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Full text of "Geschichte des Brown'schen Systems und der Erregungstheorie"

4 1 


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Geschichte 

der 

niediciiiisclien Schulen und Systeme 

des neunzelinten Jalirliundcrts 

in Monographieen. 

Nach den Quellen bearbeitet 
von 

Dr. Bernhard Hirschel. 



I. 

beschichte de« Bro^rn'ischen Systems und der 
Krrei^uni^stheorie. 



Dresden und Leipzig, 

Ariioldische Bucliliandlung. 

18 4 6. 



Geschichte 



des 



Brown'schen Systems 



und 



der Erregungstheorie 



Dr. Bernhard Hirschel, 



practischem Arzte in Dresden, der Gesellschaft Isis fürspecielle, besonders vaterlän- 
dische Maturgeschtthte zu Dresden, der Kaiserlichen Gesellschaft russischer Aerzte zu 
St. Petersburg, der moldauischen Gesellschaft der Aerzte und Naturforscher zu Jasey 
und de« Vereins für W'asserheilkunde und Gesundheitspflege wirklichem und 
correspondirendem Mitgliede. 



Dresden und Leipzig, 

Arnoldische Buchhandlung. 

18 4 6. 




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■ 5 

^'5 



Seinem väterlichen Freunde 



Dr. L. B. Georg Lippert sen., 

practischem Arzte zu Leipzig, mehrerer gelehrten Gesellschaften 
wirklichem und correspondirendem Mitglied©, 



und 



seinem lieben Freunde 



Dr. Ernst Meyer, 

practischem Arzte zu St. Petersburg, früher in Dresden, Oberarzte 

des klinischen Elisabeth -Kinder- Hospitals , Beamten beim medi- 

cinischen Departement des Ministeriums des Innern , wirklichem, 

correspondirendem und Ehren -3Iitgliede mehrerer gelehrten 

Gesellschaften , 



in fortdauernder Verehrung und Freundschaft 

gewidmet 



Verfasser. 



Vorrede. 



JLs 



^s würde viel stolze Zuversicht verrathen, wollte ich nicht 
dem vorliegenden Versuche einige motivirende und entschuldi- 
gende Worte vorausschicken; man könnte sonst glauben, ich 
wolle die Ausführung für das Unternehmen selbst sprechen lassen, 
eine Meinung, von der Niemand entfernter ist, als ich selbst. 
Den Nutzen dieses Themas, wer wollte ihn läugnen? Es ist 
Zeitverschwendung, davon zu sprechen; denn wenn überhaupt 
Geschichte nützlich ist, so muss es eine Geschichte der Zeit, an 
die wir uns auf das Engste anschliessen, an deren Entwicklung 
wir selbst zunächst betheiligt sind, doppelt sein. Das lehrt ein 
Blick auf den Vorwurf dieser Geschichte deutlich. Aber die 
Nothwendigkeit? Eine absolute liegt nun allerdings nicht vor, 
wenn man die schon vorhandenen Bearbeitungen gelten lässt, 
aber eine relative, wenn die Art und Weise derselben entweder 
des zu beschränkten oder des zu allgemeinen Planes wegen nicht 
genügt, ura einen Blick in das innere Getriebe, in die spe- 
ciellsten Einzelnheilen, in die eigenthünil i chs ten Be- 
ziehungen zur damaligen und jetzigen Zeit zu thnn. Gerade diese 
aber halten wir zu unserer Selbsterkenntniss für dringend nöthig, 
gerade aus diesen Details, wenn namentlich nicht das Allgemeine 
darüber vergessen wird, ergeben sich die klarsten Anschauungen, 
gerade aus den scheinbar geringfügigsten Umständen lassen sich 
nicht seilen grosse Wahrheiten entwickeln. Soll Licht und 
Schatten gleichraässig vertheilt, das Gemälde sorgfältig ausge- 
führt werden, so dürfen auch die kleinsten Linien und Puncto 
nicht leichtsinnig übersehn oder verächtlich behandelt werden. 



VIII 

Dass eine solche Bearbeitung zugleich eine philosophische sein 
muss, ja dass letztere eben darin besteht, dass auch das „kleinste 
Theilchen Materie durch seine Stellung und Umgebung in ein 
solches Verhällniss zur waltenden Idee des Ganzen komme, dass 
es vollkommen durchsichtig auf den ersten Blick die Nothwendig- 
keit seines Daseins und seiner Wechselbeziehung zu den andern 
Thatsachen erkennen lasse," darüber sind wir ganz mit Q u i t z m a n n 
einverstanden. Man sieht aber leicht ein, dass für die Meisten 
liierzu eine Beschränkung auf ein engeres Gebiet nöthig wird. 
Doch wünschen wir nichts sehnlicher, als dass der scharfsinnige 
Verfasser der „Vorstudien zu einer philosophischen Geschichte der 
Medicin" uns einmal diese vollständig in solchem Sinne bearbeitete. 
Freilich niüsste er dann sein dort ziemlich ofTen als höchste Stufe 
der Entwicklungsgesetze hingestelltes, aber späterhin etwas be- 
scheidener als Identitätsversuch bezeichnetes Princip sehr 
modificiren, da wir in der vielgerühmten Quadruplicität u. s. w. 
wohl ,, genialen Schwung", aber innere Wahrheit und naturge- 
mässe Entwicklung nicht zu erkennen vermögen. Ich hatte be- 
reits vor mehr als 4 Jahren, als ich den Plan zu dieser Arbeit 
fasste, die oben angedeutete Tendenz in Bezug auf die Geschichte 
unsers Jahrhunderts und glaubte eben durch Begrenzung meines 
Terrains einem Ziele um so näher zu kommen, was ohne das 
sorgfältigste Quellenstudium, ohne das genaueste Eingeha in die 
Details nicht zu erreichen ist. So wollte ich nach und nach eine 
specielle Geschichte der einzelnen Systeme und Schulen in Mono- 
graphieen geben. Jede sollte, abgeschlossen für siel«, ein Gan- 
zes bibUn, aber dennoch immer nur als ein Glied in der grossen 
Kette der Entwicklung erscheinen, während innerhalb der einzel- 
nen Glieder seihst wieder das Individuelle seine organisclie Be- 
ziehung auf dieses specielle Ganze haben und erst dadurch mit 
der grossen Entwicklung in Verbindung gebracht würde. Nach 
dieser Bichfuns; bearbeilele ich zunächst das Brown'sclie System, 
welches zwar tlieihvciss noch dem lelzlen Jahrliiiiiderl angehört, 
aber in das neue sowohl durch einige seiner Anh inger als durch 



IX 

die auf das Genaueste mit ihr zusammenhängende Erregungs- 
theorie hineinragt und seiner allgemein reformatorischen 
Tendenz wegen mit Recht an die Spitze der Entwicklung dieses 
Jahrhunderts gestellt wird. Ich konnte dabei die 3Ieinung Derer 
nicht beachten, welche dieses System für hinlänglich erörtert 
halten, wie es wohl Solchen vorkommen kann, die mitten ia der 
damaligen Zeit gelebt und diese Kämpfe selbst bis zum Ueber- 
druss mitgemacht haben; denn eine vollständige geschicht- 
liche Schilderung derselben giebt es darüber noch nicht, und 
auch Quitzraaun wundert sich (a. a. Orte 1. Abth. S. 223) über 
den Mangel an neuerer Literatur über dieses Thema. Noch we- 
niger glaube ich, dass, wie mir ein ehemals dabei betheiligter, 
sehr achtungswerther Schriftsteller schrieb, nichts mehr davon 
übriggeblieben sei als die Erinnerung seiner Existenz, sondern 
hoffe gerade zu beweisen, dass Vieles davon, nur freilich in an- 
derer Gestalt, auf uns gekommen sei. — Dem Brown'schen System 
und der Erregungstheorie nun soll die Geschichte des Contra- 
stimulismus, desBroussaisismus, der Naturphilosophie, der Homöo- 
pathie, die der einzelnen besonderen Systeme, die der Eklektiker 
und der neuesten Schulen folgen. Wäre bis zurVollendung Dieses 
eine in Aussicht gestellte specielle Geschichte der einzelnen 
Zweige der Heilkunde noch nicht erschienen, so würde sich eine 
solche an das Obige passend anschliessen. Wenn ich aber bereits 
jetzt, unerwartet der Ausführung des ganzen Themas, die Ge- 
schichte des Brown'schen Systems und der Erregungs- 
theorie dem Publikum übergebe, so bestimmte mich dazu nicht 
etwa ein eitler Wunsch (denn die ganze kleinere Hälfte des 
nonum preraatur in annum verfloss seit dem Beginn und der 
hauptsächlichsten Beendigung dieser Studien), sondern nur die 
Abgeschlossenheit der Bearbeitung, welche„diesem Tiieile ein 
gewisses selbstständiges Alleinsteiiea möglich macht; noch mehr 
aber die Absicht, erst die Stimme der Kritik zu hören, ob über- 
iiaupt und wie in der Ausführung des Planes fortzufahren sei. In 
die5er Hinsicht kann mir eine ins Einzelne gehende Kritik nur 



erwünscht sein, und ich scheue sie um so weniger, als ich mich 
hestrebt habe, mit grösster Gewissenhaftigkeit in Benutzung der 
Quellen zu verfahren und nichts zu unterlassen, was nur irgend zur 
Vervollständigung eines Gemäldes der damaligen Zeit beitragen 
könne. — Es sei mir erlaubt, in dieser Beziehung Einiges über 
die Ausführung hier beizufügen, um Das, was aus dem Buche 
selbst nicht ersichtlich ist, dem kritischen Leser vorzulegen. 

Meine Ansichten über Geschichte als natürliche Entwick- 
lung, die Eintheilung der Perioden derselben, wie die Grund- 
züge der Entwicklung der Medicin selbst habe ich, nachdem 
ich sie zum Behufe des jetzigen WerkcJiens ausgearbeitet hatte, 
diesem in einer besonderen Schrift vorausgeschickt, weil ich 
glauhle , dass eine erste Anregung zum Studium der Ge- 
schichte bei dem Mangel an Interesse für dasselbe immer noch an 
der Zeit sei und dass eben die summarische Bearbeitung, bei 
welcher erneuertes Quellenstudium nicht unumgänglich nölhig 
war, einem vorhandenen Bedürfniss abhelfen würde. Der Ver- 
breitung dieses Buches nach bin ich auch so kühn, diese Voraus- 
setzung für gerechtfertigt zu halten, auch wenn man von einer 
Seite her den ,, genialen Schwung" darin nicht finden konnte, den 
ich gern Andern überlasse. Wenigstens aber hat mich die ge- 
nannte Geschichte der Medicin für den vorliegenden Gegenstand 
mancher weilliiuligen Auseinandersetzung überhoben und ich ver- 
weise desshalb theils im Allgemeinen darauf, tlieils im Besondern 
auf die dort geschilderten Zustände der Politik, der Philosophie, 
der Wissenschaften und Künste zu Anfang des 19. Jahrhunderts, 
die hier eigentlich hätten vorausj,^eschickt werden sollen. — Um 
aber nicht wieder in den Fehler zu verfallen, den man dort mehr- 
fach gerügt hat, dass ich es nämlich verab.^äumt habe, die Quellen 
anzugeben (was Ich nicht für niilhlg gehalten habe, da ich bei 
meinem Plane Gruiidzüs,'e der Entwicklung zu geben, welche 
als Einleitung fiir dieses specielle, auf crneueriem Quellenstudium 
beruhende Werk dienen sollten, mich im Materiellen auf Vorgän- 
ger slulzle), so will ich hier sogleich erklären, dass ich mit nur 



wenigen Ausnahmen die ganze Literatur selbst studirt habe, da ich 
die Ueberzeugung habe, dass nur so das schöne Ziel, eine letzte 
Quelle für jeden künftigen Geschichtsforscher zu werden, erreiciit 
wird; dass man selbst lesen müsse, um einen eigenen Ideen- 
gang zu erhalten ; dass sich bei dem Quellenstudium eine Menge 
Nebenumstcinde ergeben, die keineswegs unberücksichtigt bleiben 
dürfen, und dass für den Einen etwas wichtig sein möchte, was 
ein Anderer bei anderem Plane übersehen kann. Namentlich habe 
ich selbst frühere und spätere nicht hierher gehörige Werke, 
wenn sie von den Heroen dieser Geschichte (wie z.B. Weikard, 
Röschlaub, J. Frank, Marcus) herrührten, durchforscht, 
um den ganzen Entwicklungsgang der Verfasser kennen zu lernen. 
Jene Ausnahmen betreffen nun meist solche Bücher, von denen nach 
Vergleichung der Recensionen der verschiedenen Partheien (denn 
hierauf musste besonders gesehen werden) nicht viel zu erwarten 
war, oder diejenigen, die nicht wesentlich hierher gehörten, oder 
endlich diejenigen, die ich oft selbst mit grosser Mühe nicht zu 
erlangen im Stande war. (Diess habe ich stets angegeben.) Na- 
mentlich aber habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Jour- 
nalliteratur der damaligen Zeit zu studiren (z.B. die von 
Brugnatelli, Weikard, Röschlaub, Marcus, Harten- 
keil. Hörn, Hecker, Hufeland, Reil, Baidinger u. A. 
herausgegebenen Journale, die Jenaische Allgemeine Literatur- 
Zeitung), weil aus ihnen der Geist der Zeit, eben weil sie Zeil- 
schriften sind, am besten zu ersehen war, und ich verdanke dieser 
Leetüre manche Unterhaltung und Belehrung. Um nichts zu 
übersehen, habe ich mich ferner besonders an die kritischen Zei- 
tungen vom Jahre 1790 an bis zum Jahre 1812 gehalten. Auch 
versteht es sich von selbst, dass die Verzeichnisse Brown'scher 
Schriften von Girtanner (Darstellung deäBrown'schen Systems), 
H e c k e r (Lexicon medico-pract.), Ersch, Sprengel (Lit. med. 
ext.), Enslin-Engelmann, Choulant, Rosenbaum u.s.w. 
mir zur Aufsuchung der betreffenden Literatur verhelfen mussten. 
Dass ich die bereits vorhandenen Geschichtsbücher verglichen 



XII 

habe, obwohl sie bei meinem specielleren Planemir nicht zur Un- 
terlage dienen konnten, brauche ich nicht erst zu erwähnen. 
Trotzdem ich so ein Verzeichniss von 313 Schriften gegeben 
habe, ist aber doch vielleicht, wie auch bei dem grössten Streben 
nach Vollständigkeit geschehen kann , die eine oder die andere 
übersehen worden; ich würde daher sehr dankbar sein, wenn mir 
eine solche bestimmte Nachweisung gegeben würde. Soviel über 
die Quellen der vorliegenden Arbeit. 

Diese selbst beginnt mit einer Einleitung, welche nach 
den bereits in meiner Geschichte niedergelegten Ansichten und 
mit Benutzung von Werber's scharfer Pointirung der Unter- 
schiede des Alterthif^ns und der späteren Epochen durch einen 
kurzen Abriss der ganzen vorausgegangenen Entwicklung zu dem 
19. Jahrhundert selbst führt. — Hierauf folgt die Lebensge- 
schic-hte des Urhebers des Brown'schen Systemes in der Haupt- 
sache nach Beddo es und dem eignen Sohne Bro wn 's bearbei- 
tet , da Ersterer nicht ganz zuverlässig ist. Biographieen habe 
ich überhaupt aus begreiflichen Gründen nur bei den hervorra- 
gendsten Anführern für nöthig gehalten, wie bei Weikard, 
Röschlaub, J.Frank, Marcus. — Das System selbst habe 
ich so wiederzugeben versucht, dass der eigenlhUmlich concinne 
(■iiarakter desselben nicht verloren gehe. Nebenbei aber wurde 
alles Ausservvesentliche und auch anderwärts Vorhandene wegge- 
lassen. — Die Kritik ist wohl etwas zu ausführlich ausgefallen. 
Diess kommt daher, weil ich sie, um etwas Eigenes zu liefern 
und mich nicht durch die Leclüre anderer Kritiker leiten zu lassen 
(was oft unwillkührlich geschieht), vor dem Studium jeder an- 
dern Beurtheilung niedergeschrieben hatte und ich erst später halb 
zu meiner Freude, halb zu meinem Schmerze fand, dass das 
Meiste bereits darüber gesagt worden sei. Icii Hess aber das 
einiinil Niedergeschriebene stehen, theils, weil es doch etwas 
ltidi\idiielles war und gewissermassen ein Ganzes bildete, theils, 
weil i.'h dadurch einer weiteren Auseinandersetzung und öfteren 
Wiederholung bei der Angabe der Gegengründe überhoben wurde. 



XIII 

Diese werden daher nur dann ausführlicher angegehen, wo eine 
besondere Abweichung und Eigenthiinilichkeit. der Anschauung 
sichtbar ist. — Die Geschichte selbst Iiabe icli nach den ver- 
schiedenen Ländern, in welchen das System auftrat, besonders 
abgehandelt, sowohl weil sich eine gewisse nationelle Ver- 
Bchiedenheit nicht verkennen liisst, als weil die Deutschland an- 
gehörige Erregungstheorie eine getrennte Behandlung nöthig 
machte. Besonders bin ich bemüht gewesen, die allmählige 
Entwicklung, Blülhe und Zurückbildung des Systems und 
zwar sowohl im Ganzen zu veranschaulichen , als in psychologi- 
scher Auffassung der hervorstechendsten Individualitäten wieder 
im Einzelnen zu belegen. In dieser Beziehung dürfte ich z. B. 
auf Röschlaub, Jos. Frank, E. Hörn u. A. verweisen, in 
deren Charakteristik sich die ganze Geschichte unseres Systemes 
wiederspiegelt. Sollte aber vielleicht durch die Eintheilung der 
Anhänger und Gegner das Gesammtbild zerrissen erscheinen und 
öftere Wiederliolungen sich lästig machen , so ist das ein Uebel- 
stand , der nicht ganz zu vermeiden war, denn es musste zur 
richtigenWürdigungunseres Gegenstandes eine scharfe Sonderung 
getroffen werden, um nicht die verschiedensten Richtungen zu- 
sammenzuwerfen, um die Partheinahme selbst zu motiviren und 
vom richtigen Gesichtspuncte zu erfassen. Findet man unter den 
Anhängern vielleicht Solche, die man hier nicht vermuthet, so 
vergesse man nicht, einmal, dass sie bei der grossen Theilnahnie, 
welche das Brown'sche System fand, eben unter den Beschrän- 
kungen, die unsere Eintheilung möglich macht, hierher ge- 
rechnet werden konnten, und dann, dass doch immer dieser An- 
theil nur ein vorübergehender war. Eine besondere Schwierig- 
keit der Eintheilung dürfen wir ebenfalls nicht verhehlen. Da 
nämlich die Meisten sich nur unter gewTssen Bedingungen für das 
System aussprachen, ihrem Lobe Tadel beimischten, so konnte es 
oft zweifelhaft werden , ob sie den Anhängern oder den Gegnern 
beizuzählen seien. In diesen Fällen habe ich stets von der hervor- 
ragendsten Neigung den Maassstab für meine Eintheilung ge- 



XIV 

nommen. Noch schwerer war diess, wo die Zeit einen Unterschied 
abgab, d. h. wo entweder die Partheinahme oder der Widerstand spä- 
ter aufhörte, wie z. B. bei Cappel. Schelling musste desshalb 
doppelt aufgeführt werden, weil sieh zwei ganz verschiedene 
Phasen bei ihm unterscheiden lassen, die beide wesentlich auf die Ge- 
schichte einwirkten. — Aber erst nachdem die ganze Entwicklung 
zu übersehn war, konnte die Epikrise gleichsam als Nachlese 
die Ursachen der Entstehung und Verbreitung wie des Sturzes 
des Systems aus diesem selbst, aus seiner Zeit und aus seiner 
Geschichte entwickeln. Sie schliesst mit einem Blick auf die Vergan- 
genheit, vergleicht die Erregungstheorie mit den früheren Syste- 
men und zeigt den geschichtlichen Werth und Einfluss derselben 
durch die materiellen und formellen Folgen , die sie noch gegen- 
wärtig für uns hat. — Die Literatur schliesst sich genau an den 
Text der Gescliichte an, der durch Angabe von Büchertiteln nicht 
erschwert werden sollte. Indem aber blosse Citate, Abhandlun- 
gen und einzelne Aufsätze, welche ohne zu stören im Text Platz 
linden konnten, davon ausgeschlossen und nur hierher bezügliche 
selbstständige Schriften aufgenommen wurden, bildet sie auch ein 
für s\ö\\ bestehendes besonderes Ganze, welches schon zwischen 
den Zeilen zu lesen gestattet. — Gern hätte ich dem Krankheits- 
charakter der damaligen Zeit ein Kapitel gewidmet, um den Zu- 
sammenhang desselben mit dem vorliegenden Systeme nachzuwei- 
sen, doch geschieht diess besser später, wenn die Geschichte 
eines grösseren Zeitraumes ein reichlicheres Material und eine 
ausführlichere Vergleichung gestaltet. 

So übergebe ich zwar mit dem guten Bewusstsein eines red- 
lichen Strebens, aber nicht ohne die Bangigkeit eines ungenügen- 
den Erfolges die vorliegende Schrift dem ärztlichen Publikum. 
Möge man sie in einem Sinne aufnehmen, welcher Vergangenes 
nicht für Abgestorbenes hält und in einer geschichtlichen For- 
schung nicht blos nach dem untergeordneten Momente der Unter- 
haltunff trachtet. — 



Inhalt. 



Seite 

Einleitung 1 

lieben von John RroTm 13 

Das System Jobn Bro-wn's 27 

Kritik des Bro^rn'scben Systems 48 

Abhängigkeit des Lebens S. 50, Erregbarkeit S. 51. Quan- 
titatives Element S. 54. Verhältniss der Reize zur Erreg- 
barkeit S. 56. Erregung S. 59. Sthenie und Asthenie S. 61. 
Dynamismus S. 63. Aetiologie S. 65. Symptomatologie S. 72. 
Semiotik S. 78. Krankheitsprocess S. 79. Diagnose S. 82. 
Nosologie S. 87. Specielle Pathologie S. 89. Therapie S. 92. 
Materia medica S. 100. 

6esebichte des Bro-wrn'scben Systems 106 

Geschichte des Brownianismus in England (und 

Amerika) — 

Geschichte des Brovrnianismus in Italien .... 115 

Geschichte des Brovvnianismus in Frankreich und 

Spanien 128 

Geschichte des Brownianismus in Deutschland . . 130 
Ch. Girtanner S. 130. M. A. Weikard S. 134. 

Crescbicbte der Erregungstbeorie 144 

I. Begründer derErregungstheorie — 

Joh. Andr. Röschlaub S. 144. [Joh. Pete» Frank] Jos. Frank 

S. 175. A. Fr. Marcus S. 186. 

II. Anhänger der Erregungstheorie 191 

1) Anhänger ohne selbstständige Haltung. 

a) Schriften im Ganzen S. 191. ß) Anwendung auf Einzel- 
nes S. 193. 2) Anhänger mit selbstständiger Hal- 
tung S. 196. a) mit besondern Modificationen S. 198. 



XVI 

Seite 

b) mit besondern Combinationen S. 209. «) Combina- 
tion mit der Ilumoralpathologie S. 210. ß) mit der ReiV- 
schen Theorie S. 213. y) mit der Naturphilosophie S. 217. 

c) mit eklektischer Nebenannahme verschiedener 
Ansichten S. 228. 

III. Gegner der Err egungs th e orie 230 

1) Gegner ohne selbstständige Haltung S. 233. 

2) Gegner mit selbstständiger Haltung, a) Geg- 
ner Tom Standpunct besonderer Systeme, a) vom Stand- 
punct der Humoralpathologie S. 234. ß) vom Standpunct 
der Reirschen Theorie S. 235. y) vom Standpunct [der 
rsaturphilosophie S. 236. b) Gegner vom höheren eklekti- 
schen Standpunct S. 239. 

Epikrise 250 

Ursachen der Entstehung und Verbreitung des BrowTi'schen 

Systems und der Erregungstheorie — 

Ursachen des Untergangs des Brown'schen Systems und der 

Erregungstheorie 255 

Die geschichtliche Bedeutung des Brown'schen Systems und 

der Erregungstheorie 259 

Iiiteratur zur Geschichte des Brow^n'schen Systems 

und der Erregungstheorie 275 



Einleitung. 



Langsam reift die Erkenntniss zur Vollendung heran, aber 
sicher. In" grossen Kreisen bewegt sich der Genius der Ge- 
schichte, aber nur mit kleinen Schritten >vandelt er vorwärts. 
So viel auch in der Geschichte der Medicin immer geschehen, 
dennoch lässt sich der eigentliche Fortschritt nur nach Linien 
messen, welche stufenweis und mühevoll, wie die Sprossen einer 
Leiter, erklimmt sein wollen. Wie weit ist die letztzeit von 
Hip poerat es entfernt? ^Vie nah berühren sich Anfang und 
Ende Vergangenheit und Gegenwart der Medicin ! Und wie wie- 
derho'lt sich im Neuen das Alte! Das aber lehrt die naturhistori- 
sche Betrachtungsweise der Entwicklung der Medicin, dass diese 
nur eine cyklische sei, das Ende der potenzirte Anfang, das >eue die 
höhere Gradation des Alten nach verschiedenen Rückbildungen 
Involutionen, Metamorphosen. Denn ewig, unveränderlich und 
einfach wie die Urgesetze des Denkens sind es die der ^atur, 
des alter e-o des Geistes und somit auch die der Medicin. Die 
Urgesetze bleiben, nur die Form und Anwendung derselben wechselt 
nach Zeit und Individualität. Die Entwicklung in der T o t a 1 1 1 a t ist 
darum einfach unb langsam, die ideale Geschichte des medicini- 
schen Ganzen in wenig schlichten Sätzen erfassbar. Anders der 
reale Fortschritt im Einzelnen. So vielgestaltig und vie stot- 
fiawieder menschliche Organismus , so mannigfach und gegliedert 
,Z seine Funktionen, so wechselnd und verschieden wie die 
Zustände seines gesunden und kranken Lebens sind auch die 

L 



l<ehren und Erfahrungen, Beobachtungen und Handlungen, -welche 
die Auffindung und Ergriindung der Substrate der ärztlichen Kunst, 
der integrirenden Theile des Avissenschaftlichen Ganzen zum Zwecke 
haben. Und das ist gleichsam die Geschichte der körperlichen 
Seite der Medicin, der reichhaltige Inhalt und die Frucht von 
Jahrtausenden , ersichtlich in materiellen Bereicherungen , in 
faktischer Vervollkommnung. Diesen kostbaren Schatz benutzt 
und vermehrt die Jetztzeit wie ein vernünftiger Erbe. In 
reicher, üppiger Pracht schiessen die Krystallpunkte zu festeren 
Gestaltungen der Disciplinen zusammen , ans der bunten Mosaik 
bildet sich eine solide Basis, mächtig durch ihre vertrauen- 
erweckende Breite. Andere mögen ihr ruhmvolles Streben auf die 
Darstellung dieser Richtung verwenden, wie es geschehen ist 
und noch weiter geschehen muss, uns treibt es mehr den Blick 
in die Tiefe zu senken oder, was gleich ist, in die Höhe 
zu erheben. Wir befassen uns hier mit der geistigen Seile 
des medicinischen Organismus, mit den Fortschritten der Wissen- 
schaft, mit der Forlbildung bestimmter geistiger Richtungen, 
mit dem Bestreben zur Durchführung gewisser Grundgedanken, 
mit den Versuchen zu festerer Gestaltung und Ineinsbildun g 
einer vielgegliederten Mannigfaltigkeit, mit der Ent>Yicklung im 
Grossen und Ganzen, die allerdings wieder durch die im Ein- 
zelnen bedingt ist. Solches lehrt die Geschichte der Systeme 
und Schulen, — eine Geschichte von Versuchungen des specu- 
lativen, ordnenden und massgebenden Geistes, die meist zu Ver- 
suchen führt, nicht zu realisirbaren Wirklichkeiten. Denn alle 
Systeme und Schulen sind nur historisch bedeutsam durch die 
Motive ihres Ursprungs und durch den Gang ihrer Entwicklung als 
erkennbare Zeichen ihrer Zeitbildung, nur wissenschaft- 
lich wichtig durch den Impuls zu einer besonderen Richtung 
und Tendenz als neue Momente der Eni wi ekln ng im Gan- 
zen, nur reell bereichernd durch ihre wesentlich mit der Tendenz 
zusammenhängenden oder zufällig iuvolvirten Resultate im Ein- 
zelnen als principielle, abstrahirto Gesetze oder faktische Er- 
fahrungen. Sie entwickeln sich darum als Ganzes, erreichen 
einen Höhepunkt ihres Lebens und bilden sich dann wieder zu- 
rück, wie alle Naturwesen die Individualität nolhwcndigcrweise 
der grösseren Einheit opfernd. Denn noch nie hat ein System 
der Medicin bestanden und keines wird jemals bestehen. Die 



Natur hasst alle Systematik. Das lehrt auch die Geschichte des 
19. Jahrhunderts, das schon so viele Systeme und Schulen be- 
graben hat, als es erzeugte. Aber jede von diesen hat mit- 
gewirkt die grosse Aufgabe, welche die Vergangenheit dieser 
Epoche Übermacht hat, ihrer Lösung näher zu führen; jede 
wurzelt um so mehr in dem letzlverflossenen Zeitraum, als das 
ganze Jahrhundert selbst nur den Zweck verfolgt in einer höheren 
Gradation und in geläuterter Fassung die Pläne des Cyklus, dessen 
Endpunkt Paracelsus war, zu verwirklichen. Gehen wir auf die 
in unserer „Geschichte der Medicin" nach naturhisforischer Auf- 
fassung niedergelegten Entwicklungsmomente zurück, so finden 
wir die Heraufbildung der Medicin durch 3 Cyklen begrenzt, jeden 
derselben vom Geringeren zum Höheren aufsteigend, die Zukunft 
vorbildend und im Rückfall nach erreichter Vollkommenheit ein 
neues Resultat nur um so gewisser heraufführend. So war es 
die Aufgabe des ersten Cyklus die erste umfassende Gestaltung 
der Medicin als Wissenschaft auf eine von Hippocrates begründete 
er fahr ungs massige Basis zu schaffen. Das erreichte Galen 
durch einen vernünftigen Eklekticismus. Aber vorher gingen 
mühsame Bestrebungen und die Schulen erschöpften sich in ge- 
M^altigen Anstrengungen. Erst musste die Medicin von der Religion 
getrennt, dem Aberglauben und einer herrschenden Kaste ent- 
rissen und Allgemeingut werden , das Zufällige zum Nothwendigen, 
das Rudimentäre zum Zusammenhangenden sich umbilden. Die 
Naturphilosophie Griechenlands legte die ersten Keime zur Theorie, 
während die Saat des Hippocrates, die praktische Erfahrung, unter 
dem reinen hellenischen Himmel wunderbar gedieh und zum reich- 
gefüllten Korne aufschoss. Im Kampfe um den die Unsterblichkeit 
verheissenden Fund eines Theorie und Praxis durchdringenden Ge- 
dankens strebten Dogmatismus und Empirismus, Idealismus und 
Realismus der alten Meister und Schulen in immer wiederkehren- 
den Schwankungen gegeneinander an. Vergeblich oder vorüber- 
gehend waren die Bemühungen einen Frieden zwischen ihnen zu 
stiften; sie trennten sich mit der polarisdi sich noch anfeindenden 
materiellen oder dynamischen Richtung nur um so entschiedener 
und folgenreicher für ihre Vervollkommnung zu besonderen Radien 
ab, aus welchen endlich Galen durch Concentration und 
Beziehung auf einen bestimmten Punkt, auf die sogenannte Ratio- 
nalität, eine Art von homogenem Ganzen bewirkte, welches als 

1* 



ein die Medicin des Alterlhums in gewisser systemalisch-wissenschafl- 
licher Form umfassender Codex eine Ausgleichung der slreitenden Par- 
theien schuf, den Höhepunkt dieser Bestrebungen erreichte und für die 
damalige Epoche die höchstmöglichste Befriedigung gewährte. Also 
endeten die philosophischen Schulen Griechenlands, die dogmatische, 
alexandrinische, empirische, methodische, pneumalische und eklektische 
Schule. Da begann der zweite Zeilraum, vorbereitend wie alle 
mittelalterlichen Bestrebungen die grossen Reformen wie in der 
Religion, im Staalenleben, in den Künsten und AVissenschaflen, 
so auch in der Medicin, Reformen, die wir jetzt erst zur vol- 
lendeten Reife bringen. Die Aufgabe dieses Cyklus war die 
Begründung der physiologischen Jledicin. Das er- 
reichle Paracelsus. Denn das Alterthum halte eine Physiologie, 
aber keine physiologische Medicin. Das Alterthum begnügte sich 
mit einer kosmogonisch-physikalischen Theorie, welche den Men- 
schen als Fortsetzung der Natur betrachtete, die Elemenlenlehre 
von dort auf ihn übertrug und in qualitativ-objectiver Auffassung 
seiner Gebilde und Funktionen eine auf äusserer, sinnlicher An- 
schauung beruhende Identität desselben mit der Natur begründete. 
In dieser nur durch den Gesammtüberblick grossartigen Betrach- 
tung konnte die Individualität des Lebens als eines innerlich wal- 
tenden nicht aufkommen , da die Natur sich von aussen in das 
Leben übertrug. Es war kein Unterschied zwischen organischen 
und unorganischen Wesen; kein Prozess ging als selLstständigcr 
Modus der Veränderung oder Umbildung, sondern nur als Eigen- 
schaft oder Wirkung eines eingedrungenen Stoffes mit seiner 
dadurch bedingten Quaiilät vor sich. Der Materialismus als chemische 
oder physikalische Ansicht und der Dynamismus in mehr oder 
minder materieller Auffassung dienten nicht als Forschung, sondern 
als Erklärung und hielten sich auf der Oberfläche, der Dynamis- 
mus insbesondere (Pneuma) entweder als anderer Pol oder als 
ausschliessend Beherrschendes, nicht als innerlich mit der Materie 
zugleich wallendes belebendes Princip. Daher, wie Werber ♦) 
richtig bemerkt, herrscht weder die Höhe der organisch-dynamischen, 
noch die Tiefe der mechanisch-chemischen Ansicht in Alterthum. 
So war auch der Begriff der Krankheit mehr ein causaler; sie 



*) Entwicklungsgeschichte der Physiologie und Medicin. Stuttgart 
u. Leipzig. 1835. 



galt als eine von Aussen eiiigedning-ene, stoffliche Veränderung', 
als eine vorzugsweise in den Säften, aber auch in den festen Theilen 
und Functionen erkennbare sinnliche Wirkung eines feindlichen Natur- 
elements, welches in die Elemente und Qualitäten des menschlichen 
Körpers Verwirrung und Zerstörung bringt und durch entgegenge- 
setzte elementare sinnliche Einwirkung und Veränderungen bekämpft 
oder entfernt werden muss (Krisenlehre, ausleerende Methode, Al- 
löopathie). Gegen den Feind von aussen kämpft die Natur durch 
ihre eigene Natur und Totalität, die diesem sich entgegensetzt. 
Sie braucht nur unterstützt oder gehemmt zu werden. Die Wirkung 
erkennt man an den sinnlichen Qualitäten der Arzneien, deren spezi- 
fische Affinität zu den Organen darum so günstig ist, weil sie auf 
äusserer Aehnlichkeit nach den Elementarqualitäten beruht. Ohne die 
Natur aber vermag der Arzt nichts und die Vielfältigkeit der Sym- 
ptome verlangt vielerlei Arznei. — Die Einheit dieser Lehre bil- 
dete ihre sinnliche Auffassung, ihren Nut-zen die Beobachtung der 
Natur, aber den Dogmen fehlte die Höhe, der Empirie die Tiefe. Der 
Organismus derMedicin war todt. Er wartete auf den Prometheus, 
der ihm den Hauch des Lebens einflösse. Das war Paracelsus. Natur 
und Mensch wurden selbstständig. Der Makrokosmus- und Mikrokos- 
mus bildeten ein harmonisches Ganze, Jeder ein vielgegliedertes Or- 
ganenwesen für sich, im Gegensatz waltend und dennoch eins. Die kos- 
mogonisch-physikalischen Kräfte und Elemente bildeten nicht mehr Fort- 
setzungen, Uebertragungen, sondern wurden durch den Organismus ver- 
wandelt, selbstständig verarbeitet, neu producirt. Die Subjectivität des 
Lebens machte sich geltend, sie waltete nach ihren inneren eigenthüm- 
lichen Gesetzen. Die Persönlichkeit, Individualität, imAlterthum immer 
in dem Allgemeinen der Religion, des Staatenlebens, der Künste und 
Wissenschaft verschwimmend, errang ihre Rechte, und alle Kräfte 
wurden ihrer theilhaftig. Diese Wechselwirkung von Kräften und 
Individuen mit ihrer selbstständigen und doch der Einheit dienenden 
Aktion gab eine unendlich erhabenere Anschauung als das todte 
Kräftespiel des Alterthums. Organisches und Unorganisches schied 
sich, überall waren lebendige Prozesse, überall Zeugung, Entwick- 
lung, Spontaneität, für welche die Aussehwelt nur den Reiz, die 
äussere Bedingung hergab. Die Qualitäten und humores des Alter- 
thums traten hinter den subjectiven Kräften zurück; als Zeichen und 
Aeusserungen musslen sie der wirkenden inneren Ursache weichen. 
Selbst die Chemie vergeislete sich unter diesen lebensvollen Bezieh- 



6 

ungen; denn der chemische Prozess war durch das Leben gebunden 
und modifioirt und stand unter dem Bilde der Zeugung. Die Elementen- 
lehre gestaltete sich neu. Als roher Anfang der Chemie suchte die 
Alohymie das mehr innere stoffliche Verhältniss zu enthüllen, aber 
immer war der Körper ein Produkt des Lebens, mit dessen Erlöschen 
erst die Substanzen hervortreten. Der Begriff der Krankheit wurde aus 
aus dem causalen ein mehr realer ; sie erschien in organischer Auffas- 
sung als immateriell mit Eigenleben begabt, als Reaktion, als 
individuelle Entwicklung und Gestaltung auf dem Boden des Organis- 
mus gleich einem besonderen Gewächs emporschiessend und diesen 
in seiner gesunden Aktion beschränkend. Daher hilft die Natur nur 
in geringeren Krankheifszusfänden, die Kunst muss der Schwäche 
derselben zu Hülfe kommen, sie muss durch Hervorbringung eines 
Heilungsprozesses, eines neuen lebendigen Aktes, den Feind ver- 
drängen. Dieser künstliche und (denn das corpus ist nur die Hülle) 
immaterielle Heilprozess aher muss in specifischer Beziehung zum 
Krankheitsprozesse stehen, es muss zwischen Beiden eine Gleichheit 
oder Aehnlichkeit stattfinden, damit der eine den andern ausschliesse. 
(Homöopathie ; contraria contrariis sei ungründlich, symptomatisch.) 
Die wahren Aroana seien specifische Mittel, es bedürfe daher nur 
kleiner Dosen und einfacher 3Iedication. — 

Kann es zwei verschiedenere Richtungen geben als die in der 
Medicin des Galen und in der des Paracelsus herrschenden? 
Darum mussten lange Läuterungskämpfe vorangehen. 

In den Wirren der damaligen Zeit galt es zunächst bei blinder 
Anbetung Galens und fremder Beimischung das Ueberkommene zu 
erhalten (Conservative Araber). Dann musste die Erfahrung ihre allen 
Tempel neu errichten, mussten Diätetik und Therapie wieder als erstes 
und letztes Ziel erscheinen (Mönchsmedicin. Schulen zu Salerno und 
Monte Cassino.). Wiederum aber schlug die Religion des Mittel- 
alters als Mystik und die dialektisch-logische Philosophie derselben 
als neue Phase der Theorie die Medicin in ihre starren Dogmen 
(scholastische Schule), bis Glauben und Wissen sich trennten, der 
Schulzwang einer freieren Regung Platz machte, die realen Forsch- 
ungen sich bereicherten, und das Studium der Alten den Genius des Hip- 
pocrates segnend an den Horizont der Medizin heraufführte (Hippo- 
cratiker. Humanisten. Conciliatoren.). Aber um so weiter die da- 
malige Epoche durh Kritik und reale Kenntnisse fortgcschrilleu war, 
um so mehr war bei der Rückkehr zum Altcrthum der Gegensatz 



gegeben und so erhob sich die Naturphilosophie des Paracelsus 
ungleich der älteren zu jener höheren kosmisch-physiologischen An- 
schauung, welche für die Medicin den fruchtbringenden Keim eines 
organisch-subjectiven Lebens und eines chemisch-vitalen Prozesses er- 
schloss. 3Iit diesem Grundgedanken war auch die Aufgabe des nun 
beginnden dritten Zeitraumes, an welcher auch wir noch arbeiten, 
gegeben. Denn jene Idee war noch zu sehr von der schwärmeri- 
schen Ideologie der Zeit umhüllt, als dass sie allgemein verstanden 
und zum klaren tageslichthellen BeMusstsein geworden wäre, es war 
noch zuviel sinnbildliche Vergleichung, wie in der Kindheit der Er- 
kenntniss, um nicht einer tiefern philosophischen Ergründung und that- 
sächlicheren Bestätigung zu bedürfen ; es war erst die allgemeinste 
Richtung und Tendenz angegeben , welche der Ausführung ins Ein- 
zelne und der speciellen Belege harrte; es fehlte endlich das physi- 
kalisch-mechanische Element und eine engere Beziehung der einzelnen 
Zweige der Medicin sowohl wie der Theorie und Praxis durch mehr 
physiologische Begründung der Letzteren. Der dritte Zeitraum soll 
demnach den speciellen Ausbau der physiologischen SIedicin unter- 
nehmen, das chemische, physikalische und dynamische Element 
gleichmässig berichtigen und durch empirische Forschungen in seinen 
Verhältnissen zum Leben erfassen, wie dieses selbst als organisch- 
vitalen Prozess unter allen Umständen so zu ergründen suchen, dass 
daraus auf einer wahrhaft physiologischen Grundlage Theorie und 
Praxis rationell-empirische Gestaltung und Uebereinstimmung erlangen 
kann. Diesen Fortschritt zu ermöglichen, musste die ganze Para- 
c eisische für ihre Zeit zu erhabene (obgleich ihr theilweis unter- 
worfene) und für die Zukunft zu allgemeine und ungenügende Lehre 
in ihre Elemente zerfallen, damit jedes derselben durch besondera 
Anbau in das gehörige Licht gesetzt werde, ehe es sich wieder zu 
einem Ganzen einen konnte. Indem aber bei dieser einzelnen Betrach- 
tungsweise Einseitigkeit nicht vermieden wurde, stürzte diese syste- 
matische Isolirung zusammengehöriger Bestandfheilc und Ertödtung 
lebendiger Momente in sich selbst zusammen. So entstanden und 
fielen die spiritualistischen, c heimischen und mechani- 
schen Systeme, welche den Synkretisten, die eine Vereinigung der 
galenischen und paracelsischen Sätze erstrebten, und der spagirischen 
Schule, die besonders die Heilmittellehre des Paracelsus aner- 
kannte, folgten; so die concreteren Formen (nachdem durch Syden- 
ham und die llippocratiker eine anderweite Läuterung des Alter- 



8 

thums voausging) wie sie, in der psycliisch-vitaleu Theorie Stahls, 
in der materiell-dynamischen Aelhertheorie Hoffmanns und in der 
chemisch-mechanischen Humoralpathologie B er ha aves nur in mo- 
dificirler, mehr erweiterter und combinirler Fassung als bei v. 11 el- 
mont, Borelli undSylvius, aber mit denselben Hauptelementen, 
wiederkehren. In diesen Schulen, welche ihre Grundsätze aus 
deutlicher Unzulänglichkeit der einzelnen öfters vereinigten, ohne 
aber jene höhere Einheit des organisch -vitalen Lebensprocesses 
zu erreichen, kehrt eben desswegen die Lehre des Alterthums 
wieder. Dies ist ersichtlich an Stahls Humoralpathologie, welche 
eine Feindin des Chemismus in „Fülle und Verdickung" ihre Stützen 
suchte, an seiner Autokratie der Natur, der Idee der kritischen Be- 
strebungen der Krankheiten, die der Paracelsischen ganz entgegen- 
läuft; ferner in der Praxis der latromathemaliker (ßaglivi), welche 
bei der Unmöglichkeit der Uebertragung der Theorie auf dieselbe 
diehippocratisch-galenische war; mehr aber noch in der vorzugsweise 
sinnlichen Erfassung der Natur nach chemischen Lehrsätzen, die in 
gewisser Beziehung noch unter den Ansichten des Alterthums steht, 
insofern dort die physikalische Theorie als kosmogonische nicht des 
Lebens beraubt war, sondern auf allgemeiner Naturanschauung beruhte, 
während hier das Unorganische allein waltete. Mischung, Form und 
Kraft gab es auch dort, und es war hier nur der Fortschritt ersicht- 
lich, den das Gedeihen der Chemie und Physik selbst reell beförderte. 
So bildete sich abgesehen von einer spätem höhern Lebensidee die 
Chemiatrie immer weiter als Mischungslehre aus, je feiner die Elemenlen- 
kenntniss wurde, die latromechanik als Formlehre, je genauer Physik 
und Mathematik die Gesetze der Bewegung u. s. w. erforschten. Diese 
selbst aber führte in einer Sublimirung ihrer mechanischen Prozesse zu 
einer Kräftelehre (Electrizität, Galvanismus), indem sie sie an gewisse 
physikalisch-dynamische Potenzen knüpfte, welche in ihrer Allgemein- 
heit sich dem Alterlhum und in ihrer Verwandtschaft mit der Vitalität auch 
der neueren Zeit als VermitHungspunkt anschliessen. Den nächsten 
Uebergang nämlich zur AViedererweckung der organisch-vitalen Ansicht 
bildet die Beziehung der Mischung-, Form- und Krafllehre aut die nähe- 
ren Bestandlheilc des Körpers als Organismus und auf die in ihm 
Maltenden lebendigen Gesetze. So entwickeln sich gegen Ende des. 
vorigenJahrhunderlszugegenseiligerErgänzung, aber in einseiliger Be- 
vorzugung der Säfte oder der festen Theile mit der Chemiatrie, den 
Stoff- und Mischungs-Untersuchungen, die Flüssigkeilslehre, Humo- 



r a 1 1 h e r i e , und mit der den Bewegungs - und Formuntersuchun- 
gen hingegebenen latromathematik die Festlheillehre, Solidar- 
theorie. In beiden erhebt sich das unorganische Element wieder zum 
Organischen, insofern schon die Beziehung auf etwas dem Organis- 
mus allein zugehöriges Ganze dieses bedingt, — und zum lebendigen 
Actus, als entweder den Säften oder den Festtheilen eine innere 
Selbstständigkeit, Lebens-, Bewegungs-, Bildungs-, Erkrankungs- und 
Heilfähigkeit zuerkannt wird, die der älteren Humoral- und Solidar- 
theorie abging. Freilich blieb bei Vernachlässigung der prak- 
tischen Seite die Idee von den fremden Eindringlingen aus den 
hippocratisch-galenischen Satzungen zurück. Daher drang die Kri- 
senlehre in Verwechslung von Ursache und Wirkung immer noch auf 
Ausschaffung der fremdartigen Stoffe und hing die ausleerende und 
treibende Methode, welche die Wiener Schule mit besonderer Be- 
ziehung auf den Gastricismus bis in die schmutzigsten Grenzen führte 
als einen düsteren Schatten den besseren Lehren der Humoralpathologie 
an, während die solidarpathologische Praxis die reizende oder er- 
schlaffende , die organische Bewegung regelnde Methode nach hypo- 
thetischer Beziehung der unmittelbaren Wirkung auf die Festtheile 
übte oder nebenbei dennoch humoralpathologisch verfuhr. In derSoli- 
dartheorie aber liegt eigentlich der Schlüssel für die nächstfolgende 
Zeit, deren Betrachtung wir uns als Ziel gesteckt. Indem sie Nerven 
und Muskeln vorzugsweise berücksichtigte, und anstatt der physikali- 
schen Momente die ihre nächste Vorgängerin, die latroraechanik, be- 
reits zu dynamischen Potenzen gesteigert hatte, nach organischen 
Kräften zur Bestimmung des Lebens suchte, bahnte sie den Rückweg 
zur physiologischen Medicin. Denn allen diesen Grundkräften liegt 
die Idee des selbsteigenen Lebens, der Spontaneität, unter; sie be- 
ziehen sich auf die lebendige Action und Reaction und geben statt 
einer Maschinen- oder Stofflehre eine Functionen lehre, wenn 
ihr gleich aus der latromathematik die Begriffe von Spannung und 
Erschlaffung, Atonie und Krampf für die Systeme übrig blieben. 
Diese Kraft- und Gesetzlehre des Lebens unterschied aber die todte 
Bewegung von der lebendigen, ElasticitSt von Irritabilität, setzte Con- 
tractilität und Expansion, Sensibilität und Irritabilität (Glisson, Hal- 
ler, Winter, Schaeffer, Unzer u. A.) als polare Gegensätze 
des Lebens; sie drängte durch die verschiedensten Annahmen hindurch, 
diesich zu abstracten Begriffen, transscendentalen Principien und endlich 
in der Nerventheorie Cullens zum ausschliesslichen solidistischen 



10 

Systeme geslaltelen, zu einer richtigeren Erkenntniss der Wechsel- 
wirkung der In- und Aussenwelt und zu jenem höheren, Mischung und 
Form, Flüssiges und Festes, wie die zersplitterten Kräfte gleich um- 
schliessenden Begriffe der Lebens einheit. Diese Einheit verkündete 
schon das Brown seh e System in der Allgemeinheit seiner Erreg- 
barkeit, welche leider auf die Einwirkung der Aussenwelt einseitig Bezug 
nahm, und führte mit seinen Anhängen, der Err e gungs theorie, 
dem Broussaisismus und dem Contrastimulismus, durch die 
Negation zur Position der Naturphilosophie und Homöopathie, welche 
beide zusammen die Paracelsische Lehre in vollendeterer Maasse 
nach dem Fortschritt der einzelnen Disciplinen der Medicin und der 
Naturwissenschaften wieder herstellten. Das Brownsche System 
auf der Spitze eines allen Materialismus ausschliessenden Dynamismus, 
das abstracleste Frincip, nämlich ein blos logisches zum Aus- 
gangspunkt nehmend, den Humoralismus und die Metamorphose 
gänzlich verachtend, die Causalität überall als das Wichtigste setzend 
und die Selbstständigkeit und Reactiou des Lebens negirend, fand 
seinen physio-pathologischen Gegensatz in der Naturphilosophie, seinen 
therapeutischen in der auf dem Höhepunkt des Dynamismus ebenfalls 
begründeten, aber gerade die innere Vitalität zur Grundlage machen- 
den Homöopathie ; es lehrte aber, wie erwähnt, die E i n h e i t des Lebens, 
die Wichtigkeit der Causalität, die Einwirkung der A u s s e n w e 1 1 
und beschränkte die m a t e r i e 1 1 e Einseitigkeit durch den Gegensatz der 
dynamischen. Gleich dem Bro w nianismus solidistisch auf 
den Begriffen der Reizung basirt, einseitige Forlsetzungen der 
Hall ersehen Irritabilitätslehre und wie die ganze damalige 
Zeit nach Principien und obersten Potenzen haschend, finden die 
Erregungstheorie, der Contrastimulismus und der 
Broussaisismus ihren obersten Vereinigungspunkt in der Erreg- 
barkeit Browns und ihre Gegensätze theils unter sich, theils in den 
Gegensätzen der Bro waschen Lehre überhaupt. Die Erregung s- 
theorie aber verhalf durch die Begriffe des R e i z u n g s- und W i r k- 
ungsverm ö.g e n s, des L e b e n s p r i n c i'p s und der Organisation 
zur Vermittlung der organisch-vitalen Ansicht in der Naturphilosophie. 
Der Contrastimulismus macht durch vorwiegende Aufstellung der 
slhenischen Krankheiten und der schwächenden Methode mit 
Broussais Opposition gegen das Vorwalten der asthenischen Krank- 
heiten und der s t ä r k e n d e n Methode bei Bro w n, bis sie sämmllich 
durch ein Drittes, die Homöopathie, ihre Ausgleichung finden. 



11 

DerBroussaisismus begründet die Lehre von der Oertliclikeit 
der Krankheiten im Gegensatz zu der Allgemeinheit bei Brown und 
die anatomische Basis nach Aehnlichkeit des Ge>Yebes und des 
organischen Systemes mit mehr Beachtung des Chemischen, Qualita- 
tiven, Assimilafiven. Die Naturphilosophie aber vereinigte die 
besonderen Potenzenlheorieen, die materielle und dynamische, humo- 
ralislische und solidistische, quantitative und qualitative, chemische, 
physikalische und vitale Richtung durch eine Indifferenzirung der Diffe- 
renzen, durch die höhere Einheit des Lebens, die Identität des subjec- 
tivenundobjectivenPrincips. Sie lehrte mit demAllerthume die Identität 
des ganzen Weltalls, mit Paracelsus die Unterschiede des Organi- 
schen und Unorganischen, die Wechselwirkung des Makro- und Mikro- 
kosmus, die durch drei Potenzen des selbstständigen, individuellen 
Lebens, Sensibilität, Irritabilität und Reproduction bezeichnete Gleich- 
stellung der chemisch-physikalisohen und vitalen Momente und leitete 
so die neuere organisch-vitale Bledicin ein, deren rother Faden und 
sicherster Grundstein die Physiologie ist und bleiben wird. Was 
aber Paracelsus fiir die Praxis wollte, ohne es zu vollbringen, das 
vollführte die Homöopathie, welche dem Grundsalz jenes Refor- 
mators: similia similibus, durch Begründung der Arzneimittelkenntniss 
auf die physiologische Basis, d.h. auf die durch Versuche an Gesunden 
ermittelte reine Wirkung der Arzneien die schönsten Erfolge sichert 
und so ein wahres Band zwischen Theorie und Praxis , Pathologie 
und Therapie knüpft. DerBr oussaissch en Lehre von der Oerllich- 
keit und anatomischen Grundlage der Krankheiten setzt sie die Specificilät 
in der anat o misch-physiologi sehen Aehnlichkeit der Arzneien 
zur Seite und lenkt durch die Aufstellung von Erst- und Nachwirkung, 
wie durch Anwendung einfacher Arzneien, die reformistische Richtung 
der neueren Zeit auch auf das so lange vernachlässigte Gebiet der Praxis 
hin. So gruppiren sich denn die einzelnen Schulen und Systeme 
dieses Jahrhunderts nach folgenden Richtungen : 

A. 

Dynamisch: ifl at eriell-Dy namisch: 

Brownianismus. Naturphilosophie, 

Erregungstheorie. 

Contrastimutismus. 

Broussaiiismus. j, 

Homöopathie, 



12 



vorzngsweis 
theoretisch: 

Naturphilosophie. 



physiologisch- 
p athologisch: 

Naturphilosophie, 



theoretisch- 
praktisch: 

Brownianismus u. seine An- 
hänge. 

vorzugswei.s 
therapeutisch: 

Contrastimulismus. 
Homöopathie. 



B. 

vorzugswels 
praktisch: 

Homöopathie. 

c. 

vorzngsweis 
pathologisch: 

Erregungstheorie. 

Broussaisismus. 

p a t h 1 g.-t h e r a- 

peii tisch: 

Brownianismus. 

D. 

Reform der der der 

Physiologie: Pathologie: Therapie: 

Naturphilosophie. Broussais. Homöopathie. 

Die Geschichte dieser Systeme und Schulen selbst wird nun die 
Stellung derselben zur Vergangenheit und Zukunft und die Beziehung 
zu ihrer Gegenwart nachzuweisen haben , sie wird insbesondere das 
Verhältniss zu früheren Systemen und Schulen, ihre Aehnlichkeiten 
und Verschiedenheiten, ihre Uebereinslimmung und Opposition im 
Auge behalten, die Motive ihres Ursprungs und Verlaufs, den Gang der 
Entwicklung innerhalb der Schule, die Uebergänge zu anderen Ten- 
denzen, den Einfluss auf die folgenden Schulen darlegen, insbesondere 
aber die Kritik des absoluten und relative« Werths und ihrer 
Innern Satzungen enthalten müssen. Jede solche Spezialgeschichte 
muss so zwar ein für sich bestehendes Ganze bilden, aber dennoch 
stets als ein organischer Bestandtheil eines grösseren Ganzen , des 
Organismus der zur Vollendung strebenden Heilwissenschaft erschei- 
nen. Die sicherste Controle aber über die Lösung der Aufgabe unse- 
rer Zeit, den besten Nachweis über die Resultate der Wirksamkeit 
der medicinischen Systeme und Schulen des 19. Jahrhunderts giebl 
die Geschichte und die Betrachtung des gegenwärtigen Zustandes der 
einzelnen Zweige der öledicin selbst, in welchen sich der Fort- 
schritt der Theorie und Praxis auf realem Grunde in der schönsten 
rationell-empirischen Gestaltung und in innerer, ohne den Zwang der 
Systematik durch die Physiologie bewirkter Uebereinsfimmung zu 
zeigen seit Kurzem angefangen hat. Eine solche Befrachtungs- 
weise gehört zu den belohnendsten und ermuthigendsten und sie steht 
Jedem zu Gebote, welcher das Buch der Geschichte aufschlägt und 
diese als wahre Offenbarungslehre anerkannt. 



liCJben von John Brown. ) 



tfrosse Erscheinungen in der Geschichte menschlicher Geistes- 
entwickelung' sind nicht zu begreifen, ohne die Darlegung ihres Ur- 
sprungs, ihres Zusammenhanges und Verhältnisses mit andern, ihrer 
Bedingungen und Wirkungen, vor allem nicht ohne die Entfallung 
ihrer allmähligen Heraufbildung. Und wie derartige Ereignisse sich 
an das Leben und die Entwickelung solcher Personen knüpfen, welche 
sie hervorzurufen und zu tragen bestimmt sind, liegt die Motivirung 
derselben, ausser in den Zeitverhältnissen, oft zunächst in dem 
Leben der betreffenden Individuen selbst. Die Biographie eines gros- 
sen Mannes kann daher aus diesem Grunde keinem Historiker erlassen 
werden. Das Leben des Schöpfers gibt den Stoff und die Färbung, 
die Geschichte des Schöpfers ist meist nur ein ergänzendes Supple- 
ment zum Verständniss der Schöpfung selbst, welche in der denken- 
den und schaffenden Subjectivität wurzelt. Es giebt für den 
Historikervielleicht nichts Angenehmeres und Belohnenderes , als die 
Lichter und Schatten , welche das irdische Leben des Genius wirft, 
in seinem geistigen Leben, das er für Andere heraufbeschwor, wie- 
der zu finden und in diesem sich wiederum ein Verständniss über jenes 
zu eröffnen. So müssen die kleinsten Züge und Linien in diesem 
wie in jenem Avechselseitigen Aufschlugs gewähren und das Bild eines 
Characters in allen seinen Lebensäusserungen vollenden helfen. Wie 
aber hinwiederum in dem Leben des Individuums sich zugleich die Zeit 
in ihrem Einfluss auf die menschliche Gesellschaft spiegelt und der 



♦) Hauptsächlich nach Beddoes und dem Sohne Browns; s. Lit. 



14 

Zeitgenossen Bilder in verscliiedenen Färbungen auftauclien, ge- 
staltet sich zugleich in der Lebensbeschreibung eines Einzelnen ein 
grösseres Gemälde der Zeit, der sie Bildenden und der ihr Unterworfe- 
nen, Also vermag die Lebensbeschreibung eines in der Geschichte 
hervorragenden einzelnen 3Ianncs sowohl die innern, in der Indivi- 
dualität des Genius, als die äussern, in der Beschaffenheit der Zeit be- 
gründeten Bedingnisse der Ereignisse zu gleicher Zeit zu klarer An- 
schauung zu erheben. 

Wenn irgend eine Lebensbeschreibung eines Epoche machen- 
den Mannes die obigen Bedingungen zu erfüllen im Stande ist, so ist 
es die von John Brown, Wer daher für eine so bedeutsame Er- 
scheinung, wie das BroAvn'sche System war, die beste Quelle, Er- 
klärung und beziehungsweise Entschuldigung finden will, der werfe 
nur einen Blick in die Erlebnisse dieses Blannes, um wichtiger Motiven 
sich zu bemächtigen; wer die innere Uebereinstimniung zwischen dem 
Genius und seinem Erzeugniss erkennen will, der versetze sich mit 
uns in die Zeiten Bro wn's, folge uns in der Darstellung des Lebens, 
Characters, Geistes desselben. Aber er bringe einen unumwölkten 
Blick mit, er führe den Maassiab eines höhern geschichtlichen Bc- 
wustseins, das in Jenem den Träger und das Werkzeug für weitere 
Vollendung der Wissenschaft erkennt; nicht die eitle Neubegierde, 
die bloss nach Tag und Ort, nach Glück und Unglück fragt, nicht das 
bestochene Urlheil engherziger Gesinnung und in der Zeit befangener 
Beschränktheit, 

John Brown gehört zu den Menschen, welche im Gegensatze 
zu oft minder begabten, aber zum Glücke ausersehenen Lieblingen 
des Geschickes, trotz geistigen Beichthums, ja oft gerade erst durch 
diesen, den Wermulhskelch des Schicksals bis auf die Hefen zu leeren 
bestimmt sind. Gleichsam einen Gegensatz heischend für die Fülle höhe- 
rer Schätze und für die Berühmtheit des Namens in der Gegenwart oder 
in der Zukunft, treibt das Schicksal solche in stürmischer Unruhe des 
aufstrebenden Innern sich verzehrende Individuen aus einem 3Iissge- 
schick in das andere; andeutend, dass nicht die irdische Welt die 
Bahn sei, auf der sie die Früchte ihrer Bestrebungen einerndfen. Wir 
stehen nicht selten vor den reichen Pflanzungen, die ein solcher sich 
rastlos abmühender Geist geschaffen, und bedauern, dass der Pflanzer 
selbst nicht glücklicher durch seine Aussaal geworden. Vielleicht 
aber war es gerade das Unglück, der trübumwölkte Horizont des 
Lebens, welcher dadurch Grosses schuf, dass er in andern als irdi- 



15 

sehen Dingen das Endziel alles Daseins, Befriedig-ung zu suchen 
nöthigte, während der im Schosse des Glückes Weichgebettete in 
diesem selbst Endziel und Ruhepuukt gefunden hat und die Tage 
seines Wirkens verträumt. 

John Brown war von armen rechtschaffenen Aeltern 
niedrigen Standes im Jahre 1735 oder 1736 (nach des Rectors 
Wait in Dumfries Aussage) in dem Dorfe Lintlams oder 
Preston im Kirchspiel Bunde in der Grafschaft Berwick 
geboren. Bei einem warmen, gefühlvollen, für die Schönheiten 
der Natur empfänglichen Gemüthe, das ihn auch im Alter nicht 
verliess , zeigte er schon früh ungewöhnliche Talente (im 5ten 
Jahre hatte er bereits das alte Testament gelesen). Diess be- 
wog die Aeltern (seine Mutter hatte nach dem Tode seines Vaters 
einen Weber geheirathet, der ihn zärtlich liebte), dem Wissens- 
drange des 14jährigeu Knaben, den man anfänglich fär das Weber- 
handwerk bestimmt hatte, nachzugeben und ihn in die lateinische 
Schule zu Dunse zu schicken. Hier unter der Leitung eines 
guten Lehrers, des Herrn Cruikshank, und bei ausdauerndem 
Fleisse gedieh er sichtlich und zeichnete sich durch überraschende 
Fähigkeiten aus. Nach Einigen soll er hierauf durch Armuth ge- 
nöthigt gewesen sein, Schnitterdienste zu verrichten; Andere wider- 
sprechen dem und lassen ihn schon zeitig als Hülfslehrer in der 
Schule fungiren, was er durch sein hervorragendes Talent er- 
rungen hatte. Die beglückende Zufriedenheit, welche eine wohl 
angewendete Zeit zu begleiten pflegt, wurde sowohl durch Massig- 
keit und Ordnung und dadurch gedeihende Stärke des Körpers im 
Verein mit grosser Energie der Seele, als auch durch eine dem 
jugendlichen Alter eigenthüniliche schwärmerische Gemüthsrich- 
tung unterhalten, die ihn zu einem eifrigen Anhänger der Secte 
der Separatisten (Seceders oder Whigs, Presbyterianer) machte. 
Vielleicht würde er den Wünschen dieser Gemeinde und dem 
eigenen Hange entsprechend, einst die Interessen derselben mit 
derselben Kraft des Geistes, die er später der Medicin weihte, 

verfochten haben, wenn nicht ein an sich unbedeutender, aber 

t 

in seinen Folgen wichtiger Vorfall seinen religiösen Ansichten 
und somit seinem Lebensplane eine andere Richtung gegeben hätte. 
Da er nämlich einst durch Schulfreunde überredet bei einer Ver- 
sammlung der Merse und Teviotdaler Provincial-Synode in einer 
bischöflichen Kirche eine Predigt angehört hatte und wegen dieser 



16 

vermeintlichen Sünde vor die Separatisten geladen wurde, um 
hier seine Strafe zu empfangen, zerriss er die Fesseln, die ihn 
gefangen hielten, und wurde, (sei es nun, dass ihn eine bessere 
Ueberzeugung, oder das eigne Selbstbewustsein, welche jede Be- 
vormundung verabscheute, dazu bewog,) ein Mitglied der allgemeinen 
Kirche, ohne seinen warmen Eifer für die Religion aufzugeben, der 
ihn sogar Hume's damals Aufsehn erregende Schriften wegen ihres 
speculativcn Inhalts (wie später aus andern Gründen die Philosophie 
überhaupt) als gefährlich bezeichnen Hess. Nachdem er ungefähr bis 
in sein 19tes Jahr (1755) auf der lateinischen Schule jene obenerwähnte 
Stelle eines Unterlehrers — usher — bekleidet hatte, verschaffte ihm der 
Ruf seiner Sprachkenntnisse — denn schon nach zweijährigem Schul- 
unterricht las er alle lateinischen Classiker fertig, — eine Haus- 
lehrerstelle bei einer angesehenen Familie von Dunse. Jedoch blieb er 
hier nichtlange, weil ihn undelicate Behandlung oder vielleicht auch die 
Unfügsamkeit seines Characters vertrieb, und erging auf die Universität 
nach Edinburg, um daselbst nach Beendigung des philosophischen 
Cursus Theologie zu studiren. Zu diesem Behufe besuchte er fleissig 
die Collegien, während er sich durch Unterricht seinen Unterhalt ver- 
schaffte, und war schon so weit vorgerückt, dass er die vor der Ordi- 
nation nothwendige Probe ablegte, als sein in der geisterweckenden 
Reibung des Universitätslebens gestählter Verstand sich über die Fes- 
seln des Glaubens erhob, er vom Zweifel zur Gleichgültigkeit und von 
Unüberzeugtheit zum Unglauben überging und an die Stelle seiner 
ehemaligen Schwärmerei das Extrem der Irreligion aufplanzte, — 
eine Metamorphose, die entweder einen momentanen Uebergang 
im Jugendleben bildet oder für das ganze Leben dauert und eine 
nicht seltene Frucht einer gewissenszwängenden Erziehung ist. 
Mangel an Unterhalt zwang nun Brown, nach Dunse zurüchzukehren 
und die Stelle eines Unterlehrers daselbst wieder anzunehmen, die er 
zum Nutzen der Schüler von 1758 — 1759 ein ganzes Jahr lang beklei- 
dete. Obgleich er darauf vergeblich um eine Stelle bei der grossen 
Schule zu Edinburg angehalten hatte, führte ihn dennoch ein Zufall 
dahin zurück und seinem Ziele näher. Die damals häufige Unkenntniss 
der Studirenden im Lateinischen nöthigte sie nämlich sehr oft Privat- 
unterricht zu nehmen und die Inauguraldissertationen ins Lateinische 
übertragen zu lassen. (Man zahlte 10 Guineen für eine neue, 5 für 
eine übersetzte.) Brown, zu letzlerem Zwecke von einem Freunde 
empfohlen, vollführte seinen Auftrag auf eine so von den gewöhnlichen 



17 

Fabrikaten absiechende Weise, dass ihm das reichgespendefe Lob dar- 
über das Bewiisslsein gab, er -werde durch dieses Mitfei seinen viel- 
leich längst genährten und durch Bearbeitung der Dissertationen wahr- 
scheinlich reifgewordenen Entschluss Medicin zu studiren, ins Werk 
setzen können. Ich habe, sagte er im Gefühl seiner Kraft, jetzt meine 
starke Seite entdeckt, und ich will und muss es noch dahin bringen, 
dass ich in meinem eigenen Wagen Kranke besuchen kann. Er ging 
daher Ende 1759 nach Edinburg, mit dem doppelten Geschäfte eines 
Lehrers und Studirenden (s. Beddoes), und erhielt auf sein An- 
suchen bei den Professoren (der erste an den er sich in einem latei- 
nischen Briefe wendete, war Alexander Monro, Professorder 
Anatomie) unentgeldlichen Zutritt. Sein Unterricht im Lateinischen 
wie die Gewandheit seiner Dissertationen verschafften ihm bald Ruf 
und hinlängliche Unterstützung, namentlich betrieb er das Geschäft 
des Zurechtschleifens (grinding) d. h. die Vorbereitung zu den Prü- 
fungen. Wie er selbst gesteht, wendete er grossen Fleiss auf seine 
Studien, lernte und lehrte und durchforschte alle Theile des medici- 
nischen Wissens, das er fiir einen werthvollen Schatz hielt; er errang 
sich dadurch einen grossen Namen unter allen seinen 3Iitstudirenden; 
scheint aber schon damals, durch seine Einnahmen verführt, sich Aus- 
schweifungen hingegeben zu haben, die bei einem so feurigen Geiste 
aus einer falsch geleiteten Strebkraft entspringen mochten. Im Jahre 
1761 ward er Mitglied der königl. Societät der Medicin. Im Jahre 
1765 verheirathete er sich, da er durch Errichtung einer Kostgänger- 
anstalt für Studirende bei seinem Rufe sein genügendes Auskommen 
zu finden hoffte, mit der Tochter des Bürgers Lamond, hielt aber 
mit einer bei genialen Männern oft vorkommenden Nichtachtung öko- 
nomischer Verhältnisse so schlecht Haus, dass er trotz des Zudranges 
von Kostgängern nach einigen Jahren banquerott wurde. Doch störte 
dies keineswegs den Gleichmuth und die Selbstständigkeit seines 
Characters. Zur weiteren Ausbildung und Vervollkommnung seiner 
Kenntnisse besuchte er noch immer die medicinischen Vorlesungen. 
Um diese Zeit (1770) löste sich das schöne Verhältniss, welches 
bisher zwischen Brown und seinem Lehrar Cullen bestanden hatte. 
Diesem scharfsinnigen Kopfe war das Talent B rown's nicht entgan- 
gen; er suchte daher, sei es aus Eigennutz, sei es aus Anerkennung 
der vorzüglichen Kenntnisse desselben, seinen nähern Umgang und 
überhäufte ihn mit Wohlwollen, Hess ihn seine lateinische Correspon- 
denz mit den gelehrten Gesellschaften des Continents führen, wählte 

2 



18 

ihn zum Privatlehrer seiner Kinder, empfahl ihn Anderen und erlaubte 
ihm sogar, in Abendvorlesungen Repetitorien und Erläuterungen seiner 
eigenen Vorträge zu halten. Brown Avar nicht undankbar gegen so 
viel Güte und es bildete sich ein enger Freundschaftsbund, von dem 
Bro wn's begeisterte Lobreden und die Namengebung seines Sohnes, 
der William Cullen genannt wurde, hinlänglich zeugten. Als 
aber Brown s Umstände misslicher wurden, während sein Ruf in 
gleicher Weise zunahm, mochte Eifersucht auf der einen und unbe- 
friedigte Zumuthung auf der andern Seite das zwischen dem Protector 
und Klienten lang genug bestandene gute Verhältniss trennen. Wäh- 
rend Brown vielleicht mit zu viel Anmassung von Cu Ileus Einfluss 
die Verbesserung seiner Umstände erwartete, soll dieser, als Bro w n 
um eine vom Edinburger Magistrat zu vergebende Professur (bei 
Girtanner 1.20. ist hier ein Druckfehler. Monro und Drummond 
waren zwei verschiedene Personen.) ohne weitere Empfehlung als sein 
Verdienst anhielt, mit Hohn auf diese Anforderung geantwortet haben. •') 
(s. Jones's Enquiry into the State of medicine. 1781 p. 358.) Dieser 
Vorfall erklärt sich leicht daraus, dass Brown von Cullen aufgefor- 
dert schon ein Vorlesebuch ausgearbeitet hatte, in welchem Cullen 
zu nicht geringem Aerger ganz das Gegentheil seiner Meinungen 
fand, da hierin die ersten Grundrisse der„Elemenla medicinae" nieder- 
gelegt waren. Dabei blieb es nicht. Brown suchte nämlich, angeb- 
lich um seinen Freund zu prüfen, um Aufnahme in die philosophische 
Gesellschaft, welche die Edinburger Essays herausgab und unter 
dem directen Einflüsse Cu 11 en's stand, nach. Obgleich nun früher 
Niemand abgewiesen wurde, geschah dies doch bei Brown, dessen 
Versuche ein neues System zu begründen, damals schon die Eifer- 
sucht der Edinburger Wissenschaftsmonopolislen erregt haben mochten. 
Was auch an diesen Avahrscheinlich von Bro wn's Heftigkeit über- 
triebenen Beschuldigungen sein mag, soviel ist gewiss, dass der Bruch 
zwischen Brown und Cullen ein unheilbarer ward. Um diese Zeit 
entstand das neue System Bro wn's, welches zuerst im Jahre 1780 
gedruckt erschien. Sein von Zweifeln bestürmter Forschertrieb 
mochte längst nach einer festern Begründung der Wissenschaft 
gestrebt haben; sein aufstrebender Ehrgeiz und productives Talent 



*) Collen soll, als die Herren vom Magistrat nach dem unbekannten, 
unempfohlenen Candidaten fragten, im Edinburger Dialect gesagt haben: 
Was in aller Welt, das ist doch nicht gar unser Hans! (Beddoes Biogr, 
herausg. v. Christ ie, Kopenh. 1797. S. 19.) 



19 

suchten dies auf eine möglichst neue, bisherige Annahmen umstür- 
zende Weise zu thun; ein besonderer Vorfall, den Avir gleich näher 
berühren Averden, gab die besondere Richtung und BroAvns eigen- 
thümliche scharfe Logik und energische Consequenz, -wie der klare 
durchdringende Verstand desselben schufen die besondere Form, 
unter Avelcher die neue Theorie sich zum sogenannten Systeme ge- 
staltete. Es dürfte gcAAiss in psychologischer Hinsicht merkAvürdig 
sein und zu interessanten Reflexionen führen, AAenn man nachAAcisen 
könnte, in aaIc AAeit das Bedürfniss für seine Familie zu sorgen und 
der Wunsch Gull ens Ansehen zu untergraben, als befördernde Um- 
stände dabei betheiligl geAvesen seien. Dass eine Stelle in CuUen's 
Institutions of medicine im 130 §. u. S. den Stoff zum Er o AAn'schen 
Systeme gegeben habe, aaIc Beddoes behauptet, scheint nicht AAahr- 
scheinlich. Jene Stelle lautet: „Es ist AAahrscheinlich, dass das Ner- 
venfluidum im Gehirn eines verschiedenen Grades oder Zustandes A'on 
BeAveglichkeit fähig ist, AAelche ich den Zustand der Aufregung 
(Excitement) und des Zusammensinkens (Collapse) nennen Avill." 
Jedenfalls ist diese an mechanische Theorie streifende Behauptung so 
AA'eit Aon BroA\'n's Annahme entfernt, dass sie den Ruhm einer selbst- 
ständigen Erfindung gar nicht beeinträchtigt. BroAA'n selbst gibt als 
nächste Veranlassung (s. Vorrede seiner Eiern, med.) folgendes an: 
Er hatte einen Podagraanfall im 36. Jahre, der eingetreten Avar, nach- 
dem er 6 Monate lang sein früheres Wohlleben mit einer magern 
Diät A-ertauscht hatte. Nach 6 Jahren erlitt er nach längerer Ent- 
haltsamkeit einen ZAAeiten Anfall. Da er A-oUblüfig und kräftig AA'ar, 
schrieb man ihm eine vegetabilische Diät, Entziehung vor, jedoch ohne 
Erfolg. Schmerzen und heftige Anfälle mit Hinken dauerten fast ein 
ganzes Jahr fort. Durch Nachdenken kam nun B r o av n auf den Be- 
griff der Stärkung undSchAvächung durch Nahrungs- und andere Erhal- 
tungsmiltel des Lebens , auf die Wirkung derselben gegen das Ende 
des Lebens, avo sie statt zu stärken, schwächend Avirken, und auf die 
Annahme der uneigentlichen SchAväche durch Ueberfluss dieser Mo- 
mente und bediente sich in Folge dessen der stärkenden Methode mit 
dem glücklichsten Erfolge. ZavcI Jahr6 hindurch erlitt er nur einen 
leichten, viermal schwachem Anfall als die früheren. Er ging nun 
weiter und suchte auch die asthenische Natur der Entzündung nach- 
zuweisen, indem er in Gegenwart mehrerer dazu geladener Personen 
sich durch geistige Reizmittel den vollen Gebrauch des vorher Avegen 
Schmerzes nicht zu beAvegenden Fusses verschaffte. Durch Verglei- 

2* 



20 

cluing verwandter und unähnlicher Formen statuirle er nach und nach 
die asthenische Natur anderer Uebel, bei denen man früher ein Ueber- 
maas von Blut angenommen hatte, wie z. B. bei Krämpfen, Blutflüssen 
(diese in d. 1. Ausg. unter die sthen. Krankheiten gesetzt). Auf gleiche 
Weise versuchte er an seinem Podagra zuerst die reizende Wirkung 
des Opiums, die er künftig so hoch stellte. '■•') — Noch ist in Bezug 
auf den Ursprung des Systems zu bemerken (English review for Oct. 
1794. S. 282.), dass Brown anfangs die Erregung (gleichbedeutend 
mit Stärkung) zur Basis des Systems machte und darnach Krankheiten 
von vermehrter und verminderter Erregung unterschied, und erst 
nachdem man ihn auf die nothwendige Verschiedenheit von Kraft und 
Verrichtung aufmerksam gemacht hatte, die Erregbarkeit als Haupl- 
princip aufstellte. 

Von dem Augenblicke an, wo Brown durch seine Schöpfung 
der Geschichte der Medicin anheimfiel und den Culminationspunct 
seines Lebens, welches eben die Zeugung ist, erreicht hatte, ging 
seine irdische Existenz stufenweise abwärts. Sein stolzes Selbstbe- 
wusstsein steigerte sich zu einer bei Reformatoren nicht seltenen 
Selbstüberschätzung, die nicht ohne beleidigende Zurücksetzung An- 
derer gedacht werden kann, — während die nicht im Verhältniss mit 
den Ansprüchen des Selbstüberschälzten stehende Berücksichtigung, 
ja die Vernachlässigung der Welt zu den verzweifeltsten Entschlüssen 
ihr zu trotzen, ihre Achtung zu erzwingen oder ohne sie nach eigener 
Willkühr zu leben führte. — Die Gesetze der menschlichen Existenz 
lassen sich aber nicht gcAvaltsam vernichten und so fällt, mit dem Man- 
gel des in der Achtung der Aussenwelt begründeten Schwerpuncts, 
nicht selten der Genius, ein Opfer seiner willkührlichen Ueberhebung, 
durch Zerrissenheit. 

Die Elemente der Medicin, wie das im Jahre 1772 bekannt ge- 
wordene System Brown's hiess, fand unter den Freunden Brown's 
so vielen Beifall, dass Brown sich enlschloss, Vorlesungen darüber 
zu halten. Diesen wohnten zwar die tüchtigsten, aber auch leider! 
viele der unmoralischsten Studirenden bei, die man scherzweise 
Brunonianer nannte; aber die Bedingungen waren so gut gestellt, 
dass Brown's Verhältnisse sehr gewinnen konnten. Älusste nun die- 



♦) Der Bericht von Robert Jones (Girtanner I. S. 72. ) (nicht von 
Brown selbst?) stimmt wesentlich hiermit überein; die Zusätze sind 
spätere Angaben, welche mehr ausmalen, als historische Nachweisiingen 
über die eigentliche Entstehung des Systems geben. 



21 

ses Aufsehn, vie Brown's Verdienst an sich schon den Neid der 
Professoren erwecken, so waren noch vielmehr die Aufführung 
Brownes, unkluge Aeusserungen desselben, beleidigender, gering- 
schätzender Ton auf den Trümmern der ä 1 1 e r e n Medicin, geeignet 
ihm Feinde zu erwecken. Auch bei ihm wie bei andern Reformatoren 
fehlte es nicht an stolzen, hochtrabenden Phrasen, mit denen er un- 
überlegt das eigene Verdienst erhob , w ährend er eine scharfe, oft 
nicht ungerechte, aber im Allgemeinen zu rücksichtslose Geissei über 
die Gebrechen der Heilkunde und ihrer Jünger schwang (Observations 
on the cid Systems of physic. 1787. p. XXXI. ff. s. Lehrbegr. d. 
Bro wn'schen Arzneilehre übersetzt von Eyer el. p. 48.49.), Avie sie 
die besonnene Kritik des Historikers, wenn er sie auch theilweise 
motivirt findet, kaum entschuldigen würde. Leider blieb es nicht 
bei den Phrasen, sondern es wurden selbst thätliche Midel versucht, 
den Werth des neuen Systems recht augenfällig zu machen. Und hier 
ist es besonders ein Factum, welches Brown unendlich geschadet 
hat und zu einem eignen Schriftenwechsel Veranlassung gab, da seine 
Feinde froh waren, einen an sich unwesentlichen aber den morali- 
schen Werth der Anhänger des neuen Systems vernichtenden Ge- 
genstand für ihre Beweisführung ausbeuten zu können. (Jones' Enquiry, 
p. 134 — 150. Lettre to Dr. R. Jones by A. Duncan. M. D. 1782. Letter 
from Philalethes to A. Duncan ohne Datum und Namen — angekündigt 
aber wahrscheinlich nicht erschienen). Folgendes ist der Thatbestand. 
Ein Student, Isaacson, erkrankte an einem Fieber, welches Dr. 
Duncan und Dr. Monro behandelten. Ein Freund des Kranken, 
Dr. Robert Jones, suchte ihm heimlich durch die Wärterin reizende 
Mittel beizubringen, welche anfangs Besserung, später Delirien herbei- 
führten. Jones ängstlich geworden wendet sich an Brown, wel- 
cher sich soweit herablässt, die Wärterin durch Schmeicheleien und 
Aufklärungen über sein System zur Fortsetzung des begonnenen Cur- 
plans zu überreden, was sie auch versprach. Als der Kranke nun ge- 
nas und die Brownianer öffentlich sich die Heilung zuschrieben, 
bekannte die Wärterin, selbst eidlich, dass sie nie von den Reizmitteln 
etwas angewendet, wohl aber, dass Dr.-R. Jones mehrmals vergeb- 
liche Versuche gemacht habe, dem Kranken Laudanum beizubringen, 
was dieser jedesmal zurückgewiesen habe. Dr. Monro hintertrieb 
aus wirklich ehrenwerthen Gründen eine Klage , welche der auf- 
gebrachte Duncan anzustellen beabsichtigte. Nichts destowcniger 
traf Bro w n harte Strafe für diese hinterlistige Intrigue, welche dem 



22 

Kranken wie dem Collegen gegenüber selbst in der Sucht den Nutzen 
des neuen Systems recht schnell bekannt zu machen, auch dann nicht 
Entschuldigung verdient, wenn die Urheber von der heilenden "Wirk- 
ung ihrer Arzneien gewisse Ueberzeugung hatten. Brown's Ruf als 
Arzt und Mensch wurde fast gänzlich vernichtet, seine Aussicht auf 
Privatpraxis zerstört, ja selbst sein System mit einem von der Person 
auf die Sache nicht selten übergehenden Schatten umzogen , der sie 
bei Vielen verdunkelte und unterdrückte. — Im Allgemeinen erzeugte 
aber die neue Lehre grosse Aufregung, wozu die Anhänger Browns 
(der unterdess zweimal, 1776 und 1780, zum Präsidenten der medicini- 
schen Gesellschaft und seiner antiquarischen Kenntnisse wegen zum 
Secretär der antiquarischen Gesellschaft in Edinburg ernannt w orden 
war und an der Universität zu St. Andrews 1779 — nach Andern 1775 — 
denDoctorgrad erlangt hatte), durch Spott und Tadel der Professoren, 
der Aerzte, der Gesellschaften nicht wenig beitrugen. Ja es blieb 
nicht bei heftigen mündlichen Debatten, in Folge deren selbst ein 
Verbot der Duelle nöthig wurde, sondern man suchte auch in Schriften 
(wie z.B. in dem Schreiben über die Behandlung der Patienten in deniK. 
Krankenhause zu Edinburg 1782, unterz. Verl amicus, die schmale 
Hospitaldiät scharf gegeisselt wird) die Behandlung der Gegner 
lächerlich zu machen. Die Reaction blieb nicht aus; man verfolgte 
Brown und darum sein System und seine Anhänger, denen man so- 
gar Citate aus Brown's Schriften in den Inauguraldissertationen 
strich und die man auf alle mögliche Weise in den Prüfungen chi- 
canirte. (Briefwechsel zwischen Wainmann und Mo uro.) In 
den Vorlesungen, dicBrowMi später vor einem nicht zu zahlreichen 
Auditorium hielt (man sagte , es locke einen grossen Theil desselben 
blos der damit verbundene Sprachunterricht, indem er darin seine la- 
teinische Ausgabe übersetzte), erklärte er Satz für Salz, liess aber ge- 
wöhnlich zu Ende in seinem Eifer nach. Eine gleiche Ueberschätzung, 
wie in seinen Privalgesprächen, gab sich auch hier kund und um seine 
Einbildungskraft und Ausdauer aufrecht zu erhalten, pflegte er öfters 
Laudanum zu nehmen, wodurch er nicht selten bis zum Wahnsinn cxal- 
tirt wurde. Die oben erwähnte Erfahrung bei der Gicht, sowie eigene 
Neigung mochic ihn in dem Gebrauch der Reizmittel bestärken und 
taeilweise dadurch kam er so herunter, dass seine Schüler seine Vor- 
lesungen im Schuldgefängnisse hören mussten. Endlich, nachdem er 
noch wahrscheinlich zur Forlpflanzung seiner Lehre und der römischen 
Literatur eine Freimaurerloge — zum römischen Adler — gestiftet 



23 

halte, zwang ihn die Nolh nach London zu gehen (1786). Hier fand 
er anfangs eine fast glänzende Aufnahme. Seine Wohnung in golden 
Square war von vielen gelehrten Männern gesucht und der Sam- 
melplatz zahlreicher Anhänger. Doch weder Praxis, noch Vorlesun- 
gen, noch Honorar für seine Werke füllten die sehr in Anspruch ge- 
nommene Börse. Ein Ruf nach Berlin als Leibarzt des Königs schei- 
terte an den Intriguen einer Hofcamarille, Avie ein früherer als Pro- 
fessor nach Fadua an den Kabalen der medicinischen Aristokratie. 
Das Geschick trieb ihn endlich in London ins Schuldgefängniss, es 
konnte ihn jedoch trotz der fast sichern Aussicht auf günstige Erfolge 
nicht bewegen, den Vorschlag seines Verlegers Murray und einiger 
Betrüger anzunehmen, die ein Gemisch von Reizmitteln unter dem 
Namen: Brown's erregende Pillen, gegen eine namhafte Summe von 
ihm zusammengesetzt wünschten. Endlich durch Hülfe des Herrn 
Maddison und einiger Freunde befreit gab er im Jahre 1787 seine 
Observations heraus , welche sein System populär und verbreitet 
machen sollten; aber eben mitten im Beginn einer glänzenden schrift- 
stellerischen Laufbahn und einer bessern Praxis, die ihm zu lächeln 
anfing, starb er am 7. Octoberl788, 52 Jahre alt, in Folge eines durch 
fernere Ausschweifungen herbeigeführten Schlagflusses. Da er ge- 
rade damals im Begriff war, einen Cursus seiner Vorlesungen anzu- 
fangen und sich dem äussern Anscheine nach wohl befand, so ist 
wahrscheinlich, dass eine vor Schlafengehen genommene grosse Dosis 
Laudanum diesen Schlagfluss herbeigeführt habe. 

So endete John Brown. Er hinterliess vier Söhne*) und 
vier Töchter, welche dem Wohlthätigkeitssinn der Privatleute anheim- 
fielen. Sein ältester Sohn widmete sich ebenfalls der Heilkunde, nicht 
abgeschreckt von dem traurigen Loose seines Vaters, dem er in einer 
guten Biographie ein schönes Denkmal gesetzt hat. 

Viele Studirende in Pavia legten Trauer an; die Zeitungen füll- 
ten sich mit Notizen über ihn und die Loge zum römischen Adler ver- 
anstaltete ihm zu Ehren eine Leichenfeier. 

Das Leben John Brown's ist nur durch einen einzigen Mo- 
ment, in welchem er die Grundidee seinem Systems erfand, bezeichnet, 
und doch durch diesen Moment für lange Zeit wichtig geworden. 
Aeussere Umstände und zum Theil er selbst waren Schuld, dass die 



*) Haeser spricht nur von 2 Söhnen, der Sohn Brown's aber 
giebt die Zahl 4 an. 



24 

herrlichen Gaben seines Herzens und Geistes nicht bessere Früchte 
trugen. Seine intellectuellen Fähigkeiten waren gross. Schärfe des 
Verstandes, logische Consequenz, Klarheit der BegrifTe (die er unter 
angekünstelter Dunkelheit des Stjis versteckte), schnelle Auffassung, 
Gewandtheit, Sprachtalent und ein ganz vorzügliches Gedächlniss (er 
Avar im Stande zwei lateinische Octavseiten nach einmaligem Durch- 
lesen auswendig herzusagen) unterstützten seinen Wissensdrang und 
Forschertrieb, den er auf selbstständige Weise befriedigte. Er be- 
sass ein empfängliches Gemüth für Naturschönheiten, ein warmes Herz 
für seine Gattin, Kinder und Freunde, Sinn für Geselligkeit, Spring- 
kraft und Elasticität des Willens, kühnen Trieb und rege Strebkraft, 
lebhafte, fortreissende Phantasie. Er war friedselig gegen seine 
Feinde, offenherzig gegen seine Freunde, standhaft und ungebeugt im 
Unglück. Er verachtete den Reichthum, verabscheute was niedrig 
war und schätzte die Wahrheit über Alles. Aber er kannte die Welt 
zu wenig, um nicht mit seinem graden Sinn anzustossen, sich in vielen 
seiner Berechnungen zu täuschen ; er hatte zu wenig Grundsätze und 
Resistenz des Characters, um seiner Phantasie Zügel anzulegen, und 
war daher in seinen Plänen und Unternehmungen excentrisch. Er 
trieb die Energie seines Willens bis zu einer alle Schranken durch- 
brechenden Heftigkeit, die Consequenz bis zur Halsstarrigkeit, den 
Widerstand bis zum verzweifelten, ungerecht werdenden, sich selbst 
vernichtenden Trotz. Auf dem Höhepuncte seines Wirkens berauschte 
ihn sein geistiger, über das Gewöhnliche erhabener Standpunct und 
da ihm die Aussenwelt Befriedigung versagte, stürzte er sich in den 
sinnlichen Genuss von Reizmitteln, um hier Trost und Erregung zu 
linden, nach der seine stürmende Phantasie verlangte. So versank 
dieser hohe Geist von Stufe zu Stufe und bezeugte endlich die in sei- 
nem Systeme aufgestellte ^^'irkung der Reize durch die Art seines 
Todes selbst. 

Er war klein, wohl proportionirt, später sehr beleibt und roth, 
sein Auge lebhaft, sein Mienenspiel sehr bezeichnend. Zur Vervoll- 
ständigung seines Bildes dient noch, dass sein Betragen in geselliger 
Hinsicht zwar sehr lebhaft, aber, aus einer Steile i)ei Beddocs zu 
schliessen, nicht eben fein war. Seine Sprache war breit, für ein 
englisches Ohr unangenehm, seine Stimme iieiser und beiuabe kräch- 
zend; jedoch wenn er in Feuer gerieth, wurde die Stimme wohl- 
klingend und verlor alles Rohe seines Accents. Sein Styl ward 
nur durch Verkünstelung dunkel, er schrieb klar und fliessend, 



25 

wenn er wollte. In seiner politischen Denkungsart änderte er sich 
plötzlich um das Jahr 1770, er wurde ein Anhänger des Prätendenten 
und Verehrer des schottischen Adels, was vielleicht mit seiner Liebe 
für Alterthümer zusammenhing. Unter den philosophischen Schrift- 
stellern waren Cicero und Baco seine Lieblinge. In der Medicin 
hatte er mehr Belesenheit, als die Meisten seiner Zeitgenossen, las aber 
von dem Augenblicke an, wo er sein System herausgab, nichts weiter. 
Man tliut ihm Unrecht, wenn man ihn der Verachtung der Ilülfswissen- 
schaften zeiht. Anatomie studirte er fleissig und Botanik war sogar 
ein LieblingssUidium von ihm. Privatpraxis hatte er trotz seiner Ver- 
sicherung nur wenig , und diess erklärt viele seiner Behauptungen, 
welche die Probe der Erfahrung nicht bestehen können. — 

Ausser seiner angeblich im Thesaur. diss. med. Edinb. 1785 ent- 
haltenen Inauguraldissertation, den Elementis und Observations giebt 
er keine Schrift als sein Werk an. Doch war die Vermuthung aus 
innern und äussern Gründen allgemein (Duncans letter p. 25.), dass 
die unter Robert Jones Namen erschienene Enquiry into the State of 
medicine etc. von ihm herrühre. Es ist Schade, dass seine Pläne, über 
Gicht zu schreiben und eine kritische Zeitschrift über die medicini- 
schen Zeitschriften zu gründen, nicht zu Stande gekommen sind; noch 
mehr, dass er seinen Vorsatz, Elemente der Sittenlehre (Elementa 
morum) nach philosophischen Grundsätzen zu schreiben, nicht ausge- 
führt hat, da er gewiss originelle und lehrreiche Ideen entwickelt 
haben würde und gerade hier die Consequenz seines Denkens einen 
grössern Vorlheil geschafft hätte, als dies in der Darstellung der Ele- 
mente der Medicia der Fall ist und sein kann. Ausserdem hat er noch 
eine unvollendete griechische Grammatik in lat. Sprache mit in Hexame- 
tern abgefassten Regeln hinterlassen. 

Die Grundzüge dieser Lebens- und Characterdarstellung ent- 
halten zugleich die Motive und Erklärung mancher Züge der Bro wn'- 
schen Schöpfung selbst, einen wichtigen Beleg für den grossen An- 
theil der Individualität an der Gestaltung auch solcher Ereignisse, 
welche eine ganze Zeit in Aufregung und Umschwung zu versetzen im 
Stande sind. Das Brown sehe System.^ theilt mit seinem Urheber 
die Consequenz, welche sich Alles zu unterwerfen sucht, die Heftig- 
tigkeit und den Widerstand gegen alles Schrankensetzende, die immer 
weiter forlreissende Phantasie, welche dem Denken sich einverleibt 
und Folgerung auf Folgerung häuft. Stolz und Selbstbewusstsein, Ein- 
fachheit, Wahrheitsliebe, Klarheit, Offenheit und Wärme sind hier wie 



26 



dort bezeichnende Momente; aber auch hier wie dort eine Excentri- 
cität, welche unüberlegt in den Tag hineinlebt, ein gewisser Leicht- 
sinn, der "Wichtiges und Nothwendiges übersieht. Die Tiefe des 
Lebens nicht ergründend, blieb Brown auf der Oberfläche des Ge- 
nusses, und es ist vielleicht mehr als eine zufällige Analogie , dass 
sein in ewiger Schwankung zwischen An- und Abspannung, zwischen 
Glück und Unglück, Ruhm und Nichtachtung sich abrollendes Leben 
der Reize der Aussenwelt bedurfte, um die zum Dasein nothwendige 
Erregung zu erlangen, die endlich ein Uebermaass von Reizen er- 
schöpfte. — Diess, soweit in dem Urheber Brown der Grund des 
Systems lag; die übrigen Motive zu entwickeln, ist Aufgabe einer 
späteren Untersuchung, der die Darstellung des Systems selbst und 
seiner Geschichte zu nothwendigem Verständniss vorangehen niuss. 



Das l^ystem Joliii Brownes. 



In Folgendem geben wir in aphoristischem Auszuge und in 
selbstständiger ZusammenstelUing und Anordnung, mit Weglas- 
sung der weitern Ausführung der Beweissätze oder der uncharacteris- 
tischen und anderweitig bekannten Einzelnheiten eine gedrängte Dar- 
legung der Grundzüge 

Des Brown'schen Systems ) 

I. Allgemeiner T h e i 1. 

1) Begriff des Lebens. Das Belebte unterscheidet sich 
vom Unbelebten dadurch, dass es durch äussere Beize und ge- 
wisse eigne Thätigkeiten so afficirt wird, dass seine 
eignen Lebensäusserungen daraus hervorgehn. (10 *'•"') 
Die äussern Dinge sind Wärme, Nahrungsmittel, andere in den Magen 
übergehende Stoffe, Blut, Luft ; die eignen Thätigkeiten, Muskelcon- 
traction, Sinne, Denk-, Leidenschaft- und Affectkraft des Gehirns. 
Ausser diesen ist nichts zum Leben nöthig. (11. 12. 13.) 

2) Err e gb ark eit u. s.w. DieEigenschaft, durchweiche diese 
Potenzen wirken, heisst Err egbarkeit, incitabilitas, die Potenzen 
selbst heissen erregende, incitantes, die Wirkung Erregung, 



*) Mit Vergleichung der verschiedenen Ausgaben und der Darstellung 
Girtanner's hauptsächlich nach der lat. Ausgabe und derUebersetzung von 
Pf äff (John Brown's System der HeilkufMie. Nach der letzten vom 
Verf. sehr vermehrten und mit Anmerkungen bereicherten englischen Aus- 
gabe seiner Elements of medicine übersetzt. Dritte von Neuem durchge- 
sehene Ausgabe, begleitet von einer neuen kritischen Abhandlung über 
die Brown' sehen Grundsätze von C. H. Pfaff, Prof. in Kiel. Nebst 
einer tabell. Uebers. d. Br. Syst. v. Samuel Lynch. Kopenb. 1804. 

♦♦) Die eingeschalteten Nummern bedeuten die Paragraphen -Zahl 
bei Pfaff. 



28 

incitatio. Allen Potenzen gemeinschaftliche Wirkungen sind : Em- 
pfindung, Bewegung, Verstandesthätigkeit, Gemüthsaffekte (l4 — 16). 
Die erregenden Potenzen heissen auch Reize (stimulatrices) und 
sind allgemeine (auf den ganzen Organismus wirkende) oder 
örtliche. (17.) 

3 ■■•') Wesen der Erregbarkeit. Das Wesen der allen 
Lebenden zukommenden Erregbarkeit ist unbekannt, die Kraft und 
Menge derselben verschieden. Ob sie ein Stoff oder eine Fähig- 
keit (facultas) sei, wie jede tiefere Frage kümmert nicht ßei That- 
sachen bleibe man stehen, die giftige Schlange der Philosophie, die 
Erforschung unergründlicher Ursachen, fliehe man. (18.) 

4) Grade der Erregbarkeit. Alle erregenden Potenzen 
reizen entweder im Uebermaas oder in gehörigem Verhält- 
niss oder zu wenig. (Ebenso Gifte und Contagien.) (19 — 21.) 
Das Leben selbst besteht nur im Reize. (22.) Die Erregung steht 
im V e r h ä 1 1 n i s s zur Grösse der Reize. Die mittlere erzeugt G e- 
sundheit, die allzustarke oder zu geringe Krankheit. (23.) 

5) Allgemeine Gesetze der Erregung. Die Erreg- 
barkeit wird um so mehr angehäuft, je geringer der 
Reiz, um so mehr erschöpft, je grösser der Reiz ist. 
(24.) — Trifft ein mittlerer Reiz eine mittlere Erregbarkeit, so ent- 
steht die höchste Erregung, die immer geringer wird, je mehr die 
Erregbarkeit angehäuft wird (Beispiele: Stärke der Jugend, Schwäche 
der Kindheit und des Alters , Nutzen einer mittlen, Schaden einer zu 
sparsamen oder zu reichlichen Kost). Je reichlicher die Erregbarkeit, 
desto leichter zu sättigen; der geringste Reiz kann sie zuletzt ersticken. 
Je mehr Erregbarkeit verbraucht ist, desto geringerer Reiz wird ver- 
tragen. (Die Kindheit und die Schwäche von überflüssiger Erregbar- 
keit vertragen nur geringen Reiz, liegen nieder bei einem zu geringen, 
werden unterdrückt von einem zu grossen Reize. Das Alter und die 
Schwäche aus Mangel an Erregbarkeit wollen einen grossen Reiz, 
werden matt durch einen zu schwachen, unterdrückt durch einen zu 
grossen Reiz.) (25. 26.) 

6) Endpuncte der Erregung. Die Erregung hat zwei 
Grenzpuncte: (27.) 

a) Erschöpfung der Erregbarkeit durch zu grosse 
G e w a 1 1 d e s R c i z e s, es entsteht keine Erregung mehr =Tod. (28. 

*) Dieser, in d. 1. lat. Ausg. fehlende § wurde der Gefahr derSpe- 
culation wegen in der 2. zugesetzt. S. Br's. Observ. on the old Syst. 



29 

Dieser erfolgt schnell bei zu kurzer Dauer eines grossen, langsam, 
bei zu langer Dauer eines kleinen Reizes. (29.) Die erschöpfte 
Erregbarkeit lässt sich durch einen geringeren Reiz als der den 
Verlust bedingende war, wenn er nach und nach immer geringer 
angewendet wird, wieder herstellen (Cur der Trunkenen etc.) und 
heisst i u d i r e c t e Schwäche. (31 — 33.) (Während des Fort- 
gangs zur indirecten Schwäche wirkt der erste Eindruck geringer als 
der zweite und so fort bis keine Erregung mehr erfolgt; sie Avird auf- 
gehalten durch verhältnissmässige Vermehrung der Erregbarkeit mit- 
telst allmählig verminderter Erregung (Beispiele : wenig Essen nach 
zu reichlicher Mahlzeit). (36. 37.) 

b) Aufhäufung der Erregbarkeit durch zu ge- 
ringe Gewalt des Reizes, es entsteht keine Erregung mehr, 
endlich sogar der Tod. (Beispiele: kaltes Bad, Hunger, Wasser- 
trinken, Ausleerungen, grosse Ruhe, 3Iangel an Geistesiibung.) Den 
Mangel eines Reizes ersetzt oft ein anderer, (anstatt Tabakschnupfen 
Kauen desselben; anstatt natürlicher Reize künstliche in Krankheiten). 
(38 — 41.) Der Ueberfluss von Erregbarkeit kann durch Reize nach 
und nach so entfernt werden, dass Gesundheit entsteht; je grösser 
der Ueberfluss (je mehr 3Iangel an Reiz), desto schwieriger die Her- 
abstimmung, ja es kann der Tod erfolgen (Kälte, Hunger, Durst, 
Fieber). (42.) Hülfe gewährt hier nur Entziehung der Erregbarkeit 
mittelst allmählig vermehrter Erregung. (Der erste Grad soll et- 
was stärker sein als der Grad des Reizes, welcher die Anhäufung 
verursachte. Cur der Verhungerten, Verdursteten, Erfrornen; 
Mittheilung von freudigen Nachrichten nach Kummer.) (43. 44.) Die 
Schwäche aus Entziehung der Reize heisst directe Schwäche. 
(Während des Fortgangs zu ihr, wird jeder Jlangel an Reiz durch 
einen folgenden vermehrt, bis endlich keine Erregung mehr erfolgt, 
ja selbst der Tod eintritt.) (45. 46.) 

7) Sitz und Vertheilung der Erregbarkeit. Der 
Sitz der Erregbarkeit ist das Nervenmark und die Muskularsubsfanz. 
Die Erregbarkeit ist nicht verschieden an verschiedenen Orten, son- 
dern ist eine einzige, unget heilte (daher Empfindung, Bewe- 
gung, Geistesverrichtungen nicht in einer Reihenfolge, sondern sofort 
unmittelbar erzeugt werden). Die erregende Kraft trifft nur einen 
Theil, erregt aber das ganze System. Der unmiltelbar von der er- 
regenden Potenz berührte oder ursprünglich empfindlichere Theil 
wird immer mehr afficirt, als ein anderer ; die örtliche Erregung ist 



30 

zwar immer geringer im Verliältniss zur allgemeinen, aber nie verschie- 
dener Art, sondern entweder erhöht oder verringert im Allgemeinen. 
Die Verschiedenheit der Erregung des einen Theils dauert nur kurze 
Zeit und zieht bald die der ganzen übrigen Constitution na«h. Jedes 
örtliche Leiden ist nur ein Theil des allgemeinen und gegen dieses 
allein muss man einschreiten. (48 — 56.) 

8) Wirkungen der Erregung. Die Erregung ist 
die Ursache der Zusammenziehung der Muskelfasern, deren Dich- 
tigkeit und Bewegung, deren Kraft und Leichtigkeit im Verhält- 
niss zu ihr stehen (57 — 61.); sie ist die Ursache der Bildung 
und Erhaltung der festen und flüssigen Theile, Ursache der Ge- 
sundheit, der Krankheit und der dieser vorangehenden An- 
lagen. Beweise für die Bestimmbarkeit des Lebens durch Erregung 
sind die Wirkungen der Reize, das Verhältniss der Functionen zu der 
Kraft derselben, die Wirkung der Heilmittel. Gesundheit und Krank- 
heit sind nicht verschiedene Zustände, weil die Wirkung der sie her- 
vorbringenden und wegschaffenden Potenzen dieselbe ist. (62 — 65.) 

9) Eintheilung der Krankheiten. Die allgemeinen 
von übermässiger Erregung herrührenden (denn man unterscheidet 
allgemeine und örtliche) Krankheiten heissen sthcnische, die aus 
mangelnder Erregung asthenische. Beiden Hauptformen geht 
allezeit eine An 1 age voraus (welche der örtlichen Krankheit fehlt). 
(66.) In der Mitte zwischen beiden Formen steht die Gesundheit, die 
zu keiner von Beiden hinneigt. Die Potenzen, welche eine Krank- 
heit oder Anlage erzeugen, können jede beliebige andere derselben 
Kategorie (Form) hervorbringen ; die Heilmittel einer Krankheit 
sind auch die aller übrigen derselben Gattung. (67.) Die erregenden 
Potenzen der slhenischen Krankheiten oder Anlagen heissen sthe- 
n ische, reizende (auch exciling hurtful, schädliche), die der astheni- 
schen asthenische oder schwächende. Der bedingende Zustand 
des Körpers, welcher nur gradweise von Krankheit und Anlage ver- 
schieden und beiden gemein ist, heisst dort s t h e n i s c h c, hier asthe- 
nische Beschaffenheit (diathesis). (68.) 

10) Anlage, Opportunilas , Praedisposilio, ist der Zustand 
des Körpers, der von der Gesundheit abweicht und sich der Krankheit 
so nähert, dass er noch immer innerhalb der Grenzen jener zu sein 
scheint. Die Krankheilserzeugenden Potenzen bringen auch sie her- 
vor. Die Dauer der Anlage, d. h. der Uebergang von dem einen Zu- 
stand zum andern, richtet sich nach der Kraft der Potenzen. Sie geht 



31 

allen allgemeinen Krankheiten voraus, da sie ein Mittelzustand ist und 
der Uebergang nicht plötzlich erfolgen kann, (dies gilt auch von 
Conlagion, da diese nur Nebensache, die Hauptsache Sthenie ist; 
Krankheiten durch Vergiftung sind nur örtliche Uebel) nie aber 
den örtlichen, welche von jenen in Bezug auf Ort, Entstehung und Be- 
handlung gänzlich zu trennen sind. (73 — 81.) 

11) Diagnose. Die Diagnose besteht blos darin, sthe- 
nis che Krankheiten von asthenischen, allgemeine von ört- 
lichen zu unterscheiden. Alles übrige Diagnostische ist 
überflüssig. Die Allgemeinheit erkennt man aus der vorher- 
gehenden Anlage. Nach örtlichen Krankheiten kommen später allge- 
meine Folgen , wie nach den allgemeinen örtliche. (82 — 85.) (S. 
weiter unten im jjes. Theil. B.) 

12) Prognose. Die Prognose richtet sich nach demGrade 
der Beschaffenheit oder der Wichtigkeit des befallenen Theils. (86.87.) 

13) Veranlassungen zu sthenischer und astheni- 
scher Beschaffenheit. Grosse Wärme bedingt den slheni- 
schen Zustand; sie reizt die Haut, vermehrt den Ton der Muskelfasern 
und ihre Dichtigkeit, vermindert den Durchmesser der Gefässe, daher 
Unterdrückung der Ausdünstung (und Zurückhaltung reizender Stoffe, 
wie in den Masern, Blattern etc.). Wärme im Uebermass erschlafft 
die Muskeln, dehnt die Gefässe aus, daher Schweiss. — Kälte 
schwächt. Beide Extreme wirken durch Erregung, nicht durch Ver- 
derbniss der Säfte, die blos durch Schwäche der schlecht 
mischenden oder vertheilenden Gefässe verderbt sein können. (Die 
Verminderung des Umfangs durch Kälte rührt auch von Schwäche der 
Gefässe her.) Indem die Kälte das Uebermaas der Hitze und anderer 
Reize entfernt, die Erregung innerhalb der Grenzen der Stärke erhält, 
kann sie die Consumtion der Erregbarkeit verhindern, den Körper 
reizempfänglicher machen und die indirecte Schwäche aufhalten. So 
allein ist die Stärkung durch Kälte zu verstehen, die nur scheinbar ist. 
Die unangenehme Empfindung zu grosser Hitze und Kälte 
schwächt ebenfalls. Feuchtigkeit vermehrt die schwächende 
Wirkung. — (112 — 123.) Fleisch (gesalzenes und geräuchertes 
ausgenommen), Gewürze, Spirituosa (Weiniges, im Verhällniss 
zum Alkohol) reizen. (124 — 126. ") Die folgenden, stärker wirken- 



*) Der folg. § ist ein Zusatz der engl, zur lat. Ausg. 



32 

den (diffusiblen), durchdringenden Reize sind der Reihe nach : 
Moschus, das flüchtige Alkali, A e t h e r, das höchste, pi u lu. 
Sie verwandeln die asthenische Beschaffenheit in Gesundheit, diese in 
sthenische Beschaffenheit, diese in indirecte Schwäche, und diese end- 
lich in Tod. Solche Reize treffen die Erregbarkeit direct; der in- 
directe Reiz der Nahrungsmittel besteht noch überdies in der 
Masse, dem Umfang durch Ausdehnung der Fasern. (Der letztere in- 
direkte Reiz ist in umgekehrtem Verhältniss zum directen, \^ie z. ß. 
bei Fleisch- und Pflanzenkost.) (127.) — Vegetabilische Kost, 
schlechte und geringe Fleischkost, schwächen. Gehöriges Maas ist 
immer nöthig. '') Mangel an Gewürzen schwächt. Wein scha- 
det Jüngeren und Stärkeren, Wässeriges schadet Schlemmern, Ael- 
teren. Schwächeren. (l29 — 130.) — Ueberfluss von Chylus und 
Blut reizt, dehnt die Gefässe aus (blos die Menge, nicht die Be- 
schaffenheit kommt als Ursache in Betracht). Plethora steht im Ver- 
hältniss zur Erregung. Die Ausdehnung wird erhöht durch Schnellig- 
keit (velocitas) des Blutes ; diese ist vorzüglich bedingt durch Muskel- 
bewegung. (131 — 134.) Mangel an Blut erzeugt die asthenische Be- 
schaffenheit. Hierdurch entstehen Blutflüsse, weil der Tonus der Ge- 
fässe ihre Erregung vermindert, sie nicht gehörig ausgedehnt werden. 
Auch Uebermaass an Blut erzeugt (indirecte) Schwäche. (134.) — 
Anfüllung und Verminderung der Säfte wirkt ebenso. (Samen, Milch, 
Schweiss, Galle ; Blutlassen, Purgiren, Erbrechen. (136.) So entsteht 
die matte Aktion, Stockung, Verderbniss der Säfte, Schwäche. (37.) 
Passive B ewegung, Leibes übung, Arbeit vermehren die Er- 
regung durch beschleunigte BlutbcAvegung. *) Denken, Leiden- 
schaften (die deprimirenden sind blos geringere Grade der excili- 
renden, wie z. B. Melancholie von Freude) und Sinnesübungen 
können ebenfalls durch den Grad der Erregung Sthenie, directe und 
indirecte Asthenie erzeugen. (139 — 145.) Die Luft reizt durch zu 
grosse Reinheit, schwächt durch Unreinheit (Ursache böser Fieber). 
(146.) Ans te ckungss toff e und Gifte erzeugen bald sthenische, 
bald asthenische Beschaffenheit. (147) Diese aber entstehen meist 
durch eine vereinigte Wirkung aller Potenzen, nie durch 
eine ein gebor ne (insita) Kraft des Körpers selbst. (148.) 



*) Ein Zusatz in der engl. Ausg. verwahrt sich gegen den Vorwurf, 
dass diese Lehre Unmässigkeit befördere. 

♦*) Späterer Zusatz. 



33 

14) Symptome a) der sthenischen Beschaffenheit 
(welche begründet wird durch eine über den ganzen Organismus ver- 
breitete zu heftige Erregung, die anfangs Anspornung aller Functio- 
nen, dann Unordnung einiger und eine scheinbare Abnahme anderer zu 
Folge hat, aber nie durch schwächende Wirkung entsteht) (69. 149.) 
sind: Frösteln (durch verminderte Ausdünstung), Kälte, Trocken- 
heit der Haut. Puls stark, voll, hart, häufig; Röthe, Kopfweh, 
Schmerzen; Irrereden (durch Blutandrang, nicht auf Entzündung be- 
ruhend); Durst und Hitze (durch Blutandrang und unterdrückte Aus- 
dünstung in Folge von Contraclion der Gefässe) ; Heiserkeit, Husten 
(durch Verschliessung der ausdünstenden und Schleimgefässe) und 
Auswurf (durch Erschlaffung der Gefässe); Blässe, Collapsus der Haut; 
heller Urin, Obstruction (durch Verschliessung der Gefässe) ; Appe- 
titlosigkeit oder Heisshunger; (154 — 157.159. 160. 163.); Unord- 
nungen des Magens, Ekel, Erbrechen; acuter Brustschmerz (164 — 
167); Entzündung der mehr oberflächlichen Theile, wie des Schlundes, 
Gesichts, der Gelenke, der Lungen (weil die äussere Temperatur mit 
der innern in Conflict kommt). (Sie entsteht durch einen höhern Grad 
der Erregung in einem Theile, ist aber von der örtlichen durch ört- 
liche Ursachen, Fehler eines Organs, Zusammenhangsverletzung ent- 
standenen Entzündung Avohl zu trennen.) (Ausschlagsbläschen sind 
durch sthenische Beschaffenheit zurückgehaltener Ansteckungsstoff.) 
(168 — 170. 175.) 

Symptome b) der asthenischen Besch affenheit (welche 
begründet wird durch eine zu geringe Erregung des ganzen Organismus, 
die alle Functionen abspannt, einige in Unordnung bringt und immer, 
selbst beim Schein der Erhöhung, schwächt, (69. 150.) sind: Frösteln 
(durch gehemmte Ausdünstung in Folge von Schwäche der Gefässe und 
des Herzens) ; Puls schwach, weich, klein, schnell (wegen Blutmangels) ; 
Blässe und Trockenheit der Haut (wegen Schwäche der Gefässe) ; 
Kopfweh ; Gliederschmerz, Irrereden (durch Mangel an Reiz, an Blut 
und Gefässausdehnung) ; Durst und Hitze (wegen unterdrückter Aus- 
dünstung durch Gefässschwäche (178 — 184.) ; Appetitlosigkeit, Wider- 
willen gegen Speisen (wegen Mangel ai? Contraction und Secretion 
desMagens, Nichtauflösung und Nichtausführung der Speisen); (186.) 
Erbrechen (durch Atonie der Fiebern, Kothanhäufung, Luftausdehnung, 
örtlichen Reiz von unten nach oben); (188.) Schmerzen im 3Iagen und 
an andern Orten durch Krampf (dieser Folge von Zusammenziehung 
der Fasern durch ausdehnende Materie: Koth, Luft; Hauptursache 

3 



34 

immer Alonie der Fasern; die Gewalt der Ausdehnung erzeugt 
Schmerz; ebenso wirkt der Wille in äusseren Gliedern, oder Säure- 
bildung im Darmkanal; Krämpfe und Convulsioncn in inneru und äus- 
sern Theilcn sind daher gleichen Ursprungs, dort von Ausdehnung 
und Säure, hiervon demAVillen, — beidemal aus Schwäche). Die 
Stufenreihe geht von Appetitlosigkeit bis zum Schmerz. (Hieher ge- 
hören Dyspepsie, Gicht, Durchfall, Ruhr, Cholera, Kolik, Darmgicht, 
Würmer, TabesundAtrophie dcrKinder.) (l89 — 198.) Diese Schmer- 
zen sind nie entzündlicher Art, so oft die Symptome auch darauf deu- 
ten (vgl. Lungenlciden, Epilepsie, Apoplexie, Typhomanie, Coma, 
Delirien in asthenischen Fiebern). (l99. 200.) Eine allgemeine asthe- 
nische Entzündung ist eine an einem einzelnen Orte stärker auftretende 
asthenische BeschalTenheil, so jedoch, dass das allgemeine Leiden 
überwiegt (z. B. gichtische, brandige Bränne, Gehirnentzündung am 
Ende eines Nervenfiebers), wohl zu unterscheiden von der örtlichen 
Entzündung (204. 205.). Während bei der slhenischen Entzündung 
Blutfülle ausdehnt, reizt, den Ton der Fasern vermehrt und das Blut 
sich durch die zusammengezogenen Gefässc schmerzhaft durchdrängt, 
fliesst dei der asthenischen Enizündung bei allgemeinem Blutmangel 
das Blut häufiger in die erschlafflcn Gefässe und dehnt sie aus (206 — 
208.). (Beispiele: faulige Bräune, podagrische Entzündung, conflui- 
rende Pocken, Anthrax, Carbunkeln, Bubo u. a. Ausschläge.) (210 — 
220.) Hitze begleitet auch asthenische Krankheiten mit und ohne 
Fieber. Der höchsten Hilze bei grosser Schwäche folgt durch lang- 
samere Bewegung der Flüssigkeiten Kälte, die weiter fortschreitet. 
Ungleichförmige Temperatur liegt in örtlichen Ursachen. Das Schein- 
bare der Schwäche (in der Pneumonie u. s. w.) und der Stärke (bei 
Krämpfen u. s. w.) offenbart sich auch durch Wirkung der Heilmittel. 
Blutllüsse bei sthenischeu Krankheilen deuten auf einen Uebergang zu 
indirecter Asthenie, sonst sind sie direcl asthenischer Art. (Ursache 
nicht Plethora, sondern Blutmangel). Husten, der erst trocken, dann 
heiser, zuletzt feucht mit Auswurf auftritt, kann slhenischer und 
asthenischer Art sein; der Auswurf rührt von ErschlalTung der Gefässe 
her (221. 223 — 225 — 236.).— Ein besonderes Symptom ist 

c) der Schlaf. Er entsteht durch verminderte Erregung entweder 
mit Erschöpfung(?) oder Ueberlluss der Erregbarkeit bis zu einem wieder 
gut zu machenden Grade. Die täglichen Verrichtungen reizen nämlich im- 
mer weniger, bis dqr zum Wachen nölhige Grad nicht mehr vorhanden ist. 
Diesen Erfolg haben Speise, Trank, Bewegung u. s. w. Zu frühzei- 



35 

tiger, unzeitiger oder kränklicher Schlaf ist Folge von directer oder 
indirecter Schwäche. Gesundes Wachen entsteht dadurch, dass 
der Schlaf dieErregharkeit wieder his zum normalen Grad erhöht. Zu 
langes oder krankhaftes Wachen ist Folge von directer oder indirec- 
ter Schwäche. Ursache des Schlafs im gesunden Zustande ist also 
auch directe oder iudirecte Schwäche aber im gehörigen Grade, oder 
eine Mischung Beider. Die Heilsamkeit des Schlafens und Wachens 
hängt von dem Grade der Einwirkung und der Dauer der Zustände 
selbst ab. Ursache eines kränklichen Schlafes ist Schwäche ohne 
Reiz, Ursache eines kränklichen Wachens Schwäche mit Reiz. Durch 
angemessenen Reiz muss aus dem einen krankhaften Zustande der 
andere gesunde herbeigeführt werden. Bei asthenischen Krankheiten 
folgt Wachen auf directe Schwäche, die grösser ist als die schlaf- 
erzeugende, daher der Nutzen der Reizmittel, daher die schlafmachende 
Wirkung des Opium, das auch bei Coma hilft, indem es erst Wachen, 
dann erquickenden Schlaf herbeiführt. Schlafsucht zeugt von geringe- 
rer Schwäche als kränkliches Wachen. Die Steigerung ist folgende: 
gesundes Wachen = höchste heilsame Erregung; mittelmässiger und 
tiefer Schlaf = grösste mit Gesundheit vereinbare Schwäche ; gesun- 
der Schlaf = massige indirecle Schwäche; kranker Schlaf und krankes 
Wachen = grösste directe oder indirecte Schwäche. (237 — 2il. 243 — 
2i7. 250.) *) 

15) Heilung, a) Im Allgemeinen. Da alle erregenden Poten- 
zen auf gleiche Weise die Erscheinungen des Lebens hervorbringen, 
nämlich durch Reizung, so sind auch die Heilmittel nur reizende 
Potenzen, die in sthenischen Krankheiten durch Verminderung, in 
asthenischen durch Vermehrung der Erregung wirken, bis der mittlere 
Grad der Gesundheit entsteht. (313 — 315.) Wie die Krankheiten der 
Art nach dieselben und nur dem Grade nach verschieden sind, so auch 
die Mittel, die den entgegengesetzten Zustand abhalten und heben. 
Was eine sthenische oder asthenische Krankheit heilt, heilt alle 
übrigen. Heilmittel der sthenischen Beschaffenheit sind schwächende 
(antisthenische), d. h. mit geringerem Reiz als zur Gesundheit gehört 
erregende Potenzen ; Heilmittel der asthenischen Beschaffenheit sind 
reizende (sthenische), d. h. mit grösserem Reiz als zur Gesundheit ge- 
hört erregende Dinge. Die Dosis richtet sich nach dem Grad der 
Anlage und der Alfection. Nie ist die Heilung einem Jlittel allein 

*) Aenderung des §, 250 in der engl. Ausgabe. 



36 

anzuvertrauen, immer der Gebrauch mehrerer vorzuziehen, um diie 
Erregbarkeit gleichförmiger zu afficiren. Wo mächtige Hilfe nöthig 
ist, wirken alle zusammen am besten. Man muss die Wirkung nicht 
auf einen bestimmten Ort, sondern auf die Erregbarkeit im Allge- 
meinen richten. Allgemeine Heilmittel wirken durch die über den gan- 
zen Körper verbreitete, örtliche durch auf einen Theil beschränkte Erre 
gung. Die Kräfte der Natur sind ohne äussere Reize unwirksam, erdich- 
tet''") (88 — 95.) In Bezug auf die Krankheits m a t e r i e (welche reizt wie 
in den Blattern, oder schwächt wie in der Pest, oder die Krankheit 
modificirt oder zur allgemeinen ein örtliches Leiden hinzufügt) gilt 
die Regel, ihr Zeit zum Austritt zu lassen. Bei der Behandlung des 
allgemeinen Zustandes lassen auch die örtlichen Symptome nach. 
Keine Materie, sie sei contagiös oder nicht, trägt zur allgemeinen 
Krankheit bei; thut sie es, so wirkt sie nur wie andre Schädlichkeilen. 
Zur Wegschaffung der Krankheitsmaterie muss die Perspiration offen 
erhalten werden ; dies geschieht durch Mittel, welche die ganze Be- 
schaffenheit heben, bildet also keine neue Anzeige. Eine Mittel- 
methode zwischen der sthenischen und asthenischen ist die tonische. 
(96 — 100.) — ^Bei der II ei 1 anz ei ge achte man auf alle erregen- 
den Potenzen, wozu auch die Rücksicht auf Aller, Geschlecht, voraus- 
gegangene Heilmittel kommt. Bei der Heilung der indireclen Schwäche 
gebe man anfangs einen nicht viel geringeren Reiz als der die Krank- 
heit bedingende war, und dann immer geringere. (Uebergang von 
heftigen und flüchtigen zu milderen und dauernderen Reizen.) Nur bei 
dem Fortgang zu indirecter Schwäche (zwischen 40 u. 70^) sind 
schwächende Mittel zur Erhaltung gut, darüber hinaus schädlich. Bei 
Heilung der directen Schwäche steigt man von dem geringsten Grad 
des Reizes aufwärts. Durch zu grossen Reiz erzeugt man aber leicht 
Sthenie und dann indirecle Schwäche, wie dort durch zu grosse Schwä- 
chung direcle Asthenie. (103. 105 — 107. 109 — 110.) 

b) Im Besondern. Bei Sthenie ist Hilze zu vermeiden; bei 
geringem Grade derselben kann die massige Wärme des Schweisses 
und Fussbades durch Stoff-Verlust und durch das angenehme Gefühl nüt- 
zen. Hitze schadet bei durcli Kälte angehäufter Erregbarkeit. Kälte ist 
durch Schwächung und Abhaltung von Hitze sehr nülzlich bei Sthenie 
(Blallern, Katarrli etc.). Wärme ist bei Asthenie nützlich. Bei Sthenie: 
Pflanzenkost, keine Gewürze, massiges Getränk, wenig Essen; bei 



*) §.93 u. 94. in der engl. Ausg. geändert; ebenso §. 104. 108. 



37 

Asthenie: Fleischkost, Gewürze, Wein, Opiate. Dort weg-en Blut- 
fülle Enthaltsamkeit, Aderlass, Purgiren, Brechen, Ruhe, Entziehung aller 
Reize, Entziehung von Samen (durch den Beischlaf), von Milch, von 
Chylus, Schweiss; hier wegen Blutmangel Reize aller Art, Fleisch, Be- 
wegung (massig, wegen Furcht vor indirecter Schwäche) u.s. w. Den 
Mangel oder Ueberfluss der abgesonderten Flüssigkeiten (mit Ausartung) 
heilt ebenfalls die reizende, nicht die fäulnisswidrige Methode. Nach- 
lassen von Denken und Affecten schwächt; zur Heilung der Schwäche 
taugt nur ein mittlerer Grad derselben. (Angenehme Verstandesübung 
ist ein guter Reiz; Affecte, seihst angenehme, fuhren leicht zu indirec- 
ter Schwäche; Nachlass in der Energie derselben, Trauer u. s. w. ist 
durch höhere Grade: Freude u. s. w. zu heben). Reine Luft nützt 
bei Asthenie; die Ansteckungsmaterie wird entweder reizend oder 
schwächend behandelt je nach der sie begleitenden Beschaffenheit. 
(254 — 279.) 

c) Heilmittel. Reihenfolge in der "Wirkung der a n t i s t h e n i- 
schen Mittel : Aderlass, Kälte, Brechen, Purgiren und Schwitzen,— 
Entziehung der Nahrung, Ruhe, massige Bewegung. Reihenfolge in der 
Wirkung der sthenischen Mittel (zur Vermehrung der Blutmenge): 
Fleischkost, "Stürme (milllen Grades), Verhinderung des Brechens, 
Purgirens, Schwitzens durch Fleischkost, Gewürze, Wein, Bewegung; 
im höhern Grade flüchtige Reize: weisse, rolhe Weine, Moschus, 
flüchtiges Alkali, Campher, Aelher ■'), Opium. In der Reconvalescenz: 
Uebergang zum massigen Genuss natürlicher Reize. (281 — 303.) ■•"■') 
Bei der verschiedenen Wirkung der Heilmittel auf die einzelnen Theile, 
besonders da, wo sie unmittelbar angebracht sind, sollen sie auf die 
verschiedenen Theile gerichtet werden, um einen allgemeinen Effect 
hervorzubringen. Darum müssen, Aveil verschiedne Potenzen die Er- 
regung vermehren oder vermindern und dadurch den Heilplan stören 
könnten, auch mehrere zugleich angewendet werden. (Ausser den 
angeführten Hülfsmitteln: Geist, Gemülh, Leidenschaften, Bewegung, 
Luft, Diät überhaupt.) (304-311.) 

16) Schluss. Was die Gesundheit bewirkt, machtauch 
krank, was krank macht, heilt auch. Die Gesetze der Erreg- 
barkeit lassen sich auch auf die Pflanzenwelt übertragen. Alles 
Lebendige in der Natur wird durch Erregung geleitet, keinem Le- 



♦) In der früheren (lat.) Ausg. über Opium stehend. 
'**) Bei §. 303. ist in der späteren (engl.) Ausg. ein neuer Ab- 
sclinitt als 11. Cap. gebildet. 

t 



38 

kendigen wohnt eine schützende und erhaltende Kraft hei. 
Was das Lehen er ze u gt und erhält, zerstört es zuletzt. Le- 
ben, Altern, Sterhen, Fortdauern und Er zeugen, Er- 
neuern und ewiges Blühen der Natur — Alles geschieht auf eine 
Weise. Aller Kräfte Neigung geht dahin, das Leben , auf eine ge- 
zwungene Art, zu erhalten und den Tod von seihst herbeizuführen. 
(316 — 327.) 

IL Besonderer Theil. 

A. Allgemeine Krankheiten. 

I. Form. Sthenische Krankheiten*). 

Sie sind verschieden in Hinsicht des Grades, einige verbunden 
mit Pyrexie (Fieber) und Entzündung eines äussern Theiles, andere 
ohne die letztere, no.ch andere frei von beiden. Die ersteren sind 
Phlegmasieen und Ausschläge (Sthcnie zwischen 10 — 55^). 
Der allgemeine Zustand, Pyrexie zum Unterschied vom (asthenischen) 
Fieber genannt, geht dem örtlichen voraus. Ursache der Exantheme 
ist ein unter der Haut zurückgehaltener Ansteckungssloff. Puls massig 
frequent wegen der grossen scliAver zu bewegenden Blutmasse. Das 
örtliche Leiden ist meistens später als das allgemeine, die übergrosse 
Erregung bildet den Grund dazu in der Anlage ; meist bildet sich aber 
das örtliche Leiden erst nach der Krankheit, indem nur ein höherer 
Grad von Krankheit es hervorbringen kann , und dann richtet es sich 
nach der allgemeinen Beschaffenheit (Entzündung bei Pneumonie, ört- 
liches Leiden ebenso bei Rheumatismus). Bei massiger Diathesis 
fehlt das örtliche Leiden, (z. B. Entzündung). Auf örtliche Entzünd- 
ungen folgen keine Phlegmasieen, wenn keine sthenische Diathesis zu- 
gegen, und der Theil kein innerlicher oder sehr empfindlicher ist (Phleg- 
mone, Erythem, Erysipel örtlich.) Durch Druck, Schärfe u. s. w. ent- 



♦) Brown hatte anfangs die Idee folgende Eintheilnng zu machen, 
die nach einer Stelle in den Observation« von CuUen entnommen zu 
sein scheint: 

A. sthenische oder phlogistische Krankheiten: 1. Phlegmasieen. 
2. Exantheme. 3. Haemonhagieen. 4. sthenische Apyrexieen. 

B. asthenische Krankheiten: 1. krampfliafte Krankheiten. 2. con- 
vulsivische Krankheiten. 3. atonische Krankheiten (paralytische). 
4. unordentliche Blutaustiüsse (denn er sah ein, dass diese nicht zu den 
sthenischen gehörten). 5. Protluvien. 6. Fieber. 

Er unterliess es aber als Ueberbleibsel einer nosologischen und 
systematischen Fh-ziehnng d. h. um originell zu erscheinen, Vergl. Be- 
merk, über d. alt. Syst. ed. Röschl. S. 131. 



39 

slandeiie Eiilzüiulimgeii gehören nicht zn den Phlegmasieen. Sthe- 
nische Krankheiten mit Pyrexie und äuss er liehe r Ent- 
zündung sind: Peripneumonie, Phrenitis, Blattern und Masern 
heftiger Art, heftiger Rothlauf, Rheumatismus, gelinder Rothlauf, 
Bräune. Sthcnische Krankheiten ohne Entzündung: Ka- 
tarrh, einfache Synocha, Scharlachfieber, Blattern und Masern mit blos 
örtlichem, geringem Pustelausschlag. (329. 330. 332. 343 — 347.) 

a) Sthcnische Pyr cxieen. 

Peripneumonie ■•') (Pleuritis und idiopathische Carditis 
mitbegriffen). Sitz: das ganze Nervensystem, der ganze Körper. Athem- 
beschwerden aus Druck der Luft auf die entzündeten Gefiisse. Schmerz 
als diagnostisches Hülfsmittel unnütz. — Cardi tis meist örtlich, mit 
Pneumonie in Ursache und Behandlung übereinslimmend. (348 — 360.) 

Phrenitis. Die Symptome werden durch zu grosse Blutmenge, 
welche durch Ausdehnung reizt, hervorgebracht. (361 — 365.) 

Sthenische Exantheme. Bios durch die Ansteckung von 
den übrigen sthenischen Krankheiten verschieden. Die Contagion ist 
eine unsichtbare, unbekannte Materie, welche giihrt, die Gcfässe er- 
füllt, ausgeschieden wird. Der einzige Unterschied von den übrigen 
sthenischen Krankheiien ist der, dass diese Materie einige Zeit zur 
Ausscheidung erfordert, was durch Bekämpfung der Diathesis bewirkt 
wird. Durch das Scharfwerden, die Entzündung und Eiterung der unter 
der Haut verweilenden Stoffe, entsteht eine symptomatische Pyrexie 
(Eiferungsfieber) (366 — 374.), Blattern und Masern (Ruheolae). 
Die katarrhalischen Zufälle hängen von der sthenischen Beschaffenheit 
ab. Durch Metastase entstandene Entzündungen sind symptomatischer 
Art, da sie von den Materien abhängen. (366 — 381.) 

Heftiger Rothlauf. Die einzige Entzündung, welche das 
corpus mucosum der Haut befällt. Röthe durch Blulfülle. (382 — 386). 

Rheumatismus. Schmerzen sind blos örtliche Zufälle. Kälte 
schadet hier nicht. Rheumatismus befällt der sthenischen Ursache 
wegen die grossen Gelenke, Podagra der Schwäche wegen die 
schwächsten, d. i. äusserstenTheile, die kleinen Gelenke. (387 — 391.) 

Milder Rofrhlauf (392 — 394), nur ein geringerer Grad als 
der heftige, begleitet off die 



*) Die Erklärung und Aufzählung der Symptome, .so wie alles von 
übrigen Schriftstellern nicht Abweichende ist hier weggelassen worden. 



40 

Sthe nis che Bräune, cynanche tonsillaris, oesophagea, stri- 
dula, trachealis, (Croup). Auch hier folgt die Entzündung immer erst 
der Pyrexie. (395 — 406.) 

Catarrh ist Phlegmasie mit Husten, durch Schwächungsmittel, 
oft allein durch Kälte heilbar. (407 — 411.) 

Einfache Synocha; eine leichte Krankheit, Symptome der 
Phrenitis ohne KopfalTection. (412) 

Scharlach. Bestimmte Zeit des Ausbruchs von der Zeit er- 
fordernden Gährung abhängig. Nach Verschiedenheit der Diathese 
bald sthenischer, bald asthenischer Art. (413 — 416.) 

Gelinde Blattern. Wenig Pusteln, abhängig nicht von der 
contagiösen Materie, sondern von der allgemeinen Beschaffenheit. 
Doch trägt jene etwas dazu bei. (417 — 421.) 

Gelinde Masern. (422 — 423.) 

6) Sthenische Apyrexieen. (425.) 

Dies sind niedere Grade von.Sthenie, welche nie in indirecte 
Schwäche übergehn und keine beträchtliche Wirkung auf Herz und 
Gefässe machen. (440.) Es gehören hierher: 

Manie; ist nicht blos eine Krankheit des Gehirns ; durch zu 
Geistesanstrengung oder Gemüthsaffecte entstanden. Auch Gifte kön- 
nen, ohne eine örtliche Krankheit zu erzeugen, Manie hervorbringen. 
(426—431.) 

Krankhafte Schlaflosigkeit durch geringere Schädlich- 
keit als bei Manie entstanden. (432^437.) 

Fettsucht (Obesitas) durch Ruhe und übermässiges Essen 
erzeugt = sthenischer Zustand der Verdauungswerkzeuge und der 
blutbereitenden Gefässe. (438 — 436.) 

Alle diese Formen unterscheiden sich nicht ■wesentlich, daher 
sind Gattungen und Arten nicht nöthig, wohl aber die Unterschei- 
dung der zweillaiiptformen. Alle diese Krankheiten sind allgemein, 
wenn auch örtlich ein Theil mehr afficirt ist. Die Behandlung ist 
immer dieselbe. Die graduelle Reihenfolge der Krankheiten ist die 
obige. Nicht die Namen, sondern die Kraft der Krankheit, 
nicht die Symptome, sondern die Ursachen sind das Wichtigste. 
Die Erforschung der Symptome war ebenso schädlich in der Medicin, 
wie die der verborgenen Ursachen in der Philosophie ; die Nosologie 
muss verdammt werden. (447 — 451.) Die Heilart besteht in Ader- 
lassen, Purgiren, Brechen, Pflanzenkost, wässrigen Getränken, Kälte, 



41 

nach gehobener strenger Diafhesis in Diaphoreticis (nur nicht bei 
Neigung zu indirecter Schwäche , Meil hier die dem Schweisse vor- 
hergehende Hitze den Uebergang in Schwäche befordern Avürde) als : 
leichte Unterstützung des Schweisses, p. Doweri, Laudanum. Ueber- 
diess Salpeter, Säuren, Blasenpflaster, Blutegel; Ruhe des Geistes und 
Gemüthes etc. Eine sparsame Anwendung aller dieser antisthenischen 
Mittel wird dringend gerathen, namentlich in Bezug auf den Aderlass 
und Schweiss (die Anwendung des Letzlern wird besonders auf den 
Rheumatismus beschränkt). (453 — 502.) 

II. Form. Asthenische Krankheiten. 

Diese nach dem Grade ihrer Stärke, nicht nach verwandten Sym- 
ptomen geordnet bieten folgende Reihe (507.), können aber doch auch 
innerhalb dieser wiederum in verschiedener Stärke auftreten (506) : 

Magerkeit durch Verdauungsschwäche -svird geheilt durch 
Nahrung, Verhindern zu grosser Ausdünstung, durch Ruhe, leichte 
Bevregung, Reiben, rubefacientia. (508. 509.) 

Unruhige Schlaflosigkeit (hulfreich dagegen: Vermei- 
den zu grosser Anstrengung, passende Reize, Weine. (510. 511.) 

Krätzausschlag, durch Schwäche der Ausdünstungsgefässe, 
wird durch gute Nahrung, Hebung der Perspiration (Kälte, Luft, "Wech- 
sel der AVäsche) gehoben. (512. 513.) 

Gelinde Harnruhr, auch besonders Leiden der Perspiration. 
(514. 515.) 

Rhachitis hängt meist von Sordes, Mangel an Bewegung, 
Kälte und schlechter Nahrung ab. (516. 518.). 

Ausbleiben der Jlenstruation, Retention, Unter- 
drückung. (Ursachen der Menstruation: erweiterter Durchmesser 
der Gefässe und ungewohnter Reiz auf den Uterus.) (519 — 547.). 

Monatsblutfluss. (Unter den Heilmitteln massige Kälte. 
(548 — 551.) 

Nasenbluten. (552.) 

Hämorrhoiden. Ursache: Schwäche aus Mangel an Reiz, 
besonders an Blut. Plethora'giebt es nicht. (553 — 555.) 

Durst, Erbrechen, In digestion und andere verwandte 
Krankheiten des Darmkanals. Verderbniss der Säfte ist nicht Schuld. 
(556 — 563.) 

Diarrhoea. Colicano dy n e. (564 — 567.) 



42 

Kinderkrankheiten: Speicheln, Erhrechen der Milch, 
grüner Stuhl, Obslruction, Würmer, Darrsucht (Tabes). (Unter den 
Reizmitteln selbst Kälte, Mosclius und Opium.) (568 — 575.) 

Gelinde Ruhr und Cholera. (576.) 

Scorbut. (577 — 580.) 

Gelinde Hysterie, besonders durch Krampf ersichtlich, 
mit geringen Gaben Opium heilbar. (581 — 583.) 

Rheuniatalgie oder chronischer Rheumatismus, 
folgt meist nach schlechter allzusclnvächender Behandlung des Rheu- 
matismus. (584 — 587.) 

Asthenischer Husten, aus direcler und indirecter Schwäche. 

(588 — 598.) 

Keuchhusten, begleitet von einem AnsteckungsslofF. (599.) 

Blas enschleimf luss. (599 — 600.) 

Gicht der Stärkeren (auch Indigestion der Schwelger), 
eine Krankheil des Darmkanals in Folge von indirecter Schwäche, 
nicht erblich, da Erblichkeit eine Fabel ist. Gicht und Dyspepsie unter- 
scheiden sich nur durch die bei der ersteren vorhandene Entzündung. 
Der erste Aufall tritt ein, wenn eine direct schwächende Ursache zur 
indirecten Schwäche hinzutritt. Kraft und Blutreichthum (Plethora) 
sind hier nur scheinbar vorhanden. (600 — 610.) 

Asthma. Ursachen und Mittel wie bei der Gicht. (610.611.) 

Krampf (Cramp, Spasm.). (612 — 613.) 

Anasar ca. (614 — 615.) 

Colic odynia. (616.) 

D ysp epsodynia. (617.) 

Heftige H y s t e r i e. Aehnlichkeit mit Epilepsie. (618.) 

Gicht der S c h \v ä c h e r n, ein höherer Grad als die der Stär- 
keren. Die Entzündung hält länger an, bleibt aber zuletzt ganz aus ; 
das Allgemeinleiden steigt und nimmt zuletzt alle Formen der Asthenie, 
oft auch den Schein der Synocha an. (619 — 622.) 

Hypochondrie (Opiate von Nutzen). (623 — 625.) 

Wassersucht. (Ursache: Atonie der Capillargefässe.) (626 
—632.) 

Epilepsie. (Heilung wie bei Gicht.) (633 — 637.) 

Lähm u n g. (Heilung wie bei Epilepsie, besonders durch Opium.) 
(638—642.) 

Apoplexie, Folge von Schwäche, nicht von Tlelhora. (643 
— 648.) 



43 

Trismus. (649 — 651.) 

T e l a n 11 s. (652 — 655) 

Inte rmittir ende Fieber, blos diircii Schwäche enislandcn. 
Durchdringende Reize wirken sicherer als China. Die Periodicilät ist 
nicht durch eine besondere Ursache bedingt, sondern durch die un- 
gleiche Heftigkeit des Fiebers. Fieber sind alle gleich, infermilti- 
rende oder remittirendc u. s. ^v., nur im Grade verschieden unter sich 
und' von andern Krankheiten dieser Form. Die Verschiedenheit des 
Typus im Allgemeinen ist durch keine Materie bedingt. Auch die 
drei Stadien des Fieberanfalls sind durch äussere Bedingungen ge- 
setzt. (656 — 668.) 

Heftige Ruhr. (669.) 

Heftige Cholera. (670.) 

Synochus = geliuder Typhus, kann leicht wie Synocha aus- 
sehen; entstehtbesonders durch Kalte (671). Einfacher Typhus oder 
Nervenrieber,besonders in Folge von "Wärme, stärker als Synochus.(672.) 

Brandige Bräune; ein Typhus, stärker als der einfache (673). 

Zusammen flies sende Blattern, auch ein Typhus, aus 
indirccter Schwäche. (674.) 

P e s t a r t i g e r T y p h u s, Kerker,- Faul- oder P e t e c !i i a 1- 
fieber und die Pest. Säflevcrderbniss, nicht durch die ansteckende 
Materie, sondern durch Stockung aus Schwäche der Gefässendigungen 
bedingt. Gemischte Schwäche ist die häufigste Ursache. Der An- 
steckungssloff und die Säfteverderbniss werden durch die reizende 
Behandlung mit gehoben, der erstere besonders durch Ausdünstung. 
(675 — 694.) 

ß. Oertliche Krankheiten. 

Diese sind: 

1) Organische Krankheiten, bei welchen nur im leidenden Theil 
ein krankliaftcr Zustand ist. Solclie Theile sind weniger empfind- 
lich, daher bleibt die AiTection örtlich; 

2) organische Krankheiten in sehr empfindlichen inneren und 
äusseren Theilen, von wo aus sich die Affeclion über den ganzen Kör- 
per verbreiten kann; 

o) derartige sthenische oder asthenische allgemeine Zustände, 
bei denen ein Symptom eine solche Höhe erreicht, dass ein Theil gar 
nicht mehr erregt werden kann, Heilmittel nicht auf ihn wirken ; 



44 

4) Zustände bedingt durch Verbreitung eines Ansteckungs- 
stoffes über den Körper, ohne dass er auf die Erregung Einfluss hätte ; 

5) Krankheiten in Folge von die örtliche Textur verändernden, 
später den ganzen Körper ergreifenden Giften. (695^ — 699.) 

I. C lasse. Ursachen: Verwundung, Quetschung, Druck, 
Verrenkung, Gifte. Behandlung : Abhaltung von Luft, Kälte, Wärme, 
Anwendung von Fonienten, Ruhe. Die Eintheilung in Phlegmone und 
Erythem ist unnöthig, da beide eine Natur haben. Ein gewisses 
Heilbestreben der Natur findet hier Statt, obgleich die Heilung selbst 
auch nur durch Erregbarkeit erfolgt. (700 — 706.) 

II. Classe'^')- Gastritis, in Folge von mechanischen und 
chemischen Reizen; sonst befällt Entzündung kaum diese Innern Theile. 
Die Behandlung besteht blos in Verdünnung und Entfernung des Rei- 
zes. (707 — 712.). 

Enteritis wie Gastritis. — Die Entzündung der übrigen Ein- 
geweide, der Leber, Milz, der Nieren, der Blase, des Uterus entsteht 
durch Verwundung, Fall u. s. w. Alle örtlichen Leiden dieser Theile 
sind sonst Ueberbleibsel anderer Krankheiten. (713 — 725.) 

Hysteritis, durch schwere Geburt mit Asthenie herbeiführen- 
dem Blutfluss. (726 — 728.) 

Abortus entweder örtlich oder mit allgemeiner Schwäche 
complicirt. (Wein und Opium!) (729 — 732.) 

Schwere Geburt. (Ursache: Schwäche.) (733 — 734.) 

Tiefgehende Wunden. Hier ist nicht sthenische Beschaf- 
fenheit, sondern Irritation, ein Zeichen von Asthenie da. Die Behand- 
lung sei massig reizend, aber erst nach Heilung der Wunde, nicht an- 
tisthenisch und nicht slhenisch. (733 — 741) 

III. C lasse. (Degeneration allgemeiner Krankheiten in ört- 
liche.) (742.) : 

Suppuration bei (allgemeiner und örtlicher) sthenischer und 
asthenischer Entzündung. (743.) 

Pustula in den Blattern. (744 — 746.) 

Anthrax (747.) 

Bubo (beim Typhus, in der Pest.) (748—749.). 

Gangraena, heisser Brand, meist Folge einer asthenischen 
Entzündung (750 — 752.). 



♦) Von Brown selbst nur als unvollkommener Entwurf und Ver- 
such bezeichnet (§. 757.) 



45 

Sphacelus, kalter Brand. (753 — 754.) 
Scrofulöse Geschwülste und Geschwüre. (755.) 
Skirrhöse Geschwülste. "Wenn die allgemeine Behand- 
lung- nichts nützt, ist die örtliche anzuwenden. (756.) 

IV. u.V. C lasse. Sind jetzt noch nicht zur Bearbeitung reif, 
da ihre Beschaffenheit noch zu unbekannt ist. (757.) 



Die Grundzüge dieses Systems hat Brown in seinem früher be- 
reits erwähnten, von ihm als acht anerkannten "Werke (er wird in 
der dritten Person dort eingeführt): Bemerkungen über die 
älteren Systeme der j\Iedicin und Umriss der neuen 
Lehre (deutsch von Böschlaub. Frankfurt a. M. 1807.) in mehr gedräng- 
ter Ordnung zusammengefasst und populär zu machen gesucht. Vor- 
ausgeschickt und angehängt sind dieser Schrift Beurtheilungen der 
altern und der Krampftheorie Cullens, wodurch Brown auch auf 
negativem Wege die eignen Verdienste fremden gegenüber zu erheben 
gesucht hat. Nicht ohne Geist und Scharfsinn spricht er hier 
manche treffliche Wahrheit aus, wohin eine für unsere Zeit sehr 
zu beachtende Stelle gehört, in welcher es heisst: die Vortheile der 
pathologischen Anatomie seien nur dann zu bemerken, wenn die Gren- 
zen ihres Nutzens in Erforschung der Wirkungen, nicht der Ursachen 
genau bezeichnet sind. Er prophezeit richtig die Sophistereien, welche 
die damals neueren Entdeckungen über Electricilät und Magnetismus 
herbeiführen würden und zeigt in klaren, eindringlichen AVorten den 
Gegensatz einer ächten Philosophie der Medicin, begründet auf In- 
duction der Thalsachen, gegenüber einer unächfen hypothetischen Er- 
forschung des letzte» Grundes, der höchsten Ursache, deren Existenz und 
Beziehungen er allein nach Art seines Systems dargestelltwissen Avill. — 
Nur Schade, dass er in diesem Gegenüberstellen der Systematik und Er- 
fahrung sich selbst oft das Urtheil spricht. Mit kritischem, obgleich flüch- 
tigem Schritt und nicht ohne Satyre geht er über die verschiedenen Theo- 
rien der letzten Zeit hin, welcheZähheit und Dichtheit des Blutes, Schärfe, 
Säure, alkalische Beschaffenheit der Säfte, Vermögen des Blutes seine 
Richtung selbst zu nehmen, Aether, hohlen Bau der Nerven, unelasti- 
sche und elastische Flüssigkeit derselben, Krampf (v. Helmont, 
Fr. Hoffmann, CuUen) nach einander alsObjecte aufstellten. Eine 
wichtige Grundidee der nachfolgenden Abtheilung, dass aller Theo- 



46 

rie ungeachtet die Praxis immer dieselbe bleibe hat er 
mit zu wenig Fleiss und geschiclillicher Gründlichkeit behandelt, um 
sie recht fruchtbringend zu machen. Brown führt seine Beweise von 
Herophilus und Erasistratus an bis Galen, Paracelsus, 
die Corpuscularärzl e , B o e r h a a v e , H o f f ni a n n , Stahl und zeigt, 
dass seli)st ein Sydenham nur die ausleerende Methode gekannt habe, 
dass die Praxis der Alexipharuiaker trotz ihrer reizenden und erhitzen- 
den Methode auch durch Drastica ausleere und dass die Empiriker un- 
wissenschafllich und ungründlich handelten. Allerdings war die anti- 
phlogistische und purgirende Methode in zu ausgedehnter Maasse an- 
gewendet worden und machte daher eine Rüge nöthig, aber es ist 
doch einseitig anzunehmen, dass das ganze Verfahren früherer Aerzle 
hierauf allein beschränkt gewesen sei und grade ist Browns Therapie 
nur da gut, wo sie mit den guten Lehren der älteren Praxis überein- 
stimmt. Das von ihm gegebene Neue ist nicht überall das Bessere. 
Ein besonderer Groll spricht sich überdiess gegen Cullen aus, daher 
die ganze letzte Abtheilung sich auf diesen bezieht, indem sie die in 
den first lines of thepractice of physic, insfitutions of medecine (1785) 
und Synopsis nosologiae methodicae dieses Verfassers gegebenen 
Lehrsätze, besonders die Lehre vom Krampf als Ursache der Fieber, 
die von der Heilkraft der Natur (Widerlegung Stahl's zu gleicher 
Zeit), von der Kälte, Periodicität, Eintheilung der Krankheiten u.s. w. 
mit einer Bitterkeit angreift, die selbst die Bescheidenheit Cullens 
nicht unbegeifert lässt und wohl nicht ganz lauteren Absichten ent- 
springt, obwohl sie Gelegenheit zur Entwicklung eigener Meinun- 
gen giebt. 

Als Anhang zu dem Systeme fügen wir der Vollständigkeit und 
Uebersicht wegen noch folgende von Brown aufgestellte Scala bei, 
wie sie nacli Lynch von Pf äff geordnet worden ist: 



47 



Scala der Erregung nach Bro-vm. 



Erre^barlieit 
0. 



Erregung 



10. 



30, 



3o. 



llester Zustand 40, 



45. 



50. 



'S \ 60. 



65. 



ro. 



so. 



I 1 

1 

I 

i j 


-— i F-— 

— I 



80. 



Tod oder verflossenes Leben. 



:5. 



65. 



60. 



.-^ 



Pest. 

Zusammenfliessende Blattern. 

Apoplexie. 

LähmUDg. 

Brandige Bräune. 

Svnochus. 



l'eripneumonie. 
I'hrenitis. 
Heftige Blattern. 
— Masern. 
Heftiger Rothlauf. 
Kbeumatismus. 



Typhus. 
Hjdrothurax. 
Schwindsucht. 
Ruhr etc. 
etc. 



53. 



f-»^ 



30. 



'^■1^ 



Gelinder Rothbuf. 

Slhenische Braune. 

Katarrh. 

Einfache Svnocha. 

Scharlachpyrexie. 

Gelinde Blattern und Masern. 

llanie. 

Schlaflosigkeit. 

Fettsucht. 



45, "S 



40. und voIUiomnienste Kräftigkeit des Lebens. 



33. 



30. 






Magerkeit 

Unruhe. 

Krätze. 

Gelinder diabetes. 

Rhachitis. 

Abnormer Monatsfluss. 

Kasenbluten. 



20, 



15. 



10. 



•1^ 

Ae/".- Scorbut. 

"•■■^o Gelinde Hvsterie. 

■■•.'^. Rheuraatalgie. 

■-.^ Asthenischer Husten. 

■ 5 Keuchhusten. 

■ ■ Blasenschleimflnss. 
:^- Podagra der Starken. 

.•^ Gelindes .ALSthma. 

•••■<?' Kolik. JlagendrUcken. 

:;i3%V' Krampf. Anasarca etc. 

.. ^ Heftige Hysterie. 

■■•?^p Podagra der Schwachen. 

'•.<{. Hydrops. 

■; Epilepsie. 

.•"ä Lähmung. 

..•■^ Apoplexe. 

..■•"•'>'^ Trismus 



Haemorrhoiden. 

Indigestion etc. 

Diarrhoe. 

Verstopfung (Colicanodync). 

Würmer. 

Tabes etc. 



Künftiges Leben oder Tod. 



Tetanus. 

Fieber, intermittirend, remiU. 

Heftige Ruhr. Cholera. 

SjTiochus. Tj-phus simplex. 

Faulige Bräune. 

Typhus pestil. 

Pest. 



-i" 



Kritik des Browii'sclien Systems ). 



Ijhe wir die Geschichte des Brown'schen Systems verfolgen, 
ist es nolhwendig einen kritischen Blick auf dasselbe zu werfen, um 
gleich von vorn herein die Anlage und den Keim zu denAVechselfällen 
des Schicksals und der endlichen Auflösung, der in dem Systeme 
selbst lag, zu erkennen. Wir versp'aren dabei die Vergleichung mit 
anderen Systemen der Vergangenheit, die Beziehung, welche es zur 
Gegenwart, und den Einfluss, den es auf die Zukunft hatte, auf eine 
spätere Darstellung, wenn es erst möglich sein Avird das ganze Schick- 
sal dieses Systems zu übersehen. 

Schon Inder äussern Form kündigt es sich als eigenthümlich und 
originell an und verdankt vielleicht auch ihr Iheilweis die grosse Sen- 
sation und den imponirenden Eindruck, den es auch auf tiefe Denker, 
ja auf die Gegner selbst zu machen pflegte. Mehr noch als in der 
spätem, durch eine verbreitete Unkennlniss der lateinischen Sprache 
nothwendig gew^ordenen, englischen Ausgabe tritt dies in den früheren 
lateinischen Editionen hervor. In diessen herrscht eine merkwürdige 
Einfachheit, Präcision und Concinnität des Ausdrucks, eine ge- 
wisse laciteische Kürze, eine studirte classische Dunkelheit der 
Diction, die nicht verfehlen konnten den Stempel einer sich selbst 



*) Wir halten es für nötbig hier zu bemerken, dass diese vorzugs- 
weise nur die Mängel des Systems trelfende Kritik absichtlich, um sie 
ganz selbstständig zu halten, vor der Leetüre jeder andern hieher ge- 
hörigen Schrift, sowohl pro als contra, abgefasst worden ist. Hieraus 
erklärt sich manches Rlangelhafte derselben, welches erst im Verlaufe der 
Geschichtsdarstellung durch Aufzählung der Gründe der Gegner ergänzt 
werden wird. Wir konnten aber auch nur auf diese Weise ein eignes 
Ganze gewinnen, welches uns einerseits mancher spätem Ausführung und 
Wiederholung überheben, andererseits aber eineBeurthellung nach neueren 
Standpuncten liefern sollte. 



49 

bewussten Bestimmtheit, einer objectiven Wahrheit der Behaup- 
tungen, jii auch den Schein einer gewissen geheimnissvollen prophe- 
tisclien Vertrautheit mit der Natur den Sätzen dieses Reformators 
einzuprägen. Dazu kommt die fast aphoristische Aufstellung man- 
cher Lehrsätze, die Einkleidung fast aller Behauptungen in die Form 
gewisser Gesetze, die strenge Consequenz und Harmonie, welche 
sich von der Anreihung der einzelnen Capitel an bis auf die Paragra- 
phen erstreckt (vergl. 3. 4. 5. 6. Kap. Th. IL); also selbst in der 
äusseren Hülle des Blendenden Mancherlei. Mächtiger noch ist der 
Eindruck des Reformatorischen. Meist w ird ein Reformator zugleich 
in gewisser Hinsicht Tyrann sein und auf diese Weise sich immer 
einen Anhang siegreich zu verschaffen wissen. Ein Reformator dieser 
Art nun war Brown, um so mehr, als er alle dazu erforderlichen Ei- 
genschaften in vollem Maasse besass. Die Geschichte der vergange- 
nen Zeiten ist ihm wie vielen anderen Reformatoren nur ein Lehrbuch 
vonirrthümern, Fehlern, vergeblichen Bestrebungen, nur die Folie sei- 
ner eigenen Leistungen. Was früher war, ist dem Untergange ge- 
weiht. Auf den Trümmern dieser alten ^^'elt, obgleich mühsam er- 
richtet und durch das Feuer der Zeit geläutert, ersteht nun neu im 
genialen Aufflug hervorgezaubert ein Werk des einen Augenblicks, 
in welchem der zündende Gedanke Feuer hervorlockfe. Gleich 
anderen Reformatoren rief Brown den Spott, die Satyre, die 
Verhöhnung seiner Vorgänger zu Hülfe und wussfe durch Betäu- 
bung da zu siegen, wo die Einsicht und die Erkenntniss nicht Wur- 
zel schlugen. Auch er besass jenen Stolz, jenes Selbstgefühl des 
eigenen Werthes, das nothwendig ist, um mit Sicherheit gegen Jahr- 
hunderte aufzutreten, und welches die Achtung der Tieferstehenden 
erzwingt; jenes Gefühl der Kraft, jenen Enthusiasmus innerer Wahr- 
heit, ohne welche das Bewusstsein eines grossen Zweckes, das auch 
Brown beseelte, nimmer zur That reift. Auch ihn hatte das Ideal 
seiner Schöpfung mächtig erfasst und hielt ihn mit der GeM alt einer 
fixen Idee fest. Ohne diese Begeisterung für seinen Zweck wäre es 
nie möglich gewesen, eine solche Consequenz zu behaupten, die über 
alle Schwierigkeiten walirhaft oder scheinbar siegreich, bald mit ge- 
waltigem Vernichtungstrilte, bald mit den Künsten einer mehr oder 
minder gewandten Sophistik und Dialektik hinwegschritt. — Und wenn 
in diesen mehr äussern Momenten der im System und seinem Schö- 
pfer liegenden Gründe — die anderen lagen in der Zeit und dem 
Zustande der Medicin — schon die Erklärung für den stürmischen 



50 

Erobcrungsschrilf, mit dem die neue Schöpfung ihre Bahn durchlief, 
aufzutauchen beginnt, so wird diess vollends klar, wenn die mehr 
innern Gründe und Anlagen in Erwägung gezogen werden. Hielier 
rechnen wir die Einfachheit des Grundprincips. die Consequenz und 
Durchführbarkeit, die leichte Erkennbarkeit ohne besondere Abstrac- 
tion als blosse Auffassung äusserer Erscheinungen, die plausible 
Erklärung aller Erscheinungen durch dieses Prinoip mit seiner überall 
möglichen Applicirbarkeit , den Schein mathematischer Gewissheit 
durch die quantitative Scala, die Erleichterung für Diagnose und 
Therapie in einer fast blos zwiefachen, äusserlichen Rücksichtsnahme 
und dann auch manche gediegene Wahrheiten , die hier ausgespro- 
chen oder in ein helleres Licht gesetzt wurden. Die Untersuchung 
dieser Gründe führet uns zu der Betrachtung des Systemes selbst. 

Alihängigkeit des I^eliens. 

Der erste und wichtigste Grundzug des Brown'schen Systems 
ist die ausgesprochene Abhängigkeit des Lebens, das als ein nicht 
natürlicher, sondern erzwungener, nur von den Aussendingen ge- 
setzter und hervorgerufener Zustand bezeichnet war (vergl. Pfaff 
§ 72. 148. 327.). 

Anstatt des Selbstbelebten, welches die Physiologie deutlich 
in der Zeugung und dem Leben der Nerven, der Blutkörperchen, der 
Zellen, überall in dem eigenthümlichen durch sich selbst gesetz- 
ten Leben einzelner Organe nach allbekannten nicht mehr abzuläug- 
nenden Daten nachweisst, setzt Brown ein erzwungenes nur im 
Reize bestehendes Leben; anstatt der überall an dem freundlichen 
Zusammenwirken der Organe erkennbaren Tendenz zur Erhaltung, 
die dem feindlichen Einstürmen der Aussendinge sich widersetzt, sieht 
er eine beständige Neigung zur Auflösung,' die nur durch äussere 
fremde Kräfte aufgehalten wird. Anstatt der Wechselwirkung des 
Makro- und Mikrokosmus, die allerdings zum Leben nothwendig ist, 
nimmt er die volle Abhängigkeit des letzteren an. So muss er den 
so mühsam errungenen erst von Paracelsus näher entwickelten 
Begriflf des organischen Lebens (weil dieser nur in dem eingeborenen 
Leben der einzelnen das Leben des Individuums constituirenden Or- 
gane wurzelt) mit einer dem organischen Substrat grösstentheils 
von aussen eingepllanzten allgemeinen Eigenschaft verlauschen, 
(S. Anmerk. S. 213.) Er zerstört den Begriff der nach innerer 
Nothwendigkeit waltenden Zweckmässigkeit des Bildungstriebes 



51 

(Stahl), den Begriff der Freiheit des physischen wie psychischen und 
moralischen Lebens, die aus dem Eigenleben des Organismus folgen- 
den Bestrebungen des Insfincls, des Willens der Naturlieilkraft (§ 95, 
706), der Reaction. Er bleibt die Antwort schuldig auf die Frage 
nach dem deutlich erkennbaren Unterschied des Primären und Secun- 
dären in der Wirkung der Aussendinge, von denen das Erstere vor- 
zugsweise dieser, das Andere dem Organismus zukommt; er muss, 
um consequent zu sein, die ersten Uranfange der Bildung des Embryo 
auch von aussen abhängig machen, den mit diesem Erstlingsorganis- 
mus identischen Körper der Mutter als Aeusseres, Blut und Säfte, die 
doch wahrhaft innere integrirende Bestandlheile sind, als äusserlich 
bezeichnen und so nicht nur das Leben seiner schönen Selbstentfal- 
tung und Erhaltung berauben, zum Product der Aussenwirkung statt 
zum Factor der Lebens-Acusserungen machen, sondern er muss auch 
die inneren Bestandlheile dieses Producles zerreissen und in die Ein- 
heit dieser erzwungenen Bildung die Zwietracht innerer und äusserer 
Potenzen werfen. Er erkennt nun zwar den Abgrund, an dem er 
steht, und rettet sich vor dem vernichtenden trostlosen Hinblick auf 
das Unbelebte, indem er Muskelcontraction, Sinne, Leidenschaften, 
Versland, AfFecte sowohl durch äussere Dinge als durch sich selbst 
erregt werden lässt, aber er sagt uns nicht, wieso gerade diese 
den Vorzug verdienen die Consequenz seiner ganzen Annahme — 
und mit Recht — zu stören, indem sie den Keim des Lebens in sich 
tragen. Demnach ist sogleich die erste Definition (§ lO) ein 
Zirkelschluss. 

Erregbarkeit. 

l^nd was ist der Ersatz für das Entrissene, den uns Brown 
bietet? Es ist der Begriff der Erregbarkeit, ein Begriff, der 
nothwendig war, um das Belebte vom Unbelebten, vom todten Ma- 
terial des Unorganischen das Organische (welches als abhängig von 
aussen sonst mit jenem zusammenfallen würde) zu trennen. 

Es tritt dieser Begriff der Erregbarkeit bei Brown an die 
Stelle der früheren Lebensprincipe, des 1'voQf.iov des Hippo- 
krates, des Pneuma bei Plato und den Stoikern, der Entelechie 
des Aristoteles, der Lebenskraft des Paracelsus, des Ar- 
chaeus bei Helmont, der Seele bei Stahl, des Aethers bei Hoff- 
ni a n n etc. ; aber es ersetzt diese wie wohl oft nur hypothetischen 
Annahmen keineswegs. Ja selbst die mechanischen und chemi- 

4* 



52 

sehen Ansichten vom Wesen des Lebens stehen über diesem neuen 
Symbol, weil sie die Wesenheit desselben, seine inneren Vorgänge 
und Processe, Avenn auch auf einseitige Weise, erklären. Der Be- 
griff der Erregbarkeit aber giebt kein Princip des Lebens, weil ein 
solches den i n n e r n Grund und die tief in dem Organismus selbst 
begründete Bedingung, Kraft und Erklärung des Lebens in 
allen seinen Ercheinungcn enthalten und umfassen soll. Die Erreg- 
barkeit ist nur eine durch die Aussenwelt bedingte Eigenschaft 
und Fähigkeit der organischen Materie, eine einseitige M ö gli ch- 
keit der Lebensthätigkeit, die zur Erklärung der allseitigen Actio- 
nen benutzt wird. Es ist dieser Begriff ferner ein nicht durch Beob- 
achtung als wahrhaft vorhandener, als realer in's Leben tretender 
Grund gefunden, sondern er ist mehr ein logischer, aus dem Factum 
der Erregung entwickelter, abstrahirfer, supponirter Begriff, un- 
gefähr eben so, als wenn man aus dem Begriffe des Lebens die Le- 
bensfähigkeit zum Princip erheben wollte. Mögen viele jener oben 
erwähnten Principe hypothetisch, halb, einseitig sein, sie haben doch alle 
das Bestreben, dem Grund der eigentlichen Lebenskraft auf die 
Spur zu kommen; sie haben theilweise auch als Grund vieler Actio- 
nen factische Bestätigung gefunden. Aber das Stehenbleiben auf der 
Oberfläche der Erscheinung, das Sichbegnügen mit einem blos 
äusserlichen, durch den Verstand erst erschlossenen Begriff ist ein 
Hemmniss in dem Fortschritte der Wissenschaft. Und Brown giebt 
sich nicht einmal die allerdings unfruchtbare Mühe, das Wesen dieser 
Erregbarkeit genauer zu definiren; ,,ob es ein Stoff oder eine Eigen- 
schaft sei, wie jede tiefere Frage" kümmert ihn nicht (§ 18). Mit 
seinem blos die Aussenseite berübrenden Streben giebt er auch hier 
nur die Eigenschaften dieser Eigenschaft an, die eigentlich der Er- 
regung angehören, aber durch Verstandesschluss der Erregbarkeit 
zugeschrieben werden. Diese Erregbarkeit wird als eine allge- 
meine, den ganzen Körper gleichmässig sogleich ergreifende, an 
verschiedenen Orten nicht verschiedene, überall von gleicher Be- 
schaffenheit entweder erhöhte oder erniedrigte, nur gradweise an ein- 
zelnen Orten abweichende bezeichnet (§48 — 56). Diese Erregbar- 
keit wird also nicht, wie der Begriff des Organischen, durch das Ein- 
zelleben der besondern Organe, durch die Erregbarkeit der einzelnen 
Theile zusammengesetzt, sondern ist ungetheilt. Abgesehen 
davon, dass diese Erregbarkeit eigentlich nur durch die Aussenwelt 
gesetzt wäre, dennoch aber eine besondere Empfindlichkeit einzelner 



53 

Organe von Brown gleich von vornherein statuirt >vird, also gewis- 
sermassen doch eine Selbstständigkeit des Organismus, die das 
ganze Grundprincip umwirft, so muss diese besondere Reizempfäng- 
lichkeit nicht blos eine quantitativ, sondern auch qualitativ verschie- 
dene örtliche Erregbarkeit sein, -welche alle im Verein die allge- 
meine Erregbarkeit als Product nicht als Ursache ergeben. Die all- 
gemeine Erregbarkeit zersplittert sich daher nicht, sondern sie wird 
erst gebildet. Der Beweis nun für die Allgemeinheit der Erregbar- 
keit, der in dem unmittelbaren ohne Folgereihe sichtbaren Ent- 
stehen der Empfindung, Bewegung gesucht wird, beruht auf Ver- 
kennung der Gesetze der Conbinationen des Lebens, welche ohne ein 
von uns wahrnehmbares Zeitmaass dennoch in Uebergängen eine 
Action nach der andern erzeugen. Wie soll überhaupt ein Theil 
empfindlicher sein, mehr afiicirl werden können, wenn die Erregbar- 
keit nicht eine örtliche ist? Und wenn es ausser dieser nicht nocli 
eine Erregbarkeit giebt, muss da nicht der Begriff einer allgemeinen 
Erregbarkeit mit der örtlichen zusammenfallen oder vielmehr kann 
nicht unbeschadet der allgemeinen Lebenskraft zugleich eine be- 
scliränkte angenommen werden, was Brown zu negiren scheint? 
Auch von Andern wird die Lebenskraft als allgemein angenommen, 
aber diese nicht als ungetheilt gleichmässig , sondern als in verschie- 
denen Organen verschieden waltend. Und sei auch die Lebenskraft 
der Organe nur eine nach bestimmten Normen nüancirle Richtung der 
allgemeinen, w eiche mehr abstract als wirklich ist, so ist die Phy- 
siologie ein für allemal Bürge für ein localbesohränktes Eigenleben 
der Organe. Die Experimente der Erregung durch chemische Sub- 
stanzen (Gifte), die Gesetze der Reflexbewegungen, der IVervenleitung 
von den Centren nach der Peripherie, der Isolirung durch die Gan- 
glien, die Gesetze der organischen Bildung in der Entwickelungsge- 
schichte, der Ernährung, Zurückbildung etc. sprechen für eine von 
bestimmten Puncten aus fortwirkende secundäre Erregung des Sy- 
stems, die nach Brown ebenso wie die Gesetze der Sympathie, des 
Consensus, des Antagonismus, der Wechselwirkungen wegfallen 
niüsste. Mag immerhin durch jede Schädlichkeit, jedes Heilmittel der 
ganze Organismus mehr oder weniger ergriffen sein und weder 
Krankheit noch Heilung ahne die allgemeine durch die Nervencentra 
vermittelte Theilnahme Statt finden können, ein primäres Ergriffen- 
sein, eine primäre Erregung, die nach Brown eigentlich nicht be- 
steht, kann nicht abgeläugnet werden. Und in der Tliat scheint 



54 



er im Widerspruch mit sich, wo er von der unmittelbaren Einwirkung 
spricht (§ 49), etwas dergleichen zuzugeben. Wenn ferner eine 
Berecknung der Grade des Leidens einzelner Theile mit denen des 
ganzen Organismus Statt finden soll, so muss es entweder zweierlei 
Erregbarkeiten geben oder die allgemeine muss auch zugleich örtlich 
sein können. Wir begreifen nicht, wie die allgemeine Erregbarkeit 
im ganzen System entweder aufgehäuft oder erschöpft sein muss, 
und wie dennoch einzelne Organe höhere oder niedere Grade die- 
ser Eigenschaften besitzen sollen. Ist jenes Vcrhältniss nur ein 
quantitatives, so ist nicht abzusehen, warum nicht, Avie es auch wirk- 
lich der Fall ist, einzelne Organe erschöpfte, andere aufgehäufte 
Erregbarkeit haben sollen, da es sich ja hier nur um Grade handelt. 
In jedem Falle aber bedingt selbst diese quantitative Verschiedenheit 
doch auch eine örtlich modificirte Erregbarkeit, welche Brown's 
Definition der allgemeinen widerlegt. 

Wie geht es ferner ohne örtliche Erregbarkeit zu, dass be- 
stimmte speci fische Einwirkungen, z.B. der Nahrungsmittel auf 
den Darmcanal (§ 51), bestimmte Organe erregen ? Spricht nicht der 
§ 53 im Widerspruch mit der unmittelbaren gleichmässigen Erregung 
des ganzen Körpers von einer (wenn auch nur flüchtig) vorhergehen- 
den Schwäche oder erhöhten Erregung einzelner Theile ? Kann dies 
ohne örtliche Beschränkung gedacht werden? und selbst ohne qua- 
litative Verschiedenheit, die Brown gänzlich desavouirt? 

Es müsste nach dieser Theorie der allgemeinen Erregbarkeit 
die Eintheilung der Krankheiten in allgemeine und örtliche gar nicht 
Statt finden können ; es Aväre bei der Heilung gleichgültig, von wel- 
chem Puncte aus man den Organismus zu erregen suchte, da in jedem 
Falle die zur Heilung nothwendige allgemeine Erregung erfolgen 
müsste; man hätte nicht nöthig, mehrere Heilmittel zugleich anzu- 
wenden, um von verschiedenen Puncten aus eine glcicbmässige Er- 
regung hervorzurufen u. s. w. Doch werden wir diese Sätze später 
wieder aufnehmen und wenden uns jetzt zu einem zweiten characleri- 
stischen Grundzuge, der mit starrer Consequenz durch das vorlie- 
gende System durchgeführt ist_. 

Q,uantitativefs Eileinent. 

Das quantitative Element liegt nach Brow n allen Erschei- 
nungen des Lebens zu Grunde, bedingt Gesundheit und Krankheit, 
kommt bei der Betrachtung ursächlicher Einwirkungen, bei der Vor- 



55 

gicicliung und Werlhscliälzung der Symptome, bei der Beurtlieilung, 
Erkenntniss, Zusammenslellung der Krankheitsformen, bei der An- 
reihung und Wahl der Heilmittel, in Pathologie und Therapie, mit ei- 
nem Wort allein zur Anschauung, ist einzig und allein Lebensbe- 
dingung und Erscheinung. 3Iit einer wahrhaft despotischen, aller 
Rücksicht ledigen Consecpienz trägt diese Seile des Lebens den Sieg 
aber die andere nicht minder -wichlige, die qualitative, davon; diese 
wird gänzlich verachtet, ja geläugnet, und so entsteht im Wider- 
spruch mit sich und mit der Erfahrung eine in der Tliat originelle 
Theorie, die auf Senkblei und Winkelmaass, auf Addition und Sub- 
traction gezimmert ist. Nach einer auf- und absteigenden Scala wird 
die Baromelerhöhe des gesunden und kranken Lebens gemessen, das 
flüssige, wandelbare Leben in starre arithmetische Verhältnisse ge- 
bannt, der Schein einer mathematischen Gewissheit in willkührlichen 
numerischen Salzungen nacii sclbstgewählten Nornialzahlen gesucht. 
Alle physikalischen, iatromathematischen Theorieen der Vorzeit, die 
Medicina statica eines S an tori , Borelli, Bcllini, so verwerf- 
lich ihre todte Naluranschauung war, erläuterten doch wenigstens Le- 
bensprocesse und Vorgänge nach Analogie der grossen Natur und 
berücksichliglen eben die Qualität; für diese Bro wüsche Annahme 
giebt es aber keine Analogie in der Geschichte wie in der Natur. 
Wie die Kraft an die Materie, ist die Quantität an die Qualität gebun- 
den, jene eben so wenig etwas Zufälliges als diese. Beide sind 
durch einander bedingt und keine ohne die andre zu denken. Es giebt 
eine Quantität und Qualität der Kraft wie der Materie. Dieser Unter- 
schied kommt aber keineswegs bei Brown in Betracht. Die orga- 
nische Materie ist bei ihm untergeordnet und an die Stelle der Lebens- 
kraft tritt eine supponirte Eigenschaft; nur die Quantität dieser Eigen- 
schaft, nur die des Products der Erregung, nur der Grad der sicht- 
baren äusseren Wirkung und die Einflüsse der äusseren Potenzen 
misst er und giebt daher ein einseiliges, äusseres Maass für seine ein- 
seitige äussere Ansicht des Lebens, zu dem einen durch die schwere 
Ergründung des Lebens verzeihlichen Irrlhum das willkührlichc Ver- 
kennen als schlimmeren^Genosseu fügend. — Wir werden Gelegen- 
heit haben, im Einzelnen auf diese Annahme zurückzukommen und 
das Fehlerhafte derselben nachzuweisen. 



56 

Verhältniss der Reize zur Erregbarkeit. 

Die ganze Physio- Pathologie Brown's beruht auf drei Pfei- 
lern, auf dem Verhältniss l) der Reize, 2) der Erregbarkeit und 
3) der Erregung, und von dem mittleren, höheren oder niederen 
Maasse derselben hängen die Zustände des Lebens, Gesundheit oder 
Krankheit ab. — ad l) Wir werden später nachweisen, dass 
zwar alle erregenden Potenzen reizen, insofern sie eben erregend 
wirken, — die Meinung aber, dass nur durch Erregung (im Ueber- 
maas oder zu wenig) Schwäche erzeugt werde durch das Vorhanden- 
sein auch direct schwächender Potenzen, ohne Beihülfe der Erregung, 
zu beschränken suchen. Hiervon abgesehen, theilt Brown die Reize 
nach Graden (über die Vernachlässigung der qualitativen Seite weiter 
unten) und spricht von einem mittleren, einem höheren und einem 
niederen Reiz. Hierbei hat er offenbar wiederum die Aussenwelt 
als wichtigeres Agens im Auge; er vergisst, dass der Grad des Reizes, 
wenn wir einmal diesen im Auge behalten wollen , nichts Absolutes 
ist, dass erst mittelst der Erregbarkeit, ohne welche ja die erregende 
Potenz nicht wirken kann, die Erregung hervorgeht. Wenn nach 
seiner eigenen Aussage ein bestimmtes Maass der Erregbarkeit dem 
Menschen ursprünglich beigegeben ist (ein Widerspruch gegen die 
absolute, anderweitig angenommene Abhängigkeit des Lebens), diese 
Erregbarkeit nun noch durch das Alter modificirt wird , einzelne 
Organe mit einer höheren oder niederen Erregbarkeit begabt sein 
können, so spricht dies offenbar für eine Relativität der Erregbarkeit 
zur Aussenwelt. Auf gleiche Weise aber muss sich auch diese nach 
der Erregbarkeit richten. Es kann eine Gemüthsbewegung für die 
Erregbarkeit des Einen ein mittlerer, für den andern in gleichem Alter 
Stehenden ein höherer Reiz sein ; es kann eine anstrengende Be- 
wegung für die Erregbarkeit eines Kindes ein mittlerer Reiz sein , für 
einen erwachsenen Mann aber ein zu grosser, weil auch das Alter 
kein absolutes Maass der Erregbarkeit besitzt (§. 26), sondern diese 
sich nach der ursprünglichen oder erworbenen Gabe richtet. Es 
kann die Luft für die Lunge des Einen ein nur geringer, für die des 
Andern ein zu grosser Reiz sein. Es giebt nun allerdings in 
Brown's Sinne auch absolut zu grosse und zu geringe Reize (Gifte, 
mephitische Luft), welche unter allen Umständen krank machen oder 
tödten, doch kann von diesen, wo es sich um die Gesetze physiolo- 
gischer Einwirkung, nicht um Zerstörung des Lebens handelt, hier 
nicht die Rede sein. — Dazu kommt, dass in dem ganzen Buche nur 



57 

an einigen Stellen wie zufällig von der Gewöhnung an Reize die 
Rede ist, welche doch, ohne dass ein quantitatives Verhällniss der 
Erregung zur Berücksichtigung käme, gerade gegen eine be- 
stimmte Art von Reizen nicht reagirt und selbst von höheren 
Graden derselben nicht mehr afficirt werden lässt , während gerade 
durch andere, geringere Reize , besonders bei Ungewohntsein, eine 
vermehrte Erregung hervorgebracht wird. Noch mehr ist dies bei 
den sogenannten Idiosynkrasieen der Fall , wo der geringste Grad 
eines verhassten Reizes selbst bei sonst normaler Gesundheit heftige 
Reaction erzeugt. Gerade diese Wirkung des Lebens übersehend, 
statuirte Brown von den Reizen ausgehend eine einseitige Stufen- 
leiter derselben, die erst durch die Beziehung zum Leben selbst 
gebildet werden kann, und hat auch hier wieder die einseitige Ab- 
hängigkeit des Lebens durchgeführt. Ein solches Gesetz , wie es 
z. B. §. 23 enthält, hat daher keine Gültigkeit, Aveil die Erregung 
nicht im Verhältniss mit dem Grade des Reizes stehen kann, wenn 
dieser erst durch die Receptivität und Erregbarkeit des Organismus 
seinen Grad erhält (die Qualität ist dem Reize selbst eigen und 
in Bezug auf diese wäre ein solches allgemeines Verhältniss gewiss 
zu statuiren). Eben so wenig kann von Verhältnissen, wie sie der 
§. 25 bei mittelmässigen Reizen einer mittlen Erregbarkeit gegenüber 
aufstellt, die Rede sein. 

ad 2) B r w n lässt zwar unentschieden , ob er die Erregbar- 
keit für eine Fähigkeit oder für einen Stoff hält, die Ausdrücke auf- 
häufen und erschöpfen aber scheinen mehr für Letzteres zu sprechen. 
Er muss das Leben also für ein beständiges Entziehen und Ersetzen 
der Erregbarkeit nehmen , sonst könnte ja nur das Erstere Statt fin- 
den, da alles Leben im Reize besteht, der Reiz aber entzieht. Das 
Vermehren aber geschieht nur indirect durch zu geringe Reize, ist 
mithin krankhaft, während Ersteres normal sein würde. 'NVenn nun 
gesagt wird, dass die mittlere Erregung Gesundheit erzeuge (§. 23), 
so muss doch auch ein massiger Grad von Reiz nach der quantitativen 
Ansicht Br own's entziehend auf die Erregbarkeit wirken; wie geht 
nun dieser Ersatz vor sidi? wird dieser durch materielle Reize der 
Aussenwelt vermittelt? Ist ferner durch einen zu grossen Reiz die 
Erregbarkeit erschöpft, soll sie sich dann durch immer geringere 
Reize wieder aufhäufen können, selbst wenn ein geringer Reiz auf 
eine erschöpfte Erregbarkeit noch entziehend wirken muss, so er 
überhaupt wirken soll? Dies würde eine negative Heilmethode statt 



58 

der positiven ergeben. 3Ian sieht, wohin die Consequenz führt, 
wenn die eigene Kraft des Körpers übersehen, das Leben blos auf 
eine Umstinnnbarlteit durch die Aussenwelt, nicht auf eine Gegen- 
wirkung mit ausgedehnt wird. Um die ersetzende , ausgleichende 
Thätigkeit des Organismus abzuschwören, muss die Wechselwirkung 
der Reize auf die Erregbarkeit dunkel bleiben, darf die Art des Ersatzes 
der letzteren gar nicht berührt werden. Es bleibt kein deutliches 
Kennzeichen zwischen dem gesunden und kranken Leben, da liier wie 
dort Entziehen und Vermehren die Hauptsache ist, da eine Einwirkung 
der Reize auf die Erregbarkeit ohne jenes nicht gedacht werden 
kann , dieses aber auf dem Wege selbstsländiger Reaclion nicht an- 
genommen wird, also selbst in gesundem Zustande nur eine Gegen- 
wirkung von Reiz auf Reiz , ein Bessermachen dessen , was der eine 
Reiz verschuldet, durch den andern statuirt werden könnte. Wir 
haben gar nicht nöthig, auf die täglich vorkommenden Fälle einer 
Ausgleichung der Primärwirkung durch die Secundärwirkung des 
Organismus ohne alle Beihülfo sogenannter entziehender oder ver- 
mehrender Reize zu verweisen, — ein Unterschied der Wirkung, den 
Brown gar nicht kennt, — wir wollen ihm nur nach seinem eige- 
nen System zeigen , dass ein ursprüngliches Maass der Erregbarkeit, 
eine Stärke der Lebensalter, der Leibesbeschaffenheit bei solchen 
Begriffen gar nicht bestellen kann. Wenn eine beständige Variation 
der Erregbarkeit, eine stete Wechselbeziehung zwischen stärkenden 
und schwächenden Reizen Statt findet, die Erregbarkeit nicht durch 
den Organismus ersetzt werden kann, dieser die Reize nicht zu über- 
winden vermag, dann hört alle Stärke, alles Maass, alle Bedingung 
der Constitution, des Temperaments u. s. av. auf; dann bestellt nur 
ein Unterschied in dem leichteren und schnelleren Unterliegen. Es 
müssJe aber dann durch das angebrachte Maass neuer Reize nichts 
leichter sein, als alle Constitutionen auf gleichen Fuss zu setzen. 

ad 3) Die Erregung wird endlich als Wirkung der erregenden 
Potenzen bezeichnet, ohne auch nur den Factor der Erregbarkeit, der 
an sich schon ein todter ist, mit als Ursache zu involviren, während 
doch von einem Grad der Erregung die Rede ist, der gar nicht ohne 
vorgängiges Verhällniss der Erregbarkeit gedacht werden kann. 
Die Erregung richtet sich ja darnach, ob die erregende Potenz auf 
eine erschöpfte oder aufgehäufte oder normale Erregbarkeit trifft. ' 
Die Erregung wird als wahre Ursache der Bildung und Erhaltung 
bezeichnet. Als Grund dafür werden die reizende Einwirkung aller 



59 

Potenzeil (s. unten) , das Verhältniss der Stärke der Verrichtungen 
zu der Kraft der Potenz (bewährt sich keineswegs, weder im System 
noch in der Erfahrung) und die Wirkung der Heihnittel (s. unten) 
angeführt und darauf basirt sich fälschlich die an sich wahre Ver- 
wandtscliaft der Gesundheit und Krankheit. Ein Product der Lebens- 
kraft wird auf diese Weise zur Ursache, zur Lebenskraft selbst, eine 
Aeusserung des Lebens zum Wesen veredelt. 

Erregung. 

Der gehörige Grad der Erregung setzt Gesundheit, Uebermaass 
oder Mangel setzt Krankheiten oder die ihnen vorausgehende Anlage; 
— also wiederum nur eine quantitative Bestimmung. Indem aber die 
Gesundheit als eine angenehme, leichte und genaue Ausübung aller 
Functionen bezeichnet wird, Krankheit als das Gegentheil, muss die 
zur Gesundheit nothwendige Erregung in allen Theilen gleichmässig 
sein. Die Erregung selbst ist aber nicht allgemein, selbst wenn wir 
die Erregbarkeit als solche annehmen wollten; sie ist in den verschie- 
denen Theilen verschieden, quantitativ und qualitativ, und die Be- 
zeichnung Brown's mit dem „gehörigen Grad" erleidet dadurch 
eine bedeutende Beschränkung, dass dieses scheinbar absolute Maass 
■wohl selten im ganzen Umfange angetroffen werden dürfte. Der 
Begriff der Gesundheil ist aber relativ, einmal in Beziehung zu an- 
deren Individuen , dann in Beziehung auf den eigenen Körper, der im 
Verhältniss zu seiner Beschaffenheit immer noch gesund genannt wer- 
den kann; die letztere Art der relativen Gesundheit würde nach 
Brown gar nicht Statt finden. — Dieser viel zu allgemein gefasste 
Begriff des „gehörigen Grades", wobei weder das Verhältniss der 
Reize , noch das des Körpers einen Anhaltspunct giebt , soll nun da- 
durch bestimmt werden , dass die Gesundheit zwischen Krankheiten 
durch Uebermaass und durch Mangel an Erregung in die Mitte gestellt 
wird, d. h. es soll ein an sich so relativer und unbestimmter Begriff, 
wie das „gehörig" durch einen eben so relativen und unbestimmten 
Begriff wie „Uebermaass und Mangel" definirt werden. Was ist zu 
viel und was zu wenig ithd was ist gehörig? Resultirt etwa aus so 
schwankenden und relativen Begriffen eine deutliche Grenze zwischen 
Gesundheit und Krankheit? Und auch zugegeben, dass Brown 
diese Relativität eingesehen hätte, wiewohl seine Scala der Erregung 
das Gegentheil beweist, ist dieser Mangel, dieses Uebermaass der 
Erregung eine genügende Ursache so verschiedener Zustände ? Kann 



60 



nicht eben so gut selbst bei einem Uebermaass als bei dem Mangel 
von Erregung durch die Bekämpfung des Organismus immer noch 
Gesundheit bestehn? Was stimmt also diese zur Krankheit um? 
Und ferner kann nicht ein Uebermaass der Erregung in einem der 
Bedeutsamkeit der Organe nach tiefer stehenden Theile Slalt finden, 
ohne Krankheit zu erzeugen? Ist nicht diese Steigerung oft erst 
die Folge eines qualitativ feindlichen Zustandes, während sie hier als 
Ursache obenan gesetzt >vird? Giebt nicht Brown die blosse Er- 
scheinung wie bei der Erregbarkeit so auch hier als Ursache, Be- 
dingung an? Doch sehen wir erst, wie er die Stufenleiter der 
Erregung aufstellt. Erregung und Erregbarkeil stehen in umgekehr- 
tem Verhältniss und die erregenden Potenzen wirken in folgender 
Reihe verändernd auf die Erregbarkeit : (S. die Scala oben.) 



Verhältniss der Grade der 
erregenden Potenzen 
zu den 
Graden der Erregbarkeit 80 



10 


20 


30 


40 


50 


60 


70 


70 


60 


50 


40 


30 


20 


10 



80 







Die Erregungszustände aber, welche den Krankheiten zu 
Grunde liegen, sind folgende: Wenn die ganze Scala der Erregung 
in 80 Grade getheilt wird, so würden die Grade von 30 — 50 der 
Gesundheit angehören, die von 50 — 70 der slheaischcn, von 70 — 80 
der indirect asthenischen, von 30 — abwärts der direct asthenischen 
Beschaffenheit. Zwischen 40 und 55 bestünde die Anlage zu stheni- 
schen , zwischen 40 und 25 die zu asthenischen Krankheiten. So 
viel Wahres nun im Allgemeinen in dieser Sfufenreihe der Erregung 
in Betreff der Ueberreizung und Entziehung liegt, wodurch Brown 
wirklich seinen grossen Geist bewährt hat, so sträubt sich doch der 
wandelbare Genius des Lebens gegen eine so todte Berechnung nach 
Graden ; denn l) sind die Grenzpuncte zwischen den einzelnen 
Stufen nicht so genau und fest zu halten. Es kann hier eine 
solche Entziehung, dort eine solche Vermehrung Statt linden, 
dass weder hier noch dort eigentlich asthenische oder sthenische 
Zustände Statt finden, ohne selbst eine Anlage zu beiden zu enthal- 
ten. Es kann für den Einen selbst in gesundem Zustande eine Ver- 
mehrung der Erregbarkeit selbst in einem Grade ohne Schaden vor- 
übergehn, wo sie einem Andern einen asthenischen Zustand bereiten 
würde; es kann selbst eine vermehrte Erregung die Gesundheit bis 
zur Sthenie steigern, ohne dass hierin der Begriff des Krankhaften 



61 

liege, der nur in Ueberreizung (Hypersllienie) enlhallen ist, die 
später nach Brown zur indirecten Asthenie führt. Wo beginnt 
Reizung, wo Ueberreizung? Und wo liegt in dem Begriff der Ver- 
mehrung der Erregbarkeit der Begriff der Schwäche? Abgesehen 
davon , dass nach Brown nur eine verminderte Erregung die Erreg- 
barkeit vermehrt, eine vermehrte sie vermindert — ein Verhältniss, 
was die Erfahrung gar nicht iil)erall bestätigt — , ist bei dem auf 
Schwäche beruhenden Torpor immer auch vermehrte Erregbarkeif, 
nicht viehnehr die grüsste Indifferenz vorhanden? ist nicht dagegen 
bei dem Erethismus, der nach Brown auf Stbenie beruhen müsste, 
oft die grösste Erregbarkeit? Wir sehen demnach ein, 2) dass die 
Zustände Brown 's keineswegs weder für die innere noch äussere 
Erscheinung der Krankheiten genügende Erklärung abgeben : diess 
hängt aber davon ab, dass er a) die Begriffe Stärke und Schwäche 
und die der Reizung und Erregung zusammenwirft, dass er b) die 
quantitativen Verhältnisse allein berücksichtigt und c) von einem ein- 
seitigen Dynamismus ausgeht. 

Sthenie und Asthenie. 

Verminderte Erregung ist noch keine Schwäche , vermehrte 
keine Stärke. Es ist die Erregung ebenso abhängig von aussen 
als von dem Organismus. Sie beruht auf einer bestimmten Kraft 
desselben, der Erregbarkeit, diese selbst aber ist eine beson- 
dere Eigenschaft des Körpers, basirt auf eine eigenthümliche Recepti- 
vität desselben , welche in Uebereinstimmung mit dem physischen und 
geistigen Verhalfen des Menschen entweder angeboren oder durch 
Erziehung und andere Umstände erworben, dem Körper innewohnt. 
Es kann diese Erregbarkeit aber darniederliegen oder erhöht sein, 
ohne die Grenzen der Gesundheit zu überschreiten; sie kann selbst in 
übermässigem Grade vorhanden sein, oder in zu geringem, dort eine 
bedeutende Irritabilität, hier Torpor erzeugen, ohne mehr als eine 
besondere Eigenschaft, einen besondern, vom Normalen abweichenden 
Zustand hervorzubringen "•). Die Grenzen der Gesundheit hängen 



*) (Späterer Zusatz.) Sehr ricbtig führt Pfaff die Asphyxie und ein 
Beispiel von langsamer Enthaltsamkeit und von Einwirkung aller schwächen- 
den Potenzen an, in denen dennoch der Begriff Krankheit nicht statuirt wer- 
den kann. Jenes ist ein plötzlicher, dieses ein langsamer Zustand von gänz- 
licher Verminderung der Erregung ohne Krankheit zu heissen. — Lässt sich 
eine directe Asthenie nun recht gut durch Entziehen von Reizen denken 
und eine indirecte durch zu grosse Ueberreizung, wodurch die Erregbar- 



62 

allein davon ab, in wie weit die Reactionskraft des Körpers diese 
Afficirbhrkeit überwältigt, in wie weit die Erregung bis zur Fun- 
ctionsstörung vorscbreifct. Wie oft fanden wir in den kräftigsten 
Menschen eine selbst nach Brown'sclien Graden gemessene gleich 
überflüssige Erregharkcit wie bei schwächeren Frauen. Nicht diese 
ist es, welche den Begriff der Stärke oder Schwäche verleiht, 
sondern die Wirkungskraft des Organismus , welche sich dieser Er- 
regung entgegensetzt; nicht die Erregung selbst, sondern die Bewäl- 
tigungsfähigkeit derselben giebt die Gradation der Stärke und Schwä- 
che, wenn diese quantitative Bestimmung der Krankheiten nothwendig 
ist. Je länger die Erregung dauert, je weniger sie überAvunden wird, 
desto schwächer ist der Organismus, findet das Gegentheil Statt, 
desto stärker. Die Erregung selbst ist etwas Vorübergehendes, sie 
kann keinen Zustand bedingen, wie Krankheit. Eine sthenische 
oder asthenische Beschaffenheit U.S.W, ist eine der Krankheit eigen- 
thümliche, oft ausserwesentliche Form und Eigenschaft; Sthenie und 
Asthenie sind nicht Krankheiten selbst, während sie doch bei Brown 
fast für identisch dafür gelten. Es lassen sich ferner selbst inner- 
halb dieser quantitativen Grenzen so viele Abstufungen wahrnehmen, 
sie hängen von so vielen unwesentlichen Umständen innerer und 
äusserer Art ab , sie sind bei der Beurtheilung vieler Krankheiten 
entweder gar nicht nachweisbar (indem veder eine Exaltation noch 
Depression , sondern nur eine qualitative Umstimmung Statt findet, 
wie z. B. bei den Dyskrasieen , die also nach Brown leicht zur Ge- 
sundheit gerechnet werden könnten), oder treten wenigstens in 
Betracht der qualitativen Abweichungen ganz in den Hintergrund, 
dass man recht eigentlich einsieht, wie diese Betrachtungsweise der 
Krankheiten eine mehr als einseitige ist. Es kommen überdiess 



keil erschöpft wird, so ist doch der Uebergang aus Sthenie in indirecte 
Asthenie in der Brown'schen Scala nicht recht klar. Man begreift 
nicht, wie ein Reiz, der bei 70 Grad noch vermehrte Erregung durch 
10 Grad Erregbarkeit hatte hervorbringen können, nun weiter hinauf so- 
gleich keine mehr erzeugt. Es müsste eben so gut die Abnahme in der 
Sthenie stetig sein, w]e die Zunahme in der indirecten Asthenie, d.h. es 
müsste jeder folgende Reiz immer geringere Erregung setzen, t)is endlich 
in der indirecten Asthenie Erschöpfung eintrete. Eine plötzliche Ent- 
ziehung der Reize nach Sthenie Hesse diese plötzliche Entstehung der 
indirecten Asthenie eher erklären. Nun giebt Brown allerdings einen so 
langsamen Fortgang der Sthenie zur indirecten Asthenie an einer Stelle 
zu (36), aber darum dürften die höheren Grade der Sthenie nicht mehr 
dieser zugetheilt werden und die Grenze z\^ischen beiden bleibt nach 
wie vor willkührlich. 



63 

noch Zustände vor, in denen per anlag-onisnium ein Organ in eine 
krankhafte Reizung-, das andere in krankhafte Sch\yäche (z. B. bei Krank- 
heiten dos Darmkanals und der Haut) versetzt ist, Avährend im ganzen 
Körper dennoch nur eine Krankheit herrscht, (eine Erkältungskrank- 
heit) die aber aus den verschiedenen Zuständen von Reizung und 
Schwäche zusammengesetzt ist. Diess könnte nach dem Urheber 
dieses Systems in Voraussetzung einer allgemeinen Erregbarkeit und 
eines allgemeinen Erregungszustandes nicht Statt finden, wenn das 
quantitative Element beibehalten ist, findet aber bei Berücksich- 
lignng qualilaliver Unterschiede selbst in der Theorie ganz gut Er- 
klärung und Bestätigung. (Hierüber mehr bei der Einlheilung der 
Krankheiten.) 

D y n a, in i s in u 8. 

Was endlich den vorwaltenden Dynamismus anbelangt, so liegt 
in dieser Begründung der Krankheilsscala eine gänzliche Verkennung 
des Einflusses der organischen Materie. Indem das plus und minus 
der Erregung überall obenan gesetzt wird, wird der selbstthätige 
Character und Gang der organischen Entwicklung, Metamorphose 
und Rückbildung, der Einfluss der Masse und ihrer Entziehung 
gar nicht in Anschlag gebracht; der mit diesen unabhängigen Le- 
bensprocessen verbundene und durch sie bedingte secundäre Erre- 
gungszustand, welcher nur als Symptom oder als Folge "NVerth hat, zu 
hoch geschätzt, ja zur Hauptsache gemacht, oder wenn selbst ein 
veränderter Erregungszustand die primäre Ursache Avar, vergessen, 
dass nach einem solchen Ansloss der Process nach seinen eigenen 
Vitalitätsgesetzen freiwillig fortschreite. Mit dem neueren auf ma- 
terieller Begründung, auf Desessentialisirung gerichteten Streben 
stehen diese von der dynamischen Seite ausgehenden Richtungen in 
directem Widerspruch. Eine weitere Ausführung dieser Sätze, wo- 
bei wir noch die Eintheilung der Krankheiten in allgemeine und ört- 
liche zu erwähnen haben , behalten wir uns vor. Es genüge hier, 
nachgewiesen zu haben ,^ dass die alleinige Begründung der Krank- 
heiten auf die Zustände von Sthenie und Asthenie nicht hinreichend, 
ja falsch sei , dass die Uebergänge von Gesundheit zur Krankheit und 
die Grade derselben durch die Scala der Erregung nicht bezeichnet 
seien, dass nicht einmal der Krankheitszustand, der als eine 
dauernde Veränderung, als eigenthümlicher Lebensprocess, seine be- 
stimmte Zeit und Stadien durchläuft, durch den an sich wandelbaren 



64 

Begriff der vorübergehenden vermehrten oder verminderten Erre- 
gung, die in einem jeden darauf folgenden Reiz ein Gegengeviicht 
erhalten kann, gedeckt oder erklärt werden könne. Wer will be- 
haupten, dass eine vermehrte Erregung, Sthenie der Lunge, Lungen- 
entzündung sei, und hat Brown für die Definition, die Diagnose, 
die Heilung dieser Krankheit einen andern bezeichnenderen Zusatz 
beliebt oder nöthig gefunden? — Dieses, wie die Schwierigkeit der 
Grenzberührung zwischen Gesundheit und Krankheit erkennend, hat 
Brown in seiner Anlage eine ganz neue und ihm eigenthümliche 
Bezeichnung gefunden. Sie ist nämlich nicht die eingeborene oder 
erworbene Prädisposition zu Krankheiten, weil diese schon auf eine 
dem Körper innewohnende Eigenschaft hindeutet, sondern nur ein 
geringerer Grad von Krankheit, wodurch das eigentliche, nach 
Brown so schwierige Zustandekommen, Dauerndwerden der 
Krankheit vermittelt werden soll. Auf gleich negative Weise wie 
die Gesundheit wird auch sie bezeichnet als zur Krankheit hinneigend, 
noch innerhalb der Grenzen der Gesundheit stehend, demnach als 
eine rein graduelle Verschiedenheit von Krankheit, eine blosse Grenz- 
bestimmung, qualitativ ein Unding, weder recht Gesundheit noch 
Krankheit. Dass dies eine relative Gesundheit sein kann, die noch 
lange nicht zur Krankheit tendirt, noch lange nicht diese in sich 
schliesst, oder auch, dass in anderer Beziehung selbst nach Brown's 
Ansicht von der Zerslörungstendenz des Lebens jede Gesundheit 
insofern eine Anlage ist, als es nur eines Zündstoffes bedarf, um die 
Krankheit zu erzeugen , sieht Jeder leicht ein. Die Anlage im 
Brown'schen Sinne ist daher nur ein Einschiebsel, ein vermittelnder 
Begriff, kein merklich vorhandner besonderer Zustand. Wie 
könnte auch eine solche Anlage lange bestehn? Die nächste Er- 
regung schon müsste entweder Gesundheit oder Krankheit herbei- 
führen, obgleich Brown ihre Dauer von der Kraft der Potenzen 
abhängig macht. Wenn bei 50 und 30 Grad die Anlage steht, so 
muss ein minus oder plus sie entweder in Gesundheit oder Krankheit 
überführen können, und wenn es noch so gering ist. Ueber die 
Anlage als Unterscheidungskennzeichen der allgemeinen Krankheiten 
und über die sie hervorrufenden Ursachen (prädisponirende) wird 
später noch die Rede sein. 

Von allen übrigen Zuständen bleibt uns nur noch die Be- 
trachtung des Todes nach Brown. Er erfolgt an den End- 
punclen der Scala entweder durch zu vermehrte oder zu ver- 



65 

minderte Erregbarkeit. Es ist liier wie in dem Vorhergehenden 
überall. Einmal ist nicht abzusehen, -wenn noch ein Funken Er- 
regbarkeit da ist, oder wenn sie übermässig gehiiiift ist, warum 
nicht bei dem Ueberwiegen der Aussenwelt dort durch Vermehrung, 
hier durch Entziehung das Leben wieder angefacht >Yerden sollte; 
dann ist dies Aufhören der Erregung, welches erst selbst eine Folge 
innerer und äusserer Lebensumslände ist, selbst als primäre Ursache 
gesetzt; endlich ist durch eine einseitig dynamische Ansicht gänzlich 
unberücksichtigt geblieben, wie der Tod durch qualitative, physisch- 
organische Processe, durch örtliche Einwirkung, selbst ohne deutlich 
nachweisbare Sthenie und Asthenie, ohne vorhergehende Krankheifs- 
symptome vorkommen kann (wer wollte z. B. den Tod durch Kyslen- 
bildung bei der Apoplexie, durch Atheroma u. s. w. ausserhalb des 
Lebens setzen, als rein örtlich bezeichnen oder von plus und minus 
abhängig machen?) Dies so weit die Grundzüge dieses Systems 
Tadel verdienten. 

Aetiologie« 

Bei der Beurtheilung des Einzelnen kommt es meist nur darauf 
an, die Consequenzen und speciellen Anwendungen, Irrfhümer und 
Eigenthümlichkeiten darzulegen. Zunächst hat die Aetiologie bei 
Brown (vgl. Anm. zu §. 78.) einen völligen Umsturz erlitten; es ist 
nicht mehr die Rede von prädisponirenden und Gelegenheitsursachen, 
noch von entfernten, näheren, nächsten Ursachen, noch von inneren 
und äusseren , einfachen und zusammengesetzten. Alle diese unent- 
behrlichen, auf Geschichte, Vernunft und Empirie begründeten Di- 
stinctionen, welche zu einer Mahren Würdigung der Thatsachen füh- 
ren, nennt er leer, zwecklos und will sie auf immer verbannt wissen. 
In seinem Sinne aber ist er in vollem Rechte dieser Behauptungen. 
Wenn es keine Prädisposition zu Krankheiten giebt , nur eine davon 
quantitativ verschiedene Anlage, und dieselben Ursachen, nur ge- 
ringeren Grades, die Anlage und die Krankheiten erzeugen, braucht 
es auch keiner, wenn auch noch so oft vorkommenden deutlichen 
Unterschiede zwischen "prädisponirenden und Gelegenheitsursachen; 
wenn Alles im Organismus nur durch äussere Momente, die selbst 
mitten in der organischen Sphäre sitzen, vermittelt wird, fällt auch 
die Verschiedenheit innerer und äusserer Ursachen; wenn die Er- 
forschung der nächsten Ursache der Krankheiten unnöthig, ja schäd- 
lich ist und es überall nur darauf ankommt, den Grad der vorhan- 

5 



66 

denen Erregung zu bestimmen, sind auch allein die erregenden 
Potenzen der Betrachtung und Erforschung werth; und wenn die Er- 
regbarkeit nur ihi Allgemeinen afficirt werden kann , ist die Einfach- 
heit oder Complication der Ursachen völlig bedeutungslos. Auf diese 
Weise spricht der neue Reformator einer rationellen Werthschätzung 
der Krankheiten und ihrer Genesis Hohn und glaubt uns durch seine 
sthenischen und asthenischen Schädlichkeiten dafür entschädigen zu 
können. Wir brauchen es hier nicht wieder auszuführen , inwiefern 
den Schädlichkeiten selbst nur bedingungsweise eine solche Bezeich- 
nung zukommt, wie es nicht in den Potenzen allein, sondern noch 
weit mehr in derReceplivität und Reaction des Körpers liegt, den Grad 
der Erregung hervorzubringen, den Brown mit Sthenie und Asthenie 
bezeichnet. Kann man die Wärme im Allgemeinen eine sthenische 
Potenz nennen , oder die Kälte eine asthenische ? Oder deutet viel- 
leicht die so vieler Auslegungen fähige Stelle in §. 69., nach welcher 
die sthenischen Schädlichkeiten zuerst die Erregung vermehren, dann 
zum Theil vermindern, und die asthenischen zuweilen mit dem Schein 
der Erhöhung schwächen, auf eine geflissentliche Doppelzüngigkeit, 
durch welche sich das Heterogene dennoch unter bestimmte Gesichts- 
puncte reihen soll? — Zu den schwächenden Schädlichkeiten sind 
ohne alle genauere Unterscheidung diedirect oder indirect wirkenden, 
oder activen und passiven Schädlichkeiten gerechnet; sowohl jene, 
welche durch Entziehung gewohnter Thätigkeiten, wie der Bewegung, 
der Geistesübung , schwächen , als auch solche , welche durch Ent- 
ziehung substantieller Bestandtheile direct und unmittelbar schwächen, 
wie Hunger, Durst, Säfteverlust. Nach Brown ist nun eine asthe- 
nische Schädlichkeit eine solche, welche durch verminderte Erregung 
die Erregbarkeit häuft, d.h. schwächt. "Wirkt nicht aber z.B. ein 
Purgirmittel grade durch vermehrte Erregung des Darmkanals, und 
ist dann der eigentlich schwächende materielle Verlust, die pro- 
ductive Seite des Organismus, z. B. in Betracht der Nahrung, der 
Blutfulle, des Mangels an Chjius allein auf Erregung zu reduciren? 
Stehen beide nicht vielmehr in solcher AVechselbeziehung, dass sie 
sich gegenseitig bedingen ? B r o w n hat aber Alles der Erregung, 
der Dynamik zugeeignet und die andere Hälfte der Lebensthätigkeit, 
welche in vielen Fällen gewiss die erste Ursache ist, die organisch- 
materielle , ganz vernachlässigt. Darum kann es sich bei ihm auch 
nicht um eine Primär- und Secundärwirkung handeln, Avelche sich 
grade in diesem wechselseitigen Bedingen der verschiedenen Lebens- 



67 

äusserungen zeigt. Den gröbsten Verstoss aber hat er in Anord- 
nung der Ursachen und ihrer Gradation gemacht. Indem er in 
der Eintheilung sthenischer und asthenischer Schädlichkeiten nur 
ihre Wirkung auf den Organismus, die fälschlicherweise ihnen 
allein zugeschrieben wird, berücksichtigt, übersieht er die den Po- 
tenzen selbst gehörige Eigenschaft, und indem er sie nach dem 
verschiedenen Grade dieser vermehrten oder verminderten Wirkung 
eintheilt, sagt er uns nicht, wodurch diese Verschiedenheit zunächst 
bedingt sei. Die specifische Qualität aber im Verein mit dem Or- 
ganismus bedingt den Grad der Wirkung; von der verschiedenen 
Beschaffenheit insbesondere hängt die Verschiedenheit der 
Pflanzen- und Fleischkost, der Luft, der Temperatur u. s. w. ab; die 
Qualität der Getränke, der Heilmittel u. s. w. (s. Therapie) bestimmt 
die Verschiedenheit der Erregung, der Ernährung, der Lebensthätig- 
keit; nach dieser speci fischen Verschiedenheit müssen die Po- 
tenzen geordnet, betrachtet und in Beziehung zum Leben gebracht 
werden. Und auch Brown erkennt das Angenehme und Unan- 
genehme der Sinnesempfindungen (§. 144.) und der Temperatur 
(§. 119.) und statuirt hierin einen rein auf Qualität der Potenzen 
ruhenden Unterschied, der nicht blos in der Erregung liegt; ebenso 
beruht die ausnahmsweise Unterscheidung der Nahrungsmittel von den 
übrigen erregenden Potenzen (§ 127.) auf Qualität, und noch mehr 
die Annahme des eigentlichen und uneigentlichen Reizes (nämlich 
die zur Nahrung erforderliche Masse) bei den Nahrungsmitteln auf 
einer Verschiedenheit der Reizung qua organische, materielle Um- 
änderung, Reproduction. Denn warum findet nicht der uneigentliche 
Reiz bei der Temperatur, beim Opium, Wein und andern Reizmitteln 
Statt? Noch deutlicher spricht sich der §. 41. in einer Aufzählung 
von Beispielen vom Ersatz der Reize für die Specificität der Reize aus. 
Nur diese Reize, qua solche, nicht qua sthenische und asthenische, 
sind im Stande, grade jene verlornen Reize zu ersetzen. Diese 
Specificität der Reize will aber Brown nicht anerkennen, sie, die 
eben in der Qualität der Reize und in dem Mahren specifiken Leben 
der einzelnen Organe ^begründet ist. — Weil er ferner die Reize, 
sowohl Lebenspotenzen wie Schädlichkeiten und Heilmittel (denn 
Alles ist eins), in allgemeine und örtliche theilt, kann er die Wahrheit 
nicht eingestehn, dass eigentlich jede Reizung, Erregung ursprünglich 
nur örtlich sei (obgleich von unmittelbarem ErgrilTensein mehr als 
einmal die Rede ist). Darum kann er nicht zugeben , dass jede Potenz 

5* 



68 

einen bestimmten Reiz auf einen bestimmten Ort ausübe , dass für die 
besondern Organe besondere Reize da sein müssen und dass diese 
eigenthümliche Verwandtschaft und Beziehung der Reize zu bestimm- 
ten Organen und Systemen die eigentliche Bedingung des Lebens ist. 
Nach dieser physiologischen Grundlage hätte eine Eintheilung der 
ätiologischen Momente gegeben werden müssen, dann wäre nicht 
der Nachtheil für die Pathologie und Therapie daraus erwachsen, 
dessen wesentlichstes Kennzeichen ein verderbliches Generalisiren 
ist. Indem wir für die Therapie das Weitere aufsparen, leiten wir 
aus dieser allgemeinen Ansicht der Potenzen den traurigen Satz 
Brown 's, nach welchem (§. 67.) diejenigen Ursachen, welche 
irgend eine Krankheit oder Anlage erzeugen, ebenfalls die ganze 
Form der Krankheiten, zu welchen jene gehören, hervorbringen; 
ein Satz, welcher die ganze Rationalität der Diagnose und Therapie, 
Pathogenie und Nosologie, umwirft und alle Erfahrungen der patho- 
logischen Anatomie zu nichte macht; ein Satz, nach welchem, couse- 
quent durchgeführt, z. B. durch Blutfülle und zu starke Bewegung 
Pneumonie, Carditis, Phrenifis ebenso wie Blattern, Masern, Schlaf- 
losigkeit und Fettsucht entstehen müssten, ohne dass besondere Um- 
stände dabei in Betracht kämen *). (Vgl. unten bei der Eintheilung 
der Krankheiten). — Es sei uns nur erlaubt, noch einige Andeutun- 
gen im Kleinen über einzelnes Aetiologische zu machen. Die Wärme, 
als expansiv erschlaffend überall bekannt, wird als contractiv, den 
Ton der Muskelfasern vermehrend betrachtet (§. 112 — 114.), als 
expansiv nur im Uebermaass. Die Wirkung der Kälte wird durchaus 
als negative bezeichnet; reizen soll sie nur durch Herabsetzen auf den 
gehörigen Grad der Reizung, wozu §.37. eine subtile Erläuterung 
giebt; die Primär- und Secundärwirkung der Kälte hat Brown nicht 
berücksichtigt, nicht wie jene durch Entziehung, diese durch nach- 
folgende Erregung wirkt ; die contractive Wirkung der Kälte erklärt 
er durch Schwäche der Gefässe. Den Tonus und die wohllhätige 
Nervenerregung durch Kälte, welche wirklich eine active ist, giebt 
er gezwungen als therapeutische Maassregel für eine indirecte Wir- 
kung aus; der eigentlich positve diätetische Nutzen der Kälte aber 
findet nach ihm keine Erklärung. Wie gewaltsam ist die Erklärung 



*) Selbst das dem §. 27. angehängte Beispiel von Katarrh und Pneu- 
monie bestätigt nicht die verkehrte Ansicht Brown 's. Sind sie blos 
graduell verschieden ? und wie unbestimmt heisst es : „das Uebermaas im 
Gebrauch der Reize." 



69 

der Beispiele vom Niilzcii der Kälte! (§. 122.) Die verschiedenen 
Grade, Anwendiingsweisen der Kälte u. s. w. kamen gar nicht in 
Betracht. Bewegung (Kraft und Leichtigkeit derselben wurden in 
§. 57. fälschlich als identisch betrachtet) und Arbeit sollen immer 
slhenisch wirken, während sie doch selbst bei Voraussetzung des 
gehörigen Grades der Erregung leicht Ermüdung und Schwäche 
hervorbringen (Beddoes). — Es ist eine dem System nach con- 
sequente und geistreiche Ansicht Brown's, welche die Melancholie, 
den Kummer, kurz die deprimirenden Leidenschaften als niedrige 
Grade der Freude, des Zutrauens u. s. w. bezeichnet. Dennoch ist 
sie nicht gegründet, indem theils ihre Wirkung zu positiv ist, um auf 
blos negativem Wege zu schaden , — auch sie erzeugen sthenische 
Zustände, Avie Manie durch Schreck, — theils zu qualitativ verschie- 
den. Was ist z. B. der höhere Grad des Schreckens? (denn nicht 
vom Entgegengesetzten dürfen wir hier sprechen) — ist es die 
Freude ? ist Verzweiflung nicht grade das Gegentheil von Hoffnung, 
und welche allgemeine Eigenschaft liegt beiden zu Grunde? Eine 
Stufenleiter unter den exaltireuden und deprimirenden Leidenschaften 
ist wohl aufzustellen , aber nicht alle Leidenschaften können nach 
Graden unterschieden werden. — Von der Vernachlässigung quali- 
tativer Berücksichtigung der Schädlichkeiten, wie von der Unbe- 
stimmtheit in den Wirkungsangaben zeigt recht deutlich die Brown'- 
sche Annahme von der schwächenden und reizenden Kraft der Luft. 
Die chemische Einwirkung tritt hier gar nicht hervor, man begnügt 
sich mit dem vagen Begriff der Reizung, mit der weiten Annahme von 
Reinheit und Unreinheit. Es erhellt aber keineswegs , wieso grade 
die Reinheit erregen oder das Gegentheil nicht erregen soll, ja man 
gesteht selbst zu, dass es nicht ausgemacht sei, ob Reinheit sthenische 
Beschaffenheit erzeugen könne , viel weniger ob zu grosse Rein- 
heit (sie!) indirecte Schwäche hervorbringen könne. Zu dieser 
Spitze hätte allerdings, wenn nicht geschickt Zweifel eingeschoben 
würden, die Consequenz vorschreiten müssen. — Ansteckungs- 
materie (wo sie sitzt, welcher Art sie sei, ob sie der Krankheit 
adhärire oder der Liitt — ist gleich) und Gifte erzeugen ebenfalls 
sthenische oder asthenische Beschaffenheit. Die Bedingungen zu 
dieser verschiedenen Aeusserung liegen in ihnen selbst (s. d. Schluss 
von §. 148.); im Systeme sind sie nicht angegeben. — Zu den äusseren 
Schädlichkeilen gehören nach diesem Systeme auch das Blut und die 
abgesonderten Säfte. Nur die Menge des Blutes, nicht die Beschaffen- 



70 

heit desselben kommt in Betracht; der Ueberfluss dehnt die Gefässe 
aus ; durch die reizende Menge erregt ziehen sie sich zusammen 
und hieraus entsteht die sthenisclie Beschaffenheit, welche in gradem 
Verhältniss mit der Plethora steht. Menge und Schnelligkeit des 
Blutumtriebes sind demnach die ■wahren Ursachen der slhenischen 
Diathese, Mangel an Blut mit Schnelligkeit der Bewegung dagegen 
erzeugen die asthenische Beschaffenheit. Durch diese Behauptung 
werden drei verschiedene Ansichten, und zwar die von der Irrita- 
bilität der Fasern (l) , von den Humoralkrankheiten (2) und die Lehre 
von der Plethora (3) gewaltsam betroffen. ad l) Während nach 
andern Pathologen theils dem Blute selbst Irritabilität zugeschrieben 
wird, theils die Irritabililät der Fasern eine lebendige ist, ist bei 
Brown das todte Blut nur durch mechanische Gewalt im Stande, die 
Faser zur Bewegung zu bringen, die ebenfalls, obgleich unter dem 
Oberbegriff Erregung zusammengefasst, zur mechanischen wird. 
Die eigentliche bewegende Ursache liegt zwar im Blute, aber nur in 
seiner ausdehnenden Gewalt, nicht im Lebensimpuls. Gleich me- 
chanische Ansichten, die eben bei der Wegläugnung eines Belebt- 
seins der Organe nothwendig werden, kommen oft vor. So spricht 
Brown §. 136. von einer Erschütterung der absondernden Organe; 
nach ihm hängt der Krampf von dem örtlichen Beize der Ausdehnung 
ab (§. 58.) und diese selbst spielt in Bezug auf die Gefässe eine 
grosse Bolle. Weitere mechanische Ansichten kommen in der Er- 
klärung des Schweisses vor. Atonie und Schlaffheit, wie Tonus 
und Energie der Gefässe hängen einzig und allein von der ausdehnen- 
den Gewalt des Blutes ab. Hier aber influirt 2) nur die Menge; 
hat die Qualität des Blutes, in welchem selbst von Vielen eine ex- 
pansive Kraft gefunden wurde , keinen Einfluss? — Indem allein die 
quantitative Erregung die Blutbereitung vermittelt, können zwar 
fehlerhafte Mischungen der Säfte vorkommen, diese sind aber nie 
weder die näheren noch entfernteren Ursachen, sondern sie wirken 
eben nur wieder durch Erzeugung von Mangel und Ueberfluss an Er- 
regung. Die Humoral- wie Solidarpalhologie wird hier mit einem 
Male dem einseitigen dynamischen Erregungsprincipe geopfert, das 
mehr von aussen als innen wirkt. In §. 115. läugnet Brown eine 
Einwirkung der Potenzen auf Verschlechterung und Verbesserung der 
Säfte (Fäulniss) ; in §. 118. leitet er die schlechte Mischung und Ver- 
Iheilung ausdrücklich von Schwäche der Gefässe und des Herzens 
(und durch sie bedingte langsame Bewegung, Stockung) her, die 



71 

natürlich bei ihm nicht durch das Blut, sondern durch die Erregung 
bedingt ist. Er vergisst aber, dass in einem Organismus sich Alles 
wechselseitig bedingt, dass eine verminderte Erregung, Lebensthätig- 
keit, nicht blos die Quantität, sondern auch die Qualität des Blutes und 
der Säfte ändere, dass die materielle Veränderung durch dynamische 
bedingt sei und umgekehrt, dass Mangel an Blut allerdings Schwäche 
der Gefässe erzeugen könne, aber dass eben so ein schlecht- 
gemischtes zur Ernährung nicht laugliches Blut wirke und dass, selbst 
die Erregung als oberste Lebensthätigkeit zugegeben, immer ebenso 
das Blut krankhaft afficirt sein wird, als die Gefässe. Die neueren 
Fortschritte der Chemie haben zu deutlich Uebereinstimmung quali- 
tativ abnormer Blutbereitung mit Krankeitsprocessen nachgewiesen; 
sthenische und asthenische Krankheiten (im Sinne Brown's) wie 
Entzündung, Chlorose, Gicht, Tuberkulose, Typhus, zeigen zu klar 
eine nicht erst als Krankheitsproduct hervortretende anomale Blut- 
bereitung im Mangel oder Ueberwiegen der Bestandtheile, als dass 
wir die Mischung des Blutes mit Brown in eine tertiäre ursächliche 
Beziehung zu den Krankheiten setzen sollten. Wenn auch nicht 
überall auf Kosten der festen Theile oder dynamischer Einwirkung 
primäre Humoralkrankheiten anzunehmen sind, so sind sie doch nach 
festgesetzten pathologisch -anatomischen Erfahrungen keineswegs als 
selbstständige Krankheiten zu verkennen. — ad 3) Die Lehre von der 
Plethora wird von Brown bedeutend reducirt. Er erkennt nämlich 
nnr jene Plethora an, welche durch die Menge des Blutes die Gefässe 
durch Ausdehnung belästigt, die sogenannte Plethora vera s. ad 
molem; es giebt nach ihm nur eine sthenische Plethora (§. 131.). 
Plethora ist daher nicht die Ursache von Blutflüssen, die asthenischer 
Natur sind, Mangel an Blut zur Ursache haben (§.232.). Blutfülle 
und Blutmangel aber sind die wichtigsten Indicationen für sthenische 
und asthenische Zustände (§. 269. u. 271.). — Die übrigen Arten von 
Plethora erkennt aber Brown nicht an; daher nicht die Plethora ad 
spatium. Vollblütigkeit durch verminderten Umfang des Gefässsystems 
ohne vermehrte Blutmenge (wo also auch Asthenie die Ursache sein 
kann), nicht die von'Expansion ohne Vermehrung abhängige Plethora 
ad Volumen. Dagegen würde die Plethora ad vires der Alten mit 
der durch zu grosse Blutmenge erzeugten indirecten Schwäche 
Brown's zusammenfallen (§. 134. a). (Mehr s. unter Bhitflüsse.) — 
Ein gleiches Verhältniss wie beim Blut in Bezug auf Erregung durch 
Ausdehnung, Nichterregung durch Nichtausdehnung, indirecte Schwä- 



72 

che durch zu grossen Ueberfluss findet bei den abgesonderten Säften 
Statt, wie Milch, Samen, Ausdünslungsfeuchtigkeit u. s. w. — Im 
§. 230. läugnet Brown auch das Vorhandensein eines Nervensaftes, 
eines Nervenfluidum elastischer, magnetischer, electrischer Art, 
welches als wirkende Ursache angenommen werden könnte , und tritt 
sonach auch gewissermaassen als Gegner der Nervenpalhologie auf, 
insofern in seinem Systeme zwar das Nervensystem der Sitz , aber 
nicht die Ursache der Erregbarkeit ist. — Mit der Humoralpatholo- 
gie Iland in Hand geht die Lehre von der Erblichkeit, weil am 
leichtesten durch Säftekrankheiten sich die Fortpflanzung und das 
Bestehen gewisser Krankheitsformen erklären lässt. Auch diese 
konnte bei Brown nicht fortbestehen und zwar darum, Aveil allein 
die erregenden Potenzen Krankheiten hervorrufen können, es zwar 
angeborne Bildungen und Neigungen der Grundtheiichen zu gewissen 
Krankheitsformen geben könne (nicht im Widerspruch mit seiner 
übrigen Theorie?), die Krankheiten aber durch Erregung geleitet und 
geheilt werden könnten; weil ferner qualitative Verschiedenheiten der 
Krankheitsformen abgeläugnet werden und dann alle zu einer Art ge- 
hörigen Krankheitsformen , die wie diese durch gleiche Ursachen ent- 
stünden und durch gleiche Mittel gehoben würden, ebenfalls erblich 
sein müssten. Eine Beschränkung der Annahme von Erblichkeit bei 
Krankheiten war gewiss räthlich , da man bei der Constatirung der 
Ursachen mit diesem Momente zu leichtsinnig umgeht und allerdings 
oft nur die Aehnlichkeit der Lebensweise und andere zufällige Um- 
stände auch bei den Kindern die Krankheiten der Aeltern fortdauern 
lassen; aber sie mit Brown gänzlich wegläugnen, hiesse der Er- 
fahrung und der Vernunft, welche beide die Argumentation Browns 
verwerfen, unnöthiger Weise Hohn sprechen. 

Symptomatologie. 

Da die Diagnostik Brown's eine ganz eigenlhiimlichc ist, es 
bei ihr nicht darauf ankommt, besondere Krankheitsformen, Species, 
Genera zu unterscheiden, nur die Ermittelung der Allgemeinheit oder 
Oertlichkeit der Krankheit, der sthenischen oder asthenischen Natur 
und deren graduelle Verschiedenheit (§.82 — 85.) die ganze Kunst 
der Diagnose ausmacht, tritt auch bei ihm ein anderes Verhällniss der 
Symptome ein. Die physio- pathologische und semiotische Würdi- 
gung derselben wird auf ein ganz anderes, geringes Terrain geführt; 
die Symptome haben keinen Werth mehr als cons tituir ende 



73 

Theile eines Krankheitsganzen, sondern nur als Zeichen des 
Grades der. Erregung, wobeies auf die specielle Form gar nicht 
ankommt. Man bedarf ihrer nicht mehr, um den Ursprung, den Sitz, 
den Gang der Krankheit zu erkennen , sie sind zufallige oder wenig- 
stens unwesentliche Momente. Was hilft es nach Brown, wenn wir 
die palhognomonischen Kennzeichen einer Pleuritis gefunden haben, 
oder das Stadium derselben bestimmen wollen; das ist ja ganz über- 
flüssig, wir brauchen den Symptomen nur anzumerken, ob sie auf 
Sthenie oder Asthenie und auf welchen Grad derselben sie deuten. 
Man sieht hieraus, wieder ganze Werth der Physiologie, die eben 
die Innern Beziehungen der Symptome zu den Krankheiten giebt und 
aus diesen eine gesunde Ansicht des Krankheitswesens schafft, zu- 
sammenstürzt, wie eine rationelle Betrachtung, Anreihung der Krank- 
heiten, Ermittelung der ursächlichen Momente, Prognose, Heilung 
wegfällt, wenn die einzig erkennbaren Zeichen und äusseren Formen 
des Krankheitsprocesses nur in ausserwesentliche Beziehung genom- 
men , ihnen der Werth eines bestimmten Bedingtseins und Bedingens 
entzogen wird. Allerdings leiten Symptome für sich nicht auf 
Erkenntniss der Krankheiten (§. 71.) , wohl aber die vergleichende, 
werthschätzende Betrachtung derselben. Darum unterscheidet man 
weisslich wesentliche, pathognomonische, und ausserwesentliche, be- 
ständige (continua) und zeilige (temporaria), Symptome der Krankheit, 
der Ursache, Symptome der Symptome. Alle diese Unterschiede fallen 
bei Brown weg und damit die Möglichkeit der eigentlichen Er- 
kenntniss einer Krankheit, indem seine Symptome nur Kennzeichen 
einer oft untergeordneten quantitativen Beschaffenheit der 
Krankheit sind. Daher ist auch die Symptomatologie seiner Krank- 
heiten (obgleich man es mit dem Titel Elementa medicinae zu ent- 
schuldigen versuchte) so dürftig, dass bei dem öftern Mangel aller 
characteristischen Kennzeichen eine Krankheitsform , eine Species, 
ein Genus durchaus nicht diagnosticirt werden kann, weshalb wir 
nur auf die schlagendsten Beispiele verweisen: so bei Peripneumonie 
(348), Phrenitis (361 f.) , Rheumatismus (387 f.) , Croup (400), ein- 
fache Synocha (412)", Mania (426 f.), Scabies (512), Rhachitis (516), 
Tabes (570), Hysterie (581), Hydrops (626), Gastritis (708). Wer 
aus diesen Definitionen eine Krankheit erkennen will (aber das will 
eben Brown nicht), muss iu der Tbat Meister in der Diagnostik sein! 
Wer die Erforschung der Symptome für schädlich und gleichbedeu- 
tend mit dem Nachgrübeln über verborgene Ursachen in der Philo- 



74 

Sophie hallen kann, der gehe mit Brown und thue desgleichen! — 
Die Erklärung der Symptome bei Brown ist oft sehr seicht und 
gezwungen. Ueberall liegt natürlich entweder erhöhte oder ver- 
minderte Erregung zu Grunde; so vermindert Sthenie die Ausdün- 
stung und erzeugt Schaudern (154). Viel zu allgemein ist die Be- 
hauptung, dass Kopfweh aus Blutandrang entstehe und der bei 
Brown so beliebte Beweis ex juvantibus et nocentibus eben so hin- 
kend und einseitig wie die Behauptung selbst (157). Wenn auch 
unter dem Obersatze der Erregung stehend, sind die Erklärungs- 
versuche vielfach mechanischer Art und daher spielte die Ausdehnung 
und Zusammenziehung, dieAnfüUung und Leere eine grosse Rolle; ein 
Beweis mehr, wie die eigentlich dynamisch erscheinende Theorie 
Brown's dennoch des wahren Lebensgrundes, der wahren vis vi- 
tilis entbehrt. Daher treten die mechanischen Erklärungen vorzugs- 
weise als nächste Ursache auf. Vgl. hiermit die Erklärung des 
Durstes (Trockenheit) (l59), der Heiserkeit (160) und des Hustens 
(Verstopfung der Gefässe), des Auswurfs (Erschlaffung der Gefäss- 
enden). Selbst die chemischen durch Krankheitsprocesse umgeän- 
derten Metamorphosen sind mechanischen Ursprungs, denn die Hellig- 
keit des Urins entsteht, weil nur der dünnere Theil durch die ver- 
schlossenen Gefässenden durchgeht (163). Entzündung soll mehr 
die äusseren Theile befallen , weil diese mehr der Hitze ausgesetzt 
sind. Doch bringt der Begriff der Entzündung, welche Brown als 
örtlich beschränkt annehmen muss und wobei die materielle Ver- 
änderung nicht durch den Begriff der vermehrten Erregung gedeckt 
werden kann, ihn bedeutend in's Gedränge, um die allgemeine Af- 
fection selbst dem Grade nach als gleichmässig zu bezeichnen. 
Die Folge davon ist das sophistische Rechenexempel zu §. 169. Den 
höchsten Grad von Seichtigkeit im Schliessen zeigt der die Nicht- 
entzündlichkeit bei Phrenitis beweisensollende §. 172. — Die Ma- 
terie, welche namentlich als Krankheitsbedingung und Ausschei- 
dung eine so untergeordnete Rolle bei Brown spielt, ist gerade 
wieder bei den Ausschlagskrankheiten das Wichtigste in der Er- 
scheinung, nicht als Bedingung. Die Pusteln entstehen nämlich 
durch Zurückhaltung der im Körper verbreiteten Ansteckungsmaterie, 
und dies nur darum , weil Sthenie die Muskelfasern der Gefässe so 
verkürzt, dass sie die Ausdünstung nicht durchlassen! Es ist Wahn- 
sinn mit Methode! — Auch bei Erklärung der asthenischen Zufälle 
kommen die verschiedenen nächsten Ursachen und Bedingungen nicht 



75 

in Betracht; es gilt dasselbe hier, was bei den slhenischen Symptomen 
erwähnt wurde; und es ist nur zuweilen höchst merkwürdig, wie 
dieselben Symptome, z. B. Durst, Hitze, aus ganz entgegengesetzten 
Zuständen ohne alles "Weitere erklärt werden, dort aus Ausdehnung, 
hier aus Erschlaffung u. s. w. Die höchst mechanische Erklärung 
vom Erbrechen (§. 188.) könnte, da vom örtlichen Reize Alles ab- 
hängt, leicht auch fiir Sthenie passen; der Krampf, im Zusammen- 
ziehen bestehend, wird durch eine ausdehnende Materie bewerk- 
stelligt und eigentlich als Unelaslicität der Fasern bezeichnet (§. 58. 
189.). Die Materie ersetzt der Wille, der, Avidersinnig genug, als 
positive Kraft negative Wirkung haben müsste. Der Krampf ist 
aber dem Einfluss des Willens entzogen. Säure ist mit Recht als 
symptomatisch bezeichnet (§. 192.). Einen grossen Widerspruch, 
eine contradictio in adjecto nach Brown' sehen Grundsätzen, ist die 
asthenische Entzündung. Wenn nämlich die Erfahrung allerdings 
Zustände von örtlicher Entzündung mit allgemeiner Schwäche nach- 
weist, so ist dieses Vorkommen entweder im Widerspruch mit 
Brown's Lehre von der Allgemeinheit der Erregbarkeit, oder die 
Definition Brown's (§. 204.) ist ein Unding. Entzündung ist doch 
meistens eine Steigerung des plastischen Lebens und der Erregung, 
selbst wenn sie auf Stockung der Capillargefässe (die Erklärung des 
Zustandekommens der asthenischen Entzündung nach Brown stimmt 
mit einigen neuern Theorien wenigstens theilweis überein) oder 
auf destructiver Tendenz beruhte , und ist im Verein mit allgemeiner 
SchAväche als örtlich beschränkt recht gut denkbar; wie soll sie 
nach Brown als örtlich vermehrtes Minus der Erregung ge- 
dacht werden, das noch dazu im Vergleich zu der allgemeinen 
Schwäche des ganzen Körpers geringeren Grad hat? Wie soll die 
positivste aller Erregungen gerade die negativste sein? gerade eine 
Steigerung der Verminderung, eine Potenzirung des Mangels? Selbst 
in dem viel gebräuchlicheren Sinne, nach welchem eine asthenische 
Entzündung noch heute eine energielose, auf eigenthümlicher Blut- 
mischung beruhende , langsam verlaufende Entzündung heisst , wäre 
immer eine erhöhte Thätigkeit anzunehmen, die nur im Vergleich zu den 
eigentlichen sthenischenPhlogosen asthenisch genannt werden könnte. 
Und Brown sagt selbst, dass der Zustand der örtlichen Gefässe bei 
beiden gleich sei, dass es nur auf die allgemeine Beschaffenheit an- 
komme; dass hier wie dort Blutüberfüllung u. s. w. Statt finde, diese 
zuerst entfernt werden müsse u. s. w. — Die Hauptstütze für seine 



76 

ungenügend erklärte falsche Starke und Schwäche, wo nämlich 
gerade die entgegengesetzten Zustände wirklich vorhanden sind, 
findet Brown in den Heilmitteln; da diese aber noch auf eine andere 
Art wirken können, als Brown meint (wie es besonders mit dem 
Opium [s. unten] der Fall ist), so ist diese Beweisführung jedenfalls 
eine sehr schwache. — In der Erklärung der Blutflüsse geht Brown 
zu weit, wenn er sie alle aus Schwäche ableitet, wiewohl seine Be- 
handlung manchen guten Fingerzeig abgiebt. Er hat die bedingen- 
den Ursachen, welche ebensowohl in Plethora, Entzündung (Sthenie) 
als in Schwäche liegen können, die Qualität des Blutes, den Einfluss 
der Gefässwandungen, die örtlichen Ursachen, wie Desorganisationen 
u. s. w. nach seiner gewöhnlichen Weise übersehn , namentlich der 
Lehre von der Plethora (die allerdings bei Annahme und Behandlung 
von Blulflüssen ein schädliches Gespenst war) hier einen neuen Stoss 
gegeben und die für die Therapie so wichtige Eintheilung in active 
und passive Hämorrhagieen gar nicht in Erwägung gezogen. Aber 
S. 218. scheint er wirklich dennoch wenn auch nur ein Blut tropf ein 
aus Blutfülle zuzugeben. — Hierher gehört auch die Betrachtung 
über Schlaf und AVachen. 

Schlaf und Wachen. 

Noch hat kein Physiolog die Ursache des Schlafens und 
Wachens genügend anzugeben vermocht. Brown unternimmt es 
durch die Yersatilifät seines Princips das Dunkel aufzuhellen, hat 
es aber nur noch vermehrt. Wir finden hier, dass ein gesunder 
Schlaf eine müssige indirecte Scliwäche ist, ein mittelmässiger und 
tiefer eine noch mit Gesundheit vereinbare Schwäche, dass demnach 
directe oder indirecte Schwäche , welche doch pathogenetische Mo- 
mente sind, eine an sich normale, wohlthätige, physiologische 
Function erzeugen, wornach also der Schlaf eine auf der Grenze 
zwischen Gesundheit und Krankheit stehende Erscheinung sein 
müsste. Da aber die Periodicität des Schlafes hierdurch nicht erklärt 
wird und nicht bewiesen ist , warum nicht jede verminderte Erregung 
Schlaf erzeugt, so muss die Dauer der Wirkung zur Erklärung mit 
beilragen. Die Potenzen entziehen nämlich durch ihre aufeinander- 
folgende Wirkung immer mehr Erregbarkeit, bis endlich durch 
gänzliche Erschöpfung Schlaf eintritt. Hiernach müsste l) die Mit- 
tagszeit der Zenith der Stärke sein , wenn dieses Entziehen so gleich- 
massig vor sich ginge, dass anfangs eine aufsteigende, später eine 



77 

heMbsteigendo Linie gebiidel würde , und 2) halte die absolute Wir- 
kung der Reize dadurch eine Beschränkung , dass sie nach der Tages- 
zeit sich richten müsste und ein schwäclierer Keiz am Nachmittage 
eine verhällnissmässig grössere Einwirkung halte als ein stärkerer 
am Vormittage. Uebrigens wäre 3) sodann der Schlaf am Tage 
jedesmal krankhaft, da er eine zu leicht erschö[)fbare oder anzu- 
häufende Erregbarkeit voraussetzte. Alles dieses aber bei Seile 
gelassen oder zugegeben, ist bei Brown immer nur die Ursache des 
Schlafes angegeben, nicht das Wesen desselben enthüllt, noch er- 
klärt, worin das ziemlich gleiclimässige Eintrolen des Schlafes bei 
den verschiedensten Individualitäten und Heizen liegt. Worauf be- 
ruht nun der Grenzpunkt zwisclicn dem gesunden und kranken (früh- 
zeitigen, unzeitigen, kränklichen) Schlaf, weicher letztere (238 k) 
als Folge directer oder indirecter Schwäche bezeichnet wird, die 
doch auch bei dem gesunden Schlafe wirken? Also wieder nur in 
der Gradation, nicht in der Qualität. So können also ein paar Grade, 
deren Bedingungen gar nicht bestimmt werden können , eine physio- 
logische Function in eine pathologische umwandeln. Jedenfalls aber 
ist nach Brown der Schlaf schwächend; denn durch den Mangel an 
Reiz wird die Erregung vermindert und die Erregbarkeit so ange- 
häuft, bis der zum Wachen nöfhige Grad der Erregung vorhanden ist. 
Wir wollen demnach die stärkende Eigenschaft des Schlafes immer- 
hin so verkehrt erklären, aber es fragt sich , wieso im Widerspruch 
mit Bro wn*s Heilung der indirecten Asthenie durch eine absteigende 
Scala von Reizen hier auf eine rein negative Weise die Anhäufung 
der Erregbarkeit und bis zu dem gerade zum Wachen nölhigen Grad 
erfolgen kann; wie ferner, wenn der Schlaf durch directe Schwäche 
entstand, Avas doch §. 237. zugiebt, der Schlaf wieder durch Ent- 
ziehung der Erregbarkeit, da doch alle Reize hier fehlen, den zum 
Wachen nölhigen Grad herbeifuhren wird? Wenn aber Schlaf und 
Wachen durch directe oder indirecte Schwäche entstehen, wodurch 
kommt das Eine oder das Andere zu Stande? es muss doch da noch 
eine Bedingung Statt finden ! Diese giebt ein Reiz, der zur Schwäche 
hinzutritt, bei dem Schlafe fehlt, aber das kränkliche Wachen da- 
durch erzeugt, dass er den Körper in Unordnung versetzt. Ein 
Reiz, der zur Schwäche hinzutritt, muss aber die Schwäche ver- 
mehren, folglich steht kränkliches Wachen höher als kränklicher 
Schlaf, also wiederum ein nur gradweise verschiedener und dennoch 
in Wahrheit ein ganz entgegengesetzter Zustand. Dieses kränkliche 



78 

Wachen ist aber ein Zustand, den Brown hier zum ersten Male, seine 
Nachfolger öfters erwähnten , ein aus directer und indirecter Asthenie 
gemischter, der an sich ein Unding ist, weil er zwei verschiedene 
Erregbarkeiten voraussetzt, von denen die eine erschöpft, die andere 
erhöht sein miisste. Wie unsinnig ist es , eine Erregbarkeit so weit 
erschöpfen lassen zu wollen, dass ein Reiz zur schon vorhandenen 
Schwäche noch die durch Ueberfluss der Erregbarkeit entstandene 
fügen könnte. Entweder der Reiz vermehrt noch die Erschöpfung, 
steigert die indirecte Asthenie, oder er bleibt völlig indifferent. Die- 
ses in Unordnung Versetzen durch Reize bei Schwäche nach Brown 
spricht für Hinneigung desselben zur qualitativen Berücksichtigung 
(§. 241.). Demnach ist auch die Heilung dieser Zustände eine ganz 
eigene ; sie kommt nicht durch besänftigende, sondern durch reizende 
Mittel zustande, welche allemal, wo es das System verlangt, den 
entgegengesetzten Zustand herbeiführen, hier Wachen, dort Schlafen, 
in beiden Fällen durch Entziehen der Erregbarkeit oder durch Ver- 
mehrung derselben. Wo ist hier die Norm für den Grad der anzu- 
wendenden Mittel, wo bleibt der characteristische Unterschied der 
Heilmittel wie der Zustände selbst? Wo der Begriff der schlaf- 
machenden und beruhigenden Wirkung, wenn diese nur durch Rei- 
zung zu Stande kommt? Auf diese Weise Avirkt auch Opium schlaf- 
machend durch Reizung und im Coma führt es erst Wachen, dann 
gesunden Schlaf herbei (offenbar die einzige Andeutung von der 
Primärwirkung und Secundärwirkung der Arzneimittel). Giebt es 
eine willkührlichere Verdrehung der Begriffe als diese? und weiter: 
eine grössere Bequemlichkeit, immer durch dasselbe Mittel den ent- 
gegengesetzten Zustand herbeizuführen? 

IS emiotik. 

Da die Symptome ihre Bedeutung für die Diagnose verloren 
haben, so haben sie natürlich auch keinen Werth für die Prognose 
oder die Erkenntniss des Krankheitsverlaufes. Indem alle Symptome 
einander ähnlicli sind und dadurch verwandt werden, dass sie einerlei 
Krankheit, ein und dasselbe Leiden ausmachen (§. 186. Anm. y) und 
nur als Zeichen der Sthenie oder Asthenie dienen, hört alle Semio- 
tik insofern bei Brown auf, als diese darauf beschränkt bleibt, 
nachzuweisen, inwieweit ein slhenischer Zustand asthenisch wird 
oder umgekehrt; eine Erkenntniss, die aber nach unserer früheren 
Auseinandersetzung eine rein formelle , äusserliche ist. Puls , Harn, 



79 

Schweiss u. s. w. treten also nicht in Beziehung zur Diagnose des 
Krankheitsverlaufes, sondern dienen nur als Mittel zur Diagnose des 
Krankheitscharaklers, der Form derselben (§.489.)- 

KrankheitsproceHs. 

In Bezug auf den Krank heitsprocess selbst ergeben sich 
anderweitige, oben bereits Iheihveis berührte Consequenzen. Die 
erste und in ihrer Art gefährlichste ist die Abläugnung der Natur- 
heilkrafl. Die Krätte der Natur seien erträumt und ohne äusserliche 
Reize unwirksam. Wir haben nicht nötliig uns auf die Beispiele der 
Aerzte aller Zeilen zu berufen, um die Naturheilkraft zu beweisen; 
ein jeder Arzt erlebt täglich Beispiele davon, und der selbstsländige 
Verlauf der Krankheiten, ihr typisches Auftreten, die Periodicität der 
Stadien und Exacerbationen, die Krisen selbst und der oft bewährte 
gleichmässige Character des Processes zu allen Zeiten und unter 
jeder auch der heterogensten Behandlung spricht für die Autonomie 
des Krankheitslebens, Nur ein System, welches das Leben von 
äusseren Bedingungen abhängig machte, musste die Naturheilkraft 
verbannen, die ja auf eine dem Leben selbst innewohnende Macht 
zeigte, und nur Hahnemann's einseitiger Dynamismus, der die 
Krisen nicht brauchen konnte und dessen Princip in der Naturheilkraft 
einen Stoss zu erleiden schien, ist ihm hierin gefolgt. In solcher 
Ansicht befangen haben die Brownianer den Ruf ihres Meisters, 
„nie müssig zu sein" (§. 95.) treulich beobachtet, haben die schöne 
melhodus expectativa verlassen und überall gereizt und geschwächt 
— zu fremdem und eigenem Verderben. Aber dennoch spricht 
Brown nahe am Schlüsse seines Werkes (706), wo von den (chir- 
urgischen) örtlichen Krankheiten die Rede ist, von einem gewis- 
sen Bestreben der Natur, den gesunden Zustand wieder herzustellen, 
das er aber aus Furcht vor sich selbst den anzuwendenden Mitteln 
unterordnet. Eine weitere Folge der Abhängigkeilserklärung der 
Lebensthäligkeiten ist die gänzliche Nichtbeachtung der Stadien und 
des Typus des Krankheitsprocesses , sowohl des täglichen in Bezug 
auf die Exacerbationen, als des ganzen Verlaufes, dessen Berück- 
sichtigung für den Practiker ein so unendlicher Vortheil ist, weil er 
hierin eine Bestimmung für die Wahl der Heilmittel ündel. Daher 
kommt es, dass Brown die Periodicität der intermittirenden und 
anderer Fieber, sowie sogar die einzelneu Stadien derselben (Frost, 
Hitze, Schweiss) von äussern Momenten abhängig macht und eine 



80 

Eintheilung der Fieber nach dem continuirenden, remittirenden, inler- 
mitlirenden Typus als grundlos verwirft (§. 662.). Weil die Selbst- 
ständigkeit des Lebens fehlt, welche dem regelmässigen Verlauf der 
Krankheiten, in denen wieder ein eigenlhümlicher Lebensprocess mit 
Anfang, Aufgang und Niedergang sich kund giebt, zu Grunde liegt, 
fällt nur der jedesmalige Zustand der Sthenie oder Asthenie in's 
Auge, nur das Bild im Kleinen, in der Gegenwart, nicht in der ganzen 
Anschauung mit Vor- und Rückwärtsblick auf die Vergangenheit und 
Zukunft der Krankheil. Wozu demnach die pathologische Anatomie 
empfehlen? Was nützte es, den Process des typhösen Fiebers mit 
seinen Stadien der Schorfbildung, Exulceration , Vernarbung kennen 
zu lernen, der zwar von einer äussern Ursache abhängig ward, aber 
später seinen eigenthümlichen Verlauf nimmt, unbekümmert um die 
erste veranlassende Ursache, auf die bei Brown so unendlich viel 
ankommt? Was nützt das Alles, wenn man nur weiss, dass überall 
Asthenie vorhanden? Diese Nichtbeachtung- des Processes und Ver- 
laufes grenzt einerseits ebenfalls an die der Naturheilkraft und an- 
dererseits an die der Krisen. Da nämlich keine Stadien angenom- 
men werden, sondern nur Uebergänge aus Stärke zur Schwäche oder 
umgekehrt, so giebt es auch für Brown keine kritischen Tage und 
selbst keine Krisen, sondern nur wiederum dort zeitweilige Sthenie 
als kritische Regung, hier Nachlass der Symptome als Krisen. Dieser 
Mangel des Brow^n 'sehen Systems, wie die Abläugnung der Stadien 
selbst liegt aber überdiess noch in einem andern Grunde, nämlich in 
dem Verkennen der organisch -materiellen Seite des Krankheits- 
lebens. Indem nämlich Brown von einem reinen Dynamismus aus- 
geht, die Materie als etwas Untergeordnetes und nur insofern Beach- 
tenswerlhes ansieht, als sie reizt oder schwächt oder die Krankheit 
modificirt oder blos zu allgemeinen Leiden ein örtliches fügt (§. 96.), 
indem er ferner ein eigentliches Leiden der Säfte oder festen Theile 
einschliesst, nur in dem Leiden eines abstracten Lebensverhältnisses, 
der Erregung, das Wesen der Krankheit findet, muss er consequenter 
W^eise die Wichtigkeit der Stadien wie der Krisen und deren Beför- 
derung verlachen [daher setzt er auch keine besondere Heilanzeige für 
diese fest (96)] , da sie solche Momente sind, welche die eigentlichen 
Anzeichen der Veränderungen der Mischungs- und Cohäsionsverhält- 
nisse und die eigentlichen reproductiven, organisch -materiellen 
Phänomene der Krankheit abgeben. Wie unrecht es aber ist, eine 
zwar oft überschätzte Indication, die indicatio crises promovendi, 



81 

sowie den Wcrlh der Kristm selbst und wären sie auch nicht Ursache 
sondern Zeichen der Besserung, zu übersehen , lehrt am bessten die 
Brown'sche Praxis selbst, die trotz ihrer einseitigen Dynamik der 
organisch -materiellen Ansicht nicht gänzlich entfliehen kann, wie 
die Lehre von den Exanthemen, den Contagien u. s. w. nur zu deut- 
lich beweist, 

Reconvalescenz. 

Da wir einmal den Verlauf der Krankheilen berührt haben, 
müssen wir auch der Ausgänge derselben erwähnen. "Wenn wir 
nun zugeben , dass sich die meisten Krankheiten unter die BegrilTe 
sthenischer und asthenischer oder örtlicher Krankheiten (wie De- 
generationen u. s. w.) rubriciren lassen, so dürfte doch das Stadium 
der Reconvalescenz für Brown eine grosse Schwierigkeit abgeben, 
die er auch gefühlt und darum nicht berührt zu haben scheint. Wie 
kommt der Uebergang zur Besserung zu Stande ? wie ist dieser oft 
lange andauernde Zustand der Reconvalescenz richtig zu bezeichnen? 
Wenn der Kranke an Sthenie oder Asthenie gelitten, nun täglich der 
Besserung zuschreitet, aber dennoch schwach und erregbar ist, ist 
dieser Mittelzustand zwischen Gesundheit und Krankheit sthenisch 
oder asthenisch zu nennen? passt eine dieser Benennungen für diesen 
Zwitterzustand? Oder ist er etwa der Brown' sehen „Anlage" 
analog, wo weder Gesundheit noch Krankheit herrscht? Und 
sollte man nicht meinen, dass ein Uebergang aus Sthenie nach den 
gewöhnlichen Erscheinungen der überschüssigen Erregbarkeit bei 
solchen Kranken meist nur auf dem Wege der Asthenie zu Stande 
komme? (Vgl. bei Behandlung.) Wie passt dies zu Brown'sScala 
und zu seinem therapeutischen Verfahren , wo man bei Sthenie nur 
immer schwächt, bis der normale Zustand der Gesundheit eintritt? 
Wird nicht in den meisten Fällen erst Avieder ein stärkendes Verfah- 
ren nothwendig sein , ohne den Uebergang der Sthenie gerade bei 
dem Nachlass der Symptome als die noch gefährlichere indirecle 
Asthenie bezeichnen zu müssen? Wenn nach einer Pneumonie die 
Reconvalescenz allmählig langsam vorwärts schreitet und die über- 
schüssige Erregbarkeit auf directe Asthenie zeigt, ohne dass der 
normale Grad der Schwächungsmittel überschritten worden wäre, ist 
da nicht die Reconvalescenz nach Brown wieder ein ganz neuer 
krankhafter Zustand? Geht die Besserung von Sthenie etwa erst 
durch directe oder indirecte Asthenie , während durch ein paar Grade 

6 



82 ^ 

herab die Gesundheit normirt ist? — Warum sind alle diese Fragen 
unbeantwortet geblieben ? 

Metastasen u. s. w. 

Da Bro>An fernerhin alle Erscheinungen der Sympathie und 
des Consensus >vie des Antagonismus *) darum aufhebt, weil er bei 
der Allgemeinheit der Erregbarkeit nichts von einer besondern Be- 
ziehung der Organe und Systeme '^'^} , welche ein eigenthümliches 
Leben derselben voraussetzt (und wie deutlich weist dies die von 
Schieiden, Schwann und Reichert aufgestellte Zellentheorie 
neuerdings nach), wissen will, als ob nicht neben der allgemeinen 
Lehensfähigkeit noch besondere Gesetze der Aeusserung derselben 
Statt finden könnten, so hat auch die alte Lehre von den Metasta- 
sen, welche auf der Ansicht der Localisirung und Selbstständigkeit 
der Krankheit in bestimmten Organen und auf deren wechselseitigem 
Verhalten beruht, bei ihm berleufende Beschränkung gefunden. Denn 
da alle Krankheiten sich gleich sind und nur nach der Verschieden- 
heit des Erregungsgrades differiren, muss es ja gleichgültig sein, 
wo nur irgend eben die Krankheit fixirt ist. (So bei Gelegenheit 
des Rheumatismus, der Masern, der Rose.) 

Combination und Complication. 

Die Gesetze der Combination der Krankheiten sind darum 
ebenfalls überflüssig und die Complication könnte nur bei Zu- 
ständen gleicher Diathese Statt finden. Doch genug von diesen 
Consequenzen, über welche die Zeit bereits ihr Urtheil gesprochen, 
indem sie gerade dieses Capitel vom Krankheitsprocesse neuerdings 
besonders anbauen Hess. 

Viagnose. 

Die Diagnose (§.82 — 85.) Brown 's hat blos zwei Rück- 
sichten, ob die Krankheit örtlich oder allgemein sei, und im letztem 
Falle, ob sthenisch oder asthenisch. Aber gerade diese Rücksichten 
haben den Sturz seines Systems bedingt. Indem er einsah, dass 
die Erregung allein nicht hinreiche, um alle Krankheiten zu umfassen, 



*) §. 472. Anmerk. nennt er den Antagonismus zwischen Darm und 
Haut : theoretischen Unsinn. 

*') Dennoch aber soll sich die Prognose (§. 87.) nach der Wichtig- 
tigkeit des befallenen Theiles richten. 



83 

dass auch die Oraranisation, mechanische und chemische Einflüsse und 
derartige materielle Veriinderung-en bei der Eintheilung der Krank- 
heiten obAvalten und ihr Hecht haben müssten, erfand er die Reihe 
seiner örtlichen Krankheiten, und "weil diese dem Obersatze der Er- 
regbarkeit zu schaden schienen, brachte er sie in eine gewisse ab- 
hängige Verbindung damit, indem er sie entweder den allgemeinen 
Krankheiten folgen oder sich mit ihnen compliciren liess. Aber -wo 
ist die Grenzlinie, fragen wir, zwischen Allgemeinheit und Oertlich- 
keit im Organismus? Es ist ein Verdienst der neueren Zeit, nac!»- 
gewiesen zu haben, was früher nur dunkel geahnt wurde, dass jede 
Erkrankung ursprünglich eine örtliche sei und wenn sie auch das 
ganze System bei ihrem Auftreten afficire ; es ist anzunehmen, dass, 
wenn auch nicht jede Erkrankung ursprünglich eine local materielle 
ist, was wir in den meisten Fällen glauben möchten, sie doch wenig- 
stens eine local dynamische ist, was aus den neueren Entdeckungen 
in der Nervenphysiologie, namentlich aus der Lehre von den Primitiv- 
fasern wohl zu abstrahircn und oft sogar zu beweisen sein dürfte. 
Wo aber hört die Oertlichkeit auf und wo die Allgemeinheit? Wer 
bestimmt immer, bis wie weit eine Erkrankung örtlich sei, wel- 
ches Organ als örtlich afficirt angenommen werden dürfe? Brown 
hat für diese Unterscheidung seine „Anlage" angegeben. Aber was 
soll dieser vage Begriff? Und gesetzt, wir stafuirten einen solchen 
Miffelzustand zwischen Gesundheit und Krankheit als Disposition, 
kann nicht auch zu einer örtlichen Krankheit Anlage vorhanden sein, 
wie wir z. B. bei vielen Personen eine Vulnerabilität der Haut finden, 
die Andern gänzlich abgeht? — Und andererseits befallen nicht all- 
gemeine Krankheiten ohne alle Anlage selbst die stärksten Menschen? 
Hat Brown keine Epidemie beobachtet, nicht plötzliche Erkrankun- 
gen durch Magenverderbniss, Erkältung beobachtet, ohne dass erst 
eine Anlage vorausgegangen wäre? Und ist wirklich der Brownia- 
ner ein so guter Diagnostiker, dass, wenn er an das Krankenbett 
tritt, er aus dem vorhandenen Falle die frühere Anlage herausliest 
und aus dem Unfeekannten und Unscheinbaren auf das Sichtbare 
schliesst? — Wenn Avir also diese Anlage als diagnostisches Moment 
zurückweisen, so bliebe uns für einen grossen Theil der örtlichen 
Krankheiten ein andres, die Ursache, z. B. chirurgische, mechanische, 
chemische , organische Veränderungen. Allein wir wissen zu gut, 
dass diese ätiologischen Momente auf den Krankheitsprocess nur 
untergeordnet einwirken, dass einestheils Lebenskraft und Organi- 



84 

sation so genau zusammenhängen, dass ihre Trennung unmöglich ist, 
die Erkrankung der einen die andre mit afficirt und also selbst im 
ersten Augenblick dieselbe zu einer allgemeinen umgestaltet; dass 
andrerseits, sobald die Ursache zu wirken aufgehört, die Krankheit 
nach ihren eigenen Lebensgesefzen vorschreilet , unbekümmert um 
die Ursache; dass eine Gastritis z. B. eben so gut durch innere wie 
durch äussere Momente hervorgebracht werden kann und im Ganzen 
ihrem Typus gleich bleibt. Die örtliche Ursache hat längst auf- 
gehört zu wirken, wenn die Krankheit fortschreitet. Die Diagnose 
der Ursache nützt dann gar nichts, ja in den meisten Fällen wird die 
örtliche Ursache dunkel bleiben. Warum sollen überdies nicht ver- 
schiedene Ursachen gleiche Wirkungen haben können? Aus dem- 
selben Grunde könnten viele allgemeine Krankheiten Brownes, 
z. B. Lähmung durch Exostosen , Convulsionen durch Wurmreiz , ört- 
liche genannt werden. Ist hier etwa die Krankheit nicht allgemein 
und örtlich zugleich? Oder wenn bei Vergiftungen Krämpfe, Zittern 
der Glieder, Delirien u. s. w. vorkommen, will uns Brown bestim- 
men, hier nur örtliche Krankheit anzunehmen? So wichtig die Er- 
forschung der Ursachen für den Practiker ist, so können sie keines- 
wegs als durchgreifendes Unterscheidungsmerkmal für die allgemei- 
nen und örtlichen Krankheiten überhaupt dienen. — Noch grösser 
wird die Verwirrung, wenn wir die Erregung, die bei den allgemei- 
nen Krankheiten als sthenisch oder asthenisch bezeichnet wurde, in 
Betracht ziehen. Bei der innigen Verbindung nämlich zwischen 
Dynamik und Organisation kann eine allgemeine Theilnahme nur 
dann abgeläugnet werden, wenn die chirurgische oder mechanische 
oder chemische Veränderung so gering ist, oder einen so unter- 
geordneten Theil betrifft, dass die Empfindung selbst nicht weiter 
vorschreilet, als bis zu dem ergriffenen Puncte. Für diese be- 
schränkten Fälle würde die Bezeichnung ,, örtlich" passen. In allen 
übrigen Fällen localer Affection muss die Lebenskraft selbst mit er- 
kranken, sobald Functionsstörung eintritt, also nach Brown die 
Erregung vermehrt oder vermindert sein. Dieses kann bei der All- 
gemeinheit der Erregbarkeit unmöglich local bleiben und so ist selbst 
die kleinste Verwundung im Stande, die Erregbarkeit allgemein zu 
afficiren, da, wenn einmal Erregung da ist, diese allgemein sein muss. 
Nun läiignet Brown diese ursprüngliche Thciluahnic der Erregbar- 
keit ab und weil er ('5$. 62. Anm.) im Widerspruch mit sich selbst die 
Erregung als die örtlichen und allgemeinen Krankheiten regierend 



85 

bezeichnet hatte, hilft er sich durch die subtile Annahme der Coinpli- 
calion localer Uebel mit der allgemeinen Diathese, — so die Einheit 
des Organismus in zwei Sphären zerspaltend, die nur im Vereine ein 
Ganzes zu bilden im Stande sind. Uie allgemeine Theilnahme ört- 
licher Uebel und der örtliche Anfang der allgemeinen wirft diese 
Eintheilung gänzlich zu Boden. Entweder die Erregbarkeit ist nicht 
allgemein und dann fällt ein Hauptsatz des Systems, oder es giebt 
keine örtlichen Krankheiten, und dann fehlen ganze Classen von 
Krankheiten, — dies ist das Dilemma, das keine spitzfindige De- 
finition heilt. Als deutliches Beispiel einer solchen widersprechen- 
den Annahme führen wir nur die örtliche sthenische Entzündung 
(§.171.206.) an, wo Sthenie , die doch nur allgemein sein kann, 
sich local im höheren Grade als örtliche Entzündung beweisen soll 
(über Einzelnes der örtlichen Krankheiten s. unten) , wie überhaupt 
die ganze Lehre von der örtlichen und allgemeinen Entzündung eine 
hinkende genannt werden muss. — Die wichtigste Eintheilung und 
das hauptsächlichste diagnostische Jloment bleibt dann aber immer 
die Unterscheidung der Krankheiten in slbeniscbe und asthenische. 
Hierauf beruht die ganze Pathologie des Systems, die neue nosologi- 
sche Eintheilung und die Therapie. AVir haben aber bereits oben 
so weitläufig über die Begriffe von Stärke und Schwäche gesprochen, 
dass es genügen dürfte , hier die gewonnenen Resultate zur Wider- 
legung der aus den genannten Oberbegriffen gezogenen Eintheilung 
zu recapituliren: l) geben Stärke und Schwäche noch nicht die 
Begriffe von Krankheit; es fehlt ein Zweites, eine nähere Bestimmung 
des eigentlich Krankmachenden , der Harmonie und Disharmonie der 
Functionen ; 2) sind Stärke und Schwäche oft nur vorübergehende 
Erscheinungen, nicht eigentliche Krankheiten, Functionsstörungen, 
Processe; 3) bezeichnen diese Begriffe nur die äussere, also un- 
wesentliche Form der Krankheiten, abhängig von der Reactions- 
fähigkeit des Organismus , und kann am allerwenigsten eine Krank- 
heit weder der einen noch der andern ausschliesslich zuertheilt oder 
eine Classification hierauf basirt werden, weil jede Krankheit beider- 
lei Charactere annehmen kann; 4) lässt sich die grosse Mannig- 
faltigkeit der Krankheiten nicht nach diesen oft so abwechselnden 
und so verschiedenen, von den heterogensten Verhältnissen abhän- 
gigen Umständen eintheilen, wozu noch die Unbestimmtheit der iu- 
directen Asthenie, die wir oben nachgewiesen haben, kommt; 5) in 
vielen Krankheiten tritt diese eigentlich quantitative Exaltation oder 



66 

Depression gar nicht hervor; eine gewisse Indifferenz;, ein Miltel- 
zustand, oder das Ueberwiegen qualitativer Verhältnisse trübt oder 
verdrängt diese Anschauung; 6) die gemischten Zustände, wo in 
dem einen Theil Depression, in dem andern Exaltation herrscht, die 
Brown nicht durch seine allgemeine Erregbarkeit wegdemonstriren 
wird, lassen ebenfalls eine solche Eintheilung nicht zu. (Es genügt 
hier anzuführen, dass Brown durch seine Annahme scheinbarer 
Exaltation und Depression bei Asthenie und Sthenie diesem Vorwurf 
entgegenkommen wollte und deshalb zum beliebten Grunde ex juvan- 
tibus et nocentibus greift; dass er aus demselben Grunde zu dem 
Begriff der Schwäche den Reiz hinzufügt, eine irritirte und nicht 
irritirte Schwäche annimmt *) , um so die „unruhigen Bewegungen", 
die Exaltation bei Schwäche zu erklären.) 7) Ferner richtet sich diese 
Eintheilung theilweise auch nach den Ursachen , denn §. 451. werden 
ausdrücklich die Ursachen als berücksichtigungswerther dargestellt 
als die Symptome; die Ursache selbst aber (wir verstehen hierunter 
besonders die veranlassende Gelegenheitsursache) ist in vielen Fällen 
etwas Untergeordnetes, Zufälliges, schwer zu Erkennendes und hat 
wohl auf die Ent Wickelung und Erzeugung der Krankheit, auf deren Dar- 
stellungsart und Gang aber keinen entschiedenen Einfluss; die sthe- 
nische oder asthenische Richtung, welche sie der Krankheit verleihen 
könnte, liegt keineswegs in der Ursache, sondern mehr in dem 
Organismus und dessen Reactionsfähigkeit; 8) geht bei der Einthei- 
lung der Krankheiten in sthenische und asthenische die besondere 
Gattung der Mischungs-, Säfte-, vegetativen Krankheiten gänzlich 
verloren. Da aber die Abweichung der Ernährung, die chemische 
Umänderung oder specifische Abnormität der Reproduclion und Orga- 
nisation nicht unter dem BegritT der Erregung gedacht werden konnte, 
wurden diese mit grossem Unrecht den allgemeinen Krankheiten ent- 
nommen und den Localübeln zugesellt, während doch hier eben so 
gut wie in jenen ein allgemeines Uebel herrscht. Auf diese Weise 
bleiben theils unerörtert, theils treten in ein falsches Licht die 
Kachexieen, Dyskrasieen, specifischen Krankheiten, wie Syphilis, 
Carcinom, Mercurialkachexie, Scropheln, chronische Exantheme, 
Bleichsucht, Diabetes u. s. w., wo überall chemisch- organische Stoff- 
bildung den hauptsächlichsten Krankheilsgrund abgiebt. Diese rein 



♦) Vgl. §. 57. (Krampf), §• 241. (Schlaf und Wachen), §. 737. 
(Wunden). 



87 

qualilativen Veränderungen können durch die quanfifaliven Begriffe 
der Sthenie und Asthenie weder erklärt noch völlig gedeckt werden. 
9) Geht ferner verloren die pathologische Würdigung der einzelnen 
Systeme und Organe und der nach ihrer physiologisch verschiedenen 
Bestimmung variirenden Krankheitsprocesse, wie der Verwandtschaft, 
Comhinationsfähigkeit der einzelnen Krankheiten, welche als ein Ver- 
dienst der neueren naturhistorischen Schule so viel Licht über das 
Wesen der Krankheiten verbreitet hat; lO) fiiiirt diese Einlheilung 
zu einem gänzlichen Ruin der Wissenschalt und muss, da weder der 
Sitz noch die Art der Krankheit, sondern nur die eine Aeusserung 
derselben, der Grad der Receptivität, die gesteigerte oder vermin- 
derte Erregung in Betracht kommen, es gänzlich gleichgültig erschei- 
nen lassen, welchen Namen eine Krankheit verdient, welcher Gattung 
sie angehört, was die Grundbedingungen ihrer Entstehung, Entwick- 
lung, ihres Verlaufes sind und welche Mittel aus den beiden Classen 
zu ihrer Hebung angewendet werden sollen. — Ueberdies zeigt die 
nosologische Einlheilung Brown's deutlich die Verkehrtheit und 
Unausführbarkeit dieser Annahmen. 

STosologie. 

Durch das Verdammungsurtheil , welches Brown nur zu 
oft (§. 451. 488. u. s. w.) über die Nosologie ausspricht (die doch 
nur bedingungsweise schadet, wenn man über die nosologische Ein- 
theilung die specifische Natur der Krankheiten gering achtet und 
durch Generalisiren das Individualisiren versäumt, oder wenn die 
Nosologie selbst, wie es wohl oft der Fall ist. Verwandtes trennt, 
Unpassendes zusammenwirft) , hat er sich selbst sein Urtheil ge- 
sprochen. Brown glaubte die Trennungen früherer Nosologen da- 
durch aufzuheben, dass er Alles auf zwei Classen reducirt. Inner- 
halb dieser Classen aber nimmt er eine Stufenfolge an , welche durch- 
aus so variabel ist, dass sie gar keinen Anhaltepunct gewährt, wenn 
sie auch für die Eintheilung selbst nach Brown's Absicht keinen 
gewähren soll. Die Gradverschiedenheit der Erregung in den ein- 
zelnen Krankheiten nämlich, nach welcher z.B. die mit Pyre.xie und 
Entzündung verbundenen höher stehen sollen als die übrigen, kann 
keinen absoluten Unterschied gewähren, da z.B. die Fettsucht, welche 
die letzte Stelle bei Brown einnimmt, bei der relativen Verschieden- 
heit der Erregbarkeit und Erregung höher stehen könnte als eine 
Pneumonie. Sobald nämlich auf der Scala der Erregung nicht die 



88 

Grade angegeben sind, innerhalb welcher nolhwendig Pneumonie 
bestehen muss, und das ist bei einer so variablen Grundhige wie 
bei der von aussen bedingten Erregung unmöglich , kann auch eine 
Gradverschiedenheit zwischen bestimmten Krankheilen nicht Statt 
finden , wohl aber zwischen bestimmten Krankheilsfällen , Individuen. 
Die Krankheiten selbst erscheinen übrigens als fast zufällige Modi- 
ficationen der Sthenie oder Asthenie, wesshalb ihre Symptomatologie 
und Therapie so dürftig ausgefallen ist. Die grösste Verwirrung 
aber herrscht in der Eintheilung der örtlichen Krankheiten, Die 
eigentlichen mechanischen und chemischen Krankheiten der weniger 
empfindlichen Theile (chirurgische Uebel, Vergiftungen) aus der 
ersten Classe können als ursprünglich oder andauernd örtliche 
dieser Abtheilung noch am ehesten zugetheilt werden. Die 
zweite Classe wird aber geradezu als eine solche bezeichnet, die 
blos anfangs örtliche, später allgemein werdende, organische, 
innere erregbare Theile befallende Krankheiten umfasse ; hierzu 
werden Gastritis u. a. gerechnet, als ob die örtliche Ursache 
nicht in dem Verlaufe verschwände und gerade bei der Erregbarkeit 
der Theile nicht der Zustand sogleich allgemein würde. Der geringe 
Zwischenraum zwischen der örtlichen und allgemeinen Affection hätte 
gerade auf die 3Iöglichkeit eines örtlichen Ursprungs auch der übri- 
gen allgemeinen Krankheiten führen sollen. Die dritte Classe ent- 
hält die Degeneration allgemeiner Krankheiten in örtliche , also sind 
auch diese Krankheiten nicht örtlich; und selbst die Degeneration 
bleibt nicht selten im Verbände des Organischen, wodurch noch eine 
Heilung auf innerem Wege möglich ist, Avie z. B. bei scrophulösen 
Geschwüren, Bubo, Carcinom. Wenn ferner (vierte Classe) eine 
Ansteckung sich durch den ganzen Körper verbreiten kann, ohne die 
Erregung zu afficiren, so steht es mit der Brown" sehen allgemeinen 
Erregbarkeit sehr schlecht. Wir möchten aber überhaupt bezwei- 
feln, dassda, avo Ansteckung ist, eine Theilnahme des Organismus 
ausgeschlossen werden kann, und daher keineswegs eine solche 
Krankheit eine örtliche nennen. Die weitere Ausführung dieser Classe 
ist Brown schuldig geblieben, weil sie von zu „dunkler" Natur 
sei, ebenso die der fünften Classe, welche die Vergiltungen ent- 
hält, die erst durch örtliche Veränderung Unordnungen im ganzen 
Körper herbeiführen, (Hätte leicht zur zweiten Classe gezogen 
werden können.) — Die ganze Rubrik der örtlichen Krankheilen 
aber ist so leichtsinnig und rudimentär angelegt, dass man diesem 



89 

Tlicilc des Systems die Angst und Verlegenheit seines Urhebers 
deutlich ansieht. 

ISpecielle Patbologie. 

Da es hier nicht die Ahsiclit sein kann, eine specielle Kritik 
der B r own' sehen Behauptungen zu geben, wir uns vielmehr an das 
Ganze zu halten haben (^vomit auch Brown selbst einzelne Mängel 
im Detail entschuldigen mochte), so wollen wir nur aphoristisch 
einige ganz abweichende und auffallende Aeusserungen anführen , die 
zur Beurtheilung der besondern Eigenthiimlichkeiten Browu's die- 
nen und zugleich den innern "Widerspruch im Einzelnen nachweisen 
mögen. 

a) Sthcnische Krankheiten. 

. Phlegmasieen sind sthenische Krankheiten mit Entzündung 
d. h. local vermehrter Erregung. Da nun das allgemeine Leiden 
vorausgehen soll (was nicht bewiesen ist) und nun die Complication 
als Folge erscheint, so könnten die Phlegmasieen ebenfalls zu den 
örtlichen Krankheiten, besonders der dritten Classe derselben, ge- 
rechnet werden. Bei den örtlichen Leiden soll jedoch zuerst die 
Entzündung auftreten, diese durch andere Ursachen entstehen und 
dann erst allgemeine Leiden herbeiführen, wenn sthenische Diathesis 
da ist — (welche Sophistereil). Ist das begründet? Sind hiernach 
wirklich örtliche und allgemeine Entzündung zu unterscheiden und 
mit welchem >'utzen für den Practiker? — Nach Brown giebt es 
otTenbar essentielle Fieber, da von örtlicher, materieller Grundlage 
bei ihm keine Rede ist. — Ist die Ursache der Exantheme immer ein 
AnsteckungsstolT? (332.) Hier ist Brown wieder materiell. 

"Wenn das örtliche Leiden abhängig von der Diathesis ist (Ent- 
zündung) , muss da nicht auch dasselbe von der Erregung abhängen 
und kann dann ein örtliches Leiden nach Brown gedacht werden, 
da die Erregung allgemein sein muss ? (§. 343.) Kann ein Uebel 
noch örtlich genannt werden, wenn Pyrexie (symptomatisches Fieber) 
dabei ist? (§. 346.) — "Wie unbestimmt ist die Gradation von gelind 
und heftig und 'die Angabe, ob viel oder wenig Pusteln bei einem 
Ausschlage sind! (347.) — Unter Pneumonie werden Pleuritis und 
Carditis mit inbegriffen (348). An Begrenzung der Entzündung auf 
Membranen und Parenchym glaubt Brown nicht (3Jl.). Entzün- 
dung ist der unbelräclitlicbste Tbeil der Pneumonie (3j8.); der Puls 
ist nicht weich, sondern nur weniger hart. — Bei Phrenitis mehr 



90 

Blufmenge als Entzündung. Ausdehnung der Gefässe bewirkt Alles 
(361 — 365.). Dagegen werden über eine natürliche Anreihung der 
Exantheme, deren gewaltsames Lossreissen und künstliches Anordnen 
bei früheren Nosologen sehr wahre Bemerkungen gegeben (367.)- 
Die Annahme von Gährung der Contagien erinnert an ähnliche Theo- 
rieeu älterer und neuerer Zeit (368.). — Der Unterschied zwischen 
ansteckenden und nicht ansteckenden Exanthemen gilt bei Brown 
nicht, doch nimmt er ein symptomatisches (Eiterungs-) Fieber an, 
während es nach ihm eigentlich eine Complication mit einem ört- 
lichen Uebel sein müsste. Wir hätten dann in einer solchen exan- 
Ihemalischen Krankheit eine sthenische allgemeine Krankheit mit ört- 
licher Affection und davon wieder abhängender allgemeiner Slhenie. 
(371.) Wie complicirt! — Ist wirklich der AnsteckungsstolF ohne 
allgemein schädliche Potenzen nicht im Stande , einen Ausschlag 
hervorzubringen? oder ist er es allein, der wirkt und die nicht so 
unbedeutende Form der Krankheit bedingt? (395.) — Die für Masern 
characterislischen katarrhalischen Zufälle sollen von der sthenischen 
Diathesis abhängen? (378.) — In Bezug auf den Broussaisismus, die 
antiphlogistische Theorie von Marcus und auf die neuern Befunde im 
Typhus, in der Diarrhöe, Dysenterie u. s. w. ist die bei Gelegenheit 
der Metastasen nach Masern ausgesprochene Behauptung Brown's 
von Wichtigkeit, dass Entzündung in Innern Theilcn selten vor- 
komme, und wenn wirklich, dass sie nur asthenischer Natur sei, 
durch schwächende Mittel u. s. w. erzeugt. Er führt namenllich die 
Ruhr als Beispiel an. (Eine Beschränkung der jetzigen phlogisti- 
schen Annahme wäre gewiss wieder an der Zeit.) — Die beson- 
dere Gefährlichkeit der Gesichtsrose wird bestritten (385.). — Weil 
Rheumatismus sthenisch, Podagra asthenisch ist, sind dort die grös- 
sern , hier die kleinern Gelenke befallen ! (391.) Giebt es etwas 
Absurderes? — Die Schmerzen im Rheumatismus sind blos örtlich, 
haben mit der sthenischen Diathesis nichts zu thun (390.). — Was ist 
Synocha nach Brown's Delinition, bald einer Phrenilis (412), bald 
einem gelinden Typhus ähnlich genannt? (450. Anm.) Es ist un- 
möglich , die Natur dieser Krankheit hier zu erkennen. — Also die 
Ansteckungsmaterie trägt doch etwas zur sthenischen Diathesis bei! 
(419.) — Gehört Manie wirklich immer zu den Apyrexieen? Herz und 
Arterien sollten dabei wenig afficirt sein? (427.) — Ist Pervigilium 
nicht auch Zeichen der Schwäche ? (432.) — Obesitas wird zu den 
Sfhenieen gerechnet, wegen der Stärke (sie!) der Verdauung. Ist 



91 

das also krankhaft? (439.) Ist Fellsuclit wirklich vermehrte Er- 
regung, Stlienle der hluthereitenden Gefässe , und doch keine 
Wirkung" auf Herz und Arterien ? — Wie unterscheiden sich über- 
haupt die niederen Sthenieen von der sthenischen Anlage, in welcher 
doch auch ein niederer Grad der Sthenie herrschen muss? In der 
Mitle nun zwischen Fettsucht (d. h. der niederen Sthenie) und der 
folgenden Abtheilung der asthenischen Krankheiten liegt der Puuct 
der vollkommenen Gesundheit (452.). 

6) Asthenische Krankheiten. 

Auch in der Abhandlung über asthenische Krankheiten ist 
Vielerlei auffallend und eigenthümlich. Magerkeit wird als beson- 
dere Krankheit aufgeführt (508.), während sie doch nur Symptom ist. 
Unruhige Schlaflosigkeit erscheint wieder einmal unter den astheni- 
schen Krankheiten (510.). Für die Gebärmutter wird ausser der 
Erregbarkeit ein besonderer Reiz angenommen (526.), die Menstrua- 
tion blas durch Erweiterung der Durchmesser erklärt (528.); Sthenie 
soll nicht im Stande sein, die Gefässe zu verschliessen, daher keine 
sthenische Unterdrückung der Menstruation (548.). — "NVie unge- 
nügend der Erregungszustand zur Erklärung der Erscheinungen ist, 
sieht man besonders an der Lehre Brown's von den Blutflüssen. 
Diese werden als allgemein asthenische bezeichnet. Aber wir finden 
manchmal eine grosse Aufregung des ganzen Systems, eine Activität, 
die in einem schwachen Organe, den Lungen, dem Uterus, sich bis 
zum Blultfluss steigert; oder auch der active Blutandrang findet zu 
schwache Gefässe und durchbricht sie; oder endlich ist das ganze 
System plethorisch, blutreich und macht irgendwo, wo das Gleich- 
gewicht zwischen Ab- und Zuführung aufgehoben ist, eine kritische 
Blutentleernng (Hämorrhoiden, Nasenbluten), oder endlich eine blos 
locale Stockung des Blutes erleichtert sich hierdurch (Lungen- 
blutung). Alle diese Fälle , wenn sie auch immer auf gestörtem 
Gleichgewicht und meist auf relativer Schwäche beruhen, sind in der 
Brown'schen Annahme asthenischer Blutflüsse (§. 134. 135.548 — 
556.) nicht ausgedrückt und enthalten. — Durst ist bald sthenisch 
bald asthenisch (556.). ^ Auch bei Krankheiten des Darmcanals kommt 
gemischte Schwäche vor, ein Zustand, der gar nicht denkbar ist, 
weil erschöpfte und vermehrte Erregbarkeit Avohl stellenweis nach 
unserer Ansicht, aber nicht bei der Annahme einer allgemeinen Er- 
regbarkeit Statt finden können. — Also Kinderkrankheiten (§.566. — 



92 

welche Zusammenstellung!) sind immer asthenischer Natur? es giebt 
keine sthenischen Kinderkrankheiten? — Rheumatalgie und chroni- 
scher Rheumatismus dürften doch zwei verschiedene Zustände sein 
(581.)- — Gicht eipe Krankheit des Darmcanals zu nennen, verräth zu 
viele Kühnheit! (602.) — Die Beschränkung der Annahme von Ple- 
thora als Ursache der Apoplexie ist sachgemäss (64:7.)- — Die 
Periodicität der Fieber so wie alle darauf beruhenden Eintheilungen 
nimmt Brown nicht als selbstständige Erscheinung der Krankheit an, 
sondern erklärt die Remissionen und Intermissionen aus der von 
äussern Umständen abhängigen ungleichen Heftigkeit (662.). Auch 
die drei Stadien der Fieberanfälle (Frost, Hitze, Schweiss) werden 
von äusseren Bedingungen abhängig gemacht (666.). Was heisst 
einfacher Typhus oder Nervenfieber ? was ist der zusammenge- 
setzte ? (672.) — Brandige Bräune ist ein Typhus (673.) (scheint an 
die Neurophlogosen Schoenlein's zu erinnern). — Wenn durch 
jeden Reiz bei directer Schwäche indirecte Schwäche entsteht, so 
könnte ja gar keine Heilung durch Reize Statt finden? Wie kann 
zu einer erschöpften Erregbarkeit eine aufgehäufte treten? (682. Anm.) 
Ueber die örtlichen Krankheiten ist bereits oben hinlänglich 
gesprochen worden. 

Therapie. 

Der eigentliche Probirstein eines medicinischen Systems ist 
unstreitig die Uebereinslimniung zwischen Theorie und Praxis. Nun 
finden wir aber in den meisten Systemen, dass der Therapie zu 
Gefallen die Theorie ersonnen, oder dass der Theorie die Praxis 
angemessen wurde, um die Kluft, welche zwischen beiden noch ob- 
waltet, auszufüllen. Aber es kann eine gewisse Uebereinsfimmung 
auf dem Papier durch eigenthüniliche Construction erzielt sein, ohne 
dass die Erfahrung wirklich diesen Innern Zusammenhang und die 
daraus gezogenen Folgerungen bestätige. So ist es auch mit dem 
Brown 'sehen System. Inniger und genauer als in irgend einem 
andern System hängen hier Theorie und Praxis zusammen und die 
Therapie selbst schliesst sich so an die pathologischen Lehrsätze an, 
dass sie sämmlliche Fehler derselben Iheilt und schon in dieser 
Beziehung aus (aprioristisch-) logischen Gründen widerlegt werden 
könnte, wenn auch die Erfahrung selbst nicht die Brown'schen 
Fundamenlalsätze und speciellen Vorschriften der Therapie als viel- 
fach tadelnsvverlh und verwerflich hinstellte. Während es daher 



93 

bei den übrigen Systemen , tbeils um die genetische Entwickelung 
derselben darzulhun, theils um den richtigen Angriff für die Po- 
lemik zu finden, von iiöclistem Interesse ist, den theoretischen oder 
pracfischen Ausgangspunct aufzufinden, von welchem entweder für 
die Pathologie oder für die Tiierapie gewaltsame Folgerungen her- 
vorgingen, dürfle bei Brown's wahrhaft künstlerisch consequenter 
Verschmelzung beider Theile diese ISacIiweisung schwieriger sein. 
Nun steht aus eigenen Aussagen Brown's und seiner Schüler fest, 
dass er durch Beobachtungen an sich und Andern zunächst die wirk- 
samen Erfolge einer reizenden Behandlung kennen gelernt habe. 
Wahrscheinlich hat er dann diese reizende Wirkung auf die übrigen 
Krankheiten auszudehnen gesucht und ist so zu dem Begriffe des 
Reizes und durch eine Reihe von Schlüssen zu dem der Erregung und 
Erregbarkeit, Sthenie und Asthenie u. s. w. gelangt. Fügt man zu 
diesen Momenten den Mangel an Privatpraxis und eignen Erfahrungen, 
den man Brown trotz seiner Versicherung (§. 243. Anm.) vorwirft, 
so wie den wahrscheinlich schlechten Erfolg derartiger Behand- 
lungen (§.594. Anm. lässt auf so etwas schliessen ungeachtet der sehr 
naiven Ausflüchte, die an Bouillaud's Versicherungen erinnern, 
der die Kranken immer gerettet hätte, wenn sie nur den siebenten 
Aderlass erlebt haben würden), so ist es ersichtlich, dass trotz der 
Gelegenheitsursache, die ihn auf das System führte, der Ausgangs- 
punct desselben ein theoretischer war (worauf er §. 150. Anm. gros- 
ses Gewicht legt) und dass er erst durch eine Reihe apriorisch- 
abstrahirfer Begriffe im Stande war, seinen eigentlich therapeutischen 
Zweck auszuführen und als Reformator der Therapie aufzutreten. 
Leider führt auch der umgekehrte aber richtigere Weg , aus den 
practisch- therapeutischen Erfahrungen eine Theorie zu bilden, eben- 
falls nicht selten auf Irrwege, weil es gewöhnlich geschieht, dass 
dieser früher betreten wird, ehe diese Erfahrungen bestätigt und 
richtig ergründet oder erweitert sind; aber hier bleiben wenigstens 
die Erfahrungen unangetastet, während bei Brown der Umsturz sich 
auf diese mit -erstreckt. Kein Wunder übrigens, dass dieses System 
Glück macht, wenn es, mit so grosser Kunst zusammengefügt, noch 
durch einige glückliche Resultate zu blenden versteht; wenn es auf 
negativem Wege durch die Fehler der Vorfaliren, die es mit hef- 
tiger Polemik geisselt, gehoben wird; wenn bei der Unbekannt- 
schaft mit dem wahren Wirkungsgrunde der Arzneien sich alte Er- 
fahrungen am Krankenbette überraschend durch das neue Princip 



. 94 

erklären lassen (wie in vielen Fällen beim Opium ' ) u. s. w.) und so 
ein neues Gewand erhalten; wenn endlich der Krankheitscharacter 
der Zeit gerade mit den entwickelten Grundsätzen theilweis überein- 
stimmt. (Vorherrschen nervös -asthenischer Uebel?) 

Wir haben oben gesagt, dass die Therapie Brov/n's alle 
Fehler des pathologischen Abschnittes fheile und beweisen dies so- 
gleich aus seiner Definition der Heilmittel selbst, die zwar auf das 
Leben basirt, aber nur quantitativ von den Nahrungsmitteln unter- 
schieden werden, während die Differenz des Heilmittels und des 
Lebens und die Homogenität des Nahrungsmittels und des Lebens den 
eigentlich wahren qualitativen Unterschied zwischen beiden bedingen. 
Aus diesem Grunde wie aus der Wichtigkeit des Einflusses aller äus- 
seren Momente bei Brown überhaupt folgt schon von selbst, dass 
er besonderen Nachdruck auf das diätetische Regime legt, was ihm 
zu nicht geringem Lobe gereicht; aber andererseits ist es nicht ab- 
zusehen, warum nicht auch durch die Nahrungsmittel allein, durch 
deren eigenthümliche Verbindung, OH'Tilität u. s. w. die Heilungen 
herbeigeführt werden, wenn nicht eben in den Heilmitteln ein quali- 
tatives Etwas liegt, das durch sie absolut vermehrte oder verminderte 
Erregung herbeiführt. Ein solcher absoluter Unterschied zwischen 
Nahrungs- und Heilmitteln existirt nun eigentlich nicht, indem in 
bestimmten von der Qualität des Organismus abhängigen Fällen ein 
Nahrungsmittel ein Heilmittel werden kann und umgekehrt, z. B. Ei, 
Milch im erstem, China, Eisen im letztern Falle. Bei Brown aber 
wird der relative Unterschied leider nur durch die Gewalt des 
Incitaments und durch den dadurch herbeigeführten Grad der Er- 
regung gegeben , der in den Heilmitteln absolut vermehrt oder ver- 
mindert wirkt. Wir sehen demnach auch hier, wie bei der ganzen 
Ausführung des Brown' sehen Systems eine dynamisch ein- 
seitige Richtung, welche ohne die eigentliche vitale Selbstständig- 
keit des Organismus, dessen verschiedene Receptivität und Reaclions- 
kraft zu beachten, allein in der verschiedenen Erregungskraft der 
äussern Potenzen das bedingende Moment findet. Darum kann von 
einer Verschiedenheit der Wirkung als primäre und secundäre, 
welche letzlere meist durch die Reaction des Organismus bedingt ist, 
nicht die Rede sein , noch kann bei der einseitigen Rücksichtsnahme 



*) Zeigt sich doch auch wieder bei Brown das merkwürdige Re- 
sultat, dass im Einzelnen bei aller Vcrschiedenlieit der Theorie die 
Behandlung am Krankenbette nur zu oft dieselbe bleibt. 



95 

auf (las Heilmitlel, welches bei Brown von vornherein seine be- 
stimmte Wirkung hat, während es erst durch den Factor des erkrank- 
ten Lebens zu solchem wird, die nach der Mannigfaltigkeit des vor- 
handenen Krankheitszusfandes abweichende, vielseitige Wirkung 
eines einzigen Mittels in Betracht kommen , nach welchem es bald als 
Stärkungs-, bald als Schwächungsmiltel auftreten kann (wie z. B. 
die Mineralsäuren hei Hyperämie, Congeslivzusländen, Fiebern als 
schwächend erscheinen, bei Scorbut, Chlorosis als stärkend; Bella- 
donna bald als reizend, bald als consopirend u. s. w.). Diese sich 
allein auf die Erregung, auf die Gewalt der Reizung beziehende Wir- 
kung kann auch schon um deshalb nicht genügen , weil Erregung in 
vielen Zuständen ein zufälliges, äusserliches, unwesentliches Moment 
ist, weil wir bei vielen 3Iilteln entweder deutlich ein Mehr oder 
Minder der Erregung nicht wahrnehmen oder die Wirkung des Mittels 
aus vermehrter und verminderter Erregung zusammengesetzt ist (wie 
beim Opium, bei den acribus drasticis), und weil sich die grosse Man- 
nigfaltigkeit der Heilmittel ebenso wenig wie die Wirkung eines jeden 
einzelnen Mittels für sich in so enge Grenzen bannen lässt. Wo 
bleiben z. B. nach dieser Eintheilung die Saccharina , die in Bezug 
auf Erregung völlig indifferent erscheinen ? Und lässt sich die che- 
mische Einwirkung der Säuren , der Absorbentia , der Metalle auf 
diese zwei verschiedenen Wirkungsarten zurückführen? Es ist 
durch die Fortschritte der neueren Zeit bewiesen, namentlich an den 
Metallen, dass oft wirklich chemische Verbindungen Ursache von 
stofflichen Veränderungen sind, wie durch Pepsin- und Albumin- 
verbindungen der Metalle die Verdauungsschwächende , corro- 
dirende, auflösende Wirkung hervorgerufen wird; man nimmt an, 
dass das Eisen in der Chlorosis dadurch nützt, weil es den an Eisen 
Mangel leidenden Cruor verbessert; dass vorwaltende Säure bei der 
zum Verseifungsprocess dienenden Galle durch Alkalien chemisch um- 
geändert und gehoben werde. Die vorgefundenen Arzneistoffe im Paren- 
chym der Organe, im Blute, im Chylus, in den Secretionen (vgl. So- 
bernheim's Plijsiologie der Arzneiwirkungen. Berlin 1841.) sprechen 
für materielle Einwirkung ; die Behandlung der Vergiftungen u. s. w., 
sowie der organisch -materiellen Krankheitsprocesse in den Kache- 
xieen und Dyskrasieen und vieler andern lassen es als ausgemacht 
gellen , dass ein grosser Theil der Arzneien nur durch organisch- 
qualitative Abänderung wirke, Soll dieses auch durch Erregung 
erklärt werden? Man sieht also, dass wie die Krankheiten selbst, 



96 

so auch die Heilmittel nicht unter diesen zwei Classen hegriffen sein 
können, weil auf diese Weise ein hauptsächlicher, integrirend selbst- 
ständiger Act des Lebens zu sehr in den Hintergrund tritt oder wohl 
gänzlich ül)ersehen wird. So aber ist es ganz erklärlich, dass Brown 
die Antiseptica als besondere Classe der Arzneien verwirft, dass er 
eine eigentlich antiphlogistische Methode nicht annimmt und ebenso 
wenig eine eigentlich umstimmende, resolvirende u. s. w. Für ihn 
giebt es nur sthenische und antisthenische Heilmittel. Bei den 
eigentlichen Schwächungsmitteln ist an eine Schwächung auf posi- 
tivem Wege, durch wirklichen Verlust an Säften und an organischer 
Masse (Quantität) , oder durch Mangel an Cohärenz der organischen 
Bildung, durch Verflüssigung, Ueberwiegen der Secretion über Re- 
sorption und Assimilation (Qualität) nicht zu denken, sondern die 
Schwächung geschieht nur auf negativem Wege, indem geringere 
Erregung herbeigeführt wird als zur Gesundheit nothwendig ist. 
Eine eigentliche Schwächung giebt es daher nicht, sondern nur 
eine geringere oder grössere Reizung. Da Reizung aber nicht absolut 
ist, sondern von der relativen Beschaffenheit der Organe, Zustände 
und Individuen abhängt und ein absolutes Maass der höheren oder 
niederen Reizung nicht existirt, so dass ein slhenisch reizendes Mittel 
in vieler Beziehung weniger erregen kann als ein von Brown so- 
genanntes antisthenisches (wozu noch überdies die specifike Reizung 
besonderer Organe kommt) und z. B. Opium in einem sthenischen 
Exanthem eher vertragen werden konnte als ein Drasticum, während 
es in der Hysterie, wohin es nach Brown passt, gerade mehr scha- 
den würde als letzteres, so ist eigentlich der Begriff sthenischer oder 
antisthenischer Heilmittel im Allgemeinen ein sehr vager, unzurei- 
chender. Desshalb nahm Brown eine besondere Mittelmethode zwi- 
schen beiden, welche ein reichliches und gesundes Blut liefern 
solle (§. 99.), die tonische, an, der eigentlich eine positiv 
schwächende entgegengesetzt ist. — Mehr als Alles aber stürzt 
diese Bezeichnung der Heilmittel die unverkennbare besondere Affi- 
nität derselben zu bestimmten Organen und Systemen und die daraus 
resultirende Specificität, welche in solcher Satzung gänzlich unter- 
gehen und so den Ruin der ganzen Therapie herbeiführen würde. 
Denn es ist das Bestreben der Heilkunde selbst von den ältesten Zeiten 
her gewesen, die bestimmten specifischen Beziehungen der Heilmittel 
zum Organismus kennen zu lernen, weil nur auf diesem Wege ein 
sicherer Anballspunct für die Praxis gewonnen werden kann. Nur 



97 

indem man die physiologisch eigenthfimliche Wirkungsweise des 
Ileilmillels kennen lernt und seine individuelle Natur ergründet, ist 
man im Stande nach und nach eine wahre Einsicht in die hülfreichen 
Leistungen desselben zu erlangen. Diese Individualität giebt sich 
eben als besondere, locale , qualitative und quantitative Umslimmung 
besonderer Organe, wie der Leber, der Lungen, oder der Ge- 
webe, wie der Schleimhäute, serösen Häute, oder der Systeme, 
wie des Abdominal-, Nerven- (Ganglien-), Gefässsystems u. s. w., 
kund, die als Exaltation in den einen Theilen, in den andern als De- 
pression erscheinen kann, wie z. B. in der Secrctionsbefördcrung 
und Assimilationszerstörung des Quecksilbers. Sobald wir aber 
mit B r w n eine allgemeine Erregbarkeit annehmen , ist eine solche 
speciQko, locale Einwirkung nicht denkbar*). Aus diesem alles 
■weitere Streben der Erkcnnlniss der Heilmittel und ihrer physiolo- 
gisch-therapeutischen Wirkungsweise auf schmähliche Weise unter- 
grabenden Vordersatze, der in der That der Wissenschaft, welche erst 
heule die Nolhwendigkcit dieser Erkenntniss zu begreifen an- 
fängt, unendlich geschadet hat, folgt der noch viel gefährlichere, die 
höchste Stufe der Irrationalität erreichende Satz, dass ein Mittel, 
welches eine Krankheit der einen Form heile, die sämmtlichen übri- 
gen Krankheiten derselben Form zu heilen im Stande sei. Da näm- 
lich der specißsche und besondere Unterschied zwischen den Krank- 
heiten und zwischen den Heilmitteln wegfällt und es nur darauf ankommt, 
zu wissen, zu welcher Form eine Krankheit und zu welcher ent- 
sprechenden Methode ein Heilmittel gehöre , sei es ganz gleichgültig, 
Avelches Mittel man aus dem Heilapparat wähle, wenn es nur dem 
Grade nach passe; eine Bestimmung, welche einen Anhaltspunct durch- 
aus nicht darbietet und schon deshalb rein willkührlich ist, da sich 
der Grad der Krankheit wie der Wirkung nicht absolut messen lässf. 
So ist denn die schönste Pflicht des Arztes auf eine einfache Grad- 
messung herabgesunken. Aus diesem verflachenden Grunde giebt 
es keine wahre Indication der Krankheit, ihres Sitzes, ihrer Art, 
ihres Verlaufes", ihres Stadiums; es giebt keine Indication der Krisen 
als die, ausnahmsweise der Materie Zeit zum Austritt zu lassen (96); 
es giebt nur eine Indication: wo Schwäche ist, zu stärken, 



*) §.244. widerlegt Brown die Meinung, dass es specißsche Mit- 
tel gäbe, dadurch, dass in der Natur Einfachheit und Gleichförmigkeit 
herrsche. Als ob die Annahme einer solchen Verschiedenheit den 
ewig einfachen Gesetzen der Natur widerspräche! 



98 

Avo Stärke, zu schwächen. Die Rücksicht auf Antagonismus und 
Consensus der Theilc, auf physiologisches Verhalten der Organe und 
Systeme fällt weg. Aus gleichem Grunde kann die ahleitende Me- 
thode, welche eben durch antagonistische Dethätigung einzelner 
Theile vortrefnich wirkt, hei Brown nicht Statt finden. Dennoch 
zeigt so manche nähere Beslimnning darauf hin, dass die Qualität und 
Specificilät der Wirkung nicht ausser Acht zu lassen ist (wozu sonst 
die diätetischen Vorschriften und gerade diese und jene Empfeh- 
lung, nicht eine andere, wenn Alles promiscue gebraucht werden 
könnte, namentlich bei den asthenischen Formen?), und dass es ver- 
geblich ist, der Natur und Vernunft, Avelche eben im Besondern 
die Grösse des Allgemeinen nachweist, auszuweichen. Ja eine 
andere Bestimmung, welche leider zum Nachtheil der Mitlelkennlniss 
überhaupt schon vor Brown lange genug beobachtet worden ist, 
hier aber förmlich gepredigt wird, die nämlich, sich nie auf ein Mittel 
allein zu verlassen, sondern alle übrigen Mittel zugleich oder nach 
der Reihe anzuwenden, um die Erregbarkeit gleichförmiger zu affi- 
ciren (§. 92. 286.), spricht unbedingt für die Unsicherheit der Brown'- 
schen Praxis und die Aengsllichkeit ihrer Anhänger sowohl, als für 
die örtliche Einwirkung der verschiedenen Agentien, ohne welche 
eine Zusammenmischung melirer zur gleichförmigen Affeclion der 
Erregbarkeit nicht nölhig wäre *)• I" noch grössern Conflict bringt 
Brown die Eintheilung der Heilmillel in allgemeine und örtliche, 
worüber dasselbe gilt, was von der ähnlichen Eintheilung der Krank- 
heiten behauptet wurde. Die Beschränkung der Heilwirkung 
auf einen Ort ohne Theilnahme des Organismus widerspricht der all- 
gemeinen Wirkung und ist nur bei einigen äusseren Anwendungen an- 
nehmbar. Da überdies sowohl eine Resorption selbst äusserlich und 
örtlich applicirfer Millel als auch oft die Nothwendigkeit einer innern 
Behandlung örtlicher Uebel vorkommt, so ist die Nichtigkeit einer 
blos örtlichen Behandlung wie blos örtlicher Uebel selbst ausgespro- 
chen. In der 2., 3. und 5. Classe ist ohnehin die allgemeine Be- 
handlung gar nicht auszuschliessen und von Brown selbst an mehr 
als einer Stelle Wein, Opium u. s. w. angerathen worden. 

Was nun die Indicalionen anbelangt, so haben wir gesehen, 
dass es bei Sthenie angezeigt ist, die verminderte Erregbarkeit zu 



.. *) Ja> im §■ 304. u. 308. wird zu demselben Behufe sogar von einer 
örtlich gesteigerten Einwirkung auf die Applicationsstelle gesprochen 
(bol.). 



99 

vermehren oder mit andern Worten die Erregung zu vermindern, bei 
Asthenie dieselbe zu vermehren. Schwerer diirfle die Behandlung 
der indirecfen Asthenie zu begreifen sein. Es ist ein Avichtiger 
Erfahrungssalz, der sich z. B. bei der Cur der Trunkliebe bewährt, 
dass man gewohnte Reize nicht plötzlich entziehen darf, weil dann 
plötzliche Sciiwäche eintritt. Durch das allniiililigo Entziehen wird 
die normale Receptivilat und Reactionskraft wieder hergestellt, wäh- 
rend durch eine plötzliche Beraubung die an äussere Reize gebundene 
Nervenkraft unter die Norm herabsinkt. Von ganz andern Gcsichts- 
puncten geht Brown aus. Bei ihm wird durch einen grossen Reiz 
die Erregung vermehrt und durch allmählige Steigerung der Reize 
endlich die Erregbarkeit erschöpft, doch nur soweit, dass noch ein 
Reiz wirken kann. Um diese erschöpfte Erregbarkeit wieder her- 
zustellen, sollen immer geringere Reize nach und nach angewendet 
werden. Dies ist die Cur der indirecten Asthenie. Nun aber fragt 
es sich : l) wie kommt es, dass plötzlich bei einem bestimmten Grade 
die anfangs vermehrte Erregung vermindert wird? 2) wie soll, wenn 
die Erregbarkeit erschöpft ist, ein Reiz, und wenn auch ein gerin- 
gerer, noch so wirken, dass die Erregung wieder vermehrt, d.h. 
die Erregbarkeit mehr angehäuft wird? Sollte man nicht vielmehr 
meinen, dass ein dem früheren Reize dem Grade nach gleichstehender 
entweder die Erregbarkeit noch mehr erschöpfen oder vielmehr 
gänzlich indifferent bleiben müsste? wieviel mehr noch ein geringerer 
Reiz? Soll ein geringerer Reiz dadurch wirken, dass er wieder die 
Erregbarkeit anhäuft, so muss zur vermehrten Erregung eine vermin- 
derte hinzutreten, trotz Brown's Versicherung, dass indirecte 
Asthenie nicht durch directe zu heilen sei (47.); so müsste Ruhe und 
Entziehung das bessle Heilmittel der indirecten Schwäche sein , diese 
auch durch eine schnell herbeigeführte directe Schwächung geheilt 
werden können. Auch hier beruht wieder Alles auf der Verkennung 
der Receptivität und Reaclion, sonst würden hier solche Mittel ange- 
zeigt sein, welche (wenn es natürlich der Scala angemessen werden 
sollte) nicbt durch Schwächung, nicht durch Herbeiführung einer 
allmählig verminderten Erregung, die doch ohnedies in der in- 
directen Asthenie vermindert ist, heilen würden, sondern durch eine 
wiederum vermehrte und qualitativ gestählte Erregung von Slhenie 
absteigend zur Gesundheit führen müssten. Soll aber etwa die vor- 
ausgegangene Sthenie auf die Einwirkung der Reize einen solchen 
Einflüss haben , dass diese als schwächende nur eigentlich zur Sthenie 

7* 



100 

zurückführten, so liegt darin ein Verkennen der Krankheitsprocesse, 
welche, wenn einmal indirecte Asthenie eingetreten ist, ehen nur 
asthenische sind, ohne dass die vorausgegangene Stheaie immer einen 
Einlluss auf die Behandlung haben könnle. (?S'ach Brown müsste 
dann z. B. Ilydrothorax nach Pneumonie erst wieder Pneumonie wer- 
den, ehe er geheilt werden könnle.) Dazu kommt, dass bei Brown 
nicht von Entziehung derselben Reize die Rede ist, sondern andere 
substiluirt werden sollen, deren Grad so schwer zu bestimmen ist, dass 
es öfters unmöglich sein dürfte, einen gradweis geringeren Reiz zu 
wählen, als der früher wirkende war. — Wie aber soll endlich die 
gemischte Schwäche zu behandeln sein ? Brown begnügt sich auf 
höchst mysteriöse Weise uns eine gehörige Verbindung de^ für jede 
derselben passenden Verhäbnisses der Gaben anzurathen. Wie das be- 
werkstelligt wird, lässt er in Uugewissheit und mit Recht, denn eine 
stärkende und schwächende Methode dürfte schwer zu gleicher Zeit 
zu realisiren sein (§. 691.)^ wenn es überhaupt solche Methoden gicbt. 

ülateria inedica. 

Wir haben nun noch einige Bemerkungen über die Heilmittel 
gelbst zu machen, deren sich Brown bediente. Der Apparat seiner 
Materia medica ist sehr gering. Jener alle Spruch, nach welchem 
Der nicht ein guter Arzt genannt werden kann , dessen Materia me- 
dica sich nicht auf den Nagel des Daumens schreiben Hesse, scheint 
von Brown mit demselben Nachtheil beherzigt worden zu sein , den 
er überall erzeugen wird, wenn man die grosse Mannigfaltigkeit der 
Krankheiten in iiiren tjpecifischen Abweichungen mit einer verhältniss- 
mässig kleinen Anzahl von Mitteln bekämpfen will. Schliesst denn 
die Anwendung vieler 3Iittel die genaue Kenntniss der einzelnen 
aus? — Wir haben gesehn, dass, da Brown nur reizende oder 
schwächende Mittel kennt, er bei der Ausst>hliessung einer grossen 
Anzahl anderer qualitativ umstimmender Mittel viele Acrien, Narco- 
tica, Metalle, Adstringentia und die Classe der Amara und Saccharina 
gänzlich verwirft und nolhgedrungen den Reizmitteln eine grössere 
Ausdehnung zu geben genöthigt war. Da nun dergleichen Arzneien 
vorzüglich nur momentan erregend wirken , ihre Primär- und Secun- 
därwirkung aber gar nicht unterschieden wurde und die Natur der 
Kranken sich oft leicht gerade an Reize gewöhnt, so konnte die 
Hülfe derselben oft nur eine palliativ anregende sein, nnisste aber auch 
hinwiede um nicht seit n durch künstliche Exaltation, Verabsäumung 



101 

besserer Hülfe, nachfolgende Schwächung schädlich werden. Dulicr 
ist Brown auch noch heutigen Tages von dem Vorwurfe nicht frei- 
zusprechen den Missbrauch der Heizniitlei, deren häufigere Anwen- 
dung durch das Clima überhaupt und vielleicht damals durch eine 
gewisse nervöse Intemperanz geboten wurde, sowohl in diätetischer 
als therapeutischer Hinsicht auf lange Zeit zum grossen Nachtheile 
eingeleitet zu haben. Auf der andern Seile hat er aber wieder un- 
bedingte Verdienste um die Beschränkung des Aderlasses und der 
ausleerenden Methode, welclie damals leichtsinnig genug gehandhabt 
wurden; nur Schade, dass aucii hier wieder das Systematisiren zu 
weit geführt hat, daher Ausnahmen wie (l07.) Ausleerung beim gelben 
Fieber und (210.) Erleichterung der Last der Gcfässe in der astheni- 
schen Entzündung, um das Blut in schnellere Bewegung zu setzen, 
nolhwendig geworden sind. Die Behandlung der sthenischcn Krank- 
heiten , in denen ihm Sydenham ein grosses Muster gewesen, im 
allgemeinen, besonders die der Entzündungen und Ausschläge, enthält 
jianches Gute und ist in ihrer Einfachheit lobenswerth. — Die Heil- 
mittel selbst sind vorzugsweise: l) Aderlass, den er nicht nur bei 
den asthenischen Krankheiten , sondern auch bei den gelinderen 
sthenischen Entzündungen verbietet, bei den heftigeren aber selbst 
wiederholt anräth und als souveränes Mittel bezeichnet. 2) Kälte. 
Die verdienstliche Anwendung dieses 311tlels, namentlich Lei Haut- 
krankheiten, ist sehr zu rühmen, obgleich er dessen Wirkung nur davon 
herleitet, dass es der 3Iaterie dann freien Ausgang verschafft, wenn 
die Diathesis geschwächt wird. Beiden grossen Vorurllieilen, die 
man 'selbst gegen einen Trunk kalten Wassers im Fieber hatte, rausste 
diese Empfehlung und Erklärungsweise viel nützen. Empfiehlt doch 
Brown Kälte gegen Catarrh (411.) und gegen Masern (406.), 
was selbst Sydenham widerrathen hatte, und erlaubt auch im 
Schweissc kalt zu trinken (478.). Keineswegs aber darf uns dies be- 
rechtigen, Brown eine bessere Kenntniss der Heilwirkung der Kälte 
zuzuschreiben, deren falsche Beurtheilung wir ihm bereits unter der 
Aetiologie nachgewiesen haben. Er verwechselt offenbar die küh- 
lende Wirkung mit der schwächenden, unterscheidet weder Frimär- 
noch Secundärwirkung und leitet die reizende, resp. kräftigende, 
stärkende \Mrkung derselben, welche eine wahrhaft positive ist, nur 
von der Beschränkung der indirecten Schwäche innerhalb der Gren- 
zen der Stbenie her. Daher hat er auch ihren neuerdings gerade in 
den asthenischen Krankheiten so glänzend bewährten Nutzen, bei 



102 

denen er namentlich Kälte widerrälh , wie bei Fiebern (asthenischer 
Art), Gicht, übler Verdauung, Kolik, Rheumatalgie u. s. w., verkannt 
und verdient desswegen einen nicht geringeren Tadel, als er selbst 
schonungslos genug den Verächtern der Kälte in sthenischen Krank- 
heiten angedeihen lässt. Wo Avirkt Kälte vorzüglicher als in den 
von Brown als asthenisch bezeichneten Blulfliissen? Und hat er 
gehörig die Grade, die Dauer, die verschiedenen Anwendungsweisen 
der Kälte unterschieden, welche alle eine bedeutende Modification 
herbeiführen? — 3) Brechmittel. Ohne sich genauer auf die 
besonderen hieher gehörigen Mittel einzulassen (und tart. slib. wirkt 
doch ganz anders als ipecacuanha) oder Contraindicationen anzugeben 
(Phrenitis) oder bestimmte Anweisungen (gastrisch-biliöse Zustände), 
wird das Erbrechen als ein rein schwächender Act gegen Sthenie 
empfohlen, blos aus dem Grunde, weil ein Verlust von Stoffen her- 
beigeführt wird, der einen geringeren Reiz erzeugt. Ganz abgesehn 
davon, dass das Erbrechen durchaus nicht in allen sthenischen Krank- 
heilen von Nutzen, ja in vielen sogar schädlich sein wird, Congestio- 
nen, nervöse Zufälle u. s. w. erzeugen kann, so ist die qualitativ um- 
stimmende und ableitende, die sympathische und reflecto- motorische 
Wirkung nach und von den Centraltheilen, die specifische Wirkung auf 
die Ganglien, den Vagus und das ganze übrige Nervensystem, beson- 
ders das vegetative, ganz übersehen und darum allein erklärlich, wie 
auf völlig uabegreifliche Weise , allen früheren Anempfehlungen zum 
Trotz, die wohlthätig alterirende Wirkung der Brechmittel in asthe- 
nischen Krankheiten, zu denen doch selbst gasfrische Uebel vorzugs- 
weise gehören, habe geläugnet werden können. — Fast dasselbe 
könnten wir 4) von den Purgir mittein erwähnen, deren ver- 
schiedene, nicht blos schwächende, sondern auch mischungsumän- 
dernde, den abweichendsten Indicalionen dienende Heilwirkung ganz 
übersehn ist und die trolz aller Beschränkung doch zu oft und zu 
ausschliesslich in sthenischen Krankheiten und ohne die gehörigen 
Vorsichtsmaassregeln (z. B. bei Exanthemen) von ihm angepriesen 
werden. — 5) Schwitzmittel. Ihrer bedient sich Brown nach 
Anwendung der genannten Mittel, namentlich dann, wenn die heftige 
Sthenie nachlässt (zur Zeit dur Krisen) ; aber nicht um die Krisen zu 
befördern und durch materielle Ausscheidung eines Krankheitspro- 
ducles eine organische Veränderung herbeizuführen, sondern nur um 
durch Entziehung von Säften die reizende Wirkung derselben auf 
die Gefässe zu mindern, daher um zu schwächen. Dieser Grund 



103 

lässt die Diaphorese daher auch ohne nähere Bestimmung hei einem 
nur scheinbaren Nachhiss der Symitlome zu, begründet keinen Unter- 
schied zwischen den Diaphorelicis, der doch höchst bedeutend ist, und 
dehnt die Anwendung auf fast alle sthcnischcn Krankheiten aus. Da 
Brown aber die primäre reizende Wirkung der Schwitzmittel (denn 
hier allein ist der Unterschied zwischen Primär- und Secundärwir- 
kung angegeben) nicht abläugnen kann , empfiehlt er wenigstens mil- 
dere, unter denen wir zu unserer nicht geringen Verwunderung auch 
Laudanum u. a. Reizmittel ganz im Contrast mit der sthenischen Heil- 
methode finden. Aber aus demselben Grunde verbietet er die 
Schwitznnllel bei Blattern , nur wiederum zu allgemein, da es auch 
Fälle giebt, in denen eine leichte Diaphorese den Ausbruch befördert. 
(Nach Brown soll der Schweiss durch den Reiz die Ausdünstung 
unterdrücken.) Wenn Brown auf der einen Seite gegen die zu 
gewöhnliche Anwendung schweissireibcnder Mittel mit Recht eifert, 
ist es falsch, den Nutzen dieser Mittel vorzugsweise auf sthenische 
Krankheiten beschränken zu wollen, da es doch ausser seinen 
für Diaphorese passenden asthenischen Krankheiten noch andere in 
Menge giebt, bei denen Diaphorese angezeigt sein kann; wir er- 
wähnen nur Gicht, Rheumatalgie. Hier wirkt die Primär-, dort die 
Secundärwirkung. — 6) Ausser diesen Mitteln führt Brown noch 
als antisthenisch Salpeter und Säuren an (wie steht es da mit dem be- 
währten Nutzen der Säuren gegen die Blulflüsse, die doch rein asthe- 
nisch sein sollen?), jedoch sind sie nach ihm von geringem Belange. 
Blutegel, Schröpfköpfe, Vesicantien (deren Wirkung übrigens nach 
seinen Ansichten von allgemeiner Erregbarkeit gar nicht erklärt wer- 
den könnte) helfen wenig. Ueberdiess dienen als diätetische Sliltel: 
Ruhe, Enthaltsamkeit, deprimirende Leidenschaften, Pflanzenkost, 
wässriges Getränk, (sogar!) Coilus. — Wenn alle diese Mittel ver- 
braucht sind und die Krankheit nicht gebessert ist , so fängt man 
wieder von vorn an und wählt unter diesen verschiedenen Arzneien, 
die ja alle höchstens gradweise differiren. Dass, wenn diese allenfalls 
für das erste Fieberstadium überall zureichen, später auch specifische 
Mittel, wicbei Pneumonie, Rheumatismus, Bräune, Calarrh, Schar- 
lach, Manie u. s. w., nolhwendig werden, will Brown nicht wissen, 
wie er auch so viele andere wirksame Mittel, unter denen wir nur 
die bei Exanthemen so wohllhätigen Bäder nennen, gar nicht er- 
wähnt. Noch viel leichtsinniger und wie erwähnt schadenbringen- 
der geht Brown bei der Heilung der asthenischen Krankheiten zu 



104 

Werke , gegen welche er den bereits gerügten ausschweifenden Ge- 
brauch der Reizmittel eingeführt hat. Manches Vortreffliche, was 
besonders in der Behandlung der Nervenfieber, der Schleim- und 
Faulfieber, der Wechsclfieber (China ist kein Specificum!), der con- 
vulsivischen Krankheiten, der Ruhr, Kolik, Diarrhöe, der Magen- 
säure [durch stärkende Mittel (l93.)] , der zusammenfliessenden Blat- 
tern, der Blulflüsse, der asthenischen Entzündungen vorkommt, lässl 
sich nicht verkennen, ist aber entweder nicht neu oder in viel zu all- 
gemeinen und unbestimmten Anweisungen gegeben. Unter den Heil- 
mitteln, denn er sich zur Erfüllung der Indication des Beizens be- 
dient, als: Wärme, Fleischkost (zur Vermehrung der Blutmenge und 
dadurch des Reizes auf die Gefässe), Gewürze, Bewegung, Luft, 
Denken, Gemüthsausirengung , Fieberrinde, Branntwein, Wein, Cam- 
pher, Moschus, Alkali, Aether, Opium (dilfusible Reize), hat bei 
ihm das Opium die allerweiteste und ausgedehnteste Anwendung ge- 
funden, weil er es in Rücksicht auf seine reizende Primärwirkung 
mit dem bekannten Wahlspruch „Minime hercule opium sedat" (nicht 
„opium mehercle non sedat", wie gewöhnlich) für reizend erklärt, 
wobei, selbst abgesehen von der consopirendcn Eigenschaft desselben 
in der Nachwirkung, die qualitativ umstimmende gänzlich übersehen 
ist. Nun kommen zuweilen, wie so oft in der Medicin, Brown's Er- 
fahrungen mit denen Anderer überein, wenn auch die Erklärung 
abweicht (wie z. B. die consopirende Wirkung des Opiums mit 
Recht gegen Krämpfe , aber als reizend gegen Schwäche empfohlen 
wird); noch weif öfter aber spricht er, von seinen falschen Prämissen 
ausgehend, der gesunden Beobachtung Hohn, wie wenn er Opium in 
der Hysterie (581.), bei Lähmung (641.), bei Kinderkrankheiten 
(Würmern, Tabes) (594.), im Abortus und in vielen andern Fällen 
zum offenbaren Nachtheil der Kranken empfiehlt und dabei ganz ab- 
sieht von der Verschiedenheit der Wirkung nach der Dosis, auf die 
er nur eine geringe Rücksicht nimmt, von der Nachwirkung, von den 
Contraindicationen (gastrische Zustände, Congestivzustände machen 
gar keinen Unterschied). Wie schädlich kann, wenn auch zuweilen 
eine palliative Hülfe durch Opium herbeigeführt wird, der Gebrauch 
desselben im Typhus werden , was schon ein eifriger Brownianer, 
Joseph Frank, eingesehen hat! Was soll Rum und Opium gegen 
Hydrops leisten? uui wie viel vorzüglicher ist nicht oft die qualitativ 
alterirende Behandlung der Krämpfe und Nervenkrankheiten mit 
Metallen als mit dem momentan beruhigenden Opium? Und wie 



105 

leicht gcwölinl sich der Körper an diese Reize , so dass selbst der 
angcrathcno Wechsel mit denselhen (§. 301.) nichts »eiler leistet! 
wie leicht vermehren sie die Irritabilität und Reizbarkeit des Krau- 
ken! — Noch lange hatte die medicinische Welt und England 
bis heule an den Folgen dieser reizenden Methode zu leiden, — 
und wie viele Opfer mögen im Typhus dieser systematischen Conse- 
quenz gefallen sein! — Sollen Schweisse bei Krätze, Reize aller Art 
bei Diabetes, Rhachitis, Menslrualionsfehlern , Tabes der Kinder, 
Scorbut, Gicht, Wassersucht, Epilepsie, inlermiltirenden Fiebern, 
Ruhr allein wirken und eine specifisch verschiedene Behandlung 
überflüssig machen? Wie viel willkührliche Verkennung des Krank- 
heilsprocesses, wie viel leichtsinnige Verschmähung der bessten Hiilfs- 
mittel! Daher der Sturz des Brown 'sehen Systems! Desshalb 
sprach sich seine Therapie das Todesurlheil ; dosshalb können wir sie 
(ohne selbst den Mangel einer genauen Dosenbeslimmung, die mehr 
vom Grade der AfFection als von der Verschiedenheit der Individuali- 
tät nach Alter, Geschlecht, Constitution, Temperament, Clima u. s. w. 
hergenommen ist, genauer zu urgiren) keineswegs als eine auf dem 
siclu-rn Boden der Erfahrung, der Krankheilserkennlniss wie der Er- 
mittelung der wahren Heilwirkung der Arzneien beruhende Methode 
bezeichnen. Wir stimmen daher nicht in das selbstzufriedene Eigen- 
lob Brown 's ein, mit dem er (§.607. Anm.) den Spruch des 
Asklepiades auf seine Heilmethode bezieht; am wenigsten gestat- 
ten wir ihm den Zusatz „salubriter", den er so selbstgefällig in An- 
spruch nimmt. Uebrigens aber hoffen wir in einer spätem Abthei- 
lung dieser Schrift noch Gelegenheit zu finden, diesen Schattenseiten 
unserer vielfach tadelnden Kritik auch die Vorzüge mancher patho- 
logischen und therapeutischen Grundlehren eines Systems gegenüber- 
zustellen, das in geschichtlicher und wissenschaftlicher Hinsicht sei- 
nem Urheber den Namen eines geistreichen und genialen Denkers mit 
Recht erworben hat. 



Gescliiclite des Urownsclacii Systems. 



Geschichte des Brownianismus in England 
(und America). 

Die besle Beurlheilung des Brown'sclien Systems gab die Zeit 
selbst, indem sie in den gescbichllichcn Entwickelungen den Höhe- 
punct und Rückschritt des Systems herbeifiihlie, die Erkenntniss des 
Werthes und der Wahrheiten desselben zeitigte. Diese Entwicke- 
luno- wollen wir nach ihren verschiedenen Stadien vorfuhren, um den 
Standpunct, den dieses System in der Geschichte der Medicin ein- 
nimmt , zu veranschaulichen. 

Das Vaterland des Urhebers dieses Systems, England, war 
nicht geeignet, einen sichern Zufluchtsort für dasselbe zu bieten. 
Mag auch die Einfachheit und Consequenz des Systems in dem natio- 
neilen Character der Engländer einen Grund finden und die Lebensart 
derselben in einem nebelfeuchten, materiellen und monotonen Lande 
der Reize mehr als anderswo bedürfen, der practische Sinn der 
Brüten ist einem blossen Theoretisiren, einem Schematisiren und 
Systematisiren zu abhold, um eine mehr als flüchtige Theilnahme an 
dem wunderbar auftauchenden Meteore zu nehmen, das allerdings 
ziemlich in der Luft schwebte, obgleich es den Boden der Erfahrung 
für sich in Anspruch nahm. Dazu kam, dass Brown's Character 
selbst nicht eben in grosser Achtung stand und auf seine Schöpfung 
einen dunkeln Schalten zurückwarf; ferner die Aufführung vieler 
seiner Anhänger, die, grösstentheils leidenschaftliche und ausschwei- 
fende .Jünglinge, an den Lehren von den Reizen der Aussenwelt einen 
so thiUigen Antheil nahmen, dass Bcddoes das System von dem 
Vorwurfe, es befördere die Unmässigkeit. zu reinigen versuchen 



107 

mussle. Vorzugsweise aber wirkte die Auforitäl aller Heroen der 
Medicin , die in England einen unbeschränkten Glauben genossen, 
dem neuern Systemaliker entgegen; besonders Sydenham's hoch- 
gestellter Name als Wahrzeichen alter hippokralischer Praxis, und 
unter den Coälanen Brown's Cullen, dessen Verdienste in zu 
frischem Andenken standen und der eine zu grosse Anzahl von Schü- 
lern herangebildet hatte, um von dem Jüngern Zeitgenossen verdrängt 
zu werden; besonders wenn so unredliche Mittel angewendet wurden, 
wie Avir sie in der Lebensbeschreibung Brown's leider nicht un- 
berührt lassen durften. Ein anderer Versuch, die Brown'sche Me- 
thode durch Eröffnung eines Krankenhauses für Arme in Edinburg 
einzuführen, wurde nicht verwirklicht, weil es an Geldmitteln fehlte. 
Und so geschah es, dass, nachdem überdies practische Versuche die 
Unzulänglichkeit und Schädlichkeit der Brown' sehen Heilmethode 
gezeigt hatten, Girtanner bereits in den Jahren 1789 und 1790, 
in welchen er England bereiste, in Grossbrittanien keinen Arzt mehr 
gefunden haben will, der die Heilmetiiode Brown's unbedingt be- 
folgt hätte ■^"). Daher ist auch die Anzahl der in England erschie- 
nenen Schriften über das Brown'sche System ziemlich gering. 

Die erste Ausgabe der Elemente Brown's erschien im Jahre 
1780 im lateinischen Urtext ^) ■'•'■•"')• Hier wird die Ursache der Ent- 
stehung des Systems ganz anders erzählt als oben berichtet wurde. 
Brown will nämlich durch Nachdenken über die Entzündungskrank- 
heiten, besonders über Pneumonie, und durch Triller's Werk über 
diese Krankheit die erste Idee seines Systems gefasst haben (wahr- 
scheinlich ist hier die Abhandlung Triller's vom Seitenstich ge- 
meint). Da die zweite Auflage, welche im Jahre 1784 (Girtanner 
spricht von 1787, vor uns liegt aber eine zu Edinburg herausgekom- 
mene vom Jahre 178i) ^) erschien , bedeutende Veränderungen erlitt, 
so lassen sich wohl beide Enfstehungsweisen recht gut vereinigen, 
wenn auch die erstere Angabe später gänzlich negirt wurde. Sehr 
wichtig für die Verbreitung des Systems war aber die von Brown 
selbst kurz vor seinem Tode besorgte englische Uebersetzung vom 
Jahre 1788 *), welche durch eine beträchtliche Vermehrung und 
weitere Beweisführung wie durch die grössere Verständlichkeit und 
Klarheit dem System viele Anhänger verschaffte und daher allen 



♦) S. Girtanner Brown's System, Vorrede VI. (Vgl. unten.) 
♦♦) Die Zahlen verweisen auf die am Schlüsse beigegebene Lite- 
ratur, welche aus dem Text verwiesen wurde, um hier nicht zu stören 



108 

kriliscli-hislorischen Forschungen zu Grunde gelegt wurde *). Von 
den von Brown selbst herausgegebenen Observations on the prin- 
ciples of tbo old Systems of Physic '^) , welche im Jahre 1787 erschie- 
nen, ist bereits oben die Rede gewesen. 

Einer der eifrigsten Anhänger Brown's, ihm unmittelbar zur 
Seite stehend, war Robert Jones, der jenen obenerwähnten un- 
seligen Versuch mit der Anwendung der Brown'schen Methode bei 
einem Studenten machte, worüber sich Duncan, der berühmte 
Edinburgische Lehrer , in einem besonders abgedruckten Briefe an 
R. Jones ^) mit Mässigung und Offenheit ausspricht. Ein als Ant- 
wort angekündigter Gegenbrief ^) ist nach Girtanner's Meinung 
wahrscheinlich nicht erschienen. Vielleicht rührt von demselben 
Verfasser die heftige und bittere Kritik über die Beköstigung in dem 
Edinburgcr Hospitale ^) her, die man eine Zeitlang Brown selbst 
zuschrieb und welche allerdings bei der dort gebräuchlichen gar zu 
schmalen und ärmlichen Kost der Berücksichtigung nicht unwerth ge- 
wesen zu sein scheint, die niedrigen Schimpfwörter abgerechnet, 
welche der Parlheigänger Ilefligkeit nicht unterlassen konnte. Eine 
andere Schrift desselben Verfassers, Avelche ebenfalls Brown von 
Einigen zugeschrieben wurde®), dient einerseils der Apotheose 
Brown's, der neben Newton und Baco gestellt wird, und an- 
dererseits einer Schmähung und Verunglimpfung der Edinbufger 
Professoren, so dass sie wahrlich nicht verdient hätte, durch die ge- 
schickte Feder Joseph Frank's in s Italienische übersetzt und mit 



♦) Für die Besitzer der lateinischen Ausgabe diene zum Nach- 
weis, dass erläuternde Bemerkungen in der englischen Ausgabe 
hinzncefiist wurden zu den §§. 14. 15. 20. 21. 29. 31. 34—36. 39. 40. 
43. 46. 47. 50. 55—57. 60. 66. 67. 69. 71. 76. 78. 81-83. 89. 97-99. 
104—106. 112—114. 118. 120—122. 127. 129. 131. 135. 136. 140. 145. 
147. 150. 151. 158. 167—169. 170. 172. 174. 176—183. 186. 189. 190. 
J94_199. 200. 205. 206. 208. 212. 213. 215. 216. 220. 221. 227—230. 
232—234. 236. 238. 240. 244. 247. 254. 258. 260. 269-272. 277. 278. 
281. 285. 290—292. 305. 311. 312. 322. 324. 326. 327. 331. 332. 334. 
335. 338. 343—346. 348. 351. 358. 359. 364. 367. 380. 391. 394. 396. 
397. 400. 401. 406. 419. 423. 425. 437. 446. 450-452. 458. 466. 471. 
472. 476. 490. 491. 493. 498. 532. 562. 575. 587. 589. 594. 598. 602. 
604. 605. 607. 609. 611. 625. 630. 637. 656. 659-663. 665. 678. 680. 
682. 687-689. 696. 698. 702. 704. 706. 711. 715. 726. 737. 751. Zu- 
sätze im Text erhielten die g.^". 17. 21. 37. 48. 49. 53 62. 71. 126 
— 128. 130. 134. 137. 138. (die Zahl der ^'g. rückt, dafür fällt der 
§. 150. der lateinischen Ausgabe weg) 149. 175-236. 238. 279. 289. 
460. 595. Veränderungen erlitten die §§. 93. 94. 104. 108. 198. 
239. 241-243. 250. 268. 526. 603. etc. Bei §. 303. hat die englische 
Ausgabe ein neues Capitel. 



109 

Aiiincikimgcn und Zusälzcn bereichert zu werden. In dem soge- 
nimnlen philosopliisclien Theilc entwickelt der Verfasser die Gründe, 
wariiin die Modicin im Gegensalz zu den übrigen Wissenscliaflcn und 
Künsten stehen geblieben sei und findet diese in der Syslemsucht, in 
der Erforschung der nächsten Ursaclien statt des ^^'ic der A^"irkungen, 
in der Nichtbenutzung der Analogie und Induclion und in der Vorliebe 
für Hypothesen. Der practische Theil enthält die Geschichten von 
Krankiicilen, wie sie von Gregory in Edinburg behandelt wurden 
und wie sie hätten auf Brown' sehe Weise behandelt werden müs- 
sen; ferner wichtige (I) practische Beobachtungen über Brown und 
seine Schüler und — heftige Ausfälle. Endlich machte derselbe 
Robert Jones einen letzten, selbst von Brown gemissbilligten 
Versuch die Augen der Welt auf sich zu ziehen, indem er sich durch 
eine besondere Schrift über Nervenfieber ^) dem damaligen unglück- 
lichen Könige von England zum Arzte vorschlug und ihn auf Brown'- 
sche Weise herzustellen versprach. Auch dieser Versuch miss- 
glückle. 

Andere Anhänger Browns in England waren Samuel 
Lynch ^^), von welchem die in der englischen Ausgabe der Ele- 
mente und bei Bcddoes befindliche, auch von Pf äff benutzte Ta- 
belle der Erregung herrührt, die allerdings zur Uebersicht recht 
geeignet ist; George Mossman^^) (obgleich er von Weikard 
als Gegner bezeichnet wird [s. dessen Vorrede zum medicinisch practi- 
schen Handbuch]), der in einer unbedeutenden Schrift die reizende 
Kraft, des Opiums und die nützlichen Dienste des Weins und der 
Chinarinde im Faulfieber aus eigner Erfahrung preist; Kentish^^), 
ein eifriger Anhänger Brownes und heftiger Tadler anderer Aerzte; 
John Franks ^^), Verfasser einer von Bertoloni in das Italie- 
nische übersetzten, in rohem Styl verfassten Schrift, die mehr zur 
Vertheidigung Brown's gegen die Londoner Aerzte als zur Ent- 
•wickelung selbstständiger Ansichten dient. Ferner gehören hieher 
Stewart (de spasmo), Campbell (opium in nerv. fev.). Von 
Fr. Carter ^'^') (den ebenfalls Weikard als Gegner bezeichnet) 
rührt noch ein kurzer Bericht über die verschiedenen Systeme der 
Medicin her , an den sich eine wörtliche Wiederholung von B r o w n's 
Anfangsgründen mit einigen Aenderungeu ganz im Sinne Brown's 
anscbliesst. Aus der Beddo es 'sehen Ausgabe machen wir noch 
die Bekanntschaft eines andern Brownianers, des T. Chris tie ^^), 
der die Brown'schen Grundsätze durch Vergleichungen in einer 



110 

besondern Abhandlung populär zu machen suchte, indem er den 
Körper mit einem Ofen, die Erregbarkeit mit Brennmaterialien und 
das Leben mit dem durch Luftzug unterhaltenen Feuer verglich. Wie 
die in's Feuer geblasene Luft mehr Flamme erzeuge , aber auch die 
Feuerung verzehre, so sei es auch mit dem Leben. Diesen Ver- 
gleich führt er streng zur Erklärung der beiden Arten von Schwächen 
durch u. s. w. und nimmt sogar den Ausspruch eines römischen Dich- 
ters als Bestätigung des Brown 'sehen Systems, wenn er singt: 

Balnea, Vina, Vemis consumunt corpora nostra, 
Sed vi tarn faciunt 13alnea, Vina, Venus. 

Ferner lernen wir aus Trott er (s. unten) einen Dr. Milman als 
Brownianer kennen. 

Thätiger jedoch waren die Gegner Brown' s. Wir haben 
gesehen, wie sie bereits bei seinen Lebzeiten seine Grundsätze an- 
griffen und selbst die Persönlichkeit des Reformators nicht verschon- 
ten. Ein komisches Heldengedicht^^), dessen Verfasser sich Ju- 
lius Juniper nennt, schildert die Streitigkeiten zwischen den 
Brownianern und ihren Gegnern, und obgleich der Dichter selbst zu 
den ersteren zu gehören scheint, so hält ihn dies doch nicht ab, sich 
über die Trunksucht Brown's, seinen umfangreichen Wanst und 
gleich Falstaff über die Karfunkeln auf der Stirn und die rosa- 
farbene Nase lustig zumachen. Ein würdigerer Gegner war Trot- 
ter ^^) in seiner vortrefflichen Schrift über den Scorbut, in welcher 
er die Meinung von der Fäulniss der Säfte der Annahme von Brown 
gegenüberstellt. Er sagt unter Anderm sehr richtig von Brown's 
Lehre: „Diese Lehre Avar mehr dazu gemacht, sich der Einbildungs- 
kraft zu bemächtigen, als den Verstand zu erleuchten; auch war sie 
geschickter, die Phantasie speculativer Köpfe zu bezaubern, als die 
Zweifel practischer Aerzfe zu lösen. Dadurch, dass Brown nach 
allzu grossen Dingen strebte, verlor er Alles." Verschiedene Theile 
der Lehre lobte er jedoch. „Da wo das Ueberströmen des Genies 
Brown nicht zu Fehlern verleitete, machte er mit gutem Erfolge 
die Ungereimtheiten langweiliger Professoren lächerlich." Er rühmt 
den freieren Gebrauch der Reizmittel bei Brown, sagt aber über 
die Praxis Desselben: „Den Studenten schien die Lehre hinreissend, 
einfach und vollständig; aber die Unmöglichkeit, ihre Vorschriften 
mit der Erfahrung am Krankenbette in Uebereinstimmung zu bringen, 
war der Grund , warum nachdenkende Beobachter diese Vorschriften 
nur mit grosser Vorsicht anwandten. Man musste misstrauisch 



111 

werden, wenn man einerseits die Selbstgenügsamkeit der Anhänger 
Brown 's, andererseits aber den Schrecken sah, in Avelchen eben 
diese Anhänger über irgend einen unerwarteten Krankhcitszufall ge- 
rielhen, oder über das Missliugcn ihrer Curen. Anstalt age et vince 
hätte er lieber sagen sollen: parce puer stimulis." — Dieselbe Ten- 
denz Iheilt eine in massigem und überzeugendem Tone geschriebene 
kleine Abhandlung eines Anonymus ^^), welcher vorzüglich durch 
den Missbrauch des Opiums und anderer Reizmittel den Schaden und 
die Gefahr der Brown sehen Heilmethode zeigt. Unter allen engli- 
schen Beurtheilern Brown's nimmt aber Thomas Beddoes^^) 
die erste Stelle ein. Er veranstaltete in der edelmüthigsten Absicht, 
zur Unterstützung der darbenden Hinterlassenen Brown's, eine 
neue Ausgabe seines Systems, obgleich er (ein Beweis, wie schon 
1795 die Theiluahmo für dasselbe gering war) wenig HolTnung auf 
Erfolg hatte, und sprach sich in allen seinen Werken, besonders auch 
in seinen Observations on the nature and eure of calculus, seascurvy, 
consuniption etc., vorurlheilsfrei und unpartheiisch darüber aus. Seine 
Bemerkungen über Brown's Character und Schriften zeugen von 
ebenso grossherziger Gesinnung als tiefer Menschenkenntniss, die, 
mit einem guten Humor vereint , sich auch in den beigefügten Notizen 
über den Ruf und die Eintheilung der Aerzle wiederfinden. Um den 
Text selbst hat er bei der Nachlässigkeit, mit welcher Brown ver- 
fuhr, durch grössere Correctheit und bessere Anordnung viel Ver- 
dienste. In seiner Kritik der Brown'schen Grundsätze erkennen vir 
einen umsichtigen Beurtheiler , der gleich weit entfernt vom Parthei- 
hass wie vom verblendeten Enthusiasmus, das Gute und Brauchbare 
von der Spreu zu sondern versteht. Beddoes tadelt besonders 
die Annahme eines bestimmt zuertheilten Maasses der Erregbarkeit 
(er will die beständige "Wiedererzeugung derselben statuirt wissen), 
die Behauptung, dass alle Reize auf gleiche Art wirken (er zeigt die 
Widersprüche in der Annahme einer örtlich verschiedenen Wirkung 
u. s. w.), den Mangel specifischer Reize, die schlechten Erklärungen 
der Gefässfunctionen , die Definition der Anlage zu Krankheiten , die 
Lehre von der Erblichkeit, von dem, besondern Sitze der sthenischen 
Entzündungen, von der Natur der Leidenschaften, die Ausschliessung 
sthenischer Entzündungen von den Kinderkrankheiten, die unvoll- 
ständige Darstellung der heilsamen Wirkungen der Kälte, die Gäh- 
rung der Ansteckungsmaterien. Lobend wird erwähnt, dass 
Brown's System eher vor Ausschweifungen warne als sie befördere 



112 

(was man ihm vorgeworfen halte), dass Brown alles Haschen 
nach Analogieen vermieden , sich auf den Beobachtiingskreis der 
Aerzle beschränkt halte und dass er, wenn er auch nicht immer die 
Wahrheit entdeckte, doch nur selten von dem Geiste der Philosophie 
verlassen worden sei. (Vereinigt sich mit dieser Behauptung eine an- 
dere von Beddoes, nach welcher Brown die Natur tanquam ex 
praealta turri betrachtet habe und nach welcher ihm eigne Beobach- 
tungen fehlten?) Eine vollständigere Kritik lag nicht in der Absicht 
von Beddoes, da mancherlei Abschweifungen , die nicht eigentlich 
dahin gehören , selbst diesem kurzen Abrisse den Baum für weitere 
Ausführung nehmen. — Neben dieser Beurtheilung ist die für die 
damalige Epoche sehr achtungswerthe Kritik Her dm an' s ^^), die 
sich durch ruhige und klare Anschauung auszeichnet und der Organi- 
sation, obgleich ohne tiefere Ergründung des Lebens, ihr Becht 
widerfahren lässt, sehr zu empfehlen, wenngleich er in der Haupt- 
sache den Brown'schen Grundsätzen huldigt. Der scharfsinnige 
Verfasser führt an, der Streit über slimulireiide und sedative Reize 
sei nur Logomachie, indem Uebereinkunft in den Tliatsachen herrsche. 
Nach ihm giebt es gesunde, krankhafte und künstliche Beiz- oder 
Sedativmittel, die auch direct wirken. Das Leben besieht durch 
Einwirkung der Beize, bedingt durch die Organisation und deren 
Modification u. s. w. (z. B. in verschiedenen Lebensaltern), daher die 
Zustünde der Organisation und Erregbarkeit nur Tauscliworte sind. 
Bedingung der Modificalionen ist die Fähigkeit für den Beilritt neuer 
Materie; Schwäche ist allemal mit vermehrter Erregbarkeit , der Be- 
gleiterin einer geschwächten Organisation verbunden , so auch die 
indirecte Asthenie, welche Avesentlich von der directen nicht ver- 
schieden ist. Die Wirkungen der Beize stehen im Verhällniss zu 
der Kraft der Organisation. Das beste Mitlei, die directe Schwäche 
zu entfernen, seien gesunde Reize; daher die Praxis der starken 
Reizmittel schädlich. Starke Reizungen bei indircclcr Asthenie, 
selbst in dem nämlichen Grade, wo die Asthenie erzeugt wurde, sind 
schädlich. Sthenie ist die höchste Stufe der Gesundheit. Da sthe- 
nische Potenzen sciiwächen, so kann nach der \^'irkung sthenischer 
nur Schwäche des Organismus da sein, folglich Sthenie = Schwäche 
(also doch nicht die höchste Stufe der Gesundheit?). Die Mannigr 
faltigkeit der Reize lässt sich nicht auf allgemeine Grundsätze zurück- 
führen. Es giebt qualitative Unterschiede. Verdaulichkeit, Er- 
nährungsfähigkeit z. B. beruht nicht blos auf Reiz; die chemische 



113 

Action , das Verhältniss der einzelnen Siihsfanzen , die Allraclions- 
kraff zu dem Organismus sei auch zu berücksichtigen. Deprimirende 
I eidenschaften seien nicht hlos sclnvächere, sondern wirklich sedi- 
rende, stillende Reize. Leider konnten wir die von Eble in seiner 
Forlscfzung Spreng-el's erwähnte Schrift von Morison^^) wie 
die in SprengeTs Lit. med. ext. rec. Lips. 1829. aufgeführte Kritik 
Thornton's ^-) und die vergleichende Uebersicht Baeta's-') 
zwischen Cullen, Brown und Darwin (ebendas.) nicht erlangen 
und müssen uns daher mit ihrer Erwähnung begnügen. — Trotz 
aller Angriffe aber, ja selbst trotz des Zwiespalles im Lager der 
Verbündelen selbst (denn die eigenen Schüler Brown's waren über 
die Haupfgrundsätze uneinig und übten eine verschiedene Praxis, die 
sich jeder selbst zu bilden suchte und bei der vagen Bestimmung der 
Therapie suchen nuissle) hatte das neue System eine Zeitlang einen 
merkwürdigen Einfluss auf die Veränderung der Meinungen und des 
Heilverfahrens der Aerzte und noch jetzt kann eigentlich die grosse 
Vorliebe der Engländer für reizende und stärkende Mittel , die aller- 
dings auch das nebelfeuchte und zehrende Klima zu fordern scheint, 
auf die damalige (von Brown begründete) Methode reducirt werden, 
die sonach theilweiss erst später sich Geltung verschaffte. Offen 
oder versteckt entlehnte man Grundsätze und Definitionen von 
Brown und unvermerkt gingen , ohne dass das System als Ganzes 
sich verbreitet hätte, viele seiner Begriffe, namentlich die der Erreg- 
barkeit, der Sthenie und Asthenie, in die Schriften der damaligen 
Zeit über, so dass es nicht schwer fällt, in den meisten damals er- 
schienenen Werken den Einfluss des neuen Systems wiederzufinden. 
So findet z.B. Robert Robertson^*), ein alter Mann, der 30 
Jahre Schiffswundarzt war, im Brown'schen System Bestätigung sei- 
ner früher geschöpften practischen Ueberzeugung, obgleich diese 
von Empirie strotzt, indem der Verfasser bei Fiebern erst Emetica, 
Laxantia , Sudorifica , dann Derivativa, Laxantia , zuletzt Incitanlia 
giebt. So hat auch Philips Wilson--'') in seiner Abhandlung 
über Fieb^, welche im Jahre 1799 erschien, Brown'sche Termini, 
obgleich er sich in Bezug auf Theorie und Praxis wesentlich von ihm 
unterscheidet, Erregung und Atonie, Stimuli und Atonica (nach 
Cullen) gegenüberstellt. Er definirt Gesundheit als einen Zu- 
stand massiger Reizung oder Erschöpfung. Einfaches Fieber ist ihm 
die einzige allgemeine Krankheit, d. i. übermässige Reizung oder 
Schwächung aller Functionen; alle andern Krankheiten sind nach 

8 



114 

Pli. Wilson entweder local, oder allgemein und local. Als Indi- 
cation gegen Fieber stellt er Miissigung der Reizung, Entfernung der 
Atonie auf. Hiernach richtet sich die Behandlung der febris con- 
tinua elc. Er sagt nicht unrichtig: „Dr. Brown alone has made 
several steps towards a truc sys'em of medecine, but in taking a few 
right Steps he has (as indeed inight have been expected from the 
State in which he found the subject) taken many wrong ones. 

Auch nach America verbreitete sich d:ts neue System, wie 
es die enge wissenschaftliche Verbindung des Tochterwelttheils mit 
dem Mutterlande wahrscheinlich machte. Bereits im Jahre 1790 er- 
schien zu Philadelphia ein unveränderter Abdruck der englischen 
Ausgabe der Elemente '■^^). Von Buchanan auf Baltimore, einem 
eifrigen Anhänger Brown 's, besitzen >vir eine Schrift über den 
Typhus ^^), welche nach Gir tanner nirgends Aufseben erregte 
und von Unwissenheit zeugte. Ein bedeutendes Gewicht aber in die 
Wagschale für Brown legte der Uebertritt eines alten erfahrenen, 
an practischem Scharfsinn und belehrender Beobachtungsgabe rei- 
chen Arztes, des Dr. Ben j. Bush in Philadelphia, dessen medicini- 
sche Untersuchungen und Beobachtungen -^) die Aufmerksamkeit der 
ärztlichen Welt verdienen. Er entschuldigt in der Vorrede zu die- 
sem Buche den erst im zweiten Bande der Enquiries erfolgten Ueber- 
tritt mit dem durch Anhänglichkeit an falsche Theorieen herbeige- 
führten Mangel an glücklichen Heilresultaten trotz ausgedehnter 
Beschäftigung, wie wir auch heuligen Tages noch gerade in den 
erfahrensten Aerzten die grösste Sehnsucht nach Verbesserung un- 
serer practischen Iliilfsmiltel finden. Er suchte die neuen Mei- 
nungen nicht, sondern sie drangen sich ihm auf, und das Bestehn auf 
einer Theorie oder Praxis hält er mit Recht für die Folge einer 
schüchternen und trägen Beharrlichkeit in Unwissenheit oder Irrthum. 
Zwar ein Schüler Cullen's, sucht er doch die Wahrheit in allen 
Systemen auf, wenn auch ein vollständiges System erst nach Jahr- 
hunderten möglich sein sollte. So nimmt er auch nur theilweise 
Brown's Ideen auf, wie, um nur eins anzuführen, aus den Abhand- 
lungen über die Wirkungen geistiger Getränke erhellt, denen er erst 
Reizung, dann Beruhigung zuschreibt. In seiner so viel Vortreff- 
liches enthaltenden Abhandlung über die Ursachen und Heilart der 
Lungenschwindsucht nennt er diese eine Krankheit von Schwäche des 
ganzen Körpers , erklärt die Tuberkeln u. s. w. für Wirkungen der 
Schwäche, welche die Lungengefässe mit Schleim anfüllen, nimmt 



115 

die Kranklieilen nur als höhere oder niedere Grad »fionen u. s. w. 
In der Behandlung des ersten Stadiums rühmt er neben Stahl und 
Rinde noch kaltes Baden. Die Behandlung der entzündlichen Schwind- 
sucht mit Blutlassen, Pflanzenkost, Brechmittel, Salpeter ist ganz 
BroNvnisch; unter den lieizmitleln erwähnter aber meist speciiische, 
wie Theer u. s. >v. , neben dem üftern Gebrauch des ,, nicht gehörig 
erkannten" Opiums und empfiehlt Derivantien, Räucherungen u. s. w. 
Seine diätetischen Vorschriften sind ganz vorzüglich. Auch in der 
Abhandlung über "NN'assersucht ist die Terminologie Bruwnisch. 
Doch unterscheidet Bush genau tonische und atonische Wassersucht 
und spricht ausdrücklicli vom Schaden der Reizmittel bei ersterer, 
gegen welche er die antiphlogistischen und schwächenden Heilmittel 
anempfiehlt. Gegen letztere erwähnt er die specifischen Mittel neben 
Opium. Die "NA'irkung der Kälte erklärt er Mie Brown durch grös- 
sere Emptänglichmachung für andere Reize. — Das wichtigste Werk 
für uns bleibt aber Rush's Bericht über das biliöse remittirende 
gelbe Fieber -^), Avelches im Jahre 1793 in Philadelphia herrschte. 
Rush wendete nämlich unter dem 'N\'iderspruche der dortigen practi- 
schen Aerzte die Brown'sche Theorie auf die Behandlung dieses 
Fiebers an und rettete durch die schwächende Heilmethode eine aus- 
serordentlich grosse 3Ienge von Kranken. In dieser Schrift ist er 
schon entschiedener den Brown'schen Ansichten beigetreten; er be- 
trachtet die Ansteckungsmaterie blos als Reiz verursachendes Mittel, 
das im höhern Grade indirecte Schwäche erzeuge, und führt als Ur- 
sachen dieser uneigenllichen wie der eigentlichen Schwäche Furcht, 
Kummer, Kälte, Schlaf, Ausleerungen ganz im Geiste Brown 's auf, 
wenn er auch nichtsdestoweniger den Aderlass als das souveränste 
Mittel in dieser Krankheit rühmt. — Wie überall, scheint auch in 
America besonders die Jugend durch das System geblendet worden 
zu sein; wenigstens geht dies aus einer Stelle bei Beddoes her- 
vor, der einige zu Philadelphia im Sinne Brown's verfasste In- 
auguraldissertationen anführt, welche als Beweise dafür zu erwähne- 
sein dürften. (Hieher gehört wahrscheinlich auch der in Choun 
lant's Bibl. med. bist, erwähnte Rees ^°). 

Geschichte des Brownianismus in Italien. 

Mehr Elemente für günstige Aufnahme des Brown'schen Sy- 
stems fanden sich in Italien vor, wo in der That bald nach dem 

8 •■••• 



116 

Bekanntwerden desselben eine grosse Gährung in der ärztlichen 
Welt entstand. Italien hat von jeher in der Geschichte der Mcdicin 
einen guten Einfluss geübt. Es war nicht der reformatorische Fort- 
schritt in der Idee, der philosophische Anbau der Mcdicin, wodurch 
sich italienische Aerzte auszeichneten (daher auch z. B. die Lehre des 
Paracelsus daselbst fast gar keine Anhänger fand), sondern es 
waren mehr die realen Forschungen, die sich in Italien einer günsti- 
gen Pflege erfreuten. Die Schulen zu Monte Cassino und Salerno 
wurden zu Asklepieen der neueren Zeit; die Namen eines Sali c et o, 
Lanfranchi, Mundini, Valsalva, Lancisi, Morgagni, 
Caldani, Mascagni, Scarpa, Ramazzini, Baglivi haben 
einen guten Klang, Daneben aber laufen abergläubische und schola- 
stische Bestrebungen und Charlatanerieen aller Art. Wie nun das 
Volk in politischer Hinsicht nach und nach unterging und seiner 
Selbstständigkeit verlustig w^urde , erhob sich auch die geistige Er- 
fassung der Medicin nur bis zur ialromathematischen, mechanischen 
Ansicht des Lebens. Derselbe Grund der Unlust an tieferem philo- 
sophischen Eingehen in die Idee und die Principienfragen des Lebens 
und das bequeme Verweilen in Abhängigkeit und Unselbslständig- 
keit, welches so offen in dem Brown'schen System ausgebreitet liegt, 
mochten auch diesem System in Italien Thor und Riegel öffnen und 
es auf lange Zeit erhalten, ohne das System selbst, wie es in Deutsch- 
land geschah, tiefer und philosophischer zu entwickeln. Auch hier 
war es zunächst eine der Praxis unkundige Jugend, welche, geblendet 
von der auf der Oberfläche der Erscheinung frei liegenden Erkennt- 
niss und der Einfachheit der ganzen Construction , in der Freude über 
die sanskülotische Vernichtung des historischen Bodens der Medicin 
diesem neuen Ankömmlinge huldigte. Nur der von Alters her 
stammende practisch- reale Beobachtungsgeist italienischer Aerzte 
schützte gegen die Verdrehung und Missdeutung der Erschei- 
nungen, die den völligen Umsturz der bisherigen Praxis herbeiführen 
mussten. — Ein Zufall war es, der das Brown'sche System nach 
Italien verpflanzte. Die Enquiry von R. Jones gelangte nämlich 
von ungefähr nach 3Iailand und Pavia und erregte dort die Aufmerk- 
samkeit und die Theilnahme mchrer, besonders jüngerer Aerzte, die 
sehr bald Anhänger des neuen Systems wurden. Deshalb veran- 
staltete im Jahre 1792 Massini eine neue Ausgabe der lateinischen 
Elemente Brown's ^^) und das so gewissenhaft, dass selbst die 
Druckfehler der Edinburger Ausgabe nicht fehlen. Ihr suchte 



117 

Pietro Jloscati, Professor in Mailand, durch den aus England ge- 
kommenen Locatelli mit dem Brown'schen System bekannt ge- 
worden, durch eine Vorrede Eingang zu verschaffen, nicht um Pro- 
selyten zu machen, da er selbst das Brown'sche System nicht gänzlich 
billigte, sondern mehr um der Humoralpalhologie eines Boerhave 
und den Theorieen eines Redi, Bellini, Borsieri zum Nutzen 
der gänzlich unbekannten Nervenpathologie entgegenzuarbeiten und 
die schwächende und ausleerende Methode zu beschränken. Also 
auch hier wieder wie überall war doch das Brown'sche System ein 
historisches Postulat, bestimmt durch Irrthümer auf den Weg zur 
Wahrheit zu fuhren, und auch hier, Avenn auch nur auf indirectem und 
negativem Wege, ein Bedürfniss der Wissenschaft, welche unter Ein- 
seitigkeit seufzt, aber durch Opposition der Einseitigkeiten selbst 
ihren Fortschritt feiert. Moscati verlangt Aufmerksamkeit, tiefes 
Forschen und Nachdenken für die Leser des neuen Systems und 
scheint es demnach nicht als eine ephemere Erscheinung betrachtet 
wissen zu wollen, obgleich er, wie eine spätere Schrift ^^) lehrt, 
von Systemen der Medicin nicht viel hält, da sie mehr schaden als 
nützen, während die Erfahrung die beste Führerin sei. — In dem- 
selben Jahre erschien auch eine italienische Uebersetzung der Obser- 
vations von Rasori^^) mit Anmerkungen und einer Vorrede, die 
Brown mit Baco und Newton zusammenhält, und nach einer 
Vergleichung der Brown'schen Ansichten mit Sauvages's, Chan- 
geux's, Haller's und Girtanner's Theorieen (welche letztere 
als Copie erklärt wird) jenen so viel Werlh. beilegt, dass sie die 
besten Köpfe zur Bestreitung ihrer Irrthümer und zur gründlichen 
Widerlegung anfeuern sollten. Ihre Anwendung auf die Chirurgie wird 
besonders gerühmt und die Hauptgrundsätze derselben werden der 
Kritik dringend empfohlen. „Wenn sie eine Chimäre ist," sagt 
Rasori, ,,so ist nie eine so verführerische, so philosophische Chi- 
märe erschienen." Wahrhaft prophetisch aber , ohne es zu wollen, 
ist der Schluss dieser Rede, in welcher es heisst; ,,Ein falsches 
System, welches immer desto gefährlicher in der Arzneikunst ist, 
je glänzender es ist und je mehr es Einfluss auf Ausübung zu haben 
scheint, verdient allerdings, dass man es sogleich bei dem Puncte 
seiner Entstehung vertilge, um den Unvorsichtigen die verborgene 
Quelle eines täuschenden Irrthums bekannt zu machen, welchem sie 
sonst zum grösslen Nachtheil der Theorie und Praxis nachrennen 
möchten. Auf diese Weise würde auch hier eintreffen, was bis 



118 

jetzt in dem grössten Theile der in vielen Zweigen der Wissenschaft 
geschehenen Fortschritte sich zugetragen hat. wo wir die Bekämpfun- 
gen und Zerstörungen der Irrtliiiuicr, welche nach und nach empor- 
kommen, weit häufiger antreffen, als festgesetzte positive Wahrheiten. 
Wenn auch noch dieses irrige Lehrgebäude, wofern es irrig sein 
sollte, zerstört würde, so würde, wenn es auch durch kein anderes 
ersetzt werden sollte, doch eine negative Wahrheit begründet wer- 
den: man würde zeitig einen falschen Weg versper- 
ren, welcher, wer weiss wie viele unnütze Anstren- 
gungen der Nachkommenschaft, die ihn würde weiter 
ausbilden und bahnen wollen, verschlungen hätte. 
Nachdem noch Monteggia, obgleich er Brech- und Purgirmitlel 
nicht in allen asthenischen Krankheiten ausscliliesst und die Einflüsse 
der Constitution, Jahreszeit, Epidemie, die specifischen \A'irkungen, 
die Unterscheidung der Entzündungen nach Oberfläche und Substanz 
bei Brown vermisst, in zwei Briefen ^^) durch eine Uebersicht des 
Systems die Bahn gebrochen hatte, wurde das Interesse an der neuen 
Lehre immer allgemeiner, wozu auch nicht wenig die schon früh- 
zeitig erwachsenden Gegner beitrugen. Denn bereits im Jahre 1793 
und 179i, nachdem von Schmuck ^^) zu Gunsten Brown's noch 
ein unverständliches Geschwätz abgehalten worden war , entspann 
sich, vorzüglich in dem physikalisch- medicinischen Journal von 
Brugnatelli, ein heisser Kampf zwischen Monteggia und Ge- 
mello Villa ^*^). Dieser tadelt die Vernachlässigung der Emelica 
in gastrischen und WechselPiebern und weiss sich den Hydrops acutus 
und den Beginn des Petechialfiebers mit entzündlichen Symptomen 
nach Brown nicht zu erklären. Epilepsie sei nicht immer astheni- 
sche Krankheit; im Wechselfieber seien Blutentleerungen oft nöthig, 
und verschiedene Ursachen slhenischer und asthenischer Art können 
sich compliciren. In einem zweiten Briefe wiederholt er die Vor- 
würfe des ersten, hält Einfachheit, wenn sie so gewaltsam, herbei- 
geführt ist, nicht für einen Vorzug des Systems u. s. w. Einwürfe, 
welche sehr gegründet sind und nur unbefriedigend widerlegt wur- 
den. — Diesen schlössen sich Polidori's ^^) ebenfalls nicht zurück- 
gewiesene Vorw ürfe an. Er nennt Brown einen neuen positiv gefähr- 
lichen Methodiker (Burdach U.A.), verneint, dass der Mensch in 
der Kindheit an Erregbarkeit Ueberfluss habe , dass der Reiz den Be- 
rahrungsort stets am meisten afficire , dass bloss verminderte Trans- 
spiration Kälte und Schauder erzeuge, indem auch Verdunstung 



119 

dieselbe Wirkung habe , tadelt die Lehre vom Krampf, Schlaf, Opium 
u. s. w. (T. III. 1793.) Der wichtigste Bundesgenosse dieser Gegner 
aber >var der berühmle Carminati ^®), dessen unter dem Namen 
Jacob Sacchi erscliienene Schrift das ganze Gebäude bis iu seine 
innersten Fugen erschütterte. Mit glänzender Lalinilät und scharfer 
Beredlsamkeit greift er Schritt vor Schritt die einzelnen Grundsätze 
des neuen Systems um so mehr an, je fester er an Haller "s Irri- 
tabilität hängt. Die Definition des Lebens (Beweise dagegen: Zu- 
stände von Asphyxie, Erstickung, Apoplexie, Wiederkehr des Lebens 
najli Paralyse), die Verwechselung der Fähigkeit mit der Handlung, 
die Annahme, dass alle Potenzen reizend sein sollen (Beweise da- 
gegen: Kälte und Wärme, Wirkung der verschiedenen Heilmittel, 
besonders die sedirende Wirkung des Opiums), dass Erregbarkeit 
die einzige Kraft sein soll, welche dem Körper innewohnt (Beweiss 
dagegen : Verschiedenheit des organischen Lebens) , die Nicht- 
berücksichtigung der specifischen Unterschiede , der qualitativen Ver- 
hältnisse, der Association der Verrichtungen, die Vermischung der 
Begriffe Sensibilität und Irritabilität unterliegen einem eben so ge- 
rechten als molivirten Tadel. Die Methodus medendi Brown' s 
nennt der Verfasser nee rationi consona nee experientiae, erklärt die 
Heilung mit Reizmitteln auf ganz andere "^^'eise als Brown, ver- 
wirft die Behandlung der eigentlichen und uneigentlichen Sclnväche 
nach Brown, zeigt die Unmöglichkeit Complicalionen nach ihm zu 
behandeln, die Nothwendigkeit der Blutentziehungen im Podagra, 
in der Chlorosis und in anderen Schwächekrankheiten und ebenso das 
Erforderniss der Verbindung schwächender und stärkender Mittel. 
Besonderer Widerlegung würdigt er die Lehre von der Kälte, das 
Specielle aber deutet er, als zu viel des Tadelnswerthen enthaltend, 
nur an, wie z. B. die Eintheilung der Krankheiten. Als überdies 
bezeichnend für das Aufsehn , welches dies System unter der Jugend 
machte, heben wir eine Stelle in der Einleitung heraus, die in wenig 
Worten die beste Kritik des Ganzen enthält. (S. 4. 5.) „Haec 
siquidem omnia cum uno veluti ictu adolescentium ingenia percelle- 
rent atque exagitarent, aditum omnem plerisque praecludebant sedula 
consideratione reputandi ea, quae Brunonianae hj^pothesi adversa- 
rentur. Non proinde infirma ejus fundamenta cognoscere, non 
quorundam principiorum vanitatem intelligere, non pugnantium 
quandoque sententiarum dissimilitudinem assequi, non ratiocinii ob- 
velatas fallacias eruere, non sermonis perplexitatera animadvertere. 



120 

non conjecturas a veris et demonstralis distinguere , non vanae jacta- 
tionis praestigia detegere, non denique illalionum falsitates ac peri- 
cula perspicere poluerunt." ISiclit weniger bezeichnend ist eine 
Stelle S. 9. „ — ut non indubie significare viderentur in eo sysle- 
mate non p a u c a dubia esse, q u a e d a m i n u t i 1 i a , q u a e - 
dam jam refutata, quaedam evidenter falsa, quaedam 
etiam aegris periculosa futura, si ex iisdem medendi ratio 
deducatur." — Diese Schrift gehört mit zu den bessten, welche 
gegen Brown erschienen sind. 

Durch dergleichen Anregung steigerte sich das Interesse auf 
beiden Seiten der Kämpfenden; es erwuchsen neue Streiter und zu 
Pavia war es besonders der im Beginn seiner Laufbahn ziemlich 
excentrische Sohn des nüchternsten Beobachters, Joseph Frank, 
welcher den Streit fortführte und eine so grosse Reaction erzeugte, 
dass man selbst den Studirenden (wie früher in England) Brown'sche 
Theses auszusetzen verbot. Die jungen Aerzte verlangten Brown'- 
sche Vorlesungen von ihm. Diess erregte Kabalen. Man verbot, 
weil Frank Repetitor war, allen Repetitoren Vorlesungen über 
Brown' s Lehrsätze. Da aber Frank bald Professor der Klinik 
wurde, so traf ihn dies Verbot nicht mehr und er hielt also Vorlesun- 
gen. Schriftstellerisch trat er zuerst im Jahre 1794 als schwärme- 
rischer Vertheidiger der Brown'schen Lehre in Brugnatelli's 
Journal auf ^^), wo er eine Analyse von Jones Enquiry und andern 
Schriften giebt, Gahagan's osservazioni sull' irritabilitä de' vege- 
tabili mit Brown' s Aussprüchen vergleicht und, freilich seicht 
genug, Trotter's, Villa's, Polidori's und Sacchi's ge- 
gründeten Einwürfen zu entgegnen sucht. Er übersetzte dann R. 
Jones Enquiry ^^) (im Jahre 1795) und fügte viele Noten, Zusätze 
und Krankengeschichten hinzu, nachdem er in einer Vorrede das 
System nicht weniger als Jones selbst erhoben hatte. Die An- 
merkungen (Bruchstücke aus der Geschichte der Medicin, Erläuterun- 
gen Brown'scher Lehren) enthalten nichts Neues, die Krankenge- 
schichten aber zeugen von dem reichlichsten und verschvrenderisch- 
sten Gebrauch der Reizmittel, wie denn Fleisch, Eier, Laudanum, 
Wein gar nicht selten an einem Tage zugleich gereicht wurden. 
Viel ruhiger, wahrscheinlich durch eigenes und seines Vaters Ein- 
sehen belehrt, nicht, wie der erbitterte Weikard glaubt, aus politi- 
schen Gründen, um sich auf seine Lehrerstelle in Wien vorzubereiten, 
tritt der indess zum Lehrer in Pavia ernannte junge Frank in einem 



121 

Briefe an einün Freund über verschiedene Puncte der Arzneikiinst 
aiif*^) (1796), der, so unbedeutend an sich, doch durch einige 
kleine Umslände bemerkenswerfh erscheint. Da er nämlich auch für 
Nichtärzte bestimmt ist, so zeigt er uns, wie auch Diese an dem 
Streite Theil genommen haben, wir hoITen aber, aus eigenem Inter- 
esse, nicht, wie es die Geschichte der Homüopalliie Ichrl, durch die 
Aerzle selbst zu Richtern bestellt. Ferner spricht sich der früher 
unbedingte Lobredner bereits hier nur grösstentheils günstig 
für die Lehre aus , die er für nicht fehlerfrei , namentlich was die An- 
wendung betrifft, und für nicht vollkommen genug halt, um als Richt- 
schnur in Schulen zu dienen. Vielleicht hat auch die oiTenlliciie 
Meinung, auf die der Verfasser jetzt melir zu achten beginnt, auf 
dieses Urtheil Einfluss gehabt. Der Verfasser sucht die Vorwürfe 
zu widerlegen, dass das System die Unmilssigkeit befördere, dass es 
blos Reizmittel anwende. Interessant ist, dass der Verfasser die 
Browa'sche Lehre nur far neu als Ganzes, im Einzelnen für alt erklärt, 
wodurch er ihr einen historischen Boden unterlegt, und dass er 
glaubt, der Urheber sei nur auf neuen Wegen zu Sydenham"s, 
Torti's u. A. Behandlung der Entzündungen, Wecliselfieber, Nerven- 
fieber u. s. w. gelangt und alle glücklichen Curen seien, wie auch 
Hahneraann Aehnliches von seiner Methode rühmte, nur auf Brown'- 
schein AVege zu Stande gekommen. Zuletzt sucht er noch den 
Naclitheil der Verachtung der einzelnen Disciplinen von Seiten der 
Brownianer zu erweisen. (Auch hierin liegt eine Aehnlichkeit mit 
de." Geschichte der Homöopathie.) Wir müssen jedoch den weiteren 
für den Psychologen an sich interessanten Entwickelungsgang des 
Verfassers bis auf später aufsparen, wo wir ihn im Mittelpuncte der 
deutschen Bestrebungen wiederfinden werden. Denn abgesehen von 
seiner ferner zur italienischen Literatur gehörenden Ueberselzung 
von Weikard's Entwurf der einfachen Arzneikunst, Venedig 
1797. (s. unten) und einem Collectivwerk Brown'scher Schriften *-), 
'.welches Sprengel Lit. med. ext. recentior erwähnt, schliesst 
mit diesem Briefe seine Wirksamkeit für das Browu'sche System in 
Italien. 

Als Anhänger des BroAvnianismus daselbst traten weiter auf: 
Gelmetti^^), der eigentlich nicht entschiedener Brownianer ist, 
sondern nur von den Anhängern dieser Lehre dazu gezählt wird, weil 
seine Behandlung der angeführten Krankheiten (Exantheme, Faul- 
fieber u. s. w.) , welche sich auf ältere Erfahrungen , besonders 



122 

Sydenham's stützt, mit Brown's Praxis, die in diesen Fallen 
viel Richtiges lehrte, zusammenfällt; Francesco Frank**); 
Bianchi*^); Mocini*^), der erst Gegner der neuen Lehre war, 
später aher überging und in seinem Schreiben an Buccio *^) die 
glückliche Heilung eines Hüftwehes durch sthenische Mittel erzählt 
(jung und aufrichtig, aber zugleich bescheiden sagt er mit Recht: 
„die Brown'sche Lehre ist allzuschön , wenn sie wahr ist ; allzu- 
gefährlich, wenn sie falsch ist"); Solenghi *^), der eine italie- 
nische Uebersetzung der Eiemenfe veranstaltete und mit Anmerkungen 
begleitete; Ricco belli *^), der in einer spätem contrastimulisti- 
schen (?) Schrift seine früheren Ansichten selbst für unreif erklärte 
(vgl. Sprengel, Lit. med. ext. p. 22); Bcrtoloni (s. Lit. N. 13) 
und Brera, Professor zu Pavia, der bereits im Jahre 1793 eine 
Krankheifseinlbcilung nach Brown veröffentlichte ^^) und in einem 
Programm ^^) über die Aehnlichkeit des vegetabilischen und animali- 
schen Lebens im Jahre 1796 die Verdienste Brov. n's um Aufklärung 
mancher dunklen Seite der thierischen Oeconomie rülunt, ohne sicli 
auf ein weiteres Urtheil einzulassen (,,hujus systematis auxilio nonnuUa 
in oeconomia vitali clariora evadere, quae usque dum implicite a phy- 
siologicis respiciebantur"). Im Jahre 1797 schrieb er zu einer Samm- 
lung medicinisch- praktischer Werke eine Einleitung nach Brown'- 
schen Grundsätzen ^-); das Hauptwerk aber ^^), seine medicinisch- 
practischen Beol)achtungen über verschiedene in der Klinik zu Pavia 
behandelte Krankheiten, welches als Fortsetzung zu Frank und als 
Commenlar zu Weikard in erster Auflage 1798 und 1799 erschien 
und von F. A. Weber 1801 in's Deutsche übersetzt wurde, beweist, 
dass trotz alles Bro^Yn-^^'eikard'scllcn Gepräges, welches auch noch 
in der zweiten Auflage fortbesteht, der Verfasser kein slricter und 
einseiliger Bekenner des Systems ist, dessen mannigfache Irrlhümor 
durch recht practische, wahrhaft schätzbare Erfahrungen widerlegt 
werden, so dass sie den bindenden Buchstaben, sowie die Unterord- 
nung unter Weikard's Handbuch wenigstens einigermaassen ver- 
gessen machen. Darwin, Frank, Hufeland, Reil und eigne 
Ansichten des Verfassers erhalten nebenbei ihr Recht. Im zweiten 
Bande geschieht des Contrastimulus Erwälinung. Die Nosologie und 
die Abhandlung der specifischen Krankheilen richtet sich aber meist ' 
nach Brown, Weikard, Frank. Weiterhin erklärt er sich 
gegen den Missbrauch der sthenischen 3Iittel und behauptet (was 
nameullich auch in Hufeland's Journal verfochten wurde), dass 



123 

manche asthenische Zustände Schwächungsniitlel erforderten. Auch 
die Säfte werden daselbst in ihren pathologischen Beziehungen mehr 
berücksichtigt. 

Luigi Frank ^*), ein eifriger Beförderer der Brown'schen 
Lehre in Italien, der auch Vorlesungen hierüber vor vielen Medi- 
ciuern in Florenz hielt, übersetzte einen Aufsatz ^^'eikard's aus 
dem ersten Stück des 3Iagazins (s. untes) und gab eine Cparllieiische) 
kurze Geschichte und Anzeige Brownschcr SchriRon pro und contra. 
Selbslständiger ist der Uebersetzer der Erläuterungen der Frregungs- 
theorie von J. Frank (s. unten): Za ndona tti ^^), der in kriti- 
schen Noten treiTendc Bemerkungen liefert. Auch Scarpa und 
Nesi werden unter den Anhängern Bro Nvn 's genannt; Ersfercr be- 
sonders in practischer Beziehung, wie denn überhaupt die Wund- 
ärzte, denen die richtige Anwendung der KäUe und der Reizniidel 
(besonders in asthenischen Entzündungen) schon bekannt war, sich 
günstig dafür aussprachen. 

Während aber die meisten Browniauer den hinkenden Fuss 
des ganzen Systems zu berühren scheuten, greift Cat tanio ^'^), 
scheinbar Besseres an die Stelle setzend, Brown 's Widersprüche 
in diesem Puncto an. Nach ihm sind die örtlichen Krankheiten den- 
selben Gesetzen unterworfen wie die allgemeinen, nützen örtliche 
Mittel in allgemeinen und allgemeine in örtlichen Krankheiten. An 
die Stelle der Brown'schen Eintheilung, die er für unbehauptbar in 
der Theorie, für nachtheilig in der Praxis hält, setzt er folgende Clas- 
sen: I. alle örtlichen Krankheiten, welche von Vermehrung oder 
Verminderung der Erregung des Theils abhängen ohne deutliche (I) 
allgemeine Diathese, als: Beinbrüche, Verrenkungen, Wunden, 
Augen- und solche Entzündungen, die nicht schwer (I) sind; II. alle 
örtlichen Krankheiten mit deutlicher allgemeiner Diathese =: ört- 
lich allgemeine, als: Krankheiten der I. Classe und örtliche 
Entzündungen der Eingeweide und anderer Theile, Brand, Caries; 
""III. gemischte (!) unschmerzhafte (I) Krankheiten, bestehend in kränk- 
licher Beschaffenheit der Theile = organisch-einfache 
Krankheiten, als: Geschwülste, Hernien, Prolapsus, Hasenscharte 
u. s. w. ; IV. organische schmerzhafte Krankheiten mit kränklicher 
Beschaffenheit und alterirter Erregung = complicirte örtlich - 
allgemeine, als: Hämorrhoiden, Skirrhus, Slrictureu u. s. w. — 
Und ein solches Buch hat Weikard übersetzt! 

Gleichwie endlich die Homöopathie auch später in der Thier- 



124 

heilkunde angewendet wurde, suchte Deho^^) den Nutzen der 
Brown'schen Praxis in einer herrschenden Hornviehseuche , die er für 
ein ansteckendes Nervenfieber hielt, aus eigenen Erfahrungen zu er- 
weisen. Es wurden Zwiebeln, Knoblauch, Wein, Theriak, Pfeffer, 
Kochsalz, Opium angewendet. (Die von Weikard angezeigte 
Schrift desselben Verfassers : Sulla pratica di G. Brown riilessioni 
ed osservazioni, die am ScWuss eine Uebersicht aller Brov.n'schen 
Schriften enthalten sollte , scheint nichl erschienen zu sein.) Auch 
Moscati ^^) gab in einer anonymen Schrift eine Einleitung zur Be- 
handlung dieser Epidemie , worin er aber sich nicht durchgängig der 
Brownschen Sprache bedient, auch auf den gastrischen Zustand Rück- 
sicht nimmt un.l die von den sirengen Brownianern verpönten Brech- 
und Purgirmittel empfiehlt, sobald die gastrischen Zustände länger 
bestünden und sobald Ansteckung der Säftemasse erfolgt ist, — um 
die schwachen Eingeweide aufzurichten. Das gastrische Nerven- 
fieber entsteht nach ihm aus örtlichen Ursachen des Darmkanals, 
welche daselLst eine sich weiter verbreitende Asthenie erzeugen. 
Hier wie später bei Weikard, der in diesem Puncle gleicher Mei- 
nung ist, findet schon eine Rückkehr zur älteren Medicin Statt, wäh- 
rend Frank und früher auch Weikard selbst mehr als Brown die 
gastrische Methode verbannt hatten. Welchen Einfluss aber über- 
haupt die neueren Ansichten übten , sieht man auch daraus , dass noch 
lange nachher selbst Gallini seine chemisch -atomistischen An- 
sichten mit ihnen verband und so in seinen Nuovi elementi della 
fisica del corpo umano. Päd. 1808. ganz von seiner Introduzione alla 
fisica etc. 1802. und noch mehr von seinem Saggio di osservazioni 
concernenti i nuovi progressi della fisica del c. umano, 1792. abwich. 
Aber auch die Gegner blieben nicht müssig. — Scuderi ^^) 
ist in seiner Einleitung zur alten und neuen Geschichte der SIedicin 
unpartheiisch genug, neben seinen gegründeten Einwürfen die neuen 
Gesichtspuncte zu rühmen, die das System über die Krankheiten er- 
öffnet. Er nennt in seiner kräftigen und gediegenen Abhandlung 
über das Brown'sche System dasselbe „un capzioso rigiro di alcune 
voci arbitrarie artificiosamente inventale; una ipotesi speculativa , un 
bizarro e specioso, ma fragile e vacillante edifizio." Und weiter 
sagt er : „H vero filosofo compara e profitta, non ribulta con ingiusto 
desprezzo , ne lascia soggiogarsi da un fatuo entusiasmo." Indem 
er mit historischem Scharfblick Brown mit den Methodikern ver- 
gleicht, verkennt er den Nutzen nicht, den das System auf Verban- 



125 

nang der Humoralpathologie und so mancher Spitzfindigkeit gehabt 
hat. Er sagt ausdrücklich: „Essa tenda a dirigere l'atlenlione de' 
Medici verso le alTezioni universali a far considerare piü in grande 
le malattie, a distruggere Tinfelice (?) dotlrina degli specifici e a 
semplificare i mefodi di cura." "Wieviel Brown an dem folgenden 
Zeitgemälde der 3Icdicin zuzuschreiben ist, bleibt dem Leser über- 
lassen. Scuderi sagt nämlich an einer spätem Stelle, wo die 
Rede nicht mehr von Brown ist, über den damaligen Zustand der 
Heilkunst: ,,I1 metodo curativa in generale e devcnuta piü sem- 
plice e naturale, ma al tempo stesso piü attivo ed efficace e piü 
sicuro e ragionalo. Tulti i medici doüi, parc di non aver addossalo 
altro assunlo che quello di ridurre a maggior certezza i precetfi tera- 
peutici, di rettificare i metodi, di estendere Tapplicazione de' mezzi 
piü universali ed efficaci e di purgare la pratica da tanfe superfluilä ed 
invecchiati abusi (Giorn. de Brugnat. 1795. T. II. und 111. de' progressi 
e stato attuale della medicina). — Manche Dunkelheit und Seichtheit 
abgerechnet, ist auch Vacca Berlinghieri's fragmentarischer 
Angriff ^^) nicht unrühmlich zu erwähnen, da er gerade die 
Hauptsätze anführt. Eine ausführliche von Francesco Frank, 
Bianchi und Mocini ohne Erfolg angegriffene Widerlegung gab 
Strambio, der in seiner gediegenen, lesenswerthen Schrift ^^) 
die sehr angewandte Taktik verfolgt, aus den eigenen Worten 
Brown's die Widersprüche desselben nachzuweisen. So tadelt 
er, dass Erregbarkeit bald als 3Iaterie, bald als Eigenschaft behandelt 
wird, rügt die Vermengung der Sensibilität und Irritabilität, beson- 
ders aber die Abläugnung qualitativer und specifischer Wirkungen 
(wornach man eben so gut nur mit Affecten zu curiren brauche, wie 
Andere mit Heilmitteln). Er stellt ferner die Hypothese auf, dass 
Brown mit ,,stimulare" vielleicht mehr die Einwirkung als die Wir- 
kung der Potenzen habe bezeichnen wollen, wodurch allenfalls er- 
klärlich wäre, dass alle gleich agiren und dennoch verschiedene Wir- 
kungen haben könnten. Die Erregung hänge von dem Verhällniss 
-der Reize zur Erregbarkeit ab, aber da Niemand die Erregbarkeit 
berechnen könne , so wäre auch kein Maassstab für die Behandlung 
deir Erregung. Die Eintheilung der Krankheiten bei Brown wird 
ebenfalls streng gerügt. Auch die Widersprüche in den Annahmen 
allgemeiner Erregbarkeit weist der Verfasser sehr gut nach. — Für 
die Unterscheidung der directen und indirecten Schwäche, wie der 
Sthenie und Asthenie reichen nach ihm weder die Symptome noch 



126 

die vorhergegangenen Ursachen hin. Die Heilung der gemischten 
Schwäche durch Tonica, als Miltelslrasse zwischen schwächend und 
reizend, sei — Unsinn. Die Lehre von der Plethora, Apoplexie, 
von den Säftekrankheiten als Folgen von Erregungszuständen, die Ab- 
läugnung der Naturheilkraft , der Ausspruch, man solle der Slaterie 
Zeit zum Austritt lassen , werden scharfsinnig beleuchtet u. s. w. 
Selbst das Verdienst der Neuheit bestreitet der kritisch scharfe 
Strambio in der Lehre vom Opium und von den localen Entzündun- 
gen, in Bezug auf die Abhängigkeit flüssiger Theile von den festen, 
die Anwendung der Purganzen in entzündlichen Krankheiten, sowie 
der Reize in andern. Nur der Missbrauch derselben sei neu, wie es 
ebenso bei Sydenham mit dem Gebrauch der Anliphlogistica ge- 
wesen sei. — Auch Del Monte ^-) tadelt bei Gelegenheit einer 
Krankengeschichte einer Chlorotischen, welche durch einen jungen, 
in einer gespreitzten (wahrscheinlich fingirfen) Lobrede auf das 
Brown'sche System sich ergehenden Brownianer zu Tod stimulirt 
worden, die Brown'sche Theorie wie die Behandlung der Bleichsucht 
und der unterdrückten Blenstruation mit triftigen Gründen. "Witzig 
genug theilt er einen Stammbaum der Chlorosis nach Brown 's Er- 
klärung mit, nach welchem Stimuli defectus der abavus, debilitas 
indirecta der proavus, amoris inopia der avus, amenorrhoea der 
paler und chlorosis die filia petens remediura ist. Und in der That 
lassen diese und andere von ihm mitgetheilte Krankengeschichten^^) 
den bittern Groll gerecht erscheinen, den der Verfasser über die 
Brown'schen Behandlungen auszuschütten sich gezwungen sieht. 
Diese wenigen Fälle, besonders nützlich, um den Nachtheil einer 
blossen Berücksichtigung causaler Momente und die eigenthümliche 
Deutung derselben zu zeigen, sind schlagender als ganze Bände von 
Kritiken. Sehr wichtige Einwürfe von Caldani u. A. enthielt 
wahrscheinlich auch Aglietti's medicinisches Journal^'*) (wel- 
ches leider weder Girtanner noch mir zu Gebote stand), weil die 
Brownianer mit grosser Erbitterung von diesen Aufsätzen sprachen. 
Aglietti selbst führt in einer besondern Schrift ^^) einen scharf- 
sinnigen Beweiss von der Einheit und Uebereinstimmung der Grund- 
gesetze aller medicinischen Kunst und zeigt, dass zwischen der altern 
und neuern Schule (die er ziemlich ungünstig beurtheilt trotz aller 
Anerkennung ihrer Verdienste) wesentlich keine Verschiedenheit 
obwalte. Auch Marzani ^'^) versuchte das Brown'sche System zu 
stürzen; jedoch fehlte es ihm dazu an hinreichender Grundlage, ob- 



127 

wohl nicht an Scharfsinn und noch 'weniger an Anmaassung. Er 
unterscheidet eine imaginäre und reale Erregung und lässt sthenische 
Krankheiten durch Ebenmaass der Erregung entstehen. In solchem 
Missverständniss Brown'scher Sätze sucht er nun in der Art der Ma- 
thematiker nach Beweis, Scholien und Corollarien in siebzehn Ab- 
schnitten Sätze zu beweisen, die entweder gar nicht bewiesen zu 
werden brauchen oder bei Brown gar nicht existiren, oder, wenn sie 
vom Verfasser herrühren, verwirrt sind. Seinen Standpunct erken- 
nen wir am bessten, wenn wir uns an die von ihm ausgesprochene 
Hoffnung halten, durch Vau quelin's und Fourcroy's chemische 
Lehren werde die Humoralpathologie wieder hergestellt werden. 
Hieher gehört auch gewissermaassen die unten erwähnte französische 
Schrift von Canaveri und die von Sprengel (Lit. med. ext.) an- 
geführten Kritiken von Zappala ^'), Strano ^^) und Truso ^^), 
die wir nicht erlangt zu haben nur aus literarischer Gewissen- 
haftigkeit bedauern, da an guten Kritikern über Brown kein 
Mangel ist. 

Die schwache Grundlage des Systems und die Geislesarmuth 
der Brownianer zeigt sich deutlich in der Vertheidigung gegen Avich- 
tige Kämpfer, wie z.B. Strambio. Alle befolgen sie dieselbe 
Taktik, geben unerwiesene Behauptungen, helfen sich mit buchstäb- 
lichen ^Wiederholungen Brown's oder Analogieen, oder klagen 
über Nichtverständniss, Nachlässigkeit, ja wie später auch Weikard 
in Deutschland, über Böswilligkeit, verstockte Herzen, gleichsam als 
solle das Gemüth gewähren, was der Verstand nicht vermag. Einige 
unter den Anhängern Hessen sich theilweis bekehren. Dies erhellt 
z.B. aus Franc. Frank's "Widerlegung, der (mit Reil) eine In- 
cifabilitas nervea, muscularis, glandularis annimmt und zugiebt, dass 
verschiedene Organisation verschiedene Erregung bedinge, dass 
Fehler in der Eintheilung sthenischer und asthenischer Krankheiten 
bei BroMn vorkämen, dass sich beide Arten von Schwäche nicht 
immer gut unterscheiden Hessen, dass Strambio in einigen Puncten 
über Plethora Recht habe. Die Annahme von der gemischten Schwäche 
modificirt er so , dass zur indirecten Schwäche direcf e , aber jene 
nicht umgekehrt zu dieser treten könne, ohne dass beide in ein- 
ander übergehen. Nebenbei wird jedoch die hippokralisclie Medicin 
als eine solche bezeichnet, die uns bei jedem Vorfall den Tod in 
Aussicht stellt. Auch Mocini lässt in seiner Gegenschrift der 
Naturheilkraft Gerechtigkeit Aviderfahren , die er nicht abläugnet, 



128 

sondern nur für beschränkt in der Wirkung erklärt. — Ueberall 
also Kampf und rüstiges Ansireben gegen den neuen Eindringling. 
Doch ist der Sieg noch nicht errungen und wird es nicht leicht wer- 
den gegen einen Feind, den selbst Laien, und unter ihnen Damen be- 
günstigen und von denen die Strassen der S'.adt erzählen , wie aus 
einer Stelle bei Strambio erhellt; noch fehlt die grosse Entwicke- 
lungsphase , ^Yelche die Geschichte zur besseren Läuterung der strei- 
tigen Puncte aufgespart hat und für Deutschland aufgespart hat, 
das mit seinem philosophischen Forschergeist und seinem Hang zum 
Systematisiren, zur Empfängniss, Zeitigung, wie zur Vernichtung 
gleich würdig und passend erschien und diese wichtige Mission den 
Händen der Italiener entriss, die gleichsam nur das Vorspiel des in- 
teressanten Drama's gaben , welches sich bald darauf entspann. Ehe 
wir dieses aber näher in's Auge fassen, müssen wir erst noch einen 
Blick auf Frankreich und Spanien werfen. 

Gescliichte des Brownianismus in Frankreich 
und in Spanien. 

Bei dem practischen Sinne, welcher von je die Fran- 
zosen von Syslenisucht und philosophischer Construclion wie von 
hypothetischer Idealisirung frei hielt, aber besonders am Schluss des 
vorigen Jahrhunderts durch Corvisart, Pinel, Halle, Portal, 
Bichat, Cloquet u. A. sich positiv eine neue glänzendere Bahn 
erschloss, machte das Brown'sche System einen nur geringen und 
vorübergehenden Eindruck in Frankreich. So ersparten die Fran- 
zosen, denen die Abgeschlossenheit von der germanischen Medicin 
hier zu Statten kam, die Partheikämpfe dieserEntwickelungskrankhcif, 
v.ährend sie dennoch später mittelbar den für die AVissenschaft dar- 
aus erwachsenen Vortheil zogen. Dass die in Frankreich, herr- 
schende chemsiche Theorie überdies dort ein grosses Hinderniss für 
die Ausbreitung Brown'scher Ideen abgab , lässt sich mit fast gewis- 
sem Rechte schliessen. Als die erste Schrift, welche die Franzosen 
mit Brown bekannt zu machen suchte, wird gewöhnlich die eines 
Griechen Emanuel Rizo ^^) vom Jahre 1797*) genannt, der unter 
Frank in Pavia studirt halte. Doch schon damals muss, wie sich 
aus den Briefen eines Arztes zu Paris, von >yardenburg (Göttingen 

*) In Rosenbaum's Additamenta etc. Halae 1842. ist die Jahr- 
zahl 1796 angegeben. 



129 

1798), schliessen lüsst, das Brown'sche System dort bekannt gewesen 
sein, denn die Franzosen sagten mit gewöhnlichem Naiionalslolze 
(s. den 6. Brief): „Nous connaissons bicn Brown et son Systeme, 
nous n'avons pas besoin de nous le faire expliquer par des etran- 
gers;" desshalb erkennen Andere die Priorität einer Schrift des 
Rudolph Abram Schiferli^^) zu, welche ebenfalls 1797 er- 
schien, aber allerdings von bedeutenderen Folgen Avar, da bei Ge- 
legenheit des Berichtes über dieselbe im Nationalinslilut der ^Vissen- 
schaften zu Paris besonders Fourcroy und Berthollet das 
BroMn'sche System mit so vielem Eifer vertheidigten, dass die Classe 
der Physik den Bürger Desessartz mit einem weilläufigen Aus- 
zug aus Brown beauftragte, die Sociele de Medecine hingegen selbst 
eine Coinmission ernannte, um zu untersuchen, in wie weit die 
Brown'sche Methode practisch nützlich sein könne. Die Schrift 
selbst, welche eine Uebersicht der Brownschen Theorie mit wenig 
Abweichungen enlliielt, gab Belege hierzu, von dem Hcsiilfate der an- 
gestellten Untersuchung aber ist uns wenigstens nichts bekannt wor- 
den. Dennoch wollte das Interesse an Brown nicht steigen. 
Uebersetzungen einzelner Schriften von \Veikard, Rösch lau b 
und Frank, durch Bertin, Leveille (1798) und Breinersdorf 
(1802) veranstaltet, gingen spurlos vorüber; die halb Brown'sche 
Schrift eines Warschauer Arztes, A. F. Wolf, Avis au beau sexe sur 
les maux des nerfs. Varsovie 1804. kam vielleicht gar nicht nach 
Frankreich; Lafont-Gouzi's ^'^) Considerations critiques Avaren 
nicht practisch genug ■•'), und am wenigsten konnte die Excentricitiit 
des producliven C hortet (nicht Chordet, wie Eble schreibt) 
trotz seiner vielen Schriften der Neuerung Freunde erwerben. Die- 
ser ganz im Geiste der ersten Brown'schen Zeit selbsfgenügsame, 
Andere, besonders Pinel, verachtende, deklamirende Verfasser gab 
zuerst eine Sammlung Brownscher Beobachtungen '^) heraus, worin 
noch die grosse Ausdehnung des Brown'schen Systems, die Unter- 
ordnung des Lebensprincips unter blos mechanische Bewegungen, die 
ungenügende Erklärung geladelt, das Qualitative, Metpsfasen, Krisen 
u. s. w. verlheidigt und der Erfahrung und ferneren Beobachtung 
Werth und Zukunft des Systems anheimgegeben werden. Bald dar- 
auf aber ging der Verfasser ganz in Brown's und Röscblaub's 
Ideen ein, wie die von W. G. Becker übersetzte Schrift des- 



♦) Eine Uebersetzung von Brown's Elementen durch Fouquier 
(Paris 1805) kam schon eigentlich post festum. 

9 



130 

seH)en '*j iiber die y^ irkung des Opium ii. s. w. beweist, nocli mehr 
aber der heftige und beissende Ton in den Reflexions critiqucs ^^). 
Aber auch das letzte Unternehmen des Verfassers, die Begründung 
einer Zeitschrift nach den Grundsätzen der Erregungstheorie "'^), 
scheiterte bei so geringer Neigung und schlechter Unterlage. Daher 
bedurfte es nur leichter Anstrengung, an welcher es z. B. in der 
Ecole de sanle nicht fehlte, um die Anhänger in die Flucht zu schla- 
gen. Aus demselben Grunde erklärt es sich, dass wir neben Cana- 
veri's französischer Schrift '^) keine einzige finden, die sich einer 
vollständigen Untersuchung unterzöge, da sowohl J. B. Ph. Mau- 
rice"^) als N. P. Gilbert'^), Tourlet, Moreau, de la 
Sarthe, Royer nur fragmentarische Prüfungen anstellten. F. Ca- 
naveri, Professor der Pathologie und Klinik in Turin, führt aber in 
seiner oben erwähnten Sclirift Brown selbstredend ein, stellt alle 
dunklen Stellen zusammen, erläutert den Sinn der verdrehtesten der- 
selben, tadelt den Begriff der Irritabilität und des Lebens, geisselt be- 
sonders die practischen Folgerungen, die Eintheilung und Behandlung 
der Krankheiten und deckt die Widersprüche in Anatomie, Patho- 
logie und Heilmittellehre , wofür er zahlreiche Materialien beibringt, 
auf. Diesen practischen Standpunct aber hat der Verfasser im Gan- 
zen mehr für Italien als für Frankreich festgehalten, wo nach des Ver- 
fassers eigener Aussage ohnehin das System wenig Eingang fand. 

Anhangsweise mögen hier noch einige spanische Schrift- 
steller erwähnt werden , welche bezeugen, dass auch dorthin trotz 
Cullen's bedeutender Autorität sich Spuren, aber auch nur diese, 
vom Brown"schen Geiste verliefen. Es sind dies Joaq. Serrano 
Manzano ^°), der Uebcrselzer der Observations von Brown, und 
Vic. Miljavila y Fisonel, der, keineswegs gegen Brown's 
Schwächen blind, die Nosologie desselben ^^) und Peter Frank 's 
berühmte kritische Vorrede ^^) (s. unten) nach Spanien verpflanzte. 

Nach dieser Episode begeben wir uns auf den eigentlichen 
Schauplatz der Geschichte des Brownianismus, nach Deutschland. 

Geschichte des Brownianismus in Deutschland. 

Chr. Crirtanner. 

Es ist merkwürdig genug, dass die erste Bekanntschaft mit den 
Brown'schen Lehren in Deutschland mittelst eines französischen Jour- 
nals gemacht wurde, durch welches ein Deutscher die fremde Theorie 



131 

als eigene einzuschmiig-geln versuchte. Er wurde aber nur zu bald 
entlarvt und erklärte sie selbst für gestohlenes Gut. Gir tanner 
nämlich (1760 — 1800), der vielseitig gebildete und talentvolle 
Schriftsteller, über dessen Leistungen abzusprechen sein früher Tod 
verwehrt, der gewiss manche keimende Blüthe desselben zerstört 
hat, hafte auf einer grossen Reise, die er wissenschaftlicher For- 
schungen wegen auch über England ausdehnte, in Edinburg im Jahre 
1786 und später während seines zweiten längern Aufenthaltes daselbst 
im September 1789 bis zum Mai 1790 das Brown'sche System genau 
kennen gelernt, ja sich sogar ein Manuscript desselben zu verschalTen 
gewusst, welches nach seiner Aussage treffliche Zusätze und wich- 
tige Aufschlüsse enthielt. Diesen für Frankreich und Deutschland 
in der That neuen und unbekannten Fund benutzte nun Girlanner 
nach seiner Rückkehr und legte ihn mit Verschweigung des eigent- 
lichen Urhebers als eigenes Geistesproduct, mit Haller'schen und 
L a vo isi er "seilen, auch G o o d wy n'schen Ideen künstlich zusam- 
mengeschmolzen, in Roziers vielgelesenem Journal der Physik 
und Naturgeschichte nieder ^^), nicht ohne die Aufmerksamkeit der 
gelehrten Welt auf sich zu ziehen. Im Juni 1790 erschien die erste 
Abhandlung über unsern Gegenstand. Hier wird die von Ha 11 er 
entlehnte Irritabilität statt der Brown'schen Erregbarkeit als ein 
Lebensprincip dargestellt, auf welches die Reize einwirken, deren 
Resultat zusammengesetzt ist aus der Irritabilität der Faser, dem Reize 
und der Gewohnheit. Die Irritabilität wird als eine alllgemeine 
Eigenschaft des Körpers bezeichnet und zwischen drei Zuständen 
unterschieden , dem Tonus (Ton — der Fasern) = Gesundheit, und 
der Anhäufung und Erschöpfung [Accumulation und Epuisement] der 
Irritabilität = Krankheit. Die letztere Bestimmung entspricht mm 
allerdings nicht genau der Brown'schen Einfheilung. Man muss 
demnach die Irritabilität bei Gir tanner als gleichbedeutend mit der 
Erregbarkeit bei Brown ansehen [eigentlich zwei an sich verschie- 
dene Begriffe]. Girtanner zählt dann die Reize einzeln auf: Wärme, 
Kälte (sie häuft die Irritabilität, wodurch dann die Hitze stärker wirkt, 
reizt also eigentlich nicht), Licht, Nahrung, Circulalion der Säfte, 
nervösen Reiz, GemiithsalTecte (wie bei Brown blos gradweis ver- 
schieden). Im Monat August 1790 aber folgte ebenfalls in Rozier's 
Journal die zweite Abhandlung, Avorin der Sauerstoff als Princip der 
Irritabilität bezeichnet wird, indem er sich mit dem Blute mische, 
sich so dem Körper mittheile und dann mit den Reizen in Confact 

9* 



132 

küiuiue, aiil Nvelchen der Körper sich verbiiulef. Da min die Irrila- 
bilitüt im graden Verliältniss zu der Quanti'.ät des Sauerstoffes steht, 
gestalten sich die drei Zustände der Reize und des Körpers folgen- 
dermaassen: l) Dieselbe Afrmiliit der Reize zum Sauerstoff wie die 
organische Fiber = Ton, Gesundbeit. 2) Weniger Verwandtschaft 
als die organische Fiber. Die Reize überladen und machen Anhäu- 
fung = negative Reize ^=^ Krankheit. 3) Mehr Verwandtschaft, 
daher Erschöpfung = positive Reize := Krankheit. Zur ersten 
Classe von Reizen gehören alle organisirten Körper, zur zweiten 
Gifte, zur dritten Opium, Aether etc. Der Nährstoff liege blos in 
der Verwandtschaft zum Sauerstoff etc. Kurz, man sieht, dass nur 
im Sauerstoff ein Deckmantel für Brown'sche Ansichten gewonnen 
werden sollte. Als nun in der That diese bekanntwurden, konnte 
sich Girtanner den Vorwürfen nicht entziehen, die ihm von allen 
Seiten über sein Verfahren gemacht wurden. In seiner Abhandlung 
über die Kinderkrankheiten in» Jiihre 1794 (s. "W ei kar d's Magazin 
2. St. S. 214) entschuldigle er sich damit, er habe sich nur über Brown 
lustig gemacht; Engländer und Franzosen hätten die Ironie verstanden, 
Deutsche aber nicht; — ■ eine Entschuldigung, die, obgleich schon 
wankend und schimpflich an sich, noch durch Beddoes' Ausspruch 
widerlegt wird , der ausdrücklich sagt : „If he has not mentioned Ihe 
name of Brown, he has made a free use of bis doctrines and often 
employed bis very expressions. He miglit not perhaps in abslract 
think it necessary lo point out the source, from which so many of his 
ideas are derived, but in his larger works we have a rigbt to expect 
that he should do justice lo departed genius." Diese Erwartung 
hat denn auch Girtanner zu seiner eigenen Ehre und Rechtferti- 
gung, wiewohl erst spät, nachdem bereits das System mehrmals über- 
setzt war, erfüllt. Er gab eine ausführliche Darstellung des Brown'- 
schen Systems heraus, der er eine Biographie und Characterskizze 
Brown's nacli Beddoes, so wie ein genaues und kritisches Ver- 
zeichniss aller bis dabin erschienenen Brown'scben und Antibrown'- 
schen Schriften vorausschickte, die er grössteniheils selbst gelesen 
hafte ®*). Jedoch ist dieses Verzeicbniss weniger in Hinsicht der 
Anordnung und der Kritik, als durch die Vollständigkeit für den 
Literarhistoriker wichtig, während die Darstellung des Systems selbst 
in einer eigenen Bearbeitung nach den Disciplinen (Physiologie, 
Pathologie, Diätetik, Semiotik etc.) die Brown eigenthümliche, zu 
dem System eng gehörende Form und Färbung und den besondern 



133 

Eindruck desselben verwischf. . Eine der Darstellung' angehängte 
Kritik sucht vom philosophischen Standpunct aus die Grundpfeiler des 
Systems zu stürzen, indem nachgewiesen werden soll: l) dass die 
Grundsätze des Systems unrichtig und erschlichen sind (keine ob- 
jeclive Wahrheit, Wahrnehmungsurtheile st;itt Erfahrungsurtheile) ; 
dass 2) die Schlussweise Brown 's in der Medicin unstatthaft sei. 
Auf Analogie und Induction nändich basire Brown die drei Sätze: 
keine Wirkung dauere länger als ihre Ursache; dieselbe Ursache 
könne nicht verschiedene, am wenigsten entgegengesetzte Wirkun- 
gen hervorbringen; dieselbe Wirkung könne nicht aus verschiede- 
nen, am wenigsten aus entgegengesetzten Ursachen entstehen. Wie- 
wohl nun Girtanner diese Sätze durch Erfahrungen des Gegen- 
theils widerlegt und die unbefriedigende Erklärung nach diesem 
Systeme bei einer Menge physiologischer und pathologischer Er- 
scheinungen nachweist, berechtigt ihn doch diese an sich unvollstän- 
dige Kritik nicht zu dem siegestrunkenen Schlüsse seines Buches. 
Weit wichtiger sind jedenfalls die Erfahrungen (s. Vorrede zum 
I.Band), die Girtanner über die Erfolge der Brownschen Behand- 
lung in England und Schottland zu machen Gelegenheit fand. Nach 
diesen wurden Einige in Folge Brown'scher Behandlung schnell 
besser, eine grössere Anzahl starb, die Meisten verfielen in chroni- 
sche Krankheiten; Reizmittel brachten bei gasirischen Zuständen den 
grössten Nachtheil; Syphilis heilte nach Brown's Methode gar nicht, 
und Wechselfieber, Krätze, Melancholie, Manie, Bleichsucht, unter- 
drückte Menstruation, gallige Lungenentzündung, Rheumatismus, Ruhr, 
Leberverstopfung, Krankheiten des Darmcanals, Hämorrhoiden, Scro- 
pheln wurden täglich schlimmer. Es war von grosser Wichtigkeit 
für Deutschland, dass Girtanner erklärte, er habe bereits in den 
Jahren 1789 und 1790 keinen Arzt in Grossbrittannien mehr getroffen, 
der die Brownsche Heilmethode unbedingt befolgt hotte ■■'). Er 
prophezeite richtig, wenn er die behufsame Anwendung jener theore- 
tischen Aufschlüsse auf die Praxis, den Untergang dieser i)ractischen 
Heilmethode auch in Deulschland und die ^A iedererstehuns: der 



♦) Ein Dr. Quandt schreibt in Hufeland's Journal 1798. Bd. V. 
St. 2.: ,,Ueber Brown lachten die meisten Engländer, und wenn sie 
gleich rait Wein, Opium und China umgingen wie mit Nahrungsmitteln, 
so nannten sie sich doch nie Brownianer und jeder handelte nach seinen 
eigenen ^leinungen." Dr. Saunders, Brown's Landsmann, scherzte 
oft darüber, dass Brown sein System blos aus Bosheit gegen die 
Edinburger Professoren ausgeheckt habe. 



134 

veraclileleii Aeliologie, Nosologie und Diagnostik verkündelc. Aber 
wir würden ihm gewiss für diesen Ausspruch noch freudiger danken, 
wenn er nicht mit dem ,,pace dulci quiescat et longa et aeterna obli- 
vionis nocte decenter et silentcr reponaturi" (s. Vorrede zum 2. Bd.), 
welches er dem Brown'schen System wohl ein svenig undankbar zu- 
ruft, uns zu dem Darwin' sehen System, d. h. aus der Scylla in die 
Charybdis hätte führen wollen. 

Melchior Adam l¥eikard. 

Die eigentliche Verbreitung des Brownschen Systems in 
Deutschland ging jedoch von einem eben so offenen und consequen- 
ten, als befangenen Anhänger desselben aus, von Melchior Adam 
Weikard, der nach einem in Ilildburghausen im Jahre 1794 veran- 
stalteten Nachdruck der italienischen Ausgabe der Elemente von 
Moscafi im Jahre 1795 die erste, ziemlich fehlerhafte Uebersetzung 
derselben herausgab ^^). Melchior Adam Weikard, An- 
dreas Rösch laub und Joseph Frank, welche auf den ver- 
schiedensten Wegen und mit den verschiedensten Kräften nach einem 
Ziele, der Verbreitung der Brown'schen Lehre, hinstrebten, stehen 
an der Spitze der Anhänger des Brown'schen Systems in Deutsch- 
land. Eine Skizze ihrer Leistungen und Bestrebungen ist daher für 
die Geschichte des Brownianismus in Deutschland unerlässlich, da 
alle Entwickelung desselben sich an diese Choragen und an die 
Stadien ihrer Bildung anlehnt; da alle Kämpfe und Zwistigkeiten sich 
um diese Cenlren herumbewegen und ihre Fahnen den Sammelplatz 
aller Brownianer bildeten. Unter ihnen nimmt Rösch laub die 
höchste Stelle ein, da er mit deutschem Geiste das System durch- 
forschte und wissenschaftlich gestaltete. Jose4)h Frank reprä- 
sentirt das bildsame und vermittelnde Moment, welches der Entwicke- 
lung der Ideen mehr zu folgen im Stande ist, als sie herbeizuführen; 
Weikard aber ist der stabile Repräsentant Brown's für Deutsch- 
land, sein erster und sein Ireuester Anhänger daselbst. 

Weikard war geboren im Jahre 1742 zu Römershag im 
Fulda'schen , wurde auf dem münchskatholischen Gymnasium zu Ham- 
melburg erzogen, bezog dann im Jahre 1758 die Universität Würz- 
burg, wo er nach zweijährigem Studium der Philosophie nach vielem 
Schwanken sich der lleilkunst widmete und vier Jahre auf das Stu- 
dium derselben verwendete. Im Jahre 1764 wurde er examinirt und 
später zu Fuld promovirt. Seine Dissertation: An et in quibiis 



135 

raedicus naturae minister, natura medicatrix, steht in nierkwürdigein 
Gegensatz zu seinem spätem Glaubenshekenntnisse. Nachdem er 
eine Zeillang das Physikat zu ßriickenau verwaltet und über diesen 
Curort Erfahrungen eingesammelt hatte, wurde er im Jahre 1770 zum 
zweiten Leibarzt des Fürsten von Fuld ernannt, wobei er jedoch noch 
in Brückenau die Plliclilen eines Badearztes erfüllte. Als Professor 
zu Fulda las er dort regelmässig CoUegia und lag überhaupt dem 
Studium fleissig ob. Wegen des „philosophischen Arztes", den er 
damals herausgab, erlitt er Verfolgungen Seitens der Mönche, die 
ihm den Aufenthit-If sehr erschwerten. Es war daher kein Wunder, 
dass er, nachdem er einen Ruf nach Pavia an Tissot's Stelle ab- 
gelehnt hatte (diese Stelle erhielt später Joseph Frank), end- 
lich einem Rufe nach Russland zur Kaiserin Katharina folgte, 
den er dem Grafen Schwallow in Folge seines philosophischen 
Arztes dankte. Von der Kaiserin sehr begünstigt und zum Hofarzt 
ernannt, erhielt er dort bald glänzende Praxis und später den Titel 
eines CoUegienraths. Im Jahre 1787 unternahm er im Gefolge der 
Kaiserin eine Reise nach Taurien. Nach seiner Rückkehr erwachte 
die Sehnsucht nach der Heimath, wozu Kränklichkeit, eine durch 
vielerlei Intriguen verbitterte Stellung und wahrscheinlich die Un- 
gunst der Kaiserin beifragen mochten, und so erbat er sich die Er- 
laubniss zur Abreise, welche ihm im Jahre 1789 gewährt wurde. 
Er lebte dann einige Zeit in Frankfurt , Mainz , Aachen , machte eine 
Reise nach Holland, Spaa, später Krankheils halber nach Baden-Baden 
u. s. w. und lebte unter vielfachen Fehden in Mannheim und Heil- 
bronn, nachdem er vom Nachfolger der Kaiserin Katharina noch zum 
russischen Etatsralh ernannt worden war. Im Jahre 1802 erschienen 
noch von ihm die Denkwürdigkeiten aus seinem Leben (Denkwürdig- 
keiten aus der Lebensgeschichte des K. russischen Etafsraths M. A. 
Weikard. Nach seinem Tode zu lesen. Frankfurt und Leipzig, 
1802. 8.), welche ein helles, wiewohl nicht ganz günstiges Licht auf 
ihn warfen. Am 25. Juli 1803 endete er als Oranien- Nassau -Fulda"- 
scher geheimer Rath und Director des Medicinal\\ esens zu Fulda ein 
Leben , welches, reich an glücklichen wie an unglücklichen Erfahrun- 
gen, in der That ein vielbewegtes, wenn auch in der Hauptsache ver- 
fehltes zu nennen ist, indem er es sich zur Hauptaufgabe gemacht 
hatte, ein System 7.u stützen, welches den Keim des Todes in sich 
trug. Und wie verfocht er diese Idee! 3Iif welcher Halsstarrigkeit, 
mit welcher Empfindlichkeit, mit welchen WalTen der Sophisterei. 



136 

Rusticität, Schmähung und Verläumdung! Weikard war ein Mann 
von Verstand , Witz und Scharfsinn , wenn ihm auch die eigentliche 
Grundlage des Wissens, die Gelehrsamkeit abging; er war ein offe- 
ner, gerader Character, nicht ohne ehrenwerthe Gesinnung, wie er 
im Kampfe gegen 3Iönchsthum und Despotismus bewiess. Aber eine 
unermessliche Eitelkeit, verbunden mit Arroganz und Empfindlichkeit, 
S.elbstüberschätzung, Nichtachtung und Rücksichtslosigkeit gegen 
Andere und eine fast krankhafle Zanksucht verdunkelten diese guten 
Eigenschaften. Seine Denkwürdigkeiten, in breiler, selbstgefälliger 
Sprache abgefasst und untermischt mit Ausfällen, Angriffen, zänki- 
schen Zwistigkeilen und nicht selten mit sinnlichen Gemeinheiten, die 
ci' (wie auch Girtanner rügt) mit einer Art von anekelndem Wohl- 
gefallen vortrug , lassen uns einen tiefen Blick in sein Wesen thun. 
Sie enthalten überdiess eine wahrscheinlich nicht unwesentliche Ur- 
sache und Bedingung dieser Eigenschaften. Weikard war näm- 
lich durch einen Zufall ein Krüppel geworden, und Verwöhnung und 
Verhöhnungen, wie sie solchen Unglücklichen zu Theil werden, so 
wie ein fast beständig von Hysterie und Gicht geplagter Körper 
mögen wohl eine grosse Schuld an diesen Mängeln tragen, die so 
deutlich in allen seinen Schriften vorleuchten und seiner Polemik und 
seinen Bemühungen einen ungünstigen Anstrich geben. Den Ruhm 
dieser Bemühungen aber , wenn sie wirklich einen verdienen, — und 
sie sollten es, da Weikard doch wenigstens der Wahrheit zu die- 
nen glaubte, — schmälert auch die schnelle Aufnahme, welche 
das Brown 'sehe System bei ihm fand. Es kann eine Wahrheit 
blenden und im Nu den Irrthum früherer Wege beleuchten, aber sich 
so ganz binden, so ganz gefangen halten, so selbst zum Sclaven des 
Buchstaben machen lassen, dass das ganze frühere Leben und Wirken 
wie ein nichtiges Trugbild erscheint, wie es bei Weikard der Fall 
war, darf ein Mann von Geist und Kritik nie. — Kaum hatte er 
das System gelesen, kaum geprüft und schon verschwor er sich ihm 
so mit Leib und Seele, dass Niemand ihm ein Jota davon rauben 
durfte: er wurde bei mangelnder Originalität weniger als Reprä- 
sentant, nämlich die leibhafte Copie des Schotten in Deutschland. 
Für diese Ehre ertrug und ertheilte er gleich Brown die bittersten 
Verfolgungen. Vergeblich ist sein Bestreben , diesen schnellen 
Uebergang dadurch zu beschönigen, dass er uns glauben machen 
will, er habe bereits früher von selbst Brownisch behandelt, ohne 
das System gekannt zu haben. Er meint damit die Anwendung 



137 

slärkender Älittel in einzelnen Fällen, die ja zu allen Zeiten in ähn- 
lichen Zuständen angewendet worden sind, — weil sie wirklich in- 
dicirt sind. Wir finden in seinen „vermischten medicinischen Schrif- 
ten" (Frankfurt a. M. 1778 — 1780. 1. — 3. Stück) und in den kleinen 
Schriften verschiedenen Inhalts (Mannheim 1782) keine Andeutung 
von Brown'scher Theorie oder Praxis, sondern viel humoralpalholo- 
gische Ansichten, Gichfnialerie als Ursache von Nervenkrankheiten, 
Mittel, welche die Säfte auswaschen u. s. w. Dagegen erkennen 
wir schon hierin die Flüchtigkeit seiner Beobachtungen neben man- 
chem guten practischen "Wink , den Eigensinn, dereinen grundlosen 
Widerwillen gegen einige Arzneien und eben so grundlose Furcht 
vor andern hat, der das Elixir acid. Hall, bei Nervenkrankheiten ver- 
bannt, weil es nicht zu seiner Theorie passt, aber sich „in den Kopf 
setzt" Kalkwasser müsse helfen. Auch an Humor und Derbheit 
ist schon damals kein Mangel, so wenig wie an Verachtung anderer 
Schriftsteller. Ganz so verhält es sich mit seinen „medicinischen 
Fragmenten und Erinnerungen" (Frankfurt a. M. 1791), welche eine 
Streitschrift von A. F. Hecker und N. K. Molitor hervorriefen. 
Plötzlich aber, nachdem er das Brown'sche System kennen gelernt 
und übersetzt hat, strengt er alle seine Kräfte an, um Deutschland so 
dafür zu begeistern, als er es selbst ist, und erklärt daher in seinem 
Entwurf einer einfachen Arzneikunst ^^), welcher nichts als eine 
Umschreibung der Brown'schen Elemente ist, mit einer naiven Offen- 
heit: „il ne faut pas faire le crime ä demi," — deswegen habe er 
das ganze Brown'sche System auf seine Schultern genommen. „Un 
objet essentiel aux progres de la vraie science est de savoir ignorer 
les choses vaines et moins utiles" ist das Motto seiner Schrift , und 
zu diesen choses vaines et moins utiles rechnet er mit Brown die 
Diagnose und Nosologie, wie die ganze frühere Medicin, die er mit 
einem Naturmädchen vergleicht, das in die Stadt gebracht, an Luxus, 
Coquetterie und Ausschweifungen gewöhnt und durch Anbeter ver- 
derbt, nur durch [Brown's] Einfachheit wieder in den Naturzustand 
gebracht werden könne. Die Herstellung der Gesundheit sei der 
einzige Zweck des Arztes, — alles Uebrige Zeitverschwendung. 
Wie aber, wenn dieser Zweck nicht ohne „Zeitverschwendung" er- 
reicht werden kann? — Dieser in unbedingter Abhängigkeit von 
Brown verfasste Entwurf wurde nun speciell in einem medicinisch- 
practischen Handbuche ^') ausgeführt (1796), nachdem noch Wei- 
kard seinen Namen an Bertoloni, Rasori, Monteggia, 



138 

J. Frank, Gelmetti, Mocini, Cattanio u. A. durch Uebersetzun- 
gen geknüpft halte (s. oben), man weiss nicht, ob aus blosser 
Schreiblust oder aus allzu grossem Eifer, der Alles aufsucht, was 
nur irgend nach einer Autorität für seine Meinung aussieht ; viel- 
leicht auch, um durch das Beispiel der Italiener, Avie schlecht auch 
immer, auf die Deutschen zu wirken, denen das Fremde nie gleich- 
gültig war. — In diesem medicinisch-practischen Handbuch, welches 
die speciellen Lehren der Elemente Brown's giebt, während der 
Entwurf sich mit den allgemeinen beschäftigle , sucht nun Wei- 
kard das Gute und Schlechte seines Altmeisters und Originals kräf- 
tiglichst beizubehalten. Jedoch ist die Symptomatologie besser ge- 
worden und einzelne Abweichungen waren nicht ganz zu vermeiden. 
Scharlach ist z.B. nach Weikard eine Pyrexie mit, nach Brown 
ohne Entzündung. Die Rothlaufsgeschwüre erklärt Weikard von 
Verderbniss oder Schärfe des Malpighischen Schleimes oder der 
Lymphe. Bei den Ausschlägen werden noch Urticaria und Pemphigus 
erwähnt und die bei Brown übergangenen Zustände von Blutspeien, 
Blutbrechen und Blutharncu, letzlere beide meist als örtlichen Ur- 
sprungs, aufgeführt. Vielen Widerspruch erregte die Behauptung, 
dass Quarlanfieber leichter zu behandeln seien als die übrigen. Die 
Therapie Weikard's hat auch einzelne Abweichungen; der Ap- 
parat seiner Heilmittel ist grösser, aber die Anwendung der Reiz- 
mittel noch viel ausgedehnter und ausschweifender als bei Brown. 
Der ableitenden Methode räumt er (im Widerspruch mit der Allge- 
meinheit der Erregung) grösseres Feld ein als Brown. Brech- 
mittel bei Pneumonie wirken wohl durch die specifische Einwirkung 
des Tart. stib. (Ref.), nicht durch das Brechen. Bei Phrenitis empfiehlt 
er nach gemässigter Diathese ein beruhigendes Mittel (derglei- 
chen giebt es nach Brown eigentlich nicht). Die Beliandlung der 
entzündlichen Krankheilen ist im Allgemeinen gut zu nennen, Queck- 
silber aber gehört zu den reizenden Mitteln. Bei Krätze werden 
Schwefel- und Merkurialeinreibungen, bei Rliacliilis Malaga, Madera 
und englischer Porter, bei Mensirualionsstörungen Aloe, Wein, 
Opium etc., bei Metrorrhagie Ipecacuanha, — Alles als Reizmittel 
empfohlen. Was dis Cessatio menstruorum heilt, heilt auch die 
Blutungen, — Aveil beide auf Schwäche beruhen. Bei llacmoplysis 
giebt Weikard Rum, bei Hämorrhoiden (= Schwäche) Aloe, bei 
Magensäure Krebsaugen (sind das auch Reizmittel oder nicht viel- 
mehr specifische Arzneien?). Natürlich werden Opium und Moschus, 



I 



139 

Wein u. s. \v. auch in „Kinderkrankheiten" und neben Branntwein 
und Rum auch in der Hysterie (wo bekanntlich Opium selten vertragen 
wird) angewendet. Im Keuchhusten erhalten selbst Säuglinge Lau- 
danum. Gegen Magenkrampf werden bittere Sachen, Stahl, China 
gegeben, denn slärkcu und reizen ist auf gut Browuisch dasselbe. 
Fernere Reizmittel Weikard's sind: Ferrum, Camphora, Crocus, 
Serpcntaria, Conlrajerva, Sal Cornu Ccrvi, Quajacum, Aulimonialia, 
Columbo, Absynlhium, Calamus, Cinnamomum, Terebinthina, Caslo- 
reum. — Mit Recht wird der 3Iissbrauch der Brech- und Purgirmillel 
bei Intermittens sehr getadelt, doch wendet Weikard dieselben 
viel häufiger nebenbei an als Brown, wie er auch von örtlichen 
Unterstützungsmitteln der Cur einen fleissigern Gebrauch macht. 
Doch genug von dieser Praxis, der man es ansieht, wie sie sich der 
Theorie zu Liebe consequent zu bleiben abquält. 

Drei Jahre später (1799) erschien dieses Handbuchs dritter Theil, 
der auch unter besondcrm Titel die örtlichen Krankheiten ab- 
handelt. Hier zwang die Vernachlässigung des Gegenstandes bei 
Brown zu Abänderungen; — ob aber diese Verbesserungen waren? 
Es werden nämlich mehr diagnostische Kennzeichen angegeben, eine 
partielle Erregbarkeits-AlTeclion angenommen (gegen Brown), der 
Schmerz bei örtlichen Leiden als accessorischer Reiz bezeichnet, der 
nervöse Schmerz ein Schmerz von mangelndem Reize genannt, und 
nach Darwin und Reil das Gesetz der Association bei der Muskel- 
bewegung, und als neu für einen Brownianer auch der Consensus 
erwähnt. Die Heilung aber soll ebenfalls durch Reize oder Schwä- 
chungsmittel bewirkt werden. Diese Verbesserungen (I) sind aber 
nur Aushülfe, fremdartiges Einschiebsel, Inoculalion, welche dem 
Systeme nicht zu gute kommt, sondern mit ihm um so mehr im '^^ ider- 
spruche steht, als keineswegs eine Abänderung der Principien damit 
zusammenhängt. Ganz abweichend von Dem, wie es noch im ersten 
Theil des Handbuchs von Weikard enthalten ist, wird hier 
die Eintheilung der örtlichen Krankheiten, die so merk- 
würdig in ihrer Art ist, dass wir am besten thun, den Leser selbst in 
den Stand zu setzen, ein Urlheil darüber zu fällen. Weikard 
nimmt nämlich 6 Classen an. 

L Classe: Organische Krankheiten von örtlicher 
Disposition ohne allgemeine oder partielle Afficirung 
der Erregbarkeit (ist das wohl möglich?), als: a) äussere: 
l) Geschwülste (Varices, Hydrarlhrus, Kaevi, Scirrhi, Struma, Sero- 



140 

fulae), 2) Ectopiae (Herniae, Prolapsus), 3) Excrescentiae (Verrucae), 
4) Ausschläge (Weinstein, Ephelis u. s. w.) , 5) Deformitates (Fisteln, 
Hasenscharten, Coloboma, Strabismus); ä) innerliche (Steine, 
Würmer, Texlurveränderung u. s. >v.). (Passt wohl hierfür die De- 
finition der I. Classe?) 

II. Classe : Organische Krankheiten mit allgemei- 
ner oder partieller Afficirung der Erregbarkeit, als: 
Strabismus, Otalgia, Surditas, Odontalgia, Mariscae, Fistulae, Car- 
cinoma, Caries, Hernia incarcerata, Erweiterung, Verengerung; 
verstopfte und geschwollene Drüsen, Scropheln, Tinea, Crusta lactea, 
Zona, Erysipelas, Pemphigus, Furunculus, Ulcus, Hydrophthalmia, 
Cataracta, Amaurosis, Exophthalmia, Herpes, Comedones, Panaritium, 
Aphlhae, Verhärtungen, Icterus, Ozaena, Rhagades, Eschera, Arthro- 
cace, Hordeolum, Aneurysma, Steinschmerzen, Abscessus interni, 
Tumores interni, Verstopfungen, Verwachsungen, W^assersäcke , An- 
sammlungen. 

III. Classe: Krankheiten, wo die örtliche Erregung 
ohne allgemeine Diathesis oder Alteration der Erreg- 
barkeit ergriffen ist, als: Fracturae , Fissurae, Luxationes, 
Contusiones, Contorsiones, Vulnera, Ambuslio, Congelatio, Zerreis- 
sungen, Bisse, Excoriationen. 

IV. Classe: Organische Krankheiten in sehr em- 
pfindlichen Theilen, die sich über das ganze System 
verbreiten, als: locale Gastritis, Enteritis, Hepatitis, Splenitis, 
Nephritis, Cystitis, Hysleritis, Verblutungen mit nachfolgender Ent- 
zündung oder Fieber, Abortus, schwere Geburt. 

V. Classe: Oertliche Krankheiten von allgemeiner 
Erregung, die eine solche Höhe erreicht, dass der 
Theil fernerer Erregung unfähig wird (Brown's III. 
Classe), als: Pusteln, Abscess, Anthrax, Bubo, Carbunculus, Gan- 
graena, Sphacelus, skrophulöse Geschwülste und Geschwüre, skir- 
rhöse Verhärtungen, Empyema und andere Eiferansammlungen, Lun- 
geugeschwüre, Weichselzopf, Ulcera. 

VI. Classe : Gifte oder Ansteckungen, welche örtlich 
afficiren, mit partieller oder allgemeiner Alteration 
der Erregbarkeit, als: animalische Gifte: Ansteckung, Venus- 
gift, Bisse giftiger Thiere; mineralische, vegetabilische Gifte. 

Hcisst eine solche Eintheilung, nach welcher jedes Glied be- 
liebig in die verschiedenen Classen gebracht werden könnte , nicht 



141 

eine Satire auf die Wissenscliaft? Wahrlich der Unverstand der 
Anordnung, die Ignoranz in der Beschreibung und die Flüchtigkeit 
der Therapie zeigen deutlich, -wie die Absicht, bloss auf die Herstellung 
der Gesundlieit bedacht sein zu wollen , mit der sich die Brownianer 
brüsteten , nur der Deckmantel für ihre gänzliche Vernachlässigung 
aller Wissenschaftlichkeit war, deren Beachtung ihnen wahrscheinlich 
als „Zeitverschwendung" erschien. Die neuern Fortschritte der 
Diagnostik, die genauere anatomische Grundlage der Pathologie und 
die engere Verknüpfung der Chirurgie und Medicin, welche eine 
physiologische Beachtung der ersteren herbeigeführt hat, werden 
uns hoffentlich auf immer vor solchen ,, Versuchen" bewahren! — 

Mittlerweile aber halle das Brown'sche System in Deutschland 
an Interesse und Anhängern gewonnen. Um jenes lebendig zu er- 
hallen , diese aber zu vermehren, stiftete der in Verfolgung seines 
Zweckes unermüdliche "NVeikard, gleichsam als literarischen Strebe- 
pfeiler, ein Organ der neueren Heilmelhode, das Magazin der ver- 
besserten Arzneikunst ^^), welches die Freunde schützen und ihnen 
als Sammel- und Tummelplatz zur Niederlegung ihrer Ansichten pro 
und contra dienen sollte. Durch diese inzwischen bei dem Er- 
wachsen vieler Gegner nothwendig gewordenen Bekämpfungen erhielt 
das Magazin ein mehr theoretisirend- polemisches Ansehen, wel- 
ches wohl zur klaren Entwickelung der damaligen Gährungsprocesse 
und zur Abscheidung der wahren wissenschaftlichen Quintessenz hätte 
führen können, wenn der Herausgeber selbst nicht von so einseitig 
J)linder, im Verlaufe der Zeit immer fanatischer werdenden Vorliebe 
irregeführt worden wäre. — Daher kam es, dass er den besser zu 
benützenden Raum mit Auszügen aus Brown's Observations, aus 
JohnFrank's Schrift, mit Uebersetzungen ziemlich unbedeutender 
Arbeilen von Mocini, Moseali, Gelmetti, und mit mehrfachen 
Entgegnungen auf Slrambio's gutes Werk füllte und nebenbei mit 
schmähenden , intoleranten Anmerkungen die allgemeine Literatur- 
zeitung, den gediegenen Pfaff, das Journal der Erfindungen, Gir- 
tanner, zuletzt alle Nichlbrownianer, die er einmal sogar als ..Mör- 
der" bezeichnet, überhäufle. Einige unbedeutende Originalaufsätze, 
über die Diagnose slhenischer und asthenischer Krankheilen, Beobach- 
tungen über Faulfieber u. s. w. , über Wein und Opium, über Kälte, 
sowie die besseren von Röschlaub über wahre und falsche 
Schwäche der Aelteren und die Brown'sche direcle und indirecte 
Schwäche, und über die Diät der Krankheiten gewähren durchaus 



142 

keine neue Beleuchtung oder Förderung^. Auffüllend ist jcdocli, 
dass Weikard in den Anmerkungen zu Moscati zwar bei frisch 
entstandenen gasirischen Zuständen nach Brown Reizmittel, bei 
länger bestandenen aber Brechmittel mit Moscati angewendet wis- 
sen will. Diese der altern Medicin sich nähernde Verordnung ent- 
schuldigt er aber dadurch, dass er Brechmittel gelinde Reiz- 
mittel nennt und dass er bei der Schwierigkeit gastrische Zufälle nach 
Brown zu behandeln eine Mittelstrasse zwischen älterer und neuerer 
Medicin wählen Avolle. Sehr Avichtig als Vorbereitung der Er- 
regungslheorie ist eine andere Stelle, wo Weikard ausdrücklich 
sagt, dass man neben dem Er r egungsz us tan de auch auf Zerrüt- 
tung oder Umänderung der Thcile oder der Organisation zu 
sehen habe. Mit Recht wird aber auch andererseits bei Nicht- 
brownianern der häufige Gebrauch der Purganzen, der schwächenden 
und auflösenden Methode, wie die schnellferlige Annahme von Fieber 
bei jeder Geschwindigkeit des Pulses und die ewig wiederkehrende 
Theorie von innerer Verstopfung und Verhärtung gerügt, — Fehler, 
gegen die allerdings das neue System ein bedeutendes Bollwerk er- 
richtete. — Doch fand Weikard's Ton und Unternehmen keinen 
Anklang; das Magazin erlebte nur das vierte Stück und ging in der 
Theilnahmlosigkeit des Publikums, ja der Brownianer selbst, unter. 
— Noch einmal versuchte es Weikard im Jahre 1798 auf anderem 
Wege durch eine Sammlung medicinisch-practischer Beobachtun- 
gen^^-'), welche Röschlaub's und Joseph Frank's Arbeiten, 
von ihm selbst aber nichts enthielt, sein Andenken zu beleben ■■■■), 
aber sein AVirken Avar, besonders durch Sprengel und Heck er, 
gegen die sich noch am Spätabende seines Lebens in seiner letzten 
Schrift (s. Denkwürdigkeiten, letzter Abschnitt) die ganze hämische 
Bosheit und unwissenschaftliche Gemeinheit seiner Polemik in ver- 
stärktem Maasse Aviederholte , gelähmt. In den letzten vier Jahren 
seines Lebens verstummte dieser unermüdliche Verfechter Brown's, 
um einem würdigeren Nachfolger Platz zu machen, der eine neue 
Entwickelungsphase des von Jenem fast in seiner Integrität bewahr- 
ten Systems herbeiführte. 

Man kann, ohne sich viel auf eine prophetische Gabe einzubil- 
den, bei der Erwägung dieser Vorgänge getrost behaupten, dass 



♦) Seine ,, Originale und Uebersetzungen" 90) übergehen wir billig 
als Wiederholungen, ebenso seine „Toilettenlectüre" als eine schädliche 
Anweisung für Laien. 



143 

unter solclien ümsfänden das Bro'svn'sche System den Angriffen der 
Gegner, denen es überall Lücken und Breschen zeigte, ebenso schnell 
in Deutschland unterlegen haben Avürde >vie in England, zumal da 
Weikard nicht das Talent besass, die Fehler des Systems auszu- 
gleichen oder seine Gegner durch schlagende oder wenigstens ge- 
-\vandle Gegengründe zu entwaffnen, -wenn nicht in Rösch laub, 
dem Manne der Theorie, ausgezeichnet durch gleich geschickte Hand- 
habung der Offensive und Defensive, wie durch productive Con- 
sfruclion philosophischer Lehrsätze, ein Retter der Brown'schen 
Lehre erstanden -wäre. — Diesem in (1er That genialen Manne war 
es vorbehalten, dadurch, dass er die Inconsequenzen Brown 's 
ausglich und einige seiner gröberen Widersprüche aufliob, wie durch 
streng logische Basirung seiner Grundsätze auf gewisse consequent 
durchgeführte Principien, eine vollständigere Theorie und ein inner- 
licher zusammenhängendes System zu schaffen. Durch sein ge- 
echlossenes Ganze trat dieses weit achtunggebietender als das 
Brown'sche System auf, obwohl es wesentlich dasselbe war, und 
zwang die Gegner zu einer genauen, tiefeingehenden "Widerlegung. 
So wurde diese Umgestaltung der Brown'schen Lehre, die nur in 
gewissem , mehr formellem Sinne eine Verbesserung zu nennen ist, 
gerade die Veranlassung, im Kampfe der Meinungen und in den 
scharfsinnigen und bedeutenden wissenschaftlichen Streitigkeiten, die 
sich gegen den jetzt weit gefährlicheren Gegner von allen Seiten er- 
hoben. Wahres und Unwahres zu sichten. Wir datiren daher mit 
Recht in der Geschichte des Brown'schen Systems von Röschlaub's 
Auftreten die zweite wichtigere Phase der Entwickelung 
desselben. 



Oeschiclite der Erre^ini^stlieorie. 



I. Begründer der Erregungstlieorie. 

Johann Andreas Röschlaul», 

der Urheber der Erregungstheorie, war geboren zu Lichlenfels 
im Bambergischen den 6. oder 21. October 1768, besuchte seit 
1779 das Gymnasium zu Bamberg, studirte anfänglich (seit dem 
Herbste 1786), gleich Brown, Theologie, wandte sich aber im 
folgenden Jahre bereits der Medicin zu, deren Studium er in 
Bamberg und Würzburg betrieb. Im Jahre 1786 wurde er 
Magister philosophiae zu Bamberg. Von 1792 an besuchte er täg- 
lich das Krankenhaus daselbst bis zum Jahre 1795, wo er das 
Doctorat der Medicin erlangte, sich habilitirte und die Armen- 
praxis eines Drilttheils der Stadt übernahm. Das Glück AvoUte 
ihm wohl und so wurde er bereits im Jahre 1796 ausserordent- 
licher Professor an der Universität zu Bamberg, 1797 Beisitzer 
der Facultät, im Februar 1798 ordentlicher Professor der Pa- 
thologie und Klinik und zweiter Hospitalarzt am Krankenhause 
unter Marcus. Im Frühjahr 1802 wurde er nach Landshut als 
ordentlicher Professor der niedicinisehen Klinik, Hospitalarzt, 
Direktor der medicinischen Schule und Beisitzer der medicini- 
schen Facultät versetzt; 1804 wurde er Medicinalrath. Nach 
Aufhebung der Universität zu Landshut erhielt er einen Ruf nach 
München. Im Jahre 1824 wurde er in den Ruhestand versetzt. - 
Seit 1830 führte er den Titel eines königlichen Hofraths und 
Professors, wie auch Beisitzers des Obermedicinalausschusses und 
starb im Jahre 1835. 



145 

Rösch laub wurde zuerst im Jahre 1793 mit Brown'» 
Ideen bekannt und kündigte sich bereits im Jahre 1795 in einem 
Fragment über das Fieber^') als Brownianer an, indem er die 
Fiebereintheilung Bro wns annahm, „addere" und ,,imminuere" als 
das Ziel aller therapeutischen Methoden aufstellte. („Medicina est 
addilio et subtraclio.") 

Offener trat er als Brownianer in Weikard's Magazin 
auf (vergl. St. 2. S. 99 — 183), um Brown von dem Vorwurfe zu 
reinigen, als sei seine Annahme der direkten und indirekten 
Schwäche der wahren und falschen Schwäche der Aelteren ent- 
sprechend. Hier deutet er bereits die später in der Pathogenie 
(s. unten) entwickelten Grundsätze an, indem er ein Reactions- 
ver mögen, Reizverlragungs\ ermögen, annimmt, die physischen 
Gesetze unter die der Organisation unterordnet u. s. w. 
Mit Recht behauptet er, dass die Brown'sche Schwäche jedes- 
mal Schwäche sei, und widerlegt so den oben erwähnten Vor- 
Avurf. Im Uebrigen bewährt er sich als strenger Brownianer; 
ebenso in dem Aufsatz über Diät in Krankheiten (Weikard's Ma- 
gazin, 4. Stück, Seite 105), wo er besonders gegen Hufeland's An- 
nahme von der fäulnissbefördernden Kraft des Fleischgenusses eifert. 
Einen nicht unlehrreichen Aufschluss über die Praxis der Brownia- 
ner geben die von Röschlaub milgetheilten Geschichten ver- 
schiedener Fieberkrankheiten (in Weik. Samml. med. pr. Beobb.), 
von denen der Verfasser nur eine Gattung, aber verschie- 
dene Grade kennt. Als haui.tsächlichste Heilmittel bei Syno- 
chus und Febris intermittens gellen hier Arnica, Valeriana, Ser- 
pentaria, Vinum, Camphora, China, Rub. tinct., Laudanum , Fer- 
rum, Liehen Isl. , Dulcamara, Aloe, Calomel; und durch Versuche 
mit Brech- und Abführmitteln (welche das Brown'sche System 
eigentlich hier gänzlich verbannte, die neuere deutsche Schule 
aber theilweiss wieder einfuhren wollte) ergab es sich, dass 
diese stets das Fieber verstärkten, die Heilung erschwerten, die 
Kräfte consumirten und die Reconvalescenz verzögerten. Die 
Annahme einer materiellen Fieberursache bei den Humoralpalho- 
logen unterliegt natürlich strengem Tadel. Einen anderen Be- 
weiss seiner rigoristischeh Anhänglichkeit an die Brown'sche Lehre 
giebt eine Abhandlung über den Durchfall (in >yeikard's 
Beobachtungen, 1797). Sonderbar genug klingt hier der Vor- 
schlag bei Durchfall von Ausdehnung durch Speisen und Ge- 

10 



146 

tränke erst Brecli- und Laxirmittel (ganz im Widerspruch mit 
der asthenischen Natur des Uebels) und dann die slhenische Me- 
thode anzuwenden. Natürlich wird die krilische Natur der Durcli- 
fälle geläugnet, was in verniinflig'er Beschränkung auch eine 
wichtige Lehre für uns giebt, die wir mit der kritischen Hülfe 
der Krankheiten, wie z. B. heim Zahnen der Kinder, leicht zu 
freigebig sind. — Mit dem stolzen Bewusstsein, dass die Brown'- 
sche Theorie die Epoche der rationellen Medicin bezeichne und 
ihr einen philosophischen Weg andeute, trat er zuerst in einem 
zusammenhängenden Ganzen in der Schrift von dem Einflüsse 
der B r vrn ' s c h e n Theorie in die praktische Heil- 
kunde^-^) auf, welche unier der Form des Nachweises, wie sich 
die einzelnen Fächer der Medicin bei Brown gestalten, eine 
wenig selbstständige Paraphrase der Brown'schen Lehre enthält 
und besonders die Beslimmungen der Krankheit als biliös, schleimig, 
faulig, entzündlich, rheumalisch, katarrhalisch u. s. w. , sowie 
die Annahme von Schärfe , Infarctus und Stockungen in ihrer 
ursächlichen Bedeutung (während sie doch nur Folgen sind), 
ebenso wie Erschlaffung, Straffheit der Faser, Ton, Empfindlich- 
keit, Beizbarkeit, geschwächte Lel)cnskraft, Plethora, Anaemie 
mit mehr oder weniger Recht verworfen wissen will. Doch ist 
als abweichend von Brown die Annahme der Erblichkeit bei 
örtlichen Krankheilen zu erwähnen. Im weiteren Fortschritt von 
Röschlaub's Studien aber ergeben si&Ii so viele Abänderungen, 
dass er späterhin selbst eine gänzliche Umarbeitung dieser Schrift 
für nöthig erklärte und beabsichtigte. (S. Bös chlaub's Magazin, 
St. 1.) Indem nämlich Röschlaub, von wahrhaft aufrichtigem 
Streben der Wissenschaft zu nützen beseelt, sein Ziel durch 
Festgründung der Theorie oder, um es genauer zu bezeichnen, 
durch harmonische Vereinbarung der Theorie und Praxis zu er- 
reichen holTle, — (ein Bestreben, welches jetzt mit ganz an- 
dern Millcln und auf anderm Wege, als auf dem der philoso- 
phischen Conslruction theoretischer Lehrsätze versucht wird,) — 
und er einmal in den Brownschen Pjincipien die erste Möglich- 
keit dazu erkannt halte (^ie denn auch wirklich eine Ueber- 
einstimmung zwischen Theorie und Praxis darin herrschte, der 
nichts fehlle, als die durcij Erfahrung bestätigte Zweckmässigkeit 
der Letzleren, d. h. der eigentliche Prohirstein) , so musste er 
eine grössere Harmonie in die einzelnen Glieder bringen. Er 



147 

suchte daher in einer mehr geschlossenen Phalanx der Lehrsätze 
und in mehr ^vissenschafllic■her Dednction der den Anforderun- 
gen des Kantianismus und der Anlibrounianer enlsjirechenden 
Folgerungen die ältere Theorie Brown's so umzugestalten, dass 
sie mit Zugrundelegung des alten Textes als neue fortgeschrit- 
tene Erregungstheorie auftreten konnte. Diese legte er 
denn in seinen Untersuchungen über P at li o geni e^^) nie- 
der, die, zuniichst durch Hufeland's Pathogenie hervorgerufen, 
den Canon der Erregungstheorie bilden und als solcher des Auf- 
sehns wegen, welches sie zu damaliger Zeit erregten und ^^ el- 
ches sie auch noch jetzt tlieil weiss, wenn wir vom Brownsi'hen 
Gesichtspunkt abstrahiren, verdienen, nach ihrem wesentlichen 
Inhalt von uns skizzirt werden müssen, um die Metamorphose 
des Brown'schen Systems , welche wir als zweite Entwicklungs- 
stufe bezeichnet haben, daraus gebührend zu erkennen. 

Grundsätze der ErregungstJteorie. 

1. Gesundheit und Krankheit. Ueb elbefinden 
und Wohlbefinden. Anlage und Neigung. — Krank- 
heit und Gesundheit sind Beschaffenheiten des Organis- 
mus; Uebel befinden und Wohlbefinden Folgen dersel- 
ben, nämlich die Beschaffenheiten der Lebens Verrichtungen 
selbst. Ebenso verschieden sind Anlage und Neigung zum 
Uebelbefinden; jene ist Zustand, Beschaffenheit des Organis- 
mus, diese ist Folge derselben, Beschaffenheit der Lebens- 
verrichtungen selbst. (Opportunität nach Röschlaub ist 
Anlage nach Brown, Neigung zum Uebelbefinden.) — 

2. Subjekte der Krankheit. — Subjekte der Krankheit 
sind nur feste Theile ; flüssige Theile können als nicht or- 
ganische nicht krank, sondern nur verdorben sein. 

3. Organisation und L ebensprincip. — Die Beding- 
nisse des Lebens sind l) eine äussere Organisation (Bau 
und Mischung nicht gleichbedeutend mit Leben), 2) ein inneres 
Lebensprincip. Hiernach giebt es äussere und innere 
Krankheiten. Die inneren sind stets allgemein, die äusseren 
stets örtlich. 

4. Erregbarkeit, ihre Zusammensetzung, Ver- 
schiedenheit u. s. w. — Die Erregbarkeit als Lebens- 

10* 



148 

princii) (nicht als Kraft, welche unabhängig von aussen wirkt) 
entspricht allen Erfordernissen, die man an ein solches stellen 
kann. Sie ist eine einzige, ungetheilte. Das Leben hängt 
von der Einwirkung von aussen ab. Die Lebensfunktion 
ist die Eni gegen Wirkung. Das Lebensprincip ist das Ver- 
mögen der Enlgegenwirkung. Dieses besieht nicht ohne die 
Fähigkeit (Receptivität, Empfänglichkeit) durch Eindrücke 
von aussen in der gegenseitigen Lage der Beslandtheile eine 
Veränderung (innerhalb der physischen Berührung) zu erlei- 
den. Beides zusammen ist :=: Err e g b a r keit. Diese stellen wir 
uns daher subjektiv (objektiv sind sie vereint) als gelrennt 
vor in die Fähigkeit von aussen afficirt zu werden (Reizbar- 
keit) und in das Vermögen, durch Selbstwirksamkeit bestimmte 
Handlungen hervorzubringen (Z u s a m m e n z i e h u n g s v e r m ö g e n , 
Ineinanderwirken der organischen Bestandtheile, atomistische Theorie, 
Gallini). Als subjektiven Erklärungsversuch giebt es noch ein 
Vermögen der Grundstoffe oder der kleinsten Theile im Körper 
ihre gegenseitige Lage zu behaupten = Vermögen Reiz zu 
vertragen, welches im umgekehrten Verhällniss zu der Erreg- 
barkeit sieht. — Die Erregbarkeit ist verschieden nach Al- 
ter, Geschlecht, Constitution, Lebensart, Klima, Gewohnheit""). 
Jedes Individuum hat vom Beginn seiner Geburt einen bestimm- 
ten Grad von Erregbarkeit. Diese - ist in verschiedenen 
Theile n im verschiedenen Grade vorhanden, was bei 
einem bestimmlen Verhällniss die Gesundheit nicht stört und sich 
mit der einen ungetheilten Erregbarkeit recht gut verträgt (?). 
Spezifike Erregbarkeit zu bestimmten Reizen besteht nur in 
einem höheren Grade der Erregbarkeit einzelner Organe für 
diese Reize. (Also immer nur quanlitaliv.) 

5. Gesetze der Erregbarkeit und der Erre- 
gung. — l) Ohne Reiz keine Reizung. 2) Ohne diese keine 
Erregung. 3) Ohne Reizbarkeit keine Reizung, keine Erregung, 
keine Lebensfunklion. 4) Reizung exislirt nur so lange, als der 
Reiz andauert. 5) Gleichstarker Reiz bringt desto heftigere Rei- 
zung, je grösser die Erregbarkeit, desto gelindere, je geringer 
sie ist. 6) Je grösser oder geringer die Erregbarkeit, desto 
geringerer oder desto stärkerer Reiz ist nöthig , um belrächt- 



*) Bei Brown nicht genug beachtet. 



149 

liehe Erregung hervorzubringen. 1) Jeder Reiz verminderf, jede 
Verminderung des Reizes erhöht die Erregbarkeit. 8) Je längere 
Wirkung desselben Grades von Reiz, desto mehr Verminderung 
der Erregbarkeit. 9) Ein kleiner aber länger wirkender Reiz 
vermindert die Erregbarkeit eben so, als ein heftiger aber kür- 
zer wirkender. lO) Jeder gar zu heftige, oder jeder gelinde, 
zu lange dauernde Reiz tilgt die Erregbarkeit. ll) Ein be- 
stimmter Reiz wirkt nach langem Fortwirken nicht mehr, aber 
von Neuem, wenn er ausgesetzt wird. 12j Die durch den einen 
Reiz verminderte Erregbarkeit kann durch einen andern wieder 
verstärkt werden. 13) Derselbe Reiz vermindert die Erregbarkeit 
desto mehr, je grösser diese ist. 14) Zu gehörig starker Er- 
regung ist gehörig starker Reiz nölhig. 15) Zu gehörig starker 
Erregung gehört bei verminderter Erregbarkeit stärkerer Reiz, 
bei erhöhter schwächerer. 16) Jede Erregung eines Theils 
wirkt als Reiz und Erregung für alle übrigen, in gleichem Maasse 
die Erregbarkeit erhöhend und erniedrigend, doch mehr noch 
für den Theil, den er geradezu afficirt. 17) Derselbe Reiz bringt 
desto stärkere Erregung in einem Theile, je grösser dessen Er- 
regbarkeit ist und je unmittelbarer auf ihn gewirkt wird. 18) Bei 
jeder Reizung und Erregung darf die intensive Grösse derselben 
nicht mit der extensiven verwechselt werden. 19) Intensiv grosse 
d. i. starke Erregung kann ebensowohl bei extensiv kleiner als 
grosser Erregung bestehn (z. B. bei dem höchsten Grade der 
Pneumonie extensive Einschränkung des Athemholens) und ebenso 
intensiv kleine Erregung bei extensiv grosser oder kleiner Er- 
regung (z. B. bei Schwäche in Haemoptysis , Wallungen, Convul- 
sionen bei Fiebern). — (Das ist die falsche Stärke oder Schwäche.) 
(Bd. I.) 

6. Von der Entstehung der Krankheiten. — Nur bei ge- 
gebener bestimmter Gewalt des Incitaments und bei einem bestimmten 
Grade der Erregbarkeit, bei welchem die Stärke des Wirkungsvermö- 
gens der Gewalt des bestimmten Incilamenls proportional ist , entsteht 
gehörig starke Erregung. Diese bestimmte Gewalt und Stufe der 
Erregbarkeit kann nur die mittelmässige sein = 40 (der höchste = 
80). Die gehörige Stärke der Erregung dauert so lange fort, als 
mittle Gewalt auf den mittlen Grad (der nach den Individualitäten va- 
riirt) einwirkt; sie wird gestört durch D is prop ort ion der Ge- 
walt des Reizes und des Wir kungs Vermögens. Die Ab« 



150 

weichung' besteht in Slhenie (Hyp e r sthenie) und Asthenie. 
Veränderung in modo giebt es nicht. 

7. Von der Sthenie der Erregung. — Sie kann nur 
dann existiren, wenn das Incitament zu grosse Gewalt hat, als 
dass diese bei der gegebenen Erregbarkeit dein VVirkungsvermögen 
proportional wäre""'), nicht aber bei so su c ce ssiver Ver- 
stärkung des Reizes , dass auch die Erregbarkeit allmählig vermindert 
wird, Nvie die absolute GcAvalt des Iiicitamenfs vermehrt wird. Sie 
entsteht nur bei jählings beträchtlicher Vermehrung des Incita- 
ments; sie hat mannigfache Grade, erreicht desto höhern Grad, je 
höher bei derselben Verstärkung des Reizes der Grad der Erregbar- 
keit oder je grösser bei demselben Grade der Letzteren die Verstär- 
kung Jenes ist. Die Sthenie ist grösser in erregbaren und in den un- 
mittelbar afücirten Theilen. Sie entsteht nur bei vorheriger b e- 
tr acht lic h e r Vermehrung des Incitamenls, sie ist nie im Anfang 
so heftig als im Verlauf. Die Erregbarkeit vermindert sich nach Ver- 
bal t n i s s der Sthenie. Diese kann, sich selbst überlassen, nicht 
lange fortdauern; je heftiger, desto kürzer, je gelinder, desto länger 
dauert sie; sie geht nie in g eh ör ige Stärke von selbst über und 
kann nur bis zu gewissen Grenzen zu- oder abnehmen. 

8. Von der Asthenie der Erregung. — Sie kann nur 
dann existiren, wenn das Incitament zu geringe Gewalt hat, als dass 
diese bei der gegebenen Erregbarkeit der Stärke des Wirkungsver- 
mögens proportional wäre, und entsteht auf zweierlei Art: 
a) durch absolute Verminderung der Gewalt des Incitamenls = 
direkte Asthenie, oder b) durch r el a tive = indirekte, weil 
hier die Erregbarkeit geringer ist. 

a) Von der direkten Asthenie. — Sie entsteht nicht 
bei successiver , absoluter Verminderung des Incitaments; ist um so 
heftiger, je geringer bei derselben Verminderung die Erregbarkeit, 
je grösser bei derselben Erregbarkeit die Verminderung; sie ist 
überall anzunehmen, wo beträchtliche Verminderung des Incita- 
ments vorausging ; wird nur allmählig heftiger. Die Erregbarkeit 



*) §. 490 sagt: Wenn das Incitament absoiut an Gewalt zunimmt, 
d. 1. durch eine grössere Summe incitirender Potenzen hervorgebracht 
ist, so Avird , wenn in demselben Grade die Erregbarkeit vermindert 
ist, relativ die Gewalt des Incitaments ebenso wieder vermindert, 
als sie übsohit zunimmt. Datier goliört zur stärkeren Erregung aucli 
relative Verstärkung des Incitaments zu derselben Zeit, als die Er- 
regbarkeit vermindert wird. 



151 

wird vermehrt nach V e r h ä 1 1 n i s s der direkten Asllieiiie, sie geht, 
sich überlassen, in höliere Grade iiijer und kann als solche lange 
andauern ; bei zu hohem Grade liort alle Erregung auf; je heftiger, 
desto kürzer, je gelinder, desto länger andauernd; im höheren Grade 
kann sie bei einiger absoluter Vermehrung des Incitaments, die jedoch 
nicht hinlänglich ist, länger andauern, desto kürzer aber, Nvenn Ver- 
minderung eintritt. Sich selbst überlassen, geht sie nie in 
gehörige Stärke der Erregung über (kommt Heilung zu Stande, so 
sind Diät, immer äussere Umstände schuld), kann bis zu gewissen 
Grenzen ab- und zunehmen und bei grosser Heftigkeil in Tod 
übergehn. 

b) Von der direkten Asthenie. — Disproportion 
des Incitaments bei dem Grade der Erregbarkeit zur Stärke des Wir- 
kungsvermögens durch relative Verminderung seiner Gewalt 
entsteht allmählig und plötzlich bei merklicher Verminderung, 
nie aber ohne vorhergegangene Sthenie; jede Sthenie geht sich 
selbst überlassen in indirekte Asthenie über, ■wenn die Totalsumme 
incitirender Potenzen zu sehr vermehrt worden ist; sie hat ver- 
schiedene Grade; entsteht um so schneller, je grössere Sthenie 
vorherging, und um so leichter, je mehr Erregbarkeit da ist. Bei 
derselben Verstärkung des Incitaments tritt ein um so höherer 
Grad der Asthenie ein, je höher der Grad der Erregbarkeit, und 
bei derselben Erregbarkeit desto heftigere Asthenie, je grösser die 
excessive Verstärkung des Incitaments ist ; sie ist grösser in den er- 
regbaren und zunächst betroffenen Theilen; plötzlich entstanden ist 
sie sogleich sehr heftig; selbst überlassen, geht sie in immer 
höhere Grade über; bei zu hohem Grade hört die Erregung gänz- 
lich auf; sie kann, sich selbst überlassen, lange dauern; um so kür- 
Z3r, je gelinder sie ist; zufällig hinzukommende absolute Vermin- 
derung des Incitaments erhöht die Asthenie. Durch einige, unzu- 
reichende Verstärkung wird sie eingeschränkt, geht von selbst nie in 
Gesundheit über, kann bis zu gewissen Grenzen ab- und zunehmen 
und in Tod übergehn. (Sthenie selbst fahrt nie direkt zum Tode.) 

c) Von dem gemischten Zustande der Asthenie, 
wo e i n i g e T h e i l e an direkter, andere an i n d i r e k t e r Asthe- 
nie leiden, dadurch, dass während der Entstehung und Existenz der 
indirekten Asthenie zur relativen Verminderung des Incitaments 
absolute kommt. Sie kann nicht entstehn, wenn die nach gleich- 
massig verbreiteter Sthenie entstandene indirekte Asthenie gänzlich 



152 

sich überlassen wird, denn gemischte Asthenie entsteht nur, wenn 
absolute Verminderung in einigen Theileii beträchlliclier ist, als die 
relative in denselben und in andern das umgekehrte Yerhältniss stalt- 
Qndet. In den Theilen, ^Y0 die indirekte Asthenie geringer ist, kann, 
wenn sie sich überlassen bleibt, direkte Asthenie entstehen, während 
in andern indirekte Asthenie fortdauert ; triit in einigen indirekt- 
asthenischen Theilen durch absolute Verminderung des Incitaments 
direkte Asthenie ein, so kann diese bestehn , obgleich in den übrigen 
Theilen indirekte Asthenie ist; ebenso können bei direkter Asthenie 
einige Theile durch zu heftige Reize indirekt asthenisch werden, ob- 
gleich die andern direkt asthenisch sind; kommt zur direkten Asthenie 
indirekte, so wird jene vermehrt. 

9. Complicationen undUebergänge. — Slhenie 
und Asthenie können nicht zu gleicher Zeit existiren ; die 
Sthenie kann übergehn in direkte und indirekte Asthenie, die direkte 
und indirekte Asthenie in Sthenie , die direkte Asthenie in indirekte 
und umgekehrt. Der Tod erfolgt nur aus direkter oder indirekter 
Asthenie. 

10. Von den ine itir enden Potenzen. — Diese sind: 
1) innere: a) gewöhnliche, u) von innerem Reiz, ,u) von 
äusserem; b) w eniger gewöhnliche: a) von derWillkühr 
des Geistes, /?) von aussen bedingte. 2) äussere: 
a^ ausser halb , b) ^7^nerAa/6 des Organismus. Zudeninneren 
incitirenden Potenzen als Schädlichkeiten gehören: die Lebensbewe- 
gungen der kleinsten organischen Theile und der daraus gebildeten 
Organe ; Gemüthsaffekte und Leidenschaften , Denken , willküluiiche 
Bewegungen des Körpers, Uebung der Sprach-, Sinnes- u. a. Organe. 
Diese incitirenden Potenzen werden zuerst immer durch äussere er- 
zeugt und bringen auch äussere hervor (Fehler der Säfte). Zu den 
äusseren incitirenden Potenzen als Schädlichkeifen gehören: At- 
mosphärische Luft und ihre Beslandtlieile (die Reinheit und Reizung 
ist nicht vom Sauerstoff abhängig; gegen Jos. Frank), Wärme 
(Kälte schwächt — nach We ika r d und Jos. Frank), elektrisclie 
Materie, Dünste, Ansteckungsstoffe (Miasma macht örtliche, Contagium 
allgemeine Krankheiten ; Contagien wirken slheniseh, entstehen nicht 
durch Säfleverderbniss), Licht, Schall, Gerüche, Geschmack, Gefühl 
(Reibung), Bäder (warme stärken; Zusammenziehen und Erschlaffen 
beweist nichts für Stärkung oder Schwächung), Kleider, Betten, Spei- 
sen und Getränke (incitirend und eindringend, nach Beschalfenheit 



153 

und Menge; Letzteres war Brown' s indirekter Reiz), Arzneien und 
Gifte (eindringend auf Bau und Zusammenhang oder incilirend. Vor- 
bauungskuren = Unsinn), äussere Krankheiten (viele solche sind 
keine incifirende Schädlichkeiten, wirken nur durch Störung der Le- 
bensfunklion oder Vermehrung und VerminderuHg der Säftemasse), 
Säfte [incitirend durch Beschaffenheit und Menge; Fehler der Säfte 
wirken nicht nach Begriffen der Humoralpalhologen, sondern durch 
das Incilament, welches sie hervorbringen. Nur zufällige Vermin- 
derung durch Aderlass, Brechen u. s. w.incilirt primär und auch dieses 
nur in beschränkter Weise. Säfteverderbniss ist als erste Ur- 
sächlichkeit nicht anzunehmen. Widerlegung der Schärfe- und Fäul- 
nisstheorie von "NVedekind. Die Bedingnisse für die Säfte sind 
innere (Lebensverrichlungen) und äussere (Nahrung u. s. av.). Die 
Behandlung richtet sich blos auf die Lebensfunklion.] (Bd. II.) 

11. Von der Entstehung und Bildung derFormen 
des Uebelbefindens von innerlicher Krankheit. — Die 
zur Entstehung der Ilypersthenie und Asllienie nölhige Disproportion 
ist nicht durch alleinige Veränderung der Erregbarkeit bedingt, 
noch durch gle ichz ei l ige und ge ge n s ei li ge Veränderung des 
Incitamenis und der Erregbarkeif, sondern durch die Veränderung der 
Gewalt des Incilaments allein. Mischungs Veränderungen 
sind Folgen allgemeiner Krankheiten, Erregbarkeit Folge des In- 
einander wirkens organischer Theile. 

a) Von der Ursache der Ilypersthenie und Asthe- 
nie. — Es giebt stets nur einen Grund der Krankheit. Die Mo- 
mente sind innere und äussere. Inneres Moment ist der Grad der 
Erregbarkeit, welche die Disproportion herbeiführt. 

b) Von derBildung andauernder und schnell vor- 
übergehender Hypersthenie und Asthenie. — Die An- 
dauer hängt von einem der beiden Faktoren der Disproportion ab. 
Die Säflemasse giebt den andauerndsten Reiz bei kräfliger Assimila- 
tion, gesunder Nahrung und Mangel an Entziehung von Säften. Nur 
bei wirklicher Vermehrung der Menge und Energie der Säftemasse 
entsteht andauernde Ilypersthenie. Direkte Asthenie ist vorüber- 
gehend, wenn das entzogene Incitament wieder hinzugesetzt wird. 
Die indirekte Asthenie ist vorübergehend, wenn schnell gehörige 
Vermehrung eintritt. Ist der Zusatz incitirender Potenzen zu gering, 
so bleibt sie; ist er zu gross, so entsteht Hypersthenie (?) ; durch Ent- 
ziehung absoluter Menge steigt sie immer höher und geht zuletzt in 



154 

direkte Asthenie über. Vermehrung- der Menge des Incitanients der 
Säfte ist nothwendige Bedingung" bei Andauer der Hypersthenie , Ver- 
minderung bei Asthenie. Constitution und andere Umstände verdie- 
nen alle Rücksicht. 

c) V n d e r ^? i 1 d u n g b e s n d e r e r F r m e n d e r H y p e r - 
s t h e n i e und Asthenie in Hinsicht g r a d u a I e i' Verschie- 
denheit derselben in e i n z e 1 n e n r g- a n e n u n d v o n ihren 
F olg-en. (Bro wn's Siafenleiler ist lalsclt, indem alle Krankheiten 
geringer und heftiger sein können.) — «) E n t s I c h u n g g r a d u a 1 e r 
Verschiedenheit der Hypersthenie. — Die graduale Ver- 
schiedenheit der Hypersthenie in einzelnen Organen hängt davon ab, 
dass bei gleichmässigem Incitament entweder einzelne Theile mehr 
oder >Yeniger Erregbarkeit besitzen , oder dass auf einzelne Theile 
bei gleichmässiger Erregbarkeit mehr oder weniger Stärke des Inci- 
tanients wirkt (indem alle äussere Eindrücke zuerst örtlich wirken). 
Beide Ursachen können sich auch compliciren. ß) Entstehung 
gradualer Verschiedenheit der direkten Asthenie. 
Auch hier dieselben Ursachen. Die niillelhare Wirkung ist stets ge- 
ringer als die unmittelbare. y) Die Entstehung gradualer Verschie- 
denheit der Hypersthenie gilt auch für die der indirekten Asthe- 
nie. (5) Bei der gemischten Schwäche ist entweder die direkte 
in einzelnen Theilen grösser, oder die indirekte; oder in den ein- 
zelnen Theilen herrschen verschiedene Grade, sowohl der direkten 
als der indirekten. — Sich überlassen gehen sie alle in direkte 
Asthenie über. 

12. Von den noth wendigen Folgen gradualer Ver- 
schiedenheit der Hypersthenie u n d A s t h e n i e. — Bei der 
Entstehung der Krankheiten müssen, da mehrere Potenzen 
zugleich und direkt wirken, graduale Verschiedenheiten herrschen. 
Diese verbreiten sich durch den Organismus. Alle Erregungen stehen 
aber in Verbindung, so zwar, dass jeder Tlieil sein Normalmaass der 
Erregung, relativ zu dem ganzen Normalverhällniss der Erregung des 
ganzen Körpers hat. Krankheit ist nun jede Störung dieses 
Nor malv erhäl tnisses. Die Krankheit ist örtlich oder all- 
gemein oder beides; beide Arten sind zusammengesetzt 
(in Bezug auf die graduale Verschiedenheit) oder einfach. Die 
Lebensbewegung jedes Organs ist als zusammengesetzt zu betrachten. 
Die Richtung der Lebensbewegung geht von da aus, wo der 
stärkste Widerstand ist [Superiorität der Energie eines Organs]; me- 



155 

chanische, chemische und örtliche Verhältnisse bestimmen 
die Richtung. Alle Lebensbewegungen stimmen zusammen. 

13. Von der Entstehung besonderer Erscheinun- 
gen des Uebelbefindens. — Aus Brown leuchtet nicht die 
Nothwendigkeit des Gesetztseins der Erscheinungen hervor. 
Diese giebt die Störung des Normalverhältnisses der Erregung. 
Ursachen: Hypersthenie, Asthenie oder örtliche Krankhei- 
ten. Der Aus ga ngspu nkt der Störung ist immer zu berücksich- 
tigen. Diese Untersuchungen führen auf die Form des Uebelbefin- 
dens. Die Erregungstheorie giebt die wahre Causalvermittelung 
zwischen Ursache und Form, während B r o w n blos die Elemente 
lieferte. (Bd. III.) 



Betrachten wir, ehe wir die weiteren Sätze Rösch laub's 
beleuchten, diese Grundzüge der Erregungstheorie, so linden wir in 
der Form der Theorie wie in der näheren Entwickelung der Ge- 
setze allerdings einen Fortschritt vor Brown, im Wesentlichen 
aber trifft sie derselbe Tadel wie jene. Die Definition der Begriffe 
Krankheit und Uebelbefinden, Gesundheit, "Wohlbefinden, Neigung 
und Anlage können wir nur eine sophistisch-unterscheidende nennen. 
Die Eintheilung der Krankheiten in innere und äussere, wovon jene 
stets allgemein, diese örtlich sind, hat zwar dadurch, dass der Or- 
ganisation mehr Recht ertheilt wird, einen Vorzug; indem diese 
aber wieder von dem Leben sprincip getrennt wird, mit dem sie 
einsistundohne welche eine Organisation immer todt bleibt, leidet diese 
Eintheilung an denselben Fehlern wie die in allgemeine und örtliche 
Krankheiten, weil, wie dort, die Grenzen ineinander übergehn , die 
Aeusserlichkeit aber noch viel weniger ohne Erkrankung des Lebens- 
princips denkbar ist. Röschlaub widerlegt mit vieler, allerdings 
oft sophistischer Gewandtheit und dialektischem Scharfsinn (Pathogenie, 
I.Band) die verschiedenen Annahmen mehrerer Lebensprincipe, als 
dasind; Irritabilität , Sensibilität, specifische Reizbarkeit, Contracti- 
lilät des Zellgewebes, Einpfindungs- und Bewegiingskraft, thieri- 
scher Appetit (Darwin), Vita propria der Organe (Blumenbach), 
Secretions-, Propulsionskraft , Nisus formativus, (Hufeland's) orga- 
nische , bildende und erhaltende Kraft (die Heilkräfte der Natur) , und 
nennt sie Maschinengötter , allegorische Figuren , — aber er sub- 



156 

stituii't nichts, was uns den wahren Grund des Lebens zu enthalten 
schiene. Zwar will er von einer Kraft, welche unabhängig von 
aussen wirkt, abstrahiren und nur ein Lehenspr in cip aufstellen, 
das Röschlaub'sche aber muss, weil es des letzten Grundes ent- 
behrt, in sich zusammenfallen. Ja, es ist dieses nicht einmal iru 
Stande, den Modus des Lebens richtig darzustellen, da es eben das 
Leben selbst seiner Spontaneität beraubt und es in einseitiger Rich- 
tung auffasst. Und das ist der grosse Zwiespalt in der Erregungs- 
theorie. Die Unselbstständigkcit und Abliäiigigkeit des Lebens war 
der hauptsächlichste Vorwurf, der Brown von allen Gegnern ge- 
macht wurde. Diesem suchte Röschlaub dadurch zu begegnen, 
dass er die Lebens fu n k l i o n als E n t g e g e n w i r k u n g , das Lebens- 
princip als Vermögen der Entgegenwirkung bezeichnete und den 
BegrilT der Erregbarkeit in den der Empfänglichkeit und des 
Wirkungsvermögens zerspaltete. Aber diese Entgegenwir- 
kung ist keine lebendige, spontane, nicht die freie Reaction des 
Organismus gegen die Action der Potenzen, sondern sie ist eine nur 
von aussen hervorgerufene, den äussern Potenzen adäquate , was 
der Grundsalz; der Einwirkung entspricht die Gegenwirkung, deutlich 
besagt. Daher bleibt die Zerlegung der Erregbarkeit in die Reiz- 
fähigkeit und Selbstwirksamkeit eine rein subjektive, nur zur Er- 
klärung dienende, wie es Röschlaub selbst ausspricht, denn 
beide Begriffe fallen objektiv zusammen und nur der Name der 
Reaction bleibt, nur der Begriff des ^^jrku^gsvermögcns , das als 
Folge der Wirkung der Potenzen auf die Erregbarkeit mit derBrown'- 
schen Erregung zusammenfällt. Wenn nach u n s e r n Grundsätzen, 
nach der von Pa race 1 su s belebten Idee der fr e i e n Wirksamkeit' 
des Organismus Aussenvvelt undMikrokosnuis gleich selbsisländig sich 
einander gegenüber stehen und der Letztere durch das ihm innewoh- 
nende Inlegritälsbeslreben auf eigne Kraft hin dem Ein^^ irken .wider- 
steht und obsiegt, sobald diese stärker ist, und unterliegt, wenn sie 
schwächer ist, so ist hier die Stärke des Lebens abhängig von der 
Gewalt der aus ser n Poten ze n und dem eben vorhandenen Grade 
der Erregbarkeit. Und da nach dieser Annahme das W ie und das ur- 
sprünglich Causale der Function der organisirlen Theile nicht deut- 
lich wird, nimmt Röschlaub noch als Erklärungsversuch eine ato- 
misti s che Ansicht an. Hiernach wird bei blosser Würdigung der 
festen Theile (denn die flüssigen sind unbelebt) die Erregbarkeit eine 
Folge des Ineinanderwirkens organischer Theile (und wodurch wirken 



157 

diese? durch die Erregbarkeit?); wird ferner dieReceplivilät eine Fä- 
higkeit durch Eindrücke von aussen in der gegenseitigen Lage derBe- 
standtheilc verändert zu ^vcrden, wird die Selbstwirksamkeit ein Zu- 
sammenziehungsvermögen , das auch als Vermögen Reiz zu vertragen 
die Grundstoffe der Theile ihre gegenseitige Lage behaupten 
lässt. — Bestimmter als bei Brown, aber mit der Annahme der 
ungetheilten und allgemeinen Erregbarkeit darum immer im "Wider- 
spruche, werden die Bedingungen der Verschiedenheiten der Erreg- 
barkeit in den Individuen wie in den Organen, das ursprünglich zuge- 
Iheilte Maass, die spezifische Erregbarkeit der einzelnen Theile durch 
bestimmte Stoffe u. s. w. von Uöschlaub entwickelt. In der Dar- 
legung der Gesetze der Erregung, worin sich grosse Gedankenpräci- 
sion ausspricht , ist die Dauer der Einwirkung , worüber Brown so 
flüchtig hinwegging, gehörig gewürdigt und besonderer Nachdruck 
auf die vermehrte Einwirkung bei dem unmittelbar von der Aussenwelt 
befrolfenen Organe gelegt, was für die (künftige) Lokalisirung der 
Krankheiten von grossem Werthe ist. IN'eu, aber im "Widerspruch 
mit der Allgemeinheit der Erregbarkeit ist die Vergleichung der ex- 
tensiven und intensiven Erregung, welche auf die BegrilTe der 
wahren und falschen Stärke und Schwäche führt. — "Was die Sthenie 
oder Asthenie der Erregung betrilTt, so soll diese in einer Dispro- 
portion der Gewalt des Incitaments und des Wirkungsvermögens 
liegen. Ist es nun im Allgemeinen wahr, dass Erregbarkeit und 
">Virkungsvermögen meist im umgekehrten Verhältnisse stehen, bei 
dem Vorwalten der Einen das Andere darnieder liegt, so rührt diess 
daher, dass diese Kräfte von einander verschieden sind (wesshulb 
auch Beide in gleichem Verhältnisse in einem Individuum vorwal- 
tend sein können); ferner, dass Beide in dem Innern liegen, die eine 
in gewissem Sinne centripetal, die andere centrifugal ist, und von 
der Qualität, nicht von der Quantität abhängen. Bei Röschlaub 
aber sind Beide zu einer Kraft verschmolzen, die nur subjektiv 
gedacht in zwei zerfällt, so dass, wenn bei ihm von einer zu 
grossen oder zu geringen Gewalt des Incitaments zum Wirkungsver- 
raögen bei dem gegebenen Grade der Erregbarkeit die Rede ist, diess 
nichts anderes heisst, als verhältnissraässig zu grosser oder zu gerin- 
ger Reiz für die vorhandene Erregbarkeit, wodurch vermehrte oder 
verminderte Erregung entsteht. Denken wir uns nämlich einen ge- 
gebenen Grad von Erregbarkeit, so müssen wir uns mit Röschlaub 
auch zugleich einen gegebenen Grad des Wirkungsvermögens denken. 



158 

bei viel Erregbarkeit wenig, bei wenig viel Wirkungsvermögen. 
Da aber Beide nur durch Reize hervorgerufen werden, so steht auch 
das Wirkungsvermögen als ebenfalls abhängig eigentlich nur im Ver- 
hältniss zu den Reizen. Darum muss nach Röschlaub zur abso- 
luten Verstärkung des Incitaments, weil die Erregbarkeit immer ver- 
mindert, das Wirkungsvermögen daher verhältnissmässig erhöht 
wird, auch relative Verstärkung kommen, weil sonst statt der 
Sthenie entweder gehörige Erregung oder direkte und indirekte 
Asthenie entstehen würde; darum entstehen Sthenie und Asthenie nur 
successiv oder bei jählinger beträchtlicher Vermehrung oder 
Verminderung. Wenn also das Wirkungsvermögen nur Folge der 
Einwirkung von aussen ist, so ist nicht einzusehen, wie eine Dispro- 
portion zwischen dem zugleich Bedingenden und Bedingten einer aus 
zwei Faktoren bestehenden Ursache gelten kann; oder auch, wenn 
durch zu grosse oder zu geringe Gewalt des Incitaments vermehrte 
oder verminderte Erregung entsteht , wie diese Disproportion zwi- 
schen Gewalt und Wirkungsvermögen , die eben diese Zustände der 
Erregung selbst sind, als Ursache gelten will. Ueberdiess ist ja 
der Begriff der Gewalt des Incitaments auch nur ein relativer, der erst 
selbst von der Einwirkung auf den Körper abhängt. Wir müssen 
daher diese Definition für eine sehr gesuchte und sophistische erklä- 
ren, da sie in dem Bestreben, zwei Faktoren aus Einem zu machen und 
sie dem Dritten gegenüber zu stellen, von dem Beide erst abhängig 
gemacht werden, ein Probestück kunstvoller Dialektik abgiebt, die, 
während sie sich den Anschein eines Avesentlichen Fortschritts vor 
Brown zu geben weiss, in der Hauptsache nur eine nominelle Aen- 
derung herbeiführt. Nur das ist als verdienstlich hervorzuheben, dass 
die relative Beschaffenheit der Einwirkung je nach dem gegebe- 
nen Grade der Erregbarkeit und wie sie im Verlaufe der Erregung in 
Bezug auf das Incitament selbst und dessen Verhältniss zur Erregbar- 
keit eintritt, besser gewürdigt wird, als vorher. Dasselbe gilt von 
der Definition der direkten und indirekten Asthenie, von der 
Aufstellung der Bedingungen und Gesetze, unter welchen die ver- 
schiedenen Zustände der Erregung andauern. Wundern muss es uns 
nur, dass Röschlaub so bestimmt die gemischte Asthenie an- 
nimmt und hier die verschiedensten Zustände auf einzelne Theile be- 
schränkt, da sich doch diess mit der allgemeinen Erregbarkeit nicht 
verträgt. Ueber diesen wie über andere Funkte, die nur als syste- 
matische Ausführungen Brown'scher Sätze gelten können, verweisen 



159 

wir, lim Wiederholungen zu vermeiden, auf unsere obige Kritik des 
Brown'sclicn Systems. Dahin gehören auch die Annahmen über 
Kälte und Wärme, über die Anste ckungss toffc, über die 
Säfte, wobei namentlich Rösch laub Hufeland's und Wede- 
lt in d's Versuche die Erregungstheorie mit der Humoral- 
pathologie zu vereinigen, zurückweist. Die Antwort aber auf die 
Frage, wodurch die Säfte incilirende Gewalt erlangen, ist uns auch 
Röschlaiib schuldig geblieben. Doch fühlte er sehr gut den Vor- 
wurf, den man Brown damit machte, dass seine Aufstellung der Er- 
regungszustände nicht hinreiche, die Dauer derselben in Krankheiten 
und somit die Bildung der Krankheiten selbst zu erklären. Darum 
entwickelt Rösch laub die Bedingungen der andauernden und vor- 
übergehenden Erregungszustände und macht dafür die Säftemasse 
veranlworliich, zeigt also den Werth der Organisation neben dem 
des Lebensprincips und den Einfluss der As simil a ti on, macht mit 
einem Worte nicht blos die dynamische, sondern auch die vegeta- 
tive Seile des Lebensprincips gellend, obgleich vor der Hand nur 
von der Menge und Energie der Säfte, nicht von ihrer Qualität 
die Rede ist. Die Gesetze der gradualen Verschiedenheit enthalten 
ebenfalls viele Winke, welche auf die spezifische Vitalität der 
einzelnen Organe deuten, denen ein Normalmaass der Erregung im 
Verhältniss zu dem Normalverhältniss der Erregung des ganzen Kör- 
pers zugetheilt wird, augenscheinlich, um die Widersprüche gegen 
die Annahme einer allgemeinen Erregbarkeit auszugleichen. So be- 
stimmen auch nach R ö s c h 1 a u b mechanische, chemische und 
örtli che Verhältnisse die Richtung der Lebensbewegung. Die Be- 
zeichnung Hypersthenie ferner deutet an, dass Slhenie immer 
noch ein Zustand der Gesundheit sein könne. Auch die Bezeichnung 
„eindringende Schädlichkeit" weist auf die Organisation hin. Bei 
der Erklärung der besondern Erscheinungen des Uebelbefmdens fin- 
den wir, obgleich sie hauptsächlich von der Störung der Erregungs- 
verhältnisse hergeleitet werden , dennoch auch einen Fortschritt zur 
Anerkennung wahrer Pliysiologie. So nimmt Rösch laub Rücksicht 
auf das Verhältniss der Energie der Thätigkeit der einzelnen Kreis- 
laufsorgane zu einander, zu der Menge und Qualität der zu bewegen- 
den Säfte und zu den mit den Circulationsorganen verbundenen Orga- 
nen ; bei den Absonderungen auf die Quantität, Qualität und den Ort 
der Ablagerung; bei der Aussonderung auf die Menge, Frequenz, Be- 
schaffenheit und den Weg ; überhaupt auf vermehrte und verminderte 



160 

Reproduction. (Da diese auf dem Verhültniss der grossen und klei- 
nen Gefässe beruht, kann vermehrte Reproduction auch bei Aslhenie 
bestehen.) Die Fettleibigkeit erkennt er für hyperslhenisch aber auch 
für asthenisch (Brown nur für sthenisch) an; den Chemismus lässt 
er durch die Lebensthätigkeit beschränken, Ausschläge hält er 
für örtliche Krankheiten durch chemische Umänderung (I); Krampf 
nennt er Ueberwiegen der Muskelthätigkeit gegen antagonisti- 
sche Muskeln, Bänder u. a. Organe. — Alle diese Annahmen, 
Avelche beweisen, dass Röschlaub nicht bei der bequemen Zuflucht 
zur Erregung als letztem Grunde sich beruhige, lassen noch Manches 
für die eigentliche Nosologie, für die Bestimmung der besonderen 
Formen des Uebelberindens und für die Nachweisung ihres Causalzu- 
sammenhangs mit den Schädlichkeiten hoffen, welche Röschlaub 
zum Schlüsse der Pathogenie verheisst. 

Und in der That bemerken wir auch in dem an die Untersuchun- 
gen über Pathogenie sich anschliessenden Lehrbuch der Nosolo- 
gie^^) (I8OI) eine weitere Aenderung in manchen Ansichten 
Rösch laub's. Die Forlschritte der Chemie, besonders die Oxy- 
dationslehre, welche von den Naturphilosophea so begierig ergriffen 
wurde, zeigen im Hintergrunde in der Berücksichtigung oxy dir en- 
der und desoxydirender Körper die Möglichkeit eines andern 
Princips neben dem der Erregbarkeit. Schon werden neben den 
mechanischen Krankheilen auch chemische aufgeführt und unter 
diesen z. B. die Desorganisation oder Assimilation auf Desoxydation 
und Oxydation zurückgeführt. „Gifte, Opium, Ansleckungssloffe wir- 
ken durch Desoxydation." Ebenso wird die chemische Einwirkung 
der schmeck- und riechbaren Stoffe anerkannt. Bei der Untersuchung 
der Stadien der Krankheit erscheint die Beliauplung sehr wichtig, 
dass der Anfang jeder Krankheit örtlich sei , die Weiterverbreilung 
durch die Organe vermittelt und nach dem Verhültniss der Organe 
beschränkt werde. (Hieraus ergiebt sich notlnvendig die vis vita- 
lis der Organe selbst, die Unausfährbarkeit der Eintheilung in ört- 
liche und allgemeine Krankheiten, der Sturz der Einheit der Erregbar- 
keit.) Wegen dieses örtlichen Ursprungs sollen Hypersthcnie und 
Aslhenie, aber nur vorübergehend, zugleich vorkounnen können, 
eine Meinung , die bisher von allen Brownianern auf das heftigste be- 
stritten worden war. Auch die Erblichkeit wird constatirt. Die 
einzelnen Symptome der Krankheiten verschiedener Systeme werden 
physiologisch dadurch zu erklären gesucht , dass der Obersatz immer 



161 

Abnormität des Zusamni en s tr ömens der Lei) en sth ä ti g- 
keit zu der dem organischen Individuum seiner Conslilulion nach zu- 
kommenden Energie der Lebensthälig-keil üherhaupt bleibt, — eine 
nicht unwesentliche Modification früherer Theorieen, die auf eine 
grössere organische Selbstständigkeit hinführt. 

Wollen wir aber recht eigentlich dc.s innere Ich und die 
geistige Metamorphose Rösch laub's belauschen, so müssen 
wir sein Auftreten auf dem Kampfplätze seines Magazins ^^) 
verfolgen, in welchem er in der Gährung des Streites die eigne Mei- 
nung läuterte und umgestaltete. So scheint dieses Magazin, welches 
zur Vervollkommnung der Wissenschaft bestimmt, später dem selbst- 
süchtigen Zweck der Erhaltung der Erregungstheorie diente, eigent- 
lichmehr fiir die eigne Belehrung Röschlaub's gethan zu haben, 
als für die übrige Welt. Da aber an diesen geistigen Vorkämpfer 
sich eine ganze Schaar Gleichgesinnter lehnt, die mit ihm steht oder 
fällt, so entwickeln sich hier so interessante Wechselbeziehungen 
und lehrreiche Momente, dass dieser bisher leider nur zu sehr über- 
sehene literarische Schauplatz für die Kennfniss der Geschichte der 
Erregungstheorie und des Einflusses, den sie auf Geist und Gemüther 
übte, sowie für die Beurtheilung der ganzen Richtung der damaligen Zeit 
eine Fundgrube ist, deren Ergiebigkeif wir keineswegs verachten dürfen. 

Mit wissenschaftlichem Ernst, den Forlschritt der Ileilkunsl nach 
seinen Begriffen im Auge , betritt Röschlaub die Bühne des Maga- 
zins (eigentlich eine Fortsetzung des V/ei ka rd 'sehen Unlerneh- 
mens) und verspricht, wie er es fordert, ein männlich bescheidnes 
Auftreten. Doch misstrauen wir ihm von vornherein , wenn er allen 
Meinungen Geltung verspricht und allen Theorieen Besprechung ge- 
stattet, obschon diess der einzige "NN'eg war, dem vorgesteckten Ziele 
der Vollendung der Wissenschaft nachzukommen. \N'ir wissen zu 
gut aus der früheren Geschiclile, wie terroristisch die Brownianer zu 
verfahren pflegten und wie diese Strenge allein ihnen eine Zeit lang 
die Herrschaft sicherte. Aber auch dieses Magazin ludet durch seine 
theils kritisch-polemischen, theils dogmatisch-construirenden Artikel 
vielfache Gelegenheit, Irrthünier zu berichtigen, Streitigkeiten zu 
schlichten, Dunkellieiten aufzuhellen und \N'alirheilen in das gehörige 
Licht zu setzen. 

Wenden wir uns zunächst zu den k r i t i s c h - p o 1 e m i s c li e n 
Aufsätzen, die als Widerlegung der Einwürfe gegen die Erre- 
gungstheorie einen stehenden Artikel bilden. Diese Wider- 

11 



162 

legungen sind im 1. Bande gegen Girtanner (ungenügend), 
Wilnians (s. unlen) und Esche njnay er (s. unten) gerichlet. 
Heftiger schon treten die des 2. Bandes (1799) gegen C. Ch. Erh. 
Schmid, Professor der Theologie zu Jena, auf, der die Blossen der 
Erregungslheorie so enthüllte, dass Röschlaub nur sophistische 
Gründe dagegen aufzutreiben vermag, der Beantwortung wie ein Aal 
entschlüpft und die seichte unärztliche Entschuldigung vorbringt, 
Brown und seine Nachfolger beschäftigen sich ja nicht mit der Phy- 
siologie, sondern nur mit der Medicin; — gegen Hufeland, der 
(in seinem Journal, 6. Band, 4. Stück) triumphirend Schmid's Ur- 
theil aufführte, aber dennoch eine Annäherung beider Pariheien 
wünschte (s. unten). Die trelfliche Recension von Stieglitz aber 
(s. unten), die zu dem Besten mitgehört, was über das Brown'sche 
System geschrieben worden ist, bezeichnet Röschlaub selbst als 
Meisterwerk im Vergleich zu den übrigen. Auch die Einwürfe gegen 
Pfaff und Cappel (3. Band. 1799) genügen nicht zur gründlichen 
Widerlegung. — Als durch Schelling's Billigung der Erregungs- 
lheorie das Vertrauen Rösch laub's auf die Wahrheit seiner Dog- 
men stieg, wurde auch seine Sprache gegen die Gegner kühner, 
stolzer, wegwerfender. Er versuchte es, das Magazin allein fortzu- 
führen, indem er mit überschwanglicher Productivität begabt, die 
Hülfe seiner Mitarbeiter, von denen es ihm Keiner recht machen 
konnte, entbehren zu können, auf seinen Schullern allein die Last der 
Weiterbildung der Wissenschaft und die Verantwortlichkeit für die 
Brown'sche Lehre zu nehmen sich getraute. Aber nur kurze Zeit 
stand er so auf der Höhe seines Ruhms und in der Blülhe seiner 
Macht, vor der gar Mancher zitterte. Der gewaltige Aufschwung, 
den die Naturphilosophie in ihrem Entstehen nahm, hatte auch ihn er- 
fasst; durch die Vereinigung dieser mit der Erregungstheorie glaubte 
er die theoretische Vollendung der Medicin beschleunigen zu können; 
aber eben in diesem Bestreben entwickelte sich eine Halbheit, ein 
Niederdrücken des Praktischen, Empirischen, wahrhaft Realen zu 
Gunsten der Hypothesen und Theorieen, dass die Polemik aus der da- 
maligen Zeit theils sich in hohler Phrasenmacherei erging, theils durch 
das dämmernde Bewusstsein , dass das Alte nicht zu halten sei , und 
durch das Bestreben, dennoch consequent zu bleiben, einen gewissen 
Anstrich von Verzweiflung erhielt, die sich in den bittersten Persön- 
Jichkeiten und gehässigsten Angriffen Luft machte. So verfiel leider 
auch Rösch la üb in denselben Ton wie Weikard, gleich ihm kei- 



163 

nerlei Tadel vertragend und immer sophistischer werdend, wie 
L entin richtig bemerkte. Von diesem Tone litten Mursinna, 
Dömling, Autenrieth, besonders Kotzebue, der der Gegen- 
stand einer hämischen Mystification der Brownianer ward"'). Milder 
wird J. U. G. Schae ffe r beurtheilt, der im Journal der Erfindungen 
(1801. St. 32) nur Einzelnes im Brownschen System rügte. Nicht 
besser als dem zu wiederholten Jlalen hämisch und böswillig getadel- 
ten Hufeland ergeht es Loder, Marcard (neuer deutscher 
Merkur, Stück 7, Jahrgang 1801) , Sprengel, Trenker, Win- 
disch mann; ja in höchster Arroganz widerräth Rös chl au b Allen 
das Schriftstellern , nennt auf seiner schwindelnden Höhe der Theorie 
jede praktische Erfahrung und Bereicherung der Maleria medica 
(z. B. Marcard's Empfeidung des Selterwassers bei Ueblich- 
keit u. s. w. der Schwangern) verächtlich Empirie. Dagegen wird 
am Schlüsse der Ton viel milder, die Polemik anständiger, ruhiger, 
je mehr Röschlaub von dem starren Festhalten an frühere Grund- 
sätze zurück kommt. Beweise dafür sind seine fast schwachen und 
demüthigen Bemerkungen zu einer seine Inconsequenzen scharf rü- 
genden Recension in den zwei ersten Stücken des 9. Bandes der Jenaer 
Allgemeinen Literatur-Zeitung Nr. 235, 1806, und die Repliken gegen 
die allerdings zum Theil geistesverwandten Troxler und Kilian. 
Damals unterschied man schon zwischen einer ächten und unächten 
Erregungstheorie und im eignen Lager brachen Zwistigkeiten aus, 
wie aus Röschlaub's nicht ohne Resignation geschriebener Ab- 
handlung über Jos. Frank's Aeusserungen in den Erläuterungen 
der Erregungstheorie (s. unten) hervorgeht, die gewissermassen als 
Klagen über des Letzfern Eklekticismus und Differenzen erscheinen. 
Alle seine Bitterkeit aber concentrirt er zuletzt und am meisten gegen 
Schelling, dessen Abfall von der Erregungslheorie ihn um so 
mehr kränkte, als dieser durch sehr schlagende Gründe unterstützt 
wurde (s. unter Schelling) und als sich die neuere Philosophie 
nun derselben Waffen zum Angriff bediente, die Röschlaub zur 
Vertheidigung benutzt hatte. Gerade in Röschlaub's Munde nimmt 
es sich sehr sonderbar aus, wenn er gegen Schelling hinwirft: 



*) Kotzebne hatte in seinem „neuen Jahrhundert" die Brownia- 
ner persiflirt, indem er einen Dr. Reiz und Dr. Potenz aufführt. 
Im 2. Stück des 4. Bandes des Magazins erschien darauf die Geschichte 
eines durch die Brown'sche Methode geheilten Hypochondristen, den 
man am Schiuss als Kotzebue bezeichnete. Dieser widerrief, daher 
die FeindseUgkeiten. 



1()4 

„Ein konsequenter Mann konnte nicht lange Dem folgen, Avelclier 
jedes folgende Jahr Das aufgab, was er im vorigen als '^^ahrheit er- 
kannt hatte." Und : „Die Erregungstheorie fand zwar nie einen 
Gegner von so kräftigem Geiste, aber auch nie von so grosser An- 
maassung und ^Vandclbarkeit." Die Anmaassung, Seichtheit und 
YerNverflichkeil vieler seiner Behauptungen und die Inconsequenz des 
Meisters hätten ihm die Augen geiVifnet. Einseiligkeit, Absurditäten, 
Hypothesensucht Nverden Schelling nicht ohne Grund vorgeworfen, 
aber wir werden in der folgenden Darstellung sehen, dass gerade 
Röschlaub am wenigsten die Vorwürfe erheben durfte, die ihn, 
wo nicht stärker , doch wenigstens in gleichem Maasse treffen. — 

Was nun die andre Hälfte von Uö s c h 1 a u b ' s Leistungen in diesem 
Magazin , nämlich die eigentlich positiven Abhandlungen anbelangt, 
so zeigen sie ganz dieselben Uebergänge, wie die kritisch-polemi- 
schen. Auch hier beginnt UOschla u b mit der Erregungsllieorie in 
ihrer alten Gestalt und führt sie nach und nach der Naturphilosophie 
in die Arme. Die ersten Aufsätze Uoschlaub's sowohl als der 
Mitarbeiter sind streng ßrownisch oder nach der Erregungstheoric 
modificirt. So die Abhandlungen von Uöschlaub über Ursache 
der Krankheilen, Anlage, Opportunität (Band 11.), über Stuhlverhal- 
tung in asthenischen Krankheilen (Band IV. — sie ist nicht schädlich, 
ja nützlich; Laxantia schaden, sind nur bei Localübeln, mechanischer 
Ausdehnung und wenn wirklich Symptome der Verhallung ent- 
stehen, angezeigt); ebenso die Abhandlungen von Erhard (über die 
Möglichkeit der Heilkunst: Begründung auf Analogie und Induction ; 
das Brown'sche System ist das voUkommensle), Köllner (ist Heil- 
kunde als Wissenschaft möglich?), Thomann (Identität der Gioht 
und des Uheumalismus in "^^'esen und Behandlung; über Behandlung 
venerischer Leistendrüsengeschvvülsle; über Nervenriel)er ; über 
Schlagtluss und Gebärmutterblullluss) , Streng (Jlissbrauch des 
Opiums), Beil (Principien für jede künftige Pharmakologie), Mal- 
fatti (über Reconvalescenz), Jos. Frank (Bemerkungen über das 
NervenHeber), K. C. Jlatthaei (über Arzneiwirkungen u. s. w.), 
J.A.Schmidt (über Kuriren und Heilen), Wedekind (über Ma- 
sern, — nicht ohne Tadel gegen Brown), F. E. Holst (Beobach- 
tungen einer asthenisclien Entzündung), G. L. Mini ker jun. (gegen 
Heck er), Pop u. A. Seitdem aber Schelling sich für die Er- 
regungstheorie zuerst im Magazin, Band IL, bei Gelegenheit der 
Stieglitz "sehen Recension Brown'scher Schriften in der Allgemeinen 



165 

Literatur-Zeitung, Februar 1799 (s. unten) ausgesprochen und die 
Anhänger derselben, zum Beweis des Mangels an innerem Fond, 
über diese Stütze von aussen ein grosses Triumphgeschrei er- 
hoben hatten, rächte sich diese Begünstigung durch ein reciprokes 
Anlehnen der Erregungstheorie an die Naturphilosophie, die jener 
nothwendig den Untergang bereiten musste. 

In Rösch lau b aber regte sich ein eigner Stolz. Es war von 
jeher die Verbindung mit der Philosophie, die ihn stolz auf die 
Empirie herabsehen liess, durch die er die Medicin zur Vollendung 
führen wollte, und die neueste, blendende Phase derselben sanctio- 
nirte seine von Brown überkommenen Ideen. ..Brown's 
Theorie aber ist nur die glänzende Morgenröthe der Theorie, die 
vollendete Erregungstbeorie erst wird der helle Mittag sein." Leider 
trat nur zu bald der Abend ein; die Verachtung der Erfahrung (in 
diesem Geiste nennt Röschlaub Sydenham, Boerhaave, 
Grant, StoU Empiriker) rächte sich und die Theorie stürzte durch 
eine andere , luftigere, in Hypothesen und Analogieen spielend sich 
herumtreibende. Dieser Einlluss der Naturphilosophie machte sich 
aber nur allmählig bei Röschlaub geltend, je mehr er sich von den 
alten Satzungen losmachte. 

In einer grösseren Abhandlung über die Heilkräfte der Na- 
tur oder ,, Entwicklung der Principien der Therapie" sehen wir schon 
einen deutlichen Fortschritt, denn es zeigt sich in ihr die Indivi- 
dualität des Organismus im Kampfe gegen die Natur. Die Heilkraft 
der Natur ist keine innerliche und doch nicht ganz Chimäre. Die 
innere Thätigkeit des Organismus heilt , wie sie auch Krankheiten 
erzeugt. Es kommt Alles auf «las Verbal tniss des Wirkens und 
Entgegenwirkens an. Die äussern Einflüsse sind die negativen Be- 
dingungen aller Erregung, diese die negative Bedingung der Lebens- 
thätigkeit selbst. Bei der Heilung muss auf jedes Gebilde Rücksicht 
genommen werden. Nur die Hauptmumente der Krankiieit , nicht 
diese selbst sind allgemein oder örtlich; jede Krankheit ist Beides 
zusammen. Bei chemischen und mechanischen Kraukhciteii kann 
Heilung nicht bloss von aussen erfolgen , sondern es geschieht durch 
einen bestimmten organischen R epr o d u et io nsp r o z ess (bedingt 
durcb normale Erregung aller assimilirenden Organe). Die Indicatio- 
nen müssen auf den Verlauf, d.h. die Prognose, nicht auf die Diagnose 
begründet werden (I). — Diese Fortentwicklung ergiebt sich noch 
weiter, z. B. in der Rücksicht auf die GrundstotVe bei Anwendung der 



166 

China, in der Berücksichtigung der Eleclricilät, des Galvanismus, des 
chemischen Prozesses , der Definition der Erregbarkeit als Synthesis 
äusserer und innerer Thätigkeit. In der Abhandlung über die Cur 
örtlicher Entzündungen wird die Beförderung des allgemeinen orga- 
nischen Reproduclionsprozesses zur Pfliclit gemacht u. s. w. In der 
Einleitung zum 6. Bande, welche allen Gegnern des Brown'schen 
Systems olTenen Krieg verkündigt, wird bei dem Lobe der Naturwis- 
senschaften und Schelling's, Göthe's, Steffens', Eschen- 
mayer 's die beabsichtigte Vereinigung der Brown'schen Theorie 
mit der Naturphilosophie angekündigt, wobei Brown immer das Ver- 
dienst der Reform der Therapie bleibe, um welche sich die Letztere 
nicht kümmere , und zugleich das Versprechen gegeben, frühere Irr- 
thümer gut machen, unrechtmässige Angriffe widerrufen zu wollen, 
obgleich dies wenig Anklang bei den Brownianern zu finden scheint. 
— Von nun an wird der Grund der Existenz wie der Form jedem 
Wesen selbst zuerkannt, der organisch-dynamische Prozess 
als der wahre Lebensprozess bezeichnet, der Assimilations- und Orga- 
nisationsprozess als bedingend und bedingt für und durch Erregung. 
S ch eil in g'sche Ideen sind es, wenn die Assimilation als Indifferen- 
zirung erklärt, eine Differenz der organischen Gebilde, Galvanismus, 
Polarität und eine Parallele zwischen dem Universum und dem Indivi- 
duum (Paracelsus) aufgestellt werden. Die äusseren Bedingungen 
der Heilung werden in negative, die innern in positive umgewandelt. 
Die Behauptungen: es gebe nur einen Kurplan; Krankheiten können 
nicht nützlich sein; der Satz „contraria contrarüs" lasse sich nicht 
überall durchführen ; es existire ebensowenig eine ausschliesslich anti- 
s'ihenische und antiasthenische Methode, als eine auflösende, anti- 
gastrische — sind bessere Punkte für die Polemik als die früheren. 
Dagegen erscheint die Rücksicht auf Elektricität und Magnetismus bei 
den Arzneiwirkungen sehr hypothetisch und der Widerspruch sehr 
bedeutend, wenn Röschlaub die Assimilation bald unter, bald neben 
die Erregung setzt. — Im 8. Bande des Magazins (1803 und 1805), 
wo es als Magazin für Physiologie und Medizin erscheint , fin- 
den wir in einem offenen Bekenntnisse Röschlaub's, das ihm ge- 
wiss zur Ehre gereicht, das Zugeständniss, dass viele seiner Angaben 
fehlerhaft seien, dass z.B. der Begriff der Krankheit niodificirt werden 
müsse , dass er den Unterschied zwischen positiven und negativen 
Reizen nicht gehörig berücksichtigt habe (gegen Troxler, Versuche 
der organischen Physik, 1804., der die negativen Reize läugnet; 



167 

Röschlaub hält sauersfoff- und kohlenstolTlialtige Ding-e für nega- 
tiv, sfickstoff- und wassersloffliaHige für positiv reizend). Einige 
physiologische Fragmente sind schon ganz in der Sprache und dem 
Geiste der Naturphilosophie abgefasst, handeln von Gott, Geist und 
Natur, haben aber auch einen theosophischen Anstrich nach Fludd, 
Böhme, Helmont. Die früher verachteten ,, Empiriker" : Hip- 
pokrates, Galen, Aretaeus, Alexander, Sydenhara, 
Boerhaave, Fr. Hoffmann, St oll u. s. >v. , >velche alle von 
Brown früher „überstrahlt" wurden, werden jetzt zum Studium em- 
pfohlen. Selbst die Annahmen, dass Erregung neben Assimilation 
und Reproduction stehe und dass sie sich zum Vegetationsprozess ver- 
halte, wie Elektricität, Chemismus und Cohäsionsmoment zum dyna- 
mischen Prozess, wagt Rösch laub nicht mehr als völlig ausgemacht 
in Schutz zu nehmen, und mit einer Art Janusblick nach rückwärts 
und vorwärts entschuldigend und begütigend bekennt er, dass er die 
Erregungstheorie vertheidige , weil Brown durch sie die Medicin 
auf eine bisher noch nicht erreichte Stufe gehoben habe, nicht aber, 
wenn man das Höchste und Wesentliche der ärztlichen Kunst und der 
Naturwissenschaften im Auge habe , weil sie in dieser Hinsicht selbst 
nur un eigentlich Theorie heissen könne. — 

Das schon hieraus deutlich ersichtliche Bestreben Rösch- 
laub's, die Erregungstheorie durch die Naturphilosophie zu modifi- 
ciren und so eine neue Combination zu schaffen, entwickelt sich deut- 
licher in dem Lehrbuch der allgemeinen laterie^^) (welches gewis- 
sermaassen als Fortsetzung der vorausgegangenen Pathogenie und 
Nosologie erschien [1804]), wie aus folgenden in der Hauptsache nach 
Schelling bearbeiteten Definitionen erhellt. Es heisst nämlich da- 
selbst: Alles was ist, ist nur Attribut der Form des Seins, des Uni- 
versums oder der absoluten Natur, welche das An sich, die eigentliche 
Substanz aller Dinge ist; Lebensprincip ist das Subjekt, Handeln und 
Sein sind die Factoren des Organismus. Durch äussere Dinge ent- 
steht Differenz der Factoren; Erregbarkeit ist das Vermögen Indiffe- 
renz hervorzubringen. Der Vegetationsprozess zerfällt in drei Mo- 
mente : Reizung, Assimilation, Reproduction. Gesundheit ist := 
Einheit der allgemeinen, dem gesammten Organismus zukommenden 
Lebensform in der Mannigfaltigkeil und Differenz der untergeordneten 
Lebensfunctionen. Das Lebensprincip sucht der äusseren Natur zu 
widerstreben. Krankheit wird gesetzt entweder durch die allgemeine 
oder durch die besondere zufällige Form, indem die eine mit der andern 



1Ö8 

in Widerspruch gerälli; jenes ist das quantilalive, dieses das qualita- 
tive Veriiällniss. Die Disproporiion l)crulil darauf, dass das IndilTeren- 
zirungsvermögen, wenn dasselbe durch Uebermaass positiver Ueize 
stärker geweckt wird, melir Realitiit im Product setzt, als diesem 
Möglichkeit zukommt := llyperslheiiic, oder dass jenes Vermögen 
durch belrächlliche , auf einmal eingetretene Abnahme positiver Reize 
oder durch eben so beträchtlich gesetzte negative Reize schwächer 
geweckt, im Producte weniger Realität macht, als ihm Möglichkeit 
zukommt ^^^ Asthenie. Jedem dieser Hauptmomente entspricht Um- 
änderung der organischen ^letamorphose. Krankheit beruht auf dem 
Missverhältniss zwischen dem geänderten quantitativen und qualitati- 
ven Verhältniss. Oxydation und Desoxydation bilden Afterorgani- 
sationen ; Ansteckung ist mittelst Wasserstoff gesetzt. Die After- 
organisationen zeigen zwei Reihen. (Strafflieit und Schlaffheit der 
Methodiker). Auch die alten Begriffe von secundär und primär, idio- 
pathisch, sympathisch u. s. w. erhalten wieder Geltung. Bei der Hei- 
lung, die nur durch Zusammenstimmung der inneren und äusseren 
Bedingungen gegeben ist, wird auf positive und negative Reize geach- 
tet, nicht minder auf Qualität der Reize und Arzneien, specifische 
Reize, Stadien, verschiedene Indicationen (vitalis, prophylactica) u. s. w. 
und so die Rückkehr der Praxis zur alten Erfahrung zugleich neben 
dem Fortschreiten der Theorie zur Naturphilosophie gebahnt. 

Wie aber schon in den letzteren Bänden des Magazins ersicht- 
lich "war, so blieb es nicht einmal hierbei, sondern Röschlaub über- 
stieg die Grenzen der seiner Vorliebe für Hypothesen zusagenden Na- 
turphilosophie und verfiel in den drohenden Abgrund derselben, in 
mystische an die Neuplatoniker , Plotinus u. A. erinnernde Schwär- 
merei, die ähnlich, wie in Glaubenssachen, ihm einen Ersatz für das 
Ungenügende seiner Erfahrung und seines Räsonnements geben soll- 
ten. Daher stellt er in den anthropologischen und physiologischen 
Fragmenten des 9. und 10. Bandes des Magazins (1806 und 1807) 
Iheosopliisch-kosmogonische Untersuchungen nach 3Ioses und den 
Kirchenvätern über Gott, Seele, Geist, Willen, Verstand, Geniülh 
U.S. vv. an; dalier lindet er im Menschen die Schöpfungsgeschichte wie- 
der, nimmt astralischcn Einfluss nach Paracelsus, Feuer und Materie 
als Elemente aller Naturwesen an ; nennt die Krankheit '•■) ein fremd- 



*) Tnteres>:aiit sind die vorhergehenden kritischen Untersuchungen 
über den BegiiiT der Krankheit liei Galen, Avicenna, Feinel, 
Paracelsus, Helmont, Sylvius, Sy den harn, Stahl, Hoff- 



169 

artiges Leben, einen eigenen Organismus, der bald natürlich, bald 
geistig, bald beides sei (Paracelsus). In einer Abhandlung über 
Entzündung heisst es: Das Feuerleben ist das Erzeugende, mensch- 
liche Leiblichkeit das Empfangende , darüber schwebt ein als beide 
Vereinendes, sich dem Zuerzeugenden im Akte der Vereinigung ein- 
erzeugendes Naturleben, dessen Tendenz der (hier in zu weit getrie- 
bener Analogie mit dem Bildungsakte des Embryo verglichene) 3Ieta- 
niorphosirungsprozess ist. Wie dieser Wahnsinn Methode wird oder 
besser umgekehrt, lehrt deutlich eine Abhandlung über Opium, von 
dem Röschlaub sagt: Dass sein irdischer Gehalt mit der irdischen 
Leiblichkeit der llauptgebilde dei" menschlichen Verdauungsorgane 
zunächst verwandt sei, nur dass die sonnige, erzeugende Kraft, 
welche dem Opium einerzeugt ist, ungleich wichtiger als in jenen 
Hauptgebilden lebe; desshalb (sicl) sei es ein Cardiacum und gegen 
Typhus, Krämpfe u. s, w. nützlich! Und mit dieser Excentricitüt 
durfte Rösch laub allerdings in seiner Replik gegen Sehe Hing 
(nur in anderem als seinem Sinne) behaupten : „Obgleich die Meinun- 
gen des Meisters dieser Schule seinen Vorstellungen nahe liegen , so 
haben sie doch nicht über ihn gesiegt." Er, der selbst von S ch el- 
lin g sagt: ,,die Kräftigkeit seines Geistes habe ihn (Rösch laub) 
verleitet, in Jenem das Höchste der theoretischen Ansichten über die 
Menschen und die Natur zu finden ," durfte es sich nicht „zur Ehre 
rechnen, dass ihn die Schule nicht unter ihre Glieder zählte," nach 
deren Normen er doch das von Brown Ueberkommene modificirte. Er 
mag uns immerhin im Partheihass „Alles , was mit der Naturphiloso- 
phie wesentlich und nothwendig zusammenhängt, zu verwerfen, jede 
dahin bezügliche Stelle seiner Schriften zu verdammen" vorspiegeln, 
giebt er doch zu, dass er ,,mit ihr das gemein haben will, was in 
sich wahr ist," und wird dadurch tlieilweiss Schellingianer. Aber 
,,weil die Brown "sehe Lehre mehr Vortreffliches enthält, als alles 
Neuere, und endlich seine Ansicht in vielen der wichtigsten Punkte 
mehr mit jener Lehre übereinstimmt, als mit allen älteren und neue- 
ren," — darum bleibt er auch trotz veränderter Ansicht Brownianer. 
So schwebt er in dem letzten hiehergehörigen (unvollendeten), 
der besonderen Nosologie, latreusiologie und laterie gewidmeten 



mann, Boerhaave, Gaub. — Andere nicht zu verachtende Aufsätze 
in diesen Bänden sind: über die Aufgabe der Medicin, über Versuche- 
machen, über Geisteskrankheiten mit Zugrundelegung von Göthe's 
Lila, über das Studium der Alten u. s. w. 



170 

Werke ^') (1807) '"') , bei dem mühsamen Bestreben, neben dem Frem- 
den das wenige Eigene herauszukehren , Altes und Neubegründetes 
zweckmässig zu verbinden, zur Fahne eines selbstsländigen Fort- 
schritts zu schwören und die früheren Irrthümer wieder durch die 
Rückkehr zur alten Medicin gutzumachen, in einem liülflosen Schwan- 
ken, welches nicht einmal mehr durch die sonst strenger festgehaltene 
Form des System es verdeckt wird, indem Brown'sche, naturphilo- 
sophische, neuplatonische, humoralpathologische, chemische u. a. 
Elemente locker aneinander gereiht sind, Wohl war ihm schon da- 
mals manches Unrecht klar geworden , welches er gegen die Gegner 
des Brownianismus und gegen die wahre Schule der Medicin , die Er- 
fahrung, begangen hatte; wohl fühlte er, wie der Boden unter ihm 
schwankte und eine Ahnung mochte ihm kommen , dass er seine Auf- 
gabe, trotz manchen Nutzens im Einzelnen, im Ganzen verfehlt habe. 
Erklärt er doch bereits im 9. Bande des Magazins als Ve:irrungen, 
dass er Vieles durch logisches und dialektisches Raisonnement zu er- 
klären suchte und nicht immer von Thafsachen ausging , dass er eine 
Lehre, die er noch nicht einmal kannte, erweitern und vervollständi- 
gen wollte, dass er zu viel Empfänglichkeit für die theoretischen Mei- 
nungen und Versuche der damaligen Zeit zu philosophiren hatte. Er 
tröstet sich zwar damit, keine Schrift gegeben zu haben, durch welche 
das Wohl eines Kranken gelitten habe (jedoch auch nicht befördert 
worden ist?) — aber nur die Mittel und Wege, die er einschlug, um 
sein Unrecht zu sühnen, waren gut, insofern sie ihn in das rechte 
Gleis zurückbrachten. Die neuen Versuche führten von einem Ab- 
weg zum andern, da ihm der wahre Zweck der Heilkunst, die 
empirisch-rationelle Richtung fehlte. Immer noch täuschte ihn, 



♦) Hierher gehören noch die in der Literatur sub 98 und 99 ver- 
zeichneten Schriften. Die anderweiten Schriften Röschlaub's haben 
andere Tendenzen und Objekte. Der Vollständigkeit wegen werden 
sie hier verzeichnet: 

1) Ueber Medicin und ihr Verhältniss zur Chirurgie, nebst Materia- 

lien zu einem Entwurf der Polizei der Medicin. P'rankfurt, 1802. 8. 

2) Afteranwendnng der neuesten Systeme der Philosophie auf die 

Medicin. Eine Rede. Landshut, 1802. 

3) Ueber den Nutzen einer wohleingerichteten medicinisch-klinischen 

Schule. Landshut, 1803. 
4r) An Marcus über den Typhus. Landshut, 1803. 

5) Zeitschrift für latrotechnick. Landshut, 1804. (Sehr bescheidenes 

und humanes Auftreten.) 

6) Röschlaub und Oeggl, „Hygiea", Zeitschrift für öffentliche 

und private Gesundheitspflege. I.Band. Frankfurt, 1804 — 1806. 

7) Neues Magazin für klinische Medicin. 1. Band. 8. Nürnberg, 1816. 



171 

wie früher die Wirklichkeit, so das Gespenst des Brownianismus, 
den er noch lebend glaubte, obgleich er ihn selbst und mit diesem 
einen grossen Theil seines Verdienstes zu Grabe getragen hatte. Aus 
diesem Grunde, weil sich etwas Persönliches mit an dieses Systemes 
Dasein knüpfte, ist es menschlich, wenn er trotz alles Wechsels sich 
noch an dem kleinen Rest der Erregungstheorie festhielt. Wie aber 
sein Bestreben unter allen Umständen ein ehrenwerthes war, so ist 
es namentlich die Art und Weise, wie er ohne Furcht vor der Beschul- 
digung der Inconsequenz endlich Aviderrief, nachdem im längern 
Kampfe, besonders durch Hufeland, die Meinungen auf beiden Sei- 
ten geläutert und der Partheihass ausgeglichen Avar. Die Offenheit 
und Freimüthigkeit, womit er seine Fehler bekannte und seinem Geg- 
ner die Siegespalme zuertheilte, für sich aber nur noch einen geringen 
Theil der Wahrheit bescheiden zu erhalten suchte , sichert ihm für 
alle Zeiten die Achtung der Nachwelt, welche einsehen muss, wie es 
ihm nur um die Wissenschaft zu thun war und die Liebe zur Wahrheit 
selbst über seinen Ehrgeiz den Sieg erfocht. Wir können es uns 
nicht versagen, dieses schöne Aktenstück , eine Erklärung Rösch- 
laub 's an Dr. Ch. W. Hufeland (in Dessen Journal, Band 32, Jahr- 
gang 1811, Stück 1, Seite 9.), hier schon um desshalb im Auszuge 
mitzutheilen, weil es als späteres Glaubensbekenntniss Rösch laub's 
und als Sühne für manche bittere Episode von Feindseligkeit den wür- 
digsten Schluss der Charakteristik eines der bedeutendsten Heroen 
der Geschichte des Brownianismus bilden dürfte. Hier sagt Rösch- 
laub ungefähr Folgendes: Er sei eine Erklärung schuldig, warum er 
nach anderthalb Jahrzehnten eines bittern Kampfes nun seit einem 
halben Jahrzehnt sich alles Kampfes gegen Hufeland enthalte. 
Nähere und strengere Untersuchungen seit 1805 haben ihn überzeugt, 
dass er in mehreren Hauptpunkten ihres Kampfes ihm den Preis des- 
selben , nämlich das W ahre verfochten zu haben, zuerkennen 
müsse. Das näher Therapeutische erkennt er aber keineswegs für 
irrig an*), ja die meisten seiner therapeutischen Behauptungen 
und mit diesen viele seiner pathologischen u. a. seien durch neuere 



♦) Da man Röschlaub wahrscheinlich mit demselben Rechte wie 
seinem Vorgänger Brown den Vorwurf machte, er habe wenig prak- 
tische Uebung gehabt, so hat diese, vielleicht doch nur zu eigener 
Genugthuling aufgestellte Behauptung nur in so weit Geltung, als 
wirklich einzelnes Therapeutische bei Brown durch die Erfahrung als 
wahr bezeichnet wird. 



172 

Untersuchung'en noch fester begründet und bestätigt worden''), 
viele freilich auch berichtigt und verbessert. Die we- 
sentliche Einheit seiner jefxigeii Ansichten, die vollständig durchge- 
führt sei (I), mit den jetzt angenommenen und früher behaupteten An- 
sichten, so wie mit den wichtigsten Lehren aller Zeiten sieht er als 
einen besonderen Vorzug seines Systems (?) an. Seit 1805 habe er ein- 
gesehen , dass während er die materia morbifica, die Prozesse 
der Rohheit, Kochung, Ausscheidung u. s. w. bestritt, 
diese ihm gerade zur Befriedigung fehlten. Zum Kampfe 
gegen Hufeland sei er dadurch aufgeregt worden, dass er einge- 
sehen habe, wie die Lehrsätze der Therapie mit der wirklichen Er- 
fahrung nicht übereinstimmten. Die Schuld gab er damals der 
Humoralpalhologie. Die Nervenpathologie genügte ihm mehr in 
pathologischer und therapeutisclier Hinsicht. Brov/n schien ihm 
das Meiste zu leisten und er wird immer sein grosses Verdienst aner- 
kennen. Als dessen vorzüglichsten Gegner betrachte er Hufeland. 
Zu der Einsicht, dass die Lehrsätze Jenes wahr seien, wenn auch die 
Consequenz ihrer Anwendung falsch war, gelangte er auf 
folgendem Wege. Da ihm Brown nicht genügte, suchte er Anderes 
zu begründen, zu berichtigen; er gehörte keiner Schule, sondern 
sich seihst an. Je mehr er sich bemühte, die ächte Erfahrung (?) zu 
pflegen , desto reichere und lautere Quellen ächter Theorie (?) sah er 
sich geolVnet. Er erkannte nun viele nosologische und therapeutische 
Lehrsätze Brown 's in einem vorher nicht gekannten 
Geiste, aber auch die Lehren der Alten über Materie, 
Krise u. s. w. in einem ehrwürdigen mit jenen im Zusam- 
menhange stehenden Sinne. Denn nur durch falsche Consequenz 
und Einseitigkeit seien aus jenen hippokratischen Lehrsätzen die the- 
rapeutischen Irrthümer entstanden. „Und so fand ich ," schliessl er 
mit den Versicherungen aufrichtiger Hocliachtung gegen Hufeland's 
Verdienste und mit dem Versprechen weiterer Belege für jeden 
Punkt, ,,dass ich seihst in Täuschung scheinbarer Conse- 
(|uenz befangen, mich zur Fehde gegen Hufeland rüstete und 
sie nur, weil ich diese Täuschung nicht als solche erkannte, viele 
Jahre fortsetzte." (Die Antwort Hufeland's siehe unter , , Hufe- 
land''.) — Dieses wahrhaft schöne Selhstbekenntniss giebt uns die 
besten Belege zur Beurtheilung Koschlaub's und dessen, was nach 



*) Allerdings im Einzelnen, aber nicht als Theile eines Systems. 



173 

solchen Aeusserungen des geistreichen Vertheidigers BroAvn's noch 
von der Erregungslheorie übrig blieb. Aber von noch allgemeine- 
rem, bereits historischen, Standpunkte aus geht die zwei Jahre 
später zu Ringseis' vergleichender Darstellung der Lehren von 
Brown und llippokrates (de doctrina Hippocralica et Browniana 
etc. Norimb. 1813. s. unten) erschienene Vorrede Ri» schlaub 's , in 
welcher mit meisterhafter Prägnanz die Grundzüge des Brovvn'schen 
Krieges gesciiildert und gewürdigt Averdcn. Sehr wahr und ihn 
selbst am meisten treffend, heilst es daselbst: ,,Non raro pars alfer- 
utra pugnantium triumphum anle vicloriam cecinit. Saepe etiam con- 
tigit, ut vicloria, qua polirenlur nonnulli, armis ulendi peritiam dex- 
lerifalemque vel et pugnantium rol)ur, vel sagacitalcm, neutiquam 
defensac rei veritatem de fen d en t i um qu e jus leslificare- 
tur." Die nun folgende Schilderung der Parlhcicn in diesem Kriege 
ist zu vorzüglich, als dass wir sie hier übergelicn könnten. ,,^1^5" 
fährt näuilicli Hösohlaub fort, ,.cürnm, qui a Brownii parlibus ste- 
terunt, nonnulli fermc ad lilcram omnia, quae auctor docuit, lan- 
quam vcrissinia el exira ümncm t!ul)itationis aleam posila susceperunt; 
imo fucruiit, qui duclrinani ab illo exposilam, pluris adeo , quam ipse- 
met auctor aeslumantes , eandcm tanquam opus perfeclum omnibusque 
numeris absolulum praedicarent: alii vero nonnisi primaria ejus 
decreta medica, non omnia, nee quemlibet illorum usura in Elementis 
medicinae factum, approbaverunt ; alii horum decretorum aliis assen- 
serunt, alia rejeccrunt: complures quoque in celebri opere tum de- 
fectus, dum errores varii generis se detexisse arbitrati, illos ex- 
plere, hos corrigere enitendo , vel et dogmata a semet ipsis 
excogitafa minus probalis substituendo, doctrinae Brownianae 
partes tenuerunt. Verum nee defuerunt , qui solius n vilatis gra- 
tia, vel ut nova effando propugnandoque famae auclorilatique suae 
consulerent, tempori, non arti et veritati servientes , Brownio per 
lempus assentirent, postea, aliam captantes auram data doctrinae vel 
recenliori vel et vetusliori fide, bellum illi indiclum sequerentur: 
vilem enim subdolorum transfugarum vel quamlibet aurara inhiantiuni 
plebem nusquam non reperire est." Und endlich, wo er von sich 
spricht, S. XIX., verweist er auf das obige an Hufeland gegebene 
Bekenntniss mit den stolz-bescheidenen Worten, welche seinen Werth 
im selbstbekannten Irrthum aufrecht erhalten : ,,Sic ego quidem, licet 
in defendenda, quam ipsemet excolui, incitationis theoria , nisi omnia 
nie fallant, nunquam me victas ut darem manus adversariorum vi 



174 

coaclum viderim, postero tarnen tempore eoriim, quae si non jure 
Victor, certe non victus , tanquam verissima propugnaverim coniplura 
mag-is, quam ea, quae falsa esse ratus impugnaverim, a veritate 
remota esse intellexi." — 

Solcher Läuterungsstufen bedurfte es, um einen Irrlhum zu 
sühnen , der mit dem Gedanken , das Heil in der Medicin in der Be- 
gründung eines Syslemes zu suchen, auf das engste verschwisterl 
ist. Doch hat Rös chlaub für die Theorie der Medicin nicht um- 
sonstgelebt, das Brauchbare in der Erregungstheorie geläutert, die 
Gesetze einer Lebensäusserung, der Erregbarkeit, physiologisch 
festgestellt und sich im Einzelnen unschätzbare Verdienste erworben. 
Wenn auch Sophist, dialektisch, ein Freund der Hypothesen, war er 
doch einer höheren, philosophisch-idealen Richtung hingegeben, die 
in gehöriger Beschränkung durch die Erfahrung Gutes geleistet hätte. 
Durch seine weitschweifige an Wiederholungen demonstrativer Um- 
schreibungen nach Art der Wo If'schen Philosophie reiche Schreib- 
art leuchtet Scharfsinn, Reichthum an Gedanken und Gewandtheit 
der Ideen hindurch. Die Theorie war sein Lebenselement, in ihr 
webte er, und es gehörte Geist genug dazu, einer ephemeren Lehre 
so lange Dauer zu verleihen, als es Röschlaub vermochte. Er 
war nicht frei von Eigenliebe, Ehrgeiz, Arroganz, aber die Wissen- 
schaft ging ihm über sein Ich; und nur indem er Beide identificirle, 
in sich einen Verfechter derselben sah, verfiel er in Zanksucht, Wort- 
klauberei und unedle Polemik, ohne die Vorwürfe zu verdienen , die 
ihm 3Iatthaei's persönliches Libell entgegen schleuderte, zumal wenn 
man den Antheil erwägt, den unbegrenzte Verehrung auf der einen, 
Schmähsucht auf der andern Seile hatte. Der Mangel an realer 
Basis und das Ungenügende der Theorie verleitete ihn zum Wanket- 
muth, zu Widersprüchen und Inconsequenzen , die ihn nach einander 
zu Brown, Kant, Fichte, Schelling, Plato und Plotinus 
führten. Aber selbst bei diesem Hingeben blieb noch eine gewisse Selbst- 
ständigkeit; in diesem Wechsel leuchtete immer als schöner Stern 
die Liebe zur Wissenschaft; in diesem freiwilligen Aufgeben der Gon- 
sequenz lag ein Opfer der eigenen Subjectivitiit , welches er der ver- 
meinten objectiven Wahrheit brachte; ja ihm gebührt nicht blos der 
zweideutige Ruhm, dem Drange dieser willig gefolgt zu sein, son- 
dern auch der höhere, die wirkliche erkannt und zu ihrem Siege that- 
sächlich beigetragen zu haben. — 



175 

[Johann Peter Frank,] Josepb Frank. 

Ein dritter bedeutender Anhänger Brown 's, den wir bereits 
in Italien kennen gelernt haben, ist Joseph Frank. Wie wir 
ihn dort mit jugendlich keckem Uebermuth als schwärmerischen Ver- 
theidiger der neuen Lehre frühzeitig auftreten sehen, so finden wir 
ihn wieder in Deutschland, zugesellt dem blindslürmenden Weikard 
und dem speculativ stolzen Rösch laub, aber als fortbildendes und 
vermittelndes Element. "N^'as Weikard auf dem Wege eines die 
Theorie und Praxis gewaltsam modelnden Terrorismus, Rösch- 
laub durch philosophisch-kritische Conslrucfion und Be- 
weisführung bewirken Avollte, suchte Frank, nachdem er von 
seiner anfänglichen Ueberschwänglichkeit abgekommen war, sehr 
bald durch practische Beispiele, durch anscheinende Ruhe in der 
Beobachtung und täuschende Sicherheit der Erfahrung zu er- 
langen. In der Geschichte der Erregungstheorie repräsentirt er 
demnacii im Gegensatz zu Rösch laub das practische Ele- 
ment durch eine vorzugsweise auf klinische Anwendung der 
Brown'schen Praxis gestützte Beweisführung, wie er andererseits, 
im Gegensatz zu Weikard, zugleich mit Röschlaub die Fort- 
bildung dadurch verwirklichte, dass er die schroffen Irrthünier und 
abstossenden Ecken abschliff und eine grössere Wissenschafllichkeit 
in das Ganze zu bringen suchte. Die Fortbildung gestaltete sich 
aber bei ihm nicht, Mie bei Röschlaub, zum Uebergang zu einem 
neuen System, sondern stellte sich als einfache Rückkehr zur alten 
Medicin dar. Diese Vermittelungstendenz taucht, wie Röschlaub's 
Umbildung, ebenfalls nur allmählig auf. So sehen wir aber auch 
hier frühzeitig schon in den vielen Inconsequenzen und Wi(lersprü- 
chen den Keim des Todes für die neue Lehre, da auch dieser geist- 
reiche Mann ihn nicht nur nicht aufzuhalten vermochte , sondern eben 
erst recht deutlich vor unsern Augen entwickelt. 

Joseph Frank war geboren im Jahre 1771 zuRastadt, stu- 
dirte und wurde im Jahre 1791 promovirt in Favia und zum Repetitor 
des klinischen Unterrichts daselbst im Jahre 1795 bestellt. Kurz 
darauf berief man ihn nach Wien , um das Sanitätswesen der kaiser- 
lichen Armee zu ordnen. Im Jahre 1796 Avurde er zum Primararzt 
des allgemeinen Wiener Bürgerhospitals ernannt. Im Jahre 1802 
bereiste er Frankreich und im folgenden Jahre auch England und 
Schottland. 1804 wurde er in Wilna Professor der Pathologie und 
nachher übernahm er die Stelle seines Vaters als klinischer Lehrer 



176 

an derselben Universität, wo er 18 Jahre blieb. Als geislige An- 
strengungen und klimatische Einflüsse seine Gesundheit erscliiiltert 
halten und endlich eine Amblyopie ihn zu seinem Amte untauglich 
machte, gestattete ihm der Kaiser von Russland, der ihn zum Staals- 
rath, Ritter mehrer Orden u. s. w. sclion früher ernannt hatte, sich 
vom Staatsdienste unter den ehrenvollsten Bedingungen zurückzu- 
ziehen. Da er nun die Lombardei als sein zweites Vaterland lieble, 
verlebte er den Rest seiner Tage ruhig in Coma , vorzugsweise , nach- 
dem seine Gesundheit sich Avieder einigermaassen gebessert hatte, 
auf die Vollendung seiner 1811 begonnenen „Praxis medica" bedacht, 
und hatte die Freude, sein Streben durch mehrere Uebersetzungen 
(Bayle, Voigt u. A.) anerkannt zu sehen. Sein Mitürbeilcr in 
der letzten Zeit, Puchelt, wurde zur Fortsetzung durch ein beson- 
deres Capital bestimmt. Ein im Jalire 1840 von ihm gestellter Preis 
auf die beste Ausarbeitung über die hlppokralische Medicin u. s. w., 
seine fortgesetzten allgemeinen Studien in den Sprachen verschiede- 
ner Nationen und seine Liebe zu den Künsten beweisen, dass sein 
Geist noch rege und lebendig bis zu seinem Tode blieb, der am 18. 
December 1842 erfolgte. (Vergl. Bullet, delle Scienz.med. di Bologna, 
1843.) 

Nie wohl würde Joseph Frank 's Auftreten die Aufmerk- 
samkeit der ärztlichen Welt in gleicher Maasse auf sich gezogen 
haben, Avenn er nicht einen Namen getragen hätte, der schon damals, 
wie für alle Zeiten, einen hellen Klang halle. Johann Peter 
Frank war der Vater des jungen Schriflstellcrs , der im Bewusst- 
sein der reichen Erbschaft dieses Namens sich stolz Frank der 
Jüngere nannte und in dieser Voraussetzung auch Andere zu HolT- 
nungen berechtigte , die auf das von ihm verfochtenc System über- 
getragen wurden. Als aber vollends der Sy denhara des 18. Jahr- 
hunderts der neuen Lehre sich annahm, du warf die Achtung vor 
diesem Genius der Beobachtung ein gutes Licht auf die schottische 
Theorie. J. Frank gesteht selbst in seiner Praxis medica (S. 70. 
,,amore paterno erga nos duclo"), dass allein die l^eberredung des 
Sohnes den zärtlichen Vater zu diesem Schritt vermochte, — und 
wir finden den bessten Beleg dafür in der Halbheit und Unenlschie- 
denheit seiner etwas ängstlichen Parlheinahnie selbst. Aber selbst 
diese zweideutige Erklärung Peter Frank's war von dem wich- 
tigsten Eiufluss. Ist doch für Viele, die auf eigenen Füssen nicht 
stehen können, ein Name, eine Autorität ein entscheidendes Moment, 



177 

(las der Schwäche der Verlheidigung oder dem mang-elnden Miilhe 
zur Bekenntniss eines Antheils oder der Nichtigkeit der Sache selbst 
zu Hülfe kommt , — pro und contra. Als sich das Gerücht ver- 
breitete, der grosse Peter Frank sei ßrownianer worden, erhoben 
die Anhänger ein Jubelgeschrei und ängsleten sich die Gegner. 
Vielen bangte vielleicht in redlicher Meinung vor dem Flecken, den 
ein geachteter Name auf sich zu nehmen im Begriff stand. Im Jahre 
1796 wurde P. Frank zuerst in der Salzburger Zeitung (Juni 1796. 
No. 16. p. 248.) für einen Anhänger Brovvn's erklärt, später eben- 
daselbst (No. 48. p. 399 f.) wiederum für einen Gegner, so dass , um 
diesem thörichlen Streite ein Ende zu machen, das Journal der Erfin- 
dungen (15. St.) endlich den grossen Kliniker aufforderte, sich öffent- 
lich zu erklären, als ob von dieser persönlichen Entscheidung der 
Werth der Sache abhinge. Da endlich erschien Joseph Frank's, 
damaligen Primärarztes in dem allgemeinen Krankenhaus zu Wien, 
Heilart in der klinischen Lehranstalt zu Pavia, mit einer Vorrede von 
Joh. Peter Frank ^^^), die offenbar die väterliche Liebe dictirt 
hatte, wie aus dem darin befindlichen überschwänglichen Lobe des 
Sohnes ersichtlich sein dürfte. In dieser Vorrede giebt sich ein 
ängstliches Streben kund, nicht zu viel und nicht zu wenig zu sagen, 
seinen Uebergang zu motiviren und doch seine Treue für die alte 
Medicin zu beweisen; daher immer eine Verwahrung für die alte 
Schule beigegeben ist, wo der neuen Schule eine Concession gemacht 
wird. Auch bei ihm wie bei Weikard u. A. finden wir das Be- 
streben, nachzuweisen, dass seine früheren Ansichten schon auf 
Brown's Ideen hingedeutet haben, jedoch hier wahrscheinlich mit 
dem Nebengedanken, dass d;uliirch also kein Abfall von der allen 
Schule angezeigt sei. Der grosse Frank zeigt uns, wie er schon 
früher die festen Theile vorzugsweise berücksichtigt , Reizbarkeit und 
Empfindlichkeit zwar als verschieden gekannt, aber aus einer Grund- 
ursache hergeleitet habe; wie er Erhöhung und Vertilgung der Reize 
auch früher angenommen, die Ursache des Faulfiebers in die Lebens- 
kraft gesetzt und nur eine Art von Fieber slatuirt habe; wie er 
gastrische Fieber ohne Emctica und Laxantia durch Tonica behandelt 
und in der Lehre von den Krisen, der Naturheilkraft, der Identität 
von Gesundheit und Krankheit, der Abläugnung anderer Specifica als 
der auf Strucfur und Empfindlichkeit des Theils begründeten, in der 
Aufstellung des Unterschieds allgemeiner und örtlicher Krankheiten 
schon früher dieselben Ideen wie Brown gehegt habe. — „Das 

12 



178 

Gute benutze ich — die Spreu werfe ich weg," sagt er, — „aber 
nicht dem verdienstvollen Manne in's Gesicht." Und an einer an- 
dern Stelle warnt er vor der flüchtigen Leetüre, da im ersten Theile 
kein geringer Scluitz verborgen liege, „den wir vergeblich in dick- 
leibigen Folianten vieler Schriftsteller suchen." Die Aufmerksam- 
keit auf die Einwirkung der Aussenwelt, der Heilmittel u. s. w. 
schreibt er besonders und mit Recht dem neuen Systeme zu, bekennt 
sich zu den Ansichten von Leben und Tod, von Erregbarkeit, Slhenie 
und Asthenie, von der Wirkung der Reize, der Heilmittel insbeson- 
dere, lobt die Behandlung der Entzündung, die er meist für Asthenie 
hält, der Nervenlieber, die er obwohl sparsam mit Reizmitteln curirl, 
der Schwächekrankheifen, ,,über welche man vorher noch nie so 
reine und wahre Grundsätze gebäht habe." Dagegen aber (und auch 
die Fassung des Lobes selbst war eine nicht immer ganz unzwei- 
deutige) räth Frank zur Vorsicht beim Gebrauch des zweiten Tlieils, 
worin er scharfsinnig hier und da Widersprüche nachweist. Er 
tadelt ferner die Art und die Sicherheit des Ausdrucks, den Schein 
des Neuen, mit dem Brown fälschlich prunke, findet die Erregbar- 
keit nicht zureichend für mechanische und chemische Gesetze, sucht 
für die Erregung noch andere O'iellen als den Reiz. Him missfällt 
der Sprung vom Wohlsein in Asthenie, die geringe Beachtung der 
Säfte. Er verkennt nicht die Schwierigkeit der Heilung bei in- 
directer Asthenie; denn ,, reizen sei nicht genug, das Pferd könne 
nicht Mos vom Sporn leben, es müsse auch Haber haben." Lehr- 
reiche 'Berichtigungen giebt er zu Brown's Annahmen von den be- 
sänftigenden Mitteln, von den Specifiois, die zwar dem Grade nach 
verschieden, aber doch auf eine unbekannte Art wirken, ferner zu 
Brown's Wirkung der Kälie, zu seiner Plethora, seinem Blutmangel, 
der Krämpletheurie (nicht immer aus Schwäche) , zu der Lehre von 
den Blutflissen (es giebt auch stlienische) und zu der Anordnung 
anderer Krankheiten unter die Gruppen der sthenischen und astheni- 
schen (z. B. Hydrops sei auch sthenisch ; es könne auch sthenische 
innere Entzündungen geben u. s. w.). 31it diesem immer noch zwei- 
deutigen Hervortreten wurde aber der Streit über P. Frank 's wahre 
Meinung erst recht lebendig, so dass beide Partheien ihn für einen 
ihrer Anhänger erklärten. Solchcnnaassen vertheidigt ein Anony- . 
mus (J. A. S.) in der Salzhiirger Zeilung 1797. No. 64. Bd. 3. den 
P.Frank gegen den Recenseiilen ; der Herausgeber dieser Zeitung 
aber giebt in einer Note die beste Kritik dieser Vorrede, indem er 



179 

sie desswegen für ein Muster von Kritik erklärt, „weil sich Brownia- 
ner und Antibrownianer für überzeugt hielten, dass er zu ihrer 
Parthei gehöre." 

Unter dem Schutze dieser, wie wir gesehen haben, bedeuten- 
den Autorität, welche in der That dem Brown'schen System eine 
grosse Anzahl neuer Anhänger zuführte, konnte der Sohn mit grös- 
serer Sicherheit und besserer Hoffnung auf Erfolge die prnclischen 
Beweise für den vermeintlichen Nutzen der Brown'schen Heilgrund- 
sätzo beibringen, die er zu Pavia, wo er 1795 als klinischer Lehrer 
fungirte, geschöpft haben wollte. Diese wurden überdies von dem 
Uebersetzer (Friedrich Schaefer) des ursprünglich lateinischen 
Originals, in welchem er diese Erfahrungen niederlegte, aus der 
Wiener Ilospitalpraxis bestätigt. Es ist aber die genannte Schrift 
insofern interessant, als sie uns ein deutliches Bild von der damaligen 
Brown'schen Praxis giebt, wesshalb wir ihren Inhalt etwas genauer 
detailliren müssen. Die Behandlung der Entzündungskrank- 
heiten, welche im Allgemeinen die Glanzseite des Brown'schen 
Systems bildet, ist sehr einfach und unterscheidet sich nicht von dem 
strengen Regulativ Brown's, nur dass in leichteren phlogistischen 
Krankheiten auch schweisslreibende Jlittel ohne Gefahr gegeben wer- 
den, weil der Schweiss die vorhergegangene Erregung wieder aus- 
gleiche. Bei Intermittens werden nie Brech- und Abführmittel 
angewendet, sondern allemal reizende Arzneien (Opium, China), 
selbst wenn Ueberladung Statt findet (und es ist nicht zu läugnen, 
dass dynamische Arzneien selbst vorhandene Massen überwältigen. 
Ref.). Sehr richtig werden primäre gastrische Uebel für sehr 
selten erklärt und der Gastricismus nicht immer für ein Zeichen von 
Unreinigkeit gehalten, was die anfigastrische Methode wohllhätig be- 
schränken musste. Quartanen sollen leichter zu heilen sein als Tertianen, 
diese leichter als Quotidianen. Von 63 Nervenfieber kranken (?) 
starben nur 9. Gastrische Mittel wurden nur angewendet, wenn der 
Ansteckungsstoff mit dem Speichel verschluckt war (I). Hauplmiitel 
waren: China, Valeriana, Serpentaria, Aleali volatile , Campher, 
Castoreum, Moschus, Aether vitrioli, Opium (bei indirecter Asthenie, 
sonst nachtheilig; wurde nie allein angewendet). Ausserdem Wein, 
gute Kost, Klystiere, warme Bäder, Vesicantien , Ferrum. (7 Kran- 
kengeschichten mit glücklichem, 3 mit födllichem Ausgang.) Von 
29 bösartigen oder mit Nervenfiebern verbundenen Pneumo- 
nieen, welche mit Opium, Campher, Moschus, Senega, Serpentaria, 

12* 



180 

Kcrnies, China, Aelher behandelt wurden, slarhcii 4. An Ruhr, 
die hier und da auch slhenisch war (also nicht wie hei Brown blos 
asthenisch), starb Einer trotz China, Opium, Jloschus. Letzterer 
wurde in einem Falle bis zu 180 Gran an einem Tage neben Opium, 
Wein und Fleischbrühe gereicht. Nach 10 Tagen genas der Kranke 
quand-msme, doch blieb (wahrscheinlich in Folge der Ueberreizung) 
noch eine schleichende Nervosa einen Monat lang zurück. — Der 
Verfasser giebt zu, dass auch ßlutflüsse mitunter sthenisch sein 
können (also wieder ein Fortschritt!). Bei zu grosser Reizung 
werden auffallender Weise statt der bei indirecter Asthenie ange- 
zeigten Mittel antiphlogistische Mittel angewendet, aber beileibe nicht 
die Kälte, über deren Nutzen erst die Zukunft entscheiden soll, nach- 
dem doch die Vergangenheit deullich genug, nur nicht für die 
Brownianer, gesprochen halte. Merkwürdig ist die Heilung einer 
Harnruhr durch Cuprum ammoniacum, Pulvis Doweri, Wein, Can- 
thariden, China, Myrrha, Gentiana; eine andere mit Camph., G. Kino 
und denselben 3Iilteln behandelte lief lödtlich ah. Die Behandlung 
der Wassersucht, die auch slhenisch sein kann, dilTerirt nicht 
sehr von der unsrigen, nur dass die Tonica viel häufiger angewendet 
und die Anli- hydropica als Reizmittel aufgeführt werden. Die spe- 
cifischen Arzneien behalten öfters die Oberhand, ohne dass man 
ihnen den Ruhm gönnt, wie wir aus einem Fall von Convulsionen 
sehen, wo Flores zinci heillen, nachdem alle Reizmillel fehlgeschlagen 
hatten. Dagegen verliert das Quecksilber seinen Ruf bei Syphilis, 
denn man soll es nie allein anwenden, sondern mit Opium, China, 
Wein, Bädern verbinden. Apoplexie soll auch slheniscli sein 
können. Andere Fälle, wie Hepatitis chronica mit Nerven- 
fieber, Phthisis, Chlorosis werden alle mit Reizmitteln behan- 
delt, Scabies und Porrigo als örtliche Uebcl auch mit äusser- 
lichen Mitteln. In W c i k a r d ' s Sammlung ra e d. - p r a c t. Be- 
obachtungen giebt Jos. Frank eine Beschreibung des Nerven- 
fiebers, das unter den Jüngern Aerzten, welche die practische 
Schule zu Wien besuchten, gegen Ende des Jahres 1796 geherrscht 
hat. Diese erhält dadurch einigen Werlh, dass wir ersehen, wie 
auch Peter Frank der reizenden Behandlung beistimmte. Hier 
werden nun Sudorifera, China sehr frühzeitig, Campher und andere 
Reizmittel in ausgede'inter Maassc angewendet, Laxantia und Emetica 
sehr bekämpft, gegen die Behandlung der Complicalioncn, wie z.B. 
der Pneumonie, geeifert und die Brown'sche Blelhode wegen der 



181 

schnellen Genesung (meist am 20. Tage, in einem Falle sogar am II.), 
der kurzen Reconvalescenz und ob des angenelimen Verbrauchs der 
Arzneien gerühmt. Schade nur, dass sogar ein wahrhaft ausschwei- 
fender und erschreckender Gebrauch der Beizmiltel, als dessen wahr- 
scheinliches Opfer der Bruder des Verfassers, Francesco Frank 
(1774 geboren) am Typhus 1796 fiel, dieses grosse Lob nicht be- 
stätigt. Hier heisst es: ,, Felix, quem alicna faciunt pericula caulum!" 
Auch dürfte der Verbrauch von 7 Drachmen 30 gft. Laudanum, ^ 3j 
Aeth. und Aq. Menth, mit Spir. vini praep. ?j (den ^^'ein ungerechnet) 
in einem Falle von Sopor nach Vergiftung mit Schwämmen schwerlich 
zu den „angenehmen" gehören. Vgl. Erläuterungen der Brown'- 
schen Arzneilehre von J. Frank. 

Dem Einfluss Joseph Frank's ist wahrscheinlich auch das 
Regulativ zur bessern Hcilarl der Krankheiten übcrliaupt, beson- 
ders der Nervenfieber, für die k. k. Feldärzte in Italien zuzuschreiben, 
welches nebst einer Kritik über dasselbe mit dem Motto „Oportet 
esse haereses" 1796 im Druck erschien. "Wie wir aus einer zweifels- 
ohne von Frank herrührenden Beleuchtung dieser Schrift in der 
Salzburger Zeitung erfahren , wurde sie nur durch einen literarischen 
Schleichhandel veröffentlicht , da man ,, nicht befehlen, sondern über- 
reden und diese Schrift nicht drucken lassen wollte , in der überdies 
auch die Meinungen anderer Aerzte aufgenommen seien." Aber 
trotz all dieser Anhänglichkeit Frank's an Brown finden wir doch 
jene Mässigung, die bereits in Italien die erste überinüthige Stim- 
mung zu verdrängen anfing, bald in einzelnen kleinen Zügen wieder. 
Wir erhalten weitere Belege dafür in den Erläuterungen der 
Brown'schen Ar zne ilehr e ^*^) vom Jahre 1797, in welchen 
Frank zuerst eine umschreibende vollständige Ansicht der Brown'- 
schen Lehren zu geben suchte, zu deren Beurtheilung er junge 
Aerzte, Damen und Nichtärzte aufruft; ein Beweis, wie schlimm es 
schon damals, wo die Lehre eigentlich ihre Blüthezeit zu feiern an- 
fing, um den Anhang stand. Hier erscheinen schon Lebensprin- 
cip und Organisation in Gegensätzen, die Annahme ungleicher 
Verlheilung der Erregbarkeit in verschiedenen Organen und dadurch 
bedingte Verschiedenheit der Krankheiten, Berichtigungen in Bezug 
auf die angenommene Oertlichkeit gewisser Krankheiten, z. B. der 
Augen-, Ohren-, Zungencnizündung, der Entzändungen der Ein- 
geweide ; bessere Berücksichtigung der Reconvalescenz , Conslati- 
rung der Krisen und iJIetastasen. der Nolh\vendigkeit einer Methodus 



182 

exspeclativa. Auch theilt Frank die Krankheiten nach den befalle- 
nen Organen ein und inuss so zu einer bessern physio -pathologischen 
Anschauung gelangen. Der Vorschlag, die indirecte Asthenie in 
eine relative und positive einzutheilcn , stürzt in sich zusammen; 
ebenso spricht die Annahme, dass allgemeine und örtliche Krank- 
heiten sich maskiren , für die Unausführbarkeit dieses Eintheilungs- 
grundes. Was die Praxis selbst anbelangt, so haben wir schon 
oben einige Details angeführt, mit denen allerdings eine Warnung 
vor der übermässigen Brown'schen Dosis von 150 gtt. Laudanum 
seltsam contraslirt. Die Anempfehlung von Digitalis und Belladonna 
gegen Encephalitis führt auf die SpeciQca zurück, für die der Name 
Reizmittel nur ein theoretischer Deckmantel sein sollte. 

Zur weiteren Verbreitung im Publikum sollte auch das Ge- 
sundheitstasohenbuch ^^~) von einer Gesellschaft Wiener Aerzte 
(Frank an der Spitze) beitragen, welches im ersten Jahrgang, Wien 
1801. 8. (mit Er wn's Bildniss) 13 Abhandlungen enthielt, worunter 
eine Biographie von Brown nach Beddoes, eine Geschichte des 
Systems in Italien, Deutschland, England, Frankreich, einige Verse 
aus the Brunoniad, Aufsätze von Werner (über Wärme und Kälte), 
Capellini (über Gerüche), Rath (gegen Frühlingscuren), Mal- 
fatti (gegen Adcrlass und Abführmittel) , Frank (über die Sterb- 
lichkeit im allgemeinen Krankenhause zu Wien, Avoran das Brown'- 
schc System nicht Schuld sei) u. s. w. In den folgenden Jahr- 
gängen aber beschränkte es sich mehr auf das Diätetische. — 
Frank 's Handbuch der Toxikologie ^^^) oder die Lehre von 
den Giften und Gegengiften (iBOO) enthält von Brown blos die 
Terminologie und ein Grundriss der Pathologie ^°*) nach den 
Gesetzen der Erregungstheorie (1803) ist ein von einem Zuhörer 
herausgegebenes Plagiat seiner Vorlesungen, welches nur Brown'- 
sche und Röschlaubsche Salze enthält und keinen Maassstab zur 
Beurtheilung Frank's abgeben darf. 

Mittlerweile aber hatte Rösch laub's Pathogenie eine Um- 
wälzung hervorgebracht, die auch auf Frank's Ideen einen grossen 
Einfluss übte, und S3 erschien denn im Jahre 1803 eine völlige Um- 
arbeitung der obenerwähnten Erläuterungen, als: Erläuterungen 
der Err eguiigs theo rie ^"^^J. Hier wandte sich Frank dem 
Fortschritt, d. h. dem Rückschritt zur älteren Medicin weit mehr zu 
als Röschlaub selbst und giebl zugleich ein Beispiel von Mässi- 
gung und freimüthigem Bekennen früherer Irrlhümer, das uns mit 



183 

seiner immer durchblitzenden Eitelkeit aussöhnt, während eine ge- 
wisse Originalität und Kühnheit der Behauptungen schwerer für den 
Alangel an Consequenz und Schärfe der Begrilfe und für den Ueber- 
fluss spitzfindiger und unerwiesener Sätze entschädigt. Die Auf- 
stellung einer besondern Muskel- und Kervenerregbarkeif fahrt zu 
den seit Halle r erlangten besseren physiologischen Resultaten zu- 
rück, ebenso wie die Annahme noch anderer als blos reizender Ein- 
wirkungen der Aussendinge der Qualität wieder ihr alles Recht ein- 
zuräumen sucht. Das Leben erhält seine innere Spontaneität wieder; 
die Organisation tritt in ihre alten Rechte ein; die pathologische und 
speciell diagnostische >Vichtigkeit der Opportunität wird tur hypo- 
thetisch erklärt und ebenso der Einfluss der ätiologischen Momente 
auf die Diagnose beschränkt. Die Eintheilung der Krankheilen in 
allgemeine und örtliche, die ausschliessliche Bestimmung derselben 
als slhcnische oder asthenische wird vielfach berichtigt , das Grad- 
tabellenwesen ,, Unsinn" genannt, die 3Iöglichkeit der Complicalionen 
erweitert. Bei der Betrachtung der Krankheitsursachen wird sehr 
richtig weder Kälte noch "Wärme als absolut reizend oder schwä- 
chend betrachtet, sondern bei beiden die Einwirkung stets von dem 
Grade abhängig gemacht. Bei den Nahrungsmitteln w ird die ernäh- 
rende ^^ irkung neben der reizenden zugegeben, die oft in umge- 
kehrtem Verhältnisse mit jener stehe. Selbst eine Neigung zur 
Humoralpalhologie ist unverkennbar. Die Eintheilung der Arzneien 
nach Brown kommt ihm wie ein Küchenzettel vor; er will gar keine 
Materia medica als besondern Zweig gelten lassen und kennt keine 
positiv schwächenden Mittel. Mit einer wahren Schraubenlogik aber 
beweist er uns zugleich, dass Opium nur durch Reiz sch^^äche oder 
sedire, dass Ansieckungsstoffe reizen, Contagien auch Heilmittel 
■werden können, Leidenschaften nicht gradweise verschieden sind, 
sondern alle eigentlich exciliren und nur durch Ueberreizung schwä- 
chen. — Wenn Frank nun fernerhin zugiebt , dass es schwierig 
sei, die Heilmittel nach Graden zu wählen, dass direcle und indirecte 
Schwäche auch ohne äussere Einwirkung von innen entstehen 
könne, dass die Heilung der indireclen Schwäche nach Brown 
unpraclisch und sehr schwer sei; wenn er die asthenisch n\ irkenden 
Vegelabilien und Säuren bei dem asthenischen Scorbul empliehlt und 
Haller'sches Sauer als dasjenige hülfreiche Mittel für direcle Schwäche 
bezeichnet , was Opium bei indirecter Schwäche sei ; wenn er end- 
lich sogar die Rücksicht auf das leidende Organ oder System als 



184 

wichtigstes Criteriiim bei der Wahl der Heihnittel aufstellt und da- 
durch „die Brown'sclie Praxis der gewöhnlichen nähert und sich eine 
Mittelstrasse bahnt," ja wenn seine Beispiele beweisen, dass er gar 
nicht Brownisch verfährt, sondern seine Mittel nach specifisch -patho- 
logischen Grundsätzen wählt, so muss man unwillkührlich daran 
glauben, dass Frank bei dieser rühmlichen Tendenz entweder sich 
selbst über die Haltbarkeit der Grundsätze Brown's täuschte oder, 
wo nicht, dass er wenigstens den Schein einer gewissen Conse- 
quenz habe retten wollen. Die erstere Vermuthung bestätigt das 
enthusiastische Lob, welches er aus einem seiner ftnihern Aufsätze in 
Weikard's Sammlung medicinisch- practischer Beobachtungen und 
Abhandlungen S. 102, wo er wie jeder Arzt seiner Methode nach- 
sagte, sie heile sicher, schnell, angenehm, ja fast „wollüstig", hier 
wiederholt. Der Contrast, dass derselbe Verfasser dasselbe Ver- 
fahren anderwärts mit einem „schneidenden Messer" vergleicht und 
Dem ein Wehe! zuruft, welcher es nicht zu führen weiss, darf uns 
nicht wundern, da er ja mit gleichen Widersprüchen vertraut ist und 
z.B. bei aller Achtung vor dem Qualitativen zwar bekennt, dass ausser 
Sthenie und Asthenie noch etwas „Anderes" zur Krankheit gehöre, 
aber dennoch Hu fei and' s Beigabe in modo verwirft, ohne das 
„Andere" dafür zu substituiren , was er ebenso wie die noch zu 
dunkle Refiexion ül)er örtliche Krankheiten, bequem genug, Andern 
überlässt. — Je geringer die Anzahl der geistvollen Anhänger Brown's 
war und je mehr Röschlaub fühlen mochte, wie schlagend theil- 
weiss die Praxis Frank's seine Principicn widerlegte, umso 
schmerzlicher musste für ihn der halboffene Abfall Frank's sein. 
Noch giebt er die Hoffnung nicht auf, ihn wieder zu gewinnen und 
der anständig ruhige , fast resignirende Ton seiner Replik (im Maga- 
zin 1803. Sl. 3. s. oben) sticht wunderbar von dem heftigen der übri- 
gen polemischen Artikel ab. So eingenommen ist Röschlaub 
von der Nothwendigkeit eines consequenten Systems, dass er 
den Tadel, den Frank seiner Verbindung der Medicin mit der kriti- 
schen Philosophie machte (Röschlaub, so heisst es bei Frank, 
fange damit an, womit er endigen sollte, mit allgemeinen Principien, 
S. 118), mit dem Vorwurf des Eklckticismus, der hier ein Verdienst 
war, erwiedert. Röschlaub kann es Frank nicht vergeben, 
dass er meint, gleiche Ursachen könnten verschiedene Wirkungen 
haben; dass Sauerstoff reizen soll; dass er nicht positive und nega- 
tive Reize anerkenne; dass er nicht positiv schwächende Mittel an- 



185 

nehme, ja Röschlaub ist so verblendet, zu behaupten, dass aus 
der Richtung der Wirkung auf die Organe, wodurch Frank eben 
den grössten Fortschritt zu einer bessern pathologisch -therapeuti- 
schen Methode machte, ein Schlendrian entstehen könne. Er wirft 
Frank vor, dass er verschiedene Mittel gegen direcfe und indirecte 
Asthenie, insbesondere auch, dass er Haller'sches Sauer gegen 
Asthenie empfiehlt; dass er Wein, Campher, Aether, Opium nur gegen 
indirecte Asthenie anwende, die nach Frank häufiger ist, nach 
Röschlaub seltener als die directe; dass er Opium für sciiädlich 
im Typhus, Wärmeentziehung für ein Heilmittel in direcler Schwäche 
halte u. s. w. Alles dies ist nicht ohne Interesse, weil es uns einmal 
deutlich die schon bedeutenden Differenzen zwischen zwei früher 
übereinstimmenden Verfechtern der Erregungstheorie zeigt, auf 
Rösch laub's Seite die Irrfahrten einer abstracten Theorie, auf 
Frank's Seite den Aufgang besserer durch die Praxis vermiüelter 
Einsichten. Diese reiften mit den Jahren noch weit mehr und wur- 
den durch eine von Jos. Frank im Jahre 1803 nach Frankreich, 
England und Schottland unternommene Reise bestärkt. Und in der 
That begegnen wir in dieser Reisebeschreibung ^^^) nicht nur öfte- 
rem Tadel der reizenden Behandlung, sondern auch einem geflissent- 
lichen Vermeiden alles Dessen, was auf Brown und dessen An- 
sichten Bezug hat, wie dies bei Gelegenheit der Bekanntschaft mit 
Beddoes und selbst bei der Beschreibung seines Aufenthalts in 
Edinburg ersichtlich ist. Hier fand Frank nur einen einzigen An- 
hänger Brown's, Dr. Home, was ihn nicht ohne Seifenwink auf 
seine früliereu Irrthümer zu der Aeusserung veranlasst: ,, Nichts sei 
schädlicher, als wenn man in was immer für einen Schlendrian fällt 
und, indem man dieses oder jenes System befolgt, nicht besser thun 
zu können wähne." Bei Gelegenheit der Behandlung des Typhus ge- 
steht er selbst, indem er den Nutzen von C,urrie's Begiessungen 
und von dem exspectativen Verfahren in Edinburg gesehen hat, dass er 
jetzt weniger activ verfahre als früher. Sein gänzlicher Abfall er- 
hellt endlich aus den Annalen des klinischen Instituts an der k. Uni- 
versität zu Wilna ^°^). Mit einer Offenheit, die ihn uns von liebens- 
würdiger Seite zeigt, bekennt er in der Einleitung, dass ihn die 
Phantasie auf Abwege geführt habe, und dass er, obgleich er weder 
die Fehler noch die nützlichen praclischen Wahrlieilen in dem neuen 
System verkannt habe, ihnen doch zu viel Gutes zugetraut hätte. 
„Mein grösster Irrlluim," fährt er fori, ., bestand darin, überhaupt 



186 

zu glauben, die Arzneiwissenschaft könne innerhalb der Grenzen 
eines Systems gehegt und ausgebiklet werden. — „Von dem Augen- 
blicke, als ich das ewige Licht der Natur erblickt, schämte ich mich 
der Fesseln, an welche mich, doch nicht unauflöslich, die Liebe zum 
System geschmiedet hatte. Ich fand meine Stütze in der Beobach- 
tung und Vernunft, den beiden Pfeilern der Medicin, von denen die 
unbedingten Anhänger medicinischer Systeme sich am ersten ent- 
fernen." Er empfiehlt hierauf das Studium des Hippokrates, 
Sydenham, Bagliv, und wie seine jetzige Behandlung der ehe- 
maligen Brown'schen schnurstracks entgegen ist, sieht man S. 100, 
wo er achtungswürdig genug dem Höchsten bei Gelegenheit einer 
durch Aderlass geheilten Apoplexie dafür dankt, dass er ihm nicht 
diesen Kranken zugeschickt, als er noch Brownianer gewesen, da 
er ihm dann das Leben geraubt haben würde. Und so riss auch er 
sich, aber mit grösserer Entschiedenheit als Röschlaub, endlich 
von einer Lehre los, von der er noch im Jahre 1826 schmerzlich 
ausruft, dass sie „non sine gravi generis humani et scientiae jactura" 
auch durch seine eigenen Irrthümer verbreitet worden sei. (Prax. 
med. univ. praec. Lips. 1826. V. L 1, p. 71.) 

Adalbert Friedricli Marcus« 

Eine Zeitlang focht auch in diesen Reihen einer der bedeutend- 
sten Männer unseres ersten Jahrzehnts, Adalbert Friedrich 
Marcus, gross als Diagnost und Therapeut, ein klarer, consequen- 
ter und geistreicher Denker, mit lebhaft schöpferischer Phantasie 
begabt und von der humansten Sinnesweise beseelt. Geboren zu 
Arolsen im Jahre 1753, in Götlingen von den grössten damaligen 
Aerzten unterrichtet , wie von B a 1 d i n g e r , Richter, W r i s b e r g , 
R.Vogel, 3Iurray, Gmelin U.A., und im Jahre 1775 promovirt, 
erlangte er in Bamberg ein bedeutendes Ansehn, welches die Gunst 
des Fürsten Franz Ludwig von Erthal, dessen Leibarzt er war, 
durch Ernennung zum dirigirenden Arzte des neuerrichtelen Kranken- 
hauses in Bamberg steigerte. INdchdem er im Jahre 1793 daselbst 
klinische Vorträge begonnen hatte, musste es bei seinem Rufe gros- 
ses Aufsehn erregen, als er nach 20jähriger medicinischer Praxis 
zu Brown's Fahne schwor. Er schloss sich zunächst an den 
geistesverwandten Röschlaub an, dessen Principien er streng be- 
folgte, betrat aber zugleich den Weg der Begründung durch die 
Praxis mit Joseph Frank. Als seine Prüfungen des Brown sehen 



187 

Systems durch Erfahrungen am Krankenbette ^^^) im Jahre 1797 er- 
schienen, entstand ein starkes Zuströmen nach Bamberg, welches 
damals seinen höchsten Glanz erreicht hatte. Diese Prüfungen, 
denen ungenaue und unvollständige Grundlinien der medicinischen 
Theorie nach Brown ohne eigene Zuthat vorausgeschickt waren, 
enthalten Falle von Pneumonie, Manie, Tcrtianfieber (China, Opium, 
Ferrum, Nux vomica), Quartanen, Continua nervosa, Haematemesis 
u. s. w. , in welchen der Nutzen der Brown'schen Praxis mit Begei- 
sterung gerühmt wird. Diese wächst in dem 2. Heft (1798), in 
welchem die Häufung der Reizmittel , von denen aber doch auch wie- 
der zuweilen abgesprungen wird, in grossen Massen erscheint und 
ziemliche Einseitigkeit sich geltend macht ■"'). In den letzten Heften 
beklagt sich bereits 3Iarcus über Hufe land und Hecker, mit 
welchem Letzteren er in sehr persönlicher animoser Fehde bis zu 
Dessen Tode lebte. Im Jahre 1799 aber machte Marcus die Be- 
kanntschaft von Sehe Hing, Steffens und Schlegel und schloss 
mit Ersterem einen Freundschaftsbund , der ihn von dem damals noch 
streng Brown'schen Röschlaub entfernte und als dessen Frucht 
später die Jahrbücher der Medicin als Wissenschaft von Schelling 
und Marcus (Tübingen 1805. 1808.) erschienen. Dieser Einfluss 
machte sich aber auch bereits in dem Magazin für specielle 
Therapie und Klinik nach den Grundsätzen der Erregungs- 
theorie ^^^), und zwar schon im ersten Bande (1802) so geltend, dass 
man den Uebergang zur Naturphilosophie leicht ahnen kann. Wie 
Rösch laub suchte er anfangs Erregungstheorie und Naturphilo- 



*) Es dürfte in dieser Beziehung nicht uninteressant sein, ein 
Verzeichniss der im Jahre 1798 in Bamberg verbrauchten Arzneien zu 
studiren, welche bei 46 sthenischen, 367 asthenischen und 67 örtlichen 
Kranken angewendet wurden. Dieses ergiebt: 
Opium gv Cinnam. ffiij ^x 

Moschus ^j 5iij Tinct. mart. ton. Sij ^jv 

Naphtha vitr. Siij ^v Elix. rob. Whytt. ffxiij 

Camph. Sxvij ^ilj Spir. vini rectif. 474 ß 

Liq. anod. föxxxviij 

Serpentar. Kxj Crem. tart. ffj ^jv 

Arnic. Sxj ^vj Arcan. dupl. ©ij 

Valer. ßxij ^vj Amm. mur. gj 5vj^ 

Angel, gij Nitr. ßij 5J 

Cort. Chin. SxLlv 3viij Sal essent. tart. ^ 

Gewiss sehr deutlich sprechende Zahlen! (Vgl. Prüf. 4. St. 1799.) 



188 

Sophie zu vereinigen, da er aber bald die Unmöglicbkeit einsieht, 
so verkündet er ersterer im 3. Sliick (.T. 1803) den Untergang und 
spricht seinen Abfall dadurch aus, dass er die Erregung als etwas 
Quantitatives nicht mehr fiir das Begleitende, Bestimmende, sondern 
für ein Accidens und ein durch das Qualitative und die drei Dimensio- 
nen Bestimmtes erklärt. Im zweiten Band des Magazins (1805) taucht 
lieben dem Schematismus der Naturphilosophie schon seine spätere 
antiphlogistische Behandlung auf und im 2. Heft (1806) zeigt er be- 
reits den Nachtheil der reizenden Methode an einzelnen Fällen und 
ist überdies von dem Enthusiasmus für die Naturphilosophie insoweit 
zurückgekehrt , dass er bei Anerkennung ihrer Schwächen sich nur 
für einen moderirten Naturphilosophen ausgiehl. '. lo Theorie der 
Entzündung, der er später huldigte (Entwurf sir.ä. speciellen The- 
rapie. Nlirnberg 1807 — 1810.), kann uns hier nicht weiter beschäf- 
tigen. Im Allgemeinen war Marcus ein viel zu wenig originaler 
Denker, um den Brownianismüs gewichtig zu stützen; als ein desto 
glücklicherer Practiker aber wurde er mit Jos. Frank schneller 
von seinen Irrlhümern geheilt, als Röschlaub, an dessen theo- 
retische Fortentwickelung er sich eine Zeitlang gänzlich anlelinle. — 
Marcus starb, nachdem er sein öffentliches Wirken mit dem Privat- 
leben verfansc!it hatte, im Jahre 1816 an einer eben so schmerzhaften 
als langwierigen Krankheit, in Folge von Vernaclslässigung seiner 
eigenen Praxis, der Antiphlogose, was sich durch organische Zer- 
störung rächte. (Vgl. Dr. A. F. Marcus nach seinem Leben und 
Wirken geschildert von seinen Neffen Dr. Speyer und Dr. Marc. 
Mit einer Vorrede von G. 31. Klein. Bamberg und Leipzig. 1817. 8.) 
Nach der Schilderung der Wirksamkeit dieser Anführer im Heere 
des Brownianismüs ist es von nicht geringem Interesse für die Ge- 
schichte der damaligen Zeit, die intensive Wirkung, welche das 
Brownsche System und die Erregungstheorie in Deutschland hervor- 
brachten , mit der extensiven Dauer derselben zu vergleichen. Hier 
ergiebt sich ein so grosses Missvcrhältniss , dass nothwendig die 
Herrschaft der Mode, welche leider auch eine grosse Bolle in der 
Heilkunde spielt, ein 3Ioliv für eine, so grossartige Uebereihing und 
Befangenheit so vieler Geister mit abgeben niuss. Sie ist es, welche 
einen Schwann von Nachhetern der besseren Geisler hervorrief, die 
durch Aunalinie des äusseren GesväUiies in gleich sla'.tlicher Haltung 
einherzuschreilen glaublen als Jene; sie ist es, welche die Character- 
schwachen, die einen isolirten Standpunct scheuen, in ihr Joch 



189 

spaiinlc ; sie ist es, welche selbst bessere Geister , die in den Aus- 
sprüchen der Zeit die Orakel einer geschichtlichen Nolhwendigkeit 
erkannten, wenn auch nur auf Momente, umfing. Dazu kamen als 
anderweile Jlulive der heftige polemische Ton, weklicn die Brownia- 
ner gegen ihre Widersacher anschlugen, die Scheinphilosophie, die 
kritische Prüranjsgabe Rösch laub's, welche mit der herrschenden 
Philosophie Kant's und mit der Speculationssucht des Jahrzehnts 
in Einklang, in der neuen Theorie endlich das Ziel oder wenigstens 
den Anfang eines Ziels gefunden zu haben glaubte. Die Einen woll- 
ten um jeden Preis eine Theorie, ein System und glaubten mit der 
Form das Wesen erlangt zu haben, während gerade Andere, die nach 
der Emj)irie strebten, auch hier düs ewige Klangwort ,, rationelle 
Empirie" allein gerechtfcriigt fanden. >A'ieder Andere, welche 
sich in dem Wirrsal der 3Ieinungen nach irgend einem Rettungsanker 
umsahen, ergriffen mit Hast die Bestimmtheit , entschiedene Richtung 
und schcin!)are Consequenz. Den lockte das Positive, Jenen das 
Negative, Den die Fundamenlalgrundsätze, einen Andern die Praxis. 
So erklärte z, B. ein Antibrownianer, C. A. Wilmans an Dr. Dou- 
trepont in Wien (Salzburger medicinisch chirurgische Zeitung 1799. 
4. Bd. No. 94.) die Theorie für gänzUch unbrauchbar; er halte sich 
an die Praxis, denn er kenne nichts Schöneres. So lobt der sonst 
von Brown sehr abweichende J. Ch. Stark in seinem Handbuch 
zur Kenntniss und Heilung innerer Krankheiten , Jena 1799. den Ge- 
brauch der Reizmittel, die er aber auch schon vor Brown häuGg 
angewendet habe. Die ^leisten der besseren Anhänger suchten 
wenigstens, wie leider nur zu oft , Trost in der Zukunft, welche eine 
„ächte" oder „geläuterte" oder „rationelle" oder „vervollkomm- 
nete" oder „verbesserte" Erregungstheorie bringen sollte. Daher 
kommt es, dass wir in dem bewegten Treiben, welches Röschlaub 
zunächst in Deutschland hervorrief, zumal in der Glanzperiode des 
Systems von 1802 — 1806 als Mitielpunct und Endziel immer das 
Brown'sche System (und sogar in der Terminologie bei den Geg- 
nern) finden; dass sich in den Journalen, welche die wahre Semiotik 
der Zeit ergeben, ein lebendiger Kampf um diese Theorie erhob, 
wie besonders aus Heck er 's Journal der Erfindungen, aus Har- 
tenkeil's Salzburger Zeitung und aus J. Arnemann's viele gün- 
stige Recensionen enhaltendcr Bibliothek für3Iedicin, Chirurgie und 
Geburtshülfe, Göttingen 1800, aus Horn's Archiv u. s. w. (s. unten) 
ersichtlich ist; ein Kampf, der, als ein Zeichen des Lebens, seine 



190 

guten Früchte trug und endlich den Sieg der Wahrheit herbeiführte. 
In Bezug auf die verschiedene Stellung der Kämpfenden selbst rufen 
wir die oben von Röschlaub gegebene Characteristik ins Gedächt- 
niss zurück, finden es aber für unsern Zweck passender, folgende 
Eintheilung zu machen. 

Die Anhänger der Erregungstheorie sind entweder: 

1) Anhänger ohne selbstständige Haltung, meist blinde 
Nachfolger Brown's oder Rösch laub's, oder 

2) Anhänger mit selbstständiger Haltung. Diese Ab- 
theilung zerfällt nun in eine dreifache Unterabtheilung, je nach- 
dem diese Anhänger nämlich 

a) sich dem herrschenden Einfluss der Zeit nicht entzogen, trotz 
mancher Ausstellungen, wenigstens im Allgemeinsten 
dem System huldigten und in der Hoffnung auf eine bessere 
Zukunft der Erregungstheorie, durch eigene Zuthat, Ver- 
besserung und besondere Modificationen das zu er- 
setzen suchten, was ihr an Consequenz, Schärfe, Zuläng- 
lichkeit u. s. w. abging; oder je nachdem sie 
b)im Vermittelungsbestreben die widerstreitenden 
Partheien zu versöhnen und durch combinatorische 
Verbindung mit einem andern System («. Humoralpa- 
thologie, /?. Reilianismus, y. Naturphilosophie) 
die Weiterbildung in der Ergänzung einer fehlenden be- 
sonderen Richtung zu erreichen hofften; oder endlich je 
nachdem sie 
c) neben dem Brownianismus eklektisch alle andern An- 
sichten gelten Hessen. 
Die Zahl der eigentlichen Gegner (wofür wir auch zuweilen 
Kritiker sagen könnten) ist aber darum sehr gering, weil einestheils 
schon unter den Obigen insofern Gegner mit inbegrilTen sind, als sie 
sich gegen einzelne Puncte und Folgen aussprachen, und weil 
anderntheils nur Wenige dem System ganz abhold waren, so dass 
wir mit gleichem Rechte wie dort bedingungsweise Anhänger, hier 
bedingungsweise Gegner hätten. — Auch hier unterscheiden wir, 
als gewissermaassen den obigen Rubriken entsprechend, zweierlei 
Reihen , nämlich 

1) Gegner ohne selbst ständige Haltung; 

2) Gegner mit selbslständiger Haltung, und zwar 



191 

a) vom besondern Slandpuncte einer fehlenden Richtang, 
eines anderweiten Systems («. Humoralpalhologie, 
ß. Reirsche Theorie, y. Naturphilosophie); 

b) vom höheren eklektischen Sfandpuncte. 

Versuchen wir es nun, ein Rild von diesem Kampfe , der be- 
reits, wie ein Blick auf die Journale lehrt, im Jahre 1809 gänzlich 
erloschen war , dadurch zu entwerfen , dass wir nachweisen , wie 
diese Hauplrichfungen abgeändert wurden, wie sie sich in Neben- 
richfungen verzweigten und zersplitterten und wie sie so lange ge- 
deutet, modificirt und bekämpft wurden, bis endlich nur Das übjig 
blieb , was wirklich der AVissenschaft anzugehören verdiente. Es 
wiederholt sich aber auch hier immer nur die Geschichte der Be- 
gründer dieser Lehre in Deutschland, Ueberall sehen wir Fär- 
bungen, die uns an die Bilder eines Weikard, Röschlaub, 
Frank, Jlarcus erinnern und nur Wenige verdienen das Lob eines 
ehrenwerthen Strebens wie den bedingten Ruhm einer Originalität, 
welchen eine Abhängigkeit von dem Producle eines einzigen Geistes, 
wie sie die neuere Geschichte nicht wieder aufzuweisen hat, etwa 
noch zulassen dürfte. 

II. Anhänger der Erregiingstlieorie *). 

l) Anhänger ohne selbstständige Haltung. 

Hierher gehört eine grosse Anzahl Derjenigen, welche ohne 
eigene geistige Zuthat und Selbstständigkeit blos Das im Allge- 
meinen wiedergaben oder zusammenstellten, was von den Chor- 
führern der neueren Theorie bereits gegeben war. Diese gelten 
also blos als Nachfolger anderer Autoritäten. 

«. Die Verfasser solcher, den Brownianismus im Ganzen be- 
handelnden Schriften sind: J. Ey er el ^^°) '^'•O (giebt blosses Ex- 
cerpt aus Brown's Observafions), v. Eicken ^^^); Batsch •^■^-), 
ein übertriebener Lobredner Brown's, der auch Hufeland be- 
weisen will, dass er Brownianer ist; v. Eckartshausen ^1^), ein 



*) Da alles Folgende wie Vorhergegangene, nur wenige in der 
Vorrede näher bezeichnete Fälle ausgenommen, auf Quellenstudium 
beruht, so wird die beigegebene Kritik vom Verfasser vertreten. 

**) Die Reihenfolge ist meist nach der Jahrzahl der erschienenen 
Werke festgehalten. 



192 

mystisch-kabbalistischer Schriftsteller, der das Bro>vn'sche System 
sogar in dem Yang und Yu der Chinesen und dem y-i^; und ti^'^'ä der 
Hebräer wiederfindet; Ch. A. Struve^^*) (ungenügend für Aerzte); 
H. W. Lindemann ^^^) , ein unbedingter Lobredner Brown 's, der 
Weikard, Röschlaub, Frank benutzte, in der Praxis aber 
massig ist und in einer Schrift, über die Ruhr auch eine sthenische 
Form derselben annimmt; H. M. v. Leveling ^*^), Verfasser eines 
Auszugs aus dem 1. Theil von Röschlaub's Pathogenie, etwas aus- 
führlicher als 3L H. Mendel ^*^), dem der Professor Job. Clemens 
Tode eine Vorrede schrieb, in welcher er Neutralität verspricht und 
nur versteckt seinen Tadel neben grossen Lobsprüchen anbringt, ob- 
gleich er anderwärts (in s. medicinischen Journal) sich als ein sehr 
erbitterter Gegner erwies, der Brown mit der Bildsäule eines Unge- 
heuers vergleicht, die auch durch das sorgfältigste Poliren nicht zu 
einem angenehmen Gegenstand wird. ölend el selbst ahnt die Un- 
brauchbarkeit der Erregungstheorie für die Praxis und beweist über- 
diess die Uebereinstimmung Röschlaub's mit einigen Sätzen von 
Gaub. — C. F. G. Schmidt ^^^) schrieb über die Brown'schen 
Scalen, F. A. Gehl er ^^^) über indirecte Asthenie. 

Ein leidenschaftlicher Schüler war G. K. Winik er 1-^), wie 
es seine Aufsätze in Horn's Archiv VI. über Schwangere, IX. über 
Manie, und noch im Jahre 1810 neues Archiv XIIL über Geisleszer- 
rüttung beweisen. Noch producliver war J. H. M üller ^'-^), der, 
ein Feind aller Speculation , überall die gemeinsten Ursachen aufsucht 
und Alles auf Reiz und Erregbarkeit zurückbringt. 

Bios namentlich aufzuführen sind; A. Na c g el e ^-■^), J. L. 
Loos ^-3), F. J. Zimmermann 1-'*), Malt. F etr o vich ^'^^), 
C. A. Pudor (1807) ^-^) und J. J. N. Trawnitschek (l8ll) ^^'^). 
(Beide Letztere sind nur darum merkwürdig, weil sie noch in so 
später Zeit orthodoxe Brownianer waren.) 

Zur BcurlheiUing von Peter Frank dienen die streng Brown'- 
schen Beiträge von Sal. Li b o schi tz ^'-^) (jetzt in Dresden), — und 
als Beweis, wie man alle Formen zur Vertheidigung Brown's be- 
nutzte, die anonym erschienene Schrift von C. Jac. Ch. J. Diruf^'^^), 
der Geist des 19. Jahrhunderts belilcll. Hier wird eine Scene im 
Reiche der Todten aufgeführt, worin Einer beklagt, dass er durch 
Abführmittel und säuerliche Getränke gestorben. Mährend ein Anderer 
später an derselben Krankheit Verstorbener seinen Tod nicht dem 
Brownianisnuis zuschreibt. — Brown zum Schiedsrichter gewählt. 



193 

spricht niil R ös c li I ;i ii b "s und S c li e 1 1 i n ff' s ^^'()^te^ eiiii- Apologie 
seines Sysleines und giesst einen billein, nicht immer decenicn Tadel 
über seine Gegner aus. 

Zu den Besseren schon gehören J. H. S t e r n b e r g , der gegen 
Marcard's Angriffe im Hannoverschen Magazin, Jahrgang 18ü2, ' 
Stück 32 — 42, eine ernste und genaue ^Widerlegung schrieb, die 
WVirkung kalter Umschläge gegen Blutflüsse zu erklären sucht (s. 
Horns Archiv IV,, ebendaselLst VI. über Typhus), und J. Dan. 
Mo rb e ck '^'^), dem sogar einzelne Abweichungen Tadel von seinem 
Vorredner >V eikard zuzogen. Seine Beobachtungen sind nur nach 
Brown unigemodelt und enlhalten nichts Besonderes. — Eine Dar- 
stellung der Geschichte des Erown'schen Systemes in der nicdicini- 
schen N alionalz ei tu n g für Deutschland, Januar — Juli, Altenburg 
1798, aus fremden Quellen mit wenig eignen Urlheilen durfte ebenfalls 
hierher zu rechnen sein. 

ß. Anwendung der Erregungstheorie auf Einzelnes. 

"NW ährend die Genannten die Brown'sche Lehre im Ganzen 
und zwar mit abhängigem Geiste darzustellen suchten, wandten Andere 
mit gleichem Verfahren die neuen Satzungen auf einzelne Gegen- 
stände oder Zweige an, oder behandelten einzelne Kapitel aus dem 
grösseren Buche der Wissenschaft im Sinne des schottischen Refor- 
mators und seines deutschen Nachfolgers, meist ohne dadurch mehr 
als den Schein der Reformation zu reiten, wenn es nicht gar blos 
bei der neuen 'lerminologie und einem modernen Gewände blieb, 
welches die eigne Geistesarmulh in der entlehnten Halle bergen 
sollte. "Wir rechnen hierher die Monographieen von C. Rings- 
dorff^^O, über gastrische Fieber; S. Hir s ch ^^■•^), über Puer- 
peralfieber ; Rademacher ^^^), über Nervenfieber; eines Anony- 
mus ^2*), über Scharlachexantliem ; H. Th. Freyer^^^), über 
Purpura; G. G. Zinke ^^^), über eine Ruhrepidemie, (durch prakti- 
sche Erfolge zum Anhänger geworden); C. G. Heun, über Pneumo- 
nie (Hern sagt von ihm: er werde noch vom streng-systema- 
tischen "NVege abweichen lernen), nach P. Frank, J. Frank, 
Cappel, Kreysig, Hörn (s.Horn's Archiv 1802); C. F. J. Dan- 
nenberg^^^), über Asthenie mit Localaffection des Magens und der 
Eingeweide, ein Verächter des Gastrischen; W. War bürg, über ßlut- 
erbrechen (s. Horn's Archiv 1803); C. J. Meyer ^^Sj (auch Ver- 
fasser einer Sammlung von uabcdeutenden Krankengeschichten aus 

13 



194 

P. Frank's Klinik), über BUriflüsse ; blosse Brown'sche Einkleidung' 
P. Frank'sdicr Grundsätze. — Der Vollständigkeit wegen seien hier 
auch erwähnt: G. F. Mun z^^^), über Epilepsie, — J.F.Künz el ^'*^), 
über Keuchhusten, — II. Chr. de Lang a Mutenau^*^), über 
Krampf, — J. II. Riems chneider i*^), über Manie, — J. F. 
Wezler''*^), über die Melhode Scheinlodte zu behandeln (nach der 
modificirten Erregungsthcorie). — Andere übergehen Avir gänzlich 
als zu unbedeulend. 

A. Mo st baff ^'^.*) suchte im Allgemeinen und F. Hey er ^*^) 
im Speciellen den Werth der Krankheilsform zu be^veisen und K. J. 
Meyer ^*^) mit G. F. L. Griese ^*^) dem Aderlass seine richtige 
Werthschätzung zu ermitteln, Letzterer in sehr überzeugender und 
selbstdenkender Weise ohne seinen zweiten Zweck, ein genügendes 
Zeichen zur Diagnose der Stlienie aufzufinden, erreicht zu haben. 

Hierher gehören auch die Aufsätze von Erdniann, Graff, 
Letzlerer theilweiss Nalurphilosoph, und Fritze über VVechselfieber 
(Horn's Archiv V., VII., IX.); Starke, über Bäder im Nervenfie- 
ber (ibid. II.) ; Hintze, über warme Bäder in asthenischen Krank- 
heilen (Ilorn's Archiv IV.); Bartels, über diagnostische Kennzei- 
chen für Brown'sche Zustünde (ibid. II.) ; J a c o b i , über Keuchhusten 
(ibid. V.). Besondere \Mchtigkeit haben die praktischen Erfahrun- 
gen von Fritze in Berlin (ibid. VI.), welcher den Nutzen des Systems 
dadurch beweist, dass im Jahre 1803 von 4713 Kranken 3169 (433 
Fieber, 2160 chronische Fälle) genesen seien. 

Auch die Verfasser einzelner Aufsätze in Rösch laub's Maga- 
zin (s. oben) verdienen hier eine kurze Erwähnung, namentlich: Er- 
hard (Band I, Heft l), Geier, Köllner (ibid. Heft 2, 3), Streng 
(Band II, 2; III, l), Loos in Heidelberg (ibid. 2), Malfatti (ibid. 3 
und in Jos. Frank's Gesundheitstaschenbuch), J.A.Schmidt in 
Wien (Röschlaub's Magazin IV. 2), F. E. Holst (ibid.), Pop, 
Herausgeber einer Tabelle nach der Erregungstheorie, sowie andere 
Verfasser in verschiedenen Werken, z. B. Rath, Beitrag zur Be- 
handlung der Blulficisse (durch stärkende Mittel) in Werner 's 
Apologie s. unten (von Hörn sehr gelobt) und in Jos. Frank's 
Gesundheilstaschenbuch. Andere Brownianer finden sich noch bei 
Werner. 



195 



Anwendung der Erregnngstheorie auf die Arzneimittellehre. 

Wie Brown seihst sich ein leichtes Spiel mit der Arznei- 
mittellehre machte und diese ohnehin in den Pfuhl der Einpirio 
versunkene Disciplin vollends in den Schlamm trat, so hatten seine 
Nachbeter ein noch viel leiclitercs Unternehmen , wenn sie mit gerin- 
ger Zuthat oder Veränderung sämmtliche Arzneien in die von ihm 
angegebenen zwei Klammern einschlössen. So verhält es sicli mit 
C. Ch. Heinrich Marc '*®) (über Gifte), der Brown blos zum 
Aushängeschild braucht; ebenso mit dem Versuch eines Anony- 
mus**^), die Mittel in reizende (l. ernährende, 2. anhaltende, 3. näch- 
tig stärkende) und in schwächende (l. mittelbar, 2. unniillclbar 
schwächende) einzutheilen ; ferner mit der geistlosen , obgleich nicht 
ganz streng Brown'schcn Conipilation eines Mol w i tz ^^'^). So ver- 
fasste auch Joseph Sal. Frank, Verfasser der Obscrvationcs circa 
res geslas in clin. inslit. Vindob. A. 1796 und 1797, denen Peter 
Frank selbst (Salzburger Zeitung 1797. Nr. 9) Glaubwürdigkeit und 
Beobachtungsgabe absprach, einen Versuch einer Arzneimittel- 
lehre^^^), in welchem das Alte neu aufgeputzt erscheint, die Mittel in 
allgemeine (stärkende und schwächende: a) millelbar durch Ent- 
ziehen gewohnter Reize, b) unmittelbar durch Emetica, Laxantia, Blut- 
entleerung) und örtliche eingetheilt werden. Man mache sich 
einen BegrilF von dem Werthe dieses Produktes, wenn Acrien, Can- 
tbaridcn, Quecksilber, Antimon zu den durchdringend nicht flüchtigen, 
Laxantia, Emetica, Anlhelmindiica zu den örtlichen Mitteln gerechnet 
werden. — >'achdem auch der Entwurf von .1. J. Loos*^-), obgleich 
zweimal aufgelegt, verunglückte, regte sich ein besserer Geist in 
Ernst Horn's^^^) und W. H. G. Remer's ^^*) hierher gehörigen 
Schriften, indem Ersterer (s. unten) neben seinen reizvernjehrenden 
(vom 1., 2., 3. Grade) und (direkt und indirekt) reizmindernden 3Iil- 
teln die sogenannten cliemiscii-pharmakodynamisclien Unterabtheilun- 
gen der guten alten Zeit gellen lässf und die in einem früheren '\^'erke 
verworfene Specificität der Mittel liier vertheidigt, wahrend Letzlerer 
auf Dauer und Stärke der Vt irkung, auf den enthaltenen Sioff und die 
specifische ^yirkung auf Gcfässe, Nerven u. s. w. eine nach dem 
Verhältniss der damaligen und zum Theil leider noch heutigen BegrilTe 
lobenswerthe lUicksicht nininit. So schwankend aber waren be- 
sonders in letzterer Beziehung die Meinungen, dass während C. F. 
Speyer ^^^) nach Röschlaub, ScheUing, Streng die Nicht- 

13 = 



196 

existenz der Specifica behauptete, ein Anderer, J. B. Nagel^^^), ihre 
Existenz sogar aus der Einiheilung von sllienischen und asthenischen 
Mitteln beweisen v^ill, — denn was Hesse sich nicht Alles in der 
Medicin beweisen! — Beiläufig sei hier erwähnt, dass auch S. G. 
Vogel sich in der Vorrede zum V. Theil seines Handbuchs der 
practischen Arzneiwissenscliaft (Stendal 1795 — 1800, Seite IV.) im 
Allgemeinen günstig für die neue Lehre ausgesprochen hat. 

Bios formelle Anwendung der Erregungstheorie. 

Am formellsten endlich erscheint die Anwendung der Bro\>n'- 
schen Principien, indem sie blos für die Terminologie und oberfläch- 
lichs'e Einlheilung dienen, in den Schriften über Kinderkrank- 
heiten von F. Jahn^^^j (alte Einlheilung unter den neuen Oberbe- 
griffen; luconsequenzen gegen Brown'sche Behandlungsweise), C. B. 
Fleisch und Joseph S ch n ei d e r ^^^). Geradezu unwissen- 
schafllich sind die chirurgiscben Vorlesungen nach Brown von 
.1. Weiss ^^^j, und in einer anonymen Ge is t eslehr e ^'^^) be- 
stehen die auf dem Titel vielleicht als Lockvögel angegebenen 
Brownes 'hen Principien blos in der Annahme von Reizen und Reizbar- 
keil (neben Organisation und Geislesfähigkeit) und von Reizlosigkeit 
und Ueberreizung bei den einzelnen psychischen Aeusscrungen, Nicht 
viel höher steht Lenhossek in seiner orthodoxen Befolgung Dar- 
w i n's , W ei k ar d' 3 , Jacob 's und Rösch 1 a u b's, besonders da 
doch Kant die Bahn gebrochen hatte. — Das Verzeichniss der hierher 
gehörigen, dem Einlluss der Mode folgenden Schriften könnle leicht 
noch vermehrt werden, es unterbleibt aber besser, da der "^^'issen- 
schaft mit diesem Motive nicht gedient wird. 

2) Anhänger mit selbstständiger Hallung. 

Konnte uns weder die Zahl noch der Geist der eben erwähnten 
Anhänger des neuen Systems ein günstiges Vorurlheil für dasselbe 
beibringen, so ist diess auch da nicht einmal möglich, wo grössere 
Selbs ts t an dig k e 1 1 und Denkfreiheit herrscht, weil eben 
aus der grossen Mannigfaltigkeil der Ansichten die Unzulänglichkeil 
der Theorie und aus den unendlichen Modilicationen, die mit mehr 
oder weniger Grund allseilig angebracht wurden, die Unsicberheit 
der Grundsätze, das Schwankende der Basis, die Inconsequenz und 
Deulbarkeit der Lehren hervorsticht. So trennten sich die selbst- 
ständigeren Anhänger in viele Pailheicn, zeigte sich Zwiespalt im 



197 

Lanier der Verbündeten, ebenso wie in dem der Gegner. Wie hier 
Altgläubige (llippokraliker, Galenislen), Chemiafriker , lalronuitliema- 
tiker, Ilalleriancr , Cullenisfen, Slollianer, Boerhaavianer , Gaubianer, 
Keilianer und Eklektiker auf der einen Seite standen, spaltete sich die 
in gewisser Hinsicht jeder dieser Pariheien opponirle Schaar der 
Brownianer in fast eben so viele Sectionen , als sie Individuen von 
selbstständiger Geisteskraft zählte. Daiier linden wir neben ortho- 
doxen Brownianern (oder Erregnngstheoretikern) Andere mit ge- 
ringeren oder stärkeren Modificationen Brown's oderKösch- 
laub's als .\nhänger der sogenannten ächten, neuen, modifi- 
cirten, verbesserten, geläuterten Erregungstlieorie, welche 
sich sogar des Namens Brownianer im Bewusstsein ihres Fortschrittes 
zu schämen anhngen, oder wir stossen auf Co m b in i s t en , welche 
die alte Schule , insbesondere die Humoralpathologie, oder die 
Ansichten Reil's oder die früheren Ansichten Schelling's nach 
dem Vorgang Rösch laub's in späterer Zeit oder endlich die weiter 
entwickelte Naturphilosophie mit der Erregungstheorie ver- 
binden und so den grossen Kampf sühnen wollten. Endlich aber 
treffen wir auch Eklektiker, welche aus allem Splitterwerk ein 
Ganzes zu zimmern sich abmühten. Wer diese Zersplitterung recht 
erkennen will, der halte sich an die praktische Ausführung der 
Brown'schen Curregeln, da sie hier wegen der Individualisirung iu 
einzelnen Fällen nothwendig stärker hervortreten und wirkliche Gestalt 
annehmen niusste. Die Einen gaben nämlich vor Brownisch zu be- 
handeln , während sie den Grundsätzen der Alten folgten; die Andern 
verfuhren in einigen Fällen ßrownisch, in andern nicht; noch Andere 
führten ein erbauliches juste milieu ein oder behandelten milder als 
Brown, oder sie übertrieben wohl auch. Um aber den Wirrwarr 
zu vollenden, stellten sich Einige unter den Gegnern, als verführen 
sie nach der alten Methode, während sie im Grunde Brownianer wa- 
ren. Wie natürlich dachten dabei die Meisten recht rationell zu 
handeln, wenn sie sich einbildeten, ihre Therapie in gewissen „in- 
neren" Zusammenhang mit den Fundamentalgesetzen Brown's ge- 
bracht zu haben; Andere bekümmerten sich um diese gar nicht und 
behandelten , wenn auch nicht immer unglücklicher , doch scheinbar 
empirischer. Eine grosse Anzahl endlich begnügte sich damit, sich 
auf die Autorität des Meisters zu berufen. Wir können uns aber eine 
weitUiuligere Schilderung dieser wohl manches Nachtslück liefernden 
Behandlungsweise ersparen, da sie aus der vorhergehenden Darslel- 



198 

lung, aus dem Systeme selbst und aus den sogleich anzugebenden be- 
sonderen Meinungen der Erregiingstlieoretiker, zu denen die Praxis 
wie leider zu oft nur den Appendix bildet, leicht von selbst abstrahirt 
werden kann. 

a) Anhänger der Erreguy\ gstheorie mit besonderen 
Modificat ionen. 

Wir lernen hier die verscbiedeiisfcn Färbungen kennen. G. F. 
Krauss^^-^J ordnet dem Brown'schen System Hu fela n d's , Reil's 
u. A. Ansichten unter; C. J. Herrmann^^^) behandelt die Wechsel- 
fieber Brownisch, aber mit Einschränkungen, giebt z. B. Laxantia. 
Der Pseudonyme Stolper tu s ^^*) (May in Mannheim), der sich mit 
Brown in einer sehr gefälligen und doch acht wissenschaftlichen 
Manier beschäftigt, stellt vernünftige Zweifel am Krankenbette auf und 
sucht dem Brown'schen System eine rationellere Basis und festere 
Anzeigen zu geben. Die Krankengeschichten sind belehrend. 

Viel Aufsehen erregte im Jahre 1799 C. Werner ^'^^) durch 
seine Apologie des Brown'schen Systems. Er mischt hier Lob und 
Tadel ziemlich gleichmässig und giebt neben der Anzeige Brown'scher 
und Widerlegung entgegengesetzter Schriften lehrreiche von ihm selbst 
und von Schmidt, Schenk, Kaufmann, Iberer, S a r e n k , 
Neuhauser abgefasste Krankengeschichten, ausserdem interessante 
Abhandlungen von Rath, über Missbrauch des Abführens , Blutflüsse; 
von Lafont ain e, über reizende Mittel; von Pol, über den Einfluss der 
in unsern Tagen herrschenden Theorieen auf die Behandlungsart der 
Krankheiten überhaupt und insbesondere des sogenannten Rheumatis- 
mus. Am Michtigsten dürfte für uns die authentische Berechnung 
der Sterblichkeit im allgemeinen Krankenhause zu V>\en von Jos. 
Frank sein, der nachweisst, dass diese sich trotz ungünstiger äusse- 
rer Umstände nicht vermehrt hat, dass der Erfolg für die neue Me- 
thode spricht, die Heilung schnell und ohne Rückfälle erfolge. 

Vielfach in Brown'schen Schriften erN> ahnt und theilweiss be- 
kämpft wird C. A. Es ch e nmay er ^^'^) , welcher bei Gelegenheit 
eines Versuchs, die Chemie und Pathologie ans der Metaphysik zu 
conslruiren, die Brown'schen Sätze im Abschuill über Pathologie zum 
Vehikel nahm. Der geistreiche Verfasser weicht aber in der Defini- 
tion der Krankheit so bedeutend ab, dass eben dieser Punkt eine öftere 
Polemik hervorrief. Er betrachtet Erregbarkeit und Reize wie po- 
sitiv und negativ auf einander wirkend, hält nur das Verhältniss der 



199 

Kräfte zu einander für veränderlich , die Siinime oder ihr Prodiict aber 
könne sich gleich bleiben, folglich sei in der Veränderlichkeit der 
Facf oren , da das AVachslhnm des Einen mit gleichmässiger Vermin- 
derung des Andern verknüpft sei, der Begriff der Krankheit noch 
nicht involvirt. Nach Brown bleibe das Verhältniss zwischen Reiz 
und Erregbarkeif sich in jedem Grade gleich; man müsse daher bei 
einer gleichen Summe von Erregung ein Missvcrhältniss aufsuchen, 
das in der Partialität der Reize und der Erregbarkeit gegen die Total- 
summe von beiden zu legen sei. Krankbeilen entstehen also durch 
partiell erhöhte oder verminderte Erregbarkeit, ohne dass die To- 
talsumme der Erregung geändert zu werden braucht. Es gebe sonach 
keine bloss stheiiisehe oder asthenische Krankheit und keine dem ent- 
sprechende bloss stärkende und scliwächende Heilmethode. Diese 
nur von andern als den gewöhnlichen Prämissen ausgehende fheil- 
weise AViderlegung Brown's und in specie von Röschlaub 's 
Disproportion fällt in der Hauptsache mit der Meinung Anderer zu- 
sammen. 

L. H. C. Niemeyer ^^^), ein massiger, gründlicher, licht- 
voller, leider zu früh verstorbener Schriftsteller, stellt interessante 
physiologische und pathologische Untersuchungen über willkührliche 
Bewegung, Schlaf (angehäufte Erregbarkeit des Gehirns durch man- 
gelnden Willenreiz) und über den Ersatz der Erregbarkeit an (dieser 
sei ohne practisches Interesse und unerwiesen, auch zur Stütze der 
Erregungstheorie unnölhig). 

K. Ch. Mattbaei ^^^), welcher Röschlaub, wie oben er- 
wähnt, später auf die heftigste und persönlicbsteWeise verfolgte ^^'), 
Verfasser mehrerer hierhergebörigen Aufsätze in Röschlaub's 
Magazin (IV. 1.) und Hufeland's Journal (II. 2.''), giebt in seinem 
Hanrlhuch Brown den Vorzug, ohne ilim gerade in Allem beizupflich- 
ten, opponirt sich gegen die neuere naturphilosophische Terminolo- 
gie, will die Form der Krankheit beaclitet wissen, giebt zu, dass 
die anamnesfischen und causalcn Momente auch trüglicli sind, und be- 
zweifelt, dass man aus der Disproportion dci" Facloren den Zustand 
der Kranldicit erkennen könne. .ledoch sind seine Untersuchungen 
nicht sciiarfsinnig genug, die lleilinaxiinen zu allgemein, zu wenig 
motivirt und individualisirt , die Eintheilung und Therapie der ört- 



*) Diese Al)iian(lluii<i fülnt den Titel: ,,Waun darf und soll der Arzt 
am Kraukenbette die 13estimimui<isgrüi\de seine.s Hatideliis nacii dem 
Systeme wählen?" und wird von üu fei and sehr gerühmt. 



200 

|icl:en Krankhe:!c!i zu erzwnng'en und das Pharmakologische ganz 
aphorislisch, — 

Diesem gerade entgegen stellt sicli als grösster Verehrer 
Röschlaub's, den er den Repräsentanten aller wahren Aerzte 
nennt, L. Me nde ^^°); doch hindert ihn diess nicht, gegen Rö sch- 
lau!) die vSpoiilaneität des Lehens zu verfechten, mit welcher der 
Körper auf die Reize zu seiner Erhaltung einwirke. Nach ihm giebt 
es keine Stiienie, weil jede mögliche Höhe immer noch Norm, Be- 
stimmtheit sein könne. Hypersthenie sei relative Schwäche, die nur 
dann entsteht, wenn von der äusseren Umgebung ein grösserer Theil 
aufgenommen wird, als zur normalen Reproduction nöthig war; wenn 
daher das Blut zu thätig ist, als dass eine normale Einwirkung des 
Organismus auf dasselbe stattfinden könnte. So giebt es hier noch 
viel Ilypolhelisches und Unerwiesenes, welches zwar mit Scharfsinn 
und Talent, aber mit noch weit mehr Anniassung und Selbstzufrieden- 
heit vorgetragen wird. 

Einen vollständigen und directen Versuch zur Verbindung der 
kantischen Philosophie mit den Brown'schen Grundsätzen, welcher 
von Andern nur aphoristisch gewagt wurde, machte J. Stoll^^^), 
ohne mehr als einen „Versuch" zu geben. 

K. G. Neumann 1^^), Arzt in Pirna, sucht um so strenger zu 
prüfen, je wichtiger das System ist, welches das schlaffe Band zwi- 
schen Theorie und Praxis fester knüpfte (sicl). Der Weg, es am 
Krankenbette zu prüfen , sei unsicher. Er verzichtet darauf zu er- 
klären, aber auch zur Belehrung fehlt es ihm bei aller Ueberre- 
dungskraft an positiver Basis. Neben einer mechanischen , chemi^ 
sehen und lebendigen Thätigkeit des Lebens (== Eigenschaft sich 
selbst zu bewegen) spielt auch bei ihm eine qualilas occulta die 
Hauptsache. 

Einen andern Beweis von obgleich nur bedingter Selbstständig- 
keit giebt Ch. F. Harles^^-^), der sich durch die obersten Grund- 
sätze der Erregungstheorie nicht abhalten lässt, einer guten Praxis 
zu folgen , die er gegen Fieber überhaupt und Typhus insbesondere 
bewährt. 

Einer der älleslon, treuesten Anhänger Brown's, vorzugs- 
weise bedacht auf practische Anwendung und durch seine Stellung als 
klinischer Lehrer zur Prüfung am Krankenl)elt berufen, wiewohl 
durch Mangel an Unpartheilichkeit nicht ganz dazu befähigt , war 
J. N. Thomann, Professorin Würzburg, der bereits, in Rösch- 



201 

laub's Magazin iil)er Gicht und Rheumatismus (T. 3.), über Nervenfie- 
ber (III. 1.), ''her Schlagnuss (V.l.), über Gebärmutterblulfluss (V. 2.) 
u. s. w. sich als strenger Brownianer bewies und schon im Jahr 1798 
eine Brown'sche Schrift: „de mania etc."^^*) herausgab, in welcher 
es an Irrlhümern und Widersprüchen nicht fehlt. Als ein nicht un- 
wichtiger Beitrag zur Erkenntniss der Brownschen Praxis (welche 
dieselbe Universität, wo der Verfasser wirkte, ein paar Jahre vorher 
für gefahrlich erklärt halte, — vergl. Salzburger Zeitung 1796, Bd. I, 
Seite 32), können dann seine Annales instituti clinici medici ^^■irce- 
burgensis ^^^) dienen. (Die Reflexionen sind ziemlich oberflächlich.) 
Nach diesen starben im Jahre 1800 von 331 nur 14; Murden geheilt 
265. Im Jahre 1801 betrug das Verhältniss der Verstorbenen zu den 
Geheilten 1:8, was durch feberhandnehmen der Entzündungskrank- 
heifen erklärlich wird. Im 3. Bande ist schon eine freiere Ansicht 
ersichtlich, im 4. nimmt der Verfasser auch auf Assimilation , Repro- 
duction Rücksicht, weudet daher z. B. bei morbus maculosus saure 
Mittel an. In einer Abhandlung über die Harnruhr wird vorzugsweise 
das chemische Verhältniss beachtet und so auch hier ein Fortschritt 
ermöglicht. 

Ein viel selbstsländigerer Practiker ist W. A.Fi cker, Fürstlich 
Lippescher Ilofrath und Professor der Chirurgie und Geburtshülfe zu 
Paderborn, der geradezu erklärt, die Praxis mache die strenge Be- 
folgung und AUsremeingültigkeit der Erregnngstheorie unsicher. Er 
ist aber sehr sophistisch in seinen Erklärungen, um die Consequenz 
der Theorie zu reifen, wo er in praxi davon abweicht, wie z. B. in 
der Behandlung der Bluttlüsse durch Kälte 'O^ i" der Definition der 
Entzündung, der Annahme der veränderten örtlichen Erregung, dem 
Beweis des Nutzens durch Kälte in den Bemerkungen über Oerllich- 
keit der Krankheiten, Heilung, Wirkung äusserer Einflüsse, über 
Wunden und Geschwüre u. s. w. Die Fieber handelt er nach den 
allen Benennungen ab. Im Jahr 1806 macht sich die Naturphiloso- 
phie auch bei ihm geltend, obgleich er an der Wahrheit der drei 
Systeme zweifelt. Dynamik, 3Iechanismus und Chemismus greifen 
bei ihm in einander, sind aber den von Röschlaub entlehnten 
Grundsätzen der Erregungstheorie untergeordnet. Neben der An- 
nahme des u r s p r ü n g 1 i c h - r 1 1 i c h c n A n f a n g s aller Krank- 



*) „Kälte bewirkt eine Erhöhung der Erregbarkeit bis auf den 
Punct, wo nun schon geliiidi>re Reizmittel zur Erregung hinreichen." 



. 202 

heilen rechnen wir ihm den Wunsch nacli A r z n e i p r ii f ii n g e n an 
Gesunden und die angesehenen Vorschriften dazu als höchstes 
Verdienst und als Zeichen einer besseren Einsicht an , die ihre Ver- 
Avirklichung erst später finden sollte. 

AVic für Viele, war insbesondere auch für die Folgenden die 
Erregungstheorie nur eine üiirchgangsbildung, aus welcher sie ge- 
läuterter hervorgingen. So : 

J.W. H, Conradi^^^), Privatdocent zu Marburg, der schon 
gegen Rösch laub's Disproportion beweist ^^^), dass vielmehr Pro- 
portion zwischen Incitament und Energie da sei. Er be'iauptel, 
Thätigkeit und Receplivilät stehen in umgekehrtem Verhältniss; der 
gehörige Grad der Erregung finde statt, wenn der bestimmte gehörige 
Grad der Factoren der Errci>harkcit derselbe bleibe. Das Fieber 
erläutert er blos in Bezug auf die Form und bringt weder hier noch 
über die 3Iercuria!bereitungen etwas wesentlich von Röscblauh 
Verschiedenes. Ebenso folgt er in seiner Schrift: Pneumonie und 
Pleuritis ^^^) (1803) ganz Röschlaub, wurde aber später Eklektiker, 
besonders ein Anbänger Gaub's, und erklärte mehrmals o'Ten die 
Einseitigkeit der Erregungsibeorie ^^^). 

Auch K. Sprengel ^^^) bekannte sich eine Zeit lang zur Er- 
regungstheorie, obgleich er Krankheil ziemlich eklektisch als Abwei- 
chung von der normalen Form, dem normalen Verhältniss der Urstolfa 
und der Kräfte des lebenden Körpers bezeichnet. Hauptsäclilich 
Solidarpatholog unterschied er Reizbarkeit von iScrvenkraft, ver- 
einigte aber beide in der Lebenskraft, die ihm mit Erregbarkeit iden- 
tisch war. (Vergleiche die Vorrede zu dem genannten Werke, worin 
er sich selbst zur Erregungstheorie bekennt , und siehe Geschichte 
der Arzneikunde. S.Auflage. Halle, 1828. Band V. Seite 446.) 

Einer der thäligsten Verfecliter der neuen Lehre war der Wür- 
lembergische Hofmedicus, später Baierische Medicinalrath F. W. von 
Hoven, obwohl ihm gerade Originalität gänzlich abgeht. In seiner 
Vertheidigung der Erregungsibeorie gegen einige hauplsächliche 
Einwürfe ^^^) weicht er nur darin von Rö scb la u b ab, dass er den 
Grund der Erregl)arkeit in Mischung und Form (Anklang an Reil) 
setzt und neben der reizenden Wirkung noch eine mechanische an- 
nimmt; sonst wiederholt er für Br own, was schon als nichtssagend' 
abgewiesen worden ist, und geht in seiner Anhänglichkeit an ihn so 
weit, dass er selbst den mittlerweile von Röschlaub gemachten 
Fortschritt übersieht. Die Vorzüge der Biown'schcn Praxis sucht er 



203 

ein Jalir späfer ^^^) in Berücksichtigung- der Ursachen, in der hypo- 
thesenfreien Behandlung, ferner in der Bestimmung des Grades der 
Scinväche und Stärke, in rationeller Verabreichung der Roboranüa, 
Incitantia, Narcotica, 3Iefallica, mit welchen der Nichtbrownianer 
in slhenischen Zuständen viel schade, in Vermeidung des Missbrauches 
schwächender Mittel, in richtigCF Anwendung der Gegensätze rei- 
zender odiT scliwächender Mittel, in der Erkennlniss, dass das Spe- 
cifische der Mittel nur auf dem richtigen Verhällniss der HeizUraft und 
Erregung beruhe. Daher ist nacii ihm der Brownianer glücklicher, 
weil er weder an Form noch Theil , sondern nur an die Natur der 
Kranklieit gebunden ist (man sieht, wie der menschliche Verstand die 
grösslen Irrlhümer sich zum Ruhme anrechnet.'). Andere (und zwar 
nicht eingebildete) Vorzüge sieht der Verfasser in der Anwendungs- 
weise der kühlenden Mittel , in der Beschränkung des Aderlasses, 
der Evacuantia (besonders bei Gastricismen, Hydrops, Ausschlägen, 
Profluvien), der l)ia|)horelicaundDiuretica, welche Letztere janur ande- 
ren Arzucimilteln gleichstehen. Natürlich wird wie von jeder Methode 
auch von dieser gerühmt, sie sei rationeller, heile schneller und öfte- 
rer, und die Gegenparlliei ward mit dem Ehrentitel ,, Empiriker" be- 
legt. Die in dieser vorzugsweiss praclisch gehaltenen Schrift enthal- 
tenen Wahrheiten würden aber gewiss einen grösseren Effect machen, 
wenn der Verfasser auch die Schattenseiten der Brown'schen Praxis 
geschildert hätte. Dass er diese erkannt hat, sieht man ans dem 
später erschienenen neuen medieinischen Handbuch der practischen 
Heilkunde*^*), auch ohne das offene Bekenntniss des Verfassers, 
weil hier trotz der Zugrundelegung von Brown und Röschlaub 
die besseren Ansichten eines Reil, Hufeland, Sprengel, beson- 
ders auch Peter Frank's benutzt sind'-'). Einen noch geringeren 
Werth wegen mannigfacher Inconsequenzen , Sophismen"'*) und Wi- 
dersprüche, die durch das Bestreben, das Gleichgewicht zwischen der 
sinkenden und steigenden Wagschale des Alten und Neuen aufrecht 
zu erhalten, hervorgerufen werden, haben seine Grundsätze der 



^*) Die Jahrbücher von Marcus und Scheiliiig (2. Band, 2. Stück, 
1807) sagen in einer Kritik hierüber ziendich beif;send : „~^^ seien aus 
einem JManuscript von Jos. Frank allgeschrieben; da er nun auch aus 
Reil u. A. entlehnt habe, A\erde mau auch den zehnten Theil finden, 
so dass von allen Federn, in die er sich gekleidet, nur eine einzige 
übcig bleiben wird, nändich die, mit der er abschrieb." 

^ **) Sü rechnet er zu den po.-itiv schwächenden Mitteln: Säuren, 
Opium, Castoreum, Moschus; da diese aber mittelbar das Gefässsystem 
erhöhen, dürfen sie nicht bei Sthenie gegeben werden. 



204 

neueren Heilkunde vom Jahre 1807 ^^^). Im Jalire 1810 endlich ^^^y 
sehen wir ihn bei Gelegenheit seiner Fieberiehre schon ganz von 
Brown abgewichen auf dem guten alten Wege der „Erfahrung", 
der damals noch viel leichter zu begehen war, als jetzt. Schade, 
dass der Verfasser die urspriingliclie Oerilichkeit der Krankheit, die 
er früher ausgesprochen, nicht, hier in weitere ßelrachtung ge- 
zogen hat. 

Zu den Befähigtsten in dieser Ablheilung müssen schliesslich 
noch Henke, Hörn, Hecker, ein tüchtiges Kleeblatt, gerechnet 
werden. Sie bewahrten der neuen Lehre eine Treue, die fast 
Röschlaub's Anhänglichkeit übertraf und zu verwundern sein 
•würde, wenn nicht auch bei ihuen der Brownianismus nur äussere 
Form gewesen wäre, die besseres Wissen und Handeln nicht aus- 
schloss. Nur schade, dass eine solche Herrschaft der Form nicht 
ohne gewaltigen Zwang aufrecht zu erhalten war und erst spät der 
bessern Ueberzeugung wich. 

Adolph Henke, Professor in Erlangen, durch vorzüg- 
liche Leistungen in verschiedenen Zweigen rühmlichst bekannt, 
trat vorzugsweise im Verein mit Hörn in dessen Archiv und nach 
dessen Richtung als Anhänger der neuen Schule auf. Die Göltinger 
Preisfrage des Jahres 1803 galt iliui Gelc,</c ilseil, sich über Lebens- 
kraft, Holiheit der Kranklieitsmaterie, Kochung, Krisen und kritische 
Tage in Bezug auf die neuesten Verhandlungen auszusprechen 
(s. Horn's Archiv Band IL). Seine Entscheidung ging dahin, die 
kritischen Ausleerungen als eine nicht gegründete Hypothese, die 
von sehr schädlichem Einflüsse auf die Klinik sei, hinzustellen (ebend. 
Band III.). In Hinsicht auf das Opium, welches er gegen Frank's 
Meinung auch bei directer Schwäche angewendet wissen vkill, ist er 
noch streng Brownisch (Band IV.). Dasselbe beweisen seine Ab- 
handlungen über die Rose (Band VI.). Seine Beiträge zur theoreti- 
schen und practischen Heilkunde ^^^) und die pathologischen Unter- 
suchungen über die Lebenskraft des Blutes '^®) sind mehr historisch- 
kritischer Natur zur Lehre von den Krisen. Aber während er noch 
in seinem Handbuch der Pathologie ^^^) Röschlaub und Frank 
folgte, ohne Anspruch auf die Originalität Dieser machen zu können, 
erscheint er schon im folgenden Jahre in Horn's neuem Archiv 
(Band V. über Geschwüre auch Band IX. über krampfhaftes Asthma) 
gemässigter und im Handbuch der speciellen Pathologie '^^) (1808) 
endlich tritt er mit einer von Brown ganz unabhängigen No- 



205 

sulogie in das Studium, welches ilin bald gänzlich von demselben 
losriss. 

Weil» der Geist der Erfahrung, welcher die Bemühungen eines 
Ernst llorn (vergl. oben Seile 195) denen der besten Aerzle aller 
Zeilen und unler seinen Zeitgenossen zunächst denen Ilufeland's 
würdig an die Seite setzt, sich eine Zeit lang irrte, so war dieser 
Irrthum selbst vielleicht nur bedingt durch die Erkenntniss, wie sehr 
eigentlich die praclische Medicin einer Verbesserung bedurfte. Die 
ächte Erl'alirung silzt nämlich in allen Werken Ilorn's zu streng zu 
Gericht, als ddss wir glauben solllen , die Lust am Theorelisiren , der 
er ohne practische Tendenz nie huldigte, habe ihn verführt, auch 
seine Kräfte der neueren Schule zu ^^ eihen. Eine Aeusserung Ilorn's 
bei Gelegenheit der Kritik von Henke 's Handbuch der Paihologio 
spriciil dcullich filr uns. Dort lieisstes(s. Archiv 1807): Die Erregungs- 
theorie geoe das sicherst leitende Princij) für die praclische Heil- 
kunde: ihr Zv> eck sei nie gewesen, eine allgemeine physiologische 
Ansicht aller Urganismeu zu begründen, sondern nur der ausüben- 
den 3Iedicin zur besseren und fcs-leitii Grundlage zu dienen. Dass 
das einem solchen Pracliker gerade zunächst liegende Bedürfniss nach 
w irklicher Abhülfe von dem Schlendrian der damaligen Zeit und nach 
reeller Verbesserung der Therapie der hauptsächlichste Grund seiner 
zeitweiligen Hingabe an die Lehre, welche dafür HolTnungen genug 
darbot, gewesen sei, erhellt am besten auch durch die Art, wie er 
Antheil an der Entwicklung der Brown'schen Principien nahm und 
wie der geistige Prozess der Läuterung bei ihm sich bewerkstelligte. 
So schwer es in jener Beziehung nämlich sein dürfte, ihm irgend 
einen Partheihass nachzuweisen (kündigte er doch stets sein Archiv 
mit der Bemerkung an, es sei ihm gleichgültig, ob die Verfasser der 
eingeschickten Aufsätze sich zur älteren oder neueren Schule bekann- 
ten), und so wenig man bei ihm die theorelisirende, dialektische, so- 
phistische Richtung der Begründer des Brownianisnuis in Deutschland 
wiederfindet, so leicht wird es auf der andern Seite zwischen seinen 
Zeilen immer die Bestrebungen naoh reiner faktischer Begründung der 
Brown'schen Salzungen, nicht um ihrer, sondern um der hülfsbedürf- 
ligen Wissenschaft willen, zu erkennen. Darum braucht er auch, 
nachdem seine Erfahrung ihn von diesen Abschweifungen zurück- 
gebracht halte, nichts als die lockere Form und leere Hülle aufzu- 
geben, in welcher sich der Brown'sche Dogmalismus bei ihm dar- 
stellte. Den Tadel aber, den auch er desshalb verdienen durfte} dass 



206 

er nicht sofort auf dem freieren Standpuncle der Geschichte stand 
und vom Strudel, obwohl kämpfend, sich fortreissen Hess, ein Tadel, 
der dadurch noch gesteigert werden dürfte, dass er mit grösserer 
Beharrlichkeit als die meisten seinen Zeitgenossen seinen einmal ge- 
fasslen Ansichten treu blieb; dieser Vorwurf wird dadurch wieder in 
etwas aufgehoben, dass er schon frühzeitig durch einzelne Modifica- 
lionen und Ausnahmsmaassregeln die allzugrosse Consequenz des Sy- 
slemes knickte und sich gegen dieses als ein solches von vorn- 
herein aussprach ^^'•^^-). Er fand vielmehr den Nutzen desselben 
in der einfachen Grundlage, tadelt aber die Fiebcreinllieiliing, wider- 
legt die Annahme der gemischten Schwäche, giebt Krisen und Nalur- 
heilkraft bedingt zu, wogegen er seine Uebereiustimmuug mit der 
Lehre von den gastrischen Krankheiten, die allerdings viel Widires 
enthielt, durch Beobachtungen belegte. In der Bestimmung der ört- 
lichen Krankheilen, der Fieber (er hat Fieber vom 1 — 4. Grad der 
Sch^väche) weicht er ebenso ab, als er in Definilion und Anwendung 
der Reizmittel Brownianer ist. Bei aller Vorliebe für das Opium aber 
konnte ihm der Missbrauch, welcher mit demselben gelrieben wurde, 
nicht lange verborgen bleiben ^^^) (1804), wesshalb er die ver- 
schwenderische Anwendung desselben als anlispasmodicum, sedans, 
consopiens , somniferum, sudorifenim, „tarn respectu veteris, quam 
novae medicorum doclrinae"" rügt. Dagegen war es ein verunglückter 
Versuch, namenllich in Bezug auf die örtlichen Krankheiten, die 
Grundsätze der Erregungslheorie auf die Chirurgie übertragen zu 
•wollen *^*) (1804 — 1806). In der Hauptsache iiumer noch Brownisch 
sind noch die späteren Schriften über Huhr^^^) (1806) und das mit 
Henke herausgegebene klinische Taschenbuch ^^^^). Aber die 
bessere Erfahrung gewinnt doch imn.er breitere Basis, wie aus den 
Anfangsgründen der medicinisciien Klinik (1807) '''^^) ersichtlich ist. 
Denn „der Practiker hat Manches zu Ihun, was aus der Theorie nicht 
hervorgeht, oder sogar Uiit dieser im AViderspruch steht"""-"). Und 
in dem trelflichen Progamm zur Eröffnung des klinischen Unterrichts 
in der Charite^^^) (1807) heisst es über den Werth der Erfahrung: 
„Nur die durch Erfahrung geläuterte Erregungstlieorie (nach seinen 
Anforderungen ist sie keine solche mehr) mit skeptischem Geiste 



*) In dem 2. Theile dieses höchst brauchbaren Werkes, welcher 
die chronischen Krankheiten umfasst, belehrt uns die Eintheilung der- 
selben nach dein Vorwalten der Sensibilität, Irritabilität und Repro- 
duction deutlich von dem eingetretenen Wendepunct. 



207 

angc>\cndcl, bewahrt sich z>Yar befriedigender als alle bisherigen 
Theorieeii, aber keineswegs als völlig sicher." — Wollen wir aber 
den ganzen Entwicklungsgang liorns niil einem Blicke überschn, 
so dürfen wir nur wie bei Röscblaub auf die journalislische Thälig- 
keit, in welcher sich stels das Princip der Bewegung und Fortbildung 
verwirklicht, Rücksicht neiinien. In dem Archiv für medicinische 
Erfahrung ^^^) nämlich, welches durch die Ruhe der Beobachtungen, 
durch die Klarheit der Prüfungen und durch die wahrhaft practisch- 
empirische Richtung dieses Namens sich würdig gezeigt hat, können 
wir die Forlbildung II orn's von dem ersten übermässigen Gebrauch 
der Reizmittel an (z. B. bei einem Typhus mit Stupor 1, Dr. Camph. 
in 24 Stunden nebst liq.anod., ^^'eingeist, Pfell'ermünze, trotz des stei- 
genden Widerwillens der Kranken immer vermehrt, Archiv Band I.) 
bis zum gänzlichen Lossagen verfolgen. Die Abhandlungen über Fieber 
von Schwäche mit Pneumonie (Bund I.), ü!)cr Kindl)oltiieber(::^ Fieber 
von Schwäche mit LokalalTeclion im Unterleib (Band IL), über Gelb- 
sucht (= örtliches Leiden der Leber mit Schwäche oder allgemeine 
Schwächel.ranklicit mit chronischer LokulalTeclion der Leber (Bd. III.), 
obgleich in streng Brown'scher Form und Bebandlungsweise, lassen 
doch die freiere Ansicht des Verfassers , der im Glauben an ein ge- 
schlossenes System Einseiligkeit, Intoleranz und Gefahr für die Wahr- 
heit erblickt (Band IV.), durchscheinen. Namentlich müssen wir als 
bedeutungsvoll hierfür das Hervorheben der LokalalTeclion anführen, 
da dieses eigentlich mit den Brown'scben Ansichten von den allgemei- 
nen Krankheiten im \Mdersi)ruch steht. Jedoch spielt die reizende 
Methode immer eine zu grosse Rolle, wie diess aus der Empfehlung 
warmer aromatisch-spirituöser Kräuterumschläge um den Kopf bei Sopor 
und anderen asthenischen Lokalaffectionen des Hirns (Band V.) und 
aus den Ansichten über Phlhisis puerperalis ersichtlich ist (Band VI.). 
Blit der Erölfnnng des neuen Archivs im Jahre 1805 scheint eine vor- 
urtheilsfreiere Aera auch für den Herausgeber zu beginnen, denn 
seine Erklärung an das Publikum sagt: „Die simulirle Existenz 
eines vollendeten und geschlossenen medicinischen Systemes wider- 
spreche dem Begriir der Heilkunde als einer Erfahrungswissenschaft 
und der geblendete Glaube au dasselbe w erde der Wahrheit und dem 
reellen Nutzen dieser wissenschaftlichen Kunst schaden. Ich glaube," 
heisst es weiter, „nicht weniger an die Unvollkommenheit unserer 
bisherigen Theorie und halte mich überzeugt, dtiss die Klinik, obgleich 
sie ihr unendlich viel verdankt, noch grossere Mängel offenbar wer- 



208 

den Hesse, wie es wirklich der Fall ist, wenn die reine Erregungs- 
theorie als solche und allein ohne Mithülfe einer ralion eilen 
Empirie die Regeln des speciell therapeutischen Handelns im con- 
creten Falle entscheiden sollte." Obgleich nun der Verfasser der 
Form nach immer noch der neuen Schule angehört, wie diess die Ab- 
handlungen über Hämorrhoiden (Neues Archiv I.), über Bluthusten 
(Band II.) bezeugen, so macht sich eine gewisse Unabhängigkeil der 
Therapie schon deutlicher in den Abschnitten über Ruhr (Band HL), 
über Tripper ersichtlich. Die Form der Krankheit wird von dem 
Charakter der Hypersthenie undAsthenie getrennt, dieser tritt zurück. 
Bei aller Rücksicht auf die Lokalaffection aber spielt jener Characler 
in der Behandlung noch die Hauptsache, obgleich es möglich wird, 
die gute Empirie hier unterzuordnen (über Wöchnerinnenfieber 
Band V., Ruhrepidemie Band VI., Blutbrechen Band VII.). Nachdem 
mittlerweile schon die obenangeführten Anfangsgründe der medicini- 
schen Klinik den Einfluss der Naturphilosophie , der auch hier nur ein 
äusserlicher war, dargelegt halten, sehen wir Hörn sich immer mehr 
von den Ansichten Brown's losmachen und einen um so freieren 
therapeutischen Sfandpunct einnehmen, als die neueste Schule diesen 
ganz unberührt liess. Diess erhellt aus der Classification, Characleri- 
sirung, Behandlung, z. B. in den Aufsätzen über die Herbslruhr des 
Jahres 1808, über Typhus (Band IX. 1809), wo die Kälte sehr 
fleissig angewendet wird, über Pneumonie, Rheumatismus acutus 
(Band XI.) , und in den folgenden Bänden wie in den vielen späteren 
Schriften über Nervenfieber (J814); besonders aus der Rechtfertigung 
seiner Dienstführung in der Charile (1818) und aus zahlreichen practi- 
schen Aufsätzen in der Encyklopädie der Berliner Professoren, wo ein 
unpartheiisch-eklektischer Geist der Theorie und der geläuterten 
Beobachtung herrscht, welciie die heilsamsten Früchte für das Ge- 
deihen der wahren Erfahrung in der Medicin gewährt. — Es dürfte 
am Schlüsse nicht uninteressant sein, die Worte zu vernehmen, 
welche Hörn noch vor Kurzem über sein persönliches Verhältniss 
zum Brownianismus an den Verfasser richtete; „Ich habe dem 
Brownianismns nur so lange unbedingt vertraut, als Bücher und Lehrer 
einen Einfluss auf mich zu üben vermochten. Sobald ich nur eine 
reichere Gelegenheit gewann , denselben am Krankenbette zu prüfen, 
häuften sich gar bald Zweifel auf Zweifel und schon nach wenigen 
Jahren war die Brown'sche Lehre für mein praclisches Wirken spur- 
los verschwunden." 



209 

Einen fast entffeo^engeselzlen Weg schlug- A. F. Heck er 
in seinem bekannten Journal der Tlieorie, Erfindungen und ^^ ider- 
sprüche-^^) ein. Denn erst nach einer läng-eren Zeit, nachdem 
schon Rösch laub's Einfluss nüiciitig- geworden war und nach- 
dem er früher der neuen Schule nicht ganz gewogen scliien , fing 
er an im Jahre 1802 die Lehren derselben mit Geist und Scharfsinn 
in der Form einer Geschichte des Brown'schen Systems, d. h. fortlau- 
fender Recensionen (XV. 4. XVI. 5. XIX. 1. XXI. 1. XXllI. 1. 
XXIV. 3. XXVII. I. XXVIII. 2. XXIX. 1. XXXII. 1. XXXIII. 3. 
XXXV. 2. XXXVII. 2. XLI. 3. XLIII. 2.) zu verlheidigen, ohne eben 
blind für die Nachlheile der Brown'schen Praxis zu sein, die er unter 
andern auch in Hufeland's Journal (Dand IX., Stück 1, S. 43 — 5J) 
durch ein eklatantes Beispiel belegte. lu; Jahre 1804 -"^O uni erschei- 
det ihn nur die materiellere Richtung (denn die Erregbarkeit erscheint 
als durch Mischung und Organisation bedingt) und das Zugesländ- 
niss einer ausnahm^weissen Nolhwendigkeit zum Specialisiren bei der 
Heilung, von Brown, dessen Ansichten ziemlich unvollständig wie- 
dergegeben werden. Dasselbe gilt von seinem medicinisch-practischeii 
Taschenbuche ^^^). Aber schon im Jahre 1806 '^'^^) entfaltet sich die 
oben angegebene Richtung zu einem Eklekticismus, dessen Grundlage 
die Humoral- und Solidarpathologie , die Chemie und neuere Erre- 
gungstheorie bilden. Dieser machte, nachdem im Jahre 1807 die 
reizende Methode bei Gelegenheit der Nervenfieber^^*) mannigfache 
Einschränkungen bei ihm , namentlich in Bezug auf Opium (bei ver- 
satilen Zuständen!) und die Annahme stärkender Mittel, erlitten hatte, 
im Jahre 1808^ "^^j noch merklichere Fortschritte, so dass er, trotz der 
scheinbaren treuen Anhänglichkeit an die sogenannte modificirfe Er- 
regungslheorie in den Annalen der gesammten Medicin^^^) (1810) 
und in der der Naturphilosophie feindlichen Schrift: Die Heilkunst auf 
dem Wege zur Gewisslieil ^°') , nicht mehr abgeläugnet werden kann 
und zuletzt mit einer gänzlichen Zurücklassung des Brownianismus 
seine Elemente vereinfachte. Die gediegene Kritik in dem Lexicon 
medico-practicum reale. Goth. 1822. 8. (Bd. III., Abthl.2, S. 272 — 296, 
Art. Erregbarkeit) legt hiervon ein mehr als genügendes Zeugniss ab. 

b) Anhänger der Erre gun gstheorie mit besonderen 
Covibinationen {Combi nisten). 

Wenn wir bei den Vorhergehenden meist die Anhänglichkeit 
auf einen w es ent liehen Anlheil am Ganzen beziehen konnten, der 

14 



210 

nur diircli besondere Modillcalion einzelner Satzungen Abän- 
derungen in dem ursprüngliclieu System bervorbrachle , aber dieselbe 
stets in den allgemeinsten Grundzügen und in seiner bestimm- 
ten hichtung annahm, so lassen sich bei den Folgenden diese Mo- 
dificalionen in eine besondere Fassung und Beziehung bringen, inso- 
fern sie von einem anderen Systeme oder einer besonderen 
Theorie ausgingen. Während demnach dort die Abweichung nicht 
gerade durch die Anhänglichkeit an eine besondere oppositionelle 
Richtung gebunden war, hing sie hier gewissermassen von einem zwei- 
ten Elemente, von einem Geg-ensatz ab, durch dessen Verbindung 
man das Fehlende zu suppliren, das Unvolisländige zu vervollkomm- 
nen , das Einseitige auszugleichen suchte. Daher die Combinations- 
versuche, deren nähere Motive sogleich aus der Schilderung der ein- 
zelnen hierher gehörigen Schrifisieller selbst erhellen werden. 

a. Combination mit der Humoralpathologie. 

Die Opposition, welche die Geschichte durch Brown gegen 
die überwiegende Geliendmachung der Säftelehre rechtzeitig be- 
schwor, halle sich allzusehr auf die Spitze gestellt und sich auch 
ihrerseits zum Extreme geslaltet. Die Hichtung Browns kann der 
entgegengesetzten Theorie gegenüber vorzugsweise als solidistischc 
gelten, indem sie die Saite ganzlich des Lebeiis beraubte und jede 
primäre Lebensäusserung derselben in Abrede stellte. Sehr natür- 
lieh war es daher, wenn man diesen Blangel auszugleiclien , d. h. das 
System dadurch zu einem Alles umlassenden zu machen -suchte, dass 
man auch die flüssigen Bestandtheile zu gleicher Dignität erhob. 
Man bemühte sich auf diese Weise, die Humoralpathologie mit der 
Erregungstheorie in ge\\issen Einklang zu bringen, indem man unter 
den Oberb egr iffen der Letzteren die Sä fte als innere, orga- 
nische Potenz, als belebten wesentlichen Bestandtheil des 
Organismus, als unentbehrliches Constituens der Organisation 
und Avirksames Agens der Functionen, als primär Afficirendes 
und Afficirbarcs darstellte, ihnen ihren Werth als ätiologisches und 
diagnostisches Moment sicherte und die betreffenden Indicationen und 
Heilmethoden nach ihnen einrichtete und umgestaltete. Derartige 
Bemühungen aber mussten um so zahlreicher sein, je leichter das Un- 
ternehmen einerseits erschien und je verdienstlicher andererseits die 
Ausgleichung dünkte, welche zur alten Medicin zurückführte ohne die 
vermeinten Vortheile der neuen aufzugeben. 



211 

In diesem Geiste sind die bereits 1798 erschienenen, auch in's Ita- 
lienische übersetzten Präliminarien zum medicinischen Friede'i^^^) 
abg-efasst, Avelche Brown's, Ilufeland's und Keil's Ansichten 
zu verschmelzen und in guten physiologisch-practischen Bemerkungen 
die Einseitigkeiten Jenes vermitteln wollten, ohne eben mehr zu lei- 
sten, als eine Neb en einandersIcUung und Erklärung. 

Eine blos theihveisse Verbindung des Brauchbaren von Brown 
mit der bisherigen Mcdicin versuchte J. U. G. Schaeffer in seinem 
Entwurf über Unpässlichkeit und Krankheitskeime -*^^J und im Journal 
der Erfindungen, Stück 32, Seite 50 ff., wo er mehr kritisch zu 
Werke geht. 

Einen eigenthümlichen Weg zur Vereinigung schlug Schar n - 
dorffer^'^^- ^^^) ein, indem er durch Zurückfiihrung der Humorctl- 
lehre auf aprioristische Grundsätze die Vereinigung bewirken wollte. 
Wir können aber schon a priori das Misslingen seines Versuchs erra- 
then, auch wenn wir nicht wissen , dass es ihm gerade am Bessten, 
am philosophischen Standpuncte , fehlte , der ihn nicht einmal in dem 
Hauptbestandtheil des Buchs, der Polemik, wie viel weniger in der po- 
sitiven Begründung leitet. Daher ist es erklärlich, wie er Krankheit 
als Missverhältniss zwischen Vegetation und Animalisation bezeichnet 
und die Krankheiten in die der starren und flüssigen Massen eintheilt, 
aber kaum begreiflich, wie er die Erregungstheorie als blosse 
Theorie für die Chirurgen, die Humorallehre als Theorie der 3Iedici- 
ner bezeichnen kann. Nach diesen Zügen überlassen wir es Anderen, 
seine Skizze eines neuen Systems ^^'^) zu analysiren und wenden 
uns, aber ohne eben mehr Befriedigung zu erlangen, zu dem ebenfalls 
hierher gehörigen Sim. H öchh eimer ^^^), einem abstrusen Kopf, 
der das Alle nicht fahren lassen will, das Neue nicht versteht und 
Beides nun ungeschickt zusammenleimt ohne Logik und mit noch we- 
niger Physiologie. Er hat durch seine Oberbegriife, Atonie und Reiz- 
barkeit, auf die er Alles zurückführt, keine neue Theorie geschaffen, 
da sie auf die festen Theile, aber ohne die Fortschritte der neueren 
Physiologie und ChemieRücksicht nimmt und nach einer Schutzrede für 
die Humorallehre ganz auf dem Standpuncte Ch. L.Hof fmann's steht. 
Seine Nosologie, Materia medica und allgemeine Therapie zeugen von 
derselben Verwirrung und schwankenden Haltung. 

Unstreitig , wiewohl nicht ganz offen, vertrat dieselbe combina- 
lorische Richtung der früh verstorbene Göttinger Professor L. Ch. W. 
Cappel, welcher, merkwürdig genug, als ein Rückwärtsapostat zu 

14* 



212 

belracliten isl. Nachdem er nämlicli in seinem Beitrag zurBeurtheilung 
des Bro\Yn'schen Systems'-^*) (1797) dieses mit scharfen Waffen als un- 
anwendbar, unzureichend, unstatthaft, irrig bezeichnet hatte, kündigte 
er sich in der 2. Auflage desselben Werkes im Jahre J800 unter der 
Form eines Kritikers als Anhänger dieser Lehre an. Auch ihm gilt 
der Tadel , dass ihn die Zeitrichtung bestimmte und dass so in seinen 
Aussagen eine Halbheit und ein Mangel an Prägnanz entstand, welche 
der Differenz zwischen Wissenschaft und Mode ihren nächsten Ur- 
sprung verdankte. Neigung zur Humoralpathologie ist nicht zu ver- 
kennen, das Lob des Systems ziemlich verschwenderisch, der Tadel 
mehr versteckt und bedingt. Zu welchen Verkehrtheiten führte diese 
Richtung! Weil Brown keine Physiologie, sondern eine Theorie 
der Heilkunde schreiben wollte, brauchte er auf die Organisation 
nicht Rücksicht zu nehmen! — Der Verbindung mit Reil ist Cappel 
ebenfalls nicht abhold. Die Involvirung des Wirkungsvermögens in 
der Erregbarkeit, das umgekehrle Verhällniss Beider wird von ihm 
widerlegt, der positive Ersatz als der Beobachtung entzogen aber 
durch das Blut vermittelt dargestellt. Mangelhaft sind die Gründe des 
Verfassers gegen Hufeland's und Dömling's Meinung über die 
Flüssigkeiten und trügerisch die Schlüsse gegen die Einheit der 
Erregbarkeit, mit denen die Nichtannahme einer specifischen Ver- 
schiedenheit im Widerspruch ist. Bei Gelegenheit des Tadels über 
Brown's mangelhafte Bestimmung der Reize und ihrer Wirkung 
macht der Verfasser auf den Unterschied aufmerksam, dass einige 
Reize ihre Kraft behalten , andere nicht. Er glaubt nicht , dass zu 
heftige Reize immer erschöpfen, wohl aber, dass die von Brown 
vernachlässigte Gewohnheit einen grossen Einlluss übe. Hufeland's 
Gründe für das Qualilalive werden zu widerlegen versucht, aber 
wie! Dagegen soll als ein grosser Forlschritt die Annahme compli- 
cirter, d.h. örtlicher und allgemeiner Krankheilen dienen. Seine 
Eintheilung der Krankheiten (bei denen er auch primäre Säfteverän- 
derung annimmt) ist ziemlicli sonderbar, denn bei den örtlichen setzt 
er: l) Krankheiten der Organisation; 2) gestörte \Mrksamkeit durch 
Hindernisse, wie gastrische Uebel; 3) Krankheiten von fehlerhafter 
Erregung eines Organs. \N'o ist hier Logik, wo Physiologie? Nach 
ihm kommen auch Sthenie und Asthenie in einem Organe vor, kön- 
nen sich auch örtliche Krankheiten mit Sthenie compliciren, gelten 
Krankheiten der Erregung und (primäre) Säfleveränderungen als com- 
plicirte Krankheiten. Verständiger ist seine Annahme der Selbstheilung 



213 

der Sllienie und Aslhenio. In dem Kapitel über Brown 's Diagno- 
stik ist manches Gute, dagegen sehr ungwiiigend, was er in Brown's 
Arzneimittellehre rügt. Ist Tonisiren und Exaltiren wirklich dasselbe 
wasReizen? ist es untergeordnete Verschiedenheit, wenn einige Mitlei 
besondere Organe afflciren? Dass manche sogenannte reizwirkende 
Mittel, wieBrech-, Abfuhr-, Schweissmittel, den Reiz erhöhen , ist 
riclitig; ebenso dass Mittclsaize und vegetabilische Säuren bei Brown 
fciilcn; dass die Zahl seiner reizenden Arzneien zu gering ist, dass 
die permanenten, die specifischen und die auf die Säfte wirkenden 
„Reize" vernachlässigt sind. Was dieTIicrapie Brown's anbelangt, so 
wird die Einschränkung der Vorbauungscuren ihm nachgerühmt, die 
complicirte Ileilmelhode vermisst, die örtliche getadelt. Kälte nach 
dem Grade in allen Formen anwendbar gefunden. Dass hervor- 
stechendes Leiden eines Organes das Mittel bestimme, dass Säftever- 
änderungen , gastrische Unreinigkeiten auch bei Asthenieen Rücksicht 
verdienen, dass die nährende und reizende 3Iethode verschieden sei, 
ist nicht mehr als billig, aber zum Theil früheren Behauptungen des 
Verfassers widersprechend, nach dessen Forderungen die Grundsätze 
des Brown'schen Systems beinah durchaus genügend sind I — In 
demselben Geiste der Inconsequcnz und des Widerspruchs sind die 
im Jahre 1801 erschienenen medicinischen Untersuchungen des 
Verfassers abgefasst, die getrost der Vergessenheit anheimfallen 
dürfen-'^), wie auch aus andern theilweiss Brown'schen Schrif- 
ten ^^^~'-^^) nicht eben viel zu lernen ist. 

ß. Combination mit der Reirschen Theorie. 

Die Vernachlässigung des Materiellen und im Besondern des 
Physikalisch-Chemischen, welche dem Brown'schen System zum Vor- 
wurf gereichte , schien durch eine Combination mit den Reilschen 
Ansichten am Besten ausgeglichen zu werden. Indem nämlich Beil 
den Grund aller Erscheinungen, welche nicht Vorstellungen sind oder 
mit ihnen in Verbindung stehen, in der Ihierischen Materie und zwar 
in der Verschiedenheit ihrer Grundstoffe, in Mischung und Form 
suchte, aus diesen die Eigenschaften derselben ableitete und die Le- 
benskraft, die Einwirkung der Aussenwelt u.s.w. an die physikalisch- 
chemische Natur der Materie knüpfte, schien eine Verbindung des 
einseitig Materiellen mit dem einseitig Dynamischen die beiderseitigen 
Extreme am besten verhüten zu wollen. Leider aber war weder der 
Brown'sche Dynamismus ein solcher, der zur wahrhaften Belebung 



214 

der Materie beitragen konnte, noch auch der Reil'sche Materialismus 
bei dem damaligen Slandinincle der physikalisch-chemischen Kennt- 
nisse mehr als ein in seiner Abstraclheit der Erregbarkeit analoger 
Begriff. Die ganze Combination lief daher auf eine äusserliche Ver- 
bindung hinaus, nicht auf eine Durchdringung, und sah oft weit mehr 
einer Zersplitterung und Opposition iihnlich, wie aus dem Beispiel der 
Folgenden erhellen wird. 

Zuerst versuchte M. D et ten, Professor in Münster ^^^), Reiz, 
Mischung und Form unter gemeinschaftlichem Gesichtspunct zusam- 
menzufassen, da sie wesentliche Eigenschaften gemein haben sollen. 
Durch solche Construction des Organismus sollen sich eben solche 
Gesetze für Mischung und Form finden lassen, wie Brown für die 
Erregbarkeit fand. Es genügte dann eine einzige dynamische For- 
mel, wie in der Algebra, und man hätte nur für einzelne Phänomene 
das X und y in bestimmte Zahlen zu verwandeln. Mit solch phan- 
tastischer Ansicht vom Leben und unserer Fähigkeit, dasselbe auf 
diese Art zu begreifen, unterscheidet der Verfasser nun Organismus- 
und Säfteerregungen (erstcre zerfallend in organische und unorga- 
nische), erweckt durch M i s chun gs- oder Form- oder Brown'- 
s c h e Heize. Die normale Stärke der Erregung entspringt aus der 
normalen dreifachen Ueizconcurrenz , die normale Form aus derselben 
Concurrenz der Art und Menge nach. Die Reize Brown's zerfallen 
nun bei ihm in physische und psychische, chemische, mechanische, 
gemischte, äussere und innere, allgemeine und besondere. Die Mi- 
schungsreize entsprangen aus der Mischung eines Nerven u. s. w. Die 
Formreize sind chemisch und mechanisch, röhrig, schlauchig, bün- 
delig u. s. w. Nun gehen diese dreifachen Potenzen Combinationen 
ein, bilden Brownisch- Mischungs-, Formstärkereize und Formform- 
reize , wie z. B. indirecte Mischungsasthenie und directe Formasthenie 
eines verbrannten Fingers. Doch genug des speculativen Unsinns, 
aus welchem sich die Aufstellung der Krankheitszuslände , die Masse 
neuer scheusslicher Termini und die auf Brownsche Grundsätze hin- 
auslaufenden Curvorschriften von selbst abstrahiren lassen , — ein 
Beweiss mehr, dass das Vergnügen am Denken und Construiren nicht 
selten zu Wahnwitz führt. 

Als geringfügig für die Geschichte, trotz mancher Vorlrefflich- 
keiten im Einzelnen , übergehen wir kurz eine hielier gehörige Schrift 
des schon oben (s. Seite 196) erwähnten Fr. Jahn-^*^), ebenso eine 
andere von .1. H. Br e feld^"^^), welcher die Erregbarkeit durch 



215 

Form und Mischung bedingt sein lässt und nebenbei noch humoral- 
pathologisch ist; und eine nicht minder unbedeutende von W. F. 
D reyssi g^'-^j auf Königstein, der auch die Characlere der Krank- 
heit nach Reil's Synocha, Typhus, Lähmung abhandelt, — und 
■wenden uns zu den für uns historisch bedeutungsvolleren: Himly und 
Oberreich. K. Himly würdigt die Einseitigkeilen Brown 's 
richtig ^-^- *^'^*), nennt Reizbarkeit und Conlractilitiit , Quantität und 
Qualität, Erregbarkeit und Organisation , Dynamis und Materie als 
Gegensätze. Abweichend ist seine Definition der Stärke und 
Schwäche der Erregung wie der gemischten Schwäche, die nach ihm 
dann entsteht, wenn die Erregbarkeil so gering ist, dass der hinrei- 
chende Ersatz der Materie nicht erfolgt und trotz der geringen Erre- 
gung Abnahme der Erregbarkeit durch das Unverhältnissmässige des 
Ersatzes zu den Verlusten entsteht. Die Minderung des Ersatzes oder 
die Vermehrung spielen bei der Cur auch eine grosse Rolle. Ueber- 
haupt stehen nach ihm Erregbarkeit und Materie in einer Zirkelver- 
bindung. Durch Abänderung der Mischung und Form giebt es auch 
qualitative Abweichungen der Erregung, wie nach Verschiedenheit 
der Organisation auch Verschiedenheiten der Erregbarkeit in den be- 
sondern Theilen. In Bezug auf die Praxis bewiess er^-^), dass viele 
Aerzte grösstentheils ihre Heilmethoden in Brown wiederfanden, 
und hat sich überhaupt später der Erregungstiieorie mehr zugewendet. 
Was aber neben der asthenischen und slhenischen seine neugeschaffne 
dritte Methode, nämlich eine das Gleichgewicht herstellende, sein soll, 
bleibt sehr mystisch. Zuletzt ist auch Himly von der Erregungs- 
theorie zur Naturphilosophie übergegangen. 

Am ausführlichsten unter Diesen, wiewohl ohne Originalität 
und Geist und ohne den Stempel der Erfahrung, aber mit desto mehr 
>Villkühr beleuchlete Ch. F. Ob er reich die bei ihm in scharfer Son- 
derung getrennten Gesetze der Erregbarkeit, der Mischung und Form. 
Er bearbeitete zuerst einen Umriss der Arzneimittellehre'^-^), in wel- 
chem inhumane Angriffe auf die Humoralpathologie, auf Browns 
und seine eigenen Gegner mit höchst allgemeinen, oberflächlichen und 
unwissenschaftlichen Sätzen abwechseln. So, um nur Einiges aufzu- 
führen , muss Alles , was sthenisch wirken soll , flüchtigen Stoff ent- 
halten , sind Narcotica und Nervina idenlisch, giebt es keinen narcoti- 
schen Stoff, heisst es Vorurtheil , die Narcotica zu den Giften zu 
zählen. So hält Ipecicuanha im Pulv. Dow. die durch Opium eintre- 
tende indirecte Asthenie auf, verhalten sich die Be stus cheff'sche 



216 

Nerveiitinctiir, Und. valerianae ii. s. w. ganz wie der liquor anodynus, 
gehört Ipecacuanlia, Serpentaria, Senega, Cliamoniilla zu den ge- 
würzhaften Milteln, sind ihm Squilla, Digitalis, Rheum, Asarum, Col- 
chicum, dieAntimonialia, 3Iarlialia,Sulphur, Zincum, Bismuthum völlig 
entbehrlich und ebenso die Diaphoretica , Diuretica, Sialagoga, Vo- 
mitoria , — und wer die Cliina verlheidige, sei ein Candidat des 
TollhausesI (^Vas für ein guter Arzt muss das gewesen sein, der so 
weniger Arzneien bedurfte I) — Hierauf erschien im Jahre 180-i sein 
Versuch einer neuen Darstellung der Erregungstheorie ■^^^j , in 
welcher nur das Formale neu ist, alte Irrthümer fortgepflanzt 
werden und eigne Ideen fehlen. Die aufgestellten Begriffe sind Pro- 
ducta der gemeinsten Empirie ; mit Uebergehung der wichtigsten Sätze 
sind vorzugsweise Röschlaub und Beil zu Grunde gelegt. Mi- 
schung, Form und Erregbarkeit sind die Bedingungen der organischen 
Körper, Mischung ist die Verbindung feinerer Grundstoffe, Form die 
Verbindung gröberer, welche sichtbar werden. Die Erregbarkeit 
ist in der Mischung gegründet , ist aber dennoch eine besondere Ei- 
genscliaft. Nun werden die Gesetze dieser drei Momente im Beson- 
dern betrachtet (wobei Röschlaub eine grosse Rolle spielt), die 
festen Theile als einziges Subject der Krankheiten bezeichnet (wie 
steht es da mit der Mis chung der Säfte?), die Krankheiten selbst 
nach Erregbarkeit, Mischung und Form eingetheilt, die Fehler der- 
selben einzeln in immer strenger Sonderung beleuchtet (so z.B. leidet 
bei Syphilis, Krätze, Brüchen blos die Mischung und Form), und die 
sogenannten Gesetze der kränklichen Mischung, Form und Erregbar- 
keit obenhin entwickelt, wobei namentlich in Bezug auf Mischung und 
Erregbarkeit nur in einzelnen Füllen gegenseitiges Bedingtsein ausge- 
sprochen wird. Das übrige Pathologische wird ganz nach Rösch- 
laub aufgeführt und zuletzt mit wahrer Kunst eine Aufzählung der 
Krankheiten, je nachdem sie b 1 o s oder vorzüglich oder neben- 
bei auf kränklicher Mischung u. s. w. beruhen, bewerkstelligt. Diese 
Grundsätze wurden, nachdem er in einer Dissertation pro facultate 
legendi zu Jena 1805 ^^^) bewiesen, dass alle Krankheiten auf 
Schwäclie beruhen , von dem Verfasser im Allgemeinen Aveiter ver- 
folgt in seinem Handbuch der Heilkunst ^^^), welches nur das Cha- 
racteristische für sich hat, dass es die allgemeinen Vorschriften von 
Brown und Röschlaub specieller durchführt, durch Abhandlung 
der meisten Krankheiten nach besseren nosologischen Grundsätzen als 
bei Brown die Trennung zwischen Chirurgie und Medicin aufzuheben 



217 

sucht, sonst aber höchst empirisch einen ■wahren prac[ischen Schlen- 
drian befolgt und seine ewige Monolonic und Oberflächliciikcit in 
dem weiten myslischen Manlel der Erregungstheorie zu verbergen 
sucht. Derselbe Geist oder Ungeist herrscht in dem an die ortho- 
doxesten Zeilen des Brownianismus erinnernden kritischen Journal 
der Arzneikunst zum Bcliuf der Erregungslheorie *^^^) (1805), wel- 
ches in absprechendem Tone die llumoralpathologie verbannen, dem 
Chemismus enfgegenarbeilen und alle andern irrigen Grundsätze ver- 
nichten will. Wie sehr der Verfasser dazu besonders befähigt sei, 
hüben wir oben bereits gesehen und brauchen nur zur Characteristik 
dieses höchst erbärmliclieu, in überscll\^ änglichem, aber nichtssagen- 
dem Lobe der Erregungstheorie iiberiliessenden Machwerks die Mei- 
nung des Verfassers anzuführen: wie es fehlerhaft sei, wenn Aerzle 
gleich Pfuschern und alten >N'eibern den Speciücis naclijagenl — ■ 
Papienti sat! — Schliesslich sei hier noch ein sehr gediegenes Wort 
von V. Roose: über den jetzt herrschenden Sectengeist unter den 
Aerzten, in Horn's Archiv (Bd. 111. 1803.) erwähnt, welches nach 
Aufzählung der Gründe, warum die neue Lehre Ansloss fand, auf 
Reifs weniger dogmatischen und weniger einseitigen Weg hindeutet. 

y. Combination mit der Naturphilosophie. 

Ging endlich nicht die letzte Combination der Erregungs- 
theorie, die mit der Naturphilosophie, welche jene dem Untergange 
zuführte, anfangs von demselben Streben aus, die Einseiligkeiten 
dadurch auszugleichen , dass Chemismus und Vitalismus eine gleiche 
Berücksichtigung erhielten, dass die Spontaneität des Organismus 
gerettet wurde, dem Qualitativen neben dem Quantitativen Raum blieb 
und statt der Qualitas occulta und ihrer zwei Factoren, Receptivität 
und Wirkungsvermögen, eine Differenz der Indifferenz, eine Dreiheit 
von Kräften des Lebens geschaffen wurde? Diese sollten, eines- 
theils als Sensibilität mehr der Receptivität, als Irritabilität dem 
Wirkungsvermögen entsprechend, die subjectiven Factoren, andern- 
Iheils als Reproductions- oder Assimilationskraft mehr die Stelle des 
Objectiven vertreten. Trotz der Polarität der einzelnen anatomi- 
schen Systeme und der übrigen Theilc sollte in organischer Durch- 
dringung der jenen drei Kräften entsprechenden Actionen : der 
Electricität, des Magnetismus und des chemischen Processes, die 
Einheit des Lebens, ein Parallelismus des Organismus und der Aussen- 
welt, eine gleiche W^erthslellung fesler und flüssiger Theile ausge- 



218 

sprochen , die hauptsächlichsten Irrthümer der Erreg'ungstheorie ver- 
mieden, sie selbst einer höhern Ansicht des Lebens zugeführt werden. 
Denn es war anfangs keineswegs auf ihre Vernichtung, sondern 
gerade auf feste Begründung derselben abgesehen. Je aprioristi- 
scher und freiwaltender diese Obersiitze waren, je mehr Spielraum 
Hessen sie für die Combination des Alten und Neuen, für Beibehaltung 
und Modificirung desselben; je weniger eingreifender in die practi- 
sche Handlungsweise des Arztes, desto länger konnte diese unter jenen 
Hauptbegriffen forlbestehn und so in einer wahrhaften Bastardehe der 
Theorie und Praxis auf dem morastigen Boden einer unedlen Empirie 
fortwuchern. Je mehr endlich die Naturphilosophie durch ihre Kunst- 
sprache mit dem Schein des Wissens blendete und eine mystische 
Gestalt der Medicia und Philosophie abgab, um desto verlockender 
war die Annahme ihrer Satzungen, zumal da man in Deutschland von 
jeher aus der Hand der Philosophie den Fortschritt am liebsten an- 
nahm. Sehr bezeichnend sagt über diese Combination Ph. K. Hart- 
mann, als Verfasser einer vortrefflichen Kritik über die Naturphilo- 
sophie wie früher über die Erregungslheorie (s. unten) [von dem 
Einflüsse der Philosophie in die Theorie der Heilkunde. Eine Kritik 
des gegenwärtigen Zeitgeistes in der Heilkunde. Salzburger Zeitung 
1805. Bd. 2. S. 19j: „Die Erschütterung der Erregungslheorie öffnete 
der Naturphilosophie den Eingang. Man haschte nach einem Stabe, 
welchen ihr die Naturphilosophie bot, indem sie die Erregbarkeit 
a priori construirte. Die Unvorsichtige! Sie ahnte nicht, dass sie 
von ihrer speculativen Freundin viel schneller ihrem Untergange zu- 
geführt würde, als von allen ihren empirischen Feinden. Doch — 
wer hätte das erwartet — sie, die vorhin keinen Fu^s breit von ihrem 
Gebiete abzutreten entschlossen war, übergab nun ohne Widerrede 
ihr ganzes Reich, zufrieden, dass man ihr den Titel davon Hess." — 
Wie von der Erregungslheorie, so gilt auch von dieser neuen Phase, 
was der Verfasser ferner sagt: „So selir.es auch bei unsern jungen 
Schriftstellern zur Mode geworden ist, auf Nachbeterei im grossen 
Tone loszugehn, so war doch in der Mode nie alle Originalität und 
todte Nachbeterei so sehr herrschend, als eben jetzt, wo man es 
zum Genie hinreichend glaubt, wenn man die Terminologie der 
herrschenden Schule hersagen kann." — Als aber die Naturphilo- 
sophie mittlerweile ihre Construction vom Absoluten begann und 
dadurch ihre ganze Gestalt umänderte , „so verlor durch diese totale 
Revolution die neuere Erregungstheorie ganz unerwartet ihre Grund- 



219 

läge und wurde dadurch in die falale Verlegenheit gebracht, ent- 
weder ihr schon fertiges Gebäude wieder abzutragen und es von 
Neuem auf den Grundpfeilern der absoluten Philosophie aufzuführen 
oder sich von aller Verwandtschaft mit der neuern Philosophie los- 
zusagen, in jedem Falle aber einzugeslehen, dass ihre bisherige Arbeit, 
Avenigstens Das, was an derselben Deduction ist, die Lücke in der 
Theorie der Heilkunde nicht ausgefüllt hat." — • Weil nun die Schil- 
derung jener weiteren Forlbildung der Naturphilosophie, wodurch 
dieses endliche Schicksal der sich wahrhaft selbst opfernden Er- 
regungstheorie herbeigeführt wurde , schon in die Geschichte der 
Naturphilosophie gehört, so werden v» ir uns hier mit Ausschluss 
aller späteren, eigentlich naturphilosophischen Schriften streng 
an diejenige Phase der Naturphilosophie halten, in welcher sie noch 
vereint mit der Erregungstheorie ebenso das letzte Stadium dieser 
wie ihr eigenes erstes bildet, ohne mehr als historische, äusser- 
liche Berührungen der beiderseitigen heterogenen Lehren zu bieten. 
All den Grenzen stehen die Koryphäen Röschlaub und Sehe Hing, 
Jener, erschöpft, Abschied nehmend von der Bühne der Wissenschaft, 
Dieser als vielversprechender Heros sie muthig begrüssend. 
F. W.J. Schellin g gab zuerst bei Gelegenheit von Stieglitz's 
Recension in der Allgemeinen Literalur-Zeitung, Febr. 1799. (s. unten) 
einige Bemerkungen, aus welchen sein anfängliches Verhältniss zur 
Erregungslheorie hervorgeht. (S. Röschlaub's Magazin IL 
S. 255). Die Ursache der Erregbarkeit ist nach ihm etwas Selbst- 
etändiges im Gegensatze gegen die Ursache der Erregung (=: inci- 
tirende Potenzen), Jene ist durch sich selbst unveränderlich, auch 
von Brown in höherer Ordnung begründet, ganz aus der Sphäre 
einer unmittelbaren Aflicirbarkeit gerückt, während Die, welche sie 
unmittelbar restauriren oder exhauriren lassen, gerade die Erregbar- 
keit von aussen abhängig machen. Das Problem , wie dieses Höhere 
mittelbar oder indirect affieirt werden könne, glaubt Seh eil in g, 
werde durch die höhere Physik gelöst werden, welche das Phäno- 
men des Lebens nicht so isolirt betrachtet, wie die bisherige Physio- 
logie oder gar die gemeine Medicin. Wenn die organische 
Erregbarkeit wie die electrische ihren letzten Grund in der dynami- 
schen Organisation des Universums hälfe, so wäre die Ursache der- 
selben eben so wenig veränderlich und erreichbar wie die des Lichts, 
der Elecfricität u. s. w. , welche nur dadurch veränderlich sind , dass 
ihre negativen Bedingungen verändert werden, die allein in unserer 



220 

Gewalt stehen. Durch solche Allianz der Medicin und Physik macht 
sich Schein ng für das bis jetzt aller chemischen und physischen 
Kenntnisse entblösste Brown'sche System grosse Hoffnungen und ver- 
weist endlich auf seinen zunächst erschienenen ersten Entwurf eines 
Systems der Naturphilosophie -^^). Hier wird der Beweis zu lie- 
fern gesucht , dass die Natur in ihren ursprünglichsten Froducten 
organisch ist, Sie ist absolute Thätigkeit, nur durch ein unend- 
liches Product darstellbar, ins Unendliche gehemmt und zwar nur 
durch sich selbst. Das absolut Prodnclive in der Natur ist das ab- 
solut Hemmende aller Analysis, ist das mechanisch und chemisch 
Unüberwindliche, die Ursache aller ursprünglichen Qualität = Be- 
griff der einfachen Action. Der Zustand der Gestaltung ist der 
ursprünglichste, in dem die Natur erblickt wird (Geschlechlsverschie- 
denheit, Permanenz der Entwickelungsstufen). Da alle Producte nur 
auf verschiedenen Stufen gehemmte Producte sind, ist die Grund- 
aufgabe der Naturphilosophie die dynamische Stufenfolge in der 
Natur abzuleiten. Die Natur kämpft gegen das Individuelle. In 
allem Organischen findet eine \A'echselbestimmung der Empfänglich- 
keit für das Aeussere und der Thätigkeit gegen dasselbe Statt, jener 
durch diese, dieser durch jene. Auch die Art der Einwirkung des 
Aeussern ist bedingt durch die Art der Thätigkeit, welche die in- 
dividuelle Natur gegen das Aeussere ausübt (Röschlaub). Thätig- 
keit des Innern ist Effect der Thätigkeit des Aeussern (Brown). 
Form und Grad jener hängen von Form und Grad dieser ab. Beide 
sind wechselseitig Ursache und Wirkung. In der Thätigkeit liegt 
die Receptivität, von dieser hängt jene ab. Die chemische Phy- 
siologie slatuirt blos, dass die Thätigkeit durch Receptivität be- 
dingt sei (blosse Receptivität; kein Subject) = physiologischer Ma- 
terialismus; das System der Lebenskraft nimmt blos an, dass 
die Receptivität bedingt sei durch Thätigkeit (absolute Kraft zu 
leben; keine Receptivität) ^^ physiologischer Immaterialismus. Aber 
nur eine Verbindung Beider, d. h. ein Drittes aus Beiden ist wahr. 
Die negative Bedingung des Lebens ist Erregung durch äussere Ein- 
flüsse. Diese wird zum Irritament. Die Wechselbestimmung aber 
zwischen Receptivität und Thätigkeit ist Reizbarkeit (Synthesis 
beider obigen Systeme). Jede äussere Wirkung auf den Organis- 
mus ist indirecte Wirkung. Beide Kräfte erlangen Realität erst 
durch ihre Wechselbestimmung. Sie sind aber wie + und — ent- 
gegengesetzt; es findet ein umgekehrtes Verhältniss zwischen Beiden 



221 

Statt, Jeder Reiz ist nur Reiz, inwiefern er die Receptivilät ver- 
mindert, die Thäligkeit erhöht. Die erregenden Potenzen sind in 
der Aussenwelt zu suchen. Das Wesen des Organismus hcsleht in der 
Erregbarkeit, welche in jene zwei Factoren, Receptivilät und Thälig- 
keit, zerfällt und den Zusammenhang des Organismus mit der anor- 
ganischen Welt ausdrückt. Die dadurch gesetzte Duplicilät des Orga- 
nismus stammt aus der der allgemeinen Organisation des Universums. 
Die chemische Tliätigkeit ist nur der Tendenz nach chemisch, dem 
Principe nach antichemisch, daher die Möglichkeit eines höheren 
dynamischen Proccsses, der, obgleich nicht chemisch, doch dieselben 
Ursachen und Bedingungen hat wie der chemische Process. Brown 
vereinigte woiil jene zwei enigegengcsetzten Sysleme durch den 
Begriff der Erreg!. arkcit, verstand ihn aber nicht abzuleiten, nicht 
auf Naturursaclien zu reduciren und als höhere Kraft zu hezeichnen, 
für welche der Organismus nur das Medium, die Natur selbst ein 
Aeussercs ist. Brown hat nur die negativen Bedingungen, nicht 
die positive Ursache des Lebens erklärt. Daher die Notliwendigkoit 
einer dynamischen Organisation, einer unendlichen Involution, wo 
System in System dynamisch begrilTen ist. (Die folgenden De- 
ductiouen geben nun viel Poslulirtes.) Aus dem Begriff der Erreg- 
barkeit stammen die einzelnen Functionen: l) Sensibilität, der 
organische Thäfigkeiisquell, dessen Ursache postulirt wird, Duplicilät 
nicht mehr voraussetzt und sich in die letzten Bedingungen der >'atur 
selbst verliert (d. h. mit andern Worten , nicht erklärt werden 
kann). 2) Irritabilität (Wechsel von Contraction und Expansion), 
Object jenes Thätigkeitsquells, der Sensibilität nämlich, an welchem 
diese erkannt wird. Beide sind aber Bedingungen für einander. 
3) Productionskraft, das Erlöschen dieser Thätigkeit im Product, wo- 
durch aus dem Innern ein Aeusseres wird. Dadurch, dass diese 
organischen Functionen eine der andern untergeordnet und sich ent- 
gegengeselzl sind in Ansehung ihres Hervortretens (denn ur- 
sprünglich sind sie eins) , ist eine dynamische Stufenfolge in der 
Natur begründet. Es bestimmen sich wechselseitig mit umgekehrten 
Verhältnissen Sensibilität und Irritabilität (wo jene steigt, fällt diese, 
oder umgekehrt; bewiesen durch verschiedene Organe, Zustände, 
Organisationen). Ebenso wechselseitig bestimmen sich Sensibilität 
und Reproductionskraft, Irritabilität und Productionskraft (repro- 
ductives System). Hieraus folgt; der Organismus muss, um erreg- 
bar zu sein , mit siüh im Gleichgewicht stehen. 'NN'äre dies nicht. 



222 

so könnte keine Störung des Gleichgewichts Statt finden, kein Thätig- 
keitsquell, keine Sensibilität. Die Wiederherstellung dieser Stö- 
rung zeigt sich durch die Irritabilität. Beide zusammen sind die 
coexislirenden Factoren der Erregbarkeit. Das Product der Wieder- 
herstellung ist der Organismus selbst, Selbstreproduction ; die Ur- 
sache ist Productionskraft, die ebenfalls nur aus der Erregbarkeit be- 
greiflich ist. 

Soweit haben wir diesen ersten Entwurf Schelling's zu 
verfolgen, da hier noch Erregungstheorie und Naturphilosophie sich 
berühren. Wir verweisen die weiteren Folgerungen der verschie- 
denen Stufen der Einen Organisation aus den verschiedenen Erschei- 
nungen dieser Einen Kraft, wie die Zusammenstellung des Lichts, der 
Eleclricität, des Magnetismus und der diesen Potenzen entsprechen- 
den Processe mit jenen organischen Stufen, als enger der Natur- 
philosophie angehörend, in diesen Abschnitt der Geschichte der 
Medicin des 19. Jahrhunderts , der auch die weitere Entwickelung 
Schelling's auszuführen hat. Doch gehört als eine Modification 
der Erregungstheorie noch Schelling's Definition der Krankheit 
hieher, die sich, obgleich meist von Rösch laub entlehnt, auf jene 
Vordersätze stützt. Die Erregbarkeit könne nämlich, da sie ein 
Höheres und Selbsfständiges ist, nur durch das Mittelglied der Er- 
regung afficirt und verändert werden. Krankheit entstehe demnach 
nicht durch die Erregbarkeit, sondern durch das Verhältniss zu den 
erregenden Potenzen. Wäre aber die Erregbarkeit ein einfacher 
Factor (Brown), so würde bei steigender oder fallender rela- 
tiver Intensität der Reize im graden Verhältniss mit der steigenden 
oder fallenden Erregbarkeit das Product ein unverändertes, immer 
dasselbe sein. Es niuss demnach, um Disproportion zu erlangen 
(Röschlaub), die Erregbarkeit in die zwei Factoren zerfallen, 
welche innerhalb einer gewissen Grenze sich entgegengesetzt sind 
und ein umgekehrtes Verhältniss darstellen , während das Total- 
product der Erregung allerdings unverändert ist. (Bei Brown ist 
der Reiz Factor, bei Schell in g Ursache.) So entsteht Sthenie 
und Asthenie, die aber noch nicht Krankheit sind. Diese bildet sich 
erst, wenn der Organismus als 0])ject ein anderer wird, durch Un- 
verträglichkeit eines zu hohen Grades eines jener Factoren mit der 
Existenz des ganzen Products. Die Krankheiten selbst werden ein- 
getheilt in Krankheilen der erhöhten Sensibilität und herabgestimmten 
Irritabilität und in Krankheiten der herabgestimmten Sensibilität und 



223 

erhüllten IrritabililiiL Eine drille Classe begreifl diejenigen, wo das 
Steigen der Irritabilität nicht mehr dem Sinken der Sensibilität parallel 
geht, d. h. die Krankheiten der indireclen Schwäche des Reaclions- 
vermögens. Der Sitz aller Krankheiten ist die Sensibilität, die erste 
Stufe ihrer Erscheinungen Irritabilität; eine Veränderung beider 
Grundkräfle aber pflanzt sich bis auf die Reproduclionskraft fort. 
(Ueber Sehe Hing's Einwürfe gegen die Erregungslheorie s. 
weiter unten.) 

Dieser Rö schlaub-Schelling'schen, nur sehr kurz an- 
dauernden Enlwickelung, welche man als modificirte neuere 
Erregungstheorie ebenso oft bezeichnen hört, wie bereits als 
Naturphilosophie, gehört eine Anzahl von Schriftstellern an, welchen 
es trotz alles geistigen Aufwandes nicht besser erging, als den übri- 
gen Combinisten, die vergeblich da eine Ausgleichung und Stütze 
suchten, wo nur gänzlicher Umsturz helfen konnte. So giebt es 
auch hier statt neuer Conslruction nur eitel Flickwerk, Verwirrung, 
Inconsequenz und Haltlosigkeit, wie wir es ja bei den Meislern selbst 
nicht besser finden. Zu dieser engbegrenzten Kategorie rechnen wir 
Folgende: Schaefer in Regensburg (über den Begriff der Schwäche 
als Leitungsprincip im Heilverfahren , s. Horn's neues Archiv IV.); 
H.Ch. A. Oslhof f, Arzt inVlotho; dieser trat in seinen Beiträgen '^^^) 
und verschiedenen Journalarfikeln , besonders in Horn's Archiv 
(IV. V. etc.) , anfangs als Brownianer mit geringen Modificatio- 
nen, später als Naturphilosoph auf. In der Salzburger Zeitung 1803. 
Bd. III. S. 108. vertheidigt er die Anwendung des Opiums in der di- 
recten Schwäche gegen Frank, nimmt aber nur allgemeine Krank- 
heiten an. Wieder ein Beweiss eines Extrems, Avelches zu ganz 
andern Resultaten führen würde, als wir sie jetzt erlangt haben. 
Wahrscheinlich gehört auch hierher sein Versuch zur Berichtigung 
verschiedener Gegenstände u. s. w. ^^^), da er von demselben Jahre 
datirt ist. (Ich konnte ihn nicht erlangen). — L. A. Liffmann 
in Cassel handelt im ersten Theil seiner Ideen u. s. w. ^^^) von der 
Form (durch Wahlanziehung bedingt), Organisation (::=: Verbindung 
vegetabilischer und animalischer Materie) , Lebenskraft (= Wechsel- 
wirkung zwischen Substanz und Causalilät) , Nerven - und Muskel- 
erregbarkeit (meist nach Haller) ziemlich oberflächlich und will- 
kührlich, versucht aber erst im zweiten Theil die eigentliche Combi- 
nation der Erregungstheorie mit der Naturphilosophie , wiewohl 
ohne Erfolg. Unklarheit, Weitschweifigkeit, Widersprüche, Wort- 



224 

geklingel und Sonderbarkeiten sind die charakterislisclien Merk- 
male dieses Bachs. Mit mehr Recht aber liegt das Lebendige nach 
ihm eine Stufe höher als das Organische, bestimmt der organische 
Process die SelLshvirksamkeit der organischen Materie und diese die 
Erregbarkeit, ist ferner das Erregbarwerden nicht Folgerung aus 
der Organisation , sondern unmiltelbares Factum der ursprünglichen 
Selbstwirksamkeit. Organisation könne ohne Erregbarkeit gedacht 
werden, wie bei den Knochen, Knorpeln, Zähnen u. s. w. Wiederum 
kommen auch Gallini's Ansichten vor, denn der Lebensprocess 
besteht „in einem thäligen UntereinanderAvirken der heterogenen 
Grundbeslandtiieile der Organe, in "welchen eine Causalität für die 
potenzirende Natur Statt findet." Bei dem Mangel an philosophi- 
scher Präcision schwankt der Verfasser zuweilen zwischen Kant 
und Schelling. Die Krankheit betraclitet er in Rücksicht auf Er- 
regung, Organisation und Empfindung und stellt zuletzt, meist nur 
Röschlaub umschreibend oder zersplitternd, 65 Gesetze der Phy- 
sik des lebenden Organismus in Bezug auf Organisation, Leben, Er- 
regung, Gesundheit, Krankheit, Heilung auf, wobei sehr viel Spe- 
cielles und Untergeordnetes als oberes Fundamentalgesetz prangt. 
Dieser äussere Glanz wird aber den Jlangel an innerm Gehalt und die 
Planlosigkeit des Ganzen nicht verhüllen. 

Dahingegen ist F. X! v. Sallwürk, ein Meister in der philo- 
sophischen Deduction und Construction, nichts als Plan. Er ver- 
anschaulicht recht eigenllich das Kräftespiel der Naturphilosophie 
und ihre willkührlichen Positionen und Principien , denen sie mit 
Zwang der Realität logisch -formell Alles unterwarf, und beweist 
klar, wie wenig damit der Theorie, geschweige denn der Praxis der 
Medicin gedient ist. Sein Versuch einer naturgemässen Erklärung 
der Wirkungsart äusserer Einflüsse •^^^) leitet schon die Wirkung 
dieser, welche in chemische (durch den Grad der Reaction ver- 
schiedene) und mechanische zerfallen, von Attractionskraft, Affinität, 
Trennung der Cohäsion u. s. w. her, womit im Grunde eben nur etwas 
gesagt wird. In den Aphorismen zu einer physischen Deduction 
des Grundprincips der Erregungstheorie ~^^) wird (wie nach einer 
Bemerkung des Recensenten der Salzburger Zeitung schon früher 
der Jesuit Boscowich entwickelt haben soll) Ziehkraft = Affini- 
tät und Cohäsion, als Grundkraft der ganzen Natur im Werden, Sein, 
Umwandeln bezeichnet. Der Chemismus und der Brownianismus 
sind beide einseitig, weil die Störungen aus Anomalie durch Reize 



225 

und Miscliungsänderung zugleich enfslelicn. Die Umwandlung sei 
mechanisch oder chemisch mit und oliiie illischungsänderung. Die 
einzelnen Erscheinungen werden nun alle von dem Oberprincipe in 
mechanisch- atoniislischcr Betrachtungsweise, wie in der Corpuscuhir- 
philosophie, von der Ziehkraft nach ihrer in Dualität zerfallenden 
Richtung, Affinität und Cohäsion, wahrhaft deducirt, d.h. abge- 
zogen, denn anders als gewaltsam kann dies nicht geschehen, so 
wohlgefällig und plausibel es auch einem speculativen Kopfe er- 
scheinen mag. 

A. H. F. Gutfeldt, Arzt inAltona, welcher den Preis einer 
Aufgabe über den BegrilT der Schwäche gewonnen halle, stellle 
Untersuchungen über verschiedene Sülze der herrschenden niedicini- 
schen Lehrgebäude ^^') an, in welchen vorzugsweise Schell ing's 
Ideen walten und mit Scharfsinn gegen einige Röschlaub'sche 
Sätze gekämpft wird. Vorlrefilich sind seine Regeln über die An- 
wendung der Emelica und Laxantia , dagegen verwirft er zu excen- 
trisch die Revulsion und Derivation gänzlich und erklärt sich auch 
gegen die Namenbezeichnung der Krankheilen. Auch einige ander- 
weite Schriften ^^^- '^^'■^) dieses Verfassers sind in den llauplziigen 
naturphilosophisch. 

Im Gegensalz zu den Genannten kündigt sich J. Fries -^^), 
Privatdocent zu Jena, als einen Feind der Theorie und Speculalion an. 
Er bezeichnet die Erregbarkeit als allgemeine Form von Kriiftever- 
bindungen, die dem organischen Process zukommen, macht aber Er- 
regbarkeit und organischen Process wieder von einer besondern 
Kraft, der Reproduclionskraft, abhängig. Schade, dass trotz ein- 
zelner Lichtblicke in die bestehenden Systeme und mancher wich- 
tigen Bemerkung gegen Schellin g, das Ganze doch nur Umschrei- 
bung von Rösch laub und Sehe Hing ist und dass der Verfasser 
zwar immer von Erfahrung und Beobachtung spricht, aber sie weder 
kennt, noch das richtige Verhällniss zwischen Theorie und Praxis 
ahnt. — 

Auch C. J. Kilian strebte, obgleich durch Kritik und Ori- 
ginalität unlerstülzt, vergebens etwas Besseres zu geben als Rösch- 
laub und Sehe Hing zusammen geleistet hatten. Dies erhellt 
frühzeitig aus seiner Dissertation über die Fundanienlalmethodon 
der Therapie ^*^) (1802), noch mehr aber aus seiner vorzüglich 
gegen Röschlaub gerichteten Differenz der ächten und unächlen 
Erreguugstheorie ^^-) , worin er Denselben mit nicht gründlich ver- 

15 



226 

slandencn Schelling'schen Sätzen weitläufig zu bekämpfen sucht, 
bald aber dennoch wieder cöpirt. Indem er gerade, als Gegenstück 
zu Fries, gegen die Erfahrung ankämpft, siebter das einzige Heil 
in dem durch Speculation gefundenen Urgesetze der Natur, wozu 
i.m besslen die Naturphilosophie führe. Dass sich Röschlaub der 
chemischen Physiologie nähere (wahrscheinlich seiner Oxydations- 
theorie wegen), erfahren wir hier zuerst. In der Bestimmung von 
Sensibilität, Irritabilität und Reproduction weicht der Verfasser von 
Schellin g ab. Die Erregbarkeit führe nicht auf die Grundgesetze 
der Nalur. Auch kenne die bisherige Erregungslheorie den Begriff 
der Krankheit nicht. Ueberhiuipt sei Böschlaub's Theorie ein 
Missgritr der Elemente Brownes, der allein noch Röschlaub 
halte. Scharfsinniger als die Angriffe auf Aeliologie, Nosologie 
u. s. w. sind die auf Rösch iaub's Pathogenie; interessant aber ist 
jedenfalls die Zusammenstellung aller bisherigen, wie namentlich der 
aus der Naturphilosophie stammenden Einwürfe. Nach diesem 
kritisch- negirenden Unternehmen [denn wir übergehen hier den 
brownisch-diätetischen „Genius der Gesundheit und des Lebens" ^^^) 
und andere Schriften] folgt das positive, der Entwurf eines Systems 
der gesammten Medicin ^^*) (1802), der sich mit höchster Arroganz 
als das non plus ultra, in welchem Alles für Alle enlhalten sein soll, 
ankündigt, ohne mehr zu geben als Scbelling'sche , etwas modificirte 
und eigenlhümlich abgefasste Sätze unter dem Oberprincipe der Er- 
regbarkeit und der Herrschaft vorzugsweiss dynamischer Ansichten. 
Eben das gilt von seinen „mediciniscben Studien" '^^^) (1809), mit 
welchen der Verfasser von nun an gänzlich der Naturphilosophie 
anheimfällt. 

Denselben Weg von der Negation zur Position verfolgte 
J. Dömling, nachdem er noch vorher theils in einem selbstständi- 
gen Versuche ^*^), theils durch manche Aufsätze (wie in Horn's 
Archiv) den Säften die ihnen gebührende Würdigung hatte ange- 
deihen lassen. In bestimmter Erfassung seines (iegenstandes, trotz 
einiger willkührlichen Behauj)tungen, erklärte er diese für activ so- 
wohl unter sich als in Bezug auf feste Theile. Sie seien Mittel und 
Zweck, wie jeder andere Theil des Organismus. Für die primären 
Säftekrankheiten sprachen die contagiösen Krankheiten : Syphilis, 
Pocken, Hundswuth, die weder durch den Grad der Erregung, noch 
durch die Wirkung der festen Theile erklärbar seien. Die leidige 
Trennung des Untrennbaren aber erhellt wieder gerade aus seinen 



227 

gemischten Kranklieileii, wo, wie bei Hnrnrulir, Krebs. Scorbul, 
Festes und Flüssiges zusammenwirken (als ob dies nicht immer der 
Fall wäre). Audi sollen Gicht, Rheumatismus, Rhachitis, Gallenfieher 
nicht zu den Säflekrankheiten gehören, — ein Standpunct, der eben 
niciil auf eine liber der Zeit stehende Höhe hinweist. Als später die 
Nalurphilosopiiic auch auf ihn ihren Eiufluss äusserte, beleuchtete er 
zunächst in einer gedrängten Beurtheilung -*') die dreierlei Systeme: 
l) Popularphilosophie, ^ Kant 'sehe Philosophie (Röschlaub), 
3) transscendenlalen Idealismus, fasst dann die materialislisclien An- 
sichten (von Girtanner, Brandis, Ackermann, Darwin, 
Frank jun., Marcus), die Ideen von Leibnifz, Uiizer, 
Fla In er, besonders von Reil, Sehe Hing, Röschlaub über 
Organisation (letztere seien zu mechanisch), die Einseiligkeiien der 
chemischen Physiologie (Reil, la Metlierie, Fourcroy) und 
die Systeme der Lebenskraft (Platner, Schaeffer, Brown, 
Röschlaub u. s. w.) näher ins Auge und bleibt zulelzt auf dem 
Röschlaub-S chelling'schen Standpuncle stehen, auf welchem 
auch noch das Archiv für die Theorie der Heilkunde von J. D ö m 1 1 n g 
und J. Horsch^*^) (1804) (über Letztern s. unten) sich be- 
findet. Zuletzt aber ging er, wie schon in seinem Lehrbuch der 
Physiologie (1802) ersichtlich, ganz zu ScheUing über. Uebri- 
gens äusserte Röscblaub sich sehr feindselig gegen ihn. 

Nur eine kurze Zeit gehörte dieser transilorischen Richtung 
auch J. P. v. Tr xl er '•^*^) an, einer der thätigslen und geisireicbsten 
Naturphilosophen. Weil Hypersthenie und Asthenie nach ihm nur 
bestimmte Relationen der Factoren des Lebens sind, ohne Krankheit 
begründen zu können, hofft er die Kluft zwischen diesen Begriffen 
und dem der Krankheit auf naf urphilosophischem ^^ ege auszufüllen. 
Noch deutlicher geht dieses Bestreben aus seinem von Röschlaub 
angefochtenen Versuche aus der organischen Physik ^^^) (1804) hervor. 

In der letzten Zeit suchten endlich Burdach und Grossi 
noch einmal die bereits ziemlich verschollene Erregungstheorie durch 
die Weihe der Naturphilosophie aus dem Todesschlummer zu er- 
wecken, und zwar K. F. Burdach -^^), als Professor zu Leipzig, 
indem er in der Hauptsache Brown'sche und naturphilosophische An- 
sichten aufstellt, insbesondere aber dynamische und chemisch -ma- 
terielle, humoral- und solidarpathologische Lehren vereinigt , in der 
Aetiologie , Symptomatologie und allgemeinen Nosologie sich an 
Gaub, in der Pathogenie vorzüglich an Röschlaub anlehnt. Er-' 

15* 



228 

regbarkeit, Reizbarkeit, Bildung, Sensibilität, Irritabilität, Bestand- 
tlieile (Miscbung) und Form logisch und physiologisch anordnet *). 
E. Gr ossi ^^'^), Medicinalralh in München, nähert sich, trotz sei- 
ner Annahme von Emplanglichkeit und Wirkungsvermögen und der 
damit verbundenen naturphilosophischen Theorie im richtigen 
Eklekticismus und in wahrer philosophischer Entwickelung der Be- 
griffe der Jetztzeit weit mehr, als jenen systemholden Zeilen. 
Auch diese Periode der Erregungstheorie hat endlich in einem Wur- 
zener Arzte, B. La übender ^^^), ebenso wie der frühere Brownia- 
nismus nach Deho in G. v. Schallern (Versuche über die reizend 
stärkende Kurmethode , als die durch Erfahrung bestätigte einzige 
Ileilart gegen die Viehpest , in Hufeland's Journal III. Bd. S. 576 
— 58l), einen Repräsentanten für die Thierheilkunde gefunden. Er 
wandte diese Modification mit Geist und Gewandtheit auf besagten 
Zweig an, entfernte sich aber bereits in dem letzten Bande schon 
sehr von Brown. 

Anhangsweise , weil hier nur in einiger Beziehung die Natur- 
philosophie berührt wird , fügen wir schliesslich hinzu : F. G. 
Wetzel's Briefe über Brown's System der Heilkunde ^^*) 
(1806), in welchen Erregbarkeit als Princip verworfen, Brown 
von den Brownianern getrennt, aber ebenso oft gelobt als ge- 
tadelt wird. Ueberhaupt ist Brown eigentlich nur der Faden für 
die an Görres erinnernden mythischen Offenbarungen, Träumereien, 
elektrischen Verstandesblilze und geistreich phantastischen Re- 
flexionen des Verfassers, welche ein unbekannter Kritiker sehr rich- 
tig „eine medicinische Novelle" nennt. Seine Ideen sind lebendig, 
aber unklar und herumschwirrend, seine Beweise nicht wissenschaft- 
lich streng, viele Behauptungen grundlos, hypothetisch, luftig bis 
zum Schwindelerregen; viel Geist und Poesie, aber desto weniger 
Erfahrung, an deren Stelle platonische, paracelsische und andere 
naturphilosophische Analogieen und Bilder treten , so eigentlich mehr 
ein ästhetisches als wissenschaftliches Interesse gewährend. 

c) Anhänger der Erregungstheorie mit eklektischer 
Nebenannahme verschiedener Ansichten. 

Hätte der Eklekticisnuis bei dieser letzten Classe wie bei den 
sogleich zu betrachtenden Gegnern vom eklektischen Standpuncte 
darin bestanden, das wahrhaft Brauchbare aus den Brown'schen 



*) Ueber eine andere Schrift desselben Verfassers s. weiter unten. 



229 

Salzungen hervorzuheben und dem übrigen aus andern Systemen 
Verwendbaren einzuverleiben, so wäre diese Richtung unstreitig die 
allein zu billigende und ruhmvollste gewesen. Wir haben es aber 
hier leider nur mit Solchen zu tliun , die ohne tiefere kritische Rich- 
tung eben Alles aufnahmen, was hier geboten wurde, und so zu 
gleicher Zeit die heterogensten Meinungen adoplirten und in ziem- 
licher Zwanglosigkeit neben einander bestehen Hessen, unbekümmert, 
ob das, was sie aufnahmen, der Verlheidigung werth war oder 
ihren übrigen Annahmen entsprach. Es kann also hier von einem 
rationellen Eklekticismus nicht die Rede sein und ein histori- 
sches Interesse um so weniger in Anspruch genommen werden, als 
zu diesem Standpuncte w'eder irgend ein Mulh der Partbei, noch 
irgend eine Aufopferung oder selbstständige Reflexion nölhig war. 
Es Avürde sich hiernach das Vcrhältniss dieser Abtheilung der An- 
hänger zu den übrigen so gestalten, dass, während die sub 2. a) er- 
wähnten Brownianer dem System im Allgemeinsten huldigten und nur 
besondere Modificationen im Einzelnen anbrachten, während ferner 
die sub 2. b) gedachten Combinisten durch Vermittelung das Feh- 
lende zu ergänzen, neben dem Brownianismus noch eine bestimmte 
Richtung aufrecht zu erhallen suchten, dass, sagen wir, die 
jetzt zu betrachtende Classe ebenfalls in der Hauptsache Brown 
oder Rösch laub folgte, aber nebenbei untermischt Alles damit 
verschmolz, was nur irgend auftauchte. Diese vorzugsweise 
Beachtung der Erregungslheorie muss hier festgehalten werden, weil 
man sonst leicht in Verwechselung mit dem bessern Eklekticismus 
alle Die mitverstehen würde, welche einzelnes Vorzügliches aus 
dieser neueren Lehre in den allgemeinen Verband der "Wissenschaft 
aufnahmen. Dass die Zahl dieser Letzteren sehr bedeutend ist, 
lässt sich erwarten ; sie aufzuführen w äre nur Zeitverschwendung. 
Wir wollen aber auch im Folgenden kurz sein. 

Das oben geschilderte Juste-milieu , implicite schon bei 
vielen Andern zu errathen , wird deutlicher sichtbar bei F. A. 
Weber^öö)^ G. F. Geier^^^), J. Val. Müller ^57) „„^ An- 
dern. — G. W. Block -^^) folgte Hufeland's Beispiel, aber 
nicht mit Glück, verflocht Brown'sche Ideen mit Ansichten von 
Ritter und Reil, huldigte zugleich dem Dynamisnuis und Materia- 
lismus ohne Neuheit und Originalität, nicht ohne Widersprüche und 
Inconsequenzen. — C. Schöne *^^^) war ein Nachfolger von 
Rösch laub, Hufeland, Reil, Frank, Hecker, Cappel und 



230 

Andern. — F. L. Aiigustin ^^^) Hess in ziemlich bunter Abwechse- 
lung Brown, Röschiaub, Reil, die ältere 3Iedicin und die Na- 
turphilosophie vorüberziehen. Interessant ist die Behauptung in der 
Zeitschiift „Aeskulap" (1803), dass er, durch Brown auf den Unter- 
schied zwischen allgemeinen und örtlichen Krankheiten geführt, alle 
Krankheilen für ursprünglich local halte. — Die besste Absicht hat 
der anonyme Verfasser der Schrift: Recepte und Kurarten u. s.w.^^^) 
(1808 u. 1809), indem er die Beobachtung der Speculation vorzieht, 
zugleich auf chemische und dynamische Verhältnisse (Mischung und 
Kraft) Rücksicht nimmt. — Wie allgemein herrschend aber das 
Nebenelement der Quantität auf die Betrachtung der Krankheiten ein- 
gewirkt hatte, zeigt C. C. F. Jaeger -^^), der in seiner Abhandlung 
über Schwäche, welcher die Akademie der Naturforscher neben der 
von Gutfeldt das Accessit eines darauf gestellten Preises zuerkannt 
halle, Stärke und Schwäche als gradative Verschiedenheiten der Qua- 
litäten des Organismus ausführlich beleuchtet. 

Der Verfasser der Abhandlung in Coli e nbus ob's Rathgeber 
für alle Stände (Gotha, Jahrgang 1800): Was hat das Publicum von 
dem Brown'schen neuen Systeme der Heilkunde zu erwarten? gehört 
ebenfalls zu dieser Rubrik , mit welcher wir von den Anhängern des 
schottisch -deutschen Systems Abschied nehmen, um die direclen 
Gründe des Untergangs desselben in den folgenden Zeilen ausführ- 
licher zu entwickeln. 

III. Gegner der Erregungßtheorie. 

Wenn die Anbänger Brown's und Rösch laub's auf 
negative Weise die Erregungstheorie stürzten, indem sie so vie- 
lerlei Abänderungen , Combinationen und Uebergänge schufen, dass 
von der alten Originalität und Selbstständigkeit nichts mehr übrig 
blieb, so bewirkten dies die Gegner auf positive Weise. In 
der Geschichte beide/ "Partheien herrscht aber insofern eine gewisse 
Analogie, als das Ende hier wie dort auf eine zweifache Weise her- 
beigeführt wurde, entweder durch Hinweiss auf die älteren Satzungen 
oder durch Forlbildung der Wissenschaft auf theoretischem und 
practischem \^'ege. Eine fernere Aehnlichkeit herrscht auf beiden 
Seilen in Bezug auf den Antheil, der oft nur ein partieller war, 
dort nicht Alles annahm, hier nicht Alles ausschloss; in Bezug auf 
den Standpunct, der hier wie dort bald mehr allgemein philo- 



231 

eophisch, bald mehr speciell medicinisch, bald mehr theoretisch, bald 
mehr praclisch, bald ohne bestimmten Ausgangspuntf , bald durch 
eine fehlende Richtung; bedingt humoralpalholojrisch, materiell 
überhaupt, naturphilosophisch, eklektisch uar; endlich in ßezug 
auf die Art des Auftretens, welches bald olTen, bald versteck!, 
mehr oder weniger ■wissenschattlicli, feindselig, ja persönlich war. 
Diese Uebereinstimmung in Zweck und Art führte endlich zu einer 
Aussöhnung der Pariheien, da beide zu sühnen halten, eben weil 
sie PartlTeien waren. Denn hciss war der Kampf und allgemein die 
Theilnahme und daher kam die fruchtbringende Anregung für die 
Wissenschaft, dass Neulralität verpönt war, dass wer schwieg, darum 
nicht indifferent blieb. Doch zeigt schon meist die Art des Kami)fes, 
auf wessen Seite das Beeilt stand , wie dies z. B. bei Ilufeland und 
Röschlaub, der erst spät sein Unrecht erkannte, der Fall war. 
Im Allgemeinen war die Polemik der Gegner der Erregungstheorie 
ruhiger, überlegter, überhaupt wissenschaftlicher, während die er- 
hitzten Anhänger derselben das durch Heftigkeit und Feindseligkeit 
zu ersetzen suchten, was ihnen an Gewichtigkeit der Gründe abging. 
Da sie den Tadel nicht vertrugen, so forderten sie selbst heraus, bis 
ihr Stolz geknickt war, bis die Schaar sich in mehrere Theile spaltete 
und bis beide Pariheien auf ihrem ^^ ege zur Wahrheit sich einander 
näher rückten. Aber wie ehrenvoll auch das Benehmen der Gegner, 
welche Hohn und Triumphesruf beim endlichen Siege verschmähten, 
erscheinen mag, so hat daran doch das allmählige Nachlassen des 
Kampfes und das Bewussfsein, auch ihrerseits gefehlt zu haben, 
gewiss einen nicht geringen Antheil gehabt. Als nun endlich das 
Ungewitter sich aufliellte, der dichte Wolkenschleier sich lüftete, be- 
gannen schon die Keime sichtbar zu werden, welche in dem neube- 
ginnenden, vollends von der Erregungstheorie ablenkenden Streite 
der Naturphilosophen und ihrer Gegner einer grösseren Reife ent- 
gegengetührt wurden. 

Wir können bei dieser Abtheilung unserer Geschichte um so 
kürzer sein, als man von uns einerseits nicht verlangen wird, dass 
wir Diejenigen, welche sich jemals gelegentlich gegen den 
ßrownianismus ausgesprochen haben (und die Anzahl derselben ist 
nicht gering), namentlich auffuhren sollen und als wir andererseits 
bereits in unsern Kritiken des Brownschen Systems und der Er- 
regungstheorie wie im Verlaufe der Geschichtsdarstellung selbst die 
wichtigsten Gründe, welche gegen das System vorzubringen sind. 



232 

angegeben zu haben glauben. Daher dürfte hier eine kurze Cha- 
racterislik genügen. 

Einige gelegentliche Kritiken, welche öfters erwähnt wer- 
den, dürfen jedoch nicht übergangen werden. Sie sind enthalten in : 
.1. D. Melber, de febre putrida. Jenae 1794. (gut); U. G. Blaese, 
de virtutibus opii medicinalibus secundum systema Brunonis dubiis et 
male fundatis. Jenae 1795. (Opium nicht reizend); Mezler, Be- 
merkungen über die Vielipest. Ulm 1798; Chr. Mayr, Dispensa- 
torium universale. Wien 1798; in der anonymen Grundlage zu einer 
künftigen Zoonomie mit Vorrede von Hufeland. Jena 1798. 8. (So- 
jhismen); J. F. Lentin, medicinische Bemerkungen auf einer litera- 
rischen Reise durch Deutschland. In Briefen. Berlin 1800. (überzeugte 
sich von den practischen Missgriffen der Brownianer in Würzburg 
und Bamberg bei Thomann und Marcus); C. Ch. Er h. S chmid, 
Physiologie, philosophisch bearbeitet. 3 Bde. Jena 1801. (sehr gute 
Widerlegung einzelner Sätze; gab auch eine milde und edle Erklä- 
rung gegen Röschlaub's persönliche Angriffe in der Salzburger 
Zeitung No. 65. 1799. Bd. 3.). Aehnliches findet sich bei J, G. 
Rademac her, Beschreibung einer neuern Heilart der Nervenfieber. 
Berlin 1803. 8. (nicht ohne überzeugende Kraft und Scharfsinn); 
C. Eberh. Schelling (des Naturphilosophen Bruder), Cogitata 
nonnuUa de idea vitae hujusque formis praecipuis, Tubingae 1803. 8.; 
C. F. Becker, Abhandlung von den Wirkungen der äussern Wärme 
und Kälte auf den lebenden menschlichen Körper. Eine gekrönte 
Preisschrift. Göttingen 1804; Briefe über das Studium der Medicin. 
Leipzig 1805. (verwirft Brown's Theorie, hält sie aber doch noch 
t'.ir besser als die der meisten Physiologen); B. W. Seiler, Progr. 
de necessitate magnae in medicaminum usu copiae. Vitenb. 1805; 
G. C. Reich, Erläuterung der Fieberlehre. 2ter Bd. Berlin 1806. (ziem- 
lich unphilosophisch); S. Geiger, über die Gemeinnützigkeit der 
Heilkunst als Bedingniss ihrer Ausübung samnit einer Betrachtung des 
Einflusses der Brown'schen Heiltheorie auf die practische Heilkunst. 
Ulm 1814. 8. Vielleicht gehört auch Lieb seh , Babel in der neuern 
Heilkunde, I.Heft. Göttingen 1803. 8. hieher. (War nicht zu erlangen.) 

Unter den Kritikern , welche sich im Besondern mit der Er- 
regungstheorie beschäftigten, unterscheiden wir zuerst Solche , die 
weder durch ihre Autorität (denn auch diese gilt im Partheien- 
kampfe), noch durch ihre Gründe Eindruck machten, insofern sie diese 
meist von Andern entlehnten. Wir bezeichnen sie desshalb als 



253 



l) Gegner ohne selbstständige Haltung. 

Die unbedeutendsten darunter sind: C. A. Kisling^^'), 
Job. Lang -^*) (er vergleicht Brown mit den Jacobinern, seine 
Hypothese sei auf Licht- und Feuerstoff gegründet; — schreibt nicht 
einmal orthographisch; — rief eine Rechtfertigungsschrift hervor, s. 
Werne r's Apologie); F. J. Schellenberg -^^). Mehr An- 
spruch auf Geltung machen: G , Bemerkungen über die Brown'- 

sche Praxis. 1796. (s. Ilecker's Journal St. 23. 1797.); D. , Frei- 
müthige Briefe über das Brownisch- Weikard'sche System, von einem 
jungen Arzte in \V. , in v. Eicken's Sammlung interessanter Auf- 
sätze , 1. Bd. Elberfeld 1797. (zum Theil ungerecht) ; ein sehr feind- 
seliger Anonymus -^^) über das Brown'sche System; Lech- 
ler ^^^) (gegen mehrere von Röschlaub bereits zurückgenommene 
Sätze. Es heisst hier von dem neuen System: Desinit in piscem 
mulier formosa superne); A. W. R. H ey denr ei ch ^*^^); H. Car- 
ger^^^); J. C. Ürtlepp270). j. j. Schmidt ^'i) behandelt die 
Frage, ob Brown's Grundsätze als ein System angewendet werden 
können, faselt über Brown's Genie u. s. w. , das er lobt, will aber 
seine Grundsätze ihrer Gefährlichkeit wegen der medicinischen Po- 
lizei unterwerfen. J. Ulrich ^^-) widerlegt den Fundamentaltheil 
und einige practische Folgerungen. G. E. K let t e n ■^ ' ^), in der 
Hauptsache Stollianer, ein unerbittlicher, sehr feindseliger, aber kei- 
neswegs origineller Gegner , behauptet, Röschlaub habe blos den 
BegritT der Elasticität statt eines Lebensprincips gegeben. Die mei- 
sten Anhänger Brown's fand er im Würzburgischen, Bambergischen, 
Salzburgischen und in Jena. — Hieher gehören ferner: Anonyme 
Fragmente eines Briefwechsels u. s. w. ^'*); Medicinalrath Schu- 
bauer's in München, nicht ohne Scharfsinn verfasster, aber mehr 
Persiflage als Gründe enthaltender ,,Antiröschlaub" ^"^); M. E. C. F. 
Richtsteig^'^) (ebenfalls gegen Rösch laub); M ende in Greifs- 
walde, über Brown's Erklärung, betreffend die Entstehung der Ent- 
zündung bei allgemeinem Leiden des Organismus, und: über die Basis 
der Brown'schen Erregungslheorie, inAugustin's Aeskulap St. 2. 
1804. (sie stehe mit der Einheit der Natur im Widerspruch); Grund- 
mann, einige Ideen, den Brownianismus betreffend , inMursinna's 
Journal für Chirurgie, 1. Bd. 3. St. 1805. (sehr unbedeutend); ferner 
von Demselben: noch ein paar Worte u. s. w. , ebendaselbst 2. Bd. 
3. St. (besser, aber zu spät). H. G. Spie ring ^'^) gab einen Aus- 



234 

Zug aus Brown, nebst allen Gründen für und wider; die letzteren 
nimmt er selbst an. Jm Jahre 1810 nocli erscliien anonym eine hieher 
gehörige Sammlung von Bemerkungen über die Brown'sche Irr- 
lehre '^^^). Trotz grossen Fleisses und Belesenheit muss auch 
Ch. W. Schmid^^^) in dieser Abtheilung Platz finden, da seine 
Gründe meist denen des Vorredners C. Cl). Erh. Schmidt ähneln 
und nicht schlagend genug sind, um ihn den Besseren anzureihen. 
Der Verfasser führt einen physischen Beweis von der Nichfexisfenz 
sthenischer Krankheiten (Sthenie ist nicht Krankheit), einen sympto- 
matischen (es giebt keine Sthenie ohne Symptome von Asthenie), 
einen ätiologischen (schwächende Potenzen erzeugen sthenische, 
reizende auch asthenische Zustände) , einen therapeutischen (keine 
allgemeine Krankheit werde o'ine Reizmittel gehoben — sie! — , 
es gäbe keine eigentlich schwächenden Mittel u. s. w. Positive 
Reize wie das Blut können gar nicht vermieden werden). Was aus 
solchen Gründen fiir „Resultate" hervorgehen, ist leicht ersichtlich. 
— Die letzte hier zu erwähnende Schrift endlich ist die im Jahre 
1816 erschienene von G. Chr. Eysser ^^'^), über Asthenie und 
Hypersthenie. Cramp, Hebammenmeister und Physikus zu Meisen- 
heim , J. C. F. Bährens, Schmidtmann, Molitor, Ensler 
(Animadversiones etc. Regiom. 1799.) u. A. können fjglich über- 
gangen werden, da man von ihnen nur überhaupt Aveiss, dass sie 
Antibrownianer waren. 

2) Gegner mit selbstständiger Haltung. 
a) Gegner vom Standjyunct besonderer Systeme. 
Eine grosse Anzahl derselben entspricht der Reihe der Com- 
bi nisten unter den Anhängern, insofern diese ihre Gegengründe, 
wie Jene die Veranlassung zur Combination , gerade von einer 
besondern fehlenden Richtung entnahmen. Wir unterscheiden dem- 
nach auch hier nach den verschiedenen Ausgangspuncten der Kritik 
dreierlei Standpuncte und zwar zunächst 

a. Gegner vom Standpunct der Humoralpathologie. 
Da diese Kritiker ihre Gründe, auf deren nähere Beleuchtung wir 
bei bereits sattsam gegebenen Beurtheilungen nicht einzugehen brau- 
chen, hauptsächlich, wie sich von selbst versteht, von Vernachlässigung 
der Säfte bei Brown hernahmen, selbst aber gewissermasen nur eine 
einseitige Stellung behaupten und das System nicht in seiner Totalität 



235 

widerlegten, so konnlen auch sie nur einen untergeordneten Einfluss 
auf den Untergang des Systems üben. Unter diesen gab W. A. 
Stütz eine gute Kritik ■^^'), wobei er Brown zugleich von dem 
Vorwurfe reinigt, als-sei er nur ein Nachfolger der Methodiker. Er 
will zwar diese Theorie niciit als System gellen lassen, holTt aber 
doch eine „major mediuinalis scientiae ccrlitudo" davon. Ch. G. G ru- 
ner ^^'^) erklärt das System für unhaltbar, weil die Basis nur halb- 
wahr, der logische BegrilT ziemlich unbestimmt, die Folgerung zu 
weit ausgedehnt sei u. s. w, — Dagegen erkennt A. Trenker ^®'), 
welcher die Nerven- und Humoralpalliologie vereinigen wollte, zwar 
die Fundamentalsätze als richtig an , aber bestreitet alle Consequenzen 
als der kritischen Philosophie, der Vernunft und Erfahrung wider- 
streitend. Solcher Consequenzen zählt er 21 auf, statuirt nebenbei 
eine Schwäche der Ueizfähigkeit und Lebenskraft, deren Wesen nicht 
gehörig assimilirte Stoffe seien, kämpft mit Gaub für das Belebtsein 
des Blnles und dieEvisfenz primärer Säftekranklieiten, mit Hufeland 
für die in modo veränderte Reaction u. s. w. ohne etwas Neues, Posi- 
tiveres für seine Negation zu geben. Am wenigsten aber gelingt es 
ihm, eine rationelle Vereinigung der Humoral- und Nervenpathologie 
zu begründen. — Hierher gehören ebenfalls W. L. Becker^^*), 
H. 31. Marcard in seinem feindseligen Aufsatz über die Brown'sche 
Irrlehre. Hannoversches Magazin (Stück 32 ff., Jahrg. 1802), und im 
neuen deutschen Merkur (Jahrg. 1801) : ,,Die neue Philosophie in der 
Medicin,'' endlich G. v. W e d cki n d'^^^), der auch schon in Rösch- 
laubs Magazin (IV. St. 2. u. VII. St. 2.) sich theilweiss gegen Brown 
erklärt und zuletzt in seiner Schrift über den AVer th der Heilkunde 
(Darmstadt 1812) ganz den C. L. H of fmann'schen Standpunct ein- 
nimmt. 

ß. Vom Standpunct der Reirschen Theorie. 
Streng genommen gehört hierher nur eine, aber sehr scharfsin- 
nige Kritik von dem oben bereits erwähnten C. A. Wilmans^^^) in 
Reil's Archiv für Physiologie. Brown erfüllt ihm nämlich nur eine 
Bedingung , die Feststellung des Verhältnisses der Aussendinge, ohne 
auf die andere zum Leben nötbige , die der Organisation (Materie), 
Rücksicht zu nehmen. Der Körper sei mit einem zu ihm selbst rela- 
tiven Aussendinge, der Erregbarkeit, wie mit einer Sauce übergössen 
und diese wie die absoluten Aussendinge vollbringen das Leben. 
Dieses bleibe aber unerklärt, da erstere nur wie ein deus ex machina 
zwischen dem Körper und der Welt in die Mitte geschoben sei. Den- 



236 

noch seien die Folgerungen materialiter oft richtig. Brown' s 
Pathologie sei nur eine Pathologie der Gattungen und nur des 
Grössenverhältnisses der Reizung; seine Therapie habe die Verän- 
derungen des inneren Zustandes des Körpers übergangen. Der 
Verfasser glaubt die Entstehung dieses Systems aus einem Versuch, 
die CuUen'sche Nervenpathologie zu stürzen, ableiten zn können, die 
Reizung aber hält er für nichts Höheres, als für eine der fünfzig 
Schärfen der alten Hiimoralpathologie, denn Reizung ist das Subject, 
der Körper blosses Object derselben; der Begriff Erregbarkeit sei 
demnach ganz überflüssig. Die Behauptung : der Begriff der Slhenie 
und Asthenie sei praclisch (therapeutisch) unbrauchbar, scheint die 
obenerwähnte desselben Verfassers, wo er die Praxis Brown's 
lobt , zu widerlegen. 

Gewissermaassen können wir auch Alexander v. Hum- 
boldt's^^^) Beurllieilung hierher rechnen, da sie den Hauptfehler 
Brown's in der Nichtachtung der chemischen Verhältnisse der orga- 
nischen Materie, in der hyperphysischen Behandlung eines physischen 
Gegenstandes sieht und die Grundzüge eines vitalen Chemismus ent- 
hält, der der R eil" sehen Ansicht näher steht , als der späteren na- 
turphilosophischen. Diese Kritik ist um so beachlenswerther, als sie 
gegen einige der wichtigsten Brown'schen physiologischen und 
practischen Sätze gerichtet ist und Kraft und \yürde vereint. 

K.J. Windischmann's Aufsatz in Ilufeland's Journal (XIH. 
1. S.9.): über die gegenwärtige Lage der Heilkunde und den Weg zu 
ihrer festeren Begründung schliesst sich diesen Bestrebungen an. 

Wenn aber schon die friedliche Verbindung der Erregungs- 
theorie mit der Naturphilosophie den Anfang vom Ende jener bil- 
dete, sie um ihren wahren Werlh betrog nnd ihr nicb.ts als einen in 
den Lüften flatternden Namen Hess (indem bei blos äusserlichenBerüh- 
rungspuncten beide Richtungen zu verschieden waren, um sich nicht 
mit der Weiterentwicklung der Naturphilosophie gegenseitig auszu- 
schliessen), so war das Auftreten der wirklichen 

y. Gegner vom Standpunct der Naturphilosophie 
nur um so gefährlicher, je leichter es diesen wurde, den Rest des 
Bodens, aufweichen sich die Erregungstheorie in grösster Verzweif- 
lung noch geflüchtet hatte, ihr zu entziehen, den gültigen Folgerun- 
gen eine andere Basis zu geben nnd sie in eine ganz verschiedene 

So wurden mit der gänzlichen Umarbei- 



237 

tung des Feldes der Wissenschaft, wozu allerdings die Erregungs- 
theorie den nächsten Anstoss gegeben hatte, aus den früheren Anhän- 
gern zulelzt olTene Gegner, die um ihrer eigenen Selbstständigkeit 
und Uniii)hängigkeit Ovulen bei gereifteren Ansichten um so entschie- 
dener auftraten und in der philosophischen Deduction nicht unbedeu- 
tende Hülfsiruppen zur Widerlegung fanden. Wir haben hier zwar 
vorzugsweise S c h el 1 ing im Auge, dürfen aber auch Andere nicht 
übergehen, die zu derselben Fahne geschworen hatten' ). Wir er- 
wähnen hier: Hege wisch in Kiel, der die aslhenisirende Methode 
in asthenischen Krankheiten in H orn's neuem Archiv IV. 1. (1806) in 
einem Aufsalze über die Heilkraft der Natur verlheidigl, Krankheit als 
ungleiohniässig ausgegossene Incilation und dadurcii gesetzte Dishar- 
monie der Functionen definirt, Charakler und Form derselben unter- 
scheidet und nach dem absoluten oder relativen Ueberwiegen der 
Facloren Synocha, Torpor, Paralyse annimmt, drei Unformen der 
Krankheit: Krampf, Fieber, Entzündung, als Leiden der sensiblen, irri- 
tablen und reproductiven Faser aufstellt und die Heilungsprozesse 
durch Translocation, Wachslhum von Intension oder Extension im 
umgekehrten Verhällniss, wirken lässt. Er sagt sehr richtig: „Wer 
mit den einzigen Begriffen von Sthenie und Asthenie von der Akade- 
mie kommt, gleicht dem Kinde, das im ungewohnten Besitz einiger 
Schillinge auf den Jahrmarkt eilt und wähnt, ihm stehe Alles feil." 
Ferner gehören hierher: W. Werrlein-^^) über Incilation (nach 
D ö 11 i n g e r) ; der bereits oben erwähnte P h. J. H o r s c h ^^^) ; W a 1 - 
ther-^°) (chemischer und nalurphilosophischer Standpunct). — 

Eine umfassendere Kritik gab S. B r ei n er s dor f '-^l) (vergl. 
Literatur Nr. 92), indem er von ganz theoretisch -speculativem 
Standpuncte die hauptsächlichsten Gründe der Naturphilosophie 
zusammennahm. Besonders wird der Erregungstlieorie Mangel 
an Construclion und an Deduction aus einem höheren Principe 
vorgeworfen und das Tadelhafle der Therapie, obgleich sie an Con- 
sequenz und Technik das Beste gebe, diesem Fehler zugeschrieben. 
Die Materia medica strotze voll Empirismus , und nur in den Fort- 
schritten der speculaliven Physik sei das Heil derselben zu finden. 
Wenn in einer Wiederholung dieser Gedanken in einer späteren 
Schrift den Priestern mehr vorgeworfen wird, als dem Systeme selbst. 



♦) Wie man Einige unter den Combinisten der dritten Art be- 
dingterweise auch hieher rechnen könnte, ist schon oben angedeutet 
worden. 



238 

so weiss man nicht, ob man nicht aus der Scylla in die Charybdis 
käme, wenn man diesem Priester, dem sein Ideal noch gar nicht klar 
zu sein scheint, zu folgen in Versuchung gefiihrt würde. 

In beslimmterer Färbung der Naturphilosophie erklärte sich 
F. J. Schelver^^^) in seiner Zeitschrift für organische Physik l.Bd. 
1. St. im Jahre 1802. Aber erst das Jahr 1805 brachte die eigentliche 
Trennung beider Lehren vollends zu Wege, indem Döllinger, 
k e n , S c h e 1 1 i n g die Waffen der Naturphilosophie gegen die ehe- 
malige ßundesgenossin kehrten; zunächst J. D ü 11 i ng er ''^^^) durch 
Annahme der mechanisch-dynamischen Organisation, der Vitalität der 
Säfte, der Identität von Leben und Organisation, der Zusammenge- 
setzlheit der Lebenskraft, der unmittelbaren Erkrankungsfähigkeit der 
Reproduclion (bei Schell ing producirt das Lebensprincip die Ma- 
terie, bei Döllinger nicht, daher primäre Säftekrankheiten) ; dann 
L. Oken-^^), der die stärkende (reizende) Praxis „die würgende" 
nannte ; endlich F.W. J. S c h e 1 1 i n g , indem er die Unmöglichkeit eines 
längeren Bestehens der Erregungstheorie aussprach und ihren Unter- 
gang wirklich erzwang. Seine hauptsächlichsten Einwürfe ^^■'') 
(vergl. Röschlaub's Magazin Bd. IX, S. 308 ff. in einem Aufsatze 
von S chelling: Vorläufige Bezeichnung des Standpunctes der Me- 
dicin nach Grundsätzen der Naturphilosophie) begründeten sich auf 
Folgendes, woraus wir sogleich seine Abweichung von einer früheren 
Periode seiner Entwicklung erkennen werden: l) Brown habe nur 
eine Seite ergriffen, die relative, die eines Bestinmitwerdens durch 
andere Dinge; er habe die andere Seite unerörtert gelassen, wenn 
auch nicht ausgeschlossen. 2) Die Erregbarkeit war nur erschlossen, 
nicht an sich selbst erkannt. 3) Erregbarkeit ist nicht das Auszeich- 
nende des Organismus. 4) Die Erregung ist blos in quantitativer 
Hinsicht erfasst worden. ö) Sthenie und Asthenie können nicht 
Krankheit sein, da sie nicht Gegensätze der Gesundheit sind. 6) Dess- 
luilb wurde Stärke in Ueberstärke verwandelt, hatte aber auch 
Schwäche Ueberschwäche werden müssen. 7) Krankheit sei nicht 
blos quantitativ; Sthenie und Asthenie seien leere Begriffe. \^'enn 
diese das Wesen der Krankheit ausmachen, wie könne eine Krankheit 
bald sthenischer, bald asthenischer Natur sein? 8) Die Erregungsan- 
sicht muss die Metamorphose als unabhängig, ursprünglich und we- 
sentlich anerkennen. (Qualität; Triplicität der Dimensionen). 9) Selbst 
in der neuen Bearbeitung der Erregungstheorie w erde noch die Erre- 
gung als für sich bestehend und als Mittelglied der Metamorphose ge- 



239 

daclil. lO) Das Quantitative ist blos Accidens der Qualität. Jede 
iiusscre Einwirkung macht an den Organismus im Ganzen und Einzel- 
nen unmittelbar die Forderung einer bestimmten Dimension. 11) Das 
Quanlilalive ist nur mittelbar veränderlich. 12) Wenn die äussere Ein- 
wirkung unmittelbar nur die Dimensionen des Organismus affizirt, so 
geschitlit auch jede V'eränderung des Verhällnisses der Metamorphose 
ohne Erregung, man niüssle denn unter Erregung jene Hervorrufung 
der Dimensionen verstehen. 

Diese Einwürfe, welche Röschlaub veranlassen, sich von 
seinem ehemaligen Bundesgenossen und von dessen ehedem befolgter 
Lehre loszusagen, um sich — der Mystik zu ergeben, durften wir um 
dcsshilb nicht vorenthalten, weil sie die Quintessenz der Gründe der 
N.iturpiiilosopiien gegen den Browniiinismus bilden und mit den Ge- 
gensätzen Schellings zu früheren Meinungen den vollendeten 
Uebergang der Erregungslheorie in die Naturphilosophie deutlich 
versinnlichen. 

b) Gegner vom höheren eklektischen Standpuncte. 

Da aber die zuletzt abgehandelten Kritiker von einem speciellen 
Punkte ausgingen, der eben desshalb die Färbung einer Parlhei auf 
sie werfen konnte und den Vorwurf der Einseitigkeit nicht ausschloss, 
so mussten diejenigen Beurtheiler einen ungleich grösseren Einfluss 
haben, welche im Sinne der höheren, allgemeinen Wissenschaft mit 
rationellem Eklekticismus die Schwächen des Systemcs auf- 
deckten und besonders den physiologischen, objectiven Ge- 
sichlspunct ohne Rücksicht auf besondere Systeme und Ansichten fest- 
hielten. Diese von wahrer wissenschaftlicher Würdigung ausgehen- 
den Gegner zeichnen sich zugleich durch Mässigung , Ruhe, Klar- 
heit und durch eine Taktik aus, die in sich schon den Keim des 
Sieges trug. Wir finden nun diese Eigenschaften zwar in der ganzen 
Reihe der Folgenden wieder, aber in Keinem mehr verkörpert, als in 
dem consequentesten und letzten aller Gegner dieser Neuerung, in 
Hufeland. Desshalb schliesst gerade Er als würdigstes Wahrzei- 
chen des Triumphes der Wissenschaft die geschichtliche Darstellung 
dieser Partheikämpfe , aus welchen das lang verhüllte und verkannte 
Ideal der Heilkunst nur um so leuchtender hervortrat. 

Eine der ältesten und besten Beurtheilungen dieser Art besitzen 
wir an einer in Deutschland erschienenen Abhandlung eines Englän- 
ders Latrobe^^*) vom Jahre 1795, in welcher mit scharfen Worten 



240 

nachgewiesen wird, wie Brov\ n inconsequenler Weise mehrere Le 
bensprineipe (z. B. das chemische, wo er von Gährung, das vitale, 
wo er von Reaction spricht) gelten lässt, quiililative Reize bald zu- 
giebt, bald läugnet, Erregung bald als Actus, bald als Causa, bald 
als Leben selbst auffuhrt, wie eine indirecte Asthenie nach Brown 
gar nicht zu heilen ist u. s. w. 

Milder , aber nicht minder gründlich und von höherem wissen- 
schaftlichen Standpunct sprach sich Aug. Rin dfleis ch^^'^) im Jahre 
1799 gegen das Verhällniss der Verbindung der Philosophie und Me- 
dicin, gegen die Trennung der Physiologie von der Medicin, der 
Theorie von der Praxis, gegen die neuen Termini und Definilionen 
wie gegen die Unterscheidung des Lebensprincips vom Organismus 
und die Bestimmungen über die Erregbarkeit aus. 

Dagegen erscheint die Stellung von Fr. W.Hunnius^^®) nicht 
ganz unzweideutig, da er mehr Juste-milieu-Mann ist und gern beiden Par- 
theien genügen möchte. Es fehlt ihm bei allem Scharfsinn an Bestimmt- 
heit des Standpunctes und man sieht deutlich, wie die Gewalt der Zeit- 
richtung auch die besseren Köpfe in Fesseln schlug. Die Unbefangen- 
heit des nicht eben zu bescheidenen Verfassers ist daher oft nur eine 
scheinbare. Sein Verdienst besteht, abgerechnet von den allgemei- 
nen Angriffspuncten , die fast alle Gegner mehr oder minder berühr- 
ten, wie die Wichtigkeit der chemischen Prozesse, der Organisation 
u. s. w. , besonders im Aufgreifen des Speciellen. So läugnet er, 
dass Wirkungsvermögen und Empfänglichkeit immer im umgekehrten 
Verhältnisse stehen , nimmt directe und absolute Schwächung der Er- 
regbarkeit an und direct verändernde Mittel, setzt die Säfte als 
nächste Ursache der Gesundheit und Krankheit, obwohl sie nicht 
selbst erkranken, behauptet, dass Sthenie länger bestehen könne, 
ohne in Asthenie überzugehen. Er geisselt die Inconsequenzen der 
Brownianer in der Behandlung, glaubt aber doch, dass eine richtige 
Anwendung dieses Systems mit der Erfahrung aller Zeiten überein- 
stimme. Die Wirkung des Opiums u. a. Volatilia wird von ihm anders 
erklärt, als bei Brown, asthenische Entzündung geläugnet u. s. w. 
Seine Behandlung weicht sehr ab und er wendet bei Asthenieen laxi- 
rende, stärkende, kühlende, reizende, urintreibende und lindernde 
Mittel an. 

Die heftigsten Anhänger des Brownianismus selbst aber sprachen 
mit grosser Achtung von J. S tiegli tz's'^'^^) Anzeige verschiedener 
das Brown'sche System betreffender Schriften [Jenaer Allgemein o 



241 

Literatur-Zeifung Nr. 48 — 59, Februar 1799*)], ja nennen sie sog-ar 
„ein meisterliches Werk, nur dass er die Erregungstheorie nicht ganz 
verstehe". (l\ ö s c h I a u b ' s Inlelligenzblatt Nr. 67. Antwort darauf 
von Stieglitz im Juni, Inlelligcnzbiall Nr. 657: ,.Er habe die Erre- 
gungstheorie nicht gemeinl.") Dieses Lob verdiente er sich 
ebensowohl dadurcli, dass den Erregungstheorelikern noch viele Aus- 
flüchte durch die von ihnen beigebrachten Modificationen übrig blie- 
ben, als durch eine weise Mässigung und lUilie der Betrachtung, 
welche auch die guten Seitch hervorzuheben wusste; ferner da- 
durch, dass er die neuen und umfassenden Ansichten vom Organismus 
lobte, den Begriff der Erregbarkeit verdienstlicher als die unbcslimm- 
tend er Empfindlichkeit und Heizfäbigkeil fand, dass er dos Gesetz, nach 
welchem die vorhergehenden Heize die ^^ irkung der folgenden be- 
stimmen, das fruchtbarste dieses Jahrhunderts nannte und überhaupt 
die Entwicklung der Folgen der Reizung Brown zum Verdienst 
anrechnete. Dagegen aber erklärt er sich mit Entschiedenheit 
gegen das Wesentlichste jener Theorie und Praxis, gegen das Quan- 
titative, die Verwerfung der Ilumoralpathologie wie der unmittelbar 
stärkenden und schwächenden Potenzen , der Sedantia, Anfispasmo- 
dica , Narcotica. Er enthüllt auf das Klarste die bekannten Wider- 
sprüche dieses ,. paradoxen Systems" und zeigt, wie die Praxis nach 
dieser Theorie unmöglich ist. Diess wird bei der nun folgenden 
Anzeige der einzelnen Brown'scben Schriften durch vortreÜliche 
praclisclie Winke noch deutlicher entwickelt. Na^h dieser umfas- 
senderen Kritik, welche von beiden Seilen mit grösster Achtung hin- 
genommen wurde und auf welche man sich allseitig bezog, hatte 
Stieglitz nicht nöthig den Ifempfplatz ferner zu betreten, daher 
er auch später nur im Journal der Erfindungen einiiremale im Vorbei- 
gehen dareinsprach (vergl. St. 32.). In einer spätem Schrift: Ver- 
such einer Prüfung und Verbesserung der jetzt gewöhnlichen Behand- 
lungsart des Scharlachfiebers. Hannover 1807. fanden wir aber neben 
dem Tadel des Missbrauchs der reizenden und der Vernachlässigung 
der ausleerenden Methode doch wiederholte Anerkennung Brown's, 
indem die Untersuchung, ob eine Krankheit sthenisch oder asthenisch 
sei, für einen durch ihn erlangten Vortheil erklärt, und schon die 
gewonnene Einfachheit , Einheit und der Nachdruck der Fieberlehre, 



*) Dieselbe Zeitung trat schon früher im .Tahre 1795 Nr. 274 ff-, 
im Jahre 1796 (INIärz) und iin Jahre 1797 Nr. 2öl unter der Redaction 
von Schütz gegen B r o w n ' s Theorieen auf. 

16 



242 

wie die Verbesserung der Ansichten über den Typhus (obgleich die 
Praxis selbst schlecht sei) ihm zum Verdienste angerechnet werden. 

In ähnlicher, nur prägnanterer Weise und mehr gelegent- 
lich beurtheilte F. L. Kreysig ^'^'^), damals Professor in Wit- 
tenberg, das neue System, indem er Bewegung und Bildung. 
Reizbarkeit und Wirkungsvermögen von der Lebenskraft unter- 
scheidet, im zweiten Bande mehr speciell auf Brown eingehend, 
die Vernachlässigung der organisch -chemischen Verhältnisse der 
Mischung und Form und die Conceufration auf etwas Unsichtbares 
rügt. Besonders wird das- selbslständige Leben der Säfte und ihre 
Erkrankungsfähigkeit vertheidigt, das Vorhandensein reiner Kräfte- 
krankheiten geläugnet. Originell ist seine Krankheitseintheilung, 
die als versöhnender Eklekticismus aus Brown und Hufeland gel- 
len kann, indem er l) Fehler der Erregbarkeit in Bezug auf (ver- 
mehrte oder verminderte) Quantität und Qualität (Abänderung der 
Bewegung und Empfindung), 2) Krankheiten der Lebenskraft nach 
Quantität (vermehrte ist nicht Krankheit) und Qualität (veränderte 
Vitalität) annimmt, aber auch 3) örtliche Krankheiten der Lebenskrall 
gegen Brown zulässt. Wichtig ist die Behauptung, dass die Säfte 
den Grund ihrer Mischung mit in sich enthallen und dass fehlerbafle 
Quantität (durch Fehler der Proportion der enthaltenen und aufge- 
lösten Stoffe oder der entfernten Bestandlheile oder durch fremde 
beigemischte Stoffe) primär sein könne. In der sich hieran schlies- 
senden vorzugsweisen Begünstigung der ausleerenden und der soge- 
nannten die Säftemischung verbessernden Methode, wie in den viel- 
fachen Zweifeln über das Principal der festen Theile giebl sich schon 
deutlich die spätere überwiegende Neigung Kreysig's zur Humoral- 
palhologie kund, die er mit ernstwissenschaftlichem Geiste auffasste 
und mit grosser Mässigung vertheidigte. 

Will man aber das Verdienstliche des Eklekticismus und be- 
sonders des rationell -empirischen Standpunctes in der Beurtheilung 
des Brown'schen Systems klarer erkennen, so muss man die 
ruhige , im wahren Sinne und Geiste der Wissenschaft geschriebene 
Analyse der neueren Heilkunde eines der gediegensten Aerzle, P. K. 
Hartmann ^^^) , genauer betrachten, da sie nach allen Theilen hin 
Recht und Unrecht abmisst und beim scharfsinnigen Detail immer das 
grosse Ganze und die Würde desselben vor Augen hat. Zu Grunde 
gelegt ist Röschlaub's Pathogenie und aus der Kritik derselben 
gehen die klarsten und positiv gemessensten Begriffe über das Leben 



243 

und das Lebensprincip hervor. Die materielle Grundlage wird als 
l.ebensbedingung in ihr ehrwürdiges Hecht Nsieder eingesetzt und 
durch factische Belege die Speculalion Röschlaub's geschlagen. 
Bei aller Anerkennung der Gesetze, die jener geistreiche Forscher 
aufgestellt hat, erklärt sie der Verfasser doch für zu allgemein und 
unbestimmt, theilweiss auch für falsch, für unzusammenhängend mit 
den Fundamentalsätzen, für widerlegbar durch die Erfahrung. Und 
genügt uns auch des Verfassers Definition der Krankheit (jede Ver- 
änderung der Organisation, wodurch sie untauglich wird vollkom- 
menes Leben hervorzubringen) keineswegs, so stimmen wir ihm doch 
in Bezug auf gleiche Würdigung der starren uad flüssigen Theile, 
auf seine Meinung über die Lcbensverrichlungen kranker Organe, über 
Sthenie und Asthenie und auf seine ^^ idcrlegnng von Röschlaub's 
Krankheitsformen und Pathogenese (obgleich er die Disproportion 
annimmt) bei. (Vcrgl. auch des Verfassers allgemeine Pathologie, 
lateinisch, 1814, deutsch, 1823 Wien.) 

Auch der als bester Uebersetzer *) Brown 's (trotz Wei- 
kard's und Girtanner's mehr die erste Ausgabe treffenden 
Tadels) anerkannte C. H. Pfaff gab eine in zweiter Auflage bedeu- 
tend verbesserte Revision der Grundsätze des Brown'schen Systems 
und der Erregungslheorie ^'^'^) , welche vom richtigen physiolos'i- 
schen Standpuncle ausgeht, eine klare und gesutide Anschauung des 
Lebens beurkundet und von Liebe für die "^^ issenschaft zeugt. Alle 
bereits mehrfach erwähnten Gründe gegen Brown sind hier ohne 
einseitigen Ausgangspunct oder besondere Vorliebe unparlheiisch 
und ziemlich vollständig zusammengestellt und bilden ein geschlos- 
senes Ganze. Namentlich gut ist die Würdigung des Wechselver- 
hältnisses zwischen Erregbarkeit und den äussern Potenzen und der 
Krankheitseintheilung, wobei auch gegen Rösch laub und Joseph 
Frank triftige Gründe beigebracht werden, deren weitere Ausein- 
andersetzung wir uns um so eher ersparen, als wir bei der Betrach- 
tung des letzten und berülimleslen Gegners, Hufelands, ohne der 
Originalität und der Autorität dieses schon frühzeitig erstandenen 
unbefangenen Kritikers irgend zu nahe treten zu wollen, noch einmal 
auf dieselben zurückkommen müssen. 



♦) Eine andere hier nachträglich zu erwähnende Bearbeitung von 
Brown''s Elementen von J. G. Knebel ^^^rd als sehr fliessend ge- 
rühmt. Sie erschien anonym Breslau 1800. kl. 8. und führt den Titel: 
Grundsätze zur Kenntniss und Behandlung der Krankheiten im Allge- 
meinen oder Uebersicht der Brown'schen Theorie. 

16 = 



244 

Ja, unslreilig der bedeutendste in dieser Kategorie war C h. W. 
Hufeland. Durch lieinlieil der Erlalirung, Rulie der Belriichtiing, 
Würde des Anselins gleich hochstehend, schlug er ihr von Anfang an 
die tödliichsten Wunden. Die W issenschaft Hess ihn sogleich den 
rechten Standpuncl mitten in den Wirren der Parlheiung erkämpfen 
und jene so oft als Schwäche verschrieene Unpartheilichkcit blieb 
nicht feindselig gegen das Gute , was auch in diesen Lehren lag, 
zumal da Hufeland selbst vorher Einiges davon ebenso gedacht 
und erfahren hatte. Die siegreiche Sprache der Wahrheit, der Stolz 
eines guten und redlichen Bewusstseins stachen wunderbar ab gegen 
das Geschrei der Coterie und den Muth der Verzweiflung der Ret- 
tungslosen. Auch als zur Bliilhczcit der Erregungslheorie die Schaar 
der treuen Anhänger sich um den wackern Kämpen minderte, blie!) 
er unerschülterl der consequenteste Gegner, unermüdlich ausharrend, 
bis auch das letzte Irrlicht verglommen war. — Die auf die Erregungs- 
theorie Bezug habenden Widerlegungen Hufelands befinden sicii 
in seinen Ideen über Pathogenie u. s, w. ^°^), indircct und dirccl, 
in den Bemerkungen über das Nervenfieber und seine Complicatio- 
nen in den Jahren 1796, J797 und 1798 ^"^^j, in seiner Bibliothek der 
practischen Heilkunde ^°^), vorzugsweise aber in seinem Journal 
von 1796 an bis 1812 ^°^j, und in einem besondern Abdruck hieraus 
über die Brown"sche Praxis ^°^), und zeichnen sich durch Würde 
und Ruhe des Styls, Klarheit und Coaisequenz der Beweisführung und 
die wohlwollend humane Gesinnung aus, die so glänzende Beigaben 
der Wissenschaftlichkeit und so mächtige Hülfsmiltel seines Sieges 
waren. Nach Hufeland ist Erregi)arkeit oder Reizfähigkeit nichts 
Anderes, als die Lebenskraft, insofern dieselbe fähig ist, durch Reize 
erregt zu werden (Journal 1796. 4. S. 452), Lebenskraft aber 
= X eine blosse Bezeichnung, die umfassender als Irritabilität ist, 
weil sie zugleich dynamische und chemische Verhältnisse ausdrückt 
(1798. VI. 4. S. 785). Klar und deutlich setzt er die Gründe seiner 
Opposition auseinander (1811. XXXII. 2. S. 3 ff.) Die Erreg- 
barkeit nämlich ist nach ihm 1) Product der Lebenskraft; sie ist 
2) Reizbarkeit (und Reaclion) und Schöpfungskraft. 3) Erregung und 
chemischer Process sind vereinigt, daher muss 4) eine befriedigende 
Theorie Beides umschliessen. Der Organismus ist 5) nicht blos 
passiv; es existirt 6) auch ein qualitatives Verhältniss, eine speci- 
fische Beziehung, eine Veränderung in modo. Die nächste Ursache 
der Krankheit ist 7) qualitativ, specifisch, spontan erzeugt, daher ist 



245 

8) directe und indirccle Aülhenie in der ScuUi der Heize falsch. 

9) Heilung-sacl und Wirkung der Arzneien sind quantitativ und quali- 
tativ zugleich. lO) Es giebl eine Krankheitsniaterie, die oft zum 
Ileilohject wird, und 11) jeder Heilnnsjsprocess ist chemisch -animal, 
die Mittel sind die äussere Bedingung dazu, die Natur aber 12) heilt 
die Krankheiten. 13) Coction und Krise sind Bezeichnungen des 
Heilprocesses (nicht blos im humorali)al!iülogisclien Sinne). Ü) Der 
gastrischen Ursachen wegen ist die gasirische Methode oft die beste. 

15) Conscnsus und Antagonismus sind (iruudgeselze des Organismus. 

16) Die Lebenskraft ist nicht gleich verllieilt, daher es Krankliciten 
gemischler Art mit verschiedenem Character des Ganzen und Einzel- 
nen giebt. 17) Die Säfle sind auch vital. Es gie!)t auch Krank- 
heiten der Sällc. — Aus diesen Siitzen, welche die Grundlage aller 
Gegengründe liufeland's gegen düs Brown'sche System enthalten, 
und welche später von allen Anhäuiiern Brown's als wahr erkannt 
wurden, lässt sich schliessen, in welchen Puncleu beide Partlieien, 
Höschlaub als Anführer auf der einen Seite und Hufeland auf 
der andern, besonders abweichen. Brown's Bezeichnung der 
Schwäche, meint Hufeland, sei alt, seine Zutliat aber sei eiüe 
falsche; der empirische Unterschied sei in einen cansalen ver- 
wandelt worden. AVichtigo DilTerenzpuncte ergeben die Eintheilung 
der Krankheiten, die Todesarten, die Lehre von der Wärme und 
Kälte, von der Wirkung der Arzneien, der Vertheilung der Lebens- 
kraft, besonders aber die Behandlungsweise. Denn Blutfliisse seien 
auch durch schwächende, ausleerende, krampfstillende, specifische 
Mittel heili)ar, was durch Heck er (s. Ilufeland's Journal 1800. 
IX. 1. S. 43) bestätigt wird; die Nervenfieber würden durch reizende, 
nährende, narcotische, antispasmodisclie Mittel, je nachdem Schwäche 
mit erhöhter oder verminderter Beizfähigkeit da sei , auch durch 
gastrische Mittel bei Complicationen mit Gaslricismus , mit Erfolg 
behandelt. Besondere Streitigkeit aber erregen die gastrischen 
Krankheiten (denn Ausleerungen können dynamisch, maleriell und 
antagonistisch wirken) und der Gebrauch des Aderlassos (.lournal XI. 
St. 1. S. 160. Scliulzrede für denselben). Dennoch felilte es nicht 
an Schreiern, welche aus der Thalsache, dass Hn fei and sich später 
einiger Termini Brown's bediente, folgern wollten, er sei zum 
Brownianismus übergegangen. Aber wer war ferner davon als Er! 
Gerade Er tadelte am meisten den Seclengeist, den ^vang, den die 
Brownianer üben wollten. Er erkf^nnte die Gefahr für die Denk- 



246 

Freiheit, die Herrschaft der Persönlichkeiten, den Egoismus und die 
Einseitigkeil, die in diesen Kämpfen lagen. „Es würde künftig 
Brovvnianer geben," sagte er, „aber nicht Aerzte ," und: „Nicht Re- 
volutionen, sondern Evolutionen führen den Weg zur Verbesserung." 
Schon nach einer zweijährigen Prüfung erklärte er Brown für ein 
Genie, aber für ein einseitiges, excentrisches; seine Schriften ent- 
hielten Falsches und Wahres gemischt; das System sei nicht einmal 
ein solches; das Gebäude müsse eingerissen werden, die Mate- 
rialien aber seien zu benutzen. Der pure Brownianismus despo- 
tisire, aber verstehe die Natur nicht; ein ächter Brownianer sei etwas 
Erbärmliches. Er selbst sei ein Gegner des Systems, aber Freund 
mehrer Brown'schen Ideen. — Und wie Er dachten Hensler, Vogel, 
M. Herz, Seile, Grüner, Richter, Hildebrand, 3Ietzger, 
Tode und die von Rösch laub sehr angefochtenen : L o d e r , M u r - 
sinna, Autenrieth, Widemann (Hecker's Journal St. 32.), 
lauter Namen, die in der Schule der Erfahrung einen guten Klang 
haben. Man sah ein, dass die gröbste Empirie eingeführt und viel 
Unglück öffentlich und im Stillen durch die Brown"schen Ideen be- 
reitet worden sei. (S. Bemerkungen über die Brown'sche Praxis in 
Hufeland's Journal 1797. Bd. IV. 1. S. 118). Dieses durch die 
Philosophie (Schmid, s. oben, und Hufeland's Journal VI. 4. 
S. 863) bestätigte Urtheil fand einen um so grösseren Widersacher 
in Röschlaub, je gewichtiger die Waffen waren, mit denen der 
Feind kämpfte. Röschlaub führte grobes Geschütz auf, um zu 
tödten , wo er nicht siegen konnte. Es giebt nichts Ernsteres, Wür- 
digeres, Wohlwollenderes als Hufeland's Erklärung (Salzburger 
Zeitung 1799. Bd. II. No. 36.) auf der einen, und nichts Anmassen- 
deres und Drohenderes als Röschlaub's Gegenerklärung auf der 
andern Seite (ebendaselbst No. 43.). Dort wie in seinem Journal 
(VII. 3. S. 180) erklärt sich Hufeland über sein System und 
seine Grundsätze offen, ehrlich und würdig. Er und Röschlaub, 
sagt er, gehen von verschiedenen Standpuncten aus, Jener vom spe- 
culativen , Er vom empirischen. Er heisst Jeden seinen eigenen 
Weg gehen, zeigt den Unterschied seines Systems und des Brown'- 
schen und rettet die Ehre der deutschen öledicin gegen die Verun- 
glimpfungen der Brownianer. Diese aber Hessen es an Beschimpfung 
eines Mannes nicht fehlen, dem nur die Wissenschaft am Herzen lag, 
nicht die Partliei. Nur einmal scherzte er über den Namen Er- 
reguugslheorie : sie sei, heisst e^, eine Theorie, die Diejenigen 



247 

errege, welche sie (rieben, oder welche Erregung d. h. AuFsehn mache ; 
nur Brownianisinus sei Erregunä"Sthearie, diese, spatere, sei eine 
Kückkehr zur allen xMedicin (Bd. XI\'. 1. S. 135). Dass er aber 
sein Journal zur endlichen Herbeiführung der Wahrheit pro und 
contra ollen hielt, erhellt aus den folgenden Aufsätzen; von J. K. 
Wenzel, über die durch Palelta angestellten unglticklichen Ver- 
suche mit Opium (VIII. 4. S. 177). von Hunnius (Bd. IX. 4. 
S. 40), von J. Meyer, über Opiumwirkung (XXIV. 4. S. 38), von 
Kor tum, gegen Brechen und Purgiren , Kälte bei entzündlichen 
Krankheiten (VII. 3. S. II) (ebenso Fischer, X. 4. S. 96 u. 118), 
von Demselben gegen Brovvn's Lehre von den Blultlüsscn und 
Scorbut (X. 2. S. 20), gegen Marcus, Abhandlung über das Wechsel- 
fieber (XV. 3. S. 5) ; vom Herausgeber des Arzneischatzes, 
Monita über die drei gangbaren Kurarten, als: Kur des Namens, 
des Symptoms, der Ursache, wobei Brown sehr geistreich, ge- 
recht, aber streng beurtheilt wird (XI. 4. S. 3); von Einem der 
grössten Aerzte Deutschlands, der noch gar nichts pro und 
contra gelesen hat: fragmentarische (höchst scharfsinnige, schneidend 
heftige) Bemerkunü:en über Browns Elemente (XII. 2. S. 52); von 
K.J. Windisch mann (s. oben): von M. II. Mendel, über die heil- 
same Anwendung asUienischer Mittel bei asthenischen Krankheilen 
(XIV. 1. S. 135); von P. G. J Ordens, ein ganz slhenischer Krank- 
heitszustand in einem höchst asthenischen Körper (XX. 1. S. 62); von 
Fr. Hufeland, Versuch einer Erörterung des Begriffes von örtlichen 
Krankhcilen (noch in manchen Puncten Rösch laub folgend — XXIII. 
1. S. 9); von A. E. Kessler in Jena, (recht gute) Prüfung einiger 
Grundsätze der Erregungstheorie (XXIV. 1. S. 13); von F ick er. 
Etwas über die Behandlung der am häufigsten vorkommenden astheni- 
schen Fieber (XXV. 1. S. 46); von Kausch, Apologie der neuer' 
lieh zu sehr verschrieenen Behandlung nach Slhenie und Asthenie 
(das plus und minus sei nach dem Sturze der Errogungstheorie immer 
noch ein wichtiges practisches Regulativ — XXVII. 2); von Gut- 
feld, über den Schwächezustand als Gegenstand ärzüicher Theorie 
und Behandlung (Berichtigung seiner früheren Meinungen durch die 
Naturphilosophie — XXVII. 2. S. 164, 4. S. 104, XXVIII. 5. S. 96; 
von Wo Hart in Berlin, über den Ersatz der Erregbarkeit 
und die Wirkung der sogenannten Stärkungsmittel (Brownisch- 
naturphilosophisch — XXIX. 7. S. 56 und 9. S. l). — Hufe- 
land selbst schwieg zu allen Invectiven, die sich nach seiner würde' 



2i8 

vollen Enthüllung jener Mystiflcalion mit Kotzebue noch steigerten 
(XII. 2. S. 149 und 4. S. 166). Es war Gefahr vorhanden mit 
Koth beworfen zu werden und darum war es UUig, nicht feig, wenn 
er die offene Strasse mied. Aber schon in der Vorrede zum 19. 
Bande (1804) konnte Hufeland mit Recht wieder sagen: „Die Mei- 
nung ist wieder frei und die Despotie der medicinischen Scholastik 
ist voriiber." Im Jahre 1808 (Bd. XYII.) behauptete er, er sei 
trotz seines früheren Sclnveigens so lange ein Gegner, so lange die 
zwei Tuncte, das Quantitative und die Passivität des Lebens, noch in 
der Erregungstheorie fortbeständen. Mittlerweile aber war diese 
selbst untergegangen und ihr treuester Kämpe, Röschlaub, hatte 
der Wahrheit die Ehre gegeben und mit einer ihn höchlichst ehren- 
den Offenheit seinem Gegner die Siegespalme zuerkannt. Die Ge- 
schichte der Erregungstheorie hat uns , gleichsam um uns mit ihren 
vielen Widerwärtigkeiten auszusöhnen, zwei Actenstücke hinterlassen, 
welche die Sühne zweier ganz entfernt stehender Gegner bezeugen 
und dadurch diesen selbst zur grössten Zierde gereichen, uns aber 
die Erkenntniss der Triebfeder ihrer Handlungen erleichtern, die wir 
nach diesem Schlüsse nur mit Achtung und Genugthuung beurlheilen 
dürfen. Wir meinen die bereits oben bei Röschlaub erwähnte Er- 
klärung Desselben an Hufeland in dessen Journal (1811. Bd. XXXII. 
1. S. 9), auf welche, obgleich schon früher niedergeschrieben 
(vei'gl. Journal XXXIV. 3. S. 106; sie würde sonst milder gewesen 
sein), gleichsam als Antwort, Ilufeland's Rechenschaft an das 
Publicum über sein Verhältniss zum Brownianismus (XXXII. 2. S. 3) 
erschien. Er bricht sein Stillschweigen, nachdem die Waffen ruhen. 
Der Standpunct der damaligen Zeit, heisst es, als das Brown'sche 
System zu herrschen anfing, war der der rationellen Empirie; facti- 
sche Wahrheiten wurden anerkannt, Halle r"s Entdeckungen wirk- 
ten fort, man hatte Achtung vor dem Alten und eine fromme Vereh- 
rung für die Naiurkraft. Die Anwendung der Sensibilität und Irri- 
tabilität, sowie die Fortschritte der Chemie und Physik, des Magnetis- 
mus und der Elektricität beförderten die Neigung zum Solidismus; 
der StolTsche Gastricismus nahm ab, es herrschte kein System, 
sondern eine republikanische Verfassung, wie die Schriften von 
Schröder, Brendel, Zimmermann, Tissot, Schaff er, 
Frank, Riciiter und die Universitäten Göltingen, Jena, Halle, 
Leipzig bewiesen. Dazu kamen sein (Ilufelands) empirischer 
Standpunct und seine factische Richtung, seine Ideen über Lebens- 



249 

kraft, Irrilabililät, Sensibilität, Metamorphose. Die Humoral- und 
Solidarpalliolügie veruneinigten sich. "Weil Er auch Alles in Har- 
monie st'lxte , unter ein Princip brachte, hielten ihn Einige für einen 
Brownianer und trotz der Veröffentlichung seiner Ideen schon im 
Jahre 17ö5 behaupteten Andere sogar , er habe diese Brown nach- 
gebildet. Die neue Lehre empörte seine Ueberzeugung, die Art der 
Verbreitung sein Gefühl. „Ich erkannte sie," fährt Hufeland fort, 
,,als unwahr und einseitig in ihren Grundsätzen , als höchst verderb- 
lich in der Anwendung, als hemmend für den Fortschritt des wissen- 
schaftlichen Geistes. Ich fühlte die schreiende Ungerechtigkeit , mit 
welcher die deutsche Medicin beiiandelt wurde, die Sichmach, die 
wir uns bei andern iS'ationen und bei der Nachwelt bereiteten." 
Nun beweist er, dass diese Lehre nicht neu ist, und sagt uns, dnss er 
noch kämpfte, als selbst die Primaten übergingen oder schwiegen und 
er fast 10 Jahre allein stand. ,,l{ohhcit, Einseiligkeit, leeres Formen- 
wesen trat an die Stelle der lebendigen Kun.^t, die junge Saat wurde 
im Aufkeimen erstickt, Tausende wurden ein Opfer der Opiatwulh." 
Erst dann, als der Streit in persönlichen Faustkampf ausartete, als 
die Generation in die Fesseln der Geislesdespotie geschmiedet war 
und das Streiten nur zur Fortsetzung des Unanständigen dienen 
konnte, besehloss er die directe Opposition aufzugeben und desto 
kralliger durch Lehre und Thal für das Bessere zu arbeiten. — 
Hieran schliessen sich nun die obenerwähnten Hauptgründe seiner 
Opposition und später (Journal XXXIV. 3. S. 108), als man diese Er- 
klärung tadelte, eine Verwahrung, dass er nur die Sache, nicht die 
Person gemeint habe. Er bekennt. Rösch laub habe sich ihm als 
Mann von reinem Sinne für ^^"ahrheit und edlem Geniülhe gezeigt und 
sich für immer seine ganze Freundschaft und Hochachtung erworben, 
nicht durch die öWentliche Anerkennung seiner Meinungen, sondern 
durch den Innern Sinn seines Geistes und redlich wissenschaftlichen 
Slrebens. Seine Ansichten seien immer noch abweichend, ihre 
Freundschaft aber gründe sich auf etwas Höheres. Nach so ver- 
söhnenden Erklärungen des consequentesten und letzten Gegners und 
des Begründers der Erregungstheorie gab es keine Parthei mehr, 
wie es auch keine Erregungstheorie mehr gab. Die Particular- 
geschichte derselben ist erloschen und der Genius der Wissenschaft 
feiert einen Siegestriumph. 



Epikrise. 



Der wohlwollende Grundsalz „de morluis nil nisi bene" gilt 
nicht in der Geschichte. Sie hält ein ägyptisches Todlengericht, 
das um so ernster aiislällt, je weniger die Rücksicht das strenge ür- 
theil bindet, um so wahrer, je schweigsamer der Ruf der Partheiung 
nach dem Tode ist. Gleich dem Neptun mit dem mächtigen Dreizack 
über die stürmischen Wogen, die sein quos egol gebändigt, herauf- 
steigend, schaut sie ruhig und gemessen auf die klare Ebene hin, 
welche sich vor ihren Blicken ausbreitet. Die Eindrücke des Mo- 
ments sind verronnen, es beginnt die Herrschaft der Zeit. Der 
Kampf der Parthei weicht der Ruhe der Wissenschaft. Und diese 
ist es, welche mit dem grossen historischen Seherauge gleichsam die 
Epikrise einer Krankengeschichte liefert, in welcher nachgewiesen 
wird , in welch innerem Verhältnisse Anfang , Verlauf und Ausgang 
stehen. In solchem Sinne AvoUen auch wir die 3Iotive kurz zusam- 
menstellen, welche dem System Eingang verschafften, welche es 
forderten und stürzten, wollen wir das Verhältniss der neuen Lehre 
zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erfassen und hieraus 
sowohl Das zu entwickeln suchen, was sie für die Wissenschaft ge- 
schichtlich geleistet, als auch was sie ihr als bleibend und integri- 
rend überliefert hat. 

Ursachen der Entstehung und Verbreitung des 
Brown'schen Systems und der Erregungs- 
theorie. 
Die Entstehung dieses Systems war zum Theil schon in einer 
gewissen Nothwendigkeit begründet. Nothwendigkeit aber und 



231 



Geschichte sind gewissermassen identische Begriffe. Hufeland be- 
zeichnet die Zeit vor B r o w n als eine republikanische. Uns er- 
scheint sie als eine anarchische. Jeder suchte sich seine eigene 
Färbung aus und passte sich nach Gutdünken ein Kleid an. Mit 
der gerühmten rationellen Empirie, welche seit Galen ein Stich- 
wort, aber leider nicht ein Merkmal, fast jeder Zeit und Parlhei ge- 
worden ist, stand es schlimmer, als die Wenigen der damaligen 
Eklektiker meinten. Physiologie und Medicin dachte man sich ent- 
fernt wie zwei Pole eines Welttheils und schon daraus sieht man, 
wie tief die Ansicht vom Leben und dessen Aeusserungen stand. 
Spiritualistische, vitale, physikalische und chemische Ansichten 
schweiften wie auf einem Maskenballe bunt untereinander, berührten 
sich llüchlig. Eine höhere Einigung felilte. Die divergirenden 
Strahlen, welche von St ah 1, Fr. Hoffmann und Boerhaave aus 
noch in die Abenddämmerung des 18. Jahrhunderts hineindrangen, 
suchten einzelne Eklektiker vergeblich zu einer einzigen Lichtflamme 
zu concentriren. Theorie und Praxis, getrennt durch eine grosse 
Kluft, fanden keinen Uebergang um zu einander zu gelangen. AN ie- 
der einmal in der ewig wechselnden Schale der Zeit schwebten IIu- 
moralpathologie und Materialismus in den Lüften, sanken Solidar- 
pathologie und Dynamismus gewichtig herab. Und gar die Therapie! 
Welches 'NA'irrsal und babylonische Treiben! Dort ergötzten sich 
die StoUianer an den Erfolgen ihrer Pillen, Latwergen und Klystiere, 
hier wateten die Antiphlogistiker in Blufströmen, dort jubelten die 
Anlispasmodiker über ihre momentanen Siegesfreuden, die sie oft nur 
durch Narcosen erzwangen , hier stolzirten in geheimnissvoller Igno- 
ranz die Alexipharmaker oder in allzu grosssprecherischer Sicherheit 
die Hippokratiker und Galenisten. Was Wunder, wenn man sich 
da nach einem Rettungsanker, nach einer Ausgleichung umsah 
und diese mit der philosophisch -construirenden Richtung der Zeit 
in der Verbindung der Medicin und Philosophie zu finden 
suchte? Die alte in Deutschland immer rege Sehnsucht zum Sche- 
matisiren drängte mehr als je zu einem Systeme hin. Hierdurch 
glaubte man eine Ehe zwischen Theorie und Praxis knüpfen zu 
können; die Auffindung eines höheren. Alles einigenden Lebens- 
princips war die Aufgabe, die man allen Systematikern stellte. 
Aber diese philosophische Richtung war auch zugleich eine kri- 
tisch-negirende und kaustisch -zersetz ende, es war immer 
dieselbe Richtung, die einen Voltaire und Rousseau, einen 



252 

Danton und Robespierre, einen H um e, einen Les sing, einen 
Kant und einen Brown schuf. Weil dieser Brown in seiner 
Zeit stand und ihrem Wunsche, wenn auch auf eine unerwartete 
Weise entgegenkam, fand er einen Boden und eine Ausbreitung, die 
nicht günstiger und grösser hätten sein können. Man wollte ein 
System um jeden Preis; hier war eins, welches Theorie und 
Praxis eng verknüpfte, welches au Einfachheit, Concinnilät und Con- 
sequenz alle bisherigen Versuche der Art übertraf, welches dem 
Erfahrungssüchtigen den Schein der Empirie in die Augen streute, 
dem Theoretiker ein oberstes Princip gab, dem Denker wie dem 
Beobachter gleichmässige Nahrung bot. Die in der Hallungslosig- 
keit der damaligen Zeit Verzweifelnden waren froh sich an ein 
„wissenschaftliches" Ganze anschliessen zu können ; die grosse 
Schaar der Indifferenten im Kampfe der uralten Differenz zwischen 
Materialismus und Dynamismns neigte sich gern, frei von der beengen- 
den Rücksicht der alten Parthei, dem neuen Stern zu und dieDlIferenten 
selbst fanden hier eine Art von Ausgleichung, ein indilTerenzirendes 
Drittes. Hat es nicht von jeher eine ungeheuere Anzahl Unzufrie- 
dener in der Medicin gegeben? Diesen gefiel der revolutionäre 
Geist, welcher mit kaustischer Lauge die miss- oder unverstandenen 
Alten ebenso wie das eben erwachsene Neue überzog. Dem ge- 
nügten die Alten nicht, weil er in der Zukunft lebte und die Ge- 
schichte nicht verstand. Jenem missfielen die neuen reformatorischen 
Richtungen, weil er in der Vergangenheit lebte und Entwickelungs- 
anfänge nicht begriff. Da kam der Brown'sche Terrorisnius, und 
was die Reform nicht vermochte , vollendete die Revolution. Aber 
dieser Terrorismus schmeichelte zugleich der Zeit und wurzelte , wie 
wir gesehen, theilweise in dem Bedürfniss derselben. Seitdem 
die mechanische Ansicht sich zur Solidarpathologie umgestaltet hatte 
und seitdem in überwiegender Ausbildung des Dynamismns die Irri- 
tabilität Ha 11 er 's an die Stelle von StabTs Psyche und Hoff- 
mann's Aether mit mehr physiologisch- vitaler Tendenz getreten 
war, ging das unausgesetzte Streben der Zeit dahin, organisch -vitale 
Kräfte und Gesetze des Lebens zu entdecken, die man am liebsten 
eineni obersten Le b ens princip unterordnete. Dieses letztere 
namentlich war der Stein der Weisen der damaligen Zeit, den Alle 
zu finden strebten , welche Theorieen und Systeme schufen. Wäh- 
rend die Humoralpathologie und Chemie nur nebenbei sich geltend 
machte, war diese gewissermassen philosophisch -physiologische 



253 

Rielitung überwiegend. Daher traten nun an die Stelle der alten 
Elaslicitiit als organische Kräfte die Irritabilität und die Sensibilität 
IlaUer's, die früher schon Glisson ^vohl unterschied, die Grund- 
kraft des Zpllgewebes des Matthäus van Geuns u. s. w. und die 
Nervenkraft Unzer 's, die Cullen endlich zum ersten Princip einer 
Theorie erhob, welche in Machride und 3Iacki t tr i ck , Gre- 
gory, 3Iusgrave, de la Roche, J. U. G. Schaeffer, Gar- 
diner, Bcrlinghieri u. A. Icbhafle Vertheidiger fand. "War 
man so auf dem Wege zur Auflindung principieller Kräfte, so war 
die Verirrung in abstracle und transscendentale Begriffe nicht fern, 
wie bei L e i d e n f r o s l , ^^" i u d i s c h m a n n , K i e 1 ni a i e r u. A. 
Das ßrownsche System ging zwar noch weiter, indem es einen blos 
logisch abstrahirten Begriff einer Lebenseigenschaft zum Prin- 
cip erhob und diese äussersle Spitze zur Basis eines Systems um- 
schuf, aber es machte einen um so besseren Eindruck, als es allen 
Anforderungen der Zeit durch ein vital -organisches, überall durch- 
führbares und auch reell nachweisbares Princip zu genügen schien. 
Je mehr ferner die eben im Rückgang befindliche Humoralpathologie 
durch Brown verdrängt wurde, um desto mehr Einklang mit den 
Zeitgenossen; je weniger er die chemische Ansicht begünstigte, um 
desto grössere Freude bei Denen , welche die UebergrilTe des Che- 
mismus hasslen oder die neuere Richtung in ihrer zukünftigen Wich- 
tigkeit verkannten. Da endlich der mit der gastrischen und anti- 
phlogistischen Methode getriebene Missbrauch nicht zu verkennen 
war, so nuissle die durch Brown herbeigeführte Beschränkung der- 
selben nur als Wohlthat erscheinen. Die überschwellenden humo- 
ralen, chemischen und antiseplischen Methoden wurden in ihr enges 
Bette zurückgedämmt, das Bedürfniss nach einer einfachem Be- 
handlung der akut-bthenischen Krankheiten erlangte zum ersten Male 
wieder seit Sydenham volle Befriedigung. Wie endlich nie eine 
neue Heilmethode ohne entsprechenden Character der Krankheiten 
überwiegende Geltung erlangte, so fand auch die Reizmethode, 
die anli- asthenische Therapie, einen günstigen Acker in der grossen 
Zahl der damaligen asthenischen, nervösen, adynamischen Leiden, 
welche von jener Zeit an mit kurzer Unterbrechung in das neue Jahr- 
hundert sich herüberzogen. — War sonach das System durch den 
Character der Zeit zuerst vorbereitet und theilweiss be- 
dingt, dann vermidelst innerer und äusserer Eigenschaften 
durch sich selbst gehoben und in den Vordergrund der 



254 

Bühne gedrängt, so trugen endlich mehre Momente seiner Ge- 
schichte selbst zu seiner weiteren Verbreitung bei. Wir 
begehen vielleicht ein Unrecht, wenn wir dem Unistande, dass 
Brown ein Ausländer war, einen Einfluss auf die Ausbreitung 
seines Systems in Deutschland zuschreiben. Aber wer die Vorliebe 
der Deutschen für das Fremde kennt, wird es nicht unwahrscheinlich 
finden, dass auch dieses Moment schon eine gewisse Macht übte. 
Sodann war das Geschrei der Jugend, welche sich schaarenweiss 
dem neuen System in die Arme warf, weil sie von ihm die gewünschte 
Reform auf die bequemste Weise erwartete und eine glänzende, 
noch dazu mit leichter Mühe zu erlangende Zukunft vor sich sah, 
für Viele hinreissend genug, um den kalten, prüfenden Verstand ab- 
zuhalten. Der Antheil der Laien, denen diese doppelte Scala um 
so eher behagte, als auch sie dergestalt auf die leichteste Weise in die 
Mysterien der Natur eingeweiht wurden , wie nicht minder die damals 
grosse Masse der Bequemen und Ignoranten, die sich nun aller 
tieferen Studien überhoben glaubten , trugen ebenfalls viel zur Ver- 
breitung bei. W^as ferner das Frappante der Theorie nicht ver- 
mochte, das bewirkten einzelne glückliche Fälle aus der Praxis, 
die bei den wirklichen Vorzügen des Systems unausbleiblich waren 
und auf das Ganze ein gutes Licht warfen , so lange man nicht eben 
das Nachtheilige mit gleicher Unpartheilichkeit abwog. Das Bei- 
spiel von England, wo man sich wenig um das System kümmerte, 
und von Italien, welches sich sehr bald von Brown lossagte, hatte 
auf Deutschland keinen Einfluss. Hier schlug Weikard die grosse 
Lärmtrommel und man war unbesonnen genug, namentlich Seitens 
der Universitäten , grössere Opposition zu machen, als er verdiente. 
Durch Röschlaub gesellte sich der Deckmantel der Philosophie 
oder besser die Sophisterei und eine gewandte Dialektik und Polemik 
hinzu, späterhin die Sanction Kant's, mit dessen kritischem Idea- 
lismus auch hier eine gewisse harmonische Uebereinslimmung Statt 
fand, und zuletzt Sehe Hing's geistreiche Verwendung, — für das 
speculative Deutschland bedeutende Momente genug. Wer nicht 
überzeugt werden konnte, wurde geblendet, und wen die Wissen- 
schaft im Stich liess, der folgte der Mode. Einige bedeutende 
Autoritäten Hessen günstige Aeusserungen fallen, nahmen ein- 
zelnes Gute oder vielleicht auch nur die Terminologie auf, — so- 
gleich galten sie für Brownianer und zogen einen Tross blinder Nach- 
beter hinter sich her. Oder man half sich damit, alle Gründe gegen 



255 

den Brownianistmis dadurch von sich abzuwenden, dass man sich 
vornehm genug für einen ,.Er r eg u ngst h e o.r eli k er" erklärte. 
— Immer aber hielt eine lebliafle Opposition das Interesse rege 
und beförderte die Ausbreitung des Systems. Gerade jedoch als 
jenes erlahmte, als vorlrefnicbe Kritiker der Lehre den Todesstoss 
versetzt hatten, erreidite die Heftigkeit der Brownianer eine 
solche Höhe, dass die edelsten Vorkämpfer der Wahrheit schwiegen, 
um mit der Gemeinheit nicht handgemein zu werden, — und dieses 
Schweigen selbst galt noch Vielen für Begünstigung, lockte noch 
Einzelne herbei, bis das System an den selbstgeschlagenen Wunden 
verblutete. Denn wie die Natur für ihre Uebel ihre Abhülfe, hat 
auch die Geschichte die Heilmittel für ihre Krankheiten. 

Ursachen des Untergangs des Brown'schen Systems 
und der Erreg u ngst lieorie. 

Mit dem Fortschreiten der prac tischen Richtung sah man 
nur zu bald ein, dass das Heil der Medicin nicht in einem Systeme 
liege, und selbst die Naturphilosophie zeigte, wie schwer eine Ver- 
bindung des Speculativen und Empirischen sei. Je mehr die Ten- 
denz der Zeit dahin ging , durch Ausbildung der einzelnen Disci- 
plinen das Ganze auf einen gewissen Culminationspunct zu brin- 
gen, um so mehr verschmähte man den Zwang oberster Grundsätze, 
der das Einzelne, Untergeordnete in seiner freien Entwickelung 
hemmt. Mit dem mächtigen VorwärtSi^chreiten der Naturwissen- 
schaften entfaltete sich der Sinn für das Reale, Practische 
im Gegensatz zum Idealen, Theoretischen immer weiter auch in der 
Medicin. Die Verachtung der Hülfswissenschaften war zu einer 
Zeit, wo eben Physik und Chemie im schönsten Keimen waren, 
ein eben so grosser MissgrilT, als die Geringschätzung der Alten, 
welche gerade damals durch die Literatur- und Geschichts- 
forschung eines Hensler, Ackermann, Metzger, Hecker, 
Sprengel, Grüner, Möhsen, Reiske, Faber, Günz, He- 
benstreit, G. G. Richter, Tr il 1er u. A. in ihre alten ehrwür- 
digen Rechte wieder eingesetzt wurden. Seit Paracelsus eine 
höhere Idee des Lebens in der Selbstständigkeit geschaffen, 
konnte die Abhängigkeit und Autoniatie desselben bei Brown nur 
vorübergehend Anklang finden. Sein oberstes einseitig dynami- 
sches Lebensprincip mussle damals, wo das Organische ein Haupt- 
element der anatomischen und physiologischen Forschungen 



25(3 

M'urde, in grosse Disharmonie mit der Zeit geratlien. Begannen 
diese Letzteren schon jetzt in ihrem realen Anbau ihren Einfluss auf 
die Pathologie zu üben, so stand im Gegensatz mit ihnen die ärmliche 
und abstracle Physiologie Brown's ziemlich nackt da. Und in 
der That, welcher Contrast zwischen Brown's hohler Empirie und 
den Lehren und Studien eines Bichat, Petit, Sabatier,Vicq 
d'Azyr, Will. Hunt er, AI. Mo uro, J. und Ch. Bell, Che- 
selden, Sömmering, Autenrieth, Ph.F. Meckel, Scarpa 
u. A., welche in die Fussstapfen des grossen Morgagni traten, — 
zwischen den Speculationen und bodenlosen Träumereien der Er- 
regungslheorie und den trefflichen physiologischen Untersuchungen, 
welche z. B. über die Circulalionsorgane seit Haller von Lancisi, 
Sömmering, Haies, Prochaska, Behrens, Moscati u. A., 
über das Blut von Hufeland, Blumenbach, über das ürüsen- 
syslem von Mascagni und Cruikshank, über Gehirn und Ner- 
ven von Sömmering, Ackermann, Reil, Malacarne u. A. 
angestellt wurden! Unter solchen Fortschritten musste die orga- 
nisch-vitale Lebensansicht immer mehr reifen und konnte einen 
einseitigen Solidismus nicht dulden, der einen integrirenden Theil 
des Organismus, die flüssigen Theile, für todt erklärte. Eben so 
wenig konnte sie sich trotz der Unterordnung unter ein scheinbar 
vitales Princip mit den mechanischen Erklärungsversuchen der Functio- 
nen und Symptome zufrieden gehen. Wie sollte ein schwindelnder 
Dynamismus, mit Verachtung der organischen Basis überhaupt und 
der chemischen insbesondere da bestehen , avo eben Physik und 
Chemie die Nolhwendigkeit ihres Einflusses durch eine engere Ver- 
bindung mit der Physiologie belegten ? Gerade damals machte die 
Lehre vom Galvanismus, von der Elektricität und der Nervenwirkung 
durch G a 1 V a n i , V o It a , S ö m m e r i n g , B e h r e n d s , J. F. A c k e r - 
mann, Reil, Fontana, ganz besonders durch AI. v. Humboldt 
und J. W. Ritter, grosses Aufsehn. Die Respiration wurde damals 
chemisch untersucht von P r i e s 1 1 e y , D a v y , B e d d o e s , F o n t a n a , 
Goodwyn, Lavoisier, Menzier; die thierische Wärme als 
Folge der Gährung, Fäulniss, Blutreibung, elektrischen Strömung 
beleuchtet von Mortim er, Plenciz, Shebbaere, Crawford 
u. A. In dieselbe Zeit fielen die Untersuchungen des Harns von 
Proust, Fourcroy, Vauquelin U.A., die der Milch von Farmen - 
tier, Deyeux, und die zahlreichen chemisch -physiologischen For- 
schungen eines Seguin, 31 argueron, Raymond, Bert h olle t. 



257 

Chaptal, Fahre, Cavallo, A ii t e?iri et h, Reil ii. A. Diese 
auf das Qiialitalive gericlilele Tendenz trat offenbar einer blos 
quantitativen Berücksichtigung des Lebens und der äussern Einwirkun- 
gen entgegen. Nicht minder beschränkten die in der Oertlich- 
k ei t wurzelnden, von Morgagni und Bichat begonnenen ana- 
tomisch-pathologischen Bestrebungen eine vorzugsweise durch 
Brown eingeführte allgemeine Anschauung der Lebensprocesse, 
obgleich auch diese in gewisser Hinsicht ihr Gutes hatte. Die 
Kunst zu beobachten ferner war durch das Studium des Ilip- 
pokrates und durch zahlreiche Epidemieen seit Sydenham so 
geübt worden, dass die Oberilächlichkeit der Brownianer und ihre 
Berücksichtigung causaler Momente statt der naheliegenden ob- 
jectiven Zeichen damit einen grossen Contrasl bildete, wesshalb 
es z. B. nichts Heterogeneres geben kann als die damals erschiene- 
nen Handbücher der Semiolik (Tesla, Grüner) und der Diagnostik 
(S. G. Vogel, ^V ichmann) und die dahin einschlagenden Lehr- 
sätze des schottischen Reformators. Auch hatten die nosologischen 
Versuche von Boissier de Sau vages, Linne, Vogel, Mac- 
1) r i d e , S a g a r , C u 1 1 e n , H e h e n s t r e i t , Daniel, van der 
HeuveU, Seile und Ploucquet durch ihre Neuheit gerade zu 
viele Hoffnungen auf diesen Zweig rege gemacht, um sich durch 
Browns Verachtung zu einem Aufgeben desselben bestimmen zu 
lassen. Erscheint endlich ein kleiner Heilapparat wohl als ein Vor- 
zug, wenn er mit gehöriger Sicherheil und umfassender Heilmitlel- 
kenntniss bei vielfachen Formen von Krankiieitcn angewendet werden 
kann, so nnisste bei der Unsicherheil der Brownsciien Indicatio- 
nen und der einseitigen An f f a ssung der Arzneiwirkungen 
sein Thesaurus medicaminum als sehr geringfügig erscheinen und 
leicht den Vorwurf erzeugen, als habe er desshall) eine Menge Mittel 
ausgeschlossen, weil er ihre besondere Wirksamkeit nicht unter 
seine zwei Rubriken zu bringen vermochte. Daher konnte schon 
die Auffindung neuer oder die weitere Anwendung aller 31itfel (die, 
mochten sie nun auf chemische oder specifische Weise gedeutet wer- 
den , immer der qualitativen Betrachtungsweise grossen Vorschub 
leisteten) die Unzulänglichkeit der Brown'schen Erklärungs- 
art und seines Verfahrens beweisen. So geschah es mit vielen 
metallischen Mitteln (namentlich mitAMsmnth, Antimon, Zinn, Zink, 
Blei, Kupfer, Silber, Arsenik), mit einigen Erden- und Laugensalzen 
(Kalk, Seife, Bittererde), mit Neutralsalzen (von Baryt, Kalk, Kali)., 

17 



258 

besonders mit den Säuren , welche ausserordentlichen Ruf erlangten 
(Salpeter-, Salz-, Phosphorsäure), den Luflarten (kohlensaures, 
WasserstofF-, SchwefelwasserstolT-, SauerstolTgas) , dem Phosphor 
und vielen narcotischen und scharfen Stoffen (z. B. Cicuta , Bella- 
donna, Slramonium, Hyoscyamus , Nux vomica, Blausäure, Rhus, 
PulsaliUa, Clematis, Bryonia und andere). Ja selbst die weitere 
Ausbildung der Chirurgie seit Petit durch Desault, Percy 
in Frankreich, Bromfield, Abernethy, die Hunt er s und Bell 
in England, durch Heuermann undCallisen in Dänemark, Pal- 
lucci in Italien, seit Heister durch Theden, Schmucker, 
Brambilla, Plenck in Deutschland, wie die Fortschritte der 
Geburtshiilfe durch P a l f y n , L e v r e t , B a u d e 1 o c q u e , S m e 1 1 i e , 
Osborne, Stein, Boer, Saxtorph Hessen viele Behauptungen 
BroAvn's, namentlich in Bezug auf üertlichkeit der Krankheiten, 
Entzündungslehre, Blulfliisse, Anwendung der Kälte, des Aderlasses 
u. s. w. , in ganz falschem Lichte erscheinen. So trat die Erfah- 
rung als mächtigste Bundesgenossiu der Theorie zugleich als die be- 
deutendste Feindin und Widcrsacherin der neuen Richtung aul. 
Die Veranlassungen, welche zum Untergange der neuen Lehre 
schon in ihr selbst lagen, steigerten sich sonach, als sie dem 
Geiste der Zeit 7,u hemmend entgegentrat, und einige Neben- 
umstände in dem Verlaufe der Entwickelung waren keinesw'egs 
geeignet diesen Ausgang aufzuhalten. Dahin rechnen wir die stür- 
mische Hast und blinde Wuth der Brownianer, welche gegen die 
Polemik der Gegner nur zu sehr abstach, die Menge gläubiger, aber 
urtheilsloser Nachbeler, die Brown nur halb, gar nicht oder miss- 
verstanden, die Uneinigkeiten und Spaltungen unter den Anhängern 
selbst. Es ist oben des Breiteren gezeigt worden, wie dieser Unter- 
gang nach den ewigen Entwickeinngsgesetzen in Uebergängen er- 
folgte, wie illodificationen und Vennittelungstendenzen dem System 
seine Eigenlhiimlichkeiten nahmen und wie endlich zu einer Zeit, wo 
auf der einen Seite bereits Verachtung oder Gleichgültigkeit, auf der 
andern ein mühsames Anstreben dagegen Statt fand, die Verbindung 
mit der Naturphilosophie, welche sich eigentlich' nur durch die Er- 
regungstheorie in die medicinische Welt, wie durch Fichte in die 
philosophische, einführen Hess, eine kurze Zeit lang den Sturz auf- 
hielt, um ihn dann gewissermassen durch eine Assimilation desto 
sicherer herbeizuführen. Dieser Uebergang, als Beweiss einer noth- 
wendigen Folge und natürlichen Ausgleichung der Bro\vn"schen 
Extreme, wenigstens in physio- pathologischer Hinsicht, führt uns 



259 

7,11 dem letr-fen Alis'^Iiniü unserer Darstellung-, zur ffescfi i c li 1 1 i- 
chen Beden tu nff der Erregungslheorie. 

Die geschichtliciie Bedeutung des Brown'schen 
Systems und der Erregungstheorie. 

Die Erforschung der geschichtlichen Bcdeulunff eines Ereig- 
nisses hat sich nach drei Seiten hinzuwenden. Sie muss einmal die 
Vorzeit in's Auge fassen und abgesehen von dem Innern Gehalle 
den geschichtlichen Werth feststellen , was durch Vergleichung 
mit früheren und späteren Leistungen bewirkt wird, dann nimmt sie 
Rücksicht auf den Einfluss, den die Lehre auf die Zeitgenossen 
übte, und schildert endlich die Nachzeit, in welcher die Folgen 
derselben sichtbar geworden sind. In Bezug auf die Vorzeit des 
Systems haben wir bereits in der Einleitung und an andern Orten 
angegeben, welche Stellung dasselbe in der gesetzmässigen Ent- 
M'ickelung der Heilkunde einnahm, und wie es in dieser Beziehung, 
ohne es zu wollen, im Einklang oder im Widerspruch mit andern 
Bestrebungen der damaligen Epoche stand. Hier wird es gleichsam 
als Ergänzung jenes in der Einleitung gegebenen geschichtlichen 
Abrisses noch versucht werden, näher auf einige vorhergegangene 
Leistungen einzugehen, um namentlich auch durch den Nachweiss 
einer gewissen Neuheit und Selbstständigkeit unseres 
Systems den geschichtlichen Werth desselben zu begründen. 

Freunde wie Feinde des Brownianismus zogen Parallelen zwi- 
schen Brown und älteren in der Geschichte der Medicin hervor- 
ragenden Leistungen. Jene wollten seinen Lehren dadurch mehr 
Gewicht geben , Diese ihnen den Ruhm und Reiz der Neuheit rauben. 
Nicht selten wird denn auch Hippokrates in den Bereich des 
Kampfes gezogen, der allerdings als Vater der Heilkunst vieles Ma- 
terial zu diesem wie zu jedem andern medicinischen Gebäude geliefert 
hat. In engerer Beziehung ist wohl schwerlich auf ihn zurückzu- 
gehen , da Beide zu heterogene Richtungen verfolgten , um mit ein- 
ander verglichen zu werden. Dennoch ist diess speciell geschehen. 
Der obengenannte Ortlepp will bev.eisen, dass Brown nichts 
Neues gegeben habe, was nicht schon bei Hippokrates sich vor- 
finde, und Ringseis bemühte sich in einer besondern, von Rösch- 
laub mit einer Vorrede (s. oben S. 173) versehenen Schrift ^^^) 
die Uebereinstimmung zwischen Brown und Hippokrates und 
die gegenseitige Ergänzung beider Lehren zu zeigen. Die Ueber- 
einstimmung sieht er in der Lehre vom Calidum innatum und in der 

17- 



260 

Incilabilitas, in der Allgemeinheit der Krankheiten, die auch Hip- 
pokrales an einer Stelle annehme. Inanitio und Repletio bei 
Hippokrates entspreche der Asthenie und Sthenie, nur ergänze 
Dieser, was an der Materie bei Brown fehle, Brown, Mas Jener in 
Bezug auf Sthenie und Asthenie versäumt habe. lieber Causalität, 
Bildung der Krankheit, Metaschematismus, sogar über den Heilpro- 
cess, über denAderlass, die Purganzen, Diät (replens et inaniens, 
plenior et tenuior, calefaciens et refrigerans) sollen sie einig sein. 
NunI wir brauchen nur einen Satz herauszuheben, um die Sophistik 
von Rings eis ganz zu erkennen. Dieser heisst: „Liquet Hippo- 
cratem et Brownium, quoad doctrinam de vita seu physiologiam in 
multis (sehr Ausserwesentlichem) inter sese consentire, in aliis (!) 
saltem non dissentire (I) et non nisi in paucis (gerade dem Wichtig- 
sten) sibi revera contradicere." — Ein weiteres Eingehen auf solcle 
Vergleichung halten wir für überflüssig. 

Dagegen verdient eine andere Zusammenstellung grössere 
Beachtung, weil sie in der That mehr Anhallspuncte liefert. Es ist 
diess die Vergleichung zwischen Brown und Asklepiades oder 
der methodischen Schule. Oben ist bereits erwähnt worden, dass 
schon Scuderi, Moscati, Polidoriu. A. eine solche Beziehung 
gefunden haben. In Deutschland fassten Claras und Burdach 
fast gleichzeitig ohne von einander zu wissen die Idee, die Ueber- 
einstimmung zwischen beiden Schulen zu zeigen, Burda ch mit mehr 
specieller Beschränkung auf Asklepiades. Clarus^°^) hat aber 
nur die Hälfte der einen Seile, nämlich die Darstellung der theore- 
tischen Ansichten der methodischen Schule in seiner gewohnten 
klaren und eleganten Weise gegeben und überlässt uns die andere 
Seite der Betrachtung, vielleicht weil ihn Burda ch's mittlerweile er- 
schienene Parallele ^loj dessen überhob. Diese ist nämlich so 
vollständig ausgefallen, dass sie sich selbst auf die persönlichen 
Eigenschaften beider Syslematiker und auf die äussern Veranlassun- 
gen des Systems mitbezieht. Doch gestehen wir, bei aller Anerken- 
nung dec lebensfrisclien und geistvollen Auffassung Burdach 's, 
dessen Vorliebe für Brown hier nur eine neue Bestätigung auf 
historischem Boden zu suchen scheint, dass der Vergleich in dieser 
Beziehung zu weit ausgedehnt ist. Theils ist die Lebensgeschichte 
des Asklepiades zu dunkel, theils sind die geltend gemachten 
Puncte, ein früheres mühsames Leben, feuriges Temperament, Wider- 
spruchsgeist , Ehrgeiz, moralischer Character, nicht schlagend genug 
für eine Parallele. Ebenso gut und vielleicht noch besser hätten 



261 

Vergleiche mit dem Leben des Paracelsus, ja mit dem aller an- 
dern Reformatoren gezogen werden können. Dass Beide Vorgänger 
halten — wie kann es anders sein , da die Geschichte nur eine Ent- 
wickelung ist? Und welcher Genius hätte sie nicht gehabt? Wenn 
darin eine Aehnliclikeit gesucht wird, dass Asklepiades und 
Brown sich auf Philosophen gestützt haben, Jener auf Epikur, 
Dieser auf Baco, so tritTt diess nur die äussersle Spitze, nämlich das 
Absehen vom Uebersinnlichen , das Ilinicilen auf die Erscheinungs- 
welt. In der Verwirklichung dieser Tendenz aber weichen sie 
ab. Burdach selbst bekennt, dass Epikur in den Materialismus 
versank, während Baco auf Induction und Erfahrung begründete 
Principien aufslelUc und einem Realismus oder edlerem Empirismus 
luildigle. Auch slellt sich das V^erhältniss unserer Systemaliker zu 
diesen Philosophen g&nz anders, indem die Methodiker wirklich die 
Lehren des Epikur, wenn auch modificirt, zur Ba s i s «nahmen, 
während Baco nur Brown die Methode anzeigte, eine An- 
weisung gab, die nicht einm;il richtig befolgt wurde. Dass die 
Alomenhypolhese keinen Einlluss auf Asklepiades gehabt halje, 
können wir nicht annelunen, obwohl seine Striciur und Laxität nicht 
in so enger Verbindung damit stehen, als die Sthenie und Asthenie 
Brown's mit der Errei^barkeit. ,, Einen Mittelweg zwischen Empi- 
rismus und Dogmatismus" (a. a. 0. S. 53) haben Beide nur insofern 
eingeschlagen, als sie bei aller scheinbaren Empirie immer ein 
Dogma an die Spitze stellten. In diesem selbst liegt aber, obgleich 
die abgeleiteten Sätze mehrfach zusammenfallen , ein wesentlicher 
Unterschied. Der Grundzug des bilhynischen Systems ist Materia- 
lismus, der des schottischen Dynamismus. Hiernach modificirt sich 
die formelle Anschauungsweise der Krankheiten Beider, dort als 
materiell, hier als dynamisch. Bei Asklepiades war, trotz der 
^emofHQiig (Spiritus nach Cael. Aurelia nus), die Materie im- 
mer die Hauptsache, der Ausgangs- undEndpunct, bei Brown 
herrschten ebenfalls materiell -mechanische Ansichten, aber diese 
sind einem höheren Principe untergeordnet, dienen nur zur 
Erklärung, sind nicht der letzte Grund. Es ist eine allzuviel 
beweisende Behauptung Burdachs, wenn er sagt: ,, Hätte Brown 
meiir den Grund der Erregbarkeit namhaft gemacht, und Askle- 
piades mehr die Erscheinungen, wobei Jener vor-, Dieser 
zurückgegangen wäre, so würde die Darstellung Jenes, die Einthei- 
luiig Dieses dieselbe gewesen sein" (a. a. 0. S. 81). Eben das ist 
der Unterschied, dass, während Asklepiades sich damit täusclite, 



2(52 

ein blos sinnliches Phänomen zur Basis gewählt zu haben, da 
es doch eigentlich eine Reflexion über den letzten Grund, die nächste 
Ursache, enthielt, Brown seinerseits ein Princip gegeben zu haben 
meinte, da es doch nur eine äussere Erscheinung war. Hierzu 
kommt noch ein anderes Moment. Bei Asklepiades war nach 
der AulTcissung der Alten der Organismus nur eine Fortsetzung der - 
äussern Welt, d. h. es herrschten dieselben Gesetze im Organischen 
wie im Unorganischen, und es wurde die Identität beider Reiche auch 
hier nachgewiesen, bei Brown dagegen handelte es sich um eine 
Abhängigkeit des Organismus, um eine Opposition der Aussenwelt. 
Haben wir uns insoweit über die Grundlage beider Systeme verständigt 
und ihre wesentliche Verschiedenheit nachgewiesen, so können 
wir vorurlheilsfrei die allerdings nicht zu läugnenden Aehnlich- 
keiten betrachten, die namentlich in den Folgesätzen hervortritt. 
Es ist wa^ir, dass beide Systeme practisch waren, beide solidarpatho- 
logisch, auf die Quantität gerichtet (dort das Maass der 3Iaterie, hier 
das der Erregbarkeit, Burdach), dass beide die allgemeine Form im 
Auge haben (Communitäten) , die Mischungsveränderungen als Folge 
betrachten. Auch Asklepiades soll nach Burdach die Natur- 
heilkraft geläugnet haben; aber es ist von Clarus u. A. nachgewie- 
sen und geht schon aus seiner Ansicht vom Fieber und von dessen 
künstlicher Erregung hervor, dass diess nicht der Fall gewesen sei; 
und von Caelius und Soranus lässt sich das Gegentheil bestimmt 
versichern. Dasselbe ist in der methodischen Schule mit den Krisen 
und den kritischen Tagen der Fall, da auf bestimmte Tage, auf einen 
ge\^issen Cykliis viel gegeben wurde und nur die ursächlichen Be- 
ziehungen der kritischen Erscheinungen, nicht diese selbst, wie bei 
Brown, geläugnet wurden. Auch den Consensus nahm der Bithy- 
nier an, Brown nicht. Einen andern wicliligen Unterschied er- 
giebt die Aetiologie, welche Burda ch gar niciit berührt hat. Bei 
Brown beruht nämlich die ganze Eintheilung der Krankheiten auf 
dem gelegentlichen Causalverhältniss der Erregung, bei Askle- 
piades auf Zuständen, die sich nuf den nächsien Grund beziehen. 
Brown und die Jlelhodiker verachteten densülben als etwas Un- 
erforschbares. Die Letzteren aber unterschieden scharf zwischen 
entfernteren (jiQoy.axaQKTiyal ahiui) und der nächsien Ursache - 
ioorty.Tiy.i] uhi'u) (worunter Einige die Communitäten verstanden) 
und hielten gerade (nach Clarus mit Ausnahme von Caelius) die 
von Brown so sehr beachteten entfernteren für unwiciilig, weil sie 
ihren EinÜuss später verlieren. Nur in seltenen Fällen, z.B. bei 



2Ö3 

Vergiflungen, gab es daher eine besondere auf Entfernung der Ge- 
legenheilsursaclien gerichtete sogenannte prophviactische Communität. 
Eine grosse AehnlichUeit , aber aucli nur diese, herrscht iu 
beiden Systemen in Bezug auf die Einlheilung der Krankheiten. Denn 
der Slhenie bei Brown entspricht die Slrictur bei den Methodikern, 
der Asthenie die Laxitiit, d. h. es fallen die unter diesen gemein- 
schaftlichen Benennungen gefassten Krankheiten in beiden Doctrinen 
mit wenigen Ausnahmen zu;^ammen. Betrachtet man aber die Aus- 
gangspuncte, die Beziehung dieser Einlheilung zu den Obersützen, 
60 sieht man in der That nur ein zufalliges Zusammentreffen in den 
Resultaten, was um so erklärlicher ist, als eine solche Dichotomie 
sehr nahe lag, sehr plausibel erschien und, wie wir sogleich sehen 
werden, auch anderwärts schon angedeutet war. Abgesehen hier- 
von aber kommt neben diesen beiden Zuständen ein dritter bei den 
Welhodikern vor, für den wir nicht nur keine Analogie bek Brown 
haben, sundern der geradezu bei ihm ausgeschlossen ist: wir meinen 
den gemischten Zustand. Es ist ein Fehler, wenn man diesen mit 
der gemischten Asthenie Brown's vergleicht, eine geistreiche Hy- 
pothese, wenn Burdach der Parallele zu Liebe die indirecte Astlie- 
nie, deren Aufstellung eben ein wesentlicher Vorzug und Unterschied 
Brown's ist, damit verwandt sein lässt , denn in jenem Gemischten 
waren Strictur und I.axität vereint , aber eins herrschte vor und nach 
diesem wurde die Indication bestimmt. Auch ist die Unterordnung 
der einzelnen Krankheiten in mancher Beziehung verschieden. So 
gehören zur Strictur (bei Brown zur Asthenie) Epilepsie, Schlaf- 
sucht, Gicht, zur Schlaffheit Phrenitis und Pneumonie, die bei Brown 
zur Sthenie gerechnet werden. Beide Aerzte aber haben Das gemein- 
schaftlich, dass sie Krankheiten zu einer Diathese rechnen, die in 
der andern auch vorkommen können, dass sie zwischen Gesundheit und 
Krankheit die Anlage stellen und die Krankheiten in allgemeine und 
örtliche theilen; dass sie für letztere besondere Communitäten aus- 
denken; dass Asklepiades die Idee der passiven Enlzündungs- 
krankheilen C?) fasste (Burdach), Brown sie ausbildete; dass 
sie die Zeichen der Communitäten nicht feststellten und, Caelius 
ausgenommen, der auch kritische und symptomatische Erscheinungen 
schied, schlechte Diagnostiker waren. — Die Aehnlichkeit ihrer 
Heilmethoden endlich stützte sich auf die vorausgegangene und, 
wie wir gesehen haben, verschieden motivirte Einlheilung der Krank- 
heiten und darf um so weniger auffallen, als bereits Hippokrates 
durch seine TtQod'toig /.ai äcfaioeoig (addilio et sublraclio), noch 



204 

mehr Aristoteles durch seine nvxvwoig y.ai /nurcooig (densitas et 
rarilas) eine ähnliche Theilung' aufgestellt hatte, ohne dass man hierin 
weder eine Beziehung zu dem Bitliynier noch zu dem Schollen finden 
könnte. Freilich sind zuletzt heida Methoden durch ihre Mittel 
unter einander verAvandt, ist die zusamnienzieliende oder nach Brown 
reizende 3Iethode üherwiegend, wird Aderlassen und die ausleerende 
(erschlaffende, schwächende) 3Iethode heschränkt ; aber vergessen 
wir nicht, dass die lleilmittelkenntniss von jeher so schmiegsam war, 
dass jede Einlheilung- passte oder auch nicht passte, und dass in 
den vorhergegangenen Blissbräuchen wie in dem Vorwiegen der 
Schwächekrankheiten damals in Rom wie zu ßrown's Zeiten ein 
nicht unwichtiger Grund für das Verhältniss der beiden Methoden 
zu einander lag. Und wenn gar zu viel Gewicht darauf gelegt wird, 
dass Asklepiades den Wein ebenfalls allzu reichlich anwendete 
(auch in hitzigen Krankheiten), dass nach der allgemeinen Auffas- 
sung der 3Ietliodiker auch bei ihnen eine örtliche Wirkung der Mittel 
nicht galt, sondern selbst bei grösserer Atfection eines Theils die 
Behandlung auf das Allgemeine gerichtet wurde, so wollen wir doch 
als einen wichtigen Unterschied die „M e t a s y n kr is e " der Metho- 
diker zu Hülfe rufen. Man kann sie nämlich als eine Art abwechseln- 
der Spannung und Erschlaffung, ungefähr wie die Priessnitz'sche 
Methode , betrachten oder sie jenem Status mixtus an die Seite setzen, 
aber besser isl"s (wie z. B. die damit verbundene Ekelkur, das Reisen, 
der Genuss der Seeluft beweist), sie für eine umstimmende Cur zu er- 
klären, und dann wird das qualitative Verfahren der Methodiker 
wesentlich von dem blos quantitativen der Brovvnianer zu trennen 
sein. Möge uns übrigens der geistreiche Burda ch verzeihen, 
wenn wir seine Hypothese, dass Asklepiades seinen Beinamen 
ipv/QodoTijg von einer „heimlichen Liebschaft" mit dem Opium er- 
halten habe, stillschweigend zu den Acten nehmen und überhaupt 
wohl Aehnlichkeiten, aber keine Aehnlichkeit oder innere Ueberein- 
stinnnung zwischen Asklepiades und Brown finden können. 
Aber gesetzt auch, man nähme an, dass BroAvn wirklich Vieles von 
diesem seinem Vorgänger entlehnt habe, so wäre die Art und ^^'eise, 
wie er trotz der Umwandlung der obersten Salze dieselben Resultate 
erreicht hätte, schon geistreich genug, um ihm den Ruhm eines ori-' 
ginellen Geistes zu sichern. 

In einigen besondern Einzelnheiten wird Brown auch als 
Nachfolger Sydenham's bezeichnet. INamenllich gilt diess von 
seiner Behandlung der sthenischen Krankheilen, von seiner Vorliebe 



2(35 

lUr das Opium und von seinem Ilass gegen die scliweisstreibende Me- 
thode. Wenn aber Buidacli und nach ihm IIa es er in Syden- 
ham's Gegenüberstellung des Aderlasses und des Opiums, die er als 
crura medicinae bezeichnete, Spuren von Sthenie und Asthenie 
finden wollen, so gehl das zu weit und selbst der von Brown cilirle 
Ausspruch (s. Ha es er 's Geschichte der 3Iedicin. Jena 1845. S. 632), 
dass Sy denham, wenn er zu seiner Zeit gelebt hätte, Brownianer 
gewesen sein würde, kann sich nur auf eine hohe Meinung Browns 
von der Wahrheit seiner Satzungen und auf Sy denh a m's Liebe zum 
Opium beziehen, nichl eine Ableitung des Brown'schen Systems von 
Jenem beweisen. NN enn überdiess Burdach geltend macht, dass Sy- 
denham Opium nicht blos für ein schmerzstillendes und schlafmachen- 
des, sondern auch für das kriifligste herzstärkende Mittel erklärt 
habe (Sydenh. Opp. Sect. IV. c. 3.), so geben andrerseits die aufge- 
stellten Indicalionen für dessen Anw endung : heftiger Schmerz, hef- 
tiges Erbrechen und Durchfall und bclrächllicbe Verwirrung (Ataxie) 
der Lebensgeister , wieder keine Belege für die Brown"sche Auffcis- 
sung ■■••)• Einzelnes halte wohl Brown auch von Sy denham ent- 
lehnt, aber wer wollte ihm desswegen Originalität absprechen? Wer 
sieht nicht den grossen Unterschied in den Grundzügen Beider, in 
Sydenham's Vorliebe für Specilica, namentlich für die von Brown 
nicht eben sehr geliebte China, in der häufigen Annahme der Enlzün- 
dungskrankheilen (wahrscheinlich bedingt durch den damaligen 
Krankheitscharacter), in der entsprechenden Anwendung des Ader- 
lasses, in der Aufstellung der radicalen und symptomatischen Behand- 
lungsweise, der Begründung der Lehre von den Krankheilsprozessen 
(s. Haeser a. a. 0.), in der Anerkennung der ^'aturheilkraft und der 
Krisen? Warum hat Brown nicht dieses Alles mit entnommen, 
wenn Sydenh am wirklich sein „Vorgänger" Avar? — 

Wenden wir uns mit Uebergehung der wenigen und unter- 
geordneten Elemente, welche Brown zur Erklärung einzelner Er- 
scheinungen von den latr mathemat ikern entnommen zu haben 
scheint, dem unterscheidenden Grundprincip seines Systems, der Er- 
regbarkeit zu, so können wir. was Burdach übersehen haben 
muss, seinen Landsmann Glisson mit grösserem Rechte als Vor- 
läufer bezeichnen , denn Dieser war es zuerst , welcher die Erschei- 
nungen der Körperwelt auf das allgemeine Gesetz der Reizbarkeit zu- 



*) Auf die reizende Eigenschaft des Opiums hatte kurz vor Brown 
auch Tralles in einer allgemein als gut anerkannten Schrift aufmerk- 
sam gemacht. 



266 

rückführte. Jedoch unterscheidet sich diese Reizbarkeit gar sehr 
von der Brown'schen , obgleich sie ebenfalls nicht blos die Bluskelbe- 
wegung, sondern jede organische Bewegung, also auch die vegeta- 
tiven Functionen erzeugt. Denn sie ist bedingt durch Irritabilität 
der Faser und den Sensus , d. h. das Vermögen der Nerven Reize 
aufzunehmen und abzugeben, angeregt zu werden und anzuregen. 
Dieser Sensus ist sowohl ein äusserer als ein innerer und letzterer ent- 
weder ein peripherischer oder centraler durch die Phanlasia oder den 
Sensus internus im engeren Sinne vermittelt. Diese scharfe Son- 
derung wie die Unterscheidung der perceplio naturalis und sensitiva, 
denen ein entsprechender appelilus und motus, entweder willkührlich 
oder refleclirt folgt, stellen Glisson's Lehren den neuern Nerven- 
unlersuchungen sehr nahe (vergl. G. H. Meyer in Haeser's Archiv. 
Jena 1843. V. 1.) und beweisen Dessen scharfsinnigen Geist. Wir 
haben hier eine ganze Dynamik des Nervensystems und Brown hätte 
mehr leisten können, wenn er diese in's Einzelne verfolgt hätte, statt 
sich blos den obersten Grundsatz anzueignen und hierauf andere Fol- 
gerungen zu bauen. Aber eben wegen dieser allgemeinen und 
dynamischen Anffassungsform, nach welcher die Irritabilität 
Quelle und Vermittlerin aller Bewegung und Ernährung ist, und 
wegen der Art und Weise, wie Glisson zu diesem Resultate ge- 
langte, steht Brown ihm näher als IIa 11er, dessen auf dem Wege 
des Experiments ermittelte Irriiabilität eine beschränkte orga- 
nische Grundkraft eines einzigen körperlichen Systenis, des Muskel- 
systems, ist und ihren natürlichen Gegensalz in der Sensibilität findet 
(Brown setzte ausdrücklich seine Erregbarkeit in das Nervenmark 
und die Muskularsubstanz). Auf diese Weise ist die Haller'sche Irri- 
tabilität, welche noch unter einem höheren Gesetze steht und nur 
einzelne Functionen erklärt, auf keine AVeise mit dem Principe 
Brown' sin Vergleich zu ziehen, welches nach einer ganz andern 
Richtung hinzeigle. Vielleicht haben aber dennoch die in die Jugend- 
zeit Brown's fallenden heftigen Streitigkeiten über die Haller'sche 
Lehre und die damit in Verbindung stehenden Untersuchungen durch 
Ideenassociation auf jenes Princip hingeführt. 

Was ist endlich natürlicher , als dass man den Einfluss des Leh- 
rers bei dem Schüler wiederzufinden glaubt? Daher hat auch Bur- 
da c h C u 1 1 e n einen grossen Antheil an Brown's Entwicklung und 
gewiss nicht mit Unrecht zugeschrieben. Cullen war es, der auf 
die Induclionsmelhode drang, der die Autokratie der Natur und das 
exspectative Verfahren herabwürdigle , der die Nervenpathologie ver- 



267 

vollkoramnete, die \\'irkung von Purganzen und Aderlässen nicht in 
Auslulirung der Krankheilsmalerie, sondern in unmittelbarer Hebung 
des entzündlichen Zustandes sah und bei vielen Krankheitsformen nur 
zwei entgegengesetzte Dialhesen, die entzündliche und nervöse, aner- 
kannte. Auch einzelne Bestimmungen, wie die Einthcilung der Blat- 
tern, über die Ursache der Gicht, die \N irkung der Miasmen u. s. w., 
kommen bei Cullen wie bei Brown vor. Ja selbst die häufige An- 
nahme der Schwäche als eines primären Krankheitszustandes, die 
Eintheilung der Fieber nach der starken , schwachen oder gemischten 
Keaclion, die Erregung der festen Theile, welche Cullen aU 
Ursache der Krankheiten annahm, endlich die an die Methodiker 
erinnernden Gegensätze von kramplliafler Spannung und atonischer 
Erschlaffung, haben gewiss bei Brown mächtig eingewirkt und 
einen unverkennbaren Einfluss geübt, aber — das Alles ist immer 
noch kein Brown'sches System, abgesehn von dessen besondern 
Eigenthümlichkeiten, die Iheihveiss dem Cullen' sehen diametral 
entgegenlaufen. 

Das Resultat unseres Rückblicks auf die Vorzeit Brown's er- 
weist also nur, dass hier ein naturgemässer Entwicklungsgang und 
allmählige Steigerung statt fand, dass Brown" s Ideen wohl ange- 
deutet und vorgebildet waren , dass er einzelne Elemente seinen Vor- 
gängern entnahm und trotz aller Opposition gegen die Vergangenheit 
auf ihr fusste, dass aber darum nichtsdestoweniger der Ruhm seiner 
Originalität, Neuheit und Selbstständigkeit geschichtlich 
gerechtfertigt ist und feststeht. 

Die Würdigung anderer Parallelen Brown's: mit Darwin 
[Baeta, Rees,s.ob.], mit Reil[Sp annagel^^^)], mit Broussais 
[Slock^^-)] gehört einer späteren Darstellung an, welche die Leh- 
ren dieser Aerzte zu entwickeln und zu beurtheilen hat. 

Es bleibt uns hier nur noch übrig , den Einfluss und die F o 1 - 
gen zu schildern, welche das Brown'sche System gehabt hat. — Was 
nun zunächst das Zeitaller Brown's und seiner nächsten Nachfolger 
anbelangt, so hat die obige Geschichtsdarstellung uns hier einer 
weiteren Auseinandersetzung überhoben, da sie ja eben diesen Zweck 
verfolgte. Wir wenden uns daher sofort zu dem Schluss dieses Ab- 
risses , dessen Aufgabe es ist, uns in die Zeit nach Brown zu ver- 
setzen, uns gleichsam die Zukunft des Brown'schen Systems zu zeigen 
und die Folgen der reformatorischen Bestrebungen, den Antheil, 
den die Wissenschaft noch jetzt, den Nutzen, den auch w i r noch 
davon haben , zu entfalten. 



268 

Das Brown'sche System war ein bedeulendes Enlwicklungsmo- 
ment für das beginnende neunzehnte Jahrhundert. Kritisch negirend 
und positiv construirend machte es Opposition gegen die Zeit selbst 
und trieb zugleich ihre Richtung bis ins Extrem. Der Zeit war eine 
neue Bahn nölhig, eine Hinleitung auf das Allgemeine, eine princi- 
pielle Begründung auf eine organisch-vitale Lebenskraft. Als ein 
gewaltiger GährungsstolT in theilweiss abgestorbene Massen ge- 
worfen, rief die Erregungslehre eine neue lebendige Strömung her- 
vor, belebte die abgestandenen Geister, spornte sie an zur Wah- 
rung des Liebgewonnenen, zur Rettung des Bedrohten, zur Bekäm- 
pfung des Schädlichen, zum Erwerb des Nutzlichen. Dieses pulsi- 
rende Leben, trotz einiger fieljerhaffer Erregung bald sthenischer 
bald asthenischer Art, ist in der That erfreulich, besser als jenes 
Scheinvegetiren ohne Gefahr, aber auch ohne Hoffnung. Die neue 
Lehre entwickelte eine heilsame Skepsis, concenlrirte alle beson- 
deren Richtungen auf eine einzige, lenkte den sich im Einzelnen 
verlierenden Blick wieder einmal auf das grosse Ganze hin, indifferen- 
zirte momentan die bisherigen üitferenzen, welche aber dennoch 
darin involvirt waren und mit einem Schlage abgemacht wurden. Sie 
machte Opposilion gegen den Materialismus und Dynamismus der 
früheren Zeit, gegen die herrschenden spiritualistischen und physika- 
lisch-chemischen Theorieen, gegen die alte Humoral- wie Solidarpa- 
thologie, geiien die damaligen Vitalitälslehren und Annahmen orga- 
nischer Kräfte , gegen alle bisherigen therapeutischen Methoden. Und 
so musste ein neues Streben in die Zeit kommen, ein neuer gewal- 
tiger Aufschwung musste aus diesem Kampfe sich erheben. Die Zeit des 
Bestehens der Erregungslheorie war Wirkung und Ursache zugleich, 
sie war eine Zeit der Verwirrung, ja der Schuld; die Losung des 
Kampfes und die Siibne erwuchsen erst aus dem Falle derselben. 

Wenn es in der Encyklopädie der Berliner Professoren (Bd. 
VL Berl. 1831.) vom Brown'schen Systeme heisst: „Es habe die er- 
fdhrungsmässige Entwicklung um wenigstens 10 Jahre zurückgehalten, 
die Literatur von 1798 — 1800 sei unbrauchbar und verloren und nur 
ein einziges Gute sei die Einheit des Lebens, die sie gelehrt habe, 
so setzen wir dieser ebenfalls nur ein einziges Gute enthaltenden Kri- 
tik die Resultate entgegen, die nach unserer 51einung aus dem 
Brown'schen System der Wissenschaft erwuchsen. Wir theilen sie 
in directe und i ndir e cte Folgen, wobei Letztere natürlich theil- 
Aveiss der durch andere Hülfsmittel herbeigeführten Entwicklung der 
Zeit zuerkannt werden müssen. 



269 

I. Direcle Folgen und Resultate der Erreg ungslheoric; 

1) Rücksicht auf das Allgemeine im Organismus, auf Einheit 
des Lebens in der Munnigfaltigkeit (später durcii die Naturphi- 
losophie weiter ausgebildet); genauere Ermittelung und Fest- 
stellung der Erregbarkeit, der Gesetze der Erregung 
(als einer besondern Eigenlhiimlichkeit des Lebens); bessere 
Erkenntniss der Gesetze der Einwirkung der Aussen>Yelt 
und ihres Verhältnisses zum Organismus; bessere ^^'i^rdigung 
der äusseren Potenzen; eigenlhümliche Ansichten über die 
Herrschaft des Quantitativen und Gradualen; Berück- 
sichtigung des K r äf t ezu stan des und der Reactions- 
fähigkeit des Körpers (noch jetzt ein ■wichtiges Kriterium, 
besonders in der nalurhistorischen Schule, welche das Quali- 
tativ-3Iateriale mit dem Quantitativ-Formalen in Einklang zu 
bringen sucht (vergl. Eisen mann's Eintheilung der Stase, 
Fieber); Unterordnung des Chemischen und Mechanischen unter 
dem Vital - d y n a m i s c h e n. 

2) Erkenntniss der Identität von Gesundheit und Krank- 
heit unter dem OberbegrilTe des Lebens; Beschränkung der 
allzu localen und symptomatischen Ansicht von der 
Krankheit durch überwiegende Ausbildung des Allgemei- 
nen; Rücksicht auf den formalen Character der Krankheit 
als Stärke- oder Schwächezustand, Reactionsfähigkeit, Ertrag- 
barkeit der Reize; scharfe Sonderung der directen und in- 
directen Schwäche; Einschränkung der Humoralpatho- 
logie; Beschränkung der Lehre von der Ple thora und von 
den gastrischen Unreinigkeiten; festere Begründung der 
Lehre von der asthenischen Entzündung und Nachweiss 
der asthenischen Natur anderer Krankheiten, wie der Blut- 
flüsse u. s. w. ; Vortheile in der Annahme der spontanen 
Ausscheidung der krankhaften Materie nach gehobener 
Krankheit; Beschränkung der Zersplitterung der Krankheits- 
formen und des Werthes der Krankheils n ame n (sie sind un- 
wesentlich; das Individuelle ist die Hauptsache); Aufklärung 
über Verhältnisse der allgemeinen und örtlich e n Krank- 
heiten (in Bezug auf die Uebergänge, Residuen); Andeutung 
einer natürlichen Anreihung der Exantheme. 

3) Grössere Rücksicht auf die causa len Momente; Beschränkung 
des Forschens nach der nächsten Ursache; Verbesserungen 
der Lehre von der Wärme und Kälte; bessere Würdigung 



270 

der krankheitscr zeugenden Potenzen; genauere Be- 
stimmung der Begriffe: Opportunität, Anlage, Dispo- 
sition; Reform der Diätetik. 
4) Erschütterung des Begriffes speci fisch er Mittel (der China 
insbesondere, d.h. im alten Sinne, gegen Krankheitsgaltungtn); 
weise Beschränkung der ausleerenden Methode und des 
Aderlasses; Darlegung des Nutzens der reizenden und 
schwächenden Methode in gewissen Fällen; Beweiss für die 
Möglichkeit dynamischer Heilung bei materiellem Leiden 
(z. B. Bekämpfung des Gastricismus durch Reizmittel); bessere 
Erkenntniss der "Wirkungen einzelner Mittel, wie des 
Opiums '■■■) , der W arme und Kälte; weitere Einführung der 
Kälte bei Sthenie (wiewohl aus ganz andern Gründen als 
jetzt); naturgemässere Behandlung einzelner Krankheiten, wie 
der Fieber, Entzündungen, Exantheme, Blutflüsse; 
psychische Heilmethode. 
Mit Angabe dieser Resultate, welche gewiss als Vorzüge gel- 
ten können, halten wir das am Schlüsse unserer Kritik oben S. 105 
gegebene Versprechen für gelöst und den dort möglich gemachten 
Vorwurf einer blos tadelnden Auffassung für beseitigt. — Lagen aber 
diese Folgen in den Lichtseiten des Systemes , so gingen andere 
indirect theilweiss aus den Schattenseiten, nicht selten als gerade 
Gegensätze desselben, hervor. 
IL I n d i r e c t e Folgen und Resultate: 
l) Eine genauere und gründlichere Untersuchung des Lebens 
und der Lebenskraft überhaupt, sowie der speciellen Mo- 
dificationen derselben (vermittelt durch die Naturphilosophie); 



*) Diess geht schon aus den vielen Abhandhingen ü'ber das Opium 
hervor, unter denen wir nur die von Streng, Reil, W. Alexan- 
der, Crampe, Stütz, Bendot, Leigh, Eccard, VVirtinsohn, 
Siebold, Niemeyer, Hörn, Baume, Brera erwähnen wollen. 
Derselbe Brera sagte in seinen practischen Bemerkungen (s. oben), 
was wir hier noch anhangsweise anführen wollen, von dem Brown'- 
schen System: „Durch dieses Lehrgebäude begreifen wir die Nützlich- 
keit der Heilmethoden von Sydenham, Morton, Huxham bei Ent- 
zündungen, von Girdlestone bei Leberentzündung, Torti im Wech- 
selfieber, von Frank, Vacca Berlinghieri und Milman im 
Nervenfieber, von Moscati im Kindbettfieber, von Baillou,Baglivi, 
Sarcone, F^rank in bösartiger Pneumonie, von Hufeland in bös- 
artigen Blattern und Masern, von Salvador! in Phthisis, von Ju- 
lian! in Apoplexie, von Valli in chronischen Krankheiten, von Un- 
d er wo od und Scarpa bei alten Fussgeschwüren, von Pott bei 
trocknem Brand, von Richter und Scarpa bei skrophulösen Augen- 
entzündungen, von Lind und Älilman bei Scorbut." 



271 



Wiederherslellung der Spontaneität, Selbstständig- 
keit, Selbstermächtigiingskraft (Natiirlieilkrafl) des 
Lebens; Erkenntniss des innern Zusammenhangs der Na- 
turwesen (Paracelsus, Naturphilosophie); gleichmässige 
Berücksichtigung der d y n a m i s c h e n und materiellen 3Io- 
mente in gegenseitiger Durchdringung; besondere Würdigung 
der Reproductionskraft mit ihren Unterarten: Assimila- 
tion, Secretion, Metamorphose, und der organischen Basis 
des Lebens überhaupt; Wiederherstellung und festere Begrün- 
dung des Qualitativen, Specifischen, der Veränderun- 
gen i n m d 0. 

2) Revision der wichtigsten G r u n d 1 e h r e n der Pathologie 
und nähere Begründung derselben auf eine anatomisch- 
physio logi sehe Basis; Beschränkung der Einseitigkeit der 
Solidarp athol ogi e durch eine geläuterte Hunioralpatholo- 
gie; festere Begründung der hippokrafischen Lehrsätze von den 
Krisen, den kritischen Tagen, dem Krankheitsverlauf 
u. s. w. ; Beginn einer anatomischen Geschichte des 
Krankheitsprozesses durch besondere Rücksicht auf das 
Lokale (im Gegensatz zu Brown's allgemeiner Auffassung); 
Erkenntniss des Werthes einer auf innere, natürliche Wesen- 
heit der Krankheit begründeten Eintheilung; Einsicht vom 
Nutzen des Specialisirens (im Gegensatz zum Generali- 
siren) der Krankheitsformen; strengere Sonderung der symp- 
tomatischen und Av es entlich en Erscheinungen der 
Krankheiten, des Primären und Seeundären, Lokalen 
und Allgemeinen, überhaupt schärfere Diagnose des 
Thatbestandes nach objectiven, pathognomonischen Kenn- 
zeichen; objective Würdigung der Symptome und ihres 
inneren und äusseren Verhältnisses zur Krankheit und Beziehung 
derselben auf anatomisch-physiologische Grundlagen ; Beschrän- 
kung des Einflusses des formalen Characters der Krank- 
heilen bei Bestimmungen über Diagnose, Prognose, The- 
rapie u. s. w. 

3) Hervorhebung der inneren Momente zur Krankheifserzeu- 
gung und Einschränkung Hinsichts des angenommenen Ein- 
flusses der entfernten Ursache. 

4) Revision der obersten Grundsätze der Therapie; Her- 
vorhebung der lokalen, qualitativen und spezifischen 
Eigenschaften der Heilmittel (im Sinne der Homöopathie) wie, 



272 

der h u m r a l e n und c Ii e mi s c h e n Einwirkungen derselben ; 
Einsicht vom Schaden des Generalisirens in der Therapie 
und von der Nothwendigkeit einer besseren physiologi- 
schen Begründung der Heilmittellehre (Homöopathie); gleich- 
massige Beschränkung der reizenden und schwächenden 
Methode; schärfere Unterscheidung der primären und se- 
cundären "^^'irkung der Arzneien (Homöopathie); genauere 
Bestimmungen über die Indicationen und Verabrei- 
chung (Dosen) der Arzneien. 
Den weiteren Verfolg dieser Thalsachen lehrt die Geschichte der 
Naturphilosophie, des Broussaisismus, der Homöopathie. Burdach 
aber hatte Recht, als er als Ende des verflossenen Jalirhunderts seine 
Parallele mit den Worten schloss : „Sei nun das Schicksal des Brown- 
schen Systems in dem kommenden Jahrhundert welches .es wolle; 
(so) un r üb m li ch wird es gewiss nicht verlöschen." 

Ueberblicken wir noch einmal das durchwanderte Gebiet in for- 
meller Bedeutung, so finden wir die ewig feststehenden Gesetze 
der geschichtlichen Entwicklung hier von Neuem bestätigt. 
Denn auch hier sehen wir sowohl das "Widerstreben, welches der 
Empirismus dem hier als hypothetische Schlussfolgerung erscheinenden 
Rationalismus entgegenzusetzen bemüht ist, wie die Nothwendigkeit 
einer Ergänzung der Theorie durch die Praxis, wenn sie anders eine 
Wahrheit werden soll. Auch hier erscheint der alte Wetteifer zwi- 
schen Dynamismus und Materialismus, die sich ewig in der Geschichte 
b«kämpfen, bis dermaleinst ein festes Band sie umschlingen wird. — 
Wir erkennen, Avie thöricht es ist, eine dieser Riclilungen auszu- 
schliessen oder eine der andern unterzuordnen , und wie nur innige 
Harmonie der vital-organischen, physikalischen und chemischen Mo- 
mente zum Ziele führt. Auch hier kehrt der nimmer endende Zwie- 
spalt zwischen Humoral- und Solidarpathologie, zwischen Nerven und 
Blut wieder und das Ganze stirbt ab, weil es das Eine für todt erklärt 
und beide Elemenle des Einen Daseins nicht in ihrer gegenseitigen 
Durchdringung zu erfassen wussle. Auch bei Brown rächte sich, 
wie bei Vielen seiner Vorgänger, das Verwechseln der Kräfte und 
der Eigenschaften, der Erscheinungen und ihrer Ursachen, sowie das 
Jagen nach obersten Principien und das Deduciren von einem Satze 
aus. Was ein System für Nutzen schaffe, was die gerühmte Einheit, 
Einfachheit, Consequenz im Reiche der Natur soll, die allen Zwang 
hasst und gerade in Vielheit, 3Iannigfaltigkeit und Abweichungen 
ihre grösslen Triumphe erntet , das hat keine Geschichte so deutlicli 



27.) 



gelehrt, wie die des Brownianlsmus. Sie giebt ferner Belege dafür, 
dass eine gewaltsame Trennung der Physiologie von der 3Iedicin, wie 
sie niiinenllich von den späteren Brownianern gehandhabt >vurde, nicht 
nur unfruchtbar sei, sondern unnatürlich und selbstvernichtend virke, 
und dass eine ungieichmassige und unzulängliche Benutzung der ein- 
zelnen Disciplinen , wodurch der organische Zusammenhang des Gan- 
zen aufgehoben wird, überall Lücken und ^Vidersprüche erzeugt. 
Der Verlauf, welchen diis Brown'sche System nahm, wird neuerdings 
gelehrt haben, dass das Subjective wohl eine Zeit lang 'N>'erth haben 
kann, dass aber eine objective Grundlage allein ihm Dauer verleiht. 
Die neue Autorität konnte trotz des historischen Rechtes eine Zeit 
lang die älteren verdrängen, aber sie fiel, weil in der Medicin der 
Autoritätenglaube nur durch die immer neue individuelle Erfahrung 
der Zeit bedingt ist, während Das, was die Erfahrung aller Zeiten 
bestätigte, sich in steigender Wahrheit wieder erhob. Der Nutzen 
der conservativen Richtung, gegenüber der progressiven, sie sei nun 
negirend kritisch oder positiv consiruirend , hat auch hier wiederum 
sich bewährt. — Die verschiedene Aufnahme, welche Brown's 
Lehre in England, Italien, Frankreich, Deutschland fand, bestätigt 
die einflussreiche Einwirkung nationaler Eigenlhümlichkeit , in Bezug 
auf practische und speculative Tendenzen, die wir hier und an- 
derswo *) nachgewiesen , aufs Neue. Nebenbei aber erhielten wir 
hier wiederholt einen Beweis, dass der Propliet in seinem Vaferlando 
nichts gelte und dass die Persönlichkeit des Urhebers mit seiner 
Schöpfung nur zu oft wirklich übereinstimme oder geistig vereint ge- 
dacht werde, was in diesem Falle nicht eben glücklich für Brown 
ausfiel. Die Zeit aber, in welcher der Brownianismus herrschte, 
vermochte trotz aller richtigen Erkenntniss der guten und schlechten 
Eigenschaften desselben ein vollgültiges historisch-kritisches Urtheil 
nicht abzugeben, weil sie durch sich selbst und ihre Entwicklung be- 
fangen, den 51aassstab einer vorgerückteren Zeil nicht anlegen, die 
Früchte des Kampfes für die Zukunft nicht ernten und übersehen 
konnte. — Wie Theorieen leichter durch Erfahrungen, als diese durch 
jene widerlegt werden können, ja wie diese selbst im scheinbaren 
Widerspruch mit andern ihren besondern oft erst in der Zukunft ent- 
räthselten Werth erhalten, ist auch hier deutlich geworden. Die 



♦) In Biedermann's Monatsschrift: „Ueber die Herrschaft des 
aationaten Elements in der Medicin", Jahrg. 1842. Febr. 

18 



274 

fast gewisse BesläliguniEr endlich , dass die neuen Heilmellioden 
und Theoriet»! in einem, wenn auch nur dunklen und inslinctartig 
verwirklichten Zusammenliange mit dem heslehenden Characler der 
Krankheiten stehen, gehört gewiss zu den nicht unhedeulenden Ergeb- 
nissen der Geschichte dieser Lehre. — Eine andere Verbindung dage- 
gen, nämlich die mit der Philosophie und insbesondere mit der kriti- 
schen Richtung derselben, konnte zwar in gewisser Beziehung eine 
historische Wichtigkeit haben, spricht aber hier vielleicht deutlicher 
als anderswo für den nachlheiligen Einfluss , den eine mehr als for- 
melle Benutzung jener ausübt. — Rühmt sich mit gewissem Recht 
eine jede Zeit eine Zeit der Reformen zu sein, so konnte diess die 
Zeit des Brownianismus um so eher, als in dem theilweisen Rück- 
schritt der Fortschritt involvirt war und mit ihm gerade der Anfangs- 
punct einer neuen Bildung zusammentraf, v.elehe als eine höher po- 
tenzirte Vergangenheit angesehen werden konnte. Die Reformation 
trat aber so einseitig und so gewaltsam auf, dass sie zur Revolution 
wurde, welche eine Erfahrungswissenschaft nun und nimmer dulden 
kann. Denn nur ein allmähliges Vorwärtsschreiten gewährt die nö- 
thige Umsicht, Selbstbeherrschung und Ruhe, welche vor Einseitig- 
keiten schützt, durch die sich zu sehr vorwiegende Richtungen selbst 
überschlagen. In dieser Beziehung können aber auch Extreme bei dem 
Siels herrschenden dualistischen Kampfe der Principien als eine Wohl- 
that der Geschichte gelten , indem gerade sie durch verdiente Gering- 
schätzung oder IndilTerenzirung der Extreme mittelst eines polar Ent- 
gegengesetzten eine wahre wissenschaftliche Ausgleichung herbei- 
führen. Darum lässt sich auch erst spät, nachdem die revolutionäre 
Zutliat des Brownianismus abgestreift worden ist, sein reformatori- 
scher Einfluss richtig würdigen. Bei diesem wollen wir stehen blei- 
ben , wollen die Mängel des Systemes im Hinblick auf den aus ihnen 
erwachsenen Fortschritt mit historischer Ruhe betrachten, aber mit 
dankbarer Pietät die Bereicherungen anerkennen, welche trotz viel- 
facher Irrungen auch aus diesem Ereigniss für die Wissenschaft ge- 
wonnen wurden. Die Wissenschaft gebe Zeugniss und die Geschichte 
spreche das Urlheil I 



Ijiteratiir 



Geschichte des Brown'scheii Systems.*) 



Zur Geschichte des Brownianismus in England 
(und America). 

l. loannis Brunonis, M. D., De inedicina Praelectoris, societati.« 
regiae medicae Edinensis Praesidis, Elementa Medicinae. Edinburg 
J780. 12. 

2. Soc. reg. med. Praes. Antiq. ap. Scotos ab epistolis la- 

tinis, Elementa Medicinae. Editio altera, plurimum emen- 
data et integrum demum opus exhibens. Fldiiiburg 1784. 8. (Nach 
Girtanner, London 1787. Auch eine dritte, Edinburg 1788, 
wird erwähnt.) 

3. The Elements of medecine, or a translation of the Ele- 
menta INIedicinae Brunonis with lai^e notes, illustrations and com- 
ments by the aiithor of the original work. London 1788. Vol. II. 
8. (Ebenfalls bei Beddoes s. unten, und in dem Collectivwerk: 
John Browns works. Vol. I — III. Lond. 1805. 8. 

4. — — — Observations on the principles of the old System of 
Physic, exhibiting a compend of the new doctrine. The who!(' 
«ontaining a new account of the State of medecine, from the pre- 
sent times backward to the restoration of the Grecian learning 
in the western parts of Europe. By a Gentleman conver- 
sant in the subject. London 1787. 8. 

5. Andr. Duncan, A Letter to Dr. R. Jones of Carmarthenshire. 
London 1782. 8. 

6. Letter from Philalethes to Dr. Andr. Duncan. — (?) 



•) Hier sind nur selbstätändiffe Werke aufgeführt. 

18 



276 

7. Letter on the management of patients in the royal infirmary. 
Edinburg 1782. 8. 

8. Robert Jones, An enquiry into the state of medecine on the 
priiiciples of inductive philosophy , with an appendijc, containing 
practical cases and observations. Edinburg (V) 1782. 8. 

9. — — An enquiry into the nature, causes ßnd terminations of 

nervous fevers, together with observations, teading to illustrate 
the method of restoring hls Majesty to health and of preventing 
relapses of his disease. Salisbury 1789. 

10. Samuel Lynch, Table of excitement and excit«bility, dedicated 
to J. Brown, as a testimony of respect, by his friend and pupil. 
(Bei Pf äff, s. unten.) 

11. G. Mossmann, Observations on the Brunonian practice of phy- 
sic, including a reply to an anonymous publication, approbating 
the use of stimulants in fevers. London 1788. 

12. Kentish, Advice to gouty persons. 1789. 

13. John Franks, Observations on animal life and apparent death 
from accidental Suspension of the functions of the längs, with re- 
marks on the Brunonian system. London 1790. (Italienisch mit 
Anmerkungen — deren einige Weikard in seinem Buche „Origi- 
nale und Uebersetzungen" mittheilt — von Antonio Bertoloni.) 

14. Fr. Carter, Account of the various Systems of medecine from 
the days of Hippocrates to the present time. Collected from the 
best Latin, French and English authors, particularly from the 
works of J. Brown. London 1789. 2 Vol. 8. 

15. Mr. Cristie, Illustration, drawn up from a familiär Operation to 
facilitate the conception of Browns fundamental position. (Deutsch 
von Scheel, s. Nr. 19.) 



16. Julius Juniper, Poet Laureat to the College of Physicians, the 
Brunoniad. An heroic poem in VI cantos , containing a solemn 
detail of certain commotions, which have of late divided the King- 
dom of Physic against itself, a critical and truly homerical cata- 
logue of our present luminaries of Medecine. 1789. 

17. Thomas Trotter, Observations on the scurvy, with a review 
of the opinions lately advanced on that disease and a new theory 
defended on the approved method of eure and the induction of 
pneumatic Chemistry etc. Second Edition. London 1792. 8. 

18. Observations on the medical practice of Brown, or an enquiry 
into the abuse of stimulants in fevers. London 1788. 8. 

19. Thomas Beddoes, The Elements of Medecine of John Brown 
M. D. A new edition, revised and corrected, with a biographical 
preface. London 1795. Vol. II. 8. (Beddoes, Biographie Brown's 
und Prüfung des Systems, deutsch von Scheel in Kopenhagen. 
1797. 8. 



277 

20. John Herdman (surgeon at Leith), An essav on tlie rauses and 
phenomena of animal Itfe. London I79ö. 8. (Deutsch mit verschie- 
denen Anmerkungen von D. A. F. Andr. Diel. Allcnburg 1799. 8. 

21. Thomas Morison, An examination in tlie principles of what is 
calied the Brownian system. (Ort und Jahr «ind bei Eble nicht 
angegeben.) 

23. R.J. Thor n ton, The philosophy of medicine or medical extracts. 
Ed. 4. Vol. 1—4. London 1799. 8. Ed. 5. 1817. 8. 

23» L. Baeta, A comparative view of the theories and practices of 
Dr. Cullen, Brown and Darwin etc. London IbOO. 8. 

24. Robert Robertson (surgeon of his Majesty's navy), An essay on 
fevers , wherein their theoretic genera, species and variuus deno- 
minations are from obserTation and experience of 30 years in 
Europe, Africa and America and the intermediate seas reduced 
to their characteristic genius febrile infection and the eure e.sta- 
blished on philosophical induction. London 179L 8. (Deutsch 
Liegnitz und Leipzig 1796.) 

25. Alex. Philips Wilson, A treatise on febrile diseases including 
intermitting, remitting and continu«d fcTers, eruptire fevers etc. 
Winchester 1799. (Deutsch von G. W. Töpelmann. 1804.) 



26. J. Brown, The elements of medecine, or a translation of the 
Elementa Medicinae Brunonis, witb large notes, illustrations and 
comments, by the author of the original work. A new edition. 
Philadelphia 1790. 8. 

27. G. Buch an an, A treatise on the typhus fever published for the 
benefit of establishing a lying-in Hospital in Baltimore. Ibid. (Jahr?) 

28. Benjamin Rush, Medical inquiries and observations. Vol. IL 
Philadelphia 1793. 8. (Deutsch von Ch. F. Michaelis. Nürnberg 
1797.) 

29. An account of the bilious remitting yellow fever, as it 

appeared in the City of Philadelphia in the year 1793. Philadel- 
phia 1794. 8. (Deutsch mit Zusätzen von Fr. Hop f e n gärtnor 
und J. F. H. Autenrieth. 1796.) 

30. J. T. Rees, Remarks on the medical theories of Brown, Cullen, 
Darwin and Rush. An inaug. diss. Philadelphia 1805. 



Zur Geschichte des Brownianismus in Italien. 

31. loannis Brnnonis etc. Elementa Medicinae. Editio prima Ita- 
lica, post ultimam Edinburgensem plurimum emendata atque inte- 
grum opus exhibens, cui praefatus est Petrus Moscati, in Reg. 
Ticin. univers. antea Anat. et Chir. nunc Mediol. Objetetr. Prof. 



278 

Medlolani 1792. 8. (Unveränderter Abdruck in Hildburghausen 
1794 und 1805. — Die Vorrede übersetzt in Eyerel's Lehrbegriff 
der Brown'schen Arzneilehre, s. unten.) 

32. P. Moscati, De usu systematum in medicina practica. Ex ita- 
lico in latinum sermonem vertit Aloys. Careno. Lips. 1801. 
(Deutsch Wien 1801.) 

33. G. Rasori, Compendlo della nuova dottrina medica di G. Brown 
e confutazione del sistenia dello spasmo. Tradotti dalT Inglese, 
coir aggiunta di alcuni annotazioni e d' un discorso preliminare. 
Pavia 1792. — Venez. 1799. 8. (Die Anmerkungen deutsch bei 
Eyerel. Die Vorrede ist besonders abgedruckt: Rede über die 
Brown'sche Lehre von Rasori. Aus dem Italienischen von M. A. 
Weikard. Frankfurt a. M. 1796. 8. 

3-t. G. B. Monteggia, Due lettere in Giornale medico-chirurgico 
della piü recente letteratura d' Europa. 1793 und 1794. (Deutsch: 
Briefe über die Brown'schen Elemente oder kurze Uebersicht der 
Brown'schen Lehre. Mit Anmerkungen von M. A. Weikard. Heil- 
bronn 1796.) 

35. Ed mundo Schmuck, Riflessioni sopra alcuni punti della dot- 
trina di Brown dirette al Sign. G. Frank D. M. in Pavia. In dem- 
selben Journal, Juni 1793. 

36. Gemello Villa, Lettera diretta al S. Brugnatelli suUa nuova 
dottrina di Brown in Giorn. fisico-med. di Brugnat. Pavia, Oct. 1793. 

37. L. E. Polidori, Articolo di Lettera sopra alcuni punti del 
sistema di Brown. Ebend. 1793. 

38. Jacobi Sacchi (Carminati), in principia theoriae Brunonianae 
animadversiones. Ticini 1793. 

39. Giuseppe Frank, Lettera sulla dottrina di Brown alS. Brugna- 
telli. Im Giorn. fisico-med. di Brugn. 179i. Vol. IV. (Deutsch 
von Weikard. Frankfurt 1796, 8.) 

■iO. — — — Ricerche sullo stato della Medicina etc. con riflessioni 
del R. Jones. Traduzione dall' Inglese, coli' aggiunta di alcune 
note. Pavia 1795. Vol. II. 8. (Anmerk. deutsch bei Eyerel.) 

•il. Lettera ad un amico sopra diversi punti di Medicina, 

interessanti anche i non medici. Pavia 1796. (Deutsch von Wei- 
kard. Heiibronn 1796.) 

42. Biblioteca medica Browniana. Vol. I. — VI. Firenza 1798. 

■13. Gelmetti, Memoria sulla constituzione delle malattie, le quäle 
hanno regnato in Mantova 1795. Im 1. Bande der Atti dell' Aca- 
demia di Mantova. (Deutsch in Weikard's Magazin [s. unlen.] 
Bd. L S. 33.) 

44. FVancesco Frank, Considerazioni intorno alle riflessioni del 
S. G. Stiambiü sul libro intitolato; J. Brunonis Elem. Med. Pavia 
1796. 

45. Carlo Bianchi, Risposta alle riflessioni di G. Strainbio. Mi- 
lano 1796. 



279 

46. G i u *>. iMuciiii, La dottriiia <li lirown <liliKi<l;ita in vari punti 
Cüiitradetti dal S. G. Strambio etc. Brescia 1796. (Deutsch in 
Weikard's Magazin St. 4. S. 1.) 

47. — Lettera al S. Carlo Burcio iiel Giorn. fisico-ined. cliir. 

di Milano. Vol. X. Januar. 1796. (Deutsch in Weikard's Ma- 
gazin Bd. I. S. 37.) 

48. Vincenzo Solenghi, Lettera ad un suo aiiico intorno alla 
düttrina di Brown; im Giorn. della piü rec. letteratura Nr. 11, 
Febr. 1796. — Desselben neue Ausgabe dor Elemente Brown'« 
erschien in Rom im Jahre 1796. 

49. P. Rice o b eil i , II sisteina Bro\Tniano difeso dalle principali im- 
putazioni. Venez. 1797. 8. 

50. Val. Aloys. Brera, Division« dellc nialattie fatto secondo in 
princijü del sist. di Br. Pavia 1793. 1798. 1799. 

51. — Programma de vitae vegetabilis ac aniiualis analojiia. 

Ticini 1796. 

52. — Sylloge opusculorum selectorum ad praxin praecipue lue- 

dicam spectantiuni. Vol. I. Pavia 1797. 

53. — — — Annutazioni medico-pratiche suUe diverse maiattie trat- 
tate neila clinica med. R. di Pavia negli anni 1796, 1797, 1798 |)er 
servire di continuazione alla storia diu. di Pav. dell" anno 1795 
del S. Prof. G. Frank e di coramenti agli elem. di med, del S. 
Cons. M. A. Weikard. Nuova edizione accresciuta e compita. 
Vol.I.Il. Cremal806. (Deutsch von F. A. Weber. Zürich 1801. j 

54. Luigi Frank (nicht wie bei Sprengel Gins. Frank), Dello 
stato stenico ed astenico predouiinante nelle maiattie distinto se- 
condo la dottrina Browniana del S. M. A. Weikard. Traduz. 
dal Tedesco. Con 1' aggiunta delle sue osservazioni intorno T uso 
di un nuove remedio mercuriale (Merc. sol.) nelle malatt. vener. 
Firenza 1797. 8. 

55. G. Zandonatti, Osservazioni teoretico-pratiche sui principi 
fondamentali della med. di G. Frank. Tradux. dal Tedesco coli' 
aggiunta di alcune noti. P. I. II. Parma 1804. 

56- Franc. Cattanio, (Das Original fehlt.) Betrachtungen über das 
System von J. Brown, oder neue Classification der örtlichen 
Krankheiten. 1 Theil. Aus dem Italienischen von M. A. Weikard. 
Heilbronn 1796. 

57- Deho, Schreiben an Herrn Marchese Matteo Sommariva: 
Ueber die wirklich herrschende Hornviehseuche und die Auswahl 
der besten Heilart, nach den Grundsätzen der Brown'schen Arz- 
neilehre. Aus dem Italienischen von VVeikard, unter dem Titel: 
Geschichte der Brown'schen Lehre in 3 Aufsätzen von Rasori, 
Deho, J, Frank. Frankfurt 1796. 

58. (Moscati) Compendio di cognizioni veterinarie al commodo de' 
medici e Chirurghi di campagna nella occasione della maligna 
febbre epizootica di questo anno 1795 etc. Milano 1796. 



280 

59. Rosaiio Scuderi, Introduzlone alla storia della Medicina an- 
tica e nioderna. Napoli 1794. In's Französische übersetzt Yon 
Ch. Billard et. Paris 1810. (Ein besonderer Aufsatz: Intorno 
aüa setta eccitabilistica sotto Brown, in Brugnat. 1795. T. II. 
S. 117 behandelt das Brown'sche System.) 

60. Fr. Vacca Berlinghieri, Meditazioni sull' uomo malato e sulla 
uiiova dottrina inedica di Br. Pisa 1795. Venezia 1796. 8. (Girtan- 
ner hält diese Schrift für identisch mit der im Jahr 1794 erschie- 
nenen : Meditazione sopra la salute umana.) 

61. Gaetano Strambio, Riflessioni sul libro intitolato: J. Bruno- 
nis tlem. Med. Milano 1795. 

62. Don Ignazio del Monte, Amenorrhoea con clorosi incurabile 
per vizi organici finita accidalraente per inflammazione de' pre- 
cordj. Tutto verificato nella sezion' del cadavere. Im Giorn. fis.- 
med. di Br ugn. T. II. an. Ylll. Pav. 1795. S. 131. 

63. — Curagioni Browniane. Ebendas. 1795. T. IV. 

64. Aglietti, Giornale di Medicina. Venez. — (Jahr?) 

65. — Saggio sopra la costanza delle legge fondamentali deil' 

arte medica. Discorso academ. 1804. p. 54. 

66. Marzani, Confutazione del sistema di Br. arrichita di nuovi ed 
interessanti riflessioni indiretti ai progressi della teoria e della 
pratica della Medicina. Venez. 1802. 

67. Zappala, Analisi della pretesa nuova dottriiia dl Br. Catanea 
1803. 

68. G. Strano, Saggio fisico-critico sulla dottrina di Br. Catanea 
1805. 

69. St. Truso, Avviso ai medici sopra il sistema di Br. Palermo 
1806. 

(Vergleiche ferner unten Nr. 77.) 



Zur Geschichte des Brownianismus in Frankreich 
und Spanien. 

70. Emanuel Rizo (nach Sprengel: Lit. med. ext. rec. Rizzo), 
Essai sur la nouvelle doctrine medicale de Brown en forme de 
lettre, Paris. An V. (1797.) 

71. Rudolph Abram Schiferli, Analyse raisonnee du Systeme de 
medecine de John Brown appuyee de quelques observations. Paris 
1797. 

72. Lafont-Gouzi, Considerations critiques sur la Classification 
des medicamens suivies d'un nouveau plan de matiere medicale. 
Paris 1803. 

73. Fr. Chortet, Recueil d'observations faites d'apres la theorie 
de Brown par J. Frank, Marcus, Thomann, Brera et Weikard 



281 

avec des r^flexions sur chaque nialadie, pr^ced^ d^une exposition 
des principes fondamentaux du nouveau Systeme, suivi d'un traite 
nur la propriete fortifiante de la chaleur et sur la vertu affaiblis- 
sante du froid par le meme auteur. Luxembourg. An XI. 12. 

74. Ft. Chortet, Ueber die Wirkung des Opium, als unentbehrli- 
chen Reiz- und Heilmittels in der Arzneikunst. Nebst einer neuen 
Theorie der Entzündung, der Convulsionen, des Schlafs und des 
Wachens. Aus dem Französischen mit Anmerkungen von W. G. 
Becker. Leipzig 1805. 

75. — Reflexions critiques sur la maniere dont les anti-browniens 

exercent la medecine en France ou traite de l'abus de la methode 
atTaiblissante en general, particulierement de Temetico-purgative, 
suivi d'une nouvelle th^orie et d'un nouveau traitement des mala- 
dies dites des humeurs. Paris. An XII. 

76. — — — La vraie theorie medicale ou expose periodique et de- 
veloppement de la theorie de Brown dite de Pincitation. Paris 1806. 



77. F. Canavcri, Analyse et refutatlon des elemens de medecine du 
Dr. J. Br. Turin. An XIII. 

78. J. B. Ph. Maurice, Refutation de la nouvelle doctrine des so- 
lidistes, s. Röschlaub's Magazin Bd. VI. S. 241 (s. unt.). 

79. N.P.Gilbert, Los theories medicales modernes comparees entr'- 
elles et rapprochees de la medecine d'observation. Memoire ä 
la seance publique de la Soc. de med. de Par. Paris. An VII. 8. 



80. Jacq. Serrano Manzano, Errores y perjuicios del sistema 
espasmodico del Dr. Cullen demonstratos por J. Br. Vergl. Salz- 
burger Zeitung, Jahrgang 1801, Band III. 

81. Vic. Miljavila y Fisonel, Division de las Enfermedades 
hecha segun los principios del sistema di Br. 6 nosologia Browniana; 
con un discorso preliminar sobre las nosologias y dos grandes 
Tablas que presentan la classificazion, causas y metodo curativa 
de las Enfermedades. Madrid 1798. 

82. — — — Reflexiones del Dr. Pedro Frank sobre la dottrina 
Browniana, trad. dal Latino. Madrid 1798. 8. 



Zur Geschichte des Brow^nianismiis in Deutschland. 

Christoph Girtanner. 

83. In Rozier's Journal de physique. Paris. Vol. 36. Juin 1790. T. I. 
p. 422 und T. II. Aoüt p. 139. 

84. Ausführliche Darstellung des Brown'schen Systems der practischen 
Heilkunde, nebst einer vollständigen Literatur und Kritik dessel- 
ben. 2 Bände. Göttingen 1797 — 98. 



282 

Melchior il.daiu IVeikard. 

85. J.Brown 's Grundsätze der Arzneilehre. Aus dem Lateinischen. 
Frankfurt 1795 und 1798. 8. 

86. Entwurf einer einfachen Arzneikunst oder Erläuterung und Bestä- 
tigung der Brown'schen Arzneilehre. Frankfurt 179öt 8. (In's Ita- 
lienische übersetzt von Jos. Frank. Vened. 1797. 8.) 

87. Medicinisch-practisches Handbuch auf Brown'sche Grundsätze und 
Erfahrung gegründet. 1. u. 2. Theil. Heilbronn 1796. 8. — Desselben 
3. Theil, auch unter dem Titel: Practische Anweisung zur Heilung 
örtlicher Krankheiten. Heilbronn 1797. 8. 

88. Magazin der verbesserten theoretischen und practischen Arznei- 
kunst für Freunde und Feinde der neuen Lehre. 1. Bd. 1 — 4. St. 
Heilbronn 1796 — 1797. 8. 

89. Sammlung medicinisch-practischer Beobachtungen und Abhandlun- 
gen. Ulm 1798. 8. 

90. Originale und Uebersetzungen zum Behuf der Verbesserung der 
Arzneikunde. Heilbronn 1796. 



(J. G.Knebel 's Bearbeitung von Brown's Elementen vergl. 8.243.) 



Zur Geschichte der Erregungstheorie. 

I. Begründer der Erregiingslheorie. 

Jobann Andreas Höü^eblaub. 

91. Diss. inaiig. de febri fragmentum. Bamberg 1795. 

92. Von dein Fliiiflussc der Brown'scben Theorie auf die Arznemisfipn- 
schaft. Wfirzburg 1798. gr. 8. (In's Französische übersetzt von 
Breinersdorf. 1802.) 

93. Untersuchungen über Pathogenie oder Einleitung in die medicini- 
sche Theorie. Frankfurt a. M. (1798 — löOO) 1800—1803. 3 ThI. 
gr. 8. 

94. Lehrbuch der Nosologie für Vorlesungen. Bamberg 1801. 2 Tlil. 
gr. 8. 

95. Magazin zur Vervollkommnung der theoretischen und practischen 
Heilkunde. Frankfurt a. INI. 1 — 10. Bd. 1799 — 1809. 8. Vom 
8. Bande an auch unter dem Titel: Magazin für Physiologie und 
iMedicin. 

96. Erster Entwurf eines Lehrbuchs der allgemeinen laterie und ihrer 
Propädeutik als Handschrift zu seinen Vorlesungen. 1. Thl. Die 
Einleitung und Propädeutik enthaltend. Frankfurt a. M. 1804. 8. 

97. Lehrbuch der besondern Nosologie, latreusiologie und laterie. 
1. Bd. 1. Abthl. Die Einleitung in das Ganze und die Abhand- 
lung der am geistigen Leben des Menschen erscheinenden Uebel- 
seinsformen enthaltend. Frankfurt a. M. 1807. 8. 

98. J. Brown' s sämn.tliche Werke. 2 Bde. Frankfurt a. M. 1806. 
Auch unter dem Titel: J. Brown'« Anfangsgründe der Medicin. 
Herausgeg. u. s. w. (Ohne Zusätze und Commentar nach der 
Edinburger Ausgabe und nach der von Beddoes; deutsche Ueber.- 
setzung. Stellen, welche in der englischen Ausgabe von der la- 
teinischen abweichen oder fehlen, werden angegeben, einige über- 
flüssige Anmerkungen weggelassen, einige Veränderungen der §§. 
und grössere bei den Kapiteln gemacht, die sich nach Pfaff's 



284 

Eintheilung richten.) Der sämmtlichen Werke 3. Band. 1807. Auch 
unter dem Titel: Bemerkungen über die älteren Systeme der Me- 
dicin und Umriss der neuen Lehre. 
99. J.Brown'» Leben, beschrieben von dessem Sohne Dr. Wil li a m 
Cullen Brown. Aus dem' Englischen übersetzt »on Dr. C.W. 
F. Breyer, herausgegeben von Röschlaub. Frankfurt a. M. 

1807. 8. (Eine von Ersch erwähnte Rede Röschlanb's, die 
Afteranwendung der neuesten Systeme der Philosophie auf die 
Medicin. Landshut 1802. 8. habe ich nicht erlangen können.) 

{Johann Peter Frank.] Joseph Frank. 

(Ver^l. Nr. 39 — 41.) 

100. Ratio instituti clinici Ticinensis an. 1795, praefatus est J. Peter 
Frank. Viennae 1797. — Yenet. 1799. 8. (Deutsch: Heilart der 
klinischen Lehranstalt zu Pavia. Aus dem Lateinischen mit practi- 
schen Bemerkungen von Friedrich Schaefer, unter Aufsicht 
des Verfassers. Wien 1797. 

101. Erläuterungen der Brown'schen Arzneilehre. Heilbronn (1797) 
1798. 8. 

102. Gesundheitstaschenbuch. Von einer Gesellschaft Wiener Aerzle. 
Wien. 1. u. 2. Jahrg. 1801 u. 1802. 3. Jahrg. 1803. (Von Frank 
allein.) 

103. Handbuch der Toxikologie oder der Lehre von den Giften und 
Gegengiften, nach den Grundsätzen der Brown'schen Arzneilehre 
und der neuern Chemie bearbeitet. Wien 1803. 8. 2. Aufl. 1816, 
Französisch vonVrancken. Antwerpen 1803. 

104. (Grundriss der Pathologie nach den Gesetzen der Erregungs- 
theorie mit erläuternden Zusätzen und Anmerkungen nach seinen 
Vorlesungen bearbeitet. Wien 1803. — Plagiat.) 

105. Erläuterungen der Erregungstheorie. Heilbronn 1803. 

106. Reise nach Paris, London und einem grossen Theil des übrigen 
Englands und Schottlands, in Beziehung auf Spitäler, Versor- 
gungshäuser, übrige Armeninstitute, medicinische Lehranstalten 
und Gefängnisse. Wien 1804 — 1805. 2 Thle. 8. 

107. Acta instituti clinici caesareae universitatis Vilnensis. An I. II. 

1808. (Aus dem Lateinischen von E. Meyer. Berlin 1810.) 

Adalbert Friedrich mCarcus. 

108. Prüfungen des Brown'schen Systems der Heilkunde durch Er- 
fahrungen am Krankenbette. Weimar. 1. — 4. St. 1797 — 1799.8. 

109. Magazin für specielle Therapie und Klinik nach den Grundsätzen 
der Erregungstheorie. Jena 1802 — 1805. 



285 

II. Anhäng-er der Erreg-iingsllieorie: 

l) Ohne selbstständige Haltung. 

a. ^Abhandlungen über das Ganze der Erregungstkeorte. 

110. J. Eyerel, Lehrbegriff der Brown'schen Lehre, aus dem Eng- 
lischen, mit einigen Anmerkungen der Herren Jos. Frank und 
Rasori aus dem Italienischen und der Vorrede des Dr. P. Mos- 
cati aus dem Lateinischen. Wien 1796. 8. 

HL G. W. V. Eicken, Bemerkungen über die Brown'sche Arznei- 
lehre. Offenbach 1796. 

112. A. J. G. K. Batsch, Beitrag zur Berichtigung derUrtheile über 
das Brown'sche System von einem practischen Arzte. Jena 1797. 8. 

113. V.Eck artsh ausen, Hofrath , Ideen über das aftirmative Prin- 
cip des Lebens und das negative Princip des Todes zur Bestä- 
tigung des Brown'schen Systems. Leipzig 1798. 8. 

114. Ch. A. Struve, Tabellarische Uebersicht der Hauptgrundsätze 
des Brown'schen Systems. Hannover 1799. 8. 

115. H.W. Lindemann, Entwurf die vorzüglichsten Krankheiten 
der Soldaten im Felde schneller und glücklicher zu heilen. Berlin 
1799. 8. 

116. H. M. V. Leveling , Die ersten Grundsätze der Erregungstheorie 
für die Naturlehre des gesunden und kranken Organismus, an- 
gehenden Aerzten und Philosophen dargestellt. Landshut 1801. 8. 

117- M. H. Mendel, Grundzüge der neueren Theorie der Heilkunde 
und ihres EinSusses auf die Heilkunst. Nach Röschlaub's Un- 
tersuchungen dargestellt. Mit einer Vorrede von J. Cl. Tode. 
Kopenhagen u. Leipzig 1801. 8. 

118. C. F. G. Schmidt , De scalis Brunonianis scripsit novamque 
adjecit. Cum tab. aeri incisa. Lips. (1802.?) 

119. F. A. Gebier, Diss. Cogltata de asthenia incitationis indirecta. 
Jenae 1802. 

120. G. K. Winiker, Beiträge zur Erregungstheorie. 1. Bändchen. 
Göttingen 1803. 8. 

121. J. H. Müller, System der gesammten Heilkunde nach der Er- 
regungstheorie. (Auch unter dem Titel: Handbuch der Physio- 
logie nach der Erregungstheorie. Leipzig 1803. 8. Und: Hand- 
buch der allgemeinen Krankheitslehre nach der Erregungstheorie. 
Leipzig 180i. 8.) Mit Einleitung von K. F. Burdach. 4 Bde. 
Leipzig 1803—10. gr. 8. 

122. A. Naegele, Das Werden, das Leben, die Gesundheit, die 
Krankheit und der Tod des menschlichen Korpers nach Brown'scher 
Art dargestellt. Düsseldorf 1801. gr. 8. 

123. J. L. Loos, Regeln zur Verlängerung des Lebens. Aus dem 
17. Jahrhundert mit Erläuterungen nach der Erregungstheorie. 
Mannheim 1804. ]2. 



286 

124. F. J. Zimmermann, Philosophisch-medicinisches Wörterbuch 
zur Erleichterling des höheren medicinischen Studiums. Wien 
1803. 2. Aufl. 1807. 

125. M. Petrovich, Physiologia. Pesth. 1807. 8. 

126. (C. A. Pudor.) Versuch eines nach Grundsätzen der Errc 
gungstheorie abgefassten medicinisch-practischen Leitfadens bei 
Heihnig einiger sthenischen, besonders asthenischen Krankheits- 
formen u. s. w. von einem practischen Arzte. Leipzig. 2 Bände. 
1806—1807. 8. 

127. J. M. Trawnitschek , Neue Entdeckung eines wirksam erre- 
genden Mittels in asthenischen Krankheiten und die damit ange- 
stellten glücklichen Versuche als Beitrag zur neuen Heilkunde. 
Brunn 1811. 8. 

128. S. Liboschitz, Beiträge für die neuere Heilkunde. Nebsteiner 
Sammlung von merkAvürdigen Krankengeschichten aus der Klinik 
zu Wien. Mit Bewilligung des Herrn Hofrath J. P. Frank. Wien. 
1805. 2 Bände. 

129. (C. Jac. Ch. J. Diruf.) Der Geist des 19. Jahrhunderts in me- 
dicinischer Hinsicht, den Freunden eines langen Lebens gewidmet 
vom Verfasser. Süddeutschland (Heilbronnen) 1802. 

130. J.Dan. Morbeck, Medicinisch-practische Beobachtungen im 
Geiste der neueren Brown'schen Lehre aufgestellt und ausgear- 
beitet, nebst einer Vorrede von M. A. Weikard. Heilbronn 
am Neckar u. Rothenburg an der Tauber. 1. ThI. 1797- 8. 

ß. Anwendung der Erregungstheorie auf Einseines. 

131. C. Rings dor ff, De febribus gastricis. Erford. 1800. 

132. S.Hirsch, De febre puerperarum. Erford. 1800. 

133. J. G. Rademac her, Beschreibung einer neuen Heilart der 
Nervenfieber. Berlin 1803. 8. 

134. ( — Anonym) Entwurf einer Darstellung des Scharlachexanthems 
nach den Principien der Erregungstheorie , nebst einer Prüfung 
der über diesen Gegenstand kürzlich erschienenen Abhandlungen 
der Pi-ofessoren Cappel u. Arne mann in Göttingen. Göttingen 
u. Leipzig 1802. 8. 

135. H.Th. Freyer, Diss. notiones quaedam de purpura. Gottingae 
1801. 

136. G. G. Zinke, Bemerkungen über die diesjährige Ruhrepidemie, 
ihre Ursachen und Behandlung nach B rown' sehen Grundsätzen. 
Jena 1801. 8. 

137. C F. J. Dannenberg, De asthenia incitationis cum ventricuii 
et intestinorum affectione locali veram sistens rejecta gasti'icismi 
cum opinione de eadem sententiam. Jenae 1801. 4. 

138. C. J. Meyer, Sammlung medicinisch-practischer Beobachtungen 
aus der Klinik zu Wien , mit Bemerkungen. Mit Bewilligung des 
Herrn Hofrath Frank. Wien 1803. 8. Und: Systematisches 



287 

Handbuch zur Erkenntniss und Heilung der Blutflüsse für Aerzte 
und Wundärzte. 1. Band. Wien 1804. 

139. G. F. Münz, De epilepsia, Erford. 1800. 

140. J. F. Kiinzel, Diss. quaedam de tussi.s convulsivae causa. Got- 
ting. 1801. 

141. H. Chr. de Lang a Mutenau, Diss. de spasmo fragmenta 
continens. Erlang. 1802. 

142. J. H. Ri enischneider, Diss. de mania praecipuisque de ejus- 
dem causis. Gotting. 1802. 

143. J. F. Wezler, Ueber das Fehlerhafte der zeitherigen Methode, 
Scheintodte zu behandeln. Landshut 1801. 8. 

144. A. Mosthaft, Diss. sistens disquisitionem an in morborum cu- 
ratione ad formam respiciendum. Gotting. 1802. 

145. F. H e y e r , Ueber den Werth der Krankheitsformen u. s. w. 
Brauiischweig 1803. 

146. K.J. Meyer, Ein Wort über den Aderlass als Präservativmittel. 
Würzburg 1798. 

147. G. F. L. Griese, Ueber die richtige Anwendung des Aderlasses, 
nebst einer Anleitung zur Diagnose des sthenischen Characters 
einer Krankheit. Braunschweig 1804. 8. 

(Ueber einzelne hierher gehörige Aufsätze vergl. S. 194.) 

Anwendung der Erregungstheorie auf die Arznei- 
mittellehre. 

148. C. Ch. H. Marc, Allgemeine Bemerkungen über die Gifte und 
ihre Wirkungen im men.«chlichen Körper. Nach dem Brown'schen 
System dargestellt. Erlangen 1795. 8. 

149. (Anonym.) Versuch einer einfachen practischen Arzneimittel- 
lehre. Wien 1797. 8. 

150. F. Molwitz, Pharmacologia Browniana oder Handbuch der ein- 
fachsten und wirksamsten Heilmittel mit klinischen Bemerkungen 
im Geiste der geläuterten neuen Arzneilehre. Stuttg. 1798. 8. 

151. J. Salomon Frank, Versuch einer theoretisch-practischen Arz- 
neimittellehi-e nach den Grundsätzen der Erregungstheorie. Wien 
1802. 8. 

152. J. J. Loos, Entwurf einer medicinischen Pharmakologie nach 
den Principien der Erregungstheorie. Erlangen 1802. 2. Aufl. 
1813. 8. 

153. E. Hörn, Handbuch der practischen Arzneimittellehre für Aerzte 
und Wundärzte. Berlin 1803. 8. — Grundriss der medicinisch- 
chirurgischen Arzneimittellehre zum Gebrauche bei Vorlesungen. 
Berlin 1804. 8. 

154. W. H. G. Rem er, Handbuch der Arzneimittellehre für academi- 
sche Vorlesungen. Braunschweig u. Helmstädt 1805. 8. 

155. C.B\ Speyer, Diss. de remediis specificis sie dictis. Jenae 
1800. 4. 



288 

156. J. B. Nagel, Diss. de remediorum in corpus humanuni actione 
diversa eaque specifica. Erlang. 1802. 

Bios formelle Anwendung der Erregungstheorie. 

157. Fr. Jahn, Neues System der Kinderkrankheiten nach Brown'- 
schen Grundsätzen und Erfahrungen. Rudolstadt 1803. 2. Aufl. 
1807. 

158. C. B. Fleisch u. Jos. Schneider, Handbuch über die Krank- 
heiten der Kinder und des mannbaren Alters. 1. Bd. Leipz. 1808 

159. J. Weiss, Theoretisch-practische Vorlesungen über Chirurgie 
nach Brown'schen Grundsätzen. 3 Thle. Wien 1803. 

160. (Anonym.) Geisteslehre nach Brown'schen Principien. Zürich 
1803. 

161. M. Lenhossek, Untersuchungen über Leidenschaften und Ge- 
müthsaffecte als Ursache und Heilmittel der Krankheiten. Pesth 
1804. 8. 

2) Mit selbstständiger Haltung. 

a) Anhänger der Erregungstheorie mit besonderen Modificationen. 

162. G. F. Krauss, Diss. inaug. De signis incitationis tam imminui 
incipientis, quam fere exstinctae. Wirceb. 1796. 

163. C. J. Herrmann, De febri intermittente. Bamberg. 1798. 

164. Stolpertus, Ein junger Arzt am Krankenbett. Von einem 
patriotischen Pfälzer (May in Mannheim). Mannheim. (3. Thl.) 
1798. 

165. C. Werner, Apologie des Brown'schen Systems der Heilkunde 
auf Vernunft und Erfahrungen gegründet. Wien 1799. 8. 

166. C. A. Eschenmayer, Sätze aus der Naturphysik auf chemi- 
sche und medicinische Gegenstände angewendet. Tübingen 1797. 

167. L. H. C. Nieraeyer, Materialien zur Erregungstheorie, her- 
ausgegeben von Dr. G. F. Mühry. Göttingen J800. 8. 

168. K. Ch. Matthaei, Handbuch der von J. Brown zuerst vorge- 
tragenen Erregungstheorie. Nach den neuesten Bearbeitungen 
einfach dargestellt. Göttingen 1801. 8. 

169. Ueber Röschlaub's Werth als Schriftsteller, Arzt und 

Mensch, nebst einigen die Erregungstheorie betreffenden Unter- 
suchungen, Frankfurt 1802. 8. 

170. L. Mende, Beiträge zur Prüfung und Aufhellung ärztlicher 
Meinungen für Heilkünstler. 1. Bändchen. Leipzig 1802. 8. 

171. J. Stoll, Versuch einer medicinischen Beobachtungskunst. Zürich 
1802. 8. 

172. K. G. Neumann, Aufsätze und Beobachtungen für Aerzte.. 
1. Bdchen. Leipzig 1802. 8. 

173. Ch. F. Harles, Neue Untersuchungen über das Fieber über- 
haupt und über die Typhusfieber insbesondere. Mit vorzüglicher 



289 

Rücksicht auf Befjriiiiduiif; einer ricliti{j;en Heilait «lor ief/tiMn. 
I..'i|./i{; l»0;i. H. 

174. J. N. Till) mann, Oe maiiia ac aiiieiitia conimentatio. Wiro^b. 

179Ö. 

175. _ _ Amialos iiistitiiti cliiiici VVirceburgensis. Vol. I. runi V. 

fij;. aeii. NVin .'I.. 17'J9. Vol. II. c III. (i{;. aeii. 1801. Und tl.-ut.Mli 
3. Bd. lbü.i. •*. lid- 'ÖOJ. Uiirzbuig u. Arnstadt in Rudolstadi. 

176. >V. A. Ki«k<>r, Aursiitze niid Ueobachlunfjen mit jedesmaliger 
Hinsicht auf die l-Irre^un^^sthtunie entworfen. Bd. I. Hannover 
1804. 8. Bd. II. Paderborn 1806. 8. 

177. J. W. H. (..'onradi, Diss. de haemorrlioidibus. Marbiirj; 1802. 
Deutsch Ih04. 

17a, IJi'ilrä}^.' zur Krr.>{^un;;stheorie. Marburg 180-2. 8. 

179. Pneumonie iin.l Pleuritis, in nosologischer und thera- 
peutischer Hin>icht. Marburg 1803. 

löO. Ueber einige Mängel der Brown'schen Therapie. Ein 

Programm zur Ankündigung seiner Vorlesungen. Marb. 1805. 8. 

181. K. Sprengel, Handbuch der Pathologie. 1. Thl. Allgemeine 
Pathologie. 3. gän/lich umgeänderte Autlage. Leipzig 1802. 8. 
2. Tbl. 3. Aufl. Leipzig 1807. 4. Autt. 1814. 

182. F. W. V. Hoven, Vertheidigung der Erregungstheorie gegen 
einige hauptsächliche Kin^^ürfe. Ludwigsburg 1802. 8. 

123. Die Vorzüge der Brown'schen Praxis vor der Nichl- 

brown'schen dargestellt. Ludwigsb. 1803. 8. 

184. Neues medicinisches Handbuch der practischen Heil- 
kunde. Heilbronn am Neckar u. Rothenburg. 2 Bde. 1805.^ 8. 

185 Grundsätze der neueren Heilkunde. Rothenh. 1807. 8. 

186^ Versuch einer practischen Fieberlehre. Nürnb. IblO. b. 

187*. A. Henke, Beiträge zur theoretischen u. practischen Heilkunde. 

Nürnb. 1806. 
188. Disquisitiones pathologirae de vi vitali sanguinis et hu 

morum idiopathia. Berolini 1806. Deutsch ebendas. 180Ü. 
189. Handbuch der Pathologie. 1. Bd. Allgem. Patholog.e. 

Berl. 1806. 8. . „ t, , , • 

,90 Desselben Buches 2. u. 3. Band. Spezielle Pathologie. 

Berl. 1808. 8. ..... 

_ -, ^ 1 L -vr.. 1^^ ^ 1lf>iträirp zur mediciniscUen 

191. E. Hern, (vergl. oben Nr. loo.) lieitiage ^ui 

Klinik. 2 Thle. Braunschweig 1800. 8. „ .^ . 

192. Practische Nosologie der Fieber. 1 Hfl. Braunschweig 

1800. 8. 
193. De opii abusu tarn respectu vetens, quam novae me- 

dicorum doctrinae. Viteberg. 1804. 8. . „ ,• i t^m 

194 Handbuch der medicinischen Chirurgie. Berlin. 1. 1!.. 

.9,. Tl 1 ™;;*^;e N,«u. .-.. Heu.., de. Ru... Er,.. 

löOÜ. 8- ly 



200 

196. E. Hörn ii. A. Henke, Klini.«clies Taschenbuch für Aerzte und 

Wundärzte. Berlin 1807. 8. 
]97. — Anfangsgründe der medicinischen Klinik. 2 Bde. Erf. 

1807. 8. 
198. — Ueber den Werth der medicinischen Erfahrung und 

über die Mittel sie zu erlangen. Berlin 1807. 
199. Archiv für niedicinische P>fahrnng. 6 Bde. Leipzig 

und Berlin 1801 — 1804. gr. 8. Neues Archiv für niedicinische F]r- 

fahrung. 14 Bde. Berlin 1805—1810. gr. 8. Neue Folge. Berlin 

1811 — 1816. 
200. A.F.Heck er, Journal der Theorieen, Erfindungen und Wider- 
sprüche. Gotha 1802-1808. 
201. Die Kunst die Krankheiten der Menschen zu heilen nach 

den neuesten Verbesserungen in der Arzneiwissenschaft. 1. u. 2. 

Band. Erfurt 1804. 8. 
202. — — — Medicinisch-practisches Taschenbuch für Feldärzte und 

Wundärzte deutscher Armeen. Berlin 1806. 8. 
203. Kurzer Abriss der Pathologie und Semiotik. Berlin 

1806. 8. 
204. Ueber die Nervenfieber, welche in Berlin im J. 1807 

herrschten, nebst Bemerkungen über die reizende, stärkende und 

schwächende Kurmethode. Berlin 1808. 8. 
205. Ueber die Natur und Heilart der Faulfieber, nebst 

Bemerkungen über einige Verschiedenheiten, Eintheilnngen und 

Kurmethoden der Fieber überhaupt. Einleitungsschrift zu seinen 

Vorlesungen im Sommer 1808. Berlin 1809. 

206. — Annalen der gesammten Medicin. Berlin 1810. 

207. Die Heilkunst auf ihrem Wege zur Gewissheit. 3. Aufl. 

Berlin 1808. 

b) Anhänger der Erregungstheorie mit besonderen Combinationen 

{Combinisten). 
a. Combination mit der Hu m or al p athologie. 

208. (Anonym.) Präliminarien zum medicinischen Frieden oderVerei- 
nigungspuncte zwischen Brown und seinen Gegnern. Leipzig 
1798. (Italienisch: Venezia 1800. 8.) 

209. J. U. G. Schaeffer, Entwurf über Unpässlichkeit und Krank- 
heitskeime mit Gedanken über die Würdigung einer Theorie von 
K. W. Nose. Frankfurt a. M. 1799. 8. 

210. Scharndorffer, Unpartheiische Beurtheilung der Brown'schen 
Heilkunde. Wien 1800. 

211" Untersuchungen der Grundsätze der Erregungstheorie 

durch die Grund.-ätze der Humorallehre als Beiträge zur Verei- 
nigung beider Lehren, l. u. 2. Heft. Wien 1803. 8. (1809.) 

212. Skizze eines neuen Systems zur möglichsten Einfach- 
heit der Heilkunde. Wien 1806. 



291 

213. S. Hü eil he im er, JSystemati.srh-tlieoretisch-practische Abhand- 
lung über Krankheiten aus .Schwäche und deren Behundlunp, nebst 
Beleuchtung Brown'srher C.'rnndsiitze. Frankfurt a. M. 1H03. 8. 

214. L. Ch. \V. Capjiel , Beitrag zur Heurtlieilung des Hrown'Mhen 
Systems. Cöttingeii 1797. *2. Aull. I»(X). b. 

21 j. Medicinische l'ntersuchuiigen. t.'öttingen 1801. 8. 

216. — l>e piieiimonia typhude s. nervosa, (i'otling. 1799. 8. (Nach 

Kr.srh 1798. Fwithält die Lehre von der asthenischen Kntzündung.) 

217. — — — Medicinisciie Beohaciitungi-n. Kine Auswahl aus den 
NüV. act. der K. Akaiieini«- d<'r Naturforscher in's Deutsche 
übersetzt und mit Anmerkungen begleitet. (Jöttingen 1799. 8. 

218. — Theoretisciie und |>racti.vche Abhandlung vum Schar- 
lachausschlag. Göttingen 1803. 8. 

ß. Combi nation mit der Keil 'scheu Theorie. 

219. M. Detten, Vorschlag zur Brownisirung des Organismus in der 
Krregungstheorie. INIünster IHOO. 8. 

220. Kr. Jahn (vergl. oben Nr. 157), Auswahl der wirksamsten 
einfachen und zusammengesetzten Arzneiniitt«'! oder practische 
Materia medica. Krfurt 1800. 8. 

221. J. H. Brefeld, Beiträge zu den Grundzügen der lleilkmide fiir 
die gegenwärtige Zeit. Nebst einer practischen Abhandlung über 
das kindbetttieber. Münster 1803. 8. 

222. W. F. Dreyssig, Handwörterbuch der medicinischen Klinik i^der 
der practischen Arzneikuiule. 2 Bde. Krfurt 1806 — 7. 

2'23 K. Hinily, Abhandlung über die \Virkinig der Krankheitsreize 

auf den menschlichen Körper. Braunschweig 1795. 8. 
224. — Abhandlung über den Brand der weichen und harten 

Theile nebst einigen Grundzügen der medicinischen Theorie. 

Göttingen 1800. 8. 
225. — Ueber einige wahre und scheinbare Verschiedenheilen 

des älteren und neueren Heilverfahrens. Ein Antrittsprogramm. 

Braunschweig 1801. 8. 
226 Ch. F. Oberreich, Umriss der Arzneimittellehre nach den 

Grundsätzen der Erregungstlieorle. Leipzig 1803. 8. 
227. — Versuch einer neuen Darstellung der Erregungstheorie. 

Jena 1804. 8. 
2:?8. Quaedam de morborum fönte. Diss. inaug. pro fac. leg- 

Jenae 1805. 8. 
229. Handbuch der Heilkunst. Riga. 1. u. 2. Tbl. 1805. 3. Tbl. 

1806. 8. 
230. — Kritisches Journal der Arzneikunst zum Behufe der Er- 
regungstheorie. Riga 1806 ff. 8. 

y. Combinatiou mit der Naturphilosophie. 
231. K. W. J. Schelling, Erster Entwurf eines Systems der Na- 
turphilosophie. Jena u. Leipzig 1799. 8. (Vergl. Nr. 295.) 



292 

•232. H. Ch. A. Ostlioff, Kleine Beiträge zur Erweiterunp des me- 
dicinischea Wissens. 1. ßdchen. Duisburg u. Essen 1804-. 8. 

'233. Versuch zur Berichtigung verschiedener Gegenstände 

aus den Gebieten des reinen und angewandten medicinischen 
Wissens. Lemgo 1804. 8. 

234. h. A. Liffmann, Ideen zu einer neuen Darstellung des Brown'- 
schen Systems. 1. ThI. Allgemeine und besondere Physiologie. 
Göttingen löüO. 8. 2. ThI. Pathogenie. 1802. 8. 

235. F. X. V. Sallwürk, Versuch einer naturgemässen Erklärung 
der Wirkungsart äusserer FJintlüsse, vorzüglich auf organisirte 
Naturkörper und Klassifikation derselben. Wien 1800. 8. 

236. — Aphorismen zu einer physischen Deduction des Grund" 

princips der Erregungstheorie. Riedlingen 1803. 4. 

237. A. H. F. Gutfeldt, Untersuchungen über verschiedene Sätze 
der herrschenden medicinischen Lehrgebäude. 1. Bd. Hamburg 

1802. 8. 

238. Ueber das Verhältniss der Wechselerregung, Nerven- 
wirkung und Bewegung im thierischen Organismus. Göttingen 

1803. 8. 

239. — Einleitung in die Lehre von den ansteckenden Krank- 
heiten und Seuchen. Posen 1804. 8. 

240. J. Fries, Regulative für die Therapeutik nach heuristischen 
Grundsätzen der Naturphilosophie. Leipzig 1803. 8. 

241. C J. Kilian, Diss. cont. reflexiones quasdam criticas therapiae 
fundamentales eorumque usum therapeuticum. Jenae 1802. 4. 

242. — Differenz der ächten und unächten Erregungstheorie in 

steter Beziehung auf die Schule der NeubroAvnianer. Jena 1803. 8. 

243. — Genius der Gesundheit und des Lebens. Ein Taschen- 
buch für Aerzte und Nichtärzte auf das Jahr 1801. Leipz. 1801. 

244. Entwurf eines Systems der gesammten Medicin. Zum 

Behuf seiner Vorlesungen und zum Gebrauch practischer Aerzte. 
l. Thl. Jena 1802. 8. 

243. Medicinische Studien. 1. Bd. Giessen 1809. 

246. J. Dömling, Giebt es ursprüngliche Krankheiten der Säfte? 
Welche sind es? und welche sind es nicht? Bamberg u. Würz- 
burg 1800. 8. 

247. — Kritik der vorzüglichsten Vorstellungsarten über Orga- 
nisation und Lebensprincip, ein Beitrag zur Berichtigung und 
festern Begründung der Erregungstheorie. Würzburg 1802. 8. 

248. — — — u. J. Horsch, Archiv für die Theorie der Heilkunde. 
Nürnberg 1804. 8. 

249. J. P. V. Troxier, Ideen zur Grundlage der Nosologie und The- 
rapie. Jena 1803. 8. 

2:0. - — — ■ — Versuche aus der organischen Physik. Jena 1804. 8. 

251. K.F.Burdach,Handb. d. Pathologie. Leipz. 1808.8. (Vgl. Nr.310.) 

252. E- Grossi, Versuch einer allgemeinen Krankheitslehre, entwor- 



293 

fen anf (lern Standpunrte der Natnrgeschlchte. 2 Bde. München 
1811. 8. 

253. B. Laiibender, Theoretisch-practisches Handbuch der Thier- 
heilkunde oder genaue Beschreibung aller Krankheiten und Heil- 
methoden der sämmtlichen Hausthlere nach den neueren medici- 
nischen Grundsätzen u. s. w. Erfurt. 1. Bd. 1803. 2. Bd. 1804. 
3. Bd. 1806. 4. Bd. 1807. 8. 

254. F. G. Wetzel, Briefe über Brown's System der Heilkunde. 
Leipzig 1806. 8. 

c) Anhänger der Erregitngsthcoric mit eklektischer Tscbenannahme 
verschiedener Ansichten. 

255. F. A. Weber, Betrachtungen über die Brown'sche Heilkunde. 
Im Museum der Heilkunde der helvetischen Gesellschaft. 4 Bde 
Zürich 1797. 

2j6, G.F.Geier, Natura medicatrix [)hi!osophiae et phvsices gene- 
ralis legibus aestimata. Wirceb. 1798. 

257. J. Val. Müller, Orthgdoxie und Heterodoxie oder Bemerkungen 
über den richtigen Gebrauch der Arzneimittel. Ein Lesebuch 
für Brownianer und Antibrownianer. 2 Bde. 1798 — 1799. 

258. G.W. Block, Neue Grundlegung zur Theorie der Heilkunde. 
Braunschweig 1803. 8. 

259. C. Schoene, Versuch eines systematischen Entwurfs der ge- 
sammten Medicin. 1. ThI. Generelle Therapie. Berlin 1806. 8. 

260. F. L. Augustin, Handbuch der medicinischen Therapie. Nach 
den neuesten Verbesserungen in der Heilkunde und eigenen Grund- 
sätzen entworfen. Allgemeine Therapie. Berlin 1806. 8. 

261. (Anonym.) Recepte und Kurarten der besten Aerzte aller Zeiten 
von einem practischen Arzte. Leipzig 2 Bde. 1808 — 1809. 8. 

262. C. C. F. Jaeger, Ueber die Natur und Behandlung der krank- 
haften Schwäche des menschlichea Organismus. Stuttg. 1807. 8. 



III. Gegner der Erregunofstheorie: 

(Das Verzeichniss einiger gelegentlichen Beurtheilungen siehe im 

Text S. 232.) 

l) Gegner ohne selbstständige Haltung. 

263. C. A. Kisling, Diss. de rite formanda indicatione antasthenica. 
Ulm 1798. 

264. Joh. Lang, Ueber das Schwankende des Brown'schen Systems 
durch practische Erfahrungen bewiesen. Eine Warnung für an- 
gehende Aerzte. Wien 1799. 8. 

265. F. J. Schellenb erg, Brownii sententiae de apoplexia examen. 
Erford. 1800. 



294 

266. (Anonym.) Ueber das Brown'sche System. Ofen 1798. 

267. Lechler, Theses inaugurales medicae. Tiibing. 1799. 

268. A. W.R. Hey denr eich, Difficultates quaedam circa J. Bruiiouis 
theoriam medicam. Jeiiae 1799. 4, 

269. H. Carger, De incitabilitate. Greifswald. 1801. 

270. J. C. Ortlepp, Diss. de talipedibus, medicamentorum actione 
dubia et Brunoniana debilitate. Jenae 1800. 4. 

271. J.J.Schmidt, Blicke in das Gebiet der Heilkunde überhaupt 
und der Seelenheilkunde insbesondere. 2 St. 1799. 

272. J.Ulrich, Analysis des Brown'schen Systems der Heilkunde 
zur möglichsten Uebereinkunft darüber. Wien 1800. 8. 

273. G.E.Kletten, Beiträge zur Kritik der neuesten Meinungen 
und Schriften in der Medicin. Rostock u. Leipzig. 2. St. 1812. 8. 

274. (Anonym,) FVagmente eines Briefwechsels, enthaltend Rügen über 
Neuerungssucht und Widersprüche, nebst Bemerkungen über den 
BegrilF der Krankheitsursachen nach dem Brown'schen System. 
Leipzig 1802. 8. 

275. (Schub au er) Antiröschlaub. 2 Hefte. 1803. 8. (München?) 

276. M. E. C. F. Richtsteig, Diss. Conamen critices placitorum 
quorundam ill. Röschlaubü. Erlang. 1802. 

277. H. G, Spierin g , Ergänzungen zu dem Handbuche der inneren 
und äusseren Heilkunde. 2 Bde. Leipzig 1804 — 1805. 

278. (Anonym.) Sammlung von Bemerkungen über die Brown'sche 
Irrlehre und die Anwendbarkelt der neueren Philosophie auf die 
Medicin. Marburg 1810. 8. 

279. Ch. W. Schmid, Diss. de morbis sthenicis. Jenae 1801. 8. — 
Auch: Kritik der Lehre von den sthenischen Krankheiten. Jena 
1803. 

280. G. Chr. Eysser, Was ist Asthenie und Hypersthenie? Eine 
Inaug.-Diss. 2.- Ausg. Nürnberg 1816. 8. 

(Ueber einzelne hierher gehörige Aufsätze vergl, S. 233.) 

2) Gegner mit s e 1 b s t s t ä n d i g e r Haltung. 

a) Vom Standpunkt besonderer Systeme. 

«. VomStandpunct der Humoralpathologie. 

281. W.A.Stütz, Diss. exhibens examen systematis Brunoniani phy- 
siologici. Altdorf. 1795. 

282. Ch. G. Grüner, Almanach für Aerzte und Nichtärzte auf die 
Jahre 1795 — 1797. Jena. 

283. A. Trenker, Kritisch-philospphische Widerlegung des Brown'- 
schen Systems überhaupt, hauptsächlich der von Herrn Dr. Rösch - 
laub hierüber herausgegebenen Pathogenie, sammt Aufstellung 
einer neuen Theorie über Lebenskraft und Reizfähigkeit und Ver- 
einigung der Nerven- mit der Humoralpathologie. Wien 1801. 8. 

284. W.L.Becker, De humorum mutationibus primariis. Gotting. 1802. 



295 

285. W e d e ki n d , Heilungsversuche im Kriegslazareth zu Mainz. Berlin 
1802. 

(Ueber Marcard vergl. S, 235.) 

ß. Vom Standpunct der Reil'schen Theorie. 

286. C. A. Wilinans , Ueber medicinische Kunst und ihre Methode 
logie in Reil's Archiv für Physik. Bd. III. S. 287 ff. 

287. (Alexander v. Humboldt, Versuche über die gereizte Muskel 
und Nervenfaser. 2 Bde. Posen u. Berlin 1797. 8. [U. S. 75—89.] 
(Ueber K. J. Windischmann, vergl. S. 236.) 

y. Vom Standpunct der Naturphilosophie. 
(Ueber F. H. Hege wisch, vergl. S. 237.) 

288. W. Werrlein, Diss. inaug. De incitatione. Wirceburg, 1806. 

289. Ph. J. Horsch, Annalen der klinisch-technischen Schule u. s. w. 
Rudolstadt 1809. 

290. Walther, Beiträge zur kritischen Medicin. Nürnberg 1809. 

291. S. Breinersdorf, Versuch über den gegenwärtigen Standpunct 
der Theorie der Medicin. Breslau 1804. 8. (Vergl. Nr. 92.) 

292. F. J. Schelver, Zeitschrift für organische Physik. 1. Bd. 1. St. 
Halle 1802. 8. 

293. J. Döllinger, Grundriss der Naturlehre des menschlichen Or- 
ganismus. Zum Gebrauch bei seinen Vorlesungen. Bamberg 1805. 8. 

294. L. Oken, Abriss des Systems der Biologie oder, Naturphiloso- 
phie zum Behuf seiner Vorlesungen. Göttingen 1805. 8. 

295. F. W. J. Schelling (u. Marcus), Jahrbücher der Medicin als 
Wissenschaft. Tübiiigeu 1805 — 1808. 

b) Gegner vom höheren eklektischen Stayidpunct. 

296. J. F. Latrobe, Diss. sistens Brunoniani systematis criticen. 
Jenae 1795. 

297. A. Rindfleisch, Animadversiones criticae in Röschlaubii pa- 
thogeniam, quas d. 17. Maj. 1799. def. Halae. 8. 

298. F. W. Hunnius, Einschränkungen der neuesten Bearbeitungen 
der Brown'schen Erregungstheorie. Weimar 1799. 8. 

299. J. Stieglitz, Anzeige verschiedener Schriften das Brown'sche 
System betreffend. Jenaer Allgemeine Literatur-Zeitung Nr. 48 
—59. Febr. 1799. 

300. F. L. Kreysig, Neue Darstellung physiologischer und pathologi- 
scher Grundlehren für angehende Aerzte und Praktiker. 1. Bd. 
Leipzig 1798. 2. Bd. 1800. (Früher in einem Progr. de peripneu- 
monia nervosa s. maligna. Lipsiae 1796. 8.) 

301. P.K. Hartmann, Analyse der neueren Heilkunde. Auch unter 
dem Titel: Analyse des Brown'schen Systems. 1. u. 2. Thl. Wien 
1802. 

302. C. H. Pfaff, J. Brown's System der Heilkunde u. s.w. Ko- 
penhagen 1796. 1798. 1804. 8. (Vergl. S. 27. Anm.) 



29G 

302. C.H.Pf äff, Revisioa der Grundsätze des Brown'schen Systems 
mit besonderer Hinsicht auf die Erregungstheorie. Kopenhagen 
1804. 8. 

303. Ch. W. Hufeland, Ideen über Pathogenie. Jena 1795. 8. 
304. Bemerkungen über das Nervenfieber und seine Compii- 

cationen in den Jahren 1796, 1797 u. 1798. Jena 1799. 8. 

305. Bibliothek -der praktischen Heilkunde. Berlin 1799. 8. 

306. Journal für die praktische Heilkunde. Berlin 1795 — 

1812. — Als besonderer Abdruck hieraus: 
307. Bemerkungen über die Brown'sche Praxis. Tübingen 

1799. 8. 

(Ueber andere hierher gehörige Gegner der Erregungstheorie 

vergl. S. 24Ö IL) 



Vergleichende Literatur. 

308. J. N. Ringseis, De doctrina Hippocratica et Browniana inter 
se consentiente et mutuo se explente; praef. est A. Röschlaub. 
Norimb. 1813. 

309. J. C h. A. Clarus, Scholae methodicae et Brunonlanae consen- 
sus. Commentat. I. Lipsiae 1799. 4. 

310. K. F. Burdach, Asklepiades und J. Brown. Eine Parallele. 
Leipzig 1800. 8. 

311. A. S. Spannagel, Systemata Reilii et Brunonis sibi opposita. 
Halae 1798. 

312. J. Slock. Diss. de Brownii et Broussaisii doctrinis medicis. Gan- 
davi 1830. 4. 

Baeta, vergl. Nr. 23. — Rees, vergl. Nr. 30. 



313. C. R. Günther, De doctrinae Brunonis in medicinam recentio- 
rem vi et auctoritate. Halae 1840. (Vergl. Quitzmann: Vorstu- 
dien zu einer philosophischen Geschichte der Medicin. Karlsruhe 
1843. 8. 1. ThI. 1. Abthl. S. 223.) 



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^3 Geschichte des Brovm'sche^ 

.5 Systems und der Erregiings- 

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