver- 
logenheiten krankt die Schriftsprache bis tief in das XVII. Jahr- 
hundert hinein; oft errät man nur mit Mühe den Sinn in der 
Schilderung der interessantesten Ereignisse , z. B. aus der Zeit 
der »Wirren«, d. i. der Kämpfe des falschen Demetrius. Damals 
verballhornte man sogar den Ausdruck für das eigene Volk und 
Kirche : bisher hiefsen sie richtig pravovernyje, die Rechtgläubigen, 
von nun an heifsen sie pravoslavnyje — der offizielle Terminus, 
ein Unsinn, falsch aus orthodoxos übersetzt, doxa = Ruhm, slava, 
statt vöra = Glauben. 

Wie mit dem Wissen, stand es mit der Kunst. Gröfsere 
Bauten führten nur fremde Architekten auf, Griechen oder 
»Franken«, denn was der Russe baute, stürzte ein; die aus- 



— 19 — 

schliefslich religiöse Malerei hielt sich ängstlich an die Vor- 
schriften , malte immer dieselben braunen , schmalen Ovale , die 
langen Arme, die altrömische, byzantinische Gewandung; die 
Kunst des Bildhauers als heidnische war unbekannt, ebenso die 
des Medailleurs. Kirchenmusik existierte nicht; man übte nur 
ein gedehntes Singen im Chor. Dem finsteren und starren, durch 
die Geistlichkeit immer aufdringlicher gepredigten Asketismus war 
jede Äufserung geselliger Lebensfreude lästerlicher, diabolischer 
Greuel : gegen weltlichen Gesang, Tanz, Spiel schritten die Ge- 
wissensrichter mit allen erdenklichen Drohungen ein; noch 1647 
wurden von Staats wegen alle Spiele, Lieder, Bräuche verboten ; 
noch im XVII. Jahrhundert hielt sich der Russe über europäische 
Tänze auf, über dieses Absuchen der Winkel, wo man nichts 
verloren hätte (wie er es nannte); nur Narren hätten mit derlei 
Sprüngen den Herrn zu ergötzen. Trotz der Höllenstrafen 
huldigte man dem Würfel- und Schachspiel, sogar im Wagen 
auf der Reise. Die weibliche Jugend erfreute sich des Reigen- 
liedes und Tanzes mit jenem uralten Händeklatschen im Takt, 
was allein schon dem Geistlichen als Höllenausgeburt erschien; 
besonders liebte sie das Schaukeln, einzeln und in der grofsen 
Radschaukel, die Baron Herberstein (1518) so anstaunte. Das 
immer stärkere Eindringen orientalischen statt europäischen 
Wesens zwang der Frau eine steigende Abschliefsung von 
jeglichem äufseren Verkehr auf, um trotz der Monogamie ein 
Leben in der Art des Harem zu führen: noch im XVII. Jahr- 
hundert, als der französische Gesandte auch der Zarin seine Auf- 
wartung machen wollte, wurde er zu seinem Bedauern abschlägig 
beschieden, wegen angeblicher Unpäfslichkeit. Der naive Fran- 
zose ahnte nicht, dafs die Zarin, wie die vornehme Russin über- 
haupt, kein fremder Mann sehen durfte, und noch später mufsten 
besondere Vorrichtungen getroffen werden, damit auch die Zarin 
eine »Komödie« sich ansehen könnte. Die einzigen geselligen 
Ressourcen des niederen Volkes bestanden in Faust- und Bären- 
kämpfen; die sittenlosen Gaukler-Bärenführer boten ihm die 
einzige Zerstreuung , zudem konnte es sich an einzelnen Tagen 
im Jahre nach Herzenslust betrinken. Schon im XVI. Jahr- 
hundert war der »grüne Wein«, d. i. Branntwein, eine Plage 
Rufslands , die auch Geistlichkeit und Frauen nicht verschonte ; 
deutschen Landsknechten in Wilno machte es besonderes Ver- 



— 20 — 

gnügen, sich auf die im Rinnstein betrunken liegenden Popen 
zu erleichtern. 

Immer schroffer dafür und unduldsamer wurde die Ortho- 
doxie, das Moskauer Pravoslavije , besonders im V^erhältnis zu 
Rom. Im XIII. Jahrhundert hatten noch einzelne westrussische 
Fürsten, freilich nur aus politischen Erwägungen (um vom Papst 
die Königskrone zu erlangen), Annäherungsversuche an Rom 
gemacht; endlich zwang die Türkengefahr die Griechen selbst, 
ihre orthodoxe Seele preiszugeben, nur um den Leib zu retten: 
Kaiser, Patriarch und Bischöfe begannen die Unionsverhandlungen, 
die ja in Florenz zum Ziele führten, aber daheim am einmütigen 
Widerstand des Pöbels und der niederen Geistlichkeit scheiterten. 
Der Moskauer Metropolit, der an diesen Verhandlungen sich be- 
teiligte, den Papst beruhigte , dafs die russischen Bischöfe nicht 
schriftkundige Männer wären, verlor bei seiner Rückkehr nach 
Moskau Sitz und Freiheit, und in dem Fall von Konstantinopel 
erkannte Moskau sofort die gerechte Strafe des Himmels dafür, 
dafs die Griechen den wahren Glauben hätten verlassen wollen; 
als aber nunmehr die Hagia Sophia in eine Moschee verwandelt 
und der Konstantinopler Patriarch zu einem Türkensklaven ge- 
worden war, der sich für schweres Geld seinen Sitz erkaufen 
mufste, rief sich Moskau zum dritten und letzten Rom aus, der 
letzte und mächtigste Hort der Rechtgläubigkeit, und wurde 
darin bald von den Griechen selbst bestärkt. Weniger starr 
schlofs sich die westrussische Kirche, schon durch die Macht der 
politischen Verhältnisse gezwungen, vom Westen und Rom ab. 
Als der litauische Grofsfürst in Kiev einen neuen Metropoliten 
(unabhängig von dem Moskauer) durchgesetzt hatte, erschien 
dieser bald in Konstanz vor Papst Martin V : der Südslawe, um- 
geben von russischen Basilianermönchen , eingeführt von den 
polnischen Bischöfen, liefs einen Böhmen die lateinische Über- 
setzung seiner Anrede vorlesen ; so verlief der erste und bis 
heute einzige, wirklich panslavistische Kongrefs schon im J. 1418. 

Die Ausschaltung des freieren, vorgeschritteneren Südens 
mit seinen politischen Traditionen rächte sich bitter ; nichts war 
mehr im stände, dem stetig wachsenden Moskauer Despotismus 
ein Gegengewicht zu bieten. Dieser formte sich ganz nach 
tatarisch-mongolischem Muster um ; er entnahm den Tataren nicht 
nur Ausdrücke (z. B. für Pferde u. a.), Trachten, Einrichtungen 



— 21 — 

(Post, Zölle u. dgl.), sondern vor allem den Geist; erniedrigte 
langsam das gesamte Volk zu Sklaven; in der harten Tataren- 
schule heranreifend verlangte er blinde Unterwürfigkeit und 
wurde darin durch die cäsaropapistischen Anwandlungen der 
Geistlichkeit bedingungslos unterstützt. Darin bestand die einzige 
greifbare Folge der Tatarenherrschaft; man hat ihr allerdings 
noch ganz anderes nachgesagt. Zuerst machte man sie ver- 
antwortlich für den fast absoluten Mangel an alten, südrussischen, 
Kiever Handschriften, die uns ja samt und sonders nur in 
nordrussischen Abschriften erhalten sind, und beklagte damit 
den Verlust ungeahnter, litterarischer Schätze. Diese Annahme 
ist leicht als falsch zu erweisen ; die Tatareneinfälle verwüsteten 
und zerstörten die Litteraturbestände nur quantitativ, nicht auch 
qualitativ ; wir vermissen wenigstens nichts Bemerkenswerteres, 
alles scheint der rezeptive , sonst ganz passive Norden uns auf- 
bewahrt zu haben. Weniger allgemein gebilligt wird eine andere, 
tiefer einschneidende Annahme : es verletzte das Moskauer Gefühl 
im XIX. Jahrhundert, dafs der Grundstock der Litteratur im 
Süden, im kleinrussischen, »schopfigen« Kiev geschaffen wäre, 
dafs Nestors Chronik , das Igorlied usw. , d. h. fast die ganze 
altrussische Litteratur, ohne jegliches Beitun der »bärtigen« 
Grofsrussen entstanden wäre , und um dem verletzten »Patriotis- 
mus« beizuspringen, erfand man das Märchen, dafs die Tataren- 
einfälle das alte ethnographische Bild völlig umgestaltet hätten; 
bis 1240 wären die Kiever, die Südrussen, Grofsrussen gewesen 
und nur vor den Tataren wären diese Grofsrussen mit ihrer 
Litteratur, ihren epischen Liedern (Bylinen) usw\ nach dem 
Norden verzogen; ihre Stelle hätten erst später neu- 
eingewanderte Kleinrussen aus dem »Waldlande«, Polessje, Wo- 
lynien usw. eingenommen. Man verwandte für diese Annahme 
mit Vorliebe das Argument, dafs ja nur der hohe Norden, 
Olonec usw., die alten Bylinen aufbew^ahrt hätte, während die 
Kiever Kleinrussen schon seit dem XVII. Jahrhundert ausschliefs- 
lich ihre eigenartigen »Dumy«, Gesänge von Kämpfen mit Polen 
und Tataren, pflegen, die sich völlig im Inhalt, ja sogar im Stil 
von den Bylinen unterscheiden. Man vergafs dabei, dafs ja auch 
Moskau und die zentralen Gouvernements keinerlei Bylinen 
kennen, dafs daher ihr Überleben im hohen Norden einen anderen, 
speziellen Grund haben mufs, dafs die Geschichte von derartigen 



- 22 — 

Massenwanderungen nichts weifs, dafs die späteren Erfahrungen, 
Kiev litt ja zu Ende des XV. Jahrhunderts durch die Tataren wo- 
möglich noch mehr, gegen derartige Annahmen sprechen: die 
Massen stäuben für den Augenblick vor den Tataren wohl aus- 
einander, nur um nach dem Überfall wieder zusammenzuschlagen. 
Der Versuch somit, den Kleinrussen, wie man ihnen im XVII. Jahr- 
hundert ihre politische Freiheit und im XVIII. die soziale ihrer 
Bauern konfisziert hat, so im XIX. auch noch ihren alten litte- 
rarischen Besitz zu eskamotieren, ist gescheitert ; die altrussische 
Litteratur haben im wesentlichen die » Kleinrussen <;: — dieser 
Name tauchte im XIV. Jahrhundert im Gegensatz zu dem mos- 
kowitischen Grofsrufsland auf — geschaffen, aber sie ist zum 
gemeinsamen Grundstock für alle Russen geworden; die Grofs- 
russen bauten auf ihr nur weiter. 

Für den Augenblick — und dieser Augenblick dauerte Jahr- 
hunderte — war der Weiterbau doch nur ein höchst proble- 
matischer, bestand eher in einem Verlassen der einmal ein- 
genommenen Höhe; das XIV. und XV. Jahrhundert schaffen 
wohl die unerschütterlichen Grundlagen für die politische Vor- 
macht Moskaus, aber kulturell sinkt das Land entschieden, und 
dafür sind nicht die Tataren verantwortlich, denn jegliche Ein- 
mischung in das innere Treiben und Leben eines V^olkes lag 
ihnen völlig fern, das einzige Vernünftige, Humane an den Ta- 
taren, worin das autokratische Regime Rufslands die Tataren 
natürlich nicht nachahmt; für diesen Verfall sind die Grofs- 
russen und ihre »nationalem Kirche allein verantwortlich. Es 
zeigte sich, dafs die nationale Kirche ihre einfachsten Aufgaben 
nicht zu lösen vermochte; das Volk blieb dem Christentume im 
Grunde fremd ; es beobachtete etwa die strengen Fastenvorschriften 
und feierte lärmende Feste; die fremde, lateinische Kirche konnte 
doch noch ganz andere Erfolge in ihrer Herde verzeichnen; für 
den Russen gab es ja keine Predigt, keinen Gesang der Ge- 
meinde; sein Gottesdienst, wie ein treffendes Sprichwort besagt, 
war die Glocke, sein Gebet die Verbeugungen ; sonst war er der 
» Doppelgläubige c, wogegen die offizielle Kirche nicht blofs in den 
Grenzgegenden aufzutreten gehabt hätte, hielt fest an seinen aber- 
gläubischen Praktiken und fafste das Christentum rein äufserlich auf. 

Mit diesem Geistes- und Kulturbesitz trat Rufsland in die 
Neuzeit ein. Sie beginnt hier nicht erst 1501 , sondern bereits 



— 23 — 

1472, an dem Tage, da die neue Zarin, die Paläologin Zoe 
(Sophia) feierlich in Moskau eingeholt wurde. Den Bund hatten 
der Grieche, Kardinal Bessarion, und der Papst eingeleitet 
und gefördert, in der bestimmten Aussicht, das Werk der 
Glaubens Union damit zu fördern: sie ahnten nicht, dafs sie es für 
immer unmöglich machten. Denn nun trat Iwan III. offen das 
Erbe der rechtgläubigen, byzantinischen Kaiser an; er nahm in 
das »Reichswappen« den griechischen Doppeladler, der Grofs- 
fürst wurde Zar (Cäsar) und erhob bald auf den Titel Imperator 
Anspruch, und die letzte Weihe erhielt Moskau, als sein Metro- 
polit Patriarch wurde; die orientalischen Patriarchen nährten 
durch ihre Bettelgesandtschaften den unerträglichen moskauischen 
Hochmut. Aber mit Zoe erbte man nicht nur die byzantinischen 
Aspirationen und Traditionen (neues Wasser auf die Mühle der 
Autokratie); mit ihr kamen zugleich ins Land italienische Bau- 
meister, der Erbauer des Kreml, Handwerker, denen sich bald 
andere Fremde zugesellten. Jetzt schon begann der Prozefs, 
den erst Peter der Grofse zum Abschlufs bringen sollte. 

Von nun an sucht Moskau teilzunehmen an den materiellen 
Gütern der europäischen Kultur: Ärzte und Apotheker, freilich 
vorläufig nur für die zarische Familie, die Giefser der Glocken und 
Kartaunen , Büchsenspanner und Pulverkörner, Handwerker jeg- 
licher Art kamen ins Land. Auf die Dauer genügte ja nicht die 
alte Bewaffnung, in der man es wohl mit Tataren, doch nicht 
mit den Rittern Liflands und Litauern aufnehmen konnte, und dies 
wurden nach dem völligen Verfall der Horden die eigentlichen 
Gegner. Denn einmal trat der »Herrscher von Allrufsland« als 
Sammler der »väterlichen« Erbländer ein und beanspruchte Kiev, 
um schliefslich auch Wilno und Halicz zu reklamieren; ander- 
seits mufste er sich den Zugang zur See erzwingen : bedrohten 
doch mit Todesstrafe die Nachbarn, wer zu Lande nach Moskau 
durchkommen wollte. Da das Schwarze Meer für Jahrhunderte 
noch verschlossen blieb, begann schon im XVI. Jahrhundert das 
Ringen um das nahe Baltikum; vorläufig mufste man sich mit 
den kühnen Engländern begnügen, die um Norwegen herum den 
beschwerlichen Weg nach Archangelsk fanden. Sie bereisten 
das Land, nahmen den Handel in Beschlag und berichteten zu 
Hause über alles; es waren ganz merkwürdige Sitten und An- 
schauungen, auf die sie stiefsen. 



— 24 — 

Je entschiedener sich nämlich Moskau Europas materiellen 
Fortschritt zunutzen machen wollte, desto ängstlicher wahrte 
es seine orientalisch-orthodoxe Exklusivität gegen jegliche Be- 
rührung. Nun erst trieb dieses Wesen seine vollste Blüte. Unter 
der orientalischen Despotie gingen dem knechtischen Volke alle 
Begriffe von Ehre und Menschenwürde verloren; das Waffen- 
tragen war verboten, Beleidigungen rächte man selten mit der 
Faust, in der Regel mit einer Anzeige vor dem stets käuflichen 
Gericht. Der erste Grofswürdenträger des Reiches wagte es 
ja nicht, sein Schreiben an den Zaren mit seinem christ- 
lichen Namen Ivan usw. zu unterschreiben, er »schlug vor ihm 
mit dem Kopfe« mit dem hündischen Namen Ivaschka usw., 
was erst im XVIII. Jahrhundert aufgehoben wurde. Die Würden- 
träger konnten ohne weiteres gepeitscht werden: bei Verhand- 
lungen mit ausländischen Gesandten hatte der eine in unsinnigster 
Weise geprahlt , in Moskau gedeihe alles , Palmen , Tiger usw., 
ein anderer ihn deshalb zurechtgewiesen; beide wurden nun aus- 
gepeitscht und entschuldigten ihr Ausbleiben vor dem Gesandten, 
dals sie aus den Schlitten gefallen wären. Lügen und Angebereien 
waren tägliches Brot ; in welcher Art das orientalisch despotische 
Moskau auf das ganze Land eingewirkt hat, beschreibt der Gesandte 
Kaiser Maximilians, Baron Herberstein : nach ihm zeichneten sich 
einst die beiden grofsen ehemaligen Handelsrepubliken, Nowgorod 
und Pskow, durch Anstand und Menschlichkeit, durch aufser- 
ordentliche Offenheit und Aufrichtigkeit aus; beim Kaufen z. B. 
betrog man hier niemanden und hielt stets das einmal gegebene 
Wort; aber jetzt (1518) hat dies alles die Moskauer Pest ver- 
ändert, und das Volk ist von Grund aus verdorben; in Moskau 
aber, sowie man zu beteuern und schwören beginnt, sei auf deiner 
Hut, denn sie tun es nur des Verrates und Betruges wegen. 
Über diese Unzuverlässigkeit ist Aus- und Inland stets einer 
Stimme gewesen. Um 1630 verfafste in Moskau Fürst Chvorostinin 
die ersten russischen Verse auf das Thema : die Moskauer Leute säen 
Getreide und leben doch nur von Betrug und Lug ; noch Turgeniew 
und Pissemskij schrieben auf dasselbe Thema : »der Russe lügt«. 

Den letzten Rest von Selbstachtung trieb aus dem Volke 
die Regierung Iwans IV. , des Gestrengen ; was noch autonome 
Gelüste zu verraten schien, erstickte im eigenen Blute. Now- 
gorods Würde und Reichtümer, die schon im XV. Jahrhundert 



— 25 — 

nach Moskau verschleppt waren, sanken für immer dahin; der 
Ehrgeiz der alten Bojarengeschlechter, in die auch die letzten 
Nachkommen der alten Teilfürsten Aufnahme fanden, gipfelte 
ausschliefslich darin, den Platz im Heere, bei der Zarentafel usw. 
nicht zu verlieren •, und diese Rangstreitigkeiten steckten schliefs- 
lich die Kaufmannschaft an , so dafs noch im XIX. Jahrhundert 
der Moskauer Generalgouverneur bei den Einladungen mit pein- 
lichster Genauigkeit verfahren mufste, denn der Gast kroch eher 
unter den Tisch, als dafs er einen Platz tiefer, als der ihm von 
seinem Vater her zukam, eingenommen hätte. Dafür waren alle 
vor dem Zaren zu demselben willen- und denklosen hündischen 
Gehorsam verpflichtet, alle gleichmäfsig seine Bauern, d. i. Leib- 
eigene ; und nunmehr übte der Russe statt aller anderen Tugenden 
die eine, den Heroismus der Sklaverei. 

Dieser moralischen entsprach die geistige Kultur. Alle 
Russen kamen dem Fremden als Leute einerlei (geistigen) 
Wuchses vor, und je gröfser ihre Ignoranz wurde, desto stolzer 
waren sie auf ihre Rechtgläubigkeit. Dafür vermochte von den 
Söhnen der griechischen Kirche im Jahre 1580 in Moskau 
niemand das griechische gedruckte Neue Testament zu lesen ; in 
Wologda wufste der Bischof (Abt?) nicht die Zahl der Evange- 
listen, und als ihm der Engländer den Anfang des Matthäus- 
evangelium zu lesen gab, konnte er nicht erraten, was er für 
einen Text vor sich hätte. Auskunft über die einfachsten 
Glaubensartikel konnte man nicht geben, aufser etwa auf derlei 
Fragen wie : warum Maria Magdalena so verehrt würde, — weil 
sie einst dem, der sie um Christi willen darum bat, umsonst ihre 
Liebe gespendet hätte. Während Wiklef und Hussiten nach 
Gewissensfreiheit rangen und Luther und Calvin die Dogmen 
erschütterten, ängstigten sich russische Kirchenleute über die 
Fragen, ob das >^ Allel ujah« zwei- oder dreimal wiederholt werden 
müsse, ob man bei der Einweihung einer Kirche mit oder gegen 
die Sonne den Gang der Prozession zu richten habe, ob Ospodi 
oder O hospodi zu singen wäre usw. ; ebenso nahm das Nichtscheren 
des Bartes dogmatischen Charakter an. Dafür fanden sich 
Klosteräbte, welche die unverständlichen Namen im Evangelium, 
z. B. Barjona, durch slawische Worte (»sprich von ihnen«) er- 
setzten. Zu Ende des XV. Jahrhunderts war wenigstens der 
Versuch einer Sektenbildung aufgekommen; die ;)Judaisierenden« 



— 26 — 

in Nowgorod, die sogar nach Moskau beim Metropoliten und am 
Zarenhof Eingang fanden, scheinen den Ansatz zu einer rationa- 
listischen Sekte gegeben zu haben, scheinen sogar die Auf- 
erstehung geleu gnet zu haben •, nach gewissem Zögern ermannte 
sich jedoch die Orthodoxie und erdrückte die Bewegung mit 
Gewaltmitteln. Die Richtung, die diese Irrlehre besiegt hatte, 
ging sofort und mit gleichem Erfolge humanen und frommen 
Anschauungen zu Leibe, die Bekehrung der Ketzer mit dem 
Worte , nicht mit dem Schwerte , erwarteten , die von dem in 
seinen Reichtümern erstickenden Mönchstum Armut und Hände- 
arbeit verlangten, die nicht alle Worte der »Schrift« (d. h. der 
gesamten patristischen Litteratur) als gleich verbindlich be- 
trachteten. Aber diese freiere Richtung wurde unterdrückt, und 
wenn es zu keinen Inquisitionstribunalen kam, so lag der Grund 
hiervon nicht in dem Mangel an Ketzerrichtern, sondern an Ketzern. 
Die Unwissenheit war eine totale und stupende. Vergebens 
riefen einzelne Kirchenfürsten nach Schulen ; der Russe fürchtete 
jegliches Wissen, damit er ja nicht zum Ketzer würde. Um der 
steigenden Verwahrlosung der Abschriften ein Ende zu machen, 
errichtete Metropolit Makarij eine Druckerei , aber nach seinem 
Tode überfiel der Pöbel das Teufelswerk , zerstörte und ver- 
brannte es, und die beiden (grofsrussischen) Drucker mufsten 
nach Litauen fliehen : hier spielte freilich auch mit die Furcht der 
Kopisten, dafs ihnen ihr einträgliches Handwerk stillgelegt würde. 
So sperrte sich der Russe gegen das Heidentum, d. i. Europa, 
ab, in seinem Eigendünkel sich für den »Rechtgläubigen« allein 
auf Erden achtend, die Griechen sogar, wegen ihrer Berührung 
mit den Hagarenen, mifstrauisch betrachtend: der Zar wusch 
sich sofort bei der Audienz selbst von der Hand, die der aus- 
ländische Gesandte geküfst hatte, die Berührung des Heiden ab. 
und die russische Kirche galt entweiht , falls ein Lateiner oder 
ein Hund hineingerieten. Das Land selbst war sorgsam behütet ; 
niemand wurde herein-, niemand herausgelassen; gegen fremde 
Bücher verfuhr man nach Omars Grundsatze; der Adelige, der 
Latein erlernen wollte, tat dies unter gröfseren Vorsichtsmafs- 
regeln als eine Verschwörung gegen das Leben des Zaren er- 
fordert hätte. Freiwillig ging überdies kein Russe ins Ausland, 
überzeugt, dafs sein Seelenheil dadurch Schaden nähme; von 
den jungen Leuten dafür, die Boris Godunov an der Wende des 



- 27 — 

Jahrhunderts ins Ausland geschickt hatte, liefs sich keiner wieder 
nach Moskau einfangen. 

Trotz dieses Selbstvertrauens gab es dunkle Punkte. Die 
auf den Buchstabenglauben Eingeschworenen fühlten den Boden 
unter ihnen wanken, weil ja dieser Buchstabe immer unverläfslicher 
wurde, die Schriftverderbnis einrifs: selbst jeglicher Sprach- und 
Textkunde bar, konnte man keinerlei Berichtigung unternehmen. 
Zudem wufste man, wie verbreitet die Apokryphenlitteratur war, 
wie der Dorfpope in seinem Sammelbuch die abergläubischesten 
Gebete und Geschichten, wie Maria Christum um Geld vergebens 
bat, und dergleichen Wunder las und verbreitete. In dieser 
Not wandte man sich an das heilige Athoskloster mit der in- 
ständigen Bitte um einen verläfslichen Bücherübersetzer. Über 
dem slawischen, orthodoxen Balkan selbst lastete jedoch bereits 
dichter Nebel, Serbien und Bulgarien verfielen in den jahrhunderte- 
langen Schlaf; die Athosbrüder schickten daher nur drei Griechen. 
Mit dem einen von ihnen, dem bedeutendsten, Maxim, beginnt 
das Martyrologium der russischen Litteratur. 

Maxim war ein trefflich gebildeter Mann. Schüler griechischer 
und itahenischer Schulen, der Savonarola kannte und ehrte, was 
Ihn nicht hinderte, als echter Grieche alles »Lateinische^, Papst 
wie Luther, gleichmäfsig zu verachten. Er besafs ein theo- 
logisches und philologisches Wissen, wie niemand in Rufsland, 
einen freien und starken Charakter, eifrigen Glauben, glühende 
Liebe zu seinem Griechenland, das nur noch von dem orthodoxen 
Rufsland Befreiung erhoffen konnte, aber die angemafste Selb- 
ständigkeit, Autokephalie der Moskauer Kirche, mit scheelem 
Blicke betrachtete. Für Maxim wurden sein Wissen, Charakter 
und Liebe zum Verderben. 

Anfangs freilich nahm man seine Redaktionstätigkeit mit 
Freuden auf ; da er noch nicht Kirchenslawisch kannte, übersetzte 
er sein Griechisch ins Lateinische für die offiziellen Dolmetscher, 
die Diaken, die dies den Schreibern russisch diktierten. Aber 
bald verdüsterten sich seine Aussichten. Dem Griechen, der sich 
in die Irrgärten des verschrobensten Stiles einlebte , nahm man 
alles übel : dafs er, ohne Umstände zu machen, die heiligen Texte 
veränderte, nach denen doch unsere heiligen Bischöfe ihre Seelen 
gerettet hatten, dafs er daher diese verlästerte; beim Verhör ge- 
stand einer der Schreiber, wie ihn einst Maxim einige unrichtige 



— 28 — 

Zeilen im heiligen Texte einfach ausstreichen liefs, während den 
Schreiber Zittern und Grauen darüber befiel. Es kamen andere 
Gravamina hinzu, dafs er sich Mifsbräuche zu rügen erlaubte, 
dafs er auf seiten jener stand, die den Klosterbesitz unterdrückt 
hätten, dafs er mit verdächtigen Leuten Bekanntschaft pflegte. 
Der besorgte Grieche bat nun um die Erlaubnis, nach dem Athos 
zurückkehren zu dürfen; jetzt wurde der Unschuldige ins Ge- 
fängnis geworfen ; die Patriarchen des Ostens nahmen sich seiner 
an und baten um Freilassung, desto härter nur wurde er ge- 
fesselt; er wandte sich an den Moskauer Metropoliten: »Wir 
küssen deine Fesseln wie die eines Heiligen,« schrieb dieser zu- 
rück, »aber helfen können wir dir nichts.« Erst nach dreifsig- 
jährigem Kerker — Herberstein glaubte, dafs man den Griechen 
ertränkt hatte — wurde die Haft gegen sein Lebensende hin ge- 
mildert; freigelassen konnte er nicht werden, hatte er doch eine 
allzu gründliche Kenntnis Rufslands gewonnen. 

Und doch, im härtesten Kerker schmachtend, repräsentierte 
der Grieche eine moralische Autorität in Rufsland, wie sie nie- 
mand anders besafs, erteilte Auskunft in Gewissenssachen, ver- 
fafste zahlreiche Schriften , polemisierte mit Lateinern , Luthe- 
ranern, Juden, Armeniern, Mohammedanern, Griechen (d. i. ihrer 
heidnischen Weisheit) ; trat gegen den äufserlichen , den Zere- 
monienglauben , auf, der mit jeglicher Schlechtigkeit gepaart 
sein könne, mit Wucher usw.; bekämpfte Aberglauben, verfocht 
die Verbesserung der Texte, die Notwendigkeit von Schulen, 
wobei er sich auf das Beispiel von Paris berief , erläuterte Ge- 
bete usw. Er verschmähte nicht den rhetorischen Schmuck, be- 
diente sich der Allegorie, doch leidet sein Stil an dem harten, 
eckigen, gezwungenen Ausdruck : die starre Sprache enthält sich 
jeglicher Konzession an die lebende Volkssprache, stellt sich zur 
Aufgabe, diese zu »veredeln«, statt sich von ihr selbst läutern 
und beleben zu lassen. 

Seine Gedanken fielen auf fruchtbaren Boden; er fand un- 
bedingte Verehrer, deren einen man ebenfalls im Kloster begrub, 
ein anderer war Fürst Kurbskij ; einzelnes erkannte die gesamte 
Kirche an. Wie wenig jedoch das starrste Festhalten am Alten 
um die Mitte des Jahrhunderts zu durchbrechen war, beweisen 
die 2> Hundert Paragraphen« von 1551 , die auch Mifsbräuche 
sanktionierten, z. B. das Bekreuzigen mit zwei, nicht mit drei 



^ — 29 — 

Fingern; beweisen die Versuche, die ganze altrussische Über- 
lieferung zu sammeln und so die Grundfeste geistlicher Kultur 
für immer zu sichern. Dies unternahm Metropolit Makarius, der 
auf den 11000 Blättern seiner Lesemenäen für das Kirchenjahr 
alle Heiligenleben, Predigten, Schriften der Väter sammeln liefs 
und manches Denkmal hierdurch vor dem Untergange bewahrte; 
auf seine Zeit geht zurück die historische Kompilation des 
»Stufenbuches«, in dem die Chronik der Ereignisse in sehr ge- 
suchter Sprache, mit dem erheuchelten, frömmlerischen Ton, mit 
asketischen Einlagen, zusammengefafst und nach den 17 Ge- 
schlechterstufen, von Wladimir bis Iwan IV. geordnet war; das 
Werk erfreute sich durch ein volles Jahrhundert des gröfsten 
Ansehens, wurde fortgesetzt, gekürzt usw. Historische Ereignisse 
der Zeit fanden auch besondere Darstellung, so z. B. der Fall 
des kasanischen, tatarischen Zartums durch einen Geistlichen, 
der jahrelang in kasanischer Haft gelebt hatte , stellenweise in 
epischem Tone gehalten ; an den der Psalmen mahnt die traurige 
Eintragung über Pskows Fall von 1510 durch einen Augen- 
zeugen, über den Untergang seines »Altertums« und seiner 
Freiheit mit der Apostrophe am Schlüsse: »O herrlichste Stadt, 
grofses Pskow, warum klagst und weinst du?« und es antwortete 
die wunderschöne Stadt Pskow: »Wie soll ich nicht klagen, wie 
soll ich nicht weinen und trauern ob meiner Verwüstung ? Flog 
doch gegen mich heran der vielflügelige Aar, mit den Löwen- 
krallen in seinen Flügeln, und nahm von mir die drei Zedern 
meines Libanon , meine Schönheit , meinen Reichtum , meine Ge- 
schlechter usw.« So wurde altrussische Freiheit für immer zu 
Grabe getragen. Bald fand man sich jedoch ab mit den neuen 
Lebensbedingungen, mit der Gleichförmigkeit Moskauer Joches 
für alle und präzisierte im »Domostroj«, d. i. Ökonom, mit Aus- 
zügen aus patristischer Litteratur, Wesen und Pflichten des Haus- 
herrn : die Handhabung der Peitsche gegen Frau , Kinder und 
Diener; devotes Katzenbuckeln vor den Mächtigen; möglichste 
Vorsicht; weiseste Ökonomie; gröfste Frömmigkeit, nur soll sie 
vor jedermann stets gezeigt werden , sind die Grundprinzipien 
dieses unmoralischen Buches; auch hier wird jedes unschuldigste 
Vergnügen verpönt . in einem Atem werden verdammt : Ge- 
fräfsigkeit, Ehebruch, Zauberei, Wahrsagerei, Jagd mit Hund 
und Vogel , Pferderennen , Tanzen und Hüpfen , Trommeln und 



— 30 — 

Trompeten, Schach- und Damenspiel, alles dies bleibt gleicher- 
raafsen gottverhafstes Werk und Teufelsdienst. Es tut einem 
wirklich leid , mit dieser Kodifikation der Scheinheiligkeit , alles 
nur zum Schein, nur für 's Auge, den Namen eines Adaschew, 
des milden Beraters Iwans IV., und des stolzen , freien , reichen 
Nowgorod verknüpft zu wissen. 

Das charakteristischste Denkmal der Zeit, ein Unikum in 
seiner Art ist die Korrespondenz zwischen Iwan und Kurbskij. 
Als der tüchtige und brave Feldherr im livländischen Krieg 
unterlegen war, floh er vor dem Grimme des Zaren 1564 nach 
Litauen; Iwan forderte ihn zur Rückkehr auf, Kurbskij griff ihn 
wegen seiner Unmenschlichkeit an; dem Überbringer dieses 
Briefes bohrte Iwan beim Lesen mit seinem spitzen Eisenstock 
den Fufs an den Boden. Ironie und Sarkasmen, eine Haupt- 
waffe russischer Litteratur, sprechen aus Iwans Briefen, aus 
seinen mit wütendem Ingrimm zusammengesuchten Bibelzitaten, 
aus den trüben und rauschenden Fluten seiner Beredsamkeit. 
Kurbskijs Antworten sind mafsvoller, verhaltener; die eigentliche 
Abrechnung mit Iwan bietet seine etwas emphatisch, nach dem 
Vorbilde eines Chrysostomus geschriebene »Chronik des Grofs- 
fürstentumes X , von Iwans Jugend bis 1578 reichend , das erste 
pragmatische, tendenziöse und zugleich planmäfsige Werk russi- 
scher Geschichtschreibung, so entfernt von der Planlosigkeit und 
oft nur scheinbaren Objektivität der früheren Chroniken, wie das 
bewegte Leben des Flüchtlings selbst von der Beschaulichkeit 
und Scheinheiligkeit der Mönche-Chronisten. Iwan und Kurbskij 
waren die gebildetsten Männer ihrer ^Zeit; Iwan konnte auch 
evangelischen Pastoren Rede und Antwort stehen; auch aus 
anderen seiner Briefe spricht derselbe gequälte, unruhige, leiden- 
schaftliche Geist, dieselbe ausschliefsliche Kenntnis der Schrift 
und der V^äter, dasselbe Mifstrauen und Höhnen. Auch Kurbskij 
teilt im Grunde diesen Standpunkt, die Gleichgültigkeit oder 
geradezu Abneigung gegen jegliches andere, weltliche Wissen, 
gegen Aristoteles und Piaton; er selbst hat zwar auf seine alten 
Tage noch Latein erlernt, aber nur um desto leichteren Zutritt 
zu erlangen zu den Werken der griechischen Kirchenväter, die 
ja nur die Lateiner jetzt richtig herauszugeben wufsten, und um 
die »bulgarischen Fabeln«, d. h. die Apokryphen, wie das 
Nicodemus-Evangelium von der Höllenfahrt des Herrn und dgl., 



- 31 — 

die die Russenköpfe verwirrten, auszumerzen. Kurbskij ist die 
erste individuelle, protestierende Erscheinung in der Litteratur 
und darum interessant. 

Worauf der Zar und der geächtete Bojar im Grunde sannen, 
das formulierte energisch ein kleinrussischer Mönch auf dem 
Athos, Iwan von Wischnia, in glühender Hingabe an sein Vater- 
land und dessen Pravoslavije, Rechtgläubigkeit, in leidenschaft- 
licher Bekämpfung Roms und seiner Künste; nach ihm hat es 
der Teufel besonders auf die »slawische«, d. i. die Kirchensprache 
abgesehen, weil sie die fruchtbarste und gottgefälligste wäre, 
denn ohne welche heidnische Künstelei, als Grammatik, 
Rhetorik, Dialektik und andere eitle Teufeleien, führe sie durch 
einfaches Lesen geradeswegs zu Gott. Sein Programm der 
Jugendbildung umfafste statt der verlogenen Dialektik das wahr- 
haftige und gottanbetende Brevier, statt schlausinniger Syllogismen 
und wortreicher Rhetorik den gottanbetenden Psalter ; statt 
Philosophie das weinselige und frommweise Liederbuch, und willst 
du auch höfischer Weisheit Schlauheiten erkennen, wer hindert 
dich, Sirach oder Salomonis Sprüche zu lesen: nur zu heidnischen 
Lehrern und zur lateinischen, schlauberedten Lüge begib dich 
nicht, sonst verlierst du den Glauben. Der Verfasser rühmt von 
sich , dafs er nie Anteil hatte an der Kunst rhetorischer Übung 
und dem Gewerbe der Graeco- oder Latino- Weisen, noch irgend 
etwas von den schlaudialektischen Syllogismen erlernt hatte. 

Und unerschütterlich schien gefestet die Autorität der ortho- 
doxen Kirche und für immer gebannt hinter diesen chinesischen 
Mauern das geistige Leben, erstickt durch Barbarei des tiefsten 
Mittelalters , und doch kündeten bereits eine neue Zeit an eben 
diejenigen, an welche der patriotische und demokratische Mönch 
vom fernen Athos seine leidenschaftlichen Briefe richtete. 

Im polnischen und litauischen Rufsland, in Lemberg, Kiev 
und Wilno, lagen nämlich die Verhältnisse ebenso oder im 
Grunde noch schlimmer, weil die Geistlichkeit, zumal die höhere, 
vollkommen zuchtlos war: verrufene Sünder und Mordbuben, 
ergraut in Übeln, ernannte ja des Königs Wille zu Bischöfen, 
und nach dem Kopfe stank der Fisch; der niedere Klerus, ganz 
verbauert, war tief verachtet ; die Lage der orthodoxen Kirche, zumal 
gemessen an dem Glänze und der Bedeutung der polnischen, 
lateinischen, war heillos verfahren. Gerade der Vergleich mit 



— 32 — 

dem Ansehen, Wissen, Macht des polnischen Klerus mufste die 
Orthodoxen reizen, ob nicht durch einen Anschlufs an Rom — 
Unionsgedanken waren hier nie vollständig ausgemerzt worden — 
bessere Bedingungen , ein geistiger Aufschwung , Schulen und 
Lehrer, Hebung der Zucht und des Ansehens, zu erlangen wären. 
Anderseits mufste Rom und sein neues Werkzeug, der Jesuiten- 
orden, von selbst fast zu dem Gedanken gedrängt werden, ob 
nicht gerade diese orthodoxe Kirche in Polen für die Union zu 
gewinnen wäre : sie könnte dann die Brücke abgeben für weitere 
Schritte , für die Utopie , Moskau selbst und Konstantinopel zu 
gewinnen. Die orthodoxe Kirche in Polen-Litauen hatte nicht 
viel Zeit mehr, zu säumen; der massenhafte Abfall des ortho- 
doxen Adels, der Radziwil, Sapieha usw., zum Katholizismus (oder 
Protestantismus) brachte schon schwersten Abbruch. So kam 
man , Jesuiten und orthodoxe Bischöfe , sich auf halbem Wege 
entgegen; die Orthodoxie in Polen, gegen Bewahrung ihrer 
Sprache, Liturgie und Priesterehe, erkannte römisches Papsttum 
und Dogma an. Ihr Schritt fand jedoch keine unbedingte An- 
erkennung ; einzelne Grofse und namentlich das Volk, zumal in 
den Städten, bekämpften ihn auf das entschiedenste, — der 
Kampf mufste jedoch hauptsächlich mit geistigen Waffen geführt 
werden; dazu war Wissen, dazu waren Schulen unerläfslich. 

Die ersten Berührungen mit polnisch-lateinischer Litteratur 
und Schule waren bereits längst vorhergegangen; schon der 
Königshof der Jagellonen (nur der erste Jagellone liebte alles 
Russische: Sprache, bania und Malereien, alle übrigen waren 
polnisch vom Scheitel bis zur Zehe, und nach dem Königshofe 
richteten sich die Magnatensitze), vermittelte und erforderte abend- 
ländische Bildung. Russen und Litauer lernten Latein und 
Polnisch; Übersetzungen aus dem Polnischen beginnen bereits 
seit dem Ende des XV. Jahrhunderts; zuerst sind es wieder 
interessante Apokryphen; das Dreikönigsbuch des Johannes von 
Hildesheim, die Tundalusvision von den Qualen im Fegfeuer, 
obwohl die orthodoxe Kirche kein Fegfeuer kennt, und dgl., 
Heiligenlegenden (Alexius u. a.), asketische Schriften (Dialog 
vom Tode u. a.) fanden Eingang ins Russische; Franz Skorina 
aus Polozk, ein Orthodoxer, der den Katholizismus annehmen 
mufste, nur um studieren zu können, der erste Russe, der sich 
den Doktorgrad der Medizin in Italien holte, druckte in Prag, 



— 33 — 

dann in Wilno bereits 1518 — 1525 Bücher der Heiligen Schrift, 
das Brevier u, a., um den Bedürfnissen seiner Landsleute ent- 
gegenzukommen; die Sprache seiner Texte bequemte sich der 
westrussischen etwas an. Auch die protestantische Propaganda 
wollte sich des Russischen bedienen, aber stellte bald diese Ver- 
suche ein , nach der Herausgabe eines Katechismus u. a. , denn 
die Masse blieb wegen Unkultur und unerschütterhchen Fest- 
haltens an dem Väterglauben ihr unzugänglich , während der 
leicht zu gewmnende Adel nur noch Polnisch las und schrieb. 
Die orthodoxen Brüderschaften, nach abendländischen Mustern 
errichtet zu frommen und mildtätigen Zwecken, in Lemberg und 
Wilno', sowie Konstantin von Ostrog, einer der reichsten und 
mächtigsten Fürsten der Welt, sorgten nun für Schulen, Lehrer, 
Hilfsmittel, und da mit griechisch - slawischen allein nichts aus- 
zurichten war, legten sie auch ihrem Programm das Latein der 
polnischen Schulen und deren gesamten Betrieb zugrunde; so 
erhielt Rulsland nach vollen sechshundert Jahren die ersten An- 
stalten, die den Namen von Schulen, nicht mehr blofser Fibel- 
klassen, verdienten. Der Fürst selbst unterhielt Druckerei (die 
erste slawische Bibel ist vollständig in Ostrog 1581 erschienen; 
ihr Text ist aus altrussischen Beständen geschöpft) und Schulen, 
errichtete Klöster und Kirchen und bestellte bei polnischen Pro- 
testanten, da die Kräfte seiner Russen hierzu noch nicht aus- 
reichten, die polemischen Schriften zur Verteidigung der Ortho- 
doxie gegen Jesuiten und Union , was dann auch ins Russische 
übersetzt wurde. Bald jedoch ergaben seine Schulen trefflichen 
Nachwuchs; es gingen aus ihnen hervor glänzende Polemisten, 
die ersten Grammatiker und Lexikographen. Und ebenso wirkten 
die Schulen der Brüderschaften. Aber die Grundlage ihrer 
Bildung, Polnisch und Latein, entfernte sie völlig vom alt- 
russischen Boden, mit dem sie nur durch die Konfession zu- 
sammenhingen ; sie schrieben mitunter fast ausschliefslich Polnisch, 
so Smotryzki, der glänzendste unter ihnen , Verfasser auch einer 
Grammatik, die noch anderthalb Jahrhunderte die Gesetze 
des Kirchenslawischen normierte; auch ihre russischen Schriften 
sind polnisch gedacht und mit Polonismen so vollgepfropft, dafs 
man cyrillisch (russisch) gedrucktes Polnisch vor sich zu haben 
glaubt. Von Lemberg , Ostrog und Wilno aus verbreitete sich 
diese religiös-kulturelle Bewegung weiter und verpflanzte sich 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 3 



— 34 — 

schliefslich nach Kiev, das aus der jahrhundertealten Verödung 
sich endUch wieder zu erholen begann und berufen war, noch 
einmal im russischen geistigen Leben zu der einstigen führenden 
Stellung sich zu erheben; denn Kiev war es, welches den Ein- 
zug der lateinisch-polnischen Schule und ihrer scholastischen 
Methode nach Moskau selbst vermitteln sollte. 



Zweites Kapitel. 
Das XVIL Jahrhundert. 

Verfrühte Reformbewegung unter Demetrius. Starrheit der Moskauer 
Reaktion. Das russische Schisma. Polnische Einflüsse und Kiever 
Vermittlung. Schulen und Litteratur, die gedruckte und die hand- 
schriftliche. Unmittelbare Einwirkung des Abendlandes. Abschlufs 
des russischen Mittelalters, sein Fazit. 



Zu Anfang des XVIL Jahrhunderts schien es freilich, als 
würde es Kiever Vermittlung gar nicht bedürfen, um abend- 
ländisches Leben, Kunst, Wissen in Moskau einzuführen. Die 
einheimische Dynastie war ausgestorben, der Tatarensprofs Boris 
hatte sich nach Beseitigung des letzten Thronerben (Demetrius) 
zum Zaren wählen und salben lassen, und obwohl er ganz in 
die Spuren der alten Herrscher trat, ebenso fromm tat und ebenso 
rücksichtslos gegen alle »Verdächtigen«; einschritt, sich redlich um 
Rufslands Gedeihen abmühte und, dem Adel zulieb, die Bauern 
mn ihre Freizügigkeit brachte, scheint er die Bedürfnisse der 
neuen Zeit vorausschauend, zu Konzessionen an diese bereiter 
gewesen zu sein. Aber man liefs ihm keine Zeit hierzu; die 
Verschwörung erhob gegen ihn einen vermeintlichen Sohn Iwans, 
jenen Demetrius, den er in Uglic hatte ermorden lassen, und 
durch polnischen und kosakischen Sukkurs wie durch den Zulauf 
der unzufriedenen Bauern gestützt, zog Grischka Otrepjew als 
Zar Dmitrij in Moskau ein. 

Der einstige Zögling Moskauer Klosterschulen hatte in den 
entscheidenden Jahren seiner Jugend in Kiev, Wolynien, geweilt, 
unter religiösen Freidenkern, Arianern sich bewegt, den Glanz 
polnischen Lebens und Sitte auf sich einwirken lassen; dafs er 
in Polen zum Katholizismus übergetreten war, davon wufste man 



— 35 — 

freilich in Moskau nichts; seine eigenhändige Erklärung an den 
Papst ist unlängst aus den vatikanischen Archiven ans Licht 
gekommen. Was ein Jahrhundert nach ihm Peter der Grofse 
erst mit dem Aufgebote eiserner Konsequenz und furchtbarster 
Grausamkeit durchführen sollte, glaubte der leichtsinnige Jüng- 
ling spielend machen zu können. Er wurde gestürzt, — nicht 
wegen seiner unechten Geburt, dies Moment war völlig neben- 
sächlich und ist z. B. von Schiller gegen jegliche Wahrheit in 
den Vordergrund geschoben worden-, auch der allerechteste 
Ruriksprölsling wäre unfehlbar gefallen über — Kalbsbraten, 
Tafelmusik und das Sichnichtabwaschen in der bania vor dem 
Kirchenbesuch. Trotz seiner Eitelkeit war Demetrius wirklich 
wifsbegierig , durstete nach europäischem Wissen, und die ihn 
begleitenden Jesuiten konnten ihm hierin nicht rasch genug 
dienen; er dachte an sofortige Eröffnung hoher Schulen in 
Moskau und sollte er die Schüler (!) fürs erste aus dem Auslande 
holen. In dieser überstürzten Hast nach dem Neuen, die nicht 
mit der nötigen Strenge und Ernst Hand in Hand ging, bereitete 
er sich selbst sein Grab, verletzte die religiösen Gefühle seiner 
Untertanen, die einzigen, die sie hatten, und reizte zu Empörungen, 
die bei seiner Milde und bei seinem Mangel an Voraussicht nur 
zu leichtes Spiel hatten. Der Versuch, Gesittung und Wissen 
des Westens durch die weit geöffneten Tore frei hereinzulassen, 
mufste diesmal mifslingen. Ja, im Gefolge neuer Kämpfe, der 
Bedrohung russischer Selbständigkeit durch die Möglichkeit einer 
polnischen Herrschaft, die erst Anspannung aller Kräfte der 
Nation abwandte, entwickelte sich eine orthodoxe Reaktion, die 
die Nation ganz in die Zeiten des Stoglaw und Domostroj zu- 
rückzuwerfen schien; die aufserordentliche Belebung der Jahre 
1603 — 1613 liefs zwar eine ganze Flut von Schriften und Gegen- 
schriften erscheinen, in denen oft unter den erlogenen Floskeln 
kirchenslawischer Beredsamkeit der Tatbestand möglichst ver- 
dunkelt werden sollte, aber bald schien wieder alles in die alten 
toten Gleise zurückkehren zu sollen. Welche fanatische Un- 
duldsamkeit und Ignoranz jetzt noch immer vorherrschte, bewies 
die Moskauer Synode von 1618. Dem Abte des Dreifaltigkeits- 
klosters, Dionysius, war die »Reinigung« des Textes eines Ritual- 
buches auferlegt worden; nach anderthalbjähriger Arbeit reichte 

er ihn dem stellvertretenden Metropoliten ein ; er hatte auf Grund 

3,= 



— 36 — 

alter Handschriften und griechischer Texte manches berichtigt, 
unter anderm in dem Gebet bei der Wasserweihe einen un- 
sinnigen Zusatz beseitigt: »Erleuchte dieses Wasser mit deinem 
heiligen Geiste« — »und Feuer« warf er weg, weil es im 
griechischen Original und in guten slawischen Texten fehlte. 
Dafür wurde er der Ketzerei für schuldig befunden, mit dem 
Bannfluche belegt , in Hunger und Rauch gehalten , geprügelt ; 
an Feiertagen führte man ihn in Ketten vor den Metropoliten, 
band ihn dann im Hofe an und gab ihn den Verhöhnungen und 
Schlägen des Pöbels preis; erst das energische Eintreten des 
Patriarchen von Jerusalem vor Zar und Patriarch rettete den 
Unglücklichen, den man zugleich auch für andere, allerdings 
ebenso unbegangene Sünden büfsen liefs. 

Natürlich begegnete die Moskauer Orthodoxie auch den 
Kiever Leuten mit gleichem Mifstrauen; als einer von diesen 
seinen neu ausgearbeiteten Katechismus den Moskauern vorlegte, 
bestand er und sein Werk nicht die Prüfung-, er hatte darin 
unter anderm eine Erklärung von Wolken, Gewitter und dgl. 
aufgenommen, was die Moskauer als »hellenische«, heidnische. 
Aristotelische Klügeleien verwarfen; auf seinen ärgerlichen Ein- 
wand, wie denn sonst die Sache zu erklären wäre, verwiesen sie 
ihn auf die Arbeit der auf und ab steigenden Engel. Diese 
Zurückgebliebenheit von Geistlichkeit und Volk sollte sich nun 
— bis heute noch — auf das empfindlichste rächen. 

Noch die letzten Dezennien des Jahrhunderts boten mehrfach 
in Moskau das Abbild von Konstantinopel oder kleinasiatischen 
Städten des IV. Jahrhunderts, wo Tempel und Markt von theo- 
logischen Streitigkeiten widerhallten , das Volk entsetzt aus der 
Kirche strömte, wenn der Patriarch nicht den Beinamen ßeoxoxo? 
anwenden wollte, die Gemüsehändlerinnen statt zu verkaufen über 
Christi doppelte Natur sich in die Haare fielen. Theologische 
Streitigkeiten, bei welchen Worten des Priesters die Trans- 
substantiation von Brot und Wein stattfinde, wann zu läuten sei, 
hielten die Menge in Atem: der Abschlufs einer Bewegung, die 
noch heute Millionen Russen vom Leben der Gesamtnation fern- 
hält, die sogenannten Altgläubigen, Raskolniken (von Raskol- 
Schisma), zugleich die ersten Gegner offiziellen Gewissenzwanges. 

Die brennende Frage der Textverbesserung der ritualen 
Schriften drängte ja zur Lösung; der herrschsüchtige und eigen- 



— 37 — 

willige Patriarch Nikon, der schliefslich in schweren Konflikt mit 
dem Zaren geriet, beharrte bei einer energischen und raschen Aktion. 
Als diese endlich durchgeführt (1653—1657), die Texte nach 
den griechischen Originalen bis in die Rechtschreibung der 
Namen hinein gebessert waren, erhob ein Teil der Geistlichkeit 
und die Masse des Volkes die schärfste Opposition; die an dem 
unveränderten Alten Hängenden erkannten einfach das Siegel 
des Antichristen in der anbefohlenen neuen Schreibung Jisus 
statt der alten Isus, in Nikolaj statt Nikola, in Paraskeva statt 
Praskovia; mit Greuel erfüllten sie die Wappenbilder und 
Dedikationen vor den Büchern selbst; mit Schrecken die rück- 
sichtslose Verfolgung der Leute , die sich mit zwei und nicht, 
wie Nikon »nach der Ketzerei des Papstes Formosus« verlangte, 
mit drei Fingern bekreuzigten; die Einführung des neuen 
melodischen Kiever Gesanges entweihte ihnen die Kirchen. Mit 
etwas Nachgiebigkeit und Rücksicht hätte sich der Streit bei- 
legen lassen, doch sind dies in dem autokratischen Rufsland und 
bei seiner einzigen Weisheit: byt' po siemu = so geschehe es, 
unbekannte Sachen; so kam es denn zur Katastrophe. 

Der bedeutendste unter den Widersachern der Nikonischen 
Reform war der Protopope Awakum, der uns selbst über sein 
Leben berichtet, sonst vertrat er in über dreifsig Bittschriften 
und dgl. seinen Standpunkt, Es ist das erste körnige und saftige 
Grofsrussisch, das man zu lesen bekommt, stellenweise von aufser- 
ordentlicher Derbheit; mit unerbittlichem Grimme verfolgte er 
den Patriarchen und dessen Werk. Was er dafür erduldet, 
Hunger, Peitschen, jahrelanges Gefängnis, die Qualen in Sibirien, 
hätte den eisernsten Organismus mürbe gemacht ; er ging un- 
erschüttert aus diesen unglaublichen Martern heraus und blieb 
so bis zu Ende, bis man ihm seine Frau und Kinder lebendig 
verscharrte und ihn selbst lebendig verbrannte: noch am Feuer- 
pfahl bekreuzigte er sich mit zwei Fingern und trotzte so seinen 
Gegnern. Denn die offizielle Kirche verfuhr unbarmherzig mit 
den Altgläubigen, die bei den alten Büchern und Formen ver- 
bleiben wollten: Hängen, Abschneiden der Gliedmafsen, Heraus- 
reifsen der Zunge, Lebendigverbrennen waren die erprobten 
Mittel des offiziellen Bekehrungseifers ; wozu nach Persien gehen, 
um die Märtyrerkrone zu erlangen, spottete Awakum, bekreuzige 
dich nur in Moskau mit zwei Fingern, gleich wird dir das 



— 38 - 

Himmelreich offen werden. Und der Erfolg dieses Mordens und 
Brennens? Dafs heute noch Millionen Russen aufserhalb der 
offiziellen Kirche und des nationalen Lebens stehen, dafs sie von 
den einfachsten Grundlagen des Glaubens aus schliefslich auf die 
wildesten Abwege sektiererischen Treibens geraten sind, in einer 
Unzahl von Meinungen sich auflösten, bis zur Kastration der 
Skopzen und den Manien der Duchoborzen ; es ist mit die Blüte 
des russischen Volkes, seine ernstesten, gesetztesten Leute, die 
nun durch die fanatische Unduldsamkeit der Kirche in ihren 
Fanatismus hineingehetzt worden sind, der sich sogar in zahl- 
losen Selbstverbrennungen (um der Berührung oder Gemeinschaft 
des Antichristen zu entgehen) äufserte ; Vorteil zogen nur Geist- 
lichkeit und Beamte, für welche das Rubrum Raskol die stets 
milchende Kuh darstellte. 

Der entschiedenste Verfolger der Raskolniken war der vor- 
letzte Moskauer Patriarch Joakim (1674 — 1690), im Grunde selbst 
der schlimmste Raskolnik, ein Monstrum von Unwissenheit und 
Fanatismus, in dem sich zum letzten Male altrussische Vorein- 
genommenheit gegen alles Humane und Verständige verkörperte. 
Nicht wollte er sich an den Tisch setzen, an dem ein Anders- 
gläubiger (der zarische General Gordon) safs; als er erkrankte 
gestattete er Ärzten (Ausländern, Russen gab es noch lange 
nicht) nicht einmal den Zutritt; in seinem Testament beschwor 
er Peter den Grofsen , dafs er keine Gemeinschaft der Recht- 
gläubigen mit den von der Kirche verdammten Lateinern, 
Lutheranern, Kalvinern und Tataren gestatte, als mit den 
Feinden Gottes und Verächtern der Kirche, dafs er die aus- 
ländischen Trachten verbiete. Das Scheren des Bartes mache 
das gottähnliche Antlitz des Menschen zur Affenmaske, meinte 
der Russe, und die ausgeschnittenen Kleider, d. h. die Bein- 
kleider, unverhüllt zu tragen, schien ihm Gipfel der Unsittlich- 
keit. In Joakim wie in seinem Nachfolger Adrian verkörperte 
sich noch einmal das russische finstere, abergläubische, un- 
wissende, unduldsame, fanatische Mittelalter, das sich, im Gegen- 
satze zu Europa, bis zum Jahre 1700 hinzieht; als Adrian 1700 
gestorben war, liefs Peter der Grofse das Patriarchat nie wieder 
besetzen; in Petersburg war mit einem solchen nichts anzu- 
fangen, in Moskau wäre es unwillkürlich Mittelpunkt der Oppo- 
sition gegen die neue Ordnung, falls die Folterkammer solches 



— 39 — 

gestattete, geworden; erst nach über zweihundert Jahren (1905) 
sollte die russische Geistlichkeit, der eingeschüchtertste aller 
Stände, die Wahl eines neuen Patriarchen ernstlich verlangen. 
Zum Unterschiede von den vorausgegangenen Jahrhunderten war 
jedoch die einseitig - orthodoxe , kindisch-unvernünftige , dumm- 
dreiste Auffassung der Welt und ihres Laufes im XVII. Jahr- 
hundert nicht mehr die einzige; ihre chinesische Mauer begann 
bereits die ersten Lücken aufzuweisen; langsam gewann der 
Russe den ersten Einblick in fremdes, höheres, nicht ausschliefs- 
lich asketisch-theologisches Geistesleben ; lernte andere Menschen 
und Sitten kennen, fand sie besser, ahmte sie sogar nach zum 
Entsetzen der eingefleischten Reaktionäre, denen sogar die 
Griechen und Kleinrussen nicht verläfslich, nicht rein genug er- 
schienen. 

Es war jedenfalls leichter gefallen, die polnische Besatzung 
aus dem Kreml, wo sie nach dem Verzehren aller Ratten und 
Leichname auch die griechischen Handschriften zu Brei zerkochte 
und aufafs, als den polnischen Geist aus Rufsland zu vertreiben. 
Aus unmittelbarer Anschauung lernten Russen polnische Sitten 
imd Bildung kennen und schätzen ; mit jedem Dezennium steigerte 
sich der polnische Einflufs in den weltlichen Kreisen, am Hofe 
und beim Adel, und erreichte seinen Höhepunkt unter Zar Fedor. 
Als dieser noch Kronprinz war, weihte ein Kiever seinem Vater, 
Zar Alexej, ein Buch in polnischer Sprache mit der Begründung: 
Ach. gab das Buch polnisch heraus, weil ich weifs, dafs der Zare- 
wig Bücher nicht nur in unserer angeborenen, sondern auch in 
polnischer Sprache liest . . . auch der Senat Eurer Majestät ver- 
schmäht nicht diese Sprache, sondern sie lesen polnische Bücher 
und Historien mit Genufs.« Die Zarin, Fedors Frau, war die 
Tochter eines polnischen Edelmannes aus Smolensk; wir lesen 
von ihr: Sie hätte vieles Gute Moskau gebracht, zuerst über- 
redete sie die Leute, abzulegen die häfslichen weibischen, weiten 
Gewänder, welche der zarische Tyrann ihnen zur Strafe für feige 
Flucht aus dem Heere aufgenötigt hatte, — ein märchenhaftes 
Motiv, in vieler Völker Tradition bekannt, begründete die alt- 
russische orientalische Tracht: dann die Haare und den Bart zu 
scheren, — das hatte schon der Vater Iwans IV. seiner Polin zu- 
liebe getan, aber damals keinen Nachahmer gefunden; dann 
Säbel an der Seite zu führen; polnische Oberröcke, Kontusch, 



— 40 — 

zu tragen und was noch mehr ; man begann , polnische und 
lateinische Schulen in Moskau zu errichten-, die einen lobten dies, 
andere meinten tadelnd : bald werden sie schon polnischen Glauben 
und Streit in Moskau einführen. Persönlichen Einflufs übten 
sogar angesehene polnische Gefangene, die jahrelang zurück- 
gehalten wurden, wie der Schriftsteller und Wojewode Paul 
Potozki u. a. Besonders die Regentin Sophia und ihr Günstling, 
der hochgebildete Fürst Golizin, waren für polnisches Wesen zu- 
gänglich. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts zeichnete sich 
demgemäfs auch durch eine förmliche Invasion polnischer Bücher 
aus, die im Original verbreitet oder übersetzt wurden. 

Wer allerdings in den russischen Bibliographien diese Spuren 
aufsuchen wollte, würde sich arg enttäuscht finden. Während 
des ganzen XVII. Jahrhunderts ist nämlich das Druckwerk aus- 
schliefslich noch Sache der Geistlichkeit; Moskau hat eine ein- 
zige Presse auf dem Hofe des Patriarchen, und hier werden nur 
die religiösen Bücher in der strengsten Kirchensprache gedruckt, 
alles Weltliche ist vollständig ausgeschlossen. Doch wir befinden 
uns im Mittelalter; die handschriftliche Litteratur geht neben der 
gedruckten, als wäre der Druck noch nicht erfunden, einher (die 
Zahl der Leser war eben noch sehr gering), und aus ihr er- 
fahren wir, was beliebt war. Wir erfahren übrigens davon auch 
aus anderen Quellen : die herrliche Nachdichtung des ganzen 
Psalters des Polen Kochanowski war in Moskau auch bei Leuten, 
die Polnisch nicht recht verstanden, so beliebt, dafs Simeon 
Polockij, der Hof dichter des Zaren, 1674 eine eigene Umdichtung 
unternahm, um den polnischen Text zu verdrängen. 

Zuerst ergänzte sich die Belletristik aus dem Polnischen. 
Sie war bisher äufserst spärlich vertreten : zu dem alten Be- 
stände des geistlichen Romans, einiger klassischer Romane und 
Sagen , Alexandreis usw. , Fabeln , einiger orientalischer Stoffe : 
die Rätsel des Kaufmanns Bassarga mit dem Schlufs ä la Semi- 
ramis und Ninus, des Schemiakar Gericht u. a. , waren im 
sechzehnten Jahrhundert durch südsla wisch- weifsrussische Ver- 
mittlung aus der Lombardei herübergekommen die Sage vom 
Königssohn Bov, die ein Lieblingsbuch des russischen Volkes 
geworden ist, Buovo d'Ancona, aus den karolingischen Chansons 
de geste, während »Tristamc keinen rechten Anklang fand. 
Jetzt ergossen sich die alten Volksbücher in der polnischen Re- 



— 41 — 

daktion über Rufsland; manches von ihnen ist aus dem Böhmi- 
schen übersetzt: »Die schöne Magellone und ihr treuer Ritter«., 
»Das Schlangenweib Melusine« , »Kaiser Otto und seine un- 
schuldige Frau« ^ »Die sieben Meister«, »Der Römer Taten«, eine 
Sammlung von orientalischen und mittelalterlichen Sagen und 
Anekdoten, mitunter recht unerbaulichen Inhalts, stets mit er- 
baulicher, allegorischer Erklärung; Facetien, Auswahl aus einer 
polnischen Sammlung; nur der gerade in Polen äufserst beliebte 
»Eulenspiegel« fand keinen Abnehmer, offenbar stiefs der städtisch- 
bäurische Stoff ab. Mit diesen Vorläufern des Romans machte 
somit Rufsland zu einer Zeit Bekanntschaft, als in Europa längst 
eine höhere Stufe des Romans erreicht war. Für eigentliche 
Poesie war man noch völlig unempfänglich, man wählte lehr- 
haftes, übersetzte die langweiligen Fabeln des Paprozki aus dem 
Dialogus Creaturarum; die ethischen Sprüche des Zabcic; die 
Apoftegmen, Anekdoten meist aus dem klassischen Altertum des 
Budny usw. Man scheute durchaus nicht die katholische As- 
ketik, so übersetzte man mit Kürzungen den riesigen »Grofsen 
Spiegel der Beispiele« , meist Wundergeschichten u. dgl. , noch 
aus dem Mittelalter nach der Redaktion des polnischen Jesuiten; 
des Thomas a Kempis Nachahmung Christi ; Schriften der Jesuiten 
Bellarmin und Drechsel; Allegorien, des h. Augustin und des 
Papstes Innocenz III. usw., bis zu einfachen Gebeten herab. 

Man verlangte auch kräftigere Kost; namentlich war histo- 
rische Litteratur angesehen; so las man die Weltchronik des 
Bielski, die litauische des Stryjkowski , Boters Relationen und 
anderes der Art; man interessierte sich für politische Schriften 
und übersetzte die Ökonomik des Aristoteles in der polnischen 
erweiterten Fassung und des Modrzewski Bücher über die Staats- 
reform : polnische Reisebeschreibungen nach dem gelobten Lande, 
des Starowolski Beschreibung der türkischen Ordnungen waren 
sehr beliebt. Man übersetzte Kalender, medizinische Werke, die 
alten Kräuterbücher, die physiologischen und fabelhaften »Pro- 
bleme« des Aristoteles, das Buch des E. Sixt über Warmquellen 
usw., mathematische und grammatische. Und daneben übersetzte 
man auch mancherlei aus dem Lateinischen, sogar aus dem 
Holländischen direkt, z. B. die grofse mittelalterliche Predigt- 
sammlung des Ungarn Meffreth, auf Wunsch des Zaren Alexej, 
aber daneben die treffliche Selenographie des in Polen wirkenden 



— 42 — 

Astronomen Hevelius u. a. Altes und Modernes, Wissen und 
Fabeln , von grundgelehrten Werken an bis zu Schwänken des 
Boccaccio oder zu einfachen Traumbüchern Daniels, gliederten 
sich zu einem geistigen Repertoir zusammen, wie es das frühere 
Rufsland in gleichem Umfang und Mannigfaltigkeit auch nicht 
geahnt hätte; zum ersten Male hörte die Schrift auf, nur in den 
Dienst der Kirche und der Askese gestellt zu werden. Scheute 
sich der Russe in fi"üheren Jahrhunderten, auf ein beschriebenes 
Stückchen Pergament zu treten, weil der Inhalt gewifs ein 
heiliger war, so emanzipierte sich jetzt zum ersten Male die ge- 
schriebene, nicht die gedruckte Litteratur von diesem Gängelbande 
der Kirche. 

Die Kirche selbst hatte hierzu Hand geboten, freilich nicht 
die Kirche der Patriarchen Joachim und Adrian. Und auch diese 
Bewegung führte direkt auf Polen zurück. Dort war die 
orthodoxe Kirche in ihrem Kampfe gegen die ihr aufgedrungene 
Union gezwungen worden, durch Unterricht und Schule den 
bisherigen Zustand geistiger Unmündigkeit, in dem sie nicht 
einmal über den eigenen Glauben Auskunft zu geben vermochte, 
zu überwinden. Alle russischen Schulen überflügelte bald das 
von dem Kiever Metropoliten Mohila, einem Walachen, der ganz 
polonisiert war, nach dem Muster polnischer Kollegien aus einer 
Klosterschule erweiterte Collegium Mohileanum. Der Lehrgang 
des Kollegs war etwa dem jesuitischer Schulen angepafst; Latein 
mit Poetik und Rhetorik, scholastische Philosophie mit der 
Krönung des Studiums durch theologische Kurse waren die Lehr- 
gegenstände; man ahmte nicht nur zur Verherrlichung aller 
Gönner und Feiern panegyrische Verse und Prunkreden nach, 
sondern sogar die jesuitischen Schuldramen, obwohl man sie mit 
gröfserer Ausschliefslichkeit auf Themen der Schrift, Weihnachts- 
drama u. dgl. beschränkte. An der Schule wirkten und aus ihr gingen 
hervor alle Theologen, d. i, zugleich auch Schriftsteller überhaupt 
des westlichen Rufslands, die bald in Moskau selbst tonangebend 
werden sollten. Wissen und Methode waren die mittelalterlichen, 
lateinisch-scholastischen; sie pflegten mit Vorliebe die Predigt, 
nicht das einfache erbauliche Wort, sondern die gesuchte alle- 
gorische Deutung, die die entlegensten Stoffe, aus der alten Ge- 
schichte, aus fabelhafter Naturkunde, herausklaubte, um durch 
etwas Neues zu blenden, die überraschendsten Deutungen zu 



— 43 - 

geben, den Hörer durch die gesuchtesten Zusammenstellungen 
zu reizen. Namentlich die jüngere Generation kannte und las 
mit Vorliebe Klassiker, schrieb Lateinisch , druckte Pohiisch und 
Russisch; sie gehört beiden Litteraturen an. 

Diese westrussische Bildung, das neue Kiever Treiben war 
Moskau durchaus nicht entgangen; aber man betrachtete es an- 
fangs mit steigendem Mifstrauen, man sah in diesem Latein, 
Rhetorik und Scholastik nur die Abtrünnigkeit von der wahren 
Orthodoxie ; man sprach diese Leuten ab , die womöglich nur 
durch blofses Begiefsen (Besprengen) , nicht durch Eintauchen 
getauft worden waren, — mafste man sich sogar in Moskau an, 
die so Getauften, als wären es Heiden , noch einmal zu taufen ! 
Und doch war es schliefslich ganz unmöglich, ohne die Hilfe der 
»Begossenen«, der »Tscherkessen«, — so nannte man die Klein- 
russen nach einer Dnieprburg, die einfachste Neueinrichtung in 
Moskau durchzuführen. 

Griechische Flüchtlinge und almosenerbettelnde Sendboten 
der orientalischen Patriarchen öffneten den Russen die Augen 
über ihr unglaubliches Zurückgebliebensein. Diese Griechen 
merkten den Unterschied zwischen Kiev und Moskau am eigenen 
Leibe; in Kiev fühlten sie sich frei, in Moskau wie in einem 
Käfig ; man beobachtete sie durchs Schlüsselloch sogar; auf der 
Ukraine , unter Kosaken , suchte man mit Vorliebe die Schulen 
auf, in Moskau gab es keine. L'nd immer dringender ertönte 
der Ruf dieser Griechen nach Schulen. Als man sich endlich in 
Moskau dazu entschlofs, als die Reform der Kirchenbücher immer 
dringender wurde, gab es aufser den Kleinrussen niemanden, 
der die Schulen leiten, der die Texte für die Druckerei zurecht- 
legen konnte; und seit der Mitte des Jahrhunderts beginnt der 
mächtige Exodus der Kiever Gelehrten nach Moskau. Mochte 
ihr Wissen dem Abendländer einseitig und veraltet erscheinen, 
gegen die Moskauer Unwissenheit gehalten, bedeutete es die 
endliche Befreiung des Geistes vom blofsen Buchstabenglauben, 
arbeitete es zum ersten Male mit logischen Kategorien, verfügte 
über eine reiche Litteraturkenntnis , verpflanzte die polnisch- 
lateinischen Muster nach Moskau. 

Das geistige Leben und die Litteratur der zweiten Hälfte 
des Jahrhunderts ist wesentlich durch sie bestimmt. Die hervor- 
ragendsten unter ihnen waren ein E. Slawinezkij, der allerdings 



— 44 — 

persönlich weniger hervortrat, sich im Hintergrunde der Schule 
und der Druckerei, als eigentlicher Revisor der ritualen 
Texte , still und bescheiden barg ; besonders jedoch ein Simeon 
Polozkij, der, zugleich ein gewandter Höfling, sich gegen alle 
Anfeindungen in einer Art Vertrauensstellung bei Zar Alexej, 
Fedor, dessen Lehrer er war, und bei der Regentin Sophia bis 
an seinen Tod zu behaupten wuIste. Polozkij ist der erste 
russische Dichter, Hofdichter und religiöser Dichter zugleich; 
seine Verse lehnen sich in ihrem rhythmischen Bau an polnische, 
d. i, einer rh3^thmisch ganz anders gebauten Sprache, an und 
versündigen sich gegen die i-ussische; es sind die sogenannten 
syllabischen , weil im Grunde statt jeglichen Rhythmus nur die 
Silben gezählt und ganz ungenaue Reime, meist blofse gram- 
matische, beobachtet wurden ; — diese ungeheuerlichen, hölzernen, 
mifstönenden Verse behaupteten sich bis in die dreifsiger und 
vierziger Jahre des XVIII. Jahrhunderts. 

Ethisch der bedeutendste war unter ihnen ein milder Christ, 
der fromme und heilige Demetrius, nachher Bischof von Rostow, 
ein beharrlicher Arbeiter, der sich besonders um die erbauliche 
Litteratur durch seine Menäen, Heiligenleben, zum Teil nach den 
Heiligenleben des berühmten polnischen Jesuiten Skarga, die 
förmlich zu einem Volksbuch werden konnten, durch seine 
Predigten, durch seine Sorge um die Schule in seinem Rostow 
um Rulsland verdient gemacht hat ; er polemisierte, aber schrift- 
lich, gegen den Raskol. Ein anderer Kiever, Gisel, verfafste 
eine russische Chronik, die trotz ihrer harten, streng kirchen- 
slawischen Sprache und anderer erheblicher Mängel ein volles 
Jahrhundert unverdiente Autorität genofs. Andere halfen, ohne 
ihr geliebtes Ukraine zu verlassen , durch ihre Werke die erste 
Litteratur, mochte sie auch noch so einseitig sein , schaffen , der 
Prediger Radivil owskij , der Polemist (in theologischen Sachen 
natürlich) Galatowskij, der Dichter Erzbischof Baranovic, welcher 
alles Unmögliche, Legenden, dogmatische Streitigkeiten, Asketika, 
bis in sein neunzigstes Lebensjahr beharrlich reimte; diese Metro- 
manie übertraf nur ein anderer Metropolit, Maksimovic, der in 
25000 der holperigsten Verse das Lob Mariens aussang. 

Die Bevorzugung der Kiever wurde in Moskau mit scheelen 
Augen angesehen. Die Altgläubigen waren geschworene Feinde 
derjenigen, in denen sie nur Abtrünnige witterten; aber auch 



- 45 — 

im Patriarchat war man ihnen gram. Man verargte ihnen die 
kirchlichen Selbständigkeitsgelüste (für ihr Kiev); man ver- 
dächtigte sie lateinischer Neigungen; man beschuldigte sie der 
Irrlehre^ so über das Eintreten der Transsubstantiation, wobei die 
Kiever einfach an einem älteren Standpunkte der Orthodoxie 
festhielten. An Simeon Polozkij wagte man sich zwar nicht 
heran , so fest stand er in der zarischen Gunst , aber an seinem 
ergebenen Schüler Miedviedew, dem ersten grofsrussischen Ge- 
lehrten, wenn auch nur Kiever Schlages, kühlte man das 
Mütchen; sein Wissen, seine Anhänglichkeit an seinen Lehrer, 
den er in seinen Gedichten nachahmte, auch plünderte, mufste 
er auf dem Schafott büfsen; angebliche politische Vergehen 
mufsten herhalten, um den persönlichen und glaubensfanatischen 
Groll auch wegen der Lehre von der Transsubstantiation zu 
verbergen. Nach der Exekution schien die Kiever Richtung 
unterdrückt zu sein; in bewufstem Gegensatze zu ihr und ihren 
lateinischen Anlehnungen suchte man in Moskau griechisch- 
slawische Schulen ins Leben zu rufen, unter der Mithilfe der 
Griechen Lichudes; da das Experiment mifslang, kehrte man zu 
dem lateinischslawischen Schultypus der Kiever zurück. Peter 
der Grofse, dem man die Hinrichtung des Miedviedew entlockt 
hatte, stützte sich gerade auf die Kiever, wählte aus ihnen seine 
Werkzeuge im Kampfe mit dem Raskol , mit dem Aberglauben 
und mit den theokratischen Gelüsten der Moskauer Geistlich- 
keit, gebrauchte gerade die Kiever, um die orthodoxe Kirche 
im Staate zu einem blofsen polizeilichen Organ herabzudrücken, 
als das sie noch heute funktioniert, ohne eigenes Leben, Ansehen 
und Bedeutung. 

Nicht nur Leben und Kirche, Litteratur und Gedanke, sogar 
die Sprache selbst wurde durch die Übersetzungen und durch 
die Kiever zum ersten Male von einer fremden Welle nachhaltiger 
getroffen. Bisher war von Verkehr und Leben die Schriftsprache 
unberührt geblieben; man sprach den grofsrussischen Dialekt 
unter sich , vor Gericht , in den Räumen des Gesandtenamtes, 
einer Art Ministerium des Aufseren , wo die Instruktionen für 
die Gesandten ausgearbeitet und ihre Berichte entgegengenommen 
wurden; aber man schrieb nur das Kirchenslawische und sprach 
es, der Tradition folgend, nach der kleinrussischen Aussprache 
aus, h für g usw. Die Unterschiede zwischen beiden Sprachen 



— 46 — 

waren so erheblich , dafs z. B. schon 1683 Fursow den Psalter 
wenigstens aus dem Kirchenslawischen ins Grofsrussische des 
gemeinen Nutzens wegen übersetzte, doch verbot der Patriarch 
die Drucklegung, und noch heute besitzt der Russe die heiligen 
Schriften nicht in seiner Sprache, aufser den verbotenen, im Aus- 
lande hergestellten Texten, sondern in der fremden, kirchen- 
slawischen, die ihm allerdings nur als veraltete, nicht als fremde 
erscheint, so sehr hat die jahrhundertelange Übung das Ohr des 
Volkes umgemodelt. Die Unterschiede können mitunter be- 
deutender werden, so lautet z. B. der Titel von Quo Vadis, dem 
bekannten Roman von Sienkiewicz, in der Übersetzung Kamo 
griadesi, russisch mufste er Kuda idios heifsen usw.; die noch 
aus dem XVI. Jahrhundert stammenden Versuche, dem Volke 
die heiligen Schriften mundgerecht zu machen, handschriftliche 
kleinrussische, gedruckte eines Skorina, eines Protestanten Tia- 
pinskij fürs Weifsrussische usw., blieben erfolglos. 

Dieser Zwiespalt der Sprachen durchdringt die ganze alte Litte- 
ratur, und die Schwankungen sind mitunter ganz erheblich, so ist 
die Synopsis des Gisel in einem exklusiveren Kirchenslawisch ge- 
schrieben, als die sechs Jahrhunderte ältere Kiever Chronik. Die 
bisherige Übung blieb bestehen, und so gab es im Grunde zwei 
Sprachen, die geschriebene und die gesprochene. In diese Schrift- 
und Umgangssprache drang nun das Polnische ein und hat, trotz- 
dem die polnischen Einflüsse bald anderen, höheren, weichen 
mufsten, bis heutzutage einen tiefen Einschlag im Russischen 
hinterlassen. Namentlich ist es die Terminologie für das Stände- 
wesen, Bürger, Wappen und dgl., für Heer, Rang und Waffen, 
für Grammatik und Philosophie, für Gegenstände feinerer Kultur 
von Prunkgemächern an bis zu Benennungen des täglichen 
Bedarfes an Kleidung und Nahrung , Höflichkeitsphrasen sogar, 
in denen das polnische Element, oft für den Russen selbst un- 
kenntlich, seit dem XVII. Jahrhundert fortbesteht; sogar die 
den Ausländer so befremdenden lateinischen Lehnworte des 
Russischen, spina, luna u. a., sind durch polnische Vermittlung 
herübergekommen und ebenso sind viele deutsche, z. B. tiurma 
= Gefängnis, d. i. Turm, puszka =^ Kanone, d. i. Büchse, erst 
über Polen und Litauen, polnisch turma, puszka, nach Moskau 
gewandert; mochten namentlich die Kiever sich noch so sehr 
abmühen, sie entschlugen sich nie völlig des in ihrer Heimat 



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gewohnten Polnischen. Erst das XVIII. Jahrhundert beseitigte 
langsam manche polnische Worte, die noch in der Korrespondenz 
Peter des Grofsen sich bemerkbar machen, wie es den polnischen 
Einflufs selbst längst überwunden hatte. 

Denn noch ein drittes Moment ist heranzuziehen, der Ein- 
flufs des Abendlandes, wie er in Moskau ohne jede polnische 
Vermittlung auftrat. Er konzentrierte sich in der Sloboda (dem 
Freidorf) bei Moskau, das zu Ende des XVII. Jahrhunderts aus- 
zog, um die Hauptstadt sich zu unterwerfen; in den fremd- 
ländischen Regimentern der Zaren. Schon 1472 hatten ja Abend- 
länder russischen Boden betreten; ihr Zuzug hörte im XVI. Jahr- 
hundert niemals vollständig auf; gefördert wurde er durch die 
Notwendigkeit fremder Soldaten und Offiziere, wie General Gordon 
z. B. oder der aus Peters Jugendgeschichte bekannte Schweizer 
Lefort u. a. Sie hausten in der Sloboda, die dem Rechtgläubigen 
ein Greuel war; hier fand sich auch der so wenig beaufsichtigte 
Peter frühe ein und hier lernte er die abendländische Art 
schätzen, die russische verachten; wie bitter verspottete z. B. 
Peter die russische Geistlichkeit, was für Parodien erlaubte er 
sich, allerdings in engstem Kreise, über die dem Russen heiligsten 
Sachen. 

Natürlich trat im XVII. Jahrhundert die Sloboda noch nicht 
in der Litteratur auf, abgesehen von fremdsprachlichen Erzeug- 
nissen, wie z. B. das interessante Tagebuch Gordons, und doch 
nimmt sie bereits hier und da Stellung. So verdankt man ihr 
das erste russische Theater. Seitdem die ersten russischen Send- 
boten, z. B. jene beiden Susdaler 1438, nach Europa geschickt 
wurden, hatten sie Aufführungen von Mysterien, später z. B. in 
Warschau, von Opern, Komödien, Dramen beigewohnt und 
schwelgten in der Erinnerung an das Gesehene; doch dabei 
verblieb es. Zwar hätte der falsche Demetrius, wie anderen 
Mummenschanz, auch das Theater eingeführt, aber man stülpte 
nur seinem Leichnam italienische Masken auf; Vermummungen 
waren dem Orthodoxen ein Greuel. Sein Gottesdienst bot zwar 
einigen Ansatz zur Mysterienbildung (die Einfahrt zu Esel am 
Palmsonntag u. a.), aber bei der Unbeweglichkeit der orthodoxen 
Kirche war jegliche weitere Entwicklung unmöglich. Erst das 
Kiever Schuldrama brach das Eis, doch Zar Alexej verlangte 
eine regelmäfsige Komödie, von professionellen Spielern. Zum 



— 48 — 

Glück für ihn haben byzantinische Kaiser Zirkusspielen bei- 
gewohnt, es war somit ein orthodoxes Präzedens geschaffen, und 
so konnte man daran denken, sich Schauspieler aus dem Aus- 
lande kommen zu lassen. 1672 warb Oberst von Staden in Riga 
die Truppe des Paulsen an, doch kam die Sache nicht zustande, 
und man begnügte sich schliefslich damit, den protestantischen 
Pastor der Sloboda, Gregori, zuerst Deutsche, dann Russen zum 
Agieren von Komödien einüben zu lassen. Die Hauptstützen des 
Gregorischen Repertoires waren deshalb geistliche Stücke : Judith 
und Esther, neben Singspielen und Balletten; eine gleichzeitige 
Notiz besagt: 1674 war bei S. M. im Dorf Preobrazensko Komödie 
und erlustigten S. M. Ausländer, wie die Kaiserin Alaferra (!) 
dem Kaiser den Kopf abschlug; die Dramen sind in Prosa, in 
fünf Aufzügen, mit einzelnen Arien. Nach Gregori trat ein 
anderer Theaterleiter auf, der Pole Cyzynski, doch ist von seinem 
Repertoir nichts Näheres bekannt. Der Tod des Zaren verhinderte 
eine weitere Ausbildung dieses Beginnens. 

So bekämpfte sich Altes und Neues; bald wurden scharfe 
Verbote erlassen, z. B. der polnischen Tracht, bald wurde befohlen, 
nur in kurzer polnischer Tracht auf dem Hofe zu erscheinen; 
dieses Schwanken ist für die Zeit bezeichnend. 1649 wird durch 
Bemühungen des Rtiscev die Klosterschule in Moskau gegründet, 
mit Kiever Mönchen besetzt, aber 1650 schreibt einer ihrer 
Schüler : aus Furcht vor Rtiscev täusche ich ihn , aber in Zu- 
kunft will ich auf keinen Fall lernen, wer Latein erlernt, wird 
den Heilsweg verfehlen usw. Die Zahl derjenigen, denen die 
Schuppen von den Augen fielen, wuchs jedoch zusehends ; nament- 
lich trafen sich unter den Grofswürdenträgern einzelne von höherer 
Bildung, so RtiScev , Ordin-Naszokin, der seinen Sohn von 
polnischen Lehrern unterweisen liefs , A. Matviejev , Förderer 
auch der theatralischen Neigungen des Zaren, Golizin. Andere 
wagten sogar, freilich von dem sicheren Boden des Auslandes 
aus, schon die Wahrheit über Rufsland zu bekennen. G. Voto- 
schichin, Diak, Schreiber, schon einmal ausgepeitscht, weil er 
bei dem Titel des Zaren ein Wort übergangen hatte, mufste bei 
einem neuen Vergehen noch Schlimmeres befürchten, und floh 
lieber gleich ganz, über Polen nach Schweden, wo ihn das Schicksal 
doch erreichte: er wurde wegen eines Totschlages hingerichtet. 
In Stockholm verfafste er eine Schrift über Rufsland, wie zur 



— 49 — 

Instruktion des Auslandes, in dreizehn Kapiteln über alles ^ Hof, 
Gericht, Heer usw., bis zum Privatleben handelnd. Vor Koto- 
schichin gab es nur ungezählte Berichte von Ausländern über 
Rufsland, wo Wahres und Falsches, unvermeidliche Irrtümer und 
Mifsverständnisse, Hafs und Verachtung, Staunen und Mitleid ein 
oft verkehrtes Bild dieser »Barbarei« , dieses »Persiens« oder 
»Abissiniens« — so noch in den Vorstellungen eines Leibniz ! — 
ergaben, von dem umständlichen Bericht eines Herberstein an 
durch die englischen eines Fletcher z. B., die noch im XIX. Jahr- 
hundert die russische Zensur nicht passieren durften, französi- 
schen, holländischen, polnischen bis wieder zu deutschen eines 
Olearius usw. Jetzt ergriff zum ersten Male ein kompetenter Be- 
urteiler das Wort zu seiner »La verite sur la Russie« und hätte 
seiner Schrift das bekannte Motto des Gogolschen »Revisor« vor- 
setzen können: »Schimpfe nicht auf den Spiegel, wenn dein Maul 
krumm ist.« Es sind dies knappe, aber beredte Kapitel über die 
bodenlose Unwissenheit und den unerträglichen Hochmut der 
Russen, wie die Bojaren im Staatsrat nur die Barte vorzustrecken 
wissen, über den Lug und Trug in jeglichem Handel und Wandel, 
die Dummheit der Weiber, wie die Ehen geschlossen werden, 
ohne dafs die jungen Leute einander zu Gesichte bekommen, was 
für Betrügereien hierbei unterlaufen. Andere Russen, die vor 
Kotoschichin ihrem geliebten Vaterlande entflohen waren, teilten 
dieselben x\nschauungen; Kotoschichin, Herzens Vorläufer, hat sie 
zuerst schriftlich fixiert, doch ist sein Bericht erst im XIX. Jahr- 
hundert ans Tageslicht gekommen. Man wollte ihn herabsetzen, 
zieh ihn der Übertreibung, Voreingenommenheit, aber im Grunde 
liest man dasselbe heraus aus den Schriften des glühendsten Ver- 
ehrers der Russen, des Kroaten Jurij Kri^anic. Das Schicksal 
des Mannes erinnert einigermafsen an einen älteren Märtyrer, 
Maxim den Griechen ; auch er büfste, jetzt in Sibirien, unbegangene 
Verbrechen, weil er gefährlich schien. Seine Vorliebe für Rufs- 
land erklärt sich, wie bei Böhmen im XIX. Jahrhundert, aus den 
gedrückten Verhältnissen seiner engeren Heimat, aus dem Unter- 
legensein der Slawen den Deutschen, Griechen und Türken ; nur 
der mächtigste aller Staaten gab Gewähr einer Änderung der 
Lage, einer Befreiung. Krizanic tritt für die Vereinigung aller 
Slawen, zumal der Russen und Polen, ein; die konfessionellen 
Gegensätze haben nur Rom und Griechenland in die Slawenwelt 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 4 



— 50 — 

hineingetragen; er tritt sogar für eine gemeinslawische Sprache 
ein, einen Mischdialekt auf Grund des Kirchenslawischen, und 
bekämpft aufs leidenschaftlichste die Xenomanie der Slawen, ihre 
Sucht, Fremdes nachzuahmen, über das Eigene zu schätzen und 
zu stellen. Doch hindert ihn dies durchaus nicht, andere Fehler 
der Russen zu erkennen, ihr Zurückgebliebensein, sogar die Not- 
wendigkeit, gerade von den verhafsten Fremden zu lernen, Vor- 
schläge zur Hebung der Wohlfahrt, des Ackerbaues sogar zu 
machen. Schon ihm ist Wissen Macht, ruft nicht Ketzereien 
hervor, sondern beseitigt solche, und ist das Erstrebenswerteste; 
daneben predigt er Selbsterkenntnis und Mifstrauen den Aus- 
ländem gegenüber. 

Auch in der schönen Litteratur, wenn dieser Ausdruck ge- 
braucht werden darf, paart sich Altes und Neues, doch sind hier 
originale Leistungen verschwindend gering. Im Tone des geist- 
lichen Volksliedes, des stich, finden wir eine Allegorie, wie den 
Jüngling, weil er leichtsinnig die Gebote der Eltern mifsachtet, 
das Elend verfolgt, Versuchungen aussetzt, um alles bringt — 
im Abendlande pflegen solche Allegorien mit dem Untergange 
des Betreffenden zu schliefsen, dem »frommen« Russen bleibt immer 
der Ausweg offen, das Kloster, vor dessen Toren das G o r j e ohn- 
mächtig zurücktreten, die sichere Beute wieder fahren lassen mufs; 
die Züge dieses stich sind äufserst markant. Es fehlt nicht an 
Legenden, die durch ihren historisch-phantastischen Hintergrund 
auffallen, so die von Sava Grudzin und dem Teufelspakt, den ein 
»Frommer«, natürlich nur ohne seine Tragweite zu kennen, unter- 
fertigt — und wiederum mufs der Teufel zusehen, wie hinter 
seiner sicheren Beute die Klostertore schützend sich schliefsen; 
der frommen Legende gewährt die Erwähnung der Polenkämpfe, 
der Belagerung von Smolensk ein pseudoaktuelles Aussehen. 
Ganz in russische Sitten transponiert ist die Erzählung »Historie 
vom russischen Edelmann Frol Skobejev und der Anuschka, der 
Tochter des stolnik Nardin-Nascokin« ; dem Namen sind wir oben 
begegnet. Ein Motiv des »Don Juan« — Knabe als Mädchen 
gewinnt das für ihn sonst ganz unzugängliche Mädchen — ist 
nach Moskau nicht ungeschickt versetzt, und wie der Schlaue 
die über die Messalliance empörten Schwiegereltern schliefslich 
besänftigt, ist nicht ohne Humor erzählt: ein \'orläufer späterer 
russischer Realistik. 



- 51 - 

Die Hauptmasse der Produktion war theologischen polemi- 
schen Inhaltes; stritt für und wider den Raskol; beschwor, im 
Dialog des Archimandriten Ignatius, Golizin, ja nicht eine 
steinerne Kirche — Räuberhöhle — , sonst galten sie als 
»Moscheen« , die Deutschen in ihrer V^orstadt bauen zu lassen, 
ihm sonst mit allen Höllenqualen drohend. Sogar solche Schriften 
sind gering an Zahl und Umfang, und die ganze Moskauer 
Litteratur hält nicht den geringsten Vergleich mit der Kiever 
aus, die eine Fülle von Wissen und Fleifs, ja von Geist und 
Methode darstellte, in europäischen Formen, mochten sie auch 
veraltet sein (wie die Mysterien »vomGottesmanne Alexej« u. a. m.), 
sich versuchte, sich nicht mit blofsem Abschreiben alter, frommer 
Litteratur begnügte, Realien nicht vernachlässigte, sogar histori- 
sches Interesse bezeugte. Das beste und meiste, was in Moskau 
geleistet wurde, war eben Kiever Provenienz. 

So lebte sich Altrufsland aus. Gegen Ende des Jahrhunderts 
beginnt der dumpfe Druck über ihm nachzulassen; wir stehen 
vor einer raschen und gründlichen Liquidation der ganzen Ver- 
gangenheit, eines vollständlichen Bruches mit ihr. Was bedeutet 
nun diese Vergangenheit? 

Über allem Zweifel stand ihre politische Bedeutung; Rufs- 
land war der grofse slawische Staat geworden; andere gab es 
nicht, Polen sollte ja sofort zu einer russischen Dependenz herab- 
sinken, und Peter war dessen bereits so sicher, dafs, im Gegen- 
satze zu seinem V'^ater, er seine Hauptanstrengungen schon 
anderem, dem Gewinnen der Küsten und der Vernichtung der 
Türken, widmen konnte. Jetzt heimste Rufsland die Vorteile 
seiner günstigen geographischen Lage ein; seit anderthalb Jahr- 
hunderten hatte es sich um das Sechsfache vergröfsert und be- 
hielt von nun an die Tendenz immer weiterer Vergröfserung 
bis heutzutage. Diesem äufserlichen Riesenzuwachs entsprach 
jedoch durchaus kein kultureller. Ersterer war grofsenteils auf 
Kosten von Orientalen geschehen; es fand direkte Übernahme 
zahlreicher tatarischer Murzen in den russischen Adel statt (die 
Saltykow, Turgeniew, Aksakow, Derzavin usw.); Rufsland war 
stark orientalisiert , von der Kleidung angefangen bis zu seiner 
Lebensführung, zu dem Mangel geistiger Interessen, mit der In- 
dolenz, dem Hang zur Gewalttätigkeit, der Vorliebe für Hunde, 

Falken und Pferde; es machten auch Russen auf Europäer im 

4* 



— 52 — 

XVII. Jahrhundert denselben Eindruck, den Perser heute auf 
uns machen-, russische Gesandte z. B. betrugen sich während 
des ganzen Jahrhunderts meist wie die Perser berüchtigten 
Andenkens im XIX. , so dafs man ihnen am liebsten Schweine- 
koben als Wohnungen angewiesen hätte und sie ohne weiteres 
als mezze bestie bezeichnete; mafslose Trunkenheit, Exzesse, 
wüsteste Schimpfereien waren bei dem Gesandtschaftspersonal 
auf der Tagesordnung; ihre Ignoranz wurde nur von ihrem 
Hochmut übertroffen. 

Städte gab es in dem grofsen Bauernreich nicht mehr aufser 
Moskau, sonst Dörfer, auch Festungen; natürlich gab es keinen 
Bürgerstand ; der Kaufmannstand , bäurisch in seiner Lebensart, 
orientalisch in seiner Geriebenheit und Gewissenlosigkeit, ge- 
brandschatzt von den zarischen Woiwoden und ihren Diaken, 
verkörperte die Ideale des Domostroj als reicher Ssamodur oder 
soff sich zu Tode. Handwerke wurden meist von Bauern be- 
trieben; eine Vervollkommnung war somit ausgeschlossen. Die 
Städte, Moskau voran , hatten nur Holzbauten ; in Moskau waren 
nur der Kreml und die Kirchen aus Stein und ummauert, sonst 
bestanden die Befestigungen oft nur aus hölzernem Palisaden- 
werk. 

Auf dem platten Lande gab es natürlich nur Holzbauten 
angefangen von den Kirchen; freilich liefs sich in ihnen der 
harte Winter gut überstehen. In seinen hölzernen Gehöften 
hauste nun der Adel mit der zahlreichen Dienerschaft, nach 
orientalischer Weise jede Tätigkeit als etwas Erniedrigendes 
verachtend. Seine Nachkommen prunkten noch im XIX. Jahr 
hundert damit, dafs sie sich nie im Leben auch nur die Socken 
angezogen hätten (siehe Oblomow); sie waren Dienstleute des 
Zaren, und ihr Streben ging dahin, die Dienstgüter (pomiestija) 
zu erblichen zu machen , was ihnen auch gelang (daher po- 
miegoik = Gutsbesitzer); eigentlich aristokratische Traditionen 
und Ansprüche fehlten ; den Bojaren (im Rate) machte ja sein Amt, 
nicht das Geschlecht aus, und daneben als Fürst betitelt zu 
werden erschien ihm als eine blofse Beleidigung; es fehlten 
Rangstufen (Grafen und dgl.), Wappen, Majorate, — alles, was 
dem europäischen Adel eigen war. Für den Unterhalt dieses 
Adels plackte sich nun das »Männchen« (der Bauer = muzik) ; 
der freie Mann war längst unfrei geworden, und da er sich dem 



— 53 — 

Drucke entziehen wollte durch Flucht, Aufsuchen anderen 
Dienstes, wurde er an die Scholle gefesselt, und nunmehr 
steigerte sich der Druck mit jedem Dezennium, bis der Mann zu 
einem Lasttier herabgewürdigt war; immer konsequenter stellte 
sich die Regierung auf die Seite des Adels. Die weltliche 
Geistlichkeit verbauerte; nur die Mönche, aus denen ja die 
Bischöfe hervorgingen, wahrten sich steigenden Grundbesitz und 
einen gewissen Bildungszensus. Vom Auslande wufste niemand 
etwas; Reisen waren ausgeschlossen bis auf die amtlichen der 
Gesandten, aufser dafs Mönche der Handschriften oder des 
Seelenheils halber nach dem Athos oder Jerusalem pilgerten; 
jede andere Reise, wie das Wissen selbst, gefährdete ja das 
Seelenheil des Orthodoxen, auf das der Teufel an allen Ecken 
und Enden lauerte — die heiligen Kirchen und Klöster aus- 
genommen. 

Wissen, aufser einem rudimentären theologischen, und Künste, 
aufser der traditionellen b3'zantinischen Heiligenkleckserei und 
der Illustration von Handschriften, existierten nicht. So staunten 
die russischen Gesandten Theaterstücke an, d. h. die einzelnen 
Szenenbilder, ohne einen Zusammenhang derselben auch nur zu 
ahnen; für Skulpturen fehlt völlig das Auge. Dafür war das 
ganze Land fromm, aber die Frömmigkeit selbst eine fanatische 
und doch ganz äufserliche; auch im Auslande interessierte sich 
der Russe am meisten für Reliquien, schlug mit dem Kopfe vor 
Stückchen der Nabelschnur oder Vorhaut Christi, aber es fiel 
den Fremden auf, wie zerstreut er bei seinen Andachtsübungen 
war; nur Äufserlichkeiten , Lappalien, entfremdeten auch den 
Raskol der offiziellen Kirche. Jedes Buch galt von vornherein 
als ein fi'ommes, daher sollte kein Buch tiefer als in der Brust- 
tasche getragen werden. Jegliche Änderung beunruhigte, alles 
Ungewohnte erschreckte; das Wissen der Ausländer galt als 
teuflisch; Verkehr mit ihnen setzte drohendem Verdachte aus; 
die blofse Anwesenheit fremder Offiziere erklärte dem Recht- 
gläubigen Mifserfolge russischer Waffen. 

Geselligkeit, freier Verkehr waren unbekannt; die Frauen 
weilten in den abgeschlossenen Hintergemächern , zu denen den 
Schlüssel der Hausherr stets in der Tasche trug. Bestraft wurde 
schon, wer nur zufällig die Zarin erblickt hatte; es gab viele 
Hofbeamte, die nie ein weibliches Mitglied der Zarenfamilie zu 



— 54 — 

Gesicht bekämen-, so wurde das 5> schwache« Weib, Gefäfs des 
Teufels zugleich, vor jeder Berührung mit der Aufsenwelt ängst- 
lich abgeschlossen. In der Kinderzucht spielten Prügel die einzige 
Rolle. Auch die Erwachsenen wurden das Gefühl der Furcht 
nie los: es notierte der russische Gesandte besonders, dafs z. B. 
in Venedig die Leute »ohne Schrecken« leben, dafs jeder tut, 
was er will, um andere sich nicht kümmert. 

Aller Sinn war auf Äufserlichkeiten gerichtet •, der Gesandte 
studierte tagelang Verbeugungen und alle Titel ein, aber er 
ahnte oft gar nicht, was man ihm schriftlich als Antwort mit- 
gab, dafür log er in seinen Berichten nach Hause oder notierte 
blofs Namen und Entfernungen. Byzantinischer Formelkram im 
Glauben und Wissen, blinder, geistloser Gehorsam gegen jeg- 
liche Weisung oder Willkür , Ertötung jeglichen Stolzes, höheren 
Gefühls , Verpönung jeglichen Gedankens waren die Zeichen der 
Menschen und Zeit. 

Und doch schlug bereits das XVII. Jahrhundert selbst tiefe 
Breschen in die chinesische Mauer, hinter der Rufsland beschau- 
lich vegetierte. Nichts half das Zetern der Patriarchen , Äbte, 
der alles Ausländische wütend hassenden Moskauer Strelzen, 
die mit ihrem Ausgange so recht an die Janitscharen erinnern, 
nur ist in Rufsland um hundertzehn Jahre früher mit ihnen auf- 
geräumt worden; nichts besagten sogar zeitweilige Erfolge der 
Reaktion, dafs man die Ausländer z. B. aus Moskau in die 
Sloboda vor der Stadt verwies, dafs der Einflufs der Kiever zeit- 
weilig gebrochen wurde, dafs man verlangte, wenn schon Russen 
das Lernen nicht erspart werden soll , mögen sie wenigstens bei 
Griechen lernen. Weil man den materiellen Forderungen der 
Zeit hatte nachgeben müssen, fanden schliefslich auch die geistigen 
ihren Eingang. Die Uniformierung der Armee und Einexerzierung 
nach europäischem Muster war nur der Vorbote einer ähnlichen 
Uniformierung und Einexerzierung der Geister: freilich war 
letzteres nicht so rasch und nicht so gründlich durchzuführen 
und ist zum Teil bis heute nicht erreicht. 

Schon kündete alles eine nahende Revolution an ; die Zarewna, 
statt ins Kloster zu gehen, wohin alle Zarentöchter wandern 
mufsten — an einheimische Grofse konnten sie ehrenhalber nicht 
vergeben werden und das Ausland war ihnen verschlossen — , 
führte die Zügel der Regierung, wenn auch nur als Regentin für 



— 55 — 

ihre Brüder jahrelang; ihr Günstling dachte bereits an eine Be- 
freiung der Bauern mit Landbesitz. Gegen den drohenden Um- 
schwung schlofs sich die Reaktion , mit dem Patriarchen an der 
Spitze, an Peter an und kam aus dem Regen in die Traufe. 
Schon dessen Eltern, der milde Alexej und seine lebensfrohere 
Gemahlin , waren nicht mehr die steifen Götzen der alten Zeit, 
und in dem Sohne, um den sich lange Zeit niemand recht 
kümmerte, der unter den Stalljungen aufwuchs, kam die Lebens- 
energie in ungeahnter Weise zum Durchbruch. Er war kein 
Stubenhocker und Kopfhänger; statt frommer Bücher und theo- 
logischen Wissens reizten ihn die Realien, die Welt, an die bis- 
her niemand im Kreml gedacht; hatte ; statt mit frommen Mönchen 
trieb er sich lieber mit den beiden Holländern umher und 
hantierte an dem alten englischen Boot, bis er sich damit auf 
die Jausa hinauswagte: das sollte der Anfang der russischen 
Flotte werden ! Russische Gesandte hatten ja vor Peter Globuse 
gesehen und sie in ihrer Naivität als »Äpfel« bezeichnet; ihn 
interessierten Globus, Astrolabien, Zirkel und andere Instrumente; 
alles Technische, mochte es vorläufig auch nur Spielerei, Feuer- 
werkskörper, sein. Aus der Spielerei wurde Ernst, als er mit 
zwei Kondottieren , mit dem Schotten Gordon, dem alten, er- 
fahrenen, kenntnisreichen Manne, und dem Schweizer Lefort, dem 
windigen Gesellen, zusammentraf, als er mit ihnen seine Soldaten 
in Preobrazensko , dessen nomen omen war (preobrazenije =^ 
Verklärung, darnach Kirche und Dorf benannt war) einexerzierte, 
als er durch sie Gefallen fand an dem europäischen Treiben in 
der Sloboda. Der rechtgläubige Zar mit »Heiden« verkehrend, 
bei ihren Kindern zu Gevatter stehend , seine rechtmäfsige Ge- 
mahlin wenige Wochen nach der Hochzeit verstofsend und 
Heidinnen, darunter die Anna Mons, zur Geliebten habend ! Und 
immer geringschätziger dachte und sprach Peter von seinem 
Patriarchen und immer mehr trieb es ihn, das Abendland selbst 
zu sehen, das Land der technischen Wunder, der gelehrten und 
zivilisierten Menschen, die ihm die Mittel zur Ausführung seiner 
ehrgeizigen Pläne liefern sollten. Endlich wurde 1697 eine Ge- 
sandtschaft unter Lefort und Golovin , einem Mäzen der Künste 
und Wissenschaften, ins Ausland geschickt; ihre politische Auf- 
gabe war unbedeutend und der Erfolg null; ihr waren bei- 
gegeben fünfunddreifsig Freiwillige. Peter wählte sie aus den 



— 56 — 

jungen Hofschranzen, den Stolniki und den Spalniki; sie sollten 
im Auslande die »Navigation« erlernen; sie waren zu zehn ein- 
geteilt, unter je einem Zehntmann; einer dieser Zehntleute war 
der junge Zar selbst, — Ben Akiba wäre beinahe widerlegt worden. 

Und doch ist er es nicht; Peter war eben nur Iwan IV. in 
neuer Umgebung, derselbe Barbar, würdig der mezze bestie, über 
die er zu herrschen hatte, ebenso sinnlich und grausam wie Iwan, 
ebenso herzlos und gewalttätig, ebenso sich mit dem Staate 
identifizierend und von allen Untertanen fordernd das Aufgehen 
im Dienste des Staates, alles zertretend und zermalmend, was 
irgendwie der Nivellierung, der Unterjochung unter recht 
primitive Staatsforderungen widerstand: also führte er die Ver- 
wandlung aller Bauern ohne Unterschied in Leibeigene durch 
und belegte sie alle mit derselben Kopfsteuer; also verwandelte 
er über ihnen den ganzen »Adel«, der dienen mufste, beim 
Militär, im Hof- oder Zivildienst, in eine nach 14 Rangklassen 
abgestufte Bedientenschar, — alles atmet byzantinischen (oder 
chinesischen?) Geist. Und streiften Iwans Gottesdienste sehr 
nahe die Blasphemie, so ist Peters »allernärrischste Kirchen- 
versammlung« mit ihren Päpsten, Kardinälen und Bischöfen 
die offenste Verhöhnung aller Religion. Die Unterschiede zwischen 
Iwan und Peter betreffen fast nur Kleinigkeiten , so legte Peter 
Iwans Tartüfferie ab, die Kirchenväter und der Weihrauch 
waren ihm ein Greuel, Tabaksdampf der liebste Nasenkitzel, und 
die Weisheit der Sloboda ging ihm über die des Chrysostomus; 
im einzelnen fällt sogar der Vergleich zugunsten Iwans aus, 
wenigstens hat er seinen Sohn und Thronfolger nicht absichtlich 
ermordet, wie dies Peter getan hat; nach dem Meere drängte 
Peter nicht mehr wie Iwan, nur traf dieser auf stärkeren Wider- 
stand, das Polen des Batory war eben noch nicht Leichnam, wie 
das Polen August IL; für die Autokratisierung Rufslarwis haben 
beide das gleiche geleistet. Allerdings, ein Unterschied ist da: 
die Frauen, die Iwan liebte — wenn man bei »Iwan« von 
»Liebe« sprechen darf! — , liefs er sich gegen alle Satzungen 
der Kirche alle antrauen ; darauf verzichtete Peter, aufser bei der 
letzten Geliebten. 

Nicht in den Menschen, ihren Charakteren, Temperamenten, 
sondern in der Zeit waren die Unterschiede hauptsächlich bedingt. 



57 — 



Drittes Kapitel. 
Das „veränderte" Rußland. 

Peters Reformwerk und dessen Bedeutung wie Äufserlichkeit. Ein- 
flufs auf die Litteratur. Seine geistlichen Bundesgenossen; Theofan 
Prokopovit-. Possoschkov. Das zweite Drittel des Jahrhunderts; Er- 
stehen einer weltlichen Litteratur; deren französische Richtung: 
Kantemir, Trediakovskij, Ssumarokov ; deutsche : Tatischcev, Lomonossov 
die Verdienste des letzteren um Wissenschaft und Sprache. 



Die Vorstellung, als wäre Peter der Grofse der Jupiter, aus 
dessen Kopfe die Minerva Reform fix und fertig heraussprang, ist 
längst abgetan. Nicht Peter ist ihr Schöpfer; er setzte nur das 
Werk vorausgegangener Tage fort. Seine eigene Bedeutung liegt 
anderswo: unermüdlich hat er das Tempo des Reformwerkes 
beschleunigt, mit einer stellenweise ganz unsinnigen, über- 
menschlichen Energie, anderseits ihre Richtung wesentlich ver- 
ändert. 

Unter Alexej, Fedor, Sophia war kein brüsker Bruch mit 
der alten moskowitischen Tradition hervorgetreten: allerdings 
gegen den schwankenden, mit allerlei Skrupeln sich noch ab- 
plagenden Vater, waren ältester Sohn und Tochter ein erheblich 
Stück weiter herausgekommen; erst Peter jedoch schlug ein 
Tempo an, dafs die Altgläubigen mit Recht den Antichrist 
selbst rasen glaubten. Freilich nicht auf einmal. Er kümmerte 
sich vorläufig weniger um die Regierung, liefs alles beim 
alten, sorgte nur für die Schaffung einer Flotte und für 
die europäische Durchbildung seines Heeres — nach dem Sieg 
bei Poltava trank er ja auf das Wohl seiner Lehrmeister, der 
besiegten Schweden. Aber wie dies in Rufsland zu geschehen 
pflegt, im Verfolg materiell - egoistischer Pläne stellten sich von 
selbst Aufgaben höherer Ordnung ein. Was er auf der ersten 
Auslandsreise 1697 — 1699 lernte, was man im Ausland blofs als 



— 58 — 

Launen und Schrullen auffafste, die fremden Sitten und Ein- 
richtungen, alles was praktisch, nachahmenswert schien, wollte er 
jetzt nach Rufsland mit einem Male verpflanzen, von dem Schnitt 
der Kleider und dem Scheren der Barte, was er oder seine Narren 
kurzerhand an den Grofsen durchführten, bis zur Begründung 
von Museen und Akademien, zum Schaffen einer Litteratur, zur 
Umwälzung der weltlichen und kirchlichen Verwaltung selbst. 

Diese Umwälzung war eine riesengrofse, die Zahl der Hilfs- 
kräfte eine sehr beschränkte, Zeit und Mittel nahmen langwierige, 
wenig glückliche Kriege in Anspruch — kein Wunder daher, dafs 
die Reform Stückwerk blieb, dafs auf Kosten des Wesens Schein 
sich breit machte. Bedenklicher war eine andere Folgeerscheinung : 
bis 1700 war das nationale Leben ein durchaus einheitliches ge- 
wesen, sogar die Absplitterung des Raskol hatte diese Einheitlich- 
keit kaum zu erschüttern vermocht; der Hörige führte dasselbe 
Leben wie sein Herr, sprach dieselbe Sprache und dachte das 
gleiche oder richtiger gesagt, dachte überhaupt nichts. Diese ein- 
heitliche Lebensweise und Anschauung, diese einheitliche Roheit 
und Kulturlosigkeit hörte jetzt fast mit einem Male auf. Der Adel, 
den Peter zudem aus der Beschaulichkeit seines Hindämmerns auf 
den Landgütern zum Dienste nötigte — die Dienststufen, der 
Rang ging allen Privilegien der Geburt vor — , legte heimische 
Tracht, Gewohnheiten und Sprache ab, verkehrte mit Ausländern, 
reiste jahrelang in der Fremde umher, rauchte und fluchte, las 
und dachte Gottloses; die Frau verliels die dumpfen Zellen, legte 
französische Kleidung an, lernte tanzen und spielen und wurde 
zu den »Assembleen« genötigt. Offiziere und Beamte, d. i. der 
Adel, und zahlreiche Ausländer, Schweden, Balten, Deutsche, 
sonderten sich jetzt durch Lebensführung, Bildung, Fühlen und 
Denken vollständig von den» miserablen Leuten« ab; es begann 
die mit jedem Dezennium sich steigernde Entfremdung zwischen 
der dünnen Schicht der Intelligenten und den im alten Dunkel 
herumtappenden Millionen des Volkes. Der Preis, der für Kultur 
und Staat gezahlt werden mufste, war ein sehr hoher. 

Mit Windeseile suchte Peter einzuholen, was im XVI. und 
XVII, Jahrhundert versäumt war, und mit staunenswerter Kon- 
sequenz machte er alles seinen Zielen dienstbar. Die alte Landes- 
hauptstadt wurde zugunsten der neuen Seehauptstadt förmlich ent- 
rechtet, der Kirche ihr Haupt — die sichtbare Spitze — genommen. 



- 59 — 

ihre Leitung einem gefügigen Kolleg — dem heiligen Synod — 
anvertraut. Jede Beteiligung vom Volk oder seinen Auserwählten 
(im Landesrat semskij ssobor) an der Regierung der Kollegien 
war ausgeschlossen. Der geringste Widerstand, ja nur die un- 
begründetste Verdächtigung eines solchen wurden aufs furcht- 
barste verfolgt; der Zar scheute sich nicht, allerhöchst eigen- 
händig den Henker zu spielen und die Köpfe seiner Untertanen 
abzuschlagen; die »Justiz« seiner Zeit ist eine bluttriefende Bestie, 
die von ihr verübten Verbrechen zahllos. Der zur Richtstätte 
geführte gemeine Mörder oder Räuber brauchte nur die furcht- 
bare Losung: er wüfste um ein zarisches, d. i. politisches Wort 
und Sache ^ auszusprechen, um Aufschub der Exekution zu er- 
langen und irgendeinen Unschuldigen um irgendein Wort zu 
verklagen , worauf die Folterkammer sofort in Aktion trat und 
die Katastrophe über den Schuldlosen, Nichtsahnenden hereinbrach. 
Ja, als Peter einsah, dafs sein einziger Sohn in die fromme Art 
der früheren Zaren zurückgeschlagen war, als er von ihm keine 
energische Förderung seines Lebenswerkes mehr zu erhoffen ver- 
mochte, zögerte er nicht, ihm den Prozefs zu machen, ihn zum 
Tode zu verurteilen und noch vorher das Todesurteil an dem 
Gefolterten ausführen zu lassen. Dafs der Zar, der den eigenen 
Sohn und Thronfolger ruhig hinschlachten liefs, Gut und Blut 
seiner Untertanen nicht schonte , war selbstverständlich : in dem 
Petersburger Sumpfboden liefsen hunderttausend russische Bauern 
ihre Knochen. Ein Widerstand konnte überhaupt nicht mehr auf- 
kommen, Rufsland hatte seinen Willen wieder wie im Jahre 962 
verloren, dem neuen Eroberer, der Kultur, sich an Händen und 
Füfsen gebunden ausgeliefert. 

Entscheidender als das unheimliche Tempo der Reform ward 
ihre veränderte Richtung; Peter blieb fremd die polnisch-kiever 
geistige Tätigkeit mit ihrer Scholastik, Theologie, Latein, mit 
ihrer Abkehr von den Realien, die ihn allein fesselten. Trotz 
seines freien, unpolitischen Lebens war Polen gegen das übrige 
Abendland zurückgeblieben und glitt von Dezennium zu Dezennium 
tiefer herab; es zehrte nur von dem grofsen, im XV. und XVL 
Jahrhundert aufgespeicherten Kulturkapital, ohne dasselbe zu 
ergänzen oder zu vermehren. Peter wandte sich über die Köpfe 
von Polen und Kleinrussen unmittelbar an dasjenige Abendland, 
das ihm die Erfüllung seiner Wünsche sicherte; wer sich für 



— 60 — 

Navigation, Fortifikation usw. — und das war Peters Fall aus- 
schlielslich, interessierte, dem konnte weder Warschau noch Kiev 
etwas bieten ; der ging nach Amsterdam, zu Vauban oder in die 
Arsenale von Venedig. Somit entschied, dals Peter, nicht wie 
seine nächsten Vorgänger (Fedor und Sophia), bei der einseitigen 
lateinisch-katholischen Kultur Polens, sondern bei der realen Kultur 
der Deutschen, Holländer, Engländer, Franzosen in die Schule 
ging; dafs er, die alten Lehrmeister der Russen vöUig zurück- 
setzend, seinem Volke den unmittelbaren geistigen Anschlufs an 
Westeuropa sicherte und, wenigstens äufserlich, alsbald Polen 
selbst weit hinter sich zurückliels. 

So erschien den Zeitgenossen Peters Rulsland als das »neu 
veränderte« ; fernerstehende konnten gar nicht ahnen, wie oft 
diese »Veränderung« eine rein äufserliche blieb. Am deutlichsten 
merkt man dies auf dem Gebiete, auf dem doch am ehesten ein 
völliger Umschwung zu erwarten wäre: auf dem litterarischen; 
die Litteratur Peters des Grofsen, des ersten Viertels im neuen 
Jahrhunderte, ist ebenso unreif, unselbständig, bettelarm, wie die 
des vorausgegangenen Viertels es war. Für Litteratur und Künste 
hatte ja der Barbar keinerlei Interesse ; er förderte sie nur, soweit 
sie seinen Zwecken unmittelbar entsprachen, d. i. die Maisnahmen 
der neuen Regierung billigten und erklärten. Ihm imponierte nur 
die Kunst, die seine »Aktionen« vor der staunenden Menge 
glorifizierte, Triumphbogen, allegorische Personen, Symbole aller 
Art billig und schlecht herstellte ; für eine andere fehlte ihm das 
Verständnis. Mit der Litteratur ging es ebenso: sie hatte mü- 
dem rein praktischen Zweck zu dienen, die Russen möglichst rasch 
ihrer Rückständigkeit zu entreif sen, und da diese auf den tech- 
nischen Gebieten den Zaren am empfindlichsten störte, so sorgte 
er für Übersetzungen von Büchern oder für Stiftungen von 
Schulen für Navigation, Fortifikation usw. Dergleichen Über- 
setzungen waren schon im XVII. Jahrhundert massenhaft an- 
gefertigt worden, freilich waren sie in wenigen Abschriften ver- 
borgen. Dies entsprach nicht Peters Zwecken; er bestimmte seine 
Übersetzungen von vornherein für den Druck; jene älteren ge- 
nügten ihm noch aus einem anderen Grunde nicht. Sie waren 
möglichst unbehilflich, wörtlich, bis auf die Wortstellung selbst; 
sie rangen mit der Unmöglichkeit, im kirchenslawischen Stil den 
Forderungen anderer, höherer Art zu entsprechen. Peter, der 



— 61 — 

fremde Sprachen selbst kannte, stiefs sich an dieser Unverständ- 
Hchkeit und Verschwommenheit des russischen Ausdruckes und 
schärfte mehrfach ausdrücklich seinen Übersetzern ein, dafs sie 
sinn- , nicht wortgemäfs vorzugehen haben , dafs sie statt des 
starren Kirchenslawischen dem lebenden, modernen Wort, der 
Umgangssprache, sich anzupassen hätten. So schuf Peter den 
Gegensatz der alten und neuen Sprache, einen Gegensatz, der 
über ein volles Jahrhundert die Litteratur beschäftigte. 

Diesen Gegensatz brachte er sogar äufserlich zum Ausdrucke. 
Für das eigentliche Gebiet des Kirchenslawischen, für Theologie 
im weitesten Sinne des Wortes, beliefs er es bei den alten 
»kyrillischen« Typen; für die weltliche, »bürgerliche« Litteratur 
wählte er neue, denen Versuche holländischer Druckereien zu- 
grunde lagen, die er mit Herstellung russischer Druckwerke, 
Thessing und der protestantische Pole — Flüchtling Kopiewski, 
betraut hatte. Die heutige russische Schrift, die etwas modi- 
fizierte, gefälligem lateinischen Charakter angepafste »grazdanka«, 
geht somit auf Peter zurück, der in seiner rastlosen Tätigkeit 
Zeit fand, die Gestalt des p oder eines anderen Buchstabens zu 
bemängeln oder die Druckerei auf Fehler beim Einbinden auf- 
merksam zu machen. 

In der stattlichen Zahl von Übersetzungen, die Peter an- 
fertigen liefs, auf deren rasche Vollendung er drängte und deren 
Irrtümer oder Auslassungen er unnachsichtlich strafte, ist schöne 
Litteratur so gut wie gar nicht vertreten, wohl aber Geschichte, 
Geographie, Rechtskunde, Nationalökonomie, von spezielleren 
Wissenszweigen ganz abgesehen : Hugo Grotius und Samuel Puffen- 
dorf, Lipsius undVauban, Huygens und Stratemann — manche dieser 
offiziellen Übersetzungen sind später als Staats- und sittengefähr- 
lich dem freien Verkehr entzogen worden ! Aus der antiken 
Litteratur sind zum gröfsten Ärgernis der Rechtgläubigen Teufels- 
geschichten aus den Metamorphosen des Ovid, aus der Aneide, 
sogar mit den Bildnissen der »Teufel« veröffentlicht; anderes 
ging noch auf polnische Texte zurück, z. B. die Apoftegmen, 
Anekdoten, des Budny oder des Äsop. Aber Peter liefs auch 
drucken »Beispiele, wie man Komplimente schreibt , unter Fürst- 
lichkeiten, dann auch im einfacheren Genre, aus dem Deutschen, 
und den »Ehrbaren Jugendspiegel«, Anleitung zum höfischen Ton. 
Hatten bisher, meist nur aus dem Polnischen und Lateinischen 



— 62 — 

übersetzt, lose, oft nur handschriftliche Relationen oder »Kuranten« 
über merkwürdige Zeitereignisse berichtet, so legte Peter 1703 
Grund zur russischen Publizistik, indem er die »Russischen Nach- 
richten« drucken liefs; ebenso sorgte er für den Kalender und 
hatte nichts dagegen, dafs die ersten auch noch den veralteten 
kalendarischen Hokuspokus dem glaubensfesten Volke darboten. 
Eine Belletristik entstand nicht; man begnügte sich mit den Ab- 
schriften der alten Erzählungslitteratur, ihren Volksbüchern und 
Schwänken, und mehrte sie langsam durch gleichwertige Er- 
zeugnisse; Lyrik, erotische und religiöse, fand ihren ersten Ein- 
gang, polnische Liebeslieder und fromme Advent-, Passions- und 
andere > Kanten«, Gesänge, wurden unmittelbar oder durch klein- 
russische Vermittlung bekannter; sie fanden durch das ganze 
Jahrhundert Aufnahme und gerieten schliefslich in die ersten 
gedruckten Liederbücher. 

Den Anfang zu alledem hatte ja bereits das vorige Jahr- 
hundert gemacht, und die Petrinische Zeit wandelte auch hier in 
ausgetretenen Bahnen; ebenso verhielt es sich mit dem Theater- 
spielen , das nach längerer Pause wieder aufgenommen wurde, 
ohne dafs gröfsere Erfolge erzielt würden als etwa zu Zeiten 
Zar Aleksejs. Allerdings, was 1672 Herrn Oberst Staden nicht 
gelungen war, erzielte 1702 Leutnant Splawski in Danzig, 
d. i. anzuwerben für Moskau eine deutsche Schauspielertruppe 
des Johann Kunst, von zehn Personen; Kunst starb bereits 1702 
in Moskau, worauf Fürst Direktor wurde; sie sollte auch als 
Lehrmeister für Russen dienen. Im letzten Augenblicke zögerte 
noch Kunst, verlangte Kaution, »dafs er mit seinen Leuten alle- 
mal wieder frei, sicher und ungehindert würde zurückreisen 
können,« — das alte Rufsland liefs eben niemanden heraus, der 
in seine Falle geraten war. 

Für schöne Litteratur und Theater hatte der streng prak- 
tische , auf den augenblicklichen Erfolg abzielende , allem Be- 
schaulich-müfsigen abholde Sinn des Zaren, der z. B. auch kein 
Freund der Jagd, als eines unnützen Zeitvertreibes, war, nichts 
übrig, mochten ihn auch Parodien geistlicher Handlungen 
religiöser Einrichtungen anlocken. Litteratur und Theater be- 
trachtete Peter ausschliefslich von dem Standpunkte, was sie zur 
Europäisierung Rufslands beitragen könnten, wie etwa der 
deutsche Kleiderschnitt oder das Abscheren der Barte. Beim 



— 63 — 

deutschen Theater stiefs er sich an dem ewigen Einerlei der 
Liebesgeschichten, ohne die das Drama nicht zu denken war, 
ebenso wie an den öden Spafsmachereien des Harlekins; ver- 
sprach er doch einmal, natürlich vergebens, seinen Komö- 
dianten eine besondere Belohnung, wenn sie ein Rührstück ohne 
die obligate Liebelei und ein lustiges ohne den Hanswurst er- 
sinnen würden. Allegorien, die dem Volke seine Triumphe ver- 
herrlichen und erklären sollten, lagen ihm ungleich näher. Da- 
für interessierten sich die weiblichen Mitglieder der Zarenfamilie 
lebhafter für Aufführungen von Stücken ; die Zarin-Witwe Pras- 
kovja, Gemahlin Johanns, besonders jedoch die Lieblingsschwester 
des Zaren, Natalia, in deren Gesellschaft er gern weilte — hatte 
sie doch mit ihm die deutsche Sloboda zu besuchen gewagt — , 
und der zuliebe er ihre Komödien ansah. Denn Natalia ver- 
fafste selbst einige -Komödien«, deren Szenerien oder einzelne 
Rollen uns noch überliefert sind. Ein Deutscher berichtet über 
die Aufführung: »Die zehn Akteurs und Aktricen waren ge- 
borene Russen und niemals aus dem Lande gewesen, daher man 
sich ihre Geschicklichkeit leicht vorstellen kann. Die Prin- 
zessin verfertigte die Trauer- und Lustspiele in russischer Sprache 
und nahm den Inhalt zuweilen aus der Bibel, zuweilen aus welt- 
lichen Begebenheiten.« Sie dramatisierte mit Vorliebe Märtyrer- 
legenden und die Volksbücher, z. B. von Kaiser Otto u. dergl., 
in blofser Anreihung loser Szenenbilder, Reden aus der Legende 
oder dem \^olksbuch oft wörtlich wiederholend. »Der Arlekin, 
ein Oberoffizier, mengte hin und wieder seine Possen mit ein, und 
Zuletzt trat ein Redner auf, der die Geschichte der Handlung er- 
zählte und die Scheufslichkeit der Empörungen und deren ge- 
meines, unglückliches Ende abmalte.« Das Stück, auf das Webers 
Erzählung zielt, ist unbekannt. Mit dem frühen Tode der Prin- 
zessin, 1716, hörte ihr Theater auf; es blieb bei fremden Truppen, 
bei Harlekinaden in Moskau und Mysterien in den geistlichen Semi- 
narien, z. B. in Rostow, von denen noch mehrere erhalten sind, 
z. B. der 1704 aufgeführte »von den Schülern der Grammatik 
dem Erzmärtyrer Demetrius poetisch geflochtene Kranz«. Be- 
kannter und interessanter ist das Weihnachtsdrama, 1702 auf- 
geführt, dessen Hirten grofsrussische Bauerntypen sind, alles 
übrigens polnischen Weihnachtsdramen nachgeahmt; auch das 
»Kirchenreglament« schrieb derlei Aufführungen vor, damit die 



— 64 — 

Schüler ^Resolution, d. h. wohlverständige Kühnheit- im Auf- 
treten erlangen, ganz nach der Praxis der Jesuitenschule. 

Für Litteratur als solche fiel somit in dem »neuveränderten« 
Rufsland nichts ab; wie ausschliefslich praktische Ziele Peter ver- 
folgte, erhellt z. B. aus seinem Urteil über deutsche Schriften 
aus Anlafs eines von ihm selbst berichtigten, d. h. gekürzten 
landwirtschaftlichen Buches (im Jahre 1724): »Weil Deutsche 
mit vielen unnützen Erzählungen ihre Bücher auszufüllen pflegen, 
nur darum, damit diese grofs scheinen, soll dies alles nicht über- 
setzt werden, aufser der Sache selbst und einer kurzen Vor- 
bemerkung, die nicht müfsiger Schönheit, sondern der Belehrung 
des Lesers dienen soll — darum korrigierte ich den Abschnitt 
vom Ackerbau, das Überflüssige ausstreichend, und nach diesem 
Beispiel soll das ganze Buch übersetzt werden, ohne die über- 
flüssigen Auseinandersetzungen, die ni;r die Zeit totschlagen 
und dem Leser jede Lust benehmen.« 

Es ist somit das erste Viertel des Jahrhunderts blofse Über- 
gangsperiode gewesen, die nur den Grund legte für die geistige 
Emanzipation Rufslands. An diesem Emanzipationswerke nahmen 
in hervorragendem Mafse Geistliche selbst teil, und obwohl 
geistliche Litteratur und ihre kleinrussischen Verfasser gar nicht 
in diesen Rahmen hineingehören, sei doch ihrer Tätigkeit als 
eines Zeichens der Zeit hier kurz gedacht. Gerade durch Peter 
wurde die Invasion der Kleinrussen, die in den letzten Jahren 
des XVIL Jahrhunderts gestockt hatte, zu einer vollendeten Tat- 
sache; schon 1701 wurde die Moskauer gräkolateinisch-slawische 
Schule ganz nach dem Muster der Kiever umgestaltet. • 

Das »neuveränderte« Rufsland konnte bei der Moskauer 
Geistlichkeit am allerwenigsten auf Gegenliebe rechnen. So 
äufserte sich z. B. der letzte Patriarch Adrian über das Bart- 
scheren: »Sich nur den Schnurrbart zu lassen, so hat Gott die 
Menschen nicht erschaffen, sondern Katzen und Hunde — blicket 
nur häufig hin auf das Bild des jüngsten Gerichtes, da sehet ihr 
zu des Heilands Rechten stehen alle Bärtigen, aber links stehen 
die Bisurmanen (Mohammedaner), Ketzer, Lutheraner und Polen, 
und andere ihnen ähnliche Bartscherer« , was der Patriarch 
feierlich verfluchte und damit allen Moskauern aus der Seele 
sprach. 

Peter wandte sich an die Kiever. obwohl ihn auch hier Ent- 



— 65 — 

täuschungen nicht erspart blieben; zuerst an Stephan Javorskij, 
den Schüler von Jesuiten- und Kiever Schulen, ihren poeta laure- 
atus und tüchtigen Latinisten, den er durch Zufall bei einer 
Leichenpredigt kennen gelernt hatte. Die »Prediken des Herrn 
Javorskij« gefielen Peter so ausnehmend, dafs er ihn zum Bischof 
und Stellvertreter des Patriarchen ernannte, in ihm den Förderer 
und Verteidiger aller seiner Mafsregeln gefunden zu haben glaubte. 
Als ihn aber Peter zum Patriarchen nicht ernannte, als Javorskij 
einsah, wie die Kirche unter Peter zurückgedrängt wurde, welch 
schwere Lasten er ihr auflegte, ergab sich der Gegensatz alsbald 
und steigerte sich von Jahr zu Jahr; Peters Verteidiger wurde, 
soweit es seine Furcht zuliefs, zu seinem Ankläger, spielte ihm 
empfindliche Streiche, z. B. durch Einleitung des Prozesses gegen 
den Moskauer Arzt Tveritinov, der über die Orthodoxie genau 
die Ansichten Peters teilte; wenn auch nicht den Tveritinov, 
brachte Javorskij doch einen Mitangeklagten auf den Scheiter- 
haufen, dafür wurde er schliefslich von Peter kalt gestellt. 
Seine litterarische Tätigkeit war hauptsächlich polemischer Art, 
so schrieb er die umfangreichste Widerlegung des Protestantismus 
(;i>Stein des Glaubens«, verboten unter Biron), aber seine Argu- 
mente entlehnte er der katholischen Polemik; die altgläubige 
Überzeugung, dafs Peter wegen seiner Kleidung, Rauchens usw. 
der leibhafte Antichrist wäre, für deren Verbreitung z. ß. 
Talizkij den langsamen Feuertod erlitt, widerlegte er ebenfalls 
mit katholischen Argumenten von der wahren Erscheinung des 
Antichristen. 

Während dieser Kiever schliefslich mit den alten Moskauern 
auf dem Boden der gefährdeten Kircheninteressen sich einte, fand 
Peter in einem andern Kiever ein desto gefügigeres Werkzeug. 
Theofan Prokopoviö war unendlich gebildeter, geistreicher, dafür 
aber auch ränkevoller und grausamer, der sich als Kirchenfürst 
nicht scheute, Unschuldige der Folterkammer auszuliefern, nur 
um seine persönliche Stellung zu wahren; der gegen seinen 
eigenen Stand und Glauben die denkbarste Gleichgültigkeit 
hegte; der unbedingte Verehrer der weltlichen, zarischen 
Autokratie, Ränkeschmied und Speichellecker bleibt eine äufserst 
unsympathische Erscheinung; man bedauert nur, von solchen 
Händen die Sache der Aufklärung, der Emanzipation des 
Wissens und der Gesellschaft , der neuen Weltanschauung ge- 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. O 



— 66 — 

fördert zu sehen. Den Hafs gegen Orthodoxie und KathoUzismus, den 
protestantischen Serviüsmus gegenüber jeghcher welthcher Obrig- 
keit sog er schon in dem Jesuitenkolleg in Rom ein; da stählte 
er zugleich ein wunderbar scharfes Gedächtnis, erwarb sich das 
ausgebreitete Wissen, erwärmte sich für die vielseitigen Interessen, 
was alles ihn so hoch über die gleichzeitigen Kirchenfürsten 
stellte. Als er nach seiner Heimreise aus Rom und Rückkehr 
zur Orthodoxie, die er für die Studienzeit hatte verleugnen müssen, 
an dem Kiever früheren Kolleg, jetzigen Akademie, lehrte, lernte 
Peter den gewandten Panegyriker schätzen und berief ihn 
schliefslich nach Petersburg, wo er als Offiziosus auf der Kanzel 
die Anmafsung der Geistlichkeit, Staat im Staate zu bilden, zu 
enthüllen und alle Mafsregeln Peters, z. B. die Thronentsetzung 
des Kronprinzen , zu verherrlichen Gelegenheit fand. Er war 
Protestant vom Scheitel bis zur Zehe, und dafs ein solcher, trotz 
den Machinationen seiner Gegner, die den Wolf im Schafspelz 
früh erkannten, sich als Erzbischof von Nowgorod bis an sein 
Lebensende behauptet hat , das war das eigentliche Zeichen der 
Zeit im »neuveränderten Rufsland«. Er hafste und bekämpfte 
zweierlei, die Finsternis des Unwissens im Volke und bei seinen 
Hirten und den papistischen , d. h. unabhängigen Geist in der 
Geistlichkeit; daher konnte Peter keinen aufrichtiger ergebenen 
Bewunderer, kein gefügigeres W'erkzeug finden. So verfafste er 
das »Geistliche Reglamentc^ das die Grundlagen der neuen 
Kirchenordnung, Abschaffung des Patriarchates, Einrichtung des 
Sj^nod, Säkularisierung der Klostergüter, Forderung von Wissen 
für die Geistlichkeit, feststellte und die Gegner satirisch verhöhnte. 
Seine litterarische Tätigkeit war eine vielseitige , von seinen 
Kiever Schulheften über Poetik und Rhetorik und seinem Schul- 
drama Wladimir, aufgeführt 1705, — d. i. die Bekehrung Rufslands: 
schon Wladimir läfst er klagen über russischen Hafs der Wissen- 
schaften, schon seine heidnischen Priester Süffel, Frefsochs und 
Hühnerschlucker sind seinen eigensten Kollegen nachgebildet; — 
bis zu seiner theologischen Polemik mit Javorskij u. a., seinen 
historischen Versuchen, seinen Schriften für die Jugend, einem 
Katechismus ; sie sind zum Teil spät herausgegeben , zum Teil 
früh übersetzt, das ; Reglamentc ins Deutsche schon 1725; er 
schrieb Russisch , Lateinisch auch \^erse , Preis des Galilei z. B., 
und polnische Verse in Kiev ; obwohl er das Deutsche nicht kannte, 



— 67 - 

stellte er Deutschland seiner Bildung wegen über alle anderen 
Länder. Näheres über ihn und zahlreiche Mitarbeiter gehört 
jedoch nicht hierher. 

Wir stehen an einem Wendepunkte. Javorskij und Proko- 
povic sind die beiden letzten Geistlichen, die der Litteratur- 
historiker zu erwähnen braucht. Während bisher die ganze 
Litteratur ausschlielslich von Geistlichen gepflegt war, es fast 
keine weltlichen Schriftsteller gab, erzielten Peters Reformen die 
Schaffung einer rein weltlichen Litteratur, obwohl er selbst aus 
Mangel an geeigneten Kräften immer noch die Hilfe von Geist- 
lichen bei Übersetzungen in Anspruch nehmen mufste. War 
bisher aufserhalb der Kirche, der Klöster und ihrer Schulen kein 
Wissen vorhanden, war daher dieses Wissen ganz der geistlichen 
Autorität unterstellt, ohne selbständiges Leben, so macht Peter das 
Wissen unabhängig: er schafft die ersten technischen Schulen, 
er dringt auf Errichtung niederer Schulen (»Zifferschulen«); am 
leichtesten fiel es freilich , das höchste zu wagen und eine 
Akademie der Wissenschaften mit deutschen Gelehrten in Peters- 
burg zu begründen , und dieses Monopol der Deutschen bewahrte 
seine Schöpfung, die allerdings erst nach seinem Tode ins Leben 
trat, bis auf unsere Tage. Seit Peter und durch ihn trennt sich 
die bisher zusammengehende Geistlichkeit und Litteratur für 
immer; jene in ihren besonderen Schulen, Moskauer und Kiever 
Akademie u. a. , mit ihrem scholastischen Wissen , das die von 
Prokopovic angebahnte Richtung für viele Dezennien unterdrückt, 
mit ihrer besonderen Schrift und Sprache , auf ihrem be- 
schränkten Gebiet; diese sich emanzipierend von der einseitig 
asketischen Weltanschauung , eintretend für Wissen , Wahrheit 
und Leben, mit der alten Schrift und Sprache auch die Supre- 
matie religiöser Ausschliefslichkeit von sich abschüttelnd. Beide 
Richtungen werden sich nie wieder begegnen ; von unserer Dar- 
stellung bleibt nunmehr die erstere ausgeschlossen. 

So ging Peters Regierungszeit zu Ende, ohne die Litteratur 
wesentlich, unmittelbar bereichert zu haben; vermochte sie doch 
nicht einmal eine Peters Forderungen entsprechende Geschichte 
Rufslands zu liefern; des Gisel Synopsis mit ihren Fabeln von 
Noahs Zeiten , Aufzählung von Kievs Wojewoden und Ver- 
schweigung der Moskauer neueren Geschichte konnte ihn am 
allerwenigsten befriedigen; es liefs sich ungleich leichter z. B. 



— 68 — 

eine Weltgeschichte (des Lutheraners Stratemann »Theatron«, 
wegen lutherischer Tendenzen unter Peters Tochter wieder 
konfisziert) übersetzen, die die alten »Chronographen« byzantini- 
schen Andenkens verdrängen sollte. Sonst kannte die historische 
Litteratur, aufser dem »Kern« des Mankiejev, nur Relationen 
und Gelegenheitsschriften, auch polemischer Tendenz, z. B. gegen 
Karl XII., und die ersten Ansätze einer Memoirenlitteratur. Es 
sind dies mehr oder minder ausführliche Reisebeschreibungen, 
die die Pioniere der Kultur, die Tolstoi, Scheremetiev , Kurakin 
u. a., von ihrem aufgedrungenen Aufenthalt im Auslande zur 
Erinnerung für ihre Familien niederschrieben. Aus Familien- 
archiven sind diese Aufzeichnungen oft erst in unseren Tagen 
veröffentlicht worden. Diese Tagebücher und Reisejournale ohne 
litterarischen oder historischen Wert sind interessant für die 
Charakteristik der Reisenden selbst; mit was für Gefühlen die 
damaligen Russen die europäischen Wunder anstaunten; Sinn 
für Natur und Kunst fehlte ihnen vollständig; ihre Marsch- 
route war zudem öfters eine gebundene, d. h. sie hatten das 
Umgehen mit Kompafs und Plänen, die Führung eines Schiffes 
in Krieg und Frieden und womöglich den Schiffsbau selbst zu 
erlernen und sich dann mit Schrecken auf den Tag des jüngsten 
Gerichtes, das Examen vor Peter selbst, vorzubereiten; kein 
Wunder, wenn die von Alter und Seekrankheit Gequälten mit- 
unter recht lakonisch in ihren Berichten wurden. Die aus- 
führlichste dieser Reisen ist die Tolstoische, 1697 — 1699, eine 
Studienreise; die kostspieligste die Scheremetievsche , eine Ge- 
sandtschaft, 1697; die am meisten weltmännische führte Mat- 
viejev 1705 nach Paris. Die Naivität, Ursprünglichkeit dieser 
grofsen Kinder ist oft recht amüsant; da sie nicht für die 
Öffentlichkeit schrieben, ist ihr Urteil öfters ganz ungeschmeichelt, 
so ist z. B. Fürst Kurakin über »Kleinparis« wesentlich anderer 
Meinung : »aufser diesen Gelegenheiten, den drei Jahrmärkten, ist 
die Stadt für Kavaliere, zu leben, schrecklich langweilig usw.,« 
als beste :> Akademie« in Deutschland erklärte er die Prager 
Jesuitenschule mit ihrem reichen und rechten Wissen ; der kluge 
Tolstoi (»wäre dieser Kopf nicht so klug, hätte ich ihn längst 
abgeschlagen,« sagte Peter zu ihm) ist übrigens Ahne von Leo 
Tolstoi. 

Wie diese Reisen Peter anordnete und dadurch deren Be- 



— 69 — 

Schreibungen hervorrief, ebenso gab seine Regierung mit ihren 
Umwälzungen und Änderungen Anlafs für allerlei Projekte und 
Reformpläne, in denen zum ersten Male eine öffentliche Meinung 
aus ihrer bisherigen Unmündigkeit und Lautlosigkeit hervorzu- 
treten wagte. Unter diesen Projektemachern ist der eigen- 
artigste ein Mann der guten alten Zeit, ein nicht unvermögender 
Bauer, J. Possoschkov, der seinen bestgemeinten Eifer mit 
der Peterpaulsfestung zu büfsen hatte: er weihte somit dieses 
Mausoleum für lebende russische Schriftsteller ein. Unter 
seinen Schriften ist die bedeutendste »Das Buch von Armut und 
Reichtum«, die ihm, wie er es selbst ahnte, Freiheit und Leben 
kosten sollte. Der Mann war nach der modernen Terminologie ein 
»unzuverlässiger, unruhiger«, d. h. er hatte die Frechheit, die 
Augen offen zu halten und was er sah, auszusprechen ; dafs er es 
aus heifsem Patriotismus tat, weil es ihn brannte, dafs »wir unseren 
Nachbarn zu Schimpf und Spott dienen, die uns etwa wie Mord- 
vinen ansehen«, dafs er zum mindesten türkische Gerechtigkeit und 
Ordnung forderte , vergröfserte natürlich seine Schuld. Er war 
ein Alt-, dann ein Rechtgläubiger, hafste die Fremden, aber 
lernte gern von ihnen; der Feuereifer seines Zaren steckte ihn 
an, aber er sah zugleich, dafs dessen Reformwerk nicht recht 
vonstatten geht, die Wirkung der Menge neuer Gesetze eine 
geringe bleibt, denn wohl zieht der Zar selbstzehnt nach oben, 
aber nach unten die Millionen. Das alte russische »Unrecht« 
überwindet das zarische »Recht«, und daher beleuchtet er dieses 
Unrecht in seinen Schlupfwinkeln, in der Rechtspflege und in 
der Verwaltung ; aber er ist einfacher Bauer, er weifs nicht dem 
Übel von Grund aus beizukommen, er verspricht sich selbst 
nicht allzuviel von seinen Palliativen und erhofft alles von einer 
Delegiertenversammlung aller Stände, die die notwendige neue 
»Regul« finden mufs, denn wie konnte dies ein einzelner 
schaffen? — also es lebt in ihm die Erinnerung an den Sem- 
skij ssobor; dafür wird er nun natürlich eingekerkert und stirbt 
im Kerker. Von der Notwendigkeit und Nützlichkeit des Lernens 
von Vorgeschritteneren hatte dieser einfache, abergläubische 
Bauer und Bekämpfer des Raskol klarere Begriffe als viele ge- 
bildete Russen des XIX. Jahrhunderts. Und auch anderes zeigte 
einen offenen Blick, die Erkenntnis z. B., dafs der Reichtum des 
Landes von dem des Volkes, nicht von dem des Fiskus abhänge ; 



— 70 — 

dals man zu wenig Rücksicht nimmt auf den Kaufmannsstand • 
wie die Hochgeborenen zur Ungesetzlichkeit angeleitet wurden 
usw. Alle diese Schriften sind erst spät, zum Teil in unseren 
Tagen herausgegeben, die Zeitgenossen erfuhren weder von ihnen 
noch von dem Verfasser irgend etwas. Wenn Possoschkov sogar 
unter Mordvinen vernünftige Leute finden konnte, zeigte sein 
eigenes Beispiel, wessen der russische Bauer unter günstigeren Um- 
ständen fähig war, wenn sein Sinnen nicht ausschliefslich auf die 
Frage der Wirksamkeit der Freitage oder die Zahl der Oblaten 
bei der Messe gerichtet war. Freilich war 1700 — 1725 der Bauer 
noch nicht durch den Druck der Leibeigenschaft so entmenscht 
und erniedrigt, wie ein Jahrhundert später; aufserdem hatte 
gerade die durch den Raskol hervorgerufene Bewegung seinen 
Geist geweckt, ihn die slawische Apathie und Indolenz ab- 
streifen lassen. Auch dieser Wahrheits-, d. i. Gerechtigkeits- 
fanatiker und Märtyrer seiner Überzeugung ist in dieser Be- 
wegung geistig mündig geworden; er ähnelte seinem grofsen 
Herrscher darin, dafs ihn schliefslich die praktischen Fragen 
ganz gefesselt haben, — aber der Ausgangspunkt war grund- 
verschieden; Possoschkov wollte die Gerechtigkeit auf Erden 
verkörpert sehen, sein Zar rang nur nach Macht; der Bauer war 
Christ, sein Herrscher Heide. 

Andere Reformer und Reformschriften der Zeit können all- 
gemeineres Interesse nicht beanspruchen; sie beweisen nur, dafs 
das Vegetieren in den alten Bahnen unmöglich erschien ; den 
gewaltigen Anforderungen der Zeit an Menschen und Mitteln 
mufste Rechnung getragen werden; ein Zurückweichen, Auf- 
geben des Erreichten war am allerwenigsten für die Autokratie 
möglich. Daher war die Grausamkeit, mit der Peter aus Sorge 
um sein Lebenswerk gegen das eigene Fleisch und Blut wütete, 
überflüssig und unnütz; schlimmer als unter seinen Nachfolgern 
wäre auch unter Alexej nicht gewirtschaftet worden; denn auch 
die orthodoxesten Velleitäten hätten keinen Zollbreit mehr vom 
Ostseestrande wieder abgetreten. 

Eher wäre ein Rückschritt möglich gewesen in der Kultur, 
wie es übrigens auch ohne Alexej fast zu einem völligen Stillstande 
gekommen ist, doch nicht auf allen Gebieten. So hatte z. B. 
unter Peter die handschriftliche Belletristik keinerlei wesentliche 
Förderung erfahren, als wenn in den aufgeregten Zeiten mit 



-^ 71 — 

ihrer Überstürzung von Plänen , Reformen , Änderungen , Sinn 
und Mufse selbst für derlei abhanden gekommen wäre. Dafür 
vermehrte sich im zweiten Viertel des Jahrhunderts ganz auf- 
fallend die Zahl neuer Übersetzungen, In den Druck kam da- 
von das wenigste; vieles taucht erst heute aus den Handschriften 
auf, so gab z. B. 1905 der verdiente Erforscher dieser Litteratur, 
Ssipovskij, eine gröfsere Sammlung heraus. Die stattliche Zahl 
von Abschriften sogar umfangreicher Erzeugnisse beweist jedoch 
das Interesse, das man ihnen entgegenbrachte. Es fehlte nicht 
ganz an neuen Übersetzungen aus dem Polnischen , wie in der 
alten Zeit; es mehrten sich bereits Versuche eigenen Nach- 
schaffens, Nachahmens; die Hauptmasse knüpfte direkt an deutsche 
und französische Vorlagen an; es traten schon Werke auf wie 
die asiatische Banise« und der Telemaque und hatten die 
früheren Erzählungen nur den Sinn für das Abenteuerliche ge- 
weckt, so behauptete in den neueren die Sentimentalität in den 
langen Gesprächen und Briefen der Liebenden bereits ihre Rechte. 
Einzelne dieser Abenteuerromane oder humoristischen Fabliaux, 
z. B. die Buhlen des treuen Weibes in den drei Kisten , trugen 
russische Namen oder sind mit Zügen russischen Lebens aus- 
gestattet. Den Hang zur Sentimentalität verrät auch das Über- 
greifen der erotischen Lyrik, die sich aber über Gemeinplätze und 
blofse Nachahmungen nur wenig zu erheben vermag; sogar die 
Zarin, Peters Tochter, ist unter diesen »Minnesängern« ver- 
treten. 

Nicht nur diese Litteratur ist nach guter alter Sitte auf Hand- 
schriften, anonymes Entstehen und Verbreiten, angewiesen; sogar 
Litteraten von Fach beschieden sich vorläufig mit Triumphen 
im engsten Kreis von Gesinnungsgenossen oder hielten aus ver- 
schiedenen Gründen ihre Arbeiten der Öffentlichkeit vor. Zwei 
Richtungen künden sich jetzt bereits an ; die eine , im Sinne 
Peters, lehnt sich an deutsche wissenschaftliche Tätigkeit und 
wird für russische Wissenschaft epochemachend , in Tatischcev, 
den dann Lomonossov fortsetzen wird; die andere ahmt die 
schöne Litteratur der Franzosen nach und wird dadurch für 
unseren unmittelbaren Zweck wichtiger, in Kantemir, den Tredja- 
kovskij und Ssumarokov fortsetzen, die Erzpoeten der Zeit. 
Kantemir und Tatischcev arbeiten noch mit völligem Ausschlufs 
der Öffentlichkeit, wie zur Zeit von Iwan und Kurbskij. Fürst 



— 72 — 

Kantemir war von Geburt ein Fremder, Wallache, wie die 
Mogila und Cheraskov, — es wimmelt ja von fremden Namen 
in der russischen Litteratur wie in der Gesellschaft selbst. 
Deutsche sind, um nur die bekanntesten zu nennen, Vonwisin, Chem- 
nitzer, Küchelbecker, Grec; Wallachen und tatarische Familien 
sind vorher erwähnt worden ; ein Grieche ist Kacenovskij ; häufig 
sind Polen, angefangen von dem Gosvinskij im XVII. Jahr- 
hundert bis zu den Bulgarin und Ssenkovskij traurigen An- 
denkens, zu den Baranzevic und Jasinskij in unseren Tagen; 
Kniaznin heilsen Poeten hüben und drüben, die Soltyk, Aksak, 
Korsak in Polen erscheinen in Rufsland als Saltykov, Aksakov 
und Korsakov. Die Kleinrussen stellen ebenfalls ein stattliches 
Kontingent, die Nareznyj, Gogol, die Namen auf enko usw., ab- 
gesehen von den alten Kiever Leuten. Dem Völkergemisch im 
Reiche könnte mit Fug und Recht auch ein ähnliches in der 
Litteratur entsprechen, doch ist in den meisten Fällen dieser 
fremde Ursprung, auch bei Lermontov, bedeutungslos, was aus- 
drücklich hervorgehoben sei, weil mitunter Falsches daraus ge- 
folgert wird, so gerade bei Kantemir, dessen wallachische Her- 
kunft für seine syllabischen Verse verantwortlich gemacht wird, 
als ob die Zeit andere Verse gekannt hätte. 

Kantemirs häusliche Erziehung ergänzte das akademische 
Gymnasium in Petersburg, denn nach dem streng praktischen Sinn 
Peters sollten die deutschen Akademiker nicht nur Erfindungen 
machen, Rufslands historische Vergangenheit und geologische 
Verhältnisse ausbeuten, sondern auch Schulen vorstehen, und so 
fristete, da es zu einer Universität nicht recht kam, ein akademi- 
sches Gymnasium ein wechselvolles Dasein; hier lernte er die 
Klassiker, besonders seinen Lieblingsschriftsteller Horaz kennen. In 
die Öffentlichkeit trat er mit einer gut gemeinten und schlecht aus- 
geführten Psalmensymphonie, 1727, ganz nach dem Muster der 
Kiever »Dichter« ; der dafür wohlverdienten Vergessenheit entrifs 
ihn nur das, was er nicht gedruckt hat: seine Satiren. Trotz seiner 
asketischen Verse stand er nämlich ganz auf selten der Aufklärer, 
wie Prokopovic, und hing an Peter mit Begeisterung, von der leider 
auch eine unvollendete Petride — in jeder Zeile eine Versündigung 
gegen den guten Geschmack — zeugt, aber das Jahr 1729 stand 
ganz im Zeichen der Reaktion, und immer häufiger hörte man 
den Vorwurf, dafs Wissen schädlich wäre, Ketzereien hervor- 



— 73 — 

brächte — ein Vorwurf, der gerade in Rufsland am unbegründetsten 
erscheinen mufste, wo ja der Raskol und seine Ketzereien Kinder 
des blödesten Unwissens waren. Prokopovic nahm Stellung zu 
dieser Torheit schon im »Reglament«; Kantemir bekämpfte sie in 
einer Satire: »Auf die Wissenslästerer <;, Auf diese folgten noch 
andere , öfters in der Form von Episteln ; der Verfasser suchte 
sie in den vierziger Jahren, da er Gesandter in Paris war, heraus- 
zugeben, doch überraschte ihn der Tod ; zuerst erschienen sie in 
einer französischen Prosaübersetzung, aus welcher erst eine deutsche 
gereimte entstand — nach diesem bewährten Rezept arbeiten noch 
heute manche deutsche /Übersetzer aus dem Russischen < ; im 
russischen Original erschienen sie erst 1762, als ihre syllabischen 
Verse längst eine Kuriosität geworden waren. 

Die Satiren waren, als sie 1729 und nach der Aufmunterung 
durch Prokopovic in den folgenden Jahren entstanden, etwas 
völlig Neues, weil der bisherigen streng kirchlichen Litteratur 
dies Genre fremd war, und auch darin etwas Neues, weil sie sich 
zum ersten Male an französische Vorbilder (Boileau) anlehnten; 
gegenüber der lateinisch-polnischen Richtung in der Poesie bahnten 
sie französischer Klassik die Wege. Wie Kantemir, so verfuhren 
die Nachfolger: sie adaptierten den französischen Inhalt russischen 
\'erhältnissen und glaubten national zu werden, wxnn sie fran- 
zösische Namen durch russische ersetzten; Kantemir ging aller- 
dings weiter, zielte auch auf russische Persönlichkeiten, z. B. auf 
den Obskuranten, Bischof Daschkov, den grimmigsten Feind von 
Prokopovic. Sonst sind die Satiren recht allgemein gehalten; ihr 
hervorstechendster Zug ist die Spitze gegen die Geistlichkeit 
und die Huldigung für Prokopoviß; der Ausdruck ist ungefüge, 
weitschweifig, eher grob und bleibt hinter den Vorbildern unend- 
lich weit zurück, der Vers ist einförmig und holperig. Kantemir 
ist in seinen Oden, Episteln, Epigrammen, Fabeln, Übersetzungen 
vor allem Didaktiker; eine dieser Übersetzungen, des Fonteneille 
»Über die Vielheit der Welten«, hat wegen der Zugrundelegung 
des kopernikanischen Systems böses Blut in Rufsland gemacht: 
das Buch denunzierte der Zarin als ein gotteslästerliches, da es 
die Selbständigkeit der Natur betone, Abramov, einst Direktor 
der Typographie Peters, auf seine alten Tage Erzreaktionär und 
Denunziant, dem aber seine Denunziationen am meisten geschadet 
haben — ein in Rufsland sonst ganz unerhörter Fall. 



— 74 — 

Neue , aufgeklärte Gedanken kleidete Kantemir in die alte, 
ungefüge Form, doch Schriftsteller von Beruf — mochte er sich 
sogar mit theoretischen Fragen über russische \'erskunst be- 
schäftigen — war er ebensowenig wie irgendeiner der Vor- 
gänger; das Versemachen namentlich galt als eine des Standes 
und Alters unwürdige Spielerei, und er verwahrte sich dagegen 
ausdrücklich, als ob diese Jugendarbeiten der wichtigeren, not- 
wendigen Sachen bestimmten Zeit irgendwie Abbruch getan hätten; 
er war und blieb Dilettant, an dem das merkwürdigste die ent- 
schiedene, nicht in Peters Geiste gelegene Hinneigung zum Fran- 
zosentum verbleibt ; er ist Vorläufer der für die russische Gesell- 
schaft charakteristischen Richtung, die unter Peters Tochter schon 
aus rein politischen Gründen, aus dem Hafs und Gegensatz gegen 
Biron und seine Anna, gegen Ostermann und Münnich, hervortrat. 

Vielseitiger und rühriger war der unermüdlich tätige, lern- 
und leseeifrige Gouverneur von Astrachan, Tatischöev, ein Zögling 
der Schule Peters, eifersüchtig gegen jegliche Schmälerung der 
Autokratie ankämpfend, ob sie von den Magnaten oder von der 
Geistlichkeit geplant wurde, desto nachdrücklicher für Nutzen 
und Notwendigkeit des Wissens eintretend, so in einem besonderen 
»Gespräch über Nutzen der Wissenschaften«, das 1733 verfafst, 
zum ersten Male — 1887 veröffentlicht wurde. Seine Arbeiten 
blieben nämlich den Zeitgenossen völlig unbekannt; die um- 
fassendsten betrafen russische Geschichte, eine Sammlung heimi- 
scher Chroniken und auswärtiger Berichte, aufgebaut auf aus- 
gebreitetster Belesenheit, mit kritischer Tendenz, scharf die Geist- 
lichkeit bekämpfend, in deren Interesse es läge, das Volk in 
seiner Dummheit zu erhalten : daher kamen Verfasser und Werk 
in Verruf, und erst unter Katharina II. konnte letzteres gedruckt 
werden. Der Geistes- und Gesinnungsgenosse von Prokopovi^, 
den er aufserordentlich verehrte, hat seine Ideale am ausführ- 
lichsten in seinem »Testament an seinen Sohn« (1734, gedruckt 
1773; ohne die Zusätze des damaligen Herausgebers, 1885) aus- 
geführt, das über die gesamte Erziehung, Berufswahl, Ehe usw. 
handelt; er vertritt eine streng utilitaristische Moral, Gesundheit 
und Geld bleiben das Erstrebenswerteste ; argwöhnische Vorsicht 
wird besonders eingeschärft, aber daneben auch Forderung rast- 
loser Arbeit erhoben. Im Verhältnis zum Bauern ist er der ver- 
nünftige Plantator, der im wohlverstandenen eigenen Interesse 



— 75 — 

die Arbeitskraft seiner Leute schont-, auch sein Eintreten für 
religiöse Interessen scheint aus gleicher Berechnung erwachsen — 
sie ersetzen ihm, wie dem Nowgoroder Erzbischof, die Polizei. 
Trotz dieser Engherzigkeit ist es ein offener, bereits halbwegs 
philosophisch geschulter Kopf, der aus seinen Schriften spricht; 
wie bei Peter überwiegt das Zweckmäfsige, z. B. in der Einteilung 
von Wissenschaften und Kunst — »Musik' übersetzt er noch mit 
:>Gauklerei' und stellt sie auf eine Stufe mit Voltigieren und 
Tanzen; aber er kennt bereits Bayle, teilt dessen Skeptizismus, 
schöpft aus Chr. Wolff und Walch und ist mit Bacon, Descartes, 
Puffendorf wohlvertraut. Wir erfahren durch ihn, dafs, aller- 
dings nur in Handschriften, die Werke eines Macchiavell, Hobbes, 
Locke, Boccalini u. a. bereits in russischen Übersetzungen vor- 
lagen; er hält sie für :)unnütz« , sie gingen dem Rationalisten 
offenbar zu weit. Für schöne Litteratur fehlte ihm , wie Peter, 
jegliches Verständnis. 

Der erste Schriftsteller und Theoretiker aus Neigung und 
Beruf, leider ohne Talent und Geschmack, ist Tredjakovskij. 
Wissensdurst trieb den armen Popensohn aus dem fernen Astra- 
chan nach Moskau, und von hier zog ihn die Leuchte Paris so 
mächtig an . dafs er unter den gröfsten Entbehrungen , oft zu 
Fufs. die Reise zurücklegte. Die Franzosen haben es ihm angetan, 
und Zeit seines mühevollen Lebens sollte er für die Verbreitung, 
d. i. für die Verpflanzung der französischen Litteratur und ihres 
Kodex, Boileau, nach Rufsland sich abmühen, die Sprache »aus- 
reinigen« , den Vers vom Marterpfahl des Syllabismus losbinden 
und gemäfs den tonischen Anforderungen der Sprache wie dem 
lehrreichen Beispiele des Volksliedes ihn ausgestalten; zuletzt 
übersetzte und ahmte er nach, damit alle Kategorien der schönen 
Litteratur, Oden, Tragödien usw., endlich auch im Russischen 
vertreten wären. Im steten Kampfe mit der eigenen Not und 
mit der ungemessenen Roheit der Zeit hat er dieses Programm 
auch verwirklicht. Wie das Glück, so haben auch die Musen 
ihn stets gemieden, aber was durch blofsen hingebungsvollen Eifer, 
durch unablässige systematische Arbeit erzielt werden kann, hat 
er seinen, gerade zu solcher Arbeit niemals prädisponierten Lands- 
leuten gezeigt, wie oft er sich auch in der Wahl von Stoff und 
Form vergriffen hat, wie wenig auch seine Mühe ihm gedankt 
worden ist. 



- 76 — 

Schon Kantemir versuchte eine bestimmte Stellung der 
Sprachenfrage gegenüber einzunehmen. Er unterschied die Volks- 
sprache, aus der ihn Reimnot ein und das andere Wort an- 
zuwenden zwang, von der russischen, die slowenischen »Formen« 
erschienen ihm bereits unmöglich, während sein Wortschatz selbst 
unbedenklich auf diese Quelle zurückgriff. Erst Trediakovskij 
stellte sich in bewufsten Gegensatz gegen das »Slowenische t. 
Kirchenslawische , obwohl er es selbst einst geschrieben , ja ge- 
sprochen hatte, wofür er alle um Verzeihung bat, vor denen 
er je in seiner slowenischen Dummhaftigkeit als besonderer 
Sprachkünstler hätte erscheinen wollen. Jetzt klang bereits das 
> tiefgründige Slowenisch« seinen Ohren hart, er fand es auch 
dunkel, vor allem unpassend für Behandlung weltlicher Stoffe, 
und so wählte er absichtlich die »Voyage ä l'ile d'amour oü la 
clef des coeurs« von 1713, übersetzte sie 1730, — das machte ihn 
bekannt und verschaffte ihm die Stelle eines Übersetzers, zuletzt 
die eines Professors lateinischer und slawischer Eloquenz bei der 
Akademie; er bediente sich dabei der gewöhnlichsten Sprache, »wie 
wir untereinander sprechen <;. Der Grundgedanke war, wie bei 
Trediakovskij, immer richtig, die Mängel stellten sich erst bei 
der Ausführung ein, namentlich entstellten die schwerfälligsten 
Zusammensetzungen den Redeflufs; gerade wie bei der Forderung 
des tonischen Verses ist durch ihn erst die Bahn für Begabtere frei- 
gemacht. Manche seiner Anregungen, z. B. in der Forderung 
einer phonetischeren Orthographie, haben nicht einmal die ver- 
diente Beachtung gefunden, freilich war er selbst oft aufser- 
stande, die nötigen Konsequenzen zu ziehen. Dafs er es in einem 
Zeitalter, wo man auf alles Volkstümliche verächtlich herabsah, 
wagte, auf den Rhythmus gerade der Volkspoesie sich zu berufen 
und ihn gegen die unerträgliche Kiever Schablone auszuspielen, 
kann nicht hoch genug angerechnet werden. 

Mit gleicher Absichtlichkeit und Bewufstheit trat er als der 
erste Popularisator ästhetischer Begriffe auf. Seinen eigenen Ver- 
suchen »pindarisierender« Oden, antikisierender Tragödien, pseudo- 
klassischer Epopöen schickte er die nötigen theoretischen Aus- 
einandersetzungen über Ode, Tragödie, Komödie, Epos voraus 
und machte damit zum ersten Male den russischen Leser bekannt, 
seine Weisheit aus Franzosen schöpfend; die Muster allerdings 
selbst, die er schuf, waren herzlich schlecht, am verrufensten war 



— 77 — 

seine langweilige »Telemachide«, die Bearbeitung in Hexametern 
des didaktischen Romans. Im Grunde bleibt Trediakovskij nur der 
Übersetzer, der öfters gar nicht wagte, eigene Proben einzuführen, 
z. B. für die Komödie begnügte er sich mit der Übersetzung des 
»Eunuchen«, in Versen, natürlich mit Ausmerzung aller Un- 
anständigkeiten, da eine Komödie doppelt so viel Geist als eme 
Tragödie erfordere — letztere hatte er selbständig verbrochen, 
eine »Deidamia«; die Unzulänglichkeit seiner Kräfte für originales 
Schaffen erkennend, hob er die Übersetzungskunst in alle Himmel. 
Interessant bleibt, dafs er bei seinen tappenden Versuchen, z. B. die 
Wahl des Choräus statt der Jamben anderer zu rechtfertigen, sogar 
auf das Beispiel der südslawischen, ragusäischen , Litteratur sich 
berufen konnte; späteren vermittelten erst fremde Übersetzungen 
oder Fälschungen solche Kunde. Zu den Vorwürfen der Un- 
selbständigkeit und Unfähigkeit — sogar im prosaischen Aus- 
druck, der von Gallizismen, Polonismen und Slawismen wimmelte, 
trotzdem er angestellt war, »die russische Sprache auszureinigen, 
schreibend in Versen und nicht in Versen« — gesellten sich noch 
leider nicht unbegründete Vorwürfe von Gesinnungslosigkeit; 
seine Lobhudeleien, die er als offizieller Panegyrist zu liefern 
hatte, machten ihn zur Zielscheibe boshaften Spottes — Parodien 
schrieb man auf den Unglücklichen noch zu Ende des Jahr- 
hunderts, z. B. Nikolev ; so setzte man seine wirklichen Verdienste 
ungebührlich herab. 

Zu seinen grimmigsten Gegnern gehörte Ssumarokov, der 
das wagte, woran Trediakovskij nicht denken konnte, für jeg- 
liches dichterische Genre die originalen russischen Muster zu 
schaffen, und so mit einem Male die Litteratur auf die Höhe zu 
bringen, die die französische — andere waren ja nicht der Be- 
achtung wert — einnahm. Das komischste an diesem Unter- 
fangen war, dafs Ssumarokov selbst dies Ziel für alle Zeiten er- 
reicht zu haben überzeugt blieb. Nur vom Romane liefs er die 
Hände weg, weil die mafsgebenden ästhetischen Codices, Aristo- 
teles, Horaz, Boileau, diese Bastardart nicht kannten; auch in 
der Epopöe versuchte er sich nicht, dafür stellte er in eigener 
Person den russischen Racine, Moli^re, Boileau, Lafontaine dar; 
läfst man nach Billigkeit Trediakovskij nur als Übersetzer und 
Theoretiker gelten, so ist Ssumarokov der erste Belletrist; doch 
können wir von seinen Fabeln, Satiren und Epigrammen, von 



— 78 — 

seinen Eklogen und Episteln, Elegien und Oden absehen, denn 
schliefslich blieb sein gröfstes Verdienst, eigentliches Leben in die 
russische Bühne gebracht zu haben. 

Diese Bühne hatte seit dem Tode der Schwester Peters 
keinerlei Förderung mehr erfahren ; hatte sich auch Peter während 
seiner zweiten Auslandsreise ein wenig mehr fürs Theater inter- 
essiert, eine neue deutsche Truppe entboten, wurden auch an 
den geistlichen Schulen (Moskau) M3"sterien und Dramen auf- 
geführt, die Sache schien für immer einschlafen zu wollen. Anders 
wurde es erst, als für die langweilige und stets sich langweilende 
Anna, dann für die zerstreuungssüchtige Elisabeth Hoftruppen 
zusammengestellt wurden , natürlich ausländische , deutsche (die 
Neuber) und italienische für die Anna, italienische und fran- 
zösische für Elisabeth; das einfache Publikum begnügte sich mit 
deutschen Marionetten, die den Sündenfall oder Don Juan dar- 
stellten. Ein Kaufmannssohn aus Jaroslavl, Volkov, sah derlei 
Aufführungen; sein lebhaftes Kunstinteresse trieb ihn zu Nach- 
ahmungen; mit seinem Bruder und anderen, die auch Frauen- 
rollen agierten, führte er in Jaroslavl alte Stücke auf, die Bei- 
fall fanden. Es gab jedoch kein weiteres Repertoir; ein solches 
geschaffen zu haben ist eben das Verdienst Ssumarokovs. 

Sinn für litterarische Beschäftigung, Kenntnis der französischen 
Litteratur, hatte er aus der eben (1732) nach Berliner Muster ge- 
gründeten Ritterakademie oder, natürlich adligen, Kadettenanstalt, 
die mit einem vielseitigeren, moderneren Unterrichtsplan aus- 
gestattet war . davongetragen ; die Zöglinge deklamierten Oden 
vor den Zarinnen und führten Stücke auf. Der ehrgeizige Ad- 
jutant, zuletzt Brigadier, warf sich auf Dramen, begann mit 
seinem Hamlet, von dem er stolz behauptete, dafs nur der Schlufs 
des dritten Aktes Shakespeares Eigentum wäre, und liefs bald 
Tragödien aus der russischen Geschichte und Komödien aus dem 
russischen Leben folgen, über zwanzig Jahre lang den Thespis- 
karren, auch als Direktor und Regisseur, nicht nur Autor, 
schiebend. Denn als die Jaroslavler Dilettantentruppe vor der 
Zarin seinen »Chorev« aufgeführt hatte, ging man endlich. 1756, 
an die Errichtung eines russischen Theaters in Petersburg, dem 
bald ein zweites in Moskau folgte. Damit begann die Leidens- 
zeit Ssumarokovs, denn die Mittel, die für die fremden Bühnen 
reichlich flössen, verweigerte man eben für die »partikulare« 



— 79 — 

russische. Die Quälereien endigten mit der Entlassung des 
Direktors, der dann (1761) nach Moskau ging, wo ihm neue 
Enttäuschungen, auch von Seiten des Publikum, nicht erspart 
blieben-, Katharinens Gunst linderte zeitweilig seine moralischen 
und finanziellen Leiden , doch blieb sein Lebensabend verbittert 
und vergrämt. Als er mittellos starb, bestritten wenigstens die 
dankbaren Schauspieler die Kosten des Begräbnisses. 

Sie statteten damit wirklich eine Schuld ab, denn er hatte 
das russische Theater über die schwierigsten Anfänge hinüber- 
geführt. Neben ihm gebührt dem talentvollen Tragiker, Dmi- 
trievskij , dem Mitarbeiter \^olkovs , den man zu weiterer Aus- 
bildung zu Garrick und nach Paris geschickt hatte, Anerkennung. 
An seinen Tragödien, vom »Chorev« und »Truvor« ab bis zur 
»Semira< und dem falschen »Demetrius« (1748 — 1771), waren 
nicht einmal die Personennamen russisch, ihr historischer Wert 
genau gleich dem historischen von »Koloander und der Leo- 
nilda;. oder der »Dionea, der Prinzessin von Negropont<, be- 
kannten Romanen der Zeit, aber das XVIII. Jahrhundert hatte 
keinen Smn für das historische und kümmerte sich im Theater 
am allerwenigsten um echte Staatsaktionen. Es suchte Emotion 
der Gefühle, und für diese bürgten die langen und leidenschaft- 
lichen Tiraden des Dichters. Ihre Bedeutung darf nicht allzu 
gering angeschlagen werden. Mochten auch jene Romane ab- 
geschmackt in ihrer Erfindung sein, sie halfen doch durch ihre 
Sentimentalität oder Galanterie die harte Kruste der traditionellen 
Unmoral eines »Domostroj« lockern ; Ssumarokovs Tiraden von 
Ehrgefühl, Vaterlandsliebe, Gerechtigkeitssinn, hingebender Treue, 
Mannhaftigkeit rüttelten ungleich energischer an den Fesseln der 
Apathie und Indolenz. Mit Feuer vorgetragen, täuschten sie 
den Zuschauer, dem zum ersten Male von der russischen Bühne 
her menschliches, ja heroisches Fühlen und Denken in den 
Ohren klang, über die Hohlheit der nur von einer Seite dar- 
gestellten Charaktere, über das streng Konventionelle der ganz 
schablonenhaften Handlung, über den absoluten Widerspruch 
gegen jegliche historische Wirklichkeit. Das Theater erfüllte 
eine moralische Aufgabe, läuterte und erhob; die unerträglich 
gellende Phrase reizte die naiven Zuhörer; seinen Russen war 
Ssumarokov wirklich Corneille, Racine und Voltaire. 

Ungleich schwächer waren die Anregungen, die von seinen 



— 80 — 

Komödien ausgingen-, einmal begnügte er sich mit allzu rohen 
Mitteln, derben Späfsen, dann störte hier empfindlicher die 
Ignorierung der Wirklichkeit, merkte man allzu deutlich das 
Erborgte der Handlung und Situationen; endlich waren die Ob- 
jekte seiner dramatischen wie auch seiner didaktischen Satire 
allzu unbedeutend : die kleinen Beamten , die Schreiber, der 
»Brennesselsamen«, mit ihrer Gaunerei und Bestechlichkeit; 
die Modenarren mit ihrem französischen Mischmasch im Dialoge ; 
die Pedanterie des Trissotinius, d. i. Trediakovskij, hielten nicht 
lange vor. Hier gab es keine schwungvollen Tiraden, die die 
augenfälligen Mängel übersehen liefsen. Gröfseren Wert be- 
safsen seine kleineren Sachen, Fabeln u. dergl. ; aber die ge- 
spreizte Rhetorik seiner Dramen, ihr falsches Pathos, das in den 
Ohren der nächsten Generation bereits als lächerlicher, zur Paro- 
die reizender Überschwang galt, das Gesuchte und Unnatürliche 
des Ausdrucks, das bald statt zu erschüttern komisch wirkte, die 
strikte Befolgung der pseudo-klassischen Vorschriften, der drei 
Einheiten u. dergl., daher Bekämpfung der comedie larmoyante: 
diese Kinderkrankheiten konnten der Litteratur nicht erspart 
werden, und haben etwa die nächsten Nachfolger Ssumarokovs 
ihn irgendwie übertroffen ? Die spätere Herabsetzung war jeden- 
falls weniger gerecht als die Lobesüberhebungen der Zeitgenossen. 
Ssumarokov war zugleich der erste Dichter, der nur für seine 
»Reimerei« Sinn hatte, sie über alles in der Welt stellte, wie 
ihm sein Gegner zu Unrecht vorwarf, sein Gegner und Rivale, 
der alles andere, nur kein Dichter war, Lomonossov, der an- 
gebliche Malherbe und Pindar der Russen — das Aufkleben der- 
artiger Epitheta hielt sich lange in der Mode. 

Neben Peter dem Grofsen und Theofan ProkopoviC darf un- 
streitig als dritter Geistesheld dieses Jahrhunderts Michael Lomo- 
nossov bezeichnet werden; der vierte war Radischcev; ihrer 
aller Taten lagen freilich nicht auf dem Gebiete der schönen 
Litteratur, Lomonossov vertrat zum ersten Male die Macht des 
Geistes und der Wissenschaft vor einer barbarischen, servilen 
und materialistischen Gesellschaft; nicht frei von ihren Fehlern, 
wufste doch der arme Bauernsohn ihr gegenüber die Rechte 
des Wissens geltendzumachen; er schuf eine Wissenschaft mit 
besserem Erfolge, als die Trediakovskij und Ssumarokov eine 
Belletristik. Er war eine Art Universalgenie, Metallurg, Geolog, 



~ 81 — 

Chemiker, Elektriker, Astronom, Nationalökonom, Statistiker, 
Geograph, Historiker, Philolog, Ästhetiker, Dichter; die Zeit 
der Spezialisierungen war für Riifsland noch nicht gekommen ; er 
vertrat eine Akademie und Universität, technische Institute und 
chemische Laboratorien. Nur glühender Patriotismus vermochte 
seinen sonst scharfen Blick zu trüben, dafs er ungerecht und 
engherzig werden konnte, was allerdings die damaligen Ver- 
hältnisse erklären und entschuldigen müssen. Denn Lomonossov 
kämpfte bewufst gegen die Monopole und Privilegien der Aus- 
länder; er fürchtete von ihnen beabsichtigte, konsequente Ver- 
kümmerung und Lahmlegung der Russen und deren eigenen 
gelehrten Nachwuchses und nur, dafs er eine gute Sache mit 
nicht einwandfreien Mitteln verfocht, dafs er bei seinem un- 
gestümen Temperament nicht Mafs hielt, dafs er seinen Gegnern 
die bequemsten Waffen gegen ihn selbst lieferte, ist sein Fehler 
gewesen. Nach einem Bildungsgang , wie er nur in dem 
bildungslosen Rufsland möglich war , unter Entbehrungen , die 
nur die urwüchsige Kraft des russischen Bauern zu überwinden 
vermochte, ging er bei deutscher Gelehrsamkeit in die Schule; 
der Schüler der Deutschen, deren Pedanterie sogar ihm ins Blut 
überging, konnte zu ihrem erbittertsten Gegner werden, trotzdem 
machte der recht unbequeme Gesell seinen Lehrern, dem Christian 
Wolff in Marburg, Henckel in Freiberg u. a. die gröfste Ehre. 
Den Adjunkt, dann Professor der Akademie beliefs man jedoch 
nicht bei seinen Naturwissenschaften; er mufste ja bei den Feiern 
als offizieller Redner auftreten. Diese seine Reden , unseren 
Rektorsreden vergleichbar, und Aufsätze sind seine glänzendsten 
Leistungen, nicht nur stilistisch, sondern auch gedanklich, z. B. 
über Stellung von Wissen und Glaube in einem Lande, wo das 
Kopernikanische System nur auf Umwegen eingeführt werden 
konnte; über Lufterscheinungen, wo er das Recht der wissen- 
schaftlichen Forschung vertrat; über den Nutzen der Chemie, 
wo er die Wissenschaft den Prachtpalast menschlicher Wohlfahrt 
aufführen liefs; über den Ursprung des Lichtes, wo er die Er- 
forschung der Natur als eine heilige Pflicht darstellte usw. Der 
offizielle Redner mufste ohne weiteres zum Panegyriker werden 
und hatte Oden zu den Thronfeiern und sonst zu liefern ; er hatte 
sich ja zuerst als Odendichter, Übersetzer und Nachahmer einen 
Namen zu machen gewufst. Wir würden allerdings diese Oden 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. Ö 



— 82 - 

gerne missen, denn auch die besten unter ihnen, d. h, diejenigen, 
in denen nicht Ehsabeth, Peter III. und Katharina IL, sondern 
die Allmacht Gottes und die Wunder der Natur, Nordlicht u. a., 
verherrlicht werden, machen uns den Eindruck eines Auszuges 
aus jenen Reden und Aufsätzen. Freilich kommt auch hier ein 
grofses Talent stellenweise zum Durchbruch-, treffende Gedanken, 
imposante Bilder erheben sie weit über die Reimereien eines 
Trediakovskij und Ssumarokov — räumte doch letzterer vor- 
behaltlos seinem Rivalen das Pindarisieren ein und schrieb selbst 
nur »närrische Oden«, d. h. Parodien. Besonders fiel der sprach- 
liche Ausdruck auf. 

Von den Schriftstellern des XVIII. Jahrhunderts hat keiner 
so viel über die Sprache nachgedacht und ist von so bedeutendem, 
nicht immer heilsamen Einflufs auf sie gewesen wie Lomonossov. 
Die leidige Sprachenfrage sollte sich ja noch bis ins XIX. Jahr- 
hundert fortschleppen; sie löste erst Karamsin, aber nicht durch 
V^orschriften, Grammatiken, Stilanweisungen, sondern durch das 
glänzende, lebende Beispiel; das erkannte nicht Lomonossov; er 
blieb der Überzeugung, dafs durch Herumdoktern und Rezepte- 
schreiben die Krankheit sich ohne weiteres beheben lasse. Diese 
war in ein akutes Stadium getreten. Es schlössen sich förmlich 
aus die »slawenische«, die Kirchensprache mit ihrer griechischen 
Wortfolge , ihren griechischen Artikeln . ihren griechischen un- 
endlichen Wortzusammensetzungen; die Sprache der Gesellschaft 
und die Kanzleisprache, mit der Unmasse fremder Termini, die 
Peter noch, ganz wahllos und willkürlich, in den öffentlichen 
Verkehr hineingeworfen hatte; man sieht sie ja noch heute, 
z. B. auf dem Schilde des parikmacher u. a. , und immer neue 
treten hinzu, vom voksal bis galschtuk und buterbrot ; die Sprache 
des Volkes endlich, die allein echt russisch war. Trediakovskij 
und Ssumarokov waren auf dem besten Wege, allerdings liefsen 
auch sie sich durch die Not des Reimes oder Rhythmus immer 
wieder zu gräfslichen »Slawenismen«, z. B. na mja statt na 
menja u. dergl., verleiten, aus blofser Bequemlichkeit. Lomonossov 
dagegen führte die russische Schriftsprache auf Abwege ; er ver- 
wechselte den Respekt vor der Heiligen Schrift mit dem vor der 
unheiligen Kirchensprache, dem slawisch-griechischen Blendling; 
anstatt dem angehenden Schriftsteller dringend davon abzuraten, 
die kirchliche Litteratur ihrer Sprache wegen zu lesen, die nach 



— 83 — 

dem eigenen Geständnis Lomonossovs vielfach unverständlich war, 
hielt er ihn dazu an und verdarb nur den »schtil«. Er führte 
die groteske Pedanterie von dem dreifachen »schtil« ein, dem 
hohen für Epos , Ode , Prunkrede ; dem mittleren fürs Drama, 
Epistel, Ekloge, Elegie, Beschreibung denkwürdiger Sachen ; dem 
niedrigen für Komödie, Lied, Epigramm, einfache Beschreibungen: 
die verschiedene Mischung von Slawenismen und Russismen, wie 
von Kaffeebohnen oder Tabaksblättern verschiedener Sorten, be- 
dingte den Rang des >schtil«. Und es gab Leute, die dies 
glaubten und nachahmten. Zum Glück ist Lomonossovs Sprache 
ungleich besser als seine Theorie; trotz des Überwucherns von 
Slawenismen bleibt sie gewählt und doch kräftig, pathetisch, 
stellenweise nicht ohne wirklichen Schwung, rein und glatt, ohne 
ins Banale und Triviale zu verfallen. Wie vertraut er mit dem 
Wesen und Leben der Sprache sonst war, bewies seine »Russische 
Grammatik« (1755), die ein halbes Jahrhundert lang unbedingte 
Autorität genofs; allerdings ging es auch hier bei der Fassung 
einiger Vorschriften nicht ganz ohne Pedanterie ab, an einer 
solchen krankt noch heute die russische Orthographie, aber im 
ganzen konnte sich diese Grammatik neben die besten des Jahr- 
hunderts in Europa stellen. 

Es beruhen somit seine Verdienste auf dem Wecken un- 
abhängigen, wissenschaftlichen Geistes, sein Grundsatz, ohne dafs 
er ihn formuliert hätte, war: Wissen ist Macht; auf dem Ein- 
treten für das Recht der Forschung, auf der unermüdlichen Be- 
kämpfung »der Feinde russischen Wissens« , auf dem Fördern 
der Schule : es gelingt ihm zwar nicht, eine Universität in Peters- 
burg , unabhängig von der Akademie , zu begründen , aber er 
förderte die Gründung der ersten und bis heute bedeutendsten 
russischen Universität in Moskau, die ja anfangs auch mit aus- 
ländischen Gelehrten garniert werden mufste, aber tüchtige 
Russen bald heranzog, mochte es unter ihnen auch an den 
.-eigenen Piatons und scharfsinnigen Newtons« fehlen, die 
Lomonossov mit der gröfsten Bestimmtheit vorausgesagt hatte. 
So führte er, was an ihm lag, das Werk Peters des Grofsen 
fort, und er ist sein letzter, glühender Verehrer; er wurde nicht 
müde, überall einzuschalten das Lob desjenigen, der »das von 
Barbarei zertretene Rufsland mit sich zum Himmel erhoben hat«. 

Mit ungleich gröfserem Recht als der eingebildete Ssumarokov, 

6* 



— 84 — 

dem einige schmeichelhafte Phrasen der Ausländer den Kopf 
vollends verdreht hatten, konnte Lomonossov von sich behaupten, 
dafs er :^durch seine Oden, Reden, Chemie, Physik, Geschichte 
dem Vaterlande Ehre mache« ; dieser Stolz zeichnet ihn vorteil- 
haft aus; er würde sich nicht einmal von Gott zum Narren halten 
lassen, geschweige denn von einem Machthaber dieser Welt, 
erklärte er rundweg seinem Mäzen. Dieser Mannesstolz, der, 
unerhört in Rufsland , nicht auf Geburt und Rang , sondern auf 
der Überzeugung von dem eigenen Wert gegründet war, ver- 
liefs ihn nur in seinen Oden. Dafür mufs jedoch die Zeit ver- 
antwortlich gemacht werden, die überhaupt keinerlei Poesie ernst 
fassen konnte; der diese nur als Schmuck und Zeitvertreib galt, 
als »Früchte und Dessert bei einem leckern Mahle« ; die nur 
auf Kommando bestellte Poesie, heute für Peter III. und morgen 
mit derselben Feder für die Usurpatorin seines Thrones. Diese 
kalten, gefeilten, erzwungen-schwunghaften Oden, die von selbst 
zur Parodie reizten, wie man seine Ode aus Hiob parodierte: 
'O du, der du in deiner Kümmernis vergebens 
Auf den Dienst murrst, o Offizier usw." 
grassierten ebenfalls durch ein halbes Jahrhundert in der Litteratur. 
Es fiel allerdings leichter, die Schwächen des iVIannes, als seine 
Gesinnung und Wissen herüberzunehmen. Seine übrigen poetischen 
Erzeugnisse, Tragödien, eine Epopöe vom grofsen Zaren u. dgl. 
haben nicht einmal den Zeitgenossen imponiert; für seine besten 
Sachen, Invektiven und Epigramme, mufste er, nicht immer mit 
Erfolg, Anonymität wahren. 

So ging nur langsam die Saat auf, für die Peter den Boden 
bestellt hatte. Er konnte Heere europäisch eindrillen und Flotten 
aus dem Meerboden stampfen, mit ihnen die Schlachten bei 
Poltawa und den Alandsinseln gewinnen; die Annalen des 
Geistes und der Litteratur hatten bis tief in das Jahrhundert 
hinein nichts annähernd Ähnliches zu verzeichnen. Aber auch 
hier war der starre Bann asiatischer Unbeweglichkeit gebrochen ; 
aus der geistigen Nacht sollte Rufsland dem Lichte immer rascher 
entgegengeführt werden. 



— 85 — 

Viertes Kapitel. 
Katharina 11. und ihre Zeit. 

Die Persönlichkeit der kaiserlichen Dilettantin, ihre Komödien. Doppelte 
Richtung der Litteratur, die französische mit der blofsen raison (Visin, 
Satire und Fabel); die deutsche mit "mystischen« und sentimentalen 
Anwandlungen — Freimaurer; Novikov; Radischcev, Karamsin. Tief- 
gehender Wandel der Zeit; Verfolgung jeden liberalen Gedankens. 



Das Eingreifen Rufslands in die europäischen Händel, seine 
politischen und militärischen Erfolge hatten einen neuen Patriotis- 
mus geweckt; man war stolz, Russe zu sein, wenn man auch 
noch von dem späteren Anspruch auf Weltherrschaft weit ent- 
fernt war. Es verlangte nunmehr der nationale Ehrgeiz, auch 
auf geistigem, litterarischem Gebiete diesem Europa es gleich- 
zutun, zu besitzen die russischen Racine, Moliere, Pindar usw.; 
ja man beneidete den Westen um eine Pamela, Heloise usw. und 
schuf eine »russische Pamela oder Geschichte der tugendhaften 
Bäuerin Maria«, ein Roman von 1789, und motivierte dies und 
ähnliches mit dem Streben, »den fremde Staaten dem eigenen 
Vorziehenden zu beweisen, dafs er Tugendhelden, wert des Ehrens 
und Bewunderns besitze, und wenn solche Helden in England, 
Frankreich usw. so laut gefeiert werden, so geschieht dies, weil 
sie dort viel seltener sind als in dem unverdorbenen Rufsland.« 
Aus demselben Patriotismus beschrieb ja sogar Komarov das 
Leben des Erzgauners und Moskauer Räubers Vanjka Kain 1775, 
um den Nachweis zu liefern, dafs der russische auch den französi- 
schen Cartouche in die Flucht schlagen könnte. Man mag diesen 
Patriotismus recht naiv finden; man mag sich darüber aufhalten, 
dafs man mit dem blofsen Schein, mit Namen, statt der Sache 
sich begnügte; wichtig war, dafs man sich so hohe Ziele überhaupt 
steckte. Um sie erreichen zu können, ward, da in Rufsland jede, so- 
mit auch die litterarische Revolution von oben, auf Befehl kommt, 
der Schutz auch der russischen Musen dem Throne anvertraut, 
die Litteratur ins Programm der Regierung eingeschlossen. 

Die Lieblingstochter des grofsen Zaren, auf die alle in Rufsland, 
bis auf die Ausländer natürlich, die ausschweifendsten Hoffnungen 



— 86 — 

gesetzt hatten, nicht zum mindesten Lomonossov selbst, hatte voll- 
ständig versagt; alle Erwartungen zu übertreffen, blieb einer deut- 
schen Prinzessin vorbehalten, die durch ihre Erziehung französisch 
geworden war, wie etwa Friedrich IL Piatos Wunsch war erfüllt; 
ein aufgeklärter Philosoph bestieg den nordischen Thron, aber 
nicht nur Philosoph, ein Litterat vor allem, der kein unbeschriebenes 
Blatt Papier sehen konnte, ohne etwas darauf kritzeln zu wollen, 
dem litterarisches Schaffen nicht nur psychische, sondern sogar 
physische Erleichterung bewirkte. Aus ihrer dienstbaren Aschen- 
brödelrolle sollte jetzt erst die Litteratur für immer befreit 
werden , berufen , an dem Werke der moralischen und geistigen 
Wiedergeburt mitzuschaffen. Und doch, so verheifsungsvoll die 
Anfänge sich gestalteten, auf diesen Rausch folgte baldige Er- 
nüchterung, schliefslich regelrechter Katzenjammer ; an der Wiege 
der Regierung standen Voltaire, »der Lehrer«, und Montesquieu, 
Diderot und Beccaria, aber der anmutige und unschuldige Philo- 
sophenflirt lief aus in dem Bluthunde Scheschkovskij , der seine 
Verhöre mit den » politischen <; Angeklagten, wes Standes sie auch 
waren, regelmäfsig mit einem Schlag gegen das Kinn eröffnete, 
dafs die Zähne krachten oder herausflogen. Die Ideen, für die die 
Kaiserin 1768 selbst eingetreten war, kosteten 1792 den Kopf 
dem Unbesonnenen, der sie noch zu vertreten wagte. 

Das Schauspiel war nicht das einzige der Art in Rufsland, 
gleich ihr geliebter Enkel sollte es nochmals aufführen, der Ur- 
enkel wiederholen. Eitel und bestimmbar wie ein Weib, arg- 
wöhnisch und mifstrauisch wie ein Emporkömmling zur Gewalt, 
der keinen sicheren Boden unter den Füfsen fühlt, eifersüchtig 
auf die eigene Macht wie ein echter Autokrat, mufste Katharina 
schwankend und unsicher in ihren Befreiungsplänen werden, es 
vorziehen , äufsere Erfolge auf Kosten der inneren zu erringen, 
den ungefährlicheren, aber desto lauterem Kampf mit den »Erb- 
feinden«, Türken und Schweden, als etwa mit dem Elend da- 
heim aufzunehmen; die taurischen Dekorationen, die Potemkin 
für die Krimreise ausführen liefs, wären für ihre ganze Regie- 
rung bezeichnend gewesen. An ihr war alles Komödie : ihre 
Religion, Nationalität, Philosophie, Humanität ; echt war nur die 
unbegrenzte Herrschsucht, Eitelkeit und Dilettantismus. Sie war 
der Gegensatz zu Peter; diesem lag an der Sache, ihr an dem 
Schein. Daher die glänzende äufsere Politik, die realen Macht- 



— 87 — 

erwerbungen, die sie als gewandter Diplomat trefflich einzuleiten 
verstand ; die konsequente Energie , mit der sie diese Ziele ver- 
folgte, die allerdings bereits in der traditionellen Richtung russi- 
scher Expansionspolitik lagen. Dafür daheim der Ruin der Finanzen, 
das Elend des von Hungersnöten und Pest dezimierten Volkes, 
die Knechtung neuer Millionen, die bisher die Wohltaten der 
Leibeigenschaft nicht verkostet hatten. 

Die gewandte, geistreiche, oft neckische Korrespondenz mit 
Friedrich IL und Joseph IL, mit Grimm und den Philosophen; 
die glänzenden Anerbietungen und verschwenderische Freigebig- 
keit für Diderot und andere Franzosen; die Sorge, dafs kein 
ungünstiges Urteil über Rufsland im Auslande unwiderlegt 
bliebe; der blendende äufsere Glanz — so kostete die Ver- 
goldung der Palasttürme Millionen : Peter hätte denjenigen eigen- 
händig verprügelt, der ihm ein derartiges Projekt nur unter- 
breitet hätte, Katharina führte es ohne weiteres aus; die 
hochtönendsten Phrasen, doppelt eindrucksvoll, weil aus dem 
Munde des unumschränkten Herrschers kommend, der die Macht 
hat, sie zu verwirklichen, und bei dem leisesten Hindernis sie 
ruhig preisgibt: alles kennzeichnet gleichmäfsig Tun und Lassen 
der genial veranlagten und von der Macht berauschten, im 
Grunde kalten, nüchternen, vorsichtig wagenden Herrscherin und 
Lebenskünstlerin ohnegleichen. Zum Glanz ihrer Regierung be- 
durfte sie auch einer eigenen Litteratur; die hochbezahlten Lob- 
hudeleien der Encyklopädisten , die faustdick aufgetragenen 
Schmeicheleien des Spötters von Sanssouci, die pompösen Namen 
heimischer Kriecherei konnten ihr nicht genügen, die August 
und Mäzen in einer Person vereinte. Daher die aufserordent- 
liche, treibhausartige Förderung der Litteratur, ja der Wissen- 
schaften überhaupt , mit der durchaus nicht einherging der 
Respekt vor der Wahrheit, die Achtung einer freien Meinung, 
die Sorge um das Unscheinbare , aber Unumgängliche , nament- 
lich um die elementare Bildung. Der so furchtbar darnieder- 
liegende, d. h. einfach fehlende Volksunterricht (ein anderer 
wäre übrigens für Leibeigene nicht angebracht gewesen !) ist unter 
Katharina nicht auf neue Grundlagen gestellt worden; es fehlte 
allerdings nicht an höheren Spezialversuchen, z. B. das Smolna- 
stift für adlige Mädchen u. a. , aber sonst blieb alles beim alten, 
z. B. bei der einzigen Moskauer Universität im weiten Reiche; 



— 88 — 

bei dem völligen Mangel an Mittelschulen; bei der Notwendig- 
keit blofsen häuslichen Unterrichts mit den allerungenügendsten 
Kräften: ein Finne hat einmal Finnisch als Französisch unter- 
richtet; davongejagte Kutscher und dgl. wurden »Gouverneure« 
der adligen Jugend; man lernte auch bei Zuchthäuslern. Und 
doch, trotz aller Mängel, welch kolossaler Gegensatz gegen das 
mode- und vergnügungssüchtige Treiben der Vorgängerin, der 
Odaliske-Idiotin auf dem Thron ! Welche Unsummen geistiger 
Anregung, die von der mit erstaunlicher Spannkraft der Nerven 
ausgestatteten , unermüdlich tätigen , äufserst mäfsigen , lebens- 
froh heiteren Kaiserin-Denkerin, Philantropin und Schriftstellerin 
ausgingen! Denn ungeachtet des traurigen Endes ihrer Regie- 
rung, ungeachtet des Hervorkehrens der äufseren, der Prunk- 
seite, auf Kosten dringender Aufgaben, ungeachtet aller Ent- 
täuschungen und schlimmer Erfahrungen ist unter Katharina 
vieles Bleibende, Glänzende geschaffen. 

Die »nordische Semiramis — wirklich Semiramis, verfuhr 
sie doch mit Peter III. wie Semiramis nach der Sage mit 
Ninus — war ein hochbegabter Geist, ein offener Kopf von 
vielseitiger Bildung, ein starker Charakter von unbeugsamem 
Wollen, weit überlegen ihrer ganzen Umgebung. Wie Peter der 
Grofse, wie sein Prokopovic war auch sie die einzige, nicht nur 
in Rufsland und im XVIII. Jahrhundert I Von Peter unterschied 
sich die »Mutter des Vaterlandes« dadurch, dafs sie Staats- 
aktionen nicht nur machte, sondern auch schrieb. Diese ganz 
eigenartige Tätigkeit der Kaiserin ist das anziehendste Kapitel 
russischer Litteraturgeschichte des XVIII. Jahrhunderts, nicht 
als wäre die Kaiserin ein etwa ebenso genialer Schriftsteller wie 
Diplomat, obwohl es ihr an Begabung nicht fehlte, sondern 
wegen der Rolle, die der »aufgeklärte Despotc der Litteratur 
zuwies, wegen der Prüfungen, die er ihr auferlegte, wegen der 
Bedeutung dieser Litteratur für das Leben. Einen wie geringen 
Einflufs hat sonst Litteratur aufs Leben; alle sozialen Romane 
des XVIII. Jahrhunderts z. B. sind in den Wind gesprochen. 
Wenn Katharina dagegen in ihren Lustspielen warnt, droht oder 
Anspielungen macht, so weifs man, dafs sie nicht in den Wind 
redete, dafs sich diese Worte alsbald zu höchst empfindlichen 
Mafsregeln verdichteten; ihre Lustspiele gegen die Freimaurer 
sind nicht blofs komische Ausfälle eines Aufklärers ä la Nicolai 



— 89 — 

in Berlin, sondern sie sind auch dumpfes Grollen eines Gewitters, 
das sich dann über den Köpfen der Unglücklichen entladen wird, 
sie kündigen den kommenden Untersuchungsrichter an ; hinter 
den blofsen Worten steht reelle, unbegrenzte Macht. Schon weil 
ihre Litteratur sich stets mit Rufsland beschäftigt, beansprucht 
sie dann höheres Interesse, als z. B. die Litteratur Friedrichs IL, 
die Fremdes und Kosmopolitisches bevorzugt. Selbstverständlich 
wird diese Litteratur von der Überzeugung des XVIII. Jahr- 
hunderts getragen, wie machtvoll das Eingreifen des einzelnen 
Zeiten und Völker beeinflusse, als wären die durchgreifendsten 
Änderungen mit etwas Energie in der kürzesten Zeit durch- 
zusetzen. Und doch nahm die Kaiserin, der jegliche Pedanterie 
ein Greuel war, sogar ihre Litteratur nicht besonders ernst. 

Vorübergehend nur war der erste, fast jugendliche Enthusias- 
mus, der aus der Übersetzung des Marmontelschen >Belisaire« 
und der eigenhändigen Abfassung der »Instruktion« oder »Nakas«, 
für die zur Durchberatung eines neuen Gesetzbuches, Ulozenie, 
nach dem alten Titel unter Zar Aleksej, zusammenberufene 
Kommission, zu uns spricht. Es war ein Schauspiel für Götter: 
auf der Wolga begeistern sich ^nordische Bären« für ein Buch, 
das Toleranz, Regentenpflichten, Verachtung des Absolutismus, der 
Cliquenwirtschaft, Gewissens- und Gedankenfreiheit predigt; sie 
verteilen unter sich die Kapitel des »Romans«, der Kaiserin fiel 
das IX. zu, über den Regenten, und widmen dem aufgeklärten 
Bischof von Tver, Gabriel, ein Buch, das die Sorbonne verdammte 
und gegen das der Erzbischof von Paris einen Hirtenbrief 
richtete! Auch die Instruktion, gröfstenteils französisch ge- 
schrieben, war eine Entlehnung, denn fast zwei Drittel ihrer 
526 Paragraphen gehen auf Montesquieu und Beccaria zurück; 
sie war nicht das offizielle Programm, nach dem vorzugehen 
w^ar; sie klärte nur auf über die Grundsätze, und diese Grund- 
sätze erwiesen sich so liberal, dafs die Kaiserin alsbald einsah, 
sie könnten sie in Kämpfe verwickeln, die der Usurpatorin des 
Thrones gefährlich werden dürften. Was war mit humanen Be- 
griffen dort anzufangen, wo die Stände nicht etwa z. B. einer 
Abschaffung, sondern einer Erweiterung der Leibeigenschaft in 
ihrem Egoismus das W^ort redeten ! Die ganze Aktion verlief 
im Sande , übrig blieb die so humane und liberale Instruktion, 
dafs die Kaiserin ihr eigenes Werk konfiszieren liefs, — es wurde 



— 90 — 

dem freien Verkehr entzogen, damit es nicht Unheil anrichte. 
Köpfe verwirre ! 

Von diesen hochfliegenden Plänen zog sich jetzt die Kaiserin 
auf eine ungleich bescheidenere Stellung zurück. Nachdem eben 
die Nation durch berufene Vertreter aller Stände zur Begutachtung 
des sozialpolitischen, juridischen und administrativen Reformwerkes 
aufgefordert war, werden jetzt alle diese Materien für immer dem Be- 
reiche der öffentlichen Meinung entzogen; der aufgeklärte Despot 
reserviert sich das ausschliefsliche Recht, darüber zu befinden, 
enthebt das Publikum der Mühe des Denkens und verlegt sich auf 
moralisches Predigen ; Katharina wird Mitarbeiterin der moral- 
satirischen Wochenschriften und geht unter die Komödienschreiber, 

Sie hat diese Litteratur nicht erst geschaffen; schon der 
Historiker Müller im Auftrag der Akademie und Sfumarokov in 
eigenem Namen, dann andere hatten seit 1755 — 1764 Monats- 
und Wochenschriften herauszugeben begonnen, die den englischen 
und deutschen, Addison usw., nachgeahmt waren, wenn sie nicht 
Beiträge zu russischer Geschichte brachten. Nach dem gut- 
gemeinten Versuch mit dem »Nakas« und dem , Platzen der Seifen- 
blasen' wurde nun die Moralpredigt aufgenommen: der Sekretär 
.der Kaiserin, Kosizkij, gab die Wochenschrift »Verschiedenes 
Allerlei« heraus, 1769, an der die Kaiserin sich beteiligte, und 
rief eine kleine Flut derartiger, oft recht kurzlebiger Wochen- 
schriften hervor, die bis 1774 andauerte; die gediegensten waren 
die Novikovschen, > Drohne, dann »Maler«. Die Themen dieser 
Satiriker waren die allgemein menschlichen , nur auf russischem 
Grunde lokalisiert : Bekämpfung der Unwissenheit , der Mode- 
narrheiten, Verschwendung, Müfsiggang, Eitelkeit usw., alles 
selbstverständliche Sachen, Gemeinplätze, oft nur aus dem Eng- 
lischen einfach übersetzt. Es kam wenig speziell Russisches hinzu, 
z. B. die »Zehn Gebote für den russischen Beamten« im »Allerlei«, 
darunter auch: Du sollst Dich täglich kämmen, oder über das 
russische Ferkelchen, das von der Auslandsreise als vollkommenes 
Schwein heimgekehrt ist, oder über die Ankunft eines Schiffes 
in Kronstadt aus Bordeaux mit vierund zwanzig Chevaliers, die, 
der Bastille entronnen, die Lilien eingebrannt haben, und nun 
zu Jugenderziehern angeboten werden u. dgl. Es stellte sich 
jedoch bald heraus, dals dem aufgeklärten Despotismus sogar mit 
diesen ,moraHschen Gardinenpredigten' nicht gedient war, denn 



— 91 — 

gegen die zahnlose Satire des »Allerlei«, der »Grofsmutter« dieser 
litterarischen Familie, nahmen sich die Rangen von Enkel un- 
gleich mehr Freiheit heraus, rührten bald an den »Grundsäulen« 
der Gesellschaft; der »Maler« z. B. brachte Fragmente eines Reise- 
berichtes, in welchem über die menschenunwürdige Lage der 
Bauern, über die Frevel ihrer Tyrannen die herzergreifendste Klage 
angestimmt wurde. Und auch sonst fand Katharina, dafs die Farben 
allzu düster aufgetragen wurden; wo sie im »Allerlei« nur von 
Schwächen der Menschen sprach und zur Nachsicht mahnte, 
sprachen die anderen von Verbrechen und Lastern, die ausgerottet 
werden müfsten, und klagten »Allerlei« an, dafs es auf seine alten 
Tage um den Verstand gekommen wäre. So zerplatzten auch diese 
Illusionen, die "Wochenschriften gingen 1774 endgültig ein; spätere 
Versuche einer Wiederbelebung zeitigten nichts Rechtes mehr. 
Erspart blieben diese Enttäuschungen der kaiserlichen Ko- 
mödienschreiberin. Das »Theater« Katharinas umfafste eine statt- 
liche Zahl russischer Komödien in Prosa, französischer Proverbes, 
russischer dramatischer Chroniken, Opern und Singspiele; die 
neueste Ausgabe von Pypin, in fünf Bänden, 1901 — 1903, enthält 
auch elf vorher unbekannte Stücke, doch fehlen immer noch einige, 
deren Titel überliefert sind. Die Stücke sind nicht in gleichem 
Mafse ihr Eigentum: es Avar ihr unmöglich, Verse zu schreiben, 
die Librettos der Opern usw. rühren daher von dem auf Kosizkij 
folgenden Sekretär, Chrapovizkij, her; aafserdem entfernen sich 
die Reinschriften, die sie durch Jelagin, Chrapovizkij u, a. an- 
fertigen liefs, ganz erheblich von ihren Autographen. Katharina 
hat nämlich wie in der Aussprache, die stets die Fremde verriet, 
so auch in der Beherrschung der russischen Schrift es nicht allzu- 
weit gebracht, sie lag stets im Kampfe mit der Orthographie, 
mit den Formen, mit den »Actiones« des Zeitwortes, auch mit 
der Syntax, und machte dafür ihren unsystematischen Anfangs- 
unterricht verantwortlich; es haben nun ihre Kopisten nicht nur 
die Fehler gebessert, sondern überhaupt den Stil nach Ermessen 
gemodelt. Nahm doch Katharina diese ganze Liebhaberei nicht 
allzu ernst; sie blieb sich stets bewufst, dafs sie über Mittel- 
mäfsiges nicht herauskommen würde, aber machte mit Recht für 
sich geltend, dafs, solange bessere Sachen fehlten, ihre Arbeit nicht 
überflüssig wäre. Es zerstreute sie selbst diese Schriftstellerei ; 
die Sachen wurden oft in wenigen Tagen hingeworfen, besonders 



— 92 — 

blieb die Intrigue stets ganz lose; zu ebensolchem Schaffen hielt 
sie auch die Fürstin Daschkov, Mamonov u. a. an ; eine Anekdote, 
Vorgänge in der Hofgesellschaft, Typen derselben reizten ihre 
Schaffenskraft, und das Publikum erging sich sofort im Raten, 
wer denn eigentlich gemeint wäre. Die Stücke wurden auf dem 
Hoftheater, namentlich im Theatre de l'Hermitage gespielt und 
fanden dann den Weg auf die öffentlichen Bühnen in Petersburg 
und Moskau. 1772 war das fruchtbarste Jahr; nach längeren 
Pausen kehrte die Kaiserin immer wieder zu dieser Liebhaberei 
zurück, 1787 z. B. verfafste sie die komische Oper vom »Gore- 
bogatyr Kossometovic« , vom »Unglücksheld, Sohn des Schief- 
werfers«, eine drastische Abfertigung Gustavs III. von Schweden, 
Verhöhnung seines prahlerischen Auszuges und schmählicher 
Rückkehr; die auf die Fürstin Daschkov geschriebenen Stücke 
sind bisher nicht aufgefunden. Das Publikum nahm die Stücke 
mit wechselndem Erfolg auf; was z. B. 1772 sehr gefallen hatte, 
liefs 1792 bereits ganz kalt. Den nachhaltigsten Erfolg erzielten 
die gegen Cagliostro, » Kalif alkzerston « , und die Martinisten, 
»Martyschki«, d.i. Affen, gerichteten Stücke, »Der Betrüger« 1785, 
1786 ins Deutsche übersetzt, in Hamburg mit aufserordentlichem 
Beifall gegeben; »Der Betrogene« 1785 (1786 übersetzt, »Der 
Verblendete«); »Der sibirische Schaman« 1786, übersetzt auch in 
der Sammlung: »Drei Lustspiele wider Schwärmerei und Aber- 
glauben« mit einem Vorwort von Nicolai 1788. 

Die Polemik der Kaiserin, auch die gegen Cagliostro und die 
140 Stufen der Freimaurer, geht nur aufs Äufserliche; die Lust- 
spiele selbst sind nach der französischen alten Schablone gemacht : 
das Liebespaar, das auseinandergerissen werden soll, die kluge 
Zofe u. dgl. ; keinerlei Charaktere, blofse Typen: die Heuchlerin, 
die Wunderboldin, die Brummbärin usw., wobei schon die Namen 
als Etiketten dienen, so dafs nichts zu raten übrig bleibt; diese 
Karikaturen belustigen, Wortwitze sind beliebt, die Situations- 
komik nicht ausgenützt — man mufs nur die unmittelbar voraus- 
gegangenen, ungefügen Sachen eines Ssumarokov vergleichen, 
um den Fortschritt , Vorzug dieses Theaters zu würdigen. Die 
Kaiserin sucht das Lokalkolorit zu wahren, und dies gelingt ihr 
besser als die Dui-chführung der Handlung ; am schwächlichsten 
fallen die positiven Charaktere aus, die Tugend- und Wahrheits- 
bolde jeglicher Art, die Räsonneure der Stücke. Die Kaiserin 



greift in ihren Nachahmungen über die Franzosen hinaus, zu 
Shakespeare — »Timon«, »Weiber von Windsor« — , Sheridan und 
Calderon, wobei natürlich die damalige Adaptierungsregel be- 
obachtet wird: Falstaff wird Colkadov, Windsor St. Petersburg usw.; 
auch so schuf man »russische« Komödien. 

Wer an diese Stücke mit den Erwartungen herantritt, die der 
glänzende, geistreiche Stil in den Briefen z. B. an Voltaire erweckt, 
wird sich enttäuscht sehen : für ihre Russen genügten der Kaiserin 
hausbackene Mittel. Überhaupt wurde das Ausland anders behandelt : 
sie sprach zu Voltaire , Grimm usw. viel von ihren Stücken , in 
Rufsland kannte — aufser den Kreisen der Hofgesellschaft — 
niemand richtig die Autorschaft; wenigstens wurde davon nie in 
der Öffentlichkeit gesprochen. Die Tendenz war ganz nach dem 
Sinne der Zeit eine wesentlich lehrhafte : ridendo castigat mores ! 
prangte auf dem Vorhang des Eremitagetheaters. 

Die interessantesten dieser Stücke sind die gegen die Frei- 
maurerei in rascher Folge gerichteten. Im ersten ist es noch der 
fremde Charlatan, der russische Leichtgläubigkeit ausnutzt; die 
beiden anderen beschäftigen sich mit den einheimischen; sie ver- 
spotten meist das Äufserliche, den Humbug der Aufnahmen, die 
unverständliche Sprache, die Spielerei grolser Kinder, aber sie 
deuten auch auf das Gefährliche der Moral, die die Leute von 
der Gesellschaft abspenstig zu machen droht und kündigen an: 
Entfernung aufs Land für die einen, Ergreifung von Mafsregeln 
gegen andere; denn Katharina sieht nur Betrogene oder Betrüger, 
sogar die Philantropie der Freimaurer ist ihr verdächtig, denn 
verfolgten sie keine Nebenzwecke — z. B. Selbstbereicherung auf 
Kosten leichtgläubiger reicher Gimpel — , warum betreiben sie die 
Sache so geheimnisvoll'? Sie stellt denn auch unter den Magiern 
abgefeimte Gauner, Diebe dar; sie verkennt absichtlich die 
moralischen Grundlagen, die Erneuerung der Menschen. Sie gibt 
für den Eintritt blofse Neugierde , Modesache , als einzigen be- 
wegenden Grund an, wenn es nicht auf Gewinn und Betrug ab- 
gesehen ist. 

Nach 1780 bekam die Kaiserin einen neuen Ansporn zu 
litterarischer Tätigkeit : die Sorge um die Erziehung ihrer ge- 
liebten Enkel liefs sie nicht nur Philosophie und Pädagogik, 
Basedow , Locke usw. , studieren , sondern Instruktionen für die 
Erziehung, Lehrbücher, moralische Märchen u. dgl. ausarbeiten. 



— 94 — 

Anderseits sollte in Petersburg für Pflege der russischen Sprache 
nach dem Muster der französischen Akademie gesorgt werden. 
So wandte sich Katharina wissenschaftlicher Beschäftigung mit 
Sprache und Geschichte zu; ihrer Anregung verdanken wir das 
polyglotte Wörterbuch, den >:'Mithridates« des Adelung, das 
russische akademische Wörterbuch. Ihre eigenen Studien über 
alte russische Geschichte legte sie in einer besonderen Sammlung 
von sechs Bänden, die bis zum Mongoleneinfall reichen, nieder. 
Dieses Zusammenarbeiten mit der Präsidentin der Akademie, 
Fürstin Daschkov, liefs sie 1783 eine neue Zeitschrift herausgeben, 
an der sie selbst einen ungleich gröfseren Anteil nahm als an 
dem »Allerlei« von 1769; hier druckte sie ihre historischen 
Memoiren und eine ganz lose Sammlung von Schnurren, Ein- 
fällen, Charakterschilderungen, moralischen Erörterungen u. dgl. 
(»Wahres und Erdachtes«). Der Eifer der Kaiserin kühlte sich 
jedoch bald ab; sie war älter und reizbarer geworden und nahm 
jetzt vieles übel. So die allerdings etwas stachlichten Fragen, 
welche Visin an die Redaktion gerichtet hatte mit der Ankündi- 
gung, er würde im Falle ihrer Aufnahme weitere schicken; die 
Kaiserin hat nun selbst diese Fragen beantwortet, aber an eine 
Fortsetzung des Fragens hat Visin nie wieder denken können. 
Er fragte z. B. : »warum in alten Zeiten Narren, Spötter und 
Schwätzer keinen Rang gehabt hätten, jetzt aber hätten sie solchen 
und zwar einen hohen?« Die Kaiserin antwortete: »Unsere Vor- 
fahren haben (auch) nicht alle schreiben gekonnt ; diese Frage 
ist (übrigens) Produkt einer losen Zunge, was unsere 
Vorfahren nicht kannten, sonst hätten sie auf einen heutigen 
(Narren) zehn frühere zählen können.« Die Frage: warum wir 
uns nicht schämen nichts zu tun? erschien der Kaiserin unklar; 
warum im Zeitalter der Gesetzgebung niemand daran denke, sich 
hierbei auszuzeichnen'? — weil dies nicht jedermanns Sache 
wäre; worin besteht unser Nationalcharakter? — in rascher und 
scharfer Auffassung, in musterhaftem Gehorsam, in der 
Wurzel aller Tugenden, die Gott den Menschen gegeben (?). 
Kein Wunder, dafs der Ssobessiednik (»Korrespondent«) diesen 
Zusammenprall nicht lange mehr überdauerte. 

Aus der Beschäftigung der Kaiserin mit der russischen Ge- 
schichte gingen die dramatisierten Chroniken von Rurik, Oleg, 
Igor (unvollendet) hervor, »ohne Beachtung der dramatischen 



— 95 — 

Regeln«; nach Shakespeareschem Muster geschrieben, keine histori- 
schen Dramen, sondern lose Szenen, mit slawischen und griechi- 
schen Gesängen und Tänzen, Massenaufzügen und — politischen 
Anspielungen, namentlich im »Oleg« : die Russen in Konstanti- 
nopel als Sieger!, als Kommentar förmlich zu den türkischen 
Kriegen und den stolzen Griechenplänen der Kaiserin, mit patrioti- 
schen Tiraden. Andere, für den Historiker interessantere Schriften 
der Kaiserin, ihre »Memoiren«; in französischer Sprache, zum Teil 
von Herzen veröffentlicht ; apologetische Sachen gegen Chappes 
»Sibirische Reise«, »Antidote oü examen« usw.; Pamphlete gegen 
die Freimaurer »Le secret de la societe antiabsurde« usw. gehören 
nicht mehr in unsere Betrachtung. 

Der satirische Zug der Zeit, statt des heroischen, den viel- 
leicht die Kaiserin erwartet hätte als würdiges Feiern ihrer Er- 
folge, blieb das Charakteristische. Den grölsten litterarischen 
Wert besitzen die zwei Komödien Visins (Fonvisin): »Der 
Brigadier« und »Der Junker«, Satiriker pflegen — und das 
gilt gerade auch von der russischen Satire eines Novikov u, a. — 
in absichtlicher Verkennung der wahren Verhältnisse das goldene 
Zeitalter in die Vergangenheit zurückzuverlegen , von den treff- 
lichen Sitten und Vorzügen der Väter zu sprechen, im gedanken- 
losen Nachplappern der antiken Satire, die ja von einer Entartung 
der Sitten handeln mufste. Visin ist gerechter: bei ihm taugen 
die Väter ebensowenig wie die Söhne. In beiden Komödien 
werden Leute von altem Schrot und Korn eingeführt, der 
Brigadier, roh, auffahrend, unwissend, seine Frau von unglaub- 
licher Beschränktheit, ihr Sohn, Hohlkopf wie die Eltern, aber 
mit französischem Schliff, der Rat, mit der bekannten >- Moral« 
des Beamten, Tartüffe dazu, die Rätin, vernarrt in den Französ- 
ling ; die Szenen zwischen Vater und Sohn, zwischen der Briga- 
dierin und dem Rat, der ihr in Psalmenzitaten eine Liebes- 
erklärung macht, sind von unwiderstehlicher Wirkung. Noch 
reicher an zwerchfellerschütternder Komik ist »Der Junker« : 
Mitrofanuschka und seine Lehrer, Mitrofanuschka und das 
Examen, seine Mutter und ihre Affenliebe, ihr Bruder mit 
seinem Sinn für Schweine streifen stark an Karikaturen, aber 
sind im Theater nicht nur der Katharinischen Zeit unübertroffen 
geblieben. Gegen diese Typen abschreckender Herzens- und 
Geistesroheit sind die Räsonneure blafs und verschwommen; ihre 



— 96 — 

Sentenzen zudem oft erborgt. Leider begnügte sich Visin mit 
den Triumphen, die ihm das Vorlesen dieser Komödien bei der 
Kaiserin u. a. einbrachte und befolgte nur zu genau den an- 
geblichen Rat Potemkins nach Anhören des »Der Junker« : stirb 
oder schreibe nicht mehr ! Den Zug zu galliger Satire merkt 
man aus anderen Schriften noch deutlicher als aus den beiden 
Komödien; der »Fragen« von 1783 ist bereits gedacht, noch 
schlimmer war die »höfische Grammatik ., und während er in 
Rufsland alles bekrittelte, verfuhr er auch, als angehender Misan- 
throp, mit dem Auslande nicht glimpflicher; seine »Briefe aus 
Frankreich« werden oft geradezu zu Lästerungen, die er noch 
dazu französischen Sittenpredigern entlehnt. Auch hierbei fallen 
manche tiefe Bemerkungen auf: man glaubt wörtlich Herzen zu 
lesen, z. B. bei den Worten: »Wenn man hier (in Frankreich) 
vor uns zu leben begonnen hat , können zum mindesten wir, 
unser Leben beginnend, die Form ihm geben, die wir wollen, 
und den hier eingewurzelten Unbequemlichkeiten und Übeln ent- 
gehen, nous commenQons et ils finissent« — und auf Grund da- 
von hat man Visin zum Slawophilen stempeln wollen, während 
er jegliches russische Leben in der Vergangenheit bestreitet ! Da- 
gegen können gar nicht aufkommen hypochondrische Glossen 
über französische Sklaverei und russische Freiheit u. dergl. 
Freilich ist Visin sonst vollkommen von den Franzosen abhängig, 
man sieht dies schon an seiner Sprache; auch darin stimmt er 
mit den Zeitgenossen überein. Interessant ist nur, dals zum 
ersten Male statt der bedingungslosen Verehrung der Meister des 
Auslandes Kritik dieser Meister selbst auftritt. 

Andere gingen noch weiter, Fürst Sch(!erbatov, die Fürstin 
Daschkov, die einzige russische Frau, die der Kaiserin halbwegs 
an Geist, Bildung und Energie gewachsen war, daher die oft 
gespannten Beziehungen beider, die förmliche Ungnade der 
Fürstin-Präsidentin, trotzdem ihr Katharina, noch von der 
Palastrevolution her, zum gröfsten Dank verpflichtet war; un- 
zufrieden mit der Gegenwart, mit ihrer laxen Moral, ihrer Ver- 
schwendung, Habsucht, Ehrlosigkeit, spielten sie die Prostakov 
und Skotinin, d. h. die biedere Moral der vorpetrinischen Zeit, 
gegen die Reform aus, beklagten die furchtbare Sittenverderbnis 
der Modernen. Da die Wirklichkeit nur zu deutlich sprach, da 
die Rückkehr zur vorpetrinischen Zeit, zu den viehischen Idealen 



— 97 — 

des Skotinin, unmöglich war, bedauerten sie wenigstens das über- 
hastete Tempo, in dem man von der Barbarei sich entfernt 
hätte, den schroffen Bruch mit der Tradition d. h. mit der Bar- 
barei. Am deutlichsten sprach dies Sch(!erbatov aus, der sich auf 
dem Gebiete der alten russischen Geschichte unbestrittene Verdienste 
erworben hat durch Veröffentlichung einzelner Texte wie einer 
siebenbändigen Geschichte Rufslands, bis zu den Romanows, 
grundlegend für die spätere Darlegung Karamsins. Seine 
scharfe Kritik blieb den Zeitgenossen ganz unzugänglich. Schon 
dieser eine Umstand, dafs er gar nicht verraten durfte, was er 
dachte, hätte den Fürsten überzeugen können, dafs der Grund 
zur »Sittenverderbnis« nicht in der Reform, sondern darin lag, 
dafs diese Reform zu einseitig, zu unvollständig war; dafs der 
alte, asiatische Geist in den modernen Formen und Menschen 
fortlebte. Allerdings spielte hierbei auch mit Rousseauscher 
Einflufs, die Vorstellung von den paradiesischen Zuständen, ehe 
die Menschlichkeit vom Baum der Erkenntnis gekostet hatte. 
Denn die Scheerbatovsche Kritik der modernen Verhältnisse und 
Gewalthaber, die Apologie der alten Biedermänner, wobei ver- 
letzte Standesinteressen eine wesentliche Rolle spielten — Schcerba- 
tov beklagte ja tief die Zurücksetzung der alten »Geschlechter« — , 
vereinigte sich durchaus mit dem modernsten Deismus und anderen 
Errungenschaften der Aufklärung. Seinen bezüglichen Idealen 
lieh der Fürst Ausdruck in seiner unvollendeten, erst nach über 
einem Jahrhundert gedruckten »Reise ins Land Ophir«, d. i. Rufs- 
land ; aus dem Rahmen der Erfindungen eines Morus, Swift und 
anderer Sozialromane entfernte sich »Ophir« dadurch, dafs es die 
bestimmten Züge Rufslands trug, mit der petrinischen Reform, mit 
dem Gegensatze der beiden Residenzen usw., und das Schema des 
Zukunftstaates enthüllte, mit Rückverlegung der Residenz, zu- 
gleich aber auch mit puritanischer Sittenstrenge, mit einer Reli- 
gion ohne Dogmen, Altäre und Priester, mit öffentlichem und 
raschem Gericht, und, charakteristisch für den Russen, mit einer 
eingehenden Reglementierung auch des privaten Lebens, mit 
aufserordentlichen Privilegien des Hochadels. 

Diese, den Zeitgenossen völlig verborgene — denn auch die 
Memoiren der Daschkov traten ja erst nach einem halben Jahr- 
hundert zutage — Kritik und Satire auf die Zeit leitet zu einem 
Buche über, dessen Geschichte auf die neue Entwicklung der 

Brückner, Geschichte der rus.-ischen Litteratur. 7 



— 98 — 

Dinge in Rufsland, auf den Wandel, der mit der Kaiserin vor- 
gegangen war, das grellste Licht wirft. Das Spielen mit den 
Ideen des Nakas von 1768 hatte sie ja längst als feuergefährlich 
aufgegeben ; aber noch viel behutsamer, mifstrauischer wurde sie, 
als die philosophische Erregung der Gemüter in Paris auch in 
einer politischen sich auslöste. Sie nahm sofort schroffe Stellung 
dagegen; fand nicht genug Worte, die Schwäche des Königs 
und seiner Minister, die »Verbrechen« der Deputiertenkammer 
anzuklagen; sie war zwar zu klug, um als Don Quichote der 
Reaktion eine Intervention mit den Waffen zu planen, aber sie 
traf desto energischere Mafsregeln für ihr Rufsland, um es vor 
dieser Pest zu wahren, nach dem Grundsatze, der seitdem der 
herrschende blieb, z. B. 1848: weil es in Paris regnet, spannt 
man an der Newa die Schirme auf. Den Sturm der »Revolution« 
auf die Bastille, woran sich russische Aristokraten beteiligten, 
empfand sie als einen Sturm auf die Autokratie, als einen An- 
griff und traf danach ihre Mafsregeln : übersetzten doch schon 
ihre Kadetten die Marseillaise. 

Die Wandlung war nicht plötzlich erfolgt ; Kundige wufsten 
ihre Anzeichen längst zu deuten. Als der naive Dichter Kapnist 
nach der Lektüre des Nakas zu einer Ode gegen die Sklaverei 
sich aufgeschwungen hatte , wollte die Fürstin Daschkov sie 
drucken und der Kaiserin überreichen (1786), aber Derzavin redete 
ihr dies aus, als »mit gesundem Menschenverstand unverträglich«. 
Da erschien ganz unvermutet, mit Erlaubnis des Oberpolizeimeisters 
in Petersburg , ein ganzes Buch gegen die Sklaverei , mit einer 
Ode an die Freiheit und Franklin (1790). 

Der Titel war freilich recht unverfänglich. Reise von Peters- 
burg nach Moskau«, in 25 Kapiteln, die nach den Poststationen, 
Cudovo, Novgorod, Sajcovo usw., benannt waren. Als Vorbild 
hatte Sternes »Empfindsame Reise« gedient; nur wurde die 
Empfindsamkeit des Russen nicht durch einen V^ogel im Käfig 
oder durch einen geprügelten Esel , sondern durch den Anblick 
der furchtbaren Leiden der Leibeigenen erregt und entlud sich 
in beredtem Appell an Herz und Gewissen der Menschen. Der 
Verfasser, Radischöev, ein sehr ehrenhafter, uneigennütziger 
Beamter, war in seiner Jugend von der Regierung nach Leipzig auf 
die Universität geschickt worden, wo ihn noch mehr als Geliert und 
Platner die Franzosen, namentlich Helvetius, anzogen; Raynals 



— 99 — 

Geschichte beider Indien mit ihrem warmen Eintreten für die 
Menschenrechte der Neger liefs ihn daheim der weifsen vSklaven 
gedenken und so entstand sein eigenes Buch. Die meisten Reise- 
eindrücke betrafen die wohltatigen Folgen der Leibeigenschaft, 
etwa wie nach Dezennien das Tagebuch des Turgenievschen 
Jägers; nur fiel bei Radischßev die vorsichtige, novellistische 
Einkleidung weg, er ging frisch aufs Ganze; auch die Admini- 
stration und die Justiz wurden bedacht; es wurden Szenen aus 
der Reki-utierung, d. i. dem bürgerlichen Tode der Ausgehobenen, 
aus dem Verkauf von Bauernfamilien gezeichnet, des Herrn, 
der sechzig Bauermädchen genotzüchtigt hatte, gedacht — die 
Kaiserin schrieb am Rande den Namen des Betreffenden hinzu. 
Eine Traumvision liefs die Fremde und Unbekannte, die Wahr- 
heit, vor dem lorbeergekrönten, umschmeichelten und bewunder- 
ten Herrscher erscheinen und ihm den Star stechen; er gesteht 
seine Verblendung und Täuschung. Es kam zu pathetischen 
Verwünschungen: »Hütet euch vor dem Brote, das von den 
Speichern der Gutsbesitzer kommen könnte, Tränen und Ver- 
zweiflung lasten auf ihm, Gottes Fluch wird euch solches Brot 
zum Gifte werden lassen! Lasset euch erweichen, ihr Hart- 
herzigen, zerschlaget die Fesseln eurer Mitbrüder, öffnet den 
Kerker der Sklaverei. Der Landmann, der uns Gesundheit 
und Leben gibt , hat kein Recht , über den Acker zu verfügen, 
den er bestellt, noch über das, was dieser erzeugt!« Aber der 
Verfasser träumte von keinem gewaltsamen Umsturz, noch hetzte 
er irgend jemand auf; sein Buch war ja gar nicht für Bauern 
bestimmt, die es ja nicht verstanden hätten; es wandte sich 
an das Gewissen der Herren und erwartete von ihrer Einsicht 
die Besserung: »Ich schaute umher«, hiefs es in der Widmung, 
»meine Seele war durch die Leiden der Menschheit verletzt; ich 
fand, dafs Menschenunglück vom Menschen selbst herrührt, weil 
er die Dinge nicht in ihrem wahren Lichte sieht . . . ziehe ab 
den Vorhang von dem Auge des natürlichen Gefühls und du 
wirst glücklich sein . . . ich begriff, dafs jeder einzelne imstande 
ist, Teilnehmer am Wohle ihm Gleicher zu sein . . . dieser Ge- 
danke bewog mich, das Folgende niederzuschreiben.« 

Das war alles; eine Reihe sentimentaler und pathetischer 
Worte, wahrhafter Bilder, ohne Übertreibung oder Entstellung, 
der offene Hinweis auf Rufslands Krebsschaden, auf den Fluch, der 

7* 



— 100 — 

über den Millionen lastete — auch eine offene Verurteilung jeglicher 
Zensur als etwas Überflüssiges und Schädliches. Wäre das Buch 
1768 geschrieben, so hätte es die Kaiserin gleich ihrem eigenen 
Nakas beifügen können. Das einzige Verbrechen des Unglück- 
lichen bestand darin, dafs er es zwanzig Jahre zu spät geschrieben 
hatte; anderswo straft man, gleich verrückt, zu frühes Erscheinen, 
in Rufsland zu spätes I 

Der Polizeizensor hatte die »Reise« gar nicht beanstandet, 
wohl aber die Kaiserin. RadischCev erschien ihr »als ein Auf- 
rührer, ärger als Pugacev« , der Bauernaufwiegler, der ihren 
Thron beinahe erschüttert hätte; er ist am Ende »ein Martinist 
oder etwas Ahnliches«; in ihren Anmerkungen hiefs es: ^Der 
V^erfasser ist angesteckt von den Franzosen, er sucht alles mög- 
liche zur Herabminderung der Achtung vor der Obrigkeit auf, 
zur Entfachung der Entrüstung des Volkes gegen die Vor- 
gesetzten.« Unter den Händen des furchtbaren Scheschkovskij sagte 
sich der Verfasser von seinem Buche los, er wurde zum Tode 
verurteilt, und der Senat bestätigte das Urteil , auf Grund auch 
von Paragraphen über Erstürmung von Festungen und Schanzen, 
über Sammlung von Kriegsvolk gegen den Zaren! Das Urteil 
wurde zur Verbannung nach Ostsibirien, mit Transport in Ketten, 
gemildert. Paul begnadigte ihn; Alexander I. liefs ihn wieder 
anstellen, aber der Respekt vor der Autokratie war ihm so in 
die Glieder gefahren, dafs, als sein Vorgesetzter im Scherz mit 
einem neuen Sibirien drohte, er sich sofort vergiftete. Und das 
merkwürdigste , das ganz unschuldige Buch ist noch heute in 
Rufsland unzugänglich; die bereits gestatteten Ausgaben wui'den 
wieder vernichtet und schlielslich, 1890, ein Abdruck in hundert 
Exemplaren erlaubt. Der Name des Unglücklichen durfte 
längere Zeit überhaupt nicht genannt werden, auch nicht im 
tadelnden Sinne. 

Um Radischcev nach Gebühr zu würdigen, beachte man, 
dafs seine Ausführungen in der »Reise« nicht momentane Ein- 
gebungen des Ekels vor russischer Wirklichkeit waren, der 
andere zum Selbstmord trieb, trotz aller Triumphe nach aufsen 
und des lustigsten Lebens daheim; er hat gleiches immer, sogar 
mit Billigung der Kaiserin und ohne jeglichen Anstand ver- 
kündet. So gab er ja 1773 auf Kosten der Kaiserin Mablys 
»Observations sur l'histoire de la Grece« heraus und erläuterte 



— 101 — 

den Ausdruck » Despotismus c- mit »Autokratie« und nannte sie 
»den menschlicher Natur widerwärtigsten Zustande und meinte 
unter anderem : »Ungerechtigkeit des Herrschers gibt dem Volke 
als seinem Richter dasselbe oder noch gröfseres Recht über ihn, 
als ihm das Gesetz über den Verbrecher gewährt, c 1789 gab 
er die Biographie seines Leipziger Freundes Uschakov heraus, 
die erste Biographie eines russischen Privatmannes, und hier 
kommen die schärfsten Anklagen der volksbedrückenden Beamten 
vor, die Lobeserhebungen der stolzen Engländer wegen ihres 
Widerstandes gegen Herrscher, die Freude, dals die Gewalthaber 
mit Blindheit geschlagen am Rande des Abgrundes wandeln, 
ohne ihren Fall zu ahnen; das Geständnis endlich, mit welcher 
Begeisterung die Jünglinge bei ihrer Rückkehr russischen Boden 
begrüfsten und wie bald das, was sie hier antrafen, ihre Glut 
gemäfsigt hat. Die »Reise« formulierte nur schärfer und syste- 
matischer die alten Gedanken und stellte in den Vordergrund 
die Leibeigenschaft. Er verlangte absolute Freiheit in religiösen 
Sachen, auch für Sekten, je offenkundiger ihr Treiben, desto 
rascher zerfallen sie, aber Deist war er immer; er verlangte 
Liebe, nicht Gewalt in den Beziehungen zwischen Eltern und 
Kindern; er verlangte Rechtmälsigkeit der Regierungsgewalt, 
diese darf den »Kontrakt« nicht verletzen, sonst wahre man sich 
gegen sie und entrinne ihr , sogar durch Selbstmord , der das 
letzte, berechtigte Auskunftsmittel ist (nicht zufällig griff er 
1802 zu Gift und Rasiermesser). In seinem Traum läfst er die 
Wahrheit dem Herrscher verkünden: »Ersteht inmitten des Volkes 
ein Mann, der deine Taten schilt, so wisse, dafs er dein wahrer 
Freund ist , ohne Hoffnung auf Lohn , ohne sklavische Furcht ; 
hüte dich und wage ihn nicht zu strafen als Aufwiegler der 
Massen; rufe ihn herbei, bewirte ihn (durch Scheschkovskij !) 
als einen Fremdling , denn ein jeder , der den Zar in seiner 
Alleinherrschaft schilt, ist ein Fremdling in dem Lande, wo alles 
vor dem Zaren zittert . . . solche starke Herzen sind selten, 
kaum eines in hundert Jahren erscheint auf der Wahlstatt.« Was 
er über Zensur und Wahrheit gesagt hat, ist in Rufsland nie 
überboten worden: »Wütet jemand gegen Druckzeilen, so läfst 
er uns meinen, dafs das Gedruckte wahr war und er so ist, wie 
es gedruckt stand . . . Die Wahrheit ist unsere höchste Gott- 
heit und würde der Allmächtige ihre Gestalt ändern, nicht in 



— 102 — 

ihr erscheinen wollen, wird sich unser Antlitz von ihm ab- 
wenden.« — »Zensur und Hof lüge machen die Erkenntnis der 
Wahrheit unmöglich.« — »Zensur ist gemacht zur Amme des 
Verstandes, der Phantasie, alles Grofsen und Schönen . . . 
aber wo Ammen sind, gibt es Kinder, die selbst nicht gehen 
können, und nie werden sie es erlernen.« Und nun die Klagen 
über die Leibeigenschaft: »Reifsende Tiere, unersättliche Blutigel, 
was lassen wir dem Bauer übrig ? Was wir ihm nicht abnehmen 
können, die Luft. — Auf der einen Seite fast Allmacht, auf 
der anderen schutzlose Hilflosigkeit, denn in Rücksicht auf den 
Bauer ist der Herr Gesetzgeber, Richter, Exekutor und Kläger , . . 
Das ist das Los eines in Bande Geschmiedeten, das Los eines in 
stinkendem Kerker Eingeschlossenen, das Los eines Ochsen im 
Joche.« 

Zum ersten Male war Novikovs Urteil über russische 
Litteratur widerlegt. Er hatte in seinem »Maler« einen ver- 
abschiedeten Beamten spotten lassen über den Satiriker : »Warum 
giefsest du aus dem Leeren ins Leere? du ähnelst dem Schofs- 
hündchen meiner Frau , das jeden anbellt , niemanden beifst , und 
das heilst in den Wind bellen; ich denke, wenn bellen, so auch 
beifsen, aber so dafs es weh tue, aber dazu gibt es andere 
Hunde; den Schofshündchen ist zu bellen erlaubt, aber niemand 
fürchtet sie, — so auch du, schreibst nur Unnützes.« Novikov 
hatte Recht, nicht nur für die Satire des XVIIL Jahrhunderts, 
aber Radisch^-evs »Reise«, die einzige, »bellte nicht in den 
Wind«. Und hatte er, wie Galilei, der Inquisition recht geben 
müssen, überzeugen liefs er sich nicht durch die Argumente, die 
man gegen ihn angewendet hatte. Er blieb bei seinen Grund- 
sätzen; mag sich nur einer über die Menge erheben, mutig be- 
kennen , fliegen ihm andere zu , wie Feilstäubchen dem Magnet, 
aber es mufs so eine Umgebung geben, »sonst erstickt Hufs in 
den Flammen, wird Galilei ins Gefängnis geschleppt und wird 
ihr Freund nach Ilimsk verbannt«. Aber aus Ilimsk kehrte er 
ungebessert zurück und reichte das Projekt ein. dessen Forde- 
rungen zum Teil noch heute nicht erfüllt sind : Gleichheit aller 
vor dem Gesetze, öffentliche Gerichte und Geschworene, Ab- 
schaffung der Prügelstrafe, Abschaffung der Rangtabelle, Ge- 
wissensfreiheit usw., — kein Wunder, dafs Graf Savadovskij, sein 
Minister, zu ihm von Sibirien sprach, kein Wunder, dafs er zum 



— 103 — 

Selbstmord schritt, der )Feind der Sklaverei«, wie ihn Puschkin 
feierte. Radischcevs Name bleibt unsterblich; im XIX. Jahr- 
hundert erinnert an den Freiheitshelden ein anderer, Cerny- 
schevskij, durch den bitteren Hals der Verfolger. 

Geduldet wurde nur das »Bellen in den Wind«, die zahnlose 
Satire im ;>lächelnden« Gusto, die Visins, namentlich im »Junker« ; 
sie versetzte Fufstritte nur den schon längst am Boden Liegenden 
und verneigte sich ehrfurchtsvoll und begeistert vor der Regie- 
rung, vor dem Goldonkel aus Amerika, vor dem weisen Herrscher, 
der die Menschen ihre wahre Glückseligkeit finden läfst , in 
Komplimenten an die richtige Adresse der Kaiserin, die einem 
»Alt-« statt »Neudenker« in den Mund gelegt waren. Der 
starke Einschlag von Moralpredigten , der den »Junker« gegen- 
über dem »Brigadier« kennzeichnet, wo die Tugendbolde ganz 
verschwinden, sicherte ihm damals den Beifall der Menge, was 
bald gähnen machen sollte. 

Dasselbe galt von der Tragödie, auch hier konnten Konflikte 
mit der mifstrauischen Autokratie nicht ausbleiben. Zwar Niko- 
levs »Sorena« mit ihren Tiraden gegen Tyrannen, die der 
Generalgouverneur von Moskau von der Bühne abgesetzt hatte, 
liefs die Kaiserin weiter aufführen, aber Kniaznins Tragödie 
»Vadim«, als Fürstin Daschkov sie abgedruckt hatte (1793, 
nach dem Tode des Verfassers) erregte das höchste Mifsfallen, 
wurde konfisziert, die Fürstin in Ungnade entlassen. Und doch 
hatte Kniaznin mit ebensolchen Sachen die Bühne unangefochten 
fast zwei Dezennien lang beherrscht. Er hatte Ssumarokovs 
Erbe (auch in der Talentlosigkeit) ganz angetreten; seine Tra-, 
gödien waren entweder Übersetzungen des Corneille oder Nach- 
ahmungen, auch des Metastasio; seine Worte des »Titus« : »es 
werde Rom mein Tempel, sein Altar die Herzen der Bürger«, 
zielten gerade auf die Kaiserin. Die Tragödie soll moralisch 
wirken, Sittlichkeit ist wichtiger als Wissen, vor allen Talenten 
tun uns Menschen not. Davon ausgehend, stattete Kniaznin 
seine Helden mit den schönsten Tugenden aus und liefs sie die 
wunderbarsten Reden über Menschenliebe, Bürgerpflichten, wahre 
Ehre, wahres Verdienst und dgl. halten, ein lebender Kommentar 
zu den Grundsätzen des Nakas, bis es sich zeigte, dafs die Sache 
nicht mehr zeitgemäfs war. Der »Vadim«, die Auflehnung 
Nowgorods gegen die »Autokratie«, freiheitliche Reden seiner 



— 104 — 

Parteigänger ; aber Verherrlichung des Sieges der Monarchie 
über Republik, war ebensogut gemeint, wie der »Roslav«, die 
Verherrlichung der Vaterlandsliebe, die auch im Gefängnis un- 
gebeugt bleibt, und wie die übrigen Tragödien, und galt doch als 
von französischer, d. i. revolutionärer Gesinnung, durchseucht. 

Das Drama behielt somit seinen moralischen und französi- 
schen, pseudoklassischen Charakter; die »originalen« Stücke 
glichen, abgesehen von den Namen, den übersetzten aufs Haar, 
nur waren sie noch viel schlechter; sie hielten sich besonders 
durch die Deklamation einiger Heldenschauspieler, wie Dmi- 
trievskij. Einige Abwechslung , Demokratisierung des Stoffes 
brachte die bürgerliche Komödie, die endlich das Repertoir v^on 
den Zerstörern und Tyrannen erlöste. Aber auch diese »Komödie« 
brachte keine Nationalisierung der Bühne, die weiter von den 
Übersetzungen beherrscht bleibt; die originalen Versuche eines 
Verevkin oder Cheraskov mit ihren rührsamen Effekten änderten 
daran nichts. Immer lauter erscholl der Ruf nach einer Ver- 
drängung der Ausländerei vom Theater; aber der am lautesten 
seine Theorie entwickelte, Lukin, leistete in der Praxis höchst 
Mittelmäfsiges, ja auch die theoretischen Forderungen liefen doch 
nur auf Stückwerk hinaus. Das Publikum freilich erwies sich 
für das geringste Entgegenkommen seinem nationalen Fühlen 
äufserst dankbar. Daher bereitete es den wärmsten Empfang 
dem ersten russischen Singspiele , das leibhafte Bauern , V^olks- 
arien, Dorfschöne auf die Bühne brachte, Ablesimovs »Müller« 
(1779), dessen Beliebtheit, trotz des etwas zweifelhaften Realis- 
mus , sich dezennienlang ungeschwächt erhielt ; er rief Nach- 
ahmungen hervor. 

In der Komödie machte sich dieser Mangel an Wahrhaftig- 
keit am ehesten fühlbar; Visin entnahm nur seine negativen 
Gestalten dem Leben, die positiven dem Nakas; andere be- 
gnügten sich mit noch weniger, so Kniaznin, dessen Komödien 
trotz ihrer russischen Namen französisch sind und dem Russen 
Unmögliches zumuten ; am besten war noch der »Kutschenunfalh 
geraten, wo das bäuerliche Liebespaar, dem Trennung droht, die 
Katastrophe durch die französische Ansprache der in Punkto 
Franzosentum verrückten Herrschaft abwendet. Den gröfsten 
Erfolg nach dem »Junker« erzielten des Kapnist »Ränke«, aber 
nach einigen Vorstellungen (1798) blieben sie strengstens ver- 



— 105 - 

pönt ; der Verfasser hatte bei der Dramatisierung seines eigenen 
Prozesses die russische Justiz in naturalibus gezeigt ; die Charakte- 
ristiken seiner Gerichtspersonen lauteten : »ein wahrer Judas und 
Verräter der Wahrheit« , oder »substanziellster Dieb«, oder »sei 
du kahl wie die Handfläche, etwas reifst er dir doch ab«; be- 
rühmt war ein Vers des Prokurators: 

"Greif, bedarf's doch keines Wissens, 

Greif, was sich nur greifen läfst; 

Wozu hing man Hände an, 

Aufser nur zum Greifen?' 
Zu dieser satirisch-lehrhaften Litteratur gesellte sich auch die 
Fabel, namentlich wie sie Chemnizer pflegte. Sie war ja nichts 
Neues; Ssumarokov hatte ihrer Hunderte geschrieben, freilich 
oft mehr Satire als Fabeln, und sie dürften noch zum Wert- 
vollsten seines Nachlasses gehören , wenigstens erschienen sie so 
den Zeitgenossen. Chemnizer schrieb nur ein Viertel so viel, 
und auch davon stammt vieles aus Lafontaine und besonders aus 
Geliert, doch ist manches als »fremd« bezeichnet, was dem Ver- 
fasser wegen der Anzüglichkeiten sonst hätte Unannehmlichkeiten 
bereiten können. An dem Menschen selbst war kein Arg, und 
ebenso zeigt er sich in seinen Fabeln, eine sympathische, ehren- 
hafte Persönlichkeit, die es mit der Moral ernst meint, z. B. die 
Forderung in der berühmten > Treppe«, mit dem Auskehren oben, 
nicht unten zu beginnen; er weifs möglichst einfach, klar, 
fliefsend den Stoff zu gestalten, die Sprache mit ihren sprich- 
wörtlichen Wendungen möglichst der Volkssprache anzupassen, 
daher die verdiente Beliebtheit seiner Fabelsammlung (1779), die 
an vierzig Auflagen erreicht hat und erst durch Krylov ver- 
drängt wurde, trotz ihrer gewissen Trockenheit — »Nacktheit« 
nannte dies Viasemskij. 

Den Ausgangspunkt der ganzen bisher besprochenen Litte- 
ratur bildete Petersburg, die Kaiserin, ihr Nakas; ihr Typus 
war ausschlief slich der französische, woran auch die Übersetzungen 
und Nachahmungen Shakespeares nichts zu ändern vermochten; 
die Richtung, ausschliefslich die aufklärerische, belehrende und 
bessernde, mochte sie nun die neuen Katechismusweisheiten direkt 
vortragen oder wirksamer die alten Unsitten : Faulheit, Ignoranz, 
Aberglauben, Scheinheiligkeit, und die neuen Fehler : Affektiert- 
heit, Windbeutelei, Modenarrheit, Gallomanie, Spielsucht, Pro- 
jektenmacherei, Bekrittelung der Regierung, Schwindel — gegen 



— 106 — 

die drei letzten wandten sich speziell die Komödien der Kaiserin — , 
bekämpfen, indem sie diese Verkehrtheiten auf die Bühne brachte 
oder in den satirischen Zeitschriften geifselte. Aber in dieser 
einen, trotz Anlehnungen an Sterne oder Geliert ausschliefslich 
französischen, in dem ganz französischen esprit der Kaiserin am 
besten verkörperten Richtung ging russische Geistesarbeit doch 
nicht mehr auf; neben Petersburg wahrte sich Moskau, neben 
Aufklärerei Sentimentalität und Mystik, neben dem französischen 
der deutsch-englische Einflufs seine Rechte , und es gab sogar 
Schriftsteller, die das Gebiet der Satire ganz verliefsen und 
Mystiker wurden. Die unbedingte V^erehrung Voltaires und der 
Encyklopädisten Holbach und Helvetius, in denen Fürstin 
Daschkov schwelgte; das rasche Überhandnehmen des »Voltairia- 
nismus« mit seiner Skepsis in Glaubenssachen, mit seiner Predigt 
eines etwas seichten Humanismus, ohne jeglichen Sinn für die 
politisch-revolutionäre Seite; die »Freigeisterei«, wurde nicht erst 
1789 bekämpft, als die Kaiserin ihren Lieblingsschriftsteller so 
gut wie verbot, — denn Voltaires Schriften durften in russischer 
Übersetzung nicht mehr ohne Approbation der Geistlichkeit gedruckt 
werden, während z. B. noch 1783 Rachmaninov die Freigebung 
des Druckereigewerbes benutzt hatte, um in seiner eigenen Guts- 
druckerei Voltaire übersetzt herauszugeben. Einen Wall gegen 
sie, gegen jegliche Frivolität und Gottlosigkeit, worin in den 
unreifen Köpfen die französische Bewegung ausartete, schuf der 
deutsch- englische Einflufs. 

Diesen Einflufs vermittelten seit jeher ; der Aufenthalt in 
Deutschland, z. B, während des Siebenjährigen Krieges, da Königs- 
berg russisch war ; die Deutschen in Rufsland , namentlich in 
Moskau, von den Professoren der Universität, wie Schwarz und 
Schaden — mochten sich auch beide spinnefeind sein — , bis zu 
dem »Stürmer- und Dränger« Lenz; die deutsche Litteratur, Haller, 
Gef sner, Geliert, Kleist usw. ; nicht zum mindesten die Freimaurerei. 
Sie war aus England durch Engländer nach Rufsland verpflanzt 
worden, hatte schon unter Elisabeth in den höchsten Kreisen 
einzelnen Anhang gewonnen und war schon damals auf Wider- 
stand der Geistlichkeit gestofsen; eigentliche Verbreitung fand sie 
erst unter ihrer schlimmsten Feindin, Katharina. Man hätte 
glauben können , dafs die humanitären Tendenzen des unver- 
fälschten Freimaurertums, das Sicherheben über konfessionelle, 



— 107 — 

nationale und ständische Schranken, das Suchen der Wahrheit, 
der Idealismus, mit den aufklärerischen Tendenzen der Kaiserin 
sich hätten ohne weiteres vereinigen lassen. Es kam anders. 
Anfangs liefs Katharina die Freimaurer unbehelligt- auf die Dauer 
mufste ihr aufgeklärter Despotismus, eifersüchtig auf seine un- 
begrenzte Autorität, einer geheimen Gesellschaft, die sich seiner 
Kontrolle vollständig entzog, mit steigendem Mifstrauen be- 
gegnen. Das Mifstrauen wuchs, als in das russische Freimaurer- 
tum pietistische Regungen, die Katharina stets »mufflig« dünkten, 
Geheimlehrerei, Magiertum, Suchen des Lebenselixiers, des Steines 
der Weisen, was sie nur für hellen Betrug erachtete, eindrangen ; 
als die russischen Freimaurer geradezu Rosenkreuzer wurden — 
lind auch die sie bekämpften, landeten schliefslich an demselben 
Punkte — ; als sogar politisch-soziale Tendenzen, etwa der Illu- 
minaten, beargwöhnt wurden und Katharina Beziehungen der Frei- 
maurer zu dem ihr verhafstesten Menschen, zu ihrem Sohne Paul, 
und zum Auslande (nur in Ordenssachen) zu entdecken glaubte. Das 
russische Freimaurertum war nicht einheitlich; nicht nur hielten 
sich die Petersburger Maurer eher bei Äufserlichkeiten auf, bei 
Spielereien mit Zeremonien und Stufen, sondern die Moskauer 
selbst verfolgten verschiedene Ziele. Und so konnte es kommen, 
dafs die Wut der Kaiserin sich schliefslich über einen einzigen 
Unschuldigen entlud , so dafs sogar die Ȋlteste Kanone ihres 
Arsenals«, die sie gegen den Unglücklichen aufgeführt hatte, sich 
darüber wunderte, warum denn die Teilnehmer an dem »Ver- 
brechen < des Novikov fast straflos ausgingen, während ihn selbst 
Todesstrafe traf, die zu fünfzehn Jahren Schlüsselburg gemildert 
wurde. 

Novikov, der Kaiserin bereits als Ismailovscher Soldat, d. i. des 
Regimentes, das für sie die Palastrevolte unternahm, und als Sekretär 
der Gesetzeskommission von 1768 empfohlen, konnte durch seine 
litterarische Tätigkeit ihr nur desto willkommener werden. Er war 
der Herausgeber der gediegensten satirischen Wochenschriften: 
der »Drohne« — der Herausgeber, zu faul zu irgendeiner eigenen 
Arbeit, wollte angeblich nur fremde bringen — und des »Malers«, 
d. i. der Sitten, die ja auf Sittenbesserung ausgingen; freilich ging 
er etwas weiter, als es der Kaiserin behagte. Schon in der 
»Drohne« (1769) erteilte ihm ein Korrespondent die Mahnung, 
seinen Spiegel nur kleinen Leuten vorzuhalten und die Grofsen 



— 108 — 

in Ruhe zu lassen — es soll nur beim russischen Salz in der Satire 
bleiben. Im »Maler« (1773) brachte er eine Reisebeschreibung^ 
die ganz das Buch Radischßevs vorwegnahm : da gab es die Aus- 
rufungen auf Humanität, »die hier, in den russischen Dörfern, 
ganz unbekannt ist^, auf das Herrentum, »das Menschen seines- 
gleichen tyrannisiert«; es folgt ein Genrebild aus dem Dorf 
»Wüstenheim«, das an Grauen nichts zu wünschen übrig läfst; 
auf dieser Stätte der Tränen ruft er aus: »O, hartherziger Tyrann, 
der du deinen Bauern ihr tägliches Brot und die letzte Ruhe ent- 
reifsest . . . schreiet und klaget, arme Geschöpfe (es ist von ver- 
lassenen Kindern die Rede), aufgewachsen wird man euch nicht 
einmal diese Erleichterung gönnen !« Der »Herausgeber« schlofs 
mit der Versicherung, er hätte gar nicht gewagt, dem Leser ein 
so gesalzenes Gericht anzubieten, solange wir »von der französi- 
schen Nation angesteckt waren , aber jetzt behütet die auf unserem 
Throne sitzende Weisheit jegliche Wahrheit — das hinderte nicht, 
dafs diese Weisheit der weiteren Veröffentlichung des »Malers« 
Schwierigkeiten bereitete. 

Novikov pafste eben nicht in den französischen Rahmen, in 
den die Kaiserin Litteratur, Leben und Ton in Petersburg ein- 
geprefst hatte ; er wahrte sich seine geistige Unabhängigkeit und 
suchte sie auch für sein Volk. Er war es, der die Chimäre von 
den »Tugenden unserer Vorfahren« , die wir schnöde verlassen, 
aufbrachte — vielleicht gelangte er von hier aus zu seiner in- 
tensiven, von der Kaiserin selbst geförderten Erforschung russi- 
schen Altertums, in seiner »Historischen Bibliothek« und anderen 
Textausgaben und Sammelwerken, zu dem ersten, durchaus pane- 
gjmschen Schriftstellerlexikon. Er vertauschte diese historischen 
Interessen gegen sozialpublizistische Propaganda, die erste ihrer 
Art in Petersburg; suchte die Sittenverderbnis zu bekämpfen, 
machte für sie die Franzosen verantwortlich ; griff die Nachäfferei 
alles Fremden scharf an und gelangte zu dem pessimistischen 
Schlüsse: »Könnte doch unsere verloren gegangene Moral wieder- 
kehren — als hätten die alten russischen Herrscher geahnt, dafs 
durch Einführung von Künsten und Wissenschaften der teuerste 
Schatz der Russen, ihre Moral, unwiederbringlich verloren gehen 
sollte.« Aus diesem Dilemma zwischen Aufklärung und Moral 
suchte Novikov den Ausweg in dem Streben nach Selbsterkenntnis 
und fand ihn im Anschlüsse an das Freimaurertum , namentlich 



— 109 — 

in den Reicheischen Logen, die alles auf Moral und Selbst- 
erkenntnis bezogen. In diesem Sinne gab er noch in Petersburg 
die moralisch-pietistische Zeitschrift »Das Morgenlicht« heraus, 
zur Heilung und Festigung von Geist und Seele, zur Bekämpfung 
des seichten Rationalismus der Zeit. Er füllte sie hauptsächlich 
mit Übersetzungen aus dem Deutschen an ; den Ertrag der Zeit- 
schrift bestimmte er für eine Waisenschule und konnte bald eine 
zweite errichten. 

Seine philanthropische und publizistische Tätigkeit wuchs ganz 
ungemessen, als er nach Moskau übersiedelte, die ihm von dem 
Freimaurer Cheraskov, Kurator der Universität, angetragene 
Universitätsoffizin und Herausgabe der »Moskauer Nachrichten -r — 
deren Abonnentenzahl durch ihn sich rasch versiebenfachte — 
übernahm. V^on entscheidendem Einflufs wurde die Bekanntschaft 
mit Professor Schwarz, dem Rosenkreuzer, dem opferwilligsten 
Förderer der Jugenderziehung , der der Jugend die materialisti- 
schen Bücher entwand, ohne dabei jedoch, wie die späteren russi- 
schen Freimaurer, als Obskurant die Ergebnisse wissenschaftlicher, 
philosophischer Forschung zu beanstanden; im Verein mit anderen 
Freimaurern, Lopuchin, Gamaleja u. a., begründeten sie eine »Ge- 
sellschaft der Freunde der Wissenschaften« , mit ihrer Fürsorge 
um Heranbildung geistesverwandter Jugend, die sie ins Ausland 
schickten und zu Übersetzern für die wachsende Verlagstätigkeit 
Novikovs verwandten. Nach dem Tode von Schwarz (1784) trat 
Novikov vollends an die Spitze der jetzt zu einer typographischen 
Kompanie umgewandelten Gesellschaft. In kurzer Frist ver- 
zehnfachte er den buchhändlerischen Verkehr in Moskau und der 
Provinz; er verbreitete als erster das Buch in Rufsland, bis tief 
in Schulen und Volk hinein, umsonst seine Drucke verteilend. 
Diese umfalsten vielerlei historische und politische Schriften, auch 
ein sehr verübeltes Leben Washingtons, das mit der Bemerkung 
schlofs : die aus Europa verbannte Freiheit werde sich nach 
Amerika flüchten : dann geographische und pädagogische, religiöse 
und pietistische. Und er begnügte sich nicht damit; schuf muster- 
hafte Wohlfahrtseinrichtungen für seine Arbeiter, organisierte im 
Hungerjahr eine energische Hilfsaktion, bei der ihn ein junger 
Freund mit seinem ganzen Vermögen von über einer Million 
Rubel unterstützte ; so grofs war die Autorität seines Beginnens, 
das sich zum ersten Male völlig von der offiziellen Bevormundung 



— HO — 

emanzipierte. Wenn auch nicht frei von rosenkreuzerischen Ab- 
irrungen und pietistischen Anwandlungen vertrat Novikov bewufst 
die Ideale seines jüngeren Freundes, diente aufgeklärter Reli- 
giosität, der »inneren« Kirche, während man ihn eines Umsturzes 
der äufseren, offiziellen anklagte, interessierte sich für die Sektierer, 
druckte eine scharfe antijesuitische Geschichte des Ordens ab, was 
die Kaiserin, Beschützerin der Jesuiten in Rufsland, wiederum 
aufs übelste vermerkte, verfolgte Aberglauben und Intoleranz — 
dafür nannte ihn die Kaiserin einen Fanatiker. 

Die Furcht der Kaiserin, die den Ursprung der Mittel Novi- 
kovs nicht kannte, die sein philanthropisches Tun nur als Selbst- 
sucht, Betörung der unwissenden Spender deutete, wuchs ständig ; 
seit 1785 begannen offenkundige Schikanen. Zuerst wurde die 
Geistlichkeit gegen ihn mobilisiert; der Moskauer Metropolit 
Piaton sollte die mehrere hundert Publikationen Novikovs und ihn 
selbst auf seinen Glauben hin prüfen. Piaton teilte die Druck- 
schriften ein in : unbedingt nützliche — zumal bei der Armut der 
russischen Litteratur — ; in ihm unverständliche: die »mystischen«, 
und in unbedingt schädliche, die Exlieblinge der Kaiserin: die 
encyklopädistischen ; über Novikov selbst äufserte er feierlich: 
»Ich flehe zum Allmächtigen, möchte es doch, nicht nur in der 
mir anvertrauten Herde, sondern in der ganzen Welt solche 
Christen wie Novikov geben!« Nicht nur geistliche, auch welt- 
liche Waffen versagten; noch 1791 fand der eigens mit einer 
geheimen Untersuchung betraute Graf Besborodko keinerlei Hand- 
habe zum Einschreiten, während die Kaiserin, durch Radisch^evs 
Buch noch mehr aufgeschreckt, das Verderben Novikovs bereits 
beschlossen hatte. Er mufste 1791 die »Typographische Kom- 
pagnie« schliefsen und wurde 1792 der Inquisition des Prosorovskij 
und Scheschkovskij ausgeliefert, die darin gipfelte: das ganze Be- 
tragen Novikovs gehe darauf aus, sein Verbrechen zu verhüllen ; 
nur die Natur des Verbrechens selbst konnte die »alte Kanone« 
nicht substantiieren, obwohl sie sogar in den Novikovschen Zitaten 
aus der Heiligen Schrift, d. i. in den Zahlen der Kapitel und Verse, 
die verabredeten Zeichen verderblicher Pläne und verbrecherischer 
Lehre witterte ! Novikov wurde wie der gefährlichste Staats- 
verbrecher ausgehoben und nach Schlüsselburg abgeführt, ab- 
geurteilt und im Gefängnis selbst so hart behandelt, dafs er — 
vergebens — die Barmherzigkeit der Kaiserin anflehte. Als Paul 



— 111 — 

den Thron bestieg, "befreite er sofort den Unschuldigen; er soll 
ihn auf Knien um Verzeihung für das Verbrechen, das die Kaiserin 
an ihm verübt hatte, gebeten haben. Die Verhöre und das Ge- 
fängnis hatten den Märtyrer vollständig gebrochen; er vegetierte 
noch lange Jahre in strenger Abgeschiedenheit, Mittellose (die 
Witwe von Schwarz; Gamaleja) erhaltend. Das einzige Ver- 
brechen, dessen er überführt wurde, war das Drucken frei- 
maurerischer Schriften, obwohl die Freimaurerei als solche nicht 
verboten war; das eigentliche bestand in seinem unkontrollierten, 
energischen, philanthropischen Wirken, in seinem weiten moralischen 
Einflufs , dem ersten der Art in Rufsland , den die Autokratie 
neben sich nicht duldete; hierzu kam der panische Schrecken vor 
der Revolution, dem z. B. andere aus dem Auslande heimkehrende 
Freimaurer — überzeugte Gegner der Revolution ! — zum Opfer 
fielen. — Die freimaurerische Litteratur in Rufsland, die in zwei 
Perioden (1775—1792 und 1806-1820) aufblühte, ist, um dies 
hier mit zu erwähnen, reich an Nummern, doch nicht an Be- 
deutung; es überwiegen fast ausschliefslich Übersetzungen von 
St. Martin und Arndts »V^om wahren Christentum« bis zu Eckart- 
hausen und Jung-Stilling. Interessanter als diese und die origi- 
nalen Schriften eines Jelagin, des Petersburger Grofsmeisters ; eines 
Turgeniev, der bewies, dafs nur ein Freimaurer das Ideal des 
guten Untertans auszufüllen vermag usw., sind die Menschen 
selbst; vor allem ein Lopuchin — eine Lopuchin war die erste 
Frau Peters des Grofsen gewesen. Der Europäer begnügt sich 
nur allzuoft mit Theorie und Abstraktion, steuert dagegen sein 
Lebensschiff in ganz andere Bahnen; der Russe nimmt die Theorie 
ernst und setzt sie in Taten um. So war es mit Lopuchin, der 
trotz seiner Freimaurerei und Mystik vielfach so lebhaft an Tolstoj 
erinnert, ja ihn einfach vorwegnimmt. Wir mögen ja seine Be- 
kämpfung Holbachs, den er kurz vorher bewundert und übersetzt 
hatte, naiv finden; wir mögen seinen »Geistlichen Ritter oder 
Wahrheitssucher <: und seine »Abrisse der inneren Kirche, des 
einen Weges der Wahrheit und verschiedener des Irrtumes und 
Unterganges« (beides mehrfach auch in fremden Sprachen gedruckt) 
nicht recht verständlich finden wegen der maurerischen oder eher 
mystischen Terminologie. Sein Drama »Triumph von Gerechtig- 
keit und Tugend oder der gute Richter« (1798) mag ganz 
undramatisch sein — uns imponiert der Richter und Senator 



— 112 — 

Lopuchin , der sich stets für den Angeklagten einsetzte , die 
Kollegen nannten ihn deswegen auch Martinist und rechthaberisch ; 
der mit den Argumenten und aus dem Gedankengange, die wir 
in Tolstojs »Auferstehung« kennen, ein Jahrhundert vor ihnen 
auftrat; der für die Sekte der Duchoborzen, d. i, dieselbe, die 
hundert Jahre später Tolstoj in Schutz nahm, humane Behandlung 
gegen den Widerstand der Geistlichen , die ihn deshalb einen 
Ketzer schimpfte, erzwang ; der sein Vermögen unter die Armen 
verteilte — der Generalgouverneur von Moskau, jene »älteste 
Kanone«, verdächtigte ihn der Falschmünzerei; der es nie be- 
greifen konnte, wie Menschen sich darüber ängstigen können, ob 
sie in der Fastenzeit ihren Tee mit Zucker süfsen dürfen, aber 
ohne jegliches Angstgefühl die gröfste Niedertracht gegen ihre 
Nächsten begehen. So war Lopuchin wie Tolstoj auf den wahren 
Nutzen des Menschen, in Schrift wie Tat, bedacht — nur fehlte 
ihm für die Schrift Tolstojs Talent. Und derlei interessante 
Charaktere verzeichnet die russische Maurerei mehr, den Schüler 
Lopuchins z. B. , Nevsorov , der durch Katharina jahrelang ins 
Irrenhaus eingesperrt blieb, der als Wahrheitsmensch mit allen 
sich überwarf und bettelarm blieb, weil er alles verteilte; der 
bedeutendste war Labsin, den Schwarz wie andere Jünglinge in 
Privatvorlesungen über Helvetius, Rousseau, Spinoza unterrichtete 
und sie zum Glauben bekehrte, von dem sie nicht viel wufsten — 
die Heilige Schrift war ja allen meist unbekannt, schien nur für 
Geistliche zu existieren; die andächtigsten waren überzeugt, dafs 
ihr Lesen den Laien nur verrückt machen könne. Er wurde dann 
der eifrigste Übersetzer Jung-Stillings und gab den .Zionsboten« 
heraus, den freilich der heilige Synod bald verboten hat, der 
wieder auflebte, als unter Rasumovskij und namentlich Golizyn 
die Freimaurer mafsgebenden Einflufs im Unterrichtsministerium 
bekamen, bis sie von den eigentlichen Zionswächtern , den un- 
versöhnlichen Orthodoxen , für immer niedergerungen wurden. 
In dieser zweiten Phase haben sich die Maurer als Bekämpfer 
der Revolution, der Frechheit des menschlichen Verstandes, des 
forschenden Wissens einen traurigen Ruf als Obskuranten der 
schlimmsten Sorte erworben ; darüber darf jedoch nicht vergessen 
werden , was die älteren unter ihnen für Verbreitung humaner 
und gerechter Ideen in dem Rufsland der obrigkeitlichen Willkür 
und des richterlichen Unrechtes gewirkt haben. 



— 113 — 

Deutsch-englischer Einflufs mündete nicht ausschliefslich in 
Freimaurerei und Illuminatentum ; für die Litteratur als solche 
wurde fruchtbarer eine andere Wirkung, die sich in schroffer 
Opposition gegen die ausschHefsliche französische Richtung, gegen 
die Pseudo- Klassik sowohl wie gegen ihren Rationalismus, die 
Trockenheit und Nüchternheit der Petersburger Litteratur wandte, 
die Rechte des Herzens und Gefühles gegen die der raison ver- 
trat und den Donner der Lomonossov - Ssumarokovschen Oden 
und Dramen gegen den »süfsen« Schlag Karamsins austauschte, 
die Herzen der Jugend eroberte und eine Umwälzung auf dem 
Parnafs in Stoff, Stil, Sprache hervorrief, auch die ersten 
scharfen litterarischen Gegensätze schaffen sollte. 

Der Held dieses Umschwunges, der erste russische Litterat 
von wirklichem bildenden und vorbildlichen Einflufs auf die 
ganze Lesewelt, ihr erster Liebling zugleich ist der nachmalige 
Historiograph des russischen Staates, Karamsin. Er war durch 
Turgeniev aus seiner provinzialen Umgebung in den Kreis der 
Moskauer Freimaurer eingeführt, wo die Traditionen von Schwarz 
fortwirkten, wo er den Herzensbund mit Gleichgesinnten (Petrov) 
schlofs, wo er in die pietistisch - freimaurerische Werkstatt, zu- 
nächst als Übersetzer von Haller u. a., eingeführt wurde. Aber 
Freimaurer ist er nicht geworden , obwohl er dankbar der von 
ihnen genossenen Förderung gedachte. Zum Pietisten war er 
nicht geboren, davor bewahrte ihn schon seine »Daseinsfroheit«, 
sein sentimentaler Hang, sein Sinn für Natur, sein seit früher 
Jugend gewecktes Interesse für die Litteratur, Nicht die Fran- 
zosen, desto mehr die Engländer und Deutschen zogen ihn an, 
Joung und Thomson, Richardson und Sterne, Haller und Gefsner, 
Herder und Lavater, Rousseau, nicht Voltaire. In Moskau, 
schon in der Pension bei Professor Schaden, dann durch Petrov 
u. a., auch durch Lenz wurde er in diese Litteratur eingeführt, 
übersetzte frühzeitig Emilia Galotti, den Julius Cäsar (der 1794 
als gefährliches Buch verboten wurde), aber seine Begeisterung 
für Shakespeare, Goethe und Schiller ist mehr eine gemachte, um 
nicht hinter der Zeit zurückzustehen; Ossian begeistert ihn da- 
gegen wirklich, für Sterne kann er nicht genug lobende Epi- 
tetha finden, und während er von Goethe und Schiller schweigt, 
bewundert er Haller, den gröfsten philosophischen Dichter, den 
Theokrit der Alpen, Gefsner, den unsterblichen Sänger des 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 8 



— 114 — 

Frühlings, Kleist, den Sänger der Messiade, die sein älterer 
Genosse aus dem Moskauer Kreise, Kutusov, übersetzte und — 
Wieland, wegen seiner humoristischen Sachen. 

Den sentimentalen Jüngling, die s schöne Seele«, dürstete es 
nach frischen Eindrücken, und so unternahm er eine ausländische 
Reise, die in der russischen Litteratur Epoche machen sollte. 
Während dieser Reise, 1789 und 1790, über Königsberg, Weimar, 
wo er Herder und Wieland, nicht Goethe, aufsuchte, Schweiz, 
Paris, London, zur See zurück, notierte er Eindrücke, sammelte 
Litteratur und begann, zurückgekehrt, das Gesehene und noch 
mehr das Gefühlte in der damals so beliebten Form von Briefen, 
»Briefe eines russischen Reisenden«, darzustellen; diese Briefe 
zierten das von ihm neugegründete »Moskauer Journal« (1791 
und 1792), Bände loser Folge, die er später in Almanachen, 
»Aglaja«, »Aoniden«, dann im »Pantheon fremder und russischer 
Schriftsteller« fortsetzte. Er wählte sich nicht Sterne zum Muster, 
er hielt sich ja wirklich an die Reiseroute genau, belehrte den 
russischen Leser über alle Sehenswürdigkeiten, beschrieb die 
Orte, suchte die Männer der Wissenschaft auf, von Kant bis 
Lavater; freihch unterbrach er die objektiven Berichte fort- 
während durch Schwärmerei für Natur, Uberschwänglichkeit 
seiner Gefühle, launige Beobachtungen, Anekdoten und Erzäh- 
lungen. Den Ereignissen in Paris gegenüber mufste er, aus Rück- 
sichten gegen die Kaiserin, einen möglichst unbefangenen, gleich- 
gültigen Ausdruck heucheln, ja, schon dies machte man ihm 
später zum Vorwurf, klagte ihn der Verbreitung französischen 
Giftes an. In England interessierte er sich für Konstitution und 
Geschworenengerichte auch mehr, als es sich für einen Russen 
ziemte. Karamsin ist ein glühender Verehrer der Humanität, 
»alles Nationale ist nichts gegenüber dem Menschlichen; Haupt- 
sache ist, Menschen, nicht Slawen zu werden, was für Menschen 
gut ist, kann nicht schlecht sein für Russen« — später dachte 
er anders. Toleranz, wahre Religiosität, ohne konfessionelle 
Schranken, Freiheit, Gleichheit und Brüderhchkeit sind auch für 
ihn verlockend. Er teilt keines der Ideale seiner Kaiserin, 
keine Verehrung Friedrichs II., erwähnt nicht die Kaiserin, preist 
aber Peter den Grofsen, den besten Erleuchter Rufslands, seine 
Reform als Quelle vieler Wohltaten; er sehnt sich nach stiller, 
geistiger Arbeit, im Schofse der Natur, unter Freunden — und 



— 115 — 

das waren keine Phrasen; verzichtete er doch wirklich auf jeg- 
liche Karriere — einer der wenigen Litteraten von Beruf. Daher 
seine Anerkennung Englands, seine Begeisterung für die Schweiz • 
er blieb im Herzen stets republikanisch gesinnt, weinte auf die 
Nachricht vom Tode Robespierres , was ihn später gar nicht 
hinderte, als reaktionärer Stockrusse Peters Reformwerk zu be- 
kritteln und gegen jede Abbröckelung der Autokratie seine 
warnende Stimme zu erheben, eine Inkonsequenz, die gerade bei 
Russen noch heute sehr häufig anzutreffen ist: liberale, ja opposi- 
tionelle Gesinnung im Sprechen und Denken, gepaart mit rücksichts- 
losem, autokratischem Schneid im Handeln; eine doppelte Buch- 
führung scheinbar, in der Tat blofse, vorübergehende Inkonse- 
quenz des Kopfes gegenüber dem seit Jahrhunderten angewöhnten, 
in Fleisch und Blut übergegangenen Despotismus. 

Auf den Leser machten nun diese Briefe, die später be- 
sonders herausgegeben und vielfach, namentlich im Ausdruck, ver- 
ändert wurden, aufserordentlichen Eindruck. Sie wandten sich 
ja nicht, wie die ganze bisherige Litteratur, an den Verstand; 
sie appellierten ans Herz, entlockten Tränen der Rührung und 
Freude, schilderten die Natur, priesen alles Gute und Edle. Was 
focht an, dafs der rein informatorische Teil dieser Reisebriefe 
vielfach entlehnt war, entzückten doch Ton, rührselige Stimmung, 
Jauchzen des Herzens, war doch alles ausgedrückt in einer un- 
gesucht einfachen, natürlichen, frischen, klaren, glatten Sprache. 
Von der Barbarei des Lomonossov und von seinem angepriesenen 
hohen oder mittleren schtil hatte sich Karamsins natürlicher 
Geschmack frei zu erhalten gewufst ; mit europäischen Gedanken 
und Gefühlen zog auch europäischer Ausdruck ein. Karamsin 
stiefs sich nicht daran, für die neuen Bedürfnisse seines Aus- 
druckes neue Worte zu prägen (nach den fremden, französischen 
oder deutschen), oder »Barbarismen«, d. h. die Fremdworte selbst 
beizubehalten. Ohne Pedanterie, ja ohne Aufheben zu machen, 
bewirkte Karamsin diese Reform; er band erst wirklich die 
russische Schriftsprache von dem »slawenischen« Pfahl los, wies 
ihr die natürliche, ungezwungene Wortstellung, führte ihr neues 
Gut zu — das meiste seiner Prägung hat Gültigkeit für immer 
behalten. 

Für die sentimentale Richtung wurden noch bedeutsamer die 
beiden Erzählungen seines Journals, >:Die arme Lisa« und 

8* 



— 116 — 

»Natalia, die Bojarentochter«, sie riefen eine Flut von Nach- 
ahmungen hervor; die erste machte die Umgegend des Simon- 
klosters, in der sie sich angebhch abspielte, zu einem Rendezvous 
aller Gefühlsvollen. Die arme Lisa war eine tugendhafte, un- 
erfahrene Paysanne, die der Moskauer Lovelace, Erast verführt^ 
verstöfst, beschimpft, die mit Selbstmord endigt; die Bojaren- 
tochter war eine noch schlimmere Versündigung gegen jegliche 
Wahrheit, mit der entführten Natalia als Ritter an der Seite 
ihres Geliebten. Karamsin blieb jedoch seiner eigenen Litteratur 
nicht treu; er, der sich durch ausgebreitete litterarische Bildung, 
durch Geschmack und kritischen Sinn vor allen Zeitgenossen 
auszeichnete, sah sich der persönlichen Sicherheit halber gezwungen, 
litterarische Tätigkeit prononcierterer Art ganz einzustellen; 
auf die düsteren Tage der alten Kaiserin folgte ja die Schreckens- 
herrschaft der (1797) eingeführten Zensur, der Tumanskij in 
Riga usw., einer Zensur, deren unglaubliche Borniertheit ihrer 
unglaublichen Böswilligkeit gleichkam. Sie verbot die »Jahr- 
bücher für die preufsische Monarchie«, weil sie eine Kritik des 
Papsttumes enthielten und» behaupteten, dals die Reformation 
nötig war; sie verbot die »Wanderungen durch die Niederlande«, 
weil sie über Karl den Grofsen und über Karl V. eine unehr- 
erbietige Bemerkung sich erlaubten; sie verbotj das »Allgemeine 
Lehrbuch für Bürgerschulen«, weil es die Sklaverei als vernunft- 
widrig bezeichnete; die »Moralischen Erzählungen für Kinder 
von 8 — 12 Jahren« wegen des Satzes, dafs alle Menschen Brüder 
sind usw. So wütete die Zensur gegen ausländische Bücher; 
gegen russische konnte sie nicht einschreiten, weil überhaupt 
keine mehr erschienen. Ägyptische Finsternis begann sich über 
Rufsland ungehindert auszubreiten. Karamsin verlor den Boden 
unter denFüfsen; Tumanskij hatte ja schon 1792 ihn angeklagt, 
dafs er unter der unerfahrenen Jugend aussäe das Gift der Ver- 
ehrung alles Fremden und Geringschätzung des Vaterlandes; 
ihn retteten nur seine nahen Beziehungen zu einem Günstlinge 
Pauls, aber Lust und Sinn für schöne Litteratur verlor er für 
immer, wandte sich lieber der Erforschung der Vergangenheit 
zu. Von seinen damaligen Viersen gilt, was wir von seiner 
Prosa sagten, sie sind gefällig in ihrer Einfachheit und Natürlich- 
keit, vor allem elegisch-sentimental, beweinen den Tod des Freundes, 
die Vergänglichkeit irdischen Glückes. 



— 117 — 

Das sind die beiden Hauptrichtungen der Katharinischen 
Litteratur: die Petersburger, französische, von der Kaiserin, aller- 
dings nur bis zu einer bestimmten Grenze geförderte, höfische 
und satirische zugleich; ihr gegenüber wahrt sich Moskau, seit- 
dem es die Hochschule bekommen hat, seine Freiheit und 
Unabhängigkeit ein volles Jahrhundert lang, verläfst die aus- 
getretenen Petersburger Pfade, sucht neue auf, befreit den Schrift- 
steller von dem erniedrigenden Dienst des Tages, den jeweiligen 
Günstlingen, läfst ihn auf eigenes Herz und Gefühl hören, läfst 
ihm eine moralische Autorität, die den Machthabern in Peters- 
burg unbequem wird. Die Sonderung der Geister ist zwar keine 
entschiedene; Radischßev ist von der sentimentalen Richtung be- 
reits wesentlich ergriffen; Novikov war erst Tadler, ehe er 
Lehrer seiner Mitbürger wurde, aber im wesentlichen bleibt der 
Gegensatz zwischen Petersburg und Moskau, zwischen der Ein- 
geschnürtheit der französischen, rationalistischen Pseudoklassik 
und der deutsch-englischen Freiheit von Gefühl, Form und Aus- 
druck bestehen. 

In das Grenzgebiet zwischen beiden Richtungen fällt eine 
Reihe litterarischer Erscheinungen, die bald hierin, bald dorthin 
gravitierend zum Teil nur den Zweck haben, in die Lücken der 
bisherigen Litteratur einzutreten, auszufüllen die Kategorien der 
russischen Epik, Anakreontik usw., damit kein von dem pseudo- 
klassischen Kodex anerkanntes Genre unvertreten bliebe: im 
Grunde genommen blofses Füllsel der Litteratur. 

So empfand man drückend den Mangel einer Epopöe. Die 
bisherigen Petriden eines Kantemir oder Lomonossov oder die 
Telemachide des Trediakovskij täuschten niemanden über diesen 
Mangel, den auszufüllen erst dem Freimaurer und später in Un- 
gnade verfallenden Cheraskov glückte, einem der Patriarchen 
der russischen Litteratur, einem aufgeklärten, edeldenkenden, 
poetisch ganz unvermögenden Vielschreiber, aus dessen reichem 
Nachlafs, Romane, Tragödien, Oden usw., die beiden Epopöen, 
die >.Rossiade« (1779) und »Vladimire (1785) im Gedächtnis der 
Nachwelt überlebten. Nur die »Rossiade« ist, streng genommen, 
eine echte Epopöe, die die Henriade nachahmt; in den obligaten 
zwölf Gesängen, mit den obligaten Personifikationen des Himmels 
und der Hölle, der Tugenden und der Laster, mit den obligaten 
Visionen, Prophezeiungen von Rufslands Gröfse, mit den obligaten 



— 118 — 

Episoden und Digressionen, Anrufungen, Bildern und Vergleichen 
wird eine völlig erfundene Geschichte von der Unterwerfung 
Kasans durch Zar Ivan IV. 1552 versifiziert ; russisch sind daran 
ein paar Namen , alles andere ist Voltaire , Tasso und Vergil, 
nur wälzt sich die gut gemeinte und trotz alles Feilens und 
Umarbeitens schlecht ausgeführte Darstellung schwerfällig ein- 
her, in erdrückender Langweile. Schlimmer ist der ijVladimir^; , 
schon weil er nicht als Erzählung, sondern als Allegorie aus- 
getüftelt ist: jeder von uns soll die Wahrheit suchen und Ver- 
suchungen widerstehen, wie dies Vladimir tut , bis er mit Hilfe 
des slawischen Patrons vSt. Andreas den wahren Glauben findet, 
wozu ihm der böse Geist durch Lockungen heidnischer Priester, 
schöner Frauen usw., den Weg verlegte. Allerdings braucht 
nicht erst das Freimaurertum Cheraskovs, der als Kurator der 
Universität Schwarz und Novikov berief und anspornte, für diesen 
Inhalt des Vladimir verantwortlich gemacht zu werden, denn 
schon lange vorher hatte er in seiner Erzählung »Numa Pom- 
pilius« (1768, also lange auch noch vor dem Florianschen »Numa«) 
Rom dargestellt, aber Rufsland und die moderne Zeit gemeint, 
von dem Epigraph an, Puissent tous les hommes se Souvenir, 
qu'ils sont freres, bis zum Predigen wahrer Religiosität im Tempel 
der Vesta vmd dem Schlufsgedicht mit der Verherrlichung 
Katharinas. Der junge Karamsin wufste Lavater aus der rus- 
sischen Litteratur nur zwei grofse Werke zu nennen, die Rossiade 
und den Vladimir; doch nur die erste, die allegorischer Aus- 
legung nicht unterlag , behauptete sich Dezennien lang im un- 
geschmälerten Glänze als die nationale Epopöe und konnte noch 
im XIX. Jahrhundert von den Liebhabern altvaterischer Gespreizt- 
heit und Unnatur ernst genommen werden, wie sie etwa Tur- 
genievs Lakai ihm in seiner Jugend deklamierte. 

Ungleich lebensvoller waren die Versuche im komischen 
Epos; der russische Skarron hiefs Majkov; die derb obszönen 
Bilder seines »Jelisej« liefsen gar nicht in ihm den späteren 
Freimaurer und Freund Cheraskovs vermuten. Nicht einmal das 
komische Epos durfte des pseudoklassischen Ballastes, der Mytho- 
logie, entraten. Also zürnte Bakchus, dafs die Pächter durch 
Verteuerung des Branntweins die Scharen seiner Verehrer 
lichten, und stiftete den Fuhrmann Jelisej zu allem Unfug an, 
befreite ihn aus Gefängnissen, was er auf einer Götterversammlung 



— 119 — 

erst durchsetzte, bis schliefslich Zeus den Jelisej unter die Soldaten 
stecken liefs; an Frivolität und Spott über die Götter lassen die 
Szenen nichts zu wünschen übrig • aber sie amüsierten durch das 
erstmalige, energische Hineinzerren volkstümlichen Treibens in 
der Schenke und auf den Stralsen in den Rahmen des Alexan- 
driners; andere, Kotlarevskij, erreichten denselben Zweck durch 
die Parodie der Äneis ä la Blumauer im Volksdialekte selbst. 
Weniger derb, dafür frivoler im Grunde war die Nachahmung 
der Lafontaineschen »Psyche« durch Bogdanovic; heute mutet 
sie uns an, als wenn jemand Menuett in hohen, ungeschmierten 
Bauernstiefeln tanzte; die Zeitgenossen entzückte diese Verball- 
hornung, nicht die einzige des Verfassers, der z, B. ähnlich die 
russischen Sprichwörter »emendierte« , durch eine Darstellung 
der Psyche als einer verwunschenen, russischen Märchenprinzessin, 
durch die relative Leichtigkeit der Sprache, durch die Verse von 
wechselnden Reimen und Silbenzahl, durch den leichtfertigen 
Ton des Ganzen, der von der Unnatur und Langweile des aka- 
demischen Epos eines Cheraskov erlöste. Bogdanovie schuf in 
der Epopöe das, was gleichzeitig, mit mehr Talent und Schwung, 
Dierzavin in der Ode versuchte. 

Die Odendichtung hatte seit Lomonossov keinen Augenblick 
mehr gefeiert; es rasselte nur so auf dem Parnafs von dem 
Odengeknatter eines Majkov, Cheraskov und aller anderen 
»Dichter«, zu denen sich als besonders berufene Odendichter die 
Popovskij, Petrov, Kostrov, der Moskauer Universitätsdichter, u. a. 
gesellten. Zu ihnen gehörte auch Dierzavin. Ungünstige äufsere 
Verhältnisse hatten sein Auftreten in der Litteratur sehr ver- 
zögert, und doch hat ihm gerade die Litteratur den Lebenspfad 
aufserordentlich geglättet, hat ihn oft aus schwierigen, schier 
aussichtslosen Lagen befreit. Er ist der russische Odendichter, 
der Sänger Katharinens geworden, der Schmeichler der Kaiserin 
und ihrer Grofsen, der Lieferant für eine poetische Ruhmes- 
gallerie der Zeitgenossen; in der panegyrischen Litteratur des 
Jahrhunderts hat er den Vogel abgeschossen; der Abglanz der 
Katharinäischen Sonne fiel auf den Dichter selbst und verklärte 
seine endlosen Strophen mit erborgtem Schein: »Mit Ruhm wirst 
du, ich als dein Echo leben,« behauptete der Dichter mit Recht 
vor der Kaiserin. 

Das Rezept zur Herstellung der Oden sei mit des Dichters 



— 120 — 

eigenen Worten mitgeteilt: »Begeisterung, ein kühner Eingang, 
Schwung, Verwirrung, Einheit, Vielförmigkeit , Kürze, Wahr- 
scheinlichkeit, Neuheit der Gefühle und Ausdrücke, Verkörperung 
und Belebung , glänzende Bilder , Digressionen und Episoden, 
Wendungen und Sprünge, Zweifel und Fragen, Antithesen, Ein- 
flechtung von Reden, Allegorien, Vergleiche und Anähnlichungen, 
Verdoppelungen und Verstärkungen, anderer rhetorischer Schmuck, 
nicht selten Moral, aber immer Harmonie und Geschmack«, d. i. 
die bekannten Vorschriften des ästhetischen Katechismus, Forde- 
rung des lyrischen desordre usw. , die ja auch andere schlecht 
und recht auszufüllen versuchten. Worin bestand nun die Eigen- 
art des Dierzavin, die ihn weit über diese anderen erhob, die sofort 
herausgefühlt und anerkannt wurde? Er hatte begonnen ganz 
mit dem öden Bombast der Lomonossovschen Weise ; sie befriedigte 
ihn selbst nicht. Der Rat seiner litterarischen Freunde, die 
Theorie des Batteux von der Nachahmung des Schönen, An. 
ziehenden in der Natur durch die Kunst, das Beispiel des Horaz 
wiesen ihn auf einen leichteren, gefälligeren, ja schalkhaften 
Ton; sein Freund Lvov z, B. stellte Einfachheit und Natürlich- 
keit als Ziel der Poesie hin und bekämpfte Lomonossov sowohl 
wegen des Zwanges, den er der Sprache antat, als wegen der 
Unmoral seiner schmeichelnden und bettelnden Oden. So zerrifs 
Dierzavin seine Ode auf die »Geburt des Porphyrogeneten im 
Norden«, Alexander L, dichtete 1779 eine neue, flocht eine ein. 
fache Beschreibung des Winters ein, die durch ihre Natürlichkeit 
auffiel, wagte er es doch u. a. zu sagen: es schliefen nie vor 
Langeweile die Nymphen zwischen den Höhlen und in dem 
Röhricht, es sammelten sich rings um die Feuer die Satiren, die 
Hände zu wärmen. Diese Parodie ä la Kotlarevskij oder Maj- 
kov entzückte eben die Zeitgenossen. Die bekannteste und be- 
deutendste dieser Oden, die ihm Geld, Gunst der Kaiserin, 
rasches Avancement sicherte, ist die Ode an Feliza, 1782 an- 
geblich von einem tatarischen Mursen verfafst und aus dem 
Arabischen übersetzt; damit kein Zweifel obwalte, wen er unter 
der »gottähnlichen Zarin der kirgiskaisakischen Horde« meinte, 
waren die Namen Feliza und Chlor aus den Fabeln der Kaiserin 
für ihre Enkel in die erste Strophe gesetzt. In den folgenden 
wurde die Kaiserin nicht direkt gelobt; die Schmeichelei ergab 
sich aus dem Gegensatz ihres eigenen , höchst einfachen , rastlos 



— 121 — 

tätigen, streng gerechten Lebens und Wirkens und des Treibens 
ihrer sMursen^, des üppigen, faulen, gedankenlosen; noch weiter 
werden vom Hörensagen ihre Eigenschaften aufgezählt, wird die 
Veränderung der Zeiten gerühmt (»jetzt darf man zueinander 
flüstern und ohne Furcht vor Strafen keinen Zarentoast bei Tische 
ausbringen, man darf in der Zeile mit dem Namen der Feliza 
den Schreibfehler auskratzen, sogar ihr Bild unachtsam zur Erde 
fallen lassen«); es wird die Kaiserin gepriesen, die Gott, nicht 
Tyrann sein will, die ihren Untertanen die Reisen ins Ausland, 
das Schürfen nach Metallen gestattet, die Armen versorgt. Das 
Gedicht schliefst mit der Versicherung , dafs der Dichter nichts 
dafür erwarte und mit dem Wunsche längsten Gedeihens. Zur 
Ehre der Wahrheit sei hervorgehoben, dafs Dier^avin die 
Kaiserin damals nur von diesem Hörensagen her kannte, dafs 
sich sein Urteil änderte, als er sie aus der Nähe beobachten 
konnte. Je weniger aufrichtig er es jetzt meinte, desto mehr 
schwollen die Oden an, bis auf 58 Strophen in der »Darstellung 
Felizens«, ein Hauptfehler dieser Gedichte. Ein anderer ist ihre 
Unebenheit, dafs sich Dierzavin nie auf gleicher Höhe zu er- 
halten vermag^ in banale Prosa herabgleitet, Gelungenes und 
völlig Mifslungenes bei ihm miteinander abwechselt. Ferner er- 
müden unablässige Hyperbeln; neben einigen wenigen, wirklich 
grandiosen Bildern, die erheben und erschüttern, stört das all- 
zu viele Gesuchte, Erkünstelte, Unwahre. Endlich verfällt er in 
den Fehler der Trockenheit, der Aufzählerei; Reflexion ertötet 
das Gefühl, so in seinen berühmten theologischen Oden, in j>Gott«, 
einem modernen symbolum Athanasianum in Reimen, in »Un- 
sterblichkeit der Seele« mit ihrer scholastischen Beweisführung 
u. a. Nur in der Schlufsstrophe von »Gott« bricht sich wahres 
Gefühl Bahn, entschädigt uns jedoch nicht für das Wortgeklingel 
und die Antithesenspielerei des Vorausgehenden; die Berühmt- 
heit der unzähligemal , sogar ins Japanische , übersetzten Ode 
steht in keinem Vergleiche zu ihrem dichterischen Wert. 

Es gab keinen Günstling und Magnaten, kein bedeutsames 
Ereignis, Eroberung von Ismail, Fall Warschaus usw., das nicht 
seine Muse verherrlicht hätte ; so lesen wir von Ismails Stürmern : 
»Mag ihnen entgegentreten ein Haufe blasser Tode oder die Hölle 
mit ihrem Rachen sie anknirschen, sie gehen wie die in Wolken 
verborgene Donner, wie schweigende Hügel, in Bewegung ver- 



— 122 — 

setzt : Stöhnen ist unter ihnen , Rauch hinter ihnen ; sie gehen 
in tiefem Schweigen, in düsterer, schrecklicher Stille, mifsachtend 
ihrer, des Verhängnisses.« Gestimmt ist diese Odendichtung auf 
hohen Ton: »Siegesdonner ertöne, — Freu dich, tapferer Rofs, 
— Schmück mit dröhnendem Ruhm dichs usw. Noch in 
seinen spätesten Oden weht stolzester Patriotismus : »So wir nur 
zu Gott aufgeblickt, sprangen wir wie Löwen aus unserem 
Schlaf. Wir hatten einen Feind, die Tataren, und wo sind sie? 
Wir hatten einen Feind, die Polen, und wo sind sie? Wir 
hatten diesen, wir hatten jenen, fort sind sie, aber Rufsland« usw. 
Oder: .^-O Rofs (diese griechische Form sollte besonders ,edel' 
klingen), o mutiges Volk, einziges, grofsmütiges, grofses, starkes, 
ruhmbegabtes, unermüdbar in den Muskeln, unbesiegbar in dem 
Geiste, im Herzen einfach, im Fühlen gut, schweigend im Glücke, 
munter im Unglück . . . im Dulden nur dir selbst ähn- 
lich.« Hyperbeln brachten auch den Dichter in Konflikt mit 
der Kaiserin, die die Ode an Ssuvorov nicht drucken liefs wegen 
der Worte »der Thron unter dir, die Krone zu deinen Füfsen, 
der Herrscher in der Gefangenschaft« , die ihr jakobinisch 
klangen, und noch mehr mit der Zensur Pauls, die Anstand 
nahm z. B. an dem Vers »Felizens« : :^Das eiserne Scepter der 
Autokratie werde ich mit meiner Freigebigkeit vergolden.« Der 
Vers mufste weggelassen werden und dadurch eine Lücke in 
der Strophe entstehen , weil sich der Dichter anständigerweise 
weigerte, ihn umzuändern. 

Ungleich häufiger waren die Konflikte mit der Wahrheit. 
Dem Chrapovizkij, der ihm geraten hatte, wahre Helden zu be- 
singen, aber Potemkin und Konsorten in ihren potemki (Dunkel) 
zu belassen, der ihn einen Tadler genannt hatte, antwortete 
Dierzavin : »Als Sklave unter dem Joch mufs ich den Mächtigen 
zu gefallen suchen , kann ich nicht toben , nur schmeicheln . . . 
mag mich für meine Worte der Kritiker tadeln, ehre er nur 
meine Taten.« Auf den Helikon lenkten seine Schritte: Natur, 
Not und Feinde. Es verdient wenigstens anerkannt zu werden, 
dafs Dierzavin nie an Gefallenen sein Mütchen gekühlt hat ; dafs 
seine Poesie nicht ohne weiteres zu kommandieren war; ver- 
gebens erwartete die Kaiserin lange Zeit eine Fortsetzung der 
Felizaoden; er liefs dahingehende Anspielungen unbeachtet; ja, 
nur aus Furcht vor seinen Sarkasmen soll sie ihn zum Senator 



— 123 — 

ernannt haben. Auch unter Paul schwieg er ziemlich hartnäckig. 
Zu direkten Angriffen entschlofs er sich allerdings noch weniger, 
auf Potemkin z. B. erst nach dessen Tode, im Vergleich zu 
Rumianzev; aber in allgemeinen Worten griff er Richter und 
Machthaber gern an, z. B. in der bekannten Paraphrase des 
82. Psalmes, die von der Zensur beanstandet wurde. 

Sentimentalen Anwandlungen blieb seine sinnlich angelegte 
Natur (daher die Vorliebe für Anakreontika , die er besonders 
pflegte, als andere Töne anzuschlagen mifslich wurde) stets fremd; 
weil er aber gern die Mode mitmachte, finden sich seit 1790 
deutliche Ossianische Anklänge in seinen Liedern, so schon 
in der Ode auf Ismail : Unter dem Nebel auf dem Euxinus fliefsen 
die schweigenden Haine, die Schiffe, in ihrer Mitte wie der Berge 
Eisabhang oder der graue Schatten eines Mannes, sein Schild 
wie der Vollmond, sein angebrannter Spiefs wie eine Fichte usw., 
besonders jedoch in dem »Wasserfall« auf den Tod Potemkins, 
mit dem prachtvollen Eingang, der plastischen Schilderung des 
grandiosen Sunifalles, der Ode schadet nur die übergrofse Länge 
(74 Strophen!). Zu einfachen Gegenständen stiegen seine Lieder 
nur selten herab, doch gelang ihm manches anmutige Bild, z. B. 
»die Schwalbe« u.a.; andere sind nur scheinbar einfach, wie das 
Lied an das Glück, d. i. an die Kaiserin, mit scharfen Spitzen 
gegen einzelne Günstlinge. Daher glaubte er von sich, in der Nach- 
ahmung des Horazischen Exegi monumentum sagen zu dürfen: 
»Aus Unbekanntschaft bin ich dadurch bekannt geworden, dafs ich 
als erster es wagte, im spielenden russischen Vers die Tugenden 
Felizens zu preisen, in Herzenseinfalt von Gott zu sprechen und 
dem Zaren mit Lächeln die Wahrheit zu sagen.« Übersetzungen 
bot er nur wenige, aufser Psalmenparaphrasen etwa Nach- 
dichtungen von Kosegarten, Hagedorn, Ramler, Haller; Schiller 
war ihm zu langweilig, er fand bei ihm nur Worte, wie Spreu 
im Winde ohne Korn, bald fehlte Pindarisches Feuer, bald die 
Würze des Horaz. Alles, was Erfolg hatte, versuchte er nach- 
zuahmen; schrieb unmögliche Dramen, Opern, Komödien, un- 
gleich bessere Fabeln, namentlich politische, auf die französische 
Revolution, auf die Teilung Polens: »Unnütz graben wir dem 
kraftlosen Nachbar das Grab, schlimmer wird sich 's uns leben 
mit Wolf und Bären« usw. Er bleibt der Sänger Katharinens: 
»Mit ihrem Tode — was soll ich singen?« Jetzt schlummert seine 



— 124 — 

Muse ein; so recht hat sie ihm das Leben überhaupt nicht aus- 
gefüllt, war doch nur Zeitvertreib mehr, zu Fehza sagt er von 
der Poesie: .f Sie ist dir lieb, angenehm, süfs und nützlich, wie im 
Sommer schmackhafte Limonade.« Das ist der Standpunkt des 
Trediakovskij und Lomonossov. 

Wie Ssumarokovs und Kniaznins Dramen , wie Cheraskovs 
Epopöe hatten Dierzavins Oden erzieherische Wirkung, sprachen 
von grofsen Menschen, Taten, Gefühlen ; an dichterischem Talent 
übertraf er sie alle, an der Neigung zu Grandiosem, Imposantem, 
z. B. bei der Schilderung eines Sturmes auf dem Kaspischen 
Meer: »Es trotzt (der Meergott) seinen Wellen, springt bald 
gegen den Horizont, bald nach dem Hades jagend, schlägt er 
mit dem Dreizack an die Schiffe, zu Säulen winden sich seine 
grauen Haare, und in den Bergen donnert sein Ruf.« Goldkörner 
von Poesie sind in dem vielen tauben Gestein versprengt. 

Ungleich weniger fruchtbar war der Freund Karamsins, 
Dmitrijev, trotz seines langen Lebens, der es auch zum Justiz- 
minister, wie Dierzavin, aber ohne Mithilfe der Oden, gebracht 
hat, obwohl diese der Kaiserin manchmal besser gefielen; sie 
waren jedenfalls kürzer und rarer, sonst bewegten sie sich fast 
in gleichen Bahnen, waren reich an Hyperbeln und Überschwang. 
Sie hinderten den Dichter durchaus nicht, in einer Satire, dem 
besten, was er geschrieben, die er als »Fremde Meinung« 
vortrug, die Odendichter zu persiflieren; das Gefühl, dafs 
sie langweilten, war bereits allgemein; bald bekannte sich Dier- 
äavin selbst dazu, trotzdem blieben sie Zubehör des Parnasses. Der 
»Patriarch der Litteratur«, wie Dmitriev später zubenannt wurde, 
obwohl er die letzten zweiunddreifsig Jahre seines Lebens nichts 
schrieb und fast nur eine reiche Korrespondenz mit Freunden, 
Karamsin u. a., unterhielt, ruhte auf billig erworbenen Lorbeeren 
aus; man redete ihm sogar nach, dafs er für die russische Poesie 
dasselbe geleistet, was Karamsin für die Prosa! Sein Verdienst 
bestand eben darin, dafs er sich an Karamsin ganz anlehnte, ihn 
nachahmte; gab dieser eine Sammlung von Gedichten heraus: 
»Meine Allotria«, so veröffentlichte Dmitriev ein Jahr später: 
»Auch meine Allotria« ; er fertigte leichte, gefällige Sächelchen, 
Albimipoesie , an und ging in dem Feilen der Form, zumal in 
seinen Übersetzungen aus Lafontaine auf. 

Von schöner Litteratur blieb der Roman wegen seiner pro- 



— 125 — 

saischen Form fast ausgeschlossen ; Belletrist war eben, wer Verse 
schrieb. Und doch war der Roman bereits damals das beliebteste 
und vor allem verbreitetste litterarische Genre; er hat an der 
Europäisierung Rufslands, an der Milderung der Sitten, Ver- 
breitung humaner Anschauungen, Hebung des gesellschaftlichen 
Tones nicht unwesentlichen Anteil ; erst er machte das Buch 
zu einem Bedürfnis, aus einem blofsen Gegenstande des Luxus; 
er lehrte die Russen lesen; sein Einflufs reichte tiefer vielleicht 
als der der dramatischen Litteratur. Ein wesentlicher Unterschied 
trennte ihn von dieser; gegenüber der Fülle »originaler« Dramen 
eines Ssumarokov, Kniaznin usw. gibt es fast keine originalen 
Romane, lauter Übersetzungen, an 600 Nummern, hauptsächlich 
aus dem Französischen, denn auch die englischen wurden meist 
erst aus französischen Fassungen übersetzt. Vertreten sind 
natürlich alle Gattungen, vom moralischen, sentimentalen, politi- 
schen, historischen, abenteuerlichen, orientalischen (besonders be- 
liebten) und Schreckensroman der Radcliffe bis zu den un- 
moralischen, Faublas und Genossen; die Liste der Verfasser ist 
eine lange, reicht von Le Sage bis Florian, Kotzebue, La- 
fontaine; Rousseau und V^oltaire fehlen nicht, Marmontel und 
die Genlis sind besonders beliebt gewesen. Ebenso reich fast ist 
die Liste der Übersetzer; wir finden Visin mit dem »Seth« des 
Terrasson, Karamsin, Turgeniev mit deutschen Romanen usw. 
Originale "Werke machen kaum zwei Prozent aus. 

Besonders verdient jetzt das politische Moment hervorgehoben 
zu werden, das der älteren Romanlitteratur völlig fern lag. Der 
»Telemaque« ist seit 1747 neunmal in fünf verschiedenen Über- 
setzungen herausgekommen, und nach seinem Beispiele unterwiesen 
die verschiedenen Mentore die jungen Fürsten, zeigte man an 
Beispielen die Verwerflichkeit der Tyrannei und erging sich in 
Utopien glücklicher Länder und tugendhafter Regierungen; erst 
das Ende des Jahrhunderts kühlte diesen Eifer merklich ab. Das 
typischste Beispiel gewährt Cheraskov. Sein «Numa oder das 
blühende Rom», 1768, fast ohne Handlung, besteht hauptsächlich 
aus den Unterweisungen der Egeria, die für Monarchie eintritt 
wegen der Zügellosigkeit und Eigensucht der Senatorenwirtschaft, 
aber der Monarch soll frei gewählt werden; das Herrschen ist 
schwere Last, der Vater des Vaterlandes mufs auf sich selbst 
vergessen; Liebe, nicht Prätorianer werden ihn schützen; Tugenden 



— 126 — 

sind wichtiger als Gesetze, tugendhaft mufs vor allem der Herrscher 
sein. Im nächsten Roman, .Kadm und Harmonia«, 1786, über- 
wiegen bereits mystische Regungen; Kadm läfst sich verführen 
und kann erst nach Läuterungen seine »Harmonie« wiederfinden, 
aber noch kommen scharfe Auslassungen gegen Sklaverei ü. dgl. 
vor. In dem letzten eifert Cheraskov bereits gegen »Freiheit, 
das mifsgestaltete Ungetüm«, gegen die »Auswürflinge der Natur, 
die Freunde der Gleichheit, eines Unsinns«, alles in seinem »Poli- 
dor, dem Sohne des Kadm«, von 1794, der zu den Thersiten, 
d. i. den Franzosen , kommt und die wild aufgeregten , durch die 
Freigeister Betörten zur Raison und Ordnung bringt, die nur in 
einem monarchischen Staate möglich sind — das sollte auch sein 
»Der Zar und das gerettete Novgorod«. 1800, diesmal in Versen, 
beweisen. Vor der drückenden Langweile dieser »Romane«, des 
endlosen »Arfaksad« des Sacharjin, des »Wahrheitstempels« des 
Lvov usw. flüchtete der Leser zu Emin, der in seinem »Unbestand 
des Glückes oder Miramonds Abenteuer« und in der »Belohnten 
Standhaftigkeit oder was Lisark und Sarmanda zustiefs« seine 
Helden die weitesten Reisen und Irrfahrten unternehmen liefs 
und in den »Briefen von Ernst und Doraura« die »neue Heloise« 
nachahmte; doch auch er verbrach politische Romane, einen 
»Themistokles«. Unendliche Liebesgeschichten liefs ein Un- 
genannter seinen Helden erzählen, »Der unglückliche Nikanor 
oder Lebenslauf des russischen Edelmannes Nikanor : ; die Ge- 
schichten waren weniger pikant als empfindsam, vor allem jedoch 
banal. Pikanter war, dafür mit moralischer Absicht, »Die hübsche 
Köchin oder Begebenheiten eines lasterhaften Weibes« von Öulkov, 
der seine ethnographische Vorliebe in der Aufnahme zahlreicher 
Idiotismen und Sprüchwörter äufserte — noch Sfuvorovs höchst 
einfache Bibliothek zierte dieser Roman; natürlich hat es auch 
Culkov an politischen Utopien nicht fehlen lassen. Bei weitem 
"das Beste bot der achtzehnjährige Ismailov: »Eugen oder verderb- 
liche Folgen schlechter Erziehung und Gesellschaft« (1799 — 1801): 
Eugen mit dem Erzieherpaar Pendard und Sanspudeur, die in 
Sibirien endigen, macht der Pension Eselmann alle Ehre, befolgt 
würdig die Weisungen seines Elternpaares Schufterle und endigt 
frühzeitig im Schuldgefängnis in Petersburg, wohin er zum Dienst 
als Gardeoffizier abgereist war; in die Garde selbst wurde er 
noch vor seiner Taufe eingetragen ; die Sitten oder richtiger Un- 



— 127 — 

Sitten der Zeit sind mit einem Realismus wiedergegeben, der 
nichts zu wünschen übrig läfst. Von diesem vielversprechenden 
Anfang des realistischen Romans wandte sich jedoch der Ver- 
fasser bald anderen Gebieten, Journalistik, Fabeln usw., zu. Die 
von uns bereits erwähnte Geschichte des Moskauer Diebes Vanjka 
Kain ist förmlich zu einem Volksbuch geworden. 

Aus dem Rahmen der Belletristik fällt die immer reichere 
Memoirenlitteratur heraus, denn die verschiedenen Tagebücher — 
auch eines Dier^avin, Dmitrijev usw. — waren nicht für die 
Öffentlichkeit bestimmt, oft nur für das Familienarchiv, und sind 
erst nach vielen Dezennien herausgegeben. Durch den einfachen 
Ton und erschütternden Inhalt ragen hervor die Aufzeichnungen 
der Fürstin Dolgorukaja, die drei Tage nach der Hochzeit ihrem 
Manne nach Sibirien folgte und nach dessen Hinrichtung ins 
Kloster ging, wo sie 1767 ihr tragisches Geschick bis zur An- 
kunft in Beresov erzählte. Unter zahlreichen anderen, oft sehr 
umständlichen, z. B. des Bolotov, sei besonders das Tagebuch des 
Sekretärs der Kaiserin genannt, Chrapovizkij , weil es fast Tag 
für Tag, 1782—1793, die Aussprüche der Kaiserin über Litteratur — 
namentlich ihre eigene — und Politik verzeichnet und in das 
geistige Leben der merkwürdigen Frau wertvolle Einsicht gestattet. 
Der Kuriosität halber erwähnen wir die »Wahrhafte Geschichte« 
usw. des Chomiakov, eines einfachen Soldaten und seiner einfachen 
Erlebnisse im Siebenjährigen Kriege usw., weil sie anders wie die 
übrigen Memoiren, gleichzeitig im Drucke, 1791, erschienen ist. 

Damit beschlielsen wir die Betrachtung des Jahrhundertes. 
Worin bestand nun sein Erfolg? 

Es war zum ersten Male der Anschlufs Rufslands an das 
geistige Leben Europas erreicht worden. Dieser Anschlufs war 
vorläufig ein loser und äufserlicher , weil die Folgen der Unter- 
lassungssünden der Vergangenheit nicht leicht zu beseitigen waren. 
Das Jahrhundert, hauptsächlich mit der Lösung äufserer Macht- 
fragen beschäftigt, hatte das geistige Gebiet doch nicht vernach- 
lässigt; es zeitigte bereits das Surrogat einer Litteratur. Dieses 
Surrogat, für den häuslichen Gebrauch, war meist von Leuten her- 
gestellt, unter denen auch nur mäfsige Talente recht selten waren; 
aber sie arbeiteten alle nach einem Ziele hin, es gab noch keinen 
häuslichen Krieg in dieser Litteratur, keine widerstrebenden Rich- 
tungen. Aufklärung, Humanität, Tugend lehrten Katharina wie die 



— 128 — 

Freimaurer; Obskuranten und Slawophilen erhoben noch nicht ihr 
Haupt. Man wiegte sich bereits in einen gewissen Optimismus be- 
züglich des Erreichten ein ; man glaubte bereits eine Litteratur zu 
besitzen, weil ihre abendländischen Fächer schon mit russischen 
Namen geziert werden konnten. Eine Kritik fehlte vollständig-, 
als sich ein paar Leute zusammentaten, um die »Rossiade^ zu 
kritisieren, zeigte es sich, dafs sie nur einer naiven Bewunderung 
fähig waren. National war an dieser Litteratur nichts aufser 
Sprache und Namen, nur in seltenen Fällen kam auch der Inhalt 
hinzu; der Geist, die Beleuchtung blieben die fremden. Es mufsten 
jedoch die äufseren Formen erst geschaffen werden, und bleibendes 
Verdienst war, dafs ein melodischer Vers, eine reine Prosa, ein 
klarer Ausdruck gewonnen wurden; bei dem Hemmnis, das die 
»slowenischem Sprache bereitete, war schon damit viel erzielt. 
Dem Volke, seinen Bedürfnissen und Idealen, seiner Sprache und 
traditionellen Litteratur stand man verständnislos gegenüber; die 
Leibeigenschaft bildete eine unüberbrückbare Kluft, die jede Be- 
rührung ausschlofs. Und doch erwachten bereits die ersten 
Regungen eines nachhaltigen Interesses dafür : Volkslyrik dringt 
in die Liedersammlungen, man beobachtet Bräuche, man dichtet 
sogar volkstümliche Sujets um — hier ging wieder Radisch^ev 
voran, der das Volksbuch vom Bova, dessen fremden Ursprung 
nicht ahnend, in zwölf Gesängen frei verarbeitete; Karamsin 
dichte einen »Ilja von Murom« usw. , man versuchte sogar das 
freie Versmafs der Bylinen nachzuahmen. 

Im Grunde jedoch berührten sich nirgends die Pfade der 
Litteratur und der »Nation« (der russische Ausdruck trennt nicht 
Nation und Volk, Bauern); die Litteratur war aus dem Leben 
ausgeschaltet, auf einen kleinen Kreis beschränkt und schwebte 
förmlich in der Luft, hatte in dem Nationalboden keinerlei Wurzeln 
geschlagen. Sie hatte keinerlei Tradition; es stand ihr nicht ein- 
mal zur Seite eine gründlichere Bildung ihrer besten Vertreter 
sogar — wie lückenhaft, zufällig zusammengestoppelt war das 
litterarische Wissen z. B. eines Dieri^avin oder Dmitrijev ! Daher 
ihre völlige Abhängigkeit, eine ratlos - kindische , den fremden 
Mustern gegenüber; daher das einseitige Vorherrschen des Fran- 
zösischen nicht nur in der Gesellschaft, bei Hofe, sondern auch 
in der Litteratur, sogar bei Leuten, die deutsch- englischem Ein- 
flufs ausgesetzt waren, z. B. Karamsin : sie denken französisch und 



— 129 — 

schreiben Russisch — namentlich in der Prosa, die ganz entschieden, 
trotz Karamsin, hinter der poetischen Sprache zurückbleibt; die 
Einfachheit, Innigkeit, die Naturwahrheit sogar, die Dier^avin 
z. B. in der berühmten Schilderung des Herbstes vor O^akov, in 
anderen beschreibenden Gedichten Dmitrijev stellenweise erreichen, 
bleibt ihrer Prosa, die stets trocken, erzwungen, unbeholfen, wie 
eine schlechte Übersetzung klingt, verschlossen. 

Die Litteratur sinkt zu einer blofsen Spielerei herab, nament- 
lich nachdem in dem letzten Dezennium der entscheidende Schritt 
zum Ausbau der bleichten« anakreontischen Poesie gemacht war, 
die den einförmigen Bombast der Oden verdrängen sollte. Dier- 
2avin stellte die normale poetische Entwicklung auf den Kopf, 
schrieb auf seine alten Tage die kleinsten und losesten Sachen, 
reine Tändeleien — und manches gelang ihm gar nicht übel; 
mit dieser Kleinpoesie wird noch Puschkin beginnen, um mit ihr 
endlich aufzuräumen. Die Litteratur ist ausschlietslich auf den 
panegyrischen Ton gestimmt, sobald sie die Öffentlichkeit streift \ 
nur Dierzavin wagte es, in seine Lobhudeleien Katharinens, in 
seinen v nebelhaften Thymian«, verletzende Ausfälle gegen allerlei 
Günstlinge, z. B. gegen Savadovskij und seine Kiever »herrlich- 
scholastische Feder«, einzurücken. Daher konnte diese Litteratur 
keinerlei Achtung noch Beobachtung beanspruchen, und wagte 
sie es, über die Grenzen höfischer Poesie hinauszukommen, so 
wissen wir bereits, wie dem gedankenreichsten Buche des XVIIL 
Jahrhunderts, der »Reise« des Radischßev, sein radikalenergisches 
Auftreten vergolten wurde. 

Für das Volk existierte natürlich diese Litteratur nicht, nicht 
nur ihrer Sprache wegen, damit verteidigte sich sogar Radisch^ev, 
sondern auch wegen ihres Inhaltes, der nur ab und zu russisches 
Leben streifte und keinerlei Konsequenz darin fähig war: in die 
russischsten Sachen des Dierzavin schneien immer Najaden, 
Nymphen und derlei Zeug herein. Aber im Grunde existierte 
sie auch nicht für die Gebildeten, die doch lieber zu den Quellen 
und Vorbildern selbst, zu den Franzosen, statt zu ihren russischen 
Verwässerern griffen. So kam es denn — und die ausschliefslich 
französische Erziehung drängte darauf hin — , dafs die vornehmen 
Russen, von den Russinnen zu schweigen, für ihre Litteratur 
keinerlei Verständnis besafsen. Während kein französischer 
Schnitzer verziehen wurde, konnten sie Russisch nicht einmal 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 9 



— 130 — 

orthographisch schreiben; sie waren überall, nur nicht bei sich 
zu Hause; noch Kaiser Alexander I. z. B. fehlte jeglicher Sinn 
für die russische Litteratur. Es ist regelmälsig die französische 
Bibliothek des Vaters oder des Nachbars, die überhaupt das erste 
Lesebedürfnis weckt und stillt, so war es bei Karamsin, Pusch- 
kin usw. Der Kreis somit, auf den die russische Litteratur wirkte, 
war ein äufserst beschränkter, eine Anzahl von Leuten aus guter 
Gesellschaft, meist in Rang und Würden, einander wohl bekannt, 
bildeten diese Litteratur; jeglicher Neid, Streit, Hafs fehlten; 
man lobte sich aufrichtig und gegenseitig, jeder strich den anderen 
heraus in bestimmter Erwartung der Gegenleistung ; man beriet 
sich wohlmeinend über Stoff und Form, über Reime (sehr un- 
gesuchte) und Worte, freute sich des Erfolges. Nicht im Leben, 
desto mehr dafür auf dem Parnasse herrschte die wohltuendste 
Kollegialität; Rangstreitigkeiten gab es nicht; die Zahl der zu 
verleihenden Epitheta — russischer Pindar, Horaz usw., bis La- 
fontaine und Skarron — war nicht leicht zu erschöpfen. Je furcht- 
barere Wolken sich über dem russischen geistigen Leben auftürmten, 
desto idyllischer, sorgloser lebte es sich auf dem russischen Parnafs; 
die Litteratur hatte jegliche Fühlung mit der Zeit verloren, schien 
zu Unfruchtbarkeit, zu blofsem Getändel verdammt. Karamsin 
und Radischcev waren verstummt, die übrigen anakreontisierten, 
ziemlich phlegmatisch; Temperament schienen sie gar nicht zu 
besitzen, nicht einmal solches, wie es einst Majkov und vor ihm 
dem berüchtigten Barkov, dem Pornographen, eigen war. Ein 
Zusammenhang mit Natur, Umgebung fehlte. So gering an Zahl 
die neueren Schöpfungen volkstümlicher Muse waren, atmeten 
sie doch andere Luft, z. B. die Klageschrift gegen den Jorsch 
Schcetinnikov, d. i. Kaulbars Borstensohn, die ungleich drastischer 
die gerichtliche Prozedur, vielleicht noch im XVII. Jahrhundert, 
verspottete, als dies Ssumarakov jetzt tat; da war alles russisch, 
nichts konventionell, kosmopolitisch. Freilich mufs hier bereits die 
verhängnisvolle Wirkung der Zensur mit berücksichtigt werden; 
was hiefsen die Beförderungen oder die Tabaksdosen mit Dukaten 
für Dierzavin und Genossen gegen den lähmenden Druck, der 
jeden anständigen Gedanken unmöglich machte? Wenn nach 
Dezennien Fürst Wiasemskij behauptete: »Gebt uns nicht eine voll- 
ständige, nur eine mäfsige Druckfreiheit — in einem Jahr wird 
sich unsere Litteratur umgestalten!« so konnte dies auch von dem 



— 131 — 

Schlüsse des XVIII. Jahrhunderts, da alles gelähmt schien, gelten. 
Aber der Boden war aufgerührt, Keime europäischer Gesittung 
und Geistesarbeit eingesenkt; sie hatten nur den furchtbaren 
Winter zu überstehen, um von Frühlingslüften aus dem Boden 
hervorgerufen zu werden. Mochten nur die äufseren Erfolge von 
Peter und Katharina die Zeitgenossen in Atem erhalten, mochten 
diese ganz übersehen das stille, langsame Wirken von Wissen 
und Kunst, schliefslich sollten auch hier Erfolge erzielt werden, 
die jenen kaum nachgaben. Sie waren freilich erst dem XIX. Jahr- 
hundert vorbehalten — ihre Keime stecken jedoch im XVIII. 



Fünftes Kapitel. 
Die Zeit Alexanders I. 

Der neue Herrscher. Auso^raben der Katharineischen Mumien, ihr 
Kampf gegen die moderne Richtung. Schischkov und Karamsin. Ba- 
tiuschkov. Die Petersburger Littcratur, Rylejev und Gribojedov. Die 
Moskauer, der Historiker Karamsin \ der Übersetzer Zukovskij. Rufs- 
lands klassische Studien. Die Prosa, Narieznyj und seine Romane. 



»Ein neues Jahrhundert! Ein jugendlicher, wunderholder 
Herr kam heute zu uns auf des Frühlings Pfaden ; des Nordwinds 
heiseres Gebrüll verstummte, verhüllet ward der schreckliche, 
grausame Blick ; auf der Rossen Antlitz erglänzt die Freude . . . 
ist's nicht Wiedergeburt früherer Seligkeit? Katharina ist auf- 
erstanden, wird uns im Enkel ewig herrschen . . . des Volkes 
Seufzer und Tränen, verletzter Seelen Gebete steigen hoch auf 
wie Dünste und zeugen den Blitz in den Wolken; auf stolzer 
Gebäude Haupt fällt er urplötzlich nieder. Achtet hundertfältig 
auf diese Wahrheit, ihr Gewalthaber; hütet euch, das Volk zu 
drücken. Doch Du bist nicht so , . .« 

Diese Ode Dierzavins durfte zwar nicht gedruckt werden, 
waren doch ihre Anspielungen auf den Staatsstreich, den Katha- 
rina plante, auf die Katastrophe, die Paul getroffen, allzu un- 
verhüllt; desto rascher kreiste sie in Abschriften — »Bestände 



— 132 — 

noch die Geheimkanzlei, dann würde man Ihnen schon . . .« 
sagten Senatoren zu Dierzavin — und fand den lautesten Wider- 
hall. Die Petersburger Gesellschaft , erleichtert aufatmend , gab 
sich dem Jubel hin, bot doch der »herrliche Beginn der Tage 
Alexanders« Anlafs genug; an 12 000 Verbannte wurden heim- 
berufen, die schreckliche 3> Geheimkanzlei« abgeschafft, politische 
Verbrechen sollten vor den gewöhnlichen Gerichten zur Ab- 
urteilung kommen, das Verbot ausländischer Bücher wurde auf- 
gehoben; eine liberale Verordnung jagte die andere in dem »neu 
veränderten Rufsland«. 

Die Friedenszeit — und Europa schien das gestörte Gleich- 
gewicht wieder erlangt zu haben — sollte zu durchgreifenden 
Reformen im Innern ausgenutzt werden. Man ging zwar nicht 
an das Wichtigste heran, an die Abschaffung der Leibeigenschaft, 
weil man vor der materiellen Seite der Aufgabe zurückschrak, 
aber der Kaiser liefs niemand in Zweifel, wie er über Sklaverei 
dachte. Ebensowenig konnte man sich entschliefsen , wie es 
Radischcev gefordert hatte, die Zensur ganz aufzuheben, aber 
ein sehr liberaler Entwurf schränkte ihre Befugnisse und Will- 
kür äulserst ein. Statt der bisherigen Kollegienverwaltungen 
wurden Ministerien eingerichtet, und die gröfste Sorgfalt wandte 
man dem Unterrichtsministerium zu; neue Universitäten wurden 
errichtet, ein liberales Universitätsstatut nach ausländischem 
Muster eingeführt; nur das theologische Studium reservierte sich 
der S5mod für seine geistlichen Seminarien. Fremde Gelehrte 
wurden berufen; es wurde für russischen Nachwuchs gesorgt. 
Die besten Absichten des Kaisers und seiner meist jungen Rat- 
geber, der Czartoryski, Novosilzev usw., waren offenkundig. 

Der junge Kaiser war, etwa wie Karamsin, Republikaner 
im Herzen; dem Schweizer La Harpe, dem »Jakobiner«, der 
in seinem eigenen Kanton die »Umsturzpartei« nach Kräften 
förderte, war, wie durch einen Zufall, von der Kaiserin der 
Unterricht der beiden Prinzen anvertraut, und zwischen Lehrer 
und Schüler entwickelte sich ein Vertrauens-, ja Freundschafts- 
verhältnis, das allen Prüfungen der Zeit standhielt; La Harpe 
senkte in die Brust des Knaben die Keime einer vielleicht etwas 
verschwommenen , unklaren Humanität , einer Freiheits- und 
Wahrheitsliebe, die, ohne auf ein bestimmtes Objekt — Rufs- 
land — gerichtet zu sein, dem Jüngling und Manne stets vor- 



— 133 - 

schwebte. Zu spät zerrifs die Kaiserin den Bund, verbot Kaiser 
Paul sogar die Korrespondenz mit dem Lehrer; dieser plötzHche 
Wandel bestärkte nur den rasch heranreifenden Jüngling in seinen 
edlen Träumen und lehrte ihn nur, seine eigentlichen Absichten 
und Gedanken tief zu verbergen. Das Treiben am Hofe , die 
Unmöglichkeit, einen Ehrenhaften zu finden, die Überzeugung, 
von lauter Dieben umgeben zu sein, verekelten dem Jüngling, 
der ja auf diese Umgebung angewiesen war, den Glanz der 
künftigen schweren Bürde, die er möglichst rasch abzulegen 
gedachte. Dann kam die schwere Prüfungszeit mit ihrem 
Gamaschendienst, über dessen Geheimnissen der unvernünftige 
Vater so ernst wachte, dafs er schliefslich den vernünftigen Sohn 
ansteckte und ihm das Verständnis für den Blödsinn der Wacht- 
paraden und Parademärsche einimpfte. In diesen Jahren sog 
dann Alexander das unausrottbare Mifstrauen gegen alle und 
alles ein, das er hinter der unbefangensten Maske verbarg. 
Schon als kleines Kind verriet er ja Schauspieleranlagen, und die 
Grofsmutter freute sich herzlich des Vergnügens, das ihre Stücke 
dem geliebten Enkel bereiteten , doch hat nicht er Sheridans 
Lästerschule russifiziert , wie man erzählt. Energie , spontane 
Willensäufserungen, Konsequenz blieben seinem Charakter, dem 
träumerisch phantastischen ^ äufserst bestimmbaren des Slawen, 
fremd. Dieses Schwanken offenbarte sich bereits in den Flitter- 
wochen der neuen Regierung. 

Vor allem schon darin, dafs an die Spitze der neuen Ein- 
richtungen Personen berufen wurden, die ihnen entweder als ge- 
schworene Feinde oder im besten Falle gleichgültig gegenüber- 
standen, Ruinen aus der Katharineischen Zeit — das Ausgraben von 
Mammuts bleibt Spezialität Rufslands bis heute : ein Savadovskij 
als erster Unterrichtsminister, dessen einziges Verdienst seine 
einstige physische Schönheit war (wir sind ihm bereits oben in 
der Anspielung Dierzavins begegnet), ein Dierzavin als Justiz- 
minister, später ein anderer Dichter, Dmitrijev, in derselben 
Funktion. Oder glaubte der Kaiser, durch diese Ernennungen 
die Verheifsung seines Thronmanifestes, in Katharinas Geist 
zu regieren, erfüllt zu haben? Die »Säulen der Regierung«, 
die Katharineischen Greise, gaben sich damit doch nicht zu- 
frieden ; ihr Murren machte sich wenigstens bei einem von ihnen 
Luft in einem ganz unerwarteten, in die gesamte Litteratur 



— 134 — 

tief einschneidenden Angriff. Die Sache verlief folgender- 
mafsen. 

Der Regierungsantritt Alexanders hatte der bis dahin 
stummen Litteratur endUch die Zunge gelöst, nicht nur für eine 
Anzahl von Oden, auch jkirgiskaisakischen«, und Panegyriken, 
sondern vor allem für eine neue Publizistik. Als erster trat 
Karamsin auf den Plan. Sein j» Europäischer Bote«, den er selbst 
1802 und 1803, nach ihm andere bis 1830 herausgaben, bildete 
einen neuen Typus von Zeitschrift, grundverschieden von seinem 
eigenen, früheren »Moskauer Journal«, schon deshalb, weil er jetzt 
auch Politik berücksichtigte; freilich bestand noch immer ein er- 
klecklicher Teil des »Boten« aus Übersetzungen und Auszügen, 
aber die Fülle und Mannigfaltigkeit des Inhaltes stach wohltuend 
von allen früheren Versuchen ab; sein Erfolg in der Lesewelt 
war ein unbestrittener. Für schöne Litteratur und Kritik war 
gröfserer Raum bestimmt; letztere Rubrik, die Karamsin, der 
erste, schon früher gelegentlich gestreift hatte, erschien jetzt zum 
ersten Male ständig. Hier druckte Karamsin seine historische 
Skizze von der Nowgoroder Possadniza Martha und enthüllte, was 
ihm eigentlich seit langem am Herzen lag. Der Erfolg der 
Zeitschrift, seiner Poesien, seiner Erzählungen lockte ihn nicht 
mehr; kaum hatte er die Zeitschrift auf festen Boden gestellt, 
da wandte er sich ganz zu den Annalen und Urkunden , zu den 
Berichten der Ausländer und den Arbeiten seiner Vorgänger 
und wurde russischer Historiograph. 

Trotzdem er sich vom Kampfplatz der öffentlichen Meinung 
völlig zurückgezogen hatte — er sollte aus seiner Kabinettsarbeit 
nur zweimal vor den Kaiser mit politischen Memoiren treten, die 
lange Zeit als Staatsgeheimnisse behandelt wurden und für die 
Öffentlichkeit nur in ihren Folgen existierten — , blieb seine 
Autorität unangefochten; dem Zauber seiner Persönlichkeit 
konnten sich die, die ihn kannten, nicht entziehen, und er zählte 
die begeistertsten Verehrer, die zu ergrimmten Verteidigern 
wurden, als gegen Karamsins Autorität, ohne ihn zu nennen, 
eine Katharineische Mumie, der xA.dmiral Schischkov, ein guter 
Mensch, heifser Patriot, beschränkter Kopf, in die Schranken 
trat. Da er nicht die russische Flotte zugrunde richten konnte, 
versuchte er es mit der Litteratur. 

Die musterhafte Ruhe, Stille, Eintracht, die in den künst- 



— 135 — 

liehen Gärten des russischen Musenheims mit ihren sorgfältig 
abgezirkehen Alleen und Beeten , komisches Epos , Idyll , Elegie 
usw., mit ihren befrackten und bepuderten Besuchern herrschte, 
die auch nicht durch die Denunziationen Kutusovs gegen das 
jakobinische Gift Karamsins unterbrochen war (denn die Denun- 
ziationen waren nicht an den litterarischen Areopag, sondern an 
die Geheimkanzlei gerichtet), diese Ruhe störte nun für immer 
der höchst ehrenwerte Admiral und Wortforscher. Für ihn 
handelte es sich um den neuen, Karamsinschen Stil, aber mit 
dem Stil sollten auch die neuen Gedanken ans Messer geliefert 
werden. Seine »Erwägung von dem alten und neuen Stil« 
(1803) entfesselte, wenn man bei der Unbedeutendheit der Litte- 
ratur stärkere Ausdrücke gebrauchen darf, eine Polemik, schuf 
Gegensätze, persönliche und prinzipielle, für fast zwei Dezennien. 
Die Irrlehre Lomonossovs von der Bedeutung der kirchen- 
slawischen Sprache hatte Anhänger gefunden in Vers und Prosa"; 
ihr letzter und bedeutendster war eben Schischkov, der die durch 
Karamsin, durch die Jugend gefährdete Position des Kirchen- 
slawischen zu stützen suchte. Scheinbar drehte sich der Streit 
um blofse Worte, ob man französische behalten, ihnen russische 
nachbilden , veraltete ausmerzen , die Schrift mit der Umgangs- 
sprache verschmelzen, von der kirchenslawischen als einer fast 
fremden absehen dürfe oder ob man das Kirchenslawische für 
die russische Muttersprache zu halten habe, von der das moderne 
Russisch nur die jüngste Phase darstelle , ob man die Schrift- 
und durch diese die Umgangssprache nicht zu ihr wiederum er- 
heben, die veralteten Worte auffrischen, die fremden durch Neu- 
bildungen ersetzen solle. 

Der Streit war jedoch nur scheinbar ein philologischer; mit 
der französischen Sprache traf man den französischen, d. i. 
revolutionären Geist: 3>Die Spuren der Sprache und des^Geistes 
der verbrecherischen französischen Revolution, uns bisher un- 
bekannt, begannen immer rascher in unseren Büchern zu er- 
scheinen; Verachtung gegen den Glauben begann zu erscheinen 
in der Verachtung gegen das Kirchenslawische.« Man opfert 
gesunde Moral, Verstand, Wissen der »Eleganz«, was Schisch- 
kov mit 5 Unsinn« übersetzen will, der Sprache. »Bis auf Lomo- 
nossovs Zeiten waren wir geblieben bei unseren geistlichen 
Liedern, heiligen Schriften, Betrachtungen über Gottes Gröfse, 



— 136 — 

Christenpflichten und Glauben, die uns ein friedliches, stilles 
Leben lehrten, nicht jene verderbten Sitten, deren Früchte Frank- 
reich verkostet.« — »In dem Bestreben, unsere heutige Sprache 
von der alten zu entfernen, welch anderes soll man erkennen, 
aufser diesem, damit die unverständlich gewordene Sprache des 
Glaubens nie mehr zügeln könnte die Sprache der Leiden- 
schaften?« Worauf Schischkov schlief such abzielte, formulierte 
treffend einer seiner Moskauer Widersacher: »Will nicht etwa 
der Verfasser behufs einer bequemeren Wiedererweckung der 
alten Sprache uns auch zu den alten Sitten und Begriffen zurück- 
führen?« In diesen Kämpfen fiel zuerst das Wort Slawophile, 
das nach 1830 solche Bedeutung gewinnen sollte. So stand die 
Wiege der Slawophilen an der Newa, und die »Adler der Katha- 
rinieschen Epoche« haben sie aus der Taufe gehoben, diese Bastarde 
der Reaktion und des Chauvinismus. Denn auch Schischkov 
entdeckte Vorzüge altrussischen Geistes, eine Litteratur noch 
vor den Salonischen Brüdern, mit derselben Ignorierung jeglicher 
Geschichte, die nach ihm die Slawophilen auszeichnete. 

Was dem Obskuranten Schischkov an Wissen und Geschmack 
abging, ersetzte er durch Hartnäckigkeit und Eifer. Die Wieder- 
holung seiner Insinuationen und Thesen in Broschüren und 
Antikritiken genügte ihm nicht, ebensowenig die totgeborene 
slawenorossische Akademie, deren Präsident er war, und so setzte 
er noch eine zweite tote Frucht in die Welt, einen »Liebhaber- 
verein des russischen Wortes« (1811), mit öffentlichen Sitzungen, 
Sektionen , Ehrenmitgliedern , Vorträgen , die er druckte. Der 
Beamtenrang entschied über die Sitznummern. Alle Mumien der 
Katharineischen Zeit wurden herbeizitiert, und Dierzavin ward 
die Seele des Unternehmens, nachdem Schischkov zu anderer 
Tätigkeit berufen war. Der nach Dierzavins Tode sanft ent- 
schlummernde Liebhaberverein ist berühmt geworden nicht durch 
die pompöse Inszenierung und tödliche Langweile seiner Vor- 
träge, sondern durch seine Parodie, den Verein »Arsamas«, den 
die aufgeklärte Petersburger Jugend gründete, ebenfalls mit 
Sitzungen und Protokollen, die in komischen Hexametern 
^ukovskij verfafste, mit Mitgliedern, die besondere Beinamen 
aus Balladen und sonst, z, B. Puschkin = das Heimchen u. dgL, 
erhielten und als Antrittsrede immer einem Mitgliede jenes Lieb- 
habervereins das Nachwort hielten. Mit der Zeit erschöpfte sich 



— 137 — 

die Parodie, und als ernstere »Arsamaszen^ Vorschläge zu 
positivem Schaffen, vorläufig zur Herausgabe einer Zeitschrift, 
machten, zeigte sich kein wärmeres Interesse dafür. Die vArsa- 
maszen« , so nach einem russischen Krähwinkel zubenannt, 
schieden aus dem litterarischen Leben noch stiller als ihre 
Gegner. Zur Öffentlichkeit waren sie überhaupt nicht vor- 
gedrungen; denn noch immer konnte die Litteratur strebsame 
Leute nicht fesseln. Über fünf Jahre , klagt ein Zeitgenosse, 
hielte es niemand bei ihr aus; die vielversprechendsten Talente 
wandten ihr ständig nach ein paar Versuchen den Rücken, 
widmeten sich ausschliefslich der Beamtenkarriere; denn was 
anderes konnte die Litteratur bei der vollständigen Entmündigung 
der öffentlichen Meinung, bei der absoluten Willkür der Zensur, 
#in als blofse Spielerei? Russischer Schriftsteller genannt zu 
werden empfand noch Puschkin als eine unverdiente Kränkung. 
So verflog fruchtlos die Fülle von Geist und Laune, die in dem 
aristokratischen Verein zur Pflege der Geselligkeit unbestreitbar 
vereint war. Einzelnen Arsamaszen werden war im Verlaufe 
unserer Erzählung immer wieder begegnen, General Orlov, 
Bludov, Turgeniev, Viasemskij usw. 

Unterdessen hatten sich die Zeiten rasch und gründlich ver- 
ändert; die Sorge um innere Reformen, Schulwesen u. dgl. war 
vollständig zurückgedrängt durch die Anspannung aller Mittel 
zum Führen ganz zweckloser Kriege. Der Kaiser, unlängst noch 
Verehrer der Revolution, hatte sich eine neue Rolle aufreden 
lassen, und als Hort des Legitimismus setzte er Rufslands Kräfte 
für jedes Katzenellenbogen, mit dem Napoleon aufräumte, ganz 
überflüssig ein. Er holte sich die empfindlichsten Demütigungen ; 
der Korse, den man sich eben am Strick nach Moskau in 
den Adelsklub herbeizuschleppen erbot , zersprengte die sieg- 
gewohnten russischen Heere; die Unfähigkeit und Gewissen- 
losigkeit der Feldmarschälle, z. B. Benningsen, konnte durch 
die aufopfernde Tapferkeit des Soldaten nicht wettgemacht 
werden. Aber der so unrühmliche Kampf gegen die Franzosen 
belebte einigermafsen die Litteratur, gab ihr Farbe und Richtung 
zugleich, zum ersten Male in ihren Annalen. 

Erst die drohende Kollision, dann die militärischen Schlappen 
erzeuj^ten eine antifranzösische Stimmung, die mit Erlaubnis der 
hohen Behörde (denn von nun an verzichtete Rufsland auf das 



— 138 — 

Recht unoffiziellen Denkens), in der Litteratur, in Zeitschriften, 
Dramen , Komödien zum Ausdruck kommen durfte. Diese Be- 
kämpfung der eigensten Lehrer durch ihre gelehrigsten Schüler 
erging sich in den tollsten Sprüngen; ein Glinka z. B,, aus- 
schliefslich französisch erzogen, einst Franzose, nicht Russe, fand 
jetzt bei seiner schwärmerischen Bewunderung für alles Russische 
in seiner Zeitschrift -^ Russischer Bote« und bei Verachtung alles 
Europäischen , Wunder über Wunder in Altrufsland , alle mög- 
lichen Tugenden, Aufklärung, Philosophie; ihm enthielt z. B. 
die Kormcaja, d. i, die Übersetzung einer griechischen Kirchenrecht- 
sammlung, — alles, worauf das wahrhafte Wohl eines einzelnen 
wie der ganzen Gesellschaft sich gründen läfst. Vergebens 
protestierten Vernünftige: nach ihnen rief Glinka die auf dem 
Trockenen Weilenden zu sich in seinen Morast; Glinka wui^e 
populär und erreichte 1812 den Gipfel seiner Bedeutung, von 
dem er rasch und für immer zurückfiel. Er hatte Exfranzosen 
zu seinen Mitarbeitern, z. B. den unfreiwilligen Helden des 
Moskauer Brandes, Rastopcin, dessen j- Laute Gedanken eines 
russischen Edelmannes« , voll der heftigsten Ausfälle gegen die 
Franzosen, Glinka bekehrt und dieser ganzen antifranzösischen 
und antieuropäischen Litteratur den Impuls gegeben haben : 
7000 Exemplare waren bald vergriffen. Rastopcin, natürlich 
perfekter Franzose, war übrigens, gegen den naiven Enthu- 
siasten Glinka gehalten, ein scharfer, witziger Kopf, der 
leider die Litteratur als grofser Herr nur so nebenbei bedachte ; 
er schrieb ein famoses Russisch, einfach, derb, saftig, und wufste 
sich einen pseudovolkstümlichen Stil anzueignen , mit dem er 
dann in seinen berühmten Moskauer Proklamationen von 1812 
brillierte. Tolstoj setzt in »Krieg und Frieden« diese Farcen 
etwas griesgrämlich herunter. Der Name Rastopcin behält durch 
mehrere Generationen litterarischen Wert; seine letzte Trägerin 
schreibt, wie ihr Ahn, wieder Französisch. 

Wir verzichten auf eine weitere Aufzählung dieser frag- 
würdigen Produkte, aber dafs z. B. Schischkovs Eintreten für 
den alten Stil gegen den »eleganten« nicht sofort zu Tode gelacht 
wurde, dankt er dieser gleichzeitigen Strömung, dieser Erweckung 
nationalen Gefühles, für welche der alte Admiral etwas würdigeren 
Ausdruck fand in den Manifesten, die er 1812 als Staatssekretär 
zu redigieren hatte. Den Wortstreit selbst setzte er nicht mehr 



— 139 — 

fort; das erlösende Wort fand Karamsin, der in seiner Antritts- 
rede als Mitglied der slawenorossischen Akademie ihr das Recht 
bestritt , eine Sprache zu diktieren , sie in ihre Grenzen zurück- 
wies, die Litteratur, nicht die Akademie, für die entscheidende 
Instanz in Sachen der Sprache erkannte. 

Der patriotische Zug förderte auch andere Werke. Im ersten 
Dezennium erregte das höchste Aufsehen, erzielte den ersten 
grandiosen Erfolg auf der Bühne der Tragiker Oserov, ein 
Franzose natürlich, — ■ Speranskij behauptete, er schriebe besser 
Französisch als Russisch; wenigstens schrieb Oserov Französisch 
zuerst. Obwohl er gerade vor Dierzavins Augen keine rechte 
Gnade fand, gehört er ganz in die Petersburger französische 
Litteratur, trotz des Schusses von Empfindsamkeit, den er seinen 
den Franzosen strengstens nachgeahmten Tragödien zusetzte. 
Die schwächste dieser Tragödien, Dimitrij Donskij (1807), hatte 
unerhörten Erfolg, weil die Zeitgenossen in Dimitrij Alexander L, 
in Mamaj und seinen Tataren den Korsen erkannten und jede 
patriotische Tirade mit flammendem Herzen und tränenden Auges 
aufnahmen; die krasse Versündigung gegen Zeit und Geist 
dieser Aktion störte nicht im mindesten. Der Erfolg der anderen 
Tragödien, sogar einer Ossianischen , »Fingal« , ist zum guten 
Teil auf die Darstellerin ihrer Heldinnen, die Semenova, nach- 
herige Fürstin Gagarin, abzurechnen; ihre prachtvolle Dekla- 
mation der allerdings sehr harmonischen Verse Oserovs machte 
den Haupteffekt aus. Aus denselben patriotischen Gründen 
sicherte das Jahr 1807 auch dem :>Pozarskijs' des Kriukovskij 
gleichen Erfolg. Sonst bestritt die Kosten des Repertoirs haupt- 
sächlich Fürst Schachovskoj , Oserovs Gegner, Verfasser einer 
Unzahl von Komödien , die auch den Sentimentalismus , zuerst 
des Karamsin, dann des Zukovskij, bekämpften. 

In den Kreis Dierzavins und seiner »Besseda«, mochte er 
sie auch in einer Fabel, »Das Quartett«, verspotten, gehörte der 
Fabeldichter Krylov. Auch ihn verlockte die Stimmung von 
1807 zu Komödien mit antifranzösischen Spitzen und verhalf ihm 
zu einem ephemeren Erfolge; Witz und Geist, die seinen Ko- 
mödien völlig fehlten, hatte er jedoch für seine Fabeln aufgespart. 
Er hatte sich schon vor Dezennien als Belletrist versucht , aber 
erst 1806 fand er sein richtiges Genre; er druckte damals die 
ersten Nachahmungen Lafontaines; bald folgten eigene Fabeln; 



— 140 — 

die erste Sammlung erschien 1809 mit 23 Stück , dann immer 
neue, bis die letzte Ausgabe bei seinen Lebzeiten, 1843, neun 
Bücher umfafste. Ihre Popularität ist eine beispiellose, Smirdin 
setzte 1830—1840 40000 Exemplare ab; so ist Krylov der eigent- 
liche Fabeldichter der Russen geworden, er schlols die seit Ssu- 
marokov begonnene , durch Chemnizer und Dmitriev besonders 
fortgesetzte Entwicklung ab; gegen ihn konnten z. B. Ismailovs 
Fabeln, allerdings eher Satiren, wie die Ssumarokovs, nament- 
lich gegen kleine Beamte gerichtet, derb, ja roh im Ausdrucke, 
gar nicht aufkommen. Er begnügte sich nicht, wie Dmitriev, 
mit blofsem Übersetzen, er bereicherte die Fabeln durch neue 
Themen, aber ob er Lafontaine oder Pilpai übersetzte oder nach- 
ahmte, einen alten Gedanken aufnahm oder etwas ganz Neues 
erfand, überall blieb er sich gleich, prägte er dem alten oder 
neuen Stoff seinen eigenen Stempel auf ; das Detail , die Form, 
oft auch der gros bon sens, gehörten ihm. Er fand als erster 
den Anschlufs an die sinnlich-derbe Sprache des Volkes, und 
manche stiefsen sich damals daran ; nicht Grazie noch Leichtig- 
keit, aber das Sinnfällige, Plastische, die Fülle, fast möchte man 
sagen Schwere charakterisieren seinen an Idiotismen überreichen 
Ausdruck. Noch sind nicht alle Schwerfälligkeiten ausgemerzt, 
veraltet sind mitunter die Sprache, streng konventionell die 
Bilder mit ihren Zephyren und Nymphen, veraltet namentlich 
die — Anschauungen. Ein trockner Verstandesmensch, im Grunde 
satirisch angelegt, halste er die Abstraktion, fürchtete sich vor 
dem zersetzenden Einflufs der Litteratur, natürlich der französi- 
schen, — auf französische Zustände zielten öfters seine Fabeln, 
die man zu Unrecht auf russisch auslegt; vertrat den gros bon 
sens bis zur Einseitigkeit, prägte eine flache, ja banale Moral 
ein ; dafür stellte er das Leben dar, wie es ist, nicht wie es sein 
sollte. Seine Fabeln sind durchaus nicht frei von Anzüglich- 
keiten; seine eigene, äufserst vorsichtige Art und die Umstände 
der Zeit — sogar er, eine Art Hofdichter, entging nicht Kollisionen 
mit der immer frecheren Zensur — bedingten ein solches Ver- 
hüllen der Spitzen, eine solche Verallgemeinerung des Ausdruckes, 
dafs dieselbe Fabel vielfacher Auslegung unterliegen kann. Die 
Ereignisse von 1812 entlockten ihm manche politische Fabel: auf 
den ringsumstellten Napoleon, auf den Admiral, der zu Lande 
ihn entgehen läfst; es gibt Fabeln auf die Erziehung des Kaisers, 



— 141 — 

dem man Anschauungen, gut für die Berner Republik in Taschen- 
format, nicht fürs Riesenreich, einimpfte. Sogar Moskau, das in 
seiner Kirchturmpolitik nur »seinen« Dmitriev als Fabeldichter 
anerkannte und Krylov zu ignorieren versuchte, bekommt seinen 
Denkzettel: den Bauer rührt die treffliche Predigt nicht, er ge- 
hört ja nicht zu dieser Pfarre. Es fehlt nicht an Anspielungen 
auf die sozialen Verhältnisse, was die einzelnen Stände beitragen: 
Laub — Adel — und Wurzeln — Bauern — u. dgl. Im ein- 
zelnen merkt man den Widerhall der Tagesfragen; wie ein 
deutliches Echo der Schcerbatovschen Schrift klingt es z. B., wenn 
im »Dukaten« mit dem fortwährenden Polieren, der Aufklärung, 
das Metall selbst angegriffen wird , der Geist erschlafft , die 
Sitten schwinden. Es fällt die Absichtlichkeit auf, mit der ein- 
zelne Themen wiederholt Bearbeitung finden, z. B. nur die Hunde 
sind schuld, dafs man nicht zum Herrn kommen kann, aber er 
hat sie ja selbst von der Kette gelassen. Anlehnungen an 
Dierzavin — Krylovs Fabeln bildeten einen Hauptanziehungs- 
punkt in den Vorträgen der Besseda — fallen nicht weiter auf : 
Pferd und Reiter, nicht auf die Dekabristen, sondern auf Frank- 
reich zielend ; das Orakel — gescheit , solange ein gescheiter 
Priester dahinter steckte. Es überwiegen die Anspielungen auf 
die Erbmängel, Unrecht, Bestechlichkeit, Dummheit ; das schärfste 
derart war — hier griff erst der Kaiser ein , um den Druck zu 
ermöglichen — »der Grofs Würdenträger« : er wird schlankweg ins 
Paradies eingelassen, weil er auf Erden alles seine Sekretäre 
machen liefs, seine eigene Dummheit hätte nämlich Land und 
Leute zuviel gekostet. Noch mehr natürlich überwiegen all- 
gemein menschliche Themen, das Gemeingut aller Fabulisten. 
Die Fabeln verzichten auf Äsopische Knappheit, sie ergehen sich 
mit Vorliebe in Detailmalerei, in behaglicher epischer Breite, wie 
die Lafontaines , dessen freien , ungleichen Vers sie nachahmen ; 
auf Feile des Ausdrucks legte Krylov den gröfsten Wert; dabei 
sowie bei der aufserordentlichen Trägheit dieses Oblomov der 
russischen Litteratur, der fast nur im Schlafrock lebte, die 
dümmsten Romane der Welt las und höchstens Spatzen fütterte 
oder Kinder unterrichtete, ist die Zahl seiner Fabeln trotz seiner 
fast vierzigjährigen Arbeit daran keine grofse. Dabei fällt auf, 
dafs er geradezu in Fabeln dachte und sprach- diejenigen, 
die er zu verarbeiten zu faul war, dafür mit ihnen irgendwann 



— 142 — 

herausplatzte, sind mit die witzigsten und bissigsten. Als Puschkin 
seine romantisch -shakespearesche Chronik, den Boris Godunov, 
vorgelesen hatte und zu ihm, dem eingefleischten Klassiker, 
lächelnd bemerkte: »Ihnen kann sie doch nicht gefallen, Sie 
können sie nicht schön finden,« meinte Krylov : »Warum nicht? 
hören Sie nur : zu dem Prediger, der Gott eben dafür pries, dals 
er alles auf der Welt wie am schönsten eingerichtet, kommt der 
Bucklige und wirft ihm vor : ,Sie haben mich doch offenbar nur 
verhöhnt mit dieser Behauptung.' — ,Wie so?' meint der Pre- 
diger, ,für einen Buckligen sind Sie gerade recht hübsch.'« Und 
als man ihn zum Festdiner zu seinen Ehren einholte, meinte er, 
ob man nicht des Guten zu viel täte, ,bin ich doch wie ein See- 
held, dem nur darum kein Malheur passieren konnte, weil er 
sich nie weit aufs Meer herausgewagt hat,' Er hatte sich an 
Rebhühnern übergessen und ist daran gestorben; dem Freunde, 
der ihn kurz vorher besuchte, erzählte er gleich vom Bauern, 
der seinem Pferde zu viel aufgeladen hatte, es waren ja nur ge- 
trocknete Fische, und doch ist das Pferd verreckt, — er fügte 
auch gleich die Pointe hinzu: »Zuviel des Guten tut immer 
schlecht, man mag's nehmen, wie man will!« Nach eignem 
Geständnis schien ihm eben die Wahrheit erträglicher, wenn 
halb verhüllt , und so sagte er sie der Welt und ihren Macht- 
habern, z, B. in den »Gänsen« und in so mancher andern Fabel. 
Auf den übrigen Gebieten der Litteratur herrschte in Peters- 
burg kein reges, wenigstens kein neues Leben ; die Odendichtung 
sank zur offiziellen Versmacherei herab; man verlegte sich mit 
Vorliebe auf die »leichte Poesie«, Madrigale, Epigramme, Lieder, 
von denen einige des Dmitriev, Mersliakov u. a. grofse Popu- 
larität errangen, wozu Elegien, Briefe, Satiren der Fürsten 
Goreakov und Dolgorukij , Milonov u. a. , natürlich alle im 
»lächelnden Tone«, hinzukamen. Talente fehlten, dafür gab es 
Talentlosigkeiten die Menge, die sich namentlich um die Besseda 
zusammenfanden, Namen mit dem Klange der Lächerlichkeit oder 
Langweile, ein Bobrov, ein Chvostov, den ein anderer Chvostov 
selbst zur Zielscheibe seiner Witze machte, mit der abgebissenen 
Sprache seiner Fabeln, die Krylov und Viasemskij parodierten. 
Einer der talentvollsten noch unter ihnen war \^. Puschkin, der 
Oheim des Dichters, ganz in der französischen Litteratur auf- 
gewachsen, \^oltairianer, d. i. Epikuräer, der sich allerdings von 



— 143 — 

den Petersburgern durch den gewandten Ausdruck und die 
bewufste Polemik gegen Schischkov und die litterarischen Alt- 
gläubigen auszeichnete; manches war allzufrei, so sein »Gefähr- 
licher Nachbar«, denn französische Frivolität und Laszivität zog 
jetzt immer ungenierter in die Litteratur herein; seinen Nachlafs 
übrigens bestreiten meist nur Fabeln , Anekdoten , Sachen des 
Witzes und Geschmackes, nicht des Gefühles. Aufsehen erregte 
auch Vojejkovs Satire »das Irrenhaus^; mit seinen satirischen 
Strophen auf alle Litteraten, den Verfasser mit einbegriffen. 

Zur Verhütung von Mifsverständnissen sei hervorgehoben, 
dafs die damaligen Druckwerke keine richtige Vorstellung von 
der Litteratur geben: die Dümmlinge, die Chvostov u. dgl. be- 
lagerten die Pressen ; alles Gescheite, Hervorragendere verachtete 
den Druck, namentlich Parodie, Pamphlet, Satire, komische Er- 
zählungen im Lafontaineschen Stile. In Abschriften, als wäre 
Gutenbergs Kunst nicht erfunden, verbreiteten sich die besten 
Sachen, z. B. die giftige Satire des Fürsten Gorcakov, Noel, wo 
die Minister und Grofsen Alexanders L vor dem Neugeborenen 
erscheinen mit ihren Wünschen und Gaben ; einzelne Strophen : 
auf Admiral Cit-agov; auf Muraviev-Apostol ; auf Pestel, den 
Generalgouverneur Sibiriens, der wie Zeus vom Himmel die 
Erde, so von der Neva aus Sibirien beherrscht und bestiehlt ; auf 
den neuen »Ritor«, den Metropoliten: »Ich bin der Bossuet von 
der Neva, nie träumt' es mir, gescheit zu sein, doch der eine 
raimt' es, der andere sagt' es, so kam ich von ungefähr in eines 
Gescheiten Ruf,« — sind geradezu hervorragend. So bildete sich 
die Scheidung zwischen der gedruckt-gelogenen und der wahr- 
haften handschriftlichen, »verbotenen- Litteratur. Und nie mehr 
blieben die Spötter aus; auf Gorcakov folgte z. B. Viasemskij, 
auf V^iasemskij der Moskauer Sobolevskij mit seinen galligen oder 
humoristischen Versen auf Pavlov, Odojevskij usw. in den vier- 
ziger und fünfziger Jahren. Manche sind infolge dieser Ab- 
kehr vom Drucke in unverdiente Vergessenheit geraten, z. B. 
Gorcakov, der ein Klassiker , doch Verächter der Talentlosig- 
keiten der Besseda blieb, ein Meister des sprachlichen Ausdruckes 
und ein witziger Kopf. 

Puschkins Schule hatte auch K. Batiuschkov durchgemacht, war 
in derselben unbedingten Verehrung des Dichters , beileibe nicht 
des Philosophen, Voltaire und des süfsen Parny, aufgewachsen und 



— 144 — 

beteiligte sich wie V. Puschkin an der Bekämpfung der Schischko- 
visten durch zwei Persiflagen: »Vision an den Ufern der Lethe« 
und :)Der Sänger im Lager der Besseda« — nach einem Gedichte 
des 2ukovskij, wobei er mit Ausnahme der wirklichen Verdienste 
Schischkovs , die ja auf ganz anderem Gebiete lagen , alles in 
Bausch und Bogen verdammte. Gegen Puschkin jedoch erweiterte 
er seine litterarische Bildung durch direktes Zurückgehen auf 
die Klassiker — Tibull und Horaz namentlich — , wie durch die 
Bekanntschaft mit Europa, die der Offizier auf dem Siegeszuge 
der russischen Armeen machte. Die Ereignisse von 1812 hatten 
auch in ihm die patriotische Ader anschwellen lassen, aber der 
heilige Zorn verrauchte bald; immer intensiver gestaltete sich 
sein Musendienst, der durch die Bekanntschaft mit den Italienern, 
zumal durch die Vorliebe für Tasso und Petrarca, einen besonderen 
Stempel annehmen sollte. Hart erklang ihm sein Russisch gegen 
den italienischen Wohllaut; desto energischer kämpfte er mit den 
Schwierigkeiten von Vers und Sprache und erreichte eine Voll- 
kommenheit, Mannigfaltigkeit des Ausdruckes, wie niemand vor 
ihm. Schon ihm war Poesie nicht mehr Aiisfüllung blofser Mufse- 
stunden , sondern forderte den ganzen Menschen , und schon er 
verlangte Übereinstimmung des Lebens und der Worte des Dichters. 
Seine eigene Poesie entsprach freilich noch nicht ganz diesen 
Idealen ; im Geiste anthologischer Lyrik und horazischer Lebens- 
weisheit empfahl sie mafsvollen Genuls und Epikureismus, doch 
schlugen bereits in diese Verherrlichungen der Liebe und des 
Genusses die Mifsklänge des Pessimismus oder Ausdrücke einer 
tiefen Melancholie herein, wofür »Der sterbende Tasso«, seine 
bitteren Klagen über Menschen und Welt, die wie zum Hohne 
ihn kränze, nachdem sie ihn zu Tode gehetzt, Zeugnis ablegt. 
Melancholie und Pessimismus waren bei ihm nicht nur Modesache — 
tibersetzt er doch schon Byron — , sondern, mit der nervösen Hast 
und den wechselnden Stimmungen, die Vorboten einer vererbten 
psychischen Zerrüttung, die seinen Geist über dreifsig Jahre lang 
umnachtete ; das Werk, aus dem er plötzlich herausgerissen ward, 
sollte ein Gröfserer vollenden. Aber trotz aller anthologischen 
Verkleidung, trotz des antiken, konventionellen Mummenschanzes, 
den er sich nicht abzuwerfen getraute, war er ein wahrer, be- 
deutender Dichter. In dem allerdings noch beschränkten Kreise, 
den er sich absteckte, in dem Aussingen freundschaftlicher (wie 



— 145 — 

z. B. -Der Schatten des Freundes ■<, einer Elegie mit prachtvollem 
Eingang, wie das neblige Albion aus dem Gesichtskreis des Seglers 
entschwindet), erotischer und epikureischer Gefühle erreichte er 
eine antikklassische Fülle, Plastik des Ausdruckes, die sich weit 
über alle französische Manieriertheit heraushob. 

Es waren jedoch nicht blofse V^orboten der psychischen Zer- 
rüttung, die Batiuschkov zu einem Pessimisten und Mifsvergnügten 
machten, dem auch das Treiben des Arsamas keine Befriedigung 
gewähren konnte. Er hatte in Europa von dem Baum der Er- 
kenntnis gekostet, und als der russische Odysseus nach seiner Irr- 
fahrt zurückkehrte, erkannte er sein Ithaka nicht ! Sein Schicksal 
teilte die ganze aufstrebende Jugend. Die verhängnisvolle Ent- 
wicklung des Republikaners Alexander I. hatte den nunmehrigen 
»Hort des Legitimismus < schliefslich Mystikern entgegengetrieben, 
hatte ihn mit tiefstem Mifstrauen gegen jeglichen Liberalismus 
erfüllt, hatte ihn vor allem Rufsland preisgeben lassen. Nachdem 
er sich des grofsen Reformators (im Innern), Speranskijs, auf 
Grund von Machinationen und Denunziationen, als einer Art 
Sündenbockes entledigt hatte, stieg immer drohender der Einflufs 
des grausamen , feigen Schuftes , eines der jämmerlichsten , die 
die Weltgeschichte kennt, des Kriegsministers Arakcejev, auf 
und hinter ihm die Obskuranten und Fanatiker, die Pfaffen, 
Metropolit Seraphim und Archimandrit Photius, Schischkov und 
die Denunzianten, Kutusov, Magnizkij und Runic. Besonders 
nach 1819, nach der Rückkehr des jetzt durch Metternich ganz 
beeinflulsten Kaisers aus Deutschland, wurde das^Wüten der Re- 
aktion entfesselt. Sie traf die Freimaurer und Pietisten; die 
russischen Freimaurer waren längst aus Rationalisten und Deisten 
zu Muckern geworden; einer der ihrigen, der Unterrichtsminister 
Golizin, Jung - Stillings und Eckarthausens Gönner, Freund der 
Krüdener, Vermittler zwischen Baader und dem Kaiser, fiel den 
Orthodoxen zum Opfer ; alle Freimaurerlogen , die Bibelgesell- 
schaft usw. wurden 1822 geschlossen, Schischkov Minister für 
Volksverdummung — so nannte es Karamsin vor dem Kaiser 
selbst. Jetzt erst begann die fromme Hetze gegen die Wissen- 
schaft, gegen die Universitätsprofessoren im Petersburger Prozefs — 
dafür liefs Kurator Magnizkij die anatomischen Präparate der 
Kasaner Universität in geweihter Erde bestatten, und das Wüten 
der Zensur kannte keine Grenzen. Die Regierung Alexanders, 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 10 



— 146 — 

als Morgenröte der Freiheit begrülst, die frohesten Erwartungen 
überbietend, war in die finstersten Wolken gehüllt, als den Reise- 
nnd Wachtparadenkaiser der Tod in Taganrog ereilte. Nicht 
Katharina hatte schlimmer geendet. Das Interessanteste dabei 
war, dafs sich Alexander I. noch 1819, wie Alexander IL 1881, 
wie Nikolaus II. 1905, mit dem Gedanken einer liberalen Kon- 
stitution für Rufsland beschäftigte — nur hafste er bereits und 
mied aufs sorgfältigste beide Ausdrücke, führte dafür eigenhändig 
die Termini »gesetzlichfreie Staatsverfassung« ein. 

Je energischer die Reaktion auftrat, je überzeugter Schischkov 
von der Volksbildung und der Aufhebung der Leibeigenschaft 
die Revolution herleitete, desto weniger war die Jugend gewillt, 
diese Erniedrigung und Selbstverstümmelung Rufslands ruhig 
hinzunehmen, am wenigsten diejenigen, die auf den grofsen Feld- 
zügen Land und Leute drüben kennen gelernt hatten; Rufsland 
hatte ja nicht dazu Europa die Freiheit wiedergegeben, um da- 
heim immer schlimmerer Sklaverei preisgegeben zu werden. So 
begann es in dem Offizierkorps in Petersburg wie in der Süd- 
armee zu gären. In der Zeit der Tugendbunde und aller mög- 
lichen geheimen politischen Gesellschaften fand dieses Beispiel 
auch hier Nachahmung. Die ersten Bunde übersetzten zum Teil 
die Satzungen des Tugendbundes, dachten an legale Propaganda, 
womöglich unter Bestätigung durch den Kaiser, an eine Kontrolle 
des übermächtigen Beamtentums, an ständische Verfassung. Mit 
der Zeit häuteten sich die Verbindungen, stiefsen lauere Elemente 
ab und formulierten immer radikalere Programme , bis man den 
Tod des Kaisers und die Verwirrung wegen der Thronfolge und 
des zu leistenden Eides dazu benutzte, um einen Putsch in Peters- 
burg zu versuchen, der über Militärkreise nicht hinausging und 
sofort niedergeschlagen wurde, 14. Dezember 1825. Den Bericht 
der Untersuchungskommission verfafste Bludov, die »Kassandra« 
im Arsamas, der sonderbare Litterat, der bis zu seinem vierzig- 
sten Lebensjahre zu keiner Leistung sich hatte aufraffen können 
und jetzt auf einmal durch seine »Prologe zu Henkerstaten« 
berühmt werden sollte, denn auf Grund seines Berichtes wurden 
121 »Dekabristen« abgeurteilt, die geistige Elite Rufslands; fünf 
wurden gehängt, als zweiter, nach Oberst Pestel, der Dichter 
K. Rylejev. 

Der begeisterte Schwärmer, der es mit seinem Martj^ium 



— 147 — 

redlich meinte, der sich nach dem Tode sehnte, weil ihn der 
Gegensatz von Ideal und Wirklichkeit, das schale Treiben der 
Welt anekelte , hat auch die Poesie in den Dienst seiner revo- 
lutionären Propaganda gestellt. Längst hatte er der Zensur ein 
Schnippchen geschlagen; seine zornglühende Satire »An den 
Günstling«, gegen Arakcejev gerichtet, schlüpfte durch als »Nach- 
ahmung der Satire des Persius an Rubellius«, die natürlich Philo- 
logen unbekannt ist; die historischen Gesänge eines Freiheits- 
kämpfers und Russenhassers, des Polen Niemcewicz, ahmte er in 
seinen »Dumy« , d. i. historischen Liedern der Ukraine, nach. 
Karamsins Geschichtswerk hatte das historische Interesse wach- 
gerufen, es konnte daher nicht auffallen, dafs Rylejev alle denk- 
würdigen Momente russischer Geschichte in Liedern verherrlichte; 
tendenziös war Wahl und Beleuchtung des Stoffes. Wenn er 
Olga am Grabe ihres Igor dem Söhnchen Regentenpflichten ein- 
schärfen liefs im Jahre 946 : »Sei Vater Deinen Untertanen, mehr 
Fürst als Krieger, Freund der Deinigen, eine Drohung den 
Fremden usw.«, oder Katharina IL ihrem Urenkel Alexander II. 
gegenüber die Worte in den Mund legt: »Genug des Kriegs- 
ruhmes für Rufsland, nunmehr werde Zeit für erleuchtetes 
Schaffen, für einen Antonin auf dem Throne « ; wenn er Volynskij 
als Patrioten das Vaterland vor der Ausbeutung durch den Fremden 
Biron schützen liefs, wenn er alle Beispiele von Charakterstärke 
und mutiger Aufopferung sammelte, können wir über seine Ab- 
sichten nicht im unklaren sein: es hiefs eine Schule für Bürger- 
sinn, für Unabhängigkeitsgefühl in historischen Bildern zu schaffen. 
Diese Absicht, zum ersten Male in der russischen Litteratur, 
erziehlich, vorbildlich zu wirken, entschuldige manche historischen 
Schnitzer, die Wahl sehr fragwürdiger Gestalten und die, wie 
bei Niemcewicz, schwache Ausführung. Zeiten und Menschen wird 
er gar nicht gerecht, für das IX. wie für das XVIII. Jahrhundert 
standen ihm immer nur dieselben beschränkten Mittel zu Gebote; 
die Ausführung war ganz einförmig: Beschreibung des Ortes der 
Handlung, Worte des Helden, moralische Betrachtungen. Pusch- 
kins poetischer Sinn wurde durch diese Stillosigkeit verletzt, und 
er nahm mit Absicht dieselben Themen mehrfach auf, z. B. Oleg, 
förmlich um zu zeigen, wie ein Dichter es mache. Aber Rylejev 
erklärte ja ausdrücklich : Ich bin kein Dichter — bin Bürger ! 
Neben dieser Tendenz war für ihn, noch mehr wie für Batiuschkov, 

10* 



— 148 — 

charakteristisch sein Pessimismus, eine Zerrissenheit der Gefühle, 
ein Weltschmerz, der zur Entfremdung von der banalen Menge, 
zur Weltflucht führte. Byrons Einflufs war bereits im Steigen 
begriffen; sein V^ojnarovskij z. B. trug bereits ganz die Byronsche 
Maske. Das ist aber auch der einzige Tribut, den Ryiejev der 
neuen romantischen Richtung zollte ; mag er auch bei Puschkin 
in die poetische Schule gegangen sein, so steckte er doch noch 
in der Verehrung für Dierzavin und arbeitete mit den alten 
Mitteln der französischen Rhetorik — echtes poetisches Gefühl 
bricht nur stellenweise durch. Ryiejev, dessen Name so lange 
Zeit verfehmt war, dessen »Dumy« nur handschriftlich verbreitet 
edle Gefühle wecken konnte, ist eine leuchtende Erscheinung, 
ein Held, um den alle Litteraturen die russische beneiden müssen; 
sein Name ist ja ein Programm, die Aureole politischen Mar- 
tyriums weist ihm einen Platz hoch über der Masse der Litteraten. 
Von dem fast asiatischen Fatalismus der Russen, von ihrer 
lang- und sanftmütigen Ergebenheit, die das Herrschen über sie 
so auf serordentlich allen germanischen und mongolischen Er- 
oberern erleichterte, sticht die ungestüm - protestierende Nuance 
Rylejevs wirksam ab: so verachtete und insultierte der Kadett 
seine Lehrer, der Jüngling den allmächtigen Günstling (»Ver- 
brecher ! mit Verachtung blicke ich auf dich, stolz, deine Gefühle 
nicht in mir zu finden!«), der Mann die Autokratie. Weil er in 
Rufslands Geschichte keine Freiheitskämpfe fand, suchte er sie 
bei den Kosaken in ihren Kämpfen gegen die Polen und ver- 
herrlichte, der erste Russe, die Chmielnizkij, Nalevajko, Vojna- 
rovskij — bald sollte ihm Puschkin in diesen Stoffen folgen. So 
wurde er der erste tendenziöse Dichter der Neuzeit. Erst im 
Gefängnis, im Angesicht des drohenden Todes, brach auch bei 
ihm die russische Natur durch: die stolze Auflehnung gegen die 
Tyrannen löste jetzt die tiefe, echte, religiöse Ergebung, duldende 
Resignation aus; er fürchtet nicht den Tod — er verzeiht und 
betet für alle, auch für seine Feinde. Die Gedichte aus den 
letzten Kerkertagen^ am Tage vor der Hinrichtung (14. Juli 1826) 
noch, atmen denselben Geist: »O glücklich, wer den Leidenskelch 
heiter empfing ; über der Qualen Meer, der Tränen Fluten wird 
Christus ihn wie den Petrus führen ; im Herzen rein, in der Seele 
gerecht ist er schon im Leben geheiligt und erblickt wie Moses 
das gelobte Land.« Sein cupio dissolvi, da schon der Galgen auf- 



— 149 — 

gebaut ist, ergreift uns mächtig : »Rechte nicht mit Deinem Diener, 
verzeih mir die Sünden, o Herr, erlöse rasch vom Körper die 
Seele!« Auf die Kerkergenossen wirkten seine Verse wie ein 
Evangelium, eine neue Erleuchtung. 

In nahen Beziehungen zu den Dekabristen stand auch der 
Verfasser der genialen Komödie »Verstand schafft Leidenc, 
A. Gribojedov; bis heute hat die russische Bühnenlitteratur nichts 
hervorgebracht, was die klassische Komödie, die man etwa dem 
:5 Figaros des Beaumarchais vergleichen könnte, verdunkelt hätte. 

Gribojedov ist noch ausschliefslicher in den pseudoklassischen 
Traditionen auf erzogen als etwa Rylejev oder Batiuschkov; schon 
die frühe und grofse Vorliebe für das Theater mufste ihn im 
Banne dieser Traditionen erhalten. Die Theatermanie war für 
die alte russische Gesellschaft besonders charakteristisch; wo es 
keinerlei soziale und politische Interessen gab, beanspruchte die 
Welt der Bretter, die Intrigen für oder gegen die Semenova, 
für und gegen Oserov usw., die höchste Teilnahme. Grundbesitzer 
preisten sogar aus ihren Leibeigenen Theatertruppen und unter- 
hielten sie auf ihren Gütern oder in Moskau und ruinierten sich 
für diese Liebhaberei. In den Kreis dieser Theatermäcene und 
Schriftsteller für die Bühne liefs sich auch Gribojedov herein- 
ziehen; Fürst Schachovskoj , der unermüdliche Lieferant von 
Stücken für den Tagesbedarf , von komischen , satirischen , lyri- 
schen, romantischen Opern, Ballets usw., Sagoskin, der später 
zum historischen Roman umsattelte, Chmielnizkij , hauptsächlich 
Übersetzer, der das Vaudeville grofszog, Katenin, der die so oft 
übersetzten und nachgeahmten Corneille und Racine noch einmal 
übersetzte und nachahmte, Zandr, sie alle gehörten in den engsten 
Bekanntenkreis des Gribojedov, der mit ihnen zusammen Stücke 
schrieb oder einstudierte. Doch schien das im Grunde harmlose 
Spielerei; die Schachovskoj, Katenin usw., die sich wirklich der 
Theaterpassion ganz hingaben, nur für die Bühne lebten, nahmen 
den Freimaurer kaum ernst, den Beamten im Ministerium des 
Auswärtigen, den Aufträge immer wieder nach dem Kaukasus, 
nach Tiflis, nach Teheran, wo er auch den 30. Januar 1829 als 
bevollmächtigter ^Minister von dem aufgestachelten Pöbel ermordet 
wurde, abriefen. Im Stillen, abseits von dem Bühnentrubel, reifte 
nun Gribojedovs Komödie, die nichts gemein hatte mit dem, was 
er selbst oder mit andern (Zandr usw.) aufführen liefs; den Plan 



— 150 — 

soll er bereits 1816 zuerst get'alst haben. Erst 1823 und 1824 
las er Szenen vor und erregte in den Petersburger litterarischen 
Kreisen Furore ; da begann die abschriftliche Verbreitung in Moskau 
und Petersburg ^ 1825 druckte Bulgarin zwei Proben in seinem 
Almanach »Russische Thalia« ab, was gerade damals auf serordent- 
lich in Mode war, litterarische Zeitschriften zu ersetzen hatte. 
Sonst blieben vergebens alle Versuche Gribojedovs, sein Werk 
in den Druck oder auf die Bühne zu bringen; kein Opfer half, 
nur das Werk selbst scheint darunter arg gelitten zu haben, 
wenigstens schreibt Gribojedov: »Der erste Abrifs dieses szenischen 
Poems, wie er in mir geboren war, war erheblich majestätischer 
und von höherer Bedeutung als jetzt, in dem eitlen Gewand, in 
das ihn einzukleiden ich genötigt war. Das kindische Vergnügen, 
meine Verse von der Bühne zu hören, der Wunsch eines Erfolges 
liefsen mich meine Schöpfung nach Kräften ruinieren.« Die 
Komödie zirkulierte in Tausenden von Abschriften ; ihre witzigen 
Repliken waren bereits in aller Mund, als sie verstümmelt auf 
der Bühne 1831 und noch verstümmelter im Druck 1833 erschien. 
Die Sätze waren oft ganz unverständlich; erst nach dreifsig 
Jahren wurde ein vernünftiger Text gedruckt. 

In Jamben von wechselnder Länge, wie Krylovs P^abeln 
geschrieben, hat sie nach dem pseudoklassischen Rezept die s Ein- 
heiten« respektiert: eine Handlung innerhalb eines Tages an 
einem Orte ; denn es wechseln nur die Zimmer im Hause des 
Famusov. Der Inhalt ist der denkbar einfachste : Cazkij eilt 
nach dreijähriger Abwesenheit im Auslande auf den Flügeln der 
Sehnsucht und Liebe zurück nach Moskau, zu seiner Sophie 
Famusov, mit der er zusammen erzogen war. Aber Sophie ist 
längst in Liebe entbrannt zu einem ihrer ganz Unwürdigen, zum 
Sekretär ihres Vaters, Molealin, der zum Schein sie erwidert, 
obwohl es ihm nur um Protektion zu tun ist, was ihn sogar, wie 
einen bekannten Helden der Novikovschen Satire, dem Portiers- 
hunde in Famusovs Hause schmeicheln läfst. 

Cazkij merkt Sophiens Entfremdung zu ihm , forscht eifer- 
süchtig nach dem Gegenstande ihrer Neigung und entreifst ihr 
schliefslich das Geheimnis noch am selben Tage. Blutenden 
Herzens, enttäuscht und erbittert, einem niedrigen Dummkopf 
geopfert zu sein, verläfst er das Haus des Onkels; auch Sophie 
ist blofsgestellt , da Molcalins Gleichgültigkeit und Berechnung 



- 151 — 

enthüllt wird. Nur der Mangel eines heiteren Abschlusses 
scheint diese Komödie von zahllosen französischen Schwänken 
derart entfernen zu sollen. 

In der Tat handelt es sich um etwas ganz anders, um einen 
2> Angriff auf Moskau«, auf seine »Stützen der Gesellschaft«. 
Der Fehler, die Einseitigkeit russischer Satire und Komödie, 
Visin und die alten Moralzeitschriften inbegriffen, beruhte darin, 
dafs sie offene Türen einrannte, nur mit Sachen sich abgab, die 
längst dem verdienten Gelächter preisgegeben waren, oder die 
kleinen Diebe hängte, wie bei Ssumarokov imd Kapnist, die 
grofsen unbehelligt liefs. Gribojedov führte einen Hauptschlag 
gegen die Moskauer grofse Gesellschaft selbst; denn Gazkij, 
nervös von den Strapazen der Reise und der immer bittereren 
Enttäuschung, verschont mit seinen sarkastischen Bemerkungen 
weder alt noch jung-, versteigt sich in seinen langen »Monologen« 
(so nennen Russen die nicht durch Widerreden unterbrochenen 
Tiraden) zu einem Herabreifsen der Masken, und ihm sekundiert 
wacker die ganze Gesellschaft selbst, wie wir sie am Vormittag 
in Famusovs Empfangszimmer und abends in seinem Ballsalon 
vereinigt sehen : die Moskauer Creme, Fürstlichkeiten, Senatoren, 
Oberste usw., werden eingeführt und die Tradition der Katha- 
rineischen Zeit an den Pranger gestellt. Im Grunde genommen 
war es nämlich bereits eine dahinschwindende Zeit, die noch im 
letzten Augenblicke Gribojedovs dramatische Platte fixierte ; bald 
sollten alle diese Gestalten nur noch der Geschichte angehören. 
Aber keine einzige von ihnen war ersonnen ; das Publikum reizte 
oder Stiels ab die Porträtähnlichkeit dieser Galerie von Ahnen 
und Zeitgenossen. Gribojedov zerrte nicht bestimmte Persönlich- 
keiten auf die Bühne; er entlieh nur von einzelnen die Haupt- 
züge seiner Gestalten ; daher konnte schon die gleichzeitige Inter- 
pretation mehrfach in Verlegenheit geraten, wer denn eigentlich 
unter Skalosub ( Zähnefletscher), Molcalin (Schweiger, die Namen 
sind zum Teil noch Etiketten nach der alten französischen Art), 
Repetilov (Schwätzer) usw. zu verstehen wäre. Famusov war 
der eigene Oheim des Dichters, Alexej Gribojedov, berühmt durch 
die Festlichkeiten, die er gab. Die alte bissige Chlestova hat 
auch Tolstoj noch in »Krieg und Frieden« aufgenommen. 

Schonungslos enthüllt ward die Nichtigkeit und moralische 
Angefressenheit , ja Fäulnis dieser Säulen von Staat und Gesell- 



— 152 — 

Schaft. Ihr einziger Mafsstab für die Schätzung eines Menschen 
ist der Adrefskalender, die Zahl seiner j'Seelen<;, d. i. der männ- 
lichen Leibeigenen, denn Frauen und Kinder zählten nicht als 
»Seelen«, die Zahl seiner Orden und Titel; man erniedrigt sich 
vor dem Günstling und verachtet ihn bei seinem Fall. Stolz, 
Menschenwürde sind unbekannte Gröfsen; man empfängt das 
anrüchigste Individuum ohne Arg , wenn es sich nur nützlich 
oder diensteifrig erweist; Protektion, Verbindungen ersetzen alles; 
geistige Interessen beschränken sich aufs Schimpfen über Auf- 
klärung und Voltairianer , auf boshaften Klatsch und Nachrede; 
nichts ist so dumm, dafs es nicht sofort geglaubt und weiter- 
verbreitet würde, so die Mär von Cazkijs Wahnsinn, die die er- 
boste Sophie in Kurs setzt. Zeitvertreib sind Vergnügungen, 
Kartenspiel , und die sich nicht damit begnügen , schwätzen im 
Klub von Konstitution oder veranstalten besondere Gesellschaften, 
wo sie mit unverstandenen Schlagwörtern, politischen und philo- 
sophischen, sich selbst und andere beschwatzen : man beschuldigte 
Gribojedov einer Denunziation der Dekabristen, was schon darum 
nicht anging, weil Moskau, nicht Petersburg, Schauplatz der 
Handlung war. Die Frauen, noch gedankenloser als ihre 
Männer, haben nur für Moden, Bälle, französische Lektüre Sinn 
und gehen in der Nachäfferei alles Fremden auf; darin ahmen 
sie zum Teil die Männer nach, und mit die schärfsten Tiraden 
des Cazkij sind dagegen gerichtet : »Lafst uns von den Chinesen 
wenigstens ihre Abneigung gegen Fremde nachahmen . . . auf 
dafs uns unser gutes, kluges Volk nicht für Deutsche halte.« 
Liberale verübelten Gribojedov wieder diese Ausfälle, die ihn zu 
einem Slawophilen , zu einem Bekämpfer des Westens , Europas, 
stempeln sollten, aber diese Abneigung gegen die Fremden- 
äfferei teilte Gribojedov mit den Besten seiner Zeit, mit Rylejev 
u. a. ; alle Dekabristen hafsten die russischen und nichtrussischen 
Deutschen, die verläfslichsten Büttel der Autokratie, so grimmig, 
dafs ihre Moskauer Emissäre den Fürsten Viasemskij nur darum 
nicht in die Verschwörung einweihen wollten, weil ihnen Via- 
semskijs Deutschenhafs nicht echt genug schien, denselben Via- 
semskij, der fast gleichzeitig von Rufsland schrieb: »Einst eine 
Varägerkolonie, heute eine Kolonie der Deutschen ; Hauptstädte : 
Petersburg und Sarepta; Geschäfte macht man in deutscher 
Sprache ab, die höhere Gesellschaft spricht Französisch, aber das 



— 153 — 

Geld ist russisch; russische Sprache und Hände sind nur für 
schwarze (niedere) Arbeit bestimmt.« Und in den berühmten 
Strophen vom »Russengott« (von 1827) heifst es: »Gott der 
Gruben und Schneegestöber, der Nachtlager ohne Betten, Gott 
der Kalten und der Armen, aller Bettler lang und breit, Gott 
der Güter ohne Einkünfte, Gott aller Annen (Orden) um den 
Hals, Gott stiefelloser Lakaien, Gott ausländischer Eindringlinge, 
Gott in Besonderheit der Deutschen, — das ist er, das ist der 
Russengott.« Und Viasemskij hat nichts mit Slawophilie oder 
Reaktion gemein ; sein Fremdenhafs, wie der des Cazkij und der 
Dekabristen, war nur gerechte Entrüstung des Patrioten. Somit 
sind Anklagen oder Verdächtigungen Gribojedovs gegenstands- 
los; wie er mit den Dekabristen sympathisierte, wissen wir und 
auch, wie er sich glücklich aus der Schlinge der Verhöre ge- 
zogen hat ; dafs er in seiner Komödie allen die Wahrheit gesagt 
hat, wer könnte ihm dies verübeln? 

Über ihren Wert und Bedeutung spricht ein Zeitgenosse, der 
Dekabrist Bestuzev, ein einsichtiger Kritiker, in dem »Polar- 
stern«, dem trefflichen Musenalmanach, mit Rylejev zusammen 
herausgegeben: »Herrn Gribojedovs handschriftliche Komödie ist 
eine Erscheinung, wie wir sie seit Visins , Junker' nicht mehr zu 
sehen bekamen. Die Masse der kühn und scharf gezeichneten 
Charaktere , das lebhafte Gemälde Moskauer Sitten , Gefühl in 
den pathetischen Stellen, Geist und Witz in den Reden; eine 
bisher ungesehene Leichtigkeit und die Natur der russischen Ge- 
sellschaftssprache in den Versen, — alles dies reifst fort und 
fesselt unsere Aufmerksamkeit; ein Mann von Herz wird sie 
nicht durchlesen ohne Lachen, ohne Gerührtsein zu Tränen. 
Leute, die nur nach französischer Systematik sogar sich zu 
amüsieren pflegen oder die durch die Plastik der Szenen verletzt 
sind, behaupten, dafs sie keinen Knoten schürze, dafs der Ver- 
fasser nicht vorschriftsmäfsig zu gefallen suche. Lafst sie reden, 
was sie wollen, die Vorurteile werden zerstreut werden, und die 
Zukunft wird hinlänglich diese Komödie zu schätzen wissen und 
wird sie in die Zahl der ersten nationalen Schöpfungen ein- 
stellen.« Die Vorhersagungen Bestuzevs sind eingetroffen; die 
Vorurteile, ja Verdächtigungen, das Schwanken im Urteil eines 
Puschkin und Bielinskij sind auch ohne den glänzenden Aufsatz 
von Gonearov endgültig beseitigt, das Meisterwerk der russischen 



~ 154 - 

Komödie ist allgemein als solches anerkannt. Meisterhaft war 
daran zuerst die Sprache: den Moskauer Dialekt aus Salon und 
Vorzimmer unmittelbar auf die Bühne zu bringen, hatte nie- 
mand vorher gedacht; auch günstig für den Dichter Gestimmte 
frappierte vorerst das Ungewohnte, sie machten Aussetzungen 
an der »realistischen« Sprache; der Vers selbst war kristallglatt, 
flofs ohne Anstofs dahin. Die zahllosen geistreichen, kaustischen, 
ironischen Bemerkungen sind längst Gemeingut geworden, zu 
Sprichwörtern förmlich, die Gestalten zu Typen. Ihre blofse 
Nennung vergegenwärtigt das Bild des Gamaschenknopfes, der 
aufser Dienst und Beförderung nichts auf der Welt kennt; des 
Senators, der die Schriftstücke ohne sie zu studieren unterschreibt ; 
des Lakaien-Beamten, dem eine eigene Meinung als Insubordination 
erscheint, den nur zwei Talente zieren, Pünktlichkeit und Mälsi- 
gung; ihre Eigennamen sind längst zu Appellativen geworden. 
Die Handlung, wenn auch unbedeutend, ist folgerichtig ent- 
wickelt, der Dialog meisterhaft gehandhabt. Man stiefs sich zu 
Unrecht an den Tiraden des Cazkij, an dem Ort , der Zeit , den 
Menschen, vor denen er sie anbringt. Den Sprecher verlassen 
ja alle Zuhörer, bis er allein bleibt. Die Charaktere sind mit aller 
Schärfe hingestellt, sogar bei den Personen des dritten Planes. 
Nur über Cazkij konnte man sich nicht recht einigen, ist er nur 
ein Phraseur ? Ist es der Dichter selbst, oder wie weit identifiziert 
sich mit ihm der Dichter? Gewifs ist Cazkij noch kein Mann 
der Tat, er treibt Propaganda mit seinen Worten, stört die 
Geister aus ihrer faulen Ruhe auf, und mit der Bemerkung, dafs 
er nur ein Phrasenheld ist, ist er gewifs nicht abzutun. Man 
wollte ihn sogar gegen die offenkundigen Intentionen des Dichters 
zu einer komischen Figur umkrempeln , so unangenehm waren 
die Wahrheiten eben, die er gegen Freund und Feind vorbrachte. 
In dem gefühl- und temperamentvollen Helden, den bis zum 
Alceste aus dem »Misanthropen« die charakterlose, feige und 
feile, unwissende und anma [sende, eitle und kriecherische Um- 
gebung gemacht hat, steckt ein gut Teil Gribojedov selbst. Wir 
kennen ja seine scharfen Urteile, z. B. über das litterarische 
»Gesindel« in Petersburg, als hörten wir Tolstoj über dasselbe 
Thema ein halbes Jahrhundert später sprechen, oder über Rufs- 
lands »Kulturmission« im Osten, z. B. über den Kampf der Frei- 
heit der Berge und Wälder mit der Aufklärung der Trommel und 



— 155 — 

Wirkung der Raketen, »wir hängen und verzeihen und spucken 
auf Geschichte:: , oder was er über den russischen »Zerstörungs- 
geist« sagt; über seine Erbitterung berichtet glaubwürdig Puschkin. 
So warf der Dichter durch seinen Cazkij der Gesellschaft selbst 
den Fehdehandschuh ins Gesicht und gab das Signal zur russischen 
»Anklagelitteratur« überhaupt, verkörperte in Cazkij den Geist 
des Protestes, der zumal nach den Dezembertagen 1825, da alles 
sich duckte und zusammenkauerte, desto bedeutsamer wurde. 

Aber Cazkij ist nicht blofs Alceste und Figaro; wie bei 
Batjugkov, wie bei Rylejev, kündet sich bei dem Dichter bereits 
das Wesen der Romantik an, nicht in byronisierenden , welt- 
schmerzlichen Gedanken allein. Poesie, die er zu einer Lebens- 
sache machen wollte (»ich liebe sie sinnlos, leidenschaftlich«) 
sprach zu ihm aus der grandiosen Landschaft des Kaukasus, aus 
den patriarchalischen Sitten und den verzweifelten Kämpfen der 
Bergvölker; aber die geplante Tragödie »Eine Nacht in Grusien« 
ist nicht mehr ausgeführt worden. Gribojedov war Stürmer und 
Dränger, im Leben wie in der Litteratur; für ruhige, epische 
Beschaulichkeit ä la Puschkin , für sentimentale Melancholie 
ä la Zukovskij ganz ungeeignet, eine Kampf- und Protestnatur; 
wie regte ihn alles auf, z. B. die Qual, ein flammender Träumer 
zu sein im Lande des ewigen Schnees: »Es dringt bis in die 
Knochen die Kälte, die Gleichgültigkeit gegen Leute mit Talent ; 
gleichgültiger als alle sind unsere Sirdars, ich glaube gar, sie 
hassen solche Leute.« 1812 gibt auch ihm den Plan zu einem 
dramatischen Werke. Eine Hauptgestalt desselben war ein Leib- 
eigener , der Heldentaten vollführt , dafür schliefslich Undank, 
Gleichgültigkeit erntet und in sein Heimatsdorf unter die 
Ruten des Herrn zurückkehrt. Verzweiflung darüber treibt ihn 
zum Selbstmord. 

Der jähe und frühe Tod zerstörte alles; übrig blieb nur die 
eine Komödie, die, ganz isoliert, wie ein steiler Kegel in der 
Ebene, nicht Vor- noch Ausläufer hat, weder in den eigenen 
Werken des Verfassers, die wir kaum gelten lassen können, 
noch in der Litteratur überhaupt. Sie allein bestritt mit Erfolg 
das Interesse des Publikums, das sich sonst ungeteilt Puschkin 
und seinem »Onegin« zugewandt hatte. In Gribojedov verlor 
Puschkin den einzigen wirklich gefährlichen Rivalen, den er 
für einen Augenblick in Rylejev vermuten wollte. Oder wäre 



— 156 — 

es anders gekommen? Wäre auch Gribojedov in seinem Taten- 
durst und Ehrgeiz, denen die mifsachtete Rolle des Litteraten in 
Rufsland nie genügen konnte, der Litteratur bei längerem Leben 
untreu geworden? Unnütze Fragen, — und doch glaubten wir 
diese Möglichkeit andeuten zu sollen. 

Wir sind an einem Wendepunkt der russischen Litteratur 
angelangt, die sich nicht blofs in der Rolle von »Konfekt und 
Früchte bei einem Diner« oder einer »erfrischenden Limonade 
zur Sommerszeit« gefällt. Radischeevs Reise, Rylejevs sogenannte 
Balladen, die Komödie des Gribojedov v/aren soziale Taten; sie 
konnten dem öffentlichen Verkehr entzogen werden, Sturmboten 
eines anderen Lebens, einer grundverschiedenen Auffassung der 
Litteratur blieben sie doch, — auch wenn sie nur in einem ver- 
unglückten Strafsenputsche mündeten. So zog die Petersburger 
Litteratur ihre Konsequenzen aus der französischen Aufklärerei. 

Anders verhielt sich dazu die Moskauer, für die das Auf- 
treten eines sentimentalen »Teutonorossen«, Karamsin, mafsgebend 
geworden war. Zwar Karamsin selbst enttäuschte alsbald und 
für immer die Zeitgenossen; während es zahllose Nachahmungen 
seiner sentimentalen »Reisen« und seiner noch sentimentaleren 
»Armen Lisa<: regnete, z. B. eine »Arme Mascha« und eine 
»Verführte Henriette« und eine »Unglückliche Margarethec und 
so durch alle weibliche Taufnamen; während sogar die Komödie 
loszog, namentlich gegen den »zarten« Schriftsteller für Damen, 
Fürst Schalikov*), kehrte er selbst jeglicher Sentimentalität den 
Rücken und vertauschte die Rolle eines Herausgebers und Belle- 
tristen , sogar den interessanten , autobiographischen Roman 
»Ein Ritter unserer Tage« unvollendet lassend, gegen die des 



*) Ihn verspottete Fürst Schachovskoj in dem Einakter »Der neue 
Sterne« (1805); der Diener beklagt seinen Herrn: "Ihr tränenreichen 
Schriftsteller, ihr weinerlichen Autoren habt meinen guten Herrn zu- 
grunde gerichtet," und fragt: »Woher ist diese sentimentale Teufelei 
zu uns gekommen?" Er erfährt, sie wäre in England geformt, ist in 
Frankreich verdorben, in Deutschland aufgedunsen und kam zu uns 
in der allerkläglichsten Verfassung. Die »Karamsinisten" verziehen 
ihm diese und ähnliche Ausfälle nicht, griffen den »Schutovskoj«' (von 
schut = Narr) sowohl wegen seiner komischen Epen, die Schischkovs 
* Vorträge« zierten, wie wegen seiner Komödien an, ohne seine Popu- 
larität erschüttern zu können. Sogar der Name »Arsamas«' entstammt 
dieser Polemik. 



— 157 — 

Geschichtschreibers. 1816 waren die ersten acht Bände seiner 
»Geschichte des russischen Staates« vollendet; sie erschienen 1818, 
es folgte noch bis 1824 — 1826 starb Karamsin — der neunte 
und zehnte Band, bis zur Thronbesteigung der Romanovs. Es 
war der erste kolossale Erfolg eines Prosawerkes; in wenigen 
Wochen war die Auflage vergriffen. Wie Kolumbus Amerika, 
so entdeckte Karamsin den Russen ihre Geschichte, nach einem 
bekannten Vergleiche Puschkins; er zeigte, wie anziehend diese 
unscheinbare, eintönige Geschichte erzählt werden konnte; die 
Kunst des Stilisten war vielleicht gröfser als die des Geschichts- 
forschers. Denn wie Karamsin in seinen politischen Schriften 
ungleich mehr Litterator als Staatsmann ist , so verhält es sich 
auch mit seiner Geschichte; nur in den Anmerkungen verriet 
sich der Forscher, der nach Wahrheit suchte; über dem Striche 
herrschte ungeschmälert der feierlich-getragene Ton eines Epikers 
und — unbedingten Verehrers der Autokratie , der sie gläubig 
in Zeiten wiederfand , die von einem russischen »Staate« auch 
nicht das Geringste ahnten. Das war die grofse Einseitigkeit 
Karamsins, die sich bezeichnenderweise schon im Titel des Werkes 
andeutete, die die Jugend, z. B. Puschkin, zu Epigrammen oder 
zu Parodien, z. B. zu einer Wiedergabe des Livius im Karamsin- 
schen Stil, reizte. Aber liberale Opposition und gelehrte Klein- 
krämerei eines Kacenovskij verstummten bald; das Buch galt als 
Offenbarung. Daran modelten Puschkin sein Drama, Sagoskin 
seinen Roman ; an seiner Autorität zu zweifeln , erschien als 
Frechheit, und als es der Kaufmannssohn Polevoj gewagt hatte, 
gegen die Geschichte des russischen Staates eine Geschichte des 
russischen Volkes zu schreiben, als der gewissenhafte Pedant 
Ustrialov Einwendungen machte, denunzierten förmlich vor dem 
Minister Uvarov sonst edle, aufgeklärte, liberale Männer in einem 
für den Europäer unbegreiflichen Gallimathias dieses Vorhaben, 
Karamsins Autorität zu erschüttern. Zwanzig Jahre vorher hatte 
Kutusov vor dem Unterrichtsminister Karamsins Schriften denun- 
ziert, wegen ihres freigeisterischen und jakobinischen Giftes, 
wegen ihrer Verkündigung des Atheismus und der Anarchie, 
dafs man ihn vor dem Kaiser in seiner ganzen abstofsenden 
Nacktheit zeigen sollte, als Feind Gottes und Werkzeug der 
Finsternis. So wechselte das Objekt der Denunziation, nur sie 
selbst blieb das einzige Bestehende in der Flucht der russischen 



— 158 — 

Ereignisse: die Denunziation in Vers und Prosa, gegen Freund 
und Feind, vor der dritten Abteilung und vor dem Publikum, die 
ins Ziel treffende und die vorbeidenunzierende, die giftige nüchterne 
und die dumme betrunkene — an diesem sehr heiklen, aber 
furchtbar lebensfähigen Thema ist die russische Litteratur bis 
heute, aufser einigen Andeutungen und Ausführungen bei 
Schcedrin, immer vorübergegangen. 

Karamsin selbst hatte nach Abstreifen aller Sentimentalitäten 
nur noch den Hochtor}' und Erzreaktionär herausgekehrt. Des 
Speranskij »neues Rufsland«, alle Reformen in der Gesetzgebung, 
sogar in der Forderung allgemeiner Bildung für die Beamten- 
laufbahn, der Bestimmung über Prüfungen von 1809, und nun 
erst in der Leibeignenfrage, erschienen ihm als vermessenes 
Rütteln, \^erbrechen gegen Rufsland. Daher verurteilte er sogar 
Peters Reformen, schon wegen ihres scharfen Tempos, wegen des 
jähen Bruches mit den heiligen Traditionen. Aber dies tat er 
nur vor dem Kaiser, wie um ihn vor Ähnlichem abzuschrecken ; 
vor dem grofsen Publikum erkannte er nur die absolute Un- 
möglichkeit an, aus dem Reformwerke die Konsequenzen nicht 
ziehen, die Endgültigkeit der Trennung von dem alten Rufsland 
nicht offen anerkennen zu wollen. Solche Widersprüche sind bei 
ihm nicht selten; sie störten nicht die Zeitgenossen, schon weil 
sie ihnen meist verborgen blieben. Seine Persönlichkeit wirkte 
mächtig: sein Sinn für Unabhängigkeit, der allen Lockungen 
widerstand ; die Offenheit, mit der er auch vor dem Kaiser seine 
Meinung vertrat (allerdings deckte ihm die Schwester des Kaisers 
den Rücken), die in ihm den grofsen, unentwegten Patrioten 
ahnen liefs (aber Patrioten erkannten wenigstens die Dichter 
auch in Volynskij und Dierzavin); sein ruhiges, sicheres Wesen, 
das ihn i'egliche persönliche Spitzen oder Polemik meiden liefs; 
der Takt, das Wissen, das humane Herz, der Schimmer von 
Sentimentalität, den er sich stets wahrte. Es gab Leute, z. B. 
Zukovskij, die einen förmlichen Kult mit ihm trieben, denen 
»Karamsin« eine Religion war; man scheut sich nicht, die Periode 
1790 — 1820 geradezu als die Karamsinsche zu bezeichnen. Kaum 
mit Recht: er schliefst eher eine alte Periode ab, als dafs er 
eine neue einleitete. Wie er in seiner »Geschichte« die Tatischßev 
und Boltin, Scheerbatov und Schlözer förmlich resümierte, sie 
nur in der Kunst der Darstellung, nicht so in dem Heranschaffen 



— 159 — 

und Verarbeiten von Material noch in den allgemeinen Gesichts- 
punkten überragte, so erobert er auch für die schöne Litteratur 
keine neuen Gebiete, ist kein Schöpfer neuen Inhaltes ; trotz aller 
Sentimentalität, ist seine »Reform« hauptsächlich eine äufserliche, 
trifft Stil und Sprache, namentlich auch in der Prosa — für seine 
historische gewinnt er aus dem Born der alten Chroniken eine 
aufserordentliche Belebung. 

Der eigentliche Vertreter der sentimentalen , schönseligen 
Richtung in der Litteratur ist erst sein junger Schützling und 
Freund, Zukovskij, geworden, der germanophilste unter russischen 
Dichtern; kein Erzromantiker, als den man ihn oft bezeichnet 
hat, sondern Träumer und Sinner. Sein Träumen und Sinnen 
ist jedoch keine poetische Maske, ist der wahre Spiegel einer 
selten reinen Seele gewesen. Entsagend, aufopferungsvoll, selbst- 
los, alles nur für andere, für Milderung ihres Unglücks (Deka- 
bristen), für Abwehr von Gefahren (bei Puschkin), für seine 
Freunde (Vojejkov, der es ihm wenig lohnte ; Gogol usw.) wagend, 
selbst anspruchlos, bescheiden, sanft, keusch, — so wandelte er 
durchs Leben. Allerdings keine energische Natur; zum Kämpfen 
war er nicht geschaffen-, vergebens suchten in ihm die Freunde 
die Ader eines sozialen Dichters zu rühren und fürchteten dann 
für ihn die Lockungen des Hofes, aber die darauf gemünzten 
Epigramme trafen ihn gar nicht, er blieb sich der Reinheit seiner 
Intentionen stets bewufst. Dieser Mangel an Energie kennzeichnet 
auch sein Dichten, das blofses Nachdichten ist. Zukovskij ist der 
gefeiertste Übersetzer der russischen Litteratur, von Greys »Dorf- 
kirchhof« (1802) an bis zur »Odyssee« (1848). Ein Leitmotiv 
durchzieht diese Dichtungen und Übersetzungen, in der Wahl 
wie in der Wiedergabe des Gewählten: das Motiv entsagender, 
resignierter Gefühle, wie es ihm die eigne Lebenserfahrung ein- 
gegeben hat. 

Bunin -Zukovskij, in dessen Adern orientalisches Blut flofs, 
ist in Moskau durch seine Pensionsfreunde, die Söhne des Frei- 
maurers Turgeniev, deutscher und englischer Poesie zugeführt 
worden. Es war ein Kreis gebildeter, hochstrebender, idealer 
Jünglinge: Andreas, der Herzensfreund von Zukovskij, ist früh 
gestorben, Nikolaus wegen seiner liberalen Gesinnung in die 
Verbannung gegangen, Alexander teilte nicht das Los, wohl 
aber die Gesinnuno; dieses Bruders. Sie alle interessierten sich leb- 



— 160 — 

haft für Litteratur; Zukovskijs erste \'ersuche datierten schon 
aus seinen Knabenjahren. Weiteren Kreisen wurde sein Name 
bekannt durch jene Nachdichtung der Greyschen ;^ Elegie c, durch 
sein »Bardiet am Grabe der Slawen-Sieger« (1806, wegen Auster- 
litz!), eine rhetorisch-patriotische Ode, durch seine >^Ludmila<, die 
erste russische Ballade — der Bürgerschen »Leonore« nach- 
gedichtet, 1808, die geradezu von epochaler Bedeutung für 
die slawischen Litteraturen wurde; nicht nur in der russischen 
weckte erst sie einen langen Reigen von Skeletten und 
Totentänzen und Uhus und allerlei Spuk , denn Kamenevs 
»Ballade« Gromval von 1803 ist ebensowenig eine Ballade, wie 
etwa die Gruselromane der Radcliffe romantisch sind — so zog 
^ukovskij alle russischen Teufel, Hexen und Totenerscheinungen 
grols. Den Ruhm des »Balladkin« vermehrten Prosaerzählungen, 
wie »Mariens Hain«, uns unerträglich suis, entzückend die Zeit- 
genossen, dem Dichter bitterer Ernst, denn sein Uslad, der 
Sänger der Urzeit, der an Mariens (!) Bahre trauert, war ^ukov- 
skij selbst in seinem tiefen Leid um seine Mascha. 

Wenig vom Leben verlangend widmete er sich ausschliefs- 
lich der Poesie, überzeugt, dafs er auch mit diesem Dienste allem 
Edlen und Guten eine hohe soziale Aufgabe erfüllte. Sein Ideal 
war Schiller, nicht Goethe; zu Bürger kehrte er nicht mehr 
zurück, wohl aber zu Uhland, Hebbel, denen sich später Herders 
»Cid« und Fouques »Undine« beigesellten, noch später Halms 
»Camoens ;. Schillers Balladen und die Griechenlieder sowie die 
»Jungfrau von Orleans« sind mit die Triumphe seiner Übersetzer- 
kunst. So gewissenhaft er auch bei seinen Übersetzungen das 
Original zu wahren suchte , stofsen wir öfters auf beabsichtigte 
Änderungen, die dem Ganzen jenen schwärmerisch-phantastischen, 
traumhaft - elegischen Ton gaben , der sein eigen ist ; er dichtete 
um. So war er schon bei der »Ludmila« vorgegangen, die er 
mit dem russischen Sarafan angetan hatte; so schöpfte er aus 
dem Roman des Spiefs sein Thema, das er aber in seinen ;^ Zwölf 
schlafenden Jungfrauen« wesentlich umgestaltet hat: der Gromoboj 
des ersten Teiles (1810) verkauft seine Seele an Asmodeus, der 
ihn berückt, und opfert ihm statt seiner die Seelen seiner zwölf 
jungfräulichen Töchter, die im tiefen Schlaf ihrer Erlösung harren ; 
im zweiten Teile (1817) bewirkt dies Vadim, den eine unerklär- 
liche Sehnsucht (»Was suchen, wo? Wonach das Verlangen 



— 161 — 

richten?«) in die Ferne treibt: der Dichter schaltete sinnliche 
Episoden aus und versenkte das Ganze in ein absichtliches 
Dämmerlicht, das uns die Umrisse nicht mehr klar erkennen 
läfst. In diesen epischen Versuchen und in der Ballade »Sviet- 
lana«, als Pendant zur »Ludmila«, finden wir die einzigen Kon- 
zessionen an das russische Altertum, d. h. an die Utopien, die man 
sich davon machte, eine Mischung von heidnisch - klassischer 
Mythologie und Minnesängerei, die erst der :>Livius des Nordens« 
zerstreuen sollte. Die Zeitgenossen erwarteten mit Bestimmtheit 
von ^ukovskij eine derartige russisch - romantische Epopöe; er 
machte sich auch mehrfach an einen »Vladimir« und die Helden 
seiner Tafelrunde und blieb doch in den ersten Entwürfen 
stecken — nicht nur, weil ihm die Vision der Zeiten trotz seines 
;>Livius« fehlte, sondern vor allem, weil er kein Epiker, immer 
nur Lyriker war. 

Seinen gröfsten dichterischen Erfolg erzielte er mit einer 
recht fragwürdigen Leistung, die nach Jahren ihn selbst nicht 
mehr befriedigen sollte. War das »Bardiet« von 1806 im kon- 
ventionellen Stil gehalten, so war er 1812 selbst unter die Vater- 
landsverteidiger gegangen und hatte von der Kampagne den 
»Sänger im Lager der russischen Krieger« mitgebracht. Diese 
viel zu lange, heroische Ode wurde mit Begeisterung überall, 
vom Hofe beginnend, empfangen; wirklich poetisch waren 
darin nur einige sentimentale Tiraden und eine Häufung wirk- 
samer Antithesen; sonst alles konventionell, von dem Sänger 
Bojan an, der Freude der alten Jahre, der mit seiner Harfe 
bewaffnet vor den Reihen der Slawen flog und die geheiligte 
Hymne erdröhnen liefs, von den Helmen und Schildern an bis 
zu der trotzigen Drohung: »Versuch, o Feind, zu entreifsen den 
Schild, den der Liebsten Hand uns gab, auf ihm flammt ein 
heiliges Gelöbnis : Dein auch jenseits des Grabes!« Noch kühler 
und rhetorischer war die folgende Ode »Der Sänger im Kreml«, 
zur Jahresfeier der »Vertreibung der Gallier und zwanzig Völker- 
schaften«, — aber beide näherten den Dichter dem Hofe, wo er 
zuerst Lehrer des Russischen für eine deutsche Grofsfürstin, dann 
Erzieher des Zessarevic Alexander II. wurde. 1812 und 1813 
erweckten sonst kein wirkungsvolleres Echo; es blieb bei der 
offiziellen Lyrik eines Dierzavin usw., nicht einmal der »Parti- 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 11 



- 162 - 

sant< Davydov brachte Abwechslung in diese papierne oder 
blecherne »< Poesie«. 

Vorübergehend nur, wie auch noch 1831 mit Puschkin um 
die Wette, erledigte ^ukovskij diesen l3^rischen »Robott«, in den 
er doch Partikelchen von sich einzuschmuggeln wufste — so in 
•den Schlufsversen des »Kreml« den Hinweis auf das Jenseits und 
■das erneute Auferstehen dessen, was die Todesstunde uns ent- 
rissen. Andere Gedichte drückten ungleich voller sein Wesen 
aus, so »Teon und Eschin« , wo dem durchs Leben und seine 
Gaben nur enttäuschten Eschin Teon die Zukovskijsche Weisheit 
kündet: »Nicht in rascher Freude, nicht in trügerischem Traum 
sah ich irdisches Glück. Was in einem Augenblick das Schicksal 
zerstören kann, das ist nicht unser auf dieser Welt ; des Herzens 
unvergänglicher Schatz, die Liebe, die Süfse erhabener Gedanken, 
das ist das Glück ... für das Herz ist nur das Vergangene 
ewig« — der von ^ukovskij am häufigsten zitierte und variierte 
Gedanke — »Leid in der Trennung ist auch eine Liebe, über 
das Herz hat der Verlust keine Macht — ist nicht die Trauer 
um das Verlorene Verheifsung untrüglicher Hoffnung, dals uns 
in bekannter, doch geheimnisvoller Gegend unser Verlust erstattet 
wird ?« Diesen Glauben bewahrte sich das grolse Kind für immer- 
im Laufe der Jahre steigerte sich die Religiosität, verdichteten 
sich mystische Nebel. Die poetische Erfindungskraft stockte oft 
für ganze Jahre; Freunde und Jünger wie Puschkin hofften auf 
ein Wiederauferstehen des Dichters, aber der ungewohnte Dienst, 
aufserordentlich ernst genommen — senkte doch Zukovskij in 
Alexanders Gemüt humane Triebe für immer — , nahm alle seine 
Kräfte in Anspruch; er erhob sich nicht über Gelegenheits- 
dichtungen, Tändeleien in Versen, und es stockte sogar die Über- 
setzertätigkeit. Erst als er nach Beendigung des Hofdienstes 
sich selbst zurückgegeben war, wurde er, trotz der vorgerückten 
Jahre, tätiger, mehrten sich die Nachdichtungen, z. B. von »NaI 
und Damajanti«, die ungleich poetischer ist als ihre Rückertsche 
Vorlage, und er verstieg sich zur Übersetzung der »Odyssee«. 

Der Geist der Antike ist Rufsland immer fremd geblieben ; 
während seines Mittelalters, bis Peter den Grofsen, kannte es 
die antike Welt kaum dem Namen nach; die Kiever brachten 
aus den polnischen Schulen Latein und die Klassiker, doch blieb 
dies völlig unfruchtbar; die Litteraten kannten, mit den wenigsten 



— 163 — 

Ausnahmen, die Klassiker nur aus französischen Travestien. Man 
war ihnen zudem oft gram; als Karamsin in sein »Pantheon 
fremder Litteratur'; einige Reden des Demosthenes einrücken wollte, 
verbot dies die Zensur, »weil Demosthenes ein Republikaner war, 
und solche Leute, auch Cicero, auch Sallust, soll man nicht über- 
setzen.« Denselben Gesichtspunkt kehrte man noch nach 1848 
hervor; man beklagte namentlich den Unterricht in der antiken 
Geschichte: man sollte von dem Gesichtspunkte ausgehen, dafs 
nur zur Strafe für ihr Heidentum Gott den Griechen und Römern 
Sinn und Empfänglichkeit für die Wohltaten der Autokratie ver. 
weigert hat. Erst als das Studium der Klassiker jeglichen Zweck 
verloren hat und sich in Europa fast nur als eine, heute je un- 
begründetere, desto hartnäckigere Tradition erhält, ist es in Rufs- 
land, dank dem Triumvirat D. Tolstoj, Katkov und Leontiev, in 
der umfassendsten Weise in das Lehrprogramm aufgenommen, in 
der bestimmten Absicht einer Verdummung der Jugend und einer 
Erschwerung der Studien. Das Ziel der Obskuranten und Rene- 
gaten ist auch glänzend erreicht : nirgends auf der Welt ist das 
klassische Studium gleich verhafst und unfruchtbar wie in dem 
unklassischsten aller Länder, in dem heiligen Rufsland ; die Philo- 
logen zu diesem Unterricht mufste man sich wie die Militär- 
musiker meist aus Böhmen verschreiben ; einen eigenen Philologen 
von Ruf hat Rufsland aufser Sielinskij nicht hervorgebracht. 

Selbständige Kenner der Antike gab es die längste Zeit 
nicht, die ersten sind wohl die beiden Muraviev; der eine, 
Michael, Lehrer der Grofsf ürsten , Kurator der Moskauer Uni- 
versität, ein verdienter, edler Mann, Vater derjenigen Muravievs, 
die nicht hängten, sondern hingen (der beiden Dekabristen), der 
»Fenelon« Batiuschkovs und Förderer Karamsins, einer der auf- 
geklärtesten Männer der Zeit, gestorben 1807; der andere, Iwan 
Muraviev- Apostol, eine Zielscheibe der Witze von Fürst Gorcakov 
und Puschkin, der »neue Locke«, wegen seiner »Briefe über 
klassische Bildung« , Übersetzer von Horaz und den »Wolken« 
des Aristophanes , Bearbeiter der Sheridanschen Lästerschule, 
w^as man irrig Alexander L zuschrieb, Verfasser einer Komödie 
im Gusto des Visinschen »Junkers« und der Briefe über eine 
Taurische Reise, die den Tartuffe-Dummkopf blofsstellten , dem 
die Antike unheilig vorkam; er ist erst 1851 gestorben. Den 
Empfehlungen jenes älteren Muraviev verdankte vieles auch 

11* 



— 164 — 

Martynov, ein verdienter Schulmann, der sich auch als Übersetzer 
aus dem Griechischen einen Namen machte, dessen Kenntnis er aus 
dem Poltaver Seminar mitbrachte; aber seine wie des Moskauer 
Litteraturprofessors Mierslakov Übersetzungen sind noch steif 
und unbehilflich. Beide überragt Gniedic, ein gemütvoller 
Dichter in seinen eigenen, öfters antikisierenden Elegien, der 
als der erste von den Russen in Homers Zauberwelt eindrang. 
Die Frucht vieljährigen Mühens war die in Alexandrinern noch 
begonnene, auf Uvarovs Drängen in Hexametern ausgeführte 
Übersetzung der Ilias (1829); Eindruck auf das russische, echter 
Klassik wie alle Slawen unzugängliche Publikum hat sie gar 
nicht gemacht; man kann ihr Präzision und Kraft nicht ab- 
sprechen, es fehlte Natürlichkeit; die Feierlichkeit, d. i. Ge- 
zwungenheit der Sprache wurde durch überflüssige »Slawismen«, 
veraltete Konstruktionen erreicht; keinen Augenblick wird man 
den Gedanken los, dafs man eben nur eine Übersetzung vor 
sich habe. 

Anders verhielt es sich mit der Odyssee des Zukovskij, die 
1848 und 1850 erschien. Als er auf seine alten Tage in den 
ruhigen Hafen des Familienlebens eingelaufen war, ward der 
»schönen Seele« verhafst »die moderne, konvulsive, hysterische, 
die Sinne verwirrende Poesie« eines Herwegh und Genossen, der 
Seele, die den sozialen und politischen Kämpfen teilnahm- und 
verständnislos gegenüberstand, mit ihrem kindischen Glauben, mit 
ihrer bewufsten Unterordnung des Verstandes und Willens unter 
Gnade und Vorsehung; dafür zog es sie mächtig zur ursprüng- 
lichen, patriarchalischen Poesie der Bibel und Homers, »die licht 
und mild belebt und beruhigt, alles uns Umgebende friedlich 
verschönt, uns weder beunruhigt noch in nebelhafte Fernen ab- 
zieht . . . Homers Muse vergoldete die Stunden meines gealterten 
Lebens«. Auch bei der Odyssee blieb sich Zukovskij treu. Zwar 
urteilte Varnhagen: »Der Eindruck dieser Übersetzung kommt 
dem der Urschrift am nächsten; derselbe Zauber der Sprache, 
dieselbe Einfachheit und Klarheit, derselbe epische Flufs und 
Wohlklang des Hexameters. Der Dichter hat den ionischen Reiz 
und Glanz in skythischen Lauten wiederholt, die freilich den 
hellenischen verwandter sind als man gewöhnlich denkt.« Die un- 
schätzbaren Anlagen des Russischen zu solcher Nachbildung hat 
Zukovskijs Genius mit höchstem Erfolg benutzt, seine Meister- 
schaft der Verskunst hat die fremde Form mit o-lucklichster Anmut 



— 165 — 

gehandhabt. Im Grunde jedoch ist dies die Odyssee Zukovskijs, 
nicht diejenige Homers; bei aller Treue und Wörtlichkeit ist 
der Grundton ein verschiedener; das Sentimental-Elegische und 
Didaktische ist von dem Übersetzer hineingetragen , der ebenso 
z. B. den Protest des Byronschen »Gefangenen von Chillonc zu 
mildern wufste. Und bei aller Einfachheit und Glätte erwehrte 
sich nicht der Übersetzer veralteter, störender Formen und Worte. 
Wie Gniedic fand er nur kühlen, gleichgültigen Empfang. 

Jedenfalls bleibt Zukovskij der originellste Übersetzer in der 
Weltlitteratur; wo sonst machte stets ein Übersetzer, was er 
auch anrühren mochte, durch ein blofses Verschweigen und 
Fallenlassen von Zügen , durch Unterstreichung anderer das 
Fremde zu seinem geistigen Eigentum? Übersetzungen wurden 
zu Umdichtungen , und in diesen erwies er sich als unerreichter 
Meister. Seine Verdienste beruhten dann in der endgültigen 
Befreiung der heimischen Litteratur von dem ausschliefslichen 
französischen Banne; wie kein anderer erweiterte er ihren Rahmen 
durch die Fülle von Meisterwerken, zumal deutscher und eng- 
lischer Litteratur; spielend überwand er die Schwierigkeiten von 
Vers und Sprache, was besonders Puschkin bewunderte; der 
russische poetische Ausdruck fand durch ihn eine ungleich höhere 
Vervollkommnung als der prosaische durch Karamsin. Dieses 
Zurückgebliebensein der Prosa empfand wieder Puschkin be- 
sonders. Was uns an Zukovskij anzieht, das ist die Aufrichtig- 
keit seiner Stimmung, die Echtheit seiner Empfindung: wir teilen 
nicht seine Weltflucht, seine Vertröstungen auf das Jenseits, 
seine Resigniertheit ; wir ehren sie , denn sie kamen ihm von 
Herzen, waren nicht ausgeklügelt noch berechnet. 

Batiuschkov und Zukovskij, zwei Antipoden im Grunde, der 
eine der Klassiker des greifbar plastischen Ausdruckes, der Sänger 
des sinnlichen Lebensgenusses, der Nachahmer der Anthologie 
und des Horaz; der andere der sentimentale Romantiker, mit 
absichtlich geheimnisvollen, blofs andeutenden, oft ganz ver- 
schwindenden Zügen, haben den Bereich der blofs nachahmenden, 
nicht originalen russischen Poesie förmlich erschöpft; ein Fort- 
schritt auf diesen Bahnen war kaum mehr möglich. Das 
Instrument der dichterischen Sprache hatten sie vervollkommnet, 
in den verschiedensten Formen des Verses die höchste technische 
Vollendung erreicht; sie haben alles vorbereitet für ihren 
Schüler, der sie überwinden sollte. 



— 166 — 

Nicht einmal in diesem Stadium der Vorbereitung befand 
sich die russische künstlerische Prosa. In der echten Kunst vor 
dem ästhetischen Tribunal war sie überhaupt nicht anerkannt, 
weil Laharpe und Batteux nichts von ihr wuIsten. Versuche 
eines historischen Dramas in Prosa gelangten gar nicht auf die 
Bühne. Allerdings war bereits der Roman, wie in der Katha- 
rineischen Zeit, das beliebteste Mittel zum Totschlagen der Mufse, 
das z. B. Krylov mit solchem Erfolge anwandte, aber diese Lese- 
^vut stillten noch immer blofse Übersetzungen. In die Pfade 
Ismailovs tritt nur ein einziger, der Kleinrusse Narieznij. Die 
litterarischen Kreise nahmen zwar von ihm keine Notiz, aber er 
fand Zugang zum Publikum. Er versuchte sich in verschiedenem 
Genre; er begann mit »Slawischen Abenden«, epischen Gedichten 
in Prosa, die die Kiever Tafelrunde in ossianische Nebel hüllten 
(1809), doch schon 1814 traf er auf einen wahlverwandten Stoff. 
Überzeugt, dafs die Russen an dem Schicksal eines Landsmannes 
gröfseren Anteil haben müssen als an Ausländern , überzeugt, 
dafs die Zeit einer ungehinderten Darstellung russischer Sitten 
bereits angebrochen wäre, gibt er 1814 die drei ersten Teile 
seines »Russischen Gil Blas oder Abenteuer des Fürsten Öistiakov« 
heraus; die drei übrigen sollten folgen. Er hatte seine Rechnung 
ohne die Zensur und die Freimaurer gemacht; schon der Anfang 
wurde verboten, die zweite Hälfte ist nie gedruckt worden. Der 
Roman war recht verwickelt, neben Öistiakovs Geschichten laufen 
andere parallel, aber es sollten eben alle Seiten russischen Lebens 
vertreten sein , Kleinadel , Bauern , die Beamtenschaft in der 
Provinz, sogar ein Schischkovist wurde verhöhnt und das Frei- 
maurertum, seine Zeremonien, sogar seine Orgien eingehend dar- 
gestellt. Nach diesem Mifserfolg , da die Zensur sein bestes 
Werk begrub, wandte sich der »russische Teniers« mit mehr 
Glück vom Grofsrussischen zum Kleinrussischen: sein grofser 
Nachfolger Gogol hat denselben Weg umgekehrt gemacht. In 
Erzählungen und Romanen stellte er die typischen Eigenheiten 
der alten Ukraine dar, ihre Pane, die alten Edelleute in ihrem 
patriarchalischen Treiben, die Zöglinge ihrer geistlichen Schulen, 
»die Bursaken«, die Prozefswut, die, um Geringfügiges entfacht, 
ganze Familien zugrunde richtet (»die beiden Iwans«), den 
Kosaken in seiner Sic (Verhau) hinter den Dnieprporogen. 
Historisches und Humoristisches wechselte ab : die zeitgenössische 



— 167 — 

Kritik stiefs sich an seinen sogenannten Roheiten; die Zeit für 
den Reahsmus war eben noch nicht gekommen. Narieznij mufste 
früh vergessen werden, denn auf allen Gebieten, die er, der 
erste, angebaut hatte, verdrängte ihn ein anderer Kleinrusse, 
Gogol, gegen dessen Genius das blofse Talent sich nicht zu be- 
haupten vermochte. 

Wenn in diesem Vierteljahrhundert namentlich in der Prosa 
so wenig geleistet worden ist, so darf nicht vergessen werden, 
dafs zum Teil die Zeit selbst einer litterarischen Arbeit oft nicht 
recht günstig war. Es sei dafür nur eine bezeichnende Aufse- 
rung angeführt. Minister von Stein in Petersburg hatte die Auf- 
merksamkeit des Kaisers auf die Wirksamkeit der Presse gelenkt; 
so fand der Deutschrusse Grec, als er 1812 seinen ->Sohn des 
Vaterlandes« herauszugeben gedachte, Förderung von Seiten des 
Kaisers selbst. Grec stellte sich dann auf eigene Füfse, in 
seiner Wochenschrift alle Funktionen des Redakteurs, Über- 
setzers usw. allein erfüllend ; er gab dann als erster auch Jahres- 
berichte der russischen Litteratur heraus. Ihm haben dies zu- 
nächst die Almanache, nach Jahren dann Bielinskij nachgeahmt. 
In dem Jahresbericht für 1814 finden wir nun einige wissen- 
schaftliche Werke genannt; aus der schönen Litteratur gab es 
nur Palizyns Übersetzung der Delilleschen ■> Gärten« , ein paar 
beschreibende und didaktische Poeme, Fabeln des Ismailov und 
Krylov und eines Dritten ; es wird ausdrücklich bemerkt : 
während 1801 — 1805 mehr Bücher erschienen sind als vorher in 
der doppelten Zeit, sei wegen der politischen Ereignisse 1806 bis 
1814 die Litteratur förmlich zum Stillstand gekommen , so sei 
1812 keine einzige Seite ohne Bezug auf die damaligen Wirren 
geschrieben; erst das Jahr 1814 hätte eine Wendung zum Besseren 
gebracht. Grec freut sich, dafs in diesem Jahre in Petersburg 
und Moskau nur je ein Roman, Übersetzung aus dem Deutschen, 
und zwei historische Erzählungen erschienen sind ; er klagt über 
mangelhaften Absatz gediegener russischer Werke, z. B. der 
Reisebeschreibungen von Krusenstern und Lissowkij : Klagen 
über die geringe Zahl russischer Bücher sind beständig; Pusch- 
kin ruft noch : Wo sind sie denn ? nur her damit ! und Bie- 
linskij schreibt auf dieses Thema noch den Jahresbericht für 
1841. So liefs sich noch immer keine Litteratur aus dem Boden 
^stampfen, zumal die »Sirdars« sich so wenig dafür interessierten; 



— 168 — 

aber bald sollte sich ihr Interesse erheblich steigern — ob der Litte- 
ratur damit wirklich gedient war, darüber würde Puschkin Aus- 
kunft geben können. 



Sechstes Kapitel. 
Puschkin. 

Seine Jugend; seine Lycealpoesie; der Anakreontiker und der Epi- 
grammatist. Seine Verbannung; der Byronist. Der Epiker und Dra- 
matiker. Die Wirkung des 14. Dezember. Puschkin als Prosaiker; 
als Lyriker. Puschkin und das Publikum; Puschkin und die Kritik. 
Tod des Dichters. Seine Bedeutung. 



Auf einem durch die Arbeit der Kiever und ausländischer 
Lehrer kaum hie und da gelockerten Boden war eine schöne 
Litteratur »eingesetzt« worden, mechanisch und äufserlich; sie 
hatte auch bereits Früchte getragen, gering an Zahl und zweifel- 
haften Geschmackes. Die pseudoklassische Litteratur sanktionierte 
ja das blofse Nachahmen; es waren somit die Formen mit dem 
Inhalt von vornherein gegeben, nur die Sprache war zu variieren. 
Dafs dem Russen die Bellona und die Chariten, der ganze m3^tho- 
logische und klassische Schnickschnack, von dem die pseudo- 
klassische Litteratur sich ausschliefslich nährte, woran sie auch, 
wie recht und billig zugrunde ging, absolut fremd waren, galt 
ja gerade als ein Vorzug , war das Neue , obwohl es in seiner 
Heimat längst auf den Kehrichthaufen geworfen war. Lomo- 
nossovs und Dierzavins Litteratur war gerade so russisch wie 
der Haarbeutel, der Dreimaster und die Schnallenschuhe, eine 
reine Modesache, eine blofse Nachahmung, ohne jeglichen Zu- 
sammenhang mit Land und Leuten, ihrer Geschichte und ihren 
Bedürfnissen; von dem Wichtigsten, um das sich die ganze 
folgende Entwicklung bewegen sollte, von dem Volke und seinem 
Lose, ahnte diese unrussische, aber russisch geschriebene Litte- 
ratur nichts. Die Herrschaft dieser Litteratur ging übrigens. 



— 169 — 

sogar in ihrem Vaterlande, Frankreich, unwiderruflichem Ende 
entgegen, in Deutschland und England war sie längst ein- 
gesargt; die veraltete Mode heischte somit auch in Rulsland 
Erneuerung, und auf die pseudoklassische folgte hier wie anderswo 
die romantische. Diese Erneuerung ging fast ohne Kampf vor 
sich, etwa wie Einführung einer neuen Hutfasson; war doch 
Romantik russischem Boden ebenso fremd wie Klassizismus. Man 
verstand auch nicht recht diesen Kampf, weder daheim noch im 
Auslande. Man begnügte sich mit blofsen Äufserlichkeiten : dem 
einen hiefs romantisch, sich von den Vorschriften, drei Einheiten 
oder Vers im Drama, zu emanzipieren, die »Regelnc nicht zu 
beachten; der andere verwechselte Romantik mit phantastischer 
Szenerie, mit Teufels- und Geisterspuk, mit Märchen und Sagen; 
einem dritten war Romantik alles Mittelalterliche, d. h. Rufs- 
land, das europäisches Mittelalter nicht mitdurchlebt hat, völlig 
Fremde; noch andere sahen in Romantik die Entfesselung der 
Leidenschaften, das Sichausleben des Ich im Proteste gegen das 
Joch gesellschaftlicher oder gar moralischer Regeln, den Kampf 
mit ihnen, Unzufriedenheit und V^erbitterung; andere fesselte das 
Historische, Nationale, die Couleur locale, nur suchte man sie 
eher in den » romantischen <;: Landschaften Finnlands oder des 
Kaukasus, oder im wildpatriarchalischen Treiben des Orients, der 
Zigeuner und Räuber, als daheim in der immer kasernenmäfsigeren 
Einförmigkeit grofsrussischen reglementierten Lebens. Je mehr 
man von der Romantik sprach, desto verwirrter wurden die Be- 
griffe; im Grunde blieb sie ebenso fremd, künstlich »eingesetzt«, 
wie der Klassizismus; aber sie bedeutete einen erheblichen Fort- 
schritt in der endlichen Befreiung von der steten geistigen Be- 
vormundung, sie brachte der ersehnten nationalen Litteratur ein 
gut Teil näher, obwohl sie nur als neue europäische Mode mit- 
gemacht war; schon darin äufserte sich der jetzt untrennbare 
Zusammenhang Rufslands mit Europa, Hatten sich durch Zu- 
kovskij romantische Elemente, wenn auch meist einseitig deutsche, 
angekündigt, so wurde es Verdienst Alexander Puschkins, nicht 
nur der neuen Richtung zum raschen , endgültigen Siege ver- 
helfen , sondern auch das höchste Ziel, die Schaffung einer 
nationalen Litteratur, mit Glück angebahnt zu haben. 

Er war den 26. Mai 1799 in Moskau geboren, aus altadligem 
Geschlecht, worauf sich der russische Byron stets mit Stolz be- 



— 170 — 

rief: es gereichte ihm zur gröfsten Genugtuung, seinen Ahnen 
in seine dramatische Chronik vom Godunov aufnehmen zu können. 
Wie bei Zukovskij flofs von mütterlicher Seite orientalisches Blut 
in seinen Adern: von dem Neger Peters des Grofsen, Hannibal, 
hatte er einige Rasseeigenheiten wenigstens auf serlich geerbt. 
Seine Eltern , der Oheim Vassil Puschkin . der eingefleischte 
Klassiker, trotz seiner Gegnerschaft gegen den »slawophilen« 
Schischkov und trotz seiner Zugehörigkeit zum »Arsamas«, waren 
Leute der guten Gesellschaft, lebten sorglos ihren Vergnügungen, 
devastierten die Güter und kümmerten sich nicht weiter um 
die Erziehung der Kinder; russischen Ammen, der berühmten 
Rodionovna, verdankte Puschkin seinen Schatz an russischen 
Märchen, sonst französischen Erziehern überlassen, nach der 
alten Routine, in der z. B. Lopuchin erzogen war, der sein 
Russisch vom Hausdiener lesen und schreiben lernte, das Fran- 
zösische von einem Savoyarden, der in die Geheimnisse der 
Orthographie nie eingedrungen war, und das Deutsche von 
einem Berliner , der ä la Friedrich 11. alles Deutsche verachtete 
und seinen Zögling nur Französisch lernen liefs. Das Kind 
schien etwas zurückgeblieben in seiner Entwicklung, als in ihm 
eine auf serordentliche Leselust erwachte, die er in der Bibliothek 
des Vaters nach Wunsch — niemand kümmerte sich darum — 
befriedigen konnte. Freilich war diese Bibliothek für ein Kind 
die allerungeeigneteste •, denn nach der Mode des XVIII. Jahr- 
hunderts war sie ausschliefslich französisch , enthielt eine Biblio- 
theque amoureuse , Galanteries de la Bible , die Schriften der 
Encyklopädisten und namentlich Voltaire. An den Folgen dieser 
Lektüre krankte Puschkin jahrelang; hier gewann er die Herr- 
schaft über die französische Sprache, die ihm im Lyzeum den 
Beinamen des »Franzosen« und den Spott der Kameraden über 
sein schlechtes Russisch eintrug ; hier sog er die unbedingte V^er- 
ehrung \^oltaires ein, den er noch 1815 über alles in der Welt 
stellte: »Ein Dichter, unter Dichtern der erste, von Apollo auf- 
erzogen, ward er von Kindheit an mein Dichter, mehr als alle 
gelesen, weniger als alle ermüdend, dieser Rivale des Euripides, 
der Erato zarter Freund, des Ariosto, Tasso Enkel, selbst Vater 
des Kandid, alles ist er, grofs überall, der einzige Greis.« Hier 
keimte seine Vorliebe für Obszönes. Nach der Sitte der Zeit 
mufste er in eine privilegierte Anstalt gebracht werden: wie 



— 171 — 

einst der alte Turgeniev Karamsin den Moskauer Freimaurern 
zuführte, so kam durch Turgenievs Sohn Alexander der junge 
Puschkin in das eben (1811) eröffnete Lyzeum von Zarskoje 
Sselo. 

Das neue Lyzeum, für die Jugend der hohen Kreise be- 
stimmt, war als Musteranstalt geplant; vorläufig herrschte eine 
musterhafte Unordnung , die aber den Lyzeisten viele Un- 
gezwungenheit sicherte und namentlich ihren früh erwachenden 
litterarischen Neigungen nichts in den Weg legte. Die sechs 
Jahre, die Puschkin hier zugebracht hat, sollten für ihn ent- 
scheidend werden ; die Erinnerung an diese Zeit, an seine Freunde, 
seine Lehrer, — der Bruder Marats lehrte das Französische, das 
Russische Puschkins »Aristarch«, ein etwas trockener Pedant der 
guten alten Schule , politische Wissenschaften der von den 
Obskuranten bald verfolgte Kunizyn — blieb ihm für's Leben 
heilig, Zarskoje Sselo sein eigentliches »Vaterland«. Hier be- 
gann der Knabe zu dichten, zuerst französisch , wie er es schon 
im Elternhause begonnen haben soll, dann russisch; schon 1814 
werden seine Versuche gedruckt, 1815 schreibt er seinen Namen 
unter die »Erinnerungen an Zarskoje Sselo« , die ihm beim 
öffentlichen Vortrag den Segen des zu Tränen gerührten Dier- 
zavin eingebracht hatten. Von diesen »Lyzealgedichten« hat 
dann der Dichter selbst eine stattliche Anzahl, nicht ohne Ver- 
änderungen, namentlich Kürzungen, in die Gesamtausgabe ein- 
gefügt. 

Die Töne, die er anschlug und die oft noch jahrelang nach 
dem Verlassen des Lyzeums (1817) fortklangen, waren bereits 
komplizierter Art; nicht in der Faktur, aber in den Themen. 
Natürlich konnte es sich bei dem Knaben nur um blofse Nach- 
ahmung handeln; Voltaire und Parny, Batiuschkov unter den 
Russen , den er außerordentlich hoch hielt , waren seine Muster. 
Den Hauptteil seiner Produktion machten erotische und ana- 
kreontische Motive aus ; bald gestand er selbst , Puschkin ist ja 
Muster poetischer Aufrichtigkeit , dafs er nüchtern die Freuden 
des Weins in wässerigen Versen besungen, Doriden seiner Ein- 
bildung nur gerühmt oder gelästert, der Freundschaft Kränze 
geflochten habe, doch die Freundschaft gähnte und pries im 
Halbschlummer die schläfrigen Verse. So kritisierte sich der 
Anfänger , setzte seine ganze Dichterei , die ihn grofse An- 



— 172 — 

strengung kostete, als loses Tändeln herab: »In der Frühe, 
wenn längst schon alles wacht , schreibe ich , mit halbem Auge 
schlummernd, meine kurzen Verse« (diese Form überwiegt 
allerdings) »in angenehmer Vergessenheit, den Kopf ins Kissen 
senkend«; so spottete er der eigenen Metromanie: »Noch macht 
nicht den Siegel des Genius aus das tödliche Verlangen , m 
Reimen zu schwätzen« , und doch war ihm bereits sein Weg 
vorgezeichnet. Es locken ihn keinerlei äufsere Erfolge: »Ein 
treuer Sohn glücklicher Grazien, sorglos, gleichgültig dräng' ich 
mich nicht unter Hauptleute und krieche nicht unter Assessoren.« 
Als Grabesaufschrift diene ihm: »Hier schlummert der Jüngling- 
Philosoph, der Zögling Apolls und der Grazien.« Er verachtete 
bereits das Murren der Menge , die nicht ahnt , dafs man mit 
Venus und Stoa, mit Buch und Pokal zugleich verkehren, hohen 
Sinn unter leichter Hülle toller Ausgelassenheit bergen kann. 
Jede ernstere Aufgabe wies er noch zurück, aber wenigstens in 
der Litteratur hatte er sich gegen Schischkov entschieden und 
seine Genossen der Nichtaufklärung , die in Nikons Stil Epen 
drucken, »slawenische« Oden zu Bergen türmen, in tollen 
Tragödien sich heiser schreien und für einen Feind des Vater- 
landes ausgeben, für einen Säer des Lasters, der, eine gefühl- 
volle Seele, mit zarten Tönen die Schöne berückt oder mit keckem 
Scherze auftritt, in wahrhafter Sprache redet und russischer 
Dummheit nicht huldigt. 

Neben diesen Anakreontiken , neben zahlreichen poetischen 
Episteln mit offenen oder versteckten autobiographischen Ein- 
lagen (Puschkins Muse beschäftigt sich hauptsächlich mit dem 
Dichter selbst, der uns wie kein anderer Einblicke in sein Leben 
und sein Innerstes gestattet) suchte er auch nach der Mode der 
Zeit nach nationalen Stoffen für leichte, frivole Umdichtung, 
etwa in der Weise des Ariosto. Er glaubte sie in russischen 
Märchen zu finden, wie Zukovskij und andere vor ihm, be- 
arbeitete zuerst den italienischen Bova , und als er diesen Stoff 
wieder liegen liefs. führte er »Ruslan und Ludmila« aus (1820). 
Erstaunlich war die Naivität des Dichters und der Kritik; er 
glaubte wirklich »längst vergangener Tage Werke, tiefen 
Altertums Überlieferungen« zu verkörpern; der Kritiker Polevoj 
nannte den »Ruslan« ein »bezauberndes Bild russischen 
Altertums«, aber ebensogut v/ären Zukovskijs »Zwölf Jung- 



— 173 — 

frauen« aus dem Spiefsschen Romane, die übrigens Puschkin 
humoristisch glossierte, oder des alten Cheraskov Märchenpoem 
Bachariana« »echt russisch«. Der Dichter scherzte nur und 
spielte mit seinem Stoffe, flocht Parodien ein, z. B, das Liebes- 
werben des Fin um die Naina, er studiert so lange Zauberkünste, 
sie zu berücken, bis sie alt und runzlig geworden ist und er sie 
mit Abscheu fortstöfst, wofür sie sich an seinem Schützling 
Ruslan rächt. Im Grunde war dies nicht einmal Ariosto, es fehlte 
dazu Ironie und Leidenschaftlichkeit, es war französische, geist- 
reiche amüsante Spielerei, mit barocken Einfällen, mit fortwährenden 
Digressionen. Und doch nahm das Publikum diese sechs Ge- 
sänge, die, inmitten der Petersburger Zerstreuungen entstanden, 
den Stempel des Gemachten, Erkünstelten auf der Stirn trugen, 
mit Begeisterung auf. Übertrumpft, vergessen war die vDuschenka« 
des Bogdanovic; mit einer vollständigen Umwertung der ästhe- 
tischen Urteile über die Scheingröfsen des XVIII. Jahrhunderts 
hatte der Dichter praktisch und theoretisch bereits begonnen. 
Der Erfolg war kein unverdienter. Diese einschmeichelnde Ge- 
fälligkeit des Verses, diesen Wohllaut der Sprache, diese Zier- 
lichkeit der Bilder, diesen Reichtum spielender Einfälle, diese 
kecken, überraschenden Wendungen, sie waren etwas Neues, 
Unerhörtes auf dem trockenen, steifen, langweiligen russischen 
Parnafs, und schon gab sich der Lehrer, Zukovskij, für besiegt. 
Was uns heute noch am »Ruslan« reizt, der wundervolle Prolog, 
die poetische Verklärung russischer Märchenwelt , wo herrscht 
»russischer Geist, wo es nach Rufsland riecht«, ist ja erst für 
die zweite, stellenweise gekürzte Auflage von 1828 zugedichtet; 
der herrliche Epilog, wo der Dichter in bewegten Worten 
kündete, wie über dem sorglosen Sänger von Liebe und Freude 
unsichtbaren Sturmes Wolken aufzogen , wie die Freundschaft, 
Zukovskij , Karamsin , durch ihr Flehen das Unwetter bannte, 
dem Dichter seine Freiheit sicherte — dieser in seiner Wahrheit 
erschütternde Schlufs ist zwar auch noch 1820, aber nicht mehr 
im Petersburger Trubel , sondern in der Abgeschiedenheit des 
Kaukasus, zugefügt. 

Und noch eines lockte am »Ruslan'< das Publikum, eine echt 
französische Laszivität, das sichtliche Wohlgefallen, womit der 
Dichter bei sinnlichen Gemälden verweilte. Diese Laszivität, bis 
zur Pornographie sinkend , war auch ein Zug seiner Jugend- 



- 174 — 

lyrik, seiner Priapeia, die freilich nur abschriftlich kursierten, 
die sich erst seit 1823 endgültig bei ihm verloren; man nimmt sie 
gern hin, wenn sie witzig erzählt sind, wie der : Zar Nikita«, 
oder wenn uns eine Glut der Leidenschaft entgegenstrahlt, 
wie in der Sakrilegen »Gavriliadac, gegen welche j>La Pucelle« 
ganz unschuldig bleibt. Freilich , wo der Fernaysche Faun nur 
lüstern war, siedete in Puschkins Adern afrikanische Glut. 
Bedenkt man, dafs schon nach zehn bis zwölf Jahren der- 
selbe Puschkin Heiligenleben abschrieb und einforderte, Gebete 
auswendig lernte, in die Öetji Mineji sich hineinlas, so fällt dieser 
rasche Übergang von Kurtisane zur Betschwester auf; doch ist 
er nicht vereinzelt, dasselbe war der Fall mit Puschkins Freund 
Jasykov. 

Neben diesem, nur Bakchus und der Zyprierin dienenden, 
von der Welt und ihren Sorgen gleichgültig abgewandten Dichter 
kannte, ja vergötterte das Publikum einen ganz andern Puschkin. 
Schon im Lyzeum, nach dem Eintritt in die Welt, in die 
Beamtenkarriere im Ministerium des Auswärtigen, die er nicht 
ernst nahm, verkehrte er mit der politisierenden Jugend, die zu 
Geheimbünden neigte, mit Leuten, die sich das Recht der Kritik 
nicht nehmen liefsen, wie Öaadajew. Die intime Freundschaft 
mit diesem Frondeur, dessen kühle Sarkasmen auch die Mächtigsten 
trafen, ist für Puschkin höchst ehrenvoll und bezeichnend : Meinungen 
konnte er wechseln wie Handschuhe ; von ihm, nicht erst von Bismarck 
rührt der Ausspruch her: »Nur Dummköpfe verändern sich nie,« 
aber den Freunden blieb er treu und gedachte ihrer bis in 
Sibiriens unterirdische Bergwerke. Dieser liberale Umgang trug 
nun seine litterarischen Früchte. Schon 1815 dichtete der Knabe 
eine Satire, der Juvenalschen »Urbis incommoda: frei nach- 
geahmt, »An Licinius«. Die römische Toga verhüllte russische 
Anspielungen trotz des Schlufsverses : »Durch Freiheit wuchs 
Rom auf, ging durch Sklaverei zugrunde.« Der Freund wurde 
aufgefordert, die lasterhafte, den Günstlingen fröhnende Stadt zu 
verlassen, auf dem Lande dann in Juvenalschem Geiste ihre Ge- 
brechen zu züchtigen. Immer schärfer, unverhüllter wurden 
seine Angriffe ; in dem Schreiben an Caadajev weifs er sich nicht 
mehr zu zügeln, in der Erwartung des Augenblickes, »da Rufs- 
land vom Schlaf auffahren und in den Ruinen der Autokratie 
unsere Namen einritzen wird«. Im Sinne des XVIII. Jahrhunderts 



— 175 — 

klagte er über den dichten Nebel der Vorurteile ; sein Menschen- 
freund verurteilt der Unwissenheit verderbliche Schmach und 
fragt, ob er je sehen werde das Volk unbedrückt, die Sklaverei 
auf den Wink des Zaren abgeschafft und die Morgenröte er- 
leuchteter Freiheit über dem Vaterlande aufgehen '? Schliefslich 
verschmäht er dieses Abwarten nach dem Beispiel des A. Chenier 
dessen Eintreten für Gesetz und Freiheit, denen die Autokratie 
sowohl wie die Revolution drohen , und feiert nach Sands 
Tat in einer besonderen Ode den Dolch, den letzten Richter von 
Schmach und Unbill, dem man nirgends entgehen kann. Auf 
Pesteis, des Hauptes der Verschwörung im Süden, Gesundheit 
trinkt er — »mögen wir unsere Köpfe retten oder nicht« — , er- 
bost gegen den Tyrannen. Zum letzten Male hat er dann 1827 
den Dekabristen nach Sibirien die Verheifsung baldigen Um- 
schwunges nachgeschickt: »Dafs eure Fesseln fallen, die Brüder 
euer Schwert euch zurückgeben , die Freiheit euch freudig 
empfangen werde.« 

Aber noch gefährlicher als diese Sendschreiben und Oden, 
die den Namen des Dichters über ganz Rufsland trugen, waren 
seine Epigramme, die in seinen Händen wirklich zu Sandschen 
Dolchen wurden. Das Epigramm hatte bisher meist litterari- 
schen Scherzen gedient, jetzt wurde es zu einer politischen Waffe 
oder zum glühenden Eisen, das den Verbrecher mit den Lilien 
zeichnet. Er verschonte niemand, die beiden Kaiser, Arakeejev, 
die beiden Minister für Volksaufklärung, Photius, seinen Vor- 
gesetzten Graf Voronzov, bis zu Karamsin, den er wegen der 
Verherrlichung der Reize von Knute und Autokratie verspottete, 
und Zukovskij, dem zum Hoflakei avancierten Dichter. Diese 
giftigen, pfeilscharfen Strophen erbitterten die Machthaber, 
sicherten jubelnden Zuruf der Menge. Mehrfach kursierte fremdes 
Erzeugnis als Puschkinsches. Zahlreicher als diese politischen 
wurden in den späteren Jahren litterarische Epigramme, in denen 
sich Puschkin seiner Gegner erwehrte ; mit besonderem Hafs ver- 
folgte er den Expolen Bulgarin, den »wohlgesinnten« Vielschreiber, 
der aus echtestem polnischen Patriotismus Polen durch seinen 
Abfall von einem Schurken befreite und die Russen durch seine 
Brüderschaft brandmarkte; der nicht Walter Skott, sondern ein- 
fach Skot (= Vieh) ist. Den lästigen »Schwärm von Stech- 
fliegen und Mücken in den Journalen« traf niemand so wie er 



— 176 — 

mit dem flinken Epigramm : »Ohne Unterschrift liels ich unlängst 
eines los, ohne Unterschrift antwortete darauf ein Rezensent, er 
kannte mich an meiner Kralle, ich ihn an seinen Ohren.« Nach 
Jahren sagte sich Puschkin zum Teil von seinen Epigrammen 
los, bedauerte manches der Jugendgedichte lebhaft, die auf 
seinem Gewissen wie ein Vorwurf lasten. Wir müssen dem 
jüngeren Dichter gegen den älteren recht geben. Puschkins 
Epigramme , die politischen wie die litterarischen , gegen den 
Pedanten Kacenovskij, gegen Grec und seinen >;Sohn des Vater- 
landes« usw., trafen immer das Richtige, auch bei Karamsin und 
Zukovskij — mit einer einzigen Ausnahme : gegen den unglück- 
lichen Polevoj wären sie doch lieber ungeschrieben geblieben ; 
hier sprach mit der verletzte Herrenstolz gegen den bürgerlichen, 
der eine eigene Meinung zu haben wagte — gegen Molcalins 
Axiom. 

Nur mit seinen Sympathien gehörte Puschkin der liberalen 
Jugend an; an der Verschwörerarbeit selbst hat er nie teil- 
genommen. Er wäre ihr schliefslich vielleicht doch verfallen, 
und auch sonst bedrohte der Petersburger Trubel ernstlich jede 
Sammlung des zerstreuungssüchtigen, leichtlebigen Dichters. Da 
griff das Schicksal wohltätig ein durch jene Macht, die stets das 
Böse will und — leider nur selten und zufällig — das Gute 
schafft. Dem Dichter drohte für seine politischen Gedichte 
Sibirien; der Einflufs seiner väterlich milden Freunde wandelte 
dies zu einer Verbannung nach dem Süden, d. i. zu einer Dele- 
gierung nach Odessa, in die Kanzlei des gegen ihn äufserst humanen 
Generals Insov. Hier machte er Bekanntschaft mit der Familie 
des wackeren Kämpfers von 1812, General Rajevskij, mit dessen 
gebildeten und trefflich veranlagten Söhnen und Töchtern. Durch 
diese lernte er Byron kennen und bewundern, mit ihnen besuchte 
er den Kaukasus. Damit beginnt eine neue Epoche im Schaffen 
des Dichters, seine »Byronomanic". Auf die französische Ana- 
kreontik und das graziöse Schäkern mit den Chariten folgen die 
Epyllien im Stile des Briten, der ihn eine Zeitlang >; rasen« 
machte. 

Den Reigen dieser poetischen Erzählungen eröffnete »Der 
Gefangene vom Kaukasus«, 1821 beendigt, 1822 gedruckt; der 
erste unbestrittene epische Erfolg in der Litteratur. d. h. nicht 
bei den zünftigen Kritikern, desto gröfser beim Publikum, 



— 177 — 

Byronisch war die couleur locale, die Wahl des Orientes, die 
Andeutungen statt der Ausführungen, die beschränkte Zahl der 
Personen, nur zwei, die Charakteristik von Held und Heldin. 
Der Held hatte stolz und furchtlos seine feurige Jugendzeit be- 
gonnen, hatte viel geliebt, genossen, gelitten, bald die Menschen 
durchschaut und den Wert des treulosen Lebens, Verrat in der 
Freundschaft, unsinnigen Traum in der Liebe gefunden; jetzt 
welkt er, ohne Entzücken, ohne Wünsche, als Opfer seiner 
Leidenschaften; fürs Glück ist er gestorben; verflogen ist die 
Illusion der Hoffnung ; er wird langsam verlöschen, wie räucheriges 
Feuer, vergessen in wüsten Tälern, denn sein Weltschmerz treibt 
ihn von den Menschen der Natur in die Arme. Auf dieser Jagd 
nach neuen Eindrücken wird er von Bergvölkern gefangen. 
Wir hätten Byron auf Seiten der Freiheitskämpfer erwartet, aber 
diese echt russische Inkonsequenz sei dem Dichter zugebilligt. 
Ebenso ist das Mädchen Kopie Byronischer Heldinnen : willen- 
lose Sklavin des Geliebten; sie befreit ihn, flieht mit ihm und 
sucht den Tod in den Wellen, da sie in dem erkalteten Vulkan 
kein Gefühl mehr auf zuschüren vermag. Nach wenigen Jahren 
schon urteilte Puschkin sehr kühl über die Erzählung: »Alles 
dies ist schwächlich, jung, unvollständig.« Und doch hegte er 
Sympathie dafür: »Da sind Verse meines Herzens.« Er wollte 
darstellen »das vorzeitige Greisenalter der Seele, bezeichnendes 
Merkmal der Jugend des XIX. Jahrhunderts« und daneben die 
grofsartige Berglandschaft, die interessanten Sitten, Bräuche, An- 
schauungen der Kaukasier schildern. Er tat dies als der erste 
unter den Russen, eroberte den Kaukasus für die Poesie seines 
Volkes. Es geschah dies freilich etwas unvermittelt und recht 
unvollständig. Der Dichter nutzte die Situation nicht aus, was 
durch Einführung von mehr Personen mit Leichtigkeit zu er- 
reichen wäre. 

Nach dem Kaukasus bereiste er die malerische Krim mit 
ihren Ruinen alter Pracht und Herrlichkeit. Eine an die »Fon- 
täne von Bachcisaraj«, des Palastes der alten Chane, geknüpfte 
Sage verwertete er zum Epyll gleichen Namens, gedruckt 1824. 
Girej hat das Denkmal errichtet für seine schöne Christensklavin, 
die von seiner bisherigen Favoritin, der eifersüchtigen Sarema, 
ermordet wird. Girej läfst dafür Sarema ertränken. Erzählt wird 
nichts, alle Einzelheiten sind in das schier undurchdringliche 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 12 



— 178 — 

Byronische Dunkel absichtlich gehüllt. Wunderbar ist der Kon- 
trast zwischen den beiden Frauen herausgearbeitet: die Christin, 
vom Pfuhl der Wollust gegen den Himmel heraufblickend, keusch 
imd licht wie ein Engel-, Sarema, das naive Kind der glühenden 
Sinne, ihrer Schamlosigkeit sich ganz unbewufst, nur die Wieder- 
gabe ihres Girej ungestüm fordernd. Girej selbst, der vergebens 
liebegirrende Tatar, und der jähe Umschlag seines Wesens, nach- 
dem ihm die Unnahbare entrissen ist, ist ganz konventionell. Die 
Schilderung der Landschaft war wiederum eine Perle beschreibender 
Poesie. Einen Stoff aus russischer Räuberromantik, »die Brüder- 
Räuber«, schlofs er nicht vollständig ab, es blieben nur Bruch- 
stücke, eine treffliche Schilderung des Räuberlagers, daneben 
dieselbe Affektiertheit der Helden: »Einsam und mürrisch schleppe 
ich mich dahin, versteint ist mein grausamer Sinn, erstorben im 
Herzen das Mitleid.« 

Auf unmittelbarer Beobachtung ruhten wieder seine »Zi- 
geuner« , 1824 geschrieben, 1827 gedruckt; soll er doch selbst 
mit Zigeunern herumgewandert sein. Die Schilderung der Leute 
und ihres patriarchalisch-sorglosen Treibens war unübertroffen, 
und zugleich wurde sich der Dichter zum ersten Male klar über 
die eigentliche Bedeutung seines Byronischen Typus und ver- 
urteilte ihn scharf: der verbitterte und enttäuschte Aleko flieht 
die Welt und zieht zu den Kindern der Natur-, es nagt an ihm 
der Kummer, aber seine scheinbar besänftigten Leidenschaften 
werden wieder erwachen, Verderben und Tod in den sorglos- 
stillen Kreis werfen. Als dem Zigeuner seine Mariula untreu 
wurde, zog er ihre Semphira liebevoll auf; aber als Semphira 
den Aleko verliefs, rächte sich dieser durch den Tod der Flatter- 
haften und ihres Buhlen; der Zigeuner verstöfst ihn dafür aus 
dem Lager : »Wir Wilden haben keine Gesetze, wir foltern nicht 
noch richten hin, wir dürsten nicht nach Blut noch Stöhnen, 
doch wollen wir mit dem Mörder nicht leben; nicht bist du für 
das Los eines Wilden geboren, nur für dich beanspruchst du 
Freiheit; wir sind scheu und seelengut, du böse und verwegen.« 
So ist der wilde Zigeuner der Mensch, der gesittete Aleko das 
Raubtier; aber Glück kennt auch er nicht, und das Gedicht 
klingt ganz pessimistisch aus. 

Von diesen ^ ausländischen« Stoffen, die ihn noch lange 
fesselten — hierher gehören z. B. die Bruchstücke des Galub, des 



— 179 — 

Kaukasier — Christen, der dem Volke durch seinen neuen Glauben 
entfremdet ist — , mit treuer Wahrung der romantischen couleur 
locale, wandte der Dichter sich zu »nationalen« und suchte sie, 
dem Zuge der Zeit folgend, vornehmlich in der Geschichte. Was 
andere achtlos übergingen, oder was sie verdarben, griff er mit 
Vorliebe auf. So korrigierte förmlich sein »Weiser Oleg« die 
mifsratene Ballade des Rylejev, so fiel ihm der Vers aus dessen 
»Vojnarovskij« von der Frau des Märtyrers Kocubej und ihrer 
verführten Tochter auf die Nerven. Wie konnte ein Dichter an 
solchem Grauen vorübergehen; er fand dies unverzeihlich und 
dichtete (1825, gedruckt 1829) seinen »Masepa«, den er, um nicht 
mit Byron zu kollidieren, zu »Poltava ; umnannte, zu eigenem 
Schaden, denn die Haupt- und Staatsaktion Poltava füllt nur den 
dritten Gesang aus, während die beiden ersten gewidmet waren 
dem Hetman und seinem Verhalten zu dem alten, reichen Kocu- 
bej und dessen junger und schöner Tochter, die in Liebe zu dem 
Todfeinde und Henker ihres Vaters , zu dem greisen Hetman, 
entbrennt. Das psychologische Rätsel hat auch Puschkin un- 
gedeutet gelassen, aber dafür, sowie dafs unerwartet der Privat- 
konflikt in die Verherrlichung Peters des Grofsen übergeht, ent- 
schädigte der Dichter durch den wunderbaren Wohllaut des 
Verses, durch die scharf umrissenen Gestalten, die wie lebend 
hintreten; der Stil ist völlig verändert. Mit den einfachsten 
Mitteln, mit einer förmlich gesuchten Natürlichkeit, mit einer 
Kunstlosigkeit , die gröfste Kunst ist , erzählte und schilderte er 
in raschem Tempo , mit lose hingeworfenen Zügen , die doch 
die gröfste Klarheit, epische Deutlichkeit ergaben ; die Schilderung 
der Landschaft der Ukraine, des Zaubers ihrer stillen Sommer- 
nächte, des heifsen Tosens der Schlacht verrieten die sichere Hand 
des Meisters. Nur Masepa ist zum konventionellen Bösewicht 
geworden, nur seine Maria, die Ophelia des dritten Gesanges, 
eine romantische Schablone. Zugleich war das Gedicht , nach 
allen den poetischen Mifsgeburten der Lomonossov usw. , eine 
erste und bis heute einzige, unübertroffene Petriade. 

Schon vorher hatte er Gelegenheit gefunden, in seinen 
»Stanzen« (1826) Peter zu verherrlichen: den Anfang der Re- 
gierung von Nikolaus wie von Peter hätten Aufruhr und Hin- 
richtungen verdunkelt, er hofft und wünscht für die Zukunft 
gleiche Unermüdlichkeit, Festigkeit, Nichtnachtragen des Ver- 

12* 



— 180 — 

gangenen^ — von den eigenen liberalen Anwandlungen nahm er 
endgültig Abschied. Und bald ergab sich in gewohnter litte- 
rarischer Polemik zu einer Petriade neue Gelegenheit. Der pol- 
nische Dichter Mickiewicz. sein einstiger Bekannter von Moskau 
und Petersburg her, hatte dem offiziellen Rufsland Urfehde in 
seinem »Petersburg« angesagt, hatte sich und Puschkin vor das 
Denkmal Falconnets hingestellt und dem Dichter Dekabristen- 
phrasen in den Mund gelegt, hatte schmählich zerzaust den 
Glanz und die Würde des nordischen Babel, des Bauwerkes von 
Teufeln, seiner Wachtparaden, seiner Lakaien und Speichellecker. 
Puschkin nahm in seinem »Ehernen Reiter«, d. i. dem Falconnet- 
schen Bild, den Fehdehandschuh auf, 1833 und 1834; er pries 
den Gedanken, der eingab die Gründung der Stadt, des Nordens 
Zier und Wunder: Ich liebe dich, Schöpfung Peters, deine 
Sommer ohne Nächte, deinen Winter, die kriegerische Lebendig- 
keit deiner Marsfelder (vorher hatten wir es über die :>rasvody« 
Alexanders L ganz anders bei Puschkin gelesen), die zerrissenen 
Fahnen, die durchschossenen Blechmützen deiner Soldaten usw. ; 
sei schön, Stadt Peters, und stehe unerschütterlich wie Rufsland.« 
Es folgte die Beschreibung der grofsen Überschwemmung von 
1824 und einer wahren Episode: ihr Held verliert seine Ge- 
liebte in der rasenden Flut; wahnsinnig vor Schmerz, droht er, 
vor dem Denkmal angelangt, dem Erbauer der Stadt und glaubt 
sich von dem Standbilde des Zaren, er, der ohnmächtige Wurm, 
verfolgt. In die Komposition schlug noch anderes herein, was 
nicht auf Mickiewicz oder Petersburg, wohl aber auf Peters Zer- 
trümmerung der altadligen Prärogativen gemünzt war. Solches 
verzieh nicht der Bojarenspröfsling , der sich immer weiter zu 
einem Hochtory entwickelte — in Rufsland, wo administrative 
Willkür über alle »Rechte« und >.Gefühle« einfach hinwegtritt! 
Einzelheiten des Gedichtes, seines Planes, seiner Redaktionen sind 
widerspruchsvoll. 

Das Recht des Dichters, moderne gesellschaftliche T5"pen 
und Probleme zu behandeln, während die Kritik das »Nationale« 
ausschlief sl ich beim niederen V^olke oder in der Vergangenheit 
suchen liefs, wahrte sich Puschkin ausdrücklich. Seine Lieblings- 
schöpfung, zu der er womöglich auch noch nach ihrem Abschlufs 
zurückgekommen wäre, die jahrelang sein episches und lyrisches 
Schaffen begleitete, »Oniegin« ist eben der Roman aus der Ge- 



— 181 — 

Seilschaft. Es ist dies zugleich der erste russische Roman; die 
vorherigen eines Ismailov oder Narieznyj waren didaktisch- 
satirische Sittenschilderungen. Dem »Oniegin« fehlt zum ersten 
Male jegliche didaktische Tendenz, allerdings nicht die satirische, 
denn »gallige« Stimmung herrschte zu Anfang entschieden vor; 
der Dichter drängte sie erst später ebenso entschieden zurück. 
Von einem objektiven Roman unterscheidet sich ^Oniegin« neben 
seiner Versform durch den starken subjektiven Einschlag, die 
lyrischen und satirischen Digressionen , die stellenweise seinen 
Gang zu überwuchern drohten, die in der späteren Redaktion 
wesentlich gekürzt wurden. Statt Strophen wurden mehrfach 
ihre Nummern eingesetzt, die Strophen selbst blieben fort oder 
wurden nicht zugeschrieben; so erging es sogar dem ganzen 
achten Gesang (»Kapitel« nannte sie Puschkin zum Mifsfallen 
der ganz deroutierten Kritik, die sich an Äufserlichkeiten stiefs, 
weil sie das Ganze nicht zu würdigen vermochte); Oniegins 
Reisebilder hätten die Haupthandlung nur retardiert. 

Nach der eigenen Definition des Dichters ist »Oniegin«, an 
dessen neun bez. acht Kapiteln er von 1823 bis 1831 arbeitete, 
»Sammlung bunter Abschnitte, halb komischer, halb trauriger, 
volkstümlicher und idealer, sorglose Frucht meiner Spiele, schlaf- 
loser Nächte , leichter Begeisterung , unreifer und abgewelkter 
Jahre, kühler Beobachtungen des Verstandes und bitterer Wahr- 
nehmungen des Herzens.« Der Plan wurde noch unter Byrons 
Einflufs gefafst, nach dessen );BeppO'-< und »Don Juan«; aber 
während »Beppo« noch nach Jahren bei ihm fortwirkte in dem 
komisch-skabrösen , vortrefflich erzählten »Graf Nulin« , einer 
Parodie des Lukretiastoffes (Lukretia erwehrt sich mit einer 
kräftigen Ohrfeige, aber ihr Mann kommt doch zu seinem Kopf- 
schmucke), und im »Häuschen von Kolomna« (Einschmuggeln 
des Geliebten als Köchin, Tableau bei seiner Entlarvung), verlor 
sich der Einflufs des »Don Juan« rasch und gründlich; denn 
einmal bot Puschkins Roman — wiederum im strikten Gegen- 
satze zu der bisherigen Übung , die vom Roman merkwürdige 
Abenteuer ä la Don Juan unbedingt erforderte — keinerlei Über- 
raschungen, hielt sich an die einfachste Prosa alltäglichen Lebens; 
anderseits fehlten seiner Satire höhere Ziele, sie focht nur un- 
bedeutenden, meist litterarischen Straufs aus — in Rufsland! 
Wir machen die Bekanntschaft eines jungen Mannes, eines 



- 182 — 

Produktes moderner Verziehung, der hauptsächlich für das 
Studium der ars amandi sich vorbereitet hat, aber vorzeitig dem 
Spleen verfallt, daher mit Freuden Petersburg verläfst, als ihn 
die reiche Erbschaft aufs Land ruft. Schon nach drei Tagen 
stellt sich der Spleen auch auf dem Lande ein. Einige Zer- 
streuung gewährt die Bekanntschaft mit dem aus Deutschland 
frisch heimgekehrten, für Burschenherrlichkeit, Schiller und Kant 
schwärmenden Lenskij , der seinen Gutsnachbar in der Familie 
Larin einführt. Hier sind zwei Töchter, die eine ein »reizender < 
Backfisch mit dem hübschen Gesicht, so rund »wie der dumme 
Mond auf dem dummen Horizont«, Gegenstand heifser Liebe des 
Lenskij; die ältere, Tania, weniger hübsch und frisch, schweig- 
sam, scheu, verschlossen, mit eigensinnigem Kopf und Herz, un- 
verstanden in der schalen Umgebung, sich aus ihr heraussehnend, 
mit lebhafter Phantasie, klugem, energischem Willen, — das 
erste und für lange Jahre einzige , im Grunde bis heute nicht 
übertroffene Bild eines russischen Mädchens, zu dem wir höchstens 
Doubletten bei Turgeniev, z. B. Asia und andere, finden werden ; 
reiche und alte Litteraturen müssen die russische um dieses 
Frauenbildnis beneiden. Die Schöpfung der Tania allein würde 
Puschkin über alle Vorgänger und die meisten Nachfolger hoch 
erheben. Schon hier fällt auf, was uns bei Turgeniev, einem 
Puschkin in Prosa , immer wieder begegnen wird : die Un- 
bedeutendheit des Mannes gegenüber der Frau, als rächte sich 
auf den höheren Stufen der Gesellschaft die ganz untergeordnete 
Rolle der Baba, des Weibes, beim Volke. Auf das naive Dorf- 
kind macht das Opfer der ihr ganz neuen Modekrankheit tiefsten 
Eindruck. Der oder keiner, das ist Schicksalsfügung, ich bin 
die deine, sei du mein Schutz hier, wo ich allein bin, mich nie- 
mand versteht, mein Verstand erschlafft und ich zu schweigendem 
Untergange verurteilt bin. Das gesteht sie Oniegin in dem 
Briefe, der den Vergleich mit dem Brief Julias aus dem »Don 
Juan« wohl aushält. Aber Oniegin weicht ihr aus; er will sie 
nicht an sein s erloschenes Herz fesseln, sie ist ihm eben nicht 
interessant genug, er selbst zu ehrenhaft, nur den Herzensbrecher 
zu spielen. Oniegin mufs dann die Gegend verlassen wegen 
seines Duells mit Lenskij und trifft nach einigen Jahren Tania 
in Petersburg wieder. Die umsonst Schmachtende, Unglückliche, 
ganz Vereinsamte war von den Muhmen und Basen nach Moskau 



— 183 - 

gebracht und schliefslich an eine reiche Exzellenz verheiratet 
worden und erglänzt jetzt als Stern am Petersburger Himmel. 
Nun berückt ihr Glanz Oniegin, er macht ihr den Hof, gesteht 
ihr seine Liebe; da nimmt sie Revanche, freilich auf Kosten 
ihres Glückes: auch sie liebt ihn, wie früher, aber ebenso un- 
erschütterlich ist ihr Entschlufs, ihrem Manne die Treue zu 
wahren und mit Oniegin für immer zu brechen, und sie ist 
Mannes genug — in Rufsland möchte man vielleicht lieber sagen : 
Weib genug — , die Leidenschaft niederzukämpfen und wird 
nicht als Anna Karenina endigen. Der Roman »Oniegin« wird 
zu einem Roman »Tania« , sie ist die Hauptfigur, schon ihres 
moralischen Wertes wegen; die ursprüngliche Anlage verschiebt 
sich somit völlig. Der Erfolg des Romans, dessen einzelne Kapitel 
1825 — 1832 erschienen, war ein ganz ungleichartiger. Die ersten 
Gesänge entzückten wegen ihrer Digressionen , lyrischer Inter- 
mezzos und galliger Ausfälle ; die späteren, mit den künstlerischen 
Einzelbildern des Landlebens, mit dem immer objektiveren Schaffen, 
enttäuschten die nur für romantische Subjektivität empfänglichen 
Leser immer gründlicher. Gegenüber dem raschen und starken 
Reifen des Talentes sprach man nur von einem endgültigen Ver- 
fall desselben. Der Dichter war mit seinem Werke, ein bei ihm 
seltener Fall , zufrieden und sprach mit Gelassenheit »von den 
Almanachen und Journalen , die mich heute so scharf schelten 
und mir einst nur Madrigale boten: e sempre bene, meine Herren!« 
Nur konnte nicht geleugnet werden, dafs der Held selbst, ob- 
wohl eine Lieblingsfigur des Dichters, im Verlauf der Kapitel 
deklassiert worden ist. Wir hätten in ihm mehr vermutet, schon 
weil er sich offen als Sprachrohr des Dichters hinstellt, z. B. in 
jener schroffen Verurteilung der russischen Litteratur, aus dem 
»Album Oniegins« : >Wo sind ihre eigenen Werke ? Sieberühren 
uns heimisch durch ihre Sprache ; aber kann dies genügen ? 
Die Prüfung unserer Gedanken, unserer Erfahrung schöpfen wir 
doch nicht aus den verwilderten Übersetzungen oder den späten 
Nachzüglern , wo russischer Verstand und Geist , Fibelweisheit 
wiederholt und für zweie lügt. Wahrlich, nett ist der russische 
Helikon!« 

Ein von der Kritik und dem Publikum gleich heifs ersehntes 
nationales Werk war zum ersten Male geschaffen, aber achtlos 
ging man an ihm vorbei wegen der engherzigen Fassung des 



— 184 — 

Begriffes »national«. Solcher hatte auch Puschkin gehuldigt, 
als er 1825 seine dramatische Chronik, den »Boris Godunov« 
schrieb. Dem Epiker fehlte allerdings dramatisches Talent 
vöHig, brachte er es doch über sich, den Inhalt von »Mafs 
für Mafs<: episch nachzuschaffen , in seinem »Angelo« aus 
den späteren Jahren! Sein ;>^ Boris Godunov« ist die gröfste 
poetische Huldigung, dargebracht dem Karamsinschen Geschichts- 
werke, eine Frucht von dessen eingehender Lektüre, formell den 
Shakespeareschen Königschroniken nachgeahmt, nur noch loser, 
undramatischer gebaut, ohne jegliche Einheit; die Szenen hätten 
beliebig früher einsetzen können , z. B. in Uglic , und konnten 
nach Beheben fortgesetzt werden ; ihre Grenzen sind willkürlich, 
d. i. chronologisch. Puschkin griff den einzigen dramatischen Stoff 
der altrussischen Geschichte heraus; wir sagen den einzigen, 
weil nicht einmal Iwan der Gestrenge oder Peter der Grofse 
dramatisch wirken können ; es fehlt ihnen nämlich an jeglichem 
Partner, das Abschlachten wehr- und willenloser Herden ist noch 
lange nicht dramatisch; dramatische Spannung verliert sich in 
Räumen, deren einzige, allerdings unüberwindliche Stärke ihre 
Distanzen ausmachen, dafs von einem Gedanken zum nächsten 
fünftausend Werst dazwischenliegen , wie Viasemskij spottete. 
Puschkin war nicht der erste Bearbeiter des Stoffes; seit Ssuma- 
rokov und Nariezn3^j hatte man den falschen Demetrius auf die 
Bühne gebracht, und nach Puschkin haben es die Tolstoj, 
Ostrovskij usw. immer wieder versucht, doch hat niemand 
Puschkin übertroffen. Der Schillersche »Demetrius« ist vom 
2. Akte ab ein blofses Märchenspiel aus dem Orient, das zu- 
fällig historische Namen trägt, und kann mit dem Realismus 
Puschkins keinerlei Vergleich eingehen. 

Ein Kaleidoskop historischer Szenen ist der »Boris«. Jede 
einzelne Szene ist von wunderbarer packender Treue, Wahrheit, 
Einfachheit; alles durchglüht von der Sympathie des Dichters 
für den Stoff; »c'est une oeuvre de bonne foi« , konnte er mit 
Fug und Recht sagen. Über die Auffassung der einzelnen 
Charaktere werden wir nicht mit ihm streiten; uns befriedigt, 
dafs er nicht blofse Typen, Bösewichte, Ehrgeizige, Heuchler, 
wozu der Stoff leicht hätte verführen können, sondern Individuen 
schafft, Menschen mit Fleisch und Blut, vielförmig wie im Leben. 
Ebenso lassen wir einige Anachronismen durchgehen , werden 



— 185 — 

wir doch mehr als entschädigt durch die intensive Vision dieses 
Altertums, die hundertjährige Entwicklung, wenn auch ideali- 
sierend , mit aufserordentlicher Prägnanz erfafst , z. B. die herr- 
liche Szene in der Klosterzelle, wo der Mönch-Annalist seine 
Auffassung der Welt und seines Werkes entwickelt; die Volks- 
szenen in der Schenke an der litauischen Grenze wie in Moskau 
können mit Shakespeareschen rivalisieren. Ein wahres Wunder 
schuf er dann in der Sprache, die bisher kein »Dichter« der alten 
Zeit hatte anpassen können; wie Karamsin in den Stil der 
Chroniken förmlich hineinkam, so lälst er seine Personen einfach, 
kräftig, altertümlich sprechen und steigert nur unsere Illusion. Und 
doch zögerte der Dichter, wie der Erfolg zeigte, mit Recht, mit 
der Herausgabe des Dramas, die erst 1831 erfolgte und ein völliges 
Fiasko ergab. »Unser scheuer Geschmack wird echte Romantik 
nicht vertragen,« schrieb er 1825. Auf die Bühne fand er über- 
haupt keinen Weg , wenigstens für Dezennien nicht ; das Publi- 
kum stiefs sich an der scheinbaren Kühle, d. i. an der Objektivität 
des Dichters, die Kritik an dem Mangel eines deutlichen Planes, 
an der Aufserachtlassung der einfachsten dramatischen Forde- 
rungen, dafs der Dichter die verschiedensten Szenen in demselben 
reinen, strengen Stil von klassischer Einfachheit durchführte; dafs 
er der erste war, der vollendete Bilder altrussischen Lebens — nicht 
umsonst war das Drama dem Andenken Karamsins gewidmet — 
zeichnete ; dafs Personen dieser Szenen zu faszinierender Lebens- 
wahrheit sich erhoben, beachtete die voreingenommene, Puschkin 
bereits gram gewordene Stimmung der zünftlerischen Kritik 
nicht. 

Diese dramatischen Szenen weckten Lust zu anderen; doch 
sollten keine gröfseren Gemälde komponiert werden ; es verblieb 
bei einzelnem Detail. Die Szene aus Faust z. B. gab einen 
Dialog zwischen Mephisto und einem nicht Goetheschen, sondern 
eher Byronischen Faust, einem von Langeweile angeekelten 
Pessimisten des XIX. Jahrhunderts; »der geizige Ritter« wies 
die Übermacht des gleifsenden Goldes über den in sein Zauber- 
netz Verstrickten in fast grandiosen Umrissen; die interessanteste 
ist »Mozart und Salieri« : der Gegensatz zwischen dem gott- 
begnadeten, sich sorglos gehen lassenden, jugendlich-leichtsinnigen 
Genius und dem Talente, das jeglichen Fortschritt im Schweifse 
des Angesichts mühevoll sich erkämpft, das über diese ungerechte 



— 186 — 

Verteilung der Gaben murrt, weil diese Gaben nicht das auf- 
opferungsvolle Sichabmühen, wohl aber das Haupt eines tollen 
Müfsiggängers krönen- eine ganz unverbürgte Anekdote, wie 
der Brotneid den Handwerker ziun Verbrechen an dem Künstler 
trieb , gab den Anstof s. Im » Steinernen Gast « ist die Herzens- 
brecherei des Don Juan meisterhaft geschildert, mustergültig der 
Wohllaut der Verse. Unvollendet blieb j>Die Nixe«, wie das 
Libretto zu einer Oper aus einer \^olkssage, die auch Mickiewicz 
bearbeitete : wie die Verlassene, Nixe geworden, den Ungetreuen 
herabzieht in ihr Element; der Schlufs ist erst unlängst ge- 
funden und gab Anlafs zu langatmigen Erörterungen. 

In der »Nixe« streifte der Dichter volkstümHche Töne; falsch 
orientiert von der Kritik über Nationales, d. i. Volkstümliches, 
suchte er sich mit der russischen Märchen- und Liederwelt, die 
ihm während seiner Jugendjahre so gut wie verschlossen war, jetzt 
zu befreunden ; er sammelte selbst aus dem Volksmunde Lieder und 
brachte Märchen in Verse. Gerade die ersten, schwächsten Ver- 
suche, wo er noch gar nicht den richtigen, epischen Ton zu treffen 
vermochte, dem Stoffe skeptisch gegenüberstand, seine Ratlosig- 
keit unter Ironie verbarg, gefielen am allerbesten, schienen neue 
poetische Offenbarungen, eröffneten die Perspektive auf »natio- 
nale« Poesie. Aber Puschkin erstarkte rasch. Die letzte Skaska 
vom Fischer und Fischlein (1833) wahrte volkstümliches Kolorit 
nicht nur in Äufserlichkeiten , sondern im Ton und Geist des 
Ganzen. 

Neben diesem Ringen mit der epischen Muse, auch in den 
Dialogen und Monologen seiner dramatischen Versuche, wobei 
der dichterische Proteus eine erstaunliche Gewandtheit im Be- 
herrschen der verschiedensten Stoffe und Formen siegreich be- 
wies, ging lyrisches Schaffen ununterbrochen einher, das Schaffen 
eines echten »Gelegenheitsdichters«, der nur auf bestimmte Ein- 
drücke reagiert , nicht in unbeschränktem Belieben erotische, 
bakchische und andere Stoffe variiert. Wahre Perlen der Lyrik 
sind es, vollendet im Ausdruck, klar bis zur Durchsichtigkeit, 
tief und wahr gefühlt, die erotischen von einer Zartheit, Keusch- 
heit und Innigkeit, die nichts von der ausgelassenen Sinnlichkeit 
seiner Jugendlyrik hat ; alle überraschend durch ihre Vielseitigkeit, 
gerichtet an die Jugendfreunde aus dem Lyzeum, sogar ans 
Meer, um mit den Sänger des Meeres, Byron, zu feiern, »der, 



— 187 — 

wie du, machtvoll, tief und düster, wie du, durch nichts ge- 
bändigt«. Besonders bezeichnend sind die Geständnisse des 
Dichters über seinen Beruf. Er teilt die romantische Auffassung 
von der aufserordentlichen Weihe des Dichter-Sehers, von der 
Niedrigkeit des Pöbels, zu dem sich der Seher herablasse, ihm 
die Weisheit zu künden, die Wege zu weisen; er schätzt seine 
Illusionen hoch ein , tauscht sie nicht aus gegen vulgäre Wahr- 
heiten. »Verwünschet sei der Wahrheit Licht, wenn es dem 
kühlen Mittelmafs, dem Neidischen, dem Skandalsüchtigen müfsig 
zu gefallen sucht. Nein, über Haufen niederer Wahrheiten gilt 
mir mehr der uns erhebende Trug.« Er verachtet die Menge, 
den Taglöhner, den Knecht seiner Notdurft und Sorgen. »Wir 
Dichter sind geboren für Begeisterung, für süfse Töne, für Ge- 
bete, nicht um die Menge zu bessern oder zu belehren oder ihren 
Kehricht abzufegen. Der begeisterte Dichter fliehe die Menge, 
streng und wild, voll der Töne und der Verwirrung, schätze 
nicht hoch die Liebe des Volkes ... du bist ein Herrscher, lebe 
allein, fordere keinen Lohn für deine edle Leistung, du trägst 
ihn in dir, du bist dir dein höchstes Gericht und sei du nur mit 
deinem Werke zufrieden, lafs es die Menge schelten, speien auf 
den Altar, wo dein Feuer brennt und deinen Dreifufs in kindi- 
schem Spiel erschüttern.« Diese Gleichgültigkeit gegen das Urteil 
der Menge entstellt sogar sein poetisches »Denkmal«, das er sich, 
Horaz nachahmend, selbst gesetzt hat: »Non omnis moriar, be- 
rühmt bleibe ich, solange auf dem Erdenrund ein Dichter über- 
leben wird, mein Ruhm wird das weite Rufsland durchwandern. 
Lange wird mich mein Volk lieben dafür, dafs ich edle Gefühle 
mit meiner Laute weckte, dafs in den harten Zeiten die Freiheit 
ich besang (in der ursprünglichen Fassung: dafs ich Radischcev 
folgend, Freiheit besang) und Gnade für die Gefallenen erflehte. 
Fürchte dich nicht , o meine Muse , vor Unbill , da Kränze du 
nicht verlangst, nimm gleichgültig hin Lob und Nachrede und 
streite nicht mit dem Dümmling«. Diese Gleichgültigkeit war 
allerdings nicht ganz aufrichtig gemeint ; der in der Jugend vom 
Beifall so Verwöhnte empfand die zusehends wachsende Gleich- 
gültigkeit und die abfälligen Urteile bitter, wie er überhaupt als 
Mensch ein ganz anderer war, denn als Dichter. Er sprach es 
ja frei heraus: »Solange Apollo — mythologischen Arabesken hat 
er nie ganz entsagen können — seines Dichters zum geheiligten 



— 188 — 

Opfer nicht bedarf, versenkt sich dieser kleinmütig in Sorgen 
eitler Welt, es schweigt seine Laute und schläft kühl seine Seele, 
und unter allen nichtssagenden Kindern der Welt ist das nichts- 
sagendste vielleicht er.« Es wundern uns nicht seine bitteren 
Klagen über das Leben. »Fruchtlose, zufällige Gabe, wozu wardst 
du mir verliehen '? Kein Ziel sehe ich vor mir, öde ist das Herz 
und leer der Kopf, und es erfüllt mich mit Qual das eintönige 
Rauschen des Lebens. Und doch , warum ängstigt mich in der 
schlaflosen Nacht des Lebens Mäusegelaufe, — ein Vorwurf des 
verlorenen Tages?« Schon 1829 tauchen bestimmte Ahnungen 
eines frühen Todes auf. 

Je seltener Puschkin in den späteren Jahren seine Poesie 
kommandierte, desto eifriger wandte er sich der verachteten Prosa 
zu; er glaubte, etwa wie Gogol, an seinen Beruf als Historiker, 
doch kam aufser Materialiensammlungen zu Peter dem Grofsen, 
zum PugaCevschen Aufstand, nichts heraus. Dafür versuchte er 
sich in prosaischen Erzählungen nicht ohne Glück. Der frühere 
Dichter des Oniegin w^andte sich von zeitgenössischen Problemen 
immer entschiedener ab ; es beschäftigten ihn zwar moderne, echt 
russische Motive, aber entweder trat er sie anderen ab (Gogol) 
oder er liefs die Sachen, kaum angefangen, wieder stehen. Da- 
gegen zog ihn historische Belletristik an; zum russischen Walter 
Skott fehlte ihm schon das Zutrauen zur Prosa : gegen den 
machtvollen Schwung seiner Verse sticht die klare , aber förm- 
lich behutsam tastende, schmucklose Sprache seiner Erzählungen 
ab. Die Stoffe wählte er aus den ihm vertrautesten Epochen, 
wie Peter der Grofse seinem Araber die Bojarentochter freite 
(unvollendet, mit interessantem anekdotischen Beiwerk), und aus 
der Pugacevschcina, »die Tochter des Kapitäns«, mit dem Tugend- 
helden und seiner obligaten Belohnung; das Milieu ist aufser- 
ordentlich charakteristisch wiedergegeben. Die »Erzählungen 
Bielkins« sind mehr Anekdoten, gruseliger und sentimentaler 
Art, nicht ohne Reiz erzählt; »Pikdame«, eine Spielergeschichte, 
mutet uns wie T. A. Hoffmann, für den man in Rufsland bald 
schwärmen sollte, an; sie fand auch den gröfsten Leserkreis. 
Das AUerinteressanteste wären freilich die »Annalen des Dorfes 
Gorochinoc, auch eine Beleuchtung der Leibeigenschaft; leider 
brechen sie rasch ab. Noch näher als diese historischen, durch 
kaiserliche Gnade reich dotierten Studien und belletristischen 



— 189 — 

Versuche lagen ihm publizistische ; er beteiligte sich an Moskauer 
und Petersburger Journalen und erhielt schliefsHch die Erlaubnis, 
einen unpolitischen, nur litterarischen »Zeitgenossen«, der seinen 
Namen wie »canis a non canendo« getragen hätte, herauszugeben, 
in dem er auch eine Stätte autoritativer litterarischer Kritik 
schaffen wollte, um sie Pedanten und unberufenen Händen zu 
entreifsen. Er hatte mit seiner Quartalsschrift keinen Erfolg, 
trotzdem er die besten Litteraten um sich gruppierte; erst nach 
Jahren, als der .^Zeitgenosse« in die Hände der Jugend gelangt 
war, sollte er den ungeahnten, tonangebenden Einflufs erreichen, 
den wir mit diesem Namen unzertrennlich verknüpfen. 

Ohne dafs der Dichter es geahnt hätte, ohne dafs er sich nur 
Rechenschaft gab, wäre er schrittweise, aber unaufhaltsam — die 
echt russische Verwandlung des Sängers der Freiheit — fast zu 
einem V^erherrlicher der Gensdarmen geworden. Vergebens 
wehrte er sich dagegen und bekannte, der Dichter wäre geboren 
»nicht für des Lebens Wirren, für Eigennutz und Kämpfe, nur 
für Begeisterung, für süfse Töne und Gebete«. Die abschüssige 
Bahn, die er einmal betrat, führte ihn immer tiefer hinab. 
Weniger freilich in der Poesie, deren Quell in dem frühe Alternden 
langsam bereits zu versiegen begann. Immer seltener besuchte 
ihn die Muse nach 1831 , und einige dieser Besuche hätte sie 
sich sogar ersparen können, obgleich deren Erfolge gerade sehr 
populär wurden. Anders, richtiger, urteilte Viasemskij über diese 
Lakaienpoesie auf Knien, über dieses Besingen der Henker; 
anders Mickiewicz, der für seine einstigen Freunde fürchtet, ob sie 
nicht, entehrt durch Titel oder Orden, ihre freie Seele dem Zaren 
verkaufend, mit feiler Zunge seine Triumphe feiern. Desto mehr 
dafür in der Prosa. Freilich wurde Puschkin jede publizistische 
Tätigkeit, die ihn schliefsHch den Bulgarin und Grec hätte bei- 
gesellen müssen, verweigert, aber sein Streben nach einer ver- 
nünftigen Aussöhnung mit der unerbittlichen Realität des Niko- 
laitischen Systems führte ihn zu den bedenklichsten Konzessionen. 
Es gab für ihn bereits keine Schmach mehr in der unbedingten 
Hingabe an die Autokratie, sofern sie die nationalen Bedürfnisse 
achtet und fördert. Vor Tische hatten wir über Autokratie bei 
ihm anders gelesen. Zu dieser politischen Häutung Puschkins, 
der unerfreulichsten seiner Häutungen, war es auf folgende Weise 
gekommen. 



— 190 - 

Wir hatten seine Biographie bei seiner Verbannung nach 
dem Süden verlassen; Konflikte mit dem neuen Vorgesetzten, 
Grafen Voronzov, auf den er das unvergängliche Epigramm 
schmiedete (von dem Halbmylord, Halbkaufmann, Halbweisen usw., 
nur Schuft wird er hoffentlich ganz)-, eine im Brief aufgefangene 
»Gotteslästerung« bewirkten, dafs der »Unverbesserliche« auf sein 
väterliches Gut verbannt wurde; in dessen Einsamkeit fand er 
Sammlung und nötige Mufse für ausgebreitete historische und 
litterarische Studien, um sich auf die Höhe der Zeit zu stellen; 
hier überdauerte er den Dekabristenputsch und dessen erste 
Folgen, und von hier aus bat er um Aufhebung seiner Acht. 
Einen Monat später holte ihn der Feldjäger nach Moskau zu 
Kaiser Nikolaus, September 1826, mit dem er sich offen aus- 
einandersetzte. Der Kaiser bezeichnete ihn als einen der ge- 
scheitesten Menschen in Rufsland und betraute ihn mit einem 
Memoire über Volkserziehung, erbot sich zugleich selbst Zensor 
seiner Schriften zu sein, gestattete bald darauf den Aufenthalt 
in den Residenzen. Es mehrten sich schliefslich die Zeichen 
kaiserlicher Huld, er wurde wiederum dem Auswärtigen Amt 
zugeteilt, bekam Zugang zu den Archiven, bereiste die Stätten 
des Pugaeevschen Aufstandes, alles mit Erlaubnis ; als er einmal 
ohne solche von Petersburg nach Moskau reiste, wurde er von 
der III. Abteilung moniert. 1833 wurde er sogar Kammer Junker, 
d. h. mit 35 Jahren dasselbe, was sein Freund Viasemskij mit 
18 Jahren geworden war. 

Puschkin söhnte sich langsam mit dem neuen System aus, 
denn dem Dichter spielte seine Phantasie einen schlimmen Streich. 
Das ritterliche Gebaren des Kaisers, dessen Festigkeit und guter 
Wille, der äufsere Glanz Rufslands, sein unermefsliches Prestige 
blendeten und bestachen den Patrioten und Konservativen, der 
bald einen Ton traf, eines Dierzavin würdig; so schleuderte er 
1831 gegen Europa die Invektiven: »Ihr drohet uns mit Worten, 
versucht es mit der Tat! . . . oder ist etwa des Russenzaren 
Wort schon machtlos geworden? oder ist uns etwas Neues, mit 
Europa zu streiten'? oder ist schon der Russe entwöhnt der Siege? 
oder sind wir etwa wenig? oder wird nicht von Permien nach 
Tauris hin, von Finnlands kalten Felsen bis zur flammenspeienden 
Kolchis, von dem erschütterten Kreml bis zu des unbeweglichen 
Chinas Mauern Rufsland auferstehen, blitzend mit seinen Borsten 



— 191 — 

von Stahl? Schickt nur, ihr Redner, zu uns eure erbosten Söhne, 
wir haben Platz für sie auf Ruislands Feldern, inmitten ihnen 
wohlbekannter Grcäberic So vollzog sich der Übergang des Ex- 
dekabristen — gestand er doch offen dem Kaiser, er hätte zu 
»ihnen« gehalten, in das offizielle Lager. 

Leicht wurde es ihm nicht. Sogar die Gnade des Kaisers, 
als Zensor zu fungieren, bedeutete für ihn nur eine neue Last, 
band ihn von vornherein, gewährte ihm höchstens die Befriedigung, 
dafs sein »Boris Godunov« ohne Streichungen herauskam, sonst 
blieben die Anstände mit der Zensur und mit der dritten Abteilung 
die alten ; es bHeb bei der geheimen Polizeiaufsicht , es halfen 
sogar keine Listen, z. B. das Schimpfen auf Radischcev, den er 
so hoch verehrte, um nur den Namen und das Werk öffentlich 
besprechen zu können. Und doch konnte Puschkin, dem wir die 
scharfen poetischen Episteln »An den Zensor« verdanken, be- 
haupten, dafs Zensur etwas Vernünftiges oder Berechtigtes wäre ! 
So setzte sich sein Konservatismus über Logik und Wirklichkeit 
hinweg. Er machte die Entwicklung eines Karamsin durch, ent- 
puppte sich schliefslich als derselbe Verehrer von Autokratie und 
ihrer untrennbaren Attribute, Knute und Zensur, ein tief religiöser 
und hochkonservativer Räsonneur ; russischer Liberalismus pflegt 
immer stark abzufärben , nicht nur bei Gesindel , wie Bulgarin 
und Grec, Ständische, aristokratische, reaktionäre, bigotte Ten- 
denzen machten jetzt den Grundzug seines sozialen, politischen und 
religiösen Charakters aus. Die Aufrichtigkeit seines Wechsels 
bezweifeln wir weniger, wir beklagen nur, dafs der Sänger der 
Freiheit sich ohne jede Reserve in den Dienst des Zaren statt in 
den des Vaterlandes (aber diese Verwechslung ist ständig in 
Rufsland) stellte — ein gütiges Schicksal bewahrte ihn schliefs- 
lich vor der letzten Erniedrigung. Puschkin war auf dem besten 
Wege, sich den heifsersehnten Kammerherrntitel, neue Pensionen 
und Orden, die Gicht und die Gleichgültigkeit, wenn nicht Ver- 
achtung jedes Anständigen zu erwerben, da machte die Kugel 
eines gemeinen Abenteurers seinem unruhigen, gequälten Leben 
ein Ende. 

Es strafte sich bitter, dafs er vom Baume der Erkenntnis 
gekostet hatte; der Rückschlag nach 1825, da sich alles feige 
verkroch, hat auch ihn beileibe nicht verschont. Jener Dezember- 
tag rächte sich nicht nur an seinen unmittelbaren Opfern, sondern 



— 192 — 

an Rufsland, dessen Entwicklung auf Dezennien zurückgedreht 
wurde, und an seinen besten Söhnen, die, aus ihrer Bahn heraus- 
gedrängt, in Apathie versanken oder in unruhiger, nervöser Hast, 
Dilettanten der Kunst, Wissenschaft, Philanthropie, sich über die 
Zwecklosigkeit ihres Treibens hinwegzutäuschen versuchten: die 
Fürsten Orlov (der Chemiker«, einst General, der »Rhein« des 
Arsamas) und Odojevskij, Alexander Turgeniev u. a.; andere 
verloren sich in Mystik: Küchelbeker, der zweite Odojevskij, 
Ivaschev (letztere drei sind Dekabristen) oder bereiteten plato- 
nischen Abfall zum Katholizismus vor, wie Caadajev, oder wurden 
wirklich Katholiken, wie die Jesuiten Pecerin undGagarin; noch 
andere betäubten sich in Orgien und Kartenspiel — auch dieses 
Mittel versuchte Puschkin ; der moralische Halt ging allen verloren, 
dafür war man jetzt gerettet von dem »kläglichen Geist des 
Zweifels und der Verneinung«, von dem >: kalten Skeptizismus 
der französischen Philosophie, von den berauschenden und schäd- 
lichen Träumereien, welche einen so entsetzlichen Einflufs auf die 
schönste Blüte der vorausgegangenen Generation gehabt haben« — 
alles Puschkins Worte. Damit betörte er nur sich selbst — doch 
nicht vollständig. Die letzten zehn Jahre seines Lebens, von 
wenigen Lichtpunkten abgesehen — namentlich liefs ihn an- 
gestrengte litterarische Tätigkeit in den Herbstmonaten, seiner 
liebsten Schaffenszeit, in Boldino z. B. 1830. alles vergessen — , 
rieben ihn nur vorzeitig auf, in steter Unruhe, im Aufnehmen 
der verschiedensten Pläne, Teilnahme an den Kriegsoperationen, 
Reisen usw., in ständigem Wechsel des Aufenthaltsortes, in täg- 
lich steigender Unzufriedenheit mit sich selbst . mit der ganzen 
Umgebung, die schliefslich zu der Katastrophe trieb. 

Sogar die litterarische Arbeit gewährte immer weniger Be- 
friedigung, denn der Beifall weniger Gleichgesinnter konnte ihm 
die völlige Entfremdung des grofsen Publikums nicht ersetzen. 
Die Gründe dieser Entfremdung waren durchaus nicht willkür- 
liche, zufällige, unberechtigte. Man konnte sich nicht mit dem 
Gedanken A'ertraut machen, dafs der liberale, oppositionelle, 
revolutionäre Sänger zu einem lammfrommen Bekenner von 
Orthodoxie und Aristokratie geworden war: man sah darin eine 
Abtrünnigkeit und witterte, zu Unrecht, egoistische Triebfedern. 
Die Gedichte, in denen sich Puschkin des Vorwurfes, Schmeichler 
geworden zu sein, erwehrte, blieben wie das Wertvollste seines 



— 193 — 

Schaffens damals unveröffentlicht. Anderseits enttäuschte die 
ganze Richtung des Dichters, war man doch noch im Banne 
romantischer Überschwenghchkeiten, die ja gerade »Der Gefangene 
vom Kaukasus« , »Die Fontäne von Bachcisaraj« usw. herauf- 
beschworen hatten. Die Evolution des Dichters, der sich von 
diesem Überschwange bald befreit hatte, machte man nicht mit; 
Puschkins eigenes Urteil: »Ruslan« ist kühl, der »Gefangene« 
unreif und vor der Poesie des Kaukasus die reinste Golikovsche 
Prosa, der Chan — in der »Fontäne« — lächerlich melodramatisch, 
hätte dieses Publikum niemals gelten lassen. Je reifer, abgeklärter, 
objektiver, formvollendeter Puschkins Schaffen wurde, desto 
weniger entsprach es dem naiven, melodramatisch - romantischen 
Zuge der Zeit; seine Lyrik schien verstummt — ihre schönsten 
Produkte, die Verse an den Kaiser, an Mickiewicz u. a., blieben 
ja unveröffentlicht. Die epischen und dramatischen Sachen, die 
nach »Poltava« erschienen, fanden immer entschiedenere Ab- 
lehnung ; erbärmliche Dutzendware eines Bulgarin oder Sagoskin 
fand ungleich gröfseren Zulauf. So gingen die Wege des Dichters 
und des Publikums immer mehr auseinander. Erst der tragische, 
unerwartete Verlust , die allgemeine Auffassung von fremden, 
niedrigen Intrigen, die allein den Tod des Dichters verschuldet 
hätten, söhnten das Publikum mit seinem einstigen Liebling wieder 
aus , und an seiner Bahre flammte die alte Sympathie noch ein- 
mal mächtig auf. 

So schwankte schon bei den Zeitgenossen das Urteil über 
den Dichter, und der Kampf um Puschkin blieb auch für die Folge 
bezeichnend. In den vierziger Jahren deutete der Kritiker Bje- 
linskij die Schönheiten seiner Werke als ihr begeisterter Ver- 
ehrer, aber schon er betonte die Kunst des Dichters als eine 
blofs historische und ein ausschliefsliches Dienen dem Schönen, 
nicht der Zeit und ihren Forderungen. Als diese Forderungen 
immer lauter wurden, immer einseitiger, setzte die publizistische 
Kritik die Bedeutung des Dichters immer tiefer herunter, während 
die rein ästhetische an ihrer Bewunderung sich nicht ine machen 
liefs; in der Erregung liefs sich dann die Kritik eines Pissarev 
zu den gröfsten Mafs- und Geschmacklosigkeiten verführen. Erst 
1881, bei der Enthüllung des Moskauer Denkmals des Dichters, 
kam es zu einer einmütigen, überwältigenden Ovation der ge- 
bildeten Welt, mochte es auch nicht ganz ohne Übertreibungen, 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 13 



— 194 — 

z. B. eines Dostojevskij, der seit jeher der tiefste und glühendste 
Verehrer des »Weltgenie« Puschkin war, abgehen; erst seit dieser 
Zeit kann man von einem feststehenden Urteil über den grofsen 
Moskauer sprechen. 

Puschkin ist der nationale Dichter der Russen, obwohl seine 
Dichtung durchaus nicht national ist. Nicht mit Unrecht nannte 
man ihn einen Peter den Grofsen in der Poesie; auch Peters 
Tätigkeit war ja keine nationale. Beide lernten vom Auslande, 
aber nicht sie erst haben die Notwendigkeit dieser Anschauung 
erkannt oder geschaffen, sie haben ihr nur zu dem entscheidenden 
Erfolge verholfen. Puschkin war Nachahmer wie seine Vorgänger, 
aber gegenüber den meist nur mäfsigen Talenten mit ihrer oft 
einseitigen, unentschlossenen Richtung war erst er der poetische 
Genius, der die Widerstrebenden fortreifst, der im Dienste des 
Schönen zu einer moralischen Macht erstarkt, mit der sich die 
Gewalthaber auf dem Throne sogar abzufinden versuchen. Jeg- 
liche Einseitigkeit ist ihm fremd, erstaunlich wird geradezu die 
Anpassungs- oder Verwandlungsfähigkeit dieses Virtuosen der 
Form. Er beginnt mit dem schalkhaftlosen Verherrlichen des 
Genusses, ein Epikureer unter den Dichtern, scheinbar jeglichen 
Ernst fliehend, aber der Sybarit wird zu einem Rufer im politi- 
schen Kampfe und leiht der Entrüstung und dem Spott die 
flammendsten Worte. Wir treffen ihn bald zu Füfsen Byrons; 
durch diese romantische nähert er sich der wahren Poesie und 
findet schliefslich eigene Wege; so wird er der gröfste Kunst- 
dichter der Russen. In einzelnen Szenen des »Godunov«, in den 
späteren Gesängen des »Oniegin« , in einzelnen Lyriken schafft 
er Unvergängliches, die grofsen Muster, ohne die eine Litteratur 
nie grofs werden kann. Nach ihm richten sich zum ersten Male 
die anderen; bisher ging jeder seine eigenen Wege, d. h. ahmte 
diesen oder jenen Ausländer nach, erst Puschkin schuf eine Schule ; 
sogar an den Älteren, seinen einstigen Lehrmeistern, merkt man 
seinen Einflufs. Dieser Einflufs ist wesentlich ein formaler; nicht 
Ideenreichtum, die Meisterschaft des »Puschkinschen Verses«, der 
zu einer ästhetischen Kategorie förmlich geworden ist, wird, meist 
vergebens, von seinen Nachfolgern angestrebt. Der unbeschreib- 
liche Wohllaut von Vers und Sprache, ihre volle sinnliche Plastik 
zugleich, nichts Verschwommenes, Unklares, wie bei Zukovskij, 
paaren sich mit echtem, tiefem Gefühl, inniger Schwermut, leb- 



— 195 — 

hafter Laune; fehlt ihm leidenschaftliche Glut der Liebe wie des 
Hasses, so erreicht er in seinen Dichtungen stets das Gleich- 
gewicht, das er im Leben so schmerzlich vermifste. Er macht 
ganz den Eindruck eines klassischen Dichters, und namentlich bei 
seinem späteren Schaffen vergifst man seine romantischen Prä- 
zedentien, und immer wieder ist es die Vollendung seiner Form, 
die diese Illusionen erzeugt. Sie erscheint uns als natürlicher 
Ausdruck , als wäre sie gleich mit dem Stoffe oder Gedanken 
geboren, aber hinter der scheinbaren Leichtigkeit, Selbstverständ- 
lichkeit birgt sich gewissenhafte, unermüdliche Arbeit, ein Feilen 
und Modeln, Kürzen namentlich und Zusammenpressen des Aus- 
druckes, der bald wie ein schweres, rauschendes Prachtgewand 
den Körper umhüllt, bald wie eine lose Hülle um ihn flattert. 
Auch Krylovs oder Zukovskijs Stil ist ja originell, aber wie 
übertrifft Puschkin, der über alle Register verfügt, die Einseitig- 
keit des einen und des andern ! 

Es ist mifslich , von Puschkin zu reden , unwillkürlich fühlt 
man sich einem Rätsel gegenüber und fürchtet ungerecht gegen 
ihn zu werden. So legten wir Nachdruck auf seine historischen 
Dramen, Epen und Romane, ohne recht zu glauben, dafs sie 
Puschkins Beruf wirklich ausmachten. Er ist ja Dichter der 
Gegenwart, das beweist sein »Oniegin«, seine »Annalen des 
Dorfes Gorochinoc Diese muten uns an, als hätte sie ein 
Scheedrin geschrieben, als wären sie ein Kapitel einer »an- 
klägerischen« Erzählung; auf den gutmütigen Spott über die 
litterarischen Allüren seines Bielkin folgte ein durchaus nicht 
gutmütiger Spott über Lust und Leid russischen Dorflebens. 
Gab es aber eine Möglichkeit, ein derartiges Kapitel fortzusetzen 
vor der Zensur des Kaisers, der Gendarmen, der Unterrichts- 
minister, zuletzt eines Uvarov, den Puschkin mit Recht so 
grimmig verachtete , auf den er das beifsendste seiner Spott- 
gedichte schrieb, das Puschkins Schlufskatastrophe mitverschuldet 
haben soll ? Vor dieser ehernen Mauer prallte Puschkin zurück, 
liefs »Gorochino« und alle vernünftigen, zeitgenössischen Pläne 
liegen und vergeudete viel Zeit und Kraft in den ödesten histo- 
rischen Untersuchungen, aus denen nichts als Langweile heraus- 
kommen konnte. Hier war er wenigstens sicher vor der drei- 
fachen Zensur und der Polizei. »Sing, Vögelchen, sing,« ruft 
in Krylovs Fabel die Katze der Nachtigall zu, die sie in ihren 

13* 



— 196 — 

Klauen hält. Die Fabel gilt Puschkin und dem russischen 
System. Und Puschkin fühlte diesen jämmerlichen Druck und 
schrieb verzweifelnd an seine Frau: »Hat mich der Teufel ge- 
ritten, in Rufsland geboren zu werden — mit Talent!« Wie 
oft mag er sich aus seinem goldnen Petersburger Käfig nach 
der bettelarmen Freiheit seines grofsen Gegners in Paris gesehnt 
haben! Langsam, aber sicher, brachen jsie« ihm seine Schwingen, 
und nur die steigende Unruhe des Dichters verrät die inneren 
Qualen seines Gewissens. Dazu der jähe Tod. 

Es ist stets dankbar und verlockend, von Puschkin zu reden; 
einen echteren Künstler hat die Welt nicht gesehen. Er ist kein 
Dramatiker und kein Epiker; nie weifs er gröfsere Massen zu 
bewegen. Man vergleiche nur seinen »Üniegin« mit dem gleich- 
zeitigen »Herr Thaddäus« des Mickiewicz. Er ist Lyriker, aber 
als solcher das Echo Rufslands. Was er selbst aus dem Gesänge 
des Postillons Heimisches heraushörte, wiederholt sich bei ihm. 
Bald unbändige Lust, bald tiefe Schwermut des Herzens; mit 
Jahren und Erfahrungen verHert sich die eine, steigert sich die 
andere. Als er den -leichtbeschwingten Rausch, die leicht- 
beschwingte Liebe, das süfse Nichtstun« seiner früheren Jugend 
abgeschworen hatte , wollte er »dem Vaterlande der Seele 
höchsten Schwung widmen«. »O, könnte doch meine Stimme 
die Herzen verwirren! Warum flammt in meiner Brust ver- 
gebliche Glut? Warum ward mir nicht zuteil des Redners grofse 
Gabe? Werd ich je. Freunde, das Volk unbedrückt sehen, 
die Sklaverei gefallen auf den Wink des Zaren, und w^ird über 
dem Vaterlande aufgeklärter Freiheit herrliche Morgenröte end- 
lich mal aufgehen?« Statt dessen mufs sein »Arion« singen: 
»Viele waren wir am Steuer, schweigend lenkte das schwere 
Schiff unser kluger Steuermann, sorglosen Glaubens voll sang 
ich den Schiffern. Der W^ellen Schofs rührte plötzlich Sturmes- 
tosen auf , es kamen um Steuermann und Schiffer , nur ich , der 
geheimnisvolle Sänger, vom Sturm aufs Ufer geworfen, singe wie 
früher die Hymnen und trockene an der Sonne unter dem Felsen 
das nasse Gewand.« Auch so täuschte er sich noch: es gab keine 
Möglichkeit mehr, die früheren Hymnen zu singen, noch dafs seine 
unbestechliche Stimme das Echo der Nation bliebe. Wohl hat 
er nicht »durch ungesetzlichen Verrat sein stolzes Gewissen, seine 
unbeugsame Laute erniedrigt«, ward kein Schmeichler, aber er 



— 197 — 

zog sich auf sich selbst zurück , beschwor seine Muse , ihn zu 
besuchen, auf dafs ihm die Seele nicht erkalte, erstarre, ver- 
knöchere mitten unter seelenlosem Hochmut, unter glänzender 
Dummheit, unter gottesfürchtigen Koketten, unter freiwilligen 
Sklaven, unter alltäglichen Modeszenen, sanftem, gelehrtem Ver- 
rat, unter kaltem Aburteilen hartherziger Eitelkeit, unter der 
ärgerlichen Leere berechnenden Sinnens und Schwätzens. Bald 
gestand er sich offen : »Toller Jahre erloschene Lustigkeit drückt 
auf mich schwer wie trüber Katzenjammer. Aber wie der Wein 
wird vergangener Tage Kummer in meiner Seele je älter desto 
kräftiger. Traurig ist mein Pfad. Es bietet mir Mühen und 
Leid der Zukunft wildbewegtes Meer. Und doch will ich nicht 
sterben, o Freunde, — leben will ich, zu denken und zu dulden. 
Und ich weifs, Genufs wird mir zuteil unter all dem Kummer, 
Sorgen und Ungemach. Wieder werd ich mich in Harmonie 
berauschen, in Tränen ausbrechen über mein Ersonnenes, und 
vielleicht wird über meinem traurigen Untergang in Abschieds- 
lächeln Liebe erglänzen . . . »Diesem Programm, d. i. sich selbst, 
ist er treu geblieben. 

Er fand die neuen Töne für die Lieder; er brachte die 
Sprache der Poesie von ihren Stelzen herunter, mochte ihm 
auch voreingenommene Kritik Gebrauch »niedriger Burlaken- 
wörter« (der Barkenzieher) vorwerfen. Nicht genug damit. »Ein 
Säemann der Freiheit in der Wüste ging ich früh aus, vor dem 
Morgenstern, mit reiner, schuldloser Hand in der Sklaverei 
Furchen den nährenden Samen zu streuen. Doch verlor ich nur 
meine Zeit, die guten Gedanken, die Mühe.« Nachdem er genug 
gegen die Strömung angekämpft, flofs er endlich mit ihr, bis 
sein Lebensschiff zerschellte. Auf diesem kurzen Wege offen- 
barte sich ihm noch die Poesie der russischen einförmigen Land- 
schaft, die für seine Zeitgenossen noch ganz unzugänglich war, 
die Poesie des russischen Volkes, die ihnen nicht romantisch 
genug war. 

Es ist keinem Lande gegeben, dafs in ihm mehr als einmal 
sich offenbaren könnte ein Mann mit so verschiedenen und so 
hohen Fähigkeiten, die einander gewöhnlich auszuschliefsen 
pflegen. Puschkin überraschte den Zuhörer durch Lebhaftigkeit, 
Klarheit und Feinheit seines Sinnes; er hatte ein aufserordent- 
liches Gedächtnis, ein sicheres Urteil und einen ausgesuchten 



— 198 — 

Geschmack; ». . . ich kannte ihn recht gut und lange, ich hielt 
ihn für einen Menschen von einem empfindlichen, mitunter 
leichten, aber immer aufrichtigen, edlen und expansiven Cha- 
rakter. Seine Fehler schienen zu entstammen den Umständen 
und der Gesellschaft, in denen er lebte-, aber das Gute in ihm 
kam aus seinem eigenen Herzen,« schrieb sein grofser Freund 
und Gegner Mickiewicz , als die Pistolenkugel die Erwartungen 
vernichtet hatte, die seine Bewunderer auf sein langes, poetisches 
Schweigen setzten, das sie nur als glückliches Omen für die 
Litteratur deuteten. 

Vielleicht war diese Meinung eine irrige, wie so manche 
andere über Puschkin. Man hatte ja einmal von ihm eine poli- 
tisch-liberale Rolle erwartet und sich gründlich getäuscht, sie lag 
gar nicht in seinem Blute, ist dem Bestimmbaren von Jugend- 
freunden aufgedrängt, während er von Haus aus nur konservativ 
war. Ja mehr noch, der Misoneismus Puschkins ist eine gerade 
bei genialen Schriftstellern durchaus nicht seltene Erscheinung. 
Die Revolutionäre, die Neuerer auf dem Gebiete von Geist, 
Wissen , Kunst sind desto reservierter auf allen anderen Ge- 
bieten, als wenn auf diese Weise eine Art Gleichgewicht in ihnen 
hergestellt, Gegensätze ausgelöst werden sollten. Puschkin ist 
nur Diener des Schönen, sucht nur das Schöne, daher der 
Gegensatz von Leben und Poesie bei ihm. Wie unbedeutend war 
z. B. diejenige, wie achtete er sie wenig in Wirklichkeit, an die 
er seine herrlichsten Liebesgedichte gerichtet hat. So läuterte 
seine Kunst, idealisierte das Niedrige, Kleinliche. Über Zeiten, 
in denen der Kult des Schönen zurücktreten mufs, wie in dem 
Rufsland von 1861, das seine Lebensfragen regelte, verliert daher 
Puschkin die Macht. Ebben die sozialen Wellen ab, so kehrt 
man zu seiner Poesie der Schönheit gläubig wieder; der Zauber, 
den sie ausstrahlt, ist eben ein unvergänglicher! 



— 199 — 

Siebentes Kapitel. 
Die romantischen Dichter. 

Die Puschkinsche Plejade: Delvig, Jasykov, Baratj'nskij, Venevitinov. 
Koslov, Podolinskij. Polezajev. Lermontov, Jugend, fremde Einflüsse ; 
gesellschaftliche Themen; Pessimismus; poetische Erzählungen; Dra- 
men ; seine Bedeutung. Kolzov und das Volkslied. 



Wer von den exotischen und mystischen Blüten der deutschen, 
französischen , englischen Romantik an die russische herantritt, 
bleibt enttäuscht. Die Sehnsucht nach der blauen Blume, der 
phantastische Ritt ins Zauberland , die gedankenschweren Alle- 
gorien, pantheistische oder soziale Tniume, mystische Ver- 
zückungen sind russischer Litteratur wie russischem Tempera- 
ment von Haus aus fremd. Beide sind von Natur sehr nüchtern, 
kleben an der Scholle der Wirklichkeit, schweifen nicht in den 
Sternen. Gesunder Menschenverstand — wie reich war Puschkin 
daran — , ein skeptisch angehauchter Sinn — der Russe spottet 
nur über deutschen Enthusiasmus und Überschwang — , ein sehr 
mäfsiges Naturgefühl — den Russen interessieren nur Menschen, 
seine Landschaften sind auch viel zu arm an Abwechslung und 
Reiz — , eine direkte Abneigung gegen Abstraktionen — bisher 
hat Rufsland noch immer keinen namhafteren Philosophen her- 
vorgebracht, wohl aber Theologen und Moralisten: solche Be- 
dingungen sind für das Gedeihen romantischer Blumen äufserst 
ungünstig. Wie bald ernüchterte sich ein Puschkin, wie wenig 
gibt es russische Gedichte, die im Prunkgewande der Romantik, 
mit all ihren Lilien und Sternen, einhergehen! Noch heute 
sehen wir ja, dafs die Wiedergeburt der Poesie, einer symboli- 
schen, dekadentischen , philosophischen, gerade in Rufsland am 
allerschwierigsten vor sich geht, eher billigen Spott als ernste 
Würdigung erntet. 

Russische Romantik — man sträubt sich förmlich, diesen 
Terminus zu gebrauchen! — unterscheidet sich noch in wesent- 
lichen anderen Punkten von der europäischen. Es zeichnet sie 
eine ganz unromantische Unfreiheit des Geistes aus ; sie erscheint 
aufserordentlich eingeengt, kleinlich, ohne Wagemut, ohne Tiefe, 



— 200 — 

und das lag nicht nur an dem Temperament, sondern an der 
Zeit, an dem Nikolaitischen Regime; sie riecht förmlich nach 
Arakcejevschen Kantonisten, eine Romantik von Feldwebeln und 
Kanzleischreibern. Gewifs sind Henker nötig, aber Henker zu 
besingen ist weder nötig noch schön. Dieses von dem feinen 
Taktgefühl Viasemskijs formulierte Diktum existiert nicht für 
Puschkin, Polezajev usw., die ihre Helden ruhig gegen Öerkessen 
oder Polen aussenden, diese beschimpfen, als wenn z. B. die Cer- 
kessen nicht gegen die furchtbare Übermacht die Freiheit ihrer 
Berge heldenmütig verteidigten; nur Lermontov macht auch 
hierin, wie sonst, eine ehrenvolle Ausnahme. Wie kümmerlich 
erscheinen die russischen Byrons gegen das Vorbild. Wie er 
sich räuspert, wie er spuckt, das haben sie ihm abgeguckt ; aber 
sein Eintreten für Freiheit und Wahrheit verpflichtet sie nicht 
mehr. Ihre Auflehnungen gegen Katechismus und andere Dogmen 
endigen immer mit einem laudabiliter se subiecit; Podolinskij 
bringt es sogar fertig, seine Peri den Div bekehren zu lassen, 
was nicht einmal A. de Vigny bei seiner Eloa gew^agt hat. Ihre 
Opposition — Puschkin ist hierin vorbildlich — läuft in passivem 
Quietismus aus. Ihre angeblichen Kompromisse sind bedingungs- 
lose Unterwerfungen ; sie reservieren sich höchstens schwächlichen 
Pessimismus; die Titanen schrumpfen viel zu rasch zu Pygmäen 
zusammen und rütteln nicht einmal an der Autorität eines Quartal- 
aufsehers. Einer freilich macht Ausnahme. 

Kein Wunder daher, dafs auch in der Puschkinschen 
Plejade kein Romantiker von echtem Schrot und Korn zu finden 
ist ; bei manchem wäre man überhaupt geneigt, seine rein formelle 
Zugehörigkeit hierher auch noch anzuzweifeln. So z. B. gleich 
bei dem jungen »Slawen, einem Griechen seinem Geiste, Ger- 
manen seinem Geschlechte nach«, bei Baron Delvig, dem Studien- 
genossen des Puschkin, der im Grunde auf dem Anfangsstadium 
verblieb, das Puschkin nach 1820 überwunden hat. Er liebte 
sich hinzustellen als verzogen und verhätschelt von Musen und 
Grazien, als wären Lässigkeit und Indolenz des Dichters un- 
entbehrlichste Eigenschaften; wie Batiuschkov ahmte er in seinen 
Idyllen und Elegien die Antike nach und erreichte hohen Grad 
von Zartheit; aber am bekanntesten machten ihn seine Nach- 
ahmungen des Volksliedes, bei weitem die gelungensten imd da- 
her auch mit Recht beliebtesten zu ihrer Zeit, d. h. ehe Kolzov 



— 201 — 

auftrat. Er war nicht produktiv ; ihn zeichnete guter Geschmack 
aus, und stets wandte sich Puschkin an ihn und traute völlig 
seinem Urteil; viel versprach sich daher ihr ganzer Kreis von 
der »Litteraturzeitung«, die Delvig 1830 nach vielen voraus- 
gegangenen Almanachen — »Blumen des Nordens ■!;, »Schneeglöck- 
chen« u. dgl. — herauszugeben begann, und die namentlich einer 
zünftigen, aristokratischen Kritik dienen sollte. Die Aufnahme 
einer Delavigneschen Strophe auf die Opfer der Julitage machte 
der Zeitung sofort und bald auch dem Leben des Herausgebers 
ein Ende, Januar 1831. Die schöne Aussicht, der Autokratie 
publizistisch zu dienen, hat Puschkin weder in dieser Zeitung 
noch in seinem »Zeitgenossen« verwirklichen können. 

Länger dauerte, ohne viel ausgiebiger zu sein, die Tätigkeit 
von Jasykov, den Puschkin begeisterte, zumal als Jasykov ihn 
in seiner Verbannung in Michailovskoje (1826) besucht hatte. 
Nachdem Jasykov in allen möglichen Fachschulen nichts gelernt, 
setzte er dasselbe Studium in Dorpat fort, um als erstes russisches 
»bemoostes Haupt« nach deutscher Burschenart Wein, Weib, 
Gesang nicht nur platonisch wie Puschkin und Delvig zu dienen. 
In diesem ausschweifendsten Studentenleben gab es nur ein 
lichtes Moment, die stille, keusche Verehrung eines Engels auf 
Erden, der Frau Professor Vojejkov, der Schwester von 2u- 
kovskijs Flamme, Frau Professor Moyer. Diese Jasykovschen 
Jugendlieder zeichnete ungeheucheltes Empfinden aus, die Freuden 
des Bacchus und des Eros wurden mit einem an Ideen natürlich 
armen, im Ausdruck der Sinnlichkeit desto reicheren Verse ge- 
feiert. Jasykov wufste als der erste F'rauenschönheit darzustellen ; 
auch gelangen ihm einzelne Naturbilder. Unter die Klänge dieser 
meist burschikosen, oft äufserst plastischen Poesie mischten sich 
auch ernstere , nicht nur in den Versen an seine Muse , Frau 
Vojejkov, sondern in den ersten Gebeten und Nachdichtungen 
des alten Testamentes, die ihn später zu einer rein religiösen 
Lyrik überleiten sollten. Seine Jugendträume fanden nämlich 
ein jähes und trauriges Ende, und als nach längerer Pause der 
Dichter wieder auftrat, war er »durch Krankheit ein Tartüffe 
und durch Verwandtschaft ein Slawophile« geworden. Jetzt 
liefs der reuige Sünder den Dichter in Augenblicken des 
Schreckens und Bebens über Erdenstaub sich erheben, Engels- 
chören lauschen und von Himmelshöhen den Zitternden Gebete 



— 202 — 

herabtragen, dafs wir sie ins Herz aufnehmen und durch 
unsern Glauben gerettet würden — »Das Erdbeben«, 1844 — , 
und gleichzeitig schrieb er die Denunziation in Versen — »Nicht 
unsere« — , wo er Caadajev der Abtrünnigkeit von der Ortho- 
doxie, den liberalen Geschichtsprofessor Granovskij der Irrlehren 
und Verführung der Jugend , Herzen des Tragens glänzender 
Livreen des Westens, alle des Verrates am Vaterlande anklagte. 
Sogar der Slawophile Aksakov war entrüstet über diese »slawi- 
schen Gendarmen in Jesu Christi Namen«. 

Zu gröfseren Konzeptionen reichte es weder bei Delvig noch 
bei Jasykov noch bei den übrigen Romantikern, die im Grunde 
alle nur Lyriker waren, auch der Begabteste unter ihnen, den 
auch Puschkin am höchsten stellte, Fürst Baratinskij, trotzdem 
er sich in erzählenden Gedichten versuchte, die alle nach der- 
selben Schablone gemacht, nur in den Örtlichkeiten wechselten: 
»Eda«, die verführte und verlassene Finnländerin, mit landschaft- 
lichen Schilderungen ihrer Heimat, die Baratinskij aus mehr- 
jährigem Soldatendienste kannte; »Der Ball« in Moskauer Salons; 
»Die Zigeunerin«. Baratynskij ist vor allem Melancholiker; er 
flüchtet sich vor dem Leben in die Dichtung, trauert über die 
Disharmonie zwischen Ideal und Wirklichkeit und läfst sich zu 
Anklagen der letzteren verleiten, in denen unvorsichtige Äufse- 
rungen über die zerstörende Macht des Wissens , über das un- 
getrübte Glück des Einfältigen, des Naturkindes fallen; die Wahr- 
heit wird ihm zu einer Begräbnisfackel ; Enttäuschung, Pessimis- 
mus bemächtigten sich seiner, schliefslich begeistert er sich für 
den Tod , die Auflösung aller Rätsel und Ketten , ihn ganz in 
antiker Weise feiernd, als den Sohn des Himmelsäthers, der mit 
seinem kühlen Hauch des Lebens Übermut zähmt; er besingt 
sogar den letzten Tod auf Erden, das Erlöschen alles Lebens, 
wo dann über der Öde nur ein Nebel wie läuterndes Opfer sich 
kräuselt. »Denn unser schweres Los ist, die festgesetzte Zeit über 
mit krankhaftem Leben sich zu nähren , des Daseins Krankheit 
zu lieben und zu hätscheln, zu fürchten den trostreichen Tod; 
mag dem Dichter Wahrheit im Leben nie erscheinen, so erscheine 
sie ihm doch im letzten Augenblicke, öffne seine Augen und durch- 
leuchte seinen Verstand , auf dafs er , durchschaut habend das 
Leben, in der Nacht Behausung ohne Murren hinabschreite.« 
Verwässerter Schopenhauer in Versen. Wie Jas3'kov schwieg er 



— 203 — 

längere Zeit und trat erst 1842 mit einer neuen Sammlung 
wieder philosophischer Gedichte hervor unter dem bezeichnenden 
Titel »Abenddämmerung« , dieselben Gedanken mit gröfserer 
Vollendung des Ausdruckes wiederholend, in blassen, schatten- 
haften Umrissen. Nicht wird bei der faulen, eingeschläferten 
Menge, die nur auf schale, konventionelle Töne reagiert, das 
Wort widerhallen, das über Leidenschaftliches, Irdisches hinaus- 
gegangen ist. Hier fielen dann die Worte von der Leere und 
Eitelkeit des Wissens, wie sich der Natur Herz dem forschenden 
Geiste verschliefst, die den liberalen Kritiker aufbrachten. Der 
resignierte und melancholische Pessimismus des Baratynskij machte 
auf die Zeitgenossen keinen Eindruck , denn er verstummte vor 
dem leidenschaftlichen Protest eines anderen Pessimisten. 

Ebenfalls philosophisch , aber nicht pessimistisch gestimmt 
war die idealistische Laute des früh, im 22. Lebensjahre ver- 
storbenen Moskauers Venevitinov, des Schellingianers, die keusch 
und zart eher an die Antike als an Romantik, der Form nach, 
anzuknüpfen schien, obwohl die theoretischen Auseinandersetzungen 
des Verfassers sich scharf gegen die konventionellen Fesseln und 
die zuversichtliche Unwissenheit der Franzosen wandten; Vene- 
vitinov war jedoch mehr Philosoph und Kritiker als Dichter. Er 
war unabhängig von Puschkin im Grunde, und dasselbe war der 
Fall mit dem unter ihnen allen ältesten Koslov, der in vorgerückten 
Jahren , gelähmt , dann erblindet , zum Dichter der Resignation 
wurde, einer, wie bei Blinden öfters, mildheiteren, überzeugten, 
nicht erquälten, aufgezwungenen Ergebenheit. Er bildete sich 
eine eigenartige Philosophie oder gar Apotheose des Leidens, die 
an ^ukovskij erinnert : da es kein unwandelbares Glück gibt, uns 
nur die Erinnerung an genossenes Glück tröstet — was anderes 
als Leiden ruft uns diese Erinnerung zurück ? So trägt er sein 
Kreuz dankbaren Sinnes, und in seiner Verehrung für Byron 
mufsten ihn natürlich nicht dessen Proteste und Leidenschaften, 
sondern das Suchen nach Wahrheit und Gerechtigkeit anziehen. 
In seiner »Kiever Erzählung« vom »Mönch« , die sich gröfster 
Beliebtheit erfreute und in die verschiedensten Sprachen (zweimal 
ins Französische, ins Italienische usw.) übersetzt wurde, ahmte er 
zwar Byron nach ; auch sein Held tötet den, der sein Glück zer- 
störte , aber es geschah dies in momentaner Aufwallung. Erst 
dieses Verbrechen hat das Glück der Resignation, die er sich 



— 204 — 

bereits errungen — denn mit dem Kreuze kommt auch die Hoff- 
nung — , für immer verscheucht, und ruhelos wälzt er sich jetzt in 
der Zelle — kein Byronscher Held. Es wählte sich auch lieber 
der sanfte, milde Koslov Frauen zu Helden, die ihr Schicksal 
ergeben tragen , dem Geliebten in den Tod folgen , ihm , auch 
wenn er sie betrogen und verlassen, nicht fluchen, sondern segnen. 
Trotz seiner schwärmerischen Verehrung Byrons wandte er sich 
daher von dessen Erbitterung der sanftheiteren Muse W. Scotts 
zu. Kein bedeutendes Talent aufser etwa in formeller Hinsicht, 
meist nur Nachahmer und Übersetzer; von seinem Namen und 
Lose sind 2ukovskij und Frau Vojejkov, Puschkin und Mickiewicz 
unzertrennlich, ihnen verdankte er Trost und Anregung und feierte 
sie dankbar, Romantiker im schlimmeren Sinne des Wortes waren 
Codolinskij, Verfasser von schaurigen Poemen : sein Borskj-Othello 
z. B, ermordete seine schuldlose Desdemona, aber seine Eifersucht 
war nicht einmal echt, sondern blofses Produkt Byronscher Ent- 
täuschung; seine Romantik, die langweiligste und unbeachtetste, 
ist schon ganz eine fiskalische, ebenso die des Benediktov, Ver- 
fassers von politisch-patriotisch-romantischen Liedern, effektvoll, 
erkünstelt, der Sprache wie der Logik Gewalt antuend, naive 
Leute blendend, von den Kritikern verfolgt, von Bielinskij, der 
vor dieser hohlen Rhetorik warnte, wie noch mehr von Dobro- 
lubov, als er zu Ende der fünfziger Jahre wieder auftrat. Aus 
einer gröfseren Zahl von Dichtern und Dichterinnen sei hier noch 
ein früh verkommener genannt, ein unbestreitbares Talent, dessen 
tragisches Schicksal so charakteristisch ist für das Nikolaitische 
Rufsland und sein patriarchalisches Regime: Polezajev, 

Als Moskauer Student hatte er sich durch seine burschikosen, 
natürlich nur handschriftlich verbreiteten Verse bereits einen 
gewissen Namen verschafft, den sein erzählendes humoristisches 
Gedicht »Saschka«, förmlich Parodie vom »Oniegin«, von tollen 
Studentenstreichen im Bordell und im Kampfe mit der Polizei, 
nur steigern konnte. Bei der Anwesenheit des Kaisers in Moskau 
überreichte diesem die Polizei das corpus delicti. Der Kaiser, ein 
Feind der Universitäten, die ihm als Pflanzstätten geistigen Lasters 
galten und von deren Besuch er die Zöglinge der privilegierten 
Anstalten zurückhielt, erkannte darin einen Rest von Dekabrismus, 
liefs den Studenten vor sich und vor den Unterrichtsminister — 
um diesem die Erfolge seiner Schulen zu weisen — zitieren und 



— 205 - 

zu nachtschlafender Zeit , die für alle administrativen Über- 
raschungen in Rufsland geheiligt zu sein scheint, den ^>Saschka« 
vorlesen. Man male sich nur die Szene aus: der hell entrüstete 
Kaiser, der schläfrige Ministergreis, der anfangs ganz ein- 
geschüchterte Student, schliefslich von dem flotten Tempo seiner 
glatten, prächtigen Verse auf die weifsen Atlasschenkel seiner 
Holden ganz fortgerissen! Der Kaiser küfste väterlich den 
Studenten und steckte ihn zu seiner moralischen Reinigung in 
die grofse russische Korrektionsanstalt, das Heer, mit der Er- 
laubnis, sich im Notfalle brieflich an den Kaiser zu wenden. Als 
Polefajevs Briefe unerwidert blieben, desertierte er, um sie persön- 
lich zu überreichen, wurde ergriffen und zu Spiefsruten verurteilt 
(»Der Arrestant«). Der Kaiser erliefs ihm die Strafe und ver- 
schickte ihn nach dem Kaukasus ; aber in dieser trostlosen Öde 
begann Polezajev, der zu einem Polizeidichter keinerlei Neigungen 
verriet, zu trinken, nur um zu vergessen (»An den Schnaps«). 
Er wurde zwar 1833 nach Moskau zurückversetzt, aber Schwind- 
sucht und Schnaps vollendeten ihr Zerstörungswerk; dem toten 
Soldaten frafsen noch die Ratten im Spitalskeller ein Bein ab. 
Die Sammlung seiner Gedichte , der natürlich jene ergreifend 
düsteren sowie die Zoten fehlten, bot sein Bild in Offiziersuniform, 
weil die Zensur die Soldatenuniform nicht gestattete. Und es war 
ein wirkliches Talent, das den »Spaskije Kasarmy« (Kasernen) 
zum Opfer gebracht war — wieder ein lyrisches nur, denn seine 
Soldatengeschichten sind uninteressant. Ihn zeichnet eine kräftige, 
männliche Diktion aus, die sich mit Vorliebe kurzer Verse bediente, 
sie paarte sich mit dem markigen Inhalt seiner beschreibenden 
und lyrischen Gedichte, über die Schleier der Verzweiflung und 
Erbitterung sich senkten, doch klagte er — bezeichnend für den 
loyalen Russen — nur sich und seine Schlechtigkeit an ! 

Der eigentliche russische Romantiker und B3^ronist ist nicht 
Puschkin, noch viel weniger ^ukovskij, ist Michael Lermontov 
allein, der in Deutschland mit dem Namen Bodenstedts, der ihn 
kannte, bewunderte und übersetzte, verbunden ist: der grofse 
Hasser und leidenschaftliche Ankläger, der verbitterte, pro- 
testierende Pessimist, der in der gedrückten Nikolaitischen Atmo- 
sphäre weniger gewürdigt, mit jedem folgenden Dezennium an 
Bedeutung, Beliebtheit gewonnen hat ; neben Puschkin das zweite 
grofse poetische Genie der Russen , doch war ihm andernfalls 



— 206 — 

Puschkin, nicht vergönnt, uns alles zu künden, was seine Brust 
bewegte. Sein Lied ist jäh und früh abgerissen ; dem erst 28- 
jährigen Leben setzte die Kugel des Freundes und Gegners im 
Duell ein vorzeitiges Ende, Unwillkürlich treten wir mit einem 
Gefühl wehmütiger Unbefriedigtheit an die Betrachtung seines 
Werkes — ungleich mehr , wie bei Puschkin , sind Zweifel an- 
gebracht, wie und was er zu sagen gehabt hätte — , oder täuschen 
wir uns auch hier? Er überrascht durch die auf serordentliche 
Frühreife seines Talentes und durch die Zähigkeit, mit der er 
an einmal gefafsten Problemen festhält. 

Er ist in Moskau am 2. Oktober 1814 geboren. Seine Kind- 
heit verflofs ihm ruhig in der Stille des Edelhofes, die nur eine 
frühe Reise (1825) nach dem Kaukasus unterbrach; Lermontov, 
nicht Puschkin trotz seines »Gefangenen« , ist der eigentliche 
Sänger des Kaukasus. Die Grofsmutter (die Mutter hatte er frühe 
verloren) sorgte für die beste, französisch - englische Erziehung 
ihres einzigen, heifsgeliebten Mischel. Der auf sich selbst an- 
gewiesene, melancholische Knabe versenkte sich frühzeitig in 
Lektüre, namentlich der Dichter, schrieb bald selbst, natürlich 
zuerst französische Verse, dann, schon im zwölften Lebensjahre, 
russische Verse, zuerst nur abschreibend, dann sie erweiternd 
und paraphrasierend, z. B. Puschkin. Mit 13 Jahren kam er nach 
Moskau auf die Universitätspension, dann auf die Universität 
selbst, die er jedoch 1832^ ausgeschlossen wegen Konflikten mit 
seinen Lehrern, verlassen mufste. Der Achtzehnjährige, der bis- 
her nur der Litteratur gedient hatte, trat in die Petersburger 
Gardejunkerschule ein, um sie nach zwei Jahren als Offizier zu 
verlassen. Er wählte die militärische Karriere, weil sie ihn jeden- 
falls auf kürzestem Wege, wenn nicht zum ersten litterarischen, 
so doch zum letzten Ziele alles Existierenden führen würde; ist 
es doch besser mit der Kugel in der Brust als vor langsamer 
Erschöpfung des Alters zu sterben. Schon ein Jahr vorher hatte 
er geschrieben, 1831: x>Nein, ich bin nicht Byron, ich bin ein 
anderer, noch unbekannter Auserwählter, wie er von der Welt 
verfolgter Fremdling, doch mit der Seele eines Russen; ich be- 
gann früher, werde früher enden, mein Geist wird nicht viel 
vollenden.« So ahnte er seinen frühen Tod. Zehn Jahre später, 
1841, beschrieb er ihn deutlich im »Traum«: »In der Mittagsglut 
lag ich im dagestanischen Tal , unbeweglich , mit dem Blei in 



— 207 — 

der Brust, noch rauchte die tiefe Wunde und träufelte das Blut, 
allein lag ich auf dem Sande des Tales . . . »Am 15. Juli des- 
selben Jahres starb er so wirklich. 

Die beiden Jahre der Junkerschule bezeichnete er als furcht- 
bare. Er stürzte sich in den Strudel der Vergnügungen und 
Ausschweifungen und widmete, ein zweiter Barkov — Pornograph 
des XVIII. Jahrhunderts — seine Feder denselben Themen wie 
etwa Polezajev im »Saschka«, doch war das Milieu ein anderes: 
Liebesabenteuer in der Garnison , auf dem Marsche , im Lager, 
mit zynischer Offenheit und aufserordentlicher Kunst. In Ab- 
schriften verbreiteten die Kameraden unter der goldenen Jugend 
der Residenz »Das Petershof er Fest«, »Die Ulanin« , »Mongo« ; 
zuletzt, 1836, »Die Frau des Kassierers«. An diese Eingebungen 
einer zotigen Muse reihten sich viele kleine Lieder gleicher Art 
an. Erwähnt sei nur, dafs z. B. im »Mongo« die Abenteuer seines 
Freundes Stolypin (Mongo) und seine eigenen (Majoschka) dar- 
gestellt sind, ihre Flucht aus der Villa einer Maitresse-Tänzerin 
vor einer Übermacht betrunkener Zivilisten. Lermontov gibt 
eine sehr ungeschmeichelte Charakteristik beider Helden, spricht 
von seiner eigenen Faulheit, dem Gesetz seines Lebens, von seinem 
kühlen Räsonnieren als Frucht seiner Ausgelassenheit, wie er im 
jungen Herzen barg kommenden Kummers Ansatz, wie er vor- 
sichtig war in Worten, hitzig in Taten, schweigsam beim Mahl, gott- 
loser Schwätzer in der Nüchternheit. In der »Frau des Kassierers«, 
im Versmafs des »Oniegin«, erzählte er eine Episode aus seinem 
Garnisonleben in Tambov, wie der Ulan die schöne junge Frau 
des alten Spielers verführt, sie ihm im Spiele abgewinnt mit den 
beliebten Digressionen , Unterbrechungen , Apostrophen an sich 
und den Leser , die wir aus dem »Beppo« und »Don Juan« zur 
Genüge kennen. Hierher gehörte auch sein eigener »Saschka«, 
Liebesgeschichten mit zahlreichem autobiographischem Detail, 
mit einzelnen für Lermontov aufserordentlich charakteristischen 
Versen, z. B. »wozu, wohin das Leben ims führt, dies erforscht 
nicht unser armer Sinn-, doch zwei, drei Tage und die Kindheit 
ausgenommen, bleibt's (das Leben) unzweifelhaft eine häfsliche 
Erbschaft«. Man vergleiche nach Jahren das Geständnis in 
»Langweilig und traurig;, 1840: »und wenn man es kühl be- 
trachtet, so ist das Leben solch ein öder und dummer Scherz!« 

Als Offizier fühlte sich Lermontov in seinem Element, gab 



— 208 — 

sich Zerstreuungen des beau monde hin, fand später sogar den 
lange schmerzlich vermifsten Eingang in die grofse Gesellschaft, 
für die ihn der alte Adel seines Geschlechts, von dem Schotten 
Lermont angeblich, den Walter Scott besingt, und Reichtum und 
Beziehungen seiner Grofsmutter bestimmten, mied die Berührungen 
mit den Litteraten , als wären sie mauvais ton und gefiel sich 
in der Rolle eines Herzenbrechers, hatte auch grofse Erfolge 
trotz seines unschönen Äufseren. War er anfangs scheu, fehlte 
ihm der Schlüssel zu den Köpfen »der Gesellschaft, vielleicht 
gottlob!«, so wich dies später seinem spöttisch-ironischen Ton und 
Benehmen ; an Liebeserklärungen fügte er gleich Grobheiten. 
Dies war wenigstens neu; übrigens liebte er weniger das Weib 
als die Liebe, das erste knospende Gefühl, an der Knospe nur 
zu riechen, sie w^egzuwerfen, dafs sie noch ein anderer aufhebe. 
Er ist immer geschäftig und kocht über, aber das Herz bleibt 
kalt; er ist vollkommen blasiert, nicht nur gegen andere, sondern 
gegen sich selbst. Hat er einen Gedanken, fragt er nur, wo er 
ihn denn gelesen; er wird nie zu etwas taugen, bald fehlt ihm 
die Gelegenheit, bald die Kühnheit. Seine scheinbare glänzende 
Zukunft ist flach und leer, und nichts wird übrig bleiben »de 
cette äme brülante et jeune, que Dieu m'a donnee fort mal ä 
propos«. Die Briefe, aus denen diese Zitate stammen, sind 
natürlich alle französisch. Daher wird ihm dieses Treiben zu- 
wider, ja, er vergifst sich oft in dieser kalten, falschen, bunten 
Menge, sucht, in Träumerei versunken, nach hellen Lauten ver- 
gangener Jahre, und erwacht er, so wandelt ihn die Lust an, 
zu stören die Ruhe seiner Umgebung, um ihr ins Antlitz zu 
schleudern den eisernen Vers, begossen mit Bitterkeit und Bos- 
heit. Er tat es denn auch wirklich, scheuchte auf mit seinem 
flammenden Vers die Muhmen und Basen und Schranzen des 
Hofes und büfste ihn mit der Versetzung nach Grusien; als er 
nach Petersburg zurückkam, vertrieb ihn das Duell mit dem 
Sohn des französischen Gesandten zum dritten Male nach dem 
Kaukasus. Noch einmal, 1841, nach Petersburg zurückgekommen, 
verhefs er es bald und kehrte nach dem Kaukasus zurück, wo 
er dann seinen Freund durch die fortwährenden Sticheleien — er 
war ja ein höchst ungemütlicher Genosse — zu dem Duell zwang, 
in dem er zu Füfsen der von ihm so herrlich besungenen Berge 
gefallen ist. Ein »Held unserer Zeit«, der Pecorin seines Romans, 



— 209 — 

der so viele Züge Lermontovs trägt, obwohl er diese Identität 
geflissentlich leugnete, das Publikum sie geflissentlich suchte 5 
gerade wie beim »Oniegin« des Puschkin, aber damit erschöpft 
sich bereits die Ähnlichkeit beider. 

Ein Produkt des Nikolaitischen Regimes ist der Dichter, 
und schon darin liegt der Unterschied seines Wesens von dem 
Puschkins. Dieser aus der milderen, freieren Alexandrinischen 
Epoche, ist noch ganz von politisch-sozialen Träumereien be- 
fangen gewesen und verlor sie erst langsam in der neuen, ab- 
stof senden Wirklichkeit. Lermontov dagegen ist erst nach dem 
verhängnisvollen Dezembertage aufgewachsen. Da diese Träume- 
reien für lange Jahre der Gesellschaft ausgetrieben waren, so 
fand sich nichts, das die in seiner Brust schlummernden Protest- 
keime genährt hätte. Auch späteres, zufälliges Zusammentreffen 
mit Dekabristen hat daran nichts mehr zu ändern vermocht. 
Daher ist Lermontov der antisozialste russische Dichter, sein 
Pessimismus der hoffnungsloseste ; für ihn gibt es keinen Ausweg, 
denn auch nur die Möglichkeit eines Lebens für Menschen, für 
humane Ziele kommt ihm nie in den Sinn. Sein Sehnen nach 
einem Ideal, nach einem Himmel und Licht bleibt ganz ergebnis- 
los und ist darum nur desto verzweifelter. Die stupide Loyalität 
seiner Zeit und Umgebung, die servile Atmosphäre lockt ja auch 
ihm einzelne loyale Wendungen ab, aber das ändert nichts an 
dem Grundton. Zur Gegenwart weifs er sich nicht zu stellen; 
er verachtet sie und flieht aus ihr, der exotischeste unter russi- 
schen Dichtern, daher auch seine Vorliebe für den Kaukasus. 

War für l^ukovskij die Aufsenwelt kaum vorhanden, fielen 
Gott und Poesie zusammen, entschädigte das »Jenseits« für die 
Kämpfe und Leiden hienieden; errang sich Puschkin, wenn nicht 
im Leben selbst, so wenigstens in seiner Poesie, in die er sich 
vor des Lebens Qualen flüchtete, die Versöhnung der Gegensätze, 
das seelische Gleichgewicht, die objektive Ruhe, die uns so 
imponiert, die den romantischen Zeitgenossen kalt deuchte, so 
gab es für Lermontov keine Überbrückung der klaffenden 
Gegensätze zwischen Ideal und Wirklichkeit, waren nur irdische 
Leiden das für ihn Reale ; nur für Augenblicke konnte ihm Rück- 
kehr zum kindlicheinfachen Glauben das kummer- und zweifel- 
volle Herz erleichtern. Sofort tauchten die bangen, ungelösten 
Fragen auf, und er schied aus dem Leben, ohne in seiner Kunst 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 14 



— 210 — 

heifsersehnte Aussöhnung, seelischen Frieden auch nur vorbereitet 
zu haben. Seine Poesie ist daher ausschhefsHch Poesie des 
Zweifels und des Pessimismus, der Unzufriedenheit und des 
Protestes, und da ihm gab ein Gott zu sagen, was er leidet, so 
zuckten unter seinen Vorwürfen und Klagen die Zeitgenossen 
zusammen. 

Freilich ist seine Poesie hauptsächlich eine egotische wegen 
des eigenen Weltschmerzes als auch wegen der hohen romanti- 
schen Wertschätzung des Dichters, Des Dichters Wertschätzung 
vergleicht er mit dem Dolche des Öerkessen, der ungeschmückt 
ein^treuer Diener seines Herrn einst im Kampfe, jetzt als eitler 
Zimmerschmuck in vergoldeter Scheide hängt. »So hat einst der 
Dichter im Kampfe angefeuert, seine Stimme war nötig der 
Menge, wie der Becher dem Mahle, der Weihrauch dem Altar. 
Es schwebte über der Menge der Widerhall edler Gedanken, 
wie die Glocken der Volksversammlung an den Tagen der Ge- 
fahr oder des Unglücks, aber deine einfach stolze Sprache ward 
uns langweilig. Wir verlangen Trug und Flitter; verachtet ist 
der Prophet, verrostet die Klinge. <2 Und das Los des »Propheten« 
in seinem letzten Gedicht 1841? Der von Gott Begeisterte, der 
reine Lehre der Liebe und Wahrheit zu künden wagte, mufs 
fliehen die Menschen, in der Wüste hausen, verachtet, als ab- 
schreckendes Beispiel den Kindern gewiesen, wenn er doch durch 
die Strafsen eilt. Daher fragt in dem »Gespräch zwischen 
Schriftsteller, Journalist und Leser«, in der Variierung eines 
Puschkinschen Themas, der Dichter: »Was soll ich schreiben? Die 
Eingebungen der Begeisterung, da an den kräftigen Gedanken 
die Worte wie Perlen sich reihen, die Welt durch den edlen 
Traum wie geläutert dasteht, wird sie verlachen und vergessen. 
Die Eingebungen schlafloser Nächte, da Vorwürfe an mir zehren, 
da ich unerbittlich und hart das Laster unter des Anstands Maske 
schmähe, werden mir Hafs und Zorn heraufbeschwören oder gar 
Schwache verführen.« 

Und doch zögerte er davor nicht zurück. Namentlich in 
der herrlichen Klage »Auf den Tod des Dichters« (Puschkin), 
die mit einem Male seinen Namen bekannt machte, da er, der 
einzige, frei heraussagte, was andere kaum scheu anzudeuten 
wagten. Durch seinen Mund sprach das öffentliche Gewissen: 
»Umgekommen ist der Dichter, Sklave seiner Ehre; er fiel, ver- 



— 211 — 

lästert vom Gerüchte^ mit dem Blei in der Brust, mit dem Durst 
nach Rache j sinken lassend das stolze Haupt. Es ertrug nicht 
des Dichters Seele kleinlicher Unbilden Schmach; er trat auf 
gegen die Meinung der Welt, vereinzelt, v^^ie früher, und ist ge- 
tötet . . . Aus der Fremde , wie die Hunderte von Überläufern, 
auf der Jagd nach Glück und Rang ist zu uns durch den Willen 
des Schicksals verschlagen (sein iVIörder) . . . \''erstummt sind 
seiner wunderbaren Lieder Töne; ein Siegel liegt auf seinen 
Lippen. Aber ihr, aufgeblasene Nachkommen durch bekannte 
Niedertracht berühmter Väter, die ihr in gieriger Schar den 
Thron umstehet, Henker der Freiheit, des Genius und des Ruhmes, 
vor euch mufs schweigen Wahrheit und Recht. Doch ihr Günst- 
linge des Lasters, es gibt auch ein Gericht Gottes, das, unzu- 
gänglich dem Klange des Goldes, euer Sinnen und Tun im vor- 
aus kennt. Da werdet ihr umsonst zur Lästerung greifen ; nicht 
wird sie euch wieder helfen , und mit all eurem schwarzen Blut 
werdet ihr das gerechte des Dichters nicht abwaschen I« Kräftigere 
Töne hat kein russischer Dichter angeschlagen. 

Und nicht minder scharf ging er zu Gericht mit der eigenen 
Generation, in der fast gleichzeitigen »Duma«. Gegen Gutes 
und Böses schmählich gleichgültig, welken wir ohne Kampf am 
Anfange unserer Bahn, schmachvoll kleinmütig vor der Gefahr, 
verachtete Sklaven vor der Obrigkeit . . . Wir hassen und lieben 
nur zufällig, nichts opfern wir der Liebe noch dem Hafs, und in 
unserer Seele herrscht heimliche Kälte, da im Blute Feuer siedet 
... In dumpfer, bald vergessener Menge gehen wir an der Welt 
vorüber, ohne Klang und Spur; wir weisen den Jahrhunderten 
keinen fruchtbaren Gedanken, kein vom Genius empfangenes 
Werk. Und mit der Strenge eines Richters und Bürgers wird 
unseren Staub mit verachtungsvollem Vers der Nachkomme 
verletzen, mit dem bitteren Hohnlächeln des betrogenen Sohnes 
über seinen durch Verschwendung ruinierten Vater. — Solche 
Töne sind jedoch selten, vereinzelt. Besonders wäre noch zu 
nennen die mit flammendem Pathos geschriebene »Letzte Um- 
siedlung«, auf die Überführung von Napoleons Leiche nach Paris, 
wo er den Franzosen sagen möchte: »Du bist ein erbärmliches, 
niedriges Volk. . . . Welcher Unwille wird aufbrausen in dem 
grofsen Führer, wenn sein Geist zum neuen Grabmal eilt, wie 
wird es ihn dauern, von Sehnsucht gequält, nach dem glühenden 

14* 



— 212 — 

Eiland unter ferner Gegenden Himmel , wo seiner hütete , un- 
überwindlich wie er, der Ozean.« Sogar den Russen, auch Pusch- 
kin, blieb der Napoleonkult der Zeit nicht fremd. 

Heimischem Ruhme zollte er nur einmal die Ehre, in seinem 
»Borodino«, wo im V^olkston ein Held etwa aus der Batterie des 
Tuschin in Tolstojs »Krieg und Frieden«, schmucklos, kräftig 
von dem ewig denkwürdigen Kampf erzählt, da der Feind nicht 
wenig verkostete, was bedeutet der russische verwegene Kampf, 
unser Kampf im Handgemenge. Sonst liebt er seine Heimat mit 
wunderlicher Liebe. Weder der mit Blut erkaufte Ruhm noch 
der stolzer Zuversicht volle Frieden, noch dunklen Altertums 
heiliges Vermächtnis rühren in mir tröstliches Träumen auf. 
Aber ich liebe, — ich weifs selbst nicht warum, ihrer Steppen 
kaltes Schweigen, ihrer uferlosen Wälder Rauschen, ihrer Flüsse 
meeresweite Überschwemmung. Ich lieb's , im Wägelchen die 
Dorfwege zu passieren, und mit langsamem Blick der Nacht 
Schatten durchbohrend, seufzend nach einem Nachtlager, an den 
Seiten zu begegnen den zitternden Feuern trauriger Dörfchen . . . 
Ich liebe den Geruch verbrannter Ernte, auf dem Hügel inmitten 
gelber Fluren, ein Paar weifslicher Birken . . . und am Festtag, 
im tauigen Abend, bin ich bis Mitternacht bereit, zu blicken auf 
den Tanz mit dem Hopsen und Pfeifen, zum Gespräch trunkener 
Bäuerlein. Aber Ähnliches gefiel schon Puschkin in Rufsland am 
meisten. Dafür lockte ihn der Kaukasus, Hier wird er im 
»Valerik« eine Kampfepisode schildern, dort die Mutter an der 
Wiege des kleinen Kosaken ihr Lied singen lassen, das von 
ihrem vielen Leid erzählt; er wird in kühner Personifizierung 
die Berge über des weifsen Zaren ungezählte Scharen Revue 
passieren lassen, wird die »Gaben des Terek<; besingen. 

In einem unterscheidet sich Lermontov nicht von der Puschkin- 
schen Plejade ; er ist subjektiver Dichter, Lyriker vor allem ; das 
Leben ringsum findet nur ganz ausnahmsweise Berücksichtigung, er 
hält sich von ihm prinzipiell fern, wie ^ukovskij und Puschkin vor 
ihm, wie Baratynskij und Jasykov mit ihm. Daher auch das 
Enge seines Kreises, aus dem er fast nicht hervortritt; ganz im 
Gegensatze zu dem Zauberer Puschkin , der sich in allen mög- 
lichen Formen, Stilen, Stoffen versucht, sich in alle möglichen 
Gestalten der Weltlitteratur verkörpert, bleibt Lermontov immer 
sich gleich. Daher ist die Frage nach der Abhängigkeit Ler- 



— 213 — 

montovs von fremden Mustern, d. i. von Byron — Puschkin verdankte 
er nur wenig, die erste Anleitung etwa — eine ziemlich mülsige ; 
einmal darum, weil er auch ohne Byron grofs war, weil auf ihn 
pafst, was Baratinskij von einem anderen Gottbegnadeten sang: 
»Wenn ich dich, begeisterter Mickiewicz, zu Byrons Füfsen an- 
treffe, denke ich: Demütiger Verehrer, erhebe dich, erhebe und 
gedenke, selbst bist du ein Gott!« Dann, weil sein sogenannter 
»Byronismus«, sein Weltschmerz, kein entlehnter, zeitweiliger 
wie bei Puschkin oder Mickiewicz, sondern ein echter, beständiger 
war, dem Byron nur die äufserliche Fixierung, den Ausdruck, 
die Form zu finden erleichterte. Allerdings unterscheide man 
zwischen dem Anfänger Lermontov und dem Meister. Wenn er 
schon als vierzehn- oder fünfzehnjähriger Knabe seine Gefühls- 
leere , Enttäuschung , Durchkostung der Welt und aller ihrer 
Laster, seine Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld der Kind- 
heit aussingt, so sind dies Lesefrüchte, Erinnerungen, einseitiges 
Reizen seiner Phantastik; mit der Zeit werden sie echt und an- 
geboren; schon die Hartnäckigkeit, mit der er an einmal, oft 
frühe gewählten Stoffen sich förmlich verheilst, bewies, wie sehr 
sie seinem Naturell entsprachen. Das gilt besonders von seinem 
»Dämon«, in dem er einen sehr gewöhnlichen romantischen Stoff: 
Liebe eines Dämons zu einer Irdischen, die vom Psiitleid mit dem 
gefallenen Engel zu seiner Liebe verführt wird — am nächsten 
lag Alfred de Vignys Eloa — , auf dem Kaukasus durch seine Tamara 
lokalisierte; 1829 begann er daran zu arbeiten und kehrte bis 
1840 immer wieder zurück in neuen Umarbeitungen und Zu- 
sätzen. Der Knabe schon identifizierte sich mit dem Dämon : 
»Wie mein Dämon bin ich Auserwählter des Bösen, habe wie der 
Dämon eine stolze Seele, bin unter Menschen sorgloser Wanderer, 
fremd für Himmel wie Erde;« und 1841 gestand er: »Meinen 
jungen Sinn pflegte eine mächtige Gestalt zu beunruhigen ; unter 
den übrigen Visionen erglänzte er wie ein Kaiser, stumm und 
stolz, in solch zauberisch süfser Schönheit, dafs es schrecklich 
war und meine Seele leidend erschauderte. Dieser wüste Traum 
verfolgte viele Jahre meinen Verstand ; aber wie ich die übrigen 
Illusionen verabschiedete, ward ich seiner durch Verse los.« 
Letztere Behauptung eilte den Tatsachen voraus; seines Dämons 
ist Lermontov nie los geworden ; er blieb wie sein Dämon stolz, 
kräftig, leidenschaftlich und wufste ebensoAvenig wie dieser einem 



— 214 — 

Ziele zuzustreben. Gab es doch in der nikolaitischen Zeit aufser 
der Rangtabelle keinerlei Ziel. Von seinem Wege, der nirgends- 
wohin führte j liefs er sich durch die Leidenschaft, die der An- 
blick der Schönen, Unschuldigen entfacht, immer wieder ablenken ; 
nur hätte Eloa ihren Dcämon beinahe bekehrt zu Reue und Gott. 
Der Lermontovsche war unbeugsamer, obwohl auch er durchaus 
nicht B3'rons Luzifer oder Satan selbst ist, keine Verkörperung 
des Bösen, der Verneinung, Rebellion, nur der trotzig-selbständige 
Geist, der seinen Rücken nicht krümmen will — ein für die 
Lakaienzeit sehr bezeichnendes Ideal. 

Wir sind somit in vollster Romantik, die russische hatte bisher 
nichts Ähnliches zu verzeichnen; daher der gewaltige Eindruck, 
den die Abschriften des »Dämon« erregten. Die Zensur ge- 
stattete nicht den Druck bis in die sechziger Jahre hinein! Das 
Ungewöhnliche des Stoffes war gehoben durch das Ungewöhn- 
liche der Form: diese Pracht und Glanz der Verse, der Be- 
schreibungen kannte kaum Puschkin. Und bei diesen romanti- 
schen Stoffen mit einer und derselben kaukasischen Lokalisierung 
verblieb die Epik des Dichters. Im handschriftlichen »Ismail 
Bey« kehrt der Cerkesse, angewidert von der Zivilisation und 
ihrer Hohlheit, in seine Berge zurück; den Seinigen durch alles, 
Glauben usw., abtrünnig geworden, wird er doch nur für ihre 
Freiheit kämpfen, hoffnungslos, weil er deren notwendigen Unter- 
gang kennt. Ismails Rolle, bis zum Zertreten von Frauenherzen, 
trägt deutlich Byronsche Züge. Besonders versündigte sich der 
Dichter gegen jede Wirklichkeit im »Bojarin Orscha«. Da behielt 
förmlich Polevoj recht, wenn er in seinem »Neuen INIaler^ als 
Rezept für ein neues Poem verschrieb: »Nimm den Inhalt aus 
dem ,Giaur', versetze die Handlung nach dem Kaukasus, stelle 
an den Anfang das Gespräch zwischen Romeo und Julia , führe 
dann die von Cerkessen entführte Mignon herein. ■ Doch spielte 
»Orscha« ausnahmsweise nicht unter Cerkessen, wo er doch noch 
eher möglich gewesen wäre. 

Für alle diese unvollendeten, oft in der Anlage mifslungenen 
Versuche entschädigt uns die Perle »Mzyri«, d. i. Klosternovize. 
Das Thema eines im Kloster Unterdrückten, in die Freiheit sich 
Hinaussehnenden hatte Lermontov bereits im »Orscha« an- 
geschlagen und ganze Verse aus dem nicht für den Druck Be- 
stimmten in den »Mzyri« herübergenommen. Russen haben den 



— 215 — 

elternlosen, kleinen Öerkessen Mönchen im Kloster zur Erziehung 
übergehen. In diesen liebelosen, düsteren Wänden wächst er auf, 
Tag und Nacht nach Freiheit sich sehnend, ein Gefangener wie 
Lermontov selbst und seine meisten Helden. In einem unbewachten 
Augenblicke flieht er wirklich ohne Ziel in die Berge zu den 
Seinen , um nach dreitägigem Wandern , nach Entbehrungen, 
Kämpfen mit reifsenden Tieren zurückzukehren ins Kloster, den 
Todeskeim in der Brust. Wir lauschen der Beichte eines 
Sterbenden. Einfacher kann der Inhalt nicht gedacht werden, 
von einer einzigen Person — denn das Bild einer Schönen huscht 
nur traumhaft ideal vorbei, aber welche Sch^ze von beschreibender 
Poesie, welche flammende Glut in den leicienschaftlichen Klagen 
des Novizen! Auch Puschkin beschrieb ja den Kaukasus, aber 
wie blafs und arm sind die Töne seiner Palette gegen diese satte 
Farbenpracht! Da liegt der Novize, zu Tode ermattet, in der 
sengenden Mittagsglut, tiefstes Schweigen, Leblosigkeit ringsum, 
nur eine Schlange, raschelnd im trockenen Gestrüpp, gleifsend 
mit ihrem gelben Rücken, wie eine mit goldener Schrift bis 
unten bedeckte Klinge, furchend den lockeren Sand, glitt vor- 
sichtig, bald spielend und tändelnd auf ihm, wand sie sich im 
dreifachen Ringe zusammen, bald warf sie sich wie angebrannt, 
sprang und verkroch sich in den weiten Sträuchen ... In der 
Fieberhitze, dem Verdursten nahe, träumte er im Bache zu liegen, 
das kühle Nafs zu schlürfen. Fischlein spielen über ihm; eins 
schmiegt sich an oder kreist um sein Haupt und singt mit dem 
silbernen Stimmchen : ,Mein Kind, bleibe hier mit mir, im Wasser 
ist genehmes Leben, Kühle und Ruhe. Ich rufe die Schwestern 
zusammen, im ringelnden Tanze erfreuen wir deinen trüben Blick 
und matten Geist (vgl. den Erlkönig). Schlummere ein, weich 
ist dein Lager, durchsichtig die Decke. Unter wunderbarer Träume 
Rauschen vergehen dir Jahre, vergehen Jahrhunderte. O du 
Süfser, nicht verberg' ich 's, dafs ich dich liebe, liebe wie die 
freie Welle, liebe wie mein Leben . . . J 

Die Jugenddramen des Dichters verraten zwar kein be- 
sonderes dramatisches Talent : Lermontov war allzu subjektiv, um 
sich in fremde Gestalten zu verkörpern; auch läfst er nur die 
Hauptgestalt, sich selbst, deutlicn hervortreten, alle übrigen sind 
blofse Schemen. Interessant ist an ihnen die Tatsache, dafs nach 
einer ganz romantischen Tragödie , natürlich aus dem gelobten 



— 216 — 

Lande der Romantik, aus Spanien, der Dichter sich russischer 
Wirklichkeit und dem eigenen Familienkonüikte , obwohl er ihn 
willkürlich tragisch aufbauschte, zuwendet, also im Drama mit 
der Wirklichkeit sich berührt, die er sonst ängstlich meidet. Hier 
treten Schiller und die Räuber in ihre Rechte; eines dieser 
Dramen trägt sogar deutschen Titel : »Menschen und Leiden- 
schaften«. Aber neben Tiraden ä la Karl Moor fallen auch be- 
deutsamere Worte, so in der Studentenversammlung, wo auf die 
Frage: »Wann werden die Russen Russen werden?« Celajev 
antwortet: »Wenn sie um hundert Jahre sich zurücksammeln 
und von neuem und gesund sich bilden werden« — eine Ver- 
leugnung der Peterburger Periode, die jedem Slawophilen aus 
dem Herzen gesprochen wäre. Das späteste dieser Dramen, »Die 
Maskerade«, zeigt bedeutenden Fortschritt; es ist auch nach 
Jahren auf die Bühne gebracht worden ; aber sein Held ist wieder 
nur der »Dämon«. Er hat keine Wünsche und keine Hoffnungen 
mehr, ist aus dem Kreise lauten Lebens herausgestofsen mit der 
unerträglichen Erinnerung an die unwiederbringlichen Jahre , ein 
düsterer, wahnwitziger Dulder. Sogar den letzten Verlust des 
liebenden und geliebten Weibes erträgt er mit verächtlicher 
Gleichgültigkeit (in der zweiten Redaktion; in der ersten rächte 
noch Arbenin die vermeintliche Untreue des Weibes durch Mord). 

Ganz aus allen diesen Variierungen desselben Charakters 
fällt heraus der »Sang vom Zaren Ivan Vasilievic, vom jungen 
Opricnik und dem verwegenen Kaufmann Kalaschnikov«, 1837. 
Der Kaufmann rächt die Ehre seiner Frau an dem Opricnik und 
wnrd hingerichtet; eine Vision der Vergangenheit, so klar und 
deutlich, wie sie kaum der schliefslich von Karamsin eingegebene 
»Boris Godinov« erreicht, und in einem so volkstümlichen Tone 
nach Art der »Bylinen« erzählt, dafs keine der Balladen Pusch- 
kins, um von Zukovskij und Rylejev zu schweigen, höchstens 
einige seiner Volksmärchen an diese Echtheit russischen Stiles 
und Geistes erinnern. Es mutet uns an, als wäre dies ein blofses 
Virtuosenstück, als wollte Lermontov nur zeigen, wie seine Poesie 
auch objektiv-realistische Darstellung meistern kann , und wäre 
es auch nur aus längst verschollener Zeit. 

Von den Romantikern unterscheidet sich Lermontov noch 
durch seine Vorliebe für die verachtete Prosa. Zukovskij, Puschkin, 
von den anderen zu schweigen, konnten sich nicht zu ihr ent- 



— 217 — 

schlielsen. Puschkin hat zwar Novellen und Romane, d. h. 
Entwürfe zu solchen hinterlassen, aber das wenigste hat er 
ausgeführt. Er liefs es auch meist jahrelang in seinem Portefeuille 
liegen; es ist erst nach seinem Tode bekannt geworden; nur als 
Publizist, Journalist, Kritiker bequemte er sich zur Prosa. 
Lermontov, abgesehen von einem prosaischen Jugenddrama, wird 
für zeitgenössische Themen, anders als »Oniegin«, auf die Sprache 
der Götter und seines Byron ohne weiteres verzichten. Den 
»Held unserer Zeit«, dem eine verwandte, unvollendete Erzählung 
vorausging, hat er 1839 beendigt und herausgegeben; eine ver- 
sprochene Fortsetzung ist ausgeblieben. Der Roman erlebte als- 
bald eine neue Auflage und erregte gröfseres Interesse als die 
Verse des Dichters ; schon meldete sich die kommende Herrschaft 
der Prosa an. 

Es ist dies der erste russische psychologische Roman — 
Gogols »Tote Seelen« sind keine Psychologie, die Puschkinschen 
mehr Anekdoten. Ein Roman aus der guten Gesellschaft, wie 
sie auch die Marlinskij und Ssologub schrieben, obwohl kaukasische 
Bäder und Garnisonen kein rechtes Rendezvouz für diese Gesell- 
schaft abgeben konnten. Allerdings ist auch Pecorin, der Held 
unserer Zeit, mehr nur zufällig hierher geraten. Es ist auch im 
Grunde kein Roman, sondern eine Reihe von Episoden aus dem 
Leben des jungen Mannes, die daher nach Belieben fortzusetzen 
waren. Wir erfahren nichts über die Vergangenheit, wir ahnen 
nicht die Zukunft des Helden, wir lernen ihn nur an einem 
bestimmten Punkte oder Wendepunkte seines Lebens kennen. 
Trotzdem sind wir über nichts im Zweifel, denn Pecorin ist Ler- 
montov, wie er 1839 war, und so fafste ihn auch das Publikum, 
sah darin sogar eigene Erlebnisse des Dichters. Vergebens 
wehrte sich dagegen der Verfasser in der Vorrede zur zweiten 
Auflage ; er meinte , Pecorin wäre gar nicht das Porträt eines 
Individuums, sondern wäre zusammengestellt aus den Lastern 
unserer gesamten Generation in deren voller Entwicklung. Er 
wollte den Zeitgenossen zeichnen, wie er ihm zu dessen eigenem 
Unglück leider so häufig begegnet ist. Er w^eise nur auf diese 
Krankheit, aber wie sie zu heilen wäre, wüfste Gott allein. In 
der Tat gab es aus der Pecorinschen Hoffnungslosigkeit gar 
keinen Ausweg. 

Der Held ist ein Byron in russischem Mantel, d. h. ohne jeg- 



— 218 — 

liehe Spur eines politischen, ja sogar sozialen Protestes, was schon 
den englischen Urtypus ganz aulserordentlich einengt. Er ist ein 
Enttäuschter, hat sich in diese Enttäuschung gefunden, resigniert 
bewufst auf irgendeine Zukunft, lebt passiv, vegetiert förmlich. 
Und doch beweisen ihm die Kräfte, die er in sich fühlt, dafs er 
zu etwas Hohem geboren war. Seine besten Anlagen : die Wahr- 
heit, die Welt zu lieben, schlagen durch den Mangel an Entgegen- 
kommen und Verständnis in das Entgegengesetzte um. Dieselbe 
Beichte läfst Lermontov die Helden seiner Jugenddramen ablegen 
oder seinen Ismail Be)?- : > Da er fern von Betrug war , ward er 
betrogen und fürchtete sich nur darum zu glauben, weil er einst 
allem geglaubt hatte« ; jetzt birgt er kühle und kraftlose Ver- 
zweiflung unter gefälligem Lächeln, was gehen ihn Menschenleid 
und Freude an, er ist gleichgültig gegen alle, aufser gegen sich. 
Er liebt nur für sich, aus blofser Herzensgewohnheit, er lebt wie 
aus blofser Neugierde, er verbittet sich jedes Mitgefühl, er wird 
Fatalist. Aus dem Schmelzofen der Leidenschaften ist er hart 
und kühl wie Eisen hervorgekommen, aber ohne die schönste 
Farbe des Lebens: edler Triebe Sucht. Nun spielt er höchstens 
die Rolle des Beiles in den Händen des Schicksals. Das ist alles 
Pecorin wirklich. Ihm wird als Replique Gruschnizkij in »Fürstin 
Mery« gegenübergestellt, der romantische Poseur, der eben dieses 
alles sein wollte, der sich mit Ernst in ungewöhnliche Gefühle, 
hohe Leidenschaft und exklusiven Kummer kleiden wollte, nur 
um Held eines Romanes werden zu können, und anderen dies so 
oft einredete, bis er selbst beinahe davon überzeugt ward: eine 
Art vmgewollter Selbstkritik Pecorin-Lermontovs. Aber Pecorin 
ist durchaus kein böser Mensch, obwohl er sich manchmal an 
Qualen anderer zu weiden scheint. Er ist edler Empfindungen 
durchaus fähig , er gibt sich für einen Schlechteren aus , als er 
wirklich ist. Sein Hauptfehler ist im Grunde nur »cette froide 
ironie, qui se glisse dans mon äme irresistiblement, comme l'eau 
qui entre dans un bäteau brise«, aus einem Briefe des Dichters 
von 1835. 

Ob es für den Dichter einen Ausweg gab, und welchen er 
gewählt hätte, läfst sich nicht sagen: ebensogut hätte er die 
Litteratur auch ganz aufgeben können. Denn leider noch un- 
gleich besser als auf Puschkin passen auf ihn selbst seine eigenen 
Worte: »Verstummt sind wunderbarer Lieder Töne, nie werdeii 



— 219 — 

sie wieder erschallen, düster und enge ist des Sängers Stätte 
und auf seinen Lippen das Siegel!« Mit Lermontov verstummte 
auf Dezennien russische Dichtung; sie hatte das Ohr der Nation 
verloren, die jetzt auf anderes sann. 

Fast gleichzeitig trug man Ruislands gröfsten Volksdichter 
zu Grabe. Mit ihm rollte sich ein Bild aus dem dunkelsten Rufs- 
land auf, wo jede geistige Tätigkeit, wenn sie nicht unmittelbar 
auf Gelderwerb gerichtet war, dem gröfsten Mifstrauen, Hemm- 
nissen aller Art sich aussetzte. Kolzov, Sohn eines Kleinbürgers 
und Viehhändlers, war in der Kreisschule zu Voroniez nur in 
die Anfangsgründe eingeführt, ganz ungebildet geblieben. Als 
Begleiter seines Vaters lernte er das Volk und sein Lied kennen, 
und eigenes Herzeleid machte ihn desto empfänglicher für melodi- 
schen Versklang, dessen Geheimnisse er sich langsam aneignete, 
so dafs er sich bald selbst in Ähnlichem versuchte, einzelnes in 
Journale bringen konnte, bis ihm ein junger »Mäzen«, Stankevic, 
den Abdruck eines ganzen Bändchens Lieder ermöglichte (1835). 
Kolzov wurde dadurch mit einem Male bekannt, ja gefeiert. Nun 
strengte er sich an, allesVersäumte nachzuholen, seinen naturfrischen 
Liedern einen philosophischen Sinn zu leihen, was unvollkommen 
gelang. Die gröfsten Widerwärtigkeiten im Kampfe mit der 
eigenen Familie, verbunden mit früh zerrütteter Gesundheit, rieben 
den russischen Burns vorzeitig auf, 1842. 

Der Sinn für das Volkslied, das historische wie das lyrische, 
war ja lange vor ihm bereits geweckt. Die berühmte Sammlung 
des Kirscha Danilov, die auch Lermontov kannte, gab den Grund- 
stock für die ByHnen, die ja erst 1864 — 1869 durch die reichen 
Funde im Nordwesten, im Olonezer Gouvernement, durch Rybni- 
kov, dann durch Hilferding erheblich erweitert wurden. Volks- 
lieder oder was sich als solches gab, waren in die handschrift- 
lichen Liederbücher des XVIIL Jahrhunderts und seine ersten 
Drucke hereingekommen. Sie leiteten den Trediakovskij bei seiner 
Versform, sie ahmte bereits Ssumarokov nach; gelungener war, 
was Fürst Neledinskij-Mielezkij, Professor Merslakov, schliefslich 
Baron Delvig gaben. Freilich waren dies eher Fremde im russi- 
schen Kaftan. Nachgeahmt war die Kürze der Metra, ebenso 
fehlte der Reim. Die Parallele zwischen Naturbild und indi- 
viduellem Empfinden war streng durchgeführt, z. B. »Es sang, 
sang das Vögelchen, und verstummte, es kannte das Herz Freuden 



— 220 — 

und vergafs sie; warum, Vogel - Sänger , verstummtest du, wie 
lerntest du, mein Herz, schwarzes Leid kennen?« Man sang 
diese Romanzen, die nur äufserlich den Volkston trafen, ganz 
allgemein, und naive Seelen redeten sich ihre Volkstümlich- 
keit ein. Erst Kolzov, der einst auch Delvig bewunderte und 
nachahmte, zerstörte diese Illusion, gab Lieder, die nicht nur 
ä la russe frisiert, sondern wie aus dem Empfinden des Volkes 
selbst geboren waren. Er kümmerte sich nicht um jenes parallele 
Schema. Die gezierte Süfslichkeit jener Romanzen blieb ihm 
fremd ; ebensowenig verfiel er in den winselnden, klagenden Ton 
über das harte Leben des Bauern ; er verzichtete auf sentimentale 
Effekthascherei. Sogar wenn schweres Leid zur Erde drückt, 
bleibt sein Bauer fest und frei, als wäre Leibeigenschaft, Sklaverei 
an seinem geistigen Ausdruck spurlos abgeglitten. Lebensfreude 
und Lebensmut sprechen aus jedem Liede, wie es bei dem grofsen 
Volke gar nicht anders sein kann; es ist mit der Erde wie ver- 
wachsen, lebt und liebt mit ihr, der Bodenbau mit seinen Phasen 
ist Regulator nicht nur seiner Tätigkeit, sondern seines Fühlens. 
Wie zieht sich ihm das Herz zusammen, wenn lange Dürre über 
seinem Felde lastet , wie gerne opfert er die Kerze für das Bild 
der Mutter Gottes, wenn er endlich die reiche Ernte einheimste ; 
wie fühlt er seine Einsamkeit an den trüben, kalten Tagen, wie 
hoffnungsfreudig zieht er im Frühling aufs Feld ! Und klagt er, 
dafs er am Unglückstage, zu verhängnisvoller Stunde ohne das 
»Glückshemd« geboren, weil dem kräftigen, tätigen Jungen der 
alte, reiche Knast die schöne Tochter verweigert, so kauft er 
sich eine neue Sense, nicht um sich den Hals zu durchschneiden : 
an den Don geht er, in seine reichen Sloboden, wo sich die bunte 
Grassteppe bis ans Schwarze Meer erstreckt: »Hier bin ich selb- 
ander (mit meiner Sense) gekommen, hier fächelt mich der Süd- 
wind an, rauschet das Gras, neigen die Blumen die Köpfe zur 
Erde, trocknen aus, wie ich nach meiner Grunia. Dann zählt 
mir auf die Kasakin das Geld. Sorglich nähe ich es ein, flugs 
dann ins Dorf zurück zum Starosten, hat ihn nicht meine Armut 
milde gestimmt, so tut es der goldene Schatz!^ Sogar die Vor- 
würfe an den Faulen, der alles zugrunde gehen läfst, entbehren 
nicht eines humoristischen Tones, als könnte leicht alles wieder 
besser werden, wenn sich nur das Bäuerlein besänne. Ja, auch 
der ganz Verlassene ist nicht verbittert: er sitzt an dem Tische 



- 221 - 

und denket nach , wie sich's auf der Welt lebt dem Einsamen. 
Es hat nicht der Junge eine junge Frau, es hat nicht der Junge 
einen treuen Freund , einen Schatz von Gold , einen warmen 
Winkel, einen Pflug und Egge, ein Pflügerpferd. Mitsamt der 
Armut vermachte mir der Vater nur eine Gabe, die starke Kraft, 
und auch die, wie absichtlich, hat bittere Not unter fremden 
Leuten schon ganz verausgabt , . . 

So spricht aus diesen Liedern eine Hoffnungsfreudigkeit, 
eine Lebenslust, eine Kraft, die wir vergebens bei der Intelligenz, 
bei Lermontov oder Puschkin , suchen w^ürden. Die Ausdauer 
des ackerbauenden Volkes, das Tatarenjoch wie Bureaukraten- 
joch, die Ungunst des Wetters wie die Schläge des Schicksals, 
die Launen der Herren wie die Plackereien des Starosten auf 
seinen breiten Schultern ruhig durch die Jahrhunderte getragen, 
sein Optimismus, der uns wie Leichtsinn dünkt, seine Ergeben- 
heit, die an östlichen Fatalismus erinnert, sie haben in diesen 
Liedern mit dem Wechsel Ländlichen Tun und Treibens selbst 
ihren poetischen Ausdruck gefunden. Gewifs ist Kolzovs Ge- 
sichtskreis ein enger, wenn man die Steppe, die er umfafst, eng 
nennen darf; es versagen ihm die Schwingen, wenn er sich zu 
philosophischem Flug, Daseinsfragen u. dgl. , entschliefst. Aber 
diese »Heimat« , für welche Puschkins und Lermontovs Herz 
allein schlug, diesen Geruch der Ernte, diese schwellenden Saaten, 
die Festesfreude der Bauern, finden wir nur bei Kolzov in poeti- 
scher Verklärung ; das sind russische Idyllen , nach deren Aus- 
druck die Kunstpoesie vergebens rang. Weil er sang, was er 
kannte, die Natur und die Menschen, für die allein er Auge, 
Ohr und Herz hatte, hat der Bauerndichter, lange ehe es die 
Prosa wagte, ein treffendes, wenn auch poetisch verklärtes Ab- 
bild des Ringens und Rastens, Hoffens und Leidens des einfachen 
Russen auf seiner w^eiten Erde gegeben. Er hat als der erste den 
Landmann in die Litteratur eingeführt, ihr den nationalen Zug 
eingefügt, den wir in der bisherigen Litteratur, auch bei Puschkin 
und Lermontov, fast ständig vermifsten. Diese gaben entweder 
sich selbst, d. i. ganz bestimmte Individuen, oder ahmten Fremdes 
nach; Kolzov zeigte den russischen Bauer, zumal der südlicheren 
Gouvernements, mit ihrer reicheren Natur und freieren Menschen; 
und wiederum eilte die Poesie der Prosa voraus. Bald sollte ja 
der Bauer und sein Leid , die an ihn abzutragende Schuld der 



— 222 — 

Intelligenz, in dem gröfsten Dorf- und Bauernreich der Welt, in 
den Mittelpunkt alles Sinnens und Trachtens gerückt werden. 
Rufslands Wiedergeburt, Modernisierung war unzertrennlich von 
der Emanzipation seiner neun Zehntel fast der Bevölkerung. 
Bei diesem Prozefs sollte nicht mehr die Poesie, nicht die Ro- 
mantik , sondern der Realismus und Naturalismus der Komödie 
und vor allem des Romans, der künstlerischen Prosa und ihrer 
Kritik, eine führende Rolle übernehmen. 



Achtes Kapitel. 
Der Roman und Gogol. 

Der satirische und historische Roman eines Bulgarin und Sagoskin, 
Marlinskij und Polevoj. Das Lustspiel. Hemmender Einfluls der 
Zensur. Gogol; seine Jugendwerke. Das Göttliche Lachen des »Re- 
visor« und der "Toten Seelen«. Gogols religiöser Wandel. Die 
Stimmen der Zeitgenossen. 



Erst in den dreifsiger Jahren begannen russische Original- 
romane die heimische Leselust zu befriedigen, die bisher auf 
Übersetzungen angewiesen war. Die ganz vereinzelten, zum Teil 
nicht recht gewürdigten Erscheinungen eines Ismailov und nament- 
lich Narieznyj boten weder Zusammenhang , noch schufen sie 
litterarische Tradition. Originales war freilich auch an den neuen 
Romanen nicht viel ; ja, ein so kühner Versuch, wie der satirisch- 
allegorische Roman des Narieznyj, der der Sicherheit des Autors 
halber freilich erst nach seinem Tode herausgegeben ist, »Das 
Unglücksjahr oder die Fürsten der Berge«, 1829, inGrusien an- 
geblich spielend, aber Russen bei der Arbeit schildernd, ist nicht 
wieder unternommen worden. Der neue Roman war meist ent- 
weder der alte, moralisierend-satirische oder der historische nach 
Art des W. Scott, in beiden Fällen mit äufserst komplizierter 
Fabel, mit allen möglichen abenteuerlichen Verwicklungen, zur 
Genugtuung des naiven Lesers, dessen Neugierde in der gröfsten 



— 223 — 

Spannung erhalten blieb. In beiden Arten glänzte der längst 
für immer vergessene Expole Bulgarin, der um 1830 so populär 
war, dafs er mit Puschkin in die Gunst der Leser sich teilen 
konnte. Sein satirisch - moralisches Hauptwerk war der »Ivan 
Wyzigin« 1829; sein Hauptziel »die wohlgesinnte Satire, um deren 
Aufblühen in Rufsland seit jeher unsere weise Regierung sich 
bemüht hat«, d. h. die ewig lächelnde, die an Kleinigkeiten An- 
stofs nahm und an Wichtigem scheu vorbeiging, mit steten Kom- 
plimenten vor dem immerwachen Auge der weisen und gerechten 
Obrigkeit. Die Bauernfrage konnte Bulgarin, da er seinen Helden 
durch ganz Rufsland schleppte, natürlich nicht totschweigen; er 
löste sie durch die Verherrlichung der Musterwirtschaft des Herrn 
Rossijaninov — der Name gewählt, weil jeder »Rossijanin« so 
sein sollte, mit seinen Lehrern Mr. Instruit und Herrn Gutmann 
— alle Namen sind noch Etiketten usw. Die Freude des »wohl- 
gesinnten« Verfassers über seinen Erfolg bei >.den die ganze Welt 
an Vernunft, Güte, Dankbarkeit übertreffenden Russen« verbitterten 
etwas die Epigramme Puschkins, für den Bulgarin nur Polizei- 
spitzel und Vyzigin ein Rindvieh war, sowie die Parodien eines 
armen Schluckers , Orlov , der die Genealogie des Vyzigin zu 
Vanjka Kain, dem Erzdieb, zurückführte. Dagegen hatten seine 
historischen Romane, trotzdem sie vor Patriotismus stanken, keinen 
Erfolg, dazu waren sie allzu ledern ; hier schössen den Vogel 
andere ab. 

Sagoskin war von der Komödie zum Roman übergegangen : 
sein »Jurij Miloslavskij oder die Russen im Jahre 1612«, 1829, 
wurde mit Enthusiasmus, wenigstens vom Publikum, aufgenommen, 
erlebte acht Auflagen in zwanzig Jahren, ist vielfach übersetzt. 
Noch Turgeniev, ja noch Alexander III. begeisterten sich an 
diesem Roman, der sentimental und patriotisch, aber nicht historisch 
war. Die Popularität sicherten ihm die Liebesintrige, die kleinen 
Leute, der Diener Kirscha, interessanter als sein Herr Jurij, der 
wahnsinnige Bettler Mitja, mit ihrer kernigen Sprache. Der 
Versuch, die Ereignisse von 1812 im »Rosslavlev oder die Russen 
im Jahre 1812«, 1831, ebenso zu behandeln, fiel erheblich un- 
interessanter aus, und »Askolds Grabhügel«, der in die Zeiten 
Vladimirs des Grofsen zurückführte, war auch das Grabmal des 
Ruhmes Sagoskins. Er kehrte später wieder zum Theater zurück, 
auch schrieb er neue Romane aus der Zeit Peters des Grofsen, 



— 224 

worin er als echter Moskauer, Hasser alles Ausländischen — 
nicht umsonst kamen seine \^orfahren aus der Goldenen Horde 
— die Anhänger des Altrussentums idealisierte. Sagoskin ist 
interessant als der erste, übrigens ganz naive Verherrlicher des 
patriotischen und ländlichen Altrussentums, der seine Adligen vor 
der Residenz und ihrer Verschv^endung, wie vor dem Auslande 
und seinen Ideen in seinen Lustspielen warnte, der in der Fremde 
nach seinem Rufsland bangen lälst und in seinem Sammelwerk 
»Moskau und die Moskauer« den begeisterten Cicerone der s-erst- 
thronigen« abgibt. Ganz sein Gegenteil ist Kukolnik, in dessen 
Romanen die Altrussen des XVIII. Jahrhunderts, alle Schurken, 
die Tugendhelden unter der modischen Jugend zu finden sind; 
sonst könnten sich beide als Dramen- und Romanschriftsteller die 
Hände reichen ; doch sind in den endlosen Erzählungen des Kukolnik 
vertreten hauptsächlich fremde, littauische, preufsische, französische 
und andere Stoffe. Sympathischer als beide war der Kaufmanns- 
sohn LazeCnikov, der nach seinen »Memoiren eines russischen 
Offiziers«, 1812 — 1815, eigene Erlebnisse und Eindrücke schildernd, 
seine lesenswertesten Sachen dem XVIII. Jahrhundert, z. B. »Der 
Eispalast« u. a., entnahm, freilich über ein rein stoffliches Inter- 
esse der kunstvollen Intrige nicht recht herauskam. Obwohl ein 
Schriftsteller der alten Schule, wahrte er sich Sinn und Herz für 
die junge und kam ihr, einer der wenigen, offen entgegen. 
Der interessanteste unter ihnen allen, eine Zeitlang der beliebteste 
Erzähler, war der geistreiche, vielseitige, leidenschaftliche Bestuzev. 
Ein glänzender Gardeoffizier, Herzensbezwinger, dem auch als 
politischem »Verbrecher-- in Jakutsk und als gemeinem Soldaten 
auf dem Kaukasus die Frauenherzen nur so zuflogen, interessierte 
er sich neben seinen Schönen nur für Litteratur und kam imter 
die Dekabristen wie Pilatus ins Kredo. Die in Petersburg, nament- 
lich eines Kritikers und Romanciers, begonnene litterarische Tätig- 
keit setzte aus der Verbannung und vom Kriegsschauplatze 
»Marlinskij« fort; er schrieb, zum Unterschiede von den Zeit- 
genossen, keine bändereichen Romane, verliefs bald das historische 
Genre, in dem er, wieder im Gegensatze zu den Sagoskin und 
Genossen, keine russischen, wohl aber livländische und andere 
Stoffe behandelte — »lafs die Deutschen und wende dich zu uns 
Orthodoxen;;, bat ihn Puschkin, um Zeitgenössisches aus der Ge- 
sellschaft und Orientalisches, vom Kaukasus Entlehntes, in »Am- 



— 225 — 

malat Bey«, »Mullach Nur« u. a. darzustellen. »Marlinskij« ist 
die vollendete Romantik in Prosa, jede seiner Erzählungen ein 
prasselndes Feuerwerk, die Helden von ungestümster, wildester 
Leidenschaftlichkeit, die Sprache von einer Überschwenglichkeit, 
die mitunter wie eine gelungene Parodie auf den romantischen 
Stil sich ausnehmen könnte, wäre nicht alles aufs ernsteste ge- 
meint. Die Geschraubtheit, Gesuchtheit des Ausdruckes, seine 
fortwährenden Hyperbeln, die Helden mit ihren unglaublichen 
Gefühlsausbrüchen imponierten gerade dem Publikum, und zudem 
steckte darin ein gut Teil des V^erfassers, seines eigenen Un- 
gestüms, seiner eigenen Tapferkeit — er ist bald darauf (1837) 
von Öerkessensäbeln so zerfetzt worden, dafs die Leiche gar nicht 
gefunden worden ist — , seiner eigenen Frauenliebe ; das uns un- 
möglich Erscheinende war grofsenteils echt. Doch fehlte es nicht 
in seinem litterarischen Nachlafs auch an einfacheren Erzählungen ; 
seine unbestrittene Spezialität waren und blieben es, bis zu den 
Sebastopoler Skizzen des Tolstoj, Soldatengeschichten, in denen 
neben dem Offizier zum ersten Male der einfache Soldat mit 
seinem Tun und Treiben anschaulich geschildert war. Die Fülle 
dieser dramatischen Schilderungen, in allen möglichen Variationen 
von Ort und Zeit, ist ganz erstaunlich. 

Der bedauernswerteste aller dieser Romanciers, trotz mancher 
momentanen Erfolge, war Polevoj, der, geborener Journalist, durch 
die Ungunst der Zeit — sein Journal wurde wegen der ver- 
nünftigen Kritik eines dummen, dafür desto patriotischeren und 
in Petersburg sehr angesehenen Dramas des Kukolnik unter- 
drückt — auf die Laufbahn eines litterarischen Falschmünzers, 
eines Lieferanten von unechten Romanen und Dramen heraus- 
gedrängt wurde, wenn er sich und den Seinigen das Leben 
fristen wollte, der ärmliche Plebejer, der vor jedem Viertels- 
aufseher zitterte; der, was für ihn noch viel schlimmer war, un- 
längst noch Führer der Jugend, der litterarischen Erneuerung, 
sich jetzt überholt sah, zurückgedrängt in die Reihen seiner 
schlimmsten Feinde, mit Bulgarin und Senkovskij auf einer Stufe ! 
Denn, wie Marlinskij, hielt Polevoj bis zum letzten Augenblicke 
hoch die Fahne der alten, naiven Romantik ; seine Helden blieben 
die exzentrischen, unverstandenen Charaktere, die sich auflehnen 
gegen enge Schranken und Vorurteile; dem neuen Zuge der 
Zeit, der nach Wahrheit drängt, stellt er sich entgegen, versteht 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 15 



— 226 — 

ihn gar nicht. Zu dieser Einseitigkeit kommt die Vielschreiberei 
hinzu, in der er ein nicht unbedeutendes Talent völlig begrub. 
Es fehlte ihm sogar nicht an Humor und Ironie, wie es sein 
»Neuer Maler« von 1832, eine Sammlung von Aufsätzen, in der 
Art des alten Novikovschen satirischen Journals, hinlänglich be- 
weist, wo durchhechelt wurden Gutsbesitzer, Beamte — eine 
Skizze nahm das Sujet des »Revisor« vorweg — , Damen und 
namentlich auch Litteraten und Litteratur, die er gar nicht ernst 
nehmen wollte : von uns Litteratur fordern, die wir kaum lesen 
können! Tieferes Verständnis zeigte auch sein bester historischer 
Roman, »Der Eid am Grabe des Herrn« (in Jerusalem), ein um- 
fassendes Bild Rufslands des XV. Jahrhunderts, der Kämpfe um 
den Moskauer Thron zwischen Vasil dem Blinden und Schemiaka, 
mit der geheimnisvollen, im Mittelpunkt der Handlung stehenden 
Person des Sängers, der einzigen Erfindung im Roman, der sich 
sonst ziemlich streng an die Geschichte hält. Im bewufsten 
Gegensatze zum Überwuchern der Liebesgeschichte im »Jurij 
Miloslavskij« hielt sich Polevoj an den Cinq-Mars des Vigny und 
an W. Scott, drängte die Liebelei ganz in den Hintergrund und 
suchte einzuführen in Sprache, Sitten, Leben des XV, Jahr- 
hunderts, von dem Bauernhof an bis zum Kreml in Moskau. 
Interessant ist sein unvollendeter Künstlerroman »Abbadonna«, 
beim ersten Erscheinen, 1835, von der Kritik, von Bielinskij, mit 
Entzücken aufgenommen, während bei der zweiten Auflage der- 
selbe Bielinskij schon die Nase rümpfte — es lebte sich rasch 
in Rufsland. Es war nicht sein einziger Künstlerroman ; die Zeit- 
genossen begeisterten sich ja überall für den Gegensatz zwischen 
dem vom Himmel gefallenen und den Erdenmenschen, zwischen 
dem ewig unbefriedigten Idealisten und der Prosa seiner Um- 
gebung; aber Polevoj liefs seinen »Abbadonna«, wo der Künstler 
Reichenbach vergeblich die Schauspielerin Eleonora aus dem 
Sumpf des Lebens zu retten suchte, wenigstens in Deutschland 
spielen; Kukolnik dagegen legte sogar dem sterbenden Tasso 
Verse von der künftigen Gröfse Rufslands und — Dierzavins in 
den Mund! 

Eine ganz eigene Stellung nahm Fürst Odojevskij ein. Durch 
sein Geschlecht, der letzte einer Ruriklinie, gehörte er, nicht nur 
in der Litteratur, den höchsten Kreisen an; sein Wissen, sein 
Geist, sein humaner Sinn (unterband doch seine rege philan- 



— 227 — 

thropische Tätigkeit seine litterarische nach 1844 vollends), machen 
ihn zu einer der sympathischesten Persönlichkeiten des Nikolai- 
tischen Rufsland. Sein humaner Sinn liefs ihn gerade Litteratur 
fürs Volk und für die Kinder mit Vorliebe pflegen, als »Grofs- 
väterchen Irinej«, aber er wufste auch für grofse Kinder Märchen 
zu schreiben; er bevorzugte Allegorien, philosophische Erzäh- 
lungen, z. B. in seinen »Russischen Nächten«, war er doch mit 
Venevetinov Moskauer Schellingianer. Er bekämpftejdie Lüge in 
Salon, Gesellschaft, Wissenschaft, das Sichzuwerfen von Bällen, 
was die Welt Gespräch nennt, das Haschen nach faulen Früchten, 
nach Auszeichnungen jeglicher Art. Er predigte Moral und Humani- 
tät in drastischen Worten und Bildern, zeigte auch das Verkehrte 
im Bentamschen Utilitarismus und in einer Welt nach Malthu- 
sianischem System. Er erinnert manchmal an Hoffmann, be- 
sonders zog ihn Musik an, und er machte sich um russische Musik- 
geschichte und Pflege des geistlichen Gesanges besonders ver- 
dient; er wählte auch mit Vorliebe Musikgröfsen , Bach, Beet- 
hoven, für seine Novellen. Der gedankenreiche Schriftsteller ist 
ganz unverdient vergessen worden; seine etwas altfränkische 
Darstellung birgt Schätze erleuchteter Gesinnung, seinem liberalen 
Geist ist er bis zuletzt treugeblieben. Noch kurz vor seinem 
Tode (1869) beschwor er den Kaiser, bei dem Reformwerk aus- 
zuharren. 

Den gesellschaftlichen Roman, meist nur in der Form von 
Novellen, von allerlei Salonlöwen und Löwinnen, pflegten Bestuzev- 
Marlinskij, etwas später Graf Ssologub, kühler und exakter Be- 
obachter der »grofsen Welt«, der nur in seinem »Reisewagen«, 
Tarantas, tiefer griff und zwei Repräsentanten des alten und 
neuen Rufslands, den naiven Hinterwäldler, den fetten Vasil und 
den von Reflexion zerfressenen dürren Französling Iwan zu- 
sammentreffen liefs, wobei er Rufsland förmlich in doppelter Be- 
leuchtung Revue passieren hiefs. Der moderne Roman fand Ver- 
tretung auch bei den ersten Schriftstellerinnen, deren eine, Helena 
Hahn, die Georges Sand nachahmte, für das Weib, die Rechte 
seines unterdrückten Fühlens eintrat, aber nur Heroinnen der 
Entsagung, nicht des Protestes zu zeichnen wagte. Originell war 
das Schicksal Pavlovs, der durch seine j'Drei Erzählungen« 
(1835) die Gunst des Publikums und die Hand einer reichen 
Dame und Dichterin, Katharina Jähnisch, und die Mifsgunst der 

15* 



— 228 — 

Zensur und des Kaisers sich zuzog. Nikolaus meinte, man 
könnte in der Folge dem Verfasser die Beschreibung Kaukasiens 
und ähnlicher entfernter Gegenden anempfehlen. Er hatte es ja 
gewagt, seinen Helden, Leibeigenen, Soldaten, Insubordinations- 
gedanken in den Kopf zu pfropfen, ja, der eine von ihnen tötete 
sogar seinen ungerechten Vorgesetzten. Etwas abseits von der 
Masse dieser Belletristen stand Dahl, Kasak Luganskij, der aus- 
gezeichnete Kenner russischen Volkes und Lebens, dem die Zensur 
seine grofse Sprichwörtersammlung nicht durchliefs und aus dem 
grofsen Wörterbuch die »unanständigen« Wörter ausmerzte, der 
neben dieser gelehrten eine reiche novellistische Tätigkeit entfaltete, 
eine Masse Bauern-, Soldaten-, Beamten- und andere Skizzen schrieb, 
die sich durch ihre photographische Genauigkeit auszeichneten, 
aber sich schlielslich über anekdotisches xMaterial nicht erhoben. 
Volksgeschichten erzählte man meist in sentimentalem Tone, 
ländliche Idyllen , z. B. die kleinrussischen eines Osnovianenko. 
Ungleich ärmer war dramatische Litteratur. Das Repertoir 
bestritten fast immer noch Übersetzungen und Nachahmungen 
meist allerleichtester Ware. So beherrschte eine Zeitlang das 
Vaudeville die ganze Bühne ; noch Repetilov sprach bei Gribo- 
jedov aus voller Überzeugung, »ja, das Vaudeville ist eine 
Sache — alles andere Possen.« Die Vertreter desselben, Fürst 
Schachovskoj , Chmielnizkij u. a., sind wieder in den vierziger 
Jahren vergessen worden. Und nicht anders erging es ihren 
Komödien oder denen des Sagoskin; dem Kvaspatrioten — der 
Berliner würde Weifsbierpatrioten , Hurrapatrioten sagen — 
Kukolnik und dessen Drama »Die Hand des Allmächtigen rettete 
das Vaterland« (1612 von den Polen), das noch 1831, nach der 
Eroberung Warschaus, die Losung brachte: »Lafst uns im 
Polenblut wälzen.« Ein gleichzeitiges Couplet sagte: »Die Hand 
des Allmächtigen wirkte dreierlei Wunder, sie rettete das Vater- 
land, brachte den Dichter in Gang und machte Polevoj den 
Garaus«. Endlich der Polevoj, der resolut in Kukolniks Fufs- 
stapfen trat und für das 1831 errichtete Alexandra -Theater der 
Bühnenlieferant wurde. Dramatisierungen von Romanen brachte 
Schachovskoj; »Dreifsig Jahre aus dem Leben eines Spielers«, 
den gröfsten szenischen Erfolg, übersetzte der gleich wie Polevoj 
unerschöpfliche Sotov, Lieferant auch von Schauer- und senti- 
mentalen Romanen. Trotz des regeren Bühnenlebens war die 



229 

dramatische Litteratur im entschiedenen Niedergang; ihr Bestes 
vielleicht waren die nicht aufgeführten Komödien des Kleinrussen 
Osnowianenko : »Adelswahlen« und >;Der Ankömmling aus der 
Hauptstadt oder der Wirrwarr in der Kreisstadt« mit ihrer 
leichten satirischen Tendenz, mit episodischen Volksfiguren, der 
durchtriebene Dorfschreiber Schelmenko , mit dem Gesindel von 
Kleinadel und Beamten; das letzte Stück erinnert lebhaft an den 
»Revisor«, kann als sein Prototyp gelten, sein Pustolobov gleicht 
dem Chlestakov usw. 

Die erste russische Komödie nach der Satire des Gribojedov 
und den ersten russischen Sittenroman, die ersten Erzeugnisse der 
realistischen oder, wie Bulgarin bald sagte, »natürlichen; 
Richtung, sind das Werk Gogols. Um sie nach Gebühr zu 
würdigen, bedarf es einer kurzen Abschweifung auf ein von der 
schönen Litteratur selbst etwas abliegendes Gebiet, ihrer Förde- 
rung und Hemmung durch aufserlitterarische Faktoren. 

Zu ersteren gehörte das freigebige Mäzenatentum der grofsen 
Kaiserin und ihrer beiden Enkel. Dankbar gedenkt die Litteratur- 
geschichte der Ehrungen und materiellen Unterstützungen, die 
Dier2avin, Karamsin, Zukovskij, Puschkin, Gogol u. a. erfahren 
haben, was doppelt ins Gewicht fiel in einer Gesellschaft, für die 
morahsche Macht. Einflufs und Ansehen des Schriftstellers noch 
recht problematisch war. Freilich, im XIX. Jahrhundert konnte 
sich auch in Rufsland die Litteratur von Mäzenaten emanzipieren. 
Publikum und Buchhändler nahmen ihre Stelle ein, z. B. Smirdin 
in Petersburg. Dem Sagoskin boten nach dem Erfolg des »Jurijc 
die Moskauer Buchhändler 40000 Rubel Assignaten für seinen 
neuen, herzlich schlechten »Roslavlevc Puschkin beteuerte, 
allerdings auch hierin seinen damaligen Abgott Byron kopierend, 
dals er nur des Geldes wegen schreibe und drucke. Nicht mehr 
Hofgunst und Protektion, das Talent allein sollte entscheiden, 
und zum Wettbewerb konnte sich bereits neben dem Adel, der, 
wie Offiziere und Beamte, so auch Litteraten stellte, der Plebejer, 
der rasnocinec melden, der Kaufmannssohn oder der Exschüler 
der geistlichen Seminarien. Die unmittelbare Förderung der 
Litteratur, abgesehen von der mittelbaren durch Schule und dgl., 
war somit nicht mehr Sache von Hof und Regierung; die Litte- 
ratur war unabhängig, mündig geworden in materieller, leider 
nicht in 2;eisti2:er Hinsicht. 



— 230 — 

Unter den vielen Privilegien und Freiheiten, womit Katha- 
rina II. den Adel ausgestattet hatte, fehlte das Recht freier 
Meinungsäufserung. Wie der Bauer physisch, so war der Adlige 
psychisch, d. i. was den öffentlichen Ausdruck seiner Meinungen 
anbetrifft, und mit ihm der Schriftsteller überhaupt leibeigen. 
Fast zu gleicher Zeit sind die physischen und psychischen Ketten 
gefallen, freilich nicht mit gleichem Erfolge- der Bauer wurde 
1861 wirklich frei, der Schriftsteller begnügt sich noch heute mit 
dem blofsen Schein von Freiheit. Die Leibeigenen , damit sie 
frondeten, überwachte die Regierung, jegliche Auflehnung rück- 
sichtslos unterdrückend; für die Schriftsteller taten dies die Zen- 
soren. Jeder Gedanke oder Stoff, der den Machthabern nicht 
gefiel, wurde einfach unterdrückt. Gogols »Tote Seelen« sind 
von der Moskauer Zensur nicht zum Drucke zugelassen^ anstöfsig 
war ihr ja schon der Titel, der gegen Dogma und dessen unsterb- 
liche Seelen verstiels. Gogols Einakter, ^Der Morgen eines Be- 
amten«, konnte nur als »Morgen eines Affäristen« gedruckt 
werden. Wie in der physischen, gab es auch in der geistigen 
Leibeigenschaft mildere Perioden und solche, wo es für die an- 
ständigen Leute fast unmöglich wurde, zu schreiben. So unter 
Paul, als z. B. die blofsen Worte »Gesellschaft«, »Bürger«, 
> Vaterland« aufs strengste verboten waren. Das erste konnte 
überhaupt nicht gebraucht werden, für die anderen durfte man 
»Einwohner« und »Staat« setzen. Diesem Extrem näherte sich 
langsam, aber ständig die Nikolaitische Zensur, die schliefslich 
nicht mehr gegen Schriftsteller , Werke , Ideen , sondern gegen 
Worte Krieg führte. So schrieb z. B. Bulic eine wissenschaft- 
liche Studie »Ssumarokov und die Satire seiner Zeit«, aber das 
Buch erschien unter dem Titel »Ssumarokov und die Kritik seiner 
Zeit« , obwohl es zu Ssumarokovs Zeit noch gar keine Kritik 
gab, wohl aber eine Satire. Der blofse Name des grofsen Kritikers 
Bielinskij durfte Jahre hindurch auch nicht erwähnt werden; 
übrigens waren die Namen Herzen und Cernyschevskij in der 
zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts nicht besser daran, Wohl 
gab es ein furchtbar reaktionäres Zensurstatut des »slawenischen« 
Lichtverdunklers Schischkov, aber sogar dieses wurde verletzt, 
denn in Rufsland existieren Gesetze und Statuten nur für das ge- 
duldige Papier und das gläubige Europa; verfahren wird nur 
nach Instruktionen , die dem Gesetze strikte zuwiderlaufen. So 



— 231 — 

war es nach dem Statut dem Zensor nicht gestattet, klaren 
Worten des Schriftstellers willkürliche Beziehungen unterzulegen, 
und doch schuf er oft Interpretationen, an die der Schriftsteller 
nicht im entferntesten dachte, und verbot sein Werk. Ein An- 
fänger verdiente sich Geld mit populären Artikeln und lieferte 
einmal einen Artikel über Tiger, seine Jagd und dgl. Der Ar- 
tikel durfte nicht erscheinen, weil in derselben Nummer zufällig 
auch vom Zaren die Rede war! Geistliche in Moskau be- 
schwerten sich durch den sonst humanen und aufgeklärten Metro- 
politen Philaret, eine Leuchte der Kirche, über den Zensor, der 
in Puschkins »Oniegin« hatte passieren lassen, dafs sich Krähen 
aufs Kirchenkreuz niederlassen. Der verärgerte Zensor ver- 
teidigte sich damit, dafs es nicht seine, sondern Sache des Polizei- 
meisters wäre, solches den Krähen zu verbieten. Bei der aufser- 
ordentlichen Bequemlichkeit , die solche Unterdrückimg bot , be- 
eilten sich allerlei Ressorts, sogar die Direktion der Gestüte, be- 
sondere Zensuren sich zu erwirken, die dann nach Herzenslust 
strichen, was die gewöhnliche Zensur nicht beanstandet hätte. 
In der Provinz kannte die Zensur überhaupt keine Grenzen, 
strich sie doch aus der Zeitung die offizielle Angabe über den 
allzuniedrigen Wasserstand der Wolga, weil darin ein indirekter 
Tadel der Regierung und ihrer unaufhörlichen Wachsamkeit ent- 
halten sein könnte. Statt eines, resp. zweier — die Geistlichkeit 
hatte stets ihr besonderes Zensurrecht ausgeübt — gab es 
schliefslich zehn bis zwölf Zensurkomitees, die auf jedes ver- 
nünftige Wort fahndeten. Und als nach dem Revolutionsjahre 
1848, obwohl in Rufsland niemand revoltiert hatte, panischer 
Schrecken der Regierung in die Glieder gefahren war, wurde 
noch ein besonderes Komitee, das Buturlinsche, eingerichtet, das 
die schon zensurierte Litteratur noch einmal nach 2- höheren« Ge- 
sichtspunkten überzensieren sollte, um jeden Funken von Wahr- 
heit und Geist auszutreten. Schon tauchten die Panischen Pro- 
jekte auf. Dieser hatte in seiner wahnsinnigen Furcht vor der 
Revolution die Einfuhr aller Bücher und Musikalien nach Rufs- 
land verboten; jetzt sollte der gesamte Buchhandel monopolisiert 
werden. Zum Glück für Rufsland schössen englische und fran- 
zösische Kanonen das Nikolaitische System zu Tode, das gerade 
in seinen letzten Zügen wie toll um sich herumbifs. Als sein 
gröfster Schriftsteller und Verehrer, Gogol, gestorben war und 



— 232 — 

sein anderer Speichellecker , Geschichtsprofessor Pogodin in 
Moskau, gewagt hatte, im »Moskvitianin« die Todesanzeige 
schwarz zu umrahmen, wurde er, allerdings auch für andere 
gleich schwere Verbrechen, unter Polizeiaufsicht gestellt. 

Es gelang allerdings mitunter, dieser Zensur ein Schnippchen zu 
schlagen, einen »gefährlichen« Artikel durchzudrücken, aber desto 
schlimmer waren die Folgen. Für den Abdruck des Briefes des 
Caadajev, in dem die bittere Wahrheit, nicht über die Regierung 
etwa , sondern über die Gesellschaft , ruhig , mit Würde gesagt 
wurde, ist die Zeitschrift für immer unterdrückt, der .Herausgeber 
verbannt , der Zensor abgesetzt , Caadajev für irrsinnig erklärt 
worden. Für den Kritiker Bielinskij reservierte schon sein Be- 
kannter eine gemütliche Zelle in der Peter-Paulsfestung, und nur 
der mitleidige Tod rettete den Unglücklichen vor dieser zarischen 
»Förderung«. Dafür plätscherten in diesem Sumpf hochvergnügt 
die feilen Kreaturen Bulgarin und GreS, der alles, namentlich 
jeden ernsteren Gedanken ironisierende »Baron Brambäus« , der 
Orientalist Senkovskij, Pole, Wächter über die Reinheit des russi- 
schen Stils und Verächter des Gogol wegen seiner »vulgären« 
Sprache, dichtende Gendarmen usw. — nur Schweine sind in 
Rufsland besonders lebensfähig, klagte Gogol. Was haben nun 
diese Andeutungen mit der Belletristik und speziell mit Gogol 
gemein? Sollten sie etwa zur bequemen Entschuldigung des 
Schriftstellers dienen, der wohl das Gewölke versammelt, dem 
aber die Zensur den Blitz konfisziert hat? 

Vor allem erklären sie, warum der erste, unerbittlichste 
Zensor und Zerstörer des eigenen Werkes sein Verfasser selbst 
werden mufste. Wir verzeichneten oben ein einschlägiges Ge- 
ständnis des Gribojedov. Hören wir nun auf Gogol: »Ich war 
ganz versessen auf eine Komödie usw., wieviel Bosheit, Lachen, 
Salz gab es da! Doch auf einmal lenkte ich ein, da ich einsah, 
dafs meine Feder fortwährend auf Stellen stiefs, die die Zensur um 
nichts auf der Welt durchlassen wird. Was wird nun, falls das 
Stück nicht aufgeführt wird ? Das Drama lebt doch nur auf der 
Bühne, ohne sie ist es wie eine Seele ohne Körper. Und welcher 
Meister wird dem Volke eine unvollendete Schöpfung weisen? 
Mir bleibt nichts anderes übrig, als den allerunschuldigsten Stoff 
zu ersinnen, der nicht einmal einem Revierleutnant nahetreten 
kann<^ TBrief an Pogodin, 1833). So erklärt es sich, warum ^ogol 



— 233 - 

für seine unsterbliche Komödie einen Stoff wählte, dem auch ein 
Revierleutnant nicht gram werden konnte — doch irrte er auch 
hier; seine Komödie hätte nie die Zensur passiert, wenn sich nicht 
der Zar selbst ihrer angenommen hätte. Nur seine Intervention 
ermöglichte das Stück, in dem, wie der Zar nach der ersten Vor- 
stellung sagte, »alle ihren Teil abbekommen haben und ich am 
meisten«. Gogol kannte selbst die Geringfügigkeit, das Nichts- 
sagende seines Stoffes, er kannte auch Rufslands Krebsschaden : 
die gerade unter Nikolaus I. zu der furchtbaren, jegliches Leben 
und Denken uniformierenden und erstickenden Allmacht erstarkte 
Büreaukratie , namentlich seiner deutschen »Mamelucken«, aller 
der -dorfs, -bergs, -becks. Er war der Mann, das wahre Wort 
darüber zu sagen, doch er verzichtete darauf-, er wählte die 
kleinsten Diebe und schaltete die grofsen behutsam aus. Denn 
was soll z. B. die komisch überwältigende Beratungsszene im 
»Revisor« mit den Sorgen um den beizenden Tabaksgeruch in 
den Korridoren des kleinen Spitals und dem zerbrochenen 
Ȋrarischen '< Stuhl im Gj^mnasium z. B. gegen die Beratungs- 
szene im Moskauer Zensurkomitee bei der Prüfung der -Toten 
Seelen«, wo man nicht weifs, ob den Asiaten oder den Europäern 
unter den Zensoren die Palme des Idiotismus und der Infamie 
winkte — und da handelte es sich doch um die geistige Nahrung 
einer grofsen Nation ! Nicht Gogol, die Zensur trägt die Schuld 
an der Wahl des Stoffes. Gogol wollte Petersburg an den Pranger 
stellen und begnügte sich statt dessen mit einem namenlosen 
Städtchen und einem namenlosen Helden. 

Was wir von Gogol sagen, galt von jedem Schriftsteller. 
Den »Abbadonna; z. B. des Polevoj, der doch in Deutschland 
spielte und nichts mit Rufsland zu tun hatte, konnte der Zensor 
nicht auf sein Gewissen nehmen , ging damit bis zum Minister, 
der eine Kommission zur Prüfung und Berichterstattung über 
den Roipan einsetzte. Man stiefs sich z. B. in dem Zensurparadies 
daran, dafs Baron Kahlkopf seine Macht als Staatsminister zur 
Ausführung einer Privatrache gebrauchte. Unter solchen Um- 
ständen mufs man natürlich nur den Mut und die Aufopferung 
des russischen Schriftstellers bewundern, der seine Arbeit gegen 
alle diese Dummheit und Boshaftigkeit verteidigte, mufs man 
bewundern , dafs überhaupt so viel noch geleistet worden ist. 
Der Schaden, den die Regierung durch die Zensur und die 



— 234 — 

stets um ihre eigene Haut zitternden Zensoren der Litteratur 
zugefügt hat, läfst sich gar nicht berechnen, während wir die 
angebhche Förderung bei Heller und Pfennig summieren können — 
die Summe ist übrigens eine bescheidene. Doch kehren wir von 
diesem Exkurs endlich zu Gogol zurück. 

Gogol selbst, eine tragische Persönlichkeit, ist fast interessanter 
als seine eigenen Werke. Für den äufserlichen Beobachter könnte 
er als Replik zu Tolstoj erscheinen: der unübei^troffene Realist 
verleugnet sein unschätzbares Talent und wird zum Asketen und 
Moralisten. Ebensogut könnte man ihn mit Turgeniev ver- 
gleichen ; wie dieser hat ja auch Gogol mit romantischen Gedichten 
begonnen, wollte von der eigenen Poesie bald nie wieder etwas 
hören und hat sich der Prosa zugewendet. Solche und andere 
Äufserlichkeiten würden an Gogol nichts erklären. Russische 
Belletristik hat mit Vorliebe tragische Künstlerschicksale be- 
handelt. Achtlos ging sie vorbei an einer tiefen, echten Künstler- 
tragödie, eine erschütterndere ist nicht bekannt; die Fälle Kleist, 
Grabbe usw. liegen ungleich einfacher. Sogar in unserer Dar- 
stellung, die ja nicht Persönlichkeiten, nur Richtungen und Werken 
gewidmet ist, können wir nicht umhin, das Problem zu berühren, 
warum Gogol vorzeitig seine Feder zerbrochen hat. 

Er war ein Sohn der Ukraine, ein Kleinrusse, wie die Gre- 
benka oder Osnovianenko , die sich fast gleichzeitig mit ihm in 
satirischen, komischen und sentimentalen Erzählungen und 
Schilderungen, auch dramatischen, aus dem Volks-, Beamten- 
und Kleinadelleben der Ukraine nicht ohne Erfolg versuchten, 
um von dem älteren Narieznyj zu schweigen. Ehrgeiz, krank- 
haftes Selbstgefühl, das Bewufstsein, zu etwas Grofsem von der 
Vorsehung bestimmt zu sein, trieben Gogol aus den engen heimi- 
schen Verhältnissen, wo das Leben ruhig-beschaulich hindämmerte, 
nach Petersburg, wo er in der Beamtenkarriere, dann in der 
gelehrten seinen hohen Beruf zu finden hoffte, ohne dogh trotz 
aller erdenklichen Förderung durch seine Freunde und Gönner 
vorwärts zu kommen ; denn er war weder Beamter noch Geschichts- 
professor, sondern Dichter und wurde darin nur bestärkt durch 
die Fühlung, die er bald mit dem Puschkinkreise, mit 2ukovskij, 
mit dem Petersburger Litteraturprofessor Pletnev u. a. gewann. 
Namentlich Puschkin war ihm ein treuer Berater. Ohne ihn 
unternahm er nichts, ihm verdankte er auch die Stoffe zu seiner 



— 235 — 

Komödie und zu seinem Roman. Er hatte als sentimentaler 
Romantiker begonnen, mit einer elegischen Idylle »Hans Kuchel- 
garten«, die er dann mit demselben Hals verfolgte und schliels- 
lich totschwieg, wie Turgeniev die eigene. Der äufsere Rahmen 
war Vossens »Luise« entlehnt, der Geist ein anderer. Denn der 
deutsche Held war Gogol selbst, mit seiner nervösen Unruhe, 
seinem unbefriedigten Drange, seinem Herausstreben in die weite 
Welt, seiner Enttäuschung gegenüber der Wirklichkeit. Nur 
versöhnte sich Hans mit dieser Trivialität, verzichtete auf alles 
gegen die Gewähr ruhigen, häuslichen Glückes an der Seite 
seiner Luise, woran Nikolaus nicht im entferntesten dachte, der 
eine Luise nie gefunden, freilich auch nie gesucht hat. 

Petersburg enttäuschte ihn; er fühlte sich hier stets un- 
behaglich, die Stadt erschien ihm ohne jeglichen Charakter, von 
unheimlicher Stille, die Einwohner, als wären sie alle in Amt und 
Würden, ohne Geist dazu und ohne Interesse für etwas anderes 
auiser dem Dienst. Er hat bald seine satirisch-humoristischen 
Aphorismen über Petersburg und Moskau formuliert, und als der 
erste das Thema, das nach ihm Viasemskij, Herzen, Nekrassov, 
Dobrolubov u. a. behandelten, berührt, den Gegensatz zwischen 
den beiden Städten. Moskau erschien ihm als »russischer Bart«, 
russischer Adeliger, Petersburg ist der gewandte Europäer, der 
akkurate Deutsche. Moskauer Journale handeln von Kant und 
Schelling , gehen mit der Zeit und erscheinen zu spät — die 
Petersburger handeln nur von Publikum und Wohlgesinntheit, 
gehen nicht mit der Zeit und erscheinen pünktlich. Moskau ist 
nötig für Rufsland, Rufsland ist nötig für Petersburg usw. Ja, 
seine Abneigung ging eine Zeitlang viel weiter, richtete sich 
gegen »sie«, die Russen im Gegensatze zu Kleinrussen, über- 
haupt, verstieg sich bis zur Absprechung »ihnen« des slawischen 
Charakters, was Gogol namentlich an dem Gegensatze des rohen, 
mürrischen russischen und des zarten, milden slawischen Volks- 
liedes erwies. Freilich sind solche Aufserungen des sehr Be- 
stimmbaren und Leidenschaftlichen nicht wörtlich zu nehmen. 
Er ging auf die Ansichten der momentanen Umgebung nur all- 
zu leicht ein, d. h. äufserlich, sich seine innere Reserve, seine 
eigensten Anschauungen wahrend , wie dies Slawen oft tun und 
sich dadurch dem Vorwurfe der Unaufrichtigkeit aussetzen, ob- 
wohl dies nur vorsichtige Zurückhaltung mit der eigenen und 



— 236 — 

ein artiges, oft nur ironisches Eingehen auf die fremde Meinung 
ist. So täuschten sich Mickiewicz und Zaleski in Paris, als sie in 
Gogol schroffe Antipathie gegen die »Moskalen« entdeckt zu haben 
glaubten; so täuschten sich — doch in erheblich geringerem 
Mafse — die polnischen Ordensglieder der Resurrektionisten, als 
sie in Gogol den Ansatz zu einem Neophyten, den man für den 
Katholizismus gewinnen könnte, entdeckten. Schliefslich ent- 
puppte sich Gogol als das , was er im Grunde vielleicht immer 
war, als der überzeugte Vertreter des offiziellen Programms, das 
in Rufsland einen Gott, einen Zaren, eine Sprache, Orthodoxie, 
Autokratie, herrschende Nationalität verlangte und anerkannte. 
Doch läfst sich Gogols Vorliebe für seine kleinrussische Heimat, 
namentlich während seines Petersburger Aufenthaltes, 1829 — 1836, 
nicht leugnen; es zehrte an ihm förmlich die Sehnsucht nach 
ihr, und wie er seine häufige Melancholie, ja Hypochondrie und 
seelische Depression auch infolge körperlichen Unbehagens durch 
Ersinnen komischer Typen in möglichst komischen Situationen 
zu bannen suchte , so erhob er sich über die Verdriefslichkeiten 
des schalen Petersburger Lebens, dessen Klima schon ihm schäd- 
lich war, durch die Gedankenflucht nach der südlichen Heimat, 
nach dem heiligen Kiev, nach der bunten und wonnigen Steppe. 
Diese Sehnsucht diktierte ihm seine Skizzen, in denen er die 
landschaftlichen Reize , das fröhliche Treiben der Menschen und 
als Romantiker ihre romantischen Traditionen, ihre Märchen und 
Sagen schilderte und umdichtete. So entstanden die zuerst einzeln 
in Zeitschriften, dann zusammen 1832 herausgegebenen klein- 
russischen Skizzen, »Abende auf dem Vorwerke bei Dikanjka«, 
denen dann 1834 »Mirgorod« als Fortsetzung folgte. Schon 
hier trat Gogols Doppelnatur hervor : die sich bis zur Phantastik 
versteigende Romantik, die sich in Übermenschen, Abenteuern, 
grausen Verbrechen, unheimlichen Gestalten, mit einem Stich in 
das Genre »Hoffmann« gefällt; anderseits ein Realismus, eine 
wunderbar treue und scharfe Beobachtungsgabe, die naturalistisch 
wirkt und nur durch Humor gemildert erscheint. Namentlich 
reich war daran — man sieht, wie der realistische Zug im Wachsen 
begriffen war — die zweite Sammlung, mit ihren »Altmodischen 
Gutsbesitzern« Philemon und Baucis in der Ukraine — mit dem 
Leben des einen hört auch das des anderen auf — und mit ihrer 
>Erzählung davon, wie in Streit gerieten Iwan Iwanoviö mit 



._ 237 — 

Iwan Nikiforovi(?«, wie zwei Herzensfreunde durch Kleinigkeiten 
und Zufall zu Todfeinden werden, was bei der Rechthaberei und 
Prozefswut dieser Leute zu endlosen Reibungen führte, und wie 
diese geschlichtet wurden. Daneben figurierte hier der effekt- 
vollste historische Roman der Zeit »Taras Bulba« , an dem nur 
die Staffage und der Hintergrund wirklich historisch war, 
während Intrige und eine Hauptperson , Andrej und seine ro- 
mantische Liebe zur romantischen Polin, völlig verzeichnet waren, 
nach der konventionellen Schablone romantischer Erotik. Es ent- 
schädigten für die schreiende Unwahrhaftigkeit einzelne sehr 
effektvolle Wendungen, eine Vision des Kosakenlebens, die in 
dieser Intensität nicht zu übertreffen war, humoristische Szenen, 
z. B. mit Juden. Dies war jedoch der letzte Tribut, den Gogol 
seiner Heimat und ihrer Geschichte, ihren Kämpfen mit den 
Polen — nur diese zogen ihn an — erstattete; wenigstens kam 
er später über blofse Ansätze zu einem historischen Roman u. dgl. 
nicht mehr heraus. 

In zwei weiteren Sammlungen, »Arabesken« 1834, »Er- 
zählungen« 1836, schlug er bereits andere Töne an; neben der 
romantischen Vorliebe für das Mittelalter und seine gotischen 
Denkmäler, neben der zehrenden Sehnsucht nach dem sonnigen 
Lande der grofsen Kunst, nach Italien, neben Hoffmannscher 
Phantastik in der Künstlernovelle »Das Portrait« — der grofse 
Künstler hat in materiellem Genüsse das ideale Streben vergessen, 
und wie sich dies an seinem Werke und dessen Besitzern rächte — 
und in der Groteske »Die Nase« — Herumspazieren der abhanden 
gekommenen und ihr Wiedereinfinden — treffen wir auf Perlen 
realistischer Komik und Drastik, »Die Kalesche«, freilich mit 
einer Wendung ins Tragische, namentlich in der berühmten Er- 
zählung »Der Mantel« : der kleine Beamte hat sich nach jahre- 
langen Entbehrungen die Mittel für einen neuen Mantel zu- 
sammengespart. Am ersten Tage, da er ihn anhat, wird er seiner 
beraubt. Der Schlufs, mit dem Spuken seines Geistes, ist wieder 
Hoff mannisch. Zum ersten Male war hier einer aus der unend- 
lichen russischen Gallerie der »Enterbten und Erniedrigten« unter 
die Lupe des Beobachters genommen und hat trotz aller seiner 
Unförmlichkeit, ja Lächerlichkeit unser tiefes Mitgefühl gewonnen, 
über das auch der groteske Schlufs, als hätte der romantische 
Verfasser nur zaghaft den Weg des Realismus betreten, nicht 



— 238 — 

hinwegtäuschen konnte. Ahnlich verhielt es sich mit den »Memoiren 
eines Wahnsinnigen«. 

Jegliche romantischen Allotria verschwanden aus den Bühnen- 
werken, an denen Gogol mehrere Jahre arbeitete; er schrieb ein- 
zelne Szenen, ^^Die Spielern, »Das Lakaienzimmer': u. a., zer- 
trümmerte ein der Zensur wegen unmögliches Werk aus der 
Petersburger Beamtenwelt in Einakter: »Prozefs«, »Morgen eines 
Affäristen«:, »Hochzeit <;, wo Hofrat Podkolesin durch einen kühnen 
Sprung aus dem Fenster dem Einlaufen in den Hafen der Ehe 
sich entzieht, mit einer ganz merkwürdigen Galerie aller möglichen 
Heiratskandidaten. Schliefslich vollendete er und führte auf unter 
den aufreibendsten Kämpfen mit sich, mit der Zensur, mit den 
Schauspielern, mit Kritik und Publikum, seinen »Revisor«, um 
nach den ersten Aufführungen für immer zu fliehen nach seinem 
geliebten Italien, nach seiner herrlichen Totenstadt Rom. Denn 
immer blieb sich Gogol des Gegensatzes zwischen der absterbenden 
katholischen Zivilisation und seiner Zugehörigkeit zu einem jugend- 
frischen, aufstrebenden Volke bewufst; ihren ganzen Zauber, den 
er wie kein anderer Russe je empfand, hat er in seiner unvoll- 
endet gebliebenen Erzählung »Rom« wiederzugeben versucht. 

In Rufsland setzten sich unterdessen die Aufführungen seines 
Stückes und der Meinungsstreit darüber fort. Das Sujet des- 
selben war schon von Osnovianenko bearbeitet; Puschkin, der 
selbst einmal als »Revisor« in Nowgorod gegolten hatte, d. h. 
als ein vom Ministerium zur Aufdeckung von Mifsständen in die 
Provinz entsandter Beamter, wies Gogol besonders noch auf 
dieses förmlich in der Luft liegende komische Thema. Die Be- 
amtenschaft einer entlegenen Kleinstadt wird durch die Nachricht, 
dafs sie von einem incognito reisenden Revisor heimgesucht 
werden soll, aus ihrer idyllischen Ruhe aufgeschreckt ; ein Peters- 
burger Windbeutel, den gerade ein Zufall dorthin verschlägt, 
wird von Schuldigen und Unschuldigen für diesen Revisor ge- 
halten, findet sich in die neue Rolle trefflich ein, lebt in Saus 
und Braus auf Kosten der Einwohnerschaft und macht sich recht- 
zeitig aus dem Staube. In einer neuen Versammlung der »herr- 
schenden Gewalten« des Städtchens wird dieses Quiproquo zum 
gröfsten Leidwesen der Geschädigten und Blamierten aufgeklärt, 
und die Anmeldung des wirklichen, eben eingetroffenen Revisors 
bricht über sie wie eine Katastrophe herein. Noch 1845 liefs 



— 239 — 

Bulgarin in seiner »Biene des Nordens« sein Herz bei dem Ge- 
danken bluten, dafs die ganze hohe Welt Petersburgs bei den 
Aufführungen des »Revisor<c erscheine und, ohne Ahnung von 
Beamten zu haben, annehme, dafs diese nach der Natur dar- 
gestellt wären . . . »nein, meine Herren und Damen, solche Beamte 
gibt es nicht« usw. 

Die Satire Gogols unterschied sich von den vorausgegangenen, 
von Gribojedov, bei dem doch Cazkij eine andere, hoffnungs- 
vollere Jugend ankündete, von Visin, bei dem es von Tugend- 
bolden wimmelte, durch das vollständige Fehlen eines »positiven« 
Charakters. Die ganze Beamtenschaft war ein Lumpengesindel, 
pflichtvergessen und diebisch (»Du stiehlst über deine Rangklasse«), 
in schrankenlosester Willkür nur die eine Furcht kennend, sich 
von einem Höheren erwischen zu lassen. Insofern war diese 
Satire durchaus nicht »unschuldig«, lächelnden Stiles. Wohl konnte 
Gogol einwerfen, dafs nur aus Unkenntnis solche Zustände ge- 
duldet würden, dafs das unbestechliche, wache Auge der weisen 
Regierung eben durch die Entsendung eines Revisors dieser 
Lotterei sicher das Ende mit Schrecken bereiten werde. Trotz- 
dem warf die Satire ein ungünstiges Licht auf Bureaukratie und 
System; für Unzufriedene, Liberale, Nörgler lieferte sie aus- 
giebigen Stoff. Gogol selbst, der ultraloyale Konservative aus 
Puschkins Kreise, hatte gewifs keinerlei umstürzlerische, kritische 
oder auch nur liberale Regungen. Anfangs schrieb er das Ganze 
nur zu eigenster Belustigung und räumte dem »heiligen Lachen« 
noch mehr Platz ein als in der späteren Redaktion; aber die 
Bureaukratie hafste er grimmig, wie Puschkin, und so erklärt 
sich nicht nur die Tendenz des Ganzen, sondern auch manche, 
gar nicht harmlose Aphorismen, z. B. gleich in der Eingangs- 
szene : »Es gibt keinen Menschen ohne Sünde ; dies ist schon von 
Gott so eingerichtet, und vergebens eifern dagegen die Voltairianer.« 
Der Lehrer macht blofs Grimassen, aber den Inspektor trifft 
sofort der Tadel, »warum freigeistige Gedanken der Jugend ein- 
geflöfst würden« u. dgl. Das gedankenlose Publikum fafste die 
Komödie als Farce auf und wälzte sich vor Lachen — ihre vis 
comica war und ist bis heute nicht übertroffen. Der gallige, 
kühle Grofsrusse war zu ihr gar nicht befähigt, sie lag in dem 
Naturell des gutmütig -schlauen Kleinrussen. Andere lachten 
absichtlich, noch andere schrien über Untergrabung der Autori- 



— 240 — 

täten. Der Dichter, dem seine Komödie aus blofser Reizung der 
Lachmuskeln zu einer grofsen, ernsten Sache geworden war, 
protestierte gegen alle Anschuldigungen in seinem sechs Jahre 
nachher (1842) redigierten Einakter »Beim Verlassen des Theaters 
nach der Aufführung einer neuen Komödie«, wo er mit genialer 
Virtuosität die verschiedensten Zuschauer und ihre Meinung oder 
Meinungslosigkeit charakterisierte. Die kleinen Leute treffen bei 
ihm instinktmäfsig das Richtigere- die höheren verhalten sich 
gleichgültig oder feindlich. Zuletzt ergreift der Verfasser das 
Wort zur Verteidigung der einzigen ehrbaren Persönlichkeit seiner 
Komödie, des Lachens, das nichts Niedriges wäre, in dem Funken 
tiefen Gefühles zu finden wären ; wer am meisten lacht, vergiefst 
wohl auch oft tiefe, innige Tränen. Diese Verteidigung war an 
sich überflüssig; wer sich nicht absichtlich blind stellte, mufste 
ja schon aus dem grimmigen Schlufsausruf des betrogenen Polizei- 
meisters die Bedeutung der angeblichen Farce erkannt haben : 
nicht genug an der Blamage, »es wird noch ein Federfuchs, ein 
Papiersudler kommen und dich in einer Komödie hinstellen-, das 
verletzt tief; er wird nicht Rang noch Ruf schonen, und alle 
werden die Zähne fletschen und Beifall schlagen — (zum Publikum 
gewendet : ) was lacht ihr '? Über euch selbst lacht ihr... 
ach ihr! . . . ich möchte alle diese Papiersudler . . . Uh! Feder- 
fuchse, Liberale, verdammte Teufelsbrut ... in eine Fessel würde 
ich euch alle stecken, zu Mehl zerreiben euch alle, und dem 
Teufel zur Unterlage in seine Mütze«. Den hochgespannten Er- 
wartungen des krankhaft nervösen V^erfassers genügten am aller- 
wenigsten die ersten Eindrücke von Spiel — da die Schauspieler 
alles ins Possenmäfsige chargierten — und Aufnahme beim Publi- 
kum, und er floh eiligst aus Rufsland, »seinen Kummer zu zer- 
streuen, seine Autorpflichten gründlich zu überdenken, seine 
künftigen Werke, und erfrischt und erneut zurückzukehren«. 

Er hatte längst ein anderes Sujet in Arbeit und hatte bereits 
Puschkin die ersten Kapitel seines Prosaromans »Tote Seelen«, 
dessen erster Teil dann 1842 erschien, vorgelesen; nur im Aus- 
lande fühlte er sich dann seinem Rufsland gegenüber freier. 
Wohl zog ihn das Herz, die Sehnsucht zur Heimat, aber der 
Aufenthalt in derselben entnervte ihn nur zu bald. Leute, die 
in der Praxis sich sehr ungeschickt anstellen, erweisen sich in 
der Theorie als Meister, und so hatte auch Puschkin folgendes 



— 241 — 

erdacht: die Revisionen der Bauernlisten erfolgten alle zehn 
Jahre- während dieser Zeit mufste der Herr für die unterdessen 
verstorbenen :^Seelen« (d. i. Männer, Weiber und Kinder zählten 
nicht) die Kopfabgabe entrichten; diese toten Seelen waren ihm 
eine Last. Wenn sich nun ein Gauner fand, der ihm diese toten 
Seelen abnahm, für sie die Kopfabgabe zahlte, so wäre dem 
Herrn geholfen. Der Gauner wieder könnte die toten Seelen, 
die er natürlich als lebende auf irgendeine Wüstenei in der Krim 
etwa überführte, im Vormundschaftsamt verpfänden, bis 100 Rubel 
pro Seele, und mit diesem Erlös verduften. So reist nun Gogols 
Cicikov durch Rufsland , solche tote Seelen zu solcher Trans- 
aktion zu erwerben. Wir begleiten ihn in eine gröfsere Provinz- 
stadt, von der als Mittelpunkt er einen ganzen Güterrayon ab- 
klappert. Die Besuche auf den einzelnen Adelshöfen, das Gelingen 
oder Mifslingen seiner Transaktion, die scheitert, weil Mifstrauische 
sich erst nach den Preisen für tote Seelen in der Stadt erkundigen 
wollen, die Beschreibung der Stadt und ihrer »lieben« Beamten 
— hier bricht wieder der Hafs gegen die Bureaukratie durch — 
machen den Inhalt des »Poems« aus. »In welchem Metrum ist 
es denn geschrieben?« fragte höhnend Senkovskij. 

»Inmitten der Triumphe von Mittelmäfsigkeit und Talent- 
losigkeit, pharisäischem Patriotismus und süfslich-fader Volkstüm- 
lichkeit erscheint plötzlich ein echtrussisches Werk, ebenso wahr- 
haft wie patriotisch, schonungslos die Hülle von der Wirklichkeit 
abreifsend, leidenschaftliche Liebe zum fruchtbaren Kern russischen 
Lebens atmend, eine unermefsl ich -künstlerische Schöpfung nach 
Konzeption und Ausführung, nach den Charakteren der handeln- 
den Personen und den Einzelheiten russischen Wandels und zu 
gleicher Zeit tief in seinen Gedanken, sozial und historisch.« 
So bewillkommnete etwas überschwängliche Kritik des liberalen 
Westlers Bielinskij das Werk, das gleichermafsen die Slawophilen 
begeisterte, sie durch K. Aksakov Gogol neben Homer und Shake- 
speare stellen, von einer russischen Iliade sprechen liefs, während 
andere sogar in dem Kutscher Öicikovs, Selifan, sich über die 
Darstellung unverfälschten russischen Lebens entzückten — weil 
nämlich Selifan mit seinen Pferdchen freundlich sprach und mit 
jedem »anständigen« Menschen sich sinnlos besoff. Nur die Zions- 
wächter der offiziellen » Wohlgesinntheit« grollten: Was werden 
die Fremden dazu sagen? Alle Helden des Romans sind ja 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 16 



— 242 — 

Schurken oder Dummköpfe, ein Inhalt fehlt ja, die Sprache ist 
oft gemein, fehlerhaft; der Schriftsteller steht tief unter Paul 
de Kock, ist ein Arbeiter nach der Natur fünfzehnten Ranges. 
Andere trösteten sich, dafs, was Gogol beschreibe, gar nicht in 
der Natur vorkomme, Karikatur der Gegenwart, Schöpfung 
heiterer Phantasie wäre. 

So widersprachen sich die Urteile noch greller als beim 
»Revisor«. Was hatte der Verfasser geplant? Er ist jetzt sehr 
redselig geworden, fürchtet Mifsdeutungen und flicht eigene 
Kommentare ein. Jch habe keinen Tugendbold zum Helden 
gemacht, weil es endlich an der Zeit ist, dem armen Tugendbold 
Ruhe zu gönnen; weil das Wort »tugendhaft müfsig gebraucht 
wird ; weil der »Tugendhafte« zu einem Pferde geworden ist und 
von jedem Schriftsteller geritten und mit der Knute oder, was 
sonst einer in die Hände kriegt, angetrieben wird ; weil man den 
Tugendhaften bereits so erschöpft hat, dafs an ihm auch nicht 
der Schatten von Tugend mehr zu sehen ist und nur Rippen und 
Haut statt Fleisch übrigblieben; weil man heuchlerisch den 
Tugendhaften heranruft; weil man ihn gar nicht mehr ehrt. 
Nein, es war endlich Zeit, auch den Gauner einzuspannen.« Und 
fragt man, wer ist Öicikov in moralischer Eigenschaft, so ist 
bald die Antwort da: ein Schuft. »Warum denn Schuft; warum 
soll man gegen andere so streng sein? Es gibt ja jetzt bei uns 
keine Schufte mehr, lauter wohlgesinnte, angenehme Leute; die 
zu öffentlicher Schande ihr Gesicht einer öffentlichen Ohrfeige 
hinhalten würden, solcher findet man höchstens zwei oder drei, 
und auch diese sprechen von Tugend. Gerechter wäre es, Öicikov 
einen Wirt, Erwerber zu nennen; das Erwerben trägt ja an 
allem Schuld.« Den Verfasser bedrückte nur die Überzeugung, 
dafs alle seinen Helden gerne als einen recht interessanten 
Menschen empfangen würden , wenn der Verfasser nicht so tief 
in seine Seele hineingeblickt hätte, wenn er ihn nur so gezeigt 
hätte, wie er äufserlich auftritt. Freilich wäre dann sein Bild 
nicht so klar unseren Augen; dafür hätte nichts die Seele des 
Lesers beunruhigt ; man hätte wieder zum Kartentisch, der ganz 
Rufsland erfreut, ruhig zurückkehren können. Der Leser möchte 
eben Menschenelend nicht sehen. Wozu? Lafst es uns besser 
vergessen, zeiget uns Schönes, Anziehendes. »Auch werden 
sogenannte Patrioten den Verfasser beschuldigen, die da in ihren 



— 243 — 

Winkeln ihren Geschäften nachgehen und sich auf Kosten anderer 
bereichem, aber, sobald z. B. ein Buch erscheint mit einer neuen, 
bitteren Wahrheit, aus allen Winkeln hervorkriechen wie Spinnen, 
in deren Gewebe sich eine Fliege verwickelt, und nun das Ge- 
schrei erheben: »Ist das schön, so etwas darzustellen? . . .« 
Dieser Patriotismus fürchtet den tief eindringenden Blick. Er 
liebt es, über alles mit gedankenlosem Auge hinwegzugleiten; er 
wird sogar von Herzen über Öicikov lachen, ja den Verfasser 
loben: »Manches hat er doch treffend beobachtet, mufs ein lustiger 
Kumpan sein!« Und selbstzufrieden fügt er hinzu: »Es gibt doch 
in den Provinzen gar sonderbare und lächerliche Leute, ja grofse 
Schurken dabei«, — statt sich zu fragen, ob nicht auch in ihm 
ein Teil von Cieikov stecke.«. 

Freilich beneidet Gogol den Verfasser, der aus der grofsen, 
wirbelnden Tiefe täglicher Bilder einige wenige Ausnahmen 
gewählt, kein einziges Mal den hohen Ton seiner Laute herab- 
gestimmt hat, nicht niederstieg von seinen Höhen zu seinen armen, 
nichtigen Mitbrüdern, während Gogol gewagt hat aufzurufen alles, 
was wir jede Minute vor Augen haben, was nur der gleichgültige 
Blick nicht sieht, den ganzen entsetzlichen, erschütternden Morast 
von Kleinlichkeiten, die unser Leben umstricken, die ganze Tiefe 
kalter, mürber, täglicher Charaktere, die da wimmeln auf unserm 
irdischen, bitteren, langweiligen Wege, gewagt hat, mit der 
ganzen Kraft seines unerbittlichen Meifsels, sie vor aller Augen^^^ 
deutlich und klar, hinzustellen. »Und lange ist mir noch durch j 
eine wunderbare Macht bestimmt , Hand in Hand mit meinen 
sonderbaren Helden zu gehen, das Leben zu betrachten in seinem 
riesenhaften Wandel, es zu betrachten durch der Welt sichtbares 
Lachen und ihr unsichtbare, unbewufste Tränen. . . . Nichtig 
und niedrig wird der heuchlerisch und gefühllos urteilende Zeit- 
genosse diese Schöpfungen nennen, wird ihnen einen verachteten j 
Winkel unter den die Menschheit schmähenden Schriftstellern I 
anweisen; denn er erkennt nicht an, dafs gleich wunderbar sind | 
die Gläser, die die Sonne betrachten, und die die Bewegungen f 
unmerklicher Infusorien wiedergeben; denn es erkennt nicht an ■. 
das Urteil des Zeitgenossen, wie viel geistige Tiefe nötig ist, um ein v 
dem verachteten Leben entnommenes Bild zu durchleuchten und 
es zu einer Perle der Schöpfung heraufzuführen; denn es erkennt , 
nicht an, dafs hohes, begeistertes Lachen wert ist, in gleicher | 

16* 



— 244 — 

Linie mit hohem lyrischen Schwünge zu stehen, und dafs ein 
ganzer Abgrund solches Lachen trennt von den Grimassen des 
Jahrmarktgauklers.« 

»Als ich Puschkin das erste Kapitel der , Toten Seelen^ vor- 
las« — Gogol war ein unübertroffener Vorleser, zugleich ein 
komisches Talent ersten Ranges — , ^wurde der Ausdruck von 
Puschkin, der sonst immer zu meinem Lesen zu lachen pflegte 
(und er liebte das Lachen), allmählich immer düsterer und düsterer 
und verfinsterte sich schliefslich vollends. Als ich ganz aufhörte, 
brach er in die Worte aus: »Gott, wie traurig ist doch Rufsland!« 
Einen bitteren Vorwurf gegen ganz Rufsland fühlte auch Herzen 
heraus. In der Tat sind es lauter »tote Seelen« , in flachster 
Banalität erstorben, ohne einen Gottesfunken-, niederdrückend 
mufste ihr Anblick gerade für den Romantiker werden. Denn 
der Gogol des » Revisor« und der »Toten Seelen« und der :^ Peters- 
burger Erzählungen« hafst das schale, flache Wesen. Er sieht 
den Schaden, der verursacht wird einerseits durch diese Schalheit, 
Indolenz, Willfährigkeit dem Bösen gegenüber, anderseits durch 
rohe Selbstzufriedenheit, Prahlerei, Nichtigkeit der moralischen 
Grundlagen; er sucht ihre ungestörte Herrschaft zu erschüttern 
mit den Waffen des Humors. Freilich war der Humor der »Toten 
Seelen« um mehrere Nuancen tiefer als der im »Revisor«: machte 
sich hier fröhliches, ungezwungenes Lachen über die verkehrte 
Welt geltend, das Lachen des Ukrainers, so ist es jetzt förmlich 
gedämpft, es liegt über ihm ein Schleier grofsrussischer kaustischer 
Ironie. Der Realismus, ja Naturalismus feiert seinen höchsten 
Triumph: die genaueste Beobachtung und die schärfste Wieder- 
gabe des Gesehenen, die Fülle der Gestalten, jede individuell, 
wie sprechend , mit wenigen Zügen sicher hingestellt. Den 
Romantiker verrät nur einiges Wenige, wie im »Revisor« der Stich 
ins Groteske, da dem Chlestakov seine eigene Schilderung zu Kopfe 
steigt, so hier die Rolle des Harpagon - Pluschkin , in dem das 
unschuldige »Erwerben« zu einer dämonischen Macht geworden 
ist, die den ganzen Menschen aussaugt, ihn zu einer Lücke der 
Menschheit macht. Aber, wie jener englische Karikaturenzeichner, 
erschrickt Gogol selbst vor den eigenen Gestalten; der bisher 
stets überwundene, tief in ihm schlummernde Romantiker fordert 
seine Rechte. Er kann sich nicht mehr zufrieden geben mit allen 
diesen Verzerrungen des göttlichen Ebenbildes, er ist so erfüllt 



— 245 — 

von der Wichtigkeit seines Berufes, die ihm ja auch der Pusch- 
kinsche Kreis mit seiner Vorstellung von dem Dichter — Pro- 
pheten , dem auserwählten Gefäfs der Gnade , nahelegte , dafs 
er sich als Prediger, Lehrer seiner Mitmenschen betrachtet^ dafs 
er ihnen direkt die Wege des Heiles zu weisen sich anschickt. 
Das vermag er nicht mit seinen flach-alltäglichen, niedrig-komi- 
schen Helden. Nicht genügt ihm mehr die Macht des heiligen 
Lachens, er wird Positives schaffen. Der russische Gilblasroman, 
ohne Liebesabenteuer allerdings, der ohne Anfang und Ende war, — 
es konnten ihm nach Belieben neue Gutsherrenbilder und andere 
Episoden angereiht werden, — stellte nur die Vorhalle zu einem 
ganz anderen Werke. Im zweiten Teile sollte Cicikovs Umkehr, 
im dritten seine Läuterung dargestellt werden; positive Helden, 
tugendhafte Generalgouverneure, Branntweinpächter und Grofs- 
grundbesitzer , sollten als die providentiellen Werkzeuge dieses 
russischen Purgatorium und Paradieses auftreten. Illusionen 
spielten bei Gogol seit jeher eine grofse Rolle, er verwechselte 
Geplantes und Ausgeführtes; kein Wunder daher, wenn schon 
in den elf Kapiteln des ersten Bandes, »einer unbedeutenden 
Einfahrt in eine grofse Stadt<; , herrliche Aussichten auf die 
kolossalen Bilder, die verborgenen Hebel eines breiten Romans, 
gemacht werden. »Es kann sein, dafs in derselben Erzählung 
vernommen werden andere, bis jetzt nicht angeschlagene Töne, 
sich offenbaren wird der unübersehbare Reichtum russischen 
Geistes, vorüber wandeln wird der Mann,, begabt mit göttlichen 
Tugenden, oder die russische Maid, wie man sie sonst nirgends 
in der Welt findet, mit aller wunderbaren Schönheit der weib- 
lichen Seele, ganz aus hochherzigem Streben und Selbstaufopfe- 
rung, und tot werden vor ihnen erscheinen alle tugendhaften 
Menschen anderer Nationen, wie das Buch tot ist vor dem lebenden 
Worte . . . man wird sehen, wie tief in der Natur der Slawen 
eingebettet ist, was an anderer Völker Natur nur vorbeiglitt. <2 
»Noch ist weit die Zeit, dafs sich erheben wird Sturmesrauschen 
der Begeisterung, aus dem in heiliges Grauen und Blitzen ge- 
kleideten Kopfe, und man in wirrem Zittern dem majestätischen 
Donner anderer Worte lauschen wird.« Daher stammte der dies 
alles antizipierende Titel eines v Poems c für das Ganze. 

Die Slawophilen waren über diese Ankündigungen entzückt; 
sie verziehen dafür grofsmütig dem Dichter die Einseitigkeiten 



— 246 — 

des ersten Bandes. Als bei dem Westler Bielinskij der erste 
Freudenrausch über das Werk sich gelegt hatte, machte ihn 
diese Zukunftsmusik mifstrauisch ; er schrieb: »Viel, allzuviel ist 
für die Fortsetzung versprochen , so viel , dafs von nirgendsher 
zu entnehmen ist, womit man diese Versprechungen erfüllen 
könnte, darum, weil es etwas Derartiges noch gar nicht 
auf der Welt gibt. Uns schreckt förmlich der Gedanke, dafs 
der erste Teil , in dem alles komisch ist , eine wahrhafte Tra- 
gödie bleiben könnte, und, die übrigen zwei, wo Tragisches her- 
vortreten soll, komisch ausfallen, wenigstens an den pathetischen 
Stellen.« Der glänzende Scharfblick Bielinskijs täuschte sich 
nicht ; es kam, wie er es voraussagte. Und auch sonst protestierte 
er gegen diese und ähnliche Auslassungen in den »Toten Seelen«, 
gegen ihre lyrischen Digressionen, als gegen Makel und Flecken 
auf dem Gemälde eines grofsen Meisters. An dem zweiten und 
dritten Teile arbeitete nun Gogol weiter bis an sein Lebens- 
ende, 1852. Das bereits fertige Werk warf er zweimal ins 
Feuer. Wir besitzen heute nur Entwürfe und Fragmente. Einiges 
ist trefflich: die Kapitel im Stile des ersten Teiles, die neuen 
Begegnungen mit Tentetnikov usw. Die positiven Gestalten 
sind erfunden, sind die Rossjaninovs aus dem Vyzigin des Bulgarin, 
Mannequine, nicht Menschen. Wie Dostojevskij , ist uns auch 
Gogol die Darstellung der »Läuterung« schuldig geblieben. Uns 
genügt vollständig der Cicikov des ersten Teiles; nicht so dem 
Dichter, der sich vergebens in der Verkörperung seiner neuen 
Ideale aufzehrte. 

Die Tragödie des Menschen hatte noch eher als die des 
Künstlers begonnen. Der religiöse Grundzug seines Wesens, 
der tiefe Glauben an die Vorsehung, die jeden Schritt dieses 
Auserwählten lenke, die hohe Meinung von seinem Berufe, nicht 
zuletzt der Zug der Zeit, deren religiöses Interesse wieder er- 
erwacht war, steigerten sich zumal in der römischen Vereinsamung 
des Dichters zu einer V^erinnerlichung, zu einer Abkehr von der 
Welt und ihrem Treiben, die schlielslich zu Asketik und Ana- 
choretentum führen mufste. Dies fiel nun auf und stach ab 
gerade in der russischen Gesellschaft, für die Religion vielfach 
etwas ganz Äufserliches , blofs ein Schema des bureaukratischen 
Schimmels bedeutet, für die Religiosität mit Muckertum und 
Heuchelei zusammenfällt, Religion blofs zu der bei bestimmten 



— 247 — 

Anlässen angezogenen Uniform wird — beim Volke fällt sie 
dann einfach mit Aberglauben zusammen. Gegenüber dieser 
religiös ganz indifferenten Gesellschaft erwachte in Gogol heiliger 
Eifer; im Bewufstsein seiner geistigen Bedeutung und seines 
asketischen Sinnes warf er sich zum Gewissensrichter, zum Rat- 
geber, zum Begutachter auf, Freunden und Bekannten ins Ge- 
wissen redend , sie zu christlichen Tugenden der Demut , Er- 
gebenheit , Barmherzigkeit und Milde auffordernd : sich ja nicht 
aufzulehnen gegen die Autoritäten , den Versuchungen des 
lockenden Verstandes zu widerstehen, zerknirschte Christen zu 
werden, sich selbst zu vervollkommnen, worauf alles andere von 
selbst ihnen zufallen würde. Und um möglichst vielen die 
Segnungen und Wirkungen dieser Worte zuteil werden zu 
lassen , veröffentlichte er , statt des zweiten Bandes der »Toten 
Seelen«, der sich nicht recht vom Flecke rühren wollte, etwas 
voreilig die »Ausgewählten Stellen aus einer Korrespondenz mit 
Freunden« (1847). Auch daran hatte die Zensur vielerlei aus- 
zusetzen. 

Die Wirkung des Buches war eine zermalmende für Gogol. 
Derjenige, der bisher förmlich Götzendienst mit ihm getrieben 
hatte — obwohl sich Gogol dagegen ausdrücklich verwahrte — , 
Bielinskij, schrieb an Gogol den berühmten Absagebrief vom 
15. Juli 1847 aus Salzbrunn, wo der Lungenkranke weilte. Der 
Besitz einer Abschrift dieses Briefes, Vorlesen derselben war 
lebensgefährlich, trug mit zur Verurteilung Dostojevskijs zum 
Tode bei 1 ! In diesem Briefe apostrophierte er sein bisheriges 
Idol : »Verkünder der Knute, Apostel der Unwissenheit, Helfers- 
helfer des Obskurantismus und der Wut der Finsternis, Panegyrist 
tatarischer Sitten, was machen Sie? . , . Der grofse Schrift- 
steller , der mit seinen wunderbar-künstlerischen , tiefwahrhaften 
Schöpfungen so machtvoll mitgewirkt hat an Rufslands Selbst- 
erkenntnis, ihm die Möglichkeit gebend, auf sich selbst wie in 
einen Spiegel zu blicken, erscheint mit einem Buche, in dem er 
im Namen Christi und der Kirche den Barbaren — Gutsherren 
lehrte, von den Bauern, den »ungewaschenen Mäulern« , noch 
mehr zu erpressen . . . ein Voltaire , der durch seinen Spott die 
Scheiterhaufen des Fanatismus auslöscht, ist mehr Sohn Christi 
als alle Ihre Popen, Bischöfe, Metropoliten, Patriarchen des 
Morgen- und Abendlandes« usw. Bielinskij war immer ganz 
Leidenschaft, der heilige Zorn und die tiefe Trauer um das zu 



— 248 — 

seinen Füfsen zertrümmert liegende Idol mag die Heftigkeit 
dieser Anklage erklärlich erscheinen lassen. Gogol war es heiliger 
Ernst mit seinen Ausführungen, aber deren hochfahrenden, an- 
mafsenden Ton und die Spitzen mancher Behauptungen milderte 
er ab in einem folgenden »Bekenntnis des Verfassers«. Hatte 
der Moralist den Künstler in ihm bereits ertötet, so löste ihn 
jetzt der Asket völlig ab. Gogol pilgerte zum Grabe des Er- 
lösers, war mildtätig, namentlich gegen arme Studenten, kasteite 
sich , betete , wachte und fastete , bis den völlig Entkräfteten, 
Ekstatischen ein Nervenfieber wegraffte. Ebensowenig wie der 
Schriftsteller seine positiven Ideale zu schaffen wufste, konnte der 
Mensch die Versöhnung mit dem Leben bewerkstelligen, erfinden. 
Niemand hat so wuchtige Schläge gegen die Romantik ge- 
führt wie dieser verkappte Romantiker, der, im Widerspruche 
mit sich selbst, auf Einfachheit, Natürlichkeit drang, darum den 
romantischen Wortschwall eines Kukolnik z. B. tief verachtete. 
Noch zu Anfang seiner Laufbahn hatte er (1832) gegen einen 
Bekannten geäufsert: »Komik ist überall verborgen, nur, inmitten 
ihrer lebend, nehmen wir sie nicht wahr, aber bringt sie der 
Künstler in seine Kunst, auf die Bühne, so werden wir uns vor 
Lachen wälzen und nur wundern, dafs wir sie nicht früher be- 
merkt haben.;: Diesem Grundsatz ist er treu "geblieben, der grofse 
Realist, der mit gutem Recht vor seine Komödie das Motto hin- 
setzte: »Schimpfet nicht auf den Spiegel, wenn das Maul schief 
ist.« Einen Spiegel hielt er eben Rufsland hin; er schmeichelte 
nicht, er karikierte nicht. Daher, die Wut der einen, die 
merkten, dafs ihre farblose Ware keinen Absatz mehr finden 
werde, der Bulgarin und Genossen; die Empörung der alten 
Romantiker, eines Polevoj z. B,, denen diese Natürlichkeit Ver- 
rat an der Kunst schien; man bedenke doch, dafs zum ersten 
Male in Rufsland eine Komödie und ein Roman ohne Liebes- 
intrigen sich abfanden. Noch heute gehört ja, in Europa sogar, 
Liebe zu einem Theaterstück wie Schminke und Perücke, und 
zu einem Roman wie Papier und Druckerschwärze. Der einstige 
Wunsch Peters des Grofsen nach einem vernünftigen Stück ohne 
Liebe war endlich erfüllt. Desto frenetischer war der Beifall 
der Jugend, der Liberalen, die durch ein krasses Mifsverständnis 
den Erzkonservativen förmlich für sich in Beschlag nahmen und 
spät erst ihren Irrtum erkannten. 



— 249 — 

Der Wunsch der Kritik nach einem wahrhaft nationalen 
"Werke war nicht durch Puschkin, nicht durch Lermontov, er ist 
erst durch Gogol erfüllt worden, obwohl gerade die heifsesten 
Rufer im Streite das Werk gar nicht erkannten. Frei von jeg- 
licher, nicht nur Nachahmung, sondern sogar Anregung durch 
Fremde, aus Rufslands Innerstem geschöpft, konnte es von sich 
sagen: »Hier ist Rufsland, hier riecht's nach Rufsland Ic Und 
dieser nach Bild wie Wort gleich meisterhafte Realismus, für 
den die Gegner sofort den Namen der »natürlichen Schule« 
schmiedeten, den Bielinskij gern aufgriff: natürliche Richtung 
im Gegensatz zur unnatürlichen, d. i. verlogenen — zu einer Zeit, 
als Europa an Realismus und Naturalismus noch gar nicht 
dachte, wurde vorbildlich für ganze Generationen, die sich direkt 
von Gogol herleiten, die sein unvollständiges Werk, dem nicht 
nur Frauen, Geistliche, das Heer usw., sondern sogar das Volk 
fehlten, fortführten. Endlich hatte Rufsland sich selbst gefunden. 

Daran änderte nichts der Umstand, dafs Gogol sich selbst 
wieder verloren hat, so dafs wir gegen ihn seine eigenen Werke 
in Schutz nehmen müssen. So brachte er es fertig, seinen 
»Revisor« mystisch umzudeuten. Dieses Städtchen mit seinen 
Beamten, »dies ist unsere Seelenstadt, und sie sitzt in jedem von 
uns. Der echte Revisor ist dann das Gewissen; Chlestakov ist 
das falsche, windige, weltliche, bestechliche Gewissen, das sich 
von den Leidenschaften an der Nase herumführen läfst. Durch 
das von Menschenliebe eingegebene, nicht das eitle Lachen 
müfsiger Welt wollen wir die seelischen Missetäter vertreiben« usw. 
Ebenso haben bekanntlich die mittelalterlichen Theologen jede 
Erzählung der Bibel in dreifachem allegorischem Sinn umzudeuten 
gewufst. Und ebenso würden wir Öicikov gegen Gogols Attentat 
verteidigen; wir kennen ja seine Erziehung, wie der »wohl- 
gesinnte« Vater sein Paulchen stets unterwies : »Suche den 
Lehrern zu gefallen, gib dich nicht ab mit Kameraden, höchstens 
mit reichen, traktiere niemanden, lafs eher dich traktieren, 
hüte vor allem den Groschen , den wahrhaftesten , einzigen 
Freund« usw. Sogar die Läuterung eines Puschkin, der ja 
wenigstens einer Leidenschaft fähig ist, und wäre es nur die des 
Geizes, würde uns glaubhafter erscheinen als die unseres, jeg- 
licher Leidenschaft baren, banalen und schalen, dafür desto wahr- 
hafteren Helden. 



~ 250 - 

Gogol ist ein psychologisch aufserordentlich interessantes 
Problem, voll von scheinbaren Widersprüchen, am wenigsten ge- 
kannt von denjenigen, die ihn am besten zu kennen glaubten. 
Er hat viele aufiüchtige Freunde und Verehrer gehabt, niemandem 
hat er je volle Einsicht in sein kompliziertes Seelenleben gewährt; 
er verbarg vor ihnen sogar die Einzelheiten seiner Kasteiungen. 
Sein Tod kam unerwartet, rifs ihn scheinbar aus frischestem 
Schaffen heraus. Der Schreck vor dem Tod scheint, aus Anlafs 
eines ihm nahegehenden Verlustes (der Frau Chomiakovs), dem 
zerrütteten Organismus den letzten Stofs gegeben zu haben, aber 
auch in seinen letzten Tagen stehen wir vor lauter Rätseln. 
Warum z. B. verbrannte er in jener Unglücksnacht (zum 
12. Februar) den zweiten Band der »Toten Seelen« ? Er be- 
hauptete, dies aus Versehen getan zu haben, er wollte nur einiges 
daraus verbrennen und hätte das Ganze verbrannt-, der Böse 
hätte ihm diesen Streich gespielt. Er tröstete sich, den Verlust 
wieder herstellen zu können. Aber das könnte eher Irreführung 
und Abweisung lästiger Frager sein. Ganz andere Motive sind 
ihm untergeschoben worden, man sprach sogar von einem ab- 
sichtlichen Opfer seines teuersten Schatzes, wie etwa Abraham 
den Isaak dem Herrn opferte-, jedenfalls scheint der Entschlufs 
plötzlich gekommen zu sein. Nur das ist abzuweisen , was man 
am häufigsten annimmt, er hätte dies aus Unbefriedigtheit mit 
dem Werke getan. Im Gegenteil wissen wir aus seinen eigenen 
Angaben, was für tiefe Ausblicke sich ihm gerade bei dieser 
Arbeit, mochte sie vielfach auch eine erzwungene sein, eröffneten. 
Auf sie rechnete er lange wie auf eine Revanche für die mifs- 
glückte » Korrespondenz « . 

Puschkin hatte die russische Poesie nach Sprache und Inhalt 
von ihren Stelzen herabsteigen lassen, hatte gezeigt, was für 
Schätze im einfachen, umgebenden Leben, unter Bauern, auf der 
einförmigen weiten Ebene zu heben sind, hatte freilich auch 
positive Ideale, in seiner »Tania« z. B. , geschaffen. Dasselbe 
erwirkte Gogol für den Roman, nur dafs ihm die Ideale kaum 
recht geglückt wären ; auch er verzichtete auf Geschichte , auf 
exzeptionelle Verwicklungen, auf exaltierte Künstler, und jeglicher 
platten Didaktik aus dem Wege gehend , wies er , was das ein- 
fache, alltägliche Leben bietet. Puschkin bahnte sich seinen Weg 
allein. Seine Kritiker, die sich an geringste Äufserlichkeiten, an 



— 251 — 

den Gebrauch eines Kasus und dgl. hielten, hatten ihm nichts zu 
sagen, konnten ihn höchstens bewundern oder verungHmpfen. 
Gogol traf schon auf eine vorgerücktere Epoche; schon fanden 
sich diejenigen, die den Sinn seiner Werke dem naiven Leser zu 
deuten wufsten. Schaffen und Kritik gehen von nun an Hand 
in Hand, ob sie sich bekämpfen oder unterstützen. 



Neuntes Kapitel. 
Die romantische Kritik. Bielinskij. 

Vorheriger Stand der Kritik. Ihr Erscheinen seit 1820; die romanti- 
schen Kritiker, Venevitinov, Bestuzev, Viasemskij, Polevoj, Nadie^din. 
Das Auftreten von Bielinskij. Seine ästhetisch-philosophische, seine 
publizistische Kritik. Sein Einflufs. Erstarken der Reaktion. Ver- 
folgungen der Gedanken und der Menschen; die Petraschevzen. 



Der Entwicklung der schönen Litteratur ist die Kritik vor- 
ausgeeilt. Freilich dauerte es lange, ehe sich eine ästhetisch und 
philosophisch geschulte überhaupt einstellte, wir begegnen ihr 
erst nach 1820. Der alte russische »Parnafs«, mit seinen streng 
anerkannten Autoritäten, mit seinen fest abgegrenzten Kompe- 
tenzen, mit den unverbrüchlichen Satzungen des Laharpe und 
Batteux duldete, wie jede Autokratie, keinerlei Kritik, nur lobende 
Anerkennung. Karamsin hatte ersterer in seinem »Moskauer 
Journal« einen Platz angewiesen, aber sie aus dem »Europäischen 
Boten« wieder verbannt, um nicht die wenigen Litteraten zu 
verscheuchen. Sogar über die Schriftsteller des XVIII. Jahr- 
hunderts gab es keinerlei begründete Schätzung , aufser etwa 
einen Aufsatz von Karamsin über Bogdanovic. Fürst Schalikov 
z. B., Herausgeber des »Damenjournals« mit Moden, klagte, dafs 
überstürzte Kritik unsere zarten Talente entmutigen könnte, sie 
würden fallen und welken wie Frühlingsblumen unter einem 



— 252 — 

Ungewitter! »Kritische« Kämpfe gab es vor 1820 nicht um 
Litteratur, sondern um Sprache, unter Schischkovisten und Karam- 
sinisten. Eine einzige gröfsere Leistung gab der Erzklassiker, 
auf Eschenburgs Entwurf einer Theorie und Litteratur der 
schönen Wissenschaften noch eingeschworene Moskauer Professor 
Merslakov, über die Rossiade, 1815. Statt Kritik gab es höch- 
stens Parodien der Oden, auch Derzavins, durch Marin u. a., 
humoristische Gedichte, Batiuschkovs, gegen die Schischkovisten, 
ihr Reich der Motten und Mäuse, ihre Rache gegen alle, die auf 
sie Epigramme wetzen, die so schreiben wie sie sprechen, die 
von Damen gelesen werden, oder Couplets und Epigramme, die 
auf den Moskauer Abenden bei Fürst Viasemskij u. a. geschmiedet 
wurden. 

Die Romantiker erst brachten vor allem eine Umwertung 
aller bisherigen litterarischen Werte; sie kamen zu dem Urteil, 
dafs es noch keine russische Litteratur gäbe. Nur sprachen dies 
die einen schroffer, die anderen verblümter aus, dabei schonten 
sie mitunter auch die Romantik nicht, protestierten gegen eine 
Auflegung deutschen oder englischen Joches statt des französi- 
schen und riefen nach nationaler Litteratur. Der philosophisch 
Geschulteste unter ihnen war der Moskauer »Archivjüngling« 
Venevitinov; seine Ausführungen sind auch allgemeinster Art 
und die richtigsten, sie gipfeln in den Sätzen: Selbsterkenntnis 
ist Ziel und Kranz des Menschen, der Aufklärung, die vom 
eigenen Boden aus wächst. Rufsland hat alles aus der Fremde 
bekommen, eine äufserliche Form der Bildung hat ohne jedes 
Fundament ein scheinbares Litteraturgebäude aufgeführt, ohne 
Anspannung eigener, innerer Kräfte. Die Untätigkeit unseres 
Gedankens ist Grund unserer Schwäche; falsche Regeln der 
Franzosen haben wir jetzt durch den Mangel aller Regeln ersetzt, 
daher auch die allgemeine Metromanie, ein Zeichen geistigen 
Leichtsinns. Er verlangte schliefslich mehr Reflexion als Pro- 
duktion, eine philosophische Durchbildung, die auf Kosten der 
letzteren erzielt werden sollte, sollte man auch dezennienlang 
nichts produzieren. Weniger radikale Mittel schlugen andere 
vor, der Dekabrist und spätere Mystiker Kuchelbeker, der die 
Romantiker wegen Nachahmung der Nachahmung angriff, wegen 
ihrer Melancholie: »Lies eine einzige unserer Elegien und du 
kennst sie alle;« der Dekabrist und Romancier Bestuzev, der 



— 253 — 

als Herausgeber eines sehr verbreiteten Almanachs es zwar mit 
niemandem verderben wollte, alle mit einer Schmeichelei bedachte, 
aber doch ebenfalls frug : »Wann werden wir denn endlich unsere 
eigene Bahn finden? Wann werden wir direkt Russisch schreiben? 
Gott allein weifs es.« 

Als Kritiker betätigte sich zeitw^eise Fürst Viasemskij, einer 
der vielen russischen Grandseigneurs, die sich so gerne mit Litte- 
ratur beschäftigen, anders als z. B. die deutschen. Er hat ein 
wahres Methusalemalter erreicht; seine Jugend fällt in die Zeit 
unbeschränkter Klassik — 1808 druckt er bereits Verse — , und 
er blieb litterarisch tätig bis an seinen Tod 1878. Von den 
Franzosen erbte er die Vorliebe für den glatten, witzigen Aus- 
druck ] er prägte die sarkastischen Bemerkungen, die ganz Rufs- 
land umliefen. Trotzdem er für Puschkin und die Romantik 
eintrat, blieb er im Grunde der Klassiker. Ein scharfer, klarer 
Geist von umfassendster Bildung, war er jeder Einseitigkeit und 
Übertreibung abhold, während sonst die Russen »sich an be- 
stimmten Ideen übertrinken, so dafs sie aus einer Art periodischen 
Säuferwahnsinns nicht herauskommen ; und haben sie ausgeschlafen, 
wissen sie sich oft gar nicht auf den eigenen Anfall zu besinnen«, 
bemerkte er zu guter Letzt auch gegen Verdikte der Geschworenen. 
Er gab sich keinen Täuschungen hin ; Puschkins Werke erläuternd, 
z. B. in der bekannten Vorrede zur »Fontaine von Bachßisaraj« 
1824 sagte er: »Bisher hat eine geringe Zahl guter Schrift- 
steller nur unserer Sprache einigermafsen Gestalt zu geben ver- 
mocht . . . wir gestehen mit Demut, aber auch mit Hoffnung, es 
gibt wohl eine russische Sprache, aber keine Litteratur, keinen 
würdigen Ausdruck eines mächtigen und männlichen Volkes . . . 
wir haben noch keinen russischen Schnitt in der Litteratur, viel- 
leicht werden wir ihn gar nicht bekommen, weil er gar nicht 
existiert < . . . Diese Skepsis ist für den kühlen, temperamentlosen, 
daher auch für einen Kritiker gar nicht recht geschaffenen Geist 
charakteristisch; es zieht ihn eher zur historischen Betrachtung. 
So verdanken wir ihm die ersten richtigen Ausführungen über 
Derzavin und Dmitriev und die erste gediegene litterarhistorische 
Studie über Visin 1849. Viasemskij pflegte daneben dezennien- 
lang die Dichtkunst und streifte mitunter Poesie in beschreibenden 
Gedichten, z. B. »Der erste Schnee« 1817, namentlich in der tief 
gefühlten Elegie auf Puschkins Tod. »Der junge Epikuräer« 



— 254 — 

beeilte sich zu leben und hastete zu fühlen, ebenso wie Batiuschkov, 
aber er schlug auch politische Töne an, drängte den Zukovskij (! !) 
auf die vbürgerliche« Bahn, dichtete »die Entrüstung« an und 
behauptete : Freiheit ! Mit flammender Begeisterung wagte ich es, 
der erste in russischer Dichtung dich anzurufen und weckte das 
Schweigen usw. Freilich gestand der »AsmodeuS'< des Arsamas 
auf seine alten Tage: »In meiner Jugend liefs ich mich von 
liberalen Ideen der Zeit, in meinen Mannesjahren von den Rück- 
sichten des Staatsdienstes, zuletzt von Sorgen und Widerwärtig- 
keiten des Alters beherrschen;« so färbte sein Liberalismus bald 
und gründlich ab. Er verliert sich sogar ganz auf Abwegen, 
z. B. in dem berühmten * Heiligen Rufsland«, 1850, das ja 
Zukovskij entzückte, wo er den monarchischen und religiösen 
Genius, d. i. Nikolaus, nach Besiegung der Ungarn feierte, der 
Rufsland vor Umwälzungen bewahrt hat ; in seinen patriotischen 
Soldatenliedern während des Krimkrieges. Viasemskij ist eine 
so charakteristische Erscheinung, dafs es sich noch lohnt, bei ihm 
einen Augenblick zu verweilen. 

Dieser Spröfsling Ruriks und Zögling des Petersburger 
Jesuitenkonvikts, der besten damaligen Unterrichtsanstalt in Rufs- 
land, wo gerade die Söhne der Grandseigneurs zusammentrafen, 
hat dieselbe Entwicklung von Liberalismus zu krassem Misoneis- 
mus durchgemacht wie Puschkin, nur entschuldigt ihn hierfür 
keine poetische Genialität. Er gefiel sich erst im Frondieren; 
schimpfte in Briefen über Personen und Zustände — die Post 
war damals nicht zum Bestellen, sondern zum Lesen der Briefe 
da, und der Vorwurf des Polizeimeisters an den Postdirektor im 
»Revisor: wegen unbefugten Brief eöffnens klingt ganz naiv — , 
zeigte die Faust in der Tasche wegen des furchtbar ungerechten 
Urteiles gegen die Dekabristen, drohte mit Auswanderung. Aber 
bald verflog das liberale Räuschchen, in dem er mit anderen in 
einer Adresse an Alexander I. Bauernbefreiung verlangt hatte! 
Satirische Gedichte, ehe er umsattelte, machten ihn bekannt, ebenso 
liberale ä la Puschkin, doch mit weniger Temperament geschrieben. 
Es gab auch einen Vergleich zwischen Petersburg und Moskau, 
humoristische Schilderungen des russischen Fasching u. dgl., mit 
Ausfällen gegen die Fremden. Sonst war dieser Franzose ein echter 
Russak im Stile des XVIII. Jahrhunderts, von der Omnipotenz 
des Staates, der ihm mit Rufsland identisch war, überzeugt, daher 



— 255 — 

auf die übrigen Slawen mit V^erachtung, auf Polen mit erhabenem 
Mitleid herabblickend. Im Blute stak ihm der »Pamphletist«, 
anderseits die unbedingte Verehrung für Karamsin, den Neuerer 
in Worten und Konservativen in Politik; endlich der Litterat. 
Aber ein gar sonderbarer Litterat; Turgeniev und Tolstoj ver- 
stand er gar nicht zu würdigen. Der alte Borodinokämpfer pro- 
testierte aufs schärfste gegen das Abschlachten der russischen 
Generale durch Tolstoj — er war in seinen historischen An- 
schauungen ebenso eng -konservativ und streng-autokratisch wie 
in Sachen der Politik und des Geschmackes. Bielinskij und die 
Leute der vierziger Jahre waren ihm ein Greuel; ein lebender 
Anachronismus, bewachsen mit Moos und Schimmel, starrte er 
in die Gegenwart herein und klagte, dafs er absichtlich tot- 
geschwiegen würde, was selbstverständlich war, weil er nie etwas 
Gröfseres geschrieben hat. Vorteilhaft hob ihn von der Umgebung 
der fünfziger und der folgenden Jahre heraus ein vornehmes Ge- 
fühl, ein Takt, eine Geringschätzung der kleinlichen Politik der 
Nadelstiche, der Uniformierungswut, die sich noch empören wird 
dafs statt der russischen Birken und Fichten Pappeln und Linden 
zu wachsen sich unterstehen ; sein Voltairianismus verpflichtete doch 
zu etwas. Sonst brachte er es zu nichts weiter als zu Epigrammen 
und ganzen Bänden loser Aufzeichnungen. 

Sein Verständnis für Romantik, obwohl er B. Constants 
Roman übersetzte und sich für Byron enthusiasmierte, mag recht 
problematisch sein, aber ihn lockte die Aussicht auf Kampf, und 
so stieg er in die publizistische Arena herab, schon um das 
Petersburger Triumvirat Bulgarin, Grec, Vojejkov, für den bald 
Senkovskij eintreten sollte, in seinem Monopol zu beunruhigen, und 
so konnte es geschehen, dafs der Kritiker Viasemskij eine Zeitlang 
mit Nikolaus Polevoj zusammenging, obwohl die Gegensätze nicht 
schärfer gedacht werden können. War doch Polevoj Plebejer und 
Autodidakt, ohne Takt- und Formgefühl, einseitig und hitzig. 
Polevoj ist der erste russische JournaHst von Beruf, d. h. nicht 
nach europäischen Begriffen, denn Politik blieb vollkommen aus- 
geschlossen — die Regierung gestattete ja nicht einmal lobende 
Erwähnung ihres Tuns ; ist derjenige, der, was er aus Wissenschaft 
oder Litteratur bei Deutschen oder Franzosen, bei Schlegel und 
Niebuhr, bei Heeren und Ritter, bei Cousin und Guizot gelernt 
oder gelesen hatte, brühwarm seinem Publikum in einfacher, ver- 



— 256 — 

ständlicher Form vorsetzte, alles Entgegenstehende, Veraltete 
schonungslos angriff, ohne Spur von Pietät die j Autoritäten« 
verhöhnte , für die moderne Romantik , für den Puschkin der 
zwanziger Jahre sich mit Feuereifer einsetzte, in seinem »Moskauer 
Telegraphen« (1825 — 1834), der 2000 Abonnenten zählte, während 
andere Zeitschriften sich mit 100 oder 150 begnügen mufsten, 
den Sieg der Romantik durchsetzte und feierte. Er wagte sich 
an alles, schrieb gegen Karamsins »Geschichte des russischen 
Staates« eine »Geschichte des russischen Volkes«, die übrigens 
nur bis zur Mitte des XVI. Jahrhunderts reichte, wo er nach 
dem Vorbilde der deutschen Geschichtschreibung — Niebuhr ist 
sein Werk gewidmet — die Moral und Didaktik sowohl wie Fabel 
und Willkür oder Zufall aus der Darstellung ausschaltete, auf 
die historische Notwendigkeit, den organischen Zusammenhang, 
die allseitige Belebung von Menschen und Zeiten drang. So 
verdarb er es mit den Verehrern Karamsins; ungleich rücksichts- 
loser ging er mit anderen zeitgenössischen »Gröfsen« um, mit 
den beiden Dmitriev, mit ^ukovskij, dem er den Namen eines 
Romantikers absprach u. a. Dagegen verehrte er die europäische 
Romantik und Puschkin bis 1830, bekämpfte die russische wegen 
ihrer Unfertigkeit und Abhängigkeit, verstand nicht mehr Puschkin 
nach 1830, als dieser ihm »einförmig« zu werden, den Reiz der 
Neuheit verloren zu haben schien, und noch viel weniger fand 
er sich in dem Gogolschen Realismus zurecht. Den romantischen 
Erzähler hatte er willkommen geheifsen, aber dem eingefleischten 
Romantiker war der Realismus des »Revisor« , den z. B. Fürst 
Viasemskij aufserordentlich treffend zu würdigen wufste, und der 
»Toten Seelen« ein Greuel. Er griff letztere an als Verleumdung 
Rufslands, verspottete die Meinung des Verfassers von einem 
moralischen Werte seines Werkes, stellte ihn unter Dickens, den 
er ebenfalls hafste, trotz einzelner lichter Blätter seiner Romane, 
und auf eine Stufe mit Paul de Kock. Er hatte sich bereits 
überlebt, konnte nicht mehr der Zeit folgen. Desto mehr drückte 
ihn dieses Gefühl nieder, je willkürlicher ihm durch das plötzliche 
Verbot des »Telegraphen« seine Existenz vernichtet worden war. 
Seine Gegner triumphierten. Die Bedeutung des »Tele- 
graphen« als einer Belebung der toten russischen Journalistik, 
als einer Popularisierung modernen europäischen Wissens, als 
einer kritischen Umwertung aller unbegründeten Schätzungen 



— 257 — 

russischer Klassiker und Romantiiier, eines Rufes nach sSelb- 
ständigkeit«, obwohl Polevoj die Definierung dieser Selbständig- 
keit nicht besonders gelingen wollte, gehörte jetzt der Vergangen- 
heit an, und der einflufslose Herausgeber mufste sich noch zwölf 
Jahre lang mit Taglöhnerarbeit — auch für seine einstigen 
Gegner — schinden. Gegen den romantischen Kritiker, der un- 
barm.herzig die russischen »Theokritov, Anakreonov, Hamletov, 
Demischillerov , Obesianin — d. i. Affen — , Orientalin, Epi- 
thetin« usw. verspottet hatte, dem die schönen, vielverheifsenden 
Anfänge der russischen Romantik, d. i. Puschkin, mit »langweiliger 
Nichtigkeit« geendigt hatten, der mit russischen Litteraten nur 
scherzen und spafsen wollte, ;>weil man doch Kindern nicht im 
Ernst gram werden kann«, führten seine Gegner, leider auch 
Puschkin, nicht nur Epigramme, Verhöhnungen seines alten Standes 
und Berufes: »Es solle Branntwein von ihm kaufen, wer mit ihm 
gut auskommen will«, Denunziationen, sondern auch jüngere 
Kräfte ins Feld. Namentlich scharf bekämpfte ihn und die ganze 
Romantik, die moralischen Schaden nur angerichtet hätte, als 
Schöpfung der Revolution, des Kain- Byron, der nachmalige 
Moskauer Professor Nadezdin, der trotz dieser einseitigen Über- 
treibungen in litterarischen wie in historischen Fragen ein 
treffendes, der Zeit vorauseilendes Urteil oft betätigt hat. Seine 
Ahnung, dafs das heilige Rufsland, berufen zur ersten Rolle im 
neuen Völkerdrama, sich seine eigene Poesie schaffen werde, die 
bereichert durch die Schätze der Klassik und Romantik zu rüstiger 
Selbsttätigkeit erstarken werde, sollte sich ja erfüllen. Vorläufig 
sah er in der russischen litterarischen Wüstenei nur vereinzelte, 
fremde Erscheinungen, Übersetzungen und Nachahmungen, Fron- 
arbeit der Russen für den europäischen Herrn, rasches V^erblühen 
aller Versuche, tolle Wirtschaft, ein ^»gelbes Haus«, d. i. Irren- 
haus der Nachbeter der Romantik. 

Ungleich gediegener war das Auftreten des Moskauer Schel- 
lingianers Kirejevskij; freilich bezog es sich nicht blofs auf die 
schöne Litteratur, sondern griff tiefer, auf den Zusammenhang, 
die Abhängigkeit russischer Aufklärung überhaupt. »Dem Be- 
wunderer und Verehrer des Abendlandes galt unser Volkstum 
bisher als ein ungebildetes, rohes, chinesisch-unbewegliches; die 
Elemente unserer Entwicklung müssen wir aus Europa schöpfen, 
da wir keine eigenen besitzen. Gehen wir nur fleifsig in die 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 17 



— 258 — 

europäische Schule, sie lehrt uns nur Gutes; die fremden Ge- 
danken wecken dann unsere eigenen. Lernen wir jetzt vor allem 
Respekt vor der Wirklichkeit ; man verlangt jetzt von der Litte- 
ratur Verständnis der Gegenwart, sogar Philosophie und Religion 
nähern sich dem Leben, werden praktisch und positiv; dasselbe 
mufs die Poesie zu erreichen suchen.« Natürlich vermifst er dies 
besonders in der russischen, in der uncharakteristischen Vorherr- 
schaft aller möglichen Fremden, aus der uns nur ein guter Genius 
herauszuführen vermag. Für die Ausführung seiner Gedanken 
bestimmte Kirejevskij eine neue Zeitschrift, den »Europäer«, 
dessen erstes Heft 1832 sein Aufsatz »Das XIX. Jahrhundert« 
eröffnete. Die Zeitschrift hatte die besten Mitarbeiter, Via- 
semskij, ^ukovskij usw. Aber Graf Benkendorf, der Vorsteher 
der »Dritten Abteilung«, fand, dafs jener Aufsatz, obgleich er 
sich angeblich nur mit Litteratur beschäftige, höhere Politik 
treibe, unter Aufklärung »Freiheit«, unter Verstandestätigkeit 
»Revolution«, unter künstlich bestimmter Mitte »Konstitution« 
verstehe; der Verfasser ist daher kein »Wohlgesinnter«. Die 
Zeitschrift wurde sofort verboten, der Zensor Aksakov, der den 
Aufsatz durchgelassen hatte, des Amtes enthoben, Kirejevskij 
aus Moskau entfernt; 5^ukovskijs Eintreten bewahrte ihn vor 
Schlimmerem. 

Der eigentliche Schöpfer der russischen litterarisch-publi- 
zistischen Kritik, die bei der Unmöglichkeit jeder anderen 
kritischen Äufserung eine aufserordentliche , nirgends sonst sich 
wiederholende Bedeutung besitzt, ist nicht unter Professoren und 
Aristokraten - Dilettanten zu suchen. Ein aus der Universität 
davongejagter Plebejer, Autodidakt fast, ohne Kenntnis z. ß. des 
Deutschen, ein Schwindsuchtskandidat der unter den ungünstigsten 
Verhältnissen darbend und kämpfend , sich die bescheidenste 
Existenz sicherte, um, der Not entronnen, den Fängen der dritten 
Abteilung ausgeliefert zu werden, aus denen ihn nur der vor- 
zeitige Tod erlöste, hat für die geistige Belebung Rufslands un- 
endlich mehr getan als alle die Minister und Komitees und be- 
titelten und besternten Herren zusammen. Wir meinen den 
»russischen Lessing« ; die schlechte Angewöhnung solcher Eti- 
ketten hat sich das XIX. aus dem XVIII. Jahrhundert bewahrt. 
Wie tief steht Bielinskij unter Lessing an Wissen, kritischem 
Geist, philosophischer Veranlagung und Schulung, wie hoch 



— 259 - 

überragt er ihn durch die lebende Wirkung seines Wortes! 
Während sein Name noch zu Anfang Alexanders IL öffentlich gar 
nicht genannt werden durfte, bildeten seine Aufsätze das ganze 
geistige Kapital der Zeit; namentlich in der Provinz schwärmte die 
Jugend für ihn. An seiner Autorität noch nach Dezennien irgend- 
wie gerüttelt zu haben, mufste V^olynskij mit fast einstimmigem 
Ostrazismus büfsen (1894). Zur Würdigung von Bielinskij sei 
erst der Zustände und Gegensätze der Litteratur der dreifsiger 
Jahre in Petersburg und Moskau gedacht. 

In Petersburg, wo der berufene Interpret aller litterarischen 
Erscheinungen, der Chef der Gendarmen, Graf Benkendorf, 
ohne Grundsätze, dafür von der erdenklichsten Schroffheit, die 
nötigen Weisungen an den Unterrichtsminister, Grafen Uvarov, 
den Chef der Zensur leitete, existierte nur eine von Leben und 
Wirklichkeit ganz abgeschlossene Litteratur. Sie teilte sich in 
zwei Lager, das aristokratische, das in den Salons, z. B. der 
Witwe Karamsins , verkehrte , die Puschkin , Sollogub usw., das 
sich der Litteraten schämte, sie verleugnete — nur Fürst Odo- 
jevskij machte eine Ausnahme ; und in das plebejische, die Hand- 
langer der Litteratur, Übersetzer usw., die ihr ganz lebten, nur 
für sie Sinn hatten, denen z. B. Frankreich trotz der litterari- 
schen Mode und sein politisches Leben absolut gleichgültig war, 
die verächtlich auf die Menge und ihre Interessen herabsahen, 
die Autoritäten unbedingt verehrten. Dichter, Künstler, Gelehrte 
auf ein aufserordentlich hohes Piedestal stellten, die Kunst nur 
um der Kunst willen anerkannten. Für Kukolnik z. B. und für 
Polevoj nach seiner Wandlung hatte sich schon Puschkin viel zu 
tief herabgelassen; sie verlangten ausschliefsliche Behandlung 
heroischer, glanzvoller Gestalten und Momente, verachteten 
Wirklichkeit und Gegenwart, warfen um sich mit den Phrasen 
von dem Heiligtum der Kunst; Polevoj, vor seiner Wandlung, in 
Moskau, erschien ihnen so gefährlich, dafs Uvarov äufserte, unter 
Polevojs Feder würde auch das Vaterunser revolutionär heraus- 
kommen. In diese luft- und lichtlose Atmosphäre, wo alles vor 
dem Uvarovschen Prinzipe der russischen Dreifaltigkeit, Ortho- 
doxie, Autokratie, d. i. Leibeigenschaft, Staatssprache, auf dem 
Bauche rutschte, drang nur von Moskau, namentlich von seiner 
Universität her, ein Lebenshauch. 

An dieser Universität hatte sich doch mancherlei verändert. 

17* 



— 260 — 

Die Zeiten vor dem r Brande«, wo den gelehrten, aber pedanti- 
schen und gegen alles Russische apathischen deutschen Profes- 
soren die russischen, kriecherisch und plump, unwissend, aus 
Seminaristen hervorgegangen, entgegenstanden, waren für immer 
dahin. Jüngere, tüchtige Kräfte, namentlich der Physiker Pav- 
lov, der selbst, weil der Lehrstuhl für Philosophie unbesetzt 
bleiben mufste, Oken und Schelling vortrug •, Nadezdin, ebenfalls 
Schellingianer ; Pogodin, der Historiker ; Schevyrev, der Litterar- 
historiker; Philologen-, später der Abgott der Jugend, der 
liberale, überzeugungstreue, milde und humane Geschichts- 
professor Granovskij sammelten volle Auditorien, fanden an 
ihrem Kurator, Graf Strogonov, nachdem die vorausgegangenen 
sich nur um Knöpfe, kurz geschorenes Haar und Moral der 
Studenten gekümmert hatten oder im Interesse der Ordnung 
verlangten, dafs im Falle der Erkrankung eines Professors der 
dem Range nächste seine Vorlesung übernehme , sogar einen 
Verteidiger vor dem Kaiser selbst. 

Ungleich wichtiger war die Einwirkung der Studenten auf- 
einander; sie kamen aus allen Teilen Rufslands, die Unterschiede 
der Geburt wurden nicht beachtet, man schlofs sich in Kreise 
ab, nicht nach Landsmannschaften oder Reichtum, sondern nach 
geistigen Interessen. So bildete sich z. B. um Stankevic, einen 
Schüler Pavlovs und Nadezdins, einen Schellingianer, dann 
Kantianer und zuletzt Hegelianer, ein philosophischer Kreis, aus 
dem die Bielinskij, Bakunin, dessen blofser Name später jede 
deutsche Polizeiseele das Gruseln lehren sollte, Katkov hervor- 
gegangen sind. Stankevic gehört zu jenen Russen, die, ohne 
selbst etwas veröffentlicht zu haben, für die Litteraturannalen 
ungleich wichtiger und interessanter sind als so mancher Viel- 
schreiber. Er ist früh gestorben, eine äufserst zart, sensitiv 
organisierte Natur, ein streng logisch geschulter Geist, in den 
Systemen wohlbewandert, Hegel nicht nur äufserlich rezipierend ; 
er flöfste die enthusiastische Verehrung der deutschen Philo- 
sophie und Litteratur ein, die für Bielinskijs Anfänge ent- 
scheidend wurde. Bielinskij, der sich mit Übersetzungen Paul 
de Kocks und Stundengeben das Leben fristete, ward aus der 
Universität ausgeschlossen wegen seines Drama »Dmitrij Kalinin«, 
in dem nach Art der »Räuber« der schärfste Protest gegen die 
Leibeigenschaft mit Vorwürfen gegen Gott und der nötigen 



— 261 — 

Reverenz vor der weisen und gerechten Regierung, die den Ver- 
fasser doch nicht rettete, ausgesprochen war. Die Leidenschaft, 
die aus diesem mifslungenen Drama sprach, wahrte Biehnskij für 
sein Leben (»an Wahnwitz und Stolz, Hungers zu sterben, wird's 
mir nie fehlen«), für seine Kritiken, mit denen er bald in der 
Zeitschrift Nadezdins, im Moskauer »Teleskop« und in der 
»Molwa« debütierte. Seine »Litterarischen Tniumereien« er- 
weckten Aufsehen; sie boten im Grunde nichts Neues, wieder- 
holten, was die Kritik, was zumal Nadezdin betont hatte, dafs 
wir keine Litteratur haben , aber dies w'ar mit Pathos und 
Enthusiasmus, mit rücksichtsloser Offenheit ausgesprochen. Diese 
Kritiken zeugten von sicherem ästhetischen Gefühl, z. B. bei der 
Verurteilung des Lyrikers Benediktov, der die ganze Welt ent- 
zückte, als eines blofsen Phraseur usw. Freilich verrannten sich 
bald Bielinskij und Bakunin in eine ganz einseitige Auffassung 
der Hegeischen Philosophie-, sie fafsten den Satz von der Ver- 
nunftgemäfsheit alles Wirklichen buchstäblich auf. Bielinskij 
lernte daraus die Notwendigkeit , sich mit jeder (statt mit jeder 
vernünftigen) Wirklichkeit auszusöhnen, die Ungesetzmäfsigkeit 
jeglichen Protestes, das Alleinseligmachende des Konservativis- 
mus, die Entfernung der Kunst, einer \'erkörperung des Ab- 
soluten, von der Gegenwart und ihren Sorgen; er verdammte 
ihre negative Richtung. Satire, Komödie, schlofs die patriotische, 
d, h. wenn sie einem besiegten Volke angehörte, aus, z. B. 
Mickiewicz, eiferte gegen die französische wegen ihres »sozialen« 
Charakters, wegen der Propaganda umstürzlerischer und emanzi- 
pierender Ideen, z. B. Georges Sand, begeisterte sich nur für die 
unbewufst schaffende , objektive Kunst , Homer , Shakespeare, 
Goethe, setzte Schiller herunter und liefs an Heine kein gutes 
Haar. 

In dieser Einseitigkeit , an der allerdings Hegel ganz un- 
schuldig war, sollte Bielinskij nicht lange verharren. Die Mos- 
kauer Zeitschriften, an denen er mitarbeitete, gingen alle ein, 
und mit Freuden folgte er einem Rufe nach Petersburg, um zu- 
letzt den kritischen Teil in den »Vaterländischen Annalen«, die 
das Petersburger Monopol der Bulgarin, Grec und Senkovskij 
brechen sollten, zu übernehmen. Jedenfalls fiel es leichter, sich 
in Moskau im Kreise einiger Gleichgesinnten einzuspinnen in 
Deduktionen und Konstruktionen, die Augen nicht öffnen zu 



— 262 — 

wollen auf die Welt, als in der ernüchternderen Petersburger 
Atmosphäre sich gegen die nur allzudeutliche Sprache der Realien 
zu versperren. Langsam kündete sich nun der völlige Abfall 
Bielinskijs von dem nicht verstandenen »Jegor FedoroviC Gegel 
und seiner philosophischen Schlafmütze« an, der Übergang zu 
der französischen modernen Übung der Kunst als eines mächtigen 
sozialen Hebels, zur Bewunderung Schillers und Heines. Und 
bald verfällt der leidenschaftliche , aufgeregte , himmelstürmende 
Kritiker in ein anderes Extrem ; ihm wird die Kunst nur V^or- 
wand; das litterarische Werk wird nicht einer ästhetischen, 
sondern einer rein publizistischen Kritik unterworfen, was sich 
daraus schliefsen läfst für Gesellschaft, Fortschritt, Humanität; 
diese Gefühle im Leser zu erwecken, ihn sozial zu bilden, ihm 
humane Gedanken über Weib, Sklaverei usw. einzuflöfsen. Frei- 
lich zwingt die Rücksicht auf die Argusaugen der Gendarmen 
zu möglichster Zurückhaltung, zum Vorschützen ästhetischer 
Interessen, aber Bielinskij läfst mitunter die Maske fallen, ge- 
steht einfach, wie langweilig es wäre, nur über Kunst reden zu 
dürfen. 

Das war die Wandlung des Bielinskij; er diente der neuen 
Wahrheit noch leidenschaftlicher als der alten und erreichte jetzt, 
in der zweiten Periode seiner Tätigkeit, 1841 — 1848, ungleich 
höhere Erfolge. Jetzt erst sprach er aller Jugend aus dem Herzen. 
Frankreich, von dem eben noch ein Litterat geäufsert hatte : »Mag 
es ganz durch die Erde durchfallen, was interessiert mich das,« 
wurde in den vierziger Jahren zu dem Lande, in dem der Peters- 
burger mit seinen Gedanken allein weilte, während er daheim 
rein mechanisch funktionierte. Bei dieser Auffassung der Kunst 
mufste dann Bielinskij die realistische in den Vordergrund stellen. 
Wie Polevoj einst Puschkin, so verteidigt, erklärt, bewundert er 
jetzt Gogol, den .^Revisor« und die »Toten Seelen«; so nimmt 
er jetzt jedes neue Talent in Schutz, in dem er modernen Zug 
wittert, so die »Armen Leute« des Dostojevskij, die ersten Ver- 
suche eines Gonearov, Herzen, Grigorovic usw. Die ganze folgende 
Litteratur ist förmlich unter seinem Segen aufgewachsen; sie 
fühlte seinen Impuls und hat dies immer dankbar anerkannt, ihn 
als ihren grofsen Lehrer gepriesen. Er hat Kolzov angeeifert, 
Lermontov dem Leser näher gerückt, und er hat vor allem auch 
die ältere Litteratur erläutert. Denn er begnügte sich nicht mit 



— 263 — 

der Besprechung der laufenden — namentlich mafsgebend waren 
seine Jahresübersichten, die er nach Marlinskij - Bestu^ev wieder 
aufgenommen hat — , sondern griff zurück auf Puschkin und 
Gribojedov, Zukovskij und Batiuschkov und noch weiter. 

Für ihn, wie für seinen Lehrer Nadezdin, begann die Ge- 
schichte Rufslands mit Peter dem Grofsen; alte Litteratur inter- 
essierte ihn nicht, als blofse Rarität eines archäologischen Museums ; 
dialektischer, z. B. kleinrussischer^ trat er ungeneigt, als einer 
Zersplitterung der Kräfte, gegenüber; ihn zog das Problem an, 
wie in der russischen, rein nachahmenden, also treibhausmäfsigen, 
fremdartigen Litteratur die Annäherung an Wirklichkeit und Leben 
sich langsam vorbereitete, wie jene wahrhafter wurde. Doch ver- 
nachlässigte er nicht die ästhetische Seite, verweilte namentlich 
bei Puschkin, zu dem er förmlich einen zusammenhängenden 
Kommentar geliefert hat, die Bedeutung, die Schönheit jedes ein- 
zelnen Werkes, ja Gedichtes erläuternd und erweisend. Seine 
Urteile sind dann mafsgebend geblieben; sie sind auch meist 
richtig, nicht immer vollständig. Besonders treffend erweist sich 
seine Ablehnung alles Gemachten, Gesuchten, jeglicher Effekt- 
hascherei, Schwulstes. So war er unerbittlich gegen Marlinskij, 
Polevoj, Kukolnik, Benediktov, zerstörte für immer ihre hohlen 
Renommees. Dafs er sich scharfe Feinde zuzog, die ihn nicht 
verschonten, und denen er die Antwort nicht schuldig blieb, ist 
selbstverständlich. Auch wenn er die Namen nicht nannte, er- 
kannte jedermann in seinen Artikeln des (P. Buldogov) unter dem 
x> Pedanten«, dem Ritter der gelben Handschuhe, den Litteratur- 
professor Schevyrev, und unter dem »litterarischen Cyniker« den 
anderen Herausgeber des slawophilen ^Moskvitianin« , Professor 
Pogodin, dessen Antiquitätenkrämerei ihm den Ruf eines Gelehrten, 
dessen Leben im Fafs ihm Häuser und Dörfer einbringt. 

Nach der vollständigen Absage an seinen jugendlichen Idealis- 
mus, nachdem er gegen sein früheres Prinzip von der »Kunst für 
die Kunst« jetzt die »Kunst fürs Leben« auf den Schild erhoben 
hatte, mufste der leidenschaftliche Kämpfer in der Hitze des Ge- 
fechtes zu Einseitigkeiten, ja Ungerechtigkeiten verführt werden. 
So zertrümmerte er sein Idol Gogol , als er dessen Abfall vom 
»Leben« erfuhr. Objektiv zu sein, Gerechtigkeit dem Gegner 
widerfahren zu lassen, Wahres und Falsches bei ihm zu sondern, 
wird ihm unmöglich ; so ist er der einseitigste, aber auch leiden- 



— 264 — 

schaftlichste Bekämpfer der Slawophilen gewesen, protestierte 
sogar gegen persönliche Beziehungen, die seine Moskauer Freunde 
mit seinen Gegnern nicht sofort abbrachen. Diese Verbohrtheit 
beeinflufste auch entschieden seine endgültige Wertschätzung von 
Puschkin und Lermontov, die dann für Generationen mafsgebend 
blieb, nicht ohne Schaden für russische Kritik, die das ästhetische 
und idealistische Moment zu vernachlässigen lernte. In Puschkin 
vermifst er, der selbst noch unlängst aus der Poesie das Subjektive, 
das Zeitgemäfse ausgemerzt wissen, nur eine harmonische 
Lösung aller Widersprüche angestrebt sehen wollte , jetzt die 
heilige Entrüstung, den Unwillen, der ihn so bei Lermontov an- 
zieht, den Bezug auf die Gegenwart. Puschkin ist ausschliefslich 
Künstler, dient der Kunst um der Kunst willen und kann uns 
daher nicht mehr genügen, daher unsere Abkühlung gegen ihn. 
In dem wichtigeren und gröfseren Teil seines Schaffens gehört 
er ganz seiner Zeit an , die für uns schon Vergangenheit ist ; 
ein neuer Puschkin, und würde er noch gröfseres Talent besitzen, 
würde keine Erfolge mehr erringen können. Poetische Wider- 
spiegelung des Lebens, ohne Reflexion, macht seine Kunst aus; 
seine Muse ist zwar durch und durch human, leidet tief unter 
den Dissonanzen und Widersprüchen des Lebens, aber sie findet 
sich mit ihnen resigniert ab, sie erkennt gleichsam deren Be- 
rechtigung an, sie trägt nicht in sich das Ideal einer anderen, 
besseren Wirklichkeit. Und noch viel ungerechter, einseitiger 
wird Bielinskij in Einzelheiten, z. B. bei der Beurteilung des 
»Oniegin«, namentlich der Tatiana. Man glaubt einen der späteren 
Kritiker-Ankläger — so hat Bielinskij diese einseitige Richtung 
u s der Taufe gehoben — zu hören, wenn man seinen Anklage- 
akt gegen diese herrlichste Schöpfung Puschkins liest. Sie ist 
ihm eine unbewegliche ägyptische Mumie-, ihr Geist schläft, ihr 
inneres Leben füllt nur Liebessehnsucht aus, ihre Tage sind 
nicht zwischen Arbeit und Mufse geteilt, deren Abwechslung 
allein die moralischen Kräfte im Gleichgewicht erhält. Als Jung- 
frau ist sie nur der moralische Embryo, erinnert unwillkürlich 
an jene »idealen < Mädchen, die einer gewissen Komik und 
Banalität nicht entbehren. Als Frau hat sie nicht den Mut, 
ihrer Herzensneigung sich hinzugeben, erdrückt von dem comme 
il faut, fürchtend das Urteil jener grofsen Welt, die sie doch nur 
verachtet, und steht daher unter den Frauen, die sich diesem 



— 265 — 

äufseren Zwange entziehen, ihrer Natur folgen. So stellt Bielin- 
ski] bei Puschkin wie bei Lermontov allzusehr das chronologische 
Moment in den Vordergrund, den Augenblick, fragt nicht, ob 
nicht beide tiefere , umfassendere , bleibendere Verkörperungen 
russischen nationalen Geistes sein könnten, beurteilt sie allzu rasch 
und einseitig vom Standpunkte fortschrittlicher, westlerischer 
Propaganda und gibt damit die Losung für alle späteren , noch 
ungleich einseitigeren, ja phantastischen Aburteilungen der Art. 
So schofs der aufserordentlich impulsive und leidenschaft- 
liche, fanatische Anhänger dessen, was er als Wahrheit erkannt 
hatte, beide Male über das Ziel. Wir dürfen freilich nicht ver- 
gessen, dafs er nach 1840 gar nicht den objektiven ästhetischen 
Referenten zu machen gesinnt war, dafs er im Gegenteil seinen 
kritischen Abteil zu einer Art sozialpolitischer Tribüne unter den 
Augen der dritten Abteilung gestalten wollte, dafs ihn die Emanzi- 
pation der Frau, der Arbeitermassen, die englische Konstitution, 
die Einrichtungen in den Vereinigten Staaten usw. unendlich 
mehr als alle litterarisch- ästhetischen Fragen bewegten. Daher 
die zahlreichen Widersprüche bei ihm ; bei seinen Forderungen 
nach Ideen beim Künstler, damit z. B. bei Gogol die Reflexion 
allmählich sich steigere sogar auf Kosten des Schöpfungsaktes, 
während er eben erst Gogol dafür gefeiert hatte, dafs er nichts 
Fremdes in die russische Wirklichkeit hineintrage, sie einfach 
objektiviere, dadurch ihr Dunkel erhellend ; bei seinem spöttischen 
Ausschlufs der » reinen -< Künstler und Dilettanten aus der zeit- 
genössischen Litteratur. Ja, er kümmerte sich nicht einmal darum, 
dafs sein fast rein utilitaristisches, neues Prinzip im Widerspruch 
stand mit seinen metaphysischen , alten Definitionen der Kunst 
und des Schönen, inwiefern sich beide vollständig decken sollen ; 
ob das Schöne in dem Entsprechen von Idee und Form, die Kunst 
in der Wiedergabe des Schönen allein bestehe, ob nicht durch 
das neue Prinzip die Kunst ihrer eigentlichen Aufgabe entfremdet 
würde. Diese Fragen berührte er jetzt gar nicht mehr, ver- 
harrte in der neuen Richtung, ja erhob sie noch mehr zu aus- 
schliefslicher Apotheose der »naturalistischen« Schule, als er von 
den »Vaterländischen Memoiren« zum »Zeitgenossen« einst des 
Puschkin und Pletnev, jetzt des Nekrassov und Panajev, überging. 
Sein Ersatzmann in den »Memoiren«, der junge V. Majkov, stellte 
eine neue Definition der Kunst auf, ihres Hervorkehrens der 



— 266 — 

2« sympathischen« Seite jegHchen Gegenstandes, während die ^inter- 
essante« die Domäne der Wissenschaft ausmache, aber sein früher 
Tod, noch im Jahre 1847, unterbrach die Ausgestaltung dieser 
Idee. 

So triumphierte die tendenziöse, didaktische Richtung in der 
Kritik. Schon 1842 hatte Bielinskij ausrufen können: »Unser 
Zeitgeist ist derart, dals auch die gröfste schöpferische Kraft uns 
nur momentan in Erstaunen zu versetzen vermag, wenn sie sich 
auf 2> Vogelsang« beschränkt, d. i. nicht herabsteigt zu uns und 
unseren Interessen, in ihrer eigenen Welt der Phantasie und 
Poesie verweilt. Die Werke einer derartigen Kraft, mag sie 
noch so kolossal sein, treten nicht ins Leben ein, werden weder 
bei Zeitgenossen noch Nachkommen Begeisterung und Mitgefühl 
erwecken; mit natürlichem Talent allein schafft man nicht viel, 
nötig hat es vernünftigen Inhalt. . . . Schöpferische Freiheit ist 
leicht in Übereinstimmung zu bringen mit dem Dienst der Zeit- 
gemäfsheit. Darum braucht man sich nicht zu zwingen, auf 
bestimmte Themata zu schreiben, noch seiner Phantasie Gewalt 
anzutun; darum ist es nur nötig, Bürger zu sein, Sohn seiner 
Gesellschaft und Zeit, sich deren Interessen anzueignen, die eigenen 
Tendenzen mit der Zeit zusammenfliefsen zu lassen ; dazu ist nur 
nötig Sympathie, Liebe, ein gesundes, praktisches Wahrheits- 
gefühl, das Überzeugung von Tat, Werk vom Leben nicht 
trennt.« Und wirklich ging nach 1840 ein liberaler, fortschritt- 
licher Hauch durch Rufsland. Man merkte ihn sogar in den 
Kasernen, wo der furchtbare Rigorismus und die Triumphe der 
Marschierkunst nachliefsen; man merkte ihn in den aristokrati- 
schen und offiziellen Salons, wo bei den Diners der »Nihilismus« 
förmlich geboren wurde; man merkte ihn in bürgerlichen, in 
Beamten- und Universitätskreisen, wo namentlich französische 
sozialistische Litteratur raschen Eingang fand, man sich zu 
Debatten- und Leseklubs zu vereinigen begann, und bald stellte 
sich das europäische Petersburg an die Spitze dieser Bewegung; 
Moskau blieb zurück, das träge, unbewegliche, slawische. 

Diese ganze Entwicklung wurde 1848 plötzlich abgerissen 
und stockte durch volle sieben Jahre vollständig. Bielinskij starb, 
und mit ihm verklangen die Forderungen und Mahnungen der 
publizistischen Kritik. Auf den »Autor der Studien über Puschkin«, 
so umschrieb man seinen verpönten Namen, berief man sich immer 



- 267 — 

seltener , vergafs seiner Lehren — doch nicht die Jugend , die 
Provinz, wo die jungen Lehrer seinen Brief an Gogol auswendig 
kannten, ihm ihr geistiges Leben dankten. Kritiklosigkeit, 
opportunistische Kritik, die Rückkehr zur Ästhetiserei , zum 
Grundsatze der Kunst um der Kunst willen, Ausschliefsung der 
Psychologie und Zeitgemäfsheit, unbedingte Bewunderung Pusch- 
kins statt kritischer, endlose biblio- und biographische Forschungen 
und Polemiken, trockene, streng sachliche, quellenmäßige Unter- 
suchungen füllten den wissenschaftlichen Teil des »Zeitgenossen«, 
der :» Vaterländischen Memoiren«, der ;yLesebibliothek« des Senkov- 
skij aus. Druzinin und Annenkov, sehr ehrenwerte, gebildete, 
ästhetisch feinfühlige, ja begabte Kritiker, denen nur der Sinn 
für die Forderungen der Zeit ganz abgmg , führten das grofse 
Wort, freuten sich des Zurücktretens der Tendenzen und — Talente. 
Diese spornte jetzt kein feuriges Wort Bielinskijs mehr an; her- 
vorragendere verschwanden oder verstummten völlig. Noch vor 
1848 war ja der grofse Schwärm der neuen »Gogols« auf den 
Plan getreten, die Dostojevskij , Herzen, Goncarov, Grigorovic, 
Druzinin mit seiner »Polinka Sachs«, einem Petersburger Beamten- 
roman, der aufserordentlichen Erfolg hatte: der kühle, ehrliche, 
humane, jedem Despotismus abholde Mann erzieht seine Puppe, 
die denn auch, obwohl sie die Haustür hinter sich zugeschlagen 
hatte, reuig zurückkehrt — wenigstens in Gedanken: die ruhige 
Zuneigung siegt über romantische Aufwallungen — , aber Druzinin 
verzichtete bald auf die Belletristik nach diesem ersten, realistischen 
Erfolge. Nach 1848 waren sie alle entweder aus der Litteratur 
gewaltsam herausgerissen, schmachteten in Arrestantenrotten wie 
Dostojevskij und Pleschcejev, oder verbannt, wie Saltykov, in die 
Provinz, emigriert, wie Herzen, von dem auch unter Pseudonym 
keine Zeile gedruckt werden durfte, oder standen unter, zuerst 
geheimer, dann offener polizeilicher Aufsicht, wie alle Moskauer 
Slawophilen, oder legten sich freiwilliges Schweigen auf, wandten 
sich anderen Gebieten zu. Die Stelle der sozialen Romane oder 
Novellen nahmen jetzt ein endlose, ganze Jahre lang sich hin- 
ziehende Romanungetüme eines Sotov, eines Niekrassov in Kom- 
panie mit Frau Panajev, »Stanizkaja« , in Nachahmung eines 
Eugen Sue. Dazu kamen die Romane aus dem beau monde, 
eines Vonlarlarskij, der in zwei Jahren eine Unzahl von Bänden 
zusammenschmierte; einer Eugenia Tur, der Gräfin Sallias 



— 268 — 

de Tournemir, die nach 1856 das Romanschreiben aufgab und 
später auf dem Gebiete der Litteratur für Kinder sich einen 
neuen Ruf erwarb; einer Gräfin Rastopeina, einst in den dreifsiger 
und vierziger Jahren als Dichterin gefeiert, sogar von Bielinskij 
bewillkommnet : jetzt Lieferantin von Romanen und bald ver- 
spottet von Öernyschevskij und Dobrolubov. Das so gefährliche 
Lachen eines Gogol, die Sympathien mit den Ärmsten und mit 
den Leibeigenen eines Dostojevskij und GrigoroviC, die Zeich- 
nungen »überflüssiger« Menschen eines Herzen und Turgeniev, 
das Schaffen positiver Typen eines Goncarov und Druzinin — 
alles vergafs man zugunsten neuer Marlinskiaden, romantischer 
Gefühlshascherei und der endlosen Verwirrung und Entwirrung 
von Knoten in den Märchen für die grofsen Kinder. Das Streben 
der Zensur war erreicht: die »überschwenglichen« Lobeserhebungen 
Gogols, seine realistische Richtung schienen aufhören zu sollen. 
Wie mit Kritik und Belletristik erging es jeglicher anderer 
geistiger und wissenschaftlicher Tätigkeit; nur steigerte sich rasch 
das Tempo der Verfolgung jedes menschlichen, nicht zensurierten 
Gedankens. Sogar der gesinnungslose Uvarov, der Unterrichts- 
minister der Drillmethode, und der gemäfsigte Moskauer Kurator 
Strogonov legten ihre Ämter nieder, um nicht die Henkerrolle 
für die Universitäten zu spielen. Es tauchte der Vorschlag auf, 
die Universitäten aufzuheben und sie durch Fachschulen zu er- 
setzen. In zwei Jahren sank durch allerlei Mittel die Hörerzahl 
um ein Viertel; der neue Unterrichtsminister sah seine Aufgabe 
in blofsem Vermitteln der Weisungen der dritten Abteilung an 
die Kuratoren. Die Lehrstühle für Philosophie wurden auf- 
gehoben. So wurde auch der bisherige Philosophieprofessor 
Katkov aus der gelehrten in die publizistische Karriere , in die 
Redaktion der »Moskauer Nachrichten«, hinausgedrängt, wo er 
dann zum Spiritus rector der russischen Reaktion werden sollte. 
Theologen hatten die Vorlesungen über Logik und Psychologie 
zu versehen, um vor den möglichen »Ausgleitungen« dieser 
»schwankenden < Wissenschaften (Worte des Ministers) die un- 
schuldigen Russen zu wahren. Ebenso scharf sah man der Ge- 
schichte auf die Finger. Die grundgelehrten (und langweiligen) 
Moskauer »Vorlesungen« (der Geschichtsfreunde) wurden ein- 
gestellt, weil sie gewagt hatten, die Schrift des Engländers 
Fletcher von — 1590 über das alte Rufsland abzudrucken. 



— 269 — 

Aksakovs historische Studie über das Leben der alten Slawen 
und Russen kanzelte der Minister ab: »Sie nimmt für das alte 
Russentum demokratische Prinzipien an ; das dürfen wir auf keinen 
Fall zulassen, weil wir uns vor diesen in fremden Staaten sich 
ausbreitenden Neigungen nach Kräften schützen müssen. Zudem 
ist die Anschauung falsch, das alte Rufsland kannte kein demo- 
kratisches Prinzip, und wenn in Nowgorod und Pskov etwas der- 
artiges vorkommt j so ist es Folge ihrer Handelsbeziehungen zu 
Deutschland.« Weniger idiotisch fiel über dieselbe Studie das 
Urteil des Geheimkomitees aus, d. i. des Buturlinschen (nur die 
Cholera hatte Rufsland 1849 von diesem Terroristen des Obsku- 
rantismus erlösen können). Das Komitee gab die Möglichkeit 
demokratischer Prinzipien im alten Rufsland zu, die bittere Folge 
davon und Strafe dafür war ja der Tatareneinfall; aber es war 
Pflicht des Historikers, die Umwandlung dieser Prinzipien in die 
autokratischen, als die einzige Grundlage der Wohlfahrt und des 
Friedens Rufslands, gleichermafsen nachzuweisen; da er dies 
unterlassen hat, ist sein Bild unvollständig, und es darf daher die 
Studie auf keinen Fall gedruckt werden. So sah philosophische 
und historische Kritik in den Ministerien und Komitees aus. 
Die Zensoren, die ja für jede Unterlassung aufzukommen hatten, 
ergriff panischer Schrecken, sogar in ihren Träumen verübten 
sie nur Heldentaten der roten Tinte — wir kennen ja die Träume 
des Zensors Krassovskij, »meines Hofhundes«, nannte ihn Uvarov, 
»der zu wachen hat, damit ich ruhig schlafen kann«. Krassovskij 
war 61 Dienstjahre lang Muster eines Zensors, drang vor allem 
auf Sittlichkeit, duldete in Büchern usw. Frauenbildnisse nur, 
wenn sie vom Knie bis zum Kinn bekleidet waren, duldete nicht 
den Ausdruck »brünstiges Gebet« und brachte mit seinem würdigen 
Kollegen Krylov, dem Renegaten einstiger liberaler Anschauungen 
an der Moskauer Universität, sogar den infamen Bulgarin in helle 
Verzweiflung. Den Slawophilen Aksakov, Öerkasskij usw. wurde 
überhaupt jegliches Schriftstellern verboten. Sah man doch in 
ihnen Auflehnung gegen Peter und die grofsen Auslagen, welche 
die Einführung des Europäismus in Rufsland seinen Nachfolgern 
gekostet hatte. 

Nicht besser erging es rebellischen Westlern; hier mufs 
wegen ihrer direkten Folgen für die Belletristik der unerhört 
grausamen Unterdrückung der »Petraschevzen« gedacht werden. 



— 270 — 

Petraschevskij, Beamter im Ministerium des Aufseren, war bereits 
1845 der dritten Abteilung verdächtig als Liberaler, als Ver- 
fassereines, natürlich handschriftlichen, Wörterbuches ins Russische 
übernommener Fremdworte — Konstitution u. dgl. — mit scharfen 
satirischen Auslegungen. An Freitagen besuchte ihn politisierende 
Jugend . darunter Dostojevskij ; man las Sachen Ovens , Fou- 
riers vor, die »Paroles d'un croyant« des Lamennais. den Brief 
Bielinskijs an Gogol, man debattierte, dachte an Errichtung einer 
Geheimdruckerei oder lithographischen Anstalt. In diese Gesell- 
schaft, die mit einigen auswärtigen Zirkeln gleicher Art in Ver- 
bindung trat, kamen nicht mehr Offiziere allein, sondern vor 
allem Studenten, Beamte, Bürger; über politische, konstitutionelle 
Strömungen überwogen sozialistische, antireligiöse; man dachte 
bereits an eine Propaganda unter den Massen; über blofse Ge- 
danken und Vorschläge kam niemand heraus. Es gelang dem 
Minister Perovskij — seiner Familie entstammte später die be- 
rühmte nihilistische Heldin, die Sophia Perovskaja I — ■, der davon 
Wind bekommen hatte, seinen Agenten hereinzuschmuggeln, der 
dann unter den »Petraschevzen« noch eine besondere Vereinigung 
gründete. Die ewig denkwürdige Tat der Entlarvung und Über- 
führung dieser ungefährlichen Leute war das Hauptwerk des 
Liprandi, während Herzen immer und mit Recht behauptet hat, 
dafs die »Petraschevzen«. nicht wegen welcher Vergehen, sondern 
blofs wegen ihrer Ideen gestraft worden sind. Die Strafe war 
sogar für russische Verhältnisse eine furchtbare, bestialische. Am 
23. April 1849 war das v Verbrechernest« ausgehoben und in die 
Peter-Paulfestung übergeführt; am 22. Dezember 1849 wurde auf 
dem Richtplatz das Urteil vorgelesen: 21 >. Verbrecher« , Dosto- 
jevskij als vierter, sollten den Tod durch Erschiefsen erleiden — 
nach fast halbstündiger Todeserwartung wurden sie dann 
zu Bergwerken und Arrestantenrotten begnadigt, um später 
als Gemeine ins Militär gesteckt zu werden. Sogar das 
Gnadenmanifest bei der Thronbesteigung Alexanders IL er- 
streckte sich auf keinen »Petraschevzen«. Dostojevskij gelang 
seine schliefsliche Befreiung hauptsächlich durch das Eintreten 
seines einstigen Studiengenossen, des V^erteidigers von Sebastopol, 
Todtleben. 

So w^urde in Rufsland selbst der Wahrheit und Humanität 
der Garaus gemacht, Ssaltykovs ; Triumphierendes Schwein«, 



— 271 - 

obwohl er es erst 1881 in Paris »geträumte hat, war jetzt 
schon nackte Wirklichkeit geworden; die erste menschliche 
Stimme, die das Grunzen übertönte, erscholl aus dem Auslande 
herüber. 



Zehntes Kapitel. 

Slawophilen und Westler. Alexander 

Herzen. 

Erstes Auftauchen der Slawophilen; Übertragung eines philologischen 
Namens auf eine politische Partei. Trennung der Geister. Westler 
mit und ohne katholische Allüren; Caadajev; Kirejevskij. Das religiöse, 
politische und soziale Kredo der Slawophilen. Die Westler in Moskau. 
Herzen. Seine Jugend. Erstes Auftreten Iskanders. Sein Roman- 
Seine Expatriierung. Tätigkeit draufsen; Rückkehr zu russischer 
Tätigkeit. Seine Memoiren. Andere Memoirenschreiber der Zeit; 
Aksakovs Familienchronik. 



Schon in den letzten Jahren Alexanders I. hatte sich unter 
den Augen der Zensoren , wie Krassovskij und Birukov . an 
die Puschkin seine bekannten Briefe in Versen richtete, jeder 
kritische Gedanke aus der gedruckten in die handschriftliche 
Litteratur und in Privatgespräche flüchten müssen. Unter Niko- 
laus sollten die Russen überhaupt von der Last des Denkens 
befreit werden; zu allen ihren Monopolen vereinigte auch dieses 
die Regierung, wie sie eben durch die Einführung der Gouverne- 
mentsnachrichten sich das Monopol aufs Schwätzen gesichert 
hatte. Deren Einführung, zur Verzweiflung der mit ihnen be- 
trauten Beamten, stammte von dem Arsamaszen Graf Bludov, 
dem Fortsetzer des Karamsinschen Geschichtswerkes, der daran 
keine Zeile weiter geschrieben hat, und Verfasser des Berichtes 
über den 14. Dezember 1825, der besser ganz ungeschrieben ge- 
blieben wäre (Herzen). Und doch liefs sich eine Kritik der 
Gegenwart wie der Vergangenheit nicht unterdrücken; Russen 
gingen nach Europa, Europäer kamen zu ihnen und beschrieben, 
was sie sahen, Joseph de Maistre, Custine, Baron Haxthausen, 



— 272 — 

der unter Aksakovs Anleitung den russischen »mir« und den Ge- 
meinbesitz vor der erstaunten Welt entdeckte. Namentlich Custines 
Buch (1843) war eine bittere Pille ; seine Auslassungen über Peter 
und die Komödie Katharinas IL, über das Empire de fagades, 
über die Russie policee non civilisee, trafen das Richtige, sein 
Blick sah verletzend viel. Die Apologie des offiziellen Rufslands 
durch Greß, wie einst Katharina Chappes Bericht widerlegte, 
war dagegen verächtlich. 

Tendenzen und Sympathien der denkenden Russen, die noch 
im XVIII. Jahrhundert einheitlich, kaum in Nuancen sich unter- 
schieden, schlugen nunmehr entgegengesetzte Richtungen ein. 
Die unfruchtbarste, am wenigsten begangene war die katholi- 
sierende, die sich von Joseph de Maistre und den Petersburger 
Jesuiten herleitete. Diese hatten ja stets beklagt, dafs sich Rufs- 
land dem wohltätigen Einflufs Roms entzogen und in die Arme 
de ces miserables Grecs du Bas-Empire geworfen hätte, dafs die 
neue Reform an den Blasphemien der Encyklopädisten grofs 
geworden war. Diesen Gedanken nahm zum Teil Caadajev auf 
und entwickelte daraus seine eigenen , die er in seinen Lettres 
sur la Philosophie de l'histoire an eine Dame niederlegte. Den 
ersten Brief gab Nadezdin in russischer Übersetzung in seinem 
»Moskauer Teleskop« 1836 heraus-, seit der Gribojedovschen 
Satire hat nichts anderes ähnlich elektrisierend gewirkt. 

Er beneidete die europäische katholische Welt um ihre glor- 
reiche Vergangenheit, um ihre Traditionen, um den Zusammen- 
hang ihrer Entwicklung und konstatierte das Faktum russischer 
Armut, Losgerissenheit, Fremdheit: »Nous ne sommes ni de 
l'occident ni de l'orient et nous n'avons les traditions ni de l'un 
ni de Lautre. Places comme en dehors des temps, Leducation 
universelle du genre humain ne nous a pas atteints . . . Nous 
ne vivons que dans le present le plus etroit, sans passe et sans 
avenir, au milieu d'un calme plat . . . Isoles par une destinee 
etrange du mouvement universel de l'humanite, nous n'avons rien 
recueilli non plus des idees traditives du genre humain ... II 
n'y a point chez nous de developpement intime, de progres 
naturels, les nouvelles idees balayent les anciennes, parce qu'elles 
ne viennent pas de celles lä et qu'elles nous tombent je ne sais 
d'oü ... les meilleures idees faute de Raison oü de suite, 
steriles eblouissements , se paralysent dans nos cerveaux . . . 



— 273 — 

Solitaires dans le monde nous n'avons rien donne au monde, 
nous n'avons rien appris au monde, nous n'avons pas verse une 
seule idee dans la masse des idees humaines, nous n'avons en 
rien contribue au progres de l'esprit humain, et tout ce qui nous 
est revenu de ce progres, nous l'avons defigure . . . pas une 
pensee utile n'a germe sur le sol sterile de notre patrie, pas une 
verite grande ne s'est elancee du milieu de nous . . .« 

Es war die ungeschminkte Wahrheit, die beredte Anklage 
der Gesellschaft — die Regierung war ausdrücklich eliminiert, 
weil sie ja nach Kräften um diesen progres sorge — ihrer Ge- 
dankenlosigkeit, Flatterhaftigkeit. In dem Lande, wo sogar das 
Quecksilber gerinnt, gibt es keine feste Idee, und dementsprechend 
war der Brief aus Nekropolis, d. i. Moskau datiert. Es frappierte 
die Konzentriertheit , die Wucht dieser Anklage, die nicht zu 
widerlegen war , darum desto mehr erboste. Die Folgen dieses 
Briefes sind uns bereits bekannt. Es wurde auch aus »Sympathie« 
für den Verfasser, einstigen Helden von Kulm (1813), der die 
»Verteidigung eines Narren« schrieb und gegen das Herauszerren 
seines Gedankens auf die Strafse sich verwahrte, verordnet, dafs 
er sich dem schädlichen Einflüsse der herrschenden kühlen und 
feuchten Witterung nicht aussetze. So behielt Herzens Behauptung 
recht, dafs der einzige artige Mensch in Petersburg Dubbelt 
wäre, und der war Chef der Gendarmen ! 

Caadajev fiel es gar nicht ein, wie ihn der Dichterdenunziant 
beschuldigte, zu hassen alle heiligen russischen Traditionen, klein- 
mütig sich von ihnen loszusagen, des Papstes Pantoffel zu küssen ; 
dies taten andere: Damen, die Schriftstellerin und Mäzenatin 
Fürstin Volkonska, bei der in Rom auch Gogol zu Gaste war, 
und hohe Herren, z. B. Fürst Gagarin (nachher Jesuit und Heraus- 
geber der Werke Öaadajevs), die katholisch wurden. Der Fall kam 
übrigens sehr selten vor; denn in Rufsland herrscht volle Ge- 
wissensfreiheit, d. h, wer aus der Staatskirche austritt, kommt 
nach Sibirien, verliert die Standesrechte und sein Vermögen, das 
dem Denunzianten zufällt. 

Caadajev war nicht Kryptokatholik , sondern ursprünglich 
»Westler«, nur mit einem Stiche ins Klerikale. Ungefähr das- 
selbe wie er sagte ja 1832 Kirejevskij in seinem »XIX. Jahr- 
hundert«, klagte über die chinesische Mauer, die trotz Peter und 
Katharina uns noch von Europa trenne, was für Bildungselemente 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 13 



— 274 — 

unsere Vergangenheit uns bot und wie sie sich zu der europäi- 
schen verhalten , dafs die Staaten , die europäischer Bildung teil- 
haftig waren, ihre Bildungselemente in sich haben, diese sich mit 
der Nationalität selbst berühren, während sie bei uns nur durch 
einen gewaltsamen Bruch mit Tradition und Nationalität, von 
aufsen, eingeführt werden mufsten. Bei uns Nationales heifst 
Ungebildetes suchen; das Nationale auf Kosten europäischer 
Neueinführungen pflegen, heifst die Aufklärung vertreiben; 
denn woher anders als aus Europa könnten wir ihre Elemente 
schöpfen? Auch den Erfolg dieser Schrift kennen wir bereits; 
in seiner unfreiwilligen Verbannung beging dann Kirejevskij 
moralischen Selbstmord und kehrte nach Jahren als ein geschworener 
Slawophile nach Moskau zurück. 

Schon sein Aufsatz vom Jahre 1832 war gegen »Slawophile« 
gerichtet, gegen die immer zahlreicheren Ankläger des grofsen 
Reformators, die von nationaler, selbständiger Kultur sprechen, 
die Entlehnungen tadeln und uns zum Eingewurzelten, zum Alt- 
russischen zurückführen wollen. Schon er machte die geistreiche 
Bemerkung, dafs diese altrussischen Tendenzen nur auf unver- 
standener Wiederholung fremder, europäischer Gedanken beruhen, 
die wohl in Europa, nicht aber bei uns Sinn haben können. Das 
war die erste offene Anzeige und Bekämpfung des ySlawophilis- 
mus« ; der Ausdruck war unglücklich gewählt, war geschmiedet, 
um den erzreaktionären Schischkov und seine »slawenischen« Wort- 
ungeheuer zu verspotten, und hat aus einem philologischen einen 
politischnationalen Sinn angenommen. Statt »Slawophilen« müfste 
man eher, da ihnen z. B. die katholischen Slawen als Abtrünnige 
von dem wahren, d. i. orthodoxen Slawentum ein Greuel sind, 
Gräkophilen sagen, Russophil sind ja auch die Westler; denn 
Patriotismus haben die »Slawophilen« nicht gepachtet; auch der 
Name »Reaktionär«, der Schischkov zukommt, deckt sich nicht 
mit der >. Lehre« ; statt nach anderen, z. B. Antieuropäer, Nationa- 
listen und dgl., zu suchen, werden wir uns des konventionellen 
bedienen. Eine kurze Charakteristik der slawophilen Begriffe, 
die nach Herzen unlängst aus Gräbern herausgekrochen und 
unter der feuchten Erde nicht vernünftiger geworden waren, ist 
unerläfslich ; denn einmal haben unter ihrem Einflüsse, vorüber- 
gehend oder dauernd, viele der bedeutendsten Belletristen ge- 
standen; anderseits füllt der Kampf zwischen ihnen und den 



- 275 — 

»Westlern« wichtige Blätter russischer Geistesgeschichte aus, 
fühlt man^ da alles darniederlag, wenigstens im slawophilen 
Lager einen Hauch des Protestes heraus gegen die alleinselig- 
machende offizielle Schablone, humane Anwandlungen, demo- 
kratische Prinzipien. 

Aus moralischer Entrüstung über die Niederträchtigkeit der 
Zeitgenossen bei Scheerbatov, aus dem erzkonservativen Protest 
gegen jeglichen Fortschritt bei Karamsin , aus reaktionärem 
Hasse gegen moderne Ideen bei Schischkov war jenes erste 
Liebäugeln mit den guten alten Zeiten , einer fable convenue, 
hervorgegangen , worin man die Spuren des Slawophilismus zu 
entdecken glaubt. Hierzu kam berechtigter Widerwille gegen 
die Fremdherrschaft. Als Alexander L den verdienten Jermolov 
fragte, was für eine Belohnung oder Auszeichnung er sich noch 
wünschte, sagte der General: »Mache mich zum Deutschen, 
Gassudar.« »Ces Russes me fönt toujours du guignon,-< war die 
Parole von Nikolaus, der die Fremden vorzog. Selbstbetörung 
und nationale Überhebung mit bewufster oder naiver Fälschung 
aller Geschichte hat dann die slawophile Fata Morgana entstehen 
lassen. Romantik, die ja die couleur locale, das Traditionelle, 
Volkstümliche bewufst pflegte, und deutsche Metaphysik haben 
ihr Redlichstes beigetragen, namentlich letztere. Wenn sich 
Ideen in Nationen und danach auch in deren Litteratur ver- 
körpern, wenn man somit, wie dies in Europa gerade in den 
vierziger Jahren der Fall war, nach der »Idee« des Slawentums 
fragte, so war es verzeihlicher Ehrgeiz, dafs diese Idee möglichst 
grofs und glänzend, als eine Synthese aller Europa beunruhigenden 
Gegensätze gedacht wurde. Die Erlösung sollte der Osten 
bringen. Daran glaubte Caadajev ebenso wie Herzen oder wie 
die Häupter der Slawophilen, Chomiakov, Kirejevskij, Aksakov. 
Jeder von ihnen freilich aus anderen Gründen. Für Herzen, 
Bielinskij, Caadajev war Rufsland das unbeschriebene Blatt 
Papier, das Land, das sich die Erfahrungen des Abendlandes 
ohne dessen Kämpfe, Mühen, Tod und Zersetzung anzueignen 
und durch nichts gehemmt zu vervollkommnen hat. Die Slawo- 
philen sahen Rufsland bereits im Vollbesitz aller Lebenselixiere; 
nur Europa hätte von den Russen zu lernen, um aller seiner 
Schäden los zu werden. Diese russischen Wunder waren seine 
Orthodoxie, Autokratie und sein Gemeindebesitz. Während im 

18* 



— 276 — 

Katholizismus Herrschsucht der Kirche, die sich über den Staat 
erhob, im Protestantismus Herrschsucht des jegliches Gefühl er- 
tötenden Verstandes das wahre Christentum verfälsche, hat sich 
dieses in der wahrhaft demütigen, tief gläubigen, auf Gemein- 
schaft, nicht Vorherrschaft, der Patriarchen, auf demokratischen 
Grundlagen ruhenden, orthodoxen Kirche am lautersten erhalten. 
Während europäische Staaten durch Eroberungen entstanden, 
wo dann Verfassungen, d. h. Kontrakte, gegenseitiges Mifstrauen 
und Eifersucht Eroberer und Unterjochte banden, haben die 
Russen freiwillig Herren herbeigerufen, ihnen vertrauensvoll alle 
Macht und die ganze Verantwortlichkeit übergeben und sich nur die 
nötigen Lasten , das freie Leben und Erwerben , die moralische 
Selbständigkeit vorbehalten. In Europa führen Geschlechter- 
und Familienverfassung mit Notwendigkeit zum feudal-aristo- 
kratischen Staate; das System der Majoritäten unterdrückt die 
Minoritäten. In Rufsland konnte die Gemeindeverfassung nur 
zur Volksversammlung , mit einstimmigen , nicht Majoritäts- 
beschlüssen, und zu dem blofs mitratenden Semskij Ssobor führen, 
eine Aristokratie gar nicht aufkommen lassen, den altruistischen 
Momenten das Übergewicht sichern. Sogar die altrussische 
Frau erfreute sich einer Selbständigkeit, um die sie die euro- 
päische Schwester beneiden mufste. 

Diese Theorie pflegte gute Keime und wurde infolgedessen 
gegenüber dem unduldsamen herrschenden System als Opposition 
angesehen und unnachsichtlich unterdrückt — die Zensur verfolgte 
slawophile Publikationen aufs äufserste; nur war für diese edlen 
Keime die Verkleidung in dieMurmolka, das Fallenlassen der Hosen 
über die hohen Stiefel und das ganze theologisch-philosophisch- 
historische Brimborium ziemlich überflüssig. Freiheit der Mei- 
nungen und Gewissen, Rechte der Frau, Liebe und Verständnis 
für das Volk brauchte man nicht mit Utopien von Waräger- 
berufung, byzantinischem Christentum u. dgl. zu verquicken. 
Zudem erinnerten die Slawophilen stark an den Cißikov des 
zweiten Teiles: er hat genug der »toten Seelen«; sie reuen ihn 
so tief, dafs er für das aus ihnen gelöste Geld sich Güter kaufen 
und nun ein hoch moralisches Leben führen wird. Ebenso 
schimpften und verwünschten die Slawophilen Peters Reform, 
doch behielten sie ihren Ertrag ungeschmälert und wollten sich 
nur auf Katharinens und Peters Erwerbungen »altrussisch« ein- 



— 277 — 

richten ! Wirklichen Respekt, aufser ihrem Unabhängigkeitssinn, 
der sich durch Spott und Verfolgungen nicht irre machen liefs, 
verdient nur ihr »Fühlen einer lebenden vSeele im Volke«, was 
für einen Bielinskij ganz unmöglich war, dem das V^olk, die rohe, 
ungebildete Masse, von der Intelligenz erst geformt, geknetet 
werden mufste. »Ihr Gefühl war durchdringender als ihr Ver- 
stand und Gewissen; von manchen Aufsätzen slawophiler Zeit- 
schriften riecht es nach Folterkammer, ausgerissenen Nüstern, 
Kirchenbann und Bufse, Ssolovkikloster . . . hätten sie die Macht, 
sie würden die dritte Abteilung übertrumpfen. Das sind Wär- 
wölfe und Leichname; von ihrem Felde her antwortet keine 
lebende Seele ; sie renkten sich ihr Verständnis aus durch heuch- 
lerische Orthodoxie und gemachte Volkstümlichkeit« (Herzen), 

Allerdings mufs unter Slawophilen unterschieden werden. 
Es gab welche in Petersburg, Buraekov z. B. , Herausgeber des 
»Majak«, der Kopernik als »Pokornik« deutete, weil dieser nur 
in seiner slawischen »Pokora« , Demut, vor den hochmütigen 
Europäern durch Gottes Gnade erleuchtet wäre! Über solchen 
Idioten standen hoch die Moskauer ; denn nur in der Nekropolis 
konnte die Totentheorie prosperieren. Auch unter ihnen gab es 
wieder Abstufungen; das Dioskurenpaar .Schevyrev-Pogodin, 
Herausgeber des »Moskvitianin<;, machte der Regierung an- 
gelegentlichst den Hof. Pogodin und Bodianskij interessierten 
sich zudem für allerlei andere Slawen ; ihr trockener, halboffiziöser 
Panslawismus imponierte nicht recht. Die jüngere Redaktion des 
Moskvitianin,seit 1851, mit den talentvollen Schriftstellern Ostrovskij 
und Pissemskij, mit den Kritikern Grigoriev und Edelson, mit 
dem Dichter Almasov, der in den sechziger Jahren mit humoristisch- 
satirischen Gedichten und Parodien hervortrat (namentlich giftig 
war sein unvollendetes Epos-Pamphlet, die Sozialisten, mit der Ver- 
höhnung der Seminaristen, ihrer Mäzene und Mäzenatinnen), sagte 
sich vom Panslawismus ganz los und betonte das nationale, 
russische Element, dessen »Fundamente«. 

Die eigentlichen Slawophilen , als oppositionelles Element 
gegen das Petersburger Regime, vertrat in erster Reihe Chomiakov, 
ein Mann von aufserordentlicher Bildung und Willenskraft, der 
offizielle Dichter und Theologe der Slawophilen, ein Dialektiker 
ersten Ranges, Sophist, dem das Debattieren an sich Lust machte ; 
seine theologischen Traktate, die Verteidigung der alleinselig- 



— 278 — 

machenden Orthodoxie, durften erst nur im Auslande gedruckt 
werden. Langweilig sind seine beiden Tragödien vom Jermak 
lind Pseudodemetrius, während einzelnen seiner Gedichte lyrischer 
Schwung nicht abzusprechen ist. Wir wählen eines: »An Rufs- 
land«, Der Dichter warnt vor Überhebungen : »Sei gegen die 
Einflüsterungen deiner Schmeichler« (aber die schlimmsten waren 
gerade die Slawophilen !) »nicht stolz auf deine Kraft, deinen 
Ruhm-, noch stärker war ja Rom, die Mongolen, noch reicher 
,die Kaiserin der Westmeere^ (sonst das , schlaue Albion' genannt). 
»Wo ist Rom, wo die Mongolei ? Und in seiner Brust der Agonie 
Stöhnen verbergend, schmiedet kraftlose Ränke Albion, über dem 
Abgrund zitternd« (am Vorabend des Krimkrieges, in den Ab- 
grund purzelte ja das nikolaitische Rufsland !). »Unfruchtbar ist 
jeder Geist des Hochmutes , unverläfslich Gold und Stahl , aber 
kräftig ist des Heiligtums helle Welt, stark der Betenden Hand. 
Und sieh, dafür, dafs du demütig, dafs du verborgen in kind- 
licher Einfalt Gefühl, im Schweigen des Herzens des Schöpfers 
Wort empfingst, gab er dir das helle Los : der Welt zu wahren 
den Anteil hoher Opfer, reiner Taten, zu wahren der Stämme 
heilige Brüderschaft , der Liebe belebendes Gefäfs , flammenden 
Glaubens Reichtum und Wahrheit und unblutiges Gericht .... 
alle Völker mit deiner Liebe umfassend, weise ihnen der Frei- 
heit Geheimnisse, des Glaubens Strahlen ihnen eröffne, und in 
herrlichem Ruhme wirst du über alle Erdensöhne dich er- 
heben.« 

Auf diesen Grundton ist die ganze panslawistische Lyrik 
eines Chomiakov, Tiutcev, Almasov, Iwan Aksakov gestimmt; 
hinzu kommen noch Aufrufe an die jungen Adler, Bulgaren, 
Serben und Kroaten, die Ketten der osmanischen Tyrannei mit 
ehernem Schnabel zu zerpicken, an den nordischen Adler, sie 
laut zu grüfsen, auf dafs in ihrer Sklaverei Nacht seiner Freiheit 
helles Licht sie tröste; endlich der Aufruf zur Glaubenseinheit, 
die die Slawenrenegaten des Westens eingebüfst haben, dem 
lasterhaften Rom folgend, mit den Klagen, dafs sich in den 
Wallfahrten zu Kievs Heiligtümern nicht einstellen die unierten 
Brüder aus Halicz und Wolhynien, die von Polens wilden Scheiter- 
haufen verbrannt oder von Polens lauten Festen betört wurden. 
Das mit dem »Scheiterhaufen« war erlogen; dafür fand sich 
Wolynien bald in Kiev ein: Husarengeneräle und Gendarmen, 



— 279 — 

Sibirien und diokletianische Verfolgungen brachten dieses Werk 
der Liebe und des Glaubens zustande. 

Aus dieser patriotisch-tendenziösen Poesie spricht eine Ideali- 
sierung Rufslands, die von der Gegenwart völlig absieht, von 
den realen Verhältnissen, und sich in Haschischträume rosiger 
Zukunft einlullt. Chomiakov, auch Aksakov, waren wenigstens 
so aufrichtig, dafs sie von ihrem auserwählten Volke die Einkehr 
Bufse und Reue verlangten, für das Joch der Sklaverei, für das 
schwarze Unrecht seiner Gerichte und für andere russische 
Schäden, ehe dieses Volk seine grofse Mission, Europa die wahre 
christliche Freiheit und Aufklärung (der dritten Abteilung , der 
Zensur und der allerheiligsten Synode ?) zu geben, antrete. Und 
woher schöpften diese Idealisten-Enthusiasten die Gewähr dieser 
Mission? Aus der Demut und Langmut, dem smirenije und 
dolgotierpienije des russischen Volkes gegenüber der Hoffart des 
Abendlandes. Ja, für Tiutßev hat Rufsland gesegnet, wandelnd 
von einem Ende zum andern, der Himmelsherrscher in sklavi- 
scher Gestalt! Das heilst doch aus der Not eine Tugend machen. 
Der Heiland als russischer Leibeigner (nicht umsonst heilst in 
Rufsland der Bauer einfach »Christ« zum Unterschiede von den 
Herren, Heiden?) eilt übrigens dem Uhdeschen Arbeiterheiland 
um Dezennien vor. 

In diesem Chor der vereinigten Slawen gab es einen grellen 
Mifsklang. Chomiakov und Aksakov überhörten ihn meist; nicht 
so TiutCev, der 1831 den Fall von Warschau und 1863 die pol- 
nische »Empörung« ansang , freilich in verschiedenem Ton, 
damals Worte tröstender Bruderliebe, jetzt des Hasses im Munde 
führend, im Grunde dasselbe, den Tod des Volkes, voraussetzend 
oder fordernd. Und als er den Slawenkongrefs von 1867 be- 
willkommnete, fand er auch Worte von einem Judasverräter, der 
seine eigenen Wege ginge, offenbar die Polen. Die slawophilen 
Konstruktionen der slawischen Bruderliebe und der russischen 
Weltmission sind uns somit nur Scharlatanerie. Diesen in ihrer 
falschen Demut hochmütigen »Idealisten«, die, über russische 
Balken wegsehend, europäische Splitter aufgreifen, ziehen wir 
jedenfalls die russischen Pessimisten vor, die sich hübsch an die 
russische Wirklichkeit, statt an Phantasmagorien halten und nicht 
emmal den Heiland annehmen würden, wenn er als Sklave 
käme. 



— 280 — 

Die slawophile L5'^rik — übrigens gab Iwan Aksakov bald 
das Dichten auf; ungleich stärkeren, ja europäischen Widerhall 
sollte erst die Prosa des Vorsitzenden des slawischen Komitees 
in den siebziger Jahren, vor und während des orientalischen 
Krieges finden; nur Tiutcev blieb dieser Poesie treu, aber dies 
war ein wirklicher Lyriker, nicht Volkstribun und Publizist wie 
Iwan Aksakov — ist somit etwas gleich Konventionelles wie 
slawophile Theologie und Geschichte, die en famille behandelt 
wurde. Bildeten doch diese Slawophilen nicht zufällig eine grofse 
Familie, Aksakov heiratete Tiutcevs Tochter, Chomiakov war 
der Sohn einer Kirejevskaja usw. Wir nennen noch die beiden 
Brüder Kirejevskij , Iwan, der wegen des »Europäers« Gemafs- 
regelte und stets Beargwöhnte, und Peter, der sich von der Reise 
nach dem Abendland die tiefe Enttäuschung , die Überzeugung 
von der unheilbaren »Fäulnis« des Westens und Gesundheit des 
Ostens, beides Grunddogmen des slawophilen Kredo, mitbrachte. 
Dann der enthusiastische Konstantin Aksakov. den die Slawo- 
philen sich aus dem philosophischen Kreise des Stankevic an- 
warben , ihr Historiker , neben- J. Ssamarin , ihrem Politiker und 
Juristen. Aus den endlosen Debatten in Moskau, bei den Jela- 
gins, Mutter der Kirejevskij, die die »Slawenteufelei« ihrer Söhne 
nicht teilte, bei den Aksakovs, kamen erst langsam in die Zeit- 
schriften, Moskvitianin u, a., der vierziger Jahre diese Theorien 
hinein. Leider griffen sie auch Sachen an, die nicht gleich 
offen verteidigen durften die Verfechter der europäischen Ideen, 
des Westens und seiner wohltätigen, unerläfslichen Bedeutung 
für Rufsland, Bielinskij, der ja auch, wie Aksakov, den Stanke- 
vicianern angehörte, und Herzen. 

Neben dem philosophischen Studentenzirkel an der Uni- 
versität gab es auch einen sozialpolitischen, der sich als Erben 
und Fortsetzer der Dekabristen bekannte , dessen liberale Über- 
zeugungen bald jedoch durch den Saintsimonismus und Sozialismus 
wesentlich modifiziert wurden. Hierher gehörten Herzen, Ogarev 
u. a.; sie erregten früh Verdacht und zogen sich Verfolgungen 
zu. Der Kreis, gesprengt, sammelte sich später wieder, warb 
neue Mitglieder, so den Moskauer Professor Granovskij u. a., ja, 
es fehlte auch hier nicht an Szissionen; Herzen und Bielinskij 
waren die Konsequentesten, wurden reine Atheisten und Sozia- 
listen, während Granovskij u. a. an der Unsterblichkeit der Seele 



— 281 — 

und anderer Romantik festhielten. Der bedeutendste Vertreter 
dieser »westlerischen« Richtung, dem an Geist und , Schärfe nie- 
mand in Rufsland gleichkommt, ist Alexander Herzen. Wäre er 
nur Politiker und Parteimann, würden wir hier seiner kaum ge- 
denken, aber er ist Belletrist und zugleich einer der bedeutendsten 
Memoirenschreiber nicht nur Rufslands und des XIX. Jahr- 
hunderts und verdient auf eine Stufe mit den grofsen Russen, 
mit Turgeniev und den anderen, gestellt zu werden. 

Alexander Herzen (d. i. Jakovlev ; der Vater, ein vornehmer 
und reicher Adliger, heiratete in Deutschland, legalisierte aber 
nicht diese rechtmäfsige Ehe in Rufsland und infolgedessen 
galten seine Kinder als illegitim, durften nicht den Vatersnamen 
führen , hiefsen Herzen , wie ihr Vater die Mutter nannte) hat 
trotz seines deutschen Namens und seiner deutschen Mutter nicht 
ein Fiberchen deutscher Natur; er ist Franzose wie Gribojedov 
etwa, ein russischer Voltaire und Paul Louis Courier, der be- 
rühmte Pamphletist. Seine erste Lektüre bildeten die französi- 
schen Romane und Komödien der väterlichen Bibliothek; dann 
begeisterte er sich mit dem schwermütigen, poetischen Knaben 
Ogarev (einem bedeutenden Lyriker, später Emigrant wie Herzen ; 
der Freundschaftsbund überdauerte ihr ganzes Leben) für Karl 
Moor und Posa; der Übergang vom Moros mit dem Dolch im 
Gewände und Teil in Küfsnacht zum 14, Dezember und Niko- 
laus L war ein leichter. Wegen seiner Vorliebe für Natur- 
wissenschaften trat er auf der Universität (1829) in die phj^sisch- 
mathematische Fakultät ein; diesem Studium verdankt er die 
Exaktheit seiner Methode und die Scheu vor jedem Mystizismus. 
Man lernte zwar nicht viel, dafür wurde liberale Gesinnung und 
verbotene Lektüre eifrigst verbreitet; man enthusiasmierte sich 
für die Brüsseler, Pariser, Warschauer Insurrektion. Sein Leben 
lang behielt Herzen aus dieser Zeit die heilige Verehrung für 
die Dekabristen, für die grofsen Geister von 1792 und 1793, und 
seine Sympathie für die Polen, die er noch 1863 mit dem Ruin 
seines Kolokol bezahlte. Aber bald verdrängte Saintsimonismus 
ganz die »Berangerschen: Tendenzen; die Emanzipation der Frau 
und la rehabilitation de la chair, die Entmönchung des Menschen- 
geschlechts, die Rechtfertigung und Erlösung des Fleisches, die 
reinigende Taufe des Fleisches, als Totenmesse für das Christen- 



~ 282 — 

tum hat sich Herzen ebenfalls seit dieser Zeit zum leitenden Ge- 
danken seiner Tätigkeit angeeignet. 

Die jungen Leute hatten weder auf der Universität noch nach 
deren Verlassen den Versuch irgendeiner politischen Gesellschaft 
oder Vereinigung gemacht, obwohl ihre fast ausschliefslich münd- 
liche Propaganda weiterreichte. Durch Briefe usw. eruierte die 
Polizei diesen Zusammenhang. Schliefslich wurde Herzen in eine 
entfernte Gouvernementsstadt, Perm, nachher V^iatka, in Zivil- 
dienst versetzt und unter die Aufsicht der Lokalbehörden gestellt. 
Durch Zukovskij gelang es ihm dann, nach Wladimir und schliefs- 
lich, nach einem neuen, unliebsamen Konflikt in Petersburg mit 
den Gendarmen, nach Moskau zu kommen. Im Januar 1847 
erlangte er wegen der Kränklichkeit seiner »Natascha« , seiner 
Cousine, die er entführt und geheiratet hatte, einen Auslands- 
pafs; er schwor sich zu, nie wieder zurückzukehren nach Peters- 
burg, dieser Stadt »der Willkürherrschaft blauer, grüner und 
bunter Polizeien, der kanzleiischen Unordnung, der lakaienhaften 
Frechheit, der Gendarmenpoesie«. Er hat Rufsland nie wieder 
gesehen. Als er es verliefs, war er bereits unter dem Pseudonym 
Iskander ein bekannter Belletrist. 

Er hatte frühzeitig zu schreiben begonnen, sich auf drama- 
tischem Gebiete und in der Erzählungslitteratur zuerst versucht. 
In Viatka machte sich ein Ansatz zu religiöser Schwärmerei 
bemerkbar; er schrieb Szenen aus einem Nero- und einem William 
Penn -Drama mit religiösen Konflikten, in gespreizten Tiraden. 
Aber »mir war nicht verheifsen, mich zum dritten Himmel zu 
erheben; ich bin als völlig Irdischer geboren. Das Tageslicht 
der Idee ist mir verwandter als die Mondbeleuchtung der Phan- 
tasie.« Es hinderten ihn an jeglicher Mystik seine Naturwissen- 
schaften, >;ohne die der Moderne nicht selig werden kann; ohne 
diese gesunde Nahrung, strenge Erziehung des Gedankens durch 
Tatsachen, diese Nähe zum umgebenden Leben, ohne Demütigung 
vor seiner Selbständigkeit bleibt irgendwo in der Seele eine 
Mönchszelle und in ihr ein mystisches Korn, aus dem sich Dunkel 
über das Verständnis auswachsen kann«. 

Höher stieg er in seinen Erzählungen, namentlich in seinem 
Roman »Wer ist schuld?« (die Schuld besteht darin, dafs man 
einem Herzenszuge, d. i. schliefslich dem blofsen Zufall, folgte). 
Alle sind im Recht, Herr der Situation ist — die Unmöglichkeit 



— 283 — 

eines Ausweges, wie er selbst aus Anlafs eines verwandten 
Thema , das ihn vorher beschäftigt hatte , ausführte. Der Held 
des Romans, Beltov, ist eine der besten Charakteristiken eines 
»überflüssigen ; Menschen der Nikolaitischen Zeit, wie ihn später 
Turgeniev in allen seinen Romanen immer wieder vorgeführt 
hat: ein Ehrenmann, voll der besten Absichten, gebildet, geist- 
reich , unternehmend , und doch ein vollkommen überflüssiger 
Mensch, unfähig etwas zu werden oder zu ergreifen, dem es 
selbst ein ungelöstes Rätsel bleibt, wozu er denn eigentlich lebt. 
Sein Unglück beginnt schon bei seiner Erziehung, die der ehr- 
bare Schweizer im allgemeinmenschlichen Sinne leitet, als ob 
das in Rufsland angebracht wäre. Dieser ganz »allgemeine« 
Mensch gesteht dann seinem Lehrer : »Wir Russen beginnen am 
häufigsten von neuem, erben von unseren Vätern nur die beweg- 
liche und unbewegliche Habe, und auch diese wahren wir schlecht. 
Wollen wir etwas tun, so treten wir auf eine unermefsliche 
Steppe; nach allen Seiten stehen alle Wege offen, nur gelangt 
man auf ihnen nirgends wohin; dies ist dann unsere vielseitige 
Untätigkeit, unsere tätige Faulheit.« Die »allgemeine« Richtung 
hielt ja auch auf der Universität an , wo sich gleichgesinnte 
Jugend fürs Leben und diesem völlig fremde Ideale träumerisch 
verband. Endlich öffneten sich ihnen etwas knarrend die Türen, 
die ins Leben führten, doch hier harrten ihrer nur Enttäuschungen ; 
die Wirklichkeit des Amtes oder der Kaserne konnte die unab- 
hängigen, selbstvertrauten Idealisten nur abschrecken. Beltov 
geht nun ins Ausland, verbringt zehn Jahre seines Lebens, hat 
während der Zeit alles oder fast alles unternommen, nichts oder 
fast nichts ausgeführt, war angehender Arzt, Künstler usw., er- 
staunte die Deutschen durch seine Vielseitigkeit, die Franzosen 
durch seine Tiefe ; aber während diese Deutschen und Franzosen 
arbeiteten und schufen, machte er nichts. Er zählt über dreifsig 
Jahre, seine Gedanken sind männlich geworden, selbst ist er ein 
Minderjähriger geblieben, der sich wie ein sechzehnjähriger Knabe 
stets zum Leben erst vorbereitet, statt zu leben. Es ist ihm 
unmöglich, den Menschen, den Umständen sich anzupassen, seine 
Fähigkeiten, Kenntnisse erspriefslich zu verwenden. Er wird 
zurückgekehrt als hochinteressanter, unverstandener Held die 
hübsche Frau des ehrsamen Gymnasialpedanten unwiderstehlich 



— 284 — 

anziehen, wie ein Magnet, ihr Lebensglück zerschlagen und sich 
wieder entfernen. 

In dem geistreichen und liebenswürdigen Roman stecken eine 
Menge persönlicher Beziehungen, sein eigener Lehrer, sein Vater, 
seine Natascha in einzelnen Zügen der Lubov, mit ihrer äufserst 
sensiblen Natur, mit ihrer Befreiung von Vorurteilen, die schein- 
bar leicht und freudig, in Wirklichkeit nicht ohne innere Kämpfe 
erfolgt usw. Vor allem ist Herzen selbst Beltov, bis auf seine 
medizinischen Studien, bis auf wörtliche Wiederholungen, z. B. 
über Schicksalstücke, menschliche Verkehrtheit, die das augen- 
blickliche Glück sich zwischen den Fingern entgehen läfst usw., 
aus Herzens eigenen Tagebüchern. Es ist eine Art Autobiographie 
fast, wie die Lermontovs im »Helden unserer Zeit«. Trotz alles 
verdienten Erfolges dieses interessanten, realistischen Romans 
täuschte sich Herzen keinen Augenblick: »Ich verstehe es nicht, 
Erzählungen zu schreiben«, gesteht er bald, und an einer weiteren 
Stelle erzählt er nicht die Liebe seines Helden, »mir haben die 
Musen die Fähigkeit Liebe zu schildern verweigert; o Hafs, dich 
singe ich!< In der Tat unterbricht er vielfach die Erzählung 
durch das Einführen psychologischer Biographien seiner Personen, 
jede drastisch , lebhaft und lehrhaft , aber aus dem Rahmen des 
Ganzen wie herausfallend. Dafür gelangen ihm trefflich kurze 
Skizzen. Als er sich nach einigen Jahren in einer neuen Er- 
zählung versuchte, »Pflicht vor allem«, mit der meisterlichen 
Schilderung z. B. der Panik beim Eintreffen des neuen Gutsherrn 
im Dorfe, meinte sein Bekannter sehr richtig, er würde weder 
diese Erzählung zu Ende noch sonst eine andere schreiben. 
Herzen war zu sehr mit den Interessen des Augenblicks verquickt, 
ein geborener Volkstribun dazu, als dafs ihn ruhig objektives 
Schaffen hätte befriedigen können. Dagegen war seine Herzens- 
lust, allerlei muffige Slawophilen zu verhöhnen, ihren Stil zu 
parodieren, den »abgebissenen, ungefegten« Pogodins, wie den 
süfslichfaden — eines nicht fest gewordenen Blancmanger ohne 
bittere Mandeln — Schevyrevs, die BuraCkov und Jasykov zu ver- 
spotten, daneben gehaltreiche naturwissenschaftlich-philosophische 
Briefe zu veröffentlichen. 

Als er endlich Rufslands Staub von den Füfsen geschüttelt 
hatte, ging es nun nach dem französischen Eldorado, aber die 
Korrespondenzen von der Avenue Marigny wiesen bald die furcht- 



— 285 — 

bare Enttäuschung auf; bald hörte auch die MögHchkeit auf, 
irgend eine Zeile in Rufsland zu drucken. Italiens Freiheits- 
frühling lockte ihn unwiderstehlich, doch kehrt er wieder nach 
Frankreich zurück, um seine letzten Hoffnungen zertrümmert zu 
sehen, und von allen liberalen Illusionen für immer geheilt geht 
er nach England. Seine Stimmung — es trafen ihn auch schwere 
persönliche Verluste, Todesfälle, ja einmal wurde Beltov selbst 
zu Kruziferskij und verlor wie dieser seine Lubov — wurde 
immer verbitterter, galliger. Was er schrieb, waren meist philo- 
sophisch-politische Broschüren, die in Übersetzungen — Deutsch — 
erschienen. Er sollte schon wie Beltov endigen, ein ganz Ȇber- 
flüssiger«, »Angebrochener« mehr. Am 1. März 1849 hatte er 
einen Abschied an seine Freunde in Rufsland gerichtet, erklärt, 
warum er niemals zurückkehren werde: »Eine unüberwindliche 
Abneigung, eine starke innere Stimme, die etwas prophezeit, 
lassen mich nicht übertreten die Grenzen des Reiches des Nebels, 
der Willkür, des schweigenden Absterbens, kundlosen Unterganges, 
der Qualen bei verstopftem Munde. Ich reifse mich los von 
meinem V'^olke, und doch bleibe ich bei ihm, in dessen ganzem 
Leben ich nur mitfühle das bittere Weinen seines Proletariers 
und den verzweifelten Mut seiner Freunde. Ich opfere alles 
der Menschenwürde und dem freien Worte. Hier im Aus- 
lande bin ich euer unzensur iertes Wort, euer ffreies 
Organ. Auch ist es an der Zeit, Europa mit Rufsland bekannt 
zu machen; sie sollen wissen, was sie fürchten.« Er hätte sich 
von den Ereignissen in Paris und Italien fortreifsen lassen, hätte 
viel »Zeit, Herz, Leben und Mittel der Sache des Westens 
geopfert, jetzt fühle ich mich in demselben überflüssig« (1853). 
Herzen war durchaus nicht von den Ideen des Westens, 
d. h. den Ideen der Weltgeschichte, die auch er liebte und für 
Rufsland unerläfslich hielt, sondern von dem »faulenden Westen« 
selbst , wie nur irgend ein Slawophile , enttäuscht. Er ver- 
wechselte nämlich den Westen mit seiner Bourgeoisie, mit jener 
»conglomerated mediocrity«, die er als Pest, auch für die Kunst, 
hafste, die zu chinesischen Zuständen führen mufs, zu deren 
Mangel in Rufsland er sein Volk beglückwünschte. Wie die 
Slawophilen und Cernyschevskij begeisterte er sich für den Ge- 
meindebesitz an Boden, für den »mir« und seine Wahlen, für dieses 
aus dem Patriarchalismus überwinterte Prinzip, aus dem sich ein 



— 286 — 

neues soziales Leben herauswachsen kann, das Europa ebenso 
fehlt wie unsere Schwarzerde. Ebenso freute ihn russische 
Emanzipation, Voraussetzungslosigkeit, Mangel an historischen 
Ketten und Kugeln, die der Europäer aus seiner historischen 
Überlieferung nachschleppt. Den Russen hindert kein Zaun, kein 
Verbot, kein Grabkreuz, keine Werstsäule; er kann gehen wo 
er will, kennt nur Öden und Dimensionen; wir sind frei, weil 
wir mit unserer eigenen Befreiung anfangen, unabhängig, weil 
wir nichts zu lieben noch zu ehren haben. Ein Russe wird weder 
Protestant noch juste milieu werden. »Die Barbaren haben 
Eidechsenaugen«, sagte schon Herodot, denn im Zusammenstofs 
mit dem Westen, Römern, sind wir die Barbaren, Germanen, 
trotz des äufseren Scheines. Unsere Zivilisation ist eine äufser- 
liche, unsere Sittenverderbnis ganz roh ; unter dem Puder hervor 
stechen die Borsten; unter der Schminke bricht die Bräune durch. 
Wir verfügen über einen Abgrund von Verschlagenheit von Wilden 
und Scheu von Sklaven ; wird sind bereit eine Ohrfeige aufs Gerate- 
wohl zu versetzen und ohne jegliche Schuld zu Füfsen zu fallen, 
aber, ich wiederhole hartnäckig, wir sind zurückgeblieben hinter 
der zerfressenden, auf erblicher Ansteckung ruhenden Feinheit 
abendländischer Verderbtheit . . . die Bildung diente bei uns als 
Fegefeuer und Bürgschaft . . . bildete eine Scheidelinie, vor der 
viel Ekelhaftes zurückblieb . . .« Man sieht, was für ein Optimist 
in Herzen steckte, man sieht zugleich, welch nahe Beziehungen 
dieser Westler zu Slawophilen hatte. Seine westlerischen Freunde 
klagten ihn geradezu an, dafs er den für Rufsland so nötigen 
Respekt vor dem Westen untergrabe, dafs er allzusehr vorauseile. 
Das sind die Grundgedanken, die sich durch seine französi- 
schen und deutschen Briefe und Broschüren 1847 — 1852 hindurch- 
ziehen, auf deren nähere Besprechung, ja nur Nennung wir ver- 
zichten. Seine persönlichen Verluste haben ihn nicht gebrochen ; 
denn wie er (ahnungslos , wie nahe es ihn selbst berühre) 
noch 1842 ausgeführt hatte, in einem Aufsatze, der einen Freund 
vom Selbstmorde zurückgehalten hat: »Das Individuelle, das Herz, 
darf den Menschen nicht ausschlief sl ich beanspruchen; sein Geist 
soll schweben zwischen diesem und der Idee, den allgemeinen, 
menschlichen Interessen, nicht auf den Sandboden der Einzel- 
liebe allein gegründet sein.« Als er nun in der Einsamkeit der 
Weltstadt (Londons, 1852) daran ging, seine Vergangenheit vor- 



— 287 — 

wurfs- und leidvoll zu überprüfen, erstarkte er dabei, fafste Mut 
zu neuer Arbeit, wollte alles dem Urteile der »Seinigen« vor- 
legen, und so entstand sein autobiographisches und zugleich sein 
Hauptwerk, ein Kleinod der russischen Litteratur, »Byloje i dumy« 
(Erinnerungen und Gedanken, in freier Übersetzung), »ein Grab- 
denkmal und eine Beichte, Geschehnis und Sinnen, Biographie 
und Reflexion, Ereignisse und Gedanken, Gehörtes und Gesehenes, 
Schmerzhaftes und Ausgelittenes, Erinnerungen und nochmals 
Erinnerungen, eine Wiederholung des Lebens, das in Wort und 
Gedächtnis blafs aufersteht« , 1852 — 1855 hauptsächlich ge- 
schrieben, auch mit Nachträgen, in fünf Teilen • doch ist in dem 
fünften Teile das Wichtigste, dasjenige, weswegen alles übrige 
geschrieben wurde, das mit Tränen und Herzblut nach Turgenievs 
Urteil Geschriebene nicht in den Druck gelangt — wird uns die 
Familie diesen Teil der Geschichte von Natascha für immer vor- 
enthalten? Herzen selbst hatte sie uns ja in Aussicht gestellt. 
Er trat nicht zum ersten Male an autobiographische Ver- 
suche heran. Schon 1838 schrieb er »Memoiren eines jungen 
Menschen c-, d. i. seine eigenen, in drei Teilen: Kindheit, Jugend 
— das Kapitel über Universität mufste fortbleiben — , Wander- 
jahre, mit dem Pasquill auf Viatka-Malinov; alles, nament- 
lich der dritte Teil, im Stil und Ton der Heineschen Reise- 
bilder, und druckte sie 1841. Ihr Erfolg regte ihn ja zu seinem 
Roman an. Später führte er zeitweilig ein umfangreiches 
Tagebuch über seine Lektüre usw. Die jetzige Arbeit unter- 
schied sich von der Grellheit des Tagebuches, von den »Me- 
moiren«, die er gar nicht verwenden konnte — ihres Tones 
wegen. Er schrieb sie damals, um sich die Dauer seiner Ab- 
wesenheit von Natascha zu kürzen ; jetzt hatte er nirgends mehr 
zu eilen. Viel Zeit war nötig gewesen, damit so manches Er- 
eignis sich abklärte zu einem durchsichtigen Gedanken, nicht 
tröstlich , schwermütig , aber versöhnend durch das Verständnis, 
ohne das es wohl Aufrichtigkeit, aber keine Wahrheit geben 
kann. Das Buch sollte keine historische Monographie werden, 
nur Widerspiegelung der Geschichte im Menschen, der ihr zu- 
fällig in den W^eg gekommen ist. Daher zerflattert es nament- 
lich gegen das Ende hin vollständig in Einzelskizzen, als 
fürchtete der Verfasser, durch eine methodische Umarbeitung aus 
einem Gusse den eigentlichen Ton und Stimmung zu verwischen; 



— 288 — 

daher diese Zubauten , Überbauten , Flügel und doch im ganzen 
eine gewisse Einheit. Den genauesten Zusammenhang bewahren 
die beiden ersten Bände (6 und 7 der Gesamtausgabe). 

Diese Memoiren, obwohl sie keinerlei besondere Verwick- 
lungen und Katastrophen, nur alltägliche Geschehnisse und Be- 
gegnungen mit nicht alltäglichen Menschen zum Gegenstande 
haben, liest man wie den fesselndsten Roman : die meisterhaften 
Charakteristiken eines Caadajev, der Slawophilen, des Architekten 
Witberg in Viatka, der Polen in Perm, der Universitätskollegen, 
der verschiedenen Opfer administrativer Willkür. Der Verfasser 
gedenkt besonders auch des Moskauer Philanthropen Dr. Haas, 
tätig wie Fürst Nechludov in »Auferstehung«, »dessen Andenken 
nicht ersticken soll unter dem Unkraut offizieller Nekrologe, die 
Tugenden der zwei ersten Rangklassen feiern, die nicht vor der 
Fäulnis der Leiber zutage treten«. Dann die Schilderungen 
russischer Verhöre, Gefängnisse, Gerechtigkeit, wie man die 
Brandstifter in Moskau ermittelte, jenes ergreifenden Leichen- 
zuges der jüdischen Knabenkolonisten; der Stadt Viatka, ihrer 
Beamten und Statistiker, die unter der Rubrik »moralische Be- 
merkungen« eintragen: es sind keine Juden da usw. — bis zu 
Moskauer Theatervorstellungen und den Vorlesungen des Gra- 
novskij. Auf gleicher Höhe stehen dann die Schilderungen aus 
Paris und London, der Gröfsen der europäischen Revolutions- 
komitees, eines Graf Worzel, der russischen »galligen« Leute als 
Nachfolger der »überflüssigen«, hinter denen dann die kulturlosen 
Seminaristen auftauchen usw. Der Beobachter verfährt förmlich 
mit wissenschaftlicher Exaktheit, geht jeder Erscheinung auf den 
Grund, enthüllt ihre Beziehungen, Bedeutung, stellt den Zusammen- 
hang wieder her, belebt alles und erklärt es förmlich — er liefert 
keine brutalen Photographien mit nachmaliger greller Übermalung, 
sondern harmonisch abgetönte Gemälde, die in jedem Zuge die 
Hand des Meisters verraten. Und alles in einer Sprache von 
wunderbarer Präzision, französischer Klarheit und französischem 
Geiste. Kösthch sind seine zahllosen ironischen und sarkastischen 
Bemerkungen, seine Abrechnung mit dem Nikolaitischen System, 
von dem Entschuldigungsbriefe an, den er den Zaren und Kauf- 
mann erster Gilde an Rothschild schreiben läfst, bis zu seinen 
Generalen, »den zeitgenössischen Akteurs des Dienstbuches und 
handelnden Personen des Adrefskalenders , für die ein Ort in 



— 289 — 

Ministerien und in Arrestantenrotten, aber gewils nicht in einer Er- 
zählung gefunden werden kann«, im Gegensatze zu den Generalen 
von 1812. Namentlich halste er Petersburg, von dem er im Tage- 
buche schreibt, es wäre ein wunderbarer Sieg über die Natur; »drei 
Grade nördlich beginnt der gesunde Norden, drei Grade südlich 
eine gemälsigte Zone, die zwischenliegenden sechs, bei der an- 
genehmen Nachbarschaft des Meeres und allerlei Flüsse, Seen, 
Sümpfe, Heil- und Giftwässer, bei der östlichen Lage, bei der Nähe 
vom Winterpalast, von acht Ministerien, drei Polizeien, des alier- 
heiligsten Synod und der ganzen erhabenen Familie mit ihren 
deutschen Verwandten bilden eine Sphäre ewiger Feuchtigkeit, 
moralischen und physischen Dunstes, geistigen und körperlichen 
Nebels«. Ein besonderer Aufsatz über Petersburg pries die Stadt, in 
der zu sehen sind verschiedene Schichten von Menschen : Menschen, 
die unaufhörlich schreiben, d. i. Beamte, Menschen, die fast nie 
schreiben, d. i. russische Litteraten, Menschen, die nicht nur nie 
schreiben, sondern auch nie lesen, d. i. der Leibgarde Ober- und 
Stabsoffiziere, Löwen und Löwinnen, Tiger und Tigerinnen, Leute, 
die keinem Tiere, ja sogar keinem Menschen ähneln und doch sich 
in Petersburg so heimisch fühlen wie der Fisch im Wasser. Endlich 
sind zu sehen Dichter in der dritten Abteilung der eigenen Kanzlei 
und die dritte Abteilung der eigenen Kanzlei, wie sie sich mit Dichtern 
beschäftigt . . . Einen schönen Denkzettel bekommt namentlich 
Uvarov, »auch ein Promethee de nos jours, der das Licht nicht 
Jupiter, sondern den Menschen stahl, besungen nicht von Glinka 
(zuvor war von Humboldt in Moskau und dessen Ansingen durch 
Glinka die Rede), sondern von Puschkin (in der sanglanten Satire 
an den gesundenden Licinius), ein echter Kommis im Aufklärungs- 
laden, der im Gedächtnisse die Muster aller Wissenschaften auf- 
bewahrte«. So wird eine Stütze des Systems nach der andern 
an den Pranger gestellt und gebrandmarkt. Herzens Memoiren 
sind ein unübertroffener Beitrag zur Beleuchtung der Zeit wie 
ein psychologisch-künstlerisches Meisterwerk ersten Ranges. 

Es wäre nur billig, auch anderer Memoiristen dieser Zeit 
zu gedenken. Die Fülle dieser Litteratur ist eine fast unerschöpf- 
liche: Aufzeichnungen der Dekabristen, die mit besonderer Vor- 
liebe Herzen in London herausgab, Erinnerungen an Rylejev, 
Jakuschkin usw., oder die freiwilliger Denunzianten, wie Wigel, des 
Denunzianten Caadejevs, oder der Zensoren, des Prof. Nikitenko 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 19 



— 290 — 

z, B., der täglich die offiziellen Attentate gegen Gedanken, Wissen 
und Schriftsteller verzeichnete usw. Aus dieser Fülle sei nur ein 
Werk genannt, das, obwohl grundverschieden nach Inhalt, Ton, Stil, 
dem Herzenschen Denkmal gegenübergestellt werden könnte, die 
Familienchronik des alten Aksakov, des Vaters der beiden Mos- 
kauer Slawophilen — wenn es sich an Ideengehalt auch nur im 
entferntesten mit der Lebensschöpfung des grofsen Emigranten 
vergleichen Heise. Allerdings ist die Familienchronik erst 1856 
herausgegeben, aber Aksakov hat sie früher zu schreiben be- 
gonnen; erste Veröffentlichungen daraus kamen schon 1847, und 
wir können sie mit Fug und Recht der Nikolaitischen Epoche 
noch zurechnen. Im Grunde gehören sie noch dem XVIII. Jahr- 
hundert und der Zeit Alexanders I. an. 

Vor den Augen des Greises erwachte nämlich die frühe 
Kindheit, die Schönheit des Orenburger Landes, die Eigentüm- 
lichkeiten der Ahnen, des Grolsvaters, der Grofstante, ihres 
Mannes, das Leben in der Provinzialstadt Ufa im Winter, im 
Gymnasium und in der neueröffneten Universität Kasan, die ihren 
Zögling nach Petersburg mit glänzenden Zeugnissen über Gegen- 
stände entsandte, die gar nicht an ihr gelehrt wurden. Schon 
im Gymnasium hatte sich Aksakov an einer Schülerzeitung, 
»Arkadische Hirtlein« , beteiligt und setzte in Petersburg seine 
Reimereien fort, aber der sentimentale V^erehrer Karamsins sattelte 
zu Schischkov über und erzählt die köstlichsten Sachen über die 
»slawenophile« Besseda, wo Mittelmäfsigkeit und Langweile zu- 
sammentrafen, Dierzavin von seinen unmöglichen Dramen und 
möglichen Anakreontiken die Unsterblichkeit erwartete, Graf 
Chvostov, der Dichter, die beifsendsten Epigramme seines Cousins 
in seiner Naivität als bares Lob aufnahm, wo die Kritiken noch 
schaler waren als die Lobhudeleien, wo der naive Slawophile 
Schischkov, dessen erste Frau Lutheranerin war, die zweite eine 
katholische Polin, der aber alles Katholische und Polnische hafste, 
einzelne Verse der »Petriade« des Fürsten Schichmatov erklärte, 
sich über die Schönheit und Reinheit ihrer Sprache entzückte, 
ohne zu merken, dafs er nur den schlimmsten Spott hervorrief; 
z. B. begeisterte er sich über »Die Ränke irdischer Nöten«, 
wo der moderne Leser mistiger verstehen würde usw. Wir 
sind einfach in vorsintflutlichen Zeiten, verkehren mit dem 
»Bürger« Glinka, der bei seiner aufserordentlichen Vorliebe für 



— 291 — 

französische Sprache und Verse den patriotischen Kreuzzug gegen 
die Franzosen eröffnete und über jeden seiner Verse und Ge- 
danken dieselbe Sauce aus »Glaube. Treue und Donzen« (Donische 
Kasaken) ausgofs, — mit Slawophilen, die überzeugt sind, dafs 
die Zeit von Peter und Katharina IL das Heldenzeitalter und 
echtes Altrufsland bedeute ! Die späteren, immer loser werdenden 
Aufzeichnungen enttäuschten, Aksakov verweilte viel zu lange 
bei litterarischen Gröfsen wie Schatrov, dem Abkömmling eines 
Persers, dem blinden Nikolev, der wie der König von Hannover 
seine Blindheit bestritt und von der Sauberkeit seiner Wäsche 
zum Gelächter der Anwesenden sprach, Iljin, der im Punkte vor- 
nehmer Bekanntschaften verrückt war usw. Wer sich für para- 
diesische Verhältnisse, die auch Grigorovic in seinen »Dorf- 
wegen« geschildert hat, interessiert, stöfst hier auf eine Fund- 
grube von Anekdoten und Bizarrerien. 

Dafür fesselten die mit der gröfsten Einfachheit, ohne jede 
litterarische Prätension , daher mit dem bedeutendsten Erfolge 
geschilderten Land und Leute der »guten, alten Zeit*, Tyrannen 
und Despoten, oft geradezu Verbrecher — wie Herr Kurolesov 
d. i. Kurojedov, — vor denen Familie, Dienerschaft, Bauern zitterten, 
unberechenbar in ihren Launen; sogar die Greisin floh vor der Wut 
ihres »Greises« in die Wälder, der betrogen und genasführt ward 
von den Dümmsten. Der Einblick in die Sitten und Anschauungen 
dieser patriarchalischen Zeit ist unbezahlbar: die Gutmütigkeit 
und Roheit dieser Steppenmenschen, die Kulturlosigkeit der Um- 
gebung, die Ursprünglichkeit, Natürlichkeit aller. Den Sinn des 
Gemäldes stellt sich jedoch erst der Leser fest; Aksakov begnügt 
sich eben mit der Beobachtung und Wiedergabe des Beobachteten. 
Er ist selbst der Hinterwäldler, lebte ja jahrelang im Oren- 
burgischen, mit dessen geschärften Sinnen, und hat ganze Bücher 
über Fang von Fischen und Schmetterlingen, über Jagd mit 
dem Falken und Habicht (wir sind ja in Halbasien), mit Netzen 
und Fallen, über Leben und Gewohnheiten der Jagdtiere geschrieben, 
die den besten Kapiteln von Brehms Tierleben zur Seite zu stellen 
sind und mehrfache Auflagen erlebt haben. Das Malerische und 
Treffende seines Ausdruckes, einer Perle russischer beschreibender 
und erzählender Prosa, wetteiferte mit der Fülle und Genauig- 
keit seiner Beobachtungen. So hatte der Schriftsteller als be- 
geisterter Verehrer des »klassischen« Theaters mit Übersetzungen 

19* 



— 292 — 

aus Moliere, mit »russischen« Transpositionen Boileauscher Satiren, 
was er später selbst als Unsinn bezeichnete, mit Epigrammen 
begonnen, mit dem Pissarev u. a. im Vaudeville das Höchste 
menschlicher Kunst erkannt, bis er unter dem Einflüsse von Gogol 
der Wirklichkeit sich zuwandte, aus seinen Orenburger Erinne- 
rungen erst den »Schneesturm« (wie Tolstoj), dann andere Schätze 
zutage förderte. Seine Aufzeichnungen bieten keinerlei Geschichte, 
sie sind Geschichte selbst. Kein schrofferer Gegensatz ist denk- 
bar, als zwischen dieser völlig objektiven »homerischen« Wieder- 
gabe des Geschauten und Erlebten und der subjektiven, ironischen, 
»ausgelittenen«, entrüsteten Herzens: und doch sind beide mit dem 
Schimmer echter Poesie verklärt, unter dem Schleier der Schwer- 
mut und Sehnsucht nach den unwiederbringbaren Tagen der Jugend. 
In beiden auch wird das vorsintflutliche Rufsland endgültig zu 
Grabe getragen, das Rufsland der Leibeigenschaft und des 
Kasernendrills, der »Gottesfurcht« und Dummheit, der schranken- 
losen Beamtenwillkür und des Diebstahls, der sofort über der 
Schwelle des kaiserlichen Arbeitszimmers begann, des Grabes- 
schweigens und des endlosen Leidens. Unter dem Panzer von 
Schnee und Eis schien in dieser Wüste jedes vernünftige humane 
Leben für immer erstarrt. 



Elftes Kapitel. 
Die Neuzeit (1855—1905). Die Kritik. 

Am Vorabend der Reformen. Einflufs von Herzen ; der Publizist und 
Schriftsteller. Die Reformen; Stillstand derselben. Reaktion; Ver- 
stärkung derselben bis zum weifsen Terror. Einflufs der Kritik in 
den 50er und 60er Jahren, eines Cernyschevskij, Dobrolubov und 
Pissarev. Die organische Kritik Grigorievs und Strachovs ; die ästhetisch- 
idealistische von Volynskij und Merezkovskij. Darstellungen der Litte- 

raturgeschichte. 



Wie das Epos, liebt die Geschichte Rufslands die Wieder- 
holungen; die Regierung des humanen Schülers von ^ukovskij, 
des zweiten Alexander, erinnert auffallend an die des ersten, wie 
die letzten Jahre von Nikolaus, wenigstens für die Litteratur, 



— 293 — 

die Wiederkehr von Pauls Schreckensregiment bedeuteten. Sie 
vergalten Rulsland die europäischen Revolutionen von 1848, wie 
dieses einst ebenso unschuldig die französische hatte büfsen 
müssen. Eine äulsere Katastrophe , diesmal der Krimkrieg, 
nötigte zur Änderung des offiziellen »Fahrplans«. Das Bedürfnis 
grundstürzender Reformen ward allgemein empfunden ; vor allem 
mufste dem bis dahin beliebten Erwürgen jeder Wahrheit, jedes 
anständigen Wortes ein Ziel gesetzt werden. Was dieses Unter- 
drücken der Meinungen für Schaden gebracht hat, darüber war 
man sich einig; die loyalsten Kreise (sogar der Gendarmerie- 
offizier Gromeka) verdammten es lebhaft, und man mufs die 
späteren Anklagen der Slawophilen , z. B. eines Iwan Aksakov, 
gegen diesen geistigen Terror lesen, um zu erkennen, wie noch 
nach Jahren die blofse Erinnerung daran die besten , konser- 
vativsten Männer aufbrachte. Eine Lockerung des Zensurknebels 
war schon darum unerläfslich , weil die Wahrheit über russische 
Zustände in ihrer unerwünschtesten Form im Auslande unan- 
gefochten zu Worte kam und, zum Teil durch polnische Ver- 
mittlung, den W^eg nach Rufsland fand. 

Herzen hatte nie ganz im individuellen Leben aufgehen 
können, sonst hätte ihn ja sein Moskauer Aufenthalt vollauf zu 
befriedigen vermocht; da die schwersten Schicksalsschläge den 
Menschen jetzt trafen, wurde ihm zur Rettung — Rufsland; das 
Dienen der Allgemeinheit linderte die persönlichen Schmerzen. 
Herzen, Theoretiker, Kritiker, war nicht zum Politiker, nicht zu 
einer Propaganda der Tat geboren, aber die Verhältnisse haben 
ihm die politische Rolle aufgedrängt. Hinter ihm stand keine 
Partei ; seine gewaltige Wirkung erklärt sich aus dem Zusammen- 
treffen seiner persönlichen Sympathien mit der Stimmung der 
Geister in Rufsland. Er formulierte nur klar und scharf, was 
in der Luft lag , was alle Vorgeschrittenen forderten , was die 
Regierung selbst anerkannte : zuerst in dem an die Dekabristen 
erinnernden »Polarstem«, mit Kapiteln aus seinen Memoiren, mit 
sogenannten verbotenen Gedichten, Erinnerungen; seit dem L Juli 
1857 in der »Glocke«, Kolokol, mit dem Epigraph Vivos voco. 
Die Monats-, dann Wochenschrift zählte 1863 an 2500 Abnehmer 
in Rufsland, zu denen auch der Kaiser gehörte. In dem \^or- 
wort zur ersten Nummer verlangte Herzen nur die Befreiung 
des Wortes von der Zensur, des Bauern vom Gutsherrn, der 



— 294 — 

steuernden Stände von Prügeln. Aber die Sprache wurde immer 
schärfer, als das Reformwerk aus den blofsen guten Vorsätzen 
und schönen Worten nicht herauszukommen schien, und diese 
Schroffheit machten dann gemäfsigte Liberale, wie Cicerin, 
Herzen zum Vorwurf. Sie fanden auch an seiner scharfen Kritik 
des »sterbenden« Europa, an der Zerstörung eines für Rufsland 
nach ihrer Meinung unerläfslichen Glaubens, keinen Gefallen. 
Zudem genügten ihren Anforderungen die offiziellen Reformen, 
das grofse Befreiungswerk vom 19. Februar 1861 , das über 
21 Millionen »Seelen« zu Menschen machte; die grofse Gerichts- 
reform von 1864 mit Advokaten und Geschworenen, die Ab- 
schaffung schwerer Prügelstrafen 1863, das Universitätsstatut 
von 1863, das allerdings weniger befriedigte, die Einrichtung 
autonomer Landschaftsverwaltung des Semstvo (1864), das neue, 
Valujevsche Zensurstatut von 1865, das allerdings am wenigsten be- 
friedigte : die Zensur war unterdessen vom Unterrichtsministerium 
zu dem des Innern abgezweigt worden. Für Herzen dagegen 
war all dies nur Abschlagszahlung, waren dies die ersten, vor- 
bereitenden Schritte. Er wurde immer extremer unter dem Ein- 
flufs jenes Moskauer Mitgliedes des philosophischen Klubs, des 
Hegelianers Bakunin , der , aus Kam^atka geflohen , zu einem 
der Führer der revolutionären Bewegung Europas wurde. Erst 
jetzt wandte man sich in Rufsland gegen Herzen ; zuerst Katkov 
im .Russischen Boten«, schon 1862. Der Aufstand in Polen 1863 
brachte dann die Krisis herbei. Seit jeher war Herzen, schon aus 
blofsem Gerechtigkeitsgefühl , Freund der polnischen Sache ge- 
wesen, obwohl er sich nie verhehlte, dafs sie nur scheinbar eine 
revolutionäre, im Grunde eine rein nationale Idee in sich trug, 
daher für die komplizierte, mühsam herauszuarbeitende Formel der 
künftigen sozialen Ordnung nichts Neues beibrachte, bei anderen 
wohl warme Sympathien wecken, aber niemals zu deren eigenem 
Werk werden konnte ; denn nur ihrem Wesen nach nicht nationale 
Interessen können allen angehören. Nach seiner Gewohnheit 
druckte er 1863 ab, was er noch 1853 geschrieben hatte — zur 
Unzeit. Sofort stellte sich Katkov auf den extremnationalen 
Standpunkt und rifs mit seinen energischen Worten die ganze 
öffentliche Meinung fort, bestand sogar siegreich den Kampf mit 
Valujev und seiner Zensur, da ihm das Auftreten der Regierung 
viel zu lau erschien. Die Abonnentenzahl der Moskauer Nach- 



— 295 — 

richten verdoppelte sich, die des Kolokol sank in einem Jahre 
von 2500 auf 500 herab und ist nie wieder recht gestiegen. 
Herzens Rolle war ausgespielt. War es früher nur im Kolokol 
möglich gewesen, das Treiben einzelner zu beleuchten — seine 
Korrespondenten reichten bis in die höchsten Sphären — , mit 
den Panin. Sakrevskij usw. abzurechnen, so hörte jetzt diese 
Ausnahmestellung bei der gröfseren Freiheit der Presse daheim 
auf; vergeblich blieb der Versuch, den Kolokol französisch heraus- 
zugeben. Herzens politische Propaganda verstummte, sie hätte 
keinen Widerhall mehr gefunden. Sogar die revolutionäre Partei 
stellte sich ihm schroff entgegen. Als Herzen Karakosovs Zaren- 
attentat verdammte, gegen jeglichen politischen Mord als etwas 
Barbarisches oder Dekadentes sich aussprach, protestierten gegen 
ihn feierlichst die Moskauer und Pariser revolutionären Zirkel. 
Der Grund zur Entfremdung mit den Revolutionären, den 
Putschen ä la Bakunin, zu dem sich auch Ogarev völlig bekehrt 
hatte, lag tiefer. Nach dem polnischen Fiasko revidierte Herzen 
auch anderes, was er seine »Schwupper ä contre coeur« nannte, 
wo er ungern tat nicht das, was er wollte, namentlich die Axiome 
des Bakuninschen Katechismus in seinen »Briefen an den alten 
Kameraden«. Er betonte seine Vorliebe für langsame, stufen- 
weise Entwicklung, verwarf die gewaltsamen, revolutionären Wege : 
man kann doch nicht Völker gegen ihren Willen befreien; nur 
unser Feind , nicht wir , ist wohl gerüstet , wir dürfen ihn nicht 
reizen. Die alte Ordnung ist stark durch die allgemeine An- 
erkennung; zu befehlen »Glaube nicht !« ist ebenso gewaltsam 
wie »Glaube!«. Die Repräsentanten der vergangenen Wahrheit, 
die zu gegenwärtiger Unwahrheit geworden ist, zur Verant- 
wortung zu ziehen , wäre töricht , da doch Eigentum , Familie, 
Kirche, Staat gewaltige Erziehungsformeln menschlicher Be- 
freiung und Entwicklung gewesen sind; man mufs ihnen nur 
weisen , dafs wegen des erwachten Bewufstseins der Besitzlosen 
ihre weitere Herrschaft unmöglich wird , mufs ihnen die Gefahr 
und die Möglichkeit der Rettung zeigen, aber aus der alten Welt 
soll alles, was dies verdient, bewahrt bleiben. Alles Eigenartige, 
Mannigfache, nicht Hemmende überlasse man seinem Schicksal. 
Statt die staatliche Macht unnütz zu zerstören, gebrauchen wir 
sie zur Lösung der sozialen Aufgabe; die soziale Frage hat ja 
ihren idealen Charakter bereits verloren, ist aus dem Stadium 



— 296 — 

ihrer Jugend, religiöser Verehrung in das der Volljährigkeit ein- 
getreten. Herzen glaubt daher gar nicht an einen Ernst der 
Leute, die rohe Gewalt und Zerstörung der Entwicklung und 
den Kompromissen vorziehen. Nötig ist die Predigt den Seinigen 
und den Feinden, ein grofses Werk der Liebe, das den geistigen 
Besitz der Menschheit erhalten kann, gegen den sich die Zer- 
störung wenden würde. Genug haben in dieser Hinsicht Christen- 
tum, Islam, französische Revolution als wahre Bilderstlirmer ge- 
sündigt; die Befehdung von Wissenschaft, Kunst, als etwas 
Aristokratischem, war ihm ein Greuel. 

Derartiges auszusprechen und zu bekennen in dem Kreise, 
in dem Herzen lebte , dazu gehörte mehr Selbständigkeit und 
Mut als zu dem Greifen nach dem Extremen in allen Fragen. 
So schied Herzen langsam aus der revolutionären Propaganda 
aus und wollte sich wieder ausschliefslich der litterarischen Arbeit 
zuwenden. Leider waren seine Tage bereits gezählt ; er starb, 
noch in rüstiger Kraft, den 21. Januar 1870. Aber noch aus 
den letzten Jahren besitzen wir wunderbare Proben seiner 
Menschenbeobachtung und der vollendeten Darstellung sozialer 
und nationaler Typen. Seine Schilderung der Pertraschevzen, 
dieser mifstrauischen, müden , leidenschaftlichen Selbstbeobachter 
und Selbstankläger ohne Aufrichtigkeit, dieser »angebrochenen« 
letzten Nikolaitischen Generation, ist klassisch. Und nun die 
Schilderung der Emigration nach 1862, dieser jungen Leute, die 
von Bildung, Kunst, Ideen nichts wissen wollten, aufserhalb ihres 
Gedankenkreises nichts anerkannten, die, wenn sie von Herzen 
ein Programm verlangten, darunter nur die Formulierung ihrer 
eigenen Ideen verstanden, die auf Herzen und Genossen wie auf 
ehrenwerte Invaliden herabsahen. So erfüllte sich, was einst 
Polevoj Herzen kopfschüttelnd vorausgesagt hatte, da dieser ihn 
— wegen seiner Behandlung des Saintsimonismus als blofser 
Utopie — einen Konservatisten gescholten hatte: »Es wird die 
Zeit kommen und auch Ihnen wird als Lohn für ein ganzes Leben 
von Anstrengung und Mühen irgendein Jüngling lächelnd sagen : 
, Gehen Sie weg, zurückgebliebener Mensch !' . . . Alles bis zum letzten 
Lappen herabnehmend, zeigten sich unsere enfants terribles stolz, 
wie sie die Mutter geboren hat; aber geboren hatte sie sie 
schlecht, durchaus nicht als gemeine stämmige Jungen, sondern 
als Erben des schlechten und ungesunden Lebens niedriger Peters- 



— 297 — 

burger Schichten. Statt athletischer Muskeln und jugendlicher 
Nacktheit offenbarten sich traurige Spuren erblicher schlechter 
Säfte, Spuren veralteter Krankheiten und verschiedener Sorten 
von Fesseln und Halsketten. Wenige waren aus dem Volke 
hervorgegangen ; das Vorzimmer, die Kaserne, das Seminar, Ge- 
höfte kleiner Gutsbesitzer, ins Extreme umgeschlagen, blieben in 
Blut und Hirn bewahrt, ohne ihre Kennzeichen einzubüfsen; die 
Nacktheit verdeckte sie nicht, sondern deckte sie auf. Sie deckte 
auf, dafs ihre systematische Plumpheit, ihre rohe und freche 
Sprache nichts gemein hatte mit der nichtverletzenden und ein- 
fältigen Roheit des Bauern, aber sehr viel mit den Angewöhnungen 
des Kanzlistenkreises, des Marktladens, der Lakaienstube eines 
Herrenhauses . , . Viel Drainage bedarf noch unsere Schwarz- 
erde.« 

Mit diesem Einflufs der »freien russischen Typographie« in 
London — hier liefs Herzen auch geheime Memoiren, verbotene, 
d. i, handschriftlich , verbreitete Poesien usw. drucken — ging 
seit 1856 parallel die sogenannte »Anklagelitteratur«, die in Vers 
und Prosa die eingewurzelten Mifsbräuche, den patriarchalischen 
Schlendrian rügte und sich rosigen Hoffnungen auf das Thema, 
wie weit wir es schon gebracht haben, wie wir herangereift sind, 
hingab. Alles trat freilich zurück vor dem grofsen Werk der 
Bauernbefreiung, dieser friedlichen Revolution, die, wie jede andere 
in Rufsland, von oben eingeleitet und trotz allen versteckten und 
hartnäckigen Widerstandes durchgeführt wurde. Wer nur nach 
der damaligen Press^ und Litteratur diesen Kampf beurteilen 
wollte, würde sich freilich enttäuscht sehen. Nach guter, alter 
Unsitte blieb nämlich, was alle in Atem erhielt, die Jugend 
enthusiasmierte, den Adel über unverdiente Schmälerung seines 
Besitzes klagen liefs, von der Öffentlichkeit ausgeschlossen, in 
die geheimen Komitees und Memoiren verwiesen, Gesellschaft 
und öffentliche Meinung hatten jahrelang, bis zur endgültigen 
Lösung, nur dieses eine Interesse, aber nur der Kolokol sprach 
offen, über das »getaufte Eigentum« der Herren, diesen Makel 
und Schandfleck russischer Zustände, der uns, schamrot, mit 
niedergeschlagenen Augen, zum Bekenntnis zwingt, dafs wir 
niedriger stehen unter allen Nationen Europas; über die Not- 
wendigkeit raschen Handelns, damit nicht der enttäuschte Bauer 
selbst zur Axt orreife. Das Drohen mit dem Beile wiederholten 



— 298 - 

noch 1860 seine Korrespondenten aus Rufsland, als zum Vor- 
sitzenden des Komitees ein Unzuverlässiger (Panin) erwählt ward. 
Aber endlich war Milutins Werk unter Dach gebracht. Der 
Sohn hatte erfüllt, was schon der Vater (und einige von dessen Be- 
ratern, namentlich Graf Kisselev) für unerläfslich gehalten hatte, 
ohne dafs sie sich an das grofse Werk herangetraut hätten. 
»Nunc dimittis,« riefen die Kisselev, der alte Turgeniev in seiner 
Pariser Verbannung, die Liberalen. Mochte man den erbitterten 
Altkonservativen jetzt auch einige Opfer bringen, z. B. Milutin 
entfernen, das Befreiungswerk selbst war nicht rückgängig zu 
machen. Aber dies sollte ja nach Auffassung anderer nur der 
Anfang einer völligen Umgestaltung Rufslands werden, und hier 
schieden sich alsbald die Geister. 

Der ungeduldigen, radikalen Jugend konnte die »Anklage- 
litteratur« , die kleine Zwecke mit grofsen Mitteln verfolgende 
banale Rhetorik , nicht genügen ; die Unbefriedigten sammelten 
sich um den »Zeitgenossen« des Niekrassov, um Cernyschevskij 
und Dobrolubov. später auch um das »Russische Wort« und 
Pissarev. Hier bildete sich der »Nihilismus aus, eine Partei, die 
kein bestimmtes revolutionäres, politisches, soziales Programm 
besafs, sondern sich auf religiös-philosophischem Gebiete betätigte : 
Atheisten und Materialisten, schärfste Kritiker, Verneiner des 
Bestehenden, für die Emanzipation der Geschlechter eintretend, 
mit republikanischen Neigungen , vor allem auf die Bildung der 
eigenen Persönlichkeit bedacht, mit den Schlagworten der Ge- 
nossenschaft (artel) und Volksaufklärunf; als Panazeen aller 
Schäden. Die Jugend gehörte ihnen, verliefs die Seminarien, 
strömte der Universität zu; freie Vorträge versammelten das 
bunteste Publikum beider Geschlechter; nie wieder hat Petersburg 
solches Interesse sogar an wissenschaftlichen Disputationen be- 
kundet; in Sonntagschulen unterrichtete die Jugend das Volk 
in radikalem Geiste; in den Adelsversammlungen ertönte bereits 
der Ruf nach Konstitution. 

Freilich wurden dieser stürmischen Bewegung bald Dämpfer 
aufgesetzt. Die Sonntagschulen, Lesekabinette und Schachklubs 
wurden geschlossen, der »Zeitgenosse« suspendiert, hervorragende 
Radikale eingekerkert — Michailov, für den man noch eine 
Petition in Umlauf zu setzen wagte, Cern5'schevskij, Pissarev, — 
Dobrolubov war bereits gestorben. Die Studentenfreiheit wurde 



— 299 — 

eingeschränkt; Katkov durfte offen Herzens »Utopien« an- 
greifen. Die Antwort blieb nicht aus : Unruhen der studierenden 
Jugend, die Petersburger Brände im Mai 1862, Proklamationen 
eines »zentralen Revolutionskomitees«, die nach Rache und Mord 
riefen. Der polnische Aufstand verschlimmerte die Situation. 
Bei dem Schwanken der Radikalen erzielte Katkovs Aufrufen 
des Patriotismus in die Schranken durchschlagenden Erfolg; 
seitdem verfolgte Katkov, überzeugt, dafs der Nihilismus und 
Herzenismus nur Mittel der polnischen (!) Propaganda wären, um 
das Zarat zu schwächen, alle inneren Verräter, die schlimmer 
wären als die äufseren Feinde. Noch wurde das Reformwerk 
fortgesetzt, noch gingen die Liberalen mit der Regierung zu- 
sammen, aber die fortschrittliche Flut ebbte sichtlich ab. Schon 
wurden Stimmen laut, dafs die Reformen vorzeitig wären, zu 
weit gingen. Universität und Presse wurden als die ersten 
Sündenböcke preisgegeben. 

Mit dem Jahre 1866 begann die eigentliche Reaktion wieder 
einzusetzen. Karakosovs Schreckattentat gab den Vorwand, um 
Religion , Eigentum , Recht durch die Umstürzler gefährdet er- 
scheinen zu lassen. Der »Zeitgenosse« und das »Russische Wort« 
wurden aufgehoben ; Dmitrij Tolstoi , als Verfinsterungsminister 
machte Schischkov und den anderen Dunkelmännern der Vorzeit 
alle Ehre. Das freie Wort flüchtete wieder nach dem Auslande, 
wo es unter dem Einflüsse von Bakunin ganz auf den Boden 
der Internationale und Anarchie trat. In Rufsland selbst flaute 
die für den Nihilismus so charakteristische Begeisterung für 
Naturwissenschaften (man vergleiche Pissarev) ab; es verbreitete 
sich dafür unter der Jugend der Sozialismus; sozial wissenschaftliches 
Studium war für einen fortschrittlichen Publizisten der 70 er und 
80 er Jahre, wie Michailovskij, ebenso bezeichnend geworden. An 
die Spitze der reaktionären Publizistik trat Katkov, sein »Russischer 
Bote«, die »Moskauer Nachrichten«; ihm gegenüber verteidigten 
Niekrassov und Ssaltykov in den »Vaterländischen Memoiren« 
die radikalere Auffassung, während der »Europäische Bote« des 
Stassiulevic und des Litterarhistorikers Pypin und der Golos 
(Stimme) des Krajevskij die gemäfsigte liberale Richtung ver- 
traten. Tolstoj knebelte weiter die Universitäten und führte das 
klassische System in den Gymnasien durch. Es änderten daran 
nichts oder ganz Unbedeutendes seine Nachfolger, der Armenier 



— 300 — 

Delanov — seine Landsleute waren stolz darauf, dafs der dümmste 
Armenier gut genug für die Russen als Unterrichtsminister war — 
und die Generäle. Infolge dieses Systems feiern 1905 alle höheren- 
Lehranstalten Rufslands; jegliches Band zwischen Lehrern und 
Schülern ist längst zerrissen-, dafür florierten die Kuratoren und 
» Inspektoren <:, Polizeispitzel im Etat der Universitäten. Da der 
oppositionellen Jugend alle Möglichkeit irgend einer Tätigkeit 
benommen war, so folgte sie ausschliefslich ausländischer Litteratur, 
der deutschen Sozialdemokratie und den Losungen Bakunins, und 
suchte ins Volk zu gehen, Propaganda zu treiben mit Pro- 
klamationen, die das Volk nicht einmal zu lesen, geschweige 
denn zu verstehen vermochte — es endigten denn auch solche 
Versuche oft so, wie es Turgeniev in »Neuland« erzählt. Bald 
jedoch dehnte man die Propaganda auf empfänglichere Schichten 
aus, auf Arbeiter und Intelligenz, und schritt auch in Form von 
Repressalien gegen die immer schärfere Unterdrückung von 
Seiten der Regierung, zur Propaganda der Tat, zu Attentaten 
und Demonstrationen, zu Organisationen des Terror. 

Der Krieg von 1877 brachte eine Belebung des politischen 
Interesses und Lebens. Die freiwilligen Opfer für die Sache 
der unterdrückten Balkanbrüder, die Empörung über die wahn- 
sinnigen Türkengräuel , die wechselnden Phasen des Kampfes 
hielten die Bevölkerung in Atem. Der Unwille über die Preis- 
gabe von so viel des bereits Errungenen im Berliner Kongresse 
schmälerte nur das Prestige der Regierung; die liberale, kon- 
stitutionelle Welle war wieder sichtlich im Steigen begriffen. 
Es störten diese Bew^egung neue Attentate, und es zerstörte sie 
vollends der unselige 1. März 1881, der schwärzeste Tag in der 
russischen Geschichte; wie der 14. Dezember warf er jeden 
Fortschritt auf Dezennien zurück. Von einer Konstitution , die 
bereits bewilligt war, war jetzt und auf lange hinaus keine Rede 
mehr. Dafür stieg der Einflufs des Grofsinquisitors Pobiedonoszev 
und seiner Helfershelfer. Unterdrückungen, Mafsregelungen 
jeglicher Art, die administrative Willkür, die Verbannung von 
Tausenden machten die Quintessenz der Regierungsweisheit des 
weifsen Terror aus. Ssaltykovs »Vaterländische Memoiren« wurden 
unterdrückt, die öffentliche Meinung war stumm, geknechtet, farblos 
wie nur je zuvor. Ein neuer Thronwechsel brachte keine Er- 
leichterung; im Gegenteil, das neue Jahrhundert begann dann 



— 301 — 

mit dem System Plehwe und seinem weifsen Terror, der mutatis 
mutandis — wir sind ja im XX. Jahrhundert — an die Zeiten 
Pauls und den Ausgang der Nikolaitischen Regierung gemahnen 
könnte, ein Beispiel, das auch die Litteraturgeschichte nahe be- 
rührt, mag das Wüten des offiziellen Terror erläutern. 

Einer der beliebtesten Feuilletonisten war zuletzt der »Old 
Gentleman«, Alexander Amfiteatrov. Eines schönen Morgens wurde 
er plötzlich verhaftet und war seitdem verschollen; er lebte wohl 
in Minussinsk oder an einem anderen gleich reizenden, nicht so 
sehr entlegenen Orte, wo einem die Wahl bleibt zwischen 
Selbstmord oder Alkoholvergiftung. Und der Grund? Un- 
schuldige Feuilletone, namentlich das erste höchst unbedeutend; 
das zweite und dritte, das die »Rossja« nicht mehr gebracht hat, 
war schon erheblich bissiger : eine Geschichte von dem Tode des 
alten Obmanov und dem ^ Regierungsantritte und der ersten 
oratorischen Leistung mit den sinnlosen Träumereien« des jungen 
Nika Obmanov, seine Heirat usw. Es war dies eine bis zur 
Plumpheit durchsichtige Allegorie, aber an russische »Allegorien« 
könnte man ja seit Schcedrin und der Geschichte von Glupov 
sich gewöhnt haben. Als Rylejev den Arakcejev direkt, aller- 
dings ohne Nennung des Namens, in seiner römischen »Allegorie« 
angegriffen hatte und, von Arakcejev angefangen, niemand über 
den Günstling« im unklaren war, hat Arakcejev, der ver- 
worfenste aller Sterblichen, zu diesem furchtbaren Angriff doch 
still geschwiegen , als wenn er ihn nicht auf sich bezöge , und 
das war das klügste, was er tun konnte. Auch die ;>Obmanovs« 
erregten erst dann Aufsehen, als die unsinnige Verfolgung 
Amfiteatrovs und seiner Zeitung die Öffentlichkeit darauf ge- 
lenkt hatte; ohne diese asiatische Barbarei hätte kaum ein Hahn 
danach gekräht , Amfiteatrov und dessen Vielschreiberei , seine 
Romane, Novellen u. dgl. wären bald für immer vergessen; jetzt 
war er unsterblich und mit ihm das System, das es so herrlich 
weit gebracht hat. 

Das »neue Rufsland« endigte somit genau wie das alte, 
nikolaitische. Genau wie 1855 bedingte auch 1905 eine äufsere 
Katastrophe eine neue, diesmal hoffentlich gründlichere Änderung 
des »Fahrplans«. 

Wir schickten diese flüchtigen Bemerkungen, die nur dem 
fremden Leser einige Daten in Erinnerung bringen sollten, 



— 302 — 

voraus, um die Art der Journale und Kritiker, ihre Einwirkung 
auf die Gesellschaft, ihren Einflufs in einen Zusammenhang 
untereinander und mit der Periode selbst zu bringen. Erst die 
Entknebelung der Presse schuf eine Presse in Rufsland ; vordem 
gab es nur farblose Blätter und naive Leser; die V^ersuche einer 
Tendenz, mochte sie westlerisch oder slawophil sein, erstickten 
die Benkendorf und Dubbelt. Vor Dubbelts Artigkeiten rettete 
ja Bielinskij der Tod, Herzen die Flucht; dafür war der »Zeit- 
genosse« ganz farblos geworden. Farbe gewann er nach 1855 
und mit ihm die neu erstehenden Monatsschriften, der »Russische 
Bote«, das »Russische Wort« usw. Die Farbe gaben den Jour- 
nalen weniger ihre Belletristik , als ihr kritischer Teil , der ja 
von der Belletristik ausging, aber Ziele verfolgte, die nichts mit 
ihr zu tun hatten: die Stärke und Schwäche der russischen 
Kritik. Stärke, denn die angeblich »litterarische: oder gar 
»ästhetische« Kritik wurde zu einem moralischen, sozialpolitischen 
Machtfaktor; sie benutzte mit Vorliebe diejenigen litterarischen 
Erzeugnisse, die sich zur Propaganda ihrer Ideen eigneten, ver- 
nachlässigte prinzipiell andere litterarisch oft ungleich wichtigere; 
sie verwies die Ästhetik in Damengesellschaft und verwandelte 
die kritische Berichterstattung in eine Art Kanzel für moralische 
und soziale Predigt. Diese höchst »kriegerische« Kritik, ein- 
seitig tendenziös, erzielte eine kolossale Wirkung bei der 
Jugend, der die Aufsätze eines Cernyschevskij , Dobrolubov, 
Pissarev zu Offenbarungen wurden, die Sprache beredter, 
temperamentvoller Agitatoren, nicht die von Kritikern. Darin 
lag auch ihre Schwäche , Einseitigkeit und Verkehrtheit. Man 
darf sich nie von ihren Urteilen täuschen lassen; sie hat keine 
einzige richtige Analyse, Erklärung eines Werkes gegeben; 
sie verherrlichte oder verfolgte Autor und Werk, z. B. Antonovic 
im »Zeitgenossen« den Turgeniev wegen seines Basarov, nicht 
wegen des Wertes oder Unwertes seiner Leistung, sondern wegen 
seiner Gesinnung , seiner Ideen , ja wegen des Journals , in dem 
er sein Werk veröffentlichte. Diese Kritik ist somit trotz aller 
Begabung, alles Eifers und Feuers oft Hohn auf jede Kritik. 
Das Werk dient nur als Mittel, eigene Auffassungen zu ent- 
wickeln. Ein Beispiel dieser nichtlitterarischen Kritik litterarischer 
Werke, dieser blofs publizistischen hatte bereits Bielinskij, soweit 
ihm seine Knebelung dies gestattete, gegeben. Seine Nachfolger 



— 303 — 

legten sich keinerlei Zwang mehr auf. Es ist dies kein Vor- 
wurf; wir konstatieren das blofse Faktum und erkennen voll die 
Notwendigkeit und Nützlichkeit dieser Methode. Bei einer zurück- 
gebliebenen Gesellschaft j bei ihrer geistigen Unmündigkeit, bei 
ihrer kindischen Scheu vor Dogmen und Autoritäten war diese 
Kritik ein Mittel , das der Zweck heiligte : die Verbreitung 
moderner, freier Anschauungen, die Gründung der neuen Ideale. 
Leider ist die russische litterarische Kritik bis heute fast nur 
eine publizistische geblieben, d. i. eine tendenziöse und par- 
teiische. Wie behandelt sie noch heute den interessantesten, 
eigenartigsten, gewaltigsten aller Russen, Dostojevskij, nur weil 
er in die liberale Schablone nicht hereinpafst, wie ungerecht war 
sie gegen andere, wie erhob sie in die Wolken die Vertreter des 
eigenen Lagers. Wohl gab es auch eine litterarische, ästhetische 
Kritik, aber gegen die publizistische, die »realec, konnte sie nicht 
recht aufkommen. 

Die bedeutendsten unter den »Ästhetikern« waren Druzinin 
und Annenkov. Ersterer, V^erfasser von »Polinka Saks«, hervor- 
ragender Feuilletonist, besonders verdient auch als Begründer der 
bis heute tätigen Gesellschaft zur Unterstützung bedürftiger Lit- 
teraten und Gelehrten, vorzeitig gestorben, trat vor allem gegen 
die Einseitigkeit der Kritik auf, gegen ihre Nichtberücksichtigung 
oder volle Unkenntnis, z. B. der englischen Litteratur, gegen die 
Schablonenhaftigkeit ihres Urteils, das stumpfe Wiederholen statt 
einer gerechten Überprüfung landläufiger, voreiliger Meinungen, 
gegen das Tendenziöse. Er begrüfste die neuen Talente, die neuen 
Dichter, hob die Energie der Litteratur und die Gesundheit ihrer 
Richtung hervor. Gewichtiger war das Wort von Annenkov, des 
Verehrers von Gogol und Turgenievs Freund, der in den Annalen 
der Litteraturgeschichte durch seine Herausgabe von Puschkins 
Werken und der Materialien zu seiner Biographie hervorragt, dem 
wir auch eine Reihe »litterarischer Erinnerungen an Gogol in Rom, 
an Pissemskij und andere Belletristen der vierziger Jahre ver- 
danken. In seinen Kritiken betonte er den notwendigen, natürlichen 
Zusammenhang von Kunstwerk und Gedanke und Leben, ohne jede 
AbsichtHchkeit, die Merkmale jedes echten Kunstwerkes, die Ein- 
seitigkeit des Utilitarismus, die Didaktik in der schönen Litteratur, 
die Voreingenommenheit von Bielinskij. Doch kann nicht geleugnet 
werden, dafs er mitunter in seinen Forderungen der Loslösung 



— 304 — 

der Kunst vom Ideengehalte selbst einseitig wui-de, das rein 
ästhetische Prinzip allzusehr in den Vordergrund stellte. Seine 
ästhetische Richtung traf daher auf Widerspruch, besonders bei 
dem talentierten, temperamentvollen, ja leidenschaftlichen und 
mafslosen ApoUon Grigoriev , einer echtrussischen Gestalt : auf 
einer bestimmten Stufe der Entwicklung angelangt, hörte sein 
Vorwärtsstreben auf; er begnügte sich mit dem Wiederholen, mit 
dem Plagiieren seiner selbst; ein zügelloses Leben, mit dem Auf 
und Nieder tollster Ausschweifungen und peinigendster Selbst- 
anklagen vereinte sich mit idealstem Streben und moralischer 
Lauterkeit. Er ist der Begründer der »organischen« Kritik, im 
Gegensatze zu der rein ästhetisierenden und zu der »historischen«, 
realistischen. Ihm ist das Kunstwerk organisches Produkt des 
Volkstums und des historischen Momentes, daher Betonen des 
nationalen Prinzips, daher Begeisterung für Gogol und für die 
Dramen des Ostrovskij, in denen er durchaus richtig mehr erkannte 
als blofse satirische, anklägerische Tendenz. Wegen dieser Be- 
tonung des Zusammenhanges von Kunst und nationalem Boden 
wird er, auch als Slawophile und Mitarbeiter Pogodins im »Mosk- 
vitianin«, sich nicht die ganze Doktrin mit ihrem Byzantinismus, 
ihrer künftigen Weltrolle Rufslands aneignen; er engt sie ein, 
beschränkt sie auf die russische »pocva«, d. i. Boden, Fundament, 
und gibt zu der Lehre der »pocvenniki« , Dostojevskij, Strachov, 
Danilevskij, den Anstofs. Die Mafslosigkeiten seines Enthusiasmus 
für Ostrovskij, die Weitschweifigkeit, Nebelhaftigkeit seines Aus- 
druckes, die Sonderbarkeit seiner Terminologie haben den Wert 
seiner bedeutsamen Ausführungen für die Zeitgenossen (er starb 
1864) erheblich herabgemindert. Er wurde oft nicht recht ernst 
genommen, dafür war er von entscheidendem Einflufs auf 
Dostojevskij. Auf ihn geht zurück jene Entgegenstellimg 
oder Einteilung der Menschen in den räuberischen und sanften 
Typus, der wir bei Dostojevskij stets begegnen; er verfolgte 
diese Typen nicht nur in Leben und Litteratur, sondern unter 
den Litteraten selbst , konnte sich nicht recht mit Protest, 
Satire befreunden, die ihn eben an den Raubvogeltypus gegen- 
über dem Täubchentypus erinnern, und half sich, um seine 
Begeisterung für Gogol zu begründen, mit dessen Sehnen 
nach dem Ideal, nach der Selbstvervollkommnung, mit den 
unsichtbaren Tränen seines Lachens, die das flache Pubhkum 



— 305 — 

gar nicht merkte. Vor allem forderte er von der Kunst, als 
ihr Leben, die Wahrheit. 

Dieselbe Forderung, aber in anderem Sinne, stellten an die 
Kunst die Kritiker-Realisten, die Öernyschevskij, Dobrolubov und 
Pissarev. Die Aufeinanderfolge dieser Namen ist nicht blofs eine 
chronologische, sie deutet auch die Steigerung der Talente an- 
allen dreien ist gemeinsam das makellose, idealmoralische Leben, 
sie sind bewunderungswürdig als lautere Charaktere, sind Mär- 
tyrer ihrer Überzeugungen, zumal Öernyschevskij, den die furcht- 
barste, gewissenloseste Verfolgung getroffen hat. Der internationale 
litterarische Kongrefs von 1881 petitionierte noch vergebens an die 
russische Regierung um Milderung seines Loses, die erst nach 
zwanzigjährigem »Sibirien«, nach Bergwerken und Ketten gewährt 
wurde — und auch Pissarev hat den gröfsten Teil seiner Aufsätze 
in der Peter-Paulsfestung geschrieben. Sein Verbrechen war ein 
Zensurstückchen; das des Öernyschevskij bestand wenigstens in 
angeblichen Beziehungen zu Herzen — Katkov triumphierte, Rufs- 
land war vor der »nihilistischen« Hydra gerettet, aber die Rechnung 
für Öernyschevskij und Pissarev präsentierten die Attentate. 

Wenn wir von Steigerung der Talente sprechen, so meinen 
wir nur die litterarischen, denn sonst konnten sich Dobrolubov 
und Pissarev mit Öernyschevskij, »dem grofsen Gelehrten« (nach 
Marx), nicht messen, Öernyschevskij selbst jedoch gab seine 
litterarische Tätigkeit rasch und froh auf, als er einen würdigen 
Vertreter in Dobrolubov gefunden hatte. Ihn zog es zu publizisti- 
scher, sozialistischer Propaganda, aber diese Seite seiner Tätig- 
keit, die Bekämpfung jeglicher Metaphysik, das Eintreten für den 
Materialismus, für die Bedeutung der Naturwissenschaften, seine 
Kritik Mills, sein Eintreten für die russische Dorfgemeinde usw. 
gehören nicht in den Rahmen unserer Darstellung. Mit Fragen 
litterarischer Kritik befafste sich nur seine Magisterdissertation 
»Die ästhetischen Beziehungen der Kunst zur Wirklichkeit«, und 
seine ersten Studien im »Zeitgenossen« über Gogol und die Kritik 
seiner Zeitgenossen, Bielinskij, über Lessing, über einiges aus der 
laufenden Belletristik. So wenig dies auch ist, gab es den Grund- 
ton für die ganze publizistische Kritik ab; Dobrolubov und Pissa- 
rev setzten ihn einfach fort. 

Nach Ablehnung aller Metaphysik entscheidet sich Öerny- 
schevskij dahin, dafs das Schöne — das Leben ist, die Kunst 

Brückner, Geschiclite der russischen Litteratur. 20 



— 306 — 

somit nur der Illustration des Lebens zu dienen hat, nie die Wirk- 
lichkeit ersetzen oder erreichen kann. Diese Einengung des 
Schönen und Unterordnung der Kunst wurde für seine Jünger 
malsgebend. Dem leidenschaftlichen , hinreifsenden Polemiker, 
der kein Mittel verschmähte, den Gegner zu verdutzen, zu über- 
rumpeln, stand der kühle, nüchterne, solide Dobrolubov an 
Originalität der Auffassung, an Gediegenheit der historischen 
Bildung (Cernyschevskij übersetzte Schlossers Weltgeschichte und 
nach der Rückkehr aus Sibirien noch den grofsen »Weber«), an 
Weite des Blickes nach, aber an Klarheit. Konsequenz, Schärfe 
der Darstellung, an ästhetischem Gefühl (war er doch selbst 
poetisch veranlagt) , an Witz und Humor übertraf er ihn weit. 
Auch seine litterarischen Interessen waren vor allem publizistische ; 
pädagogische, philosophische Litteratur, ja sogar politische Er- 
scheinungen des Auslandes (Montalembert, Cavour) zogen ihn im 
Grunde mehr an als Gedichte , Romane und Komödien , aber 
seine Anal3^sen des Goncarovschen »Oblomov« , des Turgeniev- 
schen »Am Vorabend« , der Ostrovskijschen Komödien gehören 
zu dem Glänzendsten, was er geschrieben hat. Nur sind es nicht 
litterarisch - ästhetische Analysen in unserem Sinne; ein Beispiel 
möge sie erklären. 

Turgenievs reizende Novelle »Asia« diente Öernyschevskij als 
Vorwand, um die russische Gesellschaft jeglichen Mangels an 
Willen, an höheren Interessen zu beschuldigen — anders verfährt 
man in anderen Ländern : nun das sind eben andere Länder. 
Der eigentliche Sinn und Zweck dieser geistreichen Kritik lag 
aber noch ganz wo anders; sie war eine Allegorie; denn wie der 
»Russe beim Rendez vouz« (Titel der Skizze) sich des Momentes 
ganz unwürdig zeigte, aus einem Romeo und Max als ein Sachar 
Ssidoric sich entpuppte, der nur für Preferance, den Point zu 
einer Kopejke, Sinn hat, so zeigt sich der Adel am Vorabende 
der Bauernemanzipation, da der vielhundertjährige Prozefs end- 
lich entschieden werden soll, dem Augenblicke nicht gewachsen. 
In dieser Art sind auch ungefähr die »Rezensionen« Dobrolubovs. 
Die Frauengestalten z. B. im »Oblomov« gehen ihn nichts an, da 
er kein Kenner von Frauenherzen sein will. Dafür sucht er den 
Oblomovschen Typus in der ganzen Litteratur auf und beweist, 
dafs die Öazkij, Oniegin, Pecorin, Rudin alle nur verkappte 
Oblomovs wären. Er brachte alles so klar und überzeugend vor, 



— 307 — 

dafs er die Jugend enthusiasmierte, die in diesem Realismus , in 
dieser Verdammung jeglichen Idealismus, die einzige Bürgschaft 
gedeihlicher Entwicklung erkannte. 

Dobrolubov arbeitete sich frühzeitig zu Tode; er starb 1861, 
24 Jahre alt. Sein Nachfolger sollte nicht der von Öernyschevskij 
dazu ausersehene, ebenfalls, wie sie alle, aus geistlichen Schulen 
hervorgegangene Antonovic werden, dem es nicht an Bildung und 
Eifer, sondern an litterarischem Talente, an Takt und Mäfsigung 
fehlte — man vergleiche seine skandalöse Polemik mit der v Jugend« 
des »Russischen Wortes« — , sondern eben der Bekämpfer des 
»Zeitgenossen« und die Hauptstütze des »Russischen Wortes«, 
Pissarev. An litterarischem Talent, an ästhetischem Gefühl über- 
ragte der Zerschmetterer jeglicher Ästhetik, der Verunglimpfer 
Puschkins, sie alle. Er zog nur in seiner schroff-einseitigen Weise 
die Konsequenzen der Cernyschevskijschen unästhetischen Theorie ; 
er verpönte Poesie und Belletristik, riet z. B. Ssaltykov, die Kunst 
aufzugeben und populäre Broschüren , selbstverständlich natur- 
wissenschaftliche, zu schreiben; er bestritt jeglichen Nutzen der 
Poesie, Puschkins usw. Schon darum lohnt es sich nicht, diese 
krassen Übertreibungen und Paradoxen hier festzunageln, weil 
Pissarev sie nicht recht ernst genommen hat. Er liefs sich zu 
ihnen einmal hinreifsen in der Hitze des Streites, dann, w^eil er 
mit seinen Keulenschlägen nicht so sehr die Poesie selbst, als 
vielmehr die sie vorschützenden Konservativen, deren reaktionären 
Epikureismus selbst treffen wollte — hatte er doch für wahre 
Poesie mehr und höheres Verständnis als mancher ihrer über- 
zeugten Verehrer. x\uch seine kritischen Aufsätze verfolgten vor 
allem den Zweck, für den Typus des »denkenden Realisten;; die 
Bahn freizumachen. Er erkannte dessen Verkörperung in dem 
Turgenievschen »Basarov«, und während Antono vig im »Zeit- 
genossen« und nach ihm heute noch die Vertreter der »liberalen« 
Kritik im »Basarov« eine der zeitgenössischen Jugend applizierte 
Ohrfeige erkennen, begeisterte er sich so sehr für den »Nihihsten« 
aus dem Turgenievschen Roman, dafs er förmlich Kommentare 
zu diesem T3^pus und wie in seinem Sinne schrieb. Die Reaktion 
von 1866 erwürgte freilich beide streitende radikale Organe, von 
denen der »Zeitgenosse« bereits in offenkundigem Niedergange 
sich befand. Im Jahre 1868 starb bereits Pissarev, 27 Jahre 

20* 



— 308 — 

alt — »jung stirbt, wen die Götter lieben«. Sie bewahrten ihn 
vor mancher Enttäuschung. 

Gleichen Einflufs wie Bielinskij, Dobrolubov, Pissarev hat 
kein russischer Kritiker mehr erlangt; wir können uns daher 
über die übrigen kurz fassen. Den bedeutendsten Namen im pro- 
gressiven Lager erwarb sich der 1904 verstorbene Michajlovskij, 
der langjährige Kritiker der »Vaterländischen Memoiren« bis zu 
deren Unterdrückung , der insofern an Cern3^schevskij erinnert, 
als auch er von Haus aus Soziologe, Kritiker von Spencer, 
Darwin u. a., nicht litterarischer Kritiker ist. Sein gediegenes 
Wissen, die Selbständigkeit seines Geistes, Hervorkehrung des 
subjektiven Prinzipes gegen die Engländer, die Makellosigkeit, 
der Ernst und Eifer seines fast vierzigjährigen publizistischen 
Dienstes, seine Humanität erzwingen unsere Achtung; ob sein 
ästhetisches Urteil , z. B. über Dostojevskij , gleich treffend und 
unparteiisch war, ob er nicht ihm sympathische Erscheinungen 
der »nationalistischen« Richtung überschätzte, können wir hier 
dahingestellt sein lassen. Andere Vertreter dieser Kritik, Proto- 
popov usw., ragen ungleich weniger hervor. SkabiCevskij ist 
nicht wegen seines recht engherzigen Urteils, sondern wegen der 
Heranschaffung reichen Materials, wegen seiner verläfslichen, 
gewissenhaften Arbeit, z. B. in seiner »Geschichte der neuesten 
russischen Litteratur«, d. i. von 1848 ab, einem in vier Auflagen 
verbreiteten Werke — auf dessen Angaben ich mich vielfach 
stütze — , »Skizzen aus der Geschichte der russischen Zensur 
1700 — 1863« u. a., zu nennen. Das konservative und slawophile 
Lager hat keinerlei namhafte Kritiker nach Grigoriev aufzuweisen ; 
der bedeutendste wäre Strachov, dem man feines ästhetisches 
Gefühl zuerkennen mufs. Er w^ar ebenfalls nicht litterarischer 
Kritiker, war Publizist — sein Aufsatz zur polnischen Frage, 
denunziert von Katkov, führte zur Unterdrückung der Dostojevskij- 
schen »Zeit«, deren Mitarbeiter er war, und ist besonders bekannt 
durch seinen »Kampf mit dem Westen in der russischen Litteratur«, 
darin auch eingehende Charakteristik Herzens. Als Vertreter 
und Fortsetzer der Grigorievschen Richtung war er natürlich 
geschworener Bekämpfer des »Nihilismus«, eines Antonovic und 
des ganzen »Zeitgenossen«, unter dem Pseudonym Kossiza. Seine 
ästhetischen Anschauungen teilte der als Mensch unendlich sym- 
pathische, humane Petersburger Litteraturprofessor, Orest Miller, 



— 309 — 

den die tendenziöse liberale Kritik auch auf ihrem Gewissen hat, 
verfehmend denjenigen, der selbst ein Opfer der Gendarmerie 
werden sollte ; seine Vorlesungen über neue russische Litteratur 
sind eine recht ansprechende Leistung. Rosanov u. a. sind weniger 
charakteristisch. 

Strachovs Name ist untrennbar verknüpft mit dem des 
einstigen Petraschevzen Danilevskij, dessen bei seinem ersten 
Erscheinen 1869 unbemerkt gebliebenes Buch er neu herausgab 
und die allgemeine Aufmerksamkeit darauf lenkte. Es ist das 
Schlufswort der Slawophilie, »Rufsland und Europa«. Die Phan- 
tasien von Brüderlichkeit und Mission spielen bereits keine Rolle, 
Der Nachdruck wird gelegt auf die Verschiedenheit, Getrennt- 
heit Rufslands von Europa, auf die Unveränderlichkeit der kultur- 
historischen Typen, die sich nicht von einem V^olke zum andern 
übertragen lassen. Danilevskij behauptete ja und verteidigte 
diese Unveränderlichkeit der Typen auch gegen Darwin. Aus 
dieser Unveränderlichkeit folgt die Notwendigkeit, Russe zu sein 
und zu bleiben, abzulehnen alle europäischen V^eränderungen 
russischer Tracht, Lebensweise usw., alle europäischen Neu- 
einführungen, europäische Auffassungen und Begriffe. Mit 
Danilevskij, d. h. mit seinem Herausgeber Strachov, polemisierte 
scharf Wladimir Soloviev (der jüngere Sohn des bekannten 
Moskauer Historikers) , dessen wissenschaftliche Laufbahn einer 
jener russischen, für den Europäer unfafsbaren Zufälle (wie bei 
dem bekannten Soziologen und Ethnologen Kovalevskij z. B.) 
unterbrochen hat für immer. Der Moralphilosoph und Theologe 
Soloviev ist eine der interessantesten Erscheinungen des modernen 
Rufslands und seiner geistigen Gärung. Ein unerschrockener, 
feuriger Verkünder der Wahrheit, ohne jede Rücksicht auf sich, 
selbstlos, nur der Idee dienend, im Gegensatz schliefslich zu allen. 
Sein grofses Verdienst ist, in den Zeiten des absoluten Posi- 
tivismus, ja der Gleichgültigkeit gegen alle »Theorie«, gegen 
Metaphysik, die Aufmerksamkeit auf die »ewigen« Fragen ge- 
lenkt zu haben. Der gläubige Christ — freilich nicht in streng 
dogmatischem Sinne — kündete eine Wiederbelebung, Wieder- 
genesung der kranken Kirche, die in seinen Augen nur um den 
Preis der Anerkennung Roms durch Moskau, der neuen Kirchen- 
einigung, zu haben war. Selbst einmal Slawophile, bekämpfte er 
aufs schärfste den modernen, engherzigen Slawophilismus. Er 



— 310 — 

unterschied wohl die verschiedenen Stadien dieser Lehre, ihre 
»Kirchenväter«, Chomiakov und Aksakov, mit ihrer Forderung 
von Gedanken- und Gewissensfreiheit, mit ihrer Abkehr gegen 
unfruchtbaren Kosmopolitismus, mit ihrer Forderung des lebenden 
Verkehrs mit dem eigenen Volke, der allein den Menschen aus 
der ertötenden Einsamkeit egoistischen Vegetierens herausführt. 
Mit diesen teilte er vieles; desto schroffer wandte er sich gegen 
die Nationalisten ä la Katkov , die brutalen Verehrer brutaler 
Macht , allein auf sie pochend , und gegen die jüngsten Slawo- 
philen ä la Danilevskij, die die ethnographischen Eigentümlich- 
keiten vergöttern möchten. Wohl hatte auch er hohen Glauben 
von Rufsland. In einem Gedichte — denn er war auch poetisch 
veranlagt, und die Sammlung seiner Gedichte erlebte mehrere 
Auflagen — »Ex Oriente lux« fragt er: »Rufsland, in hoher Vor- 
ahnung fassest du stolze Gedanken; was für ein Osten willst du 
denn sein? Des Xerxes Osten oder Christi?« Um Rufslands 
Existenz ist er natürlich unbesorgt; er verlangt eine würdige 
Existenz. Die Schuld der Slawophilen bestand nicht darin, dafs 
sie Rufsland eine grofse Mission zuschrieben, nur darin, dafs sie 
zu wenig die moralischen Bedingungen dieser Mission betonten. 
Sie hätten noch schärfer die Russen einen kollektiven Messias 
nennen können, nur hätten sie festhalten sollen, dafs ein Messias 
als Messias, nicht als Barrabas zu handeln hat. Daher für seinen 
Patriotismus die Wichtigkeit der Frage nach Rufslands Sünden, 
während im Slawophilismus sich ein zoologischer Patriotismus 
entpuppte, der die Nation vom Dienen den Idealen befreite und 
aus der Nation selbst einen Gegenstand des Kultdienstes machte. 
Seine begeisterte, beredte Sprache verstummte frühzeitig, 1900 
ging der müde Wanderer in die ewige Ruhe, die er so oft be- 
grüfste. ^^Im Morgennebel mit unsicheren Schritten ging ich zu 
geheimnisvollen, herrlichen Ufern. Es kämpfte Morgenröte mit 
den letzten Sternen, noch flatterten Träume, und von Träumen 
umfafst, betete meine Seele zu unbekannten Göttern. Am kühlen, 
weifsen Tage auf einsamem Weg, wie zuvor, gehe ich in un- 
bekannter Gegend. Zerstreut ist der Nebel und hell sieht das 
Auge, wie schwer der bergige Pfad und wie weit noch alles, 
weit das alles, was wir geträumt. Und bis Mitternacht mit 
furchtlosen Schritten werde immer ich gehen zu den ersehnten 
Ufern, dahin, wo auf dem Berge, unter neuen Sternen, ganz er- 



— 311 — 

flammend in siegreichem Feuer mich erwarten wird meiner Ver- 
heilsung Tempel.« Es war ihm nicht vergönnt, seine grofsen 
moralphilosophischen Werke auf religiöser Grundlage zu Ende 
zu führen. Seine grofsangelegten Pläne, ein Kommentar zur 
Heiligen Schrift^ eine Plato- Übersetzung usw., sind jäh ab- 
gebrochen; es erschien nur seine »Rechtfertigung des Guten«, 
seine bedeutendste Schrift neben seiner »Nationalen Frage in 
Rufsland« und den »Geistigen Prinzipien des Lebens«, mit seinen 
Forderungen der Scham gegen sich, die zum Asketismus führt; 
des Mitleids gegen Menschen, das Altruismus, d. i. Wahrheit 
und Gerechtigkeit wird ; der Frömmigkeit gegen das überirdische 
Element, die in Religion sich entwickelt. Die Verteidigung 
grofser moralischer Prinzipien in gehobener, poetischer Sprache, 
mit der Glut innerer Überzeugung, mit glänzender Dialektik und 
reichem Wissen ist sein gröfstes Verdienst, doppelt grofs in einem 
Lande, dessen philosophisch-moralische eigene Litteratur arm ist, 
dessen Gedankenfaulheit sich mit der neuesten, plattesten Wahr- 
heit am leichtesten befreundet , an ihr sich berauscht (vgl. oben 
die Worte von Viasemskij), wie dies mit dem Positivismus in den 
60 er und 70 er Jahren, mit dem Marxismus in den 90 er Jahren 
geschah. Schien doch eine Zeitlang der Marxismus allen Nationalis- 
mus und Subjektivismus für immer wegschwemmen zu sollen. Heute 
ist er wieder abgeebbt. Endgültig begraben, trotz des slawischen 
Wohltätigkeitskomitees, trotz des Publizisten Komarov und des 
Slawisten Lamanskij, scheint die slawophile Richtung, wenigstens 
soweit sie sich auf die »slawischen Brüder« erstreckt. Man hat 
jetzt ungleich nähere, ungleich wichtigere Aufgaben zu lösen. 

Eine abgesonderte Stellung in der modernen russischen Litte- 
ratur nimmt Volynskij (Flekser) ein, der »kritische Idealist« und 
begeisterte Verfechter des Kultes der Poesie, der Ästhetik, der 
Philosophie. Gründliche philosophische Schulung des Geistes 
fehlt den meisten russischen Kritikern, daher ihre Geringschätzung 
des abstrakten Denkens, der theoretischen Grundlagen in der 
Erkenntnis und Beurteilung des Schönen. Der Übersetzer und 
Kommentator von Spinoza und Kant, der gründliche Kenner von 
Hegel und Schopenhauer, die auch einem Cernyschevskij vielfach 
nur Namen waren, unterzog von seinem idealistischen Standpunkte 
aus die Geschichte der russischen Kritik seit Bielinskij schärfster 
Prüfung ; zeigte , wie schon Bielinskij , nur äufserlich mit der 



— 312 — 

Hegeischen Philosophie vertraut, dem Idealismus untreu werden 
mufste und litterarische Kritik auf falsche Bahnen drängte, in 
denen ihm die Öernyschevskij usw. mit gröfserem Wissen, aber 
ohne sein poetisches Temperament blind folgten. Er wies die 
Überhebung, Ungerechtigkeit, Mifsgriffe dieser Kritik nach, wie 
sie den Idealismus mit Sentimentalismus venvechselte und be- 
kämpfte. Er hob die Ungeheuerlichkeiten der Cernyschevskijschen 
Dissertation und der Pissarevschen Bilderstürmerei hervor, die 
Lücken ihres Wissens, das Oberflächliche ihrer Beweisführung, 
das Totschweigen oder Zutodehöhnen unbequemer Gegner. Seine 
Studien erschienen in dem »Nordischen Boten« und sind daraus 
1896 als »Russische Kritiker« abgedruckt. Weil der Kritiker 
sich seine Selbständigkeit gewahrt, die liberale Tradition aus 
dem Schlafe geweckt und ihr unangenehme Wahrheiten zu sagen 
gewagt hat, ist er von der Presse förmlich verfemt worden, 
wurde ihm, nachdem der »Nordische Bote« unterdrückt war, 
unmöglich gemacht, in einer Zeitschrift zu Worte zu kommen, 
mufste er die Buchform wählen. In dieser schrieb er seine tief- 
dringenden Studien über das »Buch des Zorns^, d. i. die »Dä- 
monen« des Dostojevskij und bereitet jetzt ähnliche über die 
»Brüder Karamasov« vor. Er liefert förmlich die Muster, wie 
ästhetische Kritik beschaffen sein soll, wenn sie den Intentionen 
des Künstlers, der Bedeutung seiner Schöpfungen gerecht werden 
will. Gegenüber dem tendenziösen Geleier der ordinären russi- 
schen Kritik muten einen diese Studien wie eine befreiende Tat 
an. Dazu war allerdings nur ein Volynskij imstande, von dessen 
hoher ästhetischer, philosophischer und historischer Kultur sein 
Werk über Leonardo da Vinci — auch in deutscher Ausgabe vor- 
liegend — und seine Studien der »Primitiven« Zeugnis ablegen. 
Neben Volynskij sei D. Merezkovskij genannt als Vertreter höherer 
Kritik, der Kunstwerke besprechend, selbst Kunstwerke schafft, 
dem alles Banale, Tendenziöse, Utilitaristische im Sanktuarium 
der Kunst als Profanierung erscheint. P>eilich rechnen wir 
hierher nicht die gut gemeinte, aber unbedeutende Schrift Ȇber 
die Ursachen des Verfalles und über die neuen Strömungen der 
zeitgenössischen russischen Litteratur«, 1893, als vielmehr seine 
Studien über Tolstoj und Dostojevskij, die zum Teil auch deutsch 
vorliegen: »Tolstoj und Dostojevskij als Menschen und als Künstler«, 
1903; es fehlt der zweite, umfassendere Band, die »Religion von 



— 313 — 

Tolstoj und Dostojevskij«, der ungleich interessantere. Während 
der erste Teil bei den ÄufserHchkeiten von Kunst, Stil, Mensch 
verweilt, dringt der zweite in den Kern der religiösen Grund- 
anschauungen der beiden grofsen Russen, des Realisten, Materia- 
listen und des Mystikers. Merezkovskij verfolgt ja auch eigene 
Ziele, einer religiösen Wiedergeburt, einer Bekämpfung russischer 
Religionslosigkeit, und ist daher befangener, einseitiger als Vo- 
lynskij, gefällt sich in gezwungenen, weit ausgeholten Deutungen. 
Aber welch belebende, zum Denken anregende, tief eindringende 
Kritik gegenüber der oberflächlichen Schablone, die sich sonst 
unter diesem Titel breit macht ! Eine gewisse Animosität gegen 
Tolstoj ist unverkennbar; aber sie gilt der Person nicht, nur der 
Lehre, dem Rationalisten und Aufklärer; vielleicht wird vom 
Antichristen und Nietzsche viel zu viel gesprochen; oft sind es 
nur eigene Variationen des Kritikers auf ein gegebenes Thema, 
statt einer Erörterung des Themas selbst. Er legt zu viel von 
seinem eigenen religiösen Kredo herein. Aber welch glänzende 
Beweisführung, welch überraschende Kombinationen, welch 
glühender Eifer und doch wieder welch vorsichtiges Tasten! 
Einen besseren Interpreten konnten sich die beiden grofsen 
Russen nicht wünschen , mag auch bei ihm von Tolstoj nur der 
Künstler, der Epiker, die Feuerprobe bestehen, der Lehrer aufs 
Unbarmherzigste zerzaust werden. Schliefslich mufs man Merez- 
kovskij im ganzen völlig recht geben. 

So läfst die russische Kritik trotz ihrer glänzenden publi- 
zistischen Vertreter und deren faszinierenden Einflufs auf die 
Jugend und trotz ihres modernsten idealistisch-ästhetischen Auf- 
schwunges, der sich erst die allgemeine Anerkennung erzwingen 
mufs, noch manches zu wünschen übrig. Wie die Kritik ist auch 
die Litteraturgeschichte Produkt der neuen Epoche. Vorher gab 
es nur Lexika der Schriftsteller und vereinzelte Studien, z. B. 
des Fürsten Viasemskij über Visin; seit 1855 erst gibt es eine 
aufserordentlich reiche, zusammenhängende, gewissenhafte Tätig- 
keit auf diesem Gebiete. Diese ist allerdings nicht gleichmäfsig 
verteilt; es überwiegen die eingehendsten Studien über Zeiten, 
die noch keine Litteratur besitzen, über das sogenannte altrussische 
Schrifttum bis Peter den Grofsen. Die Pietät, mit der die aller- 
unbedeutendsten »Werke«, d. h. Übersetzungen, Redaktionen 
oder blofse Kopien , den minutiösesten , mikroskopischen Unter- 



— 314 — 

suchungen von Schrift, Sprache u. dgl. unterworfen werden, ist 
wahrhaft rührend. Diese Arbeiten gruppieren sich jetzt einerseits 
um die schon Hunderte von Nummern zählenden PubUkationen 
der »Gesellschaft der Freunde alten Schrifttums«, Reproduktionen 
namentlich alter Handschriften u. dgl., anderseits um die Schriften 
der zweiten (russischen) Abteilung der Petersburger Akademie 
der Wissenschaften, der einzigen auf ganz Rufsland, namentlich 
um deren Isviestija, Berichte. Hier wäre eine ganze Reihe aus- 
gezeichneter Philologen zu nennen : Ssobolevskij , Schachmatov, 
Vladimirov (Geschichte der altrussischen Litteratur), Abramovic, 
Scheepkin, Istrin usw., die dem Beispiele ihrer einstigen Lehrer? 
Sresnievskij und Jagic in Petersburg, Tichonravov in Moskau 
folgend, Texte edieren, Untersuchungen über Filiation, z. B. der 
chronistischen Überlieferung, Quellen u. dgl. anstellen, die alt- 
russische Kultur bis in ihre feinsten Verästelungen verfolgen. 
Gegenüber dieser w^ohlorganisierten Ameisenarbeit fällt das 
Studium der neueren Epoche ab. Die trefflichen Litteraturwerke 
eines Galachov und Porfiriev reichen nur bis Puschkin ; Pypins 
vierbändige Litteratur geschichte nur bis 1848, und dabei ist die 
Zeit seit 1760 von Pypin immer abgerissener und flüchtiger 
dargestellt. P3"pin (Cousin von Cernyschevskij , und einst von 
ihm geleitet), ein äufserst human und liberal gesinnter Gelehrter, 
hat in einer fast fünfzigjährigen Tätigkeit Aufserordentliches ge- 
leistet: seine wirklich kritische und methodische Litteratur- 
geschichte, Geschichte der russischen Ethnographie, Geschichte 
der altrussischen Erzählungslitteratur (1859, eine JVIusterarbeit), 
die Herausgabe der Werke Katharinas der Grofsen, besonders 
aber die Darstellung der litterarischen und namentlich politischen 
Strömungen unter Alexander I. und Nikolaus I. werden schon 
durch das sorgfältig abwägende, alles berücksichtigende Urteil 
stets einen ehrenvollen Platz behaupten, mögen sie auch mitunter 
trocken und von Wiederholungen und Längen nicht frei sein, 
was sich zum Teil aus ihrem Erscheinen in Zeitschriften erklärt, 
im »Europäischen Boten«, zu dessen Redaktion Pypin gehörte, 
nachdem seiner gelehrten Karriere die Regierung ein jähes Ende 
bereitet hatte. Von Litteraturgeschichten des XIX. Jahrhunderts 
sind Soloviev (Andrejevic) zu nennen , der die ganze Litteratur 
vom Standpunkte der Bauernfrage (!i behandelt; Engelhardt 
(zwei Bände, 1902), der sie nach Dekaden darstellt und auf 



— 315 — 

eigenes Urteil verzichtend, die Urteile der Zeitgenossen resümiert, 
dadurch ein dem Ausländer oft ganz unzugängliches Material 
zusammenstellt, das auch der Verfasser des vorliegenden Werkes 
mit Dank benutzt hat. Polevojs populäre, in mehreren Auflagen 
erschienene Litteraturgeschichte in drei Folianten (1900) sei 
wegen ihres aufserordentlich reichen Bilderschmuckes erwähnt. 
Wenn uns totale Darstellungen des XIX. Jahrhunderts nicht 
voll befriedigen, müssen wir mit desto gröfserem Nachdruck die 
Menge trefflicher Monographien, die Schriftstellern, Werken, 
Strömungen gewidmet sind, hervorheben. Für Ziukovskij lieferte 
ein muster- und meisterhaftes Werk der bekannte, vergleichende 
Litteraturforscher von europäischer Berühmtheit, Akademiker 
A. Vesselovskij (1904); bei Batiuschkov besorgte eine monumentale 
Ausgabe seiner Schriften Leonid Majkov; Puschkins Bibliographie 
umfafst Hunderte von Namen; für Lermontov nennen wir Studien 
von Kotlarevskij , Pypin, Spassovic usw.; bei Gogol brachte die 
Korrespondenz und das biographische Material Schenrok zu- 
sammen , Tichonravov gab die Werke heraus , dazu treffliche 
Studien von Kotlarevskij usw. Dagegen fehlen Monographien 
für die gröfseren Schriftsteller der zweiten Hälfte des Jahr- 
hunderts; man mufs sich mit einzelnen Essays von Pypin über 
Nientleassov, von Michailovskij über Uspenskij u. a., Skabicevskij, 
Spassovic über Kavelin, Ciüerin, Wl. Soloviev usw., mit 
Erinnerungen an sie eines Annenkov usw., mit ihren Korrespon- 
denzen (Turgenievs Briefwechsel u. a.) begnügen. Nur wenige 
von ihnen griffen selbst zur Feder, namentlich der Dichter Fet, 
um ihr Leben zu erzählen, dann Panajev u. a. Eine uner- 
schöpfliche Quelle von Belehrung aller Art enthält Barsukovs 
vielbändiges Werk über Pogodin , den Moskauer slawophilen 
Historiker und Publizisten. Dazu kommen eine Reihe hervor- 
ragender Werke, wie Golovins Geschichte des russischen Romans; 
Ivanov, Geschichte der russischen Kritik; die Werke des be- 
kannten Kulturhistorikers Milukov usw. Zahlreiche Gesamt- 
ausgaben, sogar weniger bedeutender Schriftsteller, noch seit des 
verdienten Verlegers Smirdin Zeiten, jetzt auch Suvorins und 
Pavlenkovs, erleichtern die Übersicht. Eine reiche Fülle bio- 
graphischen Materials, Korrespondenzen, Erinnerungen u. dgl. 
bieten die russischen historischen Zeitschriften, namentlich das 
»Russische Archiv« seit 1870. Studien und Skizzen bringen, neben 



— 316 — 

den Monatsschriften Europäischer und Russischer Bote, u. a. auch 
das Journal des Ministeriums für Volksaufklärung namentlich 
in den jüngeren Jahrgängen. Aufserordentlich verdienstlich 
sind die auf breitester Grundlage unternommenen lexikal- 
historischen Arbeiten von Vengerov, sein biographisches Wörter- 
buch russischer Schriftsteller, seine Quellen zu demselben (blofses 
Verzeichnis der Werke, Aufsätze, Notizen über Schriftsteller, 
bis 1900, auf 250 Druckbogen berechnet; der erste stattliche 
Band, 1900, geht bis Gogol), seine > Russische Poesie« mit oft 
vollständigem Abdruck der Werke, der Kritiken usw.; derselbe 
redigiert auch die russische Litteraturgeschichte in dem russischen 
»Brockhaus«. Bibliographien übergehen wir, obwohl gerade 
dieser Teil meist bearbeitet und gerade wie die Schriftsteller- 
lexika jeglicher litterarhistori sehen Arbeit vorausgegangen ist: 
die Werke eines Sopikov, Gennadi, Barteniev usw. 

Nach dieser Darstellung der kritischen und litterarhistorischen 
Arbeit in den allgemeinsten Umrissen wenden wir uns zu der 
Litteratur selbst und weisen den ersten und weitesten Raum, 
dem Romane zu: nach der Zahl der Autoren und Bedeutung 
ihrer Werke, die seit 1880 der russischen Litteratur europäischen 
Ruhm gesichert haben, beansprucht er solches mit Recht. Wir 
verfahren dabei ungefähr chronologisch, beginnen daher mit den 
sogenannten Belletristen der vierziger Jahre, d. h. die noch unter 
Bielinskijs Auspizien auftraten. 



Zwölftes Kapitel. 
Der Roman. Turgeniev und Qoncarov. 

Die Turgenievs. Ivan Sergiejevic als Dichter, als Verfasser der «Me- 
moiren eines Jägers«. Sein Ausländertum. Charakteristik des Schrift- 
stellers. Die einzelnen seiner Werke: »Rudin«, » Adelsnest", «Am 
Vorabend ', »Väter und Söhne« : Polemik wegen des Romans; was war ge- 
plant, was erreicht worden ? Fiasko der folgenden Romane, zumal von 
''Neuland«'. Nahe Berührung mit GonCarov in der Wahl von Stoffen 
und Helden. Dessen Trilogie von den Männern der »^ vierziger Jahre«: 
»Eine gewöhnliche Geschichte«; «Oblomov«; «Der Abgrund". 



Der Name der Turgenievs, obwohl ein tatarischer, hat einen 
guten Klang; »sie klagten furchtlos«, war ihre Devise, von dem 



— 317 — 

Vorfahren her, den der falsche Demetrius steinigen hefs, da er 
mit Pleschcejev ihn der Falschheit bezichtete. Dem Direktor 
der Moskauer Universitätspension und seinen vier Söhnen sind 
wir bereits bei Karamsin und Puschkin begegnet. Die Söhne 
waren eingefleischte Deutsche, übersetzten Deutsches, nicht nur 
Kotzebue, wiesen den französierenden Zlukovskij auf deutsche 
Litteratur. Dessen Herzensfreund, Andrej Turgeniev, angehender 
Dichter, starb früh. Nikolaus Turgeniev, Verfasser der fort- 
schrittlichen :> Theorie der Steuern« (1817), wurde wider alles 
Recht zum Tode verurteilt als Dekabrist und starb in der Ver- 
bannung. Alexanders haben wir ebenfalls gedacht, er stand 
unter Polizeiaufsicht; es waren dies überzeugte Liberale, Westler — 
Nikolaus zürnte einst dem Zukovskij, dafs er nicht in seinen 
Versen von Abschaffung der Leibeigenschaft handeln wollte. 
Obwohl einer anderen Linie der Turgenievs angehörend , teilt 
der grofse Romancier Ivan Sergejevic mit seinen Oheimen und 
Grofsoheimen die liberalen und westlerischen Überzeugungen, 
den Hals der Sklaverei, den edlen, humanen, gegen russische Wirk- 
lichkeit protestierenden Sinn (sogar die Philanthropie Alexanders, 
im Verein mit deÄi uns aus Herzen bekannten Doktor Hase, 
hatte kriegerischen , protestierenden Charakter) , das Interesse 
für Deutschland und die deutsche Litteratur, für die Wissen- 
schaften; dachte doch im Ernst an eine Professur das poetische 
Talent. Als Lyriker und Epiker begann er und galt während 
der vierziger Jahre immer als »der Dichter«, was er später stets 
verleugnete, ohne Grund, denn schon die kleinen epischen Er- 
zählungen, namentlich »Parascha«, bewiesen, dafs ihn romantischer 
Überschwang nicht auf die Dauer fesseln konnte, dafs er selbst den 
Weg zur Lebensprosa zurückfand. Nicht sein Universitätslehrer 
Pletnev, der ihn väterlich aufmunterte und in seinen Gedichten 
»etwas« fand, nicht Bielinskij, mit dem er sich schon im Namen 
Hegels enger verband und mit ihm humoristische Zoten (»der 
Pfaffe«) verbrach, sondern eine Leidenschaft seines Lebens, die 
Jagd, brachte ihn auf sein eigentliches Genre, Skizze und Novelle. 
Auf seinen Streifereien als Jäger hatte er sich seinen Natur- 
sinn erworben (er ist der beste Landschafter unter den Russen, 
unter denen diese Kunst sehr rar ist — sie haben ja nur Sinn 
für Menschen); hatte eine Menge interessantes Volk kennen 
gelernt: Gutsherren, wunderliche und widerliche Käuze, Bauern, 



- 318 — 

faule und fleifsige, wahre Naturkinder mit einem Stich ins 
Mystische und nüchterne Realisten, fast Rationalisten, aufgeweckte 
und mürrische, Hofleute und Jäger — darunter er selbst — , so 
der Kammerdiener, der ihn in die Geheimnisse und Schönheiten 
der »Rossiade« einführte, u. a. , die von den guten alten Zeiten 
zu erzählen wufsten, an denen oft jegliche Physiognomie ver- 
wischt war, die von allerlei Launen und Zufall abhingen — das 
alles drängte sich ihm unter die Feder. Nachdem eine und die 
andere Novelle von Raufbolden u. dgl. unbeachtet hingenommen 
war, machte sein Glück seine erste Bauernskizze »Chor und 
Kaliny6«, aus den »Memoiren eines Jägers« in der Rubrik »Ver- 
mischtesc im »Zeitgenossen« (1847) gedruckt. Auf die erste 
Skizze folgten zwei Dutzend andere (1847 — 1851), die dann 1852 
gesammelt unter dem genannten Titel erschienen und den Grund 
zu seinem Ruhme legten. 

Die Sammlung war auf keinen einheitlichen Ton abgestimmt; 
sie bot in buntem Durcheinander adlige und bäuerliche, ja sogar 
bürgerliche Bilder (Arzt u. a.). Sie waren von leichtem Humor 
angeflogen, stellenweise satirisch sogar (gegen inhumane Guts- 
herren). Zweierlei fiel besonders auf: gleitfhvollendete Natur- 
bilder, wie z. B. der Anstand im Walde, in der Abenddämmerung, 
die ermattende Glut des Mittags, der Reiz der Sommernacht auf 
der Pferdekoppel, waren in russischer Prosa noch nie zuvor geboten 
worden. Aufserdem imponierte die Zartheit, die offenkundige 
Sympathie zugleich, mit der die Bauerntypen ausgeführt waren, 
ohne Aufdringlichkeit — der Verfasser bettelte nicht um Mitleid 
für Unglückliche, wie dies etwa Grigorovic getan hatte; ohne 
krasseren Konflikt, wie ihm Pavlov noch vor fünfzehn Jahren 
nicht ausgewichen war; ohne Scheusale von Gutsherren, wie sie 
Novikov und Radischcev schon im XVIIl. Jahrhundert angedeutet 
hatten. Er wählte wie absichtlich Bauernverhältnisse , die man 
als alltägliche, typische, bezeichnen konnte, und was alles wufste 
er von seinen Bauern zu erzählen : von ihrem reichen Gemütsleben, 
ihrer gesunden Natürlichkeit, grofsen Herzensgaben, offenen 
Köpfen. Was für eine reizende Galerie von Knaben und Kindern 
vereinte er z. B. auf seiner »Biezinwiese« ; das war die un- 
geschminkte, nicht tendenziöse, künstlerische und human gleich 
vollendete Dorfidylle der russischen Litteratur. Ja, dieser Ein- 
druck einer förmlichen, allerdings nur latenten Parteinahme für 



— 319 — 

die »wahren^ Seelen, wogegen deren Besitzer, die Gutsherren^ 
meist keine Seele, sondern nur Launen oder Laster aufzuweisen 
hatten, überwog so stark, dafs die Sammlung als Ganzes bei den 
Gendarmen-Mimosen anstiefs, obwohl alle schcärferen Skizzen die 
freiwillige Zensur des Verfassers unterdrückt hatte. Hierzu 
kam die »Frechheit« , dafs er sich gegen das bessere Wissen 
des Unterrichtsministers Schichmatov (nicht des Verfassers der 
»Petriade« , sondern eines ungleich Dümmeren) von der Un- 
bedeutendheit Gogols zu einem wärmeren Nekrolog für den Ver- 
blichenen in einer Moskauer Zeitung (einer Petersburger wäre 
ja diese Taktlosigkeit nicht begegnet) aufgeschwungen hatte. 
Grund genug, um den längst auch wegen anderer Streiche, Be- 
kanntschaften mit » Bösgesinnten « , d. i. Bielinskij, u. dgl. An- 
rüchigen erst einzusperren und dann auf zwei lange Jahre auf 
sein Gut zu verbannen. Das ist der einzige wirkliche, grofse 
Dienst, den die Regierung ihm und der Litteratur erwiesen hat — 
war sie doch sonst nicht einmal bei seinem Begräbnis vertreten. 
Er war nämlich einer von den Asras, die sterben, wenn sie 
lieben: der einmal gefafsten Neigung blieb er für immer treu. 
Diese Neigung war auf eine Fremde gefallen, und der Hasser 
aller Leibeigenschaft machte sich selbst zum Leibeigenen dieser 
Fremden und ihres ganzen Hauses, verzichtete um ihrer willen 
auf Rufsland. Vorläufig war er ja gezwungen, mit russischen 
Land und Leuten vorlieb zu nehmen, aufzuspeichern : Eindrücke, 
Beobachtungen, Bekanntschaften. Wie jedoch durch Fürsprache 
einflufsreicher Gönner der Bann aufgehoben war, flog er sofort 
nach dem Auslande und ist dann bis an sein Lebensende in Rufs- 
land nur noch ab und zu, zu immer kürzerem Aufenthalt mit 
immer längeren Abständen erschienen. Er fühlte sich als Badener 
Bourgeois, so lange dies der französische Patriotismus von Frau 
Viardot-Garcia gestattete. Nach den Ereignissen von 1870 eignete 
er sich ihres und ihres Mannes Deutschenhafs an und wurde ein- 
gefleischter Pariser und Republikaner. Es sei dies hervorgehoben, 
obwohl biographisches Detail , d. i. Klatsch , in die Litteratur- 
geschichte nicht hineingehört. Man hielt nämlich noch in den 
siebziger und achtziger Jahren Turgeniev in Europa für einen 
modernen, zeitgenössischen Schriftsteller, der das damalige Rufs- 
land darstelle, ja, er verfiel selbst in diesen Fehler, zeichnete 
angebliche Russen von 1868, schrieb noch an Ssaltykov 1876 von 



— 320 — 

seinem »Neuland«: »Dieses dürfte viel Mifsverständnisse auf- 
hellen, mich so und dort hinstellen, wie und wo mir zu stehen 
zukommt . . . vielleicht ist mir noch beschieden, das Herz der 
Menschen zu entflammen« — während sein Lied längst abgesungen 
war. Er kennt und schildert nur das Rufsland vor der Reform, 
für das spätere fehlte die unmittelbare Vertrautheit, die er selbst 
immer so unerläfslich für den Schriftsteller erachtete. Versuche, 
es doch zu gestalten, sind immer mifslungen , haben bei Lesern 
Anstofs und beim Verfasser Bitterkeit zurückgelassen. 

So ist sein Wirken zeitlich eng begrenzt, ebenso formell und 
inhaltlich. Ihm fehlt der mächtige epische Zug, seine Gestaltungs- 
kraft und -lust reichte immer nur für eine Novelle hin — nur 
einmal hat er einen zweiteiligen Roman geschrieben, der viel- 
leicht besser ungeschrieben geblieben wäre. Daher schafft er 
sich seine Helden, da er von ihnen immer nur eine Episode geben 
mag, auf die bequemste Art, durch das Herabfallen eines Dach- 
ziegels, vom Halse: Basarov stirbt an einer Blutvergiftung, 
Insarov an Schwindsucht, Rudin auf den Pariser Barrikaden — 
man kann die Sachen auch umkehren. Und immer handelt es 
sich um dasselbe : alle seine Helden, ob sie Propagandisten und 
Revolutionäre oder Dummköpfe und Schlafsäcke sind wie der 
»bajbak« Lavrezkij, reich oder arm, schön oder häfslich, alt oder 
jung, verlobt oder ledig, laufen den Schürzen nach • immer wird 
dieselbe Schüssel serviert — • es nimmt uns wunder, wie ein sich 
selbst achtender Schriftsteller so Plagiate an sich selbst begehen 
mochte, wie er z. B. im »Rauch« (1867) und gleich darauf in 
»Frühlingsfluten« (1871): das Sujet ist so gut wie identisch, nur 
fehlt das politische Brimborium des »Rauch« in den »Fluten«, 
wodurch diese erheblich gewinnen. Im »Rauch« war nur der Aus- 
gang ein anderer , in optimistischer Anwandlung liefs unser 
Schopenhauer die Tugend an den Tisch sich setzen, an dem sich das 
Laster erbrochen, während es wie immer nur gebrochene Herzen 
hätte geben sollen, wie in den »Fluten«. Von allen seinen Helden 
gelten die Worte seines Basarov : der Mensch, der sein Leben auf 
die Karte Frauenliebe gesetzt hat und, da sie ihm gestochen wird, 
sich so hat gehen und erweichen lassen, dafs er zu nichts fähig 
ward, ein solcher Mensch ist kein Mann, kein Männchen; er ist 
fast Turgeniev. Und noch eine Einschränkung bezüglich des 
Stoffes: alle Helden sind Edelleute der guten alten Zeit, von der 



— 321 — 

Natur zum Nichtstun prädisponiert, weil sie sich auf ihre s Seelen« 
verlassen können, die ihnen den notwendigsten Unterhalt oder 
noch sehr viel mehr darüber gratis jahraus, jahrein zu liefern 
haben. Da ihnen somit die gebratenen Tauben in den Mund 
fliegen, brauchen sie ihre liegende Stellung nie zu verändern und 
können sich ungestört, je nach ihrem Geschmack, auch der Ver- 
besserung der Weltordnung oder nur der Verdauung hingeben. 
Beamte, die er wie Gogol hafste, Militärs, Geistliche, Bürger usw. 
kommen in seinen Novellen nie vor , aufser als blofse Staffage. 
Er kennt höchstens noch Bauern und Diener, meist in Episoden- 
rollen, aufser in den »Memoiren eines Jägers«, zu denen er auch 
noch später Nachträge lieferte. 

Er ist Schriftsteller der Übergangszeit und hat dies selbst 
gefühlt und bekannt. Wenn sich nicht die Chronologie dagegen 
aufbäumen würde, könnte man ihn als den eigentlichen Romancier 
der Nikolaitischen Periode bezeichnen, den Sänger des alten Rufs- 
lands vor der Emanzipation, der Poesie seiner in den alten Parks 
verlorenen Edelhöfe, der müfsigen, humanen, gebildeten Menschen, 
die die Zeit mit Liebesgirren vertändeln, unbesorgt, glücklich, 
wenn nicht das Gewissen, moderne Forderungen und Losungen 
diese Idylle beunruhigen. Innerhalb dieses engen Rahmens hat er 
Unvergängliches geschaffen, doch zu tieferem Nachdenken regen 
seine Werke nicht an. Er ist kein unbequemer Mahner in der 
Art der Tolstoj und Dostojevskij ; dafür ist er vollendeter Meister 
der Form, steht hoch über Tolstoj und Dostojevskij, denen 
Forderungen der Form oft ganz unbekannt scheinen, und ist von 
keinem Russen, von wenigen Ausländern erreicht oder gar über- 
troffen. Er scheute keine Mühe, er arbeitete und feilte, etwa 
wie Puschkin an seinen Gedichten ; er ist auch der Puschkin der 
russischen Prosa, und vergebens beruft er sich auf Gogol als 
seinen Ahnen. Neben dieser exquisiten Form sind dann die 
Naturbilder und die Peripetien der Liebe, bis auf glühende Leiden- 
schaft, die seinem Wesen fremd war und die er nicht wieder- 
zugeben versuchte, mit unübertroffener Meisterschaft geschildert. 
Natur und Menschen sind aber stets vom Hauche stiller, schwer- 
mütiger Resignation umzittert; Lebensfreude, Jubel und Jauchzen 
beneidet er von weitem bei anderen , wie sein Lavrezkij im 
Schlufsbild des »Adelsnestes«. Seinen Pessimismus hat er sich 
nicht erst später aus Lektüre und Krankheit gebildet, er ist ihm 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 21 



— 322 — 

wie angeboren. Dazu kommt seine grofse Bildung ; das gediegene 
Wissen, das nicht irgendwie zusammengestoppelt ist, wie etwa 
bei Bielinskij u. a, ; der humane Geist — man merkt den einstigen 
Verehrer von Georges Sand, während Balzac ihn abstiefs; der 
edle, vornehme Sinn, den er so oft im Leben betätigt hat und 
der seine Schöpfungen belebt ; die Unabhängigkeit von den Launen 
der Machthaber wie des Publikums ; das Ignorieren persönlicher 
Angriffe — man hat stets das Bewufstsein, mit einem der Aus- 
erwählten zu verkehren. Aufserdem ist er Pionier der russischen 
Litteratur im Abendlande. Sein langjähriges Leben im Aus- 
lande, sein lebhafter Verkehr, weniger in der deutschen als in 
der französischen geistigen Elite, der Tafelgenosse des ganzen 
modernen litterarischen Paris, der Intimus von Flaubert, der 
Patron Zolas wenigstens für Rufsland, wo er sich für dessen Ver- 
breitung einsetzte, der Freund der Goncourts, Daudets, Mau- 
passants, hat den Russen, namentlich Tolstoj, den Weg nach 
Paris gebrochen. Seine eigenen Werke goutierte man schon 
darum in Europa besonders, weil sie trotz ihrer russischen Stoffe 
nach Empfinden — er ist der konsequenteste aller liberalen 
Westler, kennt keine Kompromisse mit Slawophilen oder der 
Reaktion — und Form gleich anheimelten. Nicht für seine eigenen 
Werke, er machte Propaganda für die Werke anderer, er be- 
geisterte die Franzosen für »Krieg und Frieden« — man weifs, 
was das kostete, einem Franzosen den mehrbändigen Roman 
eines »Barbaren« auf zudisputieren; durch ihn lernten sie Tolstoj 
kennen und schätzen. Was er für die französischen Realisten 
selbst gewesen ist, davon können wir hier absehen. 

Wir wären mit diesen allgemeinen Bemerkungen jedes näheren 
Eingehens überhoben, wenn die Geschichte der gröfseren Werke, 
der Grund ihrer beifälligen Aufnahme wie ihres Versagens beim 
Publikum, Einzelheiten ihrer Auffassung und Deutung, die un- 
glaublicherweise noch heute nicht ein für allemal abgetan zu sein 
scheinen, eines zeit- und kulturgeschichtlichen Interesses entbehren 
würde, aber sie ist zu lehrreich, zu bezeichnend für russische Ver- 
hältnisse, als dafs man darüber hinweggehen könnte. Wir berück- 
sichtigen freilich nur Auserwähltes : »Rudin« (1856), »Das Adels- 
nest« (1859), »Am Vorabend« (1860), »Väter und Söhne« (1862), 
»Rauch« (1867) und »Neuland« (1876). 

Am liebsten prüft er seine Helden, wie sie sich beim Rendez- 



- 323 — 

vous verhalten würden. So macht er es auch mit Rudin und 
fügt ihm schweres Unrecht zu. Rudin ist einer der vielen 
»talentierten« Russen — kein anderes Volk hat so viele Talente 
und erzielt mit ihnen so viele Nieten — , ein Ehrenmensch durch 
und durch, der seinen persönlichen Vorteil stets opfert, Wurzeln 
in schlechtem Boden nicht fafst, mag der noch so fett sein, in 
dem das Feuer der Wahrheitsliebe flammt, dessen W^orte vielen 
guten Samen in junge Seelen gestreut haben. Was verlangt 
man noch mehr? Und doch kanzelt ihn Turgeniev ab. Er 
habe kein Selbstvertrauen, gehöre nach des famosen Schwätzers 
Pigassov Sortierung zu den kurzgeschwänzten Hunden, denen 
nichts gelingt, ist feurig in Worten und doch kalt wie Eis; die 
Phrasen haben ihn zerfressen, von ihnen konnte er nicht los- 
kommen, ist faul, Despot in der Seele, nicht sehr wissensreich usw. 
Ja, waren das nicht damals alle Edelherren , und wie viele von 
ihnen wären bereit gewesen, ihren persönlichen Vorteil stets zu 
opfern? Gerade Rudin, der sie alle geistig und moralisch über- 
ragt, als einen » leeren c Menschen hinzustellen, ihn beim Rendez- 
vous so zu blamieren, war ein recht problematisches Vergnügen, 
und recht unmotiviert dünken uns die berühmten Phrasen : »Das 
Unglück Rudins besteht darin , dafs er Rufsland nicht kennt. 
Rufsland kann sich ohne jeden von uns behelfen, keiner von uns 
ohne Rufsland . . . Kosmopolitismus ist Unsinn, der Kosmopolit 
(angeblich Rudin) eine Null, ja schlimmer als eine Null. Aufser- 
halb der Nationalität gibt es weder Kunst, noch Wahrheit, noch 
Leben, nichts. Ohne Physiognomie gibt es nicht einmal ein 
ideales Gesicht, nur ein ganz flaches ist ohne sie möglich.« Wir 
werden auch bald das direkte Gegenteil hören. Jetzt kokettiert 
förmlich Turgeniev mit den Slawophilen. Der Erfolg des 
»Romans«, trotz einzelner prächtiger Figuren, z. B. Pigassovs, 
seiner Randglossen, Erzählungen und wirksamen Episoden, z. B. 
des »Studentenzirkels« mit seinem miserablen Tee und den 
enthusiastischen, endlosen Debatten, war nur ein mäfsiger. 

Den gröfsten Erfolg erzielte das »Adelsnest«, trotzdem der 
Gang der Erzählung durch die Familienporträts zu Anfang, ais- 
hätte er Zolas Vererbungstheorie vorwegnehmen wollen, sehr 
verzögert wird. Die Porträts selbst, noch aus dem XVIII. Jahr- 
hundert und der Alexandrinischen Zeit , sind dafür sehr inter- 
essant, wie z. B. der Anglomane nach dem 14. Dezember zu 

21* 



— 324 — 

russischen Bräuchen und zu dem Respekt vor dem Herrn Ispravnik 
zurückkehrt; dazu der gute, redliche, einfache Lavrezkij; derDemo- 
sthenes von Poltava, Michalevic- , ein Ableger von Rudin; der 
»Westler« Panschin, die Dummheit und Arroganz selber. Der 
Autor scheint ganz im slawophilen Fahrwasser zu segeln , aber 
er begnügt sich mit blofser Behauptung, dafs Lavrezkij den Hohl- 
kopf widerlegt hätte, und faselt selbst ä la Chomiakov von der 
notwendigen, demütigen Erniedrigung vor und Anerkennung 
von nationaler Wahrheit. Sie bilden die Herrengalerie. Unter 
den Frauen ragt Lisa hervor, die alle die Tugenden hat, die 
den Männern fehlen: das lebhafte Pflichtgefühl, die Scheu, 
irgendwen zu verletzen, Zartheit, Güte, Sanftmut, die m5^stische 
Liebe Gottes. Nun wird zum ersten Male ihre innere Ruhe auf- 
gestört. Der schweren unverschuldeten Enttäuschung- hält sie 
nicht stand und geht ins Kloster. Ein ergreifendes Bild, und 
nicht minder ergreifend ist Lavrezkij, da er das jugendliche 
Treiben in dem ihm jetzt ganz entfremdeten Haus segnet und 
verläfst: »Sei gegrüfst, vereinsamtes Alter, brenne aus, unnützes 
Leben!« Ein wunderbar vollendetes Gemälde altadligen Land- 
hauslebens, bis auf die Erzählungen des alten Anton von den 
unsinnig billigen Zeiten und den Herren , über die es kein Ge- 
richt gab. Keine Tendenz — denn der Panschinscherz ist nicht 
ernst zu nehmen — entstellt die so objektiv -ruhige und daher 
desto rührendere Erzählung von zerschelltem Glück, vereitelten 
Hoffnungen, gebrochenen Herzen, Turgeniev stand auf der 
Höhe seines Ruhmes; sein feinsinniger Beurteiler, Annenkov, 
meinte nur — irrtümlich, wie die Folge zeigte — dafs er die 
Stimmung, die auch die vorhergegangenen Werke eingegeben 
hatte, jetzt bis zimi letzten Tropfen erschöpft hätte, dafs er mit 
dem »Adelsnest« für immer sich befreite von den Bildern und 
Vorstellungen, die ihn jahrelang beunruhigt hätten. 

»Am Vorabende« bewegte sich entschieden in niedersteigender 
Linie. Ein ideales russisches Mädchen erkennt die Unbedeutend- 
heit ihrer Verehrer, eines Künstlers, Professors, Beamten und 
opfert sich einem Fremden und einer fremden Sache, dem Bul- 
garen Insarov am Vorabende geplanter Befreiung seines Bul- 
garien. Warum, sagt uns Schubin, der Künstler: »Wir haben 
noch niemanden, keinen Menschen, wohin man auch blickt; alle 
sind entweder Kleinkram, Nager, Hamletlein, Selbstzehrer oder 



— 325 — 

unterirdisches Dunkel und Öde oder Umgielser aus dem Inhalts- 
losen ins Leere, Wasserstofser, Trommelklötze, und auch solche 
kommen noch vor; sie haben sich bis zur blamierendsten Fein- 
heit ausstudiert, fühlen unaufhörlich den Puls jedem ihrer Ge- 
fühlchen und erstatten sich selbst Bericht: ,Sieh da, was ich 
fühle, sieh da, was ich denke' . . . Wann wird denn unsere Zeit 
kommen? Wann werden bei uns endlich Menschen geboren ?'c 
In der Wiederholung dieser Frage an die elementare, die Schwarz- 
erdkraft Uvar klingt der »Roman« aus. Der Pessimismus war 
unbegründet; die Russen, die an der Befreiung ihres eigenen 
Vaterlandes, nicht des wildfremden Bulgarien arbeiteten, waren 
schon geboren , er konnte sie schon um Bielinskij und Petra- 
schevskij 1848 und konnte sie 1862 unter den Offizieren sogar, 
Potebnia z. B., finden. In diesem Falle freilich hätte er seinen 
Roman in der Londoner freien Druckerei und im strengsten 
Inkognito herausgeben müssen. Er wählte einen phantastischen 
Bulgaren, eine Strohpuppe, weil er bei jedem anderen, z. B. bei 
einem Polen, der doch unendlich wahrscheinlicher wäre, einem 
der Studenten der Moskauer Universität, in den Kampf mit dem 
Zensurdrachen geraten wäre. Wie aus der Pariser und Badener 
Entfernung sein Pessimismus, d. h. das Mifstrauen in Rufslands 
Kräfte, immer gröfser wurde, zeigte sein Kleinmut 1876 und 1877 
zu Genüge. 

Die Scharte des »Vorabendsc — nur der radikale Dobro- 
lubov war entzückt, weil er mit dem Roman in der Hand den 
Beweis lieferte , dafs Rufsland keine modernen Menschen habe, 
die es brauche — sollten »Väter und Söhne« auswetzen. Ein 
Werk von unvergänglicher Schönheit, interessant von den ersten 
Worten an , mit ihrer wunderbaren Einführung in medias res 
ohne die langwierigen Expositionen, bis zu den letzten Blättern, 
den tragischesten, die er je geschrieben, zu dem erschütternden 
Todeskampfe seines Helden und der stillen, resignierten Vei"- 
zweiflung seines Elternpaares, Baucis und Philemon, dieser ein- 
fachsten aller Menschen, gegen die die Salonlöwin Odinzova und 
der Salonlöwe Kirsanov doch nur Boviste sind. Über dem Misch- 
masch einfacher und komplizierter, gutmütiger und tyrannischer, 
schwacher und willensstarker, vernünftiger und hohlköpfiger Ge- 
stalten ragt Basarov , der einzige Kraftmensch , den er ausführ- 
licher geschildert hat, weit empor, der harte, echte, von dem 



— 326 — 

man nichts zu denken hat, aber dem man gehorchen oder ihn 
hassen mufs, der seine hohe Meinung von sich selbst erst dann 
ändern wird, wenn er auf einen stöfst, der nicht vor ihm »passen« 
(zurücktreten) mufste. Mit bewulster AbsichtHchkeit hat Turgeniev 
seinen Helden aus einem Kleinbürger gezimmert. Kein Edel- 
mann wäre zu einer solchen Rolle fähig, in dem ja sein »barstvo«, 
sein Herrentum , d. i. die Angewöhnung an das Leben gratis 
und in dulci jubilo auf Kosten der Leibeigenenschinderei, jeden 
Tätigkeitssinn atrophiert hat und der jetzt schon seit anderthalb 
Jahrhunderten auch geistig nur auf fremde Kosten lebte — das 
Ausland lieferte Ideen, Wissenspröbchen und dgl. nach Bedarf — 
und vom Volke so vollständig entfremdet ist, dafs, wenn er sich 
des Bauern auch hätte annehmen wollen, dieser für ihn nur der 
;> unbekannte Fremde aus den Radclif feschen Romanen« geblieben 
wäre. Immer wieder betont Basarov vor dem jungen Kirsanov, 
der in unbegrenzter Verehrung zu ihm aufblickt, dafs er seines 
Adels wegen der weichliche, der Siropmensch bleiben müsse, 
der sich an Puschkin begeistere, auf der Gitarre klimpere und 
Mädchen nachstelle, ganz wie sein Vater es getan; daran 
ändern auch die Büchnersche Broschüre und die Voigt und Mole- 
schott nichts. 

Das ist auch der einzige Roman, in dem die Frauen vor 
den Männern :> passen«. Turgeniev verficht sonst das strikte 
Gegenteil; noch seinen vSsolomin in »Neuland« läfst er ja sagen: 
»Ihr alle, russische Frauen, seid höher und tatkräftiger als wir 
Männer,« und wie hoch stehen sonst seine Frauengestalten über 
allen den »talentierten« Männern, Maria über Veretjev (in »Ein- 
samkeit«), Marianna überRudin, Asia über den Seladon, Helena über 
Schubin und Genossen, Lisa über Lavrezkij usw., diese Frauen 
ohne Egoismus, denen schon die Schwingen gewachsen sind, ohne 
dafs sie noch wissen, wohin ihr Flug gehen soll; diejenigen, 
denen sie sich blind anvertrauen möchten, wissen dies noch viel 
weniger. Statt eines phantastischen Ausländers zeigt er uns 
einen realen Russen, einen Mann, dessen einziges Prinzip ist, 
keinerlei Prinzip zu haben, der alles leugnet, dem die ganze 
Kunst, Rafael und Puschkin, nicht einen Groschen wert ist, den 
nur das Experiment eines Tatsächlichen belehrt, dem alle Ab- 
straktionen, Wissenschaft und dgl. ein Greuel sind, der das 
Naturgefühl leugnet — die Natur ist kein Tempel, ist eine Werk- 



— 327 — 

statt — , mit einem Wort einen »Nihilisten«, der zum ersten Male 
seinen siegreichen Einzug in die russische Litteratur feierte. Ja, 
Turgeniev hat als erster diesen längst vor ihm für andere Be- 
ziehungen geprägten Namen in diesem Sinne angewendet und, 
ohne zu wollen, der Reaktion eine Handhabe förmlich für die 
Hetzjagd unter diesem Namen geliefert. 

»In der dunklen, siebenjährigen Nacht (1848—1855) hatte 
sich entwickelt und war erstarkt dieser Gedankenzuschnitt und 
Griff, diese Logik ohne Struktur, dieses Wissen ohne Dogma, 
diese unbedingte Ergebenheit der Erfahrung, dieses Hinnehmen 
ohne Murren aller ihrer Folgen. Der Nihilismus wandelt nicht 
irgend etwas zu nichts, er beweist nur, dafs »Nichts«, für »Et- 
was« genommen, eine optische Täuschung ist; dafs jede Wahr- 
heit gesünder ist als alle phantastischen Vorstellungen — dagegen 
hätte Puschkin protestiert; dafs sie jeden verpflichtet. Wer 
dagegen unter Nihilismus die Umwandlung von Tatsachen und 
Gedanken in »Nichts«, in fruchtlose Skeptik, in dünkelhaftes 
Händefalten auf dem Schofs, in zur Tatenlosigkeit führende Ver- 
zweiflung versteht, dann gehört nicht hierher der eigentliche 
Nihilist, und der gröfste Nihilist wird dann Turgeniev selbst und 
sein Liebling Schopenhauer sein« (Herzen). In der Tat gesteht 
Basarov: »Früher, vor nicht langer Zeit noch, sprachen wir 
darüber, dafs unsere Beamten bestechlich sind, dafs wir keine 
Strafsen, Handel, ordentlichen Gerichte haben. Schliefslich haben 
wir eingesehen, dafs schwätzen, immer nur schwätzen von unseren 
Wunden, nicht der Mühe wert ist, nur zu Flachheit und Doktri- 
narismus führt. Wir sahen ein, dafs auch unsere Klüglinge, die 
sogenannten Fortschrittsmänner und Ankläger, zu nichts taugen, 
dafs wir uns mit Possen abmühen, von Kunst, unbewufstem 
Schaffen, Parlamentarismus, Advokatur und weifs der Teufel was 
noch alles faseln, während es sich bei uns um das tägliche Brot 
handelt, wir im rohesten Aberglauben ersticken, unsere Aktien- 
gesellschaften nur aus Mangel an rechtschaffenen Menschen 
platzen, die Freiheit selbst, ,um die unsere Regierung sorgt' 
(Zensuireverenz) uns keinen Nutzen bringen wird, weil unser 
Bauer am liebsten sich selbst bestehlen möchte, um nur das Gift 
in der Schenke schlürfen zu können.« Basarov ist nicht Nihilist, 
er ist Revolutionär, und mit Recht forderte ihn Herzen auf, nach 
London zu kommen. Es gab auch noch einen anderen Ausweg 



— 328 — 

für ihn, die Wissenschaft, die noch mehr als das Evangelium 
Demut lehrt, die kein »von oben herab kennt, nichts verachtet, 
nie der Rolle wegen lügt noch aus Koketterie etwas verbirgt, 
die vor den Tatsachen uns stehen läfst, wie ein Forscher, manch- 
mal wie ein Arzt, nie wie ein Henker, noch weniger mit Feind- 
schaft und Ironie; Wissenschaft ist Liebe« (Herzen). Turgeniev 
zog es vor, seinen Helden zu töten; er war in ihn wie verliebt, 
teilte bis auf die Kunst alle seine Meinungen: »Zeigen Sie mir 
eine einzige Einrichtung in unserem zeitgenössischen Leben, im 
Familienleben oder im sozialen, die nicht unbedingte und schonungs- 
lose Verneinung hervorriefe. Wir reifsen nieder, wir müssen 
zuerst den Boden reinmachen.« Er führte sogar für sich ein 
Tagebuch im Basarovschen Geiste. Basarov ist das Gegenstück 
zu Rudin, dem Helden der Phrase, aber sie sind Zeitgenossen; 
es gibt auch sonst Beziehungen zwischen den beiden Romanen. 
Den Basarov lieben oder wenigstens respektieren alle , auch die 
Kleinen, obwohl er niemanden streichelt, barsch auftritt; der 
Instinkt der Kraft zieht sogar die blasierte Odinzova für einen 
Augenblick an ; aber die Naturen sind allzusehr entgegengesetzt, 
als dafs der blofse Reiz der Neuheit die Kluft, die die Weltdame 
vom Plebejer trennt, überbrücken könnte. Basarov läfst sich 
zwar von den Sinnen fortreifsen, der Sprung milsglückt, aber er 
ist ruhig. »Ich habe mich selbst nicht angebrochen, da wird mich 
auch kein Weibsbild brechen.« Liebe ist ja nur ein äufserliches 
Gefühl ; aber er ist kein Kostverächter, er küfst gleich hinterher 
die Fenißka, man erbeutet stets etwas. In diesem Verhältnis zur 
Odinzova, das durch die Brüskierung zur Trennung führt, zeigen 
sich uns die menschlichen Schwächen dieses Übermenschen. Und 
auf dem Sterbelager, als den kräftigen Organismus das tückische 
Fieber überwunden hat, da wird auch er für Augenblicke der 
Rührung, der »Romantik, dem Syrop« zugänglich, die er sonst 
stets von sich wies, die ihm auf seinem bitteren, rauhen Einzel- 
gang durchs Leben nichts nützen könnten. 

Der Titel war etwas iiTeführend. Es handelte sich ja um 
keinen Gegensatz zwischen Generationen, zwischen Vätern und 
Söhnen. Kirsanov Sohn gehört zu Kirsanov Vater; es trennt 
sich daher für immer von ihm Basarov, der Mann nicht der 
neuen Generation , die rein chronologisch auf die ältere folgt, 
andere Hüte nur und Handschuhe trägt, sondern einer der neuen 



— 329 — 

Menschen, die für Vergangenheit und Umgebung im besten Falle 
nur ein mitleidiges Achselzucken haben: »Kirsanov Sohn hat ja 
weder Frechheit noch Bosheit, seinesgleichen wird nicht heraus- 
kommen über wohlgeborene Demut oder wohlgeborene Ent- 
rüstung, beides sind Possen ; wir wollen kämpfen, ihr euch selbst 
schelten, wir andere schelten und brechen, du bleibst doch nur 
das weiche, liberale Herrnsöhnchen.« Auch die Datierung war 
falsch. Es wurden allerneueste Termini (»Ankläger« nach 1856), 
die Büchnersche Broschüre genannt, als ob die Sache 1861 oder 
1862 sich abspielte. Statt dieser Allusionen wäre als Datum etwa 
1852 zu erwählen; ist doch fürs »Adelsnest« ganz überflüssig 
1842 angegeben. Es gab schon 1852 Basarovs in Rufsland, 
mochte er auch einen solchen Arzt erst viel später kennen lernen; 
das frühere Datum hätte eine Menge Mifsverständnisse gar nicht 
aufkommen lassen. So rächte sich die Sucht nach dem Aktuellen. 
Es geschah nämlich eines der russischen Wunder, die für 
den Europäer einfach unbegreiflich sind. Diesen Basarov, diesen 
Helden, der so hoch über das umgebende Geschmeifs der Kir- 
sanovs usw. tritt, viel höher noch als etwa Rudin über seine 
Umgebung, dessen Gegner, der Tory Kirsanov, so unverzeihlich 
lächerlich gemacht wird, fafste der russische Fortschritt als 
Lästerung, Verleumdung seiner selbst auf und hat die imposanteste, 
einzige männliche Figur, die Turgeniev je geschaffen, bis heute 
nicht verziehen. Während Katkov, in dessen »Boten« der Roman 
erschien, über die Apotheose des Nihilisten schimpfte, schimpften 
die Antonovie usw., dafs er die neue Generation mit Kot be- 
worfen, sich boshaft an Dobrolubov für ungünstige Kritik ge- 
rächt (Dobrolubov sollte Basarov sein !) , eine Karikatur auf die 
Jugend von heute geschaffen hätte. Vergebens protestierte er 
im Namen seines »Lieblingskindes« : »Mein Roman war gegen 
den Adel als führende Klasse gerichtet, ästhetisches Fühlen liefs 
mich ihm gute Vertreter entnehmen, nur um beweisen zu können, 
dafs, wenn die Sahne so ist (schwach, schlaff, beschränkt), wie 
dann erst die Milch? Aus Basarov wollte ich eine tragische 
Gestalt machen; mir schwebte vor eine düstere, wilde, grofse 
Gestalt, halb herausgewachsen aus dem Boden, eine kräftige, 
erboste, ehrliche, und die doch zum Untergange verurteilt war, 
die erst in der Vorhalle der Zukunft steht; hätte ich unter die 
,Väter' Schinder aufgenommen . so wäre dies roh und ungenau. 



— 330 — 

Alle wahrhaften Verneiner (er meidet jetzt das anrüchige 
>) Nihilist«), die ich kannte, Bielinskij, Bakunin, Herzen, Dobrolubov, 
stammten von guten und ehrbaren Eltern; dies benimmt ihnen 
jeglichen Schein persönlichen Unwillens, Gereiztseins.« Die 
Jugend hatte anderes erwartet, eine Idealgestalt, einen Ritter 
ohne Furcht und Tadel, vor dem etwa die stolze, schöne, reiche 
Odinzova, eine müfsig-träumerische, kalt-neugierige Adelige, so- 
fort zu Füfsen gefallen wäre, dem das Leichengift nichts hätte 
anhaben können! So verwirrte den :>Fortschritt« das redliche, 
streng objektive Verhalten des Künstlers, die Wahrheit statt 
jeglicher Phantastik, Übrigens war es gar nicht seine i\rt, ideale 
Helden zu zeichnen. Auch im »Rudin« zog er es vor, die eigent- 
liche Idealgestalt blofs anzudeuten, Pokrovskij, d. i. Bielinskij: 
»Wenn man von ihm einmal zu sprechen begann, verging 
jede Lust , von einem anderen noch zu sprechen ; diese hohe, 
reine Seele, ihre Poesie und Wahrhaftigkeit zog alle an; 
bei dem klaren , weiten Verstände war er lieb wie ein Kind 
— dieser arme Student, der sich mühsam mit Lektionen durch- 
quälte.« 

So bekam seine Popularität 1862 einen Stofs, von dem sie 
sich nie wieder recht erholt hat. Er war zwischen Hammer und 
Ambofs geraten, galt den einen als Nihilist, den anderen fast 
als Denunziant. Der Verletzte gab sich das Wort, sich zurück- 
zuziehen; vgl. das vom tiefsten Pessimismus zeugende »Genug«, 
worauf noch der alte Fürst Odojevskij mit einem scharfen »Nicht 
genug« reagierte. Er hat diesen Vorsatz noch öfters gefafst. 
Mit dem »Rauch« verbesserte er jedenfalls seine Position nicht. 
Es lag ihm wohl auf dem Herzen , dafs er seinem westlerischen 
Groll gegen jeglichen Chauvinismus nicht Luft gemacht hatte, 
dafs er nur seinen Affen Panschin den Katechismus 'der Westler hatte 
predigen lassen : »Rufsland mufs Europa einholen , hat selbst 
nichts erfunden , nicht einmal eine Mäusefalle , wie Chomiakov 
selbst zugeben mufs; es mufs daher entlehnen. Wir sind krank, 
aber nur, weil wir nur zur Hälfte Europäer geworden sind ; wo- 
mit wir uns verletzt haben, das mufs uns auch heilen. Alle 
Völker sind im Grunde einerlei, man führe nur gute Einrichtungen 
ein, und die Sache ist fertig« usw. Jetzt wählte er sich einen 
gescheiten , aber galligen Interlokutor , seinen Westler Potugin 
(aber Pigassov im :)Rudin« einst war viel amüsanter gewesen!), 



oOi 

der höchstens darin den Russen verrät, dafs er von sich die alier- 
schlechteste Meinung hat, was ja Basarov gerade als dessen 
Vorzug bezeichnet hatte. Und nun schimpft Potugin auf alles 
Russische, dafs Turgeniev ihn einmal selbst entschuldigen mufs, 
er wäre eben in der misanthropischesten Stimmung, und alles 
erschiene ihm in überaus häfslicher Gestalt; aber die »Staatsmänner«, 
die in Baden-Baden Roulette und Kokotten belagern, und die 
aus Heidelberg herüberkommenden Studenten, mit ihrem Orakel 
Gubarev (angeblich Ogarev, Herzens Freund, was natürlich barer 
Blödsinn ist) und dem sogar über russische Gänse sich enthusias- 
mierenden Bambajev, machen Potugins Auslassungen alle Ehre. 
Wie die Zuhörer in jener Matinee in den »Dämonen« vor Freude 
wiehern, dafs Rufsland vor der ganzen Öffentlichkeit entehrt 
wird, eines solchen Gefühles bezichtete man jetzt ihn, verfolgte 
ihn mit Epigrammen, belegte ihn mit Vorwürfen. 

Grofse Hoffnung setzte er auf seinen letzten Roman »Neu- 
land«. Aber hatten sich Cem3'schevskij und sogar Herzen (unter 
dem ersten Eindrucke, später berichtigte er seine Meinung — 
ihre Entzweiung hatte anderen Grund), von Basarov abgewandt, 
so erkannten sich diejenigen, die ins Volk gingen, die Propagan- 
disten, noch viel weniger im Nezdanov und Ssolomin. Hatte er 
in »Väter und Söhne« die Konservativen, d. i. »unser reaktio- 
näres Gesindel«, anständig behandelt, so trug er jetzt die Farben 
möglichst grell auf. Die Frau des Sipiagin ist eine sehr ver- 
schlechterte Odinzova, und gegen Kalomiejzev, der sich nur zu 
den Prinzipien »Röderer und Knute« bekennt, dem Popen die 
Hand küfst, gegen Prefsfreiheit und Semstwos nach der löblichen 
Polizei schreit, war Paul Kirsanov eine Lichtgestalt. Unter den 
Revolutionären finden wir Enthusiasmus und Fanatismus, aber 
keine Vernunft ; sie rennen blind ins Verderben. Die Maschurina 
allein macht realen Eindruck, die anderen sind erklügelt, keiner 
ist gesehen-, es fehlt natürlich nicht der obligate Spötter. Der 
Pigassov oder Potugin heifst jetzt Paklin; in ihm stauen sich 
verschiedene Betrachtungen, Ersinnungen, Erfindungen, lächer- 
liche oder spöttische Bemerkungen, wie Wasser an der ver- 
schlossenen Mühle, und nun öffnen sich die Schleusen, und nie- 
mand und nichts bleibt verschont. Im Mittelpunkte steht das 
Paar Nezdanov-Marianna , die es bei der Sipiagina so schlecht 
hat und mit ihm entläuft. Der » Morgen <' ihrer Flucht ist eine 



— 332 — 

Perle beschreibender Dichtung, aber Nezdanov ist wieder »Mann 
der vierziger Jahre«, Beltov oder Rudin, der an nichts, am 
wenigsten an sich selbst glaubt — der einzige Fortschritt besteht 
darin, dafs er dies sich selbst eingesteht und daher freiwillig aus 
dem Leben scheidet, um nicht für andere die hemmende Kette 
zu bleiben. Nicht nur mit seiner eigenen Willenlosigkeit und 
Schwäche, Turgeniev stattet ihn noch mit anderen eigenen Eigen- 
tümlichkeiten aus; er hat schon Basarov Sachen in den Mund 
gelegt, die nur ein Turgeniev, nie ein Basarov hat denken können, 
jetzt wird er mit derlei noch freigiebiger. Und auch Marianna 
kennen wir schon; bei Rudin führte sie sogar denselben Namen, 
bei Insarov hiefs sie Helena ; sie hat sich in Nezdanov getäuscht, 
hat ihn für einen echten Mann gehalten und findet bald, wie 
tief er unter ihr steht; sie wird daher ohne viel Besinnen über 
seinen Leichnam die Hand dem Ssolomin reichen. Der eigent- 
liche Held ist nämlich Ssolomin. Turgeniev hat diesmal nicht 
der Versuchung widerstanden, eine Idealgestalt zu schaffen, den 
praktischen, energischen, zielbewufsten , tätigen Nihilisten, der 
nicht seine grofsen Anlagen vergeuden wird in hirnlosen Unter- 
nehmungen — natürlich ist er ein Mann aus dem Volke, wie 
Basarov es war. Wir müssen aufs Wort glauben, dafs Ssolomin 
ein solches russisches Meerwunder ist. Im Roman selbst sehen 
wir ihn bei keiner Arbeit, aus der wir seine Eigenschaften be- 
urteilen könnten ; dafs er mit den Zielen der Nihilisten sympathi- 
siert, den eigenen Kopf nicht riskiert und Marianna liebt — 
mehr können wir nicht konstatieren. Köstliche Charge ist z. B. 
das Nihilistenmal beim Kaufmann Goluschkin ; höchst überflüssig 
dagegen die beiden verstaubten Raritätenfigürchen des XVIII. Jahr- 
hunderts, Fomuschka und Fimuschka, eine Marotte des Dichters. 
Auf andere Einzelheiten , wie stark z. B. der Roman und gar 
nicht zu seinem Vorteil an Cernyschevskijs »Was tun« erinnerte, 
gehen wir nicht ein. Der Versuch, um jeden Preis sich auf der 
Höhe der Zeit und aller ihrer Interessen zu erweisen, war voll- 
ständig mifslungen. Es war kein freies Schaffen aus dem Realen 
und Vollen, aus der Natur selbst, sondern erquälte Verstandesarbeit 
nach papiernen Vorbildern und Schablonen, doppelt auffällig für 
den Künstler, der nach eigenem Geständnis nie von einer Idee, 
sondern immer nur von konkreten Persönlichkeiten ausgehen 
konnte; so ist z. B. noch in seiner letzten Novelle, Klara Militsch, 



— 333 — 

die Künstlerin selbst Katerina Milovidova gewesen, und der 
Typus des Aratov hatte sich in seinem Gedächtnis seit seiner 
Jugendzeit erhalten. Der Mifserfolg des Romans war ein totaler, 
der Dichter kehrte seitdem für immer zu seinen Novellen und 
»Gedichten in Prosa«, von denen nur ein Teil veröffentlicht ward, 
die mit persönlichen Beziehungen sind meist einbehalten worden, 
zurück. Die Meisterschaft seines Stiles, die Tiefe und Schärfe 
seines psychologischen Blickes hatte er sich gewahrt, doch ver- 
ändern sie nichts am geistigen Profil des Künstlers. 

Ein ungleich gröfserer als er hat ihn in einer sehr unedlen 
Aufwallung schonungslos verhöhnt : jeden einzelnen Zug des 
Menschen hat er richtig erfafst, nur über alle Mafsen verzerrt, 
die wahren Verdienste des Künstlers verschwiegen. Niemand 
hat so wie er die russische Gentry in ihrem Wesen, in den 
Einflüssen, denen sie im raschen Wandel der Zeiten ausgesetzt 
war, in ihren guten und schlimmen Eigenschaften, sowie den 
landschaftlichen Hintergrund ihres Lebens in vollen, weichen 
Bildern, von klassischer Einfachheit, mit vollster Realität, voll- 
endeter Kunst wiedergegeben; er legte Zeugnis ab für ganze 
Geschlechter und Verhältnisse. Das Ideal, dem er nie untreu 
geworden ist, ist das der Humanität gewesen; ein Liberaler 
alten Zuschnittes, aus der vormärzlichen Zeit, im englischen, 
dynastischen Sinne, ein prinzipieller Gegner aller Revolutionen, 
trotz seines zeitweiligen Anschlusses an Herzen oder die Nihilisten. 
Ein überzeugter Verehrer der Kunst, der Notwendigkeit der 
Poesie, daher seine Bewunderung Puschkins; unbeirrt um die 
Losungen des Tages opferte er an ihren Altären. Als Mensch 
(was uns nichts angeht) und Künstler war er nicht frei von 
gewissen Schwächen und Einseitigkeiten — sein Werk ist ein 
gesundes, weil hoch künstlerisches. 

Dieselben Menschen und Zeiten, manchmal mit gleichen 
Anachronismen, daher auch mit gleichen Mifsverständnissen, 
behandelte sein älterer Zeitgenosse Goncarov. Auch er ging 
nicht heraus über die »vierziger Jahre«, und wo er dies ver- 
suchte, wie bei Volochov im »Abgrund«, erlitt er ein Fiasko. 
Goncarov stammt zwar im Gegensatze zu Turgeniev aus einem 
wohlhabenden Kaufmannshause, wo mit den alten Vorurteilen 
und der Bildungslosigkeit aufgeräumt war; aber es lebte sich 
in der stillen Provinzstadt an der Wolga ganz wie auf dem 



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Lande: diese hölzernen Hiiuser und Häuschen mit ihren Gärtchen, 
umgeben von Gräben mit dichten Nesseln und Wermut, endlose 
Zäune, Totenstille auf den mit Staubmustern ausgelegten Strafsen ; 
man hört es, wenn eine Werst weit jemand fährt oder der 
Fufsgänger mit den Stiefeki auf dem Holzpflaster mit den 
fehlenden Brettern aufstiefs; selbst möchte man schlafen, sah 
man diese schläfrigen Fenster mit den heruntergelassenen Vor- 
hängen nnd diese schläfrigen Physiognomien daheim und draufsen. 
Aus dieser Stille, die wohl mit der eines Edelhofes wetteifern 
konnte, rissen die Erzählungen des einstigen Seeoffiziers den 
Knaben in weite Länder. Die Studien in Moskau und die amtliche 
Karriere lösten ihn dann von der Vaterstadt vollends. Von 
seinem Beamtentum ist »Pünktlichkeit und Mafshalten<: , ja 
Pedanterie haften geblieben am Schriftsteller und seinen streng- 
konservativen Idealen. Ohne den Seeoffizier wäre er vielleicht 
gar nicht zu der Seereise um die Welt angeregt worden, die er 
auf der Fregatte »Pallada« mitmachte und in Briefen beschrieb, 
eines der besten Reisewerke in der russischen Litteratur: die 
Anschaulichkeit der Schilderung des bunten orientalischen Treibens, 
namentlich auch im Japan vor der Reform, der Humor, der diese 
Schilderungen wohltuend würzt, die interessanten Landschaften 
und Menschen, das auch unter der tropischen Zone sich gleich- 
bleibende Russentum, der lebhafte Anteil des Erzählers an dem 
kleinsten, bis zu den Schiffskatzen, Köchen und Matrosen, sichern 
den Briefen dauerndes Interesse. 

Ganz im Gegensatze zu dem Vielschreiber Turgeniev ist 
Goncarov einer der unfruchtbarsten, die es je gegeben hat. Er 
hat in fünfundvierzigjähriger litterarischer Tätigkeit nur drei 
Sujets, auf die er 1844 — 1849 gestofsen war, verarbeitet. Breite 
ersetzt, was an Zahl abgeht. Ein oft entsetzliches Sichgehen- 
lassen zeigt uns den unverfälschten Russen im strikten Gegen- 
satze zu dem russischen Flaubert, der gerade in seiner Be- 
schränkung seine Triumphe feiert. Während bei dem Land- 
edelmann Turgeniev die Stadt gar nicht hereinspielt, verpflanzt 
Goncarov seine Gentry nach Petersburg und entwickelt das 
Problem , ob die Stadt und Karriere , oder ob die ursprüngliche 
Anlage des Charakters obsiegen werden. Die »Gewöhnliche 
Geschichte«: gibt die eine, »Oblomov« die entgegengesetzte Lösung, 
und der »Abgrund« eine Art Synthese, d. h. keine Lösung. In 



— 335 — 

der gewöhnlichen Geschichte von dem jungen Adujev, gedruckt 
1847, lernen wir den Romantiker aus der Provinz kennen, der 
in Petersburg mit dem Kopf voll Poesie, Liebe und Freundschaft 
ankommt und dem sein Onkel, der ältere Adujev, die kranken 
Zähne reifst. Die Operation ist schmerzhaft, wird gut über- 
standen, Ersatz geschaffen, und mit tadellosem Gebifs setzt sich 
der Neffe an den reichen Tisch des Petersburger Beamtenlebens, 
schreibt, doch keine Gedichte, liebt und heiratet, aber nach 
sorgfältigster Erkundigung über Mitgift und Konnexionen, und 
sein Programm ist: aus einem Staatsrat ein Wirklicher Staats- 
rat zu werden, zuletzt Geheimrat, für langwierige und nützliche 
Dienste und rastlose Mühen, endlich Anker zu werfen im Hafen 
irgendeiner unverweslichen Kommission oder Komitee mit der 
Bewahrung der vollen Pension , und dann mag der Menschen- 
ozean stürmen, das Jahrhundert sich ändern, Völker und Staaten 
in den Abgrund des Schicksals rollen, alles geht ruhig an ihm 
vorbei, bis ein Schlag- oder ein anderer Anfall seinen Lebens- 
lauf hemmt. Das Rezept war unendlich einfach: zieh, o Jugend, 
deine Träumereien aus und die Vizeuniform an I Wunderlicher- 
weise stimmt diese Rechnung des korrekten Lebenswandels an 
einem Punkte nicht ganz; eine Kleinigkeit, der Autor verweilt 
nicht bei ihr, deutet sie nur an; sie reicht aber aus, um die 
ganze Rechnung über den Haufen zu werfen. 

Der Mentor unseres Telemach und dieser Education anti- 
sentimentale ist nämlich auch verheiratet, sehr gut verheiratet. 
Er unterweist den Neffen, wie man — nicht nach Liebe allein, die 
ja vergeht, sondern m i t Berechnung, nicht nur aus Berechnung 
— heiraten soll; man müsse dann seine Frau tüchtig in Schule 
nehmen, sie wie in einen magischen Kreis stellen, ihren Willen 
und Geist, ohne dafs sie es merkt, sich unterwerfen. Dieselbe 
Methode pries gleichzeitig Druzinin in der »Pauline Saks« an. 
Was kommt nun dabei heraus ? Etwa dasselbe, was Dostojevskij 
als Produkt langjähriger Einzelhaft (Zellensystem) ausweist : diese 
saugt den Lebenssaft aus dem Menschen, entnervt seine Seele, 
schwächt und schüchtert sie ein und produziert eine moralisch 
ausgetrocknete Mumie, einen Halbverrückten als Muster der 
Besserung und Reue. So ungefähr ist die Frau Geheimrat, er- 
schöpft, apathisch gegen alles, und obwohl ihr nichts fehlt, ge- 
fährlich krank. Und diese Erwähnung, die nur wie in Un- 



— 336 — 

achtsamkeit entschlüpft zu sein scheint, ist beileibe nicht zu- 
fällig — wir werden ihr gleich wieder begegnen. 

Hatte bei Adujev Petersburg über Oblomovka glänzend gesiegt, 
so unterlag es fatal bei Oblomov. Die wunderbarste Szene des 
Romans war bereits 1849 gedruckt, der ganze erschien erst 1858 
und bildete die Sensation des Jahres. Die Sensation wie der 
Roman selbst waren nur in Rufsland möglich- vier Bände von 
einem Helden vollzuschreiben, dessen ganzes Heldentum im Liegen 
auf dem Sofa, in solch absoluter Faulheit besteht, dafs er sich 
lieber der Gefahr aussetzt, von der herabfallenden Decke er- 
schlagen zu werden, um nur ja nicht die Wohnung wechseln 
zu müssen ; von einem Helden , den der Freund , den seine Ge- 
liebte dieser Untätigkeit zu entreifsen versuchen, doch mifslingt 
schliefslich der Versuch ; von einem Helden , der sich zuletzt 
das ungestörte Weiterliegen auf dem Sofa durch das Heiraten 
mit seiner tüchtigen, gewissenhaften, besorgten Wirtschafterin 
gegen alle Attentate sichert — dazu gehört wirklich Kunst. Aufser 
der grofsen, sympathischen Kunst war das Typische des Falles — 
in jedem Russen steckt Oblomov, wie soll man ihn überwinden ? — 
entscheidend für den sensationellen Erfolg. Der Verfasser deckt 
die ganze moralische Struktur seines Helden auf, geht bis in die 
früheste Jugend zurück, läfst ihn auf seinem Sofa den berühmten 
»Oblomovkatraum« träumen, die vollendetste Verkörperung der 
Langeweile selbst, wie sie aus allen Ecken hervorkriecht und 
die Menschen und ihr Tun belegt; wir sind im Reiche des 
Gähnens, der Taten- und Sorglosigkeit auf dem Edelhofe, wie 
sie eben die Leibeigenschaft ermöglicht hatte, der absoluten 
Ruhe und Untätigkeit. Diese wird ja zeitweise durch verschiedene 
Widerwärtigkeiten, Krankheit, Tod, Arbeit, Frozefs u. dgl. ge- 
trübt, aber auch diesen Sorgen tritt man mit stoischer Un- 
beweglichkeit entgegen, und sie fliegen wirklich vorbei, nachdem 
sie eine Zeitlang über den Köpfen geschwirrt haben, wie Vögel 
an einer glatten Wand, da sie kein Plätzchen zum Anschmiegen 
finden, mit den Flügeln an den harten, glatten Stein vergebens 
schlagen und schliefslich weiter fliegen. 

Aus solchem Milieu ist Oblomov, Erbe von dreihundert- 
fünfzig Seelen irgendwo schon in der Nähe von Asien, nach 
Petersburg als Kollegiensekretär vor zwölf Jahren gekommen. 
Aus der Universität hatte er den Kopf mitgebracht wie ein ver- 



— 337 — 

wickeltes Archiv toter Namen, Daten und Fakta, politisch- 
ökonomischer, mathematischer und anderer Aufgaben, Annahmen, 
Wahrheiten, eine Bibliothek von lauter einzelnen Bänden aus 
verschiedenen Wissenszweigen. Er durchschaut bald das ge- 
schäftige Nichtstun im Amte, seiner Umgebung, diese Arbeit um 
der Arbeit w^illen ohne höheres Ziel, und dafür fehlt ihm die in 
Oblomovka nicht zu ersterbende Willenskraft. So gibt er nach 
zwei Jahren schon den Dienst auf , bald auch die Beziehungen 
zur Gesellschaft, die ihn nicht freuen. Er wird nun scheu, furcht- 
sam , mifstrauisch , wittert überall Anschläge , Bosheit , Gefahr ; 
fürchtet nur nicht die Folgen des Zimmerhockens, des Sichüber- 
essens, der Risse an der Decke, führt nur noch das innere Leben 
seines humanen Herzens, seines flammenden Kopfes, wovon die 
Aufsenwelt natürlich nichts merkt. Vergebens sucht ihn sein 
Freund diesem Schlamm der Untätigkeit, in dem er täglich tiefer 
einsinkt, zu entreifsen. Dieser Freund, ein Deutschrusse, Stolz, 
ist das Muster praktischen, tätigen, tüchtigen Sinnes — der Autor 
wagte dafür keinen Stockrussen zu wählen, um nicht gegen die 
grundlegende Wahrheit der Oblomovka: »So sind sie alle!« zu 
verstofsen. Mit Recht spottete Pissarev und unterlegte dem Autor 
die Worte: »Ihr Russen schlaft alle, ihr seid so sehr vom Schlafen 
verdummt, dafs ich meinen positiven Helden unter Deutschen mir 
holen mufste, wie eure Vorfahren sich die Fürsten aus Deutsch- 
land verschrieben.« Wir nehmen an den Debatten der Freunde 
teil ; nur zu oft müssen wir Oblomov das Recht geben, z. B. wenn 
er über Geselligkeit spottet: »Da versammeln sie sich, füttern 
einer den anderen ab, ohne Freude, ohne gegenseitigen Hang, 
versammeln sich zu ihren Diners oder Soupers wie im Amte, 
ohne Lust, kühl . . . Wo bleibt hier der Mensch, wo hat er sich 
versteckt, wie hat er sich auf Kleinigkeiten ausgewechselt! sie 
schlafen ja alle, diese Neuigkeitskrämer, Kartenspieler, Ämter- 
jäger — freilich liegen sie nicht dabei auf dem Sofa, kriechen 
wie die Fliegen herum, in alltäglicher, öder Ummischung ihrer 
Tage.« Stolz's Bemerkung, dafs dies alles alt wäre, widerlegt 
den Oblomov nicht im mindesten- aber ebensowenig entschuldigen 
alle diese Wahrheiten die russische Faulheit oder die buddistische 
Nabelweisheit. 

Schliefslich gelingt auch Olga der Versuch nicht, Oblomov 
aus diesem Sumpf, aus dem er sich unter ihrem Einflüsse (die 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 22 



— 338 — 

feinsinnigsten Schilderungen im ganzen Buche) halb heraus- 
gearbeitet hatte, endgültig herauszuziehen, und sie erwählt sich 
den Vertreter von Wissen, Arbeit, Energie, wendet sich ab von 
der Verkörperung des Schlafes, Stockens, des unbeweglichen, 
toten Lebens, des Herüber kriechens aus einem Tag in den 
anderen — adieu, alte Oblomovka, du hast deine Zeit ausgelebt ! 
Ob Olga bei Stolz wirklich ihre Ideale erfüllt sehen wird ? An- 
deutungen des Dichters verraten das Gegenteil-, Dobrolubov 
hoffte, sie würde, wie Oblomov, so auch Stolz verlassen. Neben 
dem Herrn aus der guten alten Zeit sei auch der Diener nicht 
vergessen. Hatte Adujevs Jevsej in den blankgeputzten Stiefeln 
die Quelle höchsten Lebensgenusses erkannt, so ist der Sachar 
des Oblomov schon eine kompliziertere Erscheinung: störrisch, 
faul, frech, eigensinnig, unsauber, im Grunde seinem Herrn zu- 
getan, der richtige Sklave aus der Oblomovka. 

Einen Oblomov, der das Liegen auf dem Sofa mit einer im 
Grunde ebenso unfruchtbaren Vielgeschäftigkeit vertauscht, führte 
Goncarov in seinem Rajskij im j> Abgrund« vor. Der Gedanke 
des Romans war 1849 bereits gegeben, störte förmlich die Voll- 
endung des »Oblomov«, erst 1868 erschien er vollendet und kam 
viel zu spät, war bereits in der raschlebenden Gesellschaft ein 
Anachronismus, da er sich den Anschein der Aktualität gab, als 
spielte er 1868, während er die Zeichen der Zeit vor 1848 auf 
der Stirne trug. Schon dies mufste den Erfolg des Romans ein- 
schränken ; hierzu kam unerträgliche Breite, eine Gefahr, aus der 
kaum »Oblomov« intakt hervorgegangen war. Der Roman spielt 
nicht mehr in Petersburg, sondern unter der Gentry auf dem 
Lande. Sein Held ist kein Beamter mehr, sondern ein Künstler, 
vielseitig, begabt, wie der Herzensche Beltov, mit Phantasie, 
Gefühl und Verstand, ohne Anlagen zu angestrengter Tätigkeit, 
sich von den technischen Schwierigkeiten zurückstofsen lassend, 
der es daher nirgends über blofsen Dilettantismus bringen wird, 
ein »nieudacnik«, dem nichts gelingt, in der Kunst wie im Leben, 
der alles probiert, sich vorbereitet, nichts ergreift, besitzt; der 
sich stets treffend, sorgfältig analysiert, launisch und schwach 
bleibt, wie ein Kind, ohne Willen, ohne Rückgrat, das 
typische Produkt, das verzogene Herrensöhnchen aus der Leib- 
eigenschaft, mit den sieben Sonntagen in der Woche. Der Roman 
trug ursprünglich den Titel »Der Künstler«;. In der Tat ist 



Rajskij so sehr Hauptperson, dafs der Roman als Ichroman gelten 
könnte, so genau wei-den wir auf dem Laufenden erhalten über 
jede Regung und Gefühl — wir erinnern uns an die Worte von 
Schubin bei Turgeniev (»Am Vorabende). Für unseren Beltov 
bleibt dann die Vorliebe für das schöne Geschlecht gleich 
charakteristisch. Erst wollte er seine schöne Cousine, die Salon- 
dame, zu einem menschlichen, fühlenden Leben erwecken. Da 
er dies als aussichtslos aufgab, erinnerte er sich seiner Grofs- 
mutter und ihrer Enkelinnen, die ihm irgendwo bei Simbirsk sein 
Gut verwalten; er wird nun an Marfa und Viera seine Künste 
versuchen. Die Schwestern sind das Gegenstück zu den beiden 
Schwestern Larin im »Oniegin«, Marfa das Entzücken ihrer Grols- 
mutter wegen ihrer Folgsamkeit, Anstelligkeit und Geistlosigkeit 
bei dem schönen Lärvchen. Sie kann natürlich Rajskij nicht 
fesseln, desto mehr die unnahbare, verschlossene Viera, die für 
alle, zuerst Liebes-, dann Freundschaftsbemühungen des Rajskij 
sich völlig unempfänglich erweist, so dafs er die unnütze Mühe 
aufgibt und nach Italien fährt. Auch dieser Roman ist an äufser- 
lichen Begebenheiten arm, psychologische Erörterungen, seiten- 
lange über Rajskij, füllen ihn aus. Andere Personen kommen 
dabei etwas zu kurz, namentlich Viera, die ihr Herz an einen 
vormärzlichen liberalen Frondeur, aus dem für 1868 ein »Nihilistc 
zurechtgestutzt worden war, verloren hat. Viera und Volochov 
wären uns ungleich interessanter als Rajskij, den wir schon aus 
Herzen und Turgeniev kennen, aber ebensowenig wie Turgeniev 
konnte auch Goncarov über sich selbst herauskommen. Der »Ab- 
grund« ist nicht nur eine Lokalität, sondern auch ein Symbol. Wer 
wird Viera die Hand reichen, um über den Abgrund, in den sie durch 
die Schuld ihrer Sinne ausgeglitten ist, hinüberzukommen ? Auch 
zum Helden ihres zweiten Romans eignet sich nicht Rajskij, wird 
ein Tuschin zitiert, eine russische Abart des Stolz, gleich solide, 
praktisch, gediegen, positiv vmd ohne Leben und Wahrheit. 
Volochov, mit seinem Predigen der freien Liebe, mit seinen Aus- 
fällen gegen die Gesellschaft, auf die er so abgerichtet ist wie 
seine Bulldoggen auf die Waden der Polizeibeamten ; die anderen, 
Männer und Frauen, der Gymnasiallehrer, etwa Kruziferski des 
Herzen, etwas auch vom Oblomov in der Wissenschaft, die 
sentimentale Kokette usw. bilden nur die nötige Staffage. Unter 
ihnen allen ragt die Grofsmutter hervor, die zu Ende des Romans 

09 * 



— 340 — 

weit aus ihrem Rahmen herauszuwachsen droht, ein Symbol der 
guten alten Zeit, ihres zähen Konservatismus, der nicht jeder 
Vernunft spottet, ein grofses Herz, ein praktischer, etwas 
despotischer Sinn, darum auch nicht von Pedanterie frei, wie 
Viera selbst den Männern weit überlegen. Die psychologische 
Analyse sowohl wie die Schilderungen der Landschaft, des Dorf- 
lebens einer nach 1861 für immer verschollenen Zeit gewähren 
dem überlangen Roman noch immer eine Anziehungskraft. Aber 
Goncarov selbst hatte sich bereits erschöpft. Er brachte es nur 
noch zu einigen interessanten litterarischen Skizzen, nur ist ihm 
sein Versuch, in seine drei Romane einen genetischen Zusammen- 
hang, eine folgerichtige Entwicklung hineinzudichten (ex post), 
nicht gelungen. Was sein JVIeister, Bielinskij (interessantere Er- 
innerungen an ihn zeichnete Goncarov noch auf) in seinem ersten 
Roman erkannt hatte, die Wahrung völliger Objektivität, den 
Mangel jeglicher Tendenz, zeichnete auch die folgenden aus. 
Darin berührte sich Goncarov mit Turgeniev, mit dem er ja auch 
die Stoffe teilte, doch hat er nicht dessen freie, weite Anschauung, 
neigt trotzdem zu Verallgemeinerungen, Symbolen; die Vorliebe 
für das Detail, für die genaueste Ausführung des Kleinsten, 
zeichnete ihn ganz besonders aus. 



Dreizehntes Kapitel. 
Tolstoj. 

Angebliche Widersprüche und 'Krisen' in der Entwicklung; deren 
Geradlinigkeit und Konsequenz. Sein Werk — eine Autobiographie. 
Diejugendschriften. »Krieg und Frieden". ''Anna Karenina <^. Aufgeben 
belletristischer Tätigkeit; theologische Polemik, Selbstbekenntnisse, 
Volkslitteratur. "Macht der Finsternis«. Einzelne Novellen, »Kreuzer- 
sonate« u.a.; ''Auferstehung«. Tolstojs moralisches Ansehen bedeutender 
als seine «Lehre«. Der Realist und Gegner jeglicher Mystik. 



Im Gegensatze zu anderen russischen Schriftstellern, die ganz 
hinter ihrem Werke sich verbergen — was erfährt man z. B. über 



— 341 — 

Turgeniev oder Dostojevskij von ihnen selbst — bietet Tolstoj 
ein in seiner Art einziges Beispiel : von seiner ersten bis zu seiner 
letzten Schrift ist alles fast Autobiographie, und ohne Briefe, 
Berichte von Zeitgenossen, Erinnerungen in Anspruch zu nehmen, 
sind wir durch den Verfasser selbst aufs genaueste von seinem 
ganzen Werdegange unterrichtet; er gibt uns Aufschlufs über 
jeden Gedanken, der je sein Hirn durchzuckte, über jede Wand- 
lung, die mit dem inneren und mit dem äufseren Menschen vor 
sich ging. Sein Werk ist die gröfste Autobiographie, die es 
gibt. Tolstoj spricht fast nur von sich — ein paar Skizzen, ein 
grofser Roman sind es allein, in denen der Herr von Jasnaja 
Polana zurücktritt; die Irteniev, Niechludov, Olenin, Levin sind 
immer er selbst gewesen, bis er überhaupt jede Verkleidung von 
sich warf und offen mit seinen Bekenntnissen, Ideen, Propaganda 
vor den Leser hintrat. 

Man sprach oft von einem »Wandel« Tolstojs — es gibt 
kaum eine konsequentere, unveränderlichere Persönlichkeit, kaum 
einen anderen, der so sein ganzes Leben lang an denselben Ideen 
festhielt, wie er. Eine Probe genüge: man pflegt von ihm zu 
behaupten, dafs er zum mindesten seine älteren ästhetischen An- 
schauungen, denen er doch selbst als schaffender Künstler treu 
war, später verworfen habe, und man beruft sich auf seine letzten 
ärgerlichen Auslassungen über Kunst. Man vergifst, dafs er 
schon 1862, nicht erst 1892 oder 1902, die These verfochten hat: 
Puschkin und Beethoven gefallen uns nicht darum, weil in ihnen 
absolute Schönheit ist, sondern weil wir ebenso verdorben sind 
wie sie, weil sie unserer unsinnigen Reizbarkeit und Schwäche 
gleichmäfsig schmeicheln. Und aus demselben Jahre, ehe er 
selbst »Exploitators wurde, stammt die Definition der schönen 
Litteratur als einer künstlichen Exploitation, die nur für die Teil- 
nehmer, nicht für die » Nation <;: vorteilhaft ist. Unsere Litteratur 
impft sich unserem Volke nicht ein, bleibt, wie Telegraph u. dgl., 
Monopol einer bestimmten Gesellschaft, deren persönlicher Vorteil ! 

Trotz dieser beharrlichen Konsequenz wäre es nicht schwier, 
Tolstoj aus seinen eigenen Schriften zu widerlegen. Kein Wunder, 
dafs er bei dem dezennienlangen Suchen nach Wahrheit auf 
Seitenpfade abbog, irrte, sich schliefslich zurechtfand — auf solchen 
billigen Triumph verzichtet man gern. Dafür erkennt man in 
ihm ohne alle Reserve den gröfsten Wahrheitssucher aller Zeiten, 



— 342 — 

der sich bei keiner einzigen konventionellen Lüge beruhigte. 
Jeder hat doch sein oder seine Steckenpferdchen ^ dem einen ist 
es Familie, dem anderen Vaterland, jenem Wissenschaft, diesem 
Kunst, Religion, Gesellschaft usw.- er nur verschont kein Stück 
dieser Maskengarderobe, hält jedes gegen das kalte, helle Tages- 
licht und zeigt die Löcher, die fadenscheinigen und die ver- 
blichenen Stellen, ohne alle Pietät, der echte Russe. Und so trat 
er 1852 mit seinem ersten Versuche auf, und dies blieb er bis 
heute, da er in den englischen Zeitungen gegen den Krieg pro- 
testiert: so ist er sich selbst treu geblieben. 

Unerbittliche Anah^se, die jede scheinbar noch so gute oder 
edle Regung bis in ihre letzten Fasern zerlegt und oft statt 
einer Tugend ein moralisches Gebrest aufdeckt, zeichnet seine 
beiden ersten »Erzählungen« aus, »Kindheit« und »Knabenalter«, 
zu denen nach einer gröfseren Pause & Jugend« hinzukam, die 
Schicksale Irtenievs, solange er sich zurückdenken kann, bis 
zum Verlassen der Universität nach dem ersten Jahre und dem 
schmählichen Durchfall beim Examen, der ihm alle seine Illusionen 
zerstörte, doch tröstete er sich darüber mit den besten Vorsätzen, 
Irteniev ist Tolstoj, obwohl die Einzelheiten absichtlich durchaus 
nicht übereinstimmen , so fiel er z. B. beim Examen nicht durch 
usw. Was wahr ist, ist eben das redlichste Bemühen, sich Klarheit 
über die Eindrücke der Umgebung, der Lektüre, der ersten 
eigenen Erfahrungen zu verschaffen. Die Zeitgenossen, die für 
romantische Helden ä la Pecorin oder Tamarin, bald für die 
anklägerische Litteratur schwärmten, liefs diese Psychologie kalt ; 
nur ein und der andere konservative Kritiker lenkte die Auf- 
merksamkeit auf dieses ganz eigenartige Talent. Natürlich war 
der Kreis der Beobachtung ein beschränkter, die Kinder- und 
Schulstube, die ersten Bekanntschaften, Jugendfreundschaften, 
die erste Kommunion u. dgl. mehr, aber schon hier*'wies |der 
Verfasser schonungslos auf all das Konventionelle, Unwahre, 
Heuchlerische im Leben seiner Klasse hin, schon hier taucht der 
erste Gegensatz zu den Anschauungen des Volkes auf. 

Bald hatte Irteniev, jetzt heilst er Fürst Nechludov,] Gelegen- 
heit, seine Beobachtungen zu erweitern. Von der Universitäts- 
bank, ganz im humanitären Dusel, eilte er auf seine Güter mit 
dem festen Vorsatz, Wohlstand, Segen und Glück um sich herum 
zu verbreiten. Die schönen Seifenblasen platzten sofort; nicht 



— 343 — 

nur blieb der gewünschte Erfolg aus, es zeigte sich, dafs sein 
persönliches Eingreifen auch noch zum Nachteil der »Beglückten« 
ausfiel. Es übermannte ihn rasch das Gefühl der Unbefriedigtheit, 
Enttäuschung , Müdigkeit. Er vergafs momentan alle guten 
Vorsätze, und der .^Morgen des Gutsherrn« verwandelte sich in 
Spielabende in der Stadt, die traurig endeten. Um sich zu 
»rangieren«, ging »Olenin« nach dem Kaukasus; zugleich hoffte 
er , nicht nur finanziell , sondern auch moralisch wiedergeboren 
zu werden. Für Olenin war der moralische, nicht so der finanzielle 
Erfolg, gleich Null, nur die Litteratur ist um eine Perle, um 
die Novelle »Kasaken« , bereichert worden. Land und Leute, 
Kasaken am Terek in ihrer ethnographischen Eigenart, in ihren 
Kämpfen mit den »unfriedlichen Gorzen (Bergbewohnern), in 
der reichen Natur, hat er kennen gelernt, namentlich das Trio, 
das Mädchen — Königin Marjana, in die er sich sofort verliebt, 
die mit ihm zu tändeln scheint und mit einem energischen »geh 
doch weg, Ekel« alle seine Illusionen zerstört; der urvan-dzigit 
(Held) Lukaschka, der mit seiner Kraft und Tapferkeit sich 
brüstet , bis ihn die Abreken schwer verwunden ; endlich Onkel 
Jeroschka, der auf seine alten Tage nur noch Jäger ist. Dem 
Verkehr mit diesen Leuten , namentlich mit dem alten Jäger, 
einer Verkörperung aller primitiven Elemente und Instinkte, 
einem Waldgeist oder Satyr förmlich, verdankt er seinen neuen 
Lebensbegriff. Im Anschlufs an die Natur findet er das Glück: 
früher, da ich so viel für mich verlangte, ersann, habe ich mir 
nichts aufser Schande und Kummer erworben — wie wenig 
brauche ich jetzt zum Glück ! Glück beruht darin , für andere 
zu leben. Die Notwendigkeit des Glückes ist etwas Gesetzmäfsiges, 
jeder fühlt sie; aber ihr egoistisch zu genügen im Aufhäufen 
von Mittel, Ruhm u. dgl. geht schon darum nicht an, weil die 
Verhältnisse selbst sich dem entgegensetzen können, folglich sind 
diese Glücksmittel selbst nicht gesetzmäfsig — welche anderen 
können es nun sein aufser Liebe, Selbstentsagung'? Ich brauche 
nichts für mich, warum sollte ich nicht für andere leben? Dabei 
beneidet er Lukaschka um sein sicheres Auftreten. Aber er 
wiederholt sich nur; denn schon im »Morgen eines Gutsherrn« 
hatten wir dieselbe »Erleuchtung« gefunden: »Torheit ist alles, 
was ich wufste, glaubte, liebte — die Liebe, die Selbstverleugnung, 
das ist das einzige vom Zufall unabhängige Glück«, und damals 



— 344 — 

beneidete er den jungen Iljuschka um dieselbe Ruhe und Sicherheit. 
Ja schon den kleinen Irteniev hatte die Freude und Rührung 
christlicher Selbsthingabe überkommen ; er hatte rasch, ein anderer 
Mensch, ein neues Leben beginnen wollen — freilich blieb aus 
dem ganzen Nachdenken nur »eine geistige Dehnungsfähigkeit, 
die meine Willenskraft lähmte und die Angewohnheit ständiger 
moralischer Analysen, die die Frische des Gefühls, die Klarheit 
des Denkens ertötete«. 

Olenin beneidet nicht nur Lukaschka um dessen physische, 
sondern auch den alten Jeroschka um dessen moralische Ge- 
sundheit. Diesem Pantheisten »ist alles eins, Gott hat alles dem 
Menschen zur Freude geschaffen, es gibt keine Sünde — nimm 
dir ein Beispiel am wilden Tiere . . . das ist alles Lüge; stirbt 
man, so wächst Gras über einen, das ist alles«. Vorläufig kriegt 
Olenin das Philosophieren, Grübeln satt; er kehrt in die Welt 
zurück, nimmt Dienste als Offizier, denkt an das Georgskreuz 
und Epauletten, ohne zu ahnen, dafs er nicht General der 
Artillerie, sondern der Litteratur werden wird; dazu legt er den 
Grund in Sebastopol. Denn er beschreibt, was er als Batterie- 
kommandant erlebte, in Skizzen (Sebastopol im Dezember 1854, 
im Mai 1855, im August 1855 — der Sturm erfolgte den 27.), 
die nur die Wahrheit wiedergeben sollen: sein Realismus er- 
schreckt ihn selbst; er fragt, ob er nicht davon gesprochen, was 
man verschweigen solle — denn, wo bleibt in dieser »Erzählung« 
der Ausdruck des Bösen, das man fliehen, des Guten, das man 
nachahmen soll? Wer ist ihr Held, ihr Missetäter? Alle sind gut, 
alle schlecht . . . Der Held meiner Erzählung, den ich mit aller 
Kraft meiner Seele liebe, den ich in seiner ganzen Schönheit 
wiedergeben wollte und der immer schön war, ist und bleiben 
wird, ist die Wahrheit. Wie in den früheren, wiederholt sich in 
diesen »Erzählungen« der Gegensatz zwischen dem Volke, den 
gemeinen Soldaten, die ihre schwere Pflicht ohne Murren, ohne 
Prahlerei, mit bedächtig sicherer Ruhe erfüllen, im Gegensatz 
zu der Intelligenz, zu den Offizieren, ihrer Pose, ihrem theatra- 
lischen Heroismus. 

In den furchtbaren Tagen der Belagerung, in dem Wirbel 
des Salon- und litterarischen Lebens, in den Tolstoj nach Ver- 
lassen des Dienstes sich stürzte, sogar den Geck spielen möchte, 
in den Auslandsreisen und den ersten Tagen in Jasnaja Polana 



— 345 — 

verengten sich momentan die Ideale, beruhigten sich für eine 
Weile die Skrupel und Zweifel, Der Held seines Romans 
3> Familienglück « , 1859, gesteht: «Ich habe viel durchlebt und 
glaube das zum Glück Nötige gefunden zu haben , ein ruhiges 
Einzelleben in unserer Dorföde, mit der Möglichkeit, Leuten 
Gutes zu tun, was so leicht ist, woran sie nicht gewöhnt sind; 
dann Arbeit, Arbeit, die Nutzen zu bringen scheint; dann 
Ausruhen, Natur, Buch, Musik, Liebe; das ist das Glück, über 
das hinaus ich nicht träumte — und dazu kann ja noch Familie 
kommen und alles, was der Mensch nur verlangen könnte. Dieses 
Programm führte nun Tolstoj durch, heiratete, hatte Familie und 
konnte mit seinem Rostov (im Schlufskapitel von »Krieg und 
Frieden«) ausrufen, da er das humanitäre Geschwätz der Ritter 
vom Tugendbunde anhört: all dies ist nur sentimentale Schwärmerei, 
sind Ammenmärchen; ich aber mufs dafür sorgen, dafs unsere 
Kinder nicht betteln gehen, ich mufs meine Verhältnisse ordnen, 
solange ich lebe — das ist alles! Und Tolstoj sorgte jetzt, 
dafs seine immer gröfsere Familie nicht betteln zu gehen brauchte ; 
seine Feder wurde ihm zur Goldader. Allerdings regte sich ab 
und zu der Skeptiker. So schrieb er vom Standpunkte eines 
Pferdes die Biographie eines edlen Trabers, mit der Pointe: Wie 
unvernünftig ist Leben und Sterben der Intelligenz gegen das 
des Tieres; auch andere Skizzen, z. B. »Drei Tode«, liefen eben 
darauf hinaus. Die Skrupel , die ihn bei seiner pädagogischen 
Tätigkeit auf dem Dorfe (es waren ja dies die Jahre des 
Schwärmens für Aufklärung der niederen Schichten, für Sonntags- 
schulen u. dgl.) über Zweck und Ziel der Litteratur anwandelten, 
haben wir schon erwähnt; dies alles hinderte ihn nicht, an dieser 
Litteratur teilzunehmen. 1865 begann er im »Russischen Boten« 
»Krieg und Frieden« zu veröffentlichen. 

Ihn hatte angezogen — und zieht heute noch an — das 
lichteste, idealste Kapitel russischer Geschichte : die Dekabristen, 
die S3^mpathischen , humanen Männer; man denke z. B. an 
Lermontovs tiefempfundene Elegie an Odojevskij , an die hehren 
Frauen, die ihren Männern nach Sibirien folgten, die das Los 
auch anderer Verbannten zu mildern trachteten: an ihnen be- 
geisterte sich ja Nekrassov zu seinem Liedercyklus »Russische 
Frauen«. Das Gnadenmanifest Alexanders II. hatte den letzten 
Überlebenden die Rückkehr gestattet — sie sah Tolstoj in 



— 346 — 

Moskau, den noch vor Jahren Caadajevs merkwürdige Gestalt 
gefesselt hatte. So begann er seine Erzählung , aber am un- 
rechten Ende und in unrechtem Tone: von der Heimkehr nach 
Moskau des alten, schon etwas kindisch gewordenen Fürsten 
Labasov, von seiner das Unglück stolz und würdig ertragenden 
Frau, von ihrem gezierten Sohn, der lebhaften, sich natürlich 
gebenden Tochter, von der unbedeutenden Umgebung usw., alles 
in einem leicht ironisierenden Ton; daher rückte die Sache nicht 
vorwärts. Er traf den Ton, als er statt der Gegenwart mit ihren 
Fragen und Enthusiasmus, nach 1856, in die ferne Vergangenheit, 
an die Wurzeln des Dekabrismus, die in der napoleonischen Epoche 
fufsen, zurückgriff, aus einem Satiriker zu einem Epiker wurde. 
So entrollte er uns eine Familienchronik der Rostov, Bolkonskij 
imd Besuchov aus den Jahren 1805 — 1813 mit einem Schlufs- 
kapitel, das, einige Jahre nachher spielend, an die Vorschwelle 
der Bewegung heranführt. Neben dem rein künstlerischen 
Elemente steckte in dem Roman noch ein didaktisch-polemisches, 
über die Rolle der Heroen, den Einfluls des Individuum, 
Napoleon usw., der ihm ein fiktiver war; wir sehen davon ab. 

Der Fluch der historischen Romane ist, dafs sie unhistorisch 
sind, dafs modernes, individuelles Empfinden und Denken, mehr 
oder minder verhüllt, mit chronikalischen, archäologischen, ethno- 
graphischen Schellen ausgeputzt wird. Am amüsantesten und 
erträglichsten sind sie noch in des alten Dumas Weise von 
Tausend und einer Nacht , die alle Geschichte verhöhnt und 
Abenteuer sowie Liebes- und Duellszenen an ihre Stelle einsetzt. 
Einer der wenigen gelungenen historischen Romane der Welt- 
litteratur, vielleicht der einzigste, ist eben »Krieg und Frieden«, 
weil er sich gar nicht als historischer ausgibt, die Napoleon, 
Alexander, Kutusov usw. nur Nebenrollen, Statisten, die eigent- 
lichen Helden die Rostov usw. sind, von denen die Geschichte 
nichts weifs, d. h. die offizielle; denn die Familiengeschichte kennt 
sie sehr wohl, es sind ja zum Teil die nächsten Verwandten von 
Tolstoj, sein Vater usw., alles Leute, deren Bilder, Tradition, 
Denk- und Sprechweise ihm zum Teil noch vertraut war. Es 
ist somit eine Familienchronik, wie die des alten Aksakov, nur 
tiefgreifender, verflochten mit dem Gang der öffentlichen An- 
gelegenheiten, die ja damals in jedes Leben mächtig eingriffen, 
nicht um eine einzige Persönlichkeit vereint, nicht über Dezennien 



— 347 — 

und Generationen ausgedehnt. Die Ereignisse brachten es mit 
sich, dafs das Leben einiger Familien in »Krieg und Frieden« zu 
einer Epopöe werden mufste, weil es mit allen Seiten des öffent- 
lichen, Volkslebens usw., in Berührung trat; an ihm entrollte 
Tolstoj das gewaltige Gemälde. 

Es fehlt ihm nur die geschlossene Einheit. Es tauchen ja 
die wichtigsten Personen auf, z. B. Andrej Bolkonskj — man 
braucht bei diesem Namen wie bei Kuragin usw. , nur einen 
oder ein paar Buchstaben zu ändern, um die ;j historischen« zu 
erhalten — und scheiden aus ihm wieder völlig aus. Sie sterben, 
oder wir verlieren sie aus den Augen, wie im wirklichen Leben. 
Nur einige wenige, die Rostovs, Fürstin Marie, Pierre Besuchov 
bleiben im Mittelpunkt. Sonst ist es ein kolossales Gemälde des 
ganzen damaligen Lebens in den Adelsfamilien, auf dem Lande, 
mit den prachtvollen Genrebildern, Wolfsjagd, Schlittenfahrt, 
Hetzjagd, und in der Hauptstadt, im Kriegslager und in den 
Ministerien , in Freimaurerlogen und im Privatzirkel , auf dem 
Schlachtfelde von Austerlitz oder Borodino und in der Dorfkirche. 
Vor unseren Augen ziehen drei Generationen vorüber : die Alten, 
in einigen wenigen Vertretern noch der Katharineischen Zeit, der alte 
Fürst- Voltairianer als ihr bedeutendster, Kutusov ; die Erwachsenen, 
Fürst Andrej und seine Zeitgenossen •, die Heranwachsenden, die 
jungen Rostovs, Besuchov, um die es sich am meisten handelt. 
Wir begleiten sie von den Kinder- und Wohnstuben durchs Lager 
und Feld bis in die Mauern des brennenden Moskau. 

Die Sicherheit des Pinsels; der verblüffende Realismus — 
wir schreiben 1864, höchstens Stendhal hatte bis dahin gewagt, 
auch in den historischen Episoden seiner Romanbiographie Realist 
zu bleiben; der mächtige epische Schwung, vom Epos behielt 
der Verfasser sogar den Kunstgriff steter Wiederholungen einiger 
bezeichnender Züge seiner Persönlichkeiten; die Fülle von Bildern; 
die Genauigkeit, Plastik, das Farbensatte in der Wiedergabe des 
Gesehenen erheben den Roman zu den höchsten, je erreichten 
Gipfeln menschlichen Könnens. Dem gewaltigen Eindruck kann 
sich niemand entziehen. In was für Dithyramben ergiefst sich 
ein Flaubert z. B. , dem doch der Mangel straffer Komposition 
und so manche Stillosigkeit im Ausdruck wie die ganze Historio- 
sophie den Genuls hätte verderben müssen ! Immer wieder be- 
wundert man, in den grofsen Massenszenen wie in den diskretesten 



— 348 — 

Einzelbildern, nicht nur die Darstellung des Aufseren, sondern 
vor allem die richtige Beleuchtung wie von innen aus, die Er- 
klärung und Analyse des Unscheinbarsten, aber oft Bezeichnendsten. 
Doch wollen wir diesen Umstand noch bei dem folgenden Roman 
deutlicher hervorheben. Gegenüber dem erstaunlichen Reichtum 
der Männerbildnisse, einer ganzen Galerie der verschiedenartigsten 
Köpfe, ist die Frauenwelt mit wenigen, allerdings Meisterbildern 
ausgestattet. Es fehlen in ihr bezeichnende Erscheinungen der 
Zeit; es hängt dies zusammen mit der Anschauung Tolstojs von 
der Frau, die er in Kinderstube und Wirtschaft verweist. Poli- 
tisierende, schriftstellernde Blaustrümpfe, Mannweiber, Heldinnen 
sind ihm ein Greuel, existieren für ihn einfach nicht. Ganz ver- 
zeichnet ist nur Napoleon, aber diese »Entkrönung« des Helden 
war eine beabsichtigte, freilich ganz unbefriedigende, banale. 

Es ist somit »Krieg und Frieden«; nicht die Epopöe Rufs- 
lands 1805 — 1812, sondern des adligen Rufslands der Zeit. Eine 
Berührung mit dem Volke war aber nicht zu umgehen, ja, Tolstoj 
suchte sie absichtlich herbeizuführen. Es handelte sich ihm nicht, 
wie einem Dumas, um das blofse Amüsieren des Publikums; 
seine Zweifel und Skrupel liefsen nicht los, er forschte auch hier 
nach dem Sinne des Lebens, wer ihm näher stünde, Intelligenz 
oder Volk? Daher erfahren seine beiden Helden, Andrej, hier- 
auf Pierre, die Läuterungen ihrer Lebensauffassung. Dem all- 
verzehrenden Ehrgeiz Andrejs machen die schweren Wunden ein 
Ende, und er erkennt die Eitelkeit des Lebens auf dem Sterbe- 
lager : die bewunderungswürdigen Einzelheiten seines Verhaltens, 
sein brüsker Wandel, als die Schatten des Todes sich über ihn 
senken. Pierre, eine etwas schwerfällige, apathische Natur, ein 
Grübler, den der blofse äufsere Schein wohl für einen Augen- 
blick locken kann , wie bei seiner ersten Heirat , doch nicht be- 
friedigen, den daher alles enttäuscht, auch die Freimaurer, der 
im Dunkeln tappt, bis der Zufall den Kaisermörder in Gedanken 
und französischen Gefangenen mit einem anderen Gefangenen aus 
dem Volke, dem gutmütigen Karatajev, zusammenführt. Stets 
hatte bisher der Verfasser das ursprüngliche , instinktive Leben 
des Volkes über das gequälte, verstandesmäfsige, raisonnierende 
der Intelligenz gestellt, in seinem »Cholstomier« hatte sogar der 
Wallach eine vernünftigere Auffassung der Welt als die Menschen — 
und blieb sich auch hier treu. Die eigentlichen Heroen sind 



— 349 — 

nicht die offiziellen, sondern in der Bedienungsmannschaft jener 
exponierten Batterie des Kapitän Tuschin zu suchen. Den 
wahren Sinn des Lebens kennt der Verkörperer nationaler Weis- 
heit, der in Sprichwörtern redende Karatajev, der dem Pierre die 
Lehre von der Erniedrigung, Entsagung, Demut, Dankbarkeit 
dem Schöpfer, Unbewegtheit theoretisch und praktisch mitteilt, 
dem dieser so viel verdankt. Aber trotz der vollständigen inneren 
Wandlung, die mit ihm vorgeht, verläfst Pierre nicht das ge- 
wohnte Leben. Jedenfalls sind wir einen erheblichen Schritt 
weitergekommen. Bei Olenin galt es von der ganzen Weisheit, 
die er im Verkehr mit Jeroschka und der Natur gewonnen: 
Aus den Augen, aus dem Sinn! Karatajev wird erschossen, 
Pierre heiratet zum zweiten Male und findet sein Glück in 
seiner Familie, — aber auf wie lange? Wann wird Karatajevs 
Saat in ihm keimen und sprossen '? Wann wird ihm, dem die gütige 
Fee keinen einzigen Wunsch versagt hat, sein glücklich-heiteres 
Leben so unfruchtbar öde erscheinen, dafs er den Anblick seiner 
Jagdgewehre, der Kleiderhaken meiden wird, um nicht auf 
Selbstmordgedanken zu kommen"? Auskunft gibt uns der fol- 
gende Roman. 

In »Krieg und Frieden« waren wohl die Seinigen, weniger er 
selbst porträtiert worden, »Anna Karenina« dagegen — wiederum 
jm »Russischen Boten« 1875 1876 gedruckt — ist ein auto- 
biographischer Roman. Levin ist Tolstoj, sein Bruder Nikolaus 
und dessen Tod, der ihn so heftig erschüttert, — alles ist wahr, 
nur die Nebenumstände sind wieder geändert: wohl starb Niko- 
laus in Leos Armen, doch war dieser damals ledig ; sogar seiner 
nachmaligen Frau gestand er seine Liebe mit derselben Spielerei 
wie Levin der seinigen. Die Komposition ist hier noch loser 
als in »Krieg und Frieden«. Zwei Liebespaare, Repräsentanten 
der gesetzlichen und der ehebrecherischen Liebe, laufen neben- 
einander durch den Roman, und ganz aufser dem Zusammen- 
hange geschieht die »Läuterung« Levins. Der Roman trägt 
Titel und Motto zu Unrecht; denn nicht die Strafe des Ehe- 
bruchs, »Mein ist die Rache, ich werde vergelten«, sondern die 
Verchristlichung Levins bilden den Hauptinhalt. Der glänzende 
Offizier und Herrenreiter Vronskij berückt die schöne Karenina, 
der ihr korrekter, kalter Gatte, ein hoher Beamter, auf die Dauer 
nicht imponieren kann. Sie folgt dem gebieterischen, unwider- 



— 350 — 

stehlichen Zuge ihres Herzens^ zerreifst die Bande der Moral und 
Achtung. Auf die Dauer wird Vronskij der zweideutigen 
Situation und ihrer Eifersucht überdrüssig ^ er erkaltet zusehends, 
und sie, für die diese Liebe alles ist, geht freiwillig in den Tod. 
Diesem scheinbaren grofsen Glücke^ das in Wirklichkeit nur ein 
grofses Unglück ist, tritt entgegen die rechtmäfsige , zur Ehe 
führende Liebe des Levin. Einzelne Bilder gehören wieder zu 
den vortrefflichsten, nicht nur der russischen Litteratur; ihren 
Hauptreiz macht ihre Beseelung aus. Man vergleiche nur das 
Bild des Wettrennens bei Zola in »Nana' und bei Tolstoj, um 
das kolossale Übergewicht des Russen zu würdigen. Zola gibt 
die Photographie , die äufsere Szenerie , wie ein beliebiger Re- 
porter, fünf oder zehn Pfennig die Zeile. Tolstoj-Vronskij reitet 
das Rennen selbst, gibt die Eindrücke des Reiters wieder, sogar 
das Pferd ist beseelt, z. B. in der Szene seines Niederbrechens. 
Dies Mähen um die Wette, die Hühnerjagd usw., — der Fran- 
zose würde dies alles sauber und genau mit dem Apparat auf- 
nehmen und uns, gleichgültig, gelangweilt, die Sachen angaffen 
lassen. Tolstoj läfst uns die allmähliche Mattigkeit der Arme, 
das rastlose Suchen des Hundes förmlich miterleben. Dieses 
adlige Leben daheim, d. h. in den Adelsnestern und in der 
Hauptstadt, ist mit jener Fülle, Frische, epischen Umständlichkeit 
wiedergegeben, die wir sogar bei Turgeniev vermissen. 

Wir sehen jedoch von dem Roman oder den Romanen ab, 
es kommt ja noch eine Ehebruchsgeschichte vor, die offenbar 
vom Standpunkte der Männermoral — d. h. sie dürfen sündigen, 
wieviel sie wollen; wehe, wenn ein Weib fehlt — sehr glimpf- 
lich behandelt wird. Uns interessiert Levin, dessen Wiedergeburt 
den Tod des Künstlers anzeigen sollte. Levin führt das glück- 
lichste Leben ; an ihm nagt, wie an dem vierzehnjährigen Irteniev 
— die Jahre haben ihn nicht verändert, und er wird so bis an 
sein Lebensende bleiben — der Wurm der Analyse. Er fragt 
überall nach dem eigentlichen, dem unmittelbaren Zweck, daher 
ist ihm verhafst die Formalistik der Kanzlei, gleichgültig die 
korporative Tätigkeit im Semstvo, dieses Parlamentspielen, wozu 
er nicht jung noch alt genug ist. Ebensowenig ist er ein 
müfsiger Verehrer des Landlebens oder Freund des Bauern, wie 
etwa Liebhaber des Disputierens, um anderer Meinungen unter- 
zukriegen. Er kann sich nicht für anderer Stichworte be- 



— 351 - 

geistern, nicht für den serbischen Krieg; er protestiert gegen 
das Predigen zum Morden : nach acht Jahren wird er ja 
schreiben von der grossiere imposture, appelee patriotisme et 
amour de la patrie, und überlälst die einzige Verantwortung 
dafür der Regierung , auf Grund der bekannten Warägerfabel. 
So erspart er sich alle Enttäuschungen, Unaufrichtigkeiten, 
Tändeleien, die ihm an den ernsthaften Professoren, National- 
ökonomen, Slawophilen und Westlern so auffallen. So schafft 
er sich eine Position, die er nach allen Seiten für sturmfrei hält. 
Sein Glück, auf ihm und seinen Nächsten aufgebaut, ist un- 
erschütterlich. Wenn er aber, im Walde mit den Seinigen vom 
Gewitter überrascht , erwägt , dafs ein Blitzschlag über seine 
ganze Zukunft entscheiden kann, dafs somit der dümmste, un- 
berechenbarste Zufall der souveräne Herr über sein sogenanntes 
gefestetes Glück ist, möchte er rasend werden. Schon als ihm 
sein erster Sohn geboren wurde, empfand er statt der Freude 
das Gefühl, dem Schicksal oder Zufall eine neue, verwundbare 
Seite entblöfst zu haben. Dasselbe hatte lange vor ihm Herzen 
empfunden und ausgesprochen. So wirft der Tod alle seine Be- 
rechnungen über den Haufen, und das Gefühl steigert sich, seit- 
dem er seinen Bruder hatte sterben, die Verwandlung in das 
Nichts eingehen sehen. Diese Furcht des unabwendbaren Todes, 
der ja alles irdische Beginnen überflüssig macht, können ihm die 
wissenschaftlichen Termini, die ihm längst jeden positiven Glauben 
ersetzt haben, nicht paralysieren. Erneute Lektüre philosophischer 
Werke enthüllte ihm dieses Spielen mit Ausdrücken, das erfolgreich 
nur, solange es die Ansichten anderer bekämpfte, aufserstande, 
etwas Positives zu geben, und dämmerte einmal der Schimmer 
eines Verständnisses , so war er nicht festzuhalten , nicht nach 
Belieben herzustellen. Er las Chomiakovs theologische Schriften, 
aber nur für einen Augenblick beruhigte ihn dessen Definition 
von der Kirche als der lebenden Gemeinschaft der Gläubigen, 
dafs nur die in Liebe geeinte Menschheit , nicht jeder einzelne, 
die göttliche Wahrheit erreiche. Die Zweifel wurden zur Qual. 
»Ohne zu wissen, warum ich hier bin und was ich bin, kann ich 
nicht leben. •-< Das ganze Resultat jahrhundertelanger Mühen des 
Menschengeistes ist: in der Endlosigkeit von Raum, Zeit und 
Stoff sondert sich ein organisches Bläschen ab, hält sich ein 
Weilchen und platzt, — das bin ich. Wahrlich nur grober Hohn 



— 352 — 

einer feindlichen Macht. Dagegen fand er Ruhepausen, wenn 
er diesen Wurm durch mechanische Arbeit förmhch einschläferte. 
Er fühlte dabei in der Seele sogar die Anwesenheit eines förm- 
lichen Richters, der ihm stets den richtigen Weg wies; nur wenn 
er darüber nachdachte, hatte das Leben keinerlei Sinn. Ja, seine 
Frau, die alte Verwalterin, das Volk, die wufsten, was Leben 
und Tod bedeute, und er merkte, dafs die Religion doch noch 
nicht abgetan wäre. Es kam ihm seine Wissenschaftlichkeit vor, 
als hätte er bei Frost einen warmen Pelz eingetauscht gegen 
einen Seidenanzug, in dem er nun so gut wie nackt dastehe und 
erfrieren müsse. Bei einem Gespräche mit einem Bauer geht 
ihm neues Licht auf. Der Bauer sprach von verschiedenerlei 
Menschen. Der eine lebt nur für seine Notdurft, stopft sich nur 
den Wanst voll, aber Fokanyc ist ein gerechter Greis, lebt für 
seine Seele, denkt an Gott. Das Wort, von der eigenen Seele 
zu denken, war schon viel früher von der V^erwalterin hin- 
geworfen; damals fing es Levin nicht auf, aber jetzt. »Wieso 
denkt er an Gott, wieso lebt er für seine Seele?« schrie fast 
Levin auf. Es ist doch klar, wie? nach Wahrheit, nach Gottes 
Weise. Die Worte durchzucken Levin wie ein elektrischer Funke; 
es sammeln sich seine Gedanken. Vernunft lehrt uns für unseren 
Bauch zu leben, aber das in mir und allen Menschen lebende 
Wissen des Guten steht aufserhalb von Vernunft und Kausalität. 
Nahm ich bisher im Leben einen blofsen Stoffwechsel, eine Ent- 
wicklung an, als ob solche in der Unendlichkeit denkbar wäre, 
und konnte ich trotz der gröfsten Gedankenanstrengung keinen 
Sinn des Lebens, meiner Begierden und Regungen, finden, trotz- 
dem er so klar war in mir, weil ich ja fortwährend nach ihm 
lebte , so habe ich jetzt vom Trug mich befreit , den Hausherrn 
erkannt, die Erkenntnis des Bösen und Guten, die ich mit dem 
Leben selbst aufgesogen habe ; sich dabei nicht zu bescheiden, ist 
Stolz, Dummheit, Gaunerei, Betrügerei des Verstandes. Jeder 
Philosoph hat die Kenntnis vom Leben wie Bauer Fedor und 
will nur auf zweifelhaftem Verstandeswege zu dem allen Be- 
kannten zurückkehren. Geistig zerstören wir nur, gehen aufs 
Eis tanzen. Ohne die Vorstellung vom Gott-Schöpfer, vom Guten, 
was würden wir mit unseren Begierden, Leidenschaften, Ge- 
danken anfangen ? Nicht mit dem Verstand — mit dem Herzen, 
mit dem Glauben an das, was die Kirche bekennt, weifs ich es. 



— 353 — 

Das »liebe deinen Nächsten« habe ich ja schon in der Kindheit 
freudig aufgenommen, weil es in meiner Seele lag, obwohl es 
nicht verständig ist. Um in diesen Zustand zu gelangen, bedarf 
es keines Durchmachens des ganzen Gedankenganges. Dem 
Gefühl von Freude und Beruhigung kann der Gedanke kaum 
folgen. Eine Frage drängte sich noch auf: ist Hauptbeweis für 
die Existenz Gottes die Offenbarung des Guten , warum sollte 
sich dieselbe auf das Christentum beschränken? Doch ist diese 
Frage unrichtig gestellt ; mir persönlich, meinem Herzen ist dieses 
Wissen entdeckt worden. Dieses neue Gefühl hat mich nicht 
verändert, beglückt, erleuchtet, überrascht, ebensowenig wie das 
Gefühl meiner Liebe zu meinem Sohn. Ich werde mein ge- 
wohntes Leben fortführen , aber jetzt wird mein Leben , mein 
ganzes Leben unabhängig von allem, was mit mir geschehen 
kann, jede seine Minute nicht nur nicht sinnlos sein, wie es vor- 
her war, sondern es hat einen unzweifelhaften Sinn des Guten, den 
ich hineinzulegen die Macht habe. 

Im Gegensatze zu dieser Belohnung des moralischen Ringens 
— wobei man Nota bene keinerlei Versuchung ausgesetzt war; 
wie anders dagegen die arme Karenina! — steht die Strafung 
des Verstandes: dieser Gauner und Versucher flüstert der Un- 
glücklichen zu, dazu wäre dem Menschen Verstand gegeben, 
damit er sich von dem befreie , was ihn beunruhige — warum 
sollte man nicht die Kerze auslöschen , wenn nichts mehr oder 
nur noch Häfsliches zu sehen ist? ist doch alles Unwahrheit, 
Trug, Lüge, Böse — , und das Licht, bei dem sie ihr von Angst, 
Betrug, Schmerz und Bösem erfülltes Buch las, flammte mit 
einem Glanz auf, greller als je zuvor, erleuchtete ihr alles, was 
vorher dunkel war, knisterte auf, begann zu verblassen und ver- 
losch für immer. 

Bei diesem Kampfe gegen den Materialismus, bei diesem 
Eintreten für Moral, Religion und Kirche sollte es nicht bleiben. 
Levin täuschte sich vor allem in der Kirche und bekannte bald 
in derselben ungestümen Jagd nach Wahrheit seinen Irrtum, 
aber nicht mehr in künstlerischer Darstellung, sondern in wissen- 
schaftlichen und polemischen Schriften, Bekenntnissen u. dgl., die 
jetzt in beängstigend rascher Folge einander drängten. Greifen 
wir aus dieser Fülle eine heraus, »Ma Religion«, Paris 1885. 
Als Levin sich nach der Überwindung seines Materialismus der 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 23 



— 354 — 

Kirche zugewendet hatte, fand er bald, dals die Essenz des 
Christentums: Liebe, Demut, Entsagung, Vergeltung des Bösen 
mit Gutem , hier zu einem blofsen Accidens geworden war ; 
bald stiefs ihn ihre Unduldsamkeit, die Fremdartigkeit ihrer 
Dogmen, das Rohe, Kindische, Überlebte ihrer Zeremonien ab. 

Der grofse Zauberer DostojevskiJ hatte sofort nach dem 
Erscheinen des Schluf steiles der »Anna Karenina <; den kommenden 
Wandel, den Abfall von der alleinseligmachenden, nationalen 
Orthodoxie vorhergesehen und beklagt, hatte erkannt, dafs sich 
alsbald, trotz der angeblichen Beruhigung des Levin, ein Häkchen 
ergeben würde, über das die ganze »Beruhigung« zu Falle 
kommen mufste. Dabei gab er die wunderbar zutreffende Charak- 
teristik Tolstojs — schon 1877, an der 1905 nichts zuzusetzen 
ist: »Trotz seines kolossalen künstlerischen Talentes ist Tolstoj 
einer jener russischen Köpfe, die nur das sehen, was direkt vor 
ihren Augen steht, und darum auf diesen Punkt hin drängen. 
Offenbar haben sie nicht die Fähigkeit, den Hals rechts oder 
links zu drehen, um auch das zu sehen, was seitwärts steht ; dazu 
müfsten sie mit dem ganzen Körper die Schwenkung machen. 
Dann werden sie vielleicht das direkt Entgegengesetzte reden; 
denn jedenfalls sind sie immer streng aufrichtig.« Und weiter 
führt Merezkovskij die Worte Dostojevskijs an: »Die Einfachheit 
(Tolstojs und vieler Russen) ist geradlinig und aufserdem hoch- 
mütig -, ein Feind der Analyse ; sehr häufig endigt es damit, dafs 
sie in ihrer Einfachheit den Gegenstand nicht mehr zu begreifen 
beginnen ; ja sie sehen ihn sogar nicht mehr, so dafs das Gegen- 
teil jetzt eintritt, d. h. ihr eigener Gesichtspunkt aus einem ein- 
fachen (natürlichen) von selbst und unwillkürlich in einen phan- 
tastischen übergeht.«: Darin steckt die Entwicklung des Quäkers, 
des Rationalisten, des Leugners jeglicher Religion, der sogar 
von Gott nicht mit einem »Er« (nur Es) sprechen kann. 

Vorläufig zog ihn allerdings noch das Evangelium selbst 
an, namentlich die Bergpredigt, von der die meisten Sektierer 
ausgehen; er erkannte daraus, wie im Gegensatze zu ihr unsere 
ganze gesellschaftliche Ordnung auf dem Prinzip des »Auge um 
Auge« beruht, wie sich göttliches und menschliches Recht gegen- 
überstehen, wie praktische Unanwendbarkeit der Lehre Christi 
zum Grundsatz wird; wie wir das Nichts, die hohlen Götzen, 
um sie der Zahl blofser Irrtümer zu entreifsen, Kirche, Staat, 



— 355 — 

Kultur, Wissen, Kunst, Civilisation benennen. Nun vertiefte er 
sich in das Studium des evangelischen Textes und der ersten 
Kirchenväter, fand, dafs schon seit dem fünften Jahrhundert die 
Worte -^ Richtet nicht, auf dafs ihr nicht gerichtet werdet« 
fälschlich auf blofse Nachrede — so hatte auch er es einst ver- 
standen — gedeutet werden, während sie sich auf staatliches Ge- 
richt und Richter beziehen; fand, dafs der Aberglaube von einer 
persönlichen Auferstehung Christo unbekannt war, nur ein Über- 
rest des Heidentums ist, einer trüben Verwechslung von Schlaf 
und Tod; dafs Christus dem persönlichen Leben nicht ein Leben 
jenseits des Grabes, sondern das gemeinschaftliche Leben der 
Menschheit, das sich mit Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft 
verschmilzt, entgegenstelle. Er geht auf die kompliziertesten 
Textfragen ein, beseitigt uralte falsche Übersetzungen, Deutungen, 
Lesarten; verliert sich in den gröbsten rationalistischen Platt- 
heiten, z. B. die Erklärung der Speisung der Fünftausend: die 
Lebensmittel mit sich hatten , boten sie nach dem Beispiel von 
Jesus und Aposteln den anderen an. Da gefällt mir der Prediger 
besser, der statt Tausende Hunderte setzte und dies nicht be- 
richtigen wollte — meine Bauern werden auch das nicht glauben, 
frifst doch jeder von ihnen allein sieben Brote. Und so erkannte 
er, dafs von der Lehre der Kirche nichts übrigbleibt. Das Leben, 
das sie lehrt, ist ein ganz chimärisches, wie es nie gelebt worden 
ist, weil es mit seinen Kämpfen und Leiden als etwas zeitweiliges 
und widernatürliches, durch einen phantastischen Sündenfall ver- 
schuldetes dargestellt wird, während es nur ein Kampf zwischen 
tierischen und vernünftigen Instinkten ist. Für jeden Unvor- 
eingenommenen ist die Lehre der Kirche Wahnsinn (demence), 
wie er in der pseudochristlichen Religion seit 1500 Jahren ge- 
lehrt wird. Christi Lehre besteht aus einem moralischen und 
einem metaphysischen Teil. Wie in anderen Religionen findet 
mit der Zeit Verlassung des moralischen und Ersetzung desselben 
durch blofse Zeremonien und Ausbildung des metaphysischen 
statt. Die willkürliche Trennung von Moral und Metaphysik 
begann der Heide Paul , dem der ethische Sinn wenig geläufig 
war, und man vollendete sie unter Konstantin, als man jede 
heidnische Einrichtung mit dem christlichen Mantel bedecken zu 
können glaubte. Nachdem wir ohne Kirche die Sklaverei, die 
Autokratie von Kaiser und Papst abgeschafft haben, gehen wir 

23* 



— 356 - 

nunmehr daran, auch die anderen UnbiUigkeiten , Eigentum und 
Staat, abzuschaffen; alles hat die Kirche verlassen, ist von ihr 
unabhängig; sie ist überflüssig geworden wie die Nabelschnur, 
denn auf die unbewufste mufs die bewufste Ernährung folgen, 
das bewufste Erkennen der Wahrheit der Lehre Christi. Mein 
Stück Brot gehört mir nur dann, wenn ich weifs, dafs jeder das 
seinige hat, dafs niemand darunter leidet, während ich es esse. 
Wer sein Leben bewahren will , verliert es in seinem Egoismus. 
Das wahre Leben vergröfsert das durch vergangene Generationen 
gesammelte Gut, indem man auf den Eigenwillen verzichtet, Gottes 
Willen befolgt. Dadurch wird mein Leben und mein Tod dem 
Heile aller gedient haben ; obeir ä la raison pour realiser le bien ist 
die Substanz aller Lehre; Dogmen, Sündenfall, Erlösung u. dgl. 
haben nur unsere Auffassung verfälscht und die Ethik aus dem 
PseudoChristentum verschwinden lassen. Glaube beruht auf dem 
vollkommenen Bewufstsein des wahren Sinnes des Lebens, ist 
Kenntnis der Wahrheit, keines Systems; die Frage, was tun, um 
zu glauben? beweist nur, dafs man die Lehre Christi nicht ver- 
standen hat. Ohne die Lehre Christi und die Kirche, die darüber 
gewuchert hat, währen wir heute näher dem Ideal Christi. Der 
Bekenner dieses Ideals hat die Welt zu verlassen; fordert doch 
gerade das Leben nach der Welt die grofsen Opfer und Qualen, 
beraubt uns der wahren Bedingungen des Glückes, löst unsere 
Bande mit der Natur, tötet die Freude an der nützlichen Arbeit, 
unterbindet den freien Verkehr mit Menschen, untergräbt unsere 
Gesundheit, bringt frühe Krankheit und Tod. Unsere zivilisierte 
Welt hat keinerlei klar formulierte moralische Grundlage des 
Lebens; sie kennt nur die Unterwerfung aux pouvoirs etablis, 
aber die Kirche, d. h. die Vereinigung von Menschen, die nicht 
durch Formeln und Salbungen mit Ol, sondern durch Taten der 
Wahrheit und Liebe vereint sind, hat immer gelebt und wird 
immer leben, mag ihre Zahl klein oder grofs sein; sie bildet die 
unbesiegbare Kirche, zu der sich alle Menschen vereinigen 
werden — fürchte dich nicht, kleine Herde, denn es hat deinem 
Vater gefallen, dir sein Reich zu geben. Die Nihilisten sind 
die einzigen wahren Christen, die besten unserer Zeit, trotzdem 
sie Christus nicht kennen, oft ihn hassen ; sie allein haben Glauben, 
führen une vie raisonnee. 

:!>Eine solche Sprache redet für sich selbst; sie kommt aus 



— 357 — 

einem tiefen , religiösen Gemüte , begeistert für alle Wahrheit, 
Hohes, Edles, Göttliches, wie gegen alles Niedrige, Gemeine 
empört. Das religiöse Element hat sich hier mit der Freiheit 
des ethischen Standpunktes zu einem harmonischen Einklang 
durchdrungen; das Christentum ist hier zur ethischen Religion 
geworden, geht über in das Bekenntnis der absoluten, ethischen 
Religion,« spricht ein deutscher Theologe, doch nicht über Tolstoj, 
sondern über den nordamerikanischen Unitarier Th. Parker (a dis- 
course of matters pertaining to religion, London 1846). Nur den 
Russen bot Tolstoj etwas Neues. Die polnischen Arianer z. B., 
Vorläufer dieser Unitarier, benutzten sogar dieselben Zitate aus 
Origenes an Celsus, um von der Bergpredigt zu schweigen; 
lehrten ebenso den NichtWiderstand gegen das Böse, wie Tolstoj : 
»Die Mitmenschen müssen mir Gutes tun; alles Übel, das sie mir 
antun würden, wäre auch Übel gegen sie selbst, und tun sie es 
mir an , weil sie die Wahrheit nicht kennen , so kann ich ihnen 
dieselbe nicht zeigen, wenn ich an dem Übel selbst teilnehme; ich 
mufs sie durch meine Handlungen bekennen;« sie erklären ebenso, 
dafs Christus den Krieg nicht ausdrücklich verboten hat, weil er 
an die Möglichkeit nur dieses Mordens bei Leuten seines Glaubens 
auch nicht hat denken können; malen das Paradies aus, wenn 
die Gesellschaft Christi Gesetz befolgen würde, das allein der 
Welt den Frieden gibt; wenden sich gegen die Behauptung von 
der Schwere dieses Gesetzes, dieses leichten Joches im Grunde usw. 
Nur in Rufsland erzielten diese uralten »Lehren« Sensation, 
bekehrten die Menschen zu Versuchen eines Zusammenlebens 
nach »Tolstojschen Prinzipien«, die zu nichts führten, verschafften 
Tolstoj das Ansehen eines Propheten. 

Doch auch auf dieser Etappe blieb der Nihilist, Atheist und 
Anarchist Levin nicht stehen; der einst so heftig, einseitig für 
die Kunst um der Kunst willen eingetreten war, dafs der alte 
Chomiakov ihn bei der Ehrenaufnahme als Mitglied der Moskauer 
Gesellschaft zu berichtigen für nötig hielt (1859), trat jetzt gegen 
die Kunst, gegen den Kult der Schönheit, gegen jedes Idealisieren 
der sinnlichen Liebe auf; er wurde Vegetarianer , weil ihm auch 
das Morden der Tiere, die er immer hoch gehalten hatte, vgl. den 
Cholstomier von 1861 u. a., verpönt galt; trat gegen den Alkohol, 
gegen den Tabak auf, als Mittel zur Benebelung der Sinne, zur 
Abstumpfung unseres Rechtlichkeitsgefühls; eiferte gegen jede 



— 358 — 

geistige Tätigkeit, eine blolse Seifenblase, oder die nur der 
Sicherung einer Kaste in ihrer bequemen Lebensführung zu dienen 
hat — falls sie nicht von wirklichem Feuer beseelt wird: über- 
haupt ist ihm alles Schablonenhafte, rein Verstandesmäfsige, sogar 
bei der Übung von Mildtätigkeit, verhafst, gilt ihm als unfrucht- 
bar. Doch die Darstellung dieser Konsequenzen fällt aus dem 
Rahmen dieses Buches heraus. 

Uns interessiert weniger diese Lehre und ihre Folgerungen, 
als dafs zum ersten Male in Rufsland eine moralische Autorität 
entstehen und sich behaupten konnte, ganz aufserhalb, ja gegen 
Staat und Kirche. Mochten Orthodoxe und Konservative vor 
Wut bei der blofsen Nennung des Namens knirschen, sie wagten 
sich nicht an Tolstoj heran. Die Plehwes und die anderen 
Terroristen , die für nichts und wieder nichts , manchmal sogar 
aus blofsem Versehen, Tausende einkerkerten, für immer unglück- 
lich machten, sie liefsen den tausendmal Schuldigeren in Ruhe 
aus Scheu vor Europa, ja vor Rufsland. Dieses eine Mal blieb 
ihnen ihr Lieblingswörtchen, das »Fiuit«, in der Kehle stecken: sie 
können ihn aus der Kirche ausschliefsen, den Druck seiner Send- 
schreiben aufhalten ; sie können sich nicht an ihm vergreifen. 
Das erste Beispiel einer solchen moralischen Autorität und Gröfse 
in Rufsland; darum imponierte es uns so aufserordentlich — als 
Zeichen der Zeit. 

Aber noch in anderer Hinsicht ist der Fall lehrreich. Zuerst 
was Kurzsichtigkeit der Menschen betrifft. Wir schweigen hier 
von den Angriffen der fortschrittlichen Kritik gegen den »schäd- 
lichen« Autor von »Krieg und Frieden« oder »Anna Karenina«. 
Aber Turgeniev, der doch selbst das meiste für die Einführung 
Tolstojs in Frankreich gewirkt hat, der schon seit frühen Jahren 
Tolstojs Gröfse erkannte und schätzte — schrieb er ja schon 1856 
von ihm: »Wenn dieser junge Wein ausgegoren hat, wird es ein 
Getränk für Götter!« — , konnte über »Anna Karenina« klagen, 
dafs sie »nach Moskau, Weihrauch, alter Jungfer, SlaAVophilie, 
Adelswirtschaft riecht« — nicht Tolstoj, sondern nur Turgeniev 
»a fait fausse route«. Andere hätten mit mehr Schein auf Recht 
klagen können, dafs sie schliefslich Tolstoj, vielleicht noch 
schlimmer wie einst Puschkin, enttäuscht hat. Als man von dem 
grofsen Dichter noch das Aufrechthalten des Protestes erwartete, 
hatte er längst mit der Reaktion seinen Pakt geschlossen ; einen 



— 359 — 

ähnlichen Kompromifs schlofs Tolstoj mit dem Leben. Schon sein 
Besuchov hatte gedroht, dafs er sein Vermögen unter die Armen 
verteilen könnte : diesem blofsen Gedanken stellte sich Maria Rostov 
mit dem Hinweis auf die Kinder, die man nicht berauben dürfe, 
entgegen. Nach Jahren wiederholte sich dasselbe. Tolstoj war zu 
dem Gedanken Besuchovs bereit, bereit dazu, betteln zu gehen — 
es widersetzte sich die Frau: »würde ich etwa nicht mit ihm 
gehen, wenn ich nicht kleine Kinder hätte; er aber hat alles 
über seiner Lehre vergessen« ; sie war bereit, gerichtliche Vor- 
mundschaft über das Vermögen zu verlangen. Es kam nicht im 
entferntesten zu diesem Aufsersten. Wie Puschkin, nur noch 
weniger dazu gezwungen, fand sich Tolstoj durch ein billiges 
Kompromifs mit unbequemen Konsequenzen ab. 

Von Bedeutung für Litteratur war ein anderer Umstand. 
Die letzten Worte, die der sterbende Turgeniev an einen Fremden 
richtete, wandten sich an Tolstoj in einem Brief vom 28. Juli 1883-, 
am 22. August ist er gestorben. Beide kannten sich seit frühen 
Jahren, haben sich jedoch nie dauernd befreunden können; Tur- 
geniev klagte über die »Unfreiheit« seines Geistes, es stiefs ihn 
immer etwas ab. Jetzt bekennt er, wie froh er war, dafs er 
sein Zeitgenosse war und spricht die letzte aufrichtige Bitte aus : 
»Kehren Sie zu Ihrer litterarischen Tätigkeit zurück, stammt doch 
diese Ihre Gabe eben von da, woher alles übrige. Wie glück- 
lich wäre ich, wenn ich denken könnte, dafs meine Bitte auf Sie 
einwirken werde. Mein Freund, grofser Schriftsteller des russi- 
schen Landes, achten Sie auf meine Bitte ! Ich kann nicht mehr — 
bin müde.« 

Es konnte scheinen, dafs Tolstoj mit j>Anna Karenina« von 
der Litteratur für immer Abschied nehmen sollte ; er schrieb ja 
jetzt aufserordentlich viel, aber Theologisches, Polemisches, Be- 
kenntnisse, Sachen fürs Volk; den Roman hatte er aufgegeben. 
Sachen fürs Volk — er hatte noch während seiner pädagogischen 
Tätigkeit in Jasnaja Polana 1860 — 1862 über den völligen Mangel 
einer Volkslitteratur geklagt, jetzt suchte er Legenden, Volks- 
märchen, eigene Sujets im Sinne seiner Lehren von Gottes Vor- 
sehung ; von der Herzenseinfalt — wie die drei Greise das Gebet 
des Herrn vergebens lernen; von dem Sich-nicht-einmengen; von 
dem Nicht-Böses-tun — der zufällige Tod des bösen Verwalters, 
den man schon zu ermorden gedachte usw., zu bearbeiten. Diese 



— 360 — 

tendenziös-didaktischen Erzählungen beanspruchen keinen künst- 
lerischen Wert ; der einfache, natürliche Vortrag ist ihr gröfster 
Schmuck, doch scheint die Einfachheit mitunter gesucht. Voll- 
ständig überragt, totgedrückt werden sie durch das Bauerndrama : 
»Die Macht der Finsternis, oder Eine Klaue blieb hängen — 
der ganze Vogel mufs umkommen« (1886), eines der bedeutendsten 
Bauerndramen nicht nur der russischen Litteratur, Pissemskij 
und Potiechin weit hinter sich zurücklassend. Aufgebaut ist es 
auf dem Gegensatze, den wir aus der »Anna Karenina« kennen, 
zwischen dem »Gauner, ja Schurken« Verstand, der auf seinen 
Vorteil bedacht zu sein lehrt, und zwischen dem Herzen, dem 
Instinkt, Bedürfnis des Guten. Die zungenfertige Matrena, die 
alle 77 Schliche kennt, die vom Ofen herabfallend 77 Gedanken 
überdenkt, hält das Panier des »um« (Vernunft) hoch. Alles 
erwägt und überlegt sie; geht es nicht anders, eine Sünde, ein 
Verbrechen — mag man es auch sehr ungern tun — mufs heraus- 
helfen ; nur alles schön zudecken, dafs keine Spuren übrigbleiben, 
und unser Glück ist gesichert. Akim kann bezeichnenderweise 
nicht einmal recht sprechen, stottert und zieht die Worte und 
schiebt fortwährend sein »taje« zum gröfsten Unwillen, Ungeduld 
der Matrena herein; er begnügt sich nur mit Allgemeinheiten, 
wiederholt die jahrhundertealten Sentenzen und Sprichwörter, 
dreht sich förmlich im Kreise mit seinen steten Wiederholungen : 
»Gott ... du wendest nach deiner Seite, wie es am besten wäre, 
aber Gott heifst es ,taje', wird auf die seine es wenden ; du heifst 
es, richtest es, wie es dir am besten wäre, aber auf Gott ,taje' 
vergifst du«. Die so sorgfältig aufgebauten Kombinationen des 
»Gauners« Verstand halten vor der Stimme des Gefühles, des 
schuldbeladenen Herzens nicht stand, und die über das Geständnis 
des Sohnes entsetzte Matrena ruft vergebens: »Kinderchens, führt 
ihn hinaus, er ist verrückt geworden.« Sprache, Anschauungen. 
Handlungen — alles macht den originellsten Eindruck. Sogar 
in den Varianten zu einzelnen Szenen findet man tiefdringende 
Aufschlüsse, z. B. die Worte des Soldaten über den dümmsten 
Stand, die Weiber, dieses hirtenlose Vieh, das höchstens vom 
besoffenen Bauer mit der Leine unterrichtet wird, die nur wie 
die Maulwürfe oder wie die blinden jungen Hunde herumkriechen, 
mit dem Kopf in den Misthaufen stofsen — wer wird denn für 
euch Rechnung ablegen? 



— 361 — 

Auch die Intelligenz ging nicht leer aus. Absehen können 
wir von der Komödie »Die Früchte der Aufklärung c^ die keinerlei 
Vergleich mit der Tragik der »Macht der Finsternise aushält. 
Tolstoj verspottet wie immer die Intelligenz, das mülsige, ziellose, 
unvernünftige Leben - — man merkt immer, wie die Moral der 
Intelligenz nur die der Halbwelt ist, auf die sie doch so verächt- 
lich herabsieht ; ihre Bildung ist ebenso zwecklos, jeglicher Charla- 
tanerie nachlaufend, diesmal den Medien, Trances, Hypnotiseuren — 
ein dummes Bauernmädchen hält die Professoren zu Narren. Der 
Hals Tolstojs gegen jede Mystik, gegen alles Transzendentale und 
Metaphysische kommt hier zum Durchbruch, aber der Spiritist in 
»Anna Karenina <- war ungleich interessanter, durchdachter, tiefer, 
als alle diese Hohlköpfe mit ihrem Halbwissen; Stoff wie Form 
können nur mäfsiges Interesse beanspruchen. Anders die gleich- 
zeitigen Novellen, »Die Kreuzersonate« (1889), »Der Tod von Ilja 
Iljic« (1884), »Wirt und Knecht« u. a. Wo von der Intelligenz 
die Rede ist, wird ihr Formelkram, ihre mechanischen Anstands- 
regeln , ihre Hohlheit empfindlich glossiert , namentlich in der 
» Kreuzersonate c die Erziehung der Kinder, nicht zu Menschen, 
sondern zu Zuchttieren, die Herrichtung der Töchter zum Gimpel- 
fang, die eheliche Untreue; dagegen wird eingetreten für ge- 
schlechtliche Enthaltsamkeit, für die Durchführung des christ- 
lichen Ideals statt einer Beseitigung desselben durch den Hinweis 
auf seine angebliche Undurchführbarkeit. »Der Tod von Iljic c 
zeigt den würdigen Abschlufs eines geistlosen, sehr honetten, 
intelligenten Lebens, mit realistischen Einzelheiten, die in höchstem 
Mafse shocking sind. Nur die Läuterung und Wandlung des Ilja 
durch seine Ergebung, unter der beruhigenden Einwirkung der 
Umgebung, d. h. der niederen Dienerschaft aus dem Volke, ja 
nicht von Frau und Kindern, ist nicht ganz stichhaltig durch- 
geführt — hier überall merkt man, wie in aller Produktion nach 
1876, die aufdringlichste Tendenz. 

Am meisten merkt man dies in dem umfangreichsten Roman, 
in »Auferstehung«. Vor allem ist hier Fürst Nechludov ein Tolstoj- 
sches Präparat, ohne Blut und Leben; derselbe Fehler hat ja den 
Wert von »Krieg und Frieden-:: wenig beeinträchtigt, wo die 
einzige, ganz unhistorische Persönlichkeit eben die Hauptperson, 
Pierre Besuchov ist ; aber diesem Präparat wufste der geniale 
Künstler scheinbares Leben einzuflöfsen , er bewegte sich nicht 



— 362 — 

automatisch, tat, als ob er selbständig denke, während bei Nech- 
ludov auch auf den Schein verzichtet wird. Die Verwicklung 
und ihre Lösung macht einen furchtbar gequälten Eindruck, der 
Theorie, Idee wird jede Wahrheit geopfert — wie in den »Toten 
Seelen«, wie in --^Schuld und Strafe« eröffnet sich uns die Aus- 
sicht auf eine Fortsetzung ; hoffentlich bleibt sie ungeschrieben. 
Wie in den »Kasaken« Mariana den Olenin, entläfst auch hier 
Maslova den Nechludov mit demselben j-ujdi« (geh weg!), nur 
sucht sich hier Nechludov im Namen eines abstrakten Verschuldens, 
an das er selbst nur pro forma glaubt, mit Trotz durchzusetzen. 
Die Einzelheiten verraten den Meister wie immer; die Bilder 
aus dem Gefängnis mit den Läusen und anderem Ungeziefer und 
Gestank und Ekel, der Marsch der von Luft und Licht ganz 
entwöhnten Gefangenen in der Schwüle des Julitages mit seinen 
Hitzschlägen — doch man müfste ja Kapitel für Kapitel her- 
zählen, alle diese erschütternden, empörenden Szenen, mit dieser 
furchtbaren Drastik, mit diesem schonungslosen Realismus — , die 
Szenen auf dem Transport, z. B. jener Abend unter den politi- 
schen »Verbrechern«. Und wiederum die unerbittliche Satire auf 
die Intelligenz , auf die Heuchelei , Indifferenz , das Formelhafte 
und Mechanische, den stumpfen Egoismus, die Gedanken- und 
Gefühllosigkeit; die Szenen vor Gericht, im Amt, im Salon 
zeigen nichts von dem wahren, christlichen, humanen Menschen, 
den wir doch in den Dreckhöhlen des Gefängnisses, unter der 
Kruste von ph3'sischem und moralischem Schmutz gefunden haben. 
Nur der Titel des Romans ist völlig irreführend; von einer »Auf- 
erstehung« kann gar keine Rede sein; Nechludov bleibt, was er 
war; ihm fehlt jeglicher Glaube wie Tolstoj selbst. Mechanisch 
wiederholt er die Worte des dummen englischen Missionars, die 
die Zuchthäusler mit höhnendem Spott aufnehmen ; mechanisch 
eilen seine Augen über die Zeilen von Matthäus XVIII; ganz so 
wie Dostojevskij j'fausse route« gemacht hat, als er seinen Raskol- 
nikov nicht mit den Worten entliefs: »in dem einen nur erkannte 
er sein Verbrechen, dafs er es nicht ertragen und sich selbst 
angezeigt hat« , sondern daran ein frömmelndes Salbadern von 
der »Auferstehung durch Liebe« usw. angehängt hat, ebenso 
verhöhnt nur Tolstoj sich selbst und den Leser, da er seinen 
Roman nicht mit dem Ausdruck des Gefühls von Ekel abschliefst, 
das Nechludov nach dem letzten, entscheidenden Gespräch mit 



— oOO 

der Maslova überwältigt , sondern mit einem deus ex machina 
eine Wunderkur an dem Unheilbaren vollbringt. 

Vorher hatte Tolstoj auch eine Schrift »Was ist eigentlich 
die Kunst?«; (1897) herausgegeben, natürlich keine Ästhetik, 
sondern eine Polemik gegen jede Ästhetik , von der Kunst nur 
unmittelbaren Nutzen , förmlich für den Anschauungsunterricht 
des Volkes oder der Jugend fordernd, ganz einseitig, aber sehr 
charakteristisch und im einzelnen nicht ohne scharfe, treffende 
Bemerkungen. 

Tolstoj gehört den > Belletristen der vierziger Jahre« an, 
durch die Wahl seiner Typen und Themen, die, wie die Turgenievs 
oder Goncarovs, dem Leben des russischen Provinzadels entnommen 
sind: die Stadt, das Volk, bis auf einzelne Versuche, wie der 
Unglücksrabe »Polikuschka« u. a., bleiben abseits. Seine epische 
Kunst , seine Kleinmalerei und Psychologie sind die ihrigen ; 
doch überwiegt bei ihm das blofse Interesse am Menschen — die 
Natur als solche fesselt ihn nicht. Dafür dringt seine Analyse 
ungleich tiefer; auch die edelste Phrase, Gefühl, Handlung horcht 
und fragt er aus, in seiner rücksichtslosen Wahrheitsliebe; schon 
sein kleiner Irteniev, wegen seiner Aufrichtigkeit belobt, meint 
»nicht ohne innere Selbstzufriedenheit« (!), ich sage die Sachen, 
die ich mich schämen mufs einzugestehen, immer frei heraus. 
Und das hat Tolstoj immer getan, daher die konsequente Ent- 
wicklung, ohne einen einzigen Sprung — und das nennt man 
Wandel, Krisis! bis zur vollständigen Negation des intelligenten, 
gesellschaftlichen Lebens und seiner Grundlagen oder richtiger 
Grundlosigkeit, bis zur Enthüllung alles Falschen, Konventionellen, 
sogar bis zum Proteste gegen die Unsitte, Festlichkeiten und 
Jubiläen geistiger Arbeit und der Aufklärung — mit Fressen 
und Saufen, wie roher Bauern Festtage, zu feiern. Diese Kon- 
sequenz — andere mögen es Einseitigkeit, Verbohrtheit nennen — 
imponiert gerade dem Russen, dessen starke Seite Entschiedenheit 
nie ist, am meisten ; diese Furchtlosigkeit, dieses Nichtanerkennen 
irgendwelcher Schranken, vor denen der Europäer instinktmäfsig 
Halt macht, ist anderseits, wie wir dies mit Herzens Worten 
ausgeführt haben, tief im russischen Wesen begründet. 

Daher gibt Tolstoj russische Natur so vollständig wieder, 
ist Typus des Russen, sogar bis auf die stämmige Gestalt und 
das Gesicht des Bauern, das ihn in seiner Jugend so kränkte und 



— 364 — 

worauf er sich heute so viel einbildet; dals er von Unbekannten 
mit Bauern verwechselt wird^ »also der Aristokrat ist einem 
nicht aufs Gesicht geschrieben«, meint er zufrieden. Tolstoj ist 
physische und moralische Gesundheit selbst, der Mensch wie 
seine Kunst, Dichter des irdischen Lebens allein, eine mächtige, 
knorrige Eiche, fest gewurzelt in der heimischen Scholle, breit 
majestätisch sie überwölbend — ohne den Zug nach oben, nach 
dem Überirdischen, der ihm vollständig fremd ist — darin liegt 
seine Beschränkung. Aber innerhalb dieser Schranken ist er der 
souveräne, unübertroffene Künstler, der Proteus, der sich nicht 
nur in die grundverschiedensten Menschen, sondern sogar in 
Tiere und Pflanzen zu verwandeln weifs, der weifs, wie sie leben 
und sterben, was die Menschen im Geheimsten wollen oder fühlen, 
und was sie nach aufsen tun oder sagen. Seine Aufrichtigkeit 
enthüllt ihm die hohlen Lügen des intelligenten Lebens, daher 
bekämpft er sie schon seit seinen frühesten Schriften, daher der 
satirische, ironische Zug schon bei der Darstellung des Irteniev 
und seiner Herrenkapricen , wie sein Kutscher es richtig , wenn 
auch nicht gerade mit diesem Ausdrucke , bezeichnet : der Ver- 
folgung dieser »barskaja blaz« in allen ihren Formen und Hüllen 
ist die fünfundfünfzigjährige litterarische Arbeit gewidmet, und 
mit jedem Jahre — nach kurzen Intervallen, namentlich im 
»Familienglückc mit seinem Predigen »ehrenhaften Lebens- 
genusses-;: , ganz wie der Plebejer Molotov des Pomialovskij im 
»Bürgerlichen Glücke es tut — , steigert sich die Ironie bis zur 
Unerbittlichkeit, bis zu dem Grade, dafs er nicht nur als Künstler, 
sondern sogar als Mensch jegliche Bande mit diesem »Familien- 
glück« als einem sündhaften und sinnlosen zu zerreifsen versucht. 
Die erstaunliche Fülle und Genauigkeit seiner Beobachtungen 
wie sein Wahrheitsfanatismus , die Kunst des plastischen , sinn- 
lichen, malerischen Ausdruckes wie das tiefste Eindringen seiner 
psychischen Analyse des normalen Menschen bedingen die 
aufserordentliche, weit über Rufsland hinausgreifende Bedeutung 
seines Werkes, machen ihn zu einem der gröfsten Epiker aller 
Zeiten. 



— 365 — 

Vierzehntes Kapitel. 
Dostojevskij, 

Mystiker und Prophet im Gegensatze zu den grofsen Realisten. Seine 
Erstlingswerke lassen die künftige Entwicklung nicht ahnen. Änderung 
seiner Richtung seit dem »Totenhause« und namentlich seit ^Ver- 
brechen und Strafe«. »Der Idiot«. "Die Dämonen«. »Die Brüder Kara- 
masov". Seine Eigenart und Bedeutung; das Beunruhigende seines 
Schaffens; seine orthodoxe Einseitigkeit. 

Ganz im Gegensatze zu allen anderen russischen Belletristen, 
die stets den gesunden, normalen Menschen schildern, mag er noch 
so sehr unter Unzufriedenheit, Enttäuschung, Ungerechtigkeiten 
leiden, mag er noch so sehr zum Grübeln, Hamletisieren und 
Zweifeln schon veranlagt oder erst dazu gebracht worden sein, 
ist Dostojevskij der Dichter des kranken, nicht normalen, aus 
physischem, moralischem, geistigem Gleichgewichte für immer aus- 
gestofsenen Menschen. Die Sensationen, den Blick in grundlose 
Tiefen, in die Nachtseiten menschlichen Geistes, in seine unbewufste, 
unkontrollierbare Tätigkeit, auf moralische Abirrungen, perverse 
Triebe — wir verdanken sie nicht erst unseren Dekadenten, 
Satanisten, Orgiasten; er hat sie längst vorweg genommen. 
Nichts ist bezeichnender für den Autor als seine Stellung zu 
den Franzosen, zu Flaubert oder Bourget; wo die Kunst beider 
aufhört, setzt erst die seine ein. So schreibt er die Fortsetzung 
der »Madame Bovary« : wie, wenn der Apotheker aus dem Nach- 
lafs seiner Frau aufstöberte, dafs sein, ihn einzig über den Ver- 
lust seiner Gattin tröstendes, vielgeliebtes Kind nicht sein, sondern 
eines anderen Kind ist — wie sich der Hafs gegen das Kind 
bei dem so schmählich Betrogenen , der Rachedurst bei dem so 
ruhigen, stillen, feigen Bourgeois entwickeln, ihn übermannen, zu 
einer Manie werden wird, wie er die Bekanntschaft des anderen 
suchen wird usw. Man vergleiche »Le Disciple« mit »Schuld 
und Strafe« , wo bleibt der Franzose hinter dem Russen — und 
»Le Disciple« ist zwanzig Jahre später geschrieben worden, und 
man gab Bourget für einen »Psychologen« aus! 

Was für äufsere Umstände beigetragen haben, um Dostojevskij 
zum Dichter der anormalen Menschen, der Verbrecher und Irren, 



— 366 — 

der Epileptiker und Neurastheniker, der Perversen und Mystiker, 
der Grübler und Skeptiker, aller der Enterbten und Ausgestofsenen 
zu machen, ist bekannt. Eine krankhafte Disposition — das 
zerrüttete Nervenleben mit den Anfällen der Fallsucht hat er 
nicht erst aus dem Zuchthause geholt, sondern es bereits dorthin 
mitgebracht. Für den Epileptiker ist auch die grofse Religiosität 
charakteristisch, die schliefslich über alle Zweifel und Skrupel 
den Sieg davongetragen hat, die ihn ungerecht werden liefs 
gegen die Mentoren seiner Jugend (Bielinskij) wegen ihrer 
Geringschätzung Christi. Dazu kamen die zwei furchtbaren, 
ganz unverschuldeten Schicksalsschläge, die ja den vernünftigsten 
Menschen in Wahnsinn hätten treiben können: die Verliefse 
der Festung mit ihren Verhören und mit der furchtbaren Einzel- 
haft und mit dem furchtbaren Todesurteil (einer seiner Haft- 
genossen ist ja verrückt geworden), und die vier Jahre Zucht- 
haus in der tödlichen Umgebung der Arrestantenrotten, wo er 
keinen einzigen Augenblick, höchstens zusammenbrechend unter 
der Last der Ziegelsteine, sich als Mensch gefühlt hat — er 
stellte in der Folge die Eindrücke ungleich milder dar, als sie 
es in der Wirklichkeit gewesen sind. Und dann, als er sich 
eben mit seiner Zeitschrift in Petersburg seine Lebensstellung zu 
sichern begonnen hatte, das plötzliche, ganz idiotische, nur durch 
ein Mifsverständnis heraufbeschworene Verbot derselben, der Ruin 
seiner und seines Bruders und ihrer Familien, der neue mifs- 
glückte Versuch, der Tod der Nächsten und Liebsten, die un- 
endlich aufreibende , übermenschliche Arbeit , die doch den Zu- 
sammenbruch unter der Schuldenlast nicht aufhalten kann, die 
Flucht vor dem Schuldturm ins Ausland, die aufregende Arbeit 
in der Jagd nach dem geringen Entgelt, die ihn jahrelang 
plagt — das alles hätte den Stärksten mürbe gemacht. Kein 
Wunder, dafs er das Gefühl hatte, beim lebenden Leibe ge- 
schunden zu sein, dafs jeder Lufthauch ihn Schmerzen bereite. 
Und dazu die immer häufigeren, immer erschöpfenderen Anfälle 
der grofsen Krankheit, die ihn tagelang mit den zerschlagenen 
Gliedern, mit dem totmüden Kopf zu jeder Arbeit unfähig 
machten: und doch drängte diese Arbeit unablässig, peitschte 
dieser ungeduldige Mahner den Zusammenbrechenden zu neuer 
Anstrengung. Dazu andere Schicksalsschläge; dann Mangel an 
Anerkennung, hämische Anklagen, beifsender Spott — wahrlich 



— 367 — 

ein Höllenleben! Desto bewunderungswerter bleiben einmal die 
zähe Lebenskraft »einer Katze« : nie ein vollständiges Zusammen- 
brechen, mögen auch Sinne und Verstand für immer zu schwinden 
drohen-, dann das stolze Bewufstsein des Künstlers, dem seine 
Arbeit, trotz aller Widerwärtigkeiten, sein alles ist, wo er sich 
als der grolse Meister fühlt, auf dessen Worte »sie« werden 
hören müssen; und vor allem diese leidenschaftliche Liebe, 
Sympathie für alle die Erniedrigten, Beleidigten und Verletzten. 
Was blieb ihm z. B. aus der ganzen Riesenstadt (London) im 
Gedächtnis haften? das Bild des kleinen, zerlumpten Mädchens, 
dem er als Almosen eine Silbermünze gab, und die nun wie ein 
wildes Tier vor ihm und den Menschen floh, um ihren Schatz 
in Sicherheit zu bringen — nicht die Westminsterabtei, oder die 
Flotte, oder die Konstitution Englands haben ihm gleich imponieren 
können. Ebenso war es kurz zuvor Tolstoj ergangen, dem aus 
dem ganzen Leben des Westens nur jene bekannte Luzerner 
Szene mit dem Bettelmusikanten, dem niemand etwas reichte, 
unverwischten Eindruck machte: ja, die Barbaren haben Eidechsen- 
augen ! 

Die Widerwärtigkeiten des Lebens erklären manches in dem 
Äufserlichen seines Schaffens: den Mangel in der Ausführung, 
das Lose in der Komposition, die Wiederholungen und Längen, 
die Stillosigkeit im einzelnen. Es fehlte ihm einfach an Zeit, die 
Sachen durchzugehen; ihm hat niemand seinen »Krieg und Frieden« 
sechsmal abgeschrieben, er wäre froh, wenn er ihn einmal zu 
Ende diktiert hätte. Der Anfang, das am reifsten Überdachte, 
ist daher oft bei weitem das Beste; die überstürzte Fortsetzung 
entspricht ihm nicht mehr, verwirrt sich, der Schlufs pafst nicht 
recht zum Anfang! Dostojevskij ist kein Epiker, Erzähler, 
Schilderer. Die Natur existiert für ihn gar nicht, Beschreibungen 
fehlen. Ihn interessiert nur der Mensch, d. i. sein Seelenleben. 
Aber er ist auch kein Dramatiker; als echter Slawe weifs er 
sich überhaupt nicht zusammenzufassen, verliert sich ins Uferlose. 
Auch wenn ihm längeres Leben beschieden gewesen wäre, hätte 
er kaum die »Karamasovs« bewältigen können. Wie fern ihm 
das behäbige, gemächliche Erzählen lag, beweist, dafs seine 
meisten und längsten Romane eigentlich immer dicht vor der 
Katastrophe anfangen, dafs sie mit ihren Bänden die knappe 
Zeit von einigen Tagen, höchstens einigen Wochen ausfüllen. 



— 368 — 

Wie we.nig Sinn für dramatische Charakteristik er hatte, beweist, 
dafs seine Gestalten z. B. sämtHch dieselbe Sprache sprechen. Er 
fühlte offenbar instinktiv diese seine Schwäche und wählte für seine 
Romane die Brief- oder die Ichform des Erzählens oder des Auf- 
zeichnens eigener Erlebnisse und Eindrücke, wo dann diese Ein- 
förmigkeit nicht weiter gestört hätte, aber mitunter litt der 
Roman aufs empfindlichste, so ist z. B, für die ;> Dämonen« die 
Ichform verhängnisvoll und mufs immer wieder fallen gelassen 
werden, und trotzdem reimt sich die Form nicht mit dem Inhalt. 
Dafür beleuchtet Dostojevskij seine Gestalten von innen heraus. 
Man mag sich gar kein Bild machen können, wie Raskolnikov 
oder einer der Karamasovs oder Myschkin ausgesehen haben, 
dafür ist uns jede Regung, jede Faser ihres psychischen Organis- 
mus vertraut und es sind sehr komplizierte Organismen. 

Dostojevskij erzählt weder noch beschreibt; er stellt die 
Menschen einander gegenüber und spricht, analysiert, argu- 
mentiert für sie mit einer Leidenschaftlichkeit und Enthusiasmus, 
mit einer Beharrlichkeit und Schärfe, mit einer Vielseitigkeit und 
Tiefe , die ihresgleichen suchen , namentlich in der russischen 
Litteratur, die sich eben durch Leidenschaftlichkeit nicht immer 
auszeichnet. Den Mangel an Erzählertalent ersetzt er durch 
eine erstaunliche Geschicklichkeit im Schürzen des Knotens, durch 
eine äufserst verwickelte Exposition, in der wir fortwährend auf 
Rätsel stofsen. In den »Dämonen« wird damit förmlich ge- 
sündigt, die Geduld des Lesers auf eine harte Probe gestellt. 
Wie geschickt er den Schein zu wahren weifs ! der Leser selbst 
wird, wie die Gerichtsbehörden, überzeugt, dafs Mitia Vater- 
mörder ist, und nachdem der Leser den eigentlichen Zusammen- 
hang erfahren, mufs er zum Verhör Mitias zurückkehren und 
die Meisterschaft anstaunen, mit der durch die Fragen und Ant- 
worten jener Schein erweckt werden konnte. 

Diese allgemeinen Bemerkungen überheben uns der Mühe, 
bei jedem Werke etwaige Mängel hervorzukehren; sie machen uns 
nicht mit den Idealen, Tendenzen und — Vorurteilen des grofsen 
Russen bekannt. Bei Betrachtung des einzelnen in chronologi- 
scher Folge verzichten wir, bei der Fülle des Stoffes, auf alles 
Kleinere, minder Gelungene, z. B. »Flegeljahre« (Podrostok), 
oder minder Charakteristische, z. B. Versuche, mit Paul de Kock 
zu rivalisieren (in komischskabrösen Anekdoten). Dostojevskij 



— 369 — 

hat nicht sofort seinen Weg gefunden. Was seinem »Toten- 
hause« 1862 vorausgeht, enthält meist nur einzelne Züge seiner 
späteren Entwicklung, läfst sie nur ahnen, z. B. die Vorliebe 
für Helden aus der Kinderwelt, für ganz bestimmte pS5^chologische 
Probleme usw. Seine anfängliche Produktion steht einmal im 
Zeichen von Gogol, andererseits in dem von Dickens, Balzac und 
Hoffmann. Seine erste Erzählung , die ihm den begeisterten 
Empfang von Niekrassov , Grigorovic und Bielinskij sicherte, 
gegen die dann die unmittelbare Fortsetzung stark abfiel , ent- 
täuschte, wies am wenigsten seine eigentliche Bahn. Zwar ist 
es ein Stadtbild, und er blieb für immer Dichter der Städte, doch 
nicht ihrer Pracht und ihres Glanzes, sondern ihres Elends, Ar- 
mut und Lasters. Zwar ist es durchtränkt von der Liebe für 
die Kleinen ; es lehrt uns ja : sehet dieser Unbedeutendste, Ärmste 
und Verlassenste aller Kanzlisten, an dem nicht ein Zoll Held 
ist, ist doch der gröfsten, selbstlosesten Aufopferung fähig, noch 
dazu ohne die geringste Pose, als wäre alles selbstverständlich. 
Zwar ist auch Diewuschkin in seinem^ Preisgeben jeden Egois- 
mus, jeden Rechtes auf eigenes Glück auch nur ein Herold des 
smirenije, der Demütigung und Erniedrigung ; aber alles scheint 
zufällig, unabsichtlich, ohne weitere Konsequenzen. Folgende 
Erzählungen brachten andere Anekdoten von demselben Diewusch- 
kin unter anderem Namen : wie er sich von seinem Munde ein 
kleines Vermögen für seine Schwägerin abspart, man findet es 
in der Matratze des Halbverhungerten ; oder wie er sich im Amte 
kriecherisch und menschenunwürdig benehmen mufste, um ja 
nur Gunst des Vorgesetzten und Stelle nicht einzubüfsen, und 
wie sein besseres Ich, sein moralischer Doppelgänger, diese Ent- 
würdigung aufdeckt und verurteilt. Nichts erhob sich über das 
Anekdotische , auch wo er von seinen kleinen Helden und ihrer 
durch die Umstände bedingten , verfrühten Reife handelte , oder 
allerlei unsympathische, ja wilde, brutale Bestien zeichnete. 

Die Schicksalsschläge von 1849 — 1857 nahm er mit christ- 
licher Ergebung als schwere, verdiente Prüfung auf; seine 
Religiosität wuchs, die Berührung mit dem Volke lehrte ihn nur 
noch eindringlicher das russische dolgotierpienije, seinen »Herois- 
mus der Sklaverei«, und das christliche smirenije als Fanazeen 
aller Leiden schätzen. Statt des Predigers dieser Tugenden kam 
vorerst zu Worte der Berichterstatter, der Mak Kennan der 

Brückner, Cieschichte der russischen Litteratur. 24 



— 370 — 

fünfziger Jahre, der dem erstaunten Publikum die unbekannte 
Wahrheit über Gefängnisse und Verbrecher zu sagen hatte. Im 
Grunde war die Wahrheit eine alte; längst hatte sie das Volk 
durch die Bezeichnung »Unglücklichem vorweggenommen. »Die 
Memoiren aus dem toten Hause« waren eine grandiose Offen- 
barung, wie sie keine Litteratur bisher kannte; denn Pellicos 
» Gefängnisse« waren ja völlig anders. Eingekleidet waren sie, 
da einen direkten Bericht die Zensur nie gestattet hätte, in die 
Form hinterlassener Aufzeichnungen eines wegen Mordes aus 
Eifersucht zu Zuchthaus verurteilten Adligen, der nach dem Ver- 
lassen des Gefängnisses in Sibirien verblieben war und dessen 
Papiere der Herausgeber veröffentlicht. Alle Anspielungen auf 
politische Verbrecher, Zusammentreffen mit Polen, blieben ur- 
sprünglich fort. Der Bericht erstreckte sich nicht über das ganze 
zehnjährige Gefängnisleben, schilderte nur die Eindrücke des 
ersten Jahres, die sich ja später wiederholten, und schlofs mit 
einem Kapitel über das Verlassen des Zuchthauses. Die Dar- 
stellung hielt sich von Klagen, sentimentalen Anwandlungen, 
Appell an die Gefühle frei. Es ist der objektive Zuschauer, der 
das Gesehene und Gehörte wiedergibt, die Leute bei der Arbeit, 
in der Kirche, im Bade, beim Theaterspiel, im gesunden und 
kranken Zustande, vor und nach Exekutionen, in Ruhe, Streit 
oder Auflehnung, in den verschiedenen Tages- und Jahreszeiten, 
sogar mit den sich einfindenden Tieren, Bock, Hunde, Adler, 
schildert , dann aus der Fülle der Typen einige bezeichnende 
hervorhebt, über ihr Vorleben handelt. Nur ab und zu unter- 
bricht eine kritische Bemerkung über unnötige Härten den ruhigen 
Vortrag. Die Psychologie des »Verbrechers« erfährt eine aufser- 
ordentliche Vertiefung. Seine Beobachtungen fafst der Verfasser 
dahin zusammen: »Wie viel Jugend ist in diesen Mauern unnütz 
vergraben, wie viel grofse Kräfte sind vergebens zugrunde ge- 
gangen. War doch dies Volk ein ungewöhnliches, war es doch 
vielleicht das begabteste, kräftigste aus unserem ganzen Volke; 
aber umsonst sind zugrunde gegangen mächtige Kräfte, sind zu- 
grunde gegangen anormal, ungesetzmäfsig , unwiederbringlich. 
Und wer trägt die Schuld? Ja, ja, wer trägt die Schuld?« 
Wir können ihm antworten : oft diejenigen eben , ' denen gegen- 
über er das dolgotierpienije und smirenije predigen wird. 
Wie der einzelne zum Verbrecher wird, ist an ausgewählten 



— 371 — 

Beispielen von erschütternder Tragik gezeigt. Wir lernen die 
Psychologie des Arrestanten kennen: sein träumerisches, über- 
spanntes Wesen, seinen fast kindischen Leichtsinn, den unwider- 
stehlichen Trieb, sich ab und zu als Herr seiner selbst zu zeigen, 
den kärglichen Verdienst zu verzechen oder zu verspielen-, ein 
mürrisches Schweigen, ein Trotz, verhaltener Ingrimm, oft unter 
der Maske bedächtiger Ruhe; die Gereiztheit bricht immer 
wieder durch in Zank und Neid , in Klatschsucht , in dem Sich- 
einmengen in fremde Verhältnisse, obwohl auch vernünftige 
Gutmütigkeit, Lust am Scherz, ja Spott vorkommen; fast 
krankhafter Ehrgeiz, die Sucht, um jeden Preis eine Rolle zu 
spielen. So verwischt auch das Zuchthaus die Unterschiede der 
Temperamente nicht. Nur eins ist allen gemeinsam, der in- 
stinktive, unauslöschliche Hafs des Bauern und Soldaten gegen 
den Adligen, den Zuchthausgenossen! Und über allen lastet 
dann dasselbe Gefühl der Schwermut, der Niedergeschlagenheit. 
Allen schwebt das eine Ziel vor. die Freiheit, die man sich köst- 
licher ausmalt, als sie je die Wirklichkeit bieten könnte. Der 
zerlumpte Bursche draufsen erscheint dem Sträfling ein König. 
Jegliches Schuldbewufstsein fehlt; man fühlt immer, in seinem 
Rechte gehandelt zu haben, man durfte nicht anders, namentlich 
in den Verbrechen gegen die Obrigkeit. Die Strafe wird als 
ein notwendiges, natürliches Übel hingenommen; von einer 
Besserung kann niemals die Rede sein. Nicht Staat noch Ge- 
fängnisse haben hierzu irgendeine Fähigkeit. Aus anderen Auf- 
zeichnungen Dostojevskijs wissen wir, wer allein solche be- 
anspruchen kann. Dafs die ganze Darstellung von wahrster 
Philantropie beseelt war, die unter den zur Hälfte Kahlgeschorenen, 
Gebrandmarkten das göttliche Ebenbild herausfand, braucht nicht 
hervorgehoben zu werden. 

Von nun an verblieb der Kranke unter den Verbrechern, 
unter denen, die, christliche Demut abwerfend, sich Rechte über 
ihresgleichen anmafsen, sich hinwegsetzen über Gut und Böse, 
sich eine Idee oder Theorie zurechtklügeln, die ihnen alles er- 
laubt. So entstand nach einigen Jahren, als die journalistische 
Tätigkeit abgebrochen war, der Roman »Verbrechen und Strafe«, 
1866. Die Idee zur Untat Raskolnikovs lag in der Luft; fast 
gleichzeitig wurden solche Verbrechen in Paris und in Rufsland 
von Studenten begangen. Die medizinischen Sachverständigen, 

24* 



— 372 — 

die den Fall behandeln, z. B. das französische Werk von Loygue 
über Dostojevskij , Paris 1904, sind ja im Recht, wenn sie 
Raskolnikov als einen Irren auffassen. Diese Auffassung teilte 
jedenfalls nicht ganz der Autor, der die volle moralische Ver- 
antwortlichkeit für die Tat dem Verbrecher zuschob, der ja auf 
den ersten Teil einen zweiten, der Sühne, der moralischen Wieder- 
geburt, folgen lassen wollte — es ist doch gut, dafs Dostojevskij, 
wie Gogol, nicht alles, was er vorhatte, auch ausgeführt hat. Ein 
erschütternderes Gemälde kann es gar nicht geben: nicht die 
Idee selbst, wie sie endlich festen Boden im Kopfe des Studenten 
fafst , wie er dann förmlich mechanisch zur Ausübung der Tat 
gezwungen wird , als wäre er einem Rädergetriebe mit einem 
Fetzen seiner Kleidung zu nahe gekommen und würde nun da- 
von erfafst und zermalmt, wie das eine beabsichtigte sofort ein 
anderes, ganz unbeabsichtigtes Verbrechen hervorruft; sondern 
die weiteren Folgen der unseligen Tat, das Reifsen aller Bande 
mit den geliebten Angehörigen, ja mit der Menschheit und Natur 
selbst ; der instinktive Selbsterhaltungstrieb im steten Kampfe mit 
dem Ekel vor sich, mit dem Bedürfnis einer Mitteilung, mit dem 
Schuldbewufstsein , bis alle Verstellung als lästig und zwecklos 
weggeworfen, die Tat bekannt wird; die Skrupel endlich, ob 
wirklich ein Verbrechen begangen ist, ob die Sühne nötig oder 
ob alles nur ein Spiel der Nerven. Die Fülle von Neben- 
handlungen. Episoden, Digressionen : der erfahrene Untersuchungs- 
richter, der dem schönsten Indizienbeweis dzz offene Geständnis 
vorzieht und den Verbrecher aus Idee, den blassen Engel, einem 
solchen langsam aber sicher zutreibt; die Rededuelle zwischen 
beiden, wo er wie die Katze mit der Maus spielt, zeigen die 
dialektische Meisterschaft des grofsen Sophisten. Mit der Haupt- 
handlung steht in keinem Zusammenhange der andere Verbrecher, 
ohne Dialektik und fixe Idee, dafür mit perversen Neigungen und 
zerrütteten Nerven, dem seine Halluzinationen ein Stück Geister- 
welt vorgaukeln, den schlief slich Ekel vor sich und der Welt zum 
Selbstmorde treibt. Und die Familie Marmeladov, der Trunkenbold 
von Vater, dem doch ein Instinkt sagt, dafs er ein Unglücklicher, 
kein Verworfener, dafs ihm wie den anderen »Schweinen« Gottes 
Gnade nicht vorenthalten bleiben wird; die viel unglücklichere 
Mutter; ihre Sonia, die mit Schande sie alle ernährt, ein gerade 
so zweckloses Opfer bringt wie Raskolnikov selbst, obwohl 



— 373 — 

sie, namentlich in den Szenen mit Raskolnikov, beim Lesen des 
Evangelium stark das Melodrama streift ; die Mutter und Schwester 
des Raskolnikov, der gute, gerade, beschränkte Rasumichin usw., 
— welche Fülle von Gestalten! Über ihnen allen der heifse, 
übelriechende Dunst der Grofsstadt im Sommer, zwischen den 
hohen Häusern , in allen den Spelunken, mit den Miasmen aller 
Laster und Verbrechen. Den Raskolnikov benutzt zugleich der 
Dichter als Sprachrohr eigener Anschauungen ; die Tiraden über 
Napoleon, andere grofse Helden, d. i. Verbrecher der Geschichte, 
da es kein Unterschied ist, eine Wucherin zu ermorden oder mit 
Bomben die Mengen zu bearbeiten, sind ein Stück eigener, slawo- 
philer Weisheit, die er einschmuggelt und unwiderlegt läfst; 
Einzelheiten, worüber, wie über manches Theatralische, das 
Küssen der Erde u. dgl., sich streiten liefse •, charakteristisch für 
den Russophilen könnte auch sein , dafs offenbar erst die bösen 
westlichen Theorien das moralische Bewufstsein des braven 
Raskolnikov verwirrt haben, dafs er nie die »Laus« getötet hätte, 
wenn er sich von seiner pocva, Fundament, nicht losgerissen 
hätte, dafs er erst durch den Kufs der pocva feierlich der Moral 
wiedergewonnen wird — zum Glück ist Svidrigailov da, an 
dem wenigstens die Westler ganz unschuldig sind. Für alle 
diese Zutaten zweifelhaften Wertes entschädigt der Roman voll- 
auf. Gestalten und Szenen, die verblüffende Meisterschaft der 
Analyse — man denke z. B. nur an das Verhalten Raskolnikovs 
in der Mordszene, den jähen Wechsel zwischen unbewufstem, 
halbdämmerndem Tun und den spontanen, instinktiven Regungen — , 
hoch über alle Produkte der Zeitgenossen , nehmen die ganze 
folgende Entwicklung voraus, konnten daher nicht einmal sofort 
nach Gebühr gewürdigt werden, und die Wertschätzung des 
Romans ist im steten Steigen begriffen, bedeutend höher 1906, 
als sie es 1866 war. Von welchem europäischen Roman, nicht 
nur der sechziger Jahre, könnte dies mit gleichem Rechte be- 
hauptet werden? 

Raskolnikov ist eine zwiespältige Natur, ein neuer Goliadkin. 
Für das Tun des einen Menschen in ihm ist der andere nicht 
verantwortlich, aber der Teufel in ihm mit seiner »Herrenmoral«, 
die sich über das Leben einer »Laus« so kühn hinwegsetzt, wird 
selbst zur Laus in den Augen des Christen, des reumütig büfsenden. 
Voll von solchen Zwiespältigkeiten ist der nächste grofse Roman, 



— 374 — 

der die gefährliche Berührung mit dem öffentlichen Leben (mit 
Recht preist ja der Untersuchungsrichter Raskolnikov glücklich, 
dafs seiner Grüblerei nur die alte Wucher in zum Opfer fiel — 
ebenso leicht hätte aus ihm ein Karakasov werden können) ver- 
meidet und individuellem Leben gewidmet ist: »Der Idiot« (1868). 
Ein höchst eigenartiges, beunruhigendes Werk. Wir verzichten 
wieder auf die Nebenpersonen, auf die Familie des General 
Jepanein, obwohl auch in der Brust seiner Aglaja zwei Seelen 
zu wohnen scheinen, verzichten auf slawophil-orthodoxe Spitzen, 
z. B. die Tiraden gegen den Katholizismus als den Glauben des 
Antichrist, die — man denke ja nicht an Selbstironie — dem 
Fürsten vor dem epileptischen Anfall in den Mund gelegt werden; 
wir widmen nur einige Bemerkungen den drei Hauptpersonen. 
Der »Idiot«, Fürst Myschkin, wird uns in einem lucidum inter- 
vallum vorgeführt, zwischen der Entlassung aus der fremden 
Heilanstalt und der lebenslänglichen Internierung im Irrenhaus; 
er ist ein »jurodivyj«, eine in jedem russischen historischen Roman 
vorkommende Persönlichkeit, die von Gott gezeichnet, durch die 
»grofse«, heilige Krankheit, durch ihre Verzückungen, vom Volke 
halb als Narr verspottet und bemitleidet, halb als Heiliger ver- 
ehrt und bewundert wird, die allein unter den Feigen, Verrohten, 
Verderbten die Wahrheit, die Moral, das Evangelium dem grau- 
samen Iwan, dem Tyrannen Boris, dem leichtsinnigen Demetrius, 
dem feigen Schujskij ins Gesicht zu schleudern wagt. So ist 
auch der Idiot mit seinem liebeheischenden, Verzeihung und Trost 
spendenden Herzen, er der Verrückte, die Verkörperung der 
Humanität selbst, und der Gleichgültigste kann sich seinem 
zauberischen Einflüsse nicht ganz entziehen. Am meisten an- 
lockend und abstofsend wirkt er auf das Paar Nastassja-Rogozin, 
deren Naturen, seiner harmonischen, ungeteilten gegenüber, ver- 
worrensten Widerspruch, schärfsten Zwiespalt bergen : Nastassja, 
die leidenschaftliche Hetäre — so klagt sie sich wenigstens an, 
doch ist sie es nur zum Teil — , folgt ungebändigten Trieben, 
die sie ins Verderben stürzen müssen gegen ihr besseres Denken 
und Fühlen, und die reuige Magdalena, ein Opfer fremder Schuld 
und Lüste, des Tozkij; Rogozin, der in unbezähmbarer Leiden- 
schaft zu ihr entflammt, von wilder Eifersucht gepeinigt, sie 
töten mufs, weil er sie in dem Augenblicke am wenigsten besitzt, 
wo sie sich ihm für immer hingibt ; sonst die Vernunft, Besonnen- 



— 375 — 

heit, Zurückhaltung selbst, der nach der Untat seinen moralischen 
Halt für immer gewinnt, was für Raskolnikov durchaus nicht 
erwiesen wäre. In diesem Knäuel von Widersprüchen läuft die 
unvermeidliche Katastrophe ab, mit allen ihren furchtbar charak- 
teristischen Einzelheiten, die jede für sich besondere Hervorhebung 
verdienten (z. B. das Benehmen Rogozins nach dem Morde, Nastassja 
und Gania usw.); interessanter noch als diese ist die Zeichnung 
des Idioten, des Epileptikers und seiner Anfälle, des Augenblickes 
der Verzückung, wo seine vitalen Sinne eine unerhörte Steigerung 
erfahren, des dumpfen Druckes vorher und nachher. 

Während Dostojevskij hier ganz in Schilderung anormaler 
individueller Zustände aufgegangen schien, war unterdessen sein 
Rufsland auch nach der Explosion des Attentates durchaus nicht 
in seine normale Bahnen des »smirenije« und »dolgotierpienije« 
zurückgekehrt. »Nihilistische« Propaganda wirkte im geheimen 
weiter, Einzelheiten, wie der Prozefs des Necajev. d. i. der Prozefs 
der Siebenundachtzig von 1871 nach der Ermordung Ivanovs als 
angeblichen Verräters 1869, bewiesen dies nur zu deutlich. Da 
griff Dostojevskij zur Feder, um dieses Unkraut auf dem heiligen 
russischen Boden ausjäten zu helfen, und so entstanden seine 
»Dämonen« , ;>Biesy« , 1871 und 1872 im »Russischen Boten« 
gedruckt, eine Paraphrase des Necajevschen Verbrechens, nur 
hiefs hier Ivanov Schatov, Necajev: Verchovienskij - Sohn. Den 
Grundgedanken des Romans gibt das Motto aus Lucae 8, von 
dem Verlassen des Besessenen durch die Dämonen und ihrem 
Eingehen in die Schweine und die Erklärung, die der fiebernde 
Verchovienskij -Vater hinzufügt: ^Die da aus dem Kranken 
heraus und in die Schweine, hineingefahren, sind alle die Ge- 
schwüre, Miasmen, Unreinlichkeiten, alle Teufel und Teufelskinder, 
die sich in unserem grofsen, lieben Kranken, in unserem Rufs- 
land, seit Jahrhunderten aufgehäuft haben. Aber grofser Gedanke 
und Wille wird es von oben segnen, wie jenen unvernünftigen 
Besessenen, und es werden herauskommen alle diese Unholde, alle 
Unreinlichkeit, Ekel, die auf der Oberfläche eiterten, und selbst 
werden sie darum bitten, in Schweine einzugehen, ja, sind viel- 
leicht schon eingegangen. Dies sind wir (d. i. die Männer der 
vierziger Jahre, das unschuldigste, liebe, ganz russische, lustige, 
liberale Geschwätz, der liebe, kluge, liberale, alte, russische Un- 
sinn), wir und die Nihilisten und Petruschka (der Sohn) und seine 



- 376 — 

Genossen und ich vielleicht zuerst, an der Spitze, und wir Un- 
vernünftige und Besessene werden uns vom Felsen ins Meer 
stürzen und alle ertrinken, unser einziger Ausgang, denn anderes 
treffen wir doch nicht; aber der Kranke wird heil werden und 
sich zu Christi Füfsen setzen, und alle werden es gerührt ansehen, c 

Zur Vermeidung von Mifsverständnissen mufs der ausländische * 
Leser an die chronologische Folge der Ereignisse erinnert werden. 
Die »Nihilisten«, die Dostojevskij schildert, nehmen die mittlere 
Etappe ein zwischen den Helden des »Aufgewühlten Heeres« 
(des Pissemskij , die nur schwatzen , Proklamationen lesen und 
verbreiten) und denen des »Neulandes«, die schon unter das Volk 
gehen. Es behandeln somit die russischen Romane — andere von 
Belang sind ja dieser Erscheinung gar nicht gewidmet und wären 
bei den Zensurverhältnissen ganz undenkbar — nur das V^orstadium 
der »nihilistischen« Bewegung ; die grofsen Revolutionäre , die 
Bakunin und Lavrov, Fürst Krapotkin (vgl. dessen anziehende 
und erschütternde Memoiren »Wie ich Nihilist \%airde«), die Atten- 
täter, Sophie Perovskaja — die Heldin eines Turgenievschen Ge- 
dichtes in Prosa — existieren gar nicht für den russischen Roman, 
am allerwenigsten für die »Dämonen«. Schon der Titel führt 
irre, nicht um »Dämonen« des Nihilismus handelt es sich, sondern 
um blofse Mitläufer, die Trofsbuben, die jedes Heer begleiten — 
allerdings meint auch das Evangelium nur Karikaturen von 
Teufeln, die ersaufende Schweinekadaver dem dunkeln Reiche 
vorziehen. Dostojevskij zeichnet nur Karikaturen, von jenem 
mit der »revolutionären« Jugend kokettierenden Schriftsteller 
Karmasinov mit seinem anmafsenden Dünkel und verblendeter 
Unkenntnis der Dinge — gemeint war Turgeniev , von Vercho- 
vienskij-Vater an, dem überzeugungstreuen Liberalen, den sogar 
seine betörte Gönnerin schliefslich als einen blofsen Parasiten, 
eine »pri^ivalka« (männlichen Geschlechtes) durchschaut, doch 
ihren Rudin aus blofsem Mitleid weiterschmarotzen läfst, bis zu 
jenen Verbreitern der Proklamationen, die deren Inhalt nicht 
einmal zu lesen wagen und die Verbreitung aus blofser Höflich- 
keit — sie können einem anständig Gekleideten nichts abschlagen — 
besorgen. Das Buch ist von leidenschaftlichem Hasse eingegeben 
und hat leidenschaftlichen Hafs geweckt — noch heute kann kein 
»liberaler« Kritiker ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen. Aber 
wir betonen nochmals, Dostojevskij hat nicht die Helden, sondern 



— 377 — 

die Falstaffs, die idiotischen Adepten, Halb- und Ganzverrückte 
des Nihilismus gezeichnet. Er war ja in seinem vollsten Rechte, 
es gab natürlich solche, namentlich 1862 — 1869, aber es gab 
nicht nur solche; sogar Necajev, das Prototyp des Petruscha, 
imponiert durch seine stählerne Energie und durch seinen Hafs 
gegen die höheren Klassen, die wir bei dem Windbeutel und 
Intriganten Petruscha ganz vermissen. 

Allen Opfern, Verführten des Petruscha ist gemeinsam die ein- 
seitige Entwicklung nach einer bestimmten Richtung : eine einzelne 
Idee bemächtigt sich des Gehirnes des russischen Menschen, mit 
ihr fertig zu werden ist er nicht imstande; dafür glaubt er leiden- 
schaftlich, und siehe, sein ganzes Leben vergeht wie in Krümmungen 
unter einem Stein, der herabfiel und ihn zur Hälfte schon völlig 
zermalmt hat. Die Furcht, für nicht genug fortschrittlich gehalten 
zu werden, die Scham treibt sie in die Konventikel und verwickelt 
sie immer unaufhaltsamer. Der geschickte Agitator wirkt auf 
ihre Eitelkeit mit Titel und Rang , auf ihr Gefühl mit Senti- 
mentalitäten ; vor allem darf in den Köpfen kein einziger eigener 
Gedanke übrigbleiben, und das Material für ein Mitglied der 
»Fünfer« , die angeblich ganz Rufsland mit ihrer Organisation 
bedecken, ist fertig. Doch sind dies beileibe keine Männer der 
Tat, meist Idealisten, Fourieristen, Aushecker allerlei sozialistischer 
Utopien; eine Aktion nach aufsen ist gar nicht nach ihrem Sinn, 
die Anpeitscherei durch Petruscha behagt ihnen nicht; kurz vor 
dem verhängnisvollen Entschlufs, Schatov als gefürchteten De- 
nunzianten zu ermorden, wollen sie ihre »Fünfer-; auflösen und 
eine ganz neue, ganz geheime Gesellschaft für Propaganda demo- 
kratischer Ideen begründen. Es gibt unter ihnen die sonderbarsten 
Käuze: der methodischste, starrste Doktrinär ist der langohrige 
vSchigalev, der leider nie dazu kommt, sein ganzes Promemoria 
über die Lösung der sozialen Frage zu Ende zu lesen; wir ersehen 
nur aus Bruchstücken die verzweifelten Sprünge seiner Logik, 
wie er von absoluter Freiheit ausgehend in absolutem Despotismus 
münden mufs, die Menschheit einteilt in die Herren, ein Zehntel 
derselben , die persönlich frei , unbeschränkt herrschen über die 
übrigen neun Zehntel, die auf jeden eigenen Willen verzichten 
müssen und durch eine Reihe sukzessiver Umgestaltungen ihre 
ursprüngliche Unschuld wiedergewinnen und ein irdisches Paradies 
gründen — man sieht, die Parodie auf Nietzsche vor Nietzsche 



— 378 — 

ist fertig. Der weiche Virginskij, ein .t> Diener lichter Hoffnungen, 
gemeinsamen Werkes« ruft nach geschehener Untat nur aus: 
»Nicht das! Dies ist ganz und gar nicht das.« Ein Liputin, 
Knauser und Haustyrann, Intrigant und Klatschbase, schwärmt und 
glaubt fest an eine soziale unmittelbare Harmonie in Rufsland, wo 
doch, von ihm selbst angefangen, weit und breit kein einziger Mensch 
vorhanden war, der auch nur im entferntesten einem Mitglied 
allmenschlicher sozialer Republik und Harmonie ähneln könnte. 
«Gott weifs, wie diese JVlenschen geschaffen werden!« ruft der un- 
willkürlich aus, der auf diesen unerwarteten Fourieristen gestofsen 
war. Und um diese Protagonisten der Trofs von Hanswürsten 
wie der Jude Lamschin, von Dümmlingen aller Art, wie Leutnant 
Erkel, der nicht für die Ideen, nur für die Persönlichkeiten 
schwärmt; Tolkafenko, stolz auf seine in Schenken erworbene 
Kenntnis des Volkes u. a., endlich Frauenzimmer, von der jungen, 
hübschen Studentin an , die alle Vorurteile abgeworfen hat ; der 
Nihilistin als Hebamme, wie die Maschurina in »Neuland«, der 
Verkünderin freier Liebe, des Zusammenbleibens, solange man 
einander nicht überdrüssig wird — das Kapitel »Bei den Unsrigen«, 
mit der Sitzung" der Nihilisten, ist eine der amüsantesten und 
giftigsten Persiflagen, die man sich denken kann. Über ihnen 
allen dann der junge Peter Verchovienskij. gewandt und befähigt, 
leichtsinnig und frech, egoistisch • und skrupellos, ungeduldig und 
hochmütig, auf seine ergebenen Werkzeuge mit schlecht ver- 
stellter Mifsachtung herabblickend, der, nachdem er sie alle ver- 
führt und düpiert hat, sich beizeiten aus dem Staube macht, kein 
Sozialist — »mag die Zukunft dafür sorgen, was für Formen die 
menschliche Gesellschaft annehmen soll« — , sondern ehrgeiziger, 
politischer Wühler mit tyrannischen Instinkten, der den Boden 
für die kommende Umwälzung, für die Aufführung des neuen 
steinernen Baues freimachen will, weil er dabei die leitende Rolle 
zu spielen hofft; in diesem Drang nach Macht ein Enthusiast und 
Romantiker — freilich läfst uns Dostojevskij keinen Augenblick 
im klaren, ob sich Peter nur an den eigenen Phrasen berauscht, 
ein moralischer Gewohnheitssäufer, aus blofser Freude an dem 
Geklingel der Worte und den verdutzten Mienen der Umstehenden, 
oder ob er sie ernst nimmt, ob er ein politischer Zirkusclown ist 
oder solchen nur mimt. Der ganze Wirrwarr in der Stadt, die 
Lockerung der Autorität ist übrigens nur dadurch möglich, dafs 



— 379 — 

der schwachsinnige Pompadour die Zügel aus den Händen gleiten 
läfst und seine ehrgeizige Pompadurscha , von Peter zur Närrin 
gehalten , sich eine Versöhnungsmission , eine Wiedergewinnung 
der Aufsässigen, deren moralische Eroberung einredet, bis es zu 
dem Skandal und Tohuwabohu der litterarischen Matinee kommt, 
bei dessen Wiedergabe die satanische Schadenfreude Dostojevskijs, 
jegliches liberal-ästhetische Prestige in Grund und Boden zu treten, 
ganz unverhüllt hervortritt. 

Das ist nur die eine, and zwar die unbedeutendere Seite des 
Romans, dieses Pamphlets nicht gegen den Nihilismus, der sich 
nicht davon getroffen fühlen konnte, sondern gegen Geschmeifs 
und Abhub des Nihilismus. Der enthusiastische Bauchrutscher 
vor byzantinischer Orthodoxie und mongolischer Autokratie — in 
seinen Augen der beiden Palladien Rufslands, andere Völker 
sind froh, wenn sie eines ihr eigen nennen — , der es wagte, 
den Westlern »Lakaientum« vor Ideen vorzuwerfen, kümmerte 
sich wenig um die sozialpolitische Seite seines Romans; anderes 
lag ihm ungleich mehr am Herzen , seine Gottsucher und Gott- 
leugner, seine Maniaken und Dekadenten. Der Name war noch 
damals lange nicht geprägt, aber Dostojevskij nimmt immer alles 
vorweg, wo die Tolstoj und Turgeniev kaum nachhumpeln; denn 
ein moralischer und , wie es sich in jener Nacht herausstellt, 
physischer Dekadent ist Stavrogin, neben Schatov und Kirilov 
der eigentliche Held des Romans, dem sogar Peter wie ein Lakai 
hofiert, auf den er seine ehrgeizigsten Pläne setzt, wenn man 
bodenlos leichtsinnige Improvisationen oder blolse Halluzinationen 
Pläne nennen darf. Stavrogin ist eine neue Auflage von Svidri- 
gailov , Wollüstling , Schürzenjäger aus Prinzip , endigt ebenso 
durch Selbstmord, nur ist er ein zivilisiertes Ferkel, d. h. mit 
Sozialismus, Atheismus und Russenverachtung von seinem lieben 
Lehrer, dem alten Liberalen Verchovenskij fargiert, während 
Svidrigailov blofs Schwein ist, von keines Gedankens Blässe an- 
gekränkelt. Übrigens zeigt uns der Verfasser infolge der fehler- 
haften (absichtlich gewählten?) Form seinen Helden nicht, läfst 
ihn im Halbdunkel , weist ihn nur in seiner letzten Entartung. 
Aus den Andeutungen anderer erfahren wir, welch bedeutende 
Rolle er ihnen allen gegenüber gespielt hat, was alles sie von 
ihm erwarten. Müde, abgespannt, zerstreut, an eigenen Ge- 
danken, Erinnerungen an ungesühnte Schuld und Verbrechen 



— 380 — 

hangend, gleichgültig, sich mit Gewalt beherrschend, ohne doch 
ganz unmotivierte Eingebungen der Laune unterdrücken zu 
können, gelangweilt, nur noch von sinnlichen Anwandlungen ab 
und zu gepeitscht, ein kranker Greis mit dreifsig Jahren, ein 
Dekadent mit einem Worte , schwankt er träumerisch seinem 
unvermeidlichen Tode zu, Verheerung nicht nur in Frauenherzen, 
Dascha, Lisa usw., um sich säend. Titanische Kraft, d. h. wenn 
wir den Versicherungen anderer trauen sollen, verpufft, weil sie 
durch Anlage und Verziehung das Band mit der Heimat, ohne 
das es kein Heil gibt, zerrissen hat. Dieses Band hat der Ex- 
nihilist Schatov wieder gefunden, den Glauben an sein orthodoxes 
Rufsland und dessen Weltmission, den er als Renegat des Westens 
desto leidenschaftlicher verkündet. »Wissen Sie, wer jetzt auf der 
ganzen Erde das einzige Gottesträgervolk ist, dazu berufen, in 
Zukunft die Welt im Namen des neuen Gottes zu erneuern und 
zu retten, dem allein die Schlüssel des Lebens und des neuen 
Wortes gegeben sind?« so herrscht er Stavrogin an, der selbst 
diesen Gedanken ihm einst eingegeben hat, den Schatov mit Glut 
angenommen und mit Glut umgestaltet hat, den aber vor dreifsig 
Jahren die Moskauer Slawophilen gefunden hatten. Diese Mos- 
kauer slawophile Weisheit sog jedes Jahr gewaltsamer Dostojevskij 
selbst ein und stattete jetzt mit ihr sehr freigebig seinen Schatov 
aus, durch den er selbst spricht, Bielinskij und die Liberalen 
leidenschaftlich und ungerecht anklagend. So hat Stavrogin den 
atheistischen Kosmopoliten zu einem russischen Sektirer um- 
geschaffen, Rufsland ist ja voll Wunder, die der Europäer 
schweigend anstaunt, aber einen ungleich interessanteren Ge- 
danken hat er in Kirilov gelegt. Kirilov ist Maniake, Grübler, 
hat vier Jahre lang selten mit wem gesprochen, verliert förmlich 
Macht über grammatische Rede; dafür hat er den Himmel auf 
Erden gefunden. Gott ist erfunden worden, um den Menschen 
das irdische Leben, den Schrecken des Todes, erträglich zu 
machen. Wer diesen Betrug nicht hinnimmt, wer die Angst vor 
dem Tode leugnet, durch herrisches Fortwerfen des Lebens, 
durch diese höchste und letzte Betätigung des Eigenwillens, dem 
ist alles auf der Welt gut und glücklich. Jetzt ist der Mensch 
noch nicht der echte Mensch; es wird einen neuen, glücklichen 
und stolzen Menschen geben. Der, dem es einerlei sein wird, 
zu leben oder nicht zu leben, der wird der neue Mensch sein. 



— 381 — 

Wer Schmerz und Angst vor den Phantomen »Tod« und »Jen- 
seits« besiegen wird, der wird selbst Gott sein. Wer sich 
zu töten wagt, hat das Geheimnis des Betrugs erkannt ; wer sich 
zu töten wagt, ist Gott. Dieser Menschgott, eine vor Dosto- 
jevskij ganz unbekannte Idee, wird die Welt der V^ollendung zu- 
führen. Dann wird man die Weltgeschichte in zwei Teile teilen, 
vom Gorillaaffen bis zur Abschaffung Gottes und von der Ab- 
schaffung Gottes (»Gott ist, bleibt tot . . . Wir haben ihn ge- 
tötet ... Es gab nie eine gröfsere Tat« sagt Nietzsche) bis zur 
Umgestaltung von Erde und Mensch, der Mensch wird Gott 
werden und sich physisch ändern (»Müssen wir nicht selber zu 
Göttern werden?« Nietzsche.) Ich will meinen Eigenwillen er- 
klären; mag ich der einzige sein, aber ich werde es tun, und er 
tötet sich wirklich, was der armselige Peter mit Zittern und Zagen 
erhofft, um den Selbstmörder die Schuld des Schatovschen 
Mordes auf sich nehmen zu lassen. Die Szene dieses Selbst- 
mordes gehört zu dem aufregendsten, was je geschrieben worden 
ist. Hier spielt wirklich Dostojevskij unbarmherzig mit seinen 
und unseren Nerven. Schliefslich w^ird auch der alte Liberale, 
Stepan Verchovienskij, Gott finden, ohne ihn gesucht zu haben, 
freilich erst auf seinem Sterbelager, aber in Szenen nicht ohne 
eindringende Wirkung. Die Frauengestalten, sowie eine Fülle 
der interessantesten Einzelheiten seien hier übergangen. Der 
Rcrixan leidet unter seiner Form, doch enthebt diese ihrerseits 
den Verfasser von manchen diskreten Fragen. 

In den nächsten Jahren (1873—1880) kehrte der Verfasser 
zu seiner alten publizistischen Tätigkeit (von 1861 — 1864) zurück, 
doch schrieb er jetzt sein »Tagebuch eines Schriftstellers« in 
losen Monatsheften ganz allein. Er glossierte darin Tages- 
ereignisse, sogar aus der kriminalistischen Praxis, politische, den 
Türkenkrieg, gab litterarische Erinnerungen zum besten und 
zeichnete einen und den anderen novellistischen Beitrag, nament- 
lich das herrliche Frauenbildnis, »Die Sanfte«. Vor allem jedoch 
kündete er slawophile Weisheiten und errang mit ihnen sogar 
den einzigen phänomenalen Erfolg im Leben, als er arn. 8. Juni 
1880, an den unvergefslichen Puschkintagen in Moskau, mit 
seiner enthusiastischen Festrede auf den Dichter den momentanen 
Enthusiasmus aller, sogar der Westler, entfachte. Die Grundtendenz 
jener Aufsätze wie dieser Rede läfst sich dahin zusam-menfassen : 



— 382 — 

ist nicht in der Orthodoxie allein die Wahrheit und die Rettung 
des ganzen russischen Volkes und in künftiger Zeit auch der 
ganzen Menschheit? Bewahrte sich nicht in der Orthodoxie 
allein das göttliche Ebenbild Christi in seiner ganzen Reinheit, 
und vielleicht besteht die Hauptbestimmung des russischen Volkes 
in den Geschicken der Menschheit darin, bei sich Christi Bild in 
seiner ganzen Reinheit zu bewahren und, wenn die Zeit ge- 
kommen, dieses Bild der Welt zu zeigen, die ihren Weg ver- 
loren hat. In der berühmten Puschkinrede knüpft er an Gogol 
an. Dieser hatte von der einzigen Erscheinung des russischen 
Geistes gesprochen, er fügt auch eine prophetische hinzu. Die 
Fähigkeit Puschkins, sich allen Litteraturen und Mustern anzu- 
schmiegen, sie zu umfassen (!), sei nur eine Fähigkeit russischen 
nationalen Geistes, der zum allumfassenden, zum Welt- oder 
Menschengeiste auserkoren sei, darin bestehe die Volkstümlichkeit, 
die Zukunft der Puschkinschen Poesie. Aber auch schon der 
Reform Peter des Grofsen hätte derselbe Gedanke instinktmäfsig 
zugrunde gelegen; er hätte vereinigt die Fremden, beseitigt 
die Widersprüche. Ja, die Bestimmung des Russen ist unbedingt 
ganz Europa und die ganze Welt. Ein echter Russe zu werden, 
ganz und gar Russe, das bedeutet schliefslich nur, ein Bruder 
aller Menschen zu werden, ein Allmensch . . . Und schliefslich 
glaube ich daran, dafs wir, d. h. unsere Nachkommen, alle ohne 
Ausnahme begreifen werden, dafs ein wirklicher Russe zu werden 
eben nur heilst, sich zu bemühen, endgültigen Frieden zu bringen 
in die europäischen Widersprüche, dem Gram Europas einen 
Ausweg zu zeigen in der russischen Seele, der allmenschlichen 
und alleinigenden, in brüderlicher Liebe sie empfinden zu lassen 
für alle unsere Brüder und vielleicht das endgültige Wort grofser, 
allgemeiner Harmonie auszusprechen, eines brüderlichen, end- 
gültigen Einverständnisses aller Völker nach dem Evangelium 
Christi; denn Dostojevskij bringt sogar die »Synthese« des 
Westlertums und der Slawophilie zuwege. Die Westler glauben 
ja eben an die Allmenschlichkeit, dafs fallen sollen die nationalen 
Schranken, Vorurteile, egoistische Forderungen. Aber ist die 
Allmenschlichkeit eine russische Idee, so müfste doch jeder von 
uns Russe werden, aufhören, sein Volk zu verachten, dessen 
nationale Wahrheit anerkennen. Dieses Volk hat trotz aller 
Barbarei und Quälerei seine moralische Schönheit erhalten, seine 



— 383 — 

Gutmütigkeit, Ehrbarkeit, Aufrichtigkeit, Offenheit des Geistes, 
Allzugänghchkeit desselben , alles in harmonischer Vereinigung, 
daher die Macht unseres Dichters, der vom V^olke entnimmt 
dessen Einfalt, Reinheit, Sanftmut, Weite des Blickes und Güte 
des Herzens. Alle diese Träume sind so schön, vor allem zielen 
sie auf so humane Folgerungen ab, dafs man auf die Prüfung 
der Prämissen verzichtet, die groben Worte »Chauvinismus^, 
»Doktrin«, »Utopie« lieber aussetzt. 

Auf die Dauer jedoch konnte der Publizist-Romantiker den 
Belletristen nicht zurückdrängen. Zu Ende der 70 er Jahre griff 
endlich Dostojevskij ein Thema energisch an, das ihn schon seit 
1870 beschäftigt hatte und schuf seinen umfangreichsten Roman, 
obwohl er nur dessen ersten Teil ausgeführt hat, »Die Brüder 
Karamasov«. Weil nur ein Teil, förmlich nur die Prämisse des 
zweiten , eigentlichen , gegeben ist , über diesen folgenden nur 
Andeutungen vorliegen , können wir uns kürzer fassen , da wir 
doch die Zweifel betreffs der Konzeption des Ganzen nicht be- 
seitigen können. Es ist äufserlich nur ein Familienroman , die 
Geschichte der drei Karamasovs , Mitia , Ivan und Alescha, des 
vierten, ihres Halbbruders, des Lakaien Smerdiakov, des nur aus 
der Nässe der Badestube (nach einer bekannten Tradition), nicht 
wie andere Menschen empfangenen, des fünften, ihres "Vaters, 
eines Svidrigajlov , der nicht durch Selbstmord endigt, dafür in 
der Schweinerei vervollkommnet ist, eines Virtuosen des Unflates, 
namentlich wenn er sich vor seinen »Ferkelchen« — Kindern 
— seiner Experimente im Sadismus brüstet. Vom Vater erbte 
der älteste, Mitia, die Sinnlichkeit, von der Mutter Energie und 
Kraft. Die zynische, schleichende, geifernde Perversität seines 
Vaters ist dieser furchtbar expansiven, gewalttätigen Natur fremd ; 
er wirft sich in den Abgrund, Kopf nach unten, die Fersen nach 
oben, weil diese despektierliche Stellung für ihn gerade die 
schicklichste; aber im Fallen noch wird er den Hymnus an Gott 
doch anstimmen. Wollust, Gabe der Insekten (Insekt ist auch 
Stavrogin) sitzt in seinem Blute, wie bei allen Karamasovs, wühlt 
es zu wilden Stürmen auf; denn Schönheit ist etwas Schreck- 
liches, Unfafsbares. Das Schlimmste dabei ist, dafs mancher mit 
dem Sixtinischen Ideal beginnt und mit dem sodomitischen endigt, 
ein anderer, ein Verehrer Sodoms, noch mit allem Jugendfeuer 
für die Sixtina schwärmt: denn auch in Sodom ist Schönheit, 



— 384 — 

gerade für die Masse der Menschen. Hier kämpfen Gott und 
Teufel auf dem Felde des Menschenherzens. So steckt in Mitia, 
wie in den anderen beiden Brüdern, wie in so vielen Helden 
unseres Dichters, eine zwiespältige Natur. Der Gemeinste ist 
der grölsten Selbstaufopferung fähig; durch grofses Leiden mufs 
er von den Schlacken gereinigt werden, wie Raskolnikov, nur 
büfste dieser ein wahres, Mitia ein eingebildetes Verbrechen. 
Bei diesem traf der Untersuchungsrichter gleich das Richtige, 
obgleich ein Dritter, Unbeteiligter, den Mord auf sich nahm. 
Hier bifs er sich an der nächsten , aber falschesten Fährte fest. 
Der Indizienbeweis ergab den Vatermord Mitias und nach allen 
Verhören und Verhandlungen, Prachtstücken forensischer Kunst, 
verurteilten ihn die Geschworenen. Er wufste gar nichts vom 
Morde. Gemordet hatte Smerdiakov, ein moralischer Quasimodo, 
ein echt Dostojevskijsches Präparat, halb Skopze, halb Stutzer, 
eine Wanze, ein Karamasov, von einer Bettlerin-Idiotin in Schreck 
empfangen, Epileptiker, ohne Religiosität, Skeptiker und Ratio- 
nalist bei aller Unbildung. Die Hand zum Morde hat aber Ivan, 
der zweite der Brüder, ein Jurist, geleitet, der den Grundsatz 
»Alles ist erlaubt« , auf den Raskolnikov durch eigenes Nach- 
denken gekommen war, dem Lakaien so lange einschärfte, bis 
ihn dieser in Tat umsetzte. Smerdiakov hing sich auf, nachdem 
er dem Urheber die Tat eingestanden, aber dessen Zeugnis vor 
Gericht wurde nicht beachtet, weil er es im Fieberwahnsinn, ver- 
flochten mit den Halluzinationen seiner Sinne abgab. 

Das Drama, die moralische Krisis, des Ivan ist unendlich 
wichtiger als das des Mitia und sprengt vollständig den Rahmen 
des Werkes, macht eben, dafs :/die Brüder Karamasov» kein 
Familienroman ist. Wie in ^ Krieg und Frieden« in ihrer ur- 
sprünglichen Ausgabe, die die historisch-philosophischen Er- 
örterungen im Texte selbst bot, nicht in den Anhang verwies, 
den die Übersetzer einfach fortliefsen, wie in das Epos Philosophie, 
die kritischen Betrachtungen über Helden und Heldentheorien 
eingesprengt sind, so überwuchert Religionsphilosophie völlig 
den Familienroman, und die Blätter, die den Fragen nach Gott 
und Unsterblichkeit der Seele gewidmet sind, die kapitellangen 
Erörterungen zwischen Ivan und Alescha, zwischen Ivan und 
dem Teufel, der jeglicher mephistophelischer Romantik entkleidet, 
ein armseliges, positives TevJcJchen ist, wie es Verehrern von 



— 385 — 

Moleschott und Büchner nicht anders zukommt, gehören zu dem 
Glänzendsten und Tiefsten , was je in der Welt über Gott und 
Unsterblichkeit weniger gedacht als gefühlt worden ist. Für 
den echten Russen , meint Dostojevskij , sind die Fragen über 
Gott und Unsterblichkeit die wichtigsten; obwohl Ivan haupt- 
sächlich etwas anderes irritiert, ist sein Geist ein euklideischer, 
ganz irdischer, unbefähigt. Metaphysisches zu lösen; im flammen- 
den Rechtsbewufstsein , das er fortwährend verletzt sieht, pro- 
testiert er gegen jede Harmonie der Welt, gegen die Lüge der 
Nächstenliebe — man kann die Menschen nur aus der Ferne 
lieben, in der Nähe sind sie unerträglich: auf Unförmlichkeit ist 
die Welt basiert, mit ihren notwendigen Leiden; eins folgt aus 
dem andern, aber ich verlange Entgeltung, nicht dürfen der 
Mörder und seine Opfer ein Hosianna dem Schöpfer ausbringen, 
es darf nichts verziehen Averden , und ohne Verzeihen gibt es 
keine Harmonie; aus Liebe zur Menschheit bleibe ich lieber bei 
meinem ungerächten Leiden, bei meiner unermüdeten Entrüstung : 
das Entree zur Harmonie ist zu teuer, darum gebe ich es zurück — 
nicht dafs ich Gott nicht anerkenne, nur das Billett gebe ich ihm 
ehrerbietigst zurück. Was die Menschen aus der Religion ge- 
macht haben, wozu sie ihnen dient, zeigt Ivan in der Allegorie 
von dem Grofsinquisitor in Sevilla. Wohl der Zensur wegen ist 
diese Einkleidung gewählt, sie gilt ja für alle positive Religion; 
man kann statt Grofsinquisitor den Namen Fobiedonoszev oder 
Kalvin einsetzen, ohne den Inhalt zu ändern. Da im Namen 
der Religion gesündigt wird, erscheint Christus noch einmal auf 
Erden, wirkt Wunder, predigt und wird auf Befehl des In- 
quisitors in den Kerker geworfen , um am folgenden Morgen 
verbrannt zu werden. In der Nacht erscheint der Inquisitor, 
sich vor Christus zu rechtfertigen : »Deine wahre Lehre taugt 
nicht für die Menschheit, nur für wenige Auserwählte; sie macht 
ja den Menschen frei, der doch keine gröfsere Sorge kennt, als 
sich einem Herrn zu unterwerfen; du lehrst alles verwerfen, was 
der Mensch aber braucht, Wunder, Geheimnisse, Autorität, das 
irdische Schwert, das irdische Brot; darum haben wir im Bunde 
mit Satan deine Lehre berichtigt; wir machen die Menschen 
glücklich, lassen sie arbeiten und feiern, Sünden begehen und 
Verzeihung erlangen, geben ihnen das Glück schwacher Ge- 
schöpfe, die sie sind; sie werden sanft sterben und jenseits des 

Brückner, Geschichte der russischen Litteratur. 25 



— 386 — 

Grabes nur den ewigen Tod finden. Aber wir wahren das 
Geheimnis und locken sie ihres Glückes wegen mit himmlischer 
und ewiger Vergeltung. Unglücklich bleiben nur wir, die Wahrer 
des Geheimnisses. Du störst unser Tun, darum lasse ich dich 
verbrennen.« Christus antwortet nichts, küfst nur den Greis auf 
seine blutlosen Lippen; unter diesem Kufs geht die einzige Ver- 
änderung mit dem Inquisitor vor sich: er öffnet die Tore und 
treibt Christus heraus: »Komme nie wieder !« 

Infolge dieser Leugnung Gottes und der Unsterblichkeit 
entwickelt sich in Ivan der logischste , krasseste Egoismus , die 
nackte Lust und Freude am Leben, wenigstens bis zum dreifsigsten 
Lebensjahre; »dann werde ich den Becher wohl wegwerfen, ohne 
seine Neigen verkostet zu haben, und weggehen, ich weifs nicht 
wohin <;: ; ein verfeinerter Epikureismus. Diese Lebensweisheit, der 
Triumph seines logischen, analytischen Sinnes, wird durch die 
Logik des die Konsequenzen einfach ziehenden Smerdiakov über 
den Haufen geworfen. Eine schwere Krankheit mit ihren 
Halluzinationen, Teufel usw., wirft ihn zu Boden, doch wird seine 
starke Konstitution sie vielleicht überwinden — der Epikuräer 
in ihm wird jedenfalls nicht wieder gesunden. Das sind die 
Karamasovs, die Vertreter des rohesten oder reinsten Materialis- 
mus, und gegen diesen wendet sich die ganze Tendenz des 
Romans, wie früher in den »Dämonen« gegen den Nihilismus, 
nur ist ersterer edler vertreten, namentlich durch Ivan, Miusov u. a. 
Die leidenschaftliche — Dostojevskijs Wesen lag jede Mäfsigung 
fern — Bekämpfung des Materialismus ist hier nicht zu Ende 
geführt. Hatte er sich in früheren Romanen mit blofser 
Darstellung der Negation von Moral, Autorität, Glaube, und 
ihrer Folgen begnügt, so geht er hier zur Schaffung positiver 
Typen vor. Der jüngste der Karamasovs, Alescha, der reine, 
fromme, geht ins Kloster; er ist kein Fanatiker, kein Mystiker, 
»ein früher Menschenliebhaber,« der das Klosterleben erwählt, 
weil ihm dies der einzige Ausweg schien für seine Seele, die 
aus dem Dunkel irdischer Schlechtigkeit zum Lichte der Liebe 
sich drängte. Sein geistlicher Vater, Sossima, verkündet vor 
Tolstoj ganz Tolstojsche Lehren: der Gedanke eines Dienstes 
der Menschheit, ihrer Brüderlichkeit und Totalität, erlöscht 
zusehends, man begegnet ihm mit Spott; denn wie soll man seine 
Angewohnheiten lassen, wohin soll dieser Sklave gehen, wenn 



— 387 — 

er so sehr gewohnt ist, seine zahllosen Bedürfnisse, die er doch 
selbst erfunden hat, zu befriedigen? Das Aufhäufen von Sachen 
begleitet Verringerung von Lust- daher schneide ich von mir 
ab überflüssige, unnütze Bedürfnisse, demütige meinen egoistischen, 
stolzen Willen und erreiche dadurch mit Gottes Hilfe Freiheit 
des Geistes und mit ihr Freude des Geistes. Aber Alescha ist 
nicht umsonst Karamasov; auch in seinem Blute wütet das 
»Insekt« , auch er mufs sich Prüfungen und Läuterungen unter- 
ziehen, daher nimmt ihm Sossima das Versprechen ab, nach 
Sossimas Tode das Kloster zu verlassen und in die Welt zu 
gehen, wo er wohl die Gelegenheit finden sollte, Sossimas Ver- 
mächtnis: »Sei niemandes Richter; demütige Liebe ist eine 
furchtbare Kraft, die mehr schafft als Gewalt ; nur tätige Liebe 
wirkt uns] den Glauben« , praktisch zu betätigen. Doch ist 
dieser Teil des Romans nicht mehr geschrieben worden, Dosto- 
jevskij starb ja bereits am 28. Januar 1881, noch nicht 60 Jahre 
alt. Nebenbei sei wiederholt, dafs hier nur die Hauptbeziehung 
und die Hauptperson des Romans genannt ist; sie scheint zu 
Anfang Alescha zu sein, wird zu Mitia und endigt als Ivan. 
Die Fülle von Nebenbeziehungen, Episoden, anderen Personen, 
namentlich Kindern und Frauen, zwiespältigen Wesen, wie die 
Gruschenka u. a., kann hier auch nicht angedeutet werden. 

Der vorzeitige Tod Dostojevskij's war der schmerzlichste 
Verlust für die russische, ja für die europäische Litteratur, deren 
eigenartigste Erscheinung er war, zugleich aber auch die be- 
deutendste oder lieber beunruhigendste. Der grofse, gesunde 
Künstler Turgeniev wandelt stets auf geebneten Bahnen, in den 
schönen Alleen eines alten Herrenparkes. Ein ästhetischer Genufs 
ist seine wohlgesetzte Erzählung, wie Hans und Grete sich nicht 
fanden; tiefere Ideen regt er bei uns überhaupt nicht an. Dies 
tut wohl Tolstoj. Aber seine Ideen sind die alten, wir haben sie schon 
im XVI. Jahrhundert, z. B. bei den polnischen Arianern ge- 
funden, diese ausschliefsliche Empfehlung physischer Arbeit als 
der Gott einzig wohlgefälligen , Verachtung des Wissens , das 
Verbot, Bösem Widerstand zu leisten, mit denselben Argumenten, 
das Verbot, zu richten oder zu kämpfen, und sinnreiche Versuche, 
den Konsequenzen des Verbotes zu entgehen , die neue Inter- 
pretation der evangelischen Texte. Wie diesen Arianern, können 
wir Tolstoj beipflichten oder nicht, auf dem Boden praktischer 

25* 



— 388 — 

Moral, Nächstenliebe usw. verharrend, keinen einzigen Augen- 
blick die Erde und ihren Staub verlassend — wem dies nun 
nicht genügt, dem kann Tolstoj nichts bieten, da ihm jegliche 
Metaphysik und Mystik, transzendentale Regung, ja jeglicher 
Idealismus fremd, verbalst ist. Der durchaus logische, klare 
Sinn dieses Wahrheitssuchers kann niemand beunruhigen, be- 
ängstigen, ja aufregen ; er wendet sich ausschliefslich an unseren 
Verstand als Philosoph, als Künstler an die äufseren Sinne, von 
seinen grofsen, historischen Gemälden an bis zu den kleinsten 
Genrebildern, von dem Studium der einfachsten moralischen 
Regungen bis zu den kompliziertesten, sich und anderen das 
Gewissen erforschend, ohne Beschönigung oder Heucheln; seine 
Kunst, seine Aufrichtigkeit ist gröfser, umfassender, tiefer als 
seine Idee. Ganz anders der dämonische, mystische, extatische, 
visionäre, satanische Dostojevskij , Nietzsches grofser Lehrer, 
sein »tiefer Mensch«, »der einzige Psychologe, von dem ich 
etwas lernen konnte« , dessen Bekanntschaft »zu den schönsten 
Glücksfällen meines Lebens gehört*. Moralisches, künstlerisches 
Gleichgewicht, Ruhe ist ihm unbekannt; fortwährend strebt er 
dem höchsten oder dem niedrigsten zu, läfst uns Blicke tun in 
andere Welten, in seelische Abgründe, in den verworrensten 
Widerspruch zwischen Fühlen und Denken, Instinkt und Absicht, 
in das Reich des Unbewufsten, Elementaren, Mechanischen. 
Wie oft spricht er geradezu in Rätseln; bei Turgeniev, Tolstoj 
ist alles klar, sogar die Punkte sind über das i gesetzt; bei 
Dostojevskij fragen wir verwirrt, beunruhigt, wie meint er das? 
ist ihm Ernst damit? spottet er unser, z. B. die Behauptung, 
dafs Stavrogin nicht geisteskrank war ? Er sagt nichts umsonst ; 
man überzeugt sich davon, wenn man zurückkehrt zu einzelnen 
Kapiteln, deren Beziehungen klar werden erst durch die folgende 
Aufklärung; bei jeder neuen Prüfung seines Textes stöfst man 
auf neue Einzelheiten, auf die er scheinbar kein Gewicht legt, 
sie nur hingeworfen hat, bei Beschreibungen der Gestalt, bei 
raschen RepHken, unkontrollierten Bewegungen, und in denen 
tiefster Sinn steckt; zu Turgeniev, Tolstoj Kommentare schreiben 
zu wollen, wer könnte darauf verfallen? Dostojevskij braucht 
sie, wenn man ihn beim einmaligen Lesen ganz verstehen will; 
ohne Anleitung entgeht sonst' zu vielerlei auch dem scharfsinnigsten 
Leser. 



— 389 — 

Was alles und wie tief hat er es durchdacht und vor allem 
durchfühlt! Man stofse sich ja nicht an seiner exklusiven, national- 
orthodoxen Maske, an seinem Nichtanerkennen fremder Konfessionen ; 
das ist bei ihm rein äufserlich, angeschwemmt. Ja, wie an Schatov 
Stavrogin, könnten wir an ihn die Frage richten, ob er denn an 
Gott glaube? Vielleicht müfste er gerade so antworten wie 
Schatov: »Ich glaube an Rufsland, ich glaube an seine orthodoxe 
Lehre, ich glaube an Christi Körper, ich glaube, dafs eine neue 
Wiederkunft in Rufsland sich vollziehen wird, ich glaube . . .<: 
Stavrogin drängt: »Aber an Gott? an Gott?« und da antwortet er 
stockend: »Ich . . . ich werde auch an Gott glauben !<<. Jedenfalls 
hat er dann diesen Glauben sich heifs erstritten. Dieses Kämpfen 
um den Glauben ist ein charakteristischer Zug seiner spateren 
Werke; doch sind je schärfere Argumente gegen Gott, Un- 
sterblichkeit und Jenseits geschmiedet worden? Man lasse sich 
nicht täuschen, dafs sie einem Irren, z. B. Kirilov, in den Mund 
gelegt werden; ist doch Kirilov ungleich gesünder, harmonischer, 
geeinter als viele der vernünftigsten , die im Roman oder im 
Leben uns begegnen. Man darf fragen , ob an die Wucht der 
Angriffe gegen den Glauben seine Verteidigung auch nur ent- 
fernt herankommt. Bei Lebzeiten, und auch noch ein volles 
Jahrzehnt nach seinem Tode , hat der auch hierin , wie in allen 
anderen verkannte Dostojevskij gar nicht die volle, gerechte 
Würdigung seiner Intentionen erfahren. Publikum und Kritik 
waren auf eine solche Erscheinung, die in Rufsland alles anti- 
zipierte , was der Westen langsam , später herausbrachte , gar 
nicht vorbereitet. Seine Bedeutung als Schriftsteller, nicht als 
Mensch, wuchs in Europa fast rascher als daheim, wo man mehr 
den Prediger als den Künstler verehrte. Was war gegen ihn 
Turgeniev, trotzdem man diesem den Druckbogen mit 300, 
jenem mit 100 Rubel bezahlte, was der Hungerleider so bitter 
empfand. Den »mystischen Schrecken« , das dämonische in 
Schönheit, Liebe, Weib, die Dekadenz, das Übermenschentum, 
den Symbolismus, alles findet man vor Nietzsche, Strindberg, 
Mäterlinck schon bei Dostojevskij, und man findet bei ihm noch 
vieles andere, wovon sich die Zeitgenossen nichts träumen liefsen, 
z. B. die ganze moderne Psychopathologie. Erstaunlich ist auch die 
Kraft der Sinnlichkeit bei Dostojevskij ; erotische Probleme lassen 
nicht von seinem Geiste, sie brechen sogar in »Schuld und Sühne <t 



— 390 — 

ziemlich unmotiviert herein, sie machen sich breit im »Idioten« 
und »Dämonen«, auf ihnen ruht der Schwerpunkt der »Karamasovs«, 
z, B. der eifersüchtige Wettstreit zwischen Vater und Sohn um 
Gruschenka — um der kleineren Sachen nicht zu gedenken; wir 
wissen, dafs manches Einschlägige, z.B. in den »Dämonen«, von 
den Herausgebern unterdrückt worden ist. Diese Sinnlichkeit streift 
ans Perverse, peinigt und quält ; seine Gegner sprachen von einem 
russischen Sadisten — ganz mit Unrecht. So viel Erotik auch in 
seinen Schriften steckt, niemals handelt es sich darum, wie Hans 
Grete freite und sie nicht bekam oder bekam; ihn beschäftigen 
andere, wichtigere Probleme, und auch darin unterscheidet er 
sich zu seinem grofsen Vorteil von seinen Zunftbrüdem. So- 
lange metaphysische Fragen, Fragen nach Gut und Böse, nach 
der Nachtseite menschlichen Geistes aufgeworfen werden , wird 
Dostojevskij gelesen werden. Er gehört zu den wenigen in der 
Weltlitteratur , die man nie vergessen kann; er hinterlälst die 
tiefsten , nie wieder zu verwischenden Eindrücke ; er rührt an 
den innersten Seiten unseres Geistes. Womit er uns am meisten 
fesselt, das ist die innige Liebe, die Achtung vor dem Menschen, 
den er auch im Verbrecher, im Trunkenbolde, in der Prostituierten 
findet. Welcher Schriftsteller hat reizendere, unschuldigere, un- 
glücklichere Kinder geschaffen ? Dostojevskij war ein Allerbarmer, 
und das fühlten instinktiv, die sich an den »grofsen Dämon« der 
russischen Erde herandrängten, um Rat und Hilfe ihn ansprachen, 
die dem armseligen das Begräbnis eines Königs bereiteten. 

Man mag noch so viel mit Dostojevskij rechten und hadern — 
er hatte z, B., was ja bei einem Russen des Nikolaitischen Regimes 
nicht weiter auffallen kann, keinen politischen Sinn; man mufs 
ihn lieben und verehren: vielleicht gibt es in der Weltlitteratur 
Gestalten mit gröfserem Talente oder eher nur Namen — ein 
wärmeres, fühlenderes Herz gab es jedenfalls nicht. Nicht im 
Faust, wohl aber in »Schuld und Strafe« erfafst uns »der 
Menschheit ganzer Jammer«. 



391 — 



Fünfzehntes Kapitel. 
Belletristen zweiten Ranges. 

Andere Belletristen der »vierziger Jahre <, Grigorovic und Pissemskij. 
Der tendenziöse Roman. Der fortschrittliche und konservative. Die 
Belletristen der 60 er und 70 er Jahre. Die »Narodniki", Reschetnikov, 
Levitov, Uspienskij und Slatovratskij. Pomialovskij. Moderne Belle- 
tristik eines Boborykin oder Dancenko. Der historische Roman. Moderne 

Schriftstellerinnen. 



Noch mehr wie in anderen Litteraturen drohte in der russi- 
schen die Romanflut alle Belletristik zu ertränken. Schon der 
Umstand, dafs Tendenz sich ungleich leichter gestalten und 
durchführen liefs in dem freieren Roman, als auf der durch die 
Zensur im Zustande paradiesischer Unschuld (trotz der Schönen 
Helena, Pfeiffer und Judic) zu erhaltenden Bühne, mufste zur 
Popularität des Romans beitragen; aufserdem verlangte die neu 
heranströmende Fülle ethnographischen Materials, der Schilde- 
rungen von Ständen und Klassen , der oft komplizierten Er- 
scheinungen des Lebens, z. B, der Altgläubigen, gebieterisch die 
epische Form, mochten auch manche photographische Szenen in 
dialogische oder geradezu dramatische Formen umschlagen. Was 
in den vierziger Jahren nur in Ansätzen vorhanden war, ent- 
wickelte sich jetzt ungehindert. Eine neue Schicht von Schrift- 
stellern, von grundverschiedener Lebensführung und Lebens- 
auffassung, stieg auf und mit ihr Themen, die der gutsherrlichen, 
adeligen Litteratur der Vorreform vollständig unbekannt waren. 
Dafür verloren sich meist die Romane aus fremden Ländern •, 
eine »Julja de Valerolle« oder ein :)Alf und Aldona« des seligen 
Kukolnik fanden jetzt weder Leser noch Nachahmer mehr. Die 
Belletristik verarbeitete — wie dies in allen slawischen Litteraturen 
meist der Fall ist, wodurch unwillkürlich ihr Horizont eingeengt 
wird, ausschliefslich russische und mit Vorliebe moderne Themen. 
Die Fülle der Schriftsteller oder gar der Romane irgendwie zu 
erschöpfen, wäre ganz unmöglich; lieber verweilen wir bei der 
Charakteristik einzelner hervorragenderer Leistungen und ver- 



— 392 — 

ziehten dafür auf die Nehnung mancher nicht unverdienter, noch 
nicht vergessener Namen. An die Spitze stellen vi^ir, wie es 
Rang und Alter erfordert, die letzten Mohikaner der vierziger 
Jahre. 

Eine hoch sympathische Erscheinung ist Grigorovic. Das 
Verdienst, das durch eine fable convenue Turgeniev und dessen 
»Jägermemoiren« zugeschrieben wird, hat er sich erworben. »Ich 
gedenke,« sagt mit Recht Ssaltykov, »,das Dorf, ich gedenke den 
, Anton Goremyka' . . . , das war der erste wohltätige Frühlings- 
regen, die ersten guten, menschlichen Tränen und durch die leichte 
Hand des Grigoroviö blieb der Gedanke daran, dafs der Bauer- 
Mensch existiert, fest stecken in der russischen Litteratur und in 
der russischen Gesellschaft.« Über beide Erzählungen (1847) 
durfte Bielinskij gar nicht besonders handeln; er erwähnte sie 
nur nebenbei in der litterarischen Jahresübersicht ; beide schilderten 
das Elend des Bauern: im »Dorfe« läfst der Gutsherr, weil seine 
junge Frau eine russische Bauernhochzeit noch nicht gesehen 
hat, ohne weiteres die erste beste, eine Waise, in ein reiches 
Bauernhaus hineinheiraten, wo die Ärmste bald zu Tode zerhackt 
wird ; die über das traurig-unglückliche Aussehen der Braut ver- 
wunderte Gutsfrau beruhigt ihr Gemahl, das traditionelle Zere- 
moniell verlange ja eine ganze Woche lang Tränen der Neu- 
vermählten. »Der Unglückswurm Anton- verdient seinen Namen 
vollauf : die Härte des herzlosen Verwalters, dessen Namen Bielinskij 
absichtlich verwendet, zwingt ihn, sein letztes und liebstes, das 
Pferdchen zu verkaufen, um die Steuern zu bezahlen, doch be- 
stehlen ihn Pferdediebe. Hier war Not und Schutzlosigkeit des 
Bauern direkt dargestellt, und diesen Bauemschilderungen blieb 
Grigorovic auch in seinen folgenden umfangreichen Romanen 
treu, »Die Umzügler« — Laune und Bedarf des Gutsherrn treiben 
den Bauer aus dem einen in das andere, hunderte von Werst 
entfernte Dorf, wo der Bauer in der fremden Umgebung ruhig 
zugrunde gehen kann — ; >.Die Fischer«, Gegensatz zwischen 
Fabrik- und Bauerleben. Eine besondere Kunst entfaltete Gri- 
gorovic, der von Haus aus Maler werden wollte, in den land- 
schaftlichen Bildern. Ganz anspruchslos gibt sich ein dritter 
grofser Roman, »Dorfwege«, wo es sich nicht mehr um Bauern, 
sondern um kleine Gutsherren an diesen Dorfwegen handelt, die 
sich von der preufsischen Grenze bis zum Ural erstrecken; wie 



— 393 — 

es sich da in der guten, alten Zeit vor der Reform ohne Sorgen, 
gastfrei in den Tag hineingelebt hat, ist mit viel Witz und Be- 
hagen erzählt. Die Parasiten und die Gläubiger, die Herr 
Balachnov, dessen höchster Ehrgeiz ist, Kreismarschall zu werden, 
um sich duldet — statt Zinsen zu zahlen, nährt er einfach be 
sich die Gläubiger — , die Reise nach Moskau, daselbst ein vor- 
sintflutlicher Litteraturzirkel usw. , gibt eine vollkommene Er- 
gänzung zum »Poschechoniens des Ssaltykov; die lustige Ge- 
sellschaft, die allerdings sehr mäfsige Anforderungen an das 
Leben stellt, ist mit viel echtem, bei Russen so seltenen Humor 
geschildert, nur rollen alle zuviel mit den Augen. Nach diesen 
vielversprechenden Anfängen verstummte Grigoroviß auf ganze 
Dezennien, trat erst v/ieder in den achtziger Jahren auf, seine 
saftigen, farbensatten Schilderungen des Dorf- und Edelhoflebens 
gegen das städtische, »Karrierist« , »Akrobaten der Wohltätig- 
keit '.< usw., vertauschend, ohne die früheren Erfolge zu erringen; 
doch das warme Herz, den humanen Sinn seiner Jugend hat sich 
Grigorovic bis in das höchste Greisenalter unvermindert er- 
halten. 

Keinerlei Sinn für Natur und Landschaft , desto ausschliefs- 
licheren für das lächerliche oder schädliche Treiben seiner Standes - 
genossen, des dienenden Adels in der Provinz und in Petersburg, 
offenbarte der bittere, ja gallige Pessimist Pissemskij. Schilde- 
rungen unglücklicher Ehen sind seine Spezialität von seinem ersten 
Auftreten an gewesen, trotz der Zensur, die derlei als Angriff 
gegen die Heiligkeit der Institution nicht ungestraft passieren liefs — 
des Ehebruches in den verschiedensten Formen : so eilte er den 
Franzosen voraus, da ihm, der selbst in glücklichster Ehe lebte, 
die ganze Welt nur um Liebe und namentlich unerlaubte sich zu 
drehen scheint. Seine ersten Novellen behandelten dasselbe Thema, 
sogar seine Bauerngeschichten und sein berühmtes Bauerndrama 
»Bitteres Los« : welchen Versuchungen ist der auf Arbeit nach 
Petersburg kommende Bauer ausgesetzt, welchen seine im Dorf 
zurückbleibende Frau? Es gibt auch Titel »Ist sie schuldig?« 
und schon hören wir das »tuez-la«. Den gröfsten Erfolg, aufser 
dem »Bitteren Los« , brachten ihm erst seine »Tausend Seelen«, 
d. i. das Ideal, nach dem der Held Kahnovic strebt und das er 
erreicht, skrupellos in der Wahl seiner Mittel, etwa wie ein 
Cicikov — Pissemskij gefiel sich ja erst in Nachahmungen, eines 



— 394 — 

romantischen Pecorin, eines byronschen Helden u. dgl. Merk- 
würdig ist jedoch und nicht ganz motiviert die Wandlung, die 
mit unserem Cicikov vor sich geht : auf der Höhe von Macht und 
Reichtum wird er nämlich so eifriger Ausjäter aller Mifsbräuche, 
Unterschleife usw., dafs er sich selbst das Grab gräbt. Vor 
Cicikov hatte er ja keine Moral, nur den grofsen Ehrgeiz 
voraus; dafür wäre der vorsichtige, kluge, kühle Cicikov nie in 
seine Taktlosigkeiten verfallen. Es zeigte sich, dafs der Held der 
neuen Richtung, der Reformbeamte, »dieselbe Schci (Kohlsuppe), nur 
dünner auf gegossen < war, wie die alten Vsiato^niki, Bakschisch- 
leute ; dieses negative Urteil sollte Pissemskij bald auf die ganze 
Reformgesellschaft, namentlich die immer lauter den Ton an- 
gebende Richtung ausdehnen. Persönliche Gereiztheit verschärfte 
den Konflikt, und das .•> Aufgeregte Meer« von 1862 wurde zu 
einem Fehdehandschuh, den Pissemskij den Radikalen hinwarf; 
der Roman selbst, das Beste, was er je geschrieben, von der 
liberalen Kritik, wie der Verfasser selbst, niedergeschrien oder 
totgeschwiegen, ist aufserordentlich lebhaft, stellenweise virtuos 
behandelt. Er zerfällt in zwei Teile; im ersten wird die Er- 
ziehung, Jugend und Heirat des Sascha erzählt. Zuhause liegt 
ihm die Affenmutter in den Ohren: »Saschenka Väterchen, lerne 
nicht, wirst krank; Saschenka Väterchen, ifs; Saschenka Väter- 
chen, verhau doch den Hofjungen, wie darf er dir grob kommen?« 
Auf der Universität verliebte sich Sascha im ersten Semester in 
eine Kokette, im zweiten und dritten trank er aus Kummer über 
seine unglückliche Liebe; zuletzt, etwas Dümmeres konnte man 
überhaupt nicht erfinden, wurde er Claqueur, d, h. pfiff dem 
Theaterdirektor und dem Offizierkorps zum Trotz Ballerinen aus, 
das hiefs die »Universität stützen« ! Freilich tauchten schon damals 
in der »Britannia« auch andere auf, der materialistische Skeptiker 
Proskriptskij — Vorläufer des Basarov ! — , aber die Jugend 
scheute sie eher, als dafs sie sie verehrte. Alle guten Herzens- 
und Geistesanlagen des Sascha wurden so eingeschläfert. Der 
zweite Teil des Romans spielt bereits nach 1857. Vor dem Kriege 
herrschte überall das gröfste Unbehagen, sogar in der Natur, die 
imm.er stellenweise die Cholera ausbrechen liefs. Nach der Kata- 
strophe bricht der allgemeine Unwille los, die Selbstanklagen, 
das Vordrängen von Bürschlein. Die Riesenreform des Agri- 
kulturstaates wird von Leuten geleitet, die nicht einmal wissen, 



— 395 — 

wie denn Getreide wächst. Jetzt gilt ein Proskriptskij als Abgott 
der Jugend, die ebensowenig lernt wie die der vierziger Jahre — 
diese schämte sich dessen wenigstens, die moderne schwärmt nur 
für ein paar fremde, unverstandene Ideechens. Es tauchen die 
emanzipierten Mädchen auf, die ihr Tagebuch mit dem Leugnen 
Gottes und dem Bekenntnis freier Liebe eröffnen — in der Tat 
haben sie kaum einem Manne die Hand je gedrückt und weinen 
zu Gott bei Zahnschmerzen. Die Mädchen von 1820 und 1830 
lasen alles, die von 1840 und 1850 gar nichts, hatten nur Sinn 
für Putz; das von 1860 liest wenig und will das Wenige sofort in 
Praxis umsetzen, mit schmutzigem Hemdkragen und geschorenem 
Haar. Die Älteren, die vor 1855 den Gipfel menschlicher Existenz 
in der italienischen Oper gefunden hatten, lesen nach 1857 heim- 
lich den Kolokol mit dem Enthusiasmus eines Schuljungen, ohne 
Spur eigener Gedankentätigkeit, von der freilich die Vorreform- 
zeit mit einem speziell für Rufsland eingerichteten Mechanismus 
sie streng abzuhalten gewufst hatte; sie haben die einzige Fähig- 
keit, sich äufserlich, was ihnen beliebt, einreiben zu lassen; nach 
der Knechtung durch Regierung und Tradition folgt ebenso 
gewaltsame und bewufstlose Unterwerfung modernen Ideen, für 
die man ebenso schwärmt wie einst für Verse. Unglückliches 
Vaterland, das Salz deiner Erde machen aus geistreiche Schwätzer 
und Hohlköpfe aller Art, bereit, ihre Leere jederzeit mit allem 
Beliebigen auszufüllen. 

Und nun die Staffage zu dieser Landschaft: der »Ankläger« 
Bastardin, ein Revolverjournalist ; der Jude Galkin, der Sohn des 
Millionärs, der vor Vergnügen wiehert, wenn man seinen Vater 
der gröbsten Verbrechen anklagt ; der ehrliche, aber beschränkte 
Student, der die Proklamationen aus London so ungeschickt ein- 
schmuggelt, dafs er abgefafst und seine zwölf Jahre Bergwerke 
bekommen mufs usw., alles Persönlichkeiten, die damals oft mit 
den Fingern zu weisen waren. Und die Nutzanwendung dieser 
ganzen »Äfferei« ? Ist in diesem Bilde nicht ganz Rufsland wider- 
gespiegelt, so ist hier sorgfältig wenigstens alle seine Lüge ge- 
sammelt ! »Nicht meine Schuld ist es, dafs unsere gebildete Menge 
gewöhnt ist, entweder nichts oder Possen zu tun, mit Aufser- 
achtlassung unserer wichtigsten nationalen Kraft, des gesunden 
Verstandes, sich auf jedes phosphoreszierende Licht zu stürzen, 
als wäre es imser Heil. Vergebens werden unsere Gegner diese 



— 396 — 

Erzählung zu einer zwecklosen Sammlung verschiedener Banali- 
täten herabzudrücken versuchen ; sie wissen wohl , dafs wir ihre 
wunden Stellen treffen. Als wir diese Arbeit begannen , sagte 
uns der Instinkt, dafs dieser Lärm und Getöse und Krach kein 
Sturm war; das waren nur Gekräusel und Blasen, zum Teil von 
aufsen angeflogen , zum Teil von dem unten aufsteigenden Mist 
erschienen. Die Ereignisse haben unsere Erwartungen vollauf 
bestätigt.« 

Man kann sich leicht denken, was für ein Hallo der mit 
einer Menge interessantem Beiwerk ausgestattete, lebensvolle 
Roman erlebte. Herzen sprach von dem »ekelhaften« Pissemskij. 
Das Kühlen seines Mütchens an den Radikalen büfste Pissemskij 
mit einer förmlichen Inachterklärung schon seines Namens. Nach 
einer längeren Pause nahm er von neuem seine Tätigkeit auf, ohne 
nachhaltigeren Erfolg, als fehlte mit der »Entrüstung« die Leiden- 
schaft. Auch jetzt behandelte er manches gleich interessant und 
weniger einseitig, z. B. »Im Wirbel« zollte er der emanzipierten 
Helena alle Achtung vor ihrem redlichen Streben nach Arbeit, 
die ihr Unabhängigkeit sichert, ihrer Existenz höhere Ziele leiht 
und der weiblichen Oblomoverei ein Ende setzt; wie Kluschnikov 
verwickelte er seine Heldin in die polnische »sprawa«. Von dieser 
Gegenwart griff er in die Vergangenheit zurück, zu den »Leuten 
der vierziger Jahre: und noch weiter zu den »Freimaurern«, doch 
wandte er mit Vorliebe sich dem zeitgenössischen Drama zu, 
das er zu Pamphleten, zu Anklagen ausgestaltete, z. B. in »Auf- 
geklärte Zeit«, als ob Ehebruch, Hintergehen der Frau und der 
Geliebten mit Kokotten , Folge der Aufklärung wäre. An- 
gebrachter sind seine Anklagen des Kapitalismus und Materia- 
lismus, der Sucht, um jeden Preis, auch den von Anstand und 
Gewissen, fortzukommen, in seinem »Finanzgenie«; im »Baal«, 
den das Jahrhundert ohne Ideale und Hoffnungen anbetet, das 
Jahrhundert der Kupferrubel und des falschen Papiergeldes; in 
»Minen«, die einer dem eigenen Schwiegervater legt, nur um 
seine Stelle zu ergattern, was ihm nur zum Teil gelingt: er 
ruiniert den Schwiegervater, aber ein anderer bekommt dessen 
Stelle usw. Die Anklagen gegen die Neuzeit, die reaktionären 
Tendenzen werden immer schärfer. In den »Bürgern« versichert 
Bieguschev, dafs er aus jedem Europäer mit der eigenen Nase 
den Geruch von Kupferdreiern herausroch, ihm jeder als Krämer 



— 397 — 

erschien; er selbst weifs freilich nicht zu leben noch zu lieben, 
aufser sich selbst, aber Vi^enigstens im Kriege zu sterben, den er mit 
Freuden begrüfst, in der Hoffnung, dafs der Ritter den Bourgeois 
ein wenig verstummen machen werde. Alle seine Helden, der 
Vichrov der »Vierziger Jahre«, derMiroviß im »Baal« usw., sind 
gar nicht problematische Naturen, sind zu unmoralischen, aber 
dafür zwecklosen, unvernünftigen Opfern, für Frauen, die sie nur 
betrügen , bereit. Der Protest gegen die Zeit , da die Zöllner 
aus dem Tempel die Apostel verjagen , da in ihrer ganzen 
Majestät erstrahlt die Macht der Branntweinpächter und Kabaken, 
verliert dadurch an Schärfe ; die Tiraden seiner Helden erscheinen 
recht wenig angebracht. So sank das Ansehen des Moskauer 
Schriftstellers, dem nur noch sein Moskau zu Bühnenerfolgen 
verhalf; es erschöpfte sich ein bedeutendes realistisches, nament- 
lich plastisches Talent. Pissemskij bleibt trotzdem ein typischer 
Russe, ist ungleich typischer als z. B. Turgeniev. 

Die tendenziöse Belletristik der Zeit schliefst sich an ihn 
ungezwungen an; sie scheidet sich natürlich in zwei einander 
befehdende Lager, das radikale und das reaktionäre. An der 
Spitze des ersteren steht die Phantasie des Cernyschevskij »Was 
tun?« Der Roman wurde im »Zeitgenossen« (1863) gedruckt, 
als sein unglücklicher Verfasser bereits in den Kasematten der 
Peterpaulsfestung schmachtete, — da vergeht jede Lust daran 
zu mäkeln. Trotz seiner artistischen Schwächen hat er eine 
ungleich tiefere Spur hinterlassen , als vieles ästhetisch Höhere : 
er war seinerzeit eine Offenbarung. Den Vorwurf hat Turgeniev 
genau im »Neuland« nachgeahmt: Lopuchov als Hauslehrer ent- 
führt Viera aus der unwürdigen Umgebung ihres Elternhauses; 
sie heiraten , aber die beiderseitige Neigung erkaltet ; bei dem 
Grundsatze vollständiger Freiheit räumt Lopuchov das Feld durch 
angeblichen Selbstmord; die freigewordene Viera folgt ihrer 
Neigung zu dem Arzt Kirsanov; sie errichtet eine Nähterei auf 
sozialistischen Prinzipien und wendet sich auch noch dem Studium 
der Medizin zu. Aufser diesen freien »Menschen« enthält der 
aufserordentlich lebhaft geschriebene Roman, unnötig durch fort- 
währende Apostrophen an den Leser gestört, Utopien ä la 
Bellamy, die vier berühmten Träume Vieras, in denen sie das 
zukünftige Glück der befreiten, vernünftig organisierten Mensch- 
heit erschaut: die Aluminiumpaläste des Volkes, sein Arbeiten 



— 398 — 

bei Gesang, sein Vordringen nach dem Süden usw. Es sind 
Träume, daher entziehen sie sich der Kritik. Man wundert sich 
nur, und dieses Staunen bezieht sich auch auf die moderne sozial- 
demokratische Presse, wie sich der gelehrte Nationalökonom die 
ungehemmte V^ermehrung des Menschengeschlechtes (denn fort- 
während verschwinden bei ihm die jungen Paare in den diskreten 
Zelten) mit dessen materiellem Wohlstande reimt. Staunenswerter 
ist jedoch sein leidenschaftlicher, unerschütterlicher Optimismus: 
es ist rührend, wie dieses unschuldige Opfer des offiziellen Ver- 
brechens, im Angesichte des schrecklichsten Loses, in den rosigsten 
Illusionen sich wiegt, den Glauben an Menschheit und Zukunft 
nicht verliert. Er spricht von den »neuen« Menschen, die sich 
befreit haben von allen Vorurteilen, die nur den Mahnungen des 
vernünftigen Egoismus folgen ; dabei zeichnet er in seinem Helden 
Rachmetov jenes Ideal, das die Jugend vergebens in dem 
Turgenievschen Basarov gesucht hatte, den Mann ungebeugten 
Willens, unerhörter geistiger und physischer Kraft, einen Titan 
des Wissens, einen freiwilligen Asketen und Sektierer zugleich; 
in der Tiefe seiner Seele schlummern , wie bei Öernyschevskij 
selbst, ästhetisches Fühlen, Freude an Geselligkeit, Scherz und 
Lachen, die der Doktrinär gewaltsam unterdrückt. Gegenüber 
diesem mit unleugbarem Talent und grofsartigem Temperament 
geschriebenen Roman verliert sich der bereits unvollendet ge- 
lassene, »Prolog« eines neuen Romans in unbestimmteren Um- 
rissen, obgleich auch er sehr Interessantes enthält, reich an auto- 
biographischem Element. Seine Helden, die Volgins, sind ja die 
Cernyschevskijs selbst : er an der Spitze eines progressiven Jour- 
nals, überlegen den meisten, nicht weil er zu schreiben, sondern 
weil er die Sachen richtiger als andere zu begreifen vermag; 
nur Litterat und Publizist, und doch bereits das über seinem 
Kopfe sich zusammenziehende Unheil ahnend; sie, die schöne, 
lebenslustige, ihren Mann wie ein Kind pflegende und ihn dabei 
so verehrende Frau; wir lernen Dobrolubov, andere Typen jener 
ausgehenden fünfziger Jahre kennen. So entschädigte sich förm- 
lich Öernyschevskij für die Trockenheit seiner publizistischen und 
wissenschaftlichen Tätigkeit, machte in belletristischer Propaganda, 
in tendenziöser Phantastik freie Bahn für den »denkenden Rea- 
listen», das Entzücken Pissarevs. Mit dem Erfolge des »Was 
tun?« — der »Prolog« ist den wenigsten bekannt geworden — , 



— 399 — 

konnte sich kein anderer radikaler Roman messen ; sein sanguini- 
scher Optimismus steckte unwillkürUch an. 

Andere tendenziöse Romane, die aus dem radikalen Lager 
kamen, verloren sich zwar nicht in Utopien, begnügten sich mit 
dem Häufen aller möglichen Tugenden schon auf den auserwählten 
Knaben, den auch Prügel nicht zur Anerkennung der Leibeigen- 
schaft oder Tierquälerei bringen könnten ; er wird im weiteren Leben 
Prüfungen ausgesetzt, die er glänzend besteht ; je mehr wir von ihm 
erwarten, desto bescheidenere Ziele stellt er sich selbst, so dafs er 
schliefslich einem Bourgeois so ähnlich wird, wie ein Ei dem andern : 
diese Stadien machen wenigstens die Helden der vielen Romane 
Michailovs (Pseudonym für Scheller) durch, die künstlerisch kaum 
über »Was tun?« zu stellen wären; mit Cernyschevskij berührte 
sich Scheller auch darin, dafs ihn soziale, konfessionelle, päda- 
gogische Probleme nahe angingen, er mit der Untersuchung 
europäischer und amerikanischer Organisationen, Assoziationen 
und Sekten sowie mit einer Geschichte des Kommunismus an- 
gelegentlich sich beschäftigte. Schon die Titel seiner Romane 
waren bezeichnend, z. B. gleich des ersten Faule Sümpfe« des 
russischen Lebens, die natürlich ausgetrocknet werden müssen; 
mit Vorliebe gab er ganze Jugendgeschichten, womöglich vom 
zweiten Lebensjahre ab; er führte uns durch das Gymnasium mit 
seinem pedantischen deutschen Formalisten, dem Herrn Spitzen, 
»als er in Dorpat studierte« , mit dem anregenden russischen 
Lehrer Nossovic usw., zur Universität, zu lärmenden und bezechten 
Jubiläen. Immer ist von dem »Ameisenhaufen des miserablen 
täglichen Lebens mit seinem Klatsch u. dgl. die Rede ; der eine 
Held, »Obnoskov« (auch ein nomen-omen) erliegt in dieser täg- 
lichen Aufreiberei; andere, in deren Seele ein Seekapitän Chlopko 
Keime vernünftigeren Treibens gelegt hat, werden sich durch- 
ringen, nicht mehr einzeln, sondern zusammen, Hand in Hand, 
den weiteren Lebensweg betreten ; unwürdige Frauen erschweren 
ihn, doch befreit man sich von ihnen an der Seite von Geliebten, 
die den zeitgenössischen Held zu würdigen verstehen — alles 
seicht, ohne Charakteristik, förmlich schematisch und besonders 
phrasenhaft. Michailov - Scheller ist wirklich weniger Russe als 
Finne (was er von Geburt ist) in der Farblosigkeit seiner Romane, 
dafür ist seine Gesinnung echt, auch bei ihm als Nachdichter, 
z. B. von Petöfi. Mit gleicher Tendenz und nicht erheblich 



— 400 — 

gröfserem Talent ging ein Sassodimskij aufs Land und schuf in 
seiner »Chronik des Dorfes Smurin« 1874 einen idealen Schmied, 
der der gewissenlosen Exploitierung der armen Smuriner Nagler 
durch die laster- und ekelhaften Fabrikanten und Kapitalisten 
mit seiner Spar- und Darlehnskasse , mit seiner Produktions- 
genossenschaft ein Ende mit Schrecken bereiten wird. Eine andere 
Abwechslung brachte Bazin herein, durch einen starken Schufs 
jener noch von Karamsin eingeführten Sentimentalität, einer Lüge, 
die sich in der Litteratur desto breiter macht, je unbekannter sie 
dem nationalen Temperament bleibt, das nur Helden oder Spötter 
kennt; besonders pflegen Denunzianten, z. B. der edle ^'igel, 
sentimental angehaucht zu sein. 

Fehlte es der radikalen Belletristik an Talenten, so haben 
auch die Taschkenter und Molcalins des »Russischen Boten«, 
seine hochkonservativen und ultrapatriotischen Sipiagins und 
Kallomiejzevs aus »Neuland« oder die Kolasin und Burdalu des- 
selben Turgeniev , die ohne Geist und Verständnis für irgend 
etwas, ihre eigene Sache trefflich zu fördern verstehen, die 
würdigen Nachkommen jener Tusy (Autoritäten) Alexander L, 
die in der Frühe eine Seite Condillac lasen und abends in die 
magnetischen Soireen zu Madame Svießina gingen, keinen ihrer 
würdigen Homer gefunden. Wohl tummelten sich auf diesem 
dankbaren Gebiete, zwischen Salon oder Amt, Denunzianten 
oder Inquisitoren, Ordens- und Stellen- oder Mitgiftsjägern, die 
V. Krestovskij, B. Markevic, V. Avssiejenko, der auch als 
Kritiker herzhaft, aber ohne Verständnis die Radikalen be- 
kämpfte, mit dem edlen Enthusiasmus eines Don Quichote, nur 
ohne dessen Adel der Gesinnung, aber wir wollen von diesen 
totgeborenen Sachen den Mantel der Vergessenheit nicht weg- 
ziehen. Wir erwähnen lieber Werke, die den Radikalismus be- 
kämpfen nicht im Namen Katkovscher Prinzipien, sondern weil 
die Lieskov und Kluschnikov, schwer enttäuscht über die ein- 
zelnen Akteure des Radikalismus und deren Losungen, die 
ganze Bewegung als eine aussichtslose, als eine neue Lüge nur 
neben den alten, verdammten, ohne dafs sie gerade den alten 
patriotischen und konservativen Lügen die Stange hielten. Schon 
die Titel ihrer Romane waren höchst charakteristisch, »Ohne 
Ausweg« und »Auf Messer« des Lieskov oder, wie er sich 
nannte, Stebnizkij, und »Fata Morgana« des Kluschnikov. Letzterer 



— 401 — 

ging voran (1869). Der Held seines Romans war nicht Russanov, 
der Vertreter des russischen Hauptprinzips, des gesunden Menschen- 
verstandes, sondern die Tochter eines Mannes der vierziger Jahre, 
eines Freundes von Herzen und ßakunin, die, dem Vermächtnis 
des Vaters folgend, sich samt ihrem Bruder, dem Revolutionär, 
in den Strudel der Bewegung wirft, Materialistin, Nihilistin und 
zuletzt Nationalistin — für die polnische sprawa opfert sich ihr 
Bruder — , um aller Illusionen beraubt, zu gestehen, wie sie die 
Männer, die angeblichen Vorkämpfer von Wahrheit und Frei- 
heit, durchschaut hat als einen Haufen Ehrgeiziger, die sich um 
die Macht streiten, wie Geier einer dem anderen die Eingeweide 
des Aases aus den Schnäbeln reifsend ; wie Volksfreiheit nur 
der Vorwand ist für Erhöhung neuer Tyrannen auf Kosten 
früherer, wie die niedrigsten Ziele die Maske der Nationalität 
deckt . . . Mit Hafs, Ekel und Verachtung, gebrochen und ver- 
stümmelt, ohne Lebenslust und Zukunftshoffnung sieht sie in 
London , von ihrer einsamen Höhe , auf alle diese Verirrungen 
herab. Der erste Roman Leskovs, 1865, unterschied sich von 
dem Kluschnikovschen hauptsächlich dadurch, dafs er auf ganz 
bestimmte Persönlichkeiten mit den Fingern wies. Auch hier 
warfen sich die Sozialisten-Idealisten der polnischen Revolutions- 
partei in die Arme, nachdem sie den moralischen Bankrott des 
Petersburger Nihilismus erkannt hatten. Natürlich entgalt die 
liberale Presse diese persönlichen Zuspitzungen und Karikaturen 
dem Verfasser mit den schärfsten Angriffen. Kein Wunder, dafs er 
nach Jahren den Nihilismus in einem Pamphletroman, »Auf Messer«, 
aufs schonungsloseste blofsstellte. An Talent überragen Kluschnikov 
und Leskov ebenso wie Pissemskij die radikalen und konservativen 
Lieferanten belletristischer Ware ganz erheblich; interessante 
Charaktere, gelungene humoristische und namentlich satirische 
Schilderungen lassen den Leser wohl auf seine Kosten kommen. 
Von Romanen mit bestimmter politischer Tendenz wenden 
wir uns zu Romanen, die bestimmten Klassen, Spezialitäten förm- 
lich, gewidmet sind. Diese speziellen Aufgaben, Darstellung des 
Volkes usw., riefen ganz neue Kräfte ins Leben. Die bisherige 
Litteratur war fast ausschliefslich von Adligen gepflegt, von 
Aristokraten würde man nach europäischen Begriffen sagen, die 
sich mit den russischen nicht decken, wo der Dienstadel dem 
Geburtsadel durchaus vorgeht; andere Stände waren nur aus- 

Brückner, Geschiebte der russischen Litteratur. ZO 



— 402 — 

nahmsweise vertreten durch den Seminaristen Nadezdin, durch 
den Kaufmann Polevoj, durch den Kleinbürger Kolzov. Noch 
die Belletristen der vierziger Jahre, ja noch die anderen, hier ge- 
nannten gehören nach ihrer Abkunft und Erziehung dem Provinz- 
adel an oder berühren sich mit ihm, wie Goncarov. Daher das 
Überwiegen des Adels, des Provinzlebens, ästhetischer Eindrücke, 
der Landschaftsbilder, des schönen Geschlechtes und der Erotik 
in dem älteren Roman, aufser bei Dostojevskij. 

Die Reform rief neue Kräfte ins Leben. So warb der Radi- 
kalismus Anhänger unter Seminaristen, Zöglingen geistlicher 
Lehranstalten. »Man hält diese in Finsternis, nährt ihren Geist 
mit totem Stoff, und als Zugabe prügelt man sie schonungslos. 
Wer nun von ihnen hitziger ist und auch noch welche von den 
Kadetten — die werden überhaupt nicht genährt, nur geprügelt — 
und neuerungssüchtig, die streben aus aller Kraft aus der Finster- 
nis zum Lichte, ein gesundes, frisches Volk, das um Luft und 
Nahrung bittet, und solche brauchen wir«, erklärt Volochov seiner 
Viera. Zum ersten Male treten jetzt, um 1860, Plebejer in ge- 
schlossener Phalanx in die Litteratur und prägen ihr sofort ein 
verändertes Wesen auf. Trotz Lese- und Lernhunger, den sie 
ja nie befriedigen konnten, sind sie ungebildet, ohne litterarische 
Tradition, Autodidakten und Pfadfinder. Sie verachten Puschkin 
und die Ästhetik, die Kunst um der Kunst willen, die Erfindung 
und die formelle Vollendung. Sie halten sich an ungeschminkte 
Wiedergabe des Gesehenen, an Protokolle, lange vor Zola, und 
Photographien. So ändern sie die Aufgaben-, der Roman hört 
auf, ein Kunstwerk zu sein und dient der Propaganda, z. B. für 
die Verbesserung der Lage des Volkes ; ebenso ändern sie seinen 
Inhalt. Statt liebegirrender, glücklicher oder unglücklicher, ge- 
bildeter und humaner, ästhetischer und müfsiger Lavrezkij, 
Rajskij, Baklanov (bei Pissemskij) usw., führen sie in die Litteratur 
vor allem den Bauer ein; die Litteratur wird durch sie zur 
Bauernlitteratur, die »Nationalisten-Belletristen« handeln nur vom 
»Schafpelz«. Freilich ist dies ein völlig anderer Bauer als der 
bei Turgeniev oder Grigorovic, der nur als Staffage auf schönen 
Landschaftsbildern zu erscheinen hatte, über dessen Lage man 
auch eventuell eine Träne im Augenwinkel, verstohlen, damit es 
die Zensur nicht merkte, auswischte, über dessen Wohl und 
Wehe nur der Gutsherr resp. bei dem immer gröfseren Ab- 



— 403 — 

sentisraus des russischen Adels, der immer herzlose Verwalter 
zu entscheiden hatte. Die »Nationalisten« traten ja erst nach 
dem Februartage auf, der die Beziehungen zwischen dem Herren- 
hof und den Rauchkaten für immer trennte. Sie stellten den 
Bauer auf sich selbst angewiesen dar, im Kampfe mit dem 
Hungertode, mit den Krankheiten, Seuchen und Aberglauben, 
im Kampfe mit dem Dorfwucherer , mit der eigenen Laxheit, 
mit der unerbittlichen Natur, mit der Willkür der Beamten und 
dem Druck der Steuern, mit dem ganzen Elend der russischen 
Gaue, vor dem der Bauer als Fabrikarbeiter oder Taglöhner in 
die Städte, an die Flüsse und Bahnen flieht, die natürlichen 
Bande, die ihn an den Boden fesselten, zerreifst, um in der 
fremden Umgebung nur allzuoft zugrunde zu gehen. Und neben 
dem Elend der Dörfer kommt auch das Elend der Städte, ihres 
Proletariats^ zur Darstellung, nicht in den »Petersburger Höhlen <? 
des V. Krestovskij , der mit adliger Nonchalance Eugen Sues 
Pariser Mysterien lokalisierte, sondern in den Aufzeichnungen 
der Proletarier selbst, die für das Gift und die Pest ihrer Um- 
gebung mit verbissenem Ingrimm und mit blutendem Herzen die 
ergreifendsten Töne fanden; denn diesen Enterbten und Ver- 
stofsenen, Erniedrigten und Verletzten ist der bisherige adlige 
Optimismus oder Pessimismus, die sich gleich leicht mit der 
Wirklichkeit aussöhnten, völlig unbekannt. Der schärfste Protest 
gegen die Gesellschaft, Hafs und Verachtung, mit Verzweiflung 
gepart, bilden den Grundton erboster, erschütternder Schilderungen. 
Leider ist ihre Erbostheit nur allzu gerechtfertigt. Sie fühlen 
es, wie die furchtbar drückenden Verhältnisse oft gleich in der 
ersten Jugend oder in der geistlichen Schule — Verhältnisse, deren 
blofse Möglichkeit dem Europäer unmöglich dünkt, die un- 
bestreitbaren grofsen Talente, den offenen Sinn, das feurige Herz 
gebrochen, vergiftet, den Rachedurst entfesselt haben. Der eine, 
Pomialovskij, läfst vor seinem Auge die Gestalten seiner Peiniger 
vorbeiziehen, murmelt mit der hafserstickten Stimme: »Ver- 
fluchte, wie hasse ich euch, wie schrecklich hasse ich euch ! Ihr 
habt mein ganzes Leben vergiftet, meine besten Hoffnungen 
zertrümmert!« Dabei weint er nicht; der Ausdruck seines Ge- 
sichtes ist ruhig, schwer, an sich haltend, aber aus den Augen 
strömen die Tränen, und man hält ihn mit Mühe zurück, er 
möchte sonst herausstürzen und sich rächen wollen, und schwer 

26 * 



— 404 — 

fiel es, auf diese Pein zu blicken, auf diese kalten, mit Mühe 
herausgeprefsten Tränen. Ein anderer, Levitov, bekennt: »Nun 
schaue ich mit unersättlicher Neugierde schon an zwanzig Jahre 
auf das vielförmige Lebensbose und habe mich bis zu diesem 
Grade eingeschaut, dafs mir die sogenannten hellen Seiten des 
Lebens als eine sentimentale Lüge erscheinen, die von der Mensch- 
heit zur möglichsten Erweichung des unabwendbaren Lebens- 
elends ersonnen ist. Mir selbst ist sogar sehr sichtbar die Ein- 
seitigkeit und Fehlerhaftigkeit meines Denkens, dessen Tätigkeit 
solange immer ein und derselbe, wenn auch endlos weite Anblick 
menschlicher Leiden anregte. Nichtsdestoweniger bin ich durch- 
aus ungeneigt, diesen Fehler meines Denkens zu berichtigen, 
weil diese rohe Welt, in der es sich bewegte und bewegt, aus 
meinem Herzen ohne Rest ausgetrieben hat alle diese bösen 
Eingebungen, denen folgend der Mensch egoistisch um sich allein 
möglichst viel Lebensgüter sammelt, dadurch die Masse all- 
gemeinen Übels vergröfsernd. Meinen Körper haben in unüber- 
windbare Geduld geschmiedet die traurigen Bilder der leidenden 
Welt, und je tiefer ich hineinblicke in ihren undurchdringlich 
dunklen Grund, desto mehr und mehr fliefst in meine Seele Liebe 
und Milde, ohne deren lichten Glanz totbleiben würden sogar 
diese Bilder, die durchgeistigt sind von den Wehklagen endlosen 
Unterganges einer endlosen Menge von Menschen.« 

Alle diese Schriftsteller, mit verschwindenden Ausnahmen, 
endigen im delirium tremens; sterben an einer ungefährlichen 
Operation, die der alkoholdurchseuchte Körper nicht überwindet ; 
Schwindsucht oder Wahnsinn lauern auf sie. Der eine von ihnen 
hat ganz mittellos in seiner Lernwut Hunderte von Werst nach 
der Universität zu Fufs zurückgelegt und wird dann wegen irgend- 
einer Dummheit nach dem hohen Norden verschickt-, da hört 
aller Widerstand auf, da mufs man zu saufen anfangen, das Ent- 
rinnen dem Dämon Alkohol ist hier unmöglich. Ein anderer ist in 
der Schule vierhundertmal gepeitscht, ohne zu rechnen die anderen 
Strafen; ein dritter wurde nicht so oft, dafür gründlicher ge- 
peitscht, lag daran monatelang im Spital, und als er zur Besse- 
rung ins Kloster war gesteckt worden, haben die Mönche dem 
Jungen den Geschmack an beifsenden Getränken — auf Tabak- 
blättern aufgegorenes Bier — fürs Leben beigebracht. Furchtbar 
Erschütterndes haben die Reschetnikov , Pomialovskij , Levitov, 



— 405 — 

Gleb Uspenskij u. a. geschildert, aber das Erschütterndste sind 
ihre eigenen Biographien, das endlose Martyrologium der russi- 
schen Litteratur. 

Reschetnikov wurde bekannt durch seine im »Zeitgenossen« 
(1864, er starb schon 1871) gedruckten »Podlipovzer'::, die Burlaken 
(Barkenzieher) an der Kama und anderen Flüssen; dieser und 
die folgenden »Romane« sind eigentlich Bearbeitungen der Frage 
»Wo ist's besser?«; so heilst ein anderer Roman von ihm; der 
Bauer verläfst, um nicht Hungers zu sterben, die undankbare 
Scholle und sucht, wo es besser wäre, bei Burlaken, in Eisen- 
und Kupferwerken, in den Goldfeldern, beim Eisenbahnbau; die 
Antwort bleibt überall dieselbe, den Armen blüht nirgends ein 
Glück. Oft sind es dieselben Menschen, die Leute von Glumov, 
die er unter immer anderen Namen vorführt; die Podlipovzer, 
Pila und sein Schwiegersohn in spe Syssojko — aber seine Braut 
Aproska ist Hungers gestorben — ziehen mit ihren Nächsten aus 
dem Hungerdorfe ; sie waren das erste und ergreifendste Bild — er 
malte es ja ab, um irgendwie diesen Ärmsten zu helfen — aus dieser 
Hunger- und Elendsgalerie, der Schutzlosigkeit der Arbeiter, 
der Erpressung durch die Polizei, deren Willkür, wie dem Lehrer 
die Lust zum Lehren durch die Obrigkeit ausgetrieben wird, der 
Opfer der Trunksucht usw. Eine Art Ergänzung aus einer 
Provinzialstadt bot »Eigenes Brot«, wie sich ein Mädchen solches 
zu erwerben sucht, was als unerhörte Lasterhaftigkeit gilt; sie 
mufs denn auch das Schneidern aufgeben und geht nach Peters- 
burg — diesen zweiten Teil der Lebensgeschichte seiner eigenen 
Frau hat er nicht mehr ausgeführt. Die Fülle unnötigen Details, 
die Menge von Personen und Biographien, die holperige Sprache 
verleihen diesem wahrhaftigen, teilweise autobiographischen 
Material protokollarischen, nicht künstlerischen Wert. 

War bei diesem verschlossenen, mürrischen Sohne des Nordens 
die Kunst aus seinem Schaffen wie eliminiert, so kam sie zu ihrem 
Rechte bei Pomialovskij, der freilich nur drei Jahre, 1861 — 1863, 
litterarisch tätig war. Die Hölle der Bursa, der geistlichen 
Schule , die er selbst bis auf die letzte Neige ausgekostet hatte, 
schilderte er in aufserordentlich lebensvollen Szenen, und das 
Publikum staunte, auf welche Weise die künftigen Seelenhirten 
des Volkes erzogen würden. Hatten die Schilderunge